3 Leihbiliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vDn Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und weſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Leseprels⸗ Bei Rückg abe jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. eines geliehenen Buches wird von Tages iſt zu 24 Stun⸗ Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 2 Mk.— Pf⸗ 3 5. Auswärtige Kponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. ſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſ vnders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, gc dafür zu ſichen er 4 — — — — — S— — —— — — . ————— — 6 Eduard Preier's geſammelte Romane. Neunter Band. Wien und Kripzig, 1851. Joſef Stöckhölzer v. Hirſchfeld. Fluch des Uabbi. Sittengemälde aus dem fünßzehnten Jahrhundert von Eduard Preier. Dritte Auflage. Wien und Leipzig, 1850. Joſef Stöckhölzer v⸗ Hirſchfeld. Erste Abtheilung. —— Der Fluch. Wohl dem Manne, der den Weg der Böſen nicht wandekt. Der Pſalmiſt. Der fahrende Talmudiſt. Die Sonne war im Scheiden, und umfing mit ihren Strahlenarmen zum letzten Male das alte Buda; der Glanz des Tages erloſch, und machte dem abendlichen Dunkel Platz, welches von den umliegenden Bergen herabzuſteigen ſchien. Es war an einem Freytage, die Sabbathfeier mußte bald ihren Anfang nehmen, denn in der Judenſtadt zu Alt⸗Ofen ſah man die Nachkommen des alten Volkes in feſtlichen Gewändern gehüllt, nach ihrer Schule eilen, um mit feierlichen Gebeten den Sabbat zu begrüßen. Ein kleiner höckeriger Mann zieht unſere Aufmerk⸗ ſamkeit zuerſt auf ſich. Ein dreieckiger Hut deckt ſein Haupt, ein grauer abgenützter Tuchrock, ein Beinkleid unter den KFnieen mit Schnallen befeſtiget, ſchmutzige durchlöcherte Strümpfe, und eben ſolche Schuhe kleiden 6 die übrigen Theile ſeines Körpers. Das faltige Antlitz verräth eine bedeutende Anzahl von Lebensjahren, ein 1 dünnes mit gebleichten Haaren untermengtes Bärtchen bedeckte das hervorragende Kinn und zwei graue Augen fimmern unſtät über die breitgedrückte Naſe hinweg. Aber weder ſeine Geſtalt, noch ſeine Kleidung ziehen ihm in dieſem Augenblicke unſere nähere Beachtung zu, ſondern ſein Treiben, ſein Geſchäft iſt es, welches ihn vor allen Andern auszeichnet, und keine unwichtige Re⸗ benperſon in unſerem Gemälde werden läßt. Wir begegnen dem Höckerigen, wie er eben mit einem hölzernen Hammer in der Hand haſtigen Schrittes durch die Gaſſen eilt, und die Einwohner eines jeden Hauſes mittelſt drei kräftigen S an der Thüre zum Gottesdienſte ruft. 3 Es iſt alſo Niemand anders, als die lebendige, immerwandernde Glocke Schlome Holländer ge⸗ nannt, wohlbeſtellter Schulklopfer der Alt⸗Ofner Juden⸗ gemeinde im Jahre 5291 ſeit Erſchaffung der Welt, oder 1530 nach chriſtlicher Zeitrechnung. Während er auf dieſe Art die Runde machte, ſchritt von der Neuſtift herüber ein einſamer Wanderer deſſen ganzes Weſen einen fahrenden Talmudiſten ver⸗ rieth, wie ſie zu jener Zeit auf allen Wegen und Straßen 7 beſonders aber in der Nähe größerer Judengemeinden häufig anzutreffen waren. Der junge Mann, kaum achtzehn Sommer mochten über ſein Haupt hinwegge⸗ flohen ſein, ſchien weiten Weges herzukommen. Seine armſelige Kleidung, welcher er ſchon längſt entwachſen war, denn er mochte ſie wahrſcheinlich ſchon an ſeinem dreizehnten Geburtstage an dem bei dieſer Gelegenheit ſtattfindenden Bar⸗Mitzwe⸗Feſte erhalten haben, war ganz beſtaubt, ſeine Fußbekleidung ſchadhaft, und ſein ſchwarzes Hütlein beinahe formlos. An einem über die rechte Schulter gelegten Knotenſtocke hing rückwärts ein kleines Päckchen, welches die ganze Habe des Jünglings barg, der in dieſem Augenblicke mit dem griechiſchen Philoſophen ganz getroſt hätte ausrufen können„Alles, was mein iſt, trage ich mit mir!“ Allein Noße Traun war nur ein armer Bocher, der ſich bisher um die Griechen und ihre Philoſophie gar wenig bekümmert hatte, und der jetzt nach Alt⸗Ofen wanderte, um dort bei dem vielgelahrten und deßwegen auch weitberühmten Rabbi Sor ach zum Schir*) zu gehen, und ſich in die Geheimniße des Talmud einweihen zu laſſen. Der günſtige Zufall führte den müden Wanderer *) Vortrag. 8 gerade den Schulklopfer entgegen, als dieſer eben ſein Geſchäft vollbracht hatte. „Schon wieder ein Orach*)“ brummte Schlome,„ als er ſeiner anſichtig wurde,„die Schlafſtatt iſt heuer 1 noch keinen Schabbeß leer geblieben.“ Der Bocher mochte den Unwillen auf dem Antlitz t des Höckerigen erkannt haben, er ließ ſich aber nicht be⸗ irren und trat ihm frei entgegen. „Verzeiht mir guter Freund,“ redete er ihn höf⸗ 3 lich an,„ich bin fremd und arm, könnt Ihr mir nicht die Schlafſtatt— .„Kommt nur mit,“ unterbrach ihn der Andere unwillig,„ich weiß ſchon was Ihr ſuchet. Aber gewiß jetzt iſt nicht die Zeit, erſt anzukommen. Der Schab⸗ beß iſt ſchon eingegangen. Ihr hättet Eueren Schritt verdoppeln ſollen, um keine Sünde auf Euer Haupt 1 zu laden.“ „Der Weg von Stuhlweißenburg,“ erwiederte Roße entſchuldigend,„iſt gar lang.“ „Ja, ja,“ lächelte Schlome ſpöttiſch,„beſonders, wenn man des Schnorrens**) halber an jeder Thüre *) Gaſt. **) Betteln. 9 „Ihr klopft ja auch an jeder Thüre,“ antwortete der Bocher ſpitzig. „Ich rufe die Leute in die Schule, damit ſie beten und ſelig werden,“ entgegnete der Schulklopfer. „Und ich,“ antwortete der Bocher ſchnell,„fordere die Leute zum Wohlthun auf, wodurch ſie noch eher in die Geſellſchaft der Frommen gelangen. Schlome, welcher ſich unerwartet geſchlagen ſah, ſchwieg, und indem er einige unverſtändliche Worte vor ſich hinmurmelte, verdoppelte er ſeine Schritte, um deſto eher ſeine eigene Wohnung,„die Schl afſtatt“ zu erreichen. Der Unwille über die Ankunft des armen Frem⸗ den lag im Intereſſe des Schulklopfers.— In einem ſchmutzigen finſteren Gäßchen war dieſem von der Ge⸗ meinde ein Häuschen gemiethet, welches nur zwei elen⸗ de Kämmerchen zur Wohnung darbot. Dieſe waren durch einen ſchmalen Raum getrennt, an dem ſich rück⸗ wärts eine Küche anſchloß. Das vordere dieſer Behältniſſe war dem ledigen Schlome eingeräumt, das rückwärtige aber diente durch⸗ reiſenden Armen zur Herberge, welche der Schulklopfer blos mit einer Schlafſtätte zu verſehen verbunden war, und die deßwegen auch die Schlafſtatt genannt wurde. 10 So war es damals, ſo iſt es auch noch heute mit mehr oder weniger Freigebigkeit in allen gaſtfreundlichen Ge⸗ meinden. Die Alt⸗Ofner Schlafſtatt bot damals einen nicht gar erquicklichen Anblick dar, dieſes war wenigſtens in dem Augenblicke der Fall, als die Thüre durch den Schulklopfer geöffnet wurde, und der fahrende Talmu⸗ diſt eingetretten war. Eine feuchte dumpfe Luft wehte ihm entgegen, und beengte ſeinen Odem ſo, daß er ſchleunig einige Schritte ſeitwärts trat, das kleine, mit einer Ochſenblaſe über⸗ zogene Fenſterchen, aufriß, und friſche Luft herein⸗ ſtrömen ließ; dann erſt vermochte ſein Blick den dunklen Raum zu durchſtreifen. Finſter und ſchwarz, jeder Uebertünchung vielleicht ſchon jahrelang entbehrend, ſtanden die niedern Wände da, ſchmutzige Betten, welche nur ein hartes Stroh⸗ lager darboten, waren an dieſe ringsherum angedrückt, ein halbzerbrochener Kachelofen ſtand in einer Ecke, eine Bank und ein Tiſch vollendeten endlich die Einrichtung der Armenherberge. Ihr höckeriger Beſtandhaber mochte wahrſcheinlich nicht Zeuge des üblen Eindruckes ſein, den ihr Anblick auf den eben eingetretenen Gaſt hervor⸗ 11 zubringen verſprach, deßwegen eilte er ſchnell davon, und ließ den armen Talmudiſten allein. Dieſer warf ſein Päckchen auf den Tiſch, ſtreifte eiligſt den Staub von ſeiner Kleidung, und verließ die unfreundliche Behauſung. Auf der Gaſſe war es indeſſen dunkler und ruhi⸗ ger geworden.— Hin und wieder ſah man nur einzelne Frauengeſtalten, die ſich zu Hauſe etwas verſpätet hat⸗ ten, in die Schule eilen, Dienſtmädchen ſtreiften noch mit vollen Töpfen und Becken nach verſchiedenen Rich⸗ tungen; das wüſte Getümmel eines Wochentages war verſtummt, und feierliche Stille hatte ſeine Stelle ein⸗ genommen. Nach und nach erglänzten die Fenſter, denn an den ſiebenzackigen Lampen wurde von den from⸗ men Hausfrauen das Gebet geſorochen, gewiß die ganze Straße wäre von dem durch die meiſt niedern Fenſter⸗ chen herausfallenden Strahlenglanze erleuchtet geworden, hätten ihn nicht die damals allerſeits gebrauchten Vor⸗ hänge in einen matten Dämmerſchein verwandelt. So war es auf der Gaſſe, als Noße Traun über dieſelbe in die Schule eilte. An der ſchmalen Seite eines rechteckförmigen Hofes ſtand ein niederes ziegelgedecktes Gebäude, die Außen⸗ ſeiten boten dem Auge des Beſchauers nur dunkle Wände 12 und kleine Bogenfenſter dar, welch' letztere durch ein kleinlöcheriges Drathgegitter verwahrt waren, wenn man von der Gaſſe den Hofraum betrat, ſo befanden ſich rechts und links zwei kleine Häuschen, hinter dieſen war ein leerer Raum, dann kam man zu dem Eingang des erwähnten Gebäudes. Das Häuschen rechts bewohnte Reb Sorach der Rabbi, das andere aber Reb Moſche Torn der Schameß, das Gebäude im Hintergrunde ſelbſt war die Synagoge, oder wie ſie die Juden zu nennen pflegen, „die Schule,“ der Alt⸗Ofner Gemeinde. Wer mit dem jungen Talmudiſten zugleich in den. Schulhof getreten wäre, hätte ein ungeheueres Getöſe vernommen, welches von dem erleuchteten Gotteshauſe heraufdrang. Es war ein wirres regelloſes Geſchrei von vielen Stimmen zuſammengeſetzt, die nach und nach verhallend in kurzen Zwiſchenräumen gleichſam mit er⸗ neuerter Stärke wieder begannen. Die Gemeinde war im Gebete begriffen. Als Noße durch die offene Pforte trat, gelangte er in eine kleine Vorhalle, gegenüber befand ſich die Schulthüre, rechts von dieſer hing ein Kupferbecken zum Waſchen der Hände beſtimmt, mehrere Sitze füllten den Raum, den nur eine dünne Wand von der Schule 13 trennte; geräumige Heffnungen, die mit ſchwachen Holz⸗ ſtäben verwahrt waren, gewährten einen bequemen An⸗ blick in das Innere des Tempels. Der Talmudiſt, nachdem er ſich an dem Waſſer⸗ becken die Hände benetzt, und mit einem Bücklinge ein kurzes Gebet geſprochen hatte, blieb in der Vorhalle ſtehen, denn er wußte es nur zu gut, daß dieſe zur Bethſtelle für arme Fremde beſtimmt ſei. Von der Reiſe ermüdet hatte ſich der Jüngling auf eine Bank niedergelaſſen, die Ruhe that dem erſchöpften Körper wohl, mitten in dem begonnenen Gebete plötzlich innehaltend, verſtummten ſeine Lippen, die Seele verlor ſich in das geiſtige Anſchauen vergangener Tage, erlo⸗ ſchene Bilder tauchten wieder friſch vor ſeinen Blicken auf, er war nicht mehr der vom Schickſale unter fremde Menſchen geworfene, nicht mehr der von allen Verwandten und Freunden verlaſſene Jüngling, er war wieder das Kind im Vaterhauſe, der von lieben Eltern, Geſchwiſtern und jugendlichen Geſpielen umgebene Knabe, er ſah ſich wieder in der Stube, wo ihn die Mutter als Säug⸗ ling geſchaukelt, wo der Vater über ihn an jedem Feier⸗ tage den Segen gebetet; als alle dieſe bunten Glücks⸗ ſcenen ſich in ſeinem Innern geſchftig herumtummelten, als ſie ihn, wie an zauberhaften Roſenbanden in die 14 Vergangenheit zurückzogen, da ſchloßen ſich unwill⸗ kührlich die matten Augenlieder, nach und nach erloſch der Farbenglanz der Bilder, immer dunkler wurde es in ſeiner Seele, der Schlaf ſenkte ſich bleiern auf ihn herab, er war zu erſchöpft, als das Träume ihn umgaukelt hätten, das verworrene Getöſe aus dem Bethauſe drang dumpf an ſein Ohr. Plötzlich fühlte er ſich durch ein heftiges Rütteln aus dem Schlafe geſtört, erſchreckt taumelte er auf, eine lange hagere Mannsgeſtalt ſtand vor ihm, und geboth ihm zu folgen. toße gehorchte. Eines der angeſehenen Häuſer Alt⸗Ofens war das Ziel, welchem der Talmudiſt ſammt ſeinem Führer ent⸗ gegen gingen. Wenn man aus der größtentheils ſchmutzigen Um⸗ gebung in das Innere jenes Hauſes trat⸗ war man um ſo angenehmer überraſcht, hier nicht nur Reinlichkeit, ſondern auch Ruhe, Ordnung und Pünktlichkeit anzu⸗ treffen. Der Hof war leer, weder Fäſſer, Fuhrwerke, Kiſten noch andere Wahrzeichen des Handlungögeiſtes waren hier zu ſchauen, unerguickliche Kehrichthaufen, wie man elt ng eln uf, ind ſten ren 15 ſie damals vor und an den Judenhäuſern nicht ſelten aufgeſchichtet fand, ſuchte man hier vergebens, die Wände einer kleinen Vorhalle waren weiß übertüncht und der Ziegelboden derſelben blank geſcheuert. führte eine Thüre in die große Stube. Von da aus Hier herrſchte eine heilige Stille. Von der Mitte der Decke hing eine ſiebenzackige Lampe herab, ſie war keineswegs aus koſt⸗ barem Metall, doch ſo blank gerieben, daß man ſie dafür hätte halten können, unter derſelben ſtand ein langer viereckiger Tiſch, mit einem weißen Tuche überlegt, zwei Wachskerzen brannten in ſilbernen Leuchtern, über⸗ dieß war er mit zinnernen Tellern, ſilbernem Eßzeuge und eben ſolchen Bechern beſetzt und mit Stühlen um⸗ geben. Obenan ſtand ein großer gepolſterter Armſeſſel, auf dem Teller vor demſelben lagen zwei weiße unange⸗ ſchnittene Brode, die ein kleines Tuch überdeckte, neben⸗ an ſtand eine mit Wein gefüllte Flaſche, dieß Alles galt als Zeichen, daß hier der Sitz des Hausvaters ſei. Ringsum an den Wänden blinkten von dem brau⸗ nen Geſimſe nett geſcheuerte zinnerne Teller und Schüſſeln herab, unter dieſen hingen mehrere Bilder, Adam und Eva im Paradieſe, ein gehörnter Moſes, König David mit der Harfe, noch viele andere hei⸗ 16 lige Männer, und endlich ein großgemalter Mogen David*). Ein duftiger Odem wehte durch den ſtillen Raum, der Sabbat war friedlich eingekehrt, und eine patriar⸗ chaliſche Ruhe herrſchte in dem ganzen Hauſe. In der Stube, die wir hier beſchrieben haben, befinden ſich zwei Frauengeſtalten, in denen man im erſten Augenblicke Mutter und Tochter zu erkennen im Stande iſt. Die Erſtere ſitzt ſeitwärts an einem mit buntfar⸗ bigem Teppiche überdeckten Tiſchlein, ihr faltenreiches Seidenkleid wallt beiderſeits lang hinab, und umhüllt die ſtattliche Geſtalt der alten Frau. Eine goldgeſtickte Haube, unter welcher aber das um die Stirne gelegte ſchwarze Sammetband breit ge⸗ nug hervorſchaut, deckte ihr Haupt; Perlen, Korallen und anderes Geſchmeide zieren den Hals. Die Züge ihres Antlitzes verrathen da geweſene Schönheit, allein die treuloſen Jugendgefährten waren längſt gewichen, und ließen nichts als den Stempel des Friedens zurück. *) Zwei übereinander geſtellte Dreiecke mit verſchiedenen Buchſtaben beſchrieben. Dieſem Symbol legte man in früherer Zeit Wunderkräfte bei. an ein, ento ſpra brac klop gen um, iar⸗ en, im. im far⸗ ches üllt ſene ren npel nen nin 17 Sie hatte ein großes Buch vor ſich liegen und las andächtig in demſelben. Auf einem Schemmel zu ihren Füßen ſaß die an⸗ dere Frauengeſtalt, eine Jungfrau, lieblich wie ein Veilchen, wenn es zum erſtenmal in den ſtillen Früh⸗ lingsmorgen ſchaut. Ein einfaches Kleid umhüllt den zarten Leib, ein feines Gewebe deckt den jungfräulichen Buſen, übrigens lehnte ſie leer von Schmuck, ohne Zierde, einfach, wie das Wieſenblümchen in dem Schooß der Mutter, ſchaute mit den ſchwarzen Kohlenaugen aufwärts, betete leiſe jedes Wort nach, welches die Matrone laut ausſprach, und während ſich die Lippen zum Laute formten, bildeten ſich zwei Grübchen in den Wangen, die von den ſeit⸗ und rückwärts dicht herab⸗ hängenden etwas kurzen Ringellocken anmuthig be⸗ ſchattet wurden. Jetzt öffnete ſich die Thüre, zwei Männer traten ein, es war der Talmudiſt mit ſeinem Führer. Die Jungfrau ſprang raſch auf, eilte dem Letztern entgegen, dieſer legte beide Hände auf ihr Haupt und ſprach den Segen über ſie, dann kehrte er ſich zur Matrone und ſprach:„Ich habe Dir einen Gaſt mitge⸗ bracht, es iſt ein armer Bocher, wie mich der Schul⸗ klopfer benachrichtigte.“ Seid mir willkommen in meiner Stube,“ wen⸗ 77 dete ſich die Hausfrau freundlich zu dem Jünglinge, „willkommen an meinem Tiſche.“ Noße dankte verlegen für den freundlichen Empfang, denn gleich beim Eintreten in die Stube hatte er die Jungfrau bemerkt; wohlgefüllig ruhte ſein Blick auf ihr, während der Vater ſie geſegnet hatte, als ſie dann den ſchwarzen Lockenkopf erhob, und ſein Auge in das Ihre, in den Flammenpfuhl tauchte, da ſchlug er raſch den Blick zur Erde, Feuer glühte auf den Wangen, und in dem verwaiſten Herzen begann der Frühling des Lebens heranzukeimen, mit all den tauſend Blumen ihren Duften und Blüthen, mit all den tauſend Dor⸗ nen, die ihre Spitzen tief in das jugendliche Herz ſen⸗ ken, um es zu verwunden, und mit Roſenodem wieder zu heilen.— Ja, als der Talmudiſt, während des Abendmales dem holden Kinde gegenüber zu ſitzen kam, und jeder ihrer Blicke ſein Auge traf, und er beim Erzäh⸗ len ſeiner traurigen Schickſale, ſogar Thränen in den Ihrigen gewahrte, da vergaß er— trotz ſeines Hun⸗ gers— der Speiſen, die Müdigkeit hatte ſich verloren, und wie verjüngt ſaß er am Tiſche des gaſtlichen Herrn, geſ Ti He Ih für des und nun klop Bet ſeine ſchw erwo wen⸗ inge, fang, r die au dann das raſch ngen, g des umen Dor⸗ z ſen⸗ wieder d des kam, Erzäh⸗ in den Hun⸗ loren, Herrn, 19 der ſich Reb Schmule Teweß nannte, und Roſch Hakohol*) von Alt⸗Ofen war. Das Abendmahl war beendigt, der Segen bereits geſprochen, die Dienſtleute— denn auch ſie aßen am Tiſche des Herrn— hatten ſich ſchon entfernt, als auch Noße vom Mahle aufſtand. „Es verſteht ſich von ſelbſt,“ ſprach der gaſtliche Herr zu dem Bocher,„daß Ihr Morgen wiederkömmt; Ihr ſeid mir und meiner Fradel“— ſo hieß die Hausfrau—„willkommen, ſchlaft recht gut, ich werde für Euch ſchon freundſchaftlich Sorge tragen.“ toße konnte ſich nicht entfernen ohne die Hand des ehrwürdigen Mannes an ſeine Lippen zu drücken, und eilte dann beſeligt aus der gaſtfreundlichen Woh⸗ nung. In der Schlafſtatt war alles ruhig. Der Schul⸗ klopfer befand ſich noch nicht zu Hauſe, als der Bocher in dem Kämmerlein anlangte, und ſich auf eines der Betten warf. Ein Chaos von Gedanken durchſtürmte ſeine Seele. Ein Glücksſtern ſchien ihm am wolken⸗ ſchwarzen Lebenshimmel aufgegangen zu ſein, eine Feu⸗ erwolke vom Herrn geſandt, die ihn trockenen Fußes *) Gemeindevorſteher. 20 durch die treuloſen Schickſalswogen durchführen ſollte, ſo mannigfach auch die Bilder der Zukunft waren, die ſich flüchtig, Eines das Andere verdunkelnd, vor ſeiner Seele geſtalteten, ſo war doch kein Einziges unter ihnen, im welchem die holde Tochter des Gemeindevorſtehers nicht ganz im Vordergrund geſtanden wäre, und alle übrigen Staffagen verdunkelt hätte; bald ſah er ſich zu ihren Füßen liebbeſeelt und wonnelrunken das Geſtänd⸗ niß inniger Liebe ſtammeln, dann war er wieder Rabbi von Alt⸗Ofen geworden, ſie verwaltete, eine holde Gat⸗ tin, ſein Haus, und ein Kreis von Kindern umſprang ſie in fröhlicher Unſchuld, dann— o ſchreckliches Bild — ſah er ſie wieder auf dem Boden liegen, mit dem ſchwarzen Tuche zugedeckt, das Neſchome*)⸗Licht zu ihrem Haupte, ſie war todt, todt für ihn, und die Welt. Ein Geräuſch von draußen entriß ihn dieſem furcht⸗ baren Gemälde ſeiner Phantaſie, er vernahm Stimmen und Fußtritte, die ſich dem Fenſter ſeines Kämmerchens näherten. Ohne ſich zu regen, blieb er einem Schla⸗ fenden gleich auf dem Lager, und ſchloß die Augen. „ ve al es ſie ne er ur ni kö K 21 ollte,„Er ſchläft,“ lispelte eine Stimme, in welcher er „die jene des Schulklopfers erkannte,„der Jung' iſt müd', einer er wacht ſo leicht nicht auf.“ nen,„Der hört uns nicht,“ verſicherte eine andere ehers Stimme. alle„Zur größern Vorſicht,“ ſprach ein Dritter leiſe, ch zu„ſchließen wir dieſe Thüre von außen, und die unſere tänd⸗ von innen.“ Kabbi Die Sprecher entfernten ſich wieder. Gleich dar⸗ Gat- auf hörte Noße, wie man die Thüre ſeines Kämmer⸗ rang chens von außen leiſe ſchloß, dann verſcholl des Geräuſch, Bild es war wieder ſtill wie früher. Die Sprecher mußten dem ſich bereits in der Wohnung des Schulklopfers befinden. ht zu Die Neugierde, das nächtliche Treiben der Män⸗ d die ner zu erfahren, war in dem Jünglinge erwacht. Er erhob ſich leiſe vom Lager, trat an das Fenſterchen, und öffnete es. Es war zwar ſchmal, allein mit we⸗ rcht⸗ 6 niger Anſtrengung glaubte er ſich doch durchwinden zu nmen 4 . können, verſuchte es, und befand ſich bald im Hof⸗ che 3 raum. chla⸗ Geräuſchlos ſchlich er an das Fenſter der vordern n. Kammer, allein es war dicht verhangen, ſo dicht, daß man das Innere der Wohnung für unerleuchtet hätte halten können. Einen Augenblick blieb Noße ſinnend 22 ſtehen, drinnen war alles ruhig, nur mit großer An⸗ ſtrengung vermochte er ein zu ihm dringendes Geräuſch zu vernehmen. Plötzlich erwachte ein Gedanke in ſeiner Seele. Er ſchlich ſich leiſe zur Küche, die Thüre war offen, er trat ein. In der Mitte derſelben ſtand ein Herd, darüber befand ſich ein breit gemauerter Schlauch der die Stelle eines Rauchfanges vertrat, und durch den ein mattes Licht der mondhellen Nacht herabfiel, welches die Um⸗ gebung ohne Mühe erkennen ließ. Rechts war eine höl⸗ zerne Leiter angelehnt, die auf den Boden, oberhalb der Wohnung des Schulklopfers führte; dieſe ſtieg der Bocher ſachte hinan. Durch ein Dachfenſter ſenkte der ewig nächtliche Wonderer am Himmel ſein helles Licht herein, und beleuchtete den ganzen Raum. Noße blickte, ehe er ſeinen Fuß vorwärts ſetzte, ſpähend umher. Er ſtand auf einem Bretterboden, welcher auf Balken gelegt, die Decke der Kammer bildete. In einer Ecke bemerkte er einen hellen Streifen, zu gleicher Zeit vernahm er aus jener Gegend laute Re⸗ den, die von unten heraufdrangen, dort mußte ſich alſo eine Heffnung befinden? er ſchlich leiſe hin— je näher er kam, deſto deutlicher tönten die Laute herauf, behutſam ließ er ſich auf dem Boden der Länge nach nieder, und —, „ 41) —, 23 An⸗ äuſch ſein Antlitz kam in die Nähe einer geräumigen Deffnung ſeiner zu liegen, durch welche er Alles bequem ſehen und hö⸗ war ren konnte. Gerade unter ſeiner ſtand ein Tiſch, auf dem eine Kerze brannte. Der Schulklopfer mit zwei andern jungen Männern ſaßen an demſelben, jeder hatte rüber Stelle einen Haufen Silber und Kupfermünze vor ſich, und attes ein Becher mit Würfeln kreiste fleißig in der Runde. Um⸗ Seitwärts ſtand noch ein Tiſch, der mit einem höl⸗ Tuche überdeckt war, unter welchem ſich, ſoviel man rhalb bemerken konnte, Schüſſeln und Flaſchen verborgen be⸗ g der fanden. e der Der Schulklopfer ſchüttelte eben den Becher mit Licht den Würfeln. „So war ich leb'!“ rief er während des Wurfes, n„ſo viel Glück wie heute, habe ich noch nie gehabt.“ „. Er warf— eilf Augen lagen auf dem Tiſche. Der ifen, Nachfolgende nahm den Becher. Es war ein junger Re⸗ Mann mit rothen Haaren; zwei weitgeſchlitzte graue alſp Augen und ein geſpitztes hervorragendes Kinn ſtempelten e er das Antlitz zur vollkommenen Frazze. tſam„Pinches!“ wendete ſich der Schulklopfer zu und ihm,„zeig, daß Du noch verdienſt der Sohn unſer's Rabbi zu ſein, überwirf mich.“ 24 „Mein Vater ſoll leben,“ rief der Angeredete keck,— warf, und die beiden leeren Seiten ſchauten 3 nach oben. Ein höhniſches Lächeln überzog das Antlitz des Schulklopfers. „Du verdienſt den Chower*) noch nicht,“ ſprach er ſpöttiſch, während der Sohn des Rabbi den Becher Ra 3 unmuthig weiter gab, und ein Anderer ebenfalls weni⸗ ger als der Schulklopfer warf. Dieſer ſtrich haſtig den Satz ein, und die Runde begann vom Neuen. Der 6 Horcher auf dem Boden hatte indeſſen Muße genug, die Spieler genau zu betrachten. Den Schulklopfer i8 ausgenommen, waren die übrigen zwei Talmudiſten, 4 und Noße ſtaunte nicht wenig, ſelbſt den Sohn des ¹ Rabbi da zu finden, wo die Ruhe des Sabbat, die hei⸗ lige Feyer frech durch Würfelſpiel und Geldberühren ſiei verletzt und enteiht wurde.— Religionsübertretun⸗ gen, die zu jener Zeit noch ungewöhnlich waren, und den ans Unglaubliche gränzten! mu Das Spiel währte nicht lange, denn der Schul⸗ nes 1 klopfer, um die Baarſchaften der Anderen ſchneller an ſich zu bringen, hatte vom Seitentiſche unter dem Tu⸗ e zog *) Ein Ehrentitel, der nur angeſehenen Männern zu Theil— wird. 25 che eine mit Wein gefüllte Flaſche hervorgezogen, und das Weinglas wechſelte nun mit dem Würfelbecher. „Trink Scholem,“ rief Pinches ſeinem Neben⸗ manne zu,„der Neſſach*)⸗Wein iſt veſſer als der unſere; ſtark und ſüß, ſtark wie Lea, und ſüß wie Rachel.“ Scholem ergriff den Becher.„Pinches, Du ſollſt leben!“ rief er,„und Deine Schweſter Jentel“— „Unſere Jentel ſteckt Dir noch immer im Kopf,“ lächelte der Sohn des Rabbi,„aber ſie mag Dich nicht, mach' Dir nichts daraus, was nicht iſt, kann noch werden. Es geht mir auch ſo“— „Du meinſt die Tochter des Roſch Hakohol's?“ fiel der Schulklopfer ein. „Ja, die holde Channe,“— der Horcher auf „ dem Boden verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit,—„ſie muß mein werden, ſe wahr ich einſt an die Stelle mei⸗ nes Vaters trete, und Rabbi von Alt⸗Ofen werde.“ Während Pinches dieſe Worte ſprach, hatte Schlo⸗ me Holländer wieder einen kedeutenden Satz einge⸗ zogen. * So heißt der Wein, der nicht geweiht iſt. Der Fluch d. Rabbi. 3 26 „Ei was,“ rief Scholem über den immerwähren⸗ den Verluſt unwirſch,„fort mit den Würfeln, ich mag nicht mehr ſpielen, mein Geld iſt alle.“— „Dir borg ich,“ lächelte der Gewinner,„ſeitdem Du einen Nachſchlüſſel zu dem Schranke Deines Va⸗ ters haſt, ſtehſt Du bei mir wieder in gutem Anſehn.“ „Und dennoch ſpiel ich nicht,“ brummte Scholem mürriſch. „Er hat Recht,“ bekräftigte Pinches,„genug für heute, Morgen kommt wieder eine Nacht, wir wollen jetzt zum Tafeln ſchauen.“ „Aha,“ ſprach der Klopfer vergnügt,„Euch wäſ⸗ ſert ſchon der Mund nach dem Braten, den ich berei⸗ ten ließ. Alſo friſch an's Werk.“ Die Würfel wurden bei Seite gelegt, die leeren Flaſchen mit vollen vertauſcht, dann hob man von dem Seitentiſche eine lange Schüſſel herüber, auf welcher ſich der verſprochene Leckerbiſſen befand. Noße ſah ſtaunend hinab, er erkannte das Thier nicht, welches gebraten auf der Schüſſel lag. Der Schulklopfer verrichtete die Stelle des Vorſchneiders. jet zo ka K ne ſte du ren⸗ nag dem Va⸗ n.“ lem für llen äſ⸗ rei⸗ ren em her ier er 27 „Laßt's Euch ſchmecken, rief er ſeinen Spießge⸗ ſellen zu,„das Boßor Achar*) iſt recht gut und ſchmackhaft.“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als den Horchenden eine namenloſe Wuth erfaßte, ſolche Schän⸗ dung ſeines heiligen Glaubens hatte er noch nicht erlebt. Wie bewußtlos erhob er das Haupt, um ſich dem verbo⸗ tenen Anblicke der unreinen Speiſe zu entziehen. Da fiel ſein Auge auf einen großen Stein, der jenſeits der Oeffnung lag, er ſtreckte beide Hände aus, zog den Stein an ſich, und wie er über die OHeffnung kam, ſtürzte die ſchwere Maſſe hinab, zerſchmetterte die Kerze, ſchlug den ſchwachen Tiſch durch, und fiel dröh⸗ nend auf den Boden. Ein fürchterliches Wehgeſchrei drang aus der ſin⸗ ſtern Kammer herauf. Noße aber hatte ſich ſchnell er⸗ hoben, eilte die Leiter hinab, und wand ſich wieder durch das Fenſter in ſeine Kammer. Kein Sterbenslaut ſtörte mehr die ſtille Nacht. *) So wird das verbotene Fleiſch von unreinen Thieren genannt, beſonders aber Schweinefleiſch. Die Rebezen*) und das neue Kleid. Wer zu jener Zeit öfters durch die Alt⸗Ofner Judengaſſe gegangen wäre, hätte gewiß ein oder das andere Mol ein Männchen bemerkt, welches nicht nur ſeiner ungewöhnlichen Wenigkeit, ſondern auch ſeines Amtes halber in der ganzen Gemeinde wohlbekannt, und ſeines launigen unterhaltenden Umgangs wegen, auch wohl gelitten war. Wenn ſich unſere Leſer ein kleines dünnes hage⸗ res Männlein von vier Fuß Höhe denken, welches durchs ganze Jahr mit Ausnahme des Verſöhnungsta⸗ ges in einem ſchwarzen gefütterten Tuchrocke ſteckt, deſ⸗ ſen Saum im Sommer den Staub, und im Winter *) Die Frau des Rabbi. beſ bar ger ſein wu zu tut eine nic ſche die die fner das nur ines und uch ge⸗ ches ta⸗ ter 29 den Schnee fegt, und welcher daher unten nur ein Paar Schuhe mit Schnallen, und oben einen mit einem drei⸗ eckigen Hütlein bedeckten Kopf hervorſchauen läßt, ſo ha⸗ ben Sie die vollkommene Geſtalt und Tracht des Moſche Torn, wie er gleichſam eine ſtereotype Figur ſchon durch zehn Jahre unter der Alt⸗Ofner Gemeinde wandelte, und die Dienſte eines Schameß*) verſah. Nebſt der erwähnten Eigenheit in ſeiner Fleidung beſaß Herr Moſche noch eine Menge anderer Sonder⸗ barkeiten, die Theils angeboren, größtentheils aber an⸗ gewöhnt waren, und die nicht wenig zur Ergötzlichkeit ſeines Umganges beitrugen. So klein auch Moſche Torn von Geſtalt war, wußte er ſich doch als Schameß ein großes Anſehen zu geben, und ſo ſchwach ſeine körperliche Conſti⸗ tution ſchien, S er doch als Vorbeter und Sänger eine ſtarke Stimme, eine Stimme— die zwar nicht angenehm und volltönend, ſondern fein und krei⸗ ſchend war, die aber, wenn er beide Hände an die Backen ſtützte, und mit dem Daumen die Kehle drückte, die Luft in eine ſolche Anzahl Schwingungen verſetzte, daß die Alt⸗Ofner Schule bis in ihre Grundpfeiler erbebte. n Der Schuldiener, Vorbeter u. ſ. w. 30 Moſche Torn wohnte— wie wir bereits erwähnt — im Schulhof dem Rabbi gegenüber, das Häuschen war klein, bot aber Bequemlichkeit genug dar, ihm und ſeine theuere Ehehälfte aufzunehmen, die wir im Verlaufe dieſes Kapitels leider zeitlich genug kennen ler⸗ nen werden. Am Samſtag Morgen— ehe ſich die Gemeinde zum feierlichen Gottesdienſte verſammelte— finden wir den Schameß, wie er langſamen Schrittes vor ſeiner Wohnung im Hofe auf und ab geht. So wie immer hatte er den erwähnten Tuchrock an, aber er iſt nicht zugeknöpft, das einzige Zeichen wodurch man Moſche Torn Sommer und Winter unterſcheiden konnte,— denn von Sukes bis Peſſach*) war der Rock von oben bis hinab geſchloſſen— eine ſchwarze Sammetweſte, die beinahe über den Bauch reichte, ſchaute bequem hervor. Der Schameß hatte ſeine beiden Daumen rechts und links in die Aermellöcher der Weſte eingehängt, während ſeine übrigen Finger ſteif und ausgeſtreckt auf der Bruſt ruhten— dieſe Stellung pflegte er immer im *) Vom Laubhüttenfeſt bis zu Oſtern, d. i. vom Herbſt bis zum Frühjahre. zud ein, ſan Ha Ra ſich wo ſpa die um ter ſeir fa no ähnt schen ihm r im ler⸗ einde wir ſeiner mmer nicht oſche 7 oben veſte, quem echts ängt, t auf rim erbſt 31 Gehen zu wählen, wenn er über etwas Wichtiges nach⸗ zudenken hatte, ſo trippelte er auf und ab und ſummte einzelne Töne halblaut vor ſich hin, die ſeine ganze Ge⸗ ſangskunſt bildeten. Kurz vorher war nämlich Reb Schmul der Roſch Hakohol in den Hof getreten und in die Wohnung des Rabbi gegangen. Ueber dieſen zeitlichen Beſuch hatte ſich der Schameß gar hoch verwundert, denn wie er wohl wußte, lebten dieſe beiden Familien in ſehr ge⸗ ſpannten Verhältniſſen. Die Urſache deſſen war die abſchlägige Antwort, die Pinches, der Sohn des Rabbi, bei ſeiner Werbung um Channe erhalten hatte. Das verdroß den ſtolzen Va⸗ ter um ſo mehr, da man es zu jener Zeit als eine be⸗ ſondere Ehre anſah, wenn man einen Talmudiſten als ſeinen Eidam begrüßen konnte. Reb Moſche erſchöpfte ſich alſo über dieſen Beſuch in Vermuthungen, allein er konnte nicht ins Reine kom⸗ men, endlich ergriff er das einfachſte Mittel und trat in ſeine Wohnung. Wie richtig er gewählt, das werden wir gleich er⸗ fa ren. Der Gottesdienſt hatte bereits ſeinen Anfang ge⸗ nommen, und die Gemeinde ſich ſchon verſammelt. 32 Oberhalb des Einganges der Schule war eine ſehr geräumige Gallerie angebracht, welche durch ein hölzer⸗ nes Gitter die Ausſicht hinab in den untern Raum der Schule geſtattete. Dieſer Ort diente den Frauen zum Betorte, und führte den Namen Weiberſchule. An dieſem Vormittage ging es in der Weiber⸗ ſchule— beſonders aber in der Mitte der vorderſten Reihe— ſehr lebhaft zu. In jener Gegend ſaßen, nämlich: Fradel, die würdige Frau des Roſch Hako⸗ hols, Bäle die Frau des Rabbi, und endlich Ju⸗ deß die zeitliche Ehehälfte, des Schameß, der bereits der vierte Mann war, mit dem ſie unter der Chuppes) geſtanden hatte. Wir halten für nothwendig unſern Leſern einige charakteriſtiſche Umriſſe dieſer drei Weiber mitzutheilen. In der Frau des Gemeindevorſtehers haben wir bereits eine würdige Matrone kennen gelernt. Ohne ſich um die andere Welt zu bekümmern, lebte ſie nur ihrem Gatten und ihrer Tochter. Sie war fromm, gaſtfrei und wohlthätig, Eigenſchaften, die an ihr um ſo mehr geſchätzt wurden, je ſeltener man ſie bei einer * Ein Baldachin, unter welchem die Trauung vollzogen wird.* und zu wur jede nige ilen. wir hne nur nm, um iner ogen 33 und derſelben Perſon vereint fand. Wiewohl ihr Gatte zu den Wohlhabendſten der Alt⸗Ofner Juden gezählt wurde, verſchmähte ſie dennoch in ihrer Haushaltung jeden Aufwand und kannte weder Stolz noch Eitelkeit. — So war Fradel. Von der Frau des Rabbi können wir leider nichts ſo Lobenswerthes berichten. Eine kleine dicke Figur, mit einem breiten Geſichte, deſſen volle Wangen und blinzelnde Augen den Stempel des Neides trugen, zeich⸗ nete dieſe Frau vor allen Andern aus. Sie war be⸗ reits in jene Jahre getreten, in welcher man ihr mit vollem Rechte den Namen eines alten Weibes hätte bei⸗ legen können; allein Frau Bäle gedachte wohl noch lange zu leben, jedoch alt wollte ſie für alle Mal nicht werden, und nicht heißen. Dieſer Fehler entſprang natürlich aus einer übermäßigen Eitelkeit, welche ſie alle Mittel ergreifen ließ, die Spuren zu decken, die die Zeit zurückgelaſſen hatte. Geſchmeide, neue Kleider, reiche Hauben, ſo viel als die V des Rabbi nur geſtatteten, wurden angeſchafft, um die eitle Zierpuppe herauszuputzen. Den größten Vortheil aus dieſen Schwächen ſchöpften einige verſchmitzte Tal⸗ mudiſten, die manches Butterbrod, manche gebratene 34 Gansleber und andere Räſchereien von der jungen E Frau Rebezen herauszulocken wußten. 3 Ein würdiges Seitenſtück zu dieſer war Frau Ju⸗„ deß, des Schameß zeitliche Ehehälfte. Wenige Worte ſ werden hinreichen, ſie unſern Leſern ganz vor die Augen d zu führen. Eine lange knochen dürre Geſtalt mit einem t eingefallenen Geſichte, welches mit einigen Warzen be⸗ d ſetzt war; graue Augen, ein zahnloſer Mund, bildeten 9 ihre körperlichen Vorzüge, mit denen die geiſtigen im( vollkommenen Einklange ſtanden, denn ſie beſaß alle c . Eigenſchaften eines böſen Weibes. Gewiß es hätte kei⸗ nen geplagteren Ehemann auf der ganzen Erde als den Schameß gegeben, würde dieſer nicht im Beſitze einer praktiſchen Klugheit geweſen ſein, welche ihn, ja nur ihn allein mit ſeiner Gattin gut auskommen ließ. Der — 3 Wahrheit gemäß müſſen wir aber geſtehen, daß Reb Moſche auch gewiſſe Urſachen hatte ſeinem Weibe nach⸗ zugeben, denn der Wochenlohn, den er von der Alt⸗ Ofner Gemeinde erhielt, war ein unbedeutender, und reichte kaum hin, ſeine häuslichen Bedürfniſſe beſtreiten 3 zu können, vielweniger ein Wohlleben zu führen, wie es der Schameß gewohnt war; da mußte nun Frau Ju⸗ deß mit ihren Sparpfennigen aushelfen, welche ſie durch ihre ganz eigene Erwerbszweige zuſammen geſcharrt hatte. ngen u Ju⸗ Worte Augen einem n be⸗ ldeten n im alle e kei⸗ den einer nur Der nach⸗ Alt⸗ und reiten ie es Ju⸗ urch atte. 35 Sie führte nämlich einen Separathandel mit alten Frauenkleidern, ſie verſtand die Kunſt Gänſe zu ſto⸗ pfen*), die zwei⸗ bis dreipfündige Lebern und doppelt ſo viel Schmalz produzirten, dann beſaß ſie eine beſon⸗ dere Fertigkeit darin, Gänſen, welche durch ungeſchick⸗ tes Stopfen einen Korn in die unrechte Kehle bekommen, dasſelbe herauszuwürgen; dieſe und noch viele andere Mittel brachten ihr manche Pfennige und anderweitige Geſchenke, welche ihr als Zuſatz zu ihres Mannes Wo⸗ chenlohn recht gut zu ſtatten kamen.— Doch nun zurück in die Weiberſchule. Jede der Frauen, ſo wie überhaupt alle Uebrigen hatte ein gro⸗ ßes Betbuch vor ſich, in welchem ſie emſig laſen. Anfangs war Alles ruhig und ſtill, dann neigte ſich Judeß, ohne die Brille abzunehmen, die ihr auf der Naſe ſaß, zu ihrer Nachbarin zur Linken, der Frau des Rabbi und lispelte ihr einige Worte zu. Dieſe ohne ſich irre machen zu laſſen, nickte beifüllig mit dem Kopfe und murmelte weiter. Dame Judeß betete auch wieder einige Zeilen, dann wendete ſie ſich abermals zur Linken und flüſterte: „Ihr habt heute frühen Beſuch gehabt?“ *) Gewaltſame Ueberfütterung. 6 Die Andere nickte zur Antwort ſeufzend mit dem Kopfe, dann aber ſchienen Beide wieder en ſiger als frü- her in ihrer Andacht fortzufahren. Nach einer Weile nahm die Frau des Schameß ihre Brille von der Naſe, legte dieſe in das Buch, und wendete ſich zur Frau des Rabbi:„Euer neues Kleid iſt von ſchönem Stoffe, echte italiſche Seide?“ Dieſe Anregung war für die Rebezen hinlänglich, daß auch ſie ihre Brille abnahm, und antwortete:„Ja liehe Judeß, alles echt, ich verſichere Euch, koſtet theu⸗ res Geld, mein Sorach hat ihn von einem Lombarden gekauft.“ „Glaub's gerne,“ erwiederte Judeß mit; einem frommen Blicke,„ich habe auch nie daran gezweifelt, aber es gibt ſchon Leute,“ fuhr ſie zweideutig fort, „die dieſes thun.“ „So,“ fuhr die eitle Frau des Rabbi zornig auf; denn daß Jemand an der Echtheit ihres Kleides zweifle, das wäre ihr ſelbſt im Traume nicht eingefallen. Die⸗ ſes„So“ war das erſte Wort, welches hinunter in die Männerſchule drang, man ſchaute in die Höhe, ſtutzte, fuhr aber wieder im Gebete fort, als keine fer⸗ nere Störung erfolgte, denn Frau Judeß hatte die En ℳ 4* t dem s frü- Weile Naſe, es toffe, glich, „Ja theu⸗ arden inem ifelt, fort, auf; eifle, Die⸗ r in he, fer⸗ 57 Empörte am Arme ergriffen, und auf ihren Sitz nieder⸗ gezogen. „Ja gewiß,“ ſchmähte Bäle weiter, aber etwas leiſer, als früher,„ich kann mir ſchon denken, wer dieſe Neidbeſeßene iſt, die mein neues Fleid ſchmählt, weil ſie es mir nicht vergönnt, dabei warf ſie immer giftige Blicke auf die Frau des Gemeindevorſtehers hinüber, „aber gerade deßwegen will ich es fleißig tragen, täglich will ich es anziehen, und an ihrem Hauſe vorübergehen, und ſie ſoll grün und gelb vor lauter Aerger werden, die Gaiwenikinn*), mein Pinches war ihr zum Eidam zu ſchlecht, ſie wird keinen Beſſern kriegen, ich weiß es gewiß,“— die Stimme der Rebezen wurde im Eifer immer lauter—„ſie ſoll ſich ihre Channe aufheben, bis ſie eine alte Mad**) wird, ich will ſie nicht mehr zur Schnur***) haben, ſo wahr ich Bäle heiße, und Re⸗ bezen von Alt⸗Ofen bin.“ Trotz der Begütigungen ihre r Nachbarin wäre der Fluß ihrer Rede noch nicht verſiegt, hätten nicht meh⸗ rere Mahnungen:„Sttill da droben, ruhig da drü⸗ — 38 ben, Still, da voran,“ u. ſ. w. ſie verſtummen ge⸗ macht.— Aus der Männerſchule wendeten ſich jetzt alle Köpfe nach Oben, wo ein vielſtimmiges düſteres Mur⸗ meln ertönte, denn ſämmtliche Frauen unter einander, fingen das Vorgefallene zu beſprechen an. „Was iſt das für ein Getöſe?“ rief eine Stimme hinauf. „Die Rebezen, die Rebezen!“ ſchrieen mehrere Andere. „Pſt! Pſt“ ziſchte unwillig ein Andächtiger und klopfte mit der platten Hand auf ſein Machſer*). „Sie iſt meſchuge**)“ ſchrieen einige Talmudi⸗ ſten, denen das böſe Weib ſchon längſt ein Eckel war. Frau Bäle die ſich nicht anders aus der Verle⸗ genheit zu ziehen wußte, da aller Augen auf ſie gerich⸗ tet waren, benützte dieſe Zumuthung und fiel in Ohn⸗ macht. „Weh geſchrien!“ kreiſchte oben ein Chor von Weiberſtimmen. *) Betbuch. **) Wahnſinnig. ſei gei au üb n ge⸗ t alle Mur⸗ nder, imme hrere und nudi⸗ war. erle⸗ rich⸗ hn⸗ von 39 dehrere Männer eilten hinauf um zu ſehen, was es denn gebe, indeſſen hatten viele Frauen die Flucht ergriffen, ſie drängten ſich die ſchmale Treppe hinab; die hinaufeilenden Männer kamen ihnen entgegen; Ver⸗ wirrung herrſchte über Verwirrung; Drängen, Stoßen, Drücken, nahm in dem engen Raume über Hand, um dieſes noch zu vermehren, kam Judeß mit noch einigen andern Weibern, die ohnmächtige Bäle einherſchlep⸗ pend; als ſie aber mitten in dem Chaos anlangten, mochte dieſe durch einige Stöße unſanft geweckt wor⸗ den ſein, denn plötzlich ſtand ſie kerzengerade da, riß die grauen Augen weit auf, und die Hände ſteif vor ſich hinhaltend, machte ſie ſich Platz und rannte er⸗ boßt durch den Haufen. Judeß folgte ihr nach, und erſt zu Hauſe erreichte ſie vollkommen ihren Zweck, von der Rebezen die Ur⸗ ſache jenes frühen Beſuches zu erfahren. Als der Schameß aus der Schule kam, fand er ſeine theuere Ehehälfte ſeiner harrend. „Ihr habt heute d'roben ein ſchönes Purimſpiel*) gemacht,“ lächelte er und tänzelte dabei pendelartig bald auf dieſen bald auf jenen Fuß,— dieß war eine ſeiner üblichen Gewohnheiten. *) Faſchingsſpiel. 40 Judeß ließ ihn nicht fortfahren:„Wer iſt Schuld daran,“ rief ſie höhniſch,„die dumme Rebezen,— ich kann ſie nicht ausſtehen, die Eitle; ſtell' Dir nur vor, ſie ſagt ihr neues Kleid hätte der Rabbi von einem Lombarden gekauft.“— „Kann ſchon ſein,“ ergänzte Reb Moſche gut⸗ müthig und ſetzte ſich an den gedeckten Tiſch, um das Frühſtück einzunehmen. „Was?“ ſchrie die Erboßte,„biſt Du auch ſo ein leichtgläubiger Narr, wo möchten ſie das Geld dazu hergenommen hahen, wie lange war ſchon keine reiche Chaßene und kein Briß*), das wirſt Du am beſten wiſſen.“ Von der Wahrheit deſſen war der Schameß voll- kommen überzeugt, und ein ſchwerer Seufzer vertrat die Stelle ſeiner Antwort, denn während des Eſſens, war er immer ſehr wortarm. Judeß aber fuhr fort: „Das mag mir ſchon der rechte Lombarde geweſen ſein, vielleicht Einer von unſern Leuten, dem ſie es abge⸗ handelt.“ „Laß das gut ſein,“ ſprach der Schameß den Redeſtrom ſeiner Ehehälfte hemmend, ſag mir lieber, —.——— 0 Vermählungs⸗ und 2 Beſchneidungsfeſt. N — 0(— — — Schuld „— ir nur einem gut⸗ ndas uch ſo dazu reiche beſten voll⸗ ertrat 44 was Du in Betreff des frühen Beſuches aus der Re⸗ bezen herausgebracht?“ „Ei was,“ erwiederte Judeß unwirſch,„eine Dummheit, über die zu reden es ſich kaum der Mühe lohnt. Ein Bocher iſt angekommen, der beim Rabbi zum Schir gehen will, und deſſen nimmt ſich der Roſch Hakohol an, und hat darüber mit dieſem geſprochen. Der Schameß ſah es nun ein, wie wenig Urſache er hatte, neugierig zu ſein, und von ſeinem jetzigen Ge⸗ ſchäfte zu ſehr in Anſpruch genomnien, hatte er bald den Bocher, den Rabbi, die Rebezen, und ſeine theuere Ehehälfte vergeſſen. Das Letzte wundert uns am we⸗ nigſten. Während dieſes beim Schameß vorging, ereigne⸗ ten ſich beim Rabbi Scenen, die das Intereſſe des Le⸗ ſers wohl mehr in Anſpruch nehmen dürften. Die Wohnung des Rabbi hatte nebſt dem Erdgeſchoſſe eine geräumige Bodenſtube, zu welcher eine ſchmale finſtere Treppe führte. Wenn man durch dieſe trat, gewahrte man gegenüber zwiſchen den beiden Fenſterchen einen hohen Schrank mit großen dicken Foliobänden vollgeſtellt, vor dieſem ſtand ein breiter Armſeſſel an einem langen Tiſche, der quer beinahe die ganze Breite der Stube einnahm, und von mehreren Bänken umgeben war. 4 42 Sonſt both die Stube nichts Sehenswerthes dar, die Wände waren grau und abgewetzt, der Boden ſchmutzig, die Bücher in dem Schranke beſtaubt, und der Tiſch ſammt dell Bänken ſchlotterig. In dem Armſeſſel ſitzt ein Mann. Ein langer ſchwarzſeidener Kaftan umhüllt die hohe Geſtalt, ein Sammtkäppchen deckt ſein Haupt, deſſen Haare an der Seite und rückwärts unbeſchnitten hinabrollen; ſtarke Brauen beſchatten zwei große blitzende Augen, ſeine Stirne in Falten gelegt verräth Tiefſinn, und die etwas aufgezogenen Mundwinkel einen düſtern choleriſchen Cha⸗ rakter. Ein ſchwarzer Bart wallt lang und breit über die Bruſt hinab und gibt dem Eigenthümer ein wildes Anſehen. Dieſes iſt Reb Sorach der damalige Rabbi von Alt Ofen.— Nach einer Weile öffnet ſich die Thüre, ein Jüng⸗ ling tritt ſchüchtern ein, und bleibt vor dem Rabbi ſtehen. „Biſt Du das Bocherl, welches erſt geſtern an⸗ gekommen?“ fragte der Rabbi. „Ja,“ antwortete jener. „Du heißt?“ „Noße.“ „Was haſt Du bisher gelernt?“ „Torah ur wih , die utzig, aic anger ein nder ſtarke ſeine etwas Cha⸗ über vildes Rabbi Jüng⸗ tehen. n an⸗ 43 Der Rabbi hatte ſeine linke Hand auf dem Arm des Seſſels liegen, während er mit der Rechten ſeinen Bart faßte, und vom Kinn bis hinab ſtreichelte; unten am Ende angelangt bog er demſelben aufwärts, nahm ihn zwiſchen die Lippen, dann ließ er ihn wieder los und wiederholte das frühere Spiel. „Nur Torah und Tnach?“ ſprach er zum Bocher, „wie alt biſt Du?“ „Achtzehn Jahre?“ „Haſt noch viel zu wenig gelernt für Dein Alter.— Biſt Du fromm?“ fuhr der Rabbi in ſeinem Fragen fort. „Der Glaube meiner Väter iſt mir uber Alles,“ erwiederte der Bocher. „Halteſt Du alle Faſttage im Jahre?“ „Ja.“ „Auch die Halbfaſttage?“ „Ebenfalls.“ „Meine Schüler,“ fuhr der Rabbi fort,„müſſen mit dem Pſalmiſten zu reden, in die Fußtapfen der Frommen treten, und die Wege des Gerechten gehen. Nimm Dir ein Beiſpiel an meinem Sohne Pinches, er lernt den ganzen Tag hindurch.“— „Wo denn?“ fragte der Bocher ſchüchtern. 44 „Bei ſeinem Freunde Scholem,“ entgegnete Rabbi Sorach,„ich hoffe ihr werdet euch in Güte vertragen, denn Streit⸗ und Zankſüchtige werden nicht geduldet. Morgen früh um die achte Stunde kannſt Du Dich hier einfinden.“ Noße entfernte ſich aus der Stube.„Armer Vl⸗ ter!“ dachte er, während er die finſtere Treppe hinab⸗ ſtieg,„Du kennſt Deinen Sohn nicht, einen Abtrünnigen haſt Du aufgezogen, der nicht würdig iſt Deinen Namen zu tragen.„Wehe,“ wirſt Du rufen; wenn Dir einſt Deine Augen geöffnet werden.“ Jetzt war der Bocher unten angelangt, als ihm in dem kleinen Vorhauſe eine Jungfrau entgegen trat, bei deren Anblick er unwill⸗ kührlich einen Augenblick ſtehen blieb. Eine majeſtäti⸗ ſche Geſtalt von üppig ſchwellender und doch zarter Kör⸗ perform beſtach im erſten Augenblick den Jüngling, um ihn dann erſt auf die feineren Nuancen ihrer Schönheit aufmerkſam zu machen. Das ſchön gezeichnete Profil ihres ovalen Antlitzes, die in Roſenflammen erglühten Wangen, das dunkle Glutauge mit den weichen Sei⸗ denwimpern, alles war von Anmuth und Liebreiz über⸗ füllt, alles zeigte Wärme und Leben. Und dieſe Huld⸗ geſtalt ſtand dem Bocher gegenüber, ließ die Feuerſtrah⸗ len ihres Auges wohlgefällig auf ihm ruhen. Ihm aber tr fü Rabbi agen, uldet. Dich inab⸗ nigen amen einſt ocher eine will⸗ ſtäti⸗ För⸗ um nheit rofil hten Sei⸗ iber⸗ 4⁵5 trat unwillkührlich ein anderes Bild vor die Augen, er zuckte zuſammen, ſchlug ſeinen Blick zu Boden, als fürchte er ſchon zu lange in dieſem Anblicke geſchwelgt zu haben, und taumelte hinaus. Die Jungfrau blieb noch lange regungslos auf dem Platze ſtehen, ihr Auge war ſtier auf einen Punkt geheftet, ihre Gedanken folg⸗ ten dem Bocher.„Der oder keiner,“ rief ſie leiden⸗ ſchaſtlich, und ſtürzte in die Stube zu ihrer Mutter. Es war Jentel die Tochter des Rabbi. Die Familie des Rabbi und des Roſch Hakohols. Nachfolgende wichtigere Vorfallenheiten drängen ſich heran, und wir ſehen uns gezwungen die Begebenhei⸗ ten der nächſten Wochen im Kurzem zu erwähnen. Der Roſch Hakohol nahm ſich väterlich des ar⸗ men Talmudiſten an. Der würdige Mann fand Wohl⸗ gefallen an dem unverdorbenen unſchuldigen Jünglinge. Er verſchaffte ihm bei einer armen alten Witwe eine Wohnung, und verwendete ſich bei anderen wohlthä⸗ tigen Familien, daß der Bocher an jedem Tage der Woche bei einer andern, am Freitcge und Samſtage aber bei ihm ſelbſt zu Gaſte erſchien. Dieſes nennt man„Tag eſſen“ und die meiſten Talmudiſten wurden auf dieſe Weiſe unterſtützt, frei⸗ lich gab es Häuſer, wo man ſolche Wohlthaten nicht aus einem angebornen Wohlthätigkeitsſinne, ſondern ſei M die ols. ſich ahei⸗ ar⸗ ohl⸗ nge. eine thã⸗ der tage ſten frei⸗ icht 47 nur aus Vornehmthuerei, oder um den Verdacht des Geizes zu beſeitigen ausübte, aber ſolch ein Fall fand bei Noße nicht ſtatt, er wurde überall gerne geſehen, und freundlich aufgenommen. Sonderbar war ſein Verhältniß im Hauſe des Rabbi. Dieſer war, ſo wie überhaupt alle Gelehrten ſeines Faches, ein von der Welt ganz abgeſchloſſener Mann. In ſeiner Bodenſtube unaufhörlich mit dem Studium des Talmuds beſchäftiget, war er nur durch die Bande ſeines Amtes an die menſchliche Geſellſchaft und durch die der väterlichen Liebe, an ſeine Familie ge⸗ kettet; ſeine Gattin achtete er als Hausfrau, barg aber für ſie kein Fünkchen Liebe im Herzen. Ihr eitles Treiben war ihm bis in die Seele zuwider; allein er wollte den Frieden ſeines Hauſes nicht ſtören, über⸗ ließ ſie ihren Mängeln und Fehlern, und trat nur dann als beſehlender Gatte auf, wo es ſich um die Entſcheidung wichtigerer Angelegenheiten handelte. Deſto inniger aber hing er an ſeinen beiden Kindern; mit all der zärtlichen Liebe eines Vaters die ein ſolcher zu füh⸗ len nur im Stande iſt,— behandelte er ſie mit nur zu viel Nachſicht, zeigte ihnen dieſe bei jeder Gelegenheit, und verdarb ſie dadurch. Er übernahm die Erziehung ſei⸗ ner Kinder erſt als ſie ſchon etwas erwachſen waren, 48 früher hatte er dieſe ſeiner Frau überlaſſen. Allein Bäle war viel zu geiſtesbeſchränkt, als daß ſie einer ſolchen mit Würde hätte vorſtehen können, ſie war zu ſehr Affenmutter, um die Strenge einer Erzieherin handhaben zu können, dadurch wurden nun Pinches und Jentel verdorben. Sie beſaßen alle Eigenſchaften ſchlecht erzogener Finder, nur mit dem Unterſchiede, das Pinches durch böſes Beiſpiel und leichtſinnige Kameradſchaft verführt, vollkommen mißrathen war, während Jentel nur ein verwöhntes Töchterlein wurde, welches eigenſinnig, lau⸗ nig und leidenſchaftlich, nie gewohnt war ſich einen Wunſch zu verſagen, vielweniger aber Gefühle oder Leidenſchaften zu unterdrücken, oder ihnen gar durch Ueberlegung einen Damm zu ſetzen. Als nun Noße täglich in dieſes Haus kam, be⸗ rührte es ihn ſehr unangenehm mit Pinches und Scholem ſo oft in Geſellſchaft ſein zu müſſen. Seit⸗ dem er jene Scene in der Schlafſtatt belauſcht hatte, war Verachtung gegen die Theilnehmer derſelben in ſeinem Herzen eingezogen. Dieſe mochten es wohl be⸗ merkt haben, und vergalten Gleiches mit Gleichem, al⸗ lein beide Partheien hatten Urſachen ihre Gefühle zu verheimlichen. Noße, weil er gleich anfangs nicht als 1 ʒů die wi nic V ab det Lie rei ret de w ſc ne ne dr al Allein einer war eherin inches gener durch ührt, r ein lau⸗ einen oder durch „be⸗ und Seit⸗ atte, n in lbe⸗ al⸗ e zu als 49 zänkiſch auftreten und den Rabbi nicht kränken wollte, die Andern aber, weil ſie einen ſolchen gefährlichen Mit⸗ wiſſer— was er ihren Vermuthungen nach war— nicht zur Angabe reizen wollten. So glühte alſo das Verderben unter der Aſche der Gleichgültigkeit, ſollte aber nur zu bald hervorbrechen. Ganz anders war es mit Jentel. Die Tochter des Rabbi hatte den Bocher kaum geſehen, als ſie in Liebe zu ihm entbrannte, und wenige Tage waren hin⸗ reichend in ihrem Herzen eine Flamme anzufachen, die ſchonungslos um ſich griff, und unbändig die Ruhe desſelben verzehrte. Sie hatte die Ueberraſchung des Bochers bei ihrer erſten Zuſammenkunft für etwas An⸗ deres genommen, als ſie es wirklich war, und ſie falſch beurtheilt. Sie mochte von ſich auf ihn geſchloſſen, und das Erwachen einer Leidenſchaft vermuthet haben, wäh⸗ rend es nichts anderes als eine augenblickliche Verwun⸗ derung, die Aufwallung eines Schönheitsſinnes war, wie man ſie empfindet, wenn man plötzlich vor einem ſchönen Bilde ſtehen bleibt, welches wohl auf die Sin⸗ ne wirkt, ohne aber das Herz zu beſtechen. Auf ei⸗ nen Verdorbenen, wie Scholem war, mochte der Ein⸗ druck den Jentel hervorbrachte, wohl ein Tiefer ſein, allein trotz ſeinen Bewerbungen, ſeinem Drängen und Der Fluch d. Rabbi. 5 Bitten, trotz des Zuredens ihres Bruders konnte ſie keine Neigung zu ihm gewinnen, während Noße ohne ſeinen Willen als ein König in ihrem Herzen thronte. Der arme Bocher war froh, ihm ſiel ſtets ein Stein vom Herzen, wenn er das Haus des Rabbi im Rücken hatte, ein ſonderbares drückendes Gefühl bemächtigte ſich ſei⸗ ner, ſobald er deſſen Schwelle übertrat, und verließ ihn nicht eher, als bis er wieder aus der Thüre desſelben kam. Wie ganz anders war es, wenn er ſich in dem Hauſe ſeines Wohlthäters des Roſch Hakohols befand. Hier war er kein Fremder, hier kam mamihm nicht falſch, nicht eigenſüchtig entgegen. Das würdige Ehe⸗ paar behandelte ihn wie einen Sohn, freundlich, liebe voll und aufmerkſam. Die Tage, die ſie ihm gaſt⸗ freundlich eingeräumt hatten, waren für ihn die Feſt⸗ tage der Woche, die Stunden in ihrem Hauſe, Götter⸗ ſtunden.— Mit jugendlicher Ungeduld ſah er ihnen wieder entgegen, wenn ſie auch erſt verfloſſen waren. Und Channe, wie lieblich ſtand ſie vor ihm. Wie an⸗ muthsvoll, wie keuſch war ihr ganzes Weſen, ſie ſchien ihm mit jedem Tage reizvoller und huldreicher, ſo oft er ſie ſah, glaubte er einen neuen Strahl in dem Kran⸗ ze ihrer Unſchuldsglorie auftauchen zu ſehen, jeder Blick in er de th de he kö ſt de te ſie ohne Der vom atte, ſei⸗ erließ ſelben dem fand. nicht Ehe⸗ iebe gaſt⸗ Feſt⸗ tter⸗ hnen ren. an⸗ chien t ran⸗ Blick war eine neue Feſſel, die ſein Herz mit Roſenbanden in die Nähe der ſchönen Jungfrau zog. Oft konnte er ſich nicht enthalten, das Bild der Rabbitochter in Ge⸗ danken an ihre Seite zu ſtellen, nicht etwa als ob ſeine Wahl zwiſchen Beiden noch geſchwankt hätte, nein, er that es nur— und das mit Luſt— um Channe aus dem Vergleiche als ſtrahlende Siegerinn auftauchen zu ſe⸗ hen. Channe und Jentel.— Zwei Weſen, jedes mit allen körperlichen Vorzügen ausgeſtattet, jedes ein Meiſter⸗ ſtück der Schöpfung, in jedem glaubte man den Born der Schönheit und Anmuth bis zur Neige verbraucht, und dennbch ſo verſchieden von einander. Es iſt ein eigenes Geheimniß der vielgeſtaltigen Natur Bilder hervorzuzaubern, deren jedes einzeln be⸗ trachtet, unübertrefflich da zu ſtehen ſcheint, während dann beide gegeneinander gehalten, die frühere Vermu⸗ thung vernichten, und uns plötzlich eine wo möglich noch erhöhte Verwunderung abzwinget, die Wahl zwi⸗ ſchen Beiden erſchweren. Aber dieſe beiden Jungfrauen ſo körperlich voll en⸗ det, waren doch ſehr verſchieden von einander!— der Unterſchied lag aber in ihrer geiſtigen Beſchaffenh eit, in ihrem Charakter. Channe ſchien ein holdſeliges Kind, dem Anmuth und Soanftmuth auf dem Antlitze geprägt war, dem Frohſinn auf der Stirne thronte und Duldung aus den Augen ſtrahlte; ſie war ein Wieſenblümchen, un⸗ ſchuldsvoll erſproſſen und anſpruchslos fortblühend; ſo nur konnte Mutter Eva aus der Hand des Schöpfers hervor gegangen ſein, ſo nur konnte Rüfka an der Quelle dem Diener Abrahams den Waſſerkrug reichen. Ganz anders erſchien Jentel.— Ein ſtiller Ernſt ſprach aus ihren Mienen, leidenſchaftliche Glut blitzte aus den Augen, ſie ſchien nicht zum Dulden ſondern zum Befehlen geſchaffen, ſie warf ſich unwillkührlich zum Herrn des Mannes auf, während ſie ſich ſelbſt nicht zu beherrſchen vermochte; ihr Buſen barg ein Heer von Leidenſchaften, die einer Schlangenbrut ähnlich in demſelben ruhten, aber noch vom tiefen Winterſchlaf befangen waren. Nur des erſten Sonnenſtrahles be⸗ durfte es, um ſie zum Leben zu erwecken und— die⸗ ſer war bereits ins Herz gefallen.— Channe war ein paſſiver, Jentel ein activer Charakter, jene wirkte aufs Herz, dieſe auf den Verſtand, jene gewann durch Gefühle, dieſe durch Sinne; Channe endlich wußte nicht, daß ſie ſiege, während Jentel im Voraus ſchon die Folgen ihrer Eroberung berechnete. So hatte das Schikſal dieſe Menſchen zuſammen getragen und ent⸗ ſp de ſc ſie te T te de ur he gegengeſtellt, die dazu auserſehen waren, ein Schau⸗ ſpiel traurigen Inhaltes auf ihrer kleinen Lebensbühne darzuſtellen. Liebe und Haß— die Univerſalleiden⸗ ſchaften traten auch hier in Conflikt gegeneinander, um ſich zu bekämpfen und zu bekriegen, nur mit dem Un⸗ terſchiede, daß von dieſer Bühne nach Beendigung des Trauerſpieles die Todten nicht ſo, wie von jenen Bre⸗ tern, die die Welt bedeuten, wieder auferſtanden, ſon⸗ dern daß ſie verſcharrt liegen blieben, vermoderten, und jetzt noch immer der allgemeinen Auferſtehung harren. Gleich und Gleich geſellt ſich gern. mi Es war eine finſtere unfreundliche Nacht; die Lichter des Himmels waren erloſchen, das geräuſchvolle we Treiben des Tages verſtummt, und eine Leichenſtille ein⸗ ſie getreten. ih Eine ſchlafende Stadt gleicht ſehr einem Friedhofe, ko denn in ihren ſteinernen Särgen liegen die Menſchen ſch und ſchlafen,— ſtehen dann auf, um ſich wieder ſchla⸗ de fen zu legen.— Schlafen— Todt ſein!— Iſt der de Schlaf etwas anderes als ein kurzer Tod?— Der lit Körper iſt von Banden umfangen, und die Seele iſt im ſc Traume geſchäftig; ſo ſtirbt der Menſch täglich, ſo oft te 3 ſich der Schlaf auf ſeine Augen ſenkt, ſo erwacht er m dann immer, um wieder zu ſterben und endlich— um ei d nicht mehr zu erwachen.— Die Schwüle des vergangenen Tages hatte auf ein ſe baldiges Gewitter ſchließen laſſen, und dieſes kam wirk⸗ Ein ſtarker Luftzug ſtrich durch die lich herangezogen. die lle in⸗ fe, en la⸗ der er im oft er um ein irk⸗ 55 Straßen Alt⸗Ofens, dichte Wolken hingen tief herab und verurſachten eine undurchdringliche Finſterniß. Zwei Stunden vor Mitternacht ſchlich eine verhüllte Geſtalt von Alt⸗Ofen herüber gegen die Waſſerſtadt. Sie hatte ihren Weg längs des Donaufluſſes genommen, und an der Langſamkeit der Bewegung ſah man die Vorſicht mit welcher ſi e ihr Ziel verfolgte. Endlich blieb ſie vor einem kleinen Häuschen ſtehen. Die Thüre desſelben war geſchloſſen; da erfolgte ein dreimaliges leiſes Klopfen, ſie öffnete ſich, die Geſtalt trat ein, und gleich hinter ihr ſchloß ſich der Eingang. Jetzt betrat der Ange⸗ kommene eine Stube, die hell erleuchtet und mit Men⸗ ſchen zahlreich gefüllt war. An den Wänden herum ſtan⸗ den Tiſche. Gäſte, der verſchiedenſten Gattung befan⸗ den ſich an denſelben. Männer und Weiber, Jüng⸗ linge und Greiſe, Juden und Chriſten, Ungarn, Deut⸗ ſche und Siebenbürger. Viele der Verſammelten ſpiel⸗ ten, andere tranken, wieder andere kürzten ſich die Zeit mit luſtigen Geſprächen, die meiſten aber feilſchten mit emander über verſchiedene werthvolle Gegenſtände, als da ſind Ringe, Kettlein, Perlen und anderen Schmuck⸗ ſachen edlen Metalles. Dieß Alles geſchah ohne Lärm, Geräuſch und Aufſehen. Die eingetretene Geſtalthatte ſich an ein in der Ecke noch unbeſetztes Tiſchchen gemacht, und begehrte einen Krug Weines; dann verhielt ſie ſich ruhig und ſtill. Es war ein Jüngling von beinahe achtzehn Lebensjahren.— Blattern hatten das vielleicht früher ſchöne Antlitz verunſtaltet; der feine weiße Teint beſtätigte dieſe Vermuthung, die Züge aber waren grell, ſo wie das rothe Kopfhaar, welches mit jenen im voll⸗ kommenen Einklange ſtand. Im Ganzen verdiente er eher den Namen eines häßlichen, als angenehmen jun⸗ gen Mannes. Nach einer Weile geſellte ſich noch ein anderer Gaſt zu ihm, der eben auch angekommen war. „Du laßt lange auf Dich warten, Scholem,“ rief ihm der Erſtere entgegen,„wo biſt Du geblieben, es wird ja gleich Eilf ſchlagen.“ „Du haſt leicht reden,“ lautete die Antwort,„Dir gibt Deine Mutter Geld, aber ich muß es mir erwer⸗ ben.“„Da ſchau mal, Pinches, ein Paar ſilberne Schuhſchnallen.“ Der Rothe nahm die Schnallen in die Hand, wog ſie bedächtig, als prüfe er ihr Gewicht, dann ſtellte er ſie wieder dem Eigenthümer zurück. „Sie ſind hohl,“ ſprach er leichthin,„wirſt nicht viel bekommen.“ „Das wollen wir ſehen,“ erwiederte Scholem, —„———, ſich ahe int Dir e rne vog lite m, 57 und rief einen Mann zum Tiſch, der den Abend ſchon mehrere Koſtbarkeiten gekauft hatte. Nun begann der Handel. Der Käufer gab zu ver⸗ ſtehen, wie er es nur zu gut wiſſe, daß die Schnallen geſtohlen ſeien, dadurch ließ ſich Scholem aber nicht irre machen. „Ihr habt in Euerem Leben noch wenig ehrlich ge⸗ kauft,“ warf er dem Andern vor,„drum nehmt nur die Schnallen um den angebothenen Preis: Ihr wißt, Ihr habt einen guten Kunden an mir, kommende Woche ſollt Ihr einen ſchönen Schmuck bekommen, aber nur nicht mäckeln müßt Ihr, ſonſt gehe ich Euch weiter.“ Nach langem Feilſchen endlich, wurden ſie einig, der Käufer zahlte aus, und die Talmudiſten waren an ihrem Tiſche wieder ungeſtört. „So mein lieber Pinches,“ ſprach Scholem, nach⸗ dem er das Geld verborgen hatte,„wir zwei würfeln nicht mit einander, wir wollen uns das Geld nicht ab⸗ gewinnen, aber bis wir den Schulklopfer wieder einmal eingefädelt haben, dann wollen wir uns ſchon verſtän⸗ digen.“ „Du haſt recht, Scholem, erwiederte der Andere, „dieſer ſchändliche Holländer, der hat uns ſchon ſo viel abgewonnen, wir müſſen uns einmal entſchädigen.— Männer, wie wir, die in der Hoffnung leben, in Bal⸗ den Schwägerleute zu werden.“— „Dieſe Hoffnung habe ich aufgegeben,“ rief Scho⸗ lem ſeufzend. „Wie ſo?“ fragte Pinches erſtaunt. „Deine Schweſter beharrt in ihrem Eigenſinne.“ „Kann nicht ſein,“ grollte der Andere,„ſie muß, ſo wahr ich ihr Bruder bin.“ „Auf dieſem Wege geht es nicht,“ entgegnete Scholem verzweifelnd,„denn, wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt jetzt noch ein Hinderniß dazu gekommen, welches ſich mächtig— unüberſpringbar, zwiſchen uns ausdehnt. Dein⸗ Schweſter liebt einen Andern.“ „Wie?“ rief der Rothe,„iſt es möglich, ſollte die Tolle“— „Ereifere Dich nicht, Bruder Pinches,“ beſänf⸗ 1 tigte ihn der Andere,„es führt zu nichts. Es iſt be⸗ ſtimmt, Deine Schweſter liebt— Noße Traun.“ „Verflucht! dieſen Schnorrer, dieſen ſchändlichen Heuchler, der ſich in die Gunſt aller Menſchen ſo ein⸗ zuſchleichen weiß; nie und nimmermehr ſoll er mein Schwager werden, ſo wahr mein Vater Rabbi in Alt— Ofen iſt. Ich ſehe ſchon,„fuhr er etwas gefaßter — en— —— ß, te ht n, ns te e 59 fort, wir müſſen jetzt einen ganz friſchen Weg einſchla⸗ gen, die Schweſter muß die Deine werden.“ „Pinches,“ ſprach Scholem langſam,„Du weißt, Dein Vater miſcht ſich in dieſe Angelegenheiten nicht, die Mutter liebt Jentel zu ſehr, als daß ſie ihr einen Mann aufdringen würde, was willſt Du alſo machen, wenn Jentel ſagt, daß ſie mich nicht lieben könne.“— „Das eben,“ erwiederte der Sohn des Rabbi, „werde ich machen, doß ſie Dich lieben wird, unver⸗ geßlich lieben, ſo— als wenn Du Noße Traun wäreſt. Komm mit, wir wollen raſch an's Werk ſchreiten.“ Eine halbe Stunds ſpäter traten zwei Männer in den Schulhof, und blieben vor der Wohnung des Schameß ſtehen. Einer von ihnen trat an ein Fenſter⸗ lein, und klopfte leiſe an. „Wer klopft?“ kreiſchte drinnen eine Weiberkehle. „Frau Judeß!“ rief der Mann draußen mit ver⸗ ſtellter Stimme,„kommt ein wenig herbei.“ „Der Böſe ſoll alle ungeſchickten Köchinnen holen,“ zürnte die Gerufene drinnen, denn ſie wähnte nichts Anderes, als daß man ſie bei einer ver ſtopften Gans zu Hülfe rufe. „Geh Judeß, mein Kind,“ hörte man den ſchlaf⸗ trunkenen Schameß brummen,„ſchau wer es iſt.“ 60 „Halt's Maul, Du faule Eſelshaut,“ kreiſchte die zärtliche Gattin, und trat an's Fenſter. Der Mann draußen ſprach einige leiſe Worte mit ihr.— „Schon gut,“ lispelte Frau Judeß, zog ſich wie⸗ der zurück, die beiden Männer gingen rückwärts gegen die Schule zu. Eine heilige Stille herrſchte um das verlaſſene Gotteshaus. Die Nacht war noch immer finſter, aber ruhiger wie früher; der Wind hatte ſich gelegt, dagegen war ein feiner Regen eingetreten der ſtill und geräuſch⸗ los herabrieſelte. Die beiden Männer ſtellten ſich unter den Vorſprung des Schuldaches;— kohlſchwarze Nacht umgab ſie, nur durch die Gitterfenſter der Schule dämmerte ein matter Schein des ewigen Lichtes, welches vor dem Aron Hakodoſch*) in einer grünfärbigen Lam⸗ pe brannte. Nach einer Weile hörte man ein ſchwaches Ge⸗ räuſch, wie ſchleichende Fußtritte ſchallte es immer näher. *) 3ehn⸗Gebotskaſten, welcher die im Tempel zu Jeru⸗ ſalem geſtandene Bundeslade vorſtellen ſoll, worin aber jetzt die Thorah(das Geſetzbuch, auf einer Pergament⸗ Rolle geſchrieben), aufbewahrt wird. hte nit ie⸗ en ru⸗ ber at⸗ 61 „Sie kommt ſchon,“ lispelte einer der Männer. Als die Erwartete angekommen war, öffnete ſie leiſe die Schulthüre, alle Drei ſchlüpften hinein, und lehn⸗ ten dann die Pforte an's Schloß. „Hier in der Vorhalle iſt es kalt,“ lispelte Judeß, denn ſie hatte den Schlüßel gebracht,„laßt uns in die Schule gehen.“ Slie traten ein; der grüne Schein des ewigen Lich⸗ tes hüllte die Schule in ein myſtiſches Dunkel, die Ständer*) die vor den Sitzen ſtanden, glichen unbe⸗ weglichen Geſtalten, welche die Geheimniſſe der Nacht belauſchten; Leichenſtille war verbreitet, jeden Laut hall⸗ ten die Wände wieder. Nun begannen die Eingetretenen mit einander zu lispeln, anfangs leiſe und unverſtändlich, dann aber immer lauter und lauter. „Wie ich Euch ſage, Frau Judeß,“ ſprach der Eine,— es war Pinches—„Ihr habt gar nichts zu befürchten. Ihr bereitet das Tränklein, und für das Uebrige laßt uns ſorgen.“ „Das iſt Alles recht,“ antwortete das Weib des Schameß,„aber ſchon die Bereitung iſt ſehr gefährlich, *) Hölzerne Pulte, auf welchen die Gebetbücher liegen. denn es werden alle böſen Geiſter herauf beſchworen, und wenn es dabei falſch zugeht, kann ich ein Kind des Todes ſein.“ „Denkt nur an die Goldgulden,“ erinnerte der Andere, an dem man Scholem's Stimme erkannte. Judeß dachte eine Weile nach.„Nun meinetwe⸗ gen,“ rief ſie dann entſchloſſen,„ich will Euch will⸗ fahren, aber wie ich ſchon geſagt, mit dem Andern will ich nichts zu thun haben; ich liefere Euch den Lie⸗ bestrank, und das Uebrige müßt Ihr vollbringen. Jetzt laßt uns gehen, und in der erſten Sliches⸗Nacht um die eilfte Stunde erwartet mich hier, dann wollen wir den Trank bereiten.“ Alle Drei entfernten ſich behutſam. Frau Judeß ſchloß die Schulthüre wieder, und trippelte dann gegen ihre Wohnung zu, während Pin⸗ ches durch ein Fenſter in das Hinterſtübchen ſtieg, wo ſeine Schlafſtelle ſtand, und Scholem ſich auf der Stra⸗ ße im Dunkel der Nacht verlor. Als Judeß in der Stube anlangte, kehrte ſich der Schameß eben auf die andere Seite. „Biſt Du ſchon da, Judeß mein Kind?“ fragte er ſchlaftrunken. ren, des der we⸗ vill⸗ ern Lie- Jetzt um wir und in wo tra⸗ der agte 63 „Freilich bin ich da, Maulaffe,“ keifte ſie,„das Weib muß ſich die ganze Nacht plagen, und der Mann ſchläft wie ein Murmelthier.“ „Und das Weib ſoll gehorchen dem Manne,“ citirte der Schameß aus der Bibel. „Und der Mann ſoll dem Weibe Nahrung ver⸗ ſchaffen,“ replicirte Frau Judeß. Dieß war die empfindlichſte Seite des Schameß. „Nu, nu,“ rief er begütigend,„wo biſt Du denn nach⸗ her geweſen?“ „Bei Cheile Leder war ich, ich hätte ihr ſollen einen Korn herausnehmen.“ „Wem, Cheile Leder?“ fragte der Schameß er⸗ ſtaunt. „Warum nicht gar,“ grollte Judeß unwillig,„ihrer fetteſten Gans, die wenigſtens ſechs Halbe Schmalz geben wird; aber deßwegen iſt ſie doch nicht ſo fett, wie die unſrrigen,“ ſetzte ſie eifrig hinzu. „Ich wollte,“ brummte der Schameß in ſich hin⸗ ein,„Du wär'ſt ſo fett wie Deine Gänſe.“ „Was brummſt Du dort?“ fragte ſie. „Ich habe nur geſagt,“ erwiederte der Gatte,„daß nicht immer alle Gänſe gleich fett ſein können.“ 64 „Und alle Ochſen auch nicht,“ rief Judeß, wel⸗ che dieſe Anſpielung auf ihre Magerkeit, nur zu ſehr verſtanden hatte. Am folgenden Morgen bekam der Schameß kein Frühſtück, denn Frau Judeß führte in ihrem Hausre⸗ gimente ſcharfe Mannszucht. Ganz verſchiedene Liebeserklärungen. Der Verpflichtungen, die Noße Traun gegen ſeinen Wohlthäter den Roſch Hakohol hatte, waren ſo viele, daß der arme Bocher zuletzt gar nicht wußle, wie er ſeinem Gönner auf eine recht ſinnige Weiſe ſeine Dankbarkeit bezeigen ſolle. Worte reichten nicht mehr hin ſeine Gefühle auszudrücken, denn Noße hatte in dem würdigen Ehepaare ſeine zweiten Eltern gefunden. Wohnung und Kleidung bezahlte ihm Reb Schmule, Koſt und endlich die Verwendung beim Rabbi hatte er auch ihm zu danken, ja, dieſes war noch nicht genug, denn Frau Fradel verſäumte nicht ihrem Liebling— das war er im vollſten Sinne des Wortes geworden— 6 eitweiſe einige Silberpfennige als Roſch⸗Chodeſch⸗*) 5. 9 hode Geld zuzuſtecken, und freute ſich herzlich, wenn der Bocher unter dankbaren Thränen ihre Hand küßte. Das Erſte, wozu ihn ſein frommes Gemüth verpflichtete, war, daß er mit unendlichem Fleiße ſeinem Studium oblag, um gleichſam zu zeigen, daß die Wohlthaten an ihm nicht vergeudet ſeien. Mit unendlichem Eifer ſuchte er dem Willen des Rabbi nachzukommen, und ſeine Forderungen zu be⸗ friedigen. Er ſtrengte alle ſeine Geiſteskräfte an, um in die tiefſten Geheimniſſe einzudringen, die in der myſti— ſchen Wiſſenſchaft des Talmud verborgen liegen, die aber eben durch dieſes zweideutige Halbdunkel in Sinn und Wort oft unergründlich ſind, und deßwegen ſo viele heterogene Auslegungen nach ſich ziehen. Der Familienhaß des Rabbi mit dem Gemeinde⸗ Vorſteher war Urſache, daß jener in ſeinem Herzen einen Widerwillen gegen Noße barg, den er aber nicht an den Tag legen konnte, denn Noße war unter allen *) Der erſte Tag eines jeden Monats. Dieſer wurde ehe⸗ dem feſtlich begangen, ohne gerade ein Feiertag zu ſein, und milde Gaben wurden an demſelben ausge⸗ theilt. —— G der Das tete, ium an des be⸗ um yſti- aber und viele inde⸗ erzen nicht allen e ehe⸗ ag zu ausge⸗ 67 ſeinen Schülern der frömmſte, der ſittſamſte und flei⸗ ßigſte. Es ärgerte ihn daher nicht wenig, dieſem— ſo oft der Roſch Hakohol über ſeinen Schützling Er⸗ kundigungen einzog— das beſte Zeugniß geben zu müſ⸗ ſen. Um aber dem Wohlthäter ſeinen Dank noch mehr an den Tag zu legen, hatte ſich Noße von ſeiner weni⸗ gen zuſammengeſparten Baarſchaft, Pergament und farbige Dinten angeſchafft, und begann eine Megilleh*) zu ſchreiben, deren Lettern er mit bunten Farben recht ſinnig bemalte, über den Namen Eſther zeichnete er immer eine ſchöne Roſe, und wo Haman ſtand, da war ein Galgen darüber gemalt, ſo daß der Name ſelbſt, wie einſt ſein Träger an denſelben zu hängen ſchien. Mit reger Thätigkeit arbeitete der Jüngling an dieſem Geſchenke, jede ſeiner freien Stunden benützte er dazu, die Arbeit zu fördern; allein die Geſchichte von Haman und Eſther iſt gar lang, und da Noße bald fertig ſein wollte, fah er ſich gezwungen, die Nacht zu Hülfe zu nehmen, daher kam es, daß er in mancher Woche drei bis vier Nächte ſchlaflos an ſeinem Schreib⸗ tiſche zubrachte, ja als ſeine Arbeit ſich dem Ende nahte, *) Die Geſchichte von Eſther und Haman, die am Pu⸗ rimfeſte vorgeleſen wird. (˙ 68 wurde er gonz ungeduldig, und befleißte ſich noch mehr. Nun ſtellten ſich die Folgen dieſer Anſtrengung ein; Noße fing an zu kränkeln, oft glaubte er ſchon kaum ſeinen Pinſel halten zu können, aber da erinnerte er ſich aller empfangenen Wohlthaten, da fiel ihm Chan⸗ ne, die gute liebe Channe ein, und er pinſelte weiter fort, ohne Unterlaß, bis die Megilleh vollendet, und er— todtkrank war. Ein hitziges Fieber warf ihn auf's Krankenlager. Als ſeine Wohlthäter dieſes Unglück erfuhren, wur⸗ de der alten Nenne, bei welcher er zu Miethe war auf⸗ getragen, ſeiner zu pflegen und zu warten. Man ließ für ihn faſten und Thilim*) beten. Dieſes war der Zeitpunkt, in welchem ſich an Channe das Daſein jener allgewaltigen Leidenſchaft am ſichtbarſten kund gab. Die Jungfrau war ganz außer ſich. Der Jüng⸗ ling, deſſen Bild in ihrem Buſen mit unauslöſchlichen Feuerfarben gemalt war, lag auf dem Todtenbette, und ſie durfte nicht an ſeiner Seite ſtehen, ſie mußte fern von ihm weilen, ohne ihn pflegen und warten zu *) Pſalmen. „ iter und ihn vur⸗ auf⸗ ließ an am üng⸗ ichen ette, ußte nzu 69 können. Das war zu viel für ſie; nur den Vorſtellun⸗ gen der Mutter gelang es, ſie zurückzuhalten, denn zu jener Zeit hielt man das Uebel für ſehr erblich. In ihrem gottſeligen Glauben that ſie Alles, um vom lieben Himmel die Geſundheit des Geliebten zu er⸗ flehen, ſie ſandte an arme Familien Almoſen, ſie faſtete ganze Tage lang, und betete unter heißen Thränen. Endlich ſiegte die unverdorbene Natur, die Krankheit war gebannt, und Noße ſah ſeiner baldigen Geneſung entgegen. An einem Nachmittage ſchritt durch ein ſchmales Gäßchen Alt⸗Ofens eine Jungfrau. Ihr Gang ver⸗ rieth Eile und Ungeduld, ihr ganzes Weſen, Liebe und Sehnſucht. Ein weißes Kleid deckte die, wie ein zartes Luftgebild einherſchwebende Geſtalt, über dasſelbe hing eine kurze blauſeidene Tunika, der ſchwarze Lockenkopf war von einem feingewebten Schleier überdeckt, der aber nicht dicht genug war, die Glut der Augen und der Wangen zu bergen. Plötzlich trat ihr ein junger Mann entgegen. „Verweile einen Augenblick, ſchöne Tochter des Roſch Hakohols,“ ſprach er mit gepreßtem Odem, und ſtehe mir Rede und Antwort. „Was willſt Du Pinches?“ fragte Channe er⸗ ſchreckt, und der Ton verrieth hinlänglich den Unwillen darüber, daß ſie aufgehalten werde. „Darf ich wiſſen, wohin Dein Weg Dich führt?“ fragte jener weiter. „Ich gehe das Gebot Gottes auszuüben.“ „Du wondelſt den Weg der Frommen,“ lächelte der Rothe, während ſein Antlitz ſich zur Frazze verzerrte. „Channe,“ fuhr er düſter fort,„wir ſind mitſammen aufgewachſen, unſere Lebenswege haben ſich bisher anmu⸗ thig nebeneinander hingeſchlängelt, wir haben als Kin⸗ der mitſammen geſpielt und geſcherzt, wir ſind uns im⸗ mer gut geweſen; warum wendeſt Du Dich ab, um mich von Dir ferne zu halten, warum bannſt Du mich eigenſinnig aus Deiner Nähe?“ „Weil es der Wille des Himmels iſt!“ erwiederte die Jungfrau kurz. „Der Wille des Himmels kann es nicht ſein,“ wendete Pinches finſter ein,„ſonſt würde er uns durch andere mächtigere Hinderniſſe getrennt haben; er hätte mich weit von Dir entfernt, oder einen Ungläubigen werden laſſen, er hätte jedes Hoffnungsband zerſchnit⸗ ten——“ d illen t helte rrte. unen unu⸗ Kin⸗ im⸗ um mich ederte ein,“ durch hätte bigen chnit⸗ 71 „Halte mich nicht auf, Pinches,“ bat die Jung⸗ frau, ihm in die Rede fallend,„meine Zeit iſt gemeſ⸗ ſen, der Voter wird ſchon meiner Rückkunft harren, und ich weile noch hier.“— „Du willſt mich alſo wirklich aus Deiner Nähe treiben?“ fragte der Sohn des Rabbi. „Ich muß.“ „Für immer?“ „Für immer!“ „Gibt es keinen Weg, Dein Herz mir zuzuwen⸗ den?“ „Für Dich keinen.“ „Chenne! warum haſſeſt Du mich?“ fragte er flehend. „Ich haſſe Dich nicht,“ erwiederte die Jungfrau, „aber mein Herz kann ich Dir nicht zuwenden; es thut mir wehe, Dich kränken zu müſſen, aber ich kann nicht.“ „So reiche mir Deine Hand.“ „Bei mir iſt Hand und Herz eins,— wen das Herz verſchmäht, dem entzieht ſich auch die Hand.“ „Fürchteſt Du nicht den Fluch meines Vaters,“ ſprach der Rothe feierlich,„wenn Du ſeinen Sohn ins Unglück ſtürzeſt?“ 72 Channe erbebte, dann aber kehrte ſie ihr Auge nach oben:„Gott, du Vater meines Volkes“, rief ſie wie von einem heiligen Gefühle entflammt,„Du haſt noch jeden Wurm der Erde geſchützt, du wirſt auch mich nicht verlaſſen.“ Unwillig entriß ſie ihren Lilienarm dem zudring⸗ lichen Bewerber, und entfloh mit haſtigen Schritten. Wüthend folgte ihr dieſer in der Ferne. In dem kleinen Kämmerlein, welches Noße Traun bewohnte, ſah es recht traulich aus. Auf einem rein⸗ lichen Lager ruhte der auf dem Wege der Geneſung be⸗ griffene Jüngling, gegenüber befand ſich ein Schrank, in welchem deſſen Habſeligkeiten verſchloſſen waren, am Fenſter unweit vom Bette ſtand ein Tiſch mit Gläſern voll farbiger Dinten und mit einigen Büchern beladen, neben dem Krankenbette ſah man ein kleineres Tiſchlein, auf dem ein Fläſchchen mit dem Heiltrank ſtand und ein Pſalmbuch lag, an der Kopfmauer des Lagers hing ein kleines Beutlein, in welchem ſich die Tephilim*) und ein größeres, in dem ſich der Tales**) ſammt der *) Die Leder⸗Riemen, welche die Juden beim Gebete umſchlingen. **) Ein von Schafwolle, an den Enden blaudurchwirkter Mantel, woran die Schaufäden geknüpft ſind, in dem ſie ſich ebenfalls hüllen. m 73 h Sidur*) befand. Die alte Nenne ging ab und ie zu, um die Wünſche des lieben Miethmannes zu erfül⸗ ch len, der, wie ſie alle ihre Nachbarinnen verſicherte, ch einer von jenen Englein ſein müße, die während des Altvaters Traum, auf der Leiter auf und ab geſtiegen 8⸗ ſeien. Noße lag eben vom leichten Schlummer umfan⸗ n⸗ gen, als ſich die Thüre öffnete, und Channe herein trat. Da ſie den Jüngling ſchlafend bemerkte, ſchlich un ſie auf den Zehen näher, und ließ ſich leiſe auf einen in⸗ Stuhl nieder, der am Bette ſtand. Wohlgefällig ruh⸗ be⸗ te ihr Auge auf dem Geliebten, deſſen Wangen ſich nk, ſchon etwas zu röthen anfingen; ihr Herz pochte gewal⸗ am tig, der langerſehnte Augenblick, ihn endlich zu ſehen, ern war erſchienen; ſie ſaß wieder an ſeiner Seite, er war en, dem Tode entriſſen, der Heißgeliebte. Von dieſen Ge⸗ in, danken überwältigt neigte ſie ſich leiſe nieder, und be⸗ und rührte ſanft mit den Lippen ſeine Hand, die ausgeſtreckt ing auf der Decke ruhte. In dieſem Augenblicke zuckte er erſchrocken zuſam⸗ men, und die Jungfrau ließ raſch die Hand los. ebete Noße war erwacht. Er traute kaum ſeinen Augen. „Seid Ihr es wirklich, holde Channe“, liſpel⸗ rkter dem *) Das Betbuch. 74 te er leiſe,„die ſich an mein traurig Krankenlager wagt, o! geht fort von hier, die Luft könnte Euch ſchädlich werden.“— „Laßt das gut ſein“, hauchte ſie zur Antwort, „ich bin mit Erlaubniß meiner Eltern hier—“ „Was machen meine Wohlthäter“, unterbrach ſie der Bocher,„hält der Herr ſeine ſegnende Hand noch immer über ſie gebreitet?—“. „Sie ſind wohl auf, und laſſen Euch viel Gutes wünſchen“, entgegnete Channe,„beſonders hat mir die liebe Mutter aufgetragen, Euch zu tröſten und aufzu⸗ muntern.—“ „Die weiſe Frau“, liſpelte der Kranke,„ſie weiß recht gut, daß mir Niemand ſolchen Troſt gewähren kann, als Ihr; ſie weiß es gut, daß ſchon Eure Ge⸗ genwart mich aufzuheitern im Stande iſt, um ſo mehr Euer liebreich Wort.“ „Iſt dieſes wirklich wahr?“ fragte Channe mit kaum verhaltenem Entzücken,„iſt meine Gegenwart Euch wirklich ſo lieb?“ ſetzte ſie herzlich hinzu. „Ihr könnt noch fragen?“ erwiederte Noße,„wer⸗ det Ihrs der Frucht vom Baume glauben, wenn ſie die Sonne heraufbeſchwört, um in ihrer Glut zu zeitigen, werdet Ihr das Wehgeſchrei des Armen als wahr erken⸗ 75 nen, deſſen einzig Eigenthum in wilden Flammen ſich verzehrt und der nach Rettung und nach Hülfe flehet, werdet Ihr die Freude des Todten bezweifeln, der aus dem finſtern Grabe ſich erhebend, eingehen darf in den himmliſchen Garten, wo ein ewiger Frühling waltet; o Channe, Ihr ſeid ſo lieb, ſo gut, verzeiht es mir, wenn ich Euch kränke—“ „Ihr habt mich noch nie gekränkt“, beſänftigte ihn die Jungfrau liebreich. „Aber es könnte vielleicht geſchehen“, ſprach er, „ohne mein Wiſſen, ohne meinen Willen geſchehen.“ „Ich verzeihe euch im Voraus ſchon“, lächelte ſie. „Dann darf ich Euch geſtehen“, fuhr er ihre Hand ergreifend fort,„was bisher in meinem Herzensſchrank verborgen lag; ich darf es holen aus dem tiefen Schacht das einzige Gut; ich bin arm, verlaſſen, habe Nieman⸗ den auf dieſer großen Erde, habe nichts, was ich mein nennen könnte, als—“ Er ſchwieg. „Nun, was habt Ihr?“ fragte Channe beklom⸗ men. „Liebe zu Euch!“— erwiederte der Jüngling. Zwei große Thränenperlen glitten über die Wangen der 76 Jungfrau, in ſtürmiſcher Hoſt pochte ihr Herz, ihre Hand erzitterte in der Seinen. „Noße“, entgegnete ſie langſam,„ich bin reich, in Wehlleben erzogen, ich beſitze Gold, Diamanten und Perlen, ich genieße das Anſehen meiner Eltern, das Leben mit allen ſeinen Freuden lächelt mir entgegen; aber auch ich habe Etwas, was dieſes Alles weit über⸗ wiegt; gleich neben der Liebe zu meinen Eltern iſt in meinem Herzen ein anderes Gefühl empergeſproſſen, und dieſes Gefühl“, ſprach ſie, ihr Antlitz mit ſeiner Hand bedeckend,„dieſes Gefühl iſt— Liebe zu Dir.“ „Ach Gott, wie reich, wie übermäßig reich haſt Du mich plötzlich gemacht“, rief Noße vor Entzücken be⸗ bend,„o laß' die Quelle Deiner Barmherzigkeit für mich nicht vertrocknen, und entzieh' mir den Odem Deiner ewi⸗ gen Liebe nicht.“ Channe neigte ſich über ihn, ihre Thränen ſielen auf ſein Antlitz, und zerfloſſen da mit den ſeinen. „Du mein theures Leben“, rief der Jüngling „wirſt Du mich auch immer lieben?“ „Immer und ewig!“ „Wird es Dich nie gereuen, Dein Herz einem ar⸗ men, verlaſſenen Menſchen geſchenkt zu haben?“ „Nie, ſo lange ich lebe!“ en 77 „So komm' her an meine Bruſt“, jubelte er freu⸗ dig,„Dich hat der Himmel geſendet, die Wege mei⸗ nes Lebens zu erleuchten.“ Er erhob ſich etwas vom Lager, ſtreckte ſeine Ar⸗ me aus, umfaßte die Jungfrau und zog ſie an ſein Herz. Wie Blumen, die im Winde ihre Kronen ge⸗ geneinander neigen und ſich berühren, ſo fanden ſich ih⸗ re Lippen, und zerſchmolzen minutenlang in dem erſten Kuße. Es war indeſſen dunkel geworden, durch das einzi⸗ ge Fenſter des Kämmerleins fiel nur ein mattes Däm⸗ merlicht, welches nicht hinreichte die Gegenſtände erken. nen zu laſſen. Da klirrten plötzlich die zerſchmetterten Fenſter⸗ ſcheiben, ein großer Stein fiel auf den Tiſch und ſchleu⸗ derte die Farbengläſer auf den Boden hinab, daß ſie in Stücke zerſchellten. Erſchrocken fuhren die Liebenden auseinander„von der Gaſſe aber ertönte ein grelles Lachen herein, wie das eines Wahnſinnigen, wenn ihn verſtärkt die Wuth erfaßt. „Weh geſchrieen“, ſchrie die alte Nenne, und ſtürzte händeringend herein,„wer hat meine Fenſter verſchlagen; die verfluchten Gaſſenjungen: ich möcht' „ 3 78 ihn nur kennen den Taugenichts, den Lumpen. Biſt du erſchreckt, liebe Channe,“ eilte ſie zur Jungfrau, „mach“ Dir nichts daraus, kannſt es Deinem Vater er⸗ zählen, daß er die Buben züchtigen läßt.“ Jetzt trat ein Diener des Gemeindevorſtehers her⸗ ein, er brachte in einem Körbchen für den Bocher köſt⸗ lich zubereitete Speiſen, und mahnte die Jungfrau im tamen ihrer Eltern nach Hauſe zu kommen, dä das Dunkel der Nacht bereits hereinzubrechen begann. Mit einem Händedruck verließ Channe den Kranken, ließ in den Schooß der Alten ein kleines Beutelchen fal⸗ len, und eilte zur Thüre hinaus. Der Diener folgte ihr. „Das iſt ein lieber Engel“, ergoß ſich Nenne's reichhaltiger Redezuell, als die Jungfrau bereits fort war,„eine wahre Zierde Gottes, der Himmel ſoll ſie und ihre Eltern ſegnen, lauter brave fromme Menſchen, thun viel Gutes, unterſtützen arme Leute, mögen ſie noch lange leben. Noße ſtimmte in Gedanken in die frommen Wün⸗ ſche der Alten ein, und war herzlich froh über das ein⸗ getretene Dunkel, welches dieſe, ſeine Thränen zu be⸗ merken, verhinderte. „Bleibt nur fromm und gut,“ fuhr Nenne in iſt er⸗ er⸗ im as 5, al⸗ 79 ihrem Eifer fort,„wer weiß, was nicht geſchehen kann, wenn Ihr vielleicht einmahl Rabbi von Alt⸗Ofen werdet, da wird der Roſch Hakohol ſich wohl nicht lange ſprei⸗ zen, und Channe— nun mir ſcheint's, da brennt's ſo ſchon, wie im Dornbuſche, und Ihr werdet den Stein wälzen von den Brunnen ihres Herzens,“ Als Nenne ſah, daß ſie keine Antwort erhielt, eil⸗ te ſie hinaus, und brachte Licht; der Bocher aber hatte die Decke über den Kopf gezogen, und that als ob er ſchliefe, eigentlich aber geſchah es nur, um ſeine Thränen zu verbergen. Nenne ging in ihre Stube, und nachdem ſie das Nachtgebeth verrichtet hatte, nahm ſie vom Schranke ihre Tehinne*) und las ein ganzes Kapitel, über wel⸗ chem geſchrieben ſtand: Tehinne, die ein jedes Weib leine“) ſoll, wenn es von guten Menſchen Zdokes) bekömmt. Um dieſe Zeit kam raſchen Schrittes Scholem die Schulgaſſe herauf, und wollte eben in das Haus ſeiner Eltern treten, als ihm Pinches entgegen ſtürmte. *) Ein eigenes Bethbuch für Frauen. **) Leſen. ***) Almoſen. 80 „Ich habe es geſehen“, rief dieſer,„ich war Zeu⸗ ge von dem, woran ich kaum zu denken wagte. Stell' dir vor, Scholem, Channe liebt Noße Traun, ich habe es gehört, wie ſie ihm ihre Liebe geſtand.“ „Dann bedaure ich deine Schweſter Jentel um ſo mehr“, erwiederte Scholem,„denn eben jetzt hat ſie auf meinen wiederholten Antrag erklärt, daß Noße der ihre werden müße, und wenn es ſie ihr Leben ko⸗ ſten ſollte.“„ Pinches ſtieß ein wüthendes Gelächter aus; ſo lacht die Hölle, wenn ſie einen Teufel zur Verführung der Menſchen auf die Erde ſendet. „Laß das nur gut ſein, Bruder Scholem“, rief er dieſem in's Ohr.„Jentel und Channe, beide ſollen von ihrem Liebeswahne geheilt werden. Frau Judeß wird ſchon machen. Noße Traun wird ſchauen, wenn Channe ihn plötzlich haſſen wird; ha, ha, ha, das ſoll ein Späßlein werden, du und Jentel, ich und Channe, Paar und Paar, immer ein Männlein und Weiblein, wie in der Arche Noah's.“ Sie trennten ſich und jeder eilte in die Wohnung ſeiner Eltern. Der Bocher mit der Megileh ⸗ cht der Wer an dem friedlichen Still⸗Leben einer beglück⸗ ten frommen Familie Wohlgefallen findet, wen es im ief häuslichen Kreiſe tugendhafter Menſchen nicht langweilt, en der möge mich gefällig durch dieſes Kapitel meines Eo⸗ eß mäldes begleiten; wer aber ſein Wohlgefallen an der W Schilderung gräßlicher Scenen und Vorfallenheiten findet as— und deſſen Anhang, fürchte ich, wird nach dem jetzi⸗ nd gen Zeitgeſchmacke der Ueberwiegende ſein— der möge nd dieſe Seiten kühn überſchlagen, denn ſie tragen zur Verſtändigung des Ganzen gar wenig bei, und er kann ng gleich das folgende inhaltreiche Kapitel beginnen. Am erſten Sabbat nach der Geneſung Noße's war im Hauſet des Gemeindevorſtehers große Freude zu finden, denn dieſer hatte viele ſeiner Bekannten und 82 Verwandten zum Mittagsmale eingeladen, um die Wie⸗ dergeneſung ſeines Schützlings zu feiern. Wer die unübertreffliche Güte dieſer Familie kann⸗ te, wunderte ſich zu jener Zeit freilich nicht, daß ſie an einem armen Talmudiſten, der in der ganzen Gemeinde ſeiner Frömmigkeit halber im großen Anſehen ſtand, ſo herzlichen Antheil nahm; dieſe Schüler waren dazumal in gar hohem Anſehen, man hatte Ehrfurcht vor ihnen, ſie waren die Gelehrten, die Aerzte, die Juriſten und Philoſophen des Volkes, ach das war eine kindliche Zeit dieſe Zeit der Aſtrologen. Böſe Zungen aber ſchrieben dieſem Gaſtmahle beim Roſch Hakohol eine ganz andere Bedeutung zu, die alten Weiber ſteckten klug die Köpfe zuſammen und flüſterten von einem Tnom⸗Schreiben*), denn wie ſchon erwähnt, geſchah es dazumal oft, daß die reichſte Erbin einen armen frommen Bocher zum Gatten erhielt. In unſern Tagen iſt es freilich anders geworden, da findet ſich nicht das Herz zum Herzen, ſondern das Gold zum Golde. In der großen Stube des Roſch Hakohols war eine prächtige Tafel getiſcht, die zinnernen Teller, das koſtbare Eßzeug, alles glänzte und ſtrahlte, die ſilber⸗ *) Verlobung. —— ——„— Wie⸗ nn⸗ an inde ſo mal en, und Zeit ben ere pfe * aß um ers ar as r⸗ 83 nen Becher, mit den darauf befindlichen Geſchichten nah⸗ men ſich gar aus. Das war aber auch ein närriſcher Kauz, der dieſe ſinnigen Bilder eingemeißelt hatte. Auf dem Ei⸗ nen, war der Erbauer der Arche, der Pflanzer des erſten Weinſtockes zu finden, wie er im betrunkenen Zuſtande von ſeinen ältern Söhnen verſpottet wird; auf den An⸗ dern lag wieder der unmäßige Lot mit ſeinen ſaubern Töch⸗ tern; auf dem Dritten wurde eben der Mundſchenk Pharaos gehenkt, weil er dem Könige keinen reinen Wein eingeſchenkt hatte;— und ſo waren alle Becher ſinnig verziert, und mahnten zur Mäßigkeit und Treue. Als alle Geladene ſich eingefunden hatten, began⸗ nen ſie ſich die Hände zu waſchen; die ältern früher, dann erſt die jüngern;„denn Du ſollſt das Alter eh⸗ ren,“ ſteht in der Bibel geſchrieben. Dann ſetzte man ſich zu Tiſche, obenan das würdige Ehepaar, rechts er, links ſie, denn aus der linken Rippe des Mannes ſchuf der Herr das Weib. Rechts an der langen Seite herab ſaßen die Männer, links die Frauen, wieder nach dem Alter geordnet, an den Enden endlich, befanden ſich Noße und Channe, denn ſie waren die Jüngſten des Hauſes. Als der Segen über den Wein und das Brot ge⸗ ſprochen war, wurden die Speiſen aufgetragen, welche 84 Frau Fradel ſchon Tags vorher zubereitet, aber roh in einen wohlgeheitzten Ofen geſtellt hatte„der dann ge⸗ ſchloſſen wurde, daß die Speiſen über Nacht kochten und brieten. Man nennt ein ſolches Eſſen Tſchalett, und wie verſtändige Hausfrauen verſichern, iſt es gar ſchwer den Hitzegrad des Ofens zu treffen, daß die Speiſen nicht verdorren, oder gar roh bleiben. Unter andern Gäſten die geladen waren, befand ſich auch der Schameß und ſeine Frau; der Rabbi hatte die Einla⸗ dung nicht angenommen. Moſche Torn aber war ein Hausfreund, und nur um ihn nicht zu kränken, wurde Frau Judeß nicht aus⸗ geſchloſſen. Mannigfache Geſpräche füllten die Zwi⸗ ſchenräume aus, denn es wurde damals ſehr lange ge⸗ tafelt, und das Mal dauerte oft bis tief in die Nacht, ſo daß man Abends, wenn die Zeit des Gebetes kam, aufſtand, dasſelbe verrichtete, und ſich dann wieder zur Fortſetung des Males hinſetzte. Der Schameß war bei guter Laune, und ſeine Neckereien ſchienen beſonders auf die Frauen abgeſehen zu ſein. So erzählte er meh⸗ rere Geſchichten, unter andern Folgendes:„Als der Großprieſter einſt in den Tempel trat, bemerkte er zwei Frauen, die mit andächtigen Mienen, gefalteten Hän⸗ den und zum Himmel gekehrten Augen da ſtanden und die de h in ge⸗ hten lett, gar die nter der nla⸗ 85 beteten. Der Großprieſter aber ging an ihnen vorüber und ſprach:„„Dieſe beiden Weiber ſind betrunken.““ „Das Volk ſtaunte. Wie konnte der Großprieſter zwei Frauen, die andächtig in aufrechter Stellung be⸗ wegungslos da ſtanden, wie konnte er ſie betrunken ſchelten?“— „Ich will es verſuchen, dieſes Räthſel zu löſen. Der Großprieſter war ein an Erfahrung und Menſchen⸗ kenntniß reicher Mann, und wußte es recht gut, daß die Frauen nur deßhalb in den Tempel kämen, um zu ſehen und geſehen zu werden, um ſich von ihrem Haus⸗ weſen von den Männern und Dienſtboten, von Putz und Schmuck und weltlichen Sachen miteinander zu un⸗ terhalten, nun kömmt er in den Tempel, findet zwei Frauen, bei denen dieſes nicht der Fall iſt, ſie ſcheinen zu beten; iſt es möglich!— nein, die ſind nicht bei geſundem Verſtande, ſie müſſen betrunken ſein!— So dachte, ſo ſprach er!“— Dieſe drollige Auslegung des Textes zwang den Zuhörern, ja ſelbſt den Frauen ein helles Lachen ab: „ganz Unrecht,“ geſtanden ſich dieſe im Stillen, hat der Schameß nicht,„die Geſchichte von der Rebezen mit dem neuen Kleide liefert einen neuen Beleg dazu.“ tach einer Weile fragte der Schameß die Geſell⸗ ſchaft wieder:„Was meint Ihr wohl, warum thun die Frauen keine Tephillim legen*)?“ Mehrere der Anweſenden erſchöpften ſich in tal⸗ mudiſche Gründe, die aber alle dem Schameß nicht genügten. „Ich will Euch eine ganz einfache Urſache ſagen,“ ſprach er,„während des Tephillimlegens darf das Still⸗ ſchweigen nicht gebrochen werden, da aber die Frauen ſo lange zu ſchweigen nicht im Stande ſind, ſo hat man ſie hievon ausgeſchloſſen.“ In dieſem Tone ging es fort, und Moſche Torn erhielt von ſeinen Zuhörern reichlichen Beifall. Noße Traun hatte wenig oder gar nichts von die⸗ ſen drolligen Geſchichten gehört; er war zu ſehr mit Channe beſchäftigt, als daß er auf etwas Anderes hätte Acht geben können.— Das eben iſt der echte Stempel, die ſchönſte Eigenthümlichkeit der Liebe, daß ſie der üb⸗ rigen Welt nicht bedarf, daß ſie ſich ſelbſt genug, für ſich allein beſtehen kann, und in ſich ſelbſt Luſt und Wonne findet. Channe hatte dafür zu ſorgen, daß am *) Das umwickeln der Denk-Riemen, mit welchen an Wochentagen das Morgengebet verrichtet wird. ſei fli die O ko ge bl la de orn ie⸗ mit itte el, üb⸗ für ind am 87 Tiſche nichts abgehe, daß alles Mangelnde gleich erſetzt wurde, ſie ging daher ab und zu, und Roße freute ſich immer, wenn ſie kam, und einige Augenblicke ihm gegenüber am Tiſche blieb. Wos mochte aber das ſein, was der Bocher in ſeiner großen Rocktaſche hatte? die weit mächtig vom Stuhle hinwegſtand. Channe war ſchon einigemal ge⸗ füſſentlich vorübergegangen, um etwas Näheres über dieſen kleinen Thurm von Babel zu erfahren; allein die Heffnung der Taſche war abwärts gekehrt, und ſie konnte nichts wahrnehmen. Endlich ſollte ſie es erfahren. Der Bocher ſtand nämlich auf, und zog den Ge⸗ genſtand ihrer Neugierde aus der Taſche. Es war eine blecherne Büchſe in Cilinderform beinahe drei Spannen lang, aber kaum drei Daumen dick. Die Büchſe in der Hand, näherte er ſich dem Hausherrn. „Reb Schmule!“ begann er, und alle Gäſte horch⸗ ten ſeiner Rede,„ich habe in Euerem Hauſe, das Haus meiner Eltern wieder gefunden. Ihr ernährt den Geſunden, und habt den Kranken gepflegt; Ihr habt mich Eurer Freundſchaft und Wohlthätigkeit würdig ge⸗ funden, mich den Armen, Schwachen, der es zu vergel⸗ ten nicht im Stande iſt. Der Gott unſers Volkes wird ————— 88 Euch dafür lohnen nach dem Verdienſte des Frommen. Aber Dankbarkeit iſt eine Tugend, und wer will, kann immer dankbar ſein, und wenn er auch nichts als den Hauch ſeines Lebens beſäße. Darum verzeiht mir, wenn ich hier vom Drange meines Herzens geleitet, mit einer Kleinigkeit erſcheine, die ich Euch bitte, als einen gerin⸗ gen Beweis des Dankes für Euere väterliche Liebe hinzunehmen. Ihr müßt aber meine Dankbarkeit ja nicht nach dieſer Wenigkeit meſſen.“ Nach dieſen herzlich geſprochenen Worten, über⸗ reichte er dem Vater ſeiner Geliebten die blecherne Büchſe. Dieſer nahm ſie gütig aber verwundert zur Hand, öffnete den Deckel, und zog eine dünne Rolle heraus, die er erſtaunt entfaltete. Je mehr er aber das Pergament entwickelte, deſto länger wurde es, bis endlich ſeine ganze Länge aufgerollt war, und die herrlich geſchriebene Megileh vor den Augen des Roſch Hakohols buntfarbig flimmerte. „Ei ſeht da eine Megileh!“ rief er erſtaunt, und betrachtete das mühvolle Werk mit Wohlgefallen. Die Gäſte hatten ſich alle neugierig hinter dem Hausvater verſammelt, und während zwei von ihnen die Ende des Kunſtwerkes hielten, welches über die gan dert bem nn en nn ner in⸗ ebe ja er⸗ ne nd, die ent ine ne big nd em en die 89 ganze Breite des Zimmers reichte, bewunderten die An⸗ dern in lauten Ausrufungen die herrliche Schrift. Einer bewunderte die deutlichen Lettern, der Andere die bunt- farbige einem Regenbogen gleichende Rahme, ein Dritter belobte dem mit Schaumgold überlegten Titel, dem Schameß gefielen die natürlichen Galgen bei Haman, und die Frauen prieſen das Röslein bei Eſther. Aber das ſcharfe Auge der Liebe bemerkte noch etwas, was allen Andern entgangen war, als es nämlich die Roſen näher betrachtete, fand es in den Kelchen derſelben, den Namen„Channe“ mit winzigen Buchſtaben geſchrie⸗ ben, es glaubte darin die Aufopferung des Geliebten zu erkennen, die ihm die ſchwere Krankheit zugezogen hatte. Darüber zorfloß es in Thränen. Als die Megileh wieder zuſammengerollt und in dem Futteral verſchloſſen war, ſprach der Roſch Hako⸗ hol mit Rührung:„Ich will mir dieſes Buch aufbe⸗ wahren, es ſoll ein Familiengut werden, und Du ſollſt von nun an, in meinem Hauſe die Stelle eines lieben Sohnes vertreten. Noße ergriff ſeine Hand, und drückte einen heißen Kuß darauf; jetzt dachten die Frauen, wird es doch herauskommen, daß er ihm ſeine Channe anbieten wird; aber von dem Allen war keine Rede, ſondern Reb Schmule übergab das Geſchenk an ſeine Hausfrau mit 8 90 dem Auſtrage, dasſelbe zu verwahren. Dieſe nahm es, 3 dem Bocher freundlich zunickend, und übergab es an 7 Channe, welche es verſtohlen an ihre Lippen drückte. Dieſes iſt die ganz einfache Begebenheit von dem Bocher mit der Megilleh, die ſich zu Alt⸗Ofen in dem Hauſe des Roſch Hakohols zugetragen hatte, am Sam⸗ ſtage vor der erſten Sliches⸗Nacht, in dem erwähnten Jahre 1330. —2 Die erſte Sliches⸗Nacht. Die furchtbare Nacht mit allen ihren Grauſen und Schrecken nahte heran, ſie zog herauf die Nacht des Mordes, der Tempelſchändung, des Wahnſinns und des Fluch's. Jentel hatte beſonders in der letzten Zeit traurige Tage verlebt.— Es iſt ein Leben voll Pein, wenn eine Leidenſchaft wild Herz und Ruh verzehrt, und kei⸗ ne Kraft vorhanden iſt, dieſem Strome einen Damm entgegen zu ſetzen, und er immer weiter reißt ohne Ruh ohne Raſt und zuletzt— ein Meer— das Leben mit all ſeinen Freuden überſchwemmt. So war es bei Jentel.— Als alle ihre Mühe ſich Noße bemerklich zu machen, vergebens war, ſuchte ſie Gelegenheit ihn allein zu finden; die ſtolze Jentel, die jeden Andern verächtlich entgegen getreten wäre, war eine Sklavin 92 ihrer Leidenſchaft, die Noße gegenüber nicht nur ihren Stolz ſondern ſogar ihre Weiblichkeit vergeſſen ließ. Allein Noße wich ihr aus, vermied jedes zeugen⸗ loſe Beiſammenſein, welches um ſo leichter war, da der Neid und die Eiferſucht Scholem's ins Spiel kam, und ihn jeden ihrer Tritte bewachen ließ. Frau Bäle bemerkte an ihrem Lieblinge dieſe immerwährende Unruhe, und brachte es dahin daß Jentel ihr die Urſache derſel- ben, ihre Liebe zu Noße geſtand. Die thörichte Mut⸗ ter— ohne Gewißheit von der andern Seite zu haben — tröſtete ſie mit dem Verſprechen, daß ihre Wün⸗ ſche ſobald als möglich erfüllt werden ſollten. Dieß be⸗ ruhigte Jentel in Etwas. An dem verhängnißvollen Abende kam ein kleiner Knabe, und überreichte ihr ver⸗ ſtohlen ein Zettelchen, auf dem geſchrieben ſtand: „Heute nach Mitternacht erwarte mich.— Noße!“ Jentel erbebte vor Freude.„Endlich,“ dachte ſie, habe ich geſiegt;„es mußte ſo kommen,— der Stolze, wie lange hat er mich gepeinigt— aber jetzt iſt er mein, an dem Gerede mit Channe kann nichts Wah⸗ res ſein; der hochmüthige Vater der ſie meinem Bruder abgeſchlagen, wird ſie ſo einem armen Bocher nicht geben, nein— mein muß er werden; ha, Scholem und Roße, welch ein Unterſchied! Hölle und Himmel, . m — 3— 70) — 1 n en äle ben in⸗ be⸗ len er⸗ nd: 1 ſie, lze, t er zah⸗ uder nicht lem mel, Nacht und Tag— ja, jetzt foll es erſt anfangen in meinem Leben Tag zu werden.“ Mit Sehnſucht ſah ſie der Mitternacht entgegen. Die Nacht war indeß herangerückt, wie eine trauernde Geſtalt mit einem weit überworfenen ſchwarzen Schleier. In der Schlafſtatt ſaßen wieder die bekannten drei Ge⸗ ſtalten, Pinches, Scholem und der Schulklopfer, und würfelten.— Die beiden Talmudiſten hatten ſich zwar verabredet, wie ſie den Letztern in die Mitte nehmen wollten, um ſich für die vielen Verluſte einmal wenig⸗ ſtens zum Theil zu entſchädigen; ſie hatten beſchloſſen, beim eintretenden Glücke die Satzungen zu verdoppeln, im entgegengeſetzten Falle aber recht knickeriſch zu ſpie⸗ len, allein in der Hitze des Spieles hatten ſie ihre Vor⸗ ſätze bald vergeſſen, es wurde drauf los gewürfelt, und ehe eine Stunde verging, befanden ſich ihre Baarſchaf⸗ ten in den Händen des Schulklopfers. Nun beſtürmten ihn die Talmudiſten um ein mäßiges Darlehn, allein der Gewinner hatte für dieſen Abend eine beſondere Grille im Kopfe und ſagte:„Vom gewonnenen Gelde borge ich nichts mehr, das könnte mir Unglück bringen.“ Zureden und Bitten waren fruchtlos, Holländer beharrte eigenſinnig bei ſeinem Vorwande, und die bei⸗ den Andern mußten ſich unerhört, und ohne Hoffnung 94 ihr verlornes Geld für dieſen Abend wieder zurück zu gewinnen, entfernen. Bald umfing ſie die finſtere Nacht auf der Straße. „Scholem,“ ſprach Pinches leiſe zu ſeinem Ka⸗ meraden, und hielt ihn auf, weiter zu gehen,„ſag' mir aufrichtig, verdrießt es Dich nicht von dieſem ſchuf⸗ tigen Geizhals, daß er uns das Geld abgewinnt, mir nichts dir nichts fortſchickt, und dann nicht einmal eine lumpige Summe borgen will?“ „Freilich ärgert es mich gewaltig,“ erwiederte Scholem,„und es hat mich Mühe gekoſtet, mich zu⸗ rückzuhalten.“ „Wie?“ rief Pinches, erſtaunt über die Aehn⸗ lichkeit der Geſinnung ſeines Freundes,„auch in mir lebte der Gedanke auf; nicht wahr, Scholem, wir wol⸗ len uns unſer Geld holen?“ „Ja!“ rief der Andere, in den Plan eingehend, „er muß es uns zurückſtellen, ſonſt brauchen wir Ge⸗ walt. Verrathen kann er uns nicht, denn er hat uns ſo immer zum Spiel und andern Sünden ver⸗ leitet.“ „Du haſt recht,“ rief Pinches, erſtaunt über den Scharfſinn ſeines Spießgeſellen,„komm, er muß 70 ———„9— 95 uns Jedem doppelt ſo viel auszahlen, als wir im Laufe des ganzen Monats verloren haben.“ Mit dieſem Vorſatze kehrten ſie zur Schlafſtatt zurück. Der Schulklopfer war indeſſen damit beſchäf⸗ tigt, das gewonnene Geld in eine Truhe hineinzuzäh⸗ len, in welcher ſich ſeine nicht unbedeutende, durch Wucher und Spiel zuſammengeſcharrte Baarſchaft be⸗ fand; unglücklicher Weiſe hatte er aber vergeſſen, die Thüre zuzuriegeln, und ſo kam es, daß er, in ſein Geſchäft vertieft, die hereinſchleichenden Talmudiſten nicht eher gewahr wurde, bis ſie an ſeiner Seite ſtanden. Dieſe waren ſchon vorſichtiger geweſen, denn Scholem, welcher hinter Pinches ging, hatte die Thür zugeriegelt. Als Schlome die Eingetretenen bemerkte, mochte eine böſe Ahnung ſein Gemüth durchziehen, er ſprang auf und wollte die Truhe ſchließen, allein Pin⸗ ches verhinderte ihn daran. „Halt!“ rief er ihm zu,„die Truhe bleibt offen, und Ihr zahlt uns Beiden doppelt ſo viel Geld zurück, als wir in dem letzten Monate an Euch verſpielt haben.“ Der Schulklopfer erſtaunte über das kecke Be⸗ gehren. ——— 96 „Was,“ rief er erboßt, ich ſollte mein rechtmäßig, erworbenes Gut hergeben? Habe ich Euch zu mir ge⸗ nöthiget, ſeid Ihr nicht freiwillig zum Spiel gekom⸗ men?“ „Wenn Du das Geld nicht willig hergibſt,“ ſagte Scholem langſam,„ſo brauchen wir Gewalt.“ „Ihr Diebe, Räuber!“ grollte der Schulklopfer, glaubt Ihr, ich werde ruhig zuſehen, wenn Ihr ander⸗ wärts mein Geld verpraßt und verſchwendet— ich zeige Euch an—“ „So,“ lächelte Pinches höhniſch,“ biſt Du nicht unſer Verführer? glaubſt Du, die Gemeinde würde Dich ungeſtraft durchlaſſen?“ „Hört Ihr Buben,“ ſagte der Schulklepfer, „verführen kann man Kinder, aber nicht Erwachſene, wie Ihr ſeid; ich fürchte die Gemeinde nicht, ich habe Geld genug, um überall leben zu können, man kann mir nichts anthun, als mich des Dienſtes entlaſſen,— Ihr aber werdet als Räuber gehangen.“ Je unerwarteter dieſer Einwurf war, deſto erboß⸗ ter machte er die Talmudiſten; ſie hatten das Werk be⸗ gonnen, und ſollten es nun wieder aufgeben?— Jeder von ihnen wähnte ſich ſchon im Beſitze der anſehnlichen Summe, und jetzt ſollten ſie mit leerer Hand abzie⸗ v w zi te de ſt er du te er, be nn — be⸗ der en zie⸗ 97 hen?— Wer ſtand ihnen dafür, daß Schlome, wenn ſie ihn auch unberaubt ließen, ſie am andern Tage nicht verrathen und einer peinlichen Unterſuchung preisgeben würde? Dieſe und ähnliche Gedanken bemeiſterten ſich ſo ziemlich übereinſtimmend ihrer Seelen, und ſie wähn⸗ ten nur einen ſichern Weg vor ſich zu ſehen: den des Mordes. Wenige Augenblicke waren ſeit den letzten Worten des Schulklopfers verfloſſen, als Pinches auf ihn los⸗ ſtürzte, und ihn an der Kehle faßte. „Weh geſchrieen“, krächzte der Angegriffene,„ich erſticke!“ Dieſer Ausruf entſchied ſeine Todesart. „Scholem“, rief Pinches,„ſuche ſchnell einen Strick.“ Während der Andere umherſtöberte, preßte der Rothe den Klopfer, damit er nicht ſchreie, ſo ſtark an der Kehle, daß dieſer die Augen verdrehte, und der Angſt⸗ ſchweiß ihm über die Stirne quoll. „Alle Teufel“, kreiſchte Scholem, umherſuchend, „ich finde keinen Strick.“ „Dummer Menſch“, brummte Pinches, und durchſtreifte mit dem ſtieren Blicke die Stube; da ge⸗ wahrte er ein kleines Beutelchen an der Wand und den Der Fluch d. Rabbi. 9 98 Halbtodten nach ſich zerrend, eilte er auf dasſelbe zu. „Scholem“, befahl er,„nimm den Beutel herab.“ „Es ſind ja Tephillim darinn“, antwortete dieſer zagend. „Die ſind eben recht“, grinſte Pinches,„die Rie⸗ men ſollen uns gute Dienſte leiſten.“ Scholem, jetzt erſt ſeine Abſicht erkennend, riß die heiligen Glaubensſymbole von einander. Die ſchwar⸗ zen Riemen fielen lang genug auf die Erde, er öffnete die Schlinge desjenigen Theiles, welcher zum Legen für die Hand beſtimmt iſt, und überreichte ſie an Pinches. Dieſer legte ſie ſchnell über den Kopf des Schulklopfers, zog die Schlinge zu, warf das Ende des Riemens über einen Wandnagel, und begann den Zappelnden hinauf⸗ zuziehen. Da der Klopfer mit den Händen einige konvulſi⸗ viſche Bewegungen machte, witzelte Pinches:„Sieh Scholem, wie er zum letzten Mahl in die Schule klopft.“ Indeſſen aber hatte der Körper ſich einige Zolle über die Erde erhoben, aber der Riemen riß, die Schlin⸗ ge gieng auf, und der Schulklopſer lag auf dem Boden. „Dummer Kerl“, rief Pinches ſeinem Kameraden zu,„haſt ihn nicht nachheben können, jetzt knüpfe ſchnell die Riemen zuſammen und nimm ſie doppelt. 99 Durch den Fall war der Schulklopfer zu ſich ge⸗ kommen. Er öffnete die Augen und eine dunkle Ah⸗ nung über das Vorgefallene ſchien in ihm zu dämmern. Er ſammelte ſeine ganze Kraft, erhob ſich raſch und ſtand in einem Augenblicke vor Pinches, der ihn, wäh⸗ rend Scholem die Schlinge machte, als geiſteslos auf dem Boden liegen ließ. „Ho, ho, rief der Talmudiſt,„nur langſam, Reb Schlome, es geht nicht ſo geſchwinde, wie Ihr glaubt.„Tummle dich Scholem!“— Schnell hatte er den Befreiten wieder erfaßt. Der Schulklopfer wimmerte kläglich unter der Hand des Böſewichts. Die Nemeſis hatte ihm ſelbſt die Gnade verſagt, bewußtlos erdroſſelt zu werden.— Jetzt war Scholem fertig. Während man dem Klopfer abermals die Schlinge umlegte, ächzte er kläglich den Mördern zu:„Ach laßt mich wenigſtens Widde*) ſa⸗ gen!“ „Nutzt Dir nichts“, höhnte ihn der entmenſchte Pinches, und zog zum zweiten Male die Schlinge zu. „Die Widde, die Widde!“ krächzte Schlome. *) Das Gebeth, welches gleichſam eine Beichte jedem ſterbenden Juden vorgebetet wird. 3 —— * S 100 Nun wurde der Riemen über den Nagel gewor⸗ fen, Pinches zog an, Scholem half nach, der Schul⸗ klopfer ließ den Kopf hängen, ſeine Lippen ſchnappten auf und zu, die Augen glotzten aus ihren Höhlen, mit der Rechten klopfte er ſich an die Bruſt.— Bald hing der Mann an der Wand, in dem Au⸗ genblicke, als ihn Scholem losließ, drehte er ſich noch durch einen gewaltigen Riß um, ſo daß ſein Antlitz jetzt gegen die Wand zugekehrt war.— Die Schurken hat⸗ ten die Schlinge nicht feſt genug zugezogen. „Meinetwegen“, brummte Pinches,„hänge ſo oder ſo, das iſt mir alles Eins.“ Der Mord war verübt, und nun wollten die Thä⸗ ter die Frucht ihrer Saat ernten. Gierig fielen ſie über die Truhe her. „Pinches“, ſagte Scholem bedächtig, das Ganze dürfen wir nicht nehmen; einen Theil laſſen wir zurück; ſchließen dann Alles wieder zu, und ſo wird man glau⸗ ben Schlome habe ſich den Tod ſelbſt angethan.“ „Du haſt recht“, entgegnete der Andere, und fuhr fort, ſich die Säcke zu füllen. Da klopfte es plötzlich leiſe an's Fenſter. Die Mörder erbebten.„Schulklopfer“, rief es draußen. Keine Antwort ſtörte die Todtenſtille. ie 101 „Schlome Holländer!“ rief die nämliche Stimme. „Ich bitte dich um Gotteswillen“, liſpelte Scho⸗ lem,„gib Antwort, ſonſt ſind wir gleich verrathen.“ „Was gibts?“ fragte der muthigere Pinches, in⸗ dem er das Kreiſchen des Gemordeten nachzuahmen ſuchte. „Steht auf“, tönte es herein,„es iſt gleich eilf Uhr.“ „Schon gut“, erwiederte Pinches, wie früher; man hörte, wie ſich der Rufer draußen entfernte, dann wurde es wieder ſtille. Jetzt rafften ſich die beiden Talmudiſten auf, löſch⸗ ten das Licht, verſperrten die Truhe, legten den Schlüſ⸗ ſel auf den Tiſch, draußen verſchloſſen ſie auch die Stubenthüre, und ließen den Schlüſſel vom Boden durch das bekannte Loch in der Stubendecke auf den Tiſch hinab. „Jetzt komm', laß uns eilen“, liſpelte Scholem, „Frau Judeß wird auf uns ſchon warten.“ Dieſes war auch wirklich der Fall. Ehe wir aber mit den Begebenheiten vorwärts ſchreiten, wollen wir unſeren Leſern das Dunkle in dem eben Erzählten kurz erklären. An den Sliches⸗Tagen verſammelt ſich die Gemeinde ſchon um die erſte Stunde nach Mitternacht 102 zum feierlichen Gottesdienſte. Des Schulklopfers Pflicht iſt es bei dieſer Gelegenheit, die Gemeinde zu wecken. Iſt dieſe zahlreich, ſo muß er ſchon um Mitternacht ſeine Runde beginnen, daher erſuchte Schlome Hol⸗ länder den Nachtwächter, ihn ja nicht verſchlafen zu laſſen, und ihn lieber etwas früher als ſpäter aus dem Schlafe zu ſtöbern. Die rufende Stimme war alſo jene des Nachtwächters. Als die beiden Talmudiſten bei der Schulthüre an⸗ langten, fanden ſie dieſelbe nur angelehnt, ſie traten leiſe ein, Judeß befand ſich ſchon in der Schule. „Ihr habt lange auf Euch warten laſſen“, liſpelte ſie den Angekommenen entgegen,„es warſ die höchſte Zeit, jetzt kommt, und laßt uns beginnen.“ Das Treiben der drei Geſtalten begann nun in dem öden Gotteshauſe einen ſehr unheimlichen, aben⸗ theuerlichen Charakter anzunehmen. Judeß befahl je⸗ dem der Talmudiſten ſich in einen Taleß zu hüllen. Während dieſe hiemit beſchäftigt waren, trat die Frau des Schameß auf das Bal Emer*) zündete da zwei kleine Wachskerzlein an, die ſie mitgebracht hatte, und * Ein erhöhter Ort in der Mitte der Schule mit einem Tiſche. te te 5 103 ſtellte zwiſchen beide ein Fläſchchen, in welchem ſich eine rothe Flüßigkeit befand. Jetzt kamen die Talmudiſten auch hinauf, jeder hatte den weißen Taleß über den Kopf geſchlagen, ſo ſtellten ſie ſich hinter die Alte. Nun begann dieſe unter gräßlichen Verzerrungen einen Spruch, den die Hin⸗ termänner nachbrummten. Als ſie dieſen beendigt hat⸗ ten, ſtieg Judeß hinab, gieng feierlichen Schrittes ge⸗ gen den Aron Hokodoſch zu, betrat die Stufen, die zu dieſem hinan führen, zog die Lampe mit dem ewigen Lichte herab, tunkte ihre beiden Zeigefinger in das Oehl kehrte ſich mit dem Rücken gegen die Bundeslade, und hob ihre Hände in die Höhe, während ſie nur die be⸗ netzten Finger ausſtreckte, die andern aber zuſammen gepreßt hielt. Nun begannen die Talmudiſten mit dum⸗ pfer Stimme unter heftigen Schütteln und Verneigen einen Vers aus dem hohen Liede Salomons zu mur⸗ meln, und während ſie ihn dreimal wiederhohlten, be⸗ ſchrieb die Frau des Schameß mit jedem ihrer Zeigefin⸗ ger eben ſo oft einen Mogen David in der Luft, dann trat eine minutenlange Stille ein. Nun verließen Pin⸗ ches und Scholem, der eine rechts der andere links das Bal Emer und ſchritten auf Judeß zu. Scholem ſtell⸗ te ſich vor ſie hin, Pinches aber öffnete langſam den 104 Aron, nahm eine Thorah*) heraus, und nun began⸗ nen ſie einen dreimaligen Gang um das Bal Emer. Scholem voraus, in der Mitte die Frau des Schameß, noch immer in der früheren Stellung, mit den aufge⸗ hobenen Händen, und hinten Pinches— der Mörder, an deſſen Händen noch das Leben des Schulklopfers hing— mit der heiligen Thorah. Jetzt ſtiegen alle Drei wieder auf das Bal Emer. Pinches legte die Thorah auf den Tiſch, und ſtellte ſich wieder wie Scholem hinter Judeß. Dieſe ließ ihre Hände ſinken, ſo daß jeder ihrer Zeigefinger über eines der brennenden Wachskerzchen kam, das Oehl von dieſen troff auf die Flammen, dieſe ziſchten„und erbrannten dann heller. Nun begann Judeß zu krei- ſchen und zu wimmern, unverſtändliche Laute entran⸗ gen ſich ihren Lippen; während dieſer Zeit rief Scholem den Namen„Jentel,“ und Pinches„Channe“ ſo lange, bis die Alte wieder ruhig und ſtill wurde.— Jetzt löſchte Judeß die Wachskerzchen aus, übergab jedem der Talmudiſten eines derſelben, nahm dann das Fläſchchen mit der rothen Flüßigkeit, ſpritzte mit einem Theile derſelben nach allen vier Wänden, und verſtopfte *) Die heilige Schrift. 105 den Reſt. Bis hierher war außer den Sprüchen und Formeln kein Wort geſprochen worden. Nun wendete ſich Judeß zu den Talmudiſten: „Hier iſt der Trank, die Hälfte desſelben reicht für Eine hin, und nun gebt mir meinen Lohn.“ Pinches verbarg das Fläſchchen. Ein Theil des Geraubten befriedigte die Habſüchtige. „Bevor wir uns trennen,“ ſprach der Sohn des Rabbi,„erfordert es die gegenſeitige Sicherheit, daß wir hier den Schwur der Verſchwiegenheit ablegen. Wir haben Alle gleichen Antheil an dem Vorgefallenen, daher dieß zu unſerer Beruhigung.“ tachdem er ſo geſprochen, hob er mit beiden Hän⸗ den die Thorah hoch in die Luft. Judeß und Scholem legten ihre Rechte auf dieſelbe, und Pinches begann: „Wir ſchwören,“— die Anderen wiederholten die fürchterlichen Worte—„von Allem— was in dieſer — Slichesnacht— vorgefallen— ſtumm zu ſein— gegen jeden— der nur einen Odem— in ſeinem Leibe hat— und Menſch iſt.— Elend— Unglück— Peſt — Krankheit— der Tod— komme über den— der ſeinen Schwur⸗bricht— ſo ihn ſtrafen möge— der im H—“ 106 In dieſem Augenblicke rieß ein heftiger Windſtoß die Thüre auf, und ſchleuderte ſie mit einem fürchter⸗ lichen Schlage eben ſo ſchnell wieder ins Schloß.— Ein kalter Schauer durchſtrömte die Schule, das ewige Licht erloſch— den Mörderhänden Pinches's entfiel die Thorah, und erdröhnte auf dem Boden des Bal Emers; ein paniſcher Schrecken ergriff die drei Frev⸗ ler, ihr Wehgeſchrei durchzitterte die Luft, wie gräu⸗ liche Nachtgeſpenſter entflohen ſie der heiligen Halle, und jagten ihren Wohnungen zu. Jentel harrte noch immer des Geliebten, da klopfte* es leiſe an der Thüre, eine Mannsgeſtalt trat in die nachtumhüllte Stube. Die Jungfrau glaubte den Heiß⸗ erſehnten zu erkennen. „Biſt Du es, mein Leben?“ lispelte ſie ihm zärt⸗ lich zu. „Ja!“ hauchte der Angekommene. In dieſem Augenblicke rief draußen ene dumpfe Stimme:„Rabbi Sorach, ſteht auf zu Sli⸗ ches!“ 3 Der Angekommene erbebte. „Warum erſchrickſt Du, Geliebter?“ fragte Jen⸗ 107 tel beſorgt,„es iſt ja nur der Schulklopfer, der den Pater in die Schule ruft.“ Das machte die Geſtalt noch heftiger erzittern.— Jetzt ertönte wieder drüben beim Schameß die nämliche Stimme:„Reb Moſche, ſteht auf zu Sli⸗ ches!“— Fieberfroſt ſchüttelte den nächtlichen Be⸗ ſucher. „Mein Gott, was fehlt Dir?“ ſchluchzte die Jungfrau erſchrocken. „Waſſer!“ preßte er mühſam heraus. Jentel tappte nach einem Glaſe und überreichte es dem Geliebten. Dieſer trank— nachdem er es eine Weile in der Hand gehalten hatte, gab er es der Jung⸗ frau zurück. „Trink' Du auch,“ bat er leiſe. „Mich durſtet nicht,“ erwiederte ſie freundlich. „Mir zu Liebe,“ fuhr er dringend fort. „Dir zu Liebe Alles,“ ſprach ſie, und leerte das Glas. Jetzt kreiſchte es drüben:„Jentel, mein Kind, komm herüber, der Vater will ſeine andern Schuhe haben.“ Es war die Stimme ihrer Mutter, wollte ſie nicht verrathen werden, mußte ſie ſchnell gehorchen. —— 108 „Ich komme gleich zurück,“ flüſterte Jentel be⸗ ſtürzt, und eilte hinaus; als ſie nach einer Weile rück⸗ kehrte, war die Stube leer, vergebens ſpähte ſie nach dem Geliebten. Die Gemeinde hatte ſich indeſſen im Schulhof verſammelt. Man wartete immer des Schulklopfers, daß er die Lampen im Gotteshauſe anzünden ſolle, allein der Tempel blieb finſter, und Schlome Holländer erſchien nicht. „Wo mag der Schulklopfer nur weilen?“ ſprach einer der Harrenden,„er hat ja bei mir ſchon vor ei⸗ ner Stunde zu Sliches gerufen.“ „Bei mir auch— bei mir auch,“ beſtätigten meh⸗ rere Stimmen. Man wartete noch eine Viertelſtunde, die Schule blieb finſter, und Schlome Holländer erſchien noch nicht.— Endlich ging Einer auf die Thüre des Gotteshau⸗ ſes zu, und fand ſie offen. Sein Ruf verſtändigte die Andern hievon, ſie traten ein. „Allmächtiger Gott! was iſt hier vorgegangen?“ ſchrie eine Stimme,„das Ner Chajun*) iſt ausge⸗ löſcht.“ *) Ewige Licht. — —, S 109 „Holt Licht, holt Licht,“ ſchrieen mehrere Andere. Mit Angſt erwartete man die Rückkunft des Fortgeſandten— da erſchien er endlich.— Ihm voran ſchritt die hohe Geſtalt des Rabbi,— er hatte den Taleß über die hohe verbrämte Kopfbede⸗ ckung geſchlagen, ſein ſchwarzer Bart hing lang über die Bruſt. Kaum war die Schule erleuchtet, da durchgellte ein ſchreckliches Wehgeſchrei die Luft. „Die Thorah, die Thorah!“ wehklagten viele Stimmen. Der Rabbi blickte erſtaunt nach dem Bal Emer, — die Thorah, die nie einen andern Boden als jenen des Aron Hokodoſch berühren ſollte, das aller⸗ heiligſte Glaubensſymbol der Juden, lag auf dem Boden. Der Rabbi ſank bewußtlos zuſammen. Jetzt bemächtigte ſich eine fürchterliche Angſt aller Gemüther. „Eine Sünde iſt unter uns geſchehen,“ riefen die Einen,„der Herr hat uns verlaſſen,“ ſchrieen die An⸗ dern.—„Weh geſchrieen über uns!“ kreiſchten die Meiſten. 110 Die Frömmſten riſſen ſich die Haare aus, rann⸗ ten mit den Köpfen gegen die Wand; die Gemäßigte⸗ ren rangen verzweiflungsvoll die Hände, ſelbſt die pro⸗ fanſten waren ſprachlos und erſchüttert; zu dieſen ge⸗ hörten Pinches und Scholem, die in einer Ecke beinahe entgeiſtert ſtanden, und die Gräuelſcene mit hohlen Augen anglotzten. Jetzt erholte ſich der Rabbi, einige Talmudiſten, unter denen auch Noße war, hatten ihn aufgehoben und gelabt, er ſchwankte todtenbleich wie ein Geſpenſt aufs Bal Emer, denn keiner hatte es bisher gewagt, die Thorah aufzuheben, er neigte ſich hinab, ergriff das Heiligthum und hielt es mit beiden Händen gegen den Himmel. „So hoch kann ich dich nicht erheben,“ ſchrie er mit fürchterlicher Stimme,„als Du in den Herzen meines Volkes geſunken biſt.“ Dann begann er zu weinen, laut, bitter; es wa⸗ ren die Thränen eines Sohnes, deſſen Vater mißhan⸗ delt worden. Das Schluchzen, Schreien, Heulen und Wehklagen der Männer und Frauen übertönte ſeinen lauten Schmerz. „Der Schulklopfer— der Schulklopfer—“ ſchrie au eir ſei er de ———— 8 11¹ auf einmal ein alter Mann, der verzweiflungsvoll her⸗ einſtürzte, und kaum mehr zu athmen vermochte. Alles horchte auf die Hiobspoſt. „Er hängt erdroſſelt in ſeiner Stube,“ fuhr der Bote fort. Die Gemeinde entſetzte ſich ob dem neuen Gräuel. „Er hängt an ſeinen Tephillim,“ ſetzte der Schre⸗ ckensbothe hinzu. Die Hände des Rabbi begannen zu erſchlaffen, ſein Auge umflorte ſich wieder, einige der Umſtehenden ergriffen die Thorah, und legten ſie auf den Tiſch, an⸗ dere unterſtützten den Ohnmächtigen. Dieſe neue Botſchaft brachte eine ganz unverhoffte Wirkung hervor. Der laute Jammer hatte ſchon früher ſeinen höch⸗ ſten Grad erreicht, als nun der gräßliche Tod Schlo⸗ me's verkündiget wurde, trat ein minutenlanges ſtummes Entſetzen ein, der Jammer konnte nicht mehr größer werden, er mußte ſich brechen. Dieſe kutze Stille benützte der Schameß, er ſtellte ſich an die Seite des Rabbi, und begann mit lauter Stimme die Widde zu beten. 11¹2 „Oſchamenu*)!“ rief er, ſich auf die Bruſt ſchla⸗ gend, und die ganze Gemeinde wiederholte im weinen⸗ den Chor:„Oſcham⸗nu,“ und that wie er. „Bogad⸗nu**)!“ fuhr er wie früher fort, und das Volk that ein Gleiches. So wurde das heilige Gebet zur Erleichterung der Gläubigen dreimal wiederholt. Der Rabbi hatte nun ſeine Beſinnung in ſo ferne erlangt, daß er die Widde mitbeten konnte.— In der ganzen Schule war nur eine Seele, die in dieſem Au⸗ genblicke nicht an den Himmel und ihren Schöpfer dachte, und dieſe war— Pinches. Nach dem Gebete begann der Rabbi mit lauter Stimme:„Meine Brüder und Kinder! Der Herr hat ſein Auge von uns gewendet, Schreckliches iſt während dieſer Nacht in unſerer Mitte geſchehen. Hier,“ er hob die Thorah auf,„dieſes Heiligthum, das große Erb⸗ theil unſeres göttlichen Propheten, iſt geſchändet, ent⸗ weiht, in den Koth geworfen,— eine Sünde, die, ſchwer zu vertilgend, auf der ganzen Gemeinde laſtet. Fluch dem, der es gewagt, dieſes Heiligthum aus dem *) Wir haben geſündiget. **) Wir haben gefrevelt. er 113 Aron zu heben— Fluch, ſeinen Eltern, die ihm nicht mehr Ehrfurcht vor dem Allerheiligſten eingeprägt. Krankheit und Unglück ſollen in ihrem Hauſe niſten, das Gras ſoll vor ihrer Thüre wachſen, ihr einziger Gaſt ſoll der Malach Hamoveß*) ſein. Der Zorn des Himmels möge den Frechen zu jeder Tags⸗ und Jah⸗ reszeit treffen, die Pein ſeines Gewiſſens möge ihn im Schlaf und im Wachen zermalmen, ihm werde das Gräßlichſte zu Theil— ein frühzeitiger gewaltſamer Tod.“ Die ganze Gemeinde erbebte und verhüllte ſich die Augen ob dieſem gräßlichen Fluch. „Micht trifft er nicht,“ dachten ſich Scholem und Judeß zugleich. tun wurde die Thorah von dem Rabbi herumge⸗ tragen, ein Jeder mußte ſie küſſen und mechile bitten**), dann wurde ſie wieder im Aron eingeho⸗ ben und verſchloſſen. Nun wollte man das Gebet beginnen, als eine Frauengeſtalt im weißen Nachtkleide, mit weit herab⸗ hängendem aufgelöſten Haar hereinſtürzte, und auf *) Todesengel. **) um Verzeihung bitten. 114 das Bal Emer ſprang. Mit unendlicher Schnel⸗ ligkeit wendete ſie den Kopf mehrere Mal nach allen Seiten. „Hab' ich Dich!“ erhob ſie ein gewaltiges Zetter⸗ geſchrei, und ſtürzte auf Noße Traun zu. „Jentel, Jentel,“ riefen mehrere Männer er⸗ ſtaunt,„was willſt Du da?“ „Mein Liebchen will ich mir ſuchen,“ kreiſchte ſie im ſingenden Tone,„meinen Noße, mein Leben, hi hi hi — Noße, wart nur, wart,— hi hi hi—“ Der Bocher hielt mit Mühe die Zudringliche ab von ſich. „Sie iſt wahnſinnig,“ ſchrie er,„helft, helft!“ Der Rabbi war auf ſeine Tochter losgeſtürzt, er wußte ſich das räthſelhafte Benehmen derſelben nicht zu erklären, als Noße aber die ſchrecklichen Worte aus⸗ geſprochen hatte, begann er zu wanken, und fiel leblos in einen Stuhl. Pinches ſtand im Hintergrunde. Raſch zog er ein Fläſchchen aus der Taſche, ſchüttelte es— es war leer—. „Alle Teufel!“ brummte er vor ſich hin,„ich habe ihr im Finſtern das Doppelte gegeben.“ 11⁵ Indeſſen wollten ſich mehrere der Jungfrau be⸗ mächtigen, ſie aber ſtieß Alle mit Rieſenkraft von ſich, und entfloh ungehindert aus der Schule. Der Rabbi ſowohl als die Rebezen wurden todt⸗ krank in ihre Wohnung gebracht. Der Fluch hatte begonnen in Erfüllung zu gehen. Das Indenthum. ———— Unter allen jetzt noch vorhandenen Religionen iſt wohl, keine da, die ſich eines ſo hohen Alters als die Jüdiſche rühmen könnte.— Die Geſchichte der Juden dehnt ſich weit hinaus bis in die früheſte Kindheit unſerer Erde, und wiewohl von einem myſtiſchen Schleier umhüllt, läßt ſie uns das Vorgefallene, wenn auch nicht deutlich erkennen, doch wenigſtens ahnen, und welcher Menſch wird es nicht vorziehen, im Sturme wenigſtens eine Schlingpflanze zu umfaſſen, wenn keine Eiche oder ſon⸗ ſtige feſtere Stütze vorhanden iſt, wer wird es verſchmä⸗ hen, ſich in finſterer Nacht von einem kleinen Sternlein leiten zu laſſen, wenn die Sonne fern, und der Mond von düſtern Wolken umhüllt, unſichtbar geworden?— Ja gewiß, mögen auch ſcharfſinnige Philoſophen von der früheſten Jugendgeſchichte der Juden den Gold⸗ lt, lich ſch eine ſon⸗ mã⸗ Uein ond — phen old⸗ 117 ſtaub des Wunderbaren abzuſtreifen ſuchen, mögen ſie, alle in der unvergänglichen moſaiſchen Urkunde erzählten Offenbarungen und Wunder, auf eine noch ſo faßliche und leichte Weiſe, als ganz natürlich geſchehen, zu er⸗ klären ſich bemühen, ſo wird es ihnen doch nicht gelin⸗ gen, den weiſen Rathſchluß der Vorſehung wegzuklü⸗ geln, der aus jeder einzelnen Begebenheit dieſes Volkes, heller als bei allen Andern, hervorleuchtet. Wir dürfen nur auf Moſes Rettung durch die Kö⸗ nigstochter, auf die Erziehung unter den Feinden ſeines Volkes erinnern, wo er Gelegenheit hatte, dieſe und ihre ſchwachen verwundbaren Seiten kennen zu lernen, und bei der Befreiung ſeines Volkes als Waffe gegen ſie zu gebrauchen.— Noch könnten wir unzählige Beiſpiele anführen; Joſua, Samuel, David, und ſelbſt der Klageſänger auf den Trümmern von Jeruſalem, würden uns als Beleg hiezu dienen. Allein wozu dieſes Alles; die weiſe Hand der Vor- ſehung läßt ſich nirgends, am allerwenigſten in der Ge⸗ ſchichte der Juden wegläugnen. Wenn wir die Wahrheit des Geſagten anerken⸗ nen, werden wir uns gewiß nicht wundern, daß aus der Mitte dieſer Nation, ſo viele Propheten oder große Menſchen hervorgegangen, denn man möge kühn den 118 Propheten⸗Schleier von allen ausgezeichneten Männern Judah's reißen, ſo wird doch noch in jedem derſelben ein großer Menſch übrig bleiben, ich ſage Menſch, denn dieſer kann nie ganz vollkommen ſein, und deßwe⸗ gen doch den Namen eines Großen verdienen. Die Geſchichte beſ ätigte dieſe Behauptung vielfach. War es nun nicht natürlich, daß Männer— welche die gütige Hand der Vorſehung bei der Lei⸗ tung ihres Volkes erkannten, welchen zum Ueberfluſſe noch die Thaten eines Moſes von Jugend an, als Wun- der eingeprägt wurden, daß ſolche Männer in Begeiſte⸗ rung entbrannten, und in ihrem heiligen Wahne, gleich⸗ ſam, wie von einer Sehergabe, von einem heiligen Nim⸗ bus umſtrahlt, unter das Volk traten, und vor ihren Augen wunderbare Thaten übten?— War hievon nicht wieder eine Folge, daß dem Juden ſein Glaube immer theuerer wurde, daß jeder neu erſtandene Prophet eine neue Kette war, die ihn an die Religion ſeiner Väter um ſo ſtärker feſſelte, daß jede an's Wunderbare grän⸗ zende That eines ſolchen Mannes friſche Wurzel in ſei⸗ nem Herzen ſchlug, und ihn mit engeren Banden an das Geſetz Moſes knüpften, war es nicht natürlich, daß dadurch dem Juden ſein Glaube der Einzige und Wahre ſchien, und er ſeinen Geboten mit fanatiſchem „—— „ ern ben ch, we⸗ Die Lei⸗ uſſe un⸗ iſte⸗ eich⸗ im⸗ hren nicht imer eine äter rän⸗ ſei⸗ nan lich, und chem 11¹9 Eifer nachzukommen ſuͤchte, und der Glaube ſich auf ſolche Art vom Vater auf den Sohn, von dieſem wie⸗ der weiter, bis in die ſpäteſten Zeiten forterbte. Dieſes iſt die erſte und Haupturſache, warum das Judenthum ein ſo hohes Alter erreicht und ſich bis auf unſere Tage erhalten hat; allein wir können nicht um⸗ hin, noch zwei andere Urſachen dieſer Wirkung anzu⸗ führen, und dann erſt dem beabſichtjgten Ziele unſerer Reflexion entgegen zu kommen. Wer waren die erſten Empfänger des moſaiſchen Geſetzes? War es ein Volk in Kultur und Wiſſenſchaf⸗ ten vorwärtsgeſchritten, eine Nation deren Geiſtesfä⸗ higkeiten bereits eine höhere Stufe von Bildung erlangt hatten?— Nein! Es war eine rohe Menſchenhorde, unterdrückt und zum Sklaven herabgewürdigt, es war ein Volk deſſen Geiſteskräfte tiefe Finſterniß umſchleiert hielt, ein Volk, das durch eine lange Reihe von Jahren zum Frohndienſte verwendet, wohl materielle aber keine geiſtige Kräfte zum Eigenthum beſaß, mit einem Worte es war ein— Sklavenvolk. Es iſt eine ausgemachte Wahrheit, daß ſolchen Menſchen ſehr ſchwer Geſetze einzuprägen ſind, und mit gerechter Verwunderung ſtaunen wir die Weisheit an, mit welcher Moſes dieſes in Erfüllung brachte, gewiß, die Wahrheit des früher Geſagten wird uns erſt ganz einleuchtend werden, wenn wir erwägen, daß ein ſol⸗ cher Geiſt, wie jener des Moſes vierzig Jahre dazu brauchte, um das Anſehen der Geſetze in das Blut ei⸗ nes ſolchen Volkes einzupropfen, ja die ganze alte Ge⸗ neration mußte früher ausſterben, ehe er das Volk für reif hielt, in das von Gott verheißene Land eingehen zu dürfen. Hat aber ein ſolches Volk endlich Geſetze in ſei⸗ nem Innern aufgenommen, iſt der Glaube einmal in einem ſolchen Herzen feſtgewurzelt, dann iſt er auch ſchwer auszurotten. Während ihres Aufenthaltes in der Wüſte kam oft ein Zweifelſturm, und erſchütterte die junge Eiche— den Glauben, weil er noch nicht tief genug, um ſich gegriffen hatte, ſpäter konnte dieß nicht mehr geſchehen, und wenn auch an der Rinde des heiligen Baumes, Auswüchſe entſtanden waren, wenn er auch grüne Zweige nach allen Seiten getrieben, der Kern iſt deßwegen doch geblieben, er iſt geblieben bis auf die heutige Zeit. Die dritte Urſache endlich warum ſich der moſai⸗ ſche Glaube durch Jahrhunderte erhalten, iſt einfach folgende. hen ſei⸗ l in auch der die tief nicht ligen auch n iſt f die noſai⸗ infach 121 Jeruſalem war erobert, der Salomons⸗Tempel zerſtört, das auserwählte Volk— wie es ſich früher mit Stolz genannt— in alle vier Winde zerſtreut, ein trauriges Schickſal erwartete aller Orts die Nachkom⸗ men Jakobs. Haß, Abſcheu und Unterdrückung war durchgehends ihr Loos, ausgeworfen von der menſchlichen Geſellſchaft, beinahe ſo viel wie vogelfrei, waren ſie die Paria's der Welt, ein Wehegeſchrei durchzitterte die Erde, und dieſes war das Wehgeſchrei der Juden. Dieſes Dulden war nun eine Haupturſache, daß ſie um ſo feſter ihren Glauben umklammerten, da das Erdenglück für ſie verloren war, wollten ſie des Him⸗ mels Seligkeit erringen. Je größer als die Verfolgung wurde, deſto mehr wuchs der Haß über ihre Feinde, um ſo emſiger wurde ihr Glaubenswahn, und ſelbſt derjenige in deſſen Bruſt kein Funken vom alten Glau⸗ ben mehr glühte, bot der Verfolgung Trotz, nicht weil der Glaube, ſondern weil der Haß ihn ſtärkte.— Dieſes mögen die Haupturſachen ſein, daß ſich das Judenthum durch eine ſo lange Reihe von Jahren fortgeerbt; allein es bleiven uns noch die Fragen zur Beantwortung übrig:„Wie hat ſich das Judenthum fortgeerbt?“ Iſt es unverfälſcht bis auf unſere Zeiten gekommen?“„War das Judenthum vor vier Jahr⸗ Der Fluch d. Rabbi. 11 hunderten: die Zeit in welche unſere Geſchichte fällt,— iſt das jetzige Judenthum das Nämliche, wie es aus dem Geiſte Moſes hervorgegangen?— Alle dieſe Fragen möge nachſtehende Betrachtung, ſo weit es unſere Einſicht zuläßt, beantworten:— Moſes wußte nur zu gut, für wen er ſeine Geſetze ſchrieb; ſo viele Rückſichten, wie er, hatte weder So⸗ lon noch Lykurg, bei ihren Geſetzgebungen zu nehmen; keiner von dieſen hatte ſo einen harten Standpunkt. Athener und Spartaner waren ſchon Nationen, die Juden ſollten erſt ein Volk werden. Athen und Sparta bildeten ſchon Staaten, als dieſe Geſetzgeber auftraten, die Juden aber, waren noch Sklaven. Ly⸗ kurg wollte ein abgehärtetes kriegeriſches— Solon ein friedliches, für Künſte und Wiſſenſchaften empfängliches Volk bilden. Moſes aber wollte aus dieſer rohen Horde eine religiöſe Nation hervorzaubern, die in der Kennt⸗ niß eines einzigen und höchſten Gottes, in der Liebe, dem Vertrauen und der Zuverſicht auf denſelben groß werden, auch ſo viele politiſche Kraft beſitzen ſoll, als es nothwendig hat, die Gränzen des in Beſitz zu neh⸗ menden Landes zu vertheidigen. Moſes hatte daher nicht nur das Religiöſe, ſon⸗ dern auch das phyſiſche und moraliſche Wohl ſeines aus ing, ſetze So⸗ en; nen, und eber ein ches orde nnt⸗ iebe, groß als neh⸗ ines 123 Volkes zu berückſichtigen, er ſäete den Saamen ſeiner Weisheit nicht nur auf das Feld des Glaubens, ſondern auch in den großen Garten des geſellſchaftlichen Lebens aus, ſeine Geſetze erſtrecken ſich in alle Zweige des Le⸗ bensbaumes. In dieſer Allgemeinheit aber, liegt auch zugleich ihr Fehler. Denn Moſes hatte die damalige Lage des Volkes, das Klima jenes Landes, die dortigen Umſtän⸗ de zu berückſichtigen; er mochte nie daran gedacht haben, daß eine Zeit kommen werde, in welcher ſein Volk das bittere Loos treffen könne, unſtät nach allen Ländern der Weltgegenden auszuwandern, und allerorts fremd und heimathslos zu bleiben!— Der Geſetzgeber war kaum aus dem Leben geſchie⸗ den, ſd fing man an, an ſeinen einfachen Lehren zu klügeln, ſeine Geſetze ſchienen den Schriftgelehrten zu bündig und zu kurz, ſie erhielten eine Ausdehnung den Worten und dem Sinne nach. Man war mit dem Ver⸗ bote vor der Sünde nicht zufrieden, ſondern jeder An⸗ laß, der nur zum Fehltritt verleiten könnte, wurde ſelbſt zur Sünde geſtempelt. Moſes einfaches Geſetz über den Sabbat lautet: „Du ſollſt den Ruhetag feiern. 124 Mit dieſen fünf Worten waren ſie nicht zufrieden. Das Wort„feiern,“ ſchien den Gelehrten zu relativ, ſie fingen darüber zu kritteln an, und fanden endlich her⸗ aus, daß jede Beſchäftigung, z. B.„ſelbſt das Auf⸗ heben eines Steines eine Arbeit, daher verboten ſei.“ Ganz natürlich war am Sabbat auch der Handel verbo⸗ ten. Nun hätte es aber doch geſchehen können, daß man⸗ cher Wankelmüthige ſich dennoch unterſtanden, an dieſem Tage etwas zu kaufen; um dieſem vorzubeugen, und das Anſehen der Sünde zu vergrößern, wurde ſogar das Tragen der Münze an dieſem Tage zu den Religions- übertretungen gerechnet. Allein auch hiemit noch nicht zufrieden, um ſogar dieſes zu verhüten, wurde die bloße Berührung des Geldes verboten. Gewiß nur die Spitzfindigkeit fantaſtiſcher Rabbi⸗ nen konnte ihren Religionseifer ſo weit treiben. Nur noch Eines von den unzähligen Beiſpielen. Eine Frucht vom Baume pflücken, iſt eine Arbeit, da- her am Sabbat verboten. Um es aber zu verhüten, daß es einem Luſtwandelnden ja nicht etwa gelüſte eine ſolche Sünde zu begehen, wurde das Geſetz dahin aus⸗ gedehnt, daß der Genuß einer jeden Frucht verboten ſei, die ſelbſt durch einen Nichtjuden am Sabbat ge⸗ pflückt wurde; ja ſogar die vom Winde abgeſchüttelt, — N s c„„9— den. tiv, her⸗ Auf⸗ ſei.“ rbo⸗ nan⸗ ſem und ogar ons- nicht loße abbi⸗ elen. „da⸗ üten, eine aus⸗ boten ge⸗ ttelt, 125 oder von ſelbſt gelöſte überreife Frucht, wenn ſie auch rein, d. h. vom Wurme nicht durchfreſſen war, durfte nicht genoſſen werden, denn ſie konnte erſt an dieſem Tage herabgefallen ſein. Eine ſolche Ausdehnung, Mißdeutung und Ver⸗ unſtaltung erlitten Moſes einfach erhabene Geſetze. Nun begann ſich das Mittelalter, wie eine mond⸗ leere finſtere Nacht auf die Welt herabzuſenken, und das Judenthum fühlte nur zu ſehr ſeine Folgen. Wo war Moſes heiliger Glaube hingekommen, wer hätte ihn aus dieſem verkrüppelten, mißgeſtalten, zur Frazze herabgewürdigten Judenthum herausfinden können.— Ein Heer von Schriftdeutlern— Kaballiſten— Bal Schem's trat auf, was Einer herausklügelte ver⸗ warf der Andere, der wollte den Stein der Weiſen, jener die Kunſt, Geiſter zu beſchwören, gefunden haben. Dieſer predigte die Verdammniß aller Nichtjuden, je⸗ ner faſelte von einer Wiedererbauung Jeruſalem's. Eine Fluth von Geſetzen überſchwemmte den Glaubens⸗Eden des erhabenen Religion⸗Stifters, es war beinahe un⸗ möglich ein recht frommer Jude zu ſein. Die Religions⸗ bücher wuchſen zu Folianten an, denn jeder der etwas Neues gefunden zu haben wähnte, ſchrieb es auf, und 126 ſeine Meinung war ſeinen Anhängern ein Religionsge⸗ ſetz; zu allem dieſem kam noch das Uebel, daß ſich dieſe Schriftgelehrten einer doppelſinnigen myſtiſchen Sprache befließen, und der Nachkommen das Heraus⸗ finden des Sinnes entweder erſchwerten„oder gar un⸗ möglich machten. Daher dieſe vielen Auslegungen, Deutungen und Commentare, daher auch dieſes ungeheuere Feld voll Neſſeln, unter welchen freilich auch eine Menge duftiger Weisheitsblumen blühen, deren Aufſuchen aber jedem durch das Unkraut verleidet wird. Bei ſolchen traurigen Umſtänden konnten auch die vielen Mißbräuche nicht ausbleiben, die das Judenthum verunſtalteten, und es ſammt ihren Anhängern in den Augen der übrigen Welt noch mehr herabwürdigten, un⸗ ter ſolchen bedauernswerthen Umſtänden mußte es auch kommen, daß die Bedrängniſſe der Juden in jenen Zei⸗ ten ihre größte Höhe erreichten, und die traurigen Schick⸗ ſale der damaligen Glaubensgenoſſen werden gewiß einen wehmüthigen Anklang in dem Herzen eines jeden Juden, ja in dem Herzen eines jeden Menſchen finden, nur wird dieſe Empfindung um ſo bitterer, wenn man zugleich erwägt, daß ſie die Züchtigung des Himmels, gelinde geſagt, nicht ganz unverſchuldet getragen. — — „ e nd oll ger em die m 127 So war und blieb es, bis in die Mitte des vori⸗ gen Jahrhunderts. Da ſendete der Himmel wieder einen Mann, klein, höckerig, mißgeſtaltet, einen ganz unanſehnlichen Mann; aber in dieſem unanſehnlichen Körper wohnte ein Geiſt, ein Rieſengeiſt, der weithin ſeine Strahlen ſandte, die dem Judenthum und der ganzen Welt zur Leuchte die⸗ nen ſollten. Er trat auf, die Finſterniß zu bannen, ſein Volk zu belehren, und es aus der Sclaverei des Fanatismus und des Aberglaubens zu befreien; ſeine Bibel, ſeine Pſalmen, ſeine Worte über die Unſterblichkeit der Seele, vertraten die Stelle der egyptiſchen Wunder; er geigte dem Volke den Pfad, den es zu wandeln habe, um ſicheren Fußes in das gelobte Land des Jen⸗ ſeits zu gelangen, es war ein zweiter Moſes,— Mo⸗ ſes Mendelſohn! Ja, es war Mendelſohn, der Menſch, der Phi⸗ loſoph, der Jude,— es war Mendelſohn, den das Judenthum mit Stolz den Seinen nennen kann. Kaum hatte er den erſten Schritt gethan, als trotz des Widerſträubens der alten Fantaſten, die Beſ⸗ ſern ſeinen Weg einſchlugen, und ihm nachfolgten. Von dieſem Zeitpunkte an begann die Reforma⸗ 128 tion des Judenthums, und dem Himmel mochte dieſes Werk gar wohl gefallen haben, denn in allen Ländern traten Herrſcher auf, die wohlgefällig auf dieſe endlich erfolgte, zeitgemäße Neuerung niederſchauten, und ſie ihres hohen Schutzes würdigten. Der Jude iſt nicht mehr der ausgeſtoßene Paria, er iſt wieder Menſch in der bürgerlichen Geſellſchaft, und wenige Jahre werden hinreichen, den Kultus des moſaiſchen Glaubens, trotz dem Schreien und Toben des hartnäckigen, an ſeinen alten Schlendrian gewohn⸗ ten Pöbels, ſo einfach und erhaben herzuſtellen, daß der unſterbliche Geiſt des erſten Geſetzgebers gewiß mit Wohlgefallen auf ſein Volk herabſchauen wird. Nun noch einige Worte zum Schutze vor Uebel⸗ deutung. Die Urſache der Entſtehung dieſes Gemäldes war keineswegs, den Glauben, ſeine Gebräuche und Anhänger, lächerlich zu machen, auch war ich nicht geſonnen, die mißliche Lage, die Unterdrückung und Mißhandlung der Juden in jenen Zeiten zu ſchildern, hierin haben Spindler's und Döring's Meiſterpin⸗ ſel ſo Vortreffliches geleiſtet, daß es kaum ſo bald einem Andern gelingen dürfte, ihnen nahe zu kommen, oder ſie zu erreichen; meine Abſicht war, den Juden mit V —— 129 es dem Juden in Colliſion zu bringen, ihre meiſt damali⸗ rn gen Sitten, mitunter Mißbräuche und Schwächen ch. darzuſtellen; ich habe zeigen wollen, wie der Gerechte ſie und Fromme in friedlichen und ſtürmiſchen Zeiten ſich immer gleich bleibt, wie ihn der Herr nie verläßt, und a, er ſein widrig Geſchick mit Geduld zu ertragen oder zu ft, beſiegen weiß, während der Böſe ſeiner Schwere unter⸗ es liegt. en Zu dieſer Darſtellung wählte ich Charaktere, aus n⸗ jener Zeit gegriffen, mit allen ihren Vorzügen und er Mängeln. it Nur in dem Falle, wenn es mir gelungen iſt, in meinem Gemälde unpartheiſch und wahr zu bleiben r 3 l⸗ habe ich vollkommen meinen Zweck erreicht. Dieſes Alles hätte ich viel ſchicklicher in einer es Vorrede ſagen können, da ich aber die Erfahrung ge⸗ d macht, daß ein großer Theil der Leſer Vorreden gerne ht ungeleſen läßt, ſo habe ich es in der Form eines Kapi⸗ d tels hier eingeſchaltet, wo gleichſam ein Ruhepunkt in n, der Erzählung eingetreten iſt.— Und nun möge mir ⸗ der geneigte Leſer mit Liebe und Luſt bei der Schilde⸗ rung der fernern Begebenheiten zur Seite ſtehen. ch * 8 — — — — ₰ — S — ** — — 8 2 Des Fluches Erfüllung. Ich bin jung geweſen, und bin alt geworden, und habe keinen Frommen verlaſſen geſehn. Der Pſalmiſt. Zwei Gefangene. Hohe ſchwarze Mauern umſtarren uns, dick und ſtark, wie für die Ewigkeit gebaut; feuchte Moderluft beengt den Odem, Tageshelle iſt aus der unterirrdiſchen Be⸗ hauſung verbannt, der Alles erwärmende Sonnenſtrahl verpönt, nur ein matter Schein fällt von rückwärts in die Tiefe. Wohnen Menſchen hier in dieſen gräbergleichen Rüäumen? Sind es nicht Tieger, Löwen, Hyänen, oder andere Bewohner des Waldes und der Einöde, die hier gefeſſelt, wild an den Ketten zerren, daß ihr Raſ⸗ ſeln und Klirren dumpf durch die dicke Luft dringt? Nein! Es ſind Menſchen, hedauernswerthe Brü⸗ der, wenn eine Schuld auf ihrer Seele laſtet; doppelt bedauernswerth, wenn ſolche Leiden unſchuldige Häup⸗ ter treffen.—— ZJa es ſind Räuber, Mörder, Diebe 134 und Mordbrenner, die hier in gerechter Strafe ſchmach⸗ ten; es fehlen aber auch unſchuldige Opfer des Aber⸗ glaubens nicht, des Aberglaubens, der ſiebenköpfigen Hydra!— Blick hin, in jenen finſtern Raum, ſo eben raſ⸗ ſeln die Schlöſſer, die ſchwere Eiſenpforte knarrt, ſie bewegt ſich faul in den Angeln; jetzt erleuchtet ein blutigrother Schein das Gefängniß, die wilde bärtige Geſtalt des Wärters tritt herein, und reicht dem Un⸗ glücklichen, an deſſen Füßen ſchwere Eiſen laſten, tro⸗ ckenes Brod und einen Trunk friſchen Waſſers. Es iſt ein junger Mann! Iſt dieß das Antlitz eines Verbrechers? Dieſe Ruhe, dieſer deutlich aufgeprägte Seelenfriede ſollten mit einem Schuldigen ſich verein⸗ baren können? Dieſer fromme heilige Sinn, der aus jeder ſeiner Mienen ſchaut, ſollte das Eigenthum eines Gefallenen ſein?— Wahrlich, wäre dieß der Fall, es gäbe der Verbrecher mehr als der Reinen hier auf Er⸗ den!— Nein— ſo wie jener dort, kann nur die Un⸗ ſchuld gegen den Himmel ſchauen, ſo wie jener kann nur der Fromme lächeln, der ſich keiner Schuld be⸗ wußt. Hart darneben in einer ähnlichen Klauſe wieder⸗ holt ſich die frühere Scene noch einmal, nur iſt es 135 ch⸗ dort ein Weib, das gefangen ſchmachtet, ein altes er⸗ Weib, welches ſchreit, klagt und weint. Ihr Jammern en. aber wird nicht verſtanden, ihr Flehen nicht erhört, ihrem Willen nicht Folge geleiſtet. aſ⸗ Aber auch auf der Seele des Weibes ſcheint keine rt, Schuld zu laſten; ihre Thränen ſind die einer Unſchul⸗ in digen, ihre Verzweiflung die einer Verkannten. ge Sie hat ein dünnes Büchlein in der Hand, und n⸗ ſo oft ſie nur zu leſen vermag, findet man ſie gewiß o⸗ andächtig in demſelben vertieft, auch die kurze Anwe⸗ ſenheit des Wärters benützt ſie dazu. es Auf dem erſten Blatte dieſes Büchleins, von der te* Rechten gegen die Linke, iſt zu leſen:„„Tchines, die n⸗ alle frommen jüdiſchen Weiber beten ſollen, für alle 18 Fälle im menſchlichen Leben!““ 8 Jener junge Mann iſt Noße Traun, der nemliche 8 Bocher, der für den Roſch Hakohol eine ſo ſchöne Me⸗ r⸗ gileh geſchrieben hat, und das Weib iſt Nenne, ſeine ⸗ Miethfrau, die wir das letzte Mal bei der Tchine verlaſſen, und bei derſelben wieder angetroffen haben. S 136 Ein Richter damaliger Zeit. In der Gerichtsſtube des Alt⸗Ofner Ortsgerichtes ſaß Herr Bonifazius Alterdorfer, der königliche Gewaltträger und Machthaber des Ortes. Obenan ſtand ein maſſiver Eichentiſch mit einem grünen Tuche überdeckt; darauf befand ſich das mäch⸗ tige Dintenfaß mit der Streuſandbüchſe und den langen Federn. In einem großen Armſeſſel lehnte Herr Bonifazius, eine hohe Geſtalt in den Fünfzigern, mit finſtern Zü⸗ gen, großen Augenbrauen, die eben ſo wie ſein lan⸗ ger Backenbart ſchlaff herabhingen. Die Haare waren rechts und links gekämmt, und zierlich in Locken gerin⸗ gelt, rückwärts trug er einen Zopf, von dem er ſich, als ein eingewanderter Deutſcher nicht trennen konnte. Zwiſchen ſeinen Füßen ſtand ein hohes ſpaniſches Rohr 137 mit einem Silberknopfe, mit dem er wohlgefällig ſein Spiel trieb, indem er ſich bald damit den Bart ſtrich, bald wieder die Fliegen ſcheuchte, oder mit der flachen Hand auf demſelben im Kreiſe herum fuhr. In einiger Entfernung davon ſtanden rechts und links zwei kleine Tiſchlein, an welchen die Schreiber ſa⸗ ßen, ſo zwar, daß ſie mit einem Seitenblicke nach ihren Vorgeſetzten ſchauen konnten, wenn ſein Rufen es forderte. Die beiden jungen Männer ſchrieben un⸗ unterbrochen fort, maſchinenmäßig bewegten ſich die Hän⸗ de, die übrigen Theile ihres Körpers waren todt, be⸗ wegungslos. Uebrigens hatte die Stube noch verſchie⸗ dene andere Verzierungen; gleich bei der Thüre hingen an einigen Nägeln Hand⸗ und Fußeiſen; zur Abwechs⸗ lung befanden ſich auch einige zweiſchwänzige Peitſchen da, deren Ende ſeit ihrem letztem Gebrauche noch etwas blutig waren, an der Seite ſtand auch eine Bank mit langgliederigen Ketten, lauter unbedeutende Hilfsmittel, dem Herrn Bonifazius ſein ſchweres Amt zu erleichtern. In der Stube herrſchte tiefe Stille, man hörte nichts als das Kratzen der Federn, und das etwaige unbedeutende Geräuſch, welches Herr Bonifazius bei jedesmaligem Niederſtellen ſeines Rohres verurſachte. 12 138 „Habt Ihr die Klage der Hauer aufgeſetzt?“ fragte der Richter nach einer Weile, den Einen der Automaten. „Gleich werde ich fertig ſein,“ antwortete dieſer, und fuhr fort zu ſchreiben. „Sind gute fleißige Menſchen, dieſe Hauer,“ ſprach Herr Bonifazius, ſo daß es auch die Andern hö⸗ ren konnten;„bebauen die Weinberge, und verſorgen das Land mit herrlichem Rebenſafte; man muß ihre Bitten unterſtützen, dafür bin ich da, ihre Klagen müſ⸗ ſen erhört werden, bei meiner unbeſtechlichen Gerechtig⸗ keit.“ „Euer Gnaden!“ rief eine Weiberſtimme zur halb⸗ geöffneten Thüre herein, es war die Magd des Rich⸗ ters,„die Frau Agnes laßt fragen, wo man das Fäß⸗ chen Wein hingeben ſolle, welches die Hauer geſtern in's Haus gebracht?“ „In die Kammer, links zu den Andern,“ erwie⸗ derte Herr Bonifazius gleichgültig,„bei meiner unbe⸗ ſtechlichen Gerechtigkeit,“ brummte er ſtill in ſich hinein, „die Weiber ſind dumm, wie die Nacht.,„Stellt Euch vor Herr Lorenz,“ wendete er ſich an dem einen der Schreibenden,„dieſes Fäßchen koſtet mich zwei ganze Silbergulden, aber delikat; bei meiner unbeſtechlichen Gerechtigkeit, ſehr delikat; Ihr könnt ihn heute Nach⸗ tor che un B me üb fal au der un eit en ie⸗ in, ellt nen nze . en 139 mittag verſuchen, auch Ihr Herr Franz ſollt mein Gaſt ſein.“ Die beiden Actuare dankten höflich, ſahen ſich be⸗ deutungsvoll an, und ſchrieben weiter. Herr Bonifazius begann wieder wie früher, ſein Spiel mit dem Rohre. Der Schreiber Lorenz ſteckte jetzt ſeine Feder hinter's Ohr. „Herr Richter!“ ſprach er in unterthänigen Amts⸗ ton,„was ſollen wir mit der alten Müllerswitwe ma⸗ chen, ſie hat geſtern den dritten Grad überſtanden, und noch nichts ausgeſagt.“ „Das iſt eine hartnäckige Canaille,“ zürnte Herr Bonifazius,„mit dieſem Hexengeſchmeiß hat man die meiſte Arbeit. Laßt ſie an das Obergericht nach Ofen übergeben, ſie ſollen dort mit ihr nach Gutdünken ver fahren.“ „Könnten wir dieſe Verbrecher nicht eben ſo gut aufknüpfen oder verbrennen, wie die droben?“ fragte der Schreiber Franz mit kluger Miene. „Ei freilich,“ erwiederte der Richter eifrig,„un⸗ ſer Zigan Miſchko würde ſeine Schlinge eben ſo feſt und knapp machen; aber da bilden ſie ſich in der Feſtung ein, daß nur ſie das Recht dazu hätten, und erlauben unſerem Gerichte kaum drei Monate in ſchweren Eiſen, 140 oder elende fünfzig Peitſchenhiebe; wenn wir nicht auf die drei Grade Folter ſtolz ſein könnten, bei meiner un⸗ beſtechlichen Gerechtigkeit, ich legte gleich den Richterſtab nieder.“ „Was ſoll,“ begann Lorenz plötzlich,„mit den zwei letzten eingebrachten Miſſethätern geſchehen?“ „Welche meint ihr denn?“ fragte der Vorgeſetzte. „Die alte Jüdin ſammt ihren Gehülfen.“ „Ja ſo, auf die habe ich ganz vergeſſen, nehmt ſie ad notam. Morgen erſtes Verhör:— wird nichts eingeſtanden— Nachmittag erſter Grad;— vierzehn Tage Pauſe— dann wieder der erſte Grad,— das wollen wir ſo zugeben, weil es Juden ſind,— an den darauffolgenden Tagen die zwei andern Grade,— dann ſind wir wieder fertig. Punctum satis.—— Nota bene! Zigan Miſchko hat ſich beſonders zuſam⸗ men zu nehmen, bekömmt jedesmal vor der Arbeit ein Glas Brandwein, und nach derſelben doppelt ſo viel. Habt Ihr mich verſtanden?“ „Ja, Herr Richter!“ Nun begannen die Andern wieder zu ſchreiben, Herr Bonifazius fuhr in ſeiner früheren Beſchäftigung fort, plötzlich aber blieb die Hand auf dem Silberknopfe auf ſtab den etzte. hmt ichts zehn das an ſam⸗ t ein viel. iben, gung 141 geſtützt ruhig, ein Zeichen, daß er— eingeſchlafen war. Die ſchweren Pflichten ſeines Amtes hatten ihn zu ſehr ermüdet. Jetzt klopfte es leiſe an der Thüre, und herein trat Reb Schmule Teweß, der Vorſteher der Alt⸗Ofner Judengemeinde. Wiewol er ſein Hütlein in der Hand hielt, ſaß dennoch ein kleines Sammetkäppchen auf ſeinem Schei⸗ tel, denn ohne Kopfbedeckung ſoll der Jude nie ſein⸗ So ſchritt er ehrerbietig gegen den Richter zu, der aber noch immer feſt von den Armen des Schlafes um⸗ fangen war. Reb Schmule bemerkte dieß, blieb ruhig ſtehen, um gleichſam das Erwachen des Richters abzuwarten. Allein Herr Bonifazius hatte eine ſehr löbliche Eigen⸗ ſchaft, ſobald er eingeſchlafen war, mußte er jedesmal geweckt werden. Der Roſch Hakohol ſtand eine Weile, blickte gleichſam fragend den Schreiber Lorenz an, der mit einer geringſchätzigen Miene weiterſchrieb. „Soll ich bis zur Auferſtehung warten?“ fragte der Jude zweideutig. 142 „Meinetwegen bis Euer Meſſias kömmt,“ erwie⸗ derte Lorenz grob, räuſperte ſich, und ſchrieb weiter. Nach dieſer Antwort ging Reb Schmule mit feſten Schritten auf den Schlummernden zu, und rüttelte ihn leiſe am Arme. Herr Bonifazius blinzelte ein wenig mit den Au⸗ gen.„Gebt ihr fünfzig Peitſchenhiebe auf den Bauch,“ brummte er, und— ſchlief weiter. „Euer Gnaden! Herr Richter!“ ſprach Reb Schmule, ihn zum zweitenmale, aber etwas unſanfter weckend. „Laßt die Zigeunerin laufen,“ ſchrie jetzt Herr Bo⸗ nifazius aufſpringend, tappte mit den Händen umher, als ſuche er etwas, und erfaßte den Ruheſtörer.„Wo ſind meine drei Goldſtücke, Hexe?“ rief er, und riß die Augen auf. Da ließ er erſchrocken die Arme ſinken, fiel in ſei⸗ nen Stuhl, wiſchte ſich die Augenlider;— jetzt erſt war er vollkommen erwacht. „Das war ein ſchöner Traum,“ brummte er in den Bart, dann wendete er ſich zu dem Juden mit der freundlichen Frage:„Was wünſcht ihr Herr Col⸗ lega?“— und drückte ihm recht lange die Hand, wahrſcheinlich mochte er irgend einen Gegendruck er⸗ —, —,— ie⸗ ten 143 warten, doch, als dieſer nicht erſchien, ließ er die Hand des Vorſtehers kalt aus. Herr Bonifazius wußte, daß jetzt die ſogenannten Judenfeiertage herangerückt ſeien, welche ihm jährlich von der Gemeinde einen hübſchen Beweis von ihrer Unterthä⸗ nigkeit lieferten. Deſe Urſache, wähnte er, habe den Roſch Hakohol hierher geführt, deßwegen war er erſtens nicht erzürnt, als ihm dieſer aus dem Schlafe ſtörte, deß⸗ wegen bewillkommte er ihn auch mit dem freundlichen Titel eines„Collegen“ und daher auch die eingetretene Kälte, das plötzliche Fallen ſeines Freundſchafts⸗Ther⸗ mometers, als er ſich in ſeiner Hoffnung getäuſcht ſah. „Euer Gnaden, Herr Richter!“ redete Reb Schmule den Amtsherrn an,„ich bin gekommen Euere Weisheit und richterliches Anſehen in Anſpruch—“ „Und Gerechtigkeit,“ ſetzte Herr Bonifazius ſcharf betonend hinzu,„denn wo der Richter iſt, darf auch ſeine Göttin nicht fehlen. „Ich habe ihrer deßwegen nicht erwähnt,“ ſprach Vorſteher nicht ohne Ironie,“ weil ſie ohne dieß ſtets in Euerem Geleite iſt.“ „Gehört zum Amte,“ entgegnete der Andere, veine unbeſtechliche Gerechtigkeit gehört zum Amte.“ „Was wollt Ihr alſo?“ 144 „Ich bin gekommen,“ ſprach der Roſch Hakohol „in Angelegenheit der von meiner Gemeinde eingezoge⸗ nen angeblichen Verbrecher.“ Er hatte das vorletzte Wort nicht unabſichtlich be⸗ tont; allein Herr Bonifazius verſtand ihn nicht, oder wollte ihn nicht verſtehen. „Die alte Hexe ſammt ihrem Gehilfen,“ unter⸗ brach er den Vorſteher ſchnell,„ſeid ganz außer Sor⸗ gen, ich will Euer Anſehen ſchon in Ehren halten, ſtrenge Gerechtigkeit ſoll geübt werden.— Gebt einmal her was Ihr ad notam genommen,“ wendete er ſich zum Schteiber,„da ſeht werther Herr College,“ er zeigte dieſem das erhaltene Popier,„da ſteht's geſchrie⸗ ben: Morgen erſtes Verhör,— wird nichts eingeſtan⸗ den, Nachmittag erſter Grad,— vierzehn Tage Pauſe — dann wieder der erſte Grad,— dann kommen der zweite, der dritte und—“ „Um Gotteswillen haltet ein,“ rief der Vorſteher zuſammenſchaudernd.„Ihr ſeid im Begriffe Unſchul⸗ digen durch Marter eine Lüge herauszupreſſen.“ „Ei! ei!“ ſchüttelte Herr Bonifazius mißbilligend den Kopf, und ſprach mit wichtiger Miene:„ich werde doch wiſſen, was meines Amtes iſt.“ kohol zoge⸗ h be⸗ oder nter⸗ Sor⸗ ten, nmal ſich er chrie⸗ ſtan⸗ auſe der teher chul⸗ gend ere 145 „Gnädiger Herr!“ bat der Jude herzlich,„macht dießmal nur eine Ausnahme von der Regel„und laßt die Tortur aus dem Spiele.“ „Kann nicht ſein,“ fuhr Herr Bonifazius zornig auf,„bei meiner unbeſtechlichen Gerechtigkeit, kann nicht ſein, warum ſollte ich gerade hier eine Ausnahme machen, wirklich es iſt gar keine Urſache vorhanden.“ „Gnädiger Herr,“ flehte der Vorſteher,“ die Verhafteten ſind unſchuldig, ich mit meiner Ehre und meinem ganzen Hab und Gut ſtehe dafür, es fehlen mir nur Beweiſe, ihre Unſchuld an den Tag legen zu können, der erſte Ausſprecher des Verdachtes iſt ein Feind meiner Familie, ein tückiſcher Menſch, dieſer Sohn des Rabbi; o! verzögert wenigſtens Euer richterliches Vorhaben, vielleicht wird die Zeit den ſchwarzen Schleier lüften.“ „Nein, nein!“ unterbrach ihn der Richter,„es iſt auch gar keine Urſache vorhanden, warum das Werk der Gerechtigkeit verzögert werden ſollte; je eher deſto beſſer, es bleibt dabei; morgen wird der Anfang ge⸗ macht. Ich verſichere Euch Herr College, mit Hexen und Zauberer kann nie ſchnell und nie ſcharf genug ver⸗ fahren werden; ja, wie geſagt, es iſt gar keine Urſache vorhanden, warum morgen Nachmittag nicht der erſte Grad in Anwendung gebracht werden ſollte.“ Der Fluch d. Rabbi. 13 146 Reb Schmule Teweß war ein feiner Menſchenkenner, er wußte recht gut, mit wem er es zu thun habe— und hatte auch ſchon beſchloſſen, die ſchwache Seite des Richters zu benützen; allein früher wollte er den Eigennützigen ſpannen, um dadurch ſein Mittel etwas wirkender zu machen. Er lächelte daher recht in den Bart, als ihn der Andere ſo oft und ſo nachdrucksvoll verſicherte, daß hier gar keine Urſache vorhanden wäre, warum dieß oder jenes nicht geſchehen ſolle. un nahm der Roſch Hakohol gleichgültig Abſchied, und verließ mit Würde die Amtsſtube. „Werde ſchon zeigen, wie ſtreng ich meine Stelle vertrete,“ ſprach Herr Bonifazius zu den Schreibern, „nichts wird aufgeſchoben, Vormittag begonnen, Nach⸗ mittag fortgefahren,“— er begann ſich jetzt zum Ab⸗ gange zu rüſten.—„Das wird unter dieſem Juden⸗ pack ein Lamentabile werden, denn die hängen Alle, wie die Kletten zuſammen, aber ich weiß, was meines Am⸗ tes iſt.“— Er grüßte mit erzwungener Herablaſſung die bei⸗ den Candidaten, und verließ die Gerichtsſtube. Noch zwiſchen der Thüre, brummte er:„Morgen— bei meiner unbeſtechlichen Gerechtigkeit.“ ka ur do ſe au de lei „e rec 5 Ke lich mt der ner, eite den vas den ol den lle , ch⸗ lb⸗ n⸗ vie ei⸗ bei 147 Als Herr Bonifazius zu Hauſe angelangt war, kam ihm Frau Agnes ſeine Ehehälfte freudig entgegen. „Da rath' einmal, mein lieber Mann,“ ſprach ſie und hielt ihm ein Schächtelchen entgegen,„was mag da drinnen verborgen ſein? Herr Bonifazius hatte ſich in der Amtsſtube zu ſehr angeſtrengt, als daß er jetzt noch zum Nachdenken aufgelegt ſein ſollte. „Nun, ich will es Dir zeigen,“ rief ſie, öffnete den Deckel, und hob ein fein gearbeitetes goldenes Kett⸗ lein heraus. „Ei, ei!“ ſagte er, das Kleinod beſchmunzelnd, vecht venediſches Gold, bei meiner unbeſtechlichen Ge⸗ rechtigkeit.— Echt venediſches Gold, von wem haſt Du dieß? „Von der Frau des Judenvorſtehers!“ antwortete Frau Agnes gedehnt. Herr Bonifazius zuckte unwillkührlich mit dem Kopfe in die Höhe. Dann brummte er aber ganz freund⸗ lich:„Ja, ja, da müſſen wir freilich noch drei Tage mit dem erſten Verhör verzögern. Der Schwache, bei ihm bedurfte es nicht einmgl der Fürbitte ſeiner beſtochenen Gattin. 148 Ein trauriger Roſch Haſchonv. Das war dieſes Mahl ein recht trauriges Neujahrs⸗ feſt für die Alt⸗Ofner Judengemeinde, beſonders aber für die Familien ihres Vorſtehers und ihres Rabbi. Am Morgen nach jener verhängnißvollen Nacht herrſchte in der Gemeinde große Beſtürzung, man wähnte, daß der Rabbi dem Schmerze unterlegen ſei, und ſah auch dieſes als einen Theil der Strafe für jenes unbekannte Vergehen an. Allein am Mittage mußte ſich Alles in der Schule verſammeln, der Rabbi erſchien blaß und verſtört vor dem Ahron Hakodoſch, hielt eine Rede an die Verſammlung, befahl ein dreitägiges ununter⸗ brochenes Faſten; Buße über alle verübten heimlichon Sünden und aufrichtige Reue. *) Neujahrstag. — ſte der die mi hrs⸗ aber Am e in daß auch nnte es in und Rede nter⸗ ichon — 149 Dieſes war geſchehen, um die Gemüther wenig⸗ ſtens in etwas zu beruhigen, und nun begann man dem Urheber dieſer Gräuel nachzuforſchen, denn daß dieß Alles in einem ſonderbaren Zuſammenhange ſtehen müſſe, das glaubte Jeder mit Gewißheit behaupten zu können. Aus einer näheren Unterſuchung ergab es ſich, daß der Tod des Schulklopfers nicht durch Selbſtmord ſondern durch fremde Gewalt hervorgebracht worden ſei, denn er war an einem Nagel gehangen und das Ende der Tephillim ſeitwärts an einen andern Nagel befeſtigt, welches nur ein Zweiter zu bewerkſtelligen vermochte; dann fand man in ſeiner Truhe ein Blatt, auf dem er den Betrag ſeines baaren Geldes und die verſchiede⸗ nen Münzſorten vorgemerkt hatte; dieſem zufolge fehlte eine namhafte Summe in der Truhe. Den Irreden der wahnſinnigen Jentel konnte man freilich keinen Glauben ſchenken; allein, da ſie immer von ihrem geliebten Roße faſelte, der ihr unter der Chu⸗ pe einen Becher mit einem herrlichen Tranke gereicht ha⸗ be, und da man am Rande eines Glaſes, welches ſich am andern Morgen vorgefunden, einen röthlichen Bo⸗ denſatz bemerkte, ſo ſchloß man wieder, daß der Toch⸗ ter des Rabbi, wie man es zu jener Zeit nannte, ein 15⁰ Zaubertrank gereicht worden ſei, welcher ſie wahnſinnig gemacht habe. Der über dieſe Gräuel erzürnte Himmel, muth⸗ maßte man weiter, habe das Neß*) in der Schule geſchehen laſſen, und nun müſſe man Alles anwenden, um den lieben Himmel wieder durch Buße auszuſöhnen. tachdem man dieß herausgefunden, begann man nach dem Thäter zu forſchen. Da der Schulklopfer in der erſten Slichesnacht noch in die Schule gerufen, ſo mußte der Mord nach dieſem Zeitpunkte geſchehen ſein; nun wurden Einige darauf aufmerkſam, daß Noße Traun ſammt ſeiner Miethfrau ſehr ſpät in die Schule gekommen ſei, daß beſonders Nenne ganz erſchöpft war, und kaum zu athmen vermocht habe; dieſen Umſtand mit Jentels irrſin⸗ nigen Reden zuſammengezogen, warf den Verdacht auf die Genannten, es bedurfte nur einer leiſen Anregung um ihn laut auszuſprechen, und laut ausgeſprochener Verdacht iſt ſchon Gewißheit. Pinches glaubte nun die beſte Gelegenheit vorhan⸗ den, ſich ſeinen begünſtigten Nebenbuhler aus dem We⸗ ge zu räumen, und um gleichſam den Verdacht des *) uebernatürliches Wunder. — „ ige ner aß zu ſin⸗ auf ung ner des — 151 Verdachtes von ſich zu entfernen, trat er— verwor⸗ fen genug— als Ankläger auf. Nur Noße kann den Schulklopfer beſtohlen und ermordet haben, Nenne ſei ein altes Weib und verſteht ſich auf verſchiedene Zauberkünſte, ſie hat gewiß den Trank für Noße bereitet, um Jentel, die er wahrſchein⸗ lich ihres ſpröden Weſens halber haßte, zu beſtrafen. Dieſe Anklage reichte hin, die Beſchuldigten ein⸗ zuziehen. Pinches, als Bruder der Wahnſinnigen hat⸗ te ein vollkommenes Recht, als Kläger aufzutreten. Im Hauſe des Rabbi ſah es traurig aus; Frau Bäle lag noch immer krank darnieder; man zweifelte an ihrem Aufkommen; die irrſinnige Jentel war in dem Bodenſtübchen eingeſperrt, Reb Sorach ſuchte Troſt im Gebete, und Pinches hielt ſich wenig zu Hauſe auf. Er gab vor, nicht eher raſten zu können, als bis er alle Beweiſe aufgefunden, den Friedensſtörer ſeines vä⸗ terlichen Hauſes einer ſtrengen, gerechten Strafe über⸗ liefern zu können. Beim Roſch Hakohol ging es nicht minder trübſe⸗ lig her. Ein ſtiller Schmerz hatte ſich der ganzen Fa⸗ milie bemächtiget, der um ſo tiefer ſeine K Krallen ſchlug, wenn ſie die große Gefahr ihres angenommenen Soh⸗ nes in Erwägung zogen, zwar zweifelten ſie auch kei⸗ 152 nen Augenblick an ſeiner Unſchuld; allein ſie wußten, daß Herr Bonifazius ein außerordentlicher Freund pein- licher Zwangsmittel ſei, die ſchon manchem gequälten Unſchuldigen ein unwahres Geſtändniß entlockt hatten. Mit Mühe und Aufopferung war zwar geſtern vom Richter ein dreitägiger Aufſchub erhalten worden, im Nothfalle konnte man durch goldene Zwangsmittel noch eine ſolche Friſt erpreſſen, verfloß aber auch dieſe, ohne, daß man der Sache näher auf die Spur kam, ſo waren die Beſchuldigten verloren; denn der Richter durfte dann das Verhör nicht mehr hinaus ſchieben, oh⸗ ne von der dabei ſo betheiligten Familie des Rabbi eine Flage höheren Orts befürchten zu müſſen. Der Vorſteher ſuchte daher die wenigen Tage zu benützen, er bezahlte Leute, daß ſie die Städte und ih⸗ re Umgegend durchkundſchaften, und die kleinſte Spur eines Verdachtes ihm bekannt gäben. Er that Alles, was ein Vater zur Rettung ſeines liebſten Kindes zu thun im Stande war. Die peinlichſten Stunden aber verlebte Channe. Wohl groß iſt der Schmerz eines Vaters, herb das Weh der Mutter, am bitterſten aber der Gram eines treuliebenden Herzens um den Gegenſtand ſeiner Vereh⸗ rung. Dieſe Qual ſenkt ihr Gift in alle Lebensfaſern, jed beb S im ße ſc ſo eb te ne as 153 jeder Tropfe Blut iſt mit ihr vermiſcht, jeder Nerv bebt, jede Sehne zukt ob ſolchem Weh. Der Troſt der Eltern war nicht hinreichend, die Jungfrau zu beruhigen; ſie weinte in dieſem Augenblick, im andern betete ſie wieder, nicht für ſich— für No⸗ ße, den Abgott ihrer Seele, der gefangen ſaß, un⸗ ſchuldig, zweier Verbrechen angeklagt, die ihm gewiß, ſo wie ihr ein Gräuel waren. Am erſten Neujahrstage befand ſich die Familie eben beim Mittagsmahle, eine traurige Stille herrſch⸗ te in der feſtlichen Stube, jedes hing ſeinen Gedanken nach jeden quälte der Schmerz, keinem mundete Spei⸗ ſe und Trank, da klopfte es leiſe an der Thüre und der Rabbi trat herein. Alle ſtanden ehrerbietig auf, und gingen dem blaſ⸗ ſen Manne entgegen, der mit düſterem Ernſte vorwärts ſchritt, und ſich auf den ihm gereichten Stuhl nieder⸗ ließ; dann erſt nahmen auch die Andern wieder ihre Plätze ein. „Reb Schmule“, begann der Rabbi,„ich bin in einer wichtigen Angelegenheit zu Euch gekommen, doch bevor ich beginne, will ich Euch einige Worte an's Herz legen.“ 154 Der Vorſteher horchte geſpannt und der Rabbi fuhr fort,„Ihr habt Euch vor mehreren Monaten eines eingewanderten Bochers angenommen, habt ihm in der Gemeinde Unterkunft verſchafft, und Euch bei mir für ihn verwendet. Wir haben Alles gethan, aus Noße ei⸗ nen gelehrten, rechtſchaffenen Mann zu machen. Es iſt wahr, er hat viel und fleißig gelernt, er zeigte ſich fromm und redlich, allein Alles war nur Moske, wir haben eine Schlange groß gezogen, einen Mörder un⸗ terſtützt. Der Roſch Hakohol wollte ſprechen, der Rabbi deutete ihm aber mit der Hand zu ſchweigen. „Unterbrecht mich nicht, Reb Schmule“, fuhr er eifrig fort,„wir wollen den Zwieſpalt unſerer Famili⸗ en vergeſſen, und Mann zum Manne ſprechen. Ich will es Euch nicht verargen, daß Ihr Euch früher die⸗ ſes Buben angenommen, Ihr mögt wahrſcheinlich Eu⸗ re guten Gründe dazu gehabt haben.“— Dieſe Worte hatte er mit Nachdruck geſprochen,—„ich will darü⸗ ber hinausgehen, daß Ihr uns dieſe Weſpe ins Neſt gelockt, und nun gewiſſermaßen die eigentliche Urſache ſo vielen Uebels ſeid, ich will Euch nur zu Gemüthe führen, daß es ungerecht iſt, wenn Ihr Euch jetzt noch für ihn verwendet, jetzt, wo es dem Himmel gefallen aut ich ſp bi es 155 hat, ſeinen Laſterweg zu erhellen, gewiß,— verzeiht mir, Reb Schmule,— das finde ich von Euch ſehr ſonderbar, und es ſetzt mich und die ganze Gemeinde in gerechte Verwunderung!— Der Sprecher ſchwieg. Jetzt nahm der Vorſteher das Wort:„Euere Anklage Rabbi trifft mich nicht, ich fühle mich keiner Schuld be⸗ wußt. Wenn ich ſo und nicht anders handle, ſo will⸗ fahre ich nicht nur dem Drange meines Herzens ſondern auch der innerſten Ueberzeugung meiner Seele; ſo wie ich, denkt jeder, der Noße Traun kennt. Gewiß Rabbi, auch Ihr wäret meiner Meinung, würde der Schmerz des Vaters, Euch nicht zu falſchem Wahn verleiten.“ „Ihr werdet alſo dem Mörder noch immer Euere hülfreiche Hand bieten?“ „Er iſt kein Mörder, ſo wenig wie Nenne eine Hexe iſt,“ entgegnete Reb Schmule gelaſſen,„und ſollt' ich ihn jetzt verlaſſen, wo er der Hilfe am meiſten be⸗ darf?— Nein, Rabbi, ich erfülle das Gebot des Herrn, und nehme mich des Schutzloſen, des Bedräng⸗ ten an.“ „Ich habe Euch eines Beſſern überreden wollen,“ ſprach der Rabbi aufſtehend,„aber mein Wort bei Euch iſt eine Stimme in der Wüſte, ich predige einem tauben Ohr, ich rede zu einem Felſen, der für die 156 Wahrheit keinen Widerhall hat. Verwendet Euch, Reb Schmule, für Euern Schützling, ſo viel Ihr wollt und könnt, auch ich werde nicht müßig bleiben, und werde es nimmer dulden, daß ſolch ein reudig' Schaf in der Mitte einer Gemeinde weile, welcher ich als Rabbi vorſtehe. Der Ausſätzige, er möge es am Leibe oder an der Seele ſein, iſt aus der Geſellſchaft der Reinen auszuſtoßen.— So ſteht es geſchrieben in der Schrift, und ich werde mein Geſetz befolgen.“ Langſam wie er gekommen, entfernte er ſich wie⸗ der, ohne von Jemanden das Geleite zu erhalten. Nach ſeiner Entfernung blickten Alle gleichſam fragend auf den ehrwürdigen Familienvater„dieſer aber ſchaute mit trübem Lächeln vor ſich hin und ſprach: „In Gottesnamen„jeder handle nach ſeiner Ueberzeu⸗ gung; iſt die meine keine Falſche, ſo wird uns der Gott unſrer Väter helfen.“ Frau Fradel wiſchte ſich eine Thräne aus den Au⸗ gen, Channe neigte ſich an die Bruſt der Mutter und weinte bitterlich, der Roſch Hakohol aber legte ſeine Hände auf das Haupt der Tochter und ſegnete ſie. Det verblendete Rabbi! er vermochte die begon⸗ nene Erfüllung des Fluches noch nicht zu erkennen. ——— Das erſte Verhör. ie⸗ Am Nachmittage des zweiten Neujahrstages herrſchte 62 in der Gemeinde große Bewegung, denn in der Amts⸗ er ſtube ſollte das erſte Verhör mit der Hexe Nenne und : dem Mörder Noße Statt finden. Alle nur in etwas . dabei Betheiligten waren als Zeugen vorgeladen. tt Das Verhör fand um einen Tag früher Statt, — als Herr Bonifazius dem Vorſteher zugeſagt hatte; allein zu ſeiner Ehre ſei es geſagt, daß es nicht ſeine 8 Schuld war. Der Rabbi hatte wirkſamere Mittel er⸗ . griffen, den Prozeß zu betreiben, er hatte die Sache beim Obergerichte zu Ofen angezeigt, und wer beſchreibt den Schrecken des Herrn Bonifazius, als plötzlich von dort ein Bote kam, und ihm den augenblicklichen Be⸗ ginn des Verhörs auftrug. 158 Das war am Mittage. Herr Bonifazius aber hielt nicht nur viel auf den Schlaf und Trunk, ſon⸗ dern auch auf die liebe Speiſe; ſein Wahlſpruch war: Eſſet, trinket, ſchlafet fleißig und viel, auf daß ihr lange lebet auf Erden; daher ſchob er— wie er ſagte — dem Vorſteher zu Liebe, das Verhör noch vier Stunden auf. Indeſſen aber wurde Alles vorbereitet— die Be⸗ theiligten und Zeugen geladen. Zigan Miſchko— dieß war, im Vorbeigehen ge⸗ ſagt, der Alt⸗Ofner Henker— mußte ſein Kämmerlein öffnen. In dem Hauſe, in welchem ſich die Amtsſtube befand, ſah man von Außen eine Art runden Thurmes ſich erheben, welchem ein kegelförmiges Dach aufgeſetzt war. Einige mit ſtarken Eiſenſtäben verwahrte Lucken in der Höhe des Thurmes vertraten die Stelle der Fenſter; Thüren ſah man keine, weil das Amtshaus an einem Theile des Thurmes angebaut war„und ſich gerade hier und zwar von Innen der Eingang be⸗ fand. Der unterirdiſche Theil des Thurmes war zum Gefüngniſſe beſtimmt, das Parterre aber und der üb⸗ rige Raum zum martern hartnäckiger Verbrecher, die thi ble Bi che wa kan per abe der Ge die me ſch ber ſch ver ll Ec aber ſon⸗ var: ihr agte vier 159 ihr Vergehen nicht eingeſtehen wollten. Von dieſem er⸗ hielt der ganze Thurm auch den Namen„des Marter⸗ thurmes.“ Die Gefängniße haben wir bereits beſchrieben; es bleibt uns nur noch übrig, unſeren Leſern ein kleines Bild von der Alt⸗Ofner⸗Folterkammer zu entwerfen. Aus der Amtsſtube führte ein kleines Seitenthür⸗ chen in einen kurzen ſchmalen Gang; an deſſen Ende war eine große eiſerne Thüre, welche in die Marter⸗ kammer führte. Dieſer Weg war nur für das Amts⸗ perſonale und die etwaigen Zeugen beſtimmt, vom Hofe aber führte eine zweite Thüre in die Kammer, welche dem ausſchließlichen Gebrauche des Henkers und ſeiner Gehülfen geöffnet war; durch dieſe Thüre wurden auch die Verbrecher hereingebracht. Wenn man in die Kam⸗ mer trat, ſo konnte der Blick bis ans Dach hinauf⸗ ſchweifen, wo Sperlinge und im Sommer auch Schwal⸗ ben ganz ruhig niſteten, außer wenn ſie durch das Ge⸗ ſchrei und den Jammer der Gefolterten auf kurze Zeit verſcheucht wurden. Von oben fiel zwar Licht herab, gllein dieſes wäre zur Verbreitung einer Tageshelle viel zu matt geweſen, würde nicht auf dem Heerde in der Ecke und in ſeinem unterhalb befindlichen großen Ofen bei jedesmaliger Folteranwendung ein großes Feuer ge⸗ 160 brannt haben, welches zum Glühendmachen verſchiede⸗ ner Werkzeuge, und zugleich zur Verbreitung eines ro⸗ then ſchauerlichen Lichtes dienen mußte.— Von dieſem Ofen wurde der Rauch mittelſt eines Schlottes bis übers Dach hinausgeleitet; ſo oft daher aus dieſer Heffnung eine Rauchſäule aufſtieg, ſo wußte man in ganz Alt⸗Ofen, daß Jemanden an dieſem Tage die Folter erwarte. Die Wände des Thurmes waren ſchwarz und feucht, an großen Nägeln hingen Spieße, Zangen, Schürrhaken, einige aus eiſernen Schienen geformte Stiefel, eben ſolche Schnürleibchen, und verſchiedene Gattungen von Daumpreſſen; dann ſah man einige Folterbänke, die noch die ſchöne Eigenſchaft beſaßen, daß von allen Seiten feine Eiſenſpitzen hervorragten, dann Folterbetten, deren beide nach der Quere getheilte Hälften durch Umdrehen einer Kurbel recht langſam aus⸗ einander gingen, und auf dieſe Art den oben und un⸗ ten befeſtigten Verbrecher in die Länge zogen.„Ein hübſches Mittelchen groß zu werden,“ pflegte Herr Bonifazius bei deſſen Anwendung zu kichern. Die Anordnung des erſten Verhörs war ſo plötz⸗ lich gekommen, daß der Vorſteher für ſeinen Schütz⸗ ling nichts mehr zu thun vermochte; trotz allen Nach⸗ forſchungen hatte ſich bis dahin nichts vorgefunden, hiede⸗ 6 ro⸗ ieſem s bis dieſer an in e die warz ngen, ormte dene einige aßen, gten, heilte aus⸗ d un⸗ „Ein Herr plötz⸗ kach⸗ den, 161 was zur Rettung des armen Noße beigetragen haben würde; es blieb daher nichts Anderes übrig, als ſich willig in die unabänderliche Lage zu fügen, und das Schickſal der Gefangenen der Gerechtigkeit des Him⸗ mels anheimzuſtellen. Das Einzige, was Reb Schmule that, war, daß er, um ſeinen Lieben große Qual zu erſparen, ſich heimlich aus dem Hauſe entfernte, um als Vorſteher dem Verhöre beizuwohnen. Vielleicht— ſo flüſterte ihm die Hoffnung zu— ergibt ſich dort ein Umſtand, die Unſchuld des armen Paares an den Tag zu legen. Es war bereits gegen vier Uhr Nachmittags, bis ſich alle Vorgeladenen in der Amtsſtube eingefunden hatten. Obenan ſaß Herr Bonifazius im feſtlichen Amts⸗ kleide, zu ſeiner Rechten zwei Schöppen, dann ein Schreiber, der das Protocoll führte; zur Linken befan⸗ den ſich der Gemeinde-Vorſteher und der Rabbi. Als Zeugen ſtanden da: zwei alte Judenweiber, dann ein alter Mann, der Nachtwächter und Scholem.— Pinches als Ankläger eröffnete ihre Reihe. Die wahnſinnige Jentel, von zwei kräftigen Männern ge⸗ halten, ſaß in einem Winkel der Stube, und glotzte gedankenlos die Scene an. Nach Vorleſung der langen Anklage und Abhörung der Zeugen, was wir aber zu 14 —— 162 wiederholen unterlaſſen, befahl Herr Bonifazius, die alte Hexe vorzuführen. In der Mitte zweier Schergen trippelte Renne herein. Sie ſah blaß und verſtört aus, ihre Augen waren roth geweint, die Haube, ihr Fal⸗ tenkleid waren beſchmutzt, das Sammtband um die Stirne verſchoben, die Lippen verdorrt, und ihre Spra⸗ che etwas heiſer. Auf dem Einen der Füße trug ſie ei⸗ nen Schuh, auf dem Andern einen Pantoffel; ſie hatte ihre Tchinne unter dem Arm; in dem Augenblicke, als man ihr ſtille zu ſtehen befahl, öffnete ſie das Büch⸗ lein, und begann halb laut zu murmeln. „Donnerwetter,“ ſchrie Herr Bonifazius auf⸗ ſpringend,„mir ſcheint, die alte Hexe will es auch uns anthun,“— das war des Richters vollkommener Ernſt—„verſtopft ihr das Maul, oder nehmt ihr das Buch weg.“ Als man den Schlußbefehl vollziehen wollte, ſtieß Nenne ein heiſeres Zettergeſchrei aus, und umklam⸗ merte das Vuch mit beiden Händen. Um keinen Preis wollte ſie davon laſſen.„Meine Tchinne, meine Tchinne!“ ſchrie ſie, ohne abzuſetzen. Jetzt legte ſich der Rabbi ins Mittel; er verſi⸗ cherte, daß das Büchlein nichts anderes, als Gebete für fromme jüdiſche Frauen enthalte, und daß man es ihr haf Geſ wir alte He wie chet der etw von ihr ma wie wa die gen tieß am⸗ eine zen. erſi⸗ bete 163 ihr ungehindert laſſen könne, weil das Gebet ihr ſünd⸗ haftes Herz vielleicht doch noch erweichen, und ſie zum Geſtändniß geneigter machen würde. Dieſe Worte wirkten— Renne behielt ihre Tchinne. tun begann Herr Bonifazius:„Wie heißt Du, alte Hexe?“ „Ich heiße Nenne Roſentiegel, und bin keine Hexe, ſondern eine Kindbettwärterin in der Gemeinde.“ „Halts Maul, altes Fegfeuer!“ Nenne ſchwieg, öffnete ihr Büchlein und begann wieder zu beten. „Warum biſt Du an dem ſogenannten erſten Sli⸗ chesmorgen zu ſpät in die Schule gekommen?“ fragte der Richter weiter. Nenne hob den Kopf in die Höhe, und murmelte etwas lauter:„— Und baue wieder auf die Mauern von Jeruſalem, Amen.“ Dieſes waren die letzten Worte ihres Gebetes, welche ſie laut ausſprach, da ſie nicht mafßek*) ſein wollte, dann erſt antwortete ſie dem Richter:„Weil ich mich verſchlafen habe,“ und fuhr wieder fort, das nämliche Gebet noch einmal, aber et⸗ was ſchneller vor ſich hinzumurmeln. *) Das Gebet unterbrechen. 164 „Es iſt höchſt verdächtig,“ ſprach Herr Bonifa⸗ zius zu den Mitrichtern,„daß die Here gerade an dieſem Morgen ſich verſchlafen hat, denn wie uns eine vieljährige Praxis gelehrt, laſſen dieſe Stregae vulgo Hexen, wenn ſie ihre nächtlichen Teufelstänze halten, ein Blendwerk, das ihrem Körper gleicht, zu Hauſe, und fahren dann zum Rauchfang hinaus. Dieß war auch hier der Fall, und weil die Alte draußen mit der Zubereitung des Zaubertrankes für die Tochter des Herrn Rabbi ſich zu lange aufgehalten hat, ſo war es natürlich, daß ſie zu ſpät in die Schule kam. Herr Bonifazius war über dieſe ſeine ſcharfſinnige Folgerung ſo entzückt, daß er ſich am Schluße derſel⸗ ben des Ausrufs nicht enthalten konnte:„bei meiner unbeſtechlichen Gerechtigkeit, ich habe geſprochen wie ein Weiſer!“ „Ja gewiß,“ antwortete einer der Schöppen, Salomon, der Weiſe, war ein Narr dagegen.“ Die anweſenden Juden entſetzten ſich über dieſe profane Vergleichung, nur Nenne war herzlich froh, daß der Richter ſo anhaltend ſprach, und ſie ununter⸗ brochen beten konnte. Herr Bonifazius kontinuirte:„Was hat Dir dein ifa⸗ an eine go lten, Dieß mit des x es mige rſel⸗ einer wie open, dieſe froh, nter⸗ dein 165 Miethmann für die Bereitung des Zaubertrankes be⸗ zahlt?“ „Ich habe keinen Trank bereitet!“ erwiederte Nenne. „Läugne nicht, Du alte Hexe,“ drohte der Rich⸗ ter,„bekenne aufrichtig, ſonſt laſſe ich Dir die Glie⸗ der einrichten.“ „Weh geſchrieen!“ kreiſchte Nenne im kläglichen Tone,„was ſoll ich bekennen, wenn ich nichts weiß, wenn ich nichts gethan habe. Rabbi Leben,“ wandte ſie ſich zu dieſem,„Ihr kennt mich doch ſchon über zwan⸗ zig Jahre, bin ich je im Rufe einer Machſchefe*) ge— ſtanden, hab ich je ſo etwas getrieben? Sprecht Rabbi Leben, helft mir das Herz des Schofet*) erweichen— mein Gott, ich bin ein armes altes Weib, bin ſchon ſo lange Kindbettwärterin in der Gemeinde,— hat man je gehört, daß ein Kind geſtohlen worden oder von den Machſchefe's ausgetauſcht worden wäre; ach Du lieber Gott, jetzt wollen ſie mir dieſes Alles aufbürden, ach Gott— ach Gott— ach Gott—“ Verzweiflungsvoll öffnete ſie ihre Tchinne und be⸗ * Hexe. **) Richter. 166 gann ſchnell mit weinender Stimme ein Gebet zu mur⸗ meln. Der Richter war an dergleichen Auftritte mit He⸗ ren und Juden zu gewohnt, als daß ihm ſolch Beneh⸗ men gerade jetzt aufgefallen wäre; es geſchah oft, daß Juden während einer langwierigen Gerichtsunterhand⸗ lung, ihr Gebet verrichten, daß ſie ihr Koſchereſſen*) mitgebracht, und es ſich in der Amtsſtube wohl ſchme⸗ cken ließen; auch lebte Herr Bonifazius ſchon zu lange in der Nähe der Juden, als daß er mit ihren Gebräu⸗ chen nicht hinlänglich bekannt ſein ſollte. „Wir wollen die beiden Delinquenten gegen einan⸗ der ſtellen,“ ſprach der Richter zu den Schöppen, viel⸗ leicht werden ſie durch Mienen oder Zeichen ihr Einver⸗ ſtändniß kund geben, iſt dieß der Fall, dann machen wir einen kurzen Prozeß, und laſſen ſie foltern.“ „Zu welchem Zwecke,“ begann einer der Schöppen, „habt Ihr Herr Richter, das wahnſinnige Mädchen her⸗ bringen laſſen.“ „Das ſollt Ihr gleich erfahren,“ ſprach der Ge⸗ fragte, und befahl, den Andern der Deliquenten vorzu⸗ führen. *) Reines erlaubtes Eſſen. nicht fäng ken konr ihr ärnt lane litze Thr cken wuf hen Bü glei „ſe Ze etn Fr 167 ir⸗ Noße erſchien.— Wiewohl etwas blaß, war doch nicht zu verkennen, daß ihn die Beſchwerden des Ge⸗ e⸗ fiüngniſſes nicht ſehr niedergedrückt hatten; ſeine Gedan⸗ eh⸗ ken waren ja immer bei Channe geweſen, ungeſtört aß konnte er ſich ja mit ihr im Geiſte unterhalten, konnte d⸗ ihr ſeine Unſchuld betheuern, und den Lohn ſeiner Treue 5 ärnten. Er trat feſten Schrittes in die Mitte, erhob ne⸗ langſam das Auge, und gewahrte den Roſch Hakohol. 8 Eeine glühende Röthe erbrannte jetzt auf ſeinem Ant⸗ litze, furchtſam ſenkte er den Blick zur Erde, und eine Thräne rann über ſeine Wangen. Es war das drü⸗ el ckende Gefühl, angeklagt— wenn auch mit dem Be⸗ wußtſein der Unſchuld— vor ſeinen Wohlthäter zu ſte⸗ er⸗ 2 . hen, welches ihn ſo mächtig ergriffen. en tenne hatte kaum den Bocher erblickt, als ſie ihr en, Büchlein zuſchlug, und erfreut ſeine Hand ergriff. er⸗„Seid Ihr auch da, armer Bocher,“ rief ſie, gleichſam erfreut, ihren Miethmann wieder zu ſehen, He⸗„ſeht da, Herr Richter Leben, der war auch längere 9 zu⸗ Zeit in meinem Hauſe, er ſoll es frei geſtehen, ob er etwas Unrechtes an mir bemerkt; hab' ich nicht alle Freitage Abend's an meiner Lampe den Schabbeß ge⸗ 168 heiligt, habe ich nicht Chale*) genommen, hat er je nur die Spitzen meiner Haare erblickt, habe ich nicht alle dontage und Donnerſtage gefaſtet, und We⸗hu Ra⸗ chum**) geſagt, bin ich je mechale Schabbeß***) ge⸗ weſen; mein Gott, ſo redet doch, ſonſt werden wir ge⸗ peinigt, zermartert, zerfoltert, ach Noße, Noße! Ihr habt Unglück in mein Haus gebracht. Während Nenne's Rede hatte Herr Bonifazius ſei⸗ nen Mitrichtern freundlich zugewinkt, als ob er ſagen wollte:„Es iſt gewiß, ſie ſind einverſtanden,“ er ließ die Alte fortreden; theils wußte er, daß dergleichen Re⸗ deſtrömen ſchwer ein Damm zu ſetzen ſei, theils aber weidete er ſich an der Angſt der armen Jüdin. Nenne hätte nach einiger Raſt eine neue Folge ihrer Unſchulds⸗ Betheuerungen nachgeſchickt; allein ein anderer Auftritt ſtörte ſie darin. Die wahnſinnige Jentel hatte beim Eintreten No⸗ ße's, den Kopf zur Erde geſenkt, und wiegte ihren Ober⸗ *) Ehe ein Teig gebacken wird, wirft die Hausfrau ein Stück in das Feuer, und betet den Segen darüber; dieſes Geſetz gründet ſich auf das II. Buch Moſ. Cap. VIII. Vers 26— 28. **) Ein Gebet welches an dieſem Tage gebetet wird. ***) Entweihung des Sabbats. leib Re alle hat ſie her pre Bo der nur alle Ra⸗ ge⸗ ge⸗ Ihr ſei⸗ gen ließ Re⸗ aber enne ds⸗ tritt No⸗ ber⸗ ein ber; Cap. 169 leib in kleinen Schwingungen rechts und links. Die Reden drangen wohl in ihr Ohr, ſie verſtand dieſelben, allein ſie nahm keinen Antheil an ihnen; kaum aber hatte Nenne den Namen Noße ausgeſprochen, ſo hatte ſie ſich mit einem Sprunge ihren darauf nicht vorgeſe⸗ henen Hütern entriſſen, ſtand an Noße's Seite, und preßte ihn wüthend an ſich. „Weh geſchrieen meſchugge Jentel iſt da,“ ſchrie tenne entſetzt, öffnete ihre Tchinne, und begann ſchnell zu beten. „Noße, mein Gold!“ kreiſchte die Wahnſinnige, „hab' ich Dich, wart' nur, jetzt will ich Dich nicht mehr von mir laſſen, mußt mein bleiben, ja mein,— ſchau Du böſer, böſer Noße— wart nur Noße,— jetzt ſollſt Du mir nicht mehr untreu werden.“ Jentel umklammerte ihn trotz den Anſtrengungen des Bochers, ſich loszumachen, mit wahnſinniger Angſt. Die Unglückliche, ihren Vater hatte ſie nicht erkannt, aber der Name des Geliebten durchdrang ſelbſt die Nacht des Wahnſinns. Mit ſchwerer Mühe wurde ſie von dem Bocher losgeriſſen und aus der Gerichtsſtube entfernt. Herr Bonifazius wendete ſich dann zu dem einen der Schöppen:„Nun ſeht Ihr' mit eigenen Augen, ſie iſt bezaubert; er hat ihr's angethan; deßwegen habe Der Fluch d. Rabbi. 15 170 ich die Wohnſinnige herbringen laſſen; ein Menſch, der ſolch ein Verbrechen begeht, iſt auch eines Mordes fä⸗ hig, es iſt kein Zweifel mehr, er hat auch den Schul⸗ klopfer erdroſſelt. Was die Alte betrifft, ſo iſt ſie mit ihm einverſtanden, ihr Entſetzen bei dem Erſcheinen der Wahnſinnigen und ſelbſt das eifrige Beten, um ſich mit dem Himmel auszuſöhnen, zeigt deutlich von ihrer Schuld. Ein weiteres Verhör wäre ganz überflüſſig, aber der Formalität wegen, darf es nicht unterbleiben.“ nun wurde das Verhör mit Noße fortgeſetzt, al⸗ lein es währt uns viel zu lange, um bei demſelben zu verweilen, wir wollen indeſſen lieber die Amtsſtube verlaſſen, da ſich draußen in dem Marterthurm eine für uns intereſſantere Scene zutrug. Während des Verhörs traf Zigan Miſchko mit zwei Gehülfen in der Marterkammer ſeine Vorkehrungen. Miſchko war eine hohe hogere Geſtalt; ſeine ſchwarz⸗ gelbe Farbe, das glühende hervorſtechende Auge, die aufgeworfenen Lippen, verriethen den Zigeuner. Seine beiden Gehilfen glichen ihm auf ein Haar, nur waren ſie kleiner, ſie ſchienen das en migniatur zu ſein, was Miſchko in Lebensgröße war. In dem Ofen praſſelte eine rieſige Flamme, verſchiedene Werkzeuge ſteckten in der Glut; Miſchko ging geſchäftig umher, ſchmierte übe zieh die nun die Hof verg mer an frag Alle Fnc Her Ein ich und —recht den muf Wer eine ben. 171 überall die Schrauben mit Hehl, daß ſie um ſo beſſer ziehen ſollten, ſtellte Alles zurecht, hier die Stiefel, dort die Schnürleibchen, und ſo fort Alles in gehöriger Ord⸗ nung, ein Gehilfe trug Holz zu, der Andere ſchürte die Glut. Die Thüre, welche aus dem Thurm in den Hof ging, war offen, damit der Zug in dem Ofen vergrößert, und die Glut befördert werde.„Da be⸗ merkte der Henker plötzlich einen kleinen Judenknaben an dem Eingange. „Wie biſt Du verdammter Junge hergekommen?“ fragte der Henker erſtaunt,— zu ſolcher Zeit iſt ja Alles geſchloſſen.“ „Ei, wie bin ich hergekommen,“ antwortete der Knabe fein,„über die Planke bin ich geklettert. Seht Herr Miſchko, ich habe ſchon ſo viel von den ſchönen Einrichtungen des Marterthurms erzählen gehört, daß ich ordentlich neugierig wurde, ihn ſelbſt zu ſehen, und weil heute gerade aus dem Rauchfange eine ſo —recht dicke Wolke aufſtieg, da dachte ich mir, ha, wer⸗ den gewiß wieder eine alte Hexe in der Beize haben, muß doch auch hingehen, und wenigſtens einmal die Werkzeuge beſchauen; wenn du dem Herrn Miſchko einen guten Trunk reichſt, wird er nichts dagegen ha⸗ ben.“ 172 „Freilich nicht,“ ſchmunzelte der Zigeuner,„aber es ſcheint Du haſt den guten Trunk zu Hauſe gelaſ⸗ ſen.“ „Warum nicht gar,“ rief der Judenknabe,„hier in der Taſche habe ich ihn.“ „So komm' herein,“ ſprach Miſchko einladend. „Ich fürchte mich.“ „Wer darf Dir ohne meinen Willen etwas zu Leide thun, hier bin ich Herr, komm nur herein, und fürchte Dich nicht. Jetzt trat der Knabe ein, zog ein Fläſchchen aus der Taſche, und reichte es dem Zigeuner. „Beim Teufel!“ rief er nach dem erſten Schlucke, „der Brandwein, den ich früher durch die Güte des Herrn Richters erhalten, iſt reines Waſſer dagegen, der ſchmeckt—“ „Trinkt nur,“ ermunterte ihn der Judenknabe, „ich habe noch mehrere Fläſchchen in der Taſche.“ „So,“ rief der Henker,„da ſollſt Du nicht lange warten.“ Er ſetzte ſeine Flaſche an, trank ſie auf einmal aus, und übernahm gleich eine Andere. Während er nun mit dieſer beſchäftigt war, ſchlich ſich der Knabe rückwärts, und ſchenkte den beiden Ge⸗ hil der Kr ver au: abe kor kar ſch zu un hin ver Br ihn un ſeir ind cke, des en, be, mal lich 173 hilfen auch einige Fläſchchen. Es war zum Verwun⸗ dern, mehr als zwanzig ſolcher Fläſchchen hatte der Knabe aus ſeinen Taſchen und Löchern gezogen, die er verhältnißmäßig unter dem Henker und ſeinen Gehilfen austheilte. „Biſt ein verfluchter Junge,“ rief Miſchko, als er abermals eine Flaſche erhalten hatte,„kannſt alle Tage kommen, ich werde Dir die Sachen zeigen, aber heute kann ich nicht mehr, habe keine Zeit.“„Trinkt Bur⸗ ſchen,“ rief er den Gehilfen zu, die ſich ſchon früher zu ihm geſetzt hatten,—„trinkt, daß wir nachher unſere Schuldigkeit recht thun können?“ „Mein Gott!“ ſeufzte der Judenknabe vor ſich hin,„ſollte Alles noch zu wenig geweſen ſein?“ Nun wollten die drei Zecher aufſtehen, aber ſie vermochten es nicht. „Ei verdammt,“ rief der Henker,„ſind meine Beine auf einmal gar ſo ſchwer geworden; helft mir Burſche,“ ſchrie er den Andern zu, aber dieſe konnten ihm keine Hilfe leiſten, denn ſchwächerer Natur als ihr Meiſter, wirkte das ſcharfe Getränk auf ihre Sinne, und ſie ſanken wie leblos, auf den Boden hin. „Ihr Teufelsburſche, werdet doch nicht betrunken ſein,“ ſtammelte der Henker,„helft mir auf, Ihr — „ 174 Hunde, ſonſt leg ich Euch Daumſchrauben an,— wo iſt der Judenknabe mit ſeinem hölliſchen Geſäuf, das brennt, kocht und ſiedet in den Gedärmen,— hab zu viel ge⸗ trunken;— er wollte ſich immer erheben, vermochte es aber nicht—„ach! mein Hals, mein Kopf, mir ſchwindelt, ich— kann heute, nicht foltern— fol— tern.“— Er war bei dieſen Worten umgeſunken, wälzte ſich der Länge nach, einige Male auf dem Boden, und blieb endlich, zwiſchen ſeinen Gehilfen, den Rücken ge⸗ gen Oben gekehrt, liegen. Der kleine Judenknabe hatte ſich ſchon früher ent⸗ fernt, auf jeden ſeiner Züge war Freude zu leſen, die das glückliche Gelingen eines Planes hinlänglich beur⸗ kundete.— Indeſſen war das Verhör mit Noße beendiget. Der Bocher hatte natürlich nichts geſtanden; er ver⸗ mochte keine Gründe ſeiner Unſchuld an den Tag zu legen, und dieſes war bei einem Hexenprozeß um ſo ge⸗ fährlicher, weil bei einem ſolchen oft die deutlichſten Beweiſe wenig fruchteten. „Sintemalen alſo,“ ſchloß Herr Bonifazius ſeine gerichtliche Meinung, und erhob ſich vom Stuhle,„die Verbrecher nichts eingeſtehen wollen, ſo ſehen wir uns o iſt nnt, chte mir ſich und ge⸗ ent⸗ die eur⸗ iget. ver⸗ 3 zu ge⸗ hſten ſeine „die 175 gezwungen, auch dieſesmal Zwangsmittel in Anwendung zu bringen, und wollen für heute mit dem erſten Grade den Anfang machen.“— Alle Beiſitzer erhoben ſich.— Nenne hatte den Ausſpruch des Richters überhört. „Noße Leben,“ wendete ſie ſich raſch zu dieſem,“ „was hat er geſagt?“ Man wird uns foltern,“ erwiederte der Bocher kurz. „Weh geſchrieen,“ jammerte Nenne beſtürzt,„fan⸗ gen ſie mir ſchon wieder mit dem Gefolter an, ſie wol⸗ len mich ſtechen, zwicken, brennen, daß ich mich zu Verbrechen bekennen ſoll, die ich nicht begangen; ſie wollen mich unſchuldig martern— ach! ich bin un⸗ ſchuldig, ſo wahr ein Gott im ſiebenten Himmel und dieſes heilige Buch eine Tchinne iſt. Nicht wahr Herr Richter Leben,“ ſie lief auf dieſen zu und faßte ſeine Hand,„Ihr werdet kein Gefolter brauchen, mein gol⸗ dener ſilberner, diamantener Herr Richter Leben, thut mir nur das nicht an— ach,“ ſie begann im Voraus ſchon zu zittern,„ich kann es nicht aushalten, es muß eine gräßliche Pein ſein: Herr Richter Leben“— fuhr ſie etwas leiſer fort,„ich will Euch eine goldene Kette geben, ſie iſt ſchwer— wiegt zehn Goldſtücke auf— ja 176 die geb' ich Euch, aber nur nicht martern, nicht zwicken, ſtechen, nicht brennen!“— ein Herr Bonifazius hätte das verſprochene Kleinnd gel gerne an ſich gebracht, und wäre dieſes Verſprechen unter vier Augen gegeben worden, wer weiß, was ge⸗ die ſchehen wäre, ſo aber wirkte es gerade entgegengeſetzt, we die Verſammlung war zu groß, und Nenne's kreiſchende Stimme hatte gewiß Jeder vernommen. ků „Bei meiner unbeſtechlichen Gerechtigkeit,“ rief er, B „mir ſcheint gar die alte Hexe will meine Güte miß⸗ ich brauchen, wart' ich will Dich eines Andern belehren.“ ti „Führt die Deliquenten in den Marterthurm, wir eilen* voraus.“ Während der Richter ſich an der Spitze der Ver⸗ 6 ſammelten durch die Seitenthüre entfernte, wurden die Verbrecher über den Hof zur Folterkammer gebracht.— Mit gravitätiſcher Miene trat Herr Bonifazius in 5 den ſchreck⸗ und jammerreichen Thurm, doch Staunen bemeiſterte ſich ſeiner, als er die drei unheimlichen Ge⸗ ſtalten leblos auf den Boden liegend fand. „Der Henker und ſeine Gehilfen,“ rief er im er⸗ ſten Augenblicke entſetzt,„ſind gemordet!“ „Nein, nein,“ ſchrie ein Schöppe, der ſie etwas 6 näher betrachtet hatte,„ſie ſind betrunken.“ „ en, nod hen ge⸗ etzt, nde er, niß⸗ n.“ ilen er⸗ die in nen vas 177 „Verdammt!“ murmelte der Richter, ſollte das einzige Glas Brandwein, eine ſolche Wirkung hervor⸗ gebracht haben?“ Jede Mühe die Henker zu wecken, war vergebens, die Folter mußte auf den morgigen Tag verſchoben werden. Als dieſes den Verbrechern mit dem Beiſatze ange⸗ kündigt wurde, daß ihnen noch eine Nacht Friſt zum Bedenken gegeben ſei,“ rief Nenne freudig:„ Hab' ich nicht geſagt, daß ich unſchuldig bin, jetzt hat der liebe Gott ein Neß gethan, ein Wunder iſt geſchehen— ein Wunder—“ Noch in der Ferne, als ſie abgeführt wurde, hörte man ſie rufen:„Ein Neß— ein Neß—“ Von dieſem Augenblicke an, war ihre Zuverſicht zum Himmel ſo groß, daß ihrem Munde keine Klage mehr entſchlüpfte. Der Gemeindevorſteher langte freudig in ſeiner Wohnung an.„Für heute,“ rief er ſeinen Lieben zu, „iſt Noße wieder gerettet.“ „Gottlob!“ ſeufzte Channe im Uebermaße des Entzückens, und ſtürzte jubelnd in die Arme der beſe⸗ ligten Mutter. 178 Es war freilich eine kurze Friſt, aber was konnte nicht Alles in dieſer Nacht geſchehen. Ein gonz anderer Empfang wartete des Rabbi. Als er eben in den Schulhof trat, kamen ihm eine Menge alter Weiber entgegen, die ſich in lauten Klagen ergoſſen. „Was gibt es?“ fragte er von einer ſchrecklichen Ahnung ergriffen. „Schneidet Euch eine Krie⸗e*),“ ſchrie eine Stimme. „Die Rebezen iſt todt,“ kreiſchte eine Andere. Entſetzt ſtürzte nun der Rabbi in ſeine Wohnung. *) Ein Einſchnitt in den Kleidern, bei dem Todtenfall eines nahen Verwandten. nme. dere. nfall Frau Indeß tritt auch wieder auf. Die Frau des Schameß hatte die letzten Tage nicht ohne Sorge und Unruhe verlebt. Ihr Gewiſſen ſprach es laut aus, daß auch ſie einen Theil der Schuld an dieſem Unglücke trage, und zu ihrem Lobe ſei es geſagt, ſie war nicht verderbt genug, gegen ſolche innere Mah⸗ nungen taub zu ſein. Sie ſann daher nach, wie denn der Sache abzuhelfen ſei, wenigſtens in ſo ferne, daß Noße und Nenne von der gerichtlichen Anklage losge⸗ ſprochen würden. Das war nun ſchwer. Die Klage konnte nicht rückgängig gemacht werden, und ohne ſich ſelbſt dem Gerichte preiszugeben, durfte ſie keineswegs als Enthüllerin des einen Geheimniſſes auftreten; von dem Morde des Schulklopfers wußte ſie ſo viel, wie die Andern.— 180 Sie wollte daher die Rettung der unſchuldig Ge⸗ fangenen, auf einem eigenen Wege verſuchen; allein ſie mißlang vollkommen. Die Rebezen lag ſchwer dar⸗ nieder, der Rabbi war zum Verhör berufen worden, Pinches und Jentel befanden ſich ebenfalls dort, ſo blieb Frau Judeß mit der Kranken allein zurück, denn ſie hatte aus Gefälligkeit die Ueberwachung derſelben während dieſer kurzen Zeit auf ſich genommen. „Wo iſt mein Mann hingegangen?“ fragte die Kranke ſchwach, da ſie eben aus einem fieberiſchen Schlafe erwacht war. „Ins Amtshaus!“ erwiederte Judeß. „Schon wieder zu den Gojim, mein Gott heute iſt ja der zweite Tag Roſch Haſchono—“ „Seid ruhig Rebezen, heute iſt das erſte Verhör, ich habe Furcht, als ob es mich anginge.“ „Die verdammte Nenne,— ach— Jentel mein Kind, der verfluchte Bocher—“ „Glaubt Ihr alſo wirklich, daß Noße die Schuld an dieſem Unglücke trage?“ „Wer ſonſt, wie er, hat ihn meine Jentel nicht geliebt?“ „Eben deßwegen würde er doch ſolcher Mittel nicht bedurft haben.“— ſolc wol Iht gla No Au feh mi G ter die er v uld icht cht 181 „Wer weiß, aus welcher Abſicht er es gethan,— ſolchen heimtückiſchen Menſchen iſt nicht zu trauen, er wollte ſie vielleicht—“ „Was fällt Euch ein Frau Rebezen, das könnt Ihr von jeden Andern, nur nicht von Noße Traun glauben. Ich würde mein Leben dagegen wetten, daß Noße unſchuldig iſt.“— Die Rebezen ſchwieg und ſchaute mit verglasten Augen auf die Sprecherin. „Seht, Frau Bäle, Ihr liegt jetzt ſchon mehrere Wochen krank darnieder. Niemand weiß was Euch fehlt, Niemand kann Euch helfen, es iſt vielleicht, möglich— ich ſage vielleicht,— daß dieſes eine Strafe Gottes iſt—“ Frau Bäle fuhr zuſammen.„Liebe Judeß,“ ſtot⸗ terte ſie,„weiß ich mich doch keiner Sünde zu erinnern.“ „An Euch und den Herrn Rabbi liegt gewiß nicht die Schuld,“ ſprach die Frau des Schameß,„aber mein Gott, Ihr wißt daß ſich die Sünde in einer Familie fort⸗ erbt, bis in das ſiebente Glied„ vielleicht haben Euere Urväter geſündigt, und Ihr müßt es büßen. Euere Verwandtſchaft iſt ausgebreitet, vielleicht haben die es verſchuldet, oder ſind es etwa gar Euere Kinder.“— 182 „Meine Kinder?“ ſtammelte die Frau des Rabbi, und bebte am ganzen Leibe,„ja das iſt möglich; Pin⸗ ches gefällt mir in der letzten Zeit nicht, er iſt ſelten zu Hauſe, vernachläſſigt Lernen und Gebet— mein Gott, ſollte Pinches gegen unſere Gebote geſündiget haben?“— „Das wäre noch nicht ſo arg,“ ſprach Judeß, vaber ſeht liebe Frau Rebezen in der Gemeinde geht ein ſonderbares Gerücht herum, alle Leute ſagen, Noße und Nenne wären an dem Wahnſinne Euerer Tochter unſchuldig, und—“ ſie hielt inne. „Fahrt fort— um Gotteswillen!“ rief die Re⸗ bezen, und vermochte kaum mehr den Odem heraus zu preſſen.— Frau Judeß blickte ſtarr auf die Kranke„ und er⸗ faßte ihre bebende Hand, dann ſprach ſie mit gewich⸗ tiger Stimme:„Nun ja, man ſpricht, der Euerer Toch⸗ ter den Trank gereicht, wäre Pinches geweſen.“ „Schadai!“ ſchrie die Rebezen mit fürchterlichem Gebrülle, ſchlug die Hände über den Kopf zuſammen, ſank allmählich auf das Kiſſen zurück, und lag entſeelt auf dem Lager. Das Geſchrei von Judeß rief den Schameß herbei, mehrere alte Weiber wurden geholt, alles angewendet ſie ins für i in d nam zum 183 ins Leben zurückzurufen, aber vergebens, ſie war todt für immer.— In dieſem troſtloſen Augenblicke ſtürzte der Rabbi in die Stube, und fand ſtatt Frau Bäle, ihren Leich⸗ nam.— Das neue Seidenkleid hatte ſie an jenem Sabbath zum erſten und letzten Male auf dem Leibe gehabt.— Scholems Ende. Pinches hatte ſich aus dem Amtshauſe mit ſtillem Grimme entfernt. Es war ſeinem Plane zuwider, daß das Foltern der Verhafteten auf den andern Tag ver⸗ ſchoben wurde, denn er glaubte als beſtimmt voraus⸗ ſetzen zu können, daß Jene ſich da zum Vergehen beken⸗ nen würden, und geſchah dieſes, ſo war er gerechtfer⸗ tigt. Um ſeinen böſen Launen Luft zu machen, eilte er nach Ofen in die bekannte Schenke, wo wir ihn ſchon einſt mit Scholem getroffen haben. Dieſe bildete den Zuſammenkunftsort aller ſchlechten Menſchen, Diebe, Bettler, Mörder der ganzen Umgegend, ſie war die Senkgrube, in welcher ſich aller im Finſtern ſchleichen⸗ der Menſchenunflath konzentrirte. lar los bei Je wi die mi ſic llem daß ver⸗ aus⸗ ken⸗ tfer- te er chon den ebe, rdie hen⸗ 185 In ſolchem Zirkel durfte der Sohn des Rabbi nicht fehlen. Hier verlebte er viele ſeiner Sünderſtun⸗ den, während der getäuſchte Vater ihn am Buche wähnte; er befand ſich immer bei Scholem, freilich, weil ſich auch Scholem hier befand.— Scholem und Pinches, ein hübſches Pärchen,— dieſe Mör⸗ der, Diebe, Gottesläſterer und Heiligthumsſchänder.— Scholem und Pinches, Beide recht für einander geſchaffen, wie zu zwei Freunden geboren; war auch eine recht innige Freundſchaft, aber ſie ſollte nicht mehr lange währen.— Seit dem Wahnſinne Jentels war Scholem troſt⸗ los, er gab nur Pinches die Schuld. Ein gewiſſes Mißtrauen gegen den frühern Freund bemächtigte ſich ſeiner. Pinches war es, der ihn um Jentel gebracht, die ſeine Sinne ſo entflammt hatte, wie konnte er ihm trauen? Es war nun natürlich, daß der Sohn des Rabbi dieſe Aenderung bald gewahrte, und er vergalt Gleiches mit Gleichem. Als Pinches in der Kneipe anlangte, befanden ſich eine Menge Gäſte da, die Stube war voll; ein Einzelner verlor ſich leicht unerkannt unter der großen 16 186 Anzahl. Pinches ſetzte ſich an einen Tiſch, wo ſich be⸗ reits drei Andere niedergelaſſen hatten. Zwei von ihnen waren verkappt; dieß war in je⸗ ner Herberge nichts Seltenes, denn es kamen oft Schur⸗ ken hin, die unerkannt bleiben wollten, verdorbene Mut⸗ terſohnchen, die ihren Eltern etwas entwendet hatten, und es veräußern wollten, untreue Diener, und mehr dergleichen loſes Geſindel. Die beiden Fremden waren ſchmächtige Geſtalten mit falſchen Naſen und Bärten, ihre Kleidung war die deutſcher Bürger, ihre Sprache verrieth wohlerzoge⸗ ne Leute eben jenes Landes. Der Dritte war ein kleiner Jude, mit einem langen, weißen Barte, er und Pin⸗ ches kannten ſich nicht, wiewohl einer in dem Andern den Juden errieth, denn Beide vermochten ihre Abkunft nicht zu leugnen. Dieſe vier Männer hatten ſich an einem Tiſche zuſammen gefunden. Anfangs führten die beiden Deut⸗ ſchen einen leiſen Wortwechſel miteinander, plötzlich wandte ſich der Aeltere von ihnen an den kleinen Juden. „Was gibt es bei Euch Neues, Ihr Herren?“ fragte er mit einem Tone der mehr zu gebieten, als zu gehor⸗ chen geſchaffen ſchien. „Was wird es denn Neues geben“, entgegnete der ſchl lobe klag Jut es ger Ju kein renl blick der je⸗ hur⸗ Nut⸗ ten, nehr ten war oge⸗ iner Pin⸗ dern unft iſche eut⸗ zlich den. 187 der Jude,„bei uns geht alles ſeinen alten Gang, ſchlechte Zeiten, wenig Verdienſt, kleiner Handel.—“ „Der Jude ſcheint nur zum Klagen geboren“, lä⸗ chelte der alte Herr,„ich habe ihn noch nie die Zeiten loben hören, und wenn er ſich über gar nichts zu be⸗ klagen hat, ſo weint er über die Zerſtörung Jeruſalems.“ „Ihr thut uns Unrecht, Herr“, erwiederte der Jude,„unſere Klagen ſind gewöhnlich gerecht, aber es gibt immer Begebenheiten, die uns Anlaß zu Aer⸗ gerniſſen geben; da hat ſich denn in Alt⸗Ofen vor einigen Wochen Etwas zugetragen.“— „Was denn?“ fragte der Anderd neugierig. „Wir ſprechen nicht gerne davon“, erzählte der Jude,„weil es uns Schande macht; aber ihr werdet keinen Gebrauch davon machen;—“ Nun erzählte er die ganze Begebenheit bis auf den Verlauf des Verhörs. Pinches horchte finſter zu, wäh⸗ rend ſich die Neugierde der Fremden mit jedem Augen⸗ blicke ſteigerte. „Die Sache iſt verdächtig“, ſprach der Jüngere der Fremden zu dem Aelteren,„mein—“ „Still“, liſpelte der Andere,„vergeßt Euch nicht.“ Dann wendete er ſich zu dem Juden:„Was meint 188 Ihr wohl, haben die Verhafteten wirklich dieſe Verbre⸗ chen begangen?“ „Meine Meinung,“ lautete die Antwort,„iſt, daß Beide unſchuldig ſeien.“ „Donnerwetter!“ rief der Eine der Deutſchen wild auffahrend, doch ſich im nächſten Augenblicke be⸗ ſänftigend, ließ er ſich ſachte auf ſeinen Stuhl nieder, und ſprach gelaſſen:„Da würden ja die beiden Ver⸗ hafteten unſchuldig leiden,— warum mittelt man den Thäter nicht aus?“ „Es fehlen Beweiſe, Mittel—“ „Auf wen habt Ihr Verdacht?“ Der Ofner neigte ſich an das Ohr des Deutſchen und hauchte ein Wort in dasſelbe. Pinches glaubte ſeinen Namen gehört zu haben, Todtenbläße überzog ſein Geſicht. Die beiden Fremden wechſelten raſch einige leiſe Worte mit einander, und verließen dann eilends die Stube. Pinches blickte ihnen betroffen nach; jetzt wendete er ſich um, wollte dem kleinen Juden mit dem weißen Barte näher rücken, aber dieſer war verſchwunden.— Er vermochte nicht länger an dem Tiſche ſitzen zu blei⸗ ben, er beſchloß nach Hauſe zu eilen. ð) rbre⸗ „iſt, ſchen e be⸗ eder, Ver⸗ den ſchen ben, leiſe die ndete eißen blei⸗ 189 Draußen war es Nacht. Der Mond ſchiffte unter dem unermeßlichen blauen Sternenteppich ruhig dahin, und übergoß die Gegend mit ſeinem Silbermeer; die Donau rauſchte friedlich hinab, ihre Wellen kreiſelten ſich, und ſtrahlten im Glanze des großen Nachtge⸗ ſtirnes; der Wiederſchein der kleinern Sternenlichter tanzte auf der bewegten Fläche, verſchwand zeitweilig, um dann wieder aufzutauchen.— Der Sohn des Rabbi eilte am Ufer hinauf gegen Alt⸗Ofen zu, da trat ihm plötzlich Scholem entgegen. „Woher Pinches?“ „Aus der Waſſerſtadt.“ „Haſt was Neues vernommen?“ „Etwas Schreckliches. Man ſoll uns auf der Spur ſein.“ Ale Teufel!“ rief Scholem. „Haſt Du in der Gemeinde noch nichts ge⸗ hört?“ „Kein Wort, ich glaube kaum, daß Einer eine Ahnung vom wahren Zuſammenhange der Sache hat!“ Nun athmete Pinches friſch auf. „Wo willſt Du nun hin, Pinches?“ „Ich ſuchte Dich, Scholem.“ 190 „Zu welchem Zwecke?“ „Ich habe eine Frage an Dich. Was würdeſt Du wohl thun, wenn man Dich auf den bloßen Verdacht hin einziehen, und der Folter übergeben würde?“ „Mein Gott! welch ſchrecklicher Gedanke!“ rief Scholem, und begann zu zittern. „Beantworte meine Frage,“ drang der Sohn des Rabbi in ſeinen Vertrauten. Scholem konnte vor Angſt nichts erwiedern.„Sind wir verrathen?“ ſtotterte er endlich mühſelig heraus. „Du ſollſt antworten und nicht fragen,“ ſprach Pinches,„erkläre Dich alſo, würde Dir die Folter ein Geſtändniß abzwingen?“ Das Wort Folter brachte auf Scholem eine ver⸗ nichtende Wirkung hervor, er zitterte wie Eſpenlaub. Pinches warf einen Blick ſeitwärts, ſie ſtanden nahe am Ufersrand. „Wenn Dich ſchon meine Frage zittern macht,“ ſprach er zu Scholem,„wie gräßlich wird erſt jene des Richters im Marterthurm auf Dich wirken. Damit Du aber nichts verratheſt, ſo will ich Dich machen ſtumm für immer!“ Ein kräftiger Stoß ſchleuderte Scholem hinab in die Wogen. ſar Je Uf tra ſch ſan au der zo9 un che die — ſar hir de me ger Du cht rief des ind ach ter er en t, des m 191 „Pinches, Mörder!“ ſchrie er im Fallen, und ſank unter. Der Sohn des Rabbi ſpähte gierig nach der Tiefe. Jetzt tauchte Scholem unter ſeinen Füßen, nah am Ufer empor, die Wellen hatten ihn zufällig dahin ge⸗ tragen; die Lebensgefahr ließ Scholem Alles zu ſeiner Rettung anwenden, er fing ſich einige Male an dem ſchwachen Geſträuche, allein dieſes riß immer, und er ſank wiederholt in die Tiefe. Noch einmal tauchte er auf, und umklammerte einen Stein, deſſen Hälfte in der Uferswand vergraben war; dieſer hielt feſt, Scholem zog ſich mühſelig ans Land— noch einen Augenblick, und er hätte feſten Fuß gefaßt— da ſchleuderte Pin⸗ ches von oben eine Schrolle Erde hinab, ſie fiel auf die Hand Scholems, mit einem gräßlichen Geſchrei ſank der Ueberſchüttete zum zweiten Male unter. „Das Waſſer hat keine Balken,“ grinſte Pinches hinab, und ein hölliſches Gelächter drang aus ſeiner Bruſt. Noch einige Male tauchte der Mordgefährte in den Wellen empor, allein immer entfernter vom Ufer; man ſah ihn die Hände hülfeflehend emporſtrecken, dann gewahrte man nichts mehr als den Kopf, der unheim⸗ lich auf der mondbeſchienenen Waſſerfläche hinab⸗ 192 ſchwamm, zuletzt ging auch dieſer unter.— Die Waſſer verſchlangen ihn und ſeine Verbrechen; für die Erde zu ſchlecht, fand er in den Wellen ſein Grab. Pinches eilte nach Alt⸗Ofen. In der untern Wohnſtube des Rabbi befand ſich der Leichnam der Rebezen. Das Gemach bot einen traurigen Anblick dar. Spiegel und Bilder waren mit ihrer Vorderſeite gegen die Wand gekehrt, die Betten bis auf den Strohſack abgeräumt, die Schränke verhangen, und jede Verzierung aus der Stube entfernt. In der Mitte derſelben lag am Boden auf dün⸗ nem Stroh der Leichnam der Frau Bäle, mit einem ſchwarzen Tuche ganz überdeckt. Zu ihrem Kopfe ſtand, ebenfalls auf der Erde, eine kleine brennende Oellampe, welche das Gemach zum Theile nur, erhellte, aus dem übrigen Raum aber die Finſterniß zu verbannen nicht vermochte. Das Fenſter war offen, bei der Thüre ſtand ein Frug mit Waſſer, an einem Nogel hing ein weißes Handtuch, dieſes war die ganze Einrichtung. Zwei alte Männer ſaßen im Nebenzimmer und hielten ———— ————————————————— Sc den Stt hab buc Du Die für rab. ün⸗ nem and, npe, dem ſicht s ißes wei ———— 193 Schmire*). Jeder hatte ein Pſalmbuch vor ſich auf dem Tiſche und betete emſig. Nach einer Weile ſprach der Eine:„Wie viele Stunden mögen wir wohl noch bis zur Mitternacht haben?“ „Ich glaube zwei.“ „Um die Zeit iſt's bei Todten unheimlich.“ „Was fällt Dir ein, wir haben ja unſer Tilim⸗ buch hier.“ „Mein Gott! ich fürcht' mich doch. Horch, haſt Du nichts ſchleichen gehört?“ Beide horchten— Alles war ruhig. „Mir ſcheint,“ begann der Andere,„es iſt Je⸗ mand zur Thüre herein gekommen. Laß uns hinaus ſchauen. Die Todtenwächter ſchlichen leiſe zur Thüre, doch ehe ſie dort anlangten, löſchte ein ſcharfer Zug das Todtenlicht und ihre Kerze aus. Es war augenſchein⸗ lich, daß durch das Heffnen der äußeren Thüre der Luftzug entſtanden war. Die beiden Juden ſtießen einen Furchtſchrei aus, zogen ſich haſtig zurück, und entflohen durchs Fenſter. *) Wache. 194 Ins Todtenzimmer warf der Mond ſein Zauber⸗ licht und beſchien das ſchwarze Tuch, welches die Rebezen deckte, zu deren Füßen jetzt eine große weiße Geſtalt mit herabhängenden Haaren und hohlen Augen ſtand, — tiefe Stille herrſchte,— die Geſtalt ſchien kaum zu athmen. Langſam ließ ſie ſich zur Todten nieder, das Mondenlicht fiel auf das geiſterbleiche Antlitz, man ſah, daß ſich die Lippen bewegten, aber kein Laut durch⸗ zitterte die Luft. Nach einer Weile vernahm man ein leiſes Wimmern, Seufzer drangen aus der Bruſt, aber noch war kein Wort zu hören, kein ſterblich Wort.— Jetzt ergriff die Geſtalt das ſchwarze Tuch, zog es vom Leichnam herab, das Todtengeſicht der Frau Bäle ſtarrte ſie an. Gräßlicher Gedanke! der Wahnſinn ſtarrte den Todt entgegen,— die Tochter ihrer Mut⸗ ter!— Jentel erkannte ſie nicht. „Steh' auf!“ kreiſchte ſie plötzlich, und rüttelte den Leichnam,„ſteh auf Du alte Machſchefe, ſchlaf⸗ nicht ſo lang,— wo haſt Du meinen Noße,— Noße, mein Leben wo biſt Du?— auf! auf!— Du altes Weib,— wirſt Du aufſtehen— faule Hexe.— Lieb⸗ chen iſt da,— ihren Noße zu fordern,— Du haſt ihn war befr der bew Ent erfo erzů auf ſich der jene die kom vor ber⸗ ezen ſtalt and, aum der, mon rch⸗ ein uſt, g es Bäle ſinn dut- telte af' oße, ltes ieb⸗ haſt 195 ihn eingeſperrt, auf Deinem Boden,— auf— auf— wart Noße mein Leben, ich komm ſchon,— will Dich befreien,— die Alte mag nicht— muß ſie zwingen! — komm', komm nur,“ rief ſie, und riß die Todte an der ſtarren Hand, das Stroh kniſterte, der Leichnam bewegte ſich, dann war's wieder ſtill. Die Wahnſinnige ſchien einen Augenblick auf den Entſchluß der Alten zu warten, als dieſer aber nicht erfolgte, ſprang ſie auf. „Willſt Du aufſtehen, altes Weib?“ ſchrie ſie erzürnt,„wie lange ſoll ich auf meinen Noße warten, auf— auf!“— Sie hob den Leichnam beim Kopfe, ſteif bewegte ſich dieſer in die Höhe, bis er endlich kerzengrade neben der Wahnſinnigen ſtand. Das weiße Todtenkleid der Frau Bäle, war von jenen der Unglücklichen Tochter nicht unterſchieden, nur die Haube ließ jene erkennen.— „So altes Mütterchen,“ winſelte Jentel,„komm, komm, laß mich meinen Noße befreien.“ Sie ließ die Todte los, und trat einen Schritt voraus, der Leichnam erhielt ſich einen Augenblick in der aufrechten Stellung, dann aber verlor er das Gleich⸗ 5 196 gewicht, und ſtürzte unter heftigen Gepolter rückwärts auf den Boden.— Jetzt ſprang die Wahnſinnige herbei. Unartikulirte Laute ziſchten zwiſchen ihren Lippen hervor, ſie ſprach viel, aber kein Wort war verſtändlich; es war ein ſchau⸗ dererregender Anblick, wie man ſie auf die Rebezen los⸗ ſtürzen, und ſie mißhandeln ſah.— Endlich erhob ſie den Leichnam zum zweiten Male von der Erde, umfaßte ihn krampfhaft mit beiden Armen, und trug ihn zur Thüre hinaus. Die Geflüchteten kehrten zurück, mehrere Männer begleiteten die Furchtſamen, ſie erſchienen am offenen Fenſter. „Drinnen iſt's noch finſter, ich will hineinleuchten,“ ſprach eine dumpfe Stimme, und hielt die Laterne in die Stube. Das ſchwarze Tuch lag ſeitwärts, das Stroh auf dem Boden, aber der Leichnam war verſchwunden. Die Herzhafteren begannen die Todte zu ſuchen. Jentel war mit dem Leichnam hinausgeeilt, und trug ihn gegen die Schule zu. Die Thüren waren überall verſchloſſen, ſie konnte nirgends eintreten. ———————— dent und Su auf ter det, erle wel ſinn För ſchr den erw Dr värts lirte rach hau⸗ los⸗ b ſie faßte zur nner enen e in auf hen. trug rall 197 Da gewahrte ſie eine Leiter, welche zu der Bo⸗ denthüre des Schuldaches führte; dieſe ſtieg ſie hinan und ſchleppte den Leichnam nach ſich. Das Geräuſch, welches ſie verurſachte, lockte die Suchenden dahin. Sie ſahen die wahnſinnige Jentel auf der Leiter, wie ſie die todte Mutter am Arme hin⸗ ter ſich zerrte; beide geſpenſtiſche Geſtalten, weiß geklei⸗ det, mit den Leichengeſichtern, dieſes Bild vom Monde erleuchtet, von einer ſchaudervollen Stille umwoben, welche nur durch das Keuchen und Schnaufen der Wahn⸗ ſinnigen, und durch das Gepolter, welches der ſtarre Körper auf der Leiter verurſachte, geſtört war, bot eine ſchreckliche Scene dar. Jetzt war Jentel mit dem Leichnam durch die Bo⸗ denthüre verſchwunden. „Was iſt zu thun?“ fragte einer der Männer. „Wir müſſen der Tollen das Meß*) entreißen,“ erwiederte ein Anderer. „Ich geh' nicht auf den Schulboden,“ ſprach ein Dritter,„Jentel iſt gar ſtark. „Du wirſt Dich doch vor ihr nicht fürchten?“ *) Der Leichnam. 198 „Aber die Rebezen—“ „Weißt Du nicht, daß unten die Schule iſt, es kann ja nichts geſchehen.“ Es waren ihrer fünf Männer, und alle zuſammen hätten ſich bald vor zwei Weibern gefürchtet, von wel- chen die Eine überdieß noch todt war. Endlich begannen ſie langſam hinanzuſteigen, den mit der Laterne, nahmen ſie in ihre Mitte. Der Boden über der Schule war ſehr geräumig aber mit verſchiedenen Antiquitäten vollgefüllt; ſo be⸗ fanden ſich oben eine Menge zerbrochener Betſtühle, Ständer, Tiſche und Bänke; alte zerriſſene unbrauch⸗ bare Sidurs, Machſorem, Thillim's*), andere heilige Bücher, alte untragbare Taleßem, Thephillim und Arba⸗Canfoß**) der ganzen Gemeinde wurden auf dieſen Boden geworfen; Eines hier das Andere dort, eine fingerdicke Staubdecke deckte das Ganze, und un⸗ zählige Spinnen zogen ungehindert ihr ſeines Gewebe darüber. *) Verſchiedene Betbücher. **0 Das Erinnerungszeichen an die Gebote Moſes, welches der Jude immer am Leibe trägt. —.— len in det Eit dai hir zut de git ko W ut t, es umen wel⸗ den umig be⸗ ühle, auch⸗ eilige und auf dort, un⸗ webe lches 199 Jetzt befanden ſich die fünf Männer auf den Boden. „Wißt ihr was,“ ſprach der Eine leiſe,„wir wol⸗ ten die Wahnſinnige überliſten. Ihr Viere ſtellt Euch in jene finſtere Ecke, ich mit der Laterne, die ich geblen⸗ det halte, bleibe ſeitswärts vom Eingang. Dann ruft Einer von Euch mehrere Male den Namen„Noße,“ dadurch locken wir Jentel hervor, ſie wird in den Hof hinabeilen und wir können dann das Meß ungehindert zurückbringen.“ Dieſer Rath wurde befolgt. Nach einer Weile rief eine Stimme:„Noße! Noße!“ Die Wahnſinnige hatte kaum dieſen Ruf vernom⸗ men, als ſie auf die Thüre losſtürzte und mit gellenden Zettergeſchrei an der Leiter hinabrutſchte. Jetzt enthüllte ſich die Laterne, es wurde hell auf dem Boden. Die fünf Männer kamen zuſammen, und gingen auf den Hintergrund los, wo Jentel hervorge⸗ kommen war. Die todte Rebezen ſaß in einem Betſtuhle, in welchen ſie die Wahnſinnige hineingepreßt hatte, ſie ſaß und das gebrochene Auge ſtierte halbgeöffnet auf die Männer. 200 Einer ging auf ſie zu, und hob ſie auf, der, mit der Laterne, eilte voraus, die Anderen folgten. Jetzt ſtieß der Eine mit ſeinem Fuße an einen har⸗ ten Gegenſtand, der in dieſem Augenblicke umfiel, und einen dumpfen klingenden Ton von ſich gab. „Du Srole!“ rief er,„komm' her mit der La⸗ terne, laß ſehen, was hier liegt.“ Die Männer blieben ſtehen. Es war ein kupfer⸗ ner Topf mit einem Deckel geſchloſſen. „Gehört wahrſcheinlich dem Schameß,“ ſprach der Eine, vielleicht iſt er vom Peſſachgeſchirr*). „Warum nicht gar,“ erwiederte der Andere,„in dem Topfe iſt etwas drin, hörſt Du nicht,“ er ſtieß mit dem Fuße daran, das Gefäß rollte ein Stückchen weiter, und gab wieder den dumpfen ſcheppernden Ton von ſich. „Ja, ja,“ riefen die Anderen,„Geld iſt darinnen.“ Nehmt den Topf mit, der muß zum Roſch Hakohol gebracht werden.“ Nun ſtiegen die Männer hinab. ¹ Zu Oſtern haben die Juden ganz eigenes Geſchirr. —————— die alt he de tre da wi Ar die ge che mit har⸗ und „in ieß en . — ol 201 Einer trug die Laterne, zwei den Leichnam, und die andern zwei den Topf. So kamen ſie vor der Wohnung des Rabbi an, als Pinches eben in den Hof trat. Er bemerkte die un⸗ heimliche Gruppe, beſonders fiel ihm die Geſtalt mit dem weißen Kleide auf, die von zweien der Männer ge⸗ tragen wurde. Er mochte an ſeine Schweſter denken. „Was gibt es hier?“ ſchrie er, auf ſie zuſpringend. Der Laternenträger erkannte ihn ſogleich. „Wir haben den Leichnam geholt;“ erwiederte er. „Welchen Leichnam?“ rief der Mörder entſetzt. Die Männer ſtaunten, es war ihnen unbekannt daß Pinches von dem Tode ſeiner Mutter noch nichts wiſſe—— „Welche Leiche?“ ſchrie Pinches von gräßlicher Angſt gefoltert. Da wendete der Jude langſam ſeine Laterne gegen die Todte, der Schein des Lichtes fiel auf das Leichen⸗ geſicht der Rebezen. „Meine Mutter!“ brüllte Pinches mit fürchterli⸗ cher Stimme, und ſank ſinnlos auf die todtkalte Leiche. „Pinches mein Sohn! biſt Du jetzt erſt nach Hauſe gekommen?“ tönte eine Stimme durch das gesffnete 202 Fenſter des Bodenſtübchens herab, und der Kopf des Rabbi mit dem langen Barte, ſchaute auf die nächtliche Scene. Hätte Pinches erſt den Topf mit dem Gelde geſe⸗ hen, er würde die Nacht kaum überlebt haben, und wahrſcheinlich zum Selbſtmörder geworden ſein. Die Männer mit dem Topfe hatten ſich aber gleich entfernt.— Eine Scene in der königlichen Burg zu Ofen. Kein Lichtſtrahl ſchimmerte mehr durch die Fenſter von Ungarns damaliger Hauptſtadt; nur ein Einziges im erſten Stock der königlichen Burg war erleuchtet. Zwei Männer befanden ſich in jenem Gemache, die vor Kurzem erſt angekommen ſein mußten. Klei⸗ dungsſtücke, die ſie eben ausgezogen hatten, lagen auf einigen Stühlen umher, an der Unordnung ſah man die Eile, mit welcher dieſes Geſchäft verrichtet wurde. Der Eine von den Männern war eine lange ge⸗ rade Geſtalt mit einem überaus ſchönen Antlitze. Freund⸗ lichkeit ſchaute aus den blauen Augen, ein langer gel⸗ ber Bart hob noch wo möglich die Milde jenes Aus⸗ druckes, und das krauſe Haupthaar vollendete den ſanftmüthigen Ausdruck ſeines Eigenthümers. Der An⸗ 204 zug wurde jetzt mit Zierlichkeit und Geſchmack geord⸗ net, der Bart nett geringelt, und das Haupthaar in die gewohnte Lage gebracht. Der Andere war ein kleines feines Herrlein, hager und dünn, jedem Windſtoß eine Beute, für jeden Luftzug empfänglich. „Dieſe Nachtwanderungen, ach, dieſe Nacht⸗ wanderungen!“ ſeufzte er immer vor ſich hin, aber ſo leiſe, daß ihn der Andere ja nicht hören konnte. „Nun, wie hat Euch das heutige. Abenteuer zuge⸗ ſagt?“ fragte dieſer. „O außerordentlich!“ rief der Kleine demüthig, unter fremdem Kleide erfährt man gar Vieles, was Einem ſonſt verborgen bliebe. „Sagt mir doch,“ begann der Andere, dem Ge⸗ ſpräche plötzlich eine andere Wendung gebend,„was iſt denn mit meinem Pallaſte auf dem Georgius⸗ Platze?“ „Das Gebäude iſt ſchon fertig.“ „Auch eingerichtet?“ „Noch nicht.“ „Warum denn nicht?— Alle Donner! wozu dieſe Zögerung?“ dar imt geb ſtro naf ben Te Eu den en er ———————— 205 „Es fehlt— ja, es fehlt—“ „Euch an Verſtand.— Alle Donner, wenn es darauf ankommt, meine Wünſche zu erfüllen, da fehlt immer etwas. Wurde der Pallaſt auch mit Gärten um⸗ geben?“ „Ja, ringsherum.“ „Sind dieſe ſchon mit Bäume, Blumen und Ge⸗ ſträuch bewachſen?“ „Noch nicht— der Sommer war zu kalt und naß.“ „Wurde der Teich nicht vergeſſen?“ „Auch der iſt gegraben.“ „Bereits gefüllt?“ „Nein, es war zu trocken.“ „Alle Donner! wollt Ihr mich zum Beſten ha⸗ ben?— für den Garten war's zu naß, und für den Teich zu trocken.— Ich glaube, Ihr wollt zuletzt Euern Schneckengang dem lieben Himmel aufbür⸗ ben.— „Ja,“ ſprach der Hagere bedächtig,„wo der Hebel alles Geſchwinden fehlt—“ „Es fehlt ſchon wieder? Alle Donner, hört mir mit den Thorheiten auf—“ 206 „Gold und Silber ſind keine Thorheit!—“ „Sind auch eine Narrheit der Welt!—“ „OD! dann,“ ſeufzte der Kleine,„wünſchte ich am meiſten mit dieſer Narrheit betheilt zu ſein.“ „Das beweiſt, daß Ihr kein Narr ſeid.— Wird auf's Frühjahr der Bau der Brücke fortge⸗ ſetzt?“ „Die zwiſchen Ofen und Peſth?“ fragte der Kleine. „Ja, ja, die meine ich, die Pfeiler ſind ja be⸗ reits vollendet—“ „Ja, die Pfeiler ſtehen da, aber die Brücke fehlt noch,— das will ſo viel ſagen, als ein Häus⸗ chen ſteht, jetzt wollen wir die Stadt bauen.“ „Schon wieder Einwürfe?“ „Ich habe hier nichts als zu ſchweigen, aber die Brücke koſtet zwei Scheffel Gold, und uns fehlt ſo⸗ gar—“ „Alle Donner! es fehlt ſchon wieder. Still, ich will nichts mehr hören.“ Er war aufgebracht, machte einige Gänge durch die Stube, dann trat er auf den Kleinen zu, klopfte ihm auf die Schulter, und ſprach lächelnd:„Nehmt bei Tor noc dige wer Zei dat Un fül der der be⸗ cke u8 207 Euch meine Reden nicht zu Gemüthe, Ihr kennt mich ja— es iſt nie ſo böſe gemeint— wir bleiben die Alten!“ Der Hagere verneigte ſich tief und ſprach: „An Eurer Herzensgüte habe ich nie gezweifelt.“ So eben fällt mir die Alt⸗Ofner Judengeſchichte bei,“ begann der Andere gleichgiltig, und mit einem Tone, in dem man weder das frühere Aufbrauſen noch die ſpätere Beſänftigung geſucht haben würde. —„Wir wollen ein gutes Werk ſtiften, die Unſchul⸗ digen müßen befreit, und der Schuldige feſtgeſetzt werden. Er ſetzte ſich raſch an den Tiſch, ſchrieb einige Zeilen, und ſiegelte ſelbſt den Brief.„Iſt ſogleich an das Ortsgericht nach Alt⸗Ofen zu überſenden.“ „Jetzt, in der Nacht?“ „Gleich, ſage ich,— alle Donner, jetzt gleich; Unſchuldige können nicht früh genug befreit, und Schuldige nicht früh genug feſtgenommen werden.“ Der Kleine entfernte ſich, den Auftrag zu er⸗ füllen, der Mann aber mit dem langen gelben Barte, der ſeelengute, etwas heftige Mann, der ſo vieles Nützliche ausgeführt, noch Mehreres aber leider nur 208 begonnen hatte, da es ihm immer, wie der Hagere ſagte, an dem Hebel alles Geſchwinden fehlte, dieſer Mann blieb allein zurück in ſeinem königlichen Gemache. Es war— doch der geſchichtskundige Leſer wird ſeinen Namen ſchon längſt errathen haben.— Der Morgen des Faſttags Gadalja. Der erſte Tag nach den zwei Neujahrstagen, das iſt der dritte des Monats Tiſchri, iſt ein Faſttag; er wird gehalten; als Trauer über den Tod Gadaljas, der an dieſem Tage ermordet wurde, und mit dem der Glaubensfunke in Iſrael erloſchen iſt, ſo daß die völlige Vertilgung bald darauf erfolgte. Dieß bezeuget Ramb am in ſeinem vielgelehrten Buche. Der Morgen dieſes Tages war es, der zum Fol⸗ tern für Noße und Nenne beſtimmt war. Ehe wir ihn aber berühren, haben wir noch einiger wichtiger Vor⸗ fallenheiten zu erwähnen. Im Hauſe des Roſch Hakohols hatte man den Abend ſehr traurig zugebracht; ein drückendes Gefühl 18 ——f—— 210 lag Allen auf dem Herzen, ein Gefühl, das ihnen je⸗ den Augenblick unaus ſprechlich verbitterte. Sie ſaßen eben Alle am Tiſche, und hingen ih⸗ ren Gedanken nach, da klopfte es leiſe an der Thüre, ein kleiner Jude mit einem langen weißen Barte trat herein. Der Vorſteher erinnerte ſich nicht, ihn je geſe⸗ hen zu haben. „Seid Ihr der Roſch Hakohol von Alt⸗Ofen?“ fragte der Kleine. „Ja,“ erwiederte Reb Schmule. „Ich komme, Euch zu ſagen,“ fuhr der Andere fort,„daß Ihr ganz ruhig ſchlafen ſollt, denn ehe die achte Frühſtunde ſchlägt, ſind Nenne und Noße frei.“ Ein Freudenruf durchhallte die Stube. Fradel und Channe ſtürzten auf den Freudenboten zu, der Roſch Hakohol wollte ſeine Hand ergreifen, allein der kleine Jude trat drei Schritte zurück.„Haltet mich nicht auf,“ ſagte er,„ich habe noch einen wichtigen Gang nach Ofen hinüber, dort muß ich Jemanden ſprechen; bleibt fromm und gut!“ Die Thüre öffnete ſich, der kleine Jude mit dem weißen Barte war ver⸗ ſchwunden. Der Roſch Hakohol hob ſeine Hände gegen Oben und betete laut:„Ich bin jung geweſen, bin alt ver klop hers te e ſchr Er auf te1 „R gla küh ter lich le. ſo die r en 211 alt geworden und habe keinen Frommen verlaſſen geſehen!, Die Familie begab ſich zur Ruhe. Es mochte um die Mitternachtsſtunde ſein, da klopfte es dreimal an das Fenſter des Gemeindevorſte⸗ hers. Er erwachte.„Wer iſt draußen?“ rief er. „Reb Schmule, ſteht auf in die Schule“, kreiſch⸗ te eine Stimme. „Beim allmächtigen Gott“, rief der Vorſteher er⸗ ſchrocken,„das iſt die Stimme unſeres Schulklopfers!“ Er ſprang vom Lager, eilte ans Fenſter, und riß es auf. Draußen war Alles ruhig. Keines Menſchen Trit⸗ te ließen ſich hören; dagegen hörte er, wie die nämli⸗ che Stimme gerade drüben bei ſeinen Nachbarn rief: „Reb Leb, ſteht auf in die Schule.“ Der Vorſteher traute ſeinem Gehöre nicht. Er glaubte ſich von einem böſen Traum umfangen, allein kühle Nachtluft wehte ihm friſch entgegen, er war mun⸗ ter, er hörte es deutlich, wie daneben wieder die näm⸗ liche Stimme rief:„Reb Jokef, ſteht auf in die Schu⸗ le.— Reb Chajem, ſteht auf in die Schule.“ Und ſo fort von Haus zu Haus. Der Porſteher ließ Licht machen, und begann, ſich anzukleiden. Frau Fradel und Channe hatten von 2¹12 dem geſpenſtiſchen Rufe nichts vernommen, denn ſie ſchliefen in einer andern Stube. Er war feſt entſchloſſen, in die Schule zu gehen; da klopfte es aber wieder an ſein Fenſter. Zwei Män⸗ ner befanden ſich draußen und begehrten mit ihm zu ſprechen. „Reb Schmule“, ſprach der Eine, nachdem dieſer ans Fenſter getreten war,„da nehmt den Topf, wir haben ihn auf dem Schulboden gefunden.“ „Was habt Ihr um dieſe Zeit auf dem Schulboden zu ſuchen gehabt?“— „Das ſollt Ihr Alles erfahren, wir ſind ehrliche Leute, aber es geht nicht mit rechten Dingen zu—“ „Habt Ihr's auch gehört?“— „Freilich, in der ganzen Gemeinde geht es um, vor jedem Hauſe wird in die Schule gerufen.“ „Leute, geht in die Schule, ich werde nachkom⸗ men.“ Er öffnete das Fenſter, hob den Topf herauf, und die beiden Männer entfernten ſich. Nun betrachte⸗ te er das Gefäß, nach einiger Mühe gelang es ihm den Deckel zu lüften; er fand Silbermünzen in großer An⸗ zahl, ſie waren mit einem alten Taleß überdeckt, auf den wa nau er che au far nu Pi ga kle en; än⸗ zu eſer wir den 213 dem der Name Df)*d*) mit Bändern ausgenäht war. Der Roſch Hakohol betrachtete die Münzen ge⸗ nau. Ihm, als Gemeindevorſteher war die Verlaſſen⸗ ſchaft des ermordeten Schulklopfers übergeben worden, er ſuchte daher ſchnell jenes Papier hervor, auf wel⸗ chem Schlome ſeine Baarſchaft und die Münzſorten aufgezeichnet hatte. Viele der Seltneren, die damahls gefehlt hatten, fanden ſich hier im Topfe; die früher ſtillgehegte Ah⸗ nung des Vorſtehers war nun zur Gewißheit geworden. Pinches war der Mörder des Schulklopfers. Der Roſch Hakohol verbarg den Topf, und be⸗ gab ſich leiſe in die Schule. Nehrere Männer hatten ſich bereits eingefunden. Beim Schameß und beim Rabbi war's noch finſter, da klopfte Einer bei dem Erſtern an. „Was gibt es?“ rief Reb Moſche drinnen. „Steht auf in die Schule. „Was fällt Euch ein, es iſt noch zu früh.“ „Iſt bei Euch nicht in die Schule gerufen worden?⸗ *) Pinches. 214 „Warum nicht gar, wer wird ietzt ſchon in die Schule rufen.“ „Sonderbar“, murmelten die Männer,„in der ganzen Gemeinde iſt gerufen worden, nur im Schul⸗ hof nicht.“ Indeſſen kam der Vorſteher. „Sind noch ſo wenig Leute hier?“ fragte er Ei⸗ nen der Männer. „Die Andern fürchten ſich wahrſcheinlich in die Schule zu kommen.“ Reb Schmule nahm nun einige der Anweſenden auf die Seite, entdeckte ihnen den Vorfall mit dem Topfe, und ſeinen Verdacht. „Ich bin der Meinung“, ſchloß er ſeine Mitthei⸗ lung,„wir ſuchten uns gleich des Böſewichtes zu be⸗ mächtigen, ſonſt könnte er Wind von der Sache bekom⸗ men, und die Flucht ergreifen; in dieſem Falle wäre für die Unſchuldigen, wenn auch ſchon Etwas, doch nicht Alles gewonnen. Die Anderen pflichteten dem Vorſteher bei, Pin⸗ ches in der Stille herauszurufen feſtzuhalten und dem Gerichte zu überliefern. Sie begaben ſich daher vorſich⸗ tig zum Fenſter des hintern Stübchens, und klopften an. habe nicht Antt ſcht laſſe zu 1 non gebr abe cher kon len lan den leiſt am 2¹1⁵ „Wer klopft?“ fragte der Geſuchte drinnen. „Pinches, kommt heraus“, ſprach der Eine,„wir haben Euch Etwas mitzutheilen.“ „Ich komme ſchon“, erwiederte dieſer. Die Männer warteten eine Weile. Pinches kam nicht. Sie klopften noch einmahl, erhielten aber keine Antwort. „Der Schurke iſt entflohen“, rief Reb Schmule, „ſchnell umſtellt das Haus, er kann es noch nicht ver⸗ laſſen haben.“ Die Männer zerſtreuten ſich eiligſt, den Befehl zu vollziehen. Pinches war früher mit Gewalt von dem Leich⸗ nam der Mutter losgeriſſen und in das Hinterſtübchen gebracht worden. Da warf er ſich erſchöpft auf's Lager, aber der Schlaf floh ihn. Die Vorfallenheiten ſeiner letzten Lebenszeit ſtri⸗ chen wie bleiche Schreckbilder an ihm vorüber, wie konnte er Ruhe finden, er, deſſen Gewiſſen von ſo vie⸗ len giftigen Nattern umringt war. Es währte nicht lange, ſo begannen draußen Stimmen hörbar zu wer⸗ den; es waren die Leute, die dem Schulruf Folge ge⸗ lelſtet hatten. Pinches ſprang vom Lager auf, horchte am Fenſter, allein, ohne die Worte verſtehen zu kön⸗ 216 nen, drang aus dem dumpfen Gemurmel nur ein Cha⸗ gen os von Lauten an ſein Ohr. wer Konnte der Verbrecher etwas Anderes denken, als daß es ihm gelte, daß man ſeiner habhaft werden wol⸗ unt le.— Er ſann im Stillen ſchon auf ſeine Flucht. In ſtie dieſem Augenblicke wurde er hinausgerufen. 3 „So leicht“, dachte er,„ſollt ihr mich nicht in 6 Euere Gewalt bekommen.“ Schnell drückte er den Ka⸗ chelofen ein, und ſchlüpfte durch die Oeffnung in den ind Kamin. Von hier aus begann er ſich den Rauchfang F hinanzuwinden, und ſo befand er ſich mit dem Kopfe Ve bald im Freien. Die Nacht war finſter. Der Mond 3 hatte ſich bereits unſichtbar gemacht; Pinches ſah nicht. was unter ihm vorging, nur das Murmeln einiger 66 Männer drang herauf. Vorſichtig hub er ſich aus dem Rauchfange, und me begann an der Dachkante auf allen Vieren gegen die ſich Schule zu kriechen. Anfangs war er geſonnen, ſich abe auf der andern Seite in den Hof des Nachbars hinab jäh zulaſſen; allein von da vernahm er die Reden Derjeni⸗ den gen, die ſich hieher auf die Lauer geſtellt hatten. Er änderte daher ſeinen Plan, und beſchloß, ſich auf den ner Schulboden zu flüchten, ſich dort ſo lange zu verber⸗ ha⸗ als vol⸗ t in Ka⸗ den ng pfe ond icht ger ind die ſich ab ni⸗ den e 217 gen, bis die Gemeinde im Morgengebete begriffen ſein werde, und dann ſeine fernere Flucht fortzuſetzen. Unbemerkt hatte er das Ende des Daches gewonnen, und begann, ſich leiſe herabzulaſſen. An das Haus ſtieß eine hohe Mauer, dieſe war bald erreicht, und er blieb einen Augenblick horchend auf derſelben ſtehen. Cr hörte Jemanden gegen die Schulthüre zu gehen, dieſelbe aufſperren, und ſich dann wieder entfernen. Es war der Schameß, der den Angekommenen indeſſen die Schule öffnete, damit ſie nicht ſo lange in der kühlen Nachtluft zu verbleiben gezwungen ſeien. Von dieſer Vorſicht hatte aber Niemand Gebrauch ge⸗ macht, weil ſich auch die Anderen in der Stille denjeni⸗ gen anſchloſſen welche die Gefangennehmung des Mörders beabſichtigten. Als Pinches noch eine Weile horchte, und Nie⸗ manden mehr gegen die Schule zu gehen hörte, ließ er ſich die Mauer hinab. Die ſteile Wand vermochte er aber nicht ſo langſam hinunter zu klettern, er rutſchte jäh hinunter, und langte mit einem kleinen Falle auf dem Boden an. „Hier iſt er,“ ſchrie plötzlich eine Stimme in ſei⸗ ner Nähe,„da kommt her, da kommt her!“ Pinches ſah den Rufer nicht, folglich konnte auch Der Fluch d. Rabbi. 19 —— 3% 218 er nicht geſehen werden, er erhub ſich daher ſchnell, und ſchlich längs der Mauer hin; dabei hörte er den Mann, wie er ihn in jener Gegend ſuchte, wo er her⸗ gekommen war, die Andern kamen alle den Schulhof herabgelaufen. Hier war nicht viel Zeit zu verlieren, raſch ſprang er auf das Schulgebäude los, er wollte die Leiter hi⸗ nan, und hatte er den Boden erreicht, dieſelbe nach ſich ziehen, aber o Schrecken er fand die Leiter nicht. Seine Verfolger begannen auf den Ruf des Roſch Ha⸗ kohols die Schule zu umringen, der Mörder wußte in der Verzweiflung keinen andern Ausweg, er ſchlüpfte in das Gotteshaus. Mit verzweiflungsvoller Haſt ſuchte er einen Platz um ſich zu verbergen, denn er ſah die Fenſter ſich plötzlich erhellen, ein Beweis, daß ſie draußen mit Lichtern zu ſuchen begannen; jetzt hörte er auch noch den Roſch Hakohol rufen:„Ein Theil durchſucht den Boden, der andere die Weiberſchule, und der Reſt geht in die Männerſchule!“ Jetzt war jeder Augenblick koſtbar. Pinches blick⸗ te verzweiflungsvoll um ſich, da gewahrte er den Ah⸗ ron Hakodoſch, ein Gedanke durchfuhr ſeine Seele, tell, den her⸗ hof ang ach cht. Ha⸗ i pfte 21¹9 ſchnell war er die drei Treppen hinan, riß daß Pro⸗ cheß*) auf die Seite, öffnete die eiſerne Thüre, ſprang in die Bundeslade, und machte das Procheß wieder vor, dann zog er die beiden Thüren an ſich. Aber noch wähn⸗ te er ſich nicht geborgen genug, er kauerte ſich rückwärts zuſammen, und umſtellte ſich mit den drei Thorah's, daß er ſelbſt beim Oeffnen der Bundeslade nicht ſo leicht entdeckt werden konnte. Indeſſen war es in der Schule laut und licht ge⸗ worden. Die dumpfen Tritte der Späher auf dem Bo⸗ den, das lautere Geräuſch in der Weiberſchule, und endlich das helle Getöſe unten, das Rufen des Einen, das Fragen des Andern, die Rathſchläge eines Dritten, dieſes Alles zuſammengenommen verurſachte einen Rie⸗ ſenlärm. Als ſie Alles durchſucht hatten, und nichts fanden, begannen ſich doch einige Zweifel zu regen, ob ſich denn Pinches wirklich in das Gotteshaus geflüchtet habe? „Er kann ja über die Mauer hinüber geſprungen ſein,“ ſagte Einer. „Dorthin iſt Niemand gekommen, dort bin ich geſtanden,“ erwiederte eine Stimme. *) Ein ſeidener, ausgeſtickter Vorhang. 220 „Auf den Boden und in der Weiberſchule iſt er auch nicht.“ „Er muß in dieſem Gebäude ſein,“ rief der Roſch Hakohol,„beginnt noch einmal zu ſuchen.“ Das Gepolter begann wieder, man ſuchte noch eine Weile, vergebens— es wurde nichts gefunden.— Nun glaubte ſich Pinches in ſeinem Verſtecke ſchon ſo ſicher, daß er den Plan für ſeine folgende Flucht zu ſchmieden begann. Nach der Entfernung der Spä⸗ her wollte er ſchnell in die Weiberſchule, von da führte eine kleine Stiege auf den Boden, hier gedachte er ſich mit Geld zu verſehen, um dann, ehe noch der Tag zu dämmern beginne, außer dem Bereiche der Gegend zu ſein. Als das Suchen zum zweiten Male eine Weile vergebens gedauert hatte, begann ſelbſt der Vorſteher an dem Hierſein des Böſewichts zu zweifeln. Er ließ daher die Sucher aus allen Theilen des Gotteshauſes zuſammenrufen, und trug ihnen auf, Falls ſie nur eine Spur von dem Entflohenen entdecken ſollten, dieſelbe zu verfolgen,— daß der Böſewicht ja nicht den Händen der Gerechtigkeit entkommen möge. Eir eiſe den wei er ſch n cht ⸗ rte ſich zu end 221 „Ihr ſeht,“ ſprach er,„daß Pinches der Urhe⸗ ber all' jenes Uebels iſt, ſeine Flucht iſt, der deutlichſte Beweis.“ Die Männer wollten ſich ſchon entfernen, als plötzlich aus dem Aron Hakodoſch ein dumpfer Schlag erdröhnte. Eine augenblickliche Todtenſtille trat ein.— Alle horchten. „Was iſt das?“ „Habt Ihr's gehört?“— „Als wenn Etwas von Innen an die eiſerne Thüre angefallen wäre.“ „Was mag das ſein?“ „Steckt vielleicht gar Jemand darinnen?“ „Wir wollen ſehen.“ tun wurde auf den Aron Hakodoſch zugegangen, Einer zog das Procheß auf die Seite, und öffnete die eiſerne Thüre, während ihn die Anderen mit brennen⸗ den Lichtern umſtanden. Da kauerte nun Pinches darin, leichenblaß, mit weit aufgeriſſenen Augen, vor Angſt zitternd, wie ein Blatt im Sturme; beiderſeits lehnten zwei Thorah's 222 vor ihm, das Dritte, welches durch eine leiſe Bewegung vorwärts gefallen war, und das verrätheriſche Geräuſch verurſacht hatte, hielt er mit beiden Hän den umfaßt. — Der helle Lichtſtrahl fiel erleuchtend in die Vertie⸗ fung, und drückte das ſtarre bewegungsloſe Antlitz des Verbrechers deutlich aus. Nun wurde er herausgezerrt, gebunden, drei der ſtärkeren Männer nahmen ihn in ihre Mitte, um ihn in das Amtshaus zu überliefern, die Andern folgten ihnen in einem wirren Knäuel nach. So langten ſie vorne im Schulhof an; da kam der Rabbi heraus. „Leute, was iſt das für ein nächtliches Treiben in meinem Hauſe,“ ſprach er langſam,„ehrt doch die Ruhe der Todten.“ „Wir haben einen Verbrecher geholt.“ „Wer iſt der Unglückſelige?“ fragte von banger Ahnung ergriffen, der Rabbi. „Es iſt Pinches— Euer Sohn!“ „Mein Sohn?“— ſchrie er entſetzt,„mein Pin⸗ 3 ches?“— „Gott!“ er hob beide Hände hoch gegen den Him⸗ me gel lu 223 mel,„Du haſt mir Alles genommen, dein Name ſei gelobt im Himmel und auf Erden.“ „Amen!“— murmelte eintönig die Verſamm⸗ lung. „Amen!“ knirſchte der vernichtete Mörder. Herr Bonifazius in der Klemme. Es war noch finſter.— Der Richter von Alt⸗Ofen ſchlief feſt, und wir wiſſen, daß Herr Bonifazius nie von ſelbſt zu erwachen pflegte, ſondern wenn er ſchlief immer geweckt werden mußte. Dieſes geſchah jetzt. Herr Bonifazius träumte eben von einer unbeſtech⸗ lichen Gerechtigkeit, aber ganz nach ſeiner Weiſe, als leicht ans Fenſter geklopft wurde. Er ſchlief fort. Nach einer Weile klopfte man etwas heftiger.— Der Richter wandte ſich auf die andere Seite. „Verdammtes Judenvolk!“ brummte er, denn es war öfter geſchehen, daß er entweder muthwilliger oder unverſehener Weiſe in den Frühſtunden ebenfalls zum Schulgang geweckt wurde. Dieß wähnte er, ſei auch jetzt der Fall, und ſchlief weiter. ————— —0— Aber es klopfte zum dritten Male. Herr Boni⸗ fazius mußte aufſtehen. Er trat an's Fenſter, und ſah 4 einen Haufen Menſchen mit Lichter und Laternen ver⸗ ſehen; in ihrer Mitte hatten ſie einen Gefangenen. Es waren Juden. „Wie geſagt, verdammtes Judenvolk!“ brummte er, zornig über die Störer ſeiner Ruhe. „Was gibt es? rief er barſch hinaus. „Einen Verbrecher.“— „Hätte in der Früh auch Zeit gehabt.“ en„Aber es ſchmachten andere Unſchuldige ſtatt ie ſeiner.“ ief„Können auch bis Morgen ſitzen!“ „Herr Richter!“ ch⸗„Kein Wort mehr. Bewahrt den Gefangenen bis s Morgen, dann kommt hinüber ins Amtshaus. ch Die Juden fingen unter einander zu murren an. ter„Mir ſcheint gar, da draußen iſt eine Verſchwö⸗ rung,“ rief der Richter,„bei meiner unbeſtechlichen es Ehre, wenn Ihr Euch nicht entfernt, ſo laſſe ich Euch er fortpeitſchen.“ m Ein athemlos herangeſprengter Bote, unterbrach k ſch den Dienſteifer des Herrn Bonifazius, und überreichte ihm durch's Fenſter ein geſiegeltes Schreiben. 226 Dieſer öffnete es, ein Jude mußte ſeine Laterne hinaufreichen, er begann zu leſen, es waren nur einige Zeilen, aber er las ſie wieder, blickte auf die Unter⸗ ſchrift, ſchüttelte den Kopf, und las wieder. „Das iſt eine verdammte Geſchichte, wie mag die Sache ſo hoch hinauf gekommen ſein? Wie heißt Euer Gefangener?“ fragte er nach einer Weile die Joden. „Pinches!“ „Wer iſt er? „Er iſt der Sohn des Rabbi.“ „Richtig, hier ſteht es auch ſo, mir iſt's recht, die alte Hexe, ich wollte ſagen, die Nenne mit dem jungen Manne, wird man alſogleich freilaſſen, dagegen wird dieſer Pinches ad notam genommen, und in drei Tagen aufgeknüpft, ſo ſteht's hier geſchrieben und ge⸗ ſiegelt.“ „Ich habe es gleich gewußt,“ ſprach er zu den Ju⸗ den, die uber ſeinen Ausſpruch laut ihre Freude äußerten, „daß die beſagten zwei Individuen ſchuldlos ſeien; aber du lieber Himmel, die Gerechtigkeit geht ihren eiſernen Weg, ſie darf Niemanden ſchonen; Verwandte, Freunde, Gönner, ihr iſt Alles gleich, ſie hat nur den Menſchen 227 vor Augen,— den Mörder, Verbrecher, Hexenmei⸗ ſter,— oder— oder, ja oder,— wie ich geſagt habe.“ Dieſes war Herrn Bonifazius Beſcheid. Pinches wurde den Schergen überliefert, und in's Gefängniß geſperrt. Noße und Nenne freigelaſſen.— Dieſes ge⸗ ſchah Alles in dem Zeitraum von einer Stunde. Das war ein recht merkwürdiger Gedaljah⸗Tag für den größten Theil der Gemeinde, kein Trauer- ſon⸗ dern ein Feſt⸗Tag.— Im Ganzen war es aber ein Tag, der als ein wahres Bild eines ganzen menſchlichen Lebens gelten konnte. Der Leichnam der Rebezen wurde am Vormit⸗ tage zur Erde beſtattet; ihn begleiteten die wahnſinnige Jentel, das Opfer einer tollen unbeherrſchten Leiden⸗ ſchaft, und der finſtere Rabbi, welcher im Eifer einen Fluch hinausgeſchleudert hatte, der auf ſein eigenes Haupt zurückfiel. Im Kerker ſchmachtete Pinches, der Verächter ſeines Glaubens, der Tempelſchänder, der Dieb und Mörder; ſein Leben war der Gerechtigkeit verfallen. In Angſt Furcht und Unruhe vor jedem kommen⸗ den Augenblicke zitternd, zeigte Judeß, die Frau des 228 Schameß, ganz das Abbild eines böſen Gewiſſens; wenn Pinches ſie verrieth, ſo war der Scheiterhaufen ihr Loos. Nenne und Noße zeigen, wie die Sache der Ge⸗ rechten ſtets ſiegen müſſe; der Stärkere duldet ſtill⸗ ſchweigend, der Schwächere klagt, ſchreit, jammert, zweifelt aber doch nie an der Gerechtigkeit des Himmels. Die Familie des Vorſtehers war uns gewiß immer ein angenehmer Zufluchtsort, wenn wir die grellen Scenen verlaſſend, uns unter den Palmenſchatten ſei⸗ ner patriarchaliſchen Ruhe erquicken konnten. Noße und Nenne's kurzer Gang aus dem Gefäng⸗ niſſe bis zum Hauſe des Roſch Hakohol's glich ganz einem Triumphzuge. Alle jüdiſchen Bewohner Alt⸗Ofens hatten ſich nach und nach angeſchloſſen, Alt und Jung, Weib und Find, Groß und Klein, bunt durch einander, gerade ſo, wie beim Auszuge aus Egypten. Vor der Hausthüre ſtand die Familie des Vorſtehers, Freude ſtrahlte aus den Augen,— herzliche innige Freude verklärte ihr ganzes Weſen. Channe blickte mit thränenden Augen dem Zuge entgegen, dort kam er her, der Geliebte, er war wieder frei, unſchuldig; du lieber Himmel ſie hatte ja nie daran gezweifelt. 229 tun waren Nenne und Noße herangekommen. „Roſch Hakohol Leben,“ rief die alte Jüdin,„ein 4 Wunder iſt geſchehen, ich hab's gleich geſagt, ein Wun⸗ der iſt geſchehen— ein Wunder—“ Noße trat dem väterlichen Freunde entgegen, und drückte deſſen Hand an ſeine Lippen, ſonſt ſprach er kein Wort. Reb Schmule und Frau Fradel nahmen die Befreiten in ihre Mitte, und führten ſie in ihre Stube. Channe folgte ihnen freudig nach. Die Hand der Gerechtigkeit. Drei Tage nachher war am frühen Morgen in den Straßen von Ofen eine Menge Volkes verſammelt, denn Alles wollte den Verbrecher ſchauen, der um die achte Stunde zum Tode ausgeführt werden ſollte. Ein düſteres Gemurmel wogte durch die fluthende Menge, an dem Drängen und Drücken, erkannte man, daß der Gegenſtand ihrer Neugierde herannahe. Ein Karren, von zwei Ochſen gezogen, von be⸗ waffneten Söldnern und Schergen umgeben, wand ſich langſam durch die dichten Haufen, der ſich wellenartig bewegenden Maſſen. Auf dem Karren ſaß ein hoher blaſſer Mann mit einem ſchwarzen Barte, auf ſeinem Antlitze haftete der Ausdruck des tiefſten Seelenſchmerzes, den der Menſch zu ertragen vermag, es war der Rabbi von Alt⸗Ofen. An —„„„— 231 ſeiner Seite befand ſich düſter vor ſich hinſchauend der Verurtheilte, dem er Troſt zuſprechen ſollte auf den letzten Lebensgange, dem er durch das Wort des Herrn Muth und Standhaftigkeit einflößen ſollte, zur Ertra⸗ gung des unabänderlichen Schickſals. Es war Pinches, ſein Sohn. Der Rabbi hielt das offene Tillimbuch in der Hand, aber er vermochte nicht zu beten, die Zeichen flirrten vor ſeinen Augen, die Zunge war ſchwer wie Blei. Immer näher kamen ſie dem Ziele, immer kleiner wurde die Friſt, die den Mörder vom Tode trennte. „Pinches,“ ſtammelte der Rabbi,„haſt Du alle Deine Vergehen vor dem Gerichte bekannt.“ „Ja, Rabbi!“— „Laſtet kein Verbrechen mehr auf Deinem Ge⸗ wiſſen?“ „Nein!“ „Bedenke, daß Du jetzt für Deine geſtandene Sünden büßeſt, verſchärfe Dir die Strafe drüben nicht, wenn Du, als ein verſtockter Sünder aus dem Leben ſcheideſt.“ „Ich habe Alles geſtanden.“ Nun trat eine minutenlange Stille ein. „Rabbi!“ 232 „Was willſt Du Pinches?“ „Was iſt mit Judeß geſchehen?“ „Ihr hat der Herr dieſen Weg erſpart; als man ſie vor's Gericht zu holen kam, fand man ſie todt auf ihrem Lager.“ Jetzt öffnete ſich die Ausſicht auf die menſchenge⸗ füllte Richtſtätte. Pinches erbebte, der Vater vermochte ſich kaum mehr zu halten. „Ich will Widde ſagen!“ ſtotterte der Mörder. Der Rabbi ſtöhnte mit gewaltiger Anſtrengung die Worte heraus, Pinches bewegte wol die Lippen, aber zu ſpre⸗ chen vermochte er nicht. — Jetzt langten ſie vor dem Bochgerichte an. Bis hieher hatte der Vater als Seelſorger mit unendlicher Gemüthsanſtrengung ſein Amt vertreten, aber jetzt ver⸗ ſagte ihm die Kraft; bewußtlos mußte er zurückgebracht werden. Wir aber laſſen vor der Schreckensſcene den Vor⸗ hang fallen. Der Schuldige verfiel den Händen des Henkers. Er war gerichtet. Am Abende desſelben Tages hörte auch der Rabbi zu leben auf. Vie koho wur ben war pe. in n von wie in d Schluß. Vierzehn Tage nach Sukkes*) war beim Roſch Ha⸗ kohol ein großes Feſt veranſtaltet, die ganze Gemeinde wurde dazu geladen, denn es galt ein Tnom⸗Schrei⸗ ben**) ſeiner Tochter Channe mit Noße Traun. Doß die alte Nenne dabei nicht fehlen durfte, war ganz natürlich. Bald darauf ſtand das Brautpaar unter der Chup⸗ pe. Noße und Channe wurden Mann und Weib, und in wenigen Jahren ſahen ſich Reb Schmule und Fradel von einem Kreiſe kleiner Enkel umgeben„ die ſie ebenſo wie ihre Tochter Channe in der Furcht des Herrn, und in der Liebe des Nächſten zu erziehen hofften. *) Laubhüttenfeſt. **) Verlobung. Was aber bei dieſer Begebenheit der ganzen Ge⸗ meinde ein Räthſel blieb, war die Erſcheinung des kleinen Juden mit dem weißen Barte, und das zwei⸗ malige Schulrufen des geſpenſtigen Schulklopfers. Wir ſelbſt getrauen uns nicht zu entſcheiden, ob dieß wirklich Erſcheinungen waren, wie ſie uns von den Traditionen jener Zeit häufig vorgeführt worden, oder ob es nur ein, von einem geheimen Freunde No⸗ ße's, mit ſchauderhafter Täuſchung nachgeahmtes Gau⸗ kelſpiel war, um das Gewiſſen der Schuldigen zu er⸗ ſchüttern, und den unſchuldigen Bocher zu retten. Die alte Nenne hatte freilich in ihrer Tchinne aufzeichnen taſſen:„Vom erſten Tage Sliches bis Zom⸗Gedaljah*, ſind in unſerer Gemeinde große Niſſim* geſchehen; im Jahre 5290(nach jüdiſcher Zeitrechnung). Allein das Doeument iſt erſtens verloren gegangen„und zwei⸗ tens dürfte Vielen das Zeugniß der alten Kindbettwär⸗ terin von Alt⸗Ofen, nicht als autentiſch genug er⸗ ſcheinen. *) Faſten⸗Gedaljah⸗ **) Wunder. der ſe ren r Gemi zogen hervo Spiel Erfül vor man öden ſtolz, dieſe todt Gen war Alt Rab e⸗ des ei⸗ on n, No⸗ u⸗ er⸗ 235 Das Haus des Rabbi blieb verlaſſen, denn Je⸗ der ſcheuete ſich darinn zu wohnen. Fenſter und Thü⸗ ren wurden nach und nach zerſchlagen, das dünne Gemäuer fiel ab, die Wände vermorſchten. Spinnen zogen oben ihr Gewebe, und unten wucherte Unkraut hervor, in welchem Eidechſen umherraſchelnd, ihr Spiel trieben. Der Fluch des Rabbi ſollte ganz in Erfüllung gehen, denn auch das Gras wuchs vor ſeiner Thüre. Anfangs nach jener traurigen Begebenheit ſah man freilich oft eine irrſinnige Frauengeſtalt durch die öden Räume ſchleichen, in denen ſie einſt ſchön und ſtolz, der Abgott ihrer Eltern gelebt hatte, allein auch dieſe zeitliche Bewohnerin blieb aus, man fand ſie todt auf dem Beß Chajim*). Viele Jahre ſpäter,— als von der damaligen Generation längſt ſchon keine Spur mehr vorhanden war— ſpielten noch immer die Judenknaben von Alt⸗Ofen auf dem Platze, wo einſt das Haus des Rabbi geſtanden hatte, und wenn ſie vom Spiele er⸗ *) Friebhof. 236 müdet waren, ſetzen ſie ſich in den Schatten des wilden Geſträuches, und erzählten ſich die Geſchichte von dem ſchrecklichen Fluche des Rabbi und ſeiner gräßlichen Erfüllung. Ende. v — — * — —