——————————— — Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von —,— Ednard in Gießen, ſ Schloßgaſſ⸗ Lit. A. Nr. 256. Geih und 1. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ jt pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens —G 7 hhr bis Abends 8 Uhr offen. 22 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſf S ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Efte eines Buches, eine dem W erth deſſ ſelben! entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 tf f. 2 Mk.— Pf. — 2 5. Auswärtige Aponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung e Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene efee Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß d Ladenpreis erſetzt werden.— Jit das zerriſſene, beſchmutzte, lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt de e zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſcübers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir 5 auch dafür zu ſtehen rgens dvon Stun⸗ ahme umme ſtattet —— Das Haus oder Familienſorgen und Famjlientreunden. Erzählung von Friederile Bremer. Aus dem Schwediſchen überſetzt von S. Fink. —— 2 . Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1843. Pas Haus oder Familienſorgen und Familienfreuden. Mühe gähnſt Landri lung L da ſin' Frank mit ih kräftig ½— blieb e die F rief er Thüre 3 dieſe 2 könnte durch müſſen 2 würde Erſte Ibtheilung. Morgenzwiſt und Abendzank. „Aber meine liebe Freundin, ſo iſt es nicht der Mühe werth, daß ich dir vorleſe, wenn du unaufhörlich gähnſt und beſtändig rechts und links guckſt,“ ſagte der Landrichter Frank Etwas beleivigt, indem er eine Abhand⸗ lung von Jermias Bentham weglegte und aufſtand. Ach verzeih mein Beſter, aber— die guten Dinge da ſind immer etwas ſchwer zu verdauen und ich dachte an hör' einmal liebe Brigitte!...“ und Frau Eliſe Frank winkte eine alte Dienerin zu ſich und ſprach leiſe. mit ihr. Inzwiſchen ſpazierte der Landrichter, ein ſchöner, kräftiger Mann im Zimmer auf und ab. Auf einmal blieb er nachdenklich vor einer Wand ſtehen und nachdem die Frau veom Hauſe und die Dienerin ausgeſprochen, rief er: Sieſt du, meine Freundin, wenn wir hier eine Thüre durchbrechen ließen— es geht ſehr leicht, denn dieſe Wand iſt weiter Nichts als ein Verſchlag— ſo könnten wir ins Schlafzimmer kommen, ohne uns erſt durch das Vorgemach und die Kinderſtube bemühen zu müſſen; das wäre ja prächtig.“ Mit einiger Aengſtlichkeit antwortete Eliſe,„und wo würde dann der Sopha ſtehen?“ Der Sepha? Den Sopha könnte man etwa auf die Seite dort ſtellen. Da iſt überflüſſig Platz.“ „Aber mein beſter Freund, dann haben die, die in der Ecke ſitzen, einen höchſt gefährlichen Zug von der Thüre her zu befürchten.“ „Ach, daß du doch immer Umſtände und Schwierig⸗ keiten machen mußt! Siehſt du denn nicht ſelbſt ein, daß wir viel gewinnen würden, wenn wir da eine Thüre hätten?“ „Nein aufrichtig geſtanden, ich halte es ſo wie es iſt, für viel beſſer.“ „Ja ſo ſind die Frauenzimmer jederzeit. Nichts wol⸗ len ſie annehmen, Nichts thun, Nichts verändern, um et⸗ was Beſſeres und Bequemeres zu erhalten; Alles ſoll ſo, wie es iſt, ganz gut und vortrefflich ſein, bis ein Anderer die Veränderung für ſie macht; dann ſehen ſie auf ein⸗ mal, daß es beſſer iſt und rufen:„Aber nein, wie präch⸗ tig!“ Die Frauenzimmer gehören doch ſammt und ſon⸗ ders zur conſervativen Partei.“ „Und die Herren zur Bewegungspartei, wenigſtens was das Bauen und Einreißen betrifft.“ Die Redensart hatte ſcherzhaft ſein ſollen, erhielt aber durch den Ausdruck Einreißen etwas Bitteres und veranlaßte den Landrichter, mit einer Schärfe auf die Stichelei gegen die Herrn zu dienen:„Ja ſie ſcheuen aller⸗ dings nie eine große Mühe, wenn ein großer Gewinn damit bezweckt werden kann. Aber kommt denn heute das Frühſtück gar nicht? Es iſt ſchon zwanzig Minuten über neun Uhr! Es iſt doch entſetzlich, liebe Eliſe, daß du deine Mägde an gar keine Pünktlichkeit gewöhnen kannſt. Nichts Fataleres, als die Zit mit langem War⸗ ten vergeuden zu müſſen, es gibt nichts Unnützeres, nichts Unerträglicheres und doch könnte man ſo leicht abhelfen, wenn man nur ernſtlich wollte. Das Leben iſt wahrhaf⸗ tig zu kurz, um die Hälfte davon durch Warten zu ver⸗ ſchwenden. Eine Viertelſtunde und neun Minuten über neun Uhr! Und die Kinder— ſind auch noch nicht fer⸗ tig? Um Gottes Willen, liebe Eliſe ——— 2 . L —— und g C freund weißen einen zierlick der L plötzli Mädc chen 1 Stoff ſon w ſich e dunkel Anſtr würdi i Auge braun könne Spiel fen 2 und! ſchar ten, moch verbe vrück aus ausſ und es im 9 in„Ich will gehen und nach ihnen ſehen,“ ſagte Eliſe der und ging ſchnell hinaus. Es war Sonntag. Die Juniſonne ſchien in ein großes rig⸗ freundliches“Zimmer herein und beglänzte einen ſchnee⸗ daß weißen Damaſtteppich, der in ſeideweichen Falten über üre einen länglichen Tiſch herabfiel, worauf der Kaffeeapparat . zierlich prangte. Mit verſtimmtem Geſichte näherte ſich iſt, der Landrichter dem Tiſch, allein ſeine Miene heiterte ſich plötzlich auf, als eine Perſon eintrgt, über welche junge wol⸗ Mädchen ſogleich als ſchrecklich häßlich den Stab gebro⸗ et⸗ chen hätten, während ſie einem denkenden Phyſiognomen 5 Stoff zu intereſſanten Betrachtungen darbot. Dieſe Per⸗ erer ſon war hochgewachſen, ungewöhnlich mager und neigte ein⸗ ſich etwas auf die linke Seite, die Geſichtsfarbe war äch⸗ dunkel und die nicht unedeln Züge durch einen grämlichen ſon⸗ Anſtrich entſtellt, den nur ſelten ein Lächeln von merk⸗ würdiger Schönheit verdrängte. Die Stirne zog ſich gern ſtens in tiefe Falten über den großen braunen, wunderlichen Augen und über ihnen erhob ſich ein Wald von ſchwarz⸗ hielt braunen Haaren, von deſſen Ringeln man hätte ſagen und können, eine Maſſe böſer Lgunen und Paradoren müſſe ihr die Spiel darin treiben; dieſe ſchienen indeß auch in den tie⸗ ller⸗ fen Furchen zu kreuzen, die das Geſicht durchſchnitten winn und von denen keine ſchlaff oder bedeutungslos war. Ihre heute ſcharfen Winkel und alles Scharfe, ſowohl in den Wor⸗ nuten ten, als der Stimme des Aſſeſſors Jeremias Munter ver⸗ „daß mochten indeß nicht einen Ausdruck tiefer Herzensgüte zu öhnen verbergen, deren Stempel ſeinem ganzen Weſen aufge⸗ War⸗ vrückt war. So läßt der Saft in der knotigen Eiche nichts aus ihren ſteifen, widerſtrebenden Zweigen grünes Laub efen,* ausſchlagen. hrhaf⸗„Guten Tag Bruder!“ rief der Landrichter herzlich ver⸗ und reichte dem Eintretenden die Hand;„wie gehts?“ über„Schlecht!“ antwortete der Griesgram;„wie kann t fer⸗ es auch anders ſein? Was iſt das für Wetter 2“ kalt wie im Januar! Und vollends die Leute auf der Welt! Ich ſage dir, es iſt eine Schande und ein Spott; ich habe mich heute dermaßen geärgert, daß haſt du den hämi⸗— Nichts ſchen Artikel gegen dich geleſen in der— Zeitung?“ euch de „Nein, ich halte das Blatt nicht, aber ich habe da⸗ von gehört. Er iſt ja gegen meine Schrift über das liche E Armenweſen in der Provinz getichtet. zu Ha „Ja, oder richtiger nein. Denn das Merkwürdige„ daran iſt, daß er faſt Nichts von der Sache ſpricht, ſon⸗ 5 ten Di dern bloß gegen deine Perſon gerichtet iſt— die niedrig⸗ prahlt. ſten Inſinuationen, die gröbſten Schmähungen.“ gemack „Das habe ich gehört und deßwegen mag ich ihn und ta gar nicht leſen.“. „Weißt du, von wem er iſt?“ taugt. „Nein und ich will es auch nicht wiſſen.“ Sie m „Aber du mußt es wiſſen, denn man muß ſeine„ Feinde kennen. Herr N. iſts. Ich möchte dem Kerl drei eine v Brechpulver eingeben, daß er ſeine Galle ſelbſt zu ſchmecken ſoll? bekäme.“ können „Was? N., der uns ſchräg gegenüber wohnt und komme erſt neulich von K. ſein Kind nach Hauſe bekommen hat,—„ das arme, mutterloſe Madchen?“ Könne „Eben der. Aber du mußt die Sache leſen, wenn„ auch nur um deinem Kaffee mehr Würze zu verleihen. mes 3 Da ſieh, ich hab dir das Blatt mitgebracht. Ich hatte* gehört, man wolle es heute deiner Frau zuſchicken. Ja Wittf es gibt ſaubere Kameraden in der Welt. Aber wo iſt ſie rrief b denn heute? Ah, da kommt ſie ja! Guten Morgen My⸗ Kaffee lady Eliſe! So charmant in aller Frühe! Aber ſo blaß! gott!“ Ei, ei, ei! Das geht nicht an! Was ſage und predige große ich den ganzen Tag? Motion, friſche Luft, ſonſt hilft Kaffee keine Hulfe in der Welt. Aber wer glaubt an unſre 3 Die Prediat? Nein, Adieu jetzt, meine Lieben. Wo iſt meine 63 Morg Doſe? Und die Zeitung? Die verdammten Zeitungen,. über Alles müſſen ſie herfaen! Nicht einmal ſeine nicht Schnupftabacksdoſe kann man'm Frieden haben. Adieu Zeit e Frau Eliſe, Adien Frank! Nein ſeht einmal, wie der da tig ge ſitzt und Grobheiten über ſich liest, als ob es ihn gar eine drei cken und hat, enn hen. atte ſie Ny⸗ aß! dige ilft nre eine zen, eine dien da gar —— 1¹ Nichts anginge! Jetzt lacht er noch gar darüber— laßt euch das Frühſtüͤck gut ſchmecken, meine Lieben. „Laſſen Sie ſichs mit ſchmecken, bat Eliſens freund⸗ liche Stimme.„Wir können Ihnen heute ganz friſches, zu Hauſe gebackenes Brod aufwarten.“ „Nein, ich danke. Ich liebe dieſe zu Hauſe gemach⸗ ten Dinge nicht. Sie taugen Nichts, ſo ſehr man damit prahlt. Zu Hauſe gebacken, zu Hauſe gebraut, zu Hauſe gemacht, Gott ſteh mir bei, das ſoll Alles ſo ſchoͤn klingen und taugt keinen Pfifferling.“ „Verſuchen Sie es einmal, ob es auch heute Nichts taugt. Da ſteht Madame Folette ſchon auf dem Tiſch. Sie müſſen ſchlechterdings eine Taſſe von ihr annehmen.“ „Was, was? Was ſagen Sie? Was iſt das für eine verdammte Madame, die mir eine Taſſe einſchenken ſoll? Ich habe die alten Weiber noch nie ausſtehen können und wenn ſie vollends gar auf den Kaffeetiſch kommen.“ „Die runde Kaffeekanne da iſt Madame Folette. Können Sie auch dieſe nicht ausſtehen?“ „Warum ſoll ſie ſo heißen? Was iſt vas für dum⸗ mes Zeug?“ Es iſt ein Einfall von den Kindern. Eine ehrbare Wittfrau dieſes Namens, die ich einſt mit Kaffee tractirte, rief beim Anblick ihres Lieblingstrankes:„Wenn ich eine Kaffeekanne ſehe, ſo meine ich, ich ſehe den lieben Herr⸗ ott!“ Die Kinder horten dieß und nollten ſeitdem eine große Aehnlichkeit zwiſchen Madame Folette und dieſer Kaffeekanne entdecken, die von Stund an ſo getauft wurde. Die Kinder lieben ſie ſehr, weil ſie ihnen jeden Sonntag Morgen Kaffee einſchenkt.“ Warum auch Kindern Kaſſee geben? Können ſie nicht auch ohne dieß mager werden? Sollen ſie vor der Zeit ausbrennen? Die Petrea da iſt dech gewiß ſchmäch⸗ tig genug. Ich habe ſie nie leiden können und wenn ſie vollends eine Kaffeebaſe wird, ſo„ „Aber beſter Munter, Sie ſind heute nicht bei guter aune.“ „Bei guter Laune? Nein, Frau Eliſe, das bin ich nicht. Ich weiß nicht viel auf der Welt, worüber man bei guter Laune ſein könnte. Da hat mir Ihr Stuhl ein Loch in meinen Rock geriſſen. Iſt das vielleicht ſchön? Es iſt ja auch zu Hauſe gemacht. Nein jetzt gehe ich, im Fall Ihre Thüren,— vielleicht ſind die auch zu Hauſe gemacht?— mich vafſiren laſſen.“ „Willſt du nicht vielleicht mit uns zu Mittag eſſen?“ „Nein, ich danke. Ich bin ſchon eingeladen und zwar hier im Hauſe.“ „Zur Hofmarſchallin W. 2“ „Nein Gott behüte. Dieſes alte Weib kann ich nicht ausſtehen. Sie moraliſirt mich beſtändig. Mich moraliſiren! Und dann ihre verwünſchts Hundekanaille, Pyrrhus oder Pirre, die möchte ich wohl einmal todt ſchlagen. Auch iſt ſie mager. Ich kann magre Leute nicht ausſtehen, am allerwenigſten magre alte Weiber.“ „Nicht? Wiſſen Sie auch, was das Gerücht über Sie und die alte Mamſell Rask ſagt?“ „Das gemeine alte Weib? Nun was ſagt denn die Bosheit über mich und die arme alte Mamſell Rask?“ „Nichts Geringeres, als daß Sie dieſer Tage auf der Treppe mit ihr zuſammengetroffen ſeien, als ſie gerade in ihr Stübchen hinaufgehen wollte und tiefe Seufzer über die große Treppe und ihre ſchwache Bruſt ausſtieß. Die Bosheit ſagt, Sie haben ihr da mit der größten Artig⸗ keit den Arm geboten, ſie ſorgfältig ſämmtliche Treppen bis vor ihre Thüre hinaufgeführt und ihr dann noch ein Pfund Bruſtzucker geſchickt und. „Und Sie glauben vielleicht, ich hätte das ihretwegen gethan? Nein gehorſamer Diener; ich that es bloß, da⸗ mit das alte Gerippe nicht auf meiner Treppe umfallen und da ſterben moͤchte, ſo daß ich über ihren garſtigen Leichnam klettern müßte. Sonſt habe ich ſie aus keinem Gru heut vern iſt a mal. klein chen Gut klein fort Got lichk Hau lacht durch Kin weni iſt e ſicht. ichs ſie n dige ging Allet eine dem werd antw barg Mut zuerf ei guter bin ich er man uhl ein ſchön? he ich, auſe eſſen 2“ d zwar ch nicht lifiren! s oder uch iſt „ am t über nn die 6 2 e au gerade r über Die reppen ch ein wegen , da⸗ fallen ſtigen einem 13 Grunde hinaufgeſchleppt. Ja, ja, ſo wars. Ich ſpeiſe heute bei Mamſell Berndes zu Mittag. Das iſt ein ganz vernünftiges Frauenzimmer und ihre kleine Miß Laura iſt allerliebſt. Ei ſeht da die ganze Kinderſchaar auf ein⸗ mal, Gehorſamſter Diener Schweſter Louiſe! Ei, ei, die kleine Miß Eva; Sie fürchtet ſich wohl vor dem häßli⸗ chen Alten, Sie.— Gott ſegne Sie! Da hat ſie ein Gutchen! Und da die Kleine, ſie ſieht ja aus wie ein kleiner Eng— greint ſie mich an? Da muß ich ſchnell fort, denn das Kindergeſchrei kann ich nicht ausſtehen. Gott ſteh mir bei! Es gehört wohl auch zu den Annehm⸗ lichkeiten des Hauſes? Iſt vielleicht die Hausmuſik 2 Hausgebacken, Hausgemacht, Hausmuſik hu!“ Der Aſſeſſor ſprang zur Thüre hinaus, der Landrichter lachte, die Kleine ſchwieg beim Anblick einer Kringel, durch welche Bruder Heinrichs Auge ſie lorgnettitte. Die Kinder ſchaarten ſich hüpfend um den Tiſch. „Nun, nun, meine lieben Engel, haltet euch nur ein wenig in Ordnung. Warte nur, liebe Petrea, Gaduld iſt ein gutes Gewürze. Eychen, ſchneide kein ſolches Ge⸗ ſicht. Haſt du es auch ſchon bei mir ſo geſehen? Mache ichs auch ſo?“ So moraliſirte die Mutter ſanft, während ſie mit Hülfe ihrer älteſten Tochter, der kleinen verſtän⸗ digen Louiſe, für die andern Kinder ſorgte. Der Vater ging vergnügt herum, klopfte die Kleinen auf ihre Köͤpf⸗ chen und zog ſie ſanft am Haare.„Ich hätte euch geſtern Allen das Haar ſchneiden ſollen,“ ſagte er:„Evchen hat eine Perücke, ſo daß man ihr Geſicht kaum ſieht; gib dem Papa einen Kuß, mein Kindchen! Morgen früh werde ich dir deine Perücke abnehmen.“ „Und mir auch, mir auch, Papa,“ riefen die Andern. „Ja, ja, ich werde euch Alle zuſammen ſcheeren!“ antwortete der Vater. Alle lachten, aber die Kleine ver⸗ barg erſchreckt ihr lichtlockiges Kopfchen an der Bruſt der Mutter. Der Vater hob es ſachte in die Höhe und küßte zuerſt ſie, dann die Mutter. „Lege jetzt dem Papa Zucker hinein,“ ſagte dieſe; ——————————— ——— 14 „ſiehſt du, er hält dir ſeine Taſſe hin.“ Die Kleine lä⸗ chelte, legte Zucker in die Taſſe und Madame Folette be⸗ gann ihre freudvolle Runde. Wir verlaſſen jetzt Madame Folette, das hausge⸗ backene Brod, das Familienfrühſtück und die Morgenſonne und verſetzen uns an die Abendlampe, bei welcher Eliſe ſchreibt. An Cäcilie. Ich muß dir mein Häuſchen Kinder portraitiren, vas ſich ſo eben nach eingenommenem Abendbrode in die weichen Fesern zur Ruhe begeben hat. Ach könnte ich nur ein recht gutes Portrait— ich meine ein gemaltes — von meinem Heinrich bekommen, meinem Erſtgebornen, meinem Sommerkinde, wie ich ihn auch nenne, denn er. wurde mitten im Sommer, in der Sommerſtunde meines Lebens und meines Glückes geboren. Aber nur eines Correggios Pinſel könnte dieſe ſchönen, warmen blauen Auzen, dieſe goldnen Locken, dieſen lieblichen Mund, dieſes ganze, ſo vollkommen reine und ſchöne Geſicht wiedergeben. Güte und Fröhlichkeit leuchten aus ſeinem ganzen Weſen, ſeine Lebensluſt zuckt, freilich ohne beſondre Grazie, in Armen und Beinen, die ſich ſelten ruhig halten. Mein eilfjähriger Knabe iſt leider, was man ſehr— ſein Vater ſagt gar zu ſehr— unbändig nennt. Aber trotz dieſer Wilvheit findet ſich bei ihm eine tiefe, unruhige Empfindſamkeit, die mich oſt für ſeine Zukunft bange macht, Gott beſchütze meinen Liebling, mein Sommerkind, meinen einzigen Sohn! O wie mein Herz an ihm hängt! Ernſt warnt mich oft vor einer parteiiſchen Liebe zu dieſem Kird. Deshalb will ich mich auch von dem Portrait Nro. 1 loßreißen und übergehen zu Nro. 2. Sieh jetzt die kleine Luiſe, unſre älteſte Tochter, ſeit einigen Tagen volle zehn Jahre alt. Du erblickſt ein ernſtes einem gewiſſ hoffe. artig ſie zu als a nen ſi Die k jenen durch werde ſie w kleine, Gelac eher! guten Eben herzer über Cvche Hauſ Spiel Die habt eine Sam ihren nicht, außer Spu 1⁵ ernſtes, blondes, kleines Mädchen, nicht ſchön, aber mit b einem runden gemuthlichen Geſichte, aus dem ich einen Abe gewiſſen unfreuntlichen Zug mit der Zeit zu verwiſchen hoffe. Sie iſt ungewöhnlich fleißig, ſüll und geordnet; artig gegen ihre jungeren Geſchwiſter, aber e was geneigt, Fli ſie zu moraliſiren und ſehr darauf erpicht, ihrer Würde iſe„ als alteſte Schweſter nichts zu vergeben, weßhalb die Klei⸗ nen ſie bald Ihre Majeſtat, bald Frau Juſtizräthin nennen. Die kleine Luiſe ſieht mir aus, als wollte ſie eine von jenen werden, die ſtill und ſicher, deßhalb auch glucklich rni durch die Welt gehen. die Nro. 3. e ich Von meiner neunjährigen, kleinen Eva ſagt man, ſie altes werde einmal ihrer Mutter ſehr ahnlich werden. Ich hoffe, ſie wird eine wahre Prachtausgabe. Du erblickſt eine kleine, weiche, kugelrunde Figur, die ſich unter Scherz und „n Gelachter frei hin und her rollt, mit einer capriciöſen, Sne 4 eher häßlichen, als hübſchen, aber von ein paar ſchönen, und 4 guten, runkelblauen Augen beglänzten Phyſiognomie. eſicht Eben ſo ſchnell zur Trauer, als zur Freude geſtimmt, . herzensgut, ſchmeichelnd, Liebhaberin von Confect, vergnügt e über Gaſte, hübſche Kleider, Puppen und Spielzeug, iſt — Evchen bei ihren Geſchwiſtern, ſo wie den Dienſtleuten im ſein Hauſe ſehr beliebt und ihres Bruders beſte Freundin und trotz Spielkamerädin. uhige Nro. 4. ane Nro. 3 und 4 vertragen ſich nicht gut mit einander. un Die arme Eleonore hat eine ſehr kränkliche Kindheit ge⸗ ingt„ habt und dieſe hat ihr, glaube ich, mehr als die Natur n eine launiſche, heftige Gemüthsart gegeben, auch einen 6 Samen des Neids gegen ihre glucklicheren Geſchwiſter in ihr niedergelegt. Auch an tiefem Gefühl fehlt es ihr nicht, aber ihr Verſtand iſt ſchwerfällig und es kommt ſie außerordentlich hart an, irgend etwas zu lernen. Keine chter, Spur von Grazie, wohl aber um ſo mehr vom Gegentheil. ſt ein ——=— ————————————————— ——— — 16 Ihr Mund, noch in der unbehaglichen Periode des Zahn⸗ wechſels, ſpricht gern die artige Phraſe:„Laß mich doch in Ruhe!“ Sie kann ſchwerlich anders als häßlich wer⸗ den. Aber gut und glücklich, hoffe ich, ſoll ſie mit Gottes Hülſe werden.„Mein liebes häßliches Kind!“ ſage ich manchmal zu ihr, indem ich ſie zärtlich in meine Arme nehme. Ich will ſie bei Zeiten mit ihrem Schickſal zu verſöhnen ſuchen. Nro. 5. Was wird das Schickſal wohl aus meiner Petrea und ihrer Naſe machen? Dieſe iſt vorderhand das Merk⸗ würdigſte an ihrer kleinen Perſon. Wäre die Naſe nicht ſo groß, ſo wäre ſie ein hübſches Kind. Wir hoffen, ſie wird in ſie hineinwachſen. Ein lebhaftes, kleines Mädchen iſt ſie und hat mit einem Wort zu Allem Anlage, ſo⸗ wohl im Guten, als im Böſen; neugierig, unruhig, un⸗ artig iſt ſie über alle Maßen und zeigt einen gefährlichen Hang, ſich bemerkt zu machen und Intereſſe zu gewinnen. Das ſchaffende Leben zeigt ſich bei ihr ſehr zerſtörend. Gut iſt ſie und gibt für ihr Leben gern. Zu allerhand Poſſen vereinigt ſie ſich gern mit Heinrich und Eva, wenn dieſe ſie in Gnaden in ihren Bund aufnehmen und ſobald die drei zuſammenflüſtern, kann man mit Sicher⸗ heit auf irgend einen Schelmenſtreich rechnen. Es regt ſich bereits ſo viel Unruhe in ihr, daß ich fürchte, ſie be⸗ kommt einen unruhigen Lebenstag. Aber ſie ſoll ſich früh⸗ zeitig an den wenden lernen, der Unruhe in Ruhe zu wan⸗ deln vermag. Nro, 6. Und jetzt zu dem verzogenen Kinde des Hauſes, dem jüngſten, dem ſchönſten, der ſogenannten Kleinen, die jeden Tag mit ihren weißen Händchen Zucker in die Taſſen ihres Vaters und ihrer Muttet legt, der Kaffee würde ihnen ſonſt nicht ſchmecken, zu ihr, veren kleines Bett noch nicht aus dem Zimmer der Eitern gekomien iſt, licht und jähr Aug lich nier wert esen ihret chen einer Unb alles Vor die die liebt Hän zem ungr bald hat mal das treffl gefä ben tücht den! und helfe ſein. in m wein Zzahn⸗ doch wer⸗ ottes e ich Arme ſal zu zetrea Merk⸗ nicht n, ſie dchen e, ſo⸗ „un⸗ lichen innen. örend. rhand wenn und icher⸗ regt ie be⸗ früh⸗ wan⸗ auſes, einen, Käffee leines mien ——— 17 iſt, die jeden Morgen zu ihnen ins Bett heraufkriecht, ihr lichtlockiges Köpfchen an die Schulter des Vaters legt und da aufs Neue einſchläft. Könnteſt du meine zwei⸗ jährige Gabriele ſehen, mit ihren großen, ernſten, braunen Augen, ihrem feinen, etwas bleichen, aber unbeſchreib⸗ lich lieblichen Geſichtchen, ihren entzückenden kleinen Ma⸗ nieren, du würdeſt, wie Jedermann, von ihr eingenommen werden und ſie verziehen, wie es uns Allen ſchwer wird, es nicht zu thun. Sie iſt ein kleines, ſtilles Kind, aber ihrer älteſten Schweſter ſehr unähnlich. Ein hervorſie⸗ chender Zug bei Gabriele iſt ihr Schönheitsſinn; ſie legt einen entſchiedenen Widerwillen gegen alles Häßliche und Unbehagliche und eine eben ſo entſchiedene Vorliebe für alles Schöne an den Tag. Eine gewiſſe allerliebſte kleine Vornehmheit in Geberdenſpiel und Benehmen macht, daß die Geſchwiſter ſie ſcherzweiſe das kleine Fräulein oder die kleine Prinzeſſin nennen. Heinrich iſt geradezu ver⸗ liebt in das kleine Schweſterchen, er küßt ihre weißen Händchen über und über und auch ſie liebt ihn von gan⸗ zem Herzen. Gegen Andere iſt ſie ſehr häufig etwas ungnädig und unſer guter Freund, der Aſſeſſor, nennt ſie bald die kleine Gnädige, bald die kleine Ungnädige; er hat überhaupt eine Menge Titel für ſie. Möchte ſie ein⸗ mal den„die Liebenswürdige“ verdienen⸗ Friede über meine Kleinen! Es iſt keines unter ihnen, das nicht die Anlage zu einer eigenen Tugend und Vor⸗ trefflichkeit in ſich trägt, aber auch den Keim zu einer gefährlichen Untugend, die Gottes ſchöne Ausſaat verder⸗ ben könnte. Mochte es ihrem Vater und mir gelingen, tüchtige Pfleger dieſer theuern Himmelspflanzen zu wer⸗ den! Aber ach die Kindererziehung iſt keine leichte Sache und die vielen Erziehungsbücher, die ich ſtudirt habe, helfen mir wenig, mag nun ich oder ſie daran Schuld ſein. Ach ich weiß oft keinen andern Rath, als das Kind in meine Arme zu ſchließen und recht herzlich darüber zu weinen oder es auch voll Freude mit Küſſen zu bedecken, Bremer, das Haus. 2 und es ſchien mir immer, als ob ſolche Augenblicke nicht ihrig ohne Wirkung wären. genu Ich ſuche ſo wenig als möglich zu zanken; ich weiß, wie leicht man damit die Freimüthigkeit und unſchuldige haup Fröhlichkeit des Kinderlebens verſcheucht und glaube über⸗ ich h haupt, daß wenn man nur unaufhörlich das Gute fort⸗ liebſt bildet, erwärmt, belebt und ans Licht zieht, das Boͤſe Gede dann allmälig von ſelbſt wegfällt. Ich ſinge meinen Kleinen viel vor: ſie wachſen bei vor lauter Liedern heran. Ich wollte ihre Seelen frühzeitig mein gleichſam in Harmonie baden. Mehrere von ihnen, be⸗ Hein ſonders mein Erſtgeborner und Eva, ſind wahre kleine einzi Muſikenthuſiaſten; jeden Abend wenn die Dämmerung Hau einbricht, ſammeln ſie ſich um mich und ich muß ihnen ſaher dann zum Fortepiano vorſingen oder ſie ſelbſt Liedchen aber ſingen laſſen, wozu ich ſpiele. Wenn mein Heinrich den ſtrah Tag über recht artig geweſen iſt, ſo iſt das ſeine Beloh⸗ wohl nung, daß ich ihm Abends an ſeinem Bette vorſinge, bis er einſchläft. Er ſagt, er träume dann ſo ſchön. Oft und verplaudern wir auch vieſe Stunde und ich freue mich meér dann innig über ſeine lebendige, reine Seele. Wenn er ſeine unſri großen Plane für die Zukunft entwirft, heißt es immer: Spi „Und wenn ich einmal groß und geſchickt geworden bin Geb und mein eigenes Haus habe, dann Mama, mußt du zu mir ratu kommen, und ich werde dann ſo viele Mägde haben, um liebt dich zu bedienen und du ſollſt ſo viele Blumen bekommzn Bed und Alles was du lieb haſt und ſollſt leben, gerade wie unſr eine Königin; aber Abends mußt du bei mir ſitzen und mög mir vorſingen, bis ich einſchlafe— willſt du das?“ Wenn wir er dann endlich unter Plänen und Liedern einſchläft, kann fand ich oft noch lange an ſeinem Bette ſitzen und mein Herz Wie ſchwillt vor Freude und Stolz über dieſen Engel. Ernſt Lieb behauptet, ich verziehe ihn; ach vielleicht iſt es ſo; aber auf ſo viel iſ wahr, daß ich mir ernſtliche Mühe gebe, es kraf nicht zu thun. Im Uebrigen kann ich von allen meinen Qug Kleinen ſagen, wie eine meiner Freundinnen von den die Erit e icht weiß, huldige e über⸗ te fort⸗ hſen bei ühzeitig n, be⸗ kleine merung ß ihnen Liedchen rich den Beloh⸗ nge, bis n. Oft ue mich mer ſeine immer: rden bin u zu mir ben, um ekommen rade wie itzen und Wenn ift, kann ein Herz Ernſt ſo; aber gebe, es meinen von den * 19 ihrigen, daß ſie ſo„ziemlich gut“ ſind, d. he nicht gut genug für den Himmel. Ich bin dieſen Abend allein; Ernſt hat den Landes⸗ hauptmann beſucht; es iſt heute mein Geburtstag und ich habe es Niemand geſagt, weil ich dieſen Tag am liebſten in einem ſtillen Schmauſe mit meinen eigenen Gedanken feire. Wie in dieſem Augenblicke die entflohenen Jahre vor meinen Blicken zurückrollen! Ich ſehe mich wieder in meiner Eltern Hauſe, dieſer guten, fröhlichen, geliebten Heimath. Ich ſehe mich wieder an deiner Seite, meine einzige, geliebte Schweſter, in dem ſchönen, ſtattlichen Hauſe, mit den Wieſen und Dörfern rings umher; wir ſahen auf ſie hinab aus den hohen Fenſtern, freuten uns aber, daß die Sonne ſo gut in die niedrigen Hütten ſtrahlte, wie in unſere große Säle; Alles ſchien uns ſo wohl beſtellt. Damals war das Leben freudig für uns, Cäcilie, und ſo ſorgenfrei! Wie wir weinten über„les voeux té- méraires“ und über Feodor und Marie; Das waren unſte Sorgen. Unſer Leben war Geſang, Tanz und Spiel mit der Maſſe der fröhlichen Nachbarn; mit den Gebildeten unter ihnen ſchwärmten wir für Mufik und Lite⸗ ratur. Wir glaubten uns tugendhaft, wenn wir diejenigen liebten, die uns liebten und von unſerem Ueberfluſſe den Bedürftigen um uns her mittheilten. Freundſchaft war unſre Leidenſchaft; für Freundſchaft hätten wir ſterben mögen, aber die Liebe ſollte uns von Stein finden. Wie wir ſcherzten über unſre Liebhaber und wie luſtig wir es fanden, die Rolle ſtrenger Romanheldinnen zu ſpielen! Wie unbarmherzig wir waren und— wie leicht unſre Liebhaber ſich darüber tröſteten! Da kam Ernſt Frank auf Beſuch zu uns. Der Ruf eines kenntnißreichen und kraftvollen Mannes gieng ihm voraus und lenkte unſte Angen auf ihn; denn man mag ſagen, was man will, die Frauenzimmer lieben einmal das an den Männern. Erinnerſt du dich noch, wie er uns beſchäftigte? Wie ſein edles Ausſehen, ſein klares, ſicheres Weſen, ſeine ich offene und beſtimmte, aber jederzeit feine Art ſich zu er ft benehmen und zu ſprechen, uns zuerſt gefiel, dann im⸗ ſein ponirte. Man hätte ſagen können, er ſtehe ſowohl mora⸗ gen. liſch als phyſiſch feſt auf der Erde. Seine tiefe Trauer⸗ lich fleidung, ein Zug ſtillen, männlichen Leidens, das ſich ich mitunter in ſeinem Geſichte zeigte, trugen dazu bei, ihn men uns intereſſant zu machen. Gleichwohl meinteſt du, er lings ſehe zu ſtreng aus und ich verlor in ſeiner Anweſenheit griſſ bald meine gewöhnliche Freimüthigkeit. Wenn ſeine dun⸗ über keln, ernſten Augen auf mich geheftet waren, übten ſie weit eine bezaubernde, halb niederdrückende Macht auf mich der aus. Ich fühlte mich dann glücklich und doch beängſtigt; wegt meine Bewegungen wurden gezwungen, meine Hände kalt keit, und thaten Alles verkehrt, was ſie vornahmen und nie mich ſprach ich dummer, als wenn ich merkte, daß er mir wir zuhörte. Tante Liſette gab mir einmal folgenden Rath: Frac „Liebes Kind, merk dir wohl, was ich dir ſage; wenn nahe ein Mann glaubt, daß du dumm ſeieſt, ſo ſchadet dir Um dieß nichts in ſeinen Augen, aber wenn er glaubt, daß Cäci du ihn für dumm halteſt, dann biſt du in ſeinem Urtheil unſr für immer verloren.“ Es mag ſich nun mit dem Letztern verhalten, wie es will— ich habe einen geiſtreichen jun⸗ ſpiel gen Mann behaupten hören, es wirke auf ihn nur, wie lieb Salz aufs Feuer— aber ſo viel iſt gewiß, daß Erſteres weif ſeine Wahrheit haben muß, denn meine Dummheit in Pla Ernſts Gegenwart ſchadete mir gar Nichts bei ihm und lich wie unendlich angenehm war er nicht, wenn er mild und als freundlich war! Mit jedem Tag wurde ſein Einfluß auf den mich größer; ich glaubte ſtets unter ſeinen Augen zu. nen ſein; wenn ſie in Freundlichkeit ſtrahlten, gieng es wie ſprir ein Frühlingswind durch meine Seele; wenn ſein Blick vern ernſter wurde, als gewöhnlich, wurde ich ſtill und beäng⸗ Reil ſtigt. Zuweilen ſchien es mir— und es iſt mir noch ſo Geſe — wenn dieſer klare, ſo wunderlich durchdringende Blick lich ſich einmal mit vieler Strenge auf mich heften ſollte, ſo ſicht würde mein Herz aufhören zu ſchlagen. Und doch weiß und ſeine ſich zu n im⸗ mora⸗ rauer⸗ s ſich i, eihn 1 er ſenheit e dun⸗ ten ſie f mich gſtigt; de kalt ind nie er mir Rath: wenn det dir t, daß Urtheil Letztern en jun⸗ r, wie Erſteres cheit in hm und nild und fluß auf ugen zu es wie in Blick beän⸗ noch ſo de Blick ollte, ſo och weiß 21 ich nicht, ob ich ihn liebte, ja ich glaube es kaum. Wenn er fort war, athmete ich ſo frei und leicht, aber ich hätte ſein Leben mit der A lufopferung meines eigenen retten mo⸗ gen. In verſchiedenen Dingen fehlte die Sympathie gänz⸗ lich zwiſchen uns. Er hatte keinen Sinn für Muſik, die ich leidenſchaftlich liebte, und auch über die Lectüre ka⸗ men wir gar nicht überein. Er gähnte über meinen Lieb⸗ lings romanen, ja er lachte zuweilen, wenn ich im Be⸗ griff war in Thränen zu zerſchmelzen; ich dagegen gähnte über ſeinen praktiſchen und gelehrten Büchern fand ſie veit langweiliger, als ich zu ſagen wagte. Die Welt der Phantaſie, in der ſich meine Gedanken ſo gerne be⸗ wegten, achtete er gering und die handgreifliche Wirklich⸗ keit, die er im Leben ſuchte, war ohne allen Reiz für mich. Doch fanden ſie auch manche Puncte, in denen wir zuſammenſtimmten— dieß waren beſonders moraliſche Fragen— und wenn dieſer Fall eintrat, ſchienen wir bei⸗ nahe ein gleich großes Vergnügen darüber zu empfinden. Um dieſe Zeit war es, daß du mich verlaſſen mußteſt, Cäcilie, und unſere Schickſale trennten ſich, obſchon nicht unſre Herzen. Eines Tags hatten wir viele Gäſte. Nachmittags ſpiele ich Ball mit dem jungen Vetter Emil, den wir ſo lieb hatten, wie er es auch verdiente. Wie es zuging weiß ich nicht mehr, aber Ernſt wechſelte mit ihm den Platz und wurde mein Gegenſpieler. Er ſah ungewöhn⸗ lich heiter aus und ich fühlte mich in 6 Nähe freier als ſonſt. Er warf vortrefflich und mit ſicherer Hand den fliegeyden Drachen, ließ ihn aber immer über mei⸗ nen Kopf fliegen, ſo daß ich ein Paar Schritte zurück⸗ ſpringen mußte, um ihn aufzufangen. So wurde ich un⸗ vermerkt und unter fröhlichen Scherzen durch eine lange Reihe von Zimmern getrieben, bis wir uns weit von der Geſel ſchaft und allein befanden. Da hörte Ernſt plötz⸗ lich mit dem Spiele auf und auf ſeinem ganzen Ge⸗ ſichte zeigte ſich eine Veränderung. Ich merkte Unrath und wäre gerne weit weggeſprungen, allein ich war wie gelähmt. Da ſprach Ernſt ſo herzlich, ſo ernſthaft und ſo voll inniger Zärtlichkeit zu mir, daß er mein Herz an ſich zog, meine Hand ſich, wiewohl zitternd, in ſeine aus⸗ „geſtreckte Hand legte und ich beinahe unbewußt eingewilligt hatte, an ſeiner Seite durchs Leben zu wandern. Ich hatte eben mein neunzehntes Jahr zurückgelegt. Meine guten Eltern billigten die Verbindung ihrer Tochter mit einem ſo allgemein angeſehenen und geachteten Mann, von dem man prophezeite, er werde einſt die höchſten Stufen des Staates erklimmen, und Ernſt, deſſen Natur immer raſch voran will, betrieb die Sache ſo, daß bald darauf unſre Hochzeit gefeiert wurde. Mehrere meiner Verwandten meinten indeß, ich habe mich durch dieſe Verbindung etwas herabgegeben. Ich war der entgegengeſetzten Anſicht. Ich war von vornehmer Geburt, hatte nicht unbedeutende Familienverbindungen, war in einem glänzenden Kreiſe, ſo wie in allen ober⸗ flächlichen Talenten des Tages, in Ueberfluß und in Sorg⸗ loſigkeit auferzogen. Er dagegen war ein Mann, der ſich ſelbſt ſeinen Weg gebahnt, der unter redlichen An⸗ ſtrengungen und vielen Aufopferungen ſein väterliches Haus aus ſeinem geſunkenen Zuſtande aufgerichtet und die Zukunft ſeiner Mutter, ſowie ſeiner Schweſtern geſi⸗ chert hatte. Er war ein ſelbſtſtändiger, klarer und guter Mann— ja gut, das erkannte ich immer mehr, jemehr ich durch die mitunter etwas harte Schale zu dem Kern ſeines Weſens drang;— ich fühlte mich ſehr gering ne⸗ ben ihm. Das erſte Jahr meiner Ehe verbrachte ich, wie man es von meinem Manne verlangt hatte, im elterlichen Hauſe und hätte ich ſeine Ueberlegenheit weniger gefühlt und mehr Gewißheit gehabt, ob ich ihm genüge, ſo hätte Nichts zu meinem Glücke gefehlt. Alle trugen mich auf den Händen und vielleicht kam es daher, daß Ernſt ver⸗ gleichungsweiſe etwas kalt war. Ich war ein von allzu⸗ guten Eltern verzärteltes Kind, war gedankenlos und wehleidig und davon klebt mir leider noch immer etwas an. fluß klarer das licher Ernſt ohne behac Fußr einer nach hat, ſchier ben, genw tiſche er ſi näch gen auf dacht umkt bald das und Ern des er hatt ſehe Gat brin nun wir ſchö ft und e e as⸗ willigt Ich Meine er mit in, von Stufen immer darauf ch habe ch war nehmer dungen, n ober⸗ Sorg⸗ n, der en An⸗ terliches tet und n geſi⸗ d guter jemehr m Kern ring ne⸗ wie man terlichen gefühlt ſo hätte mich auf rnſt ver⸗ on allzu⸗ los und er etwas 23 an. Gleichwohl begann um dieſe Zeit unter Ernſts Ein⸗ fluß des Lebens wahre Schönheit und Bedeutung immer klarer vor meine Seele zu treten. Die Ehe und das Haus, das Vaterland und die Welt wurden mir immer verſtänd⸗ licher in ihrem Verhältniß und ihrer heiligen Bedeutung. Ernſt war mein Lehrer. Ich blickte mit Liebe, aber nicht ohne Furcht zu ihm auf⸗ Mancher Plan, der meinem romantiſchen Sinne wohl behagte, wurde in dieſen Sommertagen entworfen. Eine Fußreiſe in dem ſchönen Land weſtlich von Schweden war einer der Lieblingsgedanken meines Ernſt. Seine Mutter, nach welcher die kleine Petrea ihren etwas kurioſen Namen hat, war eine Norwegerin und ihr ihm theures Andenken ſchien ſich mit den Gebirgen und Thälern verwebt zu ha⸗ ben, die ihm ihre Erzählungen als eine wunderſchöne Sa⸗ genwelt darſtellten. Dieſe Erinnerungen ſind ein roman⸗ tiſcher Punkt in Ernſts Seele; dahin begibt er ſich, wenn er ſich erquicken und ſeine Zukunft erheitern will.„Im nächſten Jahr wollen wir reiſen!“ rief Ernſt in dieſen Ta⸗ gen und wir entwarfen unſere Wanderung mit einander auf der Karte; ich hatte mir bereits die Kleidung ausge⸗ dacht, in der ich ſeine Reiſegefährtin werden und das meer⸗ umkränzte Norwegen beſuchen wollte. Ach für mich kamen bald andere Reiſen. Noch in demſelben Jahre erblickte mein Erſtgeborner das Licht der Welt, mein erſter Knabe, der meine Liebe und meine Gedanken dermaßen in Anſpruch nahm, daß Ernſt beinahe eiferſüchtig wurde. Wie oft ſchlich ich mich des Nachts aus dem Bette, um ihn zu betrachten, wenn er ſchlief! Es war ein lebhaftes, unruhiges Kind, es hatte daher einen eigenen Genuß für mich, ihn ruhen zu ſehen und er war ſo göttlich ſchön in ſeinem Schlafe. Ganze Nächte hätte ich über ſeine Wiege hingebeugt zu⸗ bringen können. So weit, Cäcilie, war Alles in Ord⸗ nung vor ſich gegangen, wie in den Romanen, aus denen wir in jungen Jahren Nahrung für Herz und Seele ſchöpften. Aber andere Zeiten kamen. Zuerſt die große 24 Veränderung in den Vermögensumſtänden meiner Eltern, wider die ſo gewaltig auf unſere Stellung im Leben einwirkte, angen, dann die vielen Kinder, unendliche Beſchwerden, Beküm⸗ ſollen merniſſe, Krankheiten. Ich wäre mit Leib und Seele er⸗ wache. legen, wäre Ernſt nicht der Mann geweſen, der er iſt. Behag In ſeinem Charakter lag es gegen den Strom zu ſchwim⸗ ann. men, es war ihm eine Art Luſt, mit ihm zu kämpfen und der Ki den Widerſtand zu beſiegen. Mit jedem Jahr nahm er ſtänder mehr Arbeiten auf ſich und durch den angeſtrengteſten ſie nie Fleiß gelang es ihm allmälig, einigen Wohlſtand in ſein ſtellt Haus zurückzuführen. Und wie unendlich gut, welch gibt, ſanfte Stütze war er mir nicht in den Augenblicken, wo mich ich mich ohne ihn ſehr unglücklich gefühlt hätte! Wie füllen manche Nacht hat er nicht meinetwegen durchwacht, wie kleine oft hat er nicht auf ſeinen Armen ein weinendes Kind in Hausl den Schlaf gewiegt! Und jedes Kind, welches kam, um mir v ſeine Arbeit, ſeine Sorge zu vermehren, wurde immer Anmu als eine Freude, als ein Gnadengeſchenk von Gott em⸗ pfangen und ſeine Erſcheinung war ein Feſt im Hauſe. mir, Wie hat ihm nicht mein Herz dafür gedankt, wie hat Meine nicht ſeine Kraft, ſeine Zuverſicht, die meinige geſtärkt! lere Als die kleine Gabriele zur Welt kam, war ich dem Tode Mann ſehr nahe; ich bin feſt überzeugt, daß ich ohne Ernſts neuer Sorgfalt von meinen rielen Kleinen hätte ſcheiden müſſen. mir k Während des Zuſtands großer Schwäche, der auf die Ent⸗ haſte bindung folgte und mehrere Monate andauerte, berührte Meine mein Fuß ſelten den Boden, denn Ernſts Arme trugen ſo leit mich, wohin ich wollte. Er war unermüdlich in Güte beunrt und Geduld gegen die kranke Frau. Sollte deßhalb nicht Ich k die Geſunde ihm ihr Leben widmen! Ach ja, das will ſeinen ſie, das wird ſie. Wäre nur meine Kraft eben ſo ſtark, Gegen wie mein Wille! Weißt du, Cäcilie, was mir oft großen Auger Kummer macht? Ich bin keine geſchickte Haushälterin, änder: es fehlt mir an Sinn und Gedächtniß für allerhand Ge⸗ ſo gr ſchäfte, von denen der Wohlſtand des Hauſes abhängt. Beſonders iſt mir die tägliche Sorge für das Eſſen zu⸗ hen, * der P Eltern, wirkte, Beküm⸗ eele er⸗ er iſt. chwim⸗ fen und ahm er ngteſten in ſein welch n„ wo 1 Wie t wie Kind in m, um immer ott em⸗ Hauſe. wie hat eſtärkt! m Tode Ernſts müſſen. die Ent⸗ berührte trugen in Güte lb nicht das will ſo ſtark, t großen hälterin, and Ge⸗ abhängt. ſſen zu⸗ 25 wider; ich ſelbſt habe wenig Appetit und es iſt mir un⸗ angenehm, den Kopf immer voll Eßgedanken haben zu ſollen, wenn ich Abends zu Bette gehe und Morgens er⸗ wache. Alles dieß macht, daß mein Mann ſeine häuslichen Behaglichkeiten nicht hat, wie er es mit Recht fordern kann. Bisher habe ich in meiner Kränklichkeit der Pflege der Kinder, ſo wie in unſern nicht beſonders günſtigen Um⸗ ſtänden gültige Entſchuldigung gehabt; jetzt aber können ſie nichts mehr gelten, da meine Geſundheit wieder herge⸗ ſtellt iſt und die Zunahme unſers Vermögens Veranlaſſung gibt, mehr für die Haushaltung zu thun. Ich bemühe mich daher auch aufs Ernſtlichſte, meine Pflichten zu er⸗ füllen; aber o, wie angenehm muß es werden, wenn die kleine Louiſe einmal ſo groß iſt, daß ich einen Theil der Haushaltungslaſt auf ihre Schultern legen kann! Ich ſtelle mir vor, ſie werde dieſe Laſt mit einer ganz beſondern Anmuth tragen. Ich werde heute zweiunddreißig Jahre alt und es iſt mir, als trete ich in eine neue Periode meines Lebens. Meine Jugend liegt hinter mir, ich trete jetzt ins mitt⸗ lere Alter und ich fühle woht, was dieſes und mein Mann von mir zu fordern berechtigt ſind. Moͤchte ein neuer, kräſtigerer Menſch in mir aufſtehen! Möge Gott mir beiſtehen und Ernſt mild ſein gegen ſeine mangel⸗ haſte Gattin! Ernſt ſollte eine weit raſchere Frau haben. Meine Nervenſchwäche macht mich reizbar und ich werde ſo leicht aus dem Concept gebracht. Sein thätiger Sinn beunruhigt mich oft mehr, als billig und vernünftig iſt. Ich kann z. B. ordentlich in Angſt gerathen, wenn ich ſeinen Blick ſcharf auf eine Wand oder einen ſonſtigen Gegenſtand gerichtet ſehe; ich meine dann, es müſſe jeden Augenblick eine Thüre da aufſpringen oder ſonſt eine Ver⸗ änderung da vorgehen, und doch iſt mir Stille und Ruhe ſo großes Bedürfniß. Bald wird eine Veränderung in unſerem Hauſe vorge⸗ hen, der ich nicht ohne Unruhe entgegenſehe. Ein Kandidat der Philoſophie, Jakobi mit Namen, ſoll als Hofmeiſter für meine Kleinen zu uns kommen. Er muß dieſen Sommer meinen wilden Knaben unter ſeine Obhut nehmen, den Mädchen Unterricht im Schreiben, Zeichnen und Rechnen geben und auf den Herbſt meinen Erſtgebornen aus dem — mütterlichen Hauſe in eine größre Erziehungsanſtalt be⸗ gleiten. Mir bangt vor dieſem neuen Mitglied in unſrem häuslichen Kreiſe; der Mann kann ſo ſtörend werden, wenn er nicht gut iſt. Iſt er aber brav und gut, ſo ſoll er mir herzlich willkommen ſein. Beſonders als Beiſtand in den langweiligen Schreiblektionen mit ihrem ewigen:„Bleib ruhig ſitzen, Heinrich!— Halte die Feder richtig, Louiſe! — Sieh auf die Vorſchrift, Leonore!— Vergiß die Punkte und Striche nicht, Epchen!— Petrea wiſche mir nicht immer deine Buchſtaben mit der Naſe aus!“ Ueber⸗ dieß fängt mein Erſtgeborner an immer weniger Achtung für meine Kenntniſſe in ſeiner lateiniſchen Grammatik zu hegen und Ernſt wird immer ungehaltener über ſeine wilden Streiche. Er wird bei Jakobi einen Kameraden haben an dem Sohn des Landeshauptmanns Stjernhök, Nils Gabriel, einem ausgezeichnet geſetzten und außeror⸗ dentlich artigen Jungen, von deſſen Einfluß auf meinen Heinrich ich viel Gutes hoffe. Der Kandidat iſt uns mit vieler Wärme empfohlen worden von einem Freunde meines Mannes, dem vor⸗ trefflichen Biſchof B. Seine Aufführung auf der Hoch⸗ ſchule hat indeß durchaus nichts Empfehlendes. Durch Leichtgläubigkeit und Leichtſinn hat er ein hübſches kleines Erbgut von drei alten Tanten, bei denen er aufgewachſen und erzogen worden iſt, ſchnell durchgebracht und überhaupt ein unordentliches Leben geführt. Biſchof B. macht keinen Hehl daraus, ſagt aber, er halte viel auf den jungen Mann, lobt ſein gutes Herz, ſein vortreffliches Lehrtalent und bittet uns inſtändig, ihn mit elterlicher Zärtlichkeit in unſer Haus aufzunehmen. Wir wollen jetzt ſehen, wie weit er ſich einer ſo herzlichen Theilnahme würdig zeigt. Ich geſtehe, daß meine mütterliche Zärtlichkeit für ihn noch vollkommen ſchlummert. 1 8 als ei ſchon meines Rachſt nigen haben. lange in ihr und ſi einand Und d überho — da theilt, immer nicht ich all gewöh Gleich Alles vor, im H werder nach ſoll ie immer guten ich je ich je es mi auf d einma Staöl und daran Sommer en, den Rechnen aus dem ſtalt be⸗ unſrem en, wenn ſoll er ſtand in „Bleib „Louiſe! rgiß die iſche mir “Ueber⸗ Achtung matik zu ber ſeine ameraden Stjernhök, außeror⸗ f meinen mpfohlen m r⸗ er Hoch⸗ Durch es kleines gewachſen überhaupt cht keinen junen Lehrtalent lichkeit in hen, wie rdig zeigt. r ihn noch Indeß erſchreckt mich dieſer Gaſt beinahe weniger, als ein Beſuch, der mich binnen Kurzem bedroht. Du haſt ſchon von der Oberſtin S. gehort, der ſchönen Emilie, meines Mannes alter Flamme, wie ich ſie aus einiger Rachſucht wegen all der Unruhe nenne, die ihre den mei⸗ nigen ſo entgegengeſetzte Vortrefflichkeiten mir verurſacht haben. Sie iſt ſeit mehreren Jahren Wittwe, hat ſich lange im Ausland aufgehalten, iſt aber jetzt im Begriff, in ihr Vaterland zurückzukehren und uns zu beſuchen. Ernſt und ſie ſind immer auf einem freundſchaftlichen Fuße mit einander geſtanden, obgleich ſie einſt ſeine Hand ausſchlug. Und das iſt ein edler Zug an meinem Ernſt— wie überhaupt bei ſeinem ganzen Geſchlechte nichts Seltenes — daß dieſer Korb ihn gegen die Perſon, die ihn ausge⸗ theilt, nicht kalt gemacht hat. Im Gegentheil äußert er immer gerne ſeine Bewunderung für dieſe Emilie und hat nicht aufgehoͤrt mit ihr zu correſpondiren, und ich, die ich alle ihre Briefe leſen darf, kann nicht umhin, ihre un⸗ gewöhnlichen Kenntniſſe und ihren Geiſt anzuerkennen. Gleichwohl hätte ich das Vergnügen gerne entbehrt, dieſes Alles in der Nähe kennen zu lernen, denn es kommt mir vor, als ob meines Mannes alte Flamme etwas Kaltes im Herzen hätte und das meinige nicht warm für ſie werden könnte. Es ſchlägt zehn Uhr. Vor zwölf kommt Ernſt nicht nach Hauſe. Ich verlaſſe dich jetzt Cäcilie, um. ſoll ich dir mein Geheimniß ſagen? Du weißt, daß es immer zu meinen größten Vergnügungen gehört hat, einen guten Roman zu leſen, aber dieſem Vergnügen habe ich jetzt beinahe ganz entſagen müſſen, denn bekomme ich je einmal etwas Intereſſantes in die Hand, ſo wird es mir entſetzlich ſchwer, davon abzulaſſen, ehe ich bis auf die letzte Seite gekommen bin. Das geht nun aber einmal bei mir nicht an und als einmal wegen Madame Staöls Corinna zwei Mittageſſen, eine große Wäſche und ſiebenzehn kleinere Haushaltungsangelegenheiten nahe daran waren, zu ſtranden und mein häuslicher Friede 28 Schiffbruch zu leiden, ſo beſchloß ich alles Romanleſen, wenigſtens bis auf Weiteres, aufzugeben. Aber ſo groß iſt mein Bedürfniß nach irgend einer literariſchen Er⸗ quickung dieſer Art, daß ich, ſeit ich keine Romane mehr leſe, angefangen habe, ſelbſt einen zu ſchreiben. Ja Cäcilie, meine Jugendanlagen wollen mich mitten unter den Geſchäften und proſaiſchen Sorgen des Alltagslebens nicht verlaſſen und die Blumen, die mir in einer Mor⸗ genſtunde ſo ſchön geduftet, ſie wollen jetzt in der Er⸗ innerung noch einmal für mich blühen und einen er⸗ friſchenden Kranz um mein welkendes Haupt flechten. Die fröhlichen Tage, die ich an deiner Seite verlebt, die Eindrücke, die anmuthsvollen Auftritte— ſie er⸗ ſcheinen mir jetzt noch mehr ſo als bamals— die unſre Jugend ſo ſchön, ſo heiter und friſch gemacht, ich will ſie in ein deutliches Bild bringen, bevor ſie im Verlauf der Jahre aus meiner Seele verſchwinden. Dieſe Be⸗ ſchäftigung ermuntert und ftärkt mich und wenn ich Abends in Folge von Müdigkeit oder Verdruß mein ner⸗ vöſes Zahnweh bekomme, ſo vermag mich Nichts ſo zu zerſtreuen, als die Arbeit au meinem kleinen Roman. Gerade heute Abend plagt es mich mehr als gewöhnlich und ich will mein unſchuldiges Opiat anwenden. Ernſt ſoll mich doch nicht mehr auffinden, wenn er kommt: ich habe ihm das verſprochen. Gute Nacht, liebe Cäcilie. Wir wollen hier eine kleine Schilderung der Brief⸗ ſtellerin einſchalten, der Mutter Heinrichs, Louiſens, Evas, Leonorens, Petreas und Gabrielens. Schön war ſie nicht, aber die Natur hatte ihr ei⸗ nen edlen Wuchs gegeben, der noch fein und ſchlank war, wie bei einem jungen Mädchen. Die Geſichtszüge waren unregelmäßig, aber der Mund friſch und reizend, die Lippen ſchon hellroth, ihr Teint weiß, die hellblauen Augen ſanft und freundlich. Ihre Bewegungen hatten viele Anmuth, ſie beſaß ſchöne Hände— was bei einem Frauenzimmer immer etwas Schönes iſt— und zeigte ſie nicht ohne Noth, was ſie noch ſchöner machte. Sie 5 wußte mer in den ſie ſen etn thuende vergleic lich— ſehen, wir kö Hausho ſchäften rin me Pflicht ihren n beitete, wirklich ging i Frieden wandſck freute haßte unſern V es beſ ſchlager mal di in ihr wäre i griff, dachte heimlic blieb r mer tr „ einem ſprechu lanleſen, ſo groß e Er⸗ ne mehr en Ja n unter gslebens Mor⸗ der Er⸗ nen er⸗ flechten. verlebt, ſie er⸗ ie re ich will Verlauf eſſe Be⸗ enmn ich rein ner⸗ ſo zu Roman. wöhnlich rnſt ſoll ich habe r Brief⸗ s, Evas, ihr ei⸗ ſchlank ichtszüge reizend, ellblauen hatten ei einem d zeigte te. Sie 20 wußte ſich mit Geſchmack zu kleiden und zwar faſt im⸗ mer in helle Farben, was nebſt dem leichten Roſenduft, den ſie liebte und der ſie überall begleitete, ihrem We⸗ ſen etwas ausnehmend Mildes und für die Sinne Wohl⸗ thuendes gab. Man konnte ſie mit dem Mondſchein vergleichen. Sie ging leiſe und ihre Stimme war lieb⸗ lich— nach Shakeſpeare eine vortreffliche Sache beim Weibe. Wir möchten ſie gerne auf einem Sopha ruhend ſehen, eine Blume pflegend oder ein Kind liebkoſend, aber wir können ſie uns kaum als Vorſteherin einer großen Haushaltung denken, nebſt ihrem ganzen Gefolge von Ge⸗ ſchäften und Dienſtleuten und noch überdieß als Erziehe⸗ rin mehrerer Kinder. Und gleichwohl hatten Kinder und Pflichtgefühl ſie dahin gebracht, daß ſie gerne auf einem ihren natürlichen Neigungen ſo entgegengeſetzten Wege ar⸗ beitete, ja allmählig waren ihr mehrere dieſer Geſchäfte wirklich theuer geworden. Alles, was die Kinder betraf, ging ihr nahe ans Herz; im Hauſe hielt ſie Ordnung, Frieden und Behaglichkeit aufrecht. Der Inhalt des Lein⸗ wandſchrankes war ihr wichtig, ein ſchneeweißes Tuch er⸗ freute ihre Seele. Graue Leinwand, Staub und Fliegen haßte ſie, ſo gut ſie haſſen konnte. Und jetzt weiter in unſern hiſtoriſchen Skizzen. Wir verließen Eliſe ſo eben bei ihrem Manuſcript; es beſchäftigte ſie dermaßen, daß ſie zwölf Uhr nicht ſchlagen hörte. Sie ſchrack zuſammen, als ſie auf ein⸗ mal die Tritte ihres Mannes vernahm. Das Manuſcript in ihren Pult zu werfen und ſich ſchnell zu entkleiden, wäre ihr etwas Leichtes geweſen; auch war ſie im Be⸗ griff, es zu thun, beſann ſich aber ſchnell.„Ich habe,“ vachte ſie,„meine Handlungen noch nie vor Ernſt ver⸗ heimlicht, ich will heute nicht damit anfangen“ und ſie blieb ruhig an ihrem Schreibtiſch ſitzen, bis er ins Zim⸗ mer trat. „Was? Noch auf und ſchreibend?“ ſagte er mit einem mißvergnügten Blicke.„Hältſt du ſo deine Ver⸗ ſprechungen, Eliſe?“ ——————— 30 „Verzeih mir, Ernſt, ich habe mich vergeſſen.“ gar 3 „Und über was 2 Was ſchreibſt du denn? Laß doch manſc einmal ſehen. Wie? Ich glaube gar einen Roman! Wozu binden ſoll das dienen?“ nünfti „Dienen? Ach es macht mir Vergnügen.“ ich die „Man muß auch bei ſeinen Vergnügungen Zweck bloß1 und Sinn haben und mir macht es durchaus kein Ver⸗ kannſt gnügen, wenn du des Nachts ſitzen bleibſt und eines Straf elenden Romans willen deine Augen verderbſt. Hätten wrir ein Feuer hier, ſo würde ich das Geſchmiere ver⸗ Prach brennen.“ du biſ „Es wäre weit beſſer, du gingeſt zu Bette und ver⸗ ſelbſt, läſeſt in aller Andacht dein Abendgebet, als daß du an 3 ſolche Autodafés denkſt. Haſt du dich gut unterhalten beim ſchreib Landeshauptmann?“ deine „Du möchteſt gerne die Karten vermiſchen. Sieh gewor mich einmal an, Eliſe; du biſt blaß, dein Puls iſt ge⸗ das b pannt. Mein Abendgebet leſen? Ich hätte gute Luſt, dir der g eine Lektion zu leſen. Iſt es auch verſtändig, ganze Nächte Somr aufzubleiben und von lauter Wachen blaß zu werden, um ten. Etwas zu ſchreiben, was zu Nichts auf der Welt taugt? ſchöne Ich kann recht böſe werden, wenn du ſo einfältig, ſo ler th kindiſch ſein kannſt. Da hhilft es freilich Nichts, in die Aber Bäder zu fahren, Doktoren im Oſten und im Weſten zu wollen befragen und auf alle mögliche Arten für die Geſundheit fekt vi beſorgt zu ſein, wenn du gerade das thuſt, was am Sicher⸗ kiſſen ſten darauf hinwirkt, ſie zu zerſtören.“ „Ernſt ſei nicht ſo boͤſe! Sieh mich hente Abend Kinde nicht ſo ſtreng an, Ernſt; nein nur heute nicht bewac „Ja,“ ſagte der Landrichter auf einmal etwas mil⸗ ſchlief der,„weil du heute vor zweiunddreißig Jahren auf die Hand Welt gekommen biſt, glaubſt du ein Recht zu haben, recht jedes kindiſch zu ſein.“ WMund Eliſe — „Laß es auf die alte Rechnung gehen!“ ſagte Eliſe lächelnd, aber mit einer Thräne im Auge. tiſch, „Gehen laſſen, gehen laſſen! Ja das glaube ich, Das immer ſoll man es an ſeinen Hals gehen laſſen, bis es in der n. Laß doch n! Wozu en Zweck kein Ver⸗ und eines Hätten niere ver⸗ e und ver⸗ aß du an alten beim enSieh uls iſt ge⸗ te Luſt, dir anze Nächte ee, m Lelt taugt? infältig, ſo his, in die n Weſten zu Geſunbheit am Sicher⸗ heute Abend t.% was mil⸗ hren auf die haben, recht *ſagte Eliſe glaube ich, laſſen, bis es 31 gar zu toll geht. Ich hätte Luſt, alle Romane und Ro⸗ manſchreiber in der Welt auf ein Häufchen zuſammenzu⸗ binden und zu vertilgen. Eher wird die Welt nicht ver⸗ nünftig und du auch nicht. Inzwiſchen freut es mich, daß ich dich noch wach fand, denn ich hätte dich ſonſt geweckt, bloß um dir zu beweiſen, daß du mir Nichts verbergen kannſt, nicht einmal, wie alt du biſt. Hier haſt du zur Strafe für deine ſchlechte Abſicht...“ „Ach! Walter Stotts Romane! Und noch dazu eine Prachtausgabe! Dank, Dank, guter, beſter Ernſt. Aber du biſt mir ein ſchöner Geſetzgeber, du! Du beförderſt ſelbſt, was du verdammſt.“ „Verſprich mir nur, nicht die Nächte mit Roman⸗ ſchreiben oder Leſen zuzubringen. Bedenke, für wie viele deine Geſundheit koſtbar iſt. Glaubſt du, ich wäre ſo böſe geworden, wenn du mir nicht ſo lieb wäreſt? Kannſt du das begreifen? In ein paar Jahren, Eliſe, wenn die Kin⸗ der größer und du etwas ſtärker biſt, wollen wir einen Sommer dazu nehmen und unſte norwegiſche Reiſe antre⸗ ten. Du wirſt dann die friſche Gebirgsluft einathmen, die ſchönen Thäler und das Meer ſehen— das wird dir woh⸗ ler thun, als alle Brunnen und Bäder von der Welt. Aber komm und laß uns nach den Kindern ſehen; wir wollen ſie zwar nicht wecken, aber ich habe einiges Kon⸗ fekt von der Baronin mitgenommen, das ich auf ihre Kopf⸗ kiſſen legen will. Da haſt du eine Renette.“ Die Gatten gingen mit einander in die Stube der Kinder, wo die alte treue Finnin Brigitta lag und ſie bewachte, wie der Drache ſeine Schätze. Die Kinder ſchliefen wie Kinder. Der Landrichter ſtrich mit der Hand über den ſchönen Lockenkopf des Knaben, aber jedes der Mädchen bekam einen Kuß auf den roſigen Mund. Die Eltern begaben ſich ſofort auf ihr Zimmer. Eliſe ging zu Bette, ihr Mann ſetzte ſich an den Schreib⸗ tiſch, ſo daß er ſie zugleich vor dem Lichtſcheine ſchützte. Das leiſe Gekritzel ſeiner Feder flüſterte ſie gleichſam in den Schlaf. Als es zwei Uhr ſchlug, erwachte ſie, er ſchrieb noch. Wenige Menſchen bedurften und gönnten fich ſo wenig Ruhe, wie Ernſt Frank. ———— Der Kandidat. Es war Dämmerung. Die Kinder ſpielten Feuer⸗ leihen im Saale und ſchwärmten in Winkeln und Ecken herum, als auf einmal ein Reiſewagen vor der Thüre hielt und auf die wilde Schaar wirkte, wie ein Strahl kaltes Waſſer auf einen Bienenſchwarm. Der Weiſel des Bienenſchwarms, die kleine Louiſe, ſetzte ſich plötzlich ans Fenſter und um ſie herum drängten ſich vier andre Köpf⸗ chen, ſchnaufend, warm, neugierig und einander wegſchie⸗ bend, voll Eifer, den Ankömmling zu ſehen. Ein Herr hüpfte leicht aus dem Wagen, die Kinder konnten nicht unterſcheiden, ob er alt oder jung war, denn ſie ſahen den Landrichter ſchnell zur Thüre herauskommen, dem Rei⸗ ſenden die Hand ſchütteln und ihn ins Haus hereinführen. Ein kleiner, ſchmaler Koffer wurde ihm nachgetragen. Jetzt fuhr der Schwarm abermals auf und ſetzte ſich wie⸗ der um die Mutter herum, um ihr in allen möglichen Tongraden, vom Flüſtern bis zum hochlauten Rufen kund zu thun, daß ſicherlich der Hofmeiſter angekommen ſei. Eliſe, die Gäſte hatte, beruhigte mit einem ja, ja und ſo, ſo, ſowie mit freundlichen beſchwichtigenden Blicken die aufgeregten Kinder. Louiſe faßte ſich ſchnell, ſchien einzuſehen, daß ſie ihrer Würde etwas vergeben habe und ſetzte ſich, wie große Leute, ſtill und anſtändig neben die Großen. Die andern Kinder drängten ſich flüſternd und verwundrungsvoll in einer Ecke des Zimmers zuſam⸗ men und man ſah ſehr häufig Petreas Naſe neugierig aus dem kleinen Haufen hervorgucken. Der Landrichter hatte ſeiner Frau die Ankunft des — erwart werde, andrer didater Eliſe mit V Naſe wie di ( hoͤren ter Fr gedrän zwanz Ausſel der K Fuß, ihr m blende von Der L ſen ge abſtack einand Die„ Heinri zu ſeit lem 2 als de wollen in bie Freunt dem 2 ſeine . Eliſe ausger 8 gönnten Feuer⸗ d Ecken Thüre Strahl eiſel des lich ans e Köpf⸗ vegſchie⸗ in Herr en nicht ahen em Rei⸗ nführen. etren ſich wie⸗ nöglichen fen kund men ſei. ja und Blicken , ſchien ben habe i neen flüſternd s zuſam⸗ ierig aus kunft des * 33 etwarteten Gaſtes melden laſſen, der ſich ihr vorſtellen werde, ſobald er ſeine Toilette gemacht habe. Bald kam ein andrer Bote und verlangte ein Brenneiſen für den Kan⸗ didaten. „Das nenne ich einmal eine lange Toilette,“ dachte Eliſe mehrere Male während der vollen Stunde, die ſie mit Warten zubrachte, und man muß geſtehen, daß ihre Naſe ſich mehr als einmal nach derſelben Richtung wandte, wie die Petreas. Endlich ließen ſich die Tritte zweier Herren im Saale hören und durch die Stubenthüre ſtieg ein wohlbeſchuh⸗ ter Fuß, ein ſchoͤnes Bein, einer wohlgebildeten, etwas gedrängten Figur angehörig, die mit Leichtigkeit einen zwanzigjährigen Männerkopf trug von ſchönem jovialem Ausſehen und nach der neueſten Mode friſirt. Es war der Kandidat. Er warf einen Blick zuerſt auf ſeinen Fuß, dann auf die Dame des Hauſes und näherte ſich ihr mit ungezwungener Sicherheit, wobei er eine Reihe blendend weiße Zähne zum Vorſchein kommen ließ. Düfte von Eau de Portugal verbreiteten ſich im Zimmer. Der Landrichter, der nachfolgte und deſſen einfaches We⸗ ſen gewaltig gegen die ganze Haltung des neuen Gaſtes abſtach, ſtellte ihn als Kandidat Jakobi vor. Man ſagte einander einige unbedeutende Höflichkeiten und ſetzte ſich. Die Kinder kamen hervor und machten ihre Kratzfüße. Heinrich blickte mit einem fröhlichen, vertraulichen Blicke zu ſeinem künftigen Lehrer auf; Louiſe neigte ſich mit vie⸗ lem Anſtand und that einen großen Schritt rückwärts, als der Kandidat ſich die Freiheit nahm, ſie küſſen zu wollen. Petrea ſtreckte neugierig und vorwitzig die Naſe in bie Höhe. Der Kandidat nahm von Allem aufs Freundlichſte Notiz, gab Allen die Hand, fragte Alle nach dem Namen, beſah ſich darauf im Spiegel und ordnete ſeine Locken. „Wen haben wir da ins Haus bekommen?“ dachte Eliſe mit heimlichem Schreck,„das iſt ja ein Geck, ein ausgemachter Geck. Wie in aller Welt konnte Biſchof Bremer, das Haus. 3 für meine armen Kleinen wählen? eilte B. ihn zum Lehrer n ſein laſſen ſich ſelbſt zu be⸗ ein P Er wird es ſich angelegener trachten, als nach ihnen zu ſehen. Die prächtige Steck⸗ theils nadel da iſt von unächten Steinen. Lcht, um ſeine wei⸗ 6 d ßen Zähnen zu zeigen. Ein wahrer Geck! Ein Narr vielleicht. Jetzt beſieht er ſich wieder im Spiegel⸗“ Eliſe ſuchte die Augen ihres Mannes, aber ſie wi⸗ Ki d chen den ihrigen aus. Einiges Mißvergnügen und etwas jer Verlegenheit war auf ſeinem Geſichte zu leſen. Der Schy Kandidat dagegen war nicht im Mindeſten verlegen, ſon⸗. dern bewegte ſich mit ungezwungenen Manieren in einem 3 Lehnſtuhle und warf forſchende Blicke auf drei Damen, ſü pie offenbar als Gäſte da waren. Die älteſte, die un⸗ ſtickte, ſchien etwas über vierzig Jahre alt. aufhörlich zu ſein, und zeichnete ſich durch ein ungewöhnlich ruhi⸗ Stüch es, klares und gemüthliches Weſen aus. Der Land⸗ R cie jel mit ihr. Die zwei andern i richter unterhielt ſich vi ſchienen ihr zwanzigſtes Jahr noch nicht erreicht zu ha⸗ O ben, die eine war blaß und blond, die andere eine hübſche zu Brünette. Beide waren anmuthige Weſen und ſahen 8 glücklich und gut aus. Der Kandidat lernte in dieſen t Damen Fräulein Gvelina Berndes und ihre Pflegetöchter Sam immer eines Karina und Laura tennen. Laura hatte von den Kindern auf ihrem Schooße und der Kandidat t ließ ſeine Blicke vorzugsweiſe auf ihr ruhen. Es war 3 3 aber auch in der That ein allerliebſtes Gemälde, das e Laura und die kleine ſchöne Gabriele mit einander bil⸗ was deten, wie Laura ſie mit ihren Blumen, Armbändern, wurf Halsband und all dem Schönen ſchmückte, was ſie an nh ſich hatte. Die Unterhaltung wurde hald allgemein und iug mit ausnehmender Leichtigkeit von Statten. Man am Kandidaten zu vanken, der ſehr gut und aufzt ige ausgezeichnete Männer auf ver hatte dieß dem r er herkam. Als Eliſe trug intereſſant über ein Univerſität ſprach, von welche einen berühmten Mann erwähnte, den ſie ſehr gerne Peir geſehen hätte, erklärte der Kandidat, er habe vor ganz eln kurzer Zeit eine kleine Zeichnung von ihm gemacht und ſchla hlen? zu be⸗ Steck⸗ e wei⸗ Narr ſie wi⸗ etwas Der ſon⸗ n einem Damen, die un⸗ ahre alt ch ruhi⸗ Land⸗ andern zu ha⸗ e hübſche nd ſahen in dieſen egetöchter ner eines Kandidat Es war älde, das ander bil⸗ mbändern, vas ſie an emein und en. Man gut und a der Als Eliſe ſehr gerne be vor ganz emacht und 35 eilte auf ihren Wunſch, dieſelbe zu holen. Er brachte ein Portefeuille, das mehrere Zeichnungen und Gemälde, theils Portraits, theils Landſchaften, von ſeiner eigenen Hand, enthielt. Sie waren nicht ohne Talent ausgear⸗ beitet und machten Vergnügen. Man erkannte den einen und andern wieder, auch den Kandidaten ſelbſt. Die Kinder waren ganz entzückt, und drängten ſich voll Ei⸗ fer um den Tiſch. Der Kandidat nahm ſie auf ſeinen Schooß und ſchien es ſich ſehr angelegen ſein zu laſſen, ihnen Vergnügen zu machen. Die Kinder ſchienen bei⸗ nahe vergeſſen zu haben, daß er eine neue Bekanntſchaft ſür ſie war, nur Louiſe verhielt ſich etwas ſtolz und die Kleine war noch ganz ungnädig gegen ihn. Beſon⸗ ders gerührt und entzückt waren die Kinder über ein Stückchen in Sepia, ein Mädchen vorſtellend, die an einem Roſenbuſche kniet und Blumen pflückt, nachdein ſie dicht an einem Grabſtein vaneben ihre Leier niedergelegt hat. „O ſie war ſo ſchön, ſo göttlich ſchön!“ Petrea ver⸗ mochte ihre Augen nicht von dem wirklich herrlichen Ge⸗ mälde abzuwenden, das auch der Kandidat ſichtlich mit Vaterliebe betrachtete und das die Krone ſeiner kleinen Sammlung war. Sonſi pflegte ſich die Kinderſchaar Schlag acht Uhr, unter Louiſens Anführung, auf ihr Schlafzimmer zurück⸗ zuziehen, was einmal die Abends noch muntere Petrea zu der Aeußerung veranlaßte, die Nacht ſei doch das Schlimmſte, was Gott geſchaffen, worüber ſie von Louiſen einen vor⸗ wurfsvollen Blick erhielt, nebſt dem Bedeuten, daß man nicht ſo ſprechen dürfe. Heute aber erhielten die Kleinen, um die Merkwürdigkeiten des Tages zu feiern, Erlaubniß, am Abendeſſen der Eltern Theil zu nehmen und ſo lange aufzubleiben, wie die Andern. Dieſe Ausſicht, der Kandidat, die Gemälde, Alles trug dazu bei, ihre Lebensgeiſter bedeutend zu ſteigern. Petrea hatte ſogar die Keckheit, bei Tiſche, während ein gekochtes Huhn verzehrt wurde, dem Kandidaten den Vor⸗ ſchlag zu machen, durch Ziehen an einem Knöchel um — 36 das Frauenzimmer am Roſenbuſch mit ihm zu looſen, wogegen ſie ihm als Schadenserſatz, im Fall das Glück ſie begünſtigen ſollte, ein Gemälde von eigener Kompoſi⸗ tion zuſagte, Etwas vorſtellend, das einen Tempel vorſtel⸗ len ſollte. Louiſe ärgerte ſich ſichtbarlich und ſchüttelte ihr kleines, kluges Köpfchen über die Schweſter. Die Mutter widerſetzte ſich dem Vorſchlag mit vielem Ernſt. Die arme Petrea wurde roth und ſchämte ſich wegen des tadelnden Blickes, der auf ſie geheftet wurde, allein der Kardidat war nach der Ueberraſchung des erſten Augen⸗ blicks gutmüthig genug, den Vorſchlag munter anzuneh⸗ men und eifrig darauf zu beſtehen, daß die Sache ihren Gang nehmen ſolle. Er maß jetzt mit ſcheinbarer Ge⸗ nauigkeit und großem Ernſt die Hoͤhe des Griffs auf bei⸗ den Seiten des Knöchels ab und zählte auf drei. Die Mutter hoffte im Stillen, er werde die Sache ſo einrich⸗ ten, daß er ſelbſt die Krone behalte. Aber nein, die Krone blieb in Petreas Hand und ſie ſchrie laut auf vor Freude. Nach dem Eſſen widerſetzten ſich die Eltern der Erfüllung der Wette, aber der Kandidat beſtand ſo eifrig und mun⸗ ter darauf, daß es dabei blieb und Petrea, die glücklichſte der Sterblichen, das Frauenzimmer mit dem Roſenbuſch forttragen durfte, übrigens auch eine mütterliche Ermah⸗ nung mit auf den Weg bekam, die ihre Freude mit eini⸗ gen Thränen verdünnte. Der Kandidat hatte inzwiſchen durch ſeine Freundlichkeit gegen die Kinder und ſeine Güte gegen Petrea einen angenehmen Eindruck auf die Eltern gemacht. „Wer weiß,“ ſagte Eliſe zu ihrem Mann,„vielleicht macht er ſich noch ganz gut. Er mag ſeine Fehler ha⸗ ben, aber er hat auch ſeine Tugenden. Er hat wirklich in Geſicht und Stimme etwas ſehr Gutes. Aber die Untugend, ſich immer zu beſpiegeln, muß man ihm abge⸗ wöhnen.“ „Ich verlaſſe mich auf meinen Freund B.,“ ſagte ver Landrichter,„und glaube, daß Etwas an dem Manne iſt. Seine Eitelkeit und geckenhaften Angewöhnungen * wer Ma ihn uns ihre er Pet kein Bett mir Frat will einm beſſe ſamt ſchei merk Beif nug Mitt dacht blickt wurd vertr ihn ſelbei wie bewa theilt keit e ooſen, Glück mpoſi⸗ orſtel⸗ üttelte Die Ernſt. en des ein der Augen⸗ zuneh⸗ e ihren er Ge⸗ uf bei⸗ B einrich⸗ Krone Freude. füllung d mun⸗ cklichſte ſenbuſch Ermah⸗ tit eini⸗ zwiſchen ne Güte Eltern vielleicht er ha⸗ wirklich lber die m abge⸗ ſagte Manne hnunen 37 werden wir ſchon mit der Zeit zu beſeitigen wiſſen. Der Mann läßt ſich gewiß gut an. Sei freundlich gegen ihn, liebe Eliſe, und mache, daß er ſich heimiſch bei uns fühlt.“ Die Kinder in ihrem Schlafzimmer machten auch ihre Bemerkungen über den Kandidaten.„Ich meine, er ſei weit ſchöner, als der Vater,“ ſagte die kleine Petrea. „Und ich glaube,“ verſetzte Louiſe zurechtweiſend,„daß kein Menſch vollkommener ſein kann, als der Vater.“ „Ja gewiß, außer der Mutter,“ rief Eva aus ihrem Bettchen. „Ach,“ ſagte Petrea,„ich habe ihn ſo lieb, er hat mir das ſchöne Gemälde geſchenkt. Wißt ihr auch, wie das Frauenzimmer heißen ſoll? Roſa ſoll ſie heißen, und ich will euch eine lange Geſchichte von ihr erzählen. Es war einmal„ Die Schweſtern ſpitzten die Ohren, denn Petrea konnte beſſer und hübſchere Geſchichten erzählen, als ſie Alle zu⸗ ſammen. Sie ſagten daher unter ſich, Vetrea ſei ſehr ge⸗ ſcheidt, aber Louiſe ſorgte auf jede Art dafür, daß ſie es nicht merken ſollte, weßhalb ſie auch jetzt ohne allen gnädigen Beifall ihre Geſchichte anhörte, die gleichwohl intereſſant ge⸗ nug gefunden wurde, um ihr kleines Auditorium bis gegen Mitternacht wach zu erhalten. „Wie wird es mit meinem Eingemachten gehen?“ dachte Eliſe am andern Tage, als ſie die Portion er⸗ blickte, die auf dem Teller des Kandidaten abgeladen wurde. Als ſie aber Abends die kleine Gabriele ganz vertraulich und frei in ſeinen Locken wirthſchaften, als ſie ihn an den Spielen der Kinder Theil nehmen und den⸗ ſelben mehr Bedeutung verleihen ſah, als ſie bemerkte, wie er mit einer großen Papierdüte, die er Pauke nannte, bewaffnet, denjenigen die falſch rechneten, Schläge aus⸗ theilte und dadurch den allergrößten Eifer und Munter⸗ keit erweckte, da dachte ſie:„Er mag Eingemachtes eſſen, 38 ſo viel er will, ich will nur dafür ſorgen, daß es nie daran fehlt.“ Wenn die Aktien des Kandidaten auf der einen Seite ſtiegen, ſo ſtanden ſie auf einer andern nicht zum Beſten. Brigitte, die Eines und das Andere im Hauſe zu beſorgen hatte, fing an, böſe und unwillige Geſichter zu ſchneiden. Ein Paar Tage lang ſchwieg ſie, aber eines Abends ſagte ſie zu ihrer Gebieterin, während ſich die Höhlen ihrer klei⸗ nen Stumpfnaſe bedeutend erweiterten:„Gnädige Frau, Sie müſſen die Güte haben und der Köchin noch einmal ſo viel Kaffee, als gewöhnlich hinausgeben, denn wir kön⸗ nen mit weniger nicht ausreichen, wenn es ſo fortgehen ſoll. Der Magiſter da trinkt die kleine Kanne Morgens ganz allein aus. Ich habe meiner Lebtage keine ſolche Faffeebaſe geſehen.“ Der nächſte Abend brachte eine neue Trauerbotſchaft. Mit ſinſterem Geſichte und herausſtehenden Augen klagte Brigitte:„Jetzt iſt er nicht blos eine Kaffeebaſe, ſondern ein wahres Kalb und ein Zwiebackspatron. Was glau⸗ ben Sie, gnädige Frau? Der Zwiebackskorb, den ich ge⸗ ſtern gefüllt habe, iſt heute ſo gut, als leer. Es ſind nur noch drei Zwiebäcke und einige Broſamen darin. Und der Rahmnapf— ja der wird alle Morgen, die Gott gibt, geleert.“ „Nun, wenn es ihm nur ſchmeckt!“ Eliſe aus⸗ weichend und beſchwichtigend. „Ach du himmliſcher Vater! Jetzt iſt er auch noch eine Zuckerratze,“ klagte Brigitte an einem andern Tag wie⸗ der.„Er muß wenigſtens zwanzig Stücke in ſeine Taſſe werfen, liebe gnädige Frau, ſonſt könnte er nicht ſo bald mit der ganzen Zuckerdoſe fertig werden. Ich muß die gnädige Frau um Schlüſſel zum Kaſten bitten, um ſie wieder zu füllen. Gott laſſe uns nur mit Allem dieſem auskommen.“ Brigitte durfte viel ſagen, denn ſie war im Hauſe ergraut, hatte Eliſe als Kind auf ihren Armen getragen, und war ihr aus lauter Anhänglichkeit gefolgt, als ſie das uni wie zu und kan wer Leh bru auc wir und ja⸗ mer ſein telc ratz dide und ſich vor ſtur hier zu Kle mil reic viet bek und hör es nie Seite Beſten. eſorgen neiden. ſagte er klei⸗ Frau, einmal ir kön⸗ rtgehen korgens ſolche tſchaft. klagte ſondern s glau⸗ ich ge⸗ Es ſind n. Und ott gibt, iſe aus⸗ och eine ag wie⸗ ne Taſſe ſo bald uß die um ſie dieſem n Hauſe etragen, als ſie 39 das väterliche Haus verließ; überdieß war ſie eine ganz unübertreffliche Hüterin für die Kinder. Aber bei dieſen wiederholten Beſchwerden ſagte Eliſe doch endlich ernſthaft zu ihr:„Ei ſo laß ihn eſſen und trinken ſo viel er will und bleib mit deinen Bemerkungen zu Hauſe. Meinetwegen kann er täglich ein Pfund Zucker und Kaffee brauchen, wenn er nur— wie ich hoffe— ein guter Freund und Lehrer für die Kinder wird.“ Ganz beleidigt entfernte ſich Brigitte, vor ſich hin⸗ brummend:„Schon gut, ſchon gut, die alte Brtte kann auch ſchweigen, ja das kann ſie, ja, ja, ſchon recht.„ wir wollen ſehen, was das für ein Ende nimmt— Zucker und Zwieback ißt er, aber Salzhäringe ißt er nicht.„ ja, ja!“ Inzwiſchen verlebte der Kandidat ſeine Tage unbeküm⸗ mert und ohne alle Ahnung von den Wolken, die ſich über ſeinem Haupte zuſammenzogen, ſo wie von den Ehrenti⸗ telchen: Kaffeebaſe, Kalb, Zwiebackspatron und Zucker⸗ ratze und mit jedem Tag ſtellte es ſich deutlicher heraus, daß Eliſens Hoffnungen wohl gegründet waren. Der Kan⸗ didat entwickelte einen guten, liebenswürdigen Charakter und eine ausgezeichnete Lehrgabe. Die Kinder ſchloſſen ſich bald innig an ihn. Ihr Gehorſam und ihre Achtung vor dem Lehrer hinderte ſie indeß nicht, ihm in den Frei⸗ ſtunden allerhand kleine Streiche zu ſpielen. Petrea war hierin beſonders erfindungsreich und der Kandidat war zu gutmüthig und ergötzte ſich zu ſehr an der Freude der Kleinen, um ſich nicht gerne zuweilen zur Zielſcheibe ihrer Witze herzugeben. Das Frühſtück, das für die ältern Mitglieder der Fa⸗ milie um eilf Uhr aufgetragen wurde, gab den Kleinen reichliche Gelegenheit, ſich darin zu üben. Der Kandidat aß gerne Eier, und wenn er unter einer bauſchigen Ser⸗ viette welche vermuthete und ſchnell die Hand hineinſteckte, bekam er nicht ſelten ſtatt der Eier Garnknäuel, Bälle und ähnliche unverdauliche Dinge in die Hand. Dann hörte man gewöhnlich ein erſtickendes Lachen an der Thüre ———— und eine Menge Kinderköpfe, die er in anſcheinendem Aer⸗ ger mit den falſchen Eiern bombardirte, zogen ſich eilig unter Freudenrufen zurück. Oft wenn er, einer alten ſchwediſchen Sitte gemäß, ein Schnäpschen nehmen wollte, bekam er ſtatt des Branntweins klares Waſſer in den Mund und die kleinen Mäßigkeitsfreunde hielten ſich im⸗ mer nahe genug, um ſich an der Ueberraſchung ergötzen zu können und doch fern genug, um bloß einige Tropfen von der Douche zu bekommen, die ihnen nachgeſandt wurde und worüber ſie hoch aufſprangen vor Freude. Es verdiente wirklich Bewunderung, wie oft dieſe Ueberra⸗ ſchungen wiederholt wurden und wie oft ſich der Kandi⸗ dat überraſchen ließ. Aber er war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt(es verſteht ſich den Gedan⸗ ken eines Kandidaten der Philoſophie), um gegen die Bos⸗ heiten der kleinen Witzlinge auf ſeiner Hut zu ſein. Eines Tags Nur im Vorbeigehen wollen wir bemerken, daß die Toilette des Kandidaten, obſchon dem äußern Anſchein nach wohlbeſtellt, ſich in der That und Wahrheit doch in einem ganz ſchlechten Zuſtande befand. Kein Wunder alſo, wenn der von Außen wohlgebürſtete und geputzte Hut innen ein ganz zerriſſenes Futter hatte. Eines Tags hatte der Kandidat ſeinen Hut in eine Ecke des Zimmers geſtellt und während er ſich auf dem Sopha eifrig unterhielt, ſammelten ſich Heinrich, Eva und Petrea mit höchſt bedenklichen Verſchwörungsgeſich⸗ tern und Gebärden um das Symbol der Freiheit. Nie⸗ mand hattte Acht darauf, als aber der Kandidat fort ging und vor der Thüre ſeinen Hut aufſetzen wollte, entſtand eine förmliche Revolution darin, eine Menge zinnerne Soldaten, Steine, Stäbchen und Gott weiß was Alles raſſelte plötzlich über ſeinen Kopf herab, ja ein kleiner Schornſteinfeger kam rücklings auf ſeine Naſe zu ſitzen und Nichts kann mit der unmäßigen Freude der Kinder verglichen werden bei der Verwunderung des Kandidaten, ſo wie den komiſchen Gebärden und Kopf⸗ zuckut Wunt große Verſc telte Sie ſ vor( insgel Mutte liche! Verw gelneu 7 chen,“ ihn it von T nannt. Hauſe Titel Er en rede z zu der Eliſe cilie: iſt, ſe Diskuſ Spitzfi handen zu ſeir zumal, bauen, Ernſt und w wiſſeſte Aer⸗ eilig alten vollte, n den h im⸗ götzen ropfen eſandt Es berra⸗ Kandi⸗ ſeinen edan⸗ eBos⸗ Eines aß die nſchein och ein r alſo, t innen in eine uf dem „ Eva sgeſich⸗ Nie⸗ at fort wollte, Menge t weiß ab, ja e MNaſe Freude des Kopf⸗ 41 zuckungen, womit er ihre unartige Poſſe aufnahm. Kein Wunder, wenn die Kinder ihn ſehr liebten. Aber die kleine Louiſe, die ſich immer mehr zu den großen Leuten zu zählen anfing und höchſt ſelten an den Verſchworungen gegen den Kandidaten Theil nahm, ſchüt⸗ telte den Kopf zu dieſem Unterfangen ihrer Geſchwiſter. Sie ſuchte aus ihren Schubfächern grüne Seidenſtücke her⸗ vor(Louiſe war eine geborne Sammlerin), verſchaffte ſich insgeheim den Hut des Kandidaten, ließ ſich von ihrer Mutter ein wenig helfen und nun hatte ſie auch ihre heim⸗ liche Freude und konnte auch ins Fäuſtchen lachen bei der Verwunderung des Kandidaten, als er auf einmal ein na⸗ gelneues Seidefutter in ſeinem Hute fand. „Unſre kleine Louiſe iſt ein recht vernünftiges Mäd⸗ chen,“ ſagte der Landrichter vergnügt zu ſeiner Frau, die ihn in das Komplott einweihte. Sie wurde ſeitdem oft von Vater und Mutter unſre vernünftige, kleine Louiſe ge⸗ nannt. Kaum war der Kandidat drei Wochen im Frank'ſchen Hauſe, als Eliſe ſich geneigt fühlte, ihm einen neuen Titel zu geben, nämlich den eines Generaldiſputators. Er entwickelte wirklich eine große Fähigkeit, Alles in Ab⸗ rede zu ſtellen, vom freien Willen des Menſchen an bis zu den Geſetzen des Kochens, ja ſogar des Eiereſſens. Eliſe ſchrieb hierüber Folgendes an ihre Schweſter Cä⸗ cilie: „Aber ſo artig und angenehm der Kandidat meiſtens iſt, ſo widerwärtig und eigenſinnig iſt er bisweilen bei Diskuſſionen und da ſich Niemand im Hauſe in gewiſſen Spitzfindigkeiten mit ihm meſſen kann, ſo iſt Gefahr vor⸗ handen, daß er ſich einbildet, ein metaphyſiſches Lumen zu ſein, was er nach meiner Ueberzeugung gar nicht iſt, zumal, da ſeine Kunſt mehr im Einreißen, als im Auf⸗ bauen, mehr im Verwirren, als im Ordnen beſteht. Ernſt iſt kein Freund von metaphyſiſchen Wortklaubereien und wenn der Kandidat das Handgreiflichſte und Ge⸗ wiſſeſte(was iſt handgreiflich? was iſt gewiß? würde der Kandidat ſagen) zu bezweifeln anfängt, ſo wird er un⸗„ Schat geduldig, zuckt die Achſeln, geht an ſeinen Schreibtiſch in vol und läßt mich den Streit ausfechten, in dem ich für mein( Leben gern Recht behalten möchte. Aber, wenn ich mich miten eine Weile tapfer mit ihm herumgeſchlagen habe, überfällt Syſte mich der Student mit gelehrten Redensarten und Wendun⸗ huſtet gen; dann fliehe ich und muß ihm das Schlachtfeld über⸗ ein b kaſſen. Jetzt giaubt er mich überzeugt zu haben, wenigſtess„aller von ſeiner Macht; was ihm indeß keineswegs gelungen iſt, und ſi und wenn mir das Glück nicht bald einen mächtigen Bun⸗ einem desgenoſſen zuführt, ſo wird er gar zu eigenliebig. Inzwi⸗ verneie ſchen bin ich nicht ohne einige Neugierde auf das Syſtem, wollen das er mir heute Abend aufzubauen verſprochen hat, und nach welchem Alles in der Welt ſo gut und conſequent ſein ſoll. Dieſes Thema hat immer Intereſſe für mich und erinnert mich an die Zeit, wo du, Cäcilie, und ich gleich zwei Schmetterlingen über die Erde hinflogen, uns auf ihren Blumen wiegten und uns hübſche Phantaſien über den Urſprung des Lebens und der Dinge machten. V Ich habe ſie ſeitdem beinahe ganz vergeſſen. Denke dir, ſchaare wenn unſere Jugendmythologie im Syſteme des Kandida⸗ phim 1 ten zurückkäme.“ Enten Hier wurde Eliſe durch die Ankunft der Kinderſchaar Weltor unterbrochen. ſchallin „O gib uns Gabriele, gib uns Gabriele, Mutter,“ volée baten einige ſchmeichelnde Stimmen. ſchaft „Gabriele, willſt du nicht kommen und mit uns ſpie⸗ Sie w 2 nicht wahr, du kommſt?“ bewohn etrea zeigte ihr ein kleines Pfefferkuchen⸗Herz und von de dieſer Anblick wirkte auf das Herz der Kleinen, ſo daß ſie Bernde auf die Wünſche ihrer Geſchwiſter einging. am Ho Aber ihr müßt ſie ſehr in Acht nehmen, meine lie⸗ Zwang ben Engel,“ ſagte die Mutter.„Louiſe, nimm du ſie in bracht, deinen Schutz und ſieh wohl zu, daß ihr kein Leid wider⸗ lein G fährt.“ Nacht, „Das verſteht ſich,“ verſicherte Louiſe mit wichtiger daher, Miene. Die jubelnde Kinderſchaar führte den empfangenen tige, ru er un⸗ reibtiſch ür mein ch mich überfällt Pendun⸗ ld über⸗ nigſtens ngen iſt, en Bun⸗ Inzwi⸗ Syſtem, at, und ſequent für mich und ich en, ns hantaſien machten. enke dir, Kandida⸗ werſchaat Mutter,“ uns ſpie⸗ Herz und ſo daß ſie meine lie⸗ du ſie in eid wider⸗ t wichtiger npfangenen — 43 Schatz fort und bald war die Sache draußen im Saale in vollem Gang. Eliſe nahm ihre Arbeit und der Kandidat ſetzte ſich mit wichtiger Miene vor ſie, um ſie in die Tiefen ſeines Syſtems einzuweihen. Er hatte bereits mehreremale ge⸗ huſtet und öffnete eben den Mund zum Sprechen, als ſich ein beffendes Bellen und unmittelbar darauf ein leiſes „allerunterthänigſte Dienerin“ in der Thüre vernehmen ließ und ſich daſelbſt mit einer Art ſich ſpreizender Würde und einem kleinen weißen Pudel auf dem Arme eine Perſon verneigte, der zu Ehren wir ein neues Kapitel beginnen wollen. Die Hofmarſchallin. Wo fände ſich nicht haute volse? Ueber den Heer⸗ ſchaaren des Himmels fliegen die Cherubim und Sera⸗ phim und auf den Höfen der Erde erheben die Gänſe und Enten ihre Flügel hoch über das kleinere Federvieh. Die Weltordnung muß es ſo mit ſich bringen. Die Hofmar⸗ ſchallin Gunille W. gehörte unbeſtreitbar zur höchſten haute volée in der vortrefflichen Stadt H., wo wir die Bekannt⸗ ſchaft der ehrenwerthen Familie Frank gemacht haben. Sie war Schweſter des Landeshauptmanns Stjernhök und bewohnte die Belletage des Hauſes, deſſen zweiter Stock von der Familie Frank und das Parterre von Evelina Berndes beſetzt war. Die Hofmarſchallin hatte ihre Jugend am Hofe verlebt und manchen Tag in ſeelenermüdendem Zwang, manche Nacht mit dem Nähen der Kleider zuge⸗ bracht, welche der Welt verbergen ſollten, wie arm Fräu⸗ lein Gunille war, ohne indeß jemals über Tag oder Nacht, über Zwang oder Armuth zu klagen. Dieß kam daher, weil ſie unter einem unſchönen Aeußeren eine kräf⸗ tige, ruhige Seele beſaß. Eine alte Tante pflegte ihr vor⸗ 44 zupredigen:„Iß, ſo wirſt du ſtark, wirſt du ſtark, ſo wirſt 1 du ſchön und biſt du ſchön, ſo bekommſt du einen Mann.“ Grund Fräulein Gunille aß niemals viel und nie einen Biſſen mehr„Der wegen dieſer Ermahnung, wurde weder fett noch ſchön, ihrer e aber wegen ihres vortrefflichen Characters von Allen geliebt, Einzig beſonders von einem jungen, reichen Kammerherrn, der in ihre durch gute Eigenſchaften und ein vortreffliches Herz das ihr ält ihrige gewann, und ſo wurde Fräulein Gunille Frau. Im einen Kreis ihrer Freunde und Bekannten wurde ſie ſpäter nur das ſch Frau Gunille genannt und auch wir gedenken uns zuweilen ſo das dieſe Freiheit zu nehmen. die zur Kurz nach e Verheirathung wurde ihr Mann in chen A Folge einer Erkältung äußerſt kränklich. Dreißig Jahre nicht, lang lebte ſie jetzt eine treue, liebevolle Krankenwärterin, ſchwan von der Welt abgeſchieden, und was ſie litt und was ſie Leiden ertrug, das litt und ertrug ſie, wie immer, ſtille. Meh⸗ lichte( rere Jahre lang konnte ihr Mann kein Licht ſehen und hervor. nun lernte ſie im Finſtern ſticken. So ſtickte ſie einen tete d großen Zimmerteppich.„In dieſen Teppich“— ſagte ſie aber n einmal, als ſie zufällig auf ſich ſelbſt zu ſprechen kam— Geſich „habe ich manche Thräne geſtickt.“ Unter die mannig⸗ ſich,; fachen Krankheitserſcheinungen bei ihrem Manne gehörte wo ein auch die fire Pee, er ſei nahe daran, in klaffende A⸗ ſchlug, gründe hinabzuſtürzen. Nur ſo lange er die Hand ſeiner ſtand, Frau hielt, fühlte er ſich ſicher. So ſaß ſie Monate um Frau( Monate an ſeinem Lager⸗ Endlich offnete ſich ihm das ihre Fe Grab und er ſank im Frieden dahin mit dem Glauben werden. an ein anderes ſchmerzenfreies Jenſeits und voll Dank Alter gegen ſeine Gattin für die Freude, die er im Kranken⸗ wohlgel haus der Erde genoſſen. Als er dahin war, däuchte es konnte ihr, ſie ſtehe unnütz wie ein alter Almanach in der Welt gelb, da; aber auch jetzt richtete ſich ihre Seele unter der fallen, Bürde auf und ſie ordnete ihr Leben mit Ruhe und Klar⸗ nehm v heit. Bei zunehmenden Jahren wurde ſie munterer und Daume ihre angeborene Originalität des Characters, die ſich in ſchloſſer der Einſamkeit ungeſtört ausgebildet hatte, trat friſch wiſſen hervor im Geſellſchaftsleben, in das ſie ſich zuerſt aus währen 3 Armleh o wirſt tann.“ nmehr ſchön, geliebt, n, der rz das u. Im ter nur uweilen dann in Jahre ärterin, was ſie Meh⸗ e n ie einen ſagte ſie kam— mannig⸗ gehörte nde Ab⸗ d ſeiner nate um ihm das Glauben Dank Kranken⸗ äuchte es der Welt unter der nd Klar⸗ ere n ie ſich in rat friſch uerſt aus — 45⁵ Grundſatz, dann, weil es ihr wohlbehagte, zurückbegab. „Der Herr lenkt Alles zum Beſten!“ das war und blieb ihrer Seele feſter Ankergrund. Doch war dieß nicht das Einzige, was ihr Ruhe und die Milde gab, die ſich oft in ihrer Stimme kund that und eine wahre Anmuth über ihr ältliches, unſchönes Geſicht verbreitete. Es hatte noch einen andern Grund. Wie die untergegangene Sonne das ſchönſte Licht über die Gegend wirft, die ſie verlaſſen, ſo das heilige Andenken eines geliebten Menſchen über die zurückgebliebene einſame Freundin. Von einem ſol⸗ chen Andenken lebte Frau Gunille. Sie wußte es ſelbſt nicht, aber ſeitdem ihr Gatte dahingegangen war, ver⸗ ſchwand immer mehr das dunkle Gemälde ſeiner langen Leiden und ſeine durch dieſes Leiden und Geduld verherr⸗ lichte Geſtalt trat in immer höherer Verklärung daraus hervor. Sie ſtrahlte in ihre Seele hinein und dieſe leuch⸗ tete dabei auf. Nur ſelten nannte ſie ſeinen Namen, aber wenn ſie es that, war es wie ein Sommerhauch in Geſicht und Stimme. Sie ſammelte gute Menſchen um ſich, zu deren Glück beizutragen ihre Freude war und wo ein junges Paar ſich nur knapp und kümmerlich durch⸗ ſchlug, wo ein unbemittelter junger Mann im Begriff ſtand, ſich aus Noth in Schulden zu ſtürzen, da war Frau Gunille ſchnell bei der Hand. Sie hatte indeß auch ihre Fehler, die wir ebenfalls gehörigen Orts zeichnen werden. Hier in aller Eile ihr Bild in Lebensgröße. Alter zwiſchen fünfzig und ſechzig; Figur groß, ſteif, wohlgebildet, nicht zu mager— neben Aſſeſſor Munter konnte ſie ſogar fett genannt werden;— Geſicht blaß⸗ gelb, Naſe dem Kinn entgegenkommend; Mund einge⸗ fallen, Augen grau und klein; Stirne rein und ange⸗ nehm von grauenden Locken beſchattet; Hände noch ſchön; Daumen und Zeigefingerſpitze an der rechten Hand um⸗ ſchloſſen gewöhnlich eine Priſe Tabak, die in einer ge⸗ wiſſen angenehmen Perſpektive der Naſe vorgehalten wurde, während die Hofmarſchallin ſelbſt, den Ellenbogen auf die Armlehne des Sophas oder Großvaterſtuhls geſtützt, ihre 46 kleinen Vorleſungen oder Belehrungen preisgab; denn es gehörte zu ihren Schwachheiten, daß ſie Alles zu wiſ⸗ kanntſc ſen glaubte. Während ihres langen Eremitenlebens hatte auf de ſie ſich eine gänzliche Vernachläßigung ihrer Toilette an⸗ Zucken gewöhnt, eine Untugend, die ihr trotz aller Bemühungen Ausein immer noch anklebte und ihre alten ſeidenen Röcke, aus ben frü denen die Baumwolle zu manchem Loche beſonders am verlang Ellenbogen hervorguckte, ihre vielgeſtopften Krägen, ſo ſehende wie ihre herabhängenden Hauben mit ſchnupftabakbe⸗ nicht g fleckten Bändern waren eine wirkliche Seelenqual für Eli⸗ auf El ſens Schönheitsſinn. Bei all dieſem wußte ſich Frau Der K Gunille ein gewiſſes Air zu geben, das ihr ſehr wohl mit vo anſtand und bei ihrem Charakter, Rang, Vermögen und Hofmar Anſehen gehörte ſie trotz ihrer zerriſſenen Röcke und ſchnupf⸗ ſich dar tabakſleckigen Bänder zur haute volée und übte großen ſich in Einfluß auf die hoheren Zirkel der Stadt aus. Sie war, wie ſie ſagte, weitläufig mit Eliſe verwandt, hielt große Stücke auf ſie und gab ihr oft Unterweiſungen in der Kindererziehung(NWB. die Hofmarſchallin hatte nie Kin⸗ der gehabt), weßhalb einige Leute in der Stadt Eliſe allzugroßer Schwäche für die haute volée beſchuldigten hi und die Poſtmeiſterin Bask, ſo wie die Großhändlerin„A Snur ihr dieſes gewaltig zur Laſt legten. In Frau Gu⸗ innerſten nilles Ton, Weſen und Gebärden lag etwas ſehr Pro⸗ Einheit, noncirtes. Sie verneigte ſich gewöhnlich abgemeſſen und Monade. tief und wir kommen jetzt auf ihren Eintritt in Eliſens„ Zimmer zurück, wobei dieſe ſchnelt aufſtand, ihren Gäſt ſchauend bewillkommte und ſodann Jakobi vorſtellte. Dieſer that„„E einen Ausruf freudiger Ueberraſchung, näherte ſich der Kandida Hofmarſchallin mit großer Herzlichkeit, ergriff ihre Hand, meinſcha küßte ſie ehrfurchtsvoll und wünſchte ſich Glück, ſie wie⸗ eine gan derzuſehen. ſchaften, Die Hofmarſchallin blinzelte mit den kleinen Augen ſchenmon und rief:„O Himmel! Mein Beſter! Nun das iſt ja Wort, recht angenehm! He, he, he, hel⸗ Welt au „Wie?“ fragte Eliſe verwundert.„Herr Jakobi,„ Sie kennen., Tante W. kennen Sie Herrn Jakobi?“ rief die zu wiſ⸗ is hatte ett an⸗ ühungen ke, aus ers am gen, ſo tabakbe⸗ für Eli⸗ ch Frau hr wohl gen und ſchnupf⸗ e großen Sie war, elt große n in der nie Kin⸗ dt Fliſe chuldigten händlerin rau Gu⸗ ſehr Pro⸗ eſſen und n Eliſens ee Gäſt eſer that ſich der hre Hand, ſie wie⸗ en Augen das iſt ja obi?“ 47 Der Kandidat ſchien eine Erklärung über dieſe Be⸗ kanntſchaft geben zu wollen, aber mit einer leichten Röthe auf der blaßgelben Wange und einem vorübergehenden Zucken der Augenbrauen lehnte Frau Gunille alle weitere Auseinanderſetzung ab, indem ſie ſchnell ſagte:„Wir ha⸗ ben früher einmal in demſelben Hauſe gewohnt,“ und nun verlangte ſie das von ihr unterbrochene, ſo wichtig aus⸗ ſehende Geſpräch möchte fortgeſetzt werden:„Im Fall ich nicht genire,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie forſchende Blicke auf Eliſe und den Kandivaten heftete.„Gewiß nicht.“ Der Kandidat bedurfte bloß eines Winkes, um aufs Neue mit vollen Segeln in ſein Syſtem hineinzufahren. Die⸗ Hofmarſchallin nahm ein Pafet goldene Treſſen und machte ſich daran, ſie auszufädeln. Der Kandidat huſtete und ſetzte ſich in Bereitſchaft. —.—— Monaden und Nomaden. — „Alle Weſen,“ begann der Kandidat,„haben zum innerſten Grund und zur Subſtanz jedes eine einfache Einheit, eine Seele, eine mit einem Wort, eine Monade.“ „Eine— was?“ fragte die Hofmarſchallin auf⸗ ſchauend. „Eine Monade, oder einfache Einheit,“ fuhr der Kandidat fort.„Die Monaden haben mit einander ge⸗ meinſchaftlich die Gleichheit der Subſtanz, dabei aber eine ganz ſubſtantielle Ungleichheit in Beziehung auf Eigen⸗ ſchaften, Größe und Kraft. Es gibt Volksmonaden, Men⸗ ſchenmonaden, Thiermonaden, Pflanzenmonaden, mit einem Wort, die Monaden erfüllen die Welt und machen die Welt aus„ „Herzliebſter, ich verſtehe von Allem dem kein Wort,“ rief die Hofmarſchallin mißvergnügt.„Was ſoll das für 48 Zeug ſein? Was ſind Monaden... die Welt ausfüllen? Ich ſehe keine Monaden.“ „Euer Gnaden ſehen doch mich und Sie ſelbſt; Sie ſelbſt ſind eine Monade.“ „Ich eine Monade?“ „Ja gewiß Euer Gnaden, ſo gut, wie jedes andere lebendige Geſchöpf. „Aber ich ſage Ihnen, mein werther Freund, daß ich weder eine Monade, noch ein Geſchöpf bin, ſondern ein Menſch, freilich ein ſündhafter Menſch, den aber Gott jedenfalls nach ſeinem Bilde und zur Gleichheit mit ſich geſchaffen hat.“ „Ja, gewiß, gewiß. Ich nehme auch eine Haupt⸗ monade an, von der alle andern Monaden emaniren.“ „Wie ſo? Soll der liebe Gott auch eine Monade ein*“ „Er kann ſo bezeichnet werden,— um die Einheit auch im Namen beizubehalten. Im Uebrigen nehme ich an, daß die Monaden vom Anfang an mit einer ſelbſt⸗ ſtändigen Kraft begabt worden ſind, in Gemäßheit wel⸗ cher ſie ſich in der Körperwelt erzeugen laſſen, das heißt, einen Körper annehmen, leben, wirken, ja auch ſterben, d. h. ſich aus einer Wohnung oder einem Körper in einen andern verſetzen, ohne unmittelbare Einwirkung der Haupt⸗ monade. Die Monaden ſind in beſtändiger Bewegung, beſtändiger Wanderung und gruppiren und ordnen ſich nach der ihnen eigenthümlichen Kraft und Art. Betrach⸗ ten wir jetzt die Welt aus dieſem Geſichtspunkt, ſo ord⸗ net ſie ſich auf's Klarſte und Vortrefflichſte vor unſern Blicken. In allen Sphären des Lebens ſehen wir, daß die Hauptmonaden alle untergeordneten Monaden als Or⸗ gane und Glieder um ſich ſammeln. So bilden ſich Völ⸗ ker, Staaten, Wiſſenſchaften, Künſte; ſo ſchafft ſich jeder Menſch ſeine Welt und beherrſcht ſie, je nach ſeiner Kraft. Denn nicht, wie der Menſch gewöhnlich glaubt, freie Wahl, ſondern die Monade in ihm beſtimmt, was er werden kann und werden wird in Beziehung auf . e wie Si geführt trieben und ar — hal baumw toll ge Ihnen ja den nehme auch, d „ behaup wir ein unſres zu wiſſe „L fort,„ artig g Verſuch und klü gott un giert, a 2 „A nille au Sie me Nomad wollen, herrſche die We nur un Und wo Br üllen? andere d, daß ſondern n aber eit mit Haupt⸗ n. Monade Einheit me ich r ſelbſt⸗ it wel⸗ s heißt, ſterben, in einen Haupt⸗ wegung, nen ſich Betrach⸗ ſo ord⸗ unſern i, daß als Or⸗ ſich Völ⸗ ſich jeder h ſeiner glaubt, „was er . * 49 „Das glaube ich nicht,“ fiel die Hofmarſchallin ihm ins Wort:„denn wenn mich meine Seele oder Monade, wie Sie es nun nennen wollen, nach ihrem Belieben geführt hätte, ſo hätte ſie mich zu ſehr viel Böſem ge⸗ trieben und wenn unſer Herr Gott ſie nicht gezüchtigt und aus Gnaden zu etwas Gutem getrieben hätte, ſo — haben Sie doch die Güte und laſſen Sie meinen baumwollenen Knäuel in Frieden— ſo wäre es gar zu toll geworden mit meiner Nomadenſeele, das kann ich Ihnen wohl ſagen.“ „Aber um Gottes willen, gnädige Frau, ich läugne ja den Einfluß einer Hauptmonade gar nicht, ſondern nehme ihn im Gegentheil als ganz nothwendig an, ſo wie auch, daß dieſer Einfluß auf Ihre Monade wirkt. „Und ich,“ fuhr die Hofmarſchallin heftig darein, ich behaupte, daß wir gar nichts Geſcheidtes thun, wenn wir ein Nomadenregiment einführen, ſtatt dem Regiment unſres Herrgotts. Was hilft es mir, von Ihren Nomaden zu wiſſen? „Monaden!“ berichtigte der Kandidat. „Ob Ihre Monaden,“ fuhr die Hofmarſchallin eifrig fort,„ſich noch ſo ſehr bewegen, ſich noch ſo ſchön und artig gruppiren, was nützt mich das im Augenblick der Verſuchung und der Noth? Es iſt doch gewiß weit beſſer und klüger, wenn ich glaube und ſage, daß unſer Herr⸗ gott uns nach ſeiner Weisheit und Gnade lenkt und re⸗ giert, als wenn ich glaube, daß ein Dutzend Nomaden.⸗.“ „Monaden! Monaden!“ ſchrie der Kandidat. „Monaden oder Nomaden,“ antwortete Frau Gu⸗ nille auffahrend,„das kann mir ganz gleich ſein. Laſſen Sie meine Baumwolle liegen, ich brauche ſie ſelbſt. Ihre Nomaden mögen ſo prächtig und mächtig ſein, wie ſie wollen, ſie mögen ganz nach eigener Weisheit ſich be⸗ herrſchen, leben und ſterben, ich ſehe doch nicht ein, wie die Welt dadurch im Mindeſten ordentlicher oder auch nur um ein Haar angenehmer anzuſchauen ſein ſoll. Und warum geht es ſo übel zu? Eben deßhalb, weil Bremer, das Haus. 4 ihr guten Männchen euch für ſo mächtige Monaden an⸗ ſehet, weil ihr ſo ſehr an eure eigene Kraft glaubt und nicht wiſſen wollt, daß ihr alle zuſammen bloß arme Sünder ſeid und unſern Herrgott bitten ſolltet, eure ar⸗ men Nomadenſeelen zu regieren, damit ſie ein Bischen. geſcheidter würden. Aber gerade ſolchen Nomadenideen da haben wir alle Rabuliſtereien, aufrühreriſche Bewegungen und eingeworfene Fenſter zu verdanken. Wenn ihr ein Bischen weniger Nomaden und ein Bischen mehr ver⸗ nünſtige Menſchen wäret, ſo hätte man viel beſſeren Frie⸗ den auf der Erde. Der Kandidat war gänzlich verblüfft. Er hatte nie auf dieſe Art argumentiren gehört. Mit weit offenem Munde ſtarrte er die Hofmarſchallin an und als jetzt Pyrerhus durch den Zorn ſeiner Gebieterin aufgehetzt bel⸗ lend auf den Tiſch ſprang und nach ſeiner Naſe ſchnappte, ſo konnte Eliſe der Munterkeit, die ſich während des Dis⸗ puts bei ihr geſammelt hatte, nicht mehr zurückhalten und der Kandidat leiſtete ihr zu einem herzlichen Lachen Geſell⸗ ſchaft, die Hofmarſchallin aber ſah noch ganz giftig aus und Jakobi, der den Muth nicht verloren hatte, begann aufs Neue: „Aber um Gottes Willen, Euer Gnaden wollen mich mit aller Gewalt nicht verſtehen. Wir ſprechen ja bloß von einer Art die Welt zu betrachten, einer Art, welche die Erſcheinungen derſelben befriedigend erklären kann. Die Monadologie recht aufgefaßt, ſtreitet durchaus nicht wider die Begriffe unſerer chriſtlichen Religion, wie ich Ihnen ſogleich beweiſen werde. Die objective Offenbarung zeigt uns gerade das Subjectobjective und Objectſubjec⸗ tive, das„ „Ach ſchwatzen Sie mir kein ſo dummes Zeug vor,“ ſagte die Hofmarſchallin, den Nacken zurückwerfend.„Ich weiß, was ich weiß. Die Nomaden können meinetwegen ſein, wo ſie wollen, aber ich nenne einen Menſchen Menſch, eine Katze Katze und eine Blume Blume und unſer Herr⸗ gott bleibt für mich unſer Herrgott und kein Nomade.“ komiſt dürfte ſenſche gewiſſ ( Bewe näher. des K die M trea u an un Blei, ſtand größte kiſſen Ein 8 und ſe nen A und d Wechſe eine ſe zurück ruhig ſeiner ſich in ſchnell heit ge maden gebrac Taſche ſtens ließ er heitere Er wa fing, d tiren d den an⸗„ ubt und ß arme ue ar⸗ Bischen. deen da egungen ihr ein hr ver⸗ en Frie⸗ hatte nie offenem als jetzt hetzt bel⸗ hnappte, des Dis⸗ Uten und n Geſell⸗ iftig aus „begann llen mich ja bloß t, welche en kann. aus nicht „wie ich ffenbarung jectſubjec⸗ zeg vor,“ fend.„Ich einetwegen en Menſch, nſer Herr⸗ omade.“ 51 „Monade! Monade!“ rief der Kandidat jetzt in halb⸗ komiſcher Verzweiflung.„Und was das Wort betrifft, ſo dürfte wohl die Philoſophie, ſo gut, wie jede andere Wiſ⸗ ſenſchaft das Recht haben, gewiſſe Worte anzunehmen, um gewiſſe Begriffe damit zu bezeichnen.“ Schon ſeit einer guten Weile hatten ſich verdächtige Bewegungen an der Thüre gezeigt und jetzt kamen ſie näher. Die Kinderſchaar war im Anzug gegen den Rücken des Kandidaten und bittende Winke und Geberden ſollten die Mutter beſtimmen, ſich Nichts merken zu laſſen. Pe⸗ trea und Cva kamen im erſten Gliede auf den Zehen her⸗ an und trugen miteinander ein gewaltiges Nähkiſſen aus Blei, das gewiß über fünf Pfund wog. Der Kandidat ſtand in dieſem Angenblick und verfocht eben mit dem groͤßten Eifer die Rechte der Philoſophie, als das Blei⸗ kiſſen auf einmal in ſeine Fracktaſche hinabgeſenkt wurde. Ein Zucken nach Hinten durchfuhr ſeinen ganzen Körper und ſein Frack bekam eine ſchiefe Richtung. Auch in ſei⸗ nen Mundwinkeln ließen ſich ſtarke Zuckungen bemerken und die beweiskräftigen Lippen ſtotterten. Die kleinen Wechſelbälge hatten von ihrer wohlangelegten Mine irgend eine ſchreckliche Erploſion erwartet und ſich in aller Eile zurückgezogen, aber o Wunder! Der Randidat blieb ganz ruhig ſtehen und ſchien gar nicht zu bemerken, daß ſich in ſeiner Fracktaſche etwas zugetragen hatte. Dagegen ſtellte ſich in ſeinem Innern eine ſo große Lachluſt ein, daß er ſchnell anfing eine Anekdote zu erzählen, die ihm Gelegen⸗ heit gab, ſie zu befriedigen. Und waren es nun die Ro⸗ maden der Hofmarſchallin, die ihn aus ſeinem Syſtem gebracht oder die kleine Nomadenhorde, die ſo eben ſeine Taſche heimgeſucht hatte, ſo viel iſt gewiß, daß er wenig⸗ ſtens an dieſem Abend nicht wieder hineinkam, dagegen ließ er es ſich ſehr angelegen ſein, Frau Gunille durch heitere Geſpräche aufzumuntern, was ihm auch gelang. Er war ſehr zart und nachgiebig gegen ſie, daß Eliſe an⸗ fing, darüber nachzudenken, ob nicht ihre Art zu argumen⸗ tiren die allerbeſte und glücklichſte ſei. 52 Die Kinder belauerten ſämmtliche Bewegungen des „Kandidaten.„Wenn er anfängt zu gehen, ſo wird er das Bleikiſſen ſchon ſpüren. Er wird ein Buch holen. Jetzt kommt er! Ach!“ Der Kandidat ſollte wirklich ein Buch aus ſeinem Zimmer holen und mit ſtviſcher Ruhe und er⸗ barmlich ſchiefgezogenem Frack ſpazierte er durch die ſtau⸗ nende Kinderſchaar zur Thüre hinaus. Als er zurückkam, ſaß der Frack ganz richtig; das Bleikiſſen war offenbar nicht mehr darin. Die Verwun⸗ derung der Kinder ſtieg aufs Höchſte und die Muth⸗ maßungen wollten kein Ende nehmen. Louiſe ſtellte die Vermuthung auf, der Frack müſſe ein Loch haben, durch welches das Kiſſen herausgeſchlüpft und auf die Treppe gefallen ſei. Die kleine Petrea, die den Schwank aus⸗ gedacht hatte, war ganz betrübt über das Schickſal ihres Bleikiſſens. Nie kam es in die unſchuldigen Kinderſeelen, daß der Kandidat ſich ſo verſtellen könne, um den ihm zugedachten Schreck in einen Schreck für ſie ſelbſt zu ver⸗ wandeln. „Wie kam es, daß Sie mit der Hofmarſchallin W. bekannt wurden?“ fragte Eliſe, als dieſe fortgegangen war. Der Kandidat antwortete:„Als ich vor ein Paar Jahren in N.*** ſtudirte, miethete ich eine kleine Bo⸗ denkammer in dem Hauſe, wo die Hofmarſchallin wohnte. Da ich damals in ſehr knappen Umſtänden lebte, ließ ich mein Mittageſſen aus einer Speiſewirthſchaft holen, wo man es für den billigſten Preis erhielt. Es war aber auch ſo ſchlecht, daß ich es oft beinahe unberührt zurückſandte und ich dann durch einen Spaziergang in der freien Luft meinen Hunger zu zerſtreuen ſuchte. So hatte ich eine Zeit lang gelebt und war dabei bedeutend abgemagert, als die Hofmarſchallin W., die ich perſon⸗ lich nicht kannte, mir durch ihre Haushälterin den Vor⸗ ſchlag machen ließ, ſie wolle mir um denſelben Preis, den ich im Wirthshauſe bezahle, die Koſt geben. Ueber⸗ raſcht bieten Artn nen u und v Ihre Währ dünne ich an — wl aber e — H Alles böſe 1 lichkeit kam u 2 Auch weis findet, zweifel von ſie halb ſt ges ur Sonne nille e und de en des er das Jetzt Buch und er⸗ e ſtau⸗ g; das erwun⸗ Muth⸗ Ute die durch Treppe k aus⸗ l ihres rſeelen, en ihm zu ver⸗ lin W. egangen n Paar ne Bo⸗ wohnte. e, ließ holen, Es war wberührt ang in e. So edeutend perſön⸗ en Vor⸗ Preis, Ueber⸗ 53 raſcht, aber ſehr vergnügt dankte ich und nahm das Aner⸗ bieten an. Ich fand bald, daß die Hofmarſchallin auf dieſe Art meine Wohlthäterin werden wollte, ohne es zu ſchei⸗ nen und ohne daß ich nöthig hätte, ihr dafür zu danken und von dieſem Tage an lebte ich in wirklichem Ueberfluß. Ihre gütige Fürſorge beſchränkte ſich indeß nicht hierauf. Während eines ſehr kalten Winters, wo ich in einem ſehr dünnen Ueberrock auf den Straßen umherwandelte, bekam ich auf einmal ganz unerwartet einen Pelzrock zugeſandt; — woher? das konnte ich lange nicht ausfindig machen, aber endlich führte mich der Zufall auf die Spur und zur — Hofmarſchallin. Aber meinen Sie, ich hätte ihr für Alles dieſes danken dürſen? Nein, ſie wurde ordentlich böſe und ſchnauzte mich an, als ich ihr meine Erkennt⸗ lichkeit bezeugen wollte, die mir aus dem tieſſten Herzen kam und die ich ſtets gegen ſie hegen werde.“ Dem Kandidaten kamen Thränen bei dieſer Erzählung. Auch Eliſens und ihres Mannes Augen glänzten vor Freuden. „Das iſt,“ ſagte der Landrichter,„wiederum ein Be⸗ weis für den Reichthum an Gutem, das ſich auf Erden findet, pbwohl man bei einem oberflächlichen Blick daran zweifeln könnte. Das Böſe macht gewoͤhnlich großen Lärm von ſich, deßhalb hallt es von allen Seiten wieder, deß⸗ halb ſprechen die Zeitungen und die Geſellſchaften ein Lan⸗ ges und Breites davon; aber das Gute geht— wie vas Sonnenlicht— am Liebſten ſtille durch die Welt.“ Unangenehme Neuigkeiten. Das kleine Handgemenge— ſo nannte Frau Gu⸗ nille einen Streit von minderer Bedeutung— das ſie und der Kandidat mit einander über Monaden und No⸗ —— maden gehabt hatten, ſchien Beiden nicht übel gefallen, ſondern im Gegentheil ihren Sinn für derartige Unterhal⸗ tungen geſchärft zu haben und da Gliſe, die Abends nicht gern mit dem Kandidaten allein da ſaß, Frau Gunille oft zum Thee bat, ſo währte es nie lange, bis ſie in vollem Eifer an einander geriethen. Kam vollends der Aſſeſſor dazu, ſo gab es einen ſchrecklichen Lärm. Der Kandidat ſchrie und ſprang zuweilen, wie außer ſich, auf, wurde aber gänzlich überſchrieen, denn er hatte eine ſchwache Stimme und obgleich die Hofmarſchallin und der Aſſeſſor unter vier Augen immer uneins waren, ſo ver⸗ banden ſie ſich doch jedesmal gegen Jakobi, der ſehr häu⸗ fig Recht hatts und daher ſeine Riederlage mit der beſten Laune von der Welt ertrug. Vielleicht hätte er am Ende — ſo behauptete er ſelbſt— ſowohl Stimme als Muth in dieſem ungleichen Kampfe eingebüßt, hätte er nicht auf einmal das Feld geräumt. Der Kandidat verſchwand bei⸗ nahe gänzlich aus den kleinen Abendkreiſen.„Wo haben wir unſern Kandidaten?“ fragte Frau Gunille manchmal; „ich möchte doch wiſſen, ob nicht ſeine Monade oder No⸗ made mit ihm ins Land der Nomaden abgefahren iſt? He, he, he!“ Auch der Landrichter und Eliſe begannen mit eini⸗ ger Unruhe zu fragen:„Wo haben wir unſern Kan⸗ didaten?“ Unſer Kandidat gehörte zu den Menſchen, die ſich leicht eine Menge Freunde erwerben. Seine muntere, harmloſe Gemüthsart, ſeine Talente und geſellige Gaben machten ihn beſonders in kleineren Geſellſchaften ſehr be⸗ liebt und geſucht. Er war jetzt hier, wie früher auf der Univerſität, in eine weniger gute Sippſchaft luſtiger Brüder gerathen, wo man ſich auf allerlei Arten zu amüſiren ſuchte und die Talente des heitern Kandidaten ſehr hochgeſchätzt wurden. Er ließ ſich, theils aus Gut⸗ müthigkeit, theils aus Leichtſinn verleiten, an verſchie⸗ denen Poſſen Theil zu nehmen, die durch den Einfluß einiger Mitglieder des Klubbs immer weniger harm⸗ los wu ſah, i das gc dem er ſtand 1 C richter Eliſe Jakobi ſeinem Landri Ende Ich w ber S ſollteſt tend u gnügu der H nicht ſtimmt Mann netwes teſt ſe gewiß geſund disput dieß v cher E ben, erhalte ſen u— gnädig ſoll.“ Jakob fallen, terhal⸗ s nicht Junille ſie in ds der Der ,auf, te eine nd der ſo ver⸗ rhäu⸗ beſten Ende Muth cht auf nd bei⸗ haen ichmal; e Ne⸗ ſt? He, it eini⸗ n Kan⸗ die ſich nuntere, Gaben ſehr be⸗ her auf luſtiger rten zu ndidaten s Gut⸗ verſchie⸗ Einfluß harm⸗ 55 los wurden und ſo war unſer Kandidat, ehe er ſichs ver⸗ ſah, in ein Leben voll Saus und Braus hineingezogen, das ganz nachtheilig auf ſeine Angelegenheiten wirkte, in⸗ dem er Abends ſpät nach Hauſe kam, Morgens ſpät auf⸗ ſtand und dann mit Kopfweh und wenig Luſt zur Arbeit. Es fehlte nicht an guten Freunden, die den Land⸗ richter bald davon in Kenntniß ſetzten. Er wurde böſe, Eliſe aber ernſtlich betrübt, denn ſie hatte angefangen, Jakobi lieb zu gewinnen, und hoffte ſo viel Gutes von ſeinem Verhältniß zu ihren Kindern. „Es geht nicht an, es geht nicht an!“ brummte der Landrichter.„Dem ſoll, hol' mich der Teufel! bald ein Ende gemacht werden. Schöne Geſchichten, mein Seel'! Ich werde ihm ſagen, daß, wenn er aber mein lie⸗ ber Schatz, du biſt zum Theil auch Schuld daran. Du ſollteſt dich mehr ſeiner annehmen, du biſt ſo zurückhal⸗ tend und fremd gegen ihn! Und was ſind das für Ver⸗ gnügungen, die er Abends hier hat? Die Zänkereien mit ver Hofmarſchallin und mit Munter können wahrhaftig nicht luſtig für ihn ſein, beſonders, da er immer über⸗ ſtimmt wird. Es wäre tauſendmal beſſer für den jungen Mann, wenn du ihm erlaubteſt, dir vorzuleſen— ja mei⸗ netwegen auch Romane, oder was du willſt!— Du ſoll⸗ teſt ſeine Talente für Muſik aufmuntern— das würde dir gewiß ſelbſt Vergnügen machen und mitunter ein wenig geſunde Vernunft mit ihm ſprechen, ſtatt über Sachen zu disputiren, die weder du verſtehſt, noch er. Hätteſt du dieß von Anfang an gethan, ſo wäre er gewiß kein ſol⸗ cher Saufbruder geworden. Jetzt werden wir Scenen ha⸗ ben, um nur Ordnung und Sitte im Hauſe aufrecht zu erhalten. Ich mag von einem ſolchen Leben Nichts wiſ⸗ ſen und werde es ihm morgen erklären. Ich werde dem gnädigen Herrn den Kopf waſchen, daß er daran denken ſoll.“ „Ach,“ ſagte Eliſe,„ſei nicht gar zu ſtreng, Ernſt. Jakobi iſt ein guter Menſch; wenn du freundlich und — ernſt mit ihm ſprichſt, ſo wird dieß gewiß die beſte Wir⸗ kung haben.“ Der Landrichter antwortete Nichts, ſondern ging ſchnaubend und höchſt übellaunig im Zimmer auf und ab. „Wollt ihr auch etwas Neues von eurem Nachbar, dem Pasquillanten wiſſen? rief Aſſeſſor Munter, der mit finſtrem Geſichte eintrat.„Er iſt krank, todtkrank an der galoppirenden Schwindſucht; er wird keine Pas⸗ quille mehr ſchreiben.“ „Wer ſieht dann nach ſeinem kleinen Mädchen?“ fragte Eliſe;„ich ſehe ſie manchmal wie eine wilde Katze unter dem Hauſe und auf der Straße herumſpringen.“ „Ja ſie hat eine ſchöne Aufſicht!“ brummte der Aſ⸗ ſeſſor.„Da iſt im Hauſe eine Perſon, man nennt ſie zwar Menſch, ſollte aber giftiges Gewürme oder Teufel ſagen— die ſeinen Haushalt beſorgen ſoll, ihn aber auf alle Arten beſtiehlt und ſein Kind verderbt. Was glaubt ihr wohl? Sie und zwei lange Schlingel von Soͤhnen, die ſie hat, belnſtigen ſich damit, das junge Mädchen zu erſchrecken, indem ſie ſich abſcheulich verkleiden und in der Abenddämmerung als Geſpenſter vor ihr umherwandeln. Es iſt mehr als ein Wunder, wenn ſie nicht verrückt wird.“ „Die Elenden!“ rief der Landrichter voll Zorn und Abſcheu.„Mein Gott, wie viele Sittenverderbniß, wie manches Verbrechen, das der Arm des Geſetzes nicht er⸗ reichen kann! Und der Vater, der Vater des Kindes, duldet er denn dieſe Behandlung?“ „Er iſt gänzlich von dem Weibsbild beherrſcht. Ue⸗ berdieß liegt er jetzt darnieder und weiß Nichts, was im Hauſe geſchieht.“ „Und wenn er ſtirbt— iſt dann Jemand da, der ſich des Mädchens annehmen koͤnnte? Hat er Verwandte, oder Freunde?“ „Keinen Menſchen auf der ganzen Welt! Ich habe mich genau erkundigt. Der Vogel im Walde iſt weniger ſchutzlos, als dieſes Kind. Armuth wird auch im Hauſe herrſe heuer wahr man laſſen zun vom dig 1 Allei Mon den( Kind Händ mußt es n Men auf Adier Die war Weg wirkl wege Glüc Es n mich wie vas Hauſ Morg te Wir⸗ n ging und ab. tachbar, er, der odtkrank 1e Pas⸗ dchen?“ de Katze en. der Aſ⸗ ennt ſie r Teufel aber auf s glaubt Söhnen, dchen zu d in der wandeln. verrückt n n niß, wie nicht er⸗ Kindes, cht. Ue⸗ was im da, der erwandte, Ich habe tweniger im Hauſe — — 57 herrſchen und das Bißchen, was da iſt, wird das Unge⸗ heuer von einer Haushälterin ſchon auf die Seite ſchaffen.“ „Was iſt da zu thun?“ fragte der Landrichter mit wahrer Angſt.„Weißt du vielleicht etwas Munter, wie man hier einſchreiten könnte?“ „Für jetzt nicht. Man muß der Sache ihren Gang laſſen. Ich möchte Niemanden rathen, ſich jetzt darein zu miſchen; denn er iſt von dem Weibe beſeſſen und ſie vom Teufel, das Mädchen will er den Tag über beſtän⸗ dig bei ſich haben und läßt ihr allen ihren Muthwillen. Allein dieſe Löle kann nicht lange währen. In einem Monat vielleicht iſt er todt und— der, der den fallen⸗ den Sperling bemerkt, wird wohl auch auf das arme Kind ſehen. Im Angenblick an Niemand es aus den Händen dieſer Harpyen retten. Gute Nacht iesti Ich mußte zu euch kommen und euch die Sache erzählen, weil es mir ſchnetzlich auf dem Herzen la und weil der Menſch nun einmal die ſih Neigung hat, ſeine Bürde auf Andere zu werfen im ich ut zu erleichtern. Adieu!“ Der Landrichter. war dieſen. ſehr verſtimmt. Die Erzählung des Aſſeſſors bedrückte ſein Gemich⸗„Es war eine eigene Schickung,“ ſagte er,„daß Herrn N's Weg und der meinige ſo oft zuſammen fließen. Er hat wirklich Talent, aber ſein Character iſt ſchlecht. Deß⸗ wegen habe ich ſeinen Bemühungen und ſomit ſeinem Glück auf amtlichem Wege mehreremale entgegengearbeitet. Es war natürlich, daß er mein Feind wurde und ich habe mich nicht darum bekümmert. Aber jetzt wollte ich.. wie elend er da liegt, der Unglückliche! Und das Kind, vas 15 arme Kind! Ström! Iſt der Kandidat zu Hauſe? Nicht? Und es geht auf 11 Uhr! Der Tauſend! Morgen ſoll er erfahren, wo er her iſt.“. 1 Heldenthaten. Als der Landrichter am andern Morgen die Vor⸗ hänge aufzog, ſchien die Sonne— die Sonne ſo mächtig in ihrem Schweigen und Strahlen— ins Zimmer herein und beleuchtete es mit ihrem verklärenden Lichte. Dieſe Strahlen gingen gerade auf des Landrichters Herz zu. „Liebe Eliſe,“ ſagte er, als dieſe erwachte,„ich habe heute viel zu thun.— Vielleicht wäre es am Beſten, du ſprächeſt mit Jakobi und gäbeſt ihm ſeine Lection. Frauen⸗ zimmer wirken in ſolchen Fällen oft beſſer auf Männer, als Männer ſelbſt. Ueberdieß, was ſich noch beugen läßt, muß man nicht brechen und kurz und gut, ich glaube, du wirſt die Sache am Beſten ausſühren. Es iſt ſo ſchön heute. Möchteſt du nicht einen längeren Spaziergang mit den Kindern machen? Es würde dir und ihnen gut thun. Und auf dem Weg hätteſt du vortreffliche Gele⸗ genheit dich zu erklären. dieſes nicht, ſo werde ich... Aber ich wöchte es gerne vermeiden, mich über ihn zu ärgern. Man hat ohnehin Sachen genug, wor⸗ über man ſich erzürnen muß.“ Der Landrichter war nicht der Einzige im Hauſe, dem die Sonne an dieſem Morgen den Gedanken an eine Wan⸗ derung eingeflößt hatte. Der Kandivat hatte den Kin⸗ dern vor Kurzem verſprochen, ſie an einem recht ſchönen Tage nach einem Wäldchen zu führen, wo es Haſelbüſche in Menge gebe und ſie eine reiche Nußernte machen kön⸗ nen. Kinder haben ein unvergleichliches Gedächtniß für ſolche Verſprechungen und die kleinen Franks fanden, daß es unmöglich einen ſchöneren und für eine groͤßere Erpe⸗ dition paſſenderen Tag geben könne, als eben den heutigen; als ſie daher vernahmen, daß der Kandidat und die El⸗ tern ebenfalls dieſer Meinung waren, da ſchlug ihre Freude bis zum Dache hinauf: Brigitte hatte nicht Hände genug für Eva und Petrea; ſie hüpften beſtändig, als die Alte ſie ankleiden wollte. „— —————— ———— ſchirte ten ka jede t chen, kolonn Korbn mit i blickte. dunkel als di Petree mit K hin u das ſ es hef unter ſie be zuſam L volle Kälbet kamen einige gen, Geſcht ſcheuck der Li ein ſte eine merte Nutze rich ſ wägel ſten L purzel Vor⸗ nächtig herein Dieſe zu. ch habe en, du Frauen⸗ Ränner, en läßt, glaube, ſo ſchön ziergang nen gut e Gele⸗ werde ich über wor⸗ uſe, dem ne Wan⸗ en Kin⸗ ſchönen ſelbüſche hen kön⸗ tniß für den, daß re Expe⸗ heutigen; die El⸗ re Freude de genug die Alte ————————— Als der Zug unmittelbar nach Tiſch abging, mar⸗ ſchirten Heinrich und Louiſe im erſten Gliede; im zwei⸗ ten kamen Eva und Leonore mit Petrea in ihrer Mitte; jede trug ein Körbchen am Arme mit einem Stück Ku⸗ chen, als Speiſevorrath auf die Reiſe. Nach der Kinder⸗ kolonne kam die Mutter und neben ihr der Kandidat, ein Korbwägelchen ziehend, worin die kleine Gabriele ſaß, die mit ihren ſchönen, braunen Augen gar ernſthaft um ſich blickte. Kleinafrika— ſo nannten die Kinder ihre kleine dunkeläugige Nachbarin vom Kap— ſtand in ihrer Thüre, als die kleinen Fränklein aus der ihrigen hervortrippelten. Petrea, von einem unwiderſtehlichen Verlangen ergriffen, mit Kleinafrika Bekanntſchaft zu machen, ſprang zu ihr hin und bot ihr mit einem Knir das Stück Kuchen an, das ſie in ihrem Körbchen hatte. Die kleine Wilde riß es heftig an ſich, zeigte ihre weißen Zähne und verſchwand unter der Thüre, während Eliſe Petreas Hand ergriff und ſie behielt, um ihre ſpr den sgeiſter ein wenig zuſammenzuhalten. Vor dem Stadtthor angelangt, Khlelten die Kinder volle Freiheit und waren nicht viel anſtändiger, als kleine Kälber, die zum erſtenmal auf eine Früne Wieſe hinaus⸗ kamen. Wir müſſen geſtehen, daß auch Louischen ſich einige Erceſſe erlaubte, wie z. B. über Gräben zu ſprin⸗ gen, wo ſie am breiteſten waren und durch. Klatſchen und Geſchrei da und dort eine phlegmatiſche Krähe aufzu⸗ ſcheuchen. Doch wandte ſie ſich von dieſen Ausbrüchen der Luſtigkeit bald einem ſtilleren Treiben zu, und wo ein ſteifhalſiges Millefolium ihr auf dem Wege ſtand oder eine prunkende Hagebutte aus dem Walde hervorſchim⸗ merte, da wurden ſie ſorgfältig abgebrochen und zum Nutzen des Hauſes in ihrem Schürzchen verwahrt. Hein⸗ rich ſprang dazwiſchen hinein immer wieder an das Korb⸗ wägelchen, um die Kleine zu küſſen und ihr die niedlich⸗ ſten Blümchen zu geben, die er finden konnte. Petrea purzelte zuweilen auf den Boden, ſtand aber jedesmal ſchnell auf und ſetzte unerſchrocken ihr Springen und Hü⸗ pfen fort. Der Kandidat ebenfalls voll friſcher Lebensgei⸗ ſter ſtimmte mit einem ſchoͤnen Tenor das Lied an: Vi⸗ kinger Sitze alte Haine,“ in welches die Kinder ſogleich mit ihrem Diskant einfielen und nach dem Takt dezu marſchirten. Eliſe erfreute ſich des ſchönen Tages und der allgemeinen Heiterkeit, und hatte weder Muth noch Luſt, ſie durch eine unangenehme Erklärung zu ſtören. Sie wurde bis auf Weiteres aufgeſchoben. „Nein, ſeht nur, da, da! Mävchen! Heinrich! Seht nur!“ rief jetzt die kleine Petrea, mit der Hand winkend, hüpfend und außer ſich vor Vergnügen, indem ſie ihre Naſe zwiſchen das Gitter einer hohen ſtattlichen Pforte ſteckte, durch welches man in einen nach alter Mode angelegten, zugerichteten und ausgeſchmückten Park ſah. Im Nu ſtanden viele kleine Köpſchen am Gitterthore und guckten neugierig hinein. Sie glaubten das Para⸗ dies zu ſehen. Bald erſchien auch der Kandidat, nicht wie der Cherub wit em chneh renden Schwerte, ſondern wie ein guter er den entzückten Kindern die Pforte des Parädirſes öffnete. Dieſe Ueberraſchung war ihnen von Eliſe und vem Kandidaten bereitet worden, welche die verwittibete Gräfin S. um Erlaubniß gebeten hatten, die Kinder auf ihrer heutigen Wanderung nach dem Nußhain durch den Park zu führen. Hier gab es nun unerſchöpflichen Stoff zum Ver⸗ wundern und Fragen. Eliſe und der Kandidat konnten kaum auf Alles antworten. Bald wurden die Herzen der Kinder von einem kleinen, plumpen Kupido gerührt, der in einem waſſerloſen Waſſerwerk ſtand und weinte.— „Warum weint er 2„„Vermuthlich über den Waſſerman⸗ gel, antwortete lächelnd der Kandidat. Bald wurden ihre Blicke von einem chineſiſchen Tempel entzückt, von dem ſie glaubten, er uüſſe alle Herrlichkeiten der Welt enthalten und nicht bloß, wie es ſich herausſtellte, einige Hühner; bald erſtaunten ſie über Bäume in Pyramiden⸗ form— ſie hatten nie etwas ſo Schönes, ſo Wunder⸗ bares g Man nahmen nicht r brochen langſan einer 2 Töne u umher öffnete Gewäch tengewi ſtalt ſte krümmt an ein⸗ derlichet ſprange ſammelt Baſſin, laubgekr ſchien. dat, we dieſe N Louische wie die ſolchen der Vor wieder z in einer Bedeutu hatte au wiſſen( Gehirn Waldgot thieriſche der Kan alles Le d Hü⸗ ensei⸗ Vi⸗ ſogleich t dezu es und h noch ſtören. Seht vinkend, ſie ihre Pforte Mode ark ſah. tterthore Para⸗ „ nicht ſondern dern die ing war warden, gebeten ung nach um Ver⸗ konnten erzen der hrt, der einte.— ſſerman⸗ wurden ickt, von der Welt te, einige ramiden⸗ Wunder⸗ 61 bares geſehen! Das Wunderbarſte aber erwartete ſie noch. Man kam in eine dunkle Gegend des Parks. Sie ver⸗ nahmen melancholiſche Töne, ohne Zuſammenhang, aber nicht ohne Anmuth, accompagnirt von einem ununter⸗ brochenen Geplätſcher, wie von Waſſer. Die Kinder gingen langſamer und ſchloſſen ſich in geſpannter Erwartung mit einer Art ſchauernder Neugierde dichter zuſammen. Die Töne und das Waſſergemurmel kamen immer näher. Rund umher war ein dichter, dunkler Fichtenwald. Aber jetzt öffnete er ſich zur Rechten und reich bekränzt von grünen Gewächſen und dichtbelaubten Bäumen erſchien ein Grot⸗ tengewölbe, in deſſen Hintergrund eine große weiße Ge⸗ ſtalt ſtand, mit ältlichem Kopfe, langem Barte, ge⸗ krümmtem Rücken und Bocksfüßen. Sie hatte die Lippen an eine Pansflöte geſetzt, aus deren Pfeifen die wun⸗ derlichen Töne zu kommen ſchienen. Kleine Waſſerfälle ſprangen da und dort aus der Felſenwand heraus und ſammelten ſich zu den Füßen der weißen Geſtalt in ein Baſſin, worin dieſe träumetden Blicks ihr Bild und das laubgekrönte Steingewolbe über ihtomaupte zu betrachten ſchien. Das ſei der Waldgott Pan, erklärte der Kandi⸗ dat, was er aber weiter über den Glauben der Alten an vieſe Naturgottheit hinzuſetzte, darauf hörte Niemand außer Louischen, die ihr hochweiſes Köpfchen darüber ſchüttelte, wie die Griechen ſo unweiſe haben ſein können, an einen ſolchen Gott zu glauben, und Eliſe, die es liebte, in der Vorzeit den Glauben an ein Götterleben der Natur wieder zu finden, der ſich auch in unſern Tagen, wiewohl in einer wahreren und unſers Dafürhaltens göttlicheren Bedeutung, geltend macht. Das Schauſpiel in der Grotte hatte auf ſämmtliche Zuſchauer, groß und klein, einen ge⸗ wiſſen Eindruck gemacht, aber auf der kleinen Petrea Gehirn wirkte es berauſchend und beinahe verwirrend. Der Waldgott mit ſeinen Tönen, ſeiner halb menſchlichen, halb thieriſchen Geſtalt, obgleich er nur von Gyps war und der Kandidat ihn als Erzeugniß einer unklaren Phantaſie alles Lebens und aller Wirklichkeit ermangelnd erklärte, war und blieb in ihrer Einbildung ein lebendiges Weſen, ebenſo wirklich, als wunderbar. Sie ſah Nichts und vachte an Nichts, als an den Waldgott; die Ahnung einer neuen wunderbaren Welt ging mit lieblichem Schauer in ihrer Seele auf. Inzwiſchen führte der Kandidat Eliſe auf einen Fuß⸗ weg, der ſich zwiſchen Erlen und Birken den Berg hinan⸗ ſchiängelte, in dem die Grotte ſich befand. Da oben war es ſonnig und heiter und auf einem grünen Hügel glänzte ein kleines Mahl von Beeren und andern Waldfrüchten aufs Freundlichſte im Sonnenſchein. Der Kandidat, deſſen Freude es war, zu bewirchen und aufzuheitern, hatte Eliſe und den Kindern dieſe kleine Ueberraſchung bereitet. Und nie war vielleicht eine willkommener und freudvoller. Kindern ein Vergnügen zu machen, iſt übrigens die dankbarſte Sache von der Welt und das Wohlwollen der Mutter gewinnt man immer obendrein. Auf einem grünenden Abhang, im Schutze von Roſen⸗ hecken, die noch Eliſens geliebte Blumen trugen, breitete der Kandidat ſeinen Mantel aus zum Sitze für ſie und die Kleine, die aus ihrem Korbwagen gehoben wurde, den grünen Seidenhut ablegen und ihre goldnen Locken in der Sonne baden durfte. Der Kandidat ſuchte einige der ſchönſten Früchte für ſie und die Mutter aus, ſetzte ſich ſodann neben Gabriele ins Gras, ſchäkerte mit ihr und verſcheuchte mit einem Roſenzweige die Mücken von Eliſens Händen und dem Köpfchen der Kleinen, während die andern Kinder in einiger Entfernung umherſchwärm⸗ ten, Freiheit und Stachelbeeren mit der ganzen Fähig⸗ keit empfänglichen Kinderſinnes genießend. Die Bäume ſäuſelten von einem leiſen Südwinde und in das Ge⸗ ſäuſel miſchten ſich des Waldgottes melodiſche Seufzer und das Gemurmel des Waſſers. Es war eine ſchöne Stunde und ſie wirkte lieblich auf Eliſens Seele. Die Sonne, der Duft der Roſen, des Waldes, der Geſang des Waſſers und der Syrinr, das ſchöne Schauſpiel um ſie her, die glücklichen Kinder, Alles dieß rief plötzlich ——=„ —— in ihr welche werde fühlt. für de gutes auf de Eliſe einer, kobi g wähnte offen: und d ohne; ſie m ſpreche der Ki Hecken, „Petre ſchwiſte und de gebe. weilen kleinen man ir ging zu rief. und ba wirklich W Wie b 2 hatte — Weſen, ts und ig einer auer in „—— n Fuß⸗ hinan⸗ en war glänzte ten aufs Freude liſe und Und nie Kindern te Sache gewinnt Roſen⸗ „breitete. ſie und wurde, n Locken te einige 8, ſetzte mit ihr cken von während ſchwärm⸗ nFähig⸗ Bäume das Ge⸗ Seufzer ne ſchöne ele. Die r Geſang uſpiel um plöhlich 63 in ihrer Bruſt jenen Sommer des Herzens hervor, in welchem alle Gefühle, alle Gedanken wie ſchöne Blumen werden, ſo daß man das Leben ſo leicht, ſo wonnevoll fühlt. In dieſem Augenblicke empfand fie Freundſchaft für den jungen Mann, der ihn hervorgerufen und deſſen gutes Herz aus ſeinen Augen ſtrahlte, indem ſie ſich bald auf den blauen Himmel, bald auf die milde, blauäugige Eliſe hefteten, mit einem Ausdruck von Ergebenheit und einer gewiſſen reinen Sehnſucht, die ſie früher nie bei Ja⸗ kobi geſehen hatte. Eliſe fühlte, daß ſie jetzt die oben er⸗ wähnte Erklärung vornehmen konnte, ſie fühlte, daß ſie offen und innig, wie eine Schweſter mit ihm ſprechen könnte und daß die Wahrheit von ihren Lippen fließen würde, ohne zu verletzen und wehe zu thun. Kaum aber hatte ſie mit herzlicher, obſchon etwas zitternder Stimme zu ſprechen begonnen, als ſie durch unruhige Bewegungen in der Kinderſchaar unterbrochen wurde; man ſuchte in den Hecken, man ſprang um die Bäume herum, und der Name „Petrea! Petrea!“ wurde fragend und rufend von den Ge⸗ ſchwiſtern wiederholt. Unruhig ſah die Mutter um ſich her und der Kandidat ſprang auf, um zu erforſchen, was es gebe. Es war etwas Gewöhnliches, daß Petrea ſich zu⸗ weilen von den übrigen Kindern trennte und mit ihren kleinen Gedanken allein ihres Weges ging; deßwegen hatte man im Anfang nicht ſonderlich darauf Acht gegeben, daß ſie bei dem Mahle fehlie. Eliſe und der Kandidat waren von ihren eigenen Gefühlen in Anſpruch genommen. Die Geſchwiſter dachten:„Sie wird ſchon wieder kommen,“ aber als ſie zu lange ausblieb, fingen ſie an, nach ihr zu ſuchen. Der Kandidat kam ihnen zu Hülfe, Eliſe gleichfalls. Man ging zur Grotte des Waldgottes zurück, man ſuchte und rief. Alles vergebens. Petrea war nirgends zu finden und bald verwandelte ſich die Unruhe der Suchenden in wirkliche Angſt. Wir wollen jetzt Petrea auf eigene Fauſt aufſuchen. Wie bezaubert von dem Waldgott und ſeinen Tönen hatte ſie ſich ſchon beim Anfange des Berges von den Andern getrennt und war zur Grotte zurückgekehrt. Die wunderbare Welt derſelben riß ſie hin und auf einmal wurde ſie von dem heftigſten Verlangen ergriffen, ihrem Vater und Brigitte zu erzählen, vaß ſie den Waldgott geſehen habe. Beſchluß und Hanvlung ſind Eins bei dem Kinde, noch mehr als beim Weibe. Die erſte von den Geſchwiſtern zu ſein, die dem Vater die wichtige Meuigkeit gebracht:„Papa, ich habe den Waldgott ge⸗ ſehen!“ war eine gar zu ſtarke Verſuchung für Petreas Ehrgeiz und Mittheilungsluſt. Sie hatte ſagen hören, daß man da oben ausruhen wolle und da ſie einen eben ſo ſchwachen Lokalſinn, als eine ſtarke Einbildungskraſt beſaß, ſo zweifelte ſie keinen Augenblick daran, nach Hauſe und wieder zurückkommen zu können, ehe man ibre Abweſenheit bemerke. Im Uebrigen befaßte ſie ſich, die Wahrheit zu ſagen, wenig mit ſolchen Gedanken; mit hochklopfendem Herzen und den Worten:„Ach Papa! wir haben den Waldgott geſehen,“ auf den Lippen machte ſie einen Sprung und eilte auf den Flügeln der Phan⸗ taſie, ſo weit ihre Füßchen ſie tragen wollten, fort auf einem Wege, der dem in die Stadt ganz entgegengeſetzt war und ſie zugleich von der Grotte entfernte. Petrea wußte noch nicht, daß es viele Wege in der Welt gibt. Bald mußite ſie ſtehen bleiben, um auszuruhen. Es war ſchön um ſie her; liebliche Dufte entſtiegen den Blumen, die Vögel ſangen, der Himmel war klar und hier, wo kine Kupidos oder chineſiſche Tempel ihre Sinne blen⸗ deten, verſchwand auf einen Augenblick das Pansbild aus ihrer Seele und an ſeine Stelle trat ein Gedanke oder richtiger ein Gefühl, ſchön und heilig, das die Mutter frühzeitig in den Kinderſeelen erweckt hatte. Pe⸗ trea ſah ſich allein, fühlte aber zugleich, daß ſie nicht allein ſei. In der Lieblichkeit der Luft, in der Schön⸗ heit der Natur fühlte ſie die Nähe des guten Geiſtes, den die Mutter ſie gelehrt hatte Vater zu nennen. Und bei dem Gefühl ſeiner Güte und Obhut, das ihr nie ſo klar geweſen war, wie in dieſem Augenblick wurde Petreas Herz und E in Wege ſo leick kurz ir Wass ein Ei machte und he ohne e wird d es in d dachte Ehrgier Ihre. wund. als ſie in demſ Eichhör Freude nicht h fuhr Pe küſſen n ins Kin ſchreien das Bli vorwärt thor nic nach Ha ſprang 1 kämpfte fiel ihr ihr Vat „Ach P perwund Bre Die inmal ihrem dgott s bei te von ichtige tt ge⸗ zetreas hören, n eben gskraſt „nach in ibre , die z mit a! wir machte Phan⸗ ort auf engeſetzt Petrea lt gibt. Es war glumen, er, wo ne blen⸗ ßansbild Gedanke das die te. Pe⸗ ſie nicht Schön⸗ Geiſtes, 6 n. Und r nie ſo Petreas * Herz von etwas ſo Wonnigem erfüllt, daß es ſich in Liebe und Seligkeit auflöſen zu wollen ſchien. Sie ſank nie⸗ der in das Gras und es war ihr, als ſei ſie auf dem Wege in den Himmel. Aber ach der Weg dahin iſt nicht ſo leicht und dieſe ſchönen Himmelsahnungen verweilen nur kurz in den Seelen der kleinen, wie der großen Menſchen. Was Petrea jetzt von ihrer Himmelfahrt abbrachte, war ein Eichhörnchen, das quer über den Weg hüpfte. Sie machte ſogleich Jagd darauf. Ein ſolches Wildpret fangen und heimführen zu können, war ſicherlich eine Heldenthat ohne gleichen.„Was werden wohl die Andern, was wird die ganze Stadt dazu ſagen? Vielleicht kommt es in den Zeitungen. Vielleicht erfährt es der König!“ dachte Petrea, während ſie ganz außer ſich vor Eifer und Ehrgier über Stock und Stein dem Thierchen nachjagte. Ihre Kleider zerriſſen, ſie ſtieß ſich Hände und Füße wund. Kleinigkeiten! Sie fühlte es nicht, beſonders als ſie— o Gipfel des Glücks! zu Boden ſtürzte, aber in demſelben Angenblick mit ihren zitternden Händen das Eichhörnchen umſchloß. Petrea ſchrie laut auf vor Freude und rief Mutter und Geſchwiſtern, die— ſie nicht hören konnten.„O du allerliebſtes Thierchen!“ fuhr Petrea fort, indem ſie ihren kleinen Gefangenen küſſen wollte. Das allerliebſte Thierchen biß ſie dabei ins Kinn, ſo daß ſie vor Ueberraſchung und Schmerz zu ſchreien anfing, es aber gleichwohl nicht los ließ, obſchon das Blut aus der Wunde tropfte. Petrea ſprang wieder vorwärts und wunderte ſich ſehr, daß das große Gitter⸗ thor nicht kommen wollte, von dem ſie wußte, daß es ſie nach Hauſe führe. Während ſie voll Verwunderung weiter ſprang und mit ihrem ungebärdigen kleinen Gefangenen kämpfte, ſah ſie einen Herrn des Weges kommen. Es fiel ihr nicht ein, daß es Jemand anders ſein könne, als ihr Vater und außer ſich vor Frende rief ſie ihm entgegen: „Ach Papa, ich habe den Waldgott geſehen!“ Sehr verwundert, ſich Papa anrufen zu hören, ſah der junge Bremer, das Haus. 5 Herr aus ſeinem Buche auf und ſagte lächelnd zu ihr: „Nein, mein liebes Kind, er iſt dahin gegangen.“ Dabei zeigte er nach der Seite, woher Petrea kam. Petrea der verſtand, daß er den Kandidaten meinte.„Ach nein, der wo iſt es nicht!“ rief ſie ängſtlich und kehrte mit einer plötz⸗ keh lichen Ahnung, daß ſie ſich verirrt habe, ſchnell um. Sie gab jetzt ihren Plan nach Hauſe zu ſpringen auf und erg wollte diejenigen ſuchen, die ſie ſo gedankenlos verlaſſen dal hatte. Sie eilte den Weg, den ſie gekommen war, zurück, in aber als er ſich nach zwei Seiten theilte, wählte ſie den hat unrechten, gerieth in eine wildere Gegend und merkte jetzt, Pa daß ſie ſich gänzlich verirrt hatte. Sie wußte jetzt nicht fall mehr, wohin ſie ſich wenden ſollte; verzwweiflungsvoll unt warf ſie ſich in das Gras und weinte. Allen Ehrgeiz mit vergeſſend, ließ ſie das Eichhörnchen laufen und gab ſich lor troſtloſen Gefühlen hin. Sie dachte jetzt an die Unruhe ihr und Angſt ihrer Mutter, weinte darüber und über ihr Ver⸗ eine gehen. Aber bald ſtellten ſich tröſtlichere Gedanken bei ihr als ein. Sie trocknete ihre Augen an ihrem Kleide(das— Kar Nastuch hatte ſie verloren) und als ſie aufſchaute, fielen„ ſuch ihre Blicke auf prächtige Himbeeren, die ganz in ihrer Rul Nähe, in den Spalten einer Felſenwand wuchſen.„Him⸗ es beeren! Mamas Lieblingsbeeren!“ Und nun ſehen wir unſre ihr kleine Petrea aus Leibeskräften den Fels hinanklettern, um Pa die ſchöne Frucht zu erobern. Mit einem Strauß davon in der Hand wollte ſie der Mutter zu Füßen fallen und eine um Verzeihung bitten. So dachte Petrea, während ſie Mu mit Händen und Zähnen die Himbeerzweige abweidete Bli und neuer Muth und neue Hoffnung lebte in ihrer Bruſt Pet auf. Und— wenn ſie noch ein wenig höher hinaufklet⸗ ges terte— mußte ſie dann nicht entdecken, wo ſie ſich„ dern befand, mußte ſie nicht Mutter, Vater, Geſchwiſter, die Sor ganze Welt entdecken? Ganz gewiß! Ein kluger Einfall! Sch Den Himbeerſtrauß in der einen Hand, benützte Petrea lag die andere, um hinaufzuklettern; aber an einer ſchlüpfrigen Ruf Stelle glitt der eine Fuß aus, dann der andere; die„ ſtürz linke Hand vermochte den Körper nicht mehr zu tragen, Got zu ihr: Dabei Petrea in, der r plötz⸗ n. Sie uf und erlaſſen zurück, ſie den te jetzt, tzt nicht ingsvoil Ehrgeiz zab ſich Unruhe ihr Ver⸗ nbei ihr ide(das , fielen in ihrer „Him⸗ vir unſre tern, um ß davon llen und em ſie bweidete Bruſt inaufklet⸗ ſie ſich ſter, die Einfall! e Petrea lüpfrigen ere; die u tragen, 67 die rechte wollte die Himbeeren nicht los laſſen. Ein Augenblick der Angſt und Anſtrengung, dann rollte Petrea den Felſen hinab auf einen Haufen— Reiſer und Neſſeln, wo— wir ſie einen Augenblick laſſen und zu Eliſe zurück⸗ kehren wollen. Es iſt nicht zu beſchreiben, welche Angſt die Mutter ergriff, als ſie über eine Stunde lang nebſt dem Kandi⸗ daten und Heinrich(Louiſe wachte über die andern Kinder in der Nähe der Pansgrotte) Petrea geſucht und gerufen hatte, ohne ſie zu finden. Es waren mehrere Teiche im Park. Sie konnte möglicherweiſe in einen derſelben ge⸗ fallen ſein; dieſer Gedanke war ſchauderhaft für Eliſe und vollends der Gedanke, zu ihrem Mann zurückzukehren mit einem Kinde weniger— einen ſeiner Lieblinge ver⸗ loren durch ihre Unachtſamkeit— jagte Todesangſt in ihr Herz. Lieber hätte ſie ſterben moͤgen. Bleich, wie eine Leiche und athemlos irrte ſie umher und war mehr als einmal nahe daran, umzuſinken. Vergebens beſchwor ſie der Kandidat, ſich zu ſchonen, ruhig zu bleiben und ihn allein ſuchen zu laſſen. Sie hörte ihn nicht, ohne Raſt und Ruhe mußte ſie ihr Kind ſuchen. Der Kandidat wagte es nicht, ſie lange allein zu laſſen, ſondern kehrte oft zu ihr zurück, während Heinrich in einer andern Gegend des Parkes ſpähte und rief. Erſt nach zweiſtündigem, vergeblichem Suchen, in einem Augenblick, da der Kandidat ſich der verzweifelten Mutter wieder angeſchloſſen hatte, richteten ſich Beider Blicke plötzlich auf denſelben Gegenſtand. Es war— Petrea. Sie lag in einem Gebüſche am Fuße eines Ber⸗ ges; Blutflecken waren auf dem Geſicht und den Klei⸗ dern zu ſehen und ein ſchreckliches Halsband blinkte in der Sonne um ihren Hals. Es war eine gelbgeſprenkelte Schlange, die ſich um denſelben geſchlungen hatte. Petrea lag unbeweglich da und ſchien zu ſchlafen. Ein ſchwacher Ruf des Entſetzens entfuhr der Mutter. Sie wollte vor⸗ ſtürzen, wurde aber von dem Kandidaten verhindert.„Um Gottes willen,“ hat er bleich und heftig,„ſeien Sie 2 ruhig, vielleicht iſt noch Nichts geſchehen; aber es iſt ein Esping, die giftigſte Schlange in unſern Wäldern. Eine unvorſichtige Berührung und Sie und Petrea ſind verloren. Nein Sie dürfen nicht! Ihr Leben iſt zu koſtbar, aber ich verſprechen Sie mir ſtille zu ſi ind Eliſe war kaum mehr ihrer Sinne mächtig.„Hin⸗ weg, hinweg!“ ſagte ſie und ſuchte Jakobi mit ihren ſchwachen Händen wegzuſchieben. Sie wollte gehen, aber ihre Kniee trugen ſie nicht. Sie wankte und ſank zu Boden. In demſelben Augenblick war der Kandidat bei Pe⸗ trea und mit eben ſo viel Kühnheit, als Gewandtheit faßte er die Schlange am Nacken und ſchleuderte ſie weit weg. Bei dieſer Berührung erwachte Petrea, ſchüttelte ſich, ſpannte ſchlaftrunken die Augen auf und ſagte, indem ſie um ſich blickte:„Ach ach..„ Papa, ich habe den Waldgott geſehen!“—„Gott ſegne dich mit deinem Waldgott!“ verſetzte der Kandidat, indem er entzückt über dieſes deutliche Zeichen von Leben und Geſundheit das Kind an ſeine Bruſt drückte und auf den Armen zur Mutter trug. Aber die Mutter ſah und hörte nicht mehr. Sie lag in tiefer Ohnmacht da. Erſt Heinrichs Küſſe und Thränen riefen ſie zum Leben zurück. Eine Weile ſah ſie mit angſtvollen, irren Blicken um ſich.„Iſt ſie todt?“ flüſterte ſie.„Nein, nein, ſie lebt, ſie iſt unver⸗ ſehrt,“ rief Jakobi, der neben Eliſen auf den Knieen lag. Und neben ihm, gleichfalls auf den Knieen, lag die kleine Petrea, ihren Himbeerſtrauß darbietend und laut ſchluch⸗ zend.„Verzeih, Mama, verzeih mir.“ Jetzt kam Licht in die Augen der Mutter; ſie rich⸗ tete ſich haſtig auf und mit einem unbeſchreiblichen Freuderuf drückte ſie das gerettete Kind an ihre Bruſt. „Gott ſei Lob und Dank!“ rief ſie hierauf, indem ſie ihre gefalteten Hände zum Himmel erhob. Stumm reichte ſie dieſelben dann Jakobi, während ſie ihn unter Thränen anſah, mit einem Blicke, welcher ausſprach, ———————— wa Go Eli Er Sc Eli gebe ſuch die lich glau als Bal ſie L Lebe Ver Uner Unbe Geſc Mut ihren ſie d aufri gott war Petre dern mehr lichen des 2 ſtande und konnte kleiner es iſt äldern. Petrea ben iſt ſtille zu iteihren n, aber ank zu ei Pe⸗ eit faßte it weg. te ſich, dem ſie abe den deinem t über eit das en zur mehr. Küſſe Weile Iſt ſie unver⸗ en lag. kleine ſchluch⸗ e rich⸗ iblichen Bruſt. m ſie Stumm unter ſprach, was keine Worte zu ſagen vermögen.„Gott ſei Dank, Gott ſei Dank!“ ſagte auch Jakobi, indem er tief gerührt Eliſens Hände an ſeine Lippen und ſeine Bruſt drückte. Er fühlte ſich unendlich glücklich. Man eilte jetzt, ſich aus dem gefährlichen Bereich der Schlange zu entfernen, nachdem Jakobi und Heinrich auf Eliſens Bitten das vermuthlich fruchtloſe Vorhaben aufge⸗ geben hatten, das giftige, aber unſchuldige Thier aufzu⸗ ſuchen und zu tödten. Oberhalb der Pansgrotte ſaß Louischen und ſuchte die Kleinen zu tröſten, während ſie ſelbſt mit ihnen bitter⸗ lich über die Schweſter weinte, die ſie nie mehr zu ſehen glaubte. Um ſo größer und lärmender war die Freude, als ſie ſie jetzt auf den Armen des Kandidaten erblickte. Bald umſchlangen ihre liebkoſenden Arme ſeinen Hals, als ſie von der Mutter erfuhren, wie er ihre Schweſter aus Lebensgefahr gerettet habe⸗ Petrea betrachteten ſie mit Verwunderung und Neugierde, wie Jemand, dem etwas Unerhoͤrtes begegnet iſt. Petrea aber vergoß über ihre Unbedachtſamkeit und den Kummer, den ſie Mutter und Geſchwiſter verurſacht, ſo verzweifelte Thränen, daß die Mutter ſelbſt ſie tröſten und aufmuntern mußte. Von ihrem Fall ins Gebüſch wußte ſie nichts Anderes, als daß ſie dabei ſehr irre im Kopf geworden ſei, ſich nicht habe aufrichten können, ſondern eingeſchlafen ſei und vom Wald⸗ gott geträumt habe. Inzwiſchen war es ſpät geworden und an die Nüſſe war nicht mehr zu denken. Sowohl der Mutter, als Petreas wegen mußte man nach Hauſe eilen. Die an⸗ dern Kinder würden vermuthlich die mißlungene Luftfahrt mehr betrauert haben, wenn ſie nicht einen ganz ſchreck⸗ lichen Eifer verſpürt hätten, das merkwürdige Ereigniß des Tages erzählen zu können. Bei der Heimkehr ent⸗ ſtanden einige Schwierigkeiten; Petrea, die äußerſt müde und überdieß durch ihren Fall übel zugerichtet war, konnte nicht gehen; man beſchloß daher, ſie ſollte in dem kleinen Wagen gezogen, Gabriele dagegen von dem Kan⸗ 70 didaten getragen werden. Aber als die Kleine ſah, daß dieſer keine Handſchuhe anhatte, wollte ſie ſich von ihm weder tragen, noch berühren laſſen und erhob das jam⸗ merwollſte Nothgeſchrei, als er ſie lachend auf die Arme nahm, ohne ſich im Mindeſten um ihre Schwierigkeiten zu bekümmern. Was die Zureden der Mutter und des Kandidaten nicht vermochten, bewirkten endlich Bruder Heinrichs Luftſprünge und Liebkoſungen. Die Kleine er⸗ götzte ſich daran; ihre Thränen blieben halbwegs auf der Wange ſtehen, in den Grübchen, die plötzlich von dem freundlichſten Lächeln gebildet wurden. Petrea, die, nach⸗ dem der Parorismus des Kummers und der Reue ſich gelegt hatte, ſich ſelbſt und ihre Abenteuer ganz ausneh⸗ mend intereſſant zu finden anfing, ſaß mit nicht geringer Wichtigkeit in ihrem Wagen, umgeben von den Schweſtern, die ſich an ihren Erlebniſſen nicht ſatt hören konnten und wetteiferten, die kleine Equipage zu ziehen. Und der Kan⸗ didat— er zog Petrea, die den ganzen Weg über plau⸗ derte, er trug die Kleine, die bald an ſeiner Schulter ein⸗ ſchlief, er ſang Lieder und erzählte Geſchichten, um Eliſe zu zerſtreuen, die von der ausgeſtandenen Gefahr und Angſt noch lange ganz bleich und befangen war. Endlich kam man nach Hauſe; man vergaß ſich in Erzählungen; Brigitta weinte über ihre kleine, engelgute Mamſell Petrea und der Landrichter drückte aus Her⸗ zensgrund Jakobi an ſeine Bruſt. Nachdem man Petreas Beulen und Schrammen mit Rigabalſam gewaſchen, ließ die Mutter, um die Kinder über die verunglückte Expe⸗ dition vollends ganz zu tröſten, Pfannenkuchen nebſt ei⸗ ner Cröme von gequirltem Rahm und eingemachte Him⸗ beeren für ſie zubereiten. Die Kinder tanzten vor Fteude um den Tiſch herum und Petrea, die wegen ihres Un⸗ glücks eine beſonders gute Portion bekam, hielt es für ganz ausgemacht, daß man im Himmel beſtändig ſolche Créme eſſe und war daher der Meinung, man ſolle ſie Himmelsſpeiſe nennen. Dieſer Vorſchlag wurde mit großem Beifall aufgenommen und von dem Tage an — wa Hat tere erhi freu folge Nie geſel wie einer und der nem laſſu dat und als flüch rauſe Einn ſolche wiede theili Louiſ h, daß on ihm s jam⸗ Arme igkeiten nd des Bruder ine er⸗ auf der dem „nach⸗ ue ſich ausneh⸗ eringer veſtern, en und rKan⸗ rplau⸗ ter ein⸗ n Eliſe Angſt ſich in gelgute Her⸗ Betreas t, ließ Expe⸗ bſt ei⸗ Him⸗ Freude es Un⸗ es für ſolche lle ſie e mit ge an — 5 7 war Himmelsſpeiſe ein bekanntes Gericht im Frank'ſchen Hauſe. An des Vaters Bruſt weinte Petrea noch einige bit⸗“ tere Thränen bei der milden Ermahnung, die ſie von ihm erhielt, ſchlief aber bald ſüß auf ſeinem Arme ein. Und die Lektion für den Kandidaten? „Bleiben Sie heute Abend bei uns,“ ſagte Eliſe mit freundlich bittendem Blick zu ihm. Der Kandidat blieb. Brandungen. „Bleiben Sie heute Abend bei uns!“ hat Eliſe am folgenden und noch mehrere Tage. Der Kandidat blieb. Nie hatte er Eliſe ſo freundlich, ja ſo herzlich gegen ſich geſehen, nie hatte ſie ihm ſo viel Aufmerkſamkeit geſchenkt, wie jetzt und dieſe Aufmerkſamkeit und Herzlichkeit von einer im Umgang mit Männern gewöhnlich bloß artigen und gleichgültigen Dame ſchmeichelte auf der einen Seite der Eitelkeit des Kandidaten und ging auf der andern ſei⸗ nem guten Herzen nahe. Bald verſchwand jede Veran⸗ laſſung zu Erklärungen und Verweiſen, denn der Kandi⸗ dat entſagte auf einmal ſeinen ausſchweifenden Freunden und Geſellſchaftern. Niemand ſprach erbaulicher darüber, als er. Er ſtimmte Eliſen ſo herzlich darin bei, daß der flüchtige Champagner der Orgien zwar für Augenblicke be⸗ rauſche, aber Nichts als Leere und Erſchlaffung zurücklaſſe. Einmal, ja ein Paar Mal, meinte der Kandidat, könnten ſolche Feſte unſchädlich, ja ſelbſt erfriſchend ſein; aber oft wiederholt— o Gott behüte! da müſſen ſie höchſt nach⸗ theilig, ja ſelbſt demoraliſirend einwirken. Und der kleinen Louiſe, die dieſes hörte, ſchien es ganz weiſe geſprochen. 72 Niemand ſchien ſich jetzt beſſer als der Kandidat zu Hauſe— wur zu gefallen. Man befinde ſich, ſagte er, ſo wohl bei ei⸗ ihn ner geordneten Lebensweiſe und es ſei ſo viel ächtes, fri⸗ ſelte ſches Leben in den Beſchäftigungen und unſchuldigen Freu⸗ häu den, welche die ſtillen Tage des Hauſes mit ſich bringen. ſte Indeſſen bekam des Kandidaten friſches Leben bald ſchn ſeine krankhafte Seite. Dankbarkeit hatte zuerſt Eliſens 8 er Herz für ihn erwärmt, ſodann machte eine reine Zunei⸗ gung zu Jakobis wirklich liebenswürdiger Perſönlichkeit, konn daß ſie die Wünſche ihres Mannes in Beziehung auf ihr ſchm Benehmen gegen ihn unendlich leicht zu erfüllen fand, den und bald wurde Jakobis Umgang für ihr eigenes Leben auch erheiternd. Sie ſympathiſirten in manchen Stücken, be⸗ hältt ſonders in der Liebe zur Muſik und ſchönen Literatur Reiz und ſeine jugendliche Wärme gab ihren gemeinſamen ſagte Beſchäftigungen höheres Leben und Intereſſe. Die Dis⸗ es i eusſionen verloren ganz den Character von Disputen und artig wurden ein angenehmer entwickelnder Gedankenaustauſch. rend Der Kandidat war nicht mehr darauf erpicht, in Allem* und Recht zu haben; er fand ein gewiſſes Vergnügen darin, Eliſe nachzugeben. Er wußte mehr aus Büchern als ſie, dung ſie wußte mehr aus dem Leben— der Mutter der Bü⸗ zu er cher, und ging daher als ältere, leitende Freundin an Freu ſeiner Seite. Der Kandidat fühlte ſich glücklich durch ſind, den Einfluß und die milde Leitung der anmuthsvollen wollt Frau und wurde ihr immer inniger ergeben. Aber ſo ſeine ſtill und ſo angenehm war dieſes Verhältniß, daß er imme ſeine Gefahr gar nicht ahnte. Er liebte es, von Eliſe den 2 als Kind behandelt zu werden und ließ daher ſeinem raſche natürlichen kindlichen Sinne freien Lauf. Ihre, ſanften Laun⸗ Vorwürfe waren eine Art Wolluſt für ſein Herz; er hatte men Luſt zu fehlen, nur um ſie zu verdienen; er hätte, wenn Herze er ſie anhoͤrte, ihr Kleid, ihre weiße, ſchöne Hand an der d ſeine Lippen drücken mögen und doch war es ihm eine beim Art ſchmerzlicher Wonne, daß er es nicht wagte. Wenn⸗ ihn. ſie ſich nahte und er ihren leichten Schritt hörte, wenn ders er den Roſenduft empfand, der ſie immer begleitete, unvor ——————————————— 73 Hauſe— wurde es ihm ſo unendlich warm ums Herz und was bei ei⸗ ihn beinahe noch mehr, als alles Andere, an Eliſen feſ⸗ s, fri⸗ ſelte, war ihr Leiden. Wenn nervöſe Schmerzen oder Freu⸗ häusliche Unannehmlichkeiten ihr Gemüth betrübten, wenn ringen. ſie geduldig die oft harte Laune ihres Mannes ertrug, da n bald ſchmolz des Kandidaten Herz vor Zärtlichkeit gegen ſie und Fliſens 2 er bot Alles auf, um ſie zu zerſtreuen und zu erquicken, Zunei⸗ er ſuchte ihren leiſeſten Wünſchen zuvorzukommen. Eliſe ichkeit, konnte für dieß Alles nicht gefühllos ſein und vielleicht uf ihr ſchmecichelte es auch ihrer Eitelkeit, eine ſolche Gewalt über fand, den jungen Mann zu beſitzen, vielleicht verblendete ſie ſich Leben auch abſichtlich über die Art ſeiner Gefühle, um ein Ver⸗ , be⸗ hältniß nicht zu ſtören, das ihrem Leben einen angenehmen eratur Reiz verlieh.„Er liebt die Kinder und ihre Mutter,“ ſamen ſagte ſie zu ſich,„er iſt ihr und mein Freund. Möchte Dis⸗ es immer ſo bleiben!“ Und gewiß iſt, daß die Kinder nie un artiger, gelehriger und glücklicher waren, als jetzt, wäh⸗ auſch. rend Jakobi eine immer glücklichere Fähigkeit zu lehren Allem— und ſie zu leiten entwickelte. darin, Das unfreundliche Schickſal, das gefährliche Bran⸗ s ſie, dungen nahe an das Ufer verlegt, welches das Fahrzeug Bü⸗ zu erreichen ſucht und ſtörend in das Verhältniß zwiſchen nan Freunden und Gatten eingreift, eben wenn ſie nahe daran durch find, es für die Ewigkeit zu befeſtigen, dieſes Schickſal vollen wollte, daß gerade um die Zeit, wo Jakobi immer mehr er ſo ſeine ſchöne Seite im Hauſe entwickelte, der Landrichter ß er immer mehr ſeine unſchöne herauskehrte. Er gehörte zu Eliſe den Menſchen, die, je mehr ſie zu thun haben und in je einem raſcherer Wirkſamkeit ſie leben, ſich bei immer beſſerer nften Laune befinden. Und gerade jetzt war in einem Unterneh⸗ hatte men zum Beſten des Landes, das dem Landrichter ſehr am wenn i Herzen lag, eine Pauſe eingetreten und dieſer Aufenthalt, d an 3 der durch eine Menge kleiner Rückſichten entſtand, die er eine beim beſten Willen nicht zu beſeitigen vermochte, verſtimmte Wenn ihn. Er war zu Hauſe oft herriſch und zänkiſch, beſon⸗ wenn ders gegen ſeine Frau und ſtelite ſich dadurch in ein höchſt itete, unvortheilhaftes Licht neben dem guten, heitern Jakobi, Er 74 fühlte dieß auch und ärgerte ſich deßhalb über ſich ſelbſt, ſo wie über ſeine Frau, weil ſie immer weniger auf ſein Brummen zu achten ſchien und ſich durch Singübungen mit Jakobi zerſtrenen ließ. Dieſe Singübungen, die er ſelbſt hervorgerufen hatte, fingen ihm jetzt an gar zu über⸗ mächtig zu werden. Zänkereien ſchienen ihm ein angeneh⸗ merer Ohrenſchmaus zu ſein. Im Uebrigen befand er ſich jetzt in der lieblichen Gemüthsſtimmung, die ſich über Alles ärgern will, was man leicht, ja mit einem einzigen guten Worte aufhören laſſen könnte. Das Vorleſen, das er ſo eifrig anbefohlen hatte, wurde jetzt ſein zweiter Plagegeiſt. Eben jetzt hätte er Abends gerne etwas mehr von der Geſellſchaft ſeiner Frau gehabt und gewünſcht, daß ſie ſich für ſeine Unternehmungen und Widerwärtigkeiten intereſſire. Aber ſo oft er ins Geſell⸗ ſchaftszimmer kam, wurde dort entweder vorgeleſen oder muſicirt und wenn bei ſeiner Ankunft die Lektüre auch un⸗ terbrochen wurde, ſo entſtand merklich eine gewiſſe Stockung in den Gemüthern und die Unterhaltung wollte nicht recht vor ſich gehen. Wenn nun der Landrichter ſagte:„Fahret fort, fahret fort,“ und man dann fortfuhr, ſo war er ganz und gar nicht zufrieden, ſondern ging wieder in ſein Zimmer oder raste wie ein Donnerwetter auf und ab. Eben dieſes Schickſal, das wir ſo eben bezeichnet ha⸗ ben, lenkte es, daß der Landrichter eines Abends, als er ſeiner üblen Laune preisgegeben auf und abging, ein Billet erhielt, bei deſſen Anblick er einen Ausruf freudiger Ueber⸗ raſchung that. Nachdem er es durchleſen, ſagte er mit vieler Lebhaftigkeit:„Ei der tauſend, das iſt einmal ange⸗ nehm! Eliſe, die Oberſtin S., Emilie iſt da! Sie iſt heute Abend angekommen. Ich muß ſogleich zu ihr eilen; willſt du nicht mit, liebe Eliſe? Es wäre artig.“ „Ach, es iſt ſo ſpät!... Und ich glaube, es regnet. Kannſt du heute Abend nicht allein hingehen? Ich will morgen früh.. „Schon gut,“ ſagte der Landrichter abbrechend und eilte etwas beleidigt durch die Weigerung hinaus. und Dar ſiche lern laſſe den den auf peret deine her nicht ten 2 gut weni in al Gefü Bette ihres raube ſelbſt, if ſein ungen ie er über⸗ ene⸗ r ſich Alles guten vurde bends ehabt mund eſell⸗ oder un⸗ ckung recht ahret ar er ſein . tha⸗ ls er Billet eber⸗ mit ange⸗ ie iſt ilen; gnet. Ich und 75 Er kam erſt ziemlich ſpät von ſeinem Beſuch zurück und war ſehr belebt.„Sie iſt eine höchſt intereſſante Dame,“ ſagte er.„Meine beſte Eliſe, es würde dir ſicherlich großes Vergnügen machen, ſie näher kennen zu lernen.“ „Ach das glaube ich kaum,“ dachte Eliſe. „Sie ſpricht davon, ſich hier in der Stadt niederzu⸗ laſſen,“ fuhr der Landrichter fort,„und ich hoffe, wir wer⸗ den ſie vollends dazu beſtimmen.“ „Ach das will ich nicht hoffen,“ dachte Eliſe. „Wir wollen Alles thun, was wir können, um ihr den Aufenthalt hier angenehm zu machen. Ich habe ſie auf morgen Mittag eingeladen... „Auf morgen?“ rief Eliſe halb erſchrocken. „Ja auf morgen,“ antwortete der Landrichter etwas peremtoriſch.„Ich ſagte ihr, daß du ihr morgen früh deinen Beſuch machen wolleſt, aber ſie will durchaus vor⸗ her zu dir kommen. Wegen des Mittageſſens brauchſt du nicht unruhig zu ſein; Emilie wird von einem improviſir⸗ ten Mahle nicht viel erwarten— es kann jedenfalls ſo gut werden, wie irgend ein anderes, wenn man ſich ein wenig Mühe damit geben will. Ich hoffe, Emilie wird oft in aller Einfachheit bei uns vorlieb nehmen.“ Mit einem von unbeſtimmten, aber hoͤchſt unbehaglichen Gefühlen bedrückten Herzen ging Eliſe dieſen Abend zu Bette, dachte an das morgige Mittageſſen und träumte, ihres Mannes alte Flamme zünde das Haus an und be⸗ raube die ganze Familie ihres Obdaches. 76 Das improviſirte Mittageſſen. Ihr Hausfrauen, die ihr wißt, was ein Braten be⸗ deuten will, die ihr die Schwierigkeiten kennet, welche ſich zuweilen, beſonders bei einem improviſirten Eſſen häufen, denen es wohl bekannt iſt, daß trotz aller Begeiſterung des Verſtands und Willens— Begeiſterung wird zu jeder Improviſation gefordert— gleichwohl die Küchlein oder Haſelhühner ſich nicht dazu begeiſtern laſſen, angeflogen zu kommen und die wichtige Schüſſel vor dem Backwerk auszufüllen; ihr Hausfrauen, die ihr manchen langen Vor⸗ mittag in Speiſegedanken und Angſt zugebracht habt, ohne es zu wagen, den lieben Gott um Hülfe anzuflehen, ob⸗ gleich beſtändig in Verſuchung, es zu thun, ihr werdet an Eliſens Noth Theil nehmen, als ſie am Tage des wichti⸗ gen Mittageſſens die Uhr demnächſt auf zwölf ſtehen ſah und noch keinen Braten zu improviſiren vermocht hatte. Man wird vielleicht die Einwendung machen, ein impro⸗ viſirtes Mittageſſen könne auch ohne Braten vor ſich gehen. Wir geben es im Allgemeinen zu, läugnen es aber in Beziehung auf dieſes Eſſen, deſſen ganze Anordnung wir zur Bekräftigung unſeres Satzes anführen könnten, wenn wir uns nicht ſchmeichelten, man werde uns aufs Wort glauben. Ueberdieß war der Landrichter ein erklärter Lieb⸗ haber von Braten und Fleiſchſpeiſen überhaupt, was uns Fliſens peinliche Verlegenheit beſſer erklärt, als alles An⸗ dere. Um das Maß derſelben voll zu machen, fehlte es ihr gerade an dieſem Tage an Leuten und der Landrichter hatte in eigenen Geſchäften den Bedienten fortgeſchickt, der bei außerordentlichen Fällen immer Eliſens beſte Hülfe war. Die Köchin war heute verzweifelt confus, die Kinder ungebärdiger, als je: Eva und Leonore hat⸗ ten ſich gezankt, Petrea hatte ein Loch in ihr neues Kleid geriſſen; Heinrich ſchlug eine Flaſche und ſechs „ Glä und und an L ganz laute her als freun heure und Blick lachte Hofm in d Freut Dieſe und din, 1 Sach bei. K Noth ſen S lein d gieng ich ni dem 2 den A gehe i wird mein! über g he, h 6 Gäſte Geſchä 4 n be⸗ e ſich iufen, ig des jeder oder logen kwerk ohne ob⸗ et an ſah atte. pro⸗ ehen. rin wir wenn Wort Lieb⸗ uns An⸗ te es chter ickt, beſte fus, hat⸗ eues ſechs 77 Gläſer zuſammen, die Kleine ſchrie und weinte umſonſt und um Nichts. Und der Zeiger ſtand nahe auf zwölf und kein Braten wollte kommen. Eliſe war nahe daran, an Braten, Köchin, Mittageſſen, den Kindern und der ganzen Welt zu verzweifeln, als die Thüre ſich öffnete, ein lautes, freundliches:„Ergebenſte Dienerin!“ von derſelben her erſchallte und die Hofmarſchallin— ſie erſchien Eliſe als ein Engel des Himmels— mit ihrem ſtrahlendſten, freunvlichſten Geſichte im Zimmer ſtand, aus einer unge⸗ heuren Taſche ein Hühnlein nach dem andern hervorzog und ſie auf den Tiſch ſtellte, während ſie mit einem Blick auf Eliſe bei jedem einen Knir machte. Sodann lachte ſie herzlich. Eliſe umarmte entzückt zuerſt die Hofmarſchallin, dann die Hühner, mit denen ſie ſchnell in die Küche lief, worauf ſie zurückkam und vor der Freundin in der Noth Kummer und Dank ausſchüttete. Dieſe nahm herzlich Antheil und ſagte etwas gerührt und ſehr freundlich:„Nun, nun, meine herzliebſte Freun⸗ din, man muß nicht Alles ſo zu Herzen nehmen. Solche Sachen gehen vorüber, ja wahrhaftig, ſie ſind ſchnell vor⸗ bei. Hören Sie, ich will Ihnen etwas ſagen: Wenn die Noth am hochſten, iſt die Hülfe am nächſten. Vergeſ⸗ ſen Sie mir dieſes ja nicht. Ja, ja, ich ſah die Küch⸗ lein da auf einem Bauernwagen, als ich über den Markt gieng und da ich wußte, wie es hier ausſah, ſo war ich nicht faul, ſondern kaufte ſie und nahm ſie unter dem Mantel mit und habe mir vor lauter Eile beinahe den Athem ausgelaufen. He, he, he! Sehen Sie, jetzt gehe ich wieder meines Wegs, denn das liebe Frauchen wird ſich wohl ankleiden und ich auch. Adieu jetzt, mein liebes Elischen! Wünſche, daß das Eſſen gut vor⸗ über geht und die Kinder ſich ordentlich aufführen. He, e Gunille ging, die Mittagsſtunde kam„mit ihr die Gäſte und der Landrichter„der den ganzen Morgen in Geſchäften ausgeweſen war. Die Oberſtin war in hohem Grade elegant, ſah 78 gut und distinguirt aus, zeigte ſich äußerſt artig und zuvorkommend, allein gegen ihren Willen fühlte ſich Eliſe ſteif und ſtumm neben ihres Mannes„alter Flamme.“ Außerdem war ſie ſehr zerſtreut.„Wenn nur die Hühner gut gebraten werden!“ war der unaufhörliche Schlepp⸗ gedanke ihrer Seele, der ſich an den Pabſt und die St. Peterskirche, an Thorwaldſen, an die Paſta und an Alles, wovon die Rede war, anhing. Die Mittagsſtunde war gekommen, aber das Eſſen fehlte noch. Der Land⸗ richter, der von Andern dieſelbe entſetzliche Pünktlichkeit forderte, die ihm eigen war, fing an, ſein Mittagsſieber zu bekommen, wie Eliſe es nannte und warf ungeduldige Blicke bald auf die Thüre im Speiſeſaal, bald auf ſeine Frau, deren Lage wahrhaftig nicht beneidenswerth war. Sie bemühte ſich ruhig auszuſehen und flüſterte oft der kleinen Louiſe ins Ohr, die dann mit affectirter Geſchäf⸗ tigkeit aus⸗ und einlief. Ihre Unterhaltung, ſowohl die horbare, als nicht hörbare war in dieſem Augenblick fol⸗ gendermaßen beſchaffen: „Unendlich angenehm, Sie kennen zu lernen!.... (Ach wie unerträglich lange es anſteht!) Das muß ſehr intereſſant ſein!(Ich wuͤnſchte, Ernſt finge aufs Neue Feuer für ſeine„alte Flamme“ und vergäße das Eſſen!) Ja ſo. Ach, das iſt merkwürdig!(Nun könnten in Got⸗ tes Namen die Hühner einmal gebraten ſein!) Das arme Spanien!(Nun Gott ſei Dank, kommt endlich das Eſſen! Wenn nur die Hühner...)“ Und jetzt zum Mittageſſen! Ein Wort, das alle Geſichter erglänzen, alle Gemüther neu aufleben macht. Eliſe fing an die Oberſtin hochzuſchätzen, denn ſie unter⸗ hielt das Geſpräch hochſt lebhaft und Eliſe hoffte, dieß werde die Aufmerkſamkeit von den minder geglückten Gerichten ablenken. Der Landrichter war ein artiger und angenehmer Wirth und die Mittagsſtunde gehörte überhaupt zu ſeinen Lieblingsſtunden, da er gerne Jeder⸗ mann ſeinen guten Appetit, ſeine gute Laune und ſein gutes Mittageſſen mitgetheilt hätte, NB. wenn es gut war. Eliſe leicht ſchiet recht der 6 wider Tiſch im S in ih in d ſich e mit 6 und Manr im B ſie ſc war. Wort Auger den e woran und in nicht dem g tes u Sie n um d bezaub Louiſe denſche ſetzte ihre H ſtin ſe malige gen, il „ g und te ſich mme.“ Hühner chlepp⸗ ie St. nd an sſtunde Land⸗ lichkeit sfieber duldige f ſeine war. oft der eſchäf⸗ hl die ick fol⸗ ß ſehr Neue Eſſen 1) n Got⸗ s arme ch das alle macht. unter⸗ dieß glückten artiger gehörte Jeder⸗ ud ſein es gut — war. Im andern Fall litt ſeine Laune gewaltig darunter. Eliſe ſah während des Eſſens das eine und das andere leichte Gewölke über ihres Mannes Stirne ziehen. Doch ſchien er es ſelbſt zerſtreuen zu wollen und Alles ging recht gut, bis die Hühner kamen. Als der Landrichter, der gerne alte Sitten beibehielt, ſie tranchiren wollte, widerſtrebten ſie ſichtbarlich. Eliſen wurde über den Tiſch ein Blick zugeſandt, den ſie, wie einen Meſſerſtich, im Herzen fühlte. Nach dem erſten Schmerz regte ſich in ihr ein gewiſſer Verdruß über das gar zu Strenge in dieſem vorwurfsvollen Blich, ſo wie ein Bemühen, ſich gegen ein Unglück zu ſtählen, an dem ſie dießmal mit Schuld war. Sie wurde auf einmal ganz lebendig und geſprächig und ſah nicht ein einziges Mal ihren Mann an, der grimmig und ſchweigſam mit dem Meſſer im Braten und Schweiß auf der Stirne daſaß. Aber ſie ſchöpfte tief Athem, als das Eſſen glücklich vorüber war. Es verlangte ſie, ihrem Mann ein verſöhnendes Wort zu ſagen; allein er ſchien nur für die Oberſtin Augen und Ohren zu haben. Es hatte ſich zwiſchen Bei⸗ den ein lebhaftes und intereſſantes Geſpräch entſponnen, woran Eliſe gewiß viel Vergnügen gefunden haben würde und in das ſie ſich leicht hätte miſchen können, wenn ſie ſich nicht immer mehr niedergedrückt geſühlt hätte, weil ſie in dem ganzen Weſen und der Art ihres Mannes etwas Kal⸗ tes und Geringſchätziges gegen ſie zu bemerken glaubte. Sie wurde immer ſtiller und bläſſer. Alles ſammelte ſich um die glänzende Emilie. Auch die Kinder waren wie bezaubert. Heinrich reichte ihr eine ſchöne Blume, die er 7 Louiſe abgeſchmeichelt hatte. Petrea hatte eine Art Lei⸗ denſchaft für ihres Vaters„alte Flamme“ gefaßt, ſie ſetzte ſich auf einen kleinen Schemel neben ihr und küßte ihre Hand, ſobald ſie dieſelbe erreichen konnte. Die Ober⸗ ſtin ſelbſt wandte ſich beinahe ausſchließlich an ihren vor⸗ maligen Anbeter und ließ die Strahlen ihrer ſchönen Au⸗ gen, ihr zauberiſches Lächeln auf ihn ſpielen. „Das iſt ja lauter Freude und Wonne!“ dachte Eliſe, 80 „indem ſie eine ſich vordringende Thräne abwiſchte, aber ich will mir wenigſtens Nichts anſehen laſſen.“ Der Kandidat merkte dieß; ſchnell machte er ſich von dem Zauberkreis der Oberſtin, in den auch er mit den Andern gezogen worden war, los, ſetzte ſich mit der Klei⸗ nen auf ſeinen Knieen neben Eliſe und begann ein Mähr⸗ chen zu erzählen, das berechnet war, ſowohl das Kind, als die Mutter zu intereſſiren. Bald hatte er alle die Kleinen um ſich geſammelt; auch Petrea gab ihre„neue Flamme“ auf, um die merkwürdige Geſchichte des Kandi⸗ daten zu hören und Eliſe ſelbſt ergötzte ſich dermaßen daran, daß ſie für den Augenblick alles Andere vergaß. Das war es, was der Kandidat wollte, was aber dem Landrichter ganz und gar nicht gefiel. Er ging einen Augenblick hin, um zu hören, was die Aufmerkſamkeit ſeiner Frau ſo ganz in Anſpruch nahm und ſagte dann halblaut zu ihr: „Ich kann nicht begreifen, wie du an ſolchen Abge⸗ ſchmacktheiten eine Freude haben magſt. Auch ſehe ich nicht ein, welchen Nutzen es haben kann, die Kinder mit derartigem Zeug vollzuſtopfen.“ Endlich brach die Oberſtin auf und übergoß Fliſe mit einer Fluth von Artigkeiten, die ſie ſo gut als mög⸗ lich beantwortete. Der Landrichter, welcher der Oberſtin verſprochen hatte, ſie in eine der merkwürdigen Anſtalten der Stadt zu führen, folgte ihr. Die übrigen Gäſte zer⸗ ſtreuten ſich bald darauf. Die ältern Kinder gingen mit dem Kandidaten ins Lehrzinmer, um eine Lektion im Zeichnen zu erhalten; die jüngeren durften ſpielen. Pe⸗. trea wollte Gabriele bei ſich haben, die aus Rückſicht auf ein Pfefferkuchenherz nicht widerſtand und als Belohnung einen ganz kleinen Biſſen davon bekam. Eliſe ging auf ihr Zimmer. Die arme Eliſe! Sie wagte es in dieſem Augen⸗ blick nicht in ihr eigen Herz hinabzuſteigen; ſie fühlte ein Bedürfniß nicht zu denken, ein Bedürfniß, ſich ſelbſt und die ſtörenden Eindrücke, die ſich heute über ihre 1 Seele Sie ſe Ruhe Beſchä die ihr das B nem V vergeſſe bärmliec ihr die ſeins 1 Sie ſch ihr Au Leben 1 gingen Es wa Hauſe dern u ſäumte erweckte rauſche. als der Ei über ſei auf ſie erbärml ſchreiber kein Wr ſäumſt. bekümm Wünſche Es digen ur ſtrenge letzte ih ſagte ſie war nich Bre , aber ich von mit den rKlei⸗ Mähr⸗ Kind, Ule die „neue Kandi⸗ rmaßen vergaß. er dem einen ſamkeit te dann Abge⸗ ehe ich der mit Gliſe s mög⸗ Oberſtin nſtalten ſte zer⸗ en mit on im Pe⸗ cht auf ohnung ng auf Augen⸗ fühlte ſelbſt r ihre 81¹ Seele gehäuft hatten, ganz und gar vergeſſen zu können. Sie ſah jetzt eine freie Stunde, eine Stunde ungeſtörter Ruhe vor ſich und eilte zu ihrem Manuſcripte, um durch Beſchäftigung mit den reicheren Augenblicken des Lebens, die ihre Feder nach Gefallen hervorzuzaubern vermochte, das Bleigewicht dieſer armen, kleinen Momente, mit Ei⸗ nem Wort über der höheren Wirklichkeit die niedrigere zu vergeſſen. Das Gefühl des Leidens, das die kleinen Er⸗ bärmlichkeiten des Lebens ihr zu ſchmecken gaben, verlieh ihr die herrlichſten Ausdrücke für die Schönheit des Da⸗ ſeins und das harmoniſche Leben, das ihre Seele liebte. Sie ſchrieb und ſchrieb und ſchrieb, ihr Herz wurde warm, ihr Auge füllte ſich mit Thränen, die Worte glühten, das Leben wurde hell, die Zeit entfloh. Anderthalb Stunden gingen dahin. Jetzt ſchlug die Theeſtunde des Landrichters. Es war ihm ſo angenehm, wenn er um dieſe Zeit nach Hauſe kam, ſeine Frau im Familienzimmer, mit den Kin⸗ dern um ſich her, am Theetiſche zu finden. Eliſe ver⸗ ſäumte es auch ſelten, ihn es ſo finden zu laſſen, und jetzt erweckte ſie der Glockenſchlag ſieben aus ihrem Schreib⸗ rauſche. Sie legte ihre Feder weg und wollte aufſtehen, als der Landrichter eintrat. Ein ſtarker Ausdruck des Mißvergnügens breitete ſich über ſein Geſicht, als er ihre Beſchäftigung ſah. Er ging auf ſie zu und ſagte mit Härte:„Du gabſt uns heute ein erbärmliches Mittageſſen, Eliſe;— aber da das Roman⸗ ſchreiben deine Zeit ſo ſehr in Anſpruch nimmt, ſo iſt es kein Wunder, wenn du deine häuslichen Pflichten verab⸗ ſäumſt. Du wirſt dich im Uebrigen darum eben ſo wenig bekümmern, als du dich überhaupt um Erfüllung meiner Wünſche bekümmerſt.“ Es wäre Eliſe ein Leichtes geweſen, ſich zu entſchul⸗ digen und Alles ſogleich wieder gut zu machen, aber der ſtrenge Ton und das höhniſche Geſicht ihres Mannes ver⸗ letzte ihr Gefühl tief. Nicht ohne Stolz und Unmuth ſagte ſie:„Du mußt mit mir Geduld haben, Ernſt; ich war nicht gewohnt, allen unſchuldigen Genüſſen zu entſagen. Bremer, das Haus. 6 — 82 Meine Erziehung, meine früheren Verhältniſſe haben mich nicht darauf vorbereitet.“ Es war, als hätte man den Landrichter ins Auge ge⸗ ſtochen. Schärfer und härter, als je antwortete er:„Du hätteſt das bedenken ſollen, ehe du mir deine Hand gabſt, ehe du in einen ſo niedrigen und mühevollen Kreis herab⸗ ſtiegſt. Zetzt iſt es zu ſpät. Jetzt will ich Er ſchwieg plötzlich, denn er fühlte, daß ein Sturm in ſei⸗ nem Innern aufbrauste, vor deſſen Ausbruch er ſelbſt bange war. Er ging auf die Thüre zu, öffnete ſie und ſagte ruhiger, aber mit eiskaltem Blick und Ton:„Ich wollte dir ſagen, daß ich für das morgeſde Concert Bil⸗ lete genommen habe, wenn du hingehen willſt. Ich hoffte dich am Theetiſche zu finden, allein ich ſehe jetzt, daß gar nicht daran gedacht worden iſt. Es iſt ſo verlaſſen und öde im Zimmer, als ob die Peſt im Hauſe graſſirt hätte — mach dir jetzt keine Mühe, ich werde meinen Thee im Klubb trinken.“ Mit dieſen Worten warf er die Thüre zu und ging. Eliſe ſetzte ſich— ſie konnte wirklich nicht ſtehen— und verbarg ihr Geſicht in die zitternden Hände.„Guter Gott! Iſt es dahin gekommen? Ernſt, Ernſt, Ernſt! Welche Worte, welcher Blick! Und ich Uuglückſelige, was habe ich geſagt!“ Das waren Eliſens abgebrochene, nur halb klare Gedanken, während die Thränen über ihre Wangen ſtrömten. „Worte, Worte, Worte!“ ſagt Hamlet geringſchätzig. Aber Gott bewahre uns vor der zerſtörenden Macht der Worte! Es gibt Worte, welche die Herzen noch mehr tren⸗ nen als ſcharfe Schwerter, es gibt Worte, deren Spitze das Herz das ganze Leben hindurch ſtachelt. Eliſe weinte lange und heftig; ihre ganze Seele war in Aufruhr. In Augenblicken heftigen Kampfes nähern ſich dem ſtreitenden Menſchen böſe und gute Geiſter. Sie umgaben Gliſe und ſprachen alſo zu ihr: N dienſt die welch ſollte unter deine mach litten Nimr freunt Verg nere! die m Stun ſchoͤne wie k mit ſ der a verſöh ſüchti Liebes ſteiger wolke zerſtre Hauch welche chen hängt Pforte auf d en mich luge ge⸗ „Du d gabſt, s herab⸗ Er in ſei⸗ r ſelbſt ſie und „Ich ert Bil⸗ ch hoffte daß gar ſſen und rt hätte Thee im hüre zu ehen— „Guter Ernſt! ge, was b klare Wangen ſchätzig. cht der hr tren⸗ Spitze ele war ch dem mgaben 83 „Denke an deine Entſagungen, denke an deine Ver⸗ dienſte. Erinnere dich der vielen kleinen Ungerechtigkeiten, die du erlitten haſt; erinnere dich der bittern Stunden, welche die Härte deines Mannes dir bereitet hat. Warum ſollteſt du demüthig im Staube kriechen? Nein, erhebe dich, unterdrückte, erhebe dich, verunglimpfte Gattin! Denk an deine Würde, deine Rechte. Laß dich nicht zur Sklavin machen. Zeige Charakter. Laß ihn entgelten, was du ge⸗ litten haſt. Du kannſt ihn auch plagen, kannſt ihn ſtrafen. Nimm deine Zuflucht zu Nervenzuſtänden oder zur Un⸗ freundlichkeit. Gebrauche deine Macht und genieße das Vergnügen der Wiedervergeltung. Die guten. „Denke an deine Mängel, denke an deine Fehler. Erin⸗ nere dich all der Geduld, all der Güte und Zärtlichkeit, die man dir bewieſen hat. Denke an die manchen ſchönen Stunden. Denke an die Würde deines Mannes, an ſeine ſchoͤnen edlen Eigenſchaften: Denke auch an das Leben, wie kurz es iſt, wie manche unausweichliche Bitterkeit es mit ſich führt, wie manche, die vermieden und leicht wie⸗ der ausgeglichen werden kann, denke auch an die Alles verſöhnende Macht der Liebe. Fürchte die Feſſel ſelbſt⸗ ſüchtiger Gefühle. Befreie dich davon durch ein neues Liebesopfer und reinige den Himmel des Hauſes. Die auf⸗ ſteigende Wolke kann leicht zu einer zerſtörenden Gewitter⸗ wolke werden, ſie kann ſich aber auch ſpurlos in der Luft zerſtreuen. Blaſe, o blaſe ſie weg mit dem mächtigen Hauch der Liebe.“ Ein langes Lebensglück beruht nicht ſelten darauf, welchem von dieſen unſichtbaren Rathgebern man in ſol⸗ chen Augenblicken am Meiſten Gehör ſchenkt. Davon hängt es ab, ob ſich dem Menſchen ſchon auf Erden die Pforten des Himmels oder der Hölle öffnen. GEliſe hörte auf die guten. Sie ſprach lange mit ihnen und je mehr 1 84 reine Erinnerungen ſie in ihrer Seele heraufriefen, um ſo lichter wurde es darin. Das Licht der Liebe wurde in ihr angezündet und von ſeinem Schein wurde ſie hellſehend in mehreren Richtungen. Sie ſah jetzt, was ſie mit ihrem Roman anzufangen habe; es wurde ihr bei dieſer Offen⸗ barung ganz warm ums Herz. Sie wußte auch, daß es der letzte von ihrer Hand ſein mußte, und daß ihr Mann ſie nie mehr aus einem ſolchen Grunde am Theetiſch ver⸗ miſſen und ſeinen Thee im Klubb trinken ſollte.(Aber einſt ſollte er ſich doch mit dem ſündhaften Roman aus⸗ ſöhnen!) Und ein Mittageſſen wollte ſie für die Oberſtin bereiten, das ſämmtliche Mängel des improviſirten verwi⸗ ſchen ſollte und„und wenn Ernſt nur bald nach Hauſe kommt! Ich werde ſein Mißvergnügen zu bannen, werde ihn wieder gut zu machen ſuchen.“ Es war der Badetag der Kinder und die Botſchaft, daß die Stunde gekommen ſei, unterbrach Eliſens Einſam⸗ keit. Sie ließ Brigitte ſagen, ſie ſolle mit den Vorrich⸗ tungen beginnen und als ſie ſich mehr beruhigt und mit Roſenwaſſer die Spuren ihrer Thränen verwiſcht hatte, ging ſie ſelbſt ins Zimmer hinab. „Gott ſei gedankt für das Waſſer!“ war Eliſens Gedanke beim Anblick der Scene, der ſie hier begegnete. Die weichen, glänzenden Kinderleiber in dem klaren, lauen Waſſer, der Schein des Kaminfeuers auf ſie und die weißen Tücher, das Plätſchern und Jubeln der Kinder vor unendlichem Wohlbehagen, ihre unſchuldigen Spiele mit einander auf dem ruhigen Binnenſee der Badewanne, wo ſie ſich nicht ſcheuten, die ſtürmiſchſten Wogen zu er⸗ heben, ſelbſt Brigittens vergnügtes Geſicht unter der weißen Haube, ihre muntere Wirkſamkeit und ihr beſtän⸗ diges Geſchwatze von allerliebſten Alabaſterärmchen, Ala⸗ baſterfüßchen, Lilienbruſt u. ſ. w., während ſie Lilienbruſt und Alabaſterarm mit kaum weißrem Seifenſchaum über⸗ goß und dann in glänzende Tücher einwickelte, aus denen blos lebhafte, leuchtende, lebensluſtige Köpfchen hervor⸗ guckten und mit einander Verſteckens ſpielten, Alles dieß — „ vereit Eliſe danke nung bleibe gut r ſie lä unde trinke ihren zappe und ihre! aufzu ſich ſich i Lippe um ſ ſtreich Landr Bade briele am 2 nicht Man: Klubl tioner währe Beſuc Eliſe die 2 löſcht war 5 um ſo de in ſehend ihrem Offen⸗ aß es Mann h ver⸗ (Aber aus⸗ berſtin verwi⸗ nach annen, ſchaft, inſam⸗ orrich⸗ id mit hatte, Fliſens egnete. lauen nd die Kinder Spiele wanne, zu er⸗ der beſtän⸗ Ala⸗ enbruſt über⸗ denen err⸗ s dieß ——— 85 Lereinte ſich zu einem Gemälde voll Leben und Anmuth. Eliſe konnte es jedoch nicht vollkommen genießen; der Ge⸗ danke an das Vorgefallene, die Sehnſucht nach Verſöh⸗ nung mit ihrem Manne, die Furcht, er möchte lange aus⸗ bleiben und ſo mißvergnügt ſein, daß er lange nicht mehr gut werde, nahm ihre Gedanken in Anſpruch. Doch mußte ſie lächeln, als Gabriele allein ins Bad hinabgeſenkt wurde und außer ſich vor Schrecken rief:„Ich ertrinke! Ich er⸗ trinke!“ Um ſie zu beruhigen, umgab die Mutter ſie mit ihren weißen Händen und unter deren Schutz lachte und zappelte die Kleine bald, wie ein Fiſch im Waſſer. Ein Regen von Blumen überſtrömte plötzlich Mutter und Kind, Gabriele rief laut auf vor Freude und ſtreckte ihre Aermchen aus, um die Levkoien, Roſen und Nelken aufzufangen, die über und um ſie herumfielen. Eliſe wandte ſich verwundert um, und ihre Verwunderung verwandelte ſich in das wonnigſte Freudegefühl, als ihre Stirne Ernſts Lippen begegneten. „Ah, du biſts,“ rief Eliſe, indem ſie ihre Arme innig um ſeinen Hals ſchlang und mit den Händen ſeine Wange ſtreichelte.„Ich werde von all dem recht naß,“ ſagte der Landrichter lächelnd, entzog ſich aber ſeinem Antheil am Bade nicht, ja er ſenkte ſogar ſeinen Kopf zur kleinen Ga⸗ briele hinab, küßte ſie und ließ ſich von ihr beplätſchern. „Gott ſei T Dank Alles iſt wieder gut! Vielleicht iſts am Beſten, man erwähnt die unangenehme Geſchichte gar nicht mehr, dachte El ſſe, indem ſie ſich anſchickte, i Mann ins Geſellſchaftszimmer nachzufolgen. Der Landrichter hatte bei ſeinem ſchlechten Thee im Klubb mit unſichtbaren Sprechern bis auf einige Varia⸗ tionen ungefähr dieſelbe ltung geführt, wie Eliſe während ſeiner Abweſenheit. Die Folge davon war ſein Beſuch in der Barſtube, der Blumenregen(von dem für Eliſe mitgebrachten Strauße) und der Verſöhnungskuß, der die Bitterkeit all der verletzenden Worte aus⸗ loͤſchte. Er fühlte jetzt ſehr wohl, daß Alles wieder gut war⸗ daß Ethſes ſanftes, nachgiebiges Gemüth nicht * 86 forderte. Aber vielleicht gerade deßwegen war er um ſo unzufriedener mit ſich. Ihre rothen verweinten Augen tha⸗ ten ihm weh, beſonders da ſie ihn ſo freundlich anblickten; er fühlte, daß er die Macht, welche die Umſtände ihm über ſeine Gattin gegeben, mißbraucht hatte, er fühlte, daß er hart gegen ſie geweſen war; deßhalb hatte er kei⸗ nen Frieden mit ſich ſelbſt, deßhalb empfand er das Be⸗ dürfniß ein Wort auszuſprechen— ein Wort, das ſchwer über männliche Lippen kommt, das zu ſcheuen aber Ernſt Frank zu männlich ſtark war. Als daher Eliſe hereinkam, reichte er ihr die Hand und ſagte mit der Innigkeit, die ſeinen Ernſt auszeichneten: „Verzeih mir Eliſe! Ich war heute hart, ja unver⸗ nünftig gegen dich.“ „O verzeih mir Ernſt!“ ſagte Eliſe tief gerührt, in⸗ dem ſie die dargereichte Hand an ihre Bruſt zog und— — verdammt ſeien alle Friedensſtörer in der Welt! Ein ſolcher trat eben jetzt herein und löste, was ſich ſo warm an einander ſchließen ſollte. Es war ein Bote von der Oberſtin mit einem Billet und einem Buch an den Land⸗ richter, nebſt zwei Fläſchchen ausgeſuchtes Roſenwaſſer für Eliſe,„von der ich weiß,“ ſchrieb die Oberſtin,„daß ſie dieſen Wohlgeruch ſehr liebt.“ Eine Röthe ſtieg dem Land⸗ richter in die Wangen, als er dieſes las und er theilte das Billet Eliſe nicht mit. „Eine höchſt artige und intereſſante Dame,“ ſagte er, „ich werde ſogleich antworten.“ Erſt,“ ſagte Eliſe,„wollen wir ſie nicht auf mor⸗ gen Mittag einladen? Ich habe an einige gute Gerichte gedacht, die hoffentlich recht ausfallen werden. Dann wol⸗ len wir zuſammen ins Concert gehen und nachher kann ſie mit uns ſoupiren.“ „Nun das war eine gute Idee. Dafür danke ich dir, meine liebe Eliſe,“ ſagte der Landrichter außerordentlich vergnügt. Ja wenn die Oberſtin nicht geweſen wäre, wenn der Kandidat nicht geweſen wäre und wenn kein Wind dapwi⸗ ſchen gewe Frat liche die Lant und Anb lich ſtolz liche nen unte ließ, lich mer dem wen Em Inte Allg die ſich ihre eine der ſie um Zeu 4 um ſo en tha⸗ lickten; de ihm fühlte, er kei⸗ as Be⸗ ſchwer r Ernſt einkam, it, die uner⸗ hrt, in⸗ und— Ein o warm von der n Land⸗ ſſer für „daß ſie n Land⸗ r theilte ſagte er, uf mor⸗ Gerichte inn wol⸗ kann ſie ich dir, rdentlich venn der d dazwi⸗ 87 ſchen gekommen wäre, ſo wäre jetzt Alles auf gutem Wege geweſen. Aber es war nun anders und Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Zu viele chaotiſche Elemente hatten ſich innerhalb der Frank'ſchen Familie geſammelt, als daß ein einziger freund⸗ licher Sonnenblick ſie hätte entwirren können. Auch waren die Gatten über ſich ſelbſt keineswegs im Klaren. Der Landrichter war wirklich entzückt über ſeine frühere Geliebte und die ſchöne Oberſtin that Alles, um ihren ehemaligen Anbeter in Bande zu ſchlagen. Frank war gegen jede deut⸗ lich ausgeſprochene und direrte Schmeichelei ſo kalt, ja ſo ſtolz wie Einer dageſtanden, aber gegen die feine, unmerk⸗ liche, die Emilie anwandte, indem ſie ſich mit ihren eige⸗ nen ausgezeichneten Geiſtesgaben ſeiner höheren Intelligenz unterordnete und ſich von ihm aufklären und unterrichten ließ, gegen dieſe war er nicht geſtählt.„Eine außerordent⸗ lich liebenswürdige und intereſſante Damez“ dachte er im⸗ mer lebhafter, obgleich er es nur ſelten äußerte. Daß in demſelben Maße, wie er Emilie intereſſant fand, Eliſe es weniger für ihn wurde, war natürlich, zumal da er bei Emilie das fand, was er bei ſeiner Eliſe oft vermißte, ein Intereſſe für ſeine ſtaatsbürgerliche Wirkſamkeit und im Allgemeinen für die damit zuſammenhängenden Gegenſtände, die ihn aufs Lebhafteſte beſchäftigten.. Eliſe ihrerſeits war weder klar noch ruhig; ſie fühlte ſich unglücklich durch das Verhältniß, das ſich zwiſchen ihrem Manne und Emilie entſpann und fand eine Art Troſt, eine Art Wohlbehagen in der Ergebenheit Jakobis, obgleich der leidenſchaftliche Charakter, den ſie mitunter annahm, ſie ernſtlich zu beunruhigen anfing. Ein Brief, den ſie um dieſe Zeit an ihre Schweſter Cäcilie ſchrieb, mag Zeugniß von ihrer Gemüthsſtimmung ablegen. 88 „Ich habe dir lange nicht geſchrieben, Cäcilie; ich weiß nicht recht, warum, ich weiß nicht recht, wie es mit mir, wie es überhaupt ſteht. Alles iſt ſo unerquick⸗ lich, ſo unklar. Ich wollte, es klärte ſich auf! Du mußt wiſſen, ſie iſt ſehr ſchön, dieſe„alte Flamme“ Ernſts, ſehr glänzend. Ich glaube, ich⸗ bin eiferſüchtig auf ſie. Ge⸗ ſtern war ich bei einem großen Souper, zum erſtenmal ſeit mehreren Jahren. Ich hatte mich mit vieler Sorg⸗ falt gekleidet; ich hatte Blumen im Haare; ich wünſchte Ernſt zu gefallen. Ich war ſehr zufrieden mit mir, als ich hinfuhr. Ernſt konnte erſt ſpäter kommen. Ich traf die Oberſtin S. ſchon in der Geſellſchaft. Sie war ſchön und äußerſt elegant. Man placirte mich neben ſie. Vor uns war ein Trümeau; ich warf einen verſtohlenen Blick hinein und ſah darin vor mir— einen Schatten. Ich hielt es zuerſt für ein Blendwerk, ſah wieder in den Spiegel, aber wieder und unbarmherzig zeigte er mir ein bleiches Schattenbild neben der ſchönen, blühenden Emi⸗ lie. Es iſt vorbei, dachte ich jetzt, unwiderruflich vorbei mit meiner Jugend, meiner Blüthe! Wenn nur mein Mann und meine Kinder mich lieben! dann kann ich Jugend und Schönheit entbehren. Aber ich mußte aufs Neue den Schatten im Spiegel anſehen und wurde ganz ehmüthig darüber. Emilie warf ebenfalls Blicke hin⸗ ein und ſtellte Vergleichungen an, aber ſichtlich mit an⸗ dern Gefühlen, als ich. Da kam Ernſt. Ich ſah, daß auch er uns verglich. Er war dieſen Abend ſehr mit Emilie beſchäftigt. Ich fühlte mich krank; ich ſehnte mich ſo herzlich, meinen Kopf an ihn lehnen zu können — aber er naherte ſich mir nicht. Vielleicht glaubte er, ich ſei übler Laune;— vielleicht ſah ich auch ſo aus. Ach ich fuhr vor dem Souper nach Hauſe; er blieb zu⸗ ruck. Als ich mich in dem unbehaglichen Miethwogen allein auf den öden Straßen rütteln ließ, da beſchlich mich ein Gefühl von Traurigkeit, das ich nicht beſchrei⸗ ben kann. Einige bittere Gevanken wurden in meiner Seele aufgeſchüttelt— es bangte mir ſelbſt davor. Un⸗ — „——„. ter de mich meiner Abend angeſck ſchaft, ſich ge ſchen? die ſch ben. ohne c abzuſti blicke Licht 1 beunru mir. wenn nem L Blick Doch. kann: einigen ungem Kinder durchat den. ich wil machen hinſetze über m vie es quick⸗ mußt „ſehr Ge⸗ enmal Sorg⸗ nſchte als traf ſchön Vor Blick Ich den r ein Emi⸗ orbei mein ich aufs ganz hin⸗ an⸗ daß mit ehnte nnen e er, aus. zu⸗ ogen hlich hrei⸗ einer Un⸗ 89 ter der Hausthüre empfing mich Jakobi. Er hatte auf mich gewartet und wollte mir allerhand Erfreuliches von meinen Kleinen ſagen; er ſchien meine Gefühle an dieſem Abend geahnt zu haben; er hatte meine Lieblingsfrüchte angeſchafft, um mich damit zu erquicken; ſeine Freund⸗ ſchaft, ſeine Ergebenheit belebten mich. Es iſt ſo wonnig, ſich geliebt zu ſehen!“ „Jede innigere Berührung, jede neue Verbindung zwi⸗ ſchen Menſchen hat ihre Gefahr, ihre Verſuchung; ſelbſt die ſchönſte, die edelſte kann ihre bedenkliche Neigung ha⸗ ben. O wie ſoll man da helfen? Wie ſoll man befreien, ohne aufzulöſen, wie das Gift wegſchaffen, ohne die Spitze abzuſtumpfen? O Cäcilie, ich bedürfte in dieſem Augen⸗ blicke einer Freundin, ich bedürfte deiner, ich ſollte bei dir Licht und Kraft gegen meine eigene Schwachheit, gegen beunruhigende Umſtände ſuchen. Ich bin unzufrieden mit mir. Ich bin unzufrieden mit..„Ach er allein könnte, wenn er wollte, Alles noch gut machen.“ „O Cäcilie! Dieß iſt eine neblichte Stunde in mei⸗ nem Leben. Verkündet ſie Tag oder— Nacht? Mein Blick iſt trübe;— ich ſehe meinen Weg nicht mehr. Doch. ich will mich an den wenden, welcher ſagen kann:„Es werde Licht!“ „Jetzt iſt es beſſer und klarer. Gott ſei Dank!, In einigen Stunden iſt dieſer Tag vorbei. Ich ſehne mich ungemein darnach. Wir haben heute Abend einen kleinen Kinderball bei uns. Emilie kommt auch. Es will ſich durchaus kein rechter Annäherungepunkt zwiſchen uns fin⸗ den. Sie iſt mir zu kalt, zu witzig und zu„ Aber ich will mein Beſtes thun, um eine recht gute Wirthin zu machen. Und wenn der Tag zu Ende iſt, will ich mich hinſetzen, will meinen ſchönen Knaben ſchlafen ſehen und über meinen Kleinen glücklich ſein.“ Das Ende des Tages. Der Abend kam, mit ihm die Lichter und die Gäſte. Es lag heute eine große, entſagungsvolle Liebenswürdig⸗ keit in Eliſens Weſen. Sie war beinahe herzlich gegen die Oberſtin, ſorgte für Aller Behagen, ſpielte das For⸗ tepiano zum Tanz der Kinder und ſchien nur da zu ſein, um allen Andern zu dienen. Die ſchöne Emilie dagegen dachte an ſich, war lebhafter und glänzender als je und ſammelte, wie gewöhnlich, alle Herrn um ſich. Die Un⸗ terhaltung war lebhaft in dieſer Gruppe. Sie hatte ſich von der Politik auf die Literatur geſpielt und war einen Augenblick beim Theater ſtehen geblieben, indem Emilie die Schauſpielfabrik der Herren Seribe und Mellesville eben ſo lebhaft als trefflich charakteriſirte.„Im Uebrigen,“ fügte ſie hinzu,„iſt es klug und vernünftig, daß die Bühne ſich immer beeilt, den Vorhang fallen zu laſſen, ſobald ſie ihren Helden und ihre Heldin zum Altar geführt hat. Der Roman thut daſſelbe ebenfalls ganz vernünftigerweiſe; zöge er ſich länger hinaus, ſo könnte ihn Niemand leſen.“ „Wie ſo?“ fragte der Landrichter plötzlich ernſthaft. „Weil,“ antwortete Emilie, jenſeits dieſes goldnen Augenblicks die Illuſionen des Lebens erlöſchen und ſeine Wirklichkeit in ihrer ganzen Schwere und Nacktheit her⸗ vortritt. Betrachten Sie einmal ein junges Paar in der Morgenröthe ſeiner Verbindung! Wie warm iſt da nicht die Liebe, wie durchdringt und verſchönt ſie nicht Alles, wie flammt und wie ſpricht ſie nicht in Blicken, Wor⸗ ten und anmuthigem Benehmen! Wie verwandelt ſich nicht das ganze Leben bei ihrem Glanze in Poeſie!„Du, du!“ iſt der einzige Gedanke bei den jungen Leutchen. Aber betrachten Sie einmal daſſelbe Paar einige Jahre ſpäter. Ich, ich und mein Wunſch!“ heißt es jetzt. Der anbetende, Alles gebende Liebhaber iſt der fordernde Ehe⸗ herr Und! ſchwe Nicht Mägt die S Liebe vor e darau ſchaft Willſ Kleid Paul Pelz ein„ ſanter des„ die K und e Glück legen die L harrl zu of übrig dem Vern baum hatte Land: und der d 91 herr geworden, der bedient ſein und Gehorſam ſehen will. Und die liebevolle, Alles opfernde Braut hat ſich in die ſchwerfällige, bekümmerte Hausmutter verwandelt, die von Gäſt Nichts als Mühen, ſchlechten Sulzen und nachläßigen Siſ Mägden ſpricht. Und welche Mittheilungen füllen jetzt üchig⸗ die Stunden der tèts-à-tèets?„Ei der Tauſend, meine S Liebe, iſt die Butter ſchon zu Ende? Ich habe ja erſt or⸗ vor ein paar Tagen Geld zu Butter hergegeben. Du mußt darauf ſehen, daß die Köchin beſſer mit der Butter wirth⸗ gßeen ſchaftet. Ich kann eine ſolche Verſchwendung nicht dulden. j üid Willſt du noch was?“ e i⸗„Ja mein Lieber. Ich und die Kinder brauchen neue te ſich Kleider. Des kleinen Peters Rock iſt ganz zerriſſen und Ginilie Paul iſt aus dem ſeinigen hinausgewachſen. Mein alter ierille Pelz kann auch nicht in Ewigkeit währen.“ c„Jetzt muß man noch Gott danken, wenn nicht irgend et ein wirklicher, abgeſchmackter Streit aus ſolchen intereſ⸗ Bühne ſanten Mittheilungen entſteht und in der glückſeligen Ruhe ſobald des Hauſes nur freudloſes Gähnen den Platz ausfüllt, den rt hat. die Küſſe verlaſſen haben. Die Krämpfe, Peinlichkeiten tweiſez und Schwierigkeiten des häuslichen Lebens verzehren das emand Glück der Ehe, wie der Wurm die Blume verzehrt; ſie legen Säure und Bitterkeit in die Gemüther und wenn thaft. die Leutchen auch bis zu ihrer Todesſtunde einander be⸗ oldnen harrlich mein liebes Kind“ nennen, ſo heißt es doch gar d ſeine zu oft in petto:„Du langweiliges Geſchöpf.“ Dieß iſt t her⸗ übrigens auch ganz natürlich und die Ehe folgt hier bloß in der dem ewigen Naturgeſetz für alle irdiſche Eriſtenz. Alle nicht Formen des Lebens tragen den Keim ber Auflöſung und Verweſung in ſich und ſelbſt an der Wurzel des Welt⸗ baumes nagt eine giftige Schlange.“ t ſich Mehrere von den Zuhörern, worunter der Kandidat, „Du, hatten laut gelacht über die Skizze der Oberſtin. Der utchen. Landrichter aber hatte nicht einmal den Mund verzogen Jahre und als ſie zu Ende war, antwortete er mit einem Ernſt, der den Spott auf ihren Lippen verſtummen machte: eEhe⸗„Wäre dem ſo, Emilie, ſo wäre das Leben ſelbſt in ſeinen Glanzpunkten wenig werth. Mit Recht könnte man ſie dann Illuſionen nennen. Aber es iſt nicht ſo und Sie haben die Ehe nur in ihrem niedrigſten, nicht in ihrem beſſern, nicht in ihrem wahrſten Verhältniß ge⸗ ſchildert. Ich läugne nicht, daß ſie, wie alle Zuſtände des Lebens auch ihre Schwierigkeit hat, aber ich bin überzeugt, daß dieſe überwunden werden müſſen und kön⸗ nen, ſo bald die Leute nur die rechte Geſinnung und ein gutes Gemüth mit ins Haus bringen. Und dann— möge Mangel, mögen Kümmerniſſe, mögen ſtörende, ja bittere Augenblicke kommen, ſie werden auch vorübergehen, die Bande der Liebe und Treue werden trotz ihnen, ja ſogar durch ſie erſtarken. Sie haben von Auflöſung und Tod, als dem Ende des Lebensdramas geſprochen, Emilie. Sie haben die Auferſtehung, die Verjüngung vergeſſen, von welcher auch die altnordiſche Wala ſingt. Das eheliche Leben hat, wie jedes Leben, eine ſolche Verjüngung, ja eine fortgehende, indem es ſich auf das Eine, Ewige gründet. Und jeder durchgemachte Kampf, jede überſtan⸗ dene Gefahr, jeder erlittene Schmerz verwandelt ſich dann in einen Segen über das Haus, über die Gatten, die nur tiefer in einander eingegangen, nur inniger ſich ver⸗ bunden haben.“ Der Landrichter hatte mit ungewöhnlicher Wärme und nicht ohne gewiſſe Gemüthsbewegung geſprochen. Sein ausdrucksvoller Blick ſuchte und begegnete dem Blicke Fliſens. Sie hatte ſich unbemerkt den Redenden ge⸗ nähert; mit ſtechendem Schmerz hatte ſie Emiliens bittre Satire gehört; ſie fühlte, daß etwas Wahres daran war. Als aber der Lanvrichter ſprach, da fühlte ſie, daß er die ganze Wahrheit erblickte, ihr Herz ſchlug freier und ſtärker, es wurde mit einem Male klar in ihrer Seele. Den Kopf vorwärts geneigt, mit einem Blick voll Zärtlichkeit und Vertrauen ſah ſie ihn an, ſich ſelbſt vergeſſend und begierig jedem Wort von ſeinen Lippen lanuſchend. In dieſem Augenblick begegneten ſich ihre Augen. Es lag viel, unaus ſprechlich viel in dieſem Blicke. Eine lichte Freude ſchön! ihr W ihren a machte ſchöne Augen den G dem 2 linas A alten nicht e bedeute „ zen, mit vie ner Ti Gabrie Ritterl unterhi 6 Unterri zoſen, frage e men he beſſeres Erſtern weſen 1 D cken un benswi 9 — moraliſ dicken, Confect Blick h könnte cht ſo nicht iß ge⸗ ſtände h bin ön⸗ nd ein möge bittere „ die g und milie. geſſen, Das gung, Ewige erſtan⸗ dann die h ver⸗ Lärme ochen. Blicke n ge⸗ bittre war. aß er un .Den ichkeit d und ü s lag lichte Freudenröthe ſtieg in Eliſens Wange auf und ſie wurde ſchön davon. Die milde Freudigkeit, die jetzt auf einmal ihr Weſen belebte, verbunden mit ihrem ſchönen Wuchſe, ihren anmuthsvollen Bewegungen, der Reinheit ihrer Stirne, machte ſie zu einem weit einnehmenderen Weſen, als die ſchöne Oberſtin. Der Landrichter folgte ihr oft mit den Augen, während ſie freundlich und aufmerkſam ſich mit den Gäſten beſchäftigte oder mit der kleinen Gabriele auf dem Arm am Tanze der Kinder Theil nahm, wozu Eve⸗ linas Pflegtöchter vierhändig ſpielten. Auf einmal fühlte er ſich ziemlich kühl neben ſeiner alten Flamme und wurde auch von dem ſcharfen Tone nicht eben erwärmt, womit der liebkoſenden, kleinen Petrea bedeutet wurde, ſie ſolle nicht ſo zudringlich“ ſein. „Unſer Louischen wird mit der Zeit recht gut tan⸗ zen,“ bemerkte der Landrichter gegen ſeine Frau, indem er mit vielem Wohlbehagen die Brisés und Chassés ſei⸗ ner Tochter betrachtete, während der zwölfjährige Nils Gabriel Stjernhoͤk mit vielem Ernſt und einer gewiſſen Ritterlichkeit ſeine Dame herumſchwenkte und ſich mit ihr unterhielt. Inzwiſchen ertheilte die Hofmarſchallin der Oberſtin Unterricht über den Charakter und die Sitten der Fran⸗ zoſen, und Emilie, die nach der Abhandlung der Eheſtands⸗ frage einen gewiſſen bitteren Zug in ihr Geſicht bekom⸗ men hatte, machte mit ziemlicher Schärfe im Ton ihr beſſeres Wiſſen geltend, wurde aber nachdrücklich von der Erſtern zurechtgewieſen, die— niemals in Frankreich ge⸗ weſen war. Der Kandidat folgte Eliſe überall mit liebenden Bli⸗ cken und ſchien dieſen Abend ganz entzückt von ihrer Lie⸗ benswürdigkeit. „Pfui, ſchäme dich, alles Confect allein zu nehmen!“ moraliſirte Louischen einen von den kleinen S., einen dicken, ruhigen Jungen, der mit derſelben ſtoiſchen Ruhe Confect und Predigt hinnahm. Louischen warf ihm einen Blick hoher Indignation zu und gab von ihrem eigenen 94 Antheil einem kleinen Mädchen, das ſich beklagte, Nichts bekommen zu haben. Das Souper kam. Emilie, deren Augen von einem ungewöhnlichen Glanz ſtrahlten, ſchien mit Gewalt das Intereſſe wieder gewinnen zu wollen, das ſie vielleicht bald zu verlieren ahnte und ihre witzige, ſpielende Unterhaltung wirkte elektriſirend auf die Geſellſchaft. Jakobi, der un⸗ gewöhnlich munter war, trank ein Glas Wein ums an⸗ dere, ſprach und lachte ſehr laut und ſah dazwiſchen⸗ hinein Eliſe mit Blicken an, die unzweideutig ſeine Ge⸗ fühle verriethen. Dieſe Blicke waren nicht die erſten der Art, die von dem ſcharfen Auge der Oberſtin aufgefangen wurden. „Der junge Mann dort,“ ſagte ſie mit einem Blick auf Jakobi leiſe und bedeutungsvoll zum Landrichter,„der junge Mann dort ſcheint recht artig zu ſein;— er beſitzt wirklich ausgezeichnet angenehme Gaben;— iſt er nahe verwandt mit Eliſe?“ „Nein,“ ſagte der Landrichter und ſah ſie etwas ver⸗ wundert an,„aber er iſt ſeit drei Monaten Mitglied un⸗ ſerer Familie.“ „So, ſo, ſo,“ ſagte die Oberſtin abſichtsvoll und ernſt.„Ich hätte geglaubt. im Uebrigen—“ fügte ſie ſcheinbar nachläſſig hinzu—„iſt Eliſe wirklich ſo ſreundlich und liebenswürdig, daß es einem, der täglich um ſie iſt, ſchwer fallen muß, ſie nicht zu lieben.“ Der Landrichter fühlte den Schlangenſtich, ſagte aber mit einem Blick, worin der Funke edlen Unwillens brannte, zu ſeiner ſchönen Nachbarin:„Sie haben Recht, Emilie. Ich kenne wirklich keine Frau, die mehr Achtung und Liebe verdient, als ſie.“ Die Oberſtin biß ſich in die Lippe und erblaßte; ſie würde noch bläſſer geworden ſein, wenn ſie das Gefühl gewußt hätte, das jetzt in der Bruſt ihres vormaligen hatte ein ſcharfes Auge für moraliſche Niedrigkeit, und wo dieſe ſich kundthat, waren keine Geiſtes⸗ oder Natur⸗ Bewunderers gegen ſie erwacht war. Der Landrichtrr 3 gaben liens 8 dieſem war ſei ſeine B merkte, wich. 3 zuckte ſ — urde Sarkaſt bei der Aſſeſſor Leute g beſeſſen man v zurück. „ Aſſeſſor Eliſe ei nach de eines v „Töne, und die ten mit allen ih eterna mehrme Geſang wiederh Hände ſter fole zu breck rührten Er erregte. Worte, ſein ſchl Nichts einem lt das ht bald haltung er un⸗ ms an⸗ viſchen⸗ ne Ge⸗ ſten der efangen n Blick r„der r beſitzt r nahe as ver⸗ ied un⸗ U und “ fügte klich ſo täglich te aber brannte, Emilie. nd Liebe te; ſie Gefühl maligen drichtrr it n Natur⸗ . 95 gaben mächtig genug, ſie zu bemänteln. Er begriff Emi⸗ liens Abſicht und verachtete ſie deßhalb, ſie wurde in dieſem Augenblick häßlich in ſeinen Augen. Inzwiſchen war ſeine Ruhe geſtört. Er ſah Jakobi an und merkte ſeine Blicke, ſeine Gefühle. Er ſah auf Eliſe und be⸗ merkte, daß ſie unruhig war, daß ſie ſeinen Augen aus⸗ wich. Ein fürchterliches, krampfähnliches Gefühl durch⸗ zuckte ſeine Seele. Um ſeine Empfindungen zu verbergen, vurde er lebhaft. Aber es lag etwas Ernſtes, Hartes, Sarkaſtiſches in ſeinen Worten, was jedoch die Meiſten bei der allgemeinen Munterkeit nicht bemerkten. Nie war Aſſeſſor Munter ſo munter, ſo luſtig grob gegen alle Leüte geweſen. Die Hofmarſchallin und er ſchrieen wie beſeſſen über einander her. Noch im vollen Streit ſtand man vom Tiſche auf und kehrte ins Geſellſchaftszimmer zurück. Muſik! Ums Himmelswillen, Muſik!“ rief jetzt der Aſſeſſor mit verzweifelter Geberde und die Oberſtin und Eliſe eilten ans Fortepiano. Es war ſehr wohlthuend nach den ſchreienden und gellenden Stimmen auf einmal eines von Blanginis melodiſchſten Notturni zu hören, Töne, die Italiens Himmel eingegeben zu haben ſchien und die der Seele eine Ahnung von ſeinen Sommernäch⸗ ten mit ihren Blumenwieſen, ihrer Liebe, ihren Geſängen, allen ihren tnausſprechlichen Genüſſen einflößen.„Un' eterna consunza in amor“ waren die Worte, die mehrmals wiedecholt unter den lieblichſten Biegungen den Geſang ſchloſſen.„Un' eterna constanza in amor“ wiederholte der Kandidat leiſe und leidenſchaftlich, die Hände an ſein Jerz gedrückt, indem er Eliſe an ein Fen⸗ ſter folgte, wohit ſie ging, um für die Oberſtin eine Roſe zu brechen, und als Eliſens Hand die Roſe berührte, be⸗ rührten Jakobis Lppen ihre Hand. Emilie ſang och ein Lied, das allgemeines Intereſſe erregte. Nur der aandrichter ſtand ſtill und düſter da. Worte, die dieſen Aund geſprochen worden waren, hatten ſein ſchlummerndes Behußtſein geweckt und bei dem Blick, Mnh— 96 i akobi ihm, als den er jetzt auf Eliſe und Jakobi warf, war es ihm, bebte die Erde unter ſeinen Füßen. Er ſah, was am Fenſter vorging und ſchnappte nach Luft. Ein Sturm er⸗ hob ſich in ſeiner Bruſt. Als er ſeine Augen wegwandte, begegneten ſie zwei andern, die mit einem forſchenden, durchdringenden Ausdruck auf ihn gerichtet waren. Es waren die des Aſſeſſors. Ein ſolcher Blick wäre in dieſem Momente von jedem Andern Gift für ihn geweſen, von Jeremias Munter wirkte es anders. Als der Land⸗ richter unmittelbar darauf ſeinen Freund etwas auf 3½ Papierſtreifen ſchreiben ſah, ging'er zu ihm hin und la über ſeine Schulter die Worte: fin ſieheſt du den Splitter in deines Pie und wirſt nicht gewahr des Balken in deinem Auge? „Geht dieſes auf mich?“ fragte der Landrichter mit edämpfter, heftig bewegter Stimme. „Ja,“ lautete die Antwort in vemſelben Tone Der Landrichter nahm das Papier und ſteckte e einen Buſen. Er wurde blaß und ſtill und ſchaute in ſich hin ab. Die Geſellſchaft brach auf. Der Landyichter verſprochen, die Oberſtin nach Hauſe zu e ſ aber jetzt kalt und ſtumm, wie eine Eisſäul⸗ ne* alten Flamme, die munter mit ein Paar Herrn he 4. während ihr Bedienter ihr die Pelſſchuh anzog 4 Hofmarſchallin und der Aſſeſſor haderten 2 auf e*. ten Augenblick. Während deſſen ging 8 der etwas bei Seite ſtand und ſagte mit ge er Stimme zu ihm:„Ich will mit Ihnen und er⸗ warte Sie, wenn Alles fort iſt, im Geſ ſha ie Jakobi verbeugte ſich; ite Rh glühte auf ſei⸗ angen. Der Landrichter warf eu, n Seite hin und ſtrich nit der Hund über ſ Wrie Frau Gunille nit gellender Stimme und floßwiſe, vich ſche meine Mitrenſchen gerne und es s in ſelbſt hatte aber durchdringenden machten Mein E ſo bin i ſich auf muß ni wahreen und der gefallen wenn m ſchneidet das nich das iſt allein e ich habe nie, ich viele M weiß mi Gle übertöne geringſte leben? ſellſchaft zu ſein, culirt u— man füh nicht wit Weile ur bewahrhe men, di Streben kränkliche Stellung Nun jetz Franenzi „Es war der der Hofn Bre n, als am m er⸗ mte, emmnm, . Es dieſem aber Land⸗ f einen nd las Auge e?“ ter mit e. e es in h ſelbſt hatte „ſtand n ſeiner ſcherzte, ie den letz⸗ Jakobi, dämpfter und er⸗ immer.“ auf ſei⸗ tingenden und über Stimme e und es 97 macht mir Vergnügen, wenn ſie mich gerne um ſich ſehen. Mein Gott, wenn ſie nicht immer ganz angenehm ſind, ſo bin ich es ja auch nicht immer, Herzliebſter, man muß ſich auf der Welt mit einander vertragen können, man muß nicht immer blos fordern und pochen. Gott be⸗ wahre mich davor. Ich muß wohl mit den Menſchen und der Welt zufrieden ſein, ſo wie es dem lieben Gott gefallen hat, ſie zu erſchaffen. Ich kann es nicht dulden, wenn man beſtändig Alles tadelt, kritiſirt, Geſichter ſchneidet und ſchreit: Ich will das nicht haben, ich will das nicht haben. Das iſt verrückt, das iſt unerträglich, das iſt langweilig, das iſt dumm! Gerade, als ob ich allein erträglich, angenehm und geſcheit wäre. Nein, ich habe beſſere Mores gelernt. Ich bin gewiß kein Ge⸗ nie, ich beſitze weder Gelehrſamkeit noch Talente, wie ſo viele Menſchen in jetziger Zeit haben wollen, aber ich weiß mich zu beſcheiden.“ Gleichzeitig mit dieſer Predigt und bemüht, ſie zu übertönen, ſchrie der Aſſeſſor:„Und haben Sie denn das geringſte Vergnügen an Ihrem verdammten Geſellſchafts⸗ leben? Nein, das haben Sie nicht. Was iſt das Ge⸗ ſellſchaftsleben anders, als ein Streben, mit in der Welt zu ſein, um die Welt unerträglich zu finden? man ſpe⸗ culirt und arbeitet darauf hin, eingeladen zu werden, man fühlt ſich beleidigt und verſtimmt, wenn man es nicht wird, und wird man es, klagt man über lange Weile und Beſchwerlichkeiten, bis die Klage ſich endlich bewahrheitet. So ladet man eine Menge Leute zuſam⸗ men, die man zum Teufel wünſcht, und dieſes ganze Streben führt nur dazu, daß man ärmer, mißlauniger, kränklicher wird, mit einem Wort eine durchaus falſche Stellung gegenüber von der Geſellſchaft einnimmt. Nun jetzt in Gottes Pamen, Adieu, Aviyu! Wenn die Frauenzimmer Abſchied nehmen, kommen ſie nie zu Ende.“ „Es iſt kein wahres Wort an Allem, was Sie ſagen!“ war der letzte, aber unter Lachen ausgeſprochene Gruß der Hofmarſchallin an den Aſſeſſor, als ſie, obegleitet von Bremer, das Haus. 7 ——— 98 dem Kandidaten zur Thüre hinausging. Der Landrichter war ſo eben vorausgegangen. Eliſe blieb allein und be⸗ gab ſich ins Geſellſchaftszimmer. Auf einmal hörte ſie haſtige Schritte hinter ſich. Sie dachte:„Jakobi!“ wandte ſich um und ſah— ihren Mann. Aber ſo hatte ſie ihn noch nie erblickt. Auf ſeinem Geſicht ſtand eine Spannung und Aufregung zu leſen, die ſie erſchreckte. Er ſchlang heftig ſeinen Arm um ſie und heftete ſeine Augen auf die ihrigen mit einem Blick, der ſich bis ins Innerſte ihrer Seele hineinbohren zu wollen ſchien.„Ernſt, Ernſt, ſei ruhig!“ flüſterte Eliſe, tief erſchüttert von ſeinem Zuſtand, deſſen Urſache ſie ahnte. Der Landrichter ergriff ihre Hand und legte ſie an ſeine Stirne. Kalter Schweiß ſtand auf derſelben. Im nächſten Augenblick war er fort. Wir gehen jetzt zum Kanvidaten. Wein, Liebe und geſpannte Erwartung hatten die Phantaſie des jungen Mannes dermaßen aufgeregt, daß er kaum wußte, was er that, ob er ging oder flog und mehr als einmal nahe daran war, die Hofmarſchallin, welche er die Treppe hinabbegleitete, umzuwerfen, ſo daß vieſe zwar gütig, aber mit einiger Verwunderung ſagte: Gott ſteh' mir bei! Herzliebſter, ich begreife nicht, wie ich oder wie Sie heute Abend gehen. Sehen Sie! das iſt wieder ganz toll!.. Nein ich danke, meine Naſe will ich behalten, ſo ſchief ſie auch ſitzt. Ich glaube, ich gehe ſicherer allein; lieber halte ich mich an. „Ich bitte tauſend Mai um Verzeihung,“ rief der Kandidat, indem er Frau Gunilles Arm feſt in den ſei⸗ nen drückte.„Alles iſt mein Fehler. Aber jetzt ſoll es ſicher und prächtig vorangehen. Ich war ſo eben etwas ſchwindlich.“ „Schwindlich? Herzliebſter, davor ſoll man ſein Herz und ſeinen Kopf behuten, davor ſoll man ſich in Acht nehmen; ſonſt kann es noch ſchiefer gehen, als es —— jetzt wieder mit uns geht. He, he, he. Aber höre Er einmal, mein Freund,“ ſetzte Frau Gunille plötzlick und da S , didat, Ihrer ſtürzte 8 Athem. kunft 1 und U hochklo erwarte A Lamper er war Eliſe z indem „ Ihnen „ gewöhn unſer G ſchieden * „ „Jakob ſung ge J und erl „ ich ſie thigten eine ve Gefühl nen ge andrichter be⸗ inter ſich. — ihren ickt. Auf regung zu inen Arm mit einem neinbohren fluͤſterte en Urſache und legte derſelben. hatten die regt, daß flog und arſchallin, n, ſo daß ung ſagte: ht, wie ich e! das iſt Naſe will e, ich gehe “ rief der n den ſei⸗ etzt ſoll es eben etwas man ſein tan ſich in en, als es he. Aber Gunille 99 plötzlich ernſthaft hinzu— ich will Ihn etwas lehren und das iſt„ „Verzeihen Sie, Gnädigſte,“ unterbrach ſie der Kan⸗ didat,„aber ich glaube—— es iſt mir nicht ganz wohl —— ich ſehen Sie, ſehen Sie, jetzt ſind wir an Ihrer Thüre. Verzeihen Sie mir!“ Und der Kandidat ſtuͤrzte wieder die Treppen hinauf. Im Vorſaal zur Frank'ſchen Wohnung ſchöpfte er Athem. Der Gedanke an die geheimnißvolle Zuſammen⸗ kunft mit Eliſe erfüllte ſeine Seele zugleich mit Freude und Unruhe. Er konnte Nichts klar denken und ging mit hochklopfendem Herzen in das Zimmer, wo Eliſe ihn erwartete. Als er ihre weiße, ſchöne Geſtalt in dem magiſchen Lampenſchein erblickte, wurde ſeine Seele berauſcht und er war im Begriff, ſich ihr zu Füßen zu werfen, aber Eliſe zog ſich ſchnell und würdevoll einige Schritte zurück, indem ſie mit zitternder, jedoch ernſter Stimme ſagte: „Jakobi, hören Sie mich.“ „Sie hören!“ rief er leidenſchaftlich,„o daß ich ewig Ihnen lauſchen könnte, o daß ich... „Stille! unterbrach ihn Eliſe mit einer bei ihr un⸗ gewöhnlichen Strenge.„Kein Wort dieſer Art mehr oder unſer Geſpräch iſt zu Ende und wir ſind auf immer ge⸗ ſchieden.“ „Mein Gott,“ rief Jakobi,„was habe. „Ich bitte Sie, hören Sie mich, fuhr Eliſe fort. „Jakobi, ſagen Sie mir, habe ich Ihnen eine Veranlaſ⸗ ſung gegeben, mich gering zu ſchätzen?“ Jakobi ſtutzte.„Welche Frage?“ ſagte er ſtammelnd und erbleichend. „Und gleichwohl,“ fuhr Eliſe aufgeregt fort,„muß ich ſie an Sie richten. Ihr Benehmen heute Abend nð⸗ thigt mich dazu. Können Sie glauben, Jakobi, daß ich, eine verheirathete Frau, die Mutter mehrerer Kinder die Gefühle billigen könnte, die Sie heute Abend ſo unbeſon⸗ nen geäußert haben? Können Sie glauben, daß ich pabei 4 * 100 etwas Anderes, als den tiefſten Unmuth und Schmerz empfinden mußte? Ja, ſo iſt es, Jakobi; ich fürchte, Sie ſind in eine ſchreckliche Verirrung gerathen— und wenn ich ſelbſt durch irgend eine Unvorſichtigkeit in meinem Benehmen dazu beigetragen habe, ſo— möge Gott mir verzeihen! Sie haben mich dafür beſtraft, Jakobi, Sie haben mich für die Neigung geſtraft, die ich für Sie empfand und an den Tag legte— und wenn ich jetzt ein Verhältniß aufhebe, von dem ich einen erfreuenden Einfluß auf mein Leben hoffte, ſo iſt es Ihre eigene Schuld. Noch ein einziger Blick oder eine Aeußerung, wie an dieſem Abend und ich muß Sie aus meinem Hauſe entfernen.“ Die Röthe der Scham und des Unmuthes flammte auf Jakobis Wangen auf.„Wahrhaftig, wahrhaftig,“ ſagte er,„eine ſolche Strenge habe ich nicht verdient.“ „Ach prüfen Sie ſich ſelbſt, Jakobi, und Sie werden ſelbſt noch ſtrenger, als ich urtheilen. Sie ſagen, Sie lieben mich, Jakobi, und Sie ſcheuen ſich nicht, leicht⸗ ſinnig die Ruhe und das Glück meines Lebens zu ſtören. Vielleicht ſind bereits giftige Zungen gegen mich geſchäf⸗ tig. Ich habe heute Abend Blicke auf mich und auf Sie gerichtet geſehen, die nicht mild waren und in meines Mannes Seele ſind Gefühle, Gedanken erweckt worden, die nie, nie darin hätten erwachen ſollen. Sie haben den Frieden eines Hauſes geſtört, wo Sie mit Freundſchaft und Vertrauen aufgenommen wurden. Aber ich weiß,“ fuhr Eliſe ſanfter fort, Sie haben nichts Böſes gewollt. Keine ſchlechte Abſicht hat Ihr Benehmen geleitet, nur Leichtſinn hat Sie verführt, das heiligſte Verhältniß auf Erden leichtſinnig zu behandeln. Sie haben an Ihr Le⸗ ben, an Ihre Pflichten und Ihre Stellung in dieſer Fa⸗ milie noch nicht ernſtlich gedacht.“ Jakobi lehnte den Kopf in ſeine Hand; eine tiefe Erſchütterung ging durch ſeine Seele. „Und Ernſt,“ fuhr Eliſe mit Wärme und großer Innigkeit fort—„Ernſt! Wie das den Mann kleidet und ſei Mein ſprechet edleres einen„ Leben Sie m getretet len. 2 hochach wollen, mer. Augenl verban! ſter, a über 1 können Sie m ſo neh Jakobi Dankb Freunt rich. wöhnli die ede zu All würdig kobi— ſehe A Ich w Freunt durchd beſſere verzeih und w 6 — Schmerz te, Sie d wenn meinem ott mir i Sie für Sie ich jetzt reuenden e eigene ßerung, m Hauſe flammte dient.“ werden en, Sie leicht⸗ u ſtören. geſchäf⸗ auf Sie meines worden, aben den undſchaft h weiß,“ gewollt. tet, nur ltniß auf Ihr Le⸗ ieſer Fa⸗ eine tiefe d großer n kleidet 101 und ſeiner würdig iſt! Jakobi! Retter meines Kindes! Mein junger Freund! Ich hätte nicht ſo mit Ihnen ſprechen können, wenn ich nicht an Ihr beſſeres, an Ihr edleres Selbſt glaubte, wenn ich nicht hoffte, in Ihnen einen Freund zu gewinnen, einen Freund auf das ganze Leben für mich und meinen Ernſt. O Jakobi, hören Sie meine Bitte. Sie ſind mit Menſchen in Verbindung getreten, die von ganzem Herzen Ihre Freunde ſein wol⸗ len. Machen Sie, daß wir Sie lieben, daß wir Sie hochachten dürfen und verwandeln Sie das herzliche Wohl⸗ wollen, das wir Beide für Sie empfinden, nicht in Kum⸗ mer. Geben Sie das thörichte Gefühl, das Sie einen Augenblick für mich zu hegen glaubten, auf; bekämpfen, verbannen Sie es; betrachten Sie mich als eine Schwe⸗ ſter, als eine Mutter. Ja— ſetzte Eliſe halb ſtutzend über dieſes Wort, aber ahnungsvoll hinzu— vielleicht können Sie mich einſt noch Mutter nennen. Und wollen Sie mir Liebe und Treue widmen, wie Sie geſagt haben, ſo nehme ich Sie an, Jakobi, für meinen Sohn. O Jakobi, wünſchen Sie meine Segnungen, meine ewige Dankbarkeit zu verdienen, ſo werden Sie ein zuverläßiger Freund, ein guter Lehrer meinem Sohne, meinem Hein⸗ rich. Ihre Gaben als Lehrer der Jugend ſind nicht ge⸗ wöhnlicher Art; Ihr Herz iſt gut. Ihr Verſtand durch die edelſte Bildung gekräftigt; der Weg ſteht Ihnen offen zu Allem, was den Menſchen achtungswerth und liebens⸗ würdig macht— o wenden Sie ſich nicht davon ab, Ja⸗ kobi— wenden Sie ſich mit Ernſt dahin„. „Sprechen Sie nichts mehr,“ rief Jakobi.„O ich ſehe Alles ein. Verzeihen Sie mir, engelgleiche Eliſe! Ich will Alles, Alles thun, um Ihrer Achtung, Ihrer Freundſchaft würdig zu werden. Sie haben mein Herz durchdrungen, Sie haben es verwandelt;— ich will ein beſſerer Menſch werden. Aber ſagen Sie, daß Sie mir verzeihen, daß Sie noch meine Freundin werden können und werden wollen.“ Jakobi hatte ſich in ſeiner heftigen Aufregung auf 102 die Kniee geworfen; auch Eliſe war tief bewegt. Thrä⸗ nen floſſen aus ihren Augen, als ſie ihm die Hand reichte und ſich zu ihm niederbeugend aus der Tiefe des Herzens die Worte ſagte:„Ihre Freundin, Ihre Freundin für immer.“ Still mit verklärten Geſichtern erhoben ſich jetzt Beide, aber ein unwillkürlicher Schauder durchzuckte ſie, als ſie den Landrichter im Zimmer ſahen. Sein Geſicht war bleich und ſtreng. Jakobi ſtand auf und trat ihm entſchloſſen entgegen. „Herr Landrichter,“ ſagte er mit feſter, aber demüthiger Stimme,„Sie ſehen hier ein einen „Still Jakobi,“ unterbrach ihn Eliſe ſchnell,„wegen Ihres Fußfalles brauchen Sie nicht zu erröthen und es bedarf hier keiner Erklärung. Nicht wahr, Ernſt,“ fuhr ſie mit der ganzen Freimüthigkeit der Unſchuld fort,„du verlangſt keine Erkläruna? Du glaubſt mir, wenn ich dir ſage, daß Jakobi jetzt mehr als je deine Freundſchaft verdient? Zwiſchen uns Drei iſt nunmehr ein Bund ge⸗ ſchloſſen, von dem ich hoffe, daß Nichts mehr ihn ſtören, daß keine giftige Zunge ihn berühren wird. Du glaubſt mir, Ernſt.“ Der Landrichter reichte ihr ſeine Hand und ſagte bloß:„Ja würde ich es nicht ſo.. dabei machte er eine entſetzliche Geberde. Jetzt ſchwieg er eine Weile, den Blick unverwandt auf ſeine Frau gerichtet und ſagte dann ruhiger:„Ich habe mit dir zu ſprechen. Gute Nacht, Herr Jakobi.“ Jakobi verbeugte ſich, ging einige Schritte, kam aber dann zurück.„Herr Landrichter,“ ſagte er mit einer Stimme, die von aufgeregten Gefühlen zeugte,„geben Sie mir Ihre Hand, ich will Ihre Freundſchaft verdienen.“ Der ausgeſtreckten Hand begegnete ein feſter kräftiger Hand⸗ ſchlag und Jokobi entfernte ſich ſchnell. „Eliſe, komm,“ ſagte der Landrichter heftig, führte ſeine Frau an den Sopha und bat, indem er ſie gleich⸗ ſam in ſeine Arme flocht:„Sprich mit mir. Sage, hat etwas i von mir El nes Br einem ſ zufriede fort, Herz ſc ausſieht ich an ſo ſchn dann. ſo an, bekomm eigene ein Du ten iſt. dir die meine e Landrie die Ha Fehler nicht, du nic Glaube nicht 6 Frieder rung ſchwun ſie zw zwiſche ſere 5 leben! mich a mir he Thrãä⸗ d reichte Herzens ndin für ich jetzt uckte ſie, Geſicht entgegen. müthiger „„wegen mund es t,“ fuhr rt,„du venn ich undſchaft Zund ge⸗ n ſtören, u glaubſt nd ſagte i machte e Weile, und ſagte Nacht, kam aber Stimme, Sie mir Der eHand⸗ 3 führte ie gleich⸗ age, hat 103 etwas in meiner Aufführung in der letzten Zeit dein Herz von mir abgewendet?“ Eliſe ſchwieg, indem ſie den Kopf gegen ihres Man⸗ nes Bruſt neigte.„Ach Ernſt,“ ſagte ſie endlich mit einem ſchmerzlichen Seufzer,„ich bin mit mir auch nicht zufrieden geweſen. Aber o!——“ fuhr ſie lebhafter fort,„wenn ich mich ſo an dich lehne, wenn ich dein Herz ſchlagen höre, und fühle und weiß, wie es darin ausſieht, dann Ernſt, fühle ich, wie ich dich liebe, wie ich an dich glaube. Dann werfe ich mir vor, daß ich ſo ſchwach, ſo undankbar, ſo empfindlich geweſen bin, dann o Ernſt, habe mich lieb. Sieh mich immer ſo an, wie jetzt! Dann wird mir das Leben klar, dann bekomme ich Kraft, Alles zu überwinden, ja ſelbſt meine eigene Schwachheit. Dann fühle ich, daß bloß eine Wolke, ein Dunſtbild, aber keine Wirklichkeit zwiſchen uns getre⸗ ten iſt. Und jetzt, jetzt iſt es ja vorüber. Jetzt könnte ich dir die geheimſten Winkel meines Herzens eröffnen, dir meine ganze Schwachheit ſagen.. 4 „Schweige doch, ſchweige jetzt davon,“ ſagte der Landrichter, indem er mit einem klaren liebevollen Blick die Hand auf EFliſens Mund legte.„Ich habe mehr Fehler gemacht als du, aber ich bin erwacht. Weine nicht, Eliſe. Laß mich deine Thränen wegküſſen. Fühlſt du nicht, wie ich, daß Alles noch gut werden kann? Glauben wir nicht an den ewig Guten und glauben wir nicht an einander? Laß uns verzeihen, vergeſſen und Frieden in einander haben. Einſt, wenn die Verir⸗ rung dieſer Zeit aus unſrem Gedächtniß beinahe ver⸗ ſchwunden ſein wird, werden wir uns wundern, wie ſie zwiſchen uns treten konnte. Jetzt iſt es ja klar zwiſchen uns, jetzt ſehen wir ja beide unſern Weg. Un⸗ ſere Fehler werden uns zur Warnung dienen. Warum leben wir in der Welt, als um beſſer zu werden? Sieh mich an, Eliſe. Biſt du mir gut? Kannſt du Frieden mit mir haben?“ 104 „Ja ich kann und habe ihn. Es iſt kein Staubkörn⸗ chen mehr zwiſchen uns.“ „So ſind wir alſo eins! Laß uns denn in Gottes Namen ſo durch das Leben gehen! Was er vereinigt hat, werden weder Menſchen, noch Zufälle, wird Nichts in der Welt trennen.“ Die Nacht kam, aber in der Gatten Bruſt war Licht aufgegangen. Die Furche der Uneinigkeit trägt gewöhnlich Dornen und Diſteln, aber ſie kann auch Saaten für die Scheunen des Himmels tragen. Als Jakobi auf ſein Zimmer kam, traf er auf ſeinem Nachttiſchchen einen Brief. Er erkannte die Handſchrift des Landrichters und öffnete ihn ſchnell. Ein Bankzettel von ziemlich bedeutendem Werth ſiel heraus und das Schrei⸗ ben ſelbſt lautete alſo: „Sie ſind bei einigen Leuten in der Stadt in Schul⸗ den gerathen, Jakobi, bei Leuten, von denen ich um Ihrer ſelbſt willen wünſchte, daß Sie ſo wenig als möglich mit ihnen zu thun hätten. Inliegend finden Sie die Mittel, gerechte Forderungen zu befriedigen. Empfangen Sie dieß von einem väterlichen Freund, der von Herzen wünſcht, daß Sie ihn wirklich als ſolchen betrachten und mit Freude dieſe Gelegenheit ergreift, dem Freund und Lehrer ſeiner Kinder ſeine Erkenntlichkeit zu beweiſen. Gegen den Retter meines Kindes werde ich doch ewig in Schuld ſtehen, aber, Jakobi, wenn Sie etwas wünſchen, wenn Sie etwas bedürfen, ſo wenden Sie ſich an keinen Andern, als an Ihren Freund E. Frank.“ „C ſer Zeil trefflich will ihr Menſch Er ſtillen, hinauf. D Blüthe, liche Ki Schöne Erdenle bracht, ſolchen Aber de währen' Staubr und fäl Tage u rung g Kraft L Begeiſte alle Ar Glück, Deßhal Fehler immer lich un Menſche ſen un taubkörn⸗ n Gottes nigt hat, ts in der war Licht Dornen Scheunen f ſeinem hrift des ettel von Schrei⸗ Schul⸗ m Ihrer lich mit Mittel, Sie dieß wünſcht, ind mit d Lehrer Gegen Schuld „ wenn Andern, nk.“ 105 „Er! Auch Er!“ rief Jakobi nach Durchleſung die⸗ ſer Zeilen tief erſchüttert aus.„O die guten, edlen, vor⸗ trefflichen Menſchen!... und ich!? Aber ich werde, ich will ihrer würdig werden! Von heute an bin ich ein neuer Menſch!“ Er drückte den Brief an ſeine Bruſt und ſah mit ſtillen, aber feurigen Gelübden zum ſternenhellen Himmel hinauf. Die Zeit geht hin. Das Leben hat ſeine Augenblicke, der Kraft und Blüthe, klare Augenblicke der Begeiſterung, wo der menſch⸗ liche Künſtler, der Bildner des irdiſchen Lebens, das höchſte Schöne, das Göttliche erfaßt und ausſpricht. Wäre im Erdenleben Alles damit abgethan, wäre das Opfer voll⸗ bracht, das Werk vollendet, der Sieg gewonnen in einem ſolchen Augenblick, dann wäre das Leben nicht ſchwer. Aber das Schwere iſt, in einer langen Reihe von Jahren, während die Stürme kommen und gehen, während der Staubregen der Minuten ſchweigend und eintönig fällt und fällt, während des einförmigen Wechſels einförmiger Tage und Nächte, die reine Flamme, welche die Begeiſte⸗ rung geweckt, beim Leben zu erhalten. Dazu bedarf es Kraft von oben, wiederholtes Trinken aus der Quelle der Begeiſterung, für die Großen wie für die Kleinen, für alle Arbeiter auf Erden. Es war Ernſts und Eliſens Glück, daß ſie dieſes wußten und zu benützen wußten. Deßhalb gelang es ihnen, immer beſſer ihre natürlichen Fehler zu überwinden, deßhalb näherten ſie ſich einander immer mehr durch jene kleinen Schritte, die ſo unmerk⸗ lich und doch ſo lieblich und ſtark Herz und Leben der Menſchen zuſammenflechten und ſich zuſammenfaſſen laſ⸗ ſen unter die Rubrik, Aufmerkſamkeit für die 106 Neigungen, Intereſſe für die Intereſſen von einander. Durch dieſe neugewordene Innigkeit, dieſe geſtärkte reine Liebe erhielt Eliſe eine ſo ſichere und ſo edle Hal⸗ tung in ihrem Verhältniß zu Jakobi. Keine Schwäche beſiegte ihr Herz, auch als ſie Leiden auf ſeinem jungen Geſichte gemalt ſah, ſie blieb feſt, auch als ſie hörte, daß ſeine Geſundheit litt und bat blos ihren Mann, einen frühern Termin für ſeine und Heinrichs Abreiſe feſtzuſetzen. Dieß war auch des Landrichters Wunſch. Wie ein guter Engel, zugleich ſtark und mild, ſtand er in dieſem Augenblick ihr zur Seite— kein Wunder, wenn Eliſe an ſeiner Hand ſiegend vorwärts ſchritt. Kein Wunder, wenn bei dieſer feſten Haltung des Landrichters, beim Anblick des ſchönen Verhältniſſes zwiſchen den Gat⸗ ten, der ziſchende Tadel, der ſich bereits auf ihre Koſten zu erheben begonnen hatte, bald in ſein Nichts zerfiel und erloſch, wie eine Flamme, die aus Mangel an Nahrung ſtirbt. Von des Landrichters für Eliſe ſo fürchterlicher alten Flamme haben wir zu berichten, daß ſie ſich durch die zunehmende Froſtigkeit in dem Benehmen ihres früheren Anbeters dermaßen verletzt und abgekühlt fühlte, daß ſie ſchnell die Stadt verließ und jeden Gedanken an eine Nie⸗ derlaſſung daſelbſt aufgab.„Es ſei zu einförmig, zu we⸗ nig Intereſſe,“ ſagte ſie gähnend zu dem Landrichter, der ihr ſehr rieth, nach Frankreich oder Italien zurückzukehren. „Es iſt nun einmal,“ fügte ſie hinzu,„in unſerem guten Norden ſo, daß wir das, was unſerem Leben Intereſſe und Genuß verleihen kann, hauptſächlich aus eigenen Vor⸗ räthen, aus dem eigenen Haus, aus der eigenen Bruſt ſchöpfen müſſen.“ „Sie iſt doch ſehr ſchoͤn und ſehr intereſſant!“ ſagte Eliſe mit freundlichem Gefühl für die Oberſtin, als ſie ab⸗ gereist war. Der Landrichter erwiederte nie ein Wort darauf. Er ſprach nie von ſeiner früheren Geliebten. Die Tage gingen dahin. Der Landrichter hatte alle Hände L kleinen* nen Stu Die der Vat Allen ü wenn E ſo ſchien „Wie v wahr,( milie ſie und fuür tanzte n Di ren ſie: iſt roſer es bei kommen willſt, ſinnen, würz! ſehen. gängund „Adam ſich abzt Ende 1 werden, ſie geſt lernen: wirſt et oder nie mannskt Familie kung th gar zu ler bei wicht ar en von geſtärkte e Hal⸗ chwäche junen e hörte, Mann, Abreiſe Wunſch. ſtand er er, wenn ei richters, en Gat⸗ e Koſten rfiel und Nahrung her alten uch die früheren daß ſie eine Nie⸗ „zu we⸗ hter, der zukehren. em guten Intereſſe nen Vor⸗ en Bruſt “ ſagte s ſie ab⸗ rt darauf. hatte alle 107 Hände voll zu thun. Eliſe beſchäftigte ſich viel mit ihren kleinen Mädchen, der Kandidat viel mit Heinrich und eige⸗ nen Studien. Die Kinder wuchſen wie die Spargeln im Juni und der Vater erfreute ſich ihrer.„Louischen wird uns noch Allen über den Kopf wachſen,“ prophezeihte er oft und wenn Eva Malboröugh s'en va-t-en guerre klimperte, ſo ſchien ſein muſikaliſcher Sinn zu erwachen und er ſagte: „Wie viel Gefühl ſie ſchon in ihrer Muſik hat! Nicht wahr, Eliſe?“ Die Abende, wo alle Mitglieder der Fa⸗ milie ſich verſammelten, nahmen immer mehr einen lichten und für Alle behaglichen Character an. Oft ſpielte und tanzte man mit den Kindern. Die Kinder! Welche Welt von Luſt und Unluſt füh⸗ ren ſie nicht mit ſich im Hauſe! Wahrhaftig nicht Alles iſt roſenroth an ihnen, wie ihre Wangen. Fliſe erfuhr es bei ihren Kleinen, die oft Nichts weniger, als voll⸗ kommen brav waren.„Thue Andern nicht, was du nicht willſt, daß ſie dir thun ſollen. Man muß ſich auch be⸗ ſinnen, ehe man etwas thut! Geduld iſt ein gutes Ge⸗ würz! Du wirſt dieß bei Vater oder bei der Mutter nie ſehen. Sieh auf mich! Mache es wie ich!“ Dieſe ſtehende gängundgäbe Redensarten, die ſich ſeit der Zeit, da „Adam pflügte, Eva ſpann,“ bis auf unſere Tage ohne ſich abzunützen durch die Welt gezogen haben und bis ans Ende der Welt fortwährend aufgefriſcht ſich hinziehen werden, ſo wie die Verſicherungen gegen die Kinder, wenn ſie geſtraft werden, oder ihre Lection noch einmal leſen lernen müſſen:„Es dient zu deinem eigenen Beſten; du wirſt es mir einmal danken;“ woran die Kinder ſelten oder nie glauben, dieſe weltbürgerliche patriarchaliſche Haus⸗ mannskoſt, die in dieſer wie in allen andern ehrenwerthen Familien ausgetheilt wurde, wollte nicht immer ihre Wir⸗ kung thun. Vielleicht beunruhigte ſich Eliſe manchmal gar zu ſehr über das häufige Wiederkehren derſelben Feh⸗ ler bei ihren Kindern, vielleicht legte ſie zu wenig Ge⸗ wicht auf der wahren Elternliebe unſichtbare, aber ſonnen⸗ 108 gleiche und mächtige Einwirkung auf die kleinen Menſchen⸗ pflanzen. Gewiß iſt, daß ſie oft ihretwegen bekümmert war, und die Entwicklung und Zukunft ihrer Töchter erweckte manche Unruhe und manche Qual in ihrer Seele. Eines Tags, als ſolche Gedanken ſie mehr als ge⸗ wöhnlich beſchäftigt hatten, fühlte ſie das Bedürfniß, ſich einer klugen und in dieſem Punkte erfahrenen Freundin mitzutheilen. „Ernſt,“ ſagte ſie, als der Landrichter ſich gleich nach dem Mittageſſen zum Ausgehen anſchickte, ich gehe einen Augenblick zu Eveline hinab, werde aber wieder da ſein, wenn du zurückkommſt.“ „Genire dich gar nicht, liebe Eliſe; bleib, ſo lang du willſt, ich werde dich ſchon aufſuchen. Gib mir jetzt deinen Arm, ſo gehen wir zuſammen hinab und ich ſehe dann auch, wo ich dich abzuholen habe.“ Ein kleines Erziehungs- und Kaffee⸗Comite. Als Eliſe zu Eveline hineintrat, ſprang Pyrrhus bel⸗ lend und wedelnd ihr entgegen. Frau Gunille war da und ſie und die Wirthin wetteiferten, ihre Freundin zu be⸗ willkommnen. „Nun, Herzliebſte! das iſt einmal ſchon,“ rief Frau Gunille, indem ſie ihre Freundin ſogleich umarmte.„Wie befindet ſich denn unſer liebes Frauchen? Etwas bleich, etwas herabgeſtimmt, glaube ich? Ich will ihr im Ver⸗ trauen erzählen, daß ich weiß, daß wir recht bald einen vortrefflichen Kaffee bekommen und der wird das liebe Elis⸗ chen ſchon wieder munter machen.“ Cveline nahm Eliſens Hand und ſah ſie innig und theilnehmend mit ihren ruhigen klugen Augen an. Pyrr⸗ hus ſtieß ſie mit der Naſe ein wenig an den Fuß, um bemerkt auf die beweiſen. ten das Au geht es? „Ac dann wi behaglich aber ich andersw ich in ei „Je Ev wohnt 3 Augen. „U gend etr müthe, zend.„ ſeine Ze Zeit, ni „A Eliſe,„ zu lerne Töchter „S Feſte, e durch il zu erhal auch ſo deine Le Gedanke mer ma auf den tenſchen⸗ kümmert Töchter in ihrer als ge⸗ niß, ſich Freundin eich nach he einen da ſein, ſo lang mir jetzt ich ſehe omite. hus bel⸗ war da nzu be⸗ rief Frau e„Wie as bleich, im Ver⸗ ald einen ebe Elis⸗ nig und Pyrr⸗ uß, um 109 bemerkt zu werden und ſetzte ſich dann knurrend vor ſie auf die Hinterfüße, um gleichfa alls ſeine Theilnahme zu beweiſen. Eliſe lachte und Frau Gunille und ſie liebkos⸗ ten das Thier um die Wette. Auf Evelinens Blick, worin ein ſo freundliches:„wie geht es?“ lag, antwortete Eliſe: „Ach laß mich hier ſitzen und mit euch plaudern, dann wird Alles gut. Hier iſt es immer ſo ruhig und behaglich. Ich weiß nicht, wie du es machſt, Cveline, aber ich meine, die Luft in deinem Zimmer ſei klarer als anderswo; ſo oft ich zu dir komme, iſt es mir, als trete ich in einen kleinen Tempel des Friedens.“ „Ja, ſo geht es mir auch,“ ſagte Gunille herzlich. Eveline lächelte dankbar.„Ja Gott ſei Dank, hier wohnt Friede,“ ſagte ſie und Thränen traten ihr in die Augen. „Und bei dem lieben Frauchen rührt wohl die Ju⸗ gend etwas Staub auf, ſowohl im Zimmer, als im Ge⸗ müthe, nicht wahr?“ ſagte Frau Gunille ſchlau ſcher⸗ zend.„Nun, nun,“ fügte ſie tröſtend hinzu,„Alles hat ſeine Zeit und aller Staub legt ſich wohl auch zu ſeiner Zeit, nur Geduld!“ „Ach ja, lehren Sie mich das, beſte Tante,“ ſagte Eliſe,„ich komme auch in der Hoffnung, etwas Weisheit zu lernen. Ich bedarf deſſen ſo wohl. Aber wo ſind deine Töchter heute, Eveline?“ „Sie ſind bei einer Freundin zu einem kleinen Feſte, auf das ſie ſich lange gefreut haben. Ich erwarte, durch ihre Erzählungen auch einen guten Antheil daran zu erhalten.“ „Ach, Eveline, lehre mich, wie ich meine Töchter auch ſo artig, ſo gut und ſo glücklich machen kann, wie deine Laura und Karina ſind. Ich geſtehe, daß der Gedanke an die Bildung meiner Töchter mir oft Kum⸗ mer macht. Und heute, gerade heute lag er mir ſchwerer auf dem Gemüthe, als ſonſt. Ich zweifle an meiner 110 Fähigkeit, meinen Einſichten in die Kunſt, ſie recht zu entwickeln und zu bilden.“ „Ach Bildung, Bildung,“ ſagte Frau Gunille ver⸗ drießlich.„Man ſchreit jetzt nach Nichts, als Bildung und hört kein andres Wort mehr, als Bildung. In meiner Jugend ſchwazte und ſchrie man nie ſo viel von Bildung, und Gott ſei Dank, man wurde doch auch ein Menſch. Ich geſtehe ehrlich, als man dieſes Geſchwätz von der Bildung zuerſt anfing, da glaubte ich, dieß muſſe etwas ganz Abſonderliches ſein. Ja das glaubte ich. Aber jetzt fange ich an, ganz gewöhnt daran zu werden, denn ſeit der tiers état ſo aufkommt, und ſolches Weſen von ſich macht und ſich mit ſeiner Bildung für etwas ganz Apartes hält, ſo hat die ganze Welt ange⸗ fangen zu rufen:„Bildet, bildet!“ Ja man ſchreit ſogar, man ſolle die Dienſtmädchen bilden! Ich bitte zu Gott, daß er mich die Zeit nicht erleben läßt, wo die Mägde gebildet ſind. Denn dann werde ich hingehen und ihnen, aufwarten müſſen, ſtatt vaß ſie jetzt mir aufwarten. Ja, ja, es geht mit großen Schritten darauf los, das ſage ich euch. Schon leſen ſie Frithjof und Arel und ehe man daran denkt, wird man ſie vom Weib und vom Mann und vom Mann und vom Weib ſchwatzen hören und ſehen, daß ſie ſich für Reben, die ohne Stutze verwelken, fur Opfer und was dergleichen rührende Dinge mehr ſind, halten und dadurch ganz unfähig werden, einen Stuben⸗ boden auszukehren oder eine Pfanne blank zu ſcheuern. Ja, da wird es ſchön zugehen auf der Welt mit all dieſer Bil⸗ dung. Es iſt eine Raſerei, eine Narrheit mit dieſer Bil⸗ dung. Es iſt abominabel, es iſt nicht an den Himmel zu malen.“ Je länger Frau Gunille über dieſes Thema ſprach, um ſo mehr ereiferte ſie ſich. Eliſe und Eveline lachten herzlich und erklärten, als Angehorige des tiers etat müſſen ſie die Bilvung, ja ſelbſt die Bildung der Mägde in Schutz nehmen. „Ach,“ ſagte die Hofmarſchallin ungeduldig,„ihr macht jetzt Alles ſo küͤnſtlich und perwickelt mit euren Bildun len Sc werden. wie da eine D auf eit Muſik führen alle T man und„ Kunſt, laſſen.“ „ in der gegenm über d daß w der Ar Theil 7 gut ſei nebſt* tende munte mit ſe der E gewiſſe dirt h mein man ſ Seele wie ei ausgel Gunil würde Kinder recht zu ille ver⸗ Bildung ng. In viel von auch ein zeſchwätz ß muſſe bte ich. werden, ſolches ung für lt ange⸗ it ſogar, z Gott, Mägde nd ihnen, en Ja, das ſage ehe man n Mann nd ſehen, en, ſuͤr hr ſind, Stuben⸗ ern. Ja, eſer Bil⸗ eſer Bil⸗ mmel zu a ſprach, ten, als jz ſelbſt 6,„ihr nit euren 11¹ Bildungen und pfropft die Köpfe der Kinder mit ſo vie⸗ len Sachen voll, daß ſie ihrer Lebtage nicht klug daraus werden. In meiner Jugend lernte man die Sprache— wie das Franzöſiſche genannt wurde— hinreichend, um eine Deviſe erklaren zu können, zeichnen ſo viel, um auf eigene Fauſt ein Muſter zu Stande zu bringen und Muſik ſo, daß man im Nothfall einen Contretanz auf⸗ führen konnte. Man lernte damals nicht, wie jetzt, über alle Dinge in der Welt plappern, aber denken lernte man und wenn man dann auch nicht ſo viele Künſte und Herrlichkeiten verſtand, ſo verſtand man doch die Kunſt, das Seinige zu thun und die Welt im Frieden zu laſſen.“ „Aber, meine Gnädigſte,“ ſagte Eveline,„die Bildung in der wahren Bedeutung des Wortes, ſo wie man ſie gegenwärtig will, geht ja gerade darauf los, uns klarer über die Welt und über uns ſelbſt denken zu lehren, ſo daß wir unſern Beruf beſſer begreifen, die Beſtimmung der Andern beſſer würdigen lernen und jedes für ſeinen Theil tuͤchtig und gut wird.“ „Ja, ja,“ ſagte Frau Gunille,„das kann Alles recht gut ſein, aber. aber.„ Jetzt kam der Kaffee herein, nebſt Bretzeln und Pfefferkuchen und machte eine bedeu⸗ tende Diverſion in der Unterhaltung, die einen immer munterern Character annahm. Frau Gunille gab Eliſe mit ſcherzhaftem Ernſt allerhand gute Räthe in Betreff der Erziehung ihrer Kinder. Beſonders rühmte ſie einen gewiſſen alten Orbis pictus, den ſie ſelbſt als Kind ſtu⸗ dirt hatte, der mit den Worten anfing:„Komm her, mein Sohn, ich will dich Weisheit lehren„ und worin man ſich mit eigenen Augen uberzeugen konnte, wie die Serle gebildet war und ausſah. Sie ſah nemlich aus, wie ein Pfannenkuchen, rund und flach, auf einem Tiſche ausgebreitet und alle funf Sinne gehoͤrig numerirt. Frau Gunille verſicherte Eliſe, die Betrachtung dieſes Bildes würde gewiß beveutend dazu beitragen, die Begriffe ihrer Kinder von der menſchlichen Seele zu entwickeln und za 112 bilden. Ferner ſchlug ſie ihr vor, für ihre Kleinen die⸗ ſelbe Erziehungsmethode anzunehmen, die mit ausgezeich⸗ net glücklichem Erfoig bei ihrem ſeligen Vater und ſeinem Bruder angewandt worden ſei, als ſie noch in die Schule gingen. Sie beſtand darin, daß man die Knaben jeden Samstag mit einem feinen Kamm kämmte, ihnen eine Prügelſuppe und ein Loth engliſches Salz gab, um auf ſolche Weiſe den Böſen aus ihnen hinauszutreiben. Ferner hatte man an dieſem Tage zum Mittageſſen Bier und Brod, nebſt einer Klöße darin, die Grammatika genannt wurde und an der ſich die Knaben fur die gelehrten Geſchäfte der kommenden Woche ſtärken mußten.“ Während der Heiterkeit, die dieſe Anekdote hervor⸗ rief, kam der Landrichter herein, vergnügt über die mun⸗ tere Stimmung der Geſellſchaft, vergnügt über ſeine Frau, neben die er ſich ſetzte, und ganz begierig auf ein gemüth⸗ liches Plauderſtündchen mit den Damen. Frau Gunille tiſchte ihm ſogleich die Seele im Orbis pictus auf und Eliſe bat ſie, die Erzählung von der Reinigung der Kna⸗ ben zu wiederholen. Der Landrichter lachte herzlich über Beides und erhielt ſodann das Geſpräch auf dem ſteinigen, beſtrittenen Feld der Erziehung. Man kam darin überein, daß die Regeln und Methoden allein nicht im Stande ſeien, es fruchtbar zu machen. Eveline legte großes Gewicht auf die eigene Bildung der Erzieher.„In demſelben Maße,“ ſagte ſie,„als man Güte, Weisheit und Tüchtigkeit bei ſich ſelbſt entwickelt, gelingt es auch, die Kinder dazu zu bilden.“ Sämmtliche Mitglieder des kleinen Comites ohne Ausnahme ſtimmten lebhaft bei und GEliſe fühlte ſich ganz erquickt, ganz geſtärkt durch dieſe Worte, die ihr deutlich den Weg zu ihrem großen Ziele zeigten. Sie lenkte jetzt plötzlich das Geſpräch auf Evelinens eigenes Leben und ihre Bildungsgeſchichte. Man wußte, daß ſie einen nicht ſo gewohnlichen und ganz ſelbſtſtändigen Weg durck die Welt gemacht hatte und Eliſe wünſchte jetzt zu hören, wie ſie zu dieſer Klarheit, zu dieſer geſunden, Ruhe g Eveline wenden, wenigſte Harmon Herzlich um eini ſiützte, ſehr we nen Au hauptſä ſtreuune wir hie Ho Bedürfr deinem der, die worin Ich wa dieſer( Man 9 Harfe, ausgezei in der ſchreibli wurde 1 Entzück meinte aus. 2 dem gr vollere meines Br nen die⸗ sgezeich⸗ dſeinem e Schule en jeen nen eine um auf Ferner nd Brod, wude Heſchäfte hervor⸗ i mun⸗ ne Frau, gemüth⸗ Gunille auf und e Kna⸗ lich über ſteinigen, überein, Stande Bildung als man twickelt, s ohne te ſich die ihr n. Sie eigenes daß ſie tändigen vünſchte eſunden 113 Ruhe gekommen ſei, die ihr ganzes Weſen auszeichnete. Eveline errothete und wollte das Geſpräch von ſich ab⸗ wenden, als von einem Gegenſtand, von dem ſie am Aller⸗ wenigſten ſprach, vermuthlich weil ſie mit ſich ſelbſt in Harmonie war; als aber der Landrichter mit ſeiner ernſten Herzlichkeit die Bitte ſeiner Frau und der Hofmarſchallin um einige Mittheilungen aus ihrer Lebensgeſchichte unter⸗ ſtützte, ſo willigte ſie freundlich ein, bemerkte nur, daß ſie ſehr wenig Merkwürdiges habe, und nachdem ſie ſich ei⸗ nen Augenblick beſonnen, begann ſie, indem ſie ihre Rede hauptſächlich an FGliſe richtete, unter fleißigen Ein⸗ ſtreuungen von Frau Gunillens Seite die Erzählung, die wir hier aufzeichnen unter dem Namen Geſchichte Evelinens. Haſt du je einmal bei einer ſchönen Muſik ein tiefes Bedürfniß, eine unbeſchreibliche Sehnſucht empfunden, in deinem eigenen Leben eine Harmonie zu erfahren, gleich der, die du in den Tönen vernimmſt, ſo haſt du begriffen, worin meiner Seele Leiden und ihre Erlöſung beſtand. Ich war noch ein kleines Kind, als ich zum erſtenmal von dieſer Sehnſucht ergriffen ward, ohne ſie zu verſtehen. Man gab ein kleines Concert in meiner Eltern Hauſe. Harfe, Fortepiano, Waldhorn, Klarinett wurden von vier ausgezeichneten Künſtlern geſpielt. Wenn an einer Stelle in der Symphonie die Inſtrumente ſich in einer unbe⸗ ſchreiblich lieblichen und heitern Melodie vereinigten da wurde meine Kindesſeele von einem wunderlichen, heftigen Entzücken und einer gleich heftigen Wehmuth erfaßt; ich meinte den Himmel zu verſtehen und— brach in Thränen aus. Ach die Bedeutung dieſer Thränen lernte ich ſeit⸗ dem gut kennen, manche ſolche und noch weit ſchmerz⸗ vollere Sehnſuchtsthränen ſind auf das trübe Gewebe meines Lebens gefallen. Bremer, das Haus. 8 ———— K„—— 11¹4 Mit was ſoll ich das Gemälde meines Jugendlebens vergleichen? Das, wodurch es ſich gleich vielen andern Familiengemälden auszeichnet, iſt das Unklare, Unbeſtimmte, mit einem Wort das Verwiſchte, das darin vorwaltet. Solche Gemälde gleichen einem trüben Herbſthimmel mit ſeinen grauen, formloſen, in einander fließenden Wolken; ſie ſind voll von jenen Zügen ohne Sicherheit, jenen Con⸗ turen ohne Bedeutung und Wahrheit, jenen Schatten ohne Haltung, jenen Lichtern ohne Klarheit, welche die Arbeit des Pfuſchers ſo weſentlich vom Werke des wahren Meiſters unterſcheiden. Meine Familie gehörte zur Mittelklaſſe; wir waren ſehr wohl damit zufrieden, dieſer edeln Klaſſe anzugehören und da wir von unſern Renten lebten und keinem Stande im Staat zugetheilt waren, nannten wir uns mit ſcherz⸗ hafter Selbſtgenügſamkeit Standesperſonen. Wir hatten eine gewiſſe vornehme Gleichgültigkeit gegen die haute volée in der bürgerlichen Geſellſchaft und beurkundeten dieſelbe mit Worten, zuweilen auch mit Handlungen, im Stillen aber fühlten wir uns durch Alles, was uns aus dieſer Region zukam, höchlich verletzt oder geſchmeichelt, und manchmal entſtand in der Familie ein unbeſtimmtes Gerede vom Adel auf den Grund wichtiger Dienſte hin, die unſer Vater im Ritterhauſe dem Vaterlande würde leiſten können, und in den Herzen der jungen Damen regte ſich ein gewaltiges Verlangen, gnädige Fräulein ge⸗ nannt zu werden. Weiter, als zu dieſer Regung kam es jedoch nie. Den Töchtern im Hauſe wurde die Lehre beigebracht, alle Pracht und Luſt dieſer Welt ſei eitel und Nichts ſei wichtig oder erſtrebungswerth, als Tugend und Seelen⸗ adel. Gleichwohl fügte es ſich, daß ihre lebhafteſten Intereſſen und Beſtrebungen, die wärmſten Wünſche ihrer Herzen auf Reichthum, Rang und Weltglück aller Arten gerichtet waren. Man lehrte ſie in Allem nur Gottes Willen zu folgen, aber gleichwohl ließen ſie ſich durch Menſchenfurcht leiten. Man lehrte ſie, Schönheit ſei eine 3 Null ur im väter waren. ertheilen ten Fra gründlick chen die von ihre ſeinem: lernten ſ die Ehe und in? ſondern die Gun jedoch zi wir ſeh aber in in Folge die unſe gaben, Meine ander ſe können; und in es verh genpferd von ſelb neben u vergnüg der The Schweſt und wu ſetzen. bis ich niſſen ſi lernte. endlebens n andern eſtimmte, orwaltet. mel mit Wolken; len Con⸗ tten ohne ie Arbeit Meiſters r waren uehren Stande ir hatten e haute rkundeten gen, im uns aus hmeichelt, ſtimmtes nſte hin, de würde Damen ulein ge⸗ g kam es igebracht, Richts ſei Seelen⸗ bhafteſten ſche ihrer er Arten r Gottes ich durch t eei eine 11⁵ Null und ohne Werth und dennoch mußten ſie oft auch im väterlichen Hauſe ſchmerzlich fühlen, daß ſie nicht ſchön waren. Man ließ ihnen in allerhand Sachen Unterricht ertheilen, aber da ſie um Alles in der Welt keine gelehr⸗ ten Frauenzimmer werden ſollten und deßhalb Nichts gründlich lernten, ſo fügte es ſich, daß ſie in vielen Sa⸗ chen die Anſprüche der Gelehrſamkeit hatten, ohne etwas von ihrem Kern zu beſitzen mit ſeiner nährenden Kraft und ſeinem reinen, Achtung gebietenden Ernſte. Vor Allem lernten ſie, und dieß mit zunehmenden Jahren immer mehr, die Che als das einzige Ziel ihres Daſeins zu betrachten und in Folge davon(zwar nicht durch deutliche Worte, ſondern durch einen heimlichen unbeſchreiblichen Einfluß) die Gunſt der Männer für das hochſte Glück anzuſehen, jedoch zu läugnen, daß es ſich ſo verhielt. Wir waren drei Schweſtern. Als Kinder wurden wir ſehr dazu angehalten, einander recht lieb zu haben, aber in Folge von Begünſtigungen bei unſern Erziehern, in Folge von Lob und Tadel, Belohnungen und Strafen, die unſern allzu unbedeutenden Sachen zu großes Gewicht gaben, entſtand bald Neid und Bitterkeit zwiſchen uns. Meine ältere Schweſter und ich ſtanden im Geruch, ein⸗ ander ſehr lieb zu haben und nicht ohne einander leben zu können; man citirte uns als Beiſpiel von Geſchwiſterliebe und in Folge dieſes beſtändigen Hörenſagens glaubten wir, es verhalte ſich wirklich ſo. Wir wurden mit den Wa⸗ genpferden des Hauſes verglichen und übten uns beinahe von ſelbſt ein, jeden Tag nach Tiſch uns auf den Sopha neben unſern guten Vater zu ſetzen, der uns dann vergnügt liebkoste und ſeine Wagenpferde nannte. In der That aber zogen wir durchaus nicht gleich. Die Schweſter war von der Natur reicher begabt, als ich, und wußte ſich bei den Leuten viel mehr in Gunſt zu ſetzen. Kein Menſchenkind habe ich ſo beneidet, wie ſie, bis ich in ſpätern Zeiten und unter veränderten Verhält⸗ ſe ſie aufrichtig lieben und mich ihrer Vorzüge freuen ernte. mmn——— 116 Wir waren nicht ſehr reich und warfen einen philo⸗ ſophiſch mitleidigen Blick auf diejenigen, die, reicher als wir, prächtiger lebten, in glänzenderen Cquipagen fuhren, ſich eleganter kleideten.„Solche Narrheiten! Solche jäm⸗ merliche Eitelkeiten!“ ſagten wir. Die armen Menſchen, die nichts Beſſeres verſtehen!“ Wir ahnten nicht, daß unſte Philoſophie nahe verwandt war mit der des Fuchſes, dem die Trauben zu hoch hingen. Wenn wir in dieſer Art auf die Vorzüge der Mäch⸗ tigeren herabſahen, ſo verſchmähten wir noch weit mehr die Vergnügungen des großen Haufens. Wir wollten immer uns ſelbſt ſo vollkommen genügen; ach guter Gott! Wenn dann irgend ein Schauſpiel ſehr in Ruf kam und ſtark beſucht wurde, ſetzten wir eine Art Ehre darein, mit Gleichgültigkeit ſagen zu können:„Wir haben es noch nicht geſehen,“ und wenn ein Volksfeſt die Menge nach Haga oder dem Thiergarten zog, ſo konnte man ſicher darauf rechnen, daß unſre Kaleſche, wenn ſie über⸗ haupt ausfuhr, den Weg nach dem Sabbathsberg oder in irgend eine andere, von dem Feſtzug unberührte Ge⸗ gend nahm. Wir prieſen dann unſre Philoſophie, waren aber im Herzen nie recht froh dabei. Die Töchter kamen in die Welt hinaus, die Eltern wünſchten ſie be⸗ liebt, eingeladen zu ſehen; die Töchter wünſchten es nicht weniger, allein ſie waren nicht ſchön und waren ſehr anſpruchslos gekleidet. Die Eltern ſahen nur we⸗ nige Leute bei ſich und die Töchter blieben auf den Bäl⸗ len ſitzen, wurden bei den Soupers beinahe ganz über⸗ ſehen. Doch ſchleppte man ſich Jahr um Jahr mit dem Strome hin. Die Toͤchter fingen an in eine reifere Jugend zu treten. Die Eltern wünſchten ſichtbarlich, ſie zu ver⸗ heirathen; die Töchter wünſchten es auch, was ſehr na⸗ türlich war, zumal da ſie ſich zu Hauſe nicht glücklich fühlten. Und man muß geſtehen, daß ſie ſelbſt wenig thaten, um ſich ihr Heimweſen angenehm zu machen. Sie waren affektirt, verdrießlich, übellauniſch. Keine wußte re ten gleich Es zimmer und wür ſpruch l glaubt, Jahre ſi und über dere Art auch in Gluͤckſeli ſchaft ur Eir machte, gleich di mand w ſehr ruh ſeinen ei etwas kr großes( einfachen Eigene ſchen un nes We Glück, ben kön ſie ſich welchem in dem Weib eigen n das Leb ſtehen r nie geſck nach der chen fin nen philo⸗ eicher als en fuhren, che jäm⸗ Menſchen, icht, daß s Fuchſes, e Mäch⸗ weit mehr r wollten ach guter ei Ru Art Ehre haben e Menge n man ſie über⸗ sberg oder ührte Ge⸗ hie, waren ie Töchter ten eie be⸗ nſchten es und waren nur we⸗ den Bäl⸗ ganz über⸗ e mit dem Jugend zu ie zu ver⸗ s ſehr na⸗ glücklich elbſt wenig zu machen. ſch. Keine ph? wußte recht, was ſie ſollte und was ſie wollte. Sie tapp⸗ ten gleichſam im Nebel herum. Es iſt etwas Gewöhnliches, unverheirathete Frauen⸗ zimmer ſagen zu hören, ſie ſeien mit ihrer Lage zufrieden und wünſchen ſich nicht zu vermählen. In dieſem Aus⸗ ſpruch liegt mehr Wahrheit, als man im Allgemeinen glaubt, beſonders wenn die lebhafteren Gefühle der jungen Jahre ſich beruhigt haben. So habe ich es oft gefunden und überall da, wo das Weib ſich auf die eine oder an⸗ dere Art einen ſelbſtſtändigen Wirkungskreis geſchaffen oder auch in einer gemüthlichen Heimath die Freiheit, die reine Gluckſeligkeit des Lebens genoſſen hat, die wahre Freund⸗ ſchaft und wahre Bildung verleihen. Ein junges Frauenzimmer aus meiner Bekanntſchaft machte, was man mit Recht eine gute Partie nennt, ob⸗ gleich die Liebe eine untergeordnete Rolle dabei ſpielte. Je⸗ mand wünſchte ihr mit vieler Wärme Glück, worauf ſie ſehr ruhig antwortete:„Ach ja, es mag angenehm ſein, ſeinen eigenen Herrn zu haben.“ Man lächelte über dieſe etwas knappe Schätzung deſſen, was allgemein für ein großes Gluck angeſehen wurde, und dennoch enthielten ihre einfachen Worte eine große, allgemeine Wahrheit. Dieſes Eigene in Welt und Wirkungskreis iſt es, was dem Men⸗ ſchen unvermeivliches Bedürfniß wird, wenn er ſein eige⸗ nes Weſen ſoll entwickeln, wenn er Selbſtſtändigkeit und Glück, Selbſtachtung und die Achtung Andrer ſoll erwer⸗ ben koͤnnen. Auch die Nonne hat ihre eigene Zelle, wo ſie ſich im Frieden auf den Himmel vorbereiten kann, in welchem allein ſie ihre rechte Heimath beſitzen darfz aber in dem freien Geſe llſchaftsleben hat das unverheirathete Weib oft nicht einmal eine kleine Zelle, die es ſein eigen nennen kann; ſie geht wie eine Zugwolke durch das Leben und faßt nirgends feſten Fuß. Daher ent⸗ ſtehen oft dieſe Ehen— ächte Kinder der Noth— die nie geſchloſſen werden ſollten, oder dieſe tiefe Sehnſucht nach der ſtillen Zelle des Grabes, die man bei ſo Man⸗ chen findet. ——— ———— — —— ——— —— —— 118 Aber es muß und ſoll nicht ſo ſein; es macht ſich auch immer ſeltener in unſern Zeiten, wo die Geſellſchaft ſich immer vielſeitiger ausbildet, wo bei Betrachtung der Menſchenmaſſen, die ſich um ein Unterkommen drängen, der Schaaren von unverſorgten, verwahrlosten Kindern, die in der Welt aufwachſen, die gar zu einſeitige Auf⸗ faſſung von der Beſtimmung des Weides immer mehr verſchwindet und freiere Wirkungskreiſe ſich für ſie er⸗ öffnen. Aber ich kehre zum Für und Wider meiner eignen Geſchichte zurück. Einen Zug daraus muß ich noch an⸗ führen. Wenn Mädchen aus unſrer Bekanntſchaft ſich mit Männern verheiratheten, die in Beziehung auf Rang und Vermögen eher unter, als über ihnen ſtanden, ſo fanden wir dieß ausnehmend verſtändig und achtungswerth. Aber wenn ein Mann von denſelben Verhältniſſen, wie wir, ſich in unfrem Hauſe nach einer Frau umſah, ſo fanden wir dieß in Gnaden ſehr vermeſſen und begegneten dem Vermeſſenen darnach. Wir hatten den Gucker heimlich auf vornehmere und reichere Partieen gerichtet, die ihrer⸗ ſeits ihre Gucker wieder auf vornehmere und reichere Par⸗ tieen richteten, als wir waren.(NB. dieſes Gucken iſt in der großen Welt ſowohl bei Herren, als Damen ſehr im B auche, obwohl derjenige, der naiv genug ware, es zu geſtehen, es gewiß mit Guckern und Nichtguckern ver⸗ derven würde.) Inzwiſchen hatte ſich in mir ein Menſch entwickelt, der voll Lebenskraft zum Gefuhl ſeines Nichtlebens er⸗ wachte, zum Gefuͤhl der feſſelnden Widerſprüche, in denen er ſich bewegte, und zum heftigſten Verlangen, ſich dar⸗ aus zu befreien. Noch verſtand ich nicht recht, wohin ich mit meiner unruhigen Seele wollte, aber bei der Betrachtung edler Kunſtwerke war es mir oft, als wollte ſich das Räthſel meines Innern mir löſen. Wenn ich die antike Veſtalin anſah, wie ſie ſo ruhig, ſo ſicher und doch ſo mild, ſo ſtill und klar in ſich ſelbſt gefaßt daſtand, da ahnte ich in ihr das Leben, das ich ſowohl in als a nen weh Lan mich in nehmend gelangen ſonders Wi Familie alterten der Kun als mit ken des grau w die nich mir. Es und ohr brechen ſen des Zweck, zu ſchr Geduldi Naturet niſſen breiten, ſellſchaf licherwe weder anſpruc leben z liche la eingetri Hauſe. bergen acht ſich eſellſchaft t der drängen, Kindern, tige Auf⸗ ner mehr r ſie er⸗ er eignen noch an⸗ t ſich mit Rang und ſo fanden th. Aber wie wir, ſo fanden neten dem heimlich die ihrer⸗ chere Par⸗ cken iſt in n ſehr im re, es zu ckern ver⸗ entwickelt, lebens er⸗ „in denen ſich dar⸗ ht, wohin e bei der als wollte Wenn ich ſo ſicher elbſt gefaßt ich ſowohl 119 in als außer mir vermißte, und ſuchte und weinte Thrä⸗ nen wehmuthsvoller Sehnſucht. Lange gequält von den ſchiefen Verhältniſſen— und ich habe ſie bei Weitem nicht alle genannt— worin ich mich in meinem eigenen Hauſe bewegte, fing ich bei zu⸗ nehmenden Jahren an in ein Verhältniß zu der Welt zu gelangen, das fur eine Gemüthsart, wie die meinige, be⸗ ſonders geſährlich war. Wir haben von den Töchtern in der Hausgiebel'ſchen Familie gehört, die gähnend am Spinnrocken und Webſtuhle alterten, aber lieber ſo altern, ja tauſendmal lieber an der Kunkel oder an der Aſche des Speiſeherdes ergrauen, als mit künſtlichen Blumen in den Locken auf den Bän⸗ ken des Ballſaales oder an den Tiſchen der Soupers grau werden, ſich bemühend, gegen eine Welt zu lächeln, die nicht mehr gegen uns lächelt. Dieß war der Fall bei mir. Es gibt ſanfte, anſpruchsloſe Weſen, die ſich ſtille und ohne Murren unter Bande beugen, welche ſie nicht brechen können, die ſich Jahr aus Jahr ein in den Krei⸗ ſen des Geſellſchaftslebens bewegen, ohne einen andern Zweck, als einen Platz darin auszufüllen, eine Wand zu ſchmücken oder zu verunzieren. Friede mit dieſen Geduldigen! Es gibt fröhliche, friſche, ewig jugendliche Naturen, die auch im Alter und unter allen Verhält⸗ niſſen Munterkeit und friſches Leben in den Kreiſen ver⸗ breiten, wo ſie ſich bewegen. Dieſe gehören dem Ge⸗ ſellſchaftsleben an und ſind ſein Segen. Es gibt glück⸗ licherweiſe viele Arten von Menſchen. Die meinige war weder die frohliche und witige, noch die geduldige und anſpruchsloſe. Deßhalb fing ich an das Geſellſchafts⸗ leben zu verabſcheuen, das mir immer mehr eine tödt⸗ liche lange Weile machte und gleichwohl wurde ich hin⸗ eingetrieben durch die Unruhe und Unbehaglichkeit zu Hauſe. Ich war ein Arbeiter, der ſeine Arbeitsluſt ver⸗ bergen und ſein Pfund in der Erde vergraben ſollte. 120 So wollten es die Regeln der Gewohnheit, der Conve⸗ nienz in dem Kreiſe, worin ich lebte. Die Blume ſchenkt dem Menſchen Duft und Genuß, ſie ernährt das Inſekt mit ihrem Staube, der Thautropfen gibt dem Laube, auf das er fallt, Kraft. Ich war in meinen Verhältniſſen weniger als eine Blume, weniger als ein Thautropfen, ich ein kraftvoller Menſch mit ei⸗ ner unſterblichen Seele! Aber noch zur Zeit erwachte ich zum Bewußtſein meiner Lage. Ich ſage zur Zeit, denn es kommt eine Zeit, da es zu ſpät iſt. Es kommt eine Zeit, wo unter der Laſt langer zäher Jahre auch des Menſchen Seele gleichſam zäh wird und man die Kraft entbehrt, ſich aus dem Schlamme zu erheben, in den man verſunken iſt. Ich fühlte, daß ich ſchlechter wurde; ich fühlte deut⸗ lich, wie bei dem beſchäftigungs⸗ und'intereſſeloſen Le⸗ ben, das ich führte, Tag für Tag neues Unkraut auf dem brachliegenden Acker meiner Seele aufſchoß; Neu⸗ gierde, Klatſchhaftigkeit, Reigung zur Bosheit und Ver⸗ käumdung, ſo wie eine immer zunehmende Ungleichheit der Laune fingen an eine Seele zu ergreifen, in welche die Natur zu viele Wirkungekraft niedergelegt hatte, als daß ſie, wie ſo manche andre, in Unſchuld ein paſſives Le⸗ ben hindurch hätte vegetiren können. Ach wenn man ohne Zweck lebt, wenn man ſo gut, wie außerhalb ves prak⸗ tiſchen Lebens daſteht, das dem Inneren Beſchäftigung und Kraft verleiht, wenn kein edles Streben, keine wonnige Freundſchaft, keine Behaglichkeit im täglichen Leben dafür ſorgt, daß man wenigſtens hie und da einen Genuß am Leben findet:— dann wälzt ſich die Unruhe raſtlos und wild in der Menſchen Bruſt, ſie untergräbt Geſundheit, Laune, Güte ach auch den Gewiſſenefrieden und be⸗ ſchwört alle böſen Geiſter des Abgrundes herauf. So zehrt der freſſende Roſt an der Stahlplatte und verwan⸗ delt ihren klaren Spiegel, indem ſie ihn mit ungeordneten Karrikaturen vollzeichnet. Eines Tags las ich in einem Buch folgende Worte von Steſ keine Beſ Eifer hi und alle gefunden, hervorbri ſtillen Te Stunde bindet ur ihren Ge zu ihrem ſern eiget richtig er rer, ſtille Die hende Fu und ich! dem ich tern und erſtaunter beſſer zu ich aber beharrte, Ich Plan we ſchäft an ſetzen ſol die ich L betrachter Eigenſche allein ick mein gar Wille, ich, behü und da ie dieſe Art genießen. Conve⸗ Genuß, utropfen war in weniger mit ei⸗ erwachte ur Zeit, kmmt auch des ie Kraft den man lte deut⸗ loſen Le⸗ raut auf Neu⸗ ind Ver⸗ hheit der eche edie als daß ſives Le⸗ nan ohne des prak⸗ n wonnige en dür enuß am ſtlos und eſundheit, und be⸗ auf. So verwan⸗ erdneten de Worte 12¹ von Steffens, dem vielſeit Sen Denker.„Derjenige, der keine Beſchäftigung hat, welcher er ſich mit getroſtem Eifer hingibt, derjenige, der ſie nicht ſo wie ſich ſelbſt und alle Menſchen liebt, der hat den ſichern Grund nicht gefunden, auf welchem das Chriſtenthum auch hier Früchte hervorbringt. Eine ſolche Beſchäftigung wird zu einem ſtillen Tempel geweiht, uber welchen der Erlöſer in jeder Stunde der Muhſeligkeit ſeinen Segen ausgießt; ſie ver⸗ bindet uns mit allen andern Menſchen, ſo daß wir an ihren Gefühlen Theil nehmen und unſer Thun und Laſſen zu ihrem Nugen werden kann; ſie lehrt uns un⸗ ſern eigenen beſchränkten Zuſtand und den Werth Andrer richtig erwägen und iſt des wirkſamen Chriſtenthums wah⸗ rer, ſtiller und fruchttragender Grund.“ Dieſe Worte kamen wie ein Windeswehen auf glü⸗ hende Funken. Ein Licht entzündete ſich in meiner Seele und ich wußte jetzt, was ich wollte, was ich ſollte. Nach⸗ dem ich Alles wohl überlegt, ſprach ich mit meinen El⸗ tern und legte mein ganzes Herz offen vor ſie hin. Sie erſtaunten, machten Einwendungen, baten mich, die Sache beſſer zu überlegen. Ich hatte dieß vorausgeſehen; als ich aber feſt und ſtill auf meinem Wunſch, meiner Bitte beharrte, überraſchten ſie mich durch ihre Güte. Ich hatte große Freude an den Kindern und mein Plan war der, eine eigene Haushaltung und ein Ge⸗ ſchäft anzufangen, das mich all mälig in den Stand ſetzen ſollte, eines oder zwei Kinder zu mir zu nehmen, die ich verſorgen, erziehen und gänzlich als die meinigen ten wollte. Ich fuhlte zwar wohl, daß mir manche genſchaften fehlten, die eine gute Erzieherin bilden, allein ich hoffte, das friſche Bad der Wirkſamkeit werde mein ganzes Weſen gleichſam neu gebären. Mein guter Wille, meine Liebe zu den Kindern ſollten mir, glaubte ich, behülflich ſein, eine gute Führerin für ſie zu werden, und da ich nicht Gattin werden konnte, ſo hoffte ich auf dieſe Art dennoch die Segnungen des Muttergefühls zu genießen. —— 122 „Aber warum konnteſt dr nicht, warum wollteſt du nicht?“ unterbrach ſie Eliſe eifrig. Gveline lächelte und ſagte:„Man hört, daß du un⸗ ter vielen Anbetern zu wählen gehabt haſt, deßwegen kannſt du dir den Fall gar nicht vorſtellen, wie eine gar keine Wahl haben ſoll. Aber ſo verhielt es ſich wirklich mit mir. Ja ſieh nicht ſo verwundert aus, ſieh mich nicht an, als ob ich einen Hochverrath beginge— die Wahrheit iſt doch, liebe Eliſe, daß ich wirklich nie Ge⸗ legenheit hatte, zu einem Freier ja oder nein zu ſagen. Mit meinen Schweſtern, die weit angenehmer und hübſcher waren als ich, verhielt es ſich anders. Aber ich kehre zu dem Augenblick zurück, wo ich mein Leben aus den alltäglichen Bahnen riß, aber Gott ſei Dank nicht mit Gewalt, nicht im Unfrieden— ſon⸗ dern geſegnet von denen, die mir ein Leben gegeben, für deſſen Geſchenk ich ſie jetzt zum erſtenmal ſegnete. Gerührt von meinem Seelenzuſtand, von dem wah⸗ ren und guten Willen, den ſie bei mir ſahen, beſchleſſen meine Eltern— Gott ſegne ſie dafür!— auf die häus⸗ liche Einrichtung, die ich wünſchte, daſſelbe Geld zu ver⸗ wenden, das ſie, im Fall meiner Verheirathung, mir zur Ausſteuer beſtimmt hatten, ja ihre und meiner Schweſtern Güte machte ſich ein Vergnügen daraus, Alles aufs Beſte und Behaglichſte für mich zu ordnen und als ich das Va⸗ terhaus mit meiner eigenen neuen Heimath vertauſchte, ſo geſchah es unter Thränen aufrichtigen Schmerzes. Do hatte ich meinen Character und meine Lage zu kiar durch⸗ ſchaut, um im Mindeſten zögern zu können. Es war ein Apriltag— mein dreißigſter Geburts⸗ tag— als ich von den Meinigen begleitet in meine neue, kleine, aber behagliche Wohnung einzog. Zwei kleine va⸗ ter⸗ und mutterloſe, aber nicht ganz unbemittelte Mädchen folgten mir dahin. Sie ſollten meine Kinder, ich ihre Mutter werden. Der erſte Morgen, da ich in meiner neuen Behau⸗ ſung erwachte, bleibt mir unvergeßlich; noch in dieſem Augenbli Gegenſtö ungewoͤh Aus der ſang mit zu harn ich hatte und feier drang m ßen wel Dächern nie hatte Lichtpun des Sch begrüßen Geſchäft Haus fa Milchfra ſonſt.( male. Spiegel mein ga den. J nen Unſ Ja dieſe die Wel erhielt i Da Tag an an gewa fühlte n aber um ſtender 1 Kinder allein ſi Herzen Freude llteſt du du un⸗ eßween eine gar wirklich eh mich e die nie Ge⸗ zu agen. hübſcher wo ich ber Gott — ben, für m wea⸗ beſchloſſen die häus⸗ d zu ver⸗ „ mir zur Schweſtern aufs Beſte das Va⸗ uſchte, ſo es. Doch lar durch⸗ Geburts⸗ leine neue, kleine va⸗ e Mävchen ich ihre en Behau⸗ in dieſem 123 Augenblick ſehe ich, wie es im Zimmer tagte, wie alle Gegenſtände darin allmälig in einer, wie mir ſchien, ganz ungewoͤhnlichen Beſtimmtheit vor meinen Blick traten. Aus der nahe gelegenen Kirche erhob ſich der Morgenge⸗ ſang mit ſeinen lieblich ernſten Melodien, welche die Seele zu harmoniſchem Frieden ſtimmen. Ich ſtand früh auf; ich hatte für Haus und Kinder zu ſorgen. Es war heiter und feierlich in meiner Seele; eine ſüße Rührung durch⸗ drang mich, wie ein belebender Frühlingswind. Auch drau⸗ ßen wehte der Fruͤhting. Ich ſah den Schnee von den Dächern ſchmelzen und in glänzenden Tropfen herabfallen; nie hatte ich in jedem von ihnen ſo klar, wie heute, den Lichtpunkt geſehen. Ich ſah die Sperlinge auf der Kante des Schornſteins ſitzen und zwitſchernd die Morgenſonne begrüßen. Ich ſah draußen die Menſchen fröhlich ihren Geſchäften nachgehen, ſah die Milchfrau von Haus zu Haus fahren, und ſie ſchien mir munterer als ich je eine Milchfrau geſehen, und die Milch weißer und ſaftiger, als ſonſt. Es war mir, als ſehe ich die Welt zum erſten⸗ male. Auch mich ſelbſt fand ich anders, als ich mich im Spiegel betrachtete; ich meinte, meine Augen ſeien größer, mein ganzes Ausſehen beſſer und beveutungsvoller gewor⸗ den. Im Zimmer nebenan erwachten die Kinder, die klei⸗ nen Unſterblichen, die ich zum ewigen Leben führen ſollte. Ja dieſer Morgen war ſchöͤn. An ihm lichtete ſich mir die Welt, lichtete ſich zugleich meine innere Welt und ich erhielt in meinen eigenen Augen Werth und Gewicht. Das thätige und ruhige Leben, das ich von dieſem Tag an führte, paßte vollkommen für mich. Von Stund an gewann ich immer mehr Harmonie in mir ſlbſt und fühlte mich immer glücklicher. Der Tag war oft mühſam, aber um ſo wonniger die Ruhe des Abends, um ſo trö⸗ ſtender der Gedanke an die nützlich zugebrachte Zeit. Die Kinder machten mir vielen Kummer und manche Mühe, allein ſie gaben meinem Leben auch Intereſſe und meinem Herzen Glückſeligkeit, indem ſie in Luſt und Noth, in Freude und Leid mir immer lieber und theurer wurden. 124 Ich glaube nicht, daß eigene Kinder einer Mutter lieber ſein können als meine Karina und meine Laura jetzt mir ſind. In dieſem neuen Verhältniß wurde ich auch eine beſſere Tochter, eine zärtlichere Schweſter, als ich bisher geweſen, und konnte jetzt meine betagten Eltern ganz an⸗ ders erfreuen, als wenn ich eine geſchäftsloſe, überflüſſige Perſon in ihrem Hauſe geblieben wäre. Jetzt erſt zog ich auch wirklichen Nutzen von dem Guten in meiner Erzie⸗ hung. Bei der friſchen Wirkſamkeit, bei einem beſtimm⸗ ten Lebenszweck und den liebevollen Verhältniſſen verlor ſich allmälig die Eitelkeit und Unwahrheit aus meinem Weſen und die Kenntniſſe, die ich mir erworben, die Wahrheit, die ich erkannt hatte, wurde fruchtbringend in Herz und That, ſeit ich ſelbſt, ſo zu ſagen, Wurzel im Leben geſchlagen hatte. Cveline ſchwieg. Alle hatten ihr mit Intereſſe zu⸗ gehört, aber Niemand ſo, wie der Landrichter. Ein neues Lebensbild hatte ſich vor ſeinen Blicken aufgerollt und die wahrſte Theilnahme ſtand in ſeinen männlichen Zügen zu leſen. Dieſes Gemälde einer ſo engen Welt, in einem ſo drückenden und unklaren Zuſtande that ihm weh, und ſchon arbeiteten ſeine Gedanken an einem Plane, auf die⸗ ſem Gebiete Thüren aufzuſchlagen, Fenſter zu öffnen und das gedrückte, gefangene Leben zu befreien. „Ach ja,“ ſagte Frau Gunille, ſtille ſeufzend,„wohl hat ieder ſein ſchwieriges Stuͤck Weg im Leben. Aber man wandle nur in Zucht und in der Ermahnung des Herrn, ſo bekommt am Ende doch jeder ſeine Heimath. Der liebe Gott hilft uns Allen.“ Und Frau Gunille nahm eine lange Priſe. „Vergiß den Orbis pictus nicht!“ rief ſie Eliſen nach, als ſie ſich mit ihrem Manne entfernte. Vergiß es nicht den Kleinen den bildenden Anblick zu gewähren, wie die Seele ausſieht. He, he, he!“ . ₰ De Fenſter gen mit Ehepaar empſinde die gleic ſie zukü: erhellte an ihre an die 7 gende S Geſchich rufunger und Beh nahm li und ſah ſcherzend einmal z Thränen fragte ſi mit der wir find fröhlich denken, „A lichen K Un des erwe ſter, ein« dunkler. aber wel herab u r lieber tzt mir ich eine bisher anz an⸗ rflüſſige zog ich Erzie⸗ eſtimm⸗ verlor meinem n, die gend ein irzel im reſſe zu⸗ in neues t Zügen neinem eh, und auf die⸗ nen und „„wohl lber man s Herrn, Der liebe ine lange ie Eliſen Vergiß ewähren, Die Waiſe. Der Tag neigte ſich. Ernſt und Eliſe ſaßen in einem Fenſter des Geſellſchaftszimmers; gegenſeitige Mittheilun⸗ gen mit gegenſeitigem Intereſſe aufgenommen, hatten das Ehepaar Freude in einander und Frieden mit dem Leben empſfinden laſſen. Jetzt ſchwiegen ſie, aber eine Ahnung, die gleich einem harmoniſchen Ton in Beiden erklang, daß ſie zukünftig immer glücklicher mit einander werden ſollen, erhellte ihre Geſichter. Inzwiſchen fing die Dämmerung an ihre Schatten auszubreiten; ein leiſer Regen praſſelte an die Fenſter. Vom Saale her ließ ſich die wohlklin⸗ gende Stimme des Kandidaten hören, der den Kindern Geſchichten erzählte, die ſie zuweilen durch Fragen und Aus⸗ rufungen unterbrachen. Das Gefühl häuslichen Friedens und Behagens kam über das Herz des Familienvaters; er nahm liebevoll die Hand ſeiner Frau zwiſchen die ſeinigen und ſah ihr vergnügt in das ſanfte Geſicht, während ſie ſcherzend kleine Anordnungen im Hauſe entwarfen. Auf einmal zog eine Wolke über des Landrichters Geſicht und Thränen traten ihm in die Augen.„Was iſt dir, Ernſt?“ fragte ſeine Gattin zärtlich beſorgt, indem ſie die Thränen mit der Hand abwiſchte. „Gar Nichts,“ antwortete er,„als daß ich glaube, wir find glücklich; ich ſehe dich, ich höre unſere Kinder fröhlich draußen und da muß ich an das Unglückskind denken, das in dem elenden Hauſe drüben verdorben wird.“ „Ach ja,“ ſeufzte Eliſe.„Gott helfe allen unglück⸗ lichen Kleinen auf Erden!“ Unwillkürlich ſahen beide⸗mach dem nächſten Fenſter des erwähnten Hauſes. Es bewegte ſich Etwas am Fen⸗ ſter, eine Weibsperſon ſtieg auf den Pfoſten hinauf, ein dunkler Kinderkopf guckte zu ihren Füßen hervor, wurde aber weggeſtoßen und ein großes, weißes Tuch rollte ſchnell herab und verbarg alles Weitere. 126 „Er iſt todt,“ ſagten die Gatten zugleich und ſahen Kie e ſchickte ſogleich hin, um Erkundigun⸗ gen einzuziehen. Der Bote kam zurück mit der Nachricht, Herr N. ſei vor einigen Stunden geſtorben. Jetzt wurde Licht hinter dem Tuche angezündet W man ſchien ſich eifrig im Zimmer zu beſchäftigen. Der Landrichter ging ſichtbar bewegt auf und ab. Dasa Kind! Das arme kleine Mädchen! Was ſoll aus ihr n den? Armes Kind! ſagte er einmal ums andere. Eliſe las in ihres Mannes Seele. Schon geraume Beihette ſie ſich in Folge des Wunſches, den ſie in ſeinem Serzen erblickt, mit einem Gedanken vertraut gemacht, der ſich aber in dieſem Augenblick zu weigern ſchien, ihre Lippen zu kommen. Endlich erſtickte ſie einen Senfzer und ſagte:„Ernſt, an 2 Se wo ſechs Kinder eſſen 5 das ſiebente eſſen. S rief Ernſt freudig und ſeine Augen änzt mte ſeine Frau zärtlich, ſetzte ſich ne⸗ glänzten. Er umarmte ſeine S ben ſie und fragte:„Aber haſt du auch deine t 3 prüft? Auf dich fällt der ſchwerſte Theil der Aufgabe⸗ Wenn du indeß Muth dazu fühlſt, ſo erfüllſt du den ines Herzens. iſt gering, Ernſt 4 ſagte Eliſe eine Thräne zerdrückend, und Niemand weiß 2 beſſer als du; aber mein Wille iſt 3 werde mir Mühe geben— irſt mich unterſtützen.“ 3 i uen einander helfen!“ rief der kni ter, fröhlich aufſpringend;„Dank, Eliſe, Dank, mein bes Weibchen,“ fuhr er fort, zärtlich ihre dn „ſoll ich ſogleich hingehen und das Kind holen? e vielleicht fürchtet es ſich, mit mir zu gehen.“ „Dann will ich dich leen S 2 Aber es iſt finſter; es regnet. „r Schirm nehmen. Ueberdieß werdi ich einen Regenmantel anziehen und dann ſchnell fertig ſein.“ Eli ſtützte ſie an und! für ſie. dann mi Kinder e zuſamme Nac Straße waren, bewohnt ches Lich breitete genſtände Zimmer, geplünder Todte au dem zu« den zu li Der Lan betrachtet Züge, fü dann ſtill umwandt W ſahen ſick ſchengeſte bewegen. da ſaß, ſich und lich der gab. S einem At dem vern drohende von einer einen ſo d ſahen ndigun⸗ chricht, det und n. Der as arme ihr wer⸗ Fliſe eit hatte nHerzen der ſich über ihre Seufzer der eſſen e Augen ſich ne⸗ dräfte ge⸗ Aufgabe. ſtdu den Fliſe eine r als du; geben— Landrich⸗ mein lie⸗ id küſſend, n Aber Ueberdieß ann ſchnell 127 Eliſe ging ſich anzukleiden und der Landrichter unter⸗ ſtützte ſie, hing ihr den Mantel um, zog ihr die Pelzſchuhe an und hatte tauſend kleine, liebevolle Aufmerkſamkeiten für ſie. Eliſe gab Brigitte einige Anweiſungen und ging dann mit ihrem Manne aus dem Hauſe, während die Kinder erſchrecklich neugierig und verwundert ihre Köpfchen zuſammenſteckten. Nachdem die Gatten im Regen und Wind über die Straße gegangen, und die finſtern Treppen hinaufgetappt waren, kamen ſie endlich an das Zimmer, das Herr N. bewohnt hatte. Die Thüre ſtand angelehnt, ein ſchwa⸗ ches Licht brannte darin, im Begriff zu erlöſchen, und breitete einen ungewiſſen zitternden Schein über die Ge⸗ genſtände. Kein lebendiges Weſen zeigte ſich in dem Zimmer, das verödet und, man hätte ſagen können, aus⸗ geplündert ausſah, ſo nackt war es. Verlaſſen lag der Todte auf ſeinem Lager und neben ihm war Nichts von dem zu erblicken, was die letzten Kämpfe eines Sterben⸗ den zu lindern vermag. Ein Tuch bedeckte ſein Geſicht. Der Landrichter ging hin, hob es ſachte in die Hoͤhe, betrachtete ſchweigend einen Augenblick die unheimlichen Züge, fühlte den Puls des Verblichenen und bedeckte ihn dann ſtille wieder. Er war blaß, als er ſich gegen Eliſe umwandte. Wo haben wir das Kind?“ ſagte er haſtig. Sie ſahen ſich forſchend um. Ein ſchwarzer Schatten in Men⸗ ſchengeſtalt ſchien ſich in einem Winkel des Zimmers zu bewegen. Es war die Waiſe, die gleich einem Nachtvogel da ſaß, ſich dicht an die Wand ſchmiegend. Eliſe näherte ſich und wollte das Kind in ihre Arme nehmen, als plötz⸗ lich der kleine Arm ſich erhob und ihr einen wilden Schlag gab. Sie zog ſich beſtürzt zurück, näherte ſich aber nach einem Augenblick wieder und ſprach freundliche Worte zu dem verwilderten Mädchen. Dieſe machte abermals eine drohende Bewegung, allein ihre Hände wurden plötzlich von einer ſtarken männlichen Hand gefeſſelt und ſie ſah einen ſo ernſten und beſtimmten Blick auf ſich geheftet, 128 daß ſie davor erzitterte und ſich der überlegenen Macht unterwarf. Der Landrichter hob ſie auf und ſetzte ſie auf ſeine Kniee. Ihr ganzes Körperchen zitterte. Fürchte dich nicht vor uns,“ ſagte Eliſe ſchmeichelnd,„wir ſind deine guten Freunde⸗ Willſt du heute Abend mit mir zu meinen kleinen Kindern nach Hauſe gehen, ſo bekommſt du mit ihnen ſüße Milch und Waizenbrod und darfſt in einem Betichen mit roſenrother Decke ſchlafen.“ Die weiße Milch, die roſenrothe Decke und Eliſens ſanfte Stimme, ſo wie ihr ganzes Weſen ſchienen auf das kindliche Ge⸗ müth zu wirken. „Ich will wohl mit dir kommen,“ ſagte ſie,„aber was wird der Vater ſagen, wenn er erwacht?“ „Er wird zufrieden ſein,“ verſicherte Eliſe, indem e warmen Shawl um die Schultern des Kindes hüllte.: In dieſem Augenblick vernahm man Geräuſch auf der Treppe. Die kleine Sara ſtieß einen ſchwachen Schre⸗ ckensruf aus und fing aufs Neue an zu zittern. Herrn Ns. Haushälterin trat herein, gefolgt von zwei jungen Purſchen und der Landrichter verkündigte ihr ſeinen Ent⸗ ſchluß, Sara, ſo wie die Hinterlaſſenſchaft ihres Vaters unter ſeine Obhut zu nehmen. Bei dieſer Erklärung be⸗ gann die Frau einen gewaltigen Lärm zu erheben und ſich in Flüchen zu ergießen, die der Landrichter mit einer ernſtlichen Drohung zum Schweigen bringen mußte. Er ſandte hierauf einen der Purſchen zum Hausbeſitzer und nachdem er mit dieſem die Sicherheitsmaßregeln zur Auf⸗ bewahrung der etwaigen Verlaſſenſchaft des Todten ver⸗ abredet hatte, nahm er die kleine Sara auf den Arm, hüllte ſich gut in ſeinen Mantel und entfernte ſich mit ſei⸗ ner Frau. Mittlerweile herrſchte unter den kleinen Fränklein eine ganz unbeſchreibliche Neugierde. Weggehen geſagt, ſie werde ihnen vielleicht noch Schweſterchen bringen. Und es läßt ben, welchen Aufſtand dieſe Eliſe hatte ihnen beim ein ſich nicht beſchrei⸗ Worte unter der kleinen Schaar v ßungen at Stande, 1 ſtrömten; ſchwichtig Zimmer Haſt aufg thüre ſich trat. Pet Landrichte Etwas un Grauſen näherer B jähriges 2 Farbe unt die mit ei weißen Kl heramdrär „Da deine Geſe ſammen, Die Heinrich r bei der kommnen. Den ten mehre gekommen zwei über ein freigebig 1 ECva rothen Fl Bren Macht ſie auf „Fürchte wir ſind t mir zu bekommſt darfſt in ie weiße Stimme, iche Ge⸗ ie,„aber e, indem Kindes äuſch auf en Schre⸗ n. Herrn ei en inen Ent⸗ e Vaters lärung be⸗ eben und mit einer ußte. Er eſitzer und n zur Auf⸗ odten ver⸗ den Arm, ich mit ſei⸗ änklein eine ihnen beim noch ein cht beſchrei⸗ der kleinen 129 Schaar verurſachten, welche Behauptungen und Muthma⸗ ßungen aufgeſtellt wurden. Der Kandidat war nicht im Stande, die Fragen alle zu beantworten, die über ihn los⸗ ſtrömten; um jedoch die gährende Unruhe in Etwas zu be⸗ ſchwichtigen, ließ er die Kinder wie Krähen durch das Zimmer hüpfen und ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze des Zugs. Ein Haufen wirklicher Krähen wäre nicht mit ſolcher Haſt aufgeflattert, wie die kleine Schaar, als die Saal⸗ thüre ſich öffnete und der Landrichter mit ſeiner Frau herein⸗ trat. Petrea ſah im höchſten Grad neugierig aus, als der Landrichter ſeinen weiten Mantel zurückſchlug und ſachte Etwas unter demſelben hervorglitt, was ſie zuerſt mit Grauſen für einen Schornſteinſeger hielt, das ſich aber bei näherer Betrachtung als ein ſehr zartes und mageres neun⸗ jähriges Mädchen auswies, mit ſchwarzen Haaren, dunkler Farbe und ein Paar ungewöhnlich großen ſchwarzen Augen, die mit einem beinahe drohenden Ausvruck die hellgelockten weißen Kleinen betrachteten, welche ſich verwundert um ſie herumdrängten. „Da habt ihr noch eine Schweſier,“ ſagte der Vater, indem er die Kinder zu einander fuhrte.„Sara, da ſind deine Geſchwiſter. Habt einander lieb und ſeid artig zu⸗ ſammen, meine Kinder.“ Die Kinder ſahen einander etwas erſtaunt an; aber Heinrich und Louiſe nahmen die kleine Fremde beſchützend bei der Hand und bald wetteiferten Alle, ſie zu bewill⸗ kommnen. Den Kindern wurde ihr Abendeſſen gebracht. Es brann⸗ ten mehrere Lichter. Die Scene war heiter; der Neuan⸗ gekommenen wurde allgemein gevpfert. Louiſe kam mit zwei über ein Jahr alten Stücken Confect nebſt einer kleinen Doſe, worin ſie ferner aufbewahrt werden konnten. Heinrich verehrte ihr eine rothe Trompete und ertheilte freigebig Unterricht in der Kunſt, ſie zu blaſen. Eva verſchenkte ihre Puppe Joſephine in einem neuen rothen Florkleide. Bremer, das Haus. 9 130 Leonore zündete ihren grün und rothen Wachsſtock an vor der dunkeläugigen Sara. Petrea.. ach Petrea hätte auch ſo herzlich gern etwas gegeben. Sie durchſtöberte alle ihre Verwahrur gs⸗ orte, aber ach ſie bargen nur Trummer von verunglückten Sachen. Hier eine Puppe ohne Arme, dort ein Tiſch mit. bloß drei Fußen, da zwei Hälften eines Zuckerferkele, hier ein Hund ohne Kopf und Schwanz. Ihre ſämmtlichen Spielſachen waren in Folge der mannigfachen Experi⸗ mente, die ſie mit ihnen anzuſtellen pflegte, der Ver⸗ gänglichkeit anheimgefallen und das Pfefferkuchenherz, wo⸗ mit ſie Gabriele an ſich zu locken pflegte, war gerade heute in einem unglückſeligen Augenblick der Luſternheit ihre eigene Kehle hinabgewandert. Petrea beſaß wirklich durchaus Nichts, was für ein anſtändiges Geſchenk gel⸗ ten konnte. Sie ſah es ſeufzend ein, ihr Herz preßte ſich zuſammen und ſchon begannen Thränen an ihrer Naſe hinabzugleiten, als eine plötzliche Eingebung ſie tröſtete. Das Frauenzimmer am Roſenbuſch! Dieſes Klei⸗ nod beſaß ſie noch; es hing noch unverdorben in Glas und Rahmen an einer blauen Bandſchleife über ihrem Bette. Nur einen Angenblick zauderte Petrea; im näch⸗ ſten war ſie auf ihr Bettchen hinaufgeklettert, hatte das Bild herabgenommen und⸗ eilte jest mit ſtrahlenden Augen und gluhenden Wangen zu den Andern, um das Liebſte was ſie beſaß zu verſchenken, und feierlich er⸗ klärte ſie Sara als Beſitzerin des Frauenzimmers am Roſenbuſch. „Kleinafrika“ zeigte ſich ziemlich gleichgültig gegen die Opfer der kleinen Europäer. Sie nahm die Geſchenke zwar an, legte ſie aber ſogleich weg, ohne ſich weiter darum zu bekümmern, was Louiſe zu dem Vorſchlag veranlaßte, die⸗ ſelben für ſie aufzubewahren. Mitten unter dieſen kleinen Ereigniſſen kam der Aſ⸗ ſeſſor herein, ſah ſich mit forſchendem Blick im Zimmer um, zeigte ſeine weißen Zähne und ſagte vor ſich hin:„Ja, ja, Alles richtig. Ich habe mirs einbilden können. dem er ſehe, gl genug in herbeiſchl Kommt nicht zuft Maädchen Man w mehr aus ihr habt an ander komms!“ Der Brumme mit der ſagte, er Birnen e der Kint dieſen ha ein gold ihrem Te Werth. aber er ſeine Art Als in ihr 2 Freude; nur das Vergnüg lichen S Traurigk Gewalt Vater. an ihrer das müd die Freu ſtock an zlich gern vahrur gs⸗ unglückten Tiſch mit. rkele, hier mmtlichen Eperi⸗ der Ver⸗ herz, wo⸗ ar gerade Luſternheit ß wirklich ſchenk gel⸗ er preßte an ihrer gebung ſie ieſes Klei⸗ n in Glas uüber ihrem iim näch⸗ ert, hatte ſtrahlenden „ um das feierlich er⸗ mmers am ig gegen die ſchenke zwar rdarum zu nlaßte, die⸗ am der Aſ⸗ im Zimmer e vor ſich irs einbilden 131 können.„Nun,“ ſetzte er laut und ſcheltend hinzu, in⸗ dem er ſeinen Freunden die Hand ſchüttelte:„wie ich ſehe, glaubt ihr an euren eigenen Kindern noch nicht genug im Hauſe zu haben, ihr müßt auch noch fremde herbeiſchleppen. Wie viele wollt ihr noch dazu ſammeln? Kommt morgen nicht wieder ein neues? Konntet ihr euch nicht zufrieden geben, bis ihr das ganze halbe Dutzend Madchen vollzählig hattet? Und wohin ſoll das führen? Man wird demnächſt vor lauter Kindern im Hauſe nicht mehr auskommen können. Ich kann mirs wohl denken, ihr habt ſo viel überflüſſiges Geld, daß ihr es durchaus an andere hinwerfen müßt. Nun Glück zu! Wohl be⸗ komms!“ Der Landrichter und ſeine Frau beantworteten das Brummen ihres Freundes bloß mit einem Lächeln und mit der Bitte, den Abend bei ihnen zu bleiben. Aber er ſagte, er habe keine Zeit und ging fort, nachdem er große Birnen aus ſeinen Taſchen gezogen und ſie auf die Teller der Kinder unter die Servietten gelegt hatte. Jede von dieſen hatte ihr eigenes Merkzeichen und die Saras hatte ein goldgelbes Band bekommen. Unter der Birne auf ihrem Teller fand man einen Bankzettel von bedeutendem Werth. Es war des Aſſeſſors Geſchenk an die Vaterloſe, aber er wollte ſich nie dazu bekennen. Es war dieß ſeine Art. Als die Mutter Sara bei der Hand nahm, um ſie in ihr Bett zu führen, hatte Petrea die unbeſchreibliche Freude zu ſehen, wie dieſe von allen kleinen Geſchenken nur das Mädchen am Roſenbuſch mitnahm, das ſie mit Vergnügen zu betrachten ſchien. Drinnen in dem freund⸗ lichen Schlafzimmer aber wurde Sara von einer heftigen Traurigkeit erfaßt. Thränen ſtürzten mit wunderbarer Gewalt aus ihren Augen und ſie rief laut nach ihrem Vater. Eliſe hielt ſie ſtille in ihren Armen und ließ ſie an ihrer Bruſt ausweinen. Sachte entkleidete ſie ſodann das müde Kind und als ſie es ins Bett legte, hatte ſie die Freude zu fühlen, daß Saras Arme ſich liebevoll um ————————— ——j—————‧——— 132 ihren Hals geſchlungen hatten. Das Mädchen am Roſen⸗ buſch hing über ihrem Bett, aber auf dem ſchneeweißen Lager ſchien keine Ruhe für das arme„Kleinafrika“ zu ſein. Ihre dunkeln Augen ſpähten wild umher im Zimmer und ihre Hände hielten ſich krampfhaft an Fliſens weißem Kleide;„gehe nicht fort,“ flüſterte ſie,„ſie kommen, ſie kommen ſonſt und tödten mich.“ Jetzt nahm Eliſe die Hände des Mädchens zwiſchen die ihrigen und ließ ihre Lippen ein einfaches Kindergebet ſprechen, daſſelbe, das ſie alle ihre Kleinen gelehrt hatte. Sara ſagte die Worte nach und obgleich ſie es bloß mechaniſch that, ſchien ſie doch dabei etwas ruhiger zu werden; aber da noch immer häufige Zuckungen ihren Körper durchfuhren und ſie ſich fortwährend feſt an Eliſens Kleid hielt, ſetzte ſich dieſe ſtille neben ſie und auf den Zuruf der andern Kinder:„Ach, Mutter, ſing das Lied von der Taube, ach ſing uns!“ ſang die Mutter mit lieblicher, ſanfter Stimme das kleine Liedchen, das ſie ſelbſt für die Kinder verfaßt hatte. „Es ſitzt eine Taube auf Lilienzweig So weiß und ſchön, Und lauſcht, wie Chriſtus an Liebe reich, Der Kinder Fleh'n. Seht! Wie ſie zum Himmel ſich leichtbeſchwingt Voll Luſt erhebt Und der Kinder Gebet zu dem Throne bringt, Wo ein Vater lebt. Dann wieder vom Himmel zurück ſie kehrt, Und Segen und Glück Bringt ſie vom Vater, der ſie erhört, Den Kindern zurück. So erhebt ihr Kleinen, euer frommes Flehn, Es blickt auf euch Gewi Vom W über di Saras ſingende und wä mehr de weißer, gend ſei ſich die hielt, t keit der El dern K ſie in d Lippen angekon gutmüt halten M Dieſes ſeinen„ haben. währen Eveline Gedäch zu wir andres um ihr Wrhl, ausfind das eir vollkon Und ſo Roſen⸗ eeweißen rika“ zu Zimmer weißem men', ſie Eliſe die ließ ihre „ das ſie ie Worte , ſchien da noch hren und lt, ſetzte er andern e Tae, r, ſanfter ie Kinder gt 133 Gewiß eine Taube, himmliſch und ſchön, Vom Lilienzweig.“ Während des Geſangs kam die Taube des Friedens über die Kinderſeelen, freundliche Bilder ſchwebten vor Saras Sinnen. Das Mädchen am Roſenbuſch und die ſingende Eliſe wurden eins, die Roſen dufteten lieblich und während Saras dunkle, lange Wimpern ſich immer mehr der Wange näherten, kam es ihr vor, als breite ein weißer, lieblich ſingender Vogel ſchmeichelnd und beruhi⸗ gend ſeine Schwingen über ihre Bruſt. Allmälig öffnete ſich die kleine Hand und ließ das Kleid los, das ſie feſt⸗ hielt, die verweinten Augen bedeckten ſich und die Süßig⸗ keit der Ruhe kam über die Vater- und Mutterloſe. Eliſe ſtand leiſe auf und ging an die Betten der an⸗ dern Kinder. Die Taube auf dem Lilienzweig hatte auch ſie in den Schlaf gewiegt und als die Mutter mit den Lippen ihre Wangen berührt, mit Brigitte über die Neu⸗ angekommene geſprochen und von der kinderfreundlichen, gutmüthigen Alten die beruhigendſten Verſicherungen er⸗ halten hatte, eilte ſie zu ihrem Manne hinein. Mit Begierde hörte er, was ſie von Sara erzählte. Dieſes neue Mitglied ſeiner Familie, dieſer Zuſchuß zu ſeinen Sorgen ſchien ſeine Seele erweitert und belebt zu haben. Seine Augen glänzten von ſanfter Rührung, während er mit Eliſe über die Zukunft der Kinder ſprach. Evelinens Geſchichte, die ihm und ihr friſch vor dem Gedächtniſſe ſtand, ſchien auf ihn als eine Art Sporn zu wirken, für ſeine Familie und ſeine Kinder ein ganz andres Lebensgemälde hewvorzurufen. Wir wollen unſere Kinder nicht um unſert⸗, ſondern um ihretwillen erziehen,“ ſagte er mit Wärme.„Ihr Wehl, ihr Glück wollen wir ſuchen. Wir werden ſchon ausfindig machen, was dazu führen wird, ſowohl für das eine, wie für das andere Kind; wir müſſen nur ihr vollkommenes Vertrauen gewinnen und uns erhalten. Und ſollte einige Herbheit, einige Härte in meiner Natur 134 ſie zurückhaltender gegen mich machen, ſo hilf du mir, Fliſe, daß ihre geheimen Bekümmerniſſe und Wünſche durch dich zu mir gelangen.“ „Ja wohin ſollte ich ſonſt gehen?“ ſagte Eliſe herz⸗ lich.„Du biſt meine Stütze, meine beſte Kraft im Leben. Wie ſchwach wäre ich nicht ohne dich!“ „Und ohne dich, Eliſe, wäre meine Kraft Härte ge⸗ worden. Die Natur hat mir eine despotiſche Gemüths⸗ art gegeben. Ich habe noch jetzt wie früher oft große Mühe, ſie zu bekämpfen. Aber mit Gottes Hülfe wird es mir wohl gelingen. Meine Eliſe, wir wollen immer beſſer werden. Um der Kinder willen, um ſie glücklich zu machen, wollen wir dahin arbeiten uns ſelbſt zu ver⸗ edeln. „Ja das wollen wir, Ernſt. Möge der Friede im Hauſe frühzeitig den Geiſt des Friedens in ihrer Bruſt heimiſch machen.“ „Wir wollen ſie glücklich machen!“ fuhr der Väter mit immer innigerer Wärme fort,„mit Gottes Hülfe ſoll keines von ihnen verunglückt und gebrechlich an der Seele durchs Leben gehen. Meine kleinen Mädchen, es ſollen keine halbfertigen Menſchen aus euch werden, keine Illu⸗ ſionen ſollen eure Augen für den wirklichen Reichthum des Lebens blind machen. Ihr ſollt kein edles Verlangen empfinden, das ihr nicht befriedigen könnt. Ach das Le⸗ ben iſt ja reich genug, um alle Vögel unter dem Himmel zu ſättigen und keines von euch iſt vom Schopfer ver⸗ wahrlost. Eurem unſchuldigen Leben wird es weder an Kraft noch Freude fehlen; ihr werdet die Wirklichkeit des Lebens kennen lernen und ſie wird jedem Tage Segen, jedem Augenblick Intereſſe, jeder Beſchäftigung Bedeutung geben, ſie wird euch Ruhe und Selbſtſtändigkeit geben in Freud und in Leid, im Leben und im Tode.“ Während Eliſe dieſen Worten lauſchte, war es ihr, als ſtröme ein friſcher Wind durch ihre Seele. Nichts ſchien ihr mehr ſchwierig. Leichter däuchten ihr alle Mühen des Lebens bei dem ſchönen Ziele. Und wenn ſie an da und der. Freude, und zugle in ihr H ſie ihm. Den wahrhaft mehr der lich Huld ihr jetzt „W Fliſe,„n — nicht me „N ſo ſtreng mehr Lu „Ur „V gehen.“ du mir, Wünſche liſe herz⸗ m Leben. ärte ge⸗ emüths⸗ ft große lfe wird immer glücklich tzu ver⸗ Friede im er Bruſt e Vter Hülfe ſoll der Seele es ſollen eine Illu⸗ teichthum Berlangen das Le⸗ Himmel öpfer ver⸗ weder an chkeit des eSeen, Bedeutung geben in ar es ihr, Nichts ihr alle Und wenn 135 ſie an das männliche, warme Herz dachte, das für ihr und der Kinder Wohl lebte, da fühlte Eliſe mit ſtolzer Freude, daß ſie zu ihrem Manne hinauf ſehen konnte, und zugleich ſchlich ſich ein mächtiges Gefühl der Demuth in ihr Herz. Sie beugte ſich über ſeine Hand und küßte ſie ihm. Dem Landrichter gefiel dieß nicht, denn wie jeder wahrhaft männliche und kraftvolle Mann liebte er es mehr dem Weibe zu huldigen, als— wenigſtens äußer⸗ lich Huldigung von ihr zu empfangen. Auch entzog er ihr jetzt ſeine Hand mit einigem Mißvergnügen. „Warum darf ich deine Hand nicht küſſen,“ fragte Eliſe,„wenn es mir Freude macht?“ „Weil es mir keine Freude macht und du darfſt es nicht mehr thun.“ „Nun, nun mein Schatz, du brauchſt es mir nicht ſo ſtreng zu verbieten. Vielleicht bekomme ich auch nie mehr Luſt dazu.“ „Um ſo beſſer!“ „Vielleicht auch nicht; aber laß uns jetzt zur Ruhe gehen.“ Bweite Abtheilung. Das neue Haus. „Lebe wohl o Haus meiner Kindheit! Lebet wohl ihr Mauern, gefühlloſe Zeugen meiner erſten Thränen, meines erſten Lächelns, meiner erſten Schritte und Fehl⸗ tritte auf der ſchlüpfrigen Bahn des Lebens, meiner erſten Bekanntſchaft mit Haferbrei und dem A B G. Du Winkel, wo ich mit ſchwer eingehenden Aufgaben ſtand, und du, wo ich vergebens die undankbarſten aller Krea⸗ turen, eine Fliege und eine Raupe zu zähmen ſuchte, ihr Fußböden, die ihr mich unter Spielen und Zänkereien mit geliebten Geſchwiſtern getragen habt, ihr Tapeten, die ich unter Forſchungen nach vermeintlichen Schätzen zerriſſen, ihr Schauplätze meiner Schlachten mit Flaſchen und Gläſern, meiner Heldenthaten mancherlei Art,— euch entbiete ich ein langes Lebewohl und gehe, auf neuen Schauplätzen neue Abenteuer und neue Schickſale zu erleben.“ So ſprach Petrea Frank, indem ſie mit wichtigen Gebärden einen tragikomiſchen Abſchied von dem Hauſe nahm, das ſie und ihre Familie jetzt zu verlaſſen im Be⸗ griff ſtanden. Es war ein Regentag in der Mitte des Aprils. Ein ſchwarzer Seidenmantel, der Hofprediger titulirt(ein Gemeingut der Frank'ſchen Familie) und ein großer ro⸗ ther Regenſchirm, das Familiendach genannt(ebenfalls ein Gemeingut) wurde an dieſem Tage in unaufhoͤrlicher Promenade auf den Straßen der Stadt. geſehen. W — * dieſe P then, w mädcher dienten derſelbe: man A Familie trea ſck und ſch gnügt lang. fällig e Düte C ſchein 1 rollten der Ve ein lar Aſſeſſor fectſtück wax de ſo veru C man ſc jetzt m Alles v nur mi machen ges gel len. A Ordnun um Re nicht n ihre S von de Weib kann.“ bet wohl Thränen, und Fehl⸗ ner erſten G Du ben ſtand, ler Krea⸗ uchte, ihr Zänkereien Tapeten, Schätzen t Flaſchen Art,— auf neuen ickſale zu wichtigen em Hauſe n im Be⸗ rils. Ein ulirt(ein großer ro⸗ (ebenfalls ufhoͤrlicher hen Was — 137 dieſe Promenaden bedeuteten, konnte man ungefähr erra⸗ then, wenn man ein großes, blondes, blauäugiges Dienſt⸗ mädchen und einen kleinen, braunalten, geſchäftigen Be⸗ dienten mit Schachteln, Körben, Packeten u. ſ. w. hinter dexſelben herkommen ſah. Gegen die Dämmerung erblickte man Aſſeſſor Jeremias Munters hagere, lange Geſtalt, das Familiendach über Petrea Frank und ſich haltend. Pe⸗ trea ſchien etwas unter ihrem Mantel zu tragen, lachte und ſchwatzte und der Aſſeſſor und ſie ſchienen ganz ver⸗ gnügt mit einander. Leider dauerte dieſe Freude nicht lang. Auf der Treppe vor der Hausthüre trat Petrea zu⸗ fällig auf ihr Schuhband, ſtolperte, fiel um und eine große Düte Confect kam plotzlich aus dem Hoſprediger zum Vor⸗ ſchein und Mandelkränze, Caramellen und glacirte Früchte rollten nach allen Seiten. Mitten unter dem Schreck und der Verwirrung des Augenblicks hatte Petrea große Mühe, ein lautes Lachen zurückzuhalten über die Beſtürzung des Aſſeſſors und die Sprünge, die er machte, als die Con⸗ fectſtücke die Treppe hinab in den Rinnſtein rollten. Es war des Aſſeſſors eigener Tribut zur Feier des Tages, was ſo verunglückte. „Ja, wenn die Frauenzimmer nicht wären, ſo könnte man ſchon etwas zu Stande bringen auf der Welt. Aber jetzt müſſen ſie kommen und helfen und deßwegen geht Alles verkehrt. Laſſen Sie nur mich machen, laſſen Sie nur mich ſorgen, heißt es immer. Und dann ſorgen und machen ſie es ſo, daß. hat man je etwas ſo Einfälti⸗ ges geſehen? Hinzugehen und über ihr Schuhband zu fal⸗ len. Aber die Frauenzimmer können in Nichts geziemende Ordnung halten. Und ſolche Geſchöpfe ſetzt man noch hin, um Reiche zu regieren! Reiche regieren!!! Ich verlange nicht mehr von ihnen, als daß ſie ihre Füße regieren und ihre Stiefel⸗ und Schuhbänder ordentlich knüpfen. Aber von der Königin herab bis zur Taglöhnerin gibt es kein Weib auf der Welt, das ſeine Schuhbänder knüpfen kann.“ So lautete Jeremias Munters Philippika, als er mit Petrea ins Zimmer hinaufkam und die Trümmer des Con⸗ Kniee re fectes überſah, die der große Schiffbruch übrig gelaſſen ſchirte. hatte. Petrea's Entſchuldigungen und Bitten um Verzei⸗ Die hung vermochten ſeinen Zorn nicht zu beſchwichtigen. Es gezogen. iſt freilich wahr, daß eine unglückliche Lachluſt, die ſich Garten ihrer bemächtigt hatte, ihrem Kummer über das traurige zwei Ja! Ereigniß ein zweifelhaftes Ausſehen gab. Dennoch war repariren dieſer ganz aufrichtig und als Eva herzukam, und mit bit⸗ reißen le tender, ſchmeichelnder Stimme zum Aſſeſſor ſagte: Seien wie er e Sie nicht mehr böſe, liebes Onkelchen, die arme Petrea menem?s wird ſonſt ganz betrübt und hat ſich außerdem recht übel froh, ih das Knie zerſtoßen;“ da ſagte der Aſſeſſor in bedeutend gelang verändertem Tone: Gelärm „So, ſo, hat ſie das? Warum muß man auch ſo Sägeſpä tölpelhaft ſein und ſtraucheln und ſtolpern, ſo daß man. klettern „Ein Biechen Confect kann man ja immer wieder hatte de haben.“ laſſen. „So, kann man das? Wächst es etwa auf den Bäu⸗ Jet men* Soll man hingehen und ſein Confect hinauswerfen, von St um es dann auf der Straße liegen zu ſehen? Eine ſau⸗ und freu bere Haushaltung das! Da danke ich.“ Wohnun „Sagen Sie Petrea ein freundliches Wort.“ Zufriede „Ein freundliches Wort? Ich will ihr ſagen, daß ſie ganzen„ ſo gut ſein und ihr Stiefelband ein anderesmal knüpfen Boden lernen ſoll. Nun ich will jetzt noch mehr Confect holen, u. ſ. w. aber bloß um Ihretwillen, kleine Miß Eva. Ja, ja, ſage Wi ich. Jetzt will ich hingehen und dann kann ich auch tan⸗ wir ihn en aber wie es regnet! Leiht mir das Familiendach! dern fü Den Mantel da kann ich auch brauchen; gebt ihn hübſch wo die her. Nun ja, was iſt da zum Maulaufſperren? Werden und Ge die Leute mich wohl gehörig angaffen? Von Herzen gern, ſchön, a wenn es ihnen Vergnügen macht. Laß ſie nur über mich richter? lachen, das iſt mir hochſt gleichgültig. Geſundheit und lichen S Bequemlichkeit gehen über Alles und ein Kleid kann ſo ſogenanr gut ſein wie ein anderes.“ Es war Lachend warfen die jungen Mädchen dem Aſſeſſor den Fenſtern Hoſpreviger über die Schultern, der ihm nicht bis an die platz hir es Con⸗ gelaſſen Verzei⸗ en Es die ſich traurige och war mit bit⸗ Seien Petrea cht übel edeutend auch ſo man rwieder enBä⸗ swerſen, ine ſau⸗ „ daß ſie knüpfen ct holen, ja, ſage uch tan⸗ iliendach! hübſch Werden zen gern, iber mich dheit und kann ſo ſſeſſor den i di 139 Kniee reichte, worauf er mit langen Schritten abmar⸗ ſhe Die Familie war an dieſem Tage in ein neues Haus gezogen. Der Landrichter hatte es nebſt einem kleinen Garten auf ſeine und ſeiner Frau Lebzeiten gekauft und zwei Jahre lang hatte er darin herumgeſtöbert, Wände repariren, einrichten, einige Thüren zumauern, andere auf⸗ reißen laſſen, bis er alles ſo bequem und zweckmäßig fand, wie er es wünſchte. Seine Frau hatte dieß mit vollkom⸗ menem Vertrauen ſeinem guten Urtheil überlaſſen und war froh, ihres Theils— was ihr nicht ohne Schwierigkeiten gelang— der Unannehmlichkeiten überhoben zu ſein, das Gelärm der Maurer und Schreiner zu hören, über Sägeſpäne, Gerüſte, über Tröge mit Mörtel herumzu⸗ klettern u. ſ. w. Tapeten und andere Zierrathen dagegen hatte der Landrichter ihrer und ihrer Töchter Wahl über⸗ laſſen. Jetzt ging er ſo vergnügt mit ſeiner Gattin am Arme von Stockwerk zu Stockwerk, von Zimmer zu Zimmer und freute ſich über die bequeme, geräumige, angenehme Wohnung, beinahe noch mehr aber über Eliſens lebhafte Zufriedenheit mit ſeinen Werken. Auch mußte ſie jetzt im ganzen Hauſe herumſpe zieren, von den Kellern bis auf den Boden uf in das Waſchhäuschen, die Holzkammer w. Wir wollen jetzt den Leſer nicht damit ermüden, daß wir ihn den ganzen Spaziergang mitmachen laſſen, ſon⸗ dern führen ihn bloß in einige von den Zimmern ein, wo die Familie ſich öfter befinden wird. Durch Saal und Geſellſchaftszimmer gehen wir bloß durch; ſie waren ſchön, aber gewöhnlich; das Zimmer aber, das der Land⸗ richter mit beſonderer V orliebe eingerichtet und zum täg⸗ lichen Sammelplatz der Familie beſtimmt hatte, war die ſogenannte Bibliothek und verdient nähere Bekanntſchaft. Es war ein langes, ſehr freundliches Zimmer, mit drei Fenſtern auf einer Seite, die gegen einen großen Markt⸗ platz hinausſahen. Luiſe freute ſich ausnehmend darüber; „ man könne an den Markttagen vom Fenſter aus ſehen, was für die Haushaltung zu kaufen ſei;— gerade gegen⸗ über lag die Kirche mit ihrem ſchönen bäumebepflanzten Hofe und dieſe Ausſicht gefiel Eliſen ſehr. Die entgegen⸗ geſetzte Wand des Zimmers war ganz und gar mit Bü⸗ chern bedeckt, die in verſchiedenen Abtheilungen, jede die Literatur eines andern Landes enthaltend, auf ihren Schränken ſtanden. In Niſchen, die auf den Gränzſcheiden angebracht waren, ſtanden auf einfachen, aber geſchmack⸗ vollen Piedeſtalen, die Büſten ausgezeichneter, durch Hel⸗ denthaten des Friedens großer Männer, und der Landrich⸗ ter bemerkte, ſie ſtehen da, nicht weil ſie die Voͤlker der Erde trennen, ſondern weil ſie dieſelbe vereinigen. Seine Bibliothek war wirklich ausgewählt; es war einer der Ge⸗ nüſſe ſeines Lebens geweſen und war es noch jetzt, dieſe Sammlung beſtändig zu vermehren. Jetzt war ſie zum erſtenmale an einem Platze geordnet und geſammelt; er freute ſich dieſes Schatzes und bat ſeine Töchter, ſich deſ⸗ ſelben frei zu bedienen, nur mit der ausdrücklichen Bedin⸗ gung, jedes Buch wieder an ſeinen Ort zu ſtellen. Louiſe wurde ſogleich zum Bibliothekar ernannt mit Petrea als Amanuenſis. Mutter und Töchter bezeugten eine ausneh⸗ mende Freude an dieſem Zimmer; ſie rechneten aus, wo⸗ hin die Arbeits⸗, die Blumentiſche, die Vogelkäfige kom⸗ men ſollten; und ſiehe da, es paßte Alles vortrefflich. An der einen kutzen Wand des Zimmers ſtand der grüne Sopha, wo die Mutter ihre Reſidenz haben ſollte, und an der ent⸗ gegengeſetzten war das Fortepiano, die Harfe— Sara's Lieblingsinſtrument— und eine Guitarre, in deren Saiten Era griff und dazu ſang:„Mamma mia.“ Eine angenehme Ueberraſchung erwartete Eliſe, als der Landrichter ſie von der Bibliothek aus durch eine Tapetenthüre in ein beſonderes, für ſie beſtimmtes, Ka⸗ binet führte, das dieſelbe Ausſicht hatte, wie die Biblio⸗ thek. Die Mutter ſah mit Rührung, daß die geſchmack⸗ volle Möblirung des Zimmers das Werk der Toͤchter war. Ihr Schreibtiſch ſtand am Fenſter; ein Paar ſchöne Gemälde Porzellan barer Fr taſieen be befriedigt Ein führte ſi Landricht Thüren ſ liebigen Näc Vergnüg ganz be Er dreht zu zeigen und aus und aus nehmlicht Feier des auf ſeine wie der erhalten. nach dem reinliche ſollte ſie altern; h blühte ih Geſangbr Die lagen im lich einge „Hi indem er du nicht Haus ſo und wün Keine Ur s ſehen, e geen⸗ pflanzten entgegen⸗ mit Bü⸗ jede die uf ihren nzſcheiden eſchmack⸗ urch Hel⸗ Landrich⸗ zölker der . Seine r der Ge⸗ tzt, dieſe ſie zum melt; er ſich deſ⸗ en Bedin⸗ n Luiſe ßetrea als e ausneh⸗ aus, wo⸗ äfige kom⸗ fflich. An ne Sopha, n der ent⸗ — Sara's ren Saiten Eliſe, als durch eine ntes, Ka⸗ die Bibliv⸗ geſchmack⸗ er Töchter zaar ſchöne 141 Gemälde, ſo wie einige hübſche Gruppen von Sevre⸗ Porzellan ſchmückten das Zimmer. Eliſe ſah mit dank⸗ barer Freude alle ihre Liebhabereien, ihre kleinen Phan⸗ taſieen berückſichtigt und ſowohl von Mann, als Kindern befriedigt. Eine kleine Tapetenthüre auf einer andern Seite führte ſie von hier aus in das Schlafzimmer und der Landrichter machte ſie darauf aufmerkſam, wie leiſe die Thüren ſich bewegen und wie leicht ſie ſich von jeder be⸗ liebigen Seite einſchließen und Ruhe haben könne. Nächſt dieſen Zimmern gewährte ihr nichts mehr Vergnügen, als die Badeinrichtung, die der Landrichter ganz be onders behaglich und bequem gemacht hatte. Er drehte jetzt eifrig an den blanken Hähnen, um ihr zu zeigen, wie aus dieſem da das warme Waſſer komme und aus dem da das kalte— nein aus dieſem das kalte und aus dem hier das warme. Hier ſollte durch die An⸗ nehmlichkeiten und Bequemlichkeit der ganzen Anſtalt die Feier des Sonnabends, der als Badetag in dieſem Hauſe auf ſeine Weiſe beinahe eben ſo heilig gehalten wurde, wie der Sonntag auf die ſeine, einen verdoppelten Reiz erhalten. Im Zimmer nebenan, das zum Toilettezimmer nach dem Bade beſtimmt war, hatte von jeher die alte, reinliche Brigitte ihre bleibende Reſidenz gehabt. Hier ſollte ſie nun mit dem großen Leinwandſchrank zuſammen altern; hier pickte ihre Uhr, hier knurrte ihre Katze, hier blühte ihre Geranie und Balſamine, die Bibel und das Geſangbuch zwiſchen ſich. Die drei hellen angenehmen Zimmer der Töchter lagen im obern Stockwerk und waren einfach, aber zier⸗ lich eingerichtet. „Hier werden ſie ſich gefallen!“ ſagte der Vater, indem er mit glänzenden Augen um ſich blickte.„Meinſt du nicht auch, Eliſe? Wir wollen unſern Kindern das Haus ſo angenehm machen, daß ſie es ohne wirkliche und würdige Gründe nicht zu verlaſſen wünſchen ſollen. Keine Unruhe, kein Mißvergnügen mit dem Hauſe und ————— 142 der Welt darin ſoll ſie von dem elterlichen Herde verja⸗ gen. Hier können ſie ja Gemächlichkeit und Ruhe haben und oft mit ſich ſelbſt allein ſein. Dies iſt eine herrliche Sache und jeder Menſch bedarf ſolcher Augenblicke, um ſich zu ſammeln und ſich zu faſſen, beſonders junge Mäd⸗ chen ſo gut, als irgend einer. Die Mutter ſtimmte ihm ſo von ganzem Herzen bei. Aber die Mutter war gerade jetzt ein wenig zerſtreut, denn ſie hatte ihrer alteſten Tochter etwas Wichtiges zu ſagen und als Louiſe in dieſem Augenblick hereinkam, ent⸗ ſtand eine lebhafte Unterhaltung zwiſchen ihr und der Mut⸗ ter, wovon der Landrichter Folgendes hörte: „Und nachher Pfannenkuchen und, mein flinkes Mädchen, ſorge dafür, daß du ſechs recht mehldicke zu Stande bringſt, du weißt ja, wie Heinrich ſie liebt.“ „Soll ich nicht auch gequirlten Rahm nebſt einge⸗ machten Himbeeren zu den Pfannenkuchen bringen?“ „Ja, allerdings; Jakobi wird ſicherlich großen Werth darauf legen. Louiſe erröthete ein wenig und der Landrichter bat ſich ſcherzend aus, daß man auch noch etwas Anderes als bloße Himmelskoſt bringe, was ihm verſprochen wurde. Unten im Saale ſchuttelte der Aſſeſſor das Fami⸗ liendach voll Zorn. Das elendeſte Dach in der ganzen Chriſtenheit!.. ſchützt weder vor Wind, noch vor Re⸗ gen! und ſchwer, wie die Arche! und.. aber als er gerade im beſten Schütteln und Schmähen war, hörte er Geräuſch, Ausrufungen und Bewillkommnungen in allen möglichen, herzlichen und fröhlichen Tonartkn. Jetzt wurde der Hofprediger jählings über das Familien⸗ dach geworfen und mit großen Sätzen eilte der Aſſeſſor hinaus, um dem Sohn und Freunde des Hauſes, die Beide jetzt von der Akavemie zurückkamen, die Hände zu ſchütteln. Beileidsbezeugungen miſchten ſich in die Bewillkomm⸗ nungen und Glückwünſchungen.. „Wie naß, wie bleich, wie erfroren ihr ſeid!“ 5 habt,“ Kenblick kläglich Wetter man ſo moncl ziſchte den, zer und Re, gehen m e Reiſekan ein abhé der Eler Hoͤhe he und ang auf ſein man bek hält ſich Apropos einen Pl klettern meine li ſo lange zwiſchen Die wurde ſe die Herr und die Mahnun nicht an ein leuch Zimmer verja⸗ e hen herrliche cke, um Mäd⸗ rzen bei. zerſtreut, ſtiges zu im, ent⸗ e Mut⸗ n flinkes ldicke zu bt. t einge⸗ 2 en Werth hter bat Anderes n wurde. Fami⸗ rganzen vor Re⸗ o aber hen war, imnungen Tonartkn. Familien⸗ Aſſeſſor uſes, die Hände zu willkomm⸗ d1“ 143 „Ja wir haben einen herrlichen Regenſchauer ge⸗ habt, ſagte Heinrich und ſchüttelte ſich mit einem Sei⸗ Kenblick auf Jakobi, der in ſeinem naſſen Koſtüm ganz kläglich und ſchlecht zugerichtet ausſah. Ein ſolches Wetter iſt juſt meine Sache. In Wind und Regen wird man ſo— ich' weiß ſelbſt nicht recht wie? Weißt du es, mon chèr? „Zur Marmelade, vollkommen zur Marmelade,“ ziſchte Jakobi betrübt; wie kann man auch anders wer⸗ den, zerhackt auf dem infamſten Bauernwagen in Sturm und Regengüſſen, ſo daß man rein zerſchmelzen und zer⸗ gehen muß! 5), hu, hu!“ Heinrich Kchte herzlich über das Ausſehen ſeines Reiſekameraden und ſagte:„Meines Erachtens iſt das ein abhärtendes Wetter. Es flößt ein ſtolzes, erhebendes Gefühl ein, ganz bolzgerade und ruhig unter der Raſerei der Elemente dazuſitzen, beſonders, wenn man von ſeiner Höhe herab auf andere Sterbliche ſieht, die jammernd und angſtvoll unter Schirmen herumſpringen. Man ſitzt auf ſeinem Karren da, wie auf einem Throne;— ja man bekommt eine ſchmeichelhafte Idee von ſich ſelbſt und hält ſich für ein kleines Stück von einem Philoſophen. Apropos, ich glaubte, als wir durch die Stadt fuhren, einen Philoſophen in einem Frauenzimmermantel herum⸗ kleittern zu ſehen. Aber wie geht es denn euch allen, meine lieben, lieben Schweſtern? Wie habe ich euch ſchon ſo lange nicht mehr geſehen? Und er drückte ihre Hände zwiſchen ſeine kalten und naſſen. Vr*— Dieſem Auftritt, der ſich in der Dämmerung zutrug, wurde ſchnell dadurch ein Ende gemacht, daß die Damen die Herren ernſtlich erinnerten, auf ihre Zimmer zu gehen und die Kleider zu wechſeln. Jakobi bedurfte hiezu keiner Mahnung und Louiſe fand Heinrichs Philoſophie dießmal nicht am Platze. Sie hatte bereits dafür geſorgt, daß ein leuchtendes Feuer die Reiſenden auf ihrem angenehmen Zimmer empfing. Inzwiſchen quartierten ſich die Damen in der Biblio⸗ thek ein; es wurden Lichter angezündet, Tiſche in Ord⸗ ſich Eure nung geſtellt, der Landrichter half Allen und war ganz in Bereit vergnügt, wenn man ihn nur rief. Der Aſſeſſor ſah„ Ihre entzückt zu, wie Eva ſein Confect auf kleine Teller legte. das Hänt Petrea durfte es nicht einmal anſehen, geſchweige denn mal ums berühren. dem lang Ei der Tauſend, meine lieben Mädchen, wie ange⸗ Hein nehm iſt es da!“ rief der Landrichter ſeelenvergnügt, als nes téte er die Bibliothek jetzt bevölkert und in ihrer künftigen All⸗ kurz und tagsordnung ſah. Sitzſt du gut da auf dem Sopha, hielt ihre Eliſe? Darf ich dir einen Schemel unter die Füße ge⸗ gemeine, ben? Mein liebes Kind, bleih doch ſten¶Won ſind die Confect. Männer da auf der Welt?“„Ab Der Kandidat, jetzt nätürlicher Weiſe Dr. Jakobi, lich,„w ſchien nicht mehr derſelbe Menſch zu ſein, der ſo eben mit wick noch in durchnäßten Kleidern dageſtanden war, als er eine Vaterlant Stunde ſpäter ganz zierlich umgewandelt mit ſeinem jun⸗ Möchten gen Freunde zu den Damen hineintrat und ſein Geſicht zehren dü begann wirklich vor Freude zu ſtrahlen bei dem Anblick, hinzu. der ſeiner da wartete. Ja Man betrachtete einander jetzt näher. Heinrich wurde ſes ſchwe bedeutend magerer und bleicher erfunden; er nahm dies gerathen. als ein Kompliment für ſeine Studien auf. Jakobi wollte zu ſein u ebenfalls ein Kompliment für ſeine Studien haben, allein in die Kü es wurde ſeinem blühenden Ausſehen einſtimmig verwei⸗ der junge gert. Er verſicherte, er ſei nur von der Sonne ver⸗ Verzweifl brannt, aber es half ihn Nichts. Louiſe dachte im Stil⸗ nahmen, len, Jakobi habe an ännlicher Haltung, ſo wie durch dem Lach ein einfacheres, beſtimmteres Weſen gewonnen; er war Pfannenkt gleichſam ihrem Vater ein Bischen ähnlicher geworden, mußte, den ſie noch immer als das Ideal von männlicher Voll⸗ Unter ihr kommenheit betrachtete. ſie nahm Die kleine Gabriele erröthete ſehr und verbarg ſichh wurden ſi halb hinter der Mutter, als der Bruder ſie alſo an⸗ ſeine Arb redete: gnädig un 1„„Meine gnädigſte Prinzeſſin Turandot, wie befindet tigen Ent Bren Ord⸗ r ganz or ſah legte. a denn e ange⸗ t, als en All⸗ Sopha, üße ge⸗ ſind die Jakobi, ſo eben er eine em jun⸗ Geſicht Anblick, h wurde ihm dies bi wollte allein verwei⸗ nne ver⸗ m Stil⸗ i dch er war eworden, er Voll⸗ barg ſich alſo an⸗ e befindet 145 ſich Eure Hoheit? Haben Eure Durchlaucht ein Räthſel in Bereitſchaft, um unſerc armen Köpfe zu verwirren?“ Ihre kleing Hoheit ſah höchſt verlegen aus und wollte das Händcherezurückziehen, das der Bruder ſo herzlich ein⸗ mal ums andere küßte. Gabriele war ganz ſchüchtern vor dem langen Studenten. Heinrich hatte mit jeder ſeiner Schweſtern ein klei⸗ nes téte à téte, aber gegen Kleinafrika war er etwas kurz und kalt. Sodann ſetzte er ſich neben ſeine Mutter, hielt ihre Hand in der ſeinigen und es entſtand eine all⸗ gemeine, lebhafte Unterhaltung. Eva präſentirte das Confect. „Aber was iſt denn jetzt los?“ rief Heinrich plötz⸗ lich,„warum verlaſſen uns die Mädchen und halten dort mit wichtigen Juſtizrathsmienen ein Concil? Iſt das Vaterland in Gefahr? Darf ich es hicht retten helfen? Moöchten wir doch vorher unſer Abendeſſen in Ruhe ver⸗ zehren dürfen!“ fügte er bei Seite, wie auf dem Theater hinzu. Ja gerade um das Abendeſſen handelte es ſich. Die⸗ ſes ſchwebte in Gefahr, die Pfannenkuchen, wollten nicht gerathen. Jakobi und Heinrich erboten ſich, behülflich zu ſein und Louiſe konnte es nicht verhindern, daß ſie in die Küche hinabſtürzten, wo ſie zum großen Vergnügen der jungen Damen und der Köchin zur tragikomiſchen Verzweiflung ſich ſo ungeſchickt in ihren Kochrollen be⸗ nahmen, daß Louiſe endlich mit einer imponirenden Miene dem Lachen, den Poſſen, ſowie dem Tanz verbrannter Pfannenkuchen auf dem Herde herum ein Ende machen mußte, um ſelbſt das Ruder in die Hand zu nehmen. Unter ihrer Aufſicht wurde ein neuer Teig dazu angerührt, ſie nahm ſelbſt die Pfanne in die Hand und ſiehe da, jetzt wurden ſie vortrefflich. Jakobi erbat ſich zum Lohn für ſeine Arbeit einen von ihrer eigenen Hand, erhielt ihn gnädig und verſchlang die heiße Gabe mit einem ſo hef⸗ tigen Entzücken, daß ſie ihn nothwendig innerlich hätte u Eucet, deß ſir ihn nothnentig iurerüch hitie Bremer, das Haus. 4 3 4 146 verbrennen müſſen, wenn nicht(was wir für wahrſcheinlich halten) eine andere Art Wärme, ein gewiſſes wohlbe⸗ kanntes, geiſtiges Feuer dem materiellen Wgde entgegen⸗ gewirkt und ihn unſchädlich gemacht hättel“Ob wir hier nicht in aller Unſchuld etwas Homßopathiſches zuſammen⸗ gemiſcht haben? Da jedoch hieraus nie eine fette Koſt wird, ſo verlaſſen wir jetzt die Küche, um uns mit der Familie an den Abendtiſch zu ſetzen, wo die leckeren und blonden Pfannenkuchen der Mutter, ſammt den mehl⸗ dicken Heinrichs von der ächteſten Race befunden und die Himmelsſpeiſe mit dem irdiſchſten Appetite verzehrt wurde. Sodann trank man die Geſundheit der Reiſenden und ſang dazu ein heiteres Liedchen, das Petrea gedichtet hatte. Der Vater war ganz erfreut über ſeine Petrea, die im höchſten Grade electriſirt aus allen Kräften mitſang, wie⸗ wohl ſie Kid gar) anmuthige Stimme hatte, was jedoch ſein etwas unmſſikaliſches Ohr nicht beleidigte.„Sie thut es allen Andern noch zuvor,“ ſagte er vergnügt zu ſeiner Frau, die über Petreas Fortſchritte in der Muſik weniger entzückt war, als er. Ungeachtet die ganze Geſellſchaft, jedes in ſeiner Art, einen angeſtrengten und mühevollen Tag gehabt hatte, fing doch die Jugend gleich nach dem Eſſen an, ſich wie nach einem Naturgeſetze in Tanzfiguren zu bewegen. Jakobi, der über Saras Ausſehen höchſt frappirt ſchien, führte ſie in die magiſchen Kreiſe des Walzers. Unſere kleine verſiändige Louiſe war jetzt eine etwas unter⸗ ſetzte, aber ſehr hübſch gewachſene achtzehnjährige Blon⸗ dine, die ſich beim Tanze durch ihre ſchönen Schritte, ſo⸗ wie durch ihre anmuthsvolle, obſchon vielleicht etwas zu ernſte Haltung vor den Andern auszeichnete. Man ſah jedoch beinahe lieber auf Eva, denn dieſe war mit Leib und Seele dabei. Gabriele flog mit goldenen Locken, leicht wie ein Schmetterling, herum. Aber wer war dieſen Abend nicht beim Tanze? Er wurde beſonders durch die tanzenden Lebensgeiſter des Erſtgebornen zur wahren Wuth. Selbſt de Verwund dem ause Erſt der Tanz richter ſe „Im ner ihrer ein Freudigke des Lan Rührung. milie aut dem Geſ des Licht ihnen eir leihen. L werden d wie durch nommen. Bein Rendevou was weit Der Er wollte einmal u ſeid ihr z nen Wun Als Zufriedenl Erden ke Frank. Die ſich in ih kein Wort ſie jetzt ü rübrte, f pͤffnete! 6 ſcheinlich wohlbe⸗ entgegen⸗ wir hier tſammen⸗ ette Koſt mit der eren nd n mehl⸗ und die rt wurde. nden und ſtet hatte. „ die im ang, wie⸗ as jedoch Sie thut zu ſeiner weniger einer Art, atte, ſing wie nach tfrappirt Walzers. a mter⸗ ge Blon⸗ hritte, ſo⸗ etwas zu Man ſah mit Leib ken, leicht var dieſen durch die ren Wuth. 147 Selbſt der Aſſeſſor führte an Evas Hand zur allgemeinen Verwunderung die kuͤnſtlichſte und verwickeltſte Polska mit dem ausgebildetſten Talente aus. Erſt um Mitternacht hoͤrte auf Eliſens Anmahnen der Tanz auf. Aber ehe man ſich trennte, bat der Land⸗ richter ſeine Frau, das wohlbekannte Liedchen zu ſingen: „Im neuen Haus der erſte Abend.“ Sie ſang es in ihrer einfachen, ſeelenvollen Weiſe und die friedvolle Freudigkeit, die das Lied athmet, durchdrang Alle. Auch des Landrichters ernſte Augen glänzten von ſanſter Rührung. Eine ſtille Verklärung ſchien über die Fa⸗ milie ausgegoſſen und verſchönte alle Geſichter. Es iſt dem Geſange gegeben, gleich der Sonne ſein verklären⸗ des Licht über alle menſchlichen Zuſtände zu werfen und ihnen eine wenigſtens augenblickliche Schönheit zu ver⸗ leihen. Auch die Spinnerin, auch der Greis am Wege werden durch den Geſang in das Reich der Schoͤnheit, wie durch das Evangelium in das des Himmels aufge⸗ nommen. Beim Gutenacht beſtellte man einander zu einem Rendevous nach dem Frühſtück im Garten, um zu ſehen, was weiter ausgeführt werden ſolle. Der Vater begleitete ſeine Töchter auf ihre Zimmer. Er wollte noch einmal ſehen, wie ſie es haben, und fragte einmal ums Andre:„Gefällt es euch, meine Mädchen 2 ſeid ihr zufrieden? Wollt ihr etwas Andres, habt ihr ei⸗ nen Wunſch, ſo ſagt es nur auf gut ſchwediſch.“ Als ſich jetzt die Töchter dankbar und herzlich ihre Zufriedenheit bezeugend an ihn ſchmiegten, da gab es auf Erden keinen glücklicheren Mann, als den Landrichter Frank. Die Mutter dagegen hatte ihren Erſtgebornen mit ſich in ihr kleines Kabinet genommen. Sie hatte ja noch kein Wort unter vier Augen mit ihm ſprechen können. Wie ſie jetzt über Alles, Großes und Kleines, was ihn be⸗ rührte, fragte und wie gern und voll er ihr ſein Herz öffnete! Sodann ſprach ſie von den Angelegenheiten der — — 148 Familie, von dem Ankauf des neuen Grundſtückes, von der Schuld, die man ſich deßwegen gebracht, ſo wie von den Mitteln, ſie allmälig abzutragen und der Nothwendigkeit großer Sparſamkeit auf allen Seiten. Endlich ſprachen ſie von den Töchtern des Hauſes. „Louiſe iſt ſuperb,“ ſagte Heinrich,„aber ihr Teint iſt etwas unrein. Sollte ſie nicht irgend ein zweckmäßi⸗ ges Waſchwaſſer gebrauchen 2 Sie wäre weit ſchoͤner, wenn ſie eine friſchere Farbe hätte. Und dann ſieht ſie aus wie eine kleine Domkirche. Als Jakobi ihr heute Abend eine Artigkeit ſagte, welche feierliche Minne! Weißt du Mutter, ich glaube, die Mädchen ſitzen zu viel. Da⸗ von werden ſie domkirchenartig. Wir müſſen ihnen etwas muntere Motion und Beluſtigungen verſchaffen. Und Eva! Wie ſie herangewachſen iſt und wie ſo gut und fröhlich ſie ausſieht! Es iſt eine wahre Freude, ſie anzuſehen; man kann ſich wirklich in ſie verlieben. Aber wie in aller Welt ſoll es mit Petreas Naſe gehen? Sie wird ſo groß und lang, daß ich keinen Ausweg für ſie ſehe. Es iſt doch Schade, denn ſie iſt ſo ſeelengut und heiter. Und Leonore! Wie ſo kränklich und verdrießlich ſie zuweilen ausſieht! Wir müſſen ſie aufzumuntern ſuchen.“ „Ja, das wollen wir. Wenn ſie nur recht geſund wird, dann wird ſich die Sache ſchon geben. Nun und die kleine Gabriele, was ſagſt du zu ihr?“ „Ach ſie iſt gar zu lieb mit ihrem vornehmen Ge⸗ ſichtchen, ein allerliebſtes Kind.“ „Und Sara?“ „Ja— ſie iſt ſchön— ſehr ſchön glaube ich und doch hat ſie wenigſtens für mich etwas Häßliches. Sie iſt gar nicht wie die Andern, ſie hat etwas ſo Kaltes und beinahe Abſtoßendes.“ „Ja,“ ſagte die Mutter ſeufzend,„es iſt mitunter etwas Wunderliches an ihr, beſonders ſeit einiger Zeit. Ich fürchte, eine gewiſſe Perſon hat einen zu großen und nicht glücklichen Einfluß auf ſie erhalten. Aber Sara iſt ein 1 von der ſie mack wenn ſi liches T Ja ſie diges ar gere Ze c Ruhe re De nes. T Bergwe fühlte e anderes rungsſto ihren( prüfen, ſei und mit ihn Seine( das Jü Tugend leben, g dem Ge der an er imm Dieſe( lichen ſ der gli Freude bornen, „Unden die Har ein eig dann, mir ble „ von der e von den wendigkeit rachen ſie ihr Teint weckmäßi⸗ tſchöner, ſieht ſie ihr heute e! Weißt iel. Da⸗ nen etwas Und Eva! id fröhlich anzuſehen; ie in aller e wird ſo ſehe. Es eiter. Und zuweilen echt eeſund Nun und hmen Ge⸗ be ich und iches. Sie Kaltes und ſtmitunter iniger Zeit. großen und lber Sara 149 iſt ein reich begabtes und wirklich intereſſantes Mädchen, von der man viel Gutes hoffen kann, wenn.. wenn... ſie macht uns mitunter Sorgen, denn wir lieben ſie, wie wenn ſie unſer eigen Kind wäre. Ein ganz ungewöhn⸗ liches Talent hat ſie für Muſik;“— du wirſt es hören. Ja ſie hat viel Ausgezeichnetes und wirklich Liebenswür⸗ diges an ſich. Du wirſt es jetzt ſehen, da du doch län⸗ gere Zeit bei uns bleiben wirſt.“ „Ja Gottlob! ich kann auf einige Monate häusliche Ruhe rechnen.“ Das Geſpräch kam jetzt auf die Zukunft des Soh⸗ nes. Der Landrichter wünſchte, Heinrich ſolle ſich dem Bergweſen widmen; Heinrich hatte auch darauf ſtudirt, fühlte aber immer mehr eine ſteigende Neigung für ein anderes Fach und dieß hatte bereits angefangen, ein Gäh⸗ rungsſtoff in der Familie zu werden. Die Mutter bat ihren Erſtgeborenen bloß, ſich genau und ernſtlich zu prüfen, bevor er eine Bahn verlaſſe, die dem Vater lieb ſei und die Heinrich ſelbſt in gemeinſchaftlicher Berathung mit ihm gewählt habe; Heinrich verſprach dieß aufrichtig. Seine Seele war edel und warm. Das Schönſte, was das Jünglingsherz beſitzt, der reine Enthuſiasmus für Tugend und Vaterland, brennendes Verlangen, dafür zu leben, gehöͤrte ſeinem Herzen in reichem Maße an. Mit dem Gedanken an das eigene Fortkommen verband ſich der an das allgemeine Beſte und ſein eigenes Glück ſah er immer in inniger Verbindung mit dem ſeiner Familie. Dieſe Gedanken, dieſe Gefühle ſtrömten in der vertrau⸗ lichen ſchönen Stunde frei und voll vor der Mutter aus, der glücklichen Mutter, deren Herz hoch aufſchlug vor Freude und den ſtolzeſten Hoffnungen für ihren Erſtge⸗ bornen, den Liebling ihres Herzens, ihr Sommerkind. „Und wenn ich meine Carrière gemacht,“ fügte Heinrich, die Hand ſeiner Mutter freudig küſſend, hinzu,„und mir ein eigenes Haus, einen eigenen Herd erworben habe, dann, liebe Mutter, mußt du zu mir kommen und bei mir bleiben, nicht wahr?“ 150 „Und was würde dein Vater dazu ſagen?“ antwor⸗ tete ſie in demſelben Tone. „Ei er hat ja die Schweſtern alle, die ihm haus⸗ halten können und. „Wollt ihr etwa die ganze Nacht aufbleiben?2“ fragte jetzt eine Stimme in der Thüre. Sie gehoͤrte dem Land⸗ richter. Mutter und Sohn fuhren auf, als wären ſie auf einem Complott ertappt worden. Das Complott wurde jedoch dem Landrichter ſogleich mitgetheilt und dieſer er⸗ klärte, es würde zu einem ſo fürchterlichen Prozeſſe führen, daß es am Beſten ſei, gar nicht mehr davon zu ſprechen. Mutter und Sohn lachten, indem ſie einander jetzt gute Nacht ſagten. Als aber Heinrich die Hand ſeiner Mutter an ſeine Lippen führte, gerieth er über ſie in eine Art Extaſe. „Himmel, welch eine weiße Hand! Und ſolche kleine Finger! Nein, wie kann man nur ſolche kleine Finger haben!“ Mit einer Art komiſcher Andacht küßte er den kleinen Finger der ſchönen Hand. „Ich ſehe, ich muß dich entführen, wenn ich dich mit mir bekommen ſoll,“ ſagte der Landrichter munter, nahm ſodann ſeine Frau auf ſeine Arme und trug ſie fort. Aber ihre Gedanken umſchwebten beſtändig ihren Erſt⸗ gebornen, ihren ſchönen reichbegabten Sohn. Ein brün⸗ ſtiges Gebet ſandte ſie für ihn zum Himmel empor, wäh⸗ rend Alle ſüß ſchliefen die erſte Nacht im neuen Hauſe. Wi ſich den in einer Allein n Welt, 1 müther ſtück ſch dieſen A freundlic He er ihr Freude, Lo geroſtete ſam dat ſten lieb ſtöndig reibend um ſich befehlen wem ic „N für tuck „ ſogleich „ bringe den Gr ich auck rath!„ antwor⸗ n haus⸗ fragte m Land⸗ ſie auf t wurde dieſer er⸗ e führen, ſprechen. nder jetzt ſeiner e in eine che kleine e Finger n kleinen dich mit r, nahm ort. ren Erſt⸗ in brün⸗ or, wäh⸗ Hauſe. 151 Der morgende Tag. Wie behaglich muß es für die Familie geweſen ſein, ſich den andern Morgen am reichbeſetzten Frühſtückstiſche in einem ſchönen, geräumigen Saale zu verſammeln! Allein was ſollen Saal, Frühſtück und alle Comforts der Welt, wenn die inneren fehlen, wenn nicht liebevolle Ge⸗ müther und freundliche Blicke das Zimmer hell, das Früh⸗ ſtück ſchmackhaft machen! Doch im Frankſchen Hauſe fehlte dieſen Morgen Nichts, nicht einmal die Sonne! Sie kam freundlich herein, die freundliche Scene zu beleuchten. Heinrich hielt eine Rede an Madame Folette, worin er ihr ſeine Ehrfurcht und Liebe bezeugte, ſo wie ſeine Freude, ſie ſo wohl conſervirt zu ſehen. Louiſe ſervirte mit Evas Beihulfe Kaffee und Thee, geröſtete Brödchen mit Butter u. ſ. w. und war aufmerk⸗ ſam darauf bedacht, daß Jeder bekam, was er am Mei⸗ ſten liebte. Der Korb mit den Zuckerbretzeln wurde be⸗ ſtändig in Jakobis Nähe geſchoben. „Wie herrlich das iſt!“ rief Heinrich, ſich die Hände reihend und mit fröhlichen Blicken Eltern und Schweſtern um ſich herum anſehend: es iſt ja ganz paradieſiſch! Was befehlen Eure Majeſtät? Ah, gehorſamſter Diener! Kaffee, wenn ich bitten darf, vortreffliche Madame Folette.“ „Nach dem Frühſtück,“ ſagte die Mutter,„habe ich für uch etwas zu rathen.“ „Etwas zu rathen! Was mag es ſein? Ach ſag es ſogleich, liebe Mutter. Wie heißt das Räthſel?“ „Heirath!“ „Heirath? Eine höchſt intereſſante Neuigkeit. Ich bringe keinen Biſſen mehr hinab, bis ich der Sache auf den Grund gekommen bin. Jakobi, beſter Freund, kann ich auch etwas von den Bretzeln bekommen? Eine Hei⸗ rath! Kenne ich die Contrahirenden?“ „Sehr gut!“ „Dann iſt es am Ende gar unſer vortrefflicher On⸗ kel Munter? Er ſieht mir ſo wunderlich aus, ganz, wie wenn ihm Etwas am Herzen zehrte. „Nein, nein, er verheirathet ſich wohl nicht.“ „Er iſt ja ſchon ſo ſchrecklich alt,“ ſagte Cva. „Alt?“ ſagte der Landrichter.„Er iſt etliche und vierzig Jahre, glaube ich. Das ſchrecklich alt kann ich dir nicht gelten laſſen, mein liebches Evchen.“ „Rathet beſſer,“ ſagte die Mutter. „Ich habs, ich habs!“ rief Petrea erröthend. „Laura iſts, Tante Evelinens Laura!“ „Ah jetzt geht mir ein Licht auf,“ rief Heinrich,„und der Bräutigam iſt Major Arvid G., nicht wahr?“ „Ganz richtig, Laura macht eine ſehr gute Partie. Major G. iſt ein ſehr artiger, braver und dabei vermög⸗ licher Mann. Er ſoll Eveline überredet haben, mit Carina auf ſein ſchönes Gut Axelholm zu ziehen und Lauras und ſein Haus als ihr eigenes anzuſehen. Eochen, lege doch Heinrich Schinken vor. Was willſt du, meine Engels⸗ Gabriele? Noch einen Zwieback. Ei der Tauſend du biſt ſehr flink damit. Leonore, darf ich dir noch ein Buttei⸗ brödchen geben, mein Kind? Nicht?“ „Nun ich hoffe,“ rief Heinrich,„daß wir zur Hochzät geladen werden. Tante Eveline iſt ein verſtändiges Web und wird wohl ſo viel Verſtand haben, uns nicht zu ver⸗ geſſen. Gnädigſte Schweſter Louiſe, dieſe Zwiebäcke— ſehr nahrhafte, achtungswerthe Zwiebäcke— ſind ſie vor oder nach der Sündfluth gebacken?“ „Nach,“ antwortete Louiſe etwas beleidigt, aber doch lächelnd. „Ah ich wälze mich im Staube und bitte Eure Ma⸗ jeſtät um gnädigſte Entſchuldigung.(Laut bei Säte.) Gleichwohl ſchmecken ſie ein wenig nach der Arche oder ſonſt einer andern Schrankeinrichtung. Aber was in aller Welt, liebe Petrea, haſt du für eine Art Frühſtück? Nein, mein gutes Schweſterchen, ein ſolches Uebermaß in Eſſen dich, i P nannte Gedan chen g jetzt n ganzen auf un einen e war fü war ſo C rief der nur du— muß ie her mit A und Al nore, Feuchti Ir niß mi rechten baut n deckte gen un Reichth Bäume Naturg ſten R Zweiger rufunge als Hei unnatür zu mach Verdach her On⸗ nz, wie a. liche und nich dir . ich,„und 2 e Partie. ermög⸗ it Carina uras und lege doch eEngels⸗ d du biſt n Butter⸗ r Hochzäit ges Weib te er⸗ ebäcke— nd ſie vor aber doch Fure Ma⸗ ei Seite.) lrche oder in aller Frühſtück? bermaß in 153 Eſſen und Trinken kann nimmermehr angehen. Ich bitte dich, iß dich ja nicht krank.“ Petrea, die ihre kurioſen Einfälle oder wie Louiſe es nannte, ihren Raptus hatte, war ſeit einiger Zeit auf den Gedanken gekommen, bloß ein Glas Waſſer und ein Stück⸗ chen gewöhnliches Brod zu frühſtücken. Heinrich neckte ſie jetzt wegen dieſer Mäßigkeit und Petrea antwortete ihm ganz munter. Louiſe dagegen nahm die Sache bedenklich auf und hielt dieſe Eigenheit, wie Vieles bei Petrea, für einen entfernten Anflug von Narrheit. Und Narrheit, das war für Louiſe der ſchrecklichſte der Schrecken; denn Louiſe war ſo verſtändig. „Jetzt dürft ihr wahrhaftig nicht länger plaudern,“ rief der Landrichter, als er ſah, daß Mund und Zunge nur durch Worte in Bewegung geſetzt wurden,„denn ſonſt muß ich euch verlaſſen und ich möchte doch ſo gerne vor⸗ her mit euch in den Garten hinabgehen.“ Auf dieſe Worte erfolgte ein allgemeine Aufbruch und Alle begaben ſich in den Garten hinab, bis auf Leo⸗ nore, die nicht wohl war, und die Kleine, die ſich vor Feuchtigkeit in Acht nehmen ſollte. Inzwiſchen hatte es ſeine eigenthümliche Bewandt⸗ niß mit dem Garten und es ging hier gewiß nicht mit rechten Dingen zu. Obgleich nämlich der Platz unange⸗ baut war, obgleich der Aprilſchnee noch den Boden be⸗ deckte und in großen Flocken auf den Zweigen der weni⸗ gen und niedrigen Fruchtbäume lag, die den einzigen Reichthum des Gartens ausmachten, ſo waren doch die Bäume— und dieß war unter keinen Umſtänden den Naturgeſetzen gemäß— mit Früchten bedeckt. Die ſchön⸗ ſten Renetten, und Apfelſinen hingen in Menge an den Zweigen und Hlänzten in der Sonne. Man, erhob Aus⸗ rufungen in allen Tonarten und obgleich ſowohl Jakobi als Heinrich erklärten, ſie ſeien außer Standes, für dieſe unnatürliche Erſcheinung einen Erklärungsgrund ausfindig zu machen, ſo konnten ſie ſich doch nicht ganz von dem Verdacht wirkſamer Theilnahme an der Hexerei befreien, ſo eifrig ſie ihre Unſchuld zu beweiſen ſuchten. Gleich⸗ wohl kam man darin überein, daß gute und nicht böſe Alfen hier ihr Spiel getrieben haben, und die Früchte wurden in Körbe gepflückt. Man pries die Alfen in Verſen und Proſa und nie gab es wohl ein muntereres Erntefeſt. Dem Landrichter wurde es ſchwer, ſich für ſeine Plane in Beziehung auf Syringenhecken, Erdbeer⸗ beeten, eine Laube und ein Luſthäuschen Gehor zu ver⸗ ſchaffen. Er ärgerte ſich ſehr über den engen Raum. „Wenn man das da noch dazu bekommen könnte,“ ſagte er, mit dem Knopfe ſeines Stockes auf eine hohe rothe Planke klopfend, die den Garten auf der einen Seite be⸗ grenzte.„Da ſieh her, Eliſe. Gucke einmal durch die Spalte da; ſiehſt du den herrlichen Bauplatz da draußen, der ſich bis an den Fluß erſtreckt? Was könnte man nicht für eine prachtvolle Promenade daraus machen, wenn man ihn anbaute und anpflanzte! Dieß gäbe einen wahren Schatz für die ganze Stadt, der es ohnehin an einer hüb⸗ ſchen Promenade in der Nähe fehlt. Und jetzt ſoll er öde da liegen, nur von einigen Kühen benützt, bloß weil ſein Beſitzer ihn nicht anzuwenden verſteht und weil die lieben Leute in der Stadt nicht Gemeinſinn genug haben, zu⸗ ſammenzuſchießen und ihn zum allgemeinen Beſten anzu⸗ kaufen. Würde ich einmal ſo reich, ihn kaufen zu können, dann müßte er bald ein anderes Ausſehen bekommen; ſtatt des Viehes müßten Menſchen darin herumwandern, die Schranken müßten eingeriſſen und unſer Garten mit der größeren Promenade vereinigt werden. Was das für eine Anlage würde!“ „Würden nicht Bienenkörbe ganz gut hier ſtehen? Die Sonne fällt und brennt gerade gegen dieſe Planke da,“ ſagte unſere verſtändige Louiſe. „Du haſt wahrhaftig Recht, Louischen,“ rief der Va⸗ ter ganz vergnügt,„das war ein guter Gedanke, der Platz iſt vortrefflich für Bienenſtöcke, morgen werde ich mich darnach umſehen. Zwei bis drei müſſen wir bekommen und zwar ſo bald als möglich, damit, wenn die Aepfel⸗ . und K daraus her gel und U ſamme auch,( E verſpra vencerr häuſer Macht ₰ der Ra blick n machte Prinzeſ derlich wollte. ordnung dabei, einem e der ſick blieb d ſie leid Rolle e ihre Kl rich we ſtern ob bei ihr Menge ſich hier ten eine in der e tenheit! den Se und luſt Gleich⸗ cht bſe Früchte Ufen in ntereres ſich für Frdbeer⸗ zu ver⸗ Raum. “ ſagte he rothe eite be⸗ urch die draußen, an nicht enn man wahren ner hüb⸗ ll er öde weil ſein ie lieen en, zu⸗ en anzu⸗ önnen, kommen; wandern, arten mit das für ſtehen? lanke da,“ f der Va⸗ der Platz ich mich bekommen ie Aepfel⸗ — 155 und Kirſchenblüthen ausſchlagen, die Bienen da ſind, um daraus zu ſaugen. Wir werden dann mit einander hie⸗ her gehen, ſie arbeiten ſehen, Weisheit von ihnen lernen und uns an dem Anblick erfreuen, wie ſie Honig für uns ſammeln. Das wird eine Freude ſein, glaubſt du nicht auch, Eliſe?“ Eliſe freute ſich über die Bienen und den Garten und verſprach ſich viel Vergnügen vom Anbau deſſelben. Pro⸗ vencerroſen wollte ſie ſo bald als möglich ſetzen, auch Treib⸗ häuſer ſollen angelegt werden. Eva gedachte ſich mit Macht auf den Gartenbau zu legen. Inzwiſchen mußte man jetzt die künftige Heimath der Radischen und Roſen verlaſſen, denn für den Augen⸗ blick war ſie äußerſt naß und unbehaglich. Gabriele machte große Augen beim Anblick der Koͤrbe mit Früch⸗ ten, die man aus dem Garten brachte. Aber die kleine Prinzeſſin Turandot fand das Räthſel nicht ſo wun⸗ derlich und unlösbar, wie Heinrich es ihr vorſpiegeln wollte. Der Vormittag wurde mit Aufräumen und An⸗ ordnungen im Garten zugebracht. Sara allein war nicht dabei, ſondern nahm ihren Unterricht auf der Harfe bei einem ausgezeichneten jungen Künſtler Namens Schwarz, der ſich auf der Durchreiſe in der Stadt aufhielt, und blieb den ganzen Vormittag bei ihrem Inſtrument, das ſie leidenſchaftlich liebte, Petrea hatte inzwiſchen die Rolle einer Kammerjungfer übernommen und verſprochen, ihre Kleider und Sachen in Ordnung zu ſtellen. Hein⸗ rich war ganz glücklich auf dem Zimmer ſeiner Schwe⸗ ſtern oben und lachte ſich beinahe krank, indem er ihnen bei ihrem Aufräumen theils zuſah, theils half. Die Menge Lappen, alte Hüte, Mäntel, Kleider u. ſ. w., die ſich hier in Bewegung ſetzten und Rollen ſpielten, bilde⸗ ten einen ſonderbaren Contraſt mit ſeiner Studentenwelt, in der ein Lappen oder eine Stecknadel beinahe eine Sel⸗ tenheit war. Und der Ernſt, womit Alles dieſes von den Schweſtern behandelt wurde, ſo wie die Scherze und luſtigen Einfälle, die den Ernſt würzten„waren für 156 ihn ganz köſtliche Sachen. Nichts beluſtigte ihn mehr, als Louiſe und ihre Beſitzthümer, ſo wie die Achtung, die ſie mit einem halbkomiſchen, halbwirklichen Ernſt dafür in Anſpruch nahm. Aber ernſtlich verläugnete er alle Verwandtſchaft mit ihr, wenn er ſie je einen blaßgrünen Shawl, Spinat genannt, und ein blaßgraues Kleid mit dem Zunamen die Haferſuppe tragen ſehen würde. Keine der Schweſtern hatte ſo viel Sachen als Louiſe und keine behandelte ſie mit mehr Wichtigkeit, denn Louiſe beſaß in hohem Grade einen Sinn, den wir Ei⸗ genthumsſinn nennen wollen. Ihre Schachteln und Bän⸗ der ſchwollen gleichſam auf in den Fächern, die ſie auf⸗ nehmen ſollten und rumpelten ihr dazwiſchen hinein über den Kopf herab. Sie zeihte Heinrich, Schuld daran zu ſein und gewiß iſt, daß er ihr nicht ohne Schadenfreude dieſelben wieder hinaufſtellen half. Louiſe war in der Familie durch ihre Liebe zum Alten bekannt; je abgenütz⸗ ter ein Kleid war, deſto mehr ſchien es ihr ein ausge⸗ zeichnetes Anſehen zu erhalten und je ausgewaſchener ein Schwal, um ſo ähnlicher wurde er einem Kaſchmir. Dieſe ihre Liebe zum Alten dehnte zuweilen ihren Einfluß auch auf Backwerke, Bretzeln, Créme u. ſ. w. aus, was Heinrich oft genug bei Artikeln von zweideutigem Datum zu der ſchelmiſchen Frage veranlaßte, ob ſie vor oder nach der Sündfluth entſtanden ſeien. Wir wollen hier zum Bilde unſerer Louiſe noch einige Züge hinzufügen, da⸗ mit man deutlich ſieht, wie es ſich mit allen ihren Fä⸗ chern verhält. Rein war ſie von Herz und Willen, wahrheitslie⸗ bend und ſtreng moraliſch, obgleich etwas zu viel mora⸗ liſirend und manchmal zu unnachſichtig gegen fehlende Nitmenſchen. Sie hatte viel von ihres Vaters Verſtand und Klugheit, aber weit weniger von ſeinen Kenntniſſen und ſeiner Erfahrung, daher ſie ſich auch ſchon mit ihren achtzehn Jahren für eine vollkommene Menſchenkennerin hielt. In ihrer Seele lag eine ſichtliche Würde, die ſich in ihrem Aeußern abſpiegelte, das, ohne auf eine Art ſchön zu ſei einflöſ Blicke zen V macht ihren auflöſ höchſt hatte ſie w welche Lafont Gelich keine nähen beſond einiger und A ſie hat Elirir ſei im dere 2 ſtören merkun vor A . vielen glaube die her womit einen einen( herabz Stücke tigen Die E der Ve mehr, ing, die ſt dafür er alle ßgrünen leid mit würde. s Louiſe denn wir Ei⸗ d Bän⸗ ſie auf⸗ ein über aran zu enfreude in der abgenütz⸗ n ausge⸗ hener ein ir. Dieſe fluß auch 18, was 1Datum vor oder llen hier ügen, da⸗ ihren Fä⸗ hrheitslie⸗ ie mora⸗ fehlende Verſtand denntniſſen mit ihren enkennerin „ die ſich Art ſchön 157 zu ſein, dennoch Gefühl und ein entſchiedenes Vertrauen einflößte; ſo viel Verſtand leuchtete aus dem ruhigen Blicke, ſo viel Klarheit und Sicherheit lag in ihrem gan⸗ zen Weſen. Ein gewiſſer Anflug von komiſchem Humor machte, daß die feierliche Miene, der würdige Blick aus ihren blauen Augen ſich zuweilen in ein herzliches Lachen auflöſen konnte, und wenn Louiſe lachte, bekam ſie eine höchſt anmuthige Aehnlichkeit mit ihrer Mutter, denn ſie hatte ihren ſchönen Mund und ihre Zähne. Fleißig war ſie wie eine Ameiſe und äußerſt hülfreich gegen Alle, welche Hülfe verdienten, aber nicht viel barmherziger als Lafontaines Ameiſe gegen gedankenloſe Grillen und ihr Gelichter. Louiſe hatte drei Leidenſchaften,(obgleich ſie keine von Allen anerkannte) erſtens Tapiſſeriearbeiten zu nähen, zweitens Predigten zu leſen, drittens Patience und beſonders Poſtillon zu legen. Eine vierte begann ſie ſeit einiger Zeit den andern zuzugeſellen, nemlich für Medicin und Auffindung und Verordnung nützlicher Hauskuren; ja ſie hatte ſogar ſelbſt aus bittern Kräutern ein gewiſſes Elirir zuſammengekocht, von dem Heinrich verſicherte, es ſei im höchſten Grade dienlich, um die Leute in die an⸗ dere Welt zu befördern. Louiſe ließ ſich dadurch nicht ſtoren, wie ſie ſich überhanpt wenig um dergleichen An⸗ merkungen bekümmerte. Sie ſchätzte zwar und erſtrebte vor Allem das Rechtmäßige, aber nächſt dieſem ſetzte ſie vielen Werth auf Anſehen und Eigenthum und ſchien zu glauben, daß ihr dieß mit Recht zukomme. Sie hatte die herrliche Eigenſchaft, nichts Anderes vorzunehmen, als womit ſie gut zu Stande kam; dabei beſaß ſie jedoch einen herrlichen Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten, einen Glauben, den die Familie zwar theilte, aber dennoch herabzuſtimmen ſuchte. Inzwiſchen war Louiſe in manchen Stücken des Hauſes Rath und Stütze und in dem wich⸗ tigen Geſchäfte der Haushaltung ein wirkliches Genie. Die Eltern nannten ſie mit einer gewiſſen Zufriedenheit, der Vater mit heimlichem Stolz, unſere älteſte Tochter. 158 Die Geſchwiſter nannten ſie etwas ſchelmiſch unſre älteſte Schweſter, mitunter auch ganz einfach unſre Aelteſte. Und unſre Aelteſte wußte ihre Würde vortrefflich in Beziehung auf Rang⸗ und Altersvorzug. Sie hatte überdieß eine ſehr hohe Idee von der Würde des Weibes. Louiſe beſaß ein Album, in das alle ihre Freundinnen und Bekannte ihre oder fremde Gedanken hineinſchrieben. Es war merk⸗ kari welche Maſſe guter Moralſätze dieſes Buch ent⸗ hielt. Wir fürchten, der Leſer möchte es etwas überdrüſſig geworden ſein, ſo oft hinter einander die Namen Sara, Louiſe, Eva, Leonore, Petrea, Gabriele wiederholen zu horen und es thut uns leid, denn wir ſehen auch jetzt wieder unausweichbar die ganze Reihe kommen und kön⸗ nen es unmöglich vermeiden, im Zuſammenhang mit Louiſe auch noch eine Sara, Eva, Leonore und Gabriele vorzu⸗ ſtellen. Indeß wollen wir ſie der Abwechslung wegen et⸗ was unter einander vorführen. Tritt alſo hervor: Petrea! Wir ſind alle ein wenig mit dem Chaos verwandt, Petrea aber war es in hohem Grade. Augenblickliche Hellungen und lange Zeiten der Verwirrung wechſelten in ihr. Zwiſchen Louiſe und Petrea war die Ungleich⸗ heit groß. Wenn Louiſe ſechs und noch mehr Fächer für ihre Sache bedurfte, ſo brauchte Petrea kaum ein halbes für ihre ganze Garderobe. Sie war beinahe immer in einem ſo knappen und magern Zuſtand, daß es recht be⸗ trübt war nach der Meinung Louiſens, die ſich nicht ſel⸗ ten ihrer hülfreich annahm. Petrea zerriß, verſchleuderte und verſchenkte ohne Maß und Unterſchied und war im Geſchwiſterkreiſe wegen ihrer ſchlechten Geſchäfte bekannt. Der( gen be wollte Schöp oder p Doſis erſten lich, dennoc von R einem then 2 eine T ſollte: gewiſſe „Von Wieder Von de Biſt ja Banner Bin ich S Länge 1 Hindern ten, ſo weiter 6 Madam alſo beg älteſte ſte. Und eziehung eß eine ſe beſaß Bekannte merk⸗ uch ent⸗ erdrüſſig n Sara, holen zu uch jetzt und kön⸗ it Louiſe le vorzu⸗ vegen et⸗ verwandt, nblickliche wechſelten Ungleich⸗ ächer für ein halbes immer in recht be⸗ nicht ſel⸗ ſchleuderte war im te bekannt. 159 Der Eigenthumsſinn ging ihr ganz und gar ab. Dage⸗ gen beſaß ſie wirklich— obgleich Louiſe es nicht zugeben wollte— einen gewiſſen Kunſtſinn. Immer war ſie mit Schöpfungen, entweder muſikaliſchen oder architectoniſchen oder ppetiſchen, beſchäftigt; alle aber enthielten eine gute Doſis Miſchmaſch. Mit zwölf Jahren ſchrieb Petrea ihren erſten Roman. Annchen und Belis liebten einander zärt⸗ lich, hatten viel zu kämpfen für ihre Liebe, wurden aber dennoch endlich vereinigt, ließen ſich in einer entzückenden, von Roſenhecken umgebenen Hütte nieder und bekamen in einem Jahre acht Kinder, was man einen recht ehrenwer⸗ then Anfang nennen kann. Ein Jahr ſpäter begann ſie eine Tragödie, die Guſtav Adolf und Ebba Brahe heißen ſollte und mit folgenden Verſen eröffnet wurde, die ein gewiſſer Delagardie zu ſprechen hatte: „Von Germaniens Küſten heimgekehrt, Wiederzuſehen den geliebten Strand, Von des Kriegs Gefahren unverſehrt, Biſt ja wieder in deinem Vaterland! Banner! O ſprich, welcher Kummer entpreßte dieſe Zähren? Bin ich nicht dein Freund? Oder kann mich bloß eitle Hoffnung bethören?“ Sei es nun, daß keine Papierbreite für die ſteigende Länge der Verſe ausreichen wollte, oder daß ſich andre Hinderniſſe dem Fortgang des Stückes in den Weg ſtell⸗ ten, ſo viel iſt gewiß, daß es bald liegen blieb. Nicht viel weiter gedieh ein Stück im ſcherzhaften Genre, das mit Madame Lenngrens entzückender Muſe wetteifern ſollte und alſo begann: Auf dem gräflichen Schloß Elfvakolaſtie, Belegen irgendwo in Schweden, Wohnte früher die kleine Melanie Einzige Tochter des Graf Sternheden. —— 160 Gegenwärtig beſchäftigte ſich Petrea mit einem Poöm, urch deſſen Titel in großen Buchſtaben ausgeſchrieben die vielen Schöpfung der Welt hieß. Dieſelbe begann mit dem denn Mutter Liebe u Chaos. ſe ihre b*ß ſi „Düſtre Finſierniſſe ruhten uUunluſt Früher über dieſer Erde, ihres L Und vergebens warteten die flüchtigen Minuten, welcher Daß es endlich lichter werde. erben Die Welt, mit ihrer Weſen fröhlichem Gewimmel, War damals nur ein Nichts ihrem„ Und unſre ſchönen, ſternbeſäten Himmel. Ahnung Entbehrten noch des Lichts. dann ett Doch Er war, Er zu jeder Zeit Dann p Der iſt und ewig bleibt!...4 ren Sc noch ei Bei dieſem Schimmer von Licht war die Schöpfung kommen der Welt ſtehen geblieben, wahrſcheinlich verurtheilt, un⸗ ſten ſie ter Petreas Hand nie aus dem Chaos zu kommen. Pe⸗ len Sor trea hatte überhaupt ſehr viel Sinn für große Unter⸗ von der nehmungen, obgleich ſie ihr ſammt und ſonders mißglück⸗ phezeiun ten. Ein großes Unglück ging ihr immer heftig und tieſ glaubte zu Herzen, allein im nächſten Augenblick ſprudelte eine allen Ve hob ihr ihre Quelle unerſchütterlich friſchen Muthes in ihr auf, er ſie unter den Unbilden des Schickſals und ſpornte ſie an, nalgemä ihr Glück aufs Neue zu verſuchen. Das Blut ſtrömte keitsinſel gegen den jungen Kopf hinauf und kochte dort eine Menge Buchten halbe Gedanken, Phantaſien und Einfälle aus; ihre Seele Tauen 1 und ihr Gemüth waren voll Unruhe. Manchmal grän⸗ deren G zenlos ausgelaſſen und luſtig, war ſie zu andern Zeiten Blumen oft ohne alle Urſachen ebenſo gränzenlos unglücklich. Die die Glück arme Petrea ermangelte allen Tactes und aller Gemeſſe⸗ſ man ſag heit auch im Aeußern. Sie ging ſchlecht, ſtand ſchlecht, auch dieſ verneigte ſich ſchlecht, ſaß ſchlecht, kleidete ſich ſchlecht hatte ſei und machte dadurch ihrer Mutter, deren zartes Gefühl ſchimmer Bre 3 Poöm, ben die dem mel, Schöpfung heilt, un⸗ i ße Un er⸗ mißglück⸗ g und tieſ delte eine uf, erhob nte ſie an, ut ſtrömte ine Menge ihre Seele mal grän⸗ ern Zeiten klich. Die Gemeſſen⸗ nd ſchlecht, ſich ſchlecht tes Gefühl 161 durch alles Anmuthsloſe und Ungefällige verletzt wurde, vielen Kummer. Dieß war ein großes Leiden für Petrea, denn ſie beſaß ein ſehr warmes Herz und betete ihre Mutter an. Auch gegen Sara hegte Petrea die größte Liebe und Bewunderung, allein die Art und Weiſe, wie ſie ihre Zärtlichkeit bezeugte, war gewöhnlich ſo tactlos, daß ſie dem Gegenſtand derſelben weniger Freude, als Unluſt bereitete. Dieſes Gefühl verbitterte einen Theil ihres Lebens, führte ſie aber allmälig zu einer Liebe, in welcher Tact und feine Manieren für Nichts gerechnet werden und die nie unerwiedert bleibt. Sie wurde mit⸗ unter von einem ſtarken Bewußtſein des Chaotiſchen in ihrem Zuſtande ergriffen, zuweilen aber auch von einer Ahnung, daß dieſes Alles ſich einſtens entwirren und dann etwas nicht ſo Gewöhnliches aus ihr werden könnte. Dann pflegte ſie halb im Scherz, halb im Ernſt zu ih⸗ ren Schweſtern zu ſagen:„Ihr werdet ſehen, daß ich noch einmal emporkomme.“ Worin aber dieß Empor⸗ kommen beſtehen ſollte, wußte Niemand, am Allerwenig⸗ ſten ſie ſelbſt. Unſere Petrea blickte ſehnſuchtsvoll zu vie⸗ len Sonnen empor und wurde bald von der einen, bald von der andern angezogen. Louiſe hegte gegen ihre Pro⸗ phezeiungen eine große Mißachtung, aber die kleine Gabriele glaubte daran. Sie ergötzte ſich überdieß ſo herzlich an allen Veranſtaltungen ihrer Schweſter und Petrea opferte Goldpapier, ihre Origi⸗ ihr ihre ſchönſten Tempel von nalgemälde mit Hirtinnen und Altären, ihre Glückſelig⸗ keitsinſeln, ſchwimmend auf ruhigen Gewäſſern, in deren Buchten kleine Flotten von Nußſchaalen Tauen und Ladungen von Zuckerwert anlegten, und bei deren Erſchaffung und Bepflanzung mit wunderlichen Blumen und hübſchen Fruchtbäumen Petreas Herz zuerſt die Glückſeligkeit geahnt hatte. Von ihrem Aeußern konnte man ſagen, es ſpiegle den Zuſtand ihrer Seele ab. Denn auch dieſes war im hoͤchſten Grade veränderlich, auch es hatte ſeine Raptus, auch hier brach zuweilen ein Licht⸗ ſchimmer durch das Chavs. Wenn ihre Farbe afficirt, Bremer, das Haus. 14 mit ſeidenen 162 llen war, konnte ſie recht ſchlecht ausſehen, aber in kühleren Augenblicken und wenn die Röthe ſich bloß an die Wangen hielt, war ſie eine durchaus nicht unangenehme Erſcheinung. Und zuweilen drang— ſelbſt in häßlichen Momenten— in ihr Auge ein Blick, in ihr Geſicht ein Ausdruck, der Heinrich einmal zu der Aeuße⸗ rung veranlaßte:„Ei der Tauſend, Petrea iſt doch ſchön.“ Einer chaotiſchen Seele iſt die Disputirſucht angeboren. Es iſt der Streit der Elemente mit einander. Es gab kei⸗ nen Gegenſtand, worüber Petrea nicht ihre Muthmaßungen gehabt hätte und Nichts, worüber ſie nicht ins Klare zu kommen ſuchte; deßhalb disputirte und disputirte ſie mit Jedem, der ihr in den Wurf kam, raiſonnirte oder viel⸗ mehr deraiſonnirte über Politik, Literatur, die Freiheit des menſchlichen Willens, ſchöne Künſte und Gott weiß was, woran die ſtille Seele ihrer Mutter abermals großes Miß⸗ behagen fand und was verbunden mit ſonſtiger Tactloſig⸗ keit zumal aus Dienſtfertigkeitseifer unſre Petrea oft der Lächerlichkeit Preis gab, die auf Erden ſo ſtreng beſtraft wird, vor dem Richterſtuhl der Engel aber unendlich wenig oder gar Nichts bedeuten dürfte. die Naſe roth und geſchwo Leonore⸗ — Trotz der Umarmungen der Mutter und ihrer lieb⸗ koſenden Anreden:„Mein geliebtes, häßliches Kind“ war Leonore dennoch allmählig zu dem ſchmerzlichen Bewußt⸗ ſein gekommen, daß ſie hä aller ſchönen Gaben ermangelte. in zu bemerken, wie wenig Mittel zu gefallen und Intereſſe einzuflößen; ſie wie ſie von den Freu häßlich war und aller Anmuth, Sie konnte nicht um⸗ ſie beſaß, Andern ſah recht gut, nden und Bekannten des Hauſes ge⸗ genüb wurde Gefül gegen Alles Wider heftige ohne 2 Leonot nein 9 ſcheine Acker chen 4 Same gleich aber ſe wie de heit in voll u allmäli Tugend heißen du eine dir, a quickent Seele. S ſie erſt einen l tragen, zu bleib da beſue ſie verſt lichkeit Leonore gelehnt, da bekon ſchlecht e Röthe us nicht ſelbſt in ihr Aeuße⸗ ſchon.“ geboren. gab kei⸗ aßungen dlare zu ſie mit der viel⸗ iheit des ei was, ßes Miß⸗ Lactloſig⸗ t der beſtraft ich wenig ihrer lieb⸗ Kind“ war n Bewußt⸗ r Anmuth, nicht um⸗ ß, Andern recht gut, Hauſes ge⸗ genüber von ihren beſſer bedachten Schweſtern vernachläſſigt wurde. Dieſes und ihre Kränklichkeit, ein allgemeines Gefühl der Unbehaglichkeit ihres Daſeins, verſtimmte ſie gegen das Leben und die Menſchen. Sie war geneigt, Alles ſchwer und läſtig zu finden. Sie gerieth leicht in Widerſpruch mit ihren Schweſtern und ihre von Natur heftige Gemüthsart führte zu Zänkereien, die nicht immer ohne Bitterkeit waren. Bei all dieſem fühlte ſich die arme Leonore recht unglücklich auf der Welt. Aber Niemand, nein Niemand leidet vergebens, wenn es auch zuweilen ſo ſcheinen möchte. Der Schmerz iſt der Pflug, der den Acker der Seele aufwühlt. Dann wird in die tiefen Fur⸗ chen von dem allweiſen Sämann dort oben himmliſcher Samen geſät. Auch bei Leonore keimte er bereits, ob⸗ gleich noch unter der Erde. Sie ahnte es ſelbſt nicht, aber ſchon hatte ihre bisherige Erfahrung vom Leben, ſo wie der Geiſt, der in ihrem Hauſe herrſchte, die Schön⸗ heit in ihrer Seele geweckt. Dieſe wurde tief und gefühl⸗ voll und das Bewußtſein ihrer Mängel erzeugte bei ihr allmälig eine große Anſpruchsloſigkeit, eine reine Demuth, Tugenden, deren Reiz von keiner andern, wie ſie auch heißen mag, in dem Privatleben übertroffen wird. Kommſt du einer Perſon von dieſer Gemüthsart nahe, ſo iſt es dir, als gelangteſt du aus der Sonnenhitze in einen er⸗ duickenden Schatten; es geht eine milde Kühle über deine Seele. Sie beruhigt ſich und findet Raſt. In der Periode, worin wir Leonore jetzt ſehen, war ſie erſt kürzlich vom Scharlachfieber geneſen, hatte aber einen hartnäckigen rheumatiſchen Kopfſchmerz davon ge⸗ tragen, der ſie zwang, faſt beſtändig auf ihrem Zimmer zu bleiben, und obgleich Eltern und Geſchwiſter ſie oft da beſuchten, ſo machte es ihr doch wenig Freude, denn ſie verſtand es noch nicht, durch Güte und innige Freund⸗ lichkeit bei Andern Gefallen zu erwecken. Aber arme Leonore! Wenn ich dich, den kranken Kopf in die Hand gelehnt, in traurige Gedanken verſunken da ſitzen ſehe, da bekomme ich Luſt, deinen Kopf an meine Bruſt zu — 164 vrücken und dir meine Prophezeiung zuzuflüſtern— doch dieſe mag bis auf Weiteres ruhen. Wir verlaſſen dich jetzt, kehren aber einandermal in dein ſtilles Kaämmerlein urück. Und du, Freude und Stolz des Hauſes, tritt du jetzt hervor, ſchöne Eva! „Unſre Roſe, unſre Schönheit“ wurde Eva in der Familie genannt. Eva ha viele ihresgleichen in der Welt und es iſt nichts Böſes an ihnen, ſie ſind eine an⸗ muthige Sorte Menſchen. Sie ſind ſo lieblich anzu⸗ ſchauen, dieſe blühenden jungen Mädchen mit dem Lächeln auf den Lippen und der Guͤte und Lebensfreudigkeit, die aus den ſchönen Augen ſtrahlt. Alle wollen ihnen wohl und auch ſie wollen Allen ſo wohl. Alles Gute im Le⸗ ben fließt ihnen wie von ſelbſt zu. Sie haben günſtigen Wind. So Eva. Auch ihre Schwachheiten, ein Wunſch zu gefallen, der leicht zu weit ging und eine Character⸗ ſchwäche, die ihr ſelbſt gefährlich war, zeigten in ihrem Hauſe und Geſellſchaftskreiſe nur ihre anmuthigen Sei⸗ ten und dienten dazu, ſie beliebt zu machen: Eva war nicht eigentlich ſchön, aber doch blühend und hübſch⸗ Ihre Augen waren nicht groß, hatten aber die ſchönſte Form, die klarſte, dunkelblaue Farbe und der Blick un⸗ ter den langen, ſchwarzen Wimpern war zugleich ſchüch⸗ tern, lebhaft und gutherzig. Das ſeideweichſte, kaſtanien⸗ praune Haar theilte ſich über der nicht hohen, griechiſch gebildeten Stirne. Ihr Teint war weiß, fein und klar, Mund und Zähne vollkommen ſchön. Dabei hatte ſie der Mutter ſchönen Wuchs, ihre leichten anmuthsvollen Bewegungen. Eine vortreffliche Geſundheit, die glück⸗ lichſte Gemüthsart, eine von Natur harmoniſche Seele gab ihrem ganzen Weſen einen wohlthuenden, harmoniſchen Ausdruck. Was ſie thut, thut ſie recht und anmuthsvoll, was ſis anzieht, das kleidet ſie, und es iſt ein Sprüchwort „ in! Koß gab in 1 weſe Loui hing chen trau ſchm müſſ die genes ſcheit Rege verhä herur gerüh Taſſe zehre Mutt ſucht luſtig der 2 fühlt wird wenn nig h gelege doch tdich nerlein ritt du in der in der ine an⸗ anzu⸗ Lächeln it, die n wohl im Le⸗ ünſtigen Wunſch aracter⸗ n ihrem en Sei⸗ wa war hübſch. ſchönſte lick un⸗ ſchüch⸗ aſtanien⸗ griechiſch und klar, hatte ſie thsvollen ie glück⸗ Seele gab moniſchen nuthsvoll, prüchwort ———— 165 in der Familie:„Wenn Eva eine ſchwarze Katze auf den Kopf ſetzt, ſo wird ſie ihr wohl anſtehen.“ Louiſe und Eva waren in Folge gleicher Verſtandes⸗ gaben und Talente, ſo wie einer gewiſſen Kameradſchaft in und außer dem Hauſe bisher die Unzertrennlichen ge⸗ weſen. Jetzt aber begann Eva allmälig, ohne ſich von Louiſe zu trennen, durch eine geheime Kraft zu Levnoren hingezogen zu werden. Louiſe war mit allen ihren Sa⸗ chen ſich ſo ſelbſt genug und Leonore ſtand einſam, ſo traurig da. Evas gutes Herz neigte ſich zärtlich zu ihr hin. Aber es ſcheint uns, als ob Gabriele ein wenig ſchmollte, weil ſie ſo lange hinausgeſchoben wird, und wir müſſen uns eilig wenden zu unſrem Kleinen Fräulein. „Unſer kleines Fräulein“ liebte es durchaus nicht, auf die Seite geſetzt zu werden. Gabriele war ein gar verzo⸗ genes Kind und machte oft den Sturm und den Sonnen⸗ ſchein im Hauſe. Sie ſollte vor Kälte und Wind, vor Regen und Verdruß in Acht genommen werden. Man verhätſchelte ſie auf alle Art; ſie ſtochert in den Speiſen herum und wird wie für die ſchönſte That geprieſen und gerühmt, wenn ſie die Gnade gehabt hat, Mittags eine Taſſe Bouillon oder den Flügel eines Hühnleins zu ver⸗ zehren. Sie ſelbſt iſt noch wie das Küchlein unter der Mutter Flügel; doch kriecht ſie zuweilen hervor und ver⸗ ſucht ihre eigenen Schwingen. Dann iſt ſie lieb und luſtig, macht Räthſel und Charaden, die ſie beſonders der Mutter und Petrea zu rathen aufgibt. Sehr beleidigt fühlt ſie ſich, wenn ſie wie ein kleines Kind behandelt wird und etwas Schlimmeres fann ihr nicht begegnen, als wenn die ältern Schweſtern zu ihr ſagen:„Geh ein we⸗ nig hinaus, Gabrielchen,“ um ſich dann ihre wichtigen An⸗ gelegenheiten mitzutheilen, oder irgend einen herzbrechenden 166 Roman zuſammen zu leſen. Sie will, man ſoll ihr ſchmeicheln und huldigen, und der Aſſeſſor ſteht in großer Ungnade bei ihr, weil er ſie beſtändig reizt und ſie Miß Krauſemünze nennt oder ihr andere noch garſtigere Namen gibt. Das Lernen und ihr Lehrer gefallen ihr ganz und gar nicht. Sie liebt ein gewiſſes far niente und ihre ſchwache Geſundheit macht, daß man ihrem Geſchmack PVorſchub leiſtet. Der Tanz iſt ihr entzückend und ſie iſt entzückend, wenn ſie tanzt. Im Gegenſatz gegen Petrea hat ſie eine große Furcht vor allen großen Unternehmun⸗ gen und im Gegenſatz zu Louiſe einen ernſtlichen Schreck vor Predigten, ſie mögen nun mündlich oder gedruckt ſein. In der Sonne, in warmen Winden, in Blumen und mehr noch in geliebten und liebenswürdigen Menſchen fühlt ſie die Güte des Schöpfers, die zum Gottesdienſt erweckt. Eine eigene Furcht hat ſie vor dem Tode und will Nichts davon hören, wie überhaupt von nichts Finſterem oder Traurigem. Und zum Glück für Gabriele hat wahre El⸗ ternliebe viel Aehnlichkeit mit der Mittſommerſonne im Rorden, die ſowohl bei Nacht, als bei Tage leuchtet. Wenn wir uns von der blondgelockten Gabriele zu Sara wenden— dieſem„Afrika,“ wie der Aſſeſſor ſie nannte— ſo gehen wir vom Tage zur Nacht, denn Sara ſtand im Hauſe wie ein ſchönes, aber dunkles Räthſel da, wie eine Winternacht mit klaren Sternen, zugleich anzie⸗ hend und abſtoßend. Für uns wird ſie jedoch klar wer⸗ den, denn wir haben den Schlüſſel zu ihrer Seele und können ſie betrachten in folgenden Skizzen. . Aus Saras Tagbuch. . Geſtern Abend wurde Macheth vorgeleſen. Alle ent⸗ ſetzten ſich über Lady Macheth Ich ſchwieg, denn mir geſiel ſie. Es war Kraft in dem Weibe. auf dann wied flam Aber Fehl gen ihn. was aber finde Stai verſch geſch Neig Will verſte vor Nach wach blatt wrack unter Ruin gedai betra ihr großer Miß tamen z und d ihre chmack ſie iſt Petrea hmun⸗ Schreck kt ſein. d mehr ihlt ſie erweckt. Nichts m oder hre El⸗ me im e riele zu ſſor ſie n Sara hſel da, anzie⸗ ar wer⸗ ee n Alle ent⸗ enn mir ———— 167 Das Leben? Was heißt Leben? Wenn der Sturm auf ſtarken, freien Schwingen durch den Raum fährt, dann ſingt er mir einen Geſang, der in meiner Seele wiedertönt. Wenn der Donner rollt, wenn die Blitze flammen, dann ahne ich das Leben, die Größe, die Kraft. Aber dieſes zahme Alltagsleben— kleine Tugenden, kleine Fehler, kleine Sorgen, kleine Freuden, kleine Beſtrebun⸗ gen— das klemmt meinen Geiſt zuſammen und erſtickt ihn. O du in ſtillen Nächten mich verzehrende Flamme, was willſt du? Es ſind Augenblicke, wo du leuchteſt, aber Cwigkeiten, wo du mich marterſt und brennſt. Sie befinden ſich wohl in dieſem engen Kreiſe. Sie finden Intereſſe an tauſend Kleinigkeiten; ſie ſind im Stande, ſich anzuſtrengen, um einander kleine Genüſſe zu verſchaffen. Gut für ſie! Ich ward zu etwas Anderem geſchaffen. Warum ſoll ich gehorchen? Warum ſoll ich meine Neigungen, meinen Willen unterdrücken, um Andern zu Willen zu ſein? Warum? Ach Freiheit, Freiheit! Ich habe Volneys„Ruinen“ von S. erhalten. Ich verſtecke das Buch vor dieſen frommen Menſchen, die vor jedem Schatten bangen; aber heute Nacht, heute Nacht, wenn ihre Augen ſchlafen, ſollen die meinigen wachen und es leſen. Der Kupferſtich auf dem Titel⸗ blatt macht mir ein wunderliches Vergnügen. Ein Schiff⸗ wrack fämpft mit ſtürmiſchen Wogen; der Mond geht unter in ſchwarzem Gewölk; am Ufer mitten unter den Ruinen eines Tempels ſitzt ein Muſelmann— eine ſchöne gedankenvolle Geſtalt— und betrachtet die Scene. Ich betrachte ſie auch; ein angenehmer Schauer durchzuckt V 168 mich. Beſſer, ſchöner iſt eine große Ruine, als ein klei⸗ nes, ein leeres Glück. Das Buch gefällt mir. Es ſpricht aus, was ſchon lange in mir gelegen. Es gibt meinen dunkeln Ahnungen klares Licht. Ah! Welcher Tag geht für mich auf! Ein blendendes Licht, das alle neblichten Illuſionen verjagt— aber meine Augen ſind ſtark genug es zu ertragen. Möge das Netz der Vorurtheile, mögen die elenden Bande der Convenienz zerriſſen werden, moͤgen die feſſelnden Stützen fallen! Meine eigene Kraft ſoll mir genug ſein. Warum bin ich Weib? Als Mann wäre mir Leben und Handeln leicht und klar. Als Weib muß ich mich beugen, um mich zu befreien. Elende Abhängigkeit! Elendes Loos des Weibes! Ich liebe S. nicht, aber er macht einen gewiſſen Ein⸗ druck auf mich. Mir gefällt die dunkle Kraft in ſeinem Blicke, der nachläſſig ſtarke Wille, der ſich nur vor dem meinigen beugen will. Und wenn er die Harſe in ſeinen Armen hält, wenn er ſie mit gewaltiger Kraft zwingt, Alles auszuſprechen, was das Herz träumt und geträumt hat, da greift er in die Saiten meines Herzens, da er⸗ kenne ich in ihm meinen Meiſter. Aber beherrſchen ſoll er mich niemals. Dazu iſt ſein Geiſt nicht mächtig genug. Er kann mir nie etwas An⸗ deres ſein, als ein Mittel zu meinem Zwecke. Auch will ich ihn hierüber nicht täuſchen. Ich bin zu ſtolz, um zu heucheln. Ich weiß wohl, wen ich lieben könnte. Ich weiß wohl den Mann, der mir ein Ziel ſein könnte. für! S. 3 fühle wie d Mein rakter nicht Seele des C L chen? einem Leute, meiſter weil ſ Aus 2 gender U Ich w 3 Nacht mir, c ſchwarz Horizon töſe in men me ich fühl heit, die eilen wo vor dem auszubli 169 in klei⸗„ Die Natur hat mich nicht für dieſen engen Kreis, für dieſen ſchmalen Fußſteig durch die Welt beſtimmt. S. zeigt mir einen andern, der meinen Sinn lockt. Ich fühle mich dazu geſchaffen. ſchon Ich habe mich im Spiegel betrachtet. Er ſagt mir, n wie die Blicke der Menſchen es ſagen, daß ich ſchön bin. 1 Ein Mein Wuchs iſt kräftig und ſtolz, er entſpricht dem Cha⸗ 36 rakter meines Geſichtes. Ich kann an S. Verſicherungen Möt nicht zweifeln. Mein Ausſehen in Verbindung mit meinen Wde der Seelengaben und meinem Talente wird mir ein glänzen⸗ Stützen des Glück bereiten. Wozu ſollte es dienen, ſich Illuſionen darüber zu ma⸗ r Leben chen?— Hinweg mit allen Illufionen!— Ich ſtehe auf h mich einem höhern Punkt, als dieſe Leute um mich her, dieſe gigkeit! Leute, die ſich dennoch berechtigt finden, meine Fehler zu meiſtern; die ſich vielleicht heimlich über mich erheben, weil ſie mich aus Barmherzigkeit aufgenommen haben. Aus Barmherzigkeit aufgenommen? Drückender, demüthi⸗ en Ein⸗ gender Gedanke! ſeinem Und gleichwohl ſind ſie gut, ja engelgut gegen mich. or dem Ich wollte, ſie wären es weniger. nſeinen zwingt, eträumt Zum zweitenmal in meinem Leben habe ich heute da er⸗ Nacht denſelben wunderlichen Traum gehabt. Es war mir, als ſei ich auf meinem Zimmer und ſehe große ſchwarze Wolkenmaſſen über meinem Haupte gegen den Horizont herabſtürzen und es entſtand ein gewaltiges Ge⸗ iſt ſein töſe in der Luft. Rette dich Sara!“ riefen die Stim⸗ as An⸗ men meiner Schweſtern, komm, komm mit uns!“ Aber uch will ich fühlte in allen meinen Gliedern dieſe wunderliche Träg⸗ um 1 heit, die meiſtens im Traume über uns kommt, wenn wir e. Ich eilen wollen. Die Fenſter in meinem Zimmer flogen auf e. or dem Sturme und eine ſtarke Neugierde trieb mich hin⸗ autzublicken. Da ſtand die Sonne mir gegenüber, bleich, 170 wäſſerig, ſtrahlenlos, aber die Luft ringsumher im Raume ſchien zu brennen; ein Feuerglanz flog über Alles. Vor mir ſtand eine hohe Espe, deren Laub zitterte und praſ⸗ ſelte, während Feuerfunken herausſprühten, und auf einem Zweige des Baumes ſaß ein großer ſchwarzer Vogel, der mich mit einem Feuerblicke anſah und dumpf und tonlos ſang, während Sturm und Flammen um ihn her brausten. Ich hörte die Stimme meiner Pflegemutter und meiner Schweſtern ängſtlich und aus immer weiterer Ferne mich rufen; aber ich lehnte mich zum Fenſter hinaus, um zu hoͤren, was der ſchwarze Vogel mit ſo wunderlicher Stimme ſang. Ich empfand keine Furcht mehr. Da erwachte ich; aber der Traum hat Reiz für mich. —————————— Der ſchwarze Vogel ſingt mir auch, wenn ich nicht träume. Meine Pflegemutter hat heute meinetwegen ge⸗ weint. Es thut mir weh, aber— es iſt das Beſte, ich gehe. Sie lieben mich hier nicht, ſie können nicht. Sie bedürfen meiner nicht, ich ihrer nicht mehr. Es iſt das Beſte, wir trennen uns. So Sara. Wollen wir ſofort einen betrachtenden Blick auf Heinrichs, Saras, Louiſens, Evas, Leonorens, Petreas, Gabrielens Eltern werfen, ſo finden wir ſie ziem⸗ lich unverändert, nur mit dem Unterſchied, daß Eliſens ganzes Ausſehen weit mehr Geſundheit und Kraft beurkun⸗ dete als früher; des Landrichters kraftvolles Geſicht hatte mehr Runzeln bekommen, aber auch einen Ausdruck weit größerer Milde. Eine kleine, jedoch vielleicht nicht unver⸗ zeihliche Schwachheit that ſich immer mehr bei ihm kund. Er war ganz entzückt über ſeine Töchter. Gott ſegne den 13 guten Vater! Je 7 dem ne Ankunf Heinrick muntere dabei a geſtellt, dazu he wegung viel im und ihr riele we windig, Eva da zu einer Vergnü beſonder ſieben U in der? Louiſe p beſonder Thee un vorgeleſe ſah mar Zuweilet ſpiele au reich an innigſte des Aber zimmer, mer offe immer v Raume . Vor d praſ⸗ f einem e, der tonlos rausten. meiner ne mich um zu Stimme hte ich; ich nicht egen ge⸗ eſte, ich ht. Sie iſt das achtenden eonorens, ſie ziem⸗ Fliſens beurkun⸗ icht hatte ruck weit ht unver⸗ hm kund. ſegne den des Abends und glücklich. Die Thüre zu ſeinem Arbeits⸗ immer, das neben der Bibliothek lag, ſtand⸗Abends im⸗ 171 Der Gegenſtand. Jetzt haben wir zu melden, wie die Familie ſich in dem neuen Hauſe gruppirte. Seit Heinrichs und Jakobis Ankunft nahm die Lebhaftigkeit in demſelben bedeutend zu. Heinrich führte eifrig ſeinen Vorſatz aus, den Schweſtern muntere Motion zu machen und Jakobi unterſtützte ihn dabei aus Herzensgrund. Lange Promenaden wurden an⸗ geſtellt, aber zu Heinrichs Aerger ließ ſich Louiſe ſelten dazu herbei, waͤhrend ſie nach ſeiner Anſicht ſolcher Be⸗ wegung wohl bedurft hätte; ſie hatte immer ſo entſetzlich viel im Hauſe zu thun. Sara lebte bloß für ihre Harfe und ihren Geſang, Leonore war nicht geſund und für Gab⸗ riele war es meiſtens zu kalt oder zu ſchmutzig, oder zu windig, oder war ſie nicht bei Laune ſpazieren zu gehen. Eva dagegen war immer bei Laune und Petrea jeder Zeit zu einem Ausfluge bereit, und es machte Heinrich großes Vergnügen, einer ſeiner Schweſtern den Arm zu geben, beſonders wenn ſie gut und ſchön gekleidet waren. Abends ſieben Uhr verſammelten ſich die Mitglieder der Familie in der Bibliothek, wo der Theetiſch gedeckt war und von Louiſe präſidirt wurde. Dieſe Abende waren ſehr vergnügt, beſonders wenn die Familie allein war. Zwiſchen dem Thee und der Mahlzeit wurde muſicirt, geplaudert oder vorgeleſen. Nach dem Eſſen wurde getanzt, und dabei ſah man Louiſe mit ausnehmender Anmuth ſich bewegen. Zuweilen führte man auch Charaden und Geſellſchafts⸗ ſpiele auf. Heinrich und Petrea waren ſehr erfindungs⸗ reich an luſtigen Schwänken. Es war des Landrichters innigſte Freude, alle ſeine Kinder um ſich zu ſehen, zumal mer offen und ob er nun ſchrieb oder las, ſo war er doch immer vollkommen bei dem, was in der Geſellſchaft vor⸗ ging. Dazwiſchenhinein kam er auch heraus und miſchte die Ha ſich in das Geſpräch oder in die Spiele oder ſetzte ſich Liebhab neben Eliſe auf den grünen Sopha, ſah dem Tanze zu webe e und freute ſich ſeiner Töchter, ja tanzte ſogar mitunter famen ſelbſt, wenn man ihm recht eifrig zuſprach. 2 was il Was Jakobi betrifft, ſo wollte die Jugend mitunter gab. ihn etwas zerſtreut und curios finden; er ſeufzte oft und ſcherzte ſchien mehr zun ſtillen Unterredungen mit Frauenzimmern, nur bei als zu Charaden und andern muntern Ausführungen ge⸗ Vergeb neigt. Es war zwiſchen Heinrich und Petrea ausgemacht, auf, m daß dieſe Seufzer und Zerſtreutheiten einen Gegenſtand chen v haben; aber lange, d. h. drei bis vier Tage, vermochten und üb ſie nicht zu ergründen, was der rechte Gegenſtand ſei. weniger „Die Mutter kann es nicht ſein,“ ſagtePetrea, denn ſie lachte iſt eine verheirathete Frau und überdieß älter, obgleich Zeit m hübſcher, als wir alle zuſammen, und obgleich Pr. Jakobi Jakobi ſo gerne mit ihr ſpricht und ſich ganz gegen ſie benimmt, war di wie wenn er ihr Sohn wäre, ſo iſt ſie es doch nicht. Perſönl Weißt du, Heinrich, ich glaube, Sara iſt der Gegenſtand. Geiſt, Er ſieht ſie oft ſo entſetzlich an. Oder vielleicht iſt es konnte Eva; denn er iſt immer ſo vergnügt bei ihr und ich hoͤrte breite L ihn geſtern zu Onkel Munter ſagen, ſie ſei ganz ausneh⸗ triziſche mend reizend. Aber es iſt doch ein Bischen ungebührlich, kobi we —wrnn er an unſerer Aelteſten ſo vorbeigeht.“ 2 lenz ur Heinrich ergötzte ſich ſehr an Petreas Muthmaßun⸗ künftige gen und Verlegenheit. Er ſelbſt hatte ſeine eigenen Excellen Gedanken über den Gegenſtand. Und allmählig begann Gelegen auch für Petrea eine klare Ahnung aufzugehen, der rechte geboten Gegenſtand dürfte doch zuletzt unſere älteſte Schweſter übte ih ſein. Dieſer Anſicht zufolge, die ſich ſchnell im Ge⸗ Ercellen ſchwiſterkreiſe verbreitete, wurde Louiſe in der ſcherzhaften ein wirl Sprache deſſelben von nun an der Gegenſtand genannt. ganzer Der Gegenſtand ſelbſt ſchien ſehr wenig auf die Speku⸗ voten ü lationen zu achten, deren Gegenſtand er Wat. Sie be⸗ die er ſchäftigte ſich gegenwärtig damit, ein Gem anzuzetteln hatte. und hatte ſich dabei zu Heinrichs Entſetzen S Lor die Jutt miſchte die Haferſuppe zu benützen. Louiſe hatte wirklich eine Art etzte ſich Liebhaberei, ihre alten Kleider zu tragen, und da das Ge⸗ anze zu webe etwas mühſam und ſchwer auszurechnen war, ſo mitunter kamen die Domkirchengeſichter beſtändig zum Vorſchein, was ihr ein Nichts weniger als liebreizendes Ausſehen mitunter gab. Aber es blieb dabei. Jakohi ſah viel auf Sara, oft und„ ſcherzte mit Eva, blieb jedoch bei Louiſe ſitzen, als ob er zimmern, nur bei ihr ſeine rechte Behaglichkeit und Wohlfahrt fände. igen ge⸗ Vergebens warf Petrea allerhand Streitfragen für ihn gemacht, auf, um ihn während der Fehde den Gegenſtand ein Bis⸗ egenſtand chen vergeſſen zu machen. Er ließ ſich nicht zerſtreuen ermochten und überhaupt merkte man, daß der Doktor bei Weitem i weniger viſputirſüchtig war, als früher der Kandidat; er denn ſie lachte blos, wenn die Hofmarſchallin W. von Zeit zu obgleich Zeit mit Nomaden und Monaden gegen ihn zu Felde zog. r. Jakobi Jakobi hatte gegenwärtig ein Lieblingsthema und dieß benimmt, war die Ercellenz O. Sr. Ercellenz O. ausgezeichnete och nicht. Perſönlichkeit, ſeinen edlen Character, ſeine Güte, ſeinen egenſtand. Geiſt, ſein imponirendes Weſen und ſtattliches Ausſehen, ht iſt es konnte Jakobi nicht genug rühmen und preiſen; ja ſeine ich hoͤrte breite Löwenſtirne, ſein kräftiger Blick, ſeine ſchönen pa⸗ z ausneh⸗ triziſchen Hände wurden mehr als einmal geſchildert. Ja⸗ gebührlich, kobi war ſeit ein paar Jahren Seeretär bei Sr. Excel⸗ lenz und konnte von ſeiner Mitwirkung viel für eine thmaßun⸗ künftige Beförderung hoffen. Inzwiſchen zeigte ſich Se. e eigenen Ereellenz äußerſt gütig gegen ihn, verſchaffte ihm manche g begann Gelegenheit, ſeine Kenntniſſe zu erweitern, hatte ihm an⸗ der rechte geboten, ihn auf eine Reiſe ins Ausland mitzunehmen, Schweſter übte ihn ſelbſt im Franzöſiſchen, mit einem Wort, Se. im Ge⸗ Ercellenz O. war die ercellenteſte Ercellenz von der Welt, cherzhaften ein wirklicher Ercellentiſſimus und Jakobi war ihm von enannt ganzer Seele zugethan und erzählte eine Menge Anek⸗ die Speku⸗ Sie be⸗ anzuzetteln genomme doten über Se. Ercellenz O. und eine Menge Anekdoten, die er aus dem Munde Sr. Excellenz O. vernommen hatte.„ Louiſe beſaß mehr als ſonſt Jemand in der Familie die hute Eigenſchaft, eine vortreffliche Zuhorerin zu ſein 174 und deßwegen bekam ſie mehr als alle Andern von Sr. Ercellenz S. zu hören, aber nicht blös von ihm, denn Jakobi hatte ihr immer etwas zu erzählen, immer etwas mit ihr zu berathen. Und wenn Louiſe nicht gar zu ſehr mit ihren Weibereigedanken beſchäftigt war, ſo konnte Ja⸗ kobi ſtets auf die ernſtlichſte Theilnahme und die beſten Rathſchläge rechnen, ſowohl in moraliſchen Fragen, als auch, wenn es ſich um ökonomiſche Anordnungen, Klei⸗ der, Plane für die Zukunft u. ſ. w. handelte. Dafür er⸗ theilte er ihr ebenfalls gute Rathſchläge, die indeß ſelten befolgt wurden, beim Poſtillon, zeichnet Tapiſſerie⸗Muſter für ſie und las ihr gerne vor, indeß lieber Romane, als Predigten. Indeß durfte er nicht lange im Frieden an der Seite des Gegenſtandes ſitzen; denn bald ſetzte ſich an deſſen andere Seite eine Perſon, die wir in Anbetracht, daß ihre vornehmſte Merkwürdigkeit im Beſitze eines gro⸗ ßen Gutes nahe bei der Stadt beſtand, ſchlechtweg den Gutsbeſitzer nennen wollen. Der Gutsbeſitzer ſchien dem Kandidaten— wir wol⸗ len ihn auch ferner ſo tituliren, man bleibt ja doch in ge⸗ gewiſſer Beziehung hier auf der Welt immer ein Kandidat — den Platz ſtreitig machen zu wollen, den dieſer einneh⸗ men zu wollen ſchien. Er beſaß außer ſeinem großen Gute einen ganz anſehnlichen Korper, dicke von Geſundheit ſtro⸗ tzende Wangen, ein paar große, graue Augen, die ſich durch ihren leeren Blick auszeichneten, einen kleinen blü⸗ henden Mund, der noch lieber kaute, als ſprach, bedeu⸗ tungslos lachte und jetzt an Bäschen Louiſe— er glaubte ſich ein wenig mit dem Landrichter verwandt— allerhand Reden zu richten begann, die wir zuſammenfaſſen wollen unter dem Kapitel Sonderbare Fragen. „Bäschen Louiſe, mögen Sie gerne Fiſche, zum Ereng⸗ pel Brachſen?“ fragte der Gutsbeſitzer eines Abends, ai er ſick ſchaft Phleg Eſtan kuleſſe einem „Und Brach Ein 1 Thure zu kul iſt's? ſtimmt Sohne darf N „ unter e dieſen „ was Le S Gutsbe „ „ „Aufen metsvö ſchieße gen ſie voll.“ Pe Sie ge 2 vd St. er ſich neben Louiſe geſetzt hatte, die fleißig an einer Land⸗ n, denn ſchaft in Tapiſſerie nähte und ohne aufzuſehen mit vielem r etwas Phlegma antwortete: „O ja, der Brachſen iſt ein ſehr guter Fiſch.“ „O, mit rother Weinſauce delikat! Auf meinem Gute Eſtanvik habe ich eine magnifique Fiſcherei. Wahre Her⸗ zu ſehr nnte Ja⸗ i beſten ———— zen, als kuleſſe von Brachſen! Ich fiſche ſie ſelbſt.“ n, Klei⸗„Wer iſt der große Fiſcher da?“ fragte Jakobi mit afür er⸗ einem ungeduldigen Naſenrümpfen ſeinen Freund Heinrich. eß ſelten„Und was geht es ihn an, ob deine Schweſter Louiſe gerne e⸗Muſter Brachſen mag?“ ane, als„Weil ſie dann vielleicht auch ihn möchte, mon chéèr. ieden an Ein höchſt reſpectabler und tüchtiger Kerl, mein Vetter e ſich an Thure von Eſtanvik. Ich rathe dir, ſeine Bekanntſchaft nbetracht, zu kultiviren. Ja ſo Gabrielchen, ja ſo Euer Hoheit, was ines gro⸗ iſt's 7 Ja was iſt's? Ueber dieſes Räthſel verliere ich be⸗ tweg den ſtimmt den Kopf. Mütterchen, komm deinem dummen Sohne zu Hülfe.“ wir wol⸗„Mein, nein, die Mutter weiß es ſchon! Die Mutter ſch in ge⸗ darf Nichts ſagen!“ rief Gabriele erſchrocken. Kandidat„Welchen König, Herr Doktor, ſtellen Sie am Höchſten reineh⸗ unter allen Königen?“ fragte zum zweitenmal Petrea, die oßen Gute dieſen Abend eine Art Fragraptus hatte. heit ſtro⸗„Karl KIII.,“ antwortete der Kandidat und horchte, die ſich was Louiſe dem Gutsbeſitzer zur Antwort gab. inen blü⸗„ Bäschen, moͤgen Sie gerne Vögel?“ fragte der , bedeu⸗ Gutsbeſitzer. erglaubte„O ja, beſonders Krametsvögel,“ antwortete Louiſe. allerhand„Nun, das iſt ja prächtig!“ ſagte der Gutsbeſitzer. en wollen„Auf meinem Gute Eſtanvik gibt es ungeheuer viel Kram⸗ metsvögel. Ich gehe oft mit meiner Büchſe hinaus und ſchieße ſie ſelbſt zum Mittageſſen. Bliff, Blaff, da lie⸗ gen ſie, mit zwei Schüſſen habe ich die ganze Schüſſel voll.“ Petrea, die von Niemand gefragt wurde:„Moͤgen Sie gerne Vögel, Bäschen?“ und die den Kandidaten beſchäftigen wollte, deßhälb ſich auch durch ſeine ſichtbare 176 Zerſtreutheit nicht abſchrecken ließ, rief aufs Reue:„Herr Doktor, glauben Sie, daß die Menſchen vor der Sünd⸗ fluth viel ſchlechter waren, als die Menſchen in unſern Tagen?“ „O viel, viel beſſer,“ antwortete der Kandidat. „Bäschen Louiſe, mögen Sie gerne Haſenbraten?“ fragte der Gutsbeſitzer. „Herr Doktor, moͤgen Sie gerne Haſenbraten?“ flü⸗ flerte Petrea ſchelmiſch Jakobi zu. „Bravo, Petrea!“ flüſterte ihr der Bruder zu. „Bäschen Louiſe, mögen Sie gerne kalte Speiſ fragte der Gutsbeſitzer, indem er Louiſe an den Tiſch führte. „Magſt du gerne einen Gutsbeſitzer?“ flüſterte ihr Heinrich zu, als ſie wieder vom Eſſen kamen. en 2“ Louiſe antwortete— gerade wie eine Domkirche ge⸗ anlwortet haben würde— ſie ſah ſehr ernſthaft aus und ſchwieg. Petrea war nach dem Eſſen wie losgelaſſen und ließ Niemand in Ruhe, der ihr möglicherweiſe antworten konnte. „Iſt die Vernunft für den Menſchen hinreichend? Was iſt der Grund der Moral? Was iſt die eigentliche Bedeutung der Offenbarung? Warum iſt es im Staate immer ſo ſchlecht beſtellt? Warum muß es Arme und Reiche geben u. ſ. w. 2“ „Ach, Petrea,“ ſagte Louiſe,„wozu dieſe Fragen alle? Es war ein Abend für Fragen, auch nahmen ſie noch kein Ende, als man aus einander ging. „Glaubſt du nicht auch, Eliſe,“ ſagte der Landrich⸗ ter zu ſeiner Frau, als ſie allein waren,„daß unſere kleine Petrea unangenehm zu werden anfängt mit ihrem beſtändigen Fragen und Diſputiren. Sie läßt Niemand in Frieden und iſt mitunter in unaufhörlicher Unruhe. Sie wird ſich einmal lächerlich machen, wenn ſie ſo fort⸗ fährt.“ 5 „Ja, wenn ſie ſo forffährt. Aber ich glaubt, es kannc viel be es reg Mädch Lebhaft anordn / Kunſt? Morge zu leſe beiten. Unruhe er nicht einem ſ an Na ſolchen ja unzä „ richter beſonder Loos ni wiſſen. 6 Studiut iſt mit Streben Perſon zu lehre ihre unk Es thut Schweſt und ich wünſchte helfen. kann ur fehlt es ₰ n „Herr Sünd⸗ unſern at. aten?“ 1. eiſen?“ n Tiſch terte ihr rche ge⸗ aus und und ließ n konnte. Was iſt eetun mmer ſo che geben e Fragen ſie noch Landrich⸗ ß unſere nit ihrem Niemand Unruhe. e ſo fort⸗ aube,„8 ₰ kann anders werden. Ich habe Petrea ſeit einiger Zeit viel beobachtet und will dir nur ſagen, daß ich glaube, es regt ſich etwas wirklich Ungewöhnliches in dem jungen Mädchen.“ „Ja, ja, gewöhnlich iſt ſie in der That nicht. Die Lebhaftigkeit und die ewigen Feſte und Poſſen, die ſie anordnet. „Ja deuten ſie nicht auf beſtimmte Anlagen für ſchöne Kunſt? Und dann ihre ſchreckliche Lernbegierde! Jeden Morgen ſteht ſie zwiſchkn drei und vier Uhr auf, bloß um zu leſen, zu ſchreiben, oder an ihren Schöpfungen zu ar⸗ beiten. Das iſt wahrhaftig nichts Gewöhnliches. Und dieſe Unruhe, dieſer Eifer zu fragen und zu disputiren, mag er nicht von einer Art Wiſſenshunger herrühren? Ach von einem ſolchen, an dem viele Frauenzimmer aus Mangel an Nahrung ihr ganzes Leben hindurch leiden. Aus einer ſolchen Leere der Seele entſtehen Unruhe, Unbehaglichkeit, ja unzählige Fehler.“ „Ich glaube, du haſt Recht, Eliſe,“ ſagte der Land⸗ richter„und es gibt keinen traurigeren Zuſtand im Leben, beſonders in reiferen Jahren. Aber das ſoll unſerer Petrea Loos nicht werden. Wir werden ſchon dafür zu ſorgen wiſſen. Was meinſt du, daß jetzt für ſie gut wäre?“ „Ich glaube, irgend ein ernſtliches und fortgeſetztes Studium würde ihr helfen, ihre Seele zu ordnen. Sie iſt mit ihren ungeordneten Anlagen, ihrem Eifer und Streben viel zu ſehr ſich ſelbſt überlaſſen. Ich für meine Perſon beſitze zu wenig Kenntniſſe, um ſie zu leiten und zu lehren; du haſt nicht Zeit, es iſt Niemand hier, der ihre unklare junge Seele in ſeine Obhut nehmen könnte. Es thut mir manchmal recht leid um ſie, denn ihre Schweſtern verſtehen dieſes Arbeiten in ihr durchaus nicht und ich geſtehe, daß es mich ſelbſt zuweilen peinigt. Ich wünſchte nur beſſer im Stande zu ſein, ihr dabei zu helfen. Petrea bevarf eines Grundes, worauf ſie ſtehen kann und den ſie jetzt noch nicht hat. Ihren Gedanken fehlt es an einem feſten Anhalt. Daher ihre Unruhez emer, das Haus. 12 N 178 ſie gleicht einer wurzelloſen Blume, die von Winden und Wellen dahingetrieben wird.“ „Sie wird einſtens Wurzel ſchlagen, ſie wird Grund finden, ſo gewiß, als es ſolchen auf der Welt gibt,“ ſagte der Landrichter mit ernſtem und blitzendem Auge, indem er mit der Hand auf das Weſtgöthageſetz ſchlug, ſo daß es zu Boden fiel. Wir werden ſchon daran denken, Eliſe,“ fuhr er fort.„Petrea iſt noch zu jung, als daß man ihre Anlagen mit Sicherheit beſtimmen könnte. Aber kräftigen ſie ſich, ſo ſoll ſie nicht zu hungern brauchen, ſo lange ich lebe und den Meinigen Brod ſchaffen kann. Du kennſt meinen Freund, den vortrefflichen Biſchof B. Vielleicht können wir Petrea fürs Erſte ſeiner Leitung anvertrauen. In ein paar Jahren werden wir ſchon ſehen jetzt iſt ſie noch zu ſehr Kind. Aber meinſt du nicht, daß wir mit Jakobi reden ſollten, ob er nicht jetzt mit ihr ein Biß⸗ chen leſen und ſprechen will?.... Apropos, wie ſteht es mit Jakobi? Ich glaube, er fängt an, vor Louiſe zu figuriren.“ „Ja, ja, es iſt nicht ohne. Und unſer Vetter Thure von Eſtanvik ebenfalls; haſt du Nichts gemerkt?“ „Ja heute Abend merkte ich etwas. Was zum Henker ſind das für dumme Fragen, die er machte? Bäschen mögen Sie gerne das und mögen Sie gerne das, Bäs⸗ chen? Ich mag das durchaus nicht. Louiſe iſt ja noch nicht einmal ausgewachſen und man kommt ſchon mit Fragen, Bäschen mögen Sie? Nun es mag wohl nichts zu bedeuten haben. Das wäre mir das Liebſte. Schade jedoch, daß unſer Vetter Thure nicht ein Bißchen mehr Menſch iſt, denn er hat ein recht ſchönes Gut und ſo ganz in der Nähe.“ „Allerdings Schade. Denn ſo wie er jetzt iſt, bin ich beinahe überzeugt, daß Louiſe ihn unmöglich lieben kann.“ „Glaubſt du nicht vielleicht, daß ſie Jakobi liebt?“ „Die Wahrheit zu ſagen, ich glaube, daß es nicht ganz richtig iſt.“ ¹ 1 1 klug. iſt ni kann er w Louiſ nenne wohl mit d geleg dieß ſehr einen ich ſi Herz dung mir würde Heinr Redlie einem vater zu der zuſam ſpreche entfer— halten wenn auf F zum„ im Hi nung noch( den und d Grund t, ſagte indem er daß es „Fliſe,“ man ihre kräftigen lange ich Du kennſt Vielleicht eten jetzt iſt daß wir ein Biß⸗ wie ſteht Louiſe zu ter Thure im Henker Bäschen , Bäs⸗ t ja noch ſchon mit ohl nichts Schade chen mehr d ſo ganz jetzt iſt, lich lieben liebt?“ nicht ganz — — „ * „Nun, das wäre recht unangenehm und recht un⸗ klug. Ich habe Jakobi lieb, allein er hat ja nichts und iſt nichts.“ „Aber, mein Lieber, er kann etwas bekommen und kann etwas werden. Ich geſtehe, beſter Ernſt, ich glaube, er würde beſſer, als irgend einer, den wir kennen für Louiſe zum Mann paſſen und ich würde ihn gerne Sohn nennen.“ „Würdeſt du das, Eliſe? Nun dann muß ich mich wohl auch dazu bereit machen. Du haſt am meiſten Mühe mit den Kindern gehabt und haſt deßwegen in ihren An⸗ gelegenheiten auch am Meiſten zu ſagen.“ „Ernſt, du biſt gar zu gut.“ „Sage billig, Eliſe; nicht mehr als billig. Ueber⸗ dieß glaube ich, daß unſre Gedanken und Neigungen nicht ſehr verſchieden ſind. Ich geſtehe, daß ich Louiſe für einen großen Schatz halte und ich weiß Niemand, dem ich ſie von Herzen gönnen möchte. Aber wenn Jakobi ihr Herz gewinnt, ſo fühle ich, daß ich mich einer Verbin⸗ dung zwiſchen ihnen nicht widerſetzen kann, wiewohl ſie mir wegen ſeiner ungewiſſen Ausſichten Sorge mochen würde. Jakobi iſt mir wirklich lieb, wir haben ihm wegen Heinrichs viel zu danken. Sein vortreffliches Herz, ſeine Redlichkeit und andre guten Eigenſchaften werden ihn zu einem eben ſo guten Bürger, als Gatten und Familien⸗ vater machen, auch glaube ich für meinen Theil, daß er zu den angenehmen Menſchen gehört, mit denen man gern zuſammenleben möchte. Aber Gott behüte mich! Ich ſpreche, als ob ich die Partie wünſchte, und bin doch weit entfernt davon. Ich will meine Töchter am liebſten be⸗ halten, ſo lange ſie ſich bei mir glücklich fühlen. Aber wenn die Mädchen einmal groß ſind, darf man nie mehr auf Frieden rechnen. Ich wünſche alle Freier und Werber zum Henker. Wir könnten jetzt hier Alle zuſammen, wie im Himmelreiche leben, ſeitdem wir Alles ſo gut in Ord⸗ nung haben. Einige kleine Verbeſſerungen dürften zwar noch gemacht werden, allein ſie können guch unterbleiben, 180 7 wenn wir nur im Frieden beiſammen wohnen. Ich habe daran gedacht, wir könnten leicht hieher noch einen Wand⸗ ſchrank machen laſſen. Siehſt du auf dieſe Seite da: meinſt du nicht, wenn wir hier öffnen ließen ei der Tauſend, du ſchläfſt ſchon, meine Liebe?“ Eine Einladung. Um dieſe Zeit fingen die Töchter des Hauſes an, viel von Feuersbrünſten zu träumen, auch fehlte es nicht an Traumdeutungen, Winken, kleinen Neckereien und vertrau⸗ lichen Mittheilungen zwiſchen ihnen. Keine träumte und deutete lebhafter als Petrea: Gabriele, die in ihrer Un⸗ ſchuld nichts träumte, wunderte ſich, was all die ſonder⸗ baren Redensarten von Feuersbrünſten zu bedeuten haben ſollen, erfuhr aber nicht viel davon, denn ſo oft ſie in das Geheimniß eingeweiht werden ſollte, hieß es:„Geh ein wenig hinaus, Gabrielchen.“ Eines Abends hatten Sara, Louiſe und Petrea ſich zuſammen an ein Tiſchchen geſetzt, wo ſie einander etwas mittheilten, was von ganz beſonderem Intereſſe geweſen ſein muß. Da kam Gabriele und hätte gerne für ſich und ihr Buch auch ein Pläzchen an dem Tiſch gehabt, allein es war unmöglich, es fand ſich kein Raum für die Kleine. Beinahe in demſelben Augenblick erſchienen auch Jakobi und Heinrich. Sie ſuchten ſich ſogleich Plätze im Kreiſe der jungen Damen und ſiehe da, es war Raum genng für ſie am Tiſche. Da ſteckte Gabriele ihr Köpfchen zwiſchen Louiſe und Petrea und bat die Schweſtern, das Räthſel 77 aufzulöſen:„Was iſt das, an was ſechs Platz haben, aber nicht fünf?“ Die Schweſtern lachten, Louiſe küßte die kleine feine 3 Morgliſtin und Petrea verließ den Tiſch, die Herrn und 1 3 eine hatte, von 2 Genü Hochz unſere weit nicht zu ve Eveli mitter S line: vor— zeit, größtt gen Aber und tern, mögli mache werde durch Sohn und laſſen. dauer holm der L gen. Freur der Ev li ch habe Wand⸗ ite da: ei der an, viel nicht an vertrau⸗ mte und e Un⸗ ſonder⸗ en haben e in das Geh ein trea ſich er etwas geweſen ſich und t, allein ie Kleine. kobi und dreiſe der g für ſie) zwiſchen Räthſel ben, aber eine feine ern nd eine politiſche Diskuſſion, die ſie mit Heinrich begonnen hatte, um ſich mit Gabriele auf die Seite zu ſetzen und ihr von Thiodolfs Fahrten zu erzählen, was einer der größten Genüſſe unſeres kleinen Fräuleins war. „Apropos,“ rief Heinrich,„iſt nicht übermorgen die Hochzeit, auf die wir eingeladen werden ſollten? NB. nach unſerer eigenen Ausrechnung. Tante Cveline hat wirklich weit weniger Genie, als ich ihr zugetraut hätte, wenn ſie nicht „Tante Eveline ſeht hier, um wo möglich ihr Genie zu vertheidigen,“ ſagte eine freundliche Stimme und Tante Eveline ſtand zur allgemeinen Verwunderung und Freude mitten im Zimmer. Nach den erſten Begrüßungen und Fragen trug Eve⸗ line mit ſichbaret Freude und Herzlichkeit ihre Einladung vor— aber nicht, wie Heinrich erwartet hatte, zur Hoch⸗ zeit, ſondern zur Rach hochzeit. Lauras Vermählung mit Major G. ſollte in der groͤßten Stille und in Gegenwart von bloß einigen weni⸗ gen Verwandten bei ihrer Pflegemutter vor ſich gehen. Aber die Mutter des Bräutigams, eine jener fröhlichen und guten Perſonen, welche die Welt bedeutend erleich⸗ tern, und denen die Welt ſo wenig dafür dankt, die wo möglich alle Menſchen bewirthen und ihnen Vergnügen machen wollen, und daher gern ein Biechen verläumdet werden, eine wohlbeleibte herzliche Kriegsräthin, wollte durchaus die Hochzeit ihres einzigen und vielgeliebten Sohnes auf irgend eine feſtl iche und heitere Weiſe feiern und die ganze Gegend an ihrer Freude Theil nehmen laſſen. Acht Tage leng ſollte die große Nachhochzeit dauern und ſchon ſtanden die mächtigen Flügel von Arel⸗ holm mit öffenen Armen bereit, einen anſehnlichen Theil der Notabilitäten aus Stadt und Umgegend zu empfan⸗ gen. Braut und Bräutigam ſollten ihre reſpektiven Freunde und beſte Bekannten einladen und aus Auftrag der Braut, ſo wie ihrer künftigen Schwiegermutter— Eveline wies ſich darüber ſchriftlich vor Fliſe aus— er⸗ —— ———— 182 1 ſchien jetzt Eveline um die Frankſche Familie— die ganze Familie, Jakobi mit eingerechnet— zu bitten, ſie möchte das Feſt mit ihrer Gegenwart beehren. Man bat aus⸗ drücklich, daß ſämmtliche Töchter kommen möchten. Man rechnete auf jede von ihnen beſonders. Auf Petrea, die viel Talent fürs Theater hatte, rechnete man für eine Rolle in dem Stück, das aufgefuhrt werden ſolkte; auf die an⸗ dern theils für den Tanz, theils für Tableaur; Gabriele wurde als Engel angeworben und man ſetzte natürlich voraus, den Mädchen ſelbſt mit allem dieſem Freude ma⸗ chen zu können. Man wünſchte und bat, die Familie möchte ſich für die ganze Dauer der Nachhochzeit und wo möglich noch länger auf Arelholm niederlaſſen, wo Alles für ſie bereit ſtehe; ſie würde ſo viel zur Froͤhlichkeit des Feſtes beitragen und man hoffte, ſämmtlichen Mitglie⸗ dern den Aufenthalt vaſelbſt recht angenehm machen zu können. For, Pitt, Thiers, Lafitte, Platen, Anckarſpärd, ja man kann dreiſt behaupten, ſämmtliche Redner in der Welt haben nie Reden gehalten, die von ihren Zuhörern einleuch⸗ tender gefunden und mit wärmerem und einſtimmigerem Enthuſiasmus begrüßt wurden, als Tante Evelinens kleiner Vortrag. Heinrich warf ſich der vortrefflichen, beredten Tante zu Fußen. Eva klatſchte in die Hände und umarmte ſie. Petrea ſchrie in einem Raptus von Entzücken laut auf und warf beim Aufſtehen ein Nähtiſchchen über Loniſe um. Jakobi machte einen Enterchat befreite Louischen von dem Tiſchchen und engagirte ſie zur erſten Anglaiſe auf dem erſten Ball. Der Landrichter war ſeelenvergnügt über die Luſt⸗ barkeiten, die ſeiner Kinder warteten, mußte aber für ſeinen Theil dem fröhlichen Feſte entſagen. Geſchäfte! Landrichter Frank hatte ſelten zu etwas Anderem Zeit, als zu Geſchäften. Doch wollte er es ſo einrichten, daß er die Seinigen wenigſtens nach Arelholm begleiten könnte, um dann am folgenden Tag zurückzukehren. Eliſe machte Comp drei Evelir wünſc ſagte ſich l man ſechs werde ihres fachen mußte Leono Die Hauſe welch erklär zu b allein fahre durch Sie Verd bewie gen genäl ter i auftr Blun welch käufe der hatte ſchät Ratl ganze möchte t aus⸗ Man , die e Rolle die an⸗ abriele atürlich de ma⸗ Familie und wo o Alles keit des Mitglie⸗ chen zu ärd, je er Welt inleuch⸗ nigerem kleiner n Tante mte ſie. aut auf r Louiſe ouischen Anglaiſe ie euſt⸗ aber für eſchäfte! m Zeit, en, daß könnte, machte vi — — Complimente und wollte nicht mehr als zwei, hoͤchſtens drei von ihren Töchtern mitnehmen, ließ ſich aber von Eveline und auch von ihrem Manne überreden, der es wünſchte, daß ſie alle dabei ſein ſollten.„Vielleicht,“ ſagte er,„bekommen ſie nie wieder eine ſolche Gelegenheit, ſich luſtig zu machen.“ Und gewiß iſt es ſelten, daß man eine Mutter bittet, ja anbettelt, ſie möchte alle ihre ſechs Töchter mitbringen. Uebrigens muß auch anerkannt werden, daß die Töchter des Frankſchen Hauſes wegen ihres freundlichen, angenehmen Weſens und ihrer viel⸗ fachen guten Eigenſchaften allgemein beliebt waren. Eliſe mußte verſprechen, alle mitzubringen, Sara, Louiſe, Eva, Leonore, nein es iſt wahr, Leonore konnte nicht mit. Die arme Leonore mußte ihrer Kränklichkeit wegen zu Hauſe bleiben, und bald wetteiferten Eva und Petrea, welche von ihnen ihr Geſellſchaft leiſten dürfe Leonore erklärte kalt und mürriſch, ihretwegen brauche keine da zu bleiben; ſie bedürfe Niemandens; ſie ſei am Liebſten allein; die Schweſtern ſollen getroſt Alle zuſammen fort⸗ fahren; ſie könne dennoch leben; die arme Leonore war durch Krankheit und Daheimſitzen ganz umgewandelt. Sie verbarg ihr ſchönes Weſen unter einer Wolke von Verdrießlichkeit und übler Laune und kühlte dadurch die Wärme und Freundlichkeit ab, die man ihr ſo gerne bewies. Inzwiſchen entſtand große Bewegung unter den jun⸗ gen Leutchen in der Familie. Gar Vieles mußte gekauft, genäht und in Ordnung' gebracht werden, damit die Töch⸗ ter in Ehren und recht anmuthsvoll bei den Feſtlichkeiten auftreten konnten. Welche Muſterungen mit Kleidern, Blumen, Bändern, Halsbändern, Handſchuhen u. ſ. w., welche Berathungen und Entwürfe über die neuen Ein⸗ käufe, welche Berechnungen, damit das Geldgeſchenk, das der gute Vater ungebeten jeder ſeiner Toͤchter gegeben hatte, nicht überſchritten werden moͤchte! Louiſe war un⸗ ſchätzbar in dieſem Dilemma. Sie wußte für Alles Rath und einen Ausweg. Sie ging unermüdlich in den 184 Kaufläden herum und marktete unverzagt. Sie machte nie viel Komplimente, ſondern ließ Alles aufreißen, wenn ſie eine Elle Zeug haben wollte und war im Stande, an zwölf Orte zu gehen, um ein Stückchen Band billiger oder von beſſerer Qualität zu bekommen, denn Louiſe ſah ſehr auf Qualität. Auch war ſie nach ihrer eigenen und der ganzen Familie Anſicht dafür bekannt, daß ſie das machte, was man gluckliche Coups nennen konnte, und was ſo iel bedeutete als einen guten Kauf machen, oder eine gute Waare um einen unerhört billigen Preis erhalten. Bei all dieſem ſtand Louiſe in großem Anſehen in den Läden der Stadt und wurde mit dem größten Ei⸗ fer und ungemeiner Achtung bedient, während die kleine Petrea, die nie marktete und immer das erſte Beſte nahm, was man ihr gab— NB. wenn ſie freie Hand hatte— nicht am Mindeſten beachtet wurde und immer ſo wohl ſchlechte, als theure Waaren erhielt. Es iſt wahr, Pe⸗ trea erſchien ſo wenig als moͤglich in den Läden, während Louiſe, die den mühevollen Ehrenpoſten einer Commiſſio⸗ närin für alle ihre Freundinnen und Bekannte verwal⸗ tete, daſelbſt beinahe wie in ihren eigenen Schränken zu Hauſe war. Man kam darin überein, daß auf dem großen Balle, der an demſelben Tage, wo die Familie auf Axelhoim ankam, ſtattzufinden hatte, Sara, Louiſe und Eva in gleichem Aufzuge erſcheinen ſollten, beſtehend aus weißen Linonkleidern, hellrothen Schärpen und Roſen im Haar. Petrea war über dieſen Plan entzückt und zweifelte nicht daran, ihre Schweſtern werden von allen Seiten den Bei⸗ namen„die drei Grazien“ erhalten; ſie fur ihren eigenen Theil hätte ſich gerne Venus nennen laſſen, allein daran war leider nicht zu denken. Sie ſtudirte ihr Geſicht an allen Spiegeln— es hätte dennoch ſeine Reize, ſagte ſie, wenn nur die Naſe ein Bischen anders gemacht werden könnte. Petrea wollte auf den Ball ein himmelblaues Kleid anziehen; das kleine Fräulein war entzückt über das roſenrothe Florkleid, das die Mutter ihr nähte. Alle ſprue licher der dem ausz bei( mit mach auf gen und. den Hein daß ſichet ſieht Ich ſchon ich Alles derm es m müſſ Vett nachte wenn de, an illiger Louiſe igenen aß ſie onnte, achen, Preis nſehen en Ei⸗ kleine nahm, — wohl „ Pe⸗ ährend miſſio⸗ erwal⸗ iken zu Balle, ehm Eva in weißen Haar. te nicht n Bei⸗ eigenen daran icht an gte ſie, werden blaues t über nähte. — Alle waren mit Leib und Seele von ihrer Toilette in An⸗ ſpruch genommen. Verwickungen. Ein feiner Staubregen fiel draußen und mit heim⸗ lichem Entſetzen ſah Jakobi Louiſe mit dem Hofprediger, der ſie gänzlich entſtellte, ausgerüſtet, um mit Eva mit dem Schutze des Familiendaches auf glückliche Coups auszugehen. Inzwiſchen nahm Sara ihre Muſiklektion bei Schwarz, hatte aber Petrea verſprochen, Nachmittags mit ihr auszugehen, um ebenfalls glückliche Coups zu machen. „Hör einmal, Heinrich, ich glaube, wir gehen auch auf glückliche Coups aus,“ ſagte Jakobi zu ſeinem jun⸗ gen Freunde,„ich brauche ein paar neue Handſchuhe und „Und vielleicht könnten wir mit den Mädchen im La⸗ den zuſammentreffen,“ ſagte Heinrich ſchelmiſch. Ganz richtig,“ erwiederte Jakobi lachend.„Aber Heinrich, kannſt du deiner Schweſter Louiſe nicht ſagen, daß ſie den abſcheulichen Mantel zu Hauſe läßt? ich ver⸗ ſichere dich, daß ſie darin nicht ausſieht, wie„ ja ſie ſieht wahrhaftig nicht ganz hübſch darin aus.“ „Glaubſt du nicht, daß ich es ihr ſchon geſagt habes Ich habe gegen den Hoſprediger gepredigt, ſo daß er ſchon längſt verbannt ſein ſollte. Ich habe erklärt, daß ich nicht neben dem Hoſprediger gehe; allein es hilft Alles Nichts. Er hat ſich bei unſrer gnädigſten Aelteſten dermaßen in Gunſt geſetzt, daß wir uns wohl— glaub es mir, Bruderherz— Zeitlebens damit herumſchleppen müſſen. Und was meinſt du? Ich glaube beinahe, dem Vetter Eſtanvik gefällt er.“ „Nun, dieſer Figur kann man es anſehen, daß ſie 186 einen erbärmlichen Geſchmack, einen wahren Hottentotten⸗ H Blick geſchmack hat.“ ſie a „Auch in Beziehung auf Louiſe?“ Eva „Hm!“ Roſe Zur Mittagszeit kehrten die handelnden Damen, be⸗ ieler gleitet von den handelnden Herren, die ganz friedlich ne⸗ aber ben dem Hoſprediger einherwanderten, zurück. Louiſe war mit Ehren überſchüttet. Sie hatte einen glücklichen Coup ſehr gemacht. „Seht einmal dieſen Linon für einen Reichsthaler Banko die Elle? Iſt es nicht eine charmante Farbe? Ich Es habe 12 Schillinge hinweggemarktet und dieſe Bänder aber da, die ich für 20 Schillinge die Elle bekam— man gehe verlangte dreißig— find ſie nicht ſchoͤn? Werden ſie daſt nicht magnifik paſſen? Iſt das nicht ein wahrer Fund? ntur Habt ihr je ſo etwas gehört und geſehen? Sara, wenn du in dieſelben Läden gehſt, wie ich, ſo bekommſt du. von Alles um denſelben Preis. Ich habe den Akkord an drei Ihr Orten gemacht, bei Bergwalls und Aſtröms und wegen— Hau der Blumen bei Madame Florea.“ dieje Sara dankte, ſagte aber, ſie habe ihren Plan ge⸗ bin! ändert und wolle nicht denſelben Anzug haben, wie Eva Louiſe und Cva, ſondern einen andern, der— der ihr Frie beſſer gefalle. Die Schweſtern wunderten ſich und waren etwas entfe verdrießlich, Louiſe ſogar beleidigt. Waren ſie nicht ſchon ſo ganz einig über die Sache geweſen? Was ſollte aus chene den drei Grazien werden? Laun Sara antwortete, die dritte Grazie könne ſein, wer Liebe wolle. Sie für ihren Theil könne die Ehre nicht haben. 5 Sie Die Schweſtern fanden Sara ſehr ungraziös. fen Eva lief zu Leonore hinauf, um ihr ihre Einkäufe könn zu zeigen. che i „Sieh einmal dieſe Roſe da, Leonore, iſt ſie nicht genet gar zu ſchön? Ganz wie lebendig! Und die Bänder!“ „Ja ja ſagte Leonore in herabgeſtimmtem 5 want Tone und betrachtete die ſchönen Zierrathen mit finſterem be⸗ ne⸗ war Soup haler Ich nder man n ſie und? wenn t du drei vegen ge⸗ wie r ihr twas ſchon as „wer aen. nkäufe nicht v“ mtem ſterem Blicke, ſtieß ſie aber auf einmal ſo heftig von ſich, daß ſie auf den Boden fielen, und brach in Thränen aus. Eva war ganz betroffen; ein Buch war auf ihre ſchöne Roſe gefallen und hatte ſie zerdrückt. Einen Augenblick fielen etwas Thränen auf dieſe, im nächſten Augenblick aber auf die Schweſter. „Warum thateſt du dieß, Leonore? Ach du mußt ſehr krank ſein! Oder biſt du böſe auf mich? „Nein, Eva, nein, verzeih mir und... verlaß mich.“ „Warum das? Ach weine nicht, ſei nicht traurig. Es war unverſtändig von mir, heraufzukommen und.. aber ich ſage der ganzen Herrlichkeit gute Nacht; ich gehe nicht dazu, ich bleibe bei dir zu Hauſe; ſage nur, daſt du mich lieb haſt und daß du es wünſcheſt. Sprich nur ein Wort.“ „Nein, nein,“ ſagte Leonore heftig, indem ſie ſich von der holden Troſterin abwandte, ich will das nicht. Ihr plagt mich mit dem Geſchwätze, mir zu Liebe zu Hauſe bleiben zu wollen. Ich weiß wohl, daß ich nicht diejenige bin, für die man dieſes gerne thun könnte. Ich bin weder gut noch frohlich. Geh du zu den Fröhlichen, Eva, und folge ihnen. Verlaß mich jetzt, laß mich im Frieden, das iſt Alles, was ich verlange.“ Weinend und mit ihrer zerdrückten Roſe in der Hand entfernte ſich Eva. Als Sara Nachmittags mit Petrea auf die verſpro⸗ chene Wanderung ausgehen ſollte, war ſie bei ſehr finſterer Laune. Sie wolle gehen, ſagte ſie, aber nur Petrea zu Liebe; ſie für ihre Perſon würde lieber zu Hauſe bleiben. Sie werde Nichts kaufen, ſie wiſſe gar nicht, was ſie kau⸗ fen ſollte. Sie werde nicht zu dem Feſte gehen, denn ſie könne doch nicht vergnügt ſein. Nichts in der Welt ma⸗ che ihr Vergnügen, wenn ſie nicht etwas nach ihrem ei⸗ genen Willen bekommen koͤnne. Petrea war ganz verblüfft über dieſe plötzliche Ver⸗ wandlung und ſuchte ihr auf alle Arten auf den Grund ————————— 188. zu kommen.„Aber warum,“ fragte ſie mit Thränen in wünſ den Augen,„warum willſt du nicht bei uns ſein?“ für: „Weil ich nicht dabei ſein will,“ antwortete Sara . heftig,„wenn ich es nicht mit Ehren und auf meine leicht eigene Art ſein kann.“ Ich will nicht in den Haufen von mit Gewöhnlichen und Mittelmäßigen gemiſcht werden. Ich. freun will ausgezeichnet und ungewöhnlich ſein. So iſt nun F treas einmal mein Gemüth. Bei Einſchränkung kann und will kuche ich nicht leben. Lieber gar nicht leben.“ feger „Ach,“ rief Petrea, die jetzt begriff, was Sara die fehlte, und deren Augen auf einmal vor Freude ſtrahl⸗ ein G ten,„ach iſt es nichts Anderes? Da ſieh, liebe Sara! beloh nimm, nimm Alles, was ich beſitze. Ich bitte dich, nimm ſchwe es. Glaubſt du nicht, daß es mir tauſendmal mehr Ver⸗ geger gnügen macht, dich prächtig und fröhlich zu ſehen, als wäſſe wenn ich die ſchönſten Sachen von der Welt hätte? Nimm der es, beſte, liebſte Sara. Ich bitte dich auf den Knieen, lings nimm es. Siehſt du, dann reicht es hin; dann kannſt Leont du dir kaufen, was du willſt und kannſt vergnügt ſein 3 treas und mit uns kommen;— ſonſt iſt die ganze Herrlichkeit 3 doch nicht viel werth.“ ſo vi „Ach Petrea! Und du?“ ein „O ich putze mein Florkleid ein wenig auf, und will Haus auch noch Geld zu ein Paar Bändern zurückbehaltèn. 12 Dann wird es ſchon angehen und im Uebrigen kann es rückk gleichgültig ſein, wie ich ausſehe. Sei nur du vergnügt, tem Sara, und thue, um was ich dich bitte.“ 5 was „Aber darf ich, kann ich? Ach nein, Petrea, es wird paſſer mir ſchwer. Das Wenige was du haſt!... Und es reicht ſie d doch nicht hin!...“ 0 die „O freilich, laß es doch hinreichen. Wir können ja mehr in Louiſens Läden gehen, dort bekommt man Alles billi⸗ Verg ger. Ich werde nie mehr froh, wenn du meine Bitte nicht erfüllſt. Sieh, jetzt biſt du meine gute, liebe Sara. Louiſ Danke, danke dir. Ach jetzt iſt es mir ſo leicht ums Herz. Jetzt brauche ich mir keine Sorgen um die ver⸗ gekat n in Sara neine von Ich nun will Sara rahl⸗ ara! imm Ver⸗ „als imm ieen, annſt ſein chkeit will altén. in es nügt, wird reicht en ja billi⸗ Bitte Sara. ums ver⸗ wünſchte Toilette zu machen. Das iſt ein großer Gewinnſt für mich.“ Dem Vogel auf ſchaukelndem Zweige iſt es nicht leichter zu Muth, als es Petrea wgx, während ſie jetzt mit Sara ausging, die zwar weit Wniger vergnügt, aber freundlicher als je gegen die Schweſter war. Mit Pe⸗ treas Bandkauf ging es ſo. Als ſie an einer Pfeffer⸗ kuchenbude vorbei ging, ſah ſie einen kleinen Schornſtein⸗ fegerjungen ſtehen, der auf ein Paar purpurrothe Aepfel die liebevollſten Blicke warf; ſie konnte nicht umhin, ihm ein Geſchenk damit zu machen und fühlte ſich mehr als belohnt, als ſie des Knaben weiße Zähne freudvoll in der ſchwarzen Umgebung glänzen ſah, zuerſt gegen ſie, dann gegen die ſaftige Frucht, der ſie ſich einbiſſen. Dabei wäſſerte ihr ſelbſt der Mund und ſie ſah e in der Bude ſo ſchöne Bergamotbirnen— ihrer Mutter Lieb⸗ lingsobſt— und ſo prächtige Apfelſinen— die würden Leonoren Freude machen!— Das Reſultat war, daß Pe⸗ treas Taſchen ſich mit Früchten füllten und die Bänder — ja dazu reichte das Geld nicht mehr hin.„Louiſe hat ſo viele alte Bänder,“ tröſtete ſie ſich,„ſie wird mir ſchon ein Paar leihen.“ Petrea dachte, wie alle ſchlechten Haushälter.* „ Als Sara und Petrea von ihrer Ladenpromenade zu⸗ rückkamen, ſah Louiſe bald, daß Saras Einkäufe bei Wei⸗ tem ihre Mittel überſtiegen und über das hinaushingen, was Louiſe mit Recht für ein Mädchen ihres Standes paſſend glaubte. Ohne ein Wort zu ſprechen, betrachtete ſie den weißen Seidenzeug, die blaue Gaze zur Tunika, die ſchönen gelben und weißen Aſtern zum Kopfputz und mehrere andere Zierrathen, die Sara nicht ohne eitles Vergnügen ausbreitete. „Und was haſt Du gekauft, Petrea?“ fragte jetzt Louiſe, laß einmal ſehen.“ Petrea antwortete erröthend, ſie— habe noch Nichts gekauft. 190 Später kam Petrea zu Louiſe und bat ſie mit einiger Schüchternheit, ihr ein Paar Seidenbänder zu leihen. „Liebe Petrea,“ ſagte Louiſe mißvergnügt, ich brauche meine Bänder ſelbſtzund überdieß haſt du ſo gut als ich und wir Alle Geld bekommen, um deine Bedürfniſſe ein⸗ zukaufen.“ Petrea ſchwieg und Thränen traten ihr in die Augen. „Ich hätte nicht geglaubt, Louiſe,“ ſagte Sara hef⸗ tig,„daß du ſo geizig wäreſt und Petrea ein Paar alte Bänder abſchlügeſt, von denen ich überzeugt bin, daß du ſie gar nicht mehr bräuchſt.“ „Und ich, Sara,“ antwortete Louiſe in demſelben Tone,„ich hätte nicht geglaubt, daß du Petreas Guther⸗ zigkeit un wäche für dich ſo mißbrauchen könnteſt, daß du ihr ihre kleinen Antheil abnimmſt, um deine eigene Eitelkeit zu befriedigen. Ich finde dieſelbe überhaupt höchſt tadelnswerth, da ſie zu Ausgaben führt, welche die Mit⸗ tel unſrer Eltern bei Weitem überſteigen.“ „Sara hat Nichts von mir verlangt,“ rief Petrea eifrig;„ich habe es ſelbſt gewollt, ich habe ſie gezwungen.“ „Ohnehin,“ fuhr Louiſe mit ſtrengem Ernſt fort,„will ich dir nur ſagen, Sara, daß die Tracht, die du ge⸗ wählt haſt, mir gar nicht paſſend, nicht anſtändig erſcheint. Ich bin beinahe überzeugt, daß Schwarz dich verleitet hat, von unſrem erſten Plane abzugehen, der ſo hübſch und angenehm geweſen wäre und ich muß dir nur ſagen, meine liebe Sara, daß ich an deiner Stelle einer ſolchen Perſon gar keinen ſolchen Einfluß auf mich geſtatten würde und dieß iſt nicht das Einzige, warum ich glaube, daß du dich nicht ganz gegen ihn benimmſt, wie du ſollteſt, wie es für die Würde des Weibes paßt und wie ich von meiner Schweſter wünſchte. Es thut mir ſehr leid, dir dieß ſagen zu müſſen.“ „Ach du biſt wirklich gar zu gütig,“ ſagte Sara mit einer ſtolzen Zurückbiegung des Kopfes und einem höhniſchen Lächeln; aber mach dir keine Sorgen darüber, Loniſe, denn ich verſichere dich, daß ich mich ſehr wenig um gefäl weni dir n Bene du d wie für: kein nicht die S Rech blind rung des ten f verſt netst ihre Schr qual gen, Stin ſes 2 iſt a dieſe der wißt könn ihr niger auche s ich ein⸗ 4 ugen. hef⸗ alte aß du ſelben uther⸗ „ daß eigene höchſt Mit⸗ ßetrea igen.“ „will u ge⸗ cheint. rleitet hübſch ſagen, olchen würde „daß oliteſt, ch von rleid, Sara einem wrüber, wenig —— — 191 um das bekümmere, was dir gefällt oder was dir nicht gefällt.“ „Um ſo ſchlimmer für dich, Sara, wenn du dich ſo wenig um diejenigen bekümmerſt, die es wirklich gut mit dir meinen. Ich bin übrigens nicht die Einzige, die dein Benehmen gegen Schwarz mißbilligt, auch Gva... „Ja Sara,“ fiel Eva erröthend ein,„ich geſtehe, daß du dich nach meiner Anſicht gar nicht gegen ihn benimmſt, wie es ſich paßt für... „Schweſtern,“ ſagte Sara heftig und ſtolz,„was ſich für mich paßt, könnt ihr gar nicht beurtheilen. Ihr habt kein Recht, meine Aufführung zu meiſtern und ich werde nicht dulden „Das glaube ich auch,“ ſchrie Petrea eifrig,„wenn die Mutter Nichts zu Sara ſagt, ſo hat keine te ere das Recht „Stille, liebe Petrea, du biſt nicht geſcheidt und blind für„ In dieſem Augenblick der Spaltung und Verwir⸗ rung, als alle Schweſtern auf einmal mit den Zungen des Verdruſſes und Vorwurfes zu ſprechen anfingen, hör⸗ ten ſie einen tiefen klagenden Seufzer, der ſie plötzlich Alle verſtummen machte und ihre Augen auf tie kleine Kabi⸗ netsthüre lenkte. Da ſtand die Mutter, die Hände an ihre Bruſt gedrückt, bleich und mit einem Ausdruck von Schmerz in ihrem Geſichte, der mit ſchneller Gewiſſens⸗ qual in die Herzen der Töchter drang. Als alle ſchwie⸗ gen, ging ſie langſam auf ſie zu und ſagte mit aufgeregter Stimme: „Meine lieben Mädchen! Warum, ach warum die⸗ ſes? Nein keine Erklärungen jetzt. Fehler und Unrecht iſt auſ einer, vielleicht auf mehreren Seiten. Aber wozu dieſe Bitterkeit, dieſes unwillkürliche Loslaſſen verletzen⸗ der Worte? Ach ihr riüt nicht, was ihr thut. Ihr wißt nicht, welche Hölle Schweſtern einander bereiten können, wenn ſie eine ſolche Geſinnung aufkommen laſſen; ihr wißt nicht, wie Feindſeligkeit und Erbitterung zur „ —————— 492 ſchauderhaften Gewohnheit unter ihnen werden kann, wie ſie einander zu Plagegeiſtern werden und das Leben ver⸗ bittern können. Und es kann doch ſo ganz anders ſein! Schweſtern können wie gute Engel für einander ſein und das väterliche Haus wie kin Himmel auf Erden. Ich habe Beides ſchon in Familien geſehen;— einen größeren Unterſchied gibt es nicht auf der Welt. Ach bedenkt, be⸗ denkt doch, daß ihr jeden Tag, jede Stunde an der Bil⸗ dung eurer Zukunft arbeitet. Bedenkt, daß ihr einander das Leben erheitern, verſchoͤnern oder auch verbittern kön⸗ net, je nachdem ihr es treibt. Meine lieben Mädchen, bedenkt wohl, daß es in eurer Macht ſteht, eure Eltern, eure Familie, euch ſelbſt ſehr glücklich oder ſehr unglück⸗ lich en⸗ ie Tochter waren ſtill und das tiefe Gefühl, das ſich in den Worten, dem blaſſen Geſichte und dem thränen⸗ vollen Blicke der Mutter ausſprach, drang ihnen ſehr zu Herzen. Sie empfanden die Wahrheit deſſen, was ſie ge⸗ ſagt hatte, tief. Mit einem Strom von Thränen eilte Petrea hinaus. Sara folgte ihr ſtille. Eva ſchmiegte ſich liebkoſend an die Mutter, aber Louiſe ſagte: „Ich habe Sara bloß die Wahrheit geſagt. Es iſt nicht mein Fehler, wenn ihr die Wahrheit unangenehm klingt.“ „Ach Louiſe,“ antwortete die Mutter;„ſo heißt es beſtändig in der Welt und doch herrſcht ſo viel Zwieſpalt und Haß unter denen, die es ſagen. Der blinde Glaube an eigene Unfehlbarkeit, das harte, anſpruchsvolle Zurecht⸗ weiſen iſt es, was die Gemüther aufreizt und auch die Wahrheit unwirkſam macht. Sie iſt an ſich ſelbſt ſo rein und ſchön; warum ſie in ein entſtellendes Gewand kleiden? Ich weiß, daß du bloß willſt, was recht und gut iſt; aber mein liebes Mädchen, wer das Ziel recht will, muß auch die Mittel wollen.“ „Soll ich mich denn verſtellen? Soll ich meine Gedanken verbergen und ſchweigen zu dem, was ich unrecht finde? Weltliche Klugheit mag dieß erfordern aber v recht.“ leicht ſame ohne z voller keiten. man ſ 25 He, h ſchallir digt h Beinal ſor, un ſpräch ander. ſie wa einiger dalag trotz a mer, ihrem erbot Er ſag Hunde weit a Gunill Anerbi bracht A ſah ba nen w liebe( Bälle Und glänzer S 193 n, wie aber vom chriſtlichen Geſichtspunkt aus iſt es gewiß nicht recht.“ es ſein„Werde wahrhaft chriſtlich, mein Kind, und du wirſt ein und leicht Mittel finden, das Rechte auf eine rechte und wirk⸗ Ich ſame Art zu thun; du wirſt die Wahrheit ſagen lernen, heren ohne zu verletzen. Ein wahrhaft reiner, wahrhaft liebe⸗ kt. voller Wille beleidigt Andere nie, auch nicht in Kleinig⸗ Vil⸗ keiten. Man braucht deßwegen nicht zu ſchweigen, wenn inander man ſprechen ſoll. Aber.. 1 kö⸗„G'est le ton qui fait la chanson! Nicht wahr? ädchen, Eltern He, he, he!“ ſtimmte mit gellender Stimme die Hofmar⸗ S ſchallin ein, die unbemerkt gegen das Ende dieſer Pre⸗ digt hereingetreten war und ihr nun ein Ende machte. Beinahe in demſelben Augenblick erſchien auch der Aſſeſ⸗ „ 4 nglück⸗ ſor, und Frau Gunille und er kamen ſogleich in ein Ge⸗ hränen⸗ ſpräch, jedoch nicht, wie gewöhnlich, in Streit mit ein⸗ ſehr zu ander. Frau Gunille klagte ihm ihre Noth mit Pyrrhus 3 ſie war ganz bekümmert über das Thierchen, das ſeit einiger Zeit einen böſen Fuß bekommen hatte, ſo daß es dalag und beſtändig daran leckte, allein deßungeachtet und Es iſt trotz aller ärztlichen Mittel wurde das Uebel eher ſchlim⸗ egte ſich mer, als beſſer. Frau Gunille wußte nicht, was ſie mit genehm ihrem kleinen Günſtling anfangen ſollte, aber der Aſſeſſor erbot ſich ganz freundlich, ihn in ſeine Pflege zu nehmen. heißt es Er ſagte, er habe immer mehr Glück in der Kur der wieſpalt Hunde, als der Menſchen gehabt, auch ſeien die Hunde Glaube weit angenehmere und liebenswürdigere Patienten. Frau Zurecht⸗ Gunille dankte ihm ſehr und war herzlich erfreut über das Anerbieten. Tags darauf ſollte Pyrrhus zum Aſſeſſor ge⸗ bracht werden. Man ſammelte ſich zum Thee und die Hofmarſchallin ſah bald, daß etwas in der Familie nicht ganz im Rei⸗ leiden? gut iſt; — U, muß nen war. Sie ſagte zu Eliſe:„Hören Sie einmal, meine liebe Eliſe, ich weiß, daß es Feſtivitäten, Schmäuſe und meine Bälle geben wird, dort auf, wie heißt doch das Ding? as ich Und alle Ihre Kinder kommen auch hin, um dort zu fordern,* „ glänzen, verſteht ſich; wenn es da irgend eine kleine Bremer, das Haus. 13 194 Verlegenheit gibt mit den Toiletten oder den Geldbeuteln und ich einen Dienſt leiſten kann, ſo ſage Sie es mir ganz aufrichtig. Herr, mein Gott, es iſt einmal nicht anders— junge Mädchen!— da und dort fehlt eine Bandroſe und das Eine und das Andere. Herzliebſte, das iſt ja ganz natürlich, ich weiß dies Alles genau. Nun ſage Sie mir jetzt. Eliſe dankte Frau Gunille herzlich, wollte aber von ihrem gütigen Anerbieten keinen Gebrauch machen. Die Töchter, meinte ſie, müſſen bei Zeiten lernen, ſich nach ihren Mitteln zu ſchicken. Frau Gunille erwiederte:„Ja, ja— aber ich will Ihr beweiſen, meine liebe Freundin, daß keine Regel ohne Ausnahme iſt und wenn es an einigen Kleinigkeiten fehlt, ſo— denkt an mich.“ Frau Gunille war übrigens heute ſo gut geſtimmt, ſie ſah aus, als wäre ſie ſich bewußt, einen Mitmenſchen glücklich gemacht zu haben. Der Aſſeſſor konnte unmog⸗ lich mit ihr in Wortwechſel kommen. Sie freute ſich auf das Land, wohin ſie ſich bald begeben wollte, auf den Frühling, der vor der Thüre ſtand, auf das Grün, das kommen werde. Der Aſſeſſor vagegen freute ſich gar nicht. Bei einem ſo garſtigen Frühling, ſagte er, habe man keine Urſache ſich zu freuen.. Es ſei geradezu un⸗ möglich in einem ſolchen Klima zu leben und unſer Herr⸗ gott muſſe offenbar wollen, daß man nicht mehr ieben ſolle, ſonſt würde er keine ſolche Frühlinge ſchicken. Wenn man keine Kartoffeln bekomme, ſo werde man wohl Hun⸗ ger ſterben, was dann noch das Beſte von der ganzen Lebensgeſchichte ſei. Frau Gunille bedankte ſich für ihren Theil. Sie wolle gerne leben. Der liebe Gott werde ſchon dafür ſorgen, daß man Kartoffeln bekomme. Mit einem Aus⸗ druck herzlicher Theilnahme ſah ſie auf die unruhigen und bekummerten Geſichter der Mädchen. „Wenn Evchen einmal ſo alt wird, wie ich,“ ſagte ſie, indem ſie das liebe Kind ſanft auf den weißen Nacken — Kadu— klopfte rief E 7 he, he ſich artig: — wi mußt das hi Feſte, von de he, he. Gunill Gruß zwiſche ſieht a komme mild le Y Schwe nicht j eigenes ſein W Erinne iſt mei gen He ſchafter ſtört d kleinen aufmer man al Man h euteln s mir nicht eine , das Nun er von Die mnach h will lohne fehlt, timmt, enſchen nmög⸗ e ſich e, auf Grün, ch gar „habe zu un⸗ Herr⸗ leben Wenn Hun⸗ ganzen .Sie dafür Aus⸗ en und ſagte Nacken 195 klopfte,„ſo weiß ſie nichts mehr von dem, was ihr jetzt ſolche Bekümmerniß macht.“ „Ach wenn ich nur ſchon ſechzig Jahre alt wäre!“ rief Eva lächelnd, wiewohl mit einer Thräne im Auge⸗ „So weit kommt es ſchon, kommt ſchon noch, he, he, he!“ tröſtete Frau Gunille; Herzliebſte, das macht ſich, ehe man ſichs verſieht. Aber ſei inzwiſchen nur artig und vergnügt. Unterhalte dich gut da auf Dings; — wie heißt es doch? Wenn du dann zurückkommſt, mußt du mir erzählen, wie es dort zugegangen iſt. Thue das hübſch, dann bekomme ich auch meinen Theil an dem Feſte, obgleich ich ihm nicht anwohnen kann. Das kommt von der beneidenswerthen Zahl ſechzig, liebes Evchen, he, he, he.“ Die Sonne ging klar und herrlich unter. Frau Gunille lief ans Fenſter und ſchickte ihr einen kleinen Gruß zu, während ſie mit ihren ſchimmernden Strahlen zwiſchen den Bäumen des Kirchhofs herein grüßte. Es ſieht aus, als ob wir auch morgen einen ſchönen Tag be⸗ kommen ſollten,“ ſagte Frau Gunille für ſich, indem ſie mild lächelte und glücklich ausſah. Man ſtellt Jugend und Alter als das Leichte und Schwere vom Lebenstage einander gegenüber. Allein hat“ nicht jede Tageszeit, jedes Alter ſeine eigene Jugend, ſein eigenes behagliches Leben, wenn man ſich nur recht in ſein Weſen hinein verſetzt? Ja, der Greis, der ſich reine Erinnerungen zu ſeiner Abendgeſellſchaft verſammelt hat, iſt meiſtens glücklicher, als die Jungen, die mit unruhi⸗ gen Herzen am Anfang ihrer Fahrt ſtehen. Keine Leiden⸗ ſchaften trüben die Kaffeetaſſe, kein unruhiges Streben ſtört das behagliche Geplauder der Dämmerung; alle kleinen Annehmlichkeiten des Lebens werden ſo gut, ſo aufmerkſam genoſſen, und vertrauensvoller als je wirft man alle Sorgen und Kümmerniſſe auf den lieben Gott. Man hat ihn erprobt. 196 Euntwirrung.⸗ „Es ſind gewiß zu viele bittere Mandeln in der Maſſe da. Es will mir heute Abend gar nicht ſchmecken,“ ſagte Eliſe, indem ſie ihr Glas Mandelmilch hinſtellte und ſeufzte— aber nicht über die Mandelmilch. „Sei fröhlich bei uns, liebe Mutter,“ flüſterte ihr Cva zärtlich zu,„wir ſind jetzt Alle wieder gut.“ Die Mutter ſah in ihren ſchönen ſtrahlenden Augen und las es in Louiſens ſtillem Blicke, als dieſe ſich von dem Tiſche, wo ſie beſchäftigt war, Sara ihre Tunika machen zu helfen, umwandte und die Mutter anſah. Eliſe nickte fröhlich gegen ſie und Eva trank ihnen in ihrer Mandel⸗ milch zu, die jetzt auf einmal ganz ſüß geworden zu ſein ſchien; ſo vergnügt ſah die Mutter aus, als ſie das Glas hinſtellte. „Mütterchen,“ ſagte Gabriele,„wir müſſen uns wohl der Toitette unſrer armen Petrea ein wenig anneh⸗ men; ſie wird ſonſt gewiß nicht präſentabel.“ Aber Louiſe nahm in aller Stille Petreas Florkleid, blieb bis nach Mitternacht mit demſelben auf und ſtutzte es mit ihren eigenen Bändern und Spitzen ſo auf, daß es präſentabler wurde als je. Petrea küßte ihre geſchickten Hände dafür. Eva... wir ſchweigen von ihren An⸗ ſtalten bis auf Weiteres, aber kennſt du, o gewiß kennſt du die Zephyre, die im Lande der Seele den Frühling heranlocken, die Blumen aufſprießen und die Luft lieblich und rein zu athmen machen, gewiß kennſt du ſie, die kleinen, leichten, ſtillen, anſpruchsloſen, beinahe unſicht⸗ baren und doch ſo mächtigen, mit einem Wort— die freundlichen Geiſter auf der Erde? Nachdem ſie in der Frankſchen Familie gehaust, ſehen wir Nichts, was eine allgemeine freudvolle Luſtfahrt verhindern könnte; ach ja! es iſt wahr. Petre bevor an de Frage als ſi unſcht um d Folge einer ſchleit dazwi davon wenn Welt gehen es, w Naſe belieb der L Thüre ſie ſe 8 meine mit it in der ecken,“ inſtellte rte ihr Die ind las on dem machen e nickte Nandel⸗ zu ſein ſie das en uns anneh⸗ lorkleid, ſtutzte f, daß ſchickten ren An⸗ ß kennſt Frühling lieblich ſie, die unſicht⸗ — die gehaust, Petreas Naſe! Sie war wie oft bemerkt groß und Etwas klumpig. Petrea hatte große Luſt, ſie umzuſformen, beſonders zu den Feſtlichkeiten. „Was haſt du mit deiner Naſe gemacht? Was iſt an deiner Naſe Wie ſteht es mit deiner Naſe?“ waren Fragen, die Petrea von allen Seiten zugerufen wurden, als ſie am Tag vor der Abreiſe zum Frühſtück herabkam. Halb lachend, halb weinend erzählte Petrea von der unſchuldigen Maſchinerie die ſie über Nacht benützt hatte, um die Form derſel ben etwas zu verändern und deren Folge nun eine feuerrothe Sattelgurt über der Naſe nebſt einer bedeutenden Grſchwuſt war. Die Mutter nahm ſogleich Bähungen mit Hafer⸗ ſchleim vor.„Weine mein liebes Kind,“ ſagte ſie dazwiſchen hinein,„deine Naſe wird nur noch mehr echauffirt davon.“ „Ach,“ rief Petrea,„man iſt doch recht unglücklich, wenn man eine ſolche Naſe hat. Was kann man in der Welt damit anfangen? Man ſollte nur ins Kloſter gehen.“ „Es iſt weit beſſer,“ ſagte die Mutter,„du machſt es, wie eine meiner Bekannten, die ebenfalls eine große Naſe hatte, ja gewiß eine noch weit großere, als du.“ „Ach, wie hat es denn dieſe gemacht?“ „Sie hat ſich ſo beliebt gemacht, daß auch ihre Naſe beliebt wurde. Ihre Freunde behaupteten, ſie ſehen auf der Welt Nichts lieber, als ihre Naſe, wenn ſie zu ihrer Thüre hereintrete und ſie um keinen Preis ohne ſie ſein.“ Petrea lachte und ſagte ganz erheitert:„Ach wenn meine Naſe ſo beliebt werden kann, ſo will ich mich auch mit ihr Khre 198 „Du mußt dir Mühe geben, in ſie hinein zu wach⸗ ſen,“ ſagte die gute, kluge Mutter ſinnig ſcherzend. Der Reiſetag. Am Morgen der Abreiſe war Alles in lebhafter Be⸗ wegung. Der Aſſeſſor ſchickte Eva einen großen Strauß ausgezeichnet ſchöne lebendige Blumen, die ſie ſogleich unter ihre Schweſtern austheilte. Der Landrichter in ei⸗ nem Raptus von Thatenluſt, packte ſelbſt die Kleider ſeiner Frau und ſeiner Töchter ein und behauptete, Niemand könne beſſer damit umgehen, als er; Niemand bringe mehr Sachen in einen Koffer hinein, als er. Das Letztere wurde gerne zugegeben, aber in Beziehung auf die Vortrefflich⸗ keit des Hineinlegens erhob ſich einige Oppoſition. Die Damen behaupteten, er zerknitterte ihre Kleider. Der Landrichter verſicherte, damit habe es keine Gefahr, es werde ſich Alles ganz gut machen; er ſtard in Hemd⸗ ärmeln, eifrig und ſchweißbedeckt zwiſchen dem Koffer und der Wäſche, polterte ein wenig bei jedem Stück, das ihm gereicht wurde, ſchrie aber gleich darauf: „Habt ihr Nichts mehr, Mädchen? Ich habe noch für mehr Platz. Nur her damit. So das da und das da und das da ei der Kuckuck, will es kein Ende nehinen mit euren Artikeln 2 Was meinſt du? Zerknittert? Nun man kann es auch wieder glatt machen. Gibt es kein Bügeleiſen mehr auf der Welt? Wie? So, ſo, meine Mädchen, habt ihr noch mehr? Ich kann noch mehr hin⸗ einbringen.“ Man wollte gleich nach dem Mittageſſen abreiſen, um noch am Abend nach dem zwei Meilen von der Stadt gelegenen Arelholm zum Balle zu kommen. Bis zum Mittageſſen waren alle Koffer gepackt und alle Gemüther klar, beſonders das des Landrichters, der mit ſeiner Vor⸗ mittag beinah ganz zum T Schne e gen ve ( an der Die A antwo fahrur kochte mit g ſich hi werde ſie mi nicht! mehr Frau chen! wißt ſich 4 auf u meine warte iht je Mutt Der ſamer wach⸗ er Be⸗ Strauß ogleich in ei⸗ ſeiner iemand e mehr wurde refflich⸗ Die Per hr, es Hemd⸗ er und das be noch nd das Ende nittert? ibt es „ meine ehr hin⸗ breiſen, r Stadt is zum emüther er Vor⸗ —4 —— 199 mittagsarbeit ſo zufrieden war, daß er ſein Vergnügen beinahe auch denjenigen mittheilte, denen ſie vorher nicht ganz gut gefallen hatte. Petrea aß, um ſich recht leicht zum Tanze zu machen, nur einen Eiskuchen mit etwas Schneemoos. „Vor allen Dingen, liebe Kinder,“ bat der Landrich⸗ ter, ſeid präcis halb vier Uhr fertig; da werden die Wa⸗ gen vorfahren. Laßt mich nicht auf euch warten!“ Schlag halb vier Uhr kam der Landrichter und rief an den Thüren ſeiner Frau und ſeiner Töchter:„Mutter! Mädchen! Es iſt Zeit! Es hat halb vier Uhr geſchlagen! Die Wagen ſtehen vor dem Hauſe!“ „Gleich, gleich! wurde ihm von allen Seiten ge⸗ antwortet.. Der Landrichter zauderte. Er wußte aus Er⸗ fahrung, was dieſes Gleich zu bedeuten hatte. Schon kochte ihm ſein Pünktlichkeitsfieber im Blute und er ging mit großen Schritten im Saale auf und ab, indem er vor ſich hin ſagte:„Es iſt doch entſetzlich, daß ſie nie fertig werden können. Aber ich will mich nicht ärgern, wenn ſie mich auch erzürnen, ſo will ich ihnen doch ihre Freude nicht verderben. Aber Geduld iſt dazu nöthig, weiß Gott, mehr als Hiob hatte.“ Während er ſo ſich ſelbſt moraliſirte, hörte er ſeine Frau mit Beſtimmtheit ſagen:„Kommt jetzt, liebe Mäd⸗ chen! Um Gotteswillen, laßt den Vater nicht warten. Ihr wißt ja, wie unangenehm es iſt..“ „Aber er hat ja vorgeſtern auch Nichts geſagt, ließ ſich Petreas Stimme vernehmen,„wo er ebenfolls lange auf uns warten mußte.(Ich weiß nicht, was ich mit meinen Handſchuhen gemacht habe!)“ Eben deßwegen ſoll er heute keine Minute länger warten und nie mehr, wenn ich es machen kann. Wenn iht jetzt nicht fertig ſeid, ſo laufe ich euch dovon.“ Die Mutter lief, ſämmtliche Töchter hüpften ihr vergnügt nach. Der Landrichter merkte mit Freuden, daß Liebe eine wirk⸗ ſamere Triebkraft iſt, als Einſchüchterung. Bald ſaßen 200 Alle in dem Wagen. Wir laſſen ſie dahin rollen und wollen einen kleinen Beſuch abſtatten auf Leonoreus Zimmer. Leonore war allein. Sie ſtützte ihren kranken Kopf auf die Hand. Sie hatte ihre Gefühle bezwungen, um die Abſchiedsküſſe der Mutter und Schweſtern freundlich erwiedern zu können; ſie hatte geſehen, wie die Freude in ihren Geſichtern ſich vor ihr zu verbergen ſuchte; beſonders hatte eine nur halb verſteckte Freude in der Mutter und in Evas Blicken ihr wehe gethan. Sig hatte ihre fröh⸗ lichen Stimmen auf der Treppe und znn das Rollen der Wagen gehört. Jetzt waren ſie fort, jetzt war Alles ſtill und öde im Hauſe und große Thränen rannen über Ler⸗ norens Wangen. Sie fand ſich ſo verlaſſen ſo verwahr⸗ lost, ſo einſam auf der Welt. Da öffnete ſich die Thüre leiſe, ein lächelndes Geſicht guckte herein und eine leichte, anmuthige Geſtalt ſprang durch das Zimmer auf ſie zu, küßte ſie, lachte und blickte mit ſchelmiſcher Innigkeit in ihr verwundertes Geſicht. „Eva!“ rief Leonore, kaum ihren Augen trauend. „Eva, biſt du's 2 Wie?... Woher kommſt du? Biſt du nicht mit den Andern fortgefahren?“ „Nein, wie du ſiehſt. Ich bin hier und gedenke hier zu bleiben,“ antwortete Eva, indem ſie die Schweſter um⸗ armte, lachte und glücklich ausſah. „Aber warum? Was ſoll das heißen?“ —„Das ſoll heißen, daß ich lieber bei dir bin, als an⸗ derswo. Ich habe Arelholm und ſeinen Herrlichkeiten gute Nacht geſagt.“ „Ach warum haſt du das gethan? Das wollte ich nicht.“ „Siehſt du, das wußte ich, und eben deßhalb zog ich meine Reiſekleider an, wie die Andern, und nahm von dir 2 du m ſchick mich wege daß weder nicht und Opfe Glück fahre ſprich alle 1 zu ſei Und fühle, ſchütt nicht ſo ga det C könnt ſein z unreck ter u mache bald euch, Tage noch n und Kopf t„ um undlich de ein ſonders ter und fröh⸗ len der es ſtill er Leo⸗ erwahr⸗ eThüre leichte, gkeit in rauend. 2 Biſt nke hier ſter um⸗ als an⸗ lichkeiten ollte ich zog ich m von — 201 dir Abſchied. Ich wollte dich hintergehen, ſiehſt du. Biſt du mir deßwegen böſe? Jetzt mußt du dich doch darein ſchicken, denn jetzt wirſt du mich nicht mehr los. Sieh mich ein wenig heiterer an, Leonore.“ „Das kann ich nicht, Eva, denn du haſt dich meinet⸗ wegen eines großen Vergnügens beraubt und ich weiß, daß es dich ſchwer ankommen muß. Ich weiß, daß ich weder angenehm noch liebenswürdig bin, daß du mich nicht lieben und kein Vergnügen bei mir haben kannſt, und deßwegen kann ich auch keine Freude an deinem Opfer haben. Es geziemt dir bei den Fröhlichen und Glücklichen zu ſein; ach wäreſt du doch mit ihnen ge⸗ fahren!“ „Wenn du mith nicht zum Weinen bringen willſt, ſo ſprich nicht ſo. Ach du weißt nicht, wie mir der Gedanke, alle dieſe Feſte fahren zu laſſen, um hier allein mit dir zu ſein, ſchon ſeit mehreren Tagen ſo wohl gethan hat. Und gerade weil ich dich lieb habe, Leonore; ja weil ich fühle, daß ich dich mehr lieben könnte, als alle Andern— ſchüttle nur den Kopf, es iſt doch ſo. Man kann ſelbſt nicht dafür, liebe Schweſter.“ „Ach warum ſollteſt du mich lieb haben? Ich bin ja ſo ganz und gar nicht liebenswürdig. Niemand ſonſt fin⸗ det Gefallen an mir, ich bin Niemanden zur Freude. Ich könnte gerne ſterben. Ach ich denke oft, es müßte ſo ſchoͤn ſein zu ſterben.“ „Wie kannſt du ſo ſprechen, Leonore? Das iſt ſehr unrecht von dir. Koͤnnteſt du dem Vater und der Mut⸗ ter und mir und uns Allen dieſen grauſamen Schmerz machen wollen?“ „Ach du und die andern Geſchwiſter, ihr würdet euch bald tröſten. Die Mutter hat mich nicht ſo lieb, wie euch, der Vater auch nicht. Ottilie R. ſagte mir dieſer Tage, man ſpreche allgemein davon, daß weder Vater noch Mutter mich lieb habe.“ „Pfui, das war ſehr unartig und unrecht von Otti⸗ lie. Ich bin überzeugt, daß unſere Eltern uns Alle gleich 1 202 ſehr lieben. Haſt du je gemerkt, daß ſie einen ungerech⸗ ten Unterſchied zwiſchen uns machen?“ „Abſichtlich gewiß nicht! Dazu ſind ſie viel zu gut und zu vollkommen. Aber glaubſt du nicht, daß ich merke, mit welch ganz andrem Ausdruck des Vaters Blicke auf mir ruhen, als auf dir oder auf Louiſe? Glaubſt du nicht, daß ich fühle, wie kalt, ja wie gezwungen manchmal der Kuß iſt, den die Mutter mir gibt, gegen die zwei, drei, ja die vielen, die ſie aus der Fuͤlle ihres Herzens dir oder Gabrielen aufprückt? Aber ich klage nicht über Unge⸗ rechtigkeit; ich ſehe ſo gut ein, daß es nicht anders ſein kann; die Natur hat mich ſo anmuthslos gemacht, daß man mich unmöglich lieben kann. Aber wie glücklich ſind doch die, die ein angenehmes Ausſehen haben! Sie brau⸗ chen ſich nur zu zeigen, um das Wohlwollen der Men⸗ ſchen zu gewinnen. Es wird ihnen ſo leicht, liebenswür⸗ dig zu ſein und geliebt zu werden. Aber ſchwer, ſehr ſchwer iſt es für die, die ſo verwahrlost ſind, wie ich... „Aber liebe Leonore, ich verſichere dich, daß du un⸗ gerecht gegen dich ſelbſt biſt. Dein Wuchs z. B. iſt ja ganz gut und deine Augen haben etwas ſo Anſprechendes, ſo Mildes und Ernſtes zugleich. Dein Haar iſt fein und hat eine ſchöne braune Farbe; es würde dir ſo gut laſſen,, wenn es nur ein Bischen beſſer geordnet würde;— aber warte, wenn du einmal geſund biſt, ſo will ich dafür ſor⸗ gen und dann ſollſt du ſehen.. 4 „Und mein Mund, der bis zu den Ohren hinauf⸗ geht, und meine Naſe, die ſo platt und ſo lang iſt— wie willſt du dieſen helfen?“ „Dein Mund? Nun ja, der iſt etwas groß, aber deine Zähne ſind regelmäßig und könnten bei etwas mehr Aufmerkſamkeit ganz weiß werden. Und deine Naſe— — laß ſehen,— ja, wenn da eine kleine Erhöhung, eine kleine Biegung darauf wäre, ſo wäre ſie auch recht brav. Doch laß einmal ſehen! Ich glaube wirklich ſie fangt an ſich zu heben! Ja wahrhaftig, ich ſehe deutlich 4 den wenn natür ich, zend, aufhe kannſt haſt hörte imme vergel Erde ihrer gelieb hat ſ pen! Eva du ni nehm liebt du au jetzt! deiner je die hörig Hauſt wenn du zr rech⸗ gut nerke, e auf nicht, der drei, oder Unge⸗ s ſein daß h ſind brau⸗ Men⸗ swür⸗ ſehr u un⸗ iſt ja enes, in und laſſen, aber r ſor⸗ hinauf⸗ iſt— „ aber s mehr aſe— öe, ch recht ktich ſie deutlich „ 203 den Anfang zu einer kleinen Biegung. Und weißt du, wenn dieſe einmal kommt und du geſunder biſt und dann natürlicher Weiſe auch eine beſſere Farbe haſt, ſo glaube ich, daß du recht hübſch wäreſt.“ Ach das kann ich nie glauben,“ ſagte Leonore ſeuf⸗ zend, während ein unwillkürliches Lächeln ihr Geſicht aufhellte. „Und wenn du auch nicht ſo ganz ſchön wirſt, ſo kannſt du doch gewiß unendlich anmuthig werden. Du haſt wirklich etwas ganz Eigenthümliches an dir und ich hörte erſt dieſer Tage den Vater es zur Mutter ſagen.“ Sagte er es wirklich?“ Leonorens Geſicht hellte ſich immer mehr auf. „Ja gewiß. Ach, Leonore, was iſt Schönheit? Sie vergeht doch einmal und wird zuletzt in die ſchwarze Erde gelegt und zu Staube. Ja auch während ſie in ihrer Blüthe ſteht, reicht ſie ganz und gar nicht hin, uns geliebt oder glücklich zu machen. Einen wirklichen Werth hat ſie nicht. Nie war die Macht der Schönheit von ſchöneren Lip⸗ pen herabgeſetzt worden. Leonore ſah Eva an und ſeufzte. Eva fuhr fort: „Nein, Leonore, laß es dich nicht bekümmern, daß du nicht ſchön biſt. Schönheit kann wohl zuweilen ange⸗ nehm ſein, aber ſie iſt wahrhaftig nicht nöthig, um ge⸗ liebt und glücklich zu werden. Ich bin überzeugt, wenn du auch nie im Geringſten ſchoͤner werden ſollteſt, als vu jetzt biſt, ſo könnteſt du dennoch, wenn du wollteſt, in deiner Art ſo gern geſehen und geliebt werden, wie nur je die ni Frauenzimmer von der Welt.“ „Ach wenn ich mich nur bei meinen nächſten Ange⸗ hörigen beliebt machen könnte! Wie göttlich, in ſeinem Hauſe geliebt zu ſein!“ „Aber das kannſt du, das wirſt du, liebe Leonore, wenn du nur willſt. Ach wenn du immer ſo wäreſt, wie du zuweilen biſt! Und du wirſt es immer mehr und ich habe dich immer mehr und ſo unendlich lteb.“ 204 „O liebe Gva,“ ſagte Leonore tief gerührt, indem ſie ſich an die Schweſter lehnte,„ich habe dieß ſehr wenig um dich verdient. Aber es ſoll künftig anders mit mir werden. Ich will ſo werden, wie du mich haben willſt, ich will gut und liebenswürdig zu werden ſuchen.“ „Und dann wirſt du auch ſo ſchön, ſo geliebt und ſo glücklich werden, daß es eine Freude ſein ſoll. Aber jetzt mußt du in Louiſens und mein Zimmer kommen. Dort erwartet dich etwas, auch mußt du ein wenig Luftverän⸗ derung haben, komm, komm!“ „Ach wie angenehm!“ rief Leonore, als ſie in Cvas Zimmer trat. Und man konnte ſich wahrhaftig nichts reizenderes denken, als die kleine Friedenswohnung, jetzt mit der unſchuldigen Koketterie der Liebe geſchmückt. Der lieblichſte Duft von friſchen Blumen erfüllte die Luft und die Sonne warf ihren freundlichen Schein auf einen Tiſch vor dem Sopha, wo ein Korb mit ſchönen Früchten mit⸗ ten unter einer Menge hübſcher und niedlich geordneter Kleinigkeiten lockend glänzte. Das ganze Zimmer gewährte ein Bild lieblicher Ruhe. „Hier, meine beſte Leonore,“ rief Eva,„ſollſt du während dieſer Zeit wohnen. Es wird dir gut thun, dein Zimmer ein wenig zu verlaſſen. Und ſiehſt du, hier haben dir Alle geopfert. Die kleine gothiſche Kirche von Bronce da iſt von Jakobi; ſie iſt eine Lampe, wie du ſiehſt; das Licht kommt durch die Fenſter zur Kirche herein; wie ſchöͤn! Heute Abend wollen wir ſie anzünden und dieſe Früchte da, ſiehſt du die ſchönen Trauben! Heinrich und Petrea ſind ihretwegen im Komplott geweſen. Die Kupfer⸗ ſtiche ſind vom Vater, und Louiſe hat dir die Pantoffeln genäht und das kleine Fräulein—“ Leonore ſchlug die Hände zuſammen;„iſts möglich,“ rief ſie,„daß ihr alle ſo viel an mich gedacht habt? wie gut ihr ſeid, ach viel zu gut „Nein, weine nicht, liebe Eleonore. Du darfſt nicht weinen; du ſollſt fröhlich ſein! Siehſt du, wir allesha⸗ ben dich ſo lieb! Aber das Beſte vom Tractament„ komm gewo zuſan darau likate und unſre Trau dere gen große leicht— gerſch man der L ten: ſolche wenig kann. es die tauſen lichkei ſamm ausm ſollte ohne mehre hieltet Dame Lorgn m ſie wenig t mir willſt, nd ſo rjetzt Dort erän⸗ Evas nichts „jetzt Der ft und Tiſch mit⸗ Dneter währte lſt du , dein haben Bronce tz das z wie d dieſe ch und dupfer⸗ atoffeln glich,“ wie ſt nicht llesha⸗ tament 205 kommt noch. Da ſieh dieſen neuen Roman von Miß Ed⸗ geworth! Den hat uns die Mutter gegeben, daß wir ihn zuſammen leſen ſollen. Ich werde dir bis Mitternacht daraus vorleſen, wenn du's haben willſt. Ein kleines de⸗ likates Souper hat Louiſe fuͤr uns in Ordnung gebracht und das wollen wir hier oben verzehren. Wir wollen auf unſre Weiſe ſchwelgen. Nimm jetzt eine von den großen Trauben, die alle an einem Stiel ſitzen, ich will die an⸗ dere nehmen. Es lebe der König! O herrlich!“ Während die beiden Schweſtern bei ihrem unſchuldi⸗ gen Feſte ſchwelgten, wollen wir ſehen, wie es bei der großen Geſellſchaft zugeht auf Axelholm. Nicht auf jedem Balle geht es ſo beneidenswerth, leicht-und ungezwungen zu, wie auf einem, den die Bür⸗ gerſchaft in der kleinen guten Stadt*** ping gab, wo man die Bäckerin und Zuckerbäckerin mit einander nach der verkehrten Seite hinwalzen ſah und die übrigen ſag⸗ ten:„Thut Nichts, wenn es nur geht!“ Ach nein! Eine ſolche Unſchuld trifft man hoͤchſt ſelten und am Aller⸗ wenigſten auf der Innocence, was ich ſelbſt bezeugen kann. Hier, wie anderswo auf großen Bällen, machen es die Felſenſcheren der Convenienz unmoͤglich, ſich ohne tauſend Anſtändigkeiten, Umſtände, Bedenklichkeiten, Förm⸗ lichkeiten, und wie die Dinge alle heißen moͤgen, die zu⸗ ſammen eine bedeutende Summe von Schwierigkeiten ausmachen, zu bewegen. Der große Ball auf Axelholm ſollte gleichfalls etwas vorſtellen und war daher nicht ohne ſeine ſteifen Schwierigkeiten. Dazu gehörte, daß mehrere von den jungen Herrn ſich für zu alt oder— hielten, um zu tanzen, und deßhalb mehrere tanzluſtige Damen nicht tanzen konnten, weil ſie vor den drohenden Lorgnetten der Herren den Muth nicht hatten, mit ein⸗ 206 ander zu tanzen. Inzwiſchen ſieht die Scene aus wie eitel Luſt und Freude. Der große Tanzſaal iſt pracht⸗ voll beleuchtet und eine zahlreiche Geſellſchaft darin ver⸗ ſammelt. Es iſt der Augenblick unmittelbar vor dem Tanzen. Die Herrn ſtehen in einer großen Gruppe mit⸗ ten im Saal, von wo aus ſie ſich in geraden oder Wel⸗ lenlinien gegen den Damenkreis hin ausbreiten. Gleich Blumen auf der Rabatte ſitzen dieſe auf den Bänken rund herum, die meiſten in ſchüchterner Stille, während einige im Bewußtſein ihrer Zephyrleichtigkeit gleich Schmet⸗ terlingen im Saale auf und ab ſchweben. Alle ſehen fröhlich aus, alle ſprechen mit einander mit der Lebhaftig⸗ keit, dem gegenſeitigen Wohlwollen, das der Anblick des zuſammengruppirten Schönen, verbunden mit dem Bewußt⸗ ſein, ſelbſt die reizendſte Figur vorzuſtellen, und die Er⸗ wartung des Vergnügens einflößt. Jetzt ſtimmte die Muſik, jetzt klopften junge Herzen mit mehr oder we⸗ niger Unruhe, jetzt ergingen die Engagirungen unter Stößen von Bedienten, die beſtändig den von den jungen Damen immer verſchmähten Thee umherboten. Hier ſah man junge Mädchen, zahlreich umringt, die auf dem El⸗ fenbein des Fächers aufgezeichneten Tanzverſprechungen ſtudiren und eifrigen Bewerbern den dritten, vierten, fünften, ſechsten, ja bis zum zwölften Tanz abſchlagen, aber anmuthsvoll gnädig den dreizehnten verſprechen, der vielleicht nicht zu Stande kommt, während Andere ganz in ihrer Nähe ſtill und unangefochten auf die erſte Auf⸗ forderung warten, um ein williges und dankbares Ja zu ſagen. Unter den Vielumſchwärmten und Aufgeforderten ſehen wir Sara und auch Louiſe. Mit ihnen wetteifer⸗ ten die drei Fräulein Abendſtern, Iſabella, Stella und Aurora, die ſich beſtändig um den Seſſel der Gräfin Sonnenſtrahl hielten, der vor dem großen Trumeau im Hintergrunde des Saales aufgepflanzt war. Unter den in der allerſchönſten Ruhe Wartenden erblicken wir unſre Petrea, die gleichwohl heute Abend mit ihrem Band von ſchottiſchen Perlen im Haare und einer gewiſſen Blume — der U ungen höchſt nettire zieren auf ih beide demütl ſie, a Aber ſitzen. Füße dachte trea at vorbei. „ heftigen zwiſcher „6 es durck „ „J Louiſe 1 „N es Ihr um Eva ſonſt w Streich, meinetwe als Eva. Die Pett mir imm gar nicht Verſtand und die k tanzt, a nicht ein s wie racht⸗ ver⸗ dem mit⸗ Wel⸗ Hleich änen ihrend hmet⸗ ſehen aftig⸗ ck des wußt⸗ e Er⸗ e die rwe⸗ unter ungen er ſah n El⸗ ungen erten, lagen, „ der ganz Auf⸗ Ja zu derten teifer⸗ und Hräfin au im den in unſre d von Blume 207 der Unſchuld und Güte auf ihrem jungen Geſichte ganz ungewöhnlich gut ausſah.„Ach,“ ſeufte ſie, als ſie zwei höchſt elegante junge Herrn— die Gebrüder B.— lorg⸗ nettirend vor der Reihe der Damen auf und ab ſpa⸗ zieren ſah. Ihre Lorgnetten verweilten einen Augenblick auf ihr; dann flüſterte der Eine dem Andern etwas zu, beide lächelten und gingen vorbei. Petrea fühlte ſich ge⸗ demüthigt, ſie wußte nicht recht warum.„Jetzt!“ ſagte ſie, als ſie Lieutenant S. raſch auf ſie zukommen ſah. Aber Lieutenant S. engagirte Fräulein T., Petrea blieb ſigen. Die Muſik ſpielte eine muntere Anglaiſe. Petreas Füße bewegten ſich und zuckten vor Tanzluſt.„Ach!“ dachte ſie,„wenn ich ein Herr wäre, ſo würde ich Pe⸗ trea auffordern.“ Die Anglaiſe ſtürmte an ihrer Naſe vorbei. „Wo iſt Eva?“ fragte Jeremias Munter mit einem heftigen und mißvergnügten Tone Louiſe in der Pauſe zwiſchen der Anglaiſe und einem Walzer. „Sie iſt bei Leonore daheim geblieben, ſie verlangte es durchaus.“ „Wie dumm! Für was bin ich denn gekommen?“ „Ja, das kann ich wirklich nicht ſagen,“ antwortete Louiſe lächelnd. „Nicht? erwiederte der Aſſeſſor,„nun dann will ich es Ihr ſagen, Schweſter Louiſe. Ich kam ausdrücklich, um Eva tanzen zu ſehen, einzig und allein deßwegen und ſonſt wegen gar Nichts. Was iſt das für ein dummer Streich, daß ſie zu Hauſe bleiben ſoll? Ihr andere hättet meinetwegen alle zuſammen lieber daheim bleiben können, als Eva. Sie ſelbſt, liebe Schweſter, mit eingerechnet. Die Petrea da! Was hat die hier zu ſchaffen? Sie iſt mir immer ein Aergerniß geweſen„aber jetzt kann ich ſie gar nicht mehr ausſtehen, ſeit ſie nicht einmal ſo viel Verſtand gehabt hat, an Evas Stelle daheim zu bleiben; und die kleine Krauſemünze dort, die mit großen Herren tanzt, als ob ſie ein wirklicher Menſch wäre, hätte ſie nicht ein Stückchen Zucker bekommen und zu Hauſe 208 bleiben können, ſtatt hier zu prahlen? Ihr ſeid alleſammt langweilig und ſolche Feſte ſind das Abſcheulichſte, was ich weiß.“ Lachend über dieſen Ausfall ſchwebte Louiſe im Wal⸗ zer mit Jakobi dahin und die Gräfin Sonnenſtrahl— die Sonne des Balles— ſagte, als ſie an ihrem Stuhle vor⸗ beiwehten:„Charmant, charmant!“ Vor dieſem Paare, deſſen Walzen ſich durch ſeine leichte, harmoniſche Bewegung auszeichnete, ſchwang ſich ein anderes in beinahe wilden Kreiſen herum und zog Aller Blicke auf ſich! Es war Sara mit dem brauſen⸗ den Schwarz. Ihre wirklich ſtrahlende Schönheit und ihre Kleidung, ihre ſtolze Haltung und ihr blitzendes Auge, lockte ein allgemeines„Ach“ der Ueberraſchung und Be⸗ wunderung hervor, wo ſie vorbeikam. Bei ihrem An⸗ blick vergaß Petrea, daß ſie noch ſaß. Sie glaubte nie etwas Hinreißenderes geſehen zu haben, als Sara in den Wirbeln des Walzers. Aber die Gräfin Sonnenſtrahl in ihrem Lehnſeſſel ſagte von dieſem Paare— Nichts; ja man glaubte einen Zug der Mißbilligung auf ihrem Geſichte zu bemerken. Die Abendſterne ſegelten mit vie⸗ ler Haltung herum. Nach dem Walzer kam Eliſe zu Sara.„Mein lie⸗ bes Mädchen,“ ſagte ſie freundlich, aber ernſt,„du mußt nicht ſo tanzen. Deine Bruſt hält es nicht aus. Wie warm du biſt! Du brennſt eigentlich!“ „Das iſt mein Klima,“ antwortete Sara lächelnd; „dabei befinde ich mich vortrefflich.“ „Ich bitte dich, ſetze dieſen Tanz aus, es iſt dir wirklich ſchädlich, dich ſo zu echauffiren.“ „Dieſen Tanz? Unmöglich! Ich habe ihn dem Ober⸗ ſten H. verſprochen.“ „So tanze wenigſtens den nächſten Walzer nicht und wenn du mir einen Gefallen thun willſt, ſo tanze ihn nicht mit Schwarz. Er walzt auf eine ſo wilde Art und n iſt nicht geſundz auch iſt es weder geziemend noch chön.“ 5 — trotzig mißver P gen ihr les,“ ſ zu artt charma J ſchönen ſagte 2 Ausdru „Mein, als ob gütiger häßlich Bei Eit dern ei zuthun. verrückt tollen 9 1„S wäre,“ der Gla Auge pl tanzen es erqui Gang, wiſſen, d daß ſie: der Seel haft wo für die iſt wirkli es mich re leſammt was m Wal⸗ i hle vor⸗ ch ſeine ang ſich und zog brauſen⸗ und ihre Auge, und Be⸗ em An⸗ ute nie Sara in nenſtrahl Nichts; uf ihrem mit vie⸗ Rein lie⸗ du mußt . Wie lächelnd; z iſt dir m Ober⸗ nicht und anze ihn Art und en nch 209 „Gerade mit ihm walze ich gerne!“ antwortete Sara trotzig und ſtolz, indem ſie ſich entfernte. Verletzt und mißvergnügt ging die Mutter auf ihren Platz zurück. Die Gräfin Sonnenſtrahl bekomplimentirte Eliſe we⸗ gen ihrer Kinder.„Sie ſind wirklich die Zierden des Bal⸗ les,“ ſagte ſie,„ganz charmant! Und Ihr Sohn, ein gar zu artiger junger Mann, ſo ſchön und comme il faut, charmant! ein charmanter Ball!“ Iſabelle Abendſtern warf ſtrahlende Blicke auf den ſchönen Heinrich. „Was iſt das für eine Tollheit mit dem Tanzen!“ ſagte Aſſeſſor Munter, indem er ſich mit einem ſtarken Ausdruck von Müdigkeit und Aerger neben Eveline ſetzte. „Nein, ſeht, wie ſie aufſchnellen, hüpfen und ſich plagen, als ob man nicht ohne dieß mager werden könnte. Du gütiger Himmel! Wie beſchwerlich dieß ausſieht und wie häßlich es iſt! Ob es den Leuten wohl Vergnügen macht? Bei Einigen ſcheint es ein Tagesgeſchäft zu ſein, bei An⸗ dern eine Raſerei, wieder bei Andern eine Art ſich auf⸗ zuthun. Nein ich gehe meines Weges, denn ich werde verrückt und bekomme den Spleen, wenn ich dieſer ertra⸗ tollen Narrheit noch lange zuſehe.“ „Sie würden nicht ſo denken, wenn Eva Frank dabei wäre,“ ſagte Eveline mit einem feinen Lächeln. „Eva!“ wiederholte der Aſſeſſor, indem ſich ein mil⸗ der Glanz über ſein ganzes Geſicht verbreitete und ſein Auge plötzlich ſtrahlte.„Eva! Nun das glaube ich. Sie tanzen zu ſehen, heißt die leibhaftige Harmonie ſehen. O es erquickt meine Seele, wenn ich nur ihre Geſtalt, ihren Gang, irgend eine Bewegung von ihr ſehe, und dann zu wiſſen, daß dieſe Harmonie, dieſe Schönheit keine Schminke, daß ſie nichts bloß Aeußeres, ſondern der wahre Ausdruck der Seele iſt! In ihrer Nähe befinde ich mich wahr⸗ haft wohl und ich fühle ein wirkliches Verlangen, ihr für die Empfindung, die ſie mir einflößt, zu danken. Sie iſt wirklich meine Wohlthäterin. Ich verſichere Sie, daß es mich ordentlich mit der Menſchheit und mit mir ſelbſt Bremer, das Haus. 14 ———— 210 ausſöhnt, für einen Mitmenſchen ſo fühlen zu können. Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, wie lieblich das iſt, während man ſich ſonſt beſtändig über dieſe ſogenann⸗ ten Meiſterwerke unſers Herrgotts ärgern und erzürnen muß.“ „Aber mein beſter Freund, warum müſſen Sie das? Die meiſten Menſchen haben ja doch.. „Ach, treten Sie jetzt nur nicht als ange de clé- mence für ſie auf, um ſich heimlich über mich erheben zu können, denn ſonſt muß ich mich auch über Sie är⸗ gern und Sie gehören noch zu denjenigen, die ich am Beſten leiden kann. Warum ich mich ärgere? Dumme Frage! Warum ſind die Leute dumm und langweilig und machen ſich noch vazu breit mit ihrer Dummheit? Und warum bin ich ſelbſt ein griesgrämiges Stück von einem Menſchen, ſchlimmer als alle Andern und habe ein paar Augen im Kopf, blos um alle Mängel und Verkehrthei⸗ ten in der Welt zu bemerken? Bei mir mag es noch ſeine Gründe haben. Wenn man es ſich beikommen läßt, ohne alle Ordnung und gegen allen chriſtlichen Gebrauch in die Welt hereinzufallen, wenn man weder Vater noch Mutter an ſeiner Wiege ſieht, Nichts hört, Nichts ſieht, Nichts lernt, was im Mindeſten groß, ſchön und lehr⸗ reich wäre, dann hat man ſeinen Lebenslauf juſt nicht ſehr munter angetreten. Und dann noch Munter zu heißen! Du gütiger Himmel, Munter! Hätte man mich Blannius oder Scarnius oder Brummerius oder Grubble⸗ rius oder Rhabarberius genannt, dann wäre noch einige Vernunft mit im Spiele geweſen, aber Munter! Ich bitte Sie, iſt es nicht, um auf Zeitlebens milzſüchtig und griesgrämiſch zu werden! Und dann mit einem continuir⸗ lichen Schnupfen zur Welt geboren zu werden und nie zum Himmel aufſehen zu können, ohne zu nieſen,— finden Sie das munter oder erbaulich? Nun und dann! Nachdem ich mich durch Schule, Bücherſtaub und Ana⸗ tomieſaal hindurchgearbeitet und es ſo weit gebracht habe, daß ich Alles zuſammen recht herzlich haſſe und 2 in das verliel täglick lichkei pflege Lunge nichts nicht Stern muß! ſchenre Aſſeſſo aber ſ wenige Damer Fräule ander einen eilte n S und ne mit in heimlic gen ſie „wer Rauſch G Sie fü da,“ de Jetzt b wollen. mit ei heftet. Herz, gegen 1 nen wo „ können. das iſt, ogenann⸗ erzürnen ie das de clé- erheen Sie är⸗ ich am Dumme ilig und Und n einem ein paar kehrthei⸗ es noch en äßt, zebrauch ter noch ts ſieht, nd lehr⸗ uſt nicht nter zu an mich rubble⸗ h einige r! Ich ti ntinuir⸗ und nie en,— dann! d Ana⸗ gebracht ſſe und 211 in das Schöne, ſowohl in der Natur, als in der Kunſt verliebt bin, jetzt ſoll ich nun Gott danken, daß ich mein tägliches Brod damit gewinnen kann, wenn ich alle Häß⸗ lichkeiten und Erbärmlichkeiten der Welt anſehe und ver⸗ pflege und mich täglich mit Gelbſucht, Bleichſucht und Lungenſucht herumſchlage. Aber deßwegen kann ich auch nichts Anderes als eine grämliche Figur ſein. Ja wären nicht die Lilien auf der Erde, und am Firmament die Sterne und über ihnen Jemand, der— herrlich ſein muß!— und wäre nicht unter den Menſchen die Men⸗ ſchenroſe Eva, die ſchone holdſelige Eva, ſo..“ der Aſſeſſor hielt inne, eine Thräne ſtand in ſeinem Auge, aber ſein Ausdruck änderte ſich plötzlich, als er nicht weniger als fünf junge Mädchen— es war dieß ein Damentanz— und unter ihnen die drei bezaubernden Fräulein Abendſtern mit ſchelmiſchen Mienen ſich anein⸗ ander ſchließen und auf ihn zutanzen ſah. Er warf ihnen einen ſeiner grimmigſten Blicke zu, ſland ſchnell auf und eilte weg. Sara tanzte den zweiten Walzer wieder mit Schwarz und noch wilder, als den erſten. Eliſe wandte ihre Augen mit innerem Mißfallen ab, aber Petrea's Herz klopfte vor heimlicher Luſt an dem wilden Tanze, deſſen Schwingun⸗ gen ſie mit glänzenden Augen folgte.„O!“ dachte ſie, „wer ſo durchs Leben fliegen könnte in einem freudevollen Rauſche!“ Es war der ſechste Tanz. Petrea ſaß noch immer⸗ Sie fühlte, daß ihre Naſe roth wurde und ſchwoll.„Sieh da,“ dachte ſie,„jetzt lebt wohl, alle Hoffnungen auf Tanz! Jetzt bin ich häßlich und Niemand wird mich mehr anſehen wollen.“ In dieſem Augenblick ſah ſie ihrer Mutter Blick mit einem gewiſſen Ausdruck von Unbehagen auf ſie ge⸗ heftet. Es war ihr, als ginge ihr ein Stich durchs Herz, zugleich aber erhob fich dieſes Herz zum Widerſtand gegen die niederdrückenden Gefühle, die ſie jetzt überman⸗ nen wollten. „Es iſt unangenehm,“ dachte ſie,„aber es läßt ſich nicht ändern und ich bin nicht Schuld daran. Es wird 212 „O C wohl auch vorübergehen. Und da Niemand mir Vergnü⸗ Aber gen machen will, nun gut, ſo will ich mir ſelbſt welches nute d machen.“ ſein Kaum hatte Petrea dieſen Entſchluß gefaßt, als ſie ihr in ſich. ganz erquickt fühlte und eine Ader von Unabhängig⸗ ſen e keits⸗ und Freiheitsſinn in ihr aufſprudelte. Sie fühlte für di ſich fähig, weit eher die Kronleuchter von der Decke her⸗ ſie al abzureißen, als ganz ſtille ſitzen zu bleiben, während ſie nach e ſo viele Leute lebensluſtig um ſich herum hüpfen ſah. Petrea In dieſem Augenblick ſtand ein alter Herr gegenüber von ſtande Petrea mit einer Theetaſſe in der Hand von einer Bank anders auf. In einem Raptus von Dienſtfertigkeit ſtürzte Pe⸗ Gottes trea vor, um dem alten Mann ſeine Taſſe wegſtellen zu Louiſe, helfen. Dieſer zog ſich verlegen zurück und hielt weigernd begegn die Taſſe feſt, die Petrea ihm unter dem artigſten und Mädch anſtändigſten„Erlauben Sie doch“ abnehmen wollte. Der ſie, di Herr verbengte ſich, Petrea machte Knire, während ſie denn ſi um die Taſſe ſtritten, bis auf einmal ein ohne Com⸗ zu ſein plimente vorbeitanzendes Paar den Complimentemachen⸗ ſie beſe den einen Stoß gab, wobei ein Erguß aus der Theetaſſe beneide Petrea zeigte, daß ſie keineswegs, wie ſie gemeint hatte, Beſitz leer war. Ganz verlegen und erſchrocken. zog ſie jetzt ihrer 1 ihre Hand zurück und überließ es dem alten Herrn, mit ſich da den Reſten ſeines Thees einen ſicheren Platz aufzuſuchen. hier un Sie ſelbſt kam, ohne zu wiſſen wie ſchnell, auf eine berufen Bank neben eine ältere Dame zu ſitzen, die ſehr artig nete un ausſah und ihr mit vieler Freundlichkeit das Theewaſſer zen fan abwiſchen half. Petrea fühlte ſich ganz vertraut gegen Perſone dieſe vortreffliche Perſon, fragte ſie, was ſie von Swe⸗ ſich dar denborg halte und begann ihr ihre eigenen Gedanken zu entg über Geiſterſeherei, Geſpenſter u. ſ. w. Preis zu geben. Zukunft Die Dame ſah Petrea an, als fürchtete ſie, es möchte wort al nicht ganz richtig in ihrem Kopfhäuschen ausſehen, und theater eilte, ihren Platz zu wechſeln. Nachdem ſie ihn verlaſſen, das C ſetzte ſich ſchwerfällig ein dicker Militär von mittlerem wollten Alter darauf, mit einem Seußzer, der zu ſagen ſchien; — Schweſ Es wird Vergnü⸗ welches als ſie e fühlte cke her⸗ rend ſie en ſah. ber von r Bank zte Pe⸗ ellen zu eiern ten und 3 rend ſie Com⸗ nachen⸗ heetaſſe hatte, ie jetzt t, mit ſuchen. if eine artig ewaſſer gegen Swe⸗ danken geben. möchte „ und laſſen, tlerem chien: 213 „O Gott ſei Dank, hier kann ich im Frieden ſitzen!“ Aber nein, er war noch nicht drei und eine halbe Mi⸗ nute da geſeſſen, als er von Petrea aufgefordert wurde, ſein politiſches Glaubensbekenntniß abzulegen und mit ihr in den Wunſch eines baldigen Kriegs mit den Ruſ⸗ ſen einzuſtimmen. Oberſtlieutenant U. war etwas taub für die Batterie, die Petrea auf ihn ſpielen ließ, fühlte ſie aber nichtsdeſtoweniger etwas beſchwerlich, denn nach einigen puſtenden Uff, uff! ſtand er auf und ließ Petrea mit ihren kriegeriſchen Gedanken allein. Petrea ſtand ebenfalls auf, getrieben vom Bedürfniſſe, irgendwo anders mehr Sympathie und Intereſſen zu ſuchen.„Um Gottes willen, liebe Petrea, bleib doch ſitzen!“ flüſterte Louiſe, die ihr auf ihrer Wanderung nach Abenteuern begegnete. Petrea hatte jetzt ihre Augen auf ein junges Mädchen geworfen, die ebenſowenig Tanzglück hatte, wie ſie, die es aber ſichtlich noch weit ſchlimmer aufnahm, denn ſie ſchien dem Weinen nahe und des Sitzens müde zu ſein. Petrea, in deren Gemüth es lag, Alles was ſie beſaß mitzutheilen(wobei ſie oft überſah, wie wenig beneidenswerth es für Andere war), und die ſich jetzt im Beſitz einer guten Portion Tapferkeit fühlte, wünſchte ihrer Unglücksgefährtin etwas davon einzuflößen und ließ ſich daher neben ihr nieder.„Ich kenne keinen Menſchen hier und habe ſo entſetzlich lange Weile!“ war die un⸗ berufene Herzensergießung, die unſrer Petrea hier begeg⸗ nete und den geraden Weg zu ihrem theilnehmenden Her⸗ zen fand. Petrea nannte der jungen Unglücklichen alle Perſonen in der Geſellſchaft, die ſie kannte, und warf ſich dann, um dem Druck des gegenwärtigen Augenblicks zu entgehen, mit großen Plänen und Entwürſen auf die Zukunft. Sie verlangte ihrer neuen Befannten das Ehren⸗ wort ab, daß ſie gemeinſchaftlich mit ihr ein Liebhaber⸗ theater errichten wolle, welches viel dazu beitragen ſolle, das Geſellſchaftsleben intereſſanter zu machen. Ferner wollten ſie mit einander ein Inſtitut für barmherzige Schweſtern in Schweden einrichten und eine Wallfahrt nach 214 Jeruſalem machen; überdieß Romane zuſammenſchreiben und am folgenden Tag oder noch beſſer, in der Nacht präcis halb zwei Uhr aufſtehen, auf einen hohen Berg hinaufklettern, um die Sonne aufgehen zu ſehen. Pe⸗ trea beſchloß dieſe und ähnliche Vorſchläge damit, daß ſie ihrer neuen Bekannten Schweſterſchaft antrug. Aber ach! weder Petreas guter Muth, noch ihre großen Pläne, weder das Liebhabertheater, noch die Wallfahrt nach Je⸗ ruſalem und am Allerwenigſten die Schweſterſchaft ver⸗ —mochte das ſauertöpfiſche junge Mädchen zu beleben. Pe⸗ trea ſah deutlich, daß eine Aufforderung zum Tanze mehr wirken würde, als alle ihre Vorſchläge und mit einem tiefen Seufzer, daß ſie kein Mann ſei, um ihr dieſe Freude gewähren zu können, ſtand ſie auf und verließ den Ge⸗ genſtand ihrer vergeblichen Bemühungen. Ihre Blicke ſuchten einen neuen und fielen auf die Gräfin Sonnen⸗ ſtrahl. Sie blendete unſere Petrea, die plötzlich die ra⸗ ſendſte Luſt bekam, mit ihr bekannt, von ihr bemerkt zu werden, mit einem Wort, auf irgend eine Weiſe der Sonne des Balles näher zu kommen. Petrea glaubte ſelbſt dadurch einigen Glanz zu gewinnen. Aber auf was Art dieß bewerkſtelligen? Wenn die Gräfin ihr Nastuch oder ihren Fächer fallen ließe, dann konnte man doch hervorſtürzen, es aufheben und iht mit einem Compli⸗ ment in Verſen zurückgeben, das Petrea jetzt zum Vor⸗ aus improviſirte(es kam etwas von der Sonne darin vor). Sicherlich würde dieß die Gräfin Sonnenſtrahl ſehr überraſchen, eine nähere Bekanntſchaft einleiten und vielleicht aber ach ſie ließ weder Nastuch, noch Fä⸗ cher fallen und für Petrea ſchien ſich keine Gelegenheit darzubieten, mit ihren Verſen Effect zu machen. Mittler⸗ weile wurde ſie von einer geheimen Kraft(wie der Planet zur Sonne) näher und immer näher zur Königin des Sa⸗ lons gezogen. Die Abendſterne ſtanden jetzt ſtrahlend um ſie herum, ihre weißen, perlengeſchmückten Hälſe neigend, um ihren ſcherzhaften Bemerkungen zu lauſchen, während ſie dazwiſchen hinein lächelnd die Aufforderungen und Ar⸗ tigkeite ja prac die ha kam Je ſie zur aber a ſie in e men? die jun uns,“ „ C S Vergni Je vor, th P ſie die din ben nen be zu laſſe prachtv dunklen und ſeh anlaſſu deres, nie ein befand der Gr Abendſt ſich ſe hätte 1 gierde prichtic afs K nahelie nen de ſchreiben Nacht n Berg n. Pe⸗ it, daß Aber Pläne, ach Je⸗ ft ver⸗ n. Pe⸗ ze mehr t einem Freude en Ge⸗ Blicke Sonnen⸗ die ra⸗ ert zu iſe der glaubte uf was Nastuch n doch Sompli⸗ n Vor⸗ darin enſtrahl en und genheit Nittler⸗ Planet 8 Sa⸗ nd um eigend, ährend d Ar⸗ 215 tigkeiten eleganter Herren beantworteten. Es ſah ſchön, ja prachtvoll aus und Petrea ſeufzte vor Sehnſucht, in die haute volée hineinzukommen. In dieſem Augenblick kam Jäkobi ganz warm auf ſie zugelaufen und ſorderte ſie zur nächſten Quadrille auf. Petrea dankte freudig, aber auf einmal roth werdend, wie eine Pfingſtroſe fügte ſie in einem Raptus von Mittheilungsluſt hinzu: „Darf ich Ihre Einladung für eine Andere anneh⸗ men? Machen Sie mir die Freude und engagiren Sie die junge Dame, die dort am Fenſter ſitzt— links von uns.“ „Aber warum das? Warum wollen Sie nicht.. „Ich bitte ſie inſtändig darum. Es macht mir mehr Vergnügen ſie tanzen zu ſehen, als ſelbſt zu tanzen.“ Jakobi brachte noch einige freundliche Einwendungen vor, that aber dann, um was Petrea bat. Petrea hatte ein ungemein wonniges Gefühl, als ſie die Wirkung dieſer Einladung auf ihre neue Freun⸗ din bemerkte. Aber das Schickſal und der Kandidat ſchie⸗ nen beſchloſſen zu haben, Petrea dieſe Quadrille tanzen zu laſſen und führten ihr einen jungen Offizier vor in prachtvoller Uniform, mit dunklen Augen, dunklem Haar, dunklem großem Schnurrbart, von martialiſchem Wuchs und ſehr drohendem Geſichte. Petrea hatte weder Ver⸗ anlaſſung noch Muth, dieſem Sohne des Mars etwas An⸗ deres, als Ja zu antworten. Auch meinte ſie in der That nie eine ehrenvollere Einladung erhalten zu haben und befand ſich nach wenigen Minuten dicht neben dem Stuhl der Gräfin Sonnenſtrahl in derſelben Quadrille mit den Abendſternen und dem Kandidaten vis- à-vis. Petrea fühlte ſich ſehr erhoben und würde ganz ſelig geweſen ſein, hätte nicht ihr unruhiger Dämon unaufhörlich ihre Be⸗ gierde gereizt, in nähere Berührung mit der ſchönen prächtigen Dame zu kommen, der ſie ſo nahe ſtand. Ihr aufs Kleid oder auf den Fuß zu treten, wäre freilich ein naheliegendes Mittel geweſen und hätte zu manchen ſcho⸗ nen demuthsvollen Entſchuldigungen führen müſſen, war 21¹6 aber in der That weder artig, noch ſchön. Sich auf ir⸗ gend etne Weiſe ihr zu Füßen zu werfen und dann wie⸗ der aufgerichtet mit einem Verſe zu danken, worin die Sonne vorkam, war über allen Vergleich beſſer, aber— jetzt ſollte ſie vortanzen. War nun wirklich unſere Petrea darauf verſeſſen ſo(wenn man mir dieſen Ausdruck zu gut halten will), daß ſie keine rechte Macht über ihre Glie⸗ der hatte, oder fehlte es ihr in Folge des ſpärlichen Mittageſſens am nöthigen Gleichgewicht oder geſchah es aus ihrer gewöhnlichen Zerſtreutheit— ſo viel iſt gewiß, daß ſie beim erſten chaſſiren die rechte Seite, auf der ſie an ihrem vis-à-vis vorbei mußte, verfehlte und gerade auf ihn zukam; er wich auf die andere Seite aus, aber Petrea war auch ſchon da, um ihren Fehler wieder gut zu machen und als der Kandidat wieder links auswich, fand er abermals unſere Petrea vor ſich, die unter dieſen Chaſſirungen mit ihrer Naſe ſich ſo tief in des Kandi⸗ daten Weſte verwirrte und ihre Füße dergeſtalt mit den ſeinigen verwickelte, daß bei einem verzweifelten Verſuche ſeinerſeits an ihr vorbeizukommen, Beive mitten in der Quadrille umfielen. Als Petrea ſich mit Thränen in den Augen aufrichtete, ſah ſie die lorgnettirenden jungen Herrn, die Gebrüder B. vor ſich, die ſich beinahe zu Tod lach⸗ ten. Ein haſtiger Blick vergewiſſerte Petrea, daß ihre Mutter es nicht geſehen hatte und ein zweiter, daß ſie jetzt von der Gräfin Sonnenſtrahl bemerkt wurde, die hinter ihrem Fächer lächelte. Die erſte Beobachtung trö⸗ ſtete ſie über die letztere und ſie verſicherte eifrig den ihret⸗ wegen herzlich bekümmerten Jakobi, ſie habe ſich nicht verletzt, es mache Nichts, es ſei ihr und nicht ſein Feh⸗ ler u. ſ. w., richtete ſofort einen ruhigen Blick auf die noch immer lachenden Herrn und chaſſirte ſchnell zurück. Was aber einen ganz eigenthümlichen Eindruck auf Pe⸗ trea machte, war das Benehmen und plotzlich veränderte Weſen ihres Cavaliers. Mit einem ernſten Blick brachte er die anhaltende ungebührliche Munterkeit der Gebrüder B. zum Schweigen und er, der bisher ſo ters⸗ weſen mit Ja ſprächig bei der unangen auch da engagirt ihr in d dem Ge und ſag nach der konnte: Frieden daß das es auch des jung iſt!“ 4 nig!“ U und Br etwas ir rathen: Freier z Sara u Y. nahe „ein N um Petr Welcher delig we geſpielt delte ſie liche Mü kleine, die Hän herum fi plauder Lorgnette unruhig auf i ann wi wrin d aber— e Petrea k zu gut re Glie⸗ pärlichen ſchah es t gewiß, auf der gerade ½ L= ⸗= le s, aber der gut uswich, er dieſen Kandi⸗ mit den Verſuche in der in den Herrn, d lach⸗ aß ihre daß ſie de, die ng trö⸗ nihret⸗ h nicht n Feh⸗ auf die zurück. änderte brachte brüder 9 ge⸗ weſen war und alle Unterhaltungsverſuche Petreas bloß mit Ja und Nein beantwortet hatte, wurde jetzt ganz ge⸗ ſprächig, artig und vergnügt mit ſeiner kleinen Dame, bei der er auf alle möglichen Arten den Eindruck des unangenehmen Zufalls zu verwiſchen ſuchte, namentlich auch dadurch, daß er ſie zur Anglaiſe nach dem Eſſen engagirte. Petrea verſtand ſeine Güte, Thränen traten ihr in die Augen und ihr Herz klopfte vor Freude bei dem Gedanken, nach der Quadrille zu ihrer Mutter eilen und ſagen zu können:„Mutter, ich bin zur Anglaiſe nach dem Eſſen engagirt.“ Aber das arme kleine Chaos konnte nicht lange ein Gefſhl oder einen Gedanken im Frieden haben. Sogleich ſtürzten ſo viele andere hinzu, daß das erſte vollkommen verdrängt wurde. So geſchah es auch jetzt. Ihr erſter Eindruck bei der Freundlichkeit des jungen Lieutenants Y. war geweſen:-„Wie gut er iſt!“ Der zweite war:„Vielleicht liebt er mich ein we⸗ nig!“ Und damit brauste ein Strom von Courſchneiderei und Brautwerbungsgedanken hervor, der unſere Petrea etwas irr im Kopfe machte. Denn ſie wollte nicht hei⸗ rathen: Gott bewahre! Aber es wäre doch herrlich, einen Freier zu haben und ſelbſt ein Gegenſtand zu ſein, wie Sara und Louiſe. Vielleicht war der junge Lieutenant Y. nahe verwandt mit der Gräfin Sonnenſtrahl und „ein Neffe der Gräfin Sonnenſtrahl bewirbt ſich eifrig um Petrea Frank.“ Gütiger Gott wie müßte das lauten: Welcher Emporſchwung! Man kann von weniger ſchwin⸗ delig werden. Petreas Lebensgeiſter wurden hoch hiuauf⸗ geſpielt von dieſen Vorſtellungen und plötzlich verwan⸗ deite ſie ſich in eine wirkliche Kokette, die ſich alle mög⸗ liche Mühe gab, ihren Gegenſtand zu feſſeln, wobei eine kleine, für den Augenblick ſehr weiße Hand(denn auch die Hände haben ihre Augenblicke), die um den Kopf herum ſigurirte, eine thätige Rolle ſpielte. Petreas Ge⸗ plauder und ſprudelnde Lebhaftigkeit machte, daß die Lorgnette der Mutter(die etwas kurzſichtig war) ſich unruhig nach dieſer Gegend richtete und rief überdieß von 218 Seite Louiſens Blicke hervor, die beſtimmt wie kühlende Pulver hätten wirken müſſen, wäre Petrea nicht gar zu irr im Kopfe geweſen, um ſie zu bemerken. Die Auf⸗ merkſamkeit und das Lächeln der Nachbarn nahm Petrea als Beifallszeichen auf, allein ſie irrte ſich, denn dieſe er⸗ götzten ſich blos an der gefallſüchtigen, ungefährlichen, klei⸗ nen Dame. Lientenant Y. ſchien ſich inzwiſchen wirklich an ihrer Lebendigkeit zu beluſtigen, ſetzte nach der Quadrille das während derſelben begonnene Geſpräch fort und be⸗ gleitete Petrea in eines der Seitenzimmer, was ſie in dem Glauben beſtärkte, eine Eroberung gemacht zu haben. Hier ſang Iſabelle Abendſtern zur Harfe eine kleine franzöſiſche Romanze mit dem Schlußrefrain:, „Hommage à la plus belle Honneur au plus vaillant.“ Die Welt glänzte vor Petreas Blicken, der Geſang verſetzte ſie in die ſchönen Tage der Ritterzeit; Lieutenant Y. erſchien ihr als ein Ideal von Ritterlichkeit und der Spiegel gegenüber ließ ihr Geſicht und ihre Naſe in ei⸗ nem ſo vortheilhaften Licht erſcheinen, daß ſie, als ſie ihren eigenen freudeſtrahlenden Blicken darin begegnete, ſich bei⸗ nahe ſchön fand. Ein hübſcher Roſenſtock blühte im Fen⸗ ſter; Petrea brach eine Roſe und gab ſie dem Lientenant mit den Worten: 6 „Honneur au plus vaillant!“ Petrea meinte, dieß ſei ausnehmend geiſtreich und a propos geſagt und erwartete heimlich, ihr Rikter werde den Myrthenzweig, der in ſeiner Hand ſpielte, ihr zu Füßen legen und ſehr paſſend hinzuſügen: „Hommage à la plus belle!“ „Danke ergebenſt!“ ſagte Lieutenant Y., indem er mit unglückverkündender Gleichgültigkeit die Roſe entgegen⸗ ——— nahm; aber das Schickſal erſparte Petrea die Qual, ver⸗ gebens auf die erſehnte Artigkeit warten zu müſſen, denn plötzlich man hö Gott!. Alles v Schreck Saal, gen wn Schwin mer get beſpren entſetzlie bei ihr, mittel« „W könnte „3 S in den wohin Schatul gebliebe eingeſch Petreas Laterne tulle en Freude wichtige Zur Be Auftrag hatte S mich P wiß Lo S genomn 4 k Sara v ühlende gar zu e Auf⸗ Petrea ieſe er⸗ n, klei⸗ wirklich uadrille ind be⸗ in dem n. Hier zöſiſche Geſang enmmt ind der e in ei⸗ ſie ihren ſich bei⸗ im Fen⸗ eutenant eich und er werde u Füßen indem er engegen⸗ ual, ver⸗ n, denn 219 plötzlich entſtand eine unruhige Bewegung im Ballſaal und man hörte rufen!„Sie fällt in Ohnmacht!... Gütiger Gott!... Sara!...“ Myrthenzweig, Ritter, Eroberung, Alles verſchwand jetzt vor Petreas Blicken, und mit einem Schreckensruf rauſchte ſie an dem Lieutenant vorbei in den Saal, aus welchem Sara ſo eben halb bewußtlos getra⸗ gen wurde. Der heftige Tanz hatte ihr einen ſtarken Schwindel zugezogen; aber in ein ſtilles und kühles Zim⸗ mer getragen, mit kaltem Waſſer und eau de Cologne beſprengt, erholte ſie ſich bald wieder und klagte blos über entſetzliches Kopfweh. Dieß war ein gewöhnliches Leiden bei ihr, ging aber ſchnell vorüber, wenn ein gewiſſes Heil⸗ mittel angewandt wurde. „Meine Tropfen!“ bat ſie mit matter Stimme. „Wo, wo?“ fragte Petrea mit einem Gefühl, als könnte ſie nach China ſpringen. „In der kléinen Schatulle! In unſerem Zimmer.“ Schnell wie Gedanken lief Petrea in den Hof und in den öſtlichen Flügel. Sie durchſuchte das Zimmer, wohin ihre Sachen getragen worden waren. Aber die Schatulle fand ſich nicht. Sie muß im Wagen zurück⸗ geblieben ſein. Wo war der Wagen? In der Remiſe eingeſchloſſen. Wo der Schlüſſel zu dieſer? Groß waren Petreas Strapazen, bis ſie hineingelangt war, mit einer Laterne in der Hand den Wagen durchſucht und die Scha⸗ tulle endlich gefunden hatte. Aber groß war auch ihre Freude, als ſie athemlos, jedoch triumphirend mit der wichtigen Tropfenflaſche in der Hand zu Sara hinaufeilte. Zur Belohnung erhielt ſie jetzt den nicht ſehr angenehmen Auftrag, Sara ſechzig Tropfen einzuträuſeln. Aber kaum hatte Sara ſie verſchluckt, als ſie heftig rief:„Du tödteſt mich Petrea! Du haſt mir Gift gegeben, es iſt ganz ge⸗ wiß Louiſens Elixir.“ So war es auch. Petrea hatte die falſche Flaſche genommen. Große Beſtürzung. „Du biſt auch immer ſo tölpel haft, Petrea,“ rief Sara verdrießlich,„du wäreſt im Stand, wie der Eſel 220 in der Fabel deinem Freunde den Kopf zu zerſchmetterrn, ſchenkt 1 um ihm eine Fliege von der Stirne zu jagen.“ ſaßen jet Dieß war ein hartes Wort gegen die arme Petrea, waren l die ſchon im Begriff war, wieder hinauszulaufen, um ihren denn da Fehler wieder gut zu machen. Abendſte Es vereinigte ſich mit ihrer übrigen Gemüthsbe⸗ ſehr in t wegung, um ihr die Thränen in die Augen und das Blut immer k in den Kopf zu jagen. Sie bekam ein heftiges Naſen⸗ geſtellt, bluten. la rein« Louiſe, die ſehr böſe auf Sara war wegen ihrer Härte Geſichter gegen Petrea und auch ein wenig deßwegen, weil ſie ihr 1 Elurir Gift genannt hatte, warf ihr einen würdevollen alte Her hoͤchlich mißbilligenden Blick zu, und widmete der weinen⸗ hatte um den und blutenden Petrea die zärtlichſte Sorgfalt. War indem er es nun der Spiritus des Zorns, der Saras Kopfweh ver⸗ ſehen. ſcheuchte, oder war es wirklich Louiſens Elirir(Louiſe Uebe ließ ſich wenigſtens dieſen Glauben nicht nehmen), ſo viel Petrea it iſt gewiß, daß Sara ſchnell beſſer wurde, aufſtand und Abends 3 zur Geſellſchaft zurückkehrte, ohne Petrea ein tröſtendes„ erſchienen 1 Wort zu ſagen. Dieſe war außer Stands, zum Souper Spiegel, hinauszugehen und Louiſe blieb freundlich bei ihr zurück. hatte, ſi Man brachte ihnen Eſſen herein, Tante Eveline, Laura ihr jetzt 1 und Carina, ja die Kriegsräthin ſelbſt verſahen ſie mit war— i Leckerbiſſen und Petrea beruhigte ſich und wurde wieder gegen de munter. Sie ſollte ja nach dem Eſſen die Anglaiſe als das tanzen mit„le plus vaillant,“ wie ſie den jungen dieſem A 3 Lieutenant Y. nannte, der ihr freilich nicht ſehr geſtähltes Wäre es 1 Herz ganz und gar eingenommen hatte. eine ange Die Anglaiſe hatte bereits begonnen, als die Schwe⸗ zugedacht ſtern mit einander hinausgingen. Der Kandidat ging ſchein kon eifrig und unruhig auf ſie zu. Er hatte Louiſe engagirt danke da und ſtand bald mit ihr in den dichten Reihen. Petrea und erhel erwartete,„le plus vaillant“ werde hervorſtürzen und diejenige ihre Hand ergreifen, aber als ſie in den Ballſaal trat, than, 94 ſah ſie ihn nicht ihr entgegenſtürzen, ſondern mit Sara hebung. tanzen— mit Sara, die ſchöner und ſirahlender war, Nach als je. Die Roſe, die Petreg ihrem treuloſen Ritter ge⸗ ₰ Ballſaal mettern, Petrea, m ihren nüthsbe⸗ as Blut Naſen⸗ er Härte ſie ihr devollen weinen⸗ War veh ver⸗ (Louiſe ſo viel nd und öſtendes Souper zurück. Laura ſie mit wieder Unglaiſe jungen ſtähltes Schwe⸗ tging ngagirt Petrea e n al trat, Sara r war, ter ge⸗ 221 ſchenkt und der Myrthenzweig, auf den ſie ſpeculirt hatte, ſaßen jetzt an Saras Bruſt.„La plus vaillant's Augen waren beinahe unverwandt auf la plus belle“ geheftet, denn dafür wurde Sara bald einſtimmig erklärt.“ Der Abendſterne Glanz erbleichte in der Nacht, als ſie ſich zu ſehr in die Hitze getanzt hatten, aber Saras Stern ſtrahlte immer klarer. Sie wurde der Gräfin Sonnenſtrahl vor⸗ geſtellt, die ihr ein charmantes Compliment machte und ſie la reine du bal nannte, wozu die Abendſterne bitterſüße Geſichter ſchnitten. „Donner und Wetter! Wie ſchön ſie iſt!“ rief der alte Herr, der mit Petrea um ſeine Theetaſſe geſtritten hatte und jetzt, ohne es zu merken, ihr auf den Fuß trat, indem er ſich vordrängte, um la reine du pal beſſer zu ſehen. Ueberſehen, gedemüthigt, ſtill und getreten ging Petrea in ein anderes Zimmer zurück. Die Auftritte des Abends ſtrömten noch einmal über ihre Seele hin und erſchienen ihr jetzt in einem ganz andern Lichte. Der Spiegel, der ihr vor ein Paar Stunden geſchmeichelt hatte, ſie könne la plus belle genannt werden, zeigte ihr jetzt eine rothe, geſchwollene Maſſe und dieſe Maſſe war— ihr Geſicht.— Petrea dachte an ihr Benehmen gegen den Lieutenant und erſchien ſich jetzt auf einmal als das lächerlichſte, unglücklichſte Menſchenkind. In dieſem Augenblick fühlte ſie eine Art Ekel an ſich ſelbſt. Wäre es ihr nicht um einen kleinen Schwank geweſen, eine angenehme Ueberraſchung, die ſie ſchon lange Sara zugedacht hatte und die in ein Paar Tagen zum Vor⸗ ſchein kommen ſollte, ſo.. Aber jetzt kam der Ge⸗ danke daran, wie ein Sonnenſtrahl auf dunkle Wolken und erhellte die Nacht in Petreas Seele. Das Gefühl, diejenige zu erfreuen, die ihr dieſen Abend ſo wehe ge⸗ than, gab ihrem Gemüthe eine ſanfte, wohlthuende Er⸗ hebung. Nach dem Souper öffnete man in dem an den Ballſaal ſtoßenden Salon die Thüren, die auf einen 222 Balkon hinausgingen, um die von den vielen Leuten und Lichtern erhitzten Zimmer ein wenig abzukühlen. Zwei Per⸗ ſonen— ein Herr und eine Dame— traten auf den Bal⸗ kon hinaus. Sie hatte einen leichten weißen Shawl über die Schultern genorſen; Sterne bekränzten dis dunkle Haar, Sterne ſtrahlten in den ſchwarzen Augen, die feu⸗ rig in dem freien Raume umherblickten. Ueber der Gegend lag das Halbdunkel der Mainacht, entzückend, geheimnißvoll, ein bezaubernder Schleier, halb⸗ verhüllend, halbverrathend eine Schönheit, welche Ahnung und Geh heimniß erhöht. Eine große, eine hinreißende Ah⸗ nung von der Herrlichkeit des Lebens ſang im Winde, der ſtill ſauſend durch den Raum fuhr, blitzte in den Ster⸗ nen, wandelte hoch über der Erde. „Ach das Leben, das Leben,“ rief ſie und ſtreckte ihre Arme gegen den Raum aus, als wollte ſie ihn um⸗ faſſen. „Zauberin,“ ſagte er, indem er ihre Hand ergriff, „mein Leben gehört dir.“ Sie zog ihre Hand nicht zurück, ſondern blickte ihn ſtolz an, indem ſie ſagte: „Jühren Sie mich hinaus in das freie, friſche Leben und meine Hand gehört Ihnen, aber erinnern Sie ſich, frei will ich ſein, frei wie der Wind, der jetzt ihre Stirne küßt und jetzt den Wipfel des Baumes dort biegt. Frei⸗ heit, Macht, Ehre liebe ich. Führen Sie mich dazu, helfen Sie mir dieß gewinnen und meine Dankbarkeit wird Ihnen meine Liebe ſichern, wird mich mit ſtärkeren Ban⸗ den an Sie feſſeln, als jene Form des Vorurtheils, die ich bloß um deren willen beobachten will, die ſonſt über mich weinen würden und denen ich nicht mehr Kummer machen möchte, als nothwendig iſt. Uns nit, ſie nicht mehr binden, als wir ſelbſt wollen. Freiheit ſei die Loo⸗ ſung unſeres Bundes.“ „Schönes Weib,“ antwortete er,„erhaben über die Heuchelei der Schwachheit, erhaben über das Dunkel der Vorurtheile! Ich bewundere dich und gehorche dir. Nur — vor ein Meine möge d wird d Schönh hinaufh ken, de Er ihn un ren. G einen höhniſch Lippen. „L Er gehr ſtolzen! des Zor Si kon hine Er hüllen. S Beide ſ zwiſchen gen Wel Er in meine mir, bi Si Er Si gar zu nen zu l Theil ge ter, mei liebe, l dein zu 223 euten M vor einem ſolchen Weibe kann mein Wille ſich beugen. zwei Per⸗ Meine ſchöne Schülerin iſt meine Meiſterin! Wohlan, den Bal⸗ möge denn des Prieſters Wort uns vereinen. Meine Hand awl über wird dich auf den glänzenden Thron führen, den deine as dunkle Schönheit und deine Talente verdienen. Ich will dich bloß „die feu⸗ hinaufheben, um dann, wie jetzt, zu deinen Füßen zu ſin⸗ ken, der demüthigſte deiner Diener.“ Mainacht, Er ſank vor ihr auf ein Knie. Sie beugte ſich über ier, halb⸗ ihn und ließ ihre Lippen flüchtig ſeine Stirne berüh⸗ Ahnung ren. Er warf ſeine Arme um ihren Leib und hielt ſie ende Ah⸗ einen Augenblick ſo herabgebeugt. Ein übermüthiger, zinde, der hohniſcher Zug, den ſie nicht bemerkte, ſpielte um ſeine en SSter⸗ 1 Lippen. Laß mich gehen, Hermann, man kommt!“ ſagte ſie. id ſtreckte Er gehorchte nicht ſogleich und als ſie mit Gewalt ſeinen ihn um⸗ ſtolzen Nacken emporrichtete, brannte ein dunkler Strahl 63 des Zornes in ihren Augen. d ergriff, Sie gehen hinein, ein neues Paar tritt auf den Bal⸗ ken hinaus. ickte ihn Er. Warte, laß mich meinen Mantel beſſer um dich hüllen. Der Wind iſt kühl. che Leben Sie. Ach wie angenehm das Gefühl, daß er uns Sie ſich, Beide ſo freundlich umhüllt. Siehſt du, wie wir hier re Stirne zwiſchen Himmel und Erde ſtehen, von der ganzen übri⸗ t. Frei⸗ gen Welt getrennt? ich dazu, Er. Das ſehe ich nicht, ich ſehe meine ſchöne Welt rkeit wird in meinen Armen. Ich habe dich, Laura! Laura, ſage ren Ban⸗ mir, biſt du glücklich? ei, die Sie. Ach nein! onſt über, Er. Wie ſo? Kummer Sie. Ach nein, ich bin nicht glücklich, denn ich bin ſie nicht gar zu glücklich. Ich glaube, dieſe Seligkeit nie verdie⸗ die Loo⸗ nen zu können, ich kann nicht begreifen, wie ſie mir zu Theil geworden iſt. Ach Arvid, ſo mit dir, meiner Mut⸗ über die ter, meiner Schweſter, mit Allem, was ich am höchſten unkel der liebe, leben zu können und dieß auf immer, auf immer ir. Nur pein zu ſein! 5 224 Er. Sage auf ewig, meine Laura. Unſer Bund gehört der Erde und dem Himmel an, hier und dort, in alle Ewigkeit bin ich dein und du mein. Sie. Sei ſtill, mein Arvid. Ich höre meiner Mut⸗ ter Stimme, die mich ruft; laß uns zu ihr gehen. Sie treten ins Zimmer hinein, ein neues Paar er⸗ ſcheint auf dem Balkon, Er. Bäschen Louiſe, lieben Sie die Abendluft? Sie ſind ein Bißchen romantiſch, glaube ich, Bäschen Louiſe. Lieben Sie die Sterne, Bäschen? Ich liebe ſie auch ſehr, die Sterne. Ich denke daran, was der Dichter ſagt: ſchweigend wie Egyptens Prieſter ſpazieren. Sehen Sie, Bäschen Louiſe, dort an der Ecke gegen Weſten liegt Eſtanvik. Wenn es Ihnen ein Vergnügen machen würde, Bäschen Louiſe, eine kleine Tour dahin zu unternehmen, ſo würde ich Sie bitten, Sie in meinem neuen Landau hinführen zu dürfen. Ich glaube gewiß, Bäschen Louiſe, daß Eſtanvik Ihnen gefallen wird. Die Pfirſiche und die Trauben ſtehen bereits in voller Blüthe, es iſt recht ſchön anzuſehen. Ein tiefer Seufzer läßt ſich hören. Sie.„Wer ſeußzt ſo?“ Eine Stimme. Einer, der arm iſt und zum er⸗ ſtenmal den Reichen beneidet. Er. Oreich! Gott bewahre, reich bin ich juſt nicht. Man hat ſein Auskommen, Gott ſei Dank, man hat ſein Auskommen. Ich kann mich und meine Familie anſtändig ernähren; ich ſäe zweihundert Tonnen Getraide aus und was denken Sie, Bäschen Louiſe aber wo iſt mein Bäschen Louiſe? Die Stimme. Sie dachte vermuthlich, es ziehe kalt her von Eſtanvik. Die Herren gehen in demſelben Augenblick hinein, wo eine Dame auf den Balkon heraustritt. Sie iſt allein, die Mißgeſchicke des Abends bedrücken ihr Herz und werden um ſo demüthiger empfunden, weil ſie nen flie Abendw hinauf; Seele e dem me das ihr Widerw ſohnen! Di gnügung Verſen ſtern un eigenen mehrten unglückl Munterl Vater e halts: „T und dei bloß we hauptſäc nehmen. Herz erf dem W Du wir welche d bekräftig etwas( nen uns Bre er Bund dort, in ee Mut⸗ n. 7* zaar er⸗ ft? Sie n Louiſe. ſie auch Dichter en ke gegen ergnügen dahin zu meinem gewiß, d. Die Blüthe, zum er⸗ uſt nicht. hat ſein nſtändig aus und iſt mein es ziehe tein, wo edrücken funden, weil ſie ſo niedriger Natur ſind. Einige brennende Thrä⸗ nen fließen ſchnell und ſtille über ihre Wangen. Der Abendwind küßt ſie ſanft weg. Sie ſieht zum Himmel hinaufz nie iſt er ihr ſo hoch und herrlich erſchienen. Ihre Seele erhebt ſich, ſteigt höher als der Blick, drängt zu dem mächtigen Freunde des Menſchenherzens und Er läßt das ihrige ahnen, daß es in ſeiner Liebe dereinſt alle Widerwärtigkeiten der Erde vergeſſen und mit ſich ver⸗ ſoͤhnen werde. Die Tage verſtrichen heiter unter wechſelnden Ver⸗ gnügungen auf Arelholm. Petrea ſchrieb lange Briefe in Verſen und Proſa an ihre zu Hauſe gebliebenen Schwe⸗ ſtern und berichtete Alles, was ſich hier zutrug. Ihre eigenen Mißgeſchicke, die ſich während der Zeit noch ver⸗ mehrten, beſchrieb ſie ſo komiſch, daß das, was ſie früher unglücklich gemacht hatte, jetzt eine Quelle herzlicher Munterkeit für ſie und ihre Familie wurde. Von ihrem . erhielt ſie eines Tags ein Briefchen folgenden In⸗ halts: „Mein gutes Kind! „Deine Briefe, mein liebes Mädchen, machen mir und deinen Schweſtern herzliches Vergnügen; mir nicht bloß wegen der luſtigen Sachen, die darin ſtehen, ſondern hauptſächlich wegen deiner Art— das Unluſtige aufzu⸗ nehmen. Bleibe dabei, mein Kind und du— mein Herz erfreut ſich bei dieſem Gedanken— du wirſt auf dem Wege zur Weisheit und Glückſeligkeit wandeln. Du wirſt mit Freuden die geſegnete Wahrheit erkennen, welche die Geſchichte ſowohl im Großen, als im Kleinen bekräftigt, daß es nichts Schlimmes gibt, das nicht zu etwas Gutem dienlich gemacht werden könnte. So koͤn⸗ nen uns auch unſere eigenen Fehler als Stufen auf dem Bremer, das Haus. 15 . 226 Wege zur Beſſerung dienen. Herzliche Grüße an Deine Schweſtern von ihrem und Deinem Dir zärtlich ergebenen Vater.“ Petrea küßte dieſe Zeilen unter dankbaren Freude⸗ thränen. Sie trug ſie mehrere Tage an ihrem Herzen und bewahrte ſie ihr ganzes Leben hindurch als einen koſt⸗ baren Leitfaden, um glücklich daran die chromatiſche Scala des Lebens zu durchlaufen. Louiſe wurde mit Vetter Thure viel geneckt, Vetter Thure viel mit Bäschen Louiſe. Dem Vetter Thure gefiel es ſehr, mit Bäschen Louiſe geneckt zu werden, es gefiel ihm ſehr, zu hören, daß Eſtanvik einer Wirthin, er ſelbſt aber einer hübſchen Frau bedürfe, daß Louiſe Frank ſicherlich eines der verſtändigſten und hübſcheſten Mädchen aus der ganzen Gegend ſei und überdtes aus einer ſo achtungswürdigen Familie. Der Gutsbeſitzer nahm ſchon halb und halb Glückwünſche zu ſeiner Verlobung an. Was die auserkohrene Braut zu der Sache dachte, war ſchwer zu ergründen. Louiſe war zwar immer hoflich gegen Vetter Thure, allein in dieſer Höflichkeit ſchien ſich mehr Gleichgültigkeit, als Freundlichkeit auszuſpre⸗ chen, und mit einer Beharrlichkeit, die viele Leute in Er⸗ ſtaunen ſetzte, ſchlug ſie ſeine beharrlichen Vorſchläge ei⸗ ner Tour nach Eſtanvik in dem neuen Landauer„mit meinen vier Fuchſen neben einander“ aus. Viele wollten behaupten, der hübſche und herzliche Jakobi ſei Louiſens Herzen weit näher, als der reiche Gutsbeſitzer. Aber auch gegen Jakobi war Louiſens Benehmen ſo gleich, ſo ruhig und ungezwungen, daß Niemand recht klug daraus wurde. Nicht alle wußten ſo gut, wie wir, daß nach Louiſens Anſicht die Würde des Weibes es erforderte, vollkommene Gleichgültigkeit gegen die Artigkeiten oder Liebesworte der Männer an den Tag zu legen, bis ſie ſich vffen und rückhaltslos erklärt haben. Louiſe verach⸗ tete dermaßen jede Gefallſucht, daß ſie Alles fürchtete, was daran gränzen konnte. Ihre jungen Freundinnen ſcherzte und pre „ Ei klärt, wenig k M bleiben. Lo ernſten auszuſpt ihnen a riefen e vor, wr Uebertre Streitig deten je Ei Tags ü ſucht be ten Fra dachtſan rung u Erklärut Louiſe u veränder bens zu auf Axe jetzt wu— ſchien zt gen den den Gu Beziehun ſchlug. An vielmehr haften G an Deine ater.“ Freude⸗ n Herzen einen koſt⸗ he Stcala „ Vetter ure gefiel es gefiel er ſelbſt ſe Frank Mädchen einer ſo hm ſchon u an hte, war er höflich eit ſchien uszuſpre⸗ te in Er⸗ chläge ei⸗ ler„mit e wollten Louiſens 1 leich, ſo g daraus daß nach rforderte, iten oder bis ſie erch⸗ fürchtete, undinnen 227 ſcherzten oft über ihre ſtrengen Anſichten in dieſem Punkte und prophezeiten ihr, ſie werde ledig bleiben. „Das mag ſein,“ antwortete Louiſe ruhig. Eines Tags erzählte man ihr, ein Herr habe er⸗ klärt, er ſtehe vor keinem Mädchen auf, das nicht ein wenig kokett ſei. Mit vieler Würde erwiederte Louiſe:„Er mag ſitzen bleiben.“ Louiſens Anſichten von Frauenzimmerwürde, ihre ernſten und beſtimmten Grundſätze, ſo wi ihre Art, ſich auszuſprechen, beluſtigten ihre jungen Freundinnen, flößten ihnen aber zugleich eine wahre Achtung vor ihr ein und riefen eine Menge Streitigkeiten und Erörterungen her⸗ vor, worin Louiſe jederzeit unverzagt, wiewohl nicht ohne Uebertreibung, die Sache des Rechts vertheidigte. Dieſe Streitigkeiten, die in Munterkeit angefangen hatten, en⸗ deten jedoch anders. Eine junge, etwas gefallſüchtige Frau fühlte ſich eines Tags über die Strenge, womit Louiſe über die Gefall⸗ ſucht bei ihrem Geſchlechte, beſonders bei unverheirathe⸗ ten Frauenzimmern urtheilte, verletzt und ſagte in unbe⸗ dachtſamer Racheluſt ein Wort, das Louiſens Verwunde⸗ rung und Unwillen zugleich erweckte. Es erfolgte eine Erklärung, die eine vollſtändige Entzweiung zwiſchen Louiſe und der jungen Frau, ſo wie für Louiſe ſelbſt eine veränderte Gemüthsſtimmung herbeiführte, die ſie verge⸗ bens zu verbergen ſuchte. Sie war in den erſten Tagen auf Arelholm ungewöhnlich heiter und lebhaft geweſen; jetzt wurde ſie ſtille, gedankenvoll, oft zerſtreut und man ſchien zu bemerken, daß ſie etwas weniger freundlich ge⸗ gen den Kandidaten war, als zuvor und etwas mehr auf den Gutsbeſitzer horte, obgleich ſie ſeinen Vorſchlag in Beziehung auf eine Tour nach Eſtanvik beharrlich aus⸗ ſchlug. Am Tag nach der ebenerwähnten Erklärung oder vielmehr Verfinſterung ſtand Eliſe Abends in einem leb⸗ haften Geſpräch mit Jakobi begriffen auf dem Balkon * 228 „Und wenn ich,“ ſagte Jakobi,„wenn ich ihr Herz zu gewinnen ſuche—— o ſagen Sie es mir—— werden dann ihre Eltern, wird ihre Mutter es ohne Mißvergnü⸗ gen ſehen? Ach ſprechen Sie offen mit mir. Mein Le⸗ bensglück hängt davon ab.“ „Meine Billigung, meine guten Wünſche haben Sie, Jakobi,“ antwortete Eliſe;„ich ſage Ihnen, was ich auch zu meinem Manne geſagt habe, daß ich Sie gerne Sohn nennen würde.“ „O!“ brach Jakobi tief gerührt aus, indem er die Kniee beugte und Eliſens Hand an ſeine eippen drückte, „o möchte mein ganzes Leben von meiner Dankbarkeit, meiner Liebe zeugen„“ In dieſem Augenblick hatte ſich Louiſe dem Balkon genähert, um ihre Mutter zu ſuchen; ſie ſah Jakobis Be⸗ wegung, hörte ſeine Worte. Eilig zog ſie ſich zurück, aber wie wenn eine Schlange ſie geſtochen hätte. Von dieſem Moment an wurde eine große Verände⸗ rung an ihr immer bemerkbarer. Still, verſchloſſen und ſehr bleich bewegte ſie ſich wie eine Träumende in den muntern Kreiſen auf Arelholm und ſtimmte gern in den Vorſchlag der um ſie beſorgten Mutter ein, den Aufent⸗ halt daſelbſt zu verkürzen. Jakobi, der über Louiſens plötz⸗ liche Unfreundlichkeit gegen ihn eben ſo verwundert, als betrübt war, begann zu glauben, der Ort ſei auf irgend eine Art verhert und wünſchte mehr, als alle Anvern, wegzukommen. Die Heimreiſe. Warum hatten Jakobi und Heinrich vor der Abreiſe von Arelholm und auch während des Aufenthalts daſelbſt ſo viel mit einander zu verabreden? Petrea war ſchreck⸗ ich neugierig deßwegen, konnte aber nicht auf die Spur kommen. Irgend ein Komplott, das der Familie galt, ſchien ihr im Werke zu ſein. Hei gehabt, Gelegenk Ueberraſ tes Wir und der wollte 1 digen A und die inzwiſche hatten Jakobi Liebling Behuf erſchöpft Familie ſogenant Equipa ihm He andern wagen der He nur mit und He und au nen we render Wegn vom R ſo, da jungen begann. denn de der frü ter gen ſang d die Kü rHerz zu — werden ißvergnü⸗ Mein Le⸗ aben Sie, s ich auch ene Sohn m er die drückte, kbarkeit, 1 Balkon kobis Be⸗ zurück, Verände⸗ oſſen und de in den rn in den Aufent⸗ ens plötz⸗ dert, als uf irgend Andern, r Abreiſe daſelbſt ſchreck⸗ iSSur ilie galt, 229 Heinrich und ſein Freund hatten längſt die Abſicht gehabt, der Familie ein kleines Feſt zu geben, und die Gelegenheit ſchienen ihnen jetzt günſtig, eine angenehme Ueberraſchung damit zu verbinden. Ein ſchönes und gu⸗ tes Wirthshaus, das duf dem Weg zwiſchen Arelholm und der Stadt lag, ſollte der Schauplatz werden. Hier wollte man unter dem Vorwand einer kleinen nothwen⸗ digen Ausbeſſerung mit einem der Wägen Halt machen und die Anderen beſtimmen, ins Haus hinaufzugehen, wo inzwiſchen Alles vorbereitet ſein ſollte. Die beiden Freunde hatten ſich ſehr auf dieſen kleinen Anſchlag gefreut und Jakobi hatte ſich große Mühe gegeben, um Louiſens Lieblingstractament, Gefrorenes, zu bekommen, zu dieſem Behuf auch ſeine ohnehin auf der Neige befindliche Kaſſe erſchöpft. Auf vem Hinweg nach Arelholm hatte die Familie ſich ſo getheilt, daß Louiſe mit Petrea in einem ſogenannten Medeviwagen— des Landrichters eigener Equipage— fuhr, wo Jakobi als Kutſcher und neben ihm Heinrich auf dem Bock ſaßen; die Mutter und die andern Töchter aber fuhren in einem bedeckten Mieth⸗ wagen mit dem Landrichter ſelbſt als Kutſcher. Auf der Heimreiſe wollte man dieſelbe Ordnung beobachten, nur mit dem Unterſchied, daß Jakobi den großen Wagen und Heinrich ſeine Schweſtern führen ſollte. Die Mutter und auch die jungen Herrn ſelbſt wollten die Zügel kei⸗ nen weniger ſicheren Händen— wie ſie ſich mit gebüh⸗ render Beſcheidenheit ausdrückten— anvertrauen, da der Weg mehrere bedeutende Steigungen hatte und überdieß vom Regen verdorben war. Inzwiſchen intriguirte Jakobi ſo, daß er gegen die feſtgeſetzte Ordnung den Wagen der jungen Damen und Heinrich den ſeiner Mutter zu kutſchiren begann. Allein der Kandidat hatte wenig Freude davon, denn der„Gegenſtand“ war nicht mehr derſelbe, wie auf der früheren Fahrt. Damals war ſie ungewöhnlich hei⸗ ter geweſen, hatte ſo herzlich die Frühlingsluft, den Ge⸗ ſang der Lerchen genoſſen, hatte ſich über die Aecker, die Kühe und Hütten, kurz über Alles, was ſie ſah, 230 ſo innig gefreut und gegen Jakobi ausgeſprochen, der beſtändig ſeinen Kopf in den Wagen hineinhielt, ſo daß Heinrich ihn ernſtlich warnte, er möchte ihm in dieſer verkehrten Richtung ſitzen bleiben, und ihre blauen Augen hatten mit einem Frühling reiner Ergebenheit in einan⸗ der geruht. Jetzt war alles anders. Der Gegenſtand ſchien auf keinen Gegenſtund um ſich her zu achten. Sie ſaß mit herabgelaſſenem Schleier in den Wagen zurück⸗ gelehnt und eine Domkirche iſt weit geſprächiger, denn ſie ſpricht doch durch die Zungen des Thurmes, aber Louiſens Zunge war gänzlich ſtumm und die Petreas, die beſtändig läutete und klang, vermochte ſie nicht zu beleben. Jakobis Blicke ſuchten vergeblich die ihrigen. Sie wich ihnen aus und er wurde dadurch ganz nieder⸗ gedrückt. Nach tüchtigen Schüttlungen und Rüttlungen kam man glücklich vor dem Wirthshauſe an; nein nicht ſo ganz glücklich, denn an einem Rade des bedeckten Wa⸗ gens war etwas zerbrochen; es war zwar nicht gefähr⸗ lich, Gott bewahre! allein man mußte beſſern laſſen, bevor man die Reiſe Heinrich bat ſeine Mutter, inzw ins Wirthshaus hinaufzugehen, deſſen Wirth und Wir⸗ thin jetzt an der Thüre erſchienen und unter Bücklingen und Kniren die Reiſenden haten hereinzutreten. Der Wirth kam ſelbſt und öffnete den Schlag. Eliſe machte große Augen und that einen Ausruf der Ueberraſchung: — der Wirth war ihr leibhaftiger Mann! Und die Wirthin— die allerlieblichſte Wirthin von der Welt— war ihre leibhaftige Tochter ECva. Auch die reiſenden Töchter erſtaunten, ſchrieen laut auf und wolllen im Wirth und der Wirthin Vater und Schweſter erkennen. Allein der Wirth und die Wirthin ließen ſich nicht ver⸗ blüffen und durch die Confuſſion der Reiſenden nicht confhus machen; ſie wußten gar zu gut ſelbſt, wo ſie wa⸗ ren und wußten zu thun, was ihres Amtes war. Sie führten die Gäſte unter manchen Entſchuldigungen und fortſetzen konnte. iſchen mit den Schweſtern es nothwendig aus⸗ Artigke Hier b nach K Kellner würdig! ten.„ hübſche gehabt war ſi ſie bal Wirth ſchimpf nigſten— mit de zukomn freuntl Champ Damer Geplat ſich je und ur Thiere ſich de mit g zeigte Bart hatte. und fügte gebilde wozu die b Ganz derlich andere glicher daß 9 hen, der ſo daß in dieſer en Augen in einan⸗ egenſtand ten. Sie n zurück⸗ er, denn es, aber Petreas, nicht zu ihrigen. z nieder⸗ gen kam nicht ſo ten Wa⸗ gefähr⸗ dig aus⸗ konnte. hweſtern d Wir⸗ ücklingen Dey machte ſchung: Und die Welt— eiſenden ten im rkennen. cht ver⸗ n nicht ſie wa⸗ Sie en und 231 Artigkeiten in ein paar große, ſchone Zimmer hinauf. Hier begann der Wirth verzweifelt umherzuſtöbern und nach Kellner und Magd zu rufen. Endlich erſchien der Kellner mit ſeiner blauen Schürze. Eine neue Merk⸗ würdigkeit! Er war ein lebendiges Abbild des Kandida⸗ ten. Jetzt kam die Magd; welches Wunder! Eine hübſchere Perſon und die mehr Aehnlichkeit mit Heinrich gehabt hätte, ließ ſich gar nicht denken. Aber linkiſch war ſie und wäre beinahe mehreremat gefallen, indem ſie bald mit dieſem, bald mit jenem ſtolperte. Der Wirth zankte ſie tüchtig wegen ihrer Tölpelhaftigkeit und ſchimpfte auf den Kellner, ſo daß Beide weinten— we⸗ nigſtens meinte man es— worauf er ſie hinausjagte mit dem Befehl, augenblicklich mit Erfriſchungen zurück⸗ zukommen. Der Wirth, jetzt wieder bei glänzender Laune, freundlich und artig, ließ mit eigener Hand ein paar Champagnerpropfe fliegen, ſchenkte ein und ſtieß mit den Damen an. Nachdem man ſich unter dem munterſten Geplauder mit allerhand Leckerbiſſen erquickt hatte, ließ ſich jemand anmelden, der ſich einen Enkel Noahs nannte und um Erlaubniß bat, der Geſellſchaft allerhand ſeltene Thiere, nebſt andern ſchönen Raritäten, zu zeigen, die ſich dereinſt in der Arche befunden. Noahs Enkel wurde mit großer Mehrheit hereingerufen und an der Thüre zeigte ſich ein Geſicht, das bis auf einen langen grauen Bart eine wunderbare Aehnlichkeit mit Jeremias Munter hatte. In einem andern Zimmer war ſeine Menagerie und ſein Kunſtkabinet aufgeſtellt. Die Geſellſchaft ver⸗ fügte ſich dahin und nun wurden mehrere ungewöhnlich gebildete Thiere vorgezeigt und kleine Scenen aufgeführt, wozu Noahs Enkel Reden hielt und Erklärungen gab, die beinahe eben ſo humoriſtiſch und geiſtreich waren (ganz ſo iſt unmöglich), wie die Japhets in dem wun⸗ derlichen, aber koſtlichen Buche: die Arche Noäh⸗ Zwei andere Enkel Noahs, die keinem Bekannten der Familie glichen, halfen bei der Vorſtellung, die damit endigte, daß Noahs gelehrter Enkel jedem der Zuſchauer ein klei⸗ 232 ₰ nes Souvenir aus den„Eingeweiden der Arche“ gab und elho! zwar mit ſolchem Takt, daß jedes gerade das bekam, was Are ho ihm Freude machte. Louiſe erhielt überdieß eine merkwür⸗ zurückzt dige Predigt, die von dem alten Noah ſelbſt am erſten Sonntag ſeines Aufenthalts in der Arche gehalten worden Glas ſein ſollte. Indeß lag neben dem Titelblatt ein Gedicht, müth ſichtlich von einem weit ſpätern Datum. Louiſe las es j⸗ bermut doch jetzt nicht, ſondern ſteckte es hoch erröthend ein. Die t ganze Aufführung ware eben ſo luſtig, als beluſtigend ge⸗ e weſen, hätte ſich nicht der Gegenſtand— einer der vor⸗ nehmſten Gegenſtände derſelben, ſichtbarlich außer Stands gefa t gefühlt, Genuß daran zu finden. Obgleich Louiſe ſich ſelhn wirklich Gewalt anthat, ihre Theilnahme zu beweiſen und. fröhlich zu erſcheinen, ſo wurde ſie doch mit jedem Au⸗ genblicke trauriger und als endlich das Gefrorene kam, als der Kellner mit der Herzlichkeit, die aus ſeinen Augen er ſtrahlte, ſie nöthigte, ein Glas Vanille zu nehmen, konnte 36 ſie kaum davon koſten, worauf ſie es wegſtellte, ſchnell 6 ſ hinausging und in ein krampfhaftes Weinen ausbrach. Es ſo z war etwas ſo Ungewöhnliches an Louiſe, daß eine all⸗ zwſche gemeine Beſtürzung entſtand. Wirth, Wirthin, Magd, Kellner, Noahs Enkel, Alle kamen aus ihren Rollen und Su und Wirklichkeit des Feſtes waren auf einmal hutte vorbei.* Zwar beruhigte ſich Louiſe nach einer Weile, bat um Entſchuldigung und erklärte die Sache mit einem 5 d ſa Drucke auf der Bruſt; zwar ſuchten Eliſe und Eva und We 3 beſonders Petrea, um Jakobis und Heinrichs willen, auf vi aufs Neue Munterkeit hervorzuſcherzen, allein ſie wollte 3 e nicht zum Vorſchein kommen und nichts wollte mehr auß de gehen. Alle, beſonders Jakobi, waren verſtimmt und. felher 6 man begann von der Heimreiſe zu ſprechen. Da hörte hſa man auf einmal ein ſtarkes Pferdegeſtampfe und Ge⸗ räuſche vor dem Wirthshaus und ſah einen prächtigen, von vier tanzenden Fuchſen gezogenen Landauer vor dem⸗ den V ſelben Halt machen. Es war der Gutsbeſitzer, der, von hinein der beſchleunigten Abreiſe der Frank'ſchen Familie aus dauer, zab und m, was erkwür⸗ nerſten worden Gedicht, n. Die gend ge⸗ der vor⸗ Stands iſe ſich iſen und em Au⸗ am, als Augen „konnte ſchnell ach. Es ine all⸗ Magd, en n einmal e, bat t einem und willen, wollte e mehr nt und a hörte nd Ge⸗ chtigen, r dem⸗ r von ie aus 233 Arelholm Nichts wiſſend, nach kurzer Abweſenheit dahin, zurückzufahren beabſichtigte und hier angehalten hatte, um ſeine Pferde ausſchnaufen zu laſſen und ſelbſt ein Glas von dem berühmten Bier dieſes Orts ſich zu Ge⸗ müth zu führen. Die Geſellſchaft, die er jetzt ſo un⸗ vermuthet hier antraf, veranlaßte ihn, ſeinen Plan zu ändern. Er beſchloß, die Familie nach der Stadt zu begleiten und bat Tante und Bäschen inſtändig, ſich ſeines Landauers zu bedienen. Es würde ihnen gewiß gefallen; er gehe ſo beiſpiellos leicht, er ſei ſo kommod, man koͤnne mit der größten Bequemlichkeit darin ſchlafen, ſelbſt auf den allerholprigſten Wegen u. ſ. w. Eliſe, die von dem umbarmherzigen Gerüttel der Miethwagen wirklich etwas angegriffen war, zeigte ſich geneigt, das Anerbieten anzunehmen und da es eben zu regnen be⸗ gann und der Landrichter daher lieber im Wagen, als in dem Kabriolet ſaß, worin er mit Eva gekommen war, ſo war die Sache bald abgemacht. Eliſe ſollte mit ei⸗ nigen von den Töchtern im Landauer fahren, der in⸗ zwiſchen in eine Kutſche umgewandelt worden war; der Landrichter und die übrige Geſellſchaft ſollten ſich in die andern Wägen vertheilen. Als man einſteigen wollte, hatte Jakobi ſeinen Medeviwagen dicht an den Landauer des Gutsbeſitzers geführt und der Gutsbeſitzer ſah mehr als einmal mit finſterer Miene nach, ob keine profane und ſchädliche Berührung zwiſchen dem kleinen und großen Wagen ſtattfinde. Jakobis Herz klopfte heftig, als Louiſe auf die Treppe herauskam. Der Gutsbeſitzer ſtand auf der einen Seite und hielt ihr die Hand hin, Jakobi auf der andern und bot die ſeinige an, um ſie an ihren früheren Platz zu führen. Louiſe ſchien matt und ging langſam. Einen Augenblick ſchien ſie zu ſchwanken, reichte aber dann mit niedergeſchlagenen Augen ihre Hand dem Gutsbeſitzer, der ſie mit triumphirendem Geſichte in den Wagen neben ihre Mutter hob und hinter ihr ſelbſt hineinſtieg. Im nächſten Augenblick ſchaukelte der Lan⸗ dauer, gezogen von den tanzenden Füchſen fort. Jakobi 234 legte die Hand auf ſeine Bruſt, ein erſtickendes Gefühl nahm ihm den Athem und Thränen traten ihm in die Augen, als er dem großen dahinrollenden Wagen nach⸗ blickte. Aus ſeinen ſchmerzlichen Betrachtungen wurde er⸗von Petrea erweckt, die ihm ſcherzend zu wiſſen that, er könne jetzt das beneidenswerthe Glück haben, ſie und den Aſſeſſor im Medeviwagen zu führen. Schweigend nahm er ſeinen früheren Sitz wieder ein; ſein Herz war voll Unruhe und er blieb abſichtlich weit hinter den An⸗ dern zurück, um auch keine Spur von dem Landauer in die Augen zu bekommen. Kaum hatte der Medeviwagen aufs Neue angefan⸗ gen, mit den Gruben auf der Landſtraße Bekanntſchaft zu mächen, als bei einem heftigen Stoß das eine Vor⸗ derrad abſchnellte und der Kandidat ſammt dem Aſſeſſor und Petrea über einander in den Schmutz hinabvolti⸗ girten. Aber ſchnell ſtanden ſie wieder alle drei auf den Füßen. Petrea lachte, der Aſſeſſor tobte und fluchte. Als Jakobi alles Lebendige unbeſchädigt ſah, nahm er das Unglück ruhig auf und dachte nur daran, wie hier abzuhelfen ſei. Nach einer kurzen Berathung im Staub⸗ regen wurde beſchloſſen, Jakobi ſolle beim Wagen blei⸗ ben, bis Hülfe herbeikomme, Petrea und der Aſſeſſor aber wollten inzwiſchen zu Fuß nach der Stadt zurück⸗ wandern und ihm bei der nächſten Gelegenheit Leute zu⸗ ſchicken. Ein Arbeiter, der des Wegs kam, verſprach ſogleich welche herbeizuſchaffen und Petrea und der Aſſeſ⸗ ſor Munter, der ganz und gar nicht munter war, be⸗ gannen ihre Wanderung in Regen und Schmutz. Aber während derſelben wurde Petrea immer heiterer und glück⸗ licher. Zuerſt und vor Allem war ihr ein Abenteuer zu⸗ geſtoßen; fürs Zweite war ſie noch nie in einem ſolchen Wetter draußen geweſen; fürs Dritte fühlte ſie ſich ſo leicht und frei, wie nur ſelten, denn da ſie ihre Kleider vom Schickſale ſelbſt— einer Macht, gegen die keine andere auf Erden proteſtiren könne— preisgegeben glaubte, * ſo ſpazierte ſie nach Herzensluſt weiter, platſchte in den —— Pſütze ihre Hut a hinaus nen. ihrem mit Hang ſie, w Sie fi zu ſeit dürfen gegenr mit d ganzen Demü ſchafts ſo lack Freihe eine ſit ten in — da Orkan Petres ſen m ſah ſie nahe Petrea von w gegent gaſtfre Währe ſich P mit g Eremi ten he ach ſi ———————— ⸗ 235 Gefühl Pfützen, fühlte mit größtem Vergnügen, wie der Regen in die ihre Kleider durchnäßte und die Farbe von Shawl und nach⸗ Hhut abflößte, ja ſie hielt die Naſe hoch in das Wetter wurde hinaus, um den herrlichen Regen recht genießen zu kön⸗ that, nen. Petrea hatte in dieſer Liebhaberei Aehnlichkeit mit ie und ihrem Bruder und ſchmeichelte ſich halb und halb, auch eigend p mit Diogenes welche zu haben, ja bei ihrem großen z war Hang zu Ertremen wollte ſie gern Diogenes ſein, da n An⸗ ſie, was ſie wohl einſah— nicht Alerander ſein konnte. uer in Sie fühlte jetzt wirklich, daß ſie, um glücklich im Leben zu ſein, ſehr wenig von ſeinen äußern Comforts be⸗ gefan⸗ dürfen würde. Sie fühlte ſich ſo frei und reich in ihrer tſchaft gegenwärtigen Lage, ſie war du mit den Regentropfen, Vor⸗ mit den Winden, mit Gebüſchen und Gras, mit der lſſeſſor ganzen Natur; hier brauchte ſie die Mißgeſchicke und bvolti⸗ Demüthigungen nicht zu fürchten, die ſie oft im Geſell⸗ uf den ſchaftsleben trafen— wenn die Elſtern ſie auslachten, luchte. ſo lachte ſie die Elſtern wiederum aus. Es lebe die hm er Freiheit! Durch alle dieſe Eindrücke gerieth Petrea in e hier eine ſo übertrieben luſtige Laune, daß ſie ihren Gefähr⸗ Staub⸗ ten im Unglück— Glück hieß es in ihrem Wörterbuch blei⸗— damit anſteckte. Aber jetzt kam ein fürchterlicher Aſſeſſor Orkan, gefolgt von Hagel, deſſen grobe Körner mit zurück⸗ Petreas Naſe auf eine Art Du ſprachen, die ſie betrof⸗ te zu⸗ ſen machte und beinahe ein wenig beleidigte. Der Aſſeſſor rſprach ſah ſich nach Schutz um und entzückt darüber, daß ſie Aſſeſ⸗ nahe daran war, fortgeblaſen zu, werden, folgte ihm r, be⸗ Petrea auf einem ſchmalen Fußweg in den Wald hinein, Aber von wo aus ihnen der Sturm einen Rauchwirbel ent⸗ glück⸗ 5 gegentrieb, gleichſam zur Nachricht, daß man hier in ler zu⸗ gaſtfreier Hütte Schutz gegen das Unwetter finden könne. ſolchen Während der Wanderung, um dieſe aufzuſuchen, trieb ſich ſo ſich Petreas Einbildungskraft losgelaſſener als der Sturm Kleider mit gränzenloſen Vorſtellungen von Raubſchlöſſern, weiſen keine Eremiten, verborgenen Schätzen und andern Herrlichkei⸗ laubte, ten herum, zu denen der Rauch ſie führen werde. Aber in den ach ſie waren ziemlich auf Rauch gebaut, denn dieſer 236 ſtieg aus einem ſchwarzen Kohlenmeiler auf und mit der verborgenen Gottheit in deſſen Tiefe, von welcher der Rauch zeugte, hatte Petrea nicht die geringſte Luſt, nä⸗ here Bekanntſchaft zu machen. Nicht weit von dem Mei⸗ ler ſtand eine kleine Köhlerhütte in Zuckerhutformat. Der Aſſeſſor ſtieß die unverſchloſſene Thür auf. Kein Eremit, nicht einmal ein Räuber verweilte darin, die Hütte war leer, aber dicht und reinlich; mit ausneh⸗ mendem Vergnügen nahm der Aſſeſſor Beſitz davon und ſetzte ſich neben Petrea auf die einzige vorhandene Bank. Petrea ſeufzte. Welche armſelige Verwandlung ihrer prachtvollen Luftſchlöſſer! Der Anblick, der ſich durch die offene Thür der Hütte darbot, hatte kein Intereſſe für ſie, ſchien aber den Aſſeſſor ſchwer zu beſchäftigen. Man befand ſich in tiefem Walde, es war eine wilde Einſamkeit, aber edler Natur. Vor der Hütte war der Platz leer, aber rundumher ſtanden Fichten und Föhren in kühlen Gruppen und beugten ſich nicht, während der Sturm in ihren Kronen ſauste. Einige waren gefallen, aber ſichtlich aus Alter; Gras und Blumen wuchſen in der Erde, die dieſe Patriarchen des Waldes im Falle mit ihren gewaltigen Wurzeln aufgeriſſen hatten. Ge⸗ trennt von den übrigen ſtanden zwei Bäume in einer Gruppe für ſich; zwei hohe Fichten. Die eine war aus⸗ gedorrt und ſchien nahe daran, ſich von ihrer Wurzel zu trennen, aber die andere, jung, grün und ſtark, hatte ſie dermaßen mit ihren Zweigen umflochten, daß ſie gleich⸗ wohl aufrecht ſtand, ihre verwelkten Arme mit den grü⸗ nenden umwickelt; ſo ſtand ſie in den Armen der andern und fiel nicht, obgleich der Sturm ſie ſchüttelte. Der junge Baum hielt den alten aufrecht und ſchützte ihn. Des Aſſeſſors ausdrucksvolle Blicke ruhten lange auf den beiden Bäumen, ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, das ihm eigenthümliche ſchoͤne, aber wehmüthige Lächeln lag auf ſeinen Lippen und wohlthuende Gefühle ſchienen ſeine Bruſt zu erfüllen. Er erzählte Petrea von einem Volke der Vorzeit, das in Wüſten gewohnt, er ſprach . von für de ten a ber a und einem nen. einem war. noſſen Nach Ernſt men hochſt theils widm ten ſi beſché ihrer gen( ten Wan demu allwe jenſei milde math einzul mann Atme iſt ni in d Petr chen nen, it der r der ſt, nä⸗ Mei⸗ ormat. Kein , die usneh⸗ n und Bank. ihrer durch ntereſſe iftigen. wilde ar der Föhren nd der efallen, ſen in Falle einer as⸗ rzel zu tte ſie gleich⸗ n grü⸗ andern Der zte ihn. uf den hränen, Lächeln ſchienen einem ſprach von der Eſſäer reiner Gemeinſchaft(einer Morgenröthe für den Tag des Chriſtenthums) und ſeine Worte laute⸗ ten alſo: „Verlangen nach Heiligung trieb Männer und Wei⸗ ber aus dem Weltgetümmel, aus den großen Städten und ſie gingen in die Wüſte hinaus, um ſich ungeſtört einem reinen und vollkommenen Leben widmen zu kön⸗ nen. Hier bauten ſie ſich Hütten und bildeten ſich zu einem Staate, deſſen Geſetz Gottesverehrung und Arbeit war. Kein irdiſches Gut wurde des Genuſſes wegen ge⸗ noſſen, ſondern bloß als Mittel zu einem hoͤheren Leben. Nach Reinheit ſtrebten ſie an Seele und Leib; Ruhe und Ernſt zeichnete ihr Weſen aus. Mit Sonnenaufgang ka⸗ men ſie zuſammen und erhoben Gebete und Geſänge zum hoͤchſten Weſen. Siebenzehn Stunden des Tages wurden theils der Arbeit, theils Studien und Betrachtungen ge⸗ widmet. Ihre Bedürfniſſe waren gering, deßwegen konn⸗ ten ſie auch leicht leben. Ihre Geſpräche waren edel und beſchäftigten ſich mit Begründung der tiefen Lehren, die ihrer Sekte angehörten. Denn ſie glaubten an einen ewi⸗ gen Gott, deſſen Weſen Licht und Reinheit ſei; ihm ſuch⸗ ten ſie ſich zu nähern durch Reinheit des Herzens und Wandels, durch Verwerfung aller Lüſte der Welt, durch demuthsvolle Ergründung und Begreifung der Werke des allweiſen Schöpfers. Sie glaubten an ſtille Wohnungen jenſeits der irdiſchen Wanderungen, wo klare Gewäſſer und milde Winde ſpielen, wo Fruͤhling und Friede ihre Hei⸗ math haben;— dort hofften ſie nach vollendeter Fahrt einzulaufen.“ Es fehlt nicht an Lichtſtrahlen auf der Erde. In mannigfaltigen Richtungen durchbrechen ſie ihre nebeligte Atmosphäre. Aber des Menſchen Empfänglichkeit dafür iſt nicht immer die gleiche. Des Aſſeſſors Worte machten in dieſm Augenblick einen unbeſchreiblichen Eindruck auf Petrea. Sie weinte vor unaus ſprechlichen, aber liebli⸗ chen Gefühlen bei der Schilderung eines ſo vollkomme⸗ nen, ſo heiligen Zuſtandes und Strebens. Sie glaubte 238 ihren eigenen Beruf, ihren eigenen Lebensweg darin zu erkennen, den Weg, worauf alle Kleinlichkeiten der Welt, alle Eitelkeiten und Verworrenheiten ſich von ihrer Seele löſen, wo ſie zu Licht und Frieden gelangen würde. Während dieſe Gedanken oder beſſer Gefühle ihre Bruſt ſchwellten, ſah ſie durch ihre Thränen Jeremias an, der mit ſeinem ausdrucksvollen Geſichte daſaß, mit ſeinem großen ſchönen Auge die Naturſcene vor ſich gedankenvoll petrachtend. Auf einmal ſah Petrea in ihm nicht mehr den Aſſeſſor Munter, ſondern einen weiſen Eremiten mit einer Seele voll hoher und heiliger Gelehrſamkeit. Es verlangte ſie, ihm zu Füßen zu fallen und ſeinen Segen zu begehren, ſie wollte ihm vorſchlagen, ſich auf immer mit ihr in dieſer Einſamkeit, dieſer Hütte niederzulaſ⸗ ſen; er ſollte ſie Weisheit lehren, ſie wollte ihn pflegen wie eine Tochter und Dienerin, wollte mit Sonnenauf⸗ gang aufſtehen, mit ihm das Gebet verrichten und in Allem thun, wie die Eſſäer. So wollten ſie dann für die Welt ſterben und blos für den Himmel leben. Hin⸗ geriſſen von ihren aufgeregten Gefühlen und einer Art unaus ſprechlicher Sehnſucht, überließ ſich Petrea der Ein⸗ gebung des Augenblicks und beinahe erſtickt von Thränen ſank ſie, ihre unklaren Wünſche ſtammelnd, Jeremias an die Bruſt. Wäre ihm ein Mühlſtein um den Hals gefällen, ſo hätte unſer guter Aſſeſſor nicht verblüffter ſein können. Er hatte, in ſeine eigenen Gedanken vertieft, in die⸗ ſem Augenblick unſere Petrea ganz vergeſſen, als ſie ihn auf eine ſo unerwartete Art an ihre Gegenwart er⸗ innerte. Indeß war er der Mann, die Gemüthsbewe⸗ gung und Herzensmeinung des jungen Mädchens zu ver⸗ ſtehen und mit reinem Ernſt im Auge und der gut⸗ müthigſten Sathre, die ihm um den Mund ſpielte ſuchte er Petreas über alle Schranken tretende Gefühle zu beruhigen. Dann ſprach er zu ihr ſchöne Worte, wie das Leben überall ruhig und geheiligt werde, wo man ſeine Hütte bauen möge, in der Wüſte oder im —— Menſch in kom die cha 5 der Af nicht d die Na ihr de zählen mehrte ſchenkte alten 2 Reisbü ſchel in chen zu linge, Aſſeſſor ihn mit er hoͤch teten! muntere A gänzlich der un ein ga Jeremie er lauſ ſagte: den jun darin ſſ Kleinen ihre Er auch hätte ſ Unterne und be ſchieden rin zu Welt, Seele würde. Bruſt der ſeinem kenvoll t mehr en mit Es Segen immer rzulaſ⸗ pflegen enauf⸗ und in nn für Hin⸗ Art r Ein⸗ hränen ias an en, ſo können. n die⸗ ls ſie art er⸗ sbewe⸗ zu ver⸗ rgut⸗ ſpielte efühle Worte, wo der im 239 Menſchengedränge, Worte die Petrea nie vergaß und die in kommenden Tagen oft gleich reinen Lichtſtrahlen durch die chaotiſchen Zuſtände ihrer Seele brachen. n Inzwiſchen hatte ſich das Ungewitter verzogen und der Aſſeſſor dachte auf den Rückweg, denn Petrea dachte nicht daran, ſondern hätte ſich gerne genöthigt geſehen, die Nacht im finſtern Walde zuzubringen. Doch lächelte ihr der Gedanke entgegen, ihre Abenteuer zu Hauſe er⸗ zählen zu können, und bevor ſie aus dem Walde kam, ver⸗ mehrte ſie die Summe derſelben, denn das Schickſal ſchenkte ihr das Glück, mit Hülfe des Aſſeſſors einem alten Weib auf die Beine zu helfen, das unter einem Reisbüſchel zuſammengeſunken war, das beſagte Reisbü⸗ ſchel in die Hütte der alten tragen und ihr Feuer anma⸗ chen zu dürfen. Endlich gelang es ihr noch, zwei Sper⸗ linge, die ein Knabe gefangen hatte, und zuletzt gar den Aſſeſſor ſelbſt von einem Dornbuſch zu befreien, der ihn mit aller Macht feſthalten zu wollen ſchien, ſo daß er hoͤchlich darüber ergrimmt war. Petreas Hände blu⸗ teten beim Befreiungsakte, aber dies machte ſie um ſo munterer. Als ſie aus dem Walde traten, hatte der Regen gänzlich aufgehört. Der Wind war ſtill und der Lon der untergehenden Sonne beleuchtete Himmel verbreitete ein ganz eigenes ſchoͤnes Licht über die Gegend. Auch Jeremias Munters Phyſiognomie hellte ſich wieder auf, er lauſchte dem aufſteigenden Geſange der Vögel und ſagte;„Das iſt ſchön;“ er ſah die Tropfen an, die an den jungen Gräſern hingen, ſah, wie der Himmel ſich darin ſpiegelte und er lächelte und ſagte:„Das iſt rein.“ Kleinen Kindern, denen ſie begegnete, gab Petrea alle ihre Erſparniſſe von den Arelholmer Feſten und hätte gerne auch einige von ihren Kleidungsſtücken dazu gegeben, hätte ſie nicht Louiſe und die Mutter gefürchtet. Ihr Unternehmungsgeiſt wünſchte ſich noch mehr Abenteuer und beſonders einen längeren Weg, als ihr diesmal be⸗ ſchieden war. Sie meinte, ſie komme gar zu bald nach N 240 Hauſe, aber der Aſſeſſor meinte das nicht und die früher Angelangten ebenfalls nicht, im Gegentheil fingen ſie be⸗ reits an, über ihr langes Ausbleiben ernſtlich unruhig zu werden. Inzwiſchen waren der Aſſeſſor und Petrea auf ihrem Spaziergang ganz gute Freunde geworden. Petrea wurde wegen ihrer Tapferkeit geprieſen und Heinrich dekla⸗ mirte pathetiſch zu ihrem Lobe: „Nicht Jeder kann die Höh des Kenofon erſteigen, Lorbeeren nicht als Held und als Gelehrter zeigen.“ Und man lachte. Scenen im Hauſe. — „Draußen mag es gut ſein, aber zu Hauſe iſt es am Beſten,“ ſagte Eliſe aus Herzensgrund, als ſie ſich wieder daheim und bei ihrem Manne befand. Die jun⸗ gen Leutchen bemerkten Nichts dagegegen, nachdem ſie zu ihrem gemüthlichen Alltagsleben zurückgekehrt waren. Erinnerungen und Erzählungen von der letztverfloſſenen Zeit trugen auch dazu bei, ihnen neuen Reiz zu verleihen. Man hoffte, Louiſe werde jetzt wieder werden wie früher, angenehm und zufrieden bei ihrer ruhigen Wirkſamkeit im Haus und der Familie. Allein Louiſe wurde ſich ganz ungleich. Ein nagender Schmerz ſchien ſie zu ver⸗ zehren, ſie fiel zſhen ab, ihre gute Laune war dahin und oft ſah man ihre Augen roth. Vergebens forſchten Eltern und Geſchwiſter mit zärtlicher Unruhe nach der Urſache ihres Zuſtandes; ſie wollte ſich Niemand eroffnen. Daß die Wurzel des Uebels im Herzen ſitze, konnte ſie nicht läugnen, aber ſie ſchien entſchloſſen, es vor den Blicken des Tages geheim zu halten. Auch Jakobi fing jetzt an bleich zu werden und abzufallen, denn er grämte ſich tief über Louiſens Gemüthsſtimmung, und ihr ver⸗ ändertes Weſen namentlich gegen ihn brachte ihn auf den Gedanken, er möchte ſie vielleicht unwiſſentlich beleidigt haben oder auf irgend eine Weiſe an ihrem Mißvergnügeß —— Schul Werth Dieſe zu näl veranl wollen (Loui 4 (L E langwe U Welt einzige S gerne (Für ſi Mund C zehn E undeut ſpielen 3 auf m Br e früher ſie be⸗ tuhig zu trea auf Petrea h dekla⸗ uſe iſt es ſie ſich Die jun⸗ m ſie zu waren. rfloſſenen verleihen. ie früher, irkſamkeit urde ſich e u er⸗ var dahin forſchten nach der eroffnen. konnte ſie oer den kobi fing er grämte ihr ver⸗ na den h beleidigt zvergnügeß Schuld ſein, und nie fühlte er mehr als jetzt, welch hohen Werth er auf Louiſe legte, wie herzlich er ſie liebte. Dieſe Spannung und Jakobis Bemühungen, ſich Louiſe zu nähern und ein freundliches Verhältniß zurückzuführen, t allerhand kleine Auftritte, die wir hier darſtellen wollen. Srſe tri (Louiſe ſitzt am Fenſter bei einer Tapiſſeriearbeit. Jakobi ſetzt ſich ihr gegenüber.) Jakobi(ſeufzend). Ach Fräulein Louiſe! Loniſe ſieht auf ihre Hirtin, ſchweigt und näht.) Jakobi. Seit einiger Zeit kommt mir Alles in der Welt ſo langweilig und ſchwerfällig vor. (Louiſe ſchweiat und näht.) Jakobi. Und Sie könnten ſo leicht machen, daß man die Welt anders empfände. Ach, Fräulein Louiſe, nur ein einziges gutes Wort, einen freundlichen Blick!... Haben Sie nicht einen freundlichen Blick dem zu geben, der gerne Alles hingeben würde, um Sie glücklich zu ſehen? Für ſich.. Sie wird roth, ſie ſcheint gerührt, ſie öffnet den Mund;— ach was wird ſie mir ſagen? LTouiſe. Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben, acht, neun, zehn Stiche bis zur Naſe. Das Muſter iſt ein wenig undeutlich. Jakobi. Sie wollen mich nicht hören, nicht verſtehen. Sie ſpielen mit meiner Qual! Ach Louiſe! i Ich muß etwas mehr Garn haben; ich habs oben auf meinem Zimmer liegen laſſen.(Sie geht.) Bremer, das Haus. 3 16 242 Zweiter Auftritt. (Die Familie iſt in der Bibliothek verſammelt; der Thee ſo eben getrunken. Louiſe ſchlägt auf Petrea s und Ga⸗ brielens eifrige Bitten auf einem kléinen Tiſche Karten, um den Schweſtern ihre Schickſale zu prophezeien. Der Kan⸗ didat ſetzt ſich neben ſie und ſcheint entſchloſſen, mit der Farbe heraus urücken und munter zu ſein. Aber der Gegen⸗ ſtand blickt domkirchenartiger darein als je. Der Gutsbe⸗ ſitzer tritt ein, verbeugt ſich, ſchneuzt ſich und küßt der„gnä⸗ diaen Tante“ die Hand.) Der Gutsbeſitzer. Sehr kalt, heute Abend! Ich glaube gewiß, wir be⸗ kommen Froſt. Cliſe. Ein betrübter Frühling, das! Wir haben erſt ieu⸗ lich eine wahrhaft klägliche Erzählung von der Hungers⸗ noth in den nordlichen Provinzen geleſen. Es iſt gar zu traurig mit dieſen Fehljahren. Der Gutsbeſitzer. ⸗ Ach ja die Hungersnoth da oben. Doch laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechenz dieß iſt zu traurig. Ich habe meine Erbſen mit Stroh bedecken laſſen. Bäs⸗ chen Louiſe, legen Sie gerne Patience? Ich thue es auch ſehr gerne. Es iſt ſo calmirend. Auf meinem Gute Eſtanvik habe ich ganz kleine, kleine Patiencekarten.—— Glaube gewiß, daß ſie Ihnen gefallen werden, Bäschen Louiſe. (Der Gutsbeſitzer ſetzt ſich auf die andere Seite des Gegen⸗ ſtands. Der Kandidat ſonderbare Zuckungen.) ouiſe. Dieß iſt keine Patience, ſondern ein kleines Zauber⸗ kunſtſtück, um künftige Schickſale zu erforſchen. Soll ich Ihnen auch wahrſagen, Vetter Thure? Der Gutsbeſitzer. Ach ja, ſagen Sie mir ein wenig wahr; aber nur nichts Unangenehmes. Wenn ich Abends etwas Unange⸗ * 3 nehm pheze chen (mit von (der habe Auf blaue habe Louiſ (Der aus. Kart erſchr Woh jedoch (Die Thee ſo nd Ga⸗ Karten, er Kan⸗ mit der r Gegen⸗ utsbe⸗ er„nä⸗ wir be⸗ erſt neu⸗ Hungers⸗ t gar zu „ ſſen Sie traurig. 1. Bäs⸗ es auch m Gute Bäschen es Gegen⸗ ungen Zauber⸗ Soll ich aber nur Unange⸗ 243 nehmes höre, träume ich immer ſchlecht bei Nacht. Pro⸗ phezeien Sie mir hübſch ein liebes Weibchen, ein Weib⸗ chen ſchön und liebenswürdig, wie mein Bäschen Louiſe. Der Randidat (mit einem Paar Augen, als wellte er den Gutsbeſitzer über Hals und Kopf nach Eſtanvik zurückſchicken), Ich weiß nicht, ob Fräulein Louiſe eine Freundin von Schmeicheleien iſt. Der Gutsbeſitzer (der ſich ſtellt, als ob er ſeinen Nebenbuhler weder ſähe noch höre). Bäschen Louiſe, lieben Sie Blau? LTouiße. Blau? Das iſt eine ganz ſchöne Farbe. Aber ich habe doch Grün beinahe noch lieber. Der Gutsbe Nun das iſt ja recht angenehm, das paßt vortref ich. Auf Eſtanvik ſind meine Möbel im Geſellſchaftszimmer blaue, ſchöne, hellblaue Seide. Aber im Schlafzimmer habe ich grünen Merinov. Ich glaube gewiß, Bäschen Loniſe, daß (Der Kandidat huſtet, als wollte er vergehen und läuft hin⸗ aus. Louiſe ſieht ihm nach, ſeufzt und findet ſodann in den Karten ſo viel uUnglück für Vetter Thure, daß dieſer ganz erſchrickt. Die Erbſen erfroren.— Feuersbrunſt in der Wohnſtube und endlich— ein Korb; der Gutsbeſitzer erklärt jedoch lachend, er gedenke keinen ſolchen anzunehmen. Die Schweſtern kichern und machen Bemerkungen.) Dritter rin (Die Familie iſt nach dem Souper verſammelt. Der Aſſeſ⸗ ſor wirft die Frage auf:) „Was iſt das bitterſte Leiden?“ Jakobi. Unerwiederte Liebe. 244 Petrea. Nicht wiſſen, wie man ſein ſoll. Eva. den man liebt, ein nie wieder gut zu ma⸗ chendes Leid gethan zu haben. Die Mutter. Ich halte es mit Eva. Ich glaube, daß es nichts Schmerzlicheres geben kann. LTouiße. Ja es gibt etwas noch Schmerzlicheres, noch Bitte⸗ reres und das iſt, den Glauben an diejenigen zu verlieren, die man lieb hat, ſie nicht mehr vollkommen hochachten zu können zu zweifeln an... (Louiſens Lippen zittern und können nicht vollenden; ſie erblaßt, ſteht ſchnell auf und eilt hinaus. Allgemeine Senſation.) Der Vater. Was iſt das mit Louiſe? Eliſe, wir müſſen ins Klare kommen, was an ihr iſt. Sie ſoll, ſie muß es ſagen. Ich halte es nicht länger aus, ſie ſo zu ſehen und ich gehe ſogleich hin, um mit ihr zu ſprechen, wenn du es nicht lieber ſelbſt thun willſt. Aber du darſſt ſie nicht loslaſſen, bis ſie ſich ganz entdeckt hat. Das Ab⸗ ſcheulichſte, was ich auf der Welt weiß, ſind Geheimniſſe und Nervenzuſtände. Die Mutter. Ich gehe ſogleich zu ihr. Ich habe jetzt eine Ah⸗ nung beſter Ernſt! Wenn ich, ausbleibe, ſo laß die Andern ſich zur Ruhe begeben. 3 treffe dich dann allein. Sie geht Die? gelehi habe du at Alle bisher Zartg res G dich! doch cherli Zuſta verlie bitte, mir! du ni Antn fühle zu ma⸗ nichts Bitte⸗ erlieren, chachten den; ſie ſation.) ſen ins muß es u ſehen „wenn ufſt ſie s Ab⸗ eimniſſe ne Ah⸗ ibe, ſo ffe dich eht.) — wierter Wuftritt. Mutter und Tochter. Die Tochter liegt auf den Knieen, das Geſicht in ihre Hände gelehnt. Die Mutter geht leiſe zu ihr und ſchlägt ihre Arme um ſie.) Die Mutter. Louiſe, mein gutes Mädchen! Was iſt an dir? So habe ich dich noch nie geſehen! Du mußt mir ſagen, was du auf dem Herzen haſt. Du mußt. Louiſe. Ich kann nicht, ich darf nicht. Die Mutter. Du darfſt und kannſt. Willſt du mich, willſt du uns Alle dadurch ungluͤcklich machen, daß du fortfährſt, wie bisher? Ach Louiſe! Laß keine ſalſche Scham, kein falſches Zartgefühl dich irre leiten. Sage mir, brichſt du ein theu⸗ res Gelübde, eine heilige Pflicht, wenn du geſtehſt, was dich drückt? Louiſe. Kein keine heilige Pflicht und doch... doch. Die Mutter. Nun, mein Kind, ſo ſprich in Gottes Namen. Si⸗ cherlich iſt irgend ein ungegründeter Verdacht an deinem Zuſtande Schuld. Die Worte, mit denen du uns heute verließeſt. was bedeuteten ſie? Du weinſt! Louiſe, ich bitte, ich flehe dich an, wenn du mich lieb haſt, verbirg mir Nichts. Wer iſt es unter denen, die du liebſt, dem du nicht mehr glauben, den du nicht mehr hochachten kannſt? Antworte mir. Iſt es— deine Mutter? Louiſe. Mutter, Mutter! Ach wenn du mich ſo anſiehſt, ſo fühle ich einen Schmerz und doch eine Beruhigung. Ach . 246 mein Gott! Alles kann ja ein Irrthum, eine elende Verläumdung ſein und ich.. nun gut, es mag alſo heraus das Geheimniß, das mein Herz verzehrt hat und das zu bewahren ich für Pflicht hielt. Aber verzeih mir, Mutter, wenn ich dir wehe thue! Verzeih, wenn dein Friede durch meine Worte geſtört werden ſollte; verzeih, wenn ich in meiner Schwachheit, in meinem Zweifel dir Unrecht gethan habe; verzeih und nimm die Qualen weg, die mein Leben vergiften. Ach, ſiehſt dun Mutter, es war meine und meiner Geſchwiſter Freude, dich ſo flecken⸗ los, ſo engelrein zu denken! Es war mein Stolz, daß du ſo warſt und daß du meine Mutter warſt! und jetzt 5 Die Mutter. Und jetzt, Louiſe? Louiſe. Und jetzt hat man mir zugeflüſtert, daß o ich kann die Worte nicht ſagen! Die Mutter. Sage ſie! Ich verlange, ich fordere es von dir. Wir ſtehen Beide vor Gottes Richterſtuhl. LTouiſe. Man hat mir den Glauben einflößen wollen, daß auch meine Mutter nicht fleckenlos ſei. Daß ſie und... Die Mutter. Fahre fort, Louiſe. Louiſe. Daß ſie und Jakobi einander geliebt haben, daß böſe Zungen nicht Unrecht gehabt haben in ihrem Tadel gegen ſie und daß noch jetzt... Ich verachtete dieſes Geſchwätz; ich verachtete diejenige, die ſo ſprach. Ich ſuchte dieſe Gedanken als verbrecheriſch aus meiner Seele zu verjagen. Da geſchah es eines Tags, daß ich dich ſuchte, Mutter, und Jakobi vor dir knieen ſah und von ſeiner Liebe ſprechen horte. Die Mutter. Und was iſt dein Glaube bei All dem? — Auge habe fel n Nien Kind dieſe Aber keine alle in a dich male in ſe gung du, liche zeihe ten ande was kobi, bekä und nich anve und reick ja 1 er mic len ſcha mir 247 elende Louiſe. ag alſo Ach, ich weiß nicht, was ich glaube. Aber ſeit dieſem hat und Augenblick iſt kein Friede in meiner Seele geweſen und ich ih mir, habe geglaubt, er werde nie wieder kommen, meine Zwei⸗ nn dein fel werden ſich nie löſen können, weil ich glaubte, ſie vor verzeih, Niemand entdecken zu können. eifel dir* Die Mutter. en weg, Laß den Frieden in dein Herz wiederkehren, mein ter, es Kind. Guter Gott! Wie unglücklich wäre ich nicht in flecken⸗ dieſem Augenblick, wenn mein Gewiſſen nicht rein wäre! daß du Aber Gott ſei Dank! mein Kind, deine Mutter hat ſich „ und keinen ſolchen Fehler vorzuwerfen, und Jakobi verdient alle deine Achtung, alle deine Zuneigung. Ich will dir in aller Einfachheit ſagen, was Wahres iſt an dem, was dich ſo beunruhigt hat. Einen Augenblick— es war da⸗ mals, als Jakobi zuerſt in unſer Haus kam— erwachte o ich in ſeinem jungen, unbewachten Herzen eine wärmere Nei⸗ gung fur mich und wurde— zum Theil erwiedert. Aber 5 du, mein Kind, wirſt mich nicht wegen eines unwillkühr⸗ . Wir lichen, Gefühles verurtheilen, auf das dein Vater mit ver⸗ zeihendem Blick herabgeſehen hat. In einer gottgeſegne⸗ ten Stunde eroffnete er und ich unſere Herzen gegen ein⸗ n, daß ander, und ſeine Liebe, ſeine Kraft und Milde war es, nd was mir Kraft gab, meine Schwachheit zu beſiegen. Ja⸗ kobi, gleichfalls zum Bewußtſein ſeiner Verirrung erwacht, bekämpfte ſie und ſiegte. Wir trennten uns bald darauf und es war unſer Beider Wunſch, einander mehrere Jahre aß böſe nicht zu treffen. Inzwiſchen wurde Heinrich ſeiner Aufſicht l gegen anvertraut und Jakobi war ihm ein muſterhafter Freund chwätz;* und Lehrer. Als ich ihn drei Jahre ſpäter wieder ſah, te dieſe 7 reichte ich ihm die Hand, wie eine Schweſter und er— erjagen. ja mein liebes Mädchen, ich müßte mich ſehr irren, wenn Mutter, er nicht damals ſchon in ſeinem Herzen angefangen hätte ſprechen mich zu lieben wie— eine Mutter. Aber was dazuma⸗ len anfing, hat ſich ſeitdem vollendet;— in der Eigen⸗ ſchaft eines Sohnes haſt du ihn vor mir knieen ſehen, mir dankend, daß ich ſeine Liebe billige zu meiner Toch⸗ 2 ter, zu meiner Louiſe— die ſo unnöthigerweiſe ein Ge⸗ ſpenſt heraufbeſchworen hat, um ſich ſelbſt und uns Alle zu ſchrecken.“ Es lag im letztern Theile der Rede der Mutter eine ruhige Scherzhaftigkeit, die vielleicht mehr, als die ein⸗ fache Kraft der Erklärung ſelbſt eine glückſelige Ueber⸗ zeugung das Herz der Tochter erfüllen ließ. Sie drückte die Hände an ihre Bruſt und ſah dankbar zum Himmel hinauf. „Wenn du noch im Geringſten einen Zweifel hegſt,“ fuhr die Mutter fort,„ſo ſprich mit deinem Vater, ſprich mit Jakobi, ſie werden meine Worte beſtätigen. Aber ich ſehe, du bedarfſt deſſen nicht, dein Herz hat wieder Frie⸗ den, mein Kind.“ „Ach Gott ſei Dank! Gott ſei Dank!“ rief Louiſe, indem ſie zu den Knieen ihrer Mutter ſank, ſie umfaßte und ihre Hände und ihr Kleid mit Küſſen bedeckte:„O daß ich wieder zu dir aufſehen dürfte, meine Mutter! S kannſt du mir verzeihen, daß ich ſo ſchwach, ſo erbärm⸗ lich leichtgläubig war? Ich ſelbſt werde es mir nie, nie S verzeihen.“ Louiſe war außer ſich; ihr ganzer Leib zitterte heftig. Man hatte noch nie eine ſolche Gemüthsbewegung bei ihr geſehen. Die Mutter mußte Heilmittel für Seele und Kör⸗ per zugleich— zärtliche Worte und ſtillende Tropfen an⸗ wenden, um ihre Aufregung zu beruhigen. Die Mutter vermochte ſie, ſich niederzulegen, und ſetzte ſich dann an ihr Bett, hielt ihre Hände in der ihri⸗ gen und begann, um ſie zu zerſtreuen, auf eine feine Art ihre Stimmung in Beziehung auf den Kandidaten und den Gutsbeſitzer, als Freier betrachtet, zu unterſuchen. Aber Louiſe hatte in dieſem Augenblick nur ein Gefühl, einen Gedanken— die glückſelige Löſung ihrer Zweifel und Dank⸗ barkeit dafür. Als die Mutter ſie ruhiger ſah, ſagte ſie zu ihr mit einer Umarmung: „Schlaf jetzt wohl, mein liebes Mädchen. Ich muß dich jetzt verlaſſen, um zu Jemanden zu eilen, der un⸗ — — — gedul iſt de jetzt! ſage ich di ruhig word kannt ertras licher Mam Vertr wonn (Es Der! blüth Schoi Lou Pred findli Vate entge (D werd L bitter Lebet ————— 249 in Ge⸗* geduldig auf mich wartet und dieß iſt— dein Vater. Er 6 Alle iſt deinetwegen ſehr bekümmert geweſen, und ich kann ihn jetzt beruhigen, und zwar dadurch, daß ich ihm offen Alles er eine ſage, was wir hier geſprochen haben. Im Uebrigen muß ie ein⸗ ich dir ſagen, daß du Nichts geſagt haſt, was uns beun⸗ Ueber⸗ ruhigen kann. Daß ich von einigen Leuten verläumdet drückte worden bin und es noch jetzt werde, iſt ihm ſo gut be⸗ immel kannt, wie mir. Er hat mir geholfen, es mit Ruhe zu ertragen. Er iſt ein ſo wahrhaft überlegener, ſo vortreff⸗ hegſt,“ licher Mann. Ach Lyouiſe, es iſt ein großer Segen, wenn ſprich Mann und Frau, Eltern und Kinder ein vollkommenes ber ich. Vertrauen zu einander haben können. Es iſt ſo ſchön und Frie⸗ wonnevoll einander Alles in Liebe ſagen zu konnen.“ Louiſe, Z nfaßte. önter r! O Im Garten. bärm⸗.(Es iſt Morgen. Die Lerchen ſingen. Die Natziſſen duften. „ nie Der Vogelkirſchbaum ſäuſelt im Morgenwind. Die Kirſch⸗ blüthen bffnen ſich den Bienen, welche ſummend in ihren„ heftig. Schooß fliegen. Die Sonne ſcheint auf alle ihre Kinder. ei ihr Louiſe ſpaziert im mittelſten Gange mit des alten Nvahs d Kör⸗ Predigt in der Hand, aber ihre Augen ſind auf ein dabei be⸗ n an⸗ findliches Gedicht geheftet, das ſchlechterdings Nichts mit Vater Noah zu ſchaffen hat. Der Kandidat kommt von der und entgegengeſetzten Seite her, ſieht finſter aus und hält einen rihri⸗ ſchwarzen Pinſel in der Hand.) ie Art(Die Spazierenden begegnen ſich und grüßen ſich ſtumm.) b en Jakobi. Aber Darf ich einen Augenblick mit Ihnen ſprechen? Ich nen werde Sie nicht lange aufhalten. Dank⸗ Louiſe nickte ſtumm und erröthend mit dem Kopfe.) gte ſie Jakobi. Ich reiſe in einer Stunde von hier ab, muß Sie aber muß bitten, mir eine Frage zu beantworten, ehe ich Ihnen— n⸗ Lebewohl ſage. 250 Louiſe. Sie reiſen ab? Wohin? Warum? Jakobi. Wohin— iſt mir gleichgultig, wenn ich nur von hier wegkomme. Warum? Weil ich eine beharrliche Unfreundlichkeit von einer Perſon nicht ertragen kann, die — die mir ſo theuer iſt, von der ich einſt geglaubt hatte, ſie hege einige Freundſchaft für mich. Seit vierzehn Ta⸗ gen haben Sie mich auf eine Art behandelt, die mir das Leben verbittert hat und warum das 2 Bin ich ſo un⸗ glücklich geweſen, Sie zu beleidigen oder Ihr Mißvergnü⸗ gen zu erwecken? Aber warum verweigern Sie mir dann eine Erklärung darüber? Iſt es auch recht, Jemand un⸗ gehört zu verdammen? Und vollends einen Freund, einen Freund von Kindheit auf? Iſt es recht— verzeihen Sie mir, Louiſe, iſt es chriſtlich, ſo hart, ſo unbeweglich zu ſein?— Steht in den Predigten, die Sie ſo gerne leſen, Nichts von Güte, von Verſöhnlichkeit u. ſ. w.?“ Jakobi hatte eifrig und mit einem beinahe ſtrengen Ernſt geſprochen, der nicht oft aus ſeiner ſanften und fröh⸗ lichen Seele hervortrat. Mit tiefer Bewegung antwortete ihm Louiſe: Ich habe ſehr Unrecht gehabt und habe Ihnen ſehr Unrecht gethan. Aber ich bin hinters Licht geführt wor⸗ den;— ich kann Ihnen vielleicht ſpäter ſagen, wie. Seit geſtern Abend weiß ich, wie ich getäuſcht worden bin, wie ich mich ſelbſt getäuſcht habe;— jetzt weiß ich, Gott ſei Dank, daß in dieſer Sache Niemand Tadel verdient, als ich ſelbſt. Ich habe mir viel, viel vorzuwerfen, auch we⸗ gen meiner Verſchloſſenheit gegen die Meinigen, gegen Sie! Verzeihen Sie mir, beſter Jakobi,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihm beinahe demüthig die Hand reichte.„Ver⸗ zeihen Sie mir! Ich habe Ihnen wehe gethan; aber“— Louiſe hielt hier ihre Thränen nicht mebr zurück—„aber glauben Sie, daß es mir ſelbſt dabei nicht wohl zu Mu⸗ the war.“ „Dank, Dank, Louiſe!“ rief Jakobi, indem er ihre R Hand „Ach wieder zen S einem einer finden ten Z. Gefüh ben T geweſe Worte wecker was i Jakob reicher Liebe, glückl irdiſch einem und k zu v Leben das L und ſein, gen! träun der Spr von rliche , die hatte, Ta⸗ das un⸗ rgnü⸗ dann un⸗ einen Sie ch zu leſen, engen fröh⸗ ortete ſehr wor⸗ Seit , wie tt ſei „ als h we⸗ gegen fort, „Ver⸗ r— „aber Mu⸗ r ihre 251 Hand ergriff und an ſeine Bruſt und ſeine Lippen drückte. „Ach wie glücklich macht mich dieſe Güte! Jetzt kann ich wieder athmen! Jetzt kann ich mit ergebungsvollerem Her⸗ zen Sie verlaſſen.“ „Warum wollen Sie abreiſen?“ fragte Louiſe in einem halb verdrießlichen Ton. „Weil ich,“ antwortete Jakobi,„es nicht liebe, Zeuge einer Verlobung zu ſein, die wohl in Kurzem hier ſtatt⸗ finden wird; weil ich nach Ihrem Benehmen in der letz⸗ ten Zeit überzeugt ſein muß, daß Sie kein herzlicheres Gefühl für mich haben können.“ „Wenn dem ſo wäre,“ antwertete Louiſe in demſel⸗ ben Ton, wie früher,„ſo wäre ich nicht ſo kange betrübt geweſen.“ „Wie?“ rief Jakobi fröhlich,„ach Louiſe, welche Worte! welche kühne Hoffnungen können ſie in mir er⸗ wecken! Darf ich ſie Ihnen ſagen, darf ich Ihnen ſagen, was ich zuweilen gedacht habe und auch jetzt denke?“ Louiſe ſchwieg und Jakobi fuhr fort: „Ich habe gedacht, daß der geringe, der unbemittelte Jakobi Ihnen ein beſſeres Loos bieten koͤnnte, als Ihr reicher Vetter von Eſtanvik; ich habe gehofft, daß meine Liebe, die treue Hingebung meines ganzen Lebens Sie glücklich machen könnte, daß ein geringerer Theil von irdiſchen Gütern Ihnen genug ſein könnte, wenn er von einem Manne geboten würde, der Ihren Werth erkennt und keinen höhern Wunſch hat, als an Ihrer Hand ſich zu veredeln. O wenn dieſe theure Hand mich durchs Leben führen wollte, wie ruhig, wie klar würde mir nicht das Leben ſein! Dann würde ich ſeine Widerwärtigkeiten und Verſuchungen nicht fürchten. Wie wollte ich bemüht ſein, mich für dieſe Güte der Vorſehung dankbar zu zei⸗ gen! Ach Louiſe, ſo habe ich gedacht, geſchwärmt, ge⸗ träumt! O ſprechen Sie! waren es bloß Träume 2 Kann der Traum nicht Wirklichkeit werden?“ Louiſe zog ihre Hand nicht zurück und blickte den Sprechenden mit unendlicher Milde an. „Ein Wort!“ bat Jokobi,„ein Wort! darf ich ſa⸗ 252 gen, meine Louiſe, Louiſe mein?“ „Sprechen Sie mit meinen Eltern,“ ſagte Louiſe tief erröthend, indem ſie den Kopf abwandte. „Meine Louiſe!“ rief Jakobi und drückte ſie trunken von Zärtlichkeit und Freude an ſein Herz; aber Louiſe ſchob ihn ſanft weg, indem ſie ſagte: „Denken Sie an meine Eltern. Ohne ihre Einwilli⸗ gung gebe ich mein Verſprechen nicht. Ihre Antwort wird über mich beſtimmen.“ „Laß uns zuſammen hineilen, meine Louiſe, und um ihren Segen bitten.“ „Gehen Sie allein, beſter Jakobi,“ ſagte Louiſe. Ich fühle mich jetzt nicht ruhig, nicht ſtark genug;— ich werde Sie hier zurückerwarten.“ Mit dieſem fünften Auftritt glauben wir das kleine Drama zu einem gedeihlichen Ende geführt zu haben und machen deßwegen keine neuen Auftritte auf ſeine natürli⸗ chen Folgen. Als der Kandidat auf Freiers Füßen zu Louiſens Eltern eilte, ſtieß er am Thorweg hart mit Je⸗ mand zuſammen, der von der entgegengeſetzten Seite her⸗ kam. Die beiden Carambulirenden fuhren ein paar Schritte — nander verwundert an. zurück und der Gutsbeſitzer und der Kandidat ſtierten ei⸗ „Bitte um Verzeihung,“ ſagte der Kandidat und wollte vorüber. Aber der Gutsbeſitzer hielt ihn auf, in⸗ dem er eifrig und mit ſelbſtvergnügtem Lächeln ſagte: „Hören Sie, mein Freund! Können Sie mir nicht ſagen, ob mein Bäschen Louiſe im Garten iſt? Ich komme ſo eben von ihren Eltern und ſollte jetzt mit ihr ſprechen. Können Sie mir nicht ſagen, wo ſie iſt?“ „J. ich weiß nicht!“ rief der Kandidat, indem er ſich losriß, und eilte mit zu Louiſens Eltern hinauf. heimlichem Schreck im Herzen 2 F von Be eilte zi E nach a chen? die Ha ſie wa ſtimmt detes, T der Fi Wünſec jetzt ni viele„ Sonne richter Eliſe! Jakobi Wohl ren B den w lich d lich z größte Verlo! Alles a 5 ben T ihnen über e Heinr gnät auch Inner Gard Leinm tief nken ouiſe wort um Ich leine und rli⸗ zu her⸗ ritte ei⸗ und in⸗ icht nme hen. mer rzen 253 Inzwiſchen hatte der Gutsbeſitzer einen Schimmer von Bäschen Louiſens Perſon im Garten aufgefangen und eilte zu ihr. Es war juſt keine Ueberraſchung für Louiſe, als nach all den Präliminarfragen:„Mögen Sie Fiſche, Bäs⸗ chen? mögen Sie Voͤgel, Bäschen u. ſ. w. nun endlich die Hauptfrage kam: Mögen Sie mich, Bäschen?“ Nun ſie war zwar etwas verblümter, aber es wurde ein be⸗ ſtimmtes, wiewohl mit Achtung und Freundlichkeit vergol⸗ detes„Nein!“ darauf geantwortet. Der Kandivat ſeinerſeits trug Louiſens Eltern in der Fülle und Wärme ſeines Herzens ſeine Liebe, ſeine Wünſche und Hoffnungen vor. Zwar war Jakobi für jetzt noch ohne Amt und ohne Vermögen, aber er hatte viele Ausſichten und mitten unter dieſen ſtand wie eine Sonne und feſte Burg Se. Ercellenz O. Der Land⸗ richter war kein Freund von ſolchen feſten Burgen, Eliſe liebte lange Verlobungen nicht, aber beide liebten Jakobi, beide wollten vor Allem ihres Kindes wahres Wohl und Glück, und ſo kam es denn, daß nach mehre⸗ ren Berathungen, nachdem Louiſe darüber gehört wor⸗ den war und die Eltern gefunden hatten, daß ſie wirk⸗ lich daſſelbe wünſchte, wie Jakobi und mit ihm glück⸗ lich zu werden glaube, nachdem ferner Jakobi mit dem größten Eifer alle Vorſchläge wegen Aufſchiebung der Verlobung bekämpft hatte— daß alſo, nachdem dieß Alles glücklich durchgearbeitet war, Jakobi ein foͤrmliches „Ja,“ erhielt und Louiſe und er am Nachmittag deſſel⸗ ben Tages, deſſen Morgenſonne die Erklärung zwiſchen ihnen beleuchtet hatte— verlobt waren. Jakobi war über alle Beſchreibung glücklich, Louiſe ruhig, aber mild. Heinrich meinte beinahe, Ihre Majeſtät ſehe gar zu gnädig aus. Vielleicht kam ihre gedankenvolle Miene auch einigermaßen davon her, daß ſie ſich bereits in ihrem Innern mit Vermehrung und Ordnung von Jakobis Garderobe beſchäftigte und in Gedanken bereits ein feines Leinwandgewebe anzettelte. Louiſe hatte wirklich jetzt ihre 254 . Hand zur ſchnellen Verlobung mit Jakobi— wie ſie ihrer„E Schweſter Eva geſtand, hauptſächlich deßwegen ſo willig ſteh mir gereicht, um beſſer Hand an ihn legen zu können. Gu⸗ wohl ni ter Leſer, und wenn du ein Kandidat biſt, guter Kandi⸗ in Sein dat, verzeih unſerer Aelteſten, daß ſie ihr Ja ein wenig Eh in Gnaden gegeben. Wir können verſichern, daß unſer erzählte Kandidat deßwegen um Nichts ſchlechter fahren wird. wurden So ſchien er ſelbſt zu glauben und ſeine Freude, ſeine zuerſt e Innigkeit bewies ſich ſehr mächtig, die Domkirche aus Mit Tl Louiſens Weſen zu verbannen. Der Anblick dieſes Ver⸗* dann Le hältniſſes und der herzlichen Freude, die Louiſens Ge⸗ ſie mit ſchwiſter über ihre Verlobung mit Jakobi äußerten, und ſie ſich die deutlich bewies, wie ſehr er von Allen geliebt war, während glättete die Runzeln auf des Landrichters Stirne und vollen, ließ Eliſens Herz die ſüßeſte Befriedigung empfinden. auf den Heinrich beſonders äußerte laut ſeine Freude darüber, in nun da ſeinem geliebten Freund und Lehrer einen Schwager— wohl, einen wirklichen Bruder zu erhalten. eilte, ih „Und hörſt du, Schwager,“ ſagte er mit großen ganz ur Blicken auf Louiſe,„nimm nur dein Hausherrnrecht in lſeſſor Acht, Brüderchen, und laß den Pantoffel nicht in deinem leichten Hauſe regieren. Wenn du eine Königin heiratheſt, ſo muthete wirſt du Konig, wie du wohl einſiehſt, und mußt deine dem wu Majeſtät wahren. Und wenn ſie, wie eine Domkirche einen n ausſieht, ſo blicke du drein, wie das jüngſte Gericht und der übr donnere darnach... Du lachſt! Du ſollteſt wirklich meine„C brüderlichen Rathſchläge nicht ſo leichtſinnig nehmen, lagert i ſondern wohl beherzigen und. aber meine Lieben, ſoll⸗ Ich wil ten wir heute Abend nicht eine kleine Bowle haben? was die Oh meinſt du, Mütterchen? O freilich! Ich will die Ehre bt haben, ſie ſelbſt zu brauen. Wir müſſen doch die Ge⸗ mich d ſundheiten Ihrer Majeſtäten trinken. Eine Bowle will verlobt; ich brauen, die. Zucker und Pomeranzen! Eine Bowle, Das iſt eine Bowle.“ ſchauerl So rufend fuhr Heinrich mit ausgeſtreckten Armen D gegen die Saalthüre, ſie öffnete ſich in demſelben Augen⸗ währen! blick und er umarmte— die Hofmarſchallin. lachte, ihrer Gu⸗ dandi⸗ wenig unſer wird. ſeine e aus Ver⸗ 3 Ge⸗ „und war, un inden. r in er— roßen cht in einem ſo deine kirche t und meine men, ſoll⸗ was Ehre Ge⸗ will owle, rmen ugen⸗ 255 „Ei du meine Güte! Herzliebſter!“ rief ſie,„Gott ſteh mir bei, nun, he, he, he! Was iſt da los? Er hat wohl nicht daran gedacht, mein Freund, daß Er die Alte in Seine Arme bekommen würde. He, he, he!“ Ehrfurchtsvoll und herzlich entſchuldigte ſich Heinrich, erzählte die Urſache ſeiner Extaſe und die Neuverlobten wurden Frau Gunille vorgeſtellt. Frau Gunille war zuerſt ein wenig verwundert, dann ein wenig gerührt. Mit Thränen in den Augen umarmte ſie zuerſt Eliſe, dann Louiſe und auch Jakobi.„Gott ſegne euch,“ ſagte ſie mit ihrer ſchoͤnen ſtillen Herzlichkeit. Hierauf ſetzte ſie ſich etwas bleich und ſchweigend auf den Sopha, während eigene traurige Erinnerungen ihr die kummer⸗ vollen, ſchweren Tage zurückzurufen ſchienen, welche oft auf den lichten Morgen der Verlobung folgen. Kam es nun daher oder befand ſich Frau Gunille ſonſt nicht wohl, ſie wurde immer bläſſer und bläſſer. Gabriele eilte, ihr ein Glas Waſſer zu holen und carambzlirte ganz unerwartet, als ſie die Thüre öffnete, mit dem Aſſeſſor, der in dieſem Augenblicke eintrat. Mit einem leichten Schreckensruf rettete ſie ſich aus dieſem unver⸗ mutheten Zuſammentreffen. Der Aſſeſſor ſah ihr mit dem wunderlichſten Geſichte nach und wollte ihr gerade einen neuen Namen ſchöpfen, als er ſich auf einmal von der übrigen Jugend umringt ſah. „Ei ſeht doch,“ rief er,„was iſt da? Warum be⸗ lagert ihr mich ſo? Kann man nimmer im Frieden leben? Ich will nicht tanzen, Monſieur Henricus! Schrei mir die Ohren nicht taub, Miß Petrea. Was iſt da? Ver⸗ lobt? Was? Wer? Unſere Aelteſte! Ei der Kuckuck, laßt mich doch ſitzen und eine Priſe nehmen. Unſere Aelteſte verlobt;— das wäre ja ſchrecklich;. uſch, uſch!.. Das iſt ja ganz abſcheulich! Uh, uh, uh! In der That ſchauerlich! Hu, uh, uh.“ Der Aſſeſſor puſtete und ſchnupfte eine gute Weile, während die Familie, die ſeine Manier kannte, herzlich lachte, Louiſe jedoch ausgenommen, die erröthete und beinahe ein Bischen böſe geworden wäre über ſeine Aus⸗ rufungen und hauptſächlich über den Ausdruck abſcheu⸗ lich. Endlich ſteckte der Aſſeſſor ſeine Doſe ein, ſtand auf und ſagte:„Nun, man muß das Beſte zu dem ſagen, was nicht mehr abzuwenden iſt. Was geſchrieben iſt, das iſt geſchrieben. Und da es nun einmal geſchrieben iſt, daß dieſes gebenedeite unverbeſſerliche Menſchengeſchlecht ſich vermehren ſoll, ſo Glück zu in Gottes Namen, Glück und Segen, ihr lieben Menſchenkinder.“ Und jetzt ſchüt⸗ telte er Jakobi und Louiſe herzlich die Hände; ſie erwie⸗ derten ſeinen Händedruck, obſchon mit der Form des Glückwunſches nicht beſonders zufrieden. „Meiner Lebtage,“ ſagte Heinrich,„habe ich nie ſo unluſtige Gratulationen gehört; die Hofmarſchallin und der Onkel müſſen heute bei melancholiſcher Laune ſein. Aber jetzt ſetzt er ſich neben ſie und da iſt doch Hoffnung vorhanden, daß ſie ſich bald durch einen comfortablen Streit erholen werden.“ Aber nein! kein Streit entſtand dieſen Abend zwiſchen dem Aſſeſſor und Frau Gunille. Der Aſſeſſor hatte ihr eine Nachricht zu verkündigen, deren Mittheilung ihn hart angekommen ſchien und die ihre Augen mit Thränen füll⸗ ten. Pyrrhus iſt todt! „Er war geſtern ganz munter,“ erzählte der Aſſeſſor, und leckte meine Hand, als ich gute Nacht von ihm nahm. Heute trank er mit gutem Appetit ſeinen Mor⸗ genkaffee und legte ſich ſodann auf ſein Kiſſen ſchlafen; — ich ſah nach ihm unmittelbar, ehe ich ausging. Als ich zum Mittageſſen nach Hauſe kam und mich recht dar⸗ auf freute, mit meinem kleinen Kameraden zuſammeneſſen zu dürfen, da lag er todt auf ſeinem Kiſſen!“ Viel und lange ſprachen Frau Gunille und der Aſſeſſor mit einan⸗ der über ihren kleinen Günſtling und ſchienen dabei ganz gute Freunde zu werden. Jeremias Munter war übrigens dieſen Abend weit mürriſcher, als gewöhnlich. Mit einer Art düſtrem Tief⸗ blick ruhten ſeine großen Augen auf den Verlobten. „Je ſelbſt tra könnten glücklich „S deſſen g mit dem große 3 „Ja pro liebe Se er mit k ſchrecklie den. G fennt— Liebe, ſi nutz, di einen W elende k den nich Hinterge „K und Vo Heinrich 7 von ihr irgend e die Geſe es nur geſpielt dirt we etwas Heiliges obgleich eigene nes fin will es Br ine Aus⸗ abſcheu⸗ tand auf m ſagen, iſt, das eben iſt, geſchlecht n, Glück tzt ſchüt⸗ e erwie⸗ orm des h nie ſo llin und ine ſein. Hoffnung fortablen zwiſchen hatte ihr ihn hart nen füll⸗ Aſſeſſor, von ihm en Mor⸗ ſchlafen; ng. Als echt dar⸗ meneſſen Viel und it einan⸗ bei ganz end weit em Tief⸗ n. 257 „Ja,“ ſagte er, wie für ſich,„könnte man nur ſich ſelbſt trauen, würde man nur über ſich ſelbſt klar, dann könnte man auch mit einigem Grund hoffen, eine Andere glücklich zu machen und mit ihr glücklich zu werden.“ „So weit muß man ſich ſchon ſelbſt kennen, daß man deſſen gewiß ſein kann, ehe man freiwillig ſein Schickſal mit dem eines Andern verbindet,“ ſagte Louiſe nicht ohne große Zuverſicht. „So weit, ſo weit!“ wiederholte der Aſſeſſor eifrig. „Ja proſit! Bei wem reicht es ſo weit? Bei ihr nicht, liebe Schweſter, das kann ich Sie verſichern. Ach,“ fuhr er mit bitterer Wehmuth fort,„man kann hier im Leben ſchrecklich über ſich ſelbſt und von ſich ſelbſt betrogen wer⸗ den. Gibt es Jemand, der— wenn er ſich ſelbſt gehörig fennt— nicht Treuloſigkeit gegen ſeinen Freund, ſeine Liebe, ſein beſſeres Selbſt zu bereuen hat? Dieſer Eigen⸗ nutz, dieſer elende Egvismus im Menſchen! Wo gibt es einen Winkel, in den ſie ſich nicht einſchleichen? Dieſes elende kleine Ich, wie drängt es ſich nicht vor, wie wer⸗ den nicht Thaten, die man gute nennt, von eigennützigen Hintergedanken und Nebenabſichten befleckt!“ „Können Sie denn keine Tugend, keine reine Größe und Vortrefflichkeit, die Sie bewundern könnten? fragte Heinrich. Zeigt uns die Geſchichte nicht. „Die Geſchichte!“ ſchrie der Aſſeſſor,„ſprich nicht von ihr, komm mir nicht mit ihr! Nein, wenn ich an irgend eine Tugend glaube, ſo iſt es eine ſolche, welche die Geſchichte nicht anfaſſen, nicht begreifen kann; ſo iſt es nur bei Solchen, die keine großen Rollen in der Welt geſpielt haben, die nie, nie auf der Schaubühne applau⸗ dirt werden konnten. Bei dieſen kann möglicherweiſe etwas vollkommen Reines, vollkommen Schoͤnes und Heiliges gefunden werden. O ich will daran glauben, obgleich— ich es bei mir nicht finde. Ich habe meine eigene Seele durchſucht und kann darin nichts— Rei⸗ nes finden. Aber es kann ſich bei Andern finden; ich will es glauben. Mein Herz kann ſchmelzen bei dem Bremer, das Haus. 17 258 Gedanken, daß es eine vollkommen uneigennützige Tugend geben kann. Herr Gott! wie wunderſchön! Und wo dieſe Seele in der Welt gefunden wird, im Palaſt oder in der Hütte, in Goldſtoff oder in Lumpen, beim Mann oder Weib— eine Seele, die dem Lobe der Welt ausweichend, ja das des eigenen Herzens ſürchtend mit redlichem Eifer ihre Pflichten erfüllt, und wären ſie noch ſo ſchwer, noch ſo unbemerkt, die im Verborgenen, im Stillen arbeitet und betet, dieſes Weſen bewundere und liebe ich, ja ich ſtelle es hoch über die Cäſarn und Cicerone der Welt.“ Der Landrichter war während dieſer Rede aufgeſprun⸗ gen und hatte ſich den Sprechenden genähert. Er legte ſanft die Hände auf ſeiner Gattin Schultern und ſah ſich unter ſeinen Kindern um; ſeine Blicke glänzten. „Unſere Zeit,“ fuhr Jeremias Munter mit einer bei ihm ſeltenen Hinreißung fort—„unſere Zeit begreift dieſe Größe ſchlecht. Sie preist laut ſich ſelbſt und iſt ſchon da⸗ durch weniger preiswürdig. Alle Menſchen wollen merk⸗ würdig und berühmt ſein oder wenigſtens ſcheinen. Jeder tritt hervor und ruft laut: Ich, ich! Auch das Weib ver⸗ ſteht den Adel ihres Incognitos nicht mehr; auch ſie will ihr Ich in die Welt hinaus ſchreien. Kaum Eine will jetzt mehr von Herzen Du ſagen. Und gleichwohl liegt in dieſem Du, über welchem der Menſch ſein ſelbſtiſches Ich vergißt, ſein reinſter Adel, ſein beſtes Glück. Es kann zwar groß ſcheinen, es kann entzückend ſein, die Welt— wenn auch nur für einen Augenblick— mit ſeinem Namen zu erfüllen; aber wie in längſtrerfloſſenen Zeiten Millionen um Millionen Menſchen ſich vereinigt haben, um dem Aller⸗ hoͤchſten einen Tempel zu erbauen und vann ſchweigend na⸗ menlos hinſanken, um bloß Seinen Namen, Seine Ehre daſtehen zu laſſen— das war gewiß größer, gewiß des Menſchen würdiger.“ „Sie ſprechen ja, wie König Salomo ſelbſt, Onkel Munter,“ rief Petrea entzückt.„Ach Sie ſollten ein Schrift⸗ ſteller werden, Sie ſollten ein Buch ſchreiben über.. 4 — keit im „ merkte Nein, leben! ſeinem e er hinei Weile ſ De Familie ausgeſpr ſchaftlick der Aſſe ner Kre De bloß ſe chelte o Worte gerufen ſeines „C „und e Viele V nur wer Motiv i „A dener m „V ſterte P Ei Augen terfange erzürnte ſei dadu Tugend wo dieſe r in der un oder eichen, m Eifer r, noch itet und ſch ſtelle geſprun⸗ r legte ſah ſich iner bei ift dieſe chon da⸗ merk⸗ Jeder eib ver⸗ ſie will ne will liegt in hes Ich Fs kann Pelt— Namen tillionen nAller⸗ end na⸗ te Ehre viß des Onkel — 259 „Schreiben? Warum nicht gar? Um die elende Eitel⸗ keit im Menſchen zu nähren? Schreiben— bah!“ „Jede Zeit hat ihre Art Tempel zu erbauen!“ be⸗ merkte Heinrich mit einem ſchönen Blick. „Nein!“ fuhr der Aſſeſſor mit ſichtbarem Abſchen fort. Nein, ich will nicht ſchreiben, aber ich möchte gerne— leben! Ich habe zuweilen geträumt, daß ich leben könnte! Er ſchwieg; eine ſeltſame Bewegung malte ſich auf ſeinem Geſichte, er ſtand auf und nahm ein Buch, in das er hinein ſah, aber offenbar, ohne zu leſen. Nach einer Weile ſchlich er ſich leiſe hinaus. Das Geſpräch war dieſen Abend ſehr lebhaft in der Familie und das Reſultat, das unter ſcherzendem Ernſt ausgeſprochen wurde, lautete dahin, man ſolle gemein⸗ ſchaftlich an dem Tempelbau arbeiten in dem Geiſt, den der Aſſeſſor geprieſen, jeder mit ſeinem Werkzeug und ſei⸗ ner Kraft gemäß. Der Landrichter ging im Zimmer auf und ab, nahm bloß ſelten am Geſpräche Theil, hoͤrte aber zu und lä⸗ chelte oft beifällig. Es ſchien, als ob Jeremias Munters Worte eine gewiſſe wehmüthige Stimmung bei ihm hervor⸗ gerufen hätten. Er ſagte einige warme Worte zum Lobe ſeines Freundes. „Eine reinere Menſchenſeele gibt es nicht,“ ſagte er, „und er hat dadurch ſehr wohlthätig auf mich gewirkt. Viele Menſchen wollen das Gute und thun es auch, aber nur wenige haben das reine Gemüth, das vollkommen edle Motiv in dem Grade, wie er.“ „Ach, wenn man ihn etwas glücklicher, etwas zufrie⸗ dener mit dem Leben machen könnte,“ ſagte Eva. „Willſt du die Commiſſion auf dich nehmen?“ flü⸗ ſterte Petrea ſchelmiſch. Ein etwas zu lauter Kuß, lenkte jetzt ſchnell Aller Augen auf den Kandidaten und Louiſe, die für dieſes Un⸗ terfangen ihrem Bräutigam einen höchſt ungnädigen und erzürnten Blick zuwarf. Heinrich verſicherte, der Kandidat ſei dadurch vollkommen pulveriſirt worden. 260 Als man ſich für den Abend trennte— der Kandidat begehrte und erhielt„in Gnaden“ einen kleinen Kuß zum Zeichen der Verzeihung und Verſöhnung für den großen — ſuchten Eliſe und Louiſe einander aus einer gemein⸗ ſamen Regung auf und im Kabinet der Mutter wurde fol⸗ gende Unterredung gehalten: „Mein liebes Mädchen,“ ſagte die Mutter,„wie kam es ſo über Hals und Kopf mit Jakobis Brautwerbung? Ich hätte nie geglaubt, daß es ſo ſchnell geſchehen würde. Ich bin noch ganz erſtaunt, daß du jetzt verlobt ſein ſollſt.“ „Ich auch!“ antwortete Louiſe,„ich kann kaum be⸗ greifen, wie es ſo kam. Wir begegneten einander heute früh im Garten. Jakobi war betrübt, war verdrießlich und wollte abreiſen, weil er glaubte, ich ſei im Begriff, mich mit Vetter Thure zu verloben. Da bat ich ihn, mir meine Unfreundlichkeit in der letzten Zeit zu verzeihen und ließ ihn ahnen, wie es in meinem Innern ausſehe. Jetzt ſprach er von ſeinen Gefühlen, ſeinen Wünſchen ſo ſchön, ſo innig und rührend und da— ja da weiß ich ſelbſt nicht recht, wie es kam, aber er nannte mich— ſeine Louiſe und ich— bat ihn hinzugehen und mit meinen Eltern zu ſprechen.“ „Und inzwiſchen ſchickten ſeine Eltern ihrer Tochter einen andern Freier, um von ihr ein Ja oder Nein zu holen. Der arme Vetter Thure. Er ſchien ſeiner Sache ſo gewiß! Aber ich hoffe, er wird ſich bald tröſten. Weißt du übrigens auch, Louiſe, daß ich in den letzten Zeiten wirklich geglaubt habe, Eſtanvik und ſeine Herrlichkeiten haben einigen Reiz für dich und jetzt— empfindeſt du wirklich gar keinen Schmerz über das reiche irdiſche Loos, das du von dir gewieſen haſt?“ „Schmerz? Nein jetzt nicht mehr. Und doch hätte ich Unrecht, wenn ich läugnen wollte, daß es eine Ver⸗ ſuchung für mich war. Aber auch darum wollte ich Eſtanvik nie ſehen, weil ich wußte, wie unrecht es wäre, es auf mich wirken zu laſſen, da ich doch einen Men⸗ ſchen, Jakobi ren. auf de Thures müßte und ſo Aber! beſten jenige es erh Guter es wé würde ſen. ſchwer klar 1 mere Schul ſamer zen d innig keiner ſchwi gewot Mäde volle ſchön ſie l andidat ß zum großen emein⸗ ie kam ebung? würde. bt ſein um be⸗ rheute rießlich Begriff, hn, mir hen und o ſchön, bſt nicht e Louiſe tern zu Tochter kein zu Sache Weißt Zeiten ichkeiten ndeſt du e s, ch hätte ne Ver⸗ Alte ich wäre, Men⸗ 261 ſchen, wie Vetter Thure nie lieben könnte und überdieß Jakobi ſo lieb hatte und zwar ſchon ſeit mehreren Jah⸗ ren. Einmal trat mir die Verſuchung nahe. Es war auf der Rückreiſe von Arelholm, als ich mich in Vetter Thures weichem Landauer wiegte— da dachte ich, es müßte doch angenehm ſein, einen ſolchen Wagen zu haben und ſo gemächlich und prächtig durchs Leben zu fahren⸗ Aber damals war ich unglücklich; das Leben hatte ſeinen beſten Werth für mich verloren— mein Glaube an die⸗ jenigen, die ich am Meiſten liebte, war vergiftet— ach es erhoben ſich in mir ſo grauſame Zweifel an allem Guten auf der Welt; und da dachte ich einen Augenblick, es wäre am Beſten, das Leben zu verſchlafen und dazu würde das ſanfte Wiegen des Landauers vortrefflich paſ⸗ ſen. Aber jetzt— jetzt! jetzt iſt, Gott ſei Dank! dieſer ſchwere Traum vorüber; jetzt iſt mir das Leben wieder klar und ich ſehe meinen Weg durch daſſelbe. Jetzt küm⸗ mere ich mich um den Landauer ſo wenig, als um einen Schubkarren. Ja ſollte auch mein ganzes Leben ein müh⸗ ſamer Arbeitstag werden, ſo will ich doch Gott von Her⸗ zen dafür danken. Für diejenigen zu arbeiten, die man innig liebt und hochachtet, iſt eine Freude und ich kenne keinen höheren Wunſch, als für meine Eltern, meine Ge⸗ ſchwiſter und denjenigen, der heute vor Gott mein Gatte geworden iſt, arbeiten und leben zu dürfen.“ „Gott wirg' dich ſegnen, mein gutes, reinherziges Mädchen!“ ſagte die Mutter ſie umarmend und ſuße, liebe⸗ volle Thränen floſſen an dem ſtillen Abend. Noch eine Brautwerbung. Am andern Morgen frühe erhielt Eva ein Bouguet ſchöne Moosroſen zugeſandt, zwiſchen denen ein Brief an ſie lag. Eva erbrach ihn und las Folgendes; 262 „Ich habe geträumt, daß ich leben könnte— und ein ſtrahlen ſchöneres, volleres Leben, als je ein Roman zu träumen Junges vermocht hat. Kleine Miß Eva, die ich ſo oft auf mei⸗ wagen! nen Armen getragen habe,— gutes, junges Mädchen, das Felſen ich an meiner Bruſt durch das Leben tragen möchte, du O wah mußt hören, was ich geträumt habe und mitunter noch deiner tränme.“ würde „Ich träumte, ich ſei ein Fels, rauh, häßlich, ab⸗ pel vol ſtoßend, unfruchtbar. Aber ein Herz ſchwieg in dem Fel⸗ ſen, ein gefeſſeltes Herz. Es ſchlug ſich blutig gegen die weiß, 1 Mauern des Gefängniſſes, denn es verlangte in die Sonne ſogar! hinaus, konnte aber ſeine Feſſeln nicht ſprengen. Ich Natur konnte mich nicht von mir ſelbſt befreien. Es weinte in durch dem Felſen, daß er ſo hart ſei, daß er für ſein eigenes feine G Leben ein Gefängniß ſein ſolle. Da kam ein Mädchen, kein S ein lichter, milder Engel, durch den Wald gewandelt, legte mit Se ihre warme lilienweiße Hand an den Felſen und berührte ben. ihn, mit reinen Lippen ein magiſch befreiendes Wort flü⸗— er ſternd. Da öffnete ſich die Steinwand und das Herz, das Herz! arme gefangene Herz ſah Licht. Das junge Mädchen trocken ging hinein in die Kammer des Herzens und nannte ſie nie bl ſeinen Himmel. Da ſproßten plötzlich aus dem glückſeli⸗ Roſen gen Herzen ſchöne Roſen auf, die der Befreierin entgegen⸗ dufteten und die Kammer des Herzens wölbte ſich hoch haſten zu einem Tempel für ſie; ihre nackten Wände bekleideten Wolke ſich für ſie mit friſchem Laube und edle Steine ſpielten ſchön, dazwiſchen mit den Strahlen der Sonne. Ich erwachte auch in einem Gefühl von Glückſeligkeit, zu groß für dieſe gerne Erde; ich erwachte, ach dahin waren die Roſen, dahin zu lie das ſchöne Mädchen,— ich war nach wie vor— der ich bi ſtarre, häßliche, freudenloſe Fels. Aber junges Mädchen, nicht ſiehſt du, es will mir nicht mehr aus dem Sinn, daß wiſſen dieſe Roſen, die ich im Traume ſah, in mir verborgen ruht ſind, daß ſie noch aufblühen, noch erfreuen und glücklich machen könnten; es will mir ſcheinen, als ob dieſe enge, Blick grämliche Bruſt ſich bei einer liebevollen Berührung erwei⸗ von tern, als ob ſich darin edle Steine finden könnten die hell, ſchön ind ein äumen if mei⸗ n, das te, du er noch h, ab⸗ n Fel⸗ gen die Sonne Ich inte in eigenes ädchen, t, legte erührte rt flü⸗ rz, das eädchen nte ſie ückſeli⸗ tgegen⸗ ch hoch leideten ſpielten rwachte r dieſe dahin — der ädchen, n, daß rborgen lücklich e enge, erwei⸗ ie hell, 253 ſtrahlen würden für diejenige, die ſie ans Licht lockte. Junges, gutes Mädchen! Wollteſt du nicht den Verſuch wagen? Wollteſt du nicht deine warme Hand auf den Felſen legen? Wollteſt du nicht ſanft auf ihn hinhauchen? O wahrhaftig, wahrhaftig, er würde ſich erweichen unter deiner Hand, er würde Roſen für dich hervorbringen, würde ſich zu einem Tempel für dich bilden, einem Tem⸗ pel voll von Lobgeſang, voll von Liebe.“ „Ich weiß, daß ich alt bin, vor der Zeit gealtert; weiß, daß ich häßlich, unangenehm, unbehaglich, vielleicht ſogar lächerlich bin, aber— ich glaube nicht, daß die Natur mich ſo haben wollte. Ich bin ſo unendlich einſam durch meine Welt gegangen. Kein Vater, keine Mutter, feine Geſchwiſter haben mich auf meinem Wege begleitet; fein Sonnenſchein fiel auf meine Kindheit und Jugend; mit Schwierigkeiten kämpfend, ging ich einſam durchs Le⸗ ben. Ein einziges Mal ſchloß ich mich an einen Freund — er ſtieß mich zurück— da wuchs der Fels um mein Herz herum, da wurde mein Weſen hart, häßlich und trocken. Wird es immer ſo bleiben? Wird mein Leben nie blühen auf Erden? Wird kein Himmelshauch meine Roſen herauflocken?“ „Fürchteſt du meine grämliche Gemüthsart? O du haſt nicht geſehen, wie ein Blick, ein Wort von dir alle Wolken von meiner Stirne verjagt. Nicht, weil du ſchön, ſondern, weil du rein und gut biſt. Willſt du auch mich lehren gut zu werden? Von dir möchte ich gerne lernen. Von dir möchte ich lernen die Menſchen zu lieben und mehr Gutes in der Welt zu ſehen, als ich bisher geſehen. Für dich will ich leben, wenn auch nicht für ſie. Möge ſie immerhin nie etwas von mir wiſſen, bis das Kreuz auf meinem Grabe erzählt: Hier „O ſchön, anonym zu leben vor ihren vergiftenden Blicken, vergiftend, ob ſie tadeln oder lobpreiſen; ſchön, von ihrer Aufmerkſamkeit nicht befleckt zu ſein! Aber ſchöner noch, von Einem vollkommen gekannt zu ſein, 264 einen milden und rgplichen Freund zu beſitzen und in die⸗ ſem eine Gattin! Schön, in ihrer Seele ſich wie in einem klaren Spiegel ſchauen zu dürfen, jeden Fleck in der ei⸗ genen Seele darin zu ſehen und ſich ſo zu reinigen für den großen Tag der Prüfung.“ „Aber ich ſpreche ja bloß von mir, von meinem Glück! Ach der Egoiſt, der verdammte Egoiſt! Kann ich dich auch glücklich machen, Gva? Iſt es nicht Vermeſſenheit von mir, zu begehren... Ach, Cva, ich liebe dich unaus⸗ ſprechlich! Ich lege den Egoiſten in deine Hand;— mache mit ihm, was du willſt, er bleibt dennoch Der Deinige.“ Dieſer Brief machte Eva ſehr ängſtlich und unruhig. Sie hätte ſo gerne Ja ſagen und einen Menſchen, einen ſo guten Menſchen glücklich machen mögen, allein ſo viele Stimmen in ihr riefen; Nein! Sie ſprach mit ihren Eltern, ihren Geſchwiſtern.„Er iſt ſo gut, ein ſo vortrefflicher Menſch!“ ſagte ſie,„ach, wenn ich ihn nur recht lieben könnte! Aber das kann ich nicht. Und dann iſt er ſehr alt. Und ich habe gar keine Luſt zu heirathen! Ich bin ſo glücklich, daheim zu Hauſe.“ „So verlaſſe es nicht,“ ſprachen Eltern und Ge⸗ ſchwiſter in einem Chor. Der Vater war ganz deſperat über dieſe Brautwerbung; die Mutter ſah es ſogar für eine Abgeſchmacktheit an, daß ihre blühende Eva und Jeremias Munter ein Paar werden ſollten. Keine Stimme ſprach für den Aſſeſſor außer die der kleinen Petrea und ein ſtiller Seufzer in Evas eigenem Herzen. Das Ender⸗ gebniß aller Ueberlegungen war daher, daß Cva mit thrä⸗ nenvollen Augen ihrem Freier folgende Antwort ſchrieb: „Mein beſter, mein innig guter Freund! Ach ſeien Sie nur nicht böſe, aber ich kann für Sie nicht werden, was Sie wünſchen. Ich heirathe gewiß nie, ich bin viel zu glücklich zu Hauſe. Ach dieß iſt zwar egviſtiſch, fürchte ich, aber ich kann nicht helfen. Verzeihen Sie mir. Ich habe Sie dennoch ſo ſehr und ſo herzlich lieb und würde mich r wie bi C kiſſen rauhe feine keine möger und ſ Tauſe ein K Eva. behal höre ruhig Nähk Sie noch ſeine hält, an i und Chin ärgſt Töch ſchor Got kom d in die⸗ in einem der ei⸗ igen für m Glück! ich dich neſſenheit h unaus⸗ md;— tige.“ unruhig. n, einen ſo viele ern.„Er ie,„ach, kann ich gar keine Hauſe.“ und Ge⸗ deſperat ogar für Eva und Stimme etrea und Ender⸗ mit thrä⸗ ſchrieb: Ach ſeien twerden, bin viel h, fürchte nir. Ich nd würde —— ———— 265 mich nicht tröſten können, wenn Sie Zicht auch fernerhin, wie pisher, lieb hätten Ihr Eyſchen.“ Es war Abend, als Eva ein ſchönes, koſtbares Näh⸗ kiſſen zugeſandt erhielt und zugleich folgende Zeilen: „Ja, ja! Ich hätte mir wohl denken können, daß der rauhe Fels abſchreckend ſein würde. Sie möchte Ihre feine Hand nicht daran wagen, kleine Miß Eva; Sie hat keine Luſt, warm auf meine arme Roſen zu hauchen. Sie moͤgen denn in ihrem Grabe bleiben. Ich verreiſe jetzt und ſehe Sie in Jahr und Tag nicht wieder. Aber der Tauſend, da Sie mir einen Korb gibt, ſo ſoll Sie ſelbſt ein Käſichen haben. Ich kaufte es für meine— Braut Cva. Jetzt ſoll es Eva dennoch haben und meinetwegen behalten. Sie kann es mir zurückſchicken, wenn ich auf⸗ höre zu ſein Ihr treuer, ergebener Freund.“ „Ob ſie es wohl bereut?“ fragte der Lanvrichter un⸗ ruhig ſeine Frau, als er Eva heiße Thränen über ihr Nähliſſen weinen ſah.„Aber das kann Nichts helfen. Sie heirathen und vollends den Munter? Sie iſt ja noch ein Kind. Aber ſo geht es in der Welt; wenn man ſeine Töchter ein Bißchen wohl erzogen und geſittet er⸗ hält, wenn man erſt anfangen ſollte, eine rechte Freude an ihnen zu haben, dann ſoll man ſie von ſich geben und nach China fahren laſſen, wenn der Liebhaber ein Chineſe iſt. Es iſt unerträglich! Abſcheulich! Meinem ärgſten Feinde wünſchte ich die Qual nicht, erwachſene Töchter zu bekommen. Wie! fängt nicht auch Schwarz ſchon an, ſeine Ringe um Sara zu ſchlagen? Herr mein Gott! Sollen wir es mit noch einem Freier zu thun be⸗ tommen?“ „ Noſch einer. Der Landrichter hatte, ohne es ſelbſt zu wiſſen ein treffendes Wort geſprochen. Schwarz hatte wirklich fin⸗ ſtere und immer engere Kreiſe um Sara gezogen, und während ſie von ſeiner Gewalt frei ſcheinen wollte, wurde ihr Gemüth mit jedem Tage unruhiger und empfänglicher. Die Mutter, unruhig über ihr Verhältniß zu Schwarz, wollte ſie in den Muſiklectionen nicht mehr mit ihm allein laſſen und dieſe Bewachung reizte Saras Stolz, wie auch die ernſten, obſchon ſanften Vorſtellungen, die ſie ihr we⸗ gen ihres Benehmens machte, mit vieler Ungeduld und Geringſchätzung von ihr aufgenommen wurden. Nur vor dem Landrichter zeigte Sara die finſtere Seite ihres We⸗ ſens nicht; ſein Blick, ſeine Gegenwart ſchienen eine ge⸗ wiſſe Macht über ſie zu haben, auch wurde ſie vielleicht von ihm mehr geliebt, als von allen Andern in der Fa⸗ milie, Petrea ausgenommen. Eines Abends ſaß Sara ſchweigend an einem Fenſter in der Bibliothek, den ſchönen Kopf in die Hand gelehnt. Petrea ſaß auf einem Schemel zu ihren Füßen; auch ſie war ſtill, ſah aber zuweilen mit einem zärtlichen, unruhi⸗ gen Blick zu Sara auf. Gedankenvoll und beinahe düſter ſah auch Sara zuweilen zu ihr herab.„Petrea,“ ſagte ſie auf einmal,„was würdeſt du ſagen, wenn ich jetzt plotzlich von dir fort in die weite Welt hinausginge und nie mehr zurückkäme?“ „Was ich ſagen würde?“ antwortete Petrea mit ei⸗ nem Strome von Thränen,„ach ich würde gar Nichts ſagen, ſondern mich hinlegen und ſterben vor Kummer.“ „Haſt du mich wirklich ſo lieb, ſo ſehr lieb, Petrea?“ „Ob ich dich lieb habe? Ach, Sara, wenn du fort⸗ reiſeſt, ſo nimm mich mit, als Magd, als Dienerin, ich will Alles für dich thun.“ „Gute Petrea! Behalte Sara lieb, aber folge ihr nicht,“ ſchlang A— ſagte H Geſellſc chen Ut beben bläst i heult 1 paarwei ſen eing zu mein die Kön oder lel dem S plötzlich ſind do Gabriel glaube T Zimme mit fli S ich— C noch g Former K eine R mich d wenn e „ mehr. ich von Denn veracht ſen ein ch fin⸗ , und wurde chwarz, nallein ie auch hr we⸗ ld und ur vor We⸗ ine ge⸗ elleicht er Fa⸗ Fenſter elehnt. uch ſie mruhi⸗ üſter ſagte h jetzt ge und mit ei⸗ Nichts ner.“ trea?“ u fort⸗ in, ich lge ihr 267 nicht,“ flüſterte Sara, indem ſie die Arme um ihren Hals ſang und ihre weinenden Augen küßte. „Es kommt mir heute Abend entſetzlich ſchwül vor,“ ſagte Heinrich verdrießlich.„Man kann nicht einmal ein Geſellſchäftchen zuſammenbringen, keine Muſik, kein Biß⸗ chen Unterhaltung! Es iſt in der Luft, als wäre ein Erd⸗ beben im Anzuge. Ich glaube, das vielgeliebte Afrika bläst irgend ein Ungewitter über uns zuſammen. Petrea heult wie der Trullhätta und da gehen die Menſchen paarweiſe herum, ſetzen ſich in Winkel, flüſtern und küſ⸗ ſen einander von meinen gottesfürchtigen Eltern herab bis zu meinen unvernünftigen Schweſterlein. Der König und die Königin ſetzen ſich überall, wo ſie hinkommen, auf todte oder lebendige Gegenſtände. Wären ſie doch drinnen auf dem Sopha beinahe auf mich hingeſeſſen, aber ich habe plötzlich eine Umwälzung gemacht.. Verlobte Leute ſind doch ſchrecklich langweilige Menſchen. Nicht wahr? Gabriele? Sie ſehen und hören Nichts und können, glaube ich, auch Nichts reden, außer mit einander.“ Tief in die Nacht hinein brannte Licht auf Saras Zimmer. Ihr Tagbuch beſchäftigte ſie lange. Sie ſchrieb mit fliegender, aber unſicherer Hand: „Alſo morgen! morgen wird Alles geſagt ſein und ich— gefeſſelt.“ „Ich weiß, daß dieß wenig zu bedeuten hat und den⸗ noch graut es mir davor. O Macht der Vorurtheile und e 1 „Ich weiß wohl, wen ich lieben könnte! Es iſt eine Reinheit in ſeinem Blick, eine kraftvolle Reinheit, die mich durchdringt. Aber wie würde er mich anblicken, wenn er ſähe 2 „Ich muß gehen! Ohnehin habe ich keine Wahl mehr. S. hat mich in ſeinen Netzen— das Geld, das ich von ihm entlehnt, bindet mich— ſchon ſo lange! Denn ich will nicht, daß ſie es erfahren— und mich verachten ſollen. Ich weiß, daß ſie ſich arm machen wür⸗ 268 den, um mich zu befreien; aber ich will nicht ſo nieder⸗ trächtig ſein.“ „Und was ſpreche ich von Befreiung? Ich gehe ihr ja entgegen;— gehe hinaus in ein Leben der Freiheit und Ehre. Ich werde mich eine kleine Weile unter das Joch beugen, aber nur, um mich deſto ſtolzer zu erheben. Es iſt jetzt nicht Zeit zu zittern und zu ſchwanken; hinweg mit dieſen Thränen! Und du, Vollney, kräftiger, ſtolzer Denker, ſtehe mir bei! Lehre mich, daß, wenn alles An⸗ dere wankt, in meiner eigenen Kraft die Ruhe wohnt.“ Sara vertauſchte jetzt die Feder mit dem Buche und die Mitternacht kam, ſie es zumachte und müde und falt aufſtand, um die Rihe des Schlafes zu ſuchen. Das Erdbeben, von dem Heinrich geſprochen hatte, kam wirklich am folgenden Tage. Das Signal dazu war ein Brief von Schwarz an den Landrichter, worin er um Saras Hand bat. Sein einziges Vermögen, ſagt er darin, beſtehe in ſeiner Kunſt, aber er ſei überzeugt, daß es ſeiner Frau bei. dieſer nie an etwas fehlen werde. Er ſtehe jetzt im Begriff, eine Reiſe durch Europa zu machen und wünſche dabei von Sara begleitet zu werden, an deren Einwilligung und Ergebenheit er nicht zweifle. Der Landrichter liebte ein gewiſſes Selbſtvertrauen beim Manne, aber dieſer Brief athmete eine übermüthige Sicher⸗ heit und einen Künſtlerhochmuth, der ihm von Herzen zu⸗ wider war. Ueberdieß beleidigte ihn der anſpruchsvolle Ton, womit Schwarz von dexjenigen ſprach, die er wie eine eigene Tochter liebte und der Gedanke, ſie mit einem Manne von ſeinem Charakter verbunden zu ſehen, war ihm unerträglich. Er war beinahe überzeugt, daß Sara ihn nicht liebte und brannte vor Ungeduld, ſeine Anſprüche zurückweiſen und ihn ſomit aus ſeinem Hauſe entfernen zu können. ℳ Eliſe gab ihrem Manne volltommenen Beifall, war aber in zuverſicht ſchieden. unruhig flüchtig 1 auf ſie g bereit, a rung un ſicht. No „Ac du, daß machen! „M glücklich „N genießen das ich ter verlo Barmhet mehr ge „A wäre— Thuſt t Suchſt t was dick kann, Natur g ſie nicht „J und Zä Weibes Kraft ir ein friſ Künſtler „ 269 o nieder⸗ aber in Beziehung auf Saras Gemüthsſtimmung minder zuverſichtlich, als er. Sara wurde zu den Eltern be⸗ ehe ihr S ſchieden. Der Landrichter gab ihr den Brief und wartete Freiheit 2 4 2 8. unruhig auf ihre Aeußerung darüber. Sara erblaßte etheben flüchtig vor dem ernſten und durchdringenden Blicke, der auf ſie geheftet wurde, erklärte ſich aber mit Vergnügen z hinweg r, ſtolzer alles An⸗ ohnt.“ che n nüde und bereit, auf Schwarz's Anerbieten einzugehen. Verwunde⸗ rung und Verdruß malte ſich auf des Landrichters Ge⸗ ſicht. Nach einer augenblicklichen Pauſe ſagte die Mutter: „Ach Sara, haſt du es auch wohl überlegt? glaubſt du, daß Schwarz ein Mann iſt, der eine Frau glücklich machen kann? „Mich,“ antwortete Sara,„kann er glücklich machen, glücklich nach meinem Sinne.“ „Nie— nie kannſt du mit ihm häusliches Glück genießen.“ en hatte, nal dazu r worin en, ſagt berzeugt, n werde. uropa zu werden, t zweifle. uen beim t e Sicher⸗ „Er liebt mich und kann miv alſo ein Glück geben, das ich hier nicht zu fühlen bekomme. Vater und Mut⸗ ter verlor ich früh und in dem Hauſe, wo man mich aus Barmherzigkeit aufgenommen hat, erkaltet man immer mehr gegen mich.“ „Ach glaube das nicht, Sara. Aber wenn dem ſo wäre— iſt es nicht ein wenig deine eigene Schuld? Thuſt du wirklich etwas, um dich beliebt zu machen? Suchſt du auf irgend eine Art dem entgegen zu arbeiten, was dich weniger liebenswürdig macht?“ Wenn ich nicht mit meinen Fehlern geliebt werden een e⸗ 3 8 kann, ſo kann ich ohne die Liebe Anderer leben. Die ruchsvolle Natur gab mir ſtarke Gefühle und Neigungen; ich kann e er wie nit einem war ihm Sara ihn Anſprüche fernen zu ſie nicht unterjochen.“ „Du willſt nicht, Sara.“ „Ich kann nicht und will mich nicht der Unterjochung und Zähmung unterwerfen, die man zum Antheil des Weibes gemacht hat. Warum ſollte ich auch? Ich fühle Kraft in mit, mir eine eigene Bahn zu brechen; ich will ein friſches, unabhängiges Leben führen; ein ſonniges Künſtlerleben will ich leben, frei von den Wogen der all, war 270 Häuslichkeit und liliputiſchen Rückſichten. Frei will ich ſein und nicht wie jetzt bewacht, beargwohnt, ausſpionirt werden, frei von Mißvergnügen und Tadel, die mir hier auf jedem Schritte folgen. Dieſe Behandlung, Mutter, iſt es, was meinen Beſchluß beſchleunigte.“ Sehr erſchüttert durch Saras Ton und Worte ant⸗ wortete die Mutter mit ſtockender Stimme: „Wenn ich gegen dich gefehlt habe, Sara— und ich kann gefehlt haben! ſo weiß ich, daß weder Laune, noch mangelnde Zärtlichkeit gegen dich daran Schuld iſt... ich habe nach beſter Ueberzeugung geſpro⸗ chen und gewarnt. Ich habe von Herzen dein Beſtes ge⸗ ſucht und gewollt. Du ſelbſt wirſt es einſt beſſer einſehen, als jetzt*);— du wirſt vielleicht einſehen, daß es gut für dich geweſen wäre, wenn du meinen mütterlichen Rathſchlägen ein willigeres Ohr geſchenkt hätteſt;„. wirſt es vielleicht bereuen, daß du mit Vorwürfen und Bitterkeit die Liebe gelohnt, die ich für dich gehegt habe und noch hege.“ „So laß mich gehen,“ ſagte Sara mit milderer Stimme—„wir paſſen nicht. zuſammen. Ich verbittere dir das Leben, Mutter, und du— kannſt vielleicht das meinige nicht glücklich machen. Laß mich mit dem gehen, der mich ſammt allen meinen Fehlern liebt, der meiner Kraft, meinen Gaben ein freieres Feld eröffnen will und kann, als ich ſonſt erwarten darf.“ „Ach, Sara, wirſt du auf dieſem Feld ein beſſeres Glück gewinnen, als ein häuslicher Kreis, als treuer Freunde Zärtlichkeit, als ein glückliches Familienleben dir ſchenken könnte „Biſt du denn ſelbſt ſo glücklich, Mutter?“ unter⸗ brach ſie Sara mit einem ironiſchen Lächeln und einem durchdringenden Blick auf die Mutter, in dieſem Rreiſe und dieſem häuslichen Leben, zu deſſen Lobpreiſung du *) Alle Mütter ſprechen ſo, aber nicht alle, nicht viele mit demſelben Recht, wie Eliſe⸗ wiederh ſot w deine b Gedank zuwider Haſt di nem G ren Se Verborg gleich d nen, de len beu ſchuldig denen 2 ſo glück De auf und ſtehen, ſeiner F „J einer be ich einig erſetzt w ich einig noch une was ich bin beſſe geben he durch Lu durchgen ſeine Lie und fühl Sara, Entſagut wünſche ir wiederholſt, was ſeit Erſchaffung der Welt darüber ge⸗ will ich ſagt worden iſt? Dieſe beſtändigen Mühen, worin du ni deine beſten Tage abgenutzt, dieſe kleinlichen Sorgen und hier Gedanken um alltägliche Bedürfniſſe, die deiner Natur Mutter, zuwider ſind— ſind ſie denn ſo angenehm, ſo beglückend? Haſt du nicht vielen von deinen ſchöneren Anlagen, dei⸗ nem Genuß an Literatur und Muſik, der ganzen ſchöne⸗ ren Seite des Lebens entſagen müſſen, um dich in dieſe rte ant⸗ Verborgenheit, dieſe Vergeſſenheit hineinzuleben und da aß weder gleich der Seidenraupe dein Grab von dem Faden zu ſpin⸗ ich daran nen, den Andere abwickeln werden? Deinen eigenen Wil⸗ 9 Bepo⸗ len beugſt du beſtändig vor dem eines Andern, deine un⸗ geſtes ge⸗ ſchuldigſten Genüſſe opferſt du täglich den ſeinigen, oder einſehen, denen Anderer;— biſt du⸗durch alle dieſe Entſagungen ſo glücklich, Mutter?“ itterlichen Der Landrichter ſtand heftig auf, ging einige Male eſt; auf und ab und blieb endlich gerade gegenüber von Sara ürfen und t hobe ſtehen, den Rücken an den Ofen gelehnt und begierig auf ſeiner Frau Antwort lauſchend. „Ja, Sara, ich bin glücklich!“ antwortete dieſe mit milderer einer bei ihr ſeltenen Energie,„ja ich bin glücklich! Wenn verbittere ich einigen Dingen entſagt habe, ſo ſind ſie mir reichlich eicht das erſetzt worden, und wenn es Augenblicke gibt, in denen m gehen, ich einige Entbehrung fühlte, ſo gibt es auch andere und S noch unendlich mehr, wo ich mir Glück wünſchte zu dem, will und was ich gewonnen habe. Denn gewonnen habe ich! Ich bin beſſer geworden durch den Gatten, den Grtt mir ge⸗ n beſſeres geben hat, durch meine Kinder, durch meine Pflichten, ls treuer durch Luſt und Noth, die ich an meines Manues Seite ilienleben durchgemacht, ja Sara, vor Allem durch ihn, durch 5 ſeine Liebe, ſeine Vortrefflichkeit bin ich beſſer geworden unter⸗ und fühle mich mit jedem Tage glücklicher. Die Liebe, ud einem Sara, die Liebe verwandelt Opfer in Genüſſe, macht m Rreiſe Entſagungen ſüß! Ich danke Gott für mein Lvos und iſung du wünſche nur, ich wäre ſeiner würdiger.“ „Mag ſein,“ ſagte Sara ſtolz;„jeder hat ſeinen viele mit 272 eigenen Kreis. Aber für des Avlers Natur paßt der die zuen Taube zahmes Glück nicht.“ dir zum „Sara!“ rief der Lanvrichter in einem Ton heftigen ter kenne Mißvergnügens. ſtraft er Außer Stands, den Ausbruch aufgeregter Gefühle Art, am zu unterdrücken und mit dem Nastuch vor dem Geſichte, ſetzeſt. ging die Mutter ſchnell hinaus. dich verb „Schäme dich, Sara! dieſer Uebermuth geht zu weit!“ kannſt! ſagte der Landrichter mit ſtrengem Ernſt und ſtand mit knüpft di flammendem Blicke vor ihr.„Er Sie zitterte vor dieſem Blicke, wie einſt früher. Eine pen;— Erinnerung aus der Kindheit erwachte in ihr; ihre Augen⸗ er willen lieder ſenkten ſich und brennender Purpur bedeckte ihr Ge⸗ nicht mei ſicht.* ſo eng be Du haſt dich vergeſſen!“ fuhr der Landrichter mit muß, um ruhigerem Ernſt fort,„und in deinem kindiſchen Ueber⸗„Alſ muthe bewieſen, wie viel dir zu einer Vortrefflichkeit, Mittel ur einer Würde fehlt, die du nicht verſtehſt und bei ſolchen jägerei, t Geſinnungen niemals erreichen wirſt. Dein eigenes ruhi⸗ Sara! geres Urtheil wird dir die ſchärfſten Vorwürfe über die⸗ Wege abl ſen Auftritt machen und wird— muß dich zu den Füßen das Werk deiner Mutter führen. Alles, was ich jetzt verlange, iſt, anmaßend daß du dein Vorhaben vernünftig überlegſt. Wie iſt es Worten; möglich, daß du deine eigene Inconſequenz überſiehſt? Taſche un Du eiferſt gegen das häusliche Leben, gegen die Pflichten röthete. der Ehe in demſelben Augenblick, da du hartnäckig var⸗„Ah, auf beſtehſt, ihre Bande knüpfen zu wollen und zwar mit nerei um einem Manne, der ſie dir zu wirklichen Feſſeln machen„Ga wird.“ ruhig.„ „Er wird mich nicht feſſeln, er hat es verſprochen, das Buch er hat es mir geſchworen!“ antwortete Sara. Ich werde mit, um ihm nicht als Frau unterworfen ſein, ich werde als daß Petree Künſtlerin unter ſeiner Führung auftreten, in der ſchönen byrinthen! ehrenreichen Welt, die er mir eröffnen wird.“„Mar „Ach dummes Geſchwätz! Narrheiten! Wie kannſt man wrill,“ du ſo thöricht ſein, an ſolche Vorſpiegelungen zu glau⸗ zeichnung, ben? Der Staat gibt deinem Manne eine Macht über dich, kommt.“ Brem 273 aßt der die zu mißbrauchen er nicht ermangeln wird, das kann ich dir zum Voraus ſagen nach dem, wie ich ſeinen Charar⸗ heftigen ter kenne und jetzt den deinigen kennen lerne. Und unge⸗ ſtraft entzieht ſich kein Weib einem Verhältniſſe dieſer Gefühle Art, am wenigſten in den Umſtänden, in die du dich ver⸗ Geſichte, ſetzeſt. Sara, du liebſt den Mann nicht, mit dem du dich verbinden willſt! Es iſt unmöglich, daß du ihn lieben u weit!“ kannſt! Keine wahre Achtung, keine reine Ergebenheit and mit knüpft dich an ihn!“ „Er liebt mich!“ antwortete Sara mit zitternden Lip⸗ er. Eine pen;—„ich bewundere ſein Künſtlergenie, ſeine Kraft— Augen⸗ er will mich zur Unabhängigkeit und Ehre führen! Es iſt ihr Ge⸗ nicht meine Schuld, wenn das Loos des Weibes auf Erden ſo eng begränzt, ſo elend iſt, daß es ſich binden laſſen hter mit muß, um frei zu werden.“ Ueber⸗„Alſo bloß ein Mittel? Das Heiligſte auf Erden ein fflichkeit, Mittel und wozu 2 Zu einer lumpigen, ephemeren Glücks⸗ ſolchen jägerei, die du Ehre, Freiheit nennſt! Arme, betrogene es ruhi⸗ Sara! Wie konnteſt du ſo verirren, dich ſo vom rechten ber die⸗ Wege ablenken laſſen 2 Iſts möglich, daß ein elendes Buch, n Füßen das Werk eines eben ſo ſchwachen und oberflächlichen als nge, iſt, anmaßenden Denkers dich verführen konnte?“ Mit dieſen e iſt es Worten zog der Landrichter Volneys Ruinen aus ſeiner erſiehſt2 Taſche und warf ſie auf den Tiſch. Sara ſtutzte und er⸗ Pflichten röthete. ckig var⸗„Ah,“ ſagte ſie,„wieder ein Pröbchen von der Spio⸗ war mit nerei um mich her.“ machen„Ganz und gar nicht,“ antwortete der Landrichter ruhig.„Ich war heute auf deinem Zimmer; du hatteſt ſprochen, das Buch auf dem Tiſch liegen laſſen und ich nahm es ch werde mit, um mit dir darüber zu ſprechen und zu verhindern, erde als daß Petreas junge Augen ſich ohne Leitung in ſeinen La⸗ ſchönen byrinthen verirren.“ „Man mag von der Wirkung des Buches denken, wie e kannſt man will,“ ſagte Sara,„ſo glaube ich doch, daß die Be⸗ zu glau⸗ zeichnung„ſchwach“ ſeinem Verfaſſer am allerwenigſten zu⸗ ber dich, kommt.“ Bremer, das Haus. 18 274 „Wenn du ſeinem Rathe gefolgt haben wirſt, Sara, wenn du dieſem Wracke gleichen wirſt, das hier von den Wellen umhergeworfen wird, dann wirſt du über die Kraft und Kenntniß des Steuermanns anders urtheilen. Mein Kind, folge ihm nicht! Eine gereifte, logiſchere Denk⸗ kraft wird dich lehren, wie wenig er die Fahrwaſſer des Lebens, ſeine Tiefen, ſeine Klippen und den rechten Kom⸗ paß kennt.“ Ach,“ ſagte Sara,„dieſe Stürme, dieſe Geſahren, ja ſelbſt der Schiffbruch erſcheint mir ſchöner, als das ſtille, windloſe Waſſer, das den geprieſenen Hafen des häuslichen Lebens ausmacht. Du ſprichſt von Chimären, Vater. Ach ſage mir, iſt nicht das geprieſene Glück des häuslichen Lebens mehr Chimäre, als alles Andere. Wenn der Sa⸗ lon geſäubert iſt, da ſieht man den Kehrbeſen und die Staubbürſte nicht, die darin gewaltet haben, man ſieht die Millionen Stäubchen nicht, die das Zimmer erfüllt haben und vergißt deßwegen gerne, daß ſie da geweſen ſind. So iſts auch mit dem häuslichen und dem Fami⸗ lenleben. Man ſieht hartnäckig bloß ſeine ſchönen Augen⸗ plicke und bemerkt alle die minder ſchönen, ja häßlichen nicht, die darin vorkommen.“ Halb lächelnd über Saras Gleichniß antwortete der Landrichter:„Alles kommt darauf an, welche von dieſen Augenblicken im Hauſe überwiegend ſind. Iſt es öfter ungeſäubert, als geſäubert, die Luft öſter mit Staub angefüllt, als rein und friſch, ſo mag der Teufel darin wohnen, aber nicht ich. Ich weiß wohl, daß es Häuſer genug gibt, die ſtauberfüllte Höllen find, aber die Be⸗ wohner haben es ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Von ihnen allein hängen alle Grade von häuslichen Zuſtänden ab, von dem an, wo man es mit Recht eine Verſtufe der Hölle nennen kann, bis zu dem, was ungeachtet ſeiner irdiſchen Vollkommenheit, ungeachtet des einen und an⸗ dern Beſuches von Staub⸗ und Kehrbeſen gleichwohl den Ramen eines Vorhofes zum Himmel verdienen kann. Und wo, Sara, wo auf Erden wirſt du eine Exiſtenz ½ finden, klagſt, jede Er wie die die Pfle rem Scl lich blin nirgende lie? und Fre Vollſten Reiches was die thet ode Sie ſuc Ausübu Athmen intellektt Privatle vor dem bieten fi ſie ſich „2 nicht zu verſuchet Chimärt nen, di nüſſe ge und Hu und An Glücksri das ihri Kräfte ſchlägt Sara, finden, die frei von Erdenſtaub wäre? Das, worüber du von den klagſt, iſt nichts Anderes, als die irdiſche Schaale, die ie Kraft jede Eriſtenz in der Sterblichkeit, die des Mannes ſo gut, Mein wie die des Weibes umſchließt; es iſt die Erde, in der e Denk⸗ die Pflanzen wachſen, die Puppe, worin die Larve zu ih⸗ ſſer des rem Schmetterlingsleben heranreifen muß. Kannſt du wirk⸗ n Kom⸗ lich blind ſein für dieſes höhere und edlere Leben, das ſich nirgends ſchöner entwickelt, als in einer friedlichen Fami⸗ efahren, lie? Kannſt du verkennen, daß der Kreis der Familie as ſtille, und Freundſchaft es iſt, wo der Menſch am Beſten und iuslichen Vollſten als Menſch, d. h. als Bürger eines irdiſchen Vater. Reiches lebt? Kannſt du das Große und Evle läugnen, zuslichen was die Wirkſamkeit des Weibes, ſie mag nun verheira⸗ der Sa⸗ thet oder unverheirathet ſein, auch im Privatleben hat? und die Sie ſuche bloß——“ an ſieht .„Ach dieſer Kreis des Privatlebens iſt mir zu eng. r erfüllt Ich bedarf eines größeren, um friſch und frei zu athmen.“ bedarf eines größeren, um friſch ei zu ath geweſen„In der reinen Liebe, in der Freundſchaft, in der n Fami⸗ Ausübung des Guten iſt ein großer und freier Raum zum Augen⸗ Athmen— die Winde der Ewigkeit ſpielen durch ihn. In häßlichen intellektueller Entwicklung— und die höchſte kann im Privatleben gewonnen werden— öffnet ſich die ganze Welt rtete der vor dem Blicke des Menſchen, und unendliche Reichthümer on dieſen bieten ſich ſeiner Seele dar— mehr, ach weit mehr, als es öfter ſie ſich zuzueignen vermag.“ t Staub„Aber den Künſtler? den Künſtler vermag das Haus fel darin nicht zu bilden. Er muß ſich auf dem Theater der Welt 6 Häuſer verſuchen. Iſt der Trieb in ſeinem Innern bloß eine die Be⸗ Chimäre, mein Vater? Und dieſe ausgezeichneten Perſo⸗ on ihnen nen, die durch ihre Talente der Welt die höchſten Ge⸗ inden ab, rſtufe der tet ſeiner und an⸗ nüſſe gewähren, zu denen die Menge mit Bewunderung und Huldigung aufſieht, um die ſich alles Schöne, Große und Anmuthige ſammelt— find ſie— Thoren, blinde Glücksritter? Ach welches Loos kann herrlicher ſein als hwohl den das ihrige? O mein Vater! Ich bin jung, ich fühle ten kann. Kräfte in mir, die nicht gewöhnlich ſind; mein Herz e Eriſtenz ſchlägt für ein freieres, ſchöneres Leben! Verlange nicht, 276 daß ich meine Natur bezwingen, verlange nicht, daß ich meine ſchöneren Kräfte in einem Kreiſe erſticken ſoll, der für mich alles Reizes entbehrt.“ „Ich läugne gewiß den Beruf des Künſtlers nicht,“ ſagte der Landrichter,„und eben ſo wenig den Werth ſeiner Wirkſamkeit; in ihrer beſten Bedeutung iſt ſie ſo edel, als etwas; aber iſt es dieſer reine Trieb, dieſe edlere Bedeutung, was dich treibt und belebt? Sara— blicke in dein Herz hinab! Eitelkeit, ſelbſtſüchtiger Ehrgeiz iſt es, was dich reizt, der Uebermuth deiner achtzehn Jahre und das Bewußtſein einiger glücklichen Gaben iſt es, was dich das Gute in deinem gegenwärtigen Looſe überſehen und jedes Beſtreben, zu Hauſe für eine edle und ſelbſt⸗ ſtändige Entwicklung heranzureifen, verſchmähen läßt. Es iſt eine tiefe Verirrung, die dich zu einer in den Augen Gottes und der Menſchen verwerflichen Handlung verleiten will und für den Schatten der Eriſtenz, nach der du dich ſehneſt, blind macht. Nirgends ſind ſie jedoch fin⸗ ſterer, nirgends ſind die Wechſel des Glückes ſo ſcharf und ſo abhängig von lumpigen Zufällen. Ein Zufall fann dir deine Schoͤnheit, deine Stimme und mit ihr die Gunſt der Welt rauben, worein du dein Glück geſetzt haſt. Ueberdieß bleibſt du nicht immer neunzehn Jahre alt, Sara. Mit dem dreißigſten wird dein Glanz vor⸗ über ſein und was haſt du dann für die noch übrige Hälfte des Lebens geſammelt? Du haſt eine kurze Zeit geſchwelgt, um nachher zu hungern. Denn ſo wahr ich hier ſtehe, wirſt du mit deiner übermüthigen und eitlen Sinnesart und mit dem Manne, den du gewählt haſt, zu Grunde gehen und in deinem Elend zu ſpät reuevoll nach der Tu⸗ gend, nach dem wahren Leben zurückblicken, das du ver⸗ kannt haſt.“ Sara war von den Worten und dem Ausdruck des Vaters erſchüttert. Sie ſchwieg. „Und wie anders könnte es nicht ſein!“ fuhr der Landrichter mit Wärme fort,„wie ſchön, wie ſegensreich könnte ſich nicht dein Leben, deine Gaben entwickeln? Sara, eigene deinen etwas Haben verabſe / ſehr g und J mich, klagen. gen; ckeln, auch— Welt würdig Wirf die dic ſcheinb den di ſchafte ſieh ſe von de von zä Eltern deren Sara, nomm preiszu beſchw von d meine zu ſch dich ſchütze Hauſe daß ich Sara, ich habe dich geliebt und liebe dich noch, wie meine l, der eigene Tochter:— wrillſt du nicht auf mich hören als auf ichi deinen Vater? Antworte mir! Haſt du in dieſem Hauſe nicht, 1 etwas entbehrt, was du billigerweiſe verlangen konnteſt! Werth Haben wir bei deiner Erziehung, deiner Ausbildung etwas t ſie ſo verabſäumt, was in unſern Kräften ſtand?!“ edlere„Nein,“ antwortete Sara ſeufzend,„man iſt gütig, —blicke ſehr gütig gegen mich geweſen.“ geiz iſt „Run gut!“ rief der Landrichter mit ſteigender Wärme Jahre und Innigkeit,„ſo verlaß dich auf deine Mutter und auf , was mich, daß du auch künftig keinen Grund haben ſollſt, zu berſehen klagen. Ich bin nicht ohne Mittel und ohne Verbindun⸗ d ſelbſt⸗ gen; ich werde nichts ſparen, um deine Gaben zu entwi⸗ ßt. Es ckeln, und iſt dein Künſtlerberuf ein wahrer, ſo ſoll er Augen auch— wenn du und er gehörig ausgebildet ſind— einer verleiten Welt nicht verborgen bleiben, die ihn zu genießen und zu der du würdigen verſteht. Aber— bleibe unter meinem Schutze.. och fin⸗ Wirf dich nicht unreif und unklar in eine Welt hinaus, o ſcharf die dich noch mehr verwirren wird. Reiche nicht, um eine ¹ Sre ſcheinbare Freiheit zu gewinnen, deine Hand einem Manne, ihr die den du nicht liebſt und wegen ſeiner moraliſchen Eigen⸗ geſetzt ſchaften nicht ſchätzen kannſt. Gehe in dein Herz hinab, n Jahre ſieh ſeine Verirrungen, ſo lange es Zeit iſt— bevor du n vor⸗ von deiner eigenen Thorheit zermalmt wirſt. Fliehe nicht e Hälfte von zärtlichen, ſorgſamen Freunden, fliehe nicht aus dem ſchwelgt, Elternhauſe in blinder Ungeduld über Unannehmlichkeiten, er ſtehe, deren Hebung vielleicht in deinen eigenen Kräften ſtände. innesart Sara, mein Kind, ich habe dich nicht in mein Haus ge⸗ Grunde nommen, um dich dann dem Verderben, dem Unglück 3 der Tu⸗ preiszugeben. Warte, beſinne dich! Sara, ich bitte, ich du ver⸗ beſchwöre dich, mache dich nicht unglücklich. Als ich dich von deines Vaters Sterbelager wegnahm, ſchlang ich ruck des meine Arme um dich, um dich vor dem Herbſtwinde zu ſchützen— ich lege ſie noch einmal um dich, um fuhr der dich an meiner Bruſt vor gefährlicheren Winden zu gensreich ſchützen. Sara, mein Kind, fliehe nicht aus dieſem twickeln? Hauſe!„ — 278 Sara zitterte: ſie war heftig aufgeregt; mit unbe⸗ ſchreiblichen Gefühlen lehnte ſie ihren Kopf an den Vater, der ſie feſt an ſeine Bruſt gedrückt hielt. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob es böſe oder gute Engel waren, die in Sara ſiegten, als ſie nach eines Augenblicks innerem heftigem Kampf, den väterlichen, bittenden Freund von ſich ſtieß und ihr Geſicht von ihm wandte mit den Worten: „Es iſt vergebens! Mein Beſchluß iſt gefaßt! Ich heirgthe Schwarz und gehe, wohin mich mein Schickſal ruft!“ Der Landrichter ſprang auf, ſtampfte auf den Boden und erblaßte vor Zorn.„Verhärtete! rief er mit flam⸗ menden Blicken,„wenn Bitten und Liebe nichts über dich vermoͤgen, ſo mußt du eine andere Sprache hören. Ich habe das Recht eines Vormunds über dich und verbiete dir dieſe unheilige Ehe, verbiete dir, mein Haus zu ver⸗ laſſen. Du hörſt mich und wirſt gehorchen.“ Sara ſtand auf. Bleich und trotzig heftete ſie ihre großen Augen auf ihn, er deßgleichen die ſeinigen mit der Macht des Willens und Ernſtes auf ſie. Sie ſchienen Beide einander durchſchauen zu wollen und ihre Willen maßen ſich in dieſem ſtummen Kampfe. Auf einmal ſchlang Sara ihre Arme wild um des Pflegvaters Hals, ein Kuß prannte auf ſeinen Lippen; im nächſten Augenblick flog ſie aus dem Zimmer. Eliſe ſaß in ihrem Kabinet. Sie weinte noch bittere Thränen. Es war Dämmerung. Plotzlich fühlte ſie ihre Kniee umſaßt und ihre Kleider, ihre Hände von Küſſen und Thränen bedeckt. Als ihre Hände die Umarmende ſuchten, war ſie verſchwunden.„Sara! Sara! Wo biſt du?“ rief die Mutter ängſtlich. Petrea kam von ihrem Zimmer herab und wollte eben ins Geſellſchaftezimmer gehen, als jemand auf ſie zukam, ſie in die Arme ſchloß, die Lippen auf ihre Stirns drückte und flüſterte:„Vergiß mich!“—„Sara! Sara! Wohin gehſt* Hausf auf de er unt Thrãn die S zu ſol E dem 3 auf 1 bloß dahine zu er ſich u ſie de zu ere Haus ſtürzte Trep ſie d nahe ſah den 2 zu tr ſteher des auf! die ſen. Vate jetzt werd ſeine Hau it unbe⸗ Vater, t ſchwer die in innerem und von mit den t1 3ch Schickſal n Boden it flam⸗ über dich en. Ich verbiete zu ver⸗ ſie ihre mit der ſchienen e Willen ſchlang ein Kuß k flog ſie ch bittere e ſie ihre üſſen und e ſuchten, rief ollte eben ie zukam, nt drückte Wohin 279 gehſt du?“ rief Petrea erſchrocken und lief ihr bis auf die Hausflur nach. „Wo iſt Sara?“ fragte der Landrichter heftig oben auf den Zimmern ſeiner Töchter;„wo iſt Sara? fragte er unten in der Bibliothek. „Ach, rief Petrea, die jetzt mit einem Strom von Thränen hereinſtürzte:„ſie iſt ſo eben ausgegangen, auf die Straße hinaus.. ſie ſprang beinahe; ſie verbot mir, zu ſolgen; ach ſie kommt gewiß nicht mehr.“ „Der Teufel, ſagte der Landrichter und eilte aus dem Zimmer, griff nach ſeinem Hut und lief fort. Draußen auf der Straße ſah er eine Frauenzimmergeſtalt, die bloß mit einem leichten Shawl über Kopf und Schultern dahineilte und ungeachtet der Dammerung meinte er Sara zu erkennen. Er lief ihr auf der Spur nach. Sie ſah ſich um und— ſloh. Jetzt ſeiner Sache gewiß, verfolgte ſie der Landrichter, holte ſie ein und war im Begriff, ſie zu ergreifen, als ſie heftig auf die Seite bog und in ein Haus ſprang. Hier wohnte Schwarz. Der Landrichter ſtürzte ihr mit Blitzesſchnelligkeit nach, verfolgte ſie die Treppe hinauf und war im Begriff, ſie zu erreichen, als ſie durch eine Thüre verſchwand. Als dieſe Thüre bei⸗ nahe in demſelben Augenblick vor ſeiner Hand aufſprang, ſah er Sara— Sara in Schwarz's Armen. Sie ſtan⸗ den Beide einander umarmend da und offenbar bereit, ihm zu trotzen. Der Landrichter blieb einen Augenblick ſtille vor ihnen ſtehen und betrachtete ſie mit einem unausſprechlichen Blick des Zorns, der Verachtung und des Schmerzes. Er ſah auf die bleiche, keuchende Sara und legte einen Augenblick die Hand über ſeine Augen. Dann ſchien er ſich zu faſ⸗ ſen. Mit der ruhigen, ehrfurchtgebietenden Würde eines Vaters ergriff er Saras Hand und ſagte:„Du folgſt mir jetzt nach Hauſe. Nächſten Sonntag ſollſt du ausgerufen werden.“ Sara folgte; mit geſenktem Kopfe ging ſie an ſeinem Arme. Ohne ein Wort zu ſprechen, kamen ſie nach Hauſe. ———— 280 Hier herrſchte Unruhe und Betrübniß. Aber trotz des allgemeinen Unwillens über Sara und ihre Heirath war doch Niemand in der Familie, der ſich nicht angelegentlich mit ihrer Ausſteuer beſchäftigte. Louiſe, die ſie am mei⸗ ſten tadelte, war die fleißigſte von Allen. Sara ſtellte ſich, als merke ſie nicht, wie man für ſie arbeitete, und ver⸗ brachte die Zeit bei ihrer Harfe oder einſam auf ihrem Zimmer. Der Umgang mit den Mitgliedern ihrer Fami⸗ lie ſchien ihr eine Pein geworden zu ſein. Petreas Zärt⸗ lichkeit, Vermittlung und Thränen erwiederte ſie mit Gleich⸗ gültigkeit, ſogar mit Härte. Abſſchied. Saras freudloſe Hochzeit war vorüber und der Au⸗ genblick gekommen, wo ſie das Haus der Familie verlaſſen ſollte, bei der ſie liebevolle Aufnahme gefunden, und die jetzt mit der zärtlichſten Sorgfalt für alle ihre Bedürf⸗ niſſe in ihren neuen Verhältniſſen ſorgte. In der Stunde des Abſchieds brach die Eisrinde, die bisher ihr Weſen umgeben hatte; heftig weinend ſank ſie ihren Pflegeltern zu Füßen. Tief gerührt hob ſie der Landrichter auf. „Man hat dir deinen Willen gethan, Sara,“ ſagte er mit feſter, aber trauriger Stimme.„Möchteſt du glücklich werden! Eine einzige Ermahnung gebe ich dir noch mit auf den Weg. Vergiß ſie nicht! Sie iſt die letzte von mir. Wenn du dich in den Hoffnungen, die dich jetzt beleben, getäuſcht finden ſollteſt;— wenn du unglücklich — unglücklich oder gar Verbrecherin werden ſollteſt, dann erinnere dich... erinnere dich. erinnere dich, Sara, daß du hier Vater und Mutter und Geſchwiſter haſt, die dir ihre Arme öffnen werden; erinnere dich, daß du hier eine Familie, eine Heimath haſt. Er ſchwieg, führte ſie einige Schritte bei Seite, ergriff ihre Hand und drückte einen Bankzettel hinein. . „Nimn pfennig abſchla dir ein N ſeſte K ſeine 2 Thrän ſchwiſt trat ei Blick aus de ſtürzte der R Schme nern, ſchmer hindur C durch ſich de trat Nieme und i aber e heimli So ſt Gemü gaben Tochte trotz des„Nimm dieß,“ ſagte er zärtlich,„als einen kleinen Noth⸗ ath war pfennig. Nein! Du darfſt es deinem Pflegvater nicht egentlich abſchlagen. Nimm es um ſeiner Liebe willen— es wird m mei⸗ dir einmal gut kommen.“ ellte ſich, Nur mit Mühe hatte der Landrichter bisher ſeine und ver⸗ feſte Haltung behauptet; jetzt drückte er Sara heftig an f ihrem ſeine Bruſt, küßte ſie auf Stirne und Mund und ſeine r Fami⸗ Thränen floſſen. Weinend ſchloſſen ſich Mutter und Ge⸗ Zärt⸗ ſchwiſter um ſie. Da öffnete ſich die Thüre und Schwarz Gleich⸗ trat ein. „Der Wagen wartet!“ ſagte er mit einem finſtern Blick auf die trauernde Gruppe. Sara riß ſich jetzt los aus den Armen, die ſie noch zurückhalten wollten, und ſtürzte aus dem Zimmer. Wenige Sekunden darauf rollte der Reiſewagen davon. „Sie iſt verloren!“ rief der Landrichter mit bitterem . der Au⸗ Schmerz gegen ſeine Frau;„ich fühle es in meinem In⸗ verlaſſen nern, daß ſie verloren iſt. Ihr Tod wäre mir weniger und die ſchmerzhaft geweſen, als vieſe Heirath.“ Mehrere Tage Bedürf⸗ hindurch blieb er finſter und traurig. Stunde. eWeſen Kleine Scenen. uf. “ ſagte teſt du Gleich einem Orkan war die letztverfloſſene Epiſode ich dir durch das Haus gezogen. Als ſie vorüber war, klärte die letzte ſich der Himmel wiederum auf, ja man konnte ſagen, es ich jetzt trat jetzt eine noch fröhlichere Ruhe ein, als vorher. glücklich Niemand war, der nicht mit Intereſſe an Sara dachte t, dann und ihre gewaltſame Trennung nicht zuweilen beweinte, Sara, aber außer dem Landrichter und Petrea fühlten ſich alle ſt, die heimlich durch ihre Entfernung gewiſſermaßen erleichtert. du hier So ſtörend wirkt im Hauſe eine unruhige, anſpruchsvolle Gemüthsart und kann den Segen der ſchönſten Natur⸗ Seite, gaben zu nichte machen. Der Landrichter vermißte eine hinein. Tochter in einem geliebten Kreiſe, er vermißte das ſchöne reichbegabte Mädchen und konnte nicht ohne bittere Un⸗ er eines ruhe an ihre Zukunft denken. Petrea beweinte den Ge⸗ leben fri genſtand ihrer jugendlichen Bewunderung und Verehrung, Leben. tröſtete ſich aber mit Ausmalung romantiſcher Wieder⸗ haben, ſehungsplane, wobei ſie ſelbſt immer als Saras Schutz⸗ zu brau engel auftrat, ſei es nun als Königin auf einer öden In⸗ Lebens. ſel oder als ein Krieger, der für ſie blutete, oder als eine 5 die Ged verkleidete Perſon, die im tiefen Gefängniß ihre Feſſeln Ich fret löste, um ſie ſich ſelbſt anzulegen, kurz auf alle mögliche Land, Arten in der Welt, nur nicht auf eine mögliche. eigenen Nicht lange nach ihrer Trennung vom Hauſe ſchrieb muß k! Sara. Sie ſprach mit Dankbarkeit von ihrer Vergangen⸗ Nutzen heit, mit friſcher Hoffnung von der Zukunft; eine gewiſſe nöthigt Faſſung, ein gewiſſer Ernſt und Ruhe verrieth ſich in durch ihrem Briefe, der in der Familie eine wohlthuende Beru⸗ und im higung über ihr Schickſal verbreitete. Eliſe war jeder vor all Zeit geneigt, das Beſte zu hoffen und die jungen Leute Seele ſind von Natur Optimiſten. Der Landrichter ſagte Nichts, ſei Da was die Hoffnungen der Familie hätte ſtören können.„ klagen Louiſe allein ſchüttelte ſeufzend den Kopf. werden Nach den vielen Zerſtreuungen, die ſeit einiger Zeit nimmt die Familie beſchäftigt hatten, ſchien ſich eine allgemeine nächſt Sehnſucht nach ruhigeren Genüſſen und einem ſtilleren häuslichen Leben einzuſtellen. Die Geſchäfte, dieſe nüch⸗ Eva ternen, aber gemüthlichen Töchter eines geordneten häus⸗ gemein lichen Lebens, giengen unter Louiſens Befehlen mit Luſt Innigl und Behaglichkeit von Statten. An fröhlichen Stunden, der Sonnenblicken aller Art und intereſſanten Unterhaltungen waren fehlte es nicht im Hauſe. Zeitſchriften, die der Land⸗ einand richter hielt und wodurch die Familie über die Fragen habe der Zeit immer auf dem Laufenden blieb, gaben nament⸗ ſein lich den jungen Leuten vielfachen Stoff zu denfen, zu ſpre⸗ übrige chen und zu entwickeln. Der Landrichter liebte es ſehr, grund ſolche Meinungsaustauſche unter ihnen zu hoͤren, miſchte künfti ſich aber nur ſelten in die Erörterungen, außer dann und denn wann mit einem leitenden Wort. dieſe „Ich glaube, es geht Alles ganz gut bei uns,“ ſagte theils Schutz⸗ n In⸗ eine Feſſeln ögliche ſchrieb angen⸗ gewiſſe ſich in Beru⸗ jeder Leute Nichts, können. er Zeit zemeine ſtilleren e nüch⸗ häus⸗ tit Luſt tunden, ltungen Land⸗ Fragen tament⸗ zu ſpre⸗ es ſehr, miſchte nn und „ſagte er eines Tags vergnügt zu ſeiner Frau.„Die Kinder leben friſch im Hauſe dahin und bereiten ſich auf das Leben. Ja wenn ſie nur einmal offene Augen und Ohren haben, ſo werden ſie ſchon Gelegenheit genug finden, ſie zu brauchen; ſie werden ſtaunen über den Reichthum des Lebens. Es iſt gut, wenn das Haus ihnen Nahrung für die Gedanken, wie für Herz und Körper gewähren kann. Ich freue mich recht über unſer neues Heimweſen. Jedes Land, jedes Klima hat ſeine eigenen Vortheile, wie ſeine eigenen Schwierigkeiten und die Oekonomie des Lebens muß klüglich darnach eingerichtet werden, wenn ſie mit Nutzen und Ehren beſtehen ſoll. Unſer Land, das uns nöthigt, ſo viel im Hauſe zu leben, ſcheint uns eben da⸗ durch zu einem concentrirteren, einem zugleich ernſteren und innerlicheren Leben zu mahnen, und hiezu bedarf es vor allen Dingen eines angenehmen Hauſes, wo ſowohl Seele als Leib gedeihen und fortkommen können. Gott ſei Dank, ich glaube, wir dürfen in dieſer Beziehung nicht klagen und mit der Zeit, hoffe ich, wird es noch beſſer werden. Die Kinder ſehen alle glücklich aus! Gabriele nimmt mit jedem Tage zu und Louiſe wächst uns dem⸗ nächſt allen über den Kopf.“ Plane für die Zukunft beſchäftigten die Jugend ſehr. Eva und Wonore bauten alle ihre Luftſchloͤſſer aus gemeinſamen Mitteln. Zwiſchen dieſen war eine große Innigkeit eingetreten, ſeit ſie während des Aufenthalts der Andern auf Arelholm allein beiſammen geblieben waren. Man könnte ſagen, an dem Abend, wo ſie mit einander bei Trauben und einem Romane ſchwärmten, habe der Freundſchaftsſame, der lange in ihnen gekeimt, ſein Herzblatt ausgeſchlagen. Ihre Luftſchlöſſer waren übrigens keine gewöhnlichen Romanſchlöſſer; im Hinter⸗ grund lag der proſaiſche, aber ſchöne Gedanke, ſich künftig ein ſelbſtſtändiges Auskommen zu verſchaffen— denn frühe hatten die Eltern dem Sinn der Toͤchter dieſe Richtung gegeben, und darauf wurden nun ſchöne, theils freundſchaftliche, theils allgemein menſchenfreund⸗ 284 liche Einrichtungen gegründet, denn junge Mädchen ſind immer große Menſchenfreunde. Auch Jakobi hatte eine Menge Ausſichten für ſeine und ſeiner Frau Zukunſt und Louiſen fehlte es nie an Mit⸗ teln, dieſelben zu realiſiren. Dazwiſchenhinein gab es vieles Proceſſiren um Küſſe. Louiſe wollte ein Geſetz einführen, nicht mehr als drei des Tages zu geſtatten, wogegen Jakobi mit Wort und That proteſtirte, und Ga⸗ briele lief bei ſolchen Gelegenheiten jedesmal erzürnt und verdrießlich davon. Petrea las engliſch mit ihr, veranſtaltete kleine Feſte für ſie und die Familie weinte jeden Abend über Sara und grübelte jeden Morgen über die Schöpfung der Welt nach, während die guten Eltern immer aufmerkſamer über ihre eigene wachten. Niemand genoß jedoch den damaligen Zuſtand der Familie mehr als Heinrich. Nachdem er ſeinen Schwe⸗ ſtern zu verſchiedenen heiteren Motionen geholfen hatte, widmete er ſich immer ausſchließlicher ſeinen Lieblings⸗ ſtudien; der Geſchichte und Philoſophie; oft ſtreifte er ganze Tage mit ſeinem Buche in der Gegend umher, ſchloß ſich aber regelmäßig Abends ſieben Uhr dem Fa⸗ milienkreiſe an und war da meiſtens der Fröhlichſte unter den Fröhlichen. „Wir leben jetzt recht glücklich, dächte ich,“ ſagte er eines Abends in vertraulichem Geſpräch zu ſeiner Mut⸗ ter,„und ich für meinen Theil habe das Leben nie ſo ge⸗ noſſen. Ich fühle jetzt, daß es mit meinen Studien wirk⸗ lich vorangehen will und glaube, es kann etwas aus mir werden. Wenn ich den Tag über nicht ohne Erfolg ge⸗ arbeitet habe und dann Abends zu meiner Mutter und meinen Schweſtern komme und Alles ſo freundlich, ſo ver⸗ gnügt und heiter ſehe— da erſcheint mir das Leben ſo angenehm, ich fühle mich ſo glücklich und wünſche beinahe, es möchte immer ſo bleiben, wie jetzt.“ 32 „Ach ja,“ antwortete die Mutter, und wenn wir dich nur immer zu Hauſe behalten könnten, lieber Heinrich. Aber ich fort von du dir „U Mutter ſo gerne Eir und wel ſchienen, Freude der Frei finſter. „3 lich Frc dung ve haupt e in der in der oder da werden Aber t Und die die jun— der Ert und Er nicht ſe Die R wirklich gefreut und kö vorzügl wäre e deſſen in der Herz u Ich w iſt ein 285 Aber ich weiß, es geht nicht an. Du mußt bald wieder fort von uns und wenn du vollends fertig biſt, ſo gründeſt du dir dein eigenes Haus und„„. „Und dann mußt du zu mir in mein Haus kommen, Mutter!“ Dieß war und blieb Heinrichs von der Mutter hen ſind für ſeine an Mit⸗ gab es nGeſeß ſo gerne gehörtes Lieblingsthema. geſtatten, Einige Gedichtchen, die Heinrich um dieſe Zeit ſchrieb und Ga⸗ und welche die entſchiedenſte poetiſche Anlage zu beurkunden irnt und ſchienen, machten der Mutter und den Schweſtern die größte Freude und erregten eine frohe Aufmerkſamkeit im Kreis ne Feſte des Hauſes. Der Landrichter allein wurde er Sara. e Welt„Ihr verderbt ihn!“ erklärte er eines Tages verdrieß⸗ lich Frau und Töchtern,„wenn ihr ihm zu der Einbil⸗ ner über.. dung verhelfet, er ſei etwas Merkwürdiges, bevor er über⸗ tand der haupt etwas iſt. Ich geſtehe, daß ſeine Poetaſterei mir Schwe⸗ in der Seele zuwider iſt. Ein Mann ſoll etwas Tüchtigeres n hatte, in der Welt thun wollen, als ſeufzen und über dieſes eblings⸗ oder das künftige Leben ſingen. Ja wenn er ein Thorild eifte er werden könnte oder ſonſt einer unſerer Coryphäen!.. umher, Aber davon ſehe ich wenigſtens keine Spur bei ihm. em Fa⸗ Und dieſe Poetaſterei, dieſe literariſche Tagdieberei, welche te unter die jungen Leute ſogleich über den Wolken oder unter der Erde wohnen läßt, ſo daß ſie vor lauter Wolken „ſagte und Erde die guten geſegneten Gaben des wirklichen Lebens r Mut⸗ nicht ſehen können;— ich wollte, der Henker holte ſie! ſo ge⸗ Die Richtung, die Heinrich jetzt nimmt, macht mir n wirk⸗ wirklich vielen Kummer. Ich hatte mich ſo darauf us mir gefreut, er werde einmal ein tüchtiger Bergmann werden und könnte unſere Gruben, Wälder, Ströme, Schwedens er und vorzüglichſte Reichthumsquellen, ausbeuten helfen. Das ſo ver⸗ wäre eine würdige Aufgabe für einen guten Kopf. Statt eben ſo deſſen hängt er den ſeinigen ſchief, ſitzt mit der Feder einahe, in der Hand da und ſeufzt über Licht und nicht, über . Herz und Schmerz. Das iſt mir in der Seele zuwider. ir dich Ich wünſchte, Stjernhök käme bald zu uns. Seht, das einrich. iſt ein Kerl! Aus dem wird einmal etwas Tüchtiges olg ge⸗ — 286 und Brauchbares. Wenn er nur bald kommt! Viel⸗ leicht konnte er auf Heinrich einwirken und ihn von dieſer Versmacherei abbringen, die im Grunde vielleicht bloß Eitelkeit iſt.“ Eliſe und die Töchter ſchwiegen. Schon ſeit geraumer Zeit hatte Eliſe den Grundſatz feſtgehalten, zu ſchweigen, wenn ihr Mann brummte. Aber oft nahm ſie, wenn ſie es nothig fand, ſpäter, wenn er wieder ruhiger war, den Brummſtoff aufs Neue auf und ſprach mit ihm in aller Gelaſſenheit darüber, mit einer Taktik, bei der ſie ſich jeverzeit vortrefflich befand. Auch heute bediente ſie ſich derſelben und ſagte Abends zu ihrem Mann: „Es thut mir aufrichtig leid, Ernſt, daß du mit Hein⸗ richs poetiſcher Richtung ſo unzufrieden biſt. Mir hat ſie Freude gemacht, eben, weil ich ſie für eine wahre halte und überzeugt bin, daß ſie in dieſem Fall ſo nützlich werden kann, wie jede andere. Aber nie möchte ich ihn zu etwas aufmuntern, was dir ſo unangenehm iſt.“ „Meine liebe Eliſe, antwortete der Landrichter mild, „handle hierin ganz nach deiner Ueberzeugung und deinem Gewiſſen. Es iſt wohl moͤglich, daß du in der Sache recht haſt und ich unrecht. Aber um was ich dich bitte, wache über dich ſelbſt, damit dich die Liebe zu deinem Erſtgebornen nicht verleitet, Mittelmäßiges vortrefflich zu finden und in geringen Verſuchen Meiſterwerke zu ſehen. Möge Heinrich, wenn er kann, ein ausgezeichneter Dichter oder Literat werden, nur ſoll er ſich jetzt noch nicht für etwas halten und vor allen Dingen nicht glauben, man könne ſich je in irgend einem Fache auszeichnen, ohne ſich durch gründliche, ernſte Studien darauf vorbereitet zu haben und ohne vorher ein denkender Menſch zu ſein. Wird er das, ſo verſpreche ich dir, Freude über meinen Sohn zu empfinden, er mag ſichs nun zum Geſchäfte machen, Gedanken, oder Berge auszubeuten Aber gerade davor muß man ſich ſehr hüten, daß man dieſe poetiſchen Blüthen nicht überſchätzt. Bleibt ſeine Eitelkeit darin ſtecken, ſuchen.“ g ganzen Ar kunſt. langte Kenntni ſeine 2 warme vollen und ſch ſchaft i wärmſte Stjernh tigen F behande S der Fre ihm mi E Jünglit aber be aber za war ei war A drucksv ſtimmt oft pro glücklic E ſehr ve mers k nicht u Viel⸗ n dieſer ht bloß eraumer hweigen, wenn ſie ar, den in aller ſie ſich ſie ſich it Hein⸗ hat ſie re halte werden u etwas er mild, deinem Sache ch bitte, deinem trefflich u ſehen. Dichter icht für man „ohne teitet zu u ſein. meinen eſchäfte gerade etiſchen darin 287 ſtecken, ſo wird er nie ernſtlich in etwas Anderem Ehre ſuchen.“ „Da haſt du Recht, Ernſt,“ ſagte Eliſe, mit der ganzen Herzlichkeit einer herzlichen Ueberzeugung. Auch Heinrich ſehnte ſich ſehr nach Stiernhöks An⸗ kunſt. Er wollte ihm ſeine Arbeiten zeigen. Es ver⸗ langte ihn, ſeine neuen hiſtoriſchen und philoſophiſchen Kenntniſſe an ihm zu verſuchen, mit einem Wort ſich ſeine Achtung zu erwerben, denn Heinrichs milde und warme Seele hatte ſich jederzeit mächtig von der kraft⸗ vollen metalliſchen Natur des Andern angezogen gefühlt, und ſchon als Knabe war Stiernhoͤks Achtung und Freund⸗ ſchaft immer das hoöchſte Ziel ſeines Strebens und ſein wärmſter, wiewohl bis jetzt unerreichter Wunſch geweſen. Stjernhök hatte ihn immer mit einer gewiſſen glelchgül⸗ tigen Freundlichkeit, aber nie als Kamerad und Freund behanvelt. Stjernhök kam. Mit großer Herzlichkeit wurde er in der Frank'ſchen Familie empfangen, aber Niemand kam ihm mit wärmerem Herzen entgegen, als Heinrich. Es war eine große Ungleichheit zwiſchen den beiden Jünglingen, auch im Aeußern. Heinrich beſaß eine reine, aber beinahe weibliche Schönheit, ſeine Geſtalt war edel, aber zart, ſein Blick feurig und ſchwärmeriſch. Stjernhök war einige Jahre älter und frühzeitig Mann. An ihm war Alles muskulös, feſt und kräftig, ſein Geſicht war aus⸗ vrucksvoll, ohne ſchön zu ſein, und in ſeinem klaren, be⸗ ſtimmten Blicke funkelte ein Stern, wie ihn das Schickſal oft prophetiſch demjenigen ins Auge legt, über deſſen Bahn glückliche Sterne walten. Einige Tage nach Stjernhoks Ankunft war Heinrich ſehr verändert. Er war ſtill und eine Wolke des Kum⸗ mers bedeckte ſein Geſicht. Stjernhok war, wie immer, nicht unfreundlich gegen Heinrich, ſchien aber wenig aus — — —— 1 1 * —— 288 ihm zu machen. Er beſchäftigte ſich eifrig damit, theils vor den Damen und Jakobi chemiſche Erperimente anzu⸗ ſtellen, theils an den Abenden und wohl bis in die Nächte hinein ſie durch vortreffliche Teleskope die Phänomene des Sternenhimmels betrachten zu laſſen. Einer der ſtrah⸗ lenden Himmelskörper, auf den der junge Aſtronom fleißig ſeine Beobachtungen richtete, wurde ſeitdem in der Fa⸗ milie Stjernhökſtern genannt. Alle ſammelten ſich um deu kenntnißreichen, intereſſanten jungen Mann. Der Land⸗ richter fand ungemein viel Vergnügen an ſeiner Unter⸗ haltung und äußerte mehr als einmal gegen die Seinigen ſeine Freude über ihn und die Hoffnungen, die das Vater⸗ land auf ihn bauen könne. Der junge Bergmann war auch dadurch ſein beſonderer Günſtling geworden, daß er mit ungewöhnlichen Kenntniſſen eine ſeltene Beſcheiden⸗ heit gegenüber von älteren und erfahreneren Männern verband. „Sieh, Heinrich,“ rief der Landrichter eines Tags, nach einer Unterhaltung mit Stjernhök,„ſieh, das mochte ich Poeſie, wirkliche Poeſie nennen. Die Ströme bändigen und ihre wilden Fälle zwingen, Gemächlichkeit und Reich⸗ thum zu bereiten, während an ihren Ufern dir Wälder ſich lichten. Ackerfelder ſich ausbreiten, menſchliche Wohnungen aufblühen und friſche Thätigkeit und froͤhliche Stimmen die Gegend beleben. Sieh, das kann man eine ſchöne Schöpfung nennen!“ Heinrich ſchwieg. Aber das kleine Fräulein ſagte fein: „Und in dieſen Wohnungen dort, wie vergnügt werden da die Leute ſein, wenn ſie manchmal ein angenehmes Buch zu leſen oder ein ſchönes Lied zu ſingen bekommen! Sonſt würde ihr Leben trotz aller ihrer Waſſerfälle ſehr trocken ein.“ Der Landrichter lächelte, küßte ſein kleines Mädchen und Thränen traten ihm in die Augen aus Entzücken über ſie. Heinrich war inzwiſchen in ein anderes Zimmer ge⸗ ——————— gangen die Mut „V bevoll, gen beſc lieber E liefen u „S es dirn zuweilen doch, n ſich von damit z Mittelm vergnüg einmal S ich wirt Aber ſe habe, ſtehe m geöffnet glaubte jetzt re und kré nen. 2 ſo als meinen Bäume Himme ergreife da ſpre rühren chen A denke, Ja ſo iſt Alle Br 289 gangen und hatte ſich an ein Fenſter geſetzt, wohin ihm e Nächte die Mutter folgte. tent e„Wie ſteht es mit meinem Heinrich?“ fragte ſie lie⸗ . bevolt, indem ſie ſanft die Hand wegnahm, die ſeine Au⸗ ſteißig gen beſchattete. Sie ſtanden voll Thränen.„Mein guter, 2 Fa⸗ lieber Sohn,“ rief die Mutter, indem ihre eigenen über⸗ liefen und ſie die Arme um ihn ſchlang. 2 „Siehſt du,“ begann die Mutter tröſtend,„du mußt un es dir nicht ſo zu Herzen gehen laſſen, wenn dein Vater Beinigen zuweilen beinahe etwas einſeitig ſpricht. Du weißt ja Vat⸗ doch, wie unendlich billig und gut er iſt, und ſobald er in— ſich von der Aechtheit deines Berufes überzeugt, wird er damit zufrieden ſein. Jetzt befürchtet er, du möchteſt beim ſiheidzit⸗ Mittelmäßigen ſtehen bleiben. Er wird ſchon heiter und Männern vergnügt werden, wenn du ihm auf deinem eigenen Wege einmal Ehre machſt.“ nn* ſagte„wenn ich 3. ichte ich wirklich einen eigenen Weg, einen eigenen Beruf habet bändigen Aber ſeit Stjernhoͤk hier iſt und ich mit ihm geſprochen d Reieh⸗ habe, iſt Alles ſo verändert in und außer mir. Ich ver⸗ wes ic ſtehe mich ſelbſt nicht mehr. Stjernhoͤk hat mir die Augen hnungen geöffnet, wie wenig ich von dem weiß, was ich zu wiſſen glaubte„ welche Pfuſcherei meine Arbeit iſt. Ich ſehe es ſchöne jetzt recht gut ein und— das ſchmerzt mich. Wie ſtark u und kräftig Stjernhoͤk iſt! Ich möchte ihm gleichen kön⸗ gieiit nen. Aber das iſt unmöglich. Neben ihm fühle ich mich ſo als Nichts. Und doch. ach wenn ich mit es Buch meinen Buchern allein, oder draußen im Freien bin, 1 Sponſ Bäume, Felſen, Waſſer, Winde um mich her und den Himmel über mir, da ſteigen Gedanken in mir auf, da trocken ergreifen mich Gefühle, unausſprechliche, wonnige Gefühle; Mädchen da ſprechen Worte und Ausdrücke in mir, die mich tief 6 rühren und mir unbeſchreibliche Freude machen. In ſol⸗ 3 chen Augenblicken fühle ich etwas Großes in mir und denke, mein Lied müſſe in allen Herzen ein Echo finden. 8 Ja ſo fühle ich zuweilen— aber wenn ich Stjernhoͤk ſehe, iſt Alles dahin, dann fühle ich mich gering und arm und Bremer, das Haus. 19 290 ſtehe im Begriff, mich für einen Träumer, einen Thoren zu halten.“ „Mein guter Junge, du verkennſt dich ſelbſt,“ ſagte die Mutter.„Deine und Stjernhöks Gaben ſind ganz un⸗ gleich, wenn du aber, wie er, mit Ernſt und Kraft dein Pfund verwendeſt, ſo wird es ſeiner Zeit ſchon Früchte bringen. Ich muß dir ſagen, Heinrich, daß es von jeher einer meiner lebhafteſten Wünſche geweſen iſt und noch iſt, eines meiner Kinder möchte ſich in der Literatur auszeichnen. Sie hat mir meine ſchönſten Genüſſe verſchafft und in mei⸗ nen jüngeren Jahren fehlte es mir nicht an Anlagen, ſelbſt dieſes Feld anzubauen. In deinen Anlagen habe ich die meinigen in reicherem Maße aufblühen ſehen und ich ſelbſt bin darin aufgeblüht, mein Heinrich, und in der Hoffnung auf dich. Ach wenn ich den Tag erlebte, da ich dich von deinem Vaterlande geehrt ſähe, da ich deinen Vater ſtolz auf ſeinen Sohn ſehen und ſelbſt mein Herz an den Früch⸗ ten deines Geiſtes, deiner Arbeit erwärmen könnte— 0 dann könnte ich freudig ſterben.“ Das Feuer der Begeiſterung flammte in Heinrichs Blicken und auf ſeinen Wangen, indem er ſeine Mutter umarmend ſagte:„Nein, du ſollſt leben, Mutter! Leben, um von deinem Sohne geehrt zu werden. Er gelobte es, dir Freude zu machen!“ Ein Sonnenſtrahl fiel ins Zimmer und beleuchtete Heinrichs lichte Locken, die dabei glänzten, wie Gold. Die Mutter gewahrte es, ſah ſchweigend eine Prophezeiung darin und ein ſonnenhelles Lächeln verbreitete ſich über ihr Geſicht. Petrea las den Zauberring. Sie ſollte ihn eigent⸗ lich Abends dem Familienkreiſe vorleſen, was ihm den gefährlichen Zauber bedeutend genommen haben würde, allein ſie las ihn vorher heimlich bei Nacht und es zog ſie hi ſie trä niſſen, Helder Perſor cifir g meriſc troſts Wirrn halten Phant Kinde ſchah Nacht Eralt und war ziemli liche meiſte und ihre! verga ließ f ſie e ſpieli die n fluß „Rr wie die ware für I weiſe aus nahe hätte 291 Thoren ſie hinein in den verwirrenden Zauberkreis. Sie dachte, ſie träumte nichts Anderes, als von wunderbaren Ereig⸗ „ ſagte niſſen, wunderſchöͤnen Frauenzimmern und wundertapfern ganz un⸗ Helden. Sie war immer ſelbſt unter den handelnden raft dein Perſonen, angebetet oder anbetend, bald mit dem Cru⸗ Früchte cifir gegen Heren und Drachen kämpfend, bald im ſchwär⸗ von jeher meriſchen Mondlicht unter den Lilien in Frau Minne⸗ noch iſt, troſts Burg wandelnd. Es war, als hätte der chaotiſche szeichnen. Wirrwarr in Petreas Seele hier Geſtalt und Leben er⸗ d in mei⸗ halten und mit gedoppelter Macht ergriff ſie jetzt die en, ſelbſt Phantaſiewelt, die einſt in Geſtalt des Waldgotts ihren e ich die Kindesſinn berauſcht und ſie irre geführt hatte. So ge⸗ ich ſelbſt ſchah es auch jetzt, denn während ſich Petrea Tag und Hoffnung Nacht in einer Traumwelt bewegte, worin ſie bis zur dich von Eraltation in prachtvollen, wunderbaren Scenen ſchwelgte ater ſtolz und jederzeit ſelbſt eine höchſt bedeutende Rolle ſpielte, en Früch⸗ war ihre Rolle im wirklichen alltäglichen Leben eine — ziemlich jammervolle. Der Kopf, worin ſo viele herr⸗ liche Erſcheinungen und große Plane ſich wälzten, ſah Heinrichs meiſtens aus wie ein Flachsbüſchel; ſie merkte die Löcher e Mutter und Flecken in ihren Kleidern nicht, achtete nicht auf Leben, ihre zerriſſenen Strümpfe und abgetretenen Schuhe. Sie lobte es, vergaß alle ihre kleinen Alltagsgeſchäfte und verlor oder ließ fallen, was ſie in den Händen hatte. Dabei hatte eleuchtete ſie eine Leidenſchaft für Krachmandeln(ein eben ſo ko⸗ d Die ſpieliger, als geräuſchvoller Raptus, wie Louiſe meinte), phezeiung die nie ſtärker war, als ſo lang ſie ſich unter dem Ein⸗ über ihr fluß des Zauberringes umherbewegte und das beſtändige „Krack, krack,“ das ſich hören ließ, wohin ſie kam, ſo wie die Mandelſchalen, auf die man überall trat, oder die einem im Finſtern an den Ermeln hängen blieben, waren Nichts weniger als angenehm. Wenn jetzt Petrea für ſolche Sachen wohlverdiente Erinnerungen und Ver⸗ neigent⸗ weiſe erhielt, da fiel ſie aus den Wolken oder richtiger ihm den aus ihrem Himmel herab auf die Erde, die ihr nun bei⸗ n würde, nahe wie ein Haufen Reiſer und Neſſel erſchien und ſie es ze hätte mit zehn Jahren ihres Lebens ein Jahr von der 292 Herrlichkeit des Zauberringes erkaufen mögen und mit der⸗ ſelben Schönheit, Zauberkraft, Macht und dergleichen Dinge, die Petrea nicht beſaß, außer in ihren Träumen. Ihr Leben war eine Spaltung zwiſchen einer idealen und einer wirklichen Welt, während ſie keine von beiden in ihrer Wahrheit kannte, ſo daß ſie ſich ſchon deßhalb nicht in ihrer Seele verſöhnen konnten. Ströme von Thränen floßen in dieſen Abgrund hinab, ohne ihn auszufüllen und ohne ihre Augen klarer zu machen, während ſie ihre Lei⸗ den bald den Umſtänden, bald ſich ſelbſt ſchuld gab. Um dieſe Zeit war es, daß Jakobi, theils auf den Wunſch der Eltern, theils auch aus eigener Herzensgüte ſich Petreas ernſtlich anzunehmen anfing und ſie auf eine Art beſchäftigte, die ihre Denkkraft anſtrengte und übte, ſo daß der Schwall von Gefühlen und Einbildungen ſich einigermaßen legte. Dieß war unausſprechlich wohlthuend für Petrea und würde es noch mehr geweſen ſein, wäre der Lehrer nicht gar zu„ doch wir wollen das Ge⸗ heimniß kommender Jahre nicht verrathen. Eines Tags erhielt der Landrichter einen großen Brief aus Stockholm, den er ſeiner Frau ſchweigend vorlegte. Er kam von höherem Orte und enthielt ein ehrenvolles, ſchmeichelhaftes Lob über ſeine Verdienſte, auf welche die Regierung ſchon lange aufmerkſam geweſen ſei, nebſt der Berufung in das höchſte Gericht des Königs. Als Cliſe den Brief geleſen hatte, ſah ſie fragend zu ihrem Manne auf, der ſie betrachtend daſtand. „Was denkſt du, Ernſt?“ ſagte ſie mit geſpanntem, unruhigem Blicke. Der Landrichter fing an, ſtark auf⸗ und abzugehen, wie er immer that, wenn ihn etwas aufregte.„Die Sache kann mir nicht gleichgültig ſein,“ ſagte er,„ich bin gerührt über dieſen Beweis von meines Koͤnigs Ver⸗ trauen. Ich habe ſchon lange an dieſen Fall gedacht— du wei wartet genwär Wirkſat ſein kat mir fre tig zu das G nun in daß wi Vieles Viel, 1 halbfer nicht. ſonſt te ich ſpr was w 6 Manne Ich w größer zu lieb nem kannſt und lie „ von m glückli es hat zählen kein ſe vor, an dic Wand bin, immer 293 nit der⸗ du weißt, das Anerbieten kommt mir nicht ganz uner⸗ gleichen wartet— aber ich fühle, ich ſehe ein, daß ich meinen ge⸗ äumen. genwärtigen Wirkungskreis nicht verlaſſen darf. Meine len und Wirkſamkeit paßt für ihn, ich weiß, daß ich darin nützlich iden in ſein kann und das Vertrauen des Landeshauptmanns gibt lb nicht mir freie Hand, nach meinen Kräften und Einſichten thä⸗ Thränen tig zu ſein. Erndtet auch er ſtatt meiner den Ruhm für len und das Gute ein, was in der Provinz ausgerichtet wird— hre Lei⸗ nun in Gottes Namen, was thut das? Ich weiß doch, daß wirklich Gutes und Nützliches ausgeführt wird. Aber auf den Vieles iſt bloß angefangen, was vollendet werden muß— ensgüte Viel, unendlich Viel bleibt noch zu thun. Ich kann ein auf eine halbfertiges Werk nicht verlaſſen; ich darf, ich will es d übte, nicht. Nein, fertig muß man mit ſeiner Arbeit werden, en ſich ſonſt taugt ſie nicht. Und hier weiß ich, daß ich. aber hlthuend ich ſpreche ja bloß von mir! Sage mir, Eliſe, was willſt, „ wäre was wünſcheſt du?“ s Ge⸗„Laß uns hier bleiben!“ ſagte Eliſe und reichte ihrem Manne die Hand, während er ſich an ihre Seite ſetzte. Ich weiß, Ernſt, du würdeſt an einem hoͤheren Range und größerem Einkommen keine Freude haben, wenn du ihm zu liebe einen Kreis verlaſſen müßteſt, wo du dich auf dei⸗ en Brief nem Platze fühlſt, wo du nach Herzensluſt wirkſam ſein vorlegte. kannſt und von Menſchen umgeben biſt, die dich verehren envolles, und lieben.“ elche die„Aber du, aber du, Eliſe. Sprich von dir, nicht iebſt der von mir.“ „Ja du,“ antwortete ſie mit dem Lächeln eines gend zu glücklichen Herzens.„Das iſt nicht ſo leicht, ſiehſt du, es hat ſich Alles verwebt. Aber ich will dir von mir er⸗ anntem, zählen, daß ich mich hente früh im Spiegel beſah— kein ſatyriſches Geſicht, mein Freund!— und es kam mir zugehen, vor, als ſähe ich kräftig und geſund aus. Ich dachte „Die an dich, wie lieb und gut du biſt, wie ich während einer Wanderung an deiner Seite an Seele und Leib erſtarkt gs Ver⸗ bin, wie ich dich immer mehr lieben muß und wie wir — immer glücklicher mit einander werden. Ich dachte an 294 deine für das allgemeine Wohl und für unſere Familie ſo ſegensreiche Wirkſamkeit; ich dachte an unſere Kinder, die friſch und gut ſind und ſich glücklich unter unſeren Händen entwickeln; an unſer neues Haus, das du für uns Alle ſo bequem und angenehm gemacht haſt; da kam die Sonne und beglänzte mein kleines, geliebtes Kabinet und ich fühlte mich ſo glücklich über mein Loos; — ich dankte Gott für dich. Gerne möchte ich in die⸗ ſem Kreiſe, in dieſem Hauſe leben und ſterben. Laß uns hier bleiben.“ „Gott ſegne dich für dieſe Worte, Eliſe! Aber die Kinder, die Kinder! Unſer Beſchluß hat Einfluß auf ihre Zukunft. Wir müſſen auch ſie hören. Wir müſſen ihnen die Sache vorlegen. Nicht, als ob ich fürchtete, ſie möch⸗ ten nach Anhörung unſerer Gründe irgend einen andern Wunſch haben. Aber in allen Fällen ſollen ſie in der Sache auch mitſprechen. Komm, Eliſe. Ich habe keine Ruhe, bis Alles gehörig beſprochen und beſchloſſen iſt. Als der Landrichter die Sache im Familienrathe vortrug, entſtand hier ein gewaltiges Staunen und ein allgemeines Schweigen; lockende Bilder— nicht gerade vom hochſten Gerichte, ſondern von ſeinem Sitze, der Hauptſtadt— begannen vor den Blicken— der jungen Leutchen zu tanzen; Louiſe ſah beinahe aus, wie ein leibhaftiger Juſtizrath. Als aber der Vater ſeine und ſei⸗ ner Frau Gedanken und Wünſche eröffnete, da fand er in den thränenden Augen der Kinder zugleich Dankbar⸗ keit für ſein Vertrauen und vollkommene Hingebung in ſeinen Willen zu leſen. Indeß vermochte keines zu ſpre⸗ chen, bis die Kleine— der Vater hatte nicht gewolit, daß man zu ihr ſagen ſolle:„Geh hinaus, Gabrielchen!“ —„Laßt ſie auch dabei ſein,“ ſagte er,„ſie iſt ein ſo kluges, kleines Mädchen!“— ja bis die kleine Gabriele ihre Arme um den Hals der Mutter ſchlang und aus⸗ rief:„ glücklich Di — wiederh der the ſeinen“ das ſol Schönh Gott ſt fühlt! lich me A langer und Le cheren gewohr die ihr cher F „ Himm die faſ ganner jetzt n Beerer Güte Heinri nenſch werder hervor Familie Kinder, unſeren das du t haſt; eliebtes Ls; in die⸗ aß uns ber die uf ihre nihnen möch⸗ andern Sache he, bis enrathe und ein gerade e jungen wie ein nd ſei⸗ and er ankbar⸗ ung in u ſpre⸗ ewollt, chen!“ ein ſo abriele d aus⸗ 295 rief:„Ach laßt uns nicht wegziehen! Wir ſind ja hier ſo glüͤcklich.“ Dieſer Ausruf wurde von allen Uebrigen im Chor wiederholt. „Nun wohlan denn in Gottes Namen, wir bleiben hier!“ rief der Landrichter, indem er aufſprang, die Arme der theuren Kinderſchaar entgegenſtreckte und Thränen aus ſeinen Augen traten.„Wir bleiben hier, Kinder! Aber das ſoll euch nicht hindern, Stockholm zu ſehen und die Schönheiten und Freuden dieſer Stadt zu genießen. Nun, Gott ſei Dank, liebe Kinder, daß ihr euch hier glücklich fühlt! Ihr vürft es mir glauben, daß es mich auch glück⸗ lich macht. An dieſem Tag war Leonore zum erſtenmal ſeit langer Zeit beim Mittageſſen. Alle freuten ſich darüber und Leonore, deren Geſicht einen helleren und freundli⸗ cheren Ausdruck angenommen hatte, als man ſonſt bei ihr gewohnt war, wurde um Vieles ſchöner gefunden. Eva, die ihre Toilette beſorgt hatte, betrachtete ſie mit herzli⸗ cher Freude. „Siehſt du, Leonore„ ſagte ſie, indem ſie an den Himmel zeigte, wo blaue Lichtſtreifen durch die Wolken, die faſt den ganzen Tag geweint hatten, zu ſchimmern be⸗ gannen,„ſiehſt du, es klärt ſich auf! Jetzt iſts Sommer; jetzt wollen wir mit einander ausgehen und Blumen und Beeren pflücken.“ Und ihre blauen Augen ſtrahlten von Güte und Lebensfreudigkeit. ———— „Was in aller Welt ſoll das vokſtellen?“ fragte Heinrich, als er ſeiner Mutter Schuhe im bleichen Son⸗ nenſchein am Fenſter ſtehen ſah.„Sie ſollen gewärmt werden,“ glaube ich.„Und die Sonne zeigt keine Luſt, hervorzukommen und ihre Schuldigkeit zu thun! Nein 296 in dieſem Fall will ich es ſelbſt auf mich nehmen, eine Sonne zu ſein. „Das biſt du für mich, mein Sommerkind!“ ſagte die Mutter liebevoll lächelnd, als ſie Heinrich die Schuhe unter ſeine Weſte ſtecken und an ſeiner Bruſt wärmen ſah. „ „Ei der Tauſend, meine liebe Louiſe,“ rief Jakobi, „das gibt noch ein ganz ſchönes Wetter! Es tröpfelt kaum; — wollen wir nicht einen kleinen Spaziergang machen? Du kommſt! O, du biſt gar zu lieb! Aber um Gottes Willen, doch nicht im Hoſprediger! ———————— Du lich bald ſo vergn aber kehr wird All ſehen dat guten A „unſre b mehr ſal ich es ſo iſt, daß mit dir auf Bäll Freuden erfreut. lernte! ſo reich den wir früher? Ver mitunter der groß unſer He prächtige angenehn , eine “ ſagte Schuhe len ſah. Jakobi, tkaum; lachen? Gottes Das H aus. Zweiter Theil. Leonore an Eva. Du kommſt alſo nach Hauſe, du kommſt alſo wirk⸗ lich bald nach Hauſe, liebe Eva! Ach ich bin ſo glücklich, ſo vergnügt darüber, und doch ein wenig ängſtlich.. aber kehre dich nicht daran; komm nur, komm nur, dann wird Alles gut werden. Wenn ich nur in deine Augen ſehen darf, ſo fühle ich, daß Alles ſich klären wird. Ihr guten Augen!— Gabriele und ich nennen ſie immer „unſre blauen“— wie lange iſt es, daß ich dich nicht mehr ſah? Zwei lange Jahre! Ich begreife nicht, wie ich es ſo lange ohne dich aushalten konnte; aber wahr iſt, daß wir dennoch nie recht getrennt waren. Ich bin mit dir in der großen Welt geweſen, ich bin mit dir auf Bällen und Concerten geweſen, ich habe mich deiner Freuden, der Huldigungen, die dir dargebracht wurden, erfreut. Ach wie angenehm für mich, daß ich dich lieben lernte! Ich habe ſeitdem doppelt gelebt und mich in dir ſo reich gefühlt. Und jetzt kommſt du wieder; und wer⸗ den wir dann auch wieder mit einander glücklich ſein, wie früher? Verzeih, verzeih das Fragezeichen! Aber es kommt mitunter eine Unruhe über mich. Du ſprichſt ſo viel von der großen Welt, von Freuden und Genüſſen, welche— unſer Haus dir nicht gewähren kann. Und deine neuen prächtigen Bekannten— ach, Eva! Sie mögen noch ſo angenehm und intereſſant ſein, ſo können ſie dich doch nicht 298 ſo lieb haben, wie wir, wie ich! Und dieſer Major R.! Es iſt mir bange vor ihm, Eva. Daß er dich liebt, finde ich ganz natürlich; aber... aber ach! ach Gva! Es thut mir leid, daß du ihm ſo zugethan biſt. Meine liebe, gute Eva, feßle dich nicht zu ſehr an ihn, bevor 3 aber ich betrübe dich und das will ich nicht. Komm, o komm nur zu uns nach Hauſe. Wir haben ſo viel mit dir zu ſprechen, ſo viel von dir zu hören, ſo viel dir zu ſagen. Ich glaube, du wirſt das Haus noch behaglicher finden, als bisher; wir haben mehrere kleine Verſchö⸗ nerungen angebracht. Du wirſt jetzt wieder mit uns die gemüthlichen Mahlzeiten theilen, das Frühſtück, meine liebſte Stunde, und die Theeſtunde, die du ſo liebſt, wo wir uns zu vergnügten Abenden verſammelten und oft ſo närriſch waren. Heute Morgen nahm ich deine Kaffee⸗ taſſe und küßte das Plätzchen am Rande, wo die Vergol⸗ dung abgenutzt war. Wir werden wieder Bücher zuſam⸗ men leſen, Eva, zuſammen darüber nachdenken und ſpre⸗ chen; wir werden wieder zuſammen ausgehen und des Waldes Friſche und Frieden genießen. Und wenn wir ſo ſtill zuſammen durchs Leben gingen, beſtrebt beſſer zu werden, uns ſelbſt gegenſeitig und Andere um uns her immer glücklicher zu machen, dabei Gott demüthig für das dankend, was er uns und Andern gibt, und ſeine Werke bewundernd, wäre es dann nicht gut ſo? Würden wir dann nicht auf Erden genug gelebt, genug geblüht haben? Ich weiß wohl, daß dieſes ſtille Leben nicht für Je⸗ dermann iſt. Eben ſo wenig kann es immerfort währen. Es müſſen Stürme kommen. Auch ich habe meine Zeit der Unruhe, des Schmerzes und Kampfes gehabt. Sie iſt, Gott ſei Dank, vorüber und das Gefühl, das mei⸗ nen Frieden geſtört, iſt mir ein Licht auf dem Wege ge⸗ worden. Es hat meine Welt erweitert, es hat mich beſſer gemacht und jetzt, da ich die größeren und ſtärkeren Genüſſe des Lebens nicht mehr begehre, jetzt lerne ich mit jedem Tage die Schätze beſſer würdigen, die mich in dieſer ſtillen Alltäglichkeit umgeben. O man wird doch nicht eher Krumen k das, ſo ke ken haben und außer tropfen de Köm großen V nicht hier ger Zeit länger an ihrer ſel! Alle ungl wir von öffnete ſie edel und wie imme dem Biſc ihr Fried alles Gu Ader der halt auf gen, neue Ich O gut, verborgen die Verle hätten, kommen. Hoffen ſi Heirath i iſt, auße— ner, die hat durc der Gem zu geben jor R.! bt, finde va! Es ne liebe, mm, o viel mit l dir zu haglicher Verſchö⸗ uns die „ meine bſt, wo d oft ſo Kaffee⸗ Vergol⸗ zuſam⸗ nd ſpre⸗ und des wir ſo eſſer zu uns her für das e Werke rden wir haben? für Je⸗ währen. ine Zeit t. Sie as mei⸗ Lege ge⸗ at mich ſtärkeren erne ich mich in ird doch 299 nicht eher glücklich hier auf Erden, bis man auch die Krumen beachten und werthſchätzen gelernt hat. Thut man das, ſo kann man den ganzen Tag aufzuleſen und zu dan⸗ ten haben. Aber Frieden muß man haben. Frieden in und außer ſich. Friede iſt die Sonne, worin jeder Thau⸗ tropfen des Lebens glänzt. Könnte ich ihn doch auf ein Herz herabrufen, das ich muß dich auf eine große Veränderung, einen großen Verluſt im Hauſe vorbereiten. Du findeſt Petrea nicht hier. Du kennſt das Verhältniß, das mich ſeit eini⸗ ger Zeit ſehr beunruhigt hat. Man konnte es unmoͤglich länger andauern laſſen. Um Louiſens, um Jakobis, um ihrer ſelbſt willen, mußte ſie— fliehen, ſonſt wären Alle unglücklich geworden. Sie ſah es ſelbſt ein und als wir von Jakobis baldiger Ankunft unterrichtet wurden, öffnete ſie ihr Herz dem Vater und der Mutter. Es war edel und recht von ihr und ſie waren ſo gut, ſo klug, wie immer. Der Vater hat ſie ſelbſt zu ſeinem Freunde, dem Biſchof G. gebracht. Moge Gott ſie bewahren und ihr Frieden geben! Ich weine über ſie, hoffe aber doch alles Gute. Ihr lebensvolles Herz hat eine gquellende Ader der Geſundheit in ſich und gewiß wird der Aufent⸗ halt auf dem Lande, das ſie ſo ſehr liebt, neue Umgebun⸗ gen, neue Intereſſen... Ich wurde unterbrochen. Jakobi iſt angekommen. O gut, daß Petrea jetzt in den Schatten von Furudal verborgen iſt! Gut für ihr armes Herz, gut auch für die Verlobten, die es in ihrer Gegenwart nicht gewagt hätten, glücklich zu ſein. Und jetzt ſind ſie es ſo voll⸗ kommen. Nach ſechsjährigem Warten, Seufzen und Hoffen ſieht ſich Jakobi dem Ziele ſeiner Wünſche— der Heirath und einer Pfarrei, nahe. Und wer ihm dazu verhilft, iſt, außer ſeinen eigenen Verdienſten, ſein geliebter Gön⸗ ner, die vortreffliche, liebenswürdige Ercellenz O. Dieſer hat durch ſeinen Einfluß zwei bedeutende Gutsbeſitzer in der Gemeinde von T. vermocht, ihre Stimmen Jakobi zu geben, der trotz ſeiner Jugend zufällig auch in den —— ſi . 300 Vorſchlag gekommen war. Er bekommt ſomit eine der ſchönſten und größten Pfarreien im Stifte und Louiſe wird eine ehrenreiche Pfarrerin—„Probſtin! ſagt ſie ſelbſt prophetiſch. Das einzige Aber bei dieſem Glücke iſt, daß Louiſe und Jakobi ſo weit von uns wegkommen: ihr höchſter Wunſch wäre geweſen, die Amtspredigerſtelle hier bei der Stadt zu erhalten. Wir hätten dann en famille fortleben können, wenn Louiſe auch das Haus verlaſſen hätte, aber... aber„es kann hier in der Welt nicht Alles vollkommen ſein,“ ſagt ſeufzend unſere gute und kluge Aelteſte. Da der Wahltag in den Be⸗ ginn des Frühlings fällt und Jakobi die Pfarrei bald nach ſeiner Ernennung antreten ſoll, ſo wünſchte er an Pfingſten ſeine Hochzeit zu feiern, um ſodann auf blu⸗ menbeſtreuten Wegen und beim Geſang der Lerchen ſeine junge Frau in ſeine Schäferhütte einzuführen. Die Hof⸗ marſchällin bittet ſie ſcherzend, nicht gar zu ſehr Noma⸗ din zu werden. So viel iſt gewiß, daß man unmöglich ein größeres Intereſſe für Kühe und Kälber, Schafe und Federvieh haben kann, als Louiſe. Die künftigen Gatten bringen ſchon zum Voraus ihren Haushalt in Ordnung und Gabriele ergötzt ſich herzlich an den Bruchſtücken ih⸗ rer Unterhaltung, die ihr zu Ohren gelangen, während die beiden auf dem Sopha in der Bibliothek ſitzend von Liebe und Oekonomie ſprechen. Aber nicht bloß davon ſprechen ſie, denn Jakobis Herz iſt voll von warmer Men⸗ ſchenliebe und unſer Vater hat allen ſeinen Kindern Etwas von ſeiner Liebe zum allgemeinen Beſten mitgetheilt, E Gabriele behauptet, ihr Antheil daran ſei ganz klein. Es iſt etwas Luſtiges, wenn man die Verlobten mit einander auf den Handel ausgehen und ſie herzlich zufrie⸗ den mit ihren Einkäufen zurückkommen ſieht. Louiſe findet etwas ſo unübertrefflich Vortreffliches an jeder Kleinigkeit, die ſie ſich anſchafft, mag ſie nun in einem irdenen oder einem ſilbernen Gefäſſe beſtehen. Wenn ich dieſe Beiden gleich zwei Voögeln zn ihrem Neſte zuſam⸗ ——————————————————————————— mentrag ich es Wohnun in eine ben. M du mit in der 2 tüchtig eigniſſe Tochter ſich hab für. A die Mut innerſt 1 nen Ba die Leut zu ſchen mündlick unſere 2 angeſteck derer ar für das Nu Sé dir. O frühſtück abend, ſich abet Seit eir zu ſein; geweſen hat er ſ gekauft. er, und gemuthl An gerin; 301 eine der“ mentragen und bei jedem Halme zwitſchern ſehe, ſo muß d Louiſe ich es fur ein größeres Glück halten, in eine dürftige ſagt ſie Wohnung zu kommen, die man ſelbſt geſammelt hat, als Glücke in eine reiche und große, wofür andere Leute geſorgt ha⸗ kommen: ben. Man iſt im erſtern Fall ſo bekannt, ſo vertraut, ſo igerſtelle du mit ſeinen Sachen und ſicherlich kann dieß Niemand ann en in er Welt mehr ſein, als Louiſe. Wir arbeiten jetzt as Haus tüchtig auf die Hochzeit, aber der Vater ſieht einem Er⸗ rin der eigniſſe nicht freudig entgegen, das ſeinem Kreiſe eine id unſere Tochter entführen wird. Er möchte uns ſo gerne Alle um den Be⸗ ſich haben. Ich freue mich darüber und bin dankbar da⸗ rei bald für. A propos wir haben einen Plan, der ihn und auch e er an die Mutter in ihrem Alter glücklich machen ſoll. Du er⸗ auf blu⸗ innerſt dich doch des großen, mit Buſchwerk überwachſe⸗ hen ſeine nen Bauplatzes, der an unſern Garten gränzt und den Die Hof⸗ die Leute nicht Verſtand genug haben anzubauen, oder uns Noma⸗ zu ſchenken; dieſen beabſichtigen wir.. doch wir wollen nmöglich mündlich darüber ſprechen. Petrea hat uns Alle, auch hafe und„ unſere Aelteſte mit ihrer Luſt zu großen Unternehmungen Gatten angeſteckt und. ach! es iſt eine Freude, für das Glück Ordnung derer arbeiten zu können, die ſo zärtlich und unermüdlich ücken ih⸗ für das unſrige arbeiten. während Nun etwas von Freunden und Bekannten.. tend von Sämmtliche Bekannte und Freunde fragen viel nach daon ir Onkel Jeremias zankt, daß du nicht kommſt; er 11 frühſtückt zuweilen, gewöhnlich am Mittwoch oder Sonn⸗ abend, mit uns, ſchmäht uns über unſere Zwiebäcke, führt ſich aber dennoch tüchtige Portionen davon zu Gemüth. Seit einiger Zeit ſcheint er mir liebenswürdiger geworden zu ſein; ſeine Laune iſt mild; von Herzen iſt er es immer geweſen Er iſt aller Armen Freund und Arzt. Neulich hat er ſich eine kleine Villa, eine Meile von der Stadt gekauft. Sie ſoll der Troſt ſeines Alters werden, ſagt er, und die Roſe des Alten heißen! Lautet das nicht ganz gemuthlich? Annette B. iſt unglücklich bei ihrer barſchen Schwä⸗ gerin; ſie klagt nicht, aber Blick, Farbe, ſo wie ihr ner Men⸗ rn Etwas itgetheilt, ſei ganz —— — S obten mit ch zufrie⸗ Louiſe an jeder in einem Wenn ich e zuſam⸗ ————————————————————— 302 ganzes Weſen veutet auf dieſe Unzufriedenheit mit dem beiſam Leben. Wir müſſen ſie an uns ziehen, Gva, und ſie Leben glücklicher zu machen verſuchen. wir je Hier kommt Gabriele und verlangt, ich ſoll in mei⸗ iſt jetzt nem Brief auch Platz für ihre Kritzeleien laſſen. Ein haben ſehr kecker Wunſch; aber wer möchte nein zu ihr ſagen? ſruchtle Ich nicht und deßhalb muß ich mich jetzt kurz faſſen. haben Wenn ein gewiſſer junger Baron Rutger L. dir zu wieder Hauſe vorgeſtellt wird, ſo halte ihn ja nicht für verrückt, beiſam obgleich er mitunter ſo ausſieht. Es iſt der Sohn eines Eples, Freundes von unſerem Vater und hat die Penſion jetzt in leiſe 2 unſerem Hauſe, um ſich unter ſeiner Anleitung zu einem Gutes Geſchäftsmann heranzubilden. Er iſt eine Art roher A Diamant und braucht nur noch in mehr als einer Be⸗ meine ziehung geſchliffen zu werden. Inzwiſchen glaube ich, beſtimr daß ſein wildes Gemüth auf dem Wege iſt, ſich ein wenig Dank, zu fügen. Ein Wort von der Mutter macht einen ge⸗ ich aue waltigen Eindruck auf ihn und vor den ungnädigen Mie⸗ es dafl nen uͤnſeres kleinen Fräuleins hat er einen wahren Re⸗ holml ſpekt, weniger jedoch vor den Moralpredigten unſerer Rande Aelteſten; er iſt erſt neunzehn Jahre alt. Die alte Bri⸗ pränun gitte fürchtet ſich vor ihm und getraut ſich kaum an ihm ben, di vorüberzugehen, denn ſie meint, er werde über ſie weg⸗ Herzen ſpringen. Ach wie wird ſie ſich nebſt allen Andern freuen, dich wieder zu ſehen! Sie fürchtet ſo ſehr, du möchteſt heirathen und in dem Loche bleiben, wie ſie Stockholm nennt. Heinrich dürfen wir über Weihnachten behalten. Aber du mußt kommen und ihn aufmuntern helfen. Er iſt 8 nicht ſo fröhlich, wie ſonſt. Ich glaube, vas geſpannte deßweg Weſen, das zwiſchen ihm und Stjernhök entſtanden iſt, daß m nagt an ihm. Ach warum können dieſe Zwei einander Abreiſe nie verſtehen? Ueberdieß ſteht jetzt für Heinrich viel auf nach— dem Spiele;— Gott laſſe es ihm gut ergehen um ſeiner unſerer ſelbſt und um der Mutter willen! daß g Petrea bekommen wir erſt nach Louiſens Hochzeit Jerem wieder zu ſehen. Wann werden wir wieder Alle zu Hauſe Felde mit dem „und ſie in mei⸗ ſſen. Ein ihr ſagen? faſſen. L. dir zu r verrückt, ohn eines on jetzt in u einem Art roher einer Be⸗ aube ich, hein wenig einen ge⸗ digen Mie⸗ vahren Re⸗ en unſerer „ ate Bri⸗ im an ihm er ſie weg⸗ ern reuen, du möchteſt Stockholm alten. Aber en. Er iſt s geſpannte tſtanden iſt, ei einander ich viel auf um ſeiner ns Hochzeit e zu Hauſe 303 beiſammen ſein? Erſt dann, meine ich, würde mir das Leben recht herrlich und heiter erſcheinen. Aber werden wir je wieder Alle zuſammen kommen? Sara? Ach, es iſt jetzt über vier Jahre, daß wir nichts von ihr gehoͤrt haben und alle Nachfragen und Nachforſchungen ſind fruchtlos geblieben. Vielleicht lebt ſie nicht mehr. Wir haben manche Thräne um ſie vergoſſen. O wenn ſie wieder käme! Ich fühle es, wir würden jetzt glücklicher beiſammen ſein, als früher. Sie hatte viel Gutes und Eples, allein ſie war verirrt.— Ich höre der Mutter leiſe Tritte nahen. Es ſcheint mir, als ob ſie etwas Gutes für mich hätte.. Ach ja, das hatte ſie auch! Einen Brief von dir, meine Eva! Du kannſt den Tag deiner Abreiſe noch nicht beſtimmen;— das iſt recht verdrießlich. Aber Gott ſei Dank, du kommſt jedenfalls bald. Du liebſt Stockholm; ich auch! Stockholm hat dir Freude gewährt, ich möchte es dafür umarmen; aber reiße dich jetzt von dieſem Stock⸗ holm los und laß mich dich umarmen. Jetzt bin ich am Rande meines Papiers; Gabriele hat auf die andere Seite pränumerirt. Ich verlaſſe dich, um an diejenige zu ſchrei⸗ ben, die uns mit Thränen verlaſſen hat, aber wie ich von Herzen hoffe, lächelnd zurückkehren wird. Von Gabriele. In der Morgenſtunde. Habe geſtern Abend nicht ſchreiben können und mußte deßwegen vor der Sonne aufſtehen, um dir zu ſagen, daß mich nichts Anderes als deine Rückkehr über Petreas Abreiſe tröſten kann. Wir ſehnen uns alle ſchrecklich nach— unſerer Roſe. Ich weiß wohl, wer ſich außer unſerer Familie auch noch ſehnt. Ich muß dir ſagen, daß gleichſam eine kleine Freundſchaft zwiſchen Onkel Jeremias und mir entſtanden iſt. Es iſt dieß auf dem Felde vor ſich gegangen, denn im Hauſe iſt es nie recht 304 angenehm. Aber auf Spaziergängen kommt ſeine ſchöne Seite zum Vorſchein. Petrea und ich haben viele lange Promenaden mit ihm gemacht. Da war er heiter und mild, da botanifirte er mit uns, erzählte uns von den natürlichen Familien im Pflanzenreiche, ſo wie von dem Es beſondern Leben und der Geſchichte mehrerer Pflanzen. gen unſe Ich ſage dir nur, es iſt etwas Köſtliches, auch ein Bis⸗ bringen. chen davon zu wiſſen; man fühlt ſich ſo ganz en famille vor den mit dieſen Familien. Ach oft überkommt mich dabei ein gleichfal Gefühl, wie unbeſchreiblich reich und voll Intereſſe das ich muß Leben iſt und ich meine, man muß auf Erden glücklich ſchehen, leben, wenn man nur offene Augen und Sinn für alles meinem Herrliche hat, das ſich darin vorfindet, und dann kann bald nic ich aus lauter Lebensfreude zwitſchern wie ein Vogel. deine t Inzwiſchen legen ſich Onkel Munter und meine Wenigkeit es nicht leidenſchaftlich auf die Blumenpflege hier im Hauſe. Bis geſtört! Weihnachten gedenken wir ſpaniſchen Flieder, ſowohl wei⸗ ſchuldig ßen, als hellvioletten zu haben;— ich freue mich ſehr eine Ve darauf. Aber faſt hätte ich Luſt, darüber zu weinen, daß blicke, die Naſe meiner Petrea nicht daran riechen wird. Jetzt jetzt, w will ich ſchließen, denn du mußt wiſſen, daß ich es auf Louiſen unbeſtimmte Zeit über mich genommen habe, einen wach⸗ zeih! v ſamen Blick über den Frühſtückstiſch zu werfen und deß⸗ mich ve halb gehe ich jetzt, um darnach zu ſehen; Bergſtröm ſorgt und ihr glücklicherweiſe dafür, daß ich ſonſt weiter nichts zu thun Himme brauche. Sodann werde ich nach meiner Moosroſe ſehen, zerſtreu ob irgend eine neue Knoſpe ausgeſchlagen iſt, und dann ſprechli nach der Mutter; einen flüchtigen Blick durch das Fenſter brennen muß ich auch den Blättern im Garten weihen, die mir thun zr Abſchied zuwinken, ehe ſie von den Zweigen fallen, und Nichts eben ſo muß ich der Sonne, die jetzt ſo klar und ſtrah⸗ lieber ſ lend aufgeht, ebenfalls einen Blick zuwenden, einen Strahl thun! aus der Sonne meines Auges, aus der Tiefe meines dank⸗ winnen baren Herzens; und um alle dieſe wichtigen Geſchäfte und in kern Angelegenheiten zum Beſten des Staats zu beſorgen, ſüß un muß ich dir Lebewohl ſagen, dir, die ich ſo ſehr liebe. Liebe, Bre e ſchone ele lange iter und von den von dem Pflanzen. ein Bis⸗ famille dabei ein eſſſe das glücklich für alles ann kann n Vogel. Wenigkeit iſe. Bis o wei⸗ nich ſehr nen, daß d. Jetzt h es auf en wach⸗ und deß⸗ öm ſorgt zu thun oſe ſehen, und dann is Fenſter die mir len, und ind ſtrah⸗ en Strahl nes dank⸗ chäfte und beſorgen, r liebe. 305 Petren an Leonore. Aus dem Wirthshauſe in D. Es iſt Abend; der Vater iſt ausgegangen, um we⸗ gen unſerer morgenden Seereiſe Einiges in Ordnung zu bringen. Ich bin allein, der Nebel ſteht dicht draußen vor den ſchmutzigen Wirthshausfenſtern, meine Augen ſind gleichfalls nebelig, mein Herz iſt ſchwer und voll;— ich muß mit dir ſprechen. O Leonore, es iſt alſo ge⸗ ſchehen, er iſt gethan, der bittere Schritt— ich bin von meinem Hauſe, von den Meinigen getrennt; werde ſo bald nicht mehr eure milden Blicke ſehen, nicht mehr deine tröſtende Stimme hören— und zwar weil— ich es nicht verdiene, weil ich den Frieden in meinem Hauſe geſtört habe, ja, Leonore, vergebens willſt du mich eut⸗ ſchuldigen und mit mir ſelbſt verſöhnen; ich weiß, daß ich eine Verbrecherin bin, daß ich— wenigſtens für Augen⸗ blicke, gewünſcht und gewollt habe—— o ich möchte jetzt, wie im Augenblicke des Abſchiedes, den Saum von Louiſens Kleid an meine Lippen drücken und bitten;„Ver⸗ zeih! verzeih!“ Ich habe mich ſelbſt verurtheilt, ich habe mich verbannt, ich fliehe... fliehe, um nicht mehr ſein und ihr Glück zu ſtören. Ich war eine Wolke an ihrem Himmel, was ſollte die Wolke da? Möge der Wind ſie zerſtreuen! O Leonore! es iſt doch ein bitteres, unaus⸗ ſprechlich bitteres Gefühl, mit einem von Dankbarkeit brennenden Herzen für den Gegenſtand ſeiner Liebe Nichts thun zu können, als— ſich entfernt zu halten, ſich zu Nichts zu machen. Aber lieber das, ja Milionenmal lieber ſich im Schvoße der Erde verbergen, als ihm wehe thun! Wahrhaftig, könnte ich damit etwas für ſie ge⸗ winnen, könnte ich, wie das Korn vermodern, und dann in kernvollen Aehren für ſie aufſprießen— das wäre mir ſüß und lieb, Leonore. Man preist Diejenigen, die für Liebe, für Ehre, für Religion, für hohe und edle Zwecke Bremer, das Haus. 20 306 ſterben. Warum das? Es iſt ja eine Gnade von Gott, ſo ſterben zu dürfen! Es iſt Leben im Tode. Ich weiß ein Leben, welches Tod iſt, einen Tod, der gelebt wird, in langen, zähen Tagen... Sich ſelbſt zur Laſt, Niemanden zur Freude zu ſein. o wie bitter! Warum wurde das Verlangen nach Glück, nach Genuß, wie ein ewiger Durſt brennend in des Menſchen Seele, wenn die labende Quelle tantaliſch— 2— Leonorei Meine Augen ſchmerzen, der Kopf thut mir weh, es braust ſo wild in meinem Herzen. Ich bin nicht brav, ich bin nicht gut, nicht ergeben. Meine Seele iſt ein Chaos. Ein wenig Erde auf Stirne und Bruſt— vas wäre mir gut. Am Bord des Dampſſchiffes. Dank, Leonore, Dank für dein Kopfkiſſen! Es iſt mir ein wahres Ohrengut geweſen. Geſtern Abend glaubte ich ernſtlich krank zu werden; ich fror, ich brannte, der Kopf ſchmerzte mich entſetzlich, ich fühlte mich wie zer⸗ riſſen. Aber, als ich den Kopf auf dein kleines Kiſſen legte, als mein Ohr auf dem feinen Ueberzug ruhte, den du mit kunſtreicher Stickerei geſchmückt haſt; da war es mir, als ob dein Geiſt mir von demſelben zuflüſterte; es kam eine Ruhe über mich, alles Böſe legte ſich ſo plötz⸗ lich, ſo wunderbar; ich ſchlief und war ganz verwundert, als man mich am Morgen weckte, mich körperlich ganz geſund und auch von innen wie geheilt zu fühlen. Das hatte dein Ohrengut gethan, Leonore. Ich küßte es und dankte dir. In der Apoſtelgeſchichte wird erzählt, daß man Kranke auf den Weg der heiligen Männer hinaus⸗ trug, damit wenigſtens ihr Schatten auf ſie fallen und ſie geſund machen möchte. Ich glaube an die Kraft eines ſolchen Heilmittels. O ja, die Guten theilen Allem, was ihnen angehört, etwas von ihrem Leben, ihrer Kraft mit. Ich habe das heute Nacht empfunden. Wir gingen an Bord. Die Seehere donnerte und flog i von e und mich einen ich n flamr fen 2 Schif ſich 1 Ich ſ ließ 1 leichte das ſtrahl fühlte Schn genwi auch Grelie mitth wird lange derba: Leben, den( ſieht ſeinen Stran begin ich der Krank nade von ode. Ich der gelebt zur Laſt, ie bitter! Genuß, n Seele, Leonore! es braust ich bin aos. Ein mir gut. iffes. Es iſt d glaubte nte, der wie zer⸗ s Kiſſen hte, den war es rte; es ſo plötz⸗ wundert, ch ganz . Das es und lt, daß hinaus⸗ und ſie ft eines m, was aft mit. rte und „ flog in die See hinaus. Ich wußte jetzt nur, daß ſie mich von euch wegführte; ich ſtand über dem Dahlbord gelehnt und weinte. Da fühlte ich zwei Arme ſanft und zärtlich mich umſchließen. Es waren die des Vaters; er hüllte einen warmen Mantel um mich; an ſeiner Bruſt richtete ich mein Haupt empor. Der Morgen war klar, weiße, flammige Wolken flogen vom Winde gejagt über dem tie⸗ fen Blau hin, die Wogen ſchlugen ſchäumend gegen das Schiff; grüne Wieſen und herbſtlich ſchöne Parke breiteten ſich nach Rechts und Links aus, der Raum öffnete ſich. Ich ſtand, das Geſicht gegen Wind und Raum gekehrt, ließ den Meeresſchaum Lippen und Augenlieder beſpritzen, leichte Schauer durchrieſelten mich und ich fühlte— daß das Leben ſchön iſt. Ja in dieſer Morgenſtunde, voll ſtrahlenden Lichtglanzes, in dieſem reinen, friſchen Winde fühlte ich die böſen Dämonen von meiner Seele weichen, Schwüle und Nebel ſich zerſtreuen. Ich trank den Mor⸗ genwind, ich öffnete mein Herz dem Leben, ich hätte ihm auch meine Arme öffnen mögen und mit ihm allen meinen Geliebten und ihnen die ſtille Ahnung meines Herzens mittheilen: die Liebe zu euch wird mich geſund machen, wird mir Kraft geben, euch dereinſt Freude zu bereiten. Den 2. Tag an Bord. Ich bin doch begierig, ob eine tiefe Herzensqual einer langen Seereiſe widerſtehen kann. Es liegt etwas wun⸗ derbar Stärkendes und gleichſam Erneuerndes in dieſem Leben, dieſer Fahrt, dieſem friſchen Winde. Er bläst den Staub von den Augen der Seele hinweg und man ſicht ſich ſelbſt und Alles beſſer; man entfernt ſich von ſeinem alten Selbſt, man fährt, um auf einem neuen Strande in neuen Verhältniſſen wieder aufzuſtehen; man beginnt gleichſam von Neuem. Wir hatten geſtern Sturm. Außer dem Vater war ich der einzige geſunde Paſſagier. Ich konnte daher den Kranken helfen. Dieß hatte zwar ſeine Unannehmlichkeiten, 308 zwar taumelte ich zuweilen mit der Waſſer⸗ oder flaſche in der Hand um Tropfen⸗ „aber ich bekam auch manchen lächerlichen Auftritt, manche ungleiche Züge der Menſchen⸗ natur zu ſehen; ich lachte, machte Bemerkungen, vergaß mich ſelbſt und fühlte mich mit allen Menſchen befreundet. Als Magd auf einem Dampfſchiffe zu dienen würde ge⸗ wiß für mich paſſen. Am Abend legte ſich der Sturm, ſowohl außer⸗, als innerhalb des Schiffes. Ich ſaß bis gegen Mitternacht allein auf dem Verdecke. Noch ſchäumten die Wogen um das behaglich ſchaukelnde Fahrzeug und der Wind pfiff in dem Tauwerke; von einem kleinen, klaren Sterne ange⸗ kündigt, ging der Vollmond über dem Meere auf und er⸗ goß ſein mildes, wunderbares Licht über ſeinen dunkeln Naum. Es war unendlich herrlich. Gefühle, Gedanken ſtiegen in mir auf, unausſprechliche, voll von Liebe und Kummer und von etwas noch Höherem und Stärkerem, einer gewiſſen Sehnſucht, für die ich keinen Namen weiß. Ich wollte—— ich weiß ſelbſt nicht was. Ich fürchte das ruhige, geordnete Leben, in das ich wieder eintreten ſoll; Convenienzen, Formen, Geſellſchaftsleben, Alles dieß klemmt meine Seele zuſammen und macht ſie zu Erceſſen geneigt. Statt in ausgewählt guter Geſellſchaft zu ſitzen und im high life Theewaſſer zu trinken, möchte ich lieber auf Wikings⸗Zügen um die Welt fahren, lieber mit Johannes Heuſchrecken in der Wiüſte eſſen und in Kleidern von Kamelhaaren einhergehen. Letzteres müßte ſehr be⸗ quem ſein im Vergleich mit unſerer mühſam zuſammen⸗ geſetzten Toilette. Mannichfach ſind des Lebens wechſelnde Scenen. Wunderbarer Zauber in der Welt— wie werde ich meinen Weg und meinen Platz in dir finden? Levnore! Verzeih, daß ich ſo viel von mir ſelbſt ſpreche. Du haſt mich hierin verdorben, du Gute! Heute Nachmittag kom⸗ men wir in Furudal an. auf d mer mich Abend gebrac wandt fiel, 1 6 ſchof chem er wo und A Biſchö will ſi gnüger ten we ich gle Abſche ſellſcha und re auch deutun betrübe len mö 3 für mi Kleidut Arme lette fi ſeid? weinen. Tropfen⸗ manchen enſchen⸗ vergaß reundet. irde ge⸗ er⸗, als ternacht gen um pfiff in ange⸗ ind er⸗ dunkeln edanken be und rkerem, weiß. fürchte ntreten s dieß rceſſen ſitzen lieber mit leidern hr be⸗ nmen⸗ ſelnde werde nore! haſt kom⸗ 309 Furudal. Hier ſind wir auf dem Lande. Ich wollte, ich wäre auf der See. Jetzt komme ich aus dem Geſellſchaftszim⸗ mer und da leide ich Schiffbruch. Ein böſer Geiſt läßt mich immer etwas Unpaſſendes ſagen oder thun. Heute Abend habe ich das Garn der Biſchoͤfin in Verwirrung gebracht und eine dumme Anecdote von einem nahen Ver⸗ wandten von ihr erzählt. Ich wollte witzig ſein und dieß ſiel, wie immer, ſchlecht für mich aus. Die Leute hier ſehen recht angenehm aus. Der Bi⸗ ſchof iſt ein kleiner bleicher Mann„mit etwas Engelglei⸗ chem in Stimme und Blick, aber... aber für mich wird er wohl nicht viel Zeit haben. Er lebt in ſeinen Büchern und Amtsgeſchäften und iſt faſt immer in der Stadt. Die Biſchöfin, die beſtändig hier wohnt, iſt viel krank. Ich will ſie verpflegen und ihr vorleſen. Dieß macht mir Ver⸗ gnügen. Mochte ſie mich nur leiden können! Beide Gat⸗ ten waren liebenswürdig gegen meines Vaters Tochter; aber ich glaube, daß ſie dieſelbe nicht ſehr angenehm fanden. Abſcheulich heiß war es auch in ihrem verwünſchten Ge⸗ ſellſchaftszimmer und ich war von der Sonne verbrannt und roth, wie eine Pfingſtroſe. Von ſo etwas wird man auch ein Bischen deſperat. Es iſt zwar nicht von Be⸗ deutung, kann aber doch Qualen verurſachen. Es iſt ſo betrübend, beſtändig zu mißfallen, wenn man gerne geſal⸗ len möchte. Ich habe den Koffer ausgepackt, den ihr ſo kunſtreich für mich eingepackt habt; theils neue, theils ausgebeſſerte Kleidungsſtücke ſprangen mir eines um das andere in die Arme— o Schweſtern, ſie kamen von euch! Meine Toi⸗ lette für den ganzen Winter in Oidnung! Wie gut ihr ſeid? Ich erkannte Louiſens Hand wieder. D ich muß weinen. Meine Geliebten! Meine Heimath? 310 Einige Tage ſpäter. Die Fichten rauſchen friſch und ſtill. Ich komme aus dem Freien. Berge, Wälder, Einſamkeit mit der Natur — herrlich!„ O Leonore! Ich will ein neues Leben beginnen. Ich wilk meinem alten Selbſt, will der Eitelkeit, den Verirrun⸗ gen, der Selbſtſucht abſterben. Alle ſchmeichelnden Erinne⸗ rungszeichen, Billete, Andenken, von Männern, wie von Frauenzimmern habe ich zerſtört. Ich ſchicke dir hier eine kleine Geldſumme, die mir für Kleinodien eingegangen iſt, welche ich nebſt eigenen Fabrikaten verkauft habe. Kaufe dafür etwas, was Louiſen und Jakobi Freude macht. Aber ich bitte dich ernſtlich, laß ſie nicht ahnen, daß es von Petrea kommt. Könnte ich mich ſelbſt um einen anſtän⸗ digen Preis verkaufen und ſie reich machen, ſo.. Ich habe jetzt viel Zeit für mich ſelbſt und weiß auch, wie ich ſie anwenden will. Ich werde viel ausgehen. Ich will durch Wald und Feld, Sturm, Schnee bei jeder Witterung ſtreifen, bis ich wenigſtens körperlich— müde werde. Vielleicht daß es dann in der Seele ſtiller wird! Ich verlange nicht glücklich zu ſein. Was liegt auch varan, wenn man nicht glücklich iſt, wenn man nur rein und fromm iſt? Wäre nur der Prüfungstag, das Leben nicht ſo gar lang! Leonore, mein guter Engel, bete für mich. 8, alle glücklich! Zärtliche Grüße an Alle von Deiner Petrea. N. S. Meine Naſe macht Gabrielen ihr Kompliment und kommt hier im Bilde, um ihr nebſt den angehörigen Umgebungen ihre Aufwartung zu machen. Sie darf nicht glauben, daß ich niedergeſchlagen ſei. Eine kleine Ballade oder Romanze ſchicke ich auch. Der Wald ſang ſie mir geſtern zu und jeder melodiſche Ton, den das Leben in meine Seele ſingt, muß nach Hauſe kommen. O wie liebe ich euch Alle! 1 Einſa der S gen vt Hauſe getrag C mit ſe finſter klare . er un woher halb dieſen hinder Beſte ihn z zu le ral! ſonde ſtreit ſagte ein Win liegt terlir nicht äter. mme aus Natur enn Ich gerirrun⸗ Erinne⸗ wie von hier eine ngen iſt, Kaufe t es n anſtän⸗ eiß auch, en. Ich ei jeer — müde erwird! egt auch nur rein is Leben bete für von a. pliment ehörigen f nicht Ballade ſie mir Leben in vie liebe 311 Und jetzt, während unſere Petrea ſich in ländlicher Einſamkeit auf ein neues Leben zu bereiten ſucht, während der Schnee auf die Erde fällt, um ſie zu neuen Frühlin⸗ gen vorzubereiten, kehren wir nach unſerem wohlbekannten Hauſe in die Stadt zurück und ſchildern, was ſich dort zu⸗ getragen. Ein Geſpräch. Jakobi war abgereist. Der October war gekommen mit ſeinen Stürmen, ſeinen langen Dämmerungen, die ſo finſter und ſchwer ſind für diejenigen, denen ſie nicht durch flare Gedanken oder freundliche Blicke erhellt werden. Eines Abends, als Heinrich zum Thee herabkam, war er ungewöhnlich bleich. Auf die Fragen ſeiner Schweſtern, woher dieß komme, ſagte er, er habe Kopfweh und fügte halb ſcherzend, halb ernſt hinzu:„Es muß doch ſchön ſein, dieſen ſchwerſälligen Leib einmal los zu werden!— Er hindert ſo gar ſehr.“ „Wäs fält dir ein?“ ſagte Louiſe,„es iſt wohl am Beſten, ihn zi behalten und vernünftige Zumuthungen an ihn zu machen nicht aber ganze Nächte aufzubleiben und zu leſen, ſo deß man bei Tag Kopfweh hat!“ „Danke Ev. Majeſtät ganz unterthänigſt für die Mo⸗ ral! Wenn abrr mein Körper meiner Seele nicht dienen, ſondern ſie untejochen will, ſo habe ich Luſt, mit ihm zu ſtreiten und zu adern.“ „In der Pippe wird ja der Schmetterling reifen,“ ſagte fein lächehd Gabriele, indem ſie Roſenblätter auf ein Paar Puppen ſtreute, die auf ihrem Blumentiſche den Winter durchſchlaen ſollten. „Ach ja!“ intwortete Heinrich.„Aber wie ſchwer liegt nicht ſeine Schaale auf den Flügeln des Schmet⸗ terlings! Mich dückt dieſe irdiſche Puppe. Was könnte nicht die Seele lelen, wirken und genießen, wenn ſie nicht 312 wäre! Was können wir nicht in gewiſſen klaren Augenbli⸗ cken fühlen und denken? Welches Licht im Begriffe! Welche gottvolle Gefühle im Herzen! Man möchte die ganze Welt an ſeine Bruſt drücken, Alles mit ſeinem Blick durch⸗ ſchauen, Alles mit ſeinem Feuer durchdringen. Das iſt eine Fülle, eine Klarheit! Ja, wenn unſer Herrgott ſelbſt in einem ſolchen Augenblicke zu mir herein käme, würde ich ihm die Hand reichen können und ſagen:„Guten Tag, Bruder.“ „Lieber Heinrich,“ ſagte Louiſe etwas böſe,„jetzt glaube ich, daß du nicht recht weißt, was du ſagſt.“ „Ja,“ fuhr Heinrich fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten,„ſo kann man fühlen, aber blos für einen Augenblick. Im nächſtfolgenden ſchließt ſich die Puppe wie⸗ der mit all ihrer Schwerfälligkeit, ihrem irdiſchen Staub⸗ mantel um unſer Weſen und wir werden betäubt, ſchlafen ein und ſinken tief unter das, was wir ſo eben geweſen. Und dann ſieht man in den Büchern nur gedruckte Worte, man findet in ſeiner Seele weder Gefühl och Gedanken und gegen die Menſchen, für die ſo eben noch das Herz gebrannt, fühlt man ſich ſteif und abgeneizt. Ach, man kann in Verzweiflung gerathen.“ „Es wäre weit beſſer,“ ſagte Louiſe,„man legte ſich ſchlafen; dann würde Kopfweh und Schwrrfälligkeit ſchon vergehen.“ „Aber das iſt meiner Anſicht nach ein trauriges Mittel,“ ſagte Heinrich lächelnd.„Es it abſcheulich, ſo viel ſchlafen zu müſſen. Was kann mn Tüchtiges lei⸗ ſten, wenn man ſo ein Siebenſchläfer iſt?„Les hommes puissants veillent et veulent!“ ſagtBalzac mit Recht. Und ſo lange meine elende ſchwerfällie Natur ſo vielen Schlafes bedarf, wird wohl nie etwc Großes aus mir werden. Ueberdieß macht ſelbſt das Entzückende, das Herrliche ſolcher wachen Augenblicke der Seele, daß man ſich arm fühlt, wenn ſie erlöſche. Ach, ich kann recht gut begreifen, wie ſo mancher dazu gekommen iſt, durch äußere Reizmittel ſie hervorzuufen oder zu ver⸗ längern wieder „ unverſt ckungen ſo viel denen: darf.“ C Heinric „Aber entſchul aber di fülle u pfunden „S Bruder Augen voll wit wir uns nicht bl denen k hier auf zu locke „C Lichtſtra wirkliche herrlich der Ver „C Leonore Augenbl Lichte, 1 nung vo ſelbſt G auch au Augenbli⸗ Welche anze Welt ick durch⸗ Das iſt gott ſelbſt würde uten Tag, e, jetzt ſt brechung ür einen ppe wie⸗ Staub⸗ ſchlafen geweſen. Worte, zedanken as Herz h, man gte ſich it ſchon auriges ich, ſo ges lei⸗ mmes Recht. vielen us mir „ das „ daß h kann en iſt, ver⸗ 31¹3 längern und mit dem Feuer des Weins das der Seele wieder zu erwecken.“ „Da begreifſt du etwas, was recht ſchlecht und unverſtändig iſt,“ ſagte Louiſe.„Gerade ſolchen Erwe⸗ ckungen haben wir es zu danken, daß es in Schweden ſo viele Säufer und erbärmliche Menſchen gibt, vor denen man ſich kaum noch auf die Straße hinaus getrauen darf.“ „Ich vertheidige es nicht, liebe tiſe,“ antwortete Heinrich, ſanft lächelnd über den Eifer der Schweſter. „Aber ich kann es doch begreifen und in gewiſſen Fällen entſchuldigen. Das Leben empfindet ſich oft ſo ſchwer, aber die Augenblicke der Begeiſterung geben eine Lebens⸗ fülle und werden wie Blitze aus dem ewigen Leben em⸗ pfunden.“ „Sie ſind es gewiß auch,“ ſagte Leonore, die dem Bruder aufmerkſam zugehört hatte und deren ſanfte Augen ſich bei ſeinen Worten feuchteten.„So klar, ſo voll wird das Leben ſicherlich empfunden werden, wenn wir uns einmal vollkommen aus der Puppe befreit haben, nicht bloß aus den Banden des Körpers, ſondern auch aus denen der Seele. Vielleicht ſind uns dieſe Augenblicke hier auf Erden gegeben, um uns zum Vaterhauſe hinauf zu locken und ſeine Luft fühlen zu laſſen.“ „Ein ſchoͤner Gedanke, Leonore. Denn ſind dieſe Lichtſtrahlen wirklich Offenbarungen unſeres innerſten, wirklichen, hier noch gefeſſelten Lebens, guter Gott! wie herrlich dann„ Aber ach die langen, langen Stunden der Verdüſterung, was ſind denn dieſe?“ „Geduldprüfungen, Vorbereitungszeiten,“ antwortete Leonore zärtlich lächelnd.„Außerdem kommen die klaren Augenblicke wohl wieder und erfreuen uns mit ihrem Lichte, um ſo öfter, je mehr man in ſeiner Vervollkomm⸗ nung vorwärts ſchreitet. Aber man muß auch mit ſich ſelbſt Geduld haben, Heinrich. Man muß hier im Leben auch auf ſich ſelbſt warten lernen.“ 314 „Du ſagſt ein geſcheidtes Wort, liebe Schweſter. Ich muß deine Hand küſſen. Ach ja, wenn.. „Werdet mir nur nicht gar zu ſentimental und äſthe⸗ tiſch, ſondern kommt her und trinkt Thee!“ rief jetzt unſere älteſte Schweſter.„Sieh zhier, Heinrich, eine Taſſe ſtarken und warmen Thee, der deinem Kopfe gewiß gut thun wird. Aber heute Abend und Morgen früh mußt du einen Eßlöffel von meinem Elirir einnehmen.“ „Davor bewahre uns der gütige vi ringra- zia, carissima sorela! Aber, aber charmante Gabriele! Ein Tropfen Portwein im Thee würde ihn noch kräftiger machen, ohne mich zu einem jener miſe⸗ rablen Menſchen herabzuſtimmen, vor denen Louiſe ſo bange iſt. Danke Schweſterchen. Fermez les yeus, o Mahomet!“ Und mit einer Verbeugung gegen Louiſe führte Heinrich die Taſſe an ſeine Lippen. Später am Abend ſtand Heinrich in einem der Fenſter der Bibliothek und blickte in den mondſcheinbe⸗ leuchteten Raum hinaus. Leonore ging zu ihm und ſah ihm ins Geſicht mit dem ihr eigenthümlichen, milden, demüthig fragenden Blicke, vor welchem ſich das Herz ſo gerne aufſchließt.„Du biſt ſo bleich, Heinrich!“ ſagte ſie unruhig. „Es iſt ſonderbar,“ erwiederte er, halb lächelnd über ſich ſelbſt; ſiehſt du, Leonore, die Fichten dort auf dem Kirchhof, wie ihre Wipfel ſich im Winde biegen und ſchwanken. Ich begreife nicht, wie es kommt, allein dieſes Nicken und Winken hat etwas wunderlich Peinigendes für mich; ich fühle es im Herzen.“ „Das kommt wohl daher, weil du unwohl biſt, Heinrich. Sollten wir nicht ein wenig ausgehen? Es iſt ſo ſchoͤner Mondſchein. Die friſche Luft würde dir viel⸗ leicht gut thun.“ „Willſt du mitgehen, Leonore? Ja das war ein guter Gedanke.“ Gabriele ſand ihn indeß ſchlecht. Sie nannte ihre Geſchwiſter Samojeden, Lappländer, Esquimos u. ſ. w. da ſie Nichtsd in Arm „ dem er ſchützen nore, zu gehe wirbel läßt.“ ihr Sck ich wei Menſch „ dein eig 6 C „ gerne 3 und un jedenfal Ueberle an mei mit Ké Le Thräne Heinrick gewöhn lichkeit gehabt. hart be näherte bracht, ich in Schweſter. und äſthe⸗ jetzt unſere aſſe ſtarken gut thun mußt du i ringra⸗ charmante würde ihn ener miſe⸗ Louiſe ſo les yeux, egen Luiſe einem der ndſcheinbe⸗ und ſah milden, as Herz ſo h!“ ſagte b lächelnd ndort auf biegen und llein dieſes gendes für wohl biſt, n? Es iſt e dir viel⸗ war ein annte ihre u. ſ. w., 315 da ſie mitten in der Winternacht herumſtreifen wollen. Nichtsdeſtoweniger gingen dieſe munter ſcherzend, Arm in Arm. „Iſt es dir nicht zu windig?“ fragte Heinrich, in⸗ dem er ſeine Schweſter ſorgfältig vor dem Winde zu ſchützen ſuchte. „Nein der Wind iſt ja nicht kalt,“ antwortete Leo⸗ nore,„und es iſt mir ganz behaglich ſo an deiner Seite zu gehen, während er um uns her braust und Schnee⸗ wirbel wie kleine Kobolde im Mondſchein herumtanzen läßt.“ „Nun da geht es dir ganz, wie mir. Ach bei euch, ihr Schweſtern, bin ich immer ruhig und glücklich; aber ich weiß nicht, wie es kommt, daß ſeit einiger Zeit andere Menſchen mich oft plagen und reizen.“ „Ach Heinrich!— iſt das nicht auch ein Bißchen dein eigener Fehler?“ „Du denkſt an Stjernhök, Leonore?“ „Ja.“ „Ich auch. Und vielleicht haſt du Recht; ja ich will gerne zugeben, daß ich oft Unrecht gegen ihn gehabt habe und unvernünftig heftig geweſen bin. Aber er hat mich jedenfalls dazu gereizt. Warum hat er mich ſo oft ſeine Ueberlegenheit drückend fühlen laſſen, mir ſo oft die Freude an meinem Streben verkümmert und mich beinahe immer mit Kälte und Geringſchätzung behandelt.“ Leonore ſchwieg; der Mondſchein beglänzte eine ſtille Thräne in ihrem Auge. Mit ſteigender Heftigkeit fuhr Heinrich fort: Ich hätte ihn ſo lieben können! Durch ſeinen un⸗ gewöhnlichen Character, ſeine Kraft, ſeine ganze Perſön⸗ lichkeit hat er vielen Einfluß, ja viele Macht über mich gehabt. Aber er hat ſie mißbraucht;— er hat mich hart behandelt, eben als ich mich ihm am wärmſten näherte. Er hat mich von mancher Verirrung abge⸗ bracht, aber auch Vieles vom Beſten und Reinſten, was ich in mir hatte, zerſtört. Die Ergebenheit für ihn war 316 ein ſolches Gefühl und das hat er von ſich geſtoßen. Ich will dir die ganze Wahrheit ſagen, Leonore, und auf was Art es ſo zwiſchen uns gekommen iſt. Du weißt, daß ſich vor ungefaͤhr drei Jahren auf der Univerſität eine Art literariſcher Anhang von jungen Freunden um mich bildete, die mein Dichtertalent vielleicht überſchätz⸗ ten und mich veranlaßten, ſelbſt daran zu glauben. Ich war ein Liebling des Tages geworden in den Kreiſen, worin mein Leben ſich bewegte. Vielleicht wurde ich da⸗ durch übermüthig; vielleicht verrieth ſich auch ein an⸗ ſpruchsvoller Ton und eine falſche einſeitige Richtung in der Sammlung Gedichte, die ich um dieſe Zeit heraus⸗ gab. Dieſe Poeſien machten indeß Aufſehen. Aber bald darauf erſchien eine Kritik über ſie, die noch mehr Auf⸗ ſehen machte, durch ihre Kraft, ihre Strenge und ihre ſatyriſche Lauge. Ihr Stachel verſchonte weder mein Werk, noch meinen Character als Dichter. Sie bewirkte beinahe eine allgemeine Reaction gegen mich. Ich fand ſie hart und gar zu einſeitig und kann ſie auch bis auf den jetzigen Augenblick nicht anders finden, obgleich ich inzwiſchen beſſer als damals das Gerechte darin fühlen lernte. Der anonyme Verfaſſer der Kritik über mich war— Stjernhök und er läugnete es durchaus nicht. Er glaubte ſie weniger gegen mich perſoͤnlich, als gegen die überhandnehmende Richtung in der Partei, die mich als eine Art Oberhaupt anerkannte, gemünzt zu haben. Schon vorher hatte ich angefangen, mich von ihm und ſeiner Gewalt, die ich jederzeit drückend empfunden, zu⸗ rückzuziehen und dieſer neue Stoß trug nicht dazu bei, uns zu vereinigen. Seine ſcharfe Kritik hatte mich auf meine Fehler aufmerkſam gemacht, aber ich weiß doch nicht, ob ſie etwas Anderes als Aerger in mir bewirkt haben würde, wenn ich nicht um dieſe Zeit nach Hauſe zurückgekehrt und hier durch den wohlthuenden Einfluß der Meinigen zu neuer Kraft und einer reineren Rich⸗ tung erwacht wäre. Damals war es auch, daß der Va⸗ ter in ſeiner unbeſchreiblichen Güte und im Komplott mit euch Mittel ihr habt all mein ich euer innig un Die Lieb verdreht „O Stjernhö unter zu uns Alle und Heit gegen ihr können.“ „Ich iſt ſtärker ſeit einige ſitzt einme es mir, Bruſt ziel mich anrt Adern.“ „Hei „Das iſt dir ſelbſt. die Hand „Jetz Bedürfniß Aber was und mein geachtet. habe ich bis jetzt ü hoch von bis jetzt g ich auch geſtoßen. wre, und Du weißt, Univerſität enden um überſchätz⸗ glauben. n Kreiſen, e ich da⸗ ei an⸗ ichtung in t heraus⸗ Aber bald ſehr Auf⸗ und ihre der mein e bewirkte Ich fand bis auf gleich ich in fühlen ber mich us nicht. als gegen die mich u haben. ihm und en, u⸗ azu bei, nich auf eiß doch bewirkt ch Hauſe Einfluß en Rich⸗ der Va⸗ Komplott 317 mit euch allen ſeine halbe Bibliothek verkaufte, um mir die Mittel zu einer Reiſe ins Ausland zu verſchaffen;— ja ihr habt einen neuen Menſchen in mir hervorgerufen und all mein Dichten und Trachten iſt jetzt, euch zu zeigen, daß ich ener nicht unwürdig bin. Ach ja, euch liebe ich ſo innig und ſo warm. Aber mit Stjernhök iſt es vorbei. Die Liebe, die ich für ihn gehegt, hat ſich in Bitterkeit verdreht——.“ „O, Heinrich, Heinrich! laß das nicht ſo werden. Stjernhök iſt ja ein guter, gin edler Menſch, nur mit⸗ unter zu ſtreng. Aber wahrhaftig, er liebt dich, wie uns Alle; nur wollt ihr Beids einander nicht verſtehen und Heinrich, das letzte Mal biſt du wirklich unbillig gegen ihn geweſen. Du ſchienſt ihn kaum ausſtehen zu können.“ „Ich kann nichts dafür, Leonore. Dieſer Widerwille iſt ſtärker, als ich. Ich weiß nicht, welcher böſe Geiſt ſich ſeit einiger Zeit in meinem Herzen feſtgeſetzt hat, aber er ſitzt einmal darin feſt. Wenn ich Stfernhök nur ſche, iſt es mir, als bekomme ich einen ſcharfen Stich; meine Bruſt zieht ſich vor ihm gleichſam zuſammen und wenn er mich anrührt, läuft es mir, wie Fiedendes Blei, durch die Adern.“ „Heinrich, beſter Heinrich!“ ſagte Leonore mit Schmerz. „Das iſt ja entſetzlich. Ach mache noch einen Verſuch mit dir ſelbſt. Ueberwinde dieß Gefühl und reiche Stjernhök die Hand zur Verſöhnung.“ „Jetzt iſt es zu ſpät, Leonore. Ja wenn es ihm ein Bedürfniß wäre, ſo würde es vielleicht noch leicht gehen. Aber was fragt er nach mir? Er hat mich nie geliebt und mein Streben, ſo wie meine Fähigkeit, hat er nie geachtet. Und vielleicht hat er darin Recht; vielleicht habe ich ſelbſt und einige gar zu parteiiſche Freunde ſie bis jetzt überſchätzt. Vielleicht hat Stiernhök recht, nicht hoch von meinen Gaben zu denken. Was habe ich auch bis jetzt gethan? Und zuweilen iſt es mir, als werde ich auch in Zukunft nicht weit gelangen können, als ſei 318 meine Kraft beſchränkt, meine Blüthenzeit bald vorüber. Die Stjernhöks dagegen iſt im Aufkommen, er gehört zu die langſam, aber um ſo ſicherer emporſteigen. Ich ſehe weit beſſer, als früher, wie ſehr er über mir ſteht, viel höher er ſteigen wird, und dieſe Einſicht quält mich.“ „Aber warum dieſe düſtern Gedanken und Gefühle, lieber Heinrich, gerade jetzt, wo deine Zukunft hoffnungs⸗ voller zu ſein ſcheint, als je? Deine ſchöne Dichtung, deine Preisſchrift, die dir gewiß Ehre bringen wird, die Ausſicht auf ein einträgliches Amtund einen dir theuren Wirkungs⸗ kreis: Alles das, was noch vor ein Paar Monaten dein Herz ſo belebte— warum hat es jetzt ſeine Kraft auf daſſelbe verloren?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Heinrich;„aber ſeit einiger Zeit iſt viel in mir verändert; ich habe keinen Glauben an mein Glück. Es kommt mir vor, als ſoll⸗ ten meine ſchönen Hoffnungen verſchwiuden, wie ein Traum.“ „Und wenn dem ſo wäre,“ ſagte Leonore zärtlich und demüthig forſchend;„koͤnnteſt du dennoch nicht Glück und Frieden— zu“ Hauſe finden, in der Beſchäftigung mit deinen geliebten Wiſſenſchaften, im Leben mit uns, die wir dich — um deiner ſelbſt willen lieben?“ Heinrich drückte Leonorens Arm an ſich, antwortete aber nicht. Ein heftiger Windſtoß nöthigte ſie, einen Au⸗ genblick ſtille zu ſtehen. „Ein abſcheuliches Wetter,“ ſagte Heinrich, indem er ſeinen Mantel um die Schweſter hüllte. „Aber dieß iſt ja dein Lieblingswetter,“ antwortete ſie ſcherzend. „War, ſollteſt du ſagen, jetzt liebe ich es mehr. — Vielliicht, weil es etwas entſpricht, was mich hier innen peinigt.“ Bei dieſen Worten zog Heinrich Leonorens Hand an ſeinen Mantel und legte ſie an ſeine Bruſt. Es hob ſich darin gewaltſam und wunderlich. Das Herz klopfte beinahe hörbar. was iſt unruhig hrielen 1 ſprochen nicht, de ich dieſe wegen v liebe Ler jetzt viel mir gut getragen Louiſens nicht ein Halt ma hält an; Eva, als pfangen Zu lichen H Mitgliede Schoß Ausflüger erndten nicht geg genießen! ſich, Al ſchlimm d vorüber. gehört zu porſteigen. über mir ſe Einſicht d Gefühle,— hoffnungs⸗ tung, deine i Ausſicht Wirkungs⸗ naten dein Kraft auf „aber ſeit habe keinen als ſoll⸗ wie ein ärtlich und Glück und mit deinen ie wir dich antwortete einen Au⸗ „eidem er antwortete nicht mehr. hier innen orens Hand Es hob er klopfte i „Gütiger Gott!“ rief Leonore erſchrocken: was iſt das? Haſt du es oft ſo?“ „Seit einiger Zeit manchmal. Aber ſei deßwegen nicht unruhig und ſage vor allen Dingen der Mutter und Ga⸗ brielen nichts davon. Ich habe mit Munter darüber ge⸗ ſprochen; er hat mir ein Mittel dafür gegeben und glaubt nicht, daß es etwas zu bedeuten haben wird. Heute habe ich dieſes Herzklopfen ununterbrochen gehabt und bin deß⸗ wegen vielleicht ein wenig hypochondriſch geweſen; verzeih, liebe Leonore, daß ich dich damit geplagt habe. Ich bin jetzt viel beſſer und munterer; dieſe kleine Wanderung hat mir gut gethan. Wenn du nur nicht den Schnupfen davon⸗ getragen haſt, Leonore, denn ſonſt wirſt du gewiß mit Louiſens Elirir beſtraft oder wenigſtens bedroht. Aber fährt nicht ein Reiſewagen vor unſerem Hauſe an, als ob er dort Halt machen wollte? Vielleicht iſt es Eva 2 Der Wagen hält an;— gewiß iſt es Eva.“ „Eva! Eva!“ rief Leonore mit innigſter Freude und beide Geſchwiſter liefen jetzt ſo ſchnell vor das Haus, daß Eva, als ſie aus dem Wagen ſtieg, von ihren Armen em⸗ pfangen wurde. „Heinrich, E va. — Zu den angenehmeren Ereigniſſen in einem glück⸗ lichen Hanſe gehört es gewiß, wenn eines der geliebten Mitglieder deſſelben nach längerer Abweſenheit in ſeinen Schoß zurückkehrt.— So kehrt die Biene von ihren Ausflügen nach dem ſüßen Korbe zurück, mit Honigs⸗ erndten von den Wieſen der Erde. Wie viel gibt es da nicht gegenſeitig zu erzählen, zu hören, zu ſehen und zu genießen! Jede Wolke am Himmel des Hauſes verzieht ſich, Alles iſt Sonnenſchein und Freude und es muß ſchlimm ſtehen, wenn man ſich gegenſeitig nicht ſchöner 320 und beſſer findet; denn wenn Alles richtig zugeht, ſo iſt alles Fortſhreiten im Leben immer gewiſſermaßen eine Verbeſſerung.“ Klar war die Stunde des Sonnenſcheins im Frank⸗ ſchen Hauſe bei Evas Wiederkehr. Die gegenſeitige Liebe, die in Umarmungen, Lächeln, Thränen, Gelächter, ſüßen Bewillkommnungsworten, tauſend Freuden und Zärtlich⸗ keitsbezeugungen ausſtrahlte, ließ die erſte Stunde in einem luſtigen Rauſche verſchwinden. Nachdem ſofort Alles ru⸗ higer geworden und man einander näher betrachtete, da ſammelten ſich Aller Blicke und Gedanken mit Entzücken auf Eva. Ihre Schönheit ſchien jetzt in ihrer hoͤchſten Blüthe zu ſtehen und es lag ein bezauberndes Leben in ihren Blicken, ihrem Weſen, ihren Bewegungen, ſo wie man es früher nie geſehen hatte. Ihre höchſt moderne Kleidung, eine gewiſſe Entwickelung, eine gewiſſe anmuthe⸗ volle Leichtigkeit, welche die eleganten Kreiſe der Haupt⸗ ſtadt verrieth, übten ihre Zauberkraft auf ihre Freunde und entzückten beſonders Gabriele, die der ſchönen Schweſter mit ſtrahlenden Blicken folgte. Bergſtröm machte ſich in der Küche Luft und rief: „Mamſell Cva iſt ganz göttlich!“ Die blonde Ulla hatte nie ſo vollkommen mit ihm übereingeſtimmt. Leonore war die Einzige, die Eva bald zwar mit zärtlichen, aber doch etwas bekummerten Blicken betrach⸗ tete. In ihrem Ausſehen und Weſen lag etwas Wel⸗ liches, etwas, das Leonore ahnen ließ, daß eine große und nicht glückliche Veränderung in der geliebten Schwe⸗ ſter vorgegangen ſei. Und es zeigte ſich bald, daß Leo⸗ nore richtig geahnt hatte. Eva war noch nicht viele Stunden im Hauſe geweſen, als man deutlich ſah, daß ſie wenig Intereſſe für ſeine Angelegenheiten hatte; daß Eltern, Geſchwiſter, Freunde ihr nicht mehr waren, was ſie früher geweſen. Evas Seele war dagegen jetzt von einem einzigen Gegenſtand erfüllt, der alle ihre Gedan⸗ ken, alle ihre Gefühle in Anſpruch nahm und dieß war — Major R. Seine Schönheit, glänzenden Gaben, ten, w einande geſpielt Herzen Phanta ſie Ma res Zu ſeiner G ihren E kam, 1 vom A Eva de erzählte letzten„ jor R. keit ſtel gebene Anſpruc ſpannt, ihrer E ihre zu Erſt als ſtern a eintreffe nachten tern un Schleier Major, ſolchen von ihre vertheidi keit und noch ge „ihr Geſe Br ht, ſo iſt aßen eine m Frank⸗ tige Liebe, ter, ſüßen Zärtlich⸗ e in einem Alles ru⸗ htete, da Entzücken r höchſten Leben in n, ſo wie tmoderne anmuths⸗ er Haupt⸗ eunde und Schweſter und rief: Ulla hatte zwar mit nbetrach⸗ Weelt⸗ eine große n Schwe⸗ daß Leo⸗ icht viele ſah, daß atte; daß aren, was jetzt von re Gedan⸗ dieß war glänzenden Gaben, ſeine Liebenswürdigkeit, ſeine Liebe, die Geſellſchaf⸗ ten, wo ſie ihn getroffen, die Bälle, auf denen ſie mit einander getanzt, die Gelegenheiten, bei denen ſie Rollen geſpielt, all die romantiſchen Entwickelungen ihres Ver⸗ hältniſſes, waren die Bilder, die jetzt allein in ihrem Herzen lebten und in ihrer von weltlichem Glück erhitzten Phantaſie herumtanzten. Ihres Vaters ernſter Blick, als ſie Major R. nannte, hielt ſie ab, am erſten Abend ih⸗ res Zuſammenſeins mit den Ihrigen dieſen Namen in ſeiner Gegenwart zu wiederholen. Als ſie aber ſpäter mit ihren Schweſtern al'ſein war, als die ſüße Plauderſtunde kam, die bei ſolchen Gelegenheiten zwiſchen Freundinnen vom Abend bis zum Morgen zu währen pflegt, da ließ Cva dem, was ihre Seele erfüllte, freien Lauf. Jetzt erzählte ſie den Schweſtern ausführlich ihren Roman vom letzten Jahre, in welchem mehrere Rivale auftraten, Ma⸗ jor R. aber der Held war, und nicht ohne Selbſtgefällig⸗ keit ſtellte Eva ſich ſelbſt als die von Huldigungen um⸗ gebene und alle Mitbewerberinnen beſiegende Heldin dar. Ihre Seele war von dieſen Ereigniſſen dermaßen in Anſpruch genommen und ihre Stimmung dermaßen über⸗ ſpannt, daß ſie die Verlegenheit der Schweſtern während ihrer Erzählung, ihre Unruhe, ihr erzwungenes Lächeln, ihre zuweilen niedergeſchlagenen Blicke nicht bemerkte.“ Erſt als Eva mit freudeſtrahlendem Geſichte den Schwe⸗ ſtern anvertraute, Major R. werde bald in der Stadt eintreffen, wo er Verwandte habe, bei denen er die Weih⸗ nachten zubringen wolle und dann werde er bei den Ei⸗ tern um ihre Hand anhalten— erſt da fiel ihr der Schleier von den Augen. Louiſe ſprach ſtark gegen den Major, wunderte ſich und beklagte, daß Eva an einem ſolchen Menſchen Gefallen finden könne. Sie hätte das von ihrer Schweſter nicht erwartet. Eva, ſehr beleidigt, vertheidigte ihn mit Wärme und ſprach von Unduldſam⸗ keit und Vorurtheil. Louiſens Entrüſtung wurde dadurch noch geſteigert; Gabriele fing an zu weinen, Louiſe leiſtete ihr Geſellſchaft; ſie ſchienen Eva beinahe für verloren an⸗ 21 Bremer, das Haus. —— ———— 322 zuſehen. Leonore war ruhiger; ſie ſagte kein Wort, das Evas Gefühle verletzen konnte, ſeufzte aber mitunter tief und blickte mit ſtiller Trauer die irregeführte Schweſter an. Als ſie ſah, welche tragiſche Wendung das Geſpräch nahm, ſagte ſie mit dem ihr eigenthümlichen Ausdruck ru⸗ higer Innigkeit: „Laßt uns heute Abend nicht mehr davon ſprechen; laßt uns unſere Freude nicht zerſtören. Wir dürfen ja Eva jetzt zu Hauſe behalten und können noch genug mit einander darüber denken und ſprechen— es wird ſich Al⸗ les ſchon entwirren und klar und gut werden. Es iſt das Beſte, wir beſchlafen die Sache. Eva muß müde ſein von der Reiſe und„unſere blauen“ dürfen an dieſem erſten Abend nicht weinen. Leonorens Rath wurde angenommen. Mit einem ge⸗ genſeitigen„Verzeih!“ umarmten Louiſe, Eva und Gab⸗ briele einander und trennten ſich für den Abend. Leonore war froh mit Eva allein ſein zu können und lauſchte jetzt die ganze Nacht hindurch ruhig und mit Intereſſe ihren Erzählungen. Gute Leonore! Major Victor R. war allgemein als einer von den⸗ jenigen bekannt, die mit Weiberherzen bloßes Spiel trei⸗ ben und der Landrichter beurtheilte dieſes Spiel mit einer bei ſeinem Geſchlechte ſehr ſeltenen Strenge, beſonders wenn, wie es hier der Fall war, nicht Leichtſinn, ſondern Egoismus dabei das Ruder führte. Vor zehn Jahren hatte ſich der Major mit einem jungen, reichen Mädchen aus der Verwandtſchaft des Landrichters verhei⸗ rathet. Der einzige Fehler der ſechszehnjährigen Gattin war, daß ſie ihren Mann gar zu zärtlich, ja mit einer ge⸗ wiſſen Anbetung liebte und dieſe Liebe belohnte er mit einer ſo ſchonungsloſen Härte und Untreue, daß die arme Amalie erlag und nach einjähriger Ehe vor Kummer ſtarb, nachdem ſie ihrem unwürdigen Gatten noch teſtamentlich das ganze Vermögen vermacht hatte, über das ſie verfü⸗ gen konnte. Mit Hülfe deſſelben ſetzte jetzt R. das glän⸗ zende und leichtſinnige Leben fort, das er angefangen hatte⸗ Imme den H wieder das H ja er zu ſchl kühlte ließ ſe keit wi ſo wie einen? eine V liebten Landrit E kamen gegen. Eva; was ſi ſprach, die ihr in ihre ſeligkei weinte Fall. den Ih ſucht u Vorwu Gottes und de rer Fa nicht le ein grr von ſte war he ort, das unter tief Schweſter Geſpräch druck ru⸗ ſprechen; dürfen ja enug mit ſich Al⸗ Es iſt nüde ſein ſem erſten inem ge⸗ nd Gab⸗ Leonore ſchte jetzt ſſe ihren von den⸗ piel trei⸗ mit einer beſonders eichtſinn, zor zehn reichen s verhei⸗ n Gattin einer ge⸗ er mit die arme ner ſtarb, amentlich ie verfü⸗ as glän⸗ en hatte 323 Immer machte er irgend einer der Schönheiten des Tags den Hof; mehreremale verlobte er ſich, brach aber bald wieder ab, ohne die mindeſte Rückſicht auf den Ruf und das Herz des Mädchens, das dadurch beſchimpft wurde; ja er ſetzte ſich insgeheim eine Ehre darein, ſolche Opfer zu ſchlachten und Herzen für ſich bluten zu laſſen; das fühlte den brennenden Durſt ſeiner Eigenliebe. Die Welt ließ ſeinen angenehmen und glänzenden Gaben Gerechtig⸗ keit widerfahren, aber die Evleren ſeines eigenen Geſchlechts, ſo wie des andern achteten ihn gering und hielten ihn für einen Mann, ohne wirklichen Werth. Der Gedanke an eine Verbindung zwiſchen dieſem Mann und ſeiner ge⸗ liebten Tochter erregte einen Sturm in der Bruſt des Landrichters. Solche Nachrichten über den Mann, den ſie liebte, kamen Eva bei ihrer Rückkehr ins väterliche Haus ent⸗ gegen. Man war allgemein gegen ihn geſtimmt. Was Cva zu ſeiner Entſchuldigung ſagte, ſchlug nicht an; was ſie von ſeiner tiefen, treuen Ergebenheit gegen ſie ſprach, glaubte man offenbar nicht; und ihre eigene Liebe, die ihr die Welt ſo ſchön gemacht, die holdeſten Gefühle in ihre Bruſt geführt und ihr einen Himmel von Glück⸗ ſeligkeit eröffnet hatte— über dieſe härmte man ſich, weinte darüber, betrachtete ſie als ein Unglück, ja einen Fall. Im Innerſten der Seele verletzt, zog ſich Eva von den Ihrigen zurück und klagte ſie im Stillen der Selbſt⸗ ſucht und Unbilligkeit an. Louiſe verdiente vielleicht dieſen Vorwurf einigermaßen, aber Leonore war rein, rein wie Gottes Engel; indeß trauerte Leonore über Evas Liebe und deßhalb verſchloß ſich Evas Herz auch vor ihr. Die Spannung, die dadurch zwiſchen Cva und ih⸗ rer Familie entſtand, wurde noch ſtärker, als Major R. nicht lange nach Eva in der Stadt ankam. Er war ein großer, ſchöner Mann, fünf und dreißig Jahre alt, von ſtolzem, aber leichtſinnigem Ausſehen; ſein Geſicht war heiter und blühend, ſein Blick klar und kühn, eine 3 3 324 große Welterfahrung, eine unnachahmliche Leichtigkeit und Sicherheit gab ſeinem Weſen und ſeiner Unterhaltung die unwiderſtehliche Macht, welche dieſen Eigenſchaften im Geſellſchaftsleben verliehen iſt. Bei ſeinem erſten Beſuch im Frank'ſchen Hauſe wech⸗ ſelten der Landrichter und er ein Paar Blicke, worin Beide laſen, daß ſie ſchlechterdings nicht für einander paßten. Indeß ließ ſich der Major nichts anmerken, er war voll⸗ kommen freimüthig und heiter, richtete ſeine Unterhaltung hauptſächlich an Eliſe und ſprach beinahe Nichts mit Eva, ſah ſie aber viel an. Nach der erſten ſteifen Begrüßung ging der Landrichter wieder auf ſein Arbeitszimmer. Der Anblick dieſes Mannes war ihm peinlich. Leonore war artig, ja beinahe freundlich gegen den Major. Sie hätte ſo gerne den auch lieben mögen, den Eva liebte. Aſſeſſor Munter war bei dem Beſuche zugegen; aber als er einige Minuten lang des Majors Blicke auf Eva und die Zau⸗ bergewalt derſelben auf das Mädchen betrachtet hatte, als er in einem einzigen ſchüchternen Blicke, den ſie zu dem Geliebten erhob, ihr ganzes Herz geleſen, da ging er ſchweigend und haſtig ſeines Wegs. Der Major kehrte nicht oft in Evas Haus zurück; der Blick des Landrichters ſchien die Kraft zu haben, ihn entfernt zu halten; dagegen richtete er es ſo ein, daß er ſie von der Kirche nach Hauſe begleitete; Einladungen kamen, Schlittenpartien und Bälle wurden veranſtaltet und Eva, die ſich früher zu Hauſe ſo wohlgefallen, die ſo oft den häuslichen Abendkreis allen andern Vergni⸗ gungen in der Welt vorgezogen hatte— Eva ſchien jetzt kein Behagen mehr in ihrem Hauſe zu finden, ſchien nicht mehr leben zu können, außer in den Kreiſen und in den Vergnügungen, wo Major R. glänzte und ſie ſich von ihm ausgezeichnet ſah. Aber eben wegen dieſes Zuſammentreffens wünſchten die übrigen Mitglieder der Familie ſo wenig als möglich in den genannten Zirkeln zu ſein. Im Ganzen wurden jedoch Cvas Wünſche be⸗ günſti Der L Mutte zeigte empfir nen u meren ſicht 1 das ſ ihm, Weſer Mach ( aus p mal! keit, einem vor u Geſta dazu, wande treu harrer ſich li bloß dieſe nie n denn nes F Schle ja der er lie duld! wiede auch ( ihrer eit nd tung die ften im iſe wech⸗ in Beide paßten. var voll⸗ rhaltung nit Eva, egrüßung er. Der ore war Sie hätte Aſſeſſor er einige die Zau⸗ atte, als zu dem ging er s zurück; thaben, ein, daß ladungen ranſtaltet llen, die Vergnü⸗ hien jetzt n, ſchien eiſen und und ſie en dieſes eder der 1Zirkeln nſche be⸗ 325 günſtigt; Leonore folgte ihr getreulich, wohin ſie wünſchte. Der Landrichter war düſter und unruhig geſtimmt, die Mutter ſpielte die ſanfte Vermittlerin und Cva ſelbſt zeigte ſich bei Allem, was ihre Liebe betraf, dermaßen empfindlich, daß der geringſte Widerſpruch ſie in Thrä⸗ nen und hyſteriſches Schluchzen ausbrechen machte. Im⸗ mer mehr kamen ihre Freunde zu der ſchmerzlichen Ein⸗ ſicht von der Heftigkeit und Ausſchließlichkeit des Gefühls, das ſie für Major R. hegte. Ein flüchtiger Blick von ihm, ſein Schritt, ſeine Stimme erſchütterten ihr ganzes Weſen. Alle früheren lieben Verhältniſſe hatten die alte Macht auf ihr Herz verloren. Es geſchieht zuweilen, daß Menſchen— ſei es nun aus phyſiſchen oder moraliſchen Urſachen— ſich auf ein⸗ mal wunderbar unahnlich werden. Reizbarkeit, Heftig⸗ keit, Unverſtändigkeit, Unfreundlichkeit treten plötzlich in einem früher ſanften und liebenswürdigen Character her⸗ vor und wie durch einen Zauberſchlag hat ſich die ſchöne Geſtalt in eine Here verwandelt. Es gehört dann viel dazu, daß nicht auch die Freunde erkalten und ſich ver⸗ wandeln; es gehört viele Güte, viele Klarheit dazu, ge⸗ treu bei derſelben Liebe, in demſelben Glauben zu ver⸗ harren, geduldig die Zeit zu erwarten, wo der Zauber ſich löst, wo die Verwandelte zurückkehrt, inzwiſchen aber bloß durch ſtille Bitten, milde Blicke, liebevolle Sorgen dieſe Umkehr vorzubereiten. Möglicherweiſe wäre er ſonſt nie wieder gekommen. Ich ſage viel Klarheit: ja denn der wahre Freund verliert das himmliſche Bild ſei⸗ nes Freundes nie aus den Augen, er ſieht es durch alle Schleier der Zufälligkeit hindurch, wenn es auch Allen, ja dem Fehlenden ſelbſt verhüllt iſt. Er glaubt daran, er liebt es, er lebt für daſſelbe und ſagt:„Warte, Ge⸗ duld! Das geht vorüber und dann kommt er(oder ſie) wieder. Und wer einen ſolchen Freund hat, der kommt auch wieder. So ging die ſtille, liebevolle Levnore an der Seite ihrer veränderten Schweſter. 326 Heinrich kam in dieſer Zeit der ganzen Familie ſehr 7 dieſe gut zu Statten und ſchien ſeine ganze frühere liebens⸗ pellirt 1 würdige Munterkeit wieder zu erhalten, um alle ſtören⸗ verlan 1 den Eindrücke im Hauſe zu verſcheuchen. Er begleitete dert die Seinigen mehr als bisher in Geſellſchaften und hatte für ſeine Schweſter, ſo wie auf den Major ein ſtets ihrer wachſames Auge. obgleit Es währte nicht lange, ſo erklärte ſich der Major und bat um Evas Hand. Ihre Eltern hatten ſich auf bracht dieſe Kriſis vorbereitet und ihre Handlungsweiſe darnach aber beſtimmt. Sie wollten ihr Kind nicht durch entſchiedene ihm Verweigerung der Wünſche ſeines Herzens unglücklich Weiſe machen; allein ſie hatten beſchloſſen, ihr und dem Ma⸗ Verſt jor ein Jahr Prüfungszeit aufzulegen, während deren ſie her ſ allen Umgang abbrechen, keine Briefe wechſeln und ſich würde als von jeder gegenſeitigen Verbindlichkeit frei betrachten ließ u ſollten. Erſt nach Ablauf dieſer Friſt ſollte eine Ver⸗ geblich bindung zwiſchen ihnen wieder zur Sprache gebracht wer⸗ ſuchte den können, inſofern nämlich Eva und der Major ſie„ wurde dann noch wünſchten. Eliſe, die ſich unter einer immer jeßt innigeren und vollkommeneren Ausübung ihrer Pflichten. eine immer größere Gewalt über ihren Mann erworben, der G hatte ihn vermocht, auf dieſen vermittelnden Weg einzu⸗ Gehot gehen, und ſuchte ihm die Hoffnung einzuflößen, die ſie ſelbſt hegte, daß nämlich Cva während der Prüfungs⸗ ſie g zeit die Unwürdigkeit des Majors einſehen und von den heftig Wünſchen uud der Zärtlichkeit der Ihrigen gewonnen, Tyrar ihre Liebe überwinden oder auch der Major durch die von ſ Liebe zu Eva veredelt und in derſelben beſtändig, ihrer i würdig werden könnte. War es doch einer der eigenſten 6 und liebſten Grundſätze des Landrichters, daß alle Men⸗ zu R ſchen ſich beſſern können, und er gab gerne zu, daß ſich kam ſ dazu kein kräftigeres Mittel finden laſſe, als eine tugend⸗ hafte Liebe. ihn,e Mit Kraft und Zärtlichkeit ſprach der Landrichter jetzt mit ſeiner Tochter, legte ihr das Verhältniß klar aus ſah einander, verhehlte ihr nicht, wie bitter der Gedanke an ———,— ilie ſehr liebens⸗ ſtören⸗ egleitete id hatte ein ſtets Major ſich auf darnach chiedene lücklich m Ma⸗ ren ſie nd ſich trachten e Ver⸗ ht wer⸗ jor ſie immer flichten worben, einzu⸗ die ſie üfungs⸗ n den vonnen, rch die ihrer igenſten e Men⸗ aß ſich tugend⸗ drichter ar aus nke an 327 dieſe Verbindung ihm geweſen ſei und noch ſei und ap⸗ pellirte an ihr eigenes Billigkeitsgefühl, ob er mit dem verlangten Aufſchub und der Prüſungszeit zu viel gefor⸗ dert habe. Eva weinte viel, aber tief gerührt von der Güte ihrer Eltern willigte ſie in ihre Wünſche und verſprach, obgleich mit Schmerz, ihnen nachzukommen. Dem Major, der ſeine Bewerbung ſchriftlich ange⸗ bracht hatte, ſchrieb der Landrichter eine offene und edle, aber keineswegs zuckerſüße Antwort, worin er auch von ihm verlangte, daß er als Mann von Ehre auf keine Weiſe Eva zu verleiten ſuche, dem ihren Eltern gegebenen Verſprechen untreu zu werden, wodurch er nur ihr bis⸗ her ſo glückliches Verhältniß zu ihrer Familie ſtören würde. Dieſer Brief, den der Vater ſeine Tochter leſen ließ und der ſie neue Thränen koſtete, indem ſie ihn ver⸗ geblich zur Zurücknahme von Ausdrücken zu bewegen ſuchte, die ſie zu ſtreng, er aber eher noch zu mild fand, wurde noch am ſelbem Tage abgeſandt und Alles wurde jetzt ruhiger. Ohne Zweifel würde ſich jetzt Eva ſtill in den Wunſch der Eltern gefügt haben, die ihr durch viele Güte den Gehorſam zu erleichtern ſuchten, hätte ſie nicht am fol⸗ genden Tage ein Billet von dem Major erhalten, das ſie gänzlich verſtimmte und aufregte. Er klagte darin heftig über ihres Vaters Ungerechtigkeit, Unbilligkeit und Tyrannei und ſprach in den leidenſchaftlichſten Ausdrücken von ſeiner Liebe, ſeinen gränzenloſen Leiden, ſeiner Ver⸗ zweiflung. Eva wurde auf dieſen Brief krank, aber mehr am Gemüth, als am Körper und verlangte den Aſſeſſor zu Rathe zu ziehen. Der Freund und Arzt des Hauſes kam ſogleich zu ihr. „Haben Sie mich lieb?“ war Evas erſte Frage an ihn, als ſie allein waren. „Ob ich Sie lieb habe, Cva?“ antwortete er und ſah ſie mit einem Blick an, der jedes anders beſchaffene 328 Herz als das ihrige im Augenblick hätte zur Zärtlichkeit erwärmen müſſen. „Wenn Sie mich lieben, wenn Sie nicht wollen, daß ich ernſtlich krank werde,“ fuhr Eva ſchnell und hef⸗ tig fort,„ſo müſſen Sie dieſen Brief zu Major R. ſchaf⸗ fen und mir eine Antwort überbringen. Mein Vater iſt gegen ihn eingenommen, Alle im Hauſe ſind gegen ihn eingenommen; Niemand kennt ihn ſo wie ich. Ich bin in einer Lage, die mich zur Verzweiflung bringen kann, wenn Sie ſich nicht über mich erbarmen. Aber Sie müſ⸗ ſen mir im Geheimen beiſtehen!... Sie wollen nicht! Wenn Sie mich lieben, müſſen Sie dieſen Brief nehmen „Verlangen Sie Alles von mir, Eva, nur dieß nicht. Eben, weil ich Sie ſo ſehr liebe, muß ich nein ſagen. Dieſer Mann iſt wahrhaftig Ihrer nicht würdig; er ver⸗ dient nicht.. „Kein Wort gegen ihn! Ich kenne ihn beſſer, als ihr Alle;— ich allein kenne ihn; aber ihr Alle ſeid ihm und meinem Glücke feind. Noch einmal bitte ich Sie, bitte Sie mit Thränen. Iſt es denn ſo viel, was ich von Ihnen begehre? Mein Wohlthäter, mein Freund, wollen Sie die Bitte Ihrer Eva nicht erfüllen?“ „Laſſen Sie mich mit Ihrem Vater ſprechen?“ „Darüber? Nein, nein! Unmöglich!“ „Dann, Eva, muß ich Ihren Wunſch abſchlagen. Es thut mir weher, als ich ſagen kann, daß ich ge⸗ nöthigt ſein ſoll, Ihnen irgend etwas zu verweigern. Aber in dieſer Sache will ich meine Hand nicht beflecken, will nicht das Mittel zu Ihrem Unglück ſein. Leben Sie wohl!“ „Bleiben Sie! Bleiben Sie und hören Sie mich noch! Was fürchten Sie für mich?“ „Alles mit einem Mann von R's Character.“ „Sie mißkennen ihn und mißkennen mich?“ „Ich kenne ihn und ich kenne Sie, Cva, und deß⸗ halb ginge ich lieber durchs Feuer, als daß ich Briefe „——— — zwiſche tes Wi habe a digen ſ von mi hat es „ ungedul Herr 2 habe.“ D legte ſi ob er d beugter Ki peinlich Eva w nem ſei die We Eva zu nachden Alle er ihr mit ſetzte ſie ſelbſt d und ſor tig für mit Fr rer Wa eine Th ſteigen. In das frü milie w rtlichkeit wollen, und hef⸗ k. ſchaf⸗ ater iſt egen ihn Ich bin en kann, ie müſ⸗ mnicht! nehmen ß nicht. ſagen. er ver⸗ r, as eid ihm ch Sie, ich von wollen 2 hlagen. ich ge⸗ eigern. flecken, en Sie mich d deß⸗ Briefe 329 zwiſchen ihm und Ihnen herumtrüge. Dieß iſt mein letz⸗ tes Wort.“ „Sie wollen nicht! Sie lieben mich nicht und ich habe alſo keinen Freund mehr!“ „O Eva, Eva, ſprechen Sie nicht ſo! Sie verſün⸗ digen ſich! Sie wiſſen nicht.... verlangen Sie Alles von mir, verlangen Sie mein Leben.— Ach durch Sie hat es bereits allen Werth für mich verloren— verlangen Si „Leere Worte,“ unterbrach ihn Eva und wandte ſich ungeduldig ab;„ich verlange Nichts mehr von Ihnen, Herr Aſſeſſor. Verzeihen Sie, daß ich Sie beläſtigt habe.“ Der Aſſeſſor ſah ſie einen Augenblick ſchweigend an, legte ſodann ſchnell die Hand an ſeine linke Seite, als ob er dort einen heftigen Schmerz verſpürte und ging ge⸗ beugter, als gewöhnlich hinaus. Kurz darauf fiel ein unerwarteter Lichtſtrahl auf das peinliche Verhältniß zwiſchen Eva und ihrer Familie. Cva wurde ruhiger. Major R. reiste aufs Land zu ei⸗ nem ſeiner Bekannten in der Nähe der Stadt, um dort die Weihnachten zuzubringen. An demſelben Tag kam Eva zur gewöhnlichen Theezeit in die Bibliothek herab, nachdem ſie mehrere Tage auf ihrem Zimmer zugebracht. Alle empfingen ſie mit Freuden. Der Landrichter ging ihr mit offenen Armen entgegen, gab ihr ſüße Namen, ſetzte ſie neben ihre Mutter auf den Sopha, brachte ihr ſelbſt den Thee— ein Liebhaber kann nicht zärtlicher und ſorglicher ſein. Eva war offenbar nicht gleichgül⸗ tig für dieſe Liebesbeweiſe, empfing ſie aber doch nicht mit Freuden. Eine flammende Röthe wechſelte auf ih⸗ rer Wange mit Bläſſe und es ſchien mitunter, als wollte ine Thräne, eine reuevolle Thräne in ihren Augen auf⸗ leigen. Inzwiſchen ſtellte ſich doch von dieſem Augenblick an das frühere Verhältniß, die frühere Ruhe bei der Fa⸗ milie wieder ein. Major R. wurde von Niemanden ge⸗ ——— ———.—————— —— —— 5.————— ————————————————— 330 nannt und gleichwie im Frühling das Gras wächst und das Laub aufſchlägt, obgleich der Himmel noch düſter iſt und mancher Nordwind in der Luft verweilt, ſo entſprangen im Frank'ſchen Hauſe liebliche Eindrücke und fröhliche Augenblicke, unwillkürlich von dem Frühlings⸗ geiſte darin heraufgerufen. Ihr folltet jetzt Lie Mutter geſehen haben, wie ſie ſich als das Herz des Hauſes ge⸗ rirte, wie ſie an Allem Theil nahm, wie ſie Allen An⸗ nehmlichkeit und Behaglichkeit bereitete, wie ſie ſo huld⸗ voll, ſo troſt- und freudenreich umherging! Immer kam mit ihr etwas Liebliches oder Ermunterndes in Wort oder That. Und doch war ſie jetzt ſelbſt Nichts weniger als ruhig. Zum Kummer über ihre Töchter geſellte ſich Un⸗ ruhe für Heinrichs Zukunft und Glück; ſeine Wünſche, ſeine Gefühle und Gedanken kannte und verſtand ſie beſ⸗ ſer, als alle Andere, deßhalb ſuchten Beider Blicke ein⸗ ander ſo oft in freundlichem Verſtändniß; deßhalb wurde ſie auch an den Tagen, an welchem die Stockholmer Poſt anlangte, immer bläſſer, je näher die Poſtſtunde heran⸗ kam. Dieſe konnte ja vielleicht wichtige Nachrichten für Heinrich mitbringen. „Meine liebe Eliſe,“ ſagte der Landrichter zärtlich ſcheltend,„warum dieſe Unruhe, dieſe unverſtändige Angſt? Ich gebe zu, daß es für uns Alle eine Freude und ein Glück wäre, wenn Heinrich die Stelle bekäme, die er ſucht. Bekommt er ſie aber nicht— nun gut, ſo kann er nach einiger Zeit eine andere bekommen. Er iſt ja noch jung und andere Leute müſſen auch warten. Und ſein Gedicht— wenn es auch nie und nimmermehr für ein Meiſterſtück angeſehen und eines Preiſes gewürdigt werden ſollte, nun in Gottes Namen, was thut das? Er wird vielleicht ein um ſo tüchtigerer praktiſcher Menſch, wenn er als Dichter weniger glücklich iſt. Mir wäre das, offen geſtanden, durchaus nicht unangenehm. Ich wünſche ſowohl die Stelle als das Gedicht ins Pfefferland, wenn du deßwegen bleich und nervenſchwach wirſt. Verſprich mir am nächſten Poſttag verſtändig zu ſein und nicht aus⸗ zuſehen dir, da behalte. A nicht ſe an den ſchäftig ruhig r es mag Alles n daß du dienſt.“ He „Und d ſcheidtee den Po Mutter Di hatte H bracht, Jugend war die errathen haften G Anſehen hst und düſter ilt, ſo cke und ühlings⸗ Mutter uſes ge⸗ len An⸗ ſo huld⸗ ner kam ort oder ger als ſich Un⸗ Lünſche, ſie beſ⸗ icke ein⸗ wude rer Poſt heran⸗ ten für zärtlich Angſt? und ein die er ſo kann r iſt ja n. Und nehr für ewürdigt as? Er Menſch, äre das, wünſche „ wenn erſprich cht aus⸗ 331 zuſehen, wie der Mond im Abnehmen; ſonſt verſpreche ich dir, daß ich ernſtlich böſe werde und die ganze Poſt allein behalte.“ Aber zu ſeinen Kindern ſagte der Vater:„Habt ihr nicht ſo viel Genie und Erfindungskraft, um eure Mutter an den unglückſeligen Poſttagen zu zerſtreuen und zu be⸗ ſchäftigen? Heinrich, von dir hängt es ab, daß ſie wieder ruhig wird. Und wenn du ſie nicht überzeugſt, daß du, es mag mit deinem Glück in der Welt gehen, wie es will, Alles wie ein Mann ertragen wirſt, ſo muß ich dir ſagen, daß du die Zärtlichkeit, die ſie für dich hegt, nicht ver⸗ dienſt.“ Heinrich erröthete heftig und der Landrichter fuhr fort: „Und du, Gabriele! Ich werde dich nie mehr mein ge⸗ ſcheidtes Mädchen nennen, wenn du nicht auf den morgen⸗ den Poſttag ein Räthſel in Bereitſchaft hältſt, das deine Mutter dermaßen verwirren ſoll, daß ſie Alles vergißt.“ Dieſer morgende Tag war ausnehmend lebhaft. Nie hatte Heinrich intereſſantere Geſpräche auf die Bahn ge⸗ bracht, nie war die Mutter mehr in die Diskuſſionen der Jugend hineingezogen worden. Als die Poſtſtunde kam, war die Mutter aufs Eifrigſte beſchäftigt, ein Räthſel zu errathen, das Heinrich und Gabriele ihr mit ihren ſcherz⸗ haften Einfällen zu verwirren ſuchten, während ſie ſich das Anſehen gaben, als wollten ſie es ihr löſen helfen: Vor Streit und Hader Ich ewig flieh, Vor Sturm und Waſſer Zum Wald ich flieh. Bei Herzenskälte Erfrier' ich bald, In Feuerwellen Werd' ich nicht alt. 332 Bei Schloß und Riegel Welk' ich dahin; Wo Freiheit blühet Ich ewig bin. Mein Morgen nahet Der Freiheit Tag, Wo Liebe athmet, Ich athmen mag. Und ich begleite Die holden Frau'n, Will nach den Kleinen Mit ihnen ſchaun. Wenn ich verberge Auch öfters mich, Nicht will vergeſſen Der Guten ich. Wenn du am Morgen Dich ſehnſt nach mir, Beim Abendrothe Bin ich bei dir. Das Räthſel, das zwar nicht zu Gabrielens allerbeſten gehoͤrte, erweckte dennoch viel Vergnügen und veranlaßte Heinrich zu den tollſten Vorſchlägen. Aber die Mutter ließ ſich nicht irre machen, ſondern rief, indem ſie lachend ihre ſcherzenden Kinder zu überſtimmen ſuchte, die Auflöſung ſei— Glück. „Glück!“ wiederholte der Landrichter, indem er mit Briefen und Zeitungen in der Hand eintrat—„ich glaube, ihr befaßt euch mit Prophezeiungen. Gabriele, mein Kind, du ſollſt deinen Lohn dafür haben. Lies — — dies de ſie hin. G hüpfte „ Briefe; Stimm ſtickt. ben vor Der La auf unt ſtehen 1 ein Bie du ihn muß di heraus; ſeinen 6 bezeugu V chelnde ter; He E erſten 2 ſtill um munter auf. C und ſeit vater ei Geſundl Reiſe n Zeuge ſ ſchenkt Eva be wieder, der ſchr He erbeſten anlaßte ter ließ end ihre ſei— er mit —„ich abriele, Lies 333 dies deiner Mutter vor.“ Und er legte eine Zeitung vor ſie hin. Gabriele begann, ſchob aber haſtig die Zeitung weg, hüpfte in die Höhe, ſchlug die Hände zuſammen und rief: „Heinrichs Dichtung hat den höchſten Preis gewonnen.“ „Und hier, Heinrich!“ ſagte der Landrichter,„ſind Briefe;— du biſt ernannt zum des Landrichters Stimme wurde von dem Freuderufen der Uebrigen er⸗ ſtickt. Heinrich lag in den Armen ſeiner Mutter, umge⸗ ben von ſeinen mit naſſen Augen jubelnden Schweſtern. Der Landrichter ging mit gtoßen Schritten im Zimmer auf und ab; endlich blieb er vor der glücklichen Gruppe ſtehen und rief:„Ei ſeht einmal! Laßt mich doch auch ein Bischen daran Theil nehmen. Eliſe, Dank dir, daß du ihn mir gegeben haſt! Und du, Junge, komm her, ich muß dir ſagen.... aber es kamen doch keine Worte heraus; ſtumm vor inniger Rührung umarmte der Vater ſeinen Sohn und erwiederte auf gleiche Weiſe die Liebes⸗ bezeugungen ſeiner Töchter. Viele Privatbriefe von Stockholm enthielten ſchmei⸗ chelnde Worte, Freudenbezeugungen über den jungen Dich⸗ ter; Heinrichs junge Freunde ſangen Triumphlieder. Es war beinahe zu viel Glück auf einmal. In den erſten Augenblicken nach dieſen Neuigkeiten war die Freude ſtill und mit Rührung gemiſcht; nachher aber wurde ſie munter und ſprühte raketengleich in tauſend Richtungen auf. Eine allgemeine Bewegung entſtand, um den Tag und ſeinen Helden zu feiern, und während der Familien⸗ vater eine Bowle braute(das ganze Haus ſollte Heinrichs Geſundheit trinken), brauten die Uebrigen Plane zu einer Reiſe nach Stockholm. Die ganze Familie mußte doch Zeuge ſein, wie Heinrich mit der großen Medaille be⸗ ſchenkt wurde; ſie mußte doch ſeinem Feſttage anwohnen. Eva bekam beinahe ihre ganze einnehmende Lebendigkeit wieder, als ſie ein ähnliches Feſt ſchilderte, das ſie auf der ſchwediſchen Akademie mit angeſehen hatte. Heinrich ſprach viel von Stockholm; er ſehnte ſich 334 der Mutter und den Schweſtern die ſchöne Hauptſtadt„ der La zeigen zu können. Sie ſollten ſich an der Steingallerie, Blick am Theater ergötzen, ſollten die ſchöne Mamſell H., die und Tu entzückende Jenny L. ſehen und hören, und dann das raſchun Schloß, die Promenaden, die Anſichten, die Kirchen, Al die ſchönen Statuen auf dem Marktplatze bewundern— der Zu eine einzige von ihnen hätte Heinrich gerne umgeworfen 4 gebliebe — o es gab ſo viel Schönes und Herrliches in Stock⸗ Scherze holm zu ſehen. bis ſie Die Mutter lächelte in Wonne über— die Veran⸗ gute M laſſung zur Stockholmer Reiſe, der Vater ſagte zu Allem ſchwend ja, die Geſichter der jungen Leutchen ſtrahlten vor Ver⸗ He gnügen, die Bowle duftete Glück. druck ſe Der junge Baron L., der Heinrich ſehr liebte, noch Apollo. mehr aber jede lebhafte Bewegung und jeden Lärmen, ge⸗„Y rieth in eine ordentliche Raſerei zur Feier des Tages. Er den, H walzte mit allen Menſchen; Louiſe durfte nicht ſtille„du ſiel ſitzen; das kleine Fräulein mußte ſich herumſchwingen umarme laſſen— es iſt wahr, daß ſie in ihrer Freude nicht viel„ weniger tanzluſtig war, als er— der Landrichter ſelbſt Schweſt mußte mit ihm walzen; endlich walzte er mit den Stüh⸗ Un len und Tiſchen und das Feuer des Punſches trug nicht noch gli dazu bei, ſeine Lebensgeiſter herabzuſtimmen. Mtutter. Es kam den Landrichter hart an, daß er gerade an ſicht an dieſem Tage ausgehen mußte; allein wichtige Geſchäfte werden zwangen ihn dazu und er mußte noch an demſeleen Abend ſes gelie abreiſen, um erſt nach drei bis vier Tagen wieder zu Liebling, kommen. Obgleich er die Seinigen jetzt in der Blüthe der Hoc des Wohlergehens und der Freude verließ, ſo ſchien ihm ſie ſchr doch die kurze Trennung ſchwerer zu fallen, als gewöhn⸗ Glückſel lich. Als er bereits von den Seinigen Abſchied genom⸗ ie erſch men hatte, kam er— etwas höchſt Ungewöhnliches an werden. ihm— wieder herein, umarmte noch einmal ſeine Frau, Un ſchwang ſich im Wolfspelz voll Munterkeit mit ſeinen— kann Töchtern herum und ging ſchnell hinaus, indem er dem tragen, jungen L., der in wilder Freude den Wolfspelz wie ein oder zu Hund anfiel, einen ziemlich tüchtigen Puff verſetzte. Als ſolches uptſtadt gallerie, H., die nn das Kirchen, dern— eworfen Stock⸗ Veran⸗ Allem Ver⸗ , nch ſen, ge⸗ ges. Er ht ſtille hwingen icht viel r eſelbſt Stüh⸗ nicht rade an zeſchäfte Abend eder zu Blüthe ien ihm gewöhn⸗ genom⸗ ches an e Frau, t ſeinen er dem wie ein e Als 335 der Landrichter ſofort von ſeinem Schlitten noch einen Blick zum Bibliothekfenſter hinauf warf und ſeine Frau und Töchter mit der Hand grüßte, ſahen dieſe voll Ueber⸗ raſchung, daß ſeine Augen voll von Thränen ſtanden. Allein die Wonne der Gegenwart und die Verheißungen der Zukunft erfüllten die Gemüther ſämmtlicher Zuruͤck⸗ gebliebenen. Der Abend verſchwand unter Freuden und Scherzen. Baron L. trank mit den Hausleuten Punſch, bis ſie und er ganz irre im Kopf wurden, und Louiſens gute Moralpredigten waren bei dieſem Feuer unnütz ver⸗ ſchwendete Waſſertropfen. Heinrich war evel und heiter. Der ſtrahlende Aus⸗ druck ſeines lebensvollen und ſchönen Kopfes erinnerte an Apollo. „Was iſt jetzt aus deinen düſtern Ahnungen gewor⸗ den, Heinrich?“ flüſterte zärtlich und heiter Leonore— „du ſiehſt mir aus, als ob du jetzt ſelbſt— Stjernhök umarmen könnteſt.“ „Die ganze Welt,“ ſagte Heinrich, indem er die Schweſter an ſeine Bruſt ſchloß,„ich bin ſo glücklich.“ Und dech befand ſich eine Perſon im Hauſe, die noch glücklicher war als Heinrich und dies war— ſeine Mutter. Wenn ſie ihres Sohnes ſchones, verklärtes Ge⸗ ſicht anſah und daran dachte, was er war, was er noch werden konnte, wenn ſie an die Lorbeeren dachte, die vie⸗ ſes geliebte Haupt krönen ſollten, an die Zukunft, der ihr Liebling, ihr Sommerkind entgegen ging— o da blühte der Hochſommer der Mutterfreude in ihrer Bruſt und ſie ſchwoll von unausſprechlicher Glückſeligkeit, einer Glückſeligkeit ſo groß, daß ſie an Angſt gränzte, denn ſie erſchien ihr zu groß, um von der Erde getragen zu werden.. Und gleichwohl— wir ſagen es mit dankbarer Freude — kann die Erde ein großes Maß überirdiſchen Glückes tragen, kann es lange tragen, ohne es zu verflüchtigen oder zu vernichten. Im Stillen, im Verborgenen blüht ſolches Glück am liebſten; deßhalb weiß die Welt wenig 336 davon und glaubt nicht recht daran. Aber Gott ſei andere Dank, es findet ſich in reichlichem Maße zu allen Zeiten unterird und in allen Ländern und es iſt— wir flüſtern das den gen un Glücklichen zu, um uns mit ihnen zu freuen— es iſt wwelche höchſt ſelten, daß das in der Wirklichkeit geſchieht, was Beide 1 man ſo oft des Effects wegen in Büchern liest, nämlich, augenbli daß eine ſehr hohe Fluth von Glück im Schlepptau nit das Vol ſich führt ihre Hät vvergeblic ungtück. und ſtiec aus, de auf den Nach dem fröhlichen Abend kam die Nacht und die die ziſche Mitglieder der Frank'ſchen Familie lagen tief in den Ar⸗ ein Jube men des Schlafs, als auf einmal die Mitternachtsſtunde Aſſeſſor, ſie mit dem ſchrecklichen Ruf„Feuer! Feuer!“ erweckte. und durc Das Haus brannte, Rauch und Flammen kamen ihnen die Geſte allerwärts entgegen, denn der Brand hatte ſich mit un⸗ Leiter w glaublicher Schnelligkeit ausgebreitet. Eine namenloſe aber gli Verwirrung entſtand, man ſuchte, man rief einander, ohnmächt Mutter und Kinder, Hausleute und Diener. Halb be⸗ Mutter 1 fleidet und ohne das Geringſte gerettet zu haben, ſam⸗ rich zum melten ſich die Bewohner des Hauſes auf dem Markte, zu retten wo eine unzählige Menſchenmaſſe herbeiſtrömte und die enthielt. Feuermannſchaft zu arbeiten anfing, während die Glocken nigkeiten des Kirchthurms heftig erklangen und die Lärmtrommel Das Hat dumpf und wild durch die Straßen der Stadt ging. zu loͤſcher Heinrich ſchleppte den jungen L. mit ſich, der ſprachlos ſammen; und vom Brande übel beſchädigt war. Mit wildem, for⸗ lein, ohn ſchendem Blick ſah ſich die Mutter unter den Ihrigen Als um; auf einmal rief ſie: Gabriele! und ſtürzte mit einem nigen zur durchdringenden Angſtruf in das brennende Haus. Ein auf dem Kreis von Menſchen ſchloß ſich ſchnell um die Töchter, tirt und hinderte ſie mit Gewalt, der Mutter zu folgen, aber zwei ſonen ver Männer brachen aus dem Volkshaufen hervor und eilten beizuſchaf ihr mit der Schnelligkeit des Blitzes nach. Der eine war in S war ihr ſchöner, jetzt mehr als je ſchöner Sohn; der ſich in d Bre Gott ſei n Zeiten das den — es iſt ht, was nämlich, ta mit und die den Ar⸗ htsſtunde erweckte. en ihnen mit un⸗ amenloſe einander, al be⸗ ſam⸗ Markte, und die Glocken trommel t ging. prachlos m, for⸗ Ihrigen tit einem s. Ein Töchter, ber zwei id eilten er eine hn; der andere glich den Cyelopen, ſo wie die Kunſt ſie in ihren unterirdiſchen Schmieden abbildet; nur hatte er zwei Au⸗ gen und aus dieſen ſprühten im Augenblick Flammen, welche denen Trotz boten, mit denen er kämpfen wollte Beide verſchwanden in den Flammen. Es entſtand ein augenblickliches Schweigen. Die Lärmtrommel hoͤrte auf, das Volk athmete kaum. Schweigend rangen die Töchter ihre Hände und die Feuerglocke läutete ängſtlich zu dem vergeblichen Regen der Spritzen, denn die Flammen ſtiegen und ſtiegen. Auf einmal ging ein Ruf von der Volksmaſſe aus, deren Herz freudig ſchlug, denn die Mutter wurde auf den Armen des Sohnes aus den Flammen getragen, die ziſchend ihre Zungen ihnen nachſtreckten;— und noch ein Jubelruf! Der andere Cyclope, mit einem Wort der Aſſeſſor, ſtand in einem Fenſter des andern Stockwerkes und durch die Wirbel ſchwarzen Rauches ſchimmerte weiß die Geſtalt hervor, die er an ſeine Bruſt drückte. Eine Leiter wurde ſchnell angelegt und ſchwarz und verſengt, aber glückſelig, legte Jeremias Munter bald darauf die ohnmächtige, aber unbeſchädigte Gabriele in die Arme der Mutter und der Schweſtern. Sodann kehrte er mit Hein⸗ rich zum Brande zurück und es glückte ihnen, einen Pult zu retten, welcher die wichtigſten Papiere des Landrichters enthielt. Eben ſo wurden noch einige unbedeutende Klei⸗ nigkeiten den Flammen entriſſen. Aber dieß war Alles. Das Haus war von Holz und ungeachtet aller Bemühung zu löſchen, brannte, brannte und brannte es zu Aſche zu⸗ ſammen; da es jedoch abgeſondert daſtand, brannte es al⸗ lein, ohne irgend ein anderes anzuſtecken. Als Heinrich ermattet von Anſtrengungen zu den Sei⸗ nigen zurückkehrte, fand er ſie in der kleinen, gleichfalls auf dem Markte liegenden Wohnung des Aſſeſſors einquar⸗ tirt und Jeremias ſelbſt ſchien ſich plötzlich zu zehn Per⸗ ſohen vervielfacht zu haben, um ſeinen Gäſten Alles her⸗ beizuſchaffen, was ſie bedurften. Seine alte Haushälterin war in Folge der Feuersbrunſt und der vielen Leute, die ſich in der höchſt einfach eingerichteten Behauſung ihres Bremer, das Haus. 22 338 Herrn geſammelt hatten, ganz irre im Kopfe. Aber er wußte Rath für Alles. Er kochte Kaffee, er machte die Betten zurecht und ſchien dabei ſeine ziemlich bedeutenden Brandſchäden gänzlich zu vergeſſen. Er ſcherzte über ſich ſelbſt und ſeine Sachen, während er ſich eine Thräne über das Unglück ſeiner Freunde aus den Augen wiſchte. Lieb⸗ reich und entſchloſſen ſorgte er für Alles und fuͤr Alle. Louiſe und Leonore unterſtützten ihn mit ſtiller Faſſung. „Willſt du vernünftig ſein, Kaffeekeſſel, und nicht ſo närriſch überkochen, weil du einmal für Damen kochſt!“ ſchmeichelte der Aſſeſſor; hier, Miß Leonore, ſind Tropfen für Ihre Mutter und Eva. Schweſter Louiſe, haben Sie die Güte und bemächtigen Sie ſich meiner ganzen Vor⸗ rathskammer. Und Er, junger Herr,“ ſagte er zu Hein⸗ rich, indem er ihn ſchnell am Arme ergriff und ihm ſcharf ins Geſicht ſah,„komm Er mit mir, denn ich muß ihn wohl ein wenig unter die Hand nehmen.“ Es war auch keine Minute zu verlieren. Ein heftiger Blutandrang gegen die Bruſt verſetzte den jungen Mann in augenblickliche Le⸗ bensgefahr. Der Aſſeſſor riß ihm den Rock ab und ließ ihm zur Ader, beinahe in demſelben Augenblick, wo er das Bewußtſein verlor. „Solch ein Mutterkind,“ ſagte der Aſſeſſor böſe, als Heinrich ſich wieder erholte;„wie kann man ein ſolches Mutterkind ſein, wenn man ſchon ſo ein tüchtiger Burſche iſt! Nun ſeht einmal, jetzt iſt die Gefahr mit Ihm vorüber, der Tod hat heute Nacht Scherz mit uns getrieben, allein es ſchadet Nichts. Laß uns jetzt gehen und als artige Ritter den Damen unſere Aufwartung machen. Warte, ich muß mir eine Waſſerkanne über das Geſicht ſchütten, damit ich nicht mehr, als nothwendig iſt, ausſehe, wie der Ritter von der traurigen Geſtalt!“ D glänzen und fär und Se Ruinen in dem wühlter jubelnd P nach d Haus e allein 1 borgen der St nicht g Y Leute i der obt Mädch mit de Servic große. U, ſt b ſellſcha nen Li 5 mit Al ten, i nung z einricht ſondern einer 2 Aber er achte die deutenden über ſich äne über te. Lieb⸗ für Alle. ſſung. nicht ſo kochſt!“ Tropfen ben Sie zen Vor⸗ zu Hein⸗ m ſcharf muß ihn war auch ng gegen und ließ er das böſe, als n ſolches Burſche vorüber, n, allein ls artige Warte, ſchütten, wie der — — 339 Folgen. Die Sonne des neuen Morgens ſchien klar auf die glänzenden, ſchneebedeckten Dächer um den Markt herum und färbte in den prächtigſten Tinten von Purpur, Gold und Schwefelblau die Rauchwolken, die langſam aus den Ruinen des niedergebrannten Hauſes emporwirbelten, und in dem über Markt und Kirchhof ausgebreiteten Schnee wühlten und pickten Hunderte von kleinen Sperlingen unter jubelndem Gezwitſcher. Mutter und Tochter wandten die thränenvollen Augen nach dem rauchenden Platz, wo ihr theures, behagliches Haus geſtanden, aber keine gab ſich der Trauer hin. Cva allein weinte viel, aber wegen einer Qual, die in ihr ver⸗ borgen lag. Sie wußte, daß Major R. dieſe Nacht in der Stadt zugebracht hatte und doch— hatte ſie ihn noch nicht geſehen. Mit dem Morgen kam viel Leben und eine Menge Leute in die Wohnung des Aſſeſſors. Familien kamen, um der obdachloſen Familie Haus und Hof anzubieten; junge Mädchen kamen mit ihren Kleidern; Dienſtboten kamen mit den ihrigen für die Dienſtboten der Familie; ſchöne Service und Möbel wurden geſaudt, der Bäcker ſchickte große Körbe mit Brod, der Bierbrauer Bier, andere Wein u. ſ. w. Es war ein Auftritt der ſchönſten Art im Ge⸗ ſellſchaftsleben und ein deutlicher Beweis von der allgemei⸗ nen Liebe und Achtung, in der die Familie Frank ſtand. Frau Gunille kam ſo gut, ſo eifrig und bereit, ſich mit Allen herumzuzanken, die es ihr ſtreitig machen woll⸗ ten, ihre alten Freunde in ihrem Wagen nach der Woh⸗ nung zu führen, welche ſie in der Eile für dieſelben hatte einrichten laſſen. Der Aſſeſſor ſtritt jetzt nicht mit ihr, ſondern ſah ſtumm ſeine Gäſte abfahren und blickte mit einer Thräne im Auge dem Wagen nach, der Eva von ——————— ———————————— 340 ſeinem Hauſe wegführte. Es war ihm jetzt ſo düſter und zu Rat ſo öde. viel ſpe Am Abend dieſes Tages war der Familienvater wie⸗ D der im Kreiſe der Seinigen und drückte ſie Alle mit Freude— lich m thränen an ſeine Bruſt. Ja mit Freudethränen— denn ſtändig ſie waren ihm ja doch Alle geblieben. Wenige Tage dar⸗ gen Un auf ſchrieb er an einen ſeiner Freunde: ohne „Früher, vor dieſem unglücklichen Ereigniſſe wußte Erſe ich nicht, was ich Alles in meiner Frau und meinen M Kindern beſaß, wußte nicht, daß ich ſo viele gute Freunde holm und Nachbarn hatte. Ich danke Gott, der mir eine ſolche u. ſ. n Frau, ſolche Kinder und ſolche Freunde geſchenkt hat. Be⸗ ſhlte 1 reits ſind durch dieſe letztern ſämmtliche Bedürfniſſe mei⸗ Landric ner Familie befriedigt, ja mehr als befriedigt. Im Früh⸗ vor der ling fange ich an, mein Haus auf dem alten Grunde wie⸗ junehm der aufzubauen. Wie das Feuer ausgekommen iſt, weiß Si ich nicht, auch liegt mir nichts daran, es zu erfahren. laßt u Das Unglück iſt geſchehen und führt eine warnende Lec⸗ tion für die Zukunft mit ſich. Das iſt genug. Mein» Haus iſt nicht ärmer an Liebe geworden, obgleich an irdi⸗ kann d ſchem Gute. Jene trägt und heilt Alles. Der Herr hats verlier gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn u ſei gelobet!“ bald a Wirklich wollte der Landrichter keine Muthmaßungen über die Entſtehung des Brandes anhören. Wir wagen n es nichtsdeſtoweniger, die unſrigen hier zu äußern. Es war nämlich hoͤchſt wahrſcheinlich, daß er im Zimmer fä des jungen L. ſeinen Anfang genommen hatte und daß dieſer in ſeinem halb berauſchten Zuſtand daran Schuld 3 20 geweſen war. Vermuthlich ſah er ſelbſt die Sache ſo anz;% mehr ſo viel iſt gewiß, daß dieſe Begebenheit in Verbindung mit dem Benehmen der Frank'ſchen Familie gegen ihn 4 eine gewaltige Veränderung im Gemüthe und Charakter ſich d des jungen Mannes hervorbrachte. Sein Vater holte ihn bald darauf ab und reiste mit ihm— denn ſeine ſa Augen hatten durch den Brand gefährlich gelitten— ſe nach Kopenhagen, um die geſchickten Augenärzte daſelbſt üſter und ater wie⸗ t Freude⸗ — denn age dar⸗ ſe wußte meinen Freunde ine ſolche at. Be⸗ iſſe mei⸗ m Früh⸗ nde wie⸗ ſt, weiß erfahren. ende Lec⸗ Mlein an irdi⸗ er hts es Herrn raßungen r wagen ern. Es Zimmer und daß Schuld e ſo an; rbindung egen ihn harakter ter holte enn ſeine itten— daſelbſt 341 zu Rathe zu ziehen. Unſere Augen ſehen ihn erſt in einer viel ſpäteren Periode dieſer Geſchichte wieder. Die Töchter der Familie beſchäftigten ſich jetzt ernſt⸗ lich mit bereits vorher beſprochenen Planen, ein ſelbſt⸗ ſtändiges Auskommen zu ſuchen und in den gegenwärti⸗ gen Umſtänden den Eltern ihre Sorgen zu erleichtern, ohne Jemand zur Laſt zu fallen. ECva wünſchte fürs Erſte eine Einladung auf ein Landgut in der Nähe deſſen, wo Major R. ſich jetzt aufhielt, anzunehmen. Auf Arel⸗ holm öffneten ſich Herzen, Arme, Flügel, Hauptgebäude u. ſ. w. für die Mitglieder der Frankſchen Familie. Es fehlte nicht an Gelegenheiten zu Koloniſationen, aber der Landrichter bat jetzt die Seinigen ſo herzlich, Alles dieß vor der Hand zu unterlaſſen und keine Auswanderung vor⸗ zunehmen.„In ein paar Monaten,“ ſagte er,„im Früh⸗ ling vielleicht, könnt ihr thun, was ihr wollt; aber jetzt laßt uns beiſammen bleiben. Es iſt mir jetzt Bedürfniß, euch um mich her zu ſehen, damit ich ſicher ſein kann, daß ich euch wirklich noch Alle zuſammenbeſitze. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, jetzt eines von euch zu verlieren.“ Und gleichwohl ſchien ſich dieſer Gedanke dem Vater bald aufdringen zu wollen. Heinrich hatte ſeit dem Brande keinen geſunden Augenblick gehabt; ein unaufhoͤrliches Herzklopfen hatte ihn ſeit dieſer Nacht gequalt und zu dieſem Schmerz geſellten ſich gefährliche Stickkrampfan⸗ fälle, die ſich trotz aller angewandten Mittel eher zu ver⸗ mehren, als zu vermindern ſchienen. Dieß beunruhigte den Landrichter um ſo mehr, als er jetzt ſeinen Sohn mehr als je liebte und ſchätzte. Vor dem Brande hatte man nicht ſagen können, daß das Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn ein warmes geweſen ſei. Schoͤn ſagt der Mohamedaner, wenn der Todesengel ſich dem Menſchen nahe, ſo werfen ſeine Schwingen ſchon zum Voraus einen Schatten auf ihn. Gleich im Anfang ſeines Unwohlſeins ſchien Heinrichs Seele von einem un⸗ freundlichen Schatten verdunkelt zu ſein und ſchon in der 342 erſten Zeit des ernſtlicheren Ausbruchs der Krankheit nahm auch die Macht des Schattens zu. O es war keine Klei⸗ nigkeit, es war nichts ſo Leichtes für den mit Allem, was das Leben auf Erden ſchön macht, ſo reich begabten jungen Mann und überdieß am Anfang einer Bahn, wo friſche Lorbeern und der Liebe Roſen ihm winkten; es war nicht ſo leicht, ſeinen Blick von dieſer Zukunft abzuwenden und den Worten zu lauſchen, die ſein klopfendes Herz ihm Tag und Nacht zuzuflüſtern ſchien:„Du wirſt in dein Grab hinabſteigen. Ich werde nicht aufhoͤren zu klopfen, bevor deſſen Pforte ſich aufthut.“ Aber für Gemüther, wie das Heinrichs, iſt der Schritt vom Dun⸗ fel zum Licht nicht groß. In ſeiner Seele fand ſich et⸗ was, was den Menſchen zum Herrn über Leben und Tod ſagen läßt: „Wird in dem Urtheilſpruch uns deine Handſchrift klar, Mit einem Kuß darauf beugt unſer Haupt ſich dar.“ Heinrich hatte eines Tages eine lange, geheime Unter⸗ redung mit Aſſeſſor Munter, ſeinem geſchickten und ſorg⸗ ſamen Arzte. Als dieſer von ihm hinausging, hatte er Thränen in den Augen. Heinrich dagegen war, als er zu den Seinigen zurückkam, bläſſer als gewöhnlich, aber eine Art milde, feierliche Ruhe hatte ſich über ſein gan⸗ zes Weſen ausgebreitet. Und von dieſem Augenblick an war ſein Gemüth verändert. Er wurde jetzt mild, ruhig, ſogar fröhlich, und liebenswürdiger als je. Seine Augen erhielten einen Ausdruck unbeſchreiblicher Klarheit und Schoͤnheit. Der Schatten war ganz von ſeiner Seele gewichen. Aber tiefer und tiefer legte er ſich über eine Perſon, die ſchon ſeit dem Anfang von Heinrichs Krankheit nicht mehr ſich ſelbſt glich und dieſe war— Heinrichs Mutter. Zwar ſprach, ſorgte und wirkte ſie wie früher, aber eine zehrende Angſt lebte in ihr; ſie ſchien für das gegenwär⸗ tige Leben abweſend zu ſein und alles Befaſſen mit etwas, was ſich nicht in irgend einer Weiſe auf ihren Sohn be⸗ * zog„ 1 hielten ſtörend ihrem ging nt lange P verbote mußte volle E jugend mit ei gelitte die ſe Stagn ſelbſt währe ihm i ün bei die dieſes 9 ſeiner Todes eine 1 Vora früher liebt, breite grnſt in ih zu be Dãäm ſor ſodar an d eit nm eine Klei⸗ t Allem, begabten ahn, wo zes war zuwenden des Herz wirſt in horen zu Aber für m Dun⸗ ſich et⸗ und Tod rift klar, dar.“ me Unter⸗ und ſorg⸗ hatte er „ als er ich, aber ſein gan⸗ nblick an d, ruhig, te Augen heit und ter Seele Perſon, eit nicht Mutter. aber eine egenwär⸗ it etwas, Sohn be⸗ — 343 zog, wurde ihr gleichgültig oder peinlich. Sorgfältig hielten daher die Töchter Alles von ihr fern, was für ſie ſtörend war. Die Mutter konnte ſich beinahe ausſchließlich ihrem Sohne widmen und manche genußreiche Stunde ging noch für die Beiden auf, die ſich vielleicht bald auf lange Zeit trennen ſollten. Man hatte Heinrich jede ſtarke, geiſtige Anſtrengung verboten und ſeine Krankheit verbot ſie von ſelbſt. Er mußte ſeinen geliebten Studien entſagen; aber ſeine lebens⸗ volle Seele, die nicht ſchlummern konnte, labte ſich an den jugendreichen Quellen der Kunſt. Er beſchäftigte ſich viel mit einem Dichter, der während ſeines kurzen Lebens viel gelitten und viel geſungen, der aus ſeinen Dornenkronen die ſchönſten Lilien Sarons“ hatte aufblühen laſſen. Stagnelius wurde Heinrichs Lieblingslectüre; er componirte ſelbſt mehrere ſeiner Lieder und ſeine Mutter ſang ſie ihm während der langen Winterabende vor— die Mutter ſang ihm immer beſſer nach ſeinem Sinne, als die Schweſtern — und er freute ſich innig über die reine Kraft, die ſich bei dieſem Dichter triumphirend aus der Qual und Schwüle dieſes Lebens loswickelt. Man merkte um dieſe Zeit, daß er in Gegenwart ſeiner Mutter oft das Geſpräch auf die Lichtſeite des Todes lenkte. Es ſchien, als wolle er ſie langſam auf eine mögliche baldige Trennung vorbereiten und ihr zum Voraus die Bitterkeit derſelben benehmen. Eliſe hatte früher Geſpräche dieſer Art geliebt, ſie hatte Alles ge⸗ liebt, was über die finſtern Scenen des Lebens Licht ver⸗ breitete, aber jetzt erbleichte ſie jedesmal, wenn dieſer Ge⸗ genſtand auf die Bahn gebracht wurde, Unruhe malte ſich in ihren Augen und ſie ſuchte ihn mit einer Art Schreck zu beſeitigen. Eines Abends, als die Familie in der traulichen Dämmerungsſtunde verſammelt war und auch der Aſſeſ⸗ ſor ſich im Kreiſe befand, ſprach man von Träumen, ſodann vom Zuſtande des Schlafes. Heinrich erinnerte an die uralte Vergleichung zwiſchen dem Schlaf und dem 344 Tode und erklärte ſie für weniger treffend in Beziehung je Luſt, auf den Zuſtand während der Betäubung ſelbſt, als in doch zut Beziehung auf die Aehnlichkeit' beim Erwachen aus der⸗ dann E ſelben. ſowohl „Und dieſe Aehnlichkeit,“ fragte Leonore,„worein Meiſten— ſetzeſt du ſie hauptſächlich?“ ſtattet „In die vollſtändige Beibehaltung und Wiederbele⸗ in einer bung des Bewußtſeins, des Gedächtniſſes und des ganzen nur mit Seelenzuſtandes am Morgen nach der dunkeln Nacht.“ nem At „Gut,“ ſagte der Aſſeſſor,„und möglich. Aber was hinausg können wir davon wiſſen?“ Kumme „Was die Offenbarung davon geoffenbart hat!“ dem Kr antwortete Heinrich mit lebhaften Blicken. Bedarf es der ſich wohl eines ſtärkeren Lichtes darüber, als welches uns da⸗ richter durch gegeben iſt, daß einer unſeres Geſchlechtes geſtorben, um ſich aus ſeinem Grabe auferſtanden iſt und ſich nach dem nehmere Schlaf in der dunkeln Wohnung ganz als derſelbe gezeigt wohl de hat, mit demſelben Willen, derſelben Freundſchaft und das die Ei Geringſte, wie auch das Größte aus ſeinem verfloſſenen Anugen Erdenleben in getreuem Gevächtniſſe bewahrend. Welches glucklick helle, welches freundliche Licht hat nicht dieſes an der Das iſt finſtern Pforte angezündet? Es hat die beiden Welten Auch j vereinigt; es hat eine Brücke über die dunkle Tiefe ge⸗ ja dure worfen; es macht, daß der Wanderer ſich ihr ohne Ent⸗ ſtreckte ſetzen nähern kann und daß Freunde am Abend des Lebens oder ſe einander mit derſelben Ruhe gute Nacht ſagen können, ſeine 2 wie am Abend eines Tags. G Hier ſchlang ſich ein Arm krampfhaft um Heinrich heit eit und die Stimme der Mutter flüſterte mit einer Art Ver⸗ ging di zweiflung in ſein Ohr:„Du darfſt nicht gehen! Heinrich, an ein Heinrich, du darſſt nicht!...“ Und ſie ſank bewußtlos. ausgeh an ſeine Bruſt.— trin Seit dieſer Zeit brachte Heinrich in Gegenwart ſei⸗ ein ſch ner Mutter keine ſolche Geſpräche mehr auf die Bahn, ſeinen wodurch ſie ſo ſehr erſchüttert wurde. Er ſuchte ſie eher ſeine G zu beruhigen und aufzumuntern und die Schweſteru hal⸗ genen fen ihm hierin getreulich. Sie hatten jetzt weniger als eziehung als in aus der⸗ „worein ederbele⸗ ganzen ber was hat!“ darf es uns da⸗ ſtorben, ch dem gezeigt ind das loſſenen Welches an der Welten iefe ge⸗ e Ent⸗ Lebens können, einrich t Ver⸗ einrich, ußtlos Bahn, ie eher hal⸗ er als — 345 je Luſt, ſich in Geſellſchaften zu begeben, thaten es aber doch zuweilen, weil der Bruder es wünſchte und weil ſie dann Erzählungen mit nach Hauſe bringen konnten, die ſowohl ihn als die Mutter ergötzten und aufheiterten. Meiſtens wurden die Berichte in Heinrichs Stube abge⸗ ſtattet und wie herzlich wurde nicht dort gelacht! Ach in einer innig vereinigten Familie vermag der Kummer nur mit Mühe feſten Fuß zu faſſen und kommt er in ei⸗ nem Augenblick herein, ſo wird er im andern wieder hinausgejagt. Eva ſchien um dieſe Zeit chren eigenen Kummer zu vergeſſen, nur damit auch ſie eine Blume in dem Kranze von Behaglichkeit und Zärtlichkett ſein moͤchte, der ſich um den Liebling des Hauſes ſchloß, und der Land⸗ richter riß ſich öfter als ſonſt von ſeinen Geſchäften los, um ſich mit dem Familienkreiſe zu vereinigen. Ein ange⸗ nehmeres Krankenzimmer, als das Heinrichs, läßt ſich nicht wohl denken. Er fühlte es auch. Weicher geworden durch die Einwirkung der Krankheit, füllten ſich ſeine ſchönen Augen leicht mit Thränen und er ſagte oft:„Ich bin glucklich! Zu glücklich! Welche Seligkeit, lieben zu können! Das iſt wahre Seligkeit! Das iſt der Sommer der Seele. Auch jetzt mitten unter meinen Schmerzen kann ich mich ja durch euch ſo reich, ſo glͤcklich fühlen.“ Und dann ſtreckte er die Hand aus nach den Händen ſeiner Mutter oder ſeiner Schweſtern und drückte ſie an ſeine Lippen, an ſeine Bruſt. Eine Periode der Beſſerung trat in Heinrichs Krank⸗ heit ein; er litt weit weniger. Ein Gefühl der Freude ging durch das Haus und Heinrich ſchien mitunter ſelbſt an ein Aufkommen zu glauben. Er konnte jetzt wieder ausgehen und die friſche Winterluft— ſeine geliebte Luft — trinken. Der Landrichter ging oft mit ihm; es war dann ein ſchöner Anblick, wenn der kräftige, lebensſtarke Vater ſeinen Arm um den blaſſen, ſchönen Sohn ſchlang, wenn ſeine Schritte ſchwerfällig wurden, und wie er ſeinen ei⸗ genen gewöhnlich raſchen Gang verzögernd, ihn langſam 346 wieder nach Hauſe geleitete; es war ſchön, den Ausdruck Es wa in beider Blicken zu ſehen. Hauſe. Man ſpricht viel von der Schonheit der Mutterliebe, P — die Vaterliebe hat vielleicht etwas beinahe noch Schb⸗ ſich Er neres, noch Rührenderes und ich glaube, daß der, welchem doch je das Glück die Pflege eines eben ſo milden als rechtſchaf⸗ gann f fenen Vaters geſchenkt hat, mit vollerem Gefühl, mit in⸗ richter nigerem Verſtändniß ſein Herz zum Himmel erheben kann ſuchte in dem allgemeinen Gebete des Menſchengeſchlechts: Vater ſogar unſer! des Fr Einige Wochen vergingen. Eine mit der Familie Major Frank befreundete Frau wollte um dieſe Zeit mit ihrer ſollte Tochter nach der Stadt reiſen, wo Petrea ſich aufhielt und wünſchte ſehr, Gabriele— die beſte Freundin der jungen Amalie— mit ſich zu nehmen. Gabriele hätte dieſe Gelegenheit gerne benützt, um ihre geliebte Schweſter A zu begrüßen und ſich ein Bißchen in der Welt umzu⸗ März ſehen, aber jetzt, da Heinrich krank war, konnte ſie nicht zwei daran denken und wollte durchaus auf keine Trennung von 33 ihm eingehen. Aber Heinrich beſtand ſelbſt eifrig darauf, deinen daß Gabriele dieſe Reiſe machen ſollte, die für ſie ſo an⸗ Liebe! genehm werden könne.„Seht ihr nicht,“ ſagte er,„daß ſpricht Gabriele ſich nur an mir blaß ſieht und das iſt ſo durchaus unnöthig, beſonders jetzt, da ich beſſer und„Woz in einiger Zeit vielleicht wieder ganz hergeſtellt bin. Dem Reiſe, reiſe, liebe Gabriele, ich bitte dich darum. Du Ich ſi kannſt uns ja inzwiſchen mit deinen Briefen erfreuen und Ob ſi wenn du auf Oſtern wieder mit Petrea zu uns kommſt, Genu dann— dann wirſt du keinen kranken und ſchwäch⸗ lichen Bruder mehr haben, ich werde dafür ſorgen, daß ich bis dahin wieder ganz geſund bin.“ Auch von 6 wenig andern Seiten wurde ihr zugeſprochen, beſonders von ja un der jungen lebhaften Amalie und endlich ließ fich G⸗ mehr briele überreden. Ueberzeugt, daß immer mehr alle Alles Gefahr für den Bruder vorüber ſei, reiste ſie mit Scher⸗ iſt; zen auf den Lippen, aber Thränen in den Augen ab. kann lusdruck terliebe, Sch⸗ welchem htſchaf⸗ mit in⸗ en kann Vater Familie it ihrer aufhielt din der e hätte chweſter umzu⸗ ie nicht ing von darauf, ſo an⸗ „„daß iſt ſo er und t bin. Gu en und ommſt, chwäch⸗ ſorgen, ich von s von ch Ga⸗ r alle Scher⸗ en ab. ——— 347 Es war unſeres kleinen Fräuleins erſter Ausflug aus dem Hauſe. Von Major R. wurde Nichts gehört und obgleich ſich Eva gegen die Ihrigen verſchloſſen hielt, ſchien ſie doch jetzt gefaßter zu ſein, als früher und die Familie be⸗ gann ſich wegen ihrer Zukunft zu beruhigen. Der Land⸗ richter bewies ihr eine beinahe dankbare Zärtlichkeit; er ſuchte ihren leiſeſten Wünſchen zuvorzukommen und gab ſogar ſeine Einwilligung dazu, ſie mit den erſten Tagen des Frühlings nach M. ziehen zu laſſen. Er hoffte, der Major werde bis dahin weit entfernt ſein. Aber bald ſollte ihm ein ſchmerzliches Licht aufgehen. An einem finſtern Abend in den erſten Tagen des März ſtanden unter einem Baum auf dem Marienkirchhof zwei Perſonen in leiſem Geſpräche. „Wie kindiſch du biſt, Eva,“ ſagte die Eine,„mit deinen Qualen und Zweifeln und wie kleinmüthig deine Liebe! Willſt du lernen, ſchöner Engel, wie wahre Liebe ſpricht? Hoͤre mich! „Wozu ſoll Liebe ſein, wenn ſie nicht trotzen kann Dem Leben und dem Tod, dem Haß, ſo wie der Schande! Ich ſrage nicht darnach, was geht es denn mich an, Ob ſich der reine Glanz von deinem Herzen wandte. Genug, ich liebe dich! Das Andere gilt mir gleich!“ „O Victor! antwortete Evas zitternde Stimme,„zu wenig Liebe für dich iſt nicht mein Fehler. Ach ich fühle ja und beweiſe es mit meiner Aufführung, daß du mir mehr biſt, als Vater, Mutter und Geſchwiſter, mehr als Alles in der Welt. Und doch weiß ich, daß es unrecht iſt; mein Herz erhebt ſich gegen mich ſelbſt— aber ich kann deiner Macht nicht widerſtehen.“ „Darum heiße ich ja Victor, mein Engel! Der — 348 Himmel ſelbſt hat meine Macht ſanctionirt und dein Victor bin ich! meine ſüße Eva, iſts nicht ſo? „Ach nur gar zu ſehr!“ ſeufzte Eva.„Aber jetzt, Victor, ſchone meine Schwachheit, begehre nicht mehr, mich wieder zu ſehen, bis ich im Frühling— in einem Monat nach M. reiſe. Fordere nicht... „Fordere keine ſolche Verſprechungen von Victor, Eva! Er läßt ſich nicht ſo binden;— aber du— du mußt thun, wie dein Victor will— ſonſt kann er nicht glau⸗ ben, daß du ihn liebſt! Wie? Du wollteſt dich weigern, einige wenige Schritte zu thun, um ſeine Augen, ſein Herz zu erfreuen, um ihn zu ſehen, ihn zu hören— wahr⸗ haftig, du liebſt mich nicht.“ „Ach ich liebe dich, ich bete dich an! Alles könnte ich um deinetwillen ertragen, ſelbſt meines eigenen Her⸗ zens Gewiſſensqual— aber meine Eltern— Geſchwiſter! O, du weißt nicht, wie hart es mich ankommt, ſie zu be⸗ trügen! Sie ſind ſo gut, ſo vortrefflich und ich! Noch kämpft zuweilen die Liebe zu ihnen mit der, die ich für dich hege. Spanne den Bogen nicht zu ſtraff, Vietor. Und jetzt— lebewohl, Geliebter! Lebewohl! Auf M. in einem Monat ſiehſt du deine Eva wieder.“ „Bleib noch! Glaubſt du, daß du mich ſo verlaſſen darfſt? Wo haſt du meinen Ring? „An meiner Bruſt! Tag und Nacht ruht er dort! Lebewohl! Ach laß mich gehen!“ „Sage noch einmal, daß du mich über Alles in der Welt liebſt! daß du nur mir allein angehoͤren willſt!“ „Nur dir! Lebewohl!“ Mit dieſen Worten riß ſich Eva haſtig los und eilte wie aufgeſchreckt mit ſchnellen Schritten über den Kirchhof. Der Major folgte ihr langſam. Auf einmal trat eine finſtere Geſtalt hervor, gleich als wäre ſie einem der Gräber entſtiegen und ging dicht neben dem Major. Dieſer ſtutzte, es durchrieſelte ihn kalt, denn die Geſtalt, groß und ſchweigend in dieſer finſtern Stunde und auf dem Kirchhof hatte etwas Unheimliches, Geſpenſtiſches; da ſie nun offenbar ab⸗ ſichtlich blieb die „C tige S den der ters fin auf ſich im näck ſinn: geben!“ im Dur De zu nähe Stirne mann Mal i niederge It Stadt. ſche Fe legenhe wollte Dieſer einen 1 überraſ hök zu druck! ſeine a ſein m welche angeric „ Dank dich ſ ſehen l Wort nen A Victor r jetzt, mehr, einem Eva! mußt glau⸗ eigern, ſein wahr⸗ könnte Her⸗ wiſter! zu be⸗ Noch ch für zictor. M. in rlaſſen dort! in der 1 ß ſich nellen e ihr ervor, ging ieſelte dieſer etwas r ab⸗ 349 ſichtlich fortfuhr, dicht an des Majors Seite zu gehen, ſo blieb dieſer ſtehen und fragte ſcharf:„Wer find Sie?“ „Evas Vater!“ antwortete eine gedämpfte, aber kräf⸗ tige Stimme und bei einem aufflackernden Fackelſchein, den der Wind dahintrieb, ſah der Major des Landrich⸗ ters finſtere Augen mit zornvollem, drohendem Blick auf ſich geheftet. Einen Augenblick ſank ihm das Herz, im nächſten aber ſagte er mit all ſeinem ſtolzen Leicht⸗ ſinn:„Nun, da brauche ich nicht weiter auf ſie Acht zu geben!“ Er wandte ſich ſchnell ſeitwärts und verſchwand im Dunkel. Der Landrichter folgte ſeiner Tochter, ohne ſich ihr zu nähern. Als er nach Hauſe kam, lag auf ſeiner Stirne ein ſo tiefer und ſchmerzhafter Kummer, wie man noch nie auf derſelben bemerkt hatte. Zum erſten Mal in ſeinem Leben ſchien das kräftige Haupt wirklich niedergebeugt. In dieſen Tagen kam Stijernhök unerwartet in die Stadt. Er hatte von dem Unglück gehort, das die Frank⸗ ſche Familie getroffen, von Heinrichs That bei dieſer Ge⸗ legenheit, von ſeiner Erkrankung in Folge derſelben und wollte ihn noch einmal ſehen, bevor er ins Ausland reiste. Dieſer Beſuch, um deſſen willen allein Stjernhök jetzt einen Umweg von mehr als zwanzig Meilen gemacht hatte, überraſchte Heinrich und rührte ihn tief; als daher Stjern⸗ hök zu ihm hereintrat, ging er ihm mit dem offenſten Aus⸗ druck herzlicher Ergebenheit entgegen. Stjernhök ergriff ſeine ausgeſtreckte Hand und eine plötzliche Bläſſe bedeckte ſein männliches Geſicht, als er die Veränderung bemerkte, welche die Krankheit weniger Wochen in Heinrichs Ausſehen angerichtet hatte. „Es iſt ſehr ſchon von dir, daß du zu mir kommſt! Dank dir, Stjernhok!“ ſagte Heinrich innig;„ich hätte. dich ſonſt wahrſcheinlich hier auf der Welt nicht mehr zu ſehen bekommen. Und ich möchte dir doch gerne noch ein Wort ſagen, bevor wir ſo ſcheiden.“ Beide ſchwiegen ei⸗ nen Augenblick. „Was willſt du mir ſagen, Heinrich?“ fragte endlich Stjernhök, indem ſich eine ſeltene Rührung in ſeinen Zü⸗ gen malte. „Ich wollte dir danken!“ antwortete Heinrich herz⸗ lich,„danken für deine Strenge gegen mich und dir ſagen, daß ich jetzt vollkommen einſehe, wie gerecht und heilſam ſie für mich geweſen iſt. Ich wollte dir danken, weil du mir dadurch ein wirklicher Freund geweſen biſt und ich bin jetzt vollkommen überzeugt, wie redlich und gut du es mit mir gemeint haſt. Dieſer Eindruck, dieſe Erinnerung an dich iſt das Einzige aus unſerer Bekanntſchaft, was ich mit mir nehme, wenn ich dieſe Welt verlaſſe. Du haſt mich nicht lieben können, aber daran war ich ſelbſt Schuld. Ich habe mich darüber gegrämt, jetzt aber auch darein ergeben. Indeß wäre es mir ein angenehmer Glaube, daß meine Fehler, mein letztes Benehmen gegen dich keinen gar zu abſtoßenden Eindruck auf dich hinter⸗ laſſen haben; es wäre mir angenehm, glauben zu dürfen, daß du freundlich an mich denken könnteſt, wenn ich ein⸗ mal fort bin. Eine hohe Röthe flammte auf Stjernhöks Wangen und ſeine Augen glänzten, indem er antwortete:„Hein⸗ rich! Ich fühle in dieſem Augenblick mehr als je, daß ich dir bisher keine Gerechtigkeit habe widerfahren laſſen. Ei⸗ nige ſpätere Ereigniſſe haben mir die Augen geöffnet und jetzt— kannſt du mir jetzt noch deine Freundſchaft ſchen⸗ ken? Die meinige haſt du und zwar für immer.“ „O, das iſt ein ſchöner Augenblick!“ ſagte Heinrich mit ſchwellenden Gefühlen.„In meinem ganzen Leben habe ich mich darnach geſehnt und jetzt wird er mir erſt geſchenkt, jetzt da aber Gott ſei Dank dafür auch je t.“ „Aber warum,“ ſagte Stjernhök eifrig,„ſo beſtimmt von deinem Tode ſprechen? Ich will hoffen und glaube noch, daß dein Zuſtand nicht ſo gefährlich iſt. Laß mich geſchickte ausländiſche Aerzte für dich um Rath fragen. Oder beſſer, reiſe mit mir zu Doktor K. Er iſt be⸗ rühmt dich zu ſund we He ſein Br deutend. ſtand. ſchönen tern de mel zei ßerten größer Stern! Bahn! er auf mehr danke r Gedank den hal ſten, 1 einer a dein G S über ſ ſeine B U ruhiger es wa ders Das jetzt ei jetzt de folgte, tereſſe danken früher hatte. endlich nen Zü⸗ r ſagen, heilſam weil du ich bin tes mit rung an vas ich Du haſt h ſelbſt e ach enehmer n gegen hinter⸗ dürfen, Wangen „Hein⸗ daß ich n. Ei⸗ net und t ſchen⸗ Heinrich Leben mir erſt ür auch eſtimmt glaube ß mich fragen. 351 rühmt durch ſeine Behandlung der Herzkrankheit. Laß mich dich zu ihm führen. Sicherlich kannſt und wirſt du ge⸗ ſund werden.“ Heinrich ſchüttelte wehmüthig den Kopf.„Dort liegt ſein Buch,“ ſagte er, auf ein offenes Buch im Fenſter deutend. Aus dieſem weiß ich Alles über meinen Zu⸗ ſtand.„Siehſt du, Nills Gabriel,“ fuhr er mit einem ſchönen Lächeln fort, indem er ſeinen Arm um die Schul⸗ tern des Freundes ſchlug, mit dem andern an den Him⸗ mel zeigte und ihn dabei mit ſeinen großen, jetzt vergrö⸗ ßerten Augen(denn gegen den Töd hin werden die Augen größer und klarer) anblickte,„ſiehſt du! Dort wandelt ein Stern! Er geht auf! Dir ſteht ſicherlich eine glänzende Bahn bevor. Aber wenn er deinen Ruhm beſtrahlt wird er auf mein Grab herabſehen;— ich habe keinen Zweifel mehr darüber und noch vor einiger Zeit war dieſer Ge⸗ danke mir bitter; jetzt iſt er es nicht mehr. Wenn der Gevanke mich drückt, daß ich ſo unendlich wenig auf Er⸗ den habe ausrichten können, ſo werde ich mich damit trö⸗ ſten, daß du um ſo mehr thun wirſt und hier oder in einer andern Welt werde ich mich über deine Wirkſamkeit, dein Glück freuen.“ Stjernhök⸗ antwortete nicht. Große Thränen rollten über ſeine Wangen und er drückte Heinrich warm an ſeine Bruſt. Um Heinrichs willen ſuchte er dem Geſpräch eine ruhigere Wendung zu geben. Aber Heinrichs Herz ſchwoll; es war jetzt zu voll von Leben und Gefühlen, um an⸗ ders als in Mittheilung derſelben Ruhe zu finden. Das Verhältniß zwiſchen den jungen Männern ſchien jetzt ein anderes geworden zu ſein; Heinrich war es, der jetzt das Geſpräch leitete; Stjernhoͤk war es, der ihm folgte, ihm mit Aufmerkſamkeit und unverkennbarem In⸗ tereſſe lauſchte, während der junge Dichter ſeinen Ge⸗ danken, ſeinen Ahnungen freien Lauf ließ, wie er es Gegenwart des ſcharfen Kritikers nie gewagt atte. 352 Aber wahrhaftig, es verleiht eine eigene Höhe, eine eigene Würde, Gränzbewohner des Todtenreichs zu ſein. Man glaubt, das Geflüſter der Geiſter aus dem geheim⸗ nißvollen Lande erreiche das Ohr, das ſich dahin neigt; deßhalb ſtehen die Weiſen und Starken auf Erden und lauſchen ſchweigend, wie Schüler, und fromm wie Kin⸗ der, den Eingebungen, die von ſterbenden Lippen ausgeath⸗ met werden. Der Eintritt des Landrichters gab dem Geſpräch eine andere Wendung. Stiernhök leitete es bald auf Heinrichs letzte Arbeit; er ſprach hauptſächlich gegen den Landrichter mit der Fähigkeit eines wahren Kenners und mit ſo vollem und herzlichem Beifall über dieſelbe, daß Heinrich dadurch eben ſo überraſcht als entzückt wurde. Es iſt ein ſehr großer Genuß, ſich loben zu horen, zumal von einer Perſon, die man hoch achtet, namentlich, wenn dieſe Perſon ſonſt ſparſam mit dem Lobe iſt. Hein⸗ rich empfand jetzt dieſes Gefühl in vollem Maße und zu dem Genuſſe eines Lobs von Stjernhoͤk geſellte ſich der vielleicht noch größere, ſich von ihm auf eine Art verſtan⸗ den zu ſehen, die ihn ſelbſt klarer mit ſich ſelbſt machte. In dieſem Augenblicke ſchien er erſt recht klar ſeine Auf⸗ gabe im Leben, was er wollte und was er konnte, zu be⸗ greifen. Die Quelle des Lebens ſprudelte mächtig in ſeiner Bruſt auf.„Du machſt mich geſund, Nills Gabriel!“ rief er,„du gibſt mir neues Leben! O ich will geſund werden, geſund, um wieder zu leben, um beſſer, klarer als bisher zu arbeiten. Ich habe ja noch Nichts gethan! Aber jetzt, jetzt könnte ich.. ich fühle neues Leben in mir, ich habe mich nie ſo gut befunden. Sicherlich werde ich jetzt geſund oder— iſt der beſte Wein für mich bis zuletzt aufgeſpart worden.“ Der Abend verfloß angenehm und fröhlich im Fa⸗ milienkreiſe. Des Himmels ſelige Engel ſind nicht ſchö⸗ ner und fröhlicher als Heinrich war. Er ſcherzte mit ſeiner Mutter, ſeinen Schweſtern, mit Stiernhök ſelbſt auf das Anmuthigſte und war einer der munterſten Gäſte bei dem ſervirte, unſere A nahe dar Heinrich wundert! am mun lich von Di dem Kra Ziele zu keit für nach di rungsſus daß die Landrich Zimmer milie n Schlum wandt e von Zir ſein Ko tes zu wenn er nahe ur Ar zum Be freundli bleich u zur Ru ſtimmte zeigen Schlaf bei ihm aber di der Ha man de Br he, eine zu ſein. geheim⸗ n neigt; den und vie Kin⸗ usgeath⸗ äch eine einrichs ndrichter o vollem dadurch u hören, nentlich, . Hein⸗ und zu ſich der verſtan⸗ machte. ne Auf⸗ „zu be⸗ in ſeiner abriel!“ lgeſund arer als n Aber in mir, erde ich s zuletzt im Fa⸗ cht ſchö⸗ rzte mit ök ſelbſt n Gäſte 353„ bei dem„Citronenſoufflé“ das Louiſe beim Abendeſſen ſervirte, das ſie ſelbſt zubereitet hatte und auf welches unſere Aelteſte ſich nicht wenig einbildete. Ja ſie war nahe daran zu glauben, dieſes allein ſei es geweſen, was Heinrich neues Leben gegeben habe und ſeine Kraſt für wunderthätig anzuſehen. Aber ach! gerade als Heinrich am munterſten mit Louiſe darüber ſcherzte, wurde er plotz⸗ lich von den heftigſten Leiden überfallen. Dieſe währten ununterbrochen drei Tage und raubten dem Kranken das Bewußtſein, während ſie ihn ſchnell dem Ziele zuzuführen ſchienen, das die Hand der Barmherzig⸗ keit für körperliche Leiden geſetzt hat. Am zweiten Tag nach dieſem Anfall wurde Heinrich von jener Verände⸗ rungsſucht ergriffen, welche gewöhnlich das Zeichen gibt, daß die Seele ſich zur großen Wanderung vorbereitet. Der Landrichter trug ſelbſt ſeinen Sohn auf den Armen von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett. Die ganze Fa⸗ milie wußte in dieſen ſchrecklichen Tagen Nichts vom Schlummer. Das thränenloſe, angſtvolle Auge unver⸗ wandt auf ihren Liebling geheftet, folgte die Mutter ihm von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett, bald über ſein Kopfkiſſen hingeneigt, bald auf dem Rande des Bet⸗ tes zu ſeinen Füßen ſitzend, zärtlich gegen ihn lächelnd, wenn er ſie zu erkennen ſchien und ganz leiſe, aber bei⸗ nahe unaufhörlich ſeinen Namen nennend. Am Abend des dritten Tages kam Heinrich wieder zum Bewußtſein. Er erkannte die Seinigen wieder, ſprach freundlich mit ihnen und dankte ihnen. Er ſah, daß ſie bleich und abgemattet waren und bat ſie inſtändig, ſich zur Ruhe zu begeben. Der Aſſeſſor, der zugegen war⸗ ſtimmte ernſthaft darin ein und verſicherte ſie, allen An⸗ zeigen nach werde Heinrich ſelbſt jetzt einen ſchmerzloſen Schlaf genießen. Der Aſſeſſor wollte heute Nacht ſelbſt bei ihm wachen. Vater und Töchter gingen, als man aber die Mutter zu überreden ſuchte, winkte ſie bloß mit der Hand und mit einem ſo ſchmerzlichen Lächeln, daß man darin deutlich die Worte las;„Behaltet eure Reden Bremer, das Haus. 23 354 nur für euch.“—„Ich darf doch bei dir bleiben, Heinrich? ſagte ſie bittend. Er lächelte, nahm ihre Hand und legte ſie an ſeine Bruſt; in dieſem Moment ſchloſſen ſich ſeine Augen und ein ſtiller, ruhiger Schlummer kam über ihn. Der Aſſeſſor ſaß ſchweigend da und betrachtete Beide, mußte ſie aber bald verlaſſen, indem er dringend zu einem Kranken abgerufen wurde. Indeß wollte er im Verlaufe der Nacht wieder kommen. Aſſeſſor Munter wurde in der Stadt der Nachtdoctor genannt, denn es war keiner da, wie er, der keinen Unterſchied zwiſchen Tag und Nacht wußte, wenn ſeine Hülfe begehrt wurde. Die Mutter athmete tief, als ſie ſich mit ihrem Sohne allein ſah. Sie faltete ihre Hände und hob ihr Geſicht gegen den Himmel mit einem Ausdruck, welcher demjenigen nicht mehr glich, den man in den vorhergehen⸗ den Tagen bei ihr geſehen hatte. Es war nicht mehr die unruhige, beinahe murrende Angſt; es war eine ſchmerzliche, aber tiefe, vollkommene, ja beinahe liebevolle Reſignation. Dann beugte ſie ſich über ihren Sohn und ſprach leiſe aus der Tiefe ihres liebenden Herzens: „Gehe, mein holder Junge, gehe! Ich will dich nicht mehr zurückhalten, denn es thut dir weh. Möge der Befreier kommen! Deine Mutter wird nicht mehr mit ihm ſtreiten, um ihn zurückzuhalten. Möge er kommen, als ein freundlicher Engel, und deinen Schmerzen ein Ende machen; ich will dann— zufrieden ſein. So gehe denn hin, mein Erſtgeborener, mein Sommerkind, gehe hin! Und wenn auch nie mehr für deine Mutter ein Sommer kommen wird, ſo gehe dennoch hin, damit du Ruhe fin⸗ den mögeſt. Habe ich dir deine Wiege ſüß gemacht, mein Kind, ſo will ich dein Todtenbett nicht mit meineu Kla⸗ gen bitter machen. Geſegnet ſeiſt du und geſegnet ſei der, der dich mir gab und jetzt wieder zu ſich nimmt in eine beſſere Heimath. Einſtens, mein Sohn, werde auch ich zu dir nach Hauſe kommen. So gehe denn voraus, mein Kind!— Du biſt müde, ſo müde— deine letzte Wande⸗ rung war dir ſchwer;— jetzt ſollſt du ruhen. So komm berüh Schm Er h und ſagte Mutt Liebe ner Sie es ih ſchein ſage ſage ben! aber ſeine er le dann rich hafte Der Zeit aber lebte die 5„ 8——— ir bleiben, ihre Hand t ſchloſſen mmer kam betrachtete ringend zu te er im r Munter nn es war Tag und nit ihrem id hob ihr , welcher rhergehen⸗ tmehr die hmerzliche, eſignation. prach leiſe will dich Möge der mehr mit r kommen, nein Ende gehe denn gehe hin! Sommer Ruhe fin⸗ acht, mein eineu Kla⸗ et ei der, mt in eine e ach ich raus, mein te Wande⸗ hen. So 355 komm denn, guter Befreier, komm du, lieber Tod, und berühre ſein Herz, aber leicht, leicht! Moöge er keine Schmerzen mehr haben, möge er nicht mehr leiden!— Er hat ſeinen Eltern nie Kummer gemacht.“ In dieſem Moment ſchlug Heinrich ſeine Augen auf und heftete ſie ſtill und klar auf die Mutter. „Gott ſei Dank! Ich fühle keine Schmerzen mehr!“ agte er. „Gott ſei Lob und Dank, mein Kind!“ ſagte ſie. Mutter und Sohn ſahen einander mit tiefer und freudiger Liebe an; ſie verſtanden ſich jetzt vollkommen. „Wenn ich fort bin,“ ſagte er mit matter gebroche⸗ ner Stimme— ſo— laß es Gabriele vorſichtig wiſſen. Sie iſt ſo zartherzig und— ſie iſt nicht ſtark.— Sage es ihr nicht an einem Tage, wo— es kalt und kühl iſt; — ſondern— an einem Tage— wo die Sonne warm ſcheint— und Alles lieblich und freundlich iſt, da— da ſage ihr— vaß ich nicht mehr bin. Und grüße ſie und ſage ihr von mir, daß— es nicht ſchwer iſt zu— ſter⸗ ben! Daß es eine Sonne jenſeits gibt—— er ſchwieg, aber mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen und ſeine Augen ſchloßen ſich, wie vor Mattigkeit. Dann ſagte er leiſe:„Singe mir etwas, meine Mutter. Ich' werde dann ruhiger ſchlafen.„Anklopfſt du, Tod!“ Dieſe Worte waren der Anfang eines Liedes, das Hein⸗ rich vor wenigen Tagen während einer ſchlafloſen, ſchmerz⸗ haften Nacht gedichtet und ſelbſt in Muſik geſetzt hatte. Der Genius der Dichtkunſt hatte ihn während der letzten Zeit ſeiner Krankheit verlaſſen, er empfand es ſchmerzlich, aber ſein Gemüth blieb ſich gleich und der Geiſt deſſelben lebte noch voll in dem Geſange, den die Mutter jetzt auf die Bitte des Sohnes mit zitternder Stimme anhob. Anklopfſt du, Tod! Ich zögere nicht lang! Ein Thor, der ſich dir widerſetzte; Doch gönne mir noch einen Geſang Zum Abſchied— es iſt ja der letzte. „Sing, meine die Augen wieder 356 Dank ſei dir, Vater in himmliſcher Höh', Dem liebevollen und weiſen, Den unter der Erde Freud' und Weh' Ich lernte kennen und preiſen. Dank für das Leben, für den Tod ſogar, Hier enden all meine Schmerzen; Und angenehm wird, was bitter einſt war, Wenn dein ſind der Leidenden Herzen. Manche Blume ſproßt auf der Prüfung Pfad, Manche Frieden kündende Lilie, Doch die ſchönſte von allen iſt deine Gnad', Das Gebet..„Es geſchehe dein Wille.“ Leb' wohl, du ſchöne, du fröhliche Welt, Eine Mutter konnt' ich dich nennen. Meine Freunde verzeiht, wenn ich gefehlt, Mein Herz fühl' im Tode ich brennen.“ Es brennt! Wiederholte Heinrich ſchmerzlich. Es iſt ſchauerlich! Mutter, Mutter! Er ſah mit unruhigem Blicke um ſich. „Deine Mutter iſt hier!“ ſagte ſie, ſich über ihn hin⸗ beugend. „Ach, dann iſt ja Alles gut!“ ſagte er wieder ruhig. Mutter!“ fügte er leiſe hinza, indem er ſchloß;„ich bin nicht ſo müde.“ Die Mutter ſang; Ich ſcheide, doch ſind wir nicht ewig getrennt, Denn einmal wird uns vereinen Die Heimath, wo man kein Scheiden mehr kennt, Und nimmer ein Klagen und Weinen. — —— Hab Meit Es Eine „O lich!“ ſe ſtreckte, änderun Tod hat ben hört die Mu Stimme fuhr zu hörte, unbeſcht ein, w ſah, wi Hände D drang ihres E ſetzensv nieder. war et 357 Habt Dank, habt Dank, ich ſeh euch nicht mehr, Mein Auge hüllt ſich in Dunkel, Es dunkelt, doch o durch die Nacht ſeh ich hehr Eines neuen Tages Gefunkel!“ „O, wenn du wüßteſt, wie klar es wird! Es iſt gött⸗ lich!“ ſagte jetzt der Sterbende, indem er ſeine Arme aus⸗ ſtreckte, die aber ſchnell wieder zurückſanken. Eine Ver⸗ änderung ging im Geſichte des jungen Mannes vor; der Tod hatte ſein Herz leicht berührt und die Schläge deſſel⸗ ben hörten auf. Aber eine wunderbare Begeiſterung belebte die Mutter; ihr Auge ſtrahlte klar und nie hatte ihre „ Stimme ſo ſchoͤne, reine Tone gehabt, als indem ſie fort⸗ fuhr zu ſingen:* „Du rufſt, ich folge deinem Gebot, Lebt wohl, lebt wohl, meine Lieben: Denn ſchauen und preiſen werde ich nun Gott: Mein Schmerz iſt dahinten geblieben.“ Aus ſeinem unruhigen Schlummer wurde der Land⸗ richter Frank durch einen Geſang erweckt, deſſen Töne ihm beinahe überirdiſch ſchienen. Es währte einen Augenblick bis er ſich überzeugen konnte, daß die Stimme, die er lich. Es hörte, wirklich die ſeiner Gattin war. Da eilte er mit mruhigem unbeſchreiblicher Angſt ins Krankenzimmer. Er kam hin⸗ ein, während Eliſe den letzten Vers ſang, aber als er ſah, wie es ſtand, rief er:„Mein Gott!“ und ſchlug ſeine Hände zuſammen. Der Geſang verſtummte. Ein furchtbares Bewußtſein drang wie ein Schwert durch der Mutter Herz. Sie ſah ihres Sohnes Leiche vor ſich und mit einem ſchwachen ent⸗ ſetzensvollen Schrei ſank ſie wie todt neben dem Todtenbette nieder.— — r ihn hin⸗ der ruhig. indem er Zwei Monate ſpäter. it, Eliſe an Cäcilie! Als ich dir das letzte Mal ſchrieb, meine Cäcilie, kennt, war es Winter. Winter, ſtrenger, eiſiger Winter lag 358 auch über meiner Bruſt;— meines Lebens Freude ward ins Todtentuch gehüllt und es war mir, als könnte kein Frühling mehr kommen, kein Leben mehr ſein und ich nie mehr das Herz faſſen, ein freudiges, ein hoffnungsvolles Wort zu ſchreiben. Und jetzt, jetzt iſt es Frühling! Die Lerche ſingt wieder den Auferſtehungsgeſang für die Erde; die Maiſonne dringt mit wärmenden Strahlen in mein Zimmer und— das Gras grünt bereits auf dem Grabe meines Erſtgebornen, meines Lieblings. Und ich. Herr, der du ſchlägſt, Herr, der du heilſt, dich will ich preiſen! Denn alles Leid, das du ſendeſt, wird gut, wenn es mit Geduld entgegengenommen wird. Und verbirgſt du dich auch einen Augenblick— wie es unſern ſchwachen Blicken ſcheint— ſo offenbarſt du dich bald wieder noch gütiger, noch herrlicher, als zuvor. Ueber ein Kleines und wir ſehen dich nicht und aber über ein Kleines und wir ſehen dich wieder und unſer Herz wird erfreut und trinkt Kraft und Genuß aus dem Becher, den du Allgüti⸗ ger ewig füllſt. Ja F im Leben wird gut, wenn nur das Leben in Gott gelebt wird. Aber in jener finſtern Winterſtunde, da war es oft finſter und aufrühreriſch in mir. Ach Cäcilie! Ich wollte nicht, daß er ſterben ſollte. Er war mein einziger Sohn, mein erſtgeborenes Kind. Bei ſeiner Ge⸗ burt hatte ich am Meiſten gelitten, an ſeiner Wiege am Meiſten geſungen, bei ſeinen Sprüngen hatte mein Herz zuerſt und am Höchſten vor Mutterfreude gehüpft. Es war mein Sommerkind, geboren in der Mitſommerſtunde der Natur, meines Lebens und meiner Kraft; und dann — war er ſo lebensvoll, ſo ſchön und gut. Nein, ich wollte nicht, daß er ſterben, wollte nicht, daß mein ſchöner Sohn in die ſchwarze Erde hinabgelegt werden ſollte. Aber, als es näher und immer näher kam, als ich ſah, daß es ſo werden mußte— da ward es finſter in mir. Aber in der letzten Nacht— o es war eine wunderliche Nacht— da wurde ich anders. Weißt du wohl, Cäcilie, daß ich am Sterbebette meines Erſtge⸗ bornen greife i den vor zen hat auch ab früher i fern des Ge einem l ſtalten iſt göttl ſah ſeir und ich zwiſcher fühlte der Ge Ich wa über al nes M ich ſah Nichts Ei des To nung k pfen, nes M zärtlich Töchter Hände, beſſer 1 Zimme „Ernſt mühen ſtand r an ſein U Hülfe. e war inte kein ich nie igsvolles g! Die e Erde; in mein Grabe will ich wenn irgſt du hwachen er nch Kleines res und eut und Allgüti⸗ enn nur res oft ar mein ner Ge⸗ ege am in Herz ft. Es erſtunde id dann in, ich ß mein werden m, als s finſter var eine eißt du Erſtge⸗ D 359 bornen freudig, ja triumphirend geſungen habe? Jetzt be⸗ greife ich es nicht. Aber in jener Nacht— er hatte in den vorhergehenden Tagen viel gelitten und ſeine Schmer⸗ zen hatten mich mit ſeinem Tode verſöhnt. Sie nahmen auch ab, als der Tod ſich näherte; er bat mich, wie früher in den Kinderjahren, ihn mit Geſang einzuſchlä⸗ fern. Und ich ſang, ich konnte ſingen. Er erfreute ſich des Geſanges und dieſer bekam immer mehr Kraft. Mit einem himmliſchen Lächeln ſagte er, indem himmliſche Ge⸗ ſtalten ſeinen Blicken vorzuſchimmerm ſchienen:„Ach das iſt göttlich!“ Und ich ſang immer beſſer und klarer. Ich ſah ſeine Augen ſich verwandeln, ſeinen Athem ſtille ſtehen und ich wußte, daß es der Augenblick der Trennung war, zwiſchen Seele und Leib, zwiſchen mir und ihm; aber ich fühlte es nicht, ich ſang noch; es war mir, als trüge der Geſang ſeinen Geiſt und erhobe ihn zum Himmel. Ich war ſelig in dieſem Augenblick, auch ich war, wie er, über allen irdiſchen Schmerz erhaben. Ein Ausruf mei⸗ nes Mannes weckte mich aus meinem glückſeligen Traum, ich ſah meines Sohnes Leiche und— und dann ſah ich Nichts mehr. Es war eine lange, tiefe Betäubung. Ich meine, die des Todes müſſe leichter ſein. Als ich wieder zur Befin⸗ nung kam, fühlte ich ein Herz gegen meine Schläfe klo⸗ pfen, ich ſchlug die Augen auf und begegnete denen mei⸗ nes Mannes. Mein Kopf ruhte an ſeiner Bruſt. Mit den zärtlichſten Worten rief er mich zum Leben zurück. Meine Töchter ſtanden um mich her; ſie weinten und küßten meine Hände, meine Kleider. Da weinte auch ich und es wurde beſſer mit mir. Es war jetzt Morgen und es tagte im Zimmer. Ich legte meine Arme um meines Mannes Hals. „Ernſt, habe mich lieb,“ ſagte ich.„Ich will mich be⸗ mühen... mehr konnte ich nicht ſprechen, aber er ver⸗ ſtand mich, ſagte innig:„Ich danke dir“ und drückte mich an ſeine Bruſt. Und ich bemühte mich und es ging— mit Gottes Hülfe. Einige Stunden des Tags ruhte ich ſtill auf mei⸗ 360 nem Bette aus. Eva las mir vor;— ihre Stimme iſt zu wer lieblich. Zum Thee kam ich heraus und verſuchte es zu entſetzli ſein, wie früher. Mein Mann und meine Töchter unter⸗ weine ſtützten mich, Alles war Friede und Liebe. mehr ü Als der Tag zu Ende und Ernſt und ich allein in geweint unſerem Schlafzimmer waren, da ergriff mich eine Furcht Fürchte vor der Nacht, vor dem Bette und dem ſchlafloſen Kopf⸗ und we kiſſen. Ich ſetzte mich auf den Sopha und bat Ernſt mir Nur ve vorzuleſen; ich dürſtete nach den Tröſtungen der Schrift. Hand 1 Er ſetzte ſich neben mich und las; aber die Worte, ob⸗ dern ge ſchon von ſeiner männlichen, feſten Stimme ausgeſprochen, lieben gingen in dieſem Augenblick gleichſam an meinem inne⸗ Nimm ren Sinn vorüber. Ich verſtand Nichts und es war ſehen 1 finſter und leer in mir. In dieſem Augenblick wurde lieb 1“ leiſe an die Thüre geklopft. Etwas verwundert rief Ernſt ihres 2 „Herein!“ und die Thüre wurde von Eva geöffnet. Sie ſo anzi war ſehr blaß und ſchien aufgeregt, zugleich aber feſt und ſeine H entſchloſſen. Sie näherte ſich langſam, legte ſich zwiſchen porhob uns auf die Kniee und nahm unſere Hände zwiſchen die„ ihrigen. Ich wollte ſie aufrichten, aber Ernſt hielt mich— in: zurück und ſagte ſanft, wiewohl ernſthaft:„Laß ſie ge⸗ dem T währen.“ inniger „Mein Vater! Meine Mutter!“ ſagte jetzt Eva in dir mit zitternder Stimme,„ich habe euch Unruhe gemacht. da du Ich war nicht gehorſam;—— verzeiht mir! Ich habe und zr euch betrübt;— ich will es nicht mehr thun; ach ich lohne d will nicht noch einen Stein zu eurer Bürde hinzufügen. Seht hier, wie ungehorſam ich geweſen bin. Dieſen nen ber Ring, dieſen Brief habe ich gegen euren Willen, gegen Arme mein Verſprechen von Major R. empfangen. Jetzt will pfinden. ich Beides zurückſenden. Seht her. Leſet, was ich ihm. verabſch geſchrieben habe. Unſere Verbindung iſt auf immer ab⸗. ten wir gebrochen. Verzeiht, daß ich dieſen Augenblick genom⸗ Troſte men habe, um euch mit mir zu beſchäftigen; allein ich. gerichte fürchtete meine eigene Schwäche, wenn die Kraft dieſer E Stunde vorübergehen würde. O, meine Eltern! Ich nenhell fühle es, ich weiß es, er iſt nicht würdig, euer Sohn mme iſt te es zu r unter⸗ allein in Furcht n Kopf⸗ rnſt mir Schrift. te, ob⸗ prochen, n inne⸗ es war wurde f Ernſt t. Sie feſt und wiſchen hen die lt mich ſie ge⸗ t Eva macht. h habe ach ich fügen. Dieſen gegen t will h ihm er ab⸗ enom⸗ in ich dieſer 361 zu werden. Aber ich war wie verzaubert;— ich habe ihn entſetzlich geliebt, ach! und liebe ihn noch.—— Nein, weine nicht, Mutter. Du ſollſt keine Thränt des Kummers mehr über mich vergießen; du haſt deren mehr als genug geweint. Seit Heinrichs Tod iſt Alles verändert in mir. Fürchtet nicht mehr für mich, ich werde es überwinden und werde euer gehorſames, euer glückliches Kind ſein. Nur verlangt nicht von mir, daß ich je einem Andern meine Hand reichen ſoll; ich werde nie heirathen, nie einem An⸗ dern gehören. Aber für euch will ich leben, euch will ich lieben und mit euch glücklich ſein. Hier, mein Vater! Nimm dieß und ſchicke es dem, den ich nicht mehr ſehen will. Und o habt mich lieb! habt mich lieb l“ Thränen floßen über ihr Geſicht, das ſie auf ihres Vaters Kniee herabbeugte. Nie war ſie ſo ſchön, ſo anziehend geweſen. Ernſt war ſehr gerührt. Er legte ſeine Hände wie ſegnend auf ihr Haupt, indem er es em⸗ porhob und ſagte: „Als du geboren wurdeſt, da warſt du lange wie todt; — in meinen Armen haſt du deine Augen zum erſten Mal dem Tage geöffnet;— da dankte ich Gott. Aber noch inniger danke ich ihm für dich in dieſem Augenblick, da ich in dir die Freude und Segnung unſeres Alters erblickte, da du die Kraft beſitzeſt, dein eigen Herz zu bekämpfen und zu thun, was recht iſt, Gott ſegne, Gott be⸗ lohne dich!“ Er hielt ſie lange an ſeiner Bruſt und ſeine Thrä⸗ nen benetzten ihre Stirne. Auch ich ſchloß ſie in meine Arme und ließ ſie meine Liebe, meine Dankbarkeit em⸗ pfinden. Mit einem Blick, welcher durch Thränen ſtrahlte, verabſchiedete ſie ſich von uns.„Unſer Segenskind“ nann⸗ ten wir ſie jetzt, denn ſie hatte uns mit einem großen Troſte geſegnet. Sie hatte unſere ſinkenden Herzen auf⸗ gerichtet. Ernſt ging ans Fenſter und ſah ſtille in die ſter⸗ nenhelle Nacht hinaus. Ich trat zu ihm und folgte ſei⸗ 362 nem in dieſem Moment ſo ſchönen, klaren Blicke. Er ſchlang ſeinen Arm um mich und ſagte wie für ſich ſelbſt: „So iſt es gut! Dieſe Stimmung iſt die wahre. Er iſt dahingegangen. Was weiter? Wir müſſen Alle fort, Alle früher oder ſpäter! Er durfte Nichts vollen⸗ den, aber er ſtand bereit mit Willen und Kraft, als er in eine höhere Werkſtätte abgerufen wurde. Herr und Meiſter, du nahmſt den Jüngling zu dir. Wohl ihm, t er ſtand bereit. Das iſt das wichtigſte für uns Ernſts Worte und ſeine Stimmung wirkten tief auf mich. Es kam Ruhe in mein Gemüth. In der Stille der Nacht ſchlief ich nicht, aber ich ruhte an ſeiner Bruſt. Es war ſtill um mich her, ſtill in mir. Und insgeheim wünſchte ich, daß es immer ſo bleiben könnte, daß kein Tag mehr aufgehen, keine Sonne mehr auf meine müden, ſchmerzenden Augen ſcheinen möchte. Wie die Tage dahinſchleichen! Bei einem großen Leid glaubt man, die Zeit bleibe ſtehen, Alles ſcheint ſtill zu ſtehen oder ſich langſam qualvoll in finſtern Kreiſen umzuwälzen. Aber es iſt nicht ſo. Die Stunden, die Tage gehen in einer unauflöslichen Kette; wie die Wogen auf dem Meere ſteigen und ſinken ſie in einander und führen das Fahrzeug unſeres Lebens mit ſich fort, fort von den Inſeln der Freude, es iſt wahr, aber auch fort von den Klippen des Leides. Es kamen noch Stunden nach dieſen Vorgängen, wo keine Tröſtung mein Herz be⸗ ruhigen wollte, wo ich vergebens mit mir kämpfte und ſagte:„Jetzt will ich leſen und dann beten und dann werde ich ſchlafen.“ Aber dennoch wollte die Angſt mich nicht loslaſſen, ſondern verfolgte mich beim Leſen, hinderte mich im Gebet und verſcheuchte mir den Schlaf; ja es hat manche ſolche Stunden gegeben, aber ſie ſind auch vorübergegangen; vielleicht werden noch einige kommen, aber ich weiß, daß auch ſie dahin gehen werden. Die Zärtlichkeit meines Mannes, meiner Kinder, der Friede des Hauſes, ſo manche Annehmlichkeit darin, das Labſal der Tl ſie hal viel, v ſtorber warm in eir habe i gibt h Mutte dem g 1 pflanz Kein Jüngl ſtill— Tag l vergnt Scher wie Aber da hö Liebes gen i lächel Jakol drück lichſte aber iſt in dieſe heira einen Wirk Auch bindr und ke Er ch ſelbſt: wahre. en Alle vollen⸗ als er n hl ihm, für uns tief auf rStille Bruſt. sgeheim aß kein müden, en Leid int ſtill Kreiſen , die Wogen e n ſort ch fort tunden erz be⸗ fte und werde mnicht inderte ja es d auch mmen, Die Friede Labſal 363 der Thränen, der ewige Troſt in dem ewigen Worte— ſie haben meine Seele getröſtet und geſtärkt. Es iſt jetzt viel, viel beſſer. Ueberdieß— iſt er rein und fleckenlos ge⸗ ſtorben, der Jüngling mit dem lichten Blicke und dem warmen Herzen. Er ſtand bereit— wie ſein Vater ſagte— in eine höhere Welt einzugehen. O mehr als einmal habe ich das inmitten meines tiefen Schmerzes erkannt, es gibt herberes Leid und mancher lebender Sohn iſt ſeiner Mutter ein größerer Kummer, als mir der gute dort unter dem grünen Hügel. Wir haben Fichten und Pappeln um das Grab ge⸗ pflanzt, es wird oft mit friſchen Blumen geſchmückt. Kein düſterer Kummer weilt am Grabe des freundlichen Jünglings. Heigrichs Schweſtern betrauern ihn tief, aber ſtill— Gabriele vielleicht am Meiſten von Allen. Bei Tag läßt ſie es nicht ſichtbar werden. Da iſt ſie meiſtens vergnügt, wie früher; ein kleiner Geſang, ein heiterer Scherz, eine kleine Ausſchmückung im Hauſe kommt noch wie früher, um das Gemüth der Eltern zu erfriſchen. Aber an den Abenden, wenn jedes in ſeinem Bette ruht, da hört man ſie weinen, oft ſo ſchmerzlich— es iſt ein Liebesthau auf das Grab des Bruders; aber jeden Mor⸗ gen iſt das Auge, welches ihn vergoſſen, wieder klar und lächelnd. Auf die erſte Nachricht von unſerem Verluſt eilte Jakobi zu uns. Alle für Ernſt und mich in dieſer Zeit drückende Sorgen nahm er uns ab und war uns der zärt⸗ lichſte Sohn. Leider mußte er uns bald wieder verlaſſen, aber die Veranlaſſung dazu war eine erfreuliche. Jakobi iſt im Begriff zum Pfarrer in T. ernannt zu werden und dieſe Beförderung, die ihn in den Stand ſetzt, bald zu heirathen, und ihm nebſt einem anſtändigen Auskommen einen ſeinem Herzen theuren und ſeinen Gaben angemeſſenen Wirkungskreis gibt, macht ihn unbeſchreiblich glücklich. Auch Louiſe blickt mit ſtillem Wohlbehagen auf die Ver⸗ bindung und Lebensſtellung, der ſie jetzt entgegengeht und ich glaube beinahe ebenſo ſehr um ihrer Familie, als 364 um ihrer ſelbſt willen. Die Liebe im Hauſe ſcheint durch die Unglücksfälle, die uns geprüft, einen neuen Zuwachs erhalten zu haben. Meine Töchter ſind liebenswürdiger als je in ihren ſtillen Bemühungen, das Leben ihrer Eltern zu erheitern. Die Hofmarſchallin iſt die ganze Zeit über mir und den Meinigen eine Mutter geweſen und mancher koſtbare Beweis von Theilnahme iſt Heinrichs Eltern von den Edelſten und Beſten in Schweden geſchenkt worden; des jungen Dichters reine Glorie hat ihr Trauer⸗ haus beglänzt.„Es iſt ſchön, wie er, zu ſterben!“ ſagte unſer guter Aſſeſſor, der nicht leicht etwas in der Welt ſchön ſindet. Und ich, Cäcilie, ſollte ich unter ſo manchen Veran⸗ laſſungen zur Freude und Dankbarkeit mein Herz ſchließen und mit meinem Grame im Finſtern ſitzen? O nein! Auch ich will den Kreis erfreuen, in dem ich lebe, will mein Herz den Evangelien des Lebens und der Natur öffnen. Ich will die Augenblicke erfaſſen und das Gute, das ſie bringen. RKein freundlicher Blick, kein Frühlings⸗ wind ſoll ungenoſſen, unbelohnt von Dank an mir vorüber⸗ gehen; aus jeder Blume will ich einen Tropfen Honig ſaugen, aus jeder Stunde der Zeit einen Tropfen ewiges Leben. Und dann— ich weiß es ja— mag mein Lebenstag länger oder kürzer werden, mag er eine froͤhlichere oder traurigere Farhe bekommen, ſo „Der Tag, er währt doch nie ſo lang, Daß nicht ſein Abend kommen ſollte;“ der Abend, wo ich heimgehen darf, heim zu meinem Sohne, meinem Sommerkind. Alsdann— o dann werde ich vielleicht an ſeiner Seite die Wahrheit der prophe⸗ tiſchen Worte erkennen, die ſo oft meine Seele belebt haben: „Siehe, ich will einen neuen Himmel und neue Erde ſchaffen; daß man des vorigen nicht mehr gedenken wird, noch zu Herzen nehmen. Sondern mein mich an ſe Cäcil rig a Mai beſchl und Muſt chen rende guirt ſonde einig. Blät Bort blüht gen zum denn hat here oft Fenſt Aben tet ſi wie t durch zuwachs ürdiger nihrer ganze geweſen einrichs eſchenkt Trauer⸗ ſagte r Welt Veran⸗ hließen nein! „ will Natur Gute, rüber⸗ Honig ewiges enstag e oder einem werde ophe⸗ belebt neue mehr ndern 365 ſie werden ſich ewiglich freuen und fröhlich ſein über dem, das ich ſchaffe.“ Ich habe viel geweint, während ich dieß ſchrieb; aber mein Herz hat Frieden. Es iſt jetzt ſpät und ich will mich zu meinem Ernſt hinſchleichen. Ich fühle, daß ich 3 ſeiner Seite ruhig ſchlafen werde. Gute Nacht, meine äcilie. Neue Widerwärtigkeiten. —— Es war Nachmittag. Die Schweſtern arbeiteten eif⸗ rig an Louiſens Brautdecke, denn am Ende des Monats Mai ſollte die Hochzeit ſein; ſo war es im Familienrathe beſchloſſen worden. Die Decke war von grünem Seidenzeug und eine breite Eichlaubranke bildete die Borte. Das Muſter hatte manchen Kummer und manches Kopfzerbre⸗ chen verurſacht, aber jetzt welche Freude, welche fortwäh⸗ rende Bewunderung über das Geſchmackvolle, das Diſtin⸗ guirte, das unbeſchreiblich Gelungene in der Arbeit— be⸗ ſonders von der Seite betrachtet! Gabriele machte zwar einige kleine Einwendungen in Betreff der Verhältniſſe der Blätter, aber Louiſe wollte ſie nicht gelten laſſen. Die Borte iſt ganz charmant! Gabriele hat eine friſch aufge⸗ blühte Monatsroſe in die hellen Locken der Braut geſchlun⸗ gen und mit eigenthümlicher Anmuth ihre grünen Blätter zum Kranz um die Flechte geordnet; es ſieht ſchön aus, denn die Sonne beglänzt jetzt eben ihren Kopf, ihr Geſicht hat einen ungewöhnlichen Liebreiz, die Wange hat eine hö⸗ here Farbe, die Augen ein klareres Blau, während ſie ſich oft von dem grünen Eichenkranze erheben und nach dem Fenſter ſehen. Jakobi, der neue Pfarrer, wird auf den Abend erwartet. Gabriele geht zu ihrer Mutter und bit⸗ tet ſie, zu beobachten, wie ſchön Louiſe jetzt ausſieht und wie gut die Roſe ihr ſteht. Die Mutter küßt ſie, läßt * 366 aber ihren Blick auf dem eigenen ſchönen Geſichte des klei⸗ nen Fräuleins ruhen. Der Nadeln fleißiges Hinauf⸗ und Hinabſtechen be⸗ gleiteten der Schweſtern fröhliche Geſpräche. Man wirth⸗ ſchaftet ſchon im Pfarrhauſe herum, wirthſchaftet mit Milch und Käſe. Man richtet das Haus ein, Mahlzeiten, Küchenzettel u. ſ. w. Viel will Louiſe nach dem Muſter des älterlichen Hauſes beſorgen, einiges aber auf andere Weiſe.„Man muß mit ſeiner Zeit vorwärts ſchreiten. Große Gafffreundlichkeit ſoll im Pfarrhauſe herrſchen; — dieß iſt Jakobi's Freude;— Jemand von ihrer Fa⸗ milie hofft Louiſe immer bei ſich zu haben; ein eigenes Wohnhaus ſoll für geliebte Gäſte gebaut werden. Alle Sonntage wird Louiſe in die Kirche gehen und ihren Mann predigen oder catechiſiren hören. Wenn die alten Weiber mit Eiern oder anderen kleinen Geſchenken kommen, ſo ſol⸗ len ſie anſtändig bewirthet und aufgemuntert werden, bald wieder zu erſcheinen. Alle Kranken werden mit Louiſens Flirir tractirt werden. Alle Fehlenden haben mehr oder minder ſcharfe Predigten zu gewarten; Lectüre, Fleiß, Kirchenbeſuch und Baumpflanzungen werden aufgemuntert werden. Am Sonntag Mittag ſollen immer einige an⸗ ſtändige Bauern mit ihren Weibern ins Pfarrhaus einge⸗ laden werden. Kommen die Frau Kapitänin und die Frau Kronvögtin, ſo wird alsbald der Kaffeetopf ans Feuer geſtellt und die Pfarrerin ſchlägt ihnen Karten. Jedes junge Bauernmädchen ſoll, bevor ſie heirathet, ein Jahr im Pfarrhauſe dienen, um in den Arbeiten und guten Sitten geprüft und eingeübt zu werden— NB. dieß iſt dann ihr Lohn. Zur Hochzeit kommen immer Pfarrer und Pfarrerin, ebenſo zur Taufe und ſie halten dann ihre Pathenhand über die Jungen, damit ſie in Zucht und Gottesfurcht aufwachſen. Zur Mitſommerzeit und im Herbſte iſt Tag und Nacht Feſtſchmaus auf dem Pfarr⸗ hauſe, NB. ohne Branntwein, im Uebrigen aber ſoll es an Nichts fehlen: — Di Es Di F und de M bereite A Zeitalt Briefe lem e kurz u im Ue ſie de n eren Sr. E ſeiner Podag ten M haben und E Louiſe, Glück einem Gott, Hand liebte wie jet T einer 2 im W des klei⸗ hen be⸗ nwirth⸗ ftet mit hlzeiten, Muſter f andere chreiten. rrſchen; rer Fa⸗ eigenes . Alle n Mann Weiber ſo ſol⸗ n, bald Louiſens hr oder Fleiß, muntert ige an⸗ einge⸗ nd die pf ans Karten. et, ein n n — NB. immer halten Zucht und im Pfarr⸗ ſoll es Die Frau vergiſſet keinen bei dem Schmaus, Es ſtroͤmt das Bier, die Schlüſſelharfe ſchnurrt, Die Polska geht in ununterbrochenem Braus. Für Bettler gibt es im Pfarrhauſe paſſende Arbeiten und dann Eſſen. Für Faullenzer paſſende Moral und dann — Marſch! So wird allmälig das goldene Zeitalter vor⸗ bereitet. Ach, Schade für die goldenen Plane und das goldene Zeitalter, die von ihnen planirt werden ſollten! Zwei Briefe, welche Louiſe erhielt, machten plötzlich dem Al⸗ lem ein Ende. Der eine kam von Jakobi, er war ganz kurz und meldete nur, er habe die Pfarrei nicht bekommen, im Uebrigen werde ihn Louiſe nicht darum tadeln, wenn ſie den rechten Zuſammenhang von ihm erfahre.„Ich n mich unendlich nach dir,“ fuhr Jakobi fort,„habe er meine Ankunft in A. aufſchieben müſſen, um in P. Sr. Ercellenz O. meine Aufwartung zu machen, der auf ſeiner Reiſe von Kopenhagen nach Stockholm durch einen Podagraanfall dort aufgehalten worden iſt; aber am ſechs⸗ ten Mai hoffe ich mit Beſtimmtheit bei dir zu ſein. Ich habe neue Ausſichten und ſehne mich, alle meine Gefühle und Gedanken in deine treue Bruſt niederzulegen. Meine Louiſe, ich will nicht länger warten und ſuchen. Da das Glück mir immer davonläuft, ſo will ich es jetzt mit einem Sprunge erfaſſen und hoffe dabei auf den lieben Gott, auf dich und zuletzt auch auf mich. Aber deine Hand mußt du mir reichen. Willſt du das, meine ge⸗ liebte Freundin, ſo bin ich bald dein eben ſo glücklicher, wie jetzt dein zärtlich ergebener J. Jakobi.“ Der andere Brief war von einer fremden, offenbar einer Frauenzimmerhand und lautete, wie folgt: „Haſſen Sie mich nicht, obgleich ich Ihrem Glücke im Wege geſtanden bin; haſſen Sie mich nicht, denn ich 368 ſegne Sie, Sie und den edeln Mann, in' deſſen Hand Möge J Sie Ihr Schickſal gelegt haben. Er iſt mein, meines verſtande Mannes und meiner Kinder Wohlthäter. O dieſe Klei⸗ Blicke zu nen, deren Zukunft' er geſichert, ſie werden den Himmel elend— anrufen, ihm und Ihnen in doppeltem Maße das Glück Verzweif zu ſchenken, dem er jetzt ſo edel entſagt hat. Meine Ab⸗ Pfarrei ſicht bei dieſem Schreiben iſt, Sie demüthig um Verzei⸗ liche An hung zu bitten und die Gefühle eines dankbaren Herzens liebte ih gegen diejenige auszuſchütten, die meinen geſegneten ihn zun Wohlthäter am Beſten belohnen kann. Gefalle es Ihnen Frage e um ſeinetwillen die kurze, aber intereſſante Darſtellung B. konnt einer eben ſo gewöhnlichen, als traurigen Lage anzu⸗ rer ernen hören. tung zu „Vielleicht hat Herr Jakobi ſchon irgend einmal mei⸗ übrigen nes Mannes gegen Sie erwähnt? Er war mehrere Jahre nach viel lang Jakobi's Lehrer und Beide liebten einander. Mein entgegen Mann iſt zwanzig Jahre lang mit Ehre der Schule in tiger Gö W. vorgeſtanden. Kärgliche Beſoldung, Unglücksfälle, verwende die über uns kamen, viele ſchnell auf einander folgende zwei gro Kinder erſchwerten von Jahr zu Jahr unſere Lage und kobi zu vermehrten die Schuld, in die wir uns ſchon zur Zeit als je. unſerer Verheirathung hatten ſtecken müſſen. Mein Mann„De ſuchte eine Pfarrei, wollte ſich aber keines der Wege nem ſtrer bedienen, die jetzt ziemlich gäng und gäbe ſind und ſo den ich oft Glücksritter und Kriecher vor dem verdienten Manne vortrefflie zum Ziele führen; er war zu einfach, zu beſcheiden, viel⸗ Gattin u leicht auch zu ſtolz dazu. Eine lange Reihe von Jahren zu ihm o hat er ſich in ſeinen gerechten Hoffnungen getäuſcht ge⸗ gefühl, ſehen und von Jahr zu Jahr wurde der Zuſtand in ſei⸗ geſtanden nem Hauſe trauriger. Krankheit hatte meine Kraft nicht ede geſchwächt und an ſeiner Geſundheit nagte die Furcht, Worte w nicht als ein rechtſchaffener Mann beſtehen, ſeine Schul⸗ ſo ruhig den nicht bezahlen zu können, und der Anblick ſeiner— Lage, ſac neun unverſorgten Kinder. Ich weiß, ich würde Ihr könnte ur Herz tief rühren, wenn ich Ihnen ein Gemälde dieſer„M mit der Noth kämpfenden Familie aufrollen wollte;— Aufang aber meine Thränen würden meine Schrift verlöſchen. deß hörte Bren ſen Hand it ieſe Klei⸗ Himmel as Glück teine Ab⸗ n Verzei⸗ Herzens eſegneten es Ihnen arſtellung ge anzu⸗ mal mei⸗ re Jahre r. Mein Schule in ücksfälle, folgende age und zur Zeit in Mann e Wege ſo n Manne en, viel⸗ n Jahren uſcht ge⸗ d in ſei⸗ e Kraft Furcht, e Schul⸗ ſeiner— de Ihr de dieſer Ute;— erloͤſchen. 369 Möge Jakobi es ſchildern; er hat es geſehen, hat es verſtanden. Dieſes Gemälde, das ich bis jetzt vor Aller Blicke zu verbergen geſucht hatte, dieſes bleiche Familien⸗ elend— ihm habe ich es enthüllt, ja, denn ich war in Verzweiflung. Mein Mann war im Vorſchlag auf die Pfarrei von Groß T. Er hatte dießmal groͤßere geſetz⸗ liche Anſprüche als Jakobi, die Gemeinde kannte und liebte ihn und alle Stimmfähigen erklärten ihre Abſicht, ihn zu wählen. Aber zwei große Gutsbeſitzer ſollten die Frage entſcheiden. Graf D. und der Bergwerksbeſitzer B. konnten, wenn ſie zuſammenhielten, allein den Pfar⸗ rer ernennen. Auch ſie gaben meinem Manne ihre Ach⸗ tung zu erkennen und erklärten ſich geneigt, der übrigen Gemeinde für ihn zu ſtimmen. Zum erſten Mal nach vielen Jahren wagten wir es, einer helleren Zukunft entgegen zu ſehen. Da hörten wir, daß ſich ein mäch⸗ tiger Gönner von Herrn Jakobi in dieſer Sache für ihn verwende, und bald darauf wurde ſie entſchieden. Die zwei großen Gutsbeſitzer verſprachen ihre Stimmen Ja⸗ kobi zu geben und unſere Lage wurde hoffnungsloſer, als je. „Der Wahltag war nahe. Ich wagte es nicht, mei⸗ nem ſtreng gewiſſenhaften Mann den Plan zu enthüllen, den ich in mir trug. Aber ich hatte viel von Jakobis vortrefflichem Character gehört; ich war eine verzweifelte Gattin und Mutter— ich ſuchte Jakobi auf. Ich ſprach zu ihm aus der Tiefe meines Herzens, rief ſein Rechts⸗ zefühl, ſeine Ehre an und zeigte ihm⸗ wie unſere Sache geſtanden ſei, ehe er ſie durch Mittel vernichtet habe, die nicht edel genannt werden können. Ich fürchte, meine Worte waren bitter. Um ſo engelgleicher von Jakobi, ſie ſo ruhig anzuhören. Ich ſchilderte ihm unſere dermalige Lage, ſagte ihm, wie er uns aus dem Elend erretten könnte und—— flehte ihn an, es zu thun. „Meine Zumuthung gränzte an Abervis und im Anfang ſchien auch Jakobi die Sache ſo anzuſehen. In⸗ deß hörte er mich an, ließ ſich in das S ſeines frü⸗ Bremer, das Haus. 370 2 heren Lehrers führen, ſah den zehrenden Gram auf ſein bleiches, verfallenes Geſicht gemalt, ſah, daß ich Nichts übertrieben hatte;— er weinte, drückte mit einem trö⸗ ſtenden Worte meine Hand und verließ uns ſchnell. „Der Wahltag kam. Jakobi entſagte allen Anſprü⸗ chen. Mein Mann erhielt die Pfarrei. Gütiger Gott, wie das in unſern Ohren, in unſern Herzen klang. Lange fonnten wir es nicht glauben. Nach fünfzehn Jahren getäuſchter Hoffnungen wagten wir es kaum, ein ſolches Glück für wahr zu halten. Ich ſehnte mich, die Kniee meines Wohlthäters zu umfoſſen, allein er war bereits weit von uns. Einige freundliche Zeilen kamen von ihm, die meinen Mann mit ſeinem Glück und Jakobis Ent⸗ ſagung ausſöhnten und das Maß ſeines edlen Benehmens voll machten. Ich habe ihm nicht einmal danken können, aber Sie, ſeine liebenswürdige Braut, die Sie ihn bald wieder ſehen werden, vielleicht bereits wieder geſehen ha⸗ ben, o ſagen Sie ihm, ſagen Sie„ Wir übergehen die Ergießungen, die den Brief ſchloſſen; ſie kamen ſichtbarlich aus einem warmen, edeln, in ſeiner Glückſeligkeit und Dankbarkeit übervollen Her⸗ zen. Die Nähnadeln entfielen den Händen der Näherin⸗ nen, während die Mutter auf Louiſens Bitten den Brief vorlas und Erſtaunen, Theilnahme und eine Art bewun⸗ dernde Freude ſich in Aller Blicken malte. Sodann ſahen Alle einander ſtumm und mit thränenden Augen an. Gabriele war die Erſte, welche das Schweigen brach. „So dürfen wir unſte Louiſe noch ein Bischen län⸗ ger behalten!“ ſagte ſie freudig, indem ſie die Schweſter umarmte. Alle ſtimmten herzlich ein;„aber,“ ſagte Leonore ſeufzend,„es iſt doch ein wenig Schade um un⸗ ſere Hochzeit und unſere Pfarrei. Wir haben Alles ſchon ſo ſchön in Ordnung.“ Louiſe vergoß einige ſtille Thrä⸗ nen, aber ſichtlich nicht bloß über die fehlgeſchlagene Er⸗ wartung. Später am Abend ſprach die Mutter allein mit ihr und ſuchte zu erfahren, wie ſie dieſe Widerwärtigkeit aufnahm. M Louiſe, Verbin neuen lich we vielleich recht, billig, ſchätze nicht e ſchreib war e fügte, 2 ruhig Menv Geda! weg i junge ſich die k ſeiner und ſchen ſeine heim ſchad auf ſein Nichts em trö⸗ Anſprü⸗ eGott, Lange Jahren ſolches e Kniee bereits on ihm, is Ent⸗ nehmens können, ihn bald ehen ha⸗ n Brief n, edeln, len Her⸗ Näherin⸗ en Brief t bewun⸗ n ſahen igen an. rach. chen län⸗ Schweſter „ ſagte e um un⸗ lles ſchon lle Thrä⸗ agene Er⸗ allein mit wärtigkeit — 371 Mit ihrer gewöhnlichen Auſrichtigkeit antworiete Louiſe, es ſei ihr zuerſt ſehr ſchwer gefallen.„Ich hatte jetzt, fuhr ſie fort,„meine Gedanken ſo feſt auf die Verbindung mit Jakobi gerichtet;— ich ſah in meiner neuen Lage ſo Vieles, was für uns Alle gut und erfreu⸗ lich werden konnte. Aber obgleich dieſes Alles jetzt und vielleicht auf immer vernichtet iſt, ſo weiß ich doch nicht recht, ob ich es anders wünſchen ſollte. Jakobi hat ſo billig, ſo edel gehandelt; ich fühle, daß ich ihn jetzt höher ſchätze und liebe, als Dem Landrichter wurde es in dieſem Abend ſchwer, nicht ein wenig heiterer, als gewöhnlich zu ſein. Unbe⸗ ſchreiblich herzlich war er gegen ſeine älteſte Tochter; er war entzückt über die Art, wie ſie ſich in ihr Geſchick fügte, und ſie ſchien ihm weit ſchöner, als ſonſt. Am folgenden Tag wurde das Sticken an der Decke ruhig fortgeſetzt, während Gabriele vorlas und Erik Menveds Kindheit mit ergquickender Zauberkraft Aller Gedanken über Pfarreien und ihr verlorenes Paradies hin⸗ weg in Dänemarks reiches Mittelalter und zu Erik, dem jungen Könige, verſetzte. Neue Ansſichten und ditto Auswege. Jakobi war gekommen.„Der Schwager„ beklagte ſich Gabriele ſcherzend gegen die Mutter,„hätte beinahe pie kleine Schwägerin über den Haufen geraunt, um zu ſeiner Louiſe zu fliegen. Louiſe empfing ihn mit ungewöhnlicher Herzlichkeit und ebenſo Alle in der Familie. Was Jakobi an irdi⸗ ſchem Glück verloren, hatte er an der Achtung und Liebe ſeiner Freunde gewonnen, und es regte ſich in Allen ein heimliches Verlangen, ihn für die Pfarrei gleichſam ſchadlos zu halten. Er jelbſt hatte auch guf ſeine eigene 372 Weiſe daran gedacht und nachdem er ſich ſowohl mit irdiſcher Nahrung, als mit Himmelskoſt gelabt hatte, welche Louiſe ihm in reichem Maaße auftiſchte, nachdem er ferner mit ſeiner Braut eine Conferenz von etwa drei Stunden gehabt, wurden die Reſultate derſelben den Augen der Eltern vorgelegt, welche nicht ohne Staunen und Unruhe die neuen Ausſichten betrachteten, die ſich eröffneten. Es war nämlich Jakobis Wunſch und Abſicht, jetzt ſogleich ſeine Hochzeit zu feiern und dann nach Stockholm zu reiſen, wo er eine Lehranſtalt für Knaben zu gründen gedachte. Wenn man wußte, daß ſein zuſammengeſpar⸗ tes Vermögen ein nur unbedeutendes Kapital ausmachte, daß ſein jährliches Einkommen ſich netto auf fünfzig Thaler belief, daß er ſich neuerdings mit ſeinem einzigen, einflußreichen Gönner entzweit hatte, daß ſeine Braut ihm keine Mitgift zubrachte und daß er ſomit bei dem neuen Unternehmen bloß auf ſeine eigene Arbeitsfähigkeit rechnen durfte, ſo mußte man bei dieſer plötzlichen Etabli⸗ rung unwillkürlich an jene Romane mit diner de mon coeur et souper de mon äme denken, die man in un⸗ ſerer Zeit ſo unendlich unſchmackhaft findet. Gleichwohl legte Jakobi mit Feſtigkeit und fröhlichem Freimuth den Eltern ſeinen bereits fertigen und durchdachten Plan vor, und bat um ihre Einwilligung, Louiſe ſo bald als mög⸗ lich ſeine Gattin nennen zu dürfen. Eliſe ſchöpfte nach Athem, der Landrichter machte einige Einwendungen, allein für dieſe hatte Jakobi Widerlegungen in Bereit⸗ ſchaft, die eben ſo vernünftig waren, als gut vorgebracht wurden. „Sind Jakobis Plane auch die deinigen, Louiſe?“ fragte der Landrichter nach einem augenblicklichen Still⸗ ſchweigen.„Seid ihr Beide einig?“ Louiſe und Jakobi reichten ſich die Hände und ſahen mit feuchten, aber klaren und ſichern Augen einander„ſo⸗ pann den Vater an. „Ihr ſeid keine Kinder mehr,“ fuhr der Vater fort, „ihr 1 auch S Sge gange gehet, für di nehme klaglo Herze herzlie Stim ſchwit mals Kräft angel gerüh aus, nigen in ſei in die geben ſo gu für i in H liche Tocht dige Ordr und bei d hl mit hatte, achdem va drei n den taunen ie ſich „jetzt ckholm ründen geſpar⸗ nachte, fünfzig nzigen, Braut i dem higkeit mOn in un⸗ chwohl th den n vor, mög⸗ nach ungen, Bereit⸗ bracht niſe?“ Still⸗ ſahen r, ſo⸗ fort, „ihr müßt wiſſen, was ihr vorhabt. Aber habt ihr es auch wohl überlegt?“ Beide ſagten ja. Schon ehe ſie an die Pfarrei in T. gedacht hatten, waren ſie mit dieſem Plane umge⸗ gangen. „Es iſt ein arbeitſames Leben, dem ihr entgegen⸗ gehet,“ fuhr der Landrichter ernſt fort,„namentlich auch für dich, Louiſe. Von dir hängt der Erfolg des Unter⸗ nehmens zum großen Theile ab. Willſt du freudig und klaglos ertragen, was es mit ſich bringt, willſt du von Herzen den Arbeitstag deines Mannes theilen?“ „Ja, das will ich,“ antwortete Louiſe mit voller, herzlicher Zuverſicht. „Und du, Jakobi,“ fuhr der Vater mit unſicherer Stimme fort:„Willſt du ihr Vater, Mutter und Ge⸗ ſchwiſter ſein? Willſt du mir verſprechen, daß ſie nie⸗ mals, weder jetzt noch in Zukunft, ſo weit es in deinen Kräften ſteht, ihr elterliches Haus vermiſſen ſoll?“ „So wahr mir Gott helfen möge, wird dieß mein angelegentlichſtes Beſtreben ſein,“ antwortete Jakobi ſehr gerührt und reichte dem Landrichter die Hand. „So gehet denn, meine Kinder,“ brach der Vater aus,„und bittet um den Segen eurer Mutter. Den mei⸗ nigen habt ihr!“ Mit thränenvollen Augen ſchlöß er ſie in ſeine Arme. Eliſe folgte dem Beiſpiel ihres Mannes. Sie fühlte in dieſem Augenblick, daß Jakobis und Louiſens feſte Er⸗ gebenheit, ihre rührige Thätigkeit und ihre vortrefflichen ſo gut zuſammenpaſſenden Charaktere ſicherere Bürgſchaften für ihr Glück ſeien, als die größten Reichthümer. Aber in Hinſicht auf die Zeit der Vermählung machte ſie ernſi⸗ liche Einwendungen. Das Einzige, was die Eltern ihrer Tochter mitgeben konnten, war eine einigermaßen anſtän⸗ dige Ausſteuer und dieſe konnte unmöglich ſo ſchnell in Ordnung kommen. Louiſe trat auf die Seite der Mutter und Jakobi mußte es ſich murrend gefallen laſſen, daß es bei dem ſchon vorher beſtimmten Hochzeittage, nämlich dem 374 Pfingſtfeiertag, der dießmal auf Ende Mais fiel, ſein Be⸗ wenden haben ſollte. Sofort eilten die Verlobten, den Schweſtern die neuen Ausſichten und Auswege mitzutheilen. Da gab es denn manches Ei der tauſend und Ach Herr Je, manche herz⸗ liche Umarmung und es verſteht ſich, welch ein Fleiß in Eichenlaub und Eicheln. Als aber die Mutter Abends zur gewöhnlichen Ver⸗ ſammlungszeit hereinkam, ſah ſie deutlich, daß das kleine Fräulein gegen ihren Schwager etwas ungnädig und von ſeinen Planen ſchlecht erbaut war. In Folge jener Art von Anſteckung, die zwiſchen Ge⸗ müthsſtimmungen ſtattfinden kann, ſelbſt wenn ſie ſich nicht mit Worten ausſprechen, hauptſächlich bei Perſonen, die einander lieb haben, ging die Verſtimmung des kleinen Fräuleins bald auf die Mutter über, die Jakobis Plane nun leichtſinniger und gefährlicher zu finden anfing. Und als Jakobi bald darauf ein Geſpräch unter vier Augen mit ihr ſuchte, um mit ihr von Louiſe und ſeinen Aus⸗ ſichten zu reden, ſo konnte ſie die Bemerkung nicht unter⸗ drücken, je mehr ſie über das Unternehmen nachdenke, um ſo mehr finde ſie es beinahe thöricht. Aber Jakobi ant⸗ wortete heiter: „Gott iſt der Vormund der Thoren.“ Eliſe erinnerte ſich jetzt an eine Perſon aus ihrer Bekanntſchaft, die im Vertrauen auf dieſelbe Vormund⸗ ſchaft ein beinahe ganz ähnliches Unternehmen gewagt hatte, das indeß ganz närriſch abgelaufen war und mit Bankerot und Elend geendet hatte. Eliſe erzählte dieß Jakobi und dieſer antwortete: „Haben Sie die weiſe Bemerkung geleſen, die am Ende eines gewiſſen mediciniſchen Werkes ſteht?“ „Nein, was iſt das für eine Bemerkung?“ „Daß das, was dem Schuhmacher hilft, den Schnei⸗ der umbringt.“ Eliſe mußte lachen und nannte Jakobi einen eigen⸗ liebigen Schuhmacher. Jakobi lachte ebenfalls, küßte Eliſens — Hand Leutch um ei ten ut willko friſche beſaß. S in ſei nem mit ſ Zucke Mutt und wie ſtrah „Au fried den der Zim tige darc So grat Lön kelg je. ra ul ſein Be⸗ ie neuen es denn he herz⸗ Fleiß in n Ver⸗ s kleine ind von hen Ge⸗ ſich nicht en, die kleinen Plane g. Und Augen Aus⸗ t unter⸗ ike, um bi ant⸗ s ihrer rmund⸗ gewagt ind mit lte dieß die am Schnei⸗ eigen⸗ EFliſens —, 375 Hand und eilte dann, ſich in die Gruppe der jungen Leutchen zu miſchen, die ſich um den Theetiſch ſammelten, um eine neue merkwürdige Art von Theebrod zu betrach⸗ ten und zu beurtheilen, womit Louiſe ihren Bräutigam be⸗ willkommnen wollte, und das in ihren Augen außer der friſcheſten Friſche gar manche wunderbare Eigenſchaften beſaß. Am Theetiſch flüſterte die Mutter, als Jakobi Zucker in ſeine Taſſe warf, Louiſen ſchalkhaft zu: „Mein liebes Mädchen, es wird viel Zucker in dei⸗ nem Hauſe aufgehen; dein Mann wird nicht ſparſam da⸗ mit ſein.“ Louiſe flüſterte eben ſo zurück: „Aber er wird nie darüber murren, daß zu viel Zucker aufgeht.“ „So laß ihn nehmen, laß ihn nehmen!“ ſagte die Mutter und beide lachten. Als ſpäter am Abend die Mutter Jakobi mit Louiſe und Gabriele Galoppade tanzen ſah und ſich überzeugte, wie er mit ſeiner Heiterkeit und ſeinen von Liebe und Güte ſtrahlenden Augen Alle fröhlich machte, da dachte ſie: „Auch die Tugend hat ihren Leichtſinn,“ und wurde zu⸗ frieden mit ihm und allen ſeinen Planen. Eines Tags erzählte Jakobi der Mutter und Louiſe den Verlauf ſeiner Audienz bei Sr. Excellenz O. auf J. Als ich,“ ſagte er,„in den Saal trat, kam gerade der Biſchof N. rücklings unter tiefen Bücklingen aus dem Zimmer Sr. Ercellenz. Drinnen hörte man eine kräf⸗ tige Stimme artige, heitere Worte ſprechen und bald varauf erſchien ſeine Ercellenz ſelbſt, die Füße in wollene Socken gehüllt, um den Biſchof heraus zu begleiten. Das graue kurzgeſchnittene Haar über der breiten, prächtigen Löwenſtirne, die hohe Geſtalt, jetzt in einen langen, dun⸗ kelgrünen Schlafrock gehüllt, ſchien mir imponirender als je. In der Hand ſchwenkte er einen Stock, auf dem ein grauer Papagei ſaß, der, indem er das Gleichgewicht zu halten ſuchte, aus allen Kräften dem Biſchof nachſchrie: 376 „Adieu du, Adien du!“ Der Sonnenſchein, der über manen Sr. Ereellenz ausdrucksvollem Geſicht gebreitet war, als dazu, er aus ſeinem Zimmer trat, verſchwand ſogleich, als er Sie he mich erblickte. Ich hatte ihm ſchon brieflich mitgetheilt, auch, welchen Gebrauch ich von ſeiner Güte hatte machen müſſen. Sie be Ein ſtrenger zurückſtoßender Blick war der ganze Gruß, lung a deſſen ich gewürdigt wurde. Wein und Waſſer ſtand auf muth, dem Tiſch, Se. Ercellenz bat den Biſchof, ein Glas zu wegen zu trinken und fuhr fort ſich munter mit ihm zu unter⸗ tagsme halten, ohne die geringſte Notiz von mir zu nehmen. geſagt Endlich gingen Se. Hochwürden, gefolgt von den gellen verſcha Abſchiedsgrüßen des Papageis, worüber ſeine Excellenz Kreiſe, beinahe unmerklich lächelte. Sodann winkte er die Bedien⸗ nein d ten hinaus und heftete ſeine hellgrauen, kraftvollen Augen mehr, mit einem wirklich erdrückenden Blicke auf mich, indem er ſen ſol kurz und ſcharf fragte: mehr t „Was wollen Sie von mir, mein Herr?“ um etr So hatte ich ihn noch nie gegen mich geſehen und„ ich ſuchte ein wahrhaft erſtickendes Gefühl zu überwinden, letzt ur indem ich ihm antwortete: will u „Ich wollte Ew. Ercellenz danken für die Güte, die“ wird, „Die Sie verworfen haben, als wäre ſie keinen Pfen⸗ dieſer nig werth,“ fiel Se. Excellenz ein.„Es müſſen Ihnen dieß ei wohl raſend viele Pfarreien zu Gebote ſtehen, daß Sie ſo weit nach Rechts und Links damit um ſich werfen können.“ und ſei Er ſagte dieß in einem harten und ironiſchen Tone. dieſem Ich beſchwor ihn mich anzuhören, erklärte ihm aufs Neue lenz G meinen tiefen Dank und ſtellte ihm in Kürze, aber ſo klar. ſchon; ich konnte, die Gründe vor, die mich genöthigt, dem Glück zu ver zu entſagen, das ſeine Güte mir verſchafft hatte. Ich* durchbr ſchloß mit den Worten, das Einzige, was mich bei meinem anſtalt Verluſte und der Gefahr, meinem Wohlthäter zu miß⸗ ſchnell fallen, tröſte, ſei das Bewußtſein, nach Pflicht und Ge⸗„ wiſſen gehandelt zu haben. Sie w „Wie ein Narr haben Sie gehandelt!“ ſiel Se. Ex⸗ Nichts cellenz heftig ein.„Wie ein wahrer Tollhäusler haben 3 Ihren Sie ſich benommen! Dergleichen, mein Herr, kann in Ro⸗ Pfarre * e üe manen angehen, aber im wirklichen Leben taugt es bloß ar, als dazu, ſich und die Seinigen zu Bettlern zu machen. Und als er Sie haben mich unverzeihlich compromittirt. Der Teufel getheilt, auch, a alle dieſe Sachen und ſchönen Sentiments hätten müſſen. Sie bedenken können, ehe Sie mich um meine Vermitt⸗ Gruß, lung anſprachen. Kann ich alle Supplicanten mit Ar⸗ Hlas zu wegen habe ich in dieſer Sache Briefe geſchrieben, Mit⸗ and auf„ muth, Verdienſten und neun Kindern kennen? Ihret⸗ unte⸗ tagsmahle gegeben, ſchöne Reden gehalten, Complimente ehmen. geſagt und eine Menge ſonſt ſtiger Schritte gethan. Ich gellen verſchaffe Ihnen die Pfarrei, eine der beſten im ganzen rcellenz Kreiſe, und Sie ſchenken ſie weg, als wäre ſie ein. Bedien⸗ nein das iſt wirklich zu ſtark! Kommen Sie mir nie Augen mehr, damit ich mich mit Ihren Angelegenheiten befaſ⸗ dem er ſen ſoll, das ſage ich Ihnen. Ich will in Zukunft nie mehr damit zu thun haben. Bitten Sie mich nie mehr um etwas.“ n und„Ich war verletzt, aber noch mehr betrübt, als ver⸗ inden, letzt und ſagte: Das Einzige, um was ich noch bitten will und ſo lange bitten werde, bis es mir zu Theil die wird, iſt— Ew. Excellenz Verzeihung. Mein Fehler in Pfen⸗ dieſer Sache iſt wirklich groß geweſen; aber nachdem ich Ihnen dieß eingeſehen, konnte ich nichts Anderes thun, als ihn, Sie ſo weit es in meinen Kräften ſtand, wieder gut zu machen 5 und ſeine Folgen zu tragen ſuchen, wie bitter ich ſie auch in Tone. dieſem Augenblick empfinden muß. Ich werde Ew. Ercel⸗ Neue lenz Güte nie mehr in Anſpruch nehmen; Sie haben o klar ſchon zu viel für mich gethan. Meine Abſicht iſt jetzt, Glück zu verſuchen, ob ich mich als Lehrer mit eigenen Kräften Ich durchbringen kann. Ich gedenke in Stockholm eine Lehr⸗ einem anſtalt für Knaben zu gründen und dahin reiſe ich, ſo miß⸗ ſchnell als.. Ge⸗„Verſuchen Sie es, reiſen Sie und thun Sie, was Sie wollen,“ unterbrach mich Se. Excellenz,„ich frage Er⸗ Nichts darnach. Ich habe mich zum letzten Mal mit aen 5 Ihren Angelegenheiten befaßt. Wenn ich Ihnen zehn Ro⸗ Pfarreien verſchaffe, ſo verſchenken Sie dieſelben an den — 378 erſten beſten Bettler, der kommt und darum blttet, mit Verdienſten, beſtehend aus einer Frau und neun Kindern. Lundholm, ſpüle mir dies Glas da. Ich trinke nie nach einem Biſchof.“ „Se. Ercellenz hatte mir bereits den Rücken gekehrt und ging über ſein Podagra fluchend und ohne das ge⸗ ringſte Abſchiedswort für mich in ſein Zimmer zurück. Der Papagei dagegen drehte ſich auf dem Stocke um und ſchrie mir aus allen Kräften nach:„Adieu du, Adieu du!“ „Mit dieſem Gruße— vielleicht dem letzten aus dem Hauſe Sr. Excellenz, entfernte ich mich. Aber ich geſtehe, daß ich einige Augenblicke auf der Treppe ſtehen mußte und es nicht verhindern konnte, daß einige Thränen auf die Steine fielen. Es war nicht der Verluſt eines mäch⸗ tigen Gönners, was mich ſchmerzte; aber—— o ich habe dieſen Mann bewundert, habe ihn mit wahrer Er⸗ gebenheit geliebt. Ich blickte zu ihm hinauf, es war mir ein Genuß, zu ihm als einem der edelſten und aus⸗ gezeichnetſten Menſchen der Erde emporzublicken. Auch er ſchien mich wirklich zu lieben; wenigſtens glaubte ich es und dieſer Glaube war mir theuer. Und jetzt, jetzt war er auf einmal ſo verwandelt, ſo hart gegen mich und— wie es mir damals ſchien— ſo unbillig! Es fam mich ſehr hart an, ihn weniger edel, weniger ge⸗ recht zu finden. Dies waren meine Gefühle in dieſen erſten bitteren Augenblicken. Nachdem ich die Sache ruhi⸗ ger überlegt, hielt ich es für wahrſcheinlich, daß Se. Ercellenz einen falſchen Bericht über die Sache erhalten und ſich noch unter dem Einfluſſe deſſelben befunden habe. Jedenfalls fehlte es ihm nicht an triftigen Gründen mit dem Verlauf derſelben und meinem Benehmen unzufrieden zu ſein;— überdies litt er eben an ſeinem Podagra. Ich habe ihm von hier aus geſchrieben und kann unmöglich die Hoffnung aufgeben, ſeine Stimmung gegen mich ge⸗ mildert zu ſehen.“ Aber Louiſe dachte nicht ſo mild von ſeiner Stim⸗ mung; Ganze um ih 0 — ſagte 9 ben, chen wegen Scher ſonne eine S ein S oft g daß Wirk ſomit mit den zeiher Es i oder ſtand ihren ſie g nicht den Herz jetzt ttet, mit Kindern. nie nach gekehrt das ge⸗ zurück. um und ieu du!“ aus dem geſtehe, n mußte nen auf mäch⸗ — o ich hrer Er⸗ es war ind aus⸗ Auch ubte ich st, jetzt en mich g! Es iger ge⸗ n dieſen he ruhi⸗ aß Se. erhalten n habe. den mit zufrieden r Ich möglich nich ge⸗ Stim⸗ * 379 mung; ſie meinte, Jakobi ſei zu nachgiebig⸗ und war im Ganzen ſehr böſe auf Se. Ercellenz. „Es iſt am Beſten, man bekümmert ſich gar nicht um ihn,“ ſagte ſie. Jakobi lächelte.„Ein armer Mann, Se. Ercellenz!“ ſagte er. Ein Rückfall. — Während der Mai ſeinen Roman mit Laub und Le⸗ ben, Jakobi und Louiſe den ihrigen in Küſſen und man⸗ chen ſüßen Kapiteln ſchrieben, während Alles im Hauſe wegen der Hochzeit in Bewegung war und Freude und Scherze dabei auflebten, wie Schmetterlinge in der Lenz⸗ ſonne, ſah man einen Blick ſich immer mehr verfinſtern, eine Wange immer bleicher werden und zwar die Cvas. Man ſagt gewöhnlich, die Liebe ſei für den Mann ein Spiel, fuͤr das Weib eine Lebensſache. Wenn dieß oft genug der Fall iſt, ſo dürfte es wohl daher kommen, daß das praktiſche Leben gewöhnlich die Gedanken und Wirkſamkeit des Mannes in Anſpruch nimmt, und er ſomit wenig Zeit zur Liebe hat, während das Weib ſich mit ſich ſeibſt beſchäftigen kann und nichts ſie mit Kraft den Liebesqualen entzieht.(Möge die Hofmarſchallin ver⸗ zeihen, daß wir ſo viel vom Mann und Weib reden.) Es iſt nicht unſer Loos, hier in der Welt ein Zimmer oder Töpfe zu ſcheuern, obgleich wir uns, aufrichtig ge⸗ ſtanden, nicht ganz unfähig dazu glauben. Eva fand in ihrem ruhigen Hauſe nichts, was nach dem Opfer, das ſie gebracht hatte, ihre Kräfte aufrecht erhielt. Es gab nichts, was ihre Seele mächtig von den Gedanken und den Gefühlen abzog, die ſo lange die theuerſten ihres Herzens geweſen waren. Das ſtillglimmende Feuer fachte jetzt des Frühlings warmer, liebevoller Wind; fachte jetzt 380 in aller Unſchuld das Leben der Verlobten ſo voll von Herzlichkeit und Seligkeit— fachte endlich ein noch gif⸗ tigerer Wind an. Major R's Verlobung mit einer der Schönheiten der Hauptſtadt, einer früheren Neben⸗ buhlerin Evas, war eine der Neuigkeiten dieſes Früh⸗ lings und verſetzte Evas Herzen eine tieſe Wunde. Sie wollte es verbergen, wollte verhehlen, was von einer Liebe übrig war, die Alle mißbilligt hatten und über die ſie jetzt ſelbſt erröthen mußte; ſie wollte viel verhehlen, was ſie in ihrem Innern verabſcheute; ſie hatte beſchloſſen, die Ihrigen nicht mehr mit ihrer Schwachheit, ihrem Leiden zu betrüben und zu beläſtigen; ſie wollte den Frieden, die Heiterkeit nicht ſtören, die jetzt wieder im Hauſe zu herrſchen begannen, nach den Unglücksfällen, die es erſchüttert hatten;— aber unter dem Verſuche, ihre Bürde allein zu tragen, ſank ihre nicht ſtarke Seele zu⸗ ſammen. Immer mehr zog ſie ſich vom Familienkreiſe zurück, wurde immer ſtiller und verſchloſſener, ſuchte die Einſamkeit und ſah ungern, wenn Jemand ſie ſtörte. Selbſt vor Leonoren verſchloß ſie ſich, obgleich dieſe wie ein guter Engel an ihrer Seite ging. Ihr milder Blick ruhte ſo zärtlich unruhig auf Cva; ſie ſuchte alle ſtören⸗ den Eindrücke von ihr zu entfernen, nahm jede ihr unan⸗ genehme Beſchäftigung auf ſich und verpflegte ſie, wie eine Mutter ein krankes Kind verpflegt. ECva ließ ſie ge⸗ währen, ſchien aber kaum die Liebe zu merken, die ihr auf dieſe Art folgte und verſank täglich mehr in ihr ſtum⸗ mes Gemüthsleiden. Die damaligen Zerſtreuungen im Hauſe hatten die Meiſten gehindert, auf ihre Stimmung Acht zu geben und ſo war ſie viel ſich ſelbſt überlaſſen geweſen. Seit ein paar Abenden hatte ſich Eva unmittelbar nach dem Thee in ihr Zimmer hinabbegeben— denn in dem neuen Hauſe wohnten einige von den Töchtern bis auf Weiteres parterre— und war den ganzen Abend nicht wieder gekommen, ſondern hatte ſich mit einem ge⸗ linden Kopfweh entſchuldigen laſſen. Es war Grundſatz der Elt den, zu zu zwin große 2 ters, ſei reichend oder un dritten unruhig übrige Eoncert ihrem„ der hine wollte: „ Ul endlich 9 „ 6 Abende / Frau, richtig „ ( nie vor allein bat ſie zunehm ſagte, den an ging ſ dem K gen. voll von noch gif⸗ lit einer Neben⸗ s Früh⸗ de Sie ner Liebe r die ſie n, was ſſen, die n Leiden Frieden, auſe zu die es e, ihre eele zu⸗ ienkreiſe chte die ſtörte. ieſe wie Blick ſtören⸗ unan⸗ e, wie die ihr rſtum⸗ e im mmung erlaſſen ittelbar ennin ern bis Abend m ge⸗ undſatz ———————— 381 der Eltern, ihre Kinder, nachdem ſie einmal groß gewor⸗ den, zu Nichts weder im Großen noch im Kleinen anders zu zwingen, als durch Liebe. Dieſe hatte aber auch eine große Macht im Hauſe und die Freude des Familienva⸗ ters, ſeine Töchter Abends um ſich zu ſehen, war ein hin⸗ reichender Grund für dieſelben, nicht aus irgend einer Laune oder unnöthigen Urſache wegzubleiben. Als nun Eva am dritten Abend auf dieſelbe Art ausblieb, wurde der Vater unruhig und die Mutter ging zu ihr hinab, während die übrige Familie und einige Freunde derſelben ein kleines Concert aufführten. Aber die Mutter fand Eva nicht auf ihrem Zimmer. Es war leer und unruhig wollte ſie wie⸗ der hinaufgehen, als ihr Ulla begegnete, die eben betten wollte: „Wo iſt Eva?“ fragte Eliſe ſcheinbar ſorglos. ülla ſtutzte, wurde roth, dann blaß und antwortete endlich zögernd:„Sie iſt ausgegangen, glaube ich.“ „Wohin?“ fragte Eliſe, ſogleich unruhig geworden. „Ich glaube— zum Grabe des jungen Herrn.“ „Zum Grabe?— So ſpät! Iſt ſie ſchon mehrere Abende dahingegangen?“ „Dieß iſt jetzt der dritte Abend. Und, beſte gnädige Frau, die Sache geht mir ſehr zu Herzen, es iſt nicht richtig damit.“ „Was iſt nicht richtig, Ulla?“ „Daß Fräulein Eva ſo ſpät zum Grabe geht und nie vor zehn Uhr nach Hanſe kommt— und daß ſie ſo allein ſein will. Geſtern weinte Fräulein Leonore, und bat ſie ſo innig, nicht zu gehen, oder wenigſtens ſie mit⸗ zunehmen. Aber das wollte Fräulein Eva nicht, ſondern ſagte, ſie wolle nicht gehen und bat Fräulein Leonore zu den andern Herrſchaften hinaufzugehen und ſie allein zu laſſen. Aber ſobald Fräulein Leonore ſie verlaſſen hatte, ging ſie doch aus, mit bloß einem dünnen Shawl über dem Kopf. Und heute Abend iſt ſie wieder dahingegan⸗ gen. Ach ich habe ſehr darüber geweint, beſte gnädige 382 Frau. Es muß ein großer Kummer ſein, der ſie verzehrt, denn ſie wird mit jedem Tage bläſſer.“ Sehr unruhig über dieſe Mittheilung, eilte Eliſe ihren Mann aufzuſuchen. Sie fand ihn eifrig mit ſei⸗ nen Papieren und Büchern beſchäftigt, aber er ließ Alles liegen, als er das bekümmerte Geſicht ſeiner Frau er⸗ blickte. Sie erzählte ihm, was ſie von Ulla gehört, und erklärte, ſie wolle ſogleich ſelbſt auf den Kirchhof gehen. „Ich gehe mit,“ ſagte der Landrichter.„Sage nur zu Louiſe, ſie ſoll mit dem Nachteſſen warten, bis wir zurückkommen. Ich glaube, es wird uns Niemand ver— miſſen. Sie ſind ganz mit der Muſik beſchäftigt.“ Geſagt, gethan. Die Gatten gingen aus. Es war etwa halb zehn Uhr. Es war in der Mitte Mais, allein die Luft war kalt und ein feuchter Nebel fil. „Gütiger Gott,“ ſagte der Landrichter leiſe,„ſie zieht ſich den Tod auf den Hals, wenn ſie in dieſer Luft und zu dieſer Stunde ſich auf dem Kirchhof aufhält.“ Als die Gatten ſich dem Kirchhofe näherten, ſaheu ſie ein Frauenzimmer ſchnell durch das Thor deſſelben hineingehen. Es war nicht Eva, denn Eva ſaß auf ihres Bruders Grabe; dort ſaß ſie unbeweglich auf der Erde und glich einem Geſpenſte. Im Uebrigen war der Kirch⸗ hof öde. Die Perſon, die vor den Gatten vorausgieng, näherte ſich leiſe dem Grabe und blieb einige Schritte da⸗ vor ſtehen. „Eva!“ ſagte eine bittende, kummervolle Stimme. Es war die Leonorens. Der Landrichter ſtellte ſich mit Eliſe hinter ein Paar buſchigen Fichten auf. Ganz an dem nämlichen Platze war er früher einmal geſtanden und hatte ein Geſpräch ungleicher Art angehört. „Eva!“ wiederholte Leonore„ mit einem Ausdruck durchdringender Zärtlichkeit. „Was willſt du von mir, Leonore?“ fragte Eva un⸗ geduldig, aber ohne ſich zu rühren.„Ich habe dich ja gebeten, mich allein zu laſſen.“ „Ac du hier i O komm „Ge für dich. mit ihner „Er ren an wer da d bat ſie,: So gehe „Ae doch alle „Er ich nie J dich. Je und das mit dem und dat lich bei ich dir je früher u empfunde und um Ach, Ev ich liege geſeſſen 1 weint ur in dein mir verſ „D viel in n Dieſes( ganze S ich könn nicht me verzehrt, te Eliſe mit ſei⸗ ß Alles rau er⸗ rt, n gehen. age nur bis wir nd ver⸗ Fs war „allein „ſie er Luft t.“ ſaheu eſſelben f ihres Erde Kirch⸗ gieng, te da⸗ imme. h mit nz an tanden sdruck a un⸗ ich ja 383 „Ach ich kann dich nicht laſſen, Eva. Warum ſitzeſt du hier in dem naſſen kalten Abend und auf der Erde? O komm nach Hauſe, komm mit mir nach Hauſe.“ „Geh du nach Hauſe, Leonore. Dieſe Luft iſt nicht für dich. Geh heim zu den Fröhlichen und ſei glücklich mit ihnen.“ „Erinnerſt du dich, Eva, wie ich vor mehreren Jah⸗ ren an Seele und Leib krank war? Erinnerſt du dich, wer da die Fröhlichen verließ, um mich zu tröſten? Ich bat ſie, mich zu verlaſſen, allein ſie gieng nicht von mir. So gehe ich jetzt auch nicht von dir.“ „Ach gehe, geh' doch, laß mich allein. Ich ſtehe jetzt doch allein auf der Welt da.“ „Eva, du thuſt mir ſehr weh. Du weißt ja, daß ich nie Jemand auf der Welt ſo ſehr geliebt habe wie dich. Ich härmte mich ſehr ab, als du uns verließeſt und das Haus ſchien mir ganz leer; aber ich tröſtete mich mit dem Gedanken: Eva kommt bald zurück. Du kamſt und da war ich ſo froh: ich dachte, wir ſollten ſo glück⸗ lich bei einander ſein. Abed ich ſah dentlich genug, daß ich dir jetzt nur noch wenig war, aber ich liebte dich wie früher und wenn du glaubſt, ich habe das Leiden nicht empfunden, das du empfandeſt, ich habe nicht mit dir und um dich geweint, ſo thuſt du mir wahrhaftig Unrecht. Ach, Eva, ſo manche Nacht, wo du vielleicht glaubteſt, ich liege in ſüßem Schlummer, bin ich an deiner Thüre geſeſſen und habe gehort, wie du weinteſt, und habe ge⸗ weint und für dich gebetet; allein ich wagte mich nicht in dein Zimmer hinein, weil ich glaubte, dein Herz ſei mir verſchloſſen.“ Leonore weinte bitterlich. „Du haſt Recht, Leonore,“ antwortete Cva;„es iſt viel in mir verſchloſſen geweſen, was früher offen war. Dieſes Gefühl— dieſe Liebe zu ihm— o ſie hat meine ganze Seele verſchlungen. Einen Augenblick glaubte ich, ich könnte ſie überwinden; aber— jetzt glaube ich es nicht mehr!“ 384 „Bereuſt du deine Entſagung? Sie war ſo edel. beſtraft, Wünſcheſt du dich immer noch mit ihm zu verbinden?“ noch. „Nein, nein, damit iſt es vorbei. Lieber wollte ich„Li jetzt ſterben. Aber— ſiehſt du, Leonore, ich habe ihn ſo du darfi ſehr geliebt. Ich habe die Liebe gekoſtet. Sie hat mich„A fühlen laſſen, wie entzückend, wie göttlich das Leben ſein bereits e kann;— o Leonore! Der klare, ſonnenwarme Sommer⸗ einer, 1 tag iſt dieſer nebligen Abendſtunde nicht unähnlicher, als dennoch das Leben, das einen Augenblick für mich aufgieng, der wird.( Zukunft unähnlich iſt, die jetzt vor mir liegt.“ eine Laſ „Das ſcheint dir jetzt ſo, Eva, vas glaubſt du bloß fröhlich jetzt; aber— laß eine kleine Zeit vorüber gehen, dann vor Bitt wirſt du ſehen, daß es anders wird. Was du jetzt empfin⸗ hinaus i deſt, iſt der Wellenſchlag nach dem Sturme, aber auch ſehnt, ir dieſer legt ſich ſeiner Zeit. Laß eine kleine Zeit vorüber⸗ habe mi gehen und du wirſt ſehen, daß die ſchmerzlichen Gefühle Grabe v ſich legen und das Leben wieder klar für dich werden„A wird. Erinnerſt du dich, wie es dir früher Vergnügen können, machte, an den Himmel zu ſehen, wenn die Wolken ſich gehſt, 1 trennten, und wie du dann ſagteſt:„Siehe, es klärt ſich Leben, auf! Wie ſchön der Himmel iſt!“ Und deine blauen Au⸗ Du wir gen glänzten dabei von Freude und Frieden. Glaube mir, ich werd Cva, die gute Zeit wird wieder kommen, wo du wieder mich n ſo zum Himmel aufblicken und ſo freudige und friedvolle Kirchhof Gefühle haben wirſt.“ welche d „Nein!“ brach Eva weinend aus;„ach dieſe Zeit Nachtwi wird nie wieder kehren. Damals war ich unſchuldig;— bläst, deßwegen ſah ich den Himmel ſich über mir klären. Jetzt auch m hat ſo viel Böſes, ſo viel Unreines meine Seele befleckt, um dein ja und befleckt ſie noch!„ O Leonore! Wenn du wüß⸗ leben wi teſt, was ich ſeit einiger Zeit empfunden habe du jeben fü würdeſt mich nicht mehr lieben! Glaubſt du wohl, daß werden Louiſens unſchuldiges Glück mir Neid einflößt, daß die Gott w Heiterkeit, die im Hauſe wieder aufzuleben beginnt, mich alle Bit Bitterkeit empfinden läßt?— Bitterkeit gegen meinen wo alle Nächſten, meine Geliebten! O ich kann mich ſelbſt ver⸗ drücke, d abſcheuen. Ich habe mich ſelbſt mit den ſtrengſten Worten den. Dr Bre ſo edel. inden?“ ollte ich e ihn eſo hat mich ben ſein ommer⸗ er, als eng, der du bloß n, dann empfin⸗ er auch rüber⸗ Gefühle werden rgnügen ken ſich ärt ſich en Au⸗ be mir, wieder iedvolle daß aß die „mich meinen ſt ver⸗ Vorten 385 beſtraft, ich habe mit bittern Thränen gebetet, aber den⸗ noch „Liebe Eva, du mußt Geduld mit dir ſelbſt haben, du darfſt nicht„„ „Ach ich bin meiner ſelbſt und des ganzen Lebens bereits gänzlich überdrüſſig. Ich habe ein Gefühl, wie einer, der ſchon lange gegangen und ſehr müde iſt, aber dennoch weiter gehen muß und nie zum Ziele kommen wird. Es war mir, als müßte ich den Meinigen allen eine Laſt werden. Und als ich euch Alle ſo glücklich, ſo fröhlich bei einander ſah, während mir Bruſt und Kopf vor Bitterkeit brannte, da habe ich hinausgehen müſſen, hinaus in den kühlen Abendthau; da habe ich mich ge⸗ ſehnt, in der Erde zu ruhen, auf welche er fällt;— ich habe mich geſehnt, mich vor Allen tief, tief mitten im Grabe verbergen zu können.“ „Aber vor mir wirſt du dich doch nicht verbergen können, von mir wirſt du nicht gehen, Eva. Wohin du gehſt, werde ich dir folgen. O was wäre mir auch das Leben, wenn du in Verzweiflung aus demſelben gingeſt? Du wirſt nicht mehr allein zum Grabe gehen, Eva, denn ich werde dir folgen; und wenn du nicht willſt, daß ich mich neben dich ſetze, ſo werde ich mich dort auf die Kirchhofmauer ſetzen, damit dieſelbe Abendfeuchtigkeit, welche dich durchdringt, auch mich durchdringt, derſelbe Nachtwind, der deine Bruſt anweht, auch an die meinige bläst, damit ſie in dem Grab, in das ſie dich legen, auch mich an deine Seite legen. Und gerne werde ich um deinetwillen ſterben, wenn— du nicht mir zu liebe leben wirſt. O Cva, willſt du nicht? Willſt du nicht leben für mich, für die Vielen, die dich lieben? Wir werden Alles verſuchen, um dich glücklicher zu machen. Gott wird uns helfen und die Zeit wird kommen, wo alle Bitterkeit der Gegenwart wie ein Traum ſein wird, wo alle großen, lieblichen Gefühle, alle anmuthigen Ein⸗ drücke, die das Leben beſitzt, für dich wieder aufleben wer⸗ den. Du wirſt wieder unſchuldig, wirſt noch mehr werden, Bremer, das Haus. 25 „ — denn die Tugend iſt eine höhere, eine verklärte Un⸗ ſchuld. O Eva, wenn er, deſſen Staub noch unter uns ruht, deſſen Geiſt uns jetzt vielleicht unſichtbar umgibt, wenn er, der beſſer und reiner war, als wir Alle, in die⸗ ſem Augenblick mit vernehmbarer Stimme zu uns ſpre⸗ chen könnte, ſicherlich würde er mit mir bitten:„O Eva, lebe, lebe für diejenigen, die dich lieben! Das Erdenleben mit ſeinen Qualen und Freuden iſt ja ſo ſchnell vorüber und dann iſt es ein herrliches Gefühl, mit ſeinem Leben Jemand Freude auf Erden gemacht zu haben— das gibt auch Freude im Himmel. Der größte Tröſter über allen Betrübten wird dich nicht verläugnen. Verläugne du ihn nicht. Habe Geduld, harre aus! Der Friede kommt, er kommt gewiß„„ Die Worte erloſchen; beide Schweſtern hatten die Arme um einander geſchlungen und ihre Thränen vermiſcht. Evas Kopf ruhte an Leonorens Schultern, während ſie nach langem Schweigen mit matter Stimme ſagte: „Sprich Nichts mehr, Leonore: ich will Alles thun, was du willſt. Nimm mich, thu' mit mir was du willſt; — ich bin in dieſem Augenblick zu ſchwach, um mich ſelbſt zu tragen. Stütze mich;— ich will dir fol⸗ gen. Du biſt mein guter Engel.“ Andere ſchützende Engel nahten ſich jetzt und ſchloſſen die Schweſtern in zärtliche Arme. Von dieſen geführt, kehrte Eva nach Hauſe zurück. Sie war jetzt die Ergebung und Liebe ſelbſt und bat zu wiederholten Malen Alle zärt⸗ lich, ihr zu verzeihen. Sehr angegriffen von dem Auftritte des Abends, nahm ſie gerne von der Mutter einige ſtil⸗ lende Tropfen an; Leonore half ihr ins Bett und las ihr dann beruhigende Worte vor, bis ſie einſchlief. In dieſer Nacht ging der Landrichter unruhig in ſeinem Schlafzimmer auf und ab, während er mit ſeiner im Bette ruhenden Gattin alſo ſprach: „Eine Badreiſe und zwar in deiner Geſellſchaft wäre jetzt das Beſte für ſie. Aber— ich weiß nicht, wie ich jetzt ohne dich ſein kann, und überdieß— wo nehmen —,———— wir das und ſeh Hochzeit nen wir — endli noch eit Ausweg Körper Ich mu Landrich wundert freudeſti fort,, was ſick aber fri nahm d „ du verſ 7/ der Ge zwanzig Reiſe i ich ſehe herum Natur viele Sorger Geſchä Jahre noch 1 die Zu vergeſſe Genüſ glle de ärte Un⸗ nter uns umgibt, in die⸗ ns ſpre⸗ O Eva, denleben vorüber m Leben das gibt aen du ihn mmt, er tten die rmiſcht. rend ſie es thun, willſt; m mich dir fol⸗ ſchloſſen geführt, rgebung le zärt⸗ Auftritte ige ſtil⸗ as ihr thig in it ſeiner ft wäre wie ich nehmen 387 wir das Geld her? Wir haben große Verluſte gehabt und ſehen großen Ausgaben entgegen; erſtens Louiſens Hochzeit und dann, ohne einiges Geld in die Hand kön⸗ nen wir unſer Mädchen doch nicht aus dem Hauſe laſſen — endlich der Aufbau unſeres Hauſes.. wir müſſen noch ein Kapital aufnehmen;— ich ſehe keinen andern Ausweg. Eva muß gerettet, ihre Seele zerſtreut, ihr Körper geſtärkt werden, es mag nun koſten, was es wolle. Ich muß ſehen, daß ich ein Kapital„ „Es bedarf deſſen nicht, Ernſt,“ ſagte Eliſe; der Landrichter blieb plötzlich ſtehen und ſah ſeine Frau ver⸗ wundert an, die halb im Bett aufgerichtet ihn mit einem freudeſtrahlenden Geſichte anblickte.„Komm,“ fuhr ſie fort,„ſetze dich hieher, und laß dich an etwas erinnern, was ſich vor fünfzehn Jahren zutrug.“ „Was ſind das für Geſchichten?“ ſagte er, lächelte aber freundlich, ſetzte ſich auf den Rand des Bettes und nahm die Hand, die Eliſe ihm reichte. „Vor fünfundzwanzig Jahren „Vor fünfundzwanzig Jahren? Gott behüte mich, du verſprachſt bloß auf fünfzehn zurückzugehen.“ „Nur Geduld, mein Lieber. Das iſt der erſte Theil der Geſchichte. Erinnerſt du dich, wie du vor fünfund⸗ zwanzig Jahren im Anfang unſerer Ehe Plane zu einer Reiſe in das ſchöne Vaterland deiner Mutter machteſt— ich ſehe jetzt, Ernſt, daß du dich erinnerſt; wie wir dort herum wandern und unſere Freiheit und Gottes ſchöne Natur genießen wollten! Dieſe Ausſicht machte dir ſo viele Freude. Da kamen aber Widerwärtigkeiten und Sorgen und Kinder und beſonders für dich unaufhörliche Geſchäfte, wodurch unſere norwegiſche Reiſe mit jedem Jahre mehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Den⸗ noch blieb ſie lange ein Lichtpunkt für deinen Blick in die Zukunft; aber jetzt ſeit einiger Zeit ſcheinſt du ſie vergeſſen zu haben; ja denn du haſt dich ſelbſt und deine Genüſſe vergeſſen über der Arbeit für die Deinigen, haſt glle deine Freude, deine Plane in deinem Wirkungskreiſe A 388 und deinem Hauſe vergeſſen. Aber ich habe die norwe⸗ giſche Reiſe nicht vergeſfen und in fünfzehn Jahren Mittel dazu geſchafft.“ „In fünfzehn Jahren? Was meinſt du damit?“ „Ich komme jetzt an den zweiten Theil meiner Ge⸗ ſchichte. Erinnerſt du dich, Ernſt, daß wir vor fünfzehn Jahren nicht ſo glücklich waren wie jetzt? Du haſt es ver⸗ geſſen! Nun um ſo beſſer. Auch ich erinnere mich kaum noch; das Gummi⸗Elaſticum der Liebe hat die ſchwarzen Züge verwiſcht. Aber das weiß ich noch, daß ich damals im wirklichen Leben und in all dem Guten, was es mir bot, nicht recht zu Hauſe war und daß ich mich mit Ab⸗ faſſung eines Romans dafür tröſtete. Bloß um meine Romanperſonen zu verſorgen, verſäumte ichs mehremale, meinen Herrn und Gemahl zu bedienen— denn die Män⸗ ner haben doch eine entſchiedene Ungeſchicklichkeit, ſich ſelbſt zu pflegen.“ „Gar zu liebenswürdig.“ „Nimm vorlieb. Nun eines Abends kam ſein Thee und mein Roman in Colliſion; es entſtand eine ſchreck⸗ liche Geſchichte daraus. Aber ich gelobte in meinem Her⸗ zen, eines Tags die beiden Nebenbuhler zu verſöhnen. Siehſt du— mein Manuſeript— du hatteſt die Güte es Plunder zu nennen— das ſandte ich einem ſehr aufge⸗ klärten Mann, einem Profeſſor, einem Mann von ausge⸗ zeichnetem Geſchmack und Urtheil, was ſchon daraus her⸗ vorgeht, daß er an dem Plunder Geſchmack fand und— was ſagſt du dazu— eine kleine artige Summe dafür bezahlte, ihn behalten und in die Welt einführen zu dür⸗ fen. Sieh nicht ſo finſter drein, Ernſt; ich habe ſeitdem nie wieder die Gänſefeder ergriffen, um Romane zu ſchrei⸗ ben; mein eigener Roman hat mir genug zu ſchaffen ge⸗ macht und ich hätte nie mehr wünſchen können, Etwas zu thun, was du nicht gerne ſaheſt. Siehſt du, du haſt alle deine Nebenbuhler verdrängt. Aber dieſen erſten be⸗ ſchloß ich zu einem Mittel für die norwegiſche Reiſe zu machen. Die kleine Summe von 200 Reichsthalern Banko, „ * die er m Bank ge ſich ſo b füllen m wendung Reiſeluſt Aber du „U „O ſage, we es Geld einmal wie ein Seele g zwiſchen lich ger gegen n Seele g mich je erfreuen einen v unſerer Leonore eine ſol ſchönen zogen unmögl Jahre arbeite läßt,„ dann„ jährige im He e norwe⸗ n Mittel t? iner Ge⸗ fünfzehn es ver⸗ ch kaum chwarzen damals es mir mit Ab⸗ meine hremale, ie Män⸗ it, ſich in Thee ſchreck⸗ em Her⸗ rſöhnen. e Güte aufge⸗ ausge⸗ us her⸗ und— dafür u dür⸗ ſeitdem ſchrei⸗ fen ge⸗ Etwas du haſt ten be⸗ eiſe zu Banko, 389 die er mir eingetragen, habe ich zu dieſem Ende in eine Bank gelegt und im Verlauf von fünfzehn Jahren hat ſie ſich ſo vermehrt, daß ſie jetzt ihren Zweck vollkommen er⸗ füllen muß. Und wenn je der Augenblick zu ihrer An⸗ wendung gekommen iſt, ſo iſt es der jetzige. Mir iſt die Reiſeluſt vergangen. Ich wünſche jetzt nur noch Ruhe. Aber du und—“ „Und du glaubſt, ich wollte deine—“ „O Ernſt, wie ſollteſt du nicht wollen, wenn ich dir ſage, welche Freude dieſer Gedanke mir bereitet hat? Die⸗ ſes Geld, das von Jahr zu Jahr geſammelt wurde, um dir einmal ein großes Vergnügen zu bereiten, war mir immer wie ein Schatz verborgener Freude, der manchmal meine Seele geſtärkt und belebt hat. Wenn je eine kleine Wolke zwiſchen uns gekommen iſt, wenn ich ſchwach und empfind⸗ lich geweſen bin oder du vielleicht ein Bißchen zu ſtreng gegen mich, ſo hat der Gedanke an dieſen Schatz meine Seele getröſtet und mich mit dem Leben verſöhnt. Mache mich jetzt vollkommen glücklich dadurch, daß du dich damit erfreuen läſſeſt. Nimm ihn, mein Ernſt, mache dir damit einen vergnügten Sommer, ich bitte dich darum auch um unſerer Kinder willen. Nimm Eva und wo möglich auch Leonore mit; Nichts wird Evas Seele mehr beleben, als eine ſolche Reiſe mit dir und Leonoren in einer großen und ſchönen Natur. Das Geld kann in einem Monat einge⸗ zogen werden;— ein Paar Monate Urlaub kann man unmöglich einem Manne abſchlagen, der mehr als dreißig Jahre hindurch unaufhörlich im Dienſte des Staats ge⸗ arbeitet hat, und wenn Louiſe mit ihrem Mann uns ver⸗ läßt, wenn der Frühling und die Natur am ſchönſten ſind, dann wirſt auch du auswandern, wirſt dir nach ſo viel⸗ jährigen Mühſeligkeiten Erquickung holen und die Wunde im Herzen unſeres kranken Kindes heilen.“ 1 390 Plane und Gegenplane. Am folgenden Morgen kam Eva in ihres Vaters Ar⸗ beitszimmer. Er verließ ſogleich ſein Geſchäft, empfing ſie mit großer Zärtlichkeit, ſetzte ſie neben ſich auf den Sopha, und mit dem einen Arm um ihren Leib geſchlun⸗ gen und ihre Hand in der ſeinigen, ſah er ſie mit einem gütigen, aber forſchenden Blicke an, indem er ſagte: „Willſt du etwas von mir, mein Kind? Kann ich etwas für dich thun? Sag' es mir, ſprich.“ Aufgemuntert durch dieſe Güte ſchilderte Eva dem Vater den Zuſtand ihrer Seele. Um ihn zu beſiegen, um wieder Ruhe und Stärke zu gewinnen, wollte ſie ein wirk⸗ ſameres Leben beginnen. Es war eine Lehrſtelle in einer Mädchenpenſion in der Stadt erledigt und Eva wünſchte ſie ſogleich anzunehmen, aber bloß für den Sommer, wäh⸗ rend welcher Zeit ſie und Leonore ſich vorbereiten wollten, auf den Herbſt eine eigene Erziehungsanſtalt zu eröffnen, woran ſie ſchon lange gedacht haben und die ihnen eine nützliche und ſelbſtſtändige Eriſtenz verſchaffen ſollte. Eva bat ihren Vater um Einwilligung zu dieſem Plan.„Leonore und ich,“ fuhr ſie fort,„haben heute früh viel darüber geſprochen; wir glauben ihn ausführen zu können mit dem Rath und der Hülfe, auf die wir hoffen dürfen. Ach Va⸗ ter! mir iſt ganz bange vor meiner eigenen Schwachheit. Ich muß äußere Mittel zu Hülfe nehmen, um ſie zu be⸗ kämpfen. Ich will wirkſam werden, ich will arbeiten und über der Arbeit das Vergangene vergeſſen, mich ſelbſt ver⸗ geſſen und nur zur Freude derjenigen leben, die mich lie⸗ ben und denen ich ſo viel Unruhe, ſo manchen Kummer bereitet habe.“ Sehr gerührt drückte der Vater die Tochter in ſeine Arme und ſagte:„Mein Kind, mein liebes Kind! Du haſt Recht und du thuſt Recht. Du ſollſt deinen Wunſch ausführen und was in meinen Kräften ſteht, ſoll ge⸗ ſchehen piele Aber e auf E Leonor mögt den m ſich ei nicht eine ſ 2 Laſt! Leono ſten. terneh habe; ſucher einatl haben wiede word len r wahr ner 2 daß den ſeine Moz aufg haft Ein glau und Eife mar te Ar⸗ empfing auf den eſchlun⸗ tiem te: kann ich va dem en, m n witrk⸗ in einer vünſchte , wäh⸗ wollten, röffnen, en eine Eva Leonore darüber tit dem ch Va⸗ achheit. zu be⸗ en und ſt ver⸗ ummer nſeine 1 Du Vunſch ge⸗ 391 ſchehen, um euern Plan zu befördern. So werden ja recht Liele Erziehungsanſtalten von unſerem Haus ausgehen. Aber es ſchadet Nichts; es gibt keine nützlicheren Anſtalten auf Erden. Nur etwas behalte ich mir bei deinem und Leonorens Beſchluſſe vor. Den Herbſt und den Winter mögt ihr eurem Inſtitute widmen; aber den Sommer— ven müßt ihr eurem Vater ſchenken und Frau B. mag ſich eine Lehrerin ſuchen, wo ſie eine bekommen kann, nur nicht in meinem Hauſe. Ich bin jetzt nicht im Stande, eine ſolche abzugeben.“ „Ach Vater, jede geſchäftsloſe Stunde iſt mir eine Wir werden die Laſt zuſammen tragen, mein Kind; Leonore, ich und du auf einer Wanderung in den We⸗ ſten. In einigen Wochen gedenke ich eine Reiſe zu un⸗ ternehmen, nach der ich mich ſchon viele Jahre geſehnt habe; ich will das ſchöne Vaterland meiner Mutter be⸗ ſuchen. Willſt du, Eva, ſeine friſche Bergluft mit mir einathmen? Allein würde ich wenig Freude von der Reiſe haben; in deiner und Leonorens Geſellſchaft wird ſie mich wieder jung machen. Unſere Häupter ſind niedergebeugt worden, mein Kind, aber in Gottes ſchöner Natur wol⸗ len wir ſie aufs Neue emporrichten und athmen. Nicht wahr, du gehſt mit? Gut! Komm jetzt mit mir zu dei⸗ ner Mutter; denn ihr allein haben wir es zu verdanken, daß die Reiſe gemacht werden kann.“ Und ſeinen Arm um den Leib der Tochter geſchlungen, ging der Landrichter zu ſeiner Frau. Leonore war bei ihr. Ein Quartett von Mozart iſt nicht harmoniſcher, als dasjenige, das jetzt aufgeführt wurde. Den ganzen Tag über war Eva ungewoͤhnlich leb⸗ haft, aber am Abend bekam ſie ein brennendes Fieber. Ein Angſtgefühl ſchlich ſich über die ganze Familie. Man glaubte, ein neues Grab ſei im Begriff ſich zu öffnen und Unruhe malte ſich auf allen Geſichtern. Mit einem Eifer, der nicht ohne Fieberwahnſinn war, verlangte Eva, man ſolle nach dem Aſſeſſor ſchicken. Er kam ſogleich⸗ 392 „Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir!“ dem ſie ihm die Hand reichte,„ich bin ſo Sie geweſen! Aber ich war ſo krank im ganz verändert. Doch jetzt wird es wieder gut werden; Leonore hat ihm Geſundheit gegeben. Ich bin jetzt ſehr krank; meine Hände brennen, der Kopf ſchmerzt mich. Geben Sie mir mein kleines Käſtchen, damit ich es zwi⸗ ſchen meinen Händen halte und meinen Kopf daran lehne; eher wird es nicht beſſer mit mir. Sie, mein Freund, werden mich wieder geſund machen, damit ich die Meini⸗ gen erfreuen kann. Ich will nicht, daß man ſich noch mehr über mich gräme.“ Der Aſſeſſor trocknete ſtumm die Thränen aus ſeinen Augen, und während Eva ihre Stirne an das Käſtchen lehnte, ſprach ſie eifrig, aber nicht ganz zuſammenhängend von ihren Planen fuür die Zukunft. „Sehr brav! Sehr brav!“ ſagte der Aſſeſſor ſie unterbrechend,„und ich will auch dabei ſein; ich will dem ganzen Mädchenſchwarm Unterricht in der Botanif geben; und dazwiſchen hinein wollen wir ſie in den Wald und ins Grüne hinaustreiben, damit ſie auch ſehen, was dieſe Welt Schönes hat. Aber jetzt, Eva, dürfen Sie nicht mehr plaudern, ſondern trinken Sie hübſch das Glas da aus.“ Willig nahm Eva das ſtillende Getränke und wurde darauf ruhiger. Sie war die gehorſamſte und liebens⸗ würdigſte Patientin und bewies ihrem alten Freund ein Vertrauen, das ihm durchs Herz drang. Tag und Nacht hätte er an ihrem Bette ſitzen mögen. Evas Krankheit war ein heftiges Nervenfieber, das ſie beinahe drei Wochen im Bette hielt und ihre Ange⸗ hörigen in große Unruhe verſetzte. Für ſich ſelbſt, für die Geſundheit ihrer Seele waren dieſe Erſchütterungen wohlthuend, aber noch wohlthuender war die unendliche Liebe, womit ſie ſich von Allen umfaßt ſah. Eines Tags im Anfang ihrer Geneſung, da ſie aufſaß und ſich von all den behaglichen Dingen umgeben ſah, welche die rief Eva, in⸗ undankbar gegen Herzen, es war —— Liebe un meln, le nicht leb Mi gerückt. Dr ſpännige zog dur ner der „S Sauer vollen S allerlieb mit ſei Ach He er ſah E du aber ſaß? Er ſafß in ſeine Gering vornehn „ den un groben ein G freiere, ßen bl des W Gottes rgegen es war verden; tzt ſehr mich. es zwi⸗ lehne; Freund, h noch ſeinen äſtchen ängend or ſie dem geben; un dieſe nicht Glas wurde bens⸗ d ein Nacht das Ange⸗ für ingen liche Tags von die 393 Liebe und das Haus um einen geliebten Leidenden verſam⸗ meln, lehnte ſie ſich an Leonore und ſagte:„Ach wer ſollte nicht leben wollen, wenn man ſich ſo geliebt ſieht!“ Mittlerweile war Louiſens Hochzeittag immer näher gerückt. Eine Ueberraſchung. Drei Tage vor der Hochzeit rollte ein prächtiger vier⸗ ſpänniger Reiſewagen durch die Straßen der Stadt K. und zog durch ſein gewaltiges Getöſe alle Neugierigen Bewoh⸗ ner der Häuſer an die Fenſter. „Sahſt du, Schweſterchen,“ ſchrie die Großhändlerin Sauer der Poſtmeiſterin Herb zü,„ſahſt du den pracht⸗ vollen Reiſewagen, der ſo eben vorbeifuhr? Sahſt du den allerliebſten Jungen, der links ſaß und ſo vornehm ausſah mit ſeinem ſchneeweißen Hals und offenen Hemdkragen? Ach Herr je, wie er mich anſah! Er war gar zu lieb!— er ſah aus wie ein leibhaftiger Prinz.“ „Schweſterchen,“ antwortete die Poſtmeiſterin,„haſt du aber den Herrn nicht geſehen, der rechts im Wagen ſaß? Es war ein prächtiger Herr, kann ich dir ſagen. Er ſaß ſo hoch und pomadig im Wagen und war ſo in ſeinen prächtigen Pelz eingehüllt, daß man nicht das Geringſte von ſeinem Geſichte ſah. Das ſind ganz gewiß vornehme Leute.“ „Ich ſah den Knaben flüchtig,“ ſagte die von Hän⸗ den und Haut graubraune Annette, indem ſie von ihrer groben Näharbeit aufſah mit einem Blicke, ungefähr wie ein Gefangener, wenn er vom Gefängniß aus in eine freiere, ſchönere Eriſtenz ſchaut.„Er ſah mit den gro⸗ ßen blauen Augen ſo ruhig durch die Spiegelglasfenſter des Wagens, er ſah rein und ernſt aus, wie ein Engel Gottes.“ „Ja freilich, wir wiſſen ja ſo gut, wie die Engel 394 Gottes ausſehen! ſagte die Poſtmeiſterin ſchnaubend mit einem ſtrengen Blick auf Annette,„und das kann uns auch ganz und gar einerlei ſein: Aber ich möchte doch wiſſen, wer die vornehmen Herrſchaften ſind. Es würde mich nicht wundernehmen, wenn es Se. königliche Ho⸗ heit unſer gnädiger Kronprinz ſelbſt wäre, der gegenwär⸗ tig mit ſeinem älteſten Sohne incognito im Lande herum⸗ reist.“ „Du kannſt Recht haben, Schweſterchen, ſo wird es wohl ſein. Denn er ſah ganz aus wie ein Prinz, der liebe Junge, wie er ſo daſaß und mich durchs Fenſter anblickte, er hat mich ſo hübſch angelächelt.“ „Nun meine Herrſchaften, wir werden wohl vornehme Gäſte in unſere Stadt bekommen haben!“ rief huſtend der Rathsherr Nyberg, indem er ins Zimmer trat. „Sind ſie hier abgeſtiegen?“ rieſen beide Frauen zu⸗ gleich. „Meine Frau ſah den Wagen anhalten und.....“ „Nun um Gottes willen, Herr Stadtrath, was denken Sie, daß Sie nicht Lärm ſchlagen und ſich zur Aufwar⸗ tung anſchicken? Sorgen Sie doch, daß die Bürgerſchaſt ſich verſammelt.“ „Wie, was, wer?“ fragte der Rathsherr, indem er wie ein aus dem Schlaf Erwachender ſeine grauen Augen aufſperrte:„Iſt es vielleicht.... „Ja wahrſcheinlich Se. königliche Hoheit ſelbſt in eigener Perſon, möglicherweiſe ſogar Se. Majeſtät!“ „Herr Gott!“ ſagte der Rathsherr und ſah aus, wie wenn das Rathhaus eingepurzelt wäre. „Aber ſo eilen Sie doch um Gottes willen. Sprin⸗ gen Sie, ſehen Sie nach, erkundigen Sie ſich und blei⸗ ben Sie nicht da ſtehen und halten Maulaffen feil!“ rief heiſer und außer ſich die Poſtmeiſterin, indem ſie mit ihrem großen Leichnam in dem knackenden Sopha auf und nieder ſchaukelte.„Du Schweſterchen könnteſt dich wohl auch ein wenig auf die Beine machen und Annette auch, ſtatt da zu ſitzen und mit dieſer Näherei, aus der — doch N du kam Augenb der lieb — vor D ſell An dem pr bejahrt ter Kö war S S Famili in den ſelbſt C teten G muth und b ſoͤnlicht ben. und be verwar ſine u der er wiſſen Se. lich d zu hal dießm— nach C ſichtbe ging ſagte: tes P nicht nen1 end mit nn uns t dch würde che Ho⸗ genwär⸗ herum⸗ wird es der liebe nblickte, ornehme tend der uen zu⸗ denken lufwar⸗ erſchaft dem er Augen elbſt in , wie Sprin⸗ rief ſie mit a ſt dich Annette us der — 395 doch Nichts wird, die Zeit zu vertrödeln. Lauf ſo ſchnell du kannſt, Annette, und ſieh was los iſt; aber komm im Augenblick wieder und erzähle es mir armen Perſon, die der liebe Gott mit Ungemach und Krankheit geſchlagen hat; — vorwärts, ſchnell, marſch.“ Der Rathsherr lief, Schweſterchen Sauer lief, Mam⸗ ſell Annette lief, auch wir laufen, mein Leſer, um aus dem prächtigen Reiſewagen einen hochgewachſenen, etwas bejahrten Herrn, nebſt einem eilfjährigen Jungen von zar⸗ ter Körperbildung und edlem Geſichte ſteigen zu ſehen. Es war Se. Ercellenz O. und ſein jüngſter Sohn. Sie ſtiegen bei dem Hauſe ab, wo die Frank'ſche Familie wohnte und gingen hinauf. Se. Ercellenz trat in den Saal, ohne ſich anmelden zu laſſen, und ſtellte ſich ſelbſt Eliſen vor, die, obgleich überraſcht, den unerwar⸗ teten Gaſt mit ihrer gewöhnlichen, ungezwungenen An⸗ muth empfing, die Abweſenheit ihres Mannes beklagte und bei ſich dachte, Jakobis Beſchreibung von der Per⸗ ſoͤnlichkeit Sr. Ercellenz ſei nicht im Mindeſten übertrie⸗ ben. Se. Ercellenz war jetzt in der glänzendſten Laune und bekam eine plötzliche Offenbarung, daß er und Eliſe verwandt ſeien, er nannte ſie die ganze Zeit über Cou⸗ ſine und ſagte ihr viel Schones von ihrer Familie, von der er viel gehört habe, namentlich auch von einem ge⸗ wiſſen jungen Manne, auf den er hohen Werth ſetze. Se. Speellenz ſetzte hinzu, ſo ſehr es ihn freue, jetzt end⸗ lich die perſoͤnliche Bekanntſchaft ſeiner Couſine gemacht zu haben, ſo müſſe er dennoch geſtehen, daß ſein Beſuch dießmal dem beſagten Manne gelte, und er fragte nun nach Jakobi. Jakobi wurde geholt und kam ſchnell, nicht ohne ſichtbare Rührung auf ſeinem Geſichte. Se. Ercellenz ging ihm entgegen, reichte ihm lebhaft die Hand und ſagte:„Es freut mich, Sie zu ſehen. Mein verwünſch⸗ tes Podagra iſt zwar noch nicht ganz fort, aber ich konnte nicht ſo nahe an der Stadt vorbeireiſen, ohne einen klei⸗ nen Umweg zu machen, um Ihnen zu Ihrem bevorſtehen⸗ 396 den Feſttage Glück zu wünſchen und Ihnen etwas vor⸗ zuſchlagen—— aber Sie müſſen mich Ihrer Braut vor⸗ ſtellen.“ Jakobi that es mit glänzenden Augen. Se. Ercellenz nahm Louiſens Hand und ſagte:„Ich wünſche Ihnen Glück dazu, einen der beſten und ehrenwertheſten Menſchen, die ich kenne, zum Manne zu erhalten. Es iſt mir ſehr lieb, dieß Jakobis Braut perſönlich ſagen zu können.“ Mit freundlich durch dringendem Blicke heftete er hiebei ſeine Augen auf ſie und küßte ihre Hand. Louiſe erroͤthete tief und ſah vergnügter aus, als ſich mit ihrem kurz vorher ausgeſprochenen Vorſatze, ſich gar Nichts um Se. Ercel⸗ lenz zu bekümmern, zuſammenreimte. Auch auf die andern Töchter des Hauſes, die zugegen waren, heftete er ſeine kräftigen Augen mit einem Blicke, der mehr auf die Seele, als auf den Leib zu ſehen ſchien. Mit ſichtbarem Wohlbehagen ruhten ſie auf der ſchönen Gabriele, indem er langſam ſagte:„Auch ich habe eine Tochter gehabt, eine einzige— aber ſie wurde mir genom⸗ men.“ Hier ſchien ihn ein wehmüthiges Gefühl zu er⸗ greifen, aber er ſchüttelte es ſchnell von ſich, ſtand auf, ging zu Jakobi und ſagte mit lauter freundlicher Stimme zu ihm: „Mein beſter Jakobi, Sie haben mir das letzte Mal, als wir einander ſahen, geſagt, daß Sie in Stockholm eine Lehranſtalt für Knaben zu errichten gedenken. Das freut mich, denn ich habe Proben, daß Ihre Fähigkeit als Lehrer und Führer der Jugend nicht gewöhnlicher Art iſt. Ich wünſche Ihnen einen Zögling anmelden zu dürfen— meinen kleinen Jungen da. Sie würden mir einen wirk⸗ lichen Dienſt erweiſen, wenn Sie ihn in zwei Mona⸗ ten annehmen koͤnnten; denn bis dahin muß ich eine Reiſe ins Ausland unternehmen, die lange dauern vürfte, und ich möchte dann meinen Jungen in guten Händen wiſſen. Ich wünſchte, daß er wenigſtens zwei bis drei Jahre in Ihrer Obhut bleibt. Sie werden leicht einſehen, daß ich Ihnen nicht das Theuerſte, was ich auf Ert vollkom ich Ihne einzige: ſeinen“ Und we ſen an er hat Y gen zu Ein ſo Geſicht Louiſe deutlick in den Allein lich di Wollet zu M mit g wurde gethan W 1 2 Frühſt Graf verſich künfti zu he und 6 blick kleines ich 6 vor⸗ ut vor⸗ rcellenz Glück n, die r lieb, Mit i ſeine te tief vorher Er cel⸗ ugegen Blicke, ſchien. chönen e eine enom⸗ zu er⸗ d auf, timme Mal, holm Das it als rt iſt. en wirk⸗ Nona⸗ eine auern guten ei bis leicht s ich 397 auf Erden beſitze, übergeben würde, wenn ich nicht das vollkommenſte Vertrauen zu Ihnen hegte. Deßhalb gebe ich Ihnen in Beziehung auf ihn keine Vorſchriften, als die einzige: Betrachten Sie ſeine Seele als Reichsgeld und ſeinen Körper als Banko, beſonders in der erſten Zeit. Und wenn Bitten mütterliche Pflege erkaufen können,“ fuhr Se. Excellenz gegen Lvuiſe fort,„ſo will ich mich mit die⸗ ſen an Sie wenden. Sorgen Sie gut für meinen Jungen, er hat keine Mutter mehr.“ Mit einer ſchnellen Bewegung nahm Louiſe den Jun⸗ gen zu ſich und umarmte und kußte ihn mit Herzlichkeit. Ein ſonnenſcheinähnliches Lächeln verbreitete ſich über das Geſicht des Vaters und ſicherlich hätten keine Worte von Louiſe ihn ſo zufrieden geſtellt, wie dieſe ſtumme, aber deutliche Antwort des Herzens. Jakobi ſtand mit Thränen in den Augen da und vermochte nicht viel zu ſprechen. Allein Se. Ercellenz verſtand ihn und ſchüttelte ihm herz⸗ lich die Hand. „Dürſen wir nicht die Pferde ausſpannen laſſen? Wollen Ew. Ercellenz nicht die Güte haben, mit uns zu Mittag zu ſpeiſen?“ waren die bittenden Fragen, die mit großer Herzlichkeit rund um ihn herum wiederholt wurden. Aber„unmöglich,“ ſo gerne Se. Erxcellenz es auch gethan hätte. Er hatte verſprochen, auf Strö... bei Graf V., drei Meilen von der Stadt, Mittag zu machen. Aber ein Frühſtück!— doch wenigſtens ein kleines Frühſtück? es ſoll augenblicklich ſervirt werden.„Der kleine Graf Axel würde gewiß gerne etwas zu ſich nehmen!“ verſicherte mit freundlicher Zuverſicht Louiſe, die an den künftigen Zögling ihres Mannes bereits die Hand gelegt zu haben ſchien. Der kleine Graf Arel ſagte nicht nein und Se. Ercellenz, deſſen Benehmen mit jedem Augen⸗ blick etwas Herzlicheres und Fröhlicheres bekam, ſagte, ein kleines Frühſtück in ſolcher Geſellſchaft würde ihm vortreff⸗ lich ſchmecken. Mit Entzücken und brennendem Eifer deckte Bergſtröm 398 den Tiſch für den hohen Gaſt. Mittlerweile plauderte die⸗ ſer mit ſichtbarem Wohlgefallen mit Eliſe und Jakobi, und richtete oft beinahe unmerklich prüfend die Rede an Louiſe. Und Mutter und Bräutigam freuten ſich in ihrem Herzen, daß ſie mit ihrem ruhigen Verſtand die Prüfung ſo vor⸗ trefflich beſtand. In einem Fenſter unterhielt der junge Graf Arel Ga⸗ briele damit, daß er ſeine goldene Uhr vor ihr repitiren ließ, wodurch der ernſte und ſchweigſame Knabe der Mühe überhoben wurde, auf eine andere Art an der Unterhal⸗ tung Theil nehmen zu müſſen, und Gabriele, die auf ſeine Iveen einging, wunderte ſich über die wunderſamen Eigen⸗ ſchaften der Uhr und ließ ſie einmal ums andere repitiren, während ihr ſchönes, lebendiges Lächeln und ihre ſcherzhaf⸗ ten Worte dem jungen Arel immer mehr Vertrauen ein⸗ flößten. Das Frühſtück war fertig, wurde von dem überglück⸗ lichen Bergſtroͤm aufgetragen und von Sr. Ercellenz, der ein feiner Kenner war, geſpeist und geprieſen; er ließ ſich von Louiſe beſchreiben, wie man die vortrefflichen Anjovis einmachte und trank in Madeira ihre und ihres Bräutigams Geſundheit. Gegen das Ende des Frühſtücks kam der Landrichter nach Hauſe. Der an Stolz gränzende Zug von Selbſt⸗ ſtändigkeit, der ſich mitunter in ſeinem Weſen offenbarte und vielleicht auch jetzt während ſeiner achtungsvollen, aber einfachen Begrüßung gegen Se. Ercellenz ein wenig her⸗ vorbrach, rief bei dieſem einen flüchtigen Schimmer von Hoheit hervor. Aber bald verſchwand die Steifheit auf beiten Seiten. Beide Männer kannten und ſchätzten ein⸗ ander nach Character und Wirkſamkeit und bald waren ſie in ein ſo eifriges Geſpräch verwickelt, daß Se. Ercellenz zwei Stunden lang die Weiterreiſe vergaß. Wir beklagen die Leute auf Stro.., und ihr Mittageſſen; wie müſſen erſtere gewartet haben und letzteres kalt ge⸗ worden ſein! Aber wir können ihnen unmöglich helfen. Se⸗ Ercellenz hinterließ einen ſehr freundlichen Eindruck bei der Frankſche eine woh ten beleb trechat, „Ni Und eine zwanzig Lou Ber rechnung dem Beſ ſollte!“ „Je men ſeit gefrühſti ſoll ein „E Baſe vo „J Couſine die Lan Hände, ſehen.“ „H ſchöne„ ein liebe Roſenwe ich aus 58 ſten wil ganzen ſehen, welcher rte die⸗ bi, und Louiſe. Herzen, ſo vor⸗ e Ga⸗ epitiren Mühe terhal⸗ if ſeine Eigen⸗ pitiren, erzhaf⸗ en ein⸗ rglück⸗ 3, der eß ſich njovis tigams richter enbarte „ aber g her⸗ er von it auf n ein⸗ waren cellenz geſſen; Ut ge⸗ S bei der 399 Frankſchen Familie. Sämmtliche Mitglieder waren auf eine wohlthuende Art von ſeinem Weſen und ſeinen Wor⸗ ten belebt. Jakobi machte in der Freude einen hohen En⸗ trechat, umarmte Louiſe und ſagte: „Nun, Louiſe, was ſagſt du jetzt zu dem Manne? Und einen Zögling haben wir bekommen, der wenigſtens zwanzig nach ſich ziehen wird.“ Loniſe war vollkommen ausgeſöhnt mit Sr. Ercellenz. Bergſtröm begann von dieſem Tage an eine neue Zeit⸗ rechnung, Alles, was geſchah, war entweder vor oder nach dem Beſuch Sr. Ercellenz. ————— „Ei du meine Güte, daß es Se. Excellenz B. ſein ſollte!“ ſagte Schweſterchen Herb zu Schweſterchen Sauer. „Ja denk nur. Und daß er blos in die Stadt gekom⸗ men ſein ſoll, um Franks zu begrüßen und daß er dort gefrühſtückt und ſich mehrere Stunden aufgehalten hat! Er ſoll ein Vetter von der Landrichterin ſein.“ „Ein Vetter von ihr? Bah! So wenig als ich eine Baſe vom König bin. Ganz gewiß nicht.“ Ja, ja, aber er ſoll ſie doch immer meine gnädige Couſine genannt haben und das muß man geſtehen, daß die Landrichterin etwas Feines und Vornehmes hatz Hände, wie die ihrigen, habe ich meiner Lebtage nie ge⸗ ſehen.“ „Hm! Es iſt keine Kunſt, vornehm auszuſehen und ſchöne Hände zu haben, wenn man den ganzen Tag wie ein liebes Gänschen im Hauſe herumgeht, die Hände mit Roſenwaſſer waſcht und nichts Geſcheidtes thut. Das weiß ich aus guter Hand. „Ja, ja, wer in ſeinem Hauſe etwas Geſcheidtes lei⸗ ſten will, der kann ſich keine ſolche Hände halten und den ganzen Tag daſitzen und Romane leſen. Ich möchte nur ſehen, wie es mit meines ſeligen Sauers Bäckerei(auf welcher er zuletzt Großhändler wurde) zugegangen wäre, 400 wenn ich eine vornehme Dame hätte ſein wollen. Nicht weil ich es nicht gekonnt hätte, die Frau Schweſter weiß ja, daß ich immer meine Gelegenheiten hatte, ja und einen Hang zu kritzeln und zu ſchreiben; Gott helfe mir, wenn nicht mein Bischen geſunde Vernunft bei Zeiten nein zu dieſer Narrheit geſagt hätte, ich hätte eine wahre Gelehrte, eine andere ſolche Madame Staöl werden können. Aber, als ich mich mit dem ſeligen Sauer verheirathete, da be⸗ ſchloß ich, dieſer Dummheit den Abſchied zu geben und der Bäckerei Ehre zu machen, und nun habe ich meine kleine Talente verabſäumt, ſo daß ſie ſo gut wie begraben ſind. Aber deßwegen bin ich auch keine paſſende Geſellſchaſt mehr für Franks und werde es wohl immer weniger ſein da ſie doch immer höher emporklimmen werden.“ „Laß ſie hinaufklimmen, ſo hoch ſie wollen, ich werde doch keine Komplimente vor ihnen machen; das ſage ich ihnen, ich thue es abſolut nicht. Es ärgert mich genug, daß Annette ſo in dieſe Leute vernarrt iſt. An einem ſchönen Vormittag werden ſie ſie mir mit Haut und Haar wegnehmen— das iſt dann mein Dank für Alles, was ich auf ſie verwendet habe. Aber ich will es dieſen Herr⸗ ſchaften ſagen, ich—— ja ich gedenke abſolut keine Kom⸗ plimente vor ihnen oder ihren Ercellenzen zu machen— denn eines iſt ſo gut, als das andere. Ich will es ihnen rund heraus erklären. Der Abend vor der Hochzeit. „Gott ſegne die Kleinen! Aber wenn man bedenkt, wie wenig die Kinder hier auf der Welt eine Rarität ſind, ſo kann man ſich nur darüber wundern, daß es Menſchen gibt, die ſo großen Lärm und ſo viel Weſen mit ihren Kleinen machen. Die herzallerliebſten Kinderchen! Mag man ſie ohne das zu halter Hauſe. Vater ut Welt ni häuft we merndes ein Phil ſchwediſt der ſüße beißt wi zweite— ſein Ge würdig. vorüber zu ſage nun mö ſofort d Grübele aber die hin ſoll Dutzend kann m ja, mei Roman Di jungen werden ſem Al und w aus.„ Kinderr aber w höchſt und El Br n Nicht eſter weiß und einen nir, wenn n nein zu Gelehrte, n. Aber, e, da be⸗ n und der eine kleine aben ſind. chaft mehr in, da ſie ich werde s ſage ich ch genug, An einem und Haar les, was eſen Herr⸗ eine Kom⸗ achen— es ihnen denkt, wie ität find, Menſchen mit ihren en Mag 401 man ſie Engel nennen, ſo lange man will, ich kann ſchon ohne das Vergnügen leben, ſie lange auf dem Schooße zu halten. Am Aergſten iſt es mit dem erſten Kinde im Hauſe. Das iſt ein wahres Wunderthier und kann von Vater und Mutter, von Tanten, Couſinen und der ganzen Welt nicht genug mit Geſchenken und Liebkoſungen über⸗ häuft werden. Schreit und lärmt es, ſo iſt es ein däm⸗ merndes Genie; ſchweigt es, ſo iſt es ſchon in der Wiege ein Philoſoph und kaum acht Tage alt, verſteht es ſchon ſchwediſch und beinahe auch deutſch. Und—„r beißt, der ſüße Engel!— Er hat einen Zahn bekommen— er beißt wirklich. Ach er iſt göttlich!“ Kommt dann das zweite Kind, ſo iſt dieß ſchon weit weniger wunderbar; ſein Geſchrei und ſeine Zähne ſind nicht halb ſo merk⸗ würdig. Kommt das dritte, ſo iſt das Wunderwerk ganz vorüber; die Tanten fangen an die Köpfe zu ſchütteln und zu ſagen:„Es fehlt nicht an Erben im Hauſe! Nun, nun möge es nur hinreichen, ſie alle zu nähren.“ Kommen ſofort das vierte, fünfte und ſechste,— ja, da wollen die Grübeleien kein Ende nehmen. Die Eltern reſigniren, aber die Freunde bekreuzen ſich:„Ei der Tauſend! Wo⸗ hin ſoll das führen, das Haus voll von Kindern. Das Dutzend bald fertig. Die arme Frau! Auf dieſe Art fann man an Leib und Seele bald ſchwach werden. Ja, ja, meine Freunde, dergleichen Dinge ſetzt man nicht in Romane, aber ſo geht es in der Wirklichkeit zu. Fa, ja.“ Die Hofmarſchallin war es, die im Geiſteseifer dem jungen Paare, das am folgenden Tage Mann und Frau werden ſollte, dieſe kleine Predigt hielt. Sie aß an die⸗ ſem Abend die Pfingſtgrütze mit der Frank'ſchen Familie und warf dabei einige heilſame Lehren, für die Zukunft aus. Jakobi lachte herzlich über die Geſchichte von den Kindern und ſuchte Louiſens Blicke aufzufangen; dieſe aber waren feſt auf den Poſtillon geheftet, den ſie mit höchſt würdiger und ernſter Miene legte. Der Landrichter und Eliſe ſahen lächelnd einander an und reichten ſich die Bremer, das Haus. 26 ——— 402 ſich die Hände. Im Uebrigen war die Stimmung in der Familie ganz roſenfarbig; Briefe von Petrea hatten ihre Freunde durchaus befriedigt und im Familienkreiſe ſaß CGva mit wiederkehrenden, obwohl blaſſen Roſen auf den Wangen. Der Landrichter ſaß zwiſchen, Cva und Leonore und entwarf auf der Karte den Reiſeplan für den Sommer. Tisdedal, Ringeriget, Tellemarken ſollten beſucht und der Weg über Drontheim nach dem Norrlande gemacht wer⸗ den, wo man die Mitternachtsſonne begrüßen wollte. Gabriele ſah nach ihren Blumen und begoß den Myrthenbaum, von dem ſie am nächſten Morgen Zweige brechen wollte, um für Louiſe Kranz und Krone zu flech⸗ ten. Jakobi ſaß neben der Mutter und ſchien ihr gar viel zu ſagen zu haben, man hoͤrte nicht was, aber oft führte er ihre Hand an ſeine Lippen, ganz wie wenn er ihr für ſein Lebensglück danken wollte. Er ſah mild und glücklich aus. Man hatte bereits Alles für den morgen⸗ den Tag in Ordnung gebracht, ſo daß man dieſen Abend in Ruhe zubringen konnte. Die Trauung ſollte nach Jakobis Wunſch in der Kirche ſtattfinden und dann wollte man en famille zu Mittag ſpeiſen. Abends aber ſollte ſich in einem beſon⸗ ders dazu gemietheten Local eine große Geſellſchaft ver⸗ ſammeln. Der S'ſche Salon nebſt zugehörendem Garten war zu dieſem Zweck der Familie überlaſſen worden. Der Landrichter hatte dieß veranſtaltet, weil er zum letzten⸗ mal, wahrſcheinlich auf viele Jahre, ihre vielen Bekannten und Freunde, welche auch pie der Familie waren, um ſeine Tochter zu verſammeln, und zugleich dieſen eine will⸗ kommene Artigkeit zu erweiſen wünſchte. Er ſelbſt hatte mit Hülfe Leonorens, die Aller Hülfe war, und Jakobi die ganze Anordnung des abendlichen Feſtes übernommen, damit Eliſe nicht damit angeſtrengt und beunuhigt werden möchte. Beim Abendeſſen ſaßen die Verlobten neben einander. Jakobi ſtellte ſich zuweilen, als verwechſelte er ſeinen und Louiſens Teller, was viele würdige Blicke und Zu⸗ rechtwe anlaßte S Louiſe Bräuti Menge ten in zes unt armen, Seiten eines k P Pfingſt die Vö lich fri die Mn bei ihre hoͤchſten ſein ſch ſens S als ſie ein wir Roſenkr mit die höchſt beſonde Brautk Werk ihr Ge Ganze. ng in der atten ihre reiſe ſaß auf den d Leonore Sommer. t er acht wer⸗ lte. egoß den en Zweige zu flech⸗ ie ar aber oft wenn er mild und morgen⸗ ſen Abend h in der mille zu em beſon⸗ chaft ver⸗ m Garten rden. Der m letzten⸗ Bekannten varen, um eine will⸗ elbſt hatte nd Jakobi rnommen, igt werden einander. er ſeinen e und Zu⸗ 403 rechtweiſungen und in Folge derſelben viele Heiterkeit ver⸗ anlaßte. Später, als man ſich zur Ruhe begeben wollte, fand Louiſe ihren Toilettentiſch überdeckt mit Geſchenken von Bräutigam, Eltern, Geſchwiſtern und Freunden. Eine Menge Arbeiten waren von Petrea. Dieſe Gaben erweck⸗ ten in ihr vermiſchte Gefühle der Freude und des Schmer⸗ zes und als ſie eilte, die Geliebten noch einmal zu um⸗ armen, von denen ſie bald ſcheiden ſollte, fielen auf beiden Seiten einige Thränen. Aber Abendthau iſt der Vorbote eines klaren Morgens und dieſer traf auch hier ein. Der Hochzeittag. Die Sonne ſchien klar und warm am Morgen des Pfingſttages. Blumen und Laub glänzten im Morgenthau, die Vögel ſangen, die Glocken der Kirche erklangen feier⸗ lich froh. Der Myrthenkranz war bald geflochten und die Mntter nebſt Leonore und Gabriele halfen der Braut bei ihrer Toilette. Man erwartete, daß Jakobi in der hoͤchſten Eleganz auftreten werde und wollte nicht, daß ſein ſchönes Ausſehen die Braut verdunkeln ſollte. Loui⸗ ſens Schweſtern ließen ſich das weit mehr angelegen ſein, als ſie ſelbſt. Gabriele ſchmückte das Haar— ſie beſaß ein wirkliches Talent für dieſe Kunſt, halb ausgeſchlagene Roſenknospen wurden in den Myrthenkranz geſteckt und mit dieſer und jener unſchuldigen Kunſt der Toilette eine hochſt glückliche Wirkung hervorgebracht. Louiſe ſah ganz beſonders gut aus in ihrem einfachen, geſchmackvollen Brautkleide— größtentheils ihrer eigenen geſchickten Hände Werk und die Zufriedenheit, die ſchöne Ruhe, die über ihr Geſicht verbreitet war, goß eine Verklärung über das Ganze. 404 „Du ſiehſt heute ſo bleich aus in dem weißen Kleid, liebe Eva,“ ſagte Leonore, indem ſie der Schweſter beim Ankleiden half. Du mußt etwas Rothes um den Hals nehmen, was dich aufhellt, ſonſt wird unſre Braut ängſt⸗ lich, wenn ſie dich ſieht.“ „Wie du willſt, Leonore. Soll ich dieſen Shawl da anziehen? Ich kann mich auch ein wenig ſchminken, ich will Niemand mehr betrüben.“ Als die feſtlich geſchmückte Familie zum Frühſtück zuſammenkam, war dieß ein ſchöner Anblick. Aber der Familienvater ſah nicht heiter, ſondern eher düſter aus. Als Jakobi hereinkam, ſah man mit Verwunderung, daß ſeine Toilette ziemlich nachläſſig war. Er war ausgeweſen, war warm, ſein Haar war in Unordnung, er befand ſich offenbar in einer aufgeregten Stimmung, aber ſchön war er bei all dem. Er küßte ſeine Braut auf Hand und Mund und gab ihr ein friſchgepflücktes Bonquet von ſchö⸗ nen Wieſenblumen, nebſt einigen prachtvoll eingebundenen Büchern, Franzens und Wallins Predigten, welche Gabe von unſerer vernünftigen Predigtfreundin hochgeſchätzt und mit großer Freude aufgenommen wurde. Nach dem Frühſtück eilte Jakobi, ſeine Toilette in Ordnung zu bringen. Sodann ging man in die Kirche. Das Wetter war unendlich ſchön, Schaaren von feſtlich gekleideten Menſchen ſtrömten herbei, theils dem Geiſt⸗ lichen, der heute predigte, noch mehr aber dem Brautpaare zu liebe. Es war der Familie eine angenehme Ueber⸗ raſchung, als beim Eingange des Kirchhofs mehrere junge Mädchen den ganzen Weg bis zur Kirchthüre vor dem Brautpaare her mit Blumen zu beſtreuen anfingen; auch die Kirche war mit Laub und Blumen geſchmückt. Als der Landrichter hier ſeiner Tochter Hand er⸗ faßte, ſpürte ſie, daß die ſeinige kalt war und zitterte. Sie ſa ruhe, ruhig, er ihre ſeine K 8 äußerſt äußerli ihr Au ungew 2 eigniß gnüger vergebr großen gen; dort e mitten ſchien zu wol lichſten Hauſe ſeine L Gabrie Biener 2 ſchloſſe blieben Stund wurde. zen T Menſc Hand ganzen ter ut n Kleid, ſter beim en Has it ängſt⸗ hawl da iken, ich Frühſtück Aber der ſter aus. ung, daß sgeweſen, fand ſich chön war m n von ſchö⸗ bundenen che Gabe chätzt und vilette in e Kirche. n feſtlich m Geiſt⸗ rautpaare e Ueber⸗ ere june vor dem en; auch t. Hand er⸗ zitterte. 40⁵ Sie ſah zu ihm auf und las auf ſeinem Geſichte die Un⸗ ruhe, die in ſeiner Seele kämpfte. „Vater,“ ſagte ſie leiſe zu ihm,„ich fühle mich ſo ruhig, ſo glücklich.“ „Dann bin ich es auch, mein Kind,“ ſagte er, indem er ihre Hand drückte, und von dieſem Augenblick an war ſeine Haltung ruhig, beinahe ganz wie gewöhnlich. Jakobi war vor und unmittelbar nach der Ceremonie äußerſt aufgeregt; er weinte viel. Louiſe dagegen war äußerlich vollkommen ruhig; ſie ſchien etwas blaß, aber ihr Auge war klar und beinahe fröhlich;— ein äußerſt ungewohnlicher Kontraſt bei einem Brautpaar. Auf dem Rückweg von der Kirche fiel ein kleines Er⸗ eigniß vor, das Allen und beſonders dem Landrichter Ver⸗ gnügen machte. Als der Zug an den Trümmern des nie⸗ dergebrannten Hauſes vorüberkam, ſah man plötzlich einen großen Bienenſchwarm über die Bäume des Gartens ſtei⸗ gen; er wälzte ſich um den Markt herum, als ſuchte er dort eine Wehnſtätte, kehrte endlich zurück und ſetzte ſich mitten unter den Ruinen des früheren Küchenherdes; er ſchien ſich den Backofen zur Heimath auserſehen zu wollen. Man hielt dieß für ein Vorzeichen der glück⸗ lichſten Art und als der Landrichter ſeine Tochter nach Hauſe geführt hatte, begab er ſich ſogleich dahin, um ſeine Bienen in eine paſſende Wohnſtätte zurückzubringen. Gabriele folgte ihm mit Baron Ls. Abhandlung über die Bienenzucht in der Hand. Als Louiſe wieder in die Arme ihrer Mutter ge⸗ ſchloſſen wurde(die Mutter war bei Eva zu Hauſe ge⸗ blieben), überkam ſie ein leichtes Zittern, das mehrere Stunden dauerte, aber nur von der Mutter bemerkt wurde. Etwas ernſter als gewöhnlich blieb ſie den gan⸗ zen Tag. Jakobi dagegen, nachdem er ausgeweint, alle Menſchen umarmt, ſeine Braut auf Lippen, Backen, Hand und Fuß geküßt hatte, bekam große Luſt, mit der ganzen Welt herumzutanzen. Er war ſo ſprühend hei⸗ ter und glücklich und dabei ſo liebenswürdig, daß nach 406 und auf Alle etwas von ſeiner Stimmung über⸗ ging. Nachmittags um halb fünf Uhr verſammelte man ſich in dem S'ſchen Garten, wo die Zeit aufs Angenehmſte mit Muſik, Spaziergängen, Geſprächen, dem Genuſſe von Eis und Früchten zugebracht wurde und wozu der liebe Herrgott den klarſten Himmel und die reinſte Luft hergab. Später am Abend tanzte man in dem großen Saale. Keine Dame durfte ſitzen und kaum ein Herr durfte ſtehen; Alle mußten hüpfen. Weiter haben wir von dem Ball Nichts zu erzählen, aber was ſich nach demſelben zutrug, können wir nicht mit Stillſchweigen übergehen. Als die Geſell⸗ ſchaft aus dem Tanzſaal über den Garten in den Speiſeſaal gehen ſollte, bemerkte man, daß es nicht unbedeutend ge⸗ regnet hatte und noch immer tröpfelte. Da entſtand eine große Beſtürzung unter den Damen, denn ſämmtliche Ueber⸗ kleider waren auf der andern Seite: man hatte ſie in dem ſchönen Wetter ganz vergeſſen. Nun war es nach dem Volksglauben in Schweden ganz in der Ordnung und ein Glück, wenn Regentropfen in den Kranz der Braut kamen; daß aber ihre ſeidenen Schuhe naß werden ſollten, verſtieß gegen Vorſicht und Eigenthumsſinn. Und dann die andern »Frauenzimmer alle! Man mußte die Kleider herüberſchaffen. „Ich will dafür ſorgen!“ rief Jakobi, nahm ſeine über⸗ raſchte Braut in die Arme und trug ſie über den Garten. Was er während der Fahrt ihr ins Ohr flüſterte, können wir nicht ſagen, ſo viel aber müſſen wir hinzuſetzen, daß dieſe That ihm große Gunſt bei den Damen verſchaffte. Die Neuvermählten blieben noch einige Tage nach der Hochzeit im elterlichen Hauſe und fröhliche Tage waren das, nur gar zu zerſtreuungsreich, denn alle Freunde und Bekannte wollten das junge Paar bei ſich ſehen und bewirthen. Die Hofmarſchallin gab ihnen ein Mit⸗ tagsma nach S einem! war, verliere Louiſe nille h wollten die alt ten ber holm Thrän« Alte iſ — nu wie fr ſchelm jungen anſtän vatter. ſcheint ſollten ſegne Denkt 4 daß Traun zurüc durch ſtört. jünge den( merte g über⸗ man ſich genehmſte nuſſe von der liebe t hergab. le. Keine en Alle ll Nichts önnen e Geſell⸗ Speiſeſaal utend ge⸗ tand eine he Ueber⸗ ie in dem lach dem ein t kamen; ,verſtieß ie andern rſchaffen. ine über⸗ Garten. newir daß dieſe nach der e waren Freunde ich ſehen ein Mit⸗ ————————————— 407 tagsmahl, wobei ſie erklärte, ſie werde zugleich mit ihnen nach Stockholm reiſen, wo wichtige Angelegenheiten ſie zu einem längeren Aufenthalte nöthigen. So leid es Eliſen war, dieſe vortreffliche, beinahe mütterliche Freundin zu verlieren, ſo ſehr freute ſie ſich über das, was Jakobi und Louiſe durch dieſen Umzug gewannen. Louiſe und Frau Gu⸗ nille hatten zwar nie ſo vollkommen harmonirt, denn beide wollten einander belehren; um ſo beſſer aber verſtand ſich die alte Dame mit Jakobi und ſie hatte die Neuvermähl⸗ ten bereits gebeten, ſo oft als möglich bei ihr in Stock⸗ holm zu ſpeiſen. In der Abſchiedsſtunde ſagte ſie mit Thränen in den Augen zu Eliſe und ihrem Manne: „Wer weiß, wann wir einander wieder treffen? Die Alte iſt bei Jahren— taugt nicht mehr viel in der Welt — nun, nun, der liebe Gott wird ſchon für ſie ſorgen, wie früher. Und hott einmal,“ fügte ſie mit ſchlauer, ſchelmiſcher Miene hinzu,„ſeid nicht unruhig wegen der jungen Leutchen; ich werde ſchon dafür ſorgen, daß ſie ſich anſtändig ſchicken. Beim erſten Kind lade ich mich zu Ge⸗ vatter. Vielleicht treffen wir dann einander. Ja, ja, es ſcheint mir, daß wir einander in Stockholm wieder ſehen ſollten. Nun jetzt leb wohl, mein liebes Elischen. Gott ſegne euch, meine Freunde und laſſe es euch wohl ergehen. Denkt zuweilen an die Alte. Adieu!“ Nach den Mühen des Einpackens— verſteht ſich, daß Louiſe alle ihre Sachen mitnahm— in der ſtillen Traurigkeit der Trennung, kehrte die Ruhe ins Haus zurück und wurde jetzt nur noch auf angenehme Weiſe durch die Vorbereitungen zur Reiſe nach dem Weſten ge⸗ ſtört. Der Landrichter ſchien ſich um dieſe Zeit zu ver⸗ jüngen und eine vermehrte Innigkeit zeigte ſich zwiſchen den Gatten. So gehen zuweilen noch die ſchönſten Som⸗ mertage auf, nachdem bereits der Herbſt ſeinen Einzug 408 ins Jahr gehalten hat. Und wie kommt das? Goit weiß es. Der unſichtbare Genius unſerer Geſchichte führt uns in dieſem Augenblick weit hinweg aus dem friedlichen Hauſe an einen fernen Strand und eröffnet uns den Blick in Ein Krankenzimmer. Wenn die Sonne auf das Haupt des Gekreuzigten ſcheint, wenn der Vogel ſeinen frohen Geſang vor einem gebrochenen Herzen erhebt, ſo findet man vas grauſam. Aber ſchön iſt die bewußtloſe Ironie der Natur im Ver⸗ gleich mit derjenigen, welche ſich in den menſchlichen Zuſtänden kund thut. Ein Beiſpiel davon liegt hier vor uns. Seht dieſe glitzernden falſchen Steine, dieſe rothen Florlappen, dieſe Trümmer von Theaterputz! Sie ſchei⸗ nen die Armſeligkeit in dem Zimmer zu verhöhnen, wo ſie zerſtreut herumliegen; in der elenden Wohnung herrſcht Mangel an Licht, Mangel nicht bloß an allen Annehm⸗ lichkeiten, ſondern auch an den Bedürfniſſen des Lebens. Wo wäre eine Hülfe nothwendiger, als hier? Verlaſſen liegt auf einem dürftigen Lager ein Frauenzimmer, das ſchoͤnere Tage geſehen zu haben ſcheint, denn ſie ſelbſt iſt noch ſchoͤn, ob auch Leidenſchaft und Leiden vor der Zeit das junge Geſicht abgezehrt haben. Fieber brannte auf der eingefallenen Wange, ihre ſchwarzen Augen und ihre Lippen bewegten ſich wild— aber Niemand war da, der mit freundlicher Hand die trockenen Lippen, die heiße Stirne netzte; kein kühlender Fiebertrank ſtand auf dem Tiſch neben dem Bette. Zwei neugeborene Kinder lagen wimmernd neben der kranken Mutter. Un⸗ ruhige Phantaſien ſcheinen die Unglückliche zu erſchüt⸗ tern. Zuweilen richtet ſie ſich mit wilden Gebärden im Bette auf, ſinkt aber bald wieder kraftlos auf ihr Lager zurück und die bleichen von Krampfeszuckungen umfloge⸗ nen Lip Worte „G ich muß iſt gebrr mern zu Hülfe!“ „G die Wo— Wrack zerſchlas im Stu werden ſitzeſt ke kein He du, der Ich wu nicht, d du Eler „E da kom lichter: kleinen ſie es zweig! bleich e und me Waſſer war mi iſt ſo m noch lät Mir ba wieder „„ 2 Gott tns in n Hauſe ck in reuzigten r einem rauſam. im Ver⸗ ſchlichen hier vor e rothen ie ſchei⸗ en, wo herrſcht Unnehm⸗ Lebens. zerlaſſen r, das ie ſelbſt vor der brannte Augen ind war Lippen, ſtand eborene r. Un⸗ erſchüt⸗ den im r Lager mfloge⸗ 409 nen Lippen ſprechen folgende nicht ſehr zuſammenhängende Worte aus einem zerriſſenen Innern: „Es iſt ein bitterer.. ein bitterer Weg! Aber ich muß muß flehen um.. Hülfe! Meine Kraft iſt gebrochen. ich vermag nicht... die Kinder wim⸗ mern zu hören, hungrig, halb nackt! Eltern! Geſchwiſter! Hülfe!“ „Es iſt Nacht! Es ſtürmt ſo kalt! Ich friere.... die Wogen ſchwellen und ſchwellen ſie treiben ein Wrack an den Strand;— ſie wollen es an den Steinen zerſchlagen! Ach warum... warum ſank es nicht ſogleich im Sturme auf dem weiten Meere! Lebendig zermalmt zu werden iſt ſo hart! Und du, der Schuld daran iſt— du ſitzeſt kalt da und ſiehſt zu.— Elender Egoiſt! Wohnt kein Herz in deiner Bruſt? Der Tempel iſt zerſchlagen und du, der ihn zerſplittert, trittſt ſeine Ruinen mit Füßen!— Ich wußte nicht, wie das Unglück ausſah;—— wußte nicht, daß es ein ſolches gibt! O Jammer!... Aber du Flender, der „Stille! Iſt ſie es? Iſt es meine Pflegmutter, die da kommt, ſo freundlich, ſo mild und ſo ſanft? Es wird lichter um mich. Sie wird ihre warmen Hände um meine kleinen Kinder legen, wird die Decke um ſie hüllen, wie ſie es mir gethan. Es ſitzt eine Taube auf dem Lilien⸗ zweig! Itt ſie es? Nein es iſt der Mond, der bleich aus ſchwarzem Gewölke ſtiert. Wie kalt er mich und mein Elend anſieht! Hinweg, Hinweg.“ Schweſtern, ich dürſte! Will keine mir einen Tropfen Waſſer geben? Habt ihr mich Alle, Alle verlaſſen? Es war mir, als ſehe ich euch jüngſt.... aber mein Kopf iſt ſo wunderlich. Vielleicht werde ich närriſch, wenn ich noch länger dürſten muß. Es iſt finſter! Mi bangt! Mir bangt vor dem ſchwarzen Vogel! r nn er wieder kommt, wird er anſangen, mein Herz zu We iſchen aber werde ich einmal wieder geſund, zerfle und geſund 410 ſtark, dann werde ich ihn tödten mit meinen eigenen Händen werde ich ihn erwüͤrgen. Tag und Nacht brennt ein Docht in meines Herzens Lampe, er heißt Haß und das Oel Bitterkeit„„ „Wann werde ich wieder ſtark? Seht ihr, wie ihr mich mißhandelt, mich ans Krankenlager gebunden habt? Hört ihr die Kinder jammern? Die Kinder, die durch des Vaters Mißhandlung zu früh auf die Welt gekommen ſind und jetzt ſterben. Gebt den Kindern zu eſſen, um Gottes Barmherzigkeit willen, Schweſtern! Mich laßt ſterben, aber helft den Kindern. „Jetzt ſind ſie ſtill! Dank, Dank! Werde ich dieſen Morgen ſterben? Nein, nein, noch nicht!.... Die Tiefe iſt ſo finſter! Hu, welcher Abgrund... „Bald kommt der ſchwarze Vogel! Ich war vor ihm geflohen— aber er verfolgte mich und riß mir die Flügei ab, ſo daß ich nicht mehr fliegen kann... „Helft mir auf, ich muß mich ankleiden. Her mit meinem praͤchtigen Kleide! Eilet! Heute Abend werde ich aufs Neue vor dem Publikum auftreten und bewundert werden, werde Händegeklatſch und Bravo rufen hören, werde Kränze zu meinen Füßen fallen ſehen. Seht ihr Schwe⸗ ſtern, das iſt prächtig, das heißt einmal leben, das iſt ein wahrer Freudenrauſch. Seht ihr, wie es glänzt, wie ich ſtrahle! Hört ihr des Beifalls Sturm! Wie er donnert! Aber, warum verſtummt er? Warum iſt es jetzt wieder ſtill? Still und finſter wie im Grabe!.. Es war eine kurze Freude!... Verflucht ſei der, der ſie ſo kurz gemacht hat!“ „Sieh mich nicht ſo ſtreng an, Pflegvater. Bin ich nicht ſchon geſchlagen genug? Dein ſtrenger Blick— er durchbohrt mich. Gib mir deine Hand, damit ich ſie auf meinen brennenden Scheitel lege!... Du wendeſt dich ab! Du gehſt! O... Es iſt ſo öde! Das Ufer hat ſo ſcharfe Steine! Es iſt hart, daran zerſchellt zu werden.“ „J ſo leben— Nichts l gen!. ſtern, di gleich g irren ſel töſe? E kommt. M dem Be ſtel lebl Bettes In gekleivet etwas g ſichtes, deutliche war. 2 Geſicht das des ſich beir lager., ſpät. D Vr Blicke e zeigt un Ar Wander eigenen t brennt aß und wie ihr n habt? urch des nen ſind Gottes en, aer h dieſen vor ihm Her mit verde ich ewundert n, werde Schwe⸗ s iſt ein „wie ich donnert! twieder Es war ſo kurz Bin ich er ſie au dich ab! iſt hart, 411 „Ich will nicht ſterben. Ich bin noch ſo jung;— ſo lebenskräftig meine Seele! Ich will nicht in das ewige Nichts hinabgehen, nein!... „Wer rettet mich? Dort kommen ſchäumende Wo⸗ gen!.... Oder ſind es eure weißen Arme, Schwe⸗ ſtern, die ſich nach mir ausſtrecken? Seid ihr es, die ich gleich grauen, nebligen Geſpenſtern um den Sarg herum⸗ irren ſehe? Seid ihr auch geſtorben? Hört ihr das Ge⸗ töſe? Es iſt der Tod es iſt der ſchwarze Vogel, der fommt. Jetzt muß ich fliehen„fliehen oder ſterben!“ Mit heftiger Anſtrengung hatte die Raſende ſich aus dem Bette erhoben, ſie that ein Paar Schritte und— ſtel leblos nieder. Der Kopf ſtieß gegen die Ecke des Bettes und ein Blutſtrahl entquoll ihren Schläfen. In dieſem Augenblick trat ſachte ein großer ſchwarz gekleideter Mann herein. Helle Locken umgaben das edle, etwas gealterte Haupt; der milde ernſte Ausdruck des Ge⸗ ſichtes, des blauen Auges liebevoller Blick zeigten noch deutlicher, als die Tracht des Mannes, weſſen Diener er war. Ihm folgte ein Frauenzimmer, deſſen nicht ſchoͤnes Geſicht dennoch das Gepräge derſelben Schönheit trug, wie das des Mannes. Mit einem Blick tiefen Mitleids ſahen ſich beide im Zimmer um und näherten ſich dem Kranken⸗ lager.„Barmherziger Gott!“ flüſterte ſie,„wir kommen zu ſpät. Die Kinder ſind todt und— die Mutter gleichfalls.“ Von dieſem düſteren Gemälde wenden wir jetzt unſere Blicke ab und laſſen ſie auf einem freundlicheren ruhen; es zeigt uns Eine Landſchaft. Auf einer Höhe des Doverfields erblicken wir drei Wanderer, einen älteren Mann und zwei junge Frauen⸗ 412 zimmer. Er ſcheut die Mühe nicht, weder für ſich, noch für ſie; er ſcheint ſie darin uben zu wollen, daß ſie da⸗ mit ſpielen. Aber er thut es ſo liebevoll, er geht ihnen ſo freundlich, ſo gütig voraus, reicht ihnen ſeine Hand, ermahnt ſie, noch eine Anſtrengung zu machen, ſo werden ſie bald die herrlichſte Ausſicht erblicken, werden ausruhen können und die Sennerhütte dort oben werde ihnen Er⸗ friſchungen bieten. Und die Töchter folgen ihm lächelnd, überwinden ihm zu Liebe Schwachheit und Müdigkeit. Jetzt ſind ſie oben auf der Hihe, die ſie ſich zum Ziele geſteckt; — und es war wohl der Mühe werth, es ſich ihretwegen ſauer werden zu laſſen. Die Erde liegt da unten ſo reich mit ihren Hohen und Thälern, mit ihren dunkeln Wäl⸗ dern und fruchtbaren Gefilden und dort in weiter Ferne vereinigen ſich Meer und Himmel in majeſtätiſcher Ruhe. Mit einem Ah! des Entzückens breitete der Vater ſeine Arme gegen die herrliche Ausſicht aus und der Wind des Berges, hier nicht ſcharf, ſondern mild, wie des Frühlings Hauch, kühlte angenehm die Wangen der Wanderer. Der Vater geht in die Sennerhütte, um Milch für ſich und die Seinigen zu verlangen. Inzwiſchen ruht eine der Töchter auf einem moosbedeckten Steine, den Rücken von der Felſenwand geſchützt. Mandelduftende Linnöen ſchlingen einen Kranz um ihre Füße und die Freudengeſänge der Vögel ſteigen aus dem Thale auf. Die Schweſter, die neben ihr ſteht und an welche ſie ih⸗ ren ſchönen Kopf lehnt, während der Wind in den brau⸗ nen Locken ſpielt, ſieht auf die gemüthlichen Wohnungen, die da unten zwiſchen grünen Bäumen und klaren Waſ⸗ ſern liegen und ihr liebevolles, aber leidenſchaftsfreies Herz erfreut ſich der Scene, welche zu ſagen ſcheint: „Hier kann man ruhig und glücklich leben.“ Da hört ſie ihren Namen von einer lieblichen Stimme nennen, es iſt die Evas, welche, indem ſie mit Blick und Hand an den Himmel zeigt, wo die Wolken ſich zu theilen an⸗ fangen und blaue Lichter gleich freundlichen Augen her⸗ vorblicken wird klar „Wi nore mit ihre War Wer genug ge hört man kleinen S hat es ſo die junge Reich zu junge iſt Sehnſuch gewiß, Stimmer findet det Wachs d verlangt einander Hauſe tr aus, hin hinein! Die ſelbe we jenige hi verfjeld längerer, gekehrt i Die ich, noch ſie da⸗ ht ihnen e Hand, o werden ausruhen nEr⸗ lächelnd, eit. Jetzt geſteckt; retween ſo reich ln Wäl⸗ er Ferne er Ruhe. ter ſeine e Wind wie des igen der Rilch für en ruht ine, den lduftende und die ae af. e ie ih⸗ en brau⸗ hnungen, en Waſ⸗ aftsfreies ſcheint: Da hört nennen, nd Hand eilen an⸗ en her⸗ 413 vorblicken, zärtlich lächelnd ſagt:„Leonore, ſiehſt du, es wird klar.“. „Wird es klar? Ach Gott ſei Dank!“ flüſterte Lev⸗ nore mit Freudenthränen in den Augen, indem ſie ſanft ihre Wange än die Stirne der Schweſter lehnte. Aus und ein, auf und ab. Wenn im Bienenſtocke der neue Schwarm kräftig genug geworden iſt, die eigenen Schwingen zu verſuchen, hört man an ſtillen Abenden mahnende Stimmen in dem kleinen Staate rufen:„Hinaus, hinaus, hinaus!“ Man hat es ſo gedeutet, es ſei dieß die alte Königin, welche die junge in die Welt hinausmahnt, um ſich ein eigenes Reich zu ſchaffen. Ich möchte lieber glauben, daß es die junge iſt, die in dieſen Tönen ihre eigene und der Ihrigen Sehnſucht ſingt. Dem ſei, wie ihm wolle, ſo viel bleibt gewiß, daß im Menſchenkorbe, dem Hauſe, ähnliche Stimmen ſich zuweilen hören laſſen. Denn auch hier findet der junge Schwarm, nachdem er vom Honig und Wachs des Hauſes ſtark geworden, die Stube zu eng und verlangt hinaus, hinaus! Dies haben alle Häuſer mit einander gemein, aber nur in dem guten und glücklichen Hauſe trifft es ſich, daß dieſelben Stimmen, welche hin⸗ aus, hinaus riefen, nachher noch lauter rufen,„hinein, hinein!“ So verhielt es ſich im Frank'ſchen Hauſe. Die Periode, in der wir jetzt einen Blick auf daſ⸗ ſelbe werfen wollen, führt uns einige Jahre über die⸗ jenige hinaus, wo wir Vater und Töchter auf dem Do⸗ verfjeld erblickten und zeigt uns unſere Petrea, die nach längerer Abweſenheit neuerdings in die Heimath zurück⸗ gekehrt iſt. Die Mutter, Petrea und Gabriele ſind in einem 414 Geſpräche begriffen, das ſie alle drei lebhaft zu intereſ⸗ ſiren ſcheint und man hort der Mutter milde Stimme ſagen: „Du kannſt frei über dich beſchließen, mein gutes Kind, das weißt du wohl. Aber ſo wie du Herrn M. beſchreibſt und mit dem Gefühl, oder vielmehr mit dem Mangel an Gefühl für ihn kann ich nicht glauben, daß du mit ihm glücklich wirſt und kann dir nicht zu dieſer Verbindung rathen. Da haſt du einige Krachmandeln, mein liebes Mädchen. Wir vergeſſen deine kleinen Liebha⸗ bereien nicht ſo bald. Ich ſtelle hier den Korb vor dich hin.“ „Und die Gräfin Sonnenſtrahl,“ ſagte ſchelmiſch die lebhafte Gabriele,„hat ſelbſt für ihren Herrn M. ge⸗ ſprochen und ihm ihr Haus angeboten. Sehr artig und ſchön von ihr. Und du, Petrea, haſt du denn keine Luſt mehr zu dieſer Höhe?“ „Ach nein, Gabriele,“ antwortete Petrea,„dieſes kindiſche Verlangen iſt längſt vorüber! Es iſt eine andere Art von Höhe, nach der ich mich ſehne.“ „Und dieſe heißt?“ fragte Gabriele mit einem Strahl in ihren ſchönen Augen, welcher zeigte, daß ſie recht gut wußte, was ſie jetzt nur noch mit Worten hören wollte. „Ich weiß nicht, wie ich ſie nennen ſoll, aber es lebt und regt ſich hier eine ſchwer zu beſchreibende Sehnſucht,“ ſagte Petrea, indem ſie die Hand auf ihre Bruſt legte und ihre Augen ſich mit Thränen füllten. O, wenn ich hinaufkommen könnte—— hinauf zum Licht', hinauf zu einem höhern freiern Leben!“ „Du darfſt nicht ſterben wollen,“ ſagte Gabriele eifrig.„Nicht, als ob ich den Tod jetzt noch fürchtete. Seit Heinrich dieſen Weg gegangen iſt, denke ich ganz anders darüber, als früher. Der Himmel iſt dem Grabe ganz nahe gekommen. Sterben heißt für mich zu ihm in ſein Haus gehen. Aber dennoch bin ich ſo froh, mit den Meinigen hier leben zu dürfen, und du, meine liebe Petrea, mußt auch ſo empfinden. Ach das Erdenleben mit denjenigen, die man liebt, kann ja ſo ſchon ſein.“ als je, Deßhalb bis ich Leben m Wirkſan komme, noch gef „S „wie un Theil fü dige thu hübſches Mutter ſchien: Pe oder gel irgend e beiten, darauf! o da ha Leben a mich na gelauſch ach die und Ni Pe thränent Gabriele „A ich, ich ich fühl und ich⸗ deſſen( ſchieden „ Mutter intereſ⸗ Stimme in gutes errn M. mit dem en, daß zu dieſer mandeln, Liebha⸗ ich hin.“ miſch die M. ge⸗ rtig und eine Luſt „dieſes e andere n Strahl recht gut wollte. er es lebt hnſucht,“ ruſt legte wenn ich hinauf zu Gabriele fürchtete. ich ganz m Grabe im o, mit eine liebe rdenleben ſein.“ 415⁵ „So denke, ſo fühle auch ich, Gabriele, und mehr als je, ſeit ich wieder bei den Meinigen zu Hauſe bin. Deßhalb will ich gerne auf der Erde leben, wenigſtens bis ich mich beſſer vorbereitet habe. Aber gerade dieſes Leben muß ich in der Ausübung einer Thätigkeit, einer Wirkſamkeit empfinden, worin ich zum Bewußtſein deſſen komme, was in mir lebt;— es regt ſich in mir ein noch gefeſſelter Geiſt, der nach Befreiung verlangt.“ „Sonderbar!“ ſagte Gabriele halb mißvergnügt; „wie ungleich doch die Menſchen ſind! Ich für meinen Theil fühle gar keine Luſt zur Wirkſamkeit. Ich Unwür⸗ dige thue am allerliebſten Nichts.“ Und ſie lehnte ihr hübſches Köpfchen mit halbgeſchloſſenen Augen an die Mutter, welche ſie mit einem Blicke anſah, der zu ſagen ſchien: Lebe nur, ſo thuſt du genug!“ Petrea fuhr fort:„Wenn ich von Menſchen geleſen oder gehört habe, welche für irgend eine große Sache, irgend eine Entwicklung in der Menſchheit leben und ar⸗ beiten, welche alle ihre Gedanken und alle ihre Kräfte darauf wenden, welche dafür leiden und ſterben durften, o da habe ich geweint vor brennender Sehnſucht, mein Leben auch ſo anwenden und opfern zu dürfen. Ich habe mich nach einer Gelegenheit dazu umgeſehen, habe darauf gelauſcht, darauf gewartet und ſie herbeigerufen. Aber ach die Welt ging ihren Gang an mir vorüber. Niemand und Nichts bedurfte meiner.“ Petrea weinte und lachte bei dieſen Worten und mit thränenden Augen, aber lächelnd hörten die Mutter und Gabriele ſie an. Sie fuhr fort: „Als ich jetzt Gelegenheit bekam zu heirathen, dachte ich, ich will in dieſem Kreiſe wirkſam werden. Aber ach, ich fühle es klar, es iſt doch nicht der rechte für mich und ich paſſe nicht dazu, beſonders mit einem Manne, deſſen Geſchmack und Gefühle von den meinigen ſo ver⸗ ſchieden ſind.“ „Aber, mein gutes Mädchen,“ unterbrach ſie die Mutter etwas bekümmert,„wie kam er denn auf den 416 Glauben, es herrſche eine ſo große Sympathie zwiſchen euch, daß er förmlich als Freier auftrat? Aus ſeinem nicht, k Briefe geht hervor, daß er ſich deiner Ergebenheit ganz wiß ſehr ſicher glaubt und feſt überzeugt iſt, ihr paſſet ſehr gut„S zuſammen.“ die Sac „Ach,“ antwortete Petrea erröthend und nicht ohne„S Verlegenheit,„das hat auch ſeine zwei Urſachen und iſt rathen, theils ſeine, theils meine Schuld. Auf dem Lande, ww nen Et ich ihn traf, war er viel ſich ſelbſt überlaſſen; Niemand recht un bekümmerte ſich um ihn; er hatte lange Weile und deß⸗ von der halb fing ich on, ihm Vergnügen zu machen.“ uns beit „Sehr edel!“ ſagte Gabriele lächelnd. kreis na „Nicht ſo ganz, wie du glaubſt!“ antwortete Petrea finden. wieder erröthend,„denn— für's Erſte wollte ich aller⸗ wollen n dings ihm Vergnügen machen, aber dann wollte ich auch rechthelſi mich ein wenig vergnügen. Ja die Wahrheit iſt die, Pet daß. daß. ich nichts zu thun hatte und in⸗ gen, Ho dem ich mich mit Herrn M. beſchäftigte, dachte ich, es noch in wäre doch nicht ſo übel, ihn auch ein Bischen mit mir ſamkeit, zu beſchäftigen. Deßhalb ließ ich mich mit ihm auf lich mac Unterhaltungen und allerlei Klatſchereien ein. Deßhalb ſprüche e machte ich ihm Aprikoſen ein, deßhalb erzählte ich ihm von mir Geſchichten, deßhalb ſang ich ihm auch Abends in der ringſte 2 Dämmerung vor„Willkommen, o Mond,“ und welche t ließ ihn, wenn er Luſt hatte, glauben, daß er der Mond Menſcher ſei.. Mutter und du Gabriele verzeiht mir! Ich glückſelig weiß, wie unrecht und unpaſſend dies Alles iſt. Verſuch aber ach! Ihr glaubt nicht, wie gefährlich es iſt, müßig zuſpreche zu ſitzen, wenn man einen wirkſamen Geiſt in ſich hat das Mar und einen Gegenſtand vor ſich, der ihr lacht! geſchickt Gott ſegne euch dafür! Die Sache iſt auch nichts An⸗ günſtig deres werth, denn tragiſch iſt ſie einmal in keiner Be⸗ d ziehung, hätte es aber vielleicht werden können, wenn Wirkung ich Ernſt daraus gemacht und um meiner Sünden willen nüliches M. geheirathet hätte. Ich hätte für ihn doch nur als„ ſellſchaft Haushälterin und Puppe Werth gehabt und dieß wäre und in die Länge nicht angegangen. Ueherdieß liebt er mich z5 Pet großen e zwiſchen us ſeinem heit ganz tſehr gut nicht ohne n und iſt nde, wo Niemand und deß⸗ ete Petre ich aller⸗ eich auch it iſt die, e in⸗ te ich, es mit mir ihm auf Deßhalb e ich ihm ids in der nd,“ und der Mond nir! Ich i t, müßig ſich hat hr lacht! ichts An⸗ keiner Be⸗ en, wenn den willen h nur als dieß wäre t er mich 417 nicht, kann mich nicht ernſtlich lieben und würde ſich ge⸗ wiß ſehr leicht über meine Weigerung troſten.“ „So laß ihn ſich tröſten und denke nicht weiter an die Sache,“ brach Gabriele lebhaft aus. „So meine ich auch,“ ſagte die Mutter,„denn hei⸗ rathen, bloß um verheirathet zu ſein, um eine Verſorgung, einen Etat und wie dieß Alles heißt zu erhalten, iſt nicht recht und überdieß in deinen Verhältniſſen das Unnöthigſte von der Welt. Du weißt, mein beſtes Kind, daß wir für uns beide und dich genug haben und einen Wirkungs⸗ kreis nach deinen Bedürfniſſen wirſt du ſeinerzeit ſchon finden. Dein Vater kommt bald nach Hauſe und dann wollen wir mit ihm darüber ſprechen. Er wird uns zu⸗ rechthelſen.“ Petrea ſeufzte und ſagte:„Ich habe wohl Ahnun⸗ gen, Hoffnungen gehabt, Träume vielleicht und ſie leben noch in meiner Seele— von einem Weg, einer Wirk⸗ ſamkeit, die mich nach meinen Kräſten nützlich und glück⸗ lich machen würde. Ich mache jetzt minder große An⸗ ſprüche an das Leben, als früher, ich halte weit weniger von mir ſelbſt— aber o, dürfte ich mich als das ge⸗ ringſte Atom von Licht einem der Strahlen anſchließen, welche durch die Menſchheit gehen und die Seelen der Menſchen erquicken, ſo würde ich Gott danken und mich glückſelig preiſen. Ich habe, wie ihr beide wiſſet, einen Verſuch gemacht, in einem Buche etwas von dem aus⸗ zuſprechen, was in mir gelebt hat und noch lebt; ich habe das Manuſeript einem wiſſenſchaftlich gebildeten Verleger geſchickt, um es zu beurtheilen und im Fall das Urtheil günſtig lautete— weiter in die Welt zu befördern. Sollte dieß gelingen, ſollte ſich mir auf dieſem Wege ein Wirkungskreis eröffnen— o dann könnte ich einmal ein nützliches und glückliches Mitglied der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft werden, könnte den Meinigen Freude machen und Petrea wurde hier durch die Ueberbringung eines großen an ſie adreſſirten Pakets unterbrochen. Eine Bremer, das Haus. 27 418 unheimliche Ahnung durchrieſelte ſie und ihr Herz klopfte heftig, als ſie das Siegel erbrach und— ihr eigenes Manuſcript wieder erkannte. Der wiſſenſchaftlich gebildete Verleger war es, der es zurückſandte und ein kleines Bil⸗ let beifolgen ließ, mit der erbaulichen Nachricht, er könne nicht das Geringſte für das Buch bieten, ja nicht einmal die Druckkoſten auf ſich nehmen. „Alſo auch dieſer Weg verſchloſſen!“ ſagte getrea und lehnte die Stirne in die Hand, damit Niemand ſe⸗ hen möchte, wie ſehr es ihr zu Herzen gieng. Sie hatte ſich alſo in ihren Gaben, ihren Talenten getäuſcht. Aber, wenn auch dieſer Weg verſchloſſen war— was follte fie nun beginnen? Die Heirath mit Herrn M. begann wie⸗ der in ihrem Kopfe zu ſpuken. Sie tappte im Finſtern umher. Aber Gabriele wollte den literariſchen Weg nicht für verſchloſſen anſehen, ſie war ſehr böſe auf den Buchhändler. „Er iſt ſicherlich ein Menſch ohne allen Geſchmack!“ „Ach!“ ſagte Petrea halblächend,„ich möchte mir auch gern damit ſchmeicheln, und daß, wenn nur das Buch einmal gedruckt wäre, dann ſchon. aber daran iſt jetzt nicht mehr zu denken.“ Gabriele ſ es ſehr der Mühe werth, daran zu denken und zweifelte nicht, daß man ſchon auf die eine oder andere Art Mittel finden werde, dem Herrn Buch⸗ händler eines Tags eine lange Naſe einzubringen. Die Mutter war auch dieſer Meinung und ſprach von der baldigen Rückkehr ihres Mannes. Er werde ſchon Alles in Ordnung bringen.„Bleibe jetzt nur ruhigh bei uns,“ fügte ſie zärtlich tröſtend hinzu,„und laß uns die Sache mit Muße überlegen. Wegen der Mittel zu deinem Buche brauchſt du nicht unruhig zu ſeinz ſie wer⸗ den ſich ohne Schwierigkeit finden, wenn wir nur einmal etwas mehr Zeit haben.“ „Und,“ ſiel Gabriele ein,„du wirſt hier ſo viele Ruhe haben, als du nur wünſchen kannſt. Wenn du den gar willſt, allen de gen, w Ich wer wenn m an den deine T Und des ter uns kommen lich unt Und dei hinausſe machen. Ih glücklich tigkeiten bieten! Pe Thränen ſtand ſie vor dem Alles be Feſt zu kauften ſterblech davon. Seele. manche manden mich nie ihr Sch ſo will Un Herz klopfte ihr eigenes ch gebildete kleines Bil⸗ t, er könne ſicht einmal igte Petrea tiemand ſe⸗ Sie hatte ſcht. Aber, as follte fie egann wie⸗ m Finſtern g nicht für uchhändler. nack!“ möchte mir rdas Buch r daran iſt daran zu uf die eine en Buch⸗ n. und ſprach Er werde nur ruhig nd laß uns Mittel zu nz ſie wer⸗ nur einmal ier ſo viele Wenn du 419 den ganzen Tag aufs Leſen und Schreiben verwenden willſt, ſo ſoll dich Niemand ſtören, ich werde mich mit allen deinen Freundinnen und Bekanntinnen herumſchla⸗ gen, wenn es nöthig iſt, um deine Ruhe zu ſchützen. Ich werde bloß zu dir hineinkommen, um dir zu ſagen, wenn man frühſtückt und wenn man zu Mittag ſpeist; an den Poſttagen komme ich zur Poſtſtunde, klopfe an deine Thüre, nehme deine Briefe und ſchicke ſie fort. Und des Abends dann— dann werden wir dich doch un⸗ ter uns zu ſehen bekommen! Du glaubſt nicht, wie will⸗ kommen du ſein wirſt. Ach ſicherlich wirſt du dich glück⸗ lich unter denjenigen fühlen, die dich ſo ſehr lieben. Und dein Buch— das wollen wir ſchon in die Welt hinausſchicken, und es wird auch einmal ſein Glück machen.“ Ihr lieblichen Stimmen, ihr Stimmen, die ihr in glücklichen Häuſern zu Hauſe ſeid, für welche Widerwär⸗ tigkeiten, für welchen Schmerz wüßtet ihr nicht Troſt zu bieten! Petrea empfand ihren heilenden Balſam. Sie weinte Thränen der Liebe und Dankbarkeit. Eine Stunde ſpäter ſtand ſie ruhiger am Fenſter und betrachtete die Scene vor demſelben. Die Weihnachten waren im Anzug und Alles befand ſich in lebhafter Bewegung, um das ſchöne Feſt zu feiern. Die Läden ſchmückten ſich und die Leute kauften ein. Ein kleiner Vogel kam und ſetzte ſich auf das Fen⸗ ſterblech, ſah Petrea an, zwitſcherte fröhlich und flog davon. Ein friſches Gefühl gieng ihr durch Leib und Seele. „Du biſt fröhlich, kleiner Vogel!“ dachte ſie;„ſo manche Geſchöpfe ſind fröhlich. Mein Unſtern thut Nie⸗ manden weh, ſchadet Niemanden. Warum ſoll er alſo mich niederdrüͤcken? Die Welt iſt groß, reich und gut ihr Schöpfer. Taugt dieſer Weg nicht für mich, wohlan, ſo will ich einen andern ausfindig machen.“ Und ſie war dieſen Abend fröhlich mit den Ihrigen. 420 Aber als die Nacht kam und Petrea allein war, als die äußere Welt ihr nicht mehr ihre wechſelvollen Gemälde zeigte, als keine lieben, holden Stimmen mehr ſie aus ſich ſelbſt herauslockten, da kehrten Qual und Unruhe in ihre Bruſt zurück. Außer Stands zu ſchlafen und von einer unwiderſteh⸗ lichen Sehnſucht getrieben, ſetzte ſie ſich ſeufzend, um ihr unglückſeliges Manuſeript durchzuſehen. Sie gewahrte da⸗ rin manche Bleifederſtriche, Fragezeichen, Spuren von Dau⸗ men am Rande, was Alles deutlich bewies, daß der Ken⸗ ner es mit beurtheilender Hand durchgegangen und darüber das Urtheil gefällt hatte:„Taugt Nichts.“ Ach auf dieſe Tauglichkeit hatte Petrea ſo manchen Plan für ſich und die Ihrigen, ſo manche Hoffnung auf ein Emporkommen gebaut. Sollte jetzt aus dem Allem nichts werden? Petrea las. Sie erkannte die Gerechtig⸗ keit mancher Randbemerkungen, fand aber immer mehr,„Il daß ſie größtentheils bloß einzelne Ausdrücke oder ſonſtige den, alle Kleinigkeiten betrafen. Petrea las und las und wurde nen Krä unwillkürlich ganz begeiſtert von ihrer Lectüre. Ihr Herz Illuſione ſchwoll, ihre Augen ſtrahlten und auf einmal belebt von Glanben dem Gefühl, das(Sans comparaison geſagt) einem Cor⸗ Lebens 2 reggio Muth, einem Galilei Troſt verliehen, erhob ſie ſich erſter 5 und ſchlug mit der Hand auf das Manuſeript, indem ſie blick vor rief:„Und es taugt doch.“ in der V ürd wie neu belebt lief ſie jetzt zu Gabriele, umarmtee Das Leb ſie lachend und ſagte:„Du wirſt ſchon ſehen, daß ich mich ſein Lebe einmal aufſchwinge.“ treibt er ſchon ſin nen ihre Jut Erde! nen, we Kindern denen, eentbehrer men, n war, als nGemälde ie aus ſich che in ihre nwiderſteh⸗ d, um ihr wahrte da⸗ von Dau⸗ e Ken⸗ nd darüber o manchen ffnung auf dem Allem Gerechtig⸗ mer mehr, er ſonſtige und wurde Ihr Herz belebt von einem Cor⸗ ob ſie ſich indem ſie umarmte ß ich mich Pierte Abtheilung. Aus meiner Eremitage, der Bodenkammer. Petrea an Ida. „Illuſionen! Illuſionen!“ rufſt du über alle Freu⸗ den, allen Glauben, alle Liebe im Leben. Aus allen mei⸗ nen Kräften rufe ich dir deine Worte zurück: Illuſionen, Illuſionen! Alles kommt darauf an, in was wir unſern Glauben, unſere Liebe ſetzen. Des Lebens Schönheit, des Lebens Werth ſollte für das Weib vorüber ſein, wenn ſein erſter Frühling, ſeine Liebesblume, ſein Romanenaugen⸗ blick vorüber ſind? Nein, glaube das nicht, Jda. Nichts in der Welt iſt eine größere Illuſion, als dieſer Glaube. Das Leben iſt reich; ſein Baum blüht ewig, denn er ſaugt ſein Leben aus unſterblichen Quellen. Ungleiche Blumen treibt er hervor, verſchieden an Farbe und Glanz, aber ſchön ſind ſie alle; laß uns keine mißkennen; ſie alle kön⸗ nen ihre ewige Lebensfrucht tragen. Jugenbliebe!— Die ſtrahlende Paſſionsblume der Erde! Wer wollte ihre entzückende Schönheit läug⸗ nen, wer nicht dem Schöpfer danken, daß er ſie den Kindern der Erde gegeben? Aber o! Ich will Allen denen, die ihren Nektar trinken und allen denen, die ihn entbehren müſſen, zurufen: Es gibt eben ſo edle Blu⸗ men, welche weniger als dieſe in Gefahr ſind, vor dem 422 Froſte der Erde zu erbleichen. Blumen, aus deren Kel⸗ Vote chen ihr, ſo gut, wie aus dieſer Leben vom Leben des Ewigen ſaugen könnet. 3 O daß wir uns nur recht verſtänden, wie nahe uns zu s Di die Vorſehung die Quelle unſerer Glückſeligkeit gelegt hat, herlichn daß wir es recht verſtänden, ſie von den Tagen der Kind⸗ ie heit an zu ſchätzen und zu benützen!— Unſer Leben 3 5 würde dann ſelten durch trockene Wüſten gehen. Glück⸗§ lich die Kinder, deren Augen zeitig von Eltern und ſe Haus für die reiche Wirklichkeit des Lebens geöffnet wer⸗ den. Sie werden auch erfahren, welche Süßigkeit, welche Freude und welcher Friede aus glücklichen Familienver⸗ hältniſſen, aus innigen Verbindungen zwiſchen Geſchwi⸗ ſtern, zwiſchen Eltern und Kindern fließen koͤnnen; ſie annt werden fühlen, wie dieſe Verhältniſſe, in unſerer Jugend nn recht verpflegt, für unſere reiferen Jahre zu Segnungen ut ſich werden. Du bitteſt mich, von meinem Haus, von meiner Fa⸗ milie zu ſprechen. Aber wenn ich damit beginne, Ida, S wer weiß, ob ich es je zu einem Ende bringe. Der Ge⸗ 1 G genſtand iſt für mich ſo reich, iſt mir ſo theuer und u gleichwohl— wie ſchwach wird nicht meine Schilderung V ſch ausfallen, wie leblos gegen die Wirklichkeit! Das Wohnhaus— das ſich zum eigentlichen Haus 3 i verhält, wie der Körper zur Seele— ſieht jetzt wieder aus der Aſche erſtanden auf demſelben Platz, wo es vor ſah, eilf Jahren abbrannte. Ich wollte, du wäreſt geſtern bei mir beim Frühſtück in der Bibliothek geweſen. Es war eihen Leonorens Geburtstag und die Familie hatte ihr eine ſter Ueberraſchung bereitet durch eine kleine Gabe ganz nach ihrem Geſchmack, welcher Zierlichkeit mit Bequemlichkeit * C verbunden wiſſen will. Es war eine unbedeutende Gabe; 6 — warum machte ſie uns Allen ſo viel Vergnügen? iſche Warum ſtanden in ihren frommen Augen und auch in wa iche den unſrigen wonnige Thränen? Wir waren Alle ſo ſtill ſhe und doch fühlten wir, daß wir ſehr glücklich waren und zwar, weil wir einander ſehr liebten, weil wir großes e eren Kel⸗ eben des nahe uns elegt hat, de Kind⸗ ſer Leben Glück⸗ tern und fnet wer⸗ it, welche nilienver⸗ Geſchwi⸗ men; ſie rJugend egnungen iner Fa⸗ le, Ida, Der Ge⸗ eue n hilderung en Haus zt wieder es er ſtern bei Es war ihr eine anz nach mlichkeit eGae; gnügen? auch in e ſo ſtill aren und grßes 423 Wohlgefallen an einander fanden. Die Sonne ſchien in dieſem Augenblick herein— ſiehſt du, Ida, dieſer Son⸗ nenſtrahl da, der Tag um Tag ins Haus hereinglänzt, gibt das beſte Bild von ſeinem Zuſtande. Er iſt es, der alles Düſter darinnen verjagt und die Schatten zur Ver⸗ herrlichung ſeines Lichtes anwendet.—— Ich will jetzt ein Bischen von den Töchtern des Hauſes ſprechen, damit du, muntere Ida, mein Gemälde nicht gar zu empfindſam finden magſt. Wen ich dir vor ullen Andern vorſtelle, das iſt— Ehre wem Ehre gebührt! Unſere Aelteſte, bekannt durch Fleiß, Moralität und Moralpredigten, Domkirchengeſichter und manche gute Eigenſchaften. Sie hat ſich vor eilf Jahren mit einem ungewöhnlich kleinen Kapital von irdiſchem Vermögen verheirathet, aber ſie und ihr Mann verſtanden es, ihr Pfund untzutreiben und ſo wurde ihr Haus nach und nach unter ihren ſorg⸗ ſamen Händen, was man ein wohlhabendes Haus nennt. Acht wilde Jakobiner kamen während dieſer Zeit zum Vorſchein, ohne eine Revolution zu bewirken;— ſo gute Moral zogen ſie mit der Muttermilch ein. Ich nenne ſie die Berſerker, weil ſie, als ich ſie zum letzten Male ſah, wahre kleine Ungeheuer an Kraft und Raſchheit waren und weil wir uns jetzt auf ihre Kräfte zur Ein⸗ reißung einer gewiſſen Planke verlaſſen können— wovon ſpäter mehr— weßhalb ich zum Voraus ſie und ihre Mutter mit einem gewiſſen altgothiſchen Ehrgeize begei⸗ ſtern will. Nun gut! Nachdem das Jakobiſche Ehepaar eilf Jahre lang Schule gehalten, d. h. er den Knaben Geſchichte, Latein u. ſ. w. beigebracht, ſie dieſelben ge⸗ waſchen, gekämmt und moraliſirt hat und in Wahrheit manchem Mutterloſen eine Mutter geweſen iſt, hat es dem lieben Gott in Gnaden gefallen, ſie abzurufen— nicht gerade in den Himmel, ſondern durch ſeinen Engel, das 424 Conſiſtorium, auf die Pfarrei in der Landgemeinde unſter ſchön di Stadt, das höchſte Ziel ihrer Wünſche, ſeitdem ſie mit ſtand, ſ einander zu wünſchen angefangen haben. Ihre bevor⸗ ganzen 2 ſtehende hieherreiſe verurſacht große Freude— es wäre nen und ſchwer zu ſagen, wo die groͤßte— in unſern beiden Fa⸗ ihr hing milien. So wird denn Louiſe Pfarrerin, vielleicht bald geworder Dekanin und ſieht ſich auf dieſe Art in eine allerliebſe und füh Stellung verſetzt, um mit Kraft Moralpredigten austhei⸗ Am inn len zu können, wovon Schweſter Petrea auch ihren An⸗ ſen und theil gebrauchen könnte und ihn mit vielem Geſchmack ent⸗ leben. gegennehmen wird. Indeß athmen die Predigten unſerer Du Aelteſten einen weit milderen Geiſt als früher. Das kommt in noch von Jakobis Einfluß. Den beiden Leutchen iſt es ergan⸗ ben; du gen, wie es in jeder glücklichen Ehe zu ergehen pflegt: ſie Vertraue haben einander veredelt und es iſt eine ſtehende Redensart allgemei in unſerer Familie, daß weder ſie ohne ihn, noch er ohne ren auch ſie geworden wäre, was ſie jetzt ſind. dieſem„ Die Roſe der Familie, die Tochter Eva, hatte ein⸗ können mal in ihrem Leben einen großen Kummer, einen ſchwe⸗ dennoch ren Kampf;— allein ſie hat ihn ſiegreich überſtanden. welche ſi Es iſt aber auch wahr, daß ein Engel ihr zur Seite ging die ſich und ſie ſtützte. Seitdem hat ſie zur Freude ihrer Fami⸗ lichkeit v lie und ihrer Freunde gelebt, ſchön, liebenswürdig und ſtern Fre glücklich, hat von Zeit zu Zeit Körbe ausgetheilt, dürfte Anſtalt; ſich aber bald außer Stands ſehen, dieſes Handwerk fort⸗ ſo ſchön zuſetzen. eines M Ich habe geſagt, daß in dem ſchweren Kampf ein Blicken! Engel ihr zur Seite gegangen ſei. Es gab eine Zeit, für gepr wo dieſer Engel ein häßliches, unbehagliches Mädchen müdliche war, ſich ſelbſt zum Verdruſſe und von Niemanden wohl⸗ das ſag gelitten. Jetzt gibt es keine geliebtere Perſon in der gan⸗ geganger zen Familie. Nie iſt durch Gottes Macht eine größere liegt nic Verwandlung geſchehen. Es wird einem jetzt ordentlich und iſt: wohl, wenn man ſie nur anſieht und ſich in ihrer Nähe ſage ihn befindet. Die Bucht, die ihre Naſe bekommen zu wol— boͤſe er len ſchien, blieb zwar aus; auch iſt ihre Farbe nicht von ſich ſonderlich roth und weiß; allein ſie iſt dennoch ſchön, daß er de unſrer ſie mit e bevor⸗ es wäre iden Fa⸗ cht bald erliebſte austhei⸗ ren An⸗ nack ent⸗ unſerer kommt ergan⸗ egt: ſie edensart er ohne tte ein⸗ ſchwe⸗ ſtanden. ite ging Fami⸗ i n dürfte rk fort⸗ npf ein Zeit, ädchen wohl⸗ ean⸗ größere dentlich Nähe u wol⸗ nicht ſchön, 425 ſchön durch den innigen Ausdruck von Liebe und Ver⸗ ſtand, ſchön durch die ruhige anſpruchsloſe Anmuth ihres ganzen Weſens. Ihr einziger Wunſch iſt Allen zu die⸗ nen und zu helfen und ſo haben ſich allmälig Alle zu ihr hingeneigt, ſie iſt das Herz, der Friede des Hauſes geworden, hat dabei ſelbſt Wurzel im Hauſe geſchlagen und fühlt ſich glücklich durch ſeine Annehmlichkeiten alle. Am innigſten hat ſie ſich an Schweſter Eva angeſchloſ⸗ ſe und dieſe zwei können nicht von einander getrennt leben. Du kennſt das Unternehmen, das dieſe Schweſtern in noch ganz jungen Jahren mit einander begonnen ha⸗ ben; du weißt auch, wie gut es geglückt iſt, wie es ſich Vertrauen, Fortbeſtand und den Vorſteherinnen nicht blos allgemeines Anſehen, ſondern im Verlauf von zehn Jah⸗ ren auch die Mittel zu einem zwar beſcheidenen, aber von dieſem Inſtitut unabhängigen, Auskommen erwarb. Sie können es jetzt, wenn ſie wollen, verlaſſen und es wird dennoch weiter blühen unter der Obhut von Annette P., welche ſie vom Anfang an als Gehülfin angenommen und die ſich ſowohl in Beziehung auf Character als Geſchick⸗ lichkeit vortrefflich qualificirt hat. Der Name der Schwe⸗ ſtern Frank ſtand geehrt an der Spitze dieſer nützlichen Anſtalt; indeß fragt es ſich, ob ſie ſo gediehen wäre, ſich ſo ſchön und ſo gut entwickelt hätte, ohne den Beiſtand eines Mannes, der ſeine Wirkſamkeit ſotgfältig vor den Blicken des Publikums verbarg und deſſen Name nie da⸗ für geprieſen worden iſt. Ohne Aſſeſſor Munters uner⸗ müdliche Fürſorge und Mitwirkung wäre die Sache— das ſagen die Schweſtern ſelbſt— nie ſo gut vorwärts gegangen. Welche wunderbar liebevolle Beharrlichkeit liegt nicht in der Seele dieſes Mannes! Er war ſiets und iſt noch immer der Wohlthäter unſerer Familie, aber ſage ihm einmal etwas davon, ſo wirſt du ſehen, wie böſe er wird und hören, wie er jeden Dank eigentlich von ſich hinwegzankt. Man trauert in der ganzen Stadt, daß er wegziehen und ſich auf ſeinem Landgute nieder⸗ 426 laſſen will; allein er koͤnnte es unmöglich länger aushal⸗ ten bei der Art, wie er ſich Tag und Nacht anſtrengt. Seine Geſundheit hat ſeit einiger Zeit ſichtlich abgenom⸗ men und wir freuen uns, daß er ſich einige Ruhe gönnt, wodurch er neue Kraft gewinnen kann. Wir lieben ihn Alle herzlich, aber eine von uns hat ein Komplott gegen ihn angezettelt, um eine andere von uns zu zwingen— ſich mit ihm zu alliiren und deßhalb iſt unſer guter Aſſeſ⸗ ſor jetzt einer heimlichen Verfolgung ausgeſetzt, die.... aber ich vergeſſe, daß ich von den Töchtern des Hauſes be⸗ richten ſollte. Es iſt eine eigene kleine Welt im Hauſe, eine Welt, wohin nichts Böſes kommen darf; dort leben Blumen, Vögel, Muſik und Gabriele. Der Morgen würde ſeine reizendſte Anmuth entbehren, wenn nicht Gabrielens Vö⸗ gel und Blumen dabei eine Rolle ſpielten und die Abenv⸗ dämmerung würde noch dunkler werden, wenn nicht Ga⸗ brielens Guitarre und Lieder ſie belebten. Ihr Blumen⸗ tiſch hat ſich allmälig zu einer Orangerie vergroßert, die zwar allerdings nicht groß iſt, aber doch groß genug, um für eine ſchöne Weinrebe Raum zu haben, woran jetzt eine Menge Trauben hängen— ſo wie für viele ſchöne und auch ſeltene Gewächſe, die der Familie im eigenen Hauſe ein kleines Italien bereiten, ſo daß ſie mitten im nordiſchen Winter alle Reize des Südens genießen kann. Ein bedeckter Gang führt vom Wohnhaus in die Oran⸗ gerie hinab und gewöhnlich trinkt man im Winter Nach⸗ mittags dort den Kaffee. Das Vogelhaus iſt hier auf⸗ geſtellt. Auf einem grünen Tiſche liegen botaniſche Bücher, ſo wie die Journale des ſchwediſchen Gartenvereins mit ihren oft intereſſanten Artikeln. Dort ſtehen zwei be⸗ queme Lehnſtühle mit den prächtigſten Vögeln und Blu⸗ men darauf geſtickt— du erräthſt leicht für wen. Dort ſitzt meine Mutter ſo gerne und liest oder ſieht ihrem kleinen Fräulein zu,(aus dieſem Namen wächst ſie doch nicht heraus) wie ſie die Blumen in der Sonne wartet, oder mit den zahmen Vögeln ſpielt. Man kann in Wahr⸗ heit ſage Blumen. Ein „der nat überwun im Einz Menſcher ſo gerne ſeine M chen. U ben ged Feuer u len und Beſchwe fen. S lehnt, 1 Leben b Entwickl Und iſt ſchneien Ab Geiſt un lichen, 1 tern un rend ihr liche Lie glaubt e es gilt, irgend e ſel meh— gewiſſer hatte, dacht ſt Worte will nic Un einer de aushal⸗ nſtrengt. bgenom⸗ gönnt, ben ihn tt gegen ngen— uſes be⸗ e Welt, Blumen, de ſeine ens Vö⸗ Abenv⸗ lumen⸗ rt, die u, um an jetzt e ſchöne eigenen itten im n kann. Oran⸗ Nach⸗ e au⸗ Bücher, ins mit wei be⸗ d Blu⸗ Dort tihrem ſie doch wartet, Wahr⸗ — 8 427 heit ſagen, Gabriele beſtreue den Abend ihres Lebens mit Blumen. Ein ſchwediſchen Herzen theurer Mann hat geſagt⸗ „der natürliche Grundzug im menſchlichen Leben ſei— ein überwundener Winter.“ Und dieß gilt auch für das Leben im Einzelnen, für das des Hauſes, für das des einzelnen Menſchen. Es will ſo gerne frieren und erſtarren, es will ſo gerne Schnee aufs Herz fallen und der Winter will ſeine Macht ſowohl in, als außer dem Hauſe geltend ma⸗ chen. Um es darinnen warm zu erhalten, damit das Le⸗ ben gedeihen und blühen möge, muß man das heilige Feuer unaufhörlich nähren. Die Liebe darf nicht verkoh⸗ len und ſterben. Thut ſie es, ſo iſt Alles Mühſal und Beſchwerde und man vermag weiter nichts als— zu ſchla⸗ fen. Sie thut es nicht, wenn ſie Feuer vom Himmel ent⸗ lehnt, dann wärmt ſie das Herz und die Stube und das Leben blüht unaufhörlich, während es in tauſend reichen Entwicklungen das Spiel ſpielt: einander Freude machen. Und iſt es ſo im Hauſe, dann—— mag es draußen ſchneien, dann ſchneie Winter. Aber ich kehre zu Gabriele zurück, die ihr lebhafter Geiſt und ihre fröhliche Laune in Verbindung mit ihrem zärt⸗ lichen, unſchuldigen Herzen mit Recht zum Liebling der El⸗ tern und zur Freude Aller macht. Sie behauptet fortwäh⸗ rend ihre Untauglichkeit, Unnützlichkeit und ihre unverbeſſer⸗ liche Liebe zu einem ſüßen kar niente; aber Niemand glaubt es ihr, denn Niemand kann ohne ſie ſein und ſobald es gilt, zeigt ſie ſich entſchloſſen und brauchbar, ſo gut als irgend eine. Gabriele macht ſeit einiger Zeit keine Räth⸗ ſei mehr. Ich glaube beinahe, es kommt daher, weil ein gewiſſer Baron L., den man vor einiger Zeit im Verdacht hatte, er habe ein Haus angeſteckt und der jetzt im Ver⸗ dacht ſteht, ein Herz anſtecken zu wollen, ihr durch gewiſſe Worte und gewiſſe Blicke allerlei Mücken in den Kopf, ich will nicht ſagen, ins Herz ſetzt. Und ſo haben wir noch„dieſe Petrea da,“ wie ſie einer der Freunde des Hauſes noch immer nennt, aber jetzt nig als moglich mit ihnen zu thun haben. Dadurch iſt 428 nicht mehr im Böſen. Dieſe Petrea da hat in der Welt verſchiedene Affairen gehabt, zuerſt mit ihrer eigenen Naſe, mit der ſie ſich nicht verſtändigen konnte und dann mit allerhand andern Dingen, ſowohl in als außer ihr und es ſah lange aus, als ſollte ihre eigene Welt nie aus dem Chaos kommen. Und doch iſt dieß geſchehen! Mit einer dankbaren Thräne in meinem Auge wage ich es zu ſagen und werde vielleicht einmal näher erklären, wie es ſo gekommen iſt. Geſegnet ſei das Haus, das ihre Verirrungen abgewandt, die Wunde ihres Herzens geheilt, ihr einen ruhigen Ha⸗ fen, einen liebevollen Schutz geboten hat, wo ſie nach den Stürmen der Zeit hatte auszuruhen, zur Beſinnung zu kommen und ſich ſelbſt zu finden. Ohne dieſes Haus, ohne ſeinen Einfluß wäre Petrea gewiß eine Here gewor⸗ den und nicht wie jetzt ein leidlich vernünftiges Menſchen⸗ kind. Du kennſt meine dermalige Wirkſamkeit, die mich tie⸗ fer ins Leben hineinführt und darin mehr Schönheit, mehr Poeſie ſehen läßt, als ich in den Träumen meiner Jugend geahnt habe. Nicht blos durch dieſe, aber gleichwohl zum großen Theil durch ihren Einfluß hat jenſeits meiner drei⸗ ßig Jahre ein Frühling für mich aufgeblüht, der nie ganz verwelken kann, außer durch meine eigene Schuld. Und wenn noch oft eine ſchmerzliche Thräne auf frühere Ver⸗ irrungen oder gegenwärtige Fehler fällt— wenn die Sehn⸗ ſucht nach einem noch unerreichten Beſſeren, Reineren, Klareren mir noch manche Qual verurſacht— was thut dieß auch? Was thut es, wenn das Augenwaſſer brennt, wenn nur das Auge klar wird? Was thut es, wenn der Himmel demüthigt, wenn er nur— nach oben hinauf zieht? 3 Eines von Petreas Mitteln zur Glückſeligkeit iſt, daß ſie ſehr wenig von den leiblichen Dingen der Welt bedarf. Sie betrachtet ſolche Dinge als nahe verwandt mit der Familie der Illuſionen und will deßhalb ſo we⸗ ſie auch tige Fre zu ſtehe oben au allerhan ſind,§ Citronſ worin möchte Willſt ſtand z Unruhe worden ihres e durch z nennt welchen U mer zet vorüber muth k N Bild l flor ri und ni ſeit vie ruht. ſchon iſt unt daß ſie wiederk ihr zu ich jet könnte; warte e Welt nNaſe, inn mit und es us dem nkbaren d werde nen iſt. ewandt, en Ha⸗ ſie nach mng zu Haus, gewor⸗ enſchen⸗ ich tie⸗ t, mehr Jugend hl zum er drei⸗ ie ganz Und e Ver⸗ Sehn⸗ eineren, as thut brennt, enn der hinauf it iſt, r Welt rwandt ſo we⸗ urch iſt 429 ſie auch in den Stand geſetzt, ſich manche herzliche, tüch⸗ tige Freude zu erwerben. Dennoch wage ich nicht dafür zu ſtehen, daß ſie nicht bald den Raptus bekommen wird, oben auf ihrer Bodenkammer ein Feſt zu geben und dabei allerhand Illuſionen zum Vorſchein zu bringen, als da ſind, Hühnlein— meiner Mutter Lieblingsilluſivnen und Citronſoufflöe— unſerer Aelteſten beinahe reelle Seligkeit, worin ſie ihrer geliebten Aelteſten ven Vorſchlag machen möchte ein Verſöhnungsſkal mit ihren Raptus zu eſſen. Willſt du jetzt die Summa Summarum von Petreas Zu⸗ ſtand ziehen, ſo lautet dieß alſo: was ihr eine Quelle der Unruhe war, iſt jetzt eine Quelle der Ruhe für ſie ge⸗ worden, ſie glaubt an die Wirklichkeit des Lebens und ihres eigenen Lebens darin. Sie läßt ihren Frieden nicht durch zufällige, äußere oder innere Störungen trüben; ſie nennt dieß Nebelwolken, vorübergehende Stürme, nach welchen die Sonne wieder heraufzieht. Und ſollte eines Tags ihre ganze kleine Bodenkam⸗ mer zertrümmert werden, ſo wird ſie auch dieß als ein vorübergehendes Unglück betrachten und ſich in aller De⸗ muth bereit halten— noch ein Bißchen hoͤher hinauf zu ziehen. Aber genug jetzt von Petrea und ihrer Aufſteigung. Noch eine Tochter beſaß das Haus und ihr ſchones Bild lebt noch in Aller Erinnerung, allein ein Trauer⸗ flor ruht über demſelben. Denn ſie verließ das Haus und nicht im Frieden, und ſie wurde nicht glücklich und ſeit vielen Jahren hat ein Dunkel über ihrem Leben ge⸗ ruht. Man glaubt, ſie ſei todt, ihre Freunde haben es ſchon lange geglaubt und darüber getrauert, aber eine iſt unter ihnen, vie es nicht glaubt. Ich glaube nicht, daß ſie todt iſt; ich habe eine ſtarke Ahnung, daß ſie wiederkehren und daß es mir noch vergönnt ſein wird, ihr zu beweiſen, wie theuer ſie mir iſt. Ich glaube, daß ich jetzt ſo manches gute und wohlthuende Wort ſagen fönnte; ich habe Plane auf ihre Rückkehr gebaut un d warte beſtändig darauf oder auch nur auf einen Wink, 430 wo ich ſie finden kann, ſei es nun in Grönland oder im wüſten Arabien; von, wo aus ihre Stimme mich rufen mag, ich werde den Weg dahin ſinden. Ich möchte dir jetzt das alte Paar ſchildern können, zu welchem Alle im Hauſe mit Liebe und Ehrfurcht auf⸗ blicken, die bald vierzig Jahre vereinten Gatten, die jetzt nicht mehr ohne einander leben zu können ſcheinen; aber hier fühlt ſich meine Feder zu ſchwach. Nur einige flüch⸗ tige Contourzüge will ſie wagen. Mein Vater iſt bei⸗ nahe ſiebenzig Jahre alt, aber glaubſt du, daß er ſich einige Ruhe gönnt? Er wird ganz mißvergnügt, wenn er eines Morgens länger als gewöhnlich geſchlafen hat und läßt ſich jeden Tag um ſechs Uhr wecken; ſo wich⸗ tig iſt es ihm, ſo wenig als möglich vom Leben zu ver⸗ lieren. Es iſt unangenehm, daß ſein abnehmendes Ge⸗ ſicht ihn jetzt zu verminderter Wirkſamkeit zwingt.— Er liebt es, wenn wir ihm Abends vorleſen— und zwar Romane. Meine Mutter rühmt ſich ſcherzend, ihn zu die⸗ ſer Lectüre verführt zu haben; er erkennt lächelnd an, daß ſie wirklich für alte Leute tauge, denn ſie helfe das Herz jung erhalten. Im Uebrigen iſt er ſich in Allem gleich, vielleicht nur noch gütiger und großherziger, als früher, deßhalb flößt er uns auch ſo unendliche Ehrfurcht und Liebe ein. O Ida, es iſt ein glückſeliges Gefühl, diejenigen, die uns das Leben geſchenkt, von Herzen lie⸗ ben und verehren zu können!— Und jetzt muß ich mit blutendem Herzen über das lichte Gemälde des Hauſes einen traurigen Schatten werfen und gleichwohl kommt er von einem ſo ſchönen Bilde. Es iſt das meiner Mut⸗ ter. Ich fürchte, ich fürchte, ſie ſteht im Begriff, uns zu verlaſſen. Seit zwei Jahren nimmt ſie bedeutend ab. Sie hat keine beſtimmte Krankheit, allein ſie iſt ſichtbar⸗ lich abgemattet und kein Mittel der Heilkunſt hat ſich bis jetzt wirkſam erweiſen wollen. Jtzt ſpricht man von der Luft des nächſten Frühlings, von Selterſerwaſſer und einer Sommerreiſe;— mein Vater möchte bis ans Ende der Welt mit ihr reiſen— man hofft mit Beſtimmtheit, daß ſie lächelnd wir vor ſie ſei an ihr ſie ſelb von der mehr e ihren n Gang! lichkeit wird et von un zurückz Befürck wie all deſſen ſein ki lebhafte mit ih bevorſte gilt. der Ha dem fi einen b nen Ge liche A Kinder Lieblin mehr letzt n kauft. ter M und de licher ſchloſſe wird! oder im ich rufen können, cht auf⸗ die jetzt nz aber ge flüch⸗ iſt bei⸗ er ſich „ wenn afen hat ſo wich⸗ zu ver⸗ des Ge⸗ ingt.— nd zwar u die⸗ elnd an, e s n Allem e, as hrfurcht Gefühl, rzen lie⸗ ich mit Hauſes kommt er Mut⸗ ff, uns tend ab. ſichtbar⸗ ſich bis von der ſer und ns Ende nmtheit, 431 daß ſie wieder geſund wird; ſie hofft es auch, ſie ſagt lächelnd Ja zu Selterſerwaſſer und Reiſe und Allem, was wir vorſchlagen; ſagt, ſie wolle gerne mit uns leben, ſie ſei glücklich mit uns—— und gleichwohl iſt etwas an ihr und ſelbſt an ihrem Lächeln, was mir ſagt, daß ſie ſelbſt keinen vollen Glauben zu der Hoffnung hegt, von der ſie ſpricht. Ach, wenn ich ihr mit jedem Tage mehr erbleichendes Geſicht, den überirdiſchen Ausdruck in ihren milden Zügen, wenn ich ihren immer langſameren Gang betrachte, wie ſie ſtill ordnend und für die Behag⸗ lichkeit der Ihrigen ſorgend im Hauſe umherwandelt, da wird es mir bei dem Gedanken, daß ſie vielleicht bald von uns gehen wird, oft ſehr ſchwer, meine Thränen zurückzuhalten. Aber warum ſoll ich mich ſo traurigen Befürchtungen hingeben? Warum ſoll ich nicht hoffen, wie alle Andern? Ach ich will hoffen und beſonders um deſſen willen, der ohne ſie auf Erden nicht mehr fröhlich ſein könnte. In dieſem Augenblick iſt ſie kräftiger und lebhafter, als ſchon ſeit langer Zeit. Louiſens Ankunft mit ihrer Famile trägt dazu bei und noch ein anderer bevorſtehender Freudentag, der eigentlich meinem Vater gilt. Sie geht jetzt ſo vergnügt mit dem Kalender in der Hand umher, denkt Alles aus und bereitet Alles zu dem fröhlichen Feſte. Mein Vater hat ſich ſchon lange einen bedeutenden Bauplatz gewünſcht, der an unſern klei⸗ nen Garten ſtößt, um dort eine größere und gemeinnütz⸗ liche Anlage zu machen; allein er hat ſo viel für ſeine Kinder geopfert, daß ihm Nichts übrig bleibt, um ſeinen Lieblingsplan auszuführen. Indeß haben die Kinder ſeit mehr als zwolf Jahren theils zuſammengelegt, theils zu⸗ letzt noch eine Summe entlehnt und den Platz dafür ge⸗ fauft. Auf des Vaters fiebenzigſten Geburtstag wird un⸗ ter Mitwirkung der Berſerker die Gränzſcheide— fallen und der Genius des neuen Platzes, von Gabrielens lieb⸗ licher Perſon dargeſtellt, ihm den in ſeinem Namen abge⸗ ſchloſſenen Kaufcontract überreichen. Wie glücklich er ſein wird! O der Gedanke daran macht uns Alle ſelig! Wie 432 er nun aufräumen, graben und pflanzen und wie dieß ſein Alter erfreuen und erfriſchen wird! Möge er es erleben, daß die Bäume, die er ſetzt, ihre laubigen Aeſte über ſei⸗ nem Haupte ſchütteln und möge ihr Geſäuſel ihn die Segnungen ahnen laſſen, welche die Nachkommen im drit— ten und vierten Glied über ſeine wohlthuende Wirkſamkeit ausſprechen werden! Ich ſollte noch von dem Freundeskreis ſprechen, der ſich immer herzlicher ans Haus angeſchloſſen hat, von dem neuen Landeshauptmanu Stjernhök und ſeiner Gat⸗ tin, die wir Alle lieben und deren Verſetzung hieher beſonders meinem Vater willkommen war, da er beinahe einen Sohn in ihm erblickt; ich ſollte auch von den Die— nern im Hauſe ſprechen, die mehr Freunde, als Diener ſind; allein ich fürchte, meinen Brief zu ſehr in die Länge zu ziehen. Vielleicht beſchuldigſt du mich auch heimlich, vas Bild gar zu einförmig hell gemalt zu haben; viel⸗ leicht wirſt du fragen: Kommen denn in dieſem Hauſe nicht auch die kleinen Anſtöße, Reibungen, Störungen, Uebereilungen, Dummheiten, Verſäumniſſe, Verluſte vor, und wie dieſe geiſtigen Musquitos alle heißen mögen, deren Stiche Reizbarkeit, Unruhe, Verdruß verurſachen und die ſelbſt die glücklichſten Häuſer nicht mit ihren Beſuchen verſchonen? Ja gewiß. Sie kommen, fliegen aber beinahe eben ſo ſchnell wieder davon, als ſie gekommen und laſſen nie— mals ein Gift in ihrem Stiche zurück; denn man braucht gegen ſie ein Univerſalmittel, genannt Verzeihung. Ver⸗ geſſen, Beſſerung; dieſes wird je früher, je lieber applicirt und macht auch die Beſuche der garſtigen Thierchen im⸗ mer ſeltener. Ohnehin gedeihen ſie nie recht in reinen und milden Atmosphären. Und willſt du, beſte Jda, dich von der Wahrheit des Gemäldes überzeugen, ſo komm hieher und ſieh. Komm! Es wäre uns Allen ſo lieb! Komm und laß unſer Haus dir Zerſtreuung, vielleicht auch die Ruhe bieten, deren dein Herz bedarf. Komm und glaube mir, Ja, wenn man die denkamm wie Nebe ger Klar Einfachhe mit ſchör „He ſtrahlend Ausſtaffi ſie mit e können, und ſie Stillen: muſterte „ſo anen Sie heut innigſten Porcellat lag ſchw Bren dieß ſein s erleben, über ſei⸗ ihn die im drit⸗ irkſamkeit hen, der , n ner Gat⸗ hieher rbeinahe den Die⸗ s Diener die Länge heimlich, nz viel⸗ m Hauſe örungen, uſte vor, mögen, rurſachen ſit ihren ahe eben ſſen nie⸗ braucht WVer⸗ applicirt chen im⸗ in reinen rheit des Komm! ſer Haus deren wenn 433 man die Welt ein wenig von oben, z. B. von einer Bo⸗ denkammer herab betrachtet,— ſo ſieht man die Illuſionen wie Nebel über die Erde gehen, den Himmel aber in ewi⸗ ger Klarheit über ihnen ſtehen. Eine Morgenſtunde. „Guten Morgen!“ ſagte Jeremias Munter, indem er, die Taſchen voll Bücher, in Petreas Bücherkammer trat, die ſich von andern Zimmern blos durch ihre vollkommene Einfachheit und Schmuckloſigkeit auszeichnete. Ein Glas mit ſchonen friſchen Blumen war ihr einziger Lurusartikel. „Herzlich willkommen!“ rief Petrea, indem ſie mit ſtrahlenden Augen den Eintretenden und ſeine koſtbare Ausſtaffirung anſah. „Ja, ich glaube wohl, daß ich heute willkommen bin,“ ſagte der Aſſeſſor,„hier habe ich ein Gutchen für Miß Petrea. Da eins, da noch eins und noch eins.“ Der Aſſeſſor legte dabei ein Buch um das andere auf den Tiſch und nannte ihr den Inhalt. Sie gehörten zu dem Schlag von Werken, welche dem Blicke des den⸗ kenden Menſchen neue Welten eröffnen, und Petrea nahm ſie mit einem Entzücken auf, das nur diejenigen verſtehen können, die nach derſelben Freudenquelle geſucht, gedürſtet und ſie gefunden haben. Der Aſſeſſor freute ſich im Stillen über ihr Vergnügen, während ſie die Bücher durch⸗ muſterte und über ſie ſprach. „Wie gut, wie herzlich gut Sie ſind,“ ſagte Petrea, „ſo an mich zu denken. Aber Sie müſſen ſehen, daß ich Sie heute auch erwartet habe.“ Und mit Augen, die vom innigſten Wohlwollen ſtrahlten, nahm ſie zwei ächte Porcellanteller aus dem Schranke hervor; auf dem einen lag ſchwellendes Waizenbrod, und guf dem andern erhob Bremer, das Haus. 28 434 ſich die herrlichſte Traube, auf einem Kranz von eigenen Blättern ruhend, die in mehrere Schattirungen geſchmack⸗ voll geordnet waren und dem Goldrande des Tellers folg⸗ ten. Das Ganze wurde auf ein kleines Tiſchchen am Fen⸗ ſter geſtellt, ſo daß die Sonne darauf ſchien. Der Aſſeſſor betrachtete es mit dem Blick eines hol⸗ ländiſchen Fruchtmalers und ſchien an dem in ſeiner Art vollkommen ſchönen Gemälde ſeine Freude zu haben. „Sie ſollen Ihr Frühſtück nicht blos betrachten, ſon⸗ dern müſſen es auch eſſen,“ ſagte die lebhafte Petrea. „Das Brod iſt zu Hauſe gebacken und— Eva hat die Traube auf den Teller gelegt und herauf gebracht.“ „Eva!“ ſagte der Aſſeſſor,„nun ſie dachte wohl nicht daran, daß ich heute kommen werde.“ „Eben weil ſowohl ſie als ich es glaubte, wollte ſie ſelbſt Ihr Frühſtück beſorgen.“ Petrea ſah dabei den Aſſeſſor ſchelmiſch forſchend an, der eine freudige Bewe⸗ gung nicht verbarg, ein Beerchen brach, ſich ſetzte und — Nichts ſagte. Petrea wandte ſich wieder zu ihren Buͤchern.„Ach daß das Leben ſo kurz ſein muß, während es doch ſo unendlich viel darin zu lernen gibt! Uebrigens iſt es auch unrecht, und ein Beweis von Unkenntniß, wenn man ſeine Lehrzeit beſchränkt glaubt; und zudem kommt die Redensart von der Kürze des Lebens und der Länge der Kunſt von dem Helden Hippokrates. Aber Gott ſei Dank für die Hoffnung, für die Gewißheit, in alle Ewigkeit Schüler ſein zu dürfen. Ach Onkel Munter, ich, freue mich herzlich über die induſtrielle Richtung unſrer Zeit. Sie wird es der Maſſe der Menſchen leicht machen, ſich zu kleiden und zu nähren und dann wird die Maſſe an⸗ fangen für den Geiſt zu leben. Denn wahr iſt das mehr als zweitauſendjährige Wort:„Wenn die nothwendigen Bedürfniſſe befriedigt ſind, ſo wendet ſich der Menſch zum Allgemeineren und Höheren. Deßhalb wird, wenn die große Arbeitswoche der Erde zurückgelegt iſt, der Sabbath eintreten, an welchem ein Volk von flillen Anbetern ſich über di moderm ſtrebend betracht Geiſt der Ta⸗ Erden!“ „F und we Menſch Dämon ſchwicht iſt los? — ſteht es indem e „S ternd ve ſenes S dem Bu „N bilde ger ein Gra ganz geſ „Je ſenbuſch, Sehen C des Bild aber auf ausgezeic L Der nen dar hatten. neigenen eſchmack⸗ ers folg⸗ am Fen⸗ ines hol⸗ einer Art en. ten, ſon⸗ Petrea. a hat die t.“ vohl nicht vollte ſie abei den Bewe⸗ tzte und doch ſo es auch enn man mmt die änge der ſei Dank Ewigkeit ch freue rer Zeit. en, ſich aſſe an⸗ mehr wendigen nſch zum venn die Sabbath tern ſich — 435 über die Erde ausbreiten wird, nicht mehr nach ihren ver⸗ modernden Schätzen forſchend, ſondern nach den ewigen ſtrebend, ein Volk, deſſen Leben darin beſtehen wird, zu betrachten, zu begreifen und anzubeten, ſeinen Schoͤpfer im Geiſt und in der Wahrheit zu verehren. Dann kommt der Tag, von welchem die Engel ſangen:„Friede auf Erden!“ „Friede auf Erden?“ wiederholte Jeremias langſam und wehmüthig,„wann kommt der? Er muß zuerſt ins Menſchenherz einziehen, und da.. da lebt ſo mancher Dämon, ſo manche ſchmerzliche Sehnſucht, die nicht be— ſchwichtigt wird von... Aber was gibt es denn, was iſt los?“ Ach mein Gott!“ rief Petrea außer ſich,„ſie lebt, ie lebt!“ „Was für eine Sie? Wer lebt? Nein bei Ihnen ſteht es heute nicht richtig, Petrea!“ ſagte der Aſſeſſor, indem er aufſtand. „Sehen Sie! Da ſehen Sie her!“ rief Petrea zit⸗ ternd vor Aufregung, indem ſie dem Aſſeſſor ein zerriſ⸗ ſenes Stückchen Papier zeigte;„ſehen Sie, das lag da in dem Buche.“ „Nun und wenn auch? Es iſt ja von einem Sepia⸗ bilde geriſſen;. eine Hand, die Roſen ſtreut äuf ein Grab, glaube ich. Hatte ich das nicht irgendwo ſchon ganz geſehen?“ „Ja freilich, freilich. Es iſt das Mädchen am Ro⸗ ſenbuſch, das ich als Kind Sara ſchenkte. Sie lebt! Sehen Sie, hier hat ſie ſelbſt geſchrieben.“ Die Kehrſeite des Bildes war wie von einer Kinderhand voll gekritzelt, aber auf einem reinen Fleck ſtand von Saras eigener, ausgezeichneter, ſchöner Hand geſchrieben: „Keine Roſe auf Saras Grab! O Petrea wüßteſt du* Der Satz war nicht vollendet; einige Flecken ſchie⸗ nen darauf hinzudeuten, daß Thränen ihn geſchloſſen hatten. 436 „Sonderbar,“ ſagte der Aſſeſſor. Dieſe Bücher, die ich geſtern erhielt, find in U. gekauft worden. Sollte ſie vielleicht dort ſein? Aber.. „Gewiß, gewiß iſt ſie dort!“ rief Petrea.„Sehen Sie hier das Buch, worin das Zeichen lag; ſehen Sie, auf dem erſten Blatt ſteht der Name Sara Schwarz, ob⸗ gleich ausgeſtrichen. O gewiß iſt ſie in U. oder können wir dort wenigſtens Nachrichten von ihr einziehen. O Sara! Meine arme Sara! Sie lebt, aber vielleicht in Noth, in Elend! Ich könnte noch heute bei ihr ſein, wenn ſie in U. wäre.“ „Das werden Sie wohl bleiben laſſen, wenn Sie nicht fliegen können,“ ſagte der Aſſeſſor.„Es iſt ſiebzehn Meilen nach U.“ „Ach daß mein Vater gerade in dieſen Tagen fort ſein und den Wagen mitgenommen haben muß! Er wäre gewiß mit mir gereist. Aber es iſt noch eine alte Chaiſe da, die will ich nehmen und.4 „Sehr ſchön von einem Frauenzimmer, mutterſeelen⸗ allein in einer Chaiſe fortzureiſen und zwar auf dieſen vom Regen gänzlich verdorbenen Wegen... Sehen Sie nur, welche Wolkenmaſſe dort mit dem Südwinde heranzieht! Sie bekommen den ganzen Tag einen Platz⸗ regen über ſich—“ „Und wenn es Schmidknechte regnete,“ unterbrach ihn Petrea eifrig,„ſo muß ich doch zu ihr. O mein Gott, ſie war ja meine Schweſter; ſie iſt es noch und ſie ſollte mich vergebens rufen? In dieſem Augenblick laufe ich zu meiner Mutter und.... Petrea nahm Hut und Mantel. „Nur langſam, Miß Petrea. Ich ſage Ihnen, daß Sie nicht ſo fahren können. Die Chaiſe hält nicht zu⸗ ſammen. Ich habe ſie leider Gottes ſelbſt probirt. Sie können nicht darin fahren.“ „Nun gut, ſo gehe ich; und kann ich nicht gehen, ſo will ich kriechen, ich werde ſchon an Ort und Sitelle kommen!“ rief Petrea beſtimmt. einer S lange C vielmeh trea eil N waren, Aſſeſſor Bald ſ Speiſek deßunge E Aſſeſſor damals leuchter es an; Blei 3 was D Blick i mel zu liche L male, gehen: nen, d zweige cher, die Sollte ſie „Sehen hen Sie, warz, ob⸗ er können ehen. O elleicht in ihr ſein, venn Sie t ſiebzehn agen fort Er wäre te Chaiſe tterſeelen⸗ uf dieſen een Sie Südwinde en Platz⸗ unterbrach O mein h und ſie lick laufe Hut und nen, daß nicht zu⸗ irt. Sie cht gehen, d Stelle Blick in die Höhe zu mel zu begegnen. 437 „Iſt das Ihr feſter Entſchluß?“ „Mein feſter und letzter.“ „Nun dann werde ich wohl mitkriechen müſſen,“ ſagte der Aſſeſſor lächelnd,„wenn auch nur, um zu ſehen, wie es dabei zugeht. Ich gehe jetzt nach Hauſe, werde aber in einer Stunde wieder da ſein. Verſprechen Sie mir nur, ſo lange Geduld zu haben und nicht ohne mich durchzugehen oder vielmehr durchzukriechen.“ Der Aſſeſſor verſchwand und Pe⸗ trea eilte zu ihrer Mutter und ihren Schweſtern hinab. Noch ehe ihre Mittheilungen und Berathungen zu Ende waren, hielt ein leichter Reiſewagen vor dem Hauſe. Der Aſſeſſor ſtieg aus, kam herauf und bot Petrea ſeinen Arm. Bald ſaß er wieber an ihrer Seite, darin eifrig gegen den Speiſekorb und die Flaſche Wein proteſtirend, die Leonore deßungeachtet hineinſtopfte und jetzt ging eès weiter auf Abenteuer. Es war zum zweitenmal in ihrem Leben, daß der Aſſeſſor und Petrea mit einander auszogen, und jetzt, wie damals, ſchienen keine günſtige Sterne auf ihrer Fahrt leuchten zu wollen, denn kaum hatte ſie begonnen, ſo fing es an zu regnen und ein Himmel ſchwer und finſter wie Blei zog ſich über ihren Köpfen zuſammen. Es iſt et⸗ was Drückendes, im Anfang einer Reiſe den fragenden chten und dann einem ſolchen Him⸗ zu kam noch eine andere unglück⸗ liche Vorbedeutung. Die Pferde bäumten ſich mehrere⸗ male, als hätten ſie durchaus keine Luſt, vn zu gehen und eine Eule gab die beſtimmte Abſicht zu erken⸗ nen, dem Wagen zu folgen. Sie ſetzte ſich auf Baum⸗ zweige und Zaunpfähle am Wege und flog, ſo oft der — 438 Wagen herannahte, auf, um ihn wieder ein Stück weiter vorwärts zu erwarten. Als die Reiſenden in einen Wald kamen, wo ſie des tiefen Weges halber ſehr langſam fahren mußten, ſahen ſie rechts ein kleines, grauſchwarzes Weib voraustreten, ſo heren⸗ und koboldmäßig, kurz ſo abſcheulich anzuſehen, als nur je ein altes Weib ſein kann;z ſie hörte die An⸗ koͤmmlinge einen Augenblick an und verſchwand dann plotzlich unter den Stämmen des Waldes. Der Aſſeſſor ſchauderte unwillkührlich bei ihrem Anblick zuſammen und ſagte:„Welch ein Unterſchied zwiſchen Weib und Weib! Das Lieblichſte auf Erden und das Abſcheulichſte iſt— das Weib.“ Er wurde beinahe etwas düſter, nachdem er die alte Here geſehen hatte. Mit ihr war indeß die Eule verſchwunden; vielleicht nach dem Grundſatz: gleich und gleich geſellt ſich gern. Vielleicht verläumde ich aber auch aufs Sündhafteſte das alte Weibchen, denn wie kann ich wiſſen, ob ſie nicht das gutmüthigſte Weib von der Welt S Gut, daß der liebe Gott uns beſſer kennt, als wir ſelbſt. Petrea ſaß inzwiſchen ſchweigend da. So aufgeklärt und vorurtheilslos der Menſch ſich auch glauben mag, ſo macht er ſich doch nie vollkommen von Eindrücken ge⸗ wiſſer Ereigniſſe los, die unter dem Namen von Ahnun⸗ gen, Vorherſagungen, Verkündigungen, Vorboten, wie Eulen mit lautloſem Fluge durch die Welt ziehen, ſeit Adams Fall beſtändig ihr unheimliches Hu, hu, oder Kiwitt rufend.(Man weiß, daß Hobbes, welcher die Auferſtehung aufs Hartnäckigſte läugnete, nie in der Nähe eines Zimmers liegen konnte, worin ſich eine Leiche befand.) Petrea, welche nicht die geringſte Aehnlichkeit mit Hobbes hatte, war nicht geneigt, irgend etwas im Reiche der Möglichkeiten zu läugnen. Von Natur wandte ſich ihr Gemüth ein wenig dem Aberglauben zu und wie die meiſten Menſchen, welche viel ſtille ſitzen, hatte ſie beim Anfang einer Reiſe eine gewiſſe Unruhe, wie ſie wohl ablaufen werde. Aber heute unter dem bleiſchwe⸗ ren Hi boten ſ Galt Allein ſich, eigniß was ſi ſtark fi ihr da— Schrec A auch il von A ſeicht. Aufent dem nerer det, ſehen und zi diſche hin, beſchré verſchr einer ihr, mit d dem nach auf u Leben ewig Vorhe folger zu P ſie ſie ick weiter ſie des n, ſahen austreten, anzuſehen, die An⸗ ind dann r Aſſeſſor nmen und nd Weib! ſte iſt— chdem er die Eule leich aber auch kann ich der Welt „als wir aufgeklärt e mag, ücken ge⸗ Ahnun⸗ ten, wie hen, ſeit hu, oder elcher die e in der ine Leiche ehnlichkeit etwas im rwandte und wie hatte ſie wie ſie bleiſchwe⸗ 439 ren Himmel und dem Einfluß dieſer unbehaglichen Vor⸗ boten ſtieg dieſe Unruhe zu einer wahren Unglücksahnung. Galt ſie Sara oder ihr ſelbſt— ſie wußte es nicht. Allein ſie war geneigt, letzteres zu glauben und fragte ſich, wie ſie ſchon oft gethan, ob ſie auch auf ein Er⸗ eigniß vorbereitet wäre, das ſie von Allem trennen würde, was ſie auf Erden liebte. Sie fühlte dabei lebhaft, wie ſtark ſie jetzt an ihre irdiſche Eriſtenz gefeſſelt, wie lieb ihr das Leben geworden war und ſie fühlte es beinahe mit Schreck. Alle Menſchenſeelen haben ihre Höhen, aber ſie haben auch ihre Sümpfe, Moräſte und Gruben, ich will Nichts von Abgründen ſagen, denn dazu ſind viele Seelen zu ſeicht. Ein öfteres Hinaufſteigen oder ein fortdauernder Aufenthalt auf jenen Höhen iſt es, was den Menſchen dem Himmel nahe führt. Petreas Seele war ein unebe⸗ nerer Boden, als man es bei den meiſten Menſchen fin⸗ det, aber in ihrer Natur lag auch, wie wir bereits ge⸗ ſehen haben, ein entſchiedenes Verlangen, aufzukommen, und zu derſelben Zeit, da ſie ihre Liebe zu ſehr ans Ir⸗ diſche gefeſſelt fühlte, ſtrebte ſie in der Stille ernſtlich da⸗ hin, zu einer jener Höhen hinaufzuſteigen, von wo jeder beſchränkte Genuß vor einer weit ausgedehnten Ausſicht verſchwindet, wo jede gebundene Liebe befreit wird und in einer höhern auflebt. Dieß gelang ihr auch, es gelang ihr, das Beſte dieſes Lebens in innigem Zuſammenhang mit demjenigen zu erkennen, welches erſt anfängt, nach⸗ dem dieſes zu Ende iſt. Ihre lebhafte Einbildung rief nach einander eine Menge Unglücks⸗ und Todesſcenen her⸗ auf und ſie fühlte, daß ſie in dem Augenblick, ehe ihr Leben vernichtet wuͤrde, ihr Herz mit einem„Gott ſei ewig geprieſen“ erheben könnte. Bei dieſem Gefühl und der Ueberzeugung, daß ihr Vorhaben gut und nothwendig ſei, es moͤge daraus er⸗ ſolgen was da wolle, wurde es ihr wieder leicht und frei zu Muthe. Mit heiteren Blicken und Worten wandte ſie ſich jetzt zu ihrem Reiſegefährten und wußte ihn all⸗ 44⁰ mälig in ein Geſpräch zu ziehen, das für Beide ſo in⸗ tereſſant war, daß ſie Wetter, Wagen und ſchlimme Vor⸗ boten vergaßen. Und trotz Wetter, trotz Regen und Vor⸗ boten, Unglücksahnungen und Todesvorbereitungen, ging die Reiſe ruhig und gut von Statten, wie man es nur von einer Herbſtreiſe erwarten kann. Keine Spur von einer Gefahr zeigte ſich auf dem Wege, der Wind ſchlief⸗ in den Wäldern und in den Wirthshäuſern hörte man nur den einen und andern ſchläfrigen Hausknecht den Mund zu einem unmuthigen„Der Teufel ſolls holen,“ öffnen. Am andern Vormittag kamen unſre Reiſenden glück⸗ lich in U. an. Petrea gönnte ſich kaum Zeit, einige Er⸗ friſchungen zu genießen, bevor ſie ihre Nachforſchungen begann. Die Reſultate der vereinigten Bemühungen von ihrer und des Aſſeſſors Seite wollen wir in der Kürze hier mittheilen. Daß Sara nebſt einer kleinen Tochter in der Stadt geweſen war und in demſelben Wirthshauſe gewohnt hatte, wo Petrea und der Aſſeſſor ſich jetzt befanden, wurde ihnen bald unzweifelhaft, obgleich ſie unter einem fremden Namen reiste. Man beſchrieb ſie als äußerſt ſchwach und kränklich und auf ihre übrigen Umſtände ließ die Thatſache ſchließen, daß ſie den Wirth gebeten hatte, ein Paar Bücher ſür ſie zu verkaufen, was er auch that. Eines dieſer Bücher war mit dem darin vergeſſenen Zeichen in Petreas Hände gelangt. Sara hatte ihrer Schwäche we⸗ gen einige Tage an Ort und Stelle bleiben müſſen, war aber etwa vor einer Woche abgereist und man ſah aus dem Nachtbuche, daß ſie ſich nach einem Wirthshauſe zu begeben beabſichtigte, das auf dem Weg nach Petreas Geburtsſtadt lag, übrigens auf einem anderen, kürzeren, aber auch viel ſchlechteren Weg, als den ſie gekommen Sara war alſo auf dem Wege nach Hauſe, ja viel⸗ leicht war ſie bereits dort. Dieſer Gedanke war ein un⸗ beſchreiblicher Troſt für Petreas Herz, das ſich bei der Beſchrei fühlt h ſeit Sa wurde f unterwe am ſelb allein auch n wirklich Regenw Körper an, da werde. De burtsta, was ihr Petrea, hätte, einen 2 kleines M woher recht er durch L richten ungemũ und Be ſo ſehr V Familie gedeckte Aſſeſſor rungen Blumer dürfen) er mit e ſ in⸗ ime Vor⸗ und Vor⸗ en, ging n es nur pur von nd ſchlief⸗ rtman echt den holen,“ en glück⸗ nige Er⸗ ſchungen gen von ürze hier Stadt nt hatte, „wurde fremden ach und hatſache n Paar Eines ichen in ch we⸗ i, war ah aus hshauſe Petreas ürzeren, ommen ein un⸗ bei der 441 Beſchreibung von Saras Zuſtand äußerſt beklommen ge⸗ fuhlt hatte. Als ſie aber die lange Zeit bedachte, die ſeit Saras Abreiſe aus der Stadt verfloſſen war, da wurde ſie aufs Neue ängſtlich und fürchtete, ſie möchte unterwegs erkrankt ſein. Gern hätte jetzt Petrea noch am ſelben Abend umgekehrt und Saras Spur aufgeſucht, allein die Rückſicht auf ihren alten Freund hielt ſie ab, auch nur davon zu ſprechen. Der Aſſeſſor befand ſich wirklich nicht wohl und bedurfte der Ruhe. Das kühle Regenwetter wirkte unvortheilhaft auf ſeinen Geiſt und Körper ein. Man nahm es als etwas Ausgemachtes an, daß die Reiſe erſt am andern Morgen fortgeſetzt werde. Der Aſſeſſor hatte Petrea geſagt, daß dieß ſein Ge⸗ burtstag ſei und vielleicht war es der Gedanke daran, was ihn den ganzen Tag ungewöhnlich wehmüthig ſtimmte. Petrea, die ihn unendlich gern ein wenig aufgemuntert hätte, beeilte ſich, als er Abends ausgegangen war, um einen Bekannten zu beſuchen, bis zu ſeiner Rückkehr ein kleines Feſt zu veranſtalten. Mit Blumen und Laub, das ſie ſich— Gott weiß woher— zu verſchaffen wußte(wenn der Menſch etwas recht ernſtlich will, ſo müſſen die Mittel ſich finden) durch Licht, Ofenfeuer, einen mit Jeremias Lieblingsge⸗ richten beſetzten Tiſch u. ſ. w., wurde in dem ziemlich ungemüthlichen Wirthshauszimmer das Bild von Comfort und Behaglichkeit zu Stande gebracht, das der Aſſeſſor ſo ſehr liebte. Väter und Mütter und alle Mitglieder glücklicher Familien ſind am Geburtstagsfeſte an Blumenkränze und gedeckte Tiſche gewöhnt. Aber noch hatte nie Jemand des Aſſeſſors Geburtstag während ſeiner einſamen Wande⸗ rungen gefeiert; er war noch nicht mit dieſen kleinen Blumenüberraſchungen des Lebens(wenn wir ſie ſo nennen dürfen) verwohnt worden und daher kam es auch, daß er mit einem Ach der Ueberraſchung und inniger Freude 442 von der finſtern, naſſen Straße in das freunpliche Zim⸗ mer trat. Petrea ihrerſeits war unbeſchreiblich herzlich und ganz glücklich, als ſie ihre Bemühungen, den alten Freund aufzumuntern, ſo gut gelingen ſah. Sie brachten einen angenehmen Abend mit einander zu. Ueber die Unglücks⸗ vorboten und die Eindrücke, welche ſie hervorgebracht, wurden gegenſeitige Befenntniſſe abgelegt; ſie neckten ein⸗ ander damit, vereinigten ſich aber zuletzt zu dem Be⸗ ſchluſſe, daß ſolche Vorbedentungen am öfterſten nichts zu bedeuten haben. Als ſie ſich für die Nacht trennten, drückte der Aſſeſſor Petrea die Hand mit den Worten: „Einen ſo fröhlichen Abend hat mir dieſer Tag noch nie gebracht.“ Voll Dank für dieſe Anerkennung und fur die Hoffnung, in Bälde ihre verlorene, vielbeweinte Ju⸗ gendfreundin wieder zu finden, begab ſich Petrea zur Ruhe. Der Aſſeſſor dagegen blieb noch lange auf; die Mitternacht fand ihn ſchreibend. Mann und Weib!— Es wird viel, beſonders in Nomanen, von Mann und Weib, als von getrennten Weſen geſprochen. Wie dem ſei— Menſchen ſind ſie Beide und als Menſchen, als moraliſch fühlende und denkende Weſen wirken ſie hauptſächlich auf einander und auf das Leben. Ihre Art und Weiſe, ihre Mittel ſind verſchieden und eben dieſe Ungleichheit iſt es, was bei gegenſeitigem Wohlwollen, bei gegenſeitigem Streben, einander das Leben zu erheitern, etwas Wonnevolles und Vollkommenes zu Stande bringt. Der folgende Morgen wurde von der klarſten Sonne beglänzt. Aber des Aſſeſſors Augen waren trübe, als hätten ſie wenig Ruhe genoſſen. Wöhrend er mit Pe⸗ trea frühſtückte, wurde er hinausgerufen, um etwas am Wagen zu beſichtigen. War es die Erbſünde von Mutter Eva her oder war es irgend eine andere Urſache, was Pe⸗ trea bewog, ſich jetzt ſchnell einem Tiſche zu nähern, worauf des Aſſeſſors Papiere und Gelder lagen, bereit, ins Reiſeportefeuille gelegt zu werden? Genug, ſie that es, ſie that zeihen das erſt dankens es zu ſi es etwa ſammen D ein— ſtände, dem R Feſttag mehr, mehr t chriſtlick Bedeut lenden Herbſt Reichth nehmen ihren ſelnde e Hier ri den bl dort kr volle E ſamen die Fr Kinder Petrea unſchul an ihre ihrem pflegen ausſöhr kleidete ſehr gl che Zim⸗ lich und n Freund ten einen Unglücks⸗ gebracht, ten ein⸗ dem Be⸗ n nichts trennten, Worten: noch nie und für inte Ju⸗ trea zur auf; die nders in etrennten ſind ſie nde und nder und ittel ſind was bei Streben, lles und Sonne ibe, als mit Pe⸗ was am Mutter vas Pe⸗ nähern, bereit, that es, 443 ſie that, was ihr gewiß keine rechtſchaffene Leſerin Ler⸗ zeihen wird— ſie durchlief haſtig eines dieſer Papiere, das erſt in der allerneueſten Zeit die Eindrücke des Ge⸗ dankens und der Feder empfangen hatte und—— ſteckte es zu ſich. Bald darauf kam der Aſſeſſor herein und da es etwas ſpät geworden war, eilte er, ſeine Papiere zu⸗ ſammenzupacken und— man reiste ab. Das Wetter war herrlich und Petrea freute ſich wie ein— nein weit mehr als ein Kind über die Gegen⸗ ſtände, die an ihren Blicken vorüberzogen und jetzt nach dem Regen und in dem klaren Sonnenſchein wie im Feſttagsglanze daſtanden. Die Welt war für ſie immer mehr, wahrhaftig mehr, als je ein Zauberreich, nicht mehr die verwirrte, halb heidniſche, ſondern die ächt chriſtliche, worin jedes Ding und jeder Moment ſeine Bedeutung hat, ſo wie jeder Thautropfen ſeinen ſtrah⸗ lenden Lichtpunkt im Glanze der Sonne erhält. Der Herbſt war überdies ihre Lieblingsjahrszeit und ſein Reichthum machte auch jetzt ihre Seele reich an ange⸗ nehmen Gedanken. Es iſt die Zeit, wo die Erde allen ihren Kindern ein Gaſtmahl gibt, und fröhliche, abwech⸗ ſelnde Scenen davon wurden den Weg entlang aufgeführt. Hier richtete der Kornacker ſeine goldgelben Garben gegen den blauen Himmel empor und die Schnitter ſangen; dort kreisten um des Sperberbaumes Purpurbeeren pracht⸗ volle Schaaren zwitſchernder Seidenſchwänze; bei der ein⸗ ſamen Hütte nickten die Blumen des Kartoffelfeldes, daß vie Frucht reif ſei und munter ſprangen kleine baarfüßige Kinder in den Wald hinein, um Heidelbeeren zu pflücken. Petrea dankte in ihrem Herzen dem Himmel für alle die unſchuldigen Freuden auf Erden. Sie dachte an ihr Haus, an ihre Eltern und Schweſtern, an Sara, die bald in ihrem Kreiſe ſein werde und wie ſie dann vieſelbe ver⸗ pflegen und verſorgen, mit dem Leben und dem Glücke ausſöhnen wolle. In der ſeligen, ſchönen Morgenſtunde kleideten ſich alle Gedanken in Licht; Petrea fühlte ſich ſehr glücklich und der loſe Streich, den ſie ihrem Freunde, 444 dem Afſeſſor, mit den geraubten Papieren zu ſpielen meinte, trug ebenfalls nicht wenig dazu bei, ihre Lebensgeiſter gewaltig zu ſteigern. Weß das Herz voll iſt, deß läuft der Mund über, und Petrea wirkte unwillkürlich belebend auf ihren Reiſegefährten, während ſich Beide damit er⸗ götzten, mit Aepfeln und Birnen kleine Kinder auf dem Wege zu bombardiren, die— nicht darob erſchracken. Sie hatten jetzt denſelben Weg genommen, den Sara gefahren ſein ſollte, und im erſten Gaſthof wurden ihre Hoffnungen beſtärkt, denn Sara war dort geweſen und hatte von da Pferde bis auf die nächſte Station genom⸗ men; Alles auf dem Wege nach der Heimath. So ver⸗ hielt es ſich auch auf den drei folgenden Stationen, aber auf der fünften vor der Stadt ging plötzlich Saras Spur verloren. Man hatte dort keine Reiſende, die dieſer Be⸗ ſchreibung entſprach, geſehen, auch ſtand ihr Name nicht im Nachtbuche. Dies machte Petrea große Unruhe. Nach einiger Ueberlegung beſchloſſen ſie und der Aſſeſſor, nach dem letzten Wirthshauſe zurückzukehren und auszukund⸗ ſchaften, welchen Weg Sara eingeſchlagen. Mittlerweile war es Abend geworden und die Sonne neigte ſich zum Untergang, als unſere Freunde durch ei⸗ nen der düſterſten und übelberüchtigſten Wälder Schwe⸗ dens zogen, von welchem neulich behauptet worden iſt: „Dieſer Forſt beherbergt Erinnerungen eben ſo unheimlich, wie er ſelbſt, und Mordmonumente ſtehen am Wege. Jetzt fallen wohl nicht mehr die Mäntel der Berge in ſo dich⸗ ten Draperien, wie früher, aber noch gibt es Thäler, wo nie der Hieb einer Art erklungen und Felſengebirge, die der Sonnenſtrahl noch nie berührt hat.“ „Hier haben zwei Leute einander umgebracht,“ ſagte der Poſtillon mit der froheſten Miene von der Welt, während er anhielt, um die Pferde etwas ausſchnaufen zu laſſen, denn der Weg war ſchwierig; dabei zeigte er mit der Peitſche auf einen Haufen Reiſer und Holzſtücke, der unmittelbar vor den Reiſenden links am Wege lag und ein widriges Ausſehen hatte. Es iſt Landesbrauch, daß jed bezeichne und ſo henden grauſenl ten und was er wurzeln bilden. buttenſtt Zweige Beere welche Lichtwes werfend Jeremie betracht höhere mit den D ſetzte ſie Pferde ßen, 1 wurde „ ſie ſelb vollkom Minder Stoß ohne g von iht Kutſche ner K Skjuts die an Schrec meinte, ensgeiſter deß läuft belebend amit er⸗ auf dem cken. en Sara den ihre ſen und genom⸗ So ver⸗ n, aber Spur eſer Be⸗ me nicht . Nach r, nach szukund⸗ Sonne urch ei⸗ Schwe⸗ den iſt: eimlich, e Jetzt ſo dich⸗ Thäler, gebirge, ſagte Welt, hnaufen igte er lzſtücke, ege lag brauch, daß jeder Vorübergehende auf einen ſolchen mit Blut bezeichneten Platz einen Stein oder ein Holzſtück wirft und ſo wächst das Mordmonument unter einem fortge⸗ henden Fluch der Geſellſchaft. So ſtand es jetzt da, grauſenhaft und ſcheußlich mitten unter den ſchönen Fich⸗ ten und es ſchien, als hätte der Boden das Häßlichſte, was er an ungeformten Zweigen und verdrehten Baum⸗ wurzeln beſaß, hergeben müſſen, um den Haufen zu bilden. Aber mitten unter dieſem Gräuel war ein Hage⸗ buttenſtrauch aufgewachſen; er ſtreckte ſeine friſchen Zweige zwiſchen den trockenen Reiſern heraus, und ſeine Beere glänzten wie friſche Blutstropfen auf der Höhe, welche die untergehende Sonne lieblich beſchien, einen Lichtweg über die breite Landſtraße durch den Wald werfend. „Wenn dieſes Gebüſch in ſeiner Blüthe ſteht,“ ſagte Jeremias, indem er es mit ſeinem ausdrucksvollen Blicke betrachtete,„ſo muß es auf den Gedanken führen, daß eine höhere Macht das, was der Staat mit Recht verdammt, mit den Roſen ihrer Liebe überdecken kann.“ Die Sonne zog ihre Strahlen weg. Der Wagen ſetzte ſich aufs Neue in Bewegung, aber gerade als die Pferde an dem Haufen vorbei ſollten, ſcheuten ſie derma⸗ ßen, daß das Fuhrwerk in einen Graben hinabgeworfen wurde und umfiel. „Gute Nacht, Leben!“ rief es in Petrea, aber ehe ſie ſelbſt wußte, wie, war ſie aus dem Wagen und ſtand vollkommen unbeſchädigt auf dem weichen Heidekraut. Minder gut ſtand es mit dem Aſſeſſor. Ein heftiger Stoß am rechten Beine machte es ihm unmöglich, ſich ohne großen Schmerz darauf zu ſtützen. Einige Schritte von ihm lag ſein alter Bedienter, der auf der Reiſe den Kutſcher machte, in Ohnmacht und blutete ſtark aus ei⸗ ner Kopfwunde; neben ſeinen Pferden ſtand der kleine Skjutsjunge und weinte. Zeit und Lage waren nicht die angenehmſten. Aber Petrea fühlte ſich nach dem Schrecken des erſten Augenblicks vollkommen ruhig und 446 entſchloſſen. Durch Begießung mit Regenwaſſer, das ſich im Ueberfluſſe vorfand, brachte ſie den Ohnmächtigen zum Leben zurück und mit ihrem Sacktuch verband ſie ihm den Kopf. Sodann half ſie ihm ſich aufſetzen, allein ſtehen konnte er nicht, ohne zu ſchwindeln. Bald ſa⸗ ßen Herr und Diener neben einander, die Rücken an einen dicken Tannenſtamm gelehnt und ſahen recht be⸗ trübt aus, denn obgleich der Aſſeſſor weit mehr wegen ſeines Bedienten, als um ſeiner ſelbſt willen bekuͤmmert war und verſicherte, ſein eigener Unfall ſei nur eine Kleinigkeit, ſo war er doch ganz bleich vor Schmerz. Was war zu thun? Hätte man nur den Wagen aus dem Graben herausbekommen und die zwei verwundeten Männer hineinſetzen können, ſo hätte ſich Petrea auf den Bock gemacht und wäre gefahren ſo gut als einer; Nichts ſchien ihr leichter zu ſein; aber gerade die Erfüllung der zwei erſten Bedingungen war das Schwierige und im ge⸗ genwärtigen Falle das Unmögliche, denn unſerer guten Petrea Arme und Hände waren ihrem friſchen Muthe und Willen durchaus nicht gewachſen. Der Skjutsjunge ſagte, etwa eine halbe Meile weiter liege eine Hütte im Walde nahe an der Landſtraße, allein er ließ ſich ſchlech⸗ terdings nicht bewegen, ſelbſt dahin zu laufen oder um irgend einen Preis ſeine Pferde zu verlaſſen.„Laßt uns warten,“ ſagte der Aſſeſſor geduldig und ruhig;„es kommt gewiß bald Jemand vorbei, den wir um Hülfe anſprechen können.“ Man wartete, aber Niemand kam und mit jeder Minute verdüſterten ſich die Schatten, es ſah aus, als mieden die Menſchen um dieſe Zeit den unheimlichen Wald. Petrea, äußerſt unruhig um ihren alten Freund, im Fall er noch lang auf dem feuchfen Boden und in der zunehmenden Abendkälte bleiben müßte, faßte daher bei ſich einen ſtillen Beſchluß. Sie bedeckte den Aſſeſſor und ſeinen Bedienten mit allen Kleidungs⸗ ſtücken, die ſie vergeben konnte, worunter ihr eigener Mantel und froh, daß Erſterer dieß nicht bemerkte, ſagte ſie entſchloſſen zu ihm:„Jetzt gehe ich ſelbſt und ſchaffe Hülfe h ohne auf womit er Seite zr Hütte ſei indem ſi gen ſucht bald Hü Die Weile ſt ſtarke B die Friſ des Wa len und behagens als ſie konnte e ihren noe flüſterte, oder vie Augenbli men bei und an rüchtigt ren, wo ſteht, ſ feſtgeſetzt kungskrei Abenteue vor den der Lant dem Her kam imn ſich auf bergen, e Alles bl auf der r„ das ächtigen band ſie n, allein Bald ſa⸗ cen an echt be⸗ r wegen ummert ur eine Schmerz. gen aus undeten auf den Nichts ung der im ge⸗ guten Muthe tsjunge ütte im der um ßt uns es Hülfe d kam n„ es eit den n ihren euchten müßte, edeckte dungs⸗ eigener ſagte ſchaffe Hulfe herbei; ich werde bald wieder zurück ſein.“ Und ohne auf die Verbote, Bitten und Drohungen zu hören, womit er ſie zurückhalten wollte, lief ſie ſchnell davon, der Seite zu, wo nach der Erklärung des Skjutsjungen die Hütte ſein ſollte. Sie eilte raſchen Schrittes vorwärts, indem ſie alle Gedanken an perſoͤnliche Gefahr zu beſeiti⸗ gen ſuchte und ſich bloß der Hoffnung hingab, ihrem Freunde bald Hülfe zu verſchaffen. Die Haſtigkeit ihres Ganges zwang ſie nach einer Weile ſtehen zu bleiben, um Athem zu ſchöpfen. Die ſtarke Bewegung, die das Blut in raſchen Umlauf ſetzte, die Friſche der Luft, die Schönheit und ruhige Größe des Waldes flößte ihr beinahe im Streit mit ihrem Wil⸗ len und Herzen ein unwiderſtehliches Gefühl des Wohl⸗ behagens und Vergnügens ein, das jedoch ſchnell abnahm, als ſie etwas im Walde praſſeln hörte. Der Wind konnte es nicht ſein; vielleicht ein Thier? Petrea hielt ihren noch keuchenden Athem an ſich. Es ziſchelte, es flüſterte, es waren— Menſchen im Walde. Wie tapfer oder vielmehr wie dummdreiſt Petrea auch in gewiſſen Augenblicken war, ſo zog ſich doch jetzt ihr Herz zuſam⸗ men bei dem Gedanken an ihre einſame, wehrloſe Lage und an die Schreckensſcenen, wodurch dieſer Wald be⸗ rüchtigt war. Außerdem war ſie nicht mehr in den Jah⸗ ren, wo der Menſch auf einem fliegenden Fuße im Leben ſteht, ſorglos und übermüthig; ſie hatte ſich im Leben feſigeſetzt, hatte ihr ſtilles Zimmer, ihren ruhigen Wir⸗ kungskreis, den ſie jetzt mehr liebte, als die glänzendſten Abenteuer von der Welt; kein Wunder daher, wenn ſie vor den unſchönen und häßlichen zurückbebte, die auf der Landſtraße zu Hauſe ſind. Mit gewaltſam klopfen⸗ dem Herzen lauſchte Petrea fortwährend. Das Geräuſche kam immer näher. Einen Augenblick dachte ſie daran, ſich auf der entgegengeſetzten Seite des Weges zu ver⸗ bergen, aber im nächſten rief ſie tapfer:„Wer iſt da?“ Alles blieb ſtille. Petrea ſtrengte ihre Augen an, um auf der Seite, von wo aus das Geräuſch gehört wurde, 448 irgend etwas zu entdecken, aber vergebens, der Wald war dicht und inzwiſchen ganz finſter geworden. Noch einmal rief Petrea:„Iſt um Gottes Willen ein Menſch da, der unglücklichen Reiſenden helfen kann?“ Selbſt Räuber, dachte ſie, müßten durch dieſes Vertrauen erweicht werden und Bitten um Hülfe müſſen jeden Mordgedan⸗ ken aus ihrem Herzen nehmen. Jetzt begann das Geräuſch im Walde aufs Neue und jetzt erhoben ſich Stimmen von— Kindern! Ein unbeſchreibliches Freudegefühl drang durch Petreas Herz. Eine ganze Armee mit Napoleon an der Spitze hätte ihr keine ſolche Zuverſichtlichkeit ein⸗ flößen können, als in dieſem Augenblick die Kinderſtim⸗ men. Bald kamen aus dem Walde zwei kleine baarfü⸗ ßige Menſchengeſchöpfe, ein Knabe und ein Mädchen, die mit großer Verwunderung Petrea angafften. Sie machte ſich indeß bald mit ihnen bekannt und die Kleinen ver⸗ ſprachen ihr, ſie nach ihrer Hütte zu führen, die noch ein Stückchen entfernt lag. Unterwegs gaben ſie Petrea Hei⸗ delbeeren aus ihren vollen Birkenkörben und erzählten ihr, ſie ſeien ſo lange ausgeblieben, weil ſie die Kuh hätten heimtreiben ſollen, allein ſie haben ſie nicht finden können, worüber das kleine zehnjährige Mädchen ſehr bekümmert war, denn„die kranke Frau“ ſollte ja auf den Abend Milch bekommen. Während Petrea von ihren kleinen Schutzengeln ge⸗ leitet durch den Wald wandert, wollen wir eine Abſchwei⸗ fung machen und erzählen, was einige Tage vorher ſich allda zugetragen. Wenige Tage vorher zog ein Reiſekarren hindurch, auf welchem eine Frau und ein kleines Mädchen ſaßen. Als ſie eine kleine Hütte erblickte, die mit ihrem blü⸗ henden Kartoffelfeld eine freundliche Lichtung in dem dichten Walde bildete, ſagte die Frau zu dem Bauern⸗ knecht, der ſie führte:„Ich kann nicht mehr. Warte hier, ich muß einen Augenblick ausruhen.“ Sie ſtieg aus, ſchleppte ſich mit Hülfe des Bauern bis zur Hütte und bat die alte Frau, die ſie dort traf, um ein Glas Waſſer, ſo wie u Bett leg kaum ver Mädchen arme Kr Bette, à ſie erſt1 ihr Fuhr Pſerd at Dre Verſuche nige Sc vabei zi ſchlichen Tag lag alte We ſchaffen, chen an ſie ihr: ihren B und zur Bitte de da er a Beſorgn können. und Bl Hand F „J bevor ic Gute 6 über da demüthi eine wa kalten G an ihret iſt!— Br eWald . Noch Menſch Selbſt erweicht dgedan⸗ Geräuſch Stimmen hl drang Napoleon eit ein⸗ nderſtim⸗ baarfü⸗ hen, die e machte nen ver⸗ noch ein rea Hei⸗ ten ihr, h hätten können, kümmert nd Milch geln ge⸗ bſchwei⸗ rher ſich indurch, n ſaßen. em blü⸗ in dem Bauern⸗ Warte ieg aus, ttte und Waſſer, 449 ſo wie um die Erlaubniß, ſich einen Augenblick auf ihr Bett legen zu dürfen. Die Stimme, die darum bat, war kaum vernehmbar und das Geſicht todesbleich, das kleine Mädchen ſchluchzte und weinte bitterlich. Kaum lag die arme Kranke auf dem dürftigen und nicht ſehr ſaubern Bette, als ſie in eine tiefe Betäubung verſank, aus der ſie erſt nach drei Stunden erwachte. Sie fand jetzt, daß ihr Fuhrmann ihre Sachen in die Hütte getragen, ſein Pſerd ausgeſpannt hatte und fortgeritten war. Drei Tage machte die Kranke mehrere vergebliche Verſuche, vom Bette aufzuſtehen, aber kaum hatte ſie ei⸗ nige Schritte gethan, ſo ſank ſie wieder auf daſſelbe zurück; vabei zitterten ihre Lippen und einige bittere Thränen ſchlichen ſich über die bleichen Wangen hinab. Den vierten Tag lag ſie ganz ſtille da, aber Nachmittags bat ſie das alte Weib, ihr eine ſichere und redliche Perſon zu ver⸗ ſchaffen, die gegen anſtändige Bezahlung das kleine Mäd⸗ chen an einen Ort führen würde, welchen ein Brief, den ſie ihr mitgeben wolle, näher ausweiſe. Die Alte ſchlug ihren Brudersſohn als einen in jeder Beziehung braven und zuverläßigen Burſchen vor und verſprach auf die Bitte der Kranken, ihn noch am ſelben Tage aufzuſuchenz da er aber ziemlich weit entfernt wohnte, drückte ſie die Beſorgniß aus, erſt am ſpäten Abend zurückkommen zu können. Als ſie gegangen war, zog die Kranke Papier und Bleiſtift hervor und ſchrieb mit ſchwacher zitternder Hand Folgendes: „Ich erreiche es nicht— das fühle ich. Ich ſinke, bevor ich in den Hafen gelange. O, meine Pflegeeltern! Gute Schweſtern! Erbarmt euch über meine Kleine, über das Kind, das an eure Thüre klopfen und euch meine demüthige, aber letzte Bitte überreichen wird. Laßt ſie eine warme Wohnſtätte finden, wenn ihre Mutter in der kalten Erde ruht. Seht, wie gut ſie ausſieht! Sehet an ihrem jungen Geſichte, daß ſie mit der Noth bekannt iſt!— Sie gleicht ihrer Mutter nicht;— Ich glaube Bremer, das Haus. 29 450 ihre ſanften Züge erinnern an diejenige, deren Namen ſie trägt und deren Engelsbild nie aus meiner Seele gewi⸗ chen iſt.“ „Pflegemutter, Pflegevater, gute Schweſtern!— ich hätte euch viel zu ſagen, vermag aber nur wenig. Ver⸗ zeihet mir! Verzeihet mir den Kummer, den ich euch ge⸗ macht habe! Ich habe viel gefehlt, aber auch viel gelitten. Ich bin eine Pilgerin auf Erden geweſen und habe nirgends eine Heimath gefunden, ſeit ich eure geſegnete Wohnung verlaſſen. Mein Weg iſt durch die Wüſte gegangen— — ein brennender Samum hat meine Wange angeblaſen — verbrannt, verzehrt.. „Im Begriff die Welt zu verlaſſen, wo ich ſo viel gefehlt und ſo viel gelitten habe, rufe ich euren Segen an! O, laßt mich euch ſagen, daß die Sara, die ihr einſt Tochter und Schweſter nanntet, deſſen doch nicht ganz unwürdig iſt. Tief iſt ſie geſunken, aber ſie hat ſich aus dem Falle aufzurichten geſucht und eure Bilder haben wie gute Engel ihren Weg zur Beſſerung umſchwebt.“ „Es wird euern edlen Herzen wohlthun, zu hören, daß ſie jetzt voll Reue, aber auch voll Hoffnung ſtirbt; —— auf den Vater der Barmherzigkeit hat ſie ihre de⸗ müthige Hoffnung geſetzt.“ „Die Hand der Barmherzigkeit hat auf Erden die Tage meiner Kindheit gepflegt— ſpäter hat ſie mein ſter⸗ bendes Haupt erhoben und ein neues, ein beſſeres Leben in mein Herz gegoſſen:— ſie hat mich dahin geführt, daß ich auf den Erbarmer im Himmel hoffe.“ „Pflegevater! Du, der du mir Sein Bild auf Er⸗ den warſt, du, den ich ſehr geliebt habe,—— ſanfte Pflegemutter! Du, deren Stimme vielleicht noch jetzt das Leben in dieſer erſtarrenden Bruſt wieder hervorrufen könnte—— erbarmt euch über mein Kind; nennet es euer Kind! Und Dank und Segen über euch!“ „Es war nie meine Abſicht, ſelbſt als eine Bürde in euer Haus zurückzukehren. Nein, ich wollte bloß meine Kleine an eure Thüre führen, dieſelbe für ſie geöffnet ſehen 1 ſterben. geleite „U es wird ſchreibe euch me Fehler! es iſt A Gott le M verſiegel ſtrengun nieder u ten Ma fühlte d chen un Glieder Wind i Sara. ich hab immer noch des und Ge lange, t mernde Ee Namen elektriſch wurden ſchlug; thaute Herz ſc vor war das nic lebhafte tamen ſie ele gewi⸗ ſtern!— ig. Ver⸗ euch ge⸗ gelitten. nirgends Wohnung angen— ngeblaſen h ſo viel egen an! ihr einſt icht garz ſich aus aben wie u hören, g ſtirbt; ihre de⸗ rden die nein ſter⸗ Leben in ht, dß auf Er⸗ — ſanfte jetzt das rvorrufen ennt es Bürde in ß meine geöffnet 451 ſehen und dann fortgehen— ſchweigend fortgehen und ſterben. Aber ich ſollte es nicht erreichen! Gott geleite die Vater⸗ und Mutterloſe zu euch!“ „Und jetzt lebt wohl! Ich kann nicht mehr;—— es wird dunkel vor meinen Augen. Auf meinen Knieen ſchreibe ich dieſe letzten Worte. Eltern, Schweſtern, nehmt euch meines Kindes an. Möge es euch eines Tags die Fehler der Mutter vergeſſen machen verzeiht!... es iſt Alles meine Schuld!.. Ich klage Niemand an. Gott lohne euch und ſei mir gnädig!.. Sara.“ Mit großer Haſt legte Sara ihren Brief zuſammen, verſiegelte und überſchrieb ihn. Ermattet von der An⸗ ſtrengung ſank ſie ſodann neben ihrem ſchlafenden Kinde nieder und küßte es ſanft, indem ſie flüſterte:„Zum letz⸗ ten Mal!“ Ihre Füße und Hände waren wie Eis; ſie fühlte die eiſige Kälte gleichſam durch ihre Adern ſchlei⸗ chen und ſich in ihrem ganzen Körper verbreiten. Ihre Glieder erſtarrten und es war ihr, als blieſe ein kalter Wind in ihr Geſicht.„Es iſt der des Todes!“ dachte Sara.„Einſam und elend iſt mein Sterbelager; doch— ich habe es nicht beſſer verdient.“ Ihr Bewußtſein wurde immer dunkler, aber in der Tiefe ihrer Seele kämpften noch des Lebens letzte und vielleicht edelſte Mächte, Schmerz und Gebet. Endlich erſtarrten auch ſie, aber nicht auf lange, denn neue Eindrücke weckten plötzlich das einſchlum⸗ mernde Leben. Es kam Sara vor, als hätten Engelsſtimmen ihren Namen genannt und wiederholt; ſanfte Hände ſirichen mit elektriſchem Feuer über ihre erſtarrten Glieder. Ihre Füße wurden an eine Bruſt gedrückt, worin das Leben hoch ſchlug; heiße Tropfen fielen auf ſie und die Eiſeskälte thaute auf vor denſelben; ſie fühlte ein Herz gegen ihr Herz ſchlagen und der Todeswind auf ihrem Geſichte wich vor warmen Sommerhauchen, Küſſen, Thränen„o, war das nicht ein Traum? Aber der Traum wurde immer lebhafter, immer klarer. Das Leben, das liebevolle, 452 warme Leben ſtritt mit dem Tode und gewann.„Sara, Sara!“ rief eine Stimme voll Zärtlichkeit und Angſt, und Sara öffnete ihre Augen undeſagte:„O Petrea, biſt du es?“ Ja gewiß war es unſere arme Petrea, deren Schmerz über Saras Lage und Freude über ihr jetzt zurückkehren⸗ des Leben ſich nicht beſchreiben laſſen. Sara nahm Petreas Hand und führte ſie an ihre Lippen und das Demüthige an dieſer Bewegung, das ſo gar nichts von der früheren Sara verrieth, durchdrang Petreas Herz.„Gib mir zu trinken!“ bat Sara mit ſchwacher Stimme. Petrea ſah ſich nach einem Labetrank um, aber Nichts war in der Stube zu finden, als ein Krug mit ein wenig trübem Waſſer; kein Tropfen Milch und die Kuh war im Walde zurückgeblieben! Petrea hätte ihr Herzblut für einen Tropfen Wein gegeben, denn ſie ſah, daß Sara im Begriff war, vor Mattigkeit zu ſterben. Jetzt mußte ſie mit Gefühlen, die ſich nicht beſchreiben laſſen, Sara von dem ſchlechten Waſſer geben, worin ſie einige Heivelbeeren zerdrückt hatte, um es erfriſchender zu machen. Sara dankte, als wäre es Nectar geweſen. „Gibt es hier in der Nähe einen Ort, einen Hof, wo man Leute treffen und Lebensmittel bekommen kann?“ fragte Petrea ihre kleinen Wegweiſer. Sie wußten Nichts außer dem Dorfe, aber im Wirthshauſe könne man Alles bekommen, was man wolle, ſagten die Kinder. Es ſei zwar ein gutes Stück Wegs dahin, allein das Mädchen wußte einen Fußweg durch den Wald, auf welchem man bald hinkommen könne. Petrea beſann ſich keinen Augen⸗ blick und nachdem ſie Sara Muth und Hoffnung einge⸗ ſprochen, begab ſie ſich mit dem kleinen flinken Mädchen eiligſt auf den Weg ins Dorf. Das Mädchen ging voraus und ihr weißes Kopftuch leuchtete Petrea durch das Dunkel des Waldes. Allein der Fußpfad, den das Waldkind ſo leicht und ſicher ging, war für Petrea ein wahrer Prüfungsweg. Bald blieben ihre Kleider an dem dichten Buſchwerk hängen, bald er⸗ griff eir Kopf ſe Steine, ligkeit il ihr Fled der Wal deten ſi ihre Str ſangen ſie über nen Sin ter, die menerer mament Un Strahle als Pet wie in ging he gend, und det ſie verg ſah ſich daß es krone a unter d Parteier ſchwediſ nennt) es, we gefange chen at In der heftiger heirathe Burſche unbarm „Sara, ngſt, und rea, biſt Schmerz ückkehren⸗ nPetreas emüthige früheren mir zu etrea ſah ar in der g trübem m Walde Tropfen riff war, Befühlen, ſchlechten ickt hatte, als wäre ren Hof, kann?“ en Nichts an Alles Es ſei Mädchen em man Augen⸗ eine⸗ Mädchen Kopftuch . Allein e gi, blieben bald er⸗ ———— 453 griff ein vorragender Zweig ihren Hut und zog ihren Kopf ſchief, bald fiel ſie über die Baumwurzeln und Steine, denen ſie in der Dunkelheit und bei der Schnel⸗ ligkeit ihres Ganges nicht ausweichen konnte; bald flogen ihr Fledermäuſe ins Geſicht. Vergebens erhob ſich jetzt der Wald majeſtätiſcher als je um ſie her, vergebens zün⸗ deten ſich jetzt die Sterne am Himmel an und ſchickten ihre Strahlen in ſeine dunklen Schachten hinab, vergebens ſangen die Regenbäche an dem ſtillen Abend, während ſie über die Felſen hinabrollten; Petrea hatte jetzt kei⸗ nen Sinn für die Schönheiten der Natur und die Lich⸗ ter, die vom Dorfe her funkelten, waren ihr ein willkom⸗ menerer Anblick, als alle Sonnen und Sterne des Fir⸗ maments. Und ungewöhnlich viel Licht ſtrömte in bleichen Strahlen durch die dunſtigen Fenſter des Wirthshauſes, als Petrea vor demſelben ankam. Darinnen brauste es, wie in einem Bienenkorbe. Geigen ertönten, die Polska ging herum, die Weiberröcke drehten ſich die Wände fe⸗ gend, eiſenbeſchlagene Abſätze ſchlugen in den Boden und der Staub ſtieg bis zur Decke hinauf. Nachdem ſie vergebens außerhalb der Tanzſtube Menſchen geſucht, ſah ſich Petrea genöthigt, hineinzugehen und merkte bald, daß es hier eine Hochzeit gab. Die vergoldete Silber⸗ krone auf dem Kopfe der Braut ſchwankte und zitterte unter den Anfällen und Vertheidigungen der ſtreitenden Parteien, denn es war gerade der heiße Augenblick bei ſchwediſchen Bauernhochzeiten, wo man(wie man es nennt) der Braut die Krone wegtanzt. Die Frauen find es, welche ſie jetzt zu erobern und zugleich die Braut gefangen zu nehmen ſuchen, während ſie von den Mäd⸗ chen aufs eifrigſte vertheidigt und zurückgehalten wird. In der andern Hälfte der großen Stube ging es noch heftiger und lärmender zu, denn hier ſuchten die ver⸗ heiratheten Männer ſich den Bräutigam von den ledigen Burſchen zuzutanzen und man zog, riß und puffte ſich unbarmherzig unter Geſchrei und Gelächter, während die 454 Polska in wirbelndem Takte fortgeſetzt wurde. Sich in dieſen Tumult hineinzubegeben, war für ein zartes Frauen⸗ zimmer beinahe lebensgefährlich; aber Petrea fürchtete in dieſem Augenblick keine Gefahr, außer die, ſich im wilden Lärm nicht bald genug Gehör verſchaffen zu können. Sie rief und verlangte den Wirth zu ſprechen; aber ihre Stimme wurde vom allgemeinen Getöſe ganz und gar verſchlungen. Schnell wand ſie ſich jetzt durch die käm⸗ pfenden und tanzenden Gruppen, zu den zwei Spielmän⸗ nern hin, die mit einer Art Raſerei ihre Geigen ſtrichen und mit den Füßen den Takt dazu ſtampften. Petrea er⸗ griff den einen am Arm und bat ihn um Gottes Willen einen Augenblick aufzuhören. Es handle ſich um Menſchen⸗ leben. Allein man achtete nicht im Mindeſten auf ſie und hörte nicht auf ihre Worte, ſondern ſpielte und tanzte mit einer Art Wuth fort. „Das iſt gar zu toll,“ dachte Petrea,„aber ich will noch toller ſein.“ Und hiemit warf ſie einen mit Flaſchen und Gläſern gefüllten Tiſch über die Muſikan⸗ ten um. Bei dieſem Douchebad verſtummte die Muſik plötzlich. Die Tanzenden wunderten ſich über das Auf⸗ hören des Spiels und ſahen ſich um. Dieſen Augenblick benützte Petrea, ging in den Haufen hinein und rief den Wirth. Dieſer, der eben die Hochzeit ſeiner Tochter feierte, kam; er war ein dicker, etwas groß ſprecheriſcher Mann und hatte offenbar ein Glas über Durſt getrun⸗ ken. Petrea ſagte ihm in Kürze, um was es ſich handle, und bat um Leute, die den umgefallenen Wagen wieder aufrichten ſollen, ſo wie um etwas Wein und feines Brod für eine Kranke. Sie ſprach mit Eifer und Be⸗ ſtimmtheit. Nichtsdeſtoweniger ſtanden der Wirth und der vom Tanze und Getränken etwas berauſchte Haufen mit mißtrauiſcher Verwunderung um ſie herum und Pe⸗ trea hörte um ſich her flüſtern:„Die närriſche Frau! Es iſt die närriſche Frau! Nein, nein, ſie iſt es nicht! Ja, ſie iſt es doch!“ Und man muß geſtehen, daß Pe⸗ treas gufgeregtes Ausſehen, ſo wie der Zuſtand ihrer Toilette nige Ve zu halt dern Pe Hülfe z Bauern eifrig 1 ihre B elder. D räuſper ja, das etwas umgefa guter L den Le P bet ſick wortete halten, mir un Verzus U rührte den Ha zuſamt ſie rie Lebene nannt Bitte vor d men! einem Knab lich ſ Sich in Frauen⸗ chtete in n wilden en. Sie ber ihre und gar die käm⸗ pielmän⸗ ſtrichen etrea er⸗ Willen enſchen⸗ ſie nd nzte mit aber ich inen mit Mufikan⸗ e Muſik as Auf⸗ ugenblick rief den Tochter heriſcher getrun⸗ handle, wieder d feines und Be⸗ rth und Haufen und Pe⸗ Frau! s nicht! aß Pe⸗ d ihrer 455 Toilette nach den Strapazen ihrer Wanderung wohl ei⸗ nige Veranlaſſung geben konnte, ſie für etwas verrückt zu halten; dieß ſo wie die Verwechslung mit einer an⸗ dern Perſon mag daher die Abgeneigtheit erklären, ihr Hülfe zu leiſten, eine Rohheit, die ſonſt den ſchwediſchen Bauern nicht eigen iſt. Aufs Neue ermahnte Petrea eifrig und eindringlich den Wirth und auch die Bauern, ihre Bitte zu erfüllen und verſprach anſtändige Trink⸗ gelder. Der Wirth nahm jetzt eine gebieteriſche Haltung an, räuſperte ſich und ſagte mit ſelbſtgefälligem Lächeln:„Ja, ja, das iſt Alles ganz ſchön und gut, aber ich möchte doch etwas von den anſtändigen Trinkgeldern ſehen, bevor ich umgefallene Wagen ſuchen ſoll. Vielleicht findet man zu. guter Letzt weder das Eine noch das Andere. Man darf den Leuten nicht Alles glauben.“ Petrea erinnerte ſich jetzt mit Schreck, daß ſie kein Geld bet ſich hatte, ließ ſich aber nichts anmerken, ſondern ant⸗ wortete ruhig und beſtimmt:„Das Geld werdet Ihr er⸗ halten, ſobald Ihr an den Wagen kommt. Aber jetzt folgt mir um Gottes Willen und zwar ſogleich; jeder Augenblick Verzug kann ein Menſchenleben koſten.“ Unſchlüſſig ſahen die Männer einander an, aber keiner rührte ſich vom Flecke; ein dumpfes Gemurmel lief durch den Haufen. Beinahe verzweifelnd ſchlug Petrea ihre Hände zuſammen und Thränen ſtürzten aus ihren Augen, indem ſie rief:„Seid ihr Chriſten und könnet Mitmenſchen in Lebensgefahr wiſſen, ohne ihnen zu Hülfe zu eilen?“ Sie nannte ſofort ihres Vaters Namen und Amt und ging von Bitten zu Drohungen über. Während dieß im Hauſe vorging, ereignete ſich etwas vor demſelben, was wir aufs Eiligſte in Augenſchein neh⸗ men wollen. Es hielt nämlich eine Reiſekaleſche an, gefolgt von einem kleinen Holſteiner Wagen, in welchem letzteren vier Knaben ſaßen, der älteſte, etwa zehn Jahre alt und ſicht⸗ lich ſtolz darauf, mit eigener Hand ein paar magere Reiſe⸗ 456 pferde zu regieren. Vom Bock der Kaleſche hüpfte ge⸗ wandt ein etwas corpulenter, jovial ausſehender Herr, und aus dem Wagen kamen nach einander vier kleine Knaben mit ſo vielen Päcken und Bündeln, daß es ganz zum Ver⸗ wundern war. Drinnen bewegte ſich mit vielem Eifer eine etwas hagere Frau von gutem, heiterem Ausſehen, die mit eigener Hand alle Sachen aus dem Wagen hob, welche ſofort von einer Magd, ſo wie von den vier älteſten Kna⸗ ben in Empfang genommen wurden; das jüngſte ſaß auf ſeines Vaters Arme. „Kannſt du noch etwas halten, Jakob?“ fragte die Frau einen der Knaben, der bis ans Kinn vollbepackt da⸗ ſtand.„Ja, mit der Naſe,“ antwortete er munter.„Nein, nein, liebe Mutter, nicht den ganzen Speiſekorb! Das iſt ja rein unmöglich!“ Die Mutter lachte und ſtatt des Speiſekorbs wurden ein paar Bücher unter den Schutz der kleinen Naſe geſtellt. „Gebt auf die Flaſchen Acht, Buben!“ ermahnte die Mut⸗ ter weiter;„und zählet ſie ordentlich, zehn müſſen es ſein! Adam, ſtehe nicht müßig da, mein Junge, ſondern greif zu und denk an das, was du thuſt. Nimm die Flaſche mit der Mutter Elirir wohl in Acht! Was das für ein Lärm da immer iſt! Kommen ſie heraus? da kommt her, meine Jungen! Adam, gib auf David Acht! Jonathan, hieher! Jakob! Salomo, wo biſt du? Sem und Seth, haltet euch ruhig!“ Dieß war der Augenblick, wo man durch die geöff⸗ nete Thüre der Tanzſtube die Ankunft der Reiſenden be⸗ merkt hatte und der Wirth zu ihrem Empfange heraus⸗ eilte. Es folgte ihm eine Menge Leute, und unter dieſen Petrea, welche ſchnell ihre Rede an die Bauern unter⸗ brach, um die Vermittlung der Reiſenden anzurufen, und ſo eine ſchnellere Hülfe zu bekommen, als ſie ſonſt hoffen konnte. „Meine Herrſchaften!“ rief ſie mit einer Stimme, die ihre Gemüthsbewegung verrieth,„ich weiß zwar nicht, wer Sie ſind(und die Dämmerung verhinderte ſie, es ——— zu ſeher um Go wohlklir / N töntenj Petrea, ſchwiſte Knaben Ur gute C und He ſein, d ſerkern, begriffe trea, in geſtt der Ha ſelben See Reiſe Zeit ei lichen zeugt, Louiſer Toilett unſere Briefe abging Pflege Umgeb werden ofte ge⸗ rr, n Knaben m Ver⸗ fer eine die mit welche Kna⸗ ſaß auf gte die „Nein, Das iſt wurden eſtellt. Mut⸗ s ſein! reif zu e mit Lärm meine ieher! t euch geöff⸗ n be⸗ eraus⸗ dieſen unter⸗ „ und hoffen mme, nicht, , es — 457 zu ſehen), aber ich hoffe, Sie ſind Chriſten und bitte Sie um Gottes willen... Weſſen Stimme iſt das?“ rief hier lebhaft eine wohlklingende männliche Stimme. „Wer ſpricht?“ rief Petrea erſtaunt. Noch einige Worte wurden gewechſelt und ploͤtzlich er⸗ tönten jubelnd die Namen:„Petrea! Jakobi! Louiſe!“ Und Petrea, Jakobi und Louiſe umſchloſſen ſich in enger ge⸗ ſchwiſterlicher Umarmung.. „Tante Petrea! Tante Petrea!“ jubelten die acht Knaben, rund um ſie herum hüpfend. Und Petrea weinte vor Freude, hier nicht blos auf gute Chriſten, ſondern auf ihren allerchriſtlichſten Schwager und Hofprediger, ſo wie auf„unſere Aelteſte“ geſtoßen zu ſein, die mit ihren hoffnungsvollen Sprößlingen, den Ber⸗ ſerkern, auf der Heimreiſe zu den Eltern und auf die Pfarrei begriffen waren. Einen Augenblick darauf rollte der Wagen mit Pe⸗ trea, Louiſe und Jakobi, begleitet von reitenden Bauern in geſtrecktem Galopp in den Wald hinein, über welchem der Halbmond jetzt aufſtieg, in die dunkeln Schachten deſ⸗ ſelben und in Petreas bittende Blicke ſein troſtvolles Licht ießend. Wir laſſen Petrea bei ihren Verwandten, die auf der Reiſe zu den Eltern und auf die Pfarrei noch zu rechter Zeit eingetroffen waren, um ſie aus einer höchſt pein⸗ lichen Lage zu erretten. Wir ſind jetzt vollkommen über⸗ zeugt, daß der Aſſeſſor ſchnelle Hülfe, Sara Wein und Louiſens Elirir erhält, daß Petreas Herz getröſtet und ihre Toilette in Ordnung gebracht wird und als Ausweis für unſere Sicherheit führen wir folgendes Stück aus einem Briefe von Loniſe an, det am andern Tag nach Hauſe abging. Ich bin feſt überzeugt, daß Sara durch ſorgfältige Pflege, paſſende Diät und vor Allem durch freundliche Umgebung noch ins Leben und zur Geſundheit zurückgerufen werden kann. Aber jetzt iſt ſie ſo ſchwach, daß wir un⸗ 458 möglich daran denken können, vor einigen Tagen mit ihr abzureiſen. Und jedenfalls verzweifle ich daran, ſie mit uns zu bekommen, wenn nicht der Vater ſelbſt kommt und ſie abholt. Sie wolle, ſagt ſie, keine Bürde für unſer Haus ſein. Ach jetzt iſt es eine Freude, ihr Haus und Herz zu öffnen. Sie iſt ſo verändert. Und ihr Mädchen iſt ein kleiner Engel. Für den Aſſeſſor wäre es, ſeines Beines wegen, wohl nöthig in die Stadt zu kommen, allein er will Sara nicht verlaſſen, die ſeiner Hülfe ſo ſehr bedarf.(Sein Bedienter iſt außer aller Gefahr.) Petrea beſindet ſich trotz aller Strapazen und Abentener herrlich. Sie und Jakobi erheitern uns Alle. So wie es jetzt ſteht, können wir den Tag unſerer An⸗ kunft nicht beſtimmen. Aber beſſert ſich Sara, ſo reist Jakobi vielleicht morgen mit den Jungen ab. Es wird zu theuer mit ihnen Allen im Wirthshauſe. Gott laſſe uns Alle bald in unſerem geliebten Hauſe zuſammen⸗ kommen.“ Eine Stunde nach Empfang dieſes Briefs reiste der Landrichter mit einem Eifer ab, als hätte es ſein Leben gegolten. Er reiste vom Hauſe in das Wirthshaus, wir dagegen verfügen uns vom Wirthshaus in Das Haus. Lilien blühten im Hauſe am ſchönen Morgen des zwan⸗ zigſten Septembers. Sie ſchienen unter Gabrielens Tritten aufzuſproſſen. Selbſt weiß wie eine Lilie, ging die Mutter leiſe in ihrem feinen Morgenkleid umher, mit einem Tuche auch den geringſten Staubfleck von Spiegeln und Tiſchen wegwiſchend. Ein höherer Ausdruck von Freude, als ge⸗ wohnlich, belebte ihr Geſicht. Eine feine Röthe ſchimmerte auf den ſonſt ſo blaſſen Wangen und die Lippen bewegten ſich unwillkürlich, als wollten ſie zärtliche, erfreuende Worte ſprechen. B ſchen 2 landen nicht n da Ga an die im Ha ſtill, ringſtet kam d Kind E dieſen und ih wünſck liche 2 richter Bruſt wie ſ ſchneet ſeblſt Kind Geliel zum hätten dieſem und und 6 ſelbe ſich u in ei ſchnee offen blank Scha en mit m, ſie kommt rde für Haus nd ihr wäre adt zu ſeiner aller en und Alle. An⸗ reist s wird t laſſe nmen⸗ te der Leben „ wir zwan⸗ ritten Nutter Tuche iſchen [8 ge⸗ merte vegten Worte 45⁵9 Bergſtröm ſchmückte Vorſaal und Treppen mit hub⸗ ſchen Blumen und Laub, ſo daß ſie fortlaufende Guir⸗ landen längs der weißen Mauern hin bildeten, und war nicht wenig entzuckt über ſeinen eigenen Geſchmack, zumal, da Gabriele nicht unterließ, ihn zu preiſen. Aber obſchon an dieſem Morgen eine ungewöhnlich große Wirkſamkeit im Hauſe herrſchte, ſo war es doch zugleich ungewöhnlich ſtill, man ſprach bloß mit leiſen Stimmen, und beim ge⸗ ringſten Geräuſch ſagte die Mutter:„Still! Still!“ Es kam dieß daher, weil das verlorene, aber wieder gefundene Kind im Hauſe der Eltern ſchlief. Sie war Abends zuvor angekommen und wir haben dieſen Auftritt übergangen, den Saras große Veränderung und ihr Zuſtand erſchütternd und traurig machte; indeß wünſchten wir doch, daß der gefühlvolle Leſer die männ⸗ liche Thräne geſehen hätte, die über die Wange des Land⸗ richters rollte, als er die wiedergefundene Tochter an die Bruſt legte; wir hätten ihm gerne die Unglückliche gezeigt, wie ſie, die Hände über die Bruſt gekreuzt, auf dem ſchneeweißen, friſchen Bette lag, über welches die Mutter ſeblſt das feine Leintuch ausgebreitet hatte; wie ſie das Kind anblickte, deſſen Bett neben dem ihrigen ſtand, die Geliebten, die ſie liebevoll umgaben, und wie ſie dann zum Himmel aufſah, aber nicht ſprechen konnte;— ferner hätten wir Jedermann gegönnt, das Jakobiſche Paar an dieſem Abend im elterlichen Hauſe zu ſehen, wie ſich Adam und Jakob, die Zwillinge Jonathan und David, ditto Sem und Seth, nebſt Salomo und dem kleinen Alfred um daſ⸗ ſelbe herumrankten. Es waren lauter wohlgebildete Kinder und nahmen ſich ungemein gut aus in ihrer gleichen Tracht, beſtehend in einer Blouſe von dunklem Zeug, über welche der ſchneeweiße Hemdkragen zurückgelegt war, Hals und Bruſt offen laſſend; der ſchlanke Leib von einem ſchmalen blanken Ledergurt umſchloſſen. So der Berſerker leichte Schaar. Aber wir kehren zu unſter lichten Morgenſtunde zu⸗ 460 rick. Eva und Leonore waren im Garten und pfluckten mit eigener Hand auserleſene Aprikoſen nebſt Birnen, die den Mittagstiſch ſchmücken ſollten. Sie waren noch glän⸗ zend vom Thau und zum letztenmal begoß die Sonne ſie mit Purpur beim Geſange der Dompfaffen. Die Schwe⸗ ſtern hatten von Sara geſprochen, von der kleinen Eliſe, die ſie erziehen wollten, und von Jakbbi, und ihr Geſpräch war heiter, ſodann gingen ſie auf andere Gegenſtände über. „Und heute,“ ſagte Levnore,„geht deine Antwort an Oberſt R. ab!„Dein letztes Nein und du fühlſt dich dabei ganz zufrieden?“ Ja durchaus. Ach Leonore, wie das Herz ſich ver⸗ ſhe kann! Ich begreife jetzt gar nicht, daß ich ihn einſt iebte.“. „Es iſt doch ſonderbar, daß er aufs Neue um dich anhielt, nach ſo vieljähriger Trennung. Er muß dich doch mehr geliebt haben, als die Andern, denen er den Hof machte.“ „Ich glaube das nicht: aber.... QAch Leonore, ſiehſt du den ſchönen Apfel dort? Wie hell er glänzt! Kannſt du ihn nicht erreichen? O doch, wenn du auf dieſen Aſt da kletterſt.“ „Soll ich mir ſo viele Mühe geben? Es iſt entſetz⸗ lich! Nun ich muß wohl! Aber fang mich auf, wenn ich fallen ſollte.“ Hier wurden die Schweſtern von Petrea unterbrochen, deren Ausſehen bewies, daß ſie ihnen etwas Intereſſantes mitzutheilen hatte. „Siehe, Eva,“ ſagte ſie, indem ſie ihr ein über⸗ ſchriebenes Papier in die Hand gab,„hier haſt du etwas zur Morgenlektüre. Jetzt mußt du dich von einer Sache überzeugen, an die du bisher nicht glauben wollteſt. Und ich will vich einen Stein, einen Stock, einen Au⸗ tomaten ohne Seele und Herz nennen, wenn du nach dieſem nicht ja lächle nur, du wirſt nicht mehr lächeln, wenn du dieß geleſen haſt. Leonore! Komm, 3 liebe L Recht T des Aſ reiſen iſt, w an He ſelbſt. ſo dur Walde die tie es iſt 6 ſen un fürchte trinken remias Er iſt geliebt Der; die Tr ich nie Möge licher denn e ten ih Blum ben u einſt e fluͤckten en, die glän⸗ nne ſie Schwe⸗ Eliſe, eſpräch e über. ort an dabei h ver⸗ einſt m dich ß dich en Hof onore, länzt! dieſen ntſetz⸗ nn ich ochen, ſantes etwas Sache liteſt. Au⸗ nach mehr omm, ——— 461 liebe Leonore, du mußt es auch leſen und du wirſt mir Recht geben. Leſet, Schweſtern, leſet.“ Die Schweſtern laſen folgende Aufzeichnungen von des Aſſeſſors Hand:„ „Selig der Einſame, der Geringe! Er darf in Ruhe reifen und friſch werden.“ Schöne, und was noch beſſer iſt, wahre Worte.“ „Der Findling hat ſie an ſich erprobt. Er war krank an Herz und Gemüth, krank an der Welt und an ſich ſelbſt. Aber er war der Geringen, Unbemerkten einer, und ſo durfte er viel allein ſein, allein in dem friſchen, ſtillen Walde draußen, allein mit dem großen Arzte, der allein die tiefen Wunden des Herzens zu heilen vermag, und— es iſt beſſer mit ihm geworden.“ „Jetzt fange ich an den großen Oberarzt zu begrei⸗ ſen und die Diät, die er mir vorgeſchrieben hat. Ich fürchtete den Krebs des Egoismus und wollte mich frei⸗ trinken davon im Nektar der Liebe. Aber er ſagte: Je⸗ remias, nicht dieſen Trank, ſondern den der Entſagung! Er iſt blutreinigender.“ „Ich habe ihn getrunken. Ich habe ſie zwanzig Jahre geliebt, ohne Forderung und ohne Hoffnung.“ „Ich lege heute mein dreiundſechszigſtes Jahr zurück. Der zunehmende Schmerz in meiner Seite gebietet mir die Treppen der Patienten zu verlaſſen und ſagt mir, daß ich nicht mehr viele Treppenſtufen bis an mein Grab habe. Möge es mir geſtattet ſein, meine übrigen Tage ausſchließ⸗ licher für ſie zu leben.“ „Auf der Roſe des Alters will ich für ſie leben, denn es ſteht in meinem Teſtament, daß die Roſe des Al⸗ ten ihr gehört, ihr, der Eva Frank.“ „Ich will das Gut für ſie verſchonen, ich will ſchöne Blumen und Bäume für ſie hineinſetzen. Ich will Trau⸗ ben und Roſen dort ziehen. Das Alter wird auch ſie einſt ergreifen und verwelken und hinſchwinden laſſen, aber „Aus Almquiſts„Buch der Roſe.“ dann wird die Roſe des Alten für ſie blühen und der Duft meiner Liebe ſie ſegnen, wenn der häßliche Alte nicht mehr auf Erden wandelt. Sie wird ihre lieben Schwe⸗ ſtern mit ſich nehmen, wird dort den Geſang der Vögel hören und den Glanz der Sonne auf den lieblichen Gegen⸗ ſtänden der Natur ſehen.“ „An dieſen Gedanken will ich ausruhen, während der einſamen Monate, oder— Jahre, die ich dort zuzu⸗ bringen habe. Wohl wird mir mancher Tag ſchwer und die einſamen Abende lang werden! Gewiß wäre es gut, einen lieben, milden Freund um ſich zu haben, zu welchem man ſagen könnte:„Guten Morgen! Die Sonne iſt ſchön!“ oder in deſſen Augen man, wenn ſie fort iſt, eine beſſere Sonne ſehen dürfte; einen Freund, mit dem man ſich der Bücher, der Natur, der gütigen Gaben Gottes erfreuen— deſſen Hand man im letzten ſchweren Augenblick drücken und ſagen könnte:„Gute Nacht! Wir treffen uns wieder — Morgen— bei der Liebe ſelbſt— bei Gott!“ „Aber.„der Findling ſollte keine Heimath finden auf Erden!“ „Nun gut, er findet vielleicht bald ein anderes Haus und dort wird er zu dem Hausherrn ſagen:„Bater, er⸗ barme dich über meine Roſen!“ und zur Wohnung der Menſchen wird er ſagen:„Langweilig warſt du mir, Welt; aber dennoch Dank für dein Gutes!“ Als die Schweſtern zu leſen aufgehört hatten, lagen einige klare Thränen auf dem Blatte und glänzten in der Sonne Licht. Leonore trocknete ihre Augen und wandte ſich an Petrea mit der Frage: „Aber Petrea, wie iſt dieſes Blatt in deine Hände gekommen?“ „Dachte ichs doch, das werde kommen!“ ſagte Pe⸗ trea.„Du ſollteſt nie ſo ſchwere Fragen thun, Leonore. Siehe, jetzt fragen auch Evas Augen— und ſo ernſthaft! Glaubt Hände befreit Ihr we Nun gt der Rei wurde.“ ten, jetz jetzt des Gewiſſe mögt e frage L munizir Schweſt Schweſt einer T Et briele a liegende iſt, mit Vater 1 ſchwärn lich auft Mutter und gla che Noa Kindesſt Japhet c den Sch von eine mit etw „Wir d Reiſe, 463 nd der Glaubt ihr vielleicht, der Aſſeſſor habe es mir in die te nicht Hände geſchmuggelt? Nein, von dieſem Verdacht muß er Schwe⸗ befreit werden, wenn auch— auf meine eigenen Koſten. Vögel Ihr wollt wiſſen, wie ich das Papier bekommen habe? Gegen⸗ Nun gut, ich habe es geſtohlen, Schweſtern, geſtohlen auf der Reiſe, am Morgen nach der Nacht, wo es geſchrieben ährend wurde.„Aber Petrea!— aber Petrea!„Ja ihr Gu⸗ t zuzu⸗ ten, jetzt iſt es zu ſpät: Aber Petrea! zu rufen. Ihr wißt e n ijetzt des Aſſeſſors Geheimniß und könnt thun, wie euer es gut, Gewiſſen euch gebietet. Das meinige iſt verhärtet, ihr velchem mögt erſchrecken und euch entſetzen über meine That, ich ſchön!“ frage Nichts darnach. Mag die ganze Welt mich ercom⸗ beſſere muniziren— ich kümmere mich nicht darum. Eva! Leonore! ſich der Schweſtern!“ Petrea ſchlang ſchnell ihre Arme um beider uen— Schweſtern Hals, zog ſie an ſich, küßte ſie lächelnd mit drücken einer Thräne im Auge und verſchwand. wieder inden Etwas ſpäter am Vormittag finden wir Eva und Ga⸗ Haus briele auf Beſuch in dem ſchönen ganz nahe bei der Stadt 3 liegenden Pfarrhauſe, wo Frau Louiſe in vollem Rumor ing der iſt, mit ihren Sachen allen, während die Jakobiner mit Welt; Vater und Großvater auf den Aeckern und Wieſen herum⸗ ſchwärmen. Der vierjährige kleine Alfred, ein ungewöhn⸗ lich aufgeregtes und liebenswürdiges Kind iſt allein bei der Mutter zu Hauſe; er macht Gabrielen beſonders den Hof und glaubt, ſie unterhalten zu müſſen, weßhalb er die Ar⸗ lagen che Noah hervornimmt und ihr mit ſeiner kleinen, klaren in der Kindesſtimme Cham und Chamina, Sem und Semina, wandte Japhet und Japhetina vorſtellt. Nachdem alle:„Wie ſtehts? wie gehts?“ zwiſchen Hände den Schweſtern beantwortet ſind, löst Gabriele das Papier von einem Korbe, den Ulla gebracht hat, und bittet Louiſe, te Pe⸗ mit etwas Kalbsbraten und Paſteten vorlieb zu nehmen. „Wir dachten, du werdeſt etwas Friſches brauchen auf die ſthaft! Reiſe, bis du ſelbſt einmal deine Speiſekammer in Ord⸗ 464 nung haſt. Verſuch einmal eine Paſtete! Fleiſchtare gefüllt und ich verſichere dich, nach der Sünd⸗ fluth gebacken.“ „Wirklich!“ antwortete Louiſe lachend;„ſie find auch delikat! Da haſt du auch eine, mein kleiner Kobold! Aber ein andermal ſieh nicht mehr mit ſo gierigen Augen dar⸗ auf. Dank, Dank, liebe Schweſter! Ach wie angenehm, daß wir wieder ſo nahe zu euch und unſerem Hauſe ge⸗ fymmen ſind! Wie ihr Alle ſo geſund und glücklich aus⸗ ſehet! Und Petrea! Wie ſie ſich gemacht hat! Sie hat etwas Ruhiges und Verſtändiges bekommenz ſie iſt in ihre Naſe hineingewachſen und kleidet ſich hübſch; ſie iſt jetzt ganz wie andere Leute. Und ſeht, hier habe ich ein präch⸗ tiges, gut wattirtes Morgenkleid für ſie, das ſie auf ihrer Bodenkammer oben warm erhalten ſoll. Iſt es nicht ſu⸗ perb? Koſtet blos zehn Kronenthaler.“ „Ah, merkwürdig! Vorzüglich! Unerhört! Wahrhaftig, das iſt ein Kleid für das ganze Leben.“ „Was iſt das für ein ſchöner Kragen, den Cva um hat? Ich glaube wahrhaftig, du biſt noch ſchöner gewor⸗ den; du warſt und biſt die Roſe der Familie, Eva. Du ſiehſt ganz jung aus und biſt überdieß zu Fleiſche gekom⸗ men. Damit kann nun ich eben nicht prahlen; man wird nicht ſtark, wenn man für acht Jungen zu ſorgen hat. Wißt ihr Schweſtern, vaß ich in der letzten Woche vor meiner Abreiſe aus Stockholm hundert und ſechs Hemden zugeſchnitten habe! Ich hoffe hier zu Hauſe einige Hülfe beim Nähen zu erhalten. Seht ihr! dieſer Finger iſt ganz hart und ſchwielig davon. Gott ſegne die Jungen! Seine Mühe hat man mit ihnen! Aber ſagt mir, wie ſteht es mit der Mutter? Man hat mir immer geſchrieben, ſie ſei beſ⸗ ſer und doch finde ich ſie entſetzlich abgefallen. Es thnt mir wirklich weh; wenn ich ſie anſehe. Was ſpricht der Affeſſor?“ „Oh!“ antwortete Gabriele eifrig,„er ſagt, ſie werde wieder gut werden und es hat ganz gewiß keine Gefahr. Sie beſſert ſich mit jedem Tage.“ Sie ſind mit Eva und ihre „Wenn: ſen wir, „Un was ich hen und mit der? nen und Milch ur ihr verſck gut thun wird? 2 Idee von darin unt „Je mitgebrat decken un geſponner gebraucht haben.“ „Je das hat das Eine det es ſe Gal Man ſie Stande i „Gt mir glau Und wir cken. S den Hän ſter; er ſich dam Brem ind mit Sünd⸗ nd auch d! Aber en dar⸗ genehm, auſe ge⸗ ich aus⸗ Sie hat in ihre iſt jetzt npräch⸗ uf ihrer icht ſu⸗ hrhaftig, Eva um gewor⸗ . Du gekom⸗ an wird gen hat. oche vor Hemden eHülfe iſt ganz Seine tes mit ſei beſ⸗ Es thnt ticht der ſie werde Gefahr. 465 Eha ſah nicht ſo hoffnungsvoll aus, wie Gabriele und ihre Augen ſtanden Loll Thränen, indem ſie ſagte: „Wenn nur Herbſt und Winter gut vorübergehen, ſo hof⸗ fen wir, der Frühling 4 „Und wißt ihr auch,“ fiel Louiſe lebhaft ein,„an was ich gedacht habe? Sie ſoll im Frühling zu uns zie⸗ hen und die Milchkur gebrauchen. In dieſem Zimmer da, mit der Ausſicht auf den ſchönen Birkenhain ſoll ſie woh⸗ nen und die Landluft genießen und das Grüne und die Milch und alles Gute, was das Land darbietet und ich ihr verſchaffen kann!——— Dieß würde ihr gewiß gut thun. Glaubt ihr nicht, daß ſie dann wieder geſund wird? Müßt ihr nicht zugeſtehen, daß dieß eine lichtvolle Idee von mir iſt?“ Die Schweſtern fanden wirklich Licht darin und Louiſe fuhr vergnügt fort: „Jetzt muß ich euch auch zeigen, was ich für ſie mitgebracht habe! Seht ihr dieſe damaſtenen Frühſtücks⸗ decken und dieſe ſechs Frühſtücksſervietten! Alles im Hauſe geſponnen! Ich habe bloß den Weberlohn zu bezahlen gebraucht. Nun, wie gefallen ſie euch?“ „O vortrefflich! vortrefflich!“ „Schön, ſehr ſchön! Sie wird eine große Freude haben.“ „Jetzt ſeht auch, was ich für den Vater habe! Ach das hat Jakobi in ſeinem Mantelſack, Dort liegt noch das Eine und Andere;— ihr werdet es ſehen, ihr wer⸗ det es ſehen!1“ Gabriele ſagte lachend:„Welche Fluth von Sachen! Man ſieht ihnen wohl an, daß die Kaſſe in gutem Stande iſt.“ „Gott ſei Dank, jetzt geht es an. Allein ihr dürft mir glauben, daß es in den erſten Jahren ſchwer herging. Und wir fingen ſogleich an, uns nach der Decke zu ſtre⸗ cken. Seit wir geheirathet ſind, habe ich die Kaſſe unter den Händen gehabt. Ich bin meines Mannes Schatzmei⸗ ſter; er überläßt mir Alles, was er einnimmt und läßt ſich dann von mir geben, was er braucht; auf dieſe Bremer, das Haus. 30 466 Weiſe iſt es recht gut gegangen. Gott ſei Dank, wenn man einander recht lieb hat,*. geht Alles.“ „Ich bin gühelcher e s ich verdiene, mit einem ſo braven guten Manne und Kindern. Wäre nur mein kleines Mädchen— unſer kleines Louischen am Leben geblieben! Ach das war eine Freude, als ſie nach den acht Knaben zur Welt kam! Jakobi und ich weinten vor Vergnügen. Und dann war ſie zwei Jahre lang unſre höchſte Wonne. Jakobi betete ſie eigentlich an; er konnte ganze Stunden an ihrer Wiege ſitzen und ſie und er fühlte ſich ſelig, wenn er ſie auf ſeinem Schvoße hatte. Aber ſie war kuch ſo unbeſchreiblich lie⸗ benswtdig, ſo gut, ſo weiß, ſo ſtille, ſo beſcheiden! Ein wahrer kleiner Engel! Ach es war hart, ſie zu verlieren! Jakobi trauerte, wie ich nie einen Mann habe trauern ſehen. Aber ſein glückliches Gemüth und ſeine Frömmigkeit ſind ihm zu Hülfe gekommen. Es iſt ſchon über ein Jahr, daß ſie todt iſt. Ach nie, nie vergeſſe ich ſie, mein kleines Mädchen.“ Louiſens Thränen floſſen reichlich; die Schweſtern mußten mit ihr weinen. Bald jedoch gewann Louiſe ihre Faſſung wieder und ſagte, indem ſie ihre Augen ne te: „Jetzt haben wir auch den Kummer mit des kleinen Da⸗ vids Fuße. Aber es gibt kein vollkommenes Glück hier auf der Welt und wir haben kein Recht darauf. Verzeiht mir, daß ich euch betrübt habe und laßt uns jetzt von etwas Anderem ſprechen; während ich ein in mei⸗ nen Sachen umherſtöbere, erzählt mir etwas von unſern Bekannten. Tante Eveline lebt doch wohl noch?“ „Ja, und ſie iſt als Großmutter von fünf Enkeln geliebt und geehrt von Allen auf Arelholm. Es iſt eine gar zu angenehme Familie, die ſie um ſich ſieht, und ſie hat das glücklichſte Alter.“ „Das freut mich, aber ſie verdient auch, geliebt und geehrt zu werden. Iſt ihre Carin auch verheirathet?“ „Ach nein, Carin iſt todt. Das war ein großer Jammer. Sie waren ſo glücklich beiſammen geweſen.“ — „ ich mic dieß K nem lie höchſt keine ſi ſchön u „ er noch ihn heu will ihn nen Err All „A mit der den Aug „D Mittag den wir jenſeits wodurch werden: gut, bei Schranke „W Dank, e Berſerke „St lachend, deßwegen einiges( ſchwer; Sturm l. Ge Jungen habe eini mir, die „wenn inem ſo ire nur e m ſie nach weinten e ang ch an; und ſie ſeinem lich lie⸗ cheiden! ſie zu in habe d ſeine ſt ſchon vergeſſe weſtern iſe ihre ocknete: en Da⸗ ück hier erzeiht etzt von in mei⸗ unſern Enkeln iſt eine und ſie ebt und t großer ſen.“ 467 „Gütiger Gott, ſie iſt todt? Ach ja, jetzt erinnere ich mich, daß ſie mirs geſchrieben hat. ſeht einmal dieß Kleid da, Schweſtern!.. Ein Geſchenk von mei⸗ nem lieben Manne. Iſt es nicht ſchön? Und überdieß hoͤchſt modern! Ja, ja meine liebe Gabriele; du brauchſt keine ſo zweideutige Geſichter zu machen. Es iſt recht ſchön und ganz modiſch, das verſichere ich dich „Aber à propos, was macht der Hofprediger? Lebt er noch in neuer Auflage? Nun das iſt gut. Ich werde ihn heute Mittag anziehen, um Jakobi zu erſchrecken. Ich will ihm ſagen, daß ich ihn künftig zur Ehre ſeiner eige⸗ nen Ernennung zum Hofprediger zu tragen gedenke.“ Alle lachten. „Aber ſagt mir jetzt,“ fuhr Louiſe fort,„wie ſoll es mit der großen Ueberraſchung zugehen? Wie habt ihr euch den Augenblick gedacht?“ „Das ſollſt du ſogleich hören. Wir haben auf den Mittag großen Kaffee im Garten. Während deſſen klei⸗ den wir auf eine feine Art ein Geſpräch über den Platz jenſeits der Planke ein und gucken durch die Spalten, wodurch wir bald den gewöhnlichen Wunſch hervorrufen werden:„Wenn nur dieſe Schranke einmal fiele!“ Nun gut, bei dieſem Signal ſollen deine acht Jungen auf die Schranken loslaufen und. „Was fällt euch ein? Meine Jungen ſind, Gott ſei Dank, alle ſtark und flink, allein es wären doch wahre Berſerkerkräfte nöthig, um „Sei ohne Sorgen,“ antworteten die Schweſtern lachend,„die Planke iſt unten abgeſägt und ſteht nur deßwegen ſo feſt, damit beim Umfallen des Effects wegen einiges Gekrache verurſacht wird. Die That iſt nicht ſchwer; übrigens werden wir nöthigenfalls alle zuſammen Sturm laufen.“ „Gott behüte! Wenn es ſo ſteht, ſo können meine Jungen die Sache ſchon ausführen und à propos, ich habe einige Flaſchen ganz ausgeſuchtes Zuckerweißbier bei mir, die dem Vater gewiß munden würden, und ganz — 468 gelegen kämen, wenn wir, wie es ſich nicht anders ziemt, einige Geſundheiten trinken wollten.“ Während dieſes Geſprächs war der kleine Alfred ver⸗ gebens umhergegangen, hatte zwei Küſſe ausgeboten und war nahe daran, böſe zu werden, als er keinen Abſatz für ſeine Waare fand; aber auf einmal beſann er ſich eines Beſſern, fiel Gabrielen um den Hals und rief: „Jetzt ſehe ich, daß die Tante nothwendig einen Kuß haben muß!“ Und es war nicht Tante Gabrielens Schuld, wenn der liebe Junge ſich nicht überzengte, wie durchaus unent⸗ behrlich ſein Geſchenk war. Aber Louiſe ſtöberte in ihren Sachen.„Hier habe ich einen Weſtenzeug für Bergſtröm und hier ein Hals⸗ tuch für Ulla, ſodann noch dieſen kleinen Beſen, um Spiegel und Tiſche abzuſtäuben. Iſt er nicht ſuperb? Und ſeht da dieſer Blaſebalg und die Kleinigkeiten da ſind für die alte Brigitte.“ „Nun, da wird die Alte glücklich ſein. Sie iſt ohne⸗ hin manchmal etwas verdrießlich geſtimmt, aber ein Kaffeeſchmaus und einige kleine Geſchenke verſöhnen ſie mit der ganzen Welt; und heute bekommt ſie ja Beides.“ „Und ſeht, welchen vorzüglichen Wind dieſer Blaſe⸗ balg hat. Er kann das elendeſte Holz zum Brennen brin⸗ gen— ſeht, wie der Staub vor ihm herfliegt.“ „Uh, man wird ſelbſt fortgeblaſen,“ ſagte Gabriele lachend. Während die Schweſtern noch mit Blaſen und Stäu⸗ ben und Louiſe mit der Bewunderung ihrer Erfindungen beſchäftigt waren, kam der Landrichter herein, vergnügt und warm. „Welche Geſchäftigkeit!“ rief er lachend.„Ich ſoll dich von Mann und Kindern grüßen, Louiſe. Deine Jun⸗ gen gefallen mir ſehr gut. Aufgeweckte, lebhafte Burſche. Auch folgſam und artig. Dein kleiner David iſt ein wil⸗ der Springinsfeld und ein prächtiger Burſche. Nur Schade, daß er lahm ſein muß.“ Roth vor inniger Freude bei dieſem Lob ihrer Söhne antwort Davids das Vi „ Füße w nen, Lo wieder ich, dich hier in mager größer. ſie woh Ar kungen ihren E nicht in ſund au vortreff W ſtandene Haus z nes Zu nehmlic gen, da lichen fühl, ſchuldbe W ſehen, 1 blick de weit ſe Geſicht der und vom G der Ret ziemt, red ver⸗ te Abſatz er ſich nd rief: iß haben d, wenn s unent⸗ ier habe n Hals⸗ en, um ſuperb? eiten da iſt ohne⸗ ber ein nſie mit es. r Blaſe⸗ en brin⸗ Gabriele d Stäu⸗ indungen vergnügt Ich ſoll ine Jun⸗ Burſche. ein wil⸗ Schade, eSöhne 469 antwortete Louiſe ſchnell auf die Klage wegen des kleinen Davids:„Du ſollteſt einmal hören, welche Talente er für das Violoncell hat; er wird ein zweiter Gehrman.“ „Nun, das iſt gut. Ein ſolches Talent iſt ſeine zwei Füße werth. Aber ich habe dich noch kaum anſehen kön⸗ nen, Louiſe. Ei der Tauſend, das iſt ſehr ſchön, daß du wieder ſo in unſere Nähe kommen mußteſt. Jetzt hoffe ich, dich alle Tage ſehen zu können und unſere friſche Luft i in der Gegend wird dir gewiß wohl thun. Du biſt mager geworden, aber— ich glaube wahrhaftig, auch größer.“ Lachend erwiederte Louiſe, dazu ſei die Zeit für ſie wohl längſt vorüber. Auch die Schweſtern machten unter ſich ihre Bemer⸗ kungen über Louiſe. Sie freuten ſich, daß ſie mit allen ihren Sachen ſich ſelbſt ſo gleich geblieben ſei. „Schöner iſt ſie juſt nicht geworden, aber man kann nicht in Ewigkeit ſchöner werden. Sie ſieht gut und ge⸗ ſund aus; gar nicht domkirchenartig mehr! Sie gibt eine vortreffliche Prälatin.“ Wir verſetzen uns jetzt in Saras Zimmer. Wenn ein geliebtes und ſchuldloſes Kind nach über⸗ ſtandenen Leiden in den Schooß der Eltern, in ein liebes Haus zurückkehrt, wer vermag dann die ſüße Wonne ſei⸗ nes Zuſtandes zu ſchildern! Der reine Genuß aller An⸗ nehmlichkeiten des Hauſes, die Zärtlichkeit der Angehöri⸗ gen, das Bewußtſein, wieder ein glückliches Kind im elter⸗ lichen Hauſe, die ſüße Hingebung und das himmliſche Ge⸗ fühl, überhaupt wieder zu Hauſe zu ſein! Aber das ſchuldbedeckte Kins Wir haben ein Gemälde vom verlotenen Sohne ge⸗ ſehen, das wir nie vergeſſen werden. Es war der Augen⸗ blick der Wiedervereinigung. Der Vater öffnete dem Sohn weit ſeine Arme; dieſer ſinkt hinein und verbirgt ſein Geſicht darin. Tiefe Herzenszerknirſchung beugt ihn nie⸗ der und über die blaſſe Wange— das Einzige, was man vom Geſichte ſieht— rinnt eine Thräne— eine Thräne der Reue und des Schmerzes. Sie ſagt Alles. Mag 470 auch der goldene Ring um ſeinen Arm gelegt, mag ihm auch das Maſtkalb zum Gaſtmahle vorgeſetzt werden:— er kann ſich nicht glücklich fühlen, kann nicht fröhlich ſein. Aus den Quellen der Erinnerung quillt die verbitternde Thräne hervor. So war es mit Sara und zwar je mehr ihr Herz wirklich gereinigt und veredelt war. Als ſie nach einem erfriſchenden Schlaf in ihrer früheren Heimath erwachte und neben ſich ihr Kind auf einem weichen, ſchneeweißen Bette ſchlafen ſah; als ſie bei der hereindringenden Mor⸗ genſonne Alles um ſich her feſttäglich, rein und friſch er⸗ blickte; als ſie ſah, wie der Liebe treues Gedächtniß ihre Jugendliebhabereien bewahrt hatte; als ſie ihre früheren Lieblingsblumen, die Aſtern von der Alabaſterurne auf dem Ofen herabſtrahlen ſah und nun an das dachte, wie Alles geweſen und wie es jetzt war— da weinte ſie bit⸗ terlich. Petrea, die an einem Fenſter in Saras Zimmer leſend ihr Erwachen beobachtet, ſtand jetzt bald mit herz⸗ lichen und beruhigenden Worten neben ihr am Bette. „O Petrea,“ ſagte Sara, der Schweſter Hand an ihre Bruſt drückend:„Laß mich mit dir ſprechen!„ Mein Herz iſt voll. Ich fühle, daß ich dir Alles ſagen kann und daß du mich verſtehen wirſt. Ich bin nicht freiwil⸗ lig hieher gekommen. Dein Vater hat mich mit ſich ge⸗ nommen. Er fragte mich nicht; er nahm mich, wie ein Kind und ich folgte, wie ein Kind; ich fühlte mich ſchwach; ich dachte, vielleicht ſterbe ich bald! Es wäre mir ſüß unter ſeinem Dache ſterben zu dürfen. Aber dieſe Nacht un⸗ ter demſelben hat mir neue Kräfte gegeben. Ich fühle jetzt, daß ich leben werde. Höre mich und ſtehe mir bei, Petrea, denn ſobald meine⸗ Füße mich tragen, muß ich fort von hier. Ich will dieſem Hauſe keine Bürde ſein. Befleckt und verachtet von der Welt, will ich dieſes Hei⸗ ligthum nicht mit meiner Gegenwart verunreinigen. Schon habe ich in Gabrielens Blicken Scheue vor mir geleſen; O mein Aufenthalt hier würde mir ſelbſt eine Qual ſein. ten Ha lichkeite Sie er für mi will eu ſein. wohin C .* heftete „„ herzlich Eltern kommer iſt eine nung, und be— Gefalle bis der unſchul 9 dich ei du wei höre di. dir zurt wie ſch mein ä und U kenne Gott, es nich bevorſte blicken Gib n iag ihm den:— lich ſein. bitternde ihr Herz h einem erwachte eeweißen n Mor⸗ riſch er⸗ niß ihre früheren ne au te, wie Zimmer it herz⸗ te. aan en ann freiwil⸗ ich ge⸗ wie ein hwach; ß unter cht un⸗ hfühle rir bei, uß ich e ſein. 8 Hei⸗ Schon . Qual 47¹ — ſein. Möge meine unſchuldige Kleine in dieſein geſegne⸗ ten Hauſe weilen dürfen! Ich muß fort. Dieſe Annehm⸗ lichkeiten des Lebens, dieſer Ueberfluß iſt nicht für mich!. Sie erwecken meine Qual. Armuth, Arbeit— das taugt für mich. Ich will, ich muß fort von hier;— aber ich will euch keinen Kummer machen; will nicht undankbar ſein. Hilf mir, Petrea! Denke für mich, was ich thun, wohin ich gehen ſoll.“ „Ich habe bereits daran gedacht,“ antwortete Petrea. „Haſt du das?“ ſagte Sara, freudig überraſcht und heftete forſchend ihre großen Augen auf ſie. „Komm und theile meine Einſamkeit!“ fuhr Petrea herzlich fort.„Du weißt, daß ich, obgleich in meiner Eltern Hauſe, doch für mich allein wohne und die voll⸗ kommenſte Freiheit genieße. Neben meiner Bodenkammer iſt eine andere, zwar höchſt einfache, aber friedliche Woh⸗ nung, die deinem Wunſche entſprechen dürfte. Komm und beziehe ſie. Du kannſt dort vollkommen nach deinem Gefallen leben, kannſt allein ſein, oder nur mich ſehen, bis der ſtille Einfluß ruhigerer Tage dich wieder in das unſchuldige und freudvolle Leben des Familienkreiſes zieht.“ „Ach, Petrea, du biſt ſehr gut. Aber du kannſt dich einem übelberüchtigten Geſchöpfe nicht nähern und du weißt nicht ℳ „Stille, ſtille! ich weiß genug, denn ich ſehe und höre dich. O, Sara! Wer bin ich, daß ich mich von dir zurückziehen ſollte? Gott ſieht aufs Herz und er weiß, wie ſchwach und fehlervoll das meinige iſt, wenn auch mein äußeres Leben rein geblieben, wenn auch Umſtände und Umgebungen meine Unſchuld geſchützt haben. Ich kenne mich dennoch und habe kein ernſtlicheres Gebet zu Gott, als das: Verzeih mir meine Sünden. Darf ich es nicht an deiner Seite beten? Können wir nicht unſere bevorſtehende Wanderung zuſammen antreten? Wir haben Beide in manche Tiefe des Lebens hinabgeſehen; Beide blicken wir jetzt demüthig auf nach lichten Höhen ſtrebend. Gib mir deine Hand. Du warſt mir jederzeit theuer. — 472 Wie in den Jahren der Jugend, fühle ich mich auch jetzt zu dir hingezogen. Laß uns gehen! Laß uns wenigſtens die Wanderung zuſammen verſuchen. Mein Herz verlangt es und das deinige, Sara, ſagt es dir nicht, daß wir für einander paſſen, daß wir zuſammen glücklich werden können?“ „Soll ich deinem Leben eine Laſt ſein?2 Wenn ich ſtärker wäre, könnte ich dir dienen, könnte ich mein Brod durch meiner Hände Arbeit erwerben, wie ich es in den letzten Jahren gethan habe; aber jetzt?.... „Jetzt Ueberlaß dich blindlings mir. Ich habe genug für uns beide. Wenn du dann wieder ſtärker biſt, wollen wir einander ſchon helfen.“ „Mein vergeudetes Leben— meine bittern Erinne⸗ rungen, werden ſie mich nicht trübſelig und mein Ge⸗ müth düſter machen? Werden nicht finſtere Geiſter aufs Neue Macht über diejenige erhalten, die ſo lange in ihrer Gewalt war?“ „Die Reue iſt eine Göttin; ſie ſchützt den, der ge⸗ fehlt hat. Und wenn ein Heide ſo ſprechen konnte, um wie viel mehr ein Chriſt! O Sara! Selbſt die zermal⸗ mende Reue— ich weiß das— kann ihre Kraft zur Aufrichtung, zu erneutem Leben geben. Sie kann einen Willen erwecken, mächtig genug, Alles zu überwinden. Sie hat mich aufgerichtet; ſie wird auch dich aufrichten. Du ſtehſt in der Mitte deines Lebens;— noch liegt eine lange Zukunft vor dir, du haſt ein liebenswürdiges Kind, haſt Freunde, haſt für ein ewiges Leben zu leben. Deß⸗ halb lebe auch und du wirſt ſehen, wie allmälig die Nacht untergeht, der Tag heraufſteigt und Alles ſich ent⸗ wirrt und verklärt. Komm und laß uns mit vereinigten Kräften am wichtigſten Geſchäft des Lebens— der Beſ⸗ ſerung arbeiten.“ Sara hatte ſich während dieſer Worte im Bette auf⸗ gerichtet; neue Strahlen entzündeten ſich in ihren Augen. „Ja ich will,“ ſagte ſie,„ein Engel ſpricht durch dich, Petrea. derbar; P ihr ein gend h Kranker ſolches dieſe F wohlwo an kein Ir Mutter indem aber al ſie wier guten G erheiter zn belel alte B „ lich rep eine Te den St dem B knoſpen durchau mit in kaum ft juſt um kleines ſucht ut nicht ſo findet u D klaren, ihr her ander, ich jetzt nigſtens erlangt ß wir werden enn ich nBrod in den ſtärker Frinne⸗ in Ge⸗ er aufs nihrer der ge⸗ e, um ermal⸗ ift zur neinen vinden. richten. gt eine Kind, lig die ch ent⸗ inigten rBeſ⸗ te auf⸗ Augen. h dich, Petrea. Deine Worte ſtärken und beruhigen mich wun⸗ derbar; ich will aufs Neue beginnen!.. Petrea drückte die Schweſter an ihre Bruſt und ſagte ihr ein warmes, inniges: Dank! Dann fügte ſie beruhi⸗ gend hinzu:„Und jetzt ſei ein gutes Kind, Sara. Alle Kranken und Schwachen ſind Kinder; laß dich als ein ſolches ruhig und hingebend pflegen und führen;— mach dieſe Freude denjenigen, die dich jetzt umgeben und dir ſo wohlwollen. Ehe du bedeutend beſſer biſt, können wir an keine Aenderung denken. Es würde Alle betrüben.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und die Mutter blickte fragend herein. Sie lächelte ſo liebevoll, indem ſie Sara in ihre Arme ſchloß. Leonore folgte ihr, aber als ſie Saras aufgeregte Stimmung gewahrte, ging ſie wieder hinaus und kam bald mit einem Teller voll guten Sachen zurück, und nun wetteiferten ſcherzhafte und erheiternde Worte, die Wiedergefundene zu zerſtreuen und zu beleben. Alte Redensarten wurden aufgefriſcht und alte Bekanntſchaften erneuert. „Kennſt du noch Madame Folette? Sie iſt erſt neu⸗ lich reparirt worden.— Darf ſie die Ehre haben, dir eine Taſſe einzuſchenken?— Da iſt deine alte Taſſe mit den Sternen!— Sie wurde nebſt Madame Folette aus dem Brande gerettet und die kleine da mit den Roſen⸗ knoſpen iſt für unſere kleine Eliſe beſtimmt.— Du mußt durchaus dieſe Kringeln hier verſuchen! Sie ſind nicht mit in der Arche geweſen.— Unſere Aelteſte würde ſie kaum für würdig, für antik genug halten;— kommen juſt ums Morgenroth aus unſerem Backofen!— Unſer kleines Fräulein hat ſelbſt die ſchönſten für dich ausge⸗ ſucht und den Korb damit gefüllt.— Wollen ſehen, ob nicht ſogar der Aſſeſſor dieſes„zu Hauſe Gebackene“ gut findet u. ſ. w.“ ⸗ Die kleine Eliſe war inzwiſchen erwacht und ſah mit klaren, blauen Augen auf die große Eliſe, die ſich zu ihr herabbeugte. Sie hatten wirklich Aehnlichkeit mit ein⸗ ander, wie oft Enkelin und Großmutter, und ſchienen ſich bereits verwandt zu füh ſens Armen ſah, da f denthränen ihre Augen⸗ Ich möchte faſt zweifeln, ob meine Leſerinnen Rer⸗ venſtärke genug beſitzen, um den Thaten der Berſerker tein Amſiurz der Gartenplanke anzuwohnen. Ich kann nicht glauben und mache daher mit des Leſers Erlaub⸗ 5 einen kleinen Sprung über das große Ereigniß des Tages, über die umgeworfene Planke, die ſo ſchnell her⸗ abpurzelte, daß die Berſerker insgeſamt über ſie hinfielen und auf den neuen Platz hinein, Wo wir den Familien⸗ kreis verſammelt finden, auf blumengeſchmückten Erd⸗ hügeln unter einer hohen Birke, die ihre vergilbte Krone über ihm wiegt. Die Septemberſonne, welche ſich dem Untergang zuneigt, beglänzt d hlen. Als Sara ihr S in Eli⸗ füllten zum erſten Mal reine Freu⸗ 0 — 8 8 ni die Gruppe und ſchimmert durch die Erlen am Fluſſe, der leiſe murmelnd in blauen Buchten um den neuen Platz fließt, den er verſchönt und bekränzt. Thränen glänzen in den Augen des Familienvaters, aber er ſpricht nicht. Das Bewußtſein, Gegenſtand ſo Lieler Liebe zu ſein, der Gedanke an die Zukunft, an ſeinen Lieblingsplan, Vaterfreude und Vaterſtolz, Dank⸗ barkeit gegen die Seinigen, gegen den Himmel, Alles vereinigt ſich, ſein Herz mit den wonnigſten Empfindungen zu erfüllen, die je eine Menſchenbruſt ſegnen können. Die Mutter hat ſich unmittelbar nach der großen Ueberraſchung und darauf folgenden Freudeerploſion mit Eva und Leonore nach Hauſe begeben. Unter den auf dem Platze Zurückgebliebenen erblicken wir den Freund der Familie, Jeremias Munter, der bei dieſer Gele egen⸗ heit eines ſeiner bitterſten und grämlichſten Geſichter ſchnei⸗ det, und den Baron L., aber nicht mehr den wilden, un⸗ bedachtſamen Jüngling, ſondern einen Mann— und überdieß Gutsbeſitzer— deſſen ernſtes Weſen von einer gewiſſen angenehmen Beſch eidenheit verſchönert wird, die lein ſricht zu deren Füßen er ſich geſetzt hat. beſonders hervortritt, wenn er mit n kleinen Fräu⸗ L preist, diſches briele, mal ur darübe ihrem ſich vo: und ru „ — Unt Mi darauf vom V jetzt g. Kraut. euch ni N erheben dermaß thaten ſchwärn Purzelb ſeiner Jonathe pflückt, chen da ihre Ta korene? von de ſaß ſtill Großen Mutter D. pflanzte in Eli⸗ Freu⸗ h kann rlaub⸗ iß des ell her⸗ i infielen milien⸗ Erd⸗ Krone chdem immert blauen nt n waters, and ſo ft, an Dank⸗ Alles dungen n. großen n mit n au Freund elegen⸗ ſchnei⸗ , un⸗ und teiner d, die Fräu⸗ 475 Louiſe tractirt mit Zuckerbier, das Niemand hoher preist, als ſie Sie findet, daß es etwas Ueberir⸗ diſches, etwas wahrhaft Erhebendes hat, aber als Ga⸗ briele, nachdem ſie ein halbes Glas genoſſen, auf ein⸗ mal ungewöhnlich munter wird, erſchrickt unſere Aelteſte darüber, denn eine ſolche ſarke Wirkung hat ſie doch von ihrem erhebenden Biere nicht erwartet. Bald ſieht ſie ſich von den Achten umgeben, die nach einander kommen und rufen: „Mutter, bekomme ich auch Bier?— Und ich auch! Und ich!— Und ich auch!— Und ick nd ich! Mir nur recht vielen Schaum, liebe Mutter!“ „Ei, ei, meine lieben Jungen, ſo darf man nicht darauf losſtürzen und ſtürmen. Habt ihr dieß auch ſ ſche n t vom Vater oder von mir geſehen? Salvmo, du jetzt gerade bis zuletzt warten. Geduld iſt ein k Kraut. Da kommt her! Trinket jetzt, aber übergießet euch nicht.“ Nachdem die Jakobiner alle von dem ſhinſ erhebenden Biere genoſſen, ſprudelten ihre Lebensgeiſter dermaßen, daß Louiſe ihnen befehlen mußte, ihre Groß⸗ thaten in weiterer Entfernung auszuführen. Hierauf ſchwärmten ſie fort auf Entdeckungsreiſen und ſchlugen Purzelbäume um den Platz herum. David humpelt mit ſeiner kleinen Krücke über Stock und Stein, während Jonathan für ihn alle Blumen und Heidelbeerkräuter pflückt, auf die er zeigt. Dann werden kleine Sträuß⸗ chen daraus gewunden, mit welchen die freundlichen Knaben ihre Tanten t. beſonders Gabriele, ihre auser⸗ korene Freundin und Gönnerin. Ernſt Adam, der älteſte von den acht, ein Knabe von äußerſt geſetztem Weſen, ſaß ſtill an des Großvaters Seite und ſchien ſich zu den Gkozen zu rechnen. Der kleine Afred hüpfte um ſeine Mutter herum. Der Landrichter ſah ſich mit lebhaften Blicken um, pflanzte Alleen, Gebüſche, ſetzte Bänke aus, ſah ſie 476 mit fröhlichen Menſchen ſich füllen und theilte Jakobi ſeine Plane mit. Jeremias betrachtete die Scene mit ſeinem eigen⸗ thümlichen bitteren, wehmüthigen Lächeln. Als der kleine David mit einer duftenden Waldblume zu ihm gehüpft kam, rief er auf einmal: „Warum ſollte man nicht lieber einen botaniſchen Garten daraus machen, als einen gewöhnlichen Park? Blumen ſind ja doch das einzige ein bischen Angenehme hier auf der Welt; und da es nun einmal ſo eingerichtet iſt, daß die Menſchen ihre Naſe überall hineinſtecken, ſo möchte es nicht unpaſſend ſein, wenn man ihnen etwas Gutes zu ſchnupfen gäbe. Eine Brunnenanſtalt ließe ſich auch damit vereinigen— etwas Elend ſpült ſie wohl hin⸗ weg von den armen Wichten hier auf der Welt?!“ Der Landrichter ergriff mit Freuden dieſen Gedan⸗ ken.„Auf dieſe Art,“ ſagte er,„konnen wir das Nütz⸗ liche mit dem Angenehmen verbinden. Das Unternehmen wird wohl etwas höher zu ſtehen kommen, als eine ein⸗ fache Parkanlage, aber das ſoll nichts hindern. In dieſer ſchönen geſegneten Friebenszeit und bei der Ausſicht, ſie mit Gottes Hülfe noch lange zu behalten, kann man ſich wohl eine Arbeit vornehmen und in Ruhe zu been⸗ digen hoffen, wenn ſie auch auf längere Zeit berechnet iſt.“ „Und ſolche Arbeiten,“ ſagte Jakobi,„wirken in Friedenszeiten veredelnd auf das Leben ein. Der Friede bedarf einen eben ſo ſtarken Aufwand von Kräſten, wie der Krieg, nur gegen eine andere Art von Feinden. Jede Veredlung des irdiſchen Daſeins, Alles, was die Sinne zu einem mehr intellectuellen Leben erhebt, iſt eine Bat⸗ terie gerichtet gegen die gemeinere Natur im Menſchen und ein Dienſt, den man der Menſchheit und dem Vater⸗ lande erzeigt.“ „Bah!“ ſchrie Jeremias verdrießlich.„Menſchheit, Baterland! Nichts als große und ſchöne Worte. Wenn man eine Schranke umwirft, oder einen Buſch pflanzt, dann heißt es gleich, es ſei eine Wohlthat für das Va⸗ terland! um, ab bekümm es bekü Das ſo Geſchw 2 ſagte d Freund lebhaft terland gleitete. iſt, ſo terland ſeine G mein( wickelt gebildet gegeber gen die Dankbe Mann ſeinen. wäre. ausgeb machen Allgem „ den L können, Theil Vater thräner vater 1 — Sf Jakobi eigen⸗ kleine ehüpft iſchen Park? nehme richtet n, ſo etwas ße ſich hl hin⸗ Hedan⸗ ehmen e ein⸗ dieſer t, ſie man been⸗ et iſt.“ ken in Friede „wie Jede Sinne Bat⸗ nſchen Vater⸗ chheit, Wenn flanzt, s Va⸗ 477 terland! Pflanzet eure Gärten und reißet eure Schranken um, aber laſſet das Vaterland im Frieden damit, denn es bekümmert ſich eben ſo wenig um euch, als ihr euch um es bekümmert. Fürs Vaterland! Für die Menſchheit! Das ſoll recht hoch und rührend ſein! Ein eitles, leeres Geſchwätze!“ „Mein Bruderherz, jetzt biſt du wirklich zu ſtreng,“ ſagte der Landrichter, lächelnd über den Ausfall ſeines Freundes,„und ich für meinen Theil,“ fuhr er ernſt und lebhaft fort,„wünſchte, daß ein klarer Gedanke ans Va⸗ terland jedes Pünktchen von menſchlicher Wirkſamkeit be⸗ gleitete. Wenn irgend eine Liebe natürlich und vernünftig iſt, ſo iſt es die zum Vaterland. Habe ich nicht dem Va⸗ terlande Alles zu danken, was ich bin? Sind es nicht ſeine Geſetze, ſeine Inſtitutionen, ſein geiſtiges Leben, was mein ganzes menſchliches und bürgerliches Daſein ent⸗ wickelt? Sind es nicht die Thaten meiner Väter, die es gebildet, die ihm ihr individuelles Leben und ihre Kraft gegeben haben? Wahrhaftig Liebe und Dankbarkeit ge⸗ gen die Eltern iſt keine größere Pflicht, als Liebe und Dankbarkeit gegen das Vaterland. Es gibt Niemanden, Mann oder Weib, hoch oder niedrig, der nicht je nach ſeinen Kräften dieſe heilige Schuld zu entrichten verpflichtet wäre. Und eben dieß iſt die Bedeutung eines chriſtlich ausgebildeten Staats, daß Jeder darin ſein Pfund geltend machen kann, ſo daß er zugleich dem Einzelnen und dem Allgemeinen dient.“ „So,“ fügte Petrea hinzu,„bilden die Regentropfen den Bach, der ſeine Waſſer in den Fluß ergießt und konnen, wenn auch anonym, an ſeinem wohlthuenden Laufe Theil nehmen.“ „Du haſt ganz Recht, mein liebes Kind,“ ſagte der Vater und reichte ihr die Hand. „Es iſt ein erfreuender Gedanke,“ ſprach Louiſe mit thränenvollen Augen,„gib wohl Acht, Adam, was Groß⸗ vater und Tante ſagen und behalte es im Gedächtniß. — Sperr doch das Maul nicht ſo entſetzlich auf, mein ——— Lieber, es hätte ja eine ganze Fregatte Platz, darin herum⸗ zuſegeln. Bei dieſen Worten begann der kleine Alfred ſo laut und herzlich zu lachen, daß die Aelteren alle unwiderſteh⸗ lich ihm Geſellſchaft leiſten mußten; auch Adam ſtimmte mit ein und beim Schall dieſer Lachſalve kamen von allen Enden und Ecken Sem und Seth, Jakob und Salomo, Jonathan und der kleine David herangeſprungen, wie ein Flug Spatzen über eine ausgeworfene Hand voll Körner herabfährt. Sie kämen lachend, weil ſie hatten lachen hören und auch etwas von dem Tractamente haben wollten. Inzwiſchen war die Sonne untergegangen und des Abends kühle Kobolde begannen über den Platz zu wan⸗ dern, als die Familie unter dem munterſten Geplauder aufbrach, um ſich nach Hauſe zu begeben. Als ſie ſich gegen die Stadt hinwandten, flimmerte der Stern der Marienkirche, wie im Feuer, im letzten Sonnenſtrahle, und der Mond ſtieg gleich einem blaſſen, aber milden Geſichte über dem Dache ihres Hauſes auf. Es lag etwas in die⸗ ſem Schauſpiel, was einen wehmüthigen Eindruck auf Gabriele machte. Der Stern des Kirchthurmes flimmerte über des Bruders Grab, und der Anblick des Mondes ließ Gabriele unwillkührlich an der Mutter bleiches, mildes Geſicht denken. Im Uebrigen war der Abend ſo ſchön. Die Droſſeln ſangen in den Erlen unten am Fluſſe, und der Himmel lag klar und hellblau über der Erde, wo Wind und lärmende Töne immer tiefer einſchlummerten. Gabriele ging gedankenvoll und merkte nicht, daß Baron L. ſich ihr genähert hatte; ſie fuhr beinahe zuſammen, als er ſie ſo anredete: „Es war mir ſehr angenehm, ſehr erfreulich, Sie Alle ſo glücklich wiederzuſehen.“ „Ach ja,“ antwortete Gabriele,„jetzt können wir wieder Alle beiſammen ſein. Es war eine große Freude für uns, Louiſe und ihre Familie hieher zu bekommen.“ „Vielleicht iſt es Vermeſſenheit, ein ſo glückliches 4„ Zuſamn liebte T die wah 9 A „ſpreche gut, wie Gabriele wohl eir Geſchwit ſammenz und wol hinweg Jak traulich ſagte ihr nung ihr theil dar häusliche ſeinen J der Eltet war Alle von einet ſüßen G gab, als Bal Mit freundlich der Bibli und bewi Stimme. „M armend, „Do anblickend erum⸗ laut erſteh⸗ immte allen lomo, ie ein dörner lachen haben d des wan⸗ auder ſich der „ nd ſichte ndie⸗ auf merte ondes rildes choͤn. und wo rten. aron „als Sie wir reude — Zuſammenleben ſtören, von einer ſolchen Familie eine ge⸗ liebte Tochter und Schweſter trennen zu wollen, aber wenn die wahrſte„ „Ach,“ unterbrach ihn Gabriele, ſchnell erſchrocken, „ſprechen Sie vr Beränderung. Alles iſt ja ſo gut, wie es jetzt iſt.“ L. ſchwieg mit ei inem traurigen Aus l „Laſſen Sie uns Alle fröhlie beiſamn en ſein,* ſetzte Gabriele ſchüchtern, aber herzlich hi inzu,„Sie ble eiben doch wo einige Zeit bei uns? Es iſt ſo ſchön, Freunde und G eſchwiſte r zu haben. Es iſt ſo angenehm, mit ihnen zu⸗ ſammer zuleben.“ L's Geſicht ſtrahlte auf; er ergriff Gabrielens Hand und wollte etwas zu ihr ſo ſagen, allein ſie eilte von ihm hinweg zu ihrem Vater und nahm deſſen Arm. Jakobi führte Petrea. Sie waren und ver⸗ traulich mit einander, wie glückliche Geſcht viſter. Sie ſagte ihm, was ihr gegenwärtiges Glück und die Hoff⸗ nung ihret Zufunft ausmache. Er nahm lebhaften An⸗ theil daran und erzählte ihr von ſeinen Planen, von ſeinem häuslichen Glü ic, namentlich auch und mit Entzücken von ſeinen Jungen, von ihrer Folgſamkeit auf den erſten Wink der Eltern, ihrer gegen ſeitigen Liebe, und ſiehe da, dieß war Alles Louiſens 2 Verdienſt. Und Louiſens Lob wurde von einem harmoniſchen Duv angeſtimmt, Alles zu einem ſüßen Geruch f für unſere Aelteſte, die ſich den Anſchein gab, als hörte ſie blos auf ihren Vater. Bald kam man im Hauſe an. Mit einer ſilbernen Kelle in 3. Hand und dem freundlichſten Lächeln auf den Lippen ſtand die Mutter in der 2 Bibliothek vor einer großen dan en er Punſchbowle und bewillkommte die eintretend de Schaar mit Blick und Stimme. „Meine liebe Eliſe,“ ſagte der Lar ndrichter, ſie um armend,„du biſt heute um zwanzig Jahre jünger.“ „Das Glück verjüngt!“ antwortete ſie, ihn liebevoll anblickend. Man ſetzte ſich. „Lärmt doch nicht ſo, Buben!“ ſagte Louiſe zu ihren Acht, während ſie ſich ſelbſt mit der kleinen Eliſe auf dem Schooße ſetzte.„Könnt ihr euch nicht ohne ein ſolches Gepolter und Getöſe ſetzen?“ Jeremias Munter hatte in einer Ecke, entfernt von allen Andern, Platz genommen; er war ſtill und ſchien niedergeſchlagen. Es entſtand eine Pauſe. Auf manchen Geſichtern ſah man eine Art Spannung, eine Art Bewußtſein, daß bald etwas Ungewöhnliches eintreffen werde. Der Landrichter huſtete mehreremale. Es ſchien ihm ungewöhnlich viel daran zu liegen, ſeine Kehle zu klären. Endlich erhob er ſeine Stimme und ſagte, aber nicht ohne ſichtbare Bewegung: „Iſt es wahr, daß“ unſer Freund Jeremias Munter uns bald zu verlaſſen gedenkt, um ſich aufs Land in die Einſamkeit zu begeben? Iſt es wahr, was das Gerücht ſagt, daß er uns ſchon morgen verlaſſen will, und daß alſo dieſer Abend der letzte iſt, den er als Stadtbewohner in unſrem Kreiſe zubringt?“ Der Aſſeſſor machte einen Verſuch zu antworten, allein es blieb bei einer Art grunzendem Getöng ohne Worte. Er ſah ſtarr auf den Boden und ſtützte di nde auf ſeinen Stock. „In dieſem Fall,“ fuhr der Landrichter fort,„hat man mir die Anmuthung gemacht, eine Frage an ihn zu ſtellen, die— ich an keinen Andern, als an ihn ſtellen könnte, und die mir auch ſo beinahe im Halſe ſtecken bleibt.— Will denn unſer Freund, Aſſeſſor Munter, nicht erlauben, daß Jemand. Jemand von uns ihm in ſeine Einſamkeit folgt?“. „Wer ſollte mir folgen wollen?“ brüllte Jeremias finſter und zweifelnd. „Ich!“ antwortete eine ſanfte harmoniſche Stimme, und Eva— in dieſem Augenblick ſo ſchön und anmuths⸗ voll, wie je— nahte ſich ihm an ihres Vaters Hand⸗ innig wünſc . für s Louiſe im Y gerad fuhr Blicke mit e Gefäl Munt erröth weiße beider ſich i Kopf Angſ zum weiß ausfr neben ſagte Wie Nam und Liebe Sie oder ich C 2 ihren uf dem ſolches nt von ſchien ſichtern daß en ihm klären. r nicht Munter in die Herücht id daß wohner worten, ohne hat ihn zu ſtellen ſtecken r, nicht in ſeine eremias timme, muths⸗ Hand. 481 innig ſprach,„will Sie begleiten;— wenn Sie es wünſchen.“ „Auf den Geſichtern der Familie las man, daß es für die Mitglieder derſelben keine Ueberraſchung war. Louiſe hatte ſanfte Thränen in den Augen und ſah nicht im Mindeſten geärgert aus über dieſen Schritt, der ſo geradezu gegen die Würde der Weiber ging. Der Aſeſſor fuhr zuſammen und ſah mit einem ſcharfen, verwunderten Blicke auf. „Empfange aus meiner Hand,“ ſagte der Landrichter mit einer Stimme, die von ſeinen Gefühlen zeugte,„eine Gefährtin, die du ſchon lange gewünſcht haſt. Nur dem Munter könnte ich mein liebes Kind ſo geben.“ „Geben Sie mir einen Korb?“ ſagte Eva, indem fie erröthend und lächelnd, dem noch ſtummen Jeremias ihre weiße Hand reichte. Er ergriff heftig die hingeſtreckte Hand, drückte ſie mit beiden Händen an ſeine Bruſt und ſagte leiſe, indem er ſich über ſie herabbeugte:„O meine Roſen!“ Als er den Kopf wieder erhob, rannen ſeine Thränen. Aber es lag Angſt und Unruhe in ſeinem Weſen.„Bruder,“ ſagte er zum Landrichter, ich kann dir jetzt noch nicht danken. Ich weiß nicht, ich begreife nicht. ich muß ſie zuerſt ausfragen.“ Er nahm Evas Hand und führte ſie in das Zimmer neben der Bibliothek, ſetzte ſich dort ihr gegenüber und ſagte heftig: „Woher kommt das? Was ſind das für Poſſen? Wie hängt das zuſammen? Sag Sie mir in Gottes Namen, Eva, mit welchen Gefühlen Sie da herkommt „Ich,“ wiederholte ſie erröthend, indem ſie leiſe, aber und um mich freit? Iſt es mit wahrer Liebe? Ja gerade Liebe, ſage ich! Erſchrecke Sie nicht vor dem Worte;— Sie kann es ſo nehmen, wie ich es meine. Iſt es Liebe, oder iſt es—— Mitleid? Als Gnadengeſchenk nehme ich Sie nicht an, ſo viel will ich Ihr ſagen. Betrühe 31 Bremer, das Haus. —— 2— ——.—— 482 Sie ſich nicht, betrüge Sie mich nicht! Im Namen Got⸗ tes, der unſre Herzen prüft, antworte Sie mir und ſpreche Sie die Wahrheit:„Geſchieht es aus vollem, herzlichem Herzen, daß Sie zu mir kommt. Glaubt Sie— glaubſt du, Eva, Engel Gottes, daß ich alter, häßlicher, kränk⸗ licher, grämlicher Greis dich glücklich machen kann?“ Jeremias ſprach mit angſtvoller Innigkeit, und er war in dieſem Augenblick ſchön von Liebe und Gefühl. „Mein Freund, mein Wohlthäter,“ antwortete Eva, indem ſie mit ihrer Hand die Thränen wegſtrich, die über ſeine Wangen rollten,„ſehen Sie in mein Herz.. leſen Sie darin. Dankbarkeit hat mich zur Erkenntniß Ihres Werths geführt— heides zuſammen zur Liebe;— nicht zu der heftigen, die ich einſt empfunden, aber nie mehr em⸗ pfinden werde, ſondern zu einer tiefen, innigen Ergeben⸗ heit, die mich, und ich hoffe auch Sie glücklich machen und durch Nichts mehr geſtört werden ſoll. Für Sie und nächſt Ihnen für meine Familie zu leben, iſt mein höchſter Wunſch auf Erden. Ich kann aufrichtig ſagen, daß ich in dieſem Augenblick Niemanden liebe, als Sie. Iſt das Ihnen genug?“ MNoch waren des Aſſeſſors tiefe Angen forſchend und durchdringend auf Cva geheftet. „Küſſe mich,“ ſagte er auf einmal, kurz und ſcharf. Mit einer ſillen, unbeſchreiblich lieblichen Hingebung neigte Eva ihr errothendes Geſicht an das ſeinige und küßte ihn. „Gütiger Gott!“ ſagte Jeremias,„ſo biſt du alſo mein? Nun denn in ſeinem Namen!“ Und mit unaus⸗ ſprechlichen Gefühlen ſchloß er die ſo lange Geliebte an ſein Herz. Er hielt ſie lange ſo, und nur tiefe Seufzer ſtiegen aus ſeiner von Seligkeit erfüllten Bruſt. Endlich riß er ſich von ihr los, und wie von einer neuen Jugend belebt, that er einen Sprung und rief den Verſammelten in der Bibliothek zu: „Sehet, jetzt iſt es abgemacht! Ich nehme Sie! Sie ——————— — ſol tat ihr Bo wa lac die ble lün gat neu ſte ſag mit Pfe preche lichem laubft kränk⸗ war Eva, über leſen Ihres ht zu em⸗ eben⸗ chen und hſter ich das und arf. ung und alſo us⸗ ſein gen er bt, der ſoll mich haben! Sie taugt zu meiner Frau, und ich tauge zu ihrem Mann. He da, ihr dort draußen! Wollt ihr nicht unſre Geſundheit trinken?“ Alle liefen zu den Bowlen; Louiſe mit den Andern, die Achte ihr nach. Es war ein freudevoller Lärm. Leonore und Petrea wehrten lachend die Hereinſtürzenden ab, und verſprachen ihnen, die Gläſer zu füllen, wenn ſie nur ruhig auf ihren Plätzen bleiben. Endlich kam wieder Ordnung in die Verſamm⸗ lüng; die Gläſer füllten ſich und die Geſundheiten be⸗ gannen: Nro. 1. vom Landrichter ausgebracht lautete auf das neue Brautpaar. Nro. 2. von Jakobi mit vieler Beredtſamkeit darge⸗ ſtellt, auf die Eltern!„Auf ihr Glück und Wohlergehen!“ ſagte er gerührt,„durch welches ich und ſo manche mit mir geſegnet worden ſind.“ Nro. 3. wurde auf das Wohl und Gedeihen der neuen Pfarrfamilie getrunken. Nro. 4. auf den neuen Platz. Nro. 5. auf das alte— ewig junge Haus. Nro. 6 auf alle guten Kinder. Die achte ſchienen nicht genug danken und antworten zu können. Sodann erklangen munter noch eine Menge einzelne Geſundheiten. Die Jakobiner tranken unaufhörlich ihren Tanten zu; Gabriele mußte beſtändig mit ihren kleinen Neffen anſtoßen. Inzwiſchen hielt Jeremias Munter mit jugendwarmen Blicken folgende zärtliche Rede an ſeine Braut: „Ei der Tauſend, daß Ihr ſo viel an mir gelegen ſein mußte! Selbſt zu freien! Wie wußte Sie denn, ob ich Sie haben wollte? Und ſo haſtig über mich zu kommen! Mir gar keine Bedenkzeit zu laſſen! Das iſt ja unerhört! Doch wir wollen die Sache nicht von vorn anfangen. Das wäre gar zu beſchwerlich. Nein, nein, nein, ſage ich. Nachdem ich mich beſonnen habe, finde 484 ich, daß es das Beſte iſt, ich nehme Sie. Aber offen⸗ bar iſt Sie ſehr haſtig gewefen. Ich hätte gerne die 2 nun was denn? Was gibts denn da? Kommt das gnä⸗ wo dige kleine Fräulein, die kleine Schwägerin, ſo ohne alle an i Umſtände und küßt mich! Ei der Tauſend, die Welt iſt doch luſtig!“ ausz Aber Niemand im Kreiſe fand die Welt ſo luſtig, wie Cäci Petrea. Stin „Biſt du jetzt zufrieden mit mir, Petrea?“ fragte Meit Eva die Schweſter ſchelmiſch lächelnd. Petrea ſchloß ſie fieht innig in ihre Arme. Zetzt hörte man Mama Louiſe: Kint „He da, ihr Jungen, ihr bekommt jetzt Nichts mehr zu auf trinken. Keinen Tropfen mehr! Was ſagſt du, kleiner ſcher David? Du willſt Onkel Munters Geſundheit trinken? gebo Nein, Dank, mein lieber Junge, du kannſt ſie ein an⸗ lernt dermal ausbringen. Ihr habt jetzt Geſundheiten genug Verl getrunken, vielleicht mehr, als für eure kieinen Köpfe ein gut iſt.“ reits „Ich bitte für die Jungen, Schweſter Louiſe!“ rief erkiit der Aſſeſſor;„ich will eine Geſundheit ausbringen und die ſtim müſſen ſie mit trinken. Fülle die Gläſer noch einmal, liebe Schwägerin. Ich ſage: ben „Es lebe der Friede! Friede im Lande und im unte Hauſe! Es lebe die Liebe und die Wiſſenſchaft, die allein Auc den Frieden zu einer Segnung machen. Mit einem Wort, Alle es lebe der Frieden auf Erden!“ mein „Amen, Amen!“ rief Jakobi, trank ſein Glas aus ſehr und warf es hinter ſich. Louiſe ſahe etwas ängſtlich ihre Mutter an, als aber dieſe fröhlich Jakobis Beiſpiel folgte, ich ſo ließ auch ſie ſich verführen. und „Alle Gläſer über Bord, nach dieſem Toaſt!“ rief Ruf der Landrichter und entſendete das ſeinige, ſo daß es mit. rene der Decke anklang; und mit unbeſchreiblicher Freude war⸗ dieß fen die Jakobiner ihre Gläſer in die Luft, um den Frie⸗. Erd denstvaſt ſo lärmend und zerſtörend„als nur möglich, zu meit machen,“ kom ————— 485 er ffen⸗ Wir verlaſſen jetzt den fröhlichen Kreis, aus dem wir die Mutter leiſe ſchleichen ſehen. Sie geht in ihr Kabinet, das gnä⸗ wo ſie in behaglicher Stille ausruht und folgende Zeilen hne alle an ihre ſchweſterliche Freundin ſchreibt: Welt iſt„Ich habe ſie jetzt auf einen Augenblick verlaſſen, um 1 auszuruhen und einige Worte mit dir zu ſprechen, meine ſtig, wie ½ Cäcilie. Hier iſt es fröhlich und ruhig und fröhliche Stimmen, wahre Feſtſtimmen dringen bis zu mir herein. fragte ₰ Meines Ernſts Herz genießt die höchſte Freude, denn er chloß ſie ſieht alle ſeine Kinder glücklich um ſich her. Und die Louiſe: Kinder, Cäcilie— er hat auch Recht, fröhlich und ſtolz mehr zu auf ſie zu ſein. Sie ſtehen alle als gute, fertige Men⸗ kleiner ſchen um ihn herum; ſie danken ihm, daß ſie zum Leben trinken? geboren worden ſind und den Werth deſſelben kennen ge⸗ ein an⸗ lernt haben. Sie ſind mit ihrem Lvoſe zufrieden. Die en Verlorene, die Wiedergekommene ruht im Hauſe aus, um Köpfe ein neues Leben zu beginnen und ihr reizendes Kind iſt be⸗ reits heimiſch auf des Großvaters Schooße„jetzt rief erklingt Gabrielens Guitarre und ein Geſang wird ange⸗ und die ſtimmt! einmal,„Nun glaube ich gar, ſie tanzen! Louiſens acht Kna⸗ ben machen die Dielen erzittern. Jakobis Stimme wird und im unter allen herausgehört. Der gute, ewig junge Menſch! e allein Auch ich ſollte fröhlich ſein, denn überall iſt Friede und Wort, Alles wohl beſtellt in meinem Hauſe. Ich bin es auch— mein Herz iſt voll von Dank, aber mein Körper iſt müde, las aus ſehr müde. ich ihre„Die Fichten auf dem Grabe wehen und winken;— folgte, ich ſehe ihre Wipfel mich im klaren Mondſchein begrüßen 3 und— aufwärts zeigen. Winkſt du mir, mein Sohn? rief Rufſt du mich, heimzukommen zu dir? Mein Erſtgebo⸗ es mit rener! Mein Sommerkind! Laß mich dir zuflüſtern, daß e war⸗. dieß mein geheimer Wunſch iſt! Freundlich war mir die Frie⸗ Erde, freundlich das Haus hier; aber als du fortgingſt, ch, zu mein Liebling, da begann ich zu wandern. Vielleicht kommt bald der letzte Wandertag. Mir iſt, als fühlte 486 ich in mir, daß ich ſtill werde einſchlummern dürfen. Und wird mir vor dem letzten Schlaf noch ein recht kla⸗ rer und ſchöner Augenblick gegönnt, dann werde ich noch einmal meines Mannes Hand an meine Lippen drücken, werde mich ſegnend auf Erden umſehen, ſofort dankbar zum Himmel blicken und wie jetzt aus Herzensgrund ſa⸗ gen:„Gott ſei geprieſen für das Haus hier und das Haus dort!“ en dürfen. recht kla⸗ ich nch drücken, t dankbar rnd ſa⸗ und das