——„ ———— ——————— 3 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſe elben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: *—————— auf 1 Monat: 6 Mt.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatzt des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtathſenven darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 —— Eduard Preier's — geſammelte Romane. „—ꝓYÜÜꝓYÜGÜñ“YFG—— Vierter Band. —— Wien und Leipzig. 1818. Joſef Stockholzer v. Hirſchfeld⸗ Die Sendung des Rabbi. Zeit⸗ und Sagenbild ans dem fünfzehn⸗ ten Jahrhundert, von Eduard Preier. Erſter Band. Zweite Anflage. Wien nnd Feipzig. 1818. Joſef Stöckholzer v. Hirſchfeld. Offenes Schreiben an Fr. Wohlehrwürden Gerrn eopold Döw, Ober⸗Rabbiner der Jsraeliten⸗Gemeinde Groß-Caniſa. ———————— ———L Sie mir es, hochverehrter Herr! daß ich mich erkühne, an Sie hier öffentlich zu ſchreiben; aber Sie ſelbſt ermuthigten mich hiezu, indem Sie gegen mich beim Erſcheinen meines Sittengemähldes:„Der Kluch des Babbi!“ die Aeußerung fallen ließen, daß derlei Unterhaltungsſchriften, eben durch dieſe Pertheilung von Ticht und Schatten, durch populärr, leicht verſtändliche Reſlerionen, durch Schil- derungen der Mißbräuche u. ſ. w. bei unſeren Glaubensge- noſſen nur Gutes erzwecken können!— Gleich nach dem Vergnügen, welches dem Schriftſteller das Schaffen eines Werkes gewährt, kommt jenes: von ſeinen Leſern verſtanden zu werden. Sie, hochgeehrter Herr! haben d as, was ich wollte, erkannt; Sie haben die Fehler meines Werkes nachſichtig beurtheilt und meinen guten Willen gelten laſſen. Dafür nehmen Sie noch jetzt meinen herzlichſten Dank. * Reines von meinen Büchern hat ſo widerſprechende kritiſche Urtheile erfahren, wie eben das genannte Sittenge- mählde; während es die ausländiſchen Tagsblätter beifällig aufnahmen, haben einige inländiſche Provinz-Journale dar- über unbarmherzig den Stab gebrochen. Hier legte man mir franzöſiſche Blutromantik zur Laſt, dort beſchuldigte man mich: der Hebrüiſchen Schriftſprache nicht kundig zu ſein, Andere ſprachen mir gar Alles ab. Ich ließ mich, was immer das Veſte iſt, ruhig verdammen, und wartete das Urtheit des Leſepublikums ab. Dieß entſchädigte mich; mein Werk ge-. ſiel und fand Abgang. Seitdem ſind Jahre verfloſſen; durch eigenes Machdenken habe ich ſalbſt viele Mängel in jenem Werke aufgefunden, die aber ganz anderer Art ſind, als jene, die mir damals zur Laſt gelegt wurden; ich beſchoß daher, dieſe in einem an- dern, ähnlichen Werke ſorgfältig zu vermeiden. Wahrſchein- —————— — — —— lich bin ich dabei wieder in neue Irrthümer verfallen; aber fehlen iſt menſchlich. Mir mangelt zu viel, um etwas Poll- kommenes zu liefern, ich muß jetzt, ſo wie immer, an die Vachſicht meiner Gönner appelliren. Lei dem oben erwähnten Werke hatte ich wirklich den Zweck, den Sie, hochverehrter Herr! alſogleich erkannt haben. Um ihn zu erreichen, wollte ich in Ausdruck und Sprache ganz populär ſein, ich ließ meine Perſonen ſo ſprechen, wie es Ort und Zeit erheiſchten; freilich iſt dieſe Sprache von der hebräiſchen Schriftſprache weit verſchieden; aber ich dachte im entgegengeſetzten Falle eben ſo die Wahrheit zu verletzen, als wenn man z. B⸗ einem Oeſterreicher einen rein deutſchen, niederſächſtſchen Dialekt in den Mund legen würde. Bei dieſem Streben that ich aber des Guten zu viel, ich erniedrigte dadurch den Ton, daher jener Hauptfehler, daß trotz der poetiſchen Grundidee des Werkes, das Se- * ——— ——— —„ mählde ſelbſt aller Poeſte entbehrt; dadurch geſtalteten ſich auch die Charaktere gewiſſermaßen roh, ſte ſind wahr, aber nicht ſchän; ſte ſtehen zu kahl vor den Blicken des Leſers da. Sie ſehen, hochverehrter Herr! daß ich ſelb nachſichtiger Beurtheiler bin, daß Grund thue, ſt mein un- ich aber auch nichts ohne daß ſelbſt meine Fehler aus Anſichten entſprin- gen, und ich alſo Alles wohl erwäge, ehe ich es nieder- ſchreibe Daß ich bei dem Allen in Irrthümer verfalle, da- mit theile ich nur das Schickſal aller Menſchen!— Gegenwärtiges Puch ſpricht ſeine Tendenz viel klarer, als dus frühere aus; ich befließ mich, den poetiſchen Stoff, die moraliſche Grundidee auf eine würdige Weiſe durchzu- führen; die hiſtoriſche Stütze, an welche ich meinen idealen Stoff lehnte, fußt tief im vaterländiſchen Boden, ein luftiger Sagenſchleier ſoll das glühende Zild mit Schatten umwehen. Die Einführung Aſcher's erinnert zwar an eine allbe- kannte Tradition; aber ich glaube, dieſe Sage origineller als bisher benützt zu haben, auch diente ſie mir zur Grundlage, auf welche die moraliſche Hauptidee des Gemähldes fußt. Die angeführten Motto's und ſonſtige Eitaten ſind Ueber- ſetzungen nach Herder, Mendelſohn, Wolf, Mann- heimer, Blumenfeld u. A. Um mich im Vorhinein gegen die Beſchuldigung von Pla- giaten zu ſichern, deute ich ſchon hier darauf hin, daß ich meinen Perſonen, wo es mir nothwendig dünkte, Beden und Stellen aus den heiligen Schriften in den Mund legte, ohne die Quellen anzuführen, was auf den Zuſammenhang nur Förend wirkt; dagegen finden ſich wieder Sentenzen, die zwar in derſelben Bedeweiſe gehalten, aber mein Eigenthum ſind; der Renner wird dieß Alles recht wohl heraus zu fin- den wiſſen. Die vorkommende Mythe von dem Tag und der Uacht mit der daraus fließenden Lehre und Anwen- dung gehört auch mir an⸗ Um mein Ziel noch weiter zu verfolgen, werde ich nach dieſem Werke noch zwei andere erſcheinen laſſen:„Der Jude und der Ferzog,“ ein Gemählde aus dem vierzehnten Jahrhunderte und„Die alte und neue Synagoge,“ ein Sittenbild aus unſerer Zeit, in welchen Letzterem ich, ich geſtehe es im Voraus, mit aller Strenge gegen die auftreten werde, welche ſich mit fanatiſcher Hartnäckigkeit gegen die zeitgemäßen, äußerſt nothwendigen Meuerungen und Reini- gungen des Judenthums entgegen ſtemmen. Somit habe ich meinem ſchriftſtelleriſchen Gewiſſen in Beziehung auf dieſe Sendung Genüge geleiſtet. Möge das Juch jenen Zweck erfüllen, den ich damit beabſichtige: Stre- ben nach zeitgemäßer Beinigung, ohne Beeinträchtigung der Grundprincipien, Erhebung der frommen Gefühle, und VBe- ———— ruhigung der Herzen durch den Vergleich von ehedem und jetzt. Zum Schluſſe nehmen Sie, hochverehrter Herr! gegen den ich vieſes mein Wollen zuerſt ausſpreche, die Verſicherung meiner unbegrenzten Hochachtung und Verehrung. Der Ein- druck Ihrer ſchönen, geiſtreichen Bede, die anzuhören ich das Glück hatte, wird ſich in meinem Herzen nie verwiſchen, und ich hege ſeitdem nur einen Wunſch, nämlich den: Daß vder- einſt— wenn es dem Himmel gefallen wird, mich abzurufen, ein Mann wie Sie, mir das Scheiden aus dieſem Leben er- leichtern, und den letzten Troſt für die ſchwere Reiſe in das unbekannte Jenſeits ſpenden möge. Euer Wohlehrwürden —.———— . ganz ergebenſter Ednard Breier. Wwiener Meuſtadt am 1. Auguſt 1844. Die Sendung des Rabbi. —cP — Ja, frage nur der Vorzeit Geſchlecht, Beherzige die Erfahrung ſeiner Väter; Denn wir ſind von geſtern, wiſſen nichts, Ein Schatten ſind unſ're Tage auf Erden; Sie aber werden Dich belehren, Dir's ſagen, Aus ihrem Herzen die Gründe ſchöpfen. Vuch„Hiob.“ So wahr Gott lebt, der mir mein Recht entzogen! Beim Allmächtigen, der meine Seele betrübte! So lange noch in mir Lebensgeiſt iſt, Und Gottes Odem ſich in meiner Raſe regt, Soll mein Mund nie Unwahrheit ſprechen, Meine Zunge nie Falſchheit vorbringen. Fern ſei's von mir, Euch Recht zu geben, Bis an mein Ende laß ich meine Gerechtigkeit nicht! Buch„Hiob.“ Eine Sterbeſcene. Der Menſch, vom Weib geboren, Iſt kurz von Zeit, von Unruh ſatt; Wie eine Blume geht er auf und welkt; Fleucht wie ein Schatten und beſtehet nicht. Und auch auf ihn thuſt Deine Augen auf, Und mich führſt Du in's Gericht vor Dir?— Buch„Hiob.“ Der Rabbi der Wiener⸗Neuſtädter Judengemeinde, Simon ben Mäir, lag auf dem Sterbebette; um ihn herum ſtanden die Aelteſten und die Gelehrteſten der Väter. Es iſt einer der erſchütterndſten Augenblicke für den Menſchen, Jemanden ſterben zu ſehen, der hoch⸗ ſtehend durch Macht und Gewalt, emporragend durch Reichthum, oder ausgezeichnet durch Wiſſen und Geiſt iſt; es bleibt immer eine der größten Demüthigun⸗ gen unſeres Eigendünkels, unſerer erträumten Ueber⸗ macht, Glied der großen Kette brechen zu ſehen, — ———————— 14 welches ſelbſt wir— die wir Alles durch die Macht des Geiſtes zu beherrſchen glauben, ſo hoch über uns emporſtehen ſahen, und dem ſelbſt wir ſeine Hoheit nicht ſtreitig machen konnten!— Dort der Fürſt— Macht und Gewalt wiegten ſich in ſeiner Hand, Völker zitterten vor ſeinem zürnen⸗ den Blick, ein gnädiges Lächeln um ſeine Lippen machte Länder aufjauchzen,— und ein Wink von ihm war hinreichend, die Kriegsfurie durch die halbe Welt raſen zu laſſen; in der vollen Kraft des Man⸗ nes liegt er nun auf dem Sterbelager, all' ſeine Ho⸗ heit, alb ſeine Gewalt, all' ſeine Macht ſind nicht im Stande, ihn vor dem leiſen Hauche zu ſchützen, der vielleicht nicht einmal ein Lampenlicht auslöſchen würde, der aber ſein Leben wegbläst. Hier der Weiſe, der Gelehrte, deſſen Geiſt die tiefſten Geheimniſſe der Natur durchdrungen, welcher die Bahn der Geſtirne erforſcht, Welten entdeckt, der Blitzen den Weg vorgezeichnet, unumſtößliche Natur⸗ geſetze aufgefunden, der Glaubenslehren geſtiftet, oder das Wort des Sterblichen durch einen Druck vertauſendfältiget; blicken wir hin zu dieſen Men⸗ ſchen, was werden wir empfinden, wenn wir auch ſie dem allgemeinen Looſe verfallen ſehen? Sie lö⸗ 15 ſchen aus, wie der Stern, der hinabtaucht und einen glänzenden Streif hinter ſich läßt. Sie löſchen aus, aber ihr Werk beſteht fort, der Schöpfer iſt nicht mehr, aber das Geſchöpf bleibt; welch eine De⸗ müthigung des nach Gottes Ebenbilde geſchaffenen Weſens? Der greiſe Mann mit dem Silberhaare, mit dem alterbleichen Barte, welcher den Abſchein ſeines Frie⸗ densantlitzes zu tragen ſchien, der Mann, deſſen letzte Lebensſtunde jetzt herannahete, war durch vierzig Jahre der Seelſorger der Neuſtädter Judenſchaft. Tag und Nacht bemüht, nach Gottes Lehre zu forſchen, fromm wie einer der Engel, welche den Thron des Allmächtigen umgeben; tugendhaft, weiſe, geduldig und demüthig, wie nicht leicht ein Sterbli⸗ cher ſein kann, wurde er von der ganzen Gemeinde geliebt und hoch verehrt; was Rabbi Simon ſprach, galt; was er empfahl, geſchah; was er für gut be⸗ fand, wurde allgemein anerkannt. Dieſer Mann nun, den Alt und Jung wie einen lieben Vater anzuſehen gewohnt war, lag auf dem Sterbebette; er, der wie Einer der idylliſchen Pa⸗ triarchen ſo lange unter ihnen gewandelt, ſollte ſie nun verlaſſen; ſollte für immer von ihnen ſcheiden; 16 ſollte auch vergehen, ſo wie unzählige Andere, Nichts⸗ bedeutende, Laſterhafte, Sündige vergangen ſind?— Alſo ſelbſt Tugend, ſelbſt Frömmigkeit ſchützen vor dem tödtenden Hauche nicht? O, mein Gott! mein Herr! wohin ſollen wir uns bergen, daß er uns nicht er⸗ reiche?— Bergen können wir uns nicht vor ihm, ſu⸗ chen dürfen wir ihn nicht; aber ſo leben ſollen wir, daß wir ihn auch nicht zu fürchten haben! Wehe dem Menſchen, der den Tod fürchtet: er hat entweder die Urſache ſeines Erdenwallens nicht erkannt, oder hat laſterhaft gelebt. Wollt Ihr den Werth des Menſchen kennen ler⸗ nen, und ſein ganzes, vergangenes Leben, ſo begebt Euch an ſein Sterbebett, durchforſchet ihn, welcher ſcheiden ſoll, und Jene um ihn, die zurückbleiben. Wenn der Sterbende ſtöhnt und klagt, und die An⸗ deren empfindungslos, viell icht gar ſchauernd da ſte⸗ hen: ſo iſt das ein ſchlimmes Zeichen; dann ſteht Ihr am Lager eines Suͤndigen, der am Irdiſchen hängt oder gehangen, der im Leben vergeſſen, daß es ein Jenſeits gäbe; wenn aber der Sterbende ruhig da liegt, überſelig zum Himmel lachelt, und die Ande⸗ ren in Thränen zerrinnen, klagen und jammern; dann 17 befindet Ihr Euch am Lager eines Frommen, eines Gerechten, der ſich ruhig in die dunkeln Arme des Todes legt, der mit reinem Bewußtſein die Reiſe antritt, zur Entdeckung der fremden Welt, den ſeine Angehörigen ungern verlieren, um den ſie trau⸗ ern und klagen, ſo wie um Einen, der ihnen nicht leicht wieder erſetzt werden kann. Und dieß war der Fall am Sterbelager des Rabbi Simon ben Mäir. Das kleine Stübchen eines Erdgeſchoſſes umfing die ganze Scene. Die Lagerſtätte des Kranken ſtand ſo, daß ſein Blick auf das Fenſter fiel, deſſen Vorhänge, ſeinem Wunſche zu Folge, aufgezogen waren. Es war Winter, die Morgenſonne im Aufgehen, ihre Strahlen trafen ſchief herüber auf die Scheiben, welchen die froſtige Nacht Eisblumen aufgehaucht hatte, die nun im Sonnengold erglänzten, ohne des⸗ halb ganz zu zerſchmelzen. Um die etwas dumpfe Luft zu verſcheuchen, war die Stube mit einigen Spezereien geräuchert, und ein kleines Fenſterchen geöffnet worden, welches oberhalb der Thüre ſich befand, und hinaus auf den Gang führte. ————— „—— 18 Der Rabbi, in einer mehr ſitzenden als liegen⸗ den Stellung, ſah krank, aber heiter aus. Seinen ehrwürdigen Zügen war der Stempel der Sanftmuth und Milde aufgedrückt, es hätte nicht des milchweißen Greiſenhaares bedurft, um für ihn Kindesliebe und Ehrfurcht zu empfinden. Ein weißes Linnengewand deckte ſeinen Leib, ein ſchwarzes Sammetkäppchen den Scheitel, in der vor Alter bebenden Hand hielt er das Pſalmbuch. Auf der Bettdecke zu ſeinen Füſſen lagen die Sterbegewänder, welche er ſich einſt ſelbſt angefertiget, und die er ſeit ſeinem Vermählungstage an den be⸗ ſtimmten, verſchiedenen Feſttagen ſchon oft auf dem Leibe gehabt hatte; nun ſollten ſie ihm noch einmal angelegt werden, um ſie nie mehr auszuziehen. um ihn herum ſtanden zehn Männer, die Aelte⸗ ſten und Gelehrteſten der Gemeinde; auch ſie waren mit den Geſangbüchern des heiligen Königs verſehen, die ſie jedoch in dieſem Augenblicke geſchloſſen hatten, weil Thränen die Stimme ihres Vorbeters erſtickten, ſo daß er in heftiges Weinen ausbrach, in welches alle Anderen ohne Rückſichtsnahme auf den Kranken mit einſtimmten. Rabbi Mäir winkte, das Schluchzen und Kla⸗ 18 gen wurde gedämpft, Alle ſahen, daß er etwas ſagen wollte, Stille trat ein und er begann: Was trauert Ihr, meine Freunde und Brüder? Was ſoll die laute Klage um mich, den ſtaubge⸗ ſchaffenen Menſchen, der, ſo wie Ihr, nur hieher kam, um wieder fort zu müſſen? Entſinnet Ihr Euch noch, als wir am letzten Succoth⸗Feſte, und zwar am Simchat⸗Thora⸗Tage beim frohen Freudenmahle beiſammen ſaßen? Der Raw Ephraim Steußen, der Vorſteher unſerer Gemeinde, war der Gaſtgeber und wir die Gäſte. Wir ſegneten den Herrn, wir aßen, wir tranken und ließen uns die Gottesgaben recht gut munden. Im Verlaufe des üppigen Males traf es ſich jedoch, daß hie und da Einer, den der Herr nicht ſo mit Erdengütern geſegnet hat, und der daher an ſolche würzige Speiſen nicht gewohnt, auch früher geſättiget wurde, wie der Andere; ja, als es mit dem Mahle beinahe ſchon zur Neige ging, ſtanden Einige ſogar auf, denn wer wird ſich in ſo gaſtfreundlichem Hauſe Zwang anthun? und ergingen ſich in dem ſchönen Garten, wo der Herbſt eben Wein und Früchte gezeitiget hatte. Habt Ihr nun, wenn ich Euch fragen darf, damals auch geklagt, wenn Einer zu eſſen aufhörte, oder wenn er gar, vom — — ———— —FÜ%Ü“— Mahle geſättiget, aufſtand und wegging? Ihr ſeht mich an, Ihr verſtummt? Antwortet, habt Ihr es gethan?— Nein!— Ihr dachtet wohl, und das mit Recht:„Er hat genug, und mag gehen!“ und nun, da ich mich fertig mache, von der Tafel des Lebens geſättiget, über und über geſättiget, aufzu⸗ ſtehen, nun wollt Ihr klagen, wolt jammern, um mir das Scheiden recht ſchwer zu machen?— Thut es nicht, meine Brüder! freut Euch mit mir, daß ich nun bald der ſchweren, körperlichen Bürde ledig werde, und daß meine Seele wieder zurückkehren darf in die Verſammlung der Lichten und Reinen. Vierzig Jahre lang ſind wir mitſammen an der Ta⸗ fel geſeſſen, wir haben mitſammen genoſſen die ſüßen und auch die bitteren Früchte des Lebens, wir haben aus Einem Freudenbecher genippt, aus Einem Leiden⸗ vecher getrunken, die Erkenntniß, die mir durch die Gnade des Himmels ward, habe ich brüderlich mit Euch getheilt, Euch auf den Pfad geleitet, den ich für gut hielt, und auch ſelbſt mit Euch betrat; nun aber bin ich ſatt und müde geworden, laßt mich eingehen in den Schoos der Väter! Da er erſchöpft inne hielt, ſo nahm der Cha⸗ cham Elieſer Eßman, Einer der Würdigſten das Wort: 1 Vergib uns, Rabbi! unſere laute Klage; das Leid drängt ſich aus der Bruſt, ſo wie die Quelle aus dem grünen Berge, der man nicht im Stande iſt, Einhalt zu thun; da bedarf es nicht des Wun⸗ derſtabes des Propheten, um darauf zu ſchlagen, daß ſie fließen ſoll— nein, ſie fleußt von ſelbſt; wenn das Herz zu voll iſt, ob von Freud' oder Leid, ſo muß es übergehen. Wirſt Du uns aber fragen, warum wir Leid empfinden, ſo frage auch die Kinder, warum ſie weinen, wenn der Vater in die Ferne zieht, um nie mehr wiederzukehren; frage auch die Lämmerherde, warum ſie blöckend durcheinander läuft, wenn ſie allein auf weitem Stoppelfelde ohne Wächter, ohne Hirten und ohne Hüther iſt! Rabbi Simon verſetzte: Der Herr der Heerſchaaren wird Euch nicht verlaſſen! Er, der das Wild des Feldes, die Vögel der Lüfte und die Bewohner der Meere nicht auf⸗ gibt, der die jungen Quellen zwiſchen himmelan⸗ thürmenden Bergen durchleitet, der Gemſen im Geklüft, und Sonn' und Mond in ihren Bahnen erhält: Er wird auch Euch erhalten, Eurer geden⸗ ken, und Euch einen Hirten ſenden, der würdiger, 22 wie ich, dem heiligen Amte mit noch mehr Liebe und Frömmigkeit vorſtehen wird. Der Chacham Naphtali Eiſak, ein ſehr gelehrter, aber finſterer, unfreundlicher Mann, er⸗ griff die Rede und ſprach: Der Herr erhalte Dich für uns und unſere Kinder; wenn es aber Sein Wille ſein wird, daß Du eingeheſt in die Geſellſchaft der Seligen, dann wollen wir, Dich zu ehren, Dein Andenken zu erhalten, Deinen einzigen Sohn Joſe zum Rabbi erwählen— — — Meinen Joſe?— unterbrach ihn der Kranke — nein, nein! dieß verbieth' ich Euch; er iſt zu unerfahren, um ſolchem Amte mit Würde vorzuſtehen. Gelehrſamkeit ohne Erfahrung iſt Gold in den Hän⸗ den des Verſchwenders: er wirft es hinaus, ohne zu wiſſen wer die Gabe empfängt. Joſe iſt gut, iſt gelehrt, allein er hangt zu ſehr an den buntfar⸗ bigen Blumen der Erde, ohne ſich viel an die grü⸗ nen, duftigen Blätter zu kehren! In dieſer ſchweren, bedrängten Zeit werdet Ihr keines Jünglinges— 3 denn das iſt Joſe noch— ſondern eines Mannes bedürfen, der, wenn er auch kein Greis, ſo doch im Alter vorgerückt iſt, und die Kraft beſitzt, Euch über ————— — — — 23 den Waſſern zu erhalten, wenn die Fluth der Be⸗ drängniſſe hereinſtrömt. Wen ſollen wir alſo wählen? fragte ein An⸗ derer der Anweſenden, und die Uebrigen, als der Antwort harrend, blickten hochaufhorchend den Rabbi an. Dieſer ſchien in ein tiefes Nachdenken zu ver⸗ ſinken; indeſſen ſprach Naphtali wieder: Du haſt uns, Rabbi! mit Deinem Verbothe ſehr wehe gethan; ich und Alle, die meiner Meinung ſind, haben ſehr darauf gebaut, in Joſe Deinen Nachfolger zu erkieſen. Du meinſt, er wäre zu un⸗ erfahren? Wohlan! ſo wollen wir das Amt unbe⸗ ſetzt laſſen, und zwar ſo lange, bis Joſe in der Fremde geweilt, und ſich würdig gemacht hat, Dei⸗ nen Platz einzunehmen; indeſſen wird der Chacham Ephraim recht gerne die Ueberwachung der Ge⸗ meinde beſorgen, und ſchlichten, was dem Rabbi zuſteht. Ihr thut mir der Ehre zu viel an— erwiderte der Genannte— Ihr wißt, ich bin ein Mann des Geſchäftes, welcher nur jene Zeit dem Wiſſen wid⸗ men kann, die ihm der Broderwerb übrig läßt; überdieß ſehe ich nicht ein, warum Euch, Naphtali 24 Eiſak, der Jüngling ſo ſehr am Herzen liegt, da es doch der ausdrückliche Wunſch des Rabbi iſt, daß er nicht ſein Nachfolger wird; die Gemeinde wird Joſe nicht verlaſſen, er ſoll, was ſeine Glücksver⸗ hältniſſe belangt, nicht fühlen, daß er eine vater⸗ loſe Waiſe geworden, und es wird dann noch Ge⸗ legenheit genug vorhanden ſein, Eure freundſchaftli⸗ chen Geſinnungen für ihn, recht warm an den Tag legen zu können. Da Elieſer dieſe Worte etwas ſtärker betont hatte, ſo zog ſein Gegner die Stirne darüber in düſtere Falten, und kniff die Lippen zuſammen, daß der ſchwarze Spitzbart dabei erzitterte. Rabbi Simon hatte auf dieſes mißhehlige Zwiegeſpräch nicht Acht gehabt; ſein Haupt war auf das Kiſſen zurückgeſunken, die Augen hatten ſich geſchloſſen, er ſchien in Schlaf verfallen; die Lippen öffneten und ſchloßen ſich mechaniſch, ohne jedoch einen Laut hervorzubringen. Auf dieſes gichtriſche Zucken waren die Uebrigen der Anweſenden aufmerkſam geworden und deuteten den beiden Streitenden an, zu ſchweigen, was dieſe auch befolgten. Tiefe Stille herrſchte in der Stube. 25 Nach einer Weile begannen ſich zwiſchen den Lippen des Rabbi einzelne Töne und Laute zu for⸗ men, die ſich zu Worten heranbildeten; er hatte das Anſehen eines Menſchen, der im Traume ſpricht, man hörte ihn reden: Nein— nein— nicht er— ein Fremder— ganz Fremder muß es ſein. Ich will Euch rathen, Euch ſoll geholfen werden; Ihr müßt einen Rabbi haben, und er wird ſelbſt in Eure Mauern kommen. Wenn Ihr mich hinaus getragen in die Wohnung der ewig Lebenden, und geſenkt in die tiefe Grube, dann zählt von dieſem Augenblicke an, ſiebenmal vierund⸗ zwanzig Stunden und noch ſieben Stunden dazu, darauf begebt Euch außerhalb der Stadt, und zwar in der Richtung gegen Ungarn— da werden Euch zwei Wanderer entgegen kommen, Herr und Knecht, der Herr ſoll Euer Rabbi ſein! Der Träumende hielt inne, die Umſtehenden ſahen ſich ſtaunend und fragend an, Verwunderung bemeiſterte ſich Aller; doch wagte es Keiner, ſeine Em⸗ pfindungen laut werden zu laſſen. Die frühere Stille gewann wieder Raum, auf der Stirn des Kranken begannen ſich einzelne Sckweiß⸗ tröpfchen zu bilden, er ſchlug die Augen auf, erſchrack, Die Sendung des Rabbi I. 3 —————— — 2G ſo wie Jemand, der noch ein wichtig Geſchäftlzu ver⸗ richten hat, der aber die Frift hiezu bald verſchlafen hätte, und ſprach raſch: Mein Sohn— bringt mir meinen Sohn! Einer der Anweſenden eilte hinaus, und kehrte vald darauf mit einem jungen Manne zurück, den lebhafte, blaue Augen und ein äußerſt ſchön ge⸗ formtes Antlitz vor Allen auszeichnete. Er war des ihn erwartenden Verluſtes ſchon bewußt, denn er weinte und rang verzweiflungsvoll die Hände. Der Vater faßte ſeine Hand und ſprach: Komm her, mein Sohn, und höre das Wort Deines ſterbenden Vaters. So lange Du hörſt, möge cs in Deinen Ohren erklingen, ſo lange Du ſiehſt, mögeſt Du mein beſchwörend Bild vor Augen haben. Laſſe dich nie überreden, ein Amt zu übernehmen, dem Du nicht vorſtehen kannſt; denn der Name allein macht nicht den Gottesdiener, ſondern ſein Sinn, ſein Herz muß ihn dazu ſtempeln. Du biſt jung, vor Dir wird das Leben erſt vorüberziehen, wähle bei Zeiten einen Stand, damit Du im Leben kein müßiger Zuſchauer bleibeſt. Ich laſſe Dich verwaiſt, ohne Eltern und Verwandte zurück; aber der, wel⸗ 2* cher die Raben und Würmer nährt, wird auch Dich nicht verlaſſen! Du wirſt finden, was Du bedarfſt, denn noch nie iſt ein Blinder ohne Stock, eine Biene ohne Blume geblieben; jeder Sonnenſtrahl hat noch ein Weſen gefunden, welches ſeiner bedurfte, und kein Einziger von Allen hat ſeine Beſtimmung ver⸗ fehlt, als der, welcher einen Sünder traf, und an ihm Luft und Wärme vergeudete. Vor Allem aber rathe ich Dir, mein Sohn! Dich dem Manne zu be⸗ freunden, den die Vorſehung ſenden wird, um bei die⸗ ſer Gemeinde meinen Platz zu erſetzen. Er wird Dir Bruder, Freund, Lehrer und Alles in Allem ſein! Nach dieſen Worten zog er den Sohn an ſich, drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, breitete ſeg⸗ nend die Hände über ſein Haupt und ſprach mit feierlicher Stimme: Es ſegne Dich Gott— und behüthe Dich.— Es laſſe leuchten Gott ſein Angeſicht über Dich — und ſei Dir gnädig! Es wende Gott ſein Angeſicht zu Dir, und bringe Dir den Frieden! Alle Umſtehenden verhüllten die Geſichter und begannen zu ſchluchzen und zu weinen; Rabbi Mäir, zu ſtark angegriffen von der letzten Rede, ſank aber⸗ mals zurück auf das Kiſſen und ſchloß die Augen. 3 ————— .—„————— Du kannſt, Du darſſt nicht ſterben! jammerte der Jüngling und warf ſich über das Lager des Kran⸗ ken; er mußte, faſt ſinnlos, aus der Stube geſchafft werden. Der Sterbende aber begann jetzt laut zu be⸗ ten, ſeine Hände waren flach geſchloſſen, ſein Auge zum Himmel erhoben; den Inhalt ſeines Gebetes bil⸗ deten einzelne Verſe und Sätze aus den Pſalmen und ſonſtigen heiligen Sprüchen, die ihm nun ſeine kranke, wirre Phantaſie bunt durch einander auf die Zunge legte; er betete: Du biſt mächtig und gewaltig, Herr in den Himmelshöhen, und thronſt und walteſt da in Dei⸗ ner Kraft und Stärke. Bei Dir iſt Friede, mit Dei⸗ nem Namen iſt Friede!— Auf Dich, Herr! Ewi⸗ ger! ſehen meine Augen, o verſtoße meine Seele nicht!— Dein, o Gott! iſt die Größe, die Macht und die Herrlichkeit, der Sieg und der Ruhm.— Heilig, heilig, heilig iſt Gott, der Heerſchaaren Herr, die ganze Welt iſt voll von ſeiner Herrlich⸗ keit!— Allgütiger und Allbarmherziger! Ich habe geſündiget vor Dir! Du, Gott! biſt voll Erbarmen erbarme Dich meiner und nimm mein inbrünſtiges Gebet in Gnaden auf.— Züchtige mich nicht in Dei⸗ nem Grimm, ſtrafe mich nicht in Deinem Zorn. Gott! 29 ſei mir gnädig! denn ich welke hin— Gott iſt der Herr, in Wahrhaftigkeit! Höre Israel: Gott, unſer Gott, iſt ein einiger, einziger Gott! Gelobt ſei ſein Name— ſein Reich und ſeine Herrlichkeit!— Die Umſtehenden beteten die letzten Worte laut mit; der Kranke wiederholte ſie, die Andern thaten desgleichen; als er jedoch das Schema zum dritten Male beginnen wollte, verſagte ihm die Zunge, die Augenlieder fielen zu, ein unmerkliches Zucken ſeines Förpers erfolgte, und— Rabbi Simon hatte ausgelebt. Seine Seele entfloh der irdiſchen Hülle ſanft und ſchnell, ſo wie eine Taube, die ſich in die Luft ſchwingt; ſie kehrte zurück in den Schooß der Väter, in ihre lichte Heimath. Trauer und Beſtürzung verbreitete ſich bei die⸗ ſer Kunde in der ganzen Gemeinde. —— 1c———— Der V Verheißene. Auf, Ewiger! Du retteſt mich, mein Gott! Das Kinn zerſchlägſt Du meinen Feinden; Zerſchmetterſt der Verruchten Zähne! Hülfe findet man Bei dem Ewigen! Pfalm 3. Und die Dich ſehen, blicken hin auf Dich, Schau'n auf Dich nieder:„Iſt das der Mann?« Jeſaias. Und es war am ſiebenten Tage nach dem Begräb⸗ niſſe Rabbi Simon's, auch von den ſieben Stun⸗ den darüber, waren ſchon einige verfloſſen; denn er war um die neunte Frühſtunde in's Grab geſenkt wor⸗ den, und jetzt mochte bereits die dritte des Nachmit⸗ tages im Heranrücken ſein. Auf dem Wege, der von der Neuſtadt aus in's angrenzende Ungarland führt, finden wir, von dort her kommend, zwei Fußgänger. Der Rückwärtige iſt ein junger Mann von etwa 31 fünfmal fünf Jahren, mittlerer Größe, ſtark gebaut, mit einem überaus ſchönen, männlichen Antlitze, deſſen Züge Entſchloſſenheit, mit Sanftmuth gepaart, aus⸗ drücken. Seine Wangen ſind roth, ſeine Augen blau, ſein Haar lichtbraun, ſeine Naſe edel gebogen. Ein ſpärlicher, aber ſchön gekräuſelter Bart beſchattet Lippe, Kinn und Wangen; man ſah, daß noch keine Schere das Haar gekürzt hatte; denn auch rück⸗ wärts hing es in geringelten Locken bis auf den Na⸗ cken hinab. Der junge Mann trug einen bis an die Knö⸗ chel reichenden Kaftan von ſchwarzem Sammet, mit Pelzwerk gefüttert und verbrämt, und eine eben ſo gezierte, cylindriſch geformte, polniſche Kopfbe⸗ deckung. Unter dem linken Arme hatte er ein kleines Büchlein, in der rechten Hand einen Wanderſtab. Im Ganzen gewährte er ein ſchönes, überaus ein⸗ nehmendes Bild, zu dem man ſich ſchon beim erſten Anblicke hingezogen fühlte, und welches, je länger man es anblickte, deſto mehr auch für ſich einnahm. Der Vordere, ſein Gefährte, war ein kleines Männlein, deſſen Alter ſich nicht genau beſtimmen ließ, da ſein ganzes Weſen von der Gewöhnlichkeit entſchieden abwich. Seine Hautfarbe war gelbbraun, ſeine Züge ausdruckslos, flach, wie ohne Blut und — —— 2 —.———— — 2—— 32 ohne Leben; er hatte gar keinen Bart, ſeine Augen waren ſchwarz und glanzlos, rollten aber trotz dem wie jene einer Katze ſtetzt im Kreiſe. Seine Hände und Beine ſchloſſen ſich dem Leibe wohlgeſtaltet an, es war überhaupt, ſeine Farbe ausgenommen, an den einzelnen Theilen ſeines Körpers nichts auszu⸗ ſetzen, aber das Ganze zuſammen betrachtet, brachte eine unangenehme, äußerſt widerliche Wirkung her⸗ vor. Es war gerade, als ob bei ihm Alles nur durch einen gewiſſen künſtlichen Mechanismus hervorgebracht wurde, dem jeder Lebenstrieb mangelte; ſeine Beine und Hände bewegten ſich ſteif, im Gehen ſchob er ſich mehr vorwärts, denn ſein Körper verließ die ver⸗ tikale Lage nie. Er trug ein kurzes Beingewand, niedere Stiefel⸗ chen, einen Rock ſammt Leibgürtel, außerdem noch bis unter den Hals zugeknöpft, und eine flache, kreisrunde Kopfbedeckung, unter welcher ſein ſchwar⸗ zes Haar kurz, ſteif und borſtig hervorſtand. Auf dem Rücken trug er ein ziemlich großes Bün⸗ del, und ließ im Gehen beide Hände flach, der Länge nach hinabhängen. Die beiden Wanderer ſchritten auf ihrem Pfade einmüthig fort. 33 Wenn man die ganze Gruppe zugleich in's Auge faßte, ſo ließ ſich wohl gleich auf den erſten Blick herausfinden, daß der Rückwärtige der Herr, und der Vordere der Knecht ſei. Während des ganzen Weges wechſelten ſie kein Wort mit einander; der junge Mann ſchien ſich an der ſchönen, weitgeöffneten Gegend zu erfreuen, die im Hintergrunde durch die Gebirgskette der noriſchen Al⸗ pen begrenzt wird; ſein Diener ſah geradeaus vor ſich hin, und ſchien an Allem wenig Theilnahme zu verrathen. Nach einer Weile fragte der Erſtere: Biſt Du ſchon müde, Aſcher? Der Diener erwiderte: Ja, Herr! Wir werden bald unſer Nachtlager erreichen! Der Knecht ſchwieg. Fühlſt Du Hunger oder Durſt? Mehr Durſt als Hunger! Nach dieſen Worten beobachteten Beide wieder das frühere Schweigen. Eine neue Eigenthümlichkeit trat beim Sprechen des Knechtes hervor: ſeine Stimme war wohlklin⸗ gend, aber er ſtieß die Worte heraus, gerade ſo, wie —————————— BL Einer, deſſen Zunge etwas angewachſen, und erſt gelöst werden muß, dadurch entſtand eine Schwer⸗ fälligkeit beim Sprechen, welche dieſes mit ſeinem übrigen Thun und Laſſen in einen harmoniſchen Ein⸗ klang brachte. Der junge Mann öffnete jetzt das unter dem linken Arme mitgetragene Büchlein, und begann eines jener heiligen Wanderlieder zu beten, welche des Juden Anhänglichkeit an den Gott ſeiner Väter, und ſeine Sehnſucht nach dem gelobten Lande und dem heiligen Tempel zu Jeruſalem ausdrücken; der Tradition nach, wurden ſie von dem Volke auf den zeitweiligen Wallfahrten nach der Königsſtadt geſun⸗ gen— es lautete: Wanderlied! Aus den Tiefen rufe ich Dich, Gott! höre auf meine Stimme, Herr! laß auf mein inbrünſtig Flehen horchen Dein Ohr. Wenn Du woll⸗ teſt aufbewahren die Sünden, wer könnte da beſte⸗ hen? aber bei Dir iſt Verſöhnung, damit Du ge⸗ fürchtet werdeſt. Ich hoffe auf Gott, meine Seele hoffet, ich harre auf ſein Wort. Meine Seele ſehnt ſich nach ihm, wie der Wächter nach dem Morgen. Harre nur, Israel, auf Golt! denn bei Gott iſt Gnade, bei ihm Erlöſung in Fülle. Er erlöſet Israel von all' ſeinen Sünden! Das kurze Gebet wurde ſo laut und langſam geſprochen, daß der Diener jedes Wort nachbeten konnte, was er auch that, ohne jedoch den minde⸗ ſten Ausdruck von Weihe und Erhebung in Ton oder Gebehrde zu verrathen. Solcher Weiſe gelangten ſie immer näher an die Stadt; kaum ein halbes Stündchen konnten ſie noch von derſelben entfernt ſein, denn ſchon ſahen ſie die Dächer der Häuſer über die Mauer hervorragen, die winterliche Sonne hing über dem Schneeberg, und drohte bald hinter demſelben hinabzuſinken. Da trab⸗ ten ihnen auf der Straße zwei Reiter entgegen; der Vordere, in Sammet mit Pelz gehüllt, ein Barett mit koſtbarer Schnalle, der Rückwärtige einfach, wie der Leibdiener eines Edelherrn gekleidet. Die beiden Reiter bewegten ſich im ſcharfen Trabe gegen die Fußgänger. Als der Angeſehenere von dieſen die Her⸗ kommenden bemerkte, trat er an die Seite ſeines Gefährten und ſprach: Laß uns, Aſcher, den Fußpfad rechts von der Straße wählen, damit die Reiter vorbei können! Ja, Raw! verſetzte der Knecht, und folgte dem Gebietber auf die erwähnte Seite. Einige Augenblicke ſpäter befanden ſich die Reiter — — 8——————— 36 abermals ihnen gegenüber; vorne der Edle, hinten der Diener, ſo ritten ſie auf die Wanderer los. Der junge Mann ſchüttelte den Kopf und ſprach wieder: Laß uns den entgegengeſetzten Fußweg, am Rande des linken Grabens, wählen! Ja, Raw! entgegnete Aſcher, und folgte dem Gebiether wieder auf dem Fuße nach; aber war es Vorſatz oder Zufall, nach einigen Augenblicken waren ihnen die Reiter wieder gegenüber, auch ſie befanden ſich auf derſelben Seite.— Der Straßengraben war zu breit, um hinüber ſetzen zu können, auch war er zum Theil mit Schnee vedeckt, und man konnte deſſen Tiefe nicht ermeſſen; es blieb alſo den Wanderern nichts übrig, als auf dem Wege fortzuſchreiten. Sie werden uns doch ausweichen, wenn wir näher kommen! dachte der junge Mann. Solcher Weiſe waren ſich die beiden Paare auf einige hundert Schritte näher gekommen? da ſchrie der Vordere der Reiter mit herriſchem Tone: Bleib' ſtehen, verdammtes Judengeſchmeiß! ich will die Sprungweite meines Roſſes erproben. Der junge Mann wich jetzt mit ſeinem Gefähr⸗ ten auf die Mitte der Straße zurück, um den Andern abermals freien Raum zu geben. Aber der Uebermü⸗ thige ſchien ſeinen Vorſatz nicht aufgeben zu wollen, ſondern ſprengte auch in dieſer Richtung auf die Juden los. Da ſtreckte der Raw ſeinen rechten Arm, mit dem Wanderſtab bewehrt, von ſich, und rief dem Verwegenen mit kräftiger Stimme zu: Thut es nicht, Herr! es könnte Euch Unglück bringen! Aber ein Hohngelächter des Edlen war die Ant⸗ wort, dann ſchrie er: Haſt Furcht, Jude? bleib' ſtehen, Wurm, oder ich zertrete Dich! Der Raw und ſein Knecht blieben nun regungs⸗ los ſtehen, Erſterer die bewehrte Hand weit von ſich geſtreckt, in einer abwehrenden Stellung; der Rei⸗ ter aber drückte ſeine beiden Sporen dem Roſſe in die Lenden und ſprengte'gen die Iuden; mit einem weitausgreifenden Satze flog das Thier über den Gra⸗ ben hinweg— als es jedoch neben ihnen den Boden wieder berührte, glitſchte es aus, überſchlug ſich, der Edelherr ſtürzte und zerſchmetterte ſich den lin⸗ ken Arm. Ein fürchterlicher Fluch rang ſich über ſeine Lippen; ſein Diener eilte herbei, ihm zu helfen— auch der Raw wollte ſich ihm nähern, allein der Ver⸗ 38 wundete raste: Fort— Jude— fort! weh' Dir— meine Rache— fort aus meinen Augen! Eine Ohnmacht raubte ihm die Sinne. Der Diener beſtieg eilig ſein Roß, die beiden Juden ho⸗ ben den Kranken zu ihm hinauf, ſo daß er vor ihm im Sattel zu ſitzen kam, dann ſprengte der Knecht, das gefallene Thier zurücklaſſend, mit ſeinem kranken Herrn gegen die Stadt. Auch der Raw und Aſcher ſetzten ihren Weg dahin wieder fort. Nicht weit vom Stadtthore entfernt, vernahmen ſie die Glocken der Neuſtadt, welche eben die vierte Nachmittagsſtunde verkündeten; es waren alſo ge⸗ rade ſeit Grablegung des Rabbi Simon ben Mäir ſiebenmal vierundzwanzig Stunden und noch ſieben Stunden darüber, vergangen— da traten auch die Aelteſten und Gelehrteſten der Neuſtädter Juden⸗ ſchäft aus dem Ungarthore. Trotz des Anſehens, in welchem der verſtorbene Rabbi bei ſeiner Gemeinde geſtanden, hatte doch ſein mündlicher Befehl in Beziehung des Nachfolgers be⸗ deutenden Widerſtand gefunden, und zwar den mei⸗ ſten, angefacht durch den Chacham Naphtali Eiſak. Dieſer und ſein Anhang wollten ihren früheren 39 Entſchluß nicht aufgeben, und Joſe ſollte das Amt ſeines Vaters erhalten; daß Naphtali aus beſon⸗ derem Intereſſe auf dieſe Wahl drang, läßt ſich leicht vermuthen, und Elieſer Eßman, ſo wie alle Uebrigen wußten dieß auch, deshalb beſtanden auch ſie auf ihren Willen, das iſt: auf den Vollzug von Rabbi Simon's letzten Befehl. Unter ſolchen Zerwürfniſſen, ſolchem Zwieſpalt war der beſtimmte Tag herangerückt, und die Par⸗ teien ſtanden noch immer auf dem Punkte, den ſie eine Stunde nach Rabbi Simon's Tode eingenom⸗ men hatten. Endlich, als ſogar die beſtimmte Stunde herannahete, und noch keine Entſcheidung zu hoffen war— wir müſſen hier bemerken, daß an jedem dieſer Tage in der Gemeindeverſammlung für und wider die Sache geſtritten wurde, was auch jetzt der Fall war— nahm der kluge Eßman das Wort und ſprach: Meine Brüder! Wir haben die Zeit unnütz mit Streiten vergeudet; wäre uns noch eine Friſt von abermals ſieben Tagen eingeräumt, ich bin voll⸗ kommen überzeugt, wir würden noch nicht einig werden! Deshalb laßt uns raſch einen klugen Ent⸗ ſchluß faſſen; wir haben kaum mehr eine Stunde Friſt, wir müſſen uns beeilen. Alſo hört mich an: — ———— ——————— —— Ihr, welche den Joſe zum Rabbi haben wollt, ſeid kaum der ſechſte Theil von uns, und wollt den⸗ noch nicht nachgeben; das iſt nicht löblich von Euch, denn das Kleinere ſoll ſich ſtets zum Größeren fügen; aber, wißt Ihr was? verharret feſt bei Eurer Mei⸗ nung, wiewohl Ihr dem geſegneten Andenken Rabbi Simon's eine größere Achtung, und ſeinen letzten Worten ein größeres Vertrauen ſchuldig wäret— alſo bleibt bei Eurem Willen; aber ſehen müſſen wir doch, wie ſich die Worte eigentlich bewahrheiten werden; wozu dieſer Streit über den Beſitz des Vogels, der noch auf dem Baume ſitzt? Darum mein' ich, geh'n wir zehn, zu fünf und fünf von jeder Partei hinaus; ſehen wir, ob und wer der Herankommen⸗ de ſei, empfangen wir ihn gaſtlich in unſerer Mitte, und ſchlichten wir dann, wenn Grund hiezu ſein wird, den Streit in Frieden! 5 Gegen dieſe feine Schlinge, die vieleicht auch nur der kluge Naphtali bemerkte— ſein ſpöttiſches Lächeln wenigſtens ſchien dieß zu verrathen— ließ ſich billiger Weiſe nichts einwenden; auch glaubte ſich dieſer wahrſcheinlich dagegen zu ſichern, denn er ſprach: Ich ſage nochmals: Wenn auch das, was Rabbi Simon in ſeiner Phantaſie ausſprach, ſich durch 41 irgend einen Zufall verwirklichen ſollte„ſo bleibe ich doch feſt dabei, daß ſein Angedenken mehr geehrt wird, wenn man ſeinen leiblichen Sohn an ſeine Stelle ſetzt, als wenn man einen ganz Fremden dahin pflanzt. Wenn wir daher jetzt, Chacham Elieſer, auch Eurem Rathe folgen, ſo ſind wir deshalb noch immer keine Spann⸗ weite von unſerer Meinung gewichen, und werden auch unſeren Willen für die Zukunft zu behaupten wiſſen. Eßman lächelte gutmüthig. Fünf von jeder Partei wurden darauf fürgewählt, um hinaus zu gehen und zu ſehen, ob ſich Rabbi Simon's Pro⸗ phezeihung bewahrheiten würde. An der Spitze der Einen befand ſich Naph⸗ tali Eiſak, an jener der andern, Elieſer Eß.⸗ man. Sie ſchritten durch die Gaſſe am Judeneck, und der Synagoge vorüber, und gelangten auf den großen Platz; von hier kamen ſie in die Ungar⸗ gaſſe, wo ihnen der reitende Diener mit dem ver⸗ wundeten Edelherrn entgegen kam. Als ſie im Vorbeigehen den Letzteren erkannten, wurden ſie betreten und begannen untereinander zu liſpeln und ſprechen; doch mußten ſie hievon bald —— — ——— ——————— 42 abſtehen, denn ſie befanden ſich bereits vor dem Un⸗ garthore und der dortigen Vorſtadt. Es gelang ihnen gerade mit dem Glockenſchlage Vier, die Stadt im Rücken zu haben. Als ſie die Straße hinan ſahen, bemerkten ſie ſchon in der Ferne die beiden Fußgänger, welche langſam einher kamen. Staunen bemeiſterte ſich Aller. Wir ſagen: Aller; denn ſelbſt Naphtali Eiſak wechſelte die Farbe, dagegen aber ſprach Elieſer Eßman mit triumphirendem Tone: Es ſind wirklich Juden!— Die Uebrigen begannen theils unter ſich, theils laut, ihre Verwunderung auszuſprechen, ſo, daß Naphtali in arge Bedrängniß gerieth; denn er lief Gefahr, ſchon in dieſem Augenblicke die Hälfte ſeiner anweſenden Anhänger zu verlieren. Er zog ſeine Stirn in düſtere Falten, die buſchigen Braunen zuſammen, und beobachtete ein anhaltendes Schweigen. Nittlerweile waren die Fußreiſenden noch näher gekommen, man konnte ihre Phiſiognomien ſchon unterſcheiden. Chacham Elieſer ſprach wieder wie früher: Der Vordere ſcheint wirklich ein fahrender Schüler zu ſein! Die Andern konnten ihm auch hierin nicht wi⸗ 5* p 43 derſprechen, und ſahen jetzt den nächſten Augen⸗ blicken mit Neugierde entgegen. Mir müſſen hier bemerken, daß der Raw jetzt vorausging, und der Knecht ihm hinten nach folgte. Die beiden Gruppen waren ſich indeſſen nahe ge⸗ nug gekommen. Eßman, welcher von den Zehn ſo ziemlich die Spitze behauptete, grüßte die Heran⸗ kommenden mit den Worten: Geſegnet ſei der, der da kommt! Die Anderen thaten desgleichen, auch Eiſak konnte es, Sitte und Höflichkeit halber, nicht unter⸗ laſſen. Ein Blick nur ließ dieſen bemerken, daß ſeine Sache wirklich eine ſehr nachtheilige Wendung zu nehmen begann. Er hatte, ſelbſt als er der Beiden ſchon anſichtig geworden war, noch immer gehofft, in den Erwarteten einen bettelhaft zerriſſenen, fah⸗ renden Talmudiſten zu finden, wie ſie damahls häufig von Gemeinde zu Gemeinde zogen, um ihr Bischen Gelehrſamkeit Preis zu geben, in welchem Falle auch ſeine Gegner, wie er meinte, weniger hart⸗ näckig geweſen wären. Aber er täuſchte ſich gewaltig. Die Gewänder des Ankommenden verriethen Wohl⸗ habenheit, ja, faſt Reichthum; ſein Ausſehen war reinlich, einnehmend, er ſelbſt ein ſchöner Mann, mit 44 einem geiſtreichen Blicke, imponirenden Zügen; ent⸗ ſprach ſeine Gelehrſamkeit und ſeine Frömmigkeit nur zum Theil dieſem Aeußeren, ſo war dieß freilich ein Mann, wie ſich ihn jede Gemeinde zum Seelſorger wünſchen konnte. Der Gruß der Juden wurde vom Raw hoöflich und beſcheiden erwidert, und da er ſah, daß ſie ihm gegenüber„Halt“ machten, ſo that auch er ein Gleiches. Chacham Elieſer vertrat noch weiter die Stelle des Wortführers und ſprach: Woher kommſt Du des Weges her, Raw? Aus Ofen in Ungarn! Darf ich fragen, wohin Dich Dein Weg führt? Mein Weg iſt der Weiteſte! verſetzte der junge Mann; ich ziehe in das Land unſerer Väter! In das gelobte Land? riefen die Neuſtädter Juden erſtaunt. Wohl weit iſt der Weg— verſetzte der junge Mann wehmüthig— aber wer ſich mit dem Himmel befreunden will, darf die Erde nicht ſcheuen. Wie iſt Dein Name, Raw? fragte Eßman weiter. Ich heiße Eliah! 45 Möchteſt Du wohl bei uns im Orte einkehren und einige Zeit verweilen? Der Eingeladene erwiderte: Ich ſehe zwar nicht ein, was Euch zu dieſer Bitte veranlaßt, da ich aber ohnedieß von der be⸗ ſchwerlichen Reiſe einiger Erholung bedarf, ſo wäre ich hiezu wohl geneigt; aber früher muß ich Euch mit den Worten des Rabbi Joſe ben Kisma verſichern: daß, wenn Ihr mir gebet alles Silber und Gold, und alle Perlen und Edelſteine, die in der Welt ſind, ſo würde ich doch nirgends verweilen, als in einem Orte, wo die Thora heimiſch iſt! * Dieſe Worte waren mit einer ſolchen aufrichti⸗ gen Salbung geſprochen, mit einem ſolchen überzeu⸗ genden Glauben, daß Einige aus der Gruppe ſich zuliſpelten: Er iſt eben ſo fromm, als ſchön und hehr! Elieſer Eßman verſetzte: Wir ſind eine kleine, aber fromme Gemeinde, wir leben nach den Geboten Gottes, den Geſetzen der Propheten und den Satzungen der Rabbinen; Du kannſt ungeſcheut in unſerer Mitte weilen; viel⸗ leicht, daß Du Deinen heiligen Vorſatz aufgibſt, und uns gar nicht mehr verlaſſeſt. Eliah ſah den Sprecher fragend an; doch gab — — —————————————————— gen die Stadt zu. Die Andern folgten ihm. Als ſie vor dem Thore anlangten, blieb der Fremde ſtehen und ſprach mehr für ſich, als zu den Andern: Meine Bruſt wird beklommen, meine Stirne heiß, ich weiß nicht, wie mir beim Eintritte in dieſe Stadt geſchieht. Was iſt das für eine Stimme, die laut in mir ruft: Eliah! gehe nicht ein durch die⸗ ſes Thor; meide, dieſe Gaſſen zu betreten, in dieſen Mauern zu weilen. Soll ich dieſer Stimme Glau⸗ ben ſchenken? Doch Gott iſt überall! Kann mich Gott nicht überall ſchützen, überall verderben?— Ich trete ein! Deiner Vaterhuld vertrau' ich, Herr! vor Dir beug' ich mich in Gottesfurcht, auf Dich ge⸗ ſtützt, betret' ich dieſe Stätte; Gott! in Deiner Gnadenfülle erhöre mich, ſende mir Deine Wahr⸗ heit und Dein Heil! Amen! Nach dieſem inbrünſtigen Gebete kehrte er ſich zu Elieſer Eßman und ſprach: Ich kehre bei Euch ein auf einige Tage, leitet mich in ein Haus, wo ich und mein Knecht Unter⸗ kunft finden; was ich genieße, will ich gern mit Sil⸗ ber oder Gold vergüten. Doch noch etwas— ſprach er, ſich beſinnend, weiter— ſeid Ihr im Herausge⸗ „ er keine Antwort darauf, ſondern ſchritt voraus, ge⸗ v „ 47 hen dem berittenen Knechte mit ſeinem verwundeten 3 Herrn auf dem Roße, begegnet? Ja! verſetzte der Gefragte. Und wer iſt der Edelherr? Elieſer Eßman ſeufzte und ſprach: Es iſt Herr Hanns von Zech, der herzogliche Juden⸗ richter hieſiger Stadt. AEliah warf einen Blick zum Himmel und folgte ſeinen Führern in das ſogenannte Judenviertel. Ein Beſuch. Schön biſt Du! BZwei Täubchen ſind die Augen zwiſchen den Locken, Dein Haar eine Gemſenheerde, hangend am Berge Gilad, Deine Zähne gleichen der abgetheilten Heerde Die eben aus der Schwemme kommt; Alle ſind wie Zwillinge gepaart, Und Niemand ſeines Nachbars beraubt. Deine Lippen ſind zwei Roſenfäden Und lieblich Alles, was das Wort gebiert. Hohes Cied. —,—— E⸗ iſt ein altes Sprüchlein:„Wie die Alten ſun⸗ gen, ſo zwitſchern auch die Jungen!“ Dieß war auch in der Neuſtädter Judenſchaft der Fall. Der Streit um die Wahl des Rabbi ſetzte die Zungen der Frauen, die Zünglein der Jünglinge und Knaben, ja ſelbſt* auch die Roſenlippen der Jungfrauen in Bewegung. Die ganze Gemeinde war in zwei feindliche Partheien getheilt, und man muß wiſſen, wie es bei ſolchen Gelegenheiten herzugehen pflegt. Ich ſelbſt — ——————— 49 habe in den Knabenjahren in meiner Vaterſtadt einen ſonderbaren Fall erlebt. Der Rabbi hatte einer an⸗ geſehenen, reichen Familie, in welcher ſich eine kranke Frau und viele kleine RKinder befanden, zum Peſahfeſte die Erlaubniß erſtattet: Mazoß*) zu backen, mit Zucker und Eiern. Da dieſes jedoch höchſt geſetzwidrig iſt, da das ungeſäuerte Brot, ohne jedes Hinzuthun, nur aus Waſſer und Mehl beſtehen darf, und ſelbſt Salz aus demſelben verwieſen iſt, ſo erhob ſich, unter dem Vorſtande eines ſehr gelehr⸗ ten Talmudiſten, eine Parthei gegen den Rabbi, oder beſſer, gegen den gezuckerten Eierkuchen, welcher den Namen Mazoß führte. Da jene Familie zahlreich verſchwiſtert und ver⸗ zweigt war, und überdieß noch viele arme Familien von ihr abhingen, ſo hatte auch ſie ihre Vertheidiger, und Jeder, der kaum den Segen über die Thora aus⸗ wendig zu ſprechen wußte, maßte ſich an, über die⸗ ſen höchſt verwickelten Geſetzprozeß ein Urtheil ab⸗ zugeben. Während dieſer Zank und Streitperiode ſtan⸗ den ſich die feindlichen Parteien an jedem Orte, zu *) ungeſäuertes Brot. Die Sendung des Rabbi, I. —————— ————————— jeder Zeit, bei jeder Gelegenheit ſchlag⸗ und wort⸗ fertig gegenüber; die kleinen Knaben ſpielten„Eier“ oder Andere„Mazoß,“ die Mädchen lachten leichtfertig darüber, und die Frauen waren ſo erbittert, daß ſo⸗ gar einmal in der Frauenſchule ein Tumult deshalb entſtand. Als jedoch der Streit im Orte ſelbſt nicht entſchieden wurde, ſo drangen die Gegner des Eier⸗ kuchens darauf, die Sache einem höheren Religions⸗ tribunal vorzutragen, und es wurde deshalb an die Rabbi's der Judengemeinden zu Groß⸗Kaniſa und zu Preßburg, welche ausgezeichnet fromme und gelehrte Männer waren, geſchrieben. Die Ent⸗ ſcheidung hierüber, ſo viel ich mich entſinne, fiel da⸗ hin aus:„Daß derartig verfertigte Mazoß nur in dringenden Fällen für Kinder oder kranke Frauen geſtattet ſein könnten!“ Da das Schreiben an die zu entſcheidenden Herren durch Anhänger der Eierkuchen geſchah, ſo hatten jene ſehr wahrſcheinlich gar nicht erfahren, daß auch erwachſene, vollkommen ge⸗ ſunde Männer ſich dieſer Leckerbiſſen beſonders zum Faffee bedienten, und ſomit war der Streit entſchie⸗ den. Seit damals blieb jedoch der Eierkuchen ver⸗ bannt. Was meine Wenigkeit betraf, ſo war ich bei dieſem Streite auch auf eine ſehr leidende Weiſe vetheiligt. Ich hatte einen Jugendgeſpielen, ein Sohn 51 aus jener Familie, mit dem ich natürlicher Weiſe auch über die Eierkuchen ſtritt; er, um den kräftig⸗ ſten Beweis für ſeine Sache zu führen, ſchenkte mir ein Stück jenes corpus delieti, und ich fand einen Leckerbiſſen daran. Mochte mich nun Jemand eſſen geſehen haben, oder wie es ſonſt zuging, ich weiß es nicht; genug, mein Vater, als ich nach Hauſe kam, empfing mich mit einer Tracht Schläge, und ließ nicht eher nach, bis ich hoch und theuer ſchwur, am Peſſahfeſte nie mehr Eierkuchen zu eſſen. Von dieſem Augenblicke an, wurde auch ich der erbit⸗ tertſte Gegner des öſterlichen Leckerbiſſens, und mein Panier trug die Deviſe:„Contra Mazoß mit Zucker und Eiern!“— Dieſelben Wirrniſſe und Gehäßigkeiten, um von der Gegenwart auf die Vergangenheit zu ſchließen, brachte auch jener Streit um den zu wählenden Rabbi hervor; er theilte ſich von den Vätern den Hausfrauen, zuletzt den Kindern und Dienſtmän⸗ nern mit, und es wäre in der Friſt der ſieben Tage ſchwer zu entſcheiden geweſen, wenn man nämlich dem Eifer für ihre Sache nach urtheilen wollte, welche der beiden Parteien den Sieg davon tragen werde. 5* 52 Dieß währte bis zum Augenblicke, wo der Raw Eliah die Stadt betrat. Nach demſelben nahm die Sache für die Joſe⸗Anhänger eine ſehr ungünſtige Wendung. Wir haben des Eindruckes ſchon erwähnt, den der Anblick des Fremden auf den größten Theil der zehn Erwählten machte, die ihm entgegen gingen; dieſe waren nun bemüht, die günſtigſten Gerüchte von ihm zu verbreiten, und man begann Rabbi Simon's Worte als ein heiliges Vermächtniß an⸗ zuſehen, dem zuwider man, ohne zu ſündigen, nicht handeln dürfe. Um den jungen Fremden allen un⸗ günſtigen Einwirkungen von Außen zu entziehen, hatte ihm der Chacham Eßman indeſſen zwei Ge⸗ mächer ſeiner geräumigen Wohnung zur Verfügung geſtellt, und ihn mit einer ausnehmenden Gaſtfreund⸗ ſchaft behandelt. Wohl wiſſend, daß vor der Hand von der Perſönlichkeit des jungen Mannes, der größ⸗ te Theil des Sieges zu erwarten wäre, fand er es vor Allem nöthig, ihn am andern Tage von dem beſtehenden Verhältniſſe in Kenntniß zu ſetzen, um ihn für die Sache zu gewinnen. Es koſtete langes Zureden und Bitten, bis ſich der Raw nur ſo weit herbeiließ, einige Tage zu verweilen, um den Antrag zu Rathe zu ziehen, und einer ernſten Erwägung zu würdigen; denn er hatte wirklich im Sinne, in das gelobte Land zu wandern, um in der geweihten Erde der Väter ſein Grab zu finden. So weit gekommen, begann Eßman mit ihm Beſuche bei allen vornehmen Familien abzuſtatten, und zwar mit der Liſt, daß er auch die Häuſer der Gegner nicht überging, weil der Anblick des ſchönen Mannes ihm die Herzen der Frauen, und durch dieſe die Köpfe der Männer gewinnen ſollte; denn Frau⸗ enherz und Männerſinn ſind wie Welle und Rad zuſammen: wenn man die Erſtere bewegt, dreht ſich das Letztere mit, daher man auch gewöhn⸗ lich zu ſagen pflegt: Das Weib hat dem Manne den Kopf verdreht! Unſere Leſer mögen uns jetzt in das Haus des Chacham's Naphtali Ei ſak begleiten. Die Familie galt für eine der angeſeheneren und wohlhabenderen; ſie beſtand aus dem Hausvater, ſeiner Schweſter Mirjam, einer jungen Witwe, welche ſeinem Hausweſen vorſtand, da ſeine Gattin ſchon vor mehreren Jahren das Zeitliche geſegnet hatte, und einer einzigen Tochter, Jedida geheißen. Es war am Nachmittage. Der Chacham war eben von einem Geſchäftsgange heimgekehrt, und ruhte auf der Polſterbank aus; unweit von ihm am Fen⸗ ſter, ſaßen Mirjam und Jedida. Würde ein net⸗ tes Häubchen ihren Kopf nicht bedeckt haben, ſo hätte man in der Erſteren nie und nimmer eine Witfrau geſucht. Es war auch natürlich— ſie zählte ja erſt das neunzehnte Lebensiahr, war ſchon ſeit zwei Jahren in dieſem Stande, und hatte bereits in den erſten Monaten ihrer Verehelichung den Gat⸗ ten verloren. Der Verluſt ging ihr auch nicht zu Herzen; denn ſie hatte ihn nie geliebt, die Verbin⸗ dung war nur eine ſolche geweſen, wo ſich zwei Gold⸗ ſäcke wechſelſeitig die Hände reichen und ausrufen: „Wir wollen uns angehören, vermiſchen und vermehren!“— Solcher Weiſe ſtand nun Mirjam in der Blü⸗ the ihrer Schöne, reich, reizend, feurig, empfäng⸗ lich; es bedurfte nur eines Mannes, der ihr gefiel, und ſie wäre die Seine geworden. Ihre Nichte Jedida war um drei Jahre jün⸗ ger; aber ſchon hatten ſich die ſchlanken Formen ihres Leibes ausgerundet, ſchon beſaß ſie alle Reize gereif⸗ ter Frauenſchöne. Jedida hatte glänzend ſchwarzes Haar, ein eben ſo ſchwarzes Auge, und eine Rein⸗ 55 heit in Form und Farbe, wie ſie ſobald bei einem ſterblichen Weſen nicht anzutreffen iſt. Wer die könig⸗ liche Eſther recht natürlich darzuſtellen wünſchte, hätte Jedida abkonterfeien müſſen. Beide Frauen, neben einander gehalten, war es ſchwer zu entſchei⸗ den, zu welcher man ſich hinneigen ſollte; an Reizen waren ſie ſich gleich, an Klugheit nicht minder, ja ſelbſt ihre zeitlichen Glücksumſtände hielten ſich das Gleichgewicht; aber in Einem waren ſie unterſchieden, und dieſes Eine konnte den etwaigen Bewerber nicht gleichgültig laſſen: Mirjam's Herz war noch frei, am reinen Grunde von Jedida's Buſen ſpiegelte ſich bereits das liebliche Bild eines Jünglings, und dieſer war Joſſe, der Sohn des in Edens Gefilden wandelnden Rabbi Simon. Joſe und Jedida wuchſen mit einander auf, die Eltern waren Nach⸗ barn, die Kinder hatten gemeinſchaftliche Lehrer, und verzweigten ſich von Jugend auf wie zarte Bäum⸗ chen durch die Bande der Freundſchaft und Liebe. Daß weder des Jünglings noch der Jungfrau Anverwandte an dieſem Verbande Anſtoß nahmen, mag als Beweis gelten, daß ihnen die Vereinigung erwünſcht war. Dem Rabbi mußte eine ſo wohlha⸗ — — ————— ———————.—— 56 bende Schnur*) willkommen ſein, und Naph⸗ tali geizte wieder nach der Ehre: der Schwieger des künftigen Rabbi zu werden, und nichts weniger hatte er mit Joſe im Sinne; wie ſehr er darnach ſtrebte, und wie wenig er davon ablaſſen wollte, davon ſind wir bereits Zeugen geweſen. Naphtali Eiſak war auf dem Ruhebette, auf dem wir ihn verließen, eingeſchlummert, und Mirjam und Jedida, jede mit einer Handar⸗ beit beſchäftiget, unterhielten ſich leiſe mit einander, ſo daß ſie vor Allem den Chacham nicht weckten, und er ſie, im Falle, daß er nicht ſchliefe, auch nicht hören konnte. Der Inhalt ihrer Rede war der angekommene Raw, von dem die vielgeſchwätzige Fama ſchon ſo Manches verbreitet hatte. Jedida war eben im Zuge zu erzählen, was ſie am Vormittage durch eine Freundin vernommen hatte: Riſſa ſelbſt hat ihn geſehen, wie er bei ihnen mit dem Chacham Eßman zu Beſuche war— ſie kann ſich nicht genug in Lob erſchöpfen über ſeine Milde, ſeine Zartheit, Weisheit und ſeine männliche Schöne. Wie ſie ſagt, hat ſie auch nie ein ſo herrliches Bild *) Schwiegertochter. geſehen: ſeine Locken ringeln ſich wie Seidenfäden, ſeine Augen ſind zwei Tauben am Quellenrand, ſeine Wangen in Milch gebadet und in Roſengluth getrock⸗ net, ſeine Lippen Honig, ſein ganzes Weſen Lieb⸗ lichkeit. Du mahlſt— unterbrach ſie die Muhme lä⸗ chelnd— wie der königliche Sänger des hohen Liedes; biſt ganz begeiſtert von dem Manne, den Du noch gar nicht geſehen; habe Acht, Jedida! daß er nicht auch in anderer Beziehung dem armen Joſe gefähr⸗ lich, und daher ſein zwiefacher Nebenbuhler werde. Die Jungfrau erröthete und erwiderte lächelnd: Du thuſt mir Unrecht, liebe Muhme; ich er⸗ zähle blos, was ich gehört, und meine ganze Schuld beſteht darin, daß ich ein gutes Gedächtniß habe. Es war nicht ſo böſe gemeint— verſetzte Mir⸗ jam— ich kenne deine Anhänglichkeit an den nun⸗ mehr verwaisten Jüngling, und weiß, daß ihn Kei⸗ ner aus Deinem Herzen zu verdrängen im Stande iſt. Gewiß nicht— erwiderte Jedida innig— und mögen ſie ihm die Würde des Rabbi verleihen oder nicht, meinem Herzen wird er immer gleich theuer bleiben. Und was erzählte Dir Riſſa weiter von dem Fremden? fragte jetzt Mirjam, die Nichte unter⸗ — —————— .—————— —— 58 brechend, und dieſe entgegnete: Er ſoll auch ſehr ge⸗ lehrt ſein, will in's gelobte Land ziehen, er iſt ſogar ein Kabbaliſt; Du heiliger Gott unſerer Väter! ſo ein junger Mann, und iſt ſelbſt ſchon in die ver⸗ borgenſten Klinſen und in die geheimſten Tiefen des Wiſſens gedrungen; da muß freilich der arme Joſe zurückſtehen; ſolchem Uebergewicht vermag er nicht die Wage zu halten! Da die Jungfrau jede Veranlaſſung benützte, von dem Auserwählten ihres Herzens zu ſprechen, wie denn überhaupt die Liebe, wo ſie nichts zu fürch⸗ ten und nichts zu ſcheuen hat, ſehr geſchwätzig iſt, ſo ſah ſich Mirjam, die mehr Theilnahme an dem Fremden zu verrathen ſchien, gezwungen, die Nichte zu ermahnen, von dem Hauptgegenſtande ihres Ge⸗ ſpräches nicht abzuweichen, und Jebida zwang ſich daher wieder in das alte Geleis zurück, und gab noch eine Menge Bemerkungen Preis, welche in den ver⸗ ſchiedenen Familien, wo der Raw ſeine Beſuche ſchon abgeſtattet hatte, gemacht wurden. Dieß Alles zu⸗ ſammen genommen, gab ein Bild, welches die Neu⸗ gierde eines jeden weiblichen Weſens erregen, und ihr Herz, wenn es vielleicht nicht ſchon ſonſt beunruhi⸗ get war, aufwiegeln mußte. Dieß Letztere war nun bei Mirjam der Fall; ohne daß ſie es nur ahnete, nahm ſie an dem Frem⸗ den ſchon warmen Antheil; ihre geſchäftige Phanta⸗ ſie entwarf ſich ein Bild von ihm: ſo mußte ſein Antlitz, ſo ſein Auge, ſo Haare, Lippen, Kinn und Wuchs beſchaffen ſein, ſo mußte er ſich gebehrden, ſo ſprechen', ſo wohlklingend mußte ſeine Stimme ertönen; ihr heißes Blut tauchte das ganze Gemähl⸗ de in die roſige Fluth einer Frühlings-Morgendäm⸗ merung, und das bezaubernde Ideal zog triumphirend in ihren Buſen ein. Kam die Wirklichkeit dem Phantaſiegebilde nach, ſo mußte es in dem öden Herzen des Weibes zu tagen beginnen, und das: „Es werde Licht!“ des göttlichen Bildners, ſich auch in dem kleinen Raume, wie in dem unendlichen All bewahrheiten. Als Jedida ſich endlich erſchöpft hatte und ſchon eine Weile ſtille ſchwieg, erwachte die junge Witfrau aus ihrem Sinnen und liſpelte der Nichte zu: Ob er wohl auch uns beſuchen wird? Erröthen und Verwirrung folgten unmittelbar dieſen Worten, ſie empfand, daß ſie dieſe Frage nicht hätte thun ſollen; hätte ſie der Urſache dieſer Be⸗ wegung nachgeforſcht, es wäre ihr jetzt ſchon klar geworden, was erſt die Zukunft enthüllen ſollte. — — — ————„— 54b Jedida, in ihrer ahnungsloſen Geſchwätzig⸗ keit, wollte eben eine Menge Beweisgründe für ſein Kommen anführen, als der Diener des Hauſes eintrat und dem durch das Geräuſch erwachenden Chacham die Nachricht brachte, daß Elieſer Eß⸗ man mit dem fremden Raw eben auf das Haus zukämen. Naphtali eilte raſch in die große Vorſtube, wuſch ſich Finger und Augen, verrichtete nach Sitte das kurze Dankgebeth, daß ihm der Herr der Wel⸗ ten den Schlaf von den Augen und den Schlum⸗ mer von den Augenliedern genommen, dann— man hörte ſchon die beiden Gäſte die Treppe heraufkom⸗ men— ging er zu der Thüre, welche die beiden Stuben verband und zog ſie feſt zu. Die ſolcher Weiſe abgeſonderten Frauen nahmen dieſe Handlungsweiſe ſehr ungütig auf; Jedida maulte, und Mirjam mußte noch das ſchwere Amt einer Beſänftigerin übernehmen. Ei was— ſprach jetzt die Jungfrau— hat uns der Vater auch blind gemacht, ſo wollen wir doch unſere Ohren benützen; ich horche! Mirjam verwies ihr das ſträfliche Thun; allein der Ton ihrer Stimme hatte dieſes Mal mehr Auf⸗ munterndes als Abſchreckendes, und Jedida blieb 6 Gn 61 bei ihrem Vorſatze. Horch— liſpelte ſie— jetzt haben Alle Platz genommen, der Chacham Eß man beginnt — ach, der redet immer ſo leiſe, man verſteht keine Silbe— Nun ſpricht der Vater! Naphtali's Worte wurden dagegen deutlich vernommen; er ſprach: Geſegnet ſei die Stunde, Raw! in welcher Ihr in mein Haus eintretet. Ihr ſeid der Genoſſe mei⸗ nes heiligen Glaubens, und als Solchen begrüßt Euch meine Seele. Ich will hoffen, daß Herr Elieſer Eßman Euch den ganzen Stand der Dinge offen geſtanden haben wird, und ich ſcheue mich nicht, hin⸗ zuzuſetzen, daß auch ich zu Jenen gehöre, welche dem Sohn des Verſtorbenen die Stelle des Vaters ein⸗ räumen wollen. So viel ich gehört, ſeid Ihr ſelbſt noch unentſchloſſen: ob Ihr hier bleiben, oder Eu⸗ ren vorgehabten Weg weiter fortſetzen werdet— folgt meinem Rathe und thut das Letztere; es hat noch ſelten gute Früchte getragen, wenn man arme Waiſen vom Brode verdrängt, und ſich ſelbſt an die Stelle geſchoben hat. In der Nebenſtube wurde jedes dieſer Worte vernommen— Jedida liſpelte: Es waren harte Worte, die er ſprach— was der Fremde wohl darauf erwidern wird? — — ——— — Eine unſägliche Angſt bemeiſterte ſich Mirjam's; ſie erhob ſich vom Sitz und trat einige Schritte näher zur Thüre, um ja keine Silbe der Antwort zu ver⸗ lieren; ſie verhehlte es ſich nimmer, daß ſie wärme⸗ ren Antheil an dem Geſpräche nahm, als ſie An⸗ fangs verrathen wollte. Zu ihrem größten Erſtaunen nahm nun Eß⸗ man wieder das Wort, und Jedida liſpelte un⸗ willig: Schon wieder der; ich möchte nur gerne die Stimme des Fremden hören! Aber Elieſer ſprach lange und anhaltend, bis endlich eine fremde Stimme ihn unterbrach und das Wort nahm. Es war ein reiner Metallton, der durch die geſchloſſene Thür drang, ein Ton, dem an Wohl⸗ klang und Milde ſobald keiner gleich kam. Mirjam erbebte. Das iſt ſeine Stimme! li⸗ ſpelte ſie bei ſich— ſo mußte ſie ertönen! Der Raw ſprach: Wozu dieſe harten Worte, Ihr Brüder in Israel! wozu der Streit über eine Sache, die noch nicht zu befürchten iſt? Ein Gott wohnt über den Wolken, ſein Wille lenkt unſere Herzen, und ſeine Gedanken kann nur das geiſt ige Auge und der Sinn des reinen Menſchen in der Sternenſchrift leſen. Wenn es mir am Neujahrstage beſtimmt und aufgezeichnet, und am Verſöhnungstage geſichert und' 5 geſiegelt wurde, daß ich nicht das Glück erlange, in dieſem Jahre die geweihte Erde der Väter zu betreten, ſondern hier werde verbleiben müſſen, ſo iſt Euer Streben, Chacham Elieſer, überflüßig, und Euer Widerſtand, Chacham Naphtali, vergebens! Der Gott unſerer Väter prüfe unſere Gedanken und Her⸗ zen, und lenke Alles zum Beſten! Mirjam's Auge haftete auf der Thüre, als vermöchte ihr Blick, ſie zu durchdringen. Laut rief es jetzt in ihrem Innern: Dieß war ſeine Stimme, dieß ſein Wort, ſo mußte Er ſprechen! Außen in der Vorſtube erhoben ſich jetzt die Gäſte, um ihren Beſuch zu beenden. Sie machen ſich ſchon wegfertig, liſpelte Jedida maulend; ſie werden unſer Haus verlaſſen, und wir ſollten ihn nicht geſehen haben?— Im Nu hatte ſie die Thüre zur Hälfte geöffnet. Die drei Männer kehrten ihnen, ſchon im Ab⸗ gehen begriffen, den Rücken zu. Mirjam war zu ſchwach, um der faſt kindiſchen Neugierde der Nichte Einhalt zu thun. Ihr Herz pochte laut, auch ſeine Geſtalt traf mit jener ihres geiſtigen Vorbildes über⸗ ein; mit feurigem Blick verſchlang ſie ſeine Formen. Schon an der Thüre angelangt, kehrte ſich der Raw, da er natürlich den Vortritt hatte, noch ein⸗ —— —— ———————— ——————*——— 64 mal zu NaphtaliEiſak, um ihm für den gaſtli⸗ chen Empfang zu danken, da fiel ſein Blick auf die halboffene Thüre; Mirjam ſah ſein Anlitz, er er⸗ ſchaute das ihre. Jedida erſchreckt, klappte die Thüre zu— es war zu ſpät! Eliah und Mir⸗ jam hatten ſich das erſte Mal, zwar nur für einen Augenblick, aber doch ſchon lange genug geſehen, um ſich nie mehr zu vergeſſen! Sein Ton, ſeine Stimme, ſein Wort, ſeine Ge⸗ ſtalt, ſeine Züge— Alles iſt, wie ich mir es gedacht! So rief es mit tauſend Stimmen in dem Buſen der jungen Witwe; das Chaos zertheilte ſich, und es ward— Licht! Licht wurde es aber auch in dem Herzen Eliah's; denn während er mit den Andern die Treppe hinab⸗ ſtieg, ſprach er leiſe bei ſich: Dieſer Anblick hat ent⸗ ſchieden: ich bleibe hier, ich muß Rabbi werden! Der Prediger im Tempel. Merket auf! Der Großen Söhne, Söhne der Gemeinen! Ihr Reichen und ihr Dürftigen! Mein Mund ſoll ſeine Sprüche lehren! Pſalm 49. De⸗ Andenken meines Helden iſt mir zu heilig, um, wenn auch nur einen Augenblick lang, auf ihm den Verdacht ruhen zu laſſen, daß er ſich in einer ſo wichtigen Lebensfrage, durch den bloßen Anblick einer reizenden Frau, für eine Sache ent⸗ ſchieden habe, die doch nicht ohne Einfluß auf ſein ganzes übriges Leben bleiben konnte. Eliah's Vorſatz: die große Pilgerreiſe fortzu⸗ ſetzen, war durch die ehrenvollen Anträge Eßman's erſchüttert worden; wie es nun gewöhnlich geſchieht, daß der Strom, ſobald es ihm nur gelungen, ſein Ufer in etwas zu durwühlen, ſie auch in der kürze⸗ ſten Zeit ganz wegſchwemmt, ſo erwachten nun auch in ſeiner Seele Bedenklichkeiten in Menge, die ſeinen Früheren Entſchluß immer mehr wanken machten. 6 — ————————— ⸗-.———— — ——„———— 66 Was er vordem kaum beachtet hatte, kam ihm jetzt in den Sinn; alle Gefahren, mit welchen eine ſolche Reiſe zu jener Zeit verbunden war, thürmten ſich nun vor ſeiner Seele auf: Stürme, Schiffbrüche, Seeräuber, und endlich die bereits nach Europa her⸗ einlugende Macht der Osmanen, welche die kleinen Vorſpiele der großen Tragödie von der Eroberung Conſtantinopels ſchon begonnen hatten, dieß Alles mußte in einer kälteren, überlegenden Stimmung abſchreckend wirken, und ſo kam es, daß ſein glühen⸗ der Enthuſiasmus in etwas abgekühlt, und er ſich zum Theile ſchon den neuen Planen hinneigte. Ein zweites, eben ſo wichtiges Motiv dazu, war Rabbi Simon's wunderſame Prophezeihung von ſeiner Ankunft; er hatte mit dem Verblichenen nie in der geringſten Verbindung geſtanden, und doch wußte es dieſer voraus, daß er kommen würde, und empfahl ihn der Gemeinde zu ſeinem Nachfolger; ſollte er dieß nicht als einen Fingerzeig der Vorſehung annehmen dürfen? Und doch, wenn er ſchon dem erſten Auftritte vor der Stadt mit dem herzoglichen Judenrichter, wenn er der Ahnung ſeiner Seele bei dem Eintritte durch das Thor, als ominöſen Vorbedeutungen, Glauben ſchenken wollte, mußte er nicht wieder dieſen Ort fliehen, um jedem Unglücke zu entgehen?— Seine Wahl ſchwankte, die beiden Schalen der Wage hingen vollkommen im Gleichgewicht; es bedurfte nur Eines Tröpfleins, um den Ausſchlag zu geben, und dieſes fiel mit Mirjam's Anblick; es gedieh zur Quelle, wuchs zum Strome heran, breitete ſich zum See aus, und rauſchte und wogte endlich als ein unabſehbares Meer dahin, in welches die Sonne, das gnadenſpendende Auge Gottes, ihre Strahlen taucht. Der Chacham Elieſer hatte nicht falſch gefol⸗ gert: daß die Gegenparthei, ſobald ſie mit ihm nur den erſten Schritt gethan haben würde, zu dem zweiten und dritten, gleichſam mitgeriſſen, ſich freiwillig werde bequemen müſſen. Der Raw war kaum empfangen, hatte mit ihm bei den beſten Familien kaum die Runde gemacht, und ſolcher Weiſe ſich einen großen Theil ſeiner Widerſa⸗ cher ſchon geneigter geſtimmt, als ſein glühendſter An⸗ hänger, der Chacham Eßman, den Hauptſtreich führte: Eliah ſollte im Tempel lehren und reden. Dagegen konnten nun die anders Geſinnten nichts einwenden; ſie mochten ſich gebehrden, wie ſie nur wollten, dieſe Gunſt durften ſie keinem Talmudiſten verſagen, außerdem, ſie hätten es nicht geſcheut, ſich in den üblen Ruf einer ſchlechtgeſinnten, böſen Ge⸗ meinde zu bringen. — ——————————————— — 68 Drei Tage war der Raw erſt anweſend, der vierte war ſchon der beſtimmte Sabbath, an dem er als Prediger auftreten ſollte, und zwar, ſeinem aus⸗ drücklichen Verlangen zu Folge, nicht wie gewöhnlich im vormittäglichen Gottesdienſt, ſondern Abends nach dem Mincha⸗Gebethe. Schon lange hatte kein Ereigniß die Neuſtädter Judenſchaft in eine ſo ſpannende Erwartung verſetzt, ihr eine ſo rege Theilnahme abgenöthiget, als das ge⸗ genwärtige mit dem ſchönen, jungen, unbekannten Raw. Seine Anhänger hielten ſich von ſeinem Siege über⸗ zeugt, ſeine Widerſacher ſprachen ihm jeden Erfolg ab, die Kalten, Vorurtheilsloſen dachten: Wir wollen ſehen, wer das Recht behält, und wer den Sieg davon trägt!— Dieſes Mal traf es ſich, was doch ſonſt leider nicht ſo häufig geſchieht, daß diejenigen, welche ſiegten, auch Recht hatten!— Und der Sabbath ſenkte ſein ruhiges Gefieder auf die Gemeinde herab, und er erſchien den Gläubigen wirklich wie eine Braut, die ſie freundlich empfin⸗ gen: Kommt, laßt uns der Sabbathſtunde entgegen gehen, ſie iſt des Segens Quell, vom Anbeginn und Urſprung durch Gott geweiht; im Schöpfungstage das Letzte, im Schöpfungsplan das Erſte! D'rum zieh' ein in Frieden, du Schmuck und Krone des Gatten, zieh' ein in Freud' und Fröhlichkeit, unter die Treuen und Gläubigen, die Gott erkor,— zieh' ein, du gotter⸗ wählte Braut!— Und ſie war eingezogen, wurde geheiliget und empfangen. Dem Abend folgte die Nacht, und dieſer der Morgen, der Mittag, und der entſcheidende Nach⸗ mittag. Der Raw hielt ſich, die Andachtsſtunden im Tem⸗ pel ausgenommen, ſtets in ſeinem Gemache verſchloſſen, an Speiſe und Trank genoß er nur ſo viel, um aus dem Feſttage keinen Faſttag zu machen; er erſchien da⸗ her auch nicht an der Tafel des Chachams. Die Räume der Sinagoge füllten ſich zur gewöhn⸗ lichen Abendgebeth⸗Stunde: unten die Männer und Jünglinge, oben die Frauen und Mädchen; dieſes Mal blieb ſelbſt kein erwachſenes Kind zu Hauſe. Das Innere der heiligen Stätte war feſtlich er⸗ leuchtet, Erwartung ſpiegelte ſich auf allen Geſichtern, Ungeduld verriethen alle Bewegungen; endlich erſchien der Augenblick. Der Raw trat die vier Stufen zu der Bundeslade hinan und verrichtete, das Antlitz gegen dieſe gekehrt, ein ſtilles Gebet. Todesſchweigen,— kein Athmen unterbricht es, man hört das Flackern der Kerzenflammen. ——— ———————-.———— 70 Jetzt wendete ſich Eliah den Hörern zu, ſein ganzes Weſen verrieth Demuth, ſein Auge ſchien um Erbarmen zu flehen, ſeine Miene zeigte Schwäche. War es Angſt, Beklemmung, oder ſein eigen Be⸗ wußtſein, was ihn im entſcheidendſten Augenblicke jeder Kraft beraubte?— In dieſer Art, auf ſolche Weiſe— ſo dachte ſelbſt Elieſer Eßman,— wird er ſeine Feinde nicht beſiegen!— Dieſe triumphirten! Jetzt erhob der Raw langſam das Antlitz, durch die vortheilhafte Beleuchtung von den Seiten, ſchien es wie verklärt, ſein großes Auge durchkreiste langſam die Runde, und ſeine Lippen öffneten ſich; die Stimme war wohlklingend, jeder Laut verſtändlich, aber der Ton zu ſanft, faſt weibiſch. Er ſprach: Ich öffne dieß Büchlein hier, es enthält unſere täglichen Gebete, ich blicke auf dieß Blatt, und ſiehe da, ich treffe auf die Sprüche der Väter, und ich leſe darin: Rabbi Simon, der Gerechte, einer der Letz⸗ ten, welche von der großen Sinode noch übrig blieben, ſprach die Lehre aus: Auf drei Dingen beruht die Welt: Auf der Gotteslehre, dem Gottes⸗ dienſte und der Mildthätigkeit! Darüber, meine Brüder in Jsrael! will ich ſprechen, einfach, 71 wahr, bündig, Jedem von Euch verſtändlich; ich werde mehr zu Eurem Herzen, als zu Euren Kö⸗ pfen reden. Zwei Dinge ſind es hauptſächlich, welche den Menſchen vom Thiere unterſcheiden, nämlich: Herz und Kopf, Seele und Geiſt, oder mit anderen Worten: Gefühl und Vernunft; wer die Letztere anregt, dem werden wir mehr Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenken; wer zu dem Erſteren ſpricht, den wird man lieber anhören! Auf drei Dingen, lehrt Rabbi Simon, beruht das Wohl der Menſchen: auf der Gotteslehre, das iſt: der Glaube; auf dem Gottesdienſte, das iſt: das Gebet und die Ceremonie; und auf der Mildthätigkeit, das iſt: die Barmberzigkeit! Der Wahrheit, der Halt⸗ barkeit dieſes Spruches— könnt Ihr ihnen etwas entge⸗ gen ſetzen? Nein, nicht den Funken eines, wenn auch nur ſcheinbar gerechten Widerſpruches! Der Menſch iſt angewieſen an die Erde und an den Himmel, an die Brüder um ſich, und an Gott über ſich; dieſem gehört ſein Glaube, jenen ſeine Barm⸗ herzigkeit. Wohl dem, welcher für die Armen ſorgt! Zur Unglückszeit errettet ihn der Herr. Der Ewige ſchützt ihn, bewahrt ſein Leben, glückſelig wird er ſein im Lande. Du übergibſt ihn nicht dem Uebermuth der 22 Feinde!— Der Herr unterſtützt ihn auf ſeinem ſie⸗ chen Bette. Den Glauben belangend, ſtehet wie⸗ der geſchrieben:„Du ſollſt lieben Gott Deinen Herrn, mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit allen Deinem Vermögen!“ Glaube und Barmherzigkeit, Eines wie das Andere befördert unſer ewig Wohl; Glaube und Barm⸗ herzigkeit, beide ſind Stufen, welche uns dem ewigen Heil näher bringen; Glaube und Barm⸗ herzigkeit ſind ein unzertrennlich Zwillingspaar im Menſchenherzen, denn wie kann der Glaube an einen Gott rein und ohne Mackel ſein, wenn man empfindungslos gegen ſeine Brüder iſt? Die Barmherzigkeit, die Mildthätigkeit iſt der erſte, der wahrſte Prüfſtein! der Glaube beſteht erſt dann, wenn er aus dieſer Feuerprobe unverletzt hervorgeht; ſo wie wir die Huld unſeres Fürſten er⸗ langen, wenn wir die Gunſt ſeines Lieblinges beſitzen, alſo erringen wir auch des Ewigen Gnade, wenn wir den Menſchen erfreuen. Ja, meine Brüder in Israel! auf drei Dingen beruht das Wohl der Menſchen, zwei von ihnen: Glaube und Barmherzigkeit lagern im Her⸗ zen; das Dritte: der Gottesdienſt, das ſind die Lehren und Satzungen der Väter, die bewahrt unſer Gedächtniß, daher ſind ſie im Kopf; ich aber will — 73 von dieſen drei Dingen ſprechen; hatte ich alſo nicht gleich beim Beginne meiner Lehre recht, wennich ſagte: Ich würde mehr zu Euren Herzen, als zu Euren Köpfen reden?!— Der Prediger hielt inne. Die Wirkung, welche dieſe ſinnige Wendun auf ſeine Zuhörer machte, war eine unbeſchreibliche. Beifälliges Murmeln rauſchte durch die Syn a⸗ goge, ſo wie es oft im tiefen Forſte hörbar wird, wenn das Nachtſchweigen durch ein Wogen in den Baumwipfeln unterbrochen wird. Der Damm war niedergeriſſen, die früher theils geſpannten, theils gleichgültigen Zuhörer waren von dieſem Augenblicke an, wie von einem Zaubernetz der Rede umſchlun⸗ gen, dem ſie ſich nicht mehr entringen konnten. Und wie ein entſchloſſener, gewandter Feldherr begann der Raw nun ſeinen Sieg zu verfolgen, ſeine Worte gewannen an Kraft, an Wohlklang, an Ueber⸗ zeugung und an tiefer Gelehrtheit; er begann von jedem der drei, das Wohl der Menſchen begrün⸗ denden Dinge, mit ſolchem erſchöpfenden Tief⸗ ſinne, und doch ſo allgemeiner Verſtändlichkeit zu ſprechen, daß jeder der Anweſenden ihn begriff und verſtand. Entzückt lauſchten Alle der erhebenden Wor⸗ Die Sendung des Rabbi I. 7 —————————— 2—. 8*——————— —. 74 te, davon jedes aus der tiefſten Seele des Redners zu ſtammen ſchien. Der Rabbi hielt von nun in ſeiner Rede nicht mehr inne— es war, als ob Lippen und Zunge nicht bewegſam genug geweſen ſeien, die Empfindungen ſeiner Seele auszuſtrömen, ſeine Gedanken waren beflügelt, geiſtig und kräftig genug, um die Seelen der Brüder mit Licht zu überſtrömen, zu erquicken mit der ſüßen, überzeugenden Frömmigkeit. Wie ein gottgeweihter Prophet ſtand er da, das ſchöne Antlitz hatte ſich etwas geröthet, die Stirne gehoben, das Auge glühte, die Lippen ſchienen dem Felſenſpalt zu gleichen, aus dem der Stab des Pro⸗ pheten den erfriſchenden Quell durch Einen Schlag heraus ſprudeln gemacht. Das Wohlgefallen und der ſtille Beifall der Zuhörer nahmen von Augenblick zu Augenblick im⸗ mer mehr zu; Rabbi Eliah riß ſie mit ſich fort, daß ſie ganz mit ihm fühlen und denken muß⸗ ten.— Endlich hatte er ſeinen Text erſchöpft, es fehlte nur ein Schluß, der die Stimmung bis auf das Höchſte ſteigern ſollte. Genug!— ſo rief der Redner jetzt begeiſtert aus— ich habe geredet vom Herzen, zu den Her⸗ zen, ich fühle, daß Ihr mich begriffen, ich fühle mich erhoben, ich fühle mich berufen und geheiliget: Got⸗ tes Geiſt weht über meine Stirn, der Hauch des Allmächtigen macht meine Zunge beredt. Hört Ihr die Stimme des Herrn? ſie rollt über Meere, der Gott der Ehre donnert gewaltig über mächtige Flu⸗ then. Tag für Tag rauſcht ſeine Stimme vom Horeb hernieder und ruft wie Poſaunenſchall:„Ehret mein Geſetz und meine Lehre! Wehe über die, welche meine Thora ſchmähen und ſchänden! Und aufregt ſein ſtarker Hauch das ſcheue Gewild, entblättert den Wald, zerſplittert Libanons Zedern, und ſchleudert flammende Blitze über die zitternde Welt. Erwecket nicht ſeinen Zorn! ſo ruf' ich mit Jeſaias; denn iſt der Tag des Herrn nahe, ſo kommt er wie eine Verwüſtung vom Allmächtigen her. Alle Hände werden matt, die Herzen müſſen zerſchmelzen. Sie werden erſchrecken, Angſt und Weh' kömmt über ſie; ein Bangen wird ſie erfaſſen, wie ein Weib, das Mutter werden ſoll. Sieh', der Tag Gottes, er kommt, grauſam und zornig und grim⸗ mig, das Land wird wüſt, die Sünder werden ver⸗ tilgt. Die Geſtirne am Himmel vergehen, der Mond verliert Schimmer und Glanz, die Planeten ſtreuen kein Licht mehr aus, die Sonne wird finſter, denn er will die Bosheit der Erde, und die Sünder be⸗ 25 —— ————— —„ 76 ſtrafen! Laßt uns den Herrn anbethen, ſchließt einen Bund mit mir, hier— hier— ſo rief Eliah, riß die Decke von der Bundeslade, und öffnete weit die Thüren derſelben— hier ſteht das Band, das uns heiligt, welches uns einigt— hier ſteht die Thora, welche ausging von Zion, welche das Wort Gottes iſt, der mit nie vergänglicher Schrift ſeinen Willen eingemeißelt in ſteinerne Tafeln und in die Herzen des Volkes; ſie iſt eine Gottesgabe, ein Gotteserbe, ein Baum des Lebens iſt ſie Allen, welche ſich daran halten, und die es thun, werden glücklich ſein. Hier — fuhr Rabbi Eliah begeiſtert fort, und hob die Thora aus der Lade— hier iſt das Kleinod, die Krone unſeres Glaubens! Gottes Wille, Gottes Wort iſt darin aufgezeichnet— haltet feſt und uner— ſchütterlich an ſie; denn ſie geleitet Euch im Erden⸗ leben, ſie ſchirmt Euch im Tode, und ſie ſpricht für Euch in künftigen Zeiten. Ich aber bin berufen: Gottes Wort durch Eure Mitte zu tragen, ich kenne ſein Geſetz, ich kenne ſeine Lehre, ich lebe nach ſeinem Willen und bin der Verkünder ſeines Wollens; wer wagt es, gegen mich aufzutreten, gegen mich, welcher die ſtärkſte Wehre in der Hand hält, mit dem in dieſem Augenblicke Gott der Einzige iſt? Wer wagt es,„Nein“ zu rufen, wenn ich, der Diener Got⸗ 77 tes,„Ja“ ſage? ich will den Läſterer ſehen, welcher ſein Antlitz von mir wendet; ich will ihn daran er⸗ kennen, wenn er das heiligſte unſerer Bücher unbe⸗ rührt an ſich vorüberziehen läßt. Nach dieſen Worten trat eine tiefe Stille ein; der Rabbi, die Thora mit beiden Händen vor ſich haltend, ſchritt langſam durch die Synagoge— Alles rängte ſich herbei und küßte das heiligſte Glau⸗ ensſymbol— kein Einziger blieb zurück. Furcht und Beklemmung hatten ſich ſelbſt der ver⸗ ſtockteſten Herzen bemeiſtert. Jetzt hatte Rabbi Eliah die Runde vollbracht, ſtellte die Thora wieder in die Bundeslade— ſchloß dieſe— verrichtete ein kurzes Gebet, wandte ſich der ſtummen Gemeinde zu, und ſprach mit erhabe⸗ nem Tone: Empfanget meinen prieſterlichen Se⸗ gen; denn in dieſer Stunde habt Ihr mich zu Eu⸗ rem Rabbi erkieſen!!! g— d — 5 Jedida und Mirjam. Rede nicht viel mit einem Weibe, mit ſeinem eigenen Weibe meinten ſie— geſchweige erſt mit dem Weibe eines Andern. Daher ſagen die Weiſen:»Wer viel redet mit einem Weibe, der ziehet ſich Arges zu!“ Sprüche der Päter. Mirijam und Jedida ſaßen im vertraulichſten Zwiegeſpräch bei einander; die heimliche Stunde war recht geeignet, ihre Geſchäfte und Geſinnungen wechſelſeitig auszutauſchen. Es war gegen den Abend zu, wo der Familien⸗ vater ſelten gegenwärtig zu ſein pflegte, da er ſich mit gleichgeſinnten und nahen Freunden außer Hauſe zuſammenfand.— Tag und Nacht reichten ſich eben brüderlich die Hand, und Licht und Finſterniß ver⸗ ſchmolzen im Kuß zum dämmernden Zwielicht. In der warmen Stube wurde es recht traulich, und die Frauen, als die Dunkelheit ſchon über Hand nahm, 79 legten die Arbeit und die Hände in den Schooß, um noch bequemer mit einander plaudern zu können. Wer hätte einen ſo ſchnellen, ſo entſchiedenen Sieg nur ahnen können? bemerkte Jedida— Du weißt ſelbſt, liebe Muhme, welch' ein erbitterter Geg⸗ ner des Fremden der Vater war, und auch Er hat ſeine Sache aufgegeben. Du täuſcheſt Dich ſehr, Mädchen, wenn Du die Meinung hegſt: Dein Vater ſei nun Rabbi Eliah's Freund geworden; er wich dem Drange der umſtände, die allgemeine Begeiſterung riß auch ihn mit hin— aber nicht zur Begeiſterung, ſondern zur Nachgiebigkeit; wo Alles„Amen!“ rief, da konnte er allein nicht widerſprechen. Es wäre thöricht gewe⸗ ſen, ſich gegen den Wogendrang der Menge zu ſtem⸗ men; ſie hätten ihn verketzert und die Acht über ihn ausgerufen; er hat ſeine Sache vertagt, aber nicht aufgegeben! Wenn es wirklich indem iſt— rief die Jungfrau— ſo wünſchte ich: er hätte lieber das Letztere gethan! Wie? fragte Mirjam befremdet— keimt die⸗ ſer Wunſch wirklich aus dem Herzensboden, oder ſind es nur Scheinworte, um Dich über fehlge⸗ ſchlagene Hoffnungen zu beruhigen, oder Andere zu täuſchen? 50 Keines von Beiden!— verſetzte Jedida auf⸗ richtig— es iſt das wahrſte, lauterſte Gefühl meines Buſens! Wie ſoll ich mir dieſes deuten? Hätte der Vater mit ſeinem Willen geſiegt— erwiderte Naphtali's Tochter— ſo hätte Joſe die Würde und das Amt eines Rabbi erhalten, und ich wäre ſeine Gattin geworden. Meinſt Du, liebe Muhme, ich würde in jener Lage das Glück des Lebens gefunden haben, das Glück, ſo wie ich es in ſtillen, einſamen Stunden geträumt habe? O nein, ich wäre nicht nur nicht glücklich, ſondern höchſt un⸗ glücklich geworden! Deine Worte ſind mir Räthſel— verſetzte Mirjam— den Mann zum Gatten zu erhalten, an dem man von Kindheit an mit ganzer Seele hängt, das, glaube ich, ſollte doch das höchſte Streben Dei⸗ ner Wünſche, und ſo Du es erringſt, müßte doch auch Dein Glück damit verknüpft ſein. Ihn zum Gatten zu erhalten— nahm Jedida das Wort— ja, das iſt wohl der innigſte Wunſch, um deſſen Gewährung ich unſeren Gott Tag für Tag anflehe; aber ihn als Rabbi wiſſen, und mich dabei als ſeine Gattin— nein, nein, Muhme Mirjam! ich vermag mich nicht einmal in dieſe Lage hinein zu denken.— Du ſiehſt mich fragend, ſtaunend an — fuhr die Sprecherin nach einem kurzen Einhalt fort— ich will es Dir erklären, will Dir meine Gründe enthüllen, und Du wirſt mir gewiß beiſtimmen. Wir nennen das Weib die zweite Hälfte des Mannes; ſie ſoll es aber nicht nur heißen, ſondern auch ſeyn, das Weib ſoll theilen mit dem Manne Freuden und Leiden, ſoll ihm tragen helfen die Laſten des Lebens; darum iſt es auch nothwendig, daß die Gattin ſich in den Stand des Mannes füge; es ſteht gar ſchlecht, wenn das Weib des Gewerbsmannes im Hauſe, auf der Straße, bei Feſten und Mahlzeiten es ſo thun und machen will, wie die Frau des angeſehenen Kauf⸗ herrn; man wird es der Letzteren nicht verargen, wenn ſie vornehm einherſchreitet, den Kopf ſtolz in den Nacken wirft und jeden Gruß nur mit kurzem Nicken erwidert, indem ſie die ſchönen Lippen kaum zum Lächeln ſpitzt; aber der Erſteren würde man es ge⸗ waltig übel nehmen, wenn ſie es thäte, man würde rufen: Da ſeht das Schuſterweib, wie ſie einher⸗ ſteigt, ſo wie eine Gans, wenn ſie durch die Lacke patſcht! Dieſelben Standespflichten ihres Gatten, liebe Muhme, nimmt auch eine Frau des Rabbi auf ſich; ſie kann ihm zwar in ſeinem Amte nicht bei⸗ ſtehen, ſie kann nicht, wie er, forſchen und lehren, ———————— ——— 82 aber ſie muß ſich in ſeine Würde zu fügen wiſ⸗ ſen, der Widerſchein von des Gatten Frömmigkeit muß aus ihrem Auge ſprühen; ſie muß klug thun, wenn ſie es auch nicht iſt; ſie muß beſcheiden, wort⸗ karg und ehrwürdig ſein, wenn es ihr auch ſchwer fällt; ſie muß meiden alle Vergnügungen der Jün⸗ geren, und muß ſich ſtets unter den alten Frauen ſcheinheilig herumthun; denke Dir nun, liebe Muhme, den Fall: ich, das junge, lebensluſtige Mädchen wäre die Gattin des Rabbi geworden; aus dem Gottes dienſte, den ich jetzt aus freiem Herzenstriebe befolge, hätt' ich dann müſſen ein Gewerbe machen; während ich jetzt unbeachtet und unbekrit⸗ telt bleibe, wären dann tauſend Augen auf mich ge⸗ richtet geweſen; mach' ich es jetzt nur Wenigen recht, ſo iſt es gut; und man iſt mit mir zufrieden, aber dann hätt' ich müſſen Allen recht thun, und Du weißt, wie ſchwer dieß bei unſeren Leuten iſt; hätte mir mein Gatte zu den Feſttagen, wie gebräuchlich, ein neues Kleid geſchafft, was doch jeder Gewerbs⸗ mann gerne thut, da hätt' ein Theil von ihnen gleich gerufen: Da ſeht hin, ſchon wieder ein neu' Gewand, denen ſcheint unſer Geld wohl zu bekommen! Und dann die ſchönen, ſchreienden Farben! hätte ein an⸗ derer Theil kopfgeſchüttelt,— ſchickt ſich das für eine Rabbifrau?— Um dem vorzubeugen, hätt' ich mir an den näch⸗ ſten Feſttagen darauf kein neu' Gewand angeſchafft; meinſt Du, ſie würden ſich dann zufrieden gegeben ha⸗ ben? O gewiß nicht! In dieſem Fall' hör' ich ſie ſchon liſpeln und wiſpeln: Da ſeht hin, ihr Mann ſteht ſo gut, und ſie hat nicht einmal ein feſtlich Kleid— Der ihr Gott ſcheint auch der Magen zu ſein! Und abge⸗ ſehen von dem Allen, wenn ich die üblen Reden der Klatſchſüchtigen hätte unbeachtet laſſen wollen, ſo wäre mir bei tauſend andern Gelegenheiten die Würde meines Gatten nur läſtig geworden. Ich bin jung, liebe die Freuden des Lebens, Frohſinn, Spiel und Tanz; während bei einem Feſte die jungen Frauen nach Herzensluſt im Reigen dahingeflogen wären, wäh⸗ rend ſie unter einander geſcherzt, getändelt und fröh⸗ lich gethan hätten, hätt' ich in der Ecke mit den bebrill⸗ ten, vorzeitigen Frauen ſitzen müſſen, um, weiß der liebe Himmel! von was Alles zu ſprechen; o gewiß, liebe Muhme, wenn ich mir ſolche Scenen ausmale, die unausbleiblich eingetroffen wären, ſo muß ich dem Himmel danken, daß es nicht ſo gekommen iſt, als es der Wunſch des Vaters war. ————— 8— ———— 84 Jedida hielt inne, und Mirjam ergriff mit einem ſanften Lächeln die Rede: Beim Gotte unſerer Väter! Du haſt Recht! Der Stand, von dieſer Seite in's Auge gefaßt, hat freilich der Unannehmlichkeiten mehr, als der Freuden; allein du vergiſſeſt auch, die Ehren und das Anſehen mit in die Schale zu legen, welche der Rabbifrau zu Theil werden.— Ich geize nicht darnach— hemmte die Jungfrau die Rede der Muhme— ich will blos die Achtung der Beſſeren, und mehr bedarf ich nicht; Alles Uebrige mögen ſie für ſich behalten, denn glaube mir, was die Menſchen uns auf der einen Seite hinzuthun, das zerren ſie zehnfach auf der anderen herab. Du biſt bitter geworden, Jedida— ſprach die Witwe— es thut Noth, daß ich Deine Gedanken auf einen angenehmeren Gegenſtand hinleite. Haſt Du Joſe ſeit dem vorletzten Sabbath nicht geſehen? Und wirklich erheiterte ſich das Antlitz der Jung⸗ frau; ſie wurde gelaſſener, ruhiger, und ſprach: Ich ſah ihn nicht ſeit dem Tode ſeines Vaters, mit dem der Friede ſei. Joſe verläßt während der dreißigtägigen Trauerzeit das Haus nicht. Wie er wohl ſein Mißgeſchick ertragen wird* Meinſt Du, er ſähe es als ein Solches an? Eben ſo wenig, wie ich. Jo ſe hätte dieſes Amt nur meinem Beſitze zu Liebe gewählt; er iſt eben ſo wenig dafür, wie ich, und nur der Wunſch meines Vaters hätt' ihn dazu vermocht, es anzunehmen. O glaube mir, Rabbi Simon wußte es zu gut, wie groß die Abneigung des Sohnes gegen dieſen Stand ſei, ſonſt hätte er nicht eine ſo wunderſame Verfügung getroffen. Ja wohl, wunderſam— nahm Mirjam das Wort— aber noch wunderſamer iſt die Art, wie ſie in Erfüllung ging. Jedida, auch Du warſt im Tem⸗ pel gegenwärtig, auch Du hörteſt Rabbi Eliah's Rede, auch Du empfindeſt nicht minder regſam und ſtark, wie ich; ſprich, geſtehe mir, welchen Eindruck haben ſeine Worte auf Dein Gemüth gemacht?— Jedida ſchwieg eine Weile, als ſinne ſie erſt nach über einen ſchicklichen Vergleich; allein Mir⸗ jam, welche es ſchon längſt drängte, zu ſprechen und ihr Herz auszuſchütten, ergriff ſelbſt die Rede und beantwortete ihre eigene Frage: Sieh', als er ſo be⸗ gann, langſam, wehmüthig, faſt ſchwach, mehr einem Vater gleichend, der ſeinen Kindern im häuslichen Kreiſe gute Worte und Lehren gibt, da ſtaunte ich wohl über den Inhalt ſeiner Rede, denn es war bei ihm Alles offen, deutlich, nicht ſo, wie bei andern Rab⸗ — — ———————— — bi's, die oft lange ſprechen, ohne daß ihre Zuhörer ſich nur den Sinn ihrer fremden Worte deuten können; doch ſein Vortrag ſelbſt, er gefiel mir zwar, aber er ließ mich kalt, er ergriff mich nicht; gerade ſo⸗ wie die Sonne, die jetzt am heitern Wintermorgen am Him⸗ mel hangt: ſie iſt nicht minder ſchön, wie jene im Früh⸗ linge, ſie iſt eben ſo groß, eben ſo ſtrahlenreich, eben ſo glühenden Anſehens— aber ihre Wirkung, wie weit ſind Beide von einander unterſchieden? Ich ſtellte im Stillen, in Gedanken zwiſchen ihm und Joſe Ver⸗ gleiche an, und fand, daß ſie ſich die Wage hielten, denn ich hatte den Letzteren oft bei Feſtmalen und an⸗ deren Gelegenheiten reden gehört. Allein nicht lange ſollte es ſo währen; was wir ſchon für Rede hielten, war nur Vorbereitung, Eingang. Jetzt erſt begann das Wort an Schnelle, an Gewicht, der Ton an Kraft und an Eindruck zu gewinnen, jetzt erhob er den Zu⸗ hörer, hoch, immer höher, wirbelte ihn auf, wie der Wind ein leichtes Blatt hebt; ſeine Rede, die anfangs wie ein ruhiger Quell dahinfloß, wuchs zum Bach, zum Fluß, zum Strome an, jetzt erſt entfaltete er jene eigene, nie geahnte Macht und Schnellkraft des Wor⸗ tes, er ſprach nicht mehr, er donnerte, ſein Auge blitzte Flammen durch den Tempel, und wie die Stimme eines Propheten durch den Aufruhr der Elemente hin⸗ 87 durch, ſo rollte ſeine Rede durch den Raum; ſie erhob, erſchütterte, überzeugte, ſchlug und beſiegte zugleich; ich bebte am ganzen Leibe, ob aus Furcht oder Wonne, ich wage es nicht, zu entſcheiden; aber nicht lange ver⸗ mochte ich ihn anzuſehen, denn mir ſchien, als ob auf ſeinen Fingerſpitzen, wie auf jenen des Großprieſters im Tempel zu Jeruſalem, die Schechina ſchwebe, ich bedeckte meine Augen mit den zitternden Händen, ſank zerknirſcht auf den Betſtuhl, und als ich wieder zu mir kam, war Eliah bereits Rabbi unſerer Gemeinde geworden. Mirjam ſchwieg, ſenkte den Blick in den Schooß, als wollte ſie jene Augenblicke in Gedanken wieder hervorrufen. Jedida unterbrach ſie in ihrem Siill⸗ ſchweigen nicht. Jetzt öffnete ſich raſch die Thüre, und Riſſa, Joſua Gerſon's Tochter trat ein. Kommt ſchnell an's Fenſter!— rief ſie ſtatt des Grußes den Frauen entgegen— ich will Euch etwas ſehen laſſen, was Ihr gewiß noch nicht bemerkt haben werdet! Mirjam und Jedida nahmen die lebhafte Freundinn in die Mitte und flogen mit ihr zum Fen⸗ ſter, nicht ohne ſie über den Schreck recht auszuſchel⸗ ten, welchen ſie ihnen durch das gähe Eintreten ver⸗ urſacht hatte. — ——————————— — — 88 — Außen war es indeſſen dunkler geworden, doch noch ſo licht geblieben, daß man einzelne Menſchen durch Gang, Haltung und Geſtalt erkennen konnte. Da, da ſeht hinab! rief Riſſa, kennt Ihr die⸗ ſen Schlumesalnek? Habt Ihr ihn noch nicht am helllichten Tage geſehen? O, das iſt Euch ein wun⸗ derlicher Kauz. Seine Augen ſind kugelrund, und laſſen beinahe gar nichts Weißes erblicken; ſeine Hautfarbe iſt braungelb, ſeine Zunge iſt ſchwer, ſein Wort herausgepreßt; ſeht nur hin, wie der Menſch geht, er ſchiebt ſich vorwärts, ſo wie ein Bube, der kerzengerade, mit ſteifen Beinen auf dem Eiſe ſteht und dahingleitet. Und wer iſt denn dieſer Mann? fragten Mir⸗ jam und Jedida zugleich. Das iſt Rabbi Eliah's Knecht! Wirklich ging unten Aſcher vorüber, ganz ſo, wie wir ihn bereits geſchildert haben. Die Mädchen, nachdem ſie ihm mit ihren Blicken nicht mehr folgen konnten, entfernten ſich wieder vom Fenſter. Jedida ging hinaus,die Kerzen anzuzünden, und kehrte dann mit denſelben zurück; indeſſen ließ Riſſa ihrem Zünglein freien Lauf. Gerſon's Tochter war ein lebhaftes, munteres 89 Mädchen, zwar nicht ſchön, aber in Bewegungen und Manieren beſonders angenehm anzuſehen, und in ihrer Sprechweiſe eben ſo anzuhören. Außerdem beſaß ſie ein äußerſt gutes Herz, ein leicht verſöhn⸗ liches Gemüth, dagegen aber auch eine nie zu be⸗ friedigende Neugierde, die mit ihren queckſilberigen Geſtikulationen im vollkommenen Einklange ſtand. Riſſa hatte von Allem Kenntniß, was ſich in der Gemeinde begab; ſie wußte es durch ihre un⸗ ſichtbaren und verborgenen Kanäle und Schleußen dahin zu bringen, daß ſie ſogar immer die Erſte war, welche den etwaigen Beſchluß wußte, der bei einer Gemeindeverſammlung gefaßt wurde; war es hie und da bei einem Liebespaare bis zur Verlobung gekommen, ſo war es wieder Riſſa, welche die Neuigkeit ſchon auspoſaunte, als die Andern ſelbe noch unter dem tieſſten Deckmantel des Geheimniſſes zu verbergen glaubten; wer über irgend ein bevor⸗ ſtehendes Ereigniß Aufſchluß haben wollte, der mußte bei Riſſa anklopfen; ſie wußte Alles, ſie erfuhr Alles, ſie hörte Alles, ſie kümmerte ſich um Alles, für ſie ging nichts in der Gemeinde verloren, und wenn es auch nur eine Maulſchelle geweſen wäre, die etwa eine träge Magd von ihrer Gebietherin erhalten hatte. 90 Ueber dieſe Allwiſſenheit des Mädchens werden ſich unſere Leſer nicht wundern, wenn wir ihnen nur die Quellen darthun, die ihr zu Gebothe ſtanden. Joſua Gerſon gehörte in jeder Beziehung zu der ſogenannten Mittelklaſſe; der Arme durfte ſich ohne Scheu in ſein Haus wagen, und der Reiche verwarf ſich nicht, wenn er mit ihm und den Seinen Um⸗ gang pflegte; dadurch kam Riſſa, die ihres mun⸗ teren, aufgeräumten Weſens halber, allenthalben wohl gelitten wurde, mit den meiſten Familien in Berüh⸗ rung, und wußte ſich überall in enge Verbindung zu ſetzen. Kinder, Dienſtbothen, arme Frauen, die einige Mal in der Woche die Häuſer abliefen, meh⸗ rere Freundinnen, ein Schwarm von Anbethern, die ſie zu foppen, zu narren und zu benützen wußte, Alles mußte dazu beiſteuern, ihre Neugierde zu befriedigen und ihre Allwiſſenheit zu vermehren. Während Joſua Gerſon's Tochter alſo ſchön gemüthlich zu Hauſe vielleicht ſchon im Bette lag und ſchlief, waren Hunderte von Augen noch wach, um für ſie zu ſehen, und eben ſo viele Ohren, um für ſie zu hören; ſie glich in dieſer Beziehung einer gewandten Spinnerin, welche in der Mitte ihre Gewebes hockend, nur eines ihrer Fühlhörner bedarf, um zu ſpüren, ob ſich eine Fliege ihr nähere, oder, um mich eines 91 noch treffenderen Gleichniſſes zu bedienen, ähnelte ſie dem Spieler auf einer großen Orgel, der, wenn er nur vorne die Taſte drückt, doch rechts, links, oben oder unten die Pfeifen ertönen macht, und zugleich weiß, woher der Wind weht. Bei ſolchen Behelfen dürfen wir uns nicht mehr wundern, wenn Riſſa das verkörperte Tagsblatt der Neuſtädter Judengemeinde ward, und durch ein ſtilles Uebereinkommen von allen Theilen, auch dafür gehalten wurde. Zu ihrer Ehrenrettung müſſen wir jedoch erklären, daß ſie Alle ihre Neuigkeiten ohne hämiſche Zugabe, oder ſonſtige, boshafte Bemerkun⸗ gen, denn das ließ ihre angeborne Gutmüthigkeit nicht zu, alſogleich weiter ſpedirte, ſich höchſtens hie und da ein unſchuldiges Späßchen erlaubte, auch ein Thränchen weinte, wenn es gerade die Natur ihrer Neuigkeit mit ſich brachte, und ſich überhaupt auf⸗ richtiger Weiſe ſehr theilnehmend bewies. Daß Riſſa die Eß maniſchen Frauen beſuchte, geſchah nicht vergebens, und Jedida, als ſie mit den brennenden Kerzen in die Stube zurück gekehrt war, rief: Du biſt nicht umſonſt gekommen, Riſſa! Du bringſt gewiß wieder ein Bündelchen mit Stadtneuig⸗ 32 keiten. Laß hören, was hat ſich in den letzten Ta⸗ gen begeben? Viel, liebe Jedida!— verſetzte Gerſons Tochter munter und geläufig— aber wenig, was Dich kümmern dürfte. Vor Allem hat Ephraim Steu⸗ hen's Frau einen neuen Seidenſtoff durch ihren Ge⸗ mal von Wien geſchickt, erhalten; ſo viel mir die alte Eſther ſagte, die gerade ihr wöchentliches Al⸗ moſen dort abholte— man ſieht, daß Riſſa auch getreu in den Angaben ihrer Quellen war— iſt der Stoff grün, jedoch mit rothen Sternlein und Mond— bogen ausgeſtickt, das Kleid wird wahrſcheinlich ſchon für das nächſte Peſſahfeſt gehören, wiewohl es ſich für das Wochenfeſt beſſer geſchickt hätte; da würde ſich doch die liebe Dame wie ein duftig Frauen⸗ blättchen ausgenommen haben.— Habt Ihr ſchon von dem Auftritt gehört, der ſich geſtern in einem Hauſe in der Raffelzeil begab? Wie Ihr wißt, wohnt dort Arach Hirſch; der Tyrann hat wieder ſein armes Weib geſchlagen, ſo daß ſie mehrere blaue Flecken auf dem Rücken haben ſoll; die arme Sarah dauert mich wahrhaftig! Ich hätte mich längſt von ſolch' einem Manne geſchieden; wie ich aber ge⸗ hört habe, wird ihr Vater den Eidam beim neuen 53 Rabbi verklagen— aber, Du lieber Gott! was kann der machen? Er wird dem Arach Hirſch zureden und ihm zwei Faſttage zur Buße auferlegen; was wird Arach Hirſch thun? Er wird ſagen: Jetzt halte ich ſechs Faſttage im Voraus, und prügle dann mein Weib dreimal hintereinander!— Aber weil wir gerade vom neuen Rabbi ſprechen, Kinder, da hab' ich was Merkwürdiges erfahren. Das Thema, welches ſie jetzt anſchlug, hatte für Jedida und Mirjam ſchon mehr Intereſſe; Beide rückten ihr näher, und ſie fuhr fort: Ihr werdet wiſſen, daß Rabbi Eliah in den erſten Tagen ſeines Hierſeins bei Chacham Eßman wohnte; das Mädchen, welches dort die Dienſte einer Aufwärterin verſieht, iſt die Tochter des alten David, der Matersdorfer Zizis und Tephilim und Talle ſſim feil hat, daher öfters zu uns in's Haus kömmt. Dieſer hat mir nun erzählt, wie er von ſeiner Tochter erfahren, welch' eine ſonderbare Entdeckung dieſe während der Anweſenheit des Rabbi in dem Hauſe gemacht habe. Die Fen⸗ ſter aus den beiden Stuben, welche dem Gaſte eingeräumt waren, geh'n nämlich auf dem Gang hinaus, und da der Rabbi die Gewohnheit hatte, — —————— — — —,— ihrem Vater vermißt und geſucht werde. 94 ſich allnächtlich in die innerſte Stube mit ſeinem Fnechte einzuſperren, ſo war dieß dem Mäd⸗ chen auffallend geweſen, ſo daß es ſich in der letzten Nacht zum Fenſter geſchlichen, und nach einer Oeff⸗ nung des Vorhanges geſpäht habe, durch welche ſie das Thun des Geheimnißvollen belauſchen konnte. Sie fand eine ſolche, und ſah den jungen Rabbi in die Stube eintreten, der Knecht folgte ihm auf dem Fuße nach. Der Rabbi ließ ſich von ihm bedienen, und als er völlig ausgekleidet war, kehrte er ſich ihm zu, ſteckte ihm die Hände in den Mund, als ob er ihm die Kinnbacken auseinander reißen wolle, ſo wie es Simſon der Starke mit dem Löwen that, dann zog er ihm etwas unter der Zunge hervor; hier⸗ auf vernahm ſie ein leiſes Ziſchen, die Lampe erloſch, es wurde finſter, und ein ſchwerer Fall erdröhnte. Das Mädchen meinte, dem Knechte müſſe was Lei⸗ des geſchehen ſein; mit Schrecken und Ungeduld ſah ſie daher dem kommenden Morgen entgegen. Riſſa hielt inne. Die Mädchen erſtaunten über dieſe wirklich räthſelhafte Entdeckung und waren ſchon auf das Ende begierig, als Naphtali Eiſak raſch eintrat, und die Nachricht brachte, daß Riſſa von Dieſe wollte ſich eilig entfernen, allein Jedida hielt ſie feſt und fragte neugierig: Und was wurde am andern Morgen entdeckt? Nichts, gar nichts— verſetzte Riſſa eilig— am andern Tage war Aſcher ſo friſch und geſund wie früher! Damit verließ ſie raſch die Stube. ———————————— ——— —,—. Frau Hedwig⸗ Freue Dich nur, Tochter Edom's, frohlocke nur immerhin, Bewohnerin des Landes utz, auch an Dich kommt nun der Kelch, auch Du taumelſt trunken in den Abgrund! Jeremias:»Megilath Scha.« Der neu erwählte Rabbi der Judengemeinde zu Wiener⸗Neuſtadt befand ſich ſchon durch mehrere Tage in ſeiner Würde, als der Ehacham Elieſer Eßman an einem Morgen zu ihm in die Stube trat. Der junge Mann erhob ſich und ging dem Freun⸗ de entgegen, denn zwiſchen Beiden hatte ſich ein inni⸗ ges Verhältniß entwickelt, welches mit jedem Augen⸗ blicke nur noch mehr befeſtiget wurde. Der Chacham grüßte den Rabbi ehrerbiethig und mußte, von ihm genöthiget, ſich alſogleich an ſeiner Seite niederlaſſen, dieſer ergriff ſeine Hand und ſprach mit Herzlichkeit: Seid mir willkommen, Raw, in der Wohnung —— des Friedens und der Ruhe; vor drei Wochen hatte ich nicht geglaubt, daß Alles ſo kommen würde! Was geſchah, war der Wille des Himmels! entgegnete der würdige Elieſer— er möge auch ferner Alles zum Beſten lenken! Ihr habt Euch be⸗ reits durch die kurze Friſt viele Anhänger und Freunde erworben; die Wenigen, welche es noch nicht ſind, ſollen es auch bald werden, und ich hoffe, daß Ihr mit uns vollkommen zufrieden ſein werdet. Der Vor⸗ ſteher unſerer Gemeinde, Herr Ephraim Steuſ⸗ ſen, ein Sprößling jener reichen Familie, welche ſchon unter dem frühern Herzog Albrecht ſo reich und angeſehen war, und mit ihm bedeutende Geld⸗ geſchäfte machte, läßt Euch durch mich ſeinen ehrer⸗ biethigen Gruß vermelden; da er ſich für gewöhnlich in Wien aufhält, und nur an beſonderen Feſttagen hieher zu kommen pflegt, ſo wird er vor den Peſſah⸗ feiertagen wohl ſchwerlich eintreffen; aber dann könnt Ihr ſeine perſönliche Bekanntſchaft machen. In ſei⸗ nem Schreiben an mich, ermahnt er uns auch zu einem Beſuch, an den ich wahrlich nicht gedacht habe; wir müſſen ihn aber gleich abſtatten, denn er iſt von Belang, und ſein Unterlaſſen könnte uns übel ge⸗ deutet werden. Die Sendung des Rabbi I. M——— 98 Und wem ſoll dieſer Beſuch gelten? fragte der Rabbi. Dem Herrn Hanns von Zech, unſerem her⸗ zoglichen Richter! lautete die Erwiderung. Der Rabbi wurde betroffen, und verrieth dieß auch durch ſeine Bewegungen; als nun der Chacham hierüber ſeine Verwunderung äußerte, hielt es jener für nöthig, ihm den, mit dem herzoglichen Juden⸗ richter vor dem Eintritte in die Stadt erlebten Auf⸗ tritt mitzutheilen.. Elieſer kopfſchüttelte und erwiderte: Dieſer herzloſe Uebermuth ſieht dem Manne ganz. ähnlich— wir ſind unter ſeinem Vorſtande gar arg ge⸗ drückt; er handelt nicht nach Recht, ſondern nach Laune und Willkür; er iſt ein wilder, böſer Mann. Des Juden Gold iſt ihm lieb und werth; aber ſein Blut, ſein Leben, achtet er nicht höher, wie den Stein, der ihm auf der Straße im Wege liegt. Aber was iſt zu thun? Eriſt vom Herzog zu unſerem Rich⸗ ter beſtellt, wir ſind Knechte und müſſen uns dem Willen des Vogtes fügen; trotz dem Allen bleibt uns nichts übrig, als gute Miene zum böſen Spiel zu bringen; wir müſſen zu ihm, denn Ihr müßt Euch ihm als Seelſorger der Gemeinde vor⸗ „ „ ſtellen, da Ihr von ihm die obrigkeitliche Beſtättigung in Eurem Amte erhalten werdet. Eliah fügte ſich in das Unabänderliche und entgegnete: Treten wir in des Allmächtigen Namen den Weg an; vielleicht wird er den eigenen Uebermuth aner⸗ kennen, und mir die Schuld ſeines unglücklichen Sturzes nicht beimeſſen.— Beide machten ſich daher auf den Weg. Der Edle von Zech hatte ſeine Behauſung auf dem großen Platze, gemeinhin der Kornmarkt genannt. Das Gebäude bildete das linke Eck der Un⸗ gargaſſe, war ſtockhoch, mit ausgebogenen, run⸗ den Fenſtergittern und einem Erkervorſprung an der Ecke, von deſſen Fenſtern man bequem nach allen Seiten ſchauen konnte. Als die beiden Juden bei dem Thore des er⸗ wähnten Hauſes anlangten, vor welchem ſich nach der ganzen Breite des Gebäudes ein Laubengang be⸗ fand— ſo wie ſolche noch heute auf dem Platze anzu⸗ treffen ſind, da die oberen Stockwerke dadurch an Geräumigkeit gewinnen, weil ſie auf denſelben fußen, — kam ihnen durch die dunkle Einfahrt ein verkrüp⸗ peltes, buckliges Männlein, mit einem Bündel von 2—————— ——————. 100 Scripturen unter dem Arme, entgegen, dem der Cha⸗ cham eine anſtändige Verbeugung machte. Der Kleine, deſſen Phyſiognomie man im Halb⸗ dunkel nicht ausnehmen konnte, blieb ſtehen und ſprach mit einer Stimme, wie ſie ungefähr ein Knabe von zehn Jahren haben kann: Wohin des Weges, Herr Eßman? Ich will hinauf zum gnädigen Herrn! Werdet für heute ſchwerlich vorkommen; ſo lange der edle Herr nicht vollkommen geneſen iſt, hat er befohlen: jeden Juden, ohne Ausnahme, abzuweiſen. Elieſer Eßman— verſetzte der Chacham mit Würde— wurde von der Thüre des herzoglichen Judenrichters noch nie zurückgewieſen, und wird auch heute dieſe Schmach nicht erfahren! Meint Ihr? wir wollen's ſehen. Was habt Ihr Wichtiges vorzuſchützen? Gewiß wieder Streit und Händel mit Chriſten, oder einen Mäklerſtreit mit Eures Gleichen; der Jude iſt wie die Katze: man werfe ſie, wie man wolle, ſie kommt immer auf die Füſſe zu ſtehen, und der Jude ſtets auf den Geldſack. Eßman lächelte über dieſen Spott und ver⸗ ſetzte: Ihr habt Recht, der Jude ſteht immer mit den Füſſen auf ſeinem Geldſack, aber der Chriſt greift immer mit beiden Händen darnach; da man aber mit den Händen mehr ertappen, als mit beiden Füſſen vertheidigen kann, ſo wird Jeder leicht zu ermeſſen im Stande ſein, wer von Beiden beſſer zu Theil kömmt; was jedoch die Händel mit den Chriſten anbelangt, ſo könntet Ihr eben ſo gut die Haaſen beſchuldigen: ſie hätten mit den Hunden Streit gehabt. Es iſt ſchon längſt bekannt— entgegnete der Höckerige höhniſch— daß Ihr Juden die Zunge zu be⸗ nützen verſteht; doch Ihr mögt ſie immerhin bewegen, wenn auch nur die Hand nicht unthätig bleibt. Es iſt gut, daß ich mich des Stoffes entſinne, den Ihr bei mir liegen habt, ſprach Eßmanz es ſind bei zwanzig Ellen ſchwarzen Sammet's, der für Euer neues Amtskleid beſtimmt iſt, und den Ihr abholen müßt, da er ſonſt durch langes Liegen Schaden nehmen könnte. Der Bucklige grinste nun auf einmal freundlich und lächelte, ſo wie beiläufig eine Hyäne lachen würde, dann ſprach er: Ich habe Eile und kann nicht länger verweilen; der gnädige Herr iſt in der That ſtark erzürnt— aber für Euch, glaube ich, wird er doch ein geneigtes Ohr haben! Mit dieſen Worten eilte er durch's Thor auf den Platz. Wer iſt dieſer Mann? fragte der Rabbi, welcher vis jetzt ruhig bei Seite geſtanden und geſchwiegen hatte. 102 Eßman antwortete: Dieß iſt Herr Bernhard Kitzl, der herzogliche Judenſchreiber, und die rechte Hand des Richters. Ein böſer Leib hat auch eine böſe Hand!— ver⸗ ſetzte Eliah ſarkaſtiſch— übrigens ſcheint ſich dieſe Hand auf's Nehmen recht gut zu verſtehen. Meint Ihr aber nicht, Chacham Elieſer, daß es vielleicht dennoch gut gerathen wäre, den Beſuch bis zur gänz⸗ lichen Geneſung des Edlen hinauszudehnen? Aufrichtig geſprochen— verſetzte Eßman— ſo haben wir in jedem Falle wenig Gutes zu gewär⸗ tigen: kommen wir heute, oder ſpäter! Daher iſt es immer beſſer, wir thun das Erſtere, damit er uns mindeſtens keine Verabſäumung des ſchuldigen Pflicht⸗ gehorſams aufbürden kann. So ſchritten Beide die dunkle Steintreppe hinan. Im Vorgemache wurden ſie von einem Diener aufgehalten, welcher erſt nach Eßman's metallklin⸗ gendem Händedruck, den Wunſch des Juden der gnädigen Frau vorzubringen, verſprach, weil dieſe während der Krankheit des Gemahls alle Angelegenhei⸗ ten früher vernahm, und dann erſt entſchied, ob ſie wichtig genug ſeien, ihren Gatten damit zu beläſtigen. Eine Zeit lang blieben die Juden ſtillſchweigend nebeneinander ſtehen, dann kam der Diener zurück, 103 führte ſie durch zwei Gemächer, und hieß ſie dann eintreten, worauf er ſich wieder zurückbegab. Frau Hedwig, die Gemahlin des herzoglichen Judenrichters zu Neuſtadt, war eine ſtattliche, durch Putz und Schmuck noch mehr gehobene Geſtalt, mit einem ganz gemeinen Antlitze, welches auf den erſten Anblick hin, die niedere Abſtammung, und, durch die höchſt charakteriſchen Züge, ihre ganze Seelenbeſchaffen⸗ heit verrieth. Ihr Auge, groß und voll, von ſchwarzem Glanz, eben ſo, wie die etwas bräunliche Hautfarbe, bezeugten die magyariſche Abkunft; eine niedere Stirn, aufge⸗ worfene Lippen, eingebogene Naſe, beurkundeten Gei⸗ ſtesbeſchränktheit, Dünkel und Stolz; ein Faltenzug um Kinn und Lippen endlich, ließ Hohn und Rach⸗ ſucht nicht verkennen. Die Würde ihres Gatten verſchaffte auch ihr ein bedeutendes Anſehen; und wiewohl ſie ſich durch die erhöhte Stellung anfangs oft gegen adelige Ehrbarkeit und Sitte verſtieß, ſo wie ungefähr ein Menſch, der nie eine Höhe erklommen, und dann plötzlich über einen ſchwindelnden Steg ſoll, ſo gewann ſie doch durch die Länge der Zeit ſo eine Art Faſſung und falſche Hoheit, von der man im erſten Augenblicke wohl verſucht wurde, ſie für ächte Münze zu nehmen, die 104 jedoch bei näherer Betrachtung, und beſonders aber durch ihren Klang, ſich nur zu bald verrieth. Ja, am meiſten durch ihren Klang, das iſt, durch ihr Wort; denn Alles kann der Menſch erlernen, Alles kann er an ſich beherrſchen, das Meiſte erheucheln, nur das geiſtige Element nicht. An dem ver⸗ räth er ſich zuerſt; und wenn es ihm auch gelingt, auf Augenblicke durch erlernte Floskeln und Redens⸗ arten, durch aufgeſchnapptes, oberflächliches Wiſſen für reicher zu gelten, als er wirklich baar aufzuweiſen vermag, ſo ſchwindet doch in der kürzeſten Friſt der er⸗ borgte Schmuck, und die geſangarme, geſchwätzige, unſchöne Elſter hüpft in ihrer Erbärmlichkeit, Mücken fangend, an unſeren Blicken vorüber. So gerade war es bei Frau Hedwig. Als die beiden Juden eintraten, ſaß ſie in einer Fenſterniſche, und hatte, ob zufällig oder gefliſſentlich, den Rücken gegen den Eingang, mithin gegen die Kommenden gekehrt. Elieſer Eßman führte den Rabbi an ſeiner Rechten. Die Dame, als ſie den ehr⸗ erbiethigen Gruß vernahm, nickte mit dem Kopfe nach vornehmer Weiſe und liſpelte: Seid willkommen! aber nur ſo leiſe, als ob ſie ſich des erhaltenen Gru⸗ ßes ſchäme, denſelben jedoch erwidere, um nicht für roh zu gelten. — 105 Gnädige Frau! begann der Chacham, wir ſind zu Euch mit einer Bitte gekommen! Wie gewöhnlich,— verſetzte die Dame, ohne ſich umzuſehen— Ihr Juden kennt nur zwei Sachen: Bitten und Klagen! Ganz recht— verſetzte Eßman— übrigens können wir auch noch gehorchen, was Manchem fremd zu ſein ſcheint, der da befiehlt. Die Dame warf den Kopf ſtolz in den Nacken, und blickte etwas zurück, nicht etwa, um die Gekom⸗ menen anzuſchauen, das vermochte ſie nicht, außerdem ſie hätte ſich ganz umgewendet, ſondern nur, um die eigene Vornehmheit zu erkennen zu geben und die Israeliten zu demüthigen; wie wenig ſie aber Eß⸗ man's Rede verſtand, erhellt aus ihrer Antwort; ſie verſetzte: Der hier befiehlt, braucht nicht gehorchen zu kön⸗ nen; denn zu Beidem wird man geboren! In dieſen letzten Worten lag eine bittere Wahr⸗ heit, von der jedoch gerade ſie eine Ausnahme machte, weshalb ſie aber doch ſters die Redensart im Munde führte, um die Andern glauben zu machen, daß auch ihre Abſtammung eine vornehme ſei. Der Chacham verſetzte: — — ———————,— ————— 106 Für die Gegenwart beſtätiget ſich dieſer Aus⸗ ſpruch vollkommen; wer im Staube geboren wird, ringt ſich ſelten zum Sonnenlicht empor, außerdem er wird von einem Sturme aufgewirbelt, der ihn dann auch nur gewöhnlich ſo lange auf ſeinen Schwingen erhält, als er ſelber währt; oder man kriecht und rollt ſich wie ein ſtachliger Igel die ſteile Höhe hinan, und wenn man ſich auf derſelben nicht behaupten kann, ballt man ſich in eine Kugel zuſammen, kault ſich hinab und ſticht ſelbſt im Sturz' noch Alles auf, was Einem im Wege liegt. Selbſt der Rabbi konnte ſich nicht enthalten, den Einfall Eßman's zu belächeln; dadurch ſchien ſich die Dame ſeiner zu entſinnen; that, als überhöre ſie Eßman's letzte Worte, was gewöhnlich geſchah, wenn ſie etwas nicht verſtand, erhob ſich und fragte kurz: Was iſt alſo Euer Bitten? Ich wünſchte unſeren neu erwählten Rabbi dem gnädigen Herrn zu empfehlen; aber es herrſcht ein mißgünſtiger Stern über uns, denn er iſt der Näm⸗ liche, welcher die unſchuldige Urſache an dem Un⸗ glücke Eures Gemahls war. Frau Hedwig hatte den Anweſenden zwar ſchon früher das Antlitz zugekehrt, aber ſie hatte auch ihre Augenlieder geſenkt, um durch das plötz⸗ 107 liche Aufſchlagen derſelben, die Wirkung ihrer gro⸗ ßen, ſchwarzen Augen zu erhöhen; als daher von dem Rabbi die Rede war, hielt ſie es an der Zeit, den Vorhang herabzureißen, und ſie that es auch. Eliah und Hedwig ſahen ſich wechſelſeitig an, ſie zuckte zuſammen, er aber blieb feſt, unreg⸗ ſam ſtehen, und ſah unverwandten Auges auf ſie: wie der Löwe ſein Opfer in den Klauen, ſo be⸗ hielt es Rabbi Eliah im Blick. Frau Hed wigerblaßte, das heißt, ihr Schwarz⸗ braun umwandelte ſich in fahles Laubgelb, ihre Kohlenſterne ſenkten und hoben ſich, ſtreiften nach rechts und links, und fanden keine Ruheſtätte; es waren zwei Raben, ausgeſandt, um ein Ruheplätz⸗ chen zu ſuchen, weil die Fluthen Alles rings umher verſchwemmt hatten; aber die Waſſer waren auch hier erſt im Steigen, die Unglücksbothen mußten troſtlos zurückkehren. Die Dame preßte die Lippen zuſammen, ihr Körper zitterte, ſie wollte ſich Gewalt anthun; aber um ſich in ſolcher Lage zu faſſen und zu bezwin⸗ gen, muß ein geiſtiges Uebergewicht vorhanden ſein, und dieß fehlte hier ganz. Sie vermochte ihr Ge⸗ fühl nicht zu unterdrücken, ihr Weſen nicht zu be⸗ mänteln, ſie wußte ſich erkannt, und der Schreck ——.————˖— — —,——— ———————* 2—— 108 darüber raubte ihr jede Faſſung— mit dem Ausrufe: Harret hier! ſtürzte ſie in das Nebengemach. Die beiden Israeliten blieben allein. Der Cha⸗ cham ſah ihr erſtaunt nach, und der Rabbi ſtand bewegungslos da, vergangene Tage herauf beſchwörend, verronnene Bilder ordnend, und Perſonen vor ſein Auge ſtellend, an deren Daſein er längſt nicht mehr gedacht, und die ſeinem Gedächtniſſe ſchon längſt entſchwunden waren. Der Chacham war der Erſte, welcher zu ſich kam und das Geſpräch eröffnete: Sollte der Edelherr wirklich ſo arg verletzt wor⸗ den ſein, daß Euer Anblick auf ſeine Gemalin ſolch' einen mißgünſtigen Eindruck hervorbrachte? fragte er. Rabbi Eliah erwiderte: Mein Anblick hätte auf die Dame zu jeder andern Zeit die nämliche Wirkung geäußert. Eßman ſah ihn fragend an, und Jener fuhr fort: Ich und die Dame kennen uns ſchon lange her; es bleibt nur zu erwarten, ob ihr dieſe Bekannt⸗ ſchaft genehm ſein wird, oder nicht; ich kenne jedoch ihr Inneres nicht genau genug, um im Voraus zu beſtimmen, welchen Einfluß ſie auf meine Lage üben werde— 1089 Wenn Ihr hierüber in Zweifel ſeid— unter⸗ brach ihn der Chacham mit kläglichem Tone— ſo muß ich Euch im Vorhinein allen Troſt rauben; Frau Hedwig übt zwar auf ihren Gatten großen Ein⸗ fluß aus; aber ſie iſt eine Zulika und Judith in Einer Perſon. Ihr habt von ihr nichts Gutes zu erwarten. Der Chacham hatte kaum geendet, als ſich die Thüre öffnete, und die beiden Israeliten durch einen Diener abermals in ein ferneres Gemach beſchieden wurden; dort lag der Edle, Herr Hanns von Zech auf dem Lotterbettlein ausgeſtreckt. Es war im Gemache ganz hell, der Kranke, deſſen blaſſes, hageres Geſicht mit dem ſchwarzen Kopfhaare, Schnautz⸗ und Knebelbart kein angeneh⸗ mes Augenbild darbot, lag gerade dem Fenſter ge⸗ genüber, ſo daß das, ohnedieß bleiche Winterlicht gerade auf ihn fiel und ihn noch abſchreckender machte. Der gebrochene Arm, welcher in einer ſchwar⸗ zen Binde ruhte, lag außerhalb der Hirſchdecke, wel⸗ che über ſeinen Körper, mit Ausnahme des Kopfes, gebreitet war; er hatte ihn vermuthlich erſt hervorge⸗ zogen, um gleichſam dem Juden gleich beim Eintritte das Corpus delieti vor die Augen zu halten, und —— — „————— ——————— M———— ⸗.——— 110 ihm ſeine Schuld zu verſinnlichen; denn wer ſonſt, als der Jude, trug Schuld an dem Unglücke? O, der arme Edle Hanns von Zech!!— Außer dem Judenrichter und den beiden Schäf⸗ lein aus ſeiner Heerde, war Niemand mehr im Gemache. Der Chacham grüßte ehrerbiethig, Rabbi Eliah that desgleichen. Als er den Mann ſo leidend da liegen ſah, vergaß er wirklich die erlittene Unbill und Erniedrigung, und bedauerte ihn von ganzer Seele; wenn er ja auf irgend eine Weiſe an dieſem Unglücke, Schuld getragen hätte, würde er es gewiß bereuet haben; aber ſo ſprach ihn ſein eigen Bewußtſein frei von jedem Fehl, und er konnte nur Bedauern fühlen. Nach den Ehrenbezeugungen, die von dem Edel⸗ herrn mit ſtummem Kopfnicken erwidert wurden, begann Elieſer Eßman: Gnädiger Herr! ich bin hier an der Stelle un⸗ ſeres Gemeindevorſtehers, des ehrenwerthen Herrn Ephraim Steußen, der ſich, wie gewöhnlich, zu Wien befindet. Unſer Rabbi, Simon ben Mäir, mit dem der Friede Gottes ſei, hat das Zeit⸗ liche geſegnet, und wir ha ben uns dieſen Frommen, Tugendhaften, Gelehrten, Weiſen— durch beſondere Umſtände bewogen— zu Rabbi Simo n's Nachfol⸗ 11 1 ger erwählt. Die Wahl geſchah durch Stimmenein⸗ heit der Gemeinde; und im Namen Aller bitte ich, daß auch Ihr, als der herzogliche Stellvertreter und erſter Schutzherr der hieſigen Gemeinde, unſere Wahl durch Eueren Machtſpruch beſtätigen, und ihr dadurch gerichtliches Anſehen verleihen möget. Zum Staunen der Juden nickte der herzogliche Amtsherr, beifällig lächelnd. Ihr werdet am beſten wiſſen— entgegnete er— was Euch für Euer Seelen⸗ heil nützt und frommt; wählt, wie und wen Ihr wollt, ich bin's zufrieden. Und dem Rabbi die Rechte reichend, fuhrt er fort: Haltet die Gemeinde in Zucht und Sitte, das iſt Eueres Amtes; denn um das übrige Geplärre ſchert ſich ohnedieß keine recht⸗ ſchaffene Seele. Jetzt geht in's Himmels Namen! Im Vorgemache angelangt, ſprach der Chacham: Hättet Ihr Euch eines ſolchen Empfanges verſehen? Rabbi Eliah verſetzte: Ich traue dem Boden nicht, auf dem ich wandle; denn unter grünem Laubwerk ringelt ſich die giſtige Natter, unter Aſche broddelt der glühende Odem, und im Nu ſpaltet ſich oft die Erde, um unter den Füſſen des ahnungsloſen Wanderers den verderbenden Schlund zu öffnen. Traut, Chacham Elie ſer, der Windſtille auf dem Meere nicht; wohl dem, dem's gelingt, ſich vor dem Sturme in einen ſicheren Port zu retten! Als die Juden im vorletzten Gemache anlang⸗ ten, harrte Frau Hedwig alldort und ſprach zu Eliah: Ich habe Euch bei meinen Gemal einen freundlichen Empfang bereitet! Wir ſprechen bei Gelegenheit ein Näheres miteinander. Der Rabbi, ohne eine Miene zu verändern, ver⸗ neigte ſich und verließ an der Seite des Chachams das Gemach und das Haus. Eine Nacht. Gottes Geiſt weht mich an Hauch des Allmächtigen belebet mich. Mein Antlitz iſt wie Dein's vor Gott; Aus Leimen bin auch ich geformt, ſo wie Du! Buch„Hiob.“ Hapt Ihr ſchon gehört die Wunderſage von dem Tage und der Nacht? Ich will ſie Euch erzählen!— Als der erſte Menſch ſchon lange genug gelebt hatte, ſprach der allmächtige Schöpfer zu ſeinen Heerſcharen: Es iſt Zeit, daß wir Unſern Fluch an dem Adam ganz erfüllen, ſein Erdenwallen ſoll ein Ende nehmen. Wir wollen die Seele zurück for⸗ dern, damit ſie hinkehre, woher ſie gekommen. Adam ſoll ſterben! Aber wann ſollen Wir den Todesengel über ihn ſenden: am Tage oder in der Nacht? Keiner der ewigen Geiſter, welche den Thron Schadai's umſtanden, wagte es, die Frage des Ewigen entſcheidend zu beantworten, bis er ſelber fortfuhr und alſo redete: 10 114 Wohlan, holt uns den Tag und die Nacht her; wir wollen ſie ſelbſt befragen!— Und ein Engel mit mächtigen Schwingen rauſchte durch die Lüfte, und wie er zurückkehrte, ſtanden vor Schadai's feurigem Throne zur Rechten der Dag, zur Linken die Nacht. Der Allmächtige ſprach weiter: Das Erſte der Erdenkinder, die Wir nach Unſerem Willen geſchaffen, ſoll ſterben; willſt du, Tag, es haben, daß er während Deiner Herrſchaft vergehe* Dieſer entgegnete: Nein! Warum? fragte der Herr weiter. Weil der Menſch— ſo verſetzte der Tag— während meiner Herrſchaft gearbeitet hat, weil er mir mit Sehnſucht entgegengeblickt, um an ſein Werk gehen zu können; weil er einen Theil ſeiner Erden⸗ ſchuld da geſühnt hat: denn am Tage hat er geopfert, am Tage hat er Dich angebetet, am Tage ſcheute er ſich, Sünden zu begehen, der Tag umfaßte ſein Thun und ſein Leben. Ich müßte mein Licht verhüllen, daß ich ſein Scheiden nicht ſähe! Hierauf wandte ſich der Herr zur Linken und ſprach: Willſt Du, Nacht, daß der Menſch während Deiner Herrſchaft ſterbe? Die Finſtere antwortete: Ja! 115 Warum? fragte der Ewige wieder. Weil der Menſch, antwortete dieſe, die Zeit mei⸗ ner Herrſchaft in träger Ruhe hingebracht; er ſehnte ſich zwar auch nach mir, aber nur um zu ſchlafen, oder ungeſcheut ſündigen zu können. So wie mich der Menſch, ſo will ich auch ihn ohne Thränen ſcheiden ſehen! Der Herr ſchüttelte mißbilligend das ewige Haupt und ſprach: Du, Nacht, biſt des Menſchen Feind, Wir wollen Dir nicht die Freude gönnen, daß Du ihn ſterben ſeheſt; Du, Dag, biſt aber ſein Freund, Dir mögen wir wieder nicht den Schmerz anthun, d'rum ſei des Menſchen Sterbezeit unbeſtimmt: bald am Tage, bald in der Nacht ereile ihn der Tod, er möge zu jeder Stunde auf ihn gefaßt ſein! Nach dieſen Worten wollten ſich der Dag und die Nacht entfernen, allein der Ewige begann wie⸗ der: Weil Du, Nacht, aber aus Mißgunſt, Eigen⸗ liebe und Eitelkeit Unſeres Erdenlieblinges Feindin geworden, ſo wollen Wir, damit Du ihm nicht ſo viel ſchaden könneſt, Deine Herrſchaftszeit kürzen, und erſchaffen zwei Mittler zwiſchen Dir und dem Tage. So oft der Tag die Erde verläßt, ſoll der Abend ſie beherrſchen, in deſſen Fußſtapfen magſt erſt Du treten, und noch bevor der lichte Tag wiederkehrt, ſoll —————— ———— — ————————— 2 ———————— 6=——— —— 116 die Morgendämmerung Dich ſchon verſcheucht haben, ſomit Deine Herrſchaft gemindert und gekürzt iſt! So ſtraf ich Alle, die Feinde meines Ebenbildes, des Menſchen, ſind, auch ihn ſelbſt, wenn er ſein eigner Feind!!— Die Nacht verhüllte ihr Antlitz und ſchied weinend; der Tag, den Herrn preiſend flog auf die Erde, und ſo iſt es geblieben bis auf unſere Zeit! Meine Wunderſage iſt zu Ende. Die Nacht iſt alſo des Menſchen Feind, und darum ſollt Ihr nie loben die Nacht, ſondern immer nur den Abend, Ihr ſollt nie rufen: Das iſt eine ſchöne Nacht, das iſt eine herrliche Nacht! ſondern Ihr ſollt immer ſagen: Das iſt ein ſchöner Abend, das iſt ein herrlicher Abend! Ich war noch ein Kind, und mein Großmütterchen hat mir dieſe Lehre gegeben, und wahrhaftig, ich habe ſie befolgt,— ich habe nie die Nacht gelobt, bevor es Abend geworden!!! Und die Nacht hatte wieder ihre Herrſchaft an⸗ getreten, ihre Finſterniß lag über die Erde ausgegoſſen, wie ein großes, weites Meer, deſſen Strömungen vor dem Hauche Gottes ſich thürmen, deſſen Fluthen das All erfüllen. Und ſo wie dieſes, bringt auch jene ei⸗ ne Unzahl Gefahren, und ſo wie jene, iſt auch dieſes des Menſchen Feind. Wahre Dich vor den Klippen 117 und Untiefen, wahret Euch vor dem Grimme feind⸗ licher Elemente, wahret Euch vor den böſen Geiſtern allen, die in der Finſterniß entfeſſelt einher rauſchen. Wie ſie ſo wunderlieblich da liegt, die Nacht; ſelbſt in der unfreundlichſten Jahreszeit buhlt ſie mit ihrem heimlichen Blick, ſo wie eine lüſterne Frau, die ſchon alt und kalt geworden, die ſich aber dennoch ſchmückt und putzt, um den letzten Reſt ihrer Reize zu heben. O, ſie weiß ſich köſtlich zu ſchmücken, die Nacht⸗ frau; vor Allem nimmt ſie ein ſtilles und ſittſames Weſen an, legt das Antlitz in freundliche Falten, erweckt durch ihren träumeriſchen Blick ſüßes Sehnen und blendet das Auge durch ihr Sternendiadem, vom Mondlicht umfloſſen. So war die Nacht, in welcher Rabbi Eliah in ſeinem Gemache ſaß. Eine Lampe brannte auf dem Tiſche, Bücher lagen auf demſelben, große mäch⸗ tige Scripturen, enthaltend die Miſchna, die Ge⸗ marra und die myſtiſche, geheimnißvolle Kabbalah. Ihm zur Seite, in einem Lehnſtuhle ſaß Aſcher, ſein Knecht, deſſen Augen unverwandt auf den Ge⸗ biether gerichtet waren. Wer die Zwei ſo angeſehen, hätte im erſten Augenblicke vermuthet: in Aſcher einen Kranken zu 118 finden, der den Geſundheitsvorſchriften ſeines Arztes, des Rabbi, ein willig Ohr ſchenke. Der gelehrte Kabbaliſt las anhaltend in einem Buche, dann wandte er ſich zu ſeinem Knechte und ſprach: Aſcher, ſieh' mich an und reich' mir Dei⸗ ne Hand. Der Knecht that es. Was empfindeſt Du, wenn ich Dich faſſe?— Wärme! Was fühlſt Du, wenn ich Dich drücke?— Schmerz. Würdeſt Du lieber ſtehen als ſitzen?— Ich ſitze lieber! Wo ſitzeſt Du lieber, in dem gepolſterten Lehn⸗ ſtuhl, oder auf der harten Bank?— Hier in dieſem Lehnſtuhl, Rabbi! Möchteſt Du in dieſem Augenblick eine Speiſe genießen?— Nein, Rabbi! Haſt Du Durſt?— Auch nicht! Ich löſche jetzt die Lampe aus— ſiehſt Du etwas? Gar nichts. Und jetzt?— 115 Jetzt ſeh' ich wieder Alles! Haſt Du heute ſchon Etwas genoſſen?— Ja! Und geſtern?— Aſcher glotzte ihn jetzt an und fragte: Ge⸗ ſtern? Was iſt geſtern? Eliah wurde mißmuthig, wie ein Meiſter, der ſein Werk beinahe ganz vollendet glaubt, und ſchon öfter einen und denſelben Fehler vergebens verbeſſerte. Er ſprach: Entſinne Dich nur, Aſcher! was war das Erſte, was Du heute Früh thateſt? Heute Früh ſtandeſt Du an meiner Seite! Nun ſiehſt Du, das weißt Du recht gut; was war aber vor dem? Vor dem? Ich—ich weiß nichts! Biſt Du nicht im Stande, Dich zu entſinnen, daß Du ſchon öfter ſo aufgewacht ſeieſt, daß ich ſchon öfter an Deiner Seite geſtanden habe? Nein— ich weiß nichts! Der Rabbi ſeufzte, ſtützte das Haupt auf die Linke, ſah ſinnend, faſt träumeriſch in die bläulich rothe Lampenflamme und ſprach leiſe, kaum ſo laut, daß er es ſelbſt hören konnte, mehr in Gedanken, faſt ohne die Lippen zu bewegen: 120 Und all' mein Sinnen, all' mein Mühen iſt eitel! Ich habe die Form belebt, ich habe die Glie⸗ der beweglich, die Zunge ſprachfähig und das Auge ſehend gemacht; der Körper iſt für Alles empfänglich geworden: für Hunger, Durſt, Müdigkeit; aber Eines— Eines will mir nicht gelingen! Und ſo lange dieſes Eine fehlt, ſo lange iſt mein Werk ein ſtümperhaftes, ſo lange will ich mich nicht zufrie⸗ den geben!— O Du göttliche Wiſſenſchaft, heilige Kabbalah, lehre mich dem Weſen auch den Geiſt einhauchen; denn Leben ohne Geiſt iſt nichts; iſt ein bloßes Maſchinenwerk, das ſich nach Ge⸗ ſetzen regt und bewegt, und wenn die Räder ab⸗ gelaufen, ſtehen bleibt. Ja, Geiſt, Seelenem⸗ pfindung, das ſind die beiden Geheimniſſe, die zu erforſchen ſind, das ſind die Schlußſteine, die mei⸗ nem Geſchöpfe fehlen, und ohne die es nur ein un⸗ vollkommenes iſt. Freilich gibt es noch Menſchen, die noch mehr von der Natur verwahrlost ſind, die krüppelhaft im Körper, deren Zunge eben ſo ſchwer, wie jene Aſcher's iſt, die auch nur am Körper empfinden, und zu denken unfähig ſind, da ſie, ſelbſt vom früheren Augenblick nichts zu ſagen wiſſen; aber jene Geſchöpfe ſind ſelten, ſind Auswürfe der ſchaffenden 121 Meiſterhand, und dieſes Weſen ſoll den Beſſern gleich ſein; jene Geſchöpfe leben fort, Tag für Tag, Nacht für Nacht, bis an ihr Ende, und dieſer hier darf keine Mitternachtsſtunde ſchlagen hören, muß todt ſein in derſelben, ſonſt, ſo lehrt die heilige Kunſt, ſonſt faſſen die Schedim, die böſen Geiſter, Sitz in ſeinem Leibe, und er bringt Unheil und Verderben über die, in deren Mitte er wandelt! All' mein Forſchen, all' mein Verſuchen iſt, um dieß abzuwenden, bis jetzt erfolglos geblieben; bis hie⸗ her, und nicht weiter, vermocht' ich zu dringen, mir iſt gelungen, was Tauſende für unmöglich hielten, und doch genügt mir mein eigen Werk nicht. Immer mehr und mehr bildet ſich der Menſch heran, ſo war's von jeher, und immer mehr und mehr will auch ich mein Geſchöpf vervollkommnen; ich will, daß es ganz dem Menſchen gleich werde, ich will, daß es Tag und Nacht fortlebe, und gelänge mir dieß— ich hätte ein unſterblich Weſen geſchaffen! Dieſer Gedanke trieb das Blut in Rabbi El Wangen, die Stirne röthete ſich wie vom Wider⸗ ſchein derſelben, das Auge glänzte wie verklärt, er ſprang auf vom Sitze, hob die Hände gefaltet gegen Himmel und rief: Gott! mein Gott! die Eröff⸗ nung Deines Mundes verbreitet Licht, gibt Vernunft Die Sendung des Rabbi I. 11 122 dem Einfältigen; o erleuchte mich, denn was ich will und thue, ſoll zur Verherrlichung Deines Namens geſchehen; ein Mann aus Deinem Volke, durchgeiſtert von den tiefen Geheimniſſen Deiner Prieſter und Weiſen, von ihren Lehren und Forſchun⸗ gen, ſo will ich da ſtehen und zeigen, daß ich ver⸗ mochte, einen todten Klumpen zu beleben, zum Menſchen zu bilden; nicht mein Stolz, ſondern Deine Größe ſoll gehoben, Dein Name ſoll durch mich verherrlichet werden; fie ſollen unſere Lehre keine eitle ſchelten, ſie ſollen die Tiefen jenes Geiſtes be⸗ wundern, der zuſammengeſchichtet liegt in den heili⸗ gen Büchern, und ſollen ſehen, daß es nur des Forſchers Blick bedurfte, um ihn dem Menſchen⸗ ſinne zuzueignen!— Der Rabbi ſchwieg, ſeine Hände ſanken in den Schooß, ſein Blick ruhte auf Aſcher's Antlitz, der mit ſeinen großen Augen bald die Lampe, bald die Bücher anſah, die auf dem Tiſche umher lagen, ungefähr wie ein blöder Menſch, der einen Gegenſtand ſeelen⸗ und theilnahmslos anglotzt. Grabesſtille herrſchte in der Stube, da ſchlug die Glocke von einem der nächſten Thürme die eilfte Nachtſtunde; Rabbi Eliah ſprang empor, und herrſchte dem Andern mit gebietheriſcher Stimme zu? Oeffne Deinen Mund, Aſcher! 123 Der Knecht gehorchte. Darauf hob ihm der Kabbaliſt die Zunge, und zog unter derſelben ein Pergamentblättchen hervor. Aſcher ſchloß Augen und Mund, die Hände fielen in den Schooß, der Leib, von der eigenen Schwere gezogen, ſank zurück in die Lehne des Stuhls, Alles, was ſonſt Leben verrieth, ſchwand, eine an⸗ gekleidete Thongeſtalt lag da, ohne jenen ſchauerlichen Eindruck nur ahnen zu laſſen, der den Menſchen beim Anblicke einer Leiche erfaßt. Der Kabbaliſt ließ ſich nieder, ſah mit einem mitlei⸗ digen Lächeln auf die lebloſe Menſchengeſtalt und ſprach: Hier ruht mein Werk— der belebende Geiſt iſt verſchwunden, der todte Stoff liegt da, wie eine Leiche, welcher die Seele entfloh. Was iſt es jedoch, was dieſen Körper, wenn er lebt, durchfluthet?— Ich habe es herabbeſchworen, und weiß es nicht! Ein Geiſt, wie er mich, wie er jeden ſtaubgeſchaffe⸗ nen Körper belebt? Nein! wär' es ſo, es könnte dem Geſchöpfe die vorzüglichſte Eigenheit des Menſchen nicht fehlen. Die Seele des Menſchen wandert— ſo lehren unſere Weiſen— wenn ſie einen Körper ver⸗ läßt, in einen andern über, belebet jetzt Menſch, dann Thier, und ſchmiegt ſich jederzeit ihrer Mate⸗ rie mit Innigkeit an; ſollte durch dieſen Gilgul auch 113 eine Seele ohne Geiſt herabbeſchworen, dieß Geſchöpf beleben? Wo bleibt der Inſtinkt, der ſonſt jedes vernunftloſe Thier belebt? Der Menſch beſteht aus drei Theilen: aus dem Körper, der Seele und dem Geiſte! Das Thier hat nur Körper und Seele zu eigen! Allein ſelbſt dem Thiere muß mein Geſchöpf nachſtehen: zum Menſchen fehlt ihm Geiſt und Seele, zum Thiere nur die Seele; was iſt es alſo, was ihn bewegt, was ihn hören, ſehen und ſprechen macht, was ihn belebt?— Ich mag ſin⸗ nen, mag forſchen, mein Geiſt erklügelt es nicht, und ſelbſt in dieſen Lehren und Schriften, welche den Schlüſſel zu den göttlichen Geheimniſſen bergen, in deren tiefſte Falten nur Schadai's Lieblinge einzu⸗ dringen vermögen, finde ich keinen Aufſchluß über meine Zweifel. Ja, der Menſch bleibt immer ein ſchwaches Er⸗ dengeſchöpf, und was ſein Geiſt auch erſinnt und erforſcht, es verſchwindet Alles vor der Allmacht Gottes, ſo wie ein Atom zerfließt im unendlichen All. O Eitelkeit der Eitelkeiten! ruft der königliche Sitten⸗ prediger: Geſchlechter gehen unter, Geſchlechter ſte⸗ hen auf, und die Erde, das Plätzchen, welches ſie bewohnten, bleibt immerwährend; die Sonne geht unter, die Sonne geht auf, immer ihrem Ziele zu, und ſtets ihre Strahlen ſendend; gleichen Kreislauf durchrauſcht der Wind, eben ſo ſtrömen die Flüſſe in's Weltmeer, Alles iſt in Thätigkeit— nur der Menſch wird des Anſchauens nie ſatt, bekömmt des Lauſchens nie genug, und doch war dieß ſchon, was jetzt iſt, und wird wieder geſchehen; nichts iſt neu unter der Sonne— aber man denkt der Vergangenheit nicht, ſo wie das Andenken der Künftigen, auch bei denen verloſchen ſein wird, die ihnen einſt folgen. Auch ich weih'te mein Herz dem Forſchen, wollte mit Weis⸗ heit erſpähen, was ſich unter dem Himmel begibt; unſeliger Trieb, den der Himmel in die Menſchen⸗ bruſt gepflanzt! Ich ſuchte und fand: Alles ſei eitel, Alles ſei luftiger Gedanke; die Fehler ſind nicht zu verbeſſern, die Mängel nicht zu ergänzen. Der Rabbi hielt inne, dann fuhr er wieder fort: Ja, die Fehler ſind nicht zu verbeſſern, die Mängel nicht zu ergänzen; aber jedes Weſen hat ſeine Vorher⸗ beſtimmung unter dem Himmel, Alles hat ſeine Zeit! Geboren werden hat ſeine Zeit, ſterben hat ſeine Zeit, ſäen und ernten, tödten und heilen, aufbauen und niederreißen, weinen und lachen, trauern und jauch⸗ zen— Alles, Alles hat ſeine Zeit! Auch ich will har⸗ ren der Zeit, will nicht aufhören zu forſchen, bis ich an's Ziel der Vollendung gelangt. ——————— ——————————— 126 Meine Jugendjahre ſind verronnen unter ſolcher nie unterbrochener Geiſtesthätigkeit, und noch bin ich am Ziele nicht angelangt, und ſchon nahen ſich mir jene Jahre, von denen man ſagt: Ich mag ſie nicht! Ja, ich will gedenken des Schöpfers, ehe ſich meinen Blicken Sonne, Licht und Sterne verdunkeln, und ehe ſich die Wolken zum Gewitter thürmen— ich will verzichten auf Alles, was mir dieß Leben zu bie⸗ then vermag. Auf Alles?— Und Mirjam?— Hat ſie mir nicht entgegengeleuchtet, wie der Stern, der un⸗ ſerem Urahn nach dem Kampfe mit dem Engel vor⸗ angeſchwebt; lächelte ſie mich nicht an, wie die Lilie Saron's, wie die Roſe im Blumenthal? ſteht ſie nicht da unter den übrigen Frauen, wie die himm⸗ liſche Blume unter Dornen? Ja, Du ſollſt die Meine werden, Du ſollſt mir öffnen das Pförtchen Deines Herzens, und wie aus klarer Quelle, ſo ſoll aus demſelben mein Bild widerſtrahlen. O jetzt erſt fühle ich die ſüßen Worte des ſchön⸗ ſten aller Lieder; was mich früher kaum berührt, dringt mir jetzt doppelt tief in die Seele: Wach' auf, meine Schäferin! komm', meine Schöne, ſieh', der Winter iſt vorüber, der Regen iſt fort und dahin. 127 Schon zeigen ſich Blumen auf dem Gefilde, ſchon iſt die Zeit der Lieder nah', man lauſcht der Stimme der Turteltaube auf der Flur; der Feigenbaum würzt ſeine Frucht, und Wohlgerüche ſpendet der blühende Weinſtock. Auf, meine Schäferin! komm' hinaus, meine Schöne, dort an der geklüfteten Felswand, in den Schluchten der Steige laß mich Dein Antlitz ſchauen, laß mich horchen Deiner Stimme, ſie iſt ſüß, ſo wie Dein Antlitz hold iſt! Der Rabbi hatte dieſe Worte mit einer Weihe geſprochen, die ſie faſt zum Gebete ſtempelte, und doch verrieth der Strahl ſeines Auges, die Glut ſei⸗ ner Empfindung, die Innigkeit ſeiner Stimme, daß Mirjam's Bild vor ſeinem Geiſte ſchwebe, daß ihre Reize ſein Blut aufgewirbelt, welches nun um ſo heftiger ſprudelte, da der Kabbaliſt bisher noch reine Liebe empfunden, und jetzt zum erſten Male, vom Pfeil der zauberiſchen Leidenſchaft verwundet, ſchmachtete. Ja, ja, die Nacht iſt des Menſchen Feind, ihre tückiſche Stille gönnt auch allen Leidenſchaften freien Spielraum; ob gut oder böſe, ſie entfeſſelt ſie und gibt uns ihrer Willkür preis; darum ſollt ihr nie loben die Nacht, ſondern nur immer den Abend, 128 ihr ſollt nie heraufbeſchwören die Nacht in Euren Häuſern, ſollt fliehen das Dunkel und ſuchen das Licht; ihr ſollt nie Nacht werden laſſen in Eurem Gemüthe, ſondern ſorgt dafür, daß immer Tag bleibe. Wehe uns, wenn es Nacht um uns und in uns wird! Der Kabbaliſt verſank in Schlaf, die Lampe erloſch. Das Purimfeſt. Mordechaj ſchrieb alle dieſe Umſtände nie⸗ der, ſchickte in den ſämmtlichen Landen des Königs Briefe an die Juden, damit ſie auf ſich nehmen, den vierzehnten Tag des Mo⸗ nats Adar zu feiern, Jahr für Jahr, als den Tag, an dem ſie von ihren Feinden Ruhe erlangten, und den Monat, in wel⸗ chem ſich ihr Kummer in Freude, die Trauer in Feſtlichkeit verwandelte; ſie zu vollbringen als Tage des Wohllebens und der Freude, der wechſelſeitigen Schenkungen und des Al⸗ moſengebens. Megilath Eſther. Fachet und jubelt, freut Euch von ganzer Seele, mit ganzem Herzen. Wenig ſind die Tage der Freude, unzählig jene des Kummers und der Bedrängniſſe; darum ſingt und frohlockt, laßt er⸗ tönen luſtige Weiſen, laßt rauſchendes Vergnügen einzie⸗ hen in Euere Mitte, preiſet den Herrn am Morgen, am Mittag, am Abend und Mitternacht, in Worten und in Gedanken; ſingt, tanzt, jubelt und freut Euch aus ganzer Seele, denn dieſen Tag hat der Herr gemacht, —— — —————————— ⸗.—— ——————— 130 an demſelben hat die Unſchuld triumphirt, und die Bosheit iſt unterlegen: Eſther, die Königliche hat über Haman, den Böſewicht, den Sieg davon getragen. Ich habe oft nachgedacht über die Feſte der Juden, und gefunden, daß einem jeden derſelben eine wahrhaft erhebende, ergreifende Veranlaſſung zu Grunde liegt; ein Gedanke, der jeden Fühlenden zur Andacht beflügeln muß, eine Anregung, die jedes Herz mitreißt. Selbſt von dem unbedeutenderen Pur⸗ imfeſte kann ich meinen Ausſpruch behaupten. Die Gefahr galt ja damals nur den Juden Eines Lan⸗ des, ſo werden Viele denken; allein gerade darin liegt meines Erachtens die ſchöne Grundidee, daß Alle ſich freuen, wenn der eine Theil gerettet wird; das iſt die innige Verbrüderung, das iſt der ſchöne Ein⸗ klang eines Volkes. Ich frage: Wenn man damals ei⸗ nem armen Juden den Glauben an ſeinen Gott, und die Theilnahme ſeiner Glaubensgenoſſen geraubt hätte, was wäre ihm geblieben? Nichts, gar nichts! Von der übrigen Welt hatte er nichts zu hoffen, ſelbſt das nicht, worauf der Verworfenſte der Anderen Anſpruch hatte— Gerechtigkeit!— Und doch, wenn ich die ganze Entſtehung dieſes Purimfeſtes wohl überdenke, ſo greift ein bitteres Gefühl in meinem Herzen Platz— was müſſen das 131 für Zeiten geweſen ſein, wenn jener Tag ſogar zum Feſttag wurde, an dem der Unſchuld der Juden Gerechtigkeit widerfuhr? Doch, fort mit dieſen bitteren Erinnerungen ei⸗ ner finſteren Vorzeit, zurück zu unſerem Gemälde, zum Purimfeſt der Neuſtädter Judenſchaft; es iſt ein froher Tag, ein freudiger Abend, mögen ſie ſich ganz dem Jubel eines entzückten Herzens überlaſſen; die Armen! ſie wußten ja nicht, welche Verheerung aus dem Schachte der Zukunft hervorbrechen ſollte. Welch' ein freudiges Gewimmel iſt dieß in den wenigen Gaſſen und Zeilen des Judenviertels? Der Gottesdienſt in der Schule iſt ſchon lang vorüber, ja, es nah't ſogar ſchon die Mittagszeit heran, aber noch immer machen die Gruppen von Groß und Klein keine Miene, ſich in die Häuſer zu verfügen, noch im⸗ mer ſieht man Knaben, Jünglinge und Mädchen mit verdeckten Gefäßen über die Straßen eilen, denn Bekannte, Freunde und Blutsverwandte pflegen ſich da wechſelſeitig zu beſchenken; Orangen, Zitronen, köſtlicher Wein, ſüßes Backwerk, oder im geringſten Falle Mandeln, Roſinen und Zibeben werden em⸗ pfangen, und von manchen knauſerigen Familienvä⸗ tern gleich wieder zum Gegengeſchenk weiter geſchickt; ſo mag es oft gekommen ſein, daß Einer am Mit⸗ —— ——.——— —————.—————— ⸗ ———— wählen, und das Alles mußte geheim geſchehen, da⸗ 132 tage durch die dritte, vierte Hand zurück erhielt, was er am Morgen fortgeſendet; aber das beirrte Nie⸗ manden, man lächelte höchſtens darüber, und ver⸗ theilte es zuletzt an die Kinder. Aber auch an die Armuth wird nicht vergeſſen; nicht ſelten liegt eine werthvolle Münze am Boden der Silberſchale. Ja, ſogar ins Armenkrankenhaus, un⸗ weit der Schule, ſah man Dienſtleute mit Speiſe und Getränk eilen; denn kein Feſt feiert der Jude, an dem er nicht auch der leidenden Armuth gedächte. Und als erſt das Mittagmal vorüber, und der Nachmittag da war, da hätte man nur das Geheim⸗ thun, das Liſpeln und Wiſpeln ſehen ſollen. Am Abend ſtand nämlich jedes Haus gaſtlich geöffnet, und wen es nur freute, der zog vermummt und verluppt, allein oder in Geſellſchaft umher, von Haus zu Haus, von Familie zu Familie, ja, es gab ſogar Gruppen und Masken, die, wo es ihnen gerade be⸗ liebte, ein ganzes Faſtnachtsſpiel zur Aufführung brachten, als da war: Wie Abraham ſeinen Erſtge⸗ bornen opfern will! oder: wie die Brüder den Joſef verkaufen, oder: wie der David den Goliath tödtet, und mehr dergleichen altteſtamentariſche Scenen. Da gab es nun zu fragen, zu berathen, zu — — 133 mit die Eltern nichts wiſſen, damit man nicht im Voraus verrathen werde, damit es noch am an⸗ dern Tage heiße: Aber wer war denn der hübſche Pilger, der geſtern herumzog, oder das ſchöne Gärt⸗ nermädchen, welches ſich nirgend entlarven wollte?— Und dann, wo wären da die Neckereien geblieben, mit denen man von den nicht erkannten Masken ge⸗ quält wurde, wo die Unterhaltung, die man daran fand, aus einzelnen Kennzeichen die Perſonen zu errathen, wo all' die köſtlichen Verwechslungen, die oft zwiſchen beiderlei Geſchlechtern ſtatt fanden?— Man muß ſo Etwas mit erlebt haben, um es ganz fühlen zu können!— Was ſind unſere kalten, vernünftigen, herz⸗ und ſeelenloſen Soireen, gegen das Heimliche, Ungezwungene eines ſolchen Familien⸗ kreiſes! Wir freuen uns jetzt nur von Außen, das Innere bleibt leer und traurig, wir freuen uns jetzt mit Ceremonie, mit Anſtand; wir möchten gerne herzlich thun, aber wir fürchten uns; wir haben keine Ruhe, um fröhlich zu ſein, wir ſind zu ſehr der Einheit des Ortes und der Zeit entrückt! Und in den Häuſern der Angeſeheneren, wie z. B. in jenem des Naphtali Eiſak, wie es erſt da umging in den Gemächern, der Küche, den Kammern; klapp, klapp, Thüre auf, Thüre zu; auf ————— ⸗——— ——— 134 dem Herd praſſelt eine mächtige Flamme, Töpfe und Keſſel umſtehen dieſelbe; wie einzelne Vorpo⸗ ſten lagern im weiteren Umkreiſe feſt geſchloſſene Kaſſerole, oben und unten von friſcher Gluth um⸗ rungen, dann das kleinere Backöfchen, beſtimmt zur Aufnahme der zarteren Werke, auch in demſelben brennt es lichterloh, ſo wie in einer niedlichen Hölle, wie ſie etwa für ſchöne Sünderinnen angemeſſen wäre; bei dem Allen das Klopfen, Hacken, Stoßen, Schneiden, Schmorren, Praſſeln, Schöpfen am Pumpbrunnen, das Hin⸗ und Herrennen, das Be⸗ fehlen, Schaffen, Zanken, Schelten, und dann die wahrhaft aromatiſche, würzige, duftige Athmosphäre, wie ſie ſich durch alle Räume des Hauſes verbreitet, und ſogar bis auf die Straße hinausſtrömt, ja— ich wiederhole wieder, man muß ſo Etwas geſehen, ge⸗ hört und gerochen haben, um ſchon durch die Erinne⸗ rung daran, entzückt zu ſein! Und wenn überdieß noch in einem ſolchen Hauſe, zu einer ſolchen Zeit, zwei weibliche Weſen, wie Muhme Mirjam und Nichtchen Jedida, das Scepter führen, wenn ſie, zwar nur angethan mit den ein⸗ fachſten Hausgewändern, aber doch lieblich und rei⸗ zend, umherſchalten, ſelbſt Hand anlegen, hier befehlen, dort rathen, drüben helfen; wenn ſie mit anmuthi⸗ 135 ger Geſchäftigkeit ſchattenleicht durch Küche, Gang und Kammer huſchen, und im nächſten Augenblicke, wie etwa ein kundiger Feldherr, plötzlich wieder auf einem Punkte erſcheinen, wo man ſie gar nicht zu finden vermuthet, wenn, mit einem Worte, das ganze gemüthliche Bild durch zwei ſo anmuthige Haupt⸗ figuren belebt wird, dann bleibt wahrlich für keinen der menſchlichen Sinne mehr etwas zu wünſchen übrig. In der geräumigen Hinterſtube, welche zur ei⸗ gentlichen Werkſtätte aller dieſer Vorbereitungen diente, finden wir die junge Witwe. Sie lehnte etwas erſchöpft in einem großarmi— gen Polſterſtuhl, die Wangen waren theils von der Hitze in der Küche, theils von der heftigen Bewe⸗ gung geröthet, und wer zu dieſer unfreundlichen Winterszeit zwei der ſchönſten, anmuthigſten Roſen geſucht hätte, würde ſie auf den Sammetwangen Mirjam's gefunden haben. Jedida trat ein; eine getreue Copie ihrer Muhme, aber wo möglich noch friſcher, noch duf⸗ tiger; nicht ſo entfaltet, mehr jungfräulich ver⸗ ſchloſſener, aber eben deßwegen um ſo reizender, um ſo wonniger; hinter dem Schleier laſſen ſich tauſend Vollkommenheiten ahnen, die durch die Ent⸗ hüllung nur verlieren; es iſt einmal eine Eigenheit 136 der menſchlichen Seele, daß ſie ſich ſtets dort mehr angezogen fühlt, wo ihr noch zu rathen, zu erklä⸗ ren und zu wünſchen übrig bleibt; darum dieſe Hinneigung zu Räthſeln, zum Myſtiſchen, zu Sa⸗ gen und Mährchen. Jedida ließ ſich an der Seite ihrer Muhme nieder. Auch Du ſchon erſchöpft, liebes Kind? lächelte Mirjam, wie kommt dieß? Ein ſo junges Mädchen— Ei, ſieh' da— wurde ſie von der Anderen un⸗ terbrochen— die ehrwürdige Witfrau, wie ſie alt thut, als ob der liebe Himmel ihr über Nacht drei Dutzend Jährchen mehr aufgebürdet hätte! um wie viele Purimfeſte zählſt Du mehr in Deinem Leben? oder meinſt Du vielleicht, daß das Goldhäubchen Dich um ſo älter mache? Warte, liebes Mühmchen, ich will Dir den metallenen Spiegel holen, er wird Dich von dem Gegentheile belehren. Erſpare Dir die Mühe, liebes Kind— erwiderte Mirjam ſchalkhaft— wir Frauen verſäumen es eben ſo wenig, als ihr, Mädchen, uns den unnachſichtlichen Wahrheitsfreund vor Augen zu halten, und erſt un⸗ längſt hat er mir geſtanden, daß ich Dir noch ge⸗ fährlich werden könnte! 137 Mir? fragte Jedida erſtaunt, und ließ den verwunderten Blick auf dem lächelnden Antlitze der Muhme ruhen. Ei, Du Eitle! als ob Niemand im Stande wäre, Dein Bild in Jo ſe's Herzen zu verdunkeln, oder gar zu verwiſchen? Die Jungfrau brach in fröhliches Gelächter aus. Iſt's ſo gemeint?— rief ſie kichernd— dann proſt die Mahlzeit, dann will ich die Erſte ſein, welche Dir„Glück auf!“ zurufen wird; aber glaube ja nicht, daß ich dann dieſe Zurückſetzung ſo gleich⸗ gültig mit hinnehmen werde; o ich kann auch bos⸗ haft werden, bei meinem jungen Leben! ich will dann Gleiches mit Gleichem vergelten!— Obwohl die ſcherzhafte Drohung unter einem neckiſchen Lachen geſprochen wurde, ſo kam jetzt doch die Reihe, ſich zu verwundern, oder mindeſtens ſich ſo zu ſtellen, an Mirjam; aber die Andere ließ ihr keine Friſt, das erheuchelte Gefühl durch Worte auszudrücken, und fuhr in ihrer früheren Weiſe fort: Ja, ja, ſieh mich nur an, wirſt Du Joſe's Braut, was Du ſehr leicht thun kannſt, da Du unabhängig und wohlhabend genug biſt, Euer Glück zu gründen, ſo kannſt Du verſichert ſein, daß ich, trotz des bereits einmal ausgeſprochenen Wider⸗ 12 138 willens, dennoch ſchon in acht Tagen Rabbi Eliah's Frau werde!— Mirjam erröthete; der Scherz war faſt zu weit getrieben. Sie hatte es vielleicht in der Abſicht, das Geſpräch durch ihre ſcherzhafte Drohung auf die⸗ ſen Gegenſtand zu lenken, aber der Muthwille Je⸗ did a's verletzte ſie; wie hätte ſie nur ahnen kön⸗ nen, daß das, was ſie ſich kaum ſelbſt zu geſte⸗ hen wagte, von der Andern ſchon erkannt und be⸗ reits als untrügliche Wahrheit angenommen ſey?— Doch, einmal begonnen— wollte ſie ſich nicht für völlig beſiegt erklären, und das zarte Gefühl eingeſtehen— ſo mußte ſie das Scheingefecht fortſetzen, um ſolcher Weiſe den Glauben der Jungfrau, wenn auch nicht gänzlich zu vertilgen, ſo mindeſtens heftig zu erſchüttern; ſie verſetzte daher mit erzwungener Gleichgültigkeit: Und das nennſt Du Gleiches mit Gleichem ver⸗ gelten? Liebe ich denn Rabbi— der Name wollte ihr nicht über die Lippen, es ſchien, als ob er don der Gluth derſelben verzehrt worden wäre. Jedida ſah ſie nun ernſt an, rückte näher, faßte ihre Linke, preßte einen Kuß auf dieſelbe, und begann mit einer Stimme, die wichtig und ernſt 139 klang, an welcher aber doch eine gewiſſe launig ge⸗ haltene Gravität nicht zu verkennen war. Du biſt die Schweſter meines Vaters, biſt eine Frau, zählſt ein paar Jährchen mehr als ich, Grün⸗ de genug für mich, Dich zu hochachten, zu ver⸗ ehren, und Dir, wie einer zweiten Mutter, alle, ſelbſt die verborgenſten Geheimniſſe meines Herzens, an⸗ zuvertrauen. Habe ich dieß bisher gethan, Muhme Mirjam? Ja! Du warſt meine innigſte Freundin, Du erfuhrſt jedes Wort, welches ich mit Joſe wechſelte, Dir blieb keiner meiner Schritte verborgen. Jene Grenzen zwiſchen mir und Dir ſind früher von uns Beiden nicht beachtet worden; wir wuchſen mit ein⸗ ander auf und waren von je gewohnt, uns als Schweſtern anzuſehen; an meinem Buſen wein⸗ teſt Du, als Du Dich einem ungeliebten Gatten in die Arme legen mußteſt; an meinem Herzen ſuchteſt Du Rath und Troſt; ich war Dir eine Schweſter und die innigſte Herzensfreundin zugleich; Dein Gatte ſtarb bald darauf, Du wurdeſt Witfrau. Sonderbar, kaum einige Monate Zwiſchenzeit, und welche Ver⸗ änderung ging mit Dir vor? Es ſchien, als ob mit dem Decktuch an Deinem Vermählungstage, auch alle Vertraulichkeit zwiſchen uns für immer bedeckt worden wäre; von dieſem Augenblicke an, ſcheinſt Du 140 Dich in der Würde einer Mutter gegen mich ſehr zu gefallen; Du bliebſt wohl noch immmer die Vertraute meines Herzens, aber ich bin die des Deinen nicht mehr; ganz natürlich: die verwitwete Muhme kann ſich doch dem unerfahrenen Mädchen nicht an's Herz legen, und ihm geſtehen, was in ihrem Inneren vorgehe? es wäre ja eine Schmach, wenn das Kind wüßte, was die Ehrwürdige in ihrem Buſen fühlt. Wenn ſich die Sprecherin beim Beginn dieſes Sermons zum Ernſte zwang, ſo warf ſie am Ende desſelben die Feſſel ganz ab, und überließ ſich ihrem angebornen Muthwillen; aber bei dem Allen waren ihre Worte nicht kalt hinausgeſtoſſen, ſondern waren voll inniger Theilnahme, von einem leiſen Schmerz überhaucht. Mirjam fühlte dieß, und wurde auch tief er⸗ griffen. Sie mußte es ſich ſelbſt geſtehen: Jedida hatte Recht! Es war ſo gekommen; aber ohne Vor⸗ ſatz, ohne daß ſie es gewollt hatte, trat jene überal⸗ terliche Hoheit ein, ſie hatte die Herzlichkeit der Nichte angenommen, ohne ſie zu erwidern. Vor der Ankunft Rabbi Eliah's konnte dieſe Veränderung nicht bemerkt werden; ſie ſtellte ſich dem Bemerken nicht ſo deutlich heraus, denn damals 141 gab es nichts, was eines beſonderen Vertrauens be⸗ durft hätte: alltägliche Vorfallenheiten, alltägliche Ge⸗ fühle; aber ſeitdem Mirjam die Flamme in ihrem Herzen lodern fühlte, ſeitdem es eine wichtige Verän⸗ derung gab, welche allenfalls der Gegenſtand einer Mittheilung hätte werden können, da erwachte die Vorſicht in ihr, jene heilige Scheu der erſten, faſt noch unbewußten Liebe, ſie verſchloß das zarte Ge⸗ heimniß in den Herzensſchrein; wie konnte ſie es auch Jemandem vertrauen, da ſie ſelbſt es ſich zu geſte⸗ hen noch nicht getraute? Wie mußte ſie alſo ſtau⸗ nen, wie wehe mußte es ihr thun: ſich errathen, und den Schleier von dem geheimnißvollen Bilde plötzlich herabgezerrt zu ſehen?— Ein langes Schweigen war nach Jedid a's Rede eingetreten, die Witwe ſah nachdenkend vor ſich nieder, dann erwiderte ſie: Deine Worte, liebe Jedida, haben mich ge⸗ kränkt. Was Du geſprochen, kann nur Muthmaßung ſein, denn wie könnteſt Du etwas mit Gewißheit be⸗ haupten, worüber ich vielleicht ſelbſt noch ſchwanke, und mir bisher noch keine beſtimmte Rechenſchaft gege⸗ ben habe? Haſt Du dich getäuſcht, ſind Deine etwai⸗ gen Beobachtungen falſch, ſo müſſen mich Deine Vor⸗ würfe kränken; haſt Du die Wahrheit getroffen, ſo war — — es unzart, Dich in mein Vertrauen drängen zu wollen. Dieſe meine Vorwürfe gelten der Nichte, und nun will ich ein ernſtes Wort mit der Freundinn, mit der Schweſter ſprechen!— Sie umfaßte die Jungfrau, drückte ſie an ſich und preßte ihr viele Küße auf die ſchöne Stirn: Du thateſt mir in Etwas Unrecht, liebes Kind; zum Theil laſtet wohl die Schuld des Nichtvertrauens auf mir, aber nicht in dem Maße, als Du es meinſt. Rabbi Eliah hat mein Herz ſehr beunruhigt, ich denke mehr an ihn, als ich ſollte, und der Himmel möge es mir ver⸗ geben, ſelbſt beim Gottesdienſt, wenn mein Auge auf ihn fällt, geht in der Betrachtung über den Mann oft der Prieſter verloren. Er hat Gefühle erregt, die vielleicht Liebe ſind, vielleicht aber auch nur Wal⸗ lungen eines heißen Blutes, Unruhen einer aufgereg⸗ ten Einbildungskraft. Ich kann und werde dieß noch nicht entſcheiden; und ſelbſt wenn es wäre, wenn ich Rabbi Eliah liebte, jetzt ſchon mit der ganzen Gluth eines noch nicht geliebten weiblichen Herzens, darf ich mir dieſe Leidenſchaft geſtehen, darf ich ſie geboren werden laſſen, ehe ich von ſeinem Fühlen überzeugt bin 2— Ich bin nicht mit ihm, ſo wie Du mit Joſe, aufgewachſen; ich kenne ihn, er kennt mich nicht; wir ſind uns fremd, noch haben wir kaum Worte mit ein⸗ 143 ander gewechſelt; er ſo fromm, ſo gelehrt, ſo berühmt, und ich ſollte hoffen können, daß ſeine Wahl auf mich, die Witwe, fallen würde? O liebe Jedida! es wäre eitles Träumen, zu verwegen und zu unbedacht. Die Jungfrau nahm nun das Wort: Deine Gefühle, liebe Muhme, habe ich ganz erra⸗ then; Du liebſt den Rabbi, ſo wie ich Jo ſe liebe— o täuſche Dich nicht über Dich ſelbſt; Liebe, heiße Liebe iſt es! Wer einmal geliebt, der erkennt es an all den tauſend Wahrzeichen, die man unmöglich bemän⸗ teln, unmöglich verbergen kann. Du liebſt ihn, dieß iſt gewiß; daß aber auch er nicht gleichgültig gegen Dich iſt, das kann ich Dir verbürgen. Mirjam erröthete, ihr Herz ſchlug heftiger, das Auge ſprühte Flammen. Jedida! ſtotterte ſie— Du ſcherzeſt— Bei dem einzigen Gotte unſerer Väter! rief die Jungfrau— ich rede ernſt; nach Riſſa's Ausſage wurde in Elieſer Eßman's Hauſe ſchon davon geſprochen! Mirjam beherrſchte ſich und nahm einen erzwun⸗ genen, gleichgültigen Ton an: Schon wieder Riſſa? nun, wenn Riſſa davon ſprach, ſo muß es wahr ſein; aber woher weiß ſie es? Wahrſcheinlich von Jener, die es von Dieſem, welcher es von dem Andern, deſſen 144 Großvater es endlich von dem Geſchwiſterkinde irgend eines Eßman'ſchen Dienſtmädchens erfahren hatte. Riſſa ſprach zu Dir davon, und wenn dieß erſt vor einer Stunde geſchehen wäre, ſo iſt es doch ſchon lang genug, daß es jetzt in dieſem Augenblicke die ganze Gemeinde weiß!— Ich verboth ihr ſtrenge— Das heißt, Du wollteſt durch bloße Worte den Lauf des Waſſers hemmen! Doch genug hievon; ich mag Riſſa's Erfahrungen nicht theilen, ich geize nicht, zu wiſſen, was ſie von dem Rabbi erfuhr; je⸗ desfalls iſt er ein zu würdiger Mann, um der Gegen⸗ ſtand ihres loſen Klatſchmäulchens zu ſein. Jetzt komm', liebes Kind, wir haben ſchon zu lange mit einander geplaudert; die Nachmittagszeit iſt koſtbar, es bleibt uns noch viel zu thun übrig.— Beide verließen Arm in Arm und lachend die Hinterſtube.— So wie meine Leſer hier ſehen, waren die Ange⸗ legenheiten unſerer Hauptperſonen, obwohl bereits Wochen verſtrichen, noch nicht vorwärts geſchritten. Wie konnte dieß auch anders kommen? Rabbi Eliah mußte, wie ſchwer es ihm auch fiel, bedächtig und langſam handeln, er mußte ſich erſt in der errungenen Gunſt der Gemeinde zu befe⸗ — —— — — —— 145 ſtigen ſuchen, und gewiß ein großer Theil derſelben würde es ihm nicht zum Guten gedeutet haben, wenn er ſchon in den erſten Tagen in dieſer Beziehung Schritte gethan hätte. Nur bei einer einzigen Gelegenheit, als er bei Eß⸗ man zu Beſuche war, und das Geſpräch auf Eiſak's Familie kam, war er ſo unvorſichtig, von Mirjam mit etwas ungewöhnlicher Theilnahme und Wärme zu ſprechen, und wir haben geſehen, wie ſchnell er durch⸗ blickt, und bereits der Gegenſtand geheimer Muthma⸗ ßungen geworden war. Er ſelbſt war weit davon ent⸗ fernt, dieſes zu ahnen. Bisher hatte ſich noch keine ſchickliche Gelegenheit ergeben, bei der Familie der Geliebten einen Beſuch abzuſtatten; dennoch war es ihm gelungen, Mirjam auf eine Weiſe kennen zu lernen, ohne daß er ſich hie⸗ bei nur im Entfernteſten blos ſtellte; und dieß geſchah durch— Joſe. Dem Wunſche ſeines verſtorbenen Vaters zu Folge, näherte ſich der Jüngling dem Rabbi, und wirklich reichten wenige Tage hin, zwiſchen Beiden ein Ver⸗ hältniß zu gründen, welches ſich mit jedem Augen⸗ blicke immer enger und enger knüpfte. So wie Rabbi Simon prophezeiht hatte, wurde d er, welcher ſeinen Die Sendung des Rabbi I. 13 146 Platz einnahm, der Bruder, Lehrer und Freund des verwaiſten Jünglings. In dem Umgange mit Eliah gewann Joſe unendlich; er nahm zu an Wiſſen, an Weisheit und Erfahrung. Wenn es alſo oft kam, daß Beide, um ſich von der geiſtigen Anſtrengung zu erholen, ſich einem erheiternden Geſpräche überließen, ſo wußte es der Rabbi ſtets ſo zu lenken, daß Jo ſe auf ſeine Hoff⸗ nungen für die Zukunft, auf Jedida, und Mir⸗ jam zu ſprechen kam; ſolcher Weiſe lernte Eliah die Geliebte kennen, und wahrlich, was er erfuhr, reichte hin, die Blüthen der Liebe in ſeinem Herzen nur noch⸗ mehr zu entfalten, und wir können es ihm gewiß nicht verargen, wenn er jene Geſpräche, ſo oft als es ihm ſchicklich ſchien, herbeiführte. Dieß war der einzige Schritt, welchen Eliah— bisher für ſeine Liebe gethan hatte, wenn man dieß überhaupt einen Schritt nennen kann; aber nichts deſto weniger ſollte die Angelegenheit einen Fortgang, wenn auch nicht den erwünſchten, bekommen, und zwar durch Elieſer Eßman. Dieſer würdige Chacham hatte die Theilnahme des Rabbi an Mirjam bemerkt, und in Gedan⸗ ken gebilliget; aber er wurde nicht wenig betroffen, als er über das, was bisher über keines Menſchen 147 Lippen gekommen war, ſchon leiſe Stimmen vernahm Was Keines von den Betheiligten noch wußte, das nahm man, als ſchon geſchehen an; wenn nun die⸗ ſes Gerücht— ſo ſchloß er— auch zu Naph⸗ tali's Ohren kam, mußte dieſer nicht glauben, daß man ohne ſein Wiſſen ein Einverſtändniß herbei ge⸗ führt habe? Und wie mußte dieſe Nachricht auf den ſtolzen, finſtern Mann wirken? Im gelindeſten Fal⸗ le vermehrte ſich ſein noch immer beſtehender Wider⸗ wille gegen den Rabbi, und er hat nun eine Waffe, um gegen ihn aufzutreten; darum beſchloß Eßman, dem Rabbi, ohne aufzufallen, Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen, in Eiſak's Haus einzuſprechen, und durch ſein Mitwirken, eine raſchere Entwicklung des Ver⸗ hältniſſes herbei zu führen, wenn nämlich Mirjam ſich auch dem Bewerber geneigt fühlte. Dieß Alles mußte, ohne daß es Eliah merkte, geſchehen, denn wie ihn Eßman kannte, würde er dieſe Mittel mit Entrüſtung zurück gewieſen haben. Der freudige, heißerſehnte Abend des Purimfe⸗ ſtes war heraufgebrochen; außen kalt, nebelich, in⸗ nen warm und hell; außen düſter und unfreund⸗ lich, innen froh und wohnlich; aber wer kehrte ſich von Jenen an das Außen, welcher der Juden konn⸗ te damahls das Glück ſeines Lebens anderswo als 13* — ͤ— —- — —— S—-— ——————** 148 im Innern— ſeines Herzens und ſeines Hauſes — ſuchen? Von außen hatte er nichts, gar nichts zu hoffen, und eben ſo wenig zu erwarten, d'rum laßt uns auch unſere Blicke nach Innen kehren. Das größte Gemach in Naphtali Eiſak's Hauſe war feſtlich erleuchtet. Eine wohlthätige Wärme fluthete durch deſſen Räume, bunte Gemählde umhingen die Wände, und Teppiche deckten den Boden. Am obern Ende prangte mit buntem Schnitz⸗ werk ein Glasſchrank; in demſelben waren koſtbare Gold⸗ und Silber⸗Gefäße aufgerichtet, welche im Glanze der verſchwenderiſchen Beleuchtung erſtrahlten. In der Mitte des Gemaches zog ſich der Län⸗ ge nach eine gedeckte Tafel hin, vier ſilberne Arm⸗ leuchter, jeder mit acht flackernden Wachslichtern, erhoben ſich in gemeſſenen Zwiſchenräumen. Die Anzahl der Plätze war durch eben ſo viele Gedecke von koſtbarem Metalle und durch ſilberne Becher in gediegener Arbeit bezeichnet. Ausgeſuchte Speiſen belaſteten die Tafel; Honigkuchen, Mandel⸗ brod, Fladen und andere leckere Backwerke, wechſel⸗ ten mit verſchiedenen Fleiſch⸗Gerichten in regelmäßi⸗ ger Ordnung, und waren umzäunt von Tellern mit Trauben, Aepfeln und ſonſtigen Früchten, die man 140 mit vieler Sorgfalt des Winters über ſo lange friſch zu erhalten wußte. Um endlich den letzten Raumüberreſt der Ta⸗ fel zu beſetzen, dienten ſilberne Kannen mit dem edelſten Rebenblute gefüllt, aus dem im Nittelalter ſo berühmten Würflacher Gebirge, welches ſich kaum einige Stunden von Neuſtadt, am Rande der Haide erhebt. Um dieſe ſo einladend geordnete Tafel reihten ſich gepolſterte Sitze mit ſchweren Seidenüberwürfen, eben ſo viele, als Gedecke vorhanden waren, oder als Perſonen Platz finden ſollten. Längs der Wände ſtanden Polſterbänke für die erſcheinenden Masken, wenn der Raum an der Tafel zu klein werden ſollte; bei dem Allkn bot das ge⸗ räumige Gemach noch ſo viel Platz, daß drei Per⸗ ſonen Arm in Arm den Tiſch umkreiſen konnten. Zahlreiche ſilberne Steckleuchter goßen auch von den Wänden ihr Licht herab, und erhellten ſelbſt die entfernten Räume. Naphtali Eiſak mit ſeiner Familie— der reiche Chacham hatte die meiſten ſeiner übrigen Ver⸗ wandten geladen— ſaß bereits an der Tafel, ein Theil der Plätze war unbeſetzt. Mirjam vertrat das —„ ²———— ——————— ———— 150 Amt einer Hausfrau, Jedida ſtand ihr zur Seite. Der mühevolle Tag war von den beiden Frauen glücklich überſtanden, und nun ſollten ſie den Lohn ihrer Beſtrebungen ernten; man begann die köſtliche Küche zu loben, überſchüttete die Künſtlerinen mit Beifall über die gelungenen Backwerke; man genoß hier und dort, und konnte mit ſchmeichelhaften Be⸗ merkungen nicht fertig werden. Mirjam und Jedida lehnten zwar das Lob ab, aber man weiß, wie gerne Frauen ſo etwas hören, und wie ſüß ihnen ſolche Worte klingen. Ich ſelbſt habe einſt eine liebenswürdige aber ſonſt nicht ſehr freigebige Dame gekannt, die, wenn man ſie an dieſer verwundbaren Achillesferſe faßte, auf die groß⸗ müthigſte Weiſe Schränke öffnete, und Wunder von Freigebigkeiten wirkte; freilich munkelte der böſe Leumund, daß ſie dann, als der Weihrauch der Schmeichelei verflüchtiget war, meiſtens bittere Reue empfand, und ihre üble Laune beſonders von dem un⸗ ſchuldigen Dienſtesperſonale tief gefühlt wurde; aber dieß that nichts zur Sache, ſie widerſtand deshalb bei nächſter Gelegenheit doch nicht, und ging abermals in die Falle. Der Himmel möge es mir vergeben, auch ich habe ſie einige Male gebrandſchatzt!— 151 Noch finden wir es nothwendig, zu erwähnen, daß ſich auch Joſe an Eiſak's Tiſche befand; er ſaß zur Linken des Hausvaters, und wurde von dem Cha⸗ cham wie ein Kind des Hauſes behandelt. Das Mal war im vollen Gange; das Geräuſch von der Straße herauf verkündete, daß es unten leb⸗ haft werde, ein Zeichen, daß die Masken ihre Züge bereits begonnen, und man daher bald Eine oder die Andere erwarten könne. Wirklich währte es nicht lange, als die erſte derſelben erſchien; es war ein alter Rabbi mit ſchneeweißem Barte, und einem ungeheuern Foli⸗ anten unter dem Arme. Unter vielen Verbeugungen näherte er ſich der Tafel, umkreiste dieſelbe, bot dem Hausherrn die Hand zum Gruß, kneipte die Mädchen in die Wangen, forderte von Joſe einen Beweis ſeiner Gelehrſamkeit, und überreichte ihm ſein eigenes Buch. Dieſer ſchlug es auf, es war hohl und leer, ſo eine Art von einem RKäſtchen; allgemeines Gelächter belohnte den witzigen Einfall; der falſche Rabbi ließ ſich auf einer Polſter⸗ bank nieder, und nahm Erfriſchungen an. Eine zweite Maske erſchien, ein neckiſches Bauern⸗ mädchen mit einem Körbchen vergoldeter Nüſſe am Arme, welche ſie hie und da vertheilte; nach dem ge⸗ wöhnlichen Rundgang ließ ſie ſich gemächlich an der 152 Seite des alten Rabbi nieder, worüber dieſer unter höchſt komiſchen Gebehrden gewaltig Einſpruch that, ſich endlich doch beſänftigen ließ, und ſeiner Nachba⸗ rin ſogar den Becher zum Trinken reichte. Ein Knabe und ein Mädchen, in ein Paar ſchneeige Engelchen verluppt, mit großen, papierenen Flügeln an den Schultern, flatterten nun herein; ſie verſprachen Allen das ewige Leben im Gan Eden, im Schooße der drei Urväter, Abraham, Iſak und Ja⸗ kob. Sie wurden mit Früchten und Bäckereien beſchenkt, welche ſie in die weiten Taſchen ihrer faltigen Gewän⸗ der fallen ließen. So kamen und gingen die Masken, hielten ſich auf, ſo lange es ihnen beliebte; indeſſen bemühte man ſich, ihre Namen zu errathen, betaſtete ſie, beſah ihre Hände, um vielleicht gewiſſe Zeichen zu finden, und gab ſich alle mögliche Mühe, die Perſonen zu erkennen. Manchmal gelang es, manchmal wieder nicht; Einige verriethen ſich durch ihre Manieren, und ein verluppter Scharwächter verließ ſchämig das Gemach, als man gleich nach ſeinem Eintritte allgemein ausrief: Das iſt David Hirſchl ich erkenn' ihn an ſeinem wackeligen Gange!— Dieſer Wechſel von Erſcheinungen wurde durch die Ankunft ſehr werther Gäſte unterbrochen; Rabbi — — 153 Eliah, vom Chacham Eßman und einigen Ande⸗ ren geleitet, trat in's Gemach. Alle am Tiſche erhoben ſich, der Familienvater ging ihnen entgegen. Sie wurden an die Ehrenplätze der Tafel genöthiget; die Aufnahme, ſo unerwartet dieſer Beſuch war, konnte doch nicht wünſchenswerther ſein; an einem ſolchen Abende wären Todfeinde willkom⸗ men geweſen, das hatte der kluge Eßman voraus⸗ geſehen, und ſeine Berechnung entſprach. Welche Gefühle hatten ſich beim Erſcheinen des Rahbi Mirjam's bemächtiget? Todenbläße über⸗ flog ihr Antlitz, und wurde gleich darauf von einer glühenden Röthe verdrängt; das Herz pochte gewaltig, die Füße ſchwankten, ſie mußte ſich einige Augenblicke an der Lehne des Stuhles feſthalten. Jetzt überkam ſie der Gedanke, daß ſie auch hier wieder die Pflicht der Hausfrau üben müſſe; ſie mußte ſich alſo bezwingen, und that dieß mit aller Kraft, welche ihr zu Gebote ſtand. Sie brachte volle Teller mit Gebäck, ſchenkte die Becher voll, und bot mit un⸗ ſicherer Stimme die Gaben an. Durch das berechnete Benehmen Eßman's war die Unterhaltung nicht im Entfernteſten geſtört; nur Er war es daher, welcher die Verlegenheit der beiden Liebenden während dieſer Scene bemerkte; aber nicht —— 154 lange währte dieß. Ein Schwarm von Masken drang in die Stube, die Aufmerkſamkeit theilte ſich, das Geräuſch wurde größer, und Mirjam fühlte ſich leichter. Eliah unterhielt ſich mit Joſe, welcher ſich an ſeine Seite begeben hatte; auch die Frauen wurden durch dieſen Mittelmann bald in das Geſpräch verwi⸗ ckelt und nicht lange währte es, ſo ließ die Beklom⸗ menheit von beiden Theilen nach, das Geſpräch verlor an Zwang und wurde natürlicher. Naphtali Eiſak wandte ſich jetzt an den Rabbi, mit der Frage: ob wohl bei den Juden al⸗ ler Länder am Purimabende dieſe Mummereien Statt fänden?— Eliah verſetzte: Ich glaube ja; ſtehe jedoch nicht dafür, daß es zu allen Zeiten ſo der Fall geweſen ſein mag. Sich an dieſem Tage zu freuen, befiehlt das Geſetz; es iſt daher natürlich, daß man immer das that, was man für Freude hielt, oder beſſer, wo⸗ durch man das beglückende Gefühl an den Tag legen konnte. Der Urſprung von Gaſtmälern und Tänzen iſt uralt, und da an dieſen vielleicht manche Theil nehmen mochten, die aus verſchiedenen Gründen nicht erkannt ſein wollten, ſo nahmen ſie fremde Kleidung, entſtellten ſich, und auf ſolche Weiſe mögen nach und — 155 nach die Mummereien entſtanden ſein. Wir wiſſen von alten römiſchen und perſiſchen Königen, daß ſie, um die öffentliche Stimmung zu erfahren, ſich ver⸗ kleidet unter das Volk mengten; ein Beweis, daß Mummereien ſchon ſehr lange im Gebrauch ſein mö⸗ gen, ja, ganz gewiß länger als das Purimfeſt ſelbſt.— Es wurde noch viel über morgenländiſche Sitten geſprochen. Inzwiſchen ward man wieder von Mas⸗ ken in Anſpruch genommen; ſolche Augenblicke benütze te Eliah, mit Mirjam oder Jedida einige Worte zu wechſeln, und Eßman war im Stillen über das ſchickliche und äußerſt feine Benehmen des Rabbi ganz entzückt. Ein altes Mütterchen zog als Maske die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Es trippelte um die Tafel herum, und wußte durch ſeine Neckereien, mit dumpfer, krächzender Stimme geſprochen, Manchen in Verlegenheit zu bringen. In der Hand hatte ſie eine rieſige Sparbüchſe von Holz, deren Oeffnung ſo groß war, daß man ſtatt der Pfennige, ganz bequem Früchte oder ſonſtiges Backwerk hineinfallen laſſen konnte. Der Gedanke, ſo einfach er war, erregte den⸗ noch vieles Lachen, man bemühte ſich, recht viel Al⸗ moſen zu geben; allein nicht von Jedem nahm ſie es anz 156 zu Jedida ſagte ſie: ſie möge ihre ſieben Sächelchen nur zuſammenhalten— ſie ſei Braut, und werde Alles als Hausfrau ſelbſt benöthigen.— Mirjam lachte wie die Anderen, und bot ihr auch eine Gabe; zufällig war es ein Herzförmiges Zuckerbrod. Die Alte weigerte ſich, es anzunehmen, und rief laut, daß Alle es hören mußten: Ei, bewahre Du Dein Herz nur für einen An⸗ deren, ich bedarf deſſen nicht!— Allgemeines Gelächter erſcholl. Mirjam errö⸗ thete, Rabbi Eliah wurde verlegen, denn ihm ſchien es, als ob die Blicke Mehrerer ſich ihm zukehrten. Das alte Mütterchen that, als ob es dieß Alles nicht bemerkte, ging weiter, und machte ſeine Gloſſen. Jetzt kam es zu Rabbi Eliah; was bei allen Uebri⸗ gen nicht geſchehen war, das that es hier: es bat ſelbſt um eine milde Gabe. Der Angeredete lächelte und ſprach: Säße ich am eigenen Tiſche, ich würde Dich mit Freuden beſchenken; aber ſo bin ich hier ſelbſt ein Gaſt, und habe kein Recht, mit Anderer Gut freigebig zu ſein. Naphtali reichte ihm gleich einen Teller, um von demſelben für die launige Maske ein Geſchenk zu nehmen; Eliah ſträubte ſich zum Scherz, aber die Alte kreiſchte: —. 157 Thut nicht ſo fremd, verehrter Rabbi! Ihr werdet hier bald mehr als heimiſch ſein! Eine neue Verlegenheit für Mirjam; Eliah ließ ſeine Gabe unmuthig in die Büchſe gleiten. Alle wurden aufmerkſam, ſelbſt Naphtali öffnete ſeine Augen weit und blitzte bald den Rabbi, bald ſeine Schweſter an. Jedida lächelte ihrer Muhme zu: Das iſt Riſſa und keine Andere! Joſe vernahm dieſe Andeutung, und um dieſe augenblickliche Stille zu unterbrechen und der peinli⸗ chen Lage ein Ende zu machen, ſprach er zur Maske: Nun, mein liebes Mütterchen, da Du ſo flei⸗ ßig die Runde machſt, ſo wirſt Du auch in verſchiedene andere Häuſer gekommen ſein; kannſt Du mir daher nicht ſagen: was macht die ſchöne R iſſa, Joſua Gerſon's Tochter? Die Alte wurde etwas verlegen, der Jüngling fuhr fort: Mich ſollte es wundern, wenn das liebe Mäd⸗ chen heute nicht in irgend einer Vermummung die Runde machte, um ihre tauſend Neuigkeiten an den Mann zu bringen. Auch habe ich vernommen, daß ihr von Seite der Gemeinde vortheilhafte Anträge ge⸗ macht worden ſeien: man will ſie zur Vorſteherin aller Klatſchſchweſtern ernennen!— Die Alte wußte nicht, was ſie im Augenblicke erwidern ſollte; viele Stimmen riefen: Ja, ja, es iſt Riſſa Gerſon! Gib nur Deinen Schleier weg, wir kennen Dich! Herab mit der Mummerei! und mehr dergleichen Redensarten. Die Alte ſträubte ſich, ſo viel ſie konnte, gegen dieſe Zumuthung, und ſie hätte wahrſcheinlich dem allgemeinen Begehren doch willfahren müſſen, würde nicht eine neue Maske ſie der Verlegenheit entzogen haben. Die Thüre flog auf, eine Orientalin in reichen, prachtvollen Gewändern trat ein; Aller Augen kehr⸗ ten ſich ihr zu. Dieſe Pauſe wurde von der Alten be⸗ nützt, ſie ſchlüpfte hinaus und räumte der Neuan⸗ gekommenen das Feld. Dieſe zeichnete ſich unter allen bisher noch erſchienenen Masken durch Pracht und Reichthum vortheilhaft aus. Ueber die weißen Unterkleider trug ſie ein kar⸗ moiſinrothes Seidengewand, mit feinem Zobel und Gold geziert; den Kopfbund bildete ein ſchwerer Shawl, die Fußbekleidung nette Stiefelchen von gel⸗ bem Safianleder. Ein überreicher, ächter Schmuck ſpielte in Regenbogenſtrahlen am Halſe, an Hand 159 und Bruſt; man ſah es auf den erſten Blick, dieß mußte eine Dame aus einer der erſten Familien ſein. Mit Anſtand machte ſie die Runde, verbeugte ſich nach morgenländiſcher Sitte, ließ ſich auf dem ihr an der Tafel gebotenen Platz nieder, weigerte ſich jedoch, Erfriſchungen anzunehmen. Sie drückte ſich durch Gebehrden aus, und wußte ihre ſtattliche Geſtalt durch feine Manieren noch angenehmer zu ma⸗ chen. Die Neugierde ſpannte ſich immer höher. Joſe, dem ſie gegenüber ſaß, redete ſie an: Du verſchmähſt es alſo, unſere Gaben an⸗ zunehmen?— Die Orientalin nickte.— Du beleidigeſt uns dadurch!— Die Dame zeigte, daß es ihr leid wäre.— Warſt Du auch bei den andern Familien ſo ſpröde?— Die Frage wurde bejaht.— Sonderbar, Du thuſt dieß wahrſcheinlich aus Stolz?— Sie ſchüttelte den Ropf.— Warum biſt Du ſtumm?— Sie zog die Schulter auf, als ob ſie ſagen woll⸗ te: Ich habe meine Gründe hiezu.— 160 Möchteſt Du mit Niemanden in dieſer Geſell⸗ ſchaft ſprechen?— Sie nickte.— Und wer iſt dieſer Glückliche?— Ihre Hand hob ſich, der Zeigefinger ſtreckte ſich gegen Rabbi Eliah.— Alles ſtaunte; der Angedeutete war bisher mit ruhiger Aufmerkſamkeit da geſeſſen, jetzt ergriff er mit ernſter Stimme die Rede; es war nicht mehr jener freundliche, geſellige Ton, der ihm den ganzen Abend hindurch ſo trefflich zu Gebote ſtand, ſondern der ernſte Amtston, der würdevoll und gemeſſen war: Wenn Ihr mit mir zu ſprechen wünſcht, ſo redet, ich will Euch hören.— Die Maske deutete, daß ihr die Geſellſchaft zu zahlreich wäre, und daß ſie ihm Geheimes anzuver⸗ trauen habe.— Der Rabbi kopfſchüttelte unwillig: Ich kenne in meiner ganzen Gemeinde keine Dame, welche mir Geheimniſſe anzuvertrauen hätte; und wäre dieß in Amtesrückſichten der Fall, ſo ſind Ort und Zeit ſo ſchlecht gewählt, daß ich mich weigern muß, Euch jetzt anders als frei und offen anzuhören.— Die Maske gab ihr Bedauern zu erkennen und drohte ihm ſcherzhaft mit dem Finger.— 161 Der Rabbi betrachtete ſie aufmerkſam, er ſtreng⸗ te ſich vergebens an, irgend eine Beziehung zu er⸗ ſinnen, um auf die Dame ſchließen zu können; er blieb unentſchloſſen, ob er ihrem Willen willfahren ſolle, da fiel ſein Blick wieder auf ſie, er zuckte faſt un⸗ merklich zuſammen— er mußte etwas wahrgenommen haben, was ihm Licht verſchaffte— ein Augenblick noch, und ſein Entſchluß war gefaßt. Eliah erhob ſich, die Maske that ein Gleiches. Grabesſchweigen trat ein, er ging auf ſie zu, faßte ihre Hand, und zog ſie etwas unſanft in die Tiefe des Gemaches. Unglückliche!— liſpelte er ihr ins Ohr— ich habe Euch erkannt, das Kreuzchen an Eurem Hal⸗ ſe, welches Ihr abzulegen vergeſſen, verrieth Euch. Entfernt Euch ſchnell, ſo lange Ihr von den Uebrigen noch unerkannt ſeid. Welche Schande müßte Euch dieß bringen! Ich muß mit Euch künftig ſprechen, verſetzte die Orientalin eben ſo leiſe— wehe Euch, wenn ein Hauch des Verrathes bis dahin über Eure Lip⸗ pen fließt! Der Rabbi führte ſie wieder zurück, aber ſie ließ ſich nicht mehr nieder, ſondern verbeugte ſich und rauſchte aus dem Gemache. 14 162 Alles blickte ſtaunend auf Eliah, dieſer lächelte etwas gezwungen und ſprach: Glaubt mir auf's Wort, meine Freunde! ich habe es nicht vermuthet, aber es war wirklich eine Unglückliche, welche meines Rathes bedurfte. Gold und Seide von Außen dürfen uns nicht blenden und abhalten, auch nach Innen zu ſchauen. Oft ſind außen Luſt, innen Schmerz; außen Froh⸗ ſinn, innen Trübſal; außen Frömmigkeit, innen Sünde; außenJubel, innenVerzweiflung! Dieſe kurze Betrachtung möge die Freude des Abends nicht fürder ſtören. Schenkt dem Vorfalle keine größere Bedeutung, als er verdient!— Das Feſt nahm ſeinen Fortgang, aber es bedurfte einer geraumen Weile, bis Alles wieder in den ge⸗ wohnten Gang kam. ———————.— —..— Ueble Deutungen und Mißverhältniſſe. Ach Ewiger, wie ſind der Feinde ſo viele! So viele, die ſich ſetzen wider mich! So viele, die von mir frohlocken: „Für ihn iſt keine Hülfe bei Gott!“ Pſalm 3. Ich werde immer nur der Schuld'ge bleiben, Wozu mich alſo unnütz mühen. Denn würd' ich auch mit Schnee mich waſchen, Mit Lauge meine Hände rein'gen, Du würdeſt doch in Schlamm mich tauchen, Daß mein Gewand vor Eckel triefe. Er iſt nicht meines Gleichen, daß ich rufe: „Wir wollen vor Gericht uns ſtellen!“ Buch„Hiob.“ Die Scene am Purimabende hatte zu viel Zeugen, als daß ſie verſchwiegen bleiben konnte; man ſprach aller Orten davon, und je weiter ſich die Kunde fortpflanzte, deſto mehr wich man von der Wahrheit ab; in wenigen Tagen war das Ergebniß ſo entſtellt, daß man es kaum wieder erkennen konnte, und die abentheuerlichſten Gerüchte machten die Runde. 164 Das Verhältniß des Rabbi zu ſeinem Diener hatte ſchon längſt die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Die Verrichtungen Aſcher's erſtreckten ſich blos auf häusliche Angelegenheiten, ſehr ſelten auf kurze Gänge, und dieſe meiſtens in Geſellſchaft ſeines Ge⸗ biethers. Allein ſah man ihn nie unter Menſchen; Wenige nur aus der Neuſtädter Judenſchaft hatten ihn ſprechen gehört, und man wolle wiſſen, daß Aſcher, wenn der Rabbi das Haus verließ, ſtets hinter Schloß und Riegel zurückblieb. Was man dem Gebiether beſonders übel deutete, war, daß er ſeinen Knecht auch nicht in die Schu⸗ le zum Gottesdienſt mitnahm, und als man einſt hierüber zur Sprache kam, entſchuldigte ſich Eliah, daß Aſcher blöde ſei, daher durch ſein Erſcheinen und außergewöhnliches Benehmen nur die allgemeine Andacht ſtören würde: übrigens werde er im Hauſe, ſo viel es ſeine zerrütteten Sinne zuließen, zur Be⸗ obachtung der Glaubensgeſetze angehalten. Gegen dieſe Einſprüche ließ ſich billiger Maßen nichts einwenden; aber mißgünſtige Seelen und loſe Zungen ſtreuten böſe Gerüchte aus. Einige behaupte⸗ ten: Aſcher wäre ein Heide, müſſe ſich in die Ge⸗ bräuche fügen, und werde, um ſich nicht zu verrathen, 165 ſo ſtrenge beaufſichtiget. Andere meinten wieder: es ſei mit dem ganzen Menſchen nicht richtig, es müſſe hier ein Geheimniß obwalten, welches ſich mit der Zeit ſchon offenbaren würde. Der Ruf und das Anſehen eines Menſchen gleichen einem Damme, welcher den reißenden Rede⸗ ſtrom böſer Zungen in Schranken hält. So lange der Damm rein und noch jungfräulich unbeſchädigt iſt, ſo lange werden die wühlenden Waſſer vergebens ihre Macht verſuchen, ſo lange werden die wilden Fluthen wirkungslos abgleiten und ohnmächtig zu ſeinen Füßen zerſchellen; iſt es aber einmal gelungen, nur Einen ſchwachen Flecken ſeiner Wehre zu beſpüh⸗ len, ſo wird er bald durch immerwährendes Weg⸗ ſchwemmen größer und größer, und in kurzer Friſt wird der Damm durchwühlt und von den Fluthen verſchlungen ſein. So geſtalteten ſich auch die Verhältniſſe bei Eli ah. So lange der Rabbi rein, mackellos unangreifbar da ſtand, ſo lange ſein Ruf und ſein Anſehen wie ſpiegelglatter Marmor jeden Verſuch böſer Meinungen, ſich an ihn anzuklammern, vereitelte, ſo lange ſtand er als Sieger da, und Keiner aus jener ihm mißgün⸗ ſtigen Partei wagte es, ſeine Stimme gegen ihn zu er⸗ heben; kaum aber war das Gerede über Aſcher laut 166 geworden, ſo bot ſich den Uebelgeſinnten ſchon ein An⸗ haltspunkt dar, und wie hiezu noch die Scene vom Purimabende kam, ſo war die verwundbare Seite da, der Strom begann zu wühlen, das Anſehen war, wenn auch ungerechter Weiſe, bemackelt, der Ruf erſchüttert; die Böſen, wie gewöhnlich, wenn es ibnen gelingt, an ihren Vorſtänden Schwächen zu erſpähen, triumphirten vor der Hand im Stillen, um dann offen, um ſo wirk⸗ ſamer aufzutreten. Der Vorfall mit der Orientalin gab zu mannig⸗ fachen Deutungen Anlaß. Man hielt eine reiche Frau aus der Gemeinde dafür, deren ſtattlicher Wuchs mit jener ganz übereinſtimmte; und da dieſe als eine lebens⸗ freudige Frau bekannt war, deren Gatte den größten Theil des Jahres auswärts zubrachte, ſo glaubte man bald den Zuſammenhang gefunden zu haben. Dieſe Meinung, welche über alle anderen bald den Sieg davon trug, drohte das Anſehen des Rabbi ganz zu erſchüttern. Ein frommer, mackelloſer Lebenswandel iſt die Grundlage des Prieſterſtandes, genaue Beobachtung der Geſetze iſt der eigentliche Bau, und Kenntniſſe ſind die unentbehrlichen Hülfsmittel hiezu; wenn ſich dieſe drei Dinge vereinigen, ſo umfließt ein Heiligenſchein ſein Haupt, er erfüllt die heilige Beſtimmung ſeiner 167 Würde; wo aber nur Eines von dieſen leidet, dort geht Alles verloren, der Nimbus erliſcht, aus dem Prieſter wird ein gewöhnlicher Menſch. Dieſer Gefahr ging nun Rabbi Eliah entgegen, ohne eigentliches Verſchulden und doch nicht ganz ſchuldlos; ſein Vergehen aber war weit von denen entfernt, welche ihm ſeine Feinde aufbürdeten, es war —— doch wir wollen den Begebenheiten nicht vor⸗ greifen. Das Leben des Rabbi war zu abgeſchloſſen, zu iſolirt, als daß er von dem Allen, was im Stillen geredet, und im Geheimen gebrütet wurde, nur die mindeſte Ahnung hätte haben können; auch fühlte er ſich in ſeinem Innern ſo rein, daß ihm eine Verdäch⸗ tigung ſeiner Perſon über den letzten Vorfall gar nicht einfiel. An einem Nachmittage erſchien Elieſer Eß⸗ man bei ihm mit bekümmerter Miene. Eliah empfing ihn freundſchaftlich, bemerkte jedoch gleich die Veränderung bei dem würdigen Cha⸗ cham, und fragte um die Urſache derſelben. Dieſer ſeufzte und erwiderte lächelnd: Ihr werdet ſtaunen, verehrter Rabbi! wenn ich Euch offen geſtehe, daß Ihr der Grund meines Kum⸗ mers ſeid. —— n 5*—-— x—— — S————= 3 168 Ich? fragte der Andere wirklich verwundert;— was hat ſich zugetragen? Bisher noch nichts, aber es dürfte bald zum Ausbruche kommen; ſchon beginnt ſich der Staub zu heben, und bald wird er vom Sturm aufgewirbelt, die Luft verdunkeln. Ich verſtehe Euch wahrlich nicht, verehrter Freund! erklärt Euch deutlicher. Eure einſtigen Widerſacher beginnen ſich zu regen; ſie haben Anlaß gefunden, übel von Euch zu reden, und Euern Wandel zu verdächtigen. Ich bin begierig, zu vernehmen, was die Tücki⸗ ſchen erſonnen haben? Erſonnen haben ſie nichts, aber mißdeutet, ver⸗ unſtaltet, falſche Schlüße gezogen. Das Verhältniß mit Eurem Knechte gibt Anlaß zu böſen Nachreden— Soll ich ihn vielleicht dem allgemeinen Spott und Gelächter Preis geben? was wollen ſie mit ihm? Sie behaupten, es müſſe hier irgend ein Geheim⸗ niß obwalten; Ihr wißt, der Menſch bemüht ſich oft an ſeinem Nebenmenſchen Böſes zu ſuchen, wäh⸗ rend er das Gute, welches offen da liegt, nicht be— merken will. Ihr habt Recht, verehrter Chacham! ich will ſie zum Schweigen bringen. 169 Das wäre das Eine. Kömmt noch Etwas? Und zwar die Hauptſache! Der Vorfall am Pu⸗ rimabende gibt ihnen Anlaß: Eure Tugend, Euren reinen Lebenswandel in den Koth zu zerren. Eliah ſprang auf: Sie ſollen es wagen, die Elenden! mein Gewiſ⸗ ſen wird ihnen die Stirne bieten, das Gewicht mei⸗ nes Wortes ſoll ſie zermalmen! Mit dem Abnehmen des Anſehens, fällt auch die Schwere des Wortes; dieſer Weg wäre daher meines Erachtens der letzte. Eure Freunde ſind von Eurer Frömmigkeit überzeugt, ihnen gegenüber bedürft Ihr keines Wortes, ſie vertrauen Euch unbedingt; aber ganz anders iſt es mit Euren Feinden: dieſe müßt Ihr erſt überzeugen, um ſie in die Schranken der Ehr⸗ furcht zurück zu ſcheuchen. Ihr habt Recht! Was meint Ihr, daß daher geſchehen müſſe? Wir begeben uns jetzt zu Naphtali Eiſak. Was thun wir dort? Ihr werbt um ſeine Schweſter! Wie kommt Ihr auf dieſe Zumuthung, Chacham? Offen und frei, verehrter Rabbi! Mirjam ge⸗ Die Sendung des Rabbi J. 170 fällt Euch, und ich habe bei ihr eben an jenem Pu⸗ rimabende das Nämliche bemerkt. Eliah ſenkte das Auge und ſchwieg. Eine Pur⸗ purröthe verklärte das männlich ſchöne Antlitz. Tiefes Schweigen herrſchte durch einige Minuten. Eßman fuhr fort: Ihr habt auf Eure einſtigen Pläne ſchon längſt verzichtet, Rabbi! Ihr habt beſchloſſen, für immer hier zu bleiben; thut daher das, was unumgänglich nothwen⸗ dig iſt; feſſelt die Herzen durch Bande des Blutes an Euch. Ich will davon ſchweigen, daß das Geſetz die Ehe befiehlt, aber Ihr werdet wiſſen, daß eine Frau für einen Rabbi unumgänglich nothwendig iſt, daß ſein Haus nur durch die Sorgfalt einer frommen Frau den Geſetzen gemäß verwaltet werden kann. Von der Wahrheit alles Deſſen bin ich vollkommen überzeugt; aber glaubt Ihr, daß ich dadurch meine Gegner von ihrem grundloſen Verdachte überzeugen werde? Jedesfalls! Ihr beweiſet ihnen, daß Ihr ferne von dem zugemutheten Einverſtändniſſe ſeid; dadurch, daß Ihr Euer Hausweſen vergrößert, Eure Diener⸗ ſchaft vermehrt, ſtellt Ihr eben ſo viele Zeugen Eurer Unſchuld auf; und dann, Eure Frau, wird ſie nicht die gültigſte Vertreterin Eures Anſehens ſein? Der Rabbi ſann abermals nach; ſein Haupt 171 ſenkte ſich, ſein Auge ſtierte den Boden an, dann ver⸗ ſetzte er: Eure Meinung, verehrter Chacham! iſt die beſte, Eure Gründe wahr und klug, Euer Wille der freund⸗ ſchaftlichſte; aber, es thut mir weh, Euch es ſagen zu müſſen: Ihr habt mir einen ſchönen Traum zer⸗ ſtört. Ihr verſteht mich nicht, ich merk' es an Eurem Blicke; ich will es Euch in einem kurzen Bilde anzudeu⸗ ten ſuchen: Stellt Euch vor, Ihr hättet Eure Mutter, welche Ihr über Alles liebt, durch viele Jahre nicht geſehen, Ihr wäret meinethalben weit, durch Meer und Land von ihr getrennt, und durch mißliche Umſtände ſie zu beſuchen, verhindert geweſen. Plötzlich tritt ein unvorhergeſehener Glückswechſel ein. Ihr faßt den Entſchluß, ſie zu beſuchen, und alſogleich beginnen die Vorbereitungen zur Reiſe. Mit welchem Gefühle werdet Ihr da zu Werke gehen, mit welcher Luſt werdet Ihr Eure Gegenſtände ordnen? Bei jedem Stücke, welches Ihr in den Reiſepack legt, wird Euer Herz ungeſtümmer pochen: Dieß wird meine Mutter ſehen, auch dieß, auch jenes wird ihr wohlgefallen; ſie liebt das Schöne, ich will ihr etwas Seltenes aus der Fremde heimbringen. Ihr bringt es an Euch, ohne zu feilſchen, es iſt ja für die liebe, 15* — — — F — —— —— 172 liebe Mutter beſtimmt, welche Freude gewährt Euch dieſer Kauf; endlich tretet Ihr die Reiſe an, die Ge⸗ genſtände tanzen an Euren Blicken vorüber, jeder Augenblick bringt Euch ihr näher, mit jedem Augen⸗ blicke ſteigert ſich die Freude; mit dem Gedanken an ſie ſchlaft Ihr ein, mit dem Gedanken an ſie, wacht Ihr auf; die Unannehmlichkeiten der Reiſe verſchwinden, denn ein Wölkchen kann keine Sonne trüben. Ihr kommt immer näher, ſchon iſt die Heimat da, ſchon lachen uns bekannte Fluren an, ſchon eilen wir dem Ort entgegen, die Bruſt hämmert, die Ungeduld ſteigt. Wonnetrunken erblicken wir die Thurmes ſpitzen aus der Ferne; noch immer ſteigt die Spannung, das Herz im Leibe droht zu berſten, der Geiſt ſchleicht vorwärts, um den trägen Schritt der Roße zu beflügeln, die Luſt hat ſich in Freude, die Freude in Wonne verwandelt, die Wonne geht in Entzücken über, das Entzücken bricht in Jubel aus, wenn Ihr der Mutter in die Arme ſinkt!— Mit ihr vereint, werdet Ihr glücklich ſein, aber geſteht mir offen, wird dieſes Glück ſpäter die Empfindungen von dem Augen⸗ blicke der Abreiſe bis zu jenem des Wiederſehens Euch vergeſſen machen können? Nein, gewiß nicht!— Nun ſeht, das iſt die Geſchichte einer jeden Liebe bis zur Ehe; der Augenblick, in dem man die Geliebte zum Erſtenmal begegnet, bis zu jenem, wo man ihr die 173 Hand zum Bunde biethet, ſie ſchließen die glücklichſte Zeit des Menſchen ein, von da an kann man nur noch glücklich ſein, die Seligkeit hat aufgehört. Ich habe dieſe nur durch wenige Tage empfunden, um den Reſt hat mich die böſe Meinung unſerer Brüder gebracht; Ihr, theurer Chacham! habt mich aus mei⸗ nem ſchönſten Traum geriſſen! Doch der Wille Gottes muß in Erfüllung gehen; kommt, begleitet mich zu Naphtali Eiſak!— Welche Aufnahme wird dem frommen Werber wohl in dem Hauſe ſeines Gegners zu Theil wer⸗ den?— Wir wollen die Stimmung in demſelben zu erforſchen trachten. Naphtali hatte ſich vorgenommen, mit ſeiner Schweſter über dieſe Angelegenheit zu ſprechen; er befand ſich mit ihr allein im Gemache. Mirjam war unruhig, etwas blaß, die Augen roth, Schwermuth lagerte auf ihrem Antlitze; dieß nahm Naphtali zum Vorwande, mit ihr das Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen. Ich hätte mit Dir gern ein Viertelſtündchen über einige wichtige Dinge geſprochen, aber ich glaube es unterlaſſen zu müſſen. Warum glaubſt Du dieß? —— ——— e* 5 174 Weil Du mir krank ſcheinſt. Ich fühle mich vollkommen wohl. Dein Anſehen widerſpricht dem. Du biſt blaß, verſtört— Nicht immer darf man vom Antlitz auf's In⸗ nere ſchließen. O Du irrſt Dich, Schweſter! dieſer Spiegel trügt ſelten; jetzt möcht' ich es ſogar behaupten, daß Du krank ſeieſt. Mirjam bemühte ſich zu lächeln und verſetzte: Wenn Du Dich ſelbſt täuſchen willſt, ſo muß ich nachgeben. Du warſt früher ganz anders; fröhlich, mun⸗ ter, blühend, geſprächig, jetzt findet das Gegentheil ſtatt; und zwar iſt die Veränderung erſt ſeit Kur⸗ zem, ſeit einigen Tagen eingetreten. Ich wiederhole Dir nochmals, daß ich vollkom⸗ men geſund bin! Gut, wenn Du kein körperliches Leiden fühlſt, ſo muß es alſo ein geiſtiges ſein; Du haſt heimlichen Kummer! Die Witwe erröthete wirklich und wendete ihr Antlitz vom Bruder ab, darauf ſprach ſie: Kummer iſt oft beſſer als laute Freude, auch bei verdrießlichem Antlitz kann das Gemüth ruhig ſein! — — 175 Mit einem Spruche des weiſen Königs kannſt Du mich nicht überzeugen;— Du täuſcheſt mich nicht; aber kaum kann ich es glauben— ſollte meine Ver⸗ muthung ſich beſtätigen, ſollteſt Du wirklich— ich kann es nicht glauben, Mirjam! Du biſt kein un⸗ erfahrenes Mädchen, Du wirſt Dein Herz nicht ſo unbewacht gelaſſen haben! Und wenn es geſchehen wäre? Mirjam war ganz in ihrer früheren Stellung geblieben und ſprach dieſe Worte nicht mit Trotz, ſon⸗ dern leiſe und ſchüchtern aus. Dann müßte ich Dich laut beklagen, und jetzt ſchon über der Leiche Deines Glückes jammern.—— Du ſchüttelſt den Kopf? Du glaubſt mir nicht? haſt Du, unglückliches Weib, die Scene ſchon vergeſſen, von welcher wir ſelbſt Zeugen waren? Der unbarmherzige Verwandte hatte, er wußte dieß recht gut, Mirjam's Krankheit an der Wurzel gefaßt, aber nicht, um ſie aus dem Herzen, dem Sitz derſelben, heraus zu reißen, ſondern um ſie noch feſter hineinzubohren. Aber die Frau blieb nicht unthätig, ſie bemühte ſich— ſo iſt der Menſch immer— das zu vertheidigen und wegzuläugnen, was ihr Inneres mit unſäglichem Kummer erfüllte. Sie ſprach: Ich 126 finde, daß Du übel deuteſt, was ein ganz gewöhnli⸗ cher Vorfall ſein kann. Erkönnte es ſein, aber er iſt es nicht! Die allge⸗ meine Stimme hat ſich bereits entſchieden. Eine ver⸗ mummte Frau ſucht einen jungen Mann auf; wie man hört, war ſie zuerſt in ſeiner eigenen Wohnung, als ſie aber dieſe geſchloſſen fand, ging ſie zu Eßman, auch hier fand ſie ihn nicht, und kam erſt nach vielem Nachfragen in unſer Haus. Es lag ihr alſo viel daran, ihn zu ſprechen, es mußte auch ein wichtiger Grund ſein, der ſie dazu bewog, vielleicht eine unvorhergeſe⸗ hene Nachricht, vielleicht auch Mißtrauen, und erwa⸗ chende Eiferſucht. Dein abermaliges Erröthen, unglück⸗ liches Weib, beſtätiget meine frühere Meinung voll⸗ kommen. Du liebſt ihn alſo wirklich, den liſtigen Heuch⸗ ler, den ein unſeliger Zufall hieher führte, um meine ſchönſten Pläne zu zerſtören; er hat Dein Herz be⸗ thört, eben ſo, wie er es bei den Männern, bei jener Dame, und wer weiß, wo ſonſt noch, gethan. O daß ihm der Himmel die herrliche Geſtalt verleihen mußte, er gebraucht ſie nur, um die Menſchen zu beſtechen, um ſie ſeinen Wünſchen geneigt zu machen. Jedes dieſer Worte war ein Dolchſtich in Mit⸗ jam's Bruſt, ein zweiſchneidig Schwert, welches, ſo ſchien es ihr, alle Faſern ihres Lebens zerſchnitt. —————— ——— 177 Sie bedeckte die Augen mit den Händen, und ließ den Kopf auf das kleine Tiſchchen nieder, an dem ſie ſaß. Eine Fluth von Gedanken wogte durch ihren Kopf; ſie hatte die erſte, die heiligſte Blüthe des Frauenlebens einem ungeliebten Manne opfern müſſen, obwohl vom tiefen Weh durchdrungen, that ſie es dennoch, weil es die Pflicht erheiſchte. Kaum hatte ſie es gelernt, ſich in dieß Joch zu fügen, ſo ſtarb der Gatte, ein neuer Schlag! Obwohl ſie ihn nicht geliebt, obwohl Jugendroſen ihre Wangen noch in vollſter Blüthe zierten, ſo drückte ſie doch der Gedanke: daß ſie nun Witfrau ſei, darnieder; der Menſch reißt ſich immer ſchwer aus einer gewohnten Lage, wenn ihn auch eine andere, angenehmere— erwartet; ich ſah ſogar Verbrecher aus ihrem langjährigen Ker⸗ ker, obwohl die Freiheit ihnen winkte, dennoch mit Thränen der Rührung ſcheiden.— Doch die junge Witwe fügte ſich auch in die einſame, ſchutzloſe Lage, und wurde ruhiger; da ſchlug ihre Stunde, der ge⸗ ſchloſſene Buſen öffnete ſich dem vom Himmel fallen⸗ den Thautropfen der Liebe, das Bild eines Mannes ſpiegelte ſich glänzend aus demſelben wieder, die Lei⸗ denſchaft wuchs um ſo ſchneller an, je länger ſie bis⸗ her geſäumt hatte, gerade ſo, wie uns die Sonne glü⸗ 178 hender dünkt, die erſt am Mittage aus den Wol⸗ ken bricht; die Liebe zu Rabbi Eliah war, wenn auch nur bisher in Gedanken, das Glück ihres Le⸗ bens geworden. Sollte ſie nun auch darauf verzichten, ſollte es möglich ſein, daß er ſie ſo entſetzlich täuſchen konnte, oder liebte er ſie nicht, war Alles, was ſie bisher vernommen, und ſelbſt bemerkt zu haben glaubte, blos Selbſttrug, welchem nur die bitterſte Wirklich⸗ keit folgte? Oder iſt Rabbi Eliah wirklich unſchul⸗ dig, und die Zumuthung falſch? Sollte die maskirte Frau in ihm wirklich den Prieſter und nicht den Mann geſucht haben? Wenn nur ein Athem von Wahrſcheinlichkeit für den letzteren Fall vorhanden geweſen wäre, wie gerne hätte ſie ihm geglaubt, wie überglücklich hätte er ſie gemacht!— Dieß waren die Gedanken, welche in den weni⸗ gen Augenblicken des eingetretenen Stillſchweigens mit Sturmesſchnelle durch ihre Seele gezogen. Der gefühlloſe Bruder ließ ſie in dieſer Stel⸗ lung gewähren, er hatte in der Wunde gewühlt, ohne in dieſelbe linderndes Oehl gießen zu wollen. Mirjam war keine von jenen Frauen, denen Thränen in jedem Augenblicke, wann ſie ſelbe be⸗ nöthigen, zu Gebothe ſtehen; aber in dieſer Lage, C. C. 178 bei ſolchen Gedanken konnte ſie dem Strome nicht wiverſtehen; ſie weinte ſtill und bitterlich. Das iſt der tiefſte Schmerz, der ſich auf ſolche Weiſe an's Tageslicht ringt; lauter Jammer, Schreien, Schluchzen, Toben, das ſind nur praſſelnde Flam⸗ men, die mehr Getöſe, aber weniger Wirkung machen.— Naphtali unterbrach das Schweigen: Biſt Du endlich von der Wahrheit meiner Worte überzeugt, Schweſter? Die Leidende erhob langſam das Haupt, ihr ſchönes Auge erglänzte in Thränen, ſo wie ein Stern, deſſen Bild aus dem Waſſer zittert, ſie ſah den Bruder eine Weile an, dann entgegnete ſie: Deine Worte haben mich ergriffen, aber nicht überzeugt; ſie haben mich erbarmungslos verwundet, aber kein Vertrauen in mir erregt. Du warſt Rabbi Eliah's Feind, noch ehe Du ihn kann⸗ teſt; Du wäreſt ſo auch jedes Andern Feind gewor⸗ den, wenn er jene Stelle einnahm, die Du dem Eidam Deiner Tochter beſtimmt hatteſt. Dein Ur⸗ theil über Eliah kann daher nur parteiiſch ſein, Deine Meinung über ihn wird nie eine gute ſein.— Was ich nun immer für ihn empfinde, mein Glaube an ſeine Heiligkeit, an ſeine Tugend iſt noch nicht — ——— 180 geſunken, daß ich nicht im Stande bin, ihn zu rechtfertigen, ihn vor den Augen ſeiner Feinde ſo rein hinzuſtellen, wie er in meinem Innern prangt, das iſt mein Kummer, das ſind meine Thränen; ich weine über meine Ohnmacht, nicht über meine Geſinnungen; ich betrauere nicht meine Gefühle, ſon⸗ dern die Bosheit ſeiner Feinde, ich ſchäme mich nicht meines Herzens, ich bereue nicht meine Wahl. Du biſt ein thörichtes Weib, und um Deinen Fehlgriff zu vertheidigen, beſchuldigeſt Du mich des Eigennutzes, als ob Dein Glück meinem Herzen nicht ſo nahe ginge, wie das meines eigenen Kindes! Ich will Alles, was Deinem Herzen zur Ehre gereicht, glauben; aber warum verdammſt Du den Rabbi, ohne ihn früher gehört zu haben? Warum urtheilſt Du im Vorhinein, ohne ſeine Vertheidigung zu begehren? Der Chacham erhob ſich, ging ſinnend auf und nieder, trat, in Gedanken verſunken, an's Fenſter, und blickte auf die Straße hinab; er zuckte plötzlich er⸗ ſchrocken zuſammen, kehrte ſich raſch zu Mirjam und ſprach: Der Zufall iſt erwünſcht! ſo eben kommen der Rabbi und Eßman auf das Haus zu. Der Beſuch gilt uns, er konnte nicht zu gelegenerer Zeit kommen, C C 181 wir wollen ihn hören, ich will ihm reinen Wein tiſchen, Du ſollſt mir nicht den Vorwurf der Par⸗ teilichkeit machen können. Bei dieſen Worten erhob ſich die Witfrau, ſie bebte, und wollte ſich entfernen. Der Bruder hielt ſie zurück: Du bleibſt, in Deiner Gegenwart ſoll er— Nie und nimmer! rief Mirjam— in meinen Augen bedarf er keiner Vertheidigung!— laß mich— Man hörte ſchon die Tritte der Kommenden auf der Treppe. Du bleibſt, ich befehle es Dir! Befiehl Du Deiner Magd und nicht mir, einer ſtelbſtſtändigen Frau! Die Tritte kamen immer näher, Naphtali hielt die Schweſter mit ſtarker Fauſt, ſchon waren die Kommenden nahe an der Thüre, er fürchtete eine unangenehme Scene, und ſchob die ſich Sträubende in das Nebengemach; der Rabbi und Eßman traten ein. Mirjam konnte die halbgeöffnete Thüre, ohne aufzuhalten nicht mehr ſchließen, ſie mußte, ohne es zu wollen, der unſichtbare Zeuge der ganzen Scene ſein. Naphtali ging den Gäſten mit ernſter Miene entgegen; ſein„Willkomm!“ hatte wenig Einladen⸗ 182 des, ein höhniſcher Zug, wahrſcheinlich darüber, daß er die Schweſter auf dieſe Weiſe gezwungen hatte, ſich ſeinem Willen zu fügen, lagerte um ſeinen Mund. Welchem glücklichen Ohngefähr verdanke ich den Beſuch ſo werther Gäſte? fragte er mit einem Tone, welcher mit ſeinen Zügen im Einklange ſtand. Kein Zufall, Vorſatz führte uns hieher! Dieſe Antwort gab der Rabbi und ließ ſein Auge ununterbrochen auf dem Antlitze des Haus⸗ herrn ruhen. Dieſer hielt den Blick nicht lange aus, bot den Andern Sitze, man ließ ſich nieder. Eine, für die Männer ſowohl, als für die Witwe im Nebengemache beengende Stille trat ein. Da der Rabbi mit der erſten Rede ſchon begon⸗ nen hatte, ſo konnte Eßman nicht das fernere Wort nehmen; der Rabbi ſchien im Augenblicke auch kein Verlangen zu tragen, das Geſpräch weiter fortzuſetzen, ſo mußte daher Naphtali beginnen: Wollt Ihr die Gewogenheit haben, mir den Vorſatz, der Euch hieher bemüſſigte, bekannt zu geben? Der Hohn in dieſer Frage war nicht zu ver⸗ kennen. Der Rabbi that, als bemerke er dieß Alles nicht, und nahm ungeſcheut das Wort: Ihr kennt mich noch ſehr wenig, Chacham 183 Naphtali! daher muß ich Euch ſchon geſtehen, daß ich in weltlichen Angelegenheiten nicht der Mann von großen Umſchweifen bin, daher offen und kurz? Ich komme zu Euch als Brautwerber! Der Hausherr wurde jetzt in der That betroffen. die Witfrau im Nebengemache begann heftig zu zittern. Sie dankte es dem Himmel im Herzen, daß ſie nicht geblieben war, wie es der Bruder verlangt hatte, ſie vergaß dabei zu erwägen, daß der Rabbi in ihrer Gegenwart gewiß nicht ſo ge⸗ ſprochen hätte. Dem Vater, welcher eine noch nicht verſorgte Tochter hat, muß ein Brautwerber ſtets willkommen ſein, aber Ihr werdet doch wiſſen, verehrter Rabbi, daß meine Jedida ſchon verſprochen iſt!— Dieſe Naivität des Hausherrn, dem Rabbi ge⸗ genüber, war zu einfältig, Eßman mußte daher lächeln, und Naphtali dieß bemerkend, wollte ihn finſter anblicken, aber das funkelnde Auge Eliah's. hielt ihn in Schranken. Von Eurer Tochter— ſprach er mit ernſter und lauter Stimme, gleichſam um einen unanſtändigen Scherz zurück zu weiſen— kann hier nicht die Rede ſein— die Werbung gilt Euerer Schweſter. Der Witfrau? 184 Eurer Schweſter Mirjam! Sich der Witwen und Waiſen annehmen, be⸗ fiehlt das Geſetz! Aber wollt Ihr mir noch ſagen, in weſſen Namen die Werbung geſchieht? In meinem eigenen Namen! Naphtali's Worte waren verletzend; der Rabbi hielt mit Mühe an ſich, Eßman blickte ihn ſtarr und unbeweglich an; Mirjam im Nebengemache war aufgeregt, traute kaum ihren Ohren, als ſie Eliah's kurze aber laute Erwiderungen vernahm. Eiſak war durch die Feſtigkeit, durch den un⸗ umſtößlichen Ernſt des Rabbi doch ein wenig aus ſeinem Gleichgewicht gebracht; ohne Anſtand und Sitte zu arg zu verletzen, konnte er in ſeiner frühe⸗ ren Weiſe nicht fortfahren, er that daher, als freue er ſich der Werbung, und fragte, gleichſam zur beſſe⸗ ren Verſtändigung: Ihr, verehrter Rabbi! wünſcht meine Schweſter zur Gattin zu nehmen? Ja, ich wünſche es. Weiß Mirjam um die Werbung? Nein— wozu dieß? Ihr ſeid alſo noch nicht verſichert, ob ſie ein⸗ willigen wird? 62 Nur unter der Bedingung, daß ſie dieß gerne thut, ſoll ſie die Meine werden. Hofft Ihr darauf? Thät' ich es nicht, ſo wär'ich nicht gekommen! Schade, daß meine Schweſter nicht hier iſt. Warum wünſcht Ihr dieß? Damit ſich die Gute einige Augenblicke früher ihres Glückes erfreuen könnte! Was Mirjam bei dieſem Geſpräche empfand? Ihr Herz pochte immer lauter, in dieſen Augenblicken war jeder Schein eines Verdachtes aus ihrem Buſen gewichen; Eliah ſtand rein wie ein Seraph vor ih⸗ rer Seele; er liebte ſie, es war gewiß, ſie hätte hin⸗ ausfliegen und ihm weinend an's Herz ſinken mögen. Die kalten, höhniſchen Worts des Bruders ſtörten ſie dann aus ihrem Entzücken; er wußte, daß ſie jedes Wort des Geſpräches vernahm, und doch quälte er ſie damit, oder wollte er vielleicht gar den Rabbi—— Nein, einer ſolchen ſündigen Bosheit konnte ſie ihn nicht fähig halten. Und doch war es ſo!! Eurem, für meine Familie ſo ehrenvollen Antrag habe ich ein Bedenken entgegen zu ſetzen. Ihr wißt, verehrter Rabbi! und auch Ihr, Chacham Eßman werdet es wiſſen, zu welchen üblen Deutungen jüngſt 16 — ——————,— —— 186 der Vorfall Anlaß gab— ich meine nämlich den, mit der unbekannten Maske. Euer Anſehen, Rabbi! hat darunter ſehr gelitten, und Ihr werdet es dem Bruder Eurer Auserwählten gewiß vergeben, wenn er mit ſeinem feſten Willen darauf beſteht, daß— bevor noch irgend ein weiterer Schritt zu dieſem Ver⸗ hältniſſe gemacht wird, früher die Wolke zerſtreut werden muß, welche durch jenes Ereigniß Euren gu⸗ ten Ruf bedeutend verdunkelt hat. Eliah konnte bei dieſer Beſchuldigung nicht ruhig bleiben, er erblaßte; was aber Zorn und Un⸗ muth bewirkten, das hielt Eiſak für ein ſtilles Be⸗ kenntniß ſeiner Schuld. Ihr könntet alſo wirklich glauben? fuhr ihn der Rabbi an— Ich glaube nichts, als was ich geſehen habe! ver⸗ ſetzte Naphtali kalt. Eliah wollte ſich erheben, um jede fernere Un⸗ terhandlung abzubrechen, das Bewußtſein ſeiner Un⸗ ſchuld vermehrte ſeine Entrüſtung. Elieſer Eßman, welcher bisher wohl ein theilnehmender aber ſtiller Zeuge geweſen war, bemerkte dieſe Bewegung, und daer im Augenblick erkannte, daß durch einen ſolchen Bruch die üblen Geſinnungen nur noch mehr Wahrſcheinlich⸗ 187 keit und Anhaltspunkte fanden, ſo hielt er den Rabbi mit ſanfter Gewalt auf ſeinem Sitze zurück und ſprach: Mäßigt, verehrter Rabbi, Euren gerechten Un⸗ willen, denn Schonung verkündet des Weiſen Mund, der Thoren Lippen Verdammung! man wird Euer gerechtes Schweigen ſtatt zum Vortheil, Euch nur zum Nachtheil deuten. Ihr müßt reden. Naphtali Eiſak iſt von Eurer Würde und Frömmigkeit zu ſehr durchdrungen, als daß ihm nicht wenige Worte von Euch genügen ſollten. Eine einzige Verſicherung von Euch, wird genug ſein, auch in den Augen ſeines Anhanges den böſen Verdacht zu verſcheuchen. Ich bedarf nicht einmal deſſen, erwiderte der Gegner; Ihr habt das einfachſte Mittel in den Hän⸗ den, Euch vollkommen zu rechtfertigen. Nennt den Namen jener Frau, ihr Stand und Wandel wird entſcheiden, ob die Anklage gegen Euch gerecht oder ungerecht war. Eliah mochte auf dieſen Antrag gefaßt ſein, und verſetzte ſchnell: Den Namen jener Frau darf ich nicht preis geben! Ihr dürft nicht? Nein, ich darf nicht! Was hindert Euch daran? Verhältniſſe! 188 Es müſſen dieß ſonderbare Verhältniſſe ſein! Beim Himmel! da habt Ihr recht; es ſind ſon⸗ derbare Verhältniſſe! Und darf man auch dieſe nicht erfahren? Für jetzt noch nicht; ſpäter, nach Jahren kann's wohl einmal geſchehen. Fürchtet Ihr, die Frau blos zu ſtellen? Ja, das geſchähe, wenn ich ihren Namen nen⸗ nen würde. Weiß Eßman um dieß Geheimniß? Nein, er wird jedoch der Erſte ſein, der es erfährt. Natürlich, der Freund, der Schutzherr muß im⸗ mer den Vorzug haben; ich beneide ihn nicht darum! Ihr beharrt alſo feſt bei Eurem Willen, den Namen der Frau nicht entdecken zu können? Ich muß für jetzt dabei verbleiben! Naphtali Eiſak's Antlitz nahm eine trium⸗ phirende Miene an, er erhob ſich, ging auf das Ne⸗ bengemach zu, die Anderen blickten ihm ſtaunend nach; jetzt ſtieß er die halb offene Thüre an, daß ſie angel⸗ weit aufflog; Mirjam wurde ſichtbar, ſie war blaß, verſtört. Du haſt es jetzt ſelbſt gehört, meine Schweſter! rief er mit heuchleriſchem Mitleiden— der Rabbi darf 5 180 den Namen der ſchönen Frau nicht nennen; er fürch⸗ tet ſie blos zu ſtellen! Die beiden Werber waren aufgeſprungen und ſtanden wie lebloſe Bildſäulen da. Mirjam war mit einem Schrei zu Boden geſunken. Naphtali Eiſak ſchien ſich an dem Anblicke zu weiden. Es war eine ergreifende Scene! ₰ Ende des erſten Bandes. — ——————— ⸗.£ 3* — ——— Beim Verleger dieſes ſind noch nachſtehende No⸗ mane von Ednard Breier erſchienen und da⸗ ſelbſt, ſo wie in jeder ſoliden Buchhandlung zu haben: Der Fluch des Rabbi. Romantiſches Sittenge⸗ mälde aus dem 16. Jahrhundert. Zweite Auf⸗ lage. 1845. Der Gezeichnete. Hiſtoriſcher Roman aus dem 16. Jahrhundert. 3 Bände. 1845. Wien vor 400 Jahren. Hiſtoriſcher Roman. 2 Bände. 1842. Die Hußiten vor Luditz. Hiſtoriſcher Roman. 1843. Die Tartaren in Croatien und Dalmatien. Hiſtoriſcher Roman. Zweite Auflage. 1845. Waldfräulein, oder Ritter und Adept. Ro⸗ mantiſches Sagenbild der Vorzeit. 1844. Der Königsenkel. Die Schlacht bei Mohäcs. 2 hiſtoriſch romantiſche Erzählungen. Zweite Auf⸗ lage. 1845. — ——„— — —