— . . — ——— — ——— —= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ e S8„ en 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— — Eduard Preier's geſammelte Romane. Siebenter Band. Wien und geipzig, 1851. Joſef Stöckhölzer v. Hirſchfeld. Waldfräulein, oder Ritter und Adept. Bomantiſche Fage der Vorzeit von EGduard Vreier. Zweite Auflage. Wien und Leipzig, 1851. Joſef Stöckhölzer v. Hirſchfeld. Erſtes Buch. 1. Warf den Spaten in die Scheune, Stellt' die Facke auf die Seite; Läßt ſein Haus und Felv alleine, Wandert forſchend in die Weite⸗ Will nicht in der Erde wühlen, Will nicht pflügen und nicht ſüen; Um des gerzens Gluth zu kühlen Will er nach dem Liebchen ſpähen! Voppelt ſüß iſt der junge Morgen, wenn er auf⸗ geht über eine wilde, einſame Gegend; wenn er ſeine leichten Blicke ſendet in die geheimſten Falten der Wän⸗ de und Klüfte; wenn er ſelbſt dort es Tag werden läßt, wo die Natur eine ewige Nacht vorzuziehen ſchien; ja gewiß doppelt ſüß iſt der junge Morgen, wenn er mit den Schauern der Nacht, zugleich auch die Schauer des Ortes verſcheucht, und die düſte⸗ ren Maſſen verklärt, ſo wie das Lächeln die finſteren Züge eines Grämlings, oder eines mürriſchen, hoch⸗ aufſtrebenden Gemüthes. Wer je ſchon eine Nacht unter offenem Himmel, in einer felſigen, zerklüfteten Gegend zugebracht, wo die Maſſen wie ſchwarze Mauern umherſtarren, wo Trümmer und Felszacken 1 6 die mannigfaltigſten, grottesken Formen annehmen, uns bald als dräuende Rieſen, bald als gigantiſche, geſpenſtige Reiter erſcheinen; wer je durch Stunden ſich einem ſo unheimlichen Gefühle preis gegeben ſah, der wird auch die Freude zu meſſen wiſſen, welche das Herz durchzuckt, wenn endlich das erſte Grauen des Morgens heranbricht, wenn der junge Tag ſeine Schwingen immer mehr entfaltet, und zuletzt als ein glühender Aar über uns in den Wolken hängt. In ſolchen ſchauerigen Oeden und Wildnißen ge⸗ ſchieht dieß freilich viel ſpäter, als in den freund⸗ lichen Ebenen außen; da bricht die Nacht früher an, und der Tag ſpäter auf; aber wer hat je einem lie⸗ ben Gaſte gegrollt, wenn er etwas länger auf ſich harren ließ, bleibt er nur nicht ganz aus; er iſt uns immer willkommen, unſere Arme ſind ſtets bereit, ihn freundlich zu umfaſſen; beſſer ſpäter, als nie!— Ein ſolcher Morgen war auch über jenen Theil der noriſchen Alpen aufgegangen, welcher in einem Bogen die Gränze des Neuſtädter Steinfeldes gegen Weſten bildet, und den der ſilberblitzende Schnee⸗ berg wie ein greiſer Fürſt hoch überragt. Berge und Schluchten, Felſen und Wälder, Höhlen und Sturz⸗ bäche bilden den Charakter dieſer Gegend; wild und verworren zogen ſich ehedem, ſo wie größten Theiles auch jetzt noch, nur einige Pfade durch Holzungen, v 7 welche die ritterlichen Behauſungen oder die Gehöfte und Weiler ihrer Vaſallen miteinander verbanden; aber häufiger als dieſe waren die Fährten des Wil⸗ des zu treffen, welches dieſe Deden durchſtrich, und trotz der fleißigen Hatzen doch in zahlreicher Menge vorhanden war. Am Fuße eines Felſenabhanges ſtand eine ein⸗ ſame Klauſe; ſie ſchien erſt ſeit einiger Zeit erbaut, und der Bewohner derſelben, ein Greis, war unter dem Namen des Vater Thomas bald in den Schlöſ⸗ ſern, Märkten und Hütten hinlänglich bekannt. Der Siedler hatte einen der ſchönſten Punkte zu ſeinem Aufenthalte gewählt; unweit davon befand ſich der vielbenützte Weg von Würflach nach Puchberg, Erſteres dazumahl durch ſeinen trefflichen Weinbau berühmt, Letzteres, das Stammſchloß weitbekannter Herrn, mit einem gleichnamigen Markte. Ein kri⸗ ſtallheller Bach quoll an der einſamen Behauſung vorüber, die Schatten von friſchgrünen Tannen ſpiel⸗ ten in dem klaren Gewäſſer, und das ſchönſte Moos zog ſich wie dunkelgrüner Sammet den größten Theil des Felſens hinan. Die Klauſe beſtand aus über⸗ einander gelegten Holzſtämmen, die ganz roh mit Thonerde verkittet waren; das Dach von Rohr und Schilf, feſt verbunden mit wilden Weinreben, fußte luftig auf der Siedlerwohnung. Ein Glück für dieſe 8 war es, daß Felſenwände ſie vor Sturmesandrang ſchützten, denn einem heftigen Nord hätte ſie nimmer widerſtanden; aber ſo ſaß ſie in der Tiefe drinnen, und zwei behauene Holzſtufen führten hinab zu dem Pfört⸗ chen. Um dem Wohnhauſe herum, zog ſich wildes Geſtrüpp, da krochen Schlingpflanzen auf dem Bo⸗ den einher, und dehnten ſich bis in den Bach hinein, der vorüber floß; das Nadelholz an demſelben war nicht dicht genug, um als Schutz betrachtet zu wer⸗ den. Ueber dieſen Wohnorte, der ſich ſelbſt überlaſ⸗ ſen, von rieſigen Bergen umlagert, wie eine verlaſ⸗ ſene Waiſe da lag, dämmerte nun der Morgen her⸗ auf, aber langſam, zögernd, wie ein Knabe, der zum erſten Mal an's Fenſter tritt, und mit den ſchneeigen Fingerchen die dunklen Vorhänge lüftet, jedoch die ſchwarze Feuerwand außen fürchtend, die Hand ſchnell wieder zurückzieht, und erſt nach mehrfachem Zögern das Säumniß dadurch vergeſſen macht, daß er die Decke ſchnell herabreißt, und freundlich zum Fenſter hinauslugt. Die tiefſte Stille herrſchte bisher um die Wohnung des Klausners, aber nun wurde es lauter in den Bergen, lauter in den Holzungen oben; man hörte das Geräuſch des umherſtreifenden Wil⸗ des, und den Geſang der hüpfenden Bewohner der Aeſte; es ſchien, als ob ſelbſt das Rauſchen des Ba⸗ ches lauter geworden wäre. Das Pförtchen der Hütte —— öffnete ſich, und der Siedler trat heraus; ſeine hohe Geſtalt ſchritt gebückt einher, die Kaputze des häre⸗ nen Pilgerkleides deckte den Kopf ſo, daß man nur einen Theil des Antlitzes ſah, der jedoch ganz von einem weißen Barte beſchattet war; aber über demſelben ſprühten zwei Kohlenaugen, welchen noch die unge⸗ ſchwächte Jugendglut inne wohnte, und die dem Grei⸗ ſenalter eben ſo widerſprachen, als die übrigen An⸗ zeichen dafür zeugten. Vater Thomas trug ein höl⸗ zernes Gefäß in der Hand, welches er bei der näch⸗ ſten Quelle zu füllen gewillt war, er brachte dieſes Geſchäft eben zu Ende, und trat den Rückweg an, als er durch ein, von der Seite her ſchallendes Ge⸗ räuſch aufmerkſam gemacht, in ſeinem Gange lau⸗ ſchend ſtille hielt, und ſich jener Seite zukehrte, wo⸗ her die Bewegung geſchah. Nach einer Weile trat ihm ein Mann entgegen, der augenſcheinlich einen Ort der umliegenden Gegend ſeine Heimath nennen mußte. Schuhe, kurzes Bein⸗ gewand, eine lange Jacke und eine Gugel bezeichneten ihn als einen Landmann, deſſen aufgeputzter Gürtel auch auf Wohlhabenheit hindeutete; er mochte, was ſein Alter betraf, die Mitte zwiſchen zwanzig und dreißig halten, aber trotz dieſer Vortheile trug ſein Anblick wenig Einladendes an ſich. Die Beine wa⸗ ren kurz und etwas verdreht, ſo daß man ſie für verwechſelt halten mußte, der Oberleib gedrungen, der Kopf und das Antlitz etwas platt gedrückt, ſeine Hautfarbe mehr ſchwarz, die Augen grau und etwas hervorſtehend, und die Lippen in die Breite gezogen; hinter denſelben ſtanden freilich zwei Reihen weißer Zähne, aber dieſe gereichten dem Antlitze mehr zum Nach⸗ als zum Vortheile, denn ſo oft der Mann die Lippen öffnete, traten ſie ſo grell hervor, daß ſeine Züge ſich in ein Grinſen verzogen, welches auf den Beſchauer nur widerlich einwirken konnte. Als der Herannahende den Siedler erblickte, zog er ſeine Gu⸗ gel vom Kopf, wodurch ein, mit ſpärlichen Haaren beſätes Haupt ſichtbar wurde, beſonders bemerkbar trat der Abgang dieſer Kopfzierde an dem vordern Theile desſelben hervor, denn nur der Stirnwirbel war in ziemlicher Höhe von einem Haarbüſchel be⸗ ſchattet, welches, zwiſchen der rechts und links über⸗ hand nehmenden Glatze, wie eine ſchmale Erdzunge ins Waſſer hineinreichte. Der Landmann bot dem Greiſen einen ehrerbie⸗ tigen Gruß, welcher auf eine fromme, erbauliche Weiſe erwiedert wurde. Wir müßen nur noch erwähnen, daß ſich der Klausner erſt ſeit dem Beginne des Früh⸗ jahrs, mithin erſt vor einigen Monden hier niederge⸗ laſſen hatte, daß es daher Viele in der Gegend gab, die, wiewohl ſie von ihm ſchon ſprechen gehört, ihn 1 1 bisher doch noch nicht mit eigenen Augen geſehen hat⸗ ten; zu dieſen ſchien auch der kleine Mann zu gehö⸗ ren, denn er ſprach nach der ſtatt gefundenen Be⸗ grüßung: Vergebt mir, frommer Vater, die Frage: Seid Ihr der Siedler, der Thomas heißt, und wel⸗ cher hier im Schrattengraben ſich vor Kurzem erſt niederließ? Der Greiſe faltete die Hände, und erwiederte mit dumpfer Stimme: Ja, der bin ich; was iſt Euer Begehren? Der Bauer ſeufzte, und ſprach: Ach, ich hätte viel mit Euch zu reden, Vater Thomas; ich bin der Hanns Poſtl aus Würflach, zwar nur ein Le⸗ hensmann des Gutenſteiners, welchem jetzt der Markt zu eigen iſt, aber deswegen doch kein armer Teufel, denn ich bin Weinzürl,*) und bin ſelbſt ſchon Herr eines hübſchen Stückchen Bodens, ich habe eine Heer⸗ de von mehr, denn zehn Schafen; auch einen Ochſen und eine Kuh hab' ich, mein Gehöfte hat eine Stu⸗ be und eine Kammer, und wenn ich des Sonntags feſtlich geputzt in die Sebaſtiani⸗Kirche trete, ſo ſchauen Aller Augen auf mich, den Hanns Poſtl. Der iſt ein ſchmucker Junggeſelle! heißt es dann von allen Seiten; der hat ſein Schäflein im Trockenen! mun⸗ *) Winzer. 12 keln ſich die Würflacher Männer zu, und: Ach! wer ihn nur zum Manne bekommen könnte! liſpeln ſchämig die Mädels. Der Greiſe, über dieſe eitle Prahlerei ſchon unge⸗ duldig geworden, unterbrach den wortreichen Wein⸗ zürl, indem er ſprach: Ich bin ſeit langen Jahren von Allem, was an die Genüſſe und Ueberflüſſe des ir⸗ diſchen Lebens gemahnt, ſo entfernt; daß ich auf nichts einen Werth lege, was blos dieſer Erde angehört, und mich nicht zugleich auch dem Himmel näher bringt. Euer Beſitz, er ſei noch ſo groß, er beſticht mein Auge, mein Gemüth nicht, darum ſprecht: was iſt Euer Begehren,— welche Urſache hat Euch hieher gebracht? Hanns Poſtl ſah den Siedler erſchrocken an; darauf ſprach er: Ihr müßt mir nicht grollen, Vater Thomas! aber vor einigen Jahren war bei Puch⸗ berg drinnen auch ein Siedler, der hat ſich aber ſeine Hülfe trefflich zahlen laſſen, welche er den armen Leu⸗ ten leiſtete, und deshalb dachte ich, daß auch Ihr mir bereitwilliger beiſtehen würdet, wenn Ihr aus dem Hintergrunde einige blanke Pfennige hervorſchimmern ſehet, und dem Himmel ſei's gedankt! Pfennige hab' ich auch; ich bin nicht arm, und kann, wenn's dar⸗ auf ankommt, ſchon meinen Mann ſtellen! Bei die⸗ ſen Worten ſchlängelte er beide Beine kreuzweiſe über⸗ einander, ſtemmte ſich rückwärts auf ſeinen Stecken, 13 und lächelte den Klausner vornehm an; er glich in dieſem Augenblicke der verkörperten Eitelkeit, Groß⸗ thuerei und Dummheit!— Dieſelbe Bemerkung moch⸗ te auch der Greiſe machen, denn er murmelte in ſeinen weißen Bart hinein: Dumm iſt er auch!— Dann fuhr er laut fort: Folgt mir in die Hütte, ich will Euer Begehren vernehmen! Er ſchritt voran, und hinten nach warf Poſtl ſeine verdrehten Beine übereinander. Das Behältniß, in welches ſie jetzt traten, umfaßte eine Feuerſtelle, ein WMooslager, mehrere heilige Erinnerungszeichen, und einige der unentbehrlichſten Hausgeräthe; man merkte es jedoch gleich an dem zu beſchränkten Raume, daß noch ein großer Theil der Hütte übrig ſein müße, wie⸗ wohl von hier aus kein Eingang in ein anderes Ne— benbehältniß ſichtbar war. Vater Thomas ließ ſich auf einem großen Steine nieder, der ihm zum Sitz diente, Hanns Poſtl ward der Platz auf einer kleinen Holzbank angewieſen. Der Weinzürl ſah um ſich, ſchüttelte den halbkahlen Kopf, und ſprach mit klug ſeinſollender Miene: Hier wird es zur Winterszeit ſehr kalt werden! Meint Ihr? verſetzte der Klausner ſpöttiſch, doch glaube ich, daß Ihr jetzt auf Euer Begehren zurück⸗ kommen möget; denn der Himmel ſchenkt uns die Zeit, um ſie zu benützen, und nicht mit leerem Geſchwätz 14 zu vergeuden, ſie iſt ein koſtbar Gut, mit allen Schä⸗ tzen der Erde vermag man keine einzige Minute zu⸗ rück zu kaufen. Ihr habt Recht, frommer Vater, und Ihr werdet Keinen in ganz Würflach finden, der ſeine Stunden ſo verwendet wie ich; ich arbeite, bethe, und arbeite wie⸗ der— doch Ihr wollet was Anderes wiſſen, und das ſoll geſchehen. Höret alſo: Mir läuft eine Dirne nach! Euch? fragte der Greiſe ungläubig. Findet Ihr dieß auffallend? bin ich nicht ein ſchmu⸗ cker Junggeſelle? hab' ich nicht ein ſtattliches Geſicht, und bin kaum fünf und zwanzig Jahre alt; was die kleine Glatze belangt, du lieber Himmel! das iſt eine beſondere Gnade für mich; der heilige Petrus, ſoll wie ich gehört, auch was dergleichen gehabt haben.— Ja, aber nicht in dieſem Alter! Ganz Recht, er war ſchon älter, Ihr müßt aber auch erwägen, daß ſein Haupt viel größer war, als das meine, und daß der Kopf an meinem Körper ei⸗ gentlich der ſchwächſte Theil iſt. Das glaub' ich gerne! verſetzte der Andere. Aber ſolche Mängel, fuhr Hanns fort, verſchwin⸗ den vor meinen Vorzügen; ich hab' ein Stück Boden, eine Heerde von mehr denn fünfzehn Schafen, einen Ochſen, eine Kuh und ein Kalb, mein Gehöfte hat —— c6„ —— , 1——+ en— c——„„ zu⸗ det ſo vie⸗ das irne nu⸗ cht, die ine ſoll ber als ei⸗ in⸗ en, nen 135 zwei Stuben und zwei Kammern, und das ſind Vor⸗ züge, die einen ganzen kahlen Schädel decken; um ſo mehr einen, dem nur ein Paar Härchen fehlen, wie's bei mir der Fall; deswegen dürft Ihr gar nicht ſtau⸗ nen, daß eine ſchöne Dirne auf Hanns Poſtl ein Au⸗ ge wirft; o nach dem Hanns hat ſchon Manche ihre Krallen geſpitzt, aber der Hanns möcht' auch was Be⸗ ſonderes haben, drum hört, was ſich neulich mit mir begeben. Ich befand mich auf meinem Acker, da ſtol⸗ zirt ein wunderſchönes Mädl vorbei, angethan in ſchnee⸗ weißen Linnen, einen friſchen, grünen Laubkranz um das kleine Köpfchen gewunden, mit langen, herabhan⸗ genden, blonden Löcklein, und von einem ſo überaus lieblichen Weſen, daß mir ſchier das Waſſer in den Mund lief, und ich ein Paar große Augen machte, die der Dirne mein Gefühl auch verrathen haben moch⸗ ten; denn einige Tage darauf, traf ich die Nämliche wieder, ganz wie das erſte Mal, auf meinem Gange aus dem Markte. Ich ſah ſie wieder an, ſie mich, ging vorüber, und es blieb beim Alten. Später wollte es mich ſchier ärgern, daß ich ſie nicht angeſprochen, aber ich dachte mir: ein guter Ochs zieht zweimal! und richtig begegnete ich ihr wieder; aber dieſes Mal ging es nicht ſo leer ab. Ich ſprach ſie kühn an, denn dem Himmel ſei's gedankt! zu reden verſteht der Hanns Poſtl auch, wie Keiner in ganz Würflach, das wer⸗ 16 det Ihr mir, frommer Vater, doch ſchon abgemerkt haben? Mein ſchönes Mägdlein, ſprach ich zu ihr, Du begegneſt mir jetzt zum öfterſten, und ſiehſt mich mit Deinen Blauäuglein immer wie eine Taube an, die nach dem Männchen ſpitzt, was ſoll das bedeuten?— Die Rede war klug und verſtändig, die Dirne ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und zog ihre beiden Schul⸗ tern in die Höhe,— ſeht Ihr,— ſo hat ſie's ge⸗ macht; ſie wollte wahrſcheinlich ſagen: Sie wiſſe es nicht!— aber ich half Ihr gleich aus dem Traume, indem ich fortfuhr: Biſt Du noch ledigen Standes? — Sie nickte bejahend!— Wo zu Hauſe? fragte ich wieder.— Jetzt öffnete ſie ihre roſigen Lippen und ſprach: Aus dem Walde! während ſie zugleich auf dieſe Gegend hieher deutete. Da ſind wir alſo Landsleute! fuhr ich fort, aber ſie verneinte dieß. Ich äußerte meine Zweifel über den Widerſpruch und ſie verſetzte: Wenn ich jetzt in jener Gegend zu Hauſe bin, muß ich deswegen auch dort geboren ſein?— Ich verſtand ſie, ſie war wahr⸗ ſcheinlich in der Steiermark zur Welt gekommen, und hauſte nun mit den Ihrigen im Walde; muthmaßlich ein Fräulein, das Kind eines Edelherrn, was ihr feines Weſen, ihre kleinen Händchen und Füße, das zarte Fell, wie von einem ſchneeigen Kaninchen, und überhaupt ihre ganze Geſtalt verriethen. Ich ſchmun⸗ ze u rkt hr, nit die eß 17 zelte, und ſprach: Du biſt ein holdes Mägdlein, aber wenn Du im Walde zu Hauſe, was ſuchſt Du hier in der Freiung, warum wandelſt Du immer alleine herum, wie ein Schäflein das den Wolf fürchtet?— Ich habe Niemanden zu fürchten! verſetzte die Taube. Iſt Dein Vater wahrſcheinlich ein mächtiger Herr? Ein ſehr mächtiger! Du biſt alſo ein Fräulein? Ja, das bin ich! Und Dein Name? Das Mägdlein ſah mich an und ſchwieg. Ich mochte nun anſtellen, was ich wollte, ſie ſagte mir den Namen nicht; ſondern ſprach: wenn ich ihren Namen erfahren wolle, ſo möge ich ſie im Gebirge aufſuchen, da würde ich nicht nur dieſen, ſondern auch noch mehr von ihr erfahren; ſie ſei ein gar mächti⸗ ges Fräulein, und ihr Vater ein hoch und weitge⸗ biethender Herr, der ihr viel zu Liebe thue, ſie könne es mir zwar nicht gewiß verſprechen, aber ſie glaube, es würde mein Glück ſein. Bei dergleichen Reden muß Einem wahrhaftig das Herz hochaufklopfen, denn das heißt doch Einem die Seligkeit auf der Schüſſel entgegen tragen. Hanns Poſtl iſt nicht dumm, er griff zu. So viel iſt deutlich abzumerken, das Fräu⸗ 2 18 lein hat an mir einen Narren gefreſſen; man kann ihr's nicht übel nehmen, ich bin ein ſchmucker Junge, weiß zu reden und mich zu ſtellen, warum ſoll ſich ein Fräulein nicht in mich vergaffen?— Ritter giebt es genug, aber die Poſtl ſind ſparſam angeſäet, über⸗ dieß habe ich eine Heerde von mehr denn zwanzig Scha⸗ fen, zwei Ochſen, zwei Kühe und zwei Kälber, mein Gehöſte hat drei Stuben und drei Kammern, da kann ein Fräulein ſchon handtieren und wohnen, wie ſich's ziemt nach Brauch und Sitte.— Dieß Alles ſchoß mir dazumal gleich in den Kopf, und ich fing an, mich der Schmucken auf Tod und Leben zu ergeben, aber ſie that, als ob ſie nichts davon wiſſen wolle. Das iſt Ziererei, dachte ich mir, die ſich beim zweiten, drit⸗ ten Mal ſchon geben wird, und ſomit ſchieden wir, das heißt eigentlich, Sie ſchied, und ließ mich zu⸗ rück. Seit damahls ſind nun ſchon ein Paar Wochen vergangen, aber mein ſteieriſches Fräulein hat ſich nicht mehr ſehen laſſen, mir aber iſt die ganze Ge⸗ ſchichte zu Kopf geſtiegen, der Hanns iſt nicht ſo dumm, um ſich einen fetten Biſſen von dem Munde weg ſchnappen zu laſſen; ich habe mein Gehöfte und Acker und Vieh einem guten Freunde übergeben, habe mich ſtracks auf die Sohlen gemacht, und bin aus⸗ gegangen, mein Mägdlein zu ſuchen. Der Siedler hatte das lange, prahleriſche Ge⸗ bt 18 ſchwätz unruhig mit angehört; er hätte den eitlen Ge⸗ cken oft gerne unterbrochen, allein er wußte, daß die Gewalt des Redeſtromes nur noch erhöhet werde, wenn man denſelben beſchleunigen wolle, er zwang ſich daher zur Geduld, bis der Sprecher ganz geen⸗ det hatte; doch nun nahm er das Wort: Und des⸗ halb kamt Ihr zu mir, Hanns Poſtl? meint Ihr vielleicht, das Mädchen hier in meiner Klauſe zu finden? Bewahre, Vater Thomas! wem wird ſo was in den Sinn kommen? Ihr ſeid zu alt, zu fromm, um an dergleichen Narretheien noch zu hangen; ganz anders verhält es ſich mit uns jungem Volk. Ich kam blos zu Euch, um Erkundigungen einzuziehen, Ihr wißt in der Gegend, in allen Märkten und Bur⸗ gen genauen Beſcheid, vielleicht kennt Ihr ein Fräu⸗ lein von ſolcher Schöne wie ich es früher bezeichnet; mir ſoll's auf einige Silberlinge nicht ankommen, wenn ich es nur jetzt, oder doch eheſtens erfahre; außerdem will ich auch ſelbſt'gen Puchberg ziehn, und kundſchaften, will den Stüchſenſtein und Schrattenſtein ausforſchen, wenn Ihr mir nebſt⸗ dem noch zu Hülfe kommt, ſo müßen wir das Neſt des Vögelchens bald heraus haben. In dieſem Augenblicke ertönte außen ein weib⸗ licher Geſang, deſſen Weiſe hüpfend und muthwillig ſich den deutlich hörbaren Worten innig anſchmiegte: 2* 20 Heidi! ſchon ſo frühe Im thauigen Wald? Die Blätter noch dunkel Von Gold nicht umſtrahlt; Die Fährte noch ruhig, Die Waſſer noch kalt,— Was gibt es ſo zeitlich Im thauigen Wald?— Hanns Poſtl hatte dieſe Töne kaum vernommen, als er aufſprang und ſprechen wollte, allein der Sied⸗ ler winkte ihm raſch, er ſchwieg, und die Sängerinn fuhr fort: Willkommen! Hanns Poſtl! Was ſuch'ſt in der Klauſe? Viel beſſer, Du bliebeſt In Würflach zu Hauſe; Denn wo das Verbrechen, Wo Sünder nur wohnen; Da kann nicht die Treue, Kann Liebe nicht thronen! Der Klausner wie vom Schlage gerührt, zuckte zuſammen, ſprang auf und ſtürzte eilig aus der Hütte. Da iſt ſie, das iſt mein ſteiriſches Fräulein! ju⸗ belte Hanns, und folgte ihm nach. Außen war Alles ruhig und leer wie früher, die Beiden durchſtöberten die nächſte Umgebung der Klau⸗ ſe, ſie ſuchten dann weiter in der Runde, aber Al⸗ les blieb vergebens, von der Sängerin war keine Spur mehr vorhanden. Darauf kehrten ſie mißmuthig in die Hütte zurück. erz ſpr me me me en, nn kte der ju⸗ die u- Al⸗ ine ick. £ Eine UMatter kann ich ſchauen, Die ſich ſonn't am Brunnenrand; Einen Tieger ohne Grauen, Wie die Beute er umſpannt: Aber niemahls jenes Weſen Deſſen Herz ich nachgetrachtet, Das mein Alles einſt geweſen, Und das ſtolz mich hat verachtet! Banns Poſtl war nicht in der Verfaſſung, um über das Benehmen des Einſiedlers Betrachtungen anzu⸗ ſtellen; ihm entging die heftige Bewegung desſelben, während ſie außen herumſuchten; und bis ſie zurück waren, hatte der gewandte Siedler ſchon den Sturm ſeines Inneren bezwungen. Zu des Weinzürls größ⸗ tem Erſtaunen, forderte ihn nun der Alte ſelbſt auf, ihm das Begebniß mit dem Fräulein noch einmal zu erzählen, und als er damit zu Ende gekommen war, ſprach der Siedler: Ihr wißt alſo wirklich nichts mehr von Ihr? Bewahre entgegnete Poſtl, ſie hat mit mir nichts mehr geredet, und woher ſollt' ich ſonſt die Kunde bekom⸗ men haben? Ihr ſeid ja der Erſte, dem ich mein Geheimniß vertraute. 22 Eine Weile dachte der Greis mit gerunzelter Stirne nach, dann ſprach er: Wohlan, ich will thun, wie Ihr früher geſprochen; ich werde Alles anwenden, um von dem Mädchen Gewißheit zu erhalten; auch Ihr ſetzt Eueren Weg und Euer Forſchen fort, ſobald Ihr jedoch Etwas in Erfahrung gebracht, zeigt Ihr es mir unverzüglich an. Das läßt ſich hören— antwortete Hanns— wir blei⸗ ben alſo in feſter Kumpanei, und wenn ſich meine Sache gemacht haben wird, ſo ſollt Ihr auch mit mir zu⸗ frieden ſein. Wer weiß, ob ich nicht einmal Herr eines ganzen Gaues werde, und dann könnt Ihr Euch hinſiedeln, wo es Euch nur genehm; der Hanns Poſtl iſt kein Knauſer, der ſich ſpotten laſſen wird, am Al⸗ lerwenigſten dann, wenn er erſt Ritter geworden. Jetzt behüth' Euch der Himmel, ich trage meinen Wan⸗ derſtab'gen Puchberg, dann kehr' ich zurück zum Schrattenſtein, darauf wende ich mich abwärts nach dem Stüchſenſtein, hinüber nach urſchendorf, und ſo⸗ fort von einer Burg zur Andern, irgendwo wird mein ſteieriſches Liebchen doch zu treffen ſein. Somit Gott befohlen, Vater Thomas! in einigen Tagen kehr' ich zurück, und Ihr erfahrt Alles, was ich indeſſen von der Steierinn ausgegattert. Er verließ die Klauſe. Der Eigner derſelben plieb allein zurück. Sein Haupt ruhte nachdenkend ,„——„— „—„ ter un, en, uch ald Ihr lei⸗ ache err uch oſtl Al⸗ Jetzt ban⸗ zum nach d ſo⸗ mein Gott von elben 23 in der Hand, er ſann über den Vorfall nach, und die Unruhe griff in ſeinem Innern immer ſtärker um ſich. Wer konnte das Mädchen ſein? was bewog ſie, ſich dem eitlen, thörichten Burſchen bemerkbar zu ma⸗ chen, und was ſollte ihr ſonderbarer Sang vor ſeiner Klauſe bedeuten? Daß Sie die Sängerin war, dachte er bei ſich, das bezeugt Poſtls Erkennen, aber wo⸗ hin iſt ſie ſo ſchnell entſchwunden? Sollte ſie vielleicht in der Nähe ein Verſteck wiſſen? Dann müßte ſie der Gegend kundig ſein, was mir nur gefährlich wer⸗ den könnte, jedenfalls will ich ſpähen und forſchen, denn von einem Weibe mag ich nicht überliſtet werden. In dieſem Selbſtgeſpräche wurde er abermahls durch ein Geräuſch von Außen unterbrochen, er horch⸗ te, vernahm das Stampfen von Roſſen, Waffen⸗Klir⸗ ren, hörte mehrere Männerſtimmen; ſeine Mienen ver⸗ riethen Staunen und Verwunderung. Wem ſoll die⸗ ſer Beſuch gelten? fragte er ſich ſelbſt, kaum bin ich des Einen ledig, ſo drängt ſich mir ſchon der Andere auf! Er ſchlich zur Wand, drückte an einen Nagel in der⸗ ſelben, und eine verborgene Thüre ging auf, welche in ein zweites Behältniß führte. Dieß betrat er, ſchloß die Pforte hinter ſich zu, und begab ſich von hier aus auf den Boden der Hütte, zu dem einige Holzſtufen hin⸗ anführten. Oben angelangt, öffnete er in dem Dache 24 einen kleinen Schuber, und die ganze vordere Umge⸗ bung der Klauſe lag vor ſeinen Blicken. Ein Haufe von Reiſigen hatte den Platz zu ſeinem Lagerungsort gewählt. Nahe am Bache waren die Roße angebun⸗ den, die Knappen und Knechte ruhten in der Nähe derſelben im weichen Mooſe aus; zwiſchen zwei nahe ſtehenden Bäumen war eine Decke geſpannt, welche ein luftiges Zelt bildete, und höchſtens die Sonnenſtrah⸗ len abzuwehren geeignet war. Unter derſelben ruhte eine Dame, in Weiß und Blau gekleidet, mit gleich⸗ farbigen Federn auf dem Barette; ihr zu Häupten ſaß eine Dienerin, in deren Schooß der ſchwarze Lo⸗ ckenkopf der Dame ruhte. Das Antlitz derſelben war abwärts gewendet, und konnte nicht geſehen werden, es war nicht zu entſcheiden, ob ſie ſchlafe, oder wa⸗ chend weine. Außerhalb dieſes luftigen Zeltdaches lag ein langer Mann hingeſtreckt, in ritterlicher Kleidung, mit einem hagern, langgezogenen Antlitze, ſtechenden Augen, und wilden Zügen. Ein ſchwarzer Sammt⸗ anzug deckte den langen Körper, das Barett mit den gleichen Federn lag nachläßig auf dem Boden hinge⸗ worfen, der Laſt ledig ringelten ſich die ſchwarzen Haare frank und frei die Schulter hinab, während ſein Haupt auf der aufgeſtemmten Rechte ruhte. Der Einſiedler hatte Zeit genug, dieſe Scene ſattſam zu beobachten, denn beinahe eine Viertelſtun⸗ ge⸗ ufe zort un⸗ ähe ahe ein ah⸗ hte ich⸗ ten Lo⸗ var en, 25 de verfloß, ohne daß Eine oder die Andere der Per⸗ ſonen ihre Stellung verändert hätte. So wenig Son⸗ derbares das Bild eigentlich an ſich trug, ſo vermoch⸗ te ſein Auge ſich doch nicht von demſelben loszurei⸗ ßen. Es weilte ununterbrochen bald auf dem Ritter, bald auf der Dame, ein unbekanntes Band hielt den Siedler gefeſſelt, er wollte bleiben, bis er das Ant⸗ litz der Ruhenden geſehen haben würde. Hierauf durf⸗ te er auch nicht mehr allzulange harren. Das Haupt der Dame hob ſich, ihr Körper gewann eine ſitzende Stellung, darauf fuhr ſie ſich mit den Händen über das Antlitz, und wendete ſich langſam dem Ritter zu. Der Klausner an der Lucke bekam jetzt den Vortheil, ſie genau betrachten zu können, ſein Auge traf ihre Züge, er zuckte zuſammen und begann zu beben wie ein Blatt im Winde. Er mußte ſich mit beiden Hän⸗ den an das Dach klammern. Sie iſt es— Gertru⸗ de!— Himmel! ſteh' mir nur in dieſem Augenblicke bei! So iſt alſo doch geſchehen was ich fürchtete, und dennoch nicht glauben wollte! O es war ein glückli⸗ cher Augenblick, der mich dieſen Plan erfaſſen und ausführen ließ; hier bin ich in der Nähe, und nicht ruhen will ich, bis ich nicht errungen, um was ich bisher vergebens geſtrebt! Jetzt ſchnell hinab, ich muß gefaßt ſein— ihnen entgegen zu treten. Während der Siedler bei ſich dieſes Selbſtge⸗ 2 26 ſpräch führte, und ſich dann vom Dache entfernte, er⸗ hob ſich unten, in dem Augenblicke als ſich die Dame ihm zuwendete, der Ritter vom Boden und ſprach: Seid Ihr ſchon zu Euch ſelbſt gekommen, Gertrude? Fürwahr! s'iſt ſchade um das edle Naß, deſſen Spu⸗ ren man noch auf Euren Wänglein ſieht; ſpart es, Ihr werdet's vielleicht in Hinkunft beſſer benöthigen, und Thränen ſollen dieß mit dem Golde gemein ha⸗ ben, daß man ihren Werth erſt kennen lernt, wenn man keine mehr hat; ſo hab' ich reden hören; denn ich vergoß noch keine, und hoffe auch, daß ich es nie im Leben thun werde. Dieſe harten Worte entlockten der Dame einen tiefen Seufzer; ſie entgegnete nicht ohne einen leiſen Vorwurf in ihrem Tone: Ihr gebt mir ſchlechten Troſt, mein Herr und Gemahl! ſolche Reden ſind nicht geeignet eines Weibes Herz zu gewinnen, und ihr Gemüth, wenn es niedergedrückt, aufzurichten. Ich bin dieſen Empfindeleien feind, gegenredete der Ritter, Ihr wißt, Gertrude, ich mag die Flen⸗ nerei nicht, was um mich iſt, muß fröhlich, muß munter ſein; muß Freude und Scherz lieben, Sang und Tanz; ſo hab' ich's bisher gehalten, ſo ſoll es auch ferner bleiben, und ein eigenſinnig Weib ſoll we⸗ der in meinem Haushalt, noch überhaupt auf der di er⸗ ime de? pu⸗ en, h a⸗ nn nn nie nen ſen ten ind imnd ete en⸗ uß ng es ve⸗ 22 ganzen Burg irgend eine Aenderung, die dem zuwi⸗ der wäre, zu Wege bringen. Ihr ſeid ſehr hart, mein Gemahl; ſo was hab ich nie im Sinne geführt, und will weder Eure Freuden, noch Eure gewohnte Lebensweiſe ſtören; mit dem Au⸗ genblicke, als ich, die arme Waiſe, Euch gezwungen meine Hand gereicht, habe ich auf Alles verzichtet, was man Lebensfreuden nennt; ich habe Euch offen erklärt, daß ich Euch eine treue Gefährtin, eine ſorgſame Gat⸗ tin ſein wolle, daß Ihr jedoch auf Herzensinnigkeit keinen Anſpruch machen dürfet; ich verhehle es Euch auch nicht, daß ich nur deshalb dem Zwange nachgab, weil ich mich vor den Nachſtelluugen jenes Elenden ſichern, und weil ich vor ſeiner Gewalt hinlänglich ge⸗ ſchützt ſein wollte. Dieß habt Ihr Alles früher er⸗ fahren, bevor wir unauflöslich an einander gekettet wurden, und es hat geſchienen, als ob Ihr ganz mit mir übereinſtimmtet; aber nun ich den Augen meines Pflegevaters entrückt bin, nun, da wir kaum durch ei⸗ nige Tage vereint ſind, nun ſcheint Ihr ſchon Alles vergeſſen zu haben, was Ihr mir zugeſagt, wozu Ihr Euch mir verpflichtet und verbunden habt; Ihr quält mich und wollt mich zum Frohſein zwingen, und Ihr werdet doch wiſſen, daß man auf diefer Erde Al⸗ les eher, als die Heiterkeit erkünſteln und erheucheln kann; das Menſchenherz iſt wie die Weinbeere, daß 28 ſüßeſte Blut fließt freiwillig ohne Zwang heraus, den herberen Reſt kann man aus derſelben preſſen; von Freuden fließt auch das Herz über, das Leid wird aus den Buſen geholt, vom Verhängniß herausge⸗ preßt, ihm leiſtet man vergebenen Widerſtand. Nach dieſe Rede trat ein etwas längeres Still⸗ ſchweigen ein, nicht etwa als ob der Ritter von der⸗ felben gerührt, oder überzeugt worden wäre, denn dem widerſprach ſeine wo möglich noch ſtrengere und finſterere Miene, ſondern er ſchien auf eine recht kränkende Erwiederung zu ſinnen, und ergriff dann das Wort: Ihr habt jetzt ſehr viel geſprochen, von dem ich Gottlob! das Wenigſte verſtand; nur ſo viel wird mir klar, daß Ihr Euch bereits jetzt einredet, nicht glücklich zu ſein, und daß Ihr wahrſcheinlich in Eurem Innern den Entſchluß gefaßt haben mochtet, den lautern Quell meines Lebens zu trüben, ſo oft es nur immer in Euerer Gewalt liegen würde, denn es iſt leider immer der Fall, daß zehn fröhliche Genoſ⸗ ſen kaum aufmuntern können, was ein ſauertöpfiſch Gemüth darniedergedrückt. Als ich mich vor unſerer Verbindung Eurem Willen fügte, hoffte ich, daß ſich Eure Laune ändern, daß Ihr Euch mehr in die meine fügen würdet, denn ſolch einen ſtörriſchen Sinn ha⸗ be ich bei dem mannſüchtigen Fräulein nicht vermu⸗ thet— —„ M—,—„— den von wird sge⸗ till⸗ der⸗ enn und echt ann von viel det, in tet, oft enn oſ⸗ iſch rer ſich ine ha⸗ iUu⸗ 29 Herr Gemahl! rief die Dame, ſich zornglühend erhebend, mildert Euer Wort, denn beim Himmel! ſonſt müßte ich vermuthen, der Herr von Schratten⸗ ſtein hätte blos um die Morgengabe gefreit, und ſu⸗ che ſich nun der unwillkommenen Gattin als einer verhaßten Bürde zu entledigen! Der Ritter erbleichte, preßte die Lippen zuſam⸗ men, und warf einen zornfunkelnden Blick auf die Frau, allein ſein Gefühl kam nicht zum Ausbruche, er drängte es bis zur gelegeneren Zeit in den Buſen zurück. Mäßiget Euch, Gertrude! ſprach er ſtörriſch, Ihr habt mich aufgeregt, und ich bin nicht der Mann, der ſich Zwang anzuthun gewohnt iſt. Was ſoll aber auch das immerwährende Panier von Trauer auf Eu⸗ rem Antlitze. Damit fordert Ihr mich heraus, und bewirkt gerade das Entgegengeſetzte von dem, was Ihr auf anderem Wege ſo leicht erzwecken könntet. Die Dame nickte wehmüthig mit dem ſchönen Lockenkopf, und ſprach: Ihr habt Recht, mein Ge⸗ mahl, ich will fröhlich ſein; ich will den Himmel bitten, daß er mir Kraft verleihe, es auch jederzeit ſein zu können, damit mein Weilen auf Euerer Burg Euch nicht mit jener verhaßten Trauer umſchlinge, die Ihr, wie ein nächtlich Geſpenſt zu fürchten ſcheint. ——————————.—— 3„————-— Dieſen Entſchluß, Gertrude, hat Euch der Him⸗ mel eingegeben— ſprach der Gatte,— alſo das Ge⸗ ſichtchen rein von Falten geglättet, das glühende Roth von den Wangen fein abgekühlt, das Köpfchen ge⸗ hoben, mit dem Auge froh und munter in die Ferne geſchaut, ſo ſoll die Gemahlin Linzers von Schrat⸗ tenſtein auf ſeinem Stammſchloße einziehen; Alles ſoll ſich in ihrer Heiterkeit ſonnen, und ſie um ihr Glück beneiden. Doch damit Ihr ſeht, daß ich auch nach⸗ giebig ſein könne, vorausgeſetzt: daß man es ver⸗ dient, ſo will ich Euch gewähren, daß Ihr in jener Klauſe Euer Morgengebeth verrichtet; Ich weiß, Ihr bethet gerne, oft und lang. Ihr könnt Euer Herz erleichtern, und in Zukunft auch für mich ein Vier⸗ telſtündchen hinzuthun, denn mir wird die Zeit viel zu lang dabei. Bankett, Spiel und Hatzen ſind an⸗ genehmere und kurzweiligere Handthierungen, als ſo ſtundenlange auf den Knieen kauern, oder gar auf kalten Steinen herumzurutſchen. He— Knappe! ſo rief er dem nächſten ſeiner Leute zu, geh' hin, klopfe an das Pförtlein der Klauſe und ſage dem Siedler: er möge der Freifrau von Schrattenſtein Einlaß ge⸗ währen, ſie wolle vor ſeinem Kreuze ein Gebethlein verrichten, wofür er ſich, wenn es ihm genehm, auf dem Schloße zwei Pfund Wachskerzen, und eine Zie⸗ ge holen kann, denn ſo viel ich ſehe, leidet der Mann 31 keinen Ueberfluß; ich habe ſchon gehört, der Alte ſoll ein Muſter von Enthaltſamkeit und Frömmigkeit ſein. Der Knappe that, wie ihm befohlen. Der Klausner, auf dieſes Begehren gefaßt, öffnete die Thüre, und gehorchte dem Befehle des Ritters; was hätte es auch genützt, ſich ihm zu widerſetzen? Er, der Einzelne, der Schwache, er wäre zu dem gezwungen wor den, was er nicht freiwillig hätte thun wollen. Die Freifrau erhob ſich jetzt, eine wunderliebliche, ſchöne, üiberaus reizende Geſtalt; kaum zwanzig Lebensjahre mochte ſie zurückgelegt haben; in früheſter Jugend ſchon verwaiſt, hatte ſie wenig frohe Tage verlebt, und der Schrattenſteiner verhieß ihr deren noch weni⸗ gere. Langſam, demüthigen Schrittes näherte ſie ſich der Klauſe, deren Bewohner indeſſen einen Beth⸗ ſchemmel vor das große, hölzerne Kreuz geſtellt hat⸗ te, und zitternd dem Eintritte der Freifrau entgegen ſah. Er hatte ſich lange auf dieſen Augenblick ge⸗ fürchtet, nun war er erſchienen, er ſollte ſie ſehen, und mußte Alles anwenden, um unerkannt zu blei⸗ ven. Mit geſenktem Haupte, die Kapuze weit über dasſelbe gezogen, empfing er die Dame an dem Pfört⸗ chen und leitete ſie zur Bethſtelle; ſie knieete nieder, er zog ſich zurück, und blieb, ein düſteres Bild hinter ihr ſtehen Bald war Gertrude von Schrattenſtein dieſer Erde entrückt, nur der ſtaubgeſchaffene, der ir⸗ 32 diſche Theil war noch hier, der Geiſt aber hatte ſich bereits zum Himmel erhoben, ſchwelgte im ſüßen An⸗ ſchauen Gottes, flehte um Erl lichen Erdenhülle, deren Schöne allein die Schuld all ihres Elendes trug. Sie lag demüthig vor dem Kreuze, nicht nach Oben ſchaute das wunderliebliche Auge, es war gegen den Boden gekehrt und geſchloſſen. Wer zum Himmel ſich erheben will, muß das Auge ſchließen, denn nur zu leicht wird das Irdiſche vom Irdiſchen angezogen, wer ungeſtört den Himmel ſchauen will, muß blind für die Erde ſein.— Das Gefühl des Einſiedlers während dieſer Au⸗ genblicke war ein unbeſchreiblich qualvolles; ſein Auge ruhte auf der, in dieſer Lage doppelt reizenden Ge⸗ ſtalt, ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft, die gefalteten Hände mit den in einander geſchlungenen Fingern ſtemmten ſich ſo an, daß ſie mehr einem Ringer als Bether zukamen. Mein Handeln iſt beſchloſſen, ſprach er bei ſich, ich habe mir meine Fährte vorge⸗ zeichnet, und keine Schrittbreite will ich davon wei⸗ chen; was da auch kommen möge, auf mir laſtet keine Schuld; ich waſche meine Hände, denn wozu ich ge⸗ zwungen, deſſen Folgen kann man mir nicht aufbür⸗ den! Habt ihr keinen Engel gewollt, ſo ſollt ihr einen Teufel haben! öſung aus der unglück⸗ Der enge Raum der Klauſenzelle umſchloß in 33 dieſem Augenblicke zwei Weſen, die in jeder Bezie⸗ hung, ſogar in ihren Gefühlen, in dem Denken die⸗ ſes Momentes im grellſten Widerſpruche ſtanden. Ger⸗ trude, durch das Gebeth erhoben, hatte Ruhe und Frieden in ihre Bruſt herabbeſchworen, ſie war aus⸗ geſöhnt mit der Welt, mit ihren Feinden, mit ihrem Verhängniſſe, ſie war in jener überfrohen Stimmung, in der ſich oft der elendeſte Menſch ſelbſt überredet, glücklich zu ſein. Wer ſie vor dem Kreuze liegen ge⸗ ſehen, hätte ſie für das verkörperte Bild der Fröm⸗ migkeit gehalten; ihr zum grellen Gegenſatze ſtand im Hintergrunde der Klausner, ſein greiſes Ausſehen, trotz des bleichen Bartes, und der anſcheinlich nie⸗ dergebeugten Geſtalt, war nicht im Stande, Ehrfurcht zu erwecken, denn das ſchwarze Auge blickte ſtreng und finſter hervor, ſo wie eine freche Raubburg aus einer ſchneeigen Wintergegend; ſeine Gefuͤhle waren Verrath, Sünde und Krieg, ſein Buſen der Tum⸗ melplatz wilder, unbezähmter Leidenſchaften, und dieß Alles hätten ſeine Züge deutlich ausgeprägt, wären ſie nicht verhüllt, verdeckt geweſen; ſo aber vereinigte ſich Alles im Auge, dieſes war frei, hier ſchienen die Zuckungen offenen Raum zu haben, hier ſah man den tiefen Schlund heraufgähnen, in dem der Böſe ſein verderblich Spiel trieb. Die junge Freifrau war mit ihrer Andacht zu 31 Ende gekommen, ſie erhob ſich, das wunderſchöne Antlitz trug den Stempel eines gottge ſandten Frie⸗ dens, ſie wendete ſich gegen den Klausner, ging mit geſenktem Haupte auf ihn zu, ließ ſich vor ihm nie⸗ der, und ſprach: Segnet mich, mein frommer Va⸗ ter, denn noch nie bedurfte ich des Himmels Gnade ſo ſehr als in dieſer Zeit; ich habe mich in einen neuen Stand begeben, ich ziehe ein in ein fremdes Haus, ich bedarf jetzt wie nie des Himmels Glück und Segen. Der Siedler bebte am ganzen Leibe, er ſollte die ſegnen, über deren Haupt er alle Qualen heraufbe⸗ ſchwören möchte, die er zu haſſen wähnte, die er verderben wollte! Er ſenkte ſeine Hände flach auf den Kopf der Dame, ſie zitterten mächtig, dumpf drangen einige Worte zwiſchen den Lippen hervor, man hätte ſie eher für eine Beſchwörung des Böſen, als für das Herabbethen des himmliſchen Segens hal⸗ ten können. Der Ruf des Ritters von außen bewog die Frei⸗ frau zur Eile, ſie erhob ſich, und verließ raſch mit freundlichem Gruße die Zelle, der Klausner ſah ihr finſter nach. Nach einigen Augenblicken ſchon hörte er draußen den Zug ſich in Bewegung ſetzen, bald darauf wurde es wieder ruhig, das Rauſchen des Waldbaches drang 35 wieder herein, man vernahm Vogelſang wie eher, die gewohnte Einförmigkeit hatte abermahls ihr Recht be⸗ hauptet; der Einſiedler warf ſich in qualvoller Ver⸗ zweiflung auf das Mooslager. Mein Entſchluß ſteht feſt, rief er jetzt laut, rang die geballten Hände, und ſeine Stimme durchdröhnte mit Jugendkraft den kleinen Raum; mein muß ſie werden, oder ich beſchwöre zehnfaches Verderben über ſie herauf!— Er ſchwieg, das Rauſchen von draußen ſchien ſeinen Schreckensruf monoton zu verhöhnen. 3. Wir tummeln uns munter in ſchattigen Auen, Wo Zinken und Spatzen ihr Ueſtlein ſich bauen, Wo Kaulwurf und Füchſe die Erde durchwühlen, Wo Schlange und Rröte im Moorgrunde ſpielen! Da zuchen und ſchlängeln ſich bläuliche Flammen, Umhalſen und küßen ſich, ſchlagen zuſammen; Sie hüpfen und tanzen in finſteren Kächten, Und warnen den Guten, vertilgen den Schlechten, Sie warnen den Schwachen, und helfen dem Armen, Perſchmähen den Yank, ſo den falſchen, als warmen! Banns Poſtl ſchritt wohlgemuth ſeines Weges da⸗ hin; dieſer führte ihn längs des herabquillenden Schrattenbaches durch die enge Felsſchlucht, wel⸗ che unter dem Namen des Schrattengrabens be⸗ kannt iſt. Beinahe eine halbe Stunde ſchritt er ſo fort, die gigantiſchen Maſſen der ſich beiderſeits aufthür⸗ menden Berge, die wunderſeltſamſten Felsparthieen, die friſchgrünen Nadelholzungen, Alles blieb von ihm unbeachtet, denn er hatte ſein ſteieriſches Fräulein im Kopfe. Vor Allem ſann er über die Sängerin vor der Klauſe nach; wär' es wirklich ſeine Bekannte ge⸗ weſen, oder hatte ihn ſein Gehör nur getäuſcht? Hor— 37 mich dieſer und jener! brummte er vor ſich hin, wenn ich mich dieß jetzt, mit Gewißheit zu behaupten ge⸗ traue; im erſten Augenblicke ſchien mir's ſo, aber ich habe ſie nur wenige Worte ſprechen gehört, wie konnte ich auch von dieſen auf ihren Geſang ſchließen? Es gibt Menſchen, die recht ſchön ſprechen, auch ich bin Einer von ihnen, die aber ſingen wie Hähne, wenn ſie heiſer ſind; aber was braucht Hanns Poſtl ſingen zu können? er hat andere Vorzüge, die klingender ſind! Wenn nur Eines nicht wäre: die verdammte Gla⸗ tze! ich mag mir einreden, ſo viel ich nur will, es nützt nichts, die Leute ſehen darauf; ſogar der luchs⸗ äugige Siedler machte ſeine Gloßen darüber, aber ſo⸗ bald ich nach Hauſe zurückkehre, will ich den Kopf in die Pflege nehmen; die alte Dörflerin hat ſchon mehrere unfruchtbare Bäuche in die Höhe gebracht, vielleicht gelingt es ihr auch, bei meinem Haarboden etwas hervorzuzaubern. So darf es nicht bleiben, denn der Hanns Poſtl iſt ein tüchtiger Burſche, nur die Glatze verdirbt ihn ganz. Aber wiſſen möcht' ich doch, wer die Sängerin vor der Klauſe war? irgend ein Frauenbild muß es geweſen ſein! Wohin hat es ſich aber ſo ſchnell verkrochen? ich glaube, wenn ſie nur ſo groß wie eine Feldmaus geweſen wäre, wir hätten ſie finden müßen, ſo haben wir Alles durchſtöbert; 38 aber nichts, gar nichts, nicht die geringſte Spur war zu entdecken! Unter ſolchen Selbſtbetrachtungen war er am Ende der Schlucht angelangt, als ſich dieſe plötzlich zu erweitern begann, und er ſich in einem breiten Thale befand, welches heut zu Tage den Namen »das Roſenthals führt; es mag dieſem den wun⸗ derlieblichen Anblicke verdanken, den es dem Wande⸗ rer gewährt, wenn er aus der finſtern Schlucht her⸗ vortretend, ſich plötzlich von den Wieſen und Matten umgeben ſieht, die ſich von den Bergabhängen herab⸗ ſenken; damahls mag es wahrſcheinlich wilder und unfreundlicher geweſen ſein, denn Hanns Poſtl ließ nicht den mindeſten Eindruck erkennen, ſondern war geſonnen, ſich links gegen die Burg Schrattenſtein hinaufzudrehen, als er plötzlich durch einen, von der entgegengeſetzten Seire her, tönenden, melodiſchen Ge⸗ ſang zum Stillſtehen bewogen wurde. Er lauſchte, und deutlich drang es in ſein Ohr: Ich ſehn' mich nach Licht, Denn Licht iſt Leben, Licht iſt Freud', Der Tod iſt Trauer, Dunkelheit, Drum ſeh'n ich mich nach Licht! Dann ſei die Freiheit mein, Denn frei und ledig iſt der Geiſt, Wenn er der Hülle ſich entreißt, Drum will ich frei auch ſein. 32 Dann möcht' ich auch ein Herz Das noch von jedem Truge frei, Das ehrlich liebt, und redlich treu; Wo find' ich ſolch ein Herz? Die Sängerin ſchwieg. Hanns Poſtl ſchüttelte den Kopf, er ſtierte nach jener Gegend, von welcher die Töne herkamen, allein er entdeckte nichts. Daß dieſe Sängerin mit jener vor der Klauſe eine und die⸗ ſelbe Perſon war, das fand er gleich heraus; aber wie kam ſie hieher, was machte ſie da in dem Thale, und wo ſteckte ſie, daß er ſie nicht zu Geſichte bekam? Sollte er ſie aufſuchen, oder ſeines Weges fortwandern? Dieß waren Fragen, die er an ſich ſelbſt richtete, und mit deren Beantwortung er ſich noch lange nicht zufrieden geſtellt hatte, als der Sang wieder anfing, und zwar ganz in jener Weiſe, wie er vor der Klauſe ertönt war: Heidi! ſchon ſo frühe Im thauigen Wald? Die Blätter noch dunkel Von Gold nicht umſtrahlt; Die Fährte noch ruhig, Die Waſſer noch kalt, Was giebt es ſo zeitlich Im thauigen Wald?— Willkommen! Hanns Poſtl! Verließeſt die Klauſe? Ich meinte, du wäreſt Schon längſtens zu Hauſez 40 Willkommen! Hanns Poſtl! Was ſuchſt du im Walde? Kommſt du, mich zu laden Zur Trauung in Balde? Hanns Poſtl kratzte ſich hinter den Ohren. Die ganze Geſchichte begann ihm jetzt zu bunt zu werden. Hol' mich Dieſer und Jener! rief er, wenn dieß nicht mein ſteieriſches Fräulein iſt; ich möchte nur wiſſen, wo das Wettermädl ſteckt? wahrſcheinlich hin⸗ ter Buſch und Dorn, oder in einer Klinſe drinnen; ſie hat mich gewiß auf dem Gange aus Würflach aus⸗ gegattert, und iſt mir unbemerkt bis zur Klauſe, und dann hieher gefolgt, und will mich hier fatznarren. Aber der Hanns Poſtl iſt nicht dumm, er wird den Finger gleich auf dem wahren Loche haben! Er hielt nun ſeine beiden Hände ſo an den Mund, daß der Ton an den inneren Flächen derſelben, wie durch eine Höhle drang, wodurch er bedeutend an Stärke gewann, und rief nach jener Gegend, woher früher der Geſang erſchollen war: Wo ſteckſt Du, ſchönes Mägdlein? mach' keine Flauſen; ſo wie Du mich, hab auch ich Dich erkannt! Komm herfür, her⸗ ziges Fräulein, ſei nicht ſpröde und ſchämig, der Hanns Poſtl hat noch keiner hübſchen Dirne was zu Leide gethan! Nach dieſer langen Aufforderung blieb er har⸗ rend auf dem Flecke, ließ ſein Auge die Runde durch⸗ 41 kreiſen, ob er die Erſehnte nicht hinter irgend einer Erhöhung hervortreten ſehen würde, aber dieß ge⸗ ſchah nicht, ſondern ſtatt des Fräuleins anſichtig zu werden, vernahm er nur wieder ihren Sang: Ich ſeh' Dich, mein Bürſchlein, Siehſt mich denn nicht?— Haſt, armer Hanns Poſtl Ein kurzes Geſicht!— Du haſt mich erkannt Weißt nicht, wo ich bin? Durchſuche den Wald nur Da ſteck' ich wo drinn. Durchſuche die Büſche, Durchſpähe das Moos; Schau'nauf in die Wipfel, Sieh'nab in den Schooß. Im Schatten der Eiche Leg' ich mich oft hin, Wenn koſende Weſte Die Zweige durchziehen; Auch hoch auf der Föhre Da wieg' ich mich gern, Wenn dräuende Stürme Wenn Wetter noch fernt Der Würflacher wurde unwirſch und murmel⸗ te: Leg' Du Dich Meinethalben auf den Schneeberg hinauf wenns Dich freut, ich werde Dich nicht ſu⸗ chen. Ich werde weder Moos, Büſche noch Wald durchſpäh'n, denn jetzt ſeh' ich es deutlich, Du biſt nicht mein Steieriſches Fräulein; das habe ich ſchon lange weg, daß die Steierinnen ſo lange in einen 4 42 Athem nicht fortſingen können, dazu ſind ihre Hälſe viel zu dick!— Hierauf gab er ſeine Hände wie⸗ der in die frühere Lage und rief wie vorhin der un⸗ ſichtbaren Sängerin zu: Der Hanns Poſtl wird Dich nicht ſuchen, und wenn Du bis Morgen forttrillerſt; biſt Du mein ſchönes Fräulein, ſo komm' aus Dei⸗ nem Verſteck hervor, denn ich habe was Beſſeres zu thun, als mich anplärren zu laſſen. Er horchte, ſpäh'te, Alles blieb ſtille und ruhig, die Sängerin ließ ſich nicht wieder hören. Aha! ſprach Hanns, hab ich der Leichtfertigen die Luſt, mich zu narren, benommen? O der Poſtl iſt nicht ſo dumm, um gleich wie ein blinder Hahn überall aufzuſitzen! Jetzt raſch meinen Weg nach dem Schrattenſtein fortgeſetzt. Noch hatte er ſich nicht ganz gewendet, als ganz nahe an ſeiner Seite hinter einem Geſträuch ein Mäd⸗ chen hervortrat. Eine wahrhaft ätheriſche Geſtalt, ſchwebte ſie mehr als ſie ging, dem Würflacher entge⸗ 1 gen. Im erſten Augenblicke überwältigte dieſen der 3 Schreck, mit offenem Munde, ſträubendem Haare ¹ und ſtarren Augen ſah er die Herannahende an, aber dieß war nur die Wirkung der erſten Augenblicke, welche mehr durch die Umgebung hervorgebracht wur⸗ de, denn in einer einſamen, wilden Gegend bringt jedes plötzliche Erſcheinen einen furchtbareren Ein⸗ 43 druck hervor; aber nachdem er wieder das weiße Lin⸗ nenkleid, den friſchgrünen Laubkranz um das blonde Haar, die wunderlieblichen Formen des Fräuleins erkannt hatte, da verloren ſich jene Kennzeichen der Haaſenherzigkeit, und er ſuchte ſeine frühere Unbe⸗ fangenheit wieder zu erringen. Das Mädchen war in der That eine Erſcheinung, die auf jedes Herz, ob auch noch ſo hart und geſtählt, einen tiefen Eindruck hervorbringen mußte. Zarte, ſchlanke Formen, ver⸗ bunden mit einer äußerſt lieblichen Weiſe ſich zu be⸗ wegen, verliehen ihrem Körper jenen duftigen Reiz, der ſie faſt wie ein Nebelbild erſcheinen ließ, welches von der Sonne beſchienen, und von einem leiſen Ze⸗ phir dahergeweht wird. Das Antlitz der Anmuthi⸗ gen war eine Zuſammenfügung von den ſchönſten Ein⸗ zelnheiten, die zu einem herrlichen Ganzen vereint wa⸗ ren. Die ſanften, klaren Augen, deren Blau mit dem reinſten Azur wetteiferte, die äußerſt reizend ge⸗ formten Lippen, über welchen ein immerwährend Lä⸗ cheln ſich ergoß, die Wangen, welche aus Roſenblät⸗ tern gebildet ſchienen, und endlich jener unzubeſchrei⸗ bende Zauber, der wie ein Heiligenſchein das ganze Haupt umfloß, Alles war da, um zu entzücken, und zur Bewunderung hinzureißen. Ob Hanns Poſtl dieſes hehre Vergnügen em⸗ pfand, iſt ſehr zu bezweifeln; wer die Wunder der 4 X L Schöpfung mit gewöhnlichem Auge betrachtet, weiß auch ihren ächten Werth nicht zu finden und nicht zu würdigen; der Wilde ſchätzt den Diamant nicht hö⸗ her wie ein Stückchen Glas, und Hanns Poſtl ſah in der Wundererſcheinung nur das Steieriſche Fräulein. Als ſie ihm ſchon ziemlich nahe gekommen war, ver⸗ zogen ſich ſeine platten Züge zu einem freundlichen Grinſen. Schön Willkommen! herziges Fräulein! hob er an, kommt Ihr mir endlich wieder einmal zu Geſichte? Es iſt Euer Glück, denn ich habe mich bei Stock und Bein ſchon auf die Socken gemacht, Euch allenthalben zu ſuchen. Zu welchem Zweck wollteſt Du mich aufſuchen? fragte das Fräulein mit wunderlieblicher Stimme. Wie kannſt Du nur fragen? verſetzte der Würf⸗ lacher, haſt Du mir nicht verſprochen, es würde wahr⸗ ſcheinlich mein Glück ſein, wenn ich Dich aufſuche, und haſt Du nicht Reden geführt, als ob Du mir gut wäreſt, und als ob Dir mein Wohl nahe an's Herz ginge? Deß' entſinne ich mich nur zu wohl, ſprach das Fräulein, ich bin aber jedem Menſchen gut, und Dein Wohl möchte ich eben ſo gern, wie das eines jeden Andern. Das iſt ſehr ſchön von Dir, bemerkte Hanns, aber daß Du jedem Menſchen, folglich auch jedem — — 45 Manne gut biſt, das will mir von Dir nicht ſehr ge⸗ fallen, das mußt Du Dir abgewöhnen, denn mit ſo einer Allerweltsfreundin möchte ich mich nicht gern herumthun wollen. Das Fräulein hatte ſich indeſſen langſam ſeit⸗ wärts gezogen, wohin ihr Poſtl getreulich nachfolgte; ſo waren ſie in dem Schatten eines großen Baumes angelangt, unter welchem ſie ſich niederließen. Hier nahm ſie wieder das Wort: Es gefällt Dir alſo nicht, wenn ich Jedermann gut bin? Ganz und gar nicht! antwortete Hanns, Du ſollſt mir angehören, ſollſt ganz allein die Meine ſein! Bin ich aber auch ganz allein die Deine, haſt Du kein anderes Mädchen, Hanns Poſtl?— Bei dieſer Frage ſah ſie ihm ſo feſt in die Augen, die ihren blitzten dabei ſo glühend und herausfordernd zugleich, daß Hanns Poſtl etwas verlegen wurde, und ſich hin⸗ ter den Ohren kratzte; dabei traten ihm die Schweiß⸗ tropfen auf das Antlitz, welches, da ihn ſeine Un⸗ verſchämtheit für einen Augenblick verlaſſen hatte, und er ſich durch keine Lüge helfen konnte, die Wahrheit aber dennoch nicht eingeſtehen wollte, eine höchſt dumme Frazze ſchnitt. Das Fräulein ſchien dieß nicht zu bemerken, ſondern fuhr raſch fort: Dir iſt ſehr heiß geworden, Hanns Poſtl, die Schweißtropfen rollen groß und dicht über Deine Wangen herab; was haſt 46 Du aber auch immer die ſchwere Gugel auf dem Ko⸗ pfe? Die Luft ſtreicht duftig und friſch durch das Thal, d'rum nimm die Gugel herunter, und kühle Dir Stirne und Haupt! Eine neue Verlegenheit für den Würflacher, denn er war keineswegs geſonnen, dem Fräulein zu will⸗ fahren; in dieſem Augenblicke ſeine Glatze zeigen, hieße ſich ſelbſt einen Prügel zwiſchen die Beine werfen. Die verdammten Schweißtropfen!— dachte er— hätten ſie nicht harren können, bis ich auf dem Acker arbei⸗ te? aber nun zu ſo ungelegener Zeit hervorzutreten!— Ich darf meine Gugel nicht abziehen— begann er ver⸗ legen, jedoch laut— ich habe ein Gelübde gethan, ſie ſo lange auf dem Kopfe zu behalten, bis— bis— Er wußte nicht recht, was er weiter in der Eile herauslügen ſollte, in dieſem Augenblicke wurde ihm plötzlich von unſichtbarer Hand die Kopfbedeckung her⸗ abgeriſſen; das Fräulein auf die Glatze deutend, ſchlug eine helle Lache auf, und rief: Ja ja, Du haſt ge⸗ lobt, Deine Gugel ſo lange auf dem Kopfe zu behal⸗ ten, bis Dir die Haare gewachſen! Hanns Poſtl griff raſch nach der Bedeckung, pflanzte ſie auf den Kahlkopf, und rief: Ei was, Haare! ich habe Haare genug; lange Haare, kurzer Verſtand!— aber ich möchte nur wiſſen, wie mir die leichtfertige Gugel vom Kopfe gekommen? 65* 47 Wayrſcheinlich ſtreifte die Luft ſie herunter— lä⸗ chelte das Fräulein— ſie wollte Dich zwingen, ihre Labung anzunehmen. Der Weinzürl ſann nun darauf, auch die Scha⸗ denfrohe ein wenig in Verlegenheit zu bringen und ſprach: Weil wir gerade ſo wohlgemuth beiſammen ſitzen und ſo traulich thun, ſo ſei ſo gut, mein her⸗ ziges Fräulein! und ſing' Etwas, ich bin ein abſon⸗ derlicher Freund vom Geſange und ſehr begierig, Dein ſchönes Stimmlein trillern zu hören. Mit dieſer Bitte verband Hanns Poſtl die Abſicht, ſich zu überzeugen, ob das Fräulein die frühere Sän⸗ gerin geweſen oder nicht; die Wendung im Geſpräche, wie er darauf kam, war zu plump, als daß ſie nicht hätte auffallen ſollen. Die Liebliche lächelte und ſprach: Du liebſt den Geſang? Auch ich lieb' ihn, ich ſinge recht gern und weiß ſehr viele Lieder, aber welches ſoll ich ſingen? Welches Dir gefällt! ich will nur Deine Stimme hören, die Worte nehme ich als leicht entbehrliche Zugabe. Nun ſo werde ich ſingen von der Luft und dem Sonnenſchein. Meinethalben von Regen und Schneegeſtöber, das gilt mir gleich! Das Fräulein lehnte ſich wehmüthig an den 48 Baumſtamm, und begann mit überaus wohlklingender Stimme: „Der Sonnenſchein Durchwogt den Hain, Er hüllt in Gold den Buſch, den Baum, Die Matte und den ganzen Raum; und doch ſperrt Niemand Sonnenſchein Durch Schloß und Riegel in den Schrein; Soll Sonnengold denn ächt nicht ſein? 4 Die Morgenluft, Wie Balſamduft Durchwehet ſie das Feld und Flur, Uun wo ein freies Plätzchen nur Da ſtreicht der kühle Balſamduft; und doch iſt Niemand, der da ruft: Herbei, wer kauft die Morgenluft?— Der Geſang der Lieblichen war äußerſt melodiſch und zart, aber Poſtl mußte ſich geſtehen, daß er zwi⸗ ſchen dieſem und jenem der früheren Sängerin nicht die entfernteſte Aehnlichkeit herausfand. Ton, Stimme, Ausdruck, Alles war hier anders. Es war nicht je⸗ nes muthwillige, muntere, ausgelaſſene Hüpfen, ſon⸗ dern ein langſamer, würdevoller Gang, der aber eben ſo ſehr hinriß, und wo möglich noch mehr be⸗ zauberte. Hanns Poſtl war jetzt auf dem Punkte, wo man zu ſagen pflegt, daß die Ochſen auf dem Berge ſtehen; wiewohl er ſich in einem Thale be⸗ fand, ſo ließ ſich die Redensart auf ihn doch ſehr —— ——. 49 treffend anwenden; wer war nun jene Sängerin, die ſich Seiner ſo anzunehmen ſchien, und die, wie er bemerkte, mit ihm ſolche Narrethei trieb? Er ſprach zu dem Fräulein: Mein herzliebſtes Mädl! ich habe Dir ein groß Unrecht abzubitten, denn es hätte nicht viel gefehlt, und ich würde Dich für eine tolle Fatz⸗ närrinn gehalten haben, die mit mir ihr loſes Ge⸗ ſpeis treiben wollte, und die, wie ſie ſelbſt ſagte, im Wald, im Buſch, im Moos, auf dem Baum, unterm Baum, kurz überall zu finden iſt, nur nicht am Ro⸗ cken und am Herde. Solche Zudringlichkeiten muß ſich der Hanns Poſtl verbitten! Ich habe ſchon das Schick⸗ ſal, daß aller Welt Augen auf mich gerichtet ſind, und Die mich ſieht, liebt mich auch; es iſt ein trauri⸗ ges Loos, wenn man unwiderſtehlich iſt. Aber nun laß uns ein ernſtes Wort reden! vor Allem ſag' mir jetzt deutlich: Wo biſt Du zu Hauſe? Im Walde! Schon wieder die alte Antwort! Wälder ſind viele; wo liegt Dein Heimathswald? Hier in dieſem Gebirge! Wie heißeſt Du? Thut der Name Etwas zur Sache? Freilich! glaubſt Du, der Herr Pfarrer würde uns trauen, wenn Du keinen Namen haſt? Nenne mich Waldfräulein! 50 Den Henker auch! So heißt keine Chriſtinn; das klingt eben ſo, als wenn ich mich„Weinburſche“ nennen wollte. Wo finde ich Dich wieder? Du wirſt mich nimmer finden; doch ich werde Dir ſchon ungeſucht oft begegnen. Das iſt g'ſpaßig! Du biſt eine Närrinn, lieb Waldfräulein! Sag' nur rund heraus, auf welcher Burg Du zu Hauſe biſt; meinſt Du, der Hanns Poſtl werde ſich unter Rittern und Herrn nicht zu wenden und drehen wiſſen? O mein liebes Wald⸗ fräulein! der Hanns verſteht mehr, als mit dem Och⸗ ſen auf dem Acker zu humpeln; der Poſtl iſt ein flin⸗ ker, pfiffiger Junge, dem das ritterliche Gewand recht gut anſtehen wird, und der das Schwert eben ſo flink ſchwingen wird, wie jetzt die Peitſche; drum, ſei auf⸗ richtig, ich merke Dirs an den Aeuglein ab, Du biſt ganz närriſch in mich verſeſſen! Alſo wozu dieſe Zö⸗ gerung? nimm mich mit auf Deine väterliche Burg, ſag' zu dem alten Recken: Hier, mein Vater! bring' ich Euch einen Würflacher, den Schönſten im ganzen Markte, zum künftigen Eidam: er heißt Hanns Poſil, und iſt, was man ſagt, ein ganzer Mann! Dareuf werde ich ihm entgegen treten, und werde ſprechen: Gebt mir Euer Töchterlein zum Weibe, ich bin es würdig, ihr Gatte zu ſein; ehe ein Jahr vergeht ſollt Ihr Großvater ſein, und mehr könnt Ihr nicht verlangen. — 5 1 Während Poſtl ſo ſprach, hüpfte ein Rehböcklein an dem Baume vorüber; das Fräulein rief: Das iſt ein liebes, wunderſchönes Thierlein, ich möchte es beſitzen; wenn Du es mir verſchaffeſt, ob todt oder lebend, ſo nehme ich Dich mit auf meine Burg! Poſtl verſetzte: Ja, wenn ich nur eine Waffe oder Schlinge hätte, mit den leeren Händen fängt man keine Böck⸗ lein, ſie müßten denn nur zwei Füße, oder keine Au⸗ gen haben. Das Fräulein ſah um ſich, und rief: Hier hän⸗ gen Armbruſt und Köcher, wahrſcheinlich wurden ſie von einem Knechte vergeſſen; komm, laß uns dem Wilde nacheilen, es muß unſer werden! Poſtl, ohwohl er ſein Lebelang keine Schießwaffe in den Händen gehabt hatte, wollte ſich doch nicht als Freier einer Ritterstochter, ſelbſt beſchämen, ſon⸗ dern faßte ſchnell die Armbruſt und begann die Jagd. Das Fräulein folgte ihm Schritt auf Schritt; nicht lange durften ſie vorwärts dringen, und das Reh⸗ pöcklein war erreicht. Es hatte ſich ahnungslos in ei⸗ nem Buſche niedergelaſſen und kaute Blätter von den Zweigen. Hanns Poſtl war nicht ſo unbefan⸗ gen, als ſeine Prahlerei vermuthen laſſen, er faßte ſich jedoch, ſpannte die Armbruſt, ſeine Hand zitterte da⸗ bei, dreimal mußte er den Pfeil auflegen, bis er end⸗ lich feſt blieb. Ich werde ſchießen— liſpelte er dem 5 52 Fräulein zu— aber ob ich was treffe, dafür bürg' ich nicht! Du wirſt doch auf dieſe Sprungweite einen Bock nicht fehlen? Und wenn er ſo groß wie der Schneeberg iſt, ſo kann man doch noch immer darneben ſchießen— ſprach Poſtl— in Gottes Namen! ich will's verſu⸗ chen! Er legte an, zielte ſo gut er konnte, drückte los, der Pfeil ſchwirrte in der Luft, das Böcklein machte einen Luftſprung, und ſchwamm getroffen in ſeinem Blute. Dem Schützen fiel ein Stein vom Herzen. Mit einem triumphirenden Blicke ſah er auf das Fräulein, in demſelben Augenblicke ſah er ſich von einer Män⸗ nerſchaar umrungen, die mit dem Ausrufe:„Ein Wild⸗ ſchütz! Ein Wildſchütz!« auf ihn losſtürzte, und feſtnahm. Anfangs verſuchte er eine ſchwache Gegenwehre, als er aber deren Fruchtloſigkeit begriff, ſchlug er den Weg der Güte ein, und begann; Ihr Herrn! ich bin kein Wildſchütz' und kein Wilddieb, das iſt der erſte Bock, den ich in meinem Leben geſchoſſen habe, und ich verſpreche Euch, ſo wahr ich der Hanns Poſtt aus Würflach bin, ich rühre keine Armbruſt mehr an, bis ich nicht wirklicher Ritter geworden. Was? der Bauer will Ritter werden? ſchrie Ei⸗ „ — „ 58 ner der Knappen, geh' Michel! gieb ihm den Rit⸗ terſchlag! Dieſer rief: Ich mag mich nicht mit ihm beſu⸗ deln; marſch fort, auf die Burg! Auf welche Burg? fragte Poſtl weinerlich⸗ Auf den Schrattenſtein, Du haſt das Recht des Schrattenſteiners verletzt, er wird gerechte Strafe über Dich verhängen. Aber um aller Heiligen Willen! jammerte Hanns, ich bin ja ganz unſchuldig. Mir wäre es ja mein Lebelang nicht eingefallen, Böcke zu ſchießen, wenn mich meine Liebſte, das ritterliche Fräulein nicht da⸗ zu beredet hätte. Welches Fräulein? fragte Michel. Hanns ſuchte mit den Augen ſein herziges Mädl, die Stelle war leer, Waldfräulein war verſchwunden. Der Schelm will uns noch narren! ſchrieen die Schrattenſteiner Knappen untereinander; fort mit ihm in die Burg; der Dieb, der Lungerer, der Wildſchütz, er ſoll ſeinem Recht nicht entgehen! Während Poſtl ſolcher Weiſe nicht ohne Püffe und Stöße zum Vorwärtsſchreiten angetrieben wurde, jam⸗ merte er in ſeinem Innern:»Alſo die hat mich auch verlaſſen und ſich aus dem Staube gemacht! O warte nur, Waldfräulein! bis ich Dein Gatte bin, ich will 5 4 Dich ſchon aushalten lehren!« Nach dieſem Selbſt⸗ geſpräche vernahm er plötzlich den Geſang hinter ſich: Willkommen! Hanns Poſtl! 5 Hier haſt einen Pfeil, Dort ruhet ein Böcklein Erleg's in der Eil'! Haſt's grad vor der Naſe Mein Bürſchchen, das Wild Hanns Poſtl ſchießt Böcke, Wenn er auch nicht zielt! Der Würflacher murmelte grimmig in ſich hin⸗ ein: Iſt die Landläuferin auch wieder da? O wenn. ich nur einmal wieder frei bin, die wird auch noch zu finden ſein! ₰. Mondesſchein Wogt herein Durch des Fenſters runde Scheiben; Und der Wind Liſpelt lind Außen in den grünen Eiben. Eine Fei Feſſelfrei hört man ſanft herniederſäuſeln, Wie ſich bleich Sonſt am Teich Silbernebel abwürts kräuſeln. VWon Würflach bis zum Roſenthal dehnt ſich die erwähnte Schlucht in der Länge von einer Stunde Weges dahin; von hier aus in der Entfernung von kaum einigen hundert Schritten weiter Seitwärts, langt man am Fuße jenes Berges an, auf welchem der mäch⸗ tige Schrattenſtein thronte; die Anhöhe heißt der Kettenlaus berg. Ein ſteiler, nur mit Gefahr zu⸗ gänglicher Weg zieht ſich die ſchwindelnde Höhe hinan; trotz dieſes Standpunktes liegt die Burg doch ganz ab⸗ einem lauernden geſondert, wie in einem Verſteck, faſt Augenblicke Raubthiere zu vergleichen, das in jedem 5 G herabzuſtürzen ſich bereit hält. Ungeheuer dicke Mauern umfingen den kecken Bau; welch ein kühner Gedanke, in ſolcher Höhe ſeinen Wohnort aufzuſchlagen, ſich wie ein Aar in die Nähe der Wolken zu ſchwingen, um dort ſich anzuſiedeln! Hinter dem Thore befand ſich ein ge⸗ räumiger Hof, dieſen umgaben die Wohngebäude, und hart am Rande eines fürchterlichen, ſich ſenkrecht bis in das Thal hinabziehenden Abgrundes reckte ein Wart⸗ thurm ſeinen Scheitel in die Luft, deſſen Ueberreſte noch heut zu ſchauen. Der Schrattenſtein iſt eine der älteſten Burgen Oeſterrcichs, ſchon um die Mitte des eilften Jahrhun⸗ dertes muß ſie geſtanden haben, denn ſchon um dieſe Zeit findet man in den Urkunden die Herrn von Schrattenſteine verzeichnet. Es war alſo ein al⸗ tes Geſchlecht dem Linzer von Schrattenſtein entſproß, aber Alter iſt ein Vorzug der wohl einen Stamm, aber nicht einen einzelnen Sproſſen desſelben erheben kann, welcher tauſend andere Mängel, Fehler und zu verachtende Eigenſchaften beſaß. Der Gatte der unglücklichen Gertrude war rauh, wild, verwor⸗ fen, ein Mann, der nur nach den Freuden des Lebens haſchte, der aber mit dieſen ſeine Gefährden und beſ⸗ ſeren Anregungen nicht mit in den Kauf nehmen wollte, der nur immer im Forſte jagen, in der Burg zechen, und wilden Genoſſen nach beendigtem Kampfſpiel, oder f 57 nach einem etwa unternommenen Raubzuge, Tage und Nächte verſchwelgen wollte. Linzer beſaß alle böſen Eigenſchaften der ritterlichen Kämpen jener Zeit, ohne auch nur eine einzige der edleren Regungen zu empfin⸗ den, an denen Jene ſo reich waren. Seit dem erwähnten Tage, deſſen Ereigniſſe wir beſchvieben haben, waren Wochen vergangen, in wel⸗ chen Feſte gefeiert, und Ritterſpiele ohne Zahl Statt gefunden hatten. Um ſeine junge Gattinn würdig zu empfangen, nicht etwa aus Liebe zu ihr, ſondern nur um der Vergnügungen Willen, mußten die Edlen und Ritter der ganzen Runde ſich einfinden und ihm hel⸗ fen, Zeit und Schätze zu vergeuden. Gertrude, das ſtille, Ruhe und Einſamkeit liebende Weib, konnte ſich in einem ſolchen Rennen und Jagen, in einem ſolchen Tumulte nur unglücklich fühlen; indeſſen, um ihrem Gatten kein Aergerniß zu geben, fügte ſie ſich willig in Alles und erſchien, wo es gucht und Sitte geſtat⸗ tete, in dem Kreiſe der Männer. Endlich ging die Feſt⸗ zeit zu Ende, die Gäſte verloren ſich nach einander, auf dem Schrattenſtein wurde es wieder ruhiger, und Gertrude lebte neu auf. Während dieſer ganzen Friſt befand ſich Hanns Poſtl im Burgverließe; und wenn er nicht täglich ſein Brod und Waſſer bekommen hätte, er würde ſchier gelaubt haben, man gedenke in der Burg Seiner nicht 58 fürder. Er hatte ſehr oft in mißmuthigen Stunden ſich ſelber gegrollt, daß er ſo thöricht geweſen, dem Wunſche des Fräuleins zu willfahren. O, rief er aus, ich wollte, der Knecht, der jenes Schießzeug unter dem Baume vergaß, ſäße ſtatt Meiner hier in dem Loche, und müßte täglich zur Strafe achtzehn Böcke erlegen, er würde gewiß keine Armbruſt mehr am Baume han⸗ gen laſſen. Und mein ſteieriſches Fräulein, wenn die mir noch mehrere ſolche Gelüſte trägt, ſo würde es mich ſehr kränken; zu was braucht ſie einen Bock? hat ſie nicht mich, den Hanns Poſtl aus Würflach? ſteh' ich nicht höher im Werthe als zwanzig Böcke und viel⸗ leicht noch Einer drüber? und das Schönſte von Allem, als ſie mich in die Patſche eingetunkt hatte, ergriff ſie das Haaſenpanier, und dachte wahrſcheinlich; wie er ſich's eingebrockt, ſo ſoll er es jetzt auflöffeln! Aber nein, ſo was thut Waldfräulein nicht, ſie hat nur die Flucht ergriffen, um für mich Hülfe zu holen, um meine Rettung betreiben zu können. Ja, ja, das iſt es! Sie iſt zu ihrem Vater geeilt, wirft ſich ihm zu Füßen, fleht um Hülfe für ihren Freier, der un⸗ ſchuldig eines Böckleins halber im Kerker ſchmachtet; der alte Ritter wird weich, hebt Waltfräulein auf, und am anderen Morgen ſchon zieht er einher mit Roß und Mannen, umlagert den Schrattenſtein, und der Herold wird rufen: Gebt den Hanns frei, den 58 ſchönen Würflacher, den künftigen Eidam unſeres Rit⸗ ters, oder wir wandeln Euere Burg in Schutt und Aſche! Die Schrattenſteiner wiſſen ſich nicht zu hel⸗ fen, ehe ſie Hungers ſterben, geben ſie den Hanns frei; die Thüre des Kerkers wird aufgeriſſen, man nimmt mir die Feſſeln ab, und juchhe! der Poſtl iſt frei! Bei dieſen Worte machte er eine raſche Bewegung mit ſeinem Leibe, die Ketten— klirrten, und mahn⸗ ten den armen Gefangenen an die bittere Wirklich⸗ keit; aber, als ſollte das Bild ſeiner Phantaſie, wenn auch nicht ganz, ſo doch zum Theile, in Erfüllung geh'n, ſo klirrten jetzt die Riegel, die Thüre öffnete ſich, und der, welcher ihn bisher mit Speis und Trank verſehen hatte, trat ein. Poſtl war noch ſo ganz von ſeinen früheren Gedanken erfüllt, daß er dem Einherſchreiterden entgegen rief: Aha, kommt Ihr ſchon, mich zu holen? haben Euch die Feinde recht eingehitzt? O wartet nur, bis ich erſt frei bin— Biſt Du toll? fragte der Andere verwundert. Wo ſind Feinde? doch nicht vor dem Schrattenſtein? dem hat noch keine Wehre und kein Wurf was an⸗ gehabt; komm mit, zu unſerem Gebiether!— Hanns ließ ſich die Feſſeln abnehmen, und folgte willig dem Vogte, aber er war von ſeinem Wahne noch nicht zurückgekommen; o, dachte er ſich, das iſt nur eine Liſt, ſie wollen ſo thun, als ob ſie mir freiwillig die 660 Freiheit böten; ich kenne den Trug, ſie ſollen's füh⸗ len, wenn ich nur erſt frei und der Eidam des Rit⸗ ters geworden! Er kehrte ſich hierauf zu dem voran⸗ gehenden Vogte, und ſprach mit einer Miene, die man leicht für den Ausdruck der Treuherzigkeit hätte halten können, die aber ihren Urſprung nur in der Dummheit hatte: Sagt mir doch, mit wie viel Roſſen lagert mein künftiger Schwieger vor der Burg? Du ſcheinſt wirklich nicht bei Sinnen zu ſein, verſetzte der Andere, ich ſage Dir nochmahls, Du wirſt vor den Burgherrn gebracht, der Dein Recht ſprechen wird; daß dies bisher nicht geſchehen, daran trugen die Feſte Schuld, welche die Zeit beſſer und angeneh⸗ mer ausfüllten. Der Würflacher verzichtete ſehr ungern auf den ſchönen Traum der Befreiung durch ſeinen Schwie⸗ ger, als er aber die Ungehaltigkeit desſelben einſah, mußte er ſich doch deſſen entſchlagen; ſo erſchien er vor dem Schrattenſteiner. Der finſtere Ritter empfing ihn auf eine ſehr unfreundliche Weiſe: Alle Teufel! rief er, hat es ſich der Mühe gelohnt, eine ſolche Spa⸗ tzenſcheuche einzuſperren und zu füttern? Poſtels Eigenliebe wäre durch dieſe Rede bei je⸗ der andern Gelegenheit nicht wenig gekränkt worden, aber jetzt war er hievon weit entfernt, und rief: Ja, Herr Ritter! ich hab' es ihnen gleich vorgeſtellt, daß 61 ſie ſich mit mir keine Ungelegenheit machen mögen, aber die Wildfänge waren ja über mich her wie zehn Wölfe über ein Schaf; übrigens, was das Koſtſpie⸗ lige meiner Fütterung belangt, ſo erſtieg ſie ſich nicht beſonders hoch, es mögen im Ganzen drei Laib Brodes geweſen ſein. Meinſt Du, krummbeiniger Storchenfuß! ich pflege Wilddiebe mit Meth und Braten zu bewirthen? Du haſt mich ſchlecht verſtanden: die Burſche waren nur zu nachſichtig mit Dir, ſie hätten Dich auf der Stelle abmachen ſollen, und kein Windfähnlein hätt' um Dich geknarrt! Hanns Poſtl erwiederte: Da irrt Ihr ſehr, Herr Ritter! Ihr müßt wiſſen, ich bin der ſchönſte Bur⸗ ſche in ganz Würflach.— Dann ſollte man die ganze Brut ausrotten, da⸗ mit keine Fortpflanzung Statt fände! rief der Schrat⸗ tenſteiner. Poſtl verdrehte die Augen, und wurde roth; dar⸗ auf verſetzte er: Ihr ſeid mit den Würflachern ſehr hart, und doch mundet Euch der Wein recht gut, der auf ihren Bergen wächſt, und den ſie mit dem Schweiße ihres Angeſichtes bauen! Das war das klügſte Wort, welches je über Hannſens Lippen gekommen war, es verfehlte auch ſeine Wirkung nicht, der Ritter lächelte und ſprach: 2 Sbiſt war, ihr ziehet gutes Blut, ſelbſt der geiſtige Ungar übertrifft ihn nicht. Ich will auch mit Dir deshalb gnädiglich verfahren; jeder Andere wär' ohne Rückſicht abgekehlt worden, Dir laſſe ich die Wahl zwiſchen zwei Dingen; ich bedarf Knappen und Die⸗ ner, denn ich werde mit meinen Kampfgenoſſen in Baldem in die Fehde ziehen; willſt Du bei mir Dien⸗ ſte nehmen, ſo ſei Dir das Leben geſchenkt, wo nicht, ſo mußt Du dran, und wenn auch nur um des ab⸗ ſchreckenden Beiſpieles Willen! Poſtl antwortete: Mit dem Sterben iſt's bei mir nichts, denn ſeht, Herr Ritter! es wär' um einen hüb⸗ ſchen, anſtelligen Burſchen, wie ich bin, ewig Scha⸗ de; überdieß müßt Ihr wiſſen, habe ich zu Hauſe eine Heerde von mehr denn dreißig Schafen, ich zähle außerdem noch drei Ochſen, drei Kühe, und drei Käl⸗ ber; auch bin ich im Beſitze eines Gehöftes von vier Stuben, vier Kammern, und eines Stalles, außer allen dieſen bin ich auch noch Bräutigam mit einem wunderliebſamen ſteieriſchen Fräulein, Ihr werdet alſo einſehen, daß ich unmöglich ſterben kann, wenn ich es auch, Euch zu Liebe, ſonſt gern thun würde. Was das Zweite, nämlich das Dienſte nehmen bei Euch belangt, ſo iſt es leider auch nichts damit; denn ſeht, ich bin Weinzürl, habe mein Lebelang nichts Anderes handthieret, als was Feld und Garten bedurften; es — 6—* möchte mir daher etwas ſchwer werden, mit Speer und Lanze herumzufuchteln; denn daß ich neulich das Böcklein geſchoſſen, das war nur ein böſer Zufall, ich hatte beide Augen zu, während ich losdrückte, und traf doch; da hätte ein Blinder eben ſo ſicher ein Gold⸗ ſtück finden können. Der Ritter hatte bisher ruhig dem Angſterguße des Burſchen zugehört, und erwiederte jetzt: Es bleibt bei dem, was ich geſprochen: entweder Du nimmſt Dienſte, oder ich laſſe Dich im Gefängniß vermodern. Aber du lieber Himmel! jammerte Poſtl, ich weiß ja noch gar nicht, was ich zu thun habe wenn ich Dienſte nehme, kann auch daher nicht unterſchei⸗ den, ob Eines oder das Andere vorzuziehen? Gut, ſo ſollſt Du einige Tage Bedenkzeit haben; indeſſen kannſt Du Dich in der Burg umſehen, Du verdankſt dem Würflacher Weine verdammt Viel, denn wahrlich! Du hätteſt ſchon längſt ausgeathmet, wäreſt Du nicht von dort her. Poſtl ſeufzte tief auf, verdrehte wieder die Au⸗ gen und entgegnete mit weinerlicher Stimme: Ich werde mir die Sache überlegen, Herr Ritter! ich wer⸗ de mich umſehen; wenn es nur zum Theil angeht, ſo glaube ich faſt, daß ich Dienſte nehmen werde, denn das Sterben will mir ein für alle Mal nicht in den Kopf! Nach dieſem gezwungenen Uebereinkommen konn⸗ te ſich der Weinzürl entfernen, und durfte frei in der Burg einhergehen. Einige Tage verfloßen wieder, Gertrude hatte ge⸗ hofft, daß nach den Feſtlichkeiten auf der Burg das wüſte Leben ihres Gemahls ein Ende nehmen würde, allein ſie irrte ſehr. Er brachte die meiſten Tage bei ſeinen Fehdegeſellen zu, und kehrte nur in der Nacht, und auch da höchſt ſelten zurück. Bei ſolchen Umſtän⸗ den blieb der armen Frau nichts übrig, als ihr Elend in ihrem Kämmerlein zu beweinen, oder in der Burg⸗ kapelle vor dem Bilde des Gekreuzigten zu liegen, und im inbrünſtigen Gebethe Muth und Ausdauer in ih⸗ rer peinlichen Lage zu erflehen. An einem Abende hatte Gertrude eben nach einem thränengeweihten Ge⸗ bethe ihr Nachtlager geſucht, ihr Gemüth war zu lei⸗ dend, um gleich in ſanften Schlaf zu verfallen, d'rum ruhte ihr offenes Auge auf dem ſpitzbogigen Fenſter, durch welches der Mond im ſchönſten, klarſten Sil⸗ berlichte hereinſchimmerte, und im einſamen Gemache jenes Halbhell verbreitete, welches auf'weiche Gemü⸗ ther beſonders einwirkend, ſtets etwas Geiſterhaftes an ſich trägt, gerade als ob Schatten durch die Nacht wogten, die den Gräbern entſteigen, und jenes Licht im Augenblicke verbreiten. Gertrudens Seele weilte in der Ferne, bei den Geſpielinnen ihrer Jugend, denn 65 dieſe waren die einzigen, ihrem Herzen theueren Ge⸗ genſtände; der Glühpfeil der Liebe hatte in ihrer Bruſt noch nicht gezündet, ſie war in ſolcher Einſamkeit und Demüthigung auferzogen worden, daß ſie bisher durch einen glücklichen Zufall jenem tobenden Gefühle ent⸗ gangen war, und ſogar einen Gatten erhielt, ohne dasſelbe kennen zu lernen. Manche heimliche Seufzer ſtahlen ſich jetzt aus ihrer Bruſt, ſie mußte ſich geſtehen, daß ſie für den Augenblick im Ueberfluß ſchwelgte und dennoch nicht glücklich war, den zudringlichen Bewerbungen eines verhaßten Mannes, den ihr Pfleg⸗ vater überdieß noch begünſtigte, war ſie entgangen; allein der, bei dem ſie Zuflucht fand, begann ihr nun, da er die trügeriſche, ſcheinheilige Maske abwarf, eben ſo unausſtehlich, eben ſo verachtungswürdig zu er⸗ ſcheinen als jener, und doch hatte ſie ihm Treue ge⸗ lobt, hatte ihm die Pflichterfüllung einer tugendhaften Hausfrau zugeſagt, und dieſen Gelöbnißen wollte ſie auch nachkommen. Sie beſchloß in ihrem Innern, ih⸗ ren Pflichten die ſchwerſten Opfer zu bringen, zu er⸗ dulden und ertragen, was in ihren Kräften ſtand. In ſolche Gedanken vertieft, wurde ſie aus denſelben durch den Thürmer geſtört, welcher von der Warte herab, die Mitternachsſtunde mittelſt beſtimmten Hornſtößen verkündete; ihr Auge blickte wie zufällig zum offenen Fenſter hinaus, als ſich durch dasſelbe ein kleines 6 66 Rauchwölkchen hereinringelte, welches im Mondlichte faſt wie ein ſchleierartiges Silbergewebe anzuſchauen war; im Gemache angelangt, begann ſich das luftige Gebilde zu dehnen und zu breiten, und Gertruden gegenüber ſtand nach wenigen Augenblicken eine weiße Geſtalt, welche ohne etwas Körperliches an ſich zu ha⸗ ben, durch und durch luftig, dennoch die Umriſſe zar⸗ ter Mädchenformen deutlich ausprägte, und ſolcher Weiſe ſich ſterblichen Augen ſichtbar darſtellte. Die Dame erſchrack ob dieſer außergewöhnlichen Erſchei⸗ nung, doch eine zartklingende Stimme tönte ihr ent⸗ gegen, und ſprach: Bleibe ruhig, Gertrude! ich bin nicht gekommen, Dich zu ſchrecken, ſondern zu trö⸗ ſten und zu erheben. Ich werde von nun an oft um Dich ſein, aber nie mehr wie jetzt, ſondern in der Geſtalt eines alten Mütterchens, welches ſich ſchon Morgen auf der Burg anmelden wird. Wenn man Dir Frau Jutta zeigt, ſo denke nur daß ich es bin, ein Weſen das lebt, und nicht lebt, ein Weſen das überall hin kann, und weder durch Schranken noch Gränzen eingeengt iſt; ein Weſen welches iſt und dennoch weder Luft noch Licht bedarf. Eine unſicht⸗ bare Macht ſandte mich hieher, den Armen zu helfen, die Guten zu tröſten, den Unwürdigen zu necken und zu quälen, bis er beſſer geworden, und den Pflicht⸗ vergeſſenen zu verderben. Du haſt mir vor Allen ge⸗ 6* fallen, Dir will ich dienen, will Dich halten, wenn der Kummer Dich ſchwer darniederdrückt, damit Dein kindlich frommes Herz an die ewige Gerechtigkeit ei⸗ nes göttlichen Weſens nicht verzweifle, und auf dem klippenreichen Lebenswege nicht ſtrauchle. Ich ſcheide für jetzt, und kehre als Frau Jutta wieder! Nach dieſen Worten begannen ſich die Formen der Geſtalt wieder zu verlieren, bald hing nur das Silberwölkchen in der Luft, und ringelte ſich, wie von einem Winde angeweht, zum Fenſter hinaus. Gertrude war von ihrem Schrecken zu ſich gekommen, ſie wußte nicht, ſollte ſie das Geſehene für Wirklich⸗ keit, oder für das Ergebniß aufgeregten Blutes hal⸗ ten; war ſie wirklich das glückliche Schutzkind eines geiſtigen Weſens geworden, das einer andern Welt angehörte, oder war es nur ein trügeriſches Schemen, welches mit ihr ein Hohnſpiel trieb? doch der folgen⸗ de Tag ſollte ſie ja davon überzeugen; mit Ungeduld ſah ſie dem Morgen nach einer durchwachten Nacht ent⸗ gegen, und ſiehe da, am nächſten Vormittage wurde ihr wirklich ein altes Mütterchen gemeldet, welches um eine milde Gabe flehte, die ſie für die Armen der umliegenden Gehöfte und Weiler einſammelte, ſie nann⸗ te ſich Frau Jutta. Gertrude erzitterte mächtig bei dieſem Namen. So war es alſo Wirklichkeit, ſie hatte ſich eines höheren, 6* eines mächtigen Schutzes zu erfreuen, nun durfte ſie den Gram nimmer in ihr Herz ſchließen, nun hatte ſie ein Weſen, dem ſie ſich anvertrauen, dem ſie ihre Klagen mittheilen, von dem ſie Troſt, ſüße Theilnahme erwarten durfte; o wer je ſchon gelitten und geduldet, der weiß: welch ein Balſam es iſt, ſeinen Kummer nicht verſchließen zu müßen! Mit Freuden beſchied ſie Frau Jutta zu ſich, und als die Alte in ihrem Kloſett erſchien, warf ſich die Rit⸗ tersfrau ihr zu Füßen, bittend: ſie nicht zu verlaſſen. Als die Alte zu ſprechen begann, bemerkte die Dame mit Entzücken, daß dieß die nämliche Stimme war, von der ſie in der Nacht angeredet worden; Frau Jutta ſprach: Ich ſollte Dich verlaſſen Gertrude? wo⸗ zu hätte ich Dich geſucht? Fürchte dieß nicht, ſo lan⸗ ge Du fromm und gut biſt, verläßt Dich Waldfräu⸗ lein nicht; aber Du mußt mir in der That eine mil⸗ de Gabe geben, denn arme Waiſen und ſieche Leute ſte⸗ hen auch unter meinem Schutz, und ich will von nun das Werkzeug Deines milden Herzens ſein. Die Rittersfrau reichte ihr mit willigem Herzen einige Goldſtücke, und ſprach: O, Frau Jutta! kommt nur recht oft, ſo lange ich habe, will ich geben. Ach! wie gern gäb' ich Alles hin, wenn ich mein Glück, meine Ruhe damit erkaufen könnte! Hoffe und vertraue, Gertrude! ſprach die Alte, Dir n ₰ 2—zz——— 69 ſind noch ſchwere Stunden im Leben beſchieden, aber Du wirſt aus all den Prüfungen rein wie der ewige Sonnenſtrahl, blank wie der friſch gefallene Schnee eingehen im Hafen der Ruhe. Die Dame ſprach: Ihr redet bittere aber auch troſtreiche Worte. O bleibt nur keinen Tag fern aus der Burg, kommt ſtets, damit ich Euch nur immer nahe weiß. Aber wie ſoll ich Euch nennen? Wie ich ſchon geſagt, nenne mich die gute Frau Jutta, unter dieſem Namen bin ich bei den Armen der Umgegend bereits bekannt geworden. Ihr ſeid ein Waldfräulein? Das bin ich, aber mehr frage nicht, denn ich wür⸗ de Dir nicht antworten; dringe nicht in mich, Dir mein Weſen zu offenbaren, oder den Schleier jener Welt zu lüften, die menſchlichen Augen ſtets ein un⸗ dringlich Geheimniß bleiben muß. Ich bin für Alle die gute Frau Jutta, und das genüge Dir! Die Rittersfrau verſprach, dem Gebothe gemäß zu handeln, und ſie ſchieden bald darauf, nachdem Waldfräulein das Verſprechen leiſtete, ſchon näch⸗ ſten Tages wieder zu kommen. Als die Alte die Steinſtiege herabtrippelte, be⸗ S Sgegnete ihr Hanns Poſtl; ſie rief den Würflacher zu ſich, und ſprach: Hanns Poſtl, ich habe Dir einen Gruß zu vermelden. 30 Von wem? fragte der Weinzürl erſtaunt. Vom Waldfräulein! Hanns machte einen Bocksſprung und rief: Wird ihr Vater nicht bald kommen, mich zu befreien? Vor der Hand kann er nicht, denn er iſt in einer läſtigen Fehde begriffen. O, rief Hanns klagend, ſo haben doch alle die ver⸗ wünſchten Ritter nur mit Fehden zu thun! Drum läßt Dir Waldfäulein ſagen, fuhr die Alte fort, Du ſollſt hier auf der Burg nur Dienſte neh⸗ men, es ſolle Alles zu Deinem Glücke ausſchlagen. Was mir mein Waldfräulein räth, das thue ich; wiewohl Sie es auch war, um deren Willen ich ei⸗ nen Bock geſchoſſen. Meldet meinem herzigen Mädl einen Gruß und ſaget ihr: ich werde gewiß bei dem Schrattenſteiner Dienſte nehmen! Die Alte verließ die Burg. 5. Gleich dem los geword'nen Tieger Tobt der grimme Frauenſteger; Seine Blicke, glüh'nde Funken, Seine Menſchheit längſt geſunken.— In der Hölle wilde Gluth Hat gewandelt ſich ſein Blut; Wild vor Luſt, die Lippen bebend, Reine Mild' im Herz ſich hebend, Seine Arme nach ihr ringen, Seine Sehnen droh'n zu ſpringen; Und auf ſchweren Geiersflügeln, Micht zu zähmen nicht zu zügeln, Baſ't die Gier durch ſeine Seele Das den Baub ſie nicht verfehle! Gertrudens Lage geſtaltete ſich von dieſem Augenblicke an etwas freundlicher, es vergingen freilich oft Tage, ohne daß ſie ihren Gatten zu Geſichte bekam, allein ſie hatte bereits ganz auf das Glück eines ehelichen Le⸗ bens verzichtet, und ſuchte die Lebensfreuden nur in Gebeth und Wohlthun.— Man ſah ſie daher öfters an Frau Juttas Seite durch das Thal luſtwandeln, in den Hütten der Armen einkehren, und als helfender En⸗ gel in denſelben weilen. Ein ſolcher gottergebener Le⸗ benswandel mußte zum Theil wenigſtens jene irdiſchen Freuden erſetzen, auf welche die Rittersfrau verzichtet hatte, und brachte überdieß noch Ruhe in ihre Bruſt, die einer grünen, ſchattenleeren Wieſe glich, welche wohl ruhig und ſtill, aber auch einförmig und unbe⸗ völkert iſt. Der Frühling ging zu Ende und trat die Herr⸗ ſchaft an den Sommer ab; in wilder Schönheit lag der Kettenlausberg mit ſeiner Umgebung da, die Sonne eines heißen Nachmittags hing am wolkenfreien Firmament, wie eine glühende Kugel, welche durch den blauen Aether rollt, in dem Gebirge unten herrſch⸗ te Leben und Bewegung; Frau Gertrud, dieſes Mal von ihrer Gürtelmagd geleitet, ſchritt durch das Ro⸗ ſenthal gegen die Klauſe des frommen Vater Tho⸗ mas. Die Dame hatte ſich entſonnen, daß der Klausner ſeit ihrer Anweſenheit den Schrattenſtein weder beſucht, noch auch das verſprochene Geſchenk ihres Gemahls in Empfang genommen hatte, ſie wollte daher, da Frau Jutta durch einige Tage ausblieb, einen Nachmittag dazu benützen, ihm dieſes zu über⸗ bringen. Die Gürtelmagd war alſo mit den Wachs⸗ kerzen beſchwert, und leitete auch die Ziege an einer Schnur hinter ſich her. Als Beide vor der Klauſe anlangten, war dieſe geſchloſſen, und öffnete ſich erſt nach langem Pochen. Der Greis erſchrack, als er die Dame erkannt, und ſtatt ihren freundlichen Gruß zu 73 erwiedern, ſprach er: Was bringt die Gemahlin Lin⸗ zers von Schrattenſtein in meine einſame Behauſung? Zürnt mir nicht, frommer Vater! verſetzte Ger⸗ trude, wenn ich Euch in Eurer Andacht oder ſonſt einem erbaulichen Geſchäfte ſtöre; vor Allem muß ich Euch erinnern, daß ich noch in Eurer Schuld bin; um mich daher ihrer zu entledigen, und auch das Ver⸗ ſprechen meines Gemahls zu erfüllen, ſo brachte ich die kleine Gabe, welche ich Euch anzunehmen bitte, da ſie nur durch den guten Willen, mit dem ſie ge⸗ ſpendet wird, werth iſt, von Euch nicht verſchmäht zu werden. Der Klausner nahm das mitgebrachte Geſchenk in Empfang, ließ die Ziege durch die Gürtelmagd au⸗ ßen an einen Baum binden, und ſprach dann zur Dame: Habt Ihr ſonſt noch ein Begehren an mich? Der mürriſche, düſtere Ton des Klausners befrem⸗ dete Gertruden ſehr, ſie ſah ihn faſt furchtſam an und erwiederte: An Euch habe ich kein Begehren mehr, aber wenn Ihr mir geſtatten wolltet, daß ich vor dem Bilde des Erlöſers in Eurer Klauſe ein Gebeth verrichte, ſo würde ich dieß ſehr gern thun; denn ich habe mich wunderſam geſtärkt und erhoben gefühlt, als ich das erſte Mal Eure Klauſe verließ; o, es war ein ſchwerer, ein harter Tag in meinem Leben! Wie iſt dieß möglich? fragte der Greiſe, ſeid Ihr doch damahls als die Gattin Linzers zum erſten Mal in ſeine Burg gezogen, und wie Ihr ſagt, wär's ein ſchwerer Tag geweſen? Die Schadenfreude, welche aus dem Tone klang, mit dem dieſe Worte geſprochen waren, berührte die Dame unangenehm, ſie verſetzte: Nicht Alles iſt Gold, wenn es auch im Sonnenſtrahl ſchimmert; ich muß über dieſen Gegenſtand ſchweigen, es ziemt ſich nicht, daß ich davon ſpreche. Sie iſt unglücklich! jubelte es in der Seele des Klausners, ſie iſt elend, ſo elend, wie ſie mich ge⸗ macht! Er faltete die Hände fromm und ſprach in heuchleriſcher Demuth: Wenn Ihr es wünſcht, ſo tre⸗ tet ein in die Nähe des Herrn! Gertrude befahl der Dienerinn: außen zu harren und ſchritt in die Klauſe, hinter ihr ſchloß ſich die Thüre derſelben. Eine angenehme Kühle empfing ſie in der Klau⸗ ſe, jenes myſtiſche Halbdunkel umwog den Raum, welches den unwürdigen, im Gewande der Frömmig⸗ keit einherſchleichenden Böſewichtern zur Aufregung der Gemüther oft ſo wichtige Dienſte leiſtete. Das helle Licht, welches dem Menſchen gleichſam frei und of⸗ fen ins Auge ſieht, es gleicht dem freimüthigen Manne, der ſich zeigt, wie er iſt, der ſeine Handlung an der 35 Stirne trägt, der uns mit feſtem Blick entgegentritt, ſeine Vorzüge ſo wenig verhehlt, wie ſeine Fehler, dem man entgegeneilen oder ihn meiden kann; das düſtere Schwarz der Finſterniß, es gleicht dem furchterregenden, verſchloſſenen Gemüthe, welches ſel⸗ ten was Gutes brütet, welches uns ſchon aus der Ferne zuruft: Bleibe zurück, und meide mich! wel⸗ ches den Stempel ſeiner Schauder auch frei einher⸗ trägt, und das uns, eben dadurch, daß es ſchreckt, auch zugleich vor ſeinen Fallen ſchützt; Licht und Finſterniß ſind daher beide weniger beſtechend, ge⸗ ringeren Eindruck hervorbringend, weniger aufregend; beide ſind offen, zeigen uns Alles oder nichts, es bleibt uns nichts zu ahnen übrig; ganz anders aber verhält es ſich mit dem Halbdunkel, mit jenem Zwielichte, welches zwiſchen beiden die Mitte hal⸗ tend, weder dem Einen noch dem Andern angehört; das wirkt auf die Seele des Menſchen wie ein matt verſchleiert Bild, welches uns Etwas und dennoch nichts Befriedigendes zeigt, das uns mehr ahnen, als ſehen läßt; da erwachen alle Sinne des Men⸗ ſchen, da ſtrecken ſich alle Fühlhörner der Seele aus, um zu tappen und zu ſuchen; es iſt ſo viel Licht, um etwas zu gewahren, und doch auch ſolche Fin⸗ ſterniß, um nichts zu finden; dieſes Zwielicht iſt der Irrgarten, aus dem man ſich nur ſchwer in ſich ſelbſt 7 36 zurückfindet, denn da verſteigt ſich die Seele gern in andern, in noch nicht enträthſelte Welten, da ent⸗ wirft man ſich oft alles Menſchenthums, um entwe⸗ der hinauf dem Himmel, oder hinab der Hölle näher zu kommen; das dämmernde Zwielicht beſticht, über⸗ redet, verführt; es wirbelt die Einbildungskraft auf, und dadurch, daß es ihr ſo großen Spielraum ein⸗ räumt, macht es ſie zu ſeiner thätigſten Bundesgenoſ⸗ ſinn, und zu des Menſchen gefährlichſter Widerſache⸗ inn; ſie iſt es welche zu Allem überredet, zu Allem bereitwillig macht, und glänzende Siege über Vernunft und Herz davon trägt. Dieſes Zwielicht iſt um ſo gefährlicher, da es unendlich reizt, und betäubend, wie ein Uebermaß von ſtark narkotiſchen Blumenduft auf unſere Seele wirkt; es iſt unendlich einladend, anzie⸗ hend, und zaubert in der Seele alle jene Eindrücke hervor, welche ein anmuthig Mährchen macht, dem wir aus dem Munde eines geliebten Weſens lauſchen. Ein ſolches Dämmerlicht umwob auch die, durch ihre Stille noch gefährlichere Klauſe; Frau Gertruh ließ ſich vor demſelben Kreuze nieder, vor dem ſie ſchon einmal geknieet hatte, der Klausner ſtand rückwärts nach einem Entſchluße ringend. Als er die lieblichſte der Frauen da hingegoſſen ſah, anmuthig wie Keine, von dem verführeriſchen Dämmerlichte umweht, rei⸗ zend wie das einer begeiſterten Phantaſie entſprungene 77 Bild, lieblich wie der erſte Stern, der aus dem abend⸗ lichen Halbdunkel hervorſchimmert, da waren ſeine Sinne erwacht wie Schlangen, die ſich beim erſten Früh⸗ lingsſonnenſtrahl aus dem Winterſchlafe heben, da wogte die Leidenſchaft durch die Bruſt, wie eine meu⸗ teriſche Rotte, welche die Fackel der Empörung durch die Straßen einer aufgeregten Stadt trägt; das Blut raste durch ſeine Adern, jeder Tropfe eine Flamme, die Gierde zu erringen, nach was er bisher vergebens geſtrebt, war lauter als je erwacht. Jetzt oder nie! — ſprach er bei ſich,— jedoch ſo darf ſie mich nicht wieder erkennen, für den Fall des Mißlingens, darf mir jeder fernere Weg nicht abgeſchnitten ſein! Er verließ, ohne daß ſie es merkte, die Zelle durch jene verborgene Thüre, welche in das Innere der Klauſe führte. Die Dame, ohne zu ahnen, welch giftiger Ver⸗ rath indeſſen geſponnen wurde, war ſo inbrünſtig in das fromme Anſchauen des Himmels verſunken, daß ſie wirklich für Alles taub war, was um ſie vorging. Die Seele des Menſchen iſt wie Wachs, für alle Ein⸗ drücke von außen empfänglich, wenn die Sinne die Pforte bilden, durch welche ſie Einlaß erhalten; aber ſie vermag es auch, wie der Wurm ſich zuſammen⸗ zuziehen, und gegen Alles ſtumpf zu bleiben, wenn ſie jenen Eingang in ihr Inneres ſchließt, dann iſt ſie wie getrennt von dem Körper, eines höheren Auf— ſchwunges fähig, und gehört dieſer Erde nicht mehr an. Gertrude hatte endlich ihr Gebeth vollendet, er⸗ hob ſich, um ſich dem Klausner zuzuwenden, als ſie von einem unerwarteten Anblicke getroffen, wie vor einer giftigen Schlange, mit einem Angſtſchrei zu⸗ rückfuhr. Ein Mann in ritterlichen Gewändern, groß, ſtark, mit finſteren Augen und höhniſchen Zügen, ſtand regungslos vor ihr, ſeine Rechte hielt einen Dolch krampfhaft umfaßt, ſeine Lippen bebten, aber kaum bemerkbar, ſo daß man ihn für ein lebloſes Stand⸗ bild hätte halten mögen. Gertrude bebte, ſie vermochte nicht zu rufen, kein Laut rang ſich aus ihrer Kehle herauf, wiewohl man es der Anſtrengung abmerkte daß ſie darnach ſtrebte. Bleibt ruhig, Dame! begann der Mann mit ge⸗ bietheriſchem Tone, ruft weder Eure Magd noch dem Flausner herbei, denn jeder Zeuge, der es wagt, un⸗ ſer Alleinſein zu ſtören, iſt dem Tode verfallen! Ich verfolge Euch wie Euer unſichtbarer Schatten, und kaum merkte ich die Entfernung des Klausners, ſo drang ich hier ein. Ihr ſeid jetzt in meiner Gewalt! Die Dame erblaßte bei dieſen Worten; den Be⸗ trug nicht ahnend, begann ſie nach dem Klausner zu rufen, allein der Ritter ſtürzte auf ſie los, umſchlang ſie mit beiden Armen, ſtieß mit dem Fuße an eine 75 zweite, verborgene Thüre, die in einen engen, von him⸗ melanſtrebenden Felſen gebildeten Keſſel führte, ſchloß hinter ſich die Pforte, und das arme, hülfloſe Weib befand ſich jetzt wirklich in ſeiner Gewalt. Ringsum nichts als kaltes, empfindungsloſes Geſtein, hie und da ein verkrüppelt Tannenbäumchen, welches aus ei⸗ ner Ritze mühſam hervorſproß, an der Seite ihren Verfolger, dem ſie zu entrinnen geglaubt, und deſſen Tücke ihr gefolgt, deſſen Herz eben ſo wenig zu rüh⸗ ren war, wie die Felſen, welche ſie umgaben; keine Rettung, kein Hoffnungsſtrahl blieb ihr; wild, ver⸗ zweiflungsvoll blickte ſie um ſich, da fiel ihr Auge hinauf, ein Stückchen heitern blauen Himmels bildete die Decke des Felſengemachs, ihr Herz ging auf, ſie ſah den Himmel, ſie wurde ruhiger. Der Ritter hatte ſich während dieſer wenigen Augenblicke an den Rei⸗ zen der Dame geweidet, er verſchlang ſie mit den lüſternen Blicken. Gertrude aber hatte ihr volles Be⸗ wußtſein, ihre ganze Kraft wieder erlangt, ſie riß ſich aus ſeinen Armen los, ſtieß ihn weit von ſich und rief: Zurück, Elender! der Du es wagſt, das Ei⸗ genthum eines Anderen anzutaſten.— Mein ſeid Ihr! ſchrie der Ritter, ich habe Euch geliebt, ehe der Schrattenſteiner Euch noch gekannt, ich habe Euch angebethet, wie kein Weib noch auf dieſer Erde angebethet wurde, und wie habt Ihr meine Ge⸗ 80 fühle vergolten? Ihr habt mich verſchmäht, habt mich verworfen, ohne Grund, ohne mein Verſchulden, und jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo ich Rache neh⸗ men will, fürchterliche Rache, wie noch kein Mann auf Erden genommen! Die Dame, welche das leidenſchaftliche Gemüth ihres Gegners kannte, und wußte, daß ſie den wü⸗ thenden Tieger vielleicht eher durch Sanftmuth als durch zweckloſen Widerſtand unſchädlich zu machen im Stande ſein werde, begann mit langſamen, aber inni⸗ gem Tone: Wolf von Wilden berg! Ihr ſteht mir in dieſem Augenblicke auf eine Weiſe gegenüber, die für mich eben ſo gefahrvoll, als Euerer ritterlichen Ehre zuwider iſt. Wie Ihr ſelbſt geſtanden, habt Ihr mir nachgeſtrebt, habt mich belauſcht, mich vielleicht mit Eueren Spähern umſtellt, um Meiner in einem Au⸗ genblicke habhaft zu werden, wo mir keine Hülfe mög⸗ lich iſt, dieß iſt Euch jetzt gelungen; ich weiß nicht, wo ich mich befinde, kein menſchliches Weſen iſt in der Nähe, wollt Ihr alſo wirklich ſo unritterlich, ſo unmenſchlich handeln, Euere Gewalt an einem ſchwa⸗ chen, ſchutzloſen Weibe zu erproben? Dieſes ſchwache, ſchutzloſe Weib— erwiederte der Ritter— hatte für mich nur Spott und Höllen⸗ hohn, es trieb mich von ſich, hinaus in die wilde Nacht des Lebens, denn wo der Stern der Liebe un⸗ 8 1 tergegangen, dort iſt Finſterniß und ewiges Dunkel heraufgezaubert; es hatte kein tröſtend Wort für die Leiden meiner Seele, ſo will denn auch ich kein offen Herz für ſeine Klage haben. Gertrude! Ihr müßt mein werden, ſo wahr Ihr das Weib des Schratten⸗ ſteiners geworden! Ihr wolltet nicht das Leben mit mir theilen, drum ſeht in mir den Feind Alles deſſen, was Euch lieb und theuer iſt; ich habe nicht vermocht mit dem Schmeichelton der Liebe Euer Herz zu gewin⸗ nen, wohlan! ſo will ich's mit dem Verzweiflungs⸗ ſturm der Gewalt verſuchen; heran in meine Arme, Gertrude! Du mußt die Meine werden.— Mit wilder Gebehrde, mit gierigen Augen, wie das Raubthier auf ſeine Beute, ſtürzte er auf die Dame los, dieſe wich zurück, und jammerte mit fle⸗ hender Stimme: Halt' ein, Wahnſinniger! ſo biſt Du jeder menſchlichen Regung bar geworden, ſo haſt Du Allem entſagt, was dem Sterblichen heilig ſein ſoll? ſchone Meiner, ich bin unglücklich genug, willſt Du mich ganz elend machen? Wolf von Wildenberg! wenn es wahr iſt, daß Ihr mich je geliebt, wenn die tauſend Betheuerungen und Schwüre, die über Euere Lippen gefloſſen, keine Lüge geweſen, o dann könnt Ihr unmöglich mich ſo ganz, ſo für immer elend ma⸗ chen wollen! Gebt mir den Tod, ich will ihn als ein ſüß Geſchenk aus Euren Händen empfangen, ich 8 2 will für Euch bethen Jenſeits, will Euch nie und nimmer als meinen Mörder anklagen; aber ſchont nur meiner Ehre, erniedriget mich nicht vor mir ſelbſt— Das will ich! unterbrach ſie der Ritter, in Schmach will ich Euch ſtürzen, und dann Eurem Gemahl die frohe Mähre hievon verkündigen laſſen. O es wird ihn freudig durchbeben, wenn er die Kunde Eures neuen Sieges vernimmt. Ich muß vergelten, was ich durch Euch tauſendfach empfunden. Ihr habt mich vor den Kampfgenoſſen des ganzen Gaues erniedriget, ich will Euch nur vor Eueren Gatten zu Boden ſchmettern. Er ging mit offenen Armen auf Gertrude los, eine unnennbare Angſt erfaßte ſie, aber ſie wurde zu⸗ gleich die Mutter eines rieſigen Muthes, der das Weib in dieſem Augenblicke zum Mann machte. Ein minu⸗ tenlanges, ſtilles Ringen zwiſchen Beiden begann, man hörte nur des Ritters Keuchen und Schnauben, ſiegreich gelang es dem verzweiflungsvollen Weibe ihn einige Schritte zurück zu drängen, ſie ſtrebte nur dar⸗ nach ihm den Dolch zu entreißen, um ſich freiwillig den Tod zu geben; aber Wolf, dieß merkend, ſchleu⸗ derte die Waffe von ſich und umfaßte die Heldenmü⸗ thige um ſo kräftiger, noch einige Augenblicke frucht⸗ loſen Kampfes vergingen, die Kräfte der Dame be⸗ gannen zu ſchwinden, ſie ſah ein, daß ſie in wenigen Augenblicken unterliegen werde. Heiliger Gott! kreiſch⸗ 83 te ſie auf, rette Deine Magd vor Schande und Ver⸗ derben! Die Worte waren geſprochen, und eine finſtere Wolke umhüllte den Keſſel, ſo daß der Ritter die Dame erſchreckt los ließ, und zurücktaumelte; Ger⸗ trude fühlte ihre Hand gefaßt und ſich fortgezogen. Blendwerk der Hölle! kreiſchte Wildenberg, und ſtürzte ihr nach; allein vor der Thüre angelangt, wel⸗ che in die Klauſe führte, ſchlug ſelbe vor ſeinen Augen zu, und ehe es ihm gelang, ſie zu öffnen, war der Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft verſchwunden. 6. Ich will ein traulich Mährlein Dir erzählen, Wie einſt ein Schalk ſein Mädchen hat betrogen, wie er verſprach, zum Weibe es zu wählen, Und wie er Lieb und Treue nur gelogen. Wie er ſich einer Andern wollt' vermählen, Die reizend, lieblich ſeine Sinne angezogen; Dies Alles will ich Dir jetzt offen künden, Denn ſolcher Schelme gabs von jr zu finden! Am andern Morgen, als ſich die Aufregung über den erlittenen Schrecken bereits in Etwas gelegt hatte, und Gertrude einer beſſeren Ueberlegung und Erwä⸗ gung fähig war, begann ſie reiflich über das Aben⸗ theuer nachzudenken. Ihr Gatte war gerade abweſend, und ſie konnte ihm den ſchrecklichen Verrath des Wil⸗ denberg nicht ſogleich mittheilen, beſchloß jedoch, es unverweilt zu thun, ſo bald er wieder in der Burg eintreffen würde. In ihren Gedanken wurde ſie durch die Ankunft Frau Juttas unterbrochen. Du haſt Dich geſtern unvorſichtiger Weiſe in große Gefahr begeben, ſprach dieſe, ahneteſt Du denn nicht, daß Dir in der Klauſe nur Verderben drohen könne? Wer ſollte denken, verſetzte die Dame, daß der Tückiſche noch immer nicht Herr jener unſeligen Lei⸗ denſchaft geworden ſei, mit welcher er mich ſchon ſo lange quält, und die eigentlich die Veranlaſſung war, daß ich Linzer meine Hand reichte? Glaube mir, Gertrude! das wilde Blut des Rit⸗ ters jagt zu ſtürmiſch durch ſeine Adern, ſeine Leiden⸗ ſchaft iſt zu tief eingewurzelt, als daß an ein Aufhö⸗ ren derſelben zu hoffen wäre. Du ahneſt die Schurkerei nicht, welche Dich um⸗ ſpann; ich ſah ſie voraus, und ahne was noch kom⸗ men dürfte, doch kann ich es nicht hindern und darf es nicht verrathen, aber Dich zu ſchützen vermag ich, und das will ich thun, ſo lange mir die Macht hie⸗ zu gegönnt iſt! Wahre Dich vor der Klauſe, denn eben ſo gefährlich wie Wolf von Wildenberg, iſt Dir auch der Klausner, ſie ſind im innigſten Einverſtänd⸗ niße; ſchon hab' ich zu viel geſprochen, mehr darf nicht über meine Lippen kommen. Gertrude begann heftig zu weinen. Waldfräulein faßte mitleidig und theilnahmsvoll ihre Hand und ſprach: Was ſollen die Thränen, fromme Seele? Gelten ſie der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft? Meinem ganzen Leben! antwortete die Dame ſchluchzend, es ſchneidet mir durch die Seele, zu wiſ⸗ ſen, daß für mich kein Glück mehr auf dieſer Erde blühen würde! O warum umſchließen mich nicht die Mauern eines einſamen Kloſters, warum wohne ich nicht in einer kleinen Zelle, deren vier Wände, und wären ſie ſo eng, wie jene eines Erden⸗Grabes, mir mehr Glück bringen würden, als der gewaltige Rie⸗ ſenbau dieſes Schloſſes. Jutta! Ihr habt kein ſterb⸗ lich Herz, Euer Sinn hangt und bangt nicht nach den irdiſchen Freuden, aber glaubt mir: es iſt ſchwer, Allem entſagen zu müßen, was die Hand eines lie⸗ benden Gatten für mich zu thun im Stande gewe⸗ ſen wäre. Gertrude! erwiederte die Andere, Du haſt nie geliebt, und wirſt nie lieben, wünſche Dir daher kein Glück, welches Du ſelbſt nicht zu gewähren im Stan⸗ de biſt. Ich bin kein Erdenweſen wie Du, aber was Du Geiſtiges fühlſt, das vermag auch ich zu empfin⸗ den; das Gebeth Deiner Seele verſtehe auch ich, dem Aufſchwunge derſelben zum Himmel kann auch ich folgen, ihre Leiden kann ich ermeſſen; aber bedenke, daß auf Erden nichts ewig währt, daß Freud und Leid ein Ende nehmen, ſuche Deinen Troſt in Wohl⸗ thun und Gebeth, und Du wirſt ihn finden; das Ver⸗ trauen hilft; wenn Du vertrauen wirſt, ſo wird Dir auch geholfen werden— Gertrude verſprach nicht zu verzagen und ſtand⸗ haft zu dulden, bis die letzte Stunde ihres Unglückes 87 ertönt ſein würde; Waldfräulein ſchied wie gewöhnlich, und trippelte die Steinſtiege hinab. An derſelben harr⸗ te dieſes Mal Hanns Poſtl. Seit der letzten Bot⸗ ſchaft hatte er nichts von ſeinem ſteieriſchen Fräulein erfahren, er hatte Dienſte beim Ritter genommen, und ſomit das der Geliebten gegebene Verſprechen erfüllt; aber nun harrte er von Tag zu Tag, Frau Jutta kam und ging, und von dem Fräulein war nichts zu hören. Er grämte ſich darüber, aber nicht etwa, weil er das Fräulein gar ſo heftig liebte, ſondern weil es ihn kränkte, erfahren zu müßen, daß ſie ohne ihn ſo lange leben konnte, deſſen Gegentheil er früher hoch und theuer beſchworen hätte. Endlich währte ihm das Verweilen und die Ungewißheit zu lange, er beſchloß, die Alte anzuſprechen, und dieß that er auch. — Frau Jutta, begann er, Ihr habt mir vor eini⸗ gen Tagen von meinem ſteieriſchen Fräulein Kunde gebracht, das hat mich damals hoch erfreut, aber wie kommt es, daß Ihr mir nun gar nichts mehr zu ſa⸗ gen habt? war't Ihr ſeitdem nicht in ſelbiger Burg, oder iſt vielleicht ſonſt was geſchehen? Das Mütterchen zog die Schultern in die Höhe und verſetzte: Wenn mit dem Fraulein was Beſon deres vorgefallen, ſo müßte ich es vor Allem wiſſen; es iſt bei ihr und den Ihren noch Alles im Alten. Den Henker auch! rief Hanns Poſtl, iſt das im 88 Alten, wenn ſie mich durch keine Bothſchaft und kei⸗ nen Gruß erfreut? Ich, Hanns Poſtl, der ſchönſte Bur⸗ ſche von Würflach verdiente wohl, daß ſie ſich mehr um mich herumthue. Ueberdieß trägt Sie die Schuld, daß ich hier Dienſte nahm, und mein Hab und Gut indeſſen einem Anderen zur Verwaltung übergeben muß⸗ te; meint Ihr, es ſei eine Kleinigkeit? Ich beſitze eine Heerde von mehr denn vierzig Schafen, fünf Och⸗ ſen, fünf Kühe, fünf Kälber, mein Gehöfte hat ſechs Stuben und ſechs Kammern; das kann man nicht ſo in den Wind fahren laſſen, wenn man auf an⸗ derer Seite nicht Erſatz findet; hab' ich es Noth, daß ich hier dulde und trage, und mich von den Andern quälen laſſe? Nein, ganz und gar nicht! es geſchieht und geſchah nur, weil mein ſteieriſches Fräulein es haben wollte, und weil ſie mir gerathen hat, hier Dienſt zu nehmen. Das Mütterchen horchte ihm aufmerkſam zv, und als er geendet hatte, nahm es das Wort: Das war Alles recht lobenswerth von Dir, Hanns Poſtl! aber es ſcheint, als ob das Fräulein etwas erfahren hätte, was Dir nicht beſonders günſtig iſt; ſie war in Würflach.— Was? in Würflach? Was hat ſie dort zu ſu⸗ chen, wenn Hanns Poſtl nicht daheim iſt? Darum mußt Du Dich bei ihr erkundigen, ich c—— —„— —— c——— 89 weiß es nicht. In dem Markte begegnete ihr ein Bauermägdlein, das gute Kind ſah ganz blaß aus, hatte verweinte Augen, und ging traurig einher mit zum Boden geſenktem Haupte; das Fräulein weich⸗ herzig und theilnehmend, wie es Dir bekannt iſt— Den Henker auch! unterbrach ſie der Weinzürl, davon weiß ich kein Sterbenswörtchen, ſie hätte mich ſonſt ſchon längſt aus dem Elende frei gemacht— Das Fräulein alſo, fuhr die Andere fort, ohne ſich irre machen zu laſſen, ging auf die Trauernde zu, redete ſie freundlich an, und fragte ſie endlich um die Urſache ihres Kummers. Da hat man's! rief Poſtl aufgebracht, um an⸗ derer Leute Beſchwerden kümmert ſie ſich, aber mich, ihren Geliebten läßt ſie ſchmachten! O das iſt ſchon eine Allerweltsfreundinn, aber wenn ſie nur erſt meine Geſponſinn geworden iſt, ſie ſoll mir aus einem an⸗ dern Loche pfeifen. Frau Jutta fuhr gleichmüthig fort: Die Wür⸗ flacherinn ließ ſich nicht lange bitten, und begann vor dem Fräulein ihr Herz auszuſchütten. Sie er⸗ zählte, daß ſie eine arme Waiſe im Markte ſei, die ſich redlich von eigenem Fleiße ernähre; und weil es denn doch für ein Mädchen am beſten ſei, wenn ſie auf redliche Weiſe unter die Haube komme, ſo habe auch ſie einem Manne, der ſich dem Anſcheine nach 8 20 freundlich um ſie herumthat, ihr Herz zugewandt; derſelbe ſei zwar auch ein armer Schlucker, der gar nichts als ein Stückchen Weingarten, und ein winzi⸗ ges Hüttchen in demſelben beſitze, aber er wäre ſonſt zum Arbeiten tüchtig geweſen, und ſie hätten ſich Bei⸗ de ſchon redlich erhalten können. Es ging zwiſchen ihnen Alles gut und in der Ordnung, als plötzlich der Schelm von Weinzürl anderen Sinnes wurde, und mit ſeiner erſten Geliebten ſich nicht zufrieden gab, ſondern ſeinen hochmüthigen Sinn auch auf an⸗ dere, ſchönere und reichere Dirnen im Markte richte— te, und trotz des Weinens und Flehens ſeines ver⸗ laſſenen Mägdleins in ſeinem Sinne beharrte. Als ihn nun die im Orte nicht mehr hören wollten, ver⸗ ſpotteten und verlachten, was that der eingebildete Thor? Er warf ſein Auge auf ein reiches unbekanntes Fräulein, ließ am Ende Alles im Stich, und lief dem Fräu⸗ lein gar nach in die weite Welt, ſo daß weder Ge⸗ liebte noch Verwandte von ſeinem jetzigen Aufent⸗ halte wiſſen! Während dieſer, gleichgültig aber ſehr langſam vorgetragenen Erzählung gebehrdete ſich Hanns Poſtl wie Einer, der eben eine bittere Pille verſchluckt. Er trippelte mit ſeinen krummen Beinen unruhig auf dem Boden, ohne ſich jedoch von der Stelle zu be⸗ wegen, verzerrte ſein plattes Antlitz, daß die Zähne in, u⸗ e⸗ n⸗ ſtl Er uf be⸗ ne 91 wie bei einem fletſchenden Hunde hervorgrinsten, kratzte ſich den Kopf, und that Alles um ſeine Verlegen⸗ heit, die er verbergen wollte, recht an den Tag zu le⸗ gen. Endlich fragte er mit beklommener Stimme: Und was iſt zwiſchen dem Fräulein und ſelbiger Bauersdirne weiter vorgefallen? Sie fragte das unglückliche Mägdlein nach ih⸗ rem Namen— Wie heißt ſie? Lisbertha! Hanns Poſtl fuhr zuſammen, und das Mütter⸗ chen fragte mit erkünſtelter Theilnahme: Was fehlt Dir denn, lieber Junge? Was erſchrickſt Du bei dieſem Namen, kennſt Du vielleicht das Mädchen? Ich— das Mädchen kennen? Wahrhaftig! ich entſinne mich nicht recht— es giebt in Würflach Viele die ich nicht kenne; woher auch? unſer Einer ſteckt immer auf dem Acker; aber es gefällt mir nicht, daß ſich mein Fräulein ſolche Mährlein auftiſchen läßt; hat die Bauersdirne vielleicht auch den Namen ihres angeblichen Freiers genannt? Frau Jutta verſetzte: Das Fräulein drang in ſie, und— Und? fragte Hanns geſpannt. Das gute Kind wollte den Schelm nicht verra⸗ then, weil ſie noch immer hofft, daß er einſt als reuig zurück kehren würde. Das war das Beſte was ſie thun konnte, mur⸗ melte der Würflacher in ſich, aber hoffen kann ſie noch lange! Durch den Gedanken, daß er noch nicht ver⸗ rathen ſei, ermuntert und ermuthiget, begann er wie⸗ der laut: Meldet dem Fräulein meinen freundlichen Gruß und ſaget ihr, daß ich es nicht gern hören würde, wenn ſie öſters nach Würflach ginge; was hat ſie dorten auch zu ſuchen? den ſchönſten Burſchen im Markte hat ſie für ſich gewonnen, und was noch übrig, iſt lauter Spreu! 1¹ Das Mütterlein ergriff die Rede und ſprach: Ich werde thun, wie Ihr wünſcht, denn ich will hoffen, daß Ihr kein ſolcher Schelm ſeid, wie ijener Burſche, der die arme Lisbertha treulos verließ; die Geſchichte hat das Fräulein ſehr entmuthigt, und es beginnt Mißtrauen in Eure Redlichkeit zu ſetzen.— Hört mich an, Frau Jutta! Wie ich ſehe, be⸗ ſitzt Ihr das Zutrauen meiner Steierinn; ſeid doch ſo gut, mir auf die Fährte zu helfen, Ihr wißt ſchon, wie ich dieß verſtehe, ich werde nicht knauſern, wenn ich nur erſt Ritter, und Herr ihres väterlichen Erbgutes geworden bin; was ich in Würflach habe, meine Heerde mit den fünfzig Scha⸗ fen, die ſechs Ochſen, die ſechs Kühe und ſechs Käl⸗ 93 ber, Alles ſoll Euer werden, wenn nur das ſteieri⸗ ſche Fräulein mein wird. Ich will thun, was ich kann, verſetzte das Müt⸗ terchen, aber ich ſage es Euch nochmahls, es wäre ſchändlich von Euch, wenn Ihr das Fräulein ſo hin⸗ tergehen wolltet, wie jener Schelm.— Aber wem wird denn ſo Etwas in den Sinn kommen? Das verdiente eine große, eine tüchtige Strafe.— Die wollt' ich auch dulden.— Das Geſpräch der Beiden wurde durch ein unge⸗ heueres Getäuſch unterbrochen. Linzer von Schrat⸗ tenſtein, geleitet von Knechten und Knappen, trab⸗ te auf ſchäumenden Roſſen in den Hof; ſein Antlitz war finſterer als je, ſeine Stirne dräuender, wie ſonſt nie; als er Hanns Poſtl und Frau Jutta nebenein⸗ ander erblickte, ſprengte er auf ſie zu und ſchrie: So hab' ich Euch endlich beiſammen; herab von Euren Roſſen, Knappen und Knechte, nehmt ſie feſt, die Stunde der Vergeltung iſt gekommen; dieſe alte Hexe iſt es, welche meine widerſpenſtige Gattin aufmun⸗ tert: in ihrem Starrſinn, in ihrer Gleichgültigkeit ge⸗ gen mich zu verharren; ſie, die Bettlerinn hat ſich zur innigſten Freundin einer thörichten Rittersfrau hinauf⸗ geſchwatzt, ich will dieſes Band zerreißen, und den 94 Unterhändler, dieſen Schelm und Buben züchtigen bis auf den Tod. Jetzt aber erhob ſich Frau Jutta und trat dem Ritter entgegen, ſie ſchien in dieſem Augenblicke grö⸗ ßer und kräftiger geworden zu ſein, ihre Geſtalt ge⸗ wann ein majeſtätiſches Anſehen, das Auge ſprüh'te, die Hand drohte dem Ritter hinauf aufs Roß. Lin⸗ zer von Schrattenſtein! rief ſie mit donnernder Stimme, die laut von dem alten Gemäuer der Burg wiederhallte: Linzer von Schrattenſtein! ich warne Dich, einzuhalten in Deiner Lebensweiſe, und umzu⸗ kehren von dem Pfade, den Du als Verſchwender, als Praſſer, als der Quäler Deiner unglücklichen Gattinn betreten haſt. Du biſt der letzte Deines Stammes, Du biſt noch ohne Erben, wenn Dich der Himmel ſtraf⸗ te und zu ſich nähme, ſo würde mit Dir das uralte Geſchlecht verlöſchen, und wo die Schrattenſteiner ge⸗ hauſet, dort würden ſich Andere, vielleicht Deine Feinde feſt bauen, oder die Mauern würden gar ver⸗ fallen, verweſen, zum ewigen Denkzeichen an die Schuld des letzten Schrattenſteiners. Schweig! donnerte Linzer mit furchtbarer Stimme, quacke nicht herauf aus dem Sumpfe Deiner Niedrig⸗ keit, Du häßliche Unke! Der Schrattenſtein wird be⸗ ſtehn, wird blühen ſeinen Feinden zum Trotz, ſeinen Gegnern zum Hohn! Aber ſolches kriechendes Unge⸗ 55 ziefer will ich nicht dulden um mich; ſolches Gewürm, das beſtimmt iſt, ſich unter meinem Fuße zu winden, ſoll ſich nicht ſättigen von meiner Tafel, ſoll mir nicht noch mehr abwendig machen das Gemüth meines Weibes. Du ſelbſt haſt Dir es am meiſten entfremdet! rief Jutta, Du ſelbſt haſt das Band zwiſchen Euch ſo locker als möglich gemacht! Entlarvt ſtehſt Du vor meinen Blicken, Du heuchleriſcher Mann, ich kenne Dein treulos Herz, dem bis jetzt nur ein wil⸗ lig Werkzeug gefehlt, um das Schändliche zu bege⸗ hen, nach dem Dein Sinn ſtrebt. Der Schrattenſteiner ſchäumte wie ein wüthen⸗ der Eber. Knechte! Knappen! heulte er, laßt die Hunde ledig, wir wollen die Hexe aus der Burg he⸗ tzen! Heraus mit der ſchnaubenden Meute, reißt auf die Ställe und Zwinger! Hußa! Hußa! faßt an die runzlige Eule, zerreißt ſie in Stücken, labt Euch an dem ſchwarzen Blute, in einer Stunde ſoll keine Spur mehr von ihrem Daſein zeigen! Ein fürchterliches Getümmel entſtand nach die⸗ ſem gräßlichen Befehle im Burghofe. Knechte und Knappen liefen durcheinander, Thüren und Thore wurden aufgeriſſen, Peitſchen knallten. Hußa! Hu⸗ ßa! ertönte es lockend und hetzend von allen Seiten, die Rüden ſtürzten bellend herbei. Frau Jutta aber — 56 ſchrie mit durchdringendem Tone:»Dreimal Wehe rufe ich über Dich, Linzer von Schattenſtein! Dir blüht kein Glück, kein Segen mehr hienieden! Nach dieſen Worten ſtreckte ſie beide Hände ab⸗ wehrend von ſich, und ruhig und unangefochten ging ſie durch die Reihen der wie regungslos eingewurzel⸗ ten Hunde. Linzer tobte und ſchäumte, aber vergebens! die Alte war ſchon längſt außer dem Thore, er wollte ihr folgen, allein ſein Roß bäumte ſich und verſagte den Gehorſam, jetzt wandte ſich ſeine ganze Wuth auf Poſtl. Hinab mit dem Hund, ins finſterſte Ver⸗ ließ! ſchrie er mit wilder Stimme, er ſoll das Ta⸗ geslicht nimmer ſchauen, kein Sonnenſtrahl ſoll ihn mehr erquicken, keine menſchliche Stimme ſoll er mehr vernehmen, er ſoll lebendig⸗todt begraben ſein! Und ehe es ſich Hanns Poſtl verſah, war er von den Knechten ergriffen, und fünfzig Stufen hinabge⸗ ſchleift; eine Eiſenthüre wurde aufgeriſſen, ein von Moderduft erfüllter Raum umfing ihn, die Thüre klappte wieder zu, und der Würflacher befand ſich allein in ſeinem Grabe; hoch oben war ein kleines, ver⸗ gittertes Löchlein, welches das einzige Verbindungs⸗ mittel zwiſchen ihm und der übrigen Welt war. Als er von ſeinem heftigen Schrecken wieder zum Theil wenigſtens zu ſich ſelbſt kam, vernahm er von dort her 97 die ihm ſchon ſo gut bekannte Stimme, welche er das erſte Mal vor der Klauſe gehört hatte, und die in der gleichen Weiſe wie damahls, nachſtehende Worte ſang: Willkommen! Hanns Poſtl! Was ſuchſt Du im Dunkeln? Möchſt etwa mit Fräuleins Ameien und munkeln?— Willſt Eine verlaſſen Am Andre zu freien? So ſtrafet der Himmel Gebrochene Treuen! O weh! jammerte der Würflacher, iſt die ſchaden⸗ frohe Krähhenne auch da Oben? Die ſendet der Satan mir doch auf allen meinen Wegen nach! 7. Am Siechbett der Bitter; die Dame tritt ein: O Herr und Gebiether! was fordert Ihr mein? Der Gatte drauf finſter: das Käſtlein iſt leer, Ihr gabt mir den Schmuck, gebt die Rette auch her⸗ ℳ Eh' fordert mein Leben! die Pame jetzt tuft, Das einzige Kleinod, ich nehm's in die Gruft. ℳ So nimm's, heult der Gatte, ins Todtengemach! Und ſchleudert den Wordſtahl der Flüchtigen nach. In der einſamen Klauſe des Schrattengrabens ſaß düſter brütend deren Bewohner, und ſann über ſein ferneres Vornehmen nach. Der Zufall hatte ihm Ger⸗ trude entgegen geführt; unwiederbringlich wäre ſie ihm verfallen geweſen, hätte nicht ein böſer Spuck ſie aus ſeinen Händen befreit. Was ſollte er nun beginnen, wie ſeinen Zweck erreichen? In die Burg durfte er ſich nicht wagen, denn der Schrattenſteiner kannte ihn nichth er war daher nicht ſicher, für immer ſeine Freiheit zu verlieren; ja, ſelbſt hier in der Klauſe war er nicht mehr hinlänglich geborgen, denn verrieth Ger⸗ trude ihrem Gatten den Angriff des Wildenbergs, ſo lief er, wenn ſie auch noch nicht wußte, daß Er 59 ſelbſt dieſer ſei, Gefahr, eine genaue Unterſuchung beſtehen zu müßen, und konnte daher dem Erkennen nicht ſo leicht entgehen. Noch mehr als dieß, beunru⸗ higte ihn das geſpenſtige Weſen, welches ihn zuerſt erkannt, jenes Lied vor der Klauſe geſungen, und jetzt im entſcheidenſten Augenblicke zur Rettung Ger⸗ trudens herbeikam. Aus dem Allen ergab ſich, daß er die Gegend fliehen und ſeinen Plan für jetzt we⸗ nigſtens aufgeben, oder ihn gar ganz ſinken laſſen müße. Das Letztere verwarf er ſogleich, der Gedan⸗ ke daran wirkte ſchon quälend auf ihn. Nein, ſprach er halblaut, daß ſeine Worte in der Klauſe wie dü⸗ ſteres Murmeln ertönten, ganz aufgeben kann ich ſie nicht, ihr Beſitz iſt ſchon lange der größte Wunſch, den ich gehegt habe; er iſt ſo in meinem Herzen feſt⸗ gewurzelt, daß ich, ihn aufzugeben, nicht vermag; aber wie neu ins Werk ſetzen, was mir das erſte Mal ſo ſchlecht gelang? Ihren Gatten aufſtacheln? Er zertrümmert ſie mit ſeiner Fauſt, und ſie iſt für ihn und für mich verloren! Sein liebeleeres, rauhes Weſen hat ſie auch meinen Wünſchen nicht geneigter gemacht, ſie ſcheint daran gewöhnt, ſo wis der Ge⸗ fangene, welcher Jahrelang im Kerker ſchmachtet, an die Finſterniß. Es muß alſo was Neues, was Be⸗ ſonderes erſonnen werden; ein Mittel, welches ſie noch mehr von ihrem Gatten entfernt, und zugleich die 100 empfindlichſte Saite berührt, welche in dem Herzen eines Weibes angeſchlagen werden kann! Doch wie dieß bewirken?— Wenn er— der Klausner ſtützte nun das Haupt in die hohle Rechte, und begann in tiefes Sinnen verloren nur einzelne Worte hervorzu⸗ ſtoßen,— wenn er— ſeine Verſchwendung— die Gier nach Gold— zugleich ein Mädchen— das ſein Herz gewönne— zurück auf den Schrattenſtein— das wäre— bei allen Teufeln! ich will des Henkers ſein! wenn Wolf von Wildenberg dann nicht ſiegt, denn Rache und Verzweiflung treiben die tugendhafte Taube in meine Arme; ſo will ich es herbeiführen, ſo ſoll es über ihr Haupt hereinbrechen, auftaumeln ſoll ſie über die Verworfenheit des Gatten; friſch an's Werk, neue Fäden geſponnen, neue Netze geknüpft, an einem Lockvögelchen ſolls mir nicht mangeln; der Tieger wird leicht geködert, wenn mir nur dann auch das Goldfiſchlein nicht entfleucht! Er ſchwieg, ſeine Seele verlor ſich in Betrachtun⸗ gen über den zu entwerfenden Plan; er begann einzelne Fäden zu ziehen, zu dehnen, durchflocht ſie mit an⸗ dern, verband ſie mit Knoten, und bald lag das gan⸗ ze Gewebe vor ihm da, wie er es ausflhren wollte, in all ſeinen Einzelheiten, in ſeiner ganzen Größe; und ſo wie es immer der Fall iſt, daß böſe, leiden⸗ ſchaftliche Menſchen nie zögern oder zagen, ſobald es 0 1 darauf ankömmt: für ihre Wünſche und Lüſte zu wir⸗ ken, ſondern immer raſch an's Werk gehen, und eine beſondere Thätigkeit entwickeln, es mag nun das Vor⸗ haben noch ſo gefährlich oder mühevoll ſein; ſo war auch hier der Klausner in dem Augenblicke, als er kaum ſeine künftige Handlungsweiſe feſtgeſtellt hatte, auch ſchon mit der Ausführung derſelben beſchäftiget. Entſchloſſen ging er an's Werk, als ob es ein ehr⸗ liches, ein menſchliches wäre, als ob es nicht die Sünde mit ihrem Gepräge in die Welt gelockt hätte, als ob es gar nicht gelten würde, das Unglück eines unſchuldigen Weſens in Elend zu wandeln. In den Räumen des Schrattenſteins war indeſſen das Unglück mit vollem Staate eingekehrt; ſeitdem Lin⸗ zer die gute Frau Jutta mit Hunden hinaushetzen ließ, ſeitdem war keine ruhige Stunde mehr verfloſſen, kein froher Augenblick fand ſich mehr ein. Des Ritters be⸗ mächtigte ſich ein böſes Gebreſte, er vermochte eine Zeit lang nur auf kurze Strecken ſich zu entfernen, die wüſte Lebensweiſe vergrößerte das Uebel noch mehr, und es kam bald dahin, daß er das Lager ganz hüthen muß⸗ te. Nun waren ſchon in der letzten Zeit auf Schrat⸗ tenſtein keine Ueberflüße zu finden, weder an Gold, noch an ſonſtigen Koſtbarkeiten, denn Linzer hatte mit ſeinen Spießgeſellen Alles verpraßt, und lebte von ei⸗ nem Tage zum andern vom Stegreife; da er jedoch 3 65 2 ietzt Krankheit halber die Burg nicht verlaſſen konnte, ſo verſiegte auch dieſe Quelle, und es trat eine voll⸗ kommene Ebbe, mithin auch Mangel ein. Eines Morgens wurde Gertrude zu ihrem ſiechen Gatten beſchieden, er lag blaß und abgemagert auf dem Lotterbettlein. Die Dame trat mit weinenden Augen ein, denn wiewohl ſie bisher Alles mit bewun⸗ dernswerther Ergebung ertragen hatte, und ſich mit liebenswürdiger Fügſamkeit in ihr Geſchick ergab, ſo konnte ſie gegen die eingetretenen Entbehrniſſe doch nicht gleichgültig bleiben, da ſie nur zu gut wußte, wie ſehr Linzer blos durch feine Verſchwendung die Noth herauf⸗ beſchworen hatte; jedoch weit entfernt, ihm hierüber Vorwürfe zu machen, empfand ſie noch das innigſte Mitleid mit ſeinem qualvollen Zuſtande, und glaubte, als ſie zu ihm gerufen wurde, daß er vielleicht über ſeine frühere Handlungsweiſe Reue empfinde, und ſich mit ihr vollkommen auszuſöhnen gedenke. Schon der Gedanke daran, rührte ſie ſo ſehr, daß ſie über die zu hoffende Wonne eines glücklicheren Ehelebens in Thrä⸗ nen ausbrach, und von dieſen Gefühlen erfüllt, die Kran⸗ kenſtube betrat. Schon der Empfang täuſchte ſie mächtig. Kommt Ihr endlich, Euren kranken Herrn heimzu⸗ ſuchen? ſtöhnte ihr Linzer ſchwer athmend entgegen, habt vielleicht ſchon auf meinen Tod gehofft, um die alleini⸗ ge Erbinn des Schrattenſteins zu werden?— 103 Wenn ich Euch, mein Herr und Gemahl, bis⸗ her weniger mit meiner Gegenwart zur Laſt fiel, ver⸗ ſetzte die Dame, ſo geſchah dieſes auf Euer ausdrück⸗ lich Verlangen; Ihr habt gewünſcht, daß ich vor Euch ſo ſelten als möglich erſcheinen möge.— Und Ihr kamt— nie! kreiſchte der Sieche, Ihr träumtet Euch wahrſcheinlich ſchon als junge Wittib, nach deren Beſitz die ſchmuckſten Ritter geizen würden? Ich kam nie, erwiederte Gertrude, ohne auf den letzten, boshaften Ausfall ſeiner Rede etwas zu erwie⸗ dern, weil ich gedacht habe, daß der Mann, welcher ſeiner Gemahlinn den Zutritt verwehrt, ſie auch bei jeder Gelegenheit leicht vermiſſen werde. Alle Teufel! kreiſchte Linzer, das hab ich auch; ich bedarf Eurer ſo wenig, wie des lahmen Gauls, der an der Krippe kauet, und höchſtens zum Säcketragen verwendet werden kann; Gertrude! Ihr ſeid mir in der letzten Zeit unausſtehlich geworden; Euer zimper⸗ liches, frömmliches Weſen, Eure heuchleriſche Demuth eckeln mich an; ich weiß, Ihr thut es mir zum Trotz, weil Ihr wißt, daß mir dieſe widerſtandsloſe Ergeben⸗ heit verhaßt iſt, daß ich ſelbſt ein Roß, welches ſich nicht bäumt und ſtemmt, nicht leiden mag, und doch verharrt Ihr dabei, und heuchelt von Außen Ruhe, während Ihr im Innern Rache und Verderben kocht; doch das ſoll Alles anders werden! Die Urſache, wa⸗ 104 rum ich Euch hieher beſchied, iſt, Euch zu befehlen, daß Ihr Euren Schmuck hieherbringen möget, ich muß ihn zu Baar machen, denn meine Münze iſt alle gewor⸗ den.— Meinen Schmuck? fragte Gertrude erſtaunt, ha⸗ be ich ihn nicht ſchon vor einigen Tagen herüberge⸗ ſandt?— Ja, das habt Ihr, ein Paar elende Ringe, eini⸗ ge Armbänder und ſonſt werthloſes Zeug, welches kaum ſo viel werthete, um einige frohe Tage dafür in den Kauf nehmen zu können; Ihr habt noch eine Kette, dieſe war eigentlich der koſtbarſte Theil desſel⸗ ben, und Ihr habt ſie kluger Weiſe zurückbehalten; dieſe Kette will ich haben, übergebt ſie mir, und Ihr könnt dann wieder Cures Weges geh'n, denn nur des Kleinods bedarf ich, Ihr ſeid überflüßig allhier! — Gertrude empört über des Ritters unmenſchliche Aeußerung, verſetzte kurz und raſch? Die Kette, Herr Gemahl! gebe ich nicht aus meinen Händen! Linzer raffte ſich auf vom Lager, es bedurfte ſeiner ganzen Kraft um nicht zurückzuſinken, deshalb ſtemmte er ſich mit der zitternden Rechten an der Kopflehne des Lagers: Ihr wollt die Kette— nicht — aus Euren Händen geben? brüllte er mit der gan⸗ zen Kraft ſeiner Stimme, die ihm zu Gebothe ſtand, Ihr wollt nicht— Mäßiget Eure Wuth, Herr Gemahl, verſetzte die Dame todtenbleich, und nicht ohne innere Her⸗ — 165 zensangſt, denn es war das erſte Mal, daß ſie ih⸗ rem Gatten widerſprach; die Kette iſt das einzige Er⸗ be, welches mir von meiner ſeligen Mutter als theue⸗ res Andenken hinterblieben iſt, und ich gäbe es nicht her, und wenn ich mein Leben damit erkaufen könnte! Der Ritter bebte vor Wuth. Gertrude! ſtam⸗ melte er, ſeiner Sprache kaum mehr mächtig, bisnun habe ich das Kleinod von Euch nur begehrt, und hoffte es ohne Widerſtand zu erhalten, doch nun, da Ihr, mir zu willfahren, Euch weigert, nun befehle ich Euch, mir die Kette freiwillig zu liefern, oder, bei allen Teufeln! ich laſſe Eure Gemächer plündern, wie jene einer feindlichen Burg, die in Sturm erobert worden.— Gewalt? verſetzte Gertrude bebend, ich bin auch darauf gefaßt; Ihr habt mich meines Eigenthums ohnedem ſchon beraubt, Ihr könnt auch mit dem letz ten Reſt desſelben ein Gleiches verſuchen. Es wird Euch gelingen, denn Ihr ſeid mächtig in der Beſie⸗ gung ſchutzloſer Frauen; Ihr ſeid ein gewaltiger Zwingherr, ich ein winziger Wurm, Euch ſchützt das Schwert, und mich wird der Himmel bewahren! So ſoll er Dich denn ſchützen, Elende! argli⸗ ſtige Bettlerinn! kreiſchte der Ritter, und griff nach einem Dolche, welchen er mit ſolcher Gewalt gegen die Dame ſchleuderte, daß das Mordwerkzeug, ſein Ziel verfehlend, tief in das Getäfel eindrang, und 106 dort ſtecken blieb. Die Dame ſtieß einen Schrei der 1 Angſt und Verzweiflung aus und floh aus dem Ge⸗ mache. Linzer, von der Aufregung angegriffen und erſchöpft, ſank wie bewußtlos auf ſein Lager zurück, und blieb mehre Stunden lang in dieſem Zuſtande liegen. Tage und Wochen vergingen, der Ritter genas, doch hatte er ſeine Gattinn ſeit dem Angriffe auf ihr Leben, nicht wieder geſehen; einer ſeiner Spießgeſel⸗ len leiſtete indeſſen Vorſchüße, und der Ritter war froh, bald wieder in den Stand geſetzt zu ſein, ſelbſt 3 auf die Straße reiten zu können. In dieſer Zeit traf es ſich, daß der Ritter eines Morgens am offenen Fenſter ſitzend, in die Tiefe hinab ſah, und mit den Gedanken ſchon wieder den reichen Kaufherrn auf der Fährte war, während ſein Körper noch etwas ſchwach, im Gemache weilen muß⸗ te, als einer ſeiner bisherigen Fehdegenoſſen raſch in die Burg einritt, bald darauf mit Freudengeſchrei in das Gemach ſtürzte, und ſich ihm an den Hals warf. Die Freude Linzers, wieder einmal einen ſeiner Freun⸗ de auf Schrattenſtein bewillkommen zu können, von wo die Freuden des Bechers ſo lange verbannt ge⸗ blieben, war außerordentlich; er hieß den Angekommenen an ſeine Seite ſetzen, und ließ ſich mit ihm in ein herzli⸗ ches Geſprächſel ein, in welchem ſie alle Freuden der Ver⸗ gangenheit in der Erinnerung noch einmal durchlebten. 107 Was, willſt Du die verfloſſenen Zeiten wieder⸗ käuen, rief jetzt der Gaſt aus, wie ein Schaf, wenn es einmal zu einem guten Biſſen gelangt iſt? was war, kann, ja es muß wieder kommen! Es wäre traurig, wenn nur die Vergangenheit das Gute in ihrem Schooße bürge, und die Zukunft gar keine Hoffnung auf etwas Beſſeres enthielte; glaube mir, Linzer! der Menſch ſelbſt ſchafft ſich ſeine guten und böſen Zeiten, wie er ſie herauf beſchwört, ſo kom⸗ men ſie; durch die Verbindung mit Gertruden haſt Du einen großen Theil Deines Lebensglückes zerſtört, ſeitdem Sie auf dem Schrattenſtein einzog, verfolgt Dich ein Unfall nach dem Andern; ſoll eine Aende⸗ rung in Deinem Geſchicke vorgehen, ſo mußt Du ſie gewaltſam herbeirufen, heraufbeſchwören, wie man einen helfenden Geiſt citiret, der uns allein zu erlö⸗ ſen im Stande iſt. Aber wie wäre dieß am Beſten, am Schnell⸗ ſten auszuführen? fragte Linzer geſpannt. Das will ich Dir gleich kund geben, verſetzte der Geſelle, ſchenk' mir ein geneigt Ohr, und Du wirſt mein Vornehmen gut heißen! Nach dieſen Wor⸗ ten begann er eine lange Rede, die eine herrliche Ausſicht vor den Blicken des Ritters öffnete, ſo daß er am Schluße derſelben ausrief: Ich ziehe mit, ſo wahr ich Linzer von Schrattenſtein heiße! auf ſolche 108 Weiſe nur kann ich zu Gold, zu Zerſtreuung gelan⸗ gen, und das Leben ſoll mich wieder freundlich an⸗ lächeln, wie ehedem; ich will die Elende auf eine Weiſe demüthigen, wie es noch kein Gatte auf dieſer Erde gethan! Einige Tage ſpäter, Linzer war bereits voll⸗ kommen geneſen, da vernahm Gertrude ſchon am frühen Morgen Roſſe im Hofe ſtrampfen, hörte Hunde bellen, und ein ungewöhnliches Geräuſch ver⸗ kündete, daß der Ritter mit ſeinen Mannen auszie⸗ hen werde. Dieß geſchah auch wirklich; was nur an Knappen und Knechten auf Schrattenſtein war, mußte folgen, ſelbſt Hanns Poſtl wurde aus dem Verließe geholt, in ein Wamms geſteckt, und mit einem Speere verſehen; die Dame wähnte, es ginge wie ehedem zur Jagd, oder auf einen Strauß, allein ein Tag nach dem Andern verging, und ihr Gatte kehrte nicht wieder. In der Gegend, ſo wie in der Burg, wurde es jetzt einſam, aber ruhig, es ſchien als ob der böſe Geiſt, welcher früher herumrumort hatte, aus derſel⸗ ben entwichen wäre; auch die Klauſe am Schratten⸗ bach fand man zu derſelben Zeit zerſtört, und der Be⸗ wohner derſelben, der fromme Vater Thomas, war verſchwunden. Zweites Buch. 8 Wer reitet ſo ſpät Ins einſame Schloß?— Es iſt der kitter Mit Mann und mit Boß!* * Wer reitet ſo ſtolz Dem Bitter zur Seit'? «Es iſt ein Fremder Voll Düſterkeit* ℳ Wer ſtehet dem Vitter Zur andern Seit'?— Es iſt ein Fräulein Poll Lieblichkeit! * Ein Mädchen? bewahre, Das kann es nicht ſein! So iſt's der Gattinn Ihr Teichenſtein 1„ Eine ſtürmiſche Herbſtnacht hatte ſich auf die Gegend des Kettenlausberges herabgeſenkt, die Elemente ſchie⸗ nen im Kampfe unter ſich, oder in Aufruhr gegen ih⸗ ren Herrn und Gebiether gerathen zu ſein. Raben⸗ ſchwärze hüllte Berg und Thal in undurchdringliche 112 Finſterniß, Himmel und Erde verſchwammen, über⸗ all Schwärze, überall Grabesnacht; der Sturm heulte in langen ſchrillenden Tönen durch die Berge, als ob ein mächtiger Zwingherr mit eben ſo mächtigen Vaſal⸗ len ein gewichtiges Wort rede; darauf zog er wie ein gewaltiger Rieſe durch die Wälder, und wie aufge⸗ peitſchte Wogen rauſchten die Tannen, und ſchwangen wüthend die Häupter, ob der tyranniſchen Mißhand⸗ lung, und knirſchten vor Grimm mit den Aeſten, daß ſie krachten und knackten. Auch um die Mauern des Schrattenſteins kreiste wie im Geiſtertanz der übermü⸗ ge Sturm, drang an die Thüren und Warten, pfiff an den Fenſtern und Dachlucken vorüber, und drehte die Wetterfähnlein ſpielend im Kreiſe. Während dieſer Friſt jagte das wilde Heer der Wolken in dichten Maſ⸗ ſen geballt, durch die Lüfte; aber Finſterniß ließ von dem großartigen Schauſpiele nichts bemerken; ſo flieht ein gejagtes Heer durch die Nacht, man ſieht es nicht, man glaubt nur ſein düſtres Wogen zu hören. Die⸗ ſes Wüthen und Toben währte mehrere Stunden, dann begann ſich die Gewalt des Orkans in Etwas zu le⸗ gen, und ſchwere Tropfen fielen anfangs langſam, dann in immer kürzeren Zwiſchenräumen herab, bis ſich endlich ein Platzregen entwickelte, der praſſelnd herabſtürzte, und vom Winde getrieben, an Gemäuer und Fenſter ſchlug; nun miſchten ſich Regen und Wind 113 in brüderlicher Eintracht, und es ſchien, als ob ſie nicht ſo bald zu ſcheiden gedächten. Dieſem Aufruhr zum Gegenſatze, herrſchte auf dem Schrattenſtein die tiefſte Stille; die wenigen Bewohner„ welche in eini⸗ gen Dienern und Dienerinnen beſtanden, hatten ſich bereits der Ruhe und dem Schlummer hingegeben, nur ein Fenſter war noch erleuchtet, nur aus ein em Fenſter drang noch der Schimmer eines Lichtleins in die fin⸗ ſtere Nacht, ſo wie den Seglern auf hohen Meere das freundliche Licht vom Leuchtthurme entgegen wogt; bei demſelben ſaß Gertrude, die verlaſſene Gattinn des Ritters von Schrattenſtein. Monden waren ſeit dem Abzuge ihres Gemahls verfloßen, die Zeit war ihr einſam aber vergnügt ver⸗ ſtrichen. Die gute Frau Jutta kam oſt, kam faſt täglich wieder, und Gertrude verlebte ſelige Stunden in der Geſellſchaft des Waldfräuleins. Froh, des tollen Trei⸗ bens auf der Burg enthoben, und von den Mißhand⸗ lungen ihres Gemahls befreit zu ſein, brachte die Burg⸗ frau ihre Zeit mit Arbeiten und Beten hin, und wenn der Tag um war, und ſie ſich nach einem inbrünſti⸗ gen Abendgebete auf das Lager warf, da faßte der freundliche Schlummergott ſie in ſeine Arme, und goß den betäubenden und erfriſchenden Labequell auf ihre Augenlider und ſie erwachte am andern Morgen froh 10 und geſtärkt. Das Verhältniß zwiſchen ihr und dem Waldfräulein war ganz das Nämliche, wie es ſchon am erſten Tage ihres Beiſammenſeins beſtanden. Jut⸗ ta behandelte die Dame wie ihr Kind, tröſtete, er⸗ munterte und zeigte ihr bei jeder Gelegenheit eine herz⸗ liche Theilnahme, wie ſie nur bei den beſten Men⸗ ſchen heimiſch zu ſein pflegt. Dagegen fühlte ſich Ger⸗ trude während Waldfräuleins Anweſenheit ſtets ſo traulich, in ihrer Nähe ſo heimiſch, daß ſie nicht die entfernteſte Scheu empfand, welche ſich der Menſchen⸗ herzen bei Geiſternähe zu bemeiſtern pflegt; es war ihr gerade ſo, als ob ſie am Buſen einer geliebten Mutter ruhe, unter deren Herz ſie gelegen, an deren Bruſt ſie geſogen, von deren Lippen ſie von je her wachgeküßt worden; freilich wurde manchmal die an⸗ geborne, weibliche Neugierde wach, und es drängte ſie, hineinblicken zu wollen in die Geheimniſſe jener Weſen, in ihre Welt, in ihr Wollen und Walten, zu denen auch ihre Freundinn gehörte; allein ſie be⸗ zwang ſich immer, und hielt mit dem Forſchen zu⸗ rück, fürchtend, auch dieſes, ihr einziges befreunde⸗ tes Weſen zu verlieren und durch läſtiges Fragen von ſich zu verſcheuchen; ach! dann wäre ſie ja ganz allein auf der Erde geweſen und hätte Niemand ge⸗ habt, an deſſen Herz ſie ſich hätte ausweinen können⸗ Bevor Frau Jutta ſie an demſelben Nachmittage de⸗ gen anz ge⸗ nen. tage 115 verlaſſen hatte, faßte das Waldfräulein ihre Hand, ſah ihr wehmüthig in das Antlitz und ſprach: Heute verlaſſe ich Dich ungern, Gertrude, die Nacht wird nicht ſo ruhig vorübergehen wie gewöhnlich, es dürf⸗ te wahrſcheinlich der Fall eintreten, daß Du meiner Stütze benöthigen könnteſt; aber ich darf nicht weilen, ich muß Dich Dir ſelbſt und dem Himmel über⸗ laſſen! Die Dame war über dieſe Worte erſchrocken und rief in Herzensangſt: Ach! mir wird doch kein Un⸗ glück wiederfahren? Fürchte Dich nicht, Du ſtehſt unter dem Schutze des Himmels, und ich werde Dich nicht verlaſſen; ich kann darüber nicht mehr ſagen, ich wollte Dich nur aufmerkſam machen, damit das Außergewöhnliche Dich nicht zu ſehr überraſche! Damit war Waldfräulein auch geſchieden. Als nun Außen der Sturm tobte, und in der Burg ſchon Alles zur Ruhe war, ſaß Gertrude nachdenkend in ihrem Kloſett, und forſchte im Geiſte nach der Möglichkeit des zu kommenden Ereignißes. Der Sturm und der Regen wütheten nun vereint, und ziſchten gegen das Gemäuer der Burg; Gertrude lag betend auf den Knieen; der Hammer hob ſich zwölfmal auf, und vom Thurme herab hall⸗ ten zwölf langgedehnte Streiche und kündeten jene unheimliche Stunde, wo die Särge erbeben, ſich öff⸗ 10* 116 nen, die Todten aus den engen Gemächern ſteigen, mit den dürren Knochen klappern, und im geſpen⸗ ſtigen Reigen einhertanzen. Faſt ſchien dieß auch wirk⸗ lich um den Schrattenſtein der Fall zu ſein, denn unter ungeheuerem Gekrächze flatterte eine Schar von Raben aus den Thürmen hervor, und umſchwebte die Burg, man ſah ſie nicht, aber man hörte ihr Geſchrei und ihren Flügelſchlag; aus dem Zwinger herauf begannen die Hunde zu heulen und zu win⸗ ſeln, als witterten ſie ſchon die Nähe der Leichen; es war ein fürchterliches Toben außen, aber Gertrude hörte von dem Allem nichts, ſie lag noch immer auf den Knieen, und betete:»Du haſt dieß Geſchick über mich verhängt, und weil Du, mein Gott! mein Herr, mein Vater biſt, ſo will ich es ohne Murren ertragen; karg haſt Du mir die Freuden des Lebens zugemeſſen, der Eimer, mit dem ich Unglück ſchöpfe, kömmt immer voll herauf, und jener der in die Quelle der Freuden taucht, iſt leer; aber deswegen will ich nicht klagen, ſondern ſtillſchweigend dulden, und Al⸗ les Deiner Allgüte, Deiner Allmacht, Deiner Allweis⸗ heit anheimſtellen, Dein Wille geſchehe im Himmel und auf Erden! O Vater im Himmel! Du wirſt Dein unglücklich Kind nicht verlaſſen, Du haſt mir Beiſtand geſandt, haſt mir ein hehres Weſen zum ſichtbaren Troſt beigegeben, haſt mich immer erhoben, 117 wenn ich faſt ſchon verzweifelte, haſt mich geſchützt vor dem Mordeiſen eines rauhen Gatten, haſt mich für lange Zeit ſeinen böſen Worten, ſeinen Mißhand⸗ lungen entzogen; o Du wirſt mich auch heute nicht verlaſſen, wirſt mir auch jetzt beiſtehen, und mir die Kraft und die Ausdauer verleihen, Alles zu ertragen, was Dein göttlicher Wille über mich verhängt hat. Du biſt mein Gott, mein einziger Gott! Du biſt mein Herr, mein einziger, mein wahrer Herr! Du biſt mein Vater, mein einziger, mein beſter Vater! Dir vertraue ich, auf Dich baue ich, Dir ſtelle ich mich ganz anheim, auf Dich hoffe ich; in Deine Arme werf ich mich, Deine Gnade preiſe ich, o mein Gott! mein ewiger, mein allgütiger Gott! ſenke nur Einen Strahl Deiner Allbarmherzigkeit auf mich, Dein un⸗ glückliches Kind herab, ich will's verdienen, will ſüh⸗ nen und büßen was ich vergangen, ich bin ja nur ein ſchwaches Weib, und Du biſt ein Gott der Milde, der Gnade, des Erbarmens in Ewigkeit! Amen!“— Während Gertrude ſo betete, brannte die Lam⸗ pe düſter, und hüllte das Gemach in trüben Schein, welcher die Gegenſtände in demſelben nur matt er⸗ leuchtete; das Licht zitterte auf dem Getäfel der Wän⸗ de, auf den ringsumherhangenden Gemählden, und die ſchweren, mittelalterlichen Figuren, halb in Schat⸗ 118 ten geſtellt, ſchienen finſter herabzuglotzen; ein ſchauer⸗ liches Schweigen beherrſchte das Gemach, als die Dame zu beten aufgehört hatte, nur Außen tobte der Sturm, peitſchte den Regen, ſchepperte mit den Fenſtern, und verbreitete einen fürchterlichen Aufruhr um die Burg. Jetzt wurde dieſes monotone Toben der Elemente plötzlich von der Thurmwarte herab durch Trompetenſtöße unterbrochen, die Dame ſprang erſchreckt auf. Welch ein Zeichen um die Mitternacht? weſſen Ankunft kündet der verhängnißvolle Ruf? Sie bebte am ganzen Leibe und vermochte ſich kaum auf⸗ recht zu erhalten; ſie ſchwankte zum Fenſter, welches in den Burgzwinger hinab ſah, da vernahm ſie das Herabraſſeln der Zugbräcke. Fackelſchein erleuchtete die Nacht, Roſſesſtampfen und das düſtere Mur⸗ meln von Kriegsknechten drang herauf; ein großer Zug, an deſſen Spitze ſich ihr Gemahl befand, ritt durch das Thor in den Zwinger.— Gertrudens Schreck vergrößerte ſich wo möglich noch mehr; jetzt war er wieder da, ihr Peiniger, ihr Quäler, die Ruhe und die Zufriedenheit, welche ſeit ſeinem Abſein freundliche Gäſte auf dem Schrattenſtein geworden waren, ſoll⸗ ten wieder verſcheucht werden auf lange Zeit, vielleicht für immer! Mit faſt verlöſchenden Blicken ſah die Burgfrau hinab, da gewahrte ſie hinter dem Grafen auch eine Dame, und einen ganz ſchwarz gekleideten 119 Mann; wer mochten die fremden Gäſte ſein, welche ihr Gatte, nach ſo langer Abweſenheit heimkehrend, mit auf die Burg brachte? Sitte und Höflichkeit er⸗ forderten es, daß die Fremde von ihr bewillkommt werde. Ich will es auch thun, ſprach ſie bei ſich, ich will auch ihm freundlich entgegenkommen, vielleicht hat der Himmel ſein Herz gewendet, ſein Gemüth erweicht; ja, ja, ich will ihn wie einen guten, lieben⸗ den Gatten empfangen, er ſoll nicht Urſache haben, mir je wieder hart zu begegnen, und mir dem Frem⸗ den gegenüber eine Schmach zuzufügen! Sie verließ das Gemach, und ſchwankte über den Gang gegen die Treppe, ſie ſprach ſich Muth zu, überredete ſich ſelbſt, ihren Gatten anders zu finden, wie er ſie verlaſſen hatte, dieß verlieh ihr Kraft, ſich aufrecht zu erhalten, und ihren Weg fortſetzen zu können, denn noch immer war eine unausſprechliche Angſt in ihrem Herzen rege, eine Qual, deren ſie nicht Mei⸗ ſter werden konnte, und von welcher ſie ſich auch keine Rechenſchaft zu geben wußte. Jetzt langte ſie unten an, ſo eben ſtieg der fremde Mann vom Roß, er war ganz ſchwarz gekleidet, aber nicht ritterliche Gewänder umſchloßen ſeinen Leib, ſondern Kleider, wie ſie die Gelahrten und Weiſen jener Zeit zu tragen pflegten, eine Pluder⸗Hoſe, ein Schurz, und ein kurzer Rock, dann ein viereckiges Barett, eine Hals⸗Krauſe, dann 120 ein reichfaltiger Talar, bildeten die Theile desſelben; die Geſtalt des Mannes war groß, die Farbe ſeines Antlitzes geſpenſterbleich, es war jedoch von demſel⸗ ben nur ein kleiner Theil der Wangen zu ſehen, denn ein dichter, ſchwarzer Bart beſchattete den Vorder⸗ theil dermaßen, daß nur die Wangen, Naſe und ein Paar ſtechender Augen hervorſchauten. Gertrude ſah den Furchtbaren mit ſcheuen Blicken an und grüßte ihn; ein ſtolzes Kopfnicken, begleitet von einem fin⸗ ſtern, höhniſchen Augenzwinkern war die Antwort darauf, und die Rittersfrau, verletzt und bangend, ſenkte ihre Blicke zu Boden, und kehrte ſie dann ih⸗ rem Gatten zu. Dieſer war eben vom Roſſe geſtie⸗ gen, eilte zur fremden Dame, bot ihr mit freundli⸗ chem Kopfnicken die Hand, um ſie von dem Zelter zu heben; anmuthig ſchlug dieſe das Schleiergewebe zurück, und das wunderliebliche Antlitz eines Mäd⸗ chens, von dem Fackelſchein erleuchtet, lächelte ihrem Gatten entgegen, nahm ſeine Hülfe an und ſchwang ſich, auf ſeinen Arm geſtützt, leicht wie ein Baum⸗ blatt herab. Gertruden fuhr es wie ein Dolchſtich in die Seele, doch noch wagte ſie nicht, das Gräß⸗ liche zu denken, ſie ſchwankte auf die Gruppe los, um die Fremde gebührend zu empfangen, doch Lin⸗ zer vertrat ihr mit höhniſcher Miene den Weg und rief mit wegwerfendem Tone: Seid Ihr auch noch 121 wach, und flattert uns wie eine unglückverkündende Eule entgegen? Schert Euch raſch hinauf und ſorgt für den gebührenden Empfang der Gäſte; um dieſes Fräulein wollt Ihr Euch jedoch fürder nicht mehr kümmern, außerdem es geſchähe, ihr zu dienen, ſo wie es der Vaſallinn gegen ihre Gebietherinn ziemt! — Nach dieſen Worten leitete der Ritter die Schöne die Steintreppe hinauf, und der Fremde folgte mit triumphirender Miene ihren Schritten. In Gertrudens Seele fuhr es wie tauſend Bli⸗ tze, ſie ſtand leblos da, der gräßliche Schlund lag jetzt offen vor ihren Blicken, der ſüße Wahn war verſchwunden, der Schleier zerriſſen; kahl, nackt wie ein Todtenſchädel grinste ſie die Wirklichkeit an, das Traumbild eines erwarteten, friedlichen Ehelebens war zerronnen; ſie ſah ſich von den giftigen Schlangen der Verzweiflung umrungen, fiebriſch glühte ihre Wan⸗ ge, brannte ihr Auge; das Blut jagte durch die Adern wie ein reißender Strom, der in den Tiefen aufge⸗ wirbelt wird; ſie ſchwankte die Treppe hinauf, tau⸗ melte wie bewußtlos in ihr Gemach, und Außen von Froſt geſchüttelt, von Glühhitze im Innern verzehrt, ſank das unglückliche Weib auf ihr Lager, und ihre Sinne ſchwanden. D. Wie es kam, Ihr wollt es wiſſen, Ohne nur ein Wart zu miſſen?— Ei, wie kann die Sünde kommen, Als auf breiten Geiersſchwingen, Die den Zöſen, wie den Frommen, Dem Perderben nahe bringen! Sünde nah't mit Blitzesſchnelle Angelockt durch Goldesſchimmer; Sünde nah't wie Wog' und Welle, Soll das lecke Schiff in Trümmer!— Sünde keimt wie eine Rehre Zwiſchen Steinen, aus den Bitzen; Auch aus feilem Frauenauge Bann die ſchwarze Sünde blitzen! Bollah! was will denn der finſtere Gaſt am Lager der unglücklichen Frau? was ſtiert er ſie ſo gierig an mit den Augen, die weit aus den Höhlen getreten; was wühlt er mit den knöcherigen Fingern in dem ſich ſträubenden Haar; was grinst er, wie eine Höl⸗ lenfrazze ſie an? Warum hat ſich der unheimliche Gaſt in Fetzen und Lappen gehüllt? gilt es hier eine Faſt⸗ nachtsmummerei auszuführen, oder— heiliger Him⸗ mel!— was thut er?— Er ſtreckt ſeine Krallen 123 nach ihr, er will ſie erfaſſen! Wer iſt das gräßliche Geſpenſt, ſtieg es aus der Hölle empor? welcher Teu⸗ fel hat es geſchaffen, oder iſt's ein Gebilde von Men⸗ ſchenhand? Der Mund verzogen, das Geſicht tod⸗ tenbleich, die Zähne fletſchend, die Lippen gichtriſch zuckend, das Auge verglaſt, das Haar ſich ſträubend, die Finger zu Krallen geſpannt, den Kopf vorge⸗ ſtreckt; wer iſt das fürchterlichſte aller Bilder?— Es iſt der— Wahnſinn!!— Gertrude durchwachte eine gräßliche Nacht, zum Glücke währte ſie nicht lange, denn mehr als die Hälfte derſelben war ja ſchon verfloſſen, bevor die Urſache ihrer Verzweiflung im Schloſſe angelangt war; aber trotz dem wäre ſie erlegen, der Wahnſinn hätte ſie erfaßt,— denn welches Weib könnte ſolchen Hohn, ſol⸗ che Demüthigung, ſolche Schmach ertragen?— wenn nicht plötzlich eine ſanfte Stimme vom Fenſter herein ertönt wäre, in welcher die Arme ihre Freundinn, das Waldfräulein erkannte. Dieſe ſang: Dufterfüllte Blumen ſprießen Aus der Erde kühlen Schooß, Zu entfalten, zu verblühen, Iſt der Erdenblumen Loos! Auch die ſüße zarte Roſe — Eine Fürſtinn unter ihnen— Muß im grauſen Sturme zittern, Muß dem grimmen Sieger dienen. 11* 1Z4 Er erſchüttert ihre Büſche, Bricht den Kelch, verweht die Blüthe, Reißt die Krone von dem Scheitel, Die im Abendroth erglühte! Doch wenn längſt ſchon auch die Roſe Iſt entblättert und vergangenz Weht ihr Odem noch am Himmel, Wo die Ro ſenwölkchen hangen!! Gertrude fühlte ſich durch den Sinn dieſer Worte wunderſam geſtärkt und erhoben; der Sturm ihrer Seele legte ſich, die grauſen Bilder verſchwanden, die Harpyenkrallen der Verzweiflung wichen zurück, ſie gewann Kraft und Stärke übet ſich, ihr Geiſt rich⸗ tete ſich auf, ſo wie eine durch Sturmesmacht nie⸗ dergedrückte Blume beim erſten Morgenſonnenſtrahl erſteht; ſie vermochte es nach und nach, über ihre Lage denken zu können, und bezwang ſich, ihre Seele hoch über das Unglück zu erhalten. Der Geiſt ſchwebt unbezwungen in den Aetherräumen, frei wie der Stern, die Wolke oder der Sonnenſtrahl; während der Kör⸗ per von vier engen Wänden umſchloſſen, in Feſſeln ſchmachtet Am andern Morgen wurde Hanns Poſtl, welcher ſich unter den rückgekehrten Knechten befand, zur Rittersfrau beſchieden; es geſchah heimlich, ohne das die vertrauten Diener des Grafen es wahrnah⸗ 125 men. Gertrude ſah ſehr leidend aus, bezwang ſich jedoch, um vor dem Eingetretenen ihren Kummer nicht zur Schau zu tragen. Frau Jutta hat Euch mir während Eurer Abweſenheit beſonders empfohlen! ſo redete ihn die Dame an; worauf der Würflacher verſetzte: Ach! hätte ſie dieſes lieber dazumal gethan, als ich wegen jenes unſeligen Böckleins gefangen auf den Schrattenſtein gebracht wurde. Ihr mögt mir's glauben, gnädige Frau! ich habe für das kleine Ver⸗ gehen ſchon zu viel gelitten, und dann iſt auch dieſe Frau Jutta Urſache, daß ich ins Verließ geworfen wurde. Ihr habt es ihr zu danken, daß Ihr dort nicht Hungers ſtarbt— Hat Sie mir zu Speiſe und Trank verholfen? Nun, das war ihre verdammte Schuldigkeit.— Sie ſagte mir auch, daß Ihr nicht unverdient die Strafe leidet, denn Ihr hättet ſie ſchon auf einer an⸗ dern Seite verſchuldet. Poſil kratzte ſich die Glatze, wurde verlegen und ſtotterte: Du lieber Himmel! kein Menſch iſt mackel⸗ frei, wir haben alle an der Erbſünde zu tragen; der Menſch hat Augen, hat ein Herz, und man kann nichts dafür, das man das Schönſte von dem Schönen un⸗ terſcheiden kann; überdieß bin ich der hübſcheſte Bur⸗ ſche in ganz Würflach, und wenn Ihr mich, gnädige 126 Frau, betrachtet, ſo werdet Ihr finden, daß ich meinen Mann ſtelle; ich hatte mein Auge auf ein ſteieriſches Fräulein geworfen, der Himmel mache ſie ſelig! ich will nichts mehr von ihr wiſſen, ſie iſt die Urſache all meines Ungemaches, welches ich erdulden mußte. Ih⸗ renthalben hab ich Würflach verlaſſen, ihrenthalben hab ich den Bock geſchoſſen, und kam hieher; Sie trug auch die Schuld, daß ich Dienſte nahm, was ich nicht Noth gehabt hätte, denn ich beſitze eine Heerde von mehr denn ſechzig Schafen, ich hab zehn Ochſen, zehn Kühe, zehn Kälber, dann hab ich ein Gehöfte, wo man einen ganzen Troß von Reiſigen beherbergen könn⸗ te, aber trotz dem Allen bin ich mit Eurem Herrn Ge⸗ mahl doch in die Weite gezogen, hab' mit helfen den Streit führen, und habe auch dreingeſchlagen, als ob ichs ſchon im Mutterleibe gelernt hätte. Gertrude ergriff jetzt das Wort: Deshalb, Hanns Poſtl, hab' ich Euch zu mir beſchieden; Ihr ſollt mir einen treuen Bericht von Allem erſtatten, was Ihr ſeit Eurer Entfernung von hier, geſehen und erfah⸗ ren habt. Das will ich, gnädige Frau! entgegnete der Weinzürl treumüthig, und ich hoffe, daß Ihr mir dafür aus der Patſche helfen werdet, denn bei mei⸗ ner armen Seele! ich habe des ritterlichen Lebens ſchon vollauf genug, da iſt mir mein Würflach denn 127 doch lieber, als die ganzen Bergneſter in der weiten Runde; und das ſteieriſche Fräulein, wenn es mir noch einmal in den Weg kömmt, ſo kann es ſich höchſtens einen Korb holen, und wenn ſie ſich da⸗ mit nicht zufrieden gibt, ſo ſperre ich ſie eine Woche lang in meine Weingrube, und ſie kann dann auch empfinden, wie ſich's im Leben, drei Ellen tief unter der Erde wohnt. Ich habe gelaubt, wer weiß wie gut ſichs als Ritter lebt, und habe große Stücke auf adelige Handthierung gehalten, aber hohl' der Hen⸗ ker Speer und Spieß! da ſind mir Schaufel und Krampe tauſendmal lieber; ich hab' die Erde mein Lebelang geſtochen, und ſie hat mich nicht ein einzi⸗ ges Mal wiedergeſtochen, meine Reben geben auch Blut, aber das Blut kann man trinken, und mir iſt eine Maaß davon lieber, als der ganze adelige Adernſaft des größten Gaues, ich zapfe lieber ein Eimerfaß, als zehn vierſchrötige Ritter an. Ihr ſprecht ſehr viel, Hanns Poſil, unterbrach ihn die Dame, aber von all dem, was ich wiſſen wollte, iſt noch keine Silbe zum Vorſchein gekommen. Der Würflacher ſprach: Gleich ſollt Ihr Alles hören, ſo umſtändlich als ich es nur erzählen kann. Ihr müßt mich ſchon geduldig mit anhören, denn ich bin etwas weitſchweifig, aber das ſind wir Land⸗ leute alle. Als wir von hier wegzogen, gings über 128 Berg und Thal, durch die Steiermark; ich gab mir da viele Mühe, etwas von meinem ſteieriſchen Fräu⸗ lein zu erfahren, aber es war Alles vergebens, denn ich wußte ihren Namen nicht, und wenn ich von Waldfräulein ſprach, da lachten mich die Dickhälſe aus und nannten mich einen Hanns Narrn!— Proſt die Mahlzeit! dacht ich mir, jetzt mag ſich um die Mannstolle kümmern wer will, ich— thu's mein Lebtag nicht wieder! Ich hielt getreulich mein Wort. Eines Tages kamen wir vor eine Burg, vor wel⸗ cher viele Kriegsknechte lagen, wir ſchloßen uns ihnen an, und blieben ebenfalls vor der Veſte liegen; ſo viel ich merkte, wollten wir die im dem Schloße d'rinn, zwingen, uns hineinzulaſſen, aber die Kerle haben ſich auf Leben und Tod gewehrt; denn ſo oft wir anrannten, ſchoßen ſie mit Pfeilen heraus, war⸗ fen Steine auf uns, daß wir unſers Lebens nicht ſicher waren. Solche Gefahr behagte mir nicht, ich dachte mir: der Hanns Poſtl iſt nicht ſo dumm, um mit ſeinem Schädel gegen harte Mauern zu rennen, deshalb blieb ich einmal zurück, denn hinten wars auch hübſch warm; dieß erſah einer von den Rittern und bläute mir den Rücken durch, daß ich mir vornahm, nie mehr zurückzubleiben, wenn ein Ritter ſich in der Nähe befände. Dieß Tod⸗ und Lebenſpiel währte mehrere Tage, endlich gelang es uns bis zum Gra⸗ —— ———— e 8 8 4 —— 128 ben zu kommen, welchen die Schufte rings um ihr Neſt ausgehoben hatten. Ich meinte, nun würden ſie's drinnen nimmer lange machen, aber den Henker auch! man ſage nicht eher»Hopp' als man jenſeits des Grabens iſt; nun ging's erſt recht an, denn die Schufte hielten aus wie Ratten, die man ausbren⸗ nen müße, und warfen brennendes Pech und Schwe⸗ fel auf uns; nun wurden wir erſt recht toll; wir drangen mittelſt Leitern hinab und hinauf, die An⸗ dern heulten, wir heulten auch, die drinnen ſchoßen, wir ſchoßen auch, kurz wir thaten Alles, was ihnen nicht recht war; geſchah ihnen Recht, warum ließen uns die Schufte nicht in die Veſte; es iſt nicht löb⸗ lich geweſen, ehrlichen Menſchenkindern ein gaſtlich Obdach zu verwehren, aber ſie habens empfunden, denn wie wir einmal jenſeits der Mauern waren, ſo thaten wir auch, als ob wir zu Hauſe wären, jeder nahm was ihm geſiel; ich erwiſchte in der Kammer eine Pferdedecke, von welcher ich jedoch nur das Sil⸗ ber nahm, und die kahle Decke einem Andern über⸗ ließ; unſer Herr Ritter hat viel Gold und Silber er⸗ beutet, auch der Andere, dem wir geholfen haben, ging nicht leer aus, denn er lud aus purer Dankbar⸗ keit unſern Herrn ein, mit ihm auf ſeine Burg zu ziehen, und dort einige Tage zu verweilen, wozu Herr Linzer ſich gleich herbeiließ. Wir machten uns auf, 130 und traten den Rückweg an. Ehe wir zu jener Burg gelangten, kam ich unterweges in eine Bauernhütte, wo ich, da wir über Nacht in der Nähe derſelben lagerten, eine gaſtliche Aufnahme fand. Die Bewoh⸗ nerinn derſelben war ein altes Weib, die vielleicht ſchon öfters durch den Rauchfang gefahren ſein mag; ich mußte ihr von unſerem Kriegszuge erzählen, und als ich geendet hatte, ſprach ſie: Ihr ſeit ein tapferer Geſelle und ein ſchmucker Burſch, wenn ich ein Mägd⸗ lein zum Kinde hätte, Ihr müßtet ſie auf der Stelle freien, aber Eines fehlt Euch. Und was iſt dieſes Eine? fragte ich erſtaunt. Ihr ſeid ſchwachköpfig! verſetzte die Alte. Ueber dieſe Rede hätt' ich mich bald erzürnt, aber meine Wirthinn beſchwichtigte mich, indem ſie ſprach: Ihr müßt mich, Herr Kriegsmann, nicht mißverſtehen. Ich meine nur, daß der Boden Eueres Kopfes zu ſchwach iſt, um Haare zu erzeugen, ſo wie der Bo⸗ den vieler Grundſtücke kein Getraide hervorbringt. Was das belangt, verſetzte ich, ſo habe ich ein⸗ ſtens ſchon Haare genug gehabt, aber ich verlor ſie— Und bekommt ſie nicht wieder, rief die Hexe, das ſehe ich, denn Eure Glatze kann man leider nicht über⸗ ſehen. Aber ich will Euch einen Vorſchlag machen: ich gebe Euch ein Wäſſerchen, wenn Ihr den kahlen Kopf mit demſelben ſalbt, ſo ſollt Ihr, ehe denn drei 131 Monden vergehen, Haare haben, mehr als Ihr be⸗ dürft. Das ließ ſich hören; ich begehrte das Wunder⸗ mittel, und ſie forderte nichts weniger dafür, als die Silbertreſſen, welche ich auf der Burg erbeutet hat⸗ te. Ich wollte nicht recht dranbeißen, denn mein Le⸗ ben ſtand damahls auf dem Spiele, und ich ſollte den ganzen Lohn für dieſes Wagniß um ein Fläſchlein Haardünger hingeben? Es ging ſchwer, aber was thut ein Menſch nicht Alles, um eine Glatze auf einmal zu verlieren, die überdieß täglich noch größer wird, und welche ihr Regiment endlich über den ganzen Schädel ausſtrecken würde; ich ſchlug zu, gab meine ganze Beute, und erhielt ein Fläſchlein Naß dafür, womit ich mich jetzt bereits durch zwei Monden ſal⸗ be, und wenn Ihr genau herſeht, gnädige Frau, ſo werdet Ihr ſo kleine Pünktchen gewahren, die am deutlichſten zeugen, daß der Hanns Poſtl in Baldem einen Kopf voll mit ſchönen, langen Haaren haben wird, um welche ihn die ganze Würflacher. Sippſchaft beneiden ſoll! Gertrude hatte den einfältigen Schwätzer oft un⸗ terbrechen wollen, allein er ließ dieß nicht gewähren, ſondern ſprach immer fort, ohne auf die Dame Acht zu haben, als dieſe jedoch merkliche Zeichen der Un⸗ geduld an den Tag legte und Miene machte, ſich zu 132 erheben, rief er: Jetzt, gnädige Frau! kommt erſt das Wahre, denn was ich bisher erzählt, war nur meine Angelegenheit, jetzt kommt jene Eures Herrn Gemahls. Wir zogen alſo auf der Burg ein, und halloh! da begann es luſtig herzugehen, der Hanns Poſtl aß, trank, ſcherwenzelte unter den Dirnen herum, und ſalb⸗ te ſich ſeinen Kopf. Auf ſelbiger Burg befand ſich der gelahrte Herr Medardus, das iſt derjenige, wel⸗ cher mit uns hier anlangte, der den ſchwarzen Man⸗ tel und den ſchwarzen Bart trägt. Das iſt ſo ein Stück von einem Zauberer, der ſich auf's Goldmachen verſteht, und da in jener Burg ungeheurer Reichthum zu finden war, ſo läßt ſich vermuthen, daß der Mann ſeine ſchwarze Kunſt ſo gut verſteht, wie ich meinen Weinbau. Der Herr Medardus hat aber auch ein Fräulein Töchterlein; das iſt jene Dame, die dem Herrn Ritter zur Seite ritt, das iſt das ſchönſte Mägd⸗ lein, das mir je zu Geſichte kam, ſelbſt die Steierinn nicht ausgenommen, denn dieſe war viel zu mager, zu leicht, zu lüftig, während Fräulein Liana hochbuſig, üppig, mit einem Worte, ein Kernmädel iſt, ſo ein recht fettes Stück Boden, auf dem man mit guter Hoff⸗ nung ſeine Paar Waizenkörlein hinaustragen kann. Ich ſelbſt, hätte ich früher nicht ſchon die unglücklichen Abentheuer mit einem Fräulein gehabt, ich würde ſchier angebiſſen haben, denn das Goldmacherskind hätte ſich 133 des Hanns Poſtl aus Würflach nicht ſchämen dürfen, fintemahl ich eine Heerde von mehr, denn ſiebzig Scha⸗ fen zähle; zwanzig Ochſen, zwanzig Kühe, und eben ſo viele Kälber beſitze; und dazu ein Gehöfte, in wel⸗ chem zwei tüchtige Haufen von Reiſigen untergebracht werden können; das hätte ſich für ſie ſchon geſchickt, aber die Steirinn hat mir alle Fräulein's verleidet; frü⸗ her ſind ſie mir im Herzen geſteckt, aber ſeit ich ſo lange im Verließe gelegen, hab ich ſie herausgeriſſen, wie man einen Schierling aus dem Blumengarten jätet, ich räumte alſo unſerem Herrn Gebiether das Feld, und ließ ihm freies Spiel. Der hatte aber auch ſein fröhlich Spiel mit ihr; hollah! wer reitet heute auf die Hatz hinaus? Ritter Linzer mit Fräu⸗ lein Liana! Wer luſtwandelt im Garten in trau⸗ licher Geſellſchaft? Das Goldmacherskind mit dem Schrattenſteiner!— Wer eröffnete beim Bankett den Reigen? Die Zaubererstochter mit unſerem Gebie⸗ ther!— Kurz, die holde Hexinn hat ihn ganz um⸗ ſponnen, ſo daß er ohne ſie faſt nirgends zu finden war. Es iſt aber auch kein Wunder, das Mädl iſt ſchön, wie ein Maienblümchen, Haare wie Rabenge⸗ fieder, Augen wie Kohlen, Wänglein wie Roſenblät⸗ ter, dann die ſonſtigen Reize dazu, und wie ſie ſich anzuthun weiß; wenn ſie einem freundlich ins Auge ſieht, ſo glaubt man eine neue Sonne ſei am Him⸗ 134 mel aufgegangen, und wenn ſie finſter ſchaut, ſo ſieht man bei helllichtem Tage nichts. Unſer Herr Ritter ſtand aber auch mit dem Alten auf gutem Fuße; na⸗ türlich: Goldmachen iſt keine Kleinigkeit, und ich glau⸗ be, wer dieſe Kunſt verſteht, hat ſein Lebelang kei⸗ nen Mangel zu fürchten. Deswegen hielt Herr Lin⸗ zer auch getreulich zu dem ſchwarzen Medardus, und man konnte für gewiß behaupten, daß er, wenn er nicht bei dem Fräulein ſteckte, beim Vater Zauberer zu finden war. Poſtl hielt einen Augenblick inne. Was Ger⸗ trude bei dieſer Erzählung empfand, läßt ſich leicht ermeſſen, ſie hätte ihren Gemahl jeder Rohheit, jeder Unbarmherzigkeit fähig gehalten; einem Manne, der ſeiner Gattinn Leben auf die Spitze eines Dolches ſetzte, ließ ſich wenig Gutes zumuthen; allein das hatte ſie in der Unverdorbenheit ihres Herzens doch nicht für möglich gehalten, eine ſolche Handlungsweiſe lag außerhalb ihres Denkkreiſes, und um ſo größer waren ihre Qualen, ihre Schrecken, als die Wahr⸗ heit nackt vor ihr am Tage lag. Hanns Poſtl trug auch in ſeiner Beſchränktheit Alles ſo ſchonungslos vor, daß das Gift ſeiner Rede um ſo ätzender wirk⸗ te, er ſuchte des Ritters Benehmen nicht im Entfernt⸗ teſten zu verblümen oder zu beſchönigen; der Schelm fand auch nichts Beſonderes, nichts Verwerfliches da⸗ 135 ran, hatte er doch ſelbſt ein treues Mädchen verlaſ⸗ ſen, um dem vermeintlichen, ſteieriſchen Fräulein nach⸗ zulaufen, warum ſollte alſo nicht auch der Ritter ſein Auge anderwärts hinkehren dürfen? Das unſelige Verhältniß der Dinge lag alſo ſo klar vor ihren Au⸗ gen, ſie durchblickte die Abſichten ihres Gemahls, und wußte auch, wie ſie von Medardus und Liana zu urtheilen hatte, da es Beiden doch bekannt war, daß ſie Linzers Gattinn ſei, und jene ſich dennoch zum Beſuche auf Schrattenſtein herbeiließen. Doch wollte ſie auch hierüber Näheres erfahren, ſie fragte daher den Würflacher: Was man denn auf der Burg von dem Fräulein beſonders geſprochen habe, und ob ihm darüber nichts zu Ohren gekommen ſei? Hanns Poſtl ſah ſich vorſichtig um, als ob er fürchte, gehört zu werden, dann ſprach er mit ge⸗ dämpfter Stimme: Man hat ſich auf jener Burg viel in die Ohren gemunkelt, aber es iſt nicht gut davon reden, denn ich glaube, der Ritter ließe Einem auf den Spieß ſtecken und wie eine Singlerche bra⸗ ten. Ein alter Diener jenes Ritters, auf deſſen Burg wir gaſtlich aufgenommen waren, hatte einmal einige rege Geiſter im Kopfe, und vertraute mir, daß auch ſein Gebiether mit dem Fräulein gut ſtünde, daß er nur jetzt nichts desgleichen thue, weil unſer Ritter ſo vernarrt wäre, und das er wahrſcheinlich des Guten ſchon genug habe, und deshalb gar nicht böſe thun 136 würde, wenn das ganze Zauberpack die Burg verließe und ihn nicht mehr beläſtigte; aber natürlich war von dem Allen keine Spur zu finden, denn Alle tha⸗ ten ſo freundlich untereinander, als ob ſie die Beſten wären. Eines Abends erhielten wir plötzlich den Be⸗ fehl uns wegfertig zu machen; hollah! dachte ich mir, das iſt gut, nun geht es wieder der Heimath zu; es hätte mich freilich gefreut, wenn meine Kopfſalberei bisher mindeſtens ſo viel gewirkt hätte, daß man ei⸗ nen kleinen Waldanflug hätte entdecken, und ich doch mit einem menſchlichen Kopfe hätte in der Heimath eintreffen können, aber ſo viel ich merke, brachen wir von dort wenigſtens um eine Haarlänge zu früh auf. Als wir uns am andern Morgen in dem ge⸗ räumigen Burghof verſammelten, potz Donner! was ſahen wir? Der Schwarzbart und ſein Fräulein Schwarz⸗ auge ſaßen auch hoch zu Roß, einige Maulthiere ſtan⸗ den da, mit dem ganzen Werkzeuge der ſchwarzen Kunſt bepackt, und wir hatten gleich das Ganze weg: die Beiden ziehen mit uns, munkelten wir einander zu, und wir hatten den Nagel auf den Kopf getrof⸗ fen. Wir traten den Weg an. Als wir uns außer⸗ halb der Burg befanden, ließ der Ritter»Halt'? ma⸗ chen und ſprach mit lauter Stimme zu uns: Dieſer gelehrte Herr— dabei wies er auf den Medardus — und dieſes Fräulein— das war die Liana — ziehen jetzt mit uns auf den Schrattenſtein, ich eße var ha⸗ ten Be⸗ nir, es rei ei⸗ och ath hen rüh vas rz⸗ an⸗ zen e der rof⸗ ßer⸗ ma⸗ ieſer dus na ich 137 vefehle Euch hiemit, Beiden ſo wie meiner Perſon Folge zu leiſten, denn in dem Fräulein ſeht Ihr die künftige Gebietherinn meiner Burg! Wir ſchrieen Alle:»Es lebe das Fräulein!« und zogen weiter. So legten wir den Weg zurück und ließen Thäler und Berge im Rücken; ich freute mich baß, die liebe Hei⸗ math wieder zu ſehen, denn überall iſt es gut, aber zu Hauſe am beſten; und wie ich den Schneeberg mit ſeinem Kreide⸗Kopfe zu Geſichte bekam, wars mir doch ein wenig aufrühreriſch im Leibe, denn die Geſchichte mit dem ſteieriſchen Fräulein ſtieg mir hei⸗ ßer denn je zu Kopfe, aber ich dachte: Hol' der Henker die Mannstolle! ich möcht' doch lieber ſchon in Würflach ſein; ach, was wird mein Schlößlein, denn mein Gehöfte iſt ſchon ſo groß, daß ich es ſo nennen kann, was werden meine achtzig Schafe, meine zwanzig Ochſen, zwanzig Kühe und zwanzig Kälber machen, und wie werden ſie ſpringen, wenn der Hanns Poſtl wieder zu ihnen kommt, und wie werden die Würflacher die Augen aufreißen, wenn ſie von meinen Kriegsthaten hören. O, das ſoll eine Freude werden, und wenn ich erſt Haare auf dem Kopfe bekomme, ſo fehlt mir dann gar nichts mehr, und ich hab' mich dann auch in der Kirche nicht mehr zu ſchämen, wenn ich vor dem lieben Herrgott die Gugel abnehmen muß. 12 138 Hanns wäre noch lange fortgefahren, wenn ihm Gertrude durch heftige Handbewegungen nicht ange· deutet hätte, einzuhalten, und ſich zu entfernen. Wie Ihr wollt', gnädige Frau, ſagte er, ich habe Euch jetzt Alles haarklein berichtet, und gehe meiner Wege; aber Eins will ich Euch gebethen ha⸗ ben: verrathet mich nicht und helft mir, daß ich mit heiler Haut von hier wegkomme! Nach dieſen Wor⸗ ten verließ er das Gemach und Gertrude blieb allein zurück. So lag nun ihre Schmach offen am Tage, ungeſcheut verkündete der Elende ſeine Abſichten; ſie hatte von ihm Alles zu fürchten, Alles zu erwarten, ſie bemühte ſich, Faſſung zu erringen, um ihren Geiſt aufrecht über den bodenloſen Abgrund der Verzweif⸗ lung zu erhalten. Es gelang ihr auch, denn der Ge⸗ danke, daß die gute Frau Jutta ſie nicht verlaſſen würde, goß Balſam in ihre Seele, aber der Geiſt vermag ſich aufzurichten, während der irdiſche Theil unterliegen kann: und ſo war es auch hier; ihr Kör⸗ per war zu ſchwach, ihre Nerven zu angegriffen, ein ſchweres körperliches Leiden bemächtigte ſich ihrer, ſie wurde mit jedem Tage gefährlicher, dem Himmel war jetzt ihr Leben, ihr Wohl anheimgeſtellt; Gertrude; die arme Burgfrau auf Schrattenſtein, mußte noch an dem nämlichen Tage das Krankenlager beſteigen. 10. Nie wird die Taube ſich zum Geier paaren, nie ruhen Lämmer, wo ſich Wölfe ſcharen; Zur Matter wird ſich nie der Fiſch geſellen, Denn jene ſucht den Schlamm, und dieſer Wellen, Nie wird ſich Boſe um die Ueſſel ſchlingen, Die Eule nie nach Sonnenhelle ringen; Der Gute nie ſich an den Böſen ſchmiegen Zum Gleichen muß ſich ſtets das Gleiche fügen! Ein geräuſchvolles Leben begann wieder auf dem Schrattenſtein, die frühere Ruhe war verſchwunden, die freundliche Stille von einem Treiben und Regen verſchlungen, welches ſich über alle Theile der Burg mit Ausnahme Gertrudens einzigem Gemache, ver⸗ breitete. Der gelahrte Medardus erhielt in jenem Thurme, welcher ſich ſenkrecht über den Abgrund er⸗ hob, zwei Gemächer, wo er ſeine Werkſtätte aufſchlug und die er auch ganz auf jene unheimliche Weiſe ein⸗ richtete, wie es die Alchimiſten, die Adepten damali⸗ ger Tage ſo gerne zu thun pflegten. Ein großes, vergittertes Fenſter beleuchtete das Gemach, welches das bis dahin noch nicht entdeckte Wunder, Gold zu machen, gebähren ſollte. In der Ecke wurde ein 1 140 kleiner Herd angebracht, die Wände ringsumher mit ſchwarzem Tuche behangen, die Schränke ſtrotzten von Gefäßen, Retorten, Tiegeln und anderen Be⸗ hältniſſen; große Folianten und Scripturen lagen umher, verſchiedene fremdartige Thiere, Schlangen, Eidechſen und ſonſtiges großes Gewürm ſtand aus⸗ geſtopft auf dem Boden, ein vollkommenes Skelett grinste bjedem gleich bei ſeinem Eintritte entgegen; kurz es war eine recht furchteinflößende Ausſtattung, die ganz das Gepräge jenes geheimnißvollen Dunkels an ſich trug, mit welchem die Wiſſenſchaft jener Zeit ſich zu umgeben pflegte. Außerhalb dieſes Gemaches be⸗ fand ſich ein kleineres, welches ein Vorgemach bilde⸗ te, und von wo eine Wendeltreppe hinaufführte, und in jenen Gang mündete, wo ſich die Reihe der Ge⸗ mächer befand, die zum Theil von dem Ritter zum Theil von dem Fräulein und ihrem Vater bewohnt wurden; was der Schrattenſtein nur Koſtbares hatte, wurde zuſammengeſchleppt die Letzteren zu zieren, und da Linzer noch einen bedeutenden Reſt jener Koſt⸗ barkeiten aß, die er auf dem eroberten Schloße er⸗ beutet hatte, ſo wurde ein Theil davon verwendet, die Wohnung der Gäſte noch herrlicher auszuſtatten. Liana war ein Geſchöpf voll Lebensfriſche, Lebendig⸗ keit und ausnehmender Schöne, ſie war voll Freude über die Pracht, die ſich ringsumher entfaltete, und 141 floh von einem Orte zum andern, ſingend, ſcherzend, la⸗ chend, als ob ſie ſchon jahrelang auf dem Schrattenſtein heimiſch, und bereits im Beſitze der Rechte einer Haus⸗ frau wäre. Das Fräulein war ſchlank gebaut, üppig geformt, beſaß lebhafte, faſt geiſtreiche Kohlenaugen, eine Fülle wunderſchöner Rabenlocken, wohlgeformte Roſenlippen, und überaus reizende Geſichtszüge. Der vorherrſchende Zug auf ihrem Antlitze war Freund⸗ lichkeit und Schalkhaftigkeit, dieſes immerlächelnde Geſichtchen war vielleicht noch nie von irgend einem ſchwerem Kummer heimgeſucht worden, über dieſe blendendweiße Stirn ſchien noch nie die Wolke einer tiefen Schwermuth geflohen zu ſein; ungetrübt wie ein reines Glas finden wir ihr ganzes Weſen, aber nur nicht ſo durchſichtig, ſo klar, daß man auch ſein Inneres zu erkennen vermöchte, dagegen wieder ſo zerbrechlich, ſo ſchwach, ſo leicht im Sinne, daß wirklich auch nur ſie bei einer ſolchen Außenſeite ſolch ein Inneres zu verbergen im Stande war.— Liana war eines jener Mädchen, welche ohne böſe zu ſein, einen unbezähmbaren Hang zuhn Wohl⸗ leben in ſich tragen, und um demſelben fröhnen zu können, ſich jener Reize bedienen, mit denen die ſorg⸗ ſame Mutter Natur ſie gerade ausſtattete; ihr leich⸗ ter Sinn kömmt ihnen hiebei wohl zu Statten. Me⸗ dardus bildete zu ſeiner angeblichen Tochter ganz den 142 Gegenſatz: ſeine hohe Geſtalt, ſein geiſterblaſſes Ant⸗ litz mit dem langen, dasſelbe größtentheils verhüllen⸗ den Bart, ſo wie ſeine ſonderbare Tracht, vermehrten wo möglich das Unfreundliche ſeines Weſens noch mehr; ſtets mürriſch, düſter, ungeſellig ſuchte er, ſo oft er nur konnte, die Einſamkeit, und wiſſend, daß er eine Kumpanie durch ſeinen Leichenernſt nur miß⸗ ſtimmen müſſe, hielt er ſich von allen Gelagen und Feſten entfernt, bei denen man ſeine Gegenwart nicht unumgänglich forderte. Sein Auge ſah ſtets finſter und ſtechend über den ſchwarzen Bart hinweg, ſeine Stirn, welche zur Hälfte mit herabhangenden Haaren be⸗ deckt war, lagerte ſich immer in düſtere Furchen, und machte das ohnedieß ſeltſame Antlitz noch furchtba⸗ rer. Bei dieſem Manne konnte man mit Recht und Sicherheit von ſeinem Außenweſen auf das Innere ſchließen, da trog man ſich nicht: was der Seiger ſeines Antlitzes zeigte, das ſchlug auch ſein Herz; ein finſteres Gemüth, ein wildes Herz, ausgebrannt von der Gluth der Leidenſchaften, wie der Krater ei⸗ nes tauſendjährigen, feuerſpeienden Berges; ein Sinn, fähig jeder That, wenn es darauf ankam, die Wün⸗ ſche ſeines Leibes zu befriedigen; eine Gier, die ſich nicht bezähmen, nur durch einen Gegenſtand befriedi⸗ gen ließ, und endlich eine Beharrlichkeit in Verfol⸗ gung ſeiner Pläne, die ihn kein Hinderniß ſcheuen, 143 iedes Mittel ergreifen ließ, wenn es nur ſeine Ab⸗ ſichten, ſeinen Zweck beförderte, und ihn ſeinem Ziele näher brachte. Dieß waren die beiden Gäſte, welche auf dem Schrattenſtein einzogen, einerſeits um die Verſchwen⸗ dung des Ritters durch neue Goldquellen zu unter⸗ ſtützen, anderſeits um die in ſeinem Herzen entbrannte Leidenſchaft zu befriedigen, ohne Rückſichtsnahme auf ſein armes, krankes Weib, von welcher endlich erlöſt zu werden, Linzer jetzt die beſte Hoffnung hegte, da ſich ihr Gebreſte von Tag zu Tag verſchlimmerte. Der Herbſt ging auch ſeinem Ende entgegen, und der Winter nahm ſeine Stelle ein; grade zur rechten Zeit waren ſie alle auf der Burg angelangt, denn ſchon einige Tage ſpäter deckte der Schnee die Berge, den Wald, und das Feld; traurig wurde es Außen, dagegen luſtig und wohnlich im Innern; be⸗ ſonders aber auf dem Schrattenſtein, wo Liana, wie der Geiſt der Fröhlichkeit die ganze Burg beherrſchte. An einem Abende befanden ſich Vater und Toch⸗ ter auf ihren Gemächern, ſie waren eben vom Abend⸗ mahl aus der großen Tafelhalle herübergekommen, wo der Ritter mit einigen Freunden, die ſich jetzt, da ſie ſeine gebeſſerten Verhältniſſe erfuhren, wieder haufenweiſe einfanden, dem Scherze und dem Becher noch huldigten. Hier war es traulich und ſtille, nur 144 von drüben drang das Geräuſch, welches die Zecher verurſachten, herüber, und ſtörte das nächtliche Schwei⸗ gen. Liana, als ſie da angelangt waren, wollte ſich in das Innerſte der Gemächer begeben, wo ſich ihre Schlafſtätte befand, als Medardus ſie anredete: Ver⸗ weile noch ein Viertelſtündchen, meine Tochter, die Nacht iſt noch lange genug, wir wollen ein wenig mit einander plaudern, wozu wir noch keine rechte Muße hatten ſo lange wir auf dem Schratten⸗ ſtein ſind. Plaudern? meinethalben, ich plaudere gern; ver⸗ ſetzte das Mädchen freundlich, und warf ſich auf eine Polſterbank nieder, welche in der Nähe des Kamines ſtand, auf dem ein luſtig Feuer flackerte. Medar⸗ dus ließ ſich in einem hochlehnigen Armſtuhl nieder, ſtreckte beide Füße weit von ſich, ſchlänkerte ſie über einander und lehnte das Haupt auf die geſtützte Linke, während die Rechte nachläſſig über die Sei⸗ tenlehne hinabhing. Die Flamme am Kamine er⸗ leuchtete die Gruppe, deren Eindruck auf den Be⸗ ſchauer ein getheilter war.— Während der düſtere Adept einer ſchwarzen Vergangenheit glich, die un⸗ glücksvoll und kummerreich an uns vorübergezogen, ſo war ſein Kind einer roſigen Gegenwart zu ver⸗ gleichen, die geſchwängert mit allen Freuden des Le⸗ bens an uns vorübertändelt, wie eine freudehauchende nes r⸗ er, ber tzte ei⸗ Be⸗ tere en, ver⸗ Le⸗ nde 145 Silphe, welche einer beſſeren Welt entſtiegen, nur als Feiertagszugabe von den Göttern geſpendet wird. Dieſe beiden Vergleiche ſtellten ſich am Deutlichſten hervor, wenn man ihre Züge durchmuſterte und den Spuren folgte, welche dieſe angaben. Nachdem ſie eine Weile geſchwiegen hatten, nahm Medardus das Wort: Dir ſcheint es hier zu gefallen, Liana? Sehr gut, entgegnete das Mädchen, ich habe mich noch nirgends ſo heimiſch gefühlt, mir iſt, als ob ich ſchon durch Jahre hier gelebt hätte. Wie biſt Du alſo mit mir zufrieden? Jetzt mehr, als früher! Bereueſt Du es noch, mir gefolgt zu ſein? Bewahre der Himmel! rief Liana leichtſinnig, ich ſehe, daß Ihr wirklich nichts anders, als mein Glück wollt. Das hatt' ich vom erſten Augenblicke an im Sinne, aber nur wollteſt Du es nicht erkennen. Sieh, Liana, Du biſt ein Kind armer Eltern, ich nahm Dich mit, Du folgteſt mir freiwillig, ich ver⸗ ſprach, Dich glücklich zu machen und brachte Dich deßhalb in die Burg des ſteieriſchen Ritters, wo es Dir aber ſchlecht gefiel; Du lernteſt den Schratten⸗ ſteiner kennen, und geſtandeſt mir, Du würdeſt Dich in ſeiner Nähe glücklicher fühlen, ich verließ Dir zu Liebe jenen Aufenthalt und zog hieher. Ritter Lin⸗ 13 146 zer liebt Dich und verhehlt auch ſeine Leidenſchaft nicht, ſeine Gattin iſi krank und wird wahrſcheinlich nicht mehr geſunden. Du ſiehſt, wie ſich alle Um⸗ ſtände vereinigen, Dein Glück herbeizuführen. Ihr geht zu weit, verſetzte das Mädchen, ſolche Hoffnungen, hab' ich nie gehegt, ſo weit haben ſich meine Wünſche nie verſtiegen; es wär' zu viel auf ein⸗ mal, und das Glück pflegt uns nicht mit Blüthenre⸗ gen zu überſchütten, ſondern ſendet karg, wie eine kluge Hausfrau, ein Blümchen nach dem andern. Der Adept ſah ſie forſchend an und ſprach: Da du nun in mal vor den Menſchen als meine Tochter giltſt, ſo hab ich auch Anſpruch auf Deine Aufrichtig⸗ keit wenn wir allein ſind; ſag' mir, Liana, was for⸗ derſt Du alſo von dem Schrattenſteiner, was willſt Du durch ihn erlangen, wie weit verſteigen ſich Deine Wünſche? Ich— erwiederte das Mädchen etwas verlegen, will ſeine Liebe und ſonſt nichts, ſein Herz gehöre mir, und— und— Sein Gold auch! ſetzte Medardus raſch hinzu, wenn Du nicht aufrichtig gegen Dich ſelbſt biſt, ſo kannſt Du es um ſo weniger gegen Andere ſein; Du willſt Alles, was ich ausſprach, nur biſt Du zu ängſt⸗ lich es Dir zu geſtehen; doch wozu dieſe Furcht? Du ſiehſt, der Ritter liebt ſeine Gattin nicht, er verachtet, 147 er haßt ſie; Du biſt alſo nicht die Störerin einer glücklichen Ehe, ſondern befreieſt ihn von unliebſamen Banden; ſo lange Gertrude iſt, biſt Du nichts, dem Geliebten magſt Du wohl überaus theuer ſein, aber vor der Welt erſcheineſt Du in einem andern Lichte; darum muß Dein Augenmerk auf das Weib gerichtet ſein, nur über ſie hinweg führt die Pforte zu Deinem Brautgemach, und erſt wenn ſie im Grabe, darfſt Du in Linzers Armen ruhen. Liana ſann eine Weile nach, dann ſprach ſie: Ihr habt Recht, ſo geht es nimmer! Gertrude und ich können nicht neben einander beſtehen; Eine muß wei⸗ chen, und ſo wahr ich ein liebend Herz im Buſen ha⸗ be, ich weiche nicht! Sie iſt ein kaltes, leb⸗ und em⸗ pfindungsloſes Weſen, welches nicht aus Liebe ſeine Gattin wurde, ſondern nur, weil ſie ſich vor den lä⸗ ſtigen Bewerbungen eines verhaßten Freiers ſchü⸗ tzen wollte. Der Adept ballte die Fauſt, ſprang auf und rief: Wer ſagte Dir dieß, Mädchen? Der Schrattenſteiner! verſetzte ſie langſam; was eid Ihr ſo ergriffen? Weil es eine Lüge iſt; ſein Gold, ſeine Macht ha⸗ ben ſie verblendet— Gleichviel, unterbrach ihn Liana: aus welchem Grunde es nun immer geſchehen ſein mochte, aus Liebe 4 geſchah es nicht; ich aber liebe ihn, und will ihn beſi⸗ tzen; in ſeinen Händen liegt mein Glück, ich kann ihn beglücken, und werde es thun, drum weiche ich nicht, Sie muß den Platz räumen. Der Adept lachte tückiſch, grinste ſie freundlich an und antwortete: So iſt's Recht, Mädchen! wer auf dieſer Erde Glück will, muß es mühſam bauen. Glück iſt nicht wie die Frucht am Baume, die ohne unſer Hinzuthun wächſt und reift, nein, es iſt ein Saat⸗ korn, welches nur aus einem Boden keimt, der früher mit dem Schweiße des Angeſichtes urbar gemacht und gepflügt worden iſt; es iſt ein Kleinod, nach dem man in die geheimnißvollen Tiefen der Fluth hinabtauchen muß, um es heraufzuholen; es iſt ein edel Metall, um deſſen Beſitz man in den Schlund der Erde ſteigen muß, um es den Gnomen abzuringen, und oft tief hinab, bis in die Hölle ſelbſt; wem die Götter nicht hold, der muß ein Bündniß mit den Teufeln ſchließen! Er ſchwieg; dem Mädchen wurde bei dieſen düſte⸗ ren Worten bang, ſie ſah ihn mit furchtſamen Blicken an, und ſenkte dann das liebliche Köpfchen, deſſen mar⸗ morglatte Stirn ſich vielleicht zum erſten Mal in kleine Fältchen legte; auch Medardus blickte ſtier in die ſich ſelbſt verzehrende Flamme, und ſchien die Stille nicht unterbrechen zu wollen. Nach einer Weile nahm Liana das Wort: Ich habe Euch meine Geſinnungen ſattſam 149 an den Tag gelegt, habe Euch nichts verhehlt, was Ihr zu wiſſen begehrtet; und geſtanden, was ich für die Zukunft geſonnen, nun fordere ich aber auch das Gegentheil von Euch. Wir ſind jetzt ſchon durch bei⸗ nahe fünf Monden beiſammen, und Ihr habt mit mir noch keine Silbe von Euch geſprochen; glaubt Ihr wirklich, die Kunſt, Gold zu machen, zu erfinden? und was wollt Ihr unternehmen, wenn es mißlingt? Es wird nicht mißlingen, Liana! erwiederte Me⸗ dardus, oder bangt es Dir jetzt ſchon um das Gold Dei⸗ nes künftigen Gatten, welches er mir als Hilfsmittel zufließen läßt? Biſt Du einmal Linzers Gattin gewor⸗ den, ſo verlaſſe ich den Schrattenſtein, denn dann wird der Stein der Weiſen ſchon gefunden, dann wird der Stein von meinem Herzen ſchon herabgewälzt ſein. O es iſt eine ſüße Hoffnung, die ich ſchon durch Jahre hege, und jetzt bin ich derſelben näher, als je. Ich habe mühſam geforſcht und gerungen, habe Nächte geopfert, um das Ziel zu erreichen; es wäre ein feindliches, ein tü⸗ ckiſches Geſchick, wenn es mich jetzt, da ich dem Hafen ſo nahe bin, ſcheitern ließe. O, Du kennſt die Unruhe nicht, die mein Herz bewegt, Du kennſt die Qual, den Durſt nicht, der mich nach dem einzigen Tropfen ha⸗ ſchen läßt, es wär' entſetzlich, wenn er meinen bren⸗ nenden Lippen auch jetzt entginge, wenn mir der Labe⸗ trunk auch jetzt verſagt würde! 150 Ihr ſprecht dunkle Worte, verſetzte Liana, ich verſteh' Euch nicht, erklärt mir— Nichts, nichts, unterbrach ſie der Adept, bis; jetzt darfſt Du mich noch nicht verſtehen; begib Dich zur Ruhe, Du wirſt Dir— meine Worte bald deuten können! Liana erhob ſich und ſchritt langſam in ihr Ge⸗ mach, Medardus blieb allein zurück. Er warf noch einige Holzſtücke auf die Gluth, daß ſie friſch aufpraſ⸗ ſelte, und die Flamme licht und hell wie früher auflo⸗ derte, dann ließ er ſich auf der Polſterbank nieder, ſein Haupt ruhte auf der weichen Lehne, ſeine Augen ſtier⸗ ten in die Gluth hinein, ſprühten Funken ſo wie jene, eben ſo heiß, aber eben ſo wenig Lichtſtoff enthaltend, und eben ſo wie jene vergehend und ſich ſelbſt verzehrend. Darauf ſprach er mit verhaltener Stimme: Ich hätte nicht ſo leicht ein zweites Geſchöpf finden können, wel⸗ ches für mich ein ſo brauchbares Werkzeug abgegeben hätte, wie dieſes Mädchen. Leichten Glaubens und leichten Sinnes, iſt ſie raſch zu winden und zu lenken, ſo wie das Fähnlein auf dem Thurme ſich nach jedem Windzuge kehrt. Linzer iſt in heißer Leidenſchaft für ſie entbrannt und wird Alles thun, um zu ihrem Be⸗ ſitz zu gelangen; aber Gertruden morden? das ſoll er nicht! verſtoſſen, in ewige Kerkernacht verſenken, dazu will ich ihn bewegen, denn dann kann ich wirken, han⸗ 151 deln und meinem Ziele entgegenſteuern; ſie liegt noch immer ſchwer darnieder; ach, wenn ſie ſtürbe, wenn der Tod ſie dieſer Erde und meinem Einfluße ent⸗ riße?— Es wäre gräßlich, wenn jetzt in dieſem Au⸗ genblicke, wo mein Vornehmen ſo weit gediehen, das Grab eine große Kluft zwiſchen mir und ihr ſchnitte, und mir für immer jede Hoffnung raubte. O Him⸗ mel! nur dießmal laß ſie geſunden, und ſie ſoll mich zum glücklichſten Sterblichen machen! Es ſchwieg, ſein Auge ſah wieder düſter in die Flamme, die Lippen verſtummten, und das Haupt ſenkte ſich zu Boden. Der Böſe flehte um das Le⸗ ben eines Weibes, nicht aus Theilnahme, nicht weil ein Funke von Menſchlichkeit ſich regte, ſondern nur um das Böſe vollführen zu können, welches er mit ſo vieler Liſt erſonnen, und mit einer Beharrlichkeit ausgeführt hatte, von der zu wünſchen geweſen wäre, daß ihr ein edlerer, beſſerer Zweck unterlegen wäre⸗ 11 Romm mein Junker, will Dich tröſten, Dich umſchling' der Liebe Pand, Will Dich leiten zur Erlöſten In das fremde Geiſterland. Fort aus dieſer Erde Wüſten, Fort zu ſchön'ren Blumenküſten, Dort wo Edens Ueize glänzen Soll dich Hymens Glück umkränzen! Vas Krankenlager der armen Gertrude war nicht ſo verlaſſen und einſam, wie ihr Gemahl, Herr Linzer es wahrſcheinlich vermuthete; wenn auch er, der maß⸗ loſe Böſewicht, die Tage bei ſeiner geliebten Liana, und die Nächte bei dem Adepten im Thurme zubrach⸗ te, und ſich um ſeine arme Gattin nicht kümmerte, ſo gab es doch ein Weſen, welches ſich täglich mehre Male einfand, welches half und tröſtete, und wie eine liebende Mutter ihr Kind, ſo die arme Kranke pflegte; dieß war die gute Frau Jutta, das Wald⸗ fräulein. Außer einer Dienerin, die bei ihr treu aushielt, war Poſtl unter Allen im Schloße der Ein⸗ zige, welcher ſich noch manchmal um ſeine wahre Ge⸗ bietherin kümmerte, alle Anderen huldigten der ſchö⸗ ——————— ,— 153 nen Liana, die ſo offenbar die Gunſt des Ritters be⸗ ſaß; der Würflacher war zu einfältig, um den Man⸗ tel nach dem Winde zu kehren, ſondern hoffte noch immer durch Frau Gertrude die freiwillige Loslaſſung aus dem Dienſte des Ritters zu erhalten. Eines Mittags wurde er wieder zu Gertrude beſchieden, und erhielt den Auftrag, mit Frau Jutta zu gehen, wel⸗ che ihm ein Bündel mit heilſamen Kräutern zur Ueberbringung an ſeine Gebietherin übergeben würde. Hanns Poſtl willfahrte dem Befehle, ſchlich ſich aus der Burg und fand die Alte ſeiner unweit des Schrat⸗ tenſteins harrend. Er humpelte ihr nach, und da bereits Schnee und Froſt überhand genommen hatten, ſo zog er die Gugel über die Ohren, wickelte ſich fe⸗ ſter in ſein Wamms, und folgte der Alten durch das Gebirge. Beinahe eine Stunde Weges war zurück⸗ gelegt, und Frau Jutta machte noch immer keine Miene, als ob ſie ſchon am Ziele wären, oder minde⸗ ſtens bald dahin gelangen ſollten; dem Hanns Poſtl war es froſtig geworden, der weite Weg begann ihn zu ärgern, er ſprach daher zur Alten: Frau Jutta, werden wir bald bei Eurer Hütte angelangt ſein? Der Weg wird nicht mehr ſo lange währen als es der Fall war! lautete die Antwort. Donnerwetter! polterte der Würflacher, der un⸗ ter den Kriegsknechten auch fluchen gelernt; das wäre 154 auch eine verdammte Beſcheerung! meint Ihr, es wandle ſich im Schuhhohen Schnee ſanft wie über nen Roſenteopich dahin? warum habt Ihr das Kräuterbündel nicht ſelbſt migebracht, was braucht Ihr einen armen Burſchen den weiten Weg heraus zu placken? Frau Jutta verſetzte: Weißt Du, Hanns Poſtl, warum ich Dich mitnahm? Der Würflacher ſah ſie fragend an, und ſie ſprach ihm mit lauter Stimme ins Ohr: Ich will Dich zu Deinem ſteieriſchen Fräulein führen. Poſtl machte einen Luftſprung, ob vor Freude oder Schreck, vermögen wir nicht zu entſcheiden. Was? rief er, zum Fräulein? laßt mich mit der Mannstollen ungeſchoren, ich hab Ihrentwegen des ungemachs ſchon genug erduldet, ich mag die unge⸗ treue Falſche mit keinem Auge mehr ſehen!— Dieſe Worte waren mit einem Tone geſprochen, dem man es leicht abmerken konnte, daß er nicht aus des Her⸗ zens Tiefe kam, und daß es dem eitlen Narren doch ein wenig darum zu thun war, mit dem Fräulein zuſammen zu kommen; ſeine früheren guten Vorſätze traten in den Hintergrund, das alte Gefühl war er⸗ wacht, und tauſend Vertheidigungen des Fräuleins durchkreutzten ſein Gehirn. Auf dieſe Veränderung in ſeinem Inneren ergriff er nach einer Weile, als 155 Frau Jutta ihn ohne Antwort ließ, und immer raſch fortpilgerte, wieder die Rede und ſprach einlenkend: Zwar iſt es vielleicht doch möglich, daß ſie an Allem 1 unſchuldig iſt, man ſoll Keinen verurtheilen, ehe denn man ihn angehört hat, deßhalb will ich ſie noch ein⸗ mal ſehen, und hören, was ſie ſpricht; iſt ſie im Stande, ſich rein zu waſchen, ſo will ich dießmal noch verzeihen und barmherzig ſein, wiewohl ſie es nicht verdient, denn ich bin der ſchönſte Burſche in ganz Würflach, und habe nicht Noth, mich um eine dick⸗ halſige Steierin herumzuthun; außerdem habe ich eine Herde von mehr denn neunzig Schafen vierzig Och⸗ 5 ſen, vierzig Kühe und eben ſo viele Kälber, und dann mein Gehöfte, welches an Größe dem Schrattenſtein nichts nachgeben wird; dieß Alles zuſammengenom⸗ men, wird die Wahrheit meiner Worte nur zu ſehr bekräftigen. Er ſchwieg wieder, allein Frau Jutta gab ihm noch immer keine Antwort, ſondern ſchritt wacker dar⸗ auf los, und Hanns Poſtl humpelte nach. Jetzt langten ſie vor einem Bergrücken an, an deſſen Fuß — eine Oeffnung ſichtbar wurde, vor derſelben blieb Frau Jutta ſtehen. Was wollt Ihr da? fragte Hanns Poſtl erſtaunt. Hier bin ich zu Hauſe. Hier? Ich ſehe ja kein Dach und kein Fenſter? 156 Da ſteht ein Berg mit dichtem Wald bewachſen, hier iſt ein Loch, wo iſt die Hütte? In dem Berge! Da drinnen? das iſt ein verdammter Wohnplatz, Ihr mögt es hübſch finſter haben. Mehr Licht als Du wähnſt. Ich beneid' Euch nicht um dasſelbe, geht nur hinein und bringt das Bündel mit den Kräutern heraus, denn ich gehe wahrlich nicht hinein. Waldfräulein iſt drinnen! lockte die Alte. Bei Euch das Waldfräulein? das macht Ihr ei⸗ nen Narren und nicht mich glauben! ich möchte wiſ⸗ ſen, was das ſteieriſche Mädel bei Euch zu ſuchen hätte? Sie erwartet Dich! Hanns Poſtl ſchmunzelte und dachte: Aha! iſt ihr endlich doch die Liebe über den Kopf gewachſen? jetzt ſteckt ſie ſich gar hinter die Alte, um mit mir zuſam⸗ men zu treffen. O die Fräuleins ſind auch ſo ſchlau wie unſere Dorfdienen, grade wie aus einem Teig ge⸗ knetet! dann ſprach er laut: Meinethalben! Ihr wollt es, und ich folge Euch, Ihr werdet ſehen, wie ich der falſchen Ungetreuen die Wahrheit ins Geſicht ſagen werde, denn daß ſie mich in der Gefangenſchaft ſchmach⸗ ten ließ, und mit Mann und Roß mich zu befreien, nicht herbeizog, das werde ich ihr nicht vergeſſen, und wenn ſie mir zehn Kinder geboren haben wird. 157 Jetzt trat Frau Jutta in die Höhle, Poſtl folgte, dichte Finſterniß umfing ſie. Eine Weile humpelte er mit unſicheren Schritten fort, da ſchien es ihm, als ob er Frau Jutten nicht mehr vor ſich hergehen höre; er blieb ſtehen, horchte, Grabesſchweigen rund herum, von der Alten keine Spur. Dem Würflacher wurde es unheimlich im Kopfe. Wo iſt die hingekommen, murmelte er, will ſie mich wieder in ewige Kerkernacht bringen? So ſah es gerade in dem Schrattenſteiner Burgverließe aus, nur fehlt hier oben die kleine Lucke! — Er tappte ſich einige Schritte vorwärts, begann Frau Jutta's Namen zu rufen, aber der Ton ſeiner Stimme verhallte dumpf in der Tiefe des Berges, und keine Antwort erfolgte. Ich gehe keinen Schritt, drohte jetzt der Weinzürl, ich kehr um!— Er that dieß auch, aber von dem Eingange und Tageslicht war keine Spur. In welcher Richtung war er bis hieher gelangt?— Hanns wurde mit jedem Augenblicke beklommener und ängſtlich, und begann mit ſtarker Stimme zu rufen und zu ſchreien, da tauchte vor ihm ein Lichtlein auf, welches ſich hob und ſenkte, bald größer und kleiner wurde, bald näher kam, bald ſich wieder mehr entfern⸗ te. Das iſt ein Irrwiſch! dachte Hanns, dem folge ich nicht, der könnte mich ſtatt in Fräuleins Arme, in einen Sumpf oder ſonſt wohin betten!— Das Lichtlein that alles Mögliche, um den Burſchen nachzulocken, 158 aber dieſer biieb ſtarrſinnig auf dem Flecke.— Da er⸗ tönte ein lieblicher Ruf: Hännschen! mein Hänschen! warum folgſt Du nicht dem Weiſer? Poſtl fuhr zuſammen, riß die Augen auf, kehrte ſich nach allen Seiten, aber er gewahrte nichts als ra⸗ benfinſtere Nacht, und doch gehörte die Stimme Nie⸗ manden ſonſt, als dem ſteieriſchen Fräulein. Wem ſoll ich folgen? rief jetzt der Weinzürl. Die frühere Stim⸗ me wiederholte: Hänschen! mein Hänschen! warum folgſt Du nicht dem Lichtlein? Iſt das Eure Nachtlampe? fragte der Würflacher, da hättet Ihr Euch auch ein beſtändigeres Licht erkieſen können, dem folg' ich nicht, und wenn zehn ſteieriſche, und eben ſo viele ſonſtige Fräuleins Meiner harrten! In dieſem Augenblicke fühlte er ein Drängen, ein Schieben, ein Zwicken in den Wangen, ein Ziehen an den Haaren, er mußte vorwärts, ob er nun wollte, oder nicht. Laß' mich ledig, teufliſcher Spuck! laß mich ledig, ich gehe ſchon freiwillig! Au meine Haut! Waldfräu⸗ lein, mein Fräulein! O hilf mir doch, ich habe Dich ja lieb, habe Dir nichts zu Leide gethan— au meine Haare! willſt Du mich noch ganz kahl machen? Ich habe für das Haarwaſſer die ganze Beute meines Kriegszuges gege⸗ ben, und hier reißt man mir noch den geſunden Reſt heraus; wo ſoll ich mein Fläſchlein wieder füllen laſ⸗ 158 ſen? Es iſt ohnedieß bald leer, und nun bekomme ich einen noch größern Fleck zu ſalben! Hülfe!— Hülfel — wird denn das Drängen und Schieben nicht aufhö⸗ ren? Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! In dieſem Augenblick verſchwand der Spuck, vor Hanns Poſtls Antlitz fiel es wie eine ſchwere Decke herab, er blickte auf, drückte wie geblendet, die Augen wieder zu, öffnete ſie zum zweiten Mal, noch immer der nämliche Anblick; er fuhr erſtaunt zurück, eine wunderbare Scene entfaltete ſich vor ſeinen Blicken. Er befand ſich am Rande eines Raumes, von dem er nicht wußte, ob er ihm den Namen einer Halle, oder eines Haines beilegen ſollte; der Raum nach Vorne und den beiden Seiten hin, dehnte ſich ins Unabſehbare, dagegen wölbte ſich über das Ganze eine rieſige Kuppel, die ſich ſo wie der Himmel, am Ende des Sehkreiſes ab⸗ dachte, und aus einem Strahlengewebe gebildet ſchien; man ſah weder eine Sonne, noch ſonſtige lichtſpendende Körper, und doch war oben Alles hell erleuchtet, doch umhüllte eine flammende Röthe das ganze Gewölbe, wie wenn mehrere Sonnen ihren Glanz vereint hätten. Eine durchblümte Wieſenmatte bildete den Boden der Ge⸗ gend, den kein Fußpfad, kein Fahrweg durchſchnitt, zur Rechten rieſelte über ein Bett von Goldkies eine kriſtallene Quelle dahin, thränende Weiden beſchatteten den kühlen Rand, und ſenkten ihre Zweige ſo tief hin⸗ 160 ab, daß die Silberfluth ſie beſpühlte, und ſo weit mit ſich hinabzog, bis der Stamm das ungetreue Kind feſthielt. Jenſeits der Quelle erhob ſich ein Hain, mit friſchgrünen Eichen, deſſen Inneres nicht dem Dunkel nächtiger Wälder glich, ſondern von jenem anmuthigen Silberſchein durchfluthet wurde, wie ihn der Vollmond an heiteren Sommernächten über die ſchlummernde Erde gießt. An dieſen Hain ſchloß ſich eine Gruppe von wunderlieblichen Hügeln an, die ſich wie im Nebel⸗ blau der Ferne verloren, rechts rauſchten vier Ströme im hellen Tagesgelang, ſie kreuzten ſich zu zweien, und floſſen dann in ſolcher Richtung hin, daß zu vermuthen ſtand, ſie müßten, wenn auch von menſch⸗ lichen Augen nicht geſehen, einmal zuſammenfließen. Dieſe Begränzung des Raumes ſchloß einen wunderlieb⸗ lichen Aufenthalt ein; niedere Büſche befleckten mit dunk⸗ leren Schatten die ſaftiggrüne Matte, kleine Teiche durchſchnitten hier mit glatter Spiegelfläche den Boden, und fröhliche Goldfiſchchen hingen rudernd unter deſſen Oberfläche; Roſenguirlanden zogen ſich ſireckenweiſe dahin und verbreiteten in der Runde einen faſt betäu⸗ benden Duft; Fruchtbäume, theils einzelne, theils in kleineren Gruppen, beladen mit gereiften Früchten man⸗ cher Art, ſtanden umher; Schlingkraut und Ranken⸗ gewächſe zogen ſich hie und da am Boden hin; aus dieſem augenweidlichen Gemiſch erhob ſich eine kleine 161 Strecke vom dießſeitigen Rande ein Tempel auf ſechs Säulen geſtützt, von hohen Tannen umſchattet, von Blumen an den Seiten verwahrt; eine bequeme Teraſſe führte zu demſelben, ihre Stufen waren jedoch nicht von Marmor, ſondern von Roſen gebildet. Poſtl ſtand verblüfft über den wunderherrlichen An⸗ blick: oben die ſtrahlende Helle, unten das gedämpfte Licht, die Mondſcheinnacht einerſeits, und der Son⸗ nenglanz anderſeits; die Waſſer, Bäume, Kräuter, Blumen, Berge, Früchte, Alles lag vor ihm ausge⸗ goſſen, in wunderbarſter Vertheilung wie ein ſchönes, nie geahntes Bild einer andern Welt. Er wußte nicht was er denken ſollte; wo war er hingerathen? wo be⸗ fand er ſich? Waren das die Berge ſeiner Heimath? Außen war es doch Winter, und hier herrſchte der Frühling in ſeiner ſchönſten Blüthe, und der Herbſt in ſeiner wohlthätigſten Freigiebigkeit zugleich! Sein Auge hing ſtaunend und begehrend an allen einzelnen Reizen des wunderherrlichen Bildes. Eine Weile ver⸗ ging ſo, ohne daß er zu einem Entſchluße kommen konnte, da vornahm er von dem Tempel her, einen Ge⸗ ſang von vielen weiblichen Stimmen, deſſen Wohlklang dem Würflacher nicht ſo ſehr gefiel, als die fröhliche Weiſe des Liedes ſelbſt. Dieſe lautete: 162 Laßt Schweſtern den Reigen uns ſchließen im Bund, Gezieret mit Zweigen Erſcheinen zur Stund;— Laßt Freude die Herzen Durchſtrömen wie Licht, So lange wir ſcherzen, Kennt Sünde uns nicht! * So lange wir kreiſen Im luftigen Tanz So lange wir weiſen Den roſigen Kranz So lange darf ſpähen Des Sterblichen Blick Im Haine der Feen; Dann muß er zurück! 4 Alle Wetter! brummte Hanns Poſtl, bin ich in ein Hexenneſt gerathen? hol' mich dieſer und jener, wenns nicht wahr iſt!— Nach dieſen Worten öffnete ſich plötzlich die Vorderſeite des Tempels, und eine Schar weiblicher Geſtalten ſchwebte heraus. Weiße, luftige Gewänder umflatterten die ſchlanken Umriße, Perlen⸗ gürtel ſchmiegten ſich um die ſpannweiten Formen, die Haare flatterten über die Schulter hinab, grüne Laub⸗ kränze krönten die Scheitel, und Alle ſchienen durch Ro⸗ ſenguirlanden, welche ſie in den Händen hielten, und die ſich um ihre Schultern ſchlangen, mit einander ver⸗ bunden und gefeſſelt. So ſchwebten ſie heran, hatten 163 den Würflacher im Nu umrungen, und mehr getragen, als ſich ſelbſt vorwärts bewegend, vernahm er aus dem Tempel eine weibliche Stimme, welche ſang: Biſt ſo lange fern geblieben, Biſt ſo lange nicht gekommen Der die Ruh mir hat genommen, Dem mein Herz ſich hat verſchrieben! Doch der düſt're Schleier ſinkt, Liebe, treue Liebe winkt; Kommſt zu heilen meine Wunde? Sieh' ich harr' in trauter Stunde! In dieſem Augenblicke ſtand Hand Hanns Poſtl am Eingange des Tempels. Bei meiner armen Seele! murmelte er, das war die Stimme meines ſteieriſchen Fräulein's! jetzt iſt es gleichviel, ich will ſie ſehen! Er durchflog mit ſeinen Blicken die runde Halle, da gewahrte er eine Geſtalt auf einer Raſenbank hin⸗ geſtreckt, und durch einen Schleier geſchützt. Mit lüſternen Augen ſah er ſie an. Das iſt ſie! brummte er in den Bart, und ſchlich leiſe, um ſie nicht zu ſtören, hin. Vor ihr angelangt, blieb er einen Athem⸗ lang ſtehen, dann faßte er den Schleier und ſprach, ihn ſachte herabziehend: Ei mein ſchönes Fräulein, finde ich Dich endlich wieder? Raſch ſprang jetzt die Geſtalt auf, das Schleier⸗ gewebe ſank auf den Boden, Hanns Poſtl heulte wie ein Wahnſinniger den Namen»Lisbertha' hervor, denn ſeine, von ihm verlaſſene Würflacher Schöne ſtand 14* 164 ihm gegenüber. Ein furchtbarer Schlag erdröhnte, der Weinzürl ſtürzte zuſammen,——— als er wieder zu ſich kam, lag er von Froſt durchſchüttelt nahe der Schrat⸗ tenſteiner Burg, es mochte Abend ſein, ein Kräuterbün⸗ det befand ſich an ſeiner Seite. Er wußte nicht wie ihm geſchah, ob er geträumt, oder gewacht hatte, jetzt vernahm er über den Berg herüber den oft gehörten Spottgeſang, deſſen Inhalt lautete: Willkommen! Hanns Poſtl! Was haſt Du getrieben? Wär' beſſer, Du wäreſt In Würflach geblieben! Kehr' ruhig nach Hauſe Du lüſterne Fratze, Bewahre Dein Fläſchlein, Und ſalbe die Glatze! Hat der Henker den boshaften Kobold auch wieder da! ſchrie Hanns Poſtl, ſprang auf vom Boden und ſtürzte mit dem Bündel gegen die Burg fort. 12. Stets wie Gluth der Hölle lodert, Hat's in ſeiner Bruſt gebrannt; Hat das Opfer laut gefordert, Bis in ſeiner Macht es ſtand. Wie im Sturm die Wellen branden, Wie der Löw' in Eiſenbanden: So auch rast's im Herzensſchatten, Wo ſich Haß und Bache gatten! Mnbekümmert um ſeine unglückliche Gattin, eben ſo verworfen, als leichtſinnig, lebte Linzer die froheſten Tage. Liana verſtand es, ihn von Tag zu Tage mehr zu feſſeln. Sie war nicht immer das ſanfte, liebende Mädchen, welches ihn mit freundlichem Lä⸗ cheln empfing; ſie kam ihm auch öfters mit erkünſtel⸗ ter, finſterer Miene entgegen, ſchmollte, gebehrdete ſich mißmuthig, war einſilbig, ſeufzte, und wendete alle jene kleine Kunſiſtückchen an, die den Mann ſtets anziehen, und zum geliebten Herzen nur noch mehr hinziehen; daß ſie bei dem ſinnlichen, leidenſchaftlichen Gemüthe des Schrattenſteiners ihre Wirkung nicht verfehlten, verſteht ſich wohl von ſelbſt; ja ſie wirkten 166 faſt wie ein böſer Zauber auf ihn, denn die Leiden⸗ ſchaft erreichte den höchſten Grad, und glich einem verheerenden Orkan in den Räumen eines mächtigen Waldes. An einem Nachmittage ſaß das Mädchen einſam in ihrem Gemach am Fenſter; Medardus befand ſich im Thurm, und ſeine Tochter blickte übellaunig durch das Fenſter in das Gebirge hinaus, wo der Winter bereits ſeine volle Macht übte; was war daher wohl natürlicher, als daß die Schöne von der Zukunft träumte, von jener Zeit, wo ſie in dieſen Räumen nicht mehr eine Fremde ſein würde, wo ſie hier ganz heimiſch, ja, wo ſie ſich die Gebietherin dieſer mächti⸗ gen Burg nennen würde; ſolche Gedanken konnten ſie nur angenehm beſchäftigen, ſie mußten das Dü⸗ ſtere ihrer Laune verſcheuchen, und ſie mit ihrer jetzi⸗ gen Lage, die ihr durch Medardus Vorſtellungen und Bemerkungen unerträglich zu werden begann, wieder zum Theil ausſöhnen. Jetzt öffnete ſich das Gemach, und Linzer trat ein. Liana, ihn durch ei⸗ nen Seitenblick gewahrend, wandte ſich raſch dem Fenſter, und dem Ritter den Rücken zu, zog die ſchöne Marmorſtirn in Falten, ſpitzte etwas die herr⸗ lichen Purpurlippen, und ſchlug die Augen wie grol⸗ lend zu Boden. Linzer eilte raſch auf ſie zu, ergriff ihre Rechte, die ſie, wiewohl ſich etwas ſträubend, 167 dennoch in ſeiner Gewalt ließ und ſprach: Was ſteht meine Liana ſo finſter da wie eine mondhelle Frühlingsnacht, die mit den Paar Wölkchen auch gerne mürriſch thun möchte, und es dennoch nicht vermag, ſo wie eine Taube, die vergebens mit ihrem Unmuthe droht? Ihr irrt Euch ſehr, Herr Ritter! erwiederte Liana; ich kann zürnen und grollen, wie ein Mann, ich kann mürriſch und eignen Sinnes ſein, wie ein läſtiges Eheweib! Der Ritter zog die Stirn in tiefe Falten und verſetzte. Mahnt mich nicht an das, was mein Le⸗ ben bisher verbitterte, und was mich um die Freu⸗ den ſchöner Tage betrog. Fürwahr! wüßte ich, daß Ihr Euer jetzig Wort halten würdet, ich könnte jetzt in dieſem Augenblicke noch das Band löſen, welches mich an Euch knüpft. Liana ſchlug ein verletzendes Gelächter auf und rief: Welche Feſſel bindet Euch an mich, Herr Rit⸗ ter? Ihr ſeid frei, und wenn auch nicht, ſo ſeid Ihr nicht der Mann, Euch von Feſſeln drücken zu laſſen! Ihr habt eine eigene Art, Bande zu löſen: Ihr zer⸗ hauet ſie, und das ſteht Jeder bevor, die Euren Worten traut. Ach! warum— warum ließ ich mich bereden, Euch zu folgen!— Sie begann zu ſchluch⸗ zen, der Ritter wurde ergriffen, und ſeine Aufwal⸗ 168 lung war augenblicklich gedämpft, ſo wie eine Flam⸗ me, der man die Luft entzieht. Linzer zog ſie an ſich, und ſprach in beredendem Tone: Ihr ſeid ein beſonderes Mädchen! Ihr fordert mich durch verle⸗ tzende Reden heraus, und wenn ſie mich unwirſch machen, ſo fühlt Ihr Euch gekränkt und weint; Ihr wißt, ich vermag Eure Thränen nicht mit anzuſehen. Ihr könnt meine Thränen nicht mit anſehen?— klagte die Liſtige— aber wenn ich Stunden und Tage einſam vertrauere, wenn ich mich abquäle und abhärme, und Niemanden habe, dem ich mein Leid anvertrauen könnte, das rührt Euch nicht, das er⸗ greift Euch nicht, weil Ihr kein Auge dafür habt! Ja! Ich muß es Euch ſchon geſtehen: daß ich ſehr unzufrieden bin, daß ich mich nie ſo unglücklich ge⸗ fühlt habe, wie jetzt in dieſer Burg. Der Vater hängt mehr als je, ſeinen Forſchungen, ſeinen Klü⸗ geln nach, und hat für mich nicht nur kein geneigt Ohr, ſondern die Wiſſenſchaft hat ſo ſeinen Sinn eingenommen, daß er, ſelbſt für mich, ſein einziges Kind, kein Gefühl mehr hat. Ihr, aufrichtig ge⸗ ſprochen, Ihr ſcheint für mich auch nicht beſonders heiß zu empfinden, und gedenkt mich mehr als kin⸗ diſch Spielzeug zu betrachten, mit dem man wohl ein Stündchen angenehm vertändeln kann, deſſen man jedoch bald überdrüſſig wird, und welches man dann S* 168 ganz bequem bei Seite legt; ſolche Erfahrungen, Herr Ritter! ſind wahrlich nicht dazu geeignet, das Leben ſüß und angenehm zu machen! Welch ein Teufel hat Euch dieſe Gedanken ein⸗ gegeben, Liana? rief der Ritter verwundert; wie könnt Ihr nur ſolchem ſcheußlichen Verdachte Raum geben? Hätte ich Euch ſonſt je auf meine Burg mitgenom⸗ men, wenn ich nicht feſt entſchloſſen wäre, Euch, gleich nach dem Tode meiner Gattin, an ihre Stelle zu ſetzen? Wer Euch trauen dürfte! erwiederte das Mäd⸗ chen halb ſeufzend halb klagend. Ihr— Ihr, Liana, könnt mir trauen! rief Lin⸗ zer, gegen Euch habe ich mich ſtets ganz ſo gezeigt, wie ich bin; mein Herz, meine Liebe, meine Hand, mein Blut, meine Habe, Alles gehört Euch; Ihr ſollt die Gebietherinn meines Gutes werden, ſo wie Ihr bereits jene meines Herzens geworden ſeid! Ich ſoll es werden? fragte Liana gedehnt, aber wann? Bald, recht bald, verſetzte Linzer raſch, Ihr wißt von der Krankheit meiner Gattin; ſie kann nim⸗ mer lange dieſem Leben angehören, der Tod wird ſo barmherzig ſein, mich von der läſtigen Bürde zu befreien. Und wenn ſie wieder erſtarkte, wenn ſie trotz 15 170 Eurer Wünſche wieder geſundete? wie dann, Ritter von Schrattenſtein? Meint Ihr, Liana würde es ſich dann gefallen laſſen, noch ferner hier zu weilen, um den Blicken eines bevorrechteten Weibes, ihrem Hohne und ihrer verachtenden Miene bloßgeſtellt zu ſein? Dieſe Worte waren mit mehr Hohheit geſprochen, als man von einem Geſchöpfe wie Liana hätte erwar⸗ ten können; ſie verfehlte auch ihre Wirkung nicht. Der Ritter blickte düſter zu Boden, und ſprach dann: Be⸗ ruhiget Euch und ſeid verſichert, Gertrude wird, wenn ſie auch geſundet, nimmer lange unter den Leben⸗ den wandeln! Die verhängnißvolle Rede war kaum geſprochen, als Liana ſich raſch erhob, ſich ihm mit jenem bezau⸗ bernden Lächeln wieder zukehrte, von deſſen Wirkung ſie ſo feſt überzeugt war, und lispelte, als wollte ſie die erlittene Kränkung vergeſſen machen, ihm zu: Ich ſeh' es ein, Ihr liebt mich, und habt nicht im Sinne, mich unglücklich zu machen! Der Ritter umfaßte ſie zaͤrtlich, zog ſie an ſeine Bruſt und rief: Bald, ge⸗ liebte Liana! ſollſt Du ganz die Meine ſein!— Die Eintracht zwiſchen Beiden war vollkommen hergeſtellt, und der Reſt des Nachmittags verfloß unter erheitern⸗ den Geſprächen und ſüßen Träumereien einer angeneh⸗ men Zukunft. um dieſelbe Zeit ſaß der Adept in ſeinem Gemache; 171 auf dem Herde brannte ein Kohlenfeuer, üͤber welchem ein eiſernes, ſorgfältig verdecktes Gefäß ſtand, zum Fenſter herein wälzte ſich das letzte Roth des herandäm⸗ mernden Abends, und warf einen falben Schein auf das blaſſe Antlitz des ſchwarzbärtigen Mannes. Er hatte ein großes Buch vor ſich liegen, doch las er nicht in demſelben, ſondern hatte das Haupt auf beide Hände ruhen, welche auf dem Buche mit dem Ellbogen ge⸗ ſtützt waren. Tiefe Stille herrſchte in dem Gemache, ſelbſt das Athmen des Bewohners geſchah ſo leiſe, daß es dieſelbe nicht unterbrach; nach und nach begann es trüber und düſterer zu werden, dämmerndes Halbdun⸗ kel verbreitete ſich ringsumher, die Gegenſtände ver⸗ ſchwanden, ihre Formen verwiſchten ſich, und nur die Gluth des Kohlenfeuers bildete einen rothen Wider⸗ ſchein an der Wand, der jedoch kaum einige Schuhe im Umfange Licht zu verbreiten im Stande war. Der Adept erhob jetzt das Haupt und ſah in die Gluth, ſtand auf, nahm das Gefäß hinweg, legte friſche Kohlen auf, ſchirrte in der Eſſe, und begann die Kohlen anzublaſen; bald erglühten ſie, bläuliche Flammen ſchlängelten ſich über denſelben, und ver⸗ breiteten eine unſichere Helle in dem Thurmgemache. Medardus blieb an dem Herde ſtehen und verſank in Gedanken. Aber immer lauter wurden ſeine Empfin⸗ dungen, immer reger, deutlicher prägte ſich die Vor⸗ 15* 17 2 ſtellung in ſeiner Seele aus, bis er endlich in Worte ausbrach: Ich habe gethan, was ich vermocht, um an das Ziel meiner Wünſche zu gelangen, und es wird— es kann mir dieſes Mal nicht fehlſchlagen. Linzer iſt ganz in meiner Gewalt, die Gier nach Gold läßt ihn mit ſolcher Macht an mich hangen, daß ich mich wohl nur durch Flucht von ihm werde befreien können; ich will es auch, aber erſt will ich den Lohn ärnten für meine Mühen und Opfer, die ich ge⸗ bracht; erſt will ich ſchwelgen und genießen, und dann geſättigt, wie das Raubthier, wenn es von ſeinem Fange in die Höhle zurückkehrt, mich zur Ru⸗ he begeben, und glücklich ſein in der Erinnerung des genoſſenen Glückes und des erſtrebten Zieles. Doppelt ſüß ſchmeckt jene Frucht, um deren Beſitz man mit Ge⸗ fahr den Gipfel des Baumes erklimmen muß, wäh⸗ rend jene, die auf dem Boden liegen, und die man nur aufzuheben braucht, uns nicht anregen und reizen. Tritte auf der Stiege ſtörten ihn, er horchte, ſie kamen näher, die Thüre öffnete ſich, und der Ritter von Schrattenſtein trat in das Gemach. Warum ſo im Dunkeln, Vater Medardus? fragte er mit freund⸗ licher Theilnahme: die unſtäten Flämmchen geben kein hinlängliches Licht, um das Gemach zu erhellen, und Ihr wißt, ich bin nicht der Mann, dem es eingefal⸗ 173 len wäre, dort zu knauſern„wo es die Bequemlich⸗ keit lieber Gäſte betrifft! Eure Großmuth iſt längſt anerkannt, verſetzte der Adept, es iſt nur meine Schuld, daß ich keine Lampe angezündet, denn im Dunkeln ſieht der Geiſt viel heller; wenn das irdiſche Auge blind iſt, dann hat das geiſtige den größten Scharfblick! Ich bin um ſo reicher an Gedanken, meine Vorſtellung iſt nie ſo lebendig, als wenn mich tiefe Dunkelheit um⸗ fängt, das Auge in den Banden der Nacht ſchmach⸗ tet, und an ſeiner Stelle der Geiſt thätig wird. Die Gelehrten, begann der Ritter, haben ſich ſtets durch Eigenheiten und Grillen hervorgethan. Bei mir iſt es nicht ſo; wenn ich mein Auge ſchließe, komme ich mir immer wie ein Maulwurf vor, der wühlt, ohne zu wiſſen, in welcher Erde, oder nach welcher Gegend er ſeine Richtung nimmt; das Auge iſt das Köſtlichſte und Nothwendigſte, was ich beſitze, ohne Sehvermögen würde ich augenblicklich auf das Leben verzichten. Sagt mir aufrichtig: würde Euch der Wein ſo munden, wenn Ihr ihn nicht ſchäumen ſähet, Perlen werfen in dem güldenden Pokal? Eben das Geſicht iſt es, welches den Gegenſtänden den größten Reiz verleiht; Alles, was Euch vergnügen ſoll, müßt Ihr ſehen, die Freuden, bei denen das Geſicht thätig iſt, ſind mir die angenehmſten. Mir 174 wäre es daher unausſtehlich, im Dunkeln zu weilen; wenn das Auge unbeſchäftigt bleibt, bin ich nichts; um mich muß es Licht ſein, in der Finſterniß fühl' ich mich unheimlich, Grabesſchauer umwehen mich, Todesahnungen werden wach; Licht, hell muß es ſein, dann kenn' ich weder Scheu noch Furcht, dann ſtell ich meinen Mann! Wenn es dunkel iſt, ſo kann jeder Schurke mich umſchleichen, mir eine Schlin⸗ ge legen, und mich überwältigen. Ihr ſprecht von Dingen, verſetzte der Adept, bei denen Ihr auch zum Theil Recht haben möget. Wo es den Körper und das Blut gilt, da iſt das Auge das Höchſte, das Unentbehrlichſte; ganz anders iſt es dort, wo der Geiſt zu wirken hat, wo der innere Blick ſich aufthut, da wird der von Außen entbehrlich, überflüſſig, ja faſt hinderlich. Im Den⸗ ken muß man das Auge ſchließen, muß man ſich ganz über die Erde erheben, muß man nicht mehr dieſer Welt angehören; und wenn dieß der Fall, wo⸗ zu dann das Auffaßen gewöhnlicher Gegenſtände, wozu dieſe Eindrücke von Außen, die uns von der Höhe, auf die wir uns vielleicht mit Mühe empor⸗ geſchwungen, herabzerren? Während dieſer Rede hatte Medardus eine Lam⸗ pe angezündet und auf die Tafel geſtellt, der Ritter nahm einen Lehnſtuhl ein und ſprach: Ihr habt 175 alſo nachgedacht, als ich eben eintrat? Und worüber? darf ich es wiſſen? O ja! entgegnete der Adept; ich überlegte den Weg, den ich ferner einzuſchlagen habe, um zum Ziele zu gelangen! Wird dieſer Weg noch lange ſein? Wir dürften eher zum Zwecke konmen, als wir ſelbſt glaubten. Ihr habt alſo die Tinktur ſchon gefunden? Welche Tinktur? fragte Medardus überraſcht. Die Goldtinktur! verſetzte der Andere erſtaunt. Ah, meint Ihr die? Nein, ich habe ſie noch nicht vollkommen, aber die Spur iſt untrüglich, ſie darf nur verfolgt werden, und der Stein der Weiſen iſt entdeckt! Und woraus erhaltet Ihr die Tinktur? Von Arſenik, erwiederte der Adept, und gehört für den Merkur; wenn dieſer zeitig und vereiniget wird, ſo enthält er weißen Schwefel, aus dem man Silber machen kann, ſteckt er jedoch voll rothen Schwefels, ſo kann man Gold erzeugen. Die Tink⸗ tur bekömmt man zu allererſt von Menſchenblut, be⸗ ſonders wenn es aus dem Morgenlande ſtammt, ſie iſt die am meiſten rothe Arſeniktinktur, der erhöhte Merkur. Schon Kaiſer Kajus ließ aus Sirien ſol⸗ chen Arſenik in Menge bringen, um Gold zu erzeu⸗ 176 gen. Deßhalb ſpricht auch Teophraſtus Para⸗ zelſus:„Damit Du meine Meinung recht einneh⸗ „meſt; Du mußt Deine Leute im Orient zu dieſer für⸗ „genommenen Arbeit ſuchen, und den Adler gegen „Mittag. Wirſt dazu keine tauglicheren Inſtrumen⸗ „ten ſinden, als Ungarn, und Iſtria oder Kärnthen. „Begehrſt Du aber ſolches aus der Einheit, durch „die Zweiheit in Dreiheit zu bringen, ſo richte Dei⸗ „nen Weg gegen Mittag, dann wird in Cypern Dein „Wunſch zu Theil werden. Wann Du aber das „Alles nach rechtmäßiger Verwechslung unter das „Verhältniß von Eins zu Zwei haſt zuſammengefügt, „wird noch nichts ausgerichtet ſein, Du richteſt dann „Deinen Weg aus Hydria gegen Mittag, damit Du „in Cypern Deinen Wunſch mögeſt erlangen.“ Wozu ſoll der Weg aus Hydria? fragte der Ritter. Weil dort der beſte Merkur gegraben wird, lau⸗ tete die Antwort; dieſer alte Scribent beſtätiget: er ſelbſt habe es mit eigenen Händen betaſtet, und mit eigenen Augen geſehen, wie Queckſilber, welches im Gewichte tauſendmal größer war, wie die Tinktur, doch durch die Tinktur in Gold verwandelt worden ſei.„Nämlich— fo fährt er fort— Medardus „begann aus dem Buche zu leſen— er hatte die „Farbe von Safran, war ſchwer im Gewichte, und —— 177 „glänzte wie zerſtoßenes Glas, wenn es nicht recht „klein zerrieben iſt; es wurde mir einmal der vierte „Theil von einem Gran davon gegeben, und ich „nenne einen Gran den ſechshundertſten Theil einer „Unze.— Daſſelbige Pulver wickelte ich in Wachs, „ſo ich ungefähr von einem Briefe abkratzte, damit es „nämlich, wenn ich es in den Tiegel würfe von dem „Kohlendampf nicht zerſprengt werden möge. Solches „Wachsküglein warf ich auf ein halbes Pfund heiß ge⸗ „wordenen Queckſilbers, welches ich ganz friſch dazu „gekauft hatte, in einen dreieckigen, gemeinen Tiegel, „da begann alſobald das ganze Queckſilber mit einigem „Gebroddel, von ſeinem Fließen ſtill zu ſtehen, und „ſetzte ſich wie ein dicker Brei. Es war aber die Hitze „dieſes Queckſilbers ſo groß, als ein geſchmolzenes Blei „bedarf, damit es nicht geſtehe oder hart werde. Bald „darauf ſtärkte ich das Feuer mit Zublaſen, und ließ „das Metall ſchmelzen; nachdem ich den Tiegel aus⸗ „goß, fand ich, daß es an Gewicht hatte acht Unzen „des allerreinſten Goldes. Darauf machte ich die Rech⸗ „nung, und fand: daß ein Gran von dieſem Pulver, „19,200 Gran von dem Unmuß und flüchtigen Metall, „welches im Feuer leicht fortgeht, ſich in wahrhaftes „Gold verwandelt. Nämlich dieſes Pulver, ſo ſich „mit obgemeldetem Queckſilber vereinigt, hat ſolches in „einem Augenblick ſo zugerichtet, daß es in Ewigkeit 178 „nicht mehr roſten, noch faulen, noch ſterben, auch „durch das allerſtärkſte Feuer nicht mehr abnehmen „kann, alſo, daß es gewiſſer Maßen unſterblich ge⸗ „worden, es mag die Kunſt und das Feuer alle „Kraſt dawider anwenden, ſo nur immer möglich iſt. „Und iſt ſolches nunmehr dadurch in die jungfräuli⸗ „che Reinigkeit des Goldes verſetzt worden. Und iſt „Anderes nichts dazu vonnöthen als ein mittelmäßi⸗ „ges Kohlenfeuer!“ Linzer wurde durch den Gedanken an das Gold ſo erfaſt, daß er nichts vor ſich ſah, als den gelben Widerſchein, den dasſelbe in ſeine Seele warf. Wär' es möglich? ſo ſchnell und ſo leicht?— rief er— Ach, Medardus! wann werden wir zum Ziele gelangen? Die Erzeugung der Tinftur iſt das erſte und unerläßlichſte Bedürfniß, verſetzte der Adept, aber hiezu müſſen alle Umſtände günſtig ſein; es genügt nicht, ſich hin ſetzen und zu arbeiten beginnen. Da muß der Stand der Geſtirne, da müſſen die Zeichen des Thierkreiſes zu Rathe gezogen werden; und dieß iſt noch nicht der Fall, ſo günſtig haben ſich die Um⸗ ſtände noch nicht geſtaltet. Die Ungeduld des Ritters verrieth ſich allzu⸗ deutlich, und der Adept dieß bemerkend, fuhr fort: Warum ſeid Ihr ſo unruhig, Herr Linzer? In un⸗ ſerer Kunſt läßt ſich die Gelegenheit nicht ſo vom 179 Zaune brechen; da heißt es harren und forſchen, bis der günſtige Augenblick gekommen iſt. Iſt es doch im gewöhnlichen Leben auch nicht anders; wie lange wird ſich mein armes Kind abquälen müſſen, bis es an's Ziel gelangt, zu dem ſeine unzähmbare Leiden⸗ ſchaft es hinreißt. Liana ſoll bald meine Gattin werden, erwiederte der Ritter, und wenn Ihr mich nicht länger auf den Stein der Weiſen harren laßt, als ich ſie auf den erſehnten Brautring, ſo werden unſere Wünſche bald befriedigt ſein!— Der Adept gab ihm hierauf keine Antwort mehr, ſondern begann wieder zu leſen, zu erklären, und ſein Decoct in dem Eiſengefäße zu prü⸗ fen, bis den Ritter das unverſtändliche Studium zu langweilen begann, und er ſich entfernte. Einige Tage vergingen, indeſſen war Gertrude von Stunde zu Stunde wohler geworden. Den Rit⸗ ter traf die Nachricht ihrer gänzlichen Geneſung wie ein Schlag aus heiterem Himmel; er war ihres Hinſiechens ſo gewiß, daß er es nicht einmal für nothwendig hielt, ſich während der ganzen Friſt ihres Unwohlſeins nach ihr zu erkundigen; um ſo mehr raste er jetzt und ſchäumte vor Wuth. Medardus war eben anweſend als er die Nachricht erhielt, der Ritter rief ihm zu: Wohlan! jetzt iſt der Augenblick erſchienen! Ihr ſollt ſehen, was ich für Euer Kind 180 zu thun im Stande bin; da mich der Himmel nicht von der unlieben Laſt befreit, ſo will ich es ſelbſt thun! Medardus erſchrack. Wie? Ihr wollt? rief er, kaum ſeinen Ohren trauend. Ja, antwortete Linzer, ich will erzwingen, was mir auf gütlichem Wege das Glück verſagt. Gertrude muß von hinnen, muß aus dieſem Leben! Medardus bebte vor Schrecken; er vermochte in den erſten Augenblicken kaum einen Entſchluß zu faſ⸗ ſen, dann aber verſetzte er: Ihr wißt, wie nahe mich das Glück meines Kindes berührt, aber trotzdem kann und werde ich Euren Entſchluß nie billigen; morden dürft Ihr ſie nicht, denn ſo Ihr dieſes thut, iſt all' unſte fernere Mühe: die Goldtinktur zu er⸗ langen, vergebens. Wie ſoll ich mich aber doch von den drückenden Banden befreien? fragte der Ritter. Ueberlaßt dieß mir, verſetzte der Adept, gebt mir Vollmacht, mit Eurer Gemahlin nach meinem Ermeſſen ſchalten zu dürfen, und Ihr ſollt von ihr befreit werden auf immer! Wie wollt Ihr das beginnen? Ich werde ſie zwingen, dieſe Burg zu verlaſſen. Haben wir ſie einmal außer dieſen Mauern, dann werde ich ſie Händen übergeben, aus denen ſie nim⸗ mer wiederkehren ſoll. Wir Beide müſſen rein von —— 181 Mord bleiben, ſoll das Wichtigſte unſeres Vorneh⸗ mens nicht mißlingen! Linzer willigte ohne Bedenken in das Verlangen ſeines künftigen Schwiegers. Ueberliefert mir die Schlüſſel zu Eurem Verließe, und ſtellt mir zwei Eurer vertrauteſten Knechte zur Verfügung! Auch dieß that der Schurke; er hätte in dieſem Augenblicke auf ſein halbes Gut verzichtet, nur um des ungeliebten Weibes los zu werden. Medardus verließ ihn mit triumphirender Miene. So nahe dem Glücke, rief er bei ſich, und der Elende hätte mich bald für immer von demſelben abgeſchnitten! Eine Perle tritt er mit Füßen, um einen werthloſen Stein aufzuheben, und in Gold zu faſſen. O Gertrude! Du haſt viel gelitten, allein Du haſt es verſchuldet; Dein Elend komme über Dich, Deinen Tod, bleibſt Du hartnäckig, wie Du geweſen, wirſt nur Du ſelbſt herauf beſchwören! Sonderbar Geſchick, fuhr er kopf⸗ ſchüttelnd fort, er beſaß, wofür ich glühte, und ſah es mit gleichgültigen Blicken an; ja, er haßte die, die ich anbethete! Er iſt froh, ſich von dem verab⸗ ſcheuten Joche losreißen zu können, und ich ſchmachte darnach, wie der zur ewigen Höllenqual Verurtheilte, nach dem lieben, blauen Himmel, nach einem fri⸗ ſchen, kühlenden Lüftchen lechzt; ich aber hab' Liana, das Mädchen in deſſen Beſitz Er wieder ſein Glück 182 zu finden träumt, ſie iſt mein Eigenthum, und ich verſchmähe ſie; ſie iſt mir gleichgültig, wie das Blatt, welches der Wind vom Baume weht; ſo hat jeder das, was den Andern glücklich macht, jedem iſt zur Laſt, was der Andere wünſcht, jeder wirft von ſich was der Andere wie Gold ſucht; warum hat das Geſchick ihm nicht Liana und mir Gertrude gegeben? Wäre dann nicht des Kämpfens und des Ringens viel erſpart geweſen? Nein, gewiß nicht! Denn ge⸗ rade das, was der Menſch beſitzt, weiß er nicht zu ſchätzen, er ſtrebt nach verbothner Frucht, nach frem⸗ dem Gute, und ringt lieber darnach, ehe er ſich mit dem Eigenthum in Zufriedenheit begnügt. Ja! Zu⸗ friedenheit! Wo iſt der Menſch, der zufrieden iſt? ich will ihn als ein Wunderthier verehren und ſeinen Namen in allen Ländern künden! Eben weil der Menſch ſo unvollkommen iſt, weil ſelbſt für ſei⸗ nen Geiſt, dem gottentſtammten Theil, ſo viel zu wünſchen noch erübrigt, eben deßhalb kann er nie zufrieden ſein, ſchon in dem Streben nach Vervoll⸗ kommnung Seiner ſelbſt, in dem ewigen Jagen nach dem Wilde„Glück“ liegt ein nie vergänglicher Stoff zur— Unzufriedenheit! Während die Bosheit zu ihrem Untergange und Verderben Pläne ſchmiedete, freuete ſich Gertrude ih⸗ rer Geneſung. Wohl hatte ſie wenig Gutes und Er⸗ E ——„——„„——— 183 freuliches zu erleben, allein, daß der Himmel ſie noch leben ließ, galt ihr als Beweis: daß er ſie noch wür⸗ dige, ihm ferner durch Gebethe und Wohlthun zu die⸗ nen, und ſo lange Waldfräulein kam und ging, und nur ſelten ausblieb, hatte ſie ja das untrüglichſte Zei⸗ chen von ſeiner Gnade und Barmherzigkeit. Am zwei⸗ ten Abende nach ihrer vollkommenen Geneſung befand ſie ſich allein in ihrem Kloſett und betete. Sie hatte an Weltliches zu denken ſo verlernt, daß es ihr ſchon faſt ſchien, als ob ſie ganz allein auf dem Schrat⸗ tenſtein wäre, und weder ihr Gemahl, noch die beiden Gäſte mehr anweſend ſeien; ſie that ſich Anfangs auf Juttas Zureden den Zwang an, an nichts zu denken, was ihr Herz natürlich verletzen mußte, und es gelang ihr. Sie riß die Giftwurzel aus dem Buſen, und pflanzte das heilige Symbol des Erlöſers an die Stelle, ſie verzichtete auf alles Erdenglück, und forderte nur eine Betſtelle, um ſich dem Himmel befreunden zu können. Die gekränkte Gattin erhob ſich eben von der Andacht, als ſich die Thüre öffnete, und der Adept hereintrat. Die Dame erbebte vor Schreck, dann aber röthete ſich die ſchöne Stirn in unverhohlenem Zorn, und ſie rief: Ihr wagt es, zu dieſer Stunde in mei⸗ nem Gemache zu erſcheinen? Fort, entfernt Euch— Ruhig, Frau Gertrude! unterbrach ſie Medardus, ich habe mit Euch zu unterhandeln! 184 Ich will nichts! Fort aus dieſem Kloſett, ſchändet nicht die Ehre der Hausfrau, ich mag mit Euch in keine Gemeinſchaft treten, ich mag mit dem Vater nicht unterhandeln, deſſen Tochter, meines Gatten— Sie vermochte nicht weiter zu ſprechen, die unter⸗ drückte Wuth, war aller Feſſeln ledig, erwacht und losgebrochen. Der Adept blieb ruhig und ließ ſie gewähren, dann aber ſprach er: Und doch kann ich mich nicht entfernen; Ihr müßt mich anhören! Ich muß? rief Gertrude, noch mehr aufgeregt als früher, wer kann mich zwingen? Euer Gatte! Mein Gatte? Ich kam auf ſeinen Befehl! ſprach Medardus gedehnt.— Die Dame ſeufzte tief auf, ſank erſchöpft auf den Stuhl und ſprach ſtotternd: Wenn mein Gemahl Euch ſandte, dann freilich muß ich Euch an⸗ hören; wehe mir und ihm, daß er, um zu mir zu ſprechen, ſich fremder Lippe und Zunge bedienen muß! Sie verhüllte ſich die Augen und begann bitterlich zu weinen; die Thränen galten ihrer eigenen, hülfloſen Lage, der Schmach, welche ihr jetzt wieder geworden war; die ſie dulden mußte, ohne ſie abwehren zu können, die ſie über ihr Haupt mußte hinwegziehen laſſen, ſo wie der Laydmann ein Hagelgewölk, das den letzten Reſt ſeiner Saaten vernichtet, und dem er — 185 doch nicht einzuhalten, befehlen kann. Der Adept unterbrach die Stille nicht, ſondern hörte das laute Schluchzen der Dame ruhig an, manchmal flog ein Zug von Hohn um ſeine Lippen, allein er verwiſchte ſich im Augenblick, und verflog wie der Hauch auf einem glatten Spiegel. Gertrude trocknete ſich jetzt das Auge, erhob das Antlitz und ſah den Mann an, dann ſprach ſie, mit Ergebung zwar, doch nicht ohne Bitterkeit: Was wünſcht mein Herr und Gemahl, daß er ſich nach Wochen wieder Meiner erinnert? läßt er mir ſein Bedauern melden, daß ich geneſen bin? hat er es noch nicht vergeſſen, daß er eine Gattin beſitzt, welche Rechte auf ihn hat, Rechte— denen ſie nie entſagen, die ſie nie aufgeben wird? Sprecht, hochgelahrter Herr! was bringt Ihr, was habt Ihr mir zu ſagen?— Medardus erwiederte: Hört mich ruhig an, Frau Gertrude! und es ſoll Euer Vortheil ſein; ereifert Euch nicht, denn es frommt Euch nichts und führt zu nichts. Ich bin hier nicht nur im Auftrage Eures Gatten, ſondern auch mit ſeiner ganzen Machtvoll⸗ kommenheit, zu handeln und zu verfügen nach meinem Gutdünken und Ermeſſen. Gertrude erblaßte. Sprecht! Erklärt Euch deut⸗ licher! ſtotterte ſie 16 186 Ihr ſollt es gleich hören. Vor Allem ſagt mir, Frau Gertrude! kennt Ihr mich? Die Dame ſah ihn an und blieb ſtumm und regungslos. Kennſt Du mich, Weib? fragte der Adept noch einmal, allein mit viel kräftigerer Stimme wie früher; ich bin— Wolf von Wildenberg! kreiſchte jetzt Gertrude ihn erkennend, und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Ja, ich bin der Genannte! verſetzte der Ver⸗ kappte, ich bin Wolf von Wildenberg, den Du ver⸗ ſchmäht haſt, und der Dich dennoch nicht vergeſſen konnte. Ich war jener Einſiedler am Schrattengraben, der blos, um Dir nahe zu ſein, das härene Gewand anzog, und ſich dem Mangel Preis gab; ich habe Dir damahls den hoffnungsloſen Zuſtand meines Herzens enthüllt, und Du haſt mich zum zweiten Mal verworfen. Da erwachten Haß und Rache in mir, ich entwarf einen großen Plan, um Dich zu vernichten, und Du ſiehſt, wie trefflich er mir gelungen iſt. Einer meiner Freunde lockte Linzern aus der Burg, und lud ihn ein, ihm zu einem Stauß zu folgen. Er verließ den Schrattenſtein; ſie zogen in die Steier⸗ mark, und kamen dort einem Grafen zu Hülfe, der eben ſeinen Nachbarn bekriegte, dieſer aber war mit uns ſchon im Einverſtändniß, ich befand mich als 187 Adept verkappt auf ſeiner Burg, und um Deinen Gatten noch mehr zu feſſeln, nahm ich ein armes Mädchen zu mir, welches ich für meine Tochter aus⸗ gab. So wie Du mich verſtoſſen, ſo ſollteſt Du auch von Demjenigen verachtet werden, den Du mir vorgezogen; die leichtſinnige Liana warf ihr Netz nach dem Ritter aus, und er fing ſich ohne Mühe darin; wie wenig er Dich je geliebt, magſt Du aus dem erſehen, daß es einer ſolchen Dirne gelang, ihn ſo zu bezaubern, daß er ſie und mich hieher auf ſeine Burg nahm; dieß war mein Zweck: Dir nahe zu ſein; Dir ſagen zu können, wie unendlich ich Dich liebe, und wie ſehr Du mir Unrecht gethan, das wollte ich! Elender! rief Gertrude, von dem Schrecken kaum zu ſich kommend, und Du wagſt es noch das Schändliche Deines Bubenſtückes vor mir zu entfalten, mir Alles zu geſtehen? Wagen? Giebt es da für mich Etwas zu wagen? fragte Wolf erſtaunt; geh hin, verſuch es doch, ſprich zu Deinem Gatten:»Medardus iſt Wolf von Wil⸗ denberg.« er wird Dich faſſen, und Dir den Dolch in den Buſen ſtoßen; denn wär' ich nicht, Du wäreſt heute ſchon ein Kind des blaſſen Todes geworden! Gertrude erbleichte noch mehr, ihr Blut wich aus den Adern und drängte ſich nach dem Herzen zu— ſie war vollkommen vernichtet! Sie durchſah im Augen⸗ 16* 188 blicke das verwerfliche Handeln ihres Gemahls, und den Beweggrund Wildenbergs: ihr, ihm gegenüber, das Leben zu erhalten; ein unendliches Weh zog bei dieſem Gedanken durch ihre Seele; alſo nichts, gar nichts mehr war ſie ihrem Gatten? nicht einmal das Recht des Menſchen ehrte er in ihr? ſie war geächtet, wie über eine gejagte Hündinn ſchickte er den wilden Jäger über ſie, und gab ſie der Dolchſpitze jedes Einzelnen Preis. Von dieſen Erwägungen niedergedrückt, verlor ſie allen Muth, und beſchloß mit leidender Ergebung ſich in ihr Geſchick zu fügen. Wildenberg, abwartend, welchen Eindruck ſeine Rede auf Gertruden machen würde, be⸗ lauſchte jeden Zug, jede Veränderung auf ihrem Ant⸗ litze, ihr Gefühl konnte ihm nicht entgehen, er ſah es, und triumphirte; denn gedemüthiget, verlaſſen wie noch nie, ſtand ſie ihm gegenüber. Jetzt war ſie vollkommen vernichtet, ganz ſeiner Willkühr anheimgeſtellt; ſie mußte von ihm Rettung annehmen, ſeine Rache hatte das ihre, nun wollte er der Liebe genügen, Gertrude ſollte die Seine werden! Nach längerem Stillſchweigen ergriff er wieder die Rede und ſprach: Ihr habt Euch, wie ich vermuthe, wieder erholt, und ſeid Eurer Sinne voll⸗ kommen mächtig; nun ſprecht, gelaſſen, aufrichtig, be⸗ reuet Ihr es noch nicht, daß ihr dem Schrattenſteiner Eure Hand gegeben? Wenn ich Etwas zu bereuen hätte, verſetzte Ger⸗ 6 189 trude mit einem Blick der Verachtung, ſo wären es jene Augenblicke, die ich, Euch gegenüber, wenn auch gezwungen, zubringen mußte. Alſo noch immer der frühere Trotz! fuhr Wolf auf. Noch immer, und auf ewig! verſetzte die Dame. Erbärmlich wie Keiner je im Leben, ſteht Ihr mir ge⸗ genüber, und wollt mich zwingen zu dem, was ich freiwillig verſagte; habt Ihr ſchon vergeſſen, wie ich in der Klauſe gehandelt, und Ihr ſeid noch toll ge⸗ nug, zu hoffen? Elende! rief Wildenberg, Du wagſt es noch, mich an jene Augenblicke zu erinnern? Nun keine Schonung mehr! Sieh hier dieſe Schlüſſel, Gertrude! ſie führen in das tiefſte Verließ Deines Gatten, vor der Thüre außen ſtehen zwei Knechte, die meines Be⸗ fehls harren; von Deinem Gatten iſt Dir der Hun⸗ gertod zugedacht, ich laſſe Dir aber noch die Wahl zwiſchen ihm und mir. Das Lachen einer Verzweifelnden rang ſich jetzt aus ihrer Kehle hervor. So recht!— rrief ſie— Ritter von Wildenberg! jetzt gefällſt Du mir, jetzt ſtehſt Du Deiner würdig da, nun biſt Du ganz auf dem Platze, füt welchen Du geboren ſcheinſt; zum Henkersknecht taugſt Du, und nicht zum edlen Mann, zum verworfenſten Geſchäfte in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft biſt Du geboren, und nicht zum ritterlichem 190 Gewerbe; hier bin ich, hier ſteht das Opfer bereit, führ' mich fort in die ewige Nacht! Wildenberg ſchäumte vor Wuth, doch ſah er ein, daß dieſe verzweiflungsvolle Aufregung ſeiner Geg⸗ nerin nur einige Augenblicke währen könne, und blieb deshalb ruhig; und wirklich wie zu ſich kommend aus einem ungewöhnlichen Zuſtande, fuhr Gertrude jetzt zuſammen und ſank kraftlos auf ihren Sitz, ihre Kraft war gebrochen, aber der Wille ſtand feſt. Sie ſah den Mann ihres Haſſes mit ſtieren Blicken an, die ihre Erwartung ausſprachen. Euer Entſchluß? fragte Wolf höhniſch lachend. Sie ſchüttelte verneinend das Haupt. Soll ich Euch bis Morgen Zeit gönnen? Dieſelbe Bewegung, aber viel heftiger als früher. Ihr verſchmäht mich alſo? Ja! hauchte ſie matt hervor. Noch ein Wort, Gertrude! ſprach er, ging zur Thüre, und öffnete ſie; da ſeht hinaus! Die Dame kehrte mechaniſch das Haupt nach dem Eingange, und gewahrte zwei bewaffnete Kriegs⸗ knechte, welche außen auf ihre Spieße gelehnt, harrten. Wildenberg, die Thüre offenhaltend, rief: Nun Ger⸗ trude, Euer Entſchluß? Iſt unerſchütterlich! verſetzte die Dame monoton, und klammerte ſich krampfhaft an die Lehne des Sitzes. 5 131 In dieſem Augenblicke erklang vor dem Fenſter eine ſanfte Stimme, und ſang die Worte: Du haſt geſiegt und wirſt beſteh'n, Sie aber werden untergeh'n! Verdammt! dieſe Stimme! ſchrie Wolf von Wil⸗ denberg, es iſt die nämliche, die ich ſchon Einmal vernommen!— Gertrude erhob ſich raſch und rief mit freudiger Stimme: Mein Schutzgeiſt! Dein Teufel! heulte der Ritter, ich biethe ihm und dem Himmel Trotz! Herein, herein ihr Knechte! faßt ſie, knebelt ſie, macht ſie ſtumm, ſchleppt ſie durch den öden Gang ins Verließ, gebt ihr ein Stück Brot zur letzten Nahrung, einen Krug mit Waſſer zum letzten Labetrunk! Die Herzloſen warfen ſich über die Unglückliche her und thaten wie der Ritter ihnen befohlen; willig ließ ſie es gewähren, und leiſtete nicht den geringſten Widerſtand; hatte ſie doch einen Troſt vernommen, dem ſie trauen durfte, der ſie nicht täuſchte. Die Knechte ſchleppten ſie fort, ihnen nach ſchritt der Adept, mit einem Windlichte; ihre Schritte ver⸗ riethen Eile, denn Niemand ſollte ſie bemerken, des⸗ wegen nahmen ſie auch ihren Weg über einen ſelten betretenen Gang der Burg, tiefe Stille umrang ſie, man hörte nur den hohlen Widerhall der Schritte, welche das Gewölbe wiedergab.— Jetzt langten ſie 182 bei einer Treppe an, die in den Schooß der Erde führte, dieſe ging es hinab, bis ihnen eine Thüre ent⸗ gegenſtand. Wildenberg öffnete ſelbe, dumpfe Kerkerluft umfing ſie, Gertrude wurde von den Banden befreit, und mit ſchweren Feſſeln belaſtet. Sie war gefaßt und ruhig. Wir wollen ſehen— rief Wildenberg höhniſch— was Dein Schutzgeiſt vermag!— Dabei ſtieß er eine gellende Lache hervor, eilte aus dem Kerker, und die ſchwere Thüre fiel dröhnend ins Schloß. Gertrude war allein, verdammt zum Hungertode. 13. Eine Thrän' im Auge zittert, Laut das Herz im Buſen ſchlägt; Bangend harrt ſie, tief erſchüttert, Denn ſte iſt zu ſehr bewegt⸗ Soll ſie klagen, ſoll ſie beten? Soll ſie ihm entgegen treten? Soll ſte zürnen, ſoll ſte grollen? Ach! dieß wird das Herz nicht wollen! Bans Poſtl war noch immer unſchlüßig, ob er je⸗ nen Vorfall in dem unterirdiſchen Tempel, und über⸗ haupt das Begegnen der wunderhübſchen Mädchen⸗ geſtalten zu ſeinen wirklichen Erlebniſſen zählen, oder einem böſen Traume zuſchreiben ſollte; jedes Falls beunruhigte ihm die Sache ſehr, und er begann öfter und mit mehr Gefühl an das arme Mädchen zu den⸗ ken, welches er in Würflach verlaſſen hatte. So oft er nun Frau Jutta zu Geſichte bekam, entſann er ſich des Vorfalls von Neuem, und trug immer heißeres Verlangen nach der Löſung des Räthſels, denn daß ſie, was ihm nun immer begegnet ſein mochte, von Allem in Kenntniß ſein mußte, das bezweifelte er nim⸗ mer, da er ſich nur zu gewiß bewußt war, an ihrer 17 194 Seite die Burg verlaſſen zu haben, und von ihr ver⸗ lockt worden zu ſein; aber die Alte wich ihm aus, er konnte ſie nie allein ſprechen, und mußte ſich alſo ei⸗ nige Tage mit ſeiner Neugierde und Unruhe herum⸗ trage. An einem Nachmittage ſchritt durch den Schrat⸗ tengraben ein Mädchen in ländlicher Tracht, jedoch wintermäßig verhüllt, weil ein ſcharfer Luftzug durch das Gebirge wehte, und Alles vor Froſt erſtarren machte, was ſeinem eiſigen Odem ausgeſetzt war. Das Mägdlein war ein üppiges Geſchöpf, von run⸗ den Formen, ein Paar pausbäckigen Wangen, ſchwarzen Feueraugen und einem recht zuthunlichen Weſen: aber trotz ſeinen etwas unfeinen Zügen war doch ein ſchwer⸗ müthiger Hauch auf dem Antlitze nicht zu erkennen, und dieſer ſowohl, als die Bläſſe der Farbe, verriethen Kummer und Kränkung; im jetzigen Augenblicke, von dem ſcharfen Wind angeweht, konnte man dieß freilich nicht ſo leicht erkennen. Das Mädchen ſchritt mit ausgiebiger Schnelligkeit durch die Schlucht, guckte neugierig nach allen Seiten, ſeufzte manchmal, hielt ſich jedoch keinen Augenblick auf, ſondern ſetzte ſeinen Weg weiter fort. So gelangte ſie zum Fuße jener ſteilen Anhöhe, auf welcher der mächtige Schratten⸗ ſtein thront, und faſt wurde es ihr ſchwindelig, als ſie ſo hoch hinaufſchauen mußte, um nur den Ort zu 153 ſehen, zu dem ſie auch gelangen wollte. Maria und Joſeph! rief ſie, ihre Hände zuſammenſchlagend, ſo hoch hat ſich der Schelm verſtiegen, und ich ſoll ihm nun nachklettern? Hat der wortbrüchige Tauge⸗ nichts dieß verdient? Wer hätt' es je geglaubt, daß der Burſche ſo pflichtvergeſſen handeln würde? Ich habe ihm getraut wie meinem Bruder, habe auf ihn gebaut, wie auf feſten Grund und Boden, und er— er macht einen Schelm, läuft fort, läßt mich zurück, wie eine junge Wittib und denkt: Die kann lange harren, bis ſie mich wieder zu Geſichte bekommt!— O nur ſachte, mein Hänschen! Lisbertha wird dir ſchon ein Stücklein herabpfeifen, daß dir Ohren und Augen aufgehen ſollen wie zwei Kellerthüren, denn wahrhaftig, die führen auch zu einem finſtern, falſchen Herzen, wo wie in einem Keller nur die Schlangen: Falſchheit und Betrug niſten, aus dem jedes redliche Gefühl verbannt iſt; denn wär' dieß nicht der Fall, Du hätteſt Dich nicht ſo aufs Nimmerwieder⸗ kommen fortſchleichen können, um einem Fräulein nach⸗ zulaufen!— Sie hielt inne, Thränen erſtickten ihre Stimme, die theils dem Liebesſchmerz, theils aber ei⸗ nem bisher zurückgepreßten Groll ihren Urſprung ver⸗ dankten; aber Lisbertha faßte ſich gleich wieder, wiſchte ſich die Wangen trocken, und fuhr in ihrem Selbſtgeſpräche fort: Jo, ich will nicht vergebens ſo 1896 weiten Weges hergekommen ſein; im letzten Augen⸗ blicke ſoll mein Entſchluß nicht geändert werden, ich will hinauf, will ihm gegenüber treten, will ihn an⸗ ſehen, wie die Katze den Vogel im Käfig, und will reden, ſo lange meine Zunge ſich nur bewegen kann, und ſo lange meine Kehle nicht vertrocknet iſt. Warte nur, Hans Poſtl! Du ſollſt bereuen, was Du ge⸗ than; mich zu hintergehen, ſo falſch, ſo meineidig an einem armen Mädchen zu handeln; und weßhalb? um ſich an ein Fräulein zu hangen, die ihn vielleicht verſpottet und verlacht hat; wenn ſie es nur gethan hätte, wenn ſie ihm nur eine Naſe angedreht, die ihn für immer zeichnete vor allen ehrlichen Menſchen⸗ kindern, damit man ſchon auf eine halbe Stunde den Meineidigen erkennen, und ſich vor ihm wahren könne! Nach dieſem etwas boshaften Wunſche raffte ſie ſich wieder zuſammen und begann die Höhe hinaufzuklet⸗ tern; mühſam ſtieg ſie den ſteilen Fußpfad hinan, blieb zuweilen ſtehen, blickte vor ſich und zurück, manchmahl wurde ſie von einer gewiſſen Scheu ergriffen, die, ſie umzukehren, beredete; allein ſie erkräftete ſich bald wie⸗ der, und ſetzte den Weg weiter fort. So langte ſie vor dem Thore an, ein Knecht befand ſich außerhalb deſſelben und war mit Ausbeſſerung des Seitenganges beſchäftiget. Lisbertha näherte ſich demſelben ſchüchtern, denn ſie war nur da redſelig und zuverſichtlich, wo es 197 ihre verwundbare Seite, ihre Liebe, betraf. Was ſuchſt Du, ſchmucke Dirne? fragte der junge Arbeiter, willſt in die Burg hinein? Wenn dieß der Schrattenſtein iſt, verſetzte das Mäd⸗ chen, ſo möchte ich wohl hinein! Was haſt Du drinnen zu ſuchen? O viel! ſehr viel! rief die Würflacherin ſich er⸗ eifernd, aber ich fürchte, daß ich es nie mehr finden werde. Sagt mir doch, iſt der Hans Poſtl noch da? I freilich, entgegnete der Burſche, er iſt im Dienſte unſeres Gebiethers! Ja, ja, das weiß ich, verſetzte Lisbertha, ich wollte, er wäre auf der Wand,*) und nicht auf dem Schrat⸗ tenſtein, der ungetreue, wortbrüchige Schelm! Der Burſche ſchmunzelte und ſprach: Ach, iſt es ſo beſtellt! hat Dich der Poſtl ein wenig ſchmachten laſſen? Ein wenig? Iſt dieß etwa wenig, beinahe mehr als durch ein halbes Jahr! Du haſt den Weinzierl wohl lieb? Natürlich! er ſagt ja immer: er ſei der ſchönſte Burſche im ganzen Markte! Der ſchönſte Burſche? Er? der glatzköpfigſte, krummbeinigſte Schelm, der je in einer Rindshaut ein⸗ *) Eine ſteile Höhenkette in jener Gegend. 138 hergeſtiegen; ich meine nämlich die Schuhe, die er an den Beinen hat; Er will der ſchönſte Burſche ſein? Dann ſagt er auch, fuhr der Andere fort, er wäre wohlhabend, beſitze eine Heerde von Schafen,— Ochſen, Kühe und Kälber, ein ſchönes Gehöfte, und mehr der⸗ gleichen, aber man kann ihm natürlich wenig Glauben ſchenken, denn ſo oft er darauf zu reden kommt, hat er immer einige Stücke mehr, auch iſt ſein Gehöfte im⸗ mer größer und geräumiger geworden, bis er es endlich gar ein Schlößlein nannte. Lisbertha ſchlug die Hände zuſammen und rief: Hat man ſo Etwas je erlebt? der Hans Poſtl ſchön? der Hans Poſtl reich? Wenn ich dieß in Würflach wieder erzähle, ſo lacht jedes Kind darüber. Seht, Ihr ſeid auch ein junges Blut, und mögt mit dem Schelm vielleicht auf gutem Fuße ſtehen, deswegen will ich Euch gerathen haben: glaubt ihm nichts; das iſt ſeine böſeſte Seite, er lügt ſo oft er den Mund aufthut, be⸗ ſonders wenn es ſeine Perſon gilt; ſeht, was die kör⸗ perliche Schöne belangt, ſo werdet Ihr am beſten wiſſen, was davon zu halten iſt; er iſt mißgeſtaltet, und wird bei uns der verdrehte Hans genannt; außerdem iſt er arm, beſitzt gar nichts, iſt nackt wie eine Kir⸗ chenmaus, nicht einmal ein Hund gehört ihm, vielwe⸗ niger eine Heerde; nicht einmal eine Fußbreite Bodens, beſitzt er, um ſo weniger ein Gehöfte! Er hat gearbeitet 199 und ſich redlich genährt, bis ihm ein Fräulein in den Kopf geſtiegen war; ich habe ihm früher wohl gewollt, habe ſeinem Worte getraut, und gedacht; da wir Beide nichts beſitzen, ſo hätten wir uns ſpäter Eines dem Andern nichts vorzuwerfen, und deßhalb paßten wir wohl für einander; ich hing mich an ihn, denn mir gefiel es, daß er ſo arbeitſam war, und wir hätten uns, wären wir zuſammengekommen, recht wacker erhalten können, denn ich ſcheue Sonnenhitze und kalt Waſſer auch nicht. Aber was that der Prahlhanns? er ſetzt ſich ein unbekanntes Fräulein in den Kopf, läuft ihm nach, vergißt mich, und macht einen Aus⸗ reiſſer; das war zu viel, ſo was konnt' ich nicht er⸗ tragen!— Sie begann wieder zu weinen, und der Arbeiter tröſtete ſie; Du mußt Dich ob eines Bur⸗ ſchen nicht ſo kränken, ſprach er, iſt's Der nicht, ſo wird's ein Anderer ſein! Aber ich hab' den Lungerer ſo lieb gehabt! ſchluchzte Lisbertha. Iſt dieß der Fall, ſo wirſt Du ihm auch ver⸗ geben können; er hat für den dummen Streich genug gebüßt, doch dieß Alles ſoll er Dir ſelbſt erzählen; der wird ein Paar Augen machen, wenn er Dich er⸗ blickt? komm' mit, ich will Dich zu ihm führen, er wird eben in der Rüſtkammer zu thun haben. Der Burſche ſchritt voraus, Lisbertha ging mit 260 klopfendem Herzen an ſeiner Seite; ſo ſchritten ſe durchs Thor in den Burghof. Hanns Poſtl trat gerade aus einer der vielen Thüren in dem Hof und ſah das Paar einherkommen. Eine Schürze nur zu ſehen, war für ihn Beweggrund genug, daß er, um das Mädchen näher zu beäugeln, und ihm durch Zwinkern mit ſeinen Froſchaugen ſein Wohlgefallen zu erkennen zu geben, auf daſſelbe los⸗ ſtiefelte, um ihm mehr in die Nähe zu kommen. Bei meiner armen Seele! lispelte Lisbertha, das iſt er, ich erkenne ihn an ſeinen krumen Beinen! Bleib nur feſt und ruhig, ſprach der Andere, wir wollen ſehen, wie er ſich gebehrden wird. Der Weinzürl, nicht ahnend, welch ein Begebniß ihm bevorſtehe, kam mitlerweile wohlgemuth einher, doch blieb er plötzlich wie eingewurzelt ſtehen, riß den Mund auf, ſah das Mädchen ſtier an, und da die An⸗ dern ihm entgegen noch einige Schritte machten, ſo blieb er in dieſer regungsloſen Stellung ſtehen. Er hatte das Mädchen erkannt! Lisbertha fing zu weinen und ſchluchzen an, nicht etwa, als ob ſein Anblick ſie ſo gerührt hätte, denn Poſil hatte ſich gut ausgemäſtet; er beſaß nämlich die ſchöne Eigenſchaft einer Schmarotzerpflanze, aber ſein Stille⸗ ſtehen, daß er ihr nicht mit offenen Armen entgegen kam, das kränkte die Würflacherin, die in dieſem Augenblicke 3 201 gar nicht daran dachte, ihm die Wahrheit derb ins Geſicht zu ſagen. Da keines der beiden Würflacher mit der Rede einen Anfang machen wollte, denn Hannſens Gewiſſen mochte ihm wahrſcheinlich das Sprechen ein wenig ſchwer machen, da nahm der Dritte das Wort und ſprach: Hier haſt Du eine Bekannte, Hanns! ſchau, wie Du mit ihr draus kommſt; ich habe nicht Zeit, da ſtehen zu bleiben, und einen Narren anzugaffen! Nach dieſen Worten entfernte er ſich. Der Weinzürl kam zu ſich, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, kratzte ſich rückwärts den Kopf und ſprach Ich glaube, es wird gut ſein, wenn wir nicht hier mitten im Hofe ſtehen bleiben; es iſt nicht des Froſtes halber, denn mir iſt, dem Himmel ſei Dank! warm genug, aber was wir miteinander auszumachen haben, iſt immer beſſer, wenn es unter vier Augen geſchieht! Damit ſchritt er vorwärts, und das Mädchen folgte ihm nach. Als ſie in dem Kämmerchen anlangten, begann Lisbertha noch heftiger zu ſchluchzen, und ließ ihren Thränen ungeſcheut freien Lauf. Poſtl zupfte ſich am Ohr und rieb ſich die Wange, er wußte nicht, wie er beginnen ſollte, endlich ſprach er: Du wirſt vom weiten Weg ermüdet ſein, Lisbertha! ſetze Dich doch nieder! Dem Himmel ſei's geklagt! jammerte das Mäd⸗ 202 chen, ich bin nicht müde, Du haſt mich lang genug ſitzen laſſen! Poſtl tunkte mit dem Kopf, als ob er einem ge⸗ führten Schlage ausweichen wollte, und ſtotterte: Nun, nun, das iſt auch nichts ſo Arges! Dieſe wenigen Worte brachten die Würflacherinn auf einmal zu ſich, ſie erregten ihre Galle, wodurch ſie nicht nur Faſſung ſondern auch Kraft erlangte; was der Schmerz früher gebunden hatte, das löſte der Zorn mit einem Schlage; ſie begann wohl ſchluch⸗ zend, aber doch mit geläufiger Zunge: So? Das iſt bei Dir nichts Arges? Eine arme Dirne anführen, beſchwatzen, belügen, bethören, und zuletzt zum Ge⸗ ſpötte von Jung und Alt zurücklaſſen? Das iſt bei Dir nichts Arges, wenn man lügt und heuchelt, wenn man Einer die Ehe verſpricht, und einer Andern nachläuft? O Du ehrvergeſſener Schelm! wenn ich Dich nur nie kennen gelernt hätte! Poſtl ſtand bei dieſem Strafſermon wie von einer kalten Fluth übergoſſen, er wußte nicht, was er antworten, wie er ſich vertheidigen ſollte. Er ſah ſein Unrecht nur zu gut ein, war jedoch nicht geſon⸗ nen, es zu geſtehen, ſondern wollte, was gewöhnlich der Fall iſt, die Schuld einem Andern aufbürden; da er jedoch dem Mädchen, ohne ihr offenbar Unrecht zu thun, nicht nahe treten konnte, ſo wurde die Laſt auf 6 203 das ſteieriſche Fräulein gewälzt. Ich bin unſchuldig, ſprach er verlegen, die Steierin hat mich verlockt.— Lüge nicht, unterbrach ihn Lisbertha, ich weiß Alles, ich habe mit dem Fräulein geredet.— Wie? Du haſt?— rief Hanns erſtaunt, und das Mädchen fuhr fort: Ja, ſie hat mir Alles haar⸗ klein erzählt, und ſie hat mir auch zugeredet, hieher auf die Burg zu gehen, und Dich aufzuſuchen. O die Boshafte! knirſchte Poſtl mit den Zähnen, aber ſie ſoll es empfinden, ich will ihr meine Ver⸗ achtung zu erkennen geben! Dann begann er laut: Weißt Du was, Lisbertha! laß uns Frieden mitein⸗ ander ſchließen!— Ich will nicht, ich mag nicht! Warum biſt Du denn hiehergekommen? Weil— weil ich Dir meine Meinung ſagen und meine Verachtung zu erkennen geben wollte. Das hätteſt Du auch thun können, bis ich wieder nach Würflach komme.— Wann wird dieß geſchehen? Sobald mich der Ritter entläßt! Warum nicht gleich, oder Morgen wenigſtens? Das verſtehſt Du nicht, Mädchen; ich habe mich verpflichtet, auf die Zeit eines Jahres Dienſte zu thun, und muß meinem Worte nachkommen; thu ich es nicht, oder würde ich heimlich Reißaus nehmen, ſo laufe ich 204 Gefahr, auf eine unſanfte Weiſe abgeholt, zurückge⸗ bracht, und dann viel ärger als jetzt behandelt zu werden; deshalb iſt es ſchon beſſer, wenn ich meine Zeit in Geduld verlebe, und dann nach Würflach wiederkehre, um Dein Mann zu werden. Lisbertha ſah ihn an und ſprach: Du wollteſt mir alſo wirklich Dein gegebenes Wort halten? So wahr ich Hanns Poſtl heiße! rief der Wein⸗ zürl ernſt, Du und keine Andere ſollſt die Meine werden— das ſchwöre ich Dir! Das Mädchen ſchüttelte den Kopf und ent⸗ gegnete: Das haſt Du ſchon oft betheuert, ich habe Dir geglaubt, und mich betrogen.— Aber dieſes Mal ſollſt Du nicht getäuſcht ſein! betheuerte der Wein⸗ zürl, Du wirſt Dich überzeugen, ich ſtelle meinen Mann. Was man wünſcht, das glaubt man gern. Lis⸗ bertha reichte ihm die Rechte zur Verſöhnung, und Hanns Poſtl ſchloß ſie nach altgewohnter Weiſe in ſeine Arme; ein mißgünſtiger Zufall ſtreifte ihm bei dieſer Gelegenheit ſeine Gugel vom Kopf, und Lisbertha, die zufälliger Weiſe einen Blick auf denſelben warf, ſchlug beide Hände zuſammen und rief: Maria und Joſeph! was haſt Du mit Deinem Kopfe angeſtellt! Mit meinem Kopfe? wiederhohlte Poſtl fragend, und betaſtete denſelben, als wollte er ſich überzeugen, ob er noch auf demſelben Flecke ſitze. 65 205 Deine Glatze iſt ja beinahe doppelt ſo breit als ſie früher war! Was fällt Dir bei? rief Poſtel, indem er ſchnell die Gugel auf den Kopf pflanzte, ſie wird ja täglich kürzer, es macht daher nichts, wenn ſie auch Etwas an Breite zunehmen ſollte; da ſei Du ganz außer Sorgen; bis ich nach Würflach komme, werde ich ſchon Wolle auf dem Kopfe haben, wie ein junges Schäflein; ich habe ein Wäſſerlein, o das zieht die Haare ordentlich aus dem Schädel heraus. Da darf man nur Abends vor dem Niederlegen den Kopf etwas eintupfen, dann ihn mit einem Lappen warm verbinden, und ſich zur Ruhe begeben; ſo hat es mir die Alte befohlen, und ſo thu' ich es auch! O Hanns! Hanns! Du wirſt ſehen, Du kommſt anf dieſe Weiſe auch noch um Deine Paar letzten Här⸗ lein; laß das Schmieren und Tupfen, es nützt nichts, wer einmal ſeine Haare verloren hat, den keimen ſelten Neue wieder, beſonders wenn er einen ſo ſchlechten Grund und Boden hat, wie Du! Der Weinzürl merkte, daß das Geſpräch wieder eine für ihn unliebe Wendung zu nehmen drohte, und forderte ſein Mädchen auf, ihm doch ihre nähere Zu⸗ ſammenkunft mit dem ſteieriſchen Fräulein zu erzählen. Lisbertha that dieß. Indeſſen rückte der Abend heran, Hanns beſchloß ſein Mädchen über Nacht bei dem übrigen Mägden der Burg unterzubringen, damit ſie 206 dann am andern Morgen ungehindert ihren Weg nach Würflach antreten könne, er ſelbſt wollte ihr bald nachfolgen, denn er hoffte, die Freilaſſung aus dem Dienſt des Ritters zu erbitten. Lisbertha war f mit dem Erfolg ihres Ganges mehr als zufrieden, denn ſie hatte den Geliebten wiedergefunden; das Ge⸗ ſchehene verzieh ſie ihm gerne, da es keine fernere Folgen hatte, und Hanns Poſtl war ſeiner Seits auch ſo beruhigt und zufrieden, daß er ſich ſchon lange keines ſo angenehmen, erquickenden Schlummers er⸗ freut hatte, wie in derſelben Nacht. Am andern Morgen war Lisbertha zeitlich weg⸗ fertig, Poſtl geleitete ſie bis vor die Burg, die Ge⸗. liebte reichte ihm noch einmal die Hand, und ſprach: Ich verlaſſe Dich ungern, denn ich fürchte im⸗ mer, daß Du dumme Streiche machen wirſt; aber da Du mit mir nicht gleich fortziehen kannſt, ſo muß ich wohl von Dir ſcheiden, und Dich Dir ſelber wieder überlaſſen. Denke an Deine erneuerte Zuſage, und mache gut, was Du früher verſchuldet haſt. Der Weinzürl verſprach Alles was ſie begehrte, und ſie ſchieden, er in die Burg, ſie hinab ins Ro⸗. ſenthal, um gegen Würflach zu pilgern. Zu ſeiner Ehre müßen wir geſtehen, daß es dießmal ſein vpller Ernſt war, ſeine Zuſage zu erfüllen, und daß er ſie ſpäter in der That auch hielt! 65 14. Uicht jedes Rraut iſt Arzenei, Uicht jeder Traum iſt Phantaſei; Uicht Held iſt, der da tobt und flucht, Nicht jede Slüthe wird zur Frucht!— Micht Gold iſt Alles, was ſonſt glänzt, Und Sänger nicht, wenn auch bekränzt; Ja ſelbſt am Tode Täuſchung hängt, Uicht todt iſt oft, was man verſenkt. Auf dem Schrattenſtein verbreitete ſich plötzlich die Nachricht von dem Tode Gertrudens. Da früher unter den Dienſtmännern und ſonſtigen Burgbewohnern die Kunde von ihrer Geneſung laut geworden war, ſo mußte natürlich dieſes unerwartete Ereigniß um ſo mehr auffallen. Allein es ließ ſich kein Zweifel erheben, denn die Leiche lag aufgebahrt, obwohl mit einem Lei⸗ chenſchleier bedeckt; das Gemach war dunkel und mit ſchwarzem Tuche umhangen, der Ritter und der Adept brachten die ganze Zeit im Gemache zu. So verſtri⸗ chen zwei Tage; an dem dritten Abende wurde der Sarg unter feierlichem Gepränge beigeſetzt, und die Ahnengruft der Schrattenſteiner nahm ſtatt der Ge⸗ 208 mahlinn ihres letzten Stammhalters einen leeren Sarg auf.— Kaum war aber die Gruft mit der großen Marmorplatte wieder bedeckt, kaum war die Pforte der unterirdiſchen Todtenbehauſung durch Riegel und Schloß verwahrt, ſo änderte ſich plötzlich das Le⸗ ben auf dem Schrattenſtein. Die letzten Reſte jener Kriegsbeute, welche Linzer mitgebracht hatte, mußten hervorwandern; Feſte folgten auf Feſte, eine Luſtbarkeit jagte die andere, die benachbarten Ritter und Edlen fanden ſich ein, und die Burg war noch nie ſo voll Leben, ſo voll Pracht, ſo voll Freudigkeit grweſen. Liana, als die künftige Gattin des Schloßherrn, prangte in Sammet und Seide, das wunderhübſche Mädchen ſchien durch die Wonne ganz verklärt worden zu ſein; ſie entzückte jedes Auge. Linzer that ſich nicht wenig mit der Schöne ſeiner künftigen Gemahlin hervor. Um die Dienerſchaft der Burg von Erwägen und Klügeln abzuhalten und zu zerſtreuen, wurde auch ſie auf das Freigebigſte bedacht, und es gab in dieſen Tagen keine einzige traurige Seele auf dem Schrattenſtein. Selbſt Hanns Poſtl war froh und guter Dinge, wiewohl er von Gertrudens Fürſprache ſeine Freiheit zu erhalten gehofft hatte, und er auf dieſe jetzt verzichten mußte, ſo war er doch zu leichtſinnig, um ſich hierüber viel zu grämen, ſondern lebte froh in den Tag hinein, that nur das, was er unmittelbar thun mußte, aß, trank, —,— 3 — 8 8 8—„ — 6 209 ſcherzte, faſelte, ſalbte ſich ſeine Glatze und ſchlief. Von Frau Jutta war ſeit dem angeblichen Tode der Burgfrau nichts mehr zu hören, in der Burg wurde ſie zwar von Niemanden vermißt, allein Außen in den Hütten der Armen, wo ſie ſo oft als Helferin in der Noth erſchienen war, dort zählte man mit ſchmerzlichem Gefühle die Tage, in welchen ſie zu kommen, bereits verſäumte. An einem Abende, es waren beinahe acht Tage ſeit Gertrudens vorgeblichem Begräbniſſe verflo⸗ ßen, kehrte der Ritter und ſeine ganze Genoſſenſchaft von einem großen Jagen heim und bereitete ſich zu ei⸗ nem Bankette vor, welches indeſſen angeordnet und hergerichtet wurde. Hanns Poſtl hatte vollauf zu thun und ſtrengte ſich heute mehr als je an, als aber das Feſt begann, begab er ſich, um etwas auszuruhen in ſein Kämmerchen; er war wie vvm Schlage gerührt, als er Frau Jutta dort in einem Stuhle ſitzend, fand. Was wollt Ihr hier? fragte er die Alte ver⸗ wundert. Sei ruhig, Poſtl, und höre mich an— begann ſie— ich bin zu Deinem Beſten hergekommen! So? zu meinem Beſten? rief der Würflacher; hat Euch nicht etwa wieder das ſteieriſche Fräulein geſendet? Ihr habt mir zu meinem Beſten noch wenig erwirkt; oder wollt Ihr vielleicht, daß ich Eurenthalben, wenn man Euch hier entdeckt, wieder ins Verließ wandern 18 210 ſoll? O Frau Jutta! der Hanns Poſtl iſt nicht mehr ſo dumm wie ehedem, der Menſch wird immer äl⸗ ter; oder wollt Ihr mich vielleicht wieder wie neu⸗ lich zum Fräulein führen, und mich vor dem Schloß ſchlaftrunken machen, und im Froſt liegen laſſen? O Frau Jutta, Ihr ſeid ſchon ein bejahrtes Weib, Ihr habt Euch an mich ſchwer verſchuldet, macht bald wie⸗ der Alles gut, ſonſt könntet Ihr mit einigen Sünden mehr den großen Weg antreten, und ich habe ſchon ge⸗ hört: eine Sünde, ſo weit geſchleppt, wiegt mehr, als ein Kalb oder zwei Schafe zuſammengenommen. Du biſt ein guter Bußprediger geworden, Hanns Poſtl, verſetzte die Alte, was meinſt Du, wirſt Du nicht auch hübſch viel mitzuſchleppen haben?— Der Würflacher räuſperte ſich ein wenig und ſtot⸗ terte: Ich? daß ich nicht wüßte! Nun gut, ſo will ich es Dir ſagen: Du biſt einer von jenen Halsſtarrigen, die ihre Mängel und Fehler nicht erkennen wollen, weil ihnen hiezu entweder der Muth, oder der Verſtand mangelt. Du biſt vor Allem ein Prahler, ein eitler Geck, biſt ein Faſler, dem es nur ums Reden zu thun iſt, gleichviel, was er hervor⸗ ſchwätzt; Du huldigſt der Lüge, biſt ein Mädchenjä⸗ ger und ſchonſt weder das Glück eines Andern, noch die Ruhe und Ehre eines armen Geſchöpfes! Du biſt fer⸗ ner ein gewiſſenloſer Schelm, der ein armes Mädchen 211 hinterging, um einem unbekannten Fräulein nachzu⸗ laufen, welches nach wenig Monden vielleicht dasſelbe Schickſal getheilt hätte; Du biſt kein ganz ſchlechter Menſch, aber ein einfältiger, leichtſinniger Burſche, der gebeſſert werden mußte, und der es, zu Deinem Lobe ſei es geſagt! zum Theile auch ſchon iſt. Was über Dich gekommen, das hat der Himmel über Dich ver⸗ hängt, und war eine gerechte Strafe Deines Verge⸗ hens; hätteſt Du Lisbertha nicht verlaſſen, und wäreſt Du dem Fräulein nicht nachgelaufen, Du würdeſt all die Furcht, die Angſt, die Mühſeligkeiten, die Gefan⸗ genſchaft nicht erdulden haben müſſen. Aber woher wißt Ihr denn das Alles? fragte Poſtl ganz niedergeſchlagen. Das wirſt Du erfahren, aber jetzt noch nicht; wenn wir uns zum letzten Male ſehen, will ich es Dir erklären. Daß ich mich Deiner annehme, geſchieht mehr der armen Lisbertha zu Liebe, als Deinethalben⸗ Du haſt ihr verſprochen, bald nach Würflach heimzu⸗ kehren; warum thuſt Du es nicht, was ſäumſt Du? Oder gereuet es Dich vielleicht, ihr das alte Verſpre⸗ chen erneuert zu haben? Der Himmel iſt mein Zeuge! verſetzte Poſtl kläg⸗ lich, daß ich mir feſt vorgenommen habe, mein Wort zu halten; aber ich weiß nicht, wie ich meine Freiheit er⸗ langen ſoll, ohne die Flucht ergreifen zu müſſen. 18* 212 Ich will Dir deßhalb Rath ertheilen. Der Ritter von Schrattenſtein iſt jetzt beim Bankett oben in froher Laune, geh' hinauf und bitte ihn, er möge Dir geſtat⸗ ten, nur auf acht Tage lang das Schloß verlaſſen zu dürfen: Du hätteſt die Kunde erhalten, Dein einziger Anverwandter, Dein Vetter, wäre todtkrank und wolle Dich noch einmal vor ſeinem Tode ſehen. Der Ritter wird Dir Deine Bitte gewähren, und Du kannſt Mor⸗ gen ſchon den Schrattenſtein verlaſſen. Was frommt mir aber dieſes, verſetzte Hanns, wenn ich nach der verfloſſenen Friſt wiederkehren muß? Du wirſt nicht wiederkehren dürfen, darauf nimm meine Verſicherung! Da müßte ich ja aber den Ritter belügen! rief Poſtl, denn mein Vetter war ja ſtets friſch und geſund! Er iſt es jetzt nicht mehr, antwortete Jutta, denn er liegt wirklich zum Sterben darnieder. Dieſe Nachricht erſchütterte den Weinzürl, er ſprach: Wißt Ihr dieß gewiß? Ich lüge nicht! verſetzte die Alte, wenn Du Dich nicht beeil'ſt, ſo findeſt Du ihn kaum noch am Leben! Aber woher wißt Ihr denn Alles? fragte Hanns wieder verwundert. Mir iſt nichts verborgen, ich durchdringe Mauern und Herzen, ich bin jetzt hier, im nächſten Augenblicke ſchon Stundenweit entfernt. Die Zeit verrinnt, daher 213 thue wie ich Dir befohlen, es wird Dein und Lis⸗ berthens zeitliches Glück ſein! Der Würflacher verſprach dieß, und Jutta verließ raſch das Kämmerchen. Er war neugierig, wie denn die Alte aus der Burg kommen würde, da doch Thür und Thor geſchloſſen waren, und ſie im Entdeckungs⸗ falle wenig Gutes zu erwarten hatte; er verließ die Kammer und ſah ſie ungeſcheut langſamen Schrit⸗ tes über den hellerleuchteten Hof ſchreiten, Knechte und Mägde eilten an ihr vorüber, und Niemand be⸗ merkte ſie. Bei meiner armen Seele! murmelte er, die Alte iſt unſichtbar und geht da herum, als ob ſie gar nichts zu befürchten hätte; ich will doch ſehen, wohin ſie ihren Weg nimmt! Er eilte hinter ihr nach, ſie nahm ihre Richtung zu der Treppe, welche zur Hauptpforte der Gefängniſſe führte. Wo will ſie denn dahin? fragte ſich Hanns, die Eiſenthüren ſind ja verriegelt und verſchloſſen, als ob ſie das Himmelreich bewahrten, während ſie aber ein wahres Höllenthum verbergen, und die Schlüßel dazu hat ja der Ritter ſelbſt in Verwahrung? Frau Jutta ging nichts deſtoweniger auf die Pforte los. Als ſie dort anlangte, bemerkte der Weinzürl, daß ſich die Thür ſanſt öffnete, ohne wie gewöhnlich zu knarren und ſich eben ſo wieder verſchloß, als die Alte in der Nacht der Gefängniſſe verſchwunden war. ————— 214 Da hat man's, ſprach Poſtl, das iſt eine lebhafte Hexe! da glaub' ich gerne, daß ſie durch Mauern und Felſen gehen kann, ja, ja— ſie hat mich auch damals bezaubert, als ich das Kräuterbündel zu holen ging, ſie hat mir einen Dunſt vorgehext, und ich habe ge⸗ wähnt, weiß der liebe Himmel was Alles! zu ſehen. Oder, ſollte vielleicht— wär' es möglich— bei mei⸗ ner armen Seele! es könnte ſein— nein, nicht es könnte, ſondern es iſt wirklich ſo; die Alte iſt das ſteieriſche Fräulein ſelbſt, oder eigentlich, ſie hat mich verhext, ſie dafür anzuſehen, wenn's ihr grade genehm war; und ſie hat mich, wie ſie ſelbſt ſagte, zur Strafe ein wenig genarrt und mich verblendet. O Poſtl! das war dumm von Dir, dieß im erſten Augenblicke nicht durchzuſehen; Poſtl! Poſtl! was werden die Würflacher ſprechen, wenn ſie die ganze Geſchichte erfahren? Sie werden Dich verſpotten, und Du haſt zur Vertheidigung von der ganzen beinahe neunmo⸗ nathlichen Entfernung gar nichts aufzuweiſen! Wenn mir wenigſtens das Haar gewachſen wäre, aber gar nichts, ja ich fürchte faſt, mein Glätzchen wird in der That immer geräumiger, was ein ſehr ſchlechtes Zeichen iſt! Unter dieſen Betrachtungen war er wieder in ſeiner Kammer angelangt, da fiel ihm bei, daß er Juttas Rathe zu Folge, ſich noch jetzt zum Rit⸗ 213 ter hinaufbegeben, und um die Gunſt, ſich entfernen zu dürfen, bitten müſſe; aber Poſtl war nicht geſon⸗ nen, den Rath zu befolgen, er fürchtete eine aberma⸗ lige Tücke der Hexe, und beſchloß, nicht hinaufzuge⸗ hen. Dieſer Vorſatz war kaum erkräftiget, als ein Leibdiener des Ritters erſchien und den Würflacher zum Gebiether hinauf beſchied. Hanns leiſtete Folge, brummte jedoch auſ dem Wege dahin. Da hat man's, kaum habe ich mir vorgenommen, nicht nach ihrem Willen zu thun, plumps, ſchickt ſie das Unglück von einer andern Seite her; was kann er nur von mir haben wollen? Braucht er vielleicht wieder Einen in das finſtere Loch da hinunter? o mir ahnt ſchon, es wird wieder nichts Gutes zum Vorſchein kommen; es iſt gewiß die Alte mit im Spiel, und die hat mir noch wenig Gutes gebracht! Er trat in dem Saal ein, die Geſellſchaft der Herren und Ritter war zahlreich, die Damen hatten ſich nach der Sitte jener Zeit bereits entfernt, die frohe Weinlaune war Herrſcherinn im ganzen Kreiſe. Der Weinzürl näherte ſich furchtſam dem Herrn der ihn zu ſich winkte und anſprach: Höre Burſche! Du biſt ja jener Würflacher Schuft, der auf meinem Bo⸗ den Wilddiebereien getrieben? Aha, dachte Poſtl verzagend, das iſt ſchon die wahre Saite, die klingt verflucht gefährlich! darauf 216 antwortete er laut, aber nicht ohne zu ſtottern: Ich habe— damals— es iſt ſchon lange— ein Böck⸗ lein geſchoſſen! Du biſt auch Derjenige, fuhr der Ritter fort, den ich, weil ich ihn mit jener alten Hexe beiſammen ge⸗ troffen, in den Kerker werfen ließ? Nur fort, dachte Hanns, es kommt immer beſ⸗ ſer, ich ſehe die Eiſenthüre ſchon wieder offen, und mich innerhalb derſelben wie einen Hund an der Kette hangen;— dann verſetzte er wie früher: Ja— ich habe — aber nur einmal— Gleichviel! donnerte Linzer, wenn auch nur ein⸗ mal; kennſt Du die Alte? Da hat man's, jammerte der Würflacher leiſe, das Donnerwetter iſt da! Läugne nicht, Schuft! ſchrie der Ritter ungedul⸗ dig werdend, und der Weinzürl im faſt weinenden Tone entgegnete: Ich— kenne ſie— s' iſt wahr— aber nur vom Geſichte aus.— Wann ſahſt Du ſie zum letzten Mal? forſchte der Ritter. Das war eine kitzliche Frage, die Hanns Poſtl nicht beantworten durfte; zum Läugnen war er zu verlegen, die Wahrheit zu geſtehen zu feige, er ergriff einen Ausweg und ſprach: Ach gnädigſter Herr! ſeit jenem Unglücke verfolgt mich die Alte ohne Un⸗ terlaß, das heißt, nicht ſie ſelbſt, ſondern ihr Ge⸗ 212 ſicht, ihre Geſtalt, ihr ganzes Weſen, und zwar nicht im Wachen, ſondern im Traume, ja ich glaube faſt, ich habe ſie vor wenigen Minuten im Traume vor mir geſehen. Du würdeſt ſie alſo erkennen, wenn Du ſie wie⸗ der ſäheſt? O ja, das würde ich gewiß! Ihren Namen weißt Du auch? Man nennt ſie in der ganzen Gegend die gute Frau Jutta! Wo hat die Hexe ihre Wohnung? Ja, das weiß der Satan ſelbſt! er wird ſich wahrſcheinlich um ſeine Dienſtmannen und Weibsleute am meiſten kümmern; wo kann eine Hexe ſtecken? vielleicht in einer Höhle, vielleicht im Schlott, oder etwa in einer Schlucht, oder gar auf dem Schnee⸗ berge; ich weiß es nicht! Du mußt es wiſſen, zürnte der Ritter, und mußt ſie auffinden! Wenn Ihr es befehlt, entgegnete Poſtl reſigni⸗ rend, ſo werde ich es wohl müſſen! Wohlan! ich gebe Dir acht Tage Friſt, binnen welchen Du die Alte aufgefunden haben mußt. Und wenn dieß geſchehen? So bringſt Du ſie hieher auf die Burg. Und wenn ich ſie aber nicht finde? 19 218 So wirſt du geſpießt! O wehe! Wenn ich ſie aber finde, und ſie will mir nicht folgen? So wirſt Du ebenfalls geſpießt! Ach, Erbarmen! Wenn ich ſie aber feſtnehme, und ich bringe ſtatt der Frau Jutta einen Flederwiſch heim! Dann laß' ich Dich und den Flederwiſch ver⸗ brennen; jetzt troll Dich zum Satan! es bleibt bei meinem Befehl! Poſtl wiſchte ſich den Schweiß von Stirn und Glatze und humpelte fort, ſo eilig ſich ſeine verdreh⸗ ten Beine nur bewegen konnten. Das Bankett war durch dieſen Auftritt, der mehr in Form einer Privatangelegenheit abgethan wurde, weder unterbrochen noch ſonſt geſtört worden, ſondern nahm ſeinen fröhlichen Fortgang, bis die Mitternacht dem Feſte ein Ende machte. Der Adept begab ſich von hier in den Thurm, und vermied es für dieſe Nacht, ſein Wohngemach zu ſu⸗ chen; unten angelangt, zündete er eine Lampe an, und warf ſich, um etwas auszuruhen, in einen Stuhl. Alles geht vortrefflich, begann er ein Selbſtgeſpräch, Niemand ahnet, daß Gertrude noch am Leben ſei, ſie iſt todt für die Welt, und lebt nur für mich allein. Ich will heute ſehen, ob die Taube ſchon kirre geworden; iſt ſie's, ſo ſoll ſie in meinen Armen das Glück des Le⸗ 218 bens finden, welches ſie bis jetzt vergebens erwartet; iſt ſie es nicht, ſo will ich ihr verkünden, daß das Brod, welches ſie geſtern erhalten, das Letzte geweſen ſei, daß ſie von nun dem Hungertode Preis gegeben ſei, und daß nur Ergebung in meinen Willen ſie von demſelben befreien könne. Wir wollen ſehen, wie weit der Starr⸗ ſinn die Verblendete treiben wird, und ob ſie auf dem halben Wege nicht ihren Vorſatz ändern wird! Er ſchwieg, und überließ ſich ſeinen Gedanken, die in die Zukunft ſtreiften, wenn Gertrude einwilligte, er mit ihr fliehen und ſie ganz die Seine würde, wenn ſie es endlich einſehen lernte, welch Glück ſie im ſeinem Beſitze gefunden, wenn ſie ihm endlich als eine zärtliche Freundinn anhinge, und er in ihrem Beſitze und ſich als den Glücklichſten der Männer preiſen dürfte; ach, was waren das für wonnige Träume, die das erhitzte Blut des Leidenſchaftlichen hervorzauberte, die ihn um⸗ ſprangen, ſo wie Funken ein glühendes Eiſen, wenn es vom Hammer getroffen wird, aber ſie verſpritzten auch wieder ſo ſchnell wie dieſe, um anderen Platz zu machen; der Menſch ſoll aber, wenn er ſolcher Maßen erglüht, harren, bis ſich das Blut abkühlt, und nichts unternehmen, weil da ſelten was Gutes gedeiht, weil der Brand der Leidenſchaften meiſtens zerſtörend auf Alles wirkt, was ihn umgibt. Medardus that aber das Gegentheil; die wilde Gier trieb Fieberhitze auf ſeine 19* 220 Wange, ſie machte ſein Auge funkeln, ſie ſpannte ſeine Sehnen, er vermochte nicht auszuharren und ſich zu bemeiſtern, ſondern er erhob ſich raſch vom Sitz, ergriff die Lampe und die Schlüſſel, und verließ eilig den Thurm. Sein beflügelter Schritt trug ihn hinüber zu dem Gefängniſſe, er wollte Gertrude ſehen, ſie wieder zu überreden ſuchen, er wollte— wenn ſie ſich ſträubte — ſie zwingen, in die Flucht zu willigen, er wollte— — das Blut raste durch ſeine Adern und machte ihn zum reißenden Thiere; kein Widerſtand ſollte ſie dieſes Mal erretten, ſie mußte in ſeine Wünſche willigen, ſie mußte endlich ſeine ſüßeſten Hoffnungen erfüllen! Faſt verging ihm das Auge vor Luſt, die Hand zitterte, daß er kaum Schlüßel und Schloß vereinen konnte. Endlich fielen die Riegel, die Pforte knarrte, er ſtürzte hinein, eine zweite Thüre wurde geöffnet, die Lampe warf ihren Schein auf die von Feuchte triefenden Kerkerwände, Medardus flog in die Ecke, taumelte jedoch vor Schre⸗ cken auf, durchlief in Eile den kleinen Raum— Alles vergebens!— Gertrude war nirgends zu finden! ehe Shi —,— —————— ———————— 13. Eine hohe finſt're Geſtalt Tobt heran mit Allgewalt; Das Antlitz ſo blaß, ſo weich, Die Lippen ſtumm und todtenbleich; Das Haupt mit'nen Schleier umhüllt, Das Aug' mit Gluth gefült. Schwingt eiue Fackel in der Rechten, Als gelt' es: ein Leben zu verfechten, Auch ſteht man in der Linken Ein ſpitzes Mordgewehr blinken. Wer iſt die Geſtalt, Weib oder Praut? æIch bin das Verhängniß v ruft ſie laut. An andern Morgen, zeitlich in der Frühe, Linzer lag noch in den Armen des Schlafes, ſtürzte Medar⸗ dus ins Gemach. Der Adept hatte eine fürchterliche Nacht durchlebt, ſo nahe ſchon ſeinem Ziele, war er jetzt wieder demſelben weiter als je entrückt; die ſchreck⸗ liche Täuſchung, der Verluſt ſeines ganzen erträumten Erdenglückes, welcher durch Gertrudens Verſchwinden herbeigeführt war, die durch ihre abermalige Entfer⸗ nung nur noch mehr aufgeſtachelte Leidenſchaft, Alles vereinte ſich, ihn jeder Ueberlegung, jedes menſchlichen Gedankens unfäyig zu machen; er wälzte ſich ſchlaf⸗ S22 los, ächzend, ſeufzend auf dem Lager umher, bis ſich endlich der Sturm nur in etwas legte, und er einiger Ueberlegung fähig wurde. Dieſer zu Folge trat er jetzt bei Linzer ein. Der Ritter fuhr aus dem Schlum⸗ mer auf und fragte nach der Urſache ſeines frühen, ungewöhnlichen Erſcheinens. Gertrude iſt aus dem Verließe entflohen! verſetzte der Adept raſch. Alle Teufel! ſchrie Linzer, und ſprang vom Lager wie war es möglich? Dieß iſt mir ſelbſt ein Räthſel; lautete die Ant⸗ wort. Schloß und Riegel waren unverſehrt, an den Wänden iſt nicht die geringſte Spur einer Statt ge⸗ fundenen Flucht bemerkbar. Der Schrattenſteiner ſchäumte vor Wuth. Wäre mein Wille geſchehen, rief er, ſo hätte dieß nicht Statt finden können; aber welcher Satan gab Euch den böſen Gedanken ein, Ihrer ſchonen zu wollen? Wer hätte dieß je nur ahnen können? entgegnete der Adept finſter. Mir kam es oft in den Sinn, daß ſie mit der alten Hexe im Bunde ſtehe, und nur dieſe kann ſie auf übernatürlichem Wege aus dem Kerker befreit haben. Schnell, da wir nach der ver⸗ meintlich todten und begrabenen Gertrude nicht forſchen können, ſo ſoll es jetzt nach Jutta geſchehen. Sendet alle Knechte und Knappen in das Gebirge, — 223 ſie ſollen, ſo wie Ihr geſtern dem Würflacher befohlen, die Alte aufzuſuchen, ausgehen, nnd wehe ihnen, wenn ſie ohne die Alte wiederkehren! Eine Stunde ſpäter wurde es in der Burg le⸗ bendig; die Mannen zu Fuß und zu Roß waren be⸗ waffnet im Hofe verſammelt und erhielten die Wei⸗ ſung, nach welchen verſchiedenen Richtungen ſie ſich zu zerſtreuen hätten. Linzer ſelbſt befand ſich an ihrer Spitze, und ſo zogen ſie endlich aus der Burg. Der Adept blieb zurück, er floh in das Thurmgemach, ließ Niemanden den ganzen Tag hindurch zu ſich, um mit ſeiner Qual und Liebesraſerei allein zu ſein⸗ Mit langen Schritten ging er auf und nieder, knirſchte mit den Zähnen, ballte die Fäuſte. Sollte ſie wirklich mit einem, mit höherer Macht begabten Weſen im Bunde ſtehen? fragte er ſich, dann wäre freilich all mein Trachten und Sinnen vergebens! Einmal ſchon wurde ſie mir auf ungewöhnliche Weiſe entriſſen, ich habe deſſen nicht geachtet, habe meine Pläne geſchmiedet, neue Fäden geſponnen, und nun, in dem Augenblicke, da das Netz ſchon über ihrem Haupte zuſammengeſchlagen war, da ſie ſich ſchon ganz in meiner Gewalt befand, nun entſchlüpft ſie mir abermals im letzten Augenblick, und ich ſtehe da, genarrt, gequält, raſend vor Wuth und Leidenſchaft! Wer mag aber das helfende Weſen ſein? Sollte die 224 Alte?— Jene Stimme die ſich einſt vor meiner Klauſe hören ließ?— Gertrudens Retterin— Sollten dieſe Alte nur ein und daſſelbe Schemen, ein und dieſelbe Fei ſein, die ſich meinen Plänen entgegenzuarbeiten, verſchworen hat?— Er getraute ſich nicht, dieſe Frage bejahend zu beantworten, weil ihm in dieſem Falle jede Hoffnung auf Gertrudens Beſitz für die Zukunft geraubt war; aber ein Gefühl in ſeinem Innern ſagte ihm, daß dieß wirklich der Fall ſei. Er rang die Hände in verzweifelnder Wuth, aber zu ohnmächtig, einen neuen, friſchen Kampf gegen ſolche Macht zu beginnen, eines Theils auch nicht entſchloſſen genug, um neue Nachfor⸗ ſchungen zu veranſtalten, wußte er nicht, was er nun unternehmen ſollte; die Kunſt, Gold zu machen, war nur das Lockmittel für Linzer geweſen, denn er verſtand viel zu wenig von der Wiſſenſchaft, um dieſen damahls ſo beliebten Zweig, mit Erfolg betreiben zu können; er war mehr als Laie, und konnte nur ſo viel, um den unwiſſenden Linzer zu blenden. Unter Plänen und Beſchlüſſefaſſen, verging der Tag, am Abende kehrten die Späher zurück, der Ritter mit ihnen, aber ſie hatten nichts entdeckt, nichts gefunden, auch der Würflacher Weinzürl war ihnen nicht begegnet. Da die beim ge⸗ ſtrigen Feſte geladen geweſenen Gäſte ſich ſchon am frühen Morgen entfernt hatten, ſo war es jetzt auf dem Schrattenſtein wieder einſam und ruhig, am nächſten 225 Tage zogen die Knechte wieder aus, allein es war Alles vergebens, von Frau Jutta war keine Spur zu finden, folglich von Gertruden auch nicht. Medardus ſah nun ein, daß alles Harren und Hoffen vergebens ſein würde, und er begann ernſt auf die Zukunft zu denken. Vor Allem wollte er Linzern erforſchen, was dieſer nun zu thun geſonnen ſei, denn der Rihter konnte ja nun mit Lianen kein Bündniß ſchließen, da man befürchten mußte, Gertrude in jedem Augenblicke auftreten zu ſehen, um die ganze Umgegend von dem ſchändlichen Trugſpiele in Kenntniß zu ſetzen. Linzer wollte aber von einer Entfernung Lianens nichts wiſſen, ſie ſollte auf der Burg bleiben, bis man von Gertruden etwas Näheres in Erfahrung gebracht habe, wo ſich dann leicht ein Mittel zu ihrer gänzlichen Beiſeitigung erſinnen laſſen würde. Medardus wäre hiemit wohl zufrieden geweſen, allein ein Grund war vorhanden, der ihn dieſe Kluft vermeiden hieß. Das Auffinden Gertrudens konnte— ja es war faſt ſicher vorauszuſehen— daß es ſich durch Monden, vielleicht gar noch länger hinausdehnen würde, während einer ſolchen Friſt vermochte er den Ritter nicht zu vertröſten, der auf die Erfindung des Goldmachens jetzt ſchon zu rechnen begonnen hatte. Der Reſt ſeiner eingebrachten Kriegsbeute war theils durch die glänzenden Feſte, und durch die dabei Statt gefundenen Verſchwendungen, theils aber durch 226 den Bedarf des Adepten, Behufs ſeiner Erfindung er⸗ ſchöpft; Medardus hatte ihn bisher von Tag zu Tag vertröſtet, denn Linzer ſah ſchon dem Augenblicke mit Sehnſucht entgegen, wo die Goldtinktur erfunden ſein, und er ſeine zerütteten Verhältniſſe wieder herzuſtellen im Stande ſein werde. Der Adept bediente ſich ver⸗ ſchiedener Ausflüchte: bald war ein unglücklicher Tag, bald ſtand die Konſtellation nicht günſtig, bald war ir⸗ gend ein entgegenwirkender Zauber zu bannen, kurz, er that Alles, um den leichtgläubigen Ritter zu beru⸗ higen, und zur Geduld zu bringen. Dieſes Hinaus⸗ dehnen ließ ſich nun wohl noch durch einige Tage oder eine Woche anwenden, aber länger durfte er es doch nicht wagen, weil er des wilden Schrattenſteiners Ver⸗ dacht und Rache zu fürchten hatte; es blieb ihm daher nichts übrig, als die Flucht zu ergreifen, um ſich dem Grimme des Betrogenen zu entziehen. Dieß wollte er auch thun, allein es ergab ſich ein neues Hinderniß. Floh er aus der Burg, ſo war natürlich, daß der wü⸗ thende Linzer Lianen zur Rechenſchaft ziehen, und dieſe ihm gewiß auf den erſten Anlauf hin, den ganzen Be⸗ trug entdecken würde. Er hatte alſo nicht nur die Nachſtellungen des Ritters zu fürchten, ſondern durfte nie mehr unter ſeinem wahren Namen erſcheinen, weil er auf die Anklage des Schrattenſteiners im ganzen Gau verhöhnt und verhaßt ſein, ja ſogar alle Genoſſen —0 N. 227 ſeines Feindes gegen ſich in Harniſch bringen würde. Er mußte nun trachten, um jeder Entdeckung zu ent⸗ gehen, da er ſie nur durch Lianen zu befürchten hatte, dieſe auch auch zur Flucht zu bewegen, wo er ſich ihrer dann in einer der Gebirgsſchluchten auf eine Weiſe zu entledigen hoffte, die ihm für immer ihrer Verſchwiegen⸗ heit ſicherte, indem ſie das Mädchen ſtumm für alle Zeiten machte. Mit dieſem Entſchluſſe übereingekommen, ſchritt er auch alſogleich zur Ausführung desſelben. Es war am zweiten Nachmittage nach Gertrudens räthſelhaftem Verſchwinden, ſämmtliche kampffähigen Bewohner des Schrattenſteins waren außen, um die gute Frau Jutta zu ſuchen, auch der Ritter befand ſich wieder mit ihnen, es war daher eine ungewöhnliche Grabesſtille, die den Schrattenſtein beherrſchte, und denſelben trotz des helllichten Tages faſt unheimlich machte. Der Adept verließ den Thurm und begab ſich über Treppe und Gang zu den Wohngemächern hinauf, wo ſich das Mäd⸗ chen befand. Liana lehnte nachdenkend auf einer Polſterbank, der Tod Gertrudens, auf welche Weiſe er nun immer herbeigeführt worden war, mußte ihr ganz willkommen ſein; ſie befand ſich auf dem Punkte, Linzers Gattin zu werden, und das war der Scheitelpunkt ihrer Wünſche. Sehr ungern ſah ſie ſeit zwei Tagen ſchon die Unter⸗ 228 brechung der bisherigen Feſte, und das Weilen des Ge⸗ liebten außerhalb der Burg; ſie konnte nicht begreifen, wie man eines alten Weibes halber ſo viel nachforſchen konnte, denn es war natürlich, daß auch ihr nicht die wahre Urſache dieſer ängſtlichen Streiferei bekannt ge⸗ gegeben wurde. Sie dachte daher an Linzer, an die Zukunft, ihre Hoffnungen und Wünſche, als Medardus eintrat. Sie war froh, daß ſich endlich Jemand ihr näherte, und ſie der qualvollen Lage des Alleinſeins ent⸗ riß. Seid Ihr endlich auch wieder ſichtbar? redete ſie den Kommenden an, ich meinte, auch Ihr wäret mit Linzer ausgezogen, um die Alte zu ſuchen, welche das ganze Schrattenſteiner Mannsvolk in Bewegung ſetzt, und die Burg indeſſen in einem rieſigen Steinſarg um⸗ wandelt, in welchem ich mir wie eine Todte vorkomme, welcher die Gunſt des Herumwandelns geſtattet iſt. Während dieſer Rede hatte ſich Medardus ihr ge⸗ genüber niedergelaſſen und ſah ſie forſchend an, dann ſprach er: Du wirſt dieſer Angſt und Pein bald ent⸗ hoben ſein! Liana blitzte ihn mit ihren ſchwarzen Augen an, und fragte haſtig: Auf welche Weiſe? Auf die Einfachſte in der Welt! Ich verſtehe Euch nicht! Das wirſt Du gleich, wenn Du mich anhörſt. Linzers Gemahlin iſt nicht todt, er gab ſie, in der Hoff⸗ —— P— 228 nung ihrer bald ledig zu werden, dem Hungertode Preis, vorgeſtern wurde ihr Kerker leer gefunden! Vor Lianens Augen wich es wie ein dichter Schleier zurück; ſie erſchrack. So lange Gertrude gelebt hatte, ertrug ſie den Gedanken an die Kluft, die ſie von ihrem Glücke trennte, allein ſeit dem angeblichen Tode derſelben, war ſie ſchon ganz daran gewöhnt, ſich als Linzers Gattin anzuſehen; daß dieſe abermalige Oeff⸗ nung des Abgrundes zwiſchen ihr und ihm, ſie wie ein Blitzſchlag aus heiterem Himmel traf, der die Saat, welche ſo mühſelig gereift war, abermals zer⸗ ſtörte. Dieß Alles ging deutlich auf ihrem Antlitze vor, das heißt, es konnte in ihrem Mienenſpiele herab⸗ geleſen werden. Der Adept bemerkte dieß und war froh darüber, denn um ſo größere Hoffnungen durfte er nun für das Gelingen ſeines Anſchlages hegen. Deine Lage, liebe Liana! hat plötzlich eine mißliche, höchſt unerfreuliche Wendung genommen;— unter⸗ brach er das eingetretene Stillſchweigen,— des Rit⸗ ters Gemahlinn wird ſo leicht nicht aufzufinden ſein, die Gefahr kennend, welche ihr hier droht, wird ſie auch nicht ſobald zum Vorſchein kommen, und Dir bleibt faſt für immer jede fernere Hoffnung benommen! Liana ſah die Wahrheit ein, auch erwiederte ſie nichts, die Bläſſe ihres Antlitzes zeigte ihren inneren Schmerz an. Es trat abermals eine Pauſe ein. Was 230 gedenkſt Du nun zu thun? forſchte endlich Medardus. — Das Maädchen blickte ihn mit einem Ausdrucke an der ſeinen Rath erheiſchte, und der Adept fuhr raſch fort: Deines Weilens iſt ferner nicht auf dieſer Burg, wir Beide müſſen fort von hier! Ein einziges Wort in dieſer Rede, weckte einen Funken von Verdacht in ihrer Seele, und im Nu war er zur Flamme angefacht. Sie ſtieß einen gellenden Schrei aus, es klang wie ein ſardoniſches Lachen, ob welchem Medardus heftig erſchrack; er ſah ſie an, ſie ihn, mit eben ſo forſchenden Blicken, keines von Beiden wollte die eingetretene, tiefe Pauſe unterbrechen. Die Urſache dieſer plötzlichen Wirkung war, daß nach Medardus Aeußerung Beide die Burg verlaſſen müßten. Wa⸗ rum auch Er? dachte ſie; weil er mich von hier wieder entfernen will, weil er mein Verhältniß zu Linzern wieder zerſtören will, ſo wie er es bereits das erſte Mal an einem anderen Orte gethan; er will mich fort⸗ locken von hier, um wieder anderwärts ſeine Teufels⸗ künſte zu treiben, es iſt ihm nur darum zu thun, mich weg zu haben; nein, dießmal ſoll es ihm nicht gelingen! Da Liana das Schweigen noch nicht unterbrechen wollte, ſo that es Medardus: Nun Mädchen, was ſollte Dein Gelächter bedeuten? was dieſer ſtiere Blick? Liana kam, aus ihrem Denken geriſſen, zu ſich; — 231 ſie erwiederte kurz: Sie ſollen Euch ſagen, daß ich den Schrattenſtein nicht verlaſſen werde! Medardus wollte aufſpringen, allein im Augen⸗ blick fürchtend, ſich durch die Heftigkeit zu verrathen, un⸗ terließ er es, wodurch ſein Körper in eine momentane zuckende Bewegung gerieth, die ſich jedoch augen⸗ blicklich wieder verlor; nach einigen Athemlängen erſt, begann er: Du willſt den Schrattenſtein nicht verlaſſen? welches ſoll der Zweck Deines Hierbleibens ſein? Liana verſetzte: Der Nämliche, der es war, als ich den Entſchluß faßte, hieher zu ziehen! Medardus kniff die Lippe zuſammen und ſagte im heuchleriſchem Tone: Du verkennſt alſo wieder meine gute Abſicht, zu Deinem Beſten wirken zu wollen? Eure Abſicht möge ſein welche ſie wolle, ich will dießmal nach meinem Sinne handeln! Das kannſt Du thun, Mädchen! rief der Adept raſch; ich fliehe aus der Burg und überlaſſe Dich Deinem Geſchick! Fliehen? rief Liana, und das Wort fachte ihren Verdacht nur noch mehr an; iſt dieß der Dank den Ihr dem Ritter zollt, für das Gold, welches er Euch freigebig zugeſchleudert, und welches in Euren Tiegeln zerſchmolzen und verronnen iſt, ohne daß ihm der ge⸗ ringſte Erſatz dafür geworden wäre? Ihr ſeid ein Be⸗ 232 trüger, ein zweifacher Betrüger, weil Ihr ſchändlich genug ſeid, Betrug und Undank zu vereinen! Du lehnſt Dich wieder mich auf? rief Medardus mit donnernder Stimme, das Geſchöpf wider ſeinen Schöpfer, die Kreatur gegen ihren Herrn und Ge⸗ biether? Verworfene! Wer hat Dich zu dem ge⸗ machts, wa Du jetzt biſt? wer hat Dich aus dem Schlamm der Armuth herausgeriſſen und in ein Wohl⸗ leben verſetzt? wer hat Dich gelehrt, unter Menſchen zu leben, und Deine Gedanken nach etwas Beſſerem erheben zu können? Ich war es, ich war der Tolle, der den Wahn gehegt: Dankbarkeit bei einem leicht⸗ ſinnigen, verworfenem Geſchöpfe ſuchen zu dürfen! Wohlan! bleibe zurück, ich verlaſſe noch in dieſer Stunde die Burg, wer wird mich daran hindern? Dem Ritter aber überſende ich heute eine Schrift, in welcher ich ihm die Wahrheit enthüllen werde; er ſoll Deinen Stand, Dein früheres Leben erfahren, und Du magſt dann ſehen, wie Du Dich ferner in ſeiner Huld erhalteſt. Liana ſank todtenbleich auf die Polſterbank zurück, der Adept ſchien ſich an ihrer Ohnmacht zu weiden, wartete bis ſie wieder zu ſich kam, und als ſie die Augen aufſchlug, wandte er ihr den Rücken, als ob er ſich langſam entfernen wolle. Bleibt— bleibt— hauchte ihm das Mädchen nach, verlaßt mich nicht, 233 ich will thun, was Ihr begehrt! Medardus Lippen umſpielte ein triumphirendes Lächeln, er kehrte zu ihr zurück und ſprach mit gedämpfter Stimme: Du mußt nicht eigenſinnig ſein, Mädchen! Du weißt, das ich ſtets Dein Wohl beſonders berückſichtigte; glaube mir ſicher: auf dem Schrattenſtein blüht Dir kein Glück mehr, Du mußt wieder in die Ferne; dort werden ſich Dir neue Arme, neue Herzen öffnen! Du fliehſt alſo mit mir? Ja! ſprach Liana, ich fliehe; Ihr habt es be⸗ ſchloſſen, mich aus den Armen meines Glückes zu reißen; wohlan! ich bin in Euerer Macht, ich muß Euch gehorchen! Medardus faßte ihre Hand, und ſagte frömmelnd mild: So muß meine Liana ſprechen, ſo iſt ſie würdig die Stelle meines Kindes zu vertreten! In dem nämlichen Augenblicke vernahm man vom Hofe herauf ein ſtarkes Geräuſch. Ritter Linzer mit einer Schaar ſeiner Dienſtmannen kehrte von dem Spähritte heim, und trat bald darauf zu Lianen ins Gemach. Der Adept, ſobald er ihn heraufkom⸗ men hörte, ging auf Liana zu, und ſprach raſch: Wehe Dir, wenn Du nur durch eine Miene verräthſt, was zwiſchen uns Beiden vorgefallen. Darauf wandte er ſich der Thüre zu, und Linzer trat ein. Seine Miene, als er Liana erblickte, erheiterte ſich merklich, 20 234 er ging auf ſie zu, faßte ihre Hand und ſprach: Ver⸗ gebt mir, theuere Seele! daß ich Euch durch zwei Tage weniger als ſonſt geſucht habe; ich will mir ſolche Vernachläſſigung nie mehr zu Schulden kom⸗ men laſſen!— Das Mädchen ſah ihn mit einem wehmüthigen Blicke an, in demſelben Momente traf ſie das Auge des Adepten, und ſie ſprach: Ich weiß, daß Ihr mich liebt, ich werde nie daran zweifeln, und mich ſtets in dieſem Gefühle das unglücklichſte Geſchöpf auf der ganzen Erde dünken! Der Sinn dieſer Antwort ſtand mit dem Aus⸗ drucke ihres Antlitzes in einem auffallenden Wider⸗ ſpruche, daß der Ritter erſtaunt rief: Was iſt das? Mädchen! hab ich es doch heute zum erſten Mal er⸗ lebt, ein ſüßes, freudiges Wort von faſt weinender Stimme zu hören, und mit einem Antlitze begleitet zu ſehen, welches tiefe Trauer beurkundet— Wie könnt Ihr nur mit weiblichen Grillen rech⸗ ten, nahm jetzt Medardus das Wort, Ihr wißt am beſten, wie wenig bei ihnen ein mürriſch Geſicht in Anſchlag gebracht werden darf; wolltet Ihr mich wohl in den Thurm geleiten? ich habe Euch mehrere Mit⸗ theilungen zu machen. Indeſſen war die Nacht herangerückt, und mit ihr ein fürchterliches Wetter, eben ſo wie damahls, — 235 als die beiden Gäſte auf den Schrattenſtein gekom⸗ men waren, nur ſaß dieſes Mal keine trauernde Gat⸗ tinn in ſeinen Mauern, nur ſchlug dieſes Mal kein frommes Herz im Schloße, der Himmel hatte daher nicht Urſache, der Böſen zu ſchonen, weil kein Ge⸗ rechter unter ihnen war. Zwei wilde Gewitter zogen herauf und ſenkten ſich über die Berge; der Sturm heulte mit gewaltiger Wuth, und ſchleuderte die em⸗ pörten Wolkenmaſſen gegen einander, wie Stäubchen vom Hauch angeweht; undurchdringliche Finſterniß deckte die Berge, der Orkan übertäubte Alles was laut werden wollte; man hörte nur ſein Raſen, und die Wirkung deſſelben in den bewälderten Gebirgen. Liana ſaß allein im Gemache, ganz allein im hohen, dunklen Gemache, eine ſtarke Unruhe hatte ſich ihrer bemächtiget, der Auftritt mit dem Adepten zog noch einmal an ihrer Seele vorüber, und tiefe Seufzer ſtahlen ſich aus ihrer Bruſt herauf. Sie ſah den Grund nicht ein, welcher Medardus aus der Burg zu fliehen zwang, wenn es nicht Abſicht war, den Ritter um den vergeudeten Reichthum zu trügen, und zu hintergehen?— So waren alſo alle ihre Träume verronnen, all ihr ſchönes Hoffen war zu nichts ge⸗ worden, ſie hatte ſich vergebens auf den Augenblick gefreut, in welchem ſie des Ritters Gattin heißen würde; floh ſie aus der Burg, ſo war all ihr An⸗ 20* 236 ſehen geſunken, ſie war wieder das willenloſe Werk⸗ zeug des angeblichen Vaters, ſie war wieder das ar⸗ me, unglückliche Mädchen, welches erſt wieder neue Augen blenden, andere Herzen erobern mußte, ſie war wieder jenes Geſchöpf, welches das wieder von vorne beginnen mußte, was es ſchon ſo glücklich vollendet zu haben wähnte; o daß dieſer ſchöne Bau zuſam⸗ men ſtürzen mußte! Was hätte ſie in dieſem Augenblicke darum ge⸗ geben, ganz ſchuldlos zu ſein, um dem Störer ihres Glückes die Stirne biethen zu können, aber ſie durfte, ſie konnte dieß nicht; Linzer war getäuſcht, ſie war elend im Herzen, elend in ihrer Lage.— Dieſe Ge⸗ danken brachten ſie wieder auf den Ritter, er befand ſich in dieſem Augenblicke bei Medardus im Thurme, welche wichtige Entdeckung hatte ihm dieſer zu ma⸗ chen? Sollte er vielleicht doch ſchon die Goldtinktur gefunden haben? warum wollte er aber aus der Burg fliehen? Oder ſollte er ihn vielleicht gar— heiliger Himmel!— wenn es wäre, wenn der Elende um ſeine Flucht zu ſichern, das Bubenſtück beginge, und den Ritter mordete?— Liana empfand für Linzer nichts weniger als Liebe, eine Zuneigung und ſonſt nichts; eines innigeren, beſtändigeren Gefühles war die Leichtſinnige nicht fähig, aber ſie hatte ſich ſo da⸗ ran gewöhnt, die Seinige zu heißen, daß die Sorg⸗ 237 falt für ihn, ſie bei jenem Gedanken mit qualvollen Schauder erfüllte; dann war es auch die Hoffnung, welche, ohne daß ſie es ſich geſtand, noch immer auf den Ritter baute, daß er ſie von dem Einfluſſe des Adepten befreien würde. Es war daher natürlich, daß ſie von der Idee ſeiner Ermordung durch Me⸗ dardus angeregt, zitternd auf die Polſterbank zurück ſank und in einen jener bewußtloſen Zuſtände ver⸗ ſank, welche nur die ſchwächſte Verbindung zwiſchen Seele und Körper darſtellen, in denen man mehr je⸗ ner als dieſer Welt angehört. Während die Sorge um ſein Leben Lianen in dieſe Lage verſetzte, befand ſich Linzer bei Medardus im Thurmgemache. Als ſie daſelbſt angelangt waren, nahm der Ritter dem Adepten gegenüber, Platz, und dieſer begann: Ihr habt alſo nichts gefunden, nichts entdeckt? Keine Spur! verſetzte Linzer, die Alte war noch vor einigen Tagen in der Gegend, das erfuhr ich in den umliegenden Weilern, allein das Bauerpack ſcheint wenig Willen zu haben, ſie verrathen zu wollen, denn die verdammte Hexe trug ihnen Brod und andere Bedürfniſſe zu. Daß Gertrude mit Juttas Hülfe 1 entfloh, iſt kaum mehr zu bezweifeln, ja ich fürchte faſt, daß es wirklich nicht auf natürlichem Wege ge⸗ ſchehen ſei. 238 Medardus ſchüttelte den Kopf und verſetzte: Gertrude iſt ein menſchlich Weſen, und wenn ſie noch dieſem Leben angehört, muß ſie auch auf der Erde zu finden ſein. Dieß mein' ich auch, antwortete Linzer, doch wird es wohl Monden währen, bis wir eine Spur ihres Aufenthaltes erfahren. Erlaubt mir nun die Frage, Ritter von Schrat⸗ tenſtein! was gedenkt Ihr nun zu thun? Ich will nicht ruhen noch raſten, bis die Elende den Platz geräumt, den ſie ſo unwürdig im Bunde mit mir, einnimmt, ich muß frei werden, ſie muß weichen! Und bis dahin? fragte Medardus weiter. Der Ritter ſah ihn ſtaunend an und ſprach: Wie könnt Ihr nur fragen? Bis dahin bleibt Alles ſo, wie es jetzt iſt; kein Stäubchen darf auf dem Schrattenſtein anders werden, als es in dieſem Au⸗ genblicke iſt. Und Liana? fragte der Adept weiter. Liana? Was ſoll dieſe Frage? Liana bleibt hier, und wird dann meine Gattin! Und Gertrude? Muß früher gefunden werden! Und wenn es aber dennoch nicht geſchehe? Seht, Ritter Linzer! ich weiß, daß Ihr mein Kind ſehr — 239 liebt, und daß es Euer ernſter Wille ſei, daſſelbe glücklich zu machen; aber die Umſtände ſind demſelben ſehr ungünſtig. Lianens Ruf iſt durch ihr Weilen auf dem Schloße ſehr getrübt worden, in den jetzigen Verhältniſſen wird er es noch mehr; was ſoll aus Lianen werden, wenn Eure Lage für immer die näm⸗ liche bliebe? Ich bin daher geſonnen, das Mädchen von hier zu entfernen! Medardus wollte durch dieſe Worte den Wider⸗ ſtand des Ritters prüfen, und fand, was er auch vermuthet hatte, den heftigſten ſeiner Art; dieſe Be⸗ ſtätigung bekräftigte ihn aber auch in ſeinem Vorſatze, und er beſchloß ohne Zögern mit Lianen die Flucht zu ergreifen, und zwar, wenn es möglich ſein ſollte, noch in der heutigen Nacht; aber in Linzers Buſen hatten die Worte des Adepten einen Verdachtsfunken geworfen; es wunderte ihn anfangs, wie Medardus nur einen Augenblick lang dieſen Gedanken gehegt haben konnte, es quälte ihn, er wußte jedoch nicht recht, die wahre Urſache dieſs Gefühls anzugeben, eine Ahnung ſagte ihm, daß hier Etwas vorgehe, was ihn betreffe, und zum erſten Mal, ſo lange er ihn kannte, kam ihm der Blick des Goldmachers fin⸗ ſter, unheimlich vor; er wurde mißtrauiſch. Das menſchliche Herz iſt nie gieriger, als wenn es darauf ankömmt, üble Meinungen oder Verdacht von dem Ne⸗ —— 240 benmenſchen einzuſaugen, es mögen dieſe nun gerecht oder ungerecht ſein, gleichviel, es gleicht immer einem dürren Schwamm, der gierig die Feuchte verſchlingt, und nie ſatt wird, ſo lange nur noch ein Räumchen desſelben hohl und leer iſt; ſo war es auch hier. Linzer war in ſeinen Selbſtgedanken mit der Verbrei⸗ tung dieſes Mißtrauens ſo geſchäftig, daß wenige Augenblicke hinreichten, ihn den Entſchluß faſſen zu laſſen, mit der größten Vorſicht und Aufmerkſamkeit zu Werke zu gehen; er war jedoch viel zu klug und zu erfahren, um nur einen Schein dieſes Beſchlußes aus ſeinem Thun hervorſchimmern zu laſſen, oder durch Minen und Blick zu verrathen. Dieß Alles ging in ſeinem Innern vor, während Medardus gleichſam von ſeinen Worten überredet, ſich endlich herbeiließ, Lianen aus der Burg nicht zu entfernen, und ihm das Verſprechen leiſtete, ſelbſt auf das Mäd⸗ chen einzuwirken, damit es ſich der fehlgeſchlagenen Hoffnungen halber, nicht unnützem Kummer Preis gebe. Nach dieſer Rede begann Linzer: Als ihr mich hieherzukommen auffordertet, mit der Angabe, daß Ihr mir wichtige Entdeckungen zu machen hättet, war ich der Meinung, ſie beträfen unſere Angelegen⸗ heit, die ich ſo weit gediehen wähnte, daß wir end⸗„ lich einmal eine Ernte hoffen durften, da wir doch ſchon ſo lange geſäet haben. „—— 241 Ihr meint die Goldtinktur? verſetzte Medardus mißmuthig, leider kann ich auch heute Nacht noch nicht zum letzten Handanlegen des großen Werkes ſchreiten.— Wie? rief Linzer erſtaunt, auch dieſe Nacht wie⸗ der verloren? und welche Urſache hält Euch ab? Hört Ihr nicht das Toben der Elemente? Das was wir ſchaffen, iſt ein Theil jener Wüthenden, und wenn das Ganze ras't, muß es auch das Theilchen mit empfinden; es herrſcht ein ſonderba⸗ rer Einklang zwiſchen dem Metall, der Erde und der Luft, alles ſteht in feinem Zuſammenhang, der frei⸗ lich dem kurzſichtigen Blicke vieler Sterblichen nicht ausnehmbar erſcheint. Linzer ſchüttelte den Kopf, und erwiderte mit ungläubiger Stimme: Wie wär' es aber, wenn wir es doch verſuchten? Der Adept blitzte ihn mit ſeinen finſtern Augen an und fragte: Wie, Ihr wolltet? wär' es möglich— Linzer verſetzte kalt: Ihr gerathet ſehr in Bewe⸗ gung ob einer Kleinigkeit; es gelte ja nur einen Verſuch! Man muß verſuchen in unſerer Kunſt, erwie⸗ derte Medardus, man muß ſich mühen und placken bis man nur zu einem Athem der Wahrheit gelangt das iſt wahr, allein man muß die Zeit, die Kon⸗ 21 242 ſtellation beobachten, denn Eine ungelegene Stunde, Ein böſer Augenblick macht Alles verderben, man muß die Elemente, und die Geiſter, die ihnen inwoh⸗ nen, nicht verſuchen, das ſage ich Euch! Und ich ſage Euch, daß ich es will! rief der Rit⸗ ter mit gebietendem Tone, mein Wille ſteht feſt, es geſchehe, auf meine Gefahr hin! Der Adept wurde verwirrt, wechſelte die Farbe, und ſprach verlegen: Wie, Ihr wolltet mich zwingen? Ja! ſprach der Andere kurz. Erwägt, daß ein erzwungenes Werk noch nie ge⸗ dieh, daß Ihr mit Gewalt die Frucht aller bisher mühſelig gewonnenen Vortheile mit Einem Schlage vernichtet! Ihr habt mir die Goldtinktur mit Gewißheit ver⸗ heißen, Ihr müßt mir Euer Wort halten! Das kann ich nimmer, wenn Ihr mich in dieſem Augenblicke zur Arbeit zwingt! Ich thue dieß, begann jetzt der Schrattenſteiner ge⸗ dehnt, weil ich Eure Liſt durchſchaue: Ihr wollt das Arkanum für Euch erfinden, und dann die Flucht er⸗ greifen, damit ich für alle meine an Euch vergeudeten Schätze keinen Erſatz erhalte; und weil ich dieſen Schur⸗ kenſtreich durchſchaue, zwing' ich Euch zur Arbeit. Eure Ausflüchte ſind leer, wehe Euch, wenn Ihr das Werk mißlingen macht, nach welchem meine Gier eben ſo P —,— 243 groß, als nach Eurem Kinde iſt. Ihr müßt es heute zu Ende bringen— und es muß gelingen! Medardus ſah ein, daß er bei dem erregten Ver⸗ dacht dieſem Willen keinen Widerſtand mehr entgegen⸗ ſetzen könne; ſich mit Gewalt aufzulehnen, vermochte er auch nicht, denn die Macht war auf Linzers Seite, er beſchloß daher, für den Augenblick zu gehorchen, und dem Ritter dann auf eine Weiſe in ſeinen Willen zu zwingen, um die Gelegenheit zu gewinnen. Dem ge⸗ mäß erwiederte er: Wohlan! ich will den Schluß des Werkes beginnen, ich habe Euch vergebens gewarnt, wenn es mißlingt, ſo wird es nicht meine Schuld ſein. Jedoch ſo viel müßt Ihr noch wiſſen: Alles— was wir bisher zur Auffindung des Geheimniſſes verwendet haben: Zeit, Gold und Mühe, Alles iſt unwieder⸗ bringlich verloren, wenn wir jetzt nicht zum Zwecke kommen. Hier iſt Euer Gold, Ihr ſeht es ſelbſt, ein großer Theil iſt ſchon verwendet, doch wollt Ihr auch dieſen daran wagen, ich ſtehe nicht für den Ausgang! Medardus hoffte ihn durch den Anblick zu blen⸗ den und zum Abſtehen von ſeinem Verlangen zu be⸗ wegen, allein Linzer rief: Ich wage auch dieß daran, ich will ſehen, ob ich einem liſtigen Schurken zum Opfer gefallen! Es ſei, ich beginne das Werk. Nehmt dieſen Platz ein und ſehet ſelbſt, wie ich es vollbringe! 2 2 —— 244 Der Adept ging nun zur kleinen Eſſe und zün⸗ dete ein ſtarkes Kohlenfeuer an. Ueber demſelben, auf einen großen, eiſernen Dreifuß ſetzte er einen mächti⸗ gen Tiegel von Thon, und ſchüttete eine Maße frü⸗ her erzeugten Pulvers in denſelben, dann that er auch das Gold dazu, und ſchürte die Gluth noch mehr. Darauf nahm er eine ſeiner größten Scripturen und begann in derſelben zu blättern. Das Gewitter draußen tobte indeſſen, wo möglich in noch verſtärk⸗ terer Wuth, der Sturm war fürchterlich, der Tan⸗ nenwald ächzte unter ſeinem Grimme, er pfiff an den Mauern vorüber, und legte ſich in die Fenſter, daß man in jedem Augenblicke ihr Zerſchmettern befürch⸗ ten mußte. Es war eine Nacht, fürchterlich, wie man ſie in den nördlichen Gegenden nur erlebt, wenn alle Stürme aus ihrer Haft befreit ſcheinen, um mit vereinter Macht über die Erde, die Menſchen und ihre Werke hereinzubrechen. Der Adept hatte jetzt die geſuchte Stelle im Buche gefunden und begann mit tiefem Tone, die Stille des Gemaches unterbrechend, zu leſen:„Wenn ſolcher Weiſe das Merkurpulver „gefertiget iſt, ſo hat man wohl ſchon ſo viel gewon⸗ „nen, allein man iſt vom Ziele noch immer ſoweit „genug entfernt; denn das Hauptwerk, das Miſchen „mit dem Golde, iſt eben ſo gefährlich, als entſchei⸗ „dend, unter hundert Malen gelingt es ſelten einmal, 245 ves müſſen hiebei alle günſtigen Umſtände eintreffen: „Wetter, Tag und Stern haben Einfluß darauf, „böſe Geiſter können es ſtören, und ſuchen auch, es „zu thun; feindliche Elemente können es vernichten, „und ſelbſt Todte üben mißgünſtige Macht darauf. „Wenn ſolcher Weiſe das Pulver fertig, kömmt es mit „dem Gold übers Feuer in ein Thongefäß,— ſobald „ſich die Maſſen zu miſchen beginnen, hängt der „himmliſche Feuerſtrahl wie an einem Haar über dem „Haupte des Goldmachers und ſeiner nächſten Umge⸗ „bung, ein Funken nur, ein Stoß nur, ein ſündig „Wort nur, eine Erſchütterung nur, ein Fluch nur, „ſind hinreichend oft das Haar reißen zu machen, „und das Verderben herabzubeſchwören!“— Medardus hält mit dem Leſen inne, Grabesſtille herrſcht im Gemache; Linzer, mit verſchränkten Armen, die Beine weit von ſich geſtreckt, ſieht finſter in die Glut, der Adept ſchielt nach ihm mit einem Seiten⸗ blick, in dem Tiegel drinn beginnt es bereits zu ſchäu⸗ men und zu broddeln. Liana war indeſſen aus ihrem bewußtloſen Zu⸗ ſtande erwacht, Dunkelheit umfing ſie, ſie ſprang auf, befahl ihrer Dienerinn die Lampe zu zünden, und begehrte dann wieder allein zu ſein. Die fürch⸗ terlichen Gedanken waren zwar geflohen, aber die Wirkung derſelben war geblieben, ſie war blaß, und 246 fühlte ſich todteskrank. Was ſollte ſie jetzt thun? Dieſe Frage wollte ſie reiflicher erwägen; ſollte ſie wirklich in das Begehren des Adepten willigen, war kein Rettungsweg für ſie möglich? Ein Gedanke er⸗ wachte: Sollte ſie ſich dem Ritter entdecken, ihm das Vorgefallene geſtehen, und den Anſchlag des angebli⸗ chen Vaters enthüllen? liebt Linzer ſie, ſo mußte er ihr vergeben, und ſie war aus Medardus Klauen für immer gerettet! Der Gedanke fand Spielraum in ihrem Herzen, ſie wagte zwar Alles auf den Schlag, allein ſie wollte lieber gleich vernichtet ſein, als wie⸗ der in die Gewalt des Adepten zu gelangen; ſie er⸗ hob ſich raſch, rief ihre Dienerinn und befahl ihr, Erkundigung einzuziehen, ob der Ritter ſchon in ſei⸗ nen Gemächern ſei; bald darauf vernahm ſie, er be⸗ finde ſich noch im Thurme. Dahin beſchloß ſie zu eilen, in des Adepten Gegenwart wollte ſie das Ge⸗ ſtändniß ablegen, und er ſelbſt ſollte Zeuge ſein, wie ſie ſein Bubenſtück enthüllen und ihm kühn die Stirne biethen wollte. Sie erhob ſich, da öffnete ſich eine ihr bisher unbekannt gebliebene Thüre in der Wand, und heraus trat Frau Jutta, in ein weißes Gewand gehüllt, mit einem in der Rechten geſchwungenem Dolche, das Haar flatternd, die Augen weit aufge⸗ riſſen und fürchterliche Blicke auf Liana ſchleudend. Das Mädchen ſchauderte zuſammen, Todtenbleiche Q 247 deckte ihre Wangen, ſie wollte um Hülfe ſchreien, und vermochte nicht einen Laut aus der Kehle zu preſ⸗ ſen; wie das verkörperte böſe Gewiſſen erfaßte ſie die geſpenſtige Erſcheinung, ſie raffte all ihre Kraft zu⸗ ſammen und ſtürzte aus dem Gemache. Wohin ſollte ſie fliehen, wo ſollte ſie Schutz vor der geſpenſtigen Erſcheinung finden? Ein Gedanke erwachte, ſie nahm ihre Richtung hinab gegen den Thurm, wo ſich die geheime Werkſtätte des Adepten befand. Die Angſt beſchwingte den fliehenden Fuß, faſt verging ihr der Odem, ihr Weg führte über einen langen Gang, ſie blickte hinter ſich und gewahrte noch immer die ſchreck⸗ liche Geſtalt ihr folgen, deren Augen wie Kohlen aus der Finſterniß leuchteten; Raſcher als früher ſetzte ſie ihren Lauf fort, nach Athem ringend, die Hände kreuzend; in ihre Ohren drang das Rauſchen des weißen Gewandes, es kam immer näher, jetzt befand ſie ſich in der Nähe des Thurmes, da hörte ſie aus demſelben die donnernde Stimme des Adepten, er ſchrie:„Wollt Ihr mich frei ziehen laſſen aus der Burg? ſagt:„Nein!“ und ich ſchleudere das Gefäß in die Gluth!“ In demſelben Augenblicke riß Liana die Thüre auf, ſtürzte ins Gemach, das Waldfräulein mit dem drohenden Dolche hart hinter ihr; ein furcht⸗ barer Schrei des Adepten und des Ritters durchdröhn⸗ te das Gemach, das Thongefäß entfiel der zitternden Hand, ein Blitz— ein Schlag— als ob die Welt aus ihren Fugen träte, darauf ein fürchterliches Rol⸗ len und Krachen, und der Thurm und ein großer Theil der Burg war geſprengt. Die Mauern— gleichſam als Echo der gewaltigen Erſchütterung praſ⸗ ſelten zu Schutt zuſammen, unter der gräßlichen Ver⸗ wüſtung lagen Wolf von Wildenberg, Liana, und Linzer der letzte der Schrattenſteiner, zer⸗ ſchmettert, und über derſelben, gleichſam vom Winde geſchaukelt, wie ein großes Pappelblatt, flog eine luf⸗ tige Geſtalt hinweg, ſich hebend und wälzend, leicht und ätheriſch, wie ein Wölkchen, und dieſes Weſen war das— Waldfräulein. —— Ruhe ſindet hier und Frieden, Alles was gelebt hienieden; Lürſt und Vettler, Prieſter, Krieger, Der Beſtegte und der Sieger. Einer ſuchet ſte in warmen Menſchenherzen zu umarmen, Jener will auf Heimathserde ZFinden ſie am Vaterherde, Dieſe will in Kloſtermauern Fromm und reuig ſie vertrauern; Andre ſinken in die Grube nieder, Fräulein kehrt zum grünen Walde wieder! Ais Hanns Poſtl dem Befehle des Ritters zu Folge die Burg verlaſſen hatte, nahm er ſeinen Weg'gen Würflach. Mag die Alte ſuchen, wer da will! ſprach er bei ſich— ich thu's nicht; das hieße nur Steine auf die Neuſtädter Haide tragen, und ich glaube, man könnte eben ſo leicht den Schneeberg abgraben, als die gute Frau Jutta in dieſen Schluchten und Löchern auffinden. Binnen acht Tagen, ſprach Herr Linzer, muß ich ſie gefunden haben und zurückgekehrt ſein? Proſt die Mahlzeit! wenn das Eine nicht iſt, 250 geſchieht das Andere um ſo weniger; aber ſonderbar: die Alte hat mir auch gerathen, mich auf acht Tage zu entfernen; und weil ich ihrem Rathe nicht Folge leiſten wollte, ſo iſt es von ſelbſt gekommen; dafür will ich ſie aber nicht ſuchen, kehre ſtracks'gen Wür⸗ flach heim, und will ſehen, was ſich binnen dieſer Friſt zuträgt, um mich vor den Nachſtellungen des Ritters zu ſichern. Unter ſolchen Gedanken langte er am Vormittage in Würflach an.— Mehrere Bewohner des Mark⸗ tes ſtanden zufällig vor ihren Hütten, ſteckten, als Poſtl herangeſtiegen kam, die Köpfe zuſammen, und wisperten mit einander. Hanns wurde feuerroth und ſchlug die Augen zu Boden, er glaubte die Worte zu hören:„Da habt ihr den durchgegangenen Hanns! da kommt der Verdrehte wieder, haben ihm wahr⸗ ſcheinlich auf dem Schrattenſtein das Lederzeug durch⸗ gegärbt, und ſchicken ihn nun wieder nach Hauſe!“ Ein anderer rief, und zwar, wie man es merkte, ge⸗ fliſſentlich ſo laut, daß der Weinzürl es hören mußte: Oho, iſt der Windbeutel ſchon da, um das Erbe des verſtorbenen Vetters in Empfang zu nehmen? jetzt kann er wieder unſeren Dirnen nachſteigen, und ſich von ihnen narren laſſen!“ Poſtl ging, von ſolchen Bemerkungen gefolgt, wie durch eine brennende Gaſſe, er wußte nicht was 251 er thun, wohin er den Blick wenden ſollte, aber er verdoppelte ſeine Schritte, um nur dem Spottfeuer ſo ſchnell als möglich zu entkommen. Da hat man's, brummte er vor ſich hin, wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht ſorgen! Nebſt all dem, was ich ſchon erlitten und erduldet habe, kann ich jetzt auch dem ganzen Markte zur Zielſcheibe ſeines Uebermuthes dienen; aber's geſchieht mir ſchon recht, was hab' ich einem ſteieriſchen Fräulein nachzulaufen? Hinterm Ofen bleiben, was zum Ofen geboren iſt, und nicht aufs Roß wollen, was auf den Gaul nicht gehört! hätt' ich das befolgt, es ſtünde mit mir viel beſſer als jetzt! Er ging, nebſt dem den Tod ſeines Verwandten betrauernd, raſchen Schrittes auf die Hütte zu, in welcher Lisbertha mit einer alten Baſe wohnte; das Mädchen war allein zu Hauſe, und konnte daher ih⸗ rer Freude über Poſtl's Erſcheinen ungeſcheut freien Lauf laſſen; ſie war herzensfroh, daß er wiederge⸗ kommen war, und äußerte auch unverholen ihre Freude darüber. Hanns erzählte ihr die Verlegenheit, in welche ihn die Bemerkungen einiger Märktler gebracht hatten, allein Lisbertha betrübte ſich nicht darüber, ſondern ſprach: Haſt du Dir's eingebrockt, ſo kannſt Du's auch verſchlucken! Wie man ſich's bettet, ſo liegt man! ———— ————— ————— 252 Ach, verſetzte Poſtl, ich werde wahrſcheinlich nicht lange hier liegen, denn in acht Tagen muß ich ja zurück auf den Schrattenſtein kehren! Deßhalb, rief Lisbertha, hab' ich keine Du gehſt nicht mehr in die Burg⸗ Wie? fragte Hanns erſtaunt— woher haſt Du dieſe Beſtimmtheit? Mir hat es geſtern Abend die gute Frau Jutta verſprochen!— So hat doch die Alte überall ihre Hand drein, rief Poſtl, ich möchte nur wiſſen, was ſie ſich um mich ſo zu kümmern hat? Sie iſt überall, macht Alles, mengt ſich in Alles, und weiß Alles! Ich möchte mir auch gar nichts draus machen, aber ſie iſt ein altes Weib, und mit ſolchen iſt nicht gut verkehren! Du magſt ſagen was Du wrillſt, entgegnete Lisbertha, ich trau' ihr, und bau auf ſie; was ſie mir je verſprochen, das hat ſie gehalten, was ſie vorher geſagt iſt wahr geworden, und ſie hat mir noch immer Gutes, oder mindeſtens Troſt gebracht! Daß ſie kein böſes Weſen iſt, davon bin ich feſt überzeugt, denn ſonſt würde ſie mich nicht zu Tugend und Fröm⸗ migkeit gemahnt haben, und das thun Hexen und böſe Gei⸗ ſter nicht! Poſtl ſchüttelte mit einer Miene den Kopf, als möchte er dieß zwar gerne glauben, und könne es jedoch nicht, dann ſprach er: Sei es nun wie immer, jetzt bin ich da, und wir wollen ſehen, was weiter kommt. 253 Das werden wir bald hören, erwiederte Lis⸗ bertha, denn Frau Jutta hat mir verſprochen, noch heute zu kommen, und ich hoffe, ſie wird wie immer ihre Zuſage erfüllen. Es war auch wirklich noch kein Stündchen ver⸗ floſſen, die beiden vereinten Liebenden ſaßen noch im⸗ mer beiſammen und plauderten, da öffnete ſich die Thüre, und hereintrat ein wunderliebliches Mädchen. Es waren ganz wieder jene zarten Formen, jenes ätheriſche Weſen, jene überirdiſche Schöne, die Poſtl ſchon ſo oft geſehen hatte, es war ſein— ſteieri⸗ ſches Fräulein! Der Weinzürl wurde glühend roth, er erkannte den Gegenſtand ſeiner Narrheit, und in keinem Au⸗ genblicke hatte er noch ſein Vergehen ſo bereut, wie in dem jetzigen. Die Erſcheinung lächelte gutmüthig und ſprach zu ihm: Endlich hab' ich Dich wieder auf dem Punkte, wo ich Dich haben wollte, und von dem Du ausgegangen warſt. Was bisher geſchehen, that ich nur, ich wiederhole es, Lisbertha zu Liebe, weil ſie Dir zugethan iſt und weil ich hoffe, daß ſie nun, da Du von Deinen Fehlern zum Theil wenig⸗ ſtens geheilt biſt, in Deinen Armen glücklich ſein wird. Bleibe Deinem Mädchen zugethan und ſei nicht flat⸗ terhaft, rede Wahrheit, und hebe das Haupt nicht höher, als es Dir zukömmt; dieſe drei Erfahrungen, 254 welche Du durch mein Einwirken gemacht haſt, mö⸗ gen Dir ſtets unvergeßlich bleiben; Du haſt geſehen, welche üble Folgen es bringt und Du müßteſt ganz verdorben und unverbeſſerlich ſein, wenn Dich die bit⸗ tere Etfahrung nicht klüger gemacht haben ſollte. Was mich belangt, ſo ſeht ihr in mir zugleich die gute Frau Jutta, ich bin aber weder das ſteieriſche Fräu⸗ lein, noch die arme Frau, ſondern ein Weſen anderer Welt, welches alle Formen annehmen kann, wenn es das Wohl der Beſſern und die Beſtrafung der Bö⸗ ſen zum Zwecke hat. Ihr werdet das Erbe des ver⸗ ſtorbenen Vetters in Empfang nehmen, und wenn Ihr fromm und tugendhaft zuſammenhaltet, ſo werdet ihr auch glücklich damit ſein, das kann ich Euch ver⸗ ſichern! Die beiden Liebenden ſanken der Erſcheinung zu Füßen. Waldfräulein breitete ſegnend die Hände über ihre Häupter, ein Säuſeln, wie der Morgen wind in Blumenblättern, durchwehte die Stube, und als Hanns und Lisbertha aufblickten, war die Erſcheinung ver⸗ ſchwunden. Durch das Fenſterchen herein aber tönte wieder der muthwillige, hüpfende Geſang, der den Weinzürl ſo oft geneckt hatte; er lautete: Willkommen! Hanns Poſtl! Biſt endlich zu Hauſe? Und ladeſt zur Hochzeit Die Nachbarn zum Schmauſe!— 255 Jetzt baue nur Reben, Laß Fräulein's und Schlöſſer, Behalte die Glatze, Für Dich iſt es beſſer!— Hanns kratzte ſich nach gewohnter Weiſe hinter den Ohren und ſprach: Bei meiner armen Seele! ich glaube gar, der boshafte Geſang iſt auch immer vom Waldfräulein gekommen. O, der hat mich nicht wenig gekränkt! Am andern Tage verbreitete ſich in Würflach die Nachricht von der Zerſtörung des Schrattenſteins, einige verſtümmelte Knechte brachten die Nachricht dahin. Als Hanns Poſtl ſolches vernahm, erzählte er es jubelnd ſeiner Lisbertha und rief dabei: Siehſt Du, was ich für ein wichtiger Mann bin, und wie lieb mich der Himmel hat? damit ich nicht rückzukehren brauche, ge⸗ ſchieht ſolch ein Wunder. Ja, ja, ſieh' mich nur an, Meinethalben iſt der Schrattenſtein in die Luft geſprengt worden, damit ich nicht rückzukehren brauche! Seinen Eigendünkel, dachte Lisbertha, hat er doch noch nicht verloren! ** — Viele Jahre ſpäter— Hanns Poſtl war indeſſen der glückliche Vater einer zahlreichen Familie geworden, lag zu Neuſtadt in dem Kloſter der Beg uinen— welche Nonnen mit dem Templern zugleich zu Ende des drei⸗ 256 zehnten Jahrhundertes dahin gekommen waren,— eine der frommen Frauen auf dem Serbebette. Um Schutz und Zuflucht vor Feinden und Verfolgern zu finden, um ihr Leben auf eine fromme, gottgefällige Weiſe ſo beſchließen zu können, wie ſie es bisher geführt, war ſie in den heiligen Stand getreten, und hatte entfernt von dem Getreibe der Welt, entfernt von ihren Freuden und Wonnen auf Alles verzichtet, was ſie zu biethen im Stande war. Zwei dienende Schweſtern ſtanden un⸗ weit dem Sterbelager der Beguine, und ein greiſer Prieſter ſaß an demſelben, um der Erdenpilgerinn Him⸗ melstroſt auf den weiten Weg mitzugeben. Ich habe Euch, frommer Vater, liſpelte die Kranke matt, Alles bekannt, was mein Herz belaſtete; die mich verfolgten, ſind mir ſchon lange vorangegangen, und die mich geliebt, mit ihr werde ich nun endlich ganz vereint werden! Kann es für mich daher etwas Süßeres als den Tod geben?— Hier nehmt noch dieſe Blätter; ich habe in denſelben meine Schickſale aufgezeichnet, wie mich der Himmel würdig befunden, durch ein Weſen anderer Welt aus Nöthen und Gefahren zu erretten, und in den Hafen der Ruhe einführen zu laſſen. Viele leben um zu ſündigen, andere leben, um Freuden zu genießen, wieder andere leben, um ſich zu ver⸗ ewigen; ich habe gelebt, um zu dulden! Nach dieſen Worten verſagte ihr die Zunge, ſie —„— 257 ſchloß die Augen und ſtarb ſanft, ſie erloſch wie ein Oehlflämmchen, dem's an Nahrung gebricht. Dieſe Beguine war Gertrude, die mißhandelte Gattinn des letzten Schrattenſteiners. Die Stammburg dieſes alten, ritterlichen Geſchlech⸗ tes aber blieb lange Zeit zerſtört und verwüſtet, denn Jedermann ſcheute ſich den unheimlichen Ueberreſten eines Wohnortes zu nahen, welchen der Arm des Him⸗ mels vernichtet hatte. Später verſuchte man es die Burg wieder aufzubauen, allein der Fluch ſchien an dem Platze zu kleben, und ſo kam es, daß ſie wieder verlaſſen wurde und es bis zum heutigen Tage noch iſt. Man ſieht es der Ruine an, daß ihre Mauern zertrümmert, und durch ein gewaltiges Ereigniß ausein⸗ ander geriſſen wurden. Im vorigen Jahrhunderte be⸗ nützten Falſchmünzer den abgelegenen Ort zu ihrem Aufenthalte. Von den Blättern, in welchem Ger⸗ trude ihre Lebensgeſchichte verzeichnet haben ſoll, ſo wie ſelbſt von dem Kloſter, in dem ſie ſtarb, iſt keine Spur mehr zu finden. Auch Waldfräulein ließ ſich nie wieder ſehen, obwohl die Landleute in der Um⸗ gebung von ihr erzählen, und die Armen und Guten ihr Erſcheinen herbei wünſchen. Von demſelben Verfaſſer erſcheinen bal⸗ digſt in unſerm Verlage: Die Sendung des Rabbi. Romantiſches Zeit⸗ u. Sagenbild. Der Gezeichnete. Hiſtoriſcher Roman in 3 Bänden und 6 Büchern: 1. Buch: Am Cirknitzer-See. 2. Buch: Der Katzenſtein. 3. Buch: Die Pru⸗ denten. 4. Buch: Der Kaiſer in Lai⸗ bach. 5. Buch: Die Gaukler. 6. Buch: Das Dreikönigsfeſt in Wien. Wir machen ſchon im Voraus auf dieſe beiden Werke des beliebten Verfaſſers aufmerk⸗ ſam, und hegen die ſichere Ueberzeugung, daß ſelbe allgemein anſprechen und den vortheilhaf⸗ ten Ruf des Verfaſſers noch mehr verbreiten werden. Vie Verlagshandlung. 8 Ee