*— „— —. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Keſebedingungen. 6 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgahe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme etnes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſt eträgt: für uochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — „—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗„ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. õ * Eduard Preier's geſammelte Romant. Fünfter Band. Wien und Ceipzig. 1818. Joſef Stoͤckholzer v. Hirſchfeld. Die Sendung des Rabbi. Zeit⸗ und Sagenbild aus dem fünfzehn⸗ ten Jahrhundert, von Eduard Breier. Zweiter Band. Zweite Auflage. Wien und Ceipzig. 1818. Joſef Stöckholzer v. Hirſchfeld⸗ Der Both. Es ſprach hierauf der Themanite Eliphas: „Der erſten Verſuchung unterliegſt Du ſchon? Wer kann des Sprechens ſich enthalten?“ „Kaum kommt's an Dich, und Du biſt unterlegen, Kaum trifft es Dich, und Du verzweifelſt? Die Frömmigkeit ſollt' Dein Vertrauen ſtärken, Und Zuverſicht die Unſchuld Dir gewähren. Beſinne Dich, ging Unſchuld je zu Grunde? Iſt der Gerechte je vernichtet worden? Wie ich erfahren, hat, wer Unheil brütet' Und Unrecht ſä'te, dieß auch ernten müſſen!“ Vuch„Hivb.“ Rabbi Eliah ſaß einſam in ſeiner Stube. Jetzt, am folgenden Tage erſt, vermochte er mit Ruhe und Ueberlegung über den Vorfall nachzuden⸗ ken. Solches Ende, ſolch' eine Herabwürdigung hatte er nicht für möglich gehalten. Eiſak ſtand in dem häßlichſten Lichte vor ſeiner Seele; er war ein heuch⸗ leriſcher, ein böſer Gegner, der jedes ſchonenden, edelmüthigen Gefühles baar war; aber Mirjam, Die Sendung des Rabbi. II. 1 6 was ſollte er von ihr denken? Wie kam ſie in's Ne⸗ bengemach? Sie hatte das ganze Geſpräch mit ange— hört, ſo vil blieb gewß; aber hatte ſie ſich ſchon früher dort befunden, oder ging ſie im Einverſtänd⸗ niſſe mit ihrem Bruder hinein, um das unedle Amt— einer Lauſcherin zu übernehmen? So wie er die Frau zu kennen glaubte, konnte er ihr eine ſolche erniedrigende Handlung unmög⸗ lich zumuthen; und doch: warum war Mirjam bei ſeiner und Eßman's Ankunft nicht herausge⸗ treten, warum blieb ſie in dem Verſteck, wenn ſie ſich nicht mit Willen dahin begeben? Wie wehe ihm dieſe Gedanken thaten, mit welchem Schmerze er ſich die Geliebte, ſo gerne er ſie auch freigeſprochen hätte, doch nicht ganz ſchuldlos denken konnte, das wird wohl Jeder, der ſolche Lagen zu beurtheilen im Stande iſt, leicht ermeſſen können; er ſtellte ſelbſt Gründe für ſie auf, aber mit den vor⸗ gefallenen Umſtänden zuſammeng halten, zerſtoben ſie in Nichts; im ſeltſamſten Widerſpruche gab er ſich Mühe, ſie zu vertheidigen, und zugleich wieder an⸗ zugreifen. In dieſer unbehaglichen Stimmung traf ihn⸗ Aſcher, welcher jetzt in die Stube trat. 3 5 7 Der Knecht ging auf ihn zu, und überreichte ihm ein ſorgfältig zuſammengefaltetes Papier. Unmu⸗ thig öffnete es der Rabbi, las und zerknitterte es; dann zerriß er es in kleine Stückchen, die er wie Spreu in's Gemach warf. Er blickte Aſcher an, ſeine böſe Laune ver⸗ flüchtigte ſich, er fand Wohlgefallen an dem Geſchöpfe, ſo unſchön und ſo unbeholfen es war. Auch Du, Armer— redete er halblaut vor ſich hin— auch Du biſt eine unſchuldige Urſache meiner Widerwärtigkeiten; ſie ahnen ein Geheimniß in Dei⸗ ner Perſon, und wollen, daß ich es ihnen Preis gebe, daß ich mein großes, mein heilig Werk in die Winde ſtreue, daß ich vor ihren gierigen Blicken den dunklen Schleier lüfte, damit ſie das, was ich geſchaffen, durch ihr freches Betaſten entweihen. Nein— ſie ſollen's nicht erfahren, ſie ſollen in der peinigenden Ungewißheit bleiben; ihr Miß rauen gegen mich verdient es nicht, daß ich ſie ſolch eines Vertrauens würdige.— Komm näher zu mir, Aſcher! wandte ſich der Rabbi nach einer Pauſe zu dem Angekommenen— wer hat Dir dieſe Zeilen eingehändiget? Ein kleiner Knabe. Von welcher Seite kam er? Von dieſer! 8 Aſcher deutete rechts gegen den großen Platzzu, welcher der Kornmarkt hieß. Und wohin ging er? Da hinaus. Er zeigte links in der Richtung gegen das Neu⸗ oder Fleiſcherthor. Hat er zu Dir Etwas geſprochen? Nein, er gab mir nur das Papier und lief davon. Warſt Du ſchon außer Hauſe? Nein!— Wir müſſen erinnern, daß Aſcher's Gedächtniß nie weiter zurück, als bis zum Morgen teichte, und daß er daher täglich ſein Leben wie von Neuem be⸗ gann, aber nur mit dem Unterſchiede, daß er ſich nicht erſt zu entwickeln brauchte, ſondern ſtets ſo, wie er war und blieb, da ſtand. Es waren freilich damit für Rabbi Eliah un⸗ zählige Schwierigkeiten verbunden, aber er unterzog ſich denſelben mit muſterhafter Geduld, mit jener un⸗ verwüſtlichen Ausdauer, die wir an Mtttern bei der Pflege verkrüppelter Kinder wahrnehmen. Für uns, deren Erinnerungen oft ſo weit zu⸗ rückführen, mag ein ſolcher beſchränkter geiſtiger Rück⸗ blick freilich etwas Unnatürliches haben, allein wir werden uns dieß am beſten verſinnlichen können, 2 wenn wir uns zwei Menſchen auf einer Straße den⸗ ken, welche den zurückgelegten Weg noch einmal überſehen wollen. Das Auge des Einen reicht weit, erſt die blauen Berge in nebelgrauer Ferne begren⸗ zen ſeinen Geſichtskreis; der Andere iſt kurzſichtig, kaum fünf Schritte weit reicht ſein Blick, er mag ſich wenden, wohin er will, er ſiebt nicht weiter; und nehmen wir nun noch an, daß er ſeine Stelle zu verlaſſen nicht im Stande iſt, das heißt, daß kein Fortſchreiten Statt findet, ſo hat man das ganze Phänomen in phyſiſcher Beziehung, wie es bei Aſcher in geiſtiger Statt fand. Nach der letzten, verneinenden Antwort des Knechtes fragte der Rabbi weiter: Möchteſt Du wohl mit mir ausgehen? Ja, ich möcht' ſehen, was draußen iſt. Dieſe Neugierde befriedigte den Rabbi ſehr. Er liebte es, wenn ſich beſondere Eigenſchaften der menſchlichen Seele an ſeinem Geſchöpfe kund gaben; aber eben ſo betrübend war Aſchers Geſtändniß für ihn: daß er nicht wiſſe, was„Außen“ ſei. Eliah gab ſich alle mögliche Mühe, in ihm durch Umwege, Beiſpiele und Erklärungen nur einen Schein der Vergangenheit heraufzubeſchwören, aber * ——„——— er hätte von einer Uhr ohne Schlagwerk eben ſo gut fordern können, daß ſie die Stunde verkünde. Aſcher war der Sklave ſeines Herrn; er that Alles, wie es ihm befohlen wurde, langſam, aber mit Takt, mit Sicherheit. Es freute ihn, wenn der Rabbi freundlich war; er blickte finſter, wenn er geſchmählt wurde, er zürnte, wenn man ihn reizte. In Betrachtungen über Aſcher verſunken, er⸗ innerte ſich Eliah plötzlich der erhaltenen Zeilen, ſeine Gedanken ſchlugen eine andere Bahn ein. Soll ich der Einladung folgen? fragte er ſich— und wer kann der Schreiber dieſer Zeilen ſein? Sie, wahrſcheinlich— oder wäre es vielleicht eine Falle? — auch möglich!— Doch ich will mich einſtellen, um zu ſehen, was Jene verlangt, oder was Dieſe beab⸗ ſichtigen. Ein ſchlechter Seemann, der den Sturm fürchtet.„Wer den Wind beobachtet“— ſpricht der weiſe König—„der wird nicht ſäen; wer auf Wol⸗ „ken merkt, wird nicht ernten. Du kennſt eben ſo „wenig die Richtung, welche der Wind nimmt, als „Du weißt, was in dem Schooße eines ſchwangeren „Weibes eingeſchloſſen iſt, und eben ſo wenig, als Dir „bekannt ſind die Werke Gottes, welcher das Ganze „erſch affen hat. Säe alſo am Morgen Deinen Saa⸗ „men aus, laß aber auch die Hand am Abend nicht 11 „müßig ruhen; denn Du weißt ja nicht, welches ge⸗ plingt, ob dieſes oder jenes, oder ob gar Beides gleich „gut gerathen wird!“— Ja, ich gehe, es iſt be⸗ ſchloſſen! Aſcher— wandte er ſich gegen den Knecht — Du bleibſt hier im Gemache, und harrſt, bis ich zurückkomme; ich kann Dich auf dieſem Gange nicht mitnehmen! Der Knecht nickte mit dem Kopfe. Der Rabbi ſetzte die verbrämte, walzenförmige Mütze auf, nahm den Stock zur Hand und verließ die Stube, welche er bedächtig hinter ſich abſchloß. Als er an dem Fenſter vorüberging, und einen Blick hineinwarf, bemerkte er Aſcher, welcher ſich ge⸗ mächlich in dem großen Lehnſtuhle niedergelaſſen hatte und gedankenlos vor ſich hinglotzte. Der Weg Eliah's führte vor das Neuthor, wo ſich damals eine Vorſtadt befand, die ſich rechts gegen das Wiener⸗, links gegen das Neunkirch⸗ ner⸗Thor hinzog. Badehütten, Gärten mit Som⸗ merhäuschen, Zechſtuben und Spielplätze ſtanden ab⸗ wechſelnd umher. Der Rabbi nahm ſeine Richtung zwiſchen die Gärten und ging langſamen Schrittes dahin. Als er an einem derſelben, bei dem er ſeine Schritte ab⸗ ſichtlich zu verkürzen ſchien, dahinging, vernahm er 12 das leiſe Rufen ſeines Namens; er blickte um ſich, der Pfad vor und hinter ihm war leer, kein Späher zu befürchten; er ſchlüpfte daher raſch durch das halb⸗ offene Gartenpförtchen, dann rechts eine Treppe hinauf in einen Pavillon, der ſich hinter ihm ſchloß. In dem freundlich erwärmten Gemache harrte ſeiner— Frau Hedwig, die Gemahlin des Herrn Hanns von Zech, des herzoglichen Judenrichters zu Neuſtadt. Die Dame blieb auf der bequemen Polſterbank, auf der ſie ſich beim Eintreten Eliah's niederge⸗ laſſen, ruhig ſitzen und deutete ſtumm auf einen Stuhl, der in der Nähe ſtand. Eliah nahm den angebotenen Sitz ſtillſchweigend an. Es erfolgt nun eine lange Pauſe; draußen iſt es ruhig, kein Vogelſang ſtört das Schweigen im Garten, denn der Winter war eben im Scheiden und ſein blühender Nachfolger noch nicht in's Land getreten. Es herrſchte alſo Todenſtille. Der Tag war heiter, die Sonne im Untergehen; ſo eben ſaß ſie auf einem Gipfel der Wand,*) als wolle ſie noch eine Weile vor ihrem gänzlichen Sinken aus⸗ ruhen, ihre Strahlen fielen ſchräge durch das Fenſter in's Gemach und beleuchteten die ſchweigſame Gruppe. *) Eine Felſenkette. 13 Die Frau des Judenrichters ergriff nun das Wort: Warum ſeid Ihr mir ausgewichen, Eliah? Weil es meinem Ermeſſen nach, Euch und mir dienlich war. Der Mann, welcher früher Eure Stelle begleitete, 2 kam öfter zu meinem Gatten; warum unterließet Ihr dieſe Beſuche, welche mein Gemahl gewiſſermaßen als pflichtſchuldig anzuſehen gewohnt iſt? Könnt Ihr hierüber noch Fragen ſtellen? Iſt er, oder bin ich die Urſache hiervon? Er ſowohl als Ihr— ich habe Urſache, Euchund ihn zu meiden. Er, weil ich die unſchuldige Ur⸗ ſache eines Vorfalls bin, deſſen Folgen und Qualen mir Euer Gemahl nie vergeben wird— ich weiß dieß zu gut!— Er hielt inne.— Und mich, warum meidet Ihr mich? Erlaßt mir die Antwort, gnädige Frau! Sagt mir doch, Eliah, wen ſeht Ihr in mir: die Frau von jetzt, oder das Mädchen von ehedem? Es hängt nur von Euch ab, wen ich ſehen ſoll! Wohlan! ich wünſche das Erſtere! Es wird geſchehen! doch erlaubt mir nun die Gegenfrage: Wen ſeht Ihr in mir: den Rabbi von ietzt, oder den Jüngling von ehedem? —— 14 Ueber das braungelbe Antlitz der Dame ergoß ſich eine tiefe Röthe; ſie wurde verlegen und ſtotterte: Ich glaube, es wird Euch am erſprießlichſten ſein, wenn ich in dem Rabbi von jetzt den Kna⸗ ben von ehedem nicht vergeſſe. Unſer Pakt wäre alſo geſchloſſen! Das war“ wohl der einzige Grund, welcher Euch, gnädige Frau! bisher in ſolche Unruhe verſetzte, und eine heimliche Zuſammenkunft mit mir ſo wünſchenswerth machte? Darum habt Ihr auch jenen gewagten Schritt an unſerm Purimfeſte gethan, der für mich ſo üble Folgen hätte haben können! Ich darf alſo Eurer Verſchwiegenheit ver⸗ ſichert ſein? Ja, unter der Bedingung—— Bedingung? und welche iſt dieſe? Daß Ihr zwiſchen meiner Gemeinde und Eurem Gatten ſtets als verſöhnende Mittlerin auftretet. Nur dadurch glaube ich das zu tilgen, was ich durch mein Schweigen in Betreff Eurer verſchulde. Frau Hedwig ſah gewitterfinſter vor ſich nie⸗ der, ihre ſchwarzen Braunen ſenkten ſich, die ſtarken Lippen preßten ſich zuſammen, ſie liſpelte: Es ſei! Ihr wißt Eure Uebermacht trefflich zu benützen, Eliah! 15 Ich müßte kein Jude ſein, um dieſes nicht zu können! lächelte der Rabbi. Der Zweck meines Be⸗ ſuches iſt alſo erfüllt— darf ich mich wieder hinweg⸗ begeben, gnädige Frau? Im Innern der Dame kochte verhaltene Wuth; die demüthige Rolle, welche ſie, die Frau eines her⸗ zoglichen Beamten, dem Juden gegenüber, ſpielte, empörte ihr Gefühl; der Gedanke ihrer Größe über⸗ kam ſie, ihr Stolz, ihr Hochmuth bäumten ſich, und ließen das verhaltene Gefühl um ſo zügelloſer her⸗ vorbrechen. In dieſen Augenblicken der Empörung, glich ſie einem Sklaven, der mit Raſerei an ſeinen Ketten ſchüttelt, ohne ſich von denſelben befreien zu können⸗ Als Rabbi Eliah ſich entfernen wollte, vertrat ſie ihm den Weg und rief mit befehlender Stimme, faſt lauter, als es gerathen ſchien: Halt, Jude! Was ſoll's, gnädige Frau? wollt Ihr vielleicht auch die Sprungweite Eures Roſſes erproben?— Dem Rabbi war unwillkürlich dieſer Zuruf des Edlen von Zech vor jenem unglücklichen Sturze eingefallen, daher ſeine Frage; kaum hatte er ſie jedoch ausgeſprochen, als er auch darüber lächeln mußte. Frau Hedwig verſtand zwar die Worte nicht, * —,———=————— 16 aber das Lächeln des Juden ſtachelte ſie nur noch mehr auf, und ſie fuhr in ihrem früheren ganz ge⸗ meinen Tone fort: Höre, Jude! wähne nicht, daß ich der Will⸗ kür Deiner Laune Preis gegeben ſei; mißbrauche meine Nachſicht, meine Güte und Herablaſſung nicht⸗ vergiß es nie, daß wir die Herren und Ihr die Knechte ſeid; wagſt Du es, mich zu reizen, oder mir zu drohen, ſo vergeſſe ich die Vergangenheit und werde fürchterlich in meiner Rache ſein! Lege nicht zu viel in die Wage, daß das Gegengewicht nicht zu ſehr verſchieden ſei; denn ich beherrſche mei⸗ nen Gemahl, und von ihm hängt Euer Aller Loos ab. Dreimal„Wehe!“ rufe ich über Dein Haupt, wenn Du das Geheimniß je mißbrauchſt, oder Deine Macht über mich vielleicht öffentlich geltend machen wollteſt!— Die Raſende ſchwieg, ſie hatte ſich erſchöpft, und ſank auf ihren Sitz zurück. Der Rabbi blieb regungslos ſtehen und ſah mit wirklich mitleidigen Blicken auf die Ohnmacht der hochmüthigen Frau herab; in dieſem Augenblicke hatte ſich ihrer auch wirklich ſchon das drückende Gefühl der Abhängigkeit bemächtiget. Weib! ſprach er— ich will Dir nicht den 17 Namen„ Chriſtin“ beilegen, weil Du ein Auswurf Deiner Glaubensgenoſſen biſt, und Du ihn alſo ſchändeſt; Du haſt es gewagt, mir, den Rabbi Eliah, zu drohen; ich will dieſe Thorheit Deinem Unverſtande zurechnen; aber, wenn durch Deine heim⸗ lichen Ränke, denn nur dieſe fürcht' ich, nur Eines Juden Leben gefährdet wird, ſo ſtehſt Du——— ——— Du weißt, was ich ſagen will, mehr be⸗ darf es nicht!— Er verließ mit langſamen Schritten den Pavillon. Als er bei der Thüre ſeines Hauſes angelangt war, ſtürzte ihm Joſe entgegen. Die Wangen des Jünglings waren hoch geröthet, ſein Odem ſchwer und kurz; er faßte die Hand des Rabbi und drückte ſie an ſeine Lippen; Eliah fühlte eine heiße Thräne auf derſelben. Du weinſt, Joſe? fragte er befremdet— woher kommſt Du, was ſoll Deine Eile, Deine Beſtürzung, Du biſt erſchöpft? Ach, Rabbi! laß' mich zu Athem gelangen— ich komme ſo eben— aus dem Hauſe Naphtali's — ich habe mit Jedida geſprochen— Du warſt geſtern mit Eßman dort— Dein Beſuch hat viel Kummer in die Familie gebracht! Mirjam * 18 geht ſtumm und blaß umher, ihr Bruder hat ſie aus⸗ geſchmählt, hat das Recht des Aeltern geltend gemacht. Er hat ihr gedroht, ſie geſcholten und ſie auf eine em⸗ pörende, unwürdige Weiſe behandelt! Dieſe Nachricht erſchütterte den Rabbi; was ſollte, was konnte er thun? 1 Unaufgefordert erzählte Jo ſe die Auftritte zwiſchen Naphtali und Mirjam, wie ſie vor und nach dem Beſuche des Rabbi Statt gefunden hatten; alſo gezwungen mußte die arme Frau im Nebengemache Zeuge der Scene ſein! Dem Rabbi fiel eine Laſt vom Herzen: Mirjam war gereiniget von dem Ver⸗ dachte, den er ſo ungern auf ihr ruhen ließ. Ach! dachte er, wär' ich auch ſo rein in ihren Augen, wie ſie es in den meinen iſt! Der Jüngling hatte ſeinen Bericht beendet und fuhr fort: Dieß Alles hat mir Jedida erzählt; ſie hat mit Mirjam geſprochen und meint, es gäbe nur Ein Mittel, um für den Augenblick den Sturm zu beſchwören. Welches iſt dieſes? fragte Eliah raſch. Du mukt ſuchen, verehrter Rabbi! Dein An⸗ ſehen alſogleich wieder herzuſtellen. Dieß kannſt Du aber nur dann, wenn Du den Namen jener unbe⸗ 18 kannten Frau Preis gibſt, welche Schuld an all dem Trübſal iſt. Ich kann, ich darf dieß nicht thun, Joſe! Dasſelbe haſt Du auch bei Eiſak verſichert; gerade dieſe Worte hat der finſtere Mann, als Dein eigen Geſtändniß, zu Deinem Nachtheile benützt; frü⸗ her wußteſt Du jedoch nicht, was davon abhingz jetzt aber haſt Du die unſeligen Folgen vor Augen— 0 nimm ſie zurück, dieſe Worte, die Dir den größten Schaden bringen können! Ich kann nicht, Joſe!— Glaube mir, an dem Geheimniſſe dieſes Namens liegt viel— unendlich viel; ich— Du— Eßman— Eiſak— ein jeder aus unſerer Gemeinde würde darunter leiden! Doch laß mich, ich habe ſchon zu viel geſagt. Während dieſes Geſpräches hatten ſie die Stube betreten. Der Rabbi legte Mütze und Stock bei Seite, ließ ſich auf einen Stuhl nahe am Fenſter nieder, und ſtützte ſorgenvoll die Stirn in die hohle rechte Hand; ſein Schüler, oder beſſer, ſein Freund und Bruder blieb ihm gegenüber ſtehen, und antwortete auf die letzte Rede Eliah's: Ach, Rabbi! wenn Du die Verwirrung, die Spannung der Gemüther in Eiſak's Hauſe ſäheſt, Du würdeſt gewiß anders ſprechen.— Die arme— 20 Mirjam, ſie geht troſtlos umher— Du ſollteſt nur ſehen, wie der Eine Tag ſie verſtört hat. Ich bedaure, daß ſie ſo ſchwach iſt, über das Gerede meiner Feinde nicht erhaben zu ſein. Du verkennſt ſie, Rabbi! Sie iſt von der Nich⸗ tigkeit der Anklage ſo feſt überzeugt, wie ich⸗ wie Eßman und wie viele Andere. Und ſie wünſcht es dennoch, daß ich mich zu einer Vertheidigung erniedrige? Sie ſieht nur eine Erhebung, einen glänzen⸗ den Sieg darin; ſie würde mit Dir triumphiren und jubeln, ſo wie ſie jetzt über Dich weint, bittere, heiße Thränen vergießt. Rabbi Eliah ſchüttelte unwillig den Kopf: Welch' Unheil bringt der einzige Schritt eines unbedächtigen Weibes! Glaube mir ſicher, Joſe! der Anlaß iſt ſo nichtig, daß ich jetzt noch über ſeine Folgen ſtaune; aber ſo iſt es, wenn man Feinde hat, die böſe ſind! Ein edler Feind erniedriget ſich nie, aus kleinlichen Vorfällen große Vortheile zu ziehen; aber dieſe hier, die mit Sehnſucht, mit Gier einem Augenblick des günſtigen Angriffes entgegen ſahen, ich glaube, wenn ſie ein Schwein aus meinem Hauſe hätten laufen ſehen, das ſich durch die offene Thüre z⸗ fällig hinein verirrt hat, ſie hätten gleich behorptet: 21 es wäre mein Eigenthum. O Joſe! wie wehe thut mir dieſer Verdacht, wie tief fühle ich die mir an⸗ gethane Kränkung— aber ich muß es tragen; der Tag meines Triumphes wird erſt kommen, dann aber werde ich feurige Kohlen über ihre Häupter ſammeln! Genug, mein Freund, dringe nicht weiter in mich, denn Du biſt nun überzeugt, daß ich ſchwei⸗ gen muß. Gehe zu Mirjam, ſage ihr, was ich geſprochen; ſie möge an den oben, an Schadai, den Allmächtigen und an ſeine Hülfe nicht ver⸗ geſſen! Er führt unſer Recht, rein wie Sonnenlicht, unſere Unſchuld, wie den heitern Tag; vergebens droht der Frevler dem Gerechten und knirſcht die Zähne über ihn; vergebens lauert er auf den From⸗ men, begierig ihn zu würgen; doch deſſen Pfad be⸗ wacht der Herr, und wenn der Mann auch wankt, Gott erhält ihn an der Hand. D'rum bleiben wir ſtets dem Laſter gram, der Tugend hold; der Ewige liebt das Recht, und wird unſere Tage ſegnen, er ver⸗ läßt ſeine Freunde nicht! Amen. Jo ſe warf ſich dem Frommen in die Arme. Rabbi Eliah drückte dem Jünglinge einen Kuß auf die Stirne und ſchob ihn ſanft gegen die Thüre zu. Joſe eilte von dannen. 22 Der treue Bothe des Rabbi hatte mit Mirjam lange und anhaltend geſprochen. Seiner Beredſam⸗ keit, ſeinen glühenden Worten gelang es, das Ver⸗ trauen in dem Herzen der Witwe wieder feſt zu ſtellen und ſie zu beruhigen. Glaube mir ſicher, Joſe— ſprach ſie ſenft— ich habe ihn in meinem Innern ſtets vertheidiget; aber der böſe Theil in uns ruht nicht, ſo viel man ſich auch Mühe gibt, ihn zu beſchwören. Ich will ihm nun blind vertrauen, mein Glaube ſoll durch nichts mehr wankend gemacht werden, und dieſer Triumph ſoll mir Kraft verleihen, meinem Bruder widerſtehen zu können. O, welch ein unſeliger Tag war dieß heute! welche Qualen habe ich empfunden, ich werde ſie nie— nie vergeſſen, und den Himmel bitten, daß er über mein Leben Tage ſolcher Bit⸗ terlichkeit ſo wenige als möglich hereinbrechen laſſe! Als Joſe die Witwe verließ, war es ſchon ſpät am Abende, ſie begab ſich in ihr Schlafgemach, um die Ruhe zu ſuchen. Die trauliche Stille des Stübchens that ihr wohl, ſie konnte ungeſtört denken und ſeufzen. Es gilt als untrüglicher Beweis von dem Daſein einer ewigen Vorſehung, und zeigt zugleich von der größ⸗ ten Nichtigkeit und Schutzloſigkeit des Menſchen, daß 23 er das Bedürfniß des Gebetes, einer Erhebung zu Gott nie ſo mächtig in ſich fühlt, als in Stunden der Gefahr und des Unglückes. Da wird er von einem Drange beſtürmt, ſich hinzuwerfen auf die Kniee, die Hände zu erheben, um dem Himmel ſeine Leiden zu klagen, oder deſſen Hülfe anzurufen!— Wenn die Ohren um ihn taub geworden, wenn die Erde keine Hülfe mehr zu geben vermag, dann klammert er ſich mit verdoppelter Frömmigkeit an den Himmel; wenn er ſieht, wie erbärmlich, wie ohnmächtig das Unten iſt, dann wird ihm die Erhabenheit des Oben klar. Dieſer Ausſpruch gilt vom Frommſten bis zum Sündigſten hinab, die Allmacht oben bleibt immer die höchſte, die gewaltigſte Inſtanz; ob früher oder ſpäter, ſie wird angerufen, und es gibt keinen Sün⸗ der, wenn er nur nicht ganz entmenſcht und zur vie⸗ hiſchen Rohheit hinabgeſunken iſt, der von dieſem Richter nicht Gnade erwartete. Wenn ein ſo überheiliges Weſen, wie Gott, noch einer Erhöhung fähig wäre, dieß wäre ſeine glän⸗ zendſte Rechtfertigung, ſein größter Triumph!!— Mirjam war eine tugendhafte, eine fromme Frau; ſie lebte nach den Geſetzen, und vergaß ihren Schöpfer nie. Aber als ſie ſich an dieſem Abende zum Nachtgebete anſchickte, überkam ſie ein ſonderbarer 24 Ernſt, eine heilige Weihe. Das Gefühl ihres Weh's, von dem ſie nur Der oben befreien konnte, ſteigerte ihre Andacht. O, der Menſch iſt zu viel irdiſch: er betet anders im Glück, anders im Unglück. Geht nur hin in die Gotteshäuſer, Ihr werdet ſie bald von einander unterſcheiden können! Die Witwe faltete die Hände, ihr Geiſt ſchwang ſich in die Wolken, ſie betete: Gelobt ſeieſt Du Gott, unſer Herr! Herr der ganzen Welt! der Du die Bande des Schlummers über mein Auge ſenkeſt, den Schlaf auf meine Augen⸗ lieder. O Gott meiner Väter! laß' es Deinen Willen ſein, daß ich mich in Frieden niederlege und in Frieden aufſtehe, daß mich nicht ſündige Gedanken, böſe Vorſtellungen und Träume ängſtigen und ſchrecken; daß meine Ruhe nicht geſtört werde, und mein Lager rein und ohne Fehl bleibe. O, erleuchte wieder mein Auge, daß ich mich nicht niederlege zum Todesſchlaf, Gott! Du mein Gott! der die ganze Welt in ſeiner Herrlichkeit erleuchtet. Gott iſt Herr in Wahrhaf⸗ tigkeit! Höre Israel! Gott, unſer Gott, iſt ein einzi⸗ ger Gott! Gelobt ſei ſein Name, ſein Reich und ſeine Herrlichkeit— in Ewigkeit!— Rur halblaut ſprach ſie den übrigen Theil des 25 Gebetes vor ſich hin, aber mit eben ſolcher Weihe, mit eben ſolcher Erhebung, dann ſchloß ſie: Er ſchläft nicht, er ſchlummert nicht, der Hüther Jsraels! Auf Deine Hülfe hoffe ich, Gott— ich baue, Gott! auf Deine Hülfe— auf Deine Hülfe o Gott! vertraue ich! Im Namen Gottes des All⸗ mächtigen, des heiligen Gottes unſerer Väter! Mich umgeben die Engel, die waltenden Kräfte des Ewigen, Er ſelbſt thront über mir, in ſeiner Herrlichkeit, Amen! Sie ſchloß die Augen. Ruhe— die erſte, ſchöne Frucht des Gebetes kehrte in ihrem Buſen ein. Sie entſchlief leicht und ſüß. —— Die Trauerkunde. Angſtvoll ſchlägt das Herz in mir; Mich überfallen Todesſchrecken, Wandeln Furcht und Zittern an. Mich überdeckt kaltes Grauen. Ich ſprach: O hätt' ich Taubenſchwingen, Daß ich flöge, Raſt zu ſuchen, Fern weg, in weite Irre⸗ Uebernachte in der Wüſte. Wie würd' ich eilen, zu entkommen, Vor Sturm und Ungewitter! p Schon ſeh' ich in der Stadt Gewalt und Hader Tag und Nacht auf ihren Mauern wandeln, Und Angſt und Kummer lauern innerhalb. Unfall drohet innerhalb; Trug und Argliſt weicht nicht von den Straßen. pfalm 55. Ueber den Lebenshimmel des Rabbi Eliah war ein düſteres Gewölk heraufgezogen, ein unwür⸗ diger Verdacht bemackelte ſeine Tugend, und das Gefühl, ſich von demſelben nicht befreien zu können, da er ein gefährliches Geheimniß nicht der Oeffent⸗ 2* lichkeit Preis geben konnte, laſtete ſchwer auf ſeiner Seele. Er hatte in einer vertrauten Stunde bei Eßman ſich Dieſem ganz vertrauen wollen, allein der würdige Chacham bat ihn, hievon zu ſchweigen. Wir, die wir uns zu Euren Freunden zählen— ſprach er— ſind im Voraus überzeugt, daß ſolche Geſinnungen Eurer Seele fremd ſeien; die Anderen wer⸗ den meinen Worten eben ſo wenig Glauben ſchenken, wie den Euren; bewahrt daher das Geheimniß, und er⸗ niedriget Euch ja nicht zu einer Vertheidigung, unter welcher Eure Würde nur leiden müßte. Ueberdieß iſt das YPeſſahfeſt da, Herr Ephraim Steußen, unſer Zechmeiſter muß Heute oder Morgen von Wien anlangen; ſein Machtwort wird die Böſen zum Schweigen bringen. Damit begab ſich der Rabbi auch zufrieden; er kehrte nach Hauſe zurück und vermied es, außer dem Gottesdienſte unter der Gemeinde zu erſcheinen. Joſe blieb für dieſe Tage, außer Eßman, der einzige Beſuch, den er annahm, jedoch geſtattete er ihm nicht, von Eiſak's Familie zu ſprechen. Am Vorabende des vierzehnten Tages im Mo⸗ nate Niſſan, das iſt an jenem Abende, an welchem das Wegſchaffen alles Geſäuerten in den Judenhäuſern vor ſich geht, um am folgenden Vormittage um die 28 zehnte Stunde verbrannt zu werden, weil dann am Abende das Peſſahfeſt ſeinen Anfang nimmt, befand ſich Rabbi Eliah allein in ſeinem Gemache. Er las emſig in einem Buche, und war in ſeinem Gegenſtand ſo vertieft, daß er das Geräuſch, welches mehrere Vorübergehende auf der Straße verurſachten, ganz überhörte. Aſcher, der auf ſei⸗ nen Befehl mit dem Aufräumen der Bücher und Skripturen beſchäftiget war, vernahm das Gemur⸗ mel bald, und ſprach: Rabbi! ich höre draußen ſprechen und kommen! So geh' hinaus, Aſcher, und ſieh nach, wer es ſei. Der Diener ging, Eliah blieb aufmerkſam. Iſt der Rabbi zu Hauſe? fragte eine volle Mannesſtimme außen. Ja! antwortete Aſcher. Das Gemurmel kam näher; Eliah erhob ſich, die Thüre ging auf, und mehrere Männer traten ein. An ihrer Spitze befand ſich eine hochgewachſene Geſtalt, in reichen Kleidern, mit vornehmen, aber freundlichen Manieren. Ein ſchön gekräuſelter, ſchwar⸗ zer Bart bedeckte das Kinn und die Wangen, gleich⸗ farbige Haare fielen rückwärts über die Schulter hinab, das Auge war dunkel, der Blick feſt, die 20 Züge des Antlitzes ſcharf ausgeprägt. Der Mann konnte bei fünf und vierzig Jahre alt ſein. Unter den übrigen Juden befand ſich Elieſer Eßman, Naphtali Eiſak, Joſua Gerſon, Riſſa's Vater. Geſegnet ſeien die, die da kommen! ſprach der Rabbi— der Friede ſei mit Euch! Der Friede! wiederholten die Andern. Eliah reichte dem an der Spitze die Hand, da er ſah, daß er ein Fremder ſei. Vergebt, Rabbi! ſprach dieſer, daß ich Euch noch heute heimſuche. So eben angekommen, drängt es mich ſchon, Euch zu ſehen und zu ſprechen. Ich heiße Ephraim Steußen! Unſere Leſer haben ſchon vernommen, daß die Familie Steußen eine der angeſehenſten im Lande war. Herzog Albrecht III. und Herzog Leopold wußten ihre Summen zu benützen. Ein gewiſſer David Steußen wird in verſchiedenen Schuld⸗ verſchreibungen immer„Ihr Jude“ genannt; z. B. „Von Herzog Albrechten und Leopolden von „Oeſterreich auf Ihren Juden David Steußen, „Hendleins Juden von Neuenburg(Kloſterneuburg) Sohn u. ſ. w.“ Ein anderer, Simon Steußen muß gewiſſer Maßen die Stelle eines Hofbankiers Die Sendung des Rabbi I1⸗ 30 vertreten haben, was man damals kurzweg einen „Hofjuden“ nannte. Unſtreitig war die Familie eine der reichſten an baarem Gelde im Lande, und unſer Ephraim Steußen konnte mit Allen aus ſeiner Gemeinde in die Schranken treten. Aber der Zech⸗ meiſter war weit davon entfernt, dieß irgend Je⸗ mand fühlen zu laſſen; er war wohlthätig, men⸗ ſchenfreundlich und leutſelig, und beſaß bei den Edlen zu Wien keinen geringen Einfluß, in ſo ferne dieß bei einem Juden nur Statt finden konnte. Rabbi Eliah wurde von dem Namen ange— nehm überraſcht. Das vortheilhafte Aeußere des Vorſtehers ließ, auf ſein Inneres geſchloſſen, nur Gutes erwarten. Eliah drückte ſeine Freude über dieſen Beſuch offen, und in herzlichen Worten aus; er geſtend, daß er ſchon lange dieſer Ankunft entgegen geſehen, und berief ſich auf Eßman's Zeugniß. Indeſſen hatten Alle Platz genommen; Ephraim Steußen ſprach: Ihr könnt leicht ermeſſen, daß es ſchon eine bedeutende Angelegenheit ſein muß, die mich Euch, meine Glaubensbrüder, ſo eilends zuſammenholen, und hieher führen ließ. Vor Allem muß ich in we⸗ nigen Worten mein Mißfallen über die Uneinigkeit ausſprechen, die in unſerer Gemeinde eingeriſſen. Schweigt, Chacham Eiſak und unterbrecht mich nicht— dieſer wollte nämlich das Wort ergreifen— ich weiß Alles, was ſich zugetragen, es iſt mir von Unbefangenen nach Wien berichtet worden, und ich habe nur ſtaunen können, wie Männer— in deren Mitte der ſelige Rabbi Simon ſo viele Jahre ge⸗ wandelt— ſich ſo weit vergeſſen konnten, das Wun⸗ derbare ſeiner Verfügung ganz zu überſehen, und ſeinem letzten Willen entgegen zu handeln; aber ſo iſt es immer, wenn man gegen alle Anderen Ohr und Herz verſchließt, und ſich nur von Vorurthei⸗ len und kleinlichem Eigennutze leiten läßt! Doch will ich, bei dem Gotte unſerer Väter! hoffen, daß alle dieſe kleinlichen Umtriebe aufhören werden, wenn Ihr das Unglück vernehmt, das ſich zugetra⸗ gen, und welches bei unſerer unterdrückten Lage für alle Juden im ganzen Lande von den traurigſten Folgen ſein kann. Darum ſag' ich Euch noch ein⸗ mal: vergeßt dieſe Streitigkeiten, werdet einig unter Euch, laßt Haß und Groll erlöſchen, denn uns droht große Gefahr, ſie wird uns um ſo eher errei⸗ chen, wenn wir zerworfen unter uns, den Gegnern um ſo mehr Angriffspunkte darbieten. 32 Die Juden horchten hoch auf, keiner von ihnen wußte, was vorgefallen ſei; aber es ſchnürte ihnen die Herzen zuſammen, als ſie den ſonſt einflußreichen Mann von ſolcher Gefahr ſprechen hörten. Alle ſahen ihn mit Beklommenheit an, jedes Wort fürchtend und doch ihm mit Gier entgegen ſehend. Der Vor⸗ ſteher wandte ſich zu Eliah: Sprecht, verehr⸗ ter Rabbi! das kurze Gebet, denn was wir hören ſollen, ſind böſe Nachrichten, unglückliche Ereigniſſe! Rabbi Eliah faltete die Hände und betete: „Gelobt ſeiſt Du Gott—(die Andern ſprachen es nach)— unſer Herr— Herr der Welt— der wahr und gerecht iſt im Gerichte!“— Einige der Männer waren bleich, wie lebendige Leichen, Andere zitterten, ſelbſt dem ſonſt gefaßteren Eßman lief es eiskalt durch die Adern. Einige Augenblicke herrſchte Schweigen, dann begann Ephraim Steußen: Der unglückliche Vorfall, welcher vor vierzehn Jahren unſere Glaubensgenoſſen zu Wien traf, wird Euch Allen gewiß noch friſch im Gedächtniſſe leben; doch Euch, verehrter Rabbi! wird ſie unbekannt ſein, ich will ihrer hier in wenigen Worten Erwäh⸗ nung thun: 33 Im Jahre 1406 am fünften Tage des Winter⸗ Monates brach in der dortigen Judenſtadt Feuer aus. Das bot dem gemeinen Volke eine gute Gele⸗ genheit, ſich auf gewaltthätige Weiſe zu bereichern. Es ſtrömte daher in großen Scharen herbei, aber nicht ewa um zu löſchen, ſondern um zu rauben und zu plündern. Es war ein öffentlicher Ueber⸗ fall der ganzen Judenſtadt, folglich auch jener Häu⸗ ſer, die nicht von den Flammen ergriffen waren. Man ſprengte die Thore, hieb die Schlöſſer ab, drang mit wüthender Raubgiet in das Innere der Wohnungen, griff vor Allem nach Gold und Sil⸗ ber, und dann nach den übrigen Geräthen und dem ſonſtigen Hausbedarf. Unſere armen Glaubensge⸗ noſſen, um mindeſtens ihr Leben zu erhalten, ver⸗ bargen ſich in Kellern und verſteckten Schlupfwin⸗ keln; nur auf dieſe Weiſe konnten ſie der Mordluſt der Plünderer entgehen. An das Löſchen dachte da⸗ her Niemand, und ſo kam es, daß der Brand durch drei Tage und eben ſo viele Nächte währte, bis die Judenſtadt zum größten Theile ausgeplündert war. Ihr könnt die Gefühle der Beraubten, ihr Elend leicht ermeſſen! Vergebens ließ der Herzog den reich gewordenen Pöbel auffordern, das Geraubte zurück zu ſtellen; man —— 34 lachte in's Fäuſtchen, ſtellte einige werthloſe Dinge zurück, und behielt das Koſtbare im Schrank. Dieſes Unheil hat nun freilich nur die Juden in Wien betroffen; der jetzige Fall— Schadai, der All⸗ mächtige möge es abwenden!— er kann Unglück⸗ bringend für Alle im ganzen Lande ſein. Ohne böſe Folgen bleibt er ein für alle Mal nicht, wir müſſen nur noch in der bangen Ungewißheit leben, ob es bloß unſerem Eigenthume, oder auch unſerer Freiheit, unſe⸗ rem Leben gelten wird. Er hielt inne, die Andern vermochten kaum zu athmen. Nach einer Weile nahm Elieſer Eßman das Wort und ſprach: Was iſt vorgefallen, das Euch zu ſo großen Befürchtungen veranlaßt? Der Vorſteher erzählte: Einige aus unſerer Gemeinde in Wien ſollen mit heiligen Gegenſtänden der Chriſten ihr Geſpötte getrie⸗ ben haben; ſie wurden verrathen und in den Kerker ge⸗ worfen, wo ſie auch Alles eingeſtanden; die Verhöre ſind nun geſchloſſen, der ganze Vorfall wurde an den Herzog berichtet, auch die Ausſagen und Angaben, kurz alles dazu Gehörige wurde ſchriftlich beigelegt, und nach Böhmen geſandt. So ſtanden die Sachen, als ich Wien verließ; man iſt in der Erwartung des 35 Beſchlußes, welchen der Fürſt faſſen wird; jedes Falls ſchwebt das blanke Schwert an Einem Haare über unſeren Häuptern. Meint Ihr, Herr Steußen— fragte Einer der Juden— daß dieſer Fall für uns Alle ſo üble Folgen haben dürfte? Ohne Zweifel!— verſetzte der Vorſteher— man iſt es an uns ſchon gewohnt, immer Alle für Einen leiden zu laſſen; das eben iſt der Fluch, der auf dem Juden ruht: daß die im Norden es büßen müſſen, was die im Süden verſchuldet haben! Uebrigens ſind noch viele für uns mißliche Umſtände vorhanden. Der Herzog wird den Fall als eine Ketzerei verdammen, und um ſo unerbittlicher ſein, da die Hußiten in Böh⸗ men ſo unzählige Gräuel verüben; er wird ſchonungs⸗ Ues handeln und alle Strenge aufbieten, um die ver⸗ meintlichen Verbrecher und ihre Glaubensgenoſſen zu züchtigen. Wir werden es entgelten müſſen, was die Böhmen verſchulden; ſie ſteh'n ihm mächtig mit be⸗ waffneter Hand entgegen, wir— wir ſind wehrloſe Opfer, ſeinem bloßen Willen Preis gegeben! Wir haben alſo Alles zu fürchten, und müſſen darauf gefaßt ſein. Ich habe Euch deshalb Alles mitgetheilt, damit Jeder im Geheimen ſeine Maßregeln treffen kann; aber Ihr Brüder! ich beſchwöre Euch, ſeid ver⸗ 36 ſchwiegen gegen Jedermann; wir, die Wohl⸗ habenden werden leiden müſſen, denn auf unſer Gold wird es wahrſcheinlich gemünzt ſein, die Uebri⸗ gen, die Aermeren haben weniger zu befürchten. Selbſt Euren Frauen und Kindern entdeckt nichts, ſonſt regt Ihr vorzeitig die Stadt und die Gemeinde auf, und wer weiß, was unſer Edler, Herr von Zech aus eige⸗ nem Antriebe im Vorhinein zu thun im Stande wäre. Darum verſchließt es in Eure Herzen, was Ihr ver⸗ nommen, und laßt uns Gott den Allmächtigen bit⸗ ten, daß er die Gefahr von ½ſeren Häuptern ab⸗ wenden, und Alles zum Guten lenken möge; er ver⸗ mag Alles, er iſt allmächtig; in ſeine Vaterhuld legen wir unſer Wohl! Tiefes Schweigen trat ein; hie und da rang ſich ein ſchwerer Seufzer aus beklommener Bruſt; man ſah ſich wechſelſeitig an, und wagte ſich doch keinen Troſt zuzuſprechen, wie Zentnerſchwere laſtete es auf den beklommenen Gemüthern; endlich ſprach der Rabbi: Muth, meine Brüder! wir wollen nicht im Voraus verzweifeln; wie unſer Meiſter geſprochen, ſo laßt uns thun, laßt uns ſeſt an unſerem Glauben, an unſerem Gott halten; er ſendet die Strafen, er ſendet den Lohn; die Erde iſt für den Menſchen nur 37 da, um ſich für den Himmel vorzubereiten; erſt nach dem Tode beginnt das wahre Leben! darum, was auch immer kommen möge, ruft mit mir:„Ich glaube feſt und wahrhaftig, daß eine Auferſtehung iſt und Wiederbelebung der Todten, zur Zeit, wann und wie es Gottes Wille iſt!“— Die Verſammelten verließen den Rabbi. Der Herr und der Knecht. Das Peſah⸗Opfer, welches unſere Väter, als noch der Tempel ſtand, gegeſſen— was ſoll es wohl bedeuten?— Es bedeutet, daß der Heilige, gelobt ſei ſein Name, die Häuſer unſerer Väter überſchritten, wie es auch in der Schrift heißt: „So ſprechet: Ein Peſah⸗Opfer iſt es dem Ewi⸗ gen, welcher hinwegeilte über die Kinder Iſraels in Aegypten, als er die Aegyptier ſchlug, und un⸗ ſere Häuſer verſchonte! Peſahgebet. Täglich lauern ſie mir auf, Sinnen nur auf meinen Untergang. Sammeln ſich zu Haufen, lauſchen, Bemerken meine Tritte, ſtellen meinem Leben nach. Pfalm 56. O, wäre die Nacht ſchon hin! Buch„Hiob.“ Und der erſte Peſah⸗Abend lag ausgegoſſen über die Wohnungen Jsraels; die heilige, die ge⸗ 30 weihte Nacht floß hernieder, ſanft und mild, wie Frühlingslüfte, die vom Libanon wehen. Wo iſt der Jude, deſſen Herz nicht aufgeht bei den tauſend und tauſend Erinnerungen dieſer Nacht, zeigt mir ihn, daß ich ihn ſehe, den Herzloſen, den Empfindungsloſen, welcher für die Tage der Vor⸗ zeit kein Gedächtniß, für die Leiden ſeines Volkes kein Herz, für die großen Männer ſeiner Nation keine wehmüthige Erinnerung hat. Nein, nein, bleibt ſtill, und nennt mir Nie⸗ manden, laßt mich in dem ſeligen Wahn, daß es keinen ſolchen Juden gebe; denn wahrlich, wäre auch nur Einer unter ihnen, er verdiente ja dieſen Namen nicht!— Es war ein milder, ein ſüßer, ein wonniger Frühlingsabend; ſtill und heiter wie ein Kind, lieb⸗ lich wie eine Jungfrau und ernſt wie ein Mann; träumeriſch wie ein Liebender und tiefſinnend wie ein Weiſer. Es war eine Nacht, ganz würdig, den erſten Peſahtag aus ihrem Schooße emporſteigen zu laſſen. Und dieſe Nacht tauchte hernieder, und breitete ihre Schwingen aus, wie einen rieſigen Schleier, gewoben aus dunklen Fäden, und durchwirkt mit Milliarden Diamanten. O du erſte Peſahnacht, du Anfang des ſchö⸗ nen Freiheitsfeſtes, du ſüße Erinnerung für alle Jene, die den greiſen Beduinenfürſten mit ſeinem hundertjährigen Weibe ihre Stammältern nennen; du biſt eine geweihte Nacht, du haſt Die mit Er⸗ löſung und Freiheit beglückt, welche wir unſere Vorältern nennen; du haſt ſie aus dem Joche der Sklaverei geriſſen; ſei uns gegrüßt, du ſchöne, heil'ge Peſahnacht!— O du Nacht der Wunder, der Zei⸗ chen und der Plagen, du Nacht des Sterbens und uns erlöst aus dem des Strafgerichtes, ühſal, dem Elend und dem Jammer, ſei von uns — Wer ſchon gefeiert du ſchöne, heil'ge Peſahnacht! je den Frohnlaſten der Dienſi er Armuth und de erlegen, wer der wird das Gefühl der Erinnerung daran im ganzen Umfange zu ermeſſen wiſſen; darum ſei uns willkommen, du ſchöne, heil'ge Peſahnacht!— Wie feſtlich bricht dieſer Abend über jede Ge⸗ meinde herein? Er beglückt den Aermſten, wie den Reichſten, ſeiner freut ſich Alles, vom Kinde bis zum Greiſe, er erhebt den Gedrückten, und gewährt Troſt dem Leidenden. An dieſem Abende iſt jeder Familien⸗ vater ein freier Herr, ein Gebiether ſeines Hauſes, und wenn ſeiner Armuth kein Diener gehorcht, ſo muß es ſeine Frau, oder ſein Kind thun. Weiche Kiſſen umgeben ſeinen gepolſterten Lehnſtuhl, er ruht in demſelben, wie ein Fürſt auf ſeinem Throne; vor ihm ſteht der Tiſch mit ſchneeweißen Lacken über⸗ deckt, an demſelben befinden ſich, nach Alter und Würde gereiht, ſeine Hausgenoſſen, jeder einen ge⸗ füllten Becher vor ſich, horchend den Worten des Gebiethers. Nacht, geweiht dem Gebete, geheiliget durch tauſend vorzeitige Erinnerungen, und verſüßt durch geräuſch⸗ loſe, häusliche Freuden! An dieſem Abende gleicht jedes Haus einem einfachen Tempel, der Familienvater iſt der Hohe⸗ prieſter, die Anderen die Diener und ſein Volk. Die Straßen ſind verödet, nur in den Häuſern herrſcht Leben, ſelbſt der Knecht ſitzt an dem Tiſche des Herrn, man ſieht außen keine Seele vor dem geen⸗ 4 1 O es iſt eine feſtliche, eine herrliche 4 2 deten Mahle, und dieß währt oft mit den dazu ge⸗ hörigen Gebeten bis tief in die Nacht. Das Judenviertel in der Wiener Neuſtadt war öde und einſam; durch die geſchloſſenen Fenſter drang hie und da ein Strahl der verſchwenderiſchen Stu⸗ benbeleuchtung heraus, und zog ſich, wie ein feiner Goldfaden, über die Straße, aber dieß verdrängte nicht die Dunkelheit der Nacht, und erheiterte nicht den düſteren Ernſt der ſtummen Zeilen, deren Häu⸗ ſer von Außen die feſtliche Feier des Abends nicht im Entfernteſten ahnen ließen. Kurz vor der zehnten Stunde eilte ein kleiner Mann vom großen Platz durch den Schwibbogen, an der Sinagoge vorüber, bis zur Wohnung des Rabbi Eliah. An einem Fenſter derſelben blieb er ſtehen, ſah durch die geſchloſſenen Läden, lange und anhaltend; es ſchien, als ob er etwas wahrzunehmen ſtrebe oder Jemanden ſuche. Nach einer Weile eilte er eben ſo ſchnell, als er gekommen, von dannen, nahm ſeine Richtung gegen 43 das Neu⸗ oder Fleiſcherthor, dann rechts hin⸗ über, längs der Stadtmauer gegen den Reckthurm zu. Unweit von demſelben, auf einem kleinen Platze blieb er ſtehen. Nach einiger Zeit geſellte ſich ein Anderer zu ihm. Biſt Du es, Grashofer? Ja, Thoman! Wie ſpät kann es ſein? Bald zehn Uhr! Wo nur die Anderen bleiben? Sie werden nimmer lange ſäumen! Wer muß noch kommen? Vierdung und Gugel, dann der Juden⸗ ſchreiber. Der kleine Bucklige iſt mir nicht ſehr angenehm. Hat er Dir Etwas zu Leide gethan? Das nicht, aber ich mag ihn doch nicht. Du biſt ein närriſcher Kauz— Meinſt Du, es ſei eine Laune? Bewahre der 44 Himmel! ſag' mir doch; magſt Du den Henker oder den Galgenzimmermann?— Welche Frage! und Beide ſollen doch recht brave Männer ſein!— Ganz recht! Und man meidet ſie doch. Das macht ihr Amt! Ah! ſiehſt Du, dasſelbe iſt auch bei dem klei⸗ nen Buckligen, Herrn Bernhard Kitzl, der Fall. Wie, bei ihm? Iſt er nicht beim Herzoge be⸗ dienſtet? Ja, aber als Judenſchreiber! Du weißt, was das ſagen will! Er iſt kein Ehrenmann, aber—- Aber— was? Es bleibt eine ausgemachte Wahr⸗ heit: Mit was man umgeht, dem nähert man ſich. Sei kein Narr, Grashofer! Kitzl iſt ein Chriſt, ſo gut, wie ich und Du, oder ſonſt Einer! Das bezweifle ich gar nicht— 45 Was ſoll alſo Dein Haß? Kurz und gut, ich bin den Juden ſpinnenfeind, und daher auch Allen, die gewiſſer Maßen zu ihnen gehören. Auch dem Herrn von Zech, dem Judenrichter? Ah! der macht eine würdige Ausnahme, den hat der liebe Himmel zu meiner Wonne hiehergeſetzt; der kann Dir das Judenvolk ſtäupen; der jagt es durcheinander, wie der Wolf ein Rudel Schaafe, wenn er darüber als Wächter geſetzt iſt; wenn's ihm gefällt, ſo oft er 2uſt und Liebe dazu hat— und dem Himmel ſei Dank! das iſt ſehr oft der Fall— ſo nimmt er ſich Eines heraus und zerreißt es. Die⸗ ſer bucklige Kitzl aber iſt ganz anders; der Tück⸗ mäuſer heuchelt gegen die Chriſten ſo gut, wie ge⸗ gen die Juden; er packt dieſe zwar auch, und quält ſie, aber er thut es heimlich, im Rücken, verborgen, und läßt ſich beſtechen; das mag ich nicht, mit Ju⸗ den kann man thun, was man will; wozu alſo dieſe Umſchweife? Aug' in Aug', die Zähne gewieſen, den Stahl gezückt, der Verachtete darf und wird nicht mucken; ſo will ich es haben, und ſo iſt der Juden⸗ richter; er verachtet ſie, demüthiget ſie, mißhandelt 4 46 6 ſie vor aller Welt, offen— vor allem Volke frei. Er gibt eine öffentliche Augenweide. Du biſt ein Teufelsjunge, Grashofer! Aber jetzt ſage mir, wie kömmt es, daß Du, als Feind des Judenſchreibers, Dich dennoch jetzt in dieſem Augenblicke hier befindeſt? Meinſt Du, weil er den Spaß eingefädelt hat? O bewahre! Nicht ihm zu Liebe, ſondern den Juden zum Haß, habe ich mich Euch angeſchloſſen. Ihr an⸗ deren Drei werdet beſoldet— o ich weiß das zu gut; aber ich mag kein Gold, ich thu'es umſonſt, weil es einen Juden gilt. Mag der Bucklige das Sünden eld behalten, er gibt ohnedieß nur die zwanzigſten Theile und behält das Meiſte. In dieſem Augenblicke kamen noch Zwei herbei. Seid Ihr es, Vierdung und Artolf? Ja, wir Beide! Nun ſind wir alle Vier! Wo bleibt der Judenſchreiber? Er wird uns im Schank erwarten! So? rief der Grashofer— das ſieht ihm wie⸗ 47 der gleich. Siehſt Du, Thoman, ganz, wie ich es geſagt habe! Er ſtellt ſich in den Hinterhalt, um ſich zu ſalviren, und wir ſollen die Kaſtanien aus der Glut holen; er will auch ſein Müthchen kühlen, aber er getraut ſich nicht, es öffentlich zu thun. Ich bin gewiß, er weint Morgen mit den Juden über das, was heute geſchehen ſoll! Es iſt keine Zeit mehr zu verlieren— ſprach jetzt der, welcher Vierdung hieß— mag Kitzl kommen oder nicht, das gilt uns gleich; wir haben einmal zugeſagt und müſſen Wort halten. Iſt der Schankherr ſchon von Allem in Kenntniß geſetzt? fragte Thoman. Ich ſelbſt war dort— verſetzte Artolf— und habe Alles anbefohlen. Die Hinterſtube iſt für uns hergerichtet, wir werden finden, was wir bedürfen. O, das ſoll ein Teufels⸗Abend werden; ein Ju⸗ bel, ein Labſal für meine arme Seele! aber Freunde, das ſage ich Euch, mich laßt den Vorſitz führen, ich werde Alles anordnen, angeben, Ihr kennt mich und wißt, ich bin in dergleichen Dingen gewandt; ich bin 48 kein friſch geſottener Krebs, hab' ſchon mehr derglei⸗ chen Jubiläen mitgemacht. O, der Grashofer iſt ein Höllenburſche! werdet Ihr rufen, und das ſoll mein Lohn ſein. Horcht— Eins— Zwei— Drei— ————— Zehn— ſchon Zehn Uhr! Kommt, laßt uns eilen. Und ſie gingen. Als ſie oben in der Neugaſſe anlangten, dort — wo rechts das kurze Gäßchen gegen die Judenſchule hinzog, machte der Rädelsführer Halt. Die Anderen befolgten ſein Beiſpiel. Jetzt bleibt Ihr hier und harret— ich werde allein hingehen und meine Sache machen. Wenn Ihr mich pfeifen hört, ſo kommt zu Hülfe, aber ohne zu laufen. Es muß jedes Geräuſch vermieden werden. Die Andern drückten ſich an die Mauer des Eck⸗ hauſes, Grasho fer ging in das Gäßchen, an der Schule vorüber, bis zu Rabbi Eliah's Wohnung. So wie früher begann er wieder ſein Nach⸗ forſchen. Sollte der jüdiſche Pfaff ſchon nach Hauſe ge⸗ 48 kommen ſein?— es wäre viel zu früh nach Kitzl's Angabe— halt— ich ſehe den Lampenſchein noch immer— wenn die verdammte Klinſe nur nicht ſo dünn wäre— man hätte eigentlich zum Eßman'⸗ ſchen Hauſe gehen, und dort ſpähen ſollen, aber der Spitzbube wohnt oben— da mag ein Chriſtof durch die Laden ſehen— es iſt drinnen Alles ſtill— ich ſeh' den Schelm nicht— wenn die verfluchte Klinſe nur mehr rechts wäre— ich will anpochen — im ſchlimmſten Falle habe ich eine Ausrede in Bereitſchaft— aber was ſoll ich ſagen?— Ja— ich werde die Juden fragen, ob die Oſterflecken ge⸗ ſalzen ſeien?— Das ſoll ein köſtlicher Spaß werden! Et klopfte an die Laden. Um die Nachbarſchaft nicht aufzuſtöbern, that er dieß ſo ſanft als möglich, wiewohl es ihn ſehr drängte, mit ganzer Kraft dar⸗ auf zu ſchlagen. Man hörte innen Geräuſch, eine Thüre ging auf— dann zu, darauf kamen Tritte über den Hof. Hollah! brummte der Grashofer wieder— der Kerl iſt richtig allein; das Unternehmen wird ge⸗ lingen!— 50 Die Hausthüre öffnete ſich, Aſcher ſtand in derſelben. Was willſt Du? fragte dieſer den Außenſtehenden. Der Jude ſagt„Du“ zu mir— brummte der Andere in den Bart— er glaubt, ich ſei ſeines Gleichen; auch recht! Du biſt ja der Aſcher? Ja! Ich bin von Deinem Herrn geſandt, Du möch⸗ teſt gleich kommen, ihn abzuholen. Wo iſt der Rabbi? Bei Eßman! Wo iſt dieß? Eliah hatte ihm an demſelben Tage noch nichts davon geſagt, daher wußte er es auch nicht. Er weiß nicht, wo der Eßman wohnt? brumm⸗ te Grashofer— will mich der Spitzbube nar⸗ ren? ſein Herr iſt jn dorten mehr als zu Hauſe! Komm mit, Aſcher! ich werde Dir zeigen, wo Eß⸗ man wohnt! 5¹ Aſcher trat aus der Thüre, um ihm zu folgen. Dieſe Bereitwilligkeit machte den Grasho⸗ fer ſtutzen. Es ärgerte ihn, keine Widerrede, kei⸗ nen Widerſtand zu finden; ein Opfer, das Einem freiwillig in die Hände läuft, gewährt nicht halb ſo viel Vergnügen, als Eines, das man erſt durch Liſt oder Gewalt an ſich ziehen muß. Willſt Du nicht die Thüre ſchließen, Aſcher? Soll ich das thun? Grashofer beſann ſich. Nein! Laß ſie offen! Vielleicht iſt indeſſen ein Anderer ſo klug, und plündert den Juden aus!— Das Letztere ſetzte er nur in Gedanken hinzu, dann ſprach er wieder laut: Nun komm' mit mir, Aſcherchen! Er ging voran, der Knecht hinter drein; als ſie das Gäßchen im Rücken hatten, folgten auch die andern Drei, aber ganz in der Ferne, um bei dem Verlockten keinen Verdacht zu erregen. Dieſe Vorſicht war ganz überflüſſig. Hätte Eliah, als er das Haus verließ, dem Knechte ge⸗ 5 2 ſagt, er möge unter keiner Bedingung das Haus verlaſſen, ſo würde es Aſcher auch nicht gethan haben; da er es aber dießmal unterlaſſen hatte, ſo ging Aſcher ganz ſorglos mit. Grashofer war über das Unerwartete in unangenehme Gedanken verſunken: Der Schelm iſt entweder ganz blöde, oder er iſt ein hölliſcher Spitzbube, der ſich gegen alle Angriffe ſicher weiß. Im erſten Falle lohnt es ſich faſt nicht der Mühe, ſo viel Aufhebens mit ihm zu machen; im letzteren aber heißt es, Ohren und Augen ſpitzen, ſonſt kann es Blut geben; doch wir ſind Mehrere gegen Einen; wenn auch der Bucklige ſich aus der Schlinge zieht, ſo bleiben wir noch immer zweimal zwei, und er iſt nur Einer!— Horch!— die Glocke vom Pfarrthürmchen ſchlägt ſchon wieder; — Eins— Zwei— Donnerwetter, wie die Zeit verſtreicht— ſchon Eilf Uhr, wir wollen uns beeilen — ſonſt iſt die Nacht auf Ja und Nein vorüber; wir müſſen trachten, zum Zwecke zu gelangen. Sie waren dießmal über den Pfarrplatz, dann links hinüber gegangen— die Straßen waren wie ausgeſtorben, ſie begegneten keiner lebendigen Seele mehr, Alles war ſtill, nur der Widerhall ihrer Schritte ſtörte das Schweigen.— 53 Jetzt hielten ſie vor einer Thüre— Grashofer klopfte; die Andern kamen nach und ſchloßen ſich an. Aſcher ſah verwundert auf ſeine Begleiter, dann fragte er: Wo iſt der Rabbi? Da drinnen— komm' nur; entgegnete Gras⸗ hofer; die Uebrigen kicherten. Die Thüre ging auf, man trat ein. Ein kur⸗ zer Hof— eine Halle— eine Küche— man be⸗ fand ſich in der Hinterſtube.— Dieſe war ſo ziemlich erleuchtet, man ſah einen gedeckten, runden Tiſch, im Hintergrunde eine kurze Steintreppe, wel⸗ che in ein oberes Kämmerchen führte, deſſen Thüre und ein Fenſter herabging. Die vier Angekommenen, die man jetzt genau betrachten konnte, waren wohlgekleidete, junge Leu⸗ te, ihren Gewändern nach aus anſehnlicheren Ge. werbsklaſſen, mit nicht unintereſſanten Phiſiogno⸗ mien; beſonders galt dieſes von Grashofer: eine blonde, aufgeſchoſſene Geſtalt, mit etwas düſterem Blick, aber ſonſt von angenehmen Aeußerem. Die Uebrigen reihten ſich ihm mehr oder minder an. Man trat mit Geräuſch ein, warf die Mü⸗ Die Sendung des Rabbi I. 5 ———————— 54 tzen ab, und ſchickte ſich an, an dem Tiſche Platz zu nehmen. Aſcher ſtand etwas verblüfft, unweit der Thü⸗ re— dann fragte er wieder: Wo iſt der Rabbi? Der Befehl, daß er ſeinen Herrn abholen ſolle, wurzelte feſt in ſeinem Gedächtniße. Setz' Dich nur her, liebes Aſcherchen! rief jetzt Thoman— der Rabbi hat befohlen, Du ſollſt ihn hier erwarten und indeſſen mit uns ta⸗ feln! Komm und ſetze Dich! Der Knecht ging dieſer Andeutung zu Folge zum Tiſch, und ließ ſich nieder. Grashofer zog ſeinen Nachbar an ſich und liſpelte ihm in's Ohr: Der Kerl iſt zu tölpiſch!— Der Schankherr brachte Wein in Krügen und volle Schüſſeln. Jetzt ging die Thüre auf, der kleine Bucklige trippelte herein, ſah mit einem wohlgefälligen Blick auf die Gruppe an dem runden Tiſche, grüßte ſie, ging vorüber, die Treppe hinauf, in die obere 55 Stube. Der Schankherr trug Licht dahin, das Fenſter wurde erleuchtet, man ſah den Judenſchrei⸗ ber ſich ſo niederlaſſen, daß er unten Alles bequem ſehen und hören konnte. Der Grashofer ſchüttelte den Kopf und ſprach mit gedämpfter Stimme zu dem Andern: Was macht der Lump dort oben? St— leiſer— ſonſt hört er Dich! Mag er es immer! Warum iſt er nicht hier ge⸗ blieben. Ich mag zwar nicht gern mit ihm an Einem Tiſche hocken, aber heute gehört er hieher. Das dulde ich nicht. He, Schankherr! da her! Der Gerufene kam. Grashhofer herrſchte ihm zu: Hat der Judenſchreiber Euch befohlen, ihm oben zu tiſchen? Ja! Schon gut— Ihr könnt gehen! Der Schänke ging fort. Grashofer erhob ſich und eilte in die obere Stube hinauf. Guten Abend, Herr Grashofer! wiſpelte der Judenſchreiber. 5* 56 Auch ſo viel, Herr Kitzl. Gedenkt Ihr, hier oben zu verweilen? Ja, mein allertheuerſter Herr G rashofer! Der Henker iſt Euer Allertheuerſter und nicht ich! Habt Ihr verſtanden? Ihr ſeid ja außer Euch, liebes Herrlein? Ihr müßt hinunter zu uns! Ich? Warum denn? wenn ich fragen darf. Weil ich nicht haben will, daß Ihr Euren Schä⸗ del aus der Schlinge zieht. Ihr habt den Spaß an⸗ gezettelt, er kann ſchlimme Folgen haben, daher müßt Ihr mit tragen helfen.— Mitgefangen, mitge⸗ hangen! Es wird nicht ſo weit kommen; junges Blut— nicht ſo aufgebraust, fein ruhig geblieben, ich ſage Euch, ich darf nicht hinab. Ihr dürft nicht? wer verwehrt es Euch? Verhältniſſe— Umſtände— Den Henker auch! ich glaub' Euch nichts. Kurz und gut, wenn Ihr mir nicht ſolgt, ſo verlaſſe ich 57 mit Thoman das Haus, und Ihr mögt dann unternehmen, was Euch beliebt. Der Bucklige kratzte ſich hinter den Ohren und ſprach mit weinerlicher Stimme: Ihr ſeid ein Teufelsmenſch, junger Herr! Ihr bringt mich zur Verzweiflung; ich ſage Euch, ich kann nicht hinunter. Wenn die Sache vor Herrn von Zech käme, und er erführe, daß ich Mithel⸗ fer war, er würde— Nichts würde er— weil er ein Feind aller Juden iſt.— Das wohl; aber ich, als ihre obrigkeitliche Per⸗ ſon, darf doch nicht öffentlich— Ihr verſteht mich doch— und wenn es der Herzog erführe.— Warum übernehmt Ihr alſo Sachen, die Euch gefährlich werden können; was habt Ihr für'nen Gewinn dabei? Gar keinen, bei meiner armen Seele! gar kei⸗ nen! Aber ich muß— Ihr müßt? Wer hat Euch dazu bemüſſiget? —————— 1* Das ſind ja eben die umſtände, die Ver⸗ hältniſſe! Ich will ſie ganz kennen, ſonſt bleibe ich bei meinem früheren Entſchluß! Ihr martert mich zu Tode. Ich kann Euch den Namen nicht nennen. Ihr könnt nicht? Gut, ſo gehe ich! — Herr Bernhard Kitzl ſchlug die Hände zu⸗ ſammen und jammerte: Ihr ſeid ein unbarmherziger Menſch, Ihr quält mich zu Tode! Dieß ſoll ja ein Geheimniß bleiben. Haltet Ihr mich für eine alte Plaudertaſche? J bewahre! Ihr ſeid verſchwiegen wie ein sih; aber— je weniger Mitwiſſer, deſto beſſer geborgen; laßt mir daher mein Geheimniß! Unter keiner Bedingung! entweder— oder— Ihr werdet alſo ſchweigen?— Wie ein Todter! Gegen Jebermann? Gegen alle Welt! 55 So kommt her!— Er zog ihn an ſich Doch halt, Herr Grashofer! noch Eines ſchwört mir! Was ſoll ich Euch ſchwören? Daß Ihr verſchwiegen ſein wollt. Ich ſchwöre! Gut, jetzt kommt her. Aber werdet Ihr Euren Schwur auch halten? Wenn Ihr nicht gleich ſprecht, ſo verlaſſe ich 5 Euch! Nur Geduld, Geduld! es kommt ſchon. Er zog ihn an ſich und liſpelte ihm einige Wor⸗ te in's Ohr. Donnerwetter! fuhr der Grashofer auf. Ruhig! Bei allen Heiligen beſchwöre ich Euch, bleibt ruhig und verrathet nichts. Aber wie kommt es— Fragt nicht, geht und handelt. Es iſt darum zu thun, den Burſchen ganz kennen zu lernen, denn was man über ihn erfuhr, iſt ſo ſonderbar, daß 66 man da einen tüchtigen Anhaltspunkt hat, feinem Herrn beizukommen. —— Der Grashofer verließ jetzt mit langen Schritten die obere Stube und eilte, vollkommen 8 zufrieden geſtellt, hinab. Die ganze Verhandlung währte nur einige Mi⸗ nuten; die Uebrigen hatten indeſſen die Becher voll⸗ geſchenkt und begannen zu trinken; Aſcher ſaß ru⸗ hig da, und ſah ohne Theilnahme von Einem auf den Andern. Durch die Ankunft Grashofer's erhielt die ganze Scene neues Leben. Friſch, die Becher angefüllt und luſtig getrun⸗ ken! He, Aſcher! nimm auch einen zur Hand, wir wollen Dich heute Nacht köſtlich bewirthen! Der Angeredete nahm ohne Widerrede den Be⸗ cher und trank ihn zur Neige. Die Geſellen ſahen ſich ſtaunend an. Der Schelm! murmelte Vierdung ſo laut, daß ſeine Nachbarn es hören konnten— er trinkt 61 mir nichts, Dir nichts unſeren Wein, als ob er kein Jude wäre. Da habt Ihr's— ſprach der Grashofer da⸗ zu— er iſt blöde, wie ich ſchon ſagte. He, Aſcher⸗ chen! wie gefällt es Dir bei uns? Gut! ſprach Eliah's Knecht— aber der Rabbi iſt noch nicht da. Wird ſchon kommen, laß Dir die Zeit nicht lange werden.— Wie viele Jahre dienſt Du ſchon Deinem Herrn? Wie viele Jahre? Was iſt das, ein Jahr? Du weißt nicht, was ein Jahr iſt? Geh' Aſcher⸗ chen! Du willſt mich nur narren. Wo haſt Du Deinen Herrn das erſte Mal geſehen? In unſerer Stube! In welcher Stube? Wo wir wohnen. Von wo ich Dich abgeholt habe? Ja! Ei, Du lügneriſcher Schelm! Du biſt ja mit ihm 62 hieher nach Neuſtadt gekommen, mußt ihm alſo ſchon früher gedient haben? Das weiß ich nicht! Grashofer ſah ſeine drei Gefährten an, dieſe gaben ihm durch Blicke auch ihre Verwunderung zu er⸗ kennen. Die Antworten Aſcher's waren mit einem ſol⸗ chen Ernſt geſprochen, daß man ſeinen guten Willen, die Wahrheit ſagen zu wollen, nicht bezweifeln konnte. Dienſt Du Deinem Herrn gerne? fuhr der Judenfeind zu fragen fort. Ja! Hat er Dir noch nicht wehe gethan? Nein! Von wo ſeid Ihr hieher gekommen? Aſcher ſah ihn ſtarr an und antwortele nicht. Ich meine, wo Ihr früher war't? Früher? Ich weiß nicht, was das iſt, früher. Du weißt nicht, was früher iſt? Geſtern, vor⸗ geſtern? 63 Geſtern? Das weiß ich auch nicht! Da habt Ihr's— ſprach er zu den Uebrigen; der Tölpel iſt ganz blöde; er kennt nur immer das Heute, ſein ganzes übriges Leben iſt für ihn gar nicht da geweſen. Doch wir wollen mit den Fragen ein wenig einhalten und zum Tafeln gehen; vielleicht wird er dann etwas geſprächiger. Heda, Schankherr, auf⸗ getragen! Der Tiſch war bald mit kalten und warmen Speiſen belaſtet. Die Geſellen griffen zu. Aſcher wurde aufgefordert, desgleichen zu thun; er folgte und aß nach Kräften. Dieſe Unterhaltung gewährte dem Grashofer, wie überhaupt der ganzen Kumpanie, nicht jenen Genuß, den ſie ſich davon verſprochen hatten. Dieſe faſt kindiſche Fügung Aſcher's war ganz ohne In⸗ tereſſe; gerade das, was eigentlich den Jubel herbei⸗ führen ſollte: die Weigerung, das Widerſtre⸗ ben des Juden, an einem chriſtlichen Mahle Theil zu nehmen, das unterblieb. Aſcher that Alles, was ſie wollten; er trank nach Durſt, aß nach Hunger, und Alles ohne Abſcheu, ohne ————— ——— ————— E— —————— E4 Eckel; man brauchte ihn nicht zu nöthigen, zu necken, ihm den Wein mit Gewalt einzugießen, oder ihm mit dem Fleiſch die Lippen und den Bart einzureiben: es war für die Geſellen ein ganz gewöhnliches Mahl, ohne Würze, ohne Jubel, ohne geiſtigen Genuß. Die Abſichten des Judenſchreibers waren ihnen ganz gleichgültig; was er auch immer zu erſpähen hoffte, kümmerte ſie wenig; ſie hatten ein eigenes Vergnügen erwartet, und das ging verloren. Gras hofer ärgerte ſich über dieſes Mißlingen mehr, als die Andern; er that Alles, um Aſcher aus ſeiner Ruhe, aus ſeinem Gleichgewichte zu bringen; aber er hätte eben ſo gut eine Maſchine zum Zorn reizen können, es wäre auch erfolglos geblieben. Hier, Aſcher! nimm von dieſem Fleiſche! Der Angeredete nahm und aß. Schmeckt es Dir? Ja, es iſt gut! Das Gute weiß der Schelm doch zu unterſcheiden. Aber Aſcherchen! fällt Dir nicht der beſondere Ge⸗ ſchmack dieſes Fleiſches auf? 65 Ja! es ſchmeckt ganz anders. Weißt Du, was es für ein Fleiſch iſt? Nein! Möchteſt Du es nicht wiſſen? O ja! Es iſt von— was meinſt Du? Aſcher ſah ihn an, ſeine Augen waren matt und drehten ſich im Kreiſe. Dieſes Fleiſch iſt von— von— Alle waren auf die Wirkung begierig. Das Fleiſch iſt von einem— Schwein! Aſcher aß fort, Grashofer hätte eben ſo gut ſagen können, es ſei von einer Mücke. Der Spitzbube iſt ein Vieh, oder ich will zeit⸗ lebens barfuß gehen! rief er, ſprang auf, und eilte nach dem Platze, wo ſeine Mütze an einem Wand⸗ nagel hing. Was haſt Du im Sinne? rief Vierdung.⸗ Ich gehe heim! Biſt Du toll? Nein; aber die Geſchichte langweilt mich. Der Schelm frißt wie ein Währwolf, ſchüttet das Ge⸗ ſäuf hinab, wie in einen leeren Keller, und bleibt dabei kalt und gleichgültig, wie ein Stein;'s iſt ein blöder Menſch, ob Jude oder Heide, gleichviel — was ſoll ich mit ihm beginnen? Ich will Euch überzeugen, da ſeht her— fuhr er fort— ſprang auf Aſcher los, faßte ihn am Genick und ſchwang ein Meſſer über ſeinem Antlitz: Verdammter Jude! jetzt iſt Dein letztes Stündlein gekommen, Du mußt ſterben!— Die Andern waren erſchrocken aufgeſprungen, denn ſie wähnten, es gelte Aſcher's Leben; dieſer blieb ruhig und ſah ohne zu blinzeln, oder ſonſt Furcht zu verrathen, das gezückte Meſſer über ſeinem Haupte. Da er bei dem Anfalle keinen körperlichen Schmerz empfand, ſo entſchlüpfte kein Laut ſeinen Lippen. Die Scene bot übrigens einen entſetzlichen An⸗ blick dar; die erſchrockenen Geſellen, Grashofer mit Aſcher, oben am erleuchteten Fenſter der kleine Bucklige mit dem vor Furcht und Angſt verzerrten 67 Antlitze, die etwas dumpfe Luft der Stube, die Toden⸗ ſtile. Man hörte das zweite Viertel auf Zwölfvom nächſten Thurme herab. Grashofer ließ den Knecht ledig— Aſcher ſetzte ſich ruhig nieder und that, als ob nichts vor⸗ gefallen wäre. Da habt Ihr's— rief Grashofer— Ihr könnt mit ihm unternehmen, was Ihr wollt, er wird ſich nicht ſträuben, ſich nicht wehren. Es iſt ein Blöder, halb Menſch, halb Klotz; ſelbſt für ein Vieh zu ſchlecht, denn ſogar der Hund fürchtet ſich, wenn man ihm droht; er iſt ein Krüppel, ein Sinn⸗ loſer, vom Himmel geſtraft; mit einem ſolchen We⸗ ſen mag ich weder Scherz noch Muthwillen treiben! Er ſchickte ſich wirklich an, die Stube zu ver⸗ laſſen; die Andern ſprachen ihm zu, er blieb bei ſei⸗ nem Vorſatze, da riff Herr Bernhard Kitzl von oben herab: Wollt Ihr uns wirklich verlaſſen, Herr Gras⸗ hofer?— Es iſt mein feſter Entſchluß! So verweilet doch noch einige Minuten, bis ich hinabkomme! Der kleine Bucklige eilte hinab. So, laßt mich nun verſuchen, mit Aſcher einige Worte zu wechſeln; meint Ihr nicht, daß dieß Alles Verſtellung, Ueberlegung und weiſe Fügung in das unvermeidliche Loos iſt? Wir wollen ſehen: wer das Recht behauptet, ich oder Ihr. Der Judenſchreiber näherte ſich dem Knechte des Rabbi. Aſcher wurde unruhig, rutſchte auf dem Stuhle hin und her, ſeine Augen rollten ſchneller im Kreiſe, er hielt ſich mit den Händen an den Tiſch, begann mit den Füßen eine zitternde Bewegung auf und ab, wandte den Kopf nach rechts und nach links. Wo iſt der Rabbi? rief er jetzt mit durchdrin⸗ gender, lauter Stimme, aber in einem flehenden Tone, ſo wie ungefähr ein Kind, welches an die Mutter gewöhnt, als es ſich allein ſieht, ängſtlich wird, und um Hülfe ruft. Der Rabbi wird gleich kommen! verſetzte der Judenſchreiber. Todenſtille— die Glocke ſchlägt das dritte Viertel auf Zwölf! Rabbi Eliah befand ſich am erſten Peſahabend, was auch für die ganze Dauer des Feſtes beſchloſſen war, bei Elieſer Eßman. Wer die Schwierigkeiten einer Hausführung an dieſen acht Tagen kennt, welche ſich natürlich in einer ſogenannten Junggeſellen⸗Haushaltung nur mehren können, wird Eliahs' Benützen der Eß⸗ man'ſchen Gaſtfreundſchaft natürlich finden. Er hatte zwar ſeine Wohnung geſetzmäßig von allem Geſäuerten befreit, aber ſonſt keine Vorkehrungen zur Führung des Hauſes getroffen. Aſcher, ſo war es beſchloſſen, ſolle ſtets zu Hauſe bleiben und durch einen Diener ſeines würdigen Freundes mit Allem verſehen werden; der Chacham willigte um ſo lieber in dieſe Maßregel, da ihm ſelbſt daran ge⸗ legen war, den Knecht des Rabbi mit ſeinem Ge⸗ finde in keine Berührung zu bringen, um allen fer⸗ neren Deutungen und Plaudereien vorzubeugen. 6 70 Das Gebet vor dem Mahle war alſo mit Er⸗ hebung und Weihe beſchloſſen, das Abendmahl ſelbſt folgte nun in gewohnter Sitte, dann kam abermals Gebet und die eingeſchalteten Lieder. Der Einfluß der durch den Vorſteher vernom⸗ menen Trauerkunde war ſowohl hier, wie überhaupt bei allen Mitwiſſern nicht zu verkennen. Man be⸗ wahrte zwar das Geheimniß feſt in verſchloſſener Bruſt, aber dem denkenden Beobachter wäre die Ge⸗ müthsveränderung kaum entgangen; man vermißte jene ſtille Freude, jene hoffnungsvolle Zuverſicht, jene wonnige Aufregung, welche die anderen Theilnehmer des ſchönen Feſtes beſeligte. Die eilfte Stunde war ſchon da, als ſich Rabbi Eliah aus dem Hauſe ſeines Gaſtfreundes entfernte. Mahl und Gebet waren beendigt, der Gaſt dachte an ſeinen Knecht, an die herannahende Mitternachts⸗ ſtunde, und durfte nicht länger ſäumen; er drückte dem würdigen Chacham die Hand und begab ſich auf den Heimweg. Unwillkürlich verdoppelte er die Schritte, Unruhe bemeiſterte ſich ſeines Innern. Es war unvorſichtig 2 1 von mir, ſprach er zu ſich ſelbſt— ihm, der doch, den Lehren der heiligen Kunſt zu Folge, keine Mitter⸗ nachtsſtunde ſchlagen hören darf, weil ſonſt die Schedim und die böſen Geiſter Beſitz von ſeinem Leibe faſſen, und Unheil und Verderben bringen, ſo nahe an die verhängnißvolle Stunde das Daſein zu gewähren. Ich hätte ihm ſchon am Abende, eh' ich das Haus verließ, das belebende Blatt ent⸗ ziehen ſollen, ſo wäre er gefahrlos geblieben. Doch ich will eilen; wozu dieſe grundloſe Furcht? in wenigen Minuten wird das Verſehen gut gemacht ſein! Unter dieſem Selbſtgeſpräche traf der Rabbi bei ſeinem Hauſe ein. Er wähnte die Thüre wie gewöhnlich geſchloſſen, und klopfte an das Fenſter; er harrte— Niemand kam— wiederholtes Klopfen— noch immer die vorige Stille. Seine Unruhe ſtieg. Er ging zur Hausthüre, verſuchte, ob ſie ge⸗ ſchloſſen— ſie öffnete ſich.— Sollte Aſcher meinen Befehl vergeſſen haben? 72 dachte er, und eilte in die Stube. Die Lampe brannte und beleuchtete den ſtillen Raum— Aſcher war nicht da. Das Herz des Rabbi begann heftiger zu pochen, die frühere Unruhe wuchs zu Angſt und Furcht an, er ergriff mit Haſt die Lampe, durchſuchte das Ge⸗ mach, die andern Stuben, die Küche, die Kammer, den Bodenz er rief den Knecht beim Namen— Alles vergebens, Aſcher war nirgends zu finden. Die Glocke ſchlug halb Zwölf. Heiliger Gott! rief Eliah, ſchon ſo ſpät— wo mag er nur hingegangen ſein? Ich begreife dieſe außergewöhnliche Unfolgſamkeit nicht; ſollte er bei den Nachbarn— Der Rabbi eilte mit verſtörtem Antlitz aus dem Hauſe, frug in den nächſten Häuſern; man war noch überall wach, aber nirgends wußte man ihm Auskunft zu geben. Aſcher war von Niemand geſehen worden. Das Nachforſchen war ohne Erfolg; der Rabbi eilte mit verzweifelter Haſt zu Eßman, auch hier keine Spur; der Diener, welcher ihm das Abend⸗ 73 mahl gebracht hatte, verſicherte, Aſcher zu Hauſe gefunden, und auch dort zurück gelaſſen zu haben.— Eliah eilt abermals heim, die Hoffnung, daß der Knecht jetzt während des kurzen Außenſeins vielleicht zurückgekommen ſein könne, faßt Raum in ſeiner Seele, zitternd eilt er durch die Thüre. Die Glocke ſchlägt das dritte Viertel auf Zwölf.— Aſcher iſt nicht da. Die Angſt ſteigert ſich zur Verzweiflung. Welch' namenloſes Unglück droht herein zu bre⸗ chen? Heiliger Gott! nur noch fünfzehn Minuten— wenn ich ihn nicht fände— was wird entſtehen? Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, er bebte am ganzen Körper, der Odem drängte ſich ſchwer und in kurzen Stößen heraus, mit wilder Verzweiflung irrten ſeine Blicke umher, die Sinne drohten ſich zu verwirren, er bezwang ſich, wie Einer, der ſich ſelbſt vom Falle zurückhält; er fühlte, daß nur er das auszubrechende Unheil beſchwören könne, er raffte ſich zuſammen, und ſtürmte fort aus dem Hauſe.— 74 Die Glocke erdröhnte in zwölf langen Schlägen vom Thurme herab!— Wir führen den geneigten Leſer zurück in die Schankſtube. Todenſtille— die Glocke hat das dritte Vier⸗ tel auf Zwölf geſchlagen. Der kleine Bucklige war dem Knechte des Rabbi ſo nahe gekommen, daß er ihn an der Hand faſſen konnte. Er that dieß und drückte ſie mit aller Kraft, welche ſeinen dürren, federgewohnten Fingern zu Ge⸗ bote ſtand. Du thuſt mir wehe! rief Aſcher auf dieſelbe Weiſe und mit demſelben Tone, wie wir oben geſchil⸗ dert haben. Der Judenſchreiber grinste freundlich und warf einen triumphirenden Blick auf Grashofer und ſeine Genoſſen. Ei ſieh, Aſcher! Du biſt ja doch nicht ſo un⸗ empfindlich, wie gewiſſe Herren von Dir glauben. Jetzt gib mir fein Antwort auf das, was ich Dich fragen werde: Geſtehe mir offen: biſt Du ein Jude? 35 Aſcher blieb in ſeiner ſitzenden Lage, ſeine Un⸗ ruhe währte fort, ja, ſie ſchien ſogar von Minute zu Minute zuzunehmen; er ſah mit ſtierem Blick auf den Judenſchreiber, ſein Antlitz erlitt nicht die kleinſte Veränderung. Du mußt nicht ſtumm bleiben,— fuhr Herr Bernhard fort— Dein Eigenſinn, Deine Hart⸗ näckigkeit könnten Dir einſt übel gedeutet werden, d'rum ſag' es mir offen heraus: nicht wahr, Du biſt kein Jude— Du biſt, oder vielmehr, Du warſt ein Chriſt, und ließeſt Dich von den Judenpfaffen bethö⸗ ren, überliſten, blöde machen, durch Trank, durch Giſt, oder der liebe Himmel weiß, durch was, um Dich Deinem Glauben zu entziehen, und ihm als Triumph ſeiner Verdienſte und ſeines Eifers an der Seite zu bleiben? Sag' es nur offen: biſt Du ein ſo verführtes Lamm?— Leichenſtille— kein Hauch wird gehört.— Aſcher's Unruhe nimmt zu. Weißt Du auch, was Deiner harret, wenn Du eigenſinnig bleibſt? Du erſchwerſt Dir Dein Loos ohne Noth. Man wird Dich einziehen, in einen finſteren 5 ———— 76 Kerker werfen, Du wirſt Tageslicht und geſunde Luft entbehren müſſen, man wird Dich nach Wochen, viel⸗ leicht nach Monden erſt verhören, und wenn Du nichts geſtehſt, wird man Dich— quälen, martern, recken, foltern!— Man ſah, wie der Bucklige, um gleichſam die Wirkung ſeiner Rede zu vergrößern, bei jedem dieſer Worte ſeine knöcherigen Finger immer mehr zuſammen preßte, ſo daß Aſcher jetzt rief: Du thuſt mir noch mehr wehe— laß mich, ich muß heim; ach! wo bleibt denn der Rabbi? Seine Unruhe hatte ſich dergeſtalt gemehrt, daß ſein ganzer Körper in Bewegung war. Eine hartnäckige Beſtie! grollte Herr Kitzl zu den Andern, und wollte in ſeinem Examen fortfahren; allein Aſcher riß in dieſem Augenblicke ſeine Hand aus jener des Judenſchreibers und ſchrie mit heller, Hülfe bittender Stimme: Rabbi!— Der kleine Buck⸗ lige taumelte erſchrocken zurück, die Uebrigen lächelten mit Schadenfreude in der Stille vor ſich hin, Alles blieb ruhig.— Nach einigen Augenblicken erholte ſich der Erſtere, 77 und ſah unſchlüſſig auf Aſcher; in demſelben Augen⸗ blicke ſchnellte dieſer wie durch eine Federkraft, vom Sitze empor und ſchrie durchdringender und noch wehkla⸗ gender: Rabbi!— Die Geſellen ſprangen auf, Entſetzen malte ſich auf ihren Geſichtern, ein inneres Grauen efgriff ſie; der Judenſchreiber ſtand bewegungslos, mit aufge⸗ riſſenen Augen, wie ein eingewurzelter Kobold.— Eine athemlange Pauſe trat ein.— Jetzt warf es den unheimlichen Knecht faſt ſchuh⸗ hoch vom Boden, wie mechaniſch faßte er den Tiſch, hob ihn mit ſich; Humpen, Becher, Lampen, ſtürzten polternd unter einander, dichte Finſterniß umhüllte die Stube, mit fürchterlicher, bis in's innerſte Mark drin⸗ gender Stimme, heulte er zum dritten Male: Rabbi!— Die Glocke ſchlug Zwölf!— Da vernahm man ein Kreiſchen und Ziſchen in der Stube, wie eine ſtehende Staubwolke wirbelte es den Knecht im Kreiſe umher, hob ihn bis an die Decke, ſenkte ihn bis zum Boden; ein gräßlicher Wehruf der Geſellen erſchütterte das Haus, kaum fanden ſie die Thüre, um durch dieſelbe zu entfliehen— der grau⸗ Die Sendung des Rabbi II. 7 78 ſige Knecht hinten her, immer kreiſchend aus der Tiefe der Bruſt, und Luft ausſtrömend, wie eine rieſige Flamme. Er wirbelte fort wie von einem mächtigen Sturme getragen, bald ſteigend, bald ſinkend, bald ſich am Boden hindrehend. Es war nichts mehr Menſchliches an ihm, alle früheren Symptome waren verſchwunden, es war eine von nächtigen Geiſtern beſeſſene Thongeſtalt. Und fort trug es den Willenloſen durch die fin⸗ ſteren Straßen, mit gräßlicher Schnelle, mit grauſiger Gewalt; hier ſtieß er an eine Mauer, prallte ab, und flog in der neuen Richtung dahin; aber eben dieſe Kraft, welche ihn vorwärts trieb, mußte ihn auch zu⸗ ſammen halten, denn ſonſt wäre er ſchon längſt zer⸗ ſchellt, kein Theil an ihm hätte ganz bleiben können. So ging es fort mit reißender Haſt und geſpen⸗ ſtigem Grauſen; Nacht und Schrecken umgaben das Räthſel, da ſtürzte von der entgegengeſetzten Seite ein Mann daher, warf ſich dem Spuck mit verzweifelter Entſchloſſenheit entgegen, und umfaßte ihn mit dem rechten Arm. 79 Nur einige Schritte wirbelte es das Paar mit gleicher Schnelle, wie früher den Einen, fort, dann ſtanden Beide ſtill und ruhig! Kein Hauch ſtörte das Schweigen der Nacht, Finſterniß umhüllte die Scene. Rabbi Eliah eilte mit ſeinem Geſchöpfe nach Hauſe. Die Thürme verkündeten das zweite Viertel der erſten Stunde nach Mitternacht. Das Peſahße ſſt. Mit dem Namen des Königs unterſchrieben⸗ und mit dem königlichen Inſiegel geſiegelt, wurden Briefe in alle Provinzen geſchickt, um alle Juden, von jung bis alt, ſammt Wei⸗ ber und Kinder an Einem Tage——— zu vertilgen, auszurotten, und ihre Güter zu plündern! Megilath Eſther. E⸗ war ein ſchöner Tag, ein feſtlicher Tag, und doch, welch ein trüber, düſterer Geiſt zog durch die Gemüther der Neuſtädter Judenſchaft! Habt Ihr ſchon je einen ſchwülen, traurigen Mor⸗ gen beobachtet, dem eine Sturmnacht mit Donner und Blitz, jedoch ohne erfriſchendem Regen vorangegangen? Gerade ſo war die Stimmung der Neuſtädter Gemeinde!— Die Wiener Unheilkunde war durch den Zechmei⸗ 81 ſter mehreren Familien anvertraut worden; an den vedeutungsvollen Blicken und kummerſchweren Mienen merkte man bald, daß auch ſie die Angſt der Mitbrüder theilen, und dieſe Stimmung war ſo anſteckend, daß ſelbſt jene, welche deren Urſache nicht kannten, ohne es zu wiſſen, von ihr ergriffen wurden. Wahrhaftig, es war ein ſchöner, ein feſtlicher Tag; aber eine Ahnungs⸗ wolke zog durch die Herzen, und umſchleierte die Lichtquelle, aus welcher bei ſolchen Anläſſen ge⸗ wöhnlich der Freudeſtrom ſprudelt. Rabbi Eliah war bleich und verſtört; noch vor Sonnenaufgang ſah man ihn ſich zu dem Cha⸗ cham begeben. Nach einer halben Stunde eilte ein vertrauter Diener desſelben nach der Wohnung des Rabbi, und dann von dort mit einem großen Sacke auf dem Rücken in den Schulhof, wo er verſchwand. Niemand hatte hievon etwas bemerkt! Die Gemeinde erſchien bald darauf zum vor⸗ mittägigen Gottesdienſt; trübe Blicke, bange Mienen, blaſſe Geſichter; Alles war beklommen, nur Wenige 82 wußten ſich hievon Rechenſchaft zu geben, es war eine ſchwarze Ahnung, die durch aller Herzen zog. Stillſchweigend nahm man die Plätze ein, mit heiliger Weihe begann die Andacht, man warf ſich dem Himmel in die Arme, von ihm hoffte man Hülfe. Die Worte des heiligen Pſalmiſten, ſein glü⸗ hendes Gebeth floß durch jede Bruſt*). Gott iſt unſ're ganze Stärke, unſ're Macht und Zuverſicht; Leicht zu finden in den Nöthen, Wenn es uns an Hülf' gebricht. „ Darum fürchten wir uns nimmer, Wankte gleich das Erdenrund, Sänken Berge auch hinunter In des Meeres tiefſten Grund. * Laßt nur ſeine Fluthen brauſen, Von den Stürmen angeweht, Laßt Gebirge nur erzittern Vor Jehovah's Majeſtät. X Jenes Stromes Wellen ſchlängeln, und erquicken dennoch ſatt *) Nach dem 46. Pſalm⸗ 33 unſ'res Hocherhab'nen Wohnung, und die heil'ge Gottesſtadt. „ Gott iſt ſtets in ihren Mauern, Darum ſteht ſie feſt und frei; Wenn ſich ihr der Morgen wendet, Stehet ihr der Höchſte bei! Völker ſtürzen, Reiche fallen, Werden von der Erd' verweht, In den Höhen donnert Schadai, Uund der ſchwache Ball vergeht⸗ „ Aber mit uns iſt er immer, Jakob's Gott iſt unſ're Kraft; Geht und ſchaut die Werke, wie er Länder jetzt zu Wüſten ſchafft. * Jetzt dem Kriege mächtig ſteuert Hin bis an der Erde Rand, Spieße bricht und Bogen trümmert, Wagen brennt mit mächt'ger Hand. ℳ „Laßt von ihnen, und erkennt „In Jehovah, Jakob's Held, „Ueber Volk und Erd' erhaben, „Ich bin König aller Welt!“ 84 Joſua Gerſon wurde mitten im Gebethe abgerufen, draußen harrte ſeine Tochter Riſſa auf ihn. Das Mädchen war blaß und ſah erſchrocken aus. Lieber Vater— redete ſie ihn mit raſchen Worten an— ich habe Dir eine wichtige Entdeckung zu machen. Gerſon ſah ſie ſtaunend an. 1 Riſſa fuhr fort: Ich wollte vor einigen Augenblicken auf den Platz hinaus; als ich zu dem Thore daneben kam, trat mir ein Scharwächter mit den Worten entge⸗ gen, daß Niemand hinausdürfe. Ich eilte zum zwei⸗ ten Eingange, welcher in die Neu gaſſe führt, mir widerfährt ein Gleiches, beim dritten das Nämliche — wir ſind von der übrigen Stadt abgeſperrt. Joſua Gerſon erblaßte; leine furchtbare Ahnung bemeiſterte ſich ſeines Herzens. Allmächtiger Gott! ſtotterte er, was wird mit uns geſchehen!— Einige Augenblicke ſann er nach, dann ſprach er: Eile raſch nach Hauſe, liebes Kind, halte die 85 Dienſtleute bereit, und harre, bis ich heim komme; ich muß Herrn Steußen den Vorfall berichten. Riſſa entfernte ſich mit eiligen Schritten, den Befehlen ihres Vaters Folge zu leiſten. Gerſon ging wieder zurück in die Schule. Er begann mit dem Vorſteher leiſe zu ſprechen, man wurde aufmerkſam; Eiſak und Eßman tra⸗ ten hinzu, auch ſie erfuhren das Geſchehene. Ihr Schreck lockte noch mehrere der Aelteren herbei, die Hiobsbothſchaft verbreitete ſich ſo ſchnell, wie eine verheerende Flamme, von Sturmesfittigen getragen; das Gebet ſtockte, man begann zu berichten, zu weh⸗ klagen, rang die Hände; Verzweiflung erfaßte die Gemüther, Verwirrung und Unentſchloſſenheit grif⸗ fen um ſich, das Geräuſch wuchs: hier Fragen, Ru⸗ fen, dort Antworten, Rathholen; aus dem heiligen Bethauſe war ein Tummelplatz grenzenloſer Angſt und faſt kindiſcher Unbehülflichkeit geworden. Rabbi Eliah ſtand ruhig auf ſeinem Platze, er war bleich, aber ſeine Miene zeigte Ruhe, Selbſt⸗ beherrſchung. Sein Blick purchflog die aufgeregte Gemeinde, jetzt traf er Elieſer Eßman, ein lei⸗ ſes Nicken, und der Chacham eilte auf ihn zu. 86 Eliah neigte die Lippen zu ſeinem Ohre und liſpelte: Sollte wohl der Vorfall von heute Nacht?— Bewahrt das Geheimniß, verehrter Rabbi! ich glaube, es geht nicht Euch allein, ſondern die ganze Gemeinde an! Dann wehe mir! jammerte der Rabbi in ſeinem Innern— daß ich jetzt nicht die Kraft beſitze, ein tröſtend Wort zu ſprechen; die eigene Schuld drückt mich darnieder; ich bin nicht mehr tein von allem Fehl; wer ſelbſt über einem Abgrunde ſchwebt, iſt für Andere eine ſchwache Stütze in der Stunde der Gefahr!— Er bezwang ſich, ſah mit feſtem Blick umher* faßte einen Entſchluß, und begann mit überlauter Stimme: Meine Brüder!— Viele hatten ſeinen Anruf gehört, der Rabbi wollte ſprechen, ſie mahnten ihre Nachbarn zum Schweigen; nach und nach legte ſich der Tumult; in dem Maße, als er früher gewachſen war, in dem Maße nahm er jetzt ab, man hing mit hoffnungs⸗ vollen Blicken an den Lippen des Mannes, der ſchon 87 ſo oft ein tröſtend Wort geſprochen hatte; ach, wie gierig horcht der Bedrängte nicht jedem Hauch, er würde ſelbſt von dem Wehen des Windes Hülfe er⸗ warten! Meine Brüder! ſprach der Rabbi— ſchwere Tage ſcheinen ſich uns zu nähern, aber oft haben ſich ſchon Zeiten der Betrübniß, in Zeiten der Freude verwandelt, und was Einem in der Ferne ein drohend Geſpenſt geſchienen, das zeigt ſich in der Nähe als ein ſchattiger Baum, oder ein fruchtbarer Hügel; darum beherrſcht Euch, was ſoll die Beſtürzung jetzt ſchon, ehe Ihr noch wißt, was geſchehen kann? wenn Euch ſchon eine böſe Ahnung ſo verzagen macht, was würdet Ihr erſt thun, wenn es dem Himmel gefiele, Euch mit wirklichen Leiden heimzuſuchen. Wie Elihu, des Buſiten Barachel Sohn, ſpreche ich zu Euch: „Ich bin an Jahren jung, und Ihr ſeid Greiſe, aber ich ſcheue und fürchte mich nicht, an Euch meine Worte zu richten, denn der Geiſt im Menſchen iſt es, der Hauch Gottes, der vernünftig macht. Nicht im⸗ mer ſind die Alten weiſe, nicht immer erfaſſen Greiſe das, was Rechtens iſt.— Darum bitte ich, fol⸗ get mir. Bleibt ruhig und laßt die Wetter über Euch 88 hinrollen, Gott ſieht Euch, er weiß von Euch, er iſt's ia, der den geflügelten Blitz, den tödtenden Strahl ſendet. Seinem Strafgerichte, iſt es Euch beſtimmt, entgeht Ihr nicht; ſeine Vaterhuld, ſelbſt wenn er Euch züchtiget, verläßt Euch nicht. Darum Ruhe, Muth, Faſſung, bleibt Männer im Unglück, denkt an Eure Frauen und Kinder, und erhaltet Euch ihnen. Der Fluch der Knechtſchaft ruht auf uns, es iſt des Herrn Wille, wir wollen ihn ergeben tragen; wir, die Kinder, ſühnen die Schuld der Eltern, denn der Herr ſprach:„Heimſuchen will ich die Miſſethaten der Väter an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied; aber ſegnen will ich in die Tauſende der Ge⸗ ſchlechter!“ Darum ruft und betet mit mir:„Herr! Herr Gott! barmherzig und gnädig, der Du vergibſt Niſſethat, Uebertretung und Sünde, und wenn Du die Miſſethat der Väter an den Kindern ſtrafeſt bis in's dritte, vierte Glied, ſo ſegneſt Du dafür in die Tauſende der Geſchlechter! Unter Weinen und Klagen wiederholte die Ge⸗ meinde die Worte, darauf wurde es ſtill, Rabbi Eliah begann allein den Pſalm:*) *) Nach dem 142. Pſalm. Gebeth vom David, da er in der Höhle war. 88 Mit lautem Wort ſchrei ich zum Herrn, Mit lauter Stimme ruf' ich hierz Ich ſchütte vor ihm meine Klagen, Will meine Nöthen vor ihn tragen, Jetzt, da mein Geiſt verzagr in mir! Dir Gott, Dir iſt mein Pfad bekannt! Man legt mir Schlingen auf die Bahn; Ich ſchaue hier, blick' dort umher, Doch will mich Niemand kennen mehr, und Niemand nimmt ſich meiner an! Ich ſchreie Herr, zu Dir hinauf, Du biſt noch meine Zuverſicht, Mein Erbe in den Lebenstagenz O überhör' mein Rufen nicht, Denn ſieh', mich drängen harte Plagen⸗ Rett' mich aus der Verfolger Macht, Denn viel zu mächtig ſind ſie mir; Befrei mich aus des Kerkers Nacht, Daß Deinem Nam' ich danke hier. Gekrönet ſind durch mich Gerechte, Erzeigſt die Wohlthat Deinem Knechte! Der Rabbi ſchwieg— tiefe Stille herrſchte in der Synagoge— es ſchien, als ob die Gemüther min⸗ deſtens in ſo weit wieder beruhigt ſeien, um den —-——————————— —— Gottesdienſt bis zur Beendigung fortſetzen zu kön⸗ nen, auch ließen ſich Manche wieder in ihre Betſtühle nieder, Andere ſtützten das Haupt in die Hand und brüteten düſter vor ſich hin; es war ein unſeliger er⸗ ſter Peſahtag. Eine neue Störung— von Außen herein ver⸗ nimmt man Geräuſch— einige Männer eilen beſtürzt herein, die auffordernden Blicke aller Verſammelten harren mit Ungeduld der neuen Schreckenskunde. Man kömmt uns zu verhaften— Der Judenrichter— Mit einem Haufen von Reiſigen! ſchrieen die An⸗ gekommenen haſtig durcheinander. Ein Wehruf erſchütterte den heiligen Ort, dann folgte Schluchzen, Klagen, Weinen; unter dieſer Aufregung traten die Angekündigten ein. Der herzogliche Richter, Herr Hanns von Zech ging mit feſten Schritten bis auf den erhöhten Platz in der Mitte der Synagoge; heute blickte er nicht finſter, ſondern lächelnd vor ſich hin; dieſe wil⸗ den Züge, mit den breitgezogenen Lippen hatten etwas ungemein Häßliches, er glich einem Henker, der ſein Opfer freundlich angrinst. 9¹ Ihm nach ſchritt mit wichtiger Amtsmiene Herr Bernhard Kitzl, der würdige, rechte Arm des bö⸗ ſen Leibes. Die Scharwächter gruppirten ſich vor dem Ein⸗ gange und beſetzten die Zugänge. Die Beſtürzung hatte von Augenblick zu Augen⸗ blick zugenommen: oben die Frauen, unten die Män⸗ ner waren davon ganz ergriffen. Der Judenſchreiber gebot„Stille“— man ver⸗ ſtummte— die Furcht vor Mißhandlung beſiegte auf Augenblicke die frühere Angſt. Der Edle von Zech begann: Wieder iſt ein Verbrechen aus der Mitte der Juden hervorgegangen; nicht genug, daß ſie den Hei⸗ land gekreuziget und ſeine Lehre halsſtörrig verworfen haben, ſo ſetzen ſie auch jetzt noch ihr verbrecheriſches Thun fort. Unſer gnädiger Herr, Herzog Albrecht V. hat dem gemäß anbefohlen, daß alle Juden im ganzen Lande, an ein und demſelben Tage— das iſt an dem heutigen— in die Gefängniſſe geworfen, und vorläufig bis zum ferneren Entſchluſſe dort aufbe⸗ wahrt bleiben mögen! * „———— B2 Ein Wehgeſchrei erſchütterte den Tempel, der Schleier war geſunken, das Loos geworfen, Jeder wußte, was ſeiner harre!— Wehe uns, wir ſind unſchuldig!— Wir haben ja nichts verbrochen!— Warum ſollen wir für Andere büßen?!— So riefen mehrere Männer, aber der Juden⸗ richter unterbrach mit mächtiger Stimme das Geſchrei: Ihr ſtehet immer Einer für Alle, ſo büßet auch jetzt Alle für Einen. Herr Bernhard Kitzl! laßt nun diejenigen, deren Namen ich Euch ſchon ange⸗ geben, ihrer Beſtimmung zuführen! Der kleine Bucklige zog eine Scriptur heraus und kehrte ſich mit leiſem Nicken zu den Wächtern; zwei von ihnen traten hervor, es herrſchte Toden⸗ ſtille, der Schreiber rief: „Simon Reiß!“ Dieß war einer der angeſeheneren Familienväter; ein Jammerruf durchhallte die Synagoge.— Die Wächter traten auf den Genannten zu, riſſen ihn mit Gewalt aus der Mitte ſeiner Glaubensgenoſſen und führten ihn fort. 93 Die Aufregung währte eine Weile fort, der bos⸗ hafte Bucklige ſchien abſichtlich einzuhalten, bis voll⸗ kommene Stille eingetreten war, wodurch die Wir⸗ kung ſeines folgenden Rufes vergrößert wurde, dann las er abermals:„Jakob Werder!“ Die frühere Scene wiederholte ſich; es war eine fürchterliche Spannung; von Namen zu Namen, im⸗ mer neue Klagen, neuer Jammer; zugleich ſtürzten die Frauen der Genannten von oben herab, um ihren Gatten noch einmal zu umarmen, oder mit ihnen fort geführt zu werden. Ihr Jammer drang von Außen halbverklungen herein und ſteigerte die Verzweiflung auf's Höchſte. Herr Bernhard Kitzl fuhr gleichmäßig mit bewunderungswürdiger Gleichgültigkeit fort; bei zwan⸗ zig der angeſehenſten Familienväter kamen an die Reihe, unter ihnen Naphtali Eiſak, Elieſer Eßman und Ephraim Steußen. Rabbi Eliah hatte es verſucht, den Jammer ſeiner Seelenkinder durch kurze Anreden zu mäßigen. Muth, meine Brüder!— rief er, als ſich bei Eßman's Gefangennehmung die Verzweiflung, wo 8 94 möglich, noch mehr ſteigerte— der Tag der Prüfung iſt gekommen, denkt an Gott den Einzigen, an ihn, den Gott unſerer Väter und Ihr werdet beſtehen! Herr Hanns von Zech, welcher die ganze Zeit hindurch mit triumphirenden Mienen umherge⸗ blickt hatte, ſah jetzt mit einem höhniſchen Blick auf den Prieſter, als ob er ſagen wollte: Bewahre Dei⸗ nen Muth und Deine Aufmunterung, Du wirſt ih⸗ rer ſelbſt bedürfen! Ungeſtört hievon, fuhr Eliah fort, ſeinem Amte gemäß zu handeln, er bat, tröſtete, befahl; Viele hingen ſich an ihn, wie an ihren Vater, an ihre letzte Stütze. Es war eine herzzerreißende Scene! Oben an dem hölzernen Gegitter, welches die Frauenſchule mit der Männerſchule verband, lehnte ein todtenbleiches Antlitz, und iſtierte mit großen Au⸗ gen auf das Elend herab, es war— Mirjam! Schon hatte man den Bruder abgeführt, es zerriß ihr Herz, aber ſie war wie feſtgezaubert, ſie vermochte es nicht, den Ort zu verlaſſen, denn noch 35 war das Loos desjenigen unentſchieden, dem ihr Herz, ihr ganzes Leben angehörte. Welche Qual durchwühlte von Namen zu Na⸗ men ihren Buſen; ſo oft der Bucklige einen Anderen verkündete, erleichterte ſich die Laſt ihres Herzens, um im nächſten Augenblicke wieder doppelt groß zu werden. Folterqualen waren Wonne im Vergleich mit die⸗ ſem Zuſtande. Jetzt ſchien endlich die Reihe der Proſcribirten er⸗ ſchöpft zu ſein, der Schreiber hielt ein und that, als ob er bereits das Papier zuſammen zu falten be⸗ ginne; plötzlich aber riß er es auf, als entſinne er ſich jetzt erſt, noch einen Namen vergeſſen zu haben, was aber nebſtbei geſagt, nur ein zarter Scherz von ihm war; er rief: Der Letzte endlich iſt— — Todenſtille— man hätte eine Spinne lau⸗ fen hören können— Herr Kitzl lächelte— der Edle Herr von Zech weidete ſich an dem Anblicke der ge⸗ marterten Juden.— Der Letzte iſt— Rabbi Eliah! 96 Ein Jammergeſchrei dringt aus der Frauenſchule herab, ein Fall verkündet, daß oben jemand in Ohn⸗ macht geſunken ſei.— F— Eliah wirft einen ſchmerzlichen Blick hinauf, und überliefert ſich den harrenden Schergen! Wahrhaftig, es war dieß ein ſchöner, ein feſtli⸗ cher Tag, aber es war auch ein Tag, der eine Welt von Jammer enthielt, ein Tag voll unbeſchreiblicher Qualen, ein Tag— den man nie vergeſſen kann! ———— Ein Geiſterſpruch ſtahl ſich zu mir, Mein Ohr vernahm den leiſen Laut davon. In der Nachtgeſichte Schrecknißſtunden, Wenn tiefer Schlaf die Menſchen überfällt; Da ergriff mich Furcht und Zittern, Und durchſchauerte all' mein Gebein. Ein Geiſt, er ſchwebt an mir vorüber, Noch ſtarrt mein Haar empor; Er ſtand— ich kannt' ihn nicht, Ein Schattenbild ſtand mir vor Augen, Da flüſtert es mir leiſe zu— Juch„Hiob.“ Rapvi Eliah befand ſich einſam im nächti⸗ gen Kerker; aber auch draußen war's Nacht, denn innen ſchieden ſich ſonſt Tag und Nacht gar wenig von einander, weil es immer kalt, immer finſter war. Von den Wänden tropfte es herab, man hörte es nur, und ſah es nicht, ſonſt war es ruhig, ſtill, unheimlich. Wenn man ein auf die Erde geworfenes Stroh⸗ 98 bündel ein Lager nennen kann, ſo ruhete Rabbi Eliah in dieſem Augenblicke auf ſeinem Lager. Innen war's ruhig, haben wir geſagt, aber außen ſtürmte es. Es war eine entſetzliche Nacht.— Rabenſchwarz lagerte ſie über der Erde, oben, unten, nach allen Seiten hin egyptiſche Finſterniß, und mitten durch dieſes Nachtmeer der Sturm, heu⸗ . lend, pfeifend, raſend, als ob alle böſen Geiſter ent⸗ feſſelt ihren Flug beginnen. So recht, Du unwürdige Tagesſchweſter, jetzt zeigſt Du Dich in Deiner nackten Blöße; Dein Mondesſchimmer iſt erborgt, Deine Sanftmuth, Deine ſtille Trauer, Deine duftige Lieblichkeit, Alles — Alles iſt Heuchelei, iſt Liſt— Trug— Falſch⸗ heit, um Vertrauen zu erwecken, um Herzen zu be⸗ ſtricken, um Sinne aufzuregen und Böſes anzuzet⸗ teln; aber ſo wie jetzt, das iſt Deine wahre, eigene Geſtalt.— Tobe, raſe in grimmiger Wuth und zeige Dich in Wirklichkeit als Feindinn der Erde, als Feindin der Menſchen: ja, ja, die Nacht iſt des Menſchen Feind, man ſoll nie preiſen die Nacht, nie heraufbeſchwören die Nacht; nur im Lichte ge⸗ V V 99 deihet und wächſt Alles, die Finſterniß macht Alles erſterben, nur der Tag bringt Heil, die Nacht Ver⸗ derben! Der Rabbi ruhete ſinnend auf ſeinem Stroh⸗ lager, mit offenen Augen ſah er in des Kerkers Finſterniß hinein, ihn ſtörte der Aufruhr von Außen nicht; vergebens rüttelte der Orkan an den Thurm, vergebens heulte er ſein unheimliches, unheilverkün⸗ dendes Nachtlied herein, Rabbi Eliah hörte ihn nicht, er hatte jetzt ſeine innere Welt betreten, und war für die äußere abgeſtorben. So iſt alſo jene unſelige Ahnung, die mich beim Eintritte in dieſe Stadt befiel, in Erfüllung gegangen! O wär' ich fortgezogen in's gelobte Land und hätte niemals hier verweilt. So wie auf Hiob, ſtürmt nun das Unglück auf mich ein, verſcheuchte windſchnell meine Würde, mein Glück ſchwand, wie eine vorüberziehende Wolke; nun zerfließt meine Seele vor Kummer, nun ſind Jammertage über mich gekommen! Mein Glück ſchwand?— War ich glück⸗ lich in dieſem Ort? Hat nicht vom erſten Augen⸗ blicke an, bis jetzt, ein beſonderer Unſtern über mir gewaltet? Oder iſt dieß das Glück, daß ich ſie fand? —— S 8 mächtigen, Unrecht zu üben! Nur den Thaten nach 100 Liebe kann wohl mehr, als irdiſches Glück biethen, allein ſie beut auch mehr, als irdiſche Pein!— Und doch war es Gott, der auf meine Wege ſchaute, der meine Schritte zählte, und doch war Alles ſo beſtimmt, ſo feſtgeſetzt; woher ſonſt jene wunderbare Verfügung Rabbi Simon's, meines Vorgängers? Oder ſollte dieß Alles eine Stimme, eine Mahnung Gottes ſein?„Wohl Ein Mal,“ ſagt Elihu,„ſpricht Gott zum Menſchen, zum zweiten Mal ſchaut er ihn nicht mehr. Im Traume, in nächtlicher Erſcheinung, wenn tiefer Schlaf die Menſchen befällt, im Schlum⸗ mer auf dem Lager: da öffnet er das Ohr des Menſchen, entwirft ihm das Bild ſeiner Strafe, um ihn von böſer That zurück zu halten, vor Stolz zu ſchirmen, ſeine Seele vom Verderben zu bewahren, ſein Leben zu retten vom Hingleiten in die Falle!“ O wenn auch mir eine nächtige Erſcheinung das Räthſel meiner Vergangenheit lös'te! Warum blieb ich hier! woher jene prophetiſche Vorherſagung? wozu begegnete mir wieder jenes elende Weib? was hab' ich verbrochen, daß ich leide?— Ich weiß es, fern iſt's von Gott, Böſes zu thun, ferne vom All⸗ 101 vergilt er den Menſchen, nach ſeinem Wandel iſt ſein Geſchick gerichtet. Fürwahr! Gott thut nie Un⸗ recht, der Allmächtige beugt das Recht nicht! Was habe ich alſo verſchuldet, welch' ein Vergehen laſtet auf meiner Seele? Ich bin mir keiner Sünde bewußt! O, wenn ich ſie wüßte, ſühnen könnte, wie glück⸗ lich würde ich mich noch im Kerker dünken. Er ſchwieg. Sein Auge gewann plötzlich eine Fernſicht, es wurde Licht um ihn, das Gefühl der Freiheit flog beſeligend durch ſeine Bruſt. Ueber ſei⸗ nem Haupte ſpannte ſich der Himmel wie glühender Kriſtall, und dort, wo er ſich wölbend, im Kreiſe auf die Erde ſtützte, dort in grauſiger Ferne, ſchied ein ſaphirner Reif Himmel und Erde. Und der Him⸗ mel war ruhig und ſtrahlte in prachtvollem Glanze, aber die Erde regte ſich, ſie zitterte, ſie wankte, wie in ihren Grundfeſten erſchüttert. Noch ſah man nichts, aber das Herz des Rabbi hatte ſchon hoch aufgeſchlagen in der Bruſt, er ſpannt ſein Ohr, ein leiſes Wehen, wie Windesliſpeln dringt zu ihm. Und immer lauter tönt es her, immer deutlicher drückt ſich's aus, immer höher hebt ſich's auf— es wächſt— der Ton ſchwillt an, er wird groß, mäch⸗ Die Sendung des Rabbi II. 9 ——— „ 102 tig, wirbelt, rollt die ganze Erde entlang, und don⸗ nert von Grenze zu Grenze. Vom Norden her ſieht man nun eine große Wolke von Sturmesfittigen ge⸗ tragen, ſie ſelbſt ſich rings in Feuer wälzend, aber hinter ihr Nacht, Wolkendunkel auf Wolkendunkel gethürmt. Und um die getragene Wolke herum zuckt es wie Blitz auf Blitz, ein Kranz von Feuergarben umfunkelte den göttlichen Bau und ſpann ringsum ſeine Strahlen bis an's Ende der Welt. Und ſo wie das Licht, drang auch der Donner von Ende zu Ende, alſo braust ein Kriegsheer, alſo rauſcht das Welten⸗ meer. Der Rabbi verhüllte ſein Antlitz vor dem Feuer⸗ anblick; das menſchliche Auge iſt ſchwach und vermag nicht einmal in die Sonne zu ſchauen; Eliah ſchloß ſein Ohr vor dem gewaltigen Krachen; das menſch⸗ liche Gehör iſt auch ſo empfindlich, es vermag ja nicht einmal die Wahrheit zu hören! Und mitten durch das erſchütt rnde Getöſe dringt eine Stimme zu ihm, ſie allein hat nichts Fürchterliches, er hört ſie und bangt nicht, er verſteht ſie und zittert nicht! 103 Du klagſt in Kerkersnacht, Eliah? Schon daß Du klagſt, zeugt von Deiner Schuld, denn der Reine jammert nicht, er beſteht!— O, wär' ich rein von aller Schuld, klagteſt Du in Deinem Innern, am erſten Peſahtage, als man Deine Brüder fortgeſchleppt, und Du ſie nicht mit ernſtem Wortestroſt aufzurichten vermochteſt; Dich drückte alſo damals ſchon eine Schuld, und nun willſt Du nicht wiſſen, wofür Du leideſt, oder meinſt Du, eine Schuld vor Men⸗ ſchen, ſei keine Schuld vor Gott? Mein Gott! jammerte der Rabbi bei ſich— ſoll ich für Aſcher büßen? Ja, für ihn büßeſt Du, er iſt Dein Verbre⸗ chen! Du ſelbſt, ein hinfällig Geſchöpf, ein Weſen, beſtehend aus Staub, umhangen mit Moder, ein We⸗ ſen, deſſen Hauch endet, deſſen Leib nach dem Tode zum Dünger wird, dem Gott nur aus Erbarmen den Funken Vernunft in die Seele blies, Du willſt zum Menſchenbildner werden? Willſt Geiſt ſchaffen, Geiſt, den nur ein Gott im Himmel verleihen kann? Du haſt es nun erfahren: alles Wſſen, und reichte es bis in die Wolken hinan, zum Himmel ge⸗ 9 104 langt es nie; der Menſch, und vereinte er die Weis⸗ heit aller Welten in ſich, er vermag dennoch nicht die Grenze des Erden⸗Wiſſens zu überſchreiten; unten kann man nur ſinnen, klügeln, vermuthen; oben allein iſt— Gewißheit! Das, Eliah, iſt Dein Verbrechen vor Gott, und wahrlich! das Ungläck ſprißt nicht aus der Erde, nicht aus dem Boden keimt das Elend; der Menſch iſt nur dann des Ung ückes Sohn, wenn die Leidenſchaft den Flug erhebt! Und Deine Leidenſchaft war der Stolz, der Hochmuth⸗ Du wollteſt geprieſen, berühmt da ſtehen, Du woll⸗ teſt alle Welt durch den Glanz Deiner Weisheit trü⸗ ben, nicht zur Verherrlichung Gottes, wie Du Dich ſelbſt in Deinem Wahne belogen— nein, um Deinem eigenen Hochmuth zu fröhnen, unternahmſt Du dieſes frevleriſche Thun.— Man verherrlichet den Meiſter nicht, wenn man ſein Werk ſtümperhaft nachäfft, ſondern man erniedriget ſich ſelbſt. Eine heilige Kunſt nannteſt Du ſie, Du täuſchteſt Dich, es iſt ein ſünd⸗ haftes, ein verbrecheriſches Streben, und dafür büßeſt Du! Meine Augen gehen auf— klagte Eliah händeringend— wehe mir! ich ſehe, daß ich nackt 105 bin! In rieſiger Größe, wie der Engel mit dem Flammenſchwerte, ſteht mein Verbrechen da; ich ſtaune es an, und immer größer geſtaltet es ſich vor meinen Blicken. Ich war blind und taub, nun bin ich ſehend und hörend geworden; ehne Hülle, nackt und kahl liegt die Vergangenheit vor mir, ich fühle meine Schuld, ſie drückt mich mit doppelter Wuth zu Boden. Verzage nicht, Eliah! denn, Heil dem Sterb⸗ lichen, den Gott zurecht weiſt; verſchmähe nicht die Züchtigung des Allmächtigen, er verwundet und hei⸗ let zugleich; im Verletzen bringt ſeine Hand Ge⸗ neſung. O ja— rief der Rabbi— ich beuge mich ſeinem Willen, biete meinen Rücken ſeinen Streichen dar; er ſteht den Reuigen bei, und gibt ihnen Mit⸗ tel in die Hand, ihre Vergehen zu ſühnen! Auch Dir hat er es gegeben; Du warſt ſein frommer Diener und wirſt es ferner werden. Du 106 wirſt Deine Schuld tilgen und wirſt wie früher rein und gerecht daſtehen. Der Rabbi rief: Was ſoll meine Buße ſein? Du fragſt? Was gilt Dir dieſes Leben? Nichts! denn ich glaube feſt und wahr⸗ haftig, daß eine Auferſtehung iſt, und Wiederbelebung der Todten, zur Zeit, wann und wie es Gottes Wille iſt! Wohlan! Du haſt früher geſtrebt, Ein Geſchöpf zu beleben, und haſt nun die Macht in Hän⸗ den, Vielen, mehr noch als das Leben zu ſchenken! Eliah verſtummte, ſein Geiſt ward rege und ſchlug die Fittige nach allen Seiten, er ſann— und ſann— plötzlich wurde es Licht in ihm. Mein Gott! mein Herr! rief er— wie all⸗ barmherzig biſt Du! Du haſt mich erleuchtet, haſt mir die Bahn vorgezeichnet; ja ja, jetzt wird es mir klar, warum dieß Alles ſo kam; kein Blatt fällt vom Zweig ohne Urſache, was da geſchieht, 107 hat Grund und Zweck. Fort— ich will erfül⸗ len meine Sendung! Er ſprang auf, das Gebilde war verſchwunden. Er war wieder allein, Kerkersnacht umgab ihn wie früher! Der Beſuch im Kerker. Perr Gott, bewahre meine Zunge vor jedem böſen Worte, und meine Lippen vor trügeriſchen Reden. Gib mir See⸗ lenruhe und Faſſung, daß ich ſchweige vor meinen Läſterern, und mich beuge in den Staub vor meinen Drängern; gib mir ein großes, weites, offenes Herz für Deine Gotteslehre, daß ich mit Innigkeit und Willigkeit Deinem Gebothe nach⸗ komme, und— die Böſes ſinnen wider mich— nie Ge⸗ walt und Macht haben über mich. Zerſtöre Du, Herr! ihren Rathſchluß und verderbe ihre Pläne und Entwürfe, um Deines heiligen Namens Willen, in Deiner ſtarken Hand, um Deines heiligen Glaubens und der heiligen Thora Wil⸗ len— auf daß errettet werden Alle, die Dir anhänglich ſind in Liebe und Treue, hilf mir, Gott— und ſteh' mir bei, und erhöre mein Gebet. Gebet nach T. Berachot von Rarbar Kabbiner. Und wieder war es Nacht, der Rabbi befand ſich noch immer im Gefängniſſe, er ruhte wieder auf dem Strohlager, aber dießmal ſchlief er feſt und ruhig. „ 109 Plötzlich fühlte er ſich gerüttelt. Er ſchlug die Augen auf und ſah, vom Scheine einer auf dem Boden ſtehenden Lampe begünſtiget, eine verſchleierte Frauengeſtalt an ſeinem Lager. Er ſprang auf. Die Dame winkte ihm mit der Hand, ruhig zu bleiben, und ſchlug den Schleier zurück; er er⸗ kannte die Frau des Judenrichters. Sie ſah ihn eine Zeitlang ruhig an; ihre Miene drückte Beſorgniß aus, es ſchien, als ob ſie in ſeinen Zügen leſen wollte, was ihrer für ein Schickſal harre. Eliah achtete hierauf nicht, ſondern ſprach mit jenem demüthigen Tone, den die gefürchtete Frau ſonſt von den Juden nur zu gewohnt war: Ihr laſſet Euch herab, mich in meinem Ge⸗ fängniſſe zu beſuchen? welchem günſtigen Geſchicke danke ich dieſe Gnade? Wollt Ihr meiner ſpotten, Eliah? Oder meint Ihr, daß ich es ruhig mit anſehen könne, Euch eingekerkert zu wiſſen? ——— —— — —— —— — —— 110 Ich danke Euch, gnädige Frau! für die Theil⸗ nahme. Ihr dankt mir ſchon, und wißt doch noch nicht, wie weit ſie ſich erſtrecken würde? Und wär' es auch nur ein tröſtend Wort, ich nehme es mit Ergebung an. Es thut mir wahrlich leid um Euch, Eliah! Ihr habt das harte Geſchick, das Euch bedroht, nicht verdient. Meint Ihr? O, glaubt mir ſicher: kein Menſch leidet vergebens, und wär's auch nur darum, um der Freuden des Jenſeits theilhaftig werden zu können. Und das Glück dieſes Lebens, rechnet Ihr es für nichts? Was man nicht erſtreben kann, darauf muß man verzichten. Warum könnt Ihr nicht? Warum auf etwas verzichten, was ſo leicht zu erreichen iſt! 111 Der Rabbi ſah ſie mit fragendem Blicke an, aber ohne irgend eine innere Bewegung zu verrathen. Frau Hedwig fuhr fort: Hört mich an, Eliah! Ich habe, als Eure und Eurer Glaubensgenoſſen Verhaftung Statt fand, die Familie Eiſak's unter meinen Schutz geſtellt. Ich that dieß ohne Wiſſen meines Gatten, mit Hül⸗ fe eines Vertrauten, blos um Euch zu zeigen, daß ich Eure bisherige Verſchwiegenheit zu ſchätzen weiß. Es iſt mir bekannt, wie nahe Euch die Frauen in Eiſak's Hauſe angehen; daß ſie geborgen ſind, wird Euch gewiß zur Beruhigung dienen. Aber dieß iſt noch nicht Alles, ich will noch mehr für Euch thun. Ich bringe Euch— Freiheit!— Eliah gerieth in Bewegung, aber er beherrſchte ſich und ſchwieg. Frau Hedwig fuhr fort: Ich ſetzte meine Schützlinge hievon in Kennt⸗ niß, und ſie ſind bereit, Euch allenthalben hin zu folgen. Ihr wißt, wie nahe die ungariſche Grenze iſt; ehe eine Stunde vergeht, wird ein geſchloſſener 112 Wagen Euch und die Eurigen aufnehmen, und da⸗ hin in Sicherheit bringen! Wer ſind dieſe Glücklichen, welche Ihr außer mir, Eures Schutzes gewürdiget? Die Tochter und die Schweſter Eiſak's, und der Sohn Eures Vorgängers. Ihr wollt alſo mir, und jenen Dreien zur Flucht verhelfen? Ja, dieß will ich! Heute noch? In längſtens einer Stunde. Der Rabbi ſchwieg und ſah die Dame mit einer Miene an, welche zu erkennen gab, daß er ihr Inneres errathen habe. * —„———————— Sie wurde verlegen und ſprach: Ihr ſcheint noch unentſchloſſen? Ihr irrt Euch; mein Entſchluß iſt bereits ge⸗ faßt— Ihr williget alſo in die Flucht? Nein, ich bleibe hier! Im Kerker? Ja, im Kerker! Gefangen? Wie Ihr ſeht. Die Dame, welche ihre Liſt geſcheitert ſah, brauste auf: Wohlan! ſo bleibt, und geht Eurem Verderben entgegen! Sie ging, oder vielmehr, ſie that, als ob ſie gehen wollte. Rabbi Eliah ließ ſie gewähren, er wußte, daß ſie ſich ſo nicht entfernen könne. Frau Hedwig blieb auch wirklich nach eini⸗ gen Schritten ſtehen und ſprach in noch immer auf⸗ gebrachtem Tone: Ich durchſchaue Euch ganz. Dieß iſt mir angenehm, dann werdet Ihr auch finden, daß ich mich von hier nicht entfernen darf. Warum dürft Ihr nicht? Weil es Pflicht des Seelſorgers iſt, ſeine Ge⸗ 114 meinde, in Tagen des Unglückes nicht feige zu ver⸗ laſſen; thut er dieß, ſo gleicht er einem Heerfüh⸗ rer, der bei einer unglücklichen Wendung des Kam⸗ pfes ſeine Krieger im Stiche läßt. Es iſt aber Thorheit, ſich nicht zu retten, wenn die Anderen ohnedieß hülfelos verloren ſind. Verloren? Woher habt Ihr dieſe Gewißheit? Ich hoffe ſehr auf ihre Rettung. Rettung? Von wem ſoll dieſe kommen? Von Euch! Frau Hedwig fuhr auf und rief: Seid Ihr toll? Was fällt Euch ein? Ihr ſtellt Euch ſelbſt in kein vortheilhaftes Licht, wenn Ihr meine Zuverſicht zu Euch, Tollhet ſcheltet. Eure Forderung grenzt an Wahnſinn. Oder meint Ihr, daß es für mich kein anderes Mittel gebe, mich Eures Schweigens zu verſichern? O ja! Ihr könnt mich hier morden laſſen. Man wird es nalürlich finden, daß ich mich ſelbſt im Ge⸗ fängniſſe entleibt habe. 115 Ein boshaftes Lächeln Hedwig's zeigte, daß Eliah ihre Gedanken errathen hatte; er aber fuhr ruhig fort: Doch hab' ich auch für dieſen Fall geſorgt! Die Frau des Judenrichters erſchrack. Der Rabbi fuhr fort? Seht, Frau Hedwig! es kränkt mich ſehr, daß Ihr mich für ſo einfältig haltet, als ob ich nicht wüßte, mit wem ich es zu thun habe. Ich habe die Verfügung getroffen, daß Euer Geheimniß nach meinem Tode ganz gewiß an den Tag komme; darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Elender! Du haſt mich verrathen?! Das that ich nicht. Keine Seele ahnet die Ver⸗ gangenheit. Und doch—— Hört mich an. Ich habe im Ungarlande einen Freund. Dieſem Freunde habe ich vor Kurzem ein geſiegeltes Päckchen überſandt, welches er erſt nach meinem Tode öffnen darf. Sobald ich nun nicht mehr bin, thut er dieß, er wird leſen und finden — iſt Euch nun mein Verfahren klar geworden? Die Frau zitterte, ſchäumte vor Wuth und ging mit großen Schritten auf und nieder. Sie rang nach einem Entſchluſſe. Durch dieſe Ausbrüche beurkundete ſie ihre Ab⸗ hängigkeit ganz: der gefangene Eliah hatte eben dieſelbe Macht über ſie, wie der freie. Endlich trat ſie auf ihn zu und ſprach: Ich will ſehen, wie weit Eure Unverſchämtheit gehen wird; ſprecht, was fordert Ihr von mir? Ich bin keineswegs geſonnen, in Eueren Vorſchlag ein⸗ zugehen, aber hören will ich ihn— Euer Uebermuth ſoll mich dann in meinem gefaßten Beſchluſſe ſtärken. Der Rabbi verſetzte gelaſſen: Für mich fordere ich nichts; aber jenen unſchul⸗ dig verhafteten Familienvätern meiner Gemeinde müßt Ihr zur Flucht behülflich ſein. So gut Ihr es bei mir vermögt, wird es Euch auch bei ihnen möglich ſein. Die Andern werden, wie Ihr wißt, aus dem Lande gejagt; bei dieſen handelt es ſich meiſtens nur um ihr Hab und Gut, und das bleibt ohnedem zurück; es wird alſo um ſie nicht ſo viel 117 Aufhebens gemacht werden. Uebrigens wird Euer Herr Gemahl leicht zu beſänftigen ſein, wenn er nur mich in ſeiner Gewalt behält; denn der Au⸗ genblick der Rache für ihn iſt gekommen, ich werde als Opfer für alle Anderen fallen. Die Dame hörte den Vorſchlag an, dann ſprach ſie: Und wenn ich in dieſen Vorſchlag nicht ein⸗ willigte? So bleiben wir alle gefangen, und Ihr— Schweigt! ich weiß, was Ihr ſagen wollt, Eliah! Ihr ſeid nicht ſo rein, als Ihr mich glau⸗ ben machen wollt! wehe Euch! wenn ich Euer Ge⸗ heimniß als Waffe gegen Euch gebrauche. Mein Geheimniß? fragte der Rabbi er⸗ ſtaunt. Sagt mir doch, wo habt Ihr Euren Knecht? Eliah erſchrack. Hedwig lachte höhniſch: Wo iſt der wun⸗ derbare Diener hingekommen, den um Mitternacht 10 118 die hölliſchen Geiſter faſſen, und durch die Straßen wie eine Staubſäule fortwirbeln? trotz all meines Nachforſchens iſt der geſpenſtiſche Knecht verſchwun⸗ den, und der Herr ſelbſt weiß vielleicht keine Kunde von ihm zu geben?—— In der Seele des Rabbi begann ſich jetzt der Vorfall der erſten Peſahnacht aufzuklären. Der Zorn röthete das bleiche Antlitz, er ſah die Dame mit einem vernichtenden Blicke an. Ihr war't es alſo— rief er— doch ſie un⸗ terbrach ihn raſch: Ja, auf meine Veranlaſſung wurde der Räth⸗ ſelhafte, über den mir Eure Feinde ſo viel zu erzäh⸗ len wußten, aus Eurer Wohnung gelockt; ich wähn⸗ te zwar einem anderen Verbrechen auf die Spur zu zommen— und habe einen Herenmeiſter gefunden; aber dieſen erwartet dieſelbe Strafe, wie jenen, der aus Chriſten Ketzer macht. Der Rabbi nahm das Wort: Ihr wolltet mich alſo durch meine Gemeinde zwingen, die Stadt zu verlaſſen, um des gefährli⸗ chen Gegners los zu werden? Aber ſeht, es iſt Euch 119 nicht gelungen. Der Himmel ſandte ein allgemei⸗ nes Unglück, um Eure Liſt mißlingen zu laſſen. Ich erlaube Euch, den Vorfall mit Aſcher dem Gerich⸗ te anzuzeigen; mein Loos wird deßhalb nicht bitterer werden, als es ohnedem ſchon iſt, aber Ihr, Ihr bleibt doch noch immer in meiner Gewalt, und wollt Ihr Euer ganzes Lebensglück nicht vernichten, wollt Ihr nicht Schmach und Schande über Eures Gatten Haupt, und Verderben über Euch bringen, ſo willi⸗ get in meinen Vorſchlag. Frau Hedwig verzweifelte; ſie wußte nicht, was ſie beginnen ſollte; ihr ſo geſchickt angelegter Plan war geſcheitert. Wollte ſie die entſetzliche Dro⸗ hung nicht in Erfüllung gehen laſſen, ſo mußte ſie ſich fügen, und doch mochte ſie ſich hiezu nicht entſchließen. Sie ſchwankte. Ein neuer Zweifel erwachte in ihrem Inneren. Ihr wollt mich überliſten, Eliah! entgegnete ſie. Wer bürgt mir dafür, daß Ihr, ſobald die An⸗ deren in Sicherheit ſind, Euere eigene Freiheit nicht auf dieſelbe Weiſe ertrotzt? 10* ——FFF—,k.,.— * Der Rabbi lächelte: Wollte ich dieß, könnte ich es jetzt in dieſem Augenblicke nicht eben ſo ſicher thun, als dann?— Ich ſchwöre es Euch bei dem Gotte meiner Väter! daß Ihr dann von mir nichts mehr zu fürchten habt, und ſtünde die Thüre meines Gefängniſſes angelweit offen, ich verließe es nicht. Ich muß das Opfer meiner Gemeinde werden, ich muß!— Frau Hedwig begriff den Juden nicht, aber ſie war von der Auftichtigkeit ſeiner Worte ſo über⸗ zeugt, daß ſie nicht den geringſten Zweifel mehr dar⸗ ein ſetzte. Sie entſchloß ſich, in ſein Begehren zu willigen; der Gedanke, von dem gefährlichen Mitwiſſer befreit zu werden, ja, ihn ſogar einem ſicheren Tode ver⸗ fallen zu ſehen— denn was konnte ihm Anderes bevorſtehen— trug nicht wenig dazu bei, ſie zur Nachgibigkeit zu ſtimmen. Nun noch Eines, ſprach der Rabbi, als ihm Hedwig ihre Zuſtimmung gegeben hatte, wann wollt Ihr die Rettung der Juden vollbringen? In der nächſten Mitternacht! 121 Ich bin's zufrieden, aber ich will früher von ihnen Abſchied nehmen. Auch die drei Perſonen, die Ihr Eueres Schutzes gewürdiget, müſſen mit den An⸗ dern in Sicherheit gebracht werden; bringt ſie hieher, ich will ſie Alle noch Einmal ſehen, ehe ſie mich für immer verlaſſen. Die Dame wrilligte ein und verließ den Ge⸗ fangenen. Rabbi Eliah warf ſich wieder auf's Lager. Er hörte bald darauf die zweite Stunde nach Mitternacht verkünden; der Schlaf nahm ihn wieder in ſeine Arme, und der Traumgott zauberte befreun⸗ dete Geſtalten in ſeine Umgebung, er genoß im Geiſte das Glück, das ihm die Wirklichkeit verſaget hatte. Die Stunde, welche den Wunſch des würdigen Prieſters erfüllen ſollte, nahte immer mehr heran! Die Vermählung. Deine Lieb' iſt köſtlicher, als Wein; Lieblich duften Deine Salben, Und Dein Nam', wie Balſam Iſt er ausgegoſſen, Darum lieben Mädchen Dich! geuch mir nach, o laß uns eilen. —,——— Das hohe Lied. Mittelſt dieſes Ringes ſollſt Du mir angetraut ſein, nach Moſes und Iſraels Geſetz und Recht. Trauungsformel. Und auch die fo gende Nacht war herangenaht; ſie, welche den gefangenen Juden zu Neuſtadt die Freiheit bringen ſollte, Allen, nur— dem Rabbi siht Ungeduldig harrte dieſer der Stunde, welche ihm Alles geben, und Alles nehmen ſollte. Er ſaß ſinnend auf dem Lager und dachte mit ſchwerem Herzen der Vergangenheit; ihr, welche ihm 123 ſo wenig gebothen hatte, ſollte nun eine ſo trau⸗ rige Zukunft folgen. Welch' ein trübes Leben!— Die Glocke verkündete die eilfte Stunde. Eliah horchte— Grabesſtille erfüllt den Ker⸗ ker— wenn Hedwig ihr Verſprechen erfüllte, und das Unternehmen gelang, ſo müßten ſie bald kom⸗ men— doch er vernahm noch nichts— ſollte die Dame ihren Entſchluß geändert, oder ſie ſelbſt ver⸗ rathen worden ſein? oder— wie viel unvorherge⸗ ſehene Fälle gab es nicht, welch' ein weites Feld für Möglichkeiten und Vermuthungen.— Doch jetzt— ein leiſes Geräuſch dringt herein, es nähert ſich, man hört von Außen leichte Tritte — das Schloß wird geöffnet, die Thüre geht auf, und die Erwarteten drängen ſich herein. Hinter ihnen ſchließt ſich der Eingang. Welch' eine Scene. Eine mitgebrachte Lampe erhellt den Kerker. Eßman wirft ſich dem Rabbi in die Arme, Joſe ſinkt zu ſeinen Füßen nieder und umfaßt brünſtig ſeine Kniee, Alle ſchluchzen, weinen— 124 nur die Furcht, verrathen zu werden, iſt im Stande, ihren Schmerz zu zügeln, daß er nicht in lauten Jammer ausbreche. Nebſt Eßman, Eiſak, Steußen und Joſe, waren noch drei Männer anweſend, einige Frauenge⸗ ſtalten blieben, ſich wechſelſeitig ſtützend, im Hinter⸗ grunde. Der Rabbi nahm zuerſt das Wort: Faſſung, meine Brüder! Ruhe, beherrſcht Euch! Die Stunde iſt gekommen, laßt uns ſie benützen, daß ſie nicht verſtreiche, ehe wir uns mit einander vollkommen verſtändigen.— Hört mich an und be⸗ wundert mit mir die weiſe Fügung, und die All⸗ macht Gottes. O, würden meine Worte aufgezeichnet, einge⸗ graben in ein Buch; mit Eiſengriffel und Blei für die Ewigkeit in Stein gehauen! Wie Ihr hier ſteht, ſo beſeelt Euch jetzt nur ein Gefühl: das der Trauer und der Verlaſſenheit! O, hättet Ihr im Leben auch ſo einig empfun⸗ den, Ihr hättet mir und Euch vielen Schmerz er⸗ ſpart. 125 Ihr, die Ihr früher meine Gegner war't, ſeid Ihr nun davon überzeugt, daß Rabbi Simon's, des Seligen letzte Worte, eine wunderbare Prophe⸗ zeihung und kein Fiebertraum geweſen? Seht Ihr nun ein, daß mein Eintreffen hier kein Zufall, ſondern eine Fügung Gottes war, um Euch in der Stunde des Unglückes beizuſtehen? Warum verbergt Ihr Euer Angeſicht, haltet Ihr mich noch für Euern Feind? Ich war es nie! Oder ſchämt Ihr Euch Eurer früheren Ver⸗ irrung? Möget Ihr in der Zukunft anders denken ler⸗ nen; ich habe Euch vom Herzen, von ganzer Seele vergeben!— Ihr werdet Alle noch in der heutigen Nacht in Sicherheit gebracht werden, Ihr werdet frei ſein, und das— hab' ich bewirkt! Wie und auf welche Weiſe ich es vermocht, das iſt wieder mein Ge⸗ heimniß, welches ich verſchweigen muß; ich hoffe, Ihr werdet ihm keine ſolchen üblen Deutungen un⸗ terlegen, als es am Purimabend mit der Frauen⸗ maske der Fall geweſen. Die Sendung des Rabbi II. 11 126 O, meine Brüder! wie ſchwer habet Ihr mich damals gekränkt, wie wehe habt Ihr meinem Her⸗ zen gethan; habe ich nicht mehr Vertrauen von Euch verdient? War mein Lebenswandel von der Art, daß Ihr ſolchen unwürdigen Gedanken Raum geben mußtet? Ging ich je mit Falſchheit um, wanderte je mein Fuß den Heuchlerpfad? Wich mein Tritt von der Bahn der Tugend ſchlich je mein Herz den Augen nach?— Ihr habet mein Seelenleid vermehrt, mich mit Worten gedemüthiget, habt mich oft beleidiget und ſchamlos verkannt. Doch genug der bitteren Erinnerungen für mich und Euch, ich habe Euch noch Wichtigeres zu ver⸗ künden. Von meiner früheſten Jugend an, wurde ich durch meinem Vater zu dem Stande beſtimmt, den ich in Eurer Mitte begleitete. Mein Lehrer war ein gottesfürchtiger, weiſer Rabbi, der, in dem ge⸗ heimſten Wiſſen der Kabbalah heimiſch, auch mich, ſei⸗ nen Schüler in dasſelbe einweihte. 12* Gierig, wie der Sandboden den friſchen Quell, ſo ſog ich die Lehre ein, und bald kam die Zeit, wo der Rabbi zu mir ſprach:„Mein Sohn! was ich gewußt, hab ich Dich gelehrt, ich bin zu alt, um weiter vorzudringen; aber Du biſt jung, kräftig, Deine Seele vermag es, die geheimſten Tiefen der heiligen Wiſſenſchaft zu durchdringen; verſuch's, es wird gelingen!“— Ich that es mit aller Geiſteskraft, die mir zu Gebothe ſtand, und bald kam ich zu dem verhäng⸗ nißvollen Abſchnitt, der mein Verderben ward. Ich ſtaunte, ich wunde hingeriſſen von den Geheimniſſen, die ſich vor meinem geiſtigen Blick entfalteten, ich wurde ſtolz auf mein Wiſſen, hochmüthig auf die Erfahrung, die ich aus dem verhängnißvollen Born geſchöpft. Und immer weiter riß es mich mit, ich hatte mich mit einem Schritte dem Abgrund genähert, und wie mit magiſcher Gewalt zog es mich nun in denſelben hinein; ich fiel, wie jedes andere Men⸗ ſchenkind!— Mir genügte nicht mehr das bloße Wiſſen, ich wollte auch ſeine Wahrheit erproben, und wie der Sinn des Hochmüthigen ſtets nach dem 11* —— 128 Höchſten ſtrebt, ſo wagte auch ich mich an das Er⸗ habenſte: ich wollte, ſo wie Gott es that, ein Thon⸗ geſchöpf zum Menſchen bilden. Nach den Lehren der Kabbalah fertigte ich den Leib, ſchrieb das belebende Blatt, und ich, der Ver⸗ blendete, betete zu Gott, daß er mein Frevelwerk gelingen laſſe. Und als ich meinem Geſchöpfe das verhängnißvolle Blatt zum erſten Mal unter die Zunge legte, und es ſich zu bewegen begann, als es, meiner Meinung nach, zum Menſchen ward, da jubelte ich im Entzücken meines Herzens, da tau⸗ melte ich in meinem Hochmuthswahnſinn auf— die Welt, die Menſchen, Alles, Alles lag tief unter mir, ich däuchte mich ein Anderer, ein Größerer, ein Ge⸗ heiligterer, als alle Uebrigen zu ſein.— Aber bald ſchwanden dieſe Freuden; ich fand, daß meinem Geſchöpfe zum Thiere viel, zum Men⸗ ſchen ſehr viel fehle; ich wollte den Mängeln nach⸗ helfen, und nun zeigte ſich die ſtümperhafte Men⸗ ſchenhand, die Ohnmacht meines Geiſtes— das Ge⸗ ſchöpf blieb wie früher, es war keiner Vervollkomm⸗ nung fähig. Es durfte die Mitternacht nicht über⸗ dauern, und wenn ich es dann wieder belebte, ſo 128 vermochte es nicht zurück zu denken, es war ſo, als ob es nie geweſen wäre. Dieſes Geſchöpf, meine Brüder, war— Aſcher!— Ihr ſtaunt? Nun wird Euch wohl alles Räth⸗ ſelhafte, was Ihr an ihm wahrgenommen und gemißdeutet habt, klar werden? Nun werdet Ihr wohl einſehen, daß Ihr mir auch in dieſer Bezie⸗ hung Unrecht gethan, und mich verkannt habt?— Eßman wird Euch das Abentheuer der er⸗ ſten Peſahnacht mitgetheilt haben; ich zerriß das verhängnißvolle Blatt, um das Geſchöpf nie mehr beleben zu können, meine Feinde haben es als Waffe gegen mich gebrauchen wollen, der Allmächtige hat ihre Pläne vereitelt! Aſcher iſt nicht mehr; mein Werk iſt zerſtört, ich habe es vertilgt, aber ſo wie der Menſch nichts ſchaffen kann, daß es ewig bleibe, ſo kann er auch nichts vertilgen, daß es ſpurlos verſchwinde; wenn auch nichts Anderes, ſo erbt ſich die Kunde da⸗ von auf die Nachwelt fort, und Schmach und Schan⸗ de bleiben ihm immer. 130 O, könnte ich dieſen Fleck von meinem Anden⸗ ken waſchen, dieſe Sünde tilgen, denn ſie wird der⸗ einſt ſchwer in der Schale wiegen, wenn der ewige Richter mein Urtheil ſpricht. Und wieder erkenne ich hierin nur den Fingerzeig Gottes, daß er mich hie⸗ her geführt, um mir die Augen zu öffnen, und mir zugleich Gelegenheit gab, meine Schuld, wenn auch nur zum Theil, zu ſühnen, um drüben eine mildere Strafe über mich verhängen zu können. Ja, meine Brüder! der Hochmuth des Gelehr⸗ ten brachte mich zum Falle, die Bildung Aſcher's iſt meine Sünde; Euch zu retten meine Sendung! Und nun danket mit mir dem Himmel, daß er Alles ſo leitete, wie es kam; denn fürwahr! ſo wie über⸗ all, hat Gott auch hier Alles gerecht und weiſe ge⸗ ordnet. Er ſchwieg— Ein leiſes Murmeln verkündete, daß die An⸗ weſenden beteten. Rabbi! nahm hierauf Einer das Wort— Dei⸗ nem Einfluße verdanken wir die Freiheit; ehe noch der Morgen anbricht, werden wir geborgen und in 131 Sicherheit ſein; was wird aber mit Dir geſchehen, der Du in den Händen der Feinde zurück bleibſt? Ich bin hier, wie überall, in Gottes Hand, in deſſen Hand die Seele aller Lebenden, der Geiſt aller Menſchen iſt; wer vermag etwas über mich, wenn Er es nicht will? und will Er es, wer kann mich davor bewahren? O, ziehet getroſt fort, und ſorgt Euch nicht um den Einzelnen; Ihr habt Kin⸗ der, denen Ihr Euch erhalten müßt, ich ſtehe allein; Ihr habt das harte Loos nicht verdient, deßwegen ſoll es gemildert werden. Ihr habt vielleicht nur gefehlt, ich aber habe ſchwer geſündiget. Verlaßt dieſe Stadt, und kehret nie wieder, denn in ihren Mauern wird nie ein Jude Frieden, noch eine bleibende Wohnſtätte finden. O, folget mei⸗ nem Rathe, und meidet ſie, ich ſehe es im Geiſte voraus, man wird, ſo wie Euch, auch Eure Nach⸗ kommen wieder verjagen, bis man ihnen die Thore endlich ganz verſchließt! Eliah ſchwieg wieder, und betrachtete die Anweſenden, die ſich im Gefühle der Dankbarkeit 132 mit heißen Thränen um ihn ſcharten, der Reihe nach, mit wehmüthigem Blicke. Als er auf Joſe kam, ſprach er: Komm her, mein junger Freund, und umarme mich. Was ich früher geſprochen, hat hauptſächlich den Vätern gegolten, nun will ich auch einige Mi⸗ nuten den Jüngeren ſchenken. Kommt auch Ihr herbei—— Er konnte nicht weiter reden, und ſchon lagen die Frauen, welche früher im Hintergrunde geblieben waren, laut weinend zu ſeinen Füßen. Er wurde bewegt, ſein Auge wurde naß; er zitterte, und ſuchte vergebens nach Faſſung zu ringen. Mein Gott! rief er und hob beide Hände gegen oben— mein Gott! mein Herr! ſtärke mich, daß ich nicht unterliege, denn ich bin nur ein ſchwaches Menſchenkind!— Alle Rückſichten waren verſchwunden, man küßte ſein Gewand, ſeine Hände, man wand ſich jam⸗ mernd zu ſeinen Füßen.„ 133 Das Zureden der übrigen Männer vermochte es endlich, daß ſie ſich bezwangen, und den Rabbi ſo ziemlich gefaßt anhörten. Er begann: Ich habe eigentlich nur mit Zweien von Euch zu reden: mit Dir, meine Tochter Jedida, und dann mit Euch.— Er deutete auf Mirjam.— Ich ſteh' nun auf dem Punkte— fuhr er zu Joſe und Jedida fort— um mich für immer von Euch zu trennen; ich habe Euch lieb gewonnen, als ob ich Euer Bruder wäre, und hege die innigſten Wün⸗ ſche für Euch. Ihr gehöret Euch jetzt ſchon an, und ſollt in Kurzem für immer verbunden werden; möge Eure Ehe geſegnet, Euer Leben glücklich ſein. O, könnte ich die Fülle der himmliſchen Gnade auf Euch herab fließen machen, ich würde es thun; aber Ihr bedürft meiner nicht, der Himmel wird Euch nie verlaſſen, Ihr werdet ihm liebe Kinder ſein, nach ſeinem Willen leben, und Eure Nachkommen nach ſeinem Geſetze erziehen. Ich halte freudig Eure Hände in den meinen, und bete über Euch den Se⸗ gen herab, als ob ich, Joſe, Dein Vater, und der Schwieger Deines Weibes wäre. 134 Beide neigten voll Demuth ihre Häupter vor ihm. Er legte ſeine Hände auf dieſelben, und betete laut den Segen. Nach einer Pauſe fuhr er fort: Jetzt erhebt Euch, reicht mir noch einmal freund⸗ ſchaftlich die Hand— und lebt wohl! Allgemeines Schluchzen. Rabbi Eliah bedeckte ſein Antlitz mit beiden Händen. Unendlicher Schmerz zog durch ſeine Seele. Er faßte ſich, ging dann auf Mirjam zu, ergriff ihre Hand, und rief: Jetzt, das erſte Mal in meinem Leben, berühre ich Dich, meine Hand fühlt das Zittern der Deinen, und Wonne durchſtrömt mein Herz. Mirjam! ich betrachte mich in dieſem Augenblicke als Einen, der auf der Grenze zwiſchen Leben und Tod ſtehet, ein Schritt, und ich— bin jenſeits; ein Schritt— und ich bin für lange, lange getrennt von Dir; darum laß mich ſpre⸗ chen mit Dir, im Tone, als ob Du meine langjährige —— — 135 Freundin geweſen, als ob wir uns ſchon lange näher geſtanden.— Die Feſſeln meines Standes müſſen in dieſem Augenblicke weichen, Rückſichten und Formen müſſen ſchwinden; ich bin der Mann, Du die Frau, unſere Herzen haben ſich im erſten Augenblicke erkannt— jetzt, in dieſer Stunde kann ich es Dir frei und offen geſtehen: Mirjam! ich habe Dich ſchon damals geliebt!— Mit Leidenſchaft warf ſie ſich in ſeine geöffneten Arme und lehnte das glühende Antlitz an ſeine Bruſt⸗ Ihre Lippen ſchwiegen zwar, aber er fühlte den⸗ noch, wie heiß er wieder geliebt wurde. Ich wußte es— fuhr er fort— daß Du im ſtillen Einverſtändniß die Meine warſt, ſo wie ich Dir angehörte; da die Lippen ſchwiegen, ſchloſſen die Herzen den Bund, und nun, da wir es uns geſtanden, ſchlägt die Stunde der Trennung für immer! Ein Wehruf Mirjam's erſchütterte das Ge⸗ fängniß. Ruhig, meine Theure! jammerſt Du darüber, daß Dir der Himmel das kurze Erdenglück entzieht? 136 wird der Menſch geſchaffen, um hier— oder um drüben glücklich zu ſein? Die Freuden dieſer Welt gleichen vorüberrauſchenden Strömen, der Froſt macht ſie unſichtbar, der Schnee verſchüttet ſie ſpurlos; kaum erwärmt, ſchrumpfen ſie zuſammen, ſchwinden von ihren Betten, und verlaſſen uns, ſich neue Bahnen brechend. Die Zeit iſt hier dem Menſchen karg zugemeſſen; wie der ſtreng arbeitende Sclave nach Schatten lechzt, der Söldner des Lohnes harrt, ſo ſind ihm trügliche Monde und kummervolle Nächte zugezählt. Die Tage fliehen ſchneller, denn das Thier in der Wüſte, enden ſtets mit vereitelten Hoffnungen; o ge⸗ wiß! das Leben hier iſt nur ein Hauch, das Leben dort eine Ewigkeit! Willſt Du daher jammern, wenn Dir der Him⸗ mel kurzen Schmerz und überlange Freude zugemeſſen? Nicht wahr, Mirjam! Du wirſt nicht weinen, nicht jammern, Dich nicht abhärmen um mich, Du wirſt leben dem Herrn zu Ehren, fromm wie bisher, wirſt mein Andenken achten, und mich nie vergeſſen? Nie! Nie! jammerte ſie; ich werde ſterben, wenn — r 137 Du nicht mehr biſt; ob Deinem Verluſte wird mein Herz brechen! Und damit es dieſes ſoll, damit ich auch würdig ſei, von Dir geliebt worden zu ſein, ſo ver⸗ laſſe ich dieſes Gefängniß nicht; kann ich mit Dir nicht glücklich ſein, ſo will ich mit Dir leiden— ohne Dich leben, wäre für mich zehnfacher Tod! Nein, meine Theure! rief Eliah ſchmerzlich, aber feſt— Du wirſt nicht hier bleiben, Du wirſt mich verlaſſen; Dein Bruder wird Dich ſchützen, Deine Verwandten werden Dich tröſten, hier iſt Deines Blei⸗ bens nicht. Du gehſt— mir zu Liebe. Ich gehe nicht! rief Mirjam klagend— ich leibe bei Dir, und ſterbe mit Dir. Du wirſt gehen— verſetzte Eliah ſtreng; wo nicht, ſo befehle ich es Dir! Mirjam war außer ſich, der Schmerz hatte ſie jeder Ueberlegung unfähig gemacht. Nein! rief ſie— ich bleibe, Du willſt mir befeh⸗ len? mit welchem Recht? Eliah ſah ſie zitternd an, unendlicher Schmerz durchzog ſein Herz, er rang nach einem Entſchluße.— 138 Todenſtille herrſchte!— Jetzt zog er einen Ring hervor, ſteckte ihn an einen Finger ihrer Hand und ſprach mit lauter Stimme: Mittelſt dieſes Ringes ſollſt Du mir angetraut ſein, nach Moſes und Israels Geſetz und Recht!— Dann zog er ſie an ſich, küßte ſie auf die Stirn, und ſprach: Jetzt, Mirjam! biſt Du mein Weib, und mit dem Recht des Gatten befehle ich Dir, daß Du mich verlaſſeſt!— Es war eine erſchütternde, eine zermalmende Scene! Dieſe Vermählung im Gefängniſſe, dieſes ſich angehören für einen Augenblick, um ſich für immer trennen zu müſſen, zerriß alle Herzen. Mirjam lag ſinnlos in den Armen des Rabbi. Eliah fühlte, daß ihm die Kräfte zu ſchwinden. 139 begannen— er raffte ſeine ganze Kraft zuſammen, um ſich aufrecht zu erhalten. Nehmt ſie fort,— rief er— habt Erbarmen⸗ mit mir, und verlaßt mich.— Heiliger Gott! wie ſchwer hab' ich geſündiget! Alle warfen ſich auf ihn, um ihn noch einmal zu umarmen, zu küſſen— er drängte ſie gegen den Eingang. Fort! fort! rief er wie wahnſinnig— mit mir iſt's aus, kaum fühl' ich noch, daß ich lebe; fort — eilt von hinnen! Die Thüre öffnete ſich; ehe daß ſie es recht wußten, waren die Anderen draußen, vom Rabbi getrennt. Die Thüre fiel in's Schloß und ſchied ſie für immer! Eliah ſiel ſinnlos zu Boden! Die Nacht ſchwand, im fernen Oſten begann der Morgen herauf zu dämmern. Es ſollte für den Geſendeten ein ſchöner, ein heiliger Morgen werden!!! — S— Der nie betrat den Weg der Sünde. Pſalm. 1. Des Neuſtädter Judenviertel war traurig und verlaſſen. Alle hatten die Flucht ergriffen, und nur das mitgenommen, was ſie an Koſtbarkeiten beſaßen, das Uebrige, ihr ſtehend Hab und Gut war zurückgeblieben, um in fremde Gewalt zu fallen. Die Zugänge waren noch immer von Wächtern beſetzt, um den beuteſüchtigen Pöbel entfernt zu hal⸗ ten; nur Herr Bernhard Kitzl ſchlich durch die öden Häuſer und Gäſſen, ſo wie eine gierige Hyäne 141 durch die Zeilen der Gräber eilt, in deren Tiefen ſie Leichen wittert. Herr Hanns von gech ſchritt im Bewußt⸗ ſein ſeiner Würde im Gemache auf und nieder; ſein gebrochener Arm war zwar geheilt, aber man merkte doch, daß er etwas ſchlaff hinabhing. Plötzlich ſtürzte Herr Bernhard Haiden, der Stadtrichter herein. Welch ein Unglück! rief er dem Judenrichter zu— Haſt Du, Freund, noch nichts vernommen?— Der Andere ſtaunte.. Die Juden— Was iſt's mit ihnen? Sie ſind aus dem Gefängniſſe entflohen. Wär's möglich? Es iſt ſo! Und doch bewahrte ich ſelbſt die Schlüſ⸗ ſel, und überzeugte mich täglich Morgens und Abends von ihrer Anweſenheit. Noch geſtern waren ſie da, heute— ohne daß man an dem Schloß oder der Thüre die geringſte Verletzung bemerkte— iſt das Gefäng⸗ niß leer. 12 142 Der Judenrichter gerieth in Zorn. Die Verdammten! ſchrie er wüthend, wie mö⸗ gen ſie nur entkommen ſein? Ich habe Alles genau durchſucht, und keine Spur entdeckt. Sie ſind— mit Einem Wort— verſchwunden Auch der elende Rabbi? Er war ja allein— Herr Haiden hatte im erſten Schrecken auf dieſen vergeſſen, er wußte daher nicht, ob auch der Rabbi entflohen ſei. Komm! rief der Edle von Zech— wir wollen zu dem Schurken. Er weiß gewiß von dem Vor⸗ falle, denn das Einverſtändniß dieſes Geſchmeißes dringt durch Mauern und Berge; o, wenn nur we⸗ nigſtens Er noch da wäre, die Folter ſoll ihm das Bekenntniß ſchon entreißen! Sie haben ſich in Kel⸗ lern oder ſonſt wo verborgen; es waren die Reichſten von ihnen, und der Jude gibt ſein Eigenthum nicht ſo leicht verloren! Beide verließen das Haus. Frau Hedwig hatte den Stadtrichter kommen ſehen und erbleichte. — —ꝛ, — 143 Sie wußte, was ihn hieher führte. Als er ſich mit ihrem Gatten entfernte, ſtand ſie am Fenſter und ſah ihnen zitternd nach, wie ſie über den großen Platz dahinſchritten. Gedanken, wie licht⸗ ſcheue Nachtvögel zogen durch ihre Seele. Sie ver⸗ warf nun Alles, wozu ſie ſich, von Furcht hinge⸗ riſſen, durch Eliah verleiten ließ. Mein böſes Verhängniß— rief es mit tauſend Stimmen in ihrem Innern— hat dieſen Juden hie⸗ her geführt! O, warum war ich ſo thöricht, ihn nicht im erſten Augenblicke aus dem Weg zu ſchaffen— ich hätte unſägliche Angſt vermieden und mich für immer von ihm befreit. Wie, wenn er jetzt geſtände? Heili⸗ ger Gott! wenn er mich verriethe? Mein Gott— nein, ich darf dem Gedanken nicht Raum geben, er könnte mich wahnſinnig ma⸗ chen. Noch geſtern ſtand es in meiner Macht, ihn zu vernichten, o warum that ich es nicht! Wer weiß, ob nicht mit ihm unſer Geheimniß zu Grabe gegangen wäre; wer weiß, ob er wirk⸗ lich einem Freunde die Rache anheimgeſtellt, ob er dieß nicht erſann, um mich zu ſchrecken; je mehr ich ———— — —— 144 darüber brüte, deſto wahrſcheinlicher wird es mir; o der Liſtige! er hat mich hintergangen, und ich habe die Falle nicht geſehen, jetzt— jetzt wird er mich ver⸗ rathen, wird meinem Gatten Alles geſtehen; nur um mich zu vernichten, verſchmähte er die Freiheit; fort — fort— ich will hin, ich will dem Elenden entge⸗ gentreten, mein Blick ſoll das Wort auf ſeiner Zun⸗ ge erſtarren machen, ich will hin, und ihn verhindern, den Verrath zu begehen! Sie eilte wie bewußtlos aus dem Gemache. Die beiden Amtsherren waren indeſſen gegen den Gefangenthurm zugeſchritten; auf dem Wege ſtießen ſie auf den kleinen Buckligen, der eben aus dem Ju⸗ denviertel herauskam. Schon wieder eine wichtige Entdeckung, edler Herr! rief er dem Judenrichter entgegen. Seid Ihr den Entflohenen auf der Spur? fragte der Stadtrichter raſch. Den Entflohenen? fragte Kitzl erſtaunt, der von dem letzten Vorfalle wirklich nichts wußte. Ich meine den Juden? — 145 Ja wohl bin ich einem Juden auf die Spur ge⸗ kommen, aber dieſer war nicht entflohen, ſondern er hatte ſich in ſeinem Hauſe nur verborgen. Iſt es Einer von denen, welche gefangen waren? fragte der Judenrichter. Ei bewahre; der war frei geblieben, weil er nicht wohlhabend genug ſchien, um der Mühe des Einſperrens werth zu ſein. Wo iſt der Schelm? her mit ihm, vielleicht weiß er— Der weiß nichts mehr! grinste der Bucklige lä⸗ chelnd— das kann ich Euch verbriefen, daß der kei⸗ nen Verrath mehr ausheckt. Bei meiner Durchſuchung der öden Häuſer, kam ich in eine Wohnung, welche ganz leer war. Dieß nahm mich Wunder, denn in allen übri⸗ gen ſtand das Hausgeräthe, obwohl unordentlich un⸗ tereinander geworfen, doch noch da; nur hier war dieß nicht der Fall. Fort konnte es nicht gekommen ſein, denn man hatte ja den verjagten Juden nur das mitzunehmen geſtattet, was ſie auf dem Rücken 146 fortbringen konnten. Ich begann alſo nachzuforſchen, bis ich auf die Löſung des Räthſels kam. Ich gelangte zur Kellerthüre, ſie war von innen verrammelt. Ich öffnete ſie mit einem Beil, und ſiehe da! der ganze Raum war vollgefüllt, der Schelm von einem Juden hatte Alles— aber Alles hinabgeſchafft.— Ich begann zu ſuchen, und fand, was meint Ihr wohl?— Es war wahrhaftig komiſch anzuſe⸗ hen, ich muß jetzt noch lachen, wenn ich an das Pärchen denke: der Vater hockte in einer Ecke, die Tochter gegenüber in der andern, und Beide glotzten ſich mit halboffenen Augen an. Ich erkannte ſie und rief: He, Joſua Gerſon! was machſt Du da herunten, warum wohnſt Du jetzt im Keller, ge⸗ fällt's Dir nicht mehr oben? Keine Antwort. Ich ging näher und fragte noch einmal. Dieſelbe Stille, wie früher. Ich faß' ihn an— er iſt kalt— todt— das Mädchen— auch dieß iſt todt— mir däucht— ſie haben ſich's ſelbſt angethan. Der Judenrichter hatte die ganze komiſche Ge⸗ ſchichte theilnahmslos mit angehört; er entgegnete nun: 147 Folgt uns, und ſucht nicht die ganzen Tage hindurch in den verlaſſenen Judenquartieren herum, ich glaube, Ihr ſolltet des Gefundenen doch ſchon genug haben. Der Bucklige knirſchte mit den Zähnen und murmelte für ſich hin: Er mißgönnt mir die Pfennige und hat ſelbſt an den Hunderten nicht genug; ich könnt' ihn zer⸗ malnen! Durch dieſen Aufenthalt kam es, daß die Amts⸗ herren von Frau Hedwig erreicht wurden, als ſie eben in den Hof traten, in welchen die Thüren des henannten Thurmes mündeten. Er hatte drei Stock⸗ werke, in dem oberſten befand ſich der Rabbi. Iſt es wahr, mein Gemahl? rief ſie dieſem zu — wie ich ſo eben vernahm, ſind die Juden aus dem Gefängniſſe entflohen? Die Unruhe trieb mich hieher, die Angſt um Euch— Seid außer Sorgen, Frau Hedwigl tröſtete ſie Herr Haiden— wir haben noch Hoffnung, der Entkommenen habhaft zu werden, der Himmel 148 wird die Elenden nicht entrinnen laſſen! Der Eine iſt gewiß noch oben, er wird Alles geſtehen, und thut er's nicht gutwillig, ſo werden wir ihn pein⸗ lich befragen! Das Herz der Dame ward von einer unſeligen Angſt ergriffen. Auf Kitzl geſtützt, ſchwankte ſie die Steintreppe hinan, der Stadtrichter zog die Schlüſ⸗ ſel hervor— öffnete ein Schloß, das zweite— der Riegel knarrte, die Thüre ging auf— die Sonne warf ihr goldenes Strahlennetz in den nächtigen Auf⸗ enthalt und beſchien die Geſtalt des Rabbi. Er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Bruſt gefaltet, das Antlitz gegen Sonnenaufgang gekehrt. Ein überirdiſcher Friede verſchönte die herrlichen Züge des blaſſen Antlitzes.— Er war todt!— Kein Zeichen eines gewaltſamen Todes konnte entdeckt werden, ſeine Züge verkündeten inneren Frie⸗ den, er lächelte noch jetzt. Sein Ende mußte ſanft und ſchmerzlos geweſen ſein! — KE Von dieſem Anblicke ergriffen, ſtürzte Frau Hed⸗ wig fort, und zum grellen Gegenſatze gegen früher, rief es mit tauſend Stimmen in ihrem Inneren: Wehe mir, daß er todt iſt! Lebte er noch, er hätte mich nicht verrathen, aber jetzt— wird mich mein Schickſal ereilen! Was ſie vor einigen Minuten ſo ſehnlichſt ge⸗ wünſcht hatte, war in Erfüllung gegangen, und nun jammerte ſie um das, was ihr früher ihr Verderben ſchien!— Das war die Macht des Gewiſſens! Ja wahrhaftig, das war ein ſchöner, ein heiliger Morgen für den geweſenen Rabbi der geweſenen Neu⸗ ſtädter Judenſchaft!!! * * Beiläufig um dieſelbe Zeit, als die, des begangenen Verbrechens angeklagten Juden zu Wien verbrannt, und alle Anderen aus ganz Oeſterreich verjagt wurden, ereignete ſich auch in der Neuſtadt eine ſchauderhafte Begebenheit. Der Edle von Zech, welcher ſeiner ihm anver⸗ Die Sendung des Rabbi. II. 13 150 trauten Heerde auf die leichteſte Weiſe losgeworden war, befand ſich bei einem Freudenmale geladen; Frau Hedwig war allein. Es war eine jener ſtürmiſchen Nächte, welche ſich gewöhnlich zu Ende des Lenzmondes ſo gern einſtellen, und mit denen der Winter auch meiſtens Abſchied von uns nimmt. Undurchdringliche Finſterniß umhüllte die Stadt, von dem Schneeberge herab ſtrich ein kalter Wind, und durchfegte die Straßen, welche bereits menſchenleer da lagen. In dem warmen, durch eine Lampe erleuchteten Kloſet befand ſich die Dame recht heimlich, ſie lag auf der Polſterbank ausgeſtreckt, und dachte mit Wonne an die Freuden des erſt jüngſt vergangenen Karnevals zurück, an die Wonne, welche ihr das Leben bot, und die ſie mit Luſt und Liebe ſchlürfte. Ach, die zehnte Stunde— flüſterte ſie vor ſich hin— ſcheint heute nicht herannahen zu wollen; mein Eheherr wird doch nicht früher als ſonſt zurückkehren? es bleiben alſo noch immer vier Stündchen übrig, um — horch— ich höre Tritte— das nenn' ich pünkt⸗ 151 lich ſein; wie behutſam es heranſchleicht, wer ſollte glauben— o ſo bald, und doch hämmert mein Herz vor Ungeduld— halt— ich will thun, als ob ich ſchlafe — und dann plötzlich auffahren— der Schreck— es ſoll einen herrlichen Schwank geben. Sie nahm raſch einen Schleier, bedeckte mit dem⸗ ſelben ihr Antlitz, und warf ſich von dem Eingange ab⸗ gewandt, wieder auf das ſchwellende Ruhebett. Die Thüre ging leiſe auf, dann zu, der Riegel wurde von innen vorgeſchoben. Frau Hedwig kicherte leiſe: Wie vorſichtig heute der Schelm iſt— das that er gewöhnlich nicht! Sie hörte die Tritte im gemeſſenen Schritte ſich ihr nähern, ſie blieb ruhig. Jetzt fühlte ſie ein ſchwaches Rütteln, ſie hielt den Odem an ſich, und regte ſich nicht. Ihre Hand wurde gefaßt— ſie zitterte vor Wonne, aber ſie wollte den Scherz recht weit treiben, bezwang mit Mühe das Lachen und blieb unregſam. Jetzt riß es ſie unſanft an der Hand— was war das? 152 Sie ſprang auf, eiskalt überlief es ſie, ein unbe⸗ kannter Mann ſtand ihr gegenüber, mit Haſt zerrte er den Schleier von ihrem Haupte und ſprach mit dumpfer Stimme: Ich habe mich nicht getäuſcht, Du biſt es! Wie tauſend Blitze fuhr es jetzt durch ihre Seele; ſie kannte den Fremden nicht, und doch bemeiſterte ſich eine unſägliche Angſt ihres Herzens; eine Ahnung rief ihr zu: Die Stunde der Vergeltung iſt gekommen! Mit ernſter Miene betrachtete ſie der Fremde. Es war ein Mann in den ſchönſten Lebensjahren, mit einem ausdrucksvollen Antlitze, zwei feurigen Augen, einem Schnurbarte; ſein Gewand verrieth den Ungar. Während dieſer Augenblicke faßte ſich die Dame in Etwas, ſie machte eine Bewegung gegen die Thüre zu, der Fremde hielt ſie aber zurück, drängte ſie gegen die Polſterbank, daß ſie ſich nieder zu laſſen gezwungen war, und rief mit drohender Stimme: Du verläſſeſt dieſen Platz nicht, und bleibſt ſtumm! Der erſte Laut, und— 153 Ein Dolch funkelte in ſeiner Hand. Die Dame bedeckte zitternd ihr Antlitz mit den beiden Händen. Kennſt Du mich? fragte der Fremde. Nein! antwortete ſie kleinlaut. Findeſt Du keine Aehnlichkeit zwiſchen mir und irgend Jemandem, den Du im Leben kannteſt? Die Dame antwortete nicht. Wenn ich Dich frage, ſo rede! Ich weiß mich nicht zu entſinnen. Wohlan! ſo will ich Deinem ſchwachen Gedächt⸗ niſſe zu Hülfe kommen: Ich bin Läßlos Bruder! Wehe mir! jammerte Hedwig. Ja, wehe Dir! Denn der Tag der Rache, die Stunde der Vergeltung iſt gekommen. Du haſt das Glück unſerer Familie zerſtört! Du warſt ein armes Mädchen, als Du die Aufmerkſamkeit meines jüngeren Bruders an Dich zogſt. Er ſchenkte Dir ſein Herz, und liebte Dich mit der Raſerei einer erſten Leidenſchaft. Du thateſt anfangs, als ob Du die Leidenſchaft erwi⸗ derteſt, und Euer unſelig Verhältniß blieb nicht ohne 154 Folgen. Aber Du, weit entfernt davon, dem damals mittelloſen Jüngling Deine Hand reichen zu wollen, und dadurch den geſchehenen Fehltritt zum Theil we⸗ nigſtens wieder gut zu machen, Du wandteſt Dich von ihm, entflohſt, und mordeteſt das Pfand Eurer Liebe. Hedwig wand ſich verzweiflungsvoll auf dem Polſterſitze. Der unbarmherzige Mahner aber fuhr fort: Mein Bruder war Dir gefolgt, aber es gelang ihm nur, Dein Verbrechen, und nicht Dich ſelbſt zu erſpähen. Er kehrte heim— der Wahnſinn bemächtigte ſich ſeiner mit Geierskrallen, der Himmel befreite ihn bald darauf durch den Tod; der Gram über ihn zog die Eltern nach, ich allein bin noch da, um Deine Miſſethaten zu rächen. Vor ungefähr einem Jahre erhielt ich von dem Juden Eliah ein geſiegeltes Paket— Alſo doch! jammerte die Dame. Du weißt Alles? Er hat Dir wahrſcheinlich da⸗ mit gedroht? Deſto beſſer! ſo darf ich Dir nicht erſt mein Hierſein erklären. „ 155 Eliah wuchs mit uns auf, und war unſer Ju⸗ gendfreund; ich ahnete nicht, was das Paket enthielt, und hielt es für meine Pflicht, ſeinem Willen nachzu⸗ kommen. Ich zog Erkundigungen über ihn ein und erfuhr bald ſeinen Tod. Jetzt war der Augenblick gekommen, ich öffnete das Paket, und fand Deinen Aufenthalt; Eliah wußte, daß ich Dir blutige Rache zugeſchworen hatte, und daß er Dich verrieth, beweist, daß Du auch gegen ihn ſchlecht gehandelt haſt. Ich kam hier an, und erfuhr ſeinen Tod im Ge⸗ fängniß, ich lauerte und entdeckte die häufigen, nächt⸗ lichen Beſuche des jungen Haiden, des Stadtrichter⸗ Sohns, ich fand, daß Deine Verbrechen das Maß überſchritten, und daß Du reif für die Strafe biſt. Du haſt Dein und meines Bruders Kind gemor⸗ det, Du biſt die Urſache von ſeinem und der Eltern Tode, Du haſt auch den Juden Eliah im Kerker gemordet, daß er an Dir nicht zum Verräther werde— Nein! Nein! rief Frau Hedwig— ich bin unſchuldig an ſeinem Tode, er ſtarb plötzlich, ohne daß ich es wußte— 156 Iſt dieß Wahrheit, dann erkenn' ich den Finger⸗ zeig Gottes! Hätte Eliah fortgelebt, ſo wäre mir Dein Aufenthalt unbekannt geblieben; damit dieß aber nicht geſchehe, damit Du, dreifache Verbrecherin, zum Hohne der Gerechtigkeit Dich nicht eines Wohllebens erfreueſt, und eines natürlichen Todes ſterbeſt, ſo mußte es ſo kommen. Deine Augenblicke ſind gemeſſen— Du überlebſt dieſe Viertelſtunde nicht! Die Dame ſprang auf, ſank ihm zu Füßen, um⸗ klammerte ſeine Kniee, flehte und jammerte— doch umſonſt! Er riß ſich von ihr los, eilte auf die Lampe zu und blies ſie aus— — —————————— Tiefe Finſterniß umhüllte das Gemach, es war, als ob plötzlich das Gehör verſchärft worden wäre.— Außen tobte der Sturm— mitten durch vernahm man die Glocke, welche von der Jakobskirche die eilfte Nachtſtunde verkündete— im Gemache ertönte ein leiſer Schrei— brach plötzlich ab— ein dumpfes Stöhnen⸗ —— ———— — 157 wie das eines Geknebelten folgte darauf— dann hörte man's ächzen— ein Fall— ein Riegel knarrte— die Thüre ging auf— gleich wieder zu— es wurde ſtill — todenſtill!— ——————————— Die Nachricht dieſes ſchauderhaften Vorfalls verbreitete ſich ſchon am andern Morgen mit un⸗ glaublicher Schnelle in der geſchwätzigen Neuſtadt. Der Judenrichter erhielt Früh Morgens einige Zeilen von unbekannter Hand, welche ihm das Räthſel lösten. „Danket dem Himmel“— ſo wurde ihm ge⸗ ſchrieben—„daß er Euch von einer ehebrecheri⸗ „ſchen Frau befreite— welche ſchon früher, ehe ſie „Euch noch kannte, an ihrem eigenen Kinde zur Mörderin wurde!“ Des Gatten Lebensruhe, ſein häusliches Glück waren zerſtört, der ſtolze Mann vermochte dieſe Schande vor den Augen der Welt nicht zu ertragen, er ſah die Reinheit ſeines Namens und Adels be⸗ mackelt, er verließ die Gegend, und hat als demü⸗ 158 thiger Waldbruder ſein übriges Leben einſam ver⸗ trauert. Der Himmel züchtigte den Uebermüthigen auf die empfindlichſte Weiſe. ——————————— — Nach dem Tode Albrecht des Fünften begannen die Juden wieder nach Oeſterreich zurück zu kehren. Auch in Neuſtadt war dieß der Fall— bald hatte ſich wieder eine kleine Gemeinde gebildet, aber von allen jenen, welche die Stadt früher verlaſſen hatten, kehrten nur Wenige wieder, und unter dieſen nur Joſe und Jedida von unſeren Bekannten. Eßman und Eiſak überlebten dieſe Jahre der Trübſal nicht. Erſterer folgte dem Freunde bald, als er ſeinen Tod vernommen hatte, und Letzteren marterten Ge⸗ wiſſensbiſſe, bis ihn der Himmel erlöste. Mirjam, die Gattin Rabbi Eliah's, über⸗ 158 lebte dieſen nur wenige Monden, und ſtarb, abge⸗ zehrt in der Blüthe ihres Alters. So blieben alſo von allen bei dieſem Drama näher Betheiligten nur Joſe und Jedida übrig, um die Kunde von Eliah und ſeinem Knechte und von der Sen⸗ dung des Rabbi auf die Nachwelt zu bringen. Aber Rabbi Eliah's nicht beachtete Warnung ſollte doch in Erfüllung gehen; wenn es auch ſie nicht mehr traf, ſo kam es über ihre Kinder und Kin⸗ deskinder. Im Jahre 1496, unter Kaiſer Maximilia'n dem Erſten wurde nach einem Beſchluße des Brucker Landtages eine abermalige Vertreibung der Juden eröffnet. Ihre Häuſer, ihr Badhaus wurden verkauft— die Synagoge wurde in eine Kirche mit drei Al⸗ tären umgewandelt, und zu Ehren Aller Heili⸗ gen eingeweiht, wovon auch der Platz den Namen des Allerheiligen⸗Platzes erhielt. Bei dieſer Gelegenheit fanden die Arbeitsleute auf dem Boden der ehemaligen Judenſchule eine 160 Thongeſtalt, welche ſie unbeachtet hinabſchleuderten, daß ſie in tauſend Stücke zerſchellte, und keine Spur ihres ehemaligen Beſtehens hinterließ. Dieß war Rabbi Eliah's Geſchöpf, ſein einſti⸗ ger Knecht— Aſcher! * 3 3 F — — —