— . 223 Leihbiblivthet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. Mk.— Pf. 6 „ 6„„ 55„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchiutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 03 ieeſ Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ee —— 7 —— Eduard FPreier's geſammelte Romant. Sechster Band. Wien und Leipzig. 1848. Joſef Stöckholzer v. Hirſchfeld. Hußiten in Luditz. Roman von Eduard Preier. Zweite Auflage. Wien und Ceipzig. 1848. Joſef Stöckholzer v. Hirſchfeld. — — — — N v — 3 Laßt zurück uns in die Ferne ſchauen, In der Vorzeit nächtig ödes Grauen, Wo im ſchönen Land der edlen Czechen Brüder gegen Brüder blutig ſtreiten, Wo— um eines Mannes Tod zu rächen, Tauſend And're in die Gräber gleiten! Richt nach dunklen Mährchen laßt uns jagen, Die Geſchichte wollen wir durchſpähen, Ihre Schrecken machen uns nicht zagen, Denn, was wir auch ſchildern, iſt— geſchehen! Erſtes Kapitel. Gebeugt iſt ſein Haupt von Alter Roth ſein Auge von Thränen. „Die Lieder von Selma' von Oßian. Vormittags am Sonntage vor Nikolai, im Jahre 1422, ſchritten in dem Städtchen Luditz zwei Män⸗ ner jene Gaſſe hinab, welche von der Firche gegen den Ring zu führt, indem ſie ſich zugleich in dieſen großen Platz mündet. Die anſehnliche Geſtalt des Rechtsgehenden, die ehrerbietigen Grüße der Vorüberwandelnden, welche nur ihm zu gelten ſchienen, laſſen uns eine obrigkeit⸗ liche Perſon in demſelben vermuthen, und ſeine zier⸗ lich nette Kleidung beſtätiget dieſes vollkommen. Ein ſilbergeſtickter, ſchwarzer Sammetrock mit großen platten Knöpfen deckte den kräftigen Körper; auf der breiten Bruſt glänzte, mit dem gekrönten, doppelt geſchweiften Löwen im rothen Felde, dem Wappenſchilde Böhmens, eine goldene Rathskette, die ihm der hochverehrte König Wenzel der Vierte, mit ſeiner Würde zugleich verliehen hatte; ein feiner, gekrempter Federhut ſaß kühn auf dem ſchneeigten Haupte, deſſen bleiches, tiefgefurchtes Antlitz nicht nur Spuren eines weit vorgeſchrittenen Lebensalters, ſondern auch eines herben Kummers deutlich anzeig⸗ ten; in der Hand trug er ein Hiſpaniarohr mit dem ſchweren goldenen Knopfe, und wer auch den ſtattli⸗ chen Mann nicht perſonlich gekannt hätte, würde doch aus dieſem Symbole ſeine hohe Stelle herausgefun⸗ den haben. Es war Herr Prokopius Hladek, der damalige Bürgermeiſter der feſten Stadt Luditz⸗ Der Mann an ſeiner linken Seite hielt ſich im⸗ mer um die halbe Mannsbreite hinter dem Stadther⸗ ren, ſeine Haltung trotz der hohen hagern Geſtalt, war eine immer vorwärtsgeneigte; ſie verrieth, ſo wie jede ſeiner übrigen Mienen und Geſten, eine übertrie⸗ bene Demuth, die vielleicht nur einer heuchleriſchen Heimtücke ihre Entſtehung verdanken konnte. Dem dürren langgezogenen Antlitze war der Tipus eines ewigen Lächelns aufgeprägt, welches, ſo wie die knö⸗ cherige Stumpfnaſe und die kleinen grauen Augen, der ganzen Phiſiognomie ein unausſtehlich zuwideres Anſehen gaben. n⸗ 3 vie en em ies ö⸗ res 7 Es war ein kalter Februarmorgen, die Luft hei⸗ ter und dünn, und die Sonne eben im Aufgehen; ihre erſten Strahlen fielen über die Berge, und war⸗ fen auf die ſchneeüberweißten Dächer goldigen Schein; unter den Tritten des Bürgermeiſters kniſterte die winterliche Kriſtalldecke, während ſein Begleiter kaum hörbar über dieſelbe hinſchlich, man glaubte in ihm eine aufgeſtuzte Feder zu ſehen und zu hören, die von unkundiger Schreibershand auf holperiger Papier⸗ fläche langſam vorwärts gezogen wird. Es war dieſer Letztere Jan Liſchka, der Ver⸗ traute des Bürgermeiſters und zugleich Stadtſchreiber von Luditz. Beide Männer ſchienen in ein Ge⸗ ſpräch von Bedeutung vertieft. „Kaum zu glauben,“ rief Herr Prokopius, nach einer von ſeinem Begleiter erhaltenen Kunde, ganz entrüſtet, und preßte das Rohr krampfhaft in ſeiner Hand.„Kaum zu glauben in der That!“ „Gnädiger Herr! Ihr kennt meine Wahrheits⸗ liebe,“ betheuerte der Stadtſchreiber andächtig. „Ja, ich glaube Euch Jan,“ ſeufzte der aufge⸗ brachte Bürgermeiſter,„der Herr hat mich ſchwer heimgeſucht mit dieſem Ungerathenen!“ „Es wäre vielleicht doch beſſer geweſen,— es iſt nur meine unfürgreifliche Meinung,“ heuchelte der ſchleichende Schreiber,„wenn Ihr, verehrter Herr Bürgermeiſter, dem jungen Herrn das väterliche Haus nicht verwieſen hättet.“ „Alle Teufel!“ unterbrach ihn der Erzürnte, „ſoll ich mir die Betteldirne ins Haus führen laſſen, und ſie als Schwiegertochter etwa gar noch willkom⸗ men heißen? Gibt's denn der Rathstöchter nicht in Ueberfluß, in die der Tolle ſich hätte vergaffen können?“ „Gnädiger Herr!“ ſprach der Schreiber demü⸗ thig,„die alten Heiden haben die Liebe blind dar⸗ geſtellt.“ „Bei einem chriſtlich erzogenen Menſchen,“ ei⸗ ferte Herr Prokopius wild, und focht mit dem Rohre in der Luft,„ſoll ſie aber Augen haben, ſcharfe Augen, und da ſie leider keine hat, ſo werde ich ihr zwei öffnen, daß ſie die Hölle ſammt allen Teufeln ſehen ſoll!“ ⁰ „Beſänftigt Euch, gnädiger Herr!“ bat Liſchka mit ſchlecht verhehlter Freude,„vergeben iſt göttlich! Er iſt doch Euer leiblich' Kind—“ „Geweſen, ja geweſen!“ unterbrach ihn der Amtsherr bitter,„beim Himmel! jetzt iſt er es nicht mehr! ich habe nur noch einen Sohn und den mö⸗ ge mir Gott erhalten. 9 Sie waren jetzt am Ende der Gaſſe angelangt, der Stadtſchreiber warf einen Blick auf das letzte ſpitzbogige Fenſter des Eckhauſes, eine hohe Frauen⸗ geſtalt ſchaute durch dasſelbe. Ein leiſer Wink ihrer Rechten wurde von Liſchka alſogleich verſtanden. Der Bürgermeiſter hatte von dieſem Zwiſchenſpiele nichts bemerkt; er ſah düſter vor ſich hin, ein tiefes Weh bemeiſterte ſich mehr und mehr ſeines Herzens. Den geliebteren ſeiner beiden Söhne, den Jüngern, an den er ſtets mit inniger Liebe gehangen, hatte er einer ſtandeswidrigen Liebe halber aus ſeinem Hauſe gebannt, und nun durch den Schreiber in Erfahrung gebracht, daß der Jüngling ſich fortwährend im Orte aufhalte, und bei dem königlichen Hauptmanne, der in der Stadt befehligte, als gemeiner Söldner Dienſte zu nehmen geſonnen ſei.— Der Amtsherr glaubte dadurch die Ehre ſeines Hauſes gebrandmarkt; er wollte daher den Nichtswürdigen vergeſſen, jedes Andenken an ihn aus dem väterlichen Herzen reißen. — Er hatte von nun an nur einen Sohn! Auf dem Ring', dem größten Platze von Lu⸗ ditz, ſtand das Haus des Bürgermeiſters.— Sein graues Gemäuer, von dem ſpitzen Giebeldache bedeckt, die tiefliegenden Bogenfenſter mit den balkonartigen Vorſprüngen, gaben dem Gebäude ein finſteres An⸗ 10 ſehen, und der trübe Sinn, welcher ſeit der Ent⸗ fernung des jüngern Sohnes, in demſelben herrſchte, war nicht geeignet, den düſtern Eindruck zu verſcheu⸗ chen, wenn man in's Innere des Hauſes trat. Vor dieſem Hauſe waren die beiden Männer angelangt. Der Bürgermeiſter entließ den Vertrau⸗ ten, und trat tiefſinnig in den dunkeln Gang. Tiefe Stille umfing ihn, als er in die ſonntäg⸗ lich geputzte Stube trat, eine angenehme Wärme mit Wohlgerüchen geſchwängert, durchwehte den Raum; es war ein recht wohnliches Plätzchen; allein dem Vater fehlte zu viel, als daß er in demſelben der Ruhe hätte pflegen können.— Herr Prokopius durchmaß mit langen Schritten die Stube, er wollte des Gram's in ſei⸗ nem Innern Meiſter werden, und vermochte es nicht. Jetzt trippelte eine freundliche Matrone herein; ge⸗ ſchäftig hatte ſie bald hier etwas zu ordnen, bald dort im Schranke das Weißzeug zu ſchlichten. Ihr ſteifer, faltenreicher Rock rauſchte beiz jeder ihrer Be⸗ wegungen, und verurſachte mit den Schritten des Bürgermeiſters die einzige Ruheſtörung im Gemache. Die Alte,— es war Marza, die Haushälte⸗ rin des Herrn Prokopius— hatte ihre Geſchäft⸗ lein ſchon längſt beendigt, und ſäumte doch noch im⸗ 1¹ mer, zu gehen, man konnte es deutlich gewahren, wie ſie jeden Vorwand benützte, um noch länger wei⸗ len zu können. Sie hatte Etwas auf dem Herzen, und deſſen wollte ſie ſich entledigen, wenn der Gnä⸗ dige ſie nur eines einzigen Wörtleins gewürdigt hätte; aber eben auf dieſes wartete ſie vergebens. Endlich konnte ſie nicht länger an ſich halten, das Schweigen war ihr unerträglich, es hätte ihr das Herz abgedrückt. „Euer Geſtreng!“ begann ſie, ſich dem Bür⸗ germeiſter ehrfürchtig nähernd. „Was wollt Ihr?“ fragte Herr Pr'okopius und blieb vor der Alten ſtehen. „Ich wollte Euch nur fragen, ob wir heute Mittags keine Gäſte bekommen?“ ſtotterte die Alte. „Nein!“ erwiederte der Bürgermeiſter ſeufzend, und begann wie früher die Stube zu durchſchreiten. Der Haushälterin pochte das Herz gewaltig un⸗ ter dem Faltenrocke, ſie begann zu ſchluchzen und heiße Thränen drängten ſich gewaltſam zwiſchen ih⸗ ren Augenwimpern hervor. „Was fehlt Euch Marza?“ fragte Herr Pro⸗ kopius wehmüthig, und blieb vor der treuen Die⸗ nerin ſtehen,„iſt Euch eine Unbill wiederfahren, ſo klagt es mir—“ 12 „Nein, nein, Euer Geſtreng,“ ſchluchzte die Alte,„mir hat Niemand was zu Leide gethan, aber— aber,— ach Gott! ich kann's nicht länger mehr ertragen!“— ſie vermochte vor Thränen kein Wort weiter zu ſprechen. Der Bürgermeiſter blickte ſeine Haushälterin ſtaunend an.„Was quält Euch denn ſo ſehr?“ fragte er nach einer Weile. „Euer Geſtreng,“ fuhr Marza weinend fort, „ich bin ſchon zwanzig Jahre in Eurem Hauſe, und habe Euch treue Dinſte geleiſtet, ich habe die Kinder auferzogen und das Haus treu verwaltet; als die Gottſelige auf dem Todtenbettlein lag, hat ſie mir es aufgetragen,— Ihr werdet Euch erinnern, wie ſie damals meine Hand gefaßt und gedrückt hatte, und dabei liſpelte:„Marza! ſei Du meinem kleinen Georg eine zweite Mutter!—“„Euer Geſtreng' ich habe dieſen Wunſch erfüllt, und nun, ach nun muß ich ſo viel Herzleid erfahren!—“ Herr Prokopius erblaßte während der Rede der alten Haushälterin.„Marzal“ rief er bebend, „Ihr ſeid eine treue Dienerin,— er aber iſt ein Undankbarer, ein Mißrathener!“ „Ach!“ unterbrach ihn die Alte,„ich kann ihn dennoch nicht vergeſſen! Ihr mögt Recht haben, er 13 kann einen Fehlweg gegangen ſein, aber deßwegen müßt Ihr ihn nicht gleich verſtoſſen, aus dem Hauſe jagen, und dem Schleicher ſo viel Glauben ſchenken, dem Tuckmäuſer!— Gnädiger Herr! Ihr müßt mir ſchon vergeben, dieſer Federfuchſer war mir von je her ein Dorn im Auge.“ „Marza,“ verſetzte der Bürgermeiſter ernſt, „verſchont den mit Eueren ſpitzen Reden, ihn, deſſen Werth Ihr nicht zu ſchätzen wißt! Jan iſt mir ein treuer Diener, und mein Wenzel, ſeitdem er in ihm einen Freund gefunden, iſt um Vieles beſſer und ernſter geworden.“— „Daß ſich Gott erbarmen möge!“ jammerte die Haushälterin.„Der Junker Wenzel wird da nicht viel Gutes lernen! aber das Alles geht mich nichts an, ich bin nur eine alte Dienerin, was hat die ſich darum zu ſorgen, wenn man den Wolf im Schafs⸗ pelze nicht erkennt; es geht ſie auch nichts an, wenn man eine Perle in den Sand wirft, und einen Kie⸗ ſel in die Taſche ſteckt; mein Gott! ich bin ja nur ein altes Weib, die in ſechzig langen Jahren gar we⸗ nig von den Menſchen kennen gelernt hat!“— „Geht, geht, alte Marza,“ unterbrach ſie Herr Prokopius im gütlichen Tone, Ihr thut dem Ei⸗ nen zu viel, dem Andern zu wenig. Gott weiß 14„ es, ich habe den Jungen lieb gehabt, als wär' er er wer meine Worte mein Einziger geweſen; ab ge leiſten will, nicht hören, meinem Rathe nicht Fol — der Sohn, der Schande über mein greiſes Haupt heraufbeſchwört, den will ich auch aus meinem Her⸗ zen reißen, er iſt für mich geſtorben! Bemüht Euch nicht,“ fuhr er etwas unwirſch fort, als ihm die Alte gegenreden wollte,„Euer gutes Herz würde hier ſchlechte Früchte ernten, erwähnt des Verſtoſſenen nicht mehr, wenn Ihr mich nicht kränken wollt.“ Er winkte beurlaubend mit der Hand, und Mar⸗ za entfernte ſich weinend aus der Stube, während Herr Prokopius ſich in dem mächtigen Armſeſſel niederließ, der ſein Haar weiß, und ſeine Furchen im Antlitze breiter und tiefer werden, geſehen hatte. Die Haushälterin aber ſchlich in ihr Kämmerlein, und ließ den Thränen freien Lauf. Hier durfte ſie we⸗ nigſtens um den guten Georg klagen, die Wände waren Zeugen ihres Kummers und hörten ihren lauten Schmerz; ſie liebte den Jüngling wie ihren eigenen Sohn, während ſie gegen den ältern Bruder von je⸗ her eine Abneigung fühlte, die ſich in der letzten Zeit, wo möglich, noch vergrößerte, weil ſie in ihm und dem tückiſchen Stadtſchreiber, die Späher und Ver⸗ läumder ihres Lieblings vermuthete. —— M 15 Jan Liſchka, als er den Bürgermeiſter ver. laſſen hatte, lächelte zufrieden vor ſich hin, rieb ſich wohlgefällig die Hände, ordnete die etwas verſchobe⸗ ne Halskrauſe, drückte das Barett auf das rechte Auge und trat langſam ſeinen Rückweg an. „Alles geht vortrefflich,“ murmelte er freudig in ſich hinein,„der Eine iſt aus dem Neſte heraus⸗ gebeitzt, der Andere gängelt in der Schlinge. Alle Teufel! vermag ich doch auch das Rohr mit dem gold'⸗ nen Knopfe zu tragen, und der Rathsherrentitel wird mich auch nicht zu Boden drücken. Warte nur, ſtolze Renate, der, den Du verſchmäht, wird bald Dein Herr ſein, und dann magſt Du den ſchmucken Georg am nächſten Baume ſuchen, oder auf dem Spieße eines Hu—, halt Liſchka,„unterbrach er ſich ſelbſt, und blickte mißtrauiſch um ſich,„nur keine Vorei⸗ ligkeit, ſelbſt die Schnecke erreicht den Baumgipfel, wenn ſie auch langſam kriecht; je länger gezielt,— um ſo ſicherer getroffen!“ Er trat jetzt in das Eckhaus, aus deſſen oberem Stocke ihm früher der Frauengruß geworden war, ſchritt die breite Treppe hinan, und ſtand in einigen Augenblicken vor der Dame ſelbſt. Das Gemach, wel⸗ ches ihn aufgenommen, glich dem zauberiſchen Auf⸗ enthalte eines überirdiſchen Weſens; denn trotz der winterlichen Jahreszeit war hier ein Ueberfluß üppig blühender Blumen an den Wänden gereiht, deren Düfte vereint, ſo zu ſagen, den Luftkreis des Gema⸗ ches bildeten. Vorhänge, aus grünem Seidenzeuge, umrauſchten faltenreich den größten Theil der Fenſter, ſo daß das Tageslicht nur durch die unterſten Scheiben einzudringen vermochte; hiedurch wogte ein trauliches Halbdunkel in dem anmuthigen Aufenthalte der rei⸗ zenden Dame. Sie ſelbſt lehnte auf einer ſchwellenden Polſter⸗ bank, welche von einem blauen Ueberwurfe,— aus geſchornem Sammt mit goldigen Borten und Blumen übernäht— verhüllt war. Das ſchwarzlockige Haupt ruhte auf der weißen Hand, während die Linke aus⸗ geſtreckt hinabhing, und eine Laute hielt, die mit ihrem untern Theile ſich an den teppichüberlegten Boden lehnte. Der ſchlanke Wuchs unſerer Huldin war von einer wei⸗ ßen Schleierhülle umfloſſen, die ſich fein an die üppi⸗ gen Formen ſchmiegte, und die verborgenen Geheim niſſe ſchier mehr als ahnen ließ. Das Antlitz ſelbſt bildete eine Vereinigung der lieblichſten Züge, die, von dem Feuerauge gleichſam erleuchtet, jedem Mannes⸗ herzen um ſo gefährlicher werden mußten. Mit einem Sehnſucht verrathenden Blicke ſah die Schöne dem Stadtſchreiber entgegen, deſſen lange, e ri ut ve er es die ge 17 dürre, hereinſchleichende Geſtalt einer giftigen Schlan⸗ ge glich, die ſich aufſtellt, um auf ihre Beute los zu ſtürzen. „Habe ich recht geſehen, gnädige Frau?“ ſprach er lächelnd, ergriff zierlich ihre Hand, welche die Laute hielt, und drückte ſie entzückt an ſeine Lippen. Die Dame ließ ihn einen Augenblick gewähren. „Ihr habt recht geſehen, aber ſchlecht verſtanden!“ erwiederte ſie dann etwas unmuthig, und zog ihre Hand ſachte aus der Seinigen. „Ihr erſchreckt mich, gnädige Frau!“ rief Jan, und zwang ſeinem Geſichte einen Ausdruck auf, wel⸗ cher zu ſeinen Worten paßte. „Ihr ſollt weder ſtaunen noch erſchrecken,“ ver⸗ ſetzte die Dame,—„Ihr ſollt Euch rechtfertigen!— Warum habt Ihr Euch drei Tage lang von mir ent⸗ fernt gehalten?“ Der Stadtſchreiber lächelte ſchlau vor ſich hin, rieb ſich die Hände, verdrehte andächtig die Augen und ſprach:„Nur die Sorge für Euer Wohl hat mich von Euch entfernt gehalten!“ Die Dame blickte den Heuchler wohlgefällig an, er aber fuhr fort:„Herr Wen zel läßt Euch ſeinen Gruß vermelden, er iſt nun Herr im Hauſe; denn 2 18 den jungen Laffen haben wir aus dem väterlichen Erbe geſprengt,— er iſt verſtoßen!“ „Verſtoßen?!“ ſchrie die Dame mit einem Tone, der mehr Schreck als Freude verrieth, und welcher ſelbſt den liſtigen Schreiber im erſten Augenblicke ſtu⸗ tzen machte. „Ihr ſcheint ihn zu bedauern?“ flüſterte Liſch⸗ ka lauernd. „Bedauern?“ verſetzte die Dame raſch, und zwang ſich, ihr Gefühl zu verhehlen;„nein, nicht im Mindeſten; freuen, ſollt Ihr ſagen⸗ herzlich freuen will ich mich, daß wir endlich unſerem Ziele ſo nahe ſind! o gewiß, es kann nicht mehr lange währen,— was meint Ihr wohl, Jan?“ „Meine Meinung, gnädige Frau,, daß die Frucht ſchon gezeitiger iſt. Wir dürfen nicht lange mehr zögern, ſonſt könnte ein einziger Zufall, unſern ſchönen Plan vereiteln. Wie weit ſeid Ihr mit Wen⸗ zel gekommen?“ „Himmel!“ erinnert mich an den Buben nicht,“ erwiederte die Dame unwirſch,„ſeine Gegenwart iſt mir unausſtehlich!“— „Will's wohl glauben,“ grinste der Schreiber, „bedenkt aber gnädige Frau, unſere Pläne“— 19 3„Nur die ſind es, die mich zur Verſtellung be⸗ wegen!“ rief die Schöne;„er hängt in meinem Netze, e, mein Wille iſt der ſeinige, ein Wort von mir, 3 und er wär im Stande, auf ſein väterliches Haus den u⸗ rothen Hahn zu ſtecken!“ „Ihr ſeid eine Meiſterin, Renate!“ rief Jan h⸗ entzückt, und preßte abermahls ihre Hand an ſeine Lippen,„o, es muß gelingen! Ich ſehe unſere Brü⸗ der ſchon in dieſen Mauern, auf dem Platze weht jc ihr Panner; der große Held an ihrer Spitze ſtürmt en mächtig einher, und ich mit dem Schlüſſel der Stadt he trete ihm demüthig entgegen, halte eine Rede an ihn, kehre als Bürgermeiſter zurück, und zu Hauſe harret dann meiner die ſchönſte Gattinn, die vielgeliebte die Renate ij nge Der hagere Stadtſchreiber hatte ſich bei dieſen Worten vor der Dame auf das Knie niedergelaſſen, und preßte ihre Hand an ſein glühendes Antlitz. Re⸗ nate aber blieb gleichgiltig in ihrer frühern Stellung, t,“ und theilte, wie es ſchien, das Liebesentzücken des iſt Stadtſchreibers nicht im Entfernteſten. Ihre Gedan⸗ ken hingen offenbar an einem andern Gegenſtande, ber, der allein in ihrer Seele zu leben ſchien, und deſſen Bild ihr die lebhafte Phantaſie wohl eben jetzt recht lebendig vorſpiegelte. Liſchka, ohne die Geiſtesab⸗ 2* 20 weſenheit der Angebeteten zu ahnen, drückte und preßte die feſt umſchlungene Hand noch immer, und dieſes brachte Renaten endlich wieder zu ſich ſelbſt. Er⸗ ſchrocken fuhr ſie zuſammen, entriß dem Knieenden ihre Linke, und richtete ſich auf ihrem Sitze empor. „Herr Liſchka,“ ſprach ſie ernſt,„Ihr ſcheint die Zeit mehr als beflügeln zu wollen; ſo ſind wir nicht überein gekommen. Meine Hand ſoll Euch erſt dann werden, wenn Ihr Euern Plan meiſterlich aus⸗ geſührt; bis dahin aber müßt Ihr mir ferne blei⸗ ben. Ihr habt noch keinen Beweis geliefert, daß es Euch um meine Wünſche Ernſt ſeil“ „Verkennt mich nicht, edle Frau,“ gegenre⸗ dete im Tone eines Gekränkten der Stadtſchreiber, beſann ſich aber bald eines Anderen und ging von Ge⸗ reitztheit zum Zorne, zur Erbitterung über.„Ihr müßt mich beileibe nicht falſch abwägen,“ knirſchte es,„denn fürwahr, ſo hoch als Ihr Euch ſchätzt, ſo hoch glaub' auch ich im Werthe zu ſtehen.— Doch wir wollen nicht feilſchen mit einander, ich bin der Mä⸗ ckelei gram, das Larvenſpiel fängt mir an, allmählig ein Bischen zu eall zu werden! Renate, was meint Ihr wohl,“ ziſchte er mit teufliſchen Hohn durch die Zähne,„hab' ich falſch in Euerem Herzen geleſen, 6 wenn ich darin mehr der Liebe fand, als ihrer ein ein⸗ ziger Mann bedürfen möchte?“ „Unverſchämter,“ rief die Dame, und ſprang unmuthig von dem ſchwellenden Sitze; ihr Auge glühte, das Haupt zitterte, und wie ſchwarze Wellen in dunk⸗ ler Nacht quollen die Rabenlocken über Schulter und Bruſt herab,„ſeit wann wagſt Du es, ſolche Sprache zu führen?“ Ein höhniſches Lächeln umzog den knöcherigen Mund des Stadtſchreibers.„Mir däucht,“ murmelte er mit einem giftigen Blicke auf Renaten,„in dieſem Loche ſteckt der Wurm, aber noch muß ich ſie ſcho⸗ nen.— Seht, gnädige Frau,“ begann er einlen⸗ kend, Jan Liſchka iſt nicht ſo einfältig, als Ihr etwa glauben mögt!“— „Schweig, elender Heuchler!“ rief die erzürnte Dame,„ſchweig! nur ſo, wie Du, kann die Schlan⸗ ge ſich herangeſchlichen haben, um das erſte Weib zur Sünde zu beſchwatzen!“ „Schlange?“ höhnte der Stadtſchreiber halblaut, „Schlange? Was iſt wohl einer Schlange beſtes Kenn⸗ zeichen? Gift!— Nicht wahr, gnädige Frau, Gift!“ heuchelte er zutraulich, und ergriff ihre Hand. Renate zitterte, wie von Fieberfroſt geſchüt⸗ telt; Jan aber ſchien dieß nicht zu bemerken, und 22 fuhr fort:„Ja gewiß, Gift, und es iſt gleichviel, wo ſie das Gift verborgen hat, ob in den Zähnen oder in einem kleinen Glasfläſchchen, deßwegenbleibt ſie immer eine Schlange. Nun beim Himmel!“ rief er plötzlich mit kräftiger Stimme, dann will ich ſehen, wer mehr Schlange iſt, ich— oder Ihr, Frau Renate!“— Die Dame taumelte erſchrocken einige Schritte zurück, während Jan ſein Barett unter den Arm nahm, und vorſichtig hinausſchlich. Seiner Miene war wieder jenes ruhige Lächeln, jene Demuth aufge⸗ drückt, in welcher man vergebens die Kraft zu einer ſolchen Rede, wie ſeine letzte geweſen war, geſucht haben würde. Der Stadtſchreiber war kaum aus dem Gemache, als Renaten's verſtörter Blick dasſelbe durchſlog, als ſuchte ſie Rath in dieſer Bedrängniß. Dieſe Sprache hatte ſie von dem heuchleriſchen Vertrauten nie erwartet, es ſchien ihr, als hätte ein grauſig' Traumbild ſie gefoltert. Sie ſtürmte ans Fenſter, und zerrte den Vorhang wüthend auf die Seite. Das Ta⸗ geslicht quoll hell und freundlich herein, drunten auf der Straße ſchlich der Tückiſche eben vorüber, ſie be⸗ merkte die Seitenblicke, mit denen der Verräther nach ihr ſchielte;— der Gleißner! er wußte es nur 23 zu gut, daß er eine ihrer verwundbarſten Seiten ge⸗ troffen, die gleich einem Jammertone das Herz des leidenſchaftlichen Weibes wie mit tauſend Meſſern durchſchnitt. So durfte er ſich nicht entfernen, ſo konnte ſie ihn nicht von ſich laſſen; ſie riß das Fen⸗ ſter auf und neigte das glühende Antlitz weit hinaus in die winterliche Luft: „Ihr werdet mich doch heute Nachmittags in die Kirche geleiten?“ ſtotterte ſie hinab;— Jan verbeugte ſich wohlgefällig, und ſchritt weiter. Renate ſchloß das Fenſter wieder und erwar⸗ tete in ſtürmiſchem Auf⸗ und Abgehen ihre Zofe. „Haſt Du ihn erſpäht?“ rief ſie ihr ſchon an der Thüre entgegen. „Ja, gnädige Frau!“ erwiederte die Dirne.„Al⸗ les iſt nach Wunſch ausgefallen.— Euerem Willen wird willfahrt werden!“ „Endlich einmahl!“ rief die Dame im Ueberma: ße eines ſie überwältigenden Entzückens, und warf ſich mit Freudenthränen in die Arme ihrer Dienerin. Zweites Kapitel. Da ſitzt er gebeugt Pas AIntlitz in ſeine Hand geneigt Wie einer von trüben Gedanken erfüllt, So iſt er ganz der Verſunkenheit Zild. „Franziska““ von Byron. Der Abend war herangerückt, die umliegenden Berg⸗ kuppen hatten den letzten Scheidekuß der Sonne em⸗ pfangen; unten im Thale lichtete nur mehr ein mat⸗ ter Schein die einſame Gegend, die weißbepelzten Hü⸗ gel umſtanden ſtarr das ſtille Luditz und lugten ge⸗ ſpenſtig über ſeine feſte Mauern herein. Aus den wei⸗ ßen Dächern ſtiegen ſchwarze Rauchſäulen empor, kerzengerade, wie unheimliche Rieſen, deren Scheitel in den Wolken verſchwimmen; auf den Gäſſen und Plätzen war es bereits ruhig geworden, denn was nicht zu Hauſe weilte, befand ſich in den gaſtlichen Stuben der Schankhäuſer, wo es Meth und Bier im Ueberfluſſe gab, und auch an Wein nicht Mangel war, wo die erſt kürzlich in's Land gebrachten Würfel ihre we br ve be tu: ger E üllt, ld. rg⸗ em⸗ at⸗ Hü⸗ ge⸗ wei⸗ or, eitel und was chen r im war, ihre 25 Verehrer fanden, und des Dudelſackes ſchnarrende Töne zum Tanze einluden. Eine der geräumigſten Gaſtſtuben im Ort war jene„beim güldenen Löffel“ geſchildet; ſie war an dieſem Abende von einem großen Theile der Spießbürger beſucht, denn es war die Kunde laut ge⸗ worden: Frau Bjetka,— ſo hieß die gaſtliche Wirthsfrau im güldenen Löffel,— habe eine ihrer fetteſten Säue geſtochen, und werde den Gäſten an dieſem Abende mit ganz friſch verfertigten Würſten zu Dienſte ſtehen. Nun ſtanden aber die Würſte der Frau Bietka in einem gar guten Rufe, denn ſie ver⸗ ſtand dieſelben mit Gewürzen, Blättern und Kräut⸗ lein ſo ſchmackhaft zu füllen und zu bereiten, daß ſie von mancher Hausfrau um dieſe Kunſt beneidet wurde, mit welcher ſie, natürlich zu ihrem eigenen Vortheile, gar geheim that, damit ihr dieſelbe nicht abgeler net werde zu eigenem Schaden. Die Schankſtube beim„güldenen Löffel“ war alſo reich beſetzt; Frau Bjetka mit ihrem braunrothen, aufgedunſenen Geſichte watſchelte rührig von Einem Goſte zum Andern, ſie war eine ſehr wohl⸗ beleibte Frau, welche,— wenn ihr Verſtandesquan⸗ tum dem des Leibes das Gleichgewicht gehalten hätte, gewiß auch eine der geſcheidteſten Frauen hätte ſein Hußiten. 3 26 müſſen, ſo aber hatte das Letztere ein bedeutendes Uebergewicht; Frau Bjetka war etwas geiſtesbe⸗ ſchränkt, wiewohl ſie mit ihrer loſen Rede ſolches zu bemänteln ſuchte; der liebe Himmel hatte ihr eben nur ſo viel Verſtand gegeben, die Zeche der Gäſte an den Fingern zuſammen zu zählen, und— gute Würſte zu machen. Ein ſonderbares Naturſpiel war es aber, daß ſie die Zeche immer etwas länger, die Würſte aber lieber etwas kürzer machte, ein Beweis, daß die Schankfrau beim güldenen Loöffel doch nicht ganz ſo geiſtesbeſchränkt war, als die Luditzer Spießbür⸗ ger meinten. Nebſt der Schänkin befand ſich noch ein ſchmu⸗ ckes Mädchen zur Bedienung der Gäſte in der Stube; dieſes war der Wirthin Tochter, T onka, ein muth⸗ williges Geſchöpf, welches ſich um die Reden der Mutter wenig kümmerte, und ganz nach ſeinem eige⸗ nen Köpfchen handelte. Frau Bjetka war zu nach⸗ giebig und liebte ihr einzig' Kind zu ſehr, als daß ſie aus demſelben etwas Anderes hätte bilden können oder wollen; dabei aber muß man es der Jungfrau zum Lobe nachſagen, daß ſie die Gränze der Ehrerbietung⸗ nie überſchritt, und daß an ihrem Wandel kein Ma⸗ ckel zu erforſchen war. —„— o ko ge des be⸗ zu ben an irſte ſie aber die ſo bür⸗ mu⸗ ube; uth⸗ der eige⸗ nach⸗ ß ſie der zum tung⸗ Ma⸗ 27 „Trolle dich, Tonka!“ keuchte die Schankfrau athemlos,„und ſchaffe drei Paar aus der Küche her⸗ ein;— nun— ſo lauf' doch!“— „Ei, wer wird ſich denn beeilen,“ erwiederte die Tochter ſchnippiſch,„wer nicht warten kann, der möge nach Hauſe gehen!— Mutter! Ihr mußt nicht ſo dienſtbefließen ſein, ſonſt glauben die Gäſte, man ſei bloß ihrer Laune halber hier.“— „Frau Bjetka!“ kreiſchte eine Stimme aus dem oberſten Ende der Stube,„werde ich die Würſte be⸗ kommen oder nicht?“ „Gleich, Herr Caſpar!“ keuchte die Schank⸗ frau, ſchob die ſäumige Tochter zur Thüre hinaus, und eilte hinauf, den Erzürnten zu beſänftigen. Die⸗ ſer hatte ſich indeſſen wieder auf ſeinem Sitze breit gemacht, wozu er aber keiner großen Anſtrengung be⸗ durfte, da ihn der Himmel ohnehin mit einem ziem⸗ lichen Umfange bedacht hatte; er war der erſte Schöp⸗ pe der feſten Stadt Luditz und zugleich der einzige Radmacher im Orte, daher in jedem Sinne des Wor⸗ tes eine ſehr ange ſehene Perſon. „Ihr müßt mir's nicht für ungut halten, Frau Bjetka,“ grollte der Schöppe,„wenn ich etwas un⸗ geduldig werde, aber Euer ſchmuckes S ſcheint 28 heute entweder Blei in den Beinen— oder Stroh im Kopfe zu haben.“ „Keines von Beiden, Herr Caſpar,“ entgeg⸗ nete Tonka, die indeſſen herbeigeſprungen kam, vich kann Euch verſichern: ich bin ſo riſch und raſch im Kopfe und in den Beinen, als ob mein gottſeliger Va⸗ ter einſt Schöppe der feſten Stadt Luditz geweſen wäre, wie er's gekonnt hätte, wäre ihm ſein Geld nicht lieber geweſen als der Titel! Aber Ihr müßt es nicht für ungut halten, Herr Caſpar! ich war nicht gewillt, Euch hiemit am Leumunde zu ſchädigen, denn, das wißt Ihr nur zu gut daß Ihr, von jeher einer unſerer fleißigſten Gäſte war't.“— Der Radmacher erröthete über und über, denn die Anſpielung auf ſein, durch Geld überkommenes Schöppenamt, war für ihn eben ſo kränkend, als die falſche Behauptung, daß er einer der fleißigſten Gäſte ſei; denn im ganzen Orte wußte es jedes Kind, daß der Radmacher nur dann den güldenen Löf⸗ fel zu beſuchen pflege, wenn dort friſche Würſte zu bekommen ſeien, und daß er dann gewöhnlich fünf bis ſechs Paare derſelben gehörig verſorge, deren eine Hälfte er auf Rechnung des Schöppen, die andere aber auf jene des Radmachers verzehre. Die andern üb ſic dů ſe He im eld nn nes die nd, zu ünf ine ere ern 29 Gäſte wollten ſich ſchier ausſchütten vor Lachen über Tonka's loſe Rede. Der Schövpe war bemüßigt, gute Miene zum böſen Spiele zu machen, und murmelte einige unverſtänd⸗ liche Worte vor ſich hin, dann aber ſprach er zum ne⸗ ckiſchen Mädchen:„Dein loſes Maul iſt in der ganzen Stadt bekannt, doch ich mag Dir nicht grollen; du kennſt wohl das Sprichwort:„„Lange Wurſt, kurze Predigt!““ bei Dir ſcheints aber umgekehrt zu ſein: „„Lange Predigt, kurze Wurſt!““ „Ihr trefft den Nagel auf den Kopf, Meiſter Radmacher,“ lachte Tonka ſchelmiſch,„fürwahr, bei Euch hat ſich das Sprichwort bewahrheitet:„„Wem der liebe Himmel ein Amt gibt, dem gibt er auch Verſtand dazu.““ Nach dieſen Worten hüpfte ſie in die Küche hinaus, Frau Bjetka kicherte verſtohlen über die ſchnippiſche Rede der Tochter, und freute ſich des Beifalls der Menge. „Beim heiligen Laurenzius!“ ſchrie ein kleines, dürres Männlein an der Seite des Schöppen„ Herr Caſpar, Ihr ſeid vollkommen geſchlagen! Mit die⸗ ſer Dirne dürft Ihr nicht anbinden, denn die hat Haar' auf den Zähnen.“ Der Radmacher wollte, da ihm jene Feindin ent⸗ ſchlüpft war, ſeinen verhaltenen Groll an dem neuen 30 Sprecher auslaſſen.„Meiſter Nadelöhr,“ ſprach er finſter,„Ihr ſeid ein Held beim Bügeleiſen, gebt aber Acht, daß Ihr Euch nicht verbrennt, ſonſt müßte man Euch ein kühles Bädlein zubereiten; Ihr wißt: unter unſerem Rathhauſe gibt es derſelben eine Menge.“ Dieſe Worte wirkten wie eine gluhende Kohle auf einer Pulvertonne! „Ho! ho! ho!“ ſchrieen die Gäſte aus allen Ecken und Enden,„mäßigt Euch, Herr Schöppe!“ „Die Schankſtube iſt kein Gerichtsort!“ donnerte ein robuſter Mann, deſſen breite Hände den Schmied nicht verkennen ließen. „Da ſeht einmal den dummen Radmacher,“ pol⸗ terte ein Böttcher von unten herauf. „Kommt nur hervor,“ ſchrie der rieſige Cyklop, „ich will Euch zuſammenguetſchen, wie meinen alten Blasbalg, Ihr lederner Schöppe!“ „Donnerwetter! wollt ihr die Mäuler halten?“ ſchrie Herr Caſpar aufſpringend,„glaubt Ihr, mich wie einen Buben hetzen zu können? wartet, Ihr ſollt es mir entgelten!“ Er wollte aus der Stube eilen; allein die Gäſte waren alle aufgeſprungen, und drängten ſich gegen ihn. Der Bedrohte war vor Wuth ganz außer ſich. Stühle und Steinkrüge waren ſchon gegen ihn gerich⸗ „) )—„ llen 1. erte nied lop, lten n?“ mich ſollt Häſte een 31 tet, er ſchäumte, wie ein von Hunden eingeſchloſſener Eber. Da erhob ſich ein junger Mann, der den gan⸗ zen Abend hindurch ruhig in einem Winkel geſeſſen hatte, und trat feſten Schrittes unter die wogenden Gäſte; ohne ein Wort zu ſprechen, durchflog ſein herriſcher Blick die Runde. Die aufgehobenen Hände ſanken,— ehrerbietig öffnete man ihm den Durch⸗ gang, daß er ungehindert zu dem Schöppen gelan⸗ gen konnte,— kein Laut durchzitterte die Luft. „Bürger von Luditz“ ſprach er mit wohlklin⸗ gender aber kräftiger Stimme,„wollt Ihr Euch ſo Viele an einem unbehilflichen, unbewehrten Mann vergreifen? Hat er Euch beleidigt, ſo klagt ihn bei Gericht, er wird gezüchtigt werden; aber Ihr ſelbſt dürft auf eigene Fauſt das Richteramt nicht üben!— Verlaßt ſchnell die Stube,“ flüſterte er dem Schöp⸗ pen zu, dann fuhr er zu den Gäſten gewendet fort: „Kommt her, Ihr Herren und Bürger, verſammelt Euch Alle brüderlich an einem Tiſche und laßt die Becher munter kreiſen. In ſolcher Zeit, wie die jetzi⸗ ge iſt, da thut Eintracht mehr Noth als je!“ „Ihr ſollt leben, Junker!“ rief der Schmied, der am erſten beſänftigt zu ſeyn ſchien,„Ihr ſprecht weiſe und redlich, Ihr ſollt leben!“ Dann ſchwang er 32 ſeinen vollen Krug und trank ihn unter Freudengeſchrei ver Anderen zur Reige. Während ſich nun die Gäſte um den Tiſch ver⸗ ſammelten, ſchlich der Schöppe unbeachtet zur Thüre hinaus und eilte zornglühend über die finſtere Straße davon. Auf dem Platze angelangt, begegnete ihm eine lange, hagere Geſtalt, die eben aus dem Eckhauſe der Kirchengaſſe getreten war. Es war Liſchka. „Seid Ihr es, Jan?“ fragte der Schöppe, ſchwer athmend,„o kommt mit in mein Haus, ich habe viel mit Euch zu ſprechen! Das Blut kocht wild in meinen Adern, ich muß Rache haben, gewaltige Rache!— Liſchka,“ fuhr er fort,„erinnert Ihr Euch noch des Geſpräches, welches wir vor einigen Tagen miteinander gepflogen? ich habe damals Aufſchub, Be⸗ denkzeit gefordert, jetzt bedarf es dieſes Aufenthaltes nicht mehr, jetzt bin ich ganz der Euere!“ Der Stadtſchreiber drückte dem Schöppen freu⸗ dig die Hand, und Beide verloren ſich dann in die ſtille Nacht.— Im Schanke der Frau Bjetka war indeſſen fröhliches Leben eingetreten. In einträchtlicher Mun⸗ terkeit wurde der Abend verplaudert, man gedachte des aufgeblaſenen, boshaften Schöppen nicht ferner; mit ſeinem Abgange war er auch ſchon vergeſſen. Die Gä⸗ ni lic ka ſti w di he die ni m ſen un⸗ des mit 33 ſte hatten den Junker, der früher als Ruheſtifter auf⸗ getreten war, in ihre Mitte genommen, und tranken dem freundlichen Jünglinge wacker zu, dem es aber in ihrer Mitte doch nicht recht wohl zu behagen ſchien. Ein überaus anmuthiges Weſen zeichnete den jungen Mann vor allen Andern aus; ſeine etwas blaße Ge⸗ ſichtsfarbe gab den feinen Zügen einen ſchmachtenden Ausdruck, welcher von dem großen, dunkelblauen Auge noch mehr gehoben wurde; ſein Haar war braun und hing in langen Wellen herab; unter den meiſt alten bärtigen Männern glich er ſchier einer wehmüthigen Erinnerung an die holde Zeit der lieben Jugend. Dem aufmerkſamen Beobachter konnte es auch nicht entgehen, daß ein Zug von Schwermuth das freund⸗ liche Antlitz des Jünglings verdüſterte; allein woher kam dieſelbe? ſollten ſich ſo früh ſchon bittere Lebens⸗ ſtunden auf ſeinen Erdenweg herabgeſenkt haben, oder war es etwa Sehnſucht, die ſein Herz beſchlich, und die die Ruhe, den koſtbaren Juwel, aus ſeinem Schachte herauswarf? Welch bittre Täuſchung oder Kränkung mochte die finſtern Wolken heraufbeſchworen haben, die den ſon⸗ nigen Ausdruck des Antlitzes verdunkelten und Un— muth auf dasſelbe tünchten?— Wortkarg, in ſich gekehrt, ſaß er unter den fröhlichen Zechern, und hing 34 mit ganzer Seele an abweſenden Bildern, die er mit Schmerzen zu vermiſſen ſchien. Die Aufmunterungen der Gäſte waren nicht im Stande, ihn umzuſtimmen; ſie konnten es freilich nicht begreifen, wie ſo junges Blut ſich ſo kopfhängeriſch geberden könne, ſie wuß⸗ ten ja nicht, daß er erſt vor zwei Tagen aus dem Hauſe ſeines Vaters verſtoßen worden, es war ihnen unbe⸗ kannt, daß der jüngere Sohn ihres Bürgermeiſters von Morgen an, als ein gemeiner Söldner unter einem königlichen Hauptmanne dienen werde. Die gute Meinung der Gäſte fing an, dem Jun⸗ ker läſtig zu werden, je mehr ſie in ihn drangen, de⸗ ſto unwilliger wurde er, ſie verſtanden ſeinen Schmerz nicht, und thaten ihn um ſo weher. Ohne ſeinem Un⸗ muthe Worte zu geben, bat er endlich die Verſammel⸗ ten, ihn ſein ſtörriſches Weſen für heute zu Gute zu halten, grüßte ſie mit wehmüthiger Stimme und ver⸗ ließ ſeufzend die Stube. Man erſchöpfte ſich in Ver⸗ muthungen über das ſonderbare Benehmen des Jun⸗ kers; Niemand wußte befriedigende Auskunft zu geben; — der morgige Tag war erſt dazu beſtimmt, ihnen das Räthſel zu löſen. 2 t — S—— — erz Un⸗ nel⸗ zu ver⸗ Ber⸗ un⸗ ben; nen Drittes Kapitel. Umgürte Pieh mit Peinem ganzen Stolze; ich verwerfe Pich— ein deutſcher Jüngling!— „„Cabale und Liebe⸗“ von Schiller. Draußen war eine heitere froſtige Nacht. In anmu⸗ thiger Bläue hing der friedliche Himmel, eine Rieſen⸗ decke, über den Erdendom, die winzigen Lichter ſchim⸗ merten unruhig an derſelben, größer und kleiner, ord⸗ nungslos untereinander geworfen, und doch wieder nach ewigen Geſetzen ihre Bahnen verfolgend; unter ihnen zog die rieſige Silberampel des Mondes maje⸗ ſtätiſch einher, und übergoß die ſtille Nacht mit ihrem blaßen, wehmüthigen Lichte, das flockige Winterkleid der Erde glitzerte im Widerſchein desſelben und knirſchte unwillig unter dem Fußtritte des Wanderers. Junker Georg, aus der Schankſtube getreten, wandelte ſtill gegen den Ring zu; das Schweigen der Nacht ſchien ſich mit ſeinem Innern gut zu vereinen, 36 die Todtenruhe wirkte wohlthätig auf ſeinen Schmerz. Der einzige Lebende auf der Straße ging er längs der Häuſer⸗Reihe hinauf, deren dunkle mondbeſchienene Maſſen wie rieſige Särge vor ſich hinſtarrten. Seine Tritte hallten durch die Nacht, und ſeine Seufzer miſch⸗ ten ſich mit der kalten Luft, die ſich froſtig ihm ins Antlitz drückte. Jetzt langte er auf dem Ringe an; der geräumige viereckige Platz nahm ſich in dieſem Augen⸗ blicke recht wunderbar aus; die große Schneedecke, von dunklen ſpitzgibeligen Häuſern begränzt, vom Monden⸗ ſchimmer überfloſſen, glich einem Strahlenkeſſel, aus welchem glühende Funken ſpritzen, ſpringen und in der Luft verſchwinden. Zwei Häuſerreihen des Platzes wa⸗ ren dabei in tiefen Schatten gehüllt, welches die Wir⸗ kung nur noch zu vermehren ſchien. Jetzt trat ihm plötzlich eine Frauengeſtalt entgegen. „Seid Ihr es, Junker Georg?“ liſpelte ſie ihm freundlich zu,“ 0 kommt, Ihr werdet ſchon lan⸗ ge erwartet!“ „Es drängt mich nicht, das Geheimniß zu wiſ⸗ ſen,“ erwiederte der Jüngling unmuthig,„das ſeltſame Geheimniß, welches mir Deine Dame mitzutheilen hat; nur Dein heutiges Drängen und Bitten hat mich dazu vermocht, meine Einwilligung zu dieſem nächtli⸗ ge be m ſel der ne ine G⸗ ins der en⸗ von en⸗ aus der wa⸗ Lir⸗ ihm ſie lan⸗ wiſ⸗ ſame eilen mich chtli⸗ 37 chen Beſuche zu geben, der aber jed enfalls nur ein kur— zer werden ſoll.“ Die Frauengeſtalt glitt, ohne ſeine Worte zu be⸗ achten, über die Schneefläche dahin, Georg folgte ihr mit langen Schritten— das Eckhaus der Kirchen⸗ gaſſe war ihr Ziel. Hier, in dem uns ſchon bekannten Gemache der Frau Renate war es blendend hell, ein Meer von Strahlen ergoß ſich in alle Ecken und Biegungen, und beleuchtete ſelbe bis in die entfernteſten Theile; die Schöne ſelbſt ſaß an einem Tiſche, der, mit Leckerbiſſen überdeckt, den Anſchein hatte, als ob ſich die Dame eben beim Nachtimbiß befände. Junker Georg trat raſch ein, und näherte ſich mit natürlicher Ungezwungenheit der ſchönen Frau, welche ihn lächelnd empfing, ohne aber die Glut bergen zu können, die bei ſeinem Anblicke ihr Antlitz übergoß. „Irre ich nicht, ſo ſcheint Ihr, edle Frau,“ be⸗ gann Georg etwas barſch,“„entweder ſehr lange bei Tiſche zu ſitzen— oder Ihr habt heute Euer Nacht⸗ mal etwas ſpät genommen, jedes Falls tragt Ihr ſelbſt die Schuld, wenn ich Euch ſtöre.— Euer Wunſch hat mich hiehergeführt.“ ————— 38 Dieſe etwas unfeine Anrede brachte auf die Da⸗ me eine ganz andere Wirkung hervor, als der Jun⸗ ker mit ihr bezweckt hatte. Er nämlich, ihren Plan durchſchauend, wollte ſie zurückſchrecken, um ſich und ihr ein unangenehmes Geſtändniß zu erſparen; er wollte ihr andeuten, daß dieſer Beſuch ein erzwunge⸗ ner ſei, während ſie aus ſeinen Worten eine gewiße Vertraulichkeit herauszufinden glaubte, die, ſo unan⸗ genehm ſie ihr auch von jedem andern Mann gewe⸗ ſen wäre, aus dem Munde des bisher ſtill angebete⸗ ten Junkers beinahe heimlich klang, und ſich mit ihrer heutigen Abſicht recht wohl vertrug. Renate ſchien einen Augenblick nach einer paſ⸗ ſenden Antwort zu ſuchen; Georg aber, ungedul⸗ dig, wartete dieſe nicht ab, und fuhr fort:„Ihr habt mir ein Geheimniß mitzutheilen, edle Frau, deßhalb bin ich gekommen!“— „Gleich ſollt Ihr es erfahren, Junker Georg,“ erwiederte die Dame ſichtbar beklommen,“ wollt Ihr Euch nicht an meiner Seite niederlaſſen?“ Der Sohn des Bürgermeiſters nahm ernſt den ihm dargebotenen Platz an, und die ſchöne Frau er⸗ griff raſch ſeine Hand. „Ahnet Ihr nicht, welcher Art mein Geheim⸗ niß ſeyn möge?“ fragte ſie mit leidenſchaftlichem Tone. ec— e— im⸗ 39 „Nicht im Entfernteſten, erwiederte Georg kalt. Frau Renate ſenkte ihren Feuerblick in den ſeinen, der aber theilnahmslos an ihrer reizenden Ge⸗ ſtalt hängen blieb. „Georg!“ klagte Renate flehend und preßte krampfhaft ſeine Hand,„Ihr verfahrt unbarmherzig mit mir!“ „Ihr ſeid aufgeregt, edle Frau!“ verſetzte der Jüngling etwas wärmer,„es ſollte mir wahrlich leid ſein, Euch unwiſſentlich gekränkt zu haben.“ „Womit habe ich es verdient, daß Ihr mich ſo foltert?“ klagte Renate,„ich kann es nicht unter⸗ drücken, was in meinem Herzen wogt und lebt; ich kann die Glut nicht tödten, die meine Ruhe verzehrt, die den Frieden meines Lebens zu Aſche wandelt. Georg, es ſind kaum einige Monden, daß ich in Euerer Va⸗ terſtadt lebe, ich bin reich und unabhängig; allein das Weib bedarf eines Beſchützers, dazu habe ich Euch erkoren, ich kenne Euere Lage ganz.— Ihr feid aus dem Vaterhauſe verſtoßen, nehmt Euch meiner an, kommt, wir wollen nach einen fernen Theil unſers Va⸗ terlandes fliehen, mein Geld wird uns vor Lebensſor⸗ gen ſchützen;— Georg!“ rief ſie, ihre Arme nach 40 dem Jünglinge ausſtreckend,„komm mit mir, die dich verehrt, anbetet, wie den Abgott ihres Herzens!“ Der Junker entzog ſich kalt der Umarmung der Dame und ſprach im ernſten Tone:„Edle Frau, Euere Worte dringen nicht zu meinem Herzen, und Euere Leidenſchaft ſcheint mir überdies auch nur eine Stroh⸗ flamme zu ſein, die gar bald verflackert. Eine Ver⸗ bindung mit Euch kann und werde ich nie einge⸗ hen, der Urſachen hierüber gibt es mehr, als ich Euch zu ſagen Luſt habe;— braucht Ihr aber den Schutz eines Mannes, ſo will ich Euch gerathen haben, einen Andern zu erkieſen; es gibt der Männer viele; eine Dame wie Ihr, von dem lieben Himmel mit ſo vie⸗ len Reizen ausgeſchmückt, wird an ſolchen nimmer Mangel leiden, beſonders dürfte Euch Einer hier im Orte empfohlen werden;— meine Fürſprache bei Euch wird freilich wenig nützen,— aber ich will ſie an Euch verſchwenden, ich meine unſern lieben, ſtillen Stadtſchreiber, er heißt Jan Liſchka, wenn Euch ſein Name vielleicht nicht bekannt ſein ſollte. Nach dieſen Worten erhob er ſich von ſeinem Si⸗ tze, und entfernte ſich ohne Gruß aus der Stube. Zer⸗ knirſcht, wüthend, blieb Renate zurück, ſolchen Stolz hatte ſie nicht erwartet; ſie war keines Wortes mächtig, der Zorn hatte ſie für den Augenblick der t ch en ne er im bei ſie en ch 4¹ Sprache beraubt. Endlich wurde ſie wieder einiger Ueberlegung fähig; die erlittene Kränkung entpreßte ihr heiße Thränen; was ſie bewältigte, war das bitte⸗ re Gefühl, nicht augenblickliche Rache an dem Jun⸗ ker nehmen zu können. Spät erſt beſtieg ſie ihr Lager, und eine ſchlaf⸗ loſe Nacht ließ ihr hinlänglich Zeit, Pläne für die Zukunft zu ſchmieden, die aber immer wie Karten⸗ häuſer zuſammenſtürzten, wenn ſie ſchon eine ziemli⸗ che Höhe erreicht hatten. Junker Georgeilte indeſſen raſch über den Ring, unwillkührlich war er jene Seite hinaufgewandelt, wo ſich das liebe Vaterhaus befand. Er blieb vor der Thüre ſtehen, und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeinem Herzen. Drei Tage war er ſchon aus demſelben verbannt— ach— welch eine lange Zeit für ein kindlich liebendes Herz! Er ſchaute ſehnſuchtsvoll hinauf zu den Fenſtern, ſie waren be⸗ reits finſter, nur die Scheiben erſtrahlten im Monden⸗ glanze; da erwachte ein Gedanke in ihm.„Ja, ich will ihn ſehen,“ hauchte er in die Nacht,„es iſt viel⸗ leicht das letzte Mal in meinem Leben!“ Er öffnete leiſe das Thor, eilte in den Hof, die Treppe hinauf. Eine finſtere Halle empfing ihn, er tappte an die wohlbekannte Thüre väterlichen 42 Schlafgemaches, ſie war nicht verſchloſſen, ungehört trat er in die Stube. Sie war vom Monde hell er⸗ leuchtet; auf dem Lager, von den Armen des Schlafes umfangen, ruhte der Bürgermeiſter. Georg blieb gerührt an ſeiner Seite ſtehen. Thränen perlten über ſeine Wangen. Das Antlitz des Vaters ſchien im Mon⸗ denlichte wie von Todtesbläſſe überhaucht,— der Jüng⸗ ling neigte ſich leiſe hinab, und küßte die Hand, die ihn vor zwei Tagen verſtoßen hatte; dann aber eilte er fort— hinab in die winterliche Nacht; die Kälte machte ſeine Thränen auf den Wangen gefrieren, er ſtürmte auf den Wall, der die Stadt umgab, ſein Auge ſuchte unter der Häuſergruppe vor dem Thore, welche die Lommitz hieß, eine niedere Hütte. Er glaubte ſie zu erkennen, ein matter Schein fiel durch ein Fenſterchen derſelben. „Sie wacht noch!“ rief der Jüngling jubelnd; „Tauſend gute Nacht, meine Mila!“ Er winkte hinüber und eilte, freudig erregt, gegen das Thor zu. Viertes Kapitel. Es ſoll der Zürger Jab und Guterſparen, Die Ehre muß der Rrieger ſich bewahren. Sie iſt's, die ihm im Rampfe ſtählt den Muth, gür ſie gibt er ſein Leben und ſein Zlut! Altes Kriegslied. Um die zehnte Stunde des andern Vormittags ſah man die Beiſitzer und Amtsherren des Luditzer Stadtrathes, mit feierlichen Gewändern angethan, aus ihren Wohnungen gegen das Rathhaus zu ſchrei⸗ ten. Die Spießbürger ſteckten die Köpfe zuſammen, die Nachbarinen liefen neugierig in einen Haufen und wollten ſich ſchier ihr bischen Hirn ausrathen, über das ſonderbare Ereigniß. Das neue Jahr war doch ſchon vorüber, wo ſich die Herren ſo feſtlich zu ver⸗ ſammeln pflegten, um ſich untereinander, und dann vereint den vereint dem Bürgermeiſter Glück zu wün⸗ ſchen;— oder war etwa wieder ein armer Sünder da, den man im peinlichen Gerichte vom Leben zum 44 Tode zu verurtheilen gedachteꝰ die alte Marga ausge⸗ nommen— die als wahnſinnig ausgegeben, in dem Hexenthurme feſt ſaß— wußte man ſich keines Eingekerkerten zu entſinnen,— oder war ein königlicher Bothe angelangt, welchen der Stadtrath der treuen Stadt Luditz ſo feierlich zu empfangen gedachte? Dieſe und noch viele andere Urſachen wurden in Erwägung gezogen, widerlegt und ver⸗ worfen, man konnte nichts herausfinden, ſo ſehr man ſich auch Mühe gab, dem weiſen Rathe in die Karte zu ſchauen. c Viele der Neugierigen, als ſie nichts Kluges er⸗ fahren konnten, begaben ſich wieder zu ihren Geſchäf⸗ ten, die Meiſten aber hüllten ſich in ihre warmen f Pelze und runden Fuchsmützen, und eilten gegen das 2 Rathhaus, wo ſie vor der Hand etwas Beſtimmteres oder doch ſpäter das Wahre an der Sache gleich brüh⸗ n warm zu erhaſchen hofften. Eine zahlreiche Menge von Männern und Frau⸗ S en ſtand vor dem großen Thore des Rathhauſes, deſſen ſ Fenſterbalken heute angelweit geöffnet waren„ ſo daß f man durch die von der Morgenſonne erleuchteten Scheiben die dunkeln Umriſſe der oben verſammelten de Rathsherren wahrnehmen konnte. Ein kleines dürres di Männlein, in dem wir den Schneider von vorigem 45 Abende leicht wieder erkennen, unſchlich zaghaft den neugierigen Haufen, und ſpähte ſorgfältig umher, bis er endlich ſeinen Mann herausgefunden hatte. Es war der rieſige Schmied. „Was meint ihr wohl, Meiſter Marzek,“ flüſterte der Schneider mit feiner Stimme, und zog den Schmied bei Seite,„was mag es wohl da oben geben?“ Der Andere zuckte gleichgültig die Achſeln, ver⸗ zog den Mund, und machte eine Mine dazu, mit wel⸗ cher er andeutete, daß es wohl nichts Wichtiges ſein könne. „Ihr ſeid gar zu ſorglos, Meiſter Marzek!“ fuhr der Kleine fort, und ſeine Stimme verrieth Furcht und Angſt,„ich meine, die ganze Sache könne uns angehen— ja, ja, verſteh't mich recht: Uns namentlich!“ Der Schmied ſah mit großen Augen auf den Schneider herab;„Habt Ihr, Meiſter Mißlik;“ ſprach er mit tiefer Stimme,„dem güldenen Löf⸗ fel ſo früh ſchon einen Beſuch abgeſtattet?“ „Mein Gott!“ verſetzte der Dürre,„Ihr wer⸗ det mich doch nicht für betrunken halten?— aber die geſtrige Geſchichte mit dem Schöppen—“ 46 „Ihr ſeid ein furchtſamer Haſe! Meiſter Na⸗ delöhr,“ erwiederte der Andere verweiſend;„Euch wollte ich bei einer tüchtigen Balgerei zum Gefähr⸗ ten haben! Ihr liefet wie eine Ratte davon; Ihr wär't mir ein ſauberer Kumpan! Hart wie Eiſen und Stahl muß man ſein, und ich z. B. wenn ſie mich auf den Ambos legten, und durch ſechs rüſtige Bur⸗ ſche in die Länge klopfen ließen wie eine Radſchiene, ich wollte ihnen doch nichts geſtehen; da heißt es Hitze aushalten, wie im Glühofen! Alle Teufel! Meiſter Miß lik, Ihr ſeid eine furchtſame Memme die ſich ſchämen ſollte einer ſtädtiſchen Gilde anzu⸗ gehören.—“ „Mein Gott!“ liſpelte der Andere,“ ich bin ja nur ein Schneider—“ „Ein Flicker, ein Pfuſcher ſeid Ihr!“ unter⸗ brach ihn der Schmied zornig.„Ihr wollt Meiſter ſein?— Ein Haſenfuß ſeid Ihr vor meinen Augen; wären lauter ſolche wie Ihr bei Euerer Gilde, ſo könntet Ihr Euch einen langen Fuchsſchwanz auf Euere Fahne nähen laſſen!“ „Da ſeht, Meiſter Ma rzek!“ rief der Schnei⸗ der, und zeigte mit der Hand nach einem der Rath⸗ hausfenſter,„da ſeht hinauf! Erkennt Ihr nicht den dicken Radmacher, wie er mit dem Stadtſchreiber ſo ——„—„— ze lo , 8 e 8 47 geheim thut? Sie ſprechen recht vertraut mitſamen; jetzt ſchauen Beide herab, er zeigt auf mich— auf Euch!“ „Halts Maul, verdammte Schneiderſeele!“ knirſch⸗ te der Schmied aufgebracht, und preßte die Hand des Schneiders ſo arg, daß dieſer kirſchroth im Ge⸗ ſichte wurde;„ich frage Euch jetzt, Meiſter Mißlik, wart Ihr geſtern Abends beim güldenen Löffel?“ Der Schneider ſah furchtſam zu dem Cyklopen hinauf und verſpürte, daß ſeine Hand immer mehr und mehr gepreßt wurde. „Mein Gott!“ ſtöhnte er,„Ihr zerquetſcht mir ja die Rechte, mit der ich mir mein täglich Brot erwerbe!“ „Wart ihr geſtern beim güldenen Löffel?“ frag⸗ te der Andere noch einmal, und preßte die Hand wo möglich noch feſter. „Nein! Nein!“ kreiſchte der Meiſter von der Nadel,„ich war nicht dort, ich bin in meinem gan⸗ zen Leben nicht dort geweſen!“ „So müßt Ihr es machen„ antwortete der Schmied zufrieden, ließ das nadelgewohnte Händchen los, und kehrte dem Schneider verächtlich den Rücken. Jetzt wichen die Verſammelten zurück, und machten von allen Seiten dem einherſchreitenden Bür⸗ 48 germeiſter Platz, der mit finſterer Miene und herab⸗ hängendem Haupte durch das Thor des Rathhauſes trat. Oben im Saale harrte man ſchon auf den er⸗ ſten Amtsherrn. Es war eine lange, gothiſch ge⸗ wölbte Halle, die der Luditzer⸗Gerichtsverwaltung zum Verſammlungsorte diente. Die Säulen und Schnörkel an den dunklen Wänden gaben dem Orte ein altväterliches Ausſehen; obenan hing das lebens⸗ große Bild des vor drei Jahren verſtorbenen Königs Wenzel, von einem Prager Maler verfertigt. Der königliche Herr war zum Sprechen getroffen, auf den erſten Anblick konnte man ihn im Bilde er⸗ kennen; die unterſetzte Geſtalt, das aufgedunſene Geſicht, dieroth unterlaufenen Augen, der breite Mund, die etwas große Naſe, die ſchläfrige Miene, kurz Alles war, als ob der Herr leibte und lebte. Vor demſel⸗ ben Conterfei ſtand der große Armſeſſel des Bürger⸗ meiſters, dann kam nach der halben Länge des Saals ein mit einem grünen Tuche behangener Tiſch, auf welchem ein Paar Dintenfäßer und Streuſandbüchſen ſtanden; längs dieſer Tafel waren beiderſeits Stühle gereiht, ein Schrank mit ſtaubigen Papieren, und ſonſtigen Kanzlei⸗Gerümpel, ſtand in der Ecke, wo Spinnen ungehindert ihr feines Gewebe zogen. ing rte ns⸗ igs gt. er⸗ ene nd, lles ſel⸗ er⸗ als auf ſen hle ind 49 Der eintretende Bürgermeiſter wurde von jedem der verſammelten Rathsherren mit einer Verneigung begrüßt, und nachdem er den oberſten Platz einge⸗ nommen hatte, folgten die Andern ſeinem Beiſpiele. Ein Gerichtsdiener ſtand im Hintergrunde und harrte der Beſehle des Rathes. Zwei Schaarwächter, mit langen Partiſanen bewaffnet, hielten Wache vor der Thüre des Saales. „Jan Liſchka,“ begann der Bürgermeiſter zu dem am untern Ende der Tafel ſitzenden Stadtſchrei⸗ ber;„wurde der königliche Hauptmann vor unſer Ge⸗ richt geladen?“ „Wie Ihr befohlen, gnädiger Herr!“ erwiederte dieſer, und ſteckte die eben geſtutzte Feder hinters Ohr. Während dem klirrten draußen Sporen, feſte Tritte erdröhnten, ein vollkommen bewehrter Kriegsmann trat geräuſchvoll in den Saal. An der rothen Feldbinde die über der Schulter und der gewölbten Bruſt geſchlungen war, erkannte man den königlichen Hauptmann. Es war der edle Herr Peter Smichowsky von Zdiar, der Be⸗ fehlshaber der königlichen Söldner zu Luditz. Er blieb hoch aufgerichtet vor dem Rathötiſche ſtehen, als erwarte er irgend eine Begrüßung; als dieſe aber nicht erfolgte, ſtützte er ſich auf ſein Schwert Hußiten. 5 50 und ſchaute mit finſterem Auge auf die verlegenen Ge⸗ ſichter der verſammelten Rathsherrn. „Ihr Herrn von Luditz,“ begann er endlich barſch und mit kräftiger Stimme,„ſeit wann iſt es bei Euch Sitte geworden, auf den Stühlen ſitzen zu bleiben, wenn ein königlicher Hauptmann in Eure Mitte tritt. Herr Bürgermeiſter, Ihr ſeid mir am Range gleich und von dieſer Klage ausgenommen, die Anderen geht es aber Alle an, von dem erſten dort oben, mit dem aufgeblaſenen Weingeſichte“— es war der Schöp⸗ pe Caſpar—„bis auf dieſen ſpindeldürren Feder⸗ fuchſer,“ er zeigte dabei auf Liſchk a.— Die betreffenden Rathsmitglieder erblaßten nach der Reihe, und ſahen mit fragenden, verlegenen Bli⸗ cken bald ihre Nebenmänner, bald den Bürgermei⸗ ſter an. „Donnerwetter!“ ſchrie der königliche Haupt⸗ mann,„was glotzt Ihr Euch an, als ob ich etwa der Ehre zu viel forderte, von den bürgerlichen Gildemacht⸗ habern.— Wer ſeid Ihr und wer bin ich?— Wird's einmal?“ Als die Rathsherrn die verlangte Begrüßung noch immer nicht leiſteten, fuhr ſie der erzürnte Krieger mit fürchterlicher Stimme an:„Auf von den Stühlen!“ und dabei ſchlug er mit dem⸗Blechhandſchuh au ſden ſch uch n, ich en nit er⸗ Rathotiſch, daß die Dintenfäßer und Streuſandbüchfen übereinander fielen und klapperten wie ein Zeter über dieſe Profanazion. Wie von einer Schnur in die Hö⸗ he geriſſen, erhoben ſich nun plötzlich Alle, mit Aus⸗ nahme des Bürgermeiſters, von ihren Stühlen, und ver⸗ neigten ſich zitternd vor dem königlichen Hauptmanne. „Ich grüße Euch, Ihr Herrn!“ ſprach dieſer, ih⸗ ren Gruß ernſt erwiedernd, und ſchritt dann hinauf zum Bürgermeiſter. Herr Prokopius Hladek, von der eben vorgefallenen Scene etwas eingeſchüchtert, winkte dem Gerichtsdiener, welcher ſchnell mit einem Stuhle her⸗ beiſtürzte; der Hauptmann aber blieb ſtehen und ſtützte nur ſeine Linke an die Lehne desſelben. „Ihr habt mein Erſcheinen gewünſcht, Herr Prokopius Hladek,“ wendete er ſich zu dem erſten Amtsherrn,„mit was kann ich Euch zu Dien⸗ ſte ſtehen? Die Söldner des Königs haben ihre Pflicht nie verſäumt, unſerem Schutze iſt die Stadt anheimgeſtellt, ihre Bewachung liegt unsob, die Er⸗ haltung der Ordnung, die Befolgung der Geſetze wird durch uns bezweckt.“— „Wir haben über Euer Regiment nicht zu kla⸗ gen, Herr Hauptmann,“ entgegnete 5 Bürgermei⸗ 52 ſter,„was wir Euch mitzutheilen haben, iſt ganz anderer Art.— Es iſt uns zu Ohren gekommen⸗ Ihr wollet einen jungen Taugenichts anwerben? ein hieſiges Stadtkind—“ „Wen meint ihr da?“ fragte der Hanptmann geſpannt. „Es iſt mein jüngerer Sohn, Georg!“ erwie⸗ derte der Amtsherr düſter.— „Der ſteht ſeit heute Morgens in königlichen Dienſten!“ „Gerechter Heiland!“ ſchrie Herr Prokopius aufſpringend,„doch nicht als gemeiner Söldner?“ „Wähnt Ihr etwa,“ fragte der Krieger,„ich würde ihn gleich als Führer angeworben haben? Das Kriegshandwerk will gelernt ſein, und nur das wahre Verdienſt kann es mit der Zeit vorwärts brin⸗ gen!— Der blaße Burſche iſt alſo Euer Sohn,“ unterbrach er ſich,„das hat er mir verſchwiegen. Ihr wißt: ich bin noch nicht lange hier im Orte— kann⸗ te ihn alſo wirklich nicht!“ „Er war mein Sohn,“ redete der Bürgermei⸗ ſter ſeufzend,„aber jetzt iſt er es nicht mehr; ich habe ihn— verſtoßen!“ Die Rathsherren und Schöppen ſchracken alle bei dieſer Kunde zuſammen; nur Liſchka ſah liſtig ve de ne lic ſte ge ret ter da ni „ i eir ſte mi un ver der lau ganz 1en: ein ann vie⸗ hen 53 vor ſich hin, und kritzelte mit der trockenen Feder auſ dem grünen Tiſchtuche. „Und was wünſcht Ihr nun mit dem Burſchen weiter?“ fragte der Hauptmann. „Ich habe den Rath hier verſammelt,“ entgeg⸗ nete der Bürgermeiſter,„um den Ungerathenen öffent⸗ lich zu enterben, damit er ja nicht hoffen möge, ein⸗ ſtens mit meinem erworbenen Gute ſich ſeine alten Ta⸗ ge Fu friſten, wenn er etwa als Krüppel heim keh⸗ ret.— Euch aber, Herr Hauptmann, will ich gebe⸗ ten haben, den Burſchen aus der Stadt zu entfernen,— damit ich ſeiner nimmer anſichtig werde, und er mir nicht zu Schand' und Spott herumgehe.“— „Donnerwetter!“ rief der Krieger aufbrauſend, „iſt das ſolch' ein Taugenichts? nun— da haben wir einen ſchönen Fang gemacht; da wird der Stockmei⸗ ſter zu thun bekommen!— Aber der Burſche ſieht mir gar nicht darnach aus, er ſchaut Einem ſo fromm und gut ins Auge; was hat er denn eigentlich verübt, daß er ein Schandfleck Eueres Hauſes gewor den iſt?“ „Er hat ſich an eine gemeine Dirne gehängt.“ „Iſt das eine Schande?“ lachte der Hauptmann laut auf.„Holla, Herr Bürgermeiſter! das ſind Klei⸗ nigkeiten, wie könnten ſonſt arme Mädchen zu reichen 54 Männern kommen, wenn es nicht ſolche Mißgriffe gäbe?“ „Und dann iſt er jetzt gemeiner Söldner“ fuhr Herr Prokopius heraus. „Donnerwetter!“ ſchrie der Hauptmann, und ſtand kerzengerade vor dem Bürgermeiſter,„das iſt bei Euch auch eine Schande?— glaubt Ihr nicht, daß mir jeder gemeine Söldner lieber iſt, als ein ganzes Pack von Euern Krämerſeelen und Gildehel⸗ den?— Ihr Bürger von Luditz! ich bin königlicher Hauptmann, und Ihr nennt es eine Schande, unter den königlichen Söldnern zu dienen? Wer den Nie⸗ dern verachtet, der ſchätzt auch den Höhern nicht, dieſe werden ſich aber den Reſpect ſchon zu verſchaffen wiſſen!— Merkt Euch's Ihr Herren! es dürfte eine Zeit kommen, wo Ihr den Werth des Kriegers beſſer werdet ſchätzen lernen; dann wollen wir wieder mit einander ſprechen!“— Aufgebracht, ohne Gruß, ſchritt der Krieger gegen die Thüre; ehe er jedoch bei derſelben anlangte, blieb er noch einmal ſtehen, und wendete ſich gegen das obere Ende der Tafel. „Noch Eines, Herr Bürgermeiſter!“ rief er dro⸗ hend hinauf,„wagt es nicht, Euern Plan mit der Enterbung auszuführen; denn, wenn ſich der Burſche uhr und ht, ein hel⸗ cher nter tie⸗ icht, ffen eine eſſer mit ieger ngte, een dro⸗ der rſche 55 brav und tapfer hält, ſo ſteh' ich ihm mit meiner Ehre dafür, daß er um keine Schindel auf Eurem Dache gekürzt werden ſoll!!“ Nach dieſen Worten verließ er den Saal, und die Rathsherrn von Luditz mußten unverrichteter Sache auseinander gehen. Dieſes war kaum in der Rathshalle vorgegan⸗ gen, als die unten Verſammelten die Kunde gleich in Empfang nahmen, und im ganzen Orte auspoſaunten. Da war nun ein Gerede und Geträtſch über die Be⸗ gebenheit, als wäre etwas dergleichen ſeit Anbeginn der Welt nicht erhört worden. Die Einen bemitleideten den ſtattlichen Junker, der verſtoßen, als gemeiner Söld⸗ ner dienen mußte; die Andern freuten ſich der derben Naſe, die den Rathsherrn von dem königlichen Haupt⸗ manne gedreht worden war.— Die Stimme Aller kam aber darin überein, daß Junker Wenzel,— der ältere Sohn des Bürgermeiſters— die väterliche Strenge viel eher verdient haben dürfte, als der jün⸗ gere, Georg, welcher von Allen ſo wohl gelit⸗ ten war. Bevor wir aber zu den folgenden, wichtigen Be⸗ gebenheiten übergehen, wollen wir unſern Leſern den Junker Wenzel vorführen, damit auch ſie ihn nach Verdienſt würdigen können; wir glauben hiezu eine 56 um ſo ſchicklichere Gelegenheit zu haben, da wir ihn zwei Tage ſpäter in einer Geſellſchaft finden, wo wir ihn in ſeiner wahren Geſtalt überraſchen können, denn im väterlichen Hauſe war er der gleisneriſche, Liebe, Frömmigkeit und Tugend heuchelnde Sohn, wäh⸗ rend er hier bloß, den Mantel der Verſtellung abge⸗ ſtreift, in ſeiner elenden Nacktheit anzutreffen iſt. Fünftes Kapitel. Ohne dies Trifolium Gäb's kein wahres Gaudium Auf dem Erdenrunde. Weiber Spiel und Rebenſaft Iſt! was uns Pergnügen ſchaft, Wenn ſie nah'n im Bundel Fr. Kind. Der Freiſchütz. In der Stube eines Erdgeſchoßes ſitzen an einem Abende drei Männer. Zwei von ihnen, ſind uns be⸗ reits bekannte Geſtalten.— JanLiſchka, der Schrei⸗ ber, und der Radmacher Caſpar, der Schöppe der Stadt Luditz; der Dritte aber iſt ein hochaufgeſchoſſe⸗ ner, etwas hagerer junger Mann, mit tiefliegenden ſchwarzen Augen, von gleichfarbigen, zuſammenlaufen⸗ den, buſchigen Brauen beſchattet; eine große, krumm gebogene Naſe ſteht mit dem kleinen, eingezogenen Mun⸗ de und dem ſpitzigen Kinn in einem gewaltigen Miß⸗ verhältniſſe, und gibt dem Antlitze ein vogelähnliches Anſehen; die Sprache iſt eine heiſere, kreiſchende, je⸗ 58 meiſters von Luditz. zu werden!“ dem Ohr zuwider, wie der ſchrillende Ton einer Ei⸗ ſenſeile beim Schärfen einer Säge. Mann iſt Wenzel, der ältere Sohn des Bürger⸗ Dieſer junge Die drei Männer ließen einen großen, wohl einen Schoppen haltenden Pokal fleißig die Runde paſſiren, und redeten recht vertraulich mit einander. „Trinkt, Junker Wenzel!“ rief der hagere Jan und nöthigte dieſem den vollen Steinkrug in die Hand.„Hier dürft Ihr Euch keinen Zwang an⸗ thun, von dem, was da vorgeht, erfährt der alte Herr nichts!— Heiliger Laurentius!“ fuhr er auf, ſich in einer heftigen Lache erſchütternd,„wenn er Euch ſo anſehen müßte, mit dem vollen Humpen in der Hand, ich glaube, es träfe ihn der Schlag!“ „Die alten Brummbären ſind einmal ſo,“ lachte der angeſprochene Junker zur Antwort,„wenn ſie ſelbſt nicht mehr im Stande ſind zu genießen, vergönnen ſie auch den Jüngern nichts!“ „Wahr und weiſe geſprochen!“ murmelte der glühende Schöppe, deſſen Antlitz einen rothen, öhl⸗ getränkten Papiere glich, hinter welches eine bren⸗ nende Lampe geſtellt wird.„Ihr verdient es, Junker Wenzel, einſt Bürgermeiſter von Luditz 59 „Und Ihr, Herr Caſpar, mein erſter Rathsherr!“ erwiederte Wenzel aufgeblaſen. Ein höhniſches Lächeln ſpielte um den Mund des Stadtſchreibers.„Nur zu, Ihr Herren!“ lächelte er gleichſam ſcherzhaft, aber nicht ohne leiſen Spott im Tone,„Ihr vertheilt bereits Aemter und Würden, und ſcheint meiner ganz zu vergeſſen! doch“ ſetzte er ſchnell hinzu,„jeder iſt ſein nächſter Freund, ich ſelbſt werde Meiner am treueſten gedenken.“ „Das mein' ich auch!“ rief der Radmacher, „Ihr ſeid ein feiner Kauz, Jan; Ihr kommt ge⸗ wieß nie zu kurz. Für Euch darf kein Anderer ſorgen.“ „Das ſoll ein Gaudium werden,“ jubelte Wen⸗ zel,„wenn die Brüder hier das Regiment führen, und ich als Bürgermeiſter auf das Rathhaus gehe; da werden ſie ſchauen, die Luditzer Maulaffen! Aber ich will ihnen die Zügel ſpannen, daß ſie ſich ihr ganz' Gebiß verderben ſollen!—“ „Es leben die Brüder!“ rief der aufgeregte Schöppe, und ſtürzte einen derben Schluck hinab; die Andern thaten ihm Beſcheid und folgten ſeinem löblichen Beiſpiele. Das freundſchaftliche Kleeblatt war vom Trunke aufgeregt worden, ihr Geſpräch wurde immer lauter, 60 die Geberden lebhafter, und das Benehmen unge⸗ ſtümer. Wenzel und Ca ſpar ließen den Schrei⸗ ber in die geheimſten Falten ihres Herzens ſchauen, während der heuchleriſche Liſchka, ſich trunken ſtel⸗ lend, die Reden der Verbündeten ſeinem Gedächtniße einprägte, um darnach ſeine Maßregeln ergreifen zu können. „Holla,“ rief Wenzel, deſſen Kopf ſchon weinſchwer zu werden begann,„auf gute Freund⸗ ſchaft, Jan! Ihr ſeid ein Ehrenmann; aber wie ich Euch ſage: Alles für die Sache, nur bei Rena⸗ ten müßt Ihr mir aus dem Spiele bleiben!—“ „Wie meint Ihr dieß?“ fragte Liſchka lauernd. „Daß Ihr mir nicht in's Gehege geht!“ lallte der Junker.„Ich bin aufrichtig gegen Euch, aber man hat ſo Einiges gemunkelt, das mir nicht gefällt. Verſte t Ihr mich?“ Der Schreiber ſchlug eine gellende Lache auf. „Wenzell'rief er,„Ihr ſeid ein Narr! wollt Ihr auf's Gerede der Leute hören? Seid Ihr nicht über⸗ zeugt von meiner Freundſchaft gegen Euch? Wer hat denn Euern Bruder aus dem Hauſe gebracht? Wer betreibt es denn, daß Ihr einſt alleiniger Erbe Eueres Vaters werdet? Wer hat den Grundſtein zu Euerer baldigen. Größe gelegt?—“ 61 Dieſe Gründe ſchienen dem trunkenen Junker zu begreiflich, als daß er nicht davon beruhigt worden wäre.„Verzeihung,“ lallte die weinſchwere Zunge, „Liſchka, ich habe Euch verkannt!— Bruder Liſchka— vergib!“— Er ſank an den Hals des Schreibers, und würde es kaum vermocht haben, ſich wieder zu erheben, wenn ihm Jan nicht behilflich geweſen wäre. Der Schöppe hatte ſich indeſſen an den Tiſch ge⸗ lehnt und begann zu ſchlafen. Der Schreiber fand es nun an der Zeit, aufzubrechen, und verließ, den trunkenen Junker am Arme, die Wohnung des Rad⸗ machers. Die kalte, winterliche Nachtluft wirkte ſehr ſtörend auf Wenzel. Wenn früher nur ein Nebel⸗ ſchleier ſeine Sinne umſponnen hielt, ſo wurden dieſe jetzt plötzlich von ſtockfinſterer Nacht umfangen. Er ſchloß die Augen, ließ den Kopf hängen, und der Körper wurde ihm ſchwer wie Blei. Jan keuchte unter der Laſt des Trunkenen. Mühſam ſchleppte er ibn vorwärts; doch konnte dieß nur langſam geſche⸗ hen, weil ſeine Kräfte für ſolche Laſt zu gering waren. Die Wohnung des Radmachers befand ſich ziemlich entfernt vom Ringe, beinahe ganz am Ende des Ortes; der Weg dahin führte an einem Thurme vor⸗ bei, der ſeiner Beſtimmung wegen, den Na men„He⸗ 62 renkeuche“ hatte. Der Mond beſchien das graue Gemäuer und die breiten Steinſtufen, welche zu ei⸗ nem eiſenſchweren Thore des Thurmes führten. In der Höhe des Gemäuers befand ſich ein kleines Fenſterchen mit einem Kreuze von Eiſenſtäben ver⸗ wahrt. In dem Augenblicke, als Jan mitk ſeiner Laſt vorüberkeuchte, ſchaute oben der geſpenſtiſche Kopf eines alten Weibes durch die enge Heffnung. „Junker Wenzel! Junker Wenzel!“ kreiſchte es herab, und ein gräßliches Freudegelächter folgte dem Rufe. Der erſchrockene Stadtſchreiber ließ den Trunkenen fallen, und blickte zitternd in die Höhe. Von dieſem Schlage erholte ſich der Sohn des Bür⸗ germeiſters in Etwas, und ſchlug die Augen auf. „Junker Wenzel! biſt du todt?“ ertönte oben das freudige Zetergeſchrei zum zweiten Male. Dieſer Ton brachte den Gerufenen völlig zu ſich. „Marza!“ rief er mit heiſerem Krächzen, raffte ſich vom Boden auf, und floh, plötzlich ganz nüchtern gegen den Ring zu. „O weh! er lebt noch!“ ſchallte plötzlich der Jammerton von oben herab, und Liſchka, ohne ſich eines leiſen Bebens erwehren zu können, eilte den Entflohenen fröſtelnd nach; das Klaggeſchrei der Eingekeuchten gellte von Zeit zu Zeit in ſein Ohr. Sechſtes Kapitel. Oſüßer Relch voll Lieb und uſt und Jangen, Pen einmal nur das arme Glück uns ſchenkt⸗ Wenn Pruſt an Zruſt,umfangend uns umfangen, Und Mund an Mund, und Serl'an Seele hängt, Und Gegenwart, Erinnerung und Verlangen In einen Ruß, in einen Hauch ſich drängt! Ernſt Schulze. Zwiſchen Pilſen und Komotau liegt das Städtchen Luditz. Vor dem verheerenden Kriege der Hußiten war es eine feſte Stadt, von Wällen und Gräben umgeben; von Thürmen und Bollwerken beherrſcht; heut zu Tage hat aber der Ort an Freund⸗ — lichkeit zu⸗, dagegen an Stärke abgenommen, wie denn überhaupt die neuere Zeit Alles ſo ſonderbar um⸗ geſtaltet hat, daß wohl die Grazien zufrieden ſein. können, aber der gewaltige Alcide ſich immer fremder fühlen möchte. Wir ſuchen die Kraft und Ausdauer des Mittelalters vergebens, ſeine rieſigen und rauhen Geſtalten mit den eiſernen Gewändern treten uns nicht 64 mehr entgegen, ſeine Zauber⸗ und Geiſterwelt iſt verſchwunden, die Weihe ſeiner Bündniſſe und Freund⸗ ſchaften iſt vom Egoismus zertreten, ſein Kämpfen und Lieben iſt zum anmuthigen Mährchen geworden, und ſein Schlachtgetümmel iſt verhallt; verklungen, ebenſo, wie die ſüßen Minnelieder der Meiſterſänger. Dagegen iſt unſere Zeit ſpiegelhell und aalglatt ge⸗ worden; wir ſtürmen nicht auf rauher Bahn vor⸗ wärts, ſondern erreichen auf Schlangenwindungen unſer Ztel; mit den Leichen der Freundſchaft und Liebe füllen wir die Kluft, die uns vom Ziele trennt, der Nimbus des Romantiſchen iſt verloſchen, die Welt iſt menſchlicher aber nicht edler ge⸗ worden! In einem Thale liegend, umzogen Gräben und Wälle die Stadt Luditz, düſtere Anhöhen lagerten ſich im engen Kreiſe um dieſelbe, und verwehrten die Ausſicht auf die weitere Umgebung; der im Süden gelegene Schloßberg— von der Stadtſeite aus ſo ſchwer zu erſteigen— verflacht ſich rückwärts und läuft beinahe eben in die fernere Gegend hinaus. An demſelben, im tiefen Thalgrunde angeſchloſſen, un⸗ weit von dem breiten Stadtgraben lag jene Hütten⸗ gruppe, die noch heute unter dem Namen der Lom⸗ nitz bekannt iſt. Dieſe bildet gewißermaßen eine d⸗ 65 Vorſtadt, und es waren meiſt arme, mittelloſe Fa⸗ milien, die hier zur Miethe wohnten, oder, wenn ſie ſich eines gewiſſen Grades von Behäbigkeit erfreuten, Eines oder das Andere der kleinen Häuschen ihr Ei⸗ genthum nannten. Der Tag mit ſeinem Feuermeere war eben hinab geſunken und machte der finſteren Schweſter Platz, die, eine düſtere, ſchwarzumfangene Trauergeſtalt, ein⸗ hergezogen kam; in ihrem Gefolge die Ruhe und der Traumgott. Die einzelnen Hütten auf der Lomnitz waren bereits geſchloſſen, die Fenſter derſelben erleuchtet, außerhalb herrſchte Ruhe und Schweigen, nur manchmal durch das Gebell einzelner Hunde unter⸗ brochen. Ein verhüllter Mann ſchritt auf eine der Hütten los, und klopfte dreimal an ein kleines Fen⸗ ſterchen. Bald darauf öffnete ſich die angrenzende Thüre, und der Verhüllte huſchte hinein. Ein trau⸗ liches, recht wohnliches Stübchen nahm ihn auf. An⸗ genehme Wärme durchflutete daſſelbe, und ein Oel⸗ lämpchen erhellte es hinlänglich. Dem Angekommenen wurde ein gar herzlicher Empfang zu Theil. Zwei Mädchenarme umſchlan⸗ gen und preßten ihn an ſich; Roſenlippen träufelten Honig auf ſeine Stirne und„Mein Ge⸗ 66 org!“„Meine Mila!“ liſpelten beide Liebende wechſelſeitig und herzten ſich innig und warm. Dann aber ſetzten ſie ſich eng nebeneinander auf die Bank, und da gab es Fragen und Antworten in Menge; da hatte bald ſie, bald er zu erzählen und zu koſen. Sie waren ſich ja ſchon durch einige Tage ferne geblie⸗ ben, und das war für Beide eine lange Zeit; die erſte Liebe iſt heiß und ungeduldig;— die erſte Liebe iſt ein unbändiger Strom, der gewaltig rauſcht und brauſt, der jede Hämmung niederreißt, wenn er nicht bei Zeiten geregelt wird— ein Strom, der ſich unterweilen gewaltſam ergießt, und das Friedens⸗ gefilde des Lebens überflutet. Ludmilla konnte ſich nicht ſatt ſehen an den ſchmucken Söldner, der im grünen Woppenrock an ihrer Seite ſaß, und deſſen Federmütze ſammt dem langen Schlachtſchwerte auf dem Tiſche lag. Das liebende Mädchen glaubte nun ſich dem Geliebten nä⸗ her gerückt, ſeitdem er durch den Uebertritt zum ge⸗ meinen Söldner, dem hohen Stande entſagt hatte, in welchem er geboren war. Die erſte Liebe lebt ein zu geiſtig Leben, als daß ſie ſich nach Anſehen und Reichthum ſehnen ſollte; ihr genügt das Herz, das Lieberfüllte, und Alles Andere verſchwindet vor dem 67 Strahlenglanze, der den geliebten Gegenſtand um⸗ floſſen hält. Mila war eine arme Waiſe, die unter dem Schutze ihres Bruders die Hütte— ihr beiderſeitig Erbtheil— bewohnte. Ein Stückchen Acker und Wie⸗ ſe, durch ihre Hände bearbeitet, bot den nöthigen Lebensunterhalt dar. Bei ihren Kirchengängen in der Stadt wurde die anmuthige Jungfrau von dem jün⸗ gern Sohne des Bürgermeiſters bemerkt und aufge⸗ ſucht.— Seine ſchmucke Geſtalt, noch mehr aber ſein gutes Herz und ſein ſchlichtes Benehmen, fern von allem Vornehmthun, gewannen ihm ihre Zunei⸗ gung, und bald erwiederte ſie ſeine heftige Leiden⸗ ſchaft. Ohne der Gefahren und Folgen zu geden⸗ ken, die eine ſolche Herzenseinigung nach ſich ziehen mußte, lebten die beiden Liebenden ungeſtört frohe Stunden, bis das Verhältniß durch Liſchka aus⸗ gegattert und dem Bürgermeiſter entdeckt worden war. Allein auch dieß brachte für ſie keine merk⸗ liche Aenderung hervor; nur daß der Söldner die Geliebte ſeltener beſuchen, und nicht ſo viele glückli⸗ che Stunden in ihrer Nähe zubringen konnte. Heute war einer dieſer ſeligen Augenblicke, der aber nur zu bald geſtört werden ſollte! 68 Herr Prokopius Hladek, durch die Dro⸗ hung des königlichen Hauptmannes geſchreckt, wagte es nicht, ſeine gekränkte Ehre an dem Sohne ſelbſt zu rächen; allein er hatte beſchloßen, ſeine Wuth an dem Gegenſtande ſeiner Liebe zu kühlen. Georg und Mila ſaßen noch immer im trau⸗ lichen Geſpräche beiſammen, als ein heftiges Pochen an der Thüre, die Liebenden aufſchreckte. Die Jung⸗ frau erbebte heftig; der Söldner aber griff raſch nach ſeinem Schwerte, beſänftigte die Geliebte, und eilte hinaus, um nach der Urſache dieſes ungewöhnlichen Beſuches zu ſpähen. Eine Frauenſtimme bat um ſchleunigen! Ein⸗ laß, und da Georg dieſelbe zu erkennen glaubte, öff⸗ nete er den Riegel, und Marza, die Haushälterin des Bürgermeiſters trat ein. Die Alte konnte kaum zu Athem gelangen, ſo ſchnell war ſie hieher gelaufen. Georg leitete ſie zur Beruhigung der Geliebten in das Kämmerlein, und bedeutete der Ermüdeten, auf der Bank Platz zu nehmen, und ſich zu erholen. „Was führt Euch ſo ſpät zu uns?“ fragte der erſtaunte Jüngling nach einer kleinen Pauſe allge⸗ meinen Schweigens. 69 „Ach beſter Junker!“ keuchte die treue Haus⸗ hälterin,„ich bin einzig und allein zu Euerem From⸗ men hieher gerannt. dan führt Böſes gegen Euch im Schilde; der ſchurkiſche Federfuchſer hat dem gnä⸗ digen Herrn wieder einen Floh in's Ohr geſetzt, und ihn mit Wenzel bereder, Euch Euere Liebe zu rauben; ehe eine Stunde vergeht, wird die Schaarwache hier ſein, und die Jungfrau im Namen des Geſetzes ge⸗ fangen fortführen!“ „Ihr werdet Euch täuſchen, alte Marza,“ ſprach der Söldner,„wer wird ſich unterſtehen, ein unſchuldiges Mädchen ohne Urſache gefangen zu nehmen?“ „Ach du lieber Himmel!“ rief die Alte,„wie bald hat man nicht Jemanden Etwas aufgebürdet! Einem Böſen, wie Liſchka, iſt Alles möglich; ach lieber Junker! zweifelt nur nicht lange, ich habe Alles zu gut erlauſcht; rettet Euere Geliebte, denn wenn die Andern ſie einmal in ihren Klauen haben, dann dürfte die Rettung Euch ſchwer gelingen!“ Mila ſchmiegte ſich ängſtlich in die Arme des Jünglings;„O mein Georg!“ ſprach ſie ſanft, und drückte das Haupt an ſeine Bruſt:„Laß ſie nur kommen und mich fortführen; ich fühle mich unſchul⸗ dig und keines Fehltritts bewußt, der Himmel wird 70 mich beſchützen; was ſie mir auch immer anthun mö⸗ gen; ich leide für Dich und unſere Liebe!“ Alles Zureden der alten Marz a war fruchtlos; ſie ärgerte ſich zwar gewaltig über den Starrſinn der Liebenden, doch es half nicht, und die Matrone ver⸗ ließ unter Thränen die Hütte. Mit ſich ſelbſt ha⸗ dernd trippelte ſie über die ſtarre Schneefläche hin, und beſchloß, wenn das Bubenſtück gelingen ſollte, Alles für die Rettung des unglücklichen Mädchens anzuwenden. Während dem waren Georg und Mila zu⸗ rückgeblieben. Der Bruder des Mädchens befand ſich an dieſem Abende abweſend, und Georg auf ſich ſelbſt beſchränkt. Nach langem Erwägen, was er ei⸗ gentlich thun ſolle, beſchloß er, die Geliebte nicht zu entfernen, da ein naher Ort ſie vor Verfolgung nicht geſchützt haben würde, und er ſo lange nicht abweſend ſein durfte, um ſie in die Ferne zu führen. Ueber⸗ dieß war es auf zehn Meilen in der Runde ſchon un⸗ ſicher geworden, denn nicht nur die Schaaren der Hußiten trieben da ihr blutiges Spiel, ſondern auch Räuber und herrenloſes Geſindel hatten ſich zuſam⸗ mengerottet, und machten alle Wege unſicher, raub⸗ ten, mordeten, plünderten und übten ungehindert das Recht des Stärkeren Daher beſchloß Georg zu —— —— 71 bleiben, im ſtrengſten Nothfalle die Geliebte zu ver⸗ theidigen, und wenn es auch ſein Leben gelten ſollte. Ludmilla tröſtete und beruhigte ihn; die Jungfrau, im Bewußtſein ihrer Unſchuld, ſah keine Gefahr, wenn man ſie auch einkerkern ſollte; wäh⸗ rend dem Söldner für das Leben der Geliebten im⸗ mer mehr bange wurde. Indeſſen ſie ſo Beſchlüße faßten und wieder verwarfen, bemerkten ſie vor dem Fenſterchen einen ſchwarzen Schatten, welcher ſich geſpenſtiſch hin und her bewegte. Nach einer Weile klopfte es leiſe an's Fenſter. Georg eilte, das bloße Schwert unter dem Arme, an daſſelbe. „Junker Georgl“flüſterte es draußen,„kommt ſchnell heraus, ich habe Euch etwas Wichtiges mitzu⸗ theilen.“ Der Söldner erkannte die Stimme nicht, und da er einen Einzelnen draußen vermuthete, eilte er vor die Hütte.„Was wollt Ihr zur nächtlichen Stunde?“ fragte er den Verhüllten, der ſich bei ſei⸗ ner Annäherung immer mehr zurückzog. „Alle Teufel!“ ſchrie der Junker, Verdacht ſchöpfend,„bleibt ſtehen oder ich ſtoße Euch mein Schwert in den Leib, daß Euch der Krebsgang un⸗ möglich wird. 72 „Verſucht es einmal, elender Söldner!“ rief der Angekommene mit kräftiger Stimme, und Georg erkannte den älteren Bruder. „Wenzel!“ ſprach er, ſein Schwert ſenkend, „ich will nicht hoffen, daß Du in hinterliſtiger Ab⸗ ſicht gekommen biſt, um die Ruhe Desjenigen zu ſtören, der Dir ohnedieß nicht mehr im Wege iſt?“ „Du haſt Recht,“ entgegnete der Andere höh⸗ niſch,„ein gemeiner Söldner kann dem einzigen Soh⸗ ne des Luditzer Bürgermeiſters nicht im Wege ſtehen!“ „Teufel!“ ſchrie der Erzürnte zur Antwort; „willſt Du durch deine Hohnreden mich zum Bruder⸗ mord verleiten?“— „Bruder?“ lachte Wenzel boshaft,„was ficht den Söldner an, ſich meinen Bruder zu nen⸗ nen? die Zeiten haben ſich gewaltig geän⸗ dert,— wir Beide haben mit emander nichts mehr zu ſchaffen! Den der Vater verſtoßen, der iſt auch den andern Verwandten fremd geworden!“ Hierauf kehrte ihm Wenzel den Rücken, und eilte unaufgehalten gegen das Thor zu. Georg wußte ſich die Urſache dieſes Beſuches nicht zu erklä⸗ ren, und eilte im Gedanken darüber, in das Käm⸗ k. )— 2=) fo ge er de im ſer It er öh⸗ ege e und lä äm- 73 merlein zurück. Die Thüre war offen, er ſtürzte hi⸗ nein und fand es leer. „Allmächtiger Gott!“ ſchrie Georg und blieb wie vom Donner gerührt, einen Augenblick lang auf der Schwelle ſtehen; die Geliebte war geraubt, er ſah ſich ſchändlich überliſtet. Während Wenzel ihn hinausgelockt, und zum Vorwande das Geſpräch angeknüpft, hatte ſich Liſch⸗ ka mit einigen Männern in das Kämmerlein geſchli⸗ chen, und nachdem ſie der Jungfrau den Mund ver⸗ ſtopft, wurde ſie widerſtandslos durch die rückwärtige Thüre fortgeſchleppt. Wie von Furien verfolgt, ſtürzte der Söldner zur Hütte hinaus, das Geräuſch der Tritte drang in ſein Ohr, von Wuth und Angſt ge⸗ foltert, eilte er, das bloße Schwert in der Hand, den Räubern nach. Das Sträuben der Jungfrau verzö⸗ gerte in Etwas die Eile ihrer Entführer,— Georg erkannte ſelbſt in der Finſterniß die dunklen Formen der Fliehenden. „Steht, elende Schurken!“ donnerte er ihnen im Laufe mit ſchrecklicher Stimme zu; allein ein hei⸗ ſeres Hohngelächter drang herüber, in welchem der Jüngling den Stadtſchreiber erkannte. Da beflügelte er noch mehr ſeine Eile, mit gewaltigen Schritten war er hinter ihnen her, immer kleiner wurde der Hußiten. 7 74 Zwiſchenraum, jetzt erkannte er deutlich Liſchka's Stimme, welche die anderen zu größerer Schnellig⸗ keit antrieb; er ſah auch das weiße Gewand Mila's zwiſchen den dunklen Kleidern der Männer hervor⸗ ſchimmern; ſeine Eile brachte ihn immer näher, jetzt befand er ſich am Anfange der Brücke, die über den Stadtgraben führte; die Verfolgten waren in der Mitte derſelben. Drei kräftige Sprünge brachten ihn noch mehr in die Nähe der Räuber, ſchon wollte ihm der Odem verſagen, ſeine Kräfte waren erſchöpft, allein die Angſt um die Geliebte hielt ihn noch aufrecht; jetzt war er hart hinter ihnen, noch einen Sprung— und ſeine Schwertſpitze hätte den Hinterſten erreicht, da drangen ſie raſch durch das Stadtthor, die ſchweren Flügel fielen hinter ih⸗ nen dröhnend ins Schloß, und der arme Söldner ſtürzte vor demſelben vernichtet zu Boden! ten on fte bte en, itte Siebentes Kapitel⸗ „eAllein der ſchrecklichſte der Schrecken⸗ Pas iſt der Menſch in ſeinem Wahn lv Schiller. Manchem Kenner der Weltgeſchichte dürfte es viel⸗ leicht noch nicht aufgefallen ſein, daß die merkwürdi⸗ gen Begebenheiten der Erde entweder durch erſchüt⸗ ternde Verheerungen eines der vier Elemente her⸗ vorgegangen ſind, oder mit einem derſelben in unmit⸗ telbarer oder mittelbarer Beziehung geſtanden haben. Eine Sündfluth vertilgte die Menſchen, aus einem flammenden Dornbuſche entſprang die Sen⸗ dung Moſis; Aſche und Feuer begrub die Nach⸗ barsſtädte Neapel's; verheerende Ueberſchwem⸗ mungen brachten die Völkerwanderung hervor, die Eroberung eines Erdſtückchens war die Urſache der Kreuzzüge, anhaltende erſchütternde Erdbeben und Stürme verkündeten das große Sterben, wel⸗ ches in der Mitte des vierzehnten un⸗ 76 ter dem Namen„des ſchwarzen Todes,“ die ganze Erde überhauchte; und um an das Große auch das Kleinere zu reihen, entſprang aus der Flamme zu Koſtnitz, der fanatiſche, grauſame Krieg der Hu⸗ ßiten. Die Glut des Scheiterhaufens, auf dem Johan⸗ nes Huß ſein Leben ausgehaucht hatte, war kaum verglommen, als ſich auch ſchon aus der Mitte des aufgeregten Böhmerlandes die Furie des Kriegs erhob, und ihre blutige Geißel furchtbar zu ſchwingen begann. Schwärmer,— die ſich den Namen der Hu⸗ ßiten beilegten— rafften ſich auf, überfielen wild Kirchen und Klöſter, ſtürzten Altäre nieder, und be⸗ raubten die Heiligthümer! Allein die tobende Wuth der Unſinnigen hatte ſich an lebloſen Dingen noch nicht abgekühlt, ſie mußten ihre Hände auch in Blut tau⸗ chen, in das Blut ihrer Mitmenſchen, ihrer Lands⸗ leute und Brüder. Von Prag aus begannen ſich die Schrecken nach allen Gegenden des ſchönen Böhmer⸗ landes auszubreiten; wie eine Feuerflamme, vom Sturme aufgeblaſen, nach allen Seiten mit glühen⸗ der Zunge leckt. Der Haufe der Schrecklichen wurde immer grö⸗ ßer. Arme, die Nichts zu verlieren hatten, geheime Verbrecher, welche Strafe befürchteten, und tauſend — die uch me Hu⸗ n⸗ um des ob, nn. u⸗ vild be⸗ uth icht au⸗ ds die er⸗ ** om en- „ rö⸗ me 77 Andere, die ſich durch Kirche und Staat gekränkt glaubten, ſtießen zu ihnen; die Schaaren ſchwollen an, wie ein Fluß zwiſchen Bergen, in welchen ſich tauſende von Wildbächen ſtürzen.— Die Bürger flüchteten ſich mit Weib und Kinder, nahmen nur das bewegliche Gut mit ſich, und überließen das Andere willig den beutegierigen Mordbrennern; jede Ordnung im Lande war aufgelöst, nirgends konnte man Schutz oder Hilfe ſuchen, denn Böhmen hatte keinen König! Kaiſer Siegmunds Mühe, im Lande den Frieden herzuſtellen, war vergebens! Sein aus Un⸗ garn, Mähren und Deutſchland zuſammengebrachtes Heer wurde oft beſiegt— endlich während der Be⸗ lagerung von Kladrau zum Rückzuge gezwungen, und bis zur Hauptſtadt Mährens in die Flucht gejagt. Ziska, der Schreckliche, der Gezeichnete, der Attila Böhmens, ſtand an der Spitze der Hu⸗ ßiten.— Der Zuſtand im Lande war ein erbarmens⸗ werther. Viele Städte, Burgen und Schlößer befan⸗ den ſich in der Gewalt der Kelchner; der unſelige Wahn, den Tod des verbrannten Huß, an dem unſchuldigen Vaterlande rächen zu wollen, war ſchon längſt ver⸗ geſſen, man kämpfte nur noch der Beute, des Ge⸗ winnes halber. 78 Das Reich war in feindliche Partheien getheilt, eine Stadt kämpfte gegen die andere; bald hier bald dort loderte die Kriegsflamme heller empor, wäh⸗ rend im ganzen Lande, die Glut unter der Aſche ohne Unterlaß glomm. Dieſer Parteienkampf wurde mit grimmer Wuth gegenſeitig geführt. Die Kriege der Hußiten können nur mit jenen der Hunnen und Avaren in der älteren Vorzeit verglichen werden, das Mittelalter hatte ſeit dem Einfalle der Tartaren nichts Aehnli⸗ ches aufzuweiſen. Und doch waren es keine Heiden, ſondern Chriſten, die gegen Chriſten kämpften!— Die Ritter und Edlen des Landes, die Beſitzer von Burgen und Schlöſſern, gehörten bald dieſer bald jener Parthei an; ſie wechſelten ihre Meinungen nach dem Friegsglücke und zwangen auch ihre Unterthanen hiezu. Dieſer Partheienkampf im Großen wiederholte ſich nur zu oft in den verſchiedenen Städten, und ſo⸗ gar in einzelnen Häuſern unter Freunden und Ver⸗ wandten. In Städten, wo der eine Theil der Bürger den Hußiten, der andere aber ihren Gegnern anhing, fanden nur zu oft blutige Zwiſtigkeiten Statt; durch die Uebermacht gezwungen, erlag immer der ſchwächere Theil, und knirſchte im Stillen, bis ſich eine Gele⸗ „ e„ c— —„—— 79 genheit vorfand, ſich kräftig wieder erheben und ſei⸗ nerſeits den Sieger ſpielen zu können. Die Saat des Böſen wuchert wie Unkraut aller Orts, und in reichhaltiger Fülle empor, ſelbſt in ein⸗ zelnen Häuſern und Familien herrſchten Spaltungen, und der blutige Wahn ſtellte oft, dem Himmel zum Hohn, dem greiſen Vater den verführten Sohn, dem Bruder den Bruder, dem Lehrer den Zögling, und dem Manne den geweſenen Jugendfreund als blutigen Widerſacher entgegen.— Es war eine erbarmens⸗ werthe Zeit im Böhmerlande! Der Acker des Land⸗ mannes war zertreten, der Weinſtock lag verdorrt am Boden, der heilige Friede war wie eine ſchwache Tau⸗ be aus dem Neſte verſcheucht, und flatterte hilfelos in den Lüften; dagegen ſpannte der Krieg wie ein mächti⸗ ger Geier ſeine blutigen Schwingen, und rauſchte über das geängſtigte Land; in ſeinen ſpitzen Krallen trug er die grauſen Geſtalten des Mordes und des Raubes. Lodernde Städte und Dörfer bezeichneten ſeine Bahn; wüſte Schutthaufen und Leichen zeigten ſeine Spuren, und der Boden von Böhmen, trunken von dem Blute ſeiner Landesſöhne, ächzte unter der gewaltigen Laſt der Kriegerhorden, während verlaffene Eltern, zu Witwen gewordene Frauen, und verwaiſte Kinder laut um Hilfe zum allmächtigen Himmel ſchrieen. 80 Dieſer aber ſchien zürnend über das ſchöne Land zu hangen, erſt nach einer beinahe achtzehnjährigen Dauer*) wurde dem zerrütteten Lande der Friede wieder gegeben. „So endigten,“ ſchließt Hagek ſeine Abhand⸗ lung über den Hußitenkrieg,„dieſe für das Wohl Böhmens ſo verderblichen, hußitiſchen Unruhen, die der Irrthum angefacht, zur Unzeit angewandte Strenge in Flammen geſetzt, und toller Fanatismus des ra⸗ ſenden Pöbels zum Verderben ſo vieler Länder, Städte, und Menſchen ausgebreitet hatte; wider welche alle Mächte Deutſchlands fruchtlos ihre Armeen aufboten, und die noch nicht gedämpft worden wären, wenn nicht die unbeſiegten Böhmen von Bö hmen ſelbſt wären überwunden worden!“— 65 ** Einige Monate vor dem Beginne unſerer Erzäh⸗ lung, war die Frau, die wir unter dem Namen Re⸗ wate kennen gelernt, in der Stadt angelangt. Nie⸗ mand kannte ſie, Niemand wußte etwas von ihrem *) Von 1418— 1436. c———— nd en de en E= 81 früheren Aufenthaltsorte, oder von ihrer Abkunft; nur der Stadtſchreiber ſchien die ſchöne Dame zu kennen, und da er viel von ihrem Reichthume zu erzählen wuß⸗ te, ſo ſah man im Orte ihr Verweilen nicht ungerne. Liſchka und Renate ſchienen einen gemeinſamen Plan zu verfolgen; ihre Schlauheit zog mehrere Bürger in das verfängliche Netz, unter dieſen, wie wir wiſſen, den Schöppen Caſpar und den verliebten Junker. So innig auch der Stadtſchreiber und die Wit⸗ we durch gemeinſchaftliches Intereſſe verbunden ſchie⸗ nen, ſo hatte doch jeder Theil ſeine geheimen Beſchlü⸗ ße gefaßt, und ſuchte dieſe vor dem andern ſorgfältig zu verbergen. Um ſein Vornehmen um ſo ſicherer durchzufüh⸗ ren, hatte ſich der Stadtſchreiber dergeſtalt in die Gunſt des Bürgermeiſters zu ſchleichen gewußt, daß er ihm endlich unentbehrlich wurde. Trotz dem, daß er einen unvertilgbaren Haß gegen ſeinen Amtsvorſteher im Herzen trug, ſchien er doch immer ſo um deſſen Ruhe und häusliches Glück bekümmert, daß Herr Prokopius in ihm nicht nur ſeine kräftigſte Amts⸗ ſtütze, ſondern auch einen treuen Freund ſeines Hau⸗ ſes gefunden zu haben glaubte. Die alte Marza gab ſich freilich viele Mühe, den gnädigen Herrn vor dem Hinterliſtigen zu war⸗ 82 nen; allein dieſer ſchalt ſie, ſtatt des Dankes, noch aus, daß ſie unſchuldigen Menſchen Böſes aufbürde. Des Stadtſchreibers ehrgeizige Plane haben wir ſchon erlauſcht; er wollte den Bürgermeiſter ſtürzen, ſich auf ſeine Stelle ſchwingen, und die ſchöne Re⸗ nate als Gattin heimführen. Die ſchlaue Witwe hegte aber ganz andere Ab⸗ ſichten; ſie ſchien nicht Willens, mit dem häßlichen, entnervten Liſchka ihre kräftigſten Lebensjahre zu thei⸗ len; ſelbſt der verliebte Wenzel genügte ihren Wün⸗ ſchen nicht; nur Georg, der ſchmucke, kräftige Jüng⸗ ling, zog ihre Aufmerkſamkeit auf ſich, und ſeine männ⸗ lich ausgebildete Geſtalt entzündete ihre Sinnlichkeit. Sie war es daher, welche es durch Wenzel dahinbrach⸗ te, daß die Geliebte des Söldners gefänglich einge⸗ zogen wurde, indem ſie ihn durch dieſe Trennung eher für ſich zu gewinnen hoffte.— Die Verderbte— ſie hatte noch nie jenes überirrdiſche Gefühl kennen ge⸗ lernt, das in Glück und Unglück beharrlich aushält; ſie kannte die Liebe nur dem Worte nach, und wußte nicht, daß echte Liebe dem Golde gleich, jede Feuer⸗ probe des Schickſals beſtehe, und aus der Glut nur noch geläuterter hervorgehe. Wir haben ſchon angedeutet, daß Wenzel nur durch ſeinen Umgang mit dem Stadtſchreiber verderbt ur 83 wurde; ſein leichter Sinn ließ ihm alle dieſe Verbin⸗ dungen nur von jener Seite ſehen, wie ſie ihm Liſch⸗ ka darzuſtellen pflegte. Die ſchöne Witwe hatte bald nach ihrer Ankunft ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich ge⸗ zogen; ſein Herz entbrannte in heftiger Leidenſchaft zu ihr, und dieſes wak die Schlinge, in welcher ſich der Verführte fing; Sie war es auch, der er nach und nach die Ruhe ſeines Lebens aufopferte. Am unglücklichſten unter Allen ſtand der arme Söldner da. Aus dem väterlichen Hauſe war er ver⸗ ſtoßen; vom Bruder wurde er gehaßt, weil dieſer die Neigung Renatens zu ihm bemerkt hatte; von der verſchmähten Witwe wurde er verfolgt, von Liſch⸗ ka, dem er immer im Wege geſtanden hatte, verab⸗ ſcheut; es war ihm nur die Liebe ſeiner Mila ge⸗ blieben, die Liebe, die ihm allein eine Welt voll Se⸗ ligkeit gewährte, die nebſt der Liebe zu dem harten Vater ſein ganzes Herz erfüllte, und ach!— auch die ſe war ihm geraubt worden. Am Morgen nach jener unglücklichen Nacht ver⸗ nahm Georg die Kunde: daß man die Jungfrau eines Verbrechens wegen eingezogen habe, allein Nie⸗ mand konnte ihm dies Verbrechen nennen, Niemand konnte auch nur ahnen, was man dem unſchuldigen Mädchen zur Laſt legen werde; der Jüngling mußte 84 ſich daher bis zum erſten Verhöre gedulden, von wel⸗ chem er die Löſung des Geheimniſſes zu erfahren hoff⸗ te. Er zweifelte keinen Augenblick an die Unſchuld der Geliebten, ihm bangte nur, weil er die Jungfrau in der Gewalt ſeiner Feinde wußte; allein, da ſie im Namen des Geſetzes eingezogen war, ſo konnte man ihr doch nicht öffentlich Unrecht thun; es gab ja im Rathe noch der Ehrenmänner genug, die ſie vor einem ſolchen ſchützen würden. So ſtanden die Sachen, als ſich ein Ereigniß zutrug, welches in der Stadt nicht wenig Unruhe verurſachte; ehe wir jedoch deſſen erwäh⸗ nen, wollen wir zur Verſtändigung noch Einiges bei⸗ fügen. So wie alle Kriege, die im Innern eines Lan⸗ des wüthen, hatte auch der Hußitenkrieg die beſondere Eigenthümlichkeit: daß er ſich regellos bald in dieſen, bald in jenen Theil des Landes zog— und mitunter die Gränzen überſchreitend, ſich auch in die nahe gele⸗ genen Reiche, wie eine dampfende Blutwolke wälzte. Eine Belagerung folgte der andern; Städte, Burgen und Schlöſſer wurden ſiegreich erſtürmt;— wer konn⸗ te den Raſenden mit Glück widerſtehen? Die Hälfte des Böhmerlandes war ein glimmender Schutthaufe, den ſelbſt die Ströme von Menſchenblut nicht zu lö⸗ ſchen vermochten! Kaiſer Siegmunds Heer, mei⸗ 85⁵ ſtens aus Ungarn beſtehend, ſcharmitzelte zwiſchen Kut⸗ tenberg und Kollin; indeſſen verbreitete ſich die Nachricht, daß den Hußiten ein bedeutendes Korps zu Hilfe komme, darauf zündeten die Ungarn am erſten Tage des Jahres 1422 Kuttenberg an, und zogen ſich gegen Deutſchbrod zurück;— allein Ziska folgte ihnen raſch auf dem Fuße nach, und eine furchtbare Niederlage war ihr Loos! Darauf kehrte er nach Prag zurück. Um dieſe Zeit kam an Ziska von einem ge⸗ heimen Anhänger ſeiner Parthei ein Bote, der die Nochricht überbrachte: daß man ihm die Thore einer bisher noch uneroberten, feſten Stadt durch Liſt zu öff⸗ nen gedenke; er ſandte ein kleines Häuflein ſeines Heeres dahin ab, welches kaum zweihundert Mann ſtark, zur Beſitznahme derſelben auszog. Dieſe feſte Stadt war Luditz!— Achtes Kapitel. Ja die Nacht, ich trau ihr nimmer, Sie gebiert Perrath und Uaub, Was ſie zeigt als Perlenſchimmer Iſt am Tag nur Glas und Staub! Altes Lied. Wer mit der Befeſtigungsweiſe des Mittelalters nur in Etwas bekannt iſt, wird wiſſen, daß dieſe, beſon⸗ ders bei Städten von größerem Umfange, ſo einfach als möglich war. Man hat damahls beſonders darauf gehalten, lieber die Anzahl der feſten Städte als die Stärke der Einzelnen zu vergrößern, und that dieß nicht ohne zulänglichen Grund. In jener Zeit, wo das Recht des Stärkeren vorherrſchend war, wo ſelbſt der Adel ſich nicht ſcheu⸗ te, als Wegelagerer die Fahrten und Straßen unſi⸗ cher zu machen ja, wo die Buſchklepper oft, ver⸗ wegen genug, mit ihren Geſellen aus dem nächſten Orte offen und frei die nöthige Zehrung zu holen wag, iery b! ur n⸗ uf die eß 87 ten, in jener Zeit galt es für den reiſenden Kaufher⸗ ren, oder ſonſt bemittelten Fremden als eine beſondere Beruhigung, wenn er die Rächte in einer feſten Stadt zubringen konnte. Außerhalb der Ringmauern mußte er jeden Augenblick für ſein Gut und Leben zittern; nur unter ihrem Schutze konnte er ruhig athmen. Doch nicht allein der Reiſende, ſondern auch der Heimiſche, der Bürger, wollte vor dem gähen Ueberfalle geſichert ſeyn, denn auch auf ihn würde— ohne dieſe Vor⸗ ſorge— innerhalb des Weichbildes ſeiner Stadt der Verrath gelauert haben; auch er wäre vor nächtlichem Ueberfalle, vor Raub, Brand und Mord nicht ſicher geweſen, wenn die Gräben und Wälle ſolches nicht verhindert hätten. Darum alſo die vielen feſten Städte im Mittelalter, in deren verwitterten Ringmauern noch heut zu Tage Eulen und Käuzlein niſten, und deren halbverfallene Gräben wie die offenen Gräber, denen die Vergangenheit entſtiegen, in die Lüfte empor ſtarren. Die feſten Städte waren demnach mehr zu Zu⸗ fluchtsörtern oder Schutzſtätten vor gähen Ueberfällen innerer Feinde, als 4r Vertheidigung gegen größere feindliche Heere, geeignet, denen meiſtens nur, bei ſtarker muthiger Beſatzung, ſo lange widerſtanden wer⸗ 88 den konnte, bis von irgend einer Seite Hilfe oder Ent⸗ ſatz herbeigezogen kam. Dieſe Befeſtigungen wurden ſpäterhin um ſo wirkungsloſer, als die Erfindung, oder wie Einige wollen, Wiederentdeckung des Pulvers eine neue Aera in der Kriegsgeſchichte hervorbrachte; nach und nach entſtanden jene verheerenden Zerſtörungsmaſchinen, denen ſelten ein glücklicher Widerſtand geleiſtet werden konnte, und der Verfall jener Befeſtigungen wurde dann, eine natürliche Folge, um ſo ſchneller herbei⸗ geführt. Unter die, ſolcher Weiſe nur leicht befeſtigten Städ⸗ te, war auch Lu ditz zu zählen. Ein tiefer, breiter Gra⸗ ben war das erſte Hinderungsmittel einer feindlichen Annäherung. Dieſem folgte die Ringmauer. Sie um⸗ gab in ziemlicher Höhe die Stadt, und begünſtigte durch eingeſchnittene Schießlöcher die Beſtreichung des Außenfeldes. Hinter derſelben wurden die Bogenſchü⸗ tzen geſtellt, deren beſchwingte Pfeile ſicher und tödt⸗ lich trafen. Unter der oberſten Kante der Mauern war ein breiter Gang angebracht, welcher von Söldnern beſetzt werden konnte, um den ſtürmenden Feind ab⸗ zuwehren; gewöhnlich aber war er nur mit den Wa⸗ chen beſetzt. Um aber die langen Linien der Ringmauer zu ſtärken und eine Seitenbeſtreichung zu bezwecken, t⸗ ige uer 89 ragten in verſchiedenen Entfernungen runde, feſt ge⸗ mauerte Thürme empor, in denen gewöhnlich die Stadt⸗ thore angebracht waren, und deren Außenſeite eben⸗ falls mit Schießlöchern verſehen war. Außerdem dien⸗ ten ſie noch zum Aufbewahrungsorte der vorräthigen Waffen, zu Wachtſtuben, Magazinen und andern gemeinnützigen Anſtalten. Das Thor, welches gegen die Pilsner Stra⸗ ße führte, ging ebenfalls durch einen ſolchen Thurmz ſeitwärts befand ſich, zwei Stufen aufwärts, eine ſchmutzige, dunkle Kammer, die zur Wachtſtube diente. In dieſe nun verſetzt uns für den Augenblick der Verlauf unſerer Geſchichte. Die zehnte Abendſtunde war bereits vorüber; eine freundliche Nacht hielt die Stadt in ihrem finſtern Schleier gehüllt, kein Lüftchen regte ſich, kein Laut ſtörte die Stille in den Gäſſen, nur von der Ring⸗ mauer herab erdröhnten die ſchwerfälligen Tritte der wachehaltenden Söldner, die, wie geſpenſtiſche Schat⸗ ten, auf dem Gemäuer hin und her wogten. Unten in der Wachtſtube ging es munter her. Die Söldner ſaßen um den Tiſch, auf welchem eine brennende Oellampe ſtand, deren matter Schein ſelbſt die in der Nähe befindlichen, bärtigen Geſichter nicht zu erleuchten vermochte. Ein Jtführehtee die Wache 90 befehligte, ſaß mit vorgeſetztlicher Aufgeblaſenheit oben an, und führte das Wort, während die Andern an⸗ dächtig ſeiner Rede horchten. „Das ſind Euch verdammte Geſellen,“ fuhr er, im Eifer eines früher begonnenen Geſpräches, demon⸗ ſtrirend fort,„treiben ihr blutig Spiel' im ganzen Böhmerlande und laßen dem ehrlichen Krieger das Zuſchauen.— Nun— mir auch recht, ich laſſe mir's gefallen: im freuen Felde unter Gottes liebem blauen Himmel dem Feinde entgegen zu ſtürzen; fechten, käm⸗ pfen, ſtreiten— und wegen meiner auch fallen, wenn es ſein muß,— das iſt ein echtes Soldatenlos! aber ſo wie ein Kettenhund in einem ſtädtiſchen Rat⸗ tenloche zwecklos zu liegen und ſich füttern zu laſſen, da ſollen neunundneunzig Donnerwetter drein ſchlagen, wenn mir ein ſolches Schlaraffenleben je zu behagen im Stande ſein wird!“ „Das iſt ſonderbar, Herr Rottenführer,“ be⸗ gann ein Söldner, etwas zaghaft,„daß auch Ihr unzufrieden ſeid. Ihr habt zu befehlen, während wir gehorchen müſſen. Ihr könnt die ganze Nacht hindurch in der warmen Wachtſtube weilen, während wir auf der Ringmauer in der Kälte auf und abzap⸗ peln müſſen, und doch iſt Euer Sold größer als der unſere.— In der Stadt hier habt Ihr gar ein Le⸗ len m⸗ zap⸗ der 91¹ ben, wie ein Seliger! Speiſe und Trank in Ueber⸗ fluß, und dann die Mädchen— nun Ihr werdet es wohl wiſſen, wie die mit gewährenden Blicken nach einem Rottenführer ſchielen, während dem der gemei⸗ ne Söldner unbeachtet bleibt.“ Der Sprecher hatte die ſchwache Seite des Vor⸗ geſetzten getroffen.— Wohlgefällig begann er ſich den Bart zu ſtreichen, und ſchmunzelte blinzelnd vor ſich hin. „Du haſt recht,“ erwiederte er mit ſelbſtgefälli⸗ gem Lächeln,“ in dieſer Beziehung haben wir einen gewaltigen Vorſprung; aber auch da iſt kein freies Feld; die ſtädtiſchen Maulaffen und Krämerpuppen pfuſchen uns keck ins Handwerk, und verdrehen den Mädchen den Kopf, daß man ihn in ihrem ganzen Leben nicht wieder zurecht bringen kann. Auch recht!— doch nein — Mordelement!“ fuhr er zornig auf, als beſinne er ſich plötzlich eines unangenehmen Vorfalles,“ da⸗ von weiß ich am beſten zu erzählen!“ Die Söldner drangen in ihn, ihnen mit ſeiner Geſchichte die Zeit zu kürzen, und nach langem ſchmei⸗ chelhaften Zureden, bewogen ſie den Vorgeſetzten end⸗ lich, ihrem gemeinſchaftlichen Wunſche zu willfahren. — Er begann: 8* 92 Als ich vor ungefähr zwei Jahren hieher kam, da war mir anfangs gar langweilig zu Muthe, wenig Dienſt, viel freie Stunden, und keinen Zeitvertreib. Ich denke daran, mir ein Liebchen aufzuſuchen, auch recht!— Wer ſucht, der findet, ſagt ein altes Sprüch⸗ lein, bei mir hat es ſich bewährt. Auch recht!— Das war eine Dirne, ſag'ich Euch, Mordelement!— ſo ſchön, als hätte man ſie von irgend einem Bilde herab geſtohlen. Ich begegne Ihr einmal in der Stadt, ſpü⸗ re nach, wie ein Jagdhund, und endlich hab ich's her⸗ aus,— ſie wohnte vor der Mauer, war arm und die Tochter einer Witwe, und mehr dergleichen Zeugs, was mir recht ſehr zu Statten kam. Auch recht!— Hinter dem Rücken der Mutter begann ich die Feſtung auszukundſchaften; bald hatte ich drinnen Einverſtänd⸗ niß gefunden, das Mädchen war mir gut— auch recht! Ich bin aber kein Freund vom Zögern, ich wollte auch die Mutter auf meiner Seite haben, und beſchloß die Sturmleiter anzulegen. Wo der Teufel nicht ſelbſt hin kann, da ſetzt er ein altes Weib an die Stelle. Auch recht!— Die Alte wies mir die Thü⸗ re. Mordelement! ich hätte ihr den Kragen umdrehen können, wenn ſie nicht die Mutter meiner Bjetka geweſen wäre. Stellt Euch vor, ich war der Alten zu arm, und ſie ſelbſt war nackt, wie eine Kirchenmaus. ——— — N d 93 — Auch recht! Bald aber hatte ich etwas Anderes weg— der Teufel ſoll die ſtädtiſchen Spießjunker ho⸗ len! Wenn der Soth Pfeffer wird, beißt er am ärg⸗ ſten! Da ſchleicht ſich ſo eine Federſeele ins Haus, beſchwatzt die Alte, übertölpelt die Tochter, aber nicht für ſich,— für einen Andern; ich hätte Beiden den Garaus machen können; aber ich habe das Mädel lieb gehabt, und frag' ſie einmal um ihren Entſchluß; ſie hatte drüben angebiſſen; der goldene Köder ver⸗ lockte ſchon mehr als ein redlich' Herz.— Auch recht!— Wenn Sie's will, mag ſie's haben, dachte ich mir, bezwang meinen Unmuth und ließ ſie lau⸗ fen. Aber ſeht Ihr, die Folgen ſind nicht aus⸗ geblieben! Ich bin nicht boshaft, aber es war die Strafe des Hinimels, ſie wurde ſchwer von ihm heim geſucht.— Der Bube geht eine Zeit lang ins Haus, hält Mutter und Tochter mit Verſprechungen hin, und wie er die Früchte eingeerntet hatte, läßt er das Stop⸗ pelfeld leer zurück. Auch recht! Das alte Donnerwet⸗ ter wird boshaft, droht dem Betrüger, Alles ſeinem Vater zu entdecken, aber— wer eher kömmt, mahlt eher! die Alte wird auf einmal wahnſinnig, der liebe Himmel weiß: ob, wie und warum, ſie ras't und tobt— kurz: ſie rappelt und wird zuletzt eingeſperrt.— Auch recht!— Nun will ich mich aber ins Spiel miſchen, 94 das Mädchen erbarmt mir, ich will mich ihrer anneh⸗ men; aber mein Gott! ein Jahr war vorüber ſeit ich ſie zum letzten Mal geſehen hatte; wie ſah ſie jetzt aus?! Bleich, hager, eingefallen, abgezehrt; Mord⸗ element! ſo hab' ich mir's nicht vorgeſtellt!— Auch recht!— Wer die Butter nimmt, ſoll auch die ſau⸗ ere Milch haben, dachte ich mir, und wollte den Bu⸗ ben aufſuchen, um ihm das Mädchen aufzuzwingen; da macht mir der liebe Himmel einen Strich durch die Rechnung— Bjetka ſtirbt!— Auch recht! Ich hatte das Begräbniß beſorgt,— ich war der Einzige hinter dem Sarge des armen Mädchens, ich allein habe ihr die Scholle Erde auf den Sarg gewor⸗ fen; da draußen, in dem Winkel des Kirchhofes ruht ihre Aſche— ohne Kreuz, ohne Stein; kenn'es, und ein Anderer braucht es nicht zu kennen. Auch recht!“ Der Rottenführer fuhr ſich unwillkührlich über die Augen, ſeine Stimme war etwas weicher gewor⸗ den, ſein Auge blickte ſtarr zur Erde, das Haupt hing abwärts. „— Auch recht!“ fuhr er plötzlich empor,„die Junge iſt geſtorben, die Alte eingeſperrt, ich bin wie⸗ der allein, einſam auf der Welt, und verlaſſen, wie ich früher war. Auch recht!—“ 95 „Da hätte ich nicht an Eurer Stelle ſein dürfen,“ ſprach einer der Zuhörer,“ ich hätte nachträglich die beiden Schurken aufgeſucht, und ihnen einen Prügel unter die Beine geworfen, daß ſie in ihrem Leben nim⸗ mer aufgeſtanden wären.“ „Das habe ich bleiben laſſen!“ entgegnete der Rottenführer.„Das Unkraut iſt zu ſtark um es ſammt der Wurzel ausrotten zu können: ich könnte mir ſchön die Hände verbrennen; lang geborgt iſt aber noch nicht geſchenkt, und man kann eine geballte Fauſt ſchon in der Taſche tragen, wenn man ſie nur zur rechten Zeit herauszuziehen weiß, und dieſe Zeit will ich eben ab⸗ warten.— Auch recht!“ Der Rottenführer ſchwieg, die Andern dachten über das Vernommene nach, und bedauerten die arme Bjetka, da öffnete ſich plötzlich die Thüre der Wacht⸗ ſtube, und die Stimme eines wachehaltenden Söldners rief den Rottenführer hinaus. „Was wird's wieder geben?“ brummte dieſer unwillig;„der verdorbene Junker ſteht auf der Mauer — hat ihn gewiß eine Ratte vom Poſten geſchreckt!“ Er ſchritt hinaus, nach dem Begehren des Söld⸗ ners zu fragen.— Es war Georg, der ſeiner harrte. 96 „Ich habe Euch was Wichtiges zu entdecken,“ begann dieſer ſeine Mittheilung,„ſo eben war die Tochter der Schankfrau vom güldenen Löffel bei mir, und brachte mir eine ſonderbare Kunde. „„Vor einigen Stunden,““erzählte ſie,„„ſeien zwei unbekannte Männer bei ihnen zu Gaſte geweſen, und hätten eine beſondere Stube begehrt, um ſich unge⸗ ſtört unterhalten zu können.““ Ihrem Wunſche wur⸗ de willfahrt. Sie zechten nach Herzensluſt, und führten dabei ein ganz heimliches Geſpräch mit ein⸗ ander. Dieſes war dem Mädchen aufgefallen— ſie ſchlich an eine Hinterthüre der Stube, und behorchte die Fremden, welche von dem Daſeyn dieſer Thüre nichts wußten. Sie konnte zwar nicht Alles deutlich genug vernehmen, allein was ſie hörte, machte ſie nicht wenig erſchrecken, denn die Herren ſprachen davon, daß um die Morgenzeit dieſes Thor heimlich geöffnet werden ſolle, um Jemanden herein zu laſ⸗ ſen. Wer dieſes eigentlich ſei, konnte ſie nicht erlau⸗ ſchen; aber ſo viel hatte ſie ferner vernommen, daß dann die ganze Thorwache niedergemacht, und die Stadt überliefert werden ſolle.“ „Mordelement!“ fluchte der Rottenführer,„das ſollen ſie bleiben laſſen! Ich ſchicke meine Wache hin, und laße die Verräther auffangen.“ vei 97 „Sie haben bereits das Schankhaus verlaſſen,“ fuhr Georg fort,„und man weiß nicht, wo ſie hin⸗ gegangen ſeien, überdem, wie mich bedünken will, Herr Rottenmeiſter, würde dieß einen zweckloſen Lärm verurſachen, und wir hätten ſo viel, wie Nichts ge⸗ wonnen; denn wir könnten ſie ihres verrätheriſchen Vorhabens nicht genugſam überweiſen. Drum— mei⸗ ne ich mit Verlaub— erwarten wir ihre Ankunft, und heben ſie dann ganz in der Stille auf.“— „Auch recht!“ verſetzte der Rottenführer,„ſeid nur wachſam auf der Mauer, verhaltet Euch ſtill, ich will indeſſen ſchon meine Maßregeln nehmen.“ Der Rottenführer verließ den Söldner, und be⸗ gab ſich in die Wachtſtube. Hußiten. Neuntes Kapitel. Auch Du, mein Sohn Brutus? auch Du? Julius Cäſar. In den friedlichen Häuſern der Bürger war die Ruhe eingekehrt; jene erquickliche nächtliche Ruhe, welche die von Arbeit und Mühe verzehrten Kräfte wiederge⸗ biert, friſch und neu, als hätten ſie nie gemangelt. Nur in manchen Häuſern ſchien dies nicht ſo wie gewöhnlich. Die Fenſter waren bis ſpät in die Nacht erleuchtet, dann ſah man ſchwarzverhüllte Ge⸗ ſtalten über den Ring ſchleichen, aus den verſchiede⸗ nen Gäßen ſtrömten ſie einem⸗ und demſelben Ziele zu, und verloren ſich durch eine und dieſelbe Thüre. Sie glitten Alle mit größter Vorſicht, gleichſam auf Ka⸗ tzenpfoten dahin— es mochte wohl etwas Außeror⸗ dentliches zu bedeuten haben. So war die dritte Morgenſtunde herangerückt, eine froſtige Luft ſtrich durch die Gäßen der Stadt, u r. 99 die Nacht ſollte ihre Bahn bald vollendet haben und dem freundlichen Tage Platz machen; aus den einzel⸗ nen Höfen drang ſchon zeitweiſe das heiſere Hahnenge⸗ ſchrei in die Luft, und kündete das baldige Erwachen des Morgens. Ein Häuflein Männer ſchlich jetzt über den Ring, es mochten ihrer etwa zwanzig ſein; in ſchwarze Mäntel verhüllt, breitgeränderte Hüte tief in die Augen gedrückt, mit ſchwarzen Masken die Geſichter deckend, waren ſie ganz unkenntlich, wie⸗ wohl Alle, Zwei ausgenommen, zu den Einwohnern der Stadt Luditz gehörten. „Nur behutſam und geräuſchlos,“ wiſperte eine Stimme, die Andern ermuthigend,„es kann nicht mißlingen! Wir ſind unſer genug, um, nachdem das Thor aufgeſperrt worden, die Brücke ſchnell herabzu⸗ laſſen;— die Andern bemächtigen ſich der Wache,— ehe Hilfe herbeikömmt, ſind die Brüder in der Stadt! — Junker Wenzel, habt Ihr den Thorſchlüſſel?“ „Ja,“ erwiederte dieſer,„er iſt genau nach dem genommenen Wachsabdrucke verfertigt.“ „Jetzt nur ruhig,“ fuhr die frühere Stimme fort, „bis das Zeichen vom Kirchthurme gegeben wird.“ Alle wendeten ſich nun gegen die Gegend des Thurmes und harrten aufmerkſam auf das verabredete Zeichen. Der Rottenführer am Pilſnerthor war indeſſen auch 9* nicht müßig geblieben. Durch einen Söldner hatte er den Hauptmann von dem Vorfalle ſchleunigſt in Kennt⸗ niß geſetzt, dieſer langte in der Stille mit einer bedeu⸗ lenden Verſtärkung der Wache an. Georg befand ſich noch immer auf der Mauer, ſpähte emſig ins finſtere Feld hinaus und horchte auf jedes Geräuſch in der Weite. Endlich vernahm er's in der Ferne wie dumpfe Tritte herüberſchallen; er warf ſich zur Erde, und hörte nun das frühere Geräuſch um ſo deutlicher. Jetzt erhob er ſich wieder raſch vom Boden, und ſchaute nach jener Gegend hin, da ge⸗ wahrte er unferne einen ſchwarzen Knäuk, welcher der Brücke gegenüber in einer Vertiefung ſich zu bergen und zu mehren ſchien, und zuſehends immer größer zu werden anfing. Endlich wurde es draußen ganz ſtill und ruhig. Der Söldner wollte den Hauptmann von dem durch ihn Bemerkten eben benachrichtigen, als plötzlich von einer der gegenüberliegenden Anhöhen eine Flamme emporloderte. Er ahnte gleich, daß dieſes ein gegebenes Zeichen ſein müſſe, und eilte ſchnell hinab, um den Hauptmann davon in Kenntniß zu ſetzen.— Zur nämlichen Zeit wurde an dem Kirchthurm⸗ fenſter ein Licht ſichtbar, und die Vermummten eilten auf das Ther zu. er 101 „Acht gegeben!“ murmelte der Hauptmann dem Rottenführer zu,„jetzt kommen die Spitzbuben, wir wollen ihnen aber das Handwerk ſchon legen!“ Die Verräther langten in dieſem Momente beim Thurme an; Einige von ihnen ſchlichen in das dunkle Gewölbe, um das Thor zu öffnen, die Andern aber eilten auf die Thüre der Wachtſtube los. „Halt, Ihr Schurken!“ donnerte jetzt auf ein⸗ mal der königliche Hauptmann mit kräftiger Stimme, und von allen Seiten und Winkeln ſtürzten die Söld⸗ ner hervor und fielen über die Vermummten her. Al⸗ lein auch dieſe waren bewehrt, und ein hartnäckiger Kampf entſpann ſich. Wenzel und noch drei der Verräther befanden ſich am Thore, ſchnell ward es gesffnet; ſchon war ein Flügel aufgeriſſen; allein in demſelben Augenblicke keuchten auch ſchon die Söldner hinter ihnen daher. Hilfegeſchrei und derbe Flüche durchſchallten die ge⸗ wölbte Einfahrt— das Kampfgetümmel von der Wacht⸗ ſtube herüber vergrößerte das ſchreckliche Getöſe. Durch die Uebermacht der Sölder wäre des Kam⸗ pfes wohl bald ein Ende geweſen; allein der Haupt⸗ mann hatte ihnen befohlen, die Verräther lebendig einzufangen, und dieſe Maßregel verlängerte den Strauß Die Finſterniß trug ebenfalls viel dazu bei, die Ver⸗ 102 wirrung zu vergrößern, und ſo mochte es wohl geſche⸗ hen, daß mancher Puff den nicht traf, welchen er galt; da begann plötzlich die Sturmglocke kräftig und anhaltend zu läuten. Die Einwohner kamen ſchreiend herbeigeſtürzt, alt und jung Frauen und Männer, wie ſie die Neu⸗ gierde hiehergelockt. Viele miſchten ſich unberufen in den Kampf, und ergriffen die Partei der Verräther. Andere aber ſtanden heulend und ſchreiend auf der Seite und zitterten vor Angſt oder Froſt. Endlich eilte der Bürgermeiſter mit der Schaar⸗ wache heran— er war früher ſchon durch den könig⸗ lichen Hauptmann in Kenntniß geſetzt,— auch dieſe miſchte ſich nun in den Kampf, und der Ausgang war bald entſchieden. Die Verräther— die Uebermacht be⸗ merkend,— ergriefen von der Nacht begünſtigt, die Flucht; Einige nur, die es mit der ſchlimmen Sache ehrlich meinten, hielten auf dem Platze und kämpften ſo lange, bis jeder Widerſtand vergebens war. Unter dieſen befand ſich Wenzel. Nachdem die herbeigeeil⸗ ten Söldner ihn, das Thor zu öffnen, verhindert hat⸗ ten, wollte er ſich ſchnell zu dem größern Haufen der Verbündeten ſchlagen, allein nahe an der Wachtſtube wurde er umrungen, er wehrte ſich muthig gegen die Angreifer, doch die Uebermacht zwang ihn endlich, ſich — n t ——„— —„„— 103 zu ergeben. Das Toben, Schreien und Lärmen mit dem Waffengeklirr untermengt, durchhallte laut die ſtille Nacht, und die zeitweiligen Glockenſchläge vom Thur⸗ me herab, miſchten ſich grauſig in das nächtliche Ge⸗ tümmel. Endlich verhallte nach und nach der furchtbare Lärm; die Vermummten waren größtentheils entflohen, nur drei von ihnen befanden ſich in der Gewalt der Söldner. Die herbeigeeilten Bewohner bildeten einen großen Haufen, an deſſen Spitze der Bürgermeiſter und der königliche Hauptmann ſich befanden; die Ge- fangenen ſtanden ihnen zerknirſcht gegenüber.— Fa⸗ ckeln und Lichter erleuchteten das nächtliche Schauſpiel. „Herr Bürgermeiſter!“ ſprach der königliche Hauptmann aufgebracht,„ich überliefere die drei Ge⸗ fangenen Euerem Gewahrſam. Ihr ſteht mir für ihre Bewachung, ich werde alſogleich meine Boten abſen⸗ den, und den Vorfall höhern Orts berichten.“ „Die Verräther ſollen ihrer gerechten Strafe nicht entgehen,“ knirſchte der Amtsherr,„noch nie hat die Stadt Luditz in der Treue zu ihrem Könige ge⸗ wankt, und die es nun gewagt, ſollen es ſchrecklich büßen! Entlarvt Euch, Ihr Buben!“ ſchrie er den Gefangenen wild entgegen. 104 Zwei von ihnen zerrten die Masken vom Geſichte, und man erkannte den Schöppen C aſpar und noch einen Bürger der Stadt. Ein einſtimmiger Ruf der Verſammlung drückte ihr Staunen und ihre Entrü⸗ ſtung aus.— Der Dritte der Gefangenen zögerte aber noch immer, das Gebot des Bürgermeiſters zu er⸗ füllen. „Entlarve Dich, Schurke!“ befahl der Amts⸗ herr zum wiederholten Male, während eine unſelige Ahnung ſich ſeiner bemeiſterte. Mit zitternder Hand zog der Verräther die Mas⸗ ke vom Antlitz und der Bürgermeiſter erkannte— ſei⸗ nen ältern Sohn! „Wenzel mein Sohn!“ ſchrie er mit gewal⸗ tiger Stimme.„Auch Du biſt unter ihnen?“ ſetzte er ſtotternd hinzu, ſeine Augen umflorten ſich, er begann zu wanken, und lehnte ſich erſchöpft an den königli⸗ chen Hauptmann, welcher ihm„das ſchreckliche ſeiner Lage einſehend, mitleidsvoll den Arm bot. Tiefe Stille ruhte auf der nächtlichen Scene. Nie⸗ mand wagte auch nur mit einem Laute den Schmerz des unglücklichen Vaters zu ſtören. Schon wollte der königliche Hauptmann den Be⸗ fehl ertheilen, die Gefangenen abzuführen, als ſich „ o„eec e— —— — e— —— 105 Herr Prokopius Hladek von dem Schlage, wel⸗ cher auf ſein Vaterherz niedergefallen war, erholte. Er erhob ſich und ſtand zitternd vor dem verrätheriſchen Sohne; der Gedanke: daß auch dieſer, ſein letzter Sohn, Schande auf das greiſe Haupt ſeines Erzeu⸗ gers gehäuft habe, erweckte eine unendliche, vom Schmerze geſteigerte Wuth in ſeinem Herzen. „Werft dieſen Verräther in den feſten Thurm,“ heiſchte er der Schaarwache gebietheriſch zu,„die an⸗ dern zwei kommen in den Hildebrand, weder Speiſe noch Trank ſoll ihnen zu Theil werden, bis ihnen ihr Urtheil vom Gerichte geſprochen iſt!“ Es ſchien den Umſtehenden, als ob der würdige Alte ſich eine Thräne aus den Augen wiſche, dann aber ſchwankte er langſam gegen den Ring zu. Auf der Ringmauer aber ſtand als Schildwache ein einzelner Söldner und war Zeuge der eben geſchil⸗ derten Scene. Wie gerne wäre er hinabgeeilt, und dem geliebten Vater zu Füßen geſunken; allein er fürchtete durch ſeinen Anblick ihn noch mehr zu entrüſten; er ſtützte ſich daher wehmüthig auf ſeine Partiſane, ſchaute mit thränenden Augen nach Oben, und bethete leiſe zum Himmel, dem geliebten Vater Stärke zu verlei⸗ hen, damit er das harte Geſchick ertragen könne. 106 Während ſich die Gefangenen auf dem Wege nach dem Thurme befanden, ſtreifte eine verhüllte Ge⸗ ſtalt hart an ihnen vorüber, und liſpelte ihnen, kaum vernehmbar, zu:„Seid verſchwiegen, und Ihr ſollt gerettet werden!“ Der Vermummte war Jan Liſchka!— Zehntes Kapitel. cIſt dus ein Juchs?— er kriecht und ſchleicht. «Vald ſcheint es ſo, doch weiß ichs nicht, Es läßt ſo ehrlich ſein Geſicht. vv Der Heuchler täuſcht den Offnen nicht!v „Die Overſtolzen“ von H. E. R. Belani. Zwei fremde Männer, von wildem kriegeriſchen Aus⸗ ſehen befanden ſich im Gemache der Frau Renate, und warteten der Dame, die eines wichtigen Geſchäf⸗ tes halber, ſich außer Hauſe befand. Nach einer Weile trat ſie raſchen Trittes ein, ihre hochgerötheten Wangen und heftiges Athemholen verriethen die Haſt, mit welcher ſie herbeigeeilt war. Die beiden Männer ſahen ihr mit fragenden Blicken entgegen, und erwarteten neugierig ihre Auskunft. „Noch iſt nicht Alles verloren!“ begann Re⸗ nate raſch die Harrenden anzureden;„der Plan war durch Euch verrathen worden. Ihr habt geſtern in der 108 Schenke beim güldenen Löffel Rückſprache gehalten, und ſeid belauſcht worden. Uebrigens ſtehen die Sa⸗ chen noch nicht ſo ſchlecht, als wir meinten. Zwei der Gefangenen haben in der Nacht die Flucht ergriffen und werden bei gutem Winde die Stadt verlaſſen, der Dritte aber— oh— um den bangt uns nicht, der verräth nichts; doch wollen wir auch ihn zu befreien trachten, allein dieſes wird erſt nach einigen Tagen geſchehen können, weil man jetzt noch zu vorſichtig iſt. Durch Liſt glauben wir kaum mehr die Stadt über⸗ geben zu können, eilt daher nach Prag zurück, mel⸗ det dort, was hier vorgefallen, und fügt hinzu, daß die ſchwachen Mauern der Stadt, einer Belagerung zu trotzen, nicht lange im Stande wären, und daß wir Alles aufbiethen würden, unſern Brüdern den Sieg zu erleichtern!“ Die beiden Männer befragten nun wechſelweiſe die Dame noch um viele andere Umſtände, die ſie zu wiſſen für nöthig hielten. und verließen bald darauf, als unanſehnliche Bürger verkleidet, die Stadt. Die Vorfälle der geſtrigen Nacht hatten alle Einwohner auf die Beine gebracht. Ein paniſcher Schre⸗ cken bemeiſterte ſich der Sorgloſen, die es bis dahin kaum geahnt, daß ſich Anhänger der fürchterlichen Kelchner in ihrer Mitte befänden. Allem Spähen und en„0 —„ en„ ———. den eiſe zu alle hre⸗ hin hen 109 Forſchen gelang es nicht, etwas Räheres über die Sa⸗ che herauszubringen, man vermochte nicht die Anhän⸗ ger der feindlichen Parthei auszumitteln. Der ältere Sohn des Bürgermeiſters war der Einzige, der ſich noch in feſtem Gewahrſam befand, von ihm hoffte man endlich, daß er ſeine Verbünde⸗ ten nahmhaft machen werde. Es gab freilich viele Stimmen in der Stadt, die es beinahe laut ausſprachen, daß Liſchka einer der Betheiligten ſein müſſe; denn Er war es, mit wel⸗ chem Junker Wenzel vorzugsweiſe Umgang gepflo⸗ gen hatte; er war es, der ſeine Schliche und Wege allen Andern ſo geſchickt zu verdecken wußte; ganz na⸗ türlich mußte der Verdacht auf ihn fallen, allein der ſchlaue Stadtſchreiber verſtand es, ſich geſchickt aus. der Schlinge zu ziehen, ſo daß keine directe Anklage ſich an ihn wagen konnte. Er beſuchte am andern Tage die Rathsherren, wußte das Geſpräch, wie zufällig, auf die geſtrigen Vorfälle zurück zu bringen, und ſtellte ſich troſtles über die gränzenloſe Verrätherei. Er äußerte, daß er— wenn er nur eine Ahnung von Wenzels bösartigem Anſchlage gehabt hätte— daß er dieſen ſicher ange⸗ zeigt haben würde, ſelbſt wenn er gezwungen geweſen wäre, die Gunſt des Bürgermeiſters auf's Spiel zu 110 ſetzen; dann rühmte er ſich auch, daß Er es geweſen ſei, der die Sturmglocke geläutet habe, denn— da ſeine Wohnung ſich unferne von dem Tummelplatze befand— ſei er gleich anfangs aus der Ruhe geſtört worden, und als er die Urſache erfahren, habe er es für nothwendig erachtet, die Bürger zur Hilfe herbei⸗ zurufen. Die kummervolle Miene, mit der er dieß Alles zu erzählen wußte, und endlich die Freude, die er dar⸗ über bezeigte, daß der gütige Himmel den heimtücki⸗ ſchen Anſchlag vereitelt habe, überredete endlich die Meiſten dahin, daß der Schreiber kein Mitwiſſer der Verrätherei ſein könne, und hätte ſich ja hie und da vielleicht ein Einzelner vorgefunden, der dieſen Schein durchblickt, und ihm laut zu widerſprechen gewagt hätte, ſo wäre er gewiß von hundert Andern beſtritten worden. Der Verdacht des ganzen Ortes wälzte ſich daher auf den gefangenen Wenzel, welcher allge⸗ mein als Rädelsführer angenommen und mit Abſcheu genannt wurde. Am meiſten war natürlicherweiſe von dieſem Schlage der unglückliche Vater getroffen. Wenn ſchon die Qual, ſeinen Sehn— an dem er, ſeit der Ver⸗ bannung des unglücklichen Georg aus dem väterli- chen Hauſe, mit unendlicher Liebe hing— als Theil⸗ ſen atze tört es bei⸗ lles ar⸗ icki⸗ die der da ein at tten ſich lge⸗ heu ſem hon zer⸗ rli- 111 nehmer eines ſolchen Verrathes zu wiſſen, ſein Herz mit tauſend und abermals tauſend Dolchſtichen zer⸗ fleiſchte, ſo kam noch das bittere Gefühl der Schaam hinzu, als Vater eines Verräthers unter den Ein⸗ wohnern der PVaterſtadt umherwandeln zu müſſen, und dem Hohne und Spott ſeiner Feinde ausgeſetzt zu ſein. Schwer gebeugt von Kummer, darniedergedrückt von Herzeleid, ſaß er am andern Vormittage daheim im Armſeſſel; ſein greiſes Haupt hing ſchwer hinab auf die ſtürmevolle Bruſt, und ein Seufzer nach dem andern rang ſich empor und durchzitterte die Luft, — da klopfte es draußen an der Thüre und der könig⸗ liche Hauptmann trat ein. Mit beinahe zitternder Stimme erwiederte Herr Prokopius den Gruß des Kriegers. „Iyr müßt meinen Beſuch nicht übel deuten, Herr Bürgermeiſter!“ begann der Hauptmann, nachdem er, der höflichen Einladung des Amtsherrn zu Folge, ihm gegenüber Platz genommen hatte;„ich erſcheine, weder um Euch zu kränken— noch um Euch mit falſchen Beileidsbezeigungen und leeren Worten trö⸗ ſten zu wollen;— es gibt oft recht kernige Stämme, die ſchlechte Früchte tragen, warum ſoll es bei Eltern nicht auch der Fall ſein können?— Ihr könnt für 112 Eueres Sohnes ſchlechte Geſinnung nicht, das weiß ich und jeder Andere— und damit genug.— Aber ich habe wieder etwas in Erfahrung gebracht, was Euch, zu erfahren, zwar nicht angenehm ſein dürfte— aber es darf ein für alle Mal nicht verſchwiegen bleiben!“ Der Bürgermeiſter horchte geſpannt auf— und der Hauptmann wendete ſich mit der Frage zu ihm: „Könnt Ihr Euch noch der alten Witwe Marga er⸗ innern?“ „Freilich wohl,“ erwiederte Herr Hladek,„ſie iſt wahnſinnig, und wurde, um Unheil zu verhüten, gerichtlich eingezogen.—“ „Wißt Ihr beſtimmt, daß die Alte wahnſin⸗ nig iſt?“ „Ich glaube, ja, denn ſo hat ſie der Medicus befunden.“ „Auf weſſen Veranlaſſung wurde die Alte eingezogen?“ „Deſſen weiß ich mich nicht mehr genau zu ent⸗ ſinnen!“ „Nun, ſo will ich es Euch erzählen. Euer Sohn Wenzel hat die Tochter der Alten verführt und ſchänd⸗ lich verlaſſen; als die Mutter ihm dann drohend ent⸗ gegen trat, wurde ſie auf ſeine Angabe durch den be⸗ — 113 ſtochenen Quackſalber für wahn ſinnig erklärt,— und in den Thurm geſperrt, wo ſie ſich jetzt noch befindet.“ Sprach⸗ und regungslos blieb der Bürgermeiſter auf ſeinem Sitze.„Wär's möglich?!“ ſtammelte er mühſam hervor. „Zweifelt Ihr nach den geſtrigen Vorfällen noch daran?“ fuhr der Krieger fort,„einen ſolchen Verräther halte ich eines jeden Bubenſtückes fähig! Ich werde Euch Morgen beim Verhöre den Angeber dieſer Thatſache vor Gericht ſtellen, und Ihr ſollt Euch von der Wahrheit derſelben hinlänglich überzeugen.“ Ein ſchwerer Seufzer drängte ſich aus der Bruſt des tiefbekümmerten Vaters. „Herr Bürgermeiſter!“ redete der königliche Hauptmann mit freundſchaftlicher Theilnahme,„nicht um das ohnedieß gewichtige Verbrechen des Junkers zu erſchweren, habe ich dieſe Beſchuldigung vorge⸗ bracht,— nein— ſondern um die Unſchuldige zu befreien, die ſo lange ſchon gefangen ſchmachtet.— Uebrigens will ich es glauben, daß ſie die Einzige iſt, die unſchuldig in dem Hexenthurme ſitzt.— „Ihr habt recht gehandelt, Herr Hauptmann,“ entgegnete der Rathsherr mit dumpfer Stimme,„der Verbrecher ſoll nicht verſchont bleiben— Ich werde nun allein daſtehen— verlaſſen und kinderlos!“— 10 114 „Kinderlos?“ fragte Herr von Zdiar,„habt Ihr nicht noch einen jüngern Sohn?“ „Haltet ein, Herr Hauptmann! dieſes Gedan⸗ kens habe ich mich ſchon entwöhnt; ich habe nureinen Sohn gehabt, und der war Wenzel— nun,“ preßte er mühſam hervor—„habe ich keinen mehr!“ „Ich will Euch in Euern Anſichten als Vater nicht entgegen treten,“ ſprach der Hauptmann und erhob ſich vom Sitze,„was Ihr thut, geht nur Euch ſelbſt an— aber doch muß ich Euch noch be⸗ richten, daß ich mit Georg vollkommen zufrieden bin! er verſieht ſeinen Dienſt mit ſolcher Geſchicklich⸗ keit, als ob er bei der Picke aufgewachſen wäre. Er⸗ freut Euch dieſe Nachricht in Etwas, ſo iſt's mir lieb— wo nicht, iſt's auch gut!— Lebt nun wohl, der Himmel möge Euch tröſten und Standhaftigkeit genug verleihen, um als Mann von Ehre handeln zu können!“ Er verließ raſch das Gemach des Amtsherrn, welcher in Gedanken verſunken zurück blieb.— Bald darauf kam Liſchka hereingeſchlichen. Dem Bürgermeiſter war es bisher nicht einge⸗ fallen, den Stadtſchreiber mit den unglücklichen Vor⸗ fallenheiten der letzten Nacht in irgend eine Verbin⸗ dung zu ſetzen; erſt jetzt, als er deſſen anſichtig wur⸗ 115 de, entwickelte ſich blitzſchnell eine Reihe von Gedan⸗ ken, die den Herbeigekommenen mit dem Sohne in eine innige Verbindung verſetzten, und dem wah⸗ ren Verhältniß ſo ziemlich nahe kamen. Liſchka mochte dieſes für ihn ſo nachtheilige Stillſchweigen recht gedeutet haben, darum ſuchte er es, ſo viel als möglich zu kürzen. Euer Geſtreng' Herr Bürgermeiſter!“ begann er mit heuchleriſchen Klagen,„ich komme, Euch eine freu⸗ dige Botſchaft zu bringen!“ „Eine Freudige?“ fragte der Amtsherr zweifelhaft. „Gewiß,“ erwiederte Jan,„freudig in ſo fern, daß das Vergehen des Junkers durch dieſelbe einen viel mindern Anſtrich erhalten wird. Die beiden mit Euerem Sohne eingefangenen Verräther ſind ent⸗ flohen.“ „Entflohen?!“ ſchrie Herr Hladek erſchreckt. „Ihr erſchreckt hierüber?“ fragte Liſchka er⸗ ſtaunt,„das iſt ſonderbar! Ein mildernder Umſtand hätte ſo leicht nicht eintreten können. Junker Wen⸗ zel kann nun den größten Theil der Schuld auf ſie wälzen— während er ſelbſt als der Verführte darge⸗ ſtellt wird.“ „Ja wohl, als der Verführte,“ grollte der Raths⸗ herr,„und wie es mich bedünkt,“ ſetzte er bitter hinzu, 116 „iſt der Verführer nicht ſo ferne, als Ihr mich glau⸗ ben machen wollt!“ Mit ſtechenden Blicken ſah der Rathsſchreiber den Vorgeſetzten an; doch däuchte es ihm für den Au⸗ genblick gerathen, die Rede des Bürgermeiſters zu mißverſtehen. „Beſindet ſich Einer von ihnen noch hier im Orte?“ fragte er, Neugierde heuchelnd. „Ja, er befindet ſich hier,“ entgegnete der Amts⸗ herr,„und wehe ihm, wenn meine Vermuthung ſich veſtätiget! Liſchka, Ihr habt doch in der letzten Zeit mit Wenzel vertrauten Umgang gepflogen— ſoll⸗ tet Ihr gar Nichts bemerkt haben?“ tur ein abgefeimter Schurke wie Liſchka ver⸗ mochte den ſtieren Blick des Bürgermeiſters ohne merk⸗ liche Veränderung der Züge zu ertragen. „Gnaden, Herr Bürgermeiſter,“ ſprach er, De⸗ muth und Unſchuld hetzhelnd,„der Junker war mein Vertrauter— das heißt: ich habe ihn freundſchaftlich in jedes meiner dienſtlichen und Lebensverhältniſſe ſchauen laſſen— allerdings— ohne daß ihm auch nur die geheimſte Falte meines Herzens verborgen geblie⸗ ben wäre— ob er aber Gleiches mit Gleichem ver⸗ golten, daran zu zweifeln habe ich jetzt vollkommen Urſache; ich habe ſeine Hinterſchliche nie gekannt, und 117 betheure feierlich, wenn ich ſolche nur geahnt hätte, ſo würde ich ſie keineswegs— ſelbſt, wenn ich Euer mir ſo unerſetzliches Wohlwollen auf's Spiel geſetzt hätte, — verſchwiegen haben!“ Herr Hladek ſchüttelte zweifelnd den Kopf, dann ſprach er:„Liſchka, ich habe mich daran ge⸗ wöhnt, Euch Glauben zu ſchenken, ich will Euch nicht zu nahe treten, das morgige Verhör wird aber viel entſcheiden!“ „Morgen ſchon?“ fragte der Stadtſchreiber, von der Nachricht unangenehm berührt,„ich dächte, wir vertagten die Prozedur noch einige Zeit. Euer Ge⸗ ſtreng ſind noch von Geſtern ſo angegriffen— die Geſundheit könnte“— „Seid unbeſorgt,“ unterbrach ihn der Vorge⸗ ſetzte,„meine Pflicht geht über meine Geſundheit und ſolche Fälle können nie früh genug zur Unter⸗ ſuchung gelangen.“ 6 Das kummerſchwere Haupt auf die zitternde Hand geſtützt, blieb der Bürgermeiſter vor einem der Fenſter ſtehen, und der Schreiber erwartete vergebens ſeine fernere Anrede. „Gnaden, Herr Bürgermeiſter,“ ſprach er nach einer Pauſe, doch etwas beklommen,„habt Ihr nichts mehr zu verfügen?“— 118 „Nichts, gar nichts!“ verſetzte Herr Proko⸗ pius. „Vielleicht in Betreff der eingefangenen Dirne von der Lomnitz?“ fragte Liſchka, ſchadenfroh darüber, auch ſeinen Vorgeſetzten eines ungerechten Verfahrens zeihen zu können. Herr Prokopius ſchrack ſichtbar zuſammen. „Sie wird auf der Stelle frei und ledig gelaſ⸗ ſen!“ herſchte er nach kurzem Bedenken dem erſtaunten Stadtſchreiber zu,„im Nothfalle werde ich ſie ſchon zu finden wiſſen.“ Liſchka wufßte ſich dieſe plötzliche Willensände⸗ rung des Amtsherrn nicht zu deuten; eine Umwand⸗ lung, welche theils der Furcht vor dem königlichen Hauptmanne, der von dem Gewaltſtrich auch ſchon in Kenntniß zu ſein ſchien, theils aber dem erwachen⸗ den Rechtsgefühle in der Bruſt des ſchwergetroffenen Vaters ihren Urſprung verdankte. Indeſſen wollte der Stadtſchreiber ſich dennoch entfernen, als ihm der Vor⸗ geſetzte, noch einmal rückzukehren, befahl. „Die wahnſinnige Marga wird beim morgigen Gerichte ebenfalls auf's Rathhaus gebracht!“ Noch mehr betroffen, als früher, verneigte ſich Jan vor dem Bürgermeiſter und enteilte mit pochen⸗ dem Herzen. Das waren in der That viel harte Schläge „ D— 8 —— — e ) 119 auf einmal ſür den Heuchler! denn wie konnte er et⸗ was Anderes vermuthen, als daß dem Bürgermeiſter keine ſeiner Bübereien verborgen geblieben ſei.— Der alte Herr mußte Alles wiſſen,— ſeine Reden hat⸗ ten es nur zu deutlich verrathen! Wenige Augenblicke des Ueberlegens waren hin⸗ reichend, um Liſchka ganz den gefährlichen Stand der Dinge ſehen zu laſſen, und eben ſo kurze Zeit ge⸗ nügte, ihm einen Entſchluß einzugeben, der ſo fein angelegt war, daß er ihn nicht nur der gefährlichen Schlinge entzog, ſondern auch Jenem Verderben zu bringen drohte, deſſen Stelle einzunehmen, von jeher ſein geheimſter und ſehnlichſter Wunſch geweſen war. Er eilte ſofort zufrieden mit ſeiner Erfindungsga⸗ be, in jenes Haus, aus welchem, einer ſteinernen Pan⸗ dorabüchſe gleich, ſchon ſo viel Uebel über die arme Stadt Luditz gebracht worden war, deren größtes aber noch nachfolgen ſollte;— es war das Haus der Witwe Renatel Silftes Kapitel. Wenn du willſt im Menſchenherzen Rühren alle Saiten an⸗ Stimme an den Ton der Schmerzen, Vicht der Freude Ton ſtimm'an. F. Rückert. Däſter brütend ſaß Junker Wenzel im Kerker, ſeine Umgebung ſtimmte ganz mit den trüben Gedan⸗ ken überein, die ihn eben beſchäftigten. Das finſtere Gewölbe, deſſen Decke in der Mitte durch eine um⸗ fangreiche Säule geſtüzt war, both nur kahle Wände dar, an denen hie und da, aber nur an hellen Tagen ein graulichter Anflug von Schimmel ſichtbar wurde; das Licht konnte ſich nur mühſam durch ein Gegitker ſtehlen, deſſen Höhe der Eingekerkerte zu erklim⸗ men nicht vermochte. Tiefes Dunkel umſchattete den eiſig kalten Raum; der Junker konnte ſich eines leichten Fröſtelns nicht erwehren, wenn er dieſe un⸗ gewohnte Umgebung und das Schickſal in's Auge faßte, ſo ihm bevorſtand. Er warf ſich auf's Stroh⸗ „ —— 121¹ lager; allein der Schlaf floh ihn feindlich, der milde Schlummergott wollte dem Unwürdigen keine Erqui⸗ ckung gönnen. Draußen mußte die Nacht ſchon bedeu⸗ tend vorgeſchritten ſein.— Wenzel lag noch im⸗ mer ſchlaflos da; Ungewißheit kämpfte in ſeinem Inneren, und zur Vergrößerung der Qual tobte auch die wilde Leidenſchaft mit. Das Bild der ſchönen Witwe beſchäftigte ſeine Sinne; ihrentwegen hatte er ſo viel gewagt, und nun, dem Ziele ſo nahe, umfing ihn, ſtatt der üppigen Arme des reizenden Weibes— ein finſterer Kerker! Da tönt plötzlich ein leiſes Winſeln an ſein Ohr; er horcht— immer deutlicher dringt es durch die Sei⸗ tenwand herein, er ſinnet nach— und zitternd er⸗ kennt er die kreiſchende Stimme. Es iſt die alte Marga, die er ſelbſt in dieſen Kerker gebracht, die er für wahnſinnig ausgegeben, und mit welcher er nun,— o gerechte Fügung des Himmels— ein glei⸗ ches Loos theilt! Der Junker befindet ſich in einer ſchrecklichen Lage; ringsherum ſinſtere Nacht,— Todtengruft⸗ 8 9 ſtille— das Kniſtern eines Strohhalms iſt zu hören, eiſige Fälte umrieſelt ſeine Glieder, und darneben das Winſeln und Kreiſchen der Alten. „Junker Wenzel!“ heulte ſie laut, als ahne ſie Hußiten. 14 122 in dem Nachbarn den Mörder ihrer Tochter;„Jun⸗ ker Wenzel, willſt du mein Eidam werden?— hab' ein Töchterlein groß gezogen, ſchön wie der gol⸗ dige Sonnentag und lieblich wie die ſtille Mondnacht! — komm her, mein Söhnlein, erwärme meinen Leib,— meine Glieder ſind erſtarrt, ach der harte Winter dauert eine Ewigkeit, wenn uur ſchon der Frühling käme!— Junker Wenzel— ach mich friert — ich muß mich erwärmen!—“ Sie begann nun gewaltig an dem Gemäuer zu kratzen, der Junker hörte deutlich ihr Keuchen und Aechzen; es war die nämliche Wand, an die er das Haupt gelehnt hatte, er erhob es ſchaudernd, und ſtierte wild in den finſteren Raum. Jetzt verſtummte das unheimliche Treiben darne⸗ ben; allein nur einen Augenblick währte das wohl⸗ thätige Schweigen; da erdröhnte ein dumpfer Schlag an die Wand. Wenzel ſprang erſchrocken vom Lg⸗ ger— ein zweiter Schlag erfolgte— dann ein drit⸗ ter, vierter und ſo fort— die Zwiſchenräume füllte das Keuchen und Aechzen der Alten aus— mitunter auch ihr gräßliches Gelächter. Zitternd ſah der Jun⸗ ker dem Ende der Scene entgegen; allein es erfolgte nicht, die Alte ſchien unermüdlich,— ohne aufzuhö⸗ ren, ſchleuderte ſie den großen Stein, der ihrem 123 Haupte zum Kiſſen dienen ſollte, an die Wand; je⸗ der Wurf machte den Boden erſchüttern, und ließ das Herabfallen des losgebröckelten Gemäuers ver⸗ nehmen. In dieſem Augenblicke raſſelten die Schlöſſer vor Wenzels Kerker— die ſchwere Eiſenpforte er⸗ dröhnte— öffnete ſich langſam, und eine vermumm⸗ te Geſtalt mit einer geblendeten Laterne trat ein. Wen⸗ zel eilte ihr entgegen. In dem Behältniſſe darne⸗ ben wurde es plötzlich ſtille. „Gottlob, daß Ihr hier ſeid!“ rief der Junker in freudiger Aufregung;„das iſt eine unerträgliche Nacht!“ „Schon die erſte iſt Euch unerträglich?“ mur⸗ melte der Vermummte höhniſch, und Wenzel erkannte Liſchka's Stimme, welche fortfuhr:„Ihr ſeid ſehr ungeduldig, Junker!“ „Was bringt Ihr mir?“ fragte Wenzel ge⸗ ſpannt. „Viel und Nichts,“ lautete die Antwort,„wie Ihr es nehmen wollt.“ „Aber doch Freiheit?“ ſtotterte der Junker. „Nicht unbedingt!“ verſetzte der Andere. „Sprecht, und foltert mich langel“ fuhr 124 der Gefangene fort„jeder Augenblick in dieſem ſchau⸗ erlichen Kerker wird mir zur Ewigkeit!—“ „Wenzel“ begann der Andere,„Euer Trei⸗ ben iſt entdeckt, morgen werdet Ihr vor Gericht ſtehen—“ „Heiliger Gott!“ ſchrie der Junker,„und Ihr bringt mir keine Rettung?“ „Wohl bring ich Euch Rettung, Ihr könnt entfliehen— aber früher müßt Ihr entſagen—“ „Allem will ich entſagen! nur Freiheit gebt mir und Renatens Beſitz.“ „Der Letztere iſt für Euch verloren!—“ Wenzel ſtand erſtaunt vor dem nächtlich en Beſucher. „Liſchka!'“ ſchrie er drohend. „Wer ſagt Euch, daß ich Liſchka bin?“ un⸗ terbrach ihn der Vermummte,—„ich bin nur ein Bote, der Euch Rettung oder Verderben bringt. Wollt Ihr Renaten entſagen?“ „Nein! Nein!“ rief der Junker,„eher will ich untergehen, als freiwillig entſagen!“ „Gut! Ihr bleibt hier und werdet Morgen vor Gericht geſtellt; wähnt aber nicht, daß Eures Vaters Fürſprache Euch retten könne;— der königliche Hauptmann wird als Euer Släger auftreten— die 125 Geſchichte mit der alten Marga wird zur Sprache 1 kommen.—“ 3„Heiliger Gott!“ kreiſchte der Gefangene und t ſtand zerknirſcht vor dem Hiobsboten. „Ich weiß, Ihr denkt: ich müßte Euch be⸗ r ſreien, weil Ihr ſonſt zum Verräther werden könntet, allein Ihr irrt ſehr; wenn Ihr Euch weigert, Rena⸗ t ten zu entſagen und hier bleibt, ſo fliehe ich mit 4 Renaten noch in dieſer Nacht nach Prag, und t Ihr habt das Verderben nur über Euer Haupt her⸗ aufbeſchworen!“ „Teufel!“ rief der Sohn des Bürgermeiſters, . vor Wuth und Angſt zitternd; er ahnte es nicht, daß Li ſch ka's Drohung nur eine leere ſei, denn Re⸗ nate würde mit dieſem ſo wenig, wie mit Wenzel entflohen ſein; ſo lange Georg in Luditz's Mauern weilte, ſo lange konnte ſie die Stadt nicht verlaſſen, t und deßwegen war ſie es auch, die dieſe Entſagung zur Bedingung machte, damit Wenzel ihr ſpäter nicht mit ſeinen Anſprüchen entgegen treten könne, . wenn ſie den heißgeliebten Georg für ſich gewonnen haben würde. Der Junker ſann einen Augenblick nach;— doch was war da viel zu überlegen? blieb er hier, ſo war ihm Renatens Beſitz unrettbar verloren, nur die 126 Flucht ließ ihn noch die Ausſicht hiezu; anderntheils, wenn er ihr auch entſagte, konnte er dem Heimtücki⸗ ſchen doch ſpäter entgegentreten, und die Witwe für ſich gewinnen. Er willigte alſo in die ſchwere Bedingung. „Ihr thut weiſe daran,“ ſprach Liſchka, denn wirklich war Er der Verlarvte;—„Renate iſt Euch ohnehin nicht gewogen, nur mir zu Gunſten hat ſie dieſe Bedingung gemacht,— ich habe ältere An⸗ ſprüche auf ihre Hand, als Ihr.“ Dieſer Ausſpruch war Liſchka's vollkommener Ernſt, und ihm von Renaten vorgeſpiegelt— auch der Schlaue war von ihr überliſtet! „Liſchka enthüllte nun die mitgebrachte Later⸗ ne und ſtellte ſie auf den Boden; das unheimliche Gewölbe wurde in Etwas erleuchtet, nur die ferne⸗ ren Ecken blieben in düſtere Schatten gehüllt. Er zog nun unter dem Mantel ein Bündel hervor und über⸗ reichte dem Gefangenen ein faltiges Gewand, in wel⸗ ches der Jüngling ſich eilig hüllte. Während dieſer Beſchäftigung erdröhnte darneben wieder ein heftiger Schlag, losgelöste Steine fielen in Wenzels Kerker, und durch ein in der Wand ent⸗ ſtandenes Loch grinste das verzerrte Antlitz der alten Marga herüber. 127 „Junker Wenzel!“ kreiſchte ſie,„willſt Du entfliehen von hier?— biſt auch gefangen— ha, ha, ha! ich habe Alles gehört!— Bleib da, mein Schwiegerſohn— mir graut allein— aber nein— feh' nur— ich will Dich morgen ſchon verrathen, mein Sohn.“— Liſchka und Wenzel ſtarrten die Alte an, de⸗ ren glühende Augen geſpenſtiſch durch die Oeffnung glotzten. „Verdammte Hexe!“ brummte der Stadtſchreiber. „Nimm mich mit, mein Schwiegerſohn,“ kreiſchte Marga wieder,„dann will ich ſchweigen,— ſtill, ſtumm, will ich ſein, wie meine Bjetka, die im Grabe ſchläft.“— Halts Maul, alte Unke!“ ſchrie ihr Wenzel entgegen. „Was nützt Deine Drohung,“ ſprach Liſch⸗ ka mürriſch,„wir dürfen die Hexe nicht hier laſſen, ſie verriethe Alles!— Marga!“ wendete er ſich zur Alten,„wir wollen Dich befreien, doch mußt du mit dem Junker noch heute Nacht die Stadt verlaſſen.“ „Ich will! ich will!“ kreiſchte die Alte,„nur fort aus dieſem entſetzlichen Kerker,— mich friert— ich müßte ſterben— ach! nur fort von hier.“ 128 Die beiden Männer begannen nun mit gewalti⸗ gen Würfen die durch Marga's mehrwochentliche Mühe bereits dünn gewordene Stelle in der Wand zu erſchüttern, und bald hatten ſie die Oeffnung in ſo fern erweitert, daß ſie das hagere Weib durchziehen konnten. Die Freude über dieſe unverhoffte Rettung hätte ſie bald vollends wahnwitzig gemacht, und Liſch⸗ ka hatte alle Mühe, ſie zum Schweigen zu bringen. Wenzel nahm die Blendlaterne, der Stadt⸗ ſchreiber zog die Alte an ſich und verhüllte ſie in ein Faltenkleid;— ängſtlich trippelte ſie mit, die warme Umhüllung that ihr wohl,— vorſichtig wurde die Kerkerthüre geſchloſſen— die Steintreppe hinabgeſtie⸗ gen.— Gleich darauf befanden ſich die Flüchtlinge auf dem Wege zur Wohnung der Witwe Renate. 6——————————— „—— Zwölftes Kapitel. Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt, Glücklich allein Iſt die Seele, die liebt! „Egmont“ von Goethe. Die Witwe befand ſich an demſelben Abend in einer ſehr unruhigen Lage. Der geſcheiterte Plan, die ver⸗ rätheriſche Uebergabe der Stadt betreffend, ihre hoff⸗ nungsloſe Leidenſchaft zu Georg— die Nachricht, daß Mil a wieder frei, und in der Nähe des Angebeteten ſich befinde, Alles vereinte ſich, um ſie in jene unruhige Gemüthsſtimmung zu verſetzen, welche die Seele wie mit einem düſtern Schleier umwoben hält, den kein Strahl von Ruhe zu durchdringen im Stan⸗ de iſt. Das peinliche Gefühl einer unerwiederten Leidenſchaft quälte ihr, an Entſagung ungewohntes Herz. Unruhig geberdete ſie ſich daher auf der ſchwel⸗ lenden Polſterbank, der Schlaf floh ihr Auge, nicht einmal im Traume ſollte die Verworfene glücklich ſein! „Er hat mich verſchmäht, verſtoſſen,“ brach ihr Unmuth laut in Worte aus, ver hat meine gren⸗ zenloſe Liebe von ſich gewieſen!— Der Elende hat mich beraubt,— um die ſchönſten Tage meines Le⸗ bens gebracht!— Nein, er kann ſie nicht lieben — jene Dirne kann ſein Herz nicht beſitzen, ein Wahn hält ihn umfangen, ein unſeliger Wahn, der ſpäter ihn und mich verzehren wird! Er, an welchem je⸗ der meiner Gedanken hängt, Er, deſſen Bild ſich in jeden Tropfen meines Blutes wiederſpiegelt, für den ich bin, für den ich tauſend Leben geben würde, er ſoll eine Andere an ſein Herz drücken? eine gemeine Dirne ſoll in ſeinem Anſchau'n ſchwelgen, ſoll mit ihren kalten Sinnen tauchen in die Flut ſeiner Liebesgefühle? nein— ſo kann— ſo darf es nicht werden!“ „Unter dem Schatten einer Eiche ſoll keine Reſſel grünen!— Der Verblendete ſoll, dem Blinden gleich— ſich an der Glut meiner Liebe kühlen, ich will die Eisrinde ſeines Herzens aufthauen, er darf keine Andere als mich lieben— ich will ihn beſie⸗ gen, wie einen ſtarrſinnigen Feind, und dann ſoll, ſtat der Gnade, ihm meine Liebe werden!— Doch 2 — ——— . 131 wird er aber auch meines Herzens Gnade empfangen wollen? Der Stolze— deſſen Nacken ſich ſelbſt dem Vater nicht beugen wollte, wird er mich nicht verachten, verhöhnen? Nein— er muß mich erhören,— ſolche Liebe kann er nicht mißverſtehen! Georg mein— 0 Himmel! nur dieſe Wonne ſchenke mir— nur ein⸗ mal laß noch den Frühling meines Lebens durch die Gluten ſeiner Liebe wiederkehren, nur einmal laß mich die ſtammelnden Worte ſeiner Liebe vernehmen— und dann— nimm zurück dein Geſchenk, das Erdenleben, ich hab' es dann genoſſen, und will dafür willig ewige Höllenpein erdulden!“ Nach dieſem Erguße ihres Innerſten erfolgte eine tiefe Pauſe, die nicht eher unterbrochen wurde,— bis Liſchka ſammt dem geretteten Paare eintrat. Re⸗ nate ſtaunte nicht wenig, das alte, ihr unbekannte Weib in der Geſellſchaft der beiden Männer zu fin⸗ den; allein einige Winke Liſchka's verſtändigten ſie von dem Vorgefallenen, ohne jedoch das nähere Ver⸗ hältniß Wenzels zu berühren, von welchem ſie oh⸗ nedieß früher ſchon durch den Stadtſchreiber in Kennt⸗ niß geſetzt war. Marga wurde in ein Seitengemach gebracht, denn die drei Vertrauten hatten viel miteinander zu berathen, von dem Jene nichts erfahren durfte. Wen⸗ 132 zel gab ſich nun alle erdenkliche Mühe, die Witwe von der ſchon erwähnten Entſagung abzubringen; al⸗ lein ſein Zureden half nichts, es blieb beim früheren Beſchluße. „Ihr ſeid Euerer erſten, heftigen Liebe überdrü⸗ ßig geworden,“ ſprach die ſchlaue Witwe,„ich will mit Bjetka nicht gleiches Loos theilen!“ Dieſer Einwurf machte den Junker verſtummen: ein bitterer Groll gegen Liſchka, welchen er als den Verräther ſeines Geheimniſſes anſehen mußte, ſtieg in ſeinem Herzen auf, welchen er aber für den Au⸗ genblick geſchickt zu verhehlen verſtand. „Ihr ſeht,“ ſprach Jener zu Wenzel:„bei dem jetzigen Stand der Dinge blühen Euch in Euerer Va⸗ terſtadt keine Roſen mehr; nur, wenn unſere Brü⸗ der Herren von Luditz geworden ſind, könnt Ihr es dahin bringen, die Stelle Eueres Vaters einzuneh⸗ men;— dann wird Euch wohl eine ſchmucke Jung⸗ frau für die ſonſtigen Verluſte entſchädigen— dieſes aber kann nicht ausbleiben, wenn Ihr meinen Rath genau befolgt.“ Dem Junker blieb keine andere Wahl, als die bittere Pille herabzuwürgen; er willigte in Alles und erklärte neuerdings ſeine Zuſtimmung, ohne jedoch in 133 ſeinem Innern jeder Hoffnung auf Renatens Be⸗ ſitz zu entſagen. Die Nacht war während dieſer Unterhandlun⸗ gen vorüber gezogen. Das erſte Grauen des Morgens hatte bereits dem hellen Tage Platz gemacht, eine ei⸗ ſigkalte Luft, ließ die Nähe des erſten Frühlingsta⸗ ges kaum ahnen; der rauhe Winter ſchien dießmal das ihm eingeräumte Gaſtrecht im Böhmerlande recht lange benützen zu wollen; das erwärmende Geſtirn vermochte ihn nicht zu verdrängen, die Strahlenküße prallten von ſeinem Eispanzer machtlos ab, und ſchie⸗ nen in ſeiner Nähe zu erſtarren. Gerade ſo iſt auch das Herz des böſen, verdorbenen Menſchen, dem keine wohlthuende Empfindung zugänglich iſt, und in deſſen Buſen jedes heilige, beſſere Gefühl unerweck⸗ bar, wie von Eisbanden umſchlungen, den Todes⸗ ſchlaf ſchlummert. Die Thore der Stadt Luditz waren bereits geöffnet, auf den Mauern eilten die wachehaltenden Söldner in langen Schritten auf und ab, denn oben blies die Luft noch friſcher und kälter; die Einwohner von Luditz begannen erſt ſich von den nächtlichen Lagern zu heben, in den Gäſſen war es daher noch öde und menſchenleer. Da bewegte ſich eine ſonderbare Gruppe gegen das Saazer Thor. Zwei fremde, unbe⸗ 134 kannte Männer trugen einen Sarg, der mit einem ſchwarzen Tuche umhangen war; ſie eilten mit dem⸗ ſelben ſo ſchnell als möglich aus der Stadt. Die Wa⸗ chen— welchen ſeit den letzten Vorfalle beſondere Aufmerkſamkeit empfehlen worden war,— bemerk⸗ ten dieſes frühe, ſonderbare Leichenbegängniß, und rie⸗ fen den Trägern die Frage zu:„Wer ſich im Sarge befände?“ „Ein Selbſtmörder!“ lautete die Antwort, auf den Abſcheu jener Zeit vor den Unglücklichen berechnet, welche Hand an ſich ſelber legten, und der Sarg kam ungehindert durch das Thor. An demſelben Vormittage ging es ſpäter auf dem Platze vor dem Rathhauſe beſonders lebhaft zu. Es hatte ſich nämlich die Nachricht verbreitet, daß über den gefangenen Wenzel! Gericht gehalten werden ſolle. Die Spießbürger waren wieder auf den Füßen, denn das war ein außerordentlicher Fall, deſſen Ende zu vernehmen, ein Jeder wie billig, ſehr begierig ſeyn mochte. In der Schenke beim„güldenen Löffel“ hatten ſich mittlerweile einige Gäſte zum Frühmal eingefunden, lauter Freunde des Hauſes, die wir ſchon hinlänglich kennen gelernt. Frau Bjetka, die Schankwirthin, war etwas mürriſch, der liebe Him⸗ 135 mel weiß, welch' wichtige Urſache ſie verſtimmt haben mochte; wahrſcheinlich waren ihr die frühen Beſucher ungelegen, die ſie ſo zeitlich aus ihrer beguemlichen Ru he herausgeſtöbert hatten.— Dagegen war Ton⸗ ka um ſo muthwilliger, bewegte ſich raſch unter den Gäſten umher, und ließ keine ihrer Neckereien uner⸗ wiedert. „Guten Morgen, Meiſter Marzek!“ ſprach ein alter Luditzer Bürger, zu dem eben eintretenden Schmied;„wird's bald Zeit ſein, daß wir uns auf den Ring begeben?— möcht' den Spektakel nicht verſäumen.“— „Viel zu früh!“ entgegnete der rieſige Cyklo⸗ pe.„Tonka, ein Glas Branntwein!— die Schaar⸗ wache mit ihren Partiſanen iſt erſt vor dem Rathhauſe angekommen;'s wird ſchon noch eine Weile währen, bis die Rathsherrn zuſammenkriechen,— die bedürften ſchier immer eines Blaſebalgs, der ſie aus dem Neſte blieſe.“ „Es iſt aber auch kaum die achte Stunde vor⸗ bei,“ wendete der Krämer ein. „Ei was!“ verſetzte der Schmied,„der liebe Himmel läßts Tag werden, wenn's ihm gefällt, und nicht wenn die Glocke ſchlägt, und jedes Geſchäft ſoll mit dem frühen Morgen beginnen. Der Hahn hat kaum 136 einmal gekräht, und ich ſtehe ſchon in meiner Werk⸗ ſtatt, ſchüre die Glut, trete den Blasbalg und häm⸗ mere darauf los, daß die Funken um mich herum, und weit hinaus auf die Straße ſpritzen— ſo ſoll's Jeder machen, dem der liebe Himmel ein Geſchäft ge⸗ geben hat, nicht aber die Arbeit von einer Stunde auf die andere verſchieben, die Nacht zum Tag, und den Tag zur Nacht machen; ich wollte alle Faullenzer klopfen, daß ſie ſich wie heißes Eiſen biegen ſollten!“ „Ihr könnt doch den Schmied um die Welt nicht verläugnen!“ rief die Schanktochter, die indeſſen mit einem vollen Glaſe herbeikam. „So wie Du die ſchmucke, loſe Dirne,“ ſchmei⸗ chelte Marzek, nahm das Glas und nippte daran. „Donnerwetter, Tonka!“ brauſte er auf,„der Branntwein iſt ſchwach!“ „Ihr irrt, Meiſter Marzek,“ begütigte ihn die Jungfrau,„der Branntwein iſt nicht zu ſchwach, aber Ihr ſeid zu ſtark!“ Dieſe Schmeichelei beſänf⸗ tigte den Handwerksmann, und er fand an dem Ge⸗ tränke nichts mehr zu tadeln. Ein kleines Männlein huſchte jetzt zur Thüre her⸗ ein; es war vor Kälte beinahe ganz erſtarrt, hüpfte in der Schankſtube umher, blies ſich in die Finger, focht bald mit der Rechten, bald mit der Linken in 137 der Luft, dann ſchlug es wieder beide Arme kreuzweis über die Bruſt auf die Schulter, und geberdete ſich un⸗ ter den Gäſten ſchier, als wär's vor Kälte außer ſich. „Hollah! Meiſter Nadelöhr,“ brach der Schmied in ein brüllendes Gelächter aus,„iſt Euch vor Kälte das Bischen Hirn erſtarrt?“ „Bei Euch iſt dieſe Gefahr nicht zu beſorgen!“ verſetzte der Held von der Nadel ſpitzig, ohne ſich in ſeinem Treiben ſtören zu laſſen.„Frau Bjetka! ein Glas warmes Bier,“ herſchte er der Schankſrau zu, vich will meinen Magen tüchtig einheitzen, denn wir werden heute lange genug vor dem Rathhauſe ſtehen müſſen.“ „Habt Ihr vielleicht ſchon im Voraus etwas Wiſſenswerthes gehört?“ fragte ein anderer Hand⸗ werksmann neugierig. „Ja wohl, ja wohl,“ lächelte der Schneider auf⸗ geblaſen,„ich kann Euch verſichern, daß es eine ſon⸗ derbare Wäſche geben werde.“ „Nun, nun, erzählt doch, laßt uns in Euere Neuigkeiten auch einen Blick werfen!“ riefen mehrere der Gäſte. „Ihr werdet wohl wiſſen, daß zwei der geſtern Gefangenen entflohen ſeien?“ 12 138 „Alle Teufel! iſt das wahr?“ ſchrieen Mehrere erſtaunt. „Aber der Junker iſt doch noch da?“ ſetzte der Schmied fragend hinzu. „Wahrſcheinlich,“ entgegnete der Kleine,„dem wird der königliche Hauptmann Eins auf den Schä⸗ del verſetzen, daß er ſich ſo leicht nicht erheben dürfte! Er iſt aber auch ein rechter Teufelsbraten! Stellt Euch vor, die alte Marga war nicht wahnſinnig, der Doktor war vom Junker beſtochen.“ „Heiliger Himmel!“ kreiſchte die Wirthin,„hat man je in Luditz von einer ſolchen Laſterthat gehört?!“ „Wie ich Euch ſage,“ ſetzte der Schneider hinzu, „das wird eine gräßliche Wäſche werden; man mun⸗ kelt ſich in die Ohren, daß auch der Stadtſchreiber, die ſchöne Witwe, und weiß der liebe Himmel, wer noch ſonſt, an dem Verrathe der Stadt mit einverſtan⸗ den ſein ſollen.“ „Hohl' der Henker alle Schurken und Spitzbu⸗ ben!“ rief ein pechduftiger Schuſter,„gäb' es keine ſolche auf der Welt, ſo wären lauter ehrliche Men⸗ ſchen da!“— „Meiſter Stiefelholz, Ihr ſprecht ja wie ein Weiſer,“ ſchrie der Schmied, in ein gräßliches Lachen 139 ausbrechend,„es iſt gewiß: wenn das Eiſen glüht, ſo kann es nicht kalt ſein— Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen!“ Zur größern Verlegenheit des Schuſters wollten ſich nun auch die übrigen Gäſte vor Lachen ſchier aus⸗ ſchütten, während der Kneip doch aus ſeiner Rede nichts Lächerliches herauszufinden vermochte. „Der königliche Hauptmann!“ ſchrieen in dieſem Augenblicke plötzlich mehrere Männer, die nahe an dem Fenſtern ſaßen, und alle Gäſte ſtürzten dahin, um den eben vorübergehenden Kriegsmann anzu⸗ ſchauen. Herr Peter Smichowsky von Zdiar, von mehreren Söldnern begleitet, ſchritt eben durch die Gaſſe gegen den Ring zu. Er war in ſeinem vollen Staate, das Wehrgehänge blank, die farbige Feld⸗ binde zierlich umgeſchlungen; der ſchwere Säbel raſ⸗ ſelte auf dem eiſigen Boden, und die Sporen erklirr⸗ ten ob der feſten Tritte des kräftigen Martis ſohnes. Die Söldner mit ihren Lanzen und Spießen ſollten ihm gleichſam zur Ehrenbegleitung dienen; allein dießmal war damit noch ein anderer, unheimlicher Zweck verbunden, deſſen wir wohl ſpäter inne wer⸗ den dürften. 12* 140 Als die Frühgäſte beim güldenen Löffel den kö⸗ niglichen Hauptmann ſattſam bewubert hatten, mein⸗ ten ſie, daß, weil der Wehrſtand bereits in's Zeug rücke, die Zeit der Rathsverſammlung auch nicht mehr ferne ſein konne; ſie machten ſich daher all⸗ geſammt auf, und eilten nach dem Platze, um das Ende der vielverſprechenden Verhandlung abzuwarten. Dreizehntes Kapitel. Der Menſch, welcher nicht vor ſich ſelbſt erröthen darf in der Erinnerung ſeiner Thaten, der Mann mit reinem Ferzen, iſt über die Tücke des Schick- ſals erhaben; er iſt gleich ruhig in der Tiefe des Unglücks, wie auf dem Gi- pfel des Glückes. Iſchockke. Der Bürgermeiſter ſammt dem vollzähligen Rathe ſaßen bereits in dem großen Saale um den ſchwarz⸗ behangenen Tiſch verſammelt, man erwartete nur noch die Ankunft des königlichen Hauptmannes, der ſich auch als Kläger hatte anſagen laſſen. Herr Prokopius Hladek prangte im feſtlichen Ge⸗ wande; er gab ſich Mühe, den tobenden Sturm in ſeinem Innern zu verhehlen, und ſo gleichgiltig als möglich zu ſcheinen. Er hatte ſich feſt vorgenommen, ein ſtrenger, unpartheiiſcher Richter zu ſein, er wollte zeigen, daß er, an den Verirrungen ſeines 142 herzens. ſprechen. Sohnes unſchuldig, treu an ſeinen Glauben hänge, und nie an ein Bündniß mit den Feinden desſelben ge⸗ dacht habe. Er wollte das geheime Ohrenflüſtern ſeiner Feinde Lügen ſtrafen, und ſich als Mann von Ehre aus dem für ihn ſo qualvollen Rechtsſtreite ziehen. Dem aufmerkſamen Beobachter konnte jedoch das Un⸗ ſichere ſeiner Haltung nicht verborgen bleiben, ſein Auge wurde unwillkührlich naß und die Stimme zit⸗ ternd; der Zwang, dieß Alles zu verbergen, ver⸗ größerte den Schmerz des ſchwerbelaſteten Vater⸗ Jetzt erſchien der königliche Hauptmann. Die Rathsherrn erwiederten, alle aufſtehend, ſeinen Gruß, und ernſt nahm der würdevolle Krieger ſeinen Platz an der Seite des Bürgermeiſters ein. Der Stadtſchreiber begann nun, die aufgenom⸗ mene Speciesfacti über den Verrath vorzuleſen, ganz ſo, wie ſich die Begebenheit zugetragen hatte, und nach der Benennung der drei eingefangenen Verräther, folgte die Bemerkung, daß zwei derſelben noch in jener Nacht entflohen ſeien, und man daher nur noch Einen, den Junker Wenzel Hladek, in Gewahrſam halte, um ihn zu vernehmen und das Recht über ihn zu 143 Nachdem dieſer Akt vorüber war, begann der königliche Hauptmann:„Ihr Herren und Schöppen von Luditz! ich habe mich in Euere heutige Verſamm⸗ lung verfügt, weil über einen Gegenſtand Verhand⸗ lungen gepflogen werden, der nicht nur Euere Stadt, ſondern auch die Sache des Euch angeſtammten Her⸗ ren und Königs betrifft, welcher mir die Bewachung dieſer feſten Stadt anvertraut hat, und deſſen Stelle ich alſo hier zu vertreten berechtiget bin. So krän⸗ kend es für mich iſt, aus der Mitte dieſer ſonſt treuen Gemeinde, plötzlich die Schlange des Verrathes ihr giftig Haupt emporrecken zu ſehen, ſo ſehr freut es mich auch wieder, bemerken zu können, daß nurwe⸗ nige, räudige Schurken das Gift eingezogen, welches leider unſer ſchönes Böhmerland in eine Wüſte ver⸗ wandelt, und mehr zerſtört, als das folgende Jahrhun⸗ dert wieder gut zu machen im Stande ſein wird. Ich will hoffen, daß es uns gelingen wird, die entſtandene Parthei der Kelchner hier im Orte ganz zu unterdrücken, damit das Unkraut nicht fortwuche⸗ re, und den friedlichen, beſſer Geſinnten, Verderben bringe. Wenn man die Schlange tödten will, muß man ſie auf den Kopf treten, und einem ferneren Ver⸗ rathe kann nur durch die Schadlosmachung der Auf⸗ wiegler vorgebeugt werden. Wir hatten drei Schurken 144 in Gewahrſam gebracht, die dem Anſcheine nach, die Rädelsführer der Ketzer ſein mögen; ällein zu meinem größten Mißvergnügen mußte ich vernehmen, daß zwei derſelben entflohen ſeien.— Da man die Art, wie dieſes geſchehen ſei, nicht kennt, ſo bin ich zu glau⸗ ben berechtiget, daß es wahrſcheinlich durch die Mit⸗ wirkung Anderer vor ſich gegangen, und wer bürgt mir dafür, daß dieſe heimlichen Freunde der Irrlehre nicht hier in dieſem Augenblicke an dem Rathötiſche ſitzen?“ Der Hauptmann hielt ein. Die Rathsherrn ſahen einer den andern mit verlegenen Blicken an. Jeder befürchtete in ſeinem Nebenmanne einen heimlichen Verräther; Mißtrauen erwachte in den Herzen,— wer konnte für den Andern Bürge ſein? Die Ver⸗ wirrung war allgemein. Da wandte ſich Herr Prokopius Hladek mit folgender Antwort zu dem frühern Sprecher:„Herr Hauptmann! Euere Rede war, wiewohl kränkend für uns, doch wohlweiſe geſprochen; man kann in Wahrheit nicht vorſichtig genug ſein, wenn die Ein⸗ wohner einer Stadt ſich in feindliche Partheien thei⸗ len, die im Geheimen ihr Weſen treiben; wir haben indeſſen bisher genug gethan, um die Ketzer ferne zu halten, und werden auch in Zukunft unſere Treue 145 und Anhänglichkeit an die königliche Majeſtät genug⸗ ſam an den Tag legen. Daß zwei der Verräther ent⸗ flohen, daran ſind wir unſchuldig!— Wie es ge⸗ ſchehen? das möge der liebe Himmel wiſſen, vielleicht wird ſich's in der Folge zeigen,— dafür habe ich den Dritten in den obern Stock des ſogenannten He⸗ renthurmes geſperrt, deſſen dickes Gemäuer, ſchma⸗ les Gegitter und eiſenſchwere Thüre jedes Entrinnen unmöglich machen, und wezu ich ſelbſt die Schlüſſel hier verwahrt halte.“ Nach dieſen Worten zog er drei mächtige Schlüſ⸗ ſel aus der Taſche, und legte ſie vor ſich auf den Tiſch hin. „Herr Bürgermeiſter!“ ſprach der Hauptmann zur Antwort,„ich habe Urſache, Eueren Worten Glau⸗ ben zu ſchenken, denn in Euch habe ich den Ehren⸗ mann ſtets erkannt, kleinliche Vorurtheile gehören nicht hieher;— doch nun zu etwas Anderem.“ Er zog eine große Schrift unter der Feldbinde hervor und über⸗ reichte ſie dem Stadtſchreiber;„Leſet laut,“ ſprach er zu ihm, damit ein Jeder meine Klage hören möge.“ Liſchka nahm, ſich verneigend, die Schrift, und begann raſch zu leſen.— Die Verſammelten ſchüttelten über die neue Anklage bedenklich die Köpfe, Hußiten. 13 146 Viele flüſterten ſich leiſe Worte zu, und Andere ſahen wieder mitleidig auf den armen Vater, deſſen Sohn eines Bubenſtückes beſchuldigt wurde, welches ihn allein ſchon, ſeine Verrätherei abgerechnet, einer außeror⸗ dentlich ſchweren Strafe überlieferte. Der Bürgermei⸗ ſter aber ſaß ſtumm und bewegungslos da; er verzog keine Miene, ſein Auge ſah ſtarr auf das ſchwarze Tuch, womit der Tiſch umhangen war; er zuckte nicht ein⸗ mal mit dem Augenliede, eine geiſterhafte Todten⸗ bläſſe hatte nur ſein Antlitz überhaucht. Als der Stadtſchreiber geendet hatte, ergriff Herr Prokopius Hladek mitzitternder Hand die Schlüſſel zu den Gefängniſſen, überreichte ſie Einem der Beiſitzer und ſprach:„Herr Schöppe, nehmt ſechs Mann von der Schaarwache, und bringt den Verbre⸗ cher ſammt der alten Marga hieher!“ Der Angeredete nahm die Schlüſſel, und ent⸗ fernte ſich eilig aus dem Saale. Aengſtliches Schwei⸗ gen verbreitete ſich unter den Räthen, ein Jeder ſah ſtill vor ſich nieder und hing ſeinen Gedanken nach; der Hauptmann ſpielte mit den Franſen ſeiner Feld⸗ binde, und der Bürgermeiſter ſtarrte finſter vor ſich hin. Moncher der menſchlicher geſinnten Räthe wag⸗ te einen Seitenblick nach dem bedrängten Amtsherrn, 8* — M E „ 147 und bemitleidete den alten, tief gekränkten Mann ob der peinlichen Lage. Der Stadtſchreiber richtete ſich theilnahmslos das Papier zurecht, zog das Dintenglas mehr in die tähe, ſpitzte die Feder und verſuchte ihren Gang; — dieß Alles that er mit einer Gleichgültigkeit, die ſelbſt der Verſtellungskunſt eines ſolchen Heuchlers zur Ehre gereichte. Seit dem Abgange des Schöppen war das Still⸗ ſchweigen nicht unterbrochen worden; geſpannt, mit Herzklopfen, ſah man dem Augenblicke entgegen, wel⸗ cher den verbrecheriſchen Sohn dem richtenden Vater ter entgegenſtellen würde; da ſtürzte endlich der Ab⸗ geſandte in den Saal, ſeine verſtörten Züge ließen et⸗ was Außergewöhnliches ahnen.— „Herr Bürgermeiſter!“ ſtotterte er mühſam hervor,„der Verbrecher iſt entflohen!— Er, ſamt der alten Marga, aus deren Gefängniß ein gewalt⸗ ſam geöffnetes Loch in das ſeine führt;— ſie kön⸗ nen nur durch die Thüre entkommen ſein, denn ſonſt iſt keine Spur eines gewaltſamen Einbruches zu entde⸗ cken— die Schlöſſer waren aber geſperrt und unver⸗ dorben.“ Dieſe Schreckenskunde hatte den ganzen Rath wie mit einem gewaltigen Schlage 148 der Bürgermeiſter war, wie ſinnlos, in den gro⸗ ßen Lehnſtuhl zurückgeſunken; ein düſteres Murmeln flog durch die Reihe der Schöppen und Räthe, die Lippen des Stadtſchreibers umſpielte— aber auch nur einen Augenblick lang— ein tückiſches Lächeln,— dann runzelte ſich ſeine Stirne in breite Falten, und eine erheuchelte, tiefbekümmerte Miene nahm deſſen Platz ein. — Der königliche Hauptmann ſchaute mit drohenden Blicken vor ſich hin, das Murren der Verſammlung währte fort, Keiner ſchien eines überlegenden Gedan⸗ kens fähig. Herr Prokopius Hladek war inzwiſchen durch Hilfe einiger Freunde wieder zu ſich gekom⸗ men, kalter Schweiß perlte auf ſeiner Stirne, und rann ſchnell über das todtenbleiche Antlitz des Greiſes. „Still, Ihr Herrn von Luditz,“ gebot der Haupt⸗ mann plötzlich mit kräftiger Stimme,„was ich früher nur als möglich ausgeſprochen, hat ſich leider ſchon jetzt vollkommen beſtättiget!— Verräther ſitzen in der Mitte des Rathes, und dieſe herauszufinden wird meine Sorge ſein!— Herr Bürgermeiſter!“ wandte er ſich zu dieſem,„ich will Euch nicht zu na⸗ he treten, aber daß der Verbrecher, Euer Sohn, 149 aus einem Gewahrſam entflohen, zu dem nur Ihr den Schlüſſel gehabt, das ſetzt Euere Sache in ein gewaltig übles Licht.— Ich will nicht glauben, daß Ihr ſelbſt dem Buben zur Flucht geholfen; allein Ihr habt für die Aufbewahrung der Schlüſſel vielleicht ge⸗ fliſſentlich ſchlechte Sorge getragen; als Vater wär' Euch ſo was nicht zu verargen; allein als Diener des Königs, als Bürgermeiſter, dem das Wohl der Stadt am nächſten liegen ſoll— ſeid Ihr ſchuldig, ſchul⸗ dig ſo lange, bis die Zukunft uns eines Andern über⸗ weiſet! Ganz weislich iſt auch das alte, für wahnſin⸗ nig ausgegebene Weib entfernt worden, damit man ja über das Bubenſtück im Dunklen bleiben möge. Ich werde den Vorfall an königlicher Majeſtät Hof be⸗ richten, unverfälſcht und treu— bis dahin aber, Herr Bürgermeiſter, werdet Ihr es Euch gefallen laſſen, in Euerem Hanſe unter dem Gewahrſam meiner Söld⸗ ner zu bleiben!“ Die Rathsherrn ſahen einander mit unwilliger Blicken an; allein Herr Prokopius Hladek, der dieſes bemerkte, erhob ſich und ſprach:„Euer Wille, Herr Hauptmann, ſoll geſchehen; nur dadurch glaube ich Euch überzeugen zu können, daß Euer Verdacht mich nicht mit Recht trifft, und daß ich über kurz oder lang aus dieſer ſchweren Prüfung, als unſchul⸗ nächſten Verwandten.— Einer traute dem Andern 150 dig anerkannt, hervorgehen werde. Ihr aber meine ehrenwerthe Mitbürger und Freunde, an deren Spitze ich bisher geſtanden habe, laßt Euch das Zutrauen nicht gereuen, welches Ihr mir bisher erwieſen habt, denn,“ er hob ſeine Hand wie zum Schwure auf,„ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, ſo wahr der reine, al⸗ leinſeligmachende Glaube in dem tiefſten Innern mei⸗ nes Herzens wurzelt, ſo wahr bin ich vollkommen unſchuldig, an Allem, was bisher in unſerer Mitte vorgegangen iſt!“— Langſamen Schrittes verließ er den Rathsſaal, und der königliche Hauptmann folgte ihm dießmal mit ſchwe⸗ rem Herzen, ſeine Dienſtpflicht beſorgend. Die Bürgermeiſtersſtelle blieb bis auf ferners un⸗ beſetzt, und der erſte Rathsherr verſah indeſſen die Geſchäfte der Stadt. Das gab nun unter den Ludi⸗ tzer Bürgern ein arges Gerebe. Der verhaßte Jun⸗ ker war entflohen, ſein Vater, ſo hieß es allgemein, habe ihm zur Flucht verholfen, und werde deswegen durch königliche Söldner bewacht;— es verbreitete ſich ferner die Nachricht: daß viele Anhänger der hu⸗ ßitiſchen Parthei in der Stadtſeien— man wich ein⸗ ander aus— Mißtrauen herrſchte ſelbſt unter den 15⁴ nicht, man war geſpannt auf die Begebenheiten der nächſten Tage, die mit dem heiligen Oſterfeſte heran⸗ zurücken begannen. 1— Es iſt für den Darſteller und Leſer romantiſcher Begebenheiten von beſonders wohlthuender Wirkung, wenn die Schickſale und Erlebniſſe der in den Vorder⸗ grund gezogenen Charaktere im bunten Wechſel auf⸗ einander folgen; bald triumphirt das Laſter,— Heu⸗ chelei und Verleumdung ſchwingen ſiegend ihr Panier; der Gerechte, Edle und Tugendhafte ſtemmt ſich mu⸗ thig gegen den Andrang des feindgeſinnten Schickſals, mit Bewunderung ſieht man ihn ringen und kämpfen, jauchzt mit ihm, wenn er im Sonnenglanz des Sie⸗ ges die Fahne entfaltet, und weint ihm eine ſtille Thräne nach, wenn ihn die ſchwere Laſt in die tiefe Grube drückt, die ihm endlich Ruh' und Frieden beut. Entfalten ſich Schreckensbilder vor unſern geiſtigen Bli⸗ cken— lauert Verrath und Meuchelmord in finſterer Nacht verborgen, klaffen uns blutige Wunden an, und dringt Verzweiflungsgeſchrei— und Jammergetön an unſer Ohr, dann lächeln uns mit vervielfachter An⸗ muth die ſtillen Scenen der Liebe und Freundſchaft an, mit frohem Herzen flüchten wir in das heilige Aſyl, 152 vom Mondenlichte der Ruhe beſchattet, und freuen uns des Glückes der Vereinten, die, im Sturme der Zeit, feſt wie Felſen, geſtanden, an denen Brandung und Wogendrang ſich ſchäumend brachen und nutzlos ihre Wuth vergeudeten.— O Liebe! du ewiges Licht des menſchlichen Her⸗ zens, du immergrüner Baum des Lebens, du un⸗ auslöſchlicher Stern, der Jedem leuchtet! wie biſt du ſo allvermögend, ſo unüberwindlich! Du heiliges Gefühl, du ſchönſtes erhabenſtes Geſchenk des allmäch⸗ tigen Schöpfers, wie unendlich reich muß der Urquell ſein, aus dem du geformt, gebildet, und zur Erhe⸗ bung und Veredlung des Erdenwurmes auf dieſe Welt verpflanzt wurdeſt; der dich nicht empfunden, hat nicht gelebt; und der dich gefühlt, weiß doch nicht, was du biſt!— Mögeſt du nie dem Herzen eines Men⸗ ſchen fremd bleiben.— ** Nur Einer, der ſo wie Georg, für ſeine Liebe Alles geopfert, was Erdenglück zu verleihen im Stan⸗ de iſt, nur der vermag die Freude zu ermeſſen, die der arme Söldner bei Mil a's plötzlicher, unverhoffter Be⸗ freiung empfunden.— Freilich war ihm dieſes Räth⸗ ſel unerklärbar; allein Mila war frei, was kümmerte —— 4—— M 153 ihn die Art, wie ſie es wurde! Er hatte ſich bisher um das Treiben Liſchka's und Wenzel's wenig gekümmert, die Pflichten ſeines Standes gönnten ihm zu wenig freie Zeit, als daß er auf ihr, ihm verächt⸗ liches Handeln acht gehabt hätte; er mied ihre Ge⸗ genwart, ſo wie er die Verſuche der Witwe Rena⸗ te vereitelte, die immer wieder eine zeugenloſe Zu⸗ ſammenkunft mit ihm bezweckten; er trauerte um ſeine Liebe und erwartete von der Zeit das Beſte, da ihm Mila's Unſchuld offen da lag. Wos ihn tief bekümmerte, war das Schickſal des geliebten Vaters, als Wenzel bei der Verrä⸗ therei ertappt wurde. Er ſelbſt empfand den Verluſt, den das väterliche Herz dadurch erlitt, und mit Theil⸗ nahme ſah er auch dem Toge entgegen, der Wenzels Schickſal entſcheiden würde. Der Söldner befand ſich eben an der Seite der wiedergefundenen Geliebten, deren Bruder in die Stadt gegangen war, um den Ausgang des Gerichts abzu⸗ warten; wohl wäre Georg gerne ſelbſt hingeeilt; allein trotz der erlittenen Unbill liebte er ſeinen Bruder noch zu ſehr, um freiwillig Zeuge ſeiner Schande zu ſein. Die Zeit verſtrich den Liebenden ſo ſchnell, als rauſche ſie auf geiſterhaften Fittigen davon; ſie beſpra⸗ chen die Vergangenheit und entwarfen Pläne für die 154 Zukunft.— Die Liebe iſt das geſchäftigſte Triebrad der menſchlichen Seele, in einem Nu baut ſie Pallä⸗ ſte, füllt Meere aus, und ebnet die Berge des Erd⸗ balles; ſie ſchaukelt ſich von einer Blume zur andern, nippt hier am Kelche der Roſe, verwandelt dort durch einen Flügelſchlag das ätzendſte Gift in Honig, und bietet dem zerſtörenden Blitz die Stirne; ſo war, ſo iſt, und ſo wird die Liebe ſein, ſo lang ſie unter Men⸗ ſchen wandelt! Jetzt kam der Bruder Mila's herbeigeeilt, und brachte die Schreckensbotſchaft von dem Ausgange der Unterſuchung aus der Stadt.— Wie vom Blitze ge⸗ troffen ſtand der Söldner da. „Mein Vater! mein geliebter Vater verhaftet?“ rief er aus und rang verzweifelnd die Hände;„o wä⸗ re ich an ſeiner Seite geblieben, es wäre nie ſo weit gekommen! Gott weiß es! er iſt unſchuldig; Wen⸗ zel iſt durch andere Hilfe entflohen, als durch die des mackelloſen Greiſes! o der Nichtswürdige, mit der Ehre ſeines Vaters erkauft er ſich ſeine Freiheit.“ Mila verſuchte den Balſam milden Troſtes in die ſchmerzliche Wunde zu träufeln; allein Georg ſchüttelte ſchwer ſeufzend das Haupt. „O Du, meine geliebte Seele!“ ſprach er weich, „Du vermagſt den Schmerz zu fühlen, den dieſe fri— * 155 ſche Wunde mir verurſacht,— ich habe den Vater ſtets geehrt und geliebt, wenn er auch hart gegen mich war; daß ich ſeinem Vorurtheile mein Lebensglück nicht aufopfern wollte, das war mein einziger Fehler, und den mag mir Gott verzeihen. Aber ich will ihm zeigen, daß er meinem Herzen noch immer ein lieber, guter Vater iſt, ich will nicht ruhen, bis ich den Schleier enthüllt, welcher dieſe Büberei verborgen hält. Mila!“ rief er, und umſchlang die Jungfrau,„nebſt ihm biſt Du mir das Theuerſte auf der Erde; aber keine Freude ſoll mich mehr erheitern, keine Ruhe ſoll mein Leben verſüßen, Du ſelbſt, mein einzig Glück ſollſt mir entfernt bleiben, bis ich die Unſchuld mei⸗ nes Vaters entdeckt, und ihm die Freiheit, die Ret⸗ tung ſeiner Ehre errungen habe!“ Er preßte einen Kuß auf die Purpurlippen der Jungſrau, drückte ihrem Bruder die Hand und ver⸗ ließ ſtürmiſch die Stube. Die Liebe aber ſchwang jauch⸗ zend ihr Roſenpannier dreimal über das fromme Paar, und hatte es dadurch in ihren Schutz genommen. Vierzehntes Kapitel⸗ Vas Weh'geſchrei geſchlag'ner Päter, Der bangen Mütter Klagezeter, Das Winſeln der verluſſ'nen Braut Iſt Schmaus für unſ're Trommelhaut. Schillers„Räuberlied.“ Indem wir nur eine kleine Epiſode aus dem großen, Blut triefenden Trauerſpiele des Huſſitenkrieges her⸗ ausheben, können wir es füglich unterlaſſen, in eine ausführliche Beſchreibung desſelben einzugehen; wir haben eine kurze, allgemeine Ueberſicht des Zuſtandes jener Schreckens epoche geliefert, und beſchränken uns nur auf Begebenheiten, die mit dem Schickſale der Stadt Luditz in Verbindung ſtehen. „Der herrenloſe Zuſtand in Böhmen,— die Verwirrung, welche im ganzen Lande herrſchte, die Willkühr und Geſetzloſigkeit waren Lockmittel genug, um aus armen, hilfloſen Menſchen wilde Rotten zu bilden, die das Recht des Stärkern benützend, nur von Mord und Raub lebend, auf Rechnung der Huſ⸗ 157 ſiten alle jene Gräuel übten, welche übrigens auch dieſe in ihrer Grauſamkeit nicht verſchmähten. Jene Buſchklepper, die ſich in Waldungen, na⸗ he an den Straßen aufhielten, thaten Alles, um ſich der ſiegenden Parthei zu befreunden; ſie hielten es bald mit den Huſſiten, bald wieder mit ihren Geg⸗ nern, und entblödeten ſich nicht, heute die, morgen jene zu berauben und zu morden. Ihre Anführer waren meiſt verarmte Männer aus dem Herrenſtande, denen es, gewohnt zu befeh⸗ lehlen, mehr galt, einer Rotte Räuber vorzuſtehen, als im offenen Kampfe von der Führung eines An⸗ dern abzuhängen. Zwei Stunden von Luditz, auf der Straße gegen Saaz zu, umhüllen noch in unſerer Zeit dich⸗ te Waldungen den Fahrtweg. Mitten in jener Blät⸗ ternacht ſteht eine Kapelle, die den Namen„Wach⸗ auf“ führt; unter den dortigen Landleuten geht die Sage, daß auf dieſem Platze die erſte chriſtliche Kir⸗ che im Böhmerlande geſtanden habe; allein wir kön⸗ nen dieſer Sage um ſo weniger Glauben ſchenken, da nach den Chroniſten, die vom Herzog Borziwog im Jahre 894 im jetzigen Königgrätz erbaute St. Klemenskirche, das erſte chriſtliche Gotteshaus 158 im Böhmerlande geweſen ſein, und dort auch der Prie⸗ ſter Kayſch die erſte Meſſe geleſen haben ſoll. Um Wachauf herum war in jenen Tagen noch eine formloſe Wildniß.— Tauſendjährige Eichen reck⸗ ten ihre ſchattigen Arme in die Luft und rauſchten un⸗ heimliche Weiſen, während dicht bewachſenes Ge⸗ ſtripp, von Schlingpflanzen durchkrochen, ſich am Boden hinzog, und den kecken Durchgang mit Ritzen und Stichen vergalt. Durch dieſe Wildniß wand ſich die Fahrſtraſſe gegen Saaz, die jetzt kaum für ei⸗ nen Waldweg gelten könnte, und die beſonders im Winter mehrere Schuh hoch von Schnee bedeckt, kaum fahrbar war. Aber nicht dieſes allein, ſondern noch eine an⸗ dere Urſache machte die Gegend zur Zeit unſerer Er⸗ zählung vrrrufen; eine wilde Rotte hauste in derſel⸗ ben, die jedem Wanderer furchtbar war, und ihrer Ueberzahl wegen ſich auch an größere Haufen von Reiſenden wagte. Ja, Luditz ſelbſt wäre von dem Beſuche der kecken Geſellen nicht verſchont geblieben, hätten ſeine Ringmauern und die bewehrten tapfern Söldner ihnen nicht Reſpekt eingeflößt. Wo jetzt, von niedrigem Gebüſche umgeben, jene Kapelle ſteht, da befand ſich, kaum einige Schrit⸗ te einwärts, ein alter, morſcher Eichſtamm; ſeine „———— e. —„—„———„. —, ——. 1 159 Höhlung war ſo geräumig, daß zwei Menſchen ſich bequem in derſelben bewegen konnten. Die Wurzeln, die den Baumſtamm an dem Boden feſthielten, dehn⸗ ten ſich nach Außen, weil ſich aus ſeinem Innern ein Loch in die Tiefe hinabzog, welches zu einem unbe⸗ guemen Treppengang in den Schlund der Erde führ⸗ te. Unten wurde die Oeffnung immer geräumiger, und bald gelangte man in eine Höhle, die, ihrer Größe nach, wohl bei dreihundert Menſchen beher⸗ bergen konnte, und in die ſich noch zum Ueberfluße mehrere kleinere Höhlen mündeten, die wie Gaſſen aus einem großen Platz ausliefen. Hieher wolle uns nun der geneigte Leſer folgen. In dem Augenblicke, da wir die Höhle zuerſt betreten, entfaltet ſich ein lebenvolles Bild vor uns;— keine Gleichförmigkeit, kein Einerlei, jedes Plätzchen anders, jeder Augenblick neu; wie phantaſtiſche Ne⸗ belgeſtalten flirrt und ſchwimmt es vor unſern Augen; iſts Wirklichkeit oder Phantaſie, was wir ſehen, die⸗ ſes bunte Leben, dieſe ſcheckigen Farben, dieſes ge⸗ ſchäftige Treiben? Nur der Maler vermag ſo ein Bild hinzuzaubern, daß man es ſieht, wie es wirk⸗ lich war, mit einem Blicke überſieht, und ſich von den Schauern des romantiſchen Gemähldes einer ver gangenen Zeit angeweht fühlt;— der Erzähler aber 160 kann es nur nach und nach ſchildern, eine Gruppe muß er nach der andern vorführen, eine Scene der andern folgen laſſen; darum iſt auch ſein Gemälde nie ſo anſchaulich, wie jenes des Farbenbildners; er wirkt nur auf die Phantaſie, ohne daß ihm einer der fünf Sinne zu Gebote ſtünde, den Andern aber un⸗ terſtützt das Auge— der Alles beſtechende Anblick!— Und doch wollen wirs verſuchen, das Treiben in der Höhle zu malen; zu malen mit Worteu, die es, wenn auch nicht ganz getreu, doch anſchaulich genug, dar⸗ ſtellen ſollen. Die ſchwarzen, ſchiefbehauenen Erdwände der Höhle erglänzen im Widerſcheine röthlicher Flammen, die in den verſchiedenen Ecken und Windungen der unterirdiſchen Behauſung hell auflodern, und nur durch ihre große Ueberzahl, den geräumigen Ort zu erleuch⸗ ten vermögen. Um dieſe Feuer herum ſtehen, ſitzen, liegen und kauern bunte Gruppen— Männer und Weiber, Mädchen und Greiſe, in den bunten, verſchiedenarti⸗ gen Gewändern der ſtark geſchiedenen, böhmiſchen Krei⸗ ſe; ihre Beſchäftigungen ſind beinahe ebenſo vielfach, als erwachſene Menſchen ſich in der Höhle befinden. Das Ganze ließe ſich ſe ziemlich mit dem Anblicke vergleichen, den ein großes Dorf gewähren würde, +„„———„„ „„ c—— er nn r⸗ 161 wenn man ſeine Häuſer plötzlich abdecken, und aus den Lüften mit einem Blicke das Innere ſeiner Woh⸗ nungen durchkreuzen könnte. An dem Einen Feuer ſaß eine Gruppe, die eine Familie zu bilden ſchien, ein Greis, eine Matrone, ein Jüngling und ein Mädchen; unweit der Flamme ſtand der Topf mit der Gerſtenſuppe, die Matrone rührte mit dem Löffel die würzige Speiſe, der Greis ſchliff die Spitzen der Pfeile, und der Jüngling ſchä⸗ ckerte mit der Jungfrau. Daneben ſaß ein mürriſcher Alter, der ſich ei⸗ nen breiten Fleck auf die lederne Hoſe paßte, die, ſo wie er, einer längſt ſchon vergangenen Zeit anzuge⸗ hören ſchien. Von drüben herüber ertönten die kreiſchenden Tö⸗ ne der roßhaarbeſaiteten Fidel, welche von einem ſchnarrenden Dudelſacke begleitet wurde; um die tanz⸗ luſtigen Weiſen nicht unbenützt verhallen zu laſſen, drehten ſich zwei muthwillige Pärchen vor der muſici⸗ renden Gruppe in dem landesüblichen Reidowak. Ungeſtört von dieſen, in einem fernen Winkel ſa⸗ ßen drei kecke Burſche um ein leeres Faß, das ihnen zum Tiſche diente, und würfelten miteinander, um die Launen der Glücksgöttin auf die Probe zu ſtellen. Zwei Andere ſtanden abſeits, und S mit breiten 162 Schwertern zur Uebung, daß die Funken von dem klirrenden Eiſen ſpritzten. Wieder ein Haufe war um die erwärmende Glut gelagert, und horchte den Erzählungen eines vieler⸗ fahrenen Alten, der mit den Ungarn wider die Tür⸗ ken gefochten, und viele Jahre in der Fremde verlebt hatte. In einem andern Kreiſe ſaßen ſchmucke Dirnen und ſangen anmuthige Lieder der Liebe, in jenen weh⸗ müthigen Molltönen, wie ſie den ſlaviſchen Lauten am meiſten anpaſſend ſind, und die in dem Herzen jedes Zuhörers Sehnſucht erwecken. Wieder Andere lagen faul auf dem Strohlager hingeſtreckt, ſchlugen die Maultrommel, oder pfiffen ſich ihr Leibliedlein, oder ſchnarchten behaglich unter den wärmehaltigen Pelz⸗ röcken. Dieß Alles verurſachte ein düſteres Getöſe, wel⸗ ches zwar dadurch gedämpft wurde, daß die Erdwän⸗ de einen großen Theil verſchlangen, aber doch ſtark genug war, um von einer Gruppe zur andern zu dringen. Am Ende der von oben herabführenden Erd⸗ treppe ſtand ein bewaffneter Burſche zur Wache, um jeden Herbeigekommenen in Empfang zu nehmen. ——— , — — n rd⸗ um 163 Die Seitengänge der Haupthöhle ſchienen nicht nlinder, wie dieſe bevölkert zu ſein; denn man ſah Männer und Weiber von dorther kommen, und wie⸗ der verſchwinden; es mochten wahrſcheinlich die Vor⸗ nehmeren ſein, denen die beſondern Behältniſſe zu Wohnungen angewieſen waren. Rechts an dem obern Ende des unterirdiſchen Saales lehnte vor dem Eingange eines ſolchen Sei⸗ tengemaches, eine hölzerne Thüre, die von Böden und Dauben verſchieden großer Fäßer mühſam zuſam⸗ mengeſtoppelt war. Das bunte Durcheinander in der Höhle war eben im vollen Gange, als die ange⸗ lehnte Thüre plötzlich umgeworfen wurde, und die ſtattliche Geſtalt eines Mannes aus der Oeffnung trat. Die ihn bemerkten, grüßten ihn höflich, ließen ſich aber nicht weiter ſtören, und fuhren in ihren frühern Beſchäftigungen fort. Der Mann aber ſchritt auf jene Gruppe Männer zu, die den Erzäh⸗ lungen des Alten horchten, nahm unter ihnen Platz, und hörte nun ebenſo neugierig, wie die Andern zu. Der Anblick dieſes Mannes mußte jedem Unbe⸗ fangenen Schrecken einflößen Der wilde Ausdruck ſeines Antlitzes war auch nicht durch einen ſanften Zug gemildert. Das finſtere, von ſchwarzen, langen Brauen beſchattete Auge ſchien beim Anblicke 164 zu durchbohren, in den Falten ſeiner Stirne wähnte man Raub und Mord verborgen zu finden; das fah⸗ le Braun ſeiner Hautfarbe war durch einen ſchwarzen ſtruppigten Bart noch mehr verdüſtert; dieſes Alles, im Einklange mit einem robuſten, markigen Rieſenkör⸗ per, drohte jedem mit ihm in Berührung Kommen⸗ den, Tod und Verderben zu bringen. Seine Klei⸗ dung war die eines Ritters im häuslichen Kreiſe, nur ſchien ſie ſchon alt und abgetragen. Die Farbe des Wamſes war nicht mehr zu erkennen, die Krauſe zerknittert, die Stiefel faltig, und die Leibbinde ver⸗ mochte kaum mehr, ſich in den Hüften zu halten. Der alte Erzähler hatte wieder eines ſeiner wun⸗ derbaren kriegeriſchen Abentheuer beendigt, als er ſich zu dem Herangekommenen wandte:„Ihr könnt mirs bezeugen, Herr Hinek, daß ich Wohrheit geſpro⸗ chen! Ihr habt ja auch die Züge mitgemacht.—“ „Beim Teufel! ja,“ rief der Angeredete zur Antwort,„waren damals tolle Zeiten im Ungarlan⸗ de— aber ſie hatten auch ihr Gutes.“ „Wills wohl meinen,“ fuhr der Andere fort, „das, Brüder, iſt Euch ein Ländchen! da wächst Alles und gedeiht ohne Müh' und Plackerei; faſt will es mich bedünken, als ob der liebe Himmel da ein ur n⸗ rt, ht ill ein 165 Bischen partheiiſch zu Werke gegangen ſei— da we⸗ nig, drüben nichts, drunten Alles!“ „Ei warum nicht gar,“ grollte Herr Hinek,“ mir iſt Eins ſo lieb wie's Andere, hier hat man das, dorten wieder etwas Anderes;— doch hört mir auf mit dieſen unnützen Reden, man muß nur überall das Rechte heraus zu finden wiſſen. Sagt mir doch, iſt Wuck noch nicht von Prag zurück?“ „Noch nicht,“ erwiederte ein Anderer. „Wo mag der tolle Burſche bleiben?— ſchon zu Mittag ſollt' er eintreffen, und iſt am Abend noch nicht hier.—“ „Hat ſich vielleicht verſpätet.“ „Das ſollte er mir ſchwer büßen!—“ „Oder verirrt.—“ „Kann nicht ſein, ſolch'ne Spürnaſe kann un⸗ möglich irre gehen; wer weiß, was den Buben zu⸗ rückhält— vielleicht'ne Dirne gar;— weh' ihm, wenn er ſich nicht verantworten kann!“ Das drohende Auge Hineks ſtreifte eben fin⸗ ſter in die Tiefe, als ein Burſche— zwanzig Jahre konnt' er zählen— vom Eingange der Höhle herzu⸗ geeilt kam. Mit einem Sprunge ſtand er vor dem Grol⸗ lenden. 166 „Da bin ich, Hauptmann!“ rief er dieſem zu, „mit Leib und Seele, wie ich vor zwanzig Jahren auf die Welt kam; daß ich größer und älter gewor⸗ den bin, dafür kann weder ich noch mein Vater, daß ich ſo dumm geblieben, das mögen Andere verant⸗ worten. Grüß' Euch der Henker! Ihr Freunde und Brüder.— Es freut mich, nicht etwa, daß ich Euch ſehe— ſondern daß ich wieder hier bin, unter den ehrlichſten Leuten von der Welt, wenn keine andern da ſind.—“ „Halt' Dein Läſtermaul, toller Burſche!“ ſchrie Herr Hinek,„ich werde Dich peitſchen laſſen.—“ „Schöner Lohn für meine Müh'.—“ „Wo biſt Du ſo lange geblieben?—“ „Ei, ja ſo, hätte bald vergeſſen! hab' auch mei⸗ nen Fang gemacht, wär' ſchon heute Mittags hier geweſen, aber da begegne ich beinahe am Ende des Waldes einem Manne und einem alten Weibe, die ſich verirrt hatten— wie ſie mir ſagten, wollten ſie gegen Prag. Ich durfte ihnen nur den Weg zei⸗ gen, und ſie wären draußen geweſen; allein ich dach⸗ te mir, man könne keinem Menſchen ins Herz und in die Taſche ſchauen, und huſch hatte ich mein Plän⸗ chen entworfen.„„Kommt mit mir, und Ihr ſollt 167 bald außer dem Walde ſein,““ ſprach ich; die Ver⸗ irrten folgten mir freudig nach, ich führte ſie eine Weile an der Naſe herum, dann aver immer tiefer hinein, bis es anfängt, dunkel zu werden; wie ich hieher in die Nähe komme, nehm' ich Reißaus, und laſſ die Halberfrornen mitten im Walde ſtehen,— wenn Ihr wollt— könnt Ihr ſie holen,— wenn nicht, laßt ſie draußen; Morgen früh kräht kein Hahn mehr um ſie!— „Nur herein mit Ihnen,“ rief eine tiefe Baß⸗ ſtimme,„da gibts wieder einen keinen Ohrenſchmaus, eine Augenweide, und vielleicht noch Beute dazu.“ Herr Hinek, der Anführer der Bande beorde⸗ te alſogleich zwei Bewaffnete, die Irregeführten ein⸗ zufangen. „Haltet Euch nur rechts von der alten Stein⸗ eiche,“ rief Wuck den beiden Abgehenden nach,„da werdet Ihr ſie gewiß finden, wenn ſie der Böſe noch nicht geholt hat.“ „Nun, Wuck,“ wandte ſich der Anführer zu dem Burſchen,„was bringſt Du aus Prag für Kunde?“ „Der Henker ſoll die Huſſiten holen!“ grollte der muthwillige Bothe, und nahm dem Hauptmann gegenüber einen Platz ein;„die pfuſchen uns ſchön ins 168 Handwerk; ich ſage Euch; wenn die Balgereien nicht bald ein Ende nehmen, ſo wird es im Kurzen im Böh⸗ nerlande keinen ehrlichen Menſchen mehr geben, dem man Etwas wird wegnehmen können. Hol' der Hen⸗ ker alle ehrlichen Leute! Als ich gen Prag kam und durch das Augez'der Thor über die Kleinſeite ſchritt, da bemerkte ich eine gewiße Leere in den Gäßen, als ob Alles ausgeſtorben wäre; ich ſchwenkte mich rechts über die große Brücke in die Altſtadt hinüber, da iſt auch Alles leer. Donnerwetter!— dacht ich mir— ſind die Prager in die Mäuſefalle gerathen? ich ſchreite weiter; der kleine Ring iſt einſam, der große Ring iſt leer, die Zeltner⸗ gaſſe nicht minder, die Eiſengaſſe ebenſo. Hol⸗ lah!— dacht ich, da mußt Du auf den Buſch klo⸗ pfen! Ich lauf ſchnurgerade in die Judenſtadt— hui, da wars voll und lebendig! Die Jüdlein me⸗ ckerten und ſchacherten, und weil ſie keine Chriſten hatten, ſo machten ſie es untereinander ab. Ich ver⸗ doppelte meine Schritte, eilte vorwärts nach meinem Ziele, und kam glücklich zum„naſſen Fetzen.“ Nun, Ihr werdet wohl von der Schenke zum„naſ⸗ ſen Fetzen“ ſchont gehört haben? Die Schankfrau hat mich aus der Taufe gehoben, deßwegen habe ich auch, von Jugend auf, ſo eine gewiſſe Zuneigung zu 38 ———„„J6„ 169 den Schankhäuſern; nun, der Henker hole meine Nei⸗ gung! Jeder Lappe hat ſeine Kappe,— ein Ande⸗ rer hat die Seinige auf dem Kopf, ich hab' ſie im Kopf. Hol' der Henker alle Köpfe! Die Schankfrau hatte an mir eine rechte Freude; ſie tiſchte mir Bier, Brot und Käſe.„„Wie geht es Dir, mein Junge?““ rief ſie, mich umhalſend,„„ hab' Dich ſchon lange nicht geſehen, biſt ein ganzer Bengel geworden.““ „Ihr auch, Frau Pathin,“ erwiederte ich zugrei⸗ fend, und ich muß Euch aufrichtig geſtehen: Bier, Brod und Käſe mundeten mir viel beſſer, als die Lieb⸗ koſungen des alten Weibes. Hol' der Henker die alten Weiber!“ „Deine Geſchichte zieht ſich in die Länge,“ unter⸗ brach Herr Hinek den Erzähler,„ſpute Dich, oder“— „Nur langſam, Herr Hauptmann!“ ſprach der Burſche,„wo bin ich ſtehen geblieben?— beim Hen⸗ ker— richtig; ſeht, das iſt ein ſonderbarer Zufall, daß unſer Eins immer beim Henker ſtehen bleibt. Hol' der Henker die Henker! Alſo weiter: Als ich die Schankfrau ſo ins Reden gebracht hatte,— denn Ihr müßt wiſſen, die Altenweiberzungen ſind wie ein Mühlwerk; wie man nur eine Schleuße öffnet, ſo klappern ſie fort in Ewigkeit,— da fing ich an, mit mei⸗ ner Farb' herauszurücken.„„Nun, ſo erzählt mir doch, Hußiten. 15 170 liebe Frau Pathin,““ begann ich liebevoll,„„was gibts denn Neues in Euerer Stadt? das Reſt iſt ja ganz leer?““— „Ei freilich,“ klapperte die Redſelige,„weil die Vögel ausgeflogen ſind.“ „Wohin denn?“ fragte ich neugierig. „Ei wohin, den Ungarn entgegen; Du wirſt wohl wiſſen, daß das lauter Heiden und Menſchen⸗ freſſer ſind; der liebe Himmel möge uns vor den Un⸗ garn und Zigeunern bewahren! die ſtehlen alle Kinder — ich bitt' dich, lieber Wuk, gib nur acht“— „Seid ganz außer Sorge, Frau Pathin; der mich in der Nacht ſtiehlt, bringt mich am Tage ge⸗ wiß zurück.“ „So wie ich gehört habe, werden die Ungarn noch Heute zurückkommen; es ſoll bei Deutſchbrod und Kuttenberg blutig zugegangen ſeinz das geht mich zwar nichts an— doch wenn ſie Heute kommen, wird's eine ſchöne Wirthſchaft geben!“ „Wenn man die Weiber in's Reden bringen will, muß man ſich recht neugierig ſtellen; das that ich denn auch“— ſo erzählte Wuk weiter,„und nun hatte ich bald Alles weg.“ „Ein gewißer Johann Pawletzhatte in der letzten Zeit im Rathe ſehr übel gewirthſchaftet, Raths⸗ n, n in 171¹ perſonen nach Belieben ab⸗ und eingeſetzt, ſich ſelbſt die höchſte Stelle zugeeignet, und das gemeine Volk aufgewiegelt; nun hatten ſich mehrere alte Bürger zu⸗ ſammengerottet, um dem Herrn Pawletz das Amt zu ſteuern, ſie wären aber jetzt,— erzählte mir die Schankfrau,— auf das Rathhaus gegangen, und man erwarte geſpannt den Ausgang;„„wenn die Unſri- gen noch Heute Vormittags kommen,““ ſagte ſie, da kann es blutig hergehen.“ „Hollah, Frau Pathin!“ rief ich,„da muß ich da⸗ bei ſein,“ und huſch war ich bei der Thüre draußen. „Ihr werdet wohl wiſſen, daß ich es in den Schank⸗ hauſern gewöhnlich ſo mache. Hol' der Henker die Schankhäuſer! Als ich auf dengroßen Ring kam⸗ hatte ich Urſache, mich gar höchlich zu verwundern. Wo war nur all das Geſindel hergekommen? als wenn es aus der Erde herausgewachſen wäre! der ganze Platz war Euch zum Erdrücken voll. Männer, und Weiber bunt durcheinander, Alles ſchaute gegen das Rathhaus und verhielt ſich ruhig. Die Gegner des Herrn Johann Pawletz befanden ſich ſchon oben, auch dieſer ſammt ſeinen Freunden. Die Fenſter wa⸗ ren offen, das Thor unten auch, aber Wachen ſtan⸗ den davor.— Hol' der Henker die Wachen!— Wir hörten die oben poltern, ſtreiten und ſchreien. Geht 172 mich nichts an— dacht ich mir wie die Frau Pathin, — aber nach einer Weile ſchritt eine, in rothem Scharlach gekleidete Geſtalt über den Platz— zwei Burſche folgten ihr, Alles machte ihnen mit Grauſen Platz.— Es fing mir an, ſo gewißermaßen kalt über den Rücken zu laufen, meine Spürnaſe witterte Et⸗ was, was ihr nicht behagen mochte.„Wer iſt das?“ fragte ich ein nebenſtehendes Weib.—„Das iſt Mei⸗ ſter Wazlaw!“ erwiederte ſie. Gegen einen ehrba⸗ ren Meiſter hatte ich nun freilich nichts einzuwen⸗ den; aber das Ding ließ mir doch keine Ruh' ich wen⸗ dete mich wieder zur Alten. Ja, mein liebes Mütter⸗ chen nun weiß ich's erſt nicht, wer der rothe Mann iſt; iſt er ein Schuſter, ein Schreiner, oder ein ehr⸗ barer Böttchermeiſter?“—„Warum nicht gar?“ kreiſchte die Alte,„der Henkermeiſter von Prag und kein Anderer!“— Mich hätte bald der Schlag getroffen!— Donnerwetter! es war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich ihn geſehen habe; aber ich werde ſeinen Anblick nie vergeſſen, der liebe Himmel möge mich hübſch ferne von ihm halten, bis an mein ſeliges Ende.— Hol' der Henker den Prager Hen⸗ ker! Zu meiner größten Beruhigung war Meiſter Wazlaw durch das Rathhausthor verſchwunden und ich athmete wieder friſch auf. Eine Weile war „ NN— ——— 4——„— —, — n, m 173 Alles ruhig, dann wurde plötzlich das Thor des Rathhau⸗ ſes geſchloſſen; ich gaffte hin, man hörte nichts, drinnen war Alles ſtill, als ob die Sache recht friedlich abge⸗ laufen wäre— aber potz Hochzeit! ſo was kennen die Prager nicht; auf einmal begann in der Rinne, die vom Brunnen des Rathhaushofes hinausläuft, blut⸗ rothes Waſſer heranzuſtrömen und wir ahnten das Geſchehene.“— „Kaum wurde das Blut geſchaut, da hättet Ihr den Spektackel ſehen ſollen: in einem Nu war das Rathhausthor geſprengt,— das war Euch ein Leben? Donnerwetter! die könnens ſo gut, wie wir. Herr Pawletz ſammt ſeinen zehn Freunden lagen ent⸗ hauptet auf dem Boden, die Henkersknechte waren beim Abwaſchen des Blutes unvorſichtig umgegangen; nun wurde über die Andern hergefallen, Alles wurde niedergemacht. Allein das genügte den Stürmenden noch nicht, ſie wollten auch Lohn für ihre Mühe haben; was recht iſt, iſt auch billig, die Häuſer der Rathösherrn wurden erſtürmt, geplündert;— ich war auch dabei, um mein Schärflein beizutragen, aber man mußte in mir den Landklotz erkennen:„Greif zu, Burſche!“ ſchrie ein feiſter Fleiſchhauer, als man eben einen ſchweren Schrank durchs Fenſter ſchleuderte,„aber 174 ich dreh' dir das Genick' um, wenn du Dir nur einen Pfennig zueigneſt.“ „Geht Euerem Viehe an den Hals, und nicht einem ehrlichen Menſchenkinde!“ rief ich und machte mich aus dem Staube. Die Hauptſache, daß die Hu⸗ ßiten noch immer im Vortheil ſeien, hatte ich ſchon früher erfahren; nun wollte ich mir noch einen Ab⸗ ſchiedstrunk bei der Frau Pathin holen, aber proſ't die Malzeit, da haben ſie mir einen derben Riegel vorgeſchoben. Kaum kam ich in die Judenſtadt, da gings noch blutiger her, die mußten erſt recht das Bad ausgießen. Die Gaſſen waren voll vom Volke, die Häuſer wurden geplündert, die Juden gemordet, ihr Gut geraubt;— glaubt Ihr, ich wäre im Stande geweſen, zum„naſſen Fetzen,“ zu gelangen? Das war unmöglich; es war die höchſte Zeit, ich mußte fort, es kam mir verdammt ſchwer, ſo mir nichts dir nichts mit hungrigem Magen vom vollen Tiſch zu gehen; aber ich traute den Pragern nicht, ich hatte Meiſter Wazlaw geſehen, und das war genug!“ „Eins konnte ich mir aber doch nicht verſagen: einen todten Juden habe ich ein Büſchel Haare aus dem Barte geriſſen, weil man mit denſelben verſchiedene Zauberſtückchen machen könne;— ich hab's von einem alten Weibe gelernt.— Doch nun zum Schluß, der k k ——.—— m ie m 175 ganz kurz werden ſoll. Als ich wieder auf den Ring kam, verbreitete ſich plötzlich die Nachricht, die Brüder kämen jetzt heimgezogen, ſiegreich, der blinde Zizka an ihrer Spitze auf einem großen Wagen;— ich konnte leider die Hatz nicht abwarten, und machte mich auf den Rückweg, welchen ich auch, der Henker wird es mir Dank wiſſen, friſch und geſund zurückgelegt habe.“ Wuk ſchwieg. Hinek blieb in Nachdenken verſunken, er war geſonnen, für jetzt den Siegern ſeine Hilfe anzubieten; ehe er jedoch mit dem Plane ins Reine kommen konnte, kehrten die beiden Ausge⸗ ſandten mit den zwei Gefangenen zurück. Dieſe waren Wenzel und Marga.— Die Alte war ganz erſtarrt; ſie wurde gleich von mehreren Weibern in Empfang genommen, die ſich mitleidig ihre Pflege angelegen ſein ließen. Wenzel aber wurde vor Hinek geführt. Zum Lobe des Junkers können wir es ſagen, daß ſchon ſeit dem Augenblicke, da er an Marga's Seite in den Sarg gelegt worden, eine bittere Reue in ſei⸗ nem Herzen erwacht war. Er konnte ſich's nicht ver⸗ bergen, daß Er die Haupttriebfeder war, die, durch Liſchka in Bewegung geſetzt, ſeinen Bruder aus dem väterlichen Hauſe brachte. Das traurige, nur 176 durch ihn herbeigeführte Schickſal der alten Marga laſtete eben ſo ſchwer auf ſeinem Herzen, er erkannte es, daß nun der Zeitpunct da ſei, um die verdiente Strafe zu dulden und ſeine Verbrechen zu ſühnen. Als er, von Marga begleitet durch den Wald irrte, und ſein Fuß ſich erſt durch den Schnee einen Pfad bahnen mußte, als die Näße und Kälte ſeine Glieder erſtarren machte, Hunger und Durſt ihn quälten, da war Renate, Liſchka und die Bürgermeiſterſtelle vergeſſen; er gedachte nur ſeines Vaters und Georgs, ein wehmüthiges Gefühl beſchlich ſein Inneres, er fing an zu weinen. So wurde er von Wuk gefunden. Als Wenzel in die Höhle gebracht wurde, merkte er's, in welche Hände er gerathen war; der drohende Blick Hineks ließ ihn Unheil ahnen. „Woher?“ herrſchte ihm der Hauptmann entgegen. „Aus Luditz.“ „Wohin?“ „Nach P rag.“ „Haſt Du dort Geſchäfte, und welche?“ Wenzel ſchützte eine Ausrede vor; aber ſo ver⸗ legen und ſtotternd, daß Hinek die Lüge witterte. „Willſt du die Wahrheit mit oder ohne Zwang bekennen?“ r 177 Der Junker ſah das Gefährliche ſeiner Lage ein, und bekannte die Wahrheit. „Du ſollſt alſo die Hußiten zur Beſitznahme dei⸗ ner Vaterſtadt herbeiführen?“ ſprach der Anführer mit blitzenden Augen,„wer iſt denn in Luditz ſo ein eifriger Anhänger der Kelchner?“ „Der Stadtſchreiber Liſchka.“ „Liſchka?— Liſchka?— den Mann ſollte ich ja kennen!“ fuhr Hinek auf,„doch dieſes Namens gibt es viele im Böhmerlande.“ „Auch eine Frau nimmt ſich der Brüder an, ſie nennt ſich Renate.“— „Renate?!“ donnerte Hinek aufſpringend und mit ſo auffallender Wuth, daß der Junker entſetzt zurückbebte. „Sie iſt eine Witwe aus Prag,“ fuhr Wen⸗ zel furchtſam fort,„kennt Ihr ſie wohl?“ „Ob ich ſie kenne?“ ſchrie der Anführer,„frag' die Hölle, ob ſie den Teufel kennt, und ihr Hohn⸗ gelächter wird dir eine Bejahung künden. Renate! Renate! wenn ſie es wären!“— Unaufgefordert begann der Junker eine Perſons⸗ beſchreibung der Witwe, welcher Hinek mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit horchte. Das heftige Bejahen ſei⸗ 178 nes Hauptes ließ die Gier ahnen, mit welcher er einer Kunde von Renaten entgegen ſah.„Nur weiter!— Nur weiter!“ herrſchte er dem Junker zu, als dieſer ſich in der Beſchreibung ſchon erſchöpft hatte, und Wen⸗ zel erzählte nun von dem Treiben der Witwe; weis⸗ lich verſchwieg er aber ſeine Leidenſchaft zu ihr, dage⸗ gen redete er unumwunden von ihren Verhältniſſen zu Liſchka, von welchen er zwar keine offenbare Beſtä⸗ tigung, aber doch eine Ahnung hatte; warum hätte ſich denn auch ſonſt Renate mit ihm zu fliehen ge⸗ weigert? „Sie ſinds!“ ſchrie Hinek, als Wenzel geendet hatte.„Liſchka und Renate— der Fuchs und die Schlange! Sie haben ſich zuſammen⸗ gefunden. Ha, ſchändliches Weib! Du ſollſt es em⸗ pfinden, doß ich noch lebe, Dir zum Hohn, Dir zum Trotz, und zu Deinem Verderben! Du bleibſt mein Gefangener,“ wendete er ſich zu Wenzel, ves ſoll Dir an nichts abgehen; ich ſelbſt will einen Boten an Ziska ſenden, kömmt er herbei, ſo wollen wir uns ihm anſchließen, und Luditz ſoll und muß genom⸗ men werden!“ Wenzel wurde in ein Seitengelaß gebracht, und der Sohn des Bürgermeiſters von Lu⸗ ditz blieb als Gefangener in der Räuberhöhle. —„—— „ — 179 In derſelben Nacht, als ſich ſchon Alles zur Ru⸗ he begeben hatte, wälzte ſich Hinek ſchlaflos auf dem Strohlager. In ſeinem Innern tobte es furchtbar, alle Leidenſchaften waren aufgewühlt, wie wenn der Sturm die Krone eines Eichenwaldes zerzauſt. Die Dunkelheit um ihn her that ihm wohl; denn um ſo leich⸗ ter konnte er ſeinen Gedanken folgen, die, Verderben⸗ ſchwanger in die Ferne ſchweiften.„Alſo in Luditz,“ ſo brach ſich ſeine Wuth in Worten Bahn,“ in Lu⸗ ditz niſtet die Viper, die mein Leben mit ihren Spei⸗ chel vergiftet, die mich um meine Ruh', um meine Glückſeligkeit gebracht. Renate, Du haſt ſchlecht an mir gehandelt. Du haſt viel Uebles auf der Welt ge⸗ ſtiftet; aber Deine Zeit iſt um, der Sand Deines Le⸗ bensglaſes iſt abgelaufen, mit dem Verrathe von Lu⸗ ditz haſt Du Deinem Thun die Krone aufgeſetzt; ich will Dich nun unſchädlich machen. Du haſt mich töd⸗ ten wollen, glaubſt mich auch ſchon längſt tedt, aber das Schickſal hat mich erhalten, Dir zum Verderben und zu Deinem Untergange! Du biſt der Hölle verfallen, ſchon hat Dich der Tod an den Haaren gefaßt; elen⸗ des Weib! Du wirſt untergehen, ganz Deines Lebens würdig!“ Hinek ſchwieg.— Das verderbendrohende Loos war über das friedliche Luditz geworfen! Ein heuch⸗ 180 leriſch' Weib hatte es heraufbeſchworen, ein Weib, das zum Hohne des Himmels, jedes ſanfte Gefühl verläugnend, nur Verrath und wilde Leidenſchaft in ihrem Herzen barg; ein Weib, welches ſchlecht genug war, den ungeliebten Gatten tödtendes Gift zu rei⸗ chen; doch hatte ihn ein höherer Wille erhalten und ihn nun der unheilbringenden Metze rachebrütend ent⸗ gegengeſtellt. —,„— e— 2— +— S— Fünfzehntes Kapitel. Indeſſen nah'te ſich der ſtolze Feind; Und eine weiße Stadt von Zelten ſtieg Schnell aus der Erd'; wie Meere ſahen ſo Beim Mondenſchein die lichten Wellen aus. „Eißides und Paches““ von E. Ch. v. Kleiſt. Die Sonne hatte bereits die Uebermacht über den Winter gewonnen, der ſtrenge Gaſt war in die Flucht gejagt— er ließ ſein zu Waſſer gewordenes Flocken⸗ kleid zurück und floh ſeiner Heimat, dem froſtigen Norden zu. Die ſtarren Eisrinden ſchmolzen von den Bergen herab, der warme Frühlingsodem hauchte ſchmucke Blümchen aus der Erde; ſchüchtern ſtreckten ſie ihre Köpfchen in die Luft, als wollten ſie ſich von der wirklichen Flucht ihres Feindes überzeugen, dünn ſproßten ſie empor und dufteten der lieben Sonne ih⸗ ren Dank entgegen. Milde Lüfte ſäuſelten über den grünen Frühlingsmantel der Erde, als unterhielten ſie 182 ſich in Liebesworten einig miteinander, allein die Men⸗ ſchen wollten dieſe ſanfte Sprache nicht verſtehen; ihre Herzen waren verſtockt, ihre Sinne waren zu beſchäf⸗ tigt, als daß ſie der Natur und ihren Geheimniſſen hätten lauſchen ſollen; es war nicht die Zeit des Frie⸗ dens, der Ruhe; der Krieg hatte die Herzen verwil⸗ dert, die Gemüther aufgeregt, das Auge an Blut, das Ohr an Sterbegeröchel gewöhnt, es war die Zeit des Hußitenkrieges. Wo biſt Du ſchönes Böhmerland mit Deinen duf⸗ tigen Fluren, grünnächtigen Auen und goldführenden Strömen? Mein Auge ſucht Dich vergebens.— Oder ſind es etwa die von Roſſeshufen zerſtampften Felder, die eingeäſcherten Städte, das vom Blut⸗ dampf umhüllte Land, welches ich mit dem Namen „Böhmen“ begrüßen ſoll?— Ja, Du biſt's, ich erkenne Dich kaum wieder. Du biſt's, armes Land, von den eigenen Kindern niedergedrückt, von den ei⸗ genen Söhnen in eine Wüſte verwandelt!— Doch fort, ich darf bei dem Anblick im Großen nicht verweilen— nur eine Scene des ausgedehnten Bildes kann ich malen, und wer ſich dieſe verhundert⸗ facht zu denken im Stande iſt, der hat auch Dein Elend, unglücklich Böheim, im ganzen Umfange vor Augen! en ten ert⸗ ein nge 183 Am Oſtermontage des Jahres 1422 zogen die Prager unter Ziskas Anführung aus, um die feſte Stadt Luditz in ihren Beſitz zu bringen. Ein langer Zug bewegte ſich auf der Straße gegen Pil⸗ ſen, unregelmäßig dem Anſcheine nach, aber doch eine gewiſſe Ordnung beobachtend. An der Spitze zog das leicht bewaffnete Pragervolk, mit Spießen, Pfeil und Bogen verſehen; es bildete gleichſam die Vorhut, und wurde zu Streifereien gebraucht, weil es ſich nicht ſo ſehr durch Tapferkeit, als durch Schlauheit und Liſt aus den kitzlichſten Lagen herauszufinden wußte. Hinter den Pragern kamen zwei ungeheuere Kriegs⸗ maſchinen, die den Namen der„Schleudern“ führten; die Eine war neu und gehörte den Neu⸗ ſtädtern, die andere aber den Altſtädtern. Da damals die Stücke noch nicht ſehr üblich waren, ſpiel⸗ ten dieſe Schleudern bei Belagerungen die Hauptrol⸗ len, und bildeten das beſte Wurfgeſchütz. Sie wur⸗ den in einzelne Theile zerlegt, auf Wagen verladen, und auf dieſe Art von einem Orte zum andern ge⸗ ſchafft. Hinter dieſen kam eine Abtheilung von Zis⸗ ka's Hußiten, kräftige Burſche und Männer mit ver⸗ wegenen Geſichtern, aus denen alle Eigenſchaften eines fanatiſchen Kriegers blitzten. Es war vielleicht keiner unter ihnen, der menſchlich genug geweſen wäre, einem 184 gefangenen Feinde aus freiem Antriebe das Leben zu ſchenken; ihre Herzen waren ſo, wie ihr Aeußeres verwildert, durch das ewige Metzeln und Morden wa⸗ ren ſie unempfindliche Kriegsmaſchinen geworden, die zwar ſelbſt den Tod nicht ſcheuten, aber deßwegen auch jeder mildern Empfindung unzugänglich waren, und mit Menſchen ſo, wie mit lebloſen Dingen um⸗ gingen; es waren Krieger, wie ſie nur aus der Schule eines Ziska hervorgehen konnten, und wie ſie auch nur ein Ziska zu gebrauchen verſtand. Dieſe Hu⸗ ßiten waren mit eiſenbeſchlagenen Dreſchflegeln, mit zackigen Morgenſternen, mit Partiſanen u. ſ. w. be⸗ waffnet; ſie waren es, die nur dann auf den Sturm⸗ leitern erſcheinen, wenn ſchon der erſte Anlauf des Fußvolks zurückgeworfen worden war; ſie waren es aber auch, denen noch keine, irgend zugängliche Mauer bisher Widerſtand geleiſtet hatte. Die ſchwarzen Kru⸗ ſten von Menſchenblut auf ihren Waffen hielten ſie für die größte Zierde; an jeder ihrer Hände klebten vielleicht hunderte von Menſchenleben!— An die Abtheilung der Hußiten ſchloßen ſich die Kriegswagen. Sie leiſteten doppelte Dienſte. Auf dem Marſche führten ſie in einer langen Reihe alle Kriegs⸗ bedürfniſſe mit,— und im Lager wurden ſie in ein Viereck, zwei, drei Wagen breit, durch Ketten ver⸗ 185 bunden, geſchlichtet, und bildeten die ſogenannte Wa⸗ genburg, die bei gehöriger Vertheidigung jedem Sturme der Angreifer Trotz zu biethen vermochte. In der Mitte der Reihe war auf einem Wagen ein ſänf⸗ tenähnlicher Aufſatz ſichtbar; in dieſem befand ſich der ſeit der Belagerung von Rabi ganz blinde Anfüh⸗ rer der Hußiten, Ziska von Troznow, die Seele des grauſamen Krieges, der Held, wenn man einen Schlachtenſchläger ohne Menſchenherz— einen Helden nennen kann. Auch zwei Kanonen oder Stücke, wie man ſie damals nannte, fehlten dem Zuge nicht:— Howor⸗ ka und Trubaczka waren ihre Namen*)— die Büchſenmeiſter befanden ſich in ihrer Nähe; den gan⸗ zen Zug beſchloß eine andere Abtheilung der Hußiten. Verderbenſchwanger bewegte ſich das Heer gegen Lu ditz zu. Wie ein bedrohtes Wild im Buſche ver⸗ borgen, vor dem Gebelle der ſpürenden Hunde erzit⸗ tert, ſo ängſtlich war das Treiben in dieſer Stadt. Drei Tage früher, ehe ſich der Zug noch in Bewegung ſetz⸗ te, hatte der königliche Hauptmann ſchon durch ſeine Freunde heimliche Kunde davon erhalten. Er begann *) In jener Zeit, wo die Schießgeſchütze noch ſelten wa⸗ ren, erhielt jedes Stück ſeinen Namen. 16 — 186 daher ſchnell alle jene Arbeiten, die bei bevorſtehender Belagerung unumgänglich nothwendig waren. Im Einverſtändniſſe mit dem Rathe, ließ er alle vor der Mauer liegenden Gebäude abreißen; die Einwohner wurden in der Stadt untergebracht, die Bürger muß⸗ ten ſich bequemen, mit den Söldnern gemeinſchaftli⸗ chen Dienſt zu leiſten; unter alle Erwachſenen wur⸗ den Waffen vertheilt, und zum Ruhme jener Bürger muß man es geſtehen: daß Jeder freudig ſeine Arbeit verrichtete, und ſich in den Waffen einübte. Selbſt Frauen,— nach dem Beiſpiele anderer Städte,— verſchmähten es nicht, hilfreiche Hand zu bieten, und das Ihrige zur Errettung der Vaterſtadt beizutragen. Die heimlichen Anhänger der nahenden Feinde waren die Thätigſten; um keinen Verdacht auf ſich zu laden, mußten ſie ſo handeln; ſie wären ſonſt im edlen Ei⸗ fer der Uebrigen ſchon bei der geringſten Entdeckung verloren geweſen. So rege und lebendig hatte es in Luditz ſchen lange nicht ausgeſehen; überall ſah man bewaffnete Jünglinge und Männer, kein Geſchlecht, kein Alter war ausgeſchloſſen. Jetzt war der Zeitpunct da, wo man die Söldner hervorzuziehen begann. Man erkannte ihre Wichtigkeit nur zu ſehr. Dieſe waren es, welche jedes Geſchäft leiteten, und überall als Muſter dien⸗ ren en ing n lete lter nte lche 187 ten. Die Schaarwache wurde ihnen einverleibt, es wurde Alles aufgeboten, die Zahl der Vertheidiger zu vergrößern, denn nur die Uebermacht ſetzt eine unge⸗ übte Schaar in den Stand, verſuchten Kriegern zu widerſtehen. Bei all dieſem Eifer für die gute Sache gab es jedoch immer noch Viele, die ſich eines leiſen Fröſtelns nicht erwehren konnten, wenn ſie an die Hußiten dach⸗ ten; der Name„Hußit“ war eben ſo furchtbar wie:„Ziska.“ Die ungezogenſten Kinder wurden durch die Drohung:„Ziska kommt“ zum Schweigen gebracht; mit dieſen Namen verband man alle Schre⸗ cken, die die Phantaſie eines Menſchen zu erſinnen vermag;— war alſo den friedlichen Bürgern ein leiſes Unglücksahnen zu verargen? Die Reichen ver⸗ gruben ihr Gold und Silber in den Kellern, Jene, die nichts zu verlieren hatten, waren am muthigſten. Auf den Plätzen wurden die gemeinſchaftlichen Arbei⸗ ten verrichtet, die Gaßen waren voll Leben, und Einer ſuchte es dem Andern zuvorzuthun. Der königliche Hauptmann entfaltete in dieſen wenigen Tagen den ech⸗ ten Krieger; mit einer bewunderungswürdigen Gei⸗ ſtesgegenwart ordnete er Alles an, half und war über⸗ all, bald hier— bald dort— überall war er zu ſe⸗ hen, überall zu hören; er tröſtete, befahl, 6* 188 wie es die Nothwendigkeit erheiſchte. Sein Selbſtver⸗ trauen war ſo groß, daß er eine glückliche Vertheidi⸗ gung für möglich hielt, und das wollte bei einer ſo unvortheilhaften Lage, wie die der Stadt Luditz iſt, ſchon viel ſagen, da die umliegenden Höhen als eben ſo viel dominirende Punkte dalagen, von wo aus der Stadt ein unendlicher Schaden zugefügt werden konnte. So war der Abend des Dienſtages nach Oſtern herangekommen, als die ausgeſandten Kundſchafter mit der Schreckensnachricht zurückkehrten, daß die Vorhut der Hußiten ſchon im Anzuge ſei; die Brü⸗ cken wurden nun ſchleunig aufgezogen, die Thore ge⸗ ſchloſſen und verrammelt, nur Eines wurde zu etwai⸗ gen Ausfällen frei gelaſſen; die Wachen auf den Ring⸗ mauern wurden verdoppelt, auf den hohen Thurm der Stadtkirche wurden verläßliche Männer geſtellt, die Bewegung des Feindes in der Nacht ſo viel als mög⸗ lich zu beobachten, und bei einem allenfalſigem An⸗ griffe die Sturmglocke zu läuten; gefüllte Woſſerfäſſer auf beſpannte Wägen geladen, waren auf den Ring geſtellt, um angezündete Gebäude zu löſchen, und ſo ward jede Sorge getragen, um durch nichts überraſcht zu werden. Indeſſen begann das Lager der Hußiten, wie aus der Erde emporzuſteigen;— die unüberwindliche 189 Wagenburg war errichtet— nach und nach flammten die Wachtfeuer vor den Zelten auf;— Ziska hatte ſich mit keinem zu großen Belagerungs⸗ heere verſehen, da er die Kunde von der Schwäche der Ringmauern erhalten hatte; auch war ſein Heer etwas geſchwächt, und er glaubte mit dem„Ratten⸗ neſte“ ſchon bald fertig zu werden. Mitten im Lager der Huſſiten erhob ſich ein ho⸗ hes geräumiges Zelt, eine weiße Fahne mit dem gol⸗ digen Kelche flatterte vor demſelben, und zwei nar⸗ benbedeckte Krieger hielten an dem Eingange Wache. Das Innere dieſes Zeltes war hell erleuchtet, zwei Männer befanden ſich darinnen, und hielten wichtige Rückſprache mit einander. Der Eine, eine ſtämmige unterſetzte Geſtalt, ſchon hoch in Jahren, ganz ge⸗ rüſtet; ſein ſchwarzgelbes, ſonnverbranntes Antlitz von tarben durchfurcht, die vorſpringende Stirne durch einen Lederhelm verdeckt, von deſſen Schild ein brei⸗ ter Lappen herabhing, um ſeine Blindheit zu verhül⸗ len; eine kühngebogene Adlernaſe, ein röthlicher Kne⸗ belbart, waren dabei noch deutlich ſichtbar,— er ſaß oben an, ſein Haupt in die rechte Hand geſtützt, die Füße weit auseinander gebreitet, und der Rücken an⸗ gelehnt. Dieß war Jan Ziska von Troznow. 190 Der andere, ein jugendlich käftiger, eben ſo bewehrter Krieger, mit zwei düſter ſprechenden Augen, einem ganz glatten, bartloſen Antlitze, war eben im Sprechen begriffen und erſtattete dem Anführer Be⸗ richt; er ſaß ihm zur Linken und ſchien ein Vertrau⸗ ter desſelben zu ſein. „Dein Bericht, Bruder Prokop, iſt ſehr um⸗ ſtändlich,“ erwiederte Ziska, vich ſehe im Geiſte das ganze Neſt vor mir liegen. Hier unſer Lager, da unten die Stadt mit der Ringmauer, dort die Kir⸗ che, drüben der Schloßberg, unten die Lomnitz— ich glaube, es kann keinen ausdauernden Widerſtand leiſten.“ „Ich pflichte Deiner Meinung bei, Feldherr,“ verſetzte Prokop,„wir haben ja Verbündete in der Stadt, die auch das Ihre thun werden.“ „Verlaſſ' mich nicht darauf,“ ſprach Ziska, vich traue nur mir und keinem Andern. Was meinſt Du, es wäre eine hübſche Ueberraſchung für das Krä⸗ mervolk drinnen, wenn wir noch heute Nacht einen Sturm unternehmen möchten?“ „Viel gewagt,“ entgegnete Prokop bedäch⸗ tig,„Deine Leute ſind ermüdet— der Andrang zu ſchwach— daher der Verluſt zu groß.“ — 191 „Haſt recht,“ ſtimmte Ziska ein; viſt der er⸗ ſte Sturm abgeſchlagen, dann bekommen die Hunde drinnen noch mehr Muth;— iſt Hinek mit ſei⸗ nen Schaaren eingetroffen?—“ „Ja,“ erwiederte Prokop,„ich habe ſein La⸗ ger an das unſere anſchließen laſſen; aber Feldherr, ich habe ſchon lange Etwas auf meinem Herzen, wel⸗ ches ich Dir jetzt mittheilen muß. Dieſer Hinek mit ſeinen Burſchen gefällt mir nicht. Es ſind zwar verwegene, tolle Kerle; aber warum ſchließen ſie ſich nicht für immer unſerem Heere an? Heute kommen ſie, morgen gehen ſie und ſchleppen ihren Theil der Beute mit ſich fort, nicht um ihn in Ruhe zu verzeh⸗ ren, ſondern um ihre Schlupfwinkel vollzufüllen, von wo aus ſie Krämer und Reiſende einfangen und be⸗ rauben; mit einem Worte: es ſind Wegelagerer, die, wenn ſie an unſerer Seite kämpfen, unſere Fahnen ſchänden.“ Ziska hatte aufmerkſam Prokop's Worten gelauſcht, und erwiederte jetzt:„Du haſt nicht ganz Unrecht, mein Lieber; aber nimmſt Du ſie nicht an, ſo gehen ſie zu den Feinden über, und wir haben doppelten Nachtheil; ich will mich ihrer jeduch auf die ſchönſte Art entledigen, wenn nur Luditz ge⸗ nommen iſt. Gute Nacht, Prokop!“ Der Ver⸗ 192 traute des Feldherrn wollte ſich entfernen, als dieſer wieder begann:„Noch Eins— laß' die Stadt umſtellen— damit ſich keine Verräther in's Lager ſchleichen— halte ſtrenge Mannszucht— ſonſt ver⸗ ſalzen mir die Burſche die Suppe. Im Uebrigen darf nichts ohne meinen ausdrücklichen Befehl geſche⸗ hen!“ Ein Wink ſeiner Hand entfernte Prokop, und er befand ſich allein. Es war ſchon tief in der Kacht; im Lager war's bereits ruhig geworden, die Feuer waren erloſchen, aber Ziska ſaß noch immer wach im Zelte und hing ſeinen Gedanken nach. Wie durch einen magiſchen Spiegel ſah er im Geiſte, ſich das ganze Gemälde ſeines Lebens entwi⸗ ckeln; ein Bild folgte dem andern, der Landsknecht im deutſchen Kriege, der Junker an König Wen⸗ zels Hof, der Führer an der Spitze der Prager Bürger, und endlich der ſiegreiche Feldherr der Huſ⸗ ſiten, ſtanden im Bilde vor ſeiner Seele in ihrer gan⸗ zen Wirklichkeit. Noch einmal begann er jetzt die ge⸗ waltigen Schlachten zu ſchlagen, das Wüthen der Stürmenden, das Geheul der Verwundeten, Todes⸗ röcheln, Weibergekreiſch, das Winſeln unſchuldig ge mordeter Kinder und Greiſe. Alles drang marker⸗ ſchütternd in ſein Ohr; es däuchte ihm, als tanzten all' die tauſend und tauſend blutigen Leichengeſtalten im un ter vo Fr eir he vo ſch 193 im geſpenſtiſchen Reigen um ihn herum; er hörte das Klagen der Waiſen, Witwen, kinderloſen Eltern und verlaſſenen Bräute; er ſah die Ströme des Va⸗ terlandes blutig dahin rauſchen, die Berge wähnte er von Leichen aufgethürmt, die Städte dünkten ihm Friedhöfe mit klaffenden Gräbern, und er ſelbſt, in einer Wolke, aus Blutdampf geformt, fuhr in den Lüften dahin, wie der ſchwarze Tod, wenn er un⸗ heimlich einherrauſcht.— „Heiliger Gott!“ ſchrie Zis ka auf, ſprang vom Feldſtuhl— und das gräßliche Gebilde war ver⸗ ſchwunden. Hußiten. Sechzehntes Kapitel. Vei meinem Leben, dieſer Tag wird heiß; Ein böſer Luftgeiſt ſchwebt um Firmament, Und ſchleudert Unheil. „König Johann““ von Shakspeare⸗ Der Morgen war herangebrochen, friedlich und hei⸗ ter, gemüthlich und ruhig, wie der ſechſte Schö⸗ pfungsmorgen, an welchem der Menſch aus der bil⸗ denden Hand des Schöpfers hervorgegangen; trau⸗ lich ſchien ſich die erwachende Erde in ſeine Arme zu ſchmiegen, wie die Braut einen Geliebten umfängt; der wolkenloſe Himmel ſchaute mit dem großen Son⸗ nenauge auf das ſtille Bild des Friedens, deſſen Ruhe nur zu bald durch Kriegsgeſchrei und Waffenklang ver⸗ ſchlungen werden ſollte. Das kriegeriſche Treiben im Lager der Huſſiten begann bereits ſeinen Anfang zu nehmen. Unweit der Ringmauer, außer dem Bereiche der Bogenſchüße der Belagerten, erhoben ſich die beiden Schleudern, e„„———„—„„ 8S 8 — —+, 195 von ſchweren Steinen und leicht brennbaren Stoffen umgeben, um bei erhaltenem Befehle die Häuſer der Stadt zu zerſtören und in Brand zu ſtecken; die bei⸗ den Feuergeſchütze wurden auf zwei nahliegenden An⸗ höhen mühſam aufgerichtet, und von den Büchſen⸗ meiſtern zum Gebrauche vorgerichtet. Wer die Unbe⸗ weglichkeit jener Maſſen zu der Zeit, als die Geſchütz⸗ kunſt noch in der Wiege lag, kennt, wird die An⸗ ſtrengung leicht ermeſſen, die ihr Fortſchaffen, Auf⸗ ſtellen, und ihre Bedienung benöthigten; mit allem Aufwande von Geſchicklichkeit und Kraft konnte ein großes Geſchütz in einem Tage höchſtens ſechsmal ge⸗ laden und abgefeuert werden. Das Prager Fußvolk, von Hineks Leuten verſtärkt, ſollte den erſten Sturm wagen, im Hintergrunde waren Zis ka's Huſſiten zur Unterſtützung bereit. Vor ſeinem Zelte, unter der großen Glaubensfahne, ſaß der Feldherr auf einem erhöhten Sitze, hundert bewehrte Krieger bildeten ſeine Leibwache. Pro kop eilte ab und zu, um Befehle zu empfangen, und ſelbe wieder an die Unterbefehlshaber zu ertheilen. „Bruder Ziska!“ meldete der eben herbeiei⸗ lende Vertraute,„die Vorkehrungen ſind getroffen, die Schleudern gefüllt, die Geſchütze geladen; kann der Sturm beginnen?“ 17* 196 „Noch nicht,“ entgegnete der blinde Anführer, „ſende früher einen Herold und laß' die Stadt in meinem Namen zur Uebergabe auffordern, ich will ihnen Gnade angedeihen laſſen, wenn ſie ſich freiwil⸗ lig zur Fahne des Kelches bekennen!“ Bald darauf wurde der Herold von zwei An⸗ führern begleitet, durch ein kleines Seitenpförtchen eingelaſſen, und auf den Ring gebracht. Der voll⸗ zählige Rath, on ſeiner Spitze den königlichen Haupt⸗ mann, hörte ruhig die großſprecheriſche Aufforderung des Heroldes an. „Ihr Bürger von Luditz,“ lautete ſie:„Zis⸗ ka, der unüberwindliche Streiter des Kelches, läßt Euch friedlich erſuchen, ihm die Thore Euerer Stadt zu öffnen, damit er einziehen, und die Fahne des Kelches aufpflanzen könne; er ſichert Euch Leben und freien Abzug zu, mit ſammt Euerem beweglichen Hab und Gut; im Weigerungsfalle wird er Euere Häuſer beſchießen und anzünden, wird die Mauern erſtür⸗ men, die Stadt in einen Schutthaufen verwandeln, und Keinem von Euch, weſſen Alters, Geſchlechtes und Standes er auch ſein mag, das Leben ſchenken!“ Nachdem der Herold geendet hatte, erhob ſich der königliche Hauptmann und ſprach:„Vermeldet dem Feldherrn der Huſſiten, daß wir ſeine durch Euch N — —— 197 an uns gerichtete Aufforderung vernommen, und ver⸗ ſtanden haben; zugleich erwiedern wir darauf Folgen⸗ des:„Als Diener unſeres rechtmäßigen Königs und Herrn ſind wir verpflichtet, dieſe Stadt bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Wenn wir aber auch dürften, würden wir ſeinen Verſprechungen dennoch keinen Glauben ſchenken, da wir aus Erfah⸗ rung die Schickſale von Rockizan, Raudnitz und anderer Städte und Schlöſſer hinlänglich kennen, und wiſſen, wie wenig ſeinen Verträgen Glauben zu ſchenken ſei. Seine Drohung, daß er allen Bewoh⸗ nern der Stadt, vom Säuglinge bis zum Greiſe, ans Leben gehen werde, wollen wir ſehr willig glau— ben, da ſein und ſeiner Krieger Thaten längſt ſchon in unſere Ohren gedrungen ſind. Dieß vermeldet Euerm Feldherrn, kein Wort mehr, keines weniger!“ Die Abgeſandten wurden hierauf bis an die Ring⸗ mauer zurück geleitet, durch das Pförtchen gelaſſen und die Brücke wieder aufgezogen. Kaum hatte Ziska die Antwort des Luditzer Rathes vernom⸗ men, als er wüthend aufſprang, und nur mit Mühe von ſeiner nächſten Umgebung beſänftigt werden konnte. „Prokop! Prokop!“ ſchrie er mit weithallender Stimme,„wo biſt Du? Prokop, laß' ſchießen, ſchleudern, ſtürmen!— Ruft mir Prokop auf 198 der Stelle!— Hunde! wollt Ihr mir Prokop rufen? Ich laſſ' Euch, Einen nach den Andern ſtatt der Steine in die Schleuder legen— holt mir Prokop!—“ Endlich eilte der Gerufene herbei.„Schnell,“ ſchrie ihm der wüthende Feldherr entgegen,„laſſ' ſtürmen, leg' die Leitern an, die Glaubensfahne ſoll mit;— ſtürmt— Tod und Verderben dem aufge⸗ blaſenen Krämervolke!“ Die Ringmauer von Lu ditz war zahlreich mit Bewaffneten beſetzt; zwiſchen den dunklen Männern ſchimmerten auch weiße Frauengewänder hervor. Die Glocken des Thurmes begannen in langſamen Schlä⸗ gen Sturm zu läuten; die erſte Nachmittagsſtunde war bereits vorüber— in der geöffneten Kirche betete der Prieſter,— die ſämmtliche übrige Bevölkerung ſtand theils auf der Mauer, theils in der Nähe der⸗ ſelben, um bei der Vertheidigung hilfreiche Hand zu leiſten.— Nun wurden im Lager Ziska's die Schleu⸗ dern in Bewegung geſetzt, die Stücke abgefeuert, und das Prager Volk mit Hinek's Burſchen begann den Sturmlauf. Ihr gewaltiges Geſchrei durchgell⸗ te die Luft, und miſchte ſich mit ihrem Waffengeraſſel; wie ein langer Wald von Lanzen ſtürmten ſie heran, 8—— — — 68 199 das Werk des Todes war im vollen Gang. Ein Pfeilregen ſchwirrt ihnen von der Ringmauer entge⸗ gen; Viele ſtürzen verwundet zu Boden, über ſie hinweg drängen die Hintern, jetzt ſind ſie beim Gra⸗ ben angelangt, ein zweiter Pfeilregen empfängt ſie, aber der Nähe wegen viel ausgiebiger als der erſte. Hunderte brechen wieder zuſammen, doch vergebens, die Andern find ſchon in der Tiefe, an die Leichen der Brüder werden die Sturmleitern geſtemmt. „Nur hinan!“ erdröhnt eine muthige Stimme aus dem Getöſe heraus;„hinan!“ ſchreien tauſend Andere nach. Schon zum vierten Male ſauſen die Pfeile den Stürmern entgegen, neue Scharen ſtürzen, die Andern verfolgen muthig ihre Bahn, und beginnen die Leitern hinanzuklimmen. Da ſtürzen von den Mauern gewichtige Steine, und reißen blitz⸗ ſchnell die Kletternden mit ſich zurück in die Tiefe. Die eifrigen Vertheidiger zu ſchrecken, wurden zwar von drüben Pfeile auf ſie abgeſchoſſen; allein der Fer⸗ ne wegen war ihr Flug nur matt, ſie erreichten kaum das Ziel. Richts entmuthigte die Bürger und Söldner. „Nur hinab mit den Steinen,“ ſchrie ein kampf⸗ luſtiger Krämer, empfing eine kleine Laſt, und ließ ſie auf die Raſenden hinabgleiten. Ein Schrei von unten herauf kündete ihm den gelungenen Wurf. 200 „Behagen Euch die Klöße, Ihr hußitiſchen Hunde?!“ ſchrie er hinab, und fuhr fort in ſeinem tödtenden Geſchäfte. Meiſter Marzek, der Schmied, arbeitete wie ein Rieſe auf der Mauer. Der Schweiß troff ihm von der Stirne, aber er war unermüdlich; ungeheuere Laſten, die ſechs Andere kaum fortzubringen vermoch⸗ ten, trug er ohne Anſtrengung, und ſchleuderte ſie den Stürmenden entgegen.„Hollah! Meiſter Miß⸗ lik,“ ſchrie er dem nachbarlichen Schneider zu, „heute gefallt Ihr mir, nur zu, will Euch helfen; Ihr könnt ja kaum die Kleinigkeit heben, ſo— ſo— müßt Ihr's machen!“ Mit einer Hand faßte er bei dieſen Worten die Laſt, und warf ſie in die Höhe, daß ſie im Falle in die Tiefe des Grabens ſank. Zwei Stunden währte der Sturm, das entſetzliche Brüllen der Angreifer, das Geheul der Verwundeten, das Geſtöhn der Sterbenden, und endlich das Summen der Sturmglocke bildete ein ohrzerreißendes Getöſe; aber die Vertheidiger waren noch unermüdet auf den Mauern, wenige nur wurden getödtet, die meiſten leicht verwundet; dagegen hatten die Belagerer ſchon eine beträchtliche Anzahl verloren, das Prager Fuß⸗ volk war gelichtet, von Hinek's Burſchen, die am tollſten waren, mehr als die Hälfte gefallen. 201 Durch Prokop bewogen, befahl Ziska vom Sturme abzulaſſen; wie Rüden, wenn ſie mit her⸗ aushängender Zunge, ſchweißtriefend von der Wild⸗ hetze zurückkehren, ſo war das ſich zurückziehende Fuß⸗ volk anzuſchauen. Die Stücke waren während des Sturmes noch einmal abgefeuert worden, allein ohne bedeutenden Schaden; auch die Schleudern, welche bisher nur Steine hineingetrieben, hatten keinen em⸗ pfindlichen Verluſt verurſacht. Als die Vertheidiger den Rückzug bemerkten, athmeten ſie friſch auf, und ſahen erwartungsvoll den kommenden Stunden ent⸗ gegen; ein abgeſchlagener Sturm war der Lohn ih⸗ rer heldenmüthigen Vertheidigung. Ziska war außer ſich vor Wuth; ſolchen Widerſtand hatte er kaum geahnt, unmuthig bezogen die Zurückgekehrten wieder ihr Lager. Prokop und Ziska ſaßen wieder rathſchla⸗ gend im Zelte des Feldherrn; der Letztere wollte noch einen Sturm dem bereits abgeſchlagenen folgen laſſen; allein Prokop war dawider.„Das Volk iſt be⸗ reits entmuthigt,“ ſprach er,„der Abend da, willſt Du die müden Prager noch einmal in den Graben jagen, ſo kehrt kaum ein Drittel von ihnen zurück.“— Zis ka geberdete ſich zornig.„Prokop!“ erwiederte er ernſt,„ſeitdem es dem Himmel gefal⸗ 202 len hat, mich ganz mit Blindheit zu ſchlagen, ſeit⸗ dem vertrittſt Du die Stelle meiner Augen, und ob⸗ wohl das Kriegsglück uns immer hold geweſen, will es mich doch bedünken, als ob es bei Schlachten und Angriffen nicht mehr ganz ſo, wie früher zugin⸗ ge; iſt meine Blindheit oder etwas anderes daran Schuld, ich weiß es nicht— genug es iſt ſo.—“ „Deine Befehle, Feldherr!“ entgegnete Pro⸗ kop mißmuthig,„werden ſtets pünklich vollzogen.“ „Will's glauben,“ ſprach Ziska,„aber man kann eine Sache auf zweierlei Art thun; ein Befehl kann gut vollzogen werden, und dennoch nicht ſo, wie es der Ertheilende im Sinne hatte— verſtehſt Du mich?—“ „Ich glaube ja,“ erwiederte Prokop,„nach dem morgigen Sturm, ſollſt Du hievon die Ueber⸗ zeugung haben.—“ Raſch entfernte er ſich aus dem Zelte des Feldherrn.— An das Lager des Prager⸗Volkes grenzte jenes von Hinek's Burſchen. Der Anführer der Buſch⸗ klepper lag auf dem Strohlager und wirre Gedanken durchkreuzten ſeine Seele, als Wuck raſch zu ihm trat.„Biſt Du wach, Bruder Hauptmann?“ ſchrie er, dann ſetzte er aber flüſternd hinzu:„Ihr müßt mir's ſchon zu Gute halten, daß ich Euch Bruder —— — ecer e— 203 nenne, in dem verfluchten Lager ſind lauter Brüder, die aber einander die Haut abſchinden möchten; alſo, daß ich ſage: ich habe wieder was Neues ausge⸗ wittert;— zum Henker! Bruder, das könnt'ein Stück⸗ chen geben.“ —„Laſſ' hören, was gibt's?—“ „Weißt Du, daß das Prager Fußvolk unwirrſch iſt? Sie ärgern ſich darüber, daß ſie immer die Erſten auf den Leitern ſein müſſen, und Ziska's Dreſchflegel geſchont würden, ſie wollen noch heute Nacht das Lager verlaſſen.—“ „Das wär' ſchlimm!“ grollte Hinek mürriſch. „Dieſer Meinung bin ich auch, aber ich wüßte ein anderes Mittelchen; was glaubſt Du, wenn wir dem Bruder Ziska ſo—“ er machte die Vewegung des Stechens—„ſo einige Kleinigkeiten beibrächten, und dann, mit den Pragern vereint, auf unſere Fauſt die Stadt ſtürmten?—“ „Was würden aber die Andern ſagen?“ „Die brauchen ja nichts davon zu wiſſen; in der Morgendämmerung kann Alles geſchehen ſein, und ich glaube, Prokop wird ſelbſt froh ſein, wenn ihm Ziska einmal den Platz räumt.“ 204 „Tolles Unternehmen,“ warf Hinek ein, ſchwieg aber doch; ein Beweis, daß er den Vorſchlag einer Ueberlegung würdige. „Wer wird ſich aber an den Feldherrn wagen?“ 9 fuhr er nach einer Weile auf. 8 „Das iſt freilich ein kitzlicher Punkt— ich e Hauptmann, Du weißt, ich taug' nicht dazu— beim a Spüren und Kundſchaften thu' ich meine Schuldig⸗ n keit; aber den Dolch führ ich verteufelt unſicher— doch ich hab' ſchon Jemanden ausgeſucht;— erinnerſt r Du Dich noch des Krautjunkers und des alten Wei⸗ C bes, welches ich vor einigen Tagen in unſere Höhle n gelockt? die befinden ſich hier im Lager, das alte Weib iſt eine Erzfeindin der Hußiten, die würde n ganz dazu taugen.—* ſt „Ich will mir die Sache überlegen,“ ſprach v Hinek raſch,„hol' mir ſchnell den Junker her.“ 2 Wuck entfernte ſich; nach einer Weile trat* Wenzel ins Zelt.„Du warſt nicht beim heutigen Sturm?“ redete ihn Hinek an. „Ihr hattet mir ja meine Bitte, zurückzublei⸗ ben, bewilligt.“ „Ich habe Dich zu anderer Dienſtleiſtung auf⸗ geſpart, erſt wenn die Stadt genommen ſein wird, ſ )„— 205 ſoll Dein Geſchäft beginnen. Kennſt Du jeden Schlupfwinkel in der Stadt?“ „Ich glaube ja.“ „Auch in den einzelnen Häuſern, beſonders auf dem Ring?“ Wenzel bejahte auch dieſe Frage.„Ich werde Dich brauchen können. Wenn die Thore der Stadt geſperrt ſind, halte Dich mir zur Seite. Das alte Weib iſt bei Dir im Zelte, ſende ſie her, ich hab' mit ihr zu ſprechen.“ Während ſo im Lager der Feinde finſt'rer Ver⸗ rath geſponnen wurde, trugen ſich in der bedrängten Stadt Scenen zu, die unſerer Beachtung vollkom⸗ men würdig ſind. Unter den Kämpfern auf der Mauer waren während des Sturmes auch Frauen und Mädchen ge⸗ ſtanden. Frauen und Mädchen, zarte Geſchöpfe, die vom Himmel zur Sanftmuth geſchaffen, die wie die Roſen, unter den Menſchen nur durch ihren KFörper⸗ reiz und Liebesduft den rauhen Mann bezaubern ſol⸗ len. Frauen und Mädchen waren auf der Mauer ge⸗ ſtanden; von Tod und Verderben umwogt, von Schrecken und Grauſen umwogen, ſtritten ſie für ihre Vaterſtadt, für ihre Kinder und für ihren Glauben. Die ſchwachen Arme waren ſtark wie Eiſen, ſie ſahen Blut, und umflorten ſich nicht, ſie hörten To⸗ 206 desröcheln und bebten nicht; die Begeiſterung hatte ſie zu Männern gemacht. Als der Sturm vorüber war, wurden die Ver⸗ wundeten in ihre Häuſer gebracht, und den alten Mütterchen zur Pflege übergeben, welche nicht ander⸗ weitig im Dienſte des Vaterlandes thätig ſein konn⸗ ten. Die Männer blieben auf der Mauer, und ge⸗ noßen der Erquickungen, die nun von den Frauen ſchnell herbeigeſchafft wurden. Trank und Speiſe mundeten ihnen trefflich, denn das Bewußtſein, eine heilige Pflicht erfüllt zu haben, erleichterte ihre Herzen. tur Einer war, der an Speiſe und Trank nicht denkend, auf der Ringmauer ſuchend, umher⸗ wandellk, mit einer ängſtlichen Haſt, die aus jeder ſeiner Bewegungen hervorſchaute.— Es war Georg. Mila, welche ſich ſammt ihrem Bruder in der Stadt befand, ſeitdem die Bewohner der Vorſtadt dahin gezogen waren, war während des Sturmes auch auf der Mauer geweſen; der Gedanke, daß die Geliebte an ſeiner Seite kämpfte, begeiſterte den Jüngling, und ließ ihn heldenmüthig ſeine Pflicht er⸗ füllen; allein als der Sturm abgeſchlagen war, und er der Jungfrau nicht anſichtig wurde, begannen Zweifel ſein Herz zu quälen; Zweifel, ob ſie denn „———,———,—,—.—, ——„———— „— 207 auch lebend aus dem Streite gekommen ſei; konnte ſie nicht verwundet oder gar todt ſein?— Der Ge⸗ danke jagte Todesſchrecken durch ſeine Pulſe, er ge⸗ dachte wohl des Vorſatzes, von ihr, bis zur Recht⸗ fertigung ſeines Vaters, ferne zu bleiben; allein er wollte ſie ja nur ſehen, um ſich ihres Lebens zu ver⸗ gewiſſern, und war dieß der Fall, ſo wollte er ſie gerne wieder meiden, wenn ſie ihm nur erhalten war. Er begann nun die Geliebte zu ſuchen; bald er⸗ fuhr er, daß mehrere ſchwach verwundete Mädchen und Frauen fortgebracht worden ſeien; allein unter dieſen war ſie nicht, wie er ſich bald überzeugte; da⸗ her ſchritt er längs der Mauer fort, ſo weit ſich der Sturm ausgedehnt hatte; die herein gebrochene Däm⸗ merung ließ ihn jedoch die Gegenſtände nicht mehr ſo genau erkennen. Da flimmerte plötzlich in der Ferne ein weißes Gewand, eine unſelige Ahnung durchzuckte ſeine Seele; mit Blitzes ſchnelle hatte er den Ort er⸗ reicht, es war ein menſchlicher Körper.— Eine Frauen⸗ geſtalt lag hingeſtreckt, mit dem Haupt an den Zaun eines Gartens gelegt,— ſein Herz drohte ihm im Leibe zu zerſpringen— er neigte ſich zu ihr hinab. „Heiliger Gott!“ ſchrie er, von einem gewaltigen Entſetzen ergriffen,„Mila, meine Mila iſt todt!“ Und wie der Sturmwind, wenn er das Blatt einer 208 geknickten Roſe faßt, und mit ſich fort in die Lüfte wirbelt, ſo riß er die lebloſe Jungfrau empor, ſeine Arme umſchlangen die geliebte Laſt, mit Blitzesſchnel⸗ le ſtürmte er davon. Ohne zu wiſſen, wohin ihn die Füße trugen, eilte er vorwärts, ſein Herz pochte zu gewaltig, als das er das leiſe Schwingen in dem Buſen der Jungfrau gefühlt hätte, ſeine Wangen waren zu glühend, um den Wärmehauch ihres blaſ⸗ ſen Antlitzes zu empfinden— er wähnte ſie todt— unerrettbar verloren! Und immer ſtürmte er weiter— er war auf den Ring gelangt; jetzt erſt erwachte der Gedanke in ihm, wohin er ſie eigentlich bringen ſollte; es war Nacht, wem konnte er die Geliebte anvertrauen? Vielleicht wär' doch noch Rettung möglich? Der Gedanke goß neues Bewußtſein in ſeine Seele.„Nein!“ rief er— „ſie kann, ſie darf nicht todt ſein, ſie muß gerettet werden, und ſollte ich ihr Leben mit dem Meinigen erkaufen!“ Ohne es zu wollen, war der Söldner bei dem Hauſe ſeines Vaters angelangt, ein neuer Sturm durchwirbelte ſeine Seele; ſollte er die Ge⸗ liebte ſeinem Vater anvertrauen— ſeinem Vater, der ihn ihrentwillen verſtoßen hatte? „Ja,“ ſchrie er auf,„ich will— er iſt kinder⸗ los, ſie ſoll ihm eine liebende Tochter werden; durch 209 ſie ſoll er mich wieder lieben lernen!“ Unaufge⸗ halten ſtürmte er in's Haus. Der Greis ſaß in ſeinem Gemache, die alte Marga wollte eben den Nacht⸗Imbiß auftiſchen, als Georg mit der lebloſen Jungfrau hereinſtürzte.„Vater!“ rief er ihm flehend ent⸗ gegen,„helft, rettet, meine Mila iſt verwundet — todt— mich ruft die Pflicht auf die Ring⸗ mauer— ich muß hinaus— ſeid menſchlich, ſie hat für Lu ditz geblutet!“ Er ließ die geliebte Laſt auf eine Polſterbank niedergleiten, ſtürzte zu den Füßen des Greiſes, drückte zwei heiße Thränen auf deſſen zitternde Hände, und ſtürmte fort, mit qualzerriſſenem Herzen Siebenzehntes Kapitel. Frohlockt der Schurke auch, daß ein Betrug Ven ſeine Liſt erſonnen, ihm gelinge, Ermäge Du's nur zeitig und genug; So fängſt Vu ihn in ſeiner eig'nen Schlinge. J. N. Vogl. Die Nacht war ſtill und heiter. Wachen hielten die Ringmauer beſetzt, ein Theil der Vertheidiger durfte vor, der andere nach Mitternacht der Ruhe pflegen, damit ſie am folgenden Tage ungeſchwächt dem Feinde die Stirne biethen konnten; unterhalb der Ringmauer loderten die Wachtfeuer, um welche Bürger und Söld⸗ ner, friedlich gepaart, herumlagen und die Stunden durch mannigfache Geſpräche kürzer machten. Ganz abſeits von einem Haufen lag Georg, viel ruhiger als wir ihn ver einigen Stunden verlaſſen hatten. Die alte Mar- za hatte ihm nähmlich einen Boten geſandt, der ihm die Nachricht brachte, daß er um ſeine Mila ganz unbekümmert ſein möge; eine unbedeutende Wunde 1) —, ₰—) ———, 211 haite ihr eine ſchwere Ohnmacht zugezogen, aus der ſie aber ſchon erwacht ſei, und die Heilkräutlein der Haushälterin würden nun ſchon das Uebrige thun; es wäre nicht zu bezweifeln, daß die Jungfrau in der kür⸗ zeſten Zeit geneſen werde.„Zugleich,“ ſetzte der Bote hinzu,„läßt Euch die Haushälterin künden, daß der alte Herr ganz beſorgt um das holde Engelsbild ſei, und von ihrem Lager gar nicht weichen wolle; er habe auch an dieſem Abende ſchon viel Thränen vergoſſen, was ein beſonderes gutes Zeichen ſei,“ und noch eine Menge anderer Sachen meldete Marza, die ſich der Bote gar nicht hatte merken können. Wer war nun ſeliger als Georg, da er dieſe frohe Kunde vernommen hatte; um in ſeinen freudigen Gefühlen nicht geſtört zu werden, hatte er ſich von den Andern entfernt; er wollte ungehindert den frohen Gedanken nachhängen, die ſich, wie von einem wirren Knäuel, in ſeiner Seele ablösten und in bunter Menge um ihn herumwirbelten. Sein freude⸗ trunkenes Auge hing thränenfeucht am nächtlichen Him⸗ mel, der, wie ein blauer Schirm über die Erde ge⸗ ſpannt, durch kein einzig Wölkchen getrübt war. Eine rieſige Leuchte, ſegelte der Mond durch die Luft, wie Diamanten glänzten die Sternlein, um beim beginnenden Morgen als Perlenthau auf die Er⸗ 212 de herniederzuträufeln. Dieſes Bild des Friedens wirkte wohlthätig auf den Söldner; es ſchien ſich ſeinem In⸗ nern mittheilen zu wollen, die Welt war ihm ein blü⸗ hender Garten geworden, wo der gütige Schöpfer mit milder, väterlicher Hand ſeine Blumen, die Menſchen, wakket, wo er ſie pflegt und ſchützt vor Sturm und Froſt; und unter allen dieſen Blumen ſtand beſonders eine Einzige da, die er, wie von Sonnengold umflo⸗ ßen, vor ſich prangen ſah; die Krone der Holden däuch⸗ te ihm von ſchimmerndem Gewöik umwoben, und ſtatt der Staubfäden blitzten Perlen aus ihrem Kelche her⸗ vor; die Stelle der Blätter vertrat ein luftiger Schleier, und je mehr er in dem geiſtigen Anſchauen der Engels⸗ blume verſunken war, deſto deutlicher prägte ſich ihr Bild in ſeiner Seele aus; jetzt war es zur Vollkom⸗ menheit gediehen, deutlich erkennbar ſtand es vor ihm, es war— Mila. Das liebliche Bild war in ſeiner Seele ſchon längſt verronnen, und noch immer lag er ruhig da, als horche er dem Schweigen der Nacht; da be⸗ merkte er plötzlich eine Geſtalt an ſich vorüberſchleichen, eine Geſtalt, deren Umriße er im Mondſchein zu er⸗ kennen glaubte. Als ſie bereits vorüber war, und ſich eine ziemliche Strecke von ihm entfernt hatte, erhob er ſich raſch vom Boden und ſchlich ihr nach. Zum Vor⸗ theile des Söldners hatte ſich der Mond eben hinter —„—— n— O—„— S———,—„ —„—— —„— „) 213 ein Gewölke verkrochen, welches dicht genug, keinem ſeiner Strahlen Durchgang geſtattete. Dadurch fiel ein ſchwarzer Schatten auf die Erde, welcher die nur etwas ferneren Gegenſtände nicht erkennen ließ. Die Geſtalt zog ſich immer längs der Ringmauer hin, bis ſie ein Eck derſelben erreicht hatte. In dieſer Gegend war es faſt gänzlich öde, eine einzelne Schildwache ſtand in ziemlicher Entfernung, die aber ihre ganze Aufmerkſam⸗ keit auf das Außenfeld gerichtet hatte, wo ſich das La⸗ ger des feindlichen Heeres ausdehnte, deſſen Wacht⸗ feuer aus der Ferne wie brennende Fackeln herüberlo⸗ derten. Georg hielt ſich immer nahe an dem verdäch⸗ tigen Manne; dieſer begann nun die Ringmauer hin⸗ anzuſteigen; unfern davon erhob ſich ein Thurm, den der Söldner durch einen Umweg ſchnell erreicht hatte, und deſſen Schatten ihn unbemerkt das Treiben des Schleichers um ſo leichter erkennen ließ, da der Mond wieder hervorgekommen war. Als der nächtliche Wanderer den Vorſprung der Mauer erreicht hatte, kauerte er ſich nieder, und zog aus ſeiner Verhüllung einen Gegenſtand hervor, in welchem Georg eine Armbruſt erkannte. Dem Söldner war dieß um ſo auffallender, da er ſich nicht erklären konnte, was der Mann mit einem Bogenſchuß in finſte- rer Nacht bezwecken wolle. Er blieb eine Weile ſinnend 214 ſtehen, da bemerkte er draußen zwei dunkle Geſtalten auf dem Boden daherkriechen, die man leicht für Hunde hal⸗ ten konnte, zugleich drang ein ſchlechtnachgeahmtes Bel⸗ len herüber. Auf dieſes Zeichen erhob ſich die Geſtalt auf der Ringmauer, ſpannte die Armbruſt und— nun däuchte es dem Lauſcher die höchſte Zeit, er ſtürzte hervor; der Mann ſchrak gewaltig zuſammen— er wollte eben einen Pfeil auf die Armbruſt legen, allein Georg hatte ihn im Nu erfaßt, darniedergeworfen und den Pfeil vom Bogen geriſſen. Ein Angſtgeſchrei des Angegriffenen lockte die Schildwache herbei; Georg verſtändigte den Herbeigeeilten von dem Vergefallenen und trug ihm doppelte Aufmerkſamkeit auf, dann faßte er den Gefangenen und ſchleppte ihn mit ſich fort. Es war Liſchka. „Junker Georg!“ flüſterte der Schreiber, ſich gegen die Kraft des Söldners ſtemmend,„haltet ein, um Gotteswillen, nur einen Augenblick haltet ein!“— „Schurke!“ herrſchte ihm der Andere zu,„ſchweig' — Du biſt reif für die Strafe!“„Um des Himmels⸗ willen! laßt mich los,“ flehte der Stadtſchreiber,„ich hatte nichts Böſes im Sinne, ich bin unſchuldig!“ „Das wird ſich zeigen,“ erwiederte der Söldner und zerrte den Verräther mit ſich fort.— Zetzt wa⸗ ren ſie auf dem Orte angelangt, wo der größte Theil er 215 der Bürger ihr Nachtlager aufgeſchlagen hatte und in den Armen des Schlafes lag. Georg wollte keine Störung verurſachen, um die Ermüdeten nicht zweck⸗ los zu wecken, allein das immerwährende Bitten des Stadtſchreibers hatte einen noch wachen Bürger auf die Kommenden aufmerkſam gemacht, er erhob ſich; ſeine rieſige Geſtalt kam den Beiden gerade in den Weg zu ſtehen.„Was gibts hier für eine Wispelei?“ fragte er mit dumpfer Stimme.„Was ſeh' ich— Ihr ſeids Junker Georg? wen zerrt Ihr denn da nach Euch?“—„Einen Verräther!“ lautete die Antwort. „Verräther?“ donnerte der rieſige Schmied, denn er war der Aufgeſtandene, und faßte mit beiden Fäu⸗ ſten den Stadtſchreiber am Arme, daß dieſer das Mark in ſeinen Beinen zerquetſcht glaubte; er ſtieß ein Weh⸗ geſchrei aus, und die Umliegenden ſprangen erſchrocken auf.„Was gibts?“ ſchrieen mehrere Stimmen zu⸗ gleich, und in einem Nu war die Gruppe umrungen. „Was ſolls geben,“ polterte Meiſter Marzek, „einen Schurken, den Junker Georg ertappt hat; laß Dir doch n'mal ins Geſicht ſchauen, du nächtli⸗ cher Schleicher,“ wandte er ſich zu Liſchka und hob deſſen Haupt in die Höhe.„Der Stadtſchreiber iſt's!“ ſchrie er erſchrocken, und alle Umſtehenden wie⸗ derholten ſtaunend den Ausruf:„Der Stadtſchreiber!“ 216 „Ei du verfluchteFederſeelel“ donnerte der Schmied, „Du ſchleichender Schurke, daß Dich alle neun und neunzig Teufel, wie eine Gans in den Lüften zerzau⸗ ſen mögen, Du räudiges Schaf— Du Hußit Du!— Junker Georg, holt ſchnell den königlichen Haupt⸗ man herbei— ich will den Schurken ſchon indeſſen feſthalten.— Du verdammter Lügenmeiſter“— wen⸗ dete er ſich wieder zum Stadtſchreiber, als ſich Georg entfernt hatte,„Du elende Spulcreatur, die ſo ſchwarz wie die Dinte iſt, mit welcher Du immer herumgekri⸗ tzelt haſt— was haſt Du im Schilde geführt?“ „Nichts— gar nichts!“ jammerte der wie Eſpen⸗ laub zitternde Stadtſchreiber.— „Nichts?“ ſchrie der Schmied, und verſetzte ihm einen Stoß, daß ihm die dürren Beine zuſam⸗ menknakten. „Hilfe, Hilfe!“ kreiſchte der Mißhandelte. „Der Teufel mit ſeinen Geſellen wird Dir helfen und kein ehrliches Chriſtenkind,“ ſchalt der Harte wei⸗ ter,„bekenne oder“— er erhob die Hand zum zwei⸗ ten Male.—„Meiſter Marzek,“ ſprach ein ehrba⸗ rer Bürger,„mißhandelt den Menſchen nicht im Vor⸗ aus— iſt er ſchuldig, ſo wird ihn die Strafe noch zeitig genug ereilen.“— 2 „Ob er ſchuldig iſt?“ höhnte der Schmied,„wer 3 2 217 , daran zweifelt, der kennt den Buben nicht. Da ſchaut d her,“ er ließ den Stadtſchreiber eine Minute lang ⸗ los,„da ſchaut her, wie er ſteht und zittert, wie eine — alte— der liebe Himmel mög' mirs verzeihen, aber t⸗ ſo'ne Vogelſcheuche— ſo'ne heuchleriſche Glattzun⸗ n ge,— ein Klumpen Eiſen ſtatt ſeiner hätte der Welt n⸗ mehr genützt.“ g Der königliche Hauptmann, von Georg be⸗ rz gleitet, kam herbeigeeilt, eine indeſſen hoch angefachte i⸗ Flamme bot hinlängliche Helle, die ganze Gruppe zu beleuchten. Mit einem furchtbaren Blicke ſtand der n⸗ Hauptmann vor Liſchka, dann wandte er ſich zu Georg:„Erzähle.“ te Georg begann nun den Vorfall zu berichten, n⸗ wie er ſich ergeben hatte, dann überreichte er dem Hauptmanne den Pfeil, welchen er dem Stadtſchrei⸗ ber abgenommen hatte. An dem Geſieder desſelben war en ein Blatt befeſtiget. Der Hauptmann riß es ab und 25 las:„Morgen, während des Sturmes werde ich Euch ei⸗ das Seitenpförtchen auf der entgegengeſetzten Seite, ⸗ alſo am weſtlichen Thore der Stadt, öffnen, ich habe or⸗ mir bei Zeiten Wachsabdrücke aller beſondern Schlüſ⸗ och ſel zu verſchaffen gewußt.— Iſt Wenzel bei Euch? — Empfehlt mich der Gnade des Feldherrn. Euer Bru⸗ det der Liſchka.“ Hußiten. 19 2¹8 Staunen und Entſetzen ergriff die Umſtehenden. „Verräther!“ donnerte der Hauptmann,„Dein Loos iſt geworfen! Haſt Du die Gefangenen entfliehen laſſen? bekenne!“ „Ja, ich war es,“ ſtotterte Li ſchka,„Gna⸗ de, Gnade.“— „O mein unſchuldiger Vater!“ jammerte Georg. „Ich habe nie daran gezweifelt,“ ſprach der kö⸗ nigliche Hauptmanz„allein ich konnte nicht anders; jetzt iſt er gerechtfertigt.“ Das Entſetzen der zahlreichen Bürgerſchaft hatte ſich in das bittere Gefühl der Rache verwandelt. „Schlagt ihn todt!— Henkt ihn! Steiniget ihn!“ ſchrieen mehrere Stimmen, und ehe es der königliche Hauptmann verhindern konnte, hatte der Schmied den Stadtſchreiber erfaßt, und eilte mit ihm die Mauer hinauf.„Mir nach,“ rief der rieſige Eyklope, und der ganze wüthende Haufe eilte hinter ihm her. „Schonet Meiner, ich will Alles bekennen!“ ächzte Liſchka und klammerte ſich an den Rieſenleib des Meiſters. Jetzt waren ſie auf der Kante der Mauer angelangt. „Hinunter mit ihm! hinunter!“ ſchrie die ra⸗ chedurſtige Menge.„Laßt nur mich ſorgen!“ donnerte Marzek; mit kräftiger Hand riß er den Stadtſchrei⸗ 21¹9 ber von ſich los und faßte ihn mit der Rechten an die Schulter;— Liſchka zappelte wie ein Fiſch, der eben aus ſeinem Elemente gezogen wurde,— dann hob ihn der Schmied frei in die Höhe— einen Augenblick lang ſchwebte der Verräther außer der Mauer in der Luftz Meiſter Marzek öffnete die krampfhaft geſchloſ⸗ ſene Hand— Todtenſtille erfolgte— dann erdröhn⸗ te ein dumpfer Schlag aus der Tiefe des Grabens, und Liſchka war nicht mehr.— Der königliche Hauptmann und Georg brachten den Reſt der Nacht im Hauſe des alſogleich frei gegebenen Bürgermei⸗ ſters zu. Achtzehntes Kapitel. Was heißeſt Du in Mitten meines Laufes Wich ſtille ſtehen und mein Werß verlaſſen? Schillers„Jungfrau von Orleans.“ Der Zeitpunkt war nicht mehr ferne, wo das Nachtleben der Sterne zu Ende geht, wo ſich die goldenen Thore des Tages öffnen und die Morgenröthe ſich wie ein flam⸗ mendes Meer über die Erde ergießt; aber noch immer herrſchte das Schweigen der Nacht, wiewohl ſich ihr Dunkel in ein halbes Dämmern umgewandelt hatte;— da ſchlich durch das Lager der Hußiten ein altes Weib. — Niemand bemerkte ſie, denn Alles pflegte noch der Ruhe, immer näher kam ſie der Mitte des Lagers, wo das Zelt des Feldherrn ſtand. Die Wache vor dem⸗ ſelben lehnte, von den Armen des Schlafes umfan⸗ gen, an der Wand desſelben, ungehindert konnte die Alte eintreten. Jetzt fühlte der ſchlummernde Hußitenführer ein leiſes Rütteln ·„Ziska,“ ſprach eine ſchwache Stim⸗ 3.) le lit te m ro al er bi ge be w es m des m⸗ ner 221¹ me,„wach' auf, ich habe Dir eine wichtige Botſchaft zu künden.“ Erſchrocken erhob ſich der blinde Anführer.„Wer biſt Du?“ fragte er, nach der Sprechenden greifend. „Ich bin ein Weib,“ ſprach ſie,„ein Weib, das Dich morden ſoll.“— „Morden? Mich morden?“ „Ja, Ziska, fühlſt Du das kalte Eiſen?“ ſie lehnte die flache Klinge eines Dolches an ſein Ant⸗ litz, ves wurde mir in die Hand gegeben, Dich zu töd⸗ ten.— Ziska! ich bin ein armes Weib aus Lu⸗ ditz, Marga iſt mein Name, frage mich nicht: wer mich gedungen, es ſei Dir genug geſagt, daß der Ver⸗ rath aus der Mitte Deines Lagers hervorging; ich aber will der Stadt, die mich geboren, einen Dienſt erweiſen, und wiewohl ich eine Feindin der Hußiten bin, ſo wäre mir mit Deinem Tode doch nicht gedient geweſen, denn auch ohne Dich würden Deine Leute Lu⸗ ditz geſtürmt und meinen Heimathsort vernichtet ha⸗ ben. Ziska, Dein Leben iſt in meiner Hand ge⸗ weſen, ein Stoß und Du wärſt nicht mehr, ich habe es Dir gerettet, ziehe ab von Luditz, vergelte Du meiner Vaterſtadt, was ich an Dir Gutes gethan habe.“ 222 „Der blinde Anführer war eine Weile ruhig und ſtumm geſeſſen, und noch immer, als Marga ſchon längſt ſchwieg, blieb ſeine Antwort aus. „Ziska,“ begann die Alte wieder, vzieh' ab von Luditz!“ „Weib!“ ſprach der Hußit dumpf vor ſich hin, „was forderſt Du von mir?“ „Nichts, als Erbarmen,“ fuhr die Alte fort, „laß den Kindern ihre Eltern, und mach' ſie nicht zu Waiſen, mach' aus glücklichen Frauen nicht ſchutzloſe Witwen.“ „Geh, geh, Marga!“ ſprach der Feldherr gütiger,„laß ab von mir, was Du mir gethan, will ich Dir auf andere Weiſe vergelten.“ „Nein, nein! Ich bin alt und lebensſatt, ich bedarf nichts mehr, da drinnen aber ſind wohl tauſend Andere jung, fromm und lebenswerth, o ſchenk ihnen Dein Erbarmen, zieh' ab von Luditz!“— „Bedenke die Schande, die mich treffen würde, zöge ich unverrichteter Dinge von ſo einem kleinen, ſchlechtbefeſtigtem Orte ab, da feſtere Plätze mir nicht zu widerſtehen vermochten!“ „Schande? Großmuth nennſt Du Schande? Edelſinn und Menſchlichkeit wären bei Dir Schande?“ n err vill end „Weib!“ drohte der Blinde, nur Dir geſtatte ich dieſes Wort.“ „Ziska, Du biſt blind, Du ſiehſt die Thrä⸗ nen nicht, die jetzt mein altes Aug' befeuchten, und wer keine Thräne ſieht, wer keine Thräne hat, der kann auch ihren Schmerz nicht fühlen.“— „Wohlan,“ ſchrie Ziska, im Innerſten ſeiner Seele ergriffen,„Deine Bitte ſei Dir gewährt, ich ziehe ab!“ In dieſem Augenblicke erdröhnten von Draußen dumpfe Kanonenſchläge, und ein fürchterliches Geheul drang ins Zelt.„Was iſt das?“ ſchrie Ziska erſchro⸗ cken. Marga ſprang zum Eingang des Zeltes und blickte hinaus.„Heiliger Gott! ſie ſtürmen ſchon!“ jammerte ſie verzweiflungsvoll. „Dann iſt's zu ſpät,“ ſprach Ziska und ſank erſchöpft auf ſein Lager zurück. Marga ſtürzte ver⸗ nichtet aus dem Zelte. Neunzehntes Kapitel.⸗ Ein Schuß, und wieder ſchnell aufwallt Die Flamm'— und eine Ladung knallt. Pon Innen hallt dann wild heraus Gemiſcht' Gekreiſch und Brüllen, Graus, Die Waffe klirrt,— es brüllt die Wuth; Der mordet, Jener liegt im Blut. „Burg Rokebi,“ von Walter Sevtt. Das Prager Fußvolk hatte bereits zu ſtürmen begon⸗ nen. Der ſtille, freundliche Morgen, der wie ein Frie⸗ densbothe aus dem Oſten heraufgeſtiegen kam, der ohne Schwertſtreich und Blutvergießen das blanke Heer der Sterne verſcheucht hatte, ja dem ſelbſt ihr Füh⸗ rer, in ſeiner ſchimmernden Silberrüſtung gewichen war, dieſer Gottesmorgen wurde mit wildem Kampf⸗ geſchrei begrüßt; man wußte nicht, ob der röthliche Schein am Himmel Strahlenglanz der Sonne, oder ein Widerſpiegeln der blutigen Erde ſei. Hatte ihnen der gütige Schöpfer die Ruhe der Nacht gegeben, daß ſie neue Kräfte zum Morden ſammeln konnten?* Oder en 225 ſollten ſie den Balſam der Ruhe in die ſtürmenden Seelen ſchütten, wie man Hel in die wogende See gießt, um die empörten Wogen zu beſänftigen?— Wer war der Tückiſche, aus deſſen blutlechzender Seele der erſte Krieg wie ein geharniſchtes Meduſenhaupt entſprungen war? Wer warf die tauſendköpfige, nichts verſchonende Hydra zum erſten Mal unter die friedli⸗ chen Menſchen? Wer ließ dieſe ewige Peſt jener un⸗ heilvollen Pandorabüchſe entgleiten?— O, warum Krieg zu allen Zeiten, warum Krieg in jedem Jahr⸗ hundert, warum iſt nicht„Friede“ das ewige Lo⸗ ſungswort der Erde?— PVielleicht weil Friede im Großen und Kleinen dieſe Erde zum Himmel umge⸗ ſtalten würde,— und das verdienten die Menſchen nicht!— Im Lager der Kelchner wußte Niemand, wer ſo zeitlich am Morgen das Zeichen zum Sturme ge⸗ geben hatte. Prokop ſtürzte in das Zelt des Feld⸗ herrn.„Bruder Ziska!“ rief er erſchrocken,„haſt Du den Angriff befohlen?“ „Ich nicht, die Burſche haben ihn wahrſcheinlich⸗ auf eigene Fauſt gewagt; aber alle Teufel! ſie ſollen's ſchwer büßen.“ „Auch die Stücke wurden abgebrannt.“ „Die Büchſenmeiſter werden gezüchtiget.“ 226 „Soll ich einzuhalten befehlen?“ „Das brächte Verwirrung und Schaden; unter⸗ ſtütze ſie vielmehr ſo kräftig als möglich, daß der Sturm ja nicht mehr abgeſchlagen wird!“ Prokop verließ eilig das Zelt.— Die Ver⸗ theidiger auf den Mauern hielten ritterlich Stand. Eine edle Begeiſterung ſtählte ihren Arm und vergrößerte die Ausdauer ihrer Kraft; die Männer ſtritten löwen⸗ müthig, und die Frauen leiſteten ihnen hilfreiche Hand, der Sturm hatte ſchon wieder eine Weile gedauert und noch war kein Vortheil errungen. Prokop eilte aufs Neue zu Ziska ins Zelt. „Bruder, wir müſſen das Volk zurückrufen, mit Lei⸗ tern gehts nicht.“ „Haben ſie ſich die Suppe eingebrockt, ſo ſollen ſie's auch auseſſen; laß die tollen Burſche, daß ſie ſich die Köpfe an den Mauern zerſchellen; heut' iſt's ihre Schuld.“— „Aber das unnütze Blutvergießen unſ'rer Leute?“ wendete Prokop ein. Ziska beſann ſich einen Augenblick, dann rief er:„Nun denn, in's Teuſels Namen! ſtürz' die Mauern ein und ſteck das Neſt in Brand.“ Der Schreckensbefehl wurde vollzogen. 227 Während das Prager Fußvolk und Hineks 6 Leute noch immer die Vertheidiger beſchäftigten, wur⸗ 1 den die Mauern der angränzenden Linie mit Steinen beworfen, und durch die Stücke beſchoſſen. Nicht lange konnte der ſchwache Bau der gewaltigen Erſchütterung B widerſtehen; die Steine lösten ſich nach und nach ab, rollten in den Graben, und während ſich die geräu⸗ mige Breſche bildete, wurde die Tiefe zugleich in et⸗ nd, was ausgefüllt. Der königliche Hauptmann hatte dieſen d neuen Angriff kaum bemerkt, als er ſogleich ſeine Maß⸗ regeln traf. Er zog die kräftigſten Vertheidiger zur Bre⸗ i ſche und ſtellte den ſchwach Stürmenden nur ſo große Streitkraft entgegen, als es für den Augenblick nöthig war. Freilich mußte er dadurch ſeine Macht theilen— 5 ein gewaltiger Vortheil für den Feind— allein er hoffte die Menge durch Muth zu erſetzen. Während dieſer höchſt wichtigen Augenblicke ließ Herr Peter den Bürgermeiſter zu ſich beſcheiden. Dieſer hatte, trotz ſeines Alters, ſchon vom frühen ef Morgen an auf den Mauern geſtanden und gefochten ie— ſchweißbedeckt eilte er herbei. B r„Herr Bürgermeiſter!“ ſprach der Hauptmann, und zog den wieder eingeſetzten Amtsherrn bei Seite; „die Feinde ſchießen Breſche, meint Ihr, daß wir 228 dem Andrange widerſtehen können?“ Herr Proko⸗ pius Hladek ſah den Frager zweifelhaft an. „Ich glaube nicht an die Möglichkeit,“ flüſterte ihm der Hauptmann ins Ohr.„Wir wollen indeſſen unſere Schuldigkeit thun bis zum letzten Augenblicke; aber es wäre eine gränzenloſe Tollheit: ſo viel Buͤr⸗ gerblut nutzlos zu vergießen.— „Glaubt Ihr zu kapituliren?“ „Davor möge mich Gott bewahren,“ erwiederte der Hauptmann,„ich und meine Söldner vertheidi⸗ gen die Breſche bis auf den letzten Mann,— aber die Bürger ſollen ſich retten.“ „Vor einem ſolchen Feinde iſt keine Rettung wahr⸗ ſcheinlich!“ „Wär's nicht möglich, ungeſehen aus der Stadt zu kommen?“ Der Bürgermeiſter ſann einen Augenblick nach, dann ſprach er:„Einen Weg wüßte ich wohl; mein Garten ſchließt rückwärts an die Stadtmauer, aus demſelben führt ein unterirdiſcher Weg ins Freie“— „Ich habe genug!“ rief der Hauptmann erfreut, „verlaßt die Mauer, Herr Bürgermeiſter, und beſorgt indeſſen die Rettung der Greiſe, Weiber und Kinder, aber ganz in der Stille; für das Uebrige werd' ich ſorgen!— Wenn Ihr einſt nach Luditz zurückkehrt, 229 ſo ſetzt mir zum Andenken einen Stein auf den Fried⸗ hof, und Euere Kinder und Enkel mögen ihn mit Blu⸗ men umkränzen.“ Der edle Krieger drückte dem Amts⸗ herrn die Hand, wiſchte ſich eine Zähre vom Auge, und ſchied,— um ihn nie wieder zu ſehen! Der Morgen war indeſſen bedeutend vorgerückt; hinter den Bergen ſtieg die Sonne blutigroth empor, und glitt, einem feurigen Schiffe gleich, durch die ſtil⸗ len Räume, zu denen ſelbſt das ohrzerſchneidende Kriegsgeſchrei nicht ſtörend zu dringen vermochte. Furcht⸗ bar erdröhnten die Würfe der Schleudern in die Ohren der Vertheidiger, aber ſie wurden nicht entmuthigt, ſondern ihr Muth wuchs mit der Gefahr. Jetzt war die Breſche geſchoſſen, und die Sturm⸗ reihen wurden geordnet; ſie beſtanden aus Zisk a's Hußiten, den fürchterlichen Kriegern, denen noch we⸗ nige Gegner widerſtanden hatten. Das Zeichen wurde gegeben— der Angriff begann! Fürchterlich war der Andrang der Stürmer; die altbewährten Dreſcher ſtießen ein gellendes Kriegsge⸗ ſchrei aus, ſchwangen ihre ſpitzigen Morgenſterne und ſtachlichen Dreſchflegel in der Luft, und ſtürzten in den Graben. Da wälzten ſich von oben ungeheuere Steine, zertrümmerte Säulen und mit Pech gefüllte Fäßer herab, die unten platzend, mit ihren glühenden Ein⸗ 230 geweiden die ſtürmenden Kelchner bedeckten. Wehge⸗ ſchrei durchzitterte die Luft, und mengte ſich mit dem Freudengeſchrei der Luditzer Helden. Die erſte Rei⸗ he der Stürmer zerſtob, eine andere nahm ihre Stelle ein— Pfeile ziſchten ihnen den blutigen Willkommen entgegen— hier ſank Einer zu Boden, dort ein Zwei⸗ ter, Dritter, aber wie blind rannten ſie in den Tod und nah'ten ſich der Breſche,— da ergießt ſich von oben ein glühender Regen, ſiedendes Hel beſchüttet die Dreſcher; wie eine Rudel wüthender Hunde ſtäu⸗ ben ſie heulend auseinander, die Hintern drängen je⸗ doch mächtig vor, die Weichenden mußten an der Mauer oder unter den Tritten ihrer Brüder verächzen, da er⸗ gießt ſich wieder über die ſtürmenden Sodomitten eine Flut von qualmendem Pech und Schwefel— wen das Feuer nicht erreicht, der ſinkt erſtickt von der peſtge⸗ ſchwängerten Luft.— Heulen, Aechzen, Röcheln, Krei⸗ ſchen durchhallt die Luft, ſchon wollen ſie wieder wei⸗ chen, da ſtürmt Prokop heran, er ſchwingt die Fahne des Kelches ober dem Haupte.„Mir nach!“ ruft er und eilt voran; wie trunken ſtürzen die Raſenden dem Führer nach, und jeder Vertheidigung zum Trotz muß⸗ ten die Wackern unterliegen. Der Himmel ſandte kein Wunder— und ohne dieſes konnten die Luditzer gegen die Uebermacht nicht ſiegen. ſtü leir die noc me wa der der ner rüe ſch Lei M ſer als ſen fab an leir 23⁴ Die Breſche war erſtiegen. Nun erſt warfen ſich die Vertheidiger den Feinden entgegen; mancher von dieſen ſtürzte durch einen kräftigen Stoß in den Graben zurück; al⸗ lein der Andrang war zu ſtark, überdieß wurden jetzt wieder die Sturmleitern angelegt, die Vertheidiger mußten ſich noch mehr zerſtreuen.„Hierher zu Hilfe!“ ſchrie keu⸗ chend der kampfgierige Schmied, der dieß zuerſt be⸗ merkt hatte, und ſtürzte an die Stelle hin; mit ge⸗ waltiger Kraft erfaßte er eine Leiter, die an die Kante der Mauer gelehnt und von unten bis hinauf mit Fein⸗ den beſetzt war, drückte ſie hinaus, daß ſie ſtützlos ei⸗ nen Augenblick die Vertikale behauptete, dann aber, rücklings umſchlagend, zehn Feinde auf einmal zer⸗ ſchmetterte. Doch was nützte dieß Alles? zehn andere Leitern erſetzten die Eine. Die Mauern wurden erſtiegen. „Verdammter Hund!“ ſchrie ein Hußit, auf Meiſter Marzek losſtürzend,„Du mordeſt die Un⸗ ſern ja Dutzendweiſe?“ Er umfaßte den kräftigen Handwerker; allein auch dieſer wollte ſein Leben nicht als ein Feigling beſchließen, er klammerte ſich mit Rie⸗ ſenſtärke an den Kelchner; wie zwei Athleten aus der fabelhaften Vorzeit rangen die Verzweifelten mitein⸗ ander, Einer ſuchte den Andern hinabzudrängen, al⸗ lein die Kräfte waren gleich.— Da ſprang ein Drit⸗ ter dem Dreſcher zu Hilfe.„Viele Hunde ſind des Ha⸗ ——————————————— 232 ſen Tod!“ kreiſchte der Schmied, umfaßte auch den Dritten, zerrte Beide nach ſich an den Rand der Mauer, und ſtürzte— ſie krampfhaft umklammernd — in die Tiefe!— Das entſetzliche Getöſe, welche ſeit dem Be⸗ ginne des Morgens ununterbrochen gedauert hatte, und deſſen Einförmigkeit nur zeitweiſe durch den Donner der Kanonen verſtärkt worden war, wurde plötzlich durch das Siegesgeſchrei dev⸗Hußiten übertönt; die Mauer war erklommen, die Breſche erſtiegen, die Fein⸗ de auf dem Walle!— Bis zu dieſem Augenblicke hatte der Muth der Bürger gedauert; allein nun ſank er zu⸗ ſammen, wie ein ſtarkes Gerüſte, wenn es durch La⸗ ſten überfüllt, kracht und bricht. Der Gedanke an Weib und Kind, an Hab und Gut erwachte; Jeder wollte noch retten, was zu retten war, oder im ärg⸗ ſten Falle, wenigſtens bei der Vertheidigung der Theuern das Leben opfern. Die Bürger flohen in ihre Häuſer, und nur die geringe Zahl der Söldner ſuchte noch den Feinden die Stirne zu biethen. Einige Augenblicke früher kam der königliche Haupt⸗ mann zu Georg geeilt.„Georg,“ rief er ihm zu, „Du haſt Deine Pflicht gethan, eile nun ſchnell fort, in dem Garten triffſt Du Deinen Vater— rette Dich, ihn und Mila— ehe es zu ſpät wird!“ den der nd Be⸗ nd ner lich die in⸗ atte zu⸗ La⸗ an der irg⸗ ern ſer, och pt⸗ ort, ich, Der Name der Geliebten wirbelte ein ganzes Heer von Gefühlen in der Bruſt des Jünglings auß die wehr⸗ und ſchutzloſe Jungfrau in der Gewalt des wüthenden Feindes— dieſes einzige Bild war hinreichend, ihn ſchaudern zu machen; mit aller Schnelligkeit, die ihm zu Gebote ſtand, ſtürzte er der Gegend zu, wo der Garten ſeines Vaters lag; in ziemlicher Ferne ſchon drang von der erſtürmten Stadtmauer das Siegesgeſchrei der tobenden Kelchner in ſein Ohr. Wenige Minuten nur vermochten die Söldner die Sieger aufzuhalten, ſie wurden umrun— gen, allein auch da wehrten ſie ſich tapfer und männlich. „Verdammte, hußitiſche Hunde!“ ſchrie ein Rot⸗ tenführer, und ſchlug den Nächſten der Feinde nieder; in dieſem Augenbliche erhielt er von rückwärts einen tödtenden Streich.„Auch recht!“ ſtöhnte er, ein Blut⸗ ſtrom guoll aus ſeinem Haupte, er ſank zu Boden, und verhauchte ſein Biederleben. Auch die Andern zo⸗ gen den Tod vor— und fanden ihn Alle,— keinen Einzigen ausgenommen. Im Kampfe gegen Hußiten war dieß das beneidenswertheſte Loos eines Kriegers. Die Thore waren geöffnet, und nun erſt ſtrömte die ganze Macht Ziska's herein. Der Kampf, den wir früher im Allgemeinen gemalt haben, fand jetzt im Einzelnen Statt. Wie wenn man Queckſilber auf 20 eine Platte wirft, und die ganze Maſſe in einem Nu in tauſend kleine und größere Kügelchen zerſtäubt, ſo hatten ſich die Stürmenden zertheilt. Häuſer, Gäſſen und Plätze waren voll von ihnen, ja die Kirche ſelbſt, das heilige Gotteshaus, aus welchem ſich ſchon Tau⸗ ſende Troſt und Weihe geholt, blieb nicht verſchont. Was früher im Freien Statt gefunden, wiederholte ſich nun im Innern der Häuſer; Kampf und Geme⸗ tzel, tapfere Gegenwehr des Schwachen gegen allzu⸗ große Uebermacht! Alles wurde gemordet, der Wehr⸗ loſe ſo gut, wie der Bewaffnete, der Greis an der Krücke, der Säugling in der Wiege und das blinde Mütterchen hinterm Ofen; jedes Haus wurde erbro⸗ chen, und zum Sarge der Seinigen umgeſtaltet. Zwanzigſtes Kapitel. Die Rückkehr zur Pflicht, Beue und Vuße iſt dem Perirrten leichter als der Sprung über die Grenze vom Gu- ten zum Böſen. Spindler. Aus der allgemeinen Verwirrung, welche in der er⸗ ſtürmten Stadt herrſchte, wenden wir unſere Aufmerk⸗ ſamkeit auf zwei einzelne Perſonen,— Wenzel und Hinek. Beim Oeffnen des Thores ſtürmte der Anführer der Buſchklepper herein, und zog den ge⸗ fallenen Sohn des Bürgermeiſters hinter ſich her. We⸗ der Hinek noch Wenzel waren beim Sturme ge⸗ weſen, nicht als ob Feigheit den Erſtern zurückgehal⸗ ten hätte— nein— er wollte ſein Leben bewahren, um die glühende Rache in ſeinen Buſen kühlen zu kön⸗ nen; erſt wollte er dieſer fröhnen, und dann unter⸗ gehen! In dem unglücklichen Wenzel war bei dem An⸗ blicke all' des unſeligen Elendes ſeiner Vaterſtadt, an 20* 236 welchem auch er Schuld trug, ein Heer von Gefüh⸗ len erwacht,— die giftigen Nattern gleich— ſeinem Herzen tauſend und abermals tauſend Wunden ver⸗ ſetzten; er ſah es ein: ihm, dem Schuldbeladenen, blieb nichts übrig als zu ſterben; allein dieLiebe zu dem tiefgekränkten Vater und Bruder war erwacht; wie eine duftige Blume, die ſich unter Reſſeln emporhebt, ſo ſtand dieſe allein da, unter der Schaar der unzäh⸗ ligen Leidenſchaften— Schmerzen und Qualen— ja— den Vater wollte er noch einmal ſehen und dann gerne ſterben. Hinek hatte ihn zu dem Zwecke auf⸗ bewahrt, damit er ihn ſchnell in Renatens Woh⸗ nung leiten möge; allein Wenzels Zweck war ein anderer. Er flog mit dem Rachedürſtenden auf den Ringz das Thor von dem Hauſe, wo Renate ihre Wohnung hatte, war offen, als er Hinek darauf aufmerkſam machte, ſtürmte dieſer hinein; Wenzel aber eilte in das Haus ſeines Vaters.— Hier war Alles leer, öde und ausgeſtorben. Ein Gedanke blitzte in ſeinem Innern auf, er ſtürmte fort. Zahlreiche Scharen von Bürgern und Frauen waren indeſſen in den Garten des Bürgermeiſters geeilt, um durch den unterirdiſchen Gang Rettung zu ſuchen; — der edle Amtsherr, Georg und Mila ſtanden indeſſen am Eingange, bis der größte Theil in dem 237 finſtern Schlunde der Erde verſchwunden ſein würden; allein immer Mehrere kamen herbeigeeilt und drängten ſich durch den ſchmalen Eingang.— Es war eine Ver⸗ wirrung ſonder Gleichen, Jeder wollte der Erſte ſein; die Furcht vor den Kelchnern hatte ſich mit ſolcher Ge⸗ walt aller Herzen bemeiſtert, daß die Herrſchaft des Verſtandes und der Ueberlegung verloren ging. Es war eine Ueberfüllung des enges Ganges zu beſorgen, und eine einzige fallende Perſon, würde die ganze Kette der Fliehenden verrathen haben. Ueberdieß waren die Kelchner in der Stadt auf die fliehenden Feinde auf⸗ merkſam geworden, und da ſie Alle ein und demſel⸗ ben Ziele, nämlich den Garten des Bürgermeiſters zueilen ſahen, ſo folgten ſie ihnen nach. „Heiliger Gott!“ ſchrie der Bürgermeiſter, als er von draußen herein die Feinde ſtürmen ſah,„kommt ſchnell, laßt uns eilen!“— „Vater! Vater!“ erſcholl in dieſem Augenblicke eine bekannte Stimme,„Vergebung!“ Es war Wenzel, der ſo eben, der Spur der Flüchtigen folgend, hier angekommen war, und die Stimme des Vaters vernommen hatte. „Verräther!“ donnerte der alte Amtsherr,„Fluch Dir und Deinem ehrloſen Treiben!“ Mit Gewalt er⸗ griff er Georgs und Mila's Hand, zog ſie hin⸗ ter ſich, die alte Marza folgte ihnen, und bald wa⸗ ren alle Vier in den finſtern Gang verſchwunden. Wie vom Blitze getroffen blieb Wenzel ſtehen, da ſtürm⸗ ten die Feinde heran.„Hier iſt das Rattenloch,“ ſchrie der Vorderſte von ihnen,„hier haben ſich die Hunde verkrochen, nur mir nach!“ Er wollte dem Eingang entgegen, da ſtand aber Wenzel mit gezogenem Schwerte— Ein Gefalle⸗ ner als Hüther des Paradieſes! Mit Löwenmuth ver⸗ theidigte er den Ort, die Hußiten drangen auf ihn ein, allein eine übermenſchliche Kraft der Verzweiflung ließ ihn ſiegreich ſeinen Platz behaupten; er focht wie ein Wüthender, ſo daß ſich ihm Keiner nähern konnte, und wer es ja wagte, der war auch dem Tode ver⸗ fallen! Länger als eine Viertelſtunde währte der Kampf und noch war Wenzel unermüdet; der Athem ſtockte ihm ſchon im Buſen— ſchwere Schweißtropfen ran⸗ nen ihm unter dem Helm über die Stirne und Antlitz herab— da kamen Bogenſchützen der hußitiſchen Par⸗ thei herbei— ſie ſahen den Kampf, und einen Augen⸗ blick darauf ſank der Sohn des Bürgermeiſters, von mehr als zwanzig Pfeilen durchbohrt, zu Boden.„Va⸗ ter!“ ſtammelte er,“ Dein Fluch ſchmerzt mehr, als dieſe Wunden, ich hab'— ihn— ver— dient!“ ſch un He der len ren ver ßer lar ha Fli wo die nic ger un die zu ſtec her 239 Mit ſeinem Tode tilgte er einen Theil ſeiner ſchweren Schuld. Ueber ſeine Leiche hinweg wurde der unterirdiſche Gang erſtürmt. Allein mit übertriebener Haſt hatte ſich eine Ueberzahl hineingeſtürzt, der Vor⸗ derſte, zu ſtark gedrängt, ſtürzte, die Folgenden ſie⸗ len auf ihn,— Verwirrung entſtand— wie im wir⸗ ren Knäuel wälzten ſie ſich auf dem Boden, dadurch vermochte Niemand vorwärts zu kommen— ein gro⸗ ßer Zeitverluſt entſtand; als ſie ſahen, daß dieſes ein langer Gang und keine Höhle ſei, wie ſie vermuthet hatten, kehrten ſie unverrichteter Sache um, und die Flüchtlinge— ſo ziemlich der dritte Theil der Be⸗ wohner von Luditz— waren gerettet! Indeſſen hatte ſich draußen die Scene geändert. — Ein Schauſpiel ſondergleichen wurde ausgeführt; die Stadt war in Brand geſteckt!! Von allen Seiten und Enden loderte die ver⸗ nichtende Flamme empor, das Gepraſſel glich einem gewaltigen Kleingewehrfeuer, das ohne Zwiſchenraum unterhalten wird;— es war beinahe, als wollten die Kelchner, da ſie jetzt nichts mehr zu rauben und zu plündern fanden,— ſich eine rieſige Leuchte auf⸗ ſtecken, und vielleicht durch ihre Hilfe noch Etwas herauszuſtöbern. Alle Häuſer waren ſchon leer— das tragbare Gut geraubt— das Uebrige durch die Fen⸗ 240 ſter auf die Gaſſe geworfen— die Thore der Kirche waren geſprengt, die Altäre geplündert— die Heilig⸗ thümer geſchändet, das zerſtörte Rathhaus kaum mehr zu erkennen; Bücher und Schriften wurden in die Win⸗ de geſtreut;— auf die Art geſchah es leicht, daß auch die Gegenſtände auf den Straßen von den Flam⸗ men ergriffen wurden.— Glühhitze drohte Alles zu verzehren.— Luditz war ein großer Flammenpfuhl, aus welchem nur das Heulen und Stöhnen der Ster⸗ benden und das Jauchzen der Hußiten drang; ſo nur kann die Hölle ausſchauen, wenn Teufel ihren Rund⸗ tanz haiten.— Nun nur noch Eine Scene, und dann möge ein dichter Schleier über das Schreckensgemälde fal⸗ len— ich habe es nur geſchildert— weil es, zur Schan⸗ de der Menſchheit, wahr iſt, ich habe nichts dazu erfunden, im Gegentheile daran gemildert; die Ge⸗ ſchichte erzählt noch viel Gräßlicheres aus jener Blut⸗ epoche, von welchem ich aber nur darum ſchweige, weil es an's Unglaubliche grenzt, und weil ich bei dem ge⸗ fühlvollen Leſer mit ſo außerordentlichem Gräuel nur Eckel und Abſcheu erregen könnte. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Zu deinen Füßen ſtnk' ich wehrlos flehend hin. Laß!' mir das Licht des Lebens!——— Schiller's„Jungfrau von Hrleans.“ Hinek, als ihm die Wohnung Renatens gezeigt worden war, ſtürmte die Treppe hinan, die Thüren waren aber alle geſchloſſen, und ſein Pochen blieb un⸗ beachtet; durch dieſe Zögerung noch mehr erzürnt, drück. te er mit ſolcher Gewalt an die Pforte, daß die Flü⸗ gel knarrend aufſprangen; er trat ein, die Gemächer waren leer. Alles Suchens ungeachtet vermochte er nichts zu finden; nur manche Gegenſtände, die er noch aus früherer Zeit her kannte, ließen ihn erkennen, daß er ſich am rechten Orte befinde. Unmuthig eilte er wieder auf den Platz hinab, wo indeſſen das blutige Spiel in tauſenderlei Abwechs⸗ lungen Statt fand;— allein ſein Ziel war an dieſem Tage nicht Beute geweſen, er wollte Rache an der Hußiten. 21 242 Störerin ſeiner Ruhe— an ſeiner Mörderin nehmen. Mit rollenden Augen durchkreuzte er den Menſchen⸗ gefüllten Raum, allein er konnte nichts entdecken, ſein gieriges Verlangen blieb unbefriedigt. Nach einer Weile tiefen Sinnens kehrte er ins Haus zurück; der Gedanke: daß ſich das ſchutzloſe Weib nicht in den Tumult gewagt haben könne, und irgendwo verborgen ſein müße, hatte ihn zum erneuer⸗ ten Nachſuchen bewogen. Er begann nun alle Räume durchzuſtöbern, die Rache ließ ihn mit einem unermü⸗ deten Eifer ſeine Forſchungen fortſetzen; allein ſie blie⸗ ben ohne Erfolg, keine lebende Seele zeigte ſich im ganzen Hauſe. Darüber war mehr als eine Stunde verfloſſen, die Brandfackel war indeſſen aufgelodert, die glühen⸗ de Lohe kroch von einem Dache zum andern; das gräß⸗ liche Freudengejauchze der Hußiten hierüber, lockte ihn zum zweiten Male auf den Platz, da ſtürzte eine Frauen⸗ geſtalt herbei;— es war die Geſuchte. Die heimli⸗ chen Anhänger der Kelchner hatten ſich in einem Hauſe verſammelt, um dann dem Feldherrn bei ſeinem Ein⸗ zuge entgegen zu kommen, und ihm ihre Freude über den errungenen Sieg zu bezeigen; als ſie aber von der Feuersbrunſt in Kenntniß geſetzt wurden, flohen ſie ⸗————— ihren Wohnungen zu, um wenigſtens ihre Baarſchaf⸗ ten zu retten. Als Hinek die Herbeieilende erkannt hatte, waren ſeine Zornadern angeſchwollen, und wie ſinnlos don— nerte er ihr den Namen„Renate!“ entgegen. Die vermeintliche Witwe hatte den Rufer erblickt und er⸗ kannt. Ein Schreckensſchrei entfuhr ihren Lippen. Ein blutgieriges Rachegeſpenſt, trat ihr das Geſchick ent⸗ gegen, ſie ſah ihr Ende nahen; unausweichlich war der Abgrund, in welchem ſie untergehen mußte, und doch wollte ſie ihm entgehen. Sie floh zurück.— Wie das böſe Gewiſſen war Hinek hinter ihr— die Angſt be⸗ ſchwingte wohl ihre Schritte, allein der Verfolger nä herte ſich ihr immer mehr und mehr, ſeine Flüche hall⸗ ten ihr ſtets kräftiger nach— jetzt hörte ſie auch ſchon ſein Keuchen und Stöhnen, in wenigen Augenblicken mußte er ſie erreicht haben; eine offene Thüre bot ihr eine Scheinrettung, ſie ſchlüpfte hinein. Es war ein kleines Häuschen, bereits ausgeplündert und leer, die Stube ſtand offen. Renate ſtürzte hinein und warf die Thüre ins Schloß; in dieſem Augenblicke langte auch ſchon ihr Verfolger vor derſelben an. Renate hörte ihn und wollte durchs Fenſter entſpringen, ein Gegitter verwehrte ihr die Flucht; ein Stoß mit dem Fuße reichte hin, die Thüre zu ſrhen⸗ ſie flog auf, 244 und— der Rächer ſtand vor ſeinem Schlachtopfer. Mit rollenden Blicken maß der Wüthende die Verbre⸗ cherin, die zitternd vor ihm ſtand.„Vergebung,“ ſtammelte ſie,„Hinek, Vergebung!“ „Elendes Weib!“ rief der Angeredete,„Du wagſt es, noch Vergebung zu hoffen? Du, die wie eine Peſt durch mein Leben fuhr, und es in eine qualvolle Hölle verwandelte!“ „Hinek!“ kreiſchte Renate mit flehender Stimme,„vergib, ich bin dazu verleitet worden.“— Durch Dein böſes Herh,“ unterbrach ſie der Wüthende;„als ich Dich zum Weibe genommen, habe ich Dich, wenn auch nicht geliebt, ſo doch geachtet; Du haſt mir ungezwungen Deine Hand gereicht, und drei Jahre waren für Dich hinreichend, meiner über⸗ ſatt zu werden,— Du haſt mir die Giftſchale ge⸗ reicht und biſt geflohen!— Daß mich das Geſchick er⸗ erhalten, iſt Dein Untergang— Du biſt dem Tode verfallen!“— Hinek!“ bat das geängſtigte Weib,„ich habe Dich verkannt, nimm mich,— die Reuevolle wieder auf.“— Ein höhniſches Gelächter des Gatten durch⸗ ſchallte die Stube.„Dich wieder aufnehmen?“ ſpot⸗ tete er grinſend,„die Schlange wieder an mein Herz ——— — 245 drücken, daß ſie dann ihre Giftzähne um ſo tiefer in dasſelbe tauchen könnte!“— „Nein— niemals ſoll wieder ein falſcher Gedan⸗ ke gegen Dich in meinem Innern keimen,“ jammerte Renate händeringend,„ich will Dir eine treue, liebevolle Gattin werden!“ Heuchle nicht, Sünderin!“ donnerte der Zür⸗ nende,„Dein Stündlein hat geſchlagen, Du mußt ſterben!“— „Allmächtiger Himmel!“ kreiſchte ſie auf und ſank zu den Füßen des Gatten nieder.„Hinek! er⸗ barme Dich Meiner, ſchenke mir nur das nackte Le⸗ ben, ich will Dich fliehen, meiden, wenn es Dein Wunſch iſt; ich will Dir eine dienende Magd ſein, ich will Dich warten und pflegen, jede Mißhandlung als Strafe für mein Verbrechen geduldig ertragen, aber laß mich nur leben— ich will allen Anſprüchen entſagen!“ So rief ſie und umfaßte die Knie des Un⸗ erbittlichen.„Hinek, ſei barmherzig mit mir, ich will mich im Staube vor Dir winden, Du ſollſt mein zweites Ich werden— morde mich nicht— und begna⸗ dige die Verbrecherin!“ Mit tückiſcher Freude weidete ſich Hinek an der Todesangſt Renatens; allein es fehlte noch viel, um ſeine Rache zu ſättigen, nur ihr Blut vermochte 5 0 die Flamme derſelben zu löſchen.„Vergeude die Au⸗ genblicke nicht mit unnützem Flehen,“ warnte er die Verzweifelnde im ernſten Tone.„Deine Worte ſind Gift, in Honig getaucht, Deine Thränen ſind kalt wie Eis und rühren mich nicht, kein Fünkchen Ge⸗ fühl lebt mehr für Dich in meinem Innern!“ „Hinek!“ ſchrie Renate plötzlich und ſprang verzweiflungsvoll auf,„mir wird ſo heiß, eine glü⸗ hende Luft umgibt mich;— Heiliger Gott!“ kreiſchte ſie jetzt verzweiflungsvoll auf,„das Haus brennt, die glühenden Flammen lecken ſchon durch die Fenſter, der Rauchqualm ſtürzt herein— komm, laß' uns fliehen!“ „Du bleibſt hier!“ donnerte der Grauſame,„Du haſt Flammen in mein Eingeweide geſchüttet, ich will glühende Kohlen über Deinem Haupte ſammeln.“ Mit einem Stoße ſchleuderte er die Verzweifelnde von ſich, daß ſie in die Mitte der Stube zurücktaumelte, ſprang zur Thüre hinaus und verſchloß dieſe hinter ſich. Von Innen heraus tönte das Weh geſchrei der Gefangenen. Hinek horchte auf— er vernahm ihr Jammern und Aechzen.— Das Dach des Hauſes ſtand in hellen Flammen, die aus Balken geſormte Stubendecke wurde ſchon ergriffen, zu den Fenſtern ſchlug der glühende Schwalch hinein— in der Stube O — mußte die Gluhhitze ſchon zu ſengen begonnen haben, und die Qual der Verbrecherin zur Höllenpein gedie- hen ſein. Hinek hörte ſie winſeln und vor Qual an der Thüre kratzen, dann wurde es plötzlich ſtille, nur das Krachen und Praſſeln drang in ſein Ohr— da öffnete ſich ſein Herz zum letzten Mal, der Funke menſchlichen Gefühls erwachte, er ſtieß die Thüre auf; ein Rauchqualm wirbelte ihm entgegen, raſch ſtürzte er hinein, neigte ſich zur Ohnmächtigen hinab, und hob ſie auf;— in dieſem Augenblicke erdröhnte ein fürchterlicher Schlag,— glühende Trümmer löſten ſich los, das Dach ſtürzte zuſammen, drückte die Stuben⸗ decke ein, zerſchmetterte die beiden Verbrecher und be⸗ grub ſie unter dem flammenden Schutthaufen.— Eine dicke Rauchſäule qualmte empor und wir⸗ belte, ſich immer mehr verdünnend, gegen den Himmel⸗ Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Deinen Grabſtein kann die Zeit zermalmen Doch die Lorbern werden dort zu Palmen. Th. Körner. Mag doch die Sonne des Lebens untergehen, wenn nur ihr Wiederſchein, der Ruhm der Ehre, noch lange erglänzt auf dem Meere der Zeiten. E. von Wachsmann. — Am Nachmittage desſelben Tages, als von Luditz nur noch ein glimmender Schutthaufe übrig war— und die Hußiten in ihr Lager zurückgekehrt waren, ließ Zis ka ſorgfältig dem Urheber nachforſchen, der am Morgen den Sturm ohne Befehl begonnen hatte; es ergab ſich, daß es Hinek geweſen ſei; dieſer aber war ſchon aller irdiſchen Strafe entrückt und der jen⸗ ſeitigen anheim gefallen. Seine Leute ſchloßen ſich darauf den Hußiten an, allein ſie konnten ſich mit die⸗ ſen nicht vergleichen, denn ſchon auf dem Rückzuge nach Prag brach zwiſchen ihnen, im Dorfe Strze⸗ len ere 249 dokluk, der Beute halber, ein gefährlicher Kampf aus, der den meiſten von Hineks Leuten das Leben koſtete; nach dem Chroniſten blieben ſiebzig von ihnen todt auf dem Platze liegen, ohne die Verwundeten zu zählen, die auf armſeligen Karren, von Bauern nach Prag geführt werden mußten. Wuck und Caſpar⸗, der ehemalige Schöppe von Luditz, waren unter ihnen. Sechs lange Jahre verfloßen. Ziska war vor Przibislava ſeinem Verhängniſſe verfallen und von einer Seuche dahingerafft worden*). Der grau⸗ ſame Krieg hatte ſeinen Culminationspunct erreicht und ſollte bald ſeinem Ende entgegen gehen; die Flücht⸗ linge waren nach Luditz zurückgekehrt, die Stadt er⸗ ſtand neu, in verjüngter Geſtalt, keine Spur der ehe⸗ maligen Zerſtörung war ſichtbar; was Menſchenhände vermochten, wurde friſch aufgeführt, ein zweites Lu⸗ ditz ſtand da, wieder ſo friedlich, ſo gemüthlich, wie jenes vor dem verheerenden Beſuche der Kelchner. Am Allerſeelentage des Jahres 1428, als die Bewohner von Luditz auf den Friedhof hinauswall⸗ *) Am 11. Oktober 1424. Sollte dieſes beſcheidene Ge⸗ mälde ſich einer beifälligen Aufnahme zu erfreuen haben, ſo wird der Verfaſſer desſelben ein zweites cZiska's Tod, nachfolgen laſſen. 250 ten, um die Gräber ihrer lieben Todten mit Blumen zu umkränzen, und ihre innigen Bitten für das ewige Wohl der Hingeſchiedenen zu Himmel zu ſenden, da wallfahrtete auch eine kleine Familie auf den ſtillen Acker der Todten. Ein Greis, von einem jungen Man⸗ ne und ſeiner Gattin geführt, von zwei fröhlichen, blühenden Knaben umſprungen, ſchritten durch das Thor; ihr Ziel war ein erſt jüngſt geſetztes Grabmal, unter welchem aber die Gebeine desjenigen nicht mo⸗ derten, deſſen Name auf dem Steine zu leſen war. Herr Prokopius Hladek, ehemaliger Bür⸗ germeiſter der Stadt, ſein Sohn Georg ſammt der Gattin Ludmilla und ihre beiden Söhnlein bilde⸗ ten die Familie, welche ſo eben geſchildert worden iſt. Auf dem Grabmal aber, an welchem der Greis ſammt den jungen Gatten und Kindern knieend ihr Gebet verrichteten, während die Kleinen es mit Blu⸗ mengewinden umhängten, waren die Worte zu leſen: Bier ruhet Peter Smichowsky von Zdiar königlicher Hauptmann. Friede ſeiner Aſche. — e ————. ———— „ 7 7 1 „„„— — 2— 3