—— N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oitmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und weſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— If. n—„ 3„ S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuriſckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. eerer Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——— D Eduard Preier's geſammelte Romane. Dritter Band. Wien und Leipzig. 1818. Joſef Stöckholzer v. Hirſchfeld⸗ Der Gezeichnete. Hiſtoriſcher Roman von Eduard Preier. Dritter Band. Zweite Auflage. Wien und Leipzig. 1818. Joſef Stöckholzer v. Hirſchfeld⸗ —— Piertes Vuch: Die Gaukler. — — Wir führen unſere Leſer nur auf ein Stündchen lang auf die offene Straße unweit von Ober⸗Laibach. Ein Graben trennt dieſe von den angrenzenden Wieſen, ſchattige Weiden bilden die Umrahmung ſeines jenſei⸗ tigen Randes. Im kühlen Dunkel der Bäume liegen zwei Männer, ihre beſtaubten Schuhe zeigen, daß ſie des Weges weit daher kommen, mithin der Ruhe, welche ſie jetzt genießen, auch vollkommen bedürfen. Wir benützen ihren Schlummer dazu, uns mit den Gegenſtänden bekannt zu machen, welche ſeitwärts ihrer grünen Lagerſtätte ſtehen, und ihr Eigenthum zu ſein ſcheinen. Dem Einen Schläfer zunächſt liegt ein ſchwar⸗ zer Hund, er iſt groß, hat die Vorderpfoten weit von ſich geſtreckt, und läßt den Kopf auf denſelben ruhen; ſeine langen Ohren hängen ſchlaff hinab, die Augen ſind weit geöffnet, man merkt, daß das treue Thier den ſchlafenden Gebiether und ſein Eigenthum be⸗ wache; neben ihm kauert ein kleiner Spitz, er hat den Kopf zwiſchen den Beinen und ſchläft; er ſcheint zu wiſſen, daß bei der Wachſamkeit des großen Geſähr⸗ ten die ſeine überflüſſig ſei. Ohnweit von dieſen Beiden ſteht ein Kaſten mit zwei Tragbändern, ein enges Drahtgitter bildet die eine breite Vorderwand, durch dasſelbe bemerkt man, daß der innere Lichten⸗ raum in ſeiner Höhenmitte getheilt iſt; in dem oberen Fache befindet ſich ein kleines, vierbeiniges Thierlein, in dem unteren hat eine grüne Natter ihre Behau⸗ ſung; ſie ruht eben zuſammengerollt auf dem Boden des Behältniſſes, ſtreckt den kleinen Kopf gegen das enge Gitterwerk, durch welches aber nur die zwei⸗ ſpaltige Zunge hindurch kann, die gierig an dem Drahte leckt. Oben auf dem Kaſten ſteht ein Vogel⸗ haus, in welchem ein bunt gefiederter Papagei gefan⸗ gen ſitzt; auch er ruht auf einer bequemen Sproſſe, und hat die Augen geſchloſſen. An einem Ringe des erwähnten Kaſtens, an einem langen Kettchen, hängt ein Affe; in dieſem Augenblick ſitzt er ganz ſicher auf dem Rücken des ſchwarzen Hundes, und ſpielt mit einem Zweig, den er wahrſcheinlich im Sprunge von einem tief hangenden Aſt erhaſcht hatte. Das ganze Bild gewährt ein ſtilles, friedliches Anſchauen und ein behagliches Gefühl nach demſelben; es fehlt ihm nichts, als ein hübſches Mädchenantlitz im Hinter⸗ 5 grund, welches neugierig durch die getheilten Zweige lugt, und es wäre ein ſchöner, nicht undankbarer Vorwurf für den Pinſel eines bildenden Künſtlers. Jetzt ſchlägt der ſchwarze Hund an, der Affe ſpringt fort, der Papagei erwacht, die beiden Männer erheben ſich und blicken forſchend umher. Es muß ein lebend Weſen in der Nähe ſein, begann Einer von ihnen. Ich bemerke nichts, verſetzte der Andere, ſiehſt Du was, Petruchio? Der, welchen wir Petruchio nennen hörten, durchflog mit ſeinem Blick die Runde und ſprach: Es iſt nichts Beſonderes; eine Eidechſe oder ſonſt ein Thier, durch deſſen Raſcheln Apor aufmerkſam wurde; wir müſſen lange geſchlafen haben, Paolo? Der Tag ſcheint hübſch weit vorgerückt; treten wir unſern Weg an. Wohin gedenkſt du? Mir gleich, nur in keine Stadt, denn beim Land⸗ volk blüht unſer Waizen; es iſt neugierig, ſorglos und abergläubiſch; drei Eigenſchaften, die für uns un⸗ bezahlbar ſind. Unſer Gewerbe wirft aber trotzdem ſchmale Biſ⸗ ſen ab! rief Petruchio, und verſtänden wir es nicht, ſo manches Plänchen auszuführen, welches Gold in unſere Säckel bringt, es wäre zum Verhungern! Apor, ſo hieß der ſchwarze, große Hund, ſchlug jetzt zum zweiten Male an.— Es muß Jemand in der Nähe ſein, rief Paolo, und erhob ſich; ſein Ge⸗ fährte folgte dem Beiſpiele, und Beide bemerkten jetzt wirklich ein weiblich Weſen ſich durch das Gebüſch her⸗ anwinden. Maledetto! rief Petruchio, ſieh mal hin— ein Mädchen, es kommt näher, per baccho, das Geſicht ſollt' ich kennen. He da! mein hübſcher Waldgeiſt, wo⸗ her des Weges? komm doch her zu uns, denn ſo ich mich nicht irre, ſind wir Bekannte von früher her. Die Gerufene trat wirklich heran. Eine volle, üppige Geſtalt in etwas ſonderbare Gewänder gehüllt, mit einem blaſſen, abgeſpannten Antlitz, welches be⸗ deutende Spuren genoſſener Lebensfreuden an ſich trug; ein ſchwarzes Auge, deſſen Gluth zum Theil erloſchen, nur einen düſtern Eindruck zurück ließ, war ſie trotz dem noch immer geeignet, auf ſinnliche Na⸗ turen einen Eindruck hervor zu bringen. Petruchio, als er ſie einige Zeit betrachtet hatte, rief aus: Ei, ſiehe da, ſeid Ihr es? Bei meinem Leben! ich hätte Euch bald nicht wieder erkannt! Ihr ſeid ja die nied⸗ liche Pflegerstochter von Cirknitz? Ja, ich bin Walburga— erwiederte ſie mit unſicherer Stimme, und eine glühende Röthe ergoß ſich über ihre Wangen— und Ihr ſeid Petruchio! ten einen Flug zurück in das Land der Vergangen⸗ 7 ein böſer Zufall nur läßt mich den wieder finden, der mich ſo ſchändlich verlaſſen hat. Meine Liebe, unterbrach ſie der ehemalige Anbe⸗ ther leichtſinnig, Du nimmſt den Scherz zu ernſt; ſieh', es werden beinahe vier Jahre ſein, daß ich Dich in Cirknitz kennen lernte; Du warſt ein hübſches Kind— man ſieht es Dir auch jetzt noch an, und ich glaubte damals Deine Wünſche aus Deinen Augen zu leſen; wir wurden Eins, wir liebten uns; kannſt Du mir vielleicht was Uebles nachſagen? War ich nicht der glühendſte Anbether, und beneidete Dich nicht das ganze Dorfpack um den ſchönen, feurigen Petruchio? Aber tempi passati, ein Rauſch vom edelſten Weine verflüchtiget ſich, warum nicht auch ein Rauſch der ſüßen Leidenſchaft; ich ſetze meine Nater hier gegen ein Einziges Deiner Rabenhaare, auch Du haſt dieſe Erfahrung gemacht; nicht wahr, mein Schatz, ich habe Recht? wir haben gleich em⸗ pfunden, als wir uns kannten, wir empfanden gleich während der Trennungsfriſt, und gewiß, auch in die⸗ ſem Augenblicke, da wir uns nach vier Jahren zum erſten Mal wiederſehen, empfinden wir wieder gleich. Walburga hatte dieſe Rede nicht ſo ruhig mit angehört, als man ihrem unveränderten Aeuße⸗ ren nach hätte vermuthen ſollen. Ihre Gedanken mach⸗ heit, und ſie ſah ſich wieder in Cirknitz Petruchio gegenüber, dann plötzlich Siegfrieden, dann in den Scenen auf dem Bierbaumer⸗Tabor, und jetzt hier; war es Reue, was in ihrem Herzen um ſich griff? Gewiß nicht; ſonſt hätte ſie fort müſſen, zu⸗ rückkehren nach Cirknitz, dem gekränkten Vater zu Füßen ſinken, und ſich dem Wurme gleich winden, bis er ihr mindeſtens einen Theil ihrer Schuld ver⸗ ziehen; nicht Reue alſo, ſondern Schaam, Kränkung, Verdeuß, Gier und Leidenſchaft, Leidenſchaft für Ei⸗ nen, der ſie zweimal verſchmäht hatte, und von dem ſie dennoch nicht laſſen wollte, dem ſie nachſtrebte mit allem Vermögen ihrer Seele, mit allen Kräften ihres Leibes. Nach Petruchio's letzter, gleichſam wie eine Frage an ſie gerichteten Rede, ſchwieg ſie einige Augenblicke, dann ſagte ſie: Und was meinſt Du, daß ich jetzt empfinde? Aufrichtig geſprochen— lächelte der Italiener— ſo glaube ich, Du hätteſt den Wunſch, mit mir zu ziehen und mir wieder anzugehören; denn junge Liebe iſt gerade ſo wie junger Wein; wenn ſich auch Geiſt und Feuer verflüchtigen, ſo bleibt ein tüchtiger Bo⸗ ¹¹ denſatz zurück; Du fühlſt noch immer ſo eine kleine Neigung zu mir.— Walburga war nicht in der Lage, über die⸗ —3 ſes Gleichniß nachzudenken, oder ihr Inneres zu er⸗ —. —.—— 5 forſchen; ihr Vortheil erheiſchte es, daß ſie Schutz bei einem Manne fand; ihrem Vorhaben war wieder die herumziehende Lebensweiſe Petruchio's günſtig, denn ſein Handwerk leuchtete ihr, beim erſten Blick auf ſeine Umgebung, ein; ſie beſchloß daher, ſich ihm in der That anzuſchließen und ſprach: Petruchio! ob ich eine Neigung zu Dir fühle oder nicht, Dir wird und kann es gleich viel gelten; daß ich mit Dir ziehen wolle, iſt wohl wahr, weil ich für den Augen⸗ blick ohne Schutz, ohne Mittel bin, aber wenn ich mich dann wirklich entſchließe, ſo ſoll es nicht unbe⸗ dingt geſchehen; doch vor Allem ſage mir, wo gedenkſt Du hin? Wohin? in's ganze Land, bald hier, bald dort; heute Nacht in einer Mühle, morgen in der Meierei, hier im Dorf, dort im Schloß; ſind wir ſolcher Weile mit dem Kraineranlde fertig, ſo geht es in die Steiermark und ſo fort, bis wir ein hübſches Sümm⸗ chen erworben haben, um im Alter vom Schweiß der Jugend zehren zu können. Paolo, dem der Vortheil auch einleuchtete, wenn das Mädchen mitzog, begann: Ihr werdet fin⸗ den, ſchönes Kind, daß unſere Lebensweiſe der An⸗ nehmlichkeiten mehr hat, als Ihr vielleicht ſelbſt ver⸗ muthen werdet. Unſere Thiere mit ihren Kunſtſtücken, Petruchio's 10 Rednergabe und mein Prophetengeiſt bringen oft Geld und Beifall; und wenn erſt Ihr hinzu kommt, mit der ſchmucken Geſtalt, dem ſchwarzen Kohlenauge; hu, wie werden ſie da herbeiſtrömen zu der ſchönen Schwarzkünſtlerin: Ihr dürft nur die Hand heben, und ſie werden jubeln; die Männer ſind ſchon ſo; ein ſchönes Mädchen darf ſich nur auf einen Fuß hin⸗ ſtellen, ſo wird man's mehr bewundern, als wenn ein Mann aus freien Stücken in der Luft ſich hielte⸗ Wohlan, verſetzte die Pflegerstochter, ich zieh mit Euch, jedoch nur ſo lange, als es mir genehm, gefällt es mir nicht mehr, ſo habt ihr kein Recht, mich ferner aufzuhalten. Das kannſt Du, Walburga, fiel Petruchio ein; doch mußt Du uns ein gleiches Vorrechtzugeſtehen; auch wir können Dich entlaſſen, wenn es uns gefällt, doch nicht ohne vorhergegangener, redlicher Gewinntheilung; denn im Punkte des Goldes bin ich viel gewiſſenhaf⸗ ter als in Liebesangelegenheiten. Bei dieſen Worten, mehr ironiſch als ernſt ge⸗ ſprochen, brach Paolo in ein helles Gelächter aus. Petruchio iſt ein Schelm, wendete er ſich zu Wal⸗ burga; er ſcherzt oft, und manchmal recht zum La⸗ chen. Doch, ſchönes Kind, Ihr müßt mir ſchon auch geſtatten, daß unter uns Beiden das vertrauliche„Du“ Platz greife, wir müſſen ohnedieß alle drei für Ge⸗ 11 ſchwiſter gelten, daher heißt es ſich daran gewöhnen. Jetzt komm her, liebe Schweſter, ich will Dir den unnöthigen Tand von dem Kleide trennen, denn ſo ſiehſt Du viel zu vornehm aus; die braunen Schuhe laſſen Dir gut, Dein nettes Füßchen hat in denſel⸗ ben die ſchönſte Form; doch die Schleifen müſſen fort — ſo, jetzt iſt's recht— das dunkle Kleid muß auch gefallen, denn es ſchmiegt ſich oben und unten fal⸗ tenreich um den Leib, auch der Gürtel harmonirt dazu; doch die Spitzen und Bänder müſſen fort, ſteh nur ruhig, liebe Schweſter, denn das Gewebe iſt fein, und läßt ſich ſo leicht vom Stoffe nicht ſchneiden— ſo, das wäre auch geſchehen!— Nun bleib' nur noch; Dein Kopf⸗ und Halsputz,— die Krauſe iſt freilich ein wenig zerknittert, nun— Du kannſt ſie Dir bei Ge⸗ egenheit wieder glätten, und das Haar, das glänzt; ſo nur kann ich mir die Sonne denken, wenn der liebe Himmel ſie ſchwarz geſchaffen hätte; die Ringel⸗ locken rollen über den weißen Nacken, dieſer Kopfputz kleidet Dich am Beſten;— halt' noch ein wenig; am Rande hier iſt eben eine Spätroſe erblüht, es war die höchſte Zeit, ſonſt hätten Sturm und Reif das arme Kind verbrannt, dieſe Roſe ſteck' Dir in's Haar,— mehr ſeitwärts, liebes Kind— ſo, jetzt iſts recht, Du biſt herausgeputzt: einfach aber reizend, beim Himmel! Petruchio, ich an Deiner Stelle hätte Cirknitz nicht ſo ſchnell verlaſſen. Dieſer zuckte gleichmüthig mit der Schulter und bemerkte, daß es an der Zeit ſein werde, aufzubre⸗ chen. Das Kleeblatt machte ſich nun auf den Weg. Paolo nahm den Kaſten auf die Schulter, in dieſer Beſchwerde lösten er und Petruchio ſich wechſelſeitig ab; der Affe ward an Walburgen übergeben, den Papagei im Bauer trug Petruchio und die beiden Hunde liefen ſo mit. Schon während der ganzen Verhandlung hatte Apor ſich um das Mädchen freund⸗ lich herumgethan, der Inſtinkt ſchien das Thier zu lehren, daß er hier eine mildere, nachſichtigere Herrin gefunden, die ihm nicht einen jeden Biſſen Brod durch einen Fußtritt vergelten, nicht jedes Vergehen mit einer erbarmungsloſen Züchtigung beſtrafen würde. So zogen ſie nun hin, Thier und Menſchen, unter ihnen das verworfene Mädchen, mit einem be⸗ mitleidenswerthen Leichtſinn ſich in die erniedrigende Lebensweiſe findend; ſie, die Tochter eines redlichen, wohlhabenden Mannes, durch unbezähmte Leideſnchaft zur Theilnehmerin von Gauklern und Dieben herab⸗ geſunken! Wir ſahen ſie ſtraucheln, wir ſahen ſie alle Vorſtellungen und Warnungen verhöhnen, wir waren Zeugen ihres Sinkens, wir wollen ihre Bahn zum warnenden Beiſpiel bis an's Ende verfolgen, und — E r d 13 können dieß um ſo eher thun, da ſie jene unſeres Helden ſo oft durchkreuzt. Die Save, Krain's Hauptſtrom, entſpringt aus den Karniſchen Alpen, und Gebirge mit greiſem Schei⸗ tel ſind die Väter des ungezogenen, oft unzubändigen⸗ den Kindes. In Oberkrain ergießt ſie ſich zuerſt in merklicher Größe und quillt, von Bergen eingeſchloſ. ſen, gleichſam ihre Kindheit durchjagend, dahin. Bei Krainburg öffnet ſich einerſeits das Gebirge und der Strom, erſtärkt und größer, nicht mehr ſo einge⸗ ſchränkt, ſchießt luſtig hinab, wie der Jüngling in den ſchönſten, aber immer noch ruhigen Jahren. Nun aber fließen die Waſſer, wie Leidenſchaften in der Seele des Menſchen, von allen Seiten herbei; kaum andert⸗ halb Meilen von Laibach, zwiſchen Oſterburg und Luſtthal, ſtrömen ihr die Laibach, Feiſtritz und Feſtnitz zu, ſie fühlt ihre Macht wachſen, ihre Ge⸗ walt zunehmen, reißt ſich aus den beengenden Bergen, und wogt die fruchtreiche Ebene hinab; unruhig, aber raſch; ſtark, aber nicht bösartig; ungeduldig, aber ent⸗ ſchloſſen, faſt das Bild eines liebenden Jünglings. Aber, um unſer Gleichniß weiter auszudehnen: ſo wie dem Manne ſich Hinderniſſe entgegenſtemmen, ſo wie ihn oft das Geſchick in die Enge treibt; ſo wird auch bald dieſer Fluß von Bergen wieder eingeſchloſſen, wel⸗ che ſeinen Lauf ſchmälern und verengern; ſein Bett iſt kein ebener Boden mehr, ſondern von Felſen und Klip⸗ pen geſchlichtet, er ſelbſt iſt nicht mehr der duldende Knabe, er iſt ein Mann geworden, der ob des Joches ergrimmt, ſich in demſelben ſtemmt und bäumt, der hüpft, taumelt und ſpringt, der ſich in Waſſerfällen hinabſtürzt, mit Gewalt durchreißt und ſich Bahn bricht. Als mißachteten ſie dieſes ausgelaſſene Toben, ſchütteln zuweilen die greiſen Berge den Schnee ihrer Scheitel hinab, als ſolle der weiße Kriſtalldamm den Unbändigen zähmen; aber er, wie raſend durchwühlt er den mächtigen Schneeberg, und jagt jetzt eben ſo wie früher, von dem Kampfe nur abgekühlt, ſeine Bahn durch; ſie iſt noch lang, führt ihn in das Croa⸗ tenland, die Militärgrenze, und ſtürzt endlich bei Belgrad in die mächtigere Donau: ſo endet auch der Mann, wenn er endlich alle Hinderniſſe über⸗ wunden, wenn er ſich dem Schiffs frohnn des Schick⸗ ſals gefügt, wenn er endlich eine ſorgloſe, bequeme Bahn ſich errungen, in dem kräftigſten Alter! Der Tod verſchlingt ihn, die Wellen der Zeit rollen über ihn hinweg, ſein Weſen, ſein Nahme werden vergeſſen, es iſt ſo, als ob er gar nicht da geweſen wäre. Alles— „— 15 Alles war vergebens, er iſt verſchollen und vergeſſen; ſelbſt der, welcher ihn verſchlungen, verliert ſich in's Meer der Ewigkeit. Auf dem Punkte, wo dem Saveſtrom die erwähn⸗ ten drei Flüſſe, Laibach, Feiſtritz und Feſtnitz zufließen, führen wir unſere Leſer, denn dort ſteht Oſterberg, der Ort unſerer Handlung. Zwiſchen der Feſtnitz und der Laibach erhebt ſich ein hügeliges Stück Boden mit einer nicht unfreundlichen Anhöhe, auf welcher Schloß Oſterberg lagert; am Fuße der Anhöhe, die gleichſam eine Spitze bildet, fließen die erwähnten Waſſer zuſammen und vereinigen ſich mit der Feiſtritz und Save, welche aus Oberkrain herab⸗ ſtrömen. Das Schloß wurde ſchon im Jahre 1015 erbaut; nachdem es aber an die Gallenberger über⸗ gegangen, ließ einer von dieſen Edelherren*) gegen⸗ über dem Schloſſe, jenſeits der Save, das Schloß Luſtthal erbauen, welches er auch bezog, mithin Oſterberg in Verfall kam, ſo zwar, daß es ſchon in der Zeit unſerer Geſchichte nicht mehr bewohnt, als ein baufälliges, verlaſſenes Gebäude ſich darſtellte; dagegen ſtand am Saveufer, längs der Anhöhe, ein hübſches Dörfchen, welches den gleichen Namen des Schloſſes führte, und auch von dem gegenüberliegen⸗ * Alexander von Gallenberg. 16 den Dorfe Luſtthal durch die Strombreite getrennt war. Die Häuſer des erwähnten Dorfes lagen auf der Anhöhe in größeren und kleineren Zwiſchenräumen zerſtreut; mit ſchwerer Mühe war zu erkennen, daß ſie ein Ganzes bilden; auch gab es nur drei Orte, wo ſich ihre Bewohner zuſammen zu finden pflegten: im Gotteshauſe, im Schank und auf dem Friedhofe. Auf dem Letztern lernen wohl die Un⸗ geſelligſten Eintracht und Verträglichkeit kennen. Der Spätherbſt war herangebrochen, jene weh⸗ müthige, traurige Zeit, die beſonders auf dem Lande ſo tief empfunden wird. Die Mühen des Sommers haben aufgehört, der Landmann hat geärntet, für den Winter geſäet, Kammern und Speicher ſind ge⸗ füllt, das Hausvieh iſt geborgen im heimlichen Stall, das öffentliche Leben auf den Aeckern und Wieſen hat aufgehört und das Häusliche begonnen; wie tie Schnecke ſich in ihr Häuschen zurückzieht, ſo ſucht das Landvolk auch die Hütten und wendet ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf das Innere derſelben; da wird nun geſchnitzt und geſägt, geſpalten und gehämmert, das ſchadhafte Geräthe ausgebeſſert, hier eine Klinſe in der Wand, dort eine Oeffnung im Dache verſtopft; Holz für den Winter herbeigeſchafft und verkleinert, Weiber und Mäcchen ſuchen den Rocken hervor, und die Knaben bereiten das Futter für Vieh und Geflügel. 17 So geht es wohl die ganze Woche hindurch, nur der Sonntag macht hievon eine billige Ausnahme; man geht Vormittags zur Kirche, und findet ſich Abends nach dem Segen im Schank ein, um zu tanzen, fröhlich zu ſein, und wohl einen Krug über Maß zu trinken. Sdo wie wir es geſchildert, ging es auch in den meiſten Hütten Oſterbergs her; nur in Einer war dieß nicht der Fall. Die Bewohner derſelben hatten nur Drangſale und Thränen geerntet, in ihren Seelen lag nur ein Vorrath überſtandener Leiden und bitterer Gefühle aufgeſpeichert, ſie ſuchten nur Schutz vor unverdienter Verfolgung und unmenſchlicher Schmach, ſie fanden nur Erholung in ihrem wech⸗ ſel ſeitigen Vertrauen; es waren— Duna und Siegfried. Unglück und Schmach ſchienen an der Ferſe des unglücklichen Jünglings zu haften; in dem Augen⸗ blicke, als er den Lohn für ſeine Entdeckung ernten ſollte, trat ihm ſein böſer Geiſt entgegen, und brand⸗ markte ihn mit dem Stempel der Lüge im Angeſichte des Volkes, in Gegenwart des Kaiſers; nur die An⸗ weſenheit Duna's rettete ihn dadurch, daß er vom Henker feſtgenommen wurde, ſicherte ihn vor jeder andern Züchtigung, entzog ihn der Gewalt ſeines Verfolgers. Der Meiſter hatte bisher von der Sehe⸗ 2 18 rinn des Cirknitzer Bodens viel ſeltne Kräuter er⸗ halten, deren er oft bedurfte, daher that er auch dem Jünglinge kein Weh, ſondern hielt ihn verborgen bei ſich, bis Duna ihn wieder zu holen kam. Der Dienſt, für den ſie Siegfried beſtimmt hatte, den hatte er ihr geleiſtet; Emilian, der Gegenſtand ihrer noch nicht ganz geſättigten Rache, ſaß gefangen in den Trantſchen zu Laibach; aber ſie war weit entfernt davon, den armen Jüngling jetzt zu verlaſſen, ſie wollte nur noch das Ende Emilians abwarten, und dann ihm die Seinigen ſuchen helfen. Hiezu war aber unumgänglich nothwendig, daß ſie in Lai⸗ bach ſelbſt, oder in deſſen Nähe verblieb. Da ſie Siegfried ſo lange im verpönten Henkergehöfte nicht laſſen wollte und zu befürchten ſtand, daß er ſich in der Stadt nicht verborgen genug aufhalten könnte, ſo warf ſie einen Blick auf die Umgebung derſelben und wählte das abgelegene, anderthalb Mei⸗ len entfernte Oſterberg. Sie fand im Dorfe eine kleine Hütte, welche zu einem großen Bauerngehöfte gehörte, im Winter jedoch immer unbewohnt blieb, weil ſich die Landleute da immer enger an einander ſchließen, um einen kleineren Holzbedarf zu erzwecken; dieſe Hütte miethete ſie, und ließ dieſelbe für ſich und Siegfried wohnbar herrichten. Als ſie damit zu Stande gekommen war, holte ſie eines Abends den bei nſt, er och den ernt ſie ten, iezu Lai⸗ ſie öfte er lten ung Nei⸗ eine höfte lieb, nder cken; und t ze ten ſie ihr Lebelang in Oſterberg zugebracht. 13 Jüngling ab und bezog mit ihm den einſamen Auf⸗ enthalt. Das Seelenleiden Siegfrieds ließ ſeine Wangen viel bläſſer erſcheinen, als früher; er bedurfte wirklich Duna's liebreiche Pflege und der freien ge⸗ ſunden Bergluft jener Gegend, um ſich nur in Etwas zu erholen. Duna erſchien im häuslichen Kreiſe als eine ehrwürdige Matrone, von welcher jede Spur ienes geiſterhaften Seherweſens verſchwunden war; aber Ernſt, ein kalter Ernſt thronte noch immer auf ihrem Antlitze, und aus dem dunklen Auge zuckte noch immer jener unheimliche Strahl, welcher ſie einſt ſo furchtbar gemacht hatte. Siegfried brachte ſeine meiſte Zeit in ihrer alleinigen Geſellſchaft zu, Beide galten im Dorfe allgemein für Mutter und Sohn, und ein Mädchen aus dem nachbarlichen Hauſe, wel- ches gemiethet war, die häuslichen Bedürfniſſe herbei⸗ zuſchaffen, und ihren kleinen Haushalt zu verſehen, konnte ſich im Loben der alten Frau nicht genug er⸗ ſchöpfen. Um noch weniger aufzufallen, war Duna ſo vorſichtig, ihre, als auch Siegfrieds Gewänder ſo zu wählen, wie ſie die vermöglicheren Gewerbs⸗ leute in den kleinern Städten Krains dazumal tru⸗ gen; in den erſten paar Tagen wurde zwar hin und wieder im Dorfe von ihnen geſprochen, allein bald achtete man ihrer nicht mehr, und es war ſo, als hãt⸗ 20 An einem Sonntage Nachmittags befanden ſich Beide in der größeren Stube der Hütte. Draußen war es bereits kalt und unfreundlich geworden; Stürme verkündeten das Herannahen oder vielmehr i das Daſein des Winters, ein ſcharfer Wind ſtrich durch das Gebirge, ſchüttelte den letzten Laubreſt vollends 1 von den Bäumen, und jagte den dürren Abfall hinab 2 gegen die Save, deren Rauſchen monoton auf die 2 Anhöhen hinaufdrang. Auf der Feuerſtelle in der Stube n flackerte eine helle Flamme, wärmte den Raum und ſ machte ihn wohnlich. Siegfried war beſonders miß⸗ ſe muthig und wortkarg; Duna hatte es ſchon verſucht, ihn mehrmals durch ein Geſpräch von ſeinen Gedanken ſo abzulenken und zu zerſtreuen, ſie forderte ihn auf ihr o! 1 ſeine Abentheuer auf dem Bierbaumer⸗Taber, von de⸗ nen er doch ſonſt ſo gern ſprach, zu erzählen; allein w er war nicht zu bewegen, ihre Wünſche zu erfüllen. Es zu waren ſtärker als je, die Gedanken an ſeine Regina he erwacht, an die Geliebte ſeines Herzens, die er ſeit zu jenem Abende, wo er der Erfüllung ſeiner Wünſche de und Hoffnungen ſchon ſo nahe zu ſein glaubte, nicht A ¹ wieder geſehen hatte. Duna mochtée wohl den In⸗ D halt ſeiner Gedanken ahnen, und glaubte ihm am Be⸗ ſo ſten dienen zu können, wenn ſie von dem Gegenſtande üb derſelben zu ſprechen begann. de 21 Ich werde bald wieder eine kleine Reiſe nach Lai⸗ bach unternehmen— Nach Laibach?— fiel Siegfried ein; o, wenn ich mitgehen dürfte! Es hieße Dich muthwillig in die Gefahr bege⸗ ben; was haſt Du auch in der Stadt zu ſuchen? Dein Diener Zwickler iſt verſchollen; ſeit jenem, für Dich ſo unglücklichen Tage hat man von ihm nichts wieder gehört. Meiſter Schnitzenbaum und Ur⸗ ſula ſind auch fort, der Landeshauptmann und ſeine Tochter befinden ſich in Wien.— Wer weiß! ſprach der Jüngling raſch, und man ſah, daß er auf das hoffte, was er ſprach; wer weiß, ob ſie nicht ſchon zurückgekehrt ſind.— Das ſind ſie gewiß noch nicht,— lautete die Ant⸗ wort; der Graf bringt jeden Winter in der Kaiſerſtadt zu, und hat ſein Kind dießmal mitgenommen; ja, ich habe ſogar reden hören, daß ſie vor Jahresfriſt nicht zurückkehren würden, da wichtige Ereigniſſe, verbun⸗ den mit außerordentlichen Feſtlichkeiten, für Wien im Anzuge ſind. Doch, lieber Siegfried, Du mußt Dich von den Gedanken an Einen Gegenſtand nie ſo kinreiſſen laſſen, daß Dir für den anderen nichts übrig bleibt; das Herz iſt kein kleines Wohnſtübchen, in dem ſich nur Ein Gefühl breit und bequem machen ſoll, nein— es iſt ein Wohnhaus, in dem alle edlen, ————————— 22 ſchönen, großen Empfindungen, deren der Menſch nur fähig iſt, hauſen ſollen. Nur dort, wo das Herz eine Brandſtätte der verzehrenden Leidenſchaften geworden, dort kehren finſtere Gäſte ein; dort findeſt Du Hohn, Haß und Rache wohnen, dort findeſt Du die immer mahnenden, nie ruhenden Gäſte, die immer wachen Peiniger und Quäler, und ſo ſieht es in meinem Herzen aus. Aber Du biſt jung, ſollſt erſt eine Mutter, ein Vaterhaus finden, Du ſollſt erſt zu leben beginnen; Du ſollſt Dir erſt erwerben, was Du zu beſitzen wünſcheſt, und dazu gehört Lebensmuth, Vertrauen auf ſich ſelbſt; Beides aber geht verloren, wenn man ſich in zwecklo⸗ ſer Sehnſucht abhärmt, wenn man weibiſch nur an den ſüſſen Stunden der Vergangenheit hängt, die Seufzer zählt, die man in der letzten Liebesſtunde ausgehaucht, der Worte denkt, die der ſüſſe Mund zuletzt noch ge⸗ liſpelt, vielleicht das Fleckchen küßt, wohin die Thrä⸗ nen der Geliebten gefallen. Siegfried, komme zu Dir ſelbſt, gieb Dich der verzehrenden Leidenſchaft nicht hin, behalte das Bild der Geliebten im Herzen— ver⸗ gieß jedoch nicht, daß Du in demſelben auch Raum für eine Mutter laſſen mußt. Ach, meine Mutter! ſeufzte der Jüngling, werde ich ſie je wieder ſehen? Du wirſt ſie ſehen! tröſtete Duna; wenn es mir auch jetzt nicht gelungen, die Spur Deines böſen Stief⸗ de nur eine den, ohn, mer chen ter, Du heſt, bſt; klo⸗ den fzer cht, hrä⸗ zu icht ver⸗ für erde mir tief⸗ fried willfahrte ihrem Wunſche. 23 vaters zu finden. Gleich nach jenem Ergebniſſe vor dem Kaiſer, verſchwand er aus Laibach; es ſchien, als fürchte er ſelbſt das Urtheil der Menge, und ich bin überzeigt, daß Du jetzt— da er ſich von Dir erkannt weiß— nicht mehr ſo viel von ſeinen Verfolgungen zu befürchten haben wirſt; wenigſtens wirſt Du keine öffentliche Schmach mehr zu dulden haben; aber um ſo behuthſamer mußt Du Dich vor Hinterliſt und Meu⸗ chelmord verwahren. Der Abend rückte früh eitig heran, ſchwarze Wol⸗ ken verfinſterten den Horizont, und es war voraus zu ſehen, daß beim Stillſtehen des Windes, Regen oder Schnee eintreten müſſe; Duna war es gelungen, im Verlaufe des Geſpräches dem Jünglinge immer längere Rede abzugewinnen, ſo daß er zuletzt unaufgefordert fortſprach, und ſolcher Weiſe wirklich etwas heiterer wurde; als ihn die Alte dahin gebracht hatte, beredete ſie ihn, ſich auf ein kleines Stündchen in den nahen Schank zu begeben, wo ſich die jungen Leute verſam⸗ melt hatten; es lag hierbei in ihrer Abſicht, den Schwer⸗ müthigen nicht nur zu zerſtreuen, ſondern ihn auch von dem Gedanken an Regina dadurch abzuleiten, daß er in Gelegenheit kam, andere Mädchen zu ſehen, die den früheren Eindruck vielleicht zum Theil, vielleicht ganz zu verwiſchen im Stande ſein würden. Sieg⸗ 24 Im Dorfſchank ging es auch wirklich fröhlich und luſtig her; die große Vorderſtube hatte heute tüch⸗ tigen Zuſpruch erhalten, von Männern und Jünglin⸗ gen, Weibern und Mädchen; da glänzte das weiße Linnengewand, da pauſchten ſich die weiten Falten⸗ t röcke, da ſtrahlte der buntfarbige Glasſchmuck, da d flatterten die Seidenbänder, daß man ordentlich lau⸗ 2 ter geputzte Maibäumchen zu ſehen wähnte, die jedoch z nicht gar ſchlank erſproſſen waren; denn die kraineri⸗ ſchen Mädchen ſind im Durchſchnitt mehr ſtämmig als kr ſchlank. Es hatte ſich Jung zu Jung, und Alt zu Alt u gefügt, und wenn man erwägt, daß der größte Theil A der Gäſte ſich gleich aus der Kirche in den Schank 5 begaben, ſo iſt leicht einzuſehen, daß um die ſechste p Abendſtunde Alles ſchon in der roſigſten Laune florirte. A Die Aeltern unterhielten ſich im Geſpräche; da kam die w Reihe an die Türken, an die Kriege, an die Schar⸗ ch mützel und Schlachten, die Einer oder der andere dr mitgefochten hatte, endlich an die letzte Anweſenheit P des Kaiſers in Laibach. Die Weiber ließen Hauswirth⸗ fel ſchaft, Küchen und Kammern ſdie Reihe paſſiren, und ge die jungen Leute würfelten um Nüſſe oder Pfennige, vo jenachdem es der Wohlſtand der Ihrigen geſtattete. du Dieſe Art von Unterhaltungen währten jedoch kaum G eine Stunde, denn bald ſollte ein Vergnügen für Alle zul Statt finden. Aus der großen Stube ging eine Thüre lich lin⸗ eiße ten⸗ da lau⸗ doch eri⸗ als Alt heil hank höte irte. die har⸗ dere nheit irth⸗ und nige, tete. aum Alle 25 in eine Seitenkammer, aus dieſer trat ein Mann, wel⸗ cher im marktſchreieriſchen Tone kund machte: daß mit der Einwilligung des Schenken mehrere Kunſtſtücke von Menſchen und Thieren produzirt werden ſollen, wo jeder, was ihm gefällig, zahlen könne. Er pries die Fertigkeit und Berühmtheit ſeines großen Bruders, der die ſchwarzen Schulen durchgemacht habe„ und Alles, was er dort erlernt, nun um wenige Pfennige zu zeigen geſonnen ſei! Wir enthalten uns, die lange, halb wälſche, halb kraineriſche Rede ihrem Inhalte nach durchzugehen, und erwähnen nur, daß der Sprecher— Paolo war. Auf dieſe Anrede folgte ein beifälliges Murmeln der Menge; in der Mitte der Stube wurde gleich der Schau⸗ platz geräumt, der erſte Darſteller erſchien, es war Apor. Der ſchwarze Vierfüßler that ſeine Pflicht willig und gehorſam, ſeine Purzelbäume und poſſirli⸗ chen Stellungen ſprachen allgemein an; er ging auf drei, zwei, und hinkte endlich auf Einem Fuße daher. Paolo verſtand es recht gut, mit ihm herumzube⸗ fehlen; der Hund hatte für dieſen Abend das Seinige gethan. Das Intervall, welches nun erfolgte, wurde von den Gäſten durch Trinken, von dem Wälſchen durch Kundſchaften ausgefüllt; er hatte nämlich die Gewohnheit, dieſe Friſt immer unter den Gäſten zu⸗ zubringen. Da vernahm er Manches, was er gewöhn⸗ Der Gezeichnete. III. 3 lich entweder zu ſeiner Zauberei, oder auch zu anderen noch ergiebigeren Zwecken zu benützen wußte; auch in dieſem Augenblicke traf dieß ein.— Zwei junge Burſche, die nebeneinander ſaßen, führten ein Geſpräch, welches er zum Theile hören konnte. Da ſieh doch hin, wie die reiche Mara ſich heute umthut! Sie iſt fröhlich und munter, beſtätigte der An⸗ dere; man ſieht ihr es wahrlich nicht an, daß man ihren Mann vor kaum einem halben Jahre zu Grabe getragen. Nach dem wird ſie ſich wohl nicht grämen, er hat ſie in den drei Jahren ihrer Ehe genugſam geprü⸗ gelt, und ich glaube, wenn er es wüßte, daß ihr jetzt ſchon wieder nach einem Manne gelüſtet, er ſtattete ihr einen Beſuch ab und zapfte ihr das Blut aus dem Rücken. Paolo hatte mit ſeinen Augen die Bezeichnete aufgeſucht, es war ein hübſches junges Weib voll Reg⸗ ſamkeit und Leben; ſie lachte viel„ſcherzte mit den ihr zunächſt ſitzenden Burſchen, und ließ die kleinen Feuer⸗ kugeln begehrlich durch den Kreis rollen. Ihre Kleider verriethen auch wirklich, daß ſie wohlhabend ſei; ſie ſchien ſich darauf auch Etwas zu Gute zu thun; ſo was verrieth ſich gleich aus dem Benehmen gegen Andere. — deren ch in rſche, elches heute An⸗ man Hrabe „ er eprü⸗ jetzt e ihr dem hnete Reg⸗ n ihr uer⸗ eider ſie 5 ſo egen B* Der zweite Schauſpieler für den heutigen Abend war der Affe; ſeine Kunſtſtücke machten jene des ar⸗ men Apor ganz vergeſſen, aber das iſt ſchon das Loos der Künſtler: Einer verdrängt den Andern; oft iſt's auch nicht einmal der wahre Werth, der dieß bewirkt, ſondern bloße Wichtigthuerei, Reiſſerei und Charlata⸗ nerie bringen es zu Wege; ſo war es damals, ſo trifft es ſich auch noch heut zu Tage nicht ſelten. Daß der Affe mit ſeinen Sprüngen, ſeinem Nüſſeknacken, ſeinen Verrenkungen und Grimaſſen gefiel, wer wagt es, dar⸗ an zu zweifeln? hat doch ein verſtellter Affe in unſerer Zeit, alſo nach beinahe vierthalbhundert Jah⸗ ren ganz Deutſchland enthuſiasmirt, um ſo verzeihli⸗ cher iſt es einem armen Dorfvölkchen, wenn es an den Sprüngen eines natürlichen Wohlgefallen fand, wenn er ſeine Kunſtſtücke auch nur auf einem glatten Lehmboden producirte, und nicht auf den Bretern, die die Welt bedeuten!! Der Affe wurde mit Jubel entlaſſen. Die Chronik, aus der wir dieſe Bege⸗ benheiten ſchöpfen, ſchweigt ganz darüber, ob man ihm Kränze geworfen habe, oder ob er vielleicht gar mit einem Ehrenmeſſer, oder ſonſt dergleichen, betheilt worden ſei; ein Beweis, daß die damaligen Chronikſchreiber nicht ſo, wie die heutigen Journaliſten, bemüht waren, die Schwäche ihrer Zeitgenoſſen auf die Nachwelt zu bringen. 3* 28 Nun erſchien Herr Petruchio, der berühmte Schwarzkünſtler; ſeine Kunſtſtücke erſtreckten ſich nicht weit in's magiſche Gebieth, ſie grenzten vielmehr an's Betrügeriſche; allein damals mußte man ſich auch hüthen, mit beſondern Kunſtſtückchen hervorzutreten, denn die Folterkammern waren die triftigſten Kritiken dagegen; die pflegten ihre Opfer viel ärger zu reiſſen, als die heutigen Recenſenten; nichts deſtoweniger zählte der Wälſche unter ſeinem Publikum doch einzelne Zu⸗ ſeher, die ihn für einen großen Zauberer hielten, weil ſie ihn nicht verſtanden; das geſchieht auch jetzt Man⸗ chem, er hat ſeine Berühmtheit nur ſeiner Unverſtänd⸗ lichkeit zu danken. Auch Petruchio war zu Ende, die letzte Per⸗ ſon ſollte erſcheinen, um die Darſtellung zu ſchließen. Der Wälſche war ein kluger Direktor; er wollte ſein Publikum am erſten Abende nicht überſättigen, die be⸗ ſten Zugkräfte behielt er zurück, den redenden Papagei, der drei Sprachen verſtand, und endlich die Natter— eine Schlange, welche Kunſiſtückchen machte, hu— wie ſchrecklich und wie anziehend, wer konnte ſo was hö⸗ ren, und nicht hingehen? Es iſt zu verwundern, daß bei uns noch Niemand auf den Gedanken kam, eine Boa oder Klapperſchlange auf die Bühne zu bringen! entweder ſind ſie den Direktoren zu klug, oder fürch⸗ ten dieſe, daß ihre Tänzerinnen ein gleiches Geſchick, ſi w de de er jet die ſol der du me hmte nicht an's auch eten, tiken en, ihlte Zu⸗ weil an⸗ ind⸗ nen, ſie war noch nicht muthig, noch nicht dreiſt genug; 29 wie Mutter Eva erleiden könnten?— o, es haben ſeit damals Viele ſchon in ſauere Aepfel gebiſſen, aber Wenige ſind zur Erkenntniß gekommen! Die letzte Darſtellerinn in der Oſterberger Schankſtube trat auf— es war die unglückliche Walburga! Es war das erſte Mal, daß ſie als Gauklerinn. ſich öffentlich ſehen ließ, das erſte Mal, daß ſie das herabwürdigende Handwerk ausübte; wir könnten ſie beweinen, wär' uns ihre Verworfenheit nicht bekannt; wir müſſen ſie bedauern, weil wir wiſſen, daß ein bö⸗ ſes Weib den Grund zu derſelben gelegt. Laut und ſichtbar klopfte ihr Herz unter dem Mieder, ſie war be⸗ fangen, verlegen, ſo viele Augen hafteten auf ihr, wenn Eines darunter war, von dem ſie erkannt wur⸗ de?— Die jungen Burſche fanden Wohlgefallen an dem üppigen Mädchen, und den Beifall, den Petru⸗ chio ſeiner Unverſtändlichkeit zu verdanken hatte, den errang ſie durch ihre Schöne. Wir enthalten uns hier jedes Vergleiches mit der Jetztzeit, denn wir fürchten die ernſte Stimmung des Leſers zu ſtören, und wer ſollte da nicht ernſt geworden ſein, wenn er ein Opfer der Leidenſchaft ſo vor ſich ſiecht, ſo herabgewürdiget durch ſich ſelbſt, ſo geſunken in den Augen der Mit⸗ menſchen. Der Zuſtand ihres Innern, ließ in Wal⸗ burga den Neuling, den Laien in ihrem Fache erken⸗ S———— F ———— —— i aber:— Sie wird es vorwärts bringen! liſpelte Pe⸗ truchio ſeinem Gefährten zu, und er hatte recht, ſie brachte es vorwärts, ſie machte reiſſende Fortſchritte auf dem Pfade der Schande und Verworfenheit, ſie mußte vald an's Ende des Zieles gelangen— und ſie gelangte auch dahin. Walburga beeilte ſich mit ihrer Vorſtel⸗ lung, um nur ſobald als möglich den Augen der Menge zu entkommen; ſie hatte auch nur noch Eine Darſtellung übrig: es galt ein volles Glas in einem Reif zu ſchwingen, ohne den Inhalt zu verſchütten. Sie hatte die Mitte des Platzes eingenommen, und begann in raſcher Schnelle den Reif mit ausgeſtreckter Rechte im Kreiſe zu drehen. In dieſem Augenblicke öff⸗ nete ſich die Thüre und Siegfried trat ein; neu⸗ gierig ſah er dem Schauſpiele zu, da fiel des Mädchens Blick auf ihn, ein Schrei aus ihrem Munde ertönte, das Glas flog an die Wand und fiel klirrend zu Bo⸗ den, Walburga eilte in das Kämmerchen; Sieg⸗ fried verließ unbemerkt von den Zuſchauern, welche dieſen Unfall einem anderen Grund unterlegten, die Schankſtube— Es war zu ſpät, ſie hatte ihn bereits geſehen und erkannt! er „ 8 8— 8 31 Unter allen Eindrücken, welche auf das menſch⸗ liche Gemüth hervorgebracht werden, ſeien ſie nun ernſthafter, wehmüthiger, ſcherzhafter oder ſchreckener⸗ regender Art, ſind jene am ergreifendſten und am dauerhafteſten, welche unmittelbar durch die Natur verurſacht werden; denn ſchon die Urſache, daß wir die geheimwaltende Macht nicht kennen, daß wir ihre Werkſtätte nicht ergründen, ihre Geheimniſſe nie ganz erlauſchen können, ſchon dieſe iſt es, warum jede, wenn auch noch ſo meiſterhafte Kunſt, der Natur wei⸗ chen muß. Einen ſolchen Eindruck auf uns, bringt zum Beiſpiel eine Winterlandſchaft hervor; man wird ſeine Größe nur ermeſſen können, wenn man am Morgen, nachdem in der vorhergehenden Nacht der erſte Schnee gefallen iſt, plötzlich ins Freie tritt, und ſein Auge die Runde durchſchweifen läßt; wahrlich, wer einen ſolchen Anblick je genoſſen und ihn vergeſſen hat, der iſt un⸗ empfindlich, ſtumpf für alles Schöne, für den iſt die Natur nichts als eine Handwerkerin, die ihm Regen, Sonnenſchein und Gedeihen geben muß, damit er ſich nähren kann!— Unter einem unfreundlichen Herbſt⸗ ſturm iſt der frühere Tag geſchieden, man geht un⸗ muthig zur Ruhe, gleichſam, als wolle man die trau⸗ rige Zeit verſchlafen und in einer ſchöneren erwachen; man liegt im warmen Lager, läßt ſich von ſüßen Träumen umgaukeln, iſt dieſer Erde entrückt, und ahnt den Wechſel nicht, der draußen vorgeht. Der Morgen bricht zeitlicher denn ſonſt heran, es ſcheint mindeſtens ſo, den lichtweiß ſchimmert es durch die Fenſter herein, man eilt hinaus, und die ganze liebe Gegend, Haus, Earten und Feld, Pflanze, Baum und Geſtripp, Berg, Ebene und Thal, Alles— Alles iſt bedeckt, mit lilienweißem Winterkleide, auf dem die Frühſonne entzückt den erſten Kuß preßt. Ein ſolcher Morgen war über Schloß Oſter⸗ berg aufgegangen, über jene verfallene, verlaſſene Herrenburg, die erſt ſeit einigen Tagen wieder be⸗ wohnt wurde, bewohnt von Menſchen, welche wir am allerwenigſten dort ſuchen würden, von dem Klee⸗ blatte der Gaukler. Verſchiedene Urſachen hielten ſie in Oſterberg zurück: vor Allem war die erſte Einnah⸗ me größer geweſen, als ihre kühnſten Hoffnungen er⸗ wartet hatten; dann führte Paolo einen Streich im Schilde, der ergiebiger werden ſollte, als es je Einer geweſen, der ſeinem Hirn entſprungen; hiezu war jedoch erforderlich, daß ſie ſich längere Zeit im Orte aufhielten, und das hatten ſie bald erreicht. Sie ließen ſich nach Luſtthal überſchiffen, um vor dem Edelherrn ihre Künſte zu zeigen: daß Walburga hier am mei⸗ ſten ausgezeichnet wurde, läßt ſich leicht ermeſſen. Auf dieſen ſichtbaren Eindruck vertrauend, wurde die Un⸗ terkunft im unbewohnten Schloſſe angeſucht und er⸗ er ſet d te ſte vo un de un ter ſte mi der un un Lu wa im 33 halten; ja, die Güte des Eigners ging noch weiter; er befahl ſogar, ſie mit Holz und anderen Bedürfniſ⸗ ſen zu verſehen, und geſtattete, daß ſie den ganzen Winter im Schloſſe zubringen könnten, vorausgeſetzt, daß es früher nicht einfiele. Petruchio mit den Seinigen beſichtigte daher das Gebäude, und ihr win⸗ terlicher Aufenthalt war bald herausgefunden. Er be⸗ ſtand aus drei Gemächern im unterſten Stockwerke, von denen Eines in das Andere führte, das Eckgemach war für Walburga beſtimmt, welche den Hund Apor zu ſich nahm; das Mittlere bezog Petruchio und der Spitz, das andere Eckgemach gehörte Paolo, der den Kaſten mit ſeinen Bewohnern, den Affen und Vogel bei ſich hatte. Die Gemächer waren gewölbt und dunkel, Sprünge und Riſſe in den Wänden zeig⸗ ten von ihrer Baufälligkeit und Unſicherheit, die Fen⸗ ſter, größten Theils ohne Gitter und Glas, mußten mit Papier überdeckt werden, einige alte Breter wur⸗ den zu dürftigen Lagerſtellen zuſammen gefügt, Stroh und Decken borgten die reicheren Bauern des Dorfes, und die anderen Bedürfniſſe lieferte zur Noth Schloß Luſtthal. Bei der Baufälligkeit der Mauern und Thüren war es ein wahres Glück für ſie, mindeſtens Holz im Ueberfluß zu bekommen, denn trotz dem, daß das Feuer in den Kaminen aller drei Gemächer nur ſelten, B und das nur des Nachts ausging, ſo konnte man doch ſtets bei den Fenſtern und Thüren jene unbehaglichen Reifüberzüge finden, die bei ſtrengerer Jahreszeit ſich immer dort bilden, wo Hitze und Kälte zuſammen dringen, und die Letztere nicht genugſam abgewehrt iſt. Stellt man ſich nun ein ſolches leeres, dunkles Ge⸗ wölbe mit den Papierfenſtern, mit dem Strohlager in der Nähe des Kamines, mit der auf demſelben lo⸗ dernden Flamme vor, welche den Raum durch ein unheimliches Roth erleuchtet, und denkt man ſich noch hie und da einige Geräthſchaften und Wäſchſtücke ord⸗ nungslos umher hängen, ſo hat man das getreue Bild des Aufenthaltes jenes Mädchens, deren Vater der ge⸗ fürchtete, angeſehene Herr Chriſtoph Heidlinger war, der das Amt des Pflegers von Cirknitz beglei⸗ tete. Wir werden es nicht unterlaſſen, bei jeder ſich uns ergebenden Gelegenheit, unſere ſchönen Leſerinnen auf die Abkunft und den Stand Walburga's auf⸗ merkſam zu machen; wir wollen es immer in Erinne⸗ rung bringen, was ſie war und was ſie geworden, zu Nutz und zu Frommen derjenigen, die vielleicht auch ein leidenſchaftliches Herz in ihrem Buſen tragen, die vielleicht auch durch böſen Rath auf Abwege gerathen, die vielleicht auch ſchon den erſten unſeligen Seiten⸗ ſchritt gethan haben, um auf die verderbenbringende Bahn zu gerathen; wir wollen dieß thun, um ihnen ge in ſte ne un ſo tre St Un die hen, ten· ende 35 ein wahres, ein aus dem Leben geriſſenes Beiſpiel, ein getreues, ſchaudererregendes Bild vor die Augen zu halten; ſie mögen ja nicht glauben, daß nur ver⸗ gangene Zeiten, frühere Jahrhunderte ſolche Folgen gehabt; o nein, gleiche Urſachen müſſen zu jeder Zeit gleiche Wirkungen hervorbringen, heißes Blut, unge⸗ zügelte Leidenſchaft ſtiftet heute dasſelbe Unheil, als es vor Jahren gethan; betrachten wir nur unſere Um⸗ gebungen, ſuchen wir ſie auf, jene elenden, dem La⸗ ſter und der Sünde verfallenen Geſchöpfe, wir werden Kinder aus guten, aus vornehmen Häuſern finden, wir werden es kaum glauben, daß jenes abgezehrte, fahle, lumpenumhüllte Knochengerippe, welches leichen⸗ ähnlich einherſchwankt, einſt die Freude ſeiner Eltern geweſen, daß es in Ueberfluß und Wohlleben erzogen, in Karoſſen umherfuhr, und in Sammt und Seide ſtolzirte. O, wie gerne würden wir hier rufen:„Hin⸗ weg mit dem zermalmenden Bilde!“ allein wir kön⸗ nen nicht, der Arzt darf den Kadaver nicht ſcheuen, und in dieſem Augenblicke glauben wir einen eben ſo heiligen Beruf zu erfüllen, als er! Auf Schloß Oſterberg findet, da wir es be⸗ treten, eben ſo eine Art von Kameraden⸗Rathſchlag Statt, das Kleeblatt iſt beiſammen, wir wollendeſſen Unterhaltung belauſchen. Auf dem Kamine des mittleren Gemaches lodert eine rieſige Flamme, ſie verbreitet nicht nur Helle, ſondern auch Wärme; nächſt dieſem Feuer ſtreckt ſich Petruchio auf dem Boden aus, welcher Letzterer jedoch mit einer Decke überbreitet iſt, neben dieſem kauerte Paolo auf einem großen Stein, der im Nothfalle wohl zum Schemel, aber nicht zum be⸗ quemen Sitz hätte dienen können; Walburga be⸗ findet ſich auf der andern Seite der Feuerſtelle und hat ſich auf ein ſtehendes Fäßchen, welches jedoch zum Behältniß von Flüſſigkeiten ſchon zu morſch war, nie⸗ dergelaſſen. Nun— Petruchio war eben im Sprechen be⸗ griffen— eingerichtet wären wir ſo ziemlich; hätteſt Du es vor einer Woche geglaubt, Paolo, daß Du heute auf Schloß Sſterberg hübſch warm ſitzen würdeſt? Der Angeſprochene lächelte: Man weiß nicht, wie man zu einer Sache gelangt, oft kömmt was im Trau⸗ me, und bei uns traf dieß ſo ziemlich ein; im Schlafe fanden wir Walburga, und ihr verdanken wir den Aufenthalt. Das Mädchen hätte jetzt eigentlich Etwas er⸗ wiedern ſollen, aber ſie ſchwieg und ſtierte gedanken⸗ ſchwer in die Gluth. Was biſt Du heute ſo traurig, Schweſter? fragte Paolo, es ſcheint ſchier, daß Du mit Deinem Looſe bei uns nicht ſo zufrieden ſeieſt, als wir wünſchten. ha mi vie mit in leck elle, t ſich terer ieſem be⸗ be⸗ und zum nie⸗ be⸗ itteſt heute wie rau⸗ hlafe den er⸗ ken⸗ rig, als 3*7 Walburga kam zu ſich. Du irrſt, verſetzte ſie raſch, um ihren Fehler wieder gut zu machen, ich bin mehr als glücklich!— Sie dünkte es ſich auch, es war ihr vollkommener Ernſt, was ſie ſprach, ſie hatte ja Siegfrieden wieder gefunden. Die Italiener, weit entfernt, die Urſache der Zer⸗ ſtreuung ihrer Gefährtin zu ahnen, unterlegten dieſer ganz andere Gründe. Hör' mich an, Walburga, nahm jetzt Petruchio das Wort, Du mußt nicht glauben, Du hätteſt, weil Dein Anſchließen an uns, ei⸗ nige Vortheile abwarf, ganz freies Spiel bei mir; ich mag es nicht und dulde es nicht; ſo lange Du bei mir biſt, will ich Herr Deines Herzens und Deines Willens ſein. Wenn Du Dir daher von denen im Schloß drüben, Einen oder den Andern der Herrleins in den Kopf geſetzt haſt, ſo irrſt Du ſehr; wenn ich auch den Katzen mein Mäuschen als Köder hinſtelle, ſo will ich doch nicht, daß ſie ſich daran ſättigen. Du haſt mich wohl verſtanden und weißt, was Du von mir zu fürchten haſt. Jetzt ſchlaf' recht wohl, mein Schatz; geh' in Dein Gemach, ich und Paolo haben viel mit einander zu ſprechen!— Walburga, froh, mit ihren Gedanken allein ſein zu können, eilte ſchnell in ihr Gemach, Apor ſprang ihr wedelnd entgegen, leckte die weiche Hand, und als ſie ſich aufs Lager warf, nahm er traulich zu Füſſen der Lagerſtätte Platz. Seit ſie Siegfried geſehen und im Orte wußte, rang ſie nach einem Entſchluſſe. Was ſoll ſie thun? ihre Gefährten verlaſſen, ſich dem Jünglinge zu Füſ⸗ ſen werfen und um ſeine Liebe betteln? Wenn er ſie verſtieß, ſo war ſie wieder allein und ohne Stütze; ſollte ſie es jetzt ſchon wagen? Was hatte ſie zu er⸗ warten, wenn Petruchio es erfuhr, und doch konnte ſie ihn nicht in ihrer Nähe wiſſen, ohne den Verſuch zu wagen; jetzt war er ja allein, ſein Herz wahrſcheinlich frei, wenn er ſie erhörte? Die Hoffnung hiezu wurde in ihrem Innern ſo groß, daß ſie das Gefährlichſte beſchloß: ſie wollte bei erſter Gelegen⸗ heit den Jüngling aufſuchen und anſprechen. Während Walburga mit ihrer Leidenſchaft rang und ihr wie gewöhnlich unterlag, verhandelten die Wälſchen eine ganz andere Sache; der Gegenſtand derſelben war die Witwe Mara. Ihre Gefährtin hatte ſich kaum aus dem Gemache entfernt, als Paolo das Wort ergriff: Ich weiß nicht, Petruchio, wie Du mir vorkömmſt; Du ſetzeſt Deinen eigenen Vor⸗ theil ganz auſſer Augen und handelſt wie ſinnlos; Du wirſt das Mädchen durch Deine Launen und Strenge noch vertreiben. Das verſtehſt Du nicht, Paolo; doch jetzt ſag' mir, was haſt Du in der bewußten Sache ausge⸗ kundſchaftet? S 2 38 8 8 c— ze de ſo fo de de kel ßte, mn? ſie itze; er⸗ doch den Herz ung das gen⸗ chaft elten tand hrtin ol wie Vor⸗ renge 7 ſag Sehr viel, Bruder Petruchio, lautete die Antwort; die Witwe hat viel Geld, und was das Beßte iſt, es befindet ſich dieſes im Hauſe, in einer Truhe in der Vorderſtube. Ich verſuchte es„mich ihr zu nähern, allein auf dieſem Wege geht es nicht; das Weib iſt ſcheu und fürchtet böſen Leumund. Ich will dießmal einen ganz andern Weg betreten; die Witwe iſt von ihrem ſeligen Manne ganz jämmerlich gezüchtiget worden, und hat eine außergewöhnliche Angſt, daß er zurückkehren könne, und ſeine frühere Meinigung fortſetzen— Petruchio brach in eine helle Lache aus: Biſt Du toll, Paolo? Wie kommt die Witwe auf dieſen Gedanken? Hier zu Lande glauben die Leute ſtark daran, daß der Todte auf den Lebenden ſein Recht behaupten könne; beſonders ſind es die Landleute, welche in dem Wahn leben und ſterben; ihn will ich benützen, er ſoll uns zu dem Gelde verhelfen, und haben wir es fort über alle Berge, über den arſt, in unſer ſchönes Vaterland, dann adio du unfreundliches Krain mit deiner ſchneidenden Luft und dem unwirthbaren Bo⸗ den, dann meiden wir dich wieder auf ſo lange, bis wir in Venezia oder Verona des Silbers ledig ſind, und kehren dann erſt gezwungen wieder. i Und was thun wir mit dem Mädchen? fragte Petruchio. Laufen laſſen, verſetzte Paolo in einem Tone, als ob gar keine andere Möglichkeit wäre; Du wirſt doch nicht den tollen Wahn haben, ſie mit ins Ein⸗ verſtändniß zu ziehen, oder ihr gar einen Antheil zu geben? Bewahre! ſprach Petruchio; ſo was kam mir nie in den Sinn; aber es ſind hier ganz andere Umſtände; es frägt ſich, ob wir ſie nicht— er machte die Ge⸗ behrde des Mordens— Glaubſt Du, daß es nothwendig wäre? fragte Paolo raſch. Haben wir nicht Alles zu fürchten, wenn wir ſie allein zurücklaſſen? Du weißt, ſie kennt mich von frü⸗ her her, und ich war damals ſo unvorſichtig, ihr viel zu entdecken, was den Gerichten auf unſere Spur hel⸗ fen könnte.— Ja dann gibt es freilich nur zwei Mittel: entwe⸗ der mitnehmen— oder ſie ſtumm machen, für immer! Bei dieſem Beſchluße blieb es auch; was von Bei⸗ den am Thunlichſten ſein würde, ſollte vollbracht werden. Zur Ausführung eines Planes, wie er mit der jungen Witwe im Werke war, konnte nicht ſo leicht ein ſchlauerer, geduldigerer Böſewicht als Paolo ge⸗ fu ſu ſte un thi nic den lern hen lich unb dern ganc ler e ging Plat ragte one, wirſt Ein⸗ agte ſie frü⸗ viel hel⸗ we⸗ er! Bei⸗ acht der icht funden werden; er war vorſichtig, unermüdet im Auf⸗ ſuchen der kleinſten, dem Anſcheine nach unbedeutend⸗ ſten Hilfsmitteln; er benützte jeden Augenblick, wo es unbemerkt und unverdächtig geſchehen konnte, um die Gelegenheit des Ortes, und Alles, was er ſonſt benö⸗ thigte, auszukundſchaften. Sein Standpunkt war um ſo ſchwieriger, da auch Walburga von dem Ganzen nichts ahnen durfte. Wer mit den Plänen Beider ver⸗ traut geweſen wäre, für den hätte es kein intereſſantes Schauſpiel abgeben müſſen, Paolo und Walburga zu beobachten. Es war nämlich der Fall, daß Mara's Hätte, von jener, wo Duna und Siegfried wohn⸗ ten, nur durch einen Garten geſchieden waren, und daß die Fenſter ſowohl des einen, als des andern Hiuschens in dieſen hineingingen; da es nun Beiden daran lag, den Schauplatz ihres Unternehmens genau kennen zu lernen, ſo hielten ſie, ſo oft es nur unbemerkt geſche⸗ hen konnte, ihre Schliche um den Garten, und wirk⸗ lich hatten Beide ihre Zeit ſo gut gewählt, und ſich ſo unbemerkbar gemacht, daß bisher Eines von dem An⸗ dern wirklich noch keine Spur hatte. Es waren ſolcher Weiſe wieder mehrere Tage ver⸗ gangen, beinahe ſchon drei Wochen, ſeitdem die Gauk⸗ ler Schloß Oſterberg bewohnten. Der Wintermonath ging ſeinem Ende entgegen und begann dem Chriſtmonde Platz zu machen; die Strenge der Jahreszeit war in⸗ 4 42 deſſen immer mehr gediehen, der Froſt machte Alles erſtarren; er ſchlug die Gewäſſer in Feſſeln, die Quel⸗ len ſtockten, und ſelbſt die Save drohte bei anhaltender Kälte ihren Lauf zu hemmen. Die Winterſtürme waren jetzt entfeſſelt und übten ihre ganze Gewalt über die Gegend; im Schloß Oſterberg wohnte es ſich zu ſolcher Zeit nicht gar heimlich; wo das ganze Gebäude locker, wo die Mauern bei jedem Windſtoß einzuſtürzen droh⸗ ten, wo die Luft, die eiſig kalte Luft durch Fugen und Klinſen zieht, wo der Sturm, wie ein Geiſt durch die langen, öden Gänge ſtreicht, oder durch den Schlott heraborgelt, wo er mit Thüren und Fenſtern ſchep⸗ pert und die Schneedecke, die traurigen Reſte des Da⸗ ches jeden Augenblick einzudrücken droht, da fürwahr kann's um ſolche Zeit nicht gut wohnen ſein; aber was ſoll man thun, wenn's die Nothwendigkeit erheiſcht, wenn man ſeinen Hang zum ſpätern Wohlleben oder ſeiner Leidenſchaft fröhnen will, wenn man von ſeinem Nebenmenſchen ſo mißachtet iſt, daß man lieber im Rücken, als im Antlitze geſehen wird.— Alle dieſe Tage hatte Siegfried in trauriger Eingezogenheit verlebt, der Anblick Walburga's hatte die Vergan⸗ genheit lebhafter als je erweckt, er konnte es ſich je⸗ doch nicht verbergen, daß ihm nur neue Angriffe, neue Gefahr drohen, denn daß ſie ihn geſehen hatte, mußte er ihrem Schrei und ihrem Unfalle zu Folge vor⸗ 48 ausſetzen; als er daher nach Hauſe gekommen war, erzählte er der Alten den Vorfall. Duna ſtaunte über das unſelige Geſchick des Mädchens. Der Zufall ſprach ſie, läßt die Wege dieſer Verworfenen die Dei⸗ nen ſtets durchkreuzen, und immer, ſo oft Du ihr begegneſt, bringt ſie Dir Gefahr. Faſt hielte ich es für gut, den Ort zu verlaſſen; allein es iſt Winterzeit, wohin ſich wenden, man müßte eine größere Entfer“ nung wählen, um dem Falkenauge der Leidenſchaft zu entgehen; daher iſt es beſſer, wir bleiben hier, und halten uns auf einen etwaigen Angriff gefaßt, denn Etwas haſt Du zu gewärtigen: Liebe oder Rache! Eines von Beiden droht Dir. Eines ſo gefährlich als das An⸗ dere; jedenfalls— wenn Du mit ihr zuſammentriffſt, und ſie Dich zur Gegenrede bemüſſiget, verſchweige ihr mein Hierſein! Siegfried verſprach dieß zu thun. Einige Tage waren ruhig vergangen, und ſchon ſchöpfte dieſer die Hoffnung, von Walburga viel⸗ leicht doch verſchont zu bleiben, als er ſich eines Abends allein in ſeinem Kämmerchen befand und bereits auf dem Lager ruhte. In der großen Auſſenſtube ſchliefen Duna und das Mädchen, welches die Stelle einer Dienerin vertrat, eine Thür trennte beide Behältniſſe. Der Schlaf floh des Jünglings Augen, er lag munter und ſein Blick war auf den ſchneebedeckten Garten ge⸗ 44 richtet, welcher vor dem Fenſter ſich ausbreitete. Plötz⸗ lich ſtand eine Geſtalt vor demſelben, Siegfried ſah hin, und wurde betroffen. Eine Ahnung durchflog ſeine Seele. Er regte ſich jedoch nicht, um ſie glauben zu machen, als ob er ſchliefe, und zu ſehen, was ſie un⸗ ternehmen würde. Eine Weile blieb ſie ruhig ſtehen, dann erfolgte ein leiſes Klopfen an die Scheiben. Was ſollte er thun? der Rufenden kein Gehör ſchenken, was hatte er damit erzweckt? die Unſelige, welche auf dem Bierbaumer⸗Tabor ſo viel wagte, ja ihr Leben ſelbſt auf's Spiel ſetzte, um mit ihm ſprechen zu können, würde die hier ſo leicht von ihrem Vorhaben abſtehen? — Es klopfte zum zweiten Male.— Der Jüngling beſchloß aufzuſtehen, und ſie, ihrer würdig, zu em⸗ pfangen; er erhob ſich vom Lager, trat an's Fenſter und öffnete es. Was wollt Ihr hier, Walburga, zu dieſer un⸗ gewöhnlichen Stunde? begann er mit leiſer Stimme: hat Euch Euer unſeliges Verhängniß auch hieher ge⸗ führt? Unſelig? erwiederte ſie im fragenden Tone; ich preiſe es, denn noch nie zeigte es ſich mir ſo gewo⸗ gen; o Siegfried! daß ich nur Euch wieder ſehe! Man ſage, was man wolle, das Herz eines Men⸗ ſchen kehri ſich unwillkührlich wieder dem Herzen zu, welches ſich ihm auf eine ſo beharrliche Weiſe zugethan 25 zeigt, und wenn auch hundert andere Gründe vorhan⸗ den ſind, welche es zu fliehen gebiethen, man denkt nicht mit Haß oder Verachtung, ſondern mit Mitleid an dasſelbe zurück. Siegfried war früher entſchloſ⸗ ſen geweſen, das Mädchen auf eine Weiſe zurückzu⸗ weiſen, die ſo ſtreng und finſter ſein ſollte, als er es mit ſeinem Naturell nur immer hervorzubringen im Stande war; aber als er noch immer ſah, wie un⸗ endlich ihm dieſes Mädchen anhing, wiewohl er das Unlautere ihrer Leidenſchaft nicht verkannte, ſo verän⸗ derte ſein Vorſatz ſich unmerklich, und der Groll ver⸗ wandelte ſich in Mitleid.— Und was nützt es Euch, Walburga— ſprach er,— daß Ihr mich wieder⸗ ſeht? Habt Ihr unſer Zuſammentreffen in Cirknitz, unſer Wiederfinden auf dem Bierbaumer⸗Tabor ſchon vergeſſen? Kann Walburga je einen Augenblick vergeſſen, wo ſie Euch gegenüber geſtanden iſt? O, Siegfried! könnt Ihr mir vergeben? Ich habe Euch Nichts zu vergeben; im Gegen⸗ theile, ich danke Euch ja meine Rettung, und möchte gern, wenn ich Euch glücklich ſähe. Glücklich! ohne Euch? rief ſie, wie könnt Ihr dieß nur glauben; kann der Menſch ohne Heimat glück⸗ lich ſeyn? An Eurem Herzen habe ich ſie verloren! Kann das Weib glücklich ſein, wenn es einen Sta⸗ chel im Buſen trägt, der mit jedem Augenblicke ſich tiefer bohrt, der nie verſtumpft und nie einen Grund findet? Der nie einen Widerſtand findet, hättet Ihr ſagen ſollen; ja, Walburga! dieß iſt der einzige Grund Eurer Qual, Eurer Unruhe, Eures ganzen ver⸗ fehlten Lebens; dieß iſt die Urſache, daß Ihr dem Va⸗ terhauſe entflohen ſeid, wo Euch das Glück ſo hold gelächelt. Ich war glücklich, ſeufzte ſie, ſo lange ich Euch nicht ſah; ich werde aber nie wieder glücklich ſeyn, ſo lange Ihr mir ſo, ſo kalt gegenüber ſteht. Ich wiederhole es, ſprach Sie gfried, gebt jede Hoffnung auf, falls Ihr noch ſo thöricht ſein ſolltet, eine zu hegen; erdrückt die Gedanken an mich im Kei⸗ me, denn wir werden uns nie näher ſtehen, als jetzt, wir können uns niemals angehören. Siegfriedl bat Walburga, habt Ihr denn kein Fünkchen Mitgefühl für meine Leiden? Ich ſehe es ein, ich bin nicht würdig Eure Liebe zu beſitzen; Euer Weib kann ich nicht ſein, aber Eure Magd laßt mich werden, Eure treue Dienerin: züchtiget mich zur Strafe, ſtoßt mich mit dem Fuß, ich will wie der Hund Euch immer treuer anhängen, je mehr Ihr mich peitſcht! Dieſe ſclaviſchen, entmenſchten„jeder Weiblich⸗ 4 keit bare Geſinnungen empörten des Jünglings Gemüth und weckten den früheren Groll in ſeiner Seele wieder. Entartetes Geſchöpf! rief er, Du Elendeſte Deines Ge⸗ ſchlechtes! verlaß mich für immer, Du biſt ſelbſt des Nitleids unwürdig, welches ich bisher mit Dir em⸗ pfunden; ich kann Dich nicht haſſen, denn hiezu biſt Du nicht böſe genug; aber verachten, verachten muß ich Dich, ob Deiner Verworfenheit verachten, wie den trunkenen Menſchen, der ſich im Schlamme wälzt und mit den Füßen nach Denjenigen ſtößt, der ihm auf's Trockne helfen will! Bei einem Standpunkte und Temperamente, wie jene von Walburgen waren, konnten nur zwei Fälle Statt finden: entweder Liebe oder Haß! War die Eine verſchmäht, ſo mußte der Andere Platz greifen, und dieß trat auch wirklich ein; ſie faßte Sieg⸗ frieds Hand: Von nun will ich Gleiches mit Glei⸗ chem vergelten; ich habe gethan, was ich vermochte, um mich und Dich zu retten; Du haſt's verſchmäht, wohlan, ſo ſoll der Streit ſeinen Anfang nehmen. Wiſſe, die Gefahr für mich in dieſem Augenblicke iſt eben ſo groß, als jene auf dem Tabor warz aber wo es galt, Dich zu ſehen, da kannte ich keine Gefahr, und eben ſo wenig werde ich ſie jetzt kennen, wenn es darauf ankommen wird, Dich zu verderben! Sieg⸗ fried— Du biſt in meiner Gewalt— flieh von hier— ich werde Dir folgen, meine Rache wird eben ſo un⸗ erſchütterlich ſein, als es die Liebe war; ich habe mich vor Dir erniedriget, in den Staub gelegt, wir waren allein, kein Auge ſah, kein Ohr hörte es; wenn ich aber Dich erfaſſen werde, dann ſoll's das ganze Dorf, dann ſoll's die ganze Gegend hören. Siegfried riß ſeine Hand unwillig aus der ihrigen und wollte das Fenſter ſchließen, allein Wal⸗ burga lehnte ſich raſch auf die Brüſtung, daß er dicß nicht im Stande war, und rief plötzlich wieder von dem früheren Gefühle überwältigt: Siegfried! vergieb— was ich geſprochen, war Wahnſinn! Ich wußte nicht, was ich that, ich bin verwirrt— ent— ſinnt— ſie ſuchte ſeine Hand zu erhaſchen, und preßte ſie dann krampfhaft zwiſchen der ihren; o, nur ein Wort— nur einen milden Laut, nur einen Hauch, daß er mich erhebe und ſtärke, daß er die grauſe Win⸗ ternacht aus dem Herzen ſcheuche; Erbarmen!— Ver⸗ zeihung dem ärmſten Geſchöpfe auf der ganzen Gottes⸗ erde!— mir ſiedet das Blut in den Adern— heiliger Himmel! ein Wort nur— mich erfaßt der Wahnſinn mit Geierskrallen, ich kann von Dir nicht laſſen, muß Dich zerren an mein Herz!— Die Wahnſinnige wollte dieß auch wirklich thun, allein Siegfried, mit der ganzen Kraft, die ihm zu Gebothe ſtand, ſchleuderte ſie von ſich— das Fenſter 48 war ſchon geſchloſſen, eine Stimme von draußen drang zu ihr, ſie glaubte ſelbe zu erkennen und floh— wie gehetzt, aus dem Garten. In einem geräumigen Bauernhofe des Dorfes ſtand ein langer, hagerer Mann; er war gekleidet wie die andern Leute im Orte, wiewohl er höher ſtand als ſie; auch aus ſeiner Beſchäftigung hätte man auf das Letztere nicht ſchließen können; er war der Supan oder der Richter des Ortes. Micho Radetitſch war eben mit Holzſpalten beſchäftiget, als die Witwe Mara mit verweinten Augen in den Hof trat. Micho verwunderte ſich ſehr, das Weib in dieſem Zu⸗ ſtande zu treffen; zu Lebzeiten ihres ſeligen Mannes hatte ſie wohl öfters beim Supan Schutz geſucht und auch gefunden, aber nun war Giure Grando todt— warum kam ſie wieder mit thränenden Augen? Guten Morgen, Mara! redete er ſie an, was bringt Euch ſo früh zu mir? Habt Ihr vielleicht wie⸗ der gar ohne mein Wiſſen geheirathet?— Wir müſſen hier nur noch erwähnen, daß Micho Radetitſch ein gutherziger, aber äußerſt biſſi⸗ ger Mann war; er glich einem Hunde, der nach Allem ſchnappt, und wenn er es hat, wieder fallen läßt. Die Der Gezeichnete. III. Witwe entgegnete weinend: Der Himmel bewahre mich, ich habe an dem Einen Manne auch nach dem Tode genug! Der Supan hatte dieſe Worte kaum vernommen, als er Keil und Hacke bei Seite legte und über den kurzen Gang in die Stube trat; Mara folgte ihm. Er ſtellte ſich an's Fenſter, dann ſprach er: Jetzt redet⸗ Mara, was iſt wieder vorgefallen? Viel Trauriges! verſetzte das Weib in klagendem Tone; mein Mann hat ſich wieder gemeldet. So? ſprach Micho kurz und gar nicht verwun⸗ dert; denn daß ſich ein verſtorbener Gatte bei ſeinem Weibe wieder einfand, war in der damaligen Juſtiz ein ſo gewöhnlicher Fall, als wenn heut zu Tage ein Lebender die Seinige verläßt. Ja, fuhr Mara fort; er war wieder, dem lieben Himmel und Euch ſei's geklagt! er war wieder im Haus— in meiner Stube, und zwar heute Nacht. Nun freilich des Nachts! rief der Supan; habt Ihr je ſchon einen Geiſt am Tage geſehen? Geiſter und böſe Weiber treiben immer ihr Spiel im Dunkeln. Ictzt erzählt: was hat der Selige gewollt? Ich lag im Bette und ſchlief, und um alle Um⸗ ſtände zu erwähnen, muß ich leider eingeſtehen, daß ich kurz vor dem Einſchlafen bei mir ſelbſt ſo die ſündhaften Worte geſprochen hatte: Ach! wie gut iſt 51 es, daß Dein Mann, der Giure geſtorben iſt; da kannſt Du Dich niederlegen wenn Du wrillſt, und aufſtehen wenn es Dir gefällt, da haſt Du weder Stock noch Peitſche zu fürchten; deßwegen heiratheſt Du auch nie mehr und bleibſt Dein Lebelang eine züchtige Wit⸗ frau; unter dieſen Gedanken war ich eingeſchlafen, plötzlich wach' ich auf, der Mond ſcheint hell in's Zim⸗ mer, da ſeh' ich meinen ſeligen Mann, wie er leibt und lebt, auf der Ofenbank ſitzen. Mir lief es ſchau⸗ rig über den Rücken, und ich— um ihn nicht zuſehen— ſchloß die Augen. Auf einmal packt es mich bei der Hand, eiſig kalt, mit ſtarren Gliedern. Der Angſt⸗ . ſchweiß rann mir über die Stirne, ich rief: Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! da erwiederte das Ge⸗ ſpenſt: Ich auch! Alſo ein guter Geiſt war es, unterbrach ſie der Richter; da kann es Euer Mann nicht geweſen 3 ſein! Er war es dennoch, rief Mara, wie Ihr gleich hören werdet. Seine Worte haben auch mich betro⸗ r gen, ich öffnete die Augen; es war wirklich mein Mann, nur etwas länger ſchien er mir geworden zu ſein, * vermuthlich hatte er ſich beim Sterben ausgeſtreckt; ich ⸗ habe damahls gerade vor lauter Schmerz nicht dabei ſein können— e Ja, ja, ich weiß es, Ihr hattet drei Tage früher 5* 52 die heftigen Prügel bekommen, da waret Ihr längere Zeit bettlägerig! bemerkte der Richter. Mara fuhr fort: Ich redete das Geſpenſt an und fragte: Was es hier wolle? Statt einer Antwort fühlte ich eine Ohrfeige— ich ſchrie auf.— Still! rief der Geiſt, oder ich bring' Dich um!— Ich ſchwieg; Paff! hatte ich eine zweite im Geſicht. Noch einmal ſchrie ich: Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! — Ich auch! antwortete mein Seliger und verſetzte mir die dritte! Alle guten Dinge ſind drei! be⸗ merkte Micho; aber die Witfrau ſtöhnte: Wenn Ihr ſolche Ohrfeigen gute Dinge nennt— Ihr habt mich mißverſtanden, liebe Maraz; jede Sache läßt ſich von zwei Seiten anſehen! Da habt Ihr recht, beſtätigte die Klägerin; ich habe die Schläge auf die Rechte bekommen, und es ſind heute beide Backen hübſch blau. Aber daß ich nur weiter erzähle; ich ſchrie natürlich noch mehr, als früher, da mochte er ſich vielleicht meiner doch er⸗ barmen, denn als ich etwas ſpäter die Augen auf⸗ ſchlug, war er verſchwunden. Und Ihr habt ihn gar nicht um ſeinen Namen gefragt? Du lieber Himmel! rief die Witfrau, den weiß ich ja ohnedem, es war ja mein Mann! Das hättet Ihr jeden Falls thun ſollen, denn — 53 es kann auch ein anderer Geiſt geweſen ſein, der fälſchlich das Aeußere Eures Mannes annahm, um Euch zu quälen. Aber ich habe ihn ja erkannt an ſeinem Ge⸗ wande, an ſeiner Sprache, an ſeinen Schlägen! Macht nichts, das kann Alles nur Nachahmung ſein; ſo lange ſich der Geiſt ſelbſt nicht als Giure Grando kund gab, ſo lange können wir gegen ihn nichts unternehmen. Das würde Euren Seligen im Grabe ſchön kränken, wenn wir ihn falſch verdächtig⸗ ten!— Mit dieſem Beſcheid mußte ſich die Witfrau vor der Hand begnügen und ſie ging traurig nach Hauſe.— So lächerlich unſern verehrten Leſern viel⸗ leicht dieſe Verhandlung vorkommen mag, ſo müſſen wir doch geſtehen, daß dieſelbe keineswegs erdichtet ſei; wir können verſichern, daß unzählige Quellen von Augenzeugen beſtehen, die ſolche Scenen, ihre gerichtlichen Verhandlungen und ſo weiter, miter⸗ lebt haben. Der Glaube an Geſpenſtern war damals allgemein; daß die Todten nicht ruhen wollen, ſon⸗ dern herumſchweifen, Leute angreifen, mißhandeln, und ſogar mordeten, wurde damals überall, folglich auch in Krain geglaubt; was man anderwärts einen Vampyrr nannte, hieß hier ein Strigo. Mara ſah mit Furcht die nächſte Nacht heran⸗ rücken. Sie fürchtete noch ärgere Mißhandlungen, und 54 hatte ihr Lebelang vielleicht nicht ſo andächtig gebethet, als an dieſem Abende. Sie ging zur Ruhe, aber ſie fand ſie nicht, die Furcht ließ ſie keine finden. Sie lag die ganze Nacht ſchlaflos im Bette, der Morgen er⸗ ſchien, das Geſpenſt war ausgeblieben. Die Witfrau war deſſen nicht wenig froh, um ſo mehr, da noch einige Abende vergingen, und der Geiſt noch immer ſäumte; plötzlich aber war er wieder da, gerade, als ſie ſich deſſen am Wenigſten verſehen hatte. Er ſtand wieder an ihrem Lager, gerade wie am erſten Abende; das Weib wußte nicht, was ſie vor Angſt thun, wo⸗ hin ſie ſehen ſollte, endlich gedachte ſie der Worte des Supan's und ſtotterte: Wer biſt Du, und wie heißt Du? Kennſt Du mich nicht? ſprach das Geſpenſt mit hobler Stimme, und verſetzte ihr einen Schlag in das Antlitz. Ja, ja, ich kenne Dich! ſchrie Mara, Du biſt mein Mann, Giure Grando! geh' zur Ruhe, lieber Mann und quäle mich nicht! Das Geſpenſt verſetzte: Ich werde Dich durch neun Nächte beſuchen, dann wirſt Du erſt meinen Willen erfahren!— Sie erhielt einen zweiten Schlag. Mara heulte entſetzlich und ſchrie: Wirſt Du mich denn immer mißhandeln? — 55 Jedes Mal! lautete die von dem dritten Schlag begleitete Antwort. Die Witfrau ſeufzte auf; nun hatte ſie die drei Schläge erhalten, nun glaubte ſie es für dießmal wenigſtens überſtanden zu haben, und begann ein Stoßgebeth zu verrichten. Als ſie damit zu Ende war und das„Amen“ ſprach, ſtimmte das Geſpenſt mit ein, und verſetzte ihr einen vierten Schlag, daß ſie vor Schreck umſtürzte;— das Geſpenſt verſchwand.— Am andern Morgen traf es ſich unglücklicher Weiſe, daß der Supan abweſend war, und erſt am nächſtfolgenden Tage rückkehren ſollte; Mara konnte daher ihre Klage nicht anbringen, und harrte in guter Hoffnung auf ſeine Hülfe; aber in der nämlichen Nacht erſchin der Geiſt abermals, und ſie erhielt fünf Ohr⸗ feigen, alſo wieder um Eine mehr als früher. Das war eine bittere Erfahrung für ſie; kaum war der Morgen angebrochen, ſo lief ſie zum Supan und verließ das Haus bis zu ſeiner Ankunft nicht mehr. Dieſe erfolgte gegen die Mittagsſtunde. Micho Ra⸗ detit ſch hörte die Klagen der Bedrängten mit Theil⸗ nahme an und ſtaunte nicht wenig, als ſie des Um⸗ ſtandes erwähnte, der das Zunehmen der Streiche be⸗ traf. Das iſt eine grauſame Weiſe Eures Mannes, ver⸗ ſetzte er; denn nun wiſſen wir doch, daß es wirklich Euer Mann iſt; aber von ſeinem Leben zu ſchließen⸗ 5645 war voraus zu ſehen, daß er es im Tode nicht beſ⸗ ſer machen würde. Jetzt laßt uns vor Allem erwä⸗ gen und ausrechnen, wie es mit den Schlägen ſteht! Er ging in die Kammer, holte eine Handvoll Erbſen, und begann auf dem Tiſche zu zählen: In der erſten Nacht drei— in der Zweiten vier— in der Dritten fünf— ſo ging es fort— alſo in der Neunten eilf— wenn er mit vier angefangen hätte, wäre es gerade in der letzten Nacht auf ein Duzend gekommen; in allen neun Nächten würdet Ihr alſo — er begann alle Erbſen zuſammen zu zählen— ja, in allen neun Nächten würdet Ihr drei und ſechzig Ohrfeigen bekommen. Heiliger Himmel! jammerte die Witfrau; drei und ſechzig? ich ſterbe ſchon bei der Dreißigſten! Bei der Dreißigſten? unterbrach ſie der Supan raſch, und begann wieder zu zählen; das wäre erſt in der ſechsten Nacht; nun bis dahin, es ſind ja noch zwei Nächte dazwiſchen, bis dahin wollen wir ſchon helfen. Jetzt ſeid nur ſo gut und ruft mir den Mikolo Nyena, den Stipan Milaſchitſch und noch drei Nachbarn her, ich will mir die Sache überlegen. Mara, froh, auf eine baldige Aenderung hoffen zu dürfen, entfernte ſich mit erleichtertem Herzen und kehrte bald darauf mit den Beſchiedenen zurück. Der ———. ———— —— —————— 2 57 Supan hieß Alle um den Tiſch Platz nehmen, auf wel⸗ chem die Erbſen in neun Häuflein, von drei bis eilf ver⸗ mehrt, aufgezählt lagen; er trug ihnen den Fall vor, machte ſie beſonders auf das aufmerkſam, was der armen Mara noch bevorſtand, und ſprach: Aus dem Allen werdet Ihr einſehen, daß wir dem Weibe helfen müſſen; denn thun wir es nicht, ſo könnten wir ihren Tod verſchulden, denn Niemand wird ſagen: Giure Grando hat ſie todtgeſchlagen, ſondern Alle werden meinen: wir hätten das boshafte Geſpenſt vertreiben ſollen. Mithin wende ich mich an Euch, Stipan, Ihr habt in der Umgegend ſchon mehrere Strigo's gebän⸗ digt, Ihr werdet auch mit Giure Grando fertig werden! Der Antrag geſchah an einen kleinen, blatternar⸗ bigen Mann, der ein Ausbund von Häßlichkeit war; wir könnten ihn ſchildern, aber wir unterlaſſen es, denn jeder wird ſich leicht einen Begriff davon machen können, wenn wir nur erwähnen, daß er ſehr vermög⸗ lich und ſeiner Häßlichkeit halber noch immer ledigen Standes war, trotzdem, daß er ſchon zwanzig Jahre auf die Freyte ging. Mara war bisher die Letzte ge⸗ weſen, bei welcher er angeklopft, und ganz natürlicher Weiſe einen Korb erhalten hatte. Die Leſer können nun ermeſſen, wie der Antrag von ihm aufgenommen wurde, wenn wir nur hiezu fügen, daß der kraine⸗ riſche Landmann im Allgemeinen außerordentlich eigen⸗ nützig iſt, und daß Stipan Milaſchitſch noch insbeſonders boshaft und rachſüchtig dazu war. Er verſetzte daher nicht ohne Schadenfreude: Mara hat ſich hören laſſen, daß ſie ihrem Seligen zu Liebe dem Witwenſtande nie mehr entſagen wolle; hat ſie Giure Grando ſo lieb gehabt, ſo wird ſie auch von ſeinen Schlägen nicht ſterben! Dieſem Ausſpruche pflichtete auch Mikolo Nye⸗ na bei; er war bei ſechs Schuh groß, aber eben ſo furchtſam als lang; er bemerkte noch dazu: Es iſt überhaupt noch nicht die Folge, daß Mara ſterben muß; meine Nachbarin hatte bei Lebzeiten ihres Man⸗* nes vielleicht mehr denn dreihundert Schläge bekom⸗ men, und hat ſpäter doch noch zweimal geheirathet. Aber gegen dieſe Einwendung trat der Supan auf. Mein lieber Mikolo, ſprach er belehrend: es iſt etwas ganz Anderes, von einem Lebenden, als von einem Geſpenſte geſchlagen zu werden. Der Lebende hat Fleiſch und Knochen, der Todte aber hat nur Kno⸗ chen allein, und Ihr werdet wiſſen, daß dieſe immer mehr ſchmerzen. Jetzt wendete er ſich zu Mara, denn ⸗ ſie war bei der ganzen Verhandlung gegenwärtig, und ſprach: Es liegt jetzt an Euch, den Stipan zu be⸗ wegen, daß er die Sache mit dem Strigo ſchlichte. Ich glaube, Ihr werdet am Beſten fühlen, ob Ihr M—— „ 8 — = . ⸗ 50 vas Beſtimmte ertragen könnt oder nicht; im letzteren Falle wird es doch beſſer ſein, Ihr heirathet den Sti⸗ pan, als daß Ihr Euch von Giure Grando todt⸗ ſchlagen laſſet. Eh' ich den Stipan heirathe, jammerte Mara, will ich lieber ſterben! Gut, entgegnete der Verſchmähte, kümmert Euch indeſſen um ein Plätzchen auf dem Friedhofe. Nun begannen aber die Anderen als Vermittler aufzutreten; ſie machten der Witfrau Vorſtellungen: wie Stipan fromm, reich und angeſehen wäre— mit einem Worte, ſie thaten Alles, ſie zur Heirat zu bewegen; zuletzt ſprach der Supan: Seid nicht eigen⸗ ſinnig und hartnäckig; Ihr könnet Euch ſtärker halten, denn Ihr wirklich ſeid, und am Ende vielleicht gerade in der vorletzten Nacht Eueren Sinn ändern, und Ihr habt dann die vierzig Ohrfeigen rein umſonſt erduldet. Da Alles vereint war, ſie zum„Ja“ zu bereden, ſo gab die Witfrau endlich nach, und die Verlobung ging auf der Stelle, unter der Bedingung vor ſich, daß Stipan den Strigo bändigen und zur Ruhe bringen müſſe. Der neue Bräutigam verſprach dieſes; der Sti⸗ pan ſchloß die ganze Verhandlung mit den Worten: Und wir Andern, weil wir hier zur Ehe mitgeholfen, wollen dem Stipan auch bei dem Geſchäfte beiſte⸗ hen, wenn er das Geſpenſt meiſtern wird. Ja, das wollen wir! beſtätigten die Andern, mit Ausnahme des langen Mikolo, deſſen Furcht ihn von ſo einem unheimlichen Geſchäfte abhielt; er ſprach zu Mara: Ihr habt Euch bewegen laſſen, den Sti⸗ pan Eure Hand zu verſprechen, ich habe zwar das Meine hiezu beigetragen; aber wann er es vielleicht auch ſo macht, wie der ſelige Giure Grando, ſo dürft Ihr mir keine Schuld beimeſſen! Der liſtige Krainer hatte durch dieſe Worte ein ganz eigenes Manöver begonnen; um die Geiſterban⸗ nung zu hintertreiben, und doch ſeine Furcht nicht zu verrathen, wollte er lieber die Verlobung rückgängig machen, und wer weiß, ob ihm dieß nicht gelungen wäre, wenn Stipan nicht eben ſo klug, als boshaft geweſen wäre; er rief: Oho, Mikolo, was iſt das? glaubt Ihr, ich merke nicht, wohin das ſolle? Um Eure Haſenherzigkeit zu verdecken, wollt Ihr Mara abreden? Ihr geht mit auf den Friedhof, ſo gut, wie der Supan und die anderen Drei, oder— er ſagte ihm Etwas ins Ohr, wovon die Uebrigen nur die Worte„Schuld!“ und„Pfändung!“ verſtanden, wor⸗ auf Mikolo ſichtlich beſtürzt wurde und ganz klein⸗ laut ſprach: Wie Ihr aber nur Alles gleich mißdeu⸗ M = 61 ten könnt; ich habe wahrhaftig weder das Eine noch das Andere gewollt! Es bleibt alſo bei dem, was wir beſchloſſen! rief der Supan. Es bleibt dabei! bekräftigten die Andern, und die Verſammlung ging auseinander. —— An demſelben Vormittage machte ſich Du na weg⸗ fertig, ſie mußte nach Laibach und nahm von Sieg⸗ fried Abſchied. Der Jüngling drang darauf, ſie zu begleiten, allein die Alte wies das Begehren mit Stren⸗ ge zurück. Der Weg, den ich wandle, iſt nicht für Dich, von meinem Thun und Handeln darfſt Du kein Zeuge ſein; ich geh' allein und Du bleibſt hier; morgen vielleich ſchon kehr' ich wieder, bis dahin halte Dich von Jenen entfernt, die Dir Böſes wollen, und ſei behuthſam und bedacht! Somit trat ſie ihre Wanderung an. Es war ein heller, aber kalter Nachmittag, die Sonne ſchien wie die falſche Liebe: viel Gefunkel, aber wenig innere Wärme ſpendend; der Schnee, weit und breit Alles wie mit einem weißen Bahrtuche überdeckend, glänzte wie Kriſtall, und auf der ausgedehnten Ebene tanzten und ſprühten tauſend Funken, welche wie Sternen⸗ Wiederſchein in Wogen, glänzten. Duna ſchritt raſch vorwärts, ſie hatte ſich in einen breiten, langen Man⸗ tel gehüllt, der wohl an Form aber nicht an Farbe demjenigen glich, den ſie noch als Bewohnerin der Adelsberger Grotte trug; der Weg nach Laibach war wohl einſam von außen, aber für ſie, für die Seherin des Cirknitzer Bodens, für Duna, für Klau dia von Ehlingen war er bevölkert mit Hunderten von Weſen, mit unzähligen Geſtalten. Was muß in dem Herzen eines Weibes vorgehen, welches ſein ganzes Lebensziel auf Einen Punkt vereint, der nichts, als Rache an einen Mann enthält, und welches, wenn es denſelben erreicht, um ſich mit Wolluſt und mit Gier an der Verzweiflung ihres Verderbers zu weiden, ſich nun zu ihm verfügt, um ihn durch ihren Anblick zu vernichten, zu zerſchmettern, um die Folterqual ſeines Gewiſſens bis auf den höchſten Grad zu ſpan⸗ nen? Was mag in dem Buſen eines weiblichen We⸗ ſens vorgehen, welches ſo viel dulden, ſo viel leiden kann, um nur den zu vernichten, der ſie verdorben, und welches— wenn es endlich ſein Ziel erreicht, ſich auf einem ſolchen Gange befindet?— Wir können Duna's Rachewuth nicht billigen und nicht ver⸗ theidigen, aber wir können das Weib in ihr nicht ver⸗ dammen. Kein Schmerz a uſder ganzen Erde, ſelbſt jener,„hoffnungsloſer Liebe“ nicht ausgenommen, gleicht dem eines Weibes, welches ſich an einen Mann kettet, der ſie mit falſcher Liebe bethört, ſie aus den Armen der Familie reißt, aus der Heimath führt, und dann im Elende verläßt. Er, der Einzige auf der ganzen Gotteserde, dem ſie nun angehört, dem ſie ſich ganz in die Arme geworfen, der ihr Schützer, Lebenserhalter, der Gatte, Vater, Mutter, Geſchwiſter, Alles in Einem ſein ſoll, er verläßt ſie!!! Iſt es da vielleicht zu ſtaunen, wenn ſich die Verzweiflung eines ſolchen Weſens bemeiſtert, wenn das ſanfte, liebende Herz ſich in eine Tiegerbruſt ver⸗ wandelt, welche nur Rache athmet, nur Blut dürſtet? Dieſe Verzweiflung hatte Klaudia von Ehlin⸗ gen in die Berge getrieben, ließ ſie zur Menſchen⸗ feindin werden! Allein die Beſinnung kehrte wieder; was konnten Alle für Einen? ihr Haß konzentrirte 6 ſich auf den, der es verſchuldet, die Gier nach Rache tauchte auf, und aus Klaudia von Ehlingen war Duna, die Seherin des Cirknitzer Bodens, ge⸗ worden. Ihr Weg nach Laibach war bevölkert mit allen n Scenen der Vergangenheit, von der Kindheit an bis zum gegenwärtigen Augenblicke; ſie durchflog in Ge⸗ danken noch einmal jenen Theil ihres Lebens, wo Emilian thätig war, und ſie fand keine Scene, welche N „ ſie, ihren Entſchluß zu ändern, beſtimmt hätte; keine Stimme wurde in dem Herzen laut, die für den Ge⸗ haßten ſprach. Gegen Abend langte ſie in Laibach an. Ihr Weg führte ſie in das unterſte Stockwerk eines Hauſes un⸗ ter den Trantſchen. Ein greiſer Mann empfing ſie, ein Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren ſprang freundlich auf ſie zu und herzte ſie wie ihre Mutter. Juſta kennt Euch noch, ſprach der Greis; ſie hat es noch nicht vergeſſen, daß Ihr es war't, wel⸗ che ihr den heilſamen Trank gebraut; ja, ja, Kinder ſind gegen Fremde oft dankbarer, wie gegen ihre ei⸗ genen Eltern. Duna blickte das nun herangewachſene Mädchen mit inniger Freude an. Du warſt kaum acht Jahre alt, ſprach ſie, als ich die Heilung an Dir vollzog, und jetzt, wie groß biſt Du geworden? Wer weiß, ob Du mich nicht einſt ſchelten wirſt, daß ich Dich ſo jung nicht ſterben ließ! Der Greis— Rado war ſein Name— um das Geſpräch abzuleiten, und ſeiner Enkelin nicht Zeit zu laſſen, über dieſe Aeußerung nachzudenken, nahm das Wort und fragte: Der Bothe hat Euch geſtern wohl gefunden? Ja, er ſagte mir, daß Ihr mich heute zu ſpre⸗ chen wünſchet, wenn ich Euch recht verſtand.— 65 Ja, liſpelte der Greis, heute könnt Ihr ein halbes Stündchen mit ihm ſprechen, aber nicht länger. Ver⸗ geßt nicht, Duna, daß ich ſchon ein Greis, und gern in Ehren ſterben möchte. Habt keine Sorge und bannet jede Furcht, Radol der Gefangene bleibt unangetaſtet von mir, und Nie⸗ mand ſoll meinen Beſuch erfahren! Sie ließen einige Stunden vergehen, bis die Nacht gegen ihre Mitte vorgerückt war, und Alles ſich der Ruhe und dem Schlafe hingab, dann nahm Rado einige Schlüſſel zur Hand, ſteckte eine Blendlaterne un⸗ ter den Mantel, und ging durch den Hof hinüber, über mehrere Treppen, durch einen Gang, in dem große Ei⸗ ſenthüren mündeten, und Beide langten ſolcher Weiſe bei einer derſelben an, vor welcher ſie ſtehen blieben. Der langjährige Beſchließer der Stadtgefängniſſe öffnete Schloß und Riegel, Duna übernahm die La⸗ terne und trat ein; Rado blieb vor der Thüre ſtehen. Der Anblick, der ſich der Eingetretenen darbot, war wirklich herzerſchütternd. Emilian, blaß und hager lag auf einem Strohbündel auf dem Boden ausgeſtreckt, er war in eine ſchwere Kette geſchmiedet, deren Ende an zwei eiſernen Ringen in der Mauer eingeſchloſſen waren, jedoch in größerer Entfernung, ſo daß der Gefangene die Mitte zwiſchen ihnen einnahm, und 6 ſolcher Weiſe weder das Eine noch das andere zu er⸗ reichen vermochte. Sein Bewegungskreis beſtand in einem Raume von wenigen Schuhen, auf dem er je⸗ doch ſtets die Ketten mitſchleppen mußte. Da dieſe ſehr gewichtig waren, ſo war es natürlich, daß der ſchwächliche Freigraf die meiſte Zeit lag, und nur dann ſtand oder ging, wenn er ſich ermüden wollte, um den Schlummer erquickender zu machen. Emilian war von einem Beſuche unterrichtet; allein es war ihm verſchwiegen, wer zu ihm kommen würde; er ſchrack daher zuſammen, daß die Ketten klirrten, als er Klaudia vor ſich ſah, Emilian, ſprach ſie, bleibe ruhig; ein menſch⸗ lich Weſen, und kein Bewohner jener Welt ſteht vor Dir! Entſinnſt Du Dich noch jener Nacht in der Schenke, bevor Du gefangen wurdeſt? da wähnteſt Du auch ein Geſpenſt zu ſehen, und ich war es, die zu Dir ſprach. Sieh' ich wußte, was Dir drohte, ich ſah das Netz, welches über Dich geſpannt war, ich wußte, daß es über Dein Haupt zuſammen ſchlagen würde— und ich warnte Dich nicht. Elende! Unbarmherzige! winſelte der Freigraf. Was ich bin, bin ich durch Dich geworden, und was mit Dir geſchah und noch geſchehen wird, haſt Du mir zu danken! Ich habe Dich auf dem Tabor aufgefunden, ich habe nur ein Werkzeug meiner Rache 67 geſucht, ich ſandte Dir in Siegtried den Verräther in den Tabor, ich habe die Fäden zu der Schlinge ge⸗ woben, in welcher Du Dich fingſt, ich allein habe Deinen Untergang erſonnen und ausgeführt! Trägſt Du kein Verlangen mehr, dein geliebtes Weib an's Herz zu drücken, Deiner angebetheten Klaudia glü⸗ hende Küße auf die welken Lippen zu preſſen? ſprich, mein Emilian, Du feiger Heuchler, Schurke, Böſe⸗ wicht, Du Schlange und Tieger in Menſchengeſtalt! wie liegt ſich's hier auf dem faulen Stroh? Wohl be⸗ komm's! Du haſt mich auf Dornen gebettet— Sind die Ketten ſchwer? Du haſt mich mit Schlangen der Verzweiflung umgürtet!— Sieh, der Himmel hat Dich ganz verlaſſen, Du windeſt Dich wie ein Wurm und das Gewölbe hält feſt, es ſtürzt nicht zuſammen; ja, Emilian! der Himmel hat Dich verlaſſen ſo, wie Du mich verließeſt, er hat Dich vergeſſen, ſo wie Du mich vergaſſeſt! Es waren die fürchterlichſten Augenblicke während ſeiner ganzen Gefangenſchaft, die er jetzt erlebte. Er wand ſich auch wirklich wie ein Wurm auf dem Lager, er krümmte ſich, winſelte, wollte aufſpringen und ver⸗ mochte es nicht. Klaudia! kreiſchte er— Teufelin! Un⸗ holdin! Hexe! tödte mich, morde mich, nur entzieh' mir Deinen Anblick!— Dich morden?— unterbrach ihn Duna— das hätte ich ſchon längſt gekonnt, aber Du haſt mir jeden Augenblick meines Lebens in einen Dolchſtich gewandelt, und ich darf nur eine Stunde lang die Wolluſt ſchlür⸗ fen, Dich ſo vor mir zu ſehen. Fort!— fort von mir! tobte nun der Freigraf und begann mit den Ketten za raſſeln; Duna aber rief: Tobe, raſe! es hört Dich keine Seele auf dieſer Erde, ſo wie Du mich nicht gehört haſt; doch ich will barmherzig ſein, ich will geh'n. Was ich Dir ſagen wollte, iſt geſchehen; Du wer, Veiberben herbeigeführt, lernehs kennen. Wir werden un Peben nur noch Einmal ſehen, und dieß an jenem Morgen, an dem man Dich zum Hochgericht ſchleppen wird. Wenn Du aber auf der, höchſten Stufe angelangt) wenn Dein Lebensſei⸗ ger bis auf wenige Augenblicke abgelaufen, wenn der Todesſchweiß auf Deinem Antlitz ſchon perlt, wenn Du mehr ſchon jener Welt als dieſer angehörſt, dann wirf noch einen Blick auf die Menge; ein rother Mantel wird ſich Dir vor Allem bemerkbar machen, und jener rothe Mantel, der mein Leiden, meine Thränen, meine Qualen, meinen Jammer und meine Verzweiflung, Alles durch Dich hervorge⸗ bracht, ſah, er wird auch Zeuge Deines Todes durch Henkershand ſein, er wird Klaudia von Ehlingen umhüllen! 6— Shi———————„— ———— 68 Nach dieſer unmenſchlichen Verkündigung ergriff ſie die Blendlaterne, blieb faſt geſpenſtiſch vor Emi⸗ lian ſteh'n, ihre Augen blitzten ihn wie mordgierig an, ein ſardoniſches Lachen brach zwiſchen ihren Lip⸗ pen hervor, dann verſtummte ſie und verließ in ab⸗ gemeſſenen Schritten das Gefängniß.— So zieht der Geiſt der Rache verkörpert an uns vorüber! Dieſelbe Nacht hatte Stipan Milaſchitſch auch zur Bändigung des Spuckes beſtimmt. Die dabei Betheiligten— es waren ihrer noch fünf Männer, wor⸗ unter der Supan und Mikolo Nyena ſich befand— verſammelten ſich bei Mara und tranken ſich Muth an dem Weine der gaſtlichen Braut; wenn aber Ei⸗ ner von Allen deſſen beſonders bedurfte, ſo war es der lange Mikolo; die Drohung Stipan's ver⸗ mochte ihn zwar dazu, bei dem ſchauerlichen Geſchäfte mitzuwirken, allein dieſelbe hätte auch ſeinen Muth erhöhen ſollen, denn Mikolo befand ſich den gan⸗ zen Reſt des Tages hindurch in einer fürchterlichen Angſt. Endlich erſchien die beſtimmte Stunde; er be⸗ gab ſich zu Mara. Zum Glücke war Stipan ſchon anweſend, denn Mikolo hätte ſonſt wahrſcheinlich ſeinen früheren, liſtigen Plan fortgeſetzt; aber der eben ſo kluge Freier ließ ſeine künftige Hälfte nicht aus den Augen, damit ſie ja von Niemanden eines An⸗ deren beredet werden könne. Der Wein ſchnellte auch Mikolo's Muth wieder höher, und ſtellte das Gleich⸗ gewicht zwiſchen dieſem und der Haſenherzigkeit wie⸗ der her. Die Lebhaftigkeit der Zecher hatte mit dem Zunehmen der Nacht gleichen Schritt gehalten; um die zehnte Stunde war Alles ſchon überfroh, und man trat den Weg an. Einige trugen Windlichter, Mikolo war mit dem Grabgeräthe beſchwert, Sti⸗ pan hatte einen geſpitzten Pfahl von Hagedornholz bei ſich, der Supan trug ein Kreuz in Händen, und Mara folgte ihnen als nothwendige Zeugin der aber⸗ gläubiſchen Scene. Wir müſſen hier erwähnen, daß die⸗ ſer ſonderbare Gebrauch: Todte zur Ruhe zu bringen und Vampyre unſchädlich zu machen, noch um die Mitte des ſiebzehnten Jahrhundertes in Krain ſtark in umſchwung war, und daß demſelben nur durch ſorgfältige Bewachung von Seite der Obrigkeiten Einhalt gethan werden konnte. Die Nacht war kalt und heiter; der Friedhof, auſſerhalb des Ortes gelegen, wurde bald erreicht; er war mit Schnee bedeckt, als hätte der Himmel ſeine Schläfer mit ſeinem Bahrtuche ſchmücken wollen; wenige hölzerne Kreuze ragten über demſelben hervor; hier drückte kein ſchwerer Stein 71 das müde Haupt der ewig Ruhenden, hier prunkte kein Monument von Metall oder Marmor, als wollte es ſich ſtolz über die Andern erheben und ausrufen: Beugt Euch vor mir, denn ich bin mehr als ihr; der, welcher hier unten ruht, iſt auch mehr, als die, welche unter euch ſchlafen;— o ſtolzire nicht, du kalter Stein! auf dieſem Fleckchen iſt Alles gleich: der haushohe Grabſtein, ſo wie das morſche, bemooste Kreuz; ſie bezeichnen beide nur zwei Hügel von Erde, unter beiden Hügeln verweſen nur die Ueberreſte von ſterblichen Menſchen, in beiden Gräbern wimmeln Würmer, und mäſten ſich an dem ſo gut, wie an jenem, und beiderſeits liegt nur Staub im Staub, vom Staub und unter Staub! O, daß doch die Menſchen nie aufhören können, ſelbſt nach dem Tode noch bevorzugt ſein zu wollen! Fort mit den platz⸗ raubenden Prunkwächtern, mit den langen Titeln und Grabſchriften, im Herzen ſoll das Andenken an den Todten geſchrieben ſein, und nicht auf dem Stein; der Stein iſt hart, das Herz iſt weich; da gräbt es ſich viel tiefer ein. Fort aus dem Ruhegarten der Tod⸗ ten mit Allem, was an Prunk und irdiſchen Wahn er⸗ innert! Damit man aber das Grab ſeiner Lieben auch finden könne, ſo bezeichnet die Plätze des Leichenackers mit Nummern, die für immer bleiben, und ſo, wie man ein Buch über die Neugebornen führt, ſo kann 72 man es auch über die Todten führen— noch nach Jahrhunderten wird man das Plätzchen finden, wo ein bewährter Ahn ruht, und hätte man dieß ſchon längſt gethan, wir dürften jetzt nicht das Grab eines Mozart ſuchen!— Die Stätte, wo Giure Grando ruhte, oder vielmehr nicht ruhen wollte, war leicht gefunden, und man begann raſch zu graben. Mikolo war nicht mehr ſo muthig, als er beim Kruge geweſen war; ein ſichtbares Beben, welches jedoch auch im Froſt ſei⸗ nen Urſprung haben konnte, ſchüttelte ſeinen langen Körper. Er ſchlich ſich zum Supan, der zu Häupten des Grabes ſtand, und flüſterte: Meint Ihr wirklich, daß der Giure ein Strigo war? Micho ſah ihn an und ſprach: Wie könnt Ihr aber jetzt noch daran zweifeln, da wir ſchon auf dem Friedhofe ſind? Mikolo! Mikolo! Ihr ſcheint mir ein ſchlechtes Gewiſſen zu haben! Der Furchtſame that ſich Gewalt an, um Muth zu erzwingen; aber dieſer iſt grade ſo, wie die Liebe: wer ſie nicht in ſich trägt, der kann ſie auch nicht finden. Sein Fröſteln, wie er ſagte, ließ nicht nach; je tiefer die Grabenden ins Erdreich drangen, deſto tie⸗ fer ſank auch ſeine Seelengröße, das Geräuſch jeder hinaufgeworfenen Erdſcholle, die wieder zurückrollte, erſchütterte ihn, wie der Windſtoß eine lange Pappel; 73 Alles erbebte, was an ihm beweglich war. Jetzt er⸗ ſcholl aus dem Grabe ein dumpfer Schlag. Mikolo fuhr zuſammen und ſchrie: Alle guten Geiſter! was iſt das? Was wird es denn ſein, ſprach der Supan, ſie haben jetzt den Sarg erreicht!— Es war auch wirklich ſo, aber Mikolo war nicht mehr zur Ruhe zu bringen. Ach! jammerte er, mir iſt nicht ganz ſo, wie es ſein ſollte,— ich habe ein ſolches Kneipen im Leibe, mir ſchwindelt es im Kopfe— ich muß nach Hauſe!— er begann auch wirklich zu laufen; allein Stipan war wie eine Katze hinter ihm her, faßte ihn an der Hand und rief: Mikolo! denk an die Schuld und an die Pfändung. Ach, jammerte der Andere, guter Stipan, laß mich los, es bringt mir den Tod, wenn ich da bleibe; ich bin ſehr eklicher Natur, ich kann ſo was nicht mit anſehen. Der Boshafte aber zog ihn zurück und ſprach: Schämſt Du Dich nicht? Mara ſteht da, und Du willſt fort? Du, ein Mann, der ſo lang und ſo ſtark iſt, den das ganze Dorf bisher nur den muthigen Mikolo genannt!— Der Arme war in Verzweiflung, endlich kehrte er zurück. Indeſſen hatten die Andern den Sargdeckel ab⸗ Der Gezeichnete. III. 7 genommen. Die Leiche Giuro's lag da, kalt und ſtarr. Um ſie genauer ſehen zu können, ſenkten ſie die Windlichter in das Grab, ein rother Schein über⸗ fluthete es, ſo wie das Morgenroth in ein ſtilles Kämmerlein bricht. Seht, ſeht, ſprach der Supan, wie ſein Antlitz noch roth iſt! Stipan verſetzte: Das iſt das ſicherſte Merk⸗ mal, daß er ein Strigon iſt! Er reißt den Mund auf und fletſcht die Zähne! bemerkte der Andere. Das iſt Freude, daß er ſein Weib wieder ſieht! erklärte der Frühere. Mikolo ſah von Allem nichts, denn er hatte ſich in ſeinen Pelz gehüllt und hielt ſich die Augen zu; jetzt aber rief er mit weinerlicher Stimme: Ja, wenn er Freude an ſeinem Weibe hat, warum prü⸗ gelt er es denn? Wen man liebt, den züchtiget man! ſprach der Supan. Mikolo aber entgegnete: Da wollte ich, daß der Stipan in die Mara entſetzlich vernarrt ſein möge, weil ſie allein an meinem krankhaften Zu⸗ ſtande die Schuld trägt! Stipan nahm das Wort und ermahnte, daß man zum Werk ſchreiten müſſe. Der Supan ſtellte ſich jetzt, das Kreuz in der Hand, ſo auf, daß das — 75 Auge des Todten gerade auf ihn gerichtet war; die andern Vier befanden ſich unten im Grabe, Mara ſtand todtenbleich an des Richters Seite, Mikolo blieb hinter derſelben, und hielt ſich, ohne daß ſie es wußte, an ihrem Rock. Mara, begann der Supan, iſt das Dein ge⸗ weſener Mann, Giure Grando? Ja! verſetzte die Witfrau. Nun kehrte ſich der Richter der Leiche zu, hielt ihr das Kreuz entgegen und rief mit ſtarker Stimme:„Sieh her, Du Stri⸗ „gon! willſt Du keine Ruhe geben, willſt Dein ar⸗ „mes Weib peinigen, willſt ſie auch in das Grab „bringen?“ Schon genug, rief Stipan jetzt herauf, er weint ſchon!— Der Leiche ſollen nach der Verſi⸗ cherung unſeres Chroniſten wirklich die Thränen aus den Augen geronnen ſein!! Mikolo murmelte: Hätt' er früher geweint, ſo brauchte ich jetzt nicht da zu ſein! Stipan nahm nun den Hagedornpfahl, ſetzte ihn auf die Leiche, und ein anderer begann darauf zu ſchlagen, um ihn durch⸗ zutreiben; aber der Pfahl, wiewohl geſpitzt, prallte nach jedem Streiche ab.— Das iſt ein hartnäckiger Strigon! rief Stipan, ſchlagt beſſer darauf! Sei es nun, daß die Leiche hohl lag, oder daß der Andere vielleicht aus Befangenheit den Pfahl nich recht traf, genug, der Pfahl wollte nicht eindringen. Jetzt verlor der Geiſterbändiger die Geduld und rief: gut, wenn ſich der Strigon nicht ergeben will, ſo ſchneidet ihm den Kopf ab! Raſch war Einer bei der Hand und treunte das Haupt der Leiche von dem Rumpfe; ein tiefes Aechzen ertönte, kalter Schauer überrieſelte die Geſpenſterbanner. Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! win⸗ ſelte Mikolo, und riß die Witfrau ſo an ſich, daß ſie in ſeine Arme ſank. Ich auch! ich auch! ſchrie Mara und taumelte wie eine Trunkene aus den Armen des langen Furcht⸗ ſamen; in dieſem Augenblicke wurde die Scene auf eine Weiſe unterbrochen, die ihre Verwirrung bis zum höchſten Grade ſteigerte. Doch hiezu iſt es er⸗ forderlich, Einiges nachzuholen. Nach dem Abgehen Dunas, befand ſich Sieg⸗ fried allein in ſeinem Kämmerlein, und der Reſt des Tages verfloß ihm ſchneller, als er ſelbſt gedacht hatte, denn die Einſamkeit iſt noch keinem Liebenden läſtig geworden. Der Abend rückte heran, auch der Schlaf floh ſeine Augen, er ſetzte ſich an's Fenſter und ſah hinaus in den nächtlichen Garten, an deſſen anderm Ende, wie wir ſchon erwähnt haben, Mara's Hütte lag. Der Lärm und das Getöſe der Geiſter⸗ banner beim Zechen vor ihrem Abgange, drang zu 77 ihm herüber, und da die Geſchichte von dem Spuck ſchon die Runde durch das ganze Dorf gemacht hatte, ſo meinte der Jüngling, die Freunde und Bekannten der Witwe hätten ſich zuſammen gefunden, um ſie vor den Angriffen des Geſpenſtes zu ſchützen; und als ſie gegen Mitternacht mit Windlichtern die Hütte verließen, glaubte er, daß ſie endlich zur Ruhe gingen. Nun trat auch drüben nächtliche Stille ein, kein Ster⸗ benslaut regte ſich im Garten, kein Aſt bewegte ſich, kein Schneeſtäubchen fiel zu Boden. Der Jüngling befand ſich in der Leichenſtille ſehr wohl; aber nicht lange währte es, denn jetzt vernahm er ein Kniſtern und Knacken von einer Seite des Zauns, und ſah längs deſſelben einen Mann gegen das Haus hervor⸗ ſchleichen. Leiſe öffnete er das Fenſter, ſein Blick vermochte um ſo ſicherer die Dunkelheit zu durchdrin⸗ gen; der Fremde ſchwankte an der Wand der Hütte Mara's nach rechts und links, als wolle er durch die Fenſter Etwas auskundſchaften; ſie waren ſtock⸗ finſter; ein leichtes Geräuſch entſtand und die Geſtalt war verſchwunden. Siegfried dachte einen Augen⸗ blick lang nach: ſollte die Witfrau in dieſer Nacht die Hütte verlaſſen haben, und ein Spitzbube dieß zu benützen trachten? Der Gedanke fand Raum in ſeiner Seele, und die Vermuthung hatte nichts Unwahr⸗ ſcheinliches. Raſch ſchwang er ſich auf die Brüſtung, wand ſich durch's Fenſter, und ſchlich leichtfüßig dem Hauſe näher. Wie erſtaunte er, als er bei der Hütte anlangend, durch das Fenſter einen Lichtſchein ſchim⸗ mern ſah. Er guckte vorſichtig hinein, ſo daß der Schatten ſeines Körpers an ihm nicht zum Verräther wurde, und ſah einen Mann mit einem bleichen Todtenantlitz, angethan nach Landesſitte; im erſten Augenblicke erſchrak er, denn er wähnte das Geſpenſt vor ſich zu ſehen, doch er errang gleich ſeine Faſſung wieder; ein Jüngling, welcher die Scenen auf dem Cirknitzer Boden, in der Adelsberger Grotte, auf dem Katzenſtein, auf dem Bierbaumer⸗Tabor und in Lai⸗ bach mit erlebt hatte und in ihnen thätig war, der konnte ſo leicht ſeine Geiſtesgegenwart nicht verlieren. Das Geſpenſt war einige Zeit ſpähend und hor⸗ chend ſtehen geblieben; im Hauſe ſchien Alles ausge⸗ ſtorben. Jetzt ſchlich es in eine Ecke, zog einen Vor⸗ hang auf, der eine Vertiefung in der Mauer deckte, in welcher eine Truhe ſichtbar wurde. Der Geiſt ſchien die Gelegenheit trefflich zu kennen, und Sieg⸗ fried merkte nun das falſche Spiel; aber wer mochte der Schurke ſein? Wahrſcheinlich Jemand aus dem Dorfe, der die Gelegenheit recht gut wußte; das Antlitz des Spitzbuben war durch den weißen Ueber⸗ ſtrich von Kreide oder Mehl nicht zu erkennen. Jetzt zog der angebliche Bewohner der andern Welt, Werk⸗ 29 zeuge hervor, welche zum Oeffnen der Truhe beſtimmt waren, und Siegfried ſah, daß der Augenblick her⸗ angerückt ſei, wo er handeln müſſe. Seinen Gegner anzugreifen, war unrathſam, er war bewaffnet; denn daß der Schurke beim Einbruch ſeiner bloßen Fauſt vertraute, war nicht wahrſcheinlich; er ſelbſt hatte aber nichts zum Angriff, nichts zur Vertheidigung bei ſich. Sollte er Lärm machen? er wußte, daß die Witfrau nur zwei Mägde zum Hausgeſinde habe; es war wahrſcheinlich, daß auch dieſe fort waren, und die ganze Hütte allein gelaſſen hatten, was da zu Lande gar nichts Seltenes iſt, wo beſonders zur Sommerszeit viele Häuſet oft ganze Tage lang wie ausgeſtorben ſind, wenn ſich die Bewohner auf dem Felde befinden. Es nützte ihm daher wenig, wenn er auch Lärm ſchlug; bis die Nachbarn kamen, war der Andere ſchon längſt über Stock und Stein. In dieſer Verlegenheit ſtrichen einige Augenblicke dahin, ein Krachen im Innern der Hütte zeigte, daß die Truhe ſchon geſprengt ſei, jetzt ergriff den Horcher ein Ge⸗ danke, den er raſch vollführte. Er wollte den Feind mit den eigenen Waffen ſchlagen, und begann mit verſtellter Stimme, ſo tief als er vermochte, zu rufen: Wehe, was ſuchſt Du bei meinem Golde! dann ſchlug er mit der Fauſt in das Fenſter, daß die Scheiben zer⸗ ſprangen und klirrend zu Boden fielen!— Ein Angſtgeſchrei erſcholl in der Stube, der Deckel der Truhe klappte zu, das Licht erloſch, dieß war Alles das Machwerk eines Augenblickes. Siegf ried hoffte nun, der Gegner würde ſeinen Rückweg durch die Fen⸗ ſter nehmen; allein da irrte er ſehr, der Andere kannte die Gelegenheit beſſer. Man hörte drinnen einen Schlag, es fiel wie Stein zu Boden, dann ſcharrte es, einige Stücke fielen herab, wie wenn ſich Theile von einem Gemäuer losbröcken. Der Schelm hat durchgebrochen und befindet ſich wahrſcheinlich auf dem Boden, dachte Siegfried; mir ſoll er nicht entkommen! Er ent⸗ fernte ſich jetzt raſch von der Hütte, ſo daß man ihm von oben nichts anhaben konnte, und er doch den größ⸗ ten Theil des Daches überſehen konnte, deckte ſich durch einen Baumſtamm und verhielt ſich ruhig. Beinahe eine Viertelſtunde verging, ohne daß dieſe Todtenſtille unterbrochen wurde; der Flüchtling mochte wahrſchein⸗ lich nach dem Verfolger ſpähen, da er jedoch nichts ver⸗ nahm und ihm Alles unverdächtig ſchien, begann er ſeine fernere Rettung zu ſuchen. Siegfried hörte einen Sprung und gleich darauf eilende Schritte über die Schneedecke; er folgte dem Eilenden und wollte ſehen, wohin der Spitzbube ſeinen Weg nähme. Eine Weile gelang es ihm, von dem Voraneilenden unentdeckt nach⸗ zukommen, und dieſer nahm den Weg gegen das alte Schloß; plötzlich blickte er um ſich, gewahrte den Jüng⸗ 81 ling und veränderte ſeine Richtung. Um den Gegner zu täuſchen und jeden Angriff von ſich abzuwehren, ſchrie Siegfried mit weittönender Stimme: Nur mir nach, nur mir nach! halloh ho! nur mir nach! Der Verfolgte verdoppelte nun ſeine Eile und ſtürzte, wirklich der Meinung, von Mehreren verfolgt zu werden, wie raſend dahin. Da er von ſeiner bekannten Bahn ſchon abgewichen war, ſo achtete er auch ferner auf den Weg ſeiner Flucht nicht, und ſo kam es, daß er in die Nähe des Friedhofes gelangte. In der Abſicht, ſich hinter Einem der Grabhügel zu bergen, ſtürzte er hinein, Siegfried ihm nach, und Beide unterbra⸗ chen ſolcher Weiſe die von uns geſchilderte Scene. Das verfolgte Geſpenſt ſtand mit einem Sprunge mitten unter der Gruppe; er wußte, was dieſe vor⸗ hatten, war daher der Wirkung ſeines Anblickes ge⸗ wiß, und hoffte dadurch am eheſten zu entkommen. Wie ein Blitz fuhr es unter die Geiſterbanner; Giure Grando! heulten Alle im Chor, ſelbſt der muthige Stipan nicht ausgenommen. Strigon— Strigon! brüllten noch Einige hinten drein, und Alle ſtoben auseinander, wie eine Schaar Tauben, in die der Habicht fährt. Der Supan ſchwang im Laufen ohne Unterlaß das Kreuz um ſich und ſchrie: kannſt Du keine Ruhe finden— du Strigon! Stipan ſtürzte ihm nach und rief: Haltet ein wenig, bis ich nachkomme! Mara lag ohnmächtig auf dem Boden, Mikolo wälzte ſich an ihrer Seite herum, und zappelte vor Fieberfroſt an Händen und Füßen, die Anderen hatten die Windlichter von ſich geworfen, und waren ebenfalls auf der Flucht. Sieg⸗ fried blieb vor Erſtaunen feſtgebannt auf dem Platze; er wußte nicht, was er von dem Vorfalle denken, was er unternehmen ſollte. Das verfolgte Geſpenſt war verſchwunden! Auf dem verlaſſenen Herrenſchloſſe zu Oſterberg herrſchte am andern Morgen der höchſte Grad von Mißſtimmung. Petruchio und Paolo gingen ſchweigend in dem mittleren Gemache auf und nieder, aber nicht, als wenn ſie ein Unternehmen bereden würden, ſondern als ob ſie ein fehlgeſchlagenes zu beklagen hätten, das verriethen nämlich ihre Bewegun⸗ gen und Mienen. Beſonders ungebärdig zeigte ſich Petruchio. Es iſt gewöhnlich, wenn Einem unſerer Freunde oder Bekannten ein Unternehmen mißlingt, bei welchem wir betheiligt ſind, daß wir dieſem die Schuld beimeſſen, und ſtets den Glauben hegen, daß wir es beſſer gemacht hätten; das war auch hier der Fall. Petruchio konnte leicht mit kaltem Blute ta⸗ 83 deln, was der Andere in Eile, Bedrängniß und Angſt ausführen mußte. Paolo ſprach: Das Ganze war ſo gut erſon⸗ nen und vorbereitet, keine Secle in der Hütte, die Mägde entfernt, da bringt der Satan den Leichtfüß⸗ ler daher— Wer mag er nur geweſen ſein, fiel Petruchio ein— Wahrſcheinlich der Burſch, der mit dem alten Weibe am andern Ende des Gartens wohnt, er be⸗ merkte vielleicht den Lichtſchein. Hätteſt Du ihn abgekehlt!— Ja, wenn er mich angegriffen, wär' es ſo ge⸗ ſchehen, aber der Halunke erſchreckte mich.— Petruchio ſchüttelte den ſchwarzen Kopf und rief: Du haſt die köſtliche Beute freiwillig in den Sand geworfen; ich wollte Dich begleiten, Dir bei⸗ ſtehen; aber Du wareſt, mich mitzunehmen, nicht zu bewegen; jetzt haſt Du's! Aber ſag' mir nur, wenn Du ihn für ein Geſpenſt hielteſt, warum liefeſt Du davon? im Kampf mit Geiſtern nützet ja das Lau⸗ fen nichts; hielteſt Du ihn für ein natürlich Weſen mit Leib und Seele, was krochſt Du durch den Ka⸗ min auf den Boden, wie ein Haſe, warum zerſchmet⸗ terteſt Du nicht die Thüre und griffſt ihn an?— Nach dem Feſte iſt leicht reden, entgegnete Pao⸗ lo mürriſch; ausſtellen, verbeſſern und beſchimpfen kann jedes Weib; aber ſelbſt erfinden, vorbereiten und ausführen, das iſt die Sache! Etwas Mißlungenes zu bekritteln, dazu gehört kaum ein Quentchen Men⸗ ſchenverſtand; aber gleich hingeh'n und beſſer machen — verſuch's einmal, Petruchio! wir wollen ſehen, wie es Dir gelingt? Der Sprecher war durch ſeine eigenen Worte in's Feuer gerathen, und der bittere Ton gab dieß ſogleich zu erkennen. Petruchio, der es mit dem Gefährten nicht verderben wollte, beſänftigte ihn, ſo viel er nur vermochte, und lenkte deſſen Aufmerkſamkeit auf den, der eigentlich die erſte Urſache des Mißlingens war. Du haſt recht, Petruchio! verſetzte Paolo, der Burſche ſoll es büſſen. Wir müſſen erfahren, wer er iſt, und dann wehe ihm! Das Geld der Witfrau iſt für uns ſchon verloren, per dio! wenn ich denke, durch einen Schuft, der vielleicht noch kein Härchen auf den Wangen hat, ſo viel zu verlieren— ich könnte ihn mit den Zähnen zerreißen! Wir müſſen jetzt unſere Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes lenken, von der Gaukelei allein können wir nichts erübrigen. Es wird ſich wohl noch Etwas finden, nahm Petruchio das Wort, aber vor der Hand ſoll an dem Störer unſeres Unternehmens Rache geübt wer⸗ — 85 den; doch noch Etwas, Du biſt doch ganz unentdeckt geblieben? Keine Seele ahnt, daß ich es war; ich nahm meinen Weg nach einer ganz entgegengeſetzten Rich⸗ tung von dem Schloſſe und forgte dafür, daß die Späher, falls ſie den Fußſpuren im Schnee folgten, ganz irre geleitet würden; ich hatte hierzu Zeit und Muße genug, denn vom Friedhofe aus, folgte mir keine Seele nach. Die beiden Italiener hatten ſich dieſer Maßen in's Einverſtändniß geſetzt, und ſprachen noch eine Weile im Auf⸗ und Abgehen fort, wobei Jeder ſeine eigenen Gedanken an den Tag legte; die aber bei Bei⸗ den darauf hinausgingen, dem armen Siegfried Verderben zu bringen;— nach einer Weile rief Pe⸗ truchio: Ich hab einen köſtlichen Einfall, Bruder Paolo! wie wir dem Burſchen, falls er Dein Ver⸗ folger war, in unſer Netz locken. Ueber das Erſtere muß ich früher Gewißheit haben; ich werde mich jetzt in's Dorf begeben, ein wenig zu kundſchaften; läng⸗ ſtens in einer halben Stunde bin ich zurück. Er entfernte ſich, und Paolo blieb allein. Die feſtgeſetzte Friſt war noch nicht ganz verſtrichen, als er ſchon wieder eintraf. Alles iſt beſſer abgelaufen, erzählte er, als wir hoffen durften; von Deiner Theil⸗ nahme hat keine Seele Ahnung. Das ganze wird viel⸗ mehr von dem abergläubigen Volk dem Geſpenſte zu⸗ geſchrieben, wiewohl der Burſche, Siegfried iſt ſein Name, ſtark dagegen eifert. Dieſer wohnt wirklich mit ſeiner alten Mutter in dem von Dir bezeichneten Häuschen, und nun wirſt Du gleich ein Plänchen hö⸗ ren, welches ich zum Verderben jenes Buben erſonnen; der Vogel muß in unſern Bau gelockt werden, mehr brauch ich Dir nicht zu ſagen, denn nun weißt Du ſchon Alles— he, Walburga! rief er, komm doch heraus, ich hab' mit Dir zu ſprechen! Das Mädchen erſchien, und Apor folgte ihr auf dem Fuße nach; die beiden Männer ließen ſich am Kamine nieder, die Pflegerstochter that ein Gleiches, der Hund nahm zu ihren Füßen Platz. Walburga, begann Petruchio, Du mußt heute allein in den Dorfſchank. Es wird dort eine kleine Gaſterei ſein, welche man einem Burſchen zu Ehren gibt, der heute Nacht ein Geſpenſt vom Raube abhielt; dieſen Burſchen, ſo iſt es unſer Wille, ſollſt Du heute noch in unſer Schloß locken! Ich und Pao⸗ lo werden Deiner Rückkehr harren, wir müſſen ihn in unſere Gewalt bekommen! Walburga war mit ihren eigenen Gefühlen bisher wirklich ſo beſchäftiget geweſen; daß ſie von dem Plane ihrer Gefährten und deſſen Mißlingen 87 wirklich nichts wußte; ſie fragte daher: Was habt Ihr mit dem Burſchen vor? Nichts Böſes, lächelte Paolo; wir wollen ihn nur warnen, ſich künftighin nicht in unſer Handwerk zu mengen, und unſere Geheimniſſe nicht dem ganzen Dorfe zu verrathen! Das Mädchen bezog dieß wirklich auf die Gau⸗ kelkünſte, deren Eines oder das Andere der Erwähnte vielleicht erlauſcht haben mochte, und fragte: Und wie heißt der Burſche? Petruchio verſetzte: Siegfried iſt ſein Name! Wie ein Blitz fuhr es in die Seele des Mädchens; ſie erröthete und erblaßte, ihre Gedanken verwirrten ſich— Sehr wohl— ſprach ſie— ich will ihn ſchon hieher locken!— Es fielen nun noch einige gleichgültige Reden, worauf ſich Walburga entfernte. Die Thüre ihres Gemaches war kaum hinter ihr in's Schloß ge⸗ fallen, als Petruchio Paolo's Hand faßte und ihm zuliſpelte: Haſt Du die Veränderung bemerkt, welche mit dem Mädchen vorging, als ich ihr den Namen nannte? Sie wurde roth und blaß, und bebte, wie von einem Sturm im Innern erſchüttert. Sie muß ihn kennen— Iſt dieß der Fall, dann iſt ihr auch ſeine Hütte bekannt. Sollte ſie ihn von früher kennen? Iſt er denn nicht aus dem Dorfe? Nein, erwiederte Petruchio; wie ich heute ver⸗ nahm, wohnt er mit ſeiner Mutter kaum ſeit Ende Sommers hier! Sie kennt ihn gut, das iſt gewiß! Sie nimmt Antheil an ihm, das verräth ihre Bewegung; ſollte ſie vielleicht?— Donnerwetter! Höll und Teufel!— ein Gedanke durchfährt mich! ich will des Satans ſein, wenn ich mich täuſche, die Elende hat unſeren Anſchlag erlauſcht, und dem Burſchen entdeckt; es war vielleicht ſchon zu ſpät, daß er Hilfe rief— Petruchio hatte einige Augenblicke nachgedacht, dann verſetzte er: Es iſt leicht möglich, ich ſah ſie ge⸗ ſtern den ganzen Abend nicht; doch unſchuldig wollen wir ſie nicht verdammen! Aber über das Verhältniß zwiſchen ihr und Siegfried muß ich Gewißheit ha⸗ ben. Wehe der Schlange, wenn ich ihre Spur im Staube entdecke; verhalte Dich ruhig, wir laſſen es für jetzt bei dem bewenden, was ich ihr aufgetra⸗ gen. Wenn ſie des Abends das Schloß verläßt, folg' ich ihr heimlich nach; wir wollen ſehen, was ſich er⸗ lauſchen und entdecken läßt. Paolo wüthete im Voraus ſchon über Wal⸗ „burgen. Sein ganzer Haß, mit dem er früher Siegfrieden beladen, warf ſich jetzt auf das Mäd⸗ x chen. Die Elende, grollte er, wenn Sie es war, die mich verrieth, in ſolche Gefahr und um einen ſolchen Fang brachte, ſo ſoll ſie eines jämmerlichen Todes ſterben; ich will ihr die giftige Natter an den Buſen ſetzen und ſehen, ob eine Schlange die Andere zu tödten vermag; ſie ſoll, wie eine zweite Kleopatra, auf Schloß Oſterberg enden. Wohl waren es Schlangen, welche der Verwor⸗ fenen den Tod brachten, wohl waren es giftige, ver⸗ 1 zehrende Schlangen; aber Nattern, die im Staube kriechen, waren es nicht; keine Schlangen, die ſtechen und fliehen, an deren Gift man ſchnell vergeht; keine Schlangen, die im Moore niſten, ſondern giftige Un⸗ gethümer, die mit jedem Augenblicke verwunden, und dennoch feſt ſitzen bleiben; die in der Menſchenbruſt hauſen, und nicht blos das Leben nehmen, ſonderr es vergällen durch Qual, Unruh und Folter, es zer⸗ ſtören durch Verzweiflung und Wahnwitz, und ſelbſt . die Hoffnung auf die Zukunft vernichten, es waren die— Leidenſchaften!— Walburga war von den beiden Gefährten kaum in ihr Gemach zurückgekehrt, als ſie ſich am Kamine niederwarf. Die lohende Flamme in demſelben war gegen jene ihres Herzens ein küh⸗ lender Zephyr; jetzt war der Augenblick der Rache ge⸗ 8 * kommen, es lag nur an ihr, den Funken anzufachen, um ihn zu vernichten; wenn ſie erſt gewußt hätte, daß es nicht einmal deſſen bedurfte, daß Petruchio und Paolo, jeder Einzelne ſchon ergrimmt genug war, um an dem Jüngling einen Mord zu begehen?! — Ihre Leidenſchaft triumphirte; ſie hatte zwar in dem erſehnten Gegenſtande keinen Gefährten, dagegen aber ein Opfer gefunden; gleichviel, wenn ſie ſich nur ſättigen konnte— ob an Manna oder an Gift.— Endlich iſt der ſüße Augenblick gekommen— ſo wurde es in ihrem Innern laut— ich werde die Schmach: ver⸗ ſchmäht und verſtoßen zu ſein, vergelten können! Drei⸗ mal hab ich ihn um Liebe gebettelt, und dreimal hat er mich verworfen, hat mich unglücklich, hat mich elend gemacht; er allein trägt die Schuld meines Geſchickes, er allein wehte die erſtickende Luft her, die mich umwogt; nun iſt der vergeltende Augenblick gekommen; wir wol⸗ len ſehen, ob ihm auch jetzt ſein Schickſal aus der Ge⸗ fahr hilft! Daß Walburga dem Jünglinge die Schuld ih⸗ res Elendes beimaß, darf uns nicht befremden; jeder Menſch ſucht in anderen Weſen die Urſache ſeines Miß⸗ geſchickes, und es gibt wenige Unglückliche oder Ver⸗ brecher, die auch ſo ſtark ſind, ſich ſelbſt die ganze Schuld ihres Lebens beizumeſſen. Es dürfte vielleicht mancher unſerer Leſer in Duna's und Walburga's B1 Handlungsweiſe eine gewiſſe Aehnlichkeit finden, die, oberflächlich betrachtet, auch wirklich da iſt, allein in der That nicht im Entfernteſten beſteht; es iſt gerade ſo, als wenn wir zwei Waſſer nebeneinander dahinlau⸗ fen ſehen, beide trüb, beide reiſſend, und Alles mit⸗ ſchwemmend, was von ihnen erfaßt wird; das Eine rauſcht über Felſen und Tiefen dahin, das Andere über Schlamm. Duna däuchte ſich in ihrem Haſſe und ih⸗ rer Rache das Werkzeug, welches der Himmel geſandt, um ihren Verderber zu ſtürzen; er war ein Unmenſch und verdiente es vollkommen, er hatte es um ſie und die Welt verdient; aber Walb urga wollte nur ihrer Leidenſchaft fröhnen, ſie wollte ein Spielwerkzeug ihrer Sinne, und weil ſie es nicht erreichen konnte, wollte ſie es verderben! Rache war wohl beiderſeits der Handlungstrieb, aber welch' ein Unterſchied zwiſchen den Motiven desſelben? dort traf es einen Verworfe⸗ nen, hier einen Unſchuldigen; dort war ſie die Frucht, welche in jammervollen Jahren zeitigte, hier aber das Unkraut, welches in der Gluth einer wollüſtigen Stunde emporgeſchoſſen; dort war dieſe Rache der Epilog eines ganzen Lebens, hier aber hatte das Erdendrama ſchon damit begonnen. Duna können wir bemitleiden, Walburga müſſen wir verachten!! Die Pflegerstochter war wieder ruhig geworden; ſie hatte ſich gefaßt, das Toben des Herzens beſänfti⸗ 92 get, und ſie begann nun mit kaltem Blute— bei ihr konnte man es ſo nennen— ihre Gedanken zu ordnen und ihr Benehmen zu beſtimmen. Sie wollte, die Hölle ſelbſt gab ihr dieſen Gedanken ein, Siegfrieden durch ein unwiderſtehlich Mittel zu ſich locken; denn ihr, das fürchtete ſie mit Recht, würde er keine Folge lei⸗ ſten. Sie beſchloß daher, ihm den Anblick einer viel theuerern Perſon in Hoffnung zu ſtellen: Roſina— ja, Roſina, das Cirknitzer Mädchen, welches er ge⸗ wiß noch liebte, dieß ſollte der Köder ſein, den Jüng⸗ ling in ſein Verderben zu locken! Die Dunkelheit begann herein zu brechen, und Walburga machte ſich auf den Weg; wenn aber Je⸗ mand vielleicht glauben könnte, ſie habe ihn froh und freudig betreten, der irrt ſehr, der kennt jene unſelige Leidenſchaft nicht, die nur nach dem Irdiſchen ſtrebt, die mit der einen Hand gierig umfaſſen, mit der Andern kalt morden kann! Das Mädchen ſchritt hin, glühend nach dem Augenblicke, und doch erbebend vor demſel⸗ ben; aber nicht das Verwerfliche ihrer That machte ſie zittern, ſondern nur der Gedanke, daß ſie den Jüng⸗ ling dennoch verlieren müſſe! Ihr Buſen war der Schauplatz eines Titanenkampfes zwiſchen Rache und Leidenſchaft; aber es war kein Streit auf Tod und Le⸗ ven, es war nur ein Ringen zwiſchen Leiden ohne tödt⸗ liche Waffen; ſie ſchienen ſich nur zu bekämpfen, um 3 ihre Größe noch mehr auszubreiten, ſie ſchienen ihre Kraft nur aufſtacheln zu wollen, um dann Beide un⸗ beſiegt aus dem Kampfe hervorzugehen und geſättiget zu werden! Walburga langte im Schank an; allein zu ih⸗ rem größten Erſtaunen war da Alles leer und ruhig, von einem Freudenmale keine Spur; es ſollte erſt am folgenden Abende Statt finden, weil der Jüngling, dem es eigentlich gelten ſollte, von einem Unwohlſein befallen, zu kommen nicht vermochte. Dieß erfuhr ſie von der Schankfrau, welche gegen die ſchöne Gauklerinn nicht unfreundlich war, weil ſie ihr doch ſchon ſo vielen Gewinn zu verdanken hatte. Sie tiſchte ihr einen Be⸗ cher Weines, Käſe und Brod; das Mädchen ließ ſich wohl nieder, allein ſie trug wahrlich kein Verlangen nach Speiſe; vom Weine trank ſie. Die Schankfrau, froh, mit der Fremden ein Stündchen verplaudern zu können, denn ſie ſaß eben am Rocken, begann die ganze Begebenheit der verfloſſenen Nacht zu wiederkäuen und belobte den muthigen Jüngling, der keck genug war, den Strigon aus dem Hauſe zu jagen; freilich meinte ſie: gibt es Einige, welche meinen, es wäre kein Ge⸗ ſpenſt, ſondern ein Spitzbube geweſen; aber das wiſſen wir beſſer, es iſt nicht das erſte Mal, daß ein ſolcher Geiſt Verlangen nach ſeinem irdiſchen Gut trägt; ja, wir haben Beweiſe, daß Strigon's ſogar Anſprüche auf ihre hinterlaſſenen Weiber machten; der Himmel gebe, daß nur mir ſo was nicht zuſtoſſe! Während die Bäuerin ihrem Zünglein freien Lauf ließ, und Walburga ihr aufmerkſam zuzu⸗ hören ſchien, war in derſelben ein Verdacht rege ge⸗ worden, der, je länger ſie ihn ihrer Aufmerkſamkeit würdigte, ſich immer mehr zur Wahrſcheinlichkeit ent⸗ faltete; ja, es konnte nicht anders ſein: Paolo oder Petruchio hatten die Rolle des Geſpenſtes geſpielt, und das war der Grund, warum ſie an Siegfried Rache nehmen wollten! Jetzt wußte ſie ſich erſt zu erklären, was ihre Gefährten oft ſo heimlich mit ein⸗ ander unterhandelten, jetzt ſah ſie erſt die wahre Ur⸗ ſache ein, welche die Wälſchen bewog, Rache an dem Jünglinge zu nehmen, und es wurde ihr begreiflich: daß es ſich da um nichts weniger, als um dasLeben Siegfried's handle. Dieſe Entdeckung brachte ei⸗ nen neuen Eindruck auf ihr Inneres hervor, ein neuer Hoffnungsſtrahl ſprudelte auf.— Wie? wenn ſie Si eg⸗ fried warnte, wenn ſie ihm eine Gefahr ahnen ließe, und nur unter der Bedingung, der Ihrige zu werden, ihn aus derſelben zu retten verſpräche? Sie, welche eine halbe Stunde früher ſeinen Un⸗ tergang vorbereitet hatte, ſie lebte jetzt neu auf, ſie fachte den Funken ſelbſt an; aber es wurde keine er⸗ wärmende Flamme aus demſelben, ſondern er blieb 2 2 nur ein trügeriſch Irrlicht am Moorgrund. Wie dankte ſie es dem Geſchicke, daß das Freudenmahl nicht Statt fand; von Heute bis Morgen noch vierundzwanzig Stunden Raumes, was ließ ſich da Alles unterneh⸗ men, was konnte da nicht Alles geändert werden? Ein Augenblick reicht oft hin, einem Menſchen ſeinen Entſchluß ändern zu laſſen, und hier waren ſo viele Stunden;— wenn Siegfried vielleicht doch ihre Liebe anerkennen würde, wenn er endlich doch ihr Herz an das Seine drücken und ſie überſelig machen würde?! Es war ein wonniger Gedanke, der zwar keinen Frühlingsmorgen, aber einen Sommermittag in ihrem Innern aufgehen ließ, einen Mittag, wie er ſich über die Wüſten Arabiens lagert, wenn der Samum dahinbläst und die Sandwolken aufwirbelt, daß ſie wie glühender Kohlenſtaub ſich bis zum Himmel thür⸗ men. Ja, wohl war noch vierundzwanzig Stunden Raumes zwiſchen jetzt und Morgen; ja, wohl konnte ſich da noch Vieles ändern; reicht doch oft ein Augen⸗ blick ſchon hin ein Leben zu nehmen, einen Baum zu zerſplittern, eine Stadt zu zertrümmern, ein Land zu verheeren, ja, eine Welt aus ihren Axen zu heben; was konnte alſo in einem ſo kleinen Kreiſe nicht Alles ge⸗ ſchehen, was konnte ſich da nicht Alles ändern, welche Störungen, Wirkungen, Aneiferungen, Verhinderungen konnten da nicht eintreten? Wer wagt es, mit Ge⸗ 6 wißheit zu behaupten, daß es ſo werden müſſe?— Der Menſch hat nur die Vergangenheit in ſeiner Gewalt, da kann er wühlen, wie in einem beſtaubten Schatz; die Zukunft, und wär' es auch nur der nächſte Augenblick, iſt der Gottheit anheim geſtellt!1 Die plaudernde Schankfrau wurde durch einen Bauernburſchen unterbrochen, welcher erſchöpft und nach Odem ringend, hereinſtürzte. Was gibt es? rief das Weib, ſich vom Rocken erhebend. Ein Unglück iſt geſchehen! keuchte der Athemloſe; ein reiſender Herr iſt mit ſeinem Roſſe geſtürzt! Ich befand mich gerade in der Schlucht, wo der Graben quer über die Straße läuft und eine ſchwache Brücke darüberführt, da that das Roß einen Fehltritt und fiel hinab. Heiliger Elias! rief die Schenkin, ſich bekreuzend; ſo lauf doch ſchnell zu den Nachbarn, daß ſie dem Manne Hülfe bringen und er auf der Straße nicht verſchmachte! Das habe ich ſo ſchon gethan, verſetzte der Bote, und er wird auch ſchon hiehergebracht; der Supan hat mich aber vorausgeſchickt, damit Ihr ſchnell ein Stübchen und ein warmes Lager herrichten möchtet! Gleich! gleich! Alles ſoll geſchehen! rief das gut⸗ müthige Weib; jetzt muß ich fort— Jungfer Gauklerin, trinkt nur Euren Wein und verzehrt Eueren Käſe, 9* habt Ihr zu wenig, ſo ſoll die Magd noch Eins füllen, ich muß jetzt hinaus und nach der Kammer und dem 3 Bette ſehen!— Sie lief hinaus, der Burſche folgte ihr nach und Walburga blieb allein. Sie trug kein Verlangen, nach dem Schloſſe zurückzukehren; ihre Gefährten waren ihr plötzlich in einem Lichte erſchie⸗ 2 nen, welches ihr eklich und widrig war; ſie hatte wohl leichte Burſche in ihnen vermuthet; aber Diebe f und Mörder? gegen eine Gemeinſchaft mit ſolchem . Gelichter ſträubte ſich der letzte Reſt ihres beſſeren * Gefühls! Sie blieb nachdenkend, jetzt mehr über ihre eigene Lage, ſitzen, als von der Straße herauf ein Gemurmel vieler Stimmen ertönte. Sie erhob ſich, ging hinaus, und ſah einen Haufen von Menſchen, welche den geſtürzten Fremden einherbrachten. Die Gruppe war durch Windlichter und lodernden Kinnſpä⸗ 5 nen erleuchtet; man ſah, daß es mit dem Verwundeten nicht ſo gefährlich ſein konnte, da er ſelbſt, jedoch lang⸗ ſam und unterſtützt, einherging. Der Schreck mochte ihn wahrſcheinlich mehr, als die Verwundung, entkräftet haben. Die Männer, welche ihn leiteten und umga⸗ ben, ſämmtlich Bewohner des Dorfes, beſprachen laut den Vorfall und verurſachten jenes dumpfe Murmeln, welches man aus der Ferne hören konnte. Walbur ga ſtand am andern Straßenende, um den Haufen vor⸗ über und in den Schank zu laſſen; er kam immer Der Gezeichnete III. 9 98 näher, jetzt war er bei ihr angelangt, ihr Auge ſiel auf den Fremden, noch einen Blick— er ver⸗ weilte einen Athemlang auf dem blaſſen Antlitze — und als hätte ſie des Himmels mahnende Donnerſtimme getroffen, ſo zuckte ſie zuſammen; ihre Hand umfaßte einen jungen Baum, an den ſie ſich gelehnt hatte, es ſchüttelte ſie wie ein Fieber⸗ froſt. Heiliger Gott! kreiſchte ſie auf, es iſt mein — Vater! Platz— Platz gemacht! ſchrieen mit ihr zugleich die Männer bei dem engen Eingang, und ungehört verhallte ihr Weheruf. Wir dürfen hier leider keinen Abſchnitt unſeres Gemähldes eintreten laſſen, denn die Scene iſt noch nicht zu Ende; allein wir wünſchen, unſere Leſer mö⸗ gen das Buch auf einige Minuten bei Seite legen, und über die Lage der Pflegerstochter ihre Ge⸗ danken ordnen. Sie hielt ſich feſt an den Baum ge⸗ klammert, ihre Augen waren ſtier auf den Eingang gerichtet, durch welchen die ganze Gruppe ſich in's Haus verlor. Sie war zur Vergrößerung ihrer Qual, ihrer Sinne vollkommen mächtig, keine wohlthätige Ohn⸗ macht entzog ſie, wenigſtens für Augenblicke, dieſer Erde, nur die Füſſe wankten, deßwegen hielt ſie den Baumſtamm umfaßt. Dieß war ihr äußerer Anblick, der innere bot keine ſo ſcheinbare Ruhe dar, es war ein Aufruhr, jeder Blutstropfen ſchien Gedanken zu erzeugen, jedes Lebensatom ſchien ſeine Feſſeln zer⸗ reißen zu wollen; Alles, was ihre Bruſt kaum vor einigen Minuten bewegt hatte, war verſchwunden, für ſie war in dieſer Stunde, aber auch nur für dieſe Stunde, kein Siegfried mehr auf der Erde; die Gaukler zerſtoben, ſie war nicht mehr die Ge⸗ fährtin von Dieben und Mördern, ſie war das, was ſie ſchon ſo lange nicht war— die Tochter des Pflegers von Cirknitz! Die kalte Nachtluft, welche den Froſt nur ſtei⸗ gerte, war eine echte Wohlthat für ſie, denn der Sturm legte ſich, und ſie wurde wieder einiger Ueberlegung fähig. Sie eilte in's Haus und vernahm, daß der Fremde keine gefährliche Beſchädigung erlitten; daß er jedoch ſo entkräftet wäre, daß er in dem Augen⸗ blick, als man ihn auf das Lager brachte, auch ſchon entſchlief. Dieſe Kunde beruhigte ſie vor der Hand; ſie wußte wenigſtens, daß er außer Gefahr ſei. Lang⸗ ſam begab ſie ſich in den Hofraum, auf dem ein Fenſter des Kämmerchens hinausging, in welchem der Vater lag. Sie legte ein Ohr an die Scheiben, drin⸗ t nen war Alles ruhig und dunkel, ließ ſich auf einen Stein nieder, der unter dem Fenſter lag und verſank in Nachdenken. Soll ich vor ihn hintreten, fragte ſie ſich ſelbſt, ſoll ich— die ſein Haus floh, ſeinen Namen 9* 6 100 mit Schande belaſtete, ſoll ich mich ihm wieder zei⸗ gen? ſoll ich die vernarbte Wunde wieder aufreißen durch meinen Anblick, und ihn an die ungehorſame Tochter erinnern, die ſo viel Weh' über ſeine alten Tage gebracht hat? Nein! ich kann es nicht, er wür⸗ de mir nie vergeben, und in mir nur ſtets das ver⸗ lorne Kind bedauern! Und wie er mich geliebt hat, wie ich allein ſein Alles war, wie er nur gegen mich keine Schranken kannte,— und ich habe dieß Alles ſo unkindlich vergolten, habe ihm für Liebkoſungen, Thrä⸗ nen gegeben; nein— nein— jetzt— ſo darf er mich nicht ſehen; er ſtieße mich für immer von ſich, ich hätte dann gar keine Hoffnung mehr, einen Vater mein nennen zu dürfen, und ihm bräche das Herz! Er ſoll mich ſehen, aber erſt nach Jahren; ich will fort von den Verworfenen, will Alles vergeſſen, nach was ich geſtrebt und gerungen, ich will ſühnen, was ich verſchuldet, ich will arbeiten, will dem Aermſten eine Dienſtmagd werden, weder Müh' noch Beſchwer⸗ den ſcheuen; und wenn mein Antlitz durch den Schweiß des Tagewerks von den Schlacken der Leidenſchaft ge⸗ reiniget iſt, dann will ich vor ihn hintreten, will mich zu ſeinen Füſſen werfen, will ihm ganz ein liebes Kind ſein; er ſoll die reuige Tochter wiederſehen, aber die ſündige mit keinem Auge erblicken.— Sie ſchwieg. Was ſie gedacht und beſtimmt, war in dieſer Stunde ihr vollkommener Ernſt; denn in ſolchen Augenblicken, in ſolcher Lage kennt man die Lüge nicht! Jetzt erwachte in ihr die Begierde, ihn näher anſchauen zu können, unbemerkt wollte ſie ihn betrachten, ob er vielleicht von Gram und Kränkung ſehr gealtert, ſie wollte die Züge des Antlitzes ſehen, welches ihr ſo oft gelächelt, ſie wollte ſich an ſeinem Anſchauen ſtärken, um in dem ſchweren Vorſatze ja nicht zu wanken— aber wie dieß ausführen? im Innern war es dunkel, wenn ſie ſich auch in die Stube gewagt— Horch!— jetzt knarrt innen die Lagerſtätte— ſie hört klopfen— die Stubenthüre öffnet ſich, die Schankfrau tritt mit einer brennenden Lampe ein; ſie ſtellt die Leuchte in eine Ecke, nähert ſich dem Lager und ſpricht mit ihm. Eine Weile dauert es— was mag er wollen? Ach! wenn ſie nur einen Ton ſeiner Stimme hören könnte! — die Schankfrau neigt ſich herab, ſie nimmt einen Verband von ſeinem Arme, und legt einen neuen um die Wunde— heiliger Himmel! Sie, die Fremde, wie ſie ſich ſanft und liebreich um den Kranken an⸗ nimmt, und die Tochter, das eigene Kind, ſteht am Fenſter mit hochklopfendem Herzen und wagt es nicht, die heiligſte Pflicht des Kindes zu üben; ſie wagt es nicht, in ihrer Verworfenheit hinzutreten, um das donnernde„Schuldig!“ des Vaters zu hören; um zu ſündigen, war ſie ſtark genug, aber die Strafe 6 102 über ſich ergehen zu laſſen, iſt ſie zu ſchwach; ſie ſteht draußen, von Winterfroſt geſchüttelt, und wagt es nicht einzutreten, ſie wagt es nicht, weil ihr eigen Gewiſſen es ihr zuruft; daß ſie ſolcher Wonne nicht würdig ſei.— Jetzt hatte das Weib ihr Geſchäft voll⸗ bracht, noch ſprach ſie eine Weile mit dem Kranken, dann entfernte ſie ſich; die brennende Lampe, wahr⸗ ſcheinlich mochte er es ſo begehrt haben, blieb zurück. Walburga eilte raſch dem Eingange zu, die Schankfrau trat gerade aus demſelben. Himmel! was macht Ihr noch da? rief ſie verwundert der Gauklerinn zu; es iſt ja ſchon die zehnte Nachtſtunde vorüber⸗ und Ihr ſeid noch nicht zu Hauſe? Ich ſah den Fremden in's Haus bringen, ver⸗ ſetzte Walburga, und da däuchte es mir im erſten Augenblicke, als ob ich einen Bekannten aus meiner Heimath ſähe— Was fällt Euch bei— entgegnete das Weib— wie kann denn dieß ein Bekannter von Euch ſein? das iſt ja der Herr Pfleger von Cirknitz! Wie ein Dolchſtich fuhr es Walburgen durch's Herz. Alſo ſo tief war ſie geſunken, das ſie ſelbſt für eine Bekannte Deſſen zu ſchlecht war, den ſie Va⸗ ter nannte! Es könnte doch möglich ſein, ſtotterte ſie, nach Lauten ringend, vielleicht iſt es gerade der Herr Pfleger— o laßt mich hier, ich will— wenn Ihrein und ——— ausgeht, einen Augenblick erhaſchen, und ihn etwas ge⸗ nauer betrachten— Meinethalben, antwortete die Schankfrau, bleibt da, und wenn Ihr hört, daß er klopft, ſo ruft mich oder geht ſelbſt hinein zu ihm und ſeht, was er wünſcht; er iſt ein guter, alter Herr, nur ſucht ihn das Unglück fleißig heim; vor zwei Jahren iſt ihm eine ungerathene Tochter weggelaufen, dann wurde er krank, und brachte mit ſchwerer Mühe das Bischen Leben davon, jetzt ſtürzt wieder das Roß unter ihm — doch ich plaudere da, und laß Euch, ſo leicht ge⸗ kleidet, in der Winternacht ſtehen; wartet, ich will Euch meinen Pelz bringen, hüllt Euch nur in denſel⸗ ben, wir werden uns dieſe Nacht öfters ſehen, denn von Schlaf wird heute bei mir ohnedieß keine Rede ſein! Sie trippelte fort, brachte den Pelz, und ent⸗ fernte ſich wieder. Walburga legte das Kleidungs⸗ ſtück bei Seite; ach! heute, jetzt in dieſer Stunde war ſie für äußere Eindrücke unempfindlich! Sie kau⸗ erte ſich vor der Thüre nieder und harrte, bis der Kranke wieder eingeſchlummert ſein würde. Ihr Ent⸗ ſchluß von früher ſtand noch immer feſt; ſie wollte fort, und erſt gereinigt vor dem gekränkten Vater er⸗ ſcheinen! Wird ſie auch ſtark genug ſein, dieſen Ent⸗ ſchluß, den nur das beſſere Selbſt ihr eingeben konnte, 104 auszuführen? Wir glauben kaum; ſonſt hätte das Geſchick nicht ungerecht ſein können, ſie durch jenen Verworfenen daran zu hindern, unter deſſen Einfluß der, von der alten Barbara zuerſt geſäete Saamen gedieh. Eine halbe Stunde war verfloſſen, Walburga erhob ſich, drückte ſich leiſe an die Thüre und horchte. Aus dem Athmen des Vaters erkannte ſie, daß er ſchlief; jetzt war der günſtige Augenblick genaht, wenn ſie ihn ſehen wollte; leiſe drückte ſie an die Klinge, die Thür ging auf, ſie ſtand in der Stube. Der Kranke ſchlief— ſeine Ruhe zeigte, daß der Schlummer ein erquickender ſei, der verbundene linke Arm ruhte unter der Decke, der rechte lag ſeitwärts ausge ſtreckt. Die Gauklerin hatte es im erſten Augenblicke kaum gewagt, ihm in das Antlitz zu ſchauen, jetzt verſuchte ſie es. Heiliger Himmel! wie hatte ſich der arme Mann ſeit der verhältnißmäßigen kurzen Friſt verän⸗ dert? wenn ſie auch die Bläße des Antlitzes dem heu⸗ tigen Unglücke zuſchrieb, ſo blieben doch noch die ein⸗ gefallenen Wangen, das erbleichte Haar, die tief ge⸗ furchte Stirne, welche früher vor noch ſo wenigen Jah⸗ ren bei ihrem Vater nicht anzutreffen waren. Ihr Herz hämmerte gewaltig im Buſen, eine Stimme rief laut in demſelben: Sieh' hin, Verworfene! dieſes Antlitz, auf dem der Jammer über ein verlorenes Kind mit tiefer Schrift geätzt iſt, das haſt Du gezeichnet! dieſe 105 Furchen haſt Du gezogen, dieſe Frucht haſt Du geſäet, dieſen Winter haſt Du frühzeitig über das Haupt Deines Vaters herabbeſchworen, und wenn jede ſeiner Thränen über Dich, Dir nur einen Unglückstag be⸗ ſcheret, ſo biſt Du verloren für die Ewigkeit! Dieſer Augenblick, ſtark genug, das verdorbenſte, verſchloſſenſte Gemüth aufzulöſen, er eröffnete auch Walburgens Herz, ſie begann zu weinen; der Himmel iſt zu gnä⸗ dig, er ſchenkt dem Elendeſten Milderung, er gönnte dieſe auch der Gauklerin, und heiße Tropfen rollten über die glühende Wange, über das Antlitz, welches einſt die Freude ihres Vaters war, und jetzt verwor⸗ fenen Landſtreichern zum Aushängeſchilde diente. Der Wunſch, den Vater zu ſehen, war erreicht; ſie mußte ſich wieder entfernen, aber ſie vermochte es nicht; ſie hätte gern die Augenblicke zu Jahre gezau⸗ bert, ſie hätte gern ſein Wort vernommen; ſie wollte ihn durch ein Geräuſch wecken, vielleicht erkennt er ſie nicht. Sie that zwei Schritte näher zum Lager des Schlummernden, ſchon ſtreckte ſie ihre Hand aus— doch ſie zuckte zurück.— Wenn er ſie erkennen würde? wenn ihn der Schreck vielleicht gar— nein— nein— wecken wollte ſie ihn nicht; ſie verwarf den Gedanken, ſah das geliebte Antlitz noch einmal mit thränenden Augen an; der Gedanke, von ihm zu ſcheiden, vielleicht auf immer zu ſcheiden, machte ſie wanken und beben, 106 ſie mußte ſich an der Wand aufrecht halten— jetzt faßte ſie einen Entſchluß— nahm ihre ganze Kraft zu⸗ ſammen— näherte ſich dem Haupte des Vaters und neigte ſich über ſelbes herab;— ſie fühlte den warmen Odem ſeines Mundes, drückte einen Kuß auf die Sil⸗ berlocken, die Berührung des Silberhaares brannte auf den entweihten Lippen; ihr Beben ſtörte in Etwas die Ruhe des Vaters. Schon Mitternacht vorüber? fragt er leiſe, noch halb ſchlaftrunken; Walburga fuhr zuſammen:„Ja!“ preßte ſie mühſam hervor. Der Greis ſchlief fort, und als die Gauklerin wieder zu ſich ſelbſt kam, lehnte ſie an der Mauer vor dem Eingange der Stube. Ihr Wunſch war erfüllt, ſie hatte ihn auch ſprechen gehört, aber düſtere Worte 5 rangen ſich über die bebenden Lippen:„Schon Mit⸗ ternacht vorüber?“ Noch nicht vorüber ſind die Gei⸗ ſter des Lebens gezogen— hörſt Du Walburga! iſt Mitternacht ſchon vorüber, in welche Du den Reſt ſeiner Lebenszeit gehüllt? iſt Mitternacht vorüber, die Deine Sinne, Deine Vernunft umdunkelt? hörſt Du Gauklerin! iſt Mitternacht ſchon vorüber, wo es auf dem Slivenza anfängt ſich zu regen und zu bewegen, wo es kreist und flattert, wo es ſiedet im Keſſel und brodelt darinnen; wo es rauſcht in den Eichen und pfeift in der Luft, und der Nachtwind peitſcht die lohende Gluht; hörſt Du, ſchöne Hexin? iſt Mitter⸗ 107 nacht ſchon vorüber, ſchon verklungen das Lied: „Sind wir nun Heren, ſo wollen wir's bleiben, und es wie immer hexenhaft treiben!?“— Mitternacht ſchon vorüber? Halt! Eins— Zwei— ſo tönt es fort bis zu zwölf langen, tiefen Schlägen— reiß auf die Thüre der Stube, kreiſch hinein, Du Gaſtinn beim Hexenſabath: Wache auf, Vater, jetzt iſt's Mitternacht, jetzt kannſt Du Dein Töchterlein ſehen auf dem luſti⸗ gen Berge!— Huſch, ein anderes Bild:— jetzt kannſt Du Dein Töchterlein erblicken, bei dem mitter⸗ nächtlichen Feſte in dem Verſammlungsſaale der Pru⸗ denten!— Huſch, ein anderes Bild: jetzt findeſt Du Dein Töchterlein harrend der Beſuche des Freigrafen im Tabor!— Huſch, ein anderes Bild: Eines der ſchönſten: Wallchen, die Tochter des Pflegers von Cirknitz, gankelt den Bauern Zauberkünſte vor, wohnt in der Spelunke des alten Schloſſes, zwiſchen Dieben und Mördern!— Huſch, noch ein Bildchen, es iſt das Letzte von Allen:— Halt!— die Stunde iſt vorüber, der Zauber verſchwunden, der Schleier, wel⸗ cher die Zukunft birgt, iſt undurchſichtbar geworden; ja, ja, es iſt wohl wahr, nur in der Vergangen⸗ heit kann der Menſch wühlen, die Zukunft bleibt der Gottheit anheimgeſtellt! Walburga hatte ſich ganz erholt, und es war ihr, als ob ſie jetzt länger nicht da ſtehen könnte, als 108 ob ſie unter ihren Sohlen brannte, als wenn ſie das Heiligthum entweihen würde.— Nun fort! rief ſie ſich ſelbſt zu, fort aus dem Zauberkreis, fort von hier, fort von mir ſelbſt! Sie ſtürzte aus dem Haus, die freie Luft um⸗ wogte ſie ſchon, und weiter wollte ſie ſetzen den ge⸗ flügelten Fuß, da fühlte ſie ſich erfaßt: Halt! Schänd⸗ liche! rief eine Stimme, und ſie erkannte Petruchio;— ihr böſes Verhängniß hatte ſie wieder ereilt!— Laß' mich!— laß'— mich!— rief Walburga— ich will fort von hier! In die Hölle mit dir! du falſche Schlange! rief der Italiener, und zerrte ſie hinter ſich her, trotz ihres Sträubens und Wehrens.— Laß michl ſchrie die Pflegerstochter mit verſtärkter Stimme.— Still! rief Petruchio drohend, umfaßte das Mädchen mit beiden Armen, und indem er, ſie an ſich drückend, ſie zu ſchreien verhinderte, eilte er in's öde Schloß. Im Gemache angelangt, ſchleuderte er ſie von ſich und ſchrie: So hab' ich dich endlich auf deinen Schli⸗ chen ertappt, hab' herausgefunden deine Geheimniſſe, deinen Verrath! ſchon weiß ich es, daß Du jenen Bur⸗ ſchen kennſt, mit ihm nächtlicher Weile am Fenſter ge⸗ ſprochen und ihm, deinen Buhlen, unſer Vorhaben ent⸗ deckt haſt. Elende! haſt Du Dich deßhalb als eine un⸗ Wð 100 willkommene Laſt an uns gehangen, um uns hinder⸗ lich zu ſein im Gewerbe, um unter unſerem Schutze Deinen Lüſten fröhnen zu können?— Wüthend riß er einen Dolch aus der Bruſt und ſtürzte auf ſie: Sprich! rede, Schlange! Heuchlerin! wo warſt Du jetzt, was hatteſt Du in dem Gemache des Fremden zu ſuchen? Ein Schrei rang ſich aus Walburgens Kehle, aber er war nicht von der Furcht vor dem gezuckten Dolche, ſondern von der Erinnerung an den Vater her⸗ ausgepreßt worden. Du bekennſt alſo Deine Schuld? tobte der Welſche wie raſend— es ſoll Dein letztes Ge⸗ ſtändiß ſein. Wüthend hob er den Dolch und ſchwang ihn über ihrem Haupte, da ſchoß aus dem einen Ne⸗ bengemache Apor heraus, hatte den Mörder mit einem Sprunge erreicht und erfaßt, und riß ihn zu Boden. Ein fürchterlicher Kampf begann nun zwiſchen Thier und Menſch, ſie wälzten ſich Beide auf dem Boden umher, das Blut troff auf die ſchmutzigen Dielen, Schnaufen, Knurren, Kreiſchen bezeichnete ihre Wuth und Anſtrengung; endlich ſah Petruchio das Ver⸗ gebene ſeines Kampfes ein, er leiſtete der Beſtie keinen Widerſtand, und dieſe blieb, ohne ihn ferner zu be⸗ ſchäftigen, gleichſam als Wächter mit fletſchenden Zäh⸗ nen der Länge nach auf ihm liegen. Walburga hatte ſich kaum befreit geſehen, als ſie, von dem Gedanken 110 an ihre Flucht erfaßt, ſich raſch aus dem Gemache entfernte; doch kaum vor der Pforte angelangt, fühlte ſie ſich wieder umfangen, und Paolo, ſie beſänftigend, zog ſie zurück in's Gemach. Der Reſt der Nacht verſtrich, der Morgen brach heran, und aus den zerſprungenen Rauchfängen des Schloſſes Oſterberg ſtiegen wieder blaue Wolken, und ringelten ſich hnauf in die klare Winterluft; ein Zei⸗ chen, daß das Leben unten noch keine Störung erlit⸗ ten, und die erbitterten Gemüther ſich wahrſcheinlich wieder ausgeſöhnt hatten. Petruchio wäre wohl hiezu nicht ſo leicht zu bewegen geweſen, hätte ſich der An⸗ dere nicht auf entſchiedene Weiſe in's Mittel gelegt. Sie waren allein, als ſie die Sache verhandelten. Laß' Du Dich von deinem hitzigen Blute hinreiſſen, wenn Du allein biſt, wenn es nur um deinen Balg geht, aber nicht, wenn auch der meine mit im Spiele iſt. Ich ſchere mich den Teufel um Deine Eiferſüch⸗ telei, wenn uns das Mädl fortläuft, und den Ver⸗ räther ſpielt; oder willſt du ſie etwa gar ermorden, bevor wir im Stande ſind, dieß Neſt zu verlaſſen? wohin willſt Du Dich wenden, ohne Hab und Geld? etwas ganz anderes wäre es geweſen, wenn wir das Geld der verdammten Witfrau erhaſcht hätten!— aber ſo mit leeren Händen, wegen einer Grille, einer wahren Lappelei einen Mord zu begehen, das kann — 111 nur ein Thor, und für einen ſolchen hab' ich Dich bisher doch nicht gehalten! Petruchio ſah, zu ſich gekommen, das Wahre dieſer Vorſtellungen ein, und ergab ſich nach und nach dem Willen des Gefährten, zwiſchen ihm und dem Mädchen das gute Einvernehmen herzuſtellen. Nun ging Paolo zu Walburgen. Die Pflegerstochter ſaß regungslos am Kamine, der Hund— ihr Lebens⸗ retter— lag, treu ſich an ſie ſchmiegend, zu ihren Füßen, als wolle er ſie noch jetzt vor jeder Gefahr bewahren, und wirklich begann er auch zu knurren, als Paolo eintrat. Walburga wies ihn zur Ruhe und ſprach: Was wollt Ihr von mir? Habt nicht auch Ihr einen Dolch ich Buſen verborgen, um mein Leben zu bedrohen? Sei nur nicht ungerecht, liebe Schweſter, ver⸗ ſetzte der Welſche; dafür ſind wir zwei Männer da, daß der Eine wieder gut macht, was der Andere im Zorn verſchuldet; mir an deiner Stelle könnte Pe⸗ truchio's Benehmen nur ſchmeichelhaft ſein, es zeigt von der Stärke ſeiner Liebe zu Dir. Dieſe nicht tragikomiſche Bemerkung preßte dem Mädchen ein Hohnlächeln ab. Schöne Schmeichelei! verſetzte ſie, wo man mit Dolchen und Leben ſpielt! Gewöhnliche Menſchen, verſetzte Paolo, tändeln mit Blumen und Küßen, große Geiſter mit Eiſen 112 und Waffen; doch ſag' mir nur, wohin wollteſt Du in der Nacht, als ich Dich zurück hielt? Fliehen! verſetzte ſie kurz. Das wäre nicht ſchön von Dir geweſen, und— wenn es Dir zum Beiſpiel gelungen wäre, was hätteſt Du dann unternommen? Mit meiner Hände Arbeit mein Leben gefriſtet Ein toller Einfall! Du— und arbeiten? Du, welche zum Bewundern geboren, Du wollteſt arbeiten? Dieſe weichen, zarten Hände, die vielleicht nie im kalten oder heißen Waſſer gewühlt, welche bisher noch unentweiht vom ſengenden Sonnenſtrahl geblieben, Du wollteſt arbeiten? Bräche dir nicht das Herz, wenn harte Schwülen an die Stelle Deines Sammtfells ⁰ träten, wenn dieſe Lilienweiße dem häßlichen Son⸗— nenbraun Platz machte? geh', geh, Mädchen, Du hät⸗ teſt dieſen kindiſchen, voreiligen Entſchluß nicht ge⸗ faßt, wenn Du wüßteſt, was arbeiten heißt! dieſen Gedanken kann dir nur ein boshafter Teufel eingege⸗ 8 ben haben. Doch ſage mir, wer war denn jener Frem⸗ de, aus deſſen Gemach Dich der ſchlaue Petruchio 1 kommen ſah? Walburga verſetzte mit tonloſer Stimme: Mein Vater! Paolo war zu viel Menſchenkenner, als daß ihm jetzt nicht die plötzliche umwandlung Walbur⸗ —„— 46—„— S— 8—— „ 113 ga's hätte einleuchten ſollen; Reue war es, was ſie fühlte, und ſie jenen Entſchlus faſſen ließ. Ihm war aber daran gelegen, daß das Mädchen ihn und ſei⸗ nen Gefährten jetzt nicht verlaſſe; hatten ſie doch durch ihre Entfernung nur zu verlieren, oder zu fürchten; er mußte ſie daher das Vorgefallene vergeſſen machen. O, Du verdammter Schelm! rief Paolo jetzt, theils im Ernſte auf Petruchio zürnend, theils aber Groll er⸗ künſtelnd; willſt Du unſere Schweſter deshalb von uns treiben, weil ſie dem Vater einen Beſuch abgeſtattet? warte nur, ich will es Dir vergelten! Weißt Du was, Maädchen! zur Strafe zeige ihm drei Tage lang kein freundlich Geſicht, das wird ihn mehr kränken, als wenn Du Deinem Unmuthe in noch ſo vielen Worten Luſt machen würdeſt; ich kenne Petruchio und weiß, daß er Dich raſend liebt. Walburga erhob ſich.— Wohin willſt Du? fragte Paolo überraſcht.— Zum Schank! entgegnete ſie ſo kaltblütig, als möglich. Du willſt wahrſcheinlich ſehen, ob der Vater noch hier ſei? ſprach Paolo, verlegen, wie er ſie z rückhal⸗ ten ſolle— weißt Du was? ich will Dich begleiten; doch halt!— er war eben an's Fenſter getreten— dot un⸗ ten geht ja das Weib aus der Schenke, wir wollen es fragen, und erſparen uns den Weg. Walburga ſprang zum Fenſter, es war wirklich 10 1 14 die freundliche Wirthin, welche vorbeiging. He da! rief Paolo hinab, iſt der alte Herr noch bei Euch, der fremde Gaſt, welcher geſtern dort einkehrte? Bewahre, verſetzte das Weib, heute Morgens ließ er ſich nach Laibach bringen; er wollte nicht bleiben, und trachtete mit ganzer Seele nach Cirknitz zu kommen; aber gut, daß ich Euch ſehe, der Supan läßt Euch ſa⸗ gen, Ihr mögt heute Abends hinauf kommen, und der Kumpanei, die ſich verſammeln wird, Eure Kunſtſtücke vorzumachen: Ihr mögt aber nicht vergeſſen, den bunt⸗ ſcheckigen Vogel, den Affen und die Jungfer mitzu⸗ bringen!— Sie entfernte ſich. Als Walburga die Entfernung ihres Vaters vernahm, ſeufzte ſie tief auf, eilte auf ihr Lager, warf ſich auf dasſelbe, und begann heftig zu weinen. Jetzt begab ſich Paolo eilig zu Petruchio, theil⸗ te ihm Alles mit, was er vernommen hatte, und ergriff auf die entſchiedenſte Weiſe das Recht des Mädchens. Das iſt eine verdammte Beſcherung! eiferte er; hätteſt Du ſie mit Deinem Verdachte und deiner Eiferſucht nicht geſtern aus dem Hauſe gebracht, fo hätte ſie den Alten nicht zu Geſichte bekommen, und es wäre Alles be'm Früheren geblieben! Warſt Du nicht derienige, grollte Petruchio finſter, der ſie des Einverſtändniſſes und des Verrathes beſchuldigte?— Paolo kratzte ſich verlegen hinter den 115 Ohren. Du haſt Recht, es iſt aber auch noch nicht er⸗ wieſen, daß ſie in dieſer Angelegenheit unſchuldig iſt; geh', komm mit zu ihr, wir wollen ſehen, wie ſich dieſe Sache verhält; heute— jetzt— wird ſie uns gewiß die Wahrheit geſtehen. Es koſtete vieles Zureden der beiden Gefährten, bis ſie Walburgen zum Sprechen brachten; anfangs wollte ſie ihnen gar nicht antworten, dann ward ſie einſilbig, endlich, von Pao lo bewogen, der es in die⸗ ſem Augenblicke vielleicht wirklich gut mit ihr meinte, und deſſen überzeugende Stimme ſie auch meiſtens an⸗ griff, legte ſie ein Geſtändniß ab, welches ihre Gefähr⸗ ten von Allem in Kenntniß ſetzte, was bisher zwiſchen ihr und Siegfried vorgefallen war.— Wiewohl ſie die Heftigkeit ihrer Leidenſchaft zu bemänteln trach⸗ tete, ſo konnte man doch leicht das Wahre des Ver⸗ hältniſſes errathen, und der liſtige Paolo verſtand es, die Aufmerkſamkeit des Mädchens auf einen Punkt zu leiten, den ſie ſeit dem Anblicke ihres Vaters ganz außer Acht gelaſſen hatte. Er ergriff, als ſie geendigt hatte, ihre Hand und rief: Petruchio! Du biſt es nicht würdig, einen ſolchen Schatz Dein zu nennen; das iſt ja ein En⸗ gelsmädchen, welches ſchon mehr erfahren und erlebt hat, als zehn Männer und tauſend Andere ihres Geſchlechtes! Aber, ſag' mir nur, Schweſter, wo haſt 116 Du dieſe Langmuth hergen ommen dich hätte den Schlin⸗ gel ſchon längſt vergeſſen, oder ihm einen Dankzettel geben laſſen, daß er Zeitlebens daran hätte denken müſſen!— Halt! mir fällt da ein herrlicher Gedan⸗ ke bei: Du kannſt Rache nehmen, Walburga! Du mußt Rache nehmen! Deine verſchmähte Liebe, Deine verachtete Schönheit, Deine zurückgewieſene Hand, die beleidigte Weiblichkeit erfordert es; er hat Dich gedemüthigt vor Dir ſelbſt, Du kannſt ihn vor frem⸗ den Leuten niederſchmettern! Der Wunſch nach Rache durchfuhr auch Paolo's Herz; war es ja derſelbe Siegfried, der auch ſei⸗ nen Plan durchkreuzt hatte! Er ſpornte das Mädchen nur noch mehr an: Walburgal zeig' es, daß Du würdig biſt, unſere Gefährtinn zu ſein; weißt Du keine ſchwache Seite des Verhaßten, um ihn an der⸗ ſelben erfaſſen zu können? Erſinne eine Liſt; wenn es uns auch vor der Hand nicht gelingt, ihn gan; zu vernichten, ſo möcht' ich ihn mindeſtens gedemüthiget ſehen, er hat es um Dich verdient, mehr als jeder Andere auf der Welt. Walburga war durch Paolo's Reden ganz wieder von dem Gedanken an Siegfried erfaßt worden; ja, das wollte ſie thun, den Jüngling ver⸗ nichten, ihrem Herzen genügen, und dann entfliehen. Ich kenne, ſprach ſie, ein Geheimniß, welches den 117 Elenden in Cirknitz in's Gefängniß gebracht hatte. Vielleicht gelingt mir hier ein Gleiches, ich will es heute Abends verſuchen.— Das iſt herrlich! jubelte Paolo, und dieſes Mal ſtimmte auch Petruchio ein, welcher bisher aus klugen Gründen geſchwiegen hatte; denn er wußte, daß man ſolche Angriffe, wie der ſeine war, ſo leicht nicht vergeſſe, und fürchtete das zu verderben, was der Andere gut machte. Das iſt himm⸗ liſch, fuhr Paolo fort, Du demüthigſt den Schelm; ſperren ſie ihn ein, um ſo beſſer! Du bleibſt bei uns und hilfſt uns bei unſerem Erwerbe, Du verläſſeſt uns nicht, hollah! das ſoll ein Freudentag werden!— geh' Petruchio, hole Wein zum Mittag, und noch Fleiſch zum Braten; Schweſterchen wird uns ein köſt⸗ lich Mahl bereiten, wir wollen tafeln und zechen, daß uns der liebe Himmel mit allen Heiligen beneiden ſoll; indeſſen wird es Abend geworden ſein und wir ge⸗ hen an's Geſchäft.— So geh' doch, Petruchio, und ſteh' nicht da, wie ein löcheriger Schlott, durch welchen der Wind bläst, und der ſich doch nicht regt! mach', Bürſchchen! daß Du fort kommſt!— Er ſchob ihn zur Thüre hinaus— So, endlich iſt er fort, jetzt komm' her, Schweſterchen, ich will Dir helfen, Du ſollſt Dich bei uns über ſchwere Arbeit nicht zu beklagen haben!— aber ſag' mir doch, Mädchen, welches iſt denn das 118 Geheimniß, das Du von dem Schelm kennſt; ich brenne vor Begierde, es zu erfahren! Walburga entgegnete: Dieß iſt bis jetzt noch mein Geheimniß, am Abend werdet Ihr es ohnedieß erfahren, aber eher nicht! Nu, nu, nur nicht böſe geworden, Schätzchen! ich bin nicht zudringlich, denn wär' ich dieß, ich hät⸗ te ſchon längſt von Dir ein Küßchen gefordert, denn beim Teufel! mir ſchneidet's immer wie mit einem Meſſer durch die Seele, wenn ich Petruchio Dich herzen und koſen ſehe; der Scheim verdient's nicht, Dich ſein Mädchen zu nennen! Die Eintracht blieb ſcheinbar hergeſtellt. Der ar⸗ me Siegfried war die Zielſcheibe elender Bosheit und Verworfenheit, die ſich nur darum wieder ver⸗ einte, um ihn zu rerderben. Wir aber verlaſſen das ehemahlige Herr nſchloß Oſterberg und ſind froh, ſeine öden, nun ganz entwürdigten Räume nicht wieder betreten zu müſſen. Der Tag ſchied, die Nacht nahm ſeinen Platz ein, denn Tag und Nacht ſind Feinde; Eines kehrt nur dann, wenn das Anderc fortgezogen; ſie haſſen ſich, weil Licht und Finſterniß nie zugleich beſtehen können; und dieſer ewige Streit zwiſchen Tag und Nacht verſinnlicht uns den Kampf zwiſchen Licht und Finſterniß, und iſt es nicht eine bewunderungswerthe 119 Fügung, daß dort, wo in der Natur die Nacht über⸗ wiegend iſt, daß auch dort Finſterniß den Geiſt be⸗ herrſcht??— Im Dorfſchanke begann es mit der Nacht lebhaft und munter zu werden. Gäſte fanden ſich ein, die von Stipan geladen worden. Der Supan nahm den Ehrenplatzein, dann kam Stipan Milaſchitſch, der lange furchtſame Mikolo Nyena und überhaupt alle Anderen, welche bei der Geſpenſterbannung thätig oder leidend mitgewirkt hatten; außer der Witwe Giure Grando's hatten ſich auch die Weiber der Andern eingefunden, und es waren ihrer eine große Anzahl, daß die ganze Stube vollgefüllt, ſie mit großer Mühe faſſen konnte, da man auch für die beſtellten Gaukler ſo viel Raum laſſen mußte, als ſie beiläufig zum Aus⸗ führen ihrer Kunſtſtücke benöthigten. Siegfried hatte ſeinen Platz zwiſchen Mikolo und Stipan erhalten, welch' Letzterer ſich natürlich dem Jünglinge am meiſten verpflichtet fühlte, und ihn daher außer⸗ ordentlich freundlich auszeichnete. Die gute Schank⸗ frau war heute in ihrem Elemente; ſo wie es über⸗ haupt keinen öffentlichen Gaſtgeber gibt, dem der Zu⸗ ſpruch zu groß iſt, und wenn auch die Hälfte der Gäſte eine Stunde warten muß, bis die Reihe, bedient zu werden, an ſie kömmt. So war auch die Redſelige von dieſem Schrot und Korn; man mußte es ihr jedoch zum Lobe nachſagen, daß es nicht an ihr lag, 120 wenn hie und da eine leere Pauſe eintrat, die für die Gäſte verloren war. Sie kargte nicht mit ihrem geräucherten Fleiſch, nicht mit Braten und Kuchen, nicht mit dem wachsgelben Maisbrod, nicht mit Moſt und Wein, nicht mit ſchönen Aepfeln und Nüſſen, kurz ſie trug auf, was ſie beſaß, und die Schankfrau zu Oſterberg hatte wahrlich nicht wenig! Wie überhaupt bei allen kraineriſchen und kroa⸗ tiſchen Feſten, wurden auch hier unzählige: Bog Sivi! das iſt:„Gott erhalte!“ getrunken, und man war allgemein freudig und guter Dinge. Aber gerade der⸗ jenige, welcher bei der nächtlichen Expedition am kleinlauteſten war, denn er ſprach ſehr wenig, wenn er gerade nicht winſelte oder jammerte, gerade demje⸗ nigen ging in der warmen Stube beim vollgefüllten Krug, das Mundwerk am fleiß gſten und lauteſten; dieß war Mikolo Nyena. Ihr habt Euch muthig und gewandt benommen! rief er Siegfried zu, ſchlagt an mit mir,— ſo iſt's recht! aber ſchade, daß Ihr den Strigon nicht ge⸗ fangen habt. Heiliger Elias! wer hätte das von Giure Grando geglaubt, daß er nach ſeinem ſeli⸗ gen Ende ſolch ein Satanas werden würde? während wir ihm draußen den Kopf abſchneiden, läuft er herein, um ſeine gute Witwe zu berauben;— was ſagſt Du dazu, Stipan? — 121 Der Gefragte erwiederte boshaft: Er war nicht der Einzige, der draußen den Kopf verlor.— Mikolo ſah ihn an: Wie meinſt Du das, Bruder Stipan? Ja, ja, rief der Supan jetzt dazwiſchen, ich habe gehört, Mara hätte ſich über Einen von uns beklagt, welcher ihr alle Falten aus dem Rocke riß, weil er ſich an demſelben hielt, um wahrſcheinlich vor Angſt nicht umzufallen!— Allgemeines Gelächter er⸗ ſüllte die Stube; Mikolo aber rief: Oho, meint Ihr mich? da thut Ihr mir ehr Unrecht! ich ſtand hinter ihr und hielt ſie am Rock, aber das geſchah ihret⸗ und nicht meinethalben. Sagt aufrichtig, Mara, habt Ihr nicht gebebt, als ich Euch faßte? Freilich, verſetzte der Supan raſch, aber der Birnbaum wird dieß auch, wenn man ihn faßt und ſchüttelt! Habe ich Euch nicht immer Muth zugeſprochen? fragte Mikolo weiter. O ja, entgegnete der Andere, Ihr habt immer: „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ gerufen. So, fuhr der Lange fort, Ihr ſeid etwa nicht gelaufen, und habt immer das Kreuz um Euch ge⸗ ſchwungen?— ich aber bin auf dem Platze geblieben! Glaub's gern, weil Euch ſchon früher die Angſt in die Beine gefahren war. Der Gezeichnete. III. 11 Siegfried nahm jetzt das Wort und ſprach lächelnd: Ihr thut dem Mikolo Unrecht, ich fand ihn ganz bei Sinnen auf dem Platze!— Nicht wahr? rief dieſer triumphirend. Ja, verſetzte der Jüngling, er war bei Sinnen und in Bewegung; er wälzte ſich auf dem Boden und zappelte mit Händen und Füßen! Alles lachte hell auf, Mikolo aber ſchrie: Ihr habt leicht lachen! wäret Ihr dabei geweſen, Ihr hättet vor Furcht und Angſt nicht einmal zappeln können! Der Scherz wurde durch die Ankunft der Gauk⸗ ler unterbrochen, welche ſo lärmend empfangen wur⸗ den, wie es beiläufig noch heut zu Tage in Gaſthäu⸗ ſern auf dem Lande der Fall iſt, wenn Bänkelſänger oder ſonſt herumziehende Muſikanten oder Poſſenreißer eintreffen. Der Zugang zur inneren Stube war den Gauklern frei gelaſſen, ſie begaben ſich daher mit ihren Thieren und Geräthſchaften in dieſelbe, und Wal⸗ burga, wiewohl ſie den Blick etwas ſenkte, hatte doch ſchon im Vorbeigehen den ahnungsloſen Jüng⸗ ling herausgefunden. Das Trauliche der Unterhaltung war jedes Falls von jetzt an geſtört; ſie beſtand nicht mehr aus Einem Guß, wie früher, ſondern aus mehre⸗ ren kleineren Theilen, in welche das Ganze zerſplit⸗ terte. Einige ſprachen dieß, Andere beredeten die Kunſt⸗ ſtücke, welche ſie zu ſehen bekommen würden, wieder 123 Andere wußten Manches zu erzählen, was ſie Derar⸗ tiges in Laibach geſehen hatten. Siegfried's gute Laune war natürlich, ſobald er Walburga ſah, verſchwunden, wie es auch nicht anders ſein konnte. Die Vorſtellung begann; wir entheben uns jeder Beſchrei⸗ bung hievon; ſämmtliche Theilnehmer, Menſchen und Thiere ärnteten viel Beifall und ſchienen ſich heute ſelbſt zu übertreffen. Wir bedienen uns dieſes modernen kritiſchen Gemeinplatzes nur, weil er einen reinen Un⸗ ſinn enthält, und auch nur gebraucht wird, wenn man etwas un ſinnig loben will. Endlich erſchien Wal⸗ burga; ihr Auftreten war dießmal wieder von Be⸗ fangenheit begleitet, aber es war nicht mehr die blöde Schüchternheit einer Jüngerin, ſondern die Angſt einer Verworfenen, die Böſes im Sinne führt. Dort ſaß Er; er ahnte nicht, welch' ein Gewitter über ſeinem Haupte heraufziehe, noch hielt ſie den Blitz in der Hand, ſollte ſie ihn ſchleudern oder nicht? Stolzes Be⸗ wußtſein einer Elenden! ſtolzer Wahn, der ſie glauben machte, daß ſein Geſchick in ihrer Hand liege— verſuch' es, Gauklerinn, wirf das Verderben auf ihn; nicht in Deiner Verbrecherhand, in Gottes all⸗ mächtiger Güte liegt ſeine Zukunft! Du biſt nichts— als eine elende Sünderinn, über deren Haupt das zwei⸗ ſchneidige Schwert der Vergeltung an einem Haare hängt. 1284 Walburga hatte es vermieden, während des ganzen Abendes ihre Blicke nach jener Seite zu wenden, auf welcher ſich Siegfried befand. Schon war auch ihre Vorſtellung geendet, und es blieb nur noch der letzte Gang übrig, welchen ſie gewöhnlich durch die Reihen der Gäſte machte, wobei ſie den Papagei auf der Hand herumtrug, welcher dann, ſo oft ſie es ihm befahl, mit dem Kopfe nicken und etwas herquacken mußte, was wie Dank lautete. Der Buntgefiederte machte zum Schluße ſeine Sache vortrefflich, auch er füllte ſeinen Platz vollkommen aus; jetzt langte die Gauklerin vor Siegfried an, und blieb gerade ihm gegenüber ſtehen. Der Vogel quackte, doch die Pflegers⸗ tochter erſchrack, trat zwei Schritte betroffen zurück, fuhr ſich mit der Rechten über die Stirne und rief mit lauter Stimme: Ha! was ſeh' ich? täuſchen mich meine Augen nicht? dieß Antlitz, dieſe Züge— Siegfried, ahnend, daß die Elende einen Streich im Schilde führe, ſprang auf und ſchrie: Fort!— Elende!— aber Walburga unterbrach ihn und ſprudelte mit Haß die früher gut überlegten Worte hervor: Ja, er iſt es, der Verderbenbringende, der Verkappte, der Zauberer, der ſeine Umgebung ver⸗ blendet, um ſie dann zu verderben! Schon war er ein⸗ mal in Cirknitz gefangen, ſchon brannte für ihn der Scheiterhaufen, aber die Hölle half ihm entfliehen. 125 Fort von ihm— berührt ihn nicht— er iſt Satans Diener!— Seht ihn nur an!— Aller Augen wandten ſich auf Siegfried— Schon bebt es ihm durch alle Glieder, fuhr ſie fort, ſchon legt ſich die Leichenbläße des Strigons über ſein Antlitz, bald wird der Hölle Zeichen ihm an der Stirne haften— wiſſet— hüthet Euch vor ihm— denn er iſt ein Ge— Walburga! donnerte die Stimme eines Weibes, welches ſich plötzlich vom Tiſche erhob; verſtumme, Toch⸗ ter des Pflegers von Eirknitz! Die Gauklerinn fuhr empor; kaum hatte ſie die Sprecherin erblickt, als ſie zu beben begann und auf den Boden ſank. Duna! ſtammelte ſie mit vergehen⸗ der Stimme.— Ja! rief die Sprecherin; ich bin die Seherin des Cirknitzer Bodens!— Schaudern durchfuhr die Ver⸗ ſammlung— Jene fuhr fort: Ich bin gekommen, Deine Verworfenheit zu enthüllen. Jene Gaukler nehmt feſt, ſie ſind Diebe und Mörder; dieſe Elende aber laßt peitſchen mit Ruthen, und jagt ſie bis vor das Weich⸗ bild des Dorfes; viel zu gelinde wird dieſe Strafe für die Verworfene ſeyn! Ein allgemeiner Tumult entſtand— man eilte, ſich Pao lo's und Petruchio's zu bemächtigen; Apor und der Spitz bellten, der Vogel flatterte kreiſchend in der Stube umher, die Weiber ſchrieen, die Männer 126 drängten ſich in die andre Stube. Zwiſchen den Angreifenden und den Wälſchen entſtand ein Kampf; Walburga wand ſich unter den Füßen der Ver⸗ ſammlung, welche, wie in einen Knäuel verwickelt, ſich nicht auseinander finden konnte. Ein ungeheurer Dampf hüllte die Stube in dicken Nebel, durch welchen der Schein der Lampen nur matt dringen konnte; ein fürchterlicher Aufruhr herrſchte im Ganzen, begleitet von einem lauten, ungewöhnlichen Getöſe. Duna und Siegfried hatten ſchon früher den Schank verlaſſen. *. Wir finden Duna mit ihrem Schützling auf dem Wege nach Laibach; ſie hatten Oſterberg für immer verlaſſen. Das Leben, begann die Alte, iſt doch wahr⸗ lich nichts, als eine ununterbrochene Wanderung, und die Meiſten, wenn ſie auch kein Verlangen nach der Ferne tragen, werden gezwungen, den Wanderſtab zu ergreifen und in die Weite zu ziehen. Ich hatte zwar beſchloſſen gehabt, die Reiſe, die wir jetzt ſchon begin⸗ nen, erſt im Frühjahr zu unternehmen, aber das Ge⸗ ſchick trieb uns aus Oſterberg, und es war das Beſte, es zu verlaſſen. 127 Die Elende! begann Siegfried, wer hätte ihr das zugemuthet? Haſt Du noch ſo wenig erfahren, um nicht zu wiſſen, daß die Leidenſchaft eines Weibes zu Allem fähig iſt? Die Elenden werden ihren Lohn ärnten, und wäre Walburga nicht entflohen, die Oſterberger hätten ſie gefeſſelt zu ihrem Vater nach Cirknitz gebracht. Ich muß Dir geſtehen, das es mir zum Vorwurf ge⸗ reicht, daß ich das Mädchen nicht ſchon früher verrieth und ihrem Vater übergeben ließ; allein die eigene Si⸗ cherheit entſchuldigt mich, wir wären vor den Wälſchen keinen Augenblick ſicher geweſen; dann hab' ich auch mein eigenes Leiden, bin für Dich zu handeln verpflich⸗ tet; mag die Verworfene ihrem Schickſale entgegenreifen! Wäre nur Ein Tropfen unverdorbenen Blutes in ihr, ſie hätte nach meinen Worten, die ich in jener Nacht zu ihr redete, Cirknitz nicht verlaſſen können. Mag ſie für immer von uns ferne bleiben; dem armen Vater wird viel Herzweh erſpart, wenn er ihrer nicht mehr an⸗ ſichtig wird. Sie ſprachen noch lange fort, und kürzten den Weg, den ſie frühzeitlich angetreten hatten, durch Mei⸗ nungen und Mittheilungen über die letzterlebten Vor⸗ fälle. Es war noch nicht die achte Frühſtunde, als ſie ſchon vor Laibach anlangten.— Wie lange, ſprach Siegfried, werden wir in dieſer Stadt verweilen? 128 Dieß iſt unbeſtimmt. Ich habe ſchon durch mehrere Tage keine Nachricht von hier erhalten; es iſt möglich, daß wir ſie bald, ſehr bald verlaſſen; es kann aber auch kommen, daß wir Tage oder Wochen harren müſſen. Und wohin führt denn unſer Weg? fragte der Jüngling weiter. Vor Allem durch die Steiermark nach Wien; ich muß die Meinen wiederſehen, mich reißt es, wie mit Ketten aus dieſem Lande der Heimath zu. So viele Jahre von Allem ferne zu leben, was dem Herzen des Kindes und der Jungfrau einſt lieb und theuer war, o, es iſt kein Wunder, wenn ſich endlich das alte Recht geltend macht, wenn das Auge wieder die Stelle ſehen will, wo einſt unſere Wiege geſtanden, wenn das Herz an dem blutverwandten Herzen zu ruhen ſtrebt! Ach! das werde ich wohl nie! ſeufzte Siegfried, aber Duna ſprach ermahnend: Nur derjenige kann an des Himmels Gnade verzweifeln, dem es ſein Gewiſſen zuflüſtert, daß er ihrer nicht ganz würdig ſei; dieß iſt bei Dir nicht der Fall! Du wirſt Deine Mutter wieder finden, der Himmel wird Dich die unſchuldig erlitte⸗ nen Leiden und die geduldete Schmach gewiß vergeſſen machen; in Wien ſoll ſich Alles zum Guten wenden! Sie waren in der Stadt angelangt; eine unge⸗ meine Regſamkeit, die für einen gewöhnlichen Winter⸗ „— ð morgen nicht in der Ordnung war, fiel ihnen auf. BZahlreiche Menſchenhaufen ſtanden vor den Häuſern, ſtrömten durch die Gaſſen, liefen, rannten, als ob die Sohlen an der Schneedecke anzufrieren drohten, und Alles— was am meiſten auffiel— ſtrömte Einer Richtung zu.— Was gibt es heute in der Stadt? fragte Siegfried, ob dieſer Lebhaftigkeit erſtaunt, einen vorübereilenden Bürger. Was es gibt? Gericht gibt es, ein Verbrecher wird gerichtet! lautete die Antwort. Du na's Herz begann in der Bruſt zu hämmern. Wer iſt der arme Sünder? fragte der Jüngling weiter. Emilian— der Freigraf der Prudenten! ver⸗ ſetzte der Laibacher und eilte fort. Siegfried er⸗ zitterte; wenn der Wütherich auch eine zehnfach ſchwe⸗ rere Strafe verdient hätte, ſo regte ſich doch eine Stimme in ſeinem Innern, die iym zuflüſterte: Du haſt auch mitgeholfen, ihn dem Richtſchwerte auszuliefern! Es war nicht das Gewiſſen, welches ſo zu ihm redete, nur das Mitleid mit dem Verbrecher die Menſchlichkeit war laut geworden. Duna aber hatte ſich hoch auf⸗ gerichtet, ihre Augen ſprühten, ihre ganze Geſtalt nahm wieder zum letzten Male jenes unheimliche, geiſterhafte Weſen an, welches ſie als Seherin des Cirknitzer Bo⸗ dens ſo furchtbar gemacht hatte; ſie blickte ſich an— welch' ein unſeliger Zufall! ſie war in den rothen Man⸗ tel gehüllt, an dem Emilian ſie unter der Menge er⸗ 130 kennen ſollte. Komm' Siegfried, ſprach ſie mit feierlicher Stimme, der letzte Augenblick der Rache iſt da, mein Ziel iſt erreicht; morgen ſchon verlaſſen wir die Stadt und dieß Land! Sie faßte des Jünglings Hand und zog ihn mit ſich, dem Strome der Neugierde folgend. Es läßt ſich ſchwer entſcheiden, wer von Beiden bewegter war, ob Siegfried oder Duna Wenn auch die Gefühle des Erſteren nicht ſo heftiger Art waren, ſo war da⸗ gegen ſeine Seele empfindlicher, leichter zu ergreifen, und empfing daher tiefere Eindrücke. Jetzt ſollte er ihn ſo ſchmachvoll enden ſehen, an deſſen Wink auf dem Tabor das Leben eines Jeden, auch das ſeine ge⸗ hangen; welche Gräuel hatte der Wütherich geübt? Wenn er nur an die Unmenſchlichkeiten in den Lehr⸗ hallen der Prudenten dachte, an die Willkühr, mit welcher die Bundesmitglieder hingerichtet wurden! jetzt hatte auch ihn ſein Geſchick ereilt; nicht der Tod Emi⸗ lian's ergriff den Jüngling, ſondern die Art, wie er ſterben ſollte. Es gibt kein Menſchenherz, welches beim Anblicke eines ſolchen gerichtlichen Aktes, und gälte es auch dem größten Verbrecher, ſo ruhig wie gewöhnlich ſchlagen könnte! Es iſt ein ſchauerliches, ein banges Gefühl, welches uns bei dem Anblicke eines Sterbenden ergreift, der ſeinen Tod mit ſicheren Schrit⸗ ten herannahen ſieht, der mit einem Theile dieſer, mit mit iſt wir mit ſich ob ihle da⸗ fen, e er auf t? hr⸗ mit etzt mi⸗ eer hes und wie ein nes rit⸗ mit 131 dem andern ſchon jener Welt angehört; jetzt lebt er noch— ſein Auge ſieht verglast aus dem Antlitz, noch einmal ſchweift es über Gottes ſchöne Erde, noch einmal blickt es auf die Menſchen, unter welchen es ge⸗ wandelt, noch einmal will es ſich mit einem Blicke an die Erde klammern, denn dunkel und unenthüllt iſt das Jenſeits; noch einmahl kehrt es ſich zum hei⸗ tern, blauen Himmel, es verdüſtert, es erliſcht— das Leben eines Unwürdigen iſt entflohen! Ganz anderer Art waren Duna's Gedanken. In ihrem Innern war eine ganze Saat von Gefühlen erwacht; der lang erſehnte Augenblick war erſchienen, ſie hatte erreicht, wofür ſie gelitten und geduldet; die jetzige Stunde ſollte ihrem Werke die Krone aufſetzen. Noch hatte kein Mitleid, kein Bedauern in ihrem In⸗ nern Platz gegriffen, noch war ihre Rache nicht ganz geſättigt; feſten Schrittes, mit finſterer Miene, wie geiſterhaft zog ſie dahin, ihre Hand hielt jene des Jüng⸗ lings krampfhaft gefaßt, Sie langten auf dem Schauplatze an; Hunderte von Menſchen wogten umher, oder ſtanden, neugierig nach dem Hochgerichte ſchauend; in ziemlich großer Entfernung blieben unſere Bekannten ſtehen. Ein Drän⸗ gen und Wogen kündete, daß der Verurtheilte nahe; über den Köpfen des lebendigen Stromes ſah man die Partiſan⸗Spitzen der Schaarwache glänzen, immer 132 näher kam der Zug. Emilian wurde auf einem ſchwarzen Wagen geführt; jetzt langte er bei der Richt⸗ ſtelle an. Von dieſem Augenblicke an verſtummte das Mur⸗ meln der Menge. Aller Augen waren gegen den Richt⸗ platz gekehrt, Stille herrſchte auf dem Platze, man glaubte den Tod auf Leichenſchwingen einherrauſchen zu hören. Unverwandten Blickes ſah Duna auf die Stelle, Siegfried wagte es kaum, zeitweiſe ſeinen Blick dahin zu richten. Jetzt ſtieg ein Mann die Leiter hinauf— ves war der Henker, er zerrte einen Zweiten chinter ſich her, es war— der Freigraf. Aus der Ferne ſah man nichts, als ein leichenblaſſes Geſicht; Duna's Augen drohten aus den Höhlen zu treten— Der Ver⸗ brecher blieb ſtehen— wandte ſich wie zum Abſchiede nach allen Seiten, jetzt blieb er regungslos,— er hatte den rothen Mantel erblickt; die unerbittliche Räche⸗ rinn hatte Wort gehalten! Vergebung! ſchrie er mit lauter Stimme herab. Die Worte drangen zu Dun a's Ohr, der Henker zog ihn an ſich— da brach die Kraft und der Muth des Weibes. Siegfried! ſtotterte ſie, und wandte ſich ab vom Hochgerichte— meine Sinne umdüſtern ſich— ſchwinden— weh'mir— mein Kopf!— ſie vermochte nicht weiter zu ſprechen, und lehnte ſich erſchöpft an den Jüngling. Als der letzte Augenblick, der ſüßeſte— wie ſie in wa wi ihr der gen ver wã als ſpu ſtob eilte gen verj der vorg die? ſiel noch em ht⸗ bt⸗ an hen die 1en iter ten rne er⸗ ede tte che⸗ mit aft ſie, nne ein und 133 in ihrem Rachewahn oft gedacht hatte— gekommen war, verließ ſie Muth und Kraft, und das ungeheure Werk, welches ſie bisher aufgeſchichtet hatte, ſtand wie ein ſchreckliches, abſcheuerregendes Geſpenſt vor ihrer Seele; das glühende Verlangen war geſtillt, die Reue folgte hinterher; der ſüße Becher war geleert, der ekeliche, bittere Bodenſatz war noch zum hinabwür⸗ gen übrig. Für Duna und Siegfried ging alles Uebrige verloren. Der Augenblick, wo der Tod das Leben über⸗ wältigt, ja ſogar das düſtere Murmeln der Menge, als es der arme Sünder überſtanden hatte, ging an ihnen ſpurlos vorüber; erſt als die Hunderte auseinander ſtoben, und nach allen Richtungen in ihre Häuſer eilten, als Siegfried, welcher über D una hinab⸗ geneigt war, von Einigen zufällig geſtoßen wurde, verſuchte er es, ſie aufzuheben wodurch ſie ganz wie⸗ der zu ſich kam. Sie ſchlug die Augen auf, hob das Haupt, die Maſſen ſtrömten vorüber; ſie entſann ſich deſſen, was vorgefallen war und bebte zuſammen.— Durch Siegfried unterſtützt, kam ſie endlich auf die Füße zu ſtehen, ſah wie mechaniſch um ſich, dann fiel ihr Auge auf den Jüngling, und was ſie ihm noch ſchuldete, zog durch ihre Seele. 134 Sie raffte all ihre Kraft zuſammen, man ſah den Kampf, die Gewalt, welche ſie anwenden mußte— ſie faßte ihren Mantel, riß ihn von der Schulter herab, ballte ihn in einen Knäuel zuſammen, und ſchleuderte ihn weit von ſich.— Fort! rief ſie dem Jünglinge zu, fort von hier! fort für immer aus dem Lande meines Elendes! un⸗ ſer Weg führt in die Heimath, wir ziehen nach— Wien! Sechſtes Vuch: Das Dreikönigsfeſt in Wien. Zuchhei derFrühling iſt da Juchhei Wien iſt da! Frühling und Wien, zwei Seligkeiten auf einmal! Wen das Erwachen der grünen Berge erquickt, der ſuche den Frühling, wer das Gedeihen eines Dörf⸗ chens ſehen will, der komme nach Wien; eine Schaar munterer Vögel, ſchrillend und ſingend, durchflattern den Frühling, und ein lebensluſtig, launig und gut⸗ herziges Völkchen bewohnt unſer Wien! Wer ſich in einem goldigen Strahl ſonnen will, der muß in den Frühling, und wen der Strahl der Barmherzigkeit und Milde erleuchten ſoll, der komme nach Wien! Wer ſchöne Blumen liebt, bunt und duftig, mit und ohne Dornen, im raſchen Wechſel, ſo recht kunter⸗bunter durch⸗ einander, der findet ſie im Frühling, und wer ſchmucke, herzige Mägdleins liebt, auch ſo kunter⸗bun⸗ ter durcheinander, der trifft ſie in Wien! Wer ſüße, warme Luft will, der ſuche den Frühling, und wer 12 —— 138 warmer Herzen bedarf, der komme nach Wien! Juchhei! der Frühling iſt da Juchhei! Wien iſt da! Früh.· ling und Wien, zwei Seligkeiten auf einmal!— Sei mir gegrüßt, Frühling, du jugendlicher Meiſter mit dem fertigen Pinſel und dem bunten Muſchelka⸗ ſten; nur friſch an's Werk, mein ſüdländiſcher Bild⸗ ner; ſcheu' Dich nicht, wenn ſie auch lauernd hinter Deiner Palette ſtehen und das Werden Deines Wer⸗ kes belauſchen; nur rüſtig gearbeitet, ewig junger, un⸗ ſterblicher Meiſter, laß ſie gucken und gaffen, wollü⸗ ſteln, verſeln, laß ſie ſingen und trillern, unternehmen und ſuchen, hexen und zaubern; ſie lauſchen Dir doch nicht Deine Kunſt ab; was Du geſchaffen, bil⸗ det kein ſterbliches Weſen. Alſo friſch angefangen, mein gaſtlicher Meiſter: vor Allem den Grund mit grü⸗ nem Raſenſammt gelegt, dann die winzigen Blümlein, die buntſcheckigen, hinaufgezaubert, dann die großen, duftenden Blumen, die reizenden Roſen, Glöcklein, Cyanen und wie ſie noch heißen, Deine Original⸗ Exemplare; jetzt raſch aus der Flur, ſich über den Baumſchlag gemacht; wie ſie da hervorquillen, die Knoſpen und ſtrotzen und brechen, Tauſende von Blät⸗ tern entſtehen auf einmal, man ſieht ſie, ſich bewegen, man hött ſie lis ſpeln, der Schatten iſt da, der Baum iſt vollendet; nun raſch über's Waſſer, ſchlängele Quellen und Bäche durch's Bild, durchſichtig wie 138 Glas, rein wie Kriſtall, ſchimmernd wie Silber; friſch, mein Meiſter! Nun geht es an den Hinter⸗ grund; duftige Berge, ſchwimmend im Blau, ſchattige Wälder, finſter und ſchaurig; nun raſch Dich erhoben, nun gilt es der Luft: kleine Wörkchen hangen hoch oben, ſie heben die ätheriſche Decke nur beſſer heraus, aus Oſten bricht ein Sonnenſtrahl hervor, und be⸗ leuchtet das Ganze; nur noch die Meiſterſtriche dem Bilde geſpendet, jene zauberiſchen, unnachahmlichen Tinten, jenen ſüßen Odem, der Alles durchweht, jene wonnige Friſche, welche Kranke geſundet. Juchhei! rufſt Du voll Freude, Juchhei! jubelt die Menſchheit, das Bild iſt vollendet!— Willkommen! mein freundliches Wien! willkom⸗ men! Du alter Thurm; lugſt Du noch immer nach den Wolken hinauf? wer ſo wie Du, Jahrhunderten, Stürmen und Gefahren Trotz gebothen, der ver dient es, daß er ſo hoſch ſteht: auch Du, mein greiſer Dom, prangſt in unvergänglicher Dauer? ja, wer auf ſolchem Grunde fußt, kann freilich Zeiten und Menſchen Trotz biethen! Seid mir gegrüßt, ihr Plätze und Straßen, ihr Häuſer mit euren Gemälden und Steinbildern und mit den wunderlichen, launigen Namen, wo die Kuh im Brett ſpielt, der Wolf den Gänſen predigt, der Eſel in der Wiege liegt und noch unzählige Andere; ſei mir gegrüßt vor Allem, 140 Du altes Fürſtenhaus, mit den Zinnen und Er⸗ kern, Mauern und Gräben; auch Du haſt ge⸗ kämpft, gerungen und geſtritten; aus der Wiege eines Grafen iſt ein Kaiſergeſchlecht emporgeſtie⸗ gen; der Ahn hat ſich dem Kreuze gebeugt, im Reiche der Enkel ging die Sonne nicht unter; will⸗ kommen, erhabene Kaiſerburg, Du haſt den Aufruhr der Städter bezwungen, an Deinen Wällen zerſchellte der Moslim ſein Haupt. Willkommen! Ihr lebensluſtigen, thätigen, gut⸗ herzigen Wiener! wir verließen Euch, als der Kor⸗ viner in Euern Mauern verſchieden,“) kehren nach fünf⸗ undzwanzig Jahren wieder, und finden Euch ganz ſo, wie früher in Eurem Herzen, aber viel ruhiger, ſicherer und glücklicher von Außen. Doch welch' ein Anblick ſtört die Freuden unſeres Herzens? was iſt das für ein Paar, welches ſich lang⸗ ſamen Schrittes von der Wieden her, gegen die Stadt bewegt? Iſt es Wirklichkeit? ſehen wir recht? das ſind ja alte Bekannte, wir haben ſie ja vor kaum vier Monden verlaſſen, und wie treffen wir ſie wieder? Das alte Weib iſt abgezehrt, todtenbleich, ſie muß eine ſchwere Krankheit überſtanden haben; kaum vermag *) Bezieht ſich auf des Verfaſſers hiſtoriſchen Roman: Wien vor 400 Jahren. 2 Bände. Wien 1842. 144 ſie ſich vorwärts zu ſchleppen, aber auch dieß nur mit Hülfe ihres Gefährten, eines Jünglings, dem eben auch kein Wohlleben aus dem Antlitze ſchaut. Die Gewänder der Beiden ſind zerfetzt und ſchmutzig, ihr ganzes Weſen iſt wie ausgewechſelt; wer würde in ihnen Duna und Siegfried wieder erkennen?— Ach! war das eine mühevolle Wanderung für den armen Jüngling; durch Schnee und Froſt ging es Anfangs wohl ſo ziemlich vorwärts, aber Duna, von den letzten Scenen in Laibach angegriffen, trug ſchon den Keim des Uebels in ſich; durch die mühſelige Wanderung wurde es nur ſchneller zum Ausbruch be⸗ fördert, ſie vermochte nicht weiter zu kommen. Sieg⸗ fried ſtand ihr liebreich, wie ihr eigen Kind bei, allein ſie erlag immer mehr, denn der Gedanke, daß der Himmel dieß Gebreſte als Strafe über ſie geſandt habe, drückte ihr Gemüth völlig darnieder, und er⸗ ſchwerte nur die Heilung der körperlichen Leiden. Doch ſie erholte ſich zum Theile wieder; nach Wochen konnte ſie ihren Weg fortſetzen, aber wie langſam, wie mühſelig ging es durch die ſteieriſchen Gebirge, einige Stunden waren hinreichend, die kaum Geneſene völlig zu erſchöpfen, und es mußte abermals„Halt“ ge⸗ macht werden. Welche Seligkeit hätte den Jüngling durchſtrömt, wäre Duna geſund und rüſtig geweſen, wie hatte er ſich trotz der unfreundlichen Jahreszeit 142 auf dieſe Wanderung gefreut; aber ſo war Alles ver⸗ loren und verdorben, er wäre bald ſelbſt erlegen. Zu allen dieſen mißlichen Umſtänden geſellte ſich noch ein neuer, viel widerlicherer; die Baarſchaft Duna's ſing an, zur Neige zu gehen, und ſie hatten kaum zwei Drittheile der Reiſe zurückgelegt, ſo war ſie gar ge⸗ worden. Nun ging erſt die Noth an, ſie reichte dem Elende freundlich die Hand. Mit dem frühen Mor⸗ gen auf, über Berg und Thal gezogen, kaum ein Stück erbettelt Brod, um den Hunger zu ſtillen, nur Waſ⸗ ſer, um den Durſt zu löſchen, keine Erquickung, keine Stärkung, und dabei einen Stachel im Herzen, der immer quält und mahnt; das war Duna's Reiſe. Siegfrieden ging es nicht viel beſſer; alle äuße⸗ ren Leiden theilte er mit ſeiner Gefährtin, ja, er kargte ſich oft ab, um nur ſie zu nähren, um nur ſie zu ſtärken, und den Pilgerweg fortſetzen zu können; wenn es ihnen daher hie und da gelang, in einem Dorfe oder Schankhauſe eine kräftigende Suppe zu erhalten, ſo überließ er ſie immer ſeiner Gefährtin, und begnügte ſich wie gewöhnlich mit trockenem Brod. Langſam ging es vorwärts; ihre Schuhe zerriſſen, ihre Kleider zerfielen, kurz mit dem Geldmangel traten alle jene niegeahneten Bedürfniſſe ein, welche man erſt kennen lernt, wenn man ſie nicht anzuſchaffen ver⸗ mag und entbehren muß. Eines aber hatte Sieg⸗ 143 fried vor Duna voraus; ſein inneres Bewußtſein! dieß war ein freudiges, ein ſeliges. Welcher Lie⸗ bende nähert ſich jenen Mauern nicht mit Entzücken, welche den Gegenſtand ſeiner Wünſche bergen, wer ſtrebt nicht mit Ungeduld, jenen Ort zu erreichen, wo ſeine Liebe weilt; wer wünſcht ſich nicht beſchwingt zu ſehen, um wie der Vogel, ſchnell durch die Luft da⸗ hin zu fliegen, wo ihm ein theures Herz entgegenſchlägt und zarte Arme ihn weich umfangen ſollen? So auch bei Siegfried!— Wie lange hatte er ſeine Regina nicht geſehen, und nun, da er auf dem Wege dahin war, hing ihm das ſchadenfrohe Geſchick hemmende Feſſeln an den Fuß, und nur langſam, im buchſtäbli⸗ chen Schneckenſchritt ging es vorwärts. Aber nur das Irdiſche läßt ſich hemmen, nur der irdiſche Theil kann beſchwert und gefeſſelt werden; der geiſtige iſt frei! Frei wie der Vogel in der Luft, ſchnell wie der Blitz aus den Wolken, fleugt er vorwärts, legt hun⸗ derte von Meilen zurück, jagt über Berg und Meer und läßt den Körper weit hinter ſich! So war es auch bei Siegfried; er befand ſich noch lange in der Steiermark, und ſeine Gedanken waren ſchon in Wien, waren bei der Geliebten, bei Regina, der Köni⸗ gin ſeines Herzens! Endlich hatten ſie den Wiener⸗ berg überſchritten, der Stephansthurm winkte ihnen herüber, die Kaiſerſtadt breitete ſich vor ihnen aus; 144 die Menſchen wogten an ihnen vorüber, und mancher mitleidige Blick fiel auf das, Armuth und Elend ver⸗ rathende Paar. Wohin ſoll ich mich wenden? fragte der Jüngling, welchem das Gewirr fremd war, daß es ihn im erſten Augenblicke faſt betäubte. Nur gerade aus, Siegfried, verſetzte die Kran⸗ ke, leite mich nur jetzt, daß mein Fuß dem voranei⸗ lenden Willen folgen kann. Der Angeredete unterſtützte ſie nun ſo, daß ſie faſt mehr getragen wurde, als ſelbſt ging; dieß war der Einzug Klaudiens von Ehlingen, nach ei⸗ ner mehr als zwanzigjährigen Entfernung, in die Va⸗ terſtadt; ihre Schuld war: den Worten eines Mannes vertraut zu haben; ihre Sünde: daß ſie ihr ganzes Erdenwallen opferte, um Rache an ihrem Verderber zu nehmen. Das Haus der Ehlingen befand ſich in der Breidenſtraße*); dahin nahmen ſie ihren Weg, dort wollte Duna ihre Schweſter ſuchen; das Thor war verriegelt. Mit welchen Gefühlen das Weib ei⸗ nige Augenblicke vor dem Hauſe ſtand, in dem ſie das Licht der Welt erblickt hatte, läßt ſich leicht ermeſſen; unter Thränen befahl ſie Siegfrieden, den Klopfer zu bewegen. Der Schall drang dumpf durch die *) Jetzt Obere Bräunerſtraße. F 145 Einfahrt, und verhallte in langen Gängen; endlich ka⸗ men Tritte heran, das kleinere Pförtchen öffüete ſich, ein alter Mann ſtand vor ihnen, es war der Thor⸗ wärtel.— Verdammtes Bettelvolk! brummte er in den Bart; läuft es doch trotz Satzungen und Verbothen ſtets durch die Häuſer und moleſtirt ohne Unterlaß. Wir ſind keine Bettler! redete Siegfr ied, und flehen Eure Hilfe nicht an; dieſe Frau ſucht ihre Schweſter, die Freifrau von Irch!— Duna hatte nämlich ſchon vor Jahren erfahren, daß ihre jüngere Schweſter einem Edlen von Irch vermählt ſei.— Die Freifrau von Irch? fragte der Unfreundliche kopfſchüttelnd, die kenne ich nicht— Sie war die jüngere Tochter der Ehlingen! ergänzte Duna. Ah, dieſe? entgegnete nun der Andere; o, die wohnt nicht mehr hier. Nach dem Tode der Eltern wurde dieß Haus veräußert, und meine Herrſchaft brachte es an ſich.— Wohin die Erbin gezogen, iſt mir unbekannt! Die Beiden entfernten ſich mit ſchwerem Herzen. Sie verſuchten es noch in einigen Gebäuden der Nach⸗ barſchaft, Erkundigungen einzuziehen, allein ſie erfuhren nichts; Mehrere entſannen ſich wohl, daß die Erbin der Ehlingen ſich mit dem Freiherrn von Irch ver⸗ mählt habe, allein Niemand vermochte von ihrem jetzi⸗ Der Gezeichnete III. 13 ———— ———————— 146 gen Aufenthalte Kunde zu geben. Nun hatte das Elend ſeine höchſte Stufe erreicht, nun befanden ſie ſich mitten in der großen Stadt, arm und hilflos! Siegfried ſeufzte tief auf, und Duna weinte bittere Thränen. Wohin wenden wir uns jetzt? fragte der Jüngling, mit einem Tone, der ſeine Hoffnungs⸗ loſigkeit deutlich verrieth. Die Sieche ſah ihn an und liſpelte: Zu Gott! mein Sohn! Der Vater aller Armen wird auch uns nicht verlaſſen! Komm! wir wollen in die Stephans⸗ kirche, und ihn um Erbarmen anflehen! Dort, wo ich als Mädchen meine Gebethe zum Himmel geſandt, dort will ich auch jetzt als verzweifelte Pilgerin mir Muth und Ausdauer erflehen!— Sie ſchlichen gegen den Graben auf den Stephansplatz, in die Kirche. Eine halbe Stunde lang hatten Beide unter in⸗ brünſtigem Gebethe zugebracht, dann traten ſie wieder heraus, mit erleichtertem Herzen, mit erhobenem Ge⸗ müth; ein aufrichtig Erheben zu Gott hat nie ſeine Wirkung verfehlt; wenn es auch nicht immer Rettung und Gewährung bringt, ſo beſchwichtigt es doch jeder⸗ zeit das empörte Wogen der Bruſt, gießt Oehl auf die Wunden der Seele, träufelt neuen Lebensmuth in das verzagende Herz, und wirkt wie ein erfriſchen⸗ der Regen auf das lechzende Feld. Hier aber brachte es Beides: Hilfe von Außen, Linderung im Innern! 7——* 147 Die Pilger waren eben aus dem Thore des Domes getreten, als ein junges, rundes Weibchen auf ſie zu⸗ gelaufen kam und ausrief: Jeſus Maria! ſeid Ihr es, Junker Siegfried? Was macht Ihr hier Wien?— kennt Ihr mich vielleicht nicht mehr?— ich bin ja Urſula, Meiſter Schnitzenbaum's Tochter, und jetzt Kajetan Zwickler's Weib! Seine ehe⸗ mahlige Wirthstochter in Laibach kam ihm jetzt wie ein Engel vom Himmel geſandt. Gottes Dank! daß ich Euch treffe; Ihr rettet mich und dieſe Frau aus dem ärgſten Bedrängniß; führt uns vor Allem in Euer Haus, und rettet uns vor Hunger und Verderben! Verhungern? Ihr? ſo lange ich und mein Ka⸗ jetan ein Stückchen Brodes haben, ſoll das nicht der Fall ſein! kommt nur mit, wir wohnen da in der Kärnthnerſtraße, wo mein Mann einen Schank ge⸗ pachtet, und der Vater, welcher von Laibach mit uns zog, ſein Gewerbe treibt. In wenigen Minuten hatten ſie das Haus Kajetan ſtand eben an der Glasthüre und verwun⸗ derte ſich über die Gäſte, welche ſeine Hälfte in's Haus brachte. Wer beſchreibt die Freude des guten, drolli⸗ gen Wieners, als er ſeinen Junker erkannte. Heiliger Barnabas! Junker Siegfried! Ihr da? mein ar⸗ mer, unglücklicher Junker in meiner Stube? lauf Ur⸗ ſula, und bring' einen Becher vom Beſten, denn 13* 148 das ſiehſt Du, daß das Herrlein Erfriſchung bedarf; die Magd ſoll eilig ein würziges Süpplein bereiten! Der Jüngling vergoß Thränen über den herzli⸗ chen Empfang. Vor Allem, Freund Kajetan, redete er zu dem Wirth, ein Lager für meine Gefährtinn; ſie iſt matt und krank! Zwickler hatte in der Freude ſeines Herzens die Alte ganz vergeſſen; jetzt ſah er ſie genauer an und erkannte ſie auch. Heiliger Barnabas! rief er herzlich erſchreckt, das iſt ja die alte Her— unſere Wegweiſerinn! wollte ich ſagen. Habt Ihr nicht auch, wandte er ſich zu Siegfried, ein Stück ſchwim⸗ mender Inſel, oder redender Igel aus dem Krainer⸗ lande mitgebracht! Der Jüngling winkte ihm und ſprach: Macht nur, Herr Zwickler! daß ſie zu Bett' kommt— Alſo raſch die obere Stube hergerichtet! tummle Dich, Urſula! kommandirte der Hausherr, deſſen Gemüthlichkeit ſeine Furcht gleich beſiegt hatte; ich glau⸗ be, die Lagerſtätte iſt ſo in der Ordnung; komm, Ur⸗ ſula! wir wollen die Frau hinaufgeleiten.— Bleibt indeſſen nur da, Junker! trinkt den Wein und verzehrt die Suppe— Frau Duna ſoll ſchon von uns bewir⸗ thet werden, als ob ſie Eure Mutter wäre— wofür Euch der heilige Barnabas bewahren möge! brummte er leiſe in den Bart;— kommt, Frau Duna, lehnt li⸗ ete in; ens er⸗ cht mle ſſen al⸗ Ur⸗ ibt hrt ir⸗ für nte 148 Euch nur recht an uns, die Treppen ſind ein wenig fin⸗ ſter— macht nichts, das iſt in hieſiger Stadt nichts Neues; finſtere Treppen, lichte Köpfe! für die Illu⸗ mination wird von den Leutgebern geſorgt— ſo— jetzt legt Euch unter die Decke— da— da eßt die Brü⸗ he, jetzt noch einen Schluck Weines— wir gehen jetzt hinab, nach Junker Siegfried zu ſehn; er ſoll gleich bei Euch ſein! Kajetan humpelte die Treppe hinab, in der Mitte derſelben blieb er ſtehen, zog ſein, ihm folgendes Weib an ſich und ſprach leiſe zu ihr: Jetzt, lieb' Weib! mach deinen Mann und bewirth' mir die Gäſte gut; was die Alte belangt, ſo iſt ſie auch ein Ehrenweib, ich kann ihr nichts Uebels nachreden, beſonders, wenn ſie diejenige nicht geweſen iſt, welche auf dem Slivenza vom Baum heruntergeſchrieen; aber es wird doch gut ſein, wenn Du nicht große Freundſchaft mit ihr ſchließeſt, denn man kann doch nicht wiſſen— Du kennſt die Cirk⸗ nitzer am beſten und weißt, in welchen Umſtänden Du jetzt biſt; es wäre mir nicht ſehr genehm, wenn ich ſtatt eines lieblichen Stammpflegers, einen ausge⸗ tauſchten Wechſelbalg eder ſo was erhielte, der nicht einmal Fleiſch von meinem Fleiſch wäre! Nach dieſer Warnung trippelte er wieder zu Siegfried. Der Jüngling hatte, von Schlaf und Müdigkeit überwäl⸗ tigt, ſich auf den Tiſch gelehnt und begann eben zu 150 ſchlummern, als das Hauspaar eintrat. Was iſt das, Junker?! rief Zwickler, Ihr werdet doch nicht wie ein Strotzer auf der Bank ſchlafen wollen? Komm, Urſula! laß uns auch den hinaufgeleiten; Du ſiehſt ja, daß ihm die Aeuglein zuklappen, wie die Boden⸗ fenſter, wenn der Wind geht— ſo kommt nur hinauf; ſeht, Frau Duna ſchläft ſchon— da ſteht Euer La⸗ ger, nur ganz bequem hinein, ſo— ſtreckt Euch nur aus— jetzt ruht in's Himmels Namen zu einem freund⸗ lichen Erwachen!! Mögen ſie ruhen im Namen des Himmels, mö⸗ gen ſie erwachen zu Wonne und Freude! wir wün⸗ ſchen es ihnen, wir wünſchen es Allen, die es ver⸗ dienen; wir wünſchen es den Freunden, die unſerem Herzen nahe ſind, wir wünſchen es auch denen, die es um die Welt und die Menſchen nicht verdient ha⸗ ben; mögen ſie ruhen im Namen des Himmels, er⸗ wachen zu Freude und Wonne; wir wünſchen es auch den ewigen Schläfern, den— Todten! Unter ſolch' einer Pflege, ſolch' einer liebevollen Wartung mußte Dun a's Geneſung und Siegfried's Erholung gedeihen. Die große Stube im obern Ge⸗ ſtocke war ihnen ganz zur Verfügung geſtellt; zwei „ — „ 1— 151 vequeme Lagerſtätten, wie ſie ſich deren ſchon lange nicht zu erfreuen hatten, gönnten Ruhe und Schlaf. Kajetan und Urſula waren unabläſſig bemüht: Erſterer, ſeinen ehemaligen Gefährten, und Letztere, Frau Duna mit Allem, was ſie nur bedurfte, zu verſehen. Auch den Meiſter Schn itzen ba um hatte die Ankunft des Paares ſehr überraſcht; es iſt, man mö⸗ ge irgendwo in der Welt noch ſo ein gutes Beſtehen haben, immer ein wonniger Gedanke: Menſchen zu be⸗ gegnen, welche man in ſeiner Heimath kennen gelernt patte; es gibt immer tauſend ſüße Erinnerungen, erregt unzählig wonnige Gefühle!— Einige Wochen verfloſſen, bis Duna vollkom⸗ men hergeſtellt wurde; dieſe Friſt ward dazu benützt, den Jüngling mit paſſenden Gewändern zu verſehen, die— um ihn nicht auffallend zu machen— ganz nach jener Weiſe verfertiget wurden, wie ſie der Bür⸗ gerſtand dazumahls trug; für Duna hatte in dieſer Beziehung Frau Urſula zu ſorgen. Kajetan brachte die ganzen Tage an Siegfried's Seite zu, und da ging es nun an's Erzählen und Mittheilen. Seine eigenen Schickſale mit ſeiner Entfernung von Laibach, waren ganz ohne alle Abentheuer. Er hatte nach Siegfried's ſchmachvoller Erſcheinung vor dem Kai⸗ ſer, da er Duna dabei betheiligt bemerkte, ſich eiligſt aus dem Staube gemacht, damit er nicht wieder, ſo 152 wie in Cirknitz, unſchuldig das Loos des Junkers zu theilen gezwungen werde, und trat ſeine Reiſe nach Wien an, wohin ihm ſein jetziger Schwieger, nach⸗ dem er beſprochener Maßen Alles zu Baar gemacht hatte, mit Urſula bald nachfolgte. Deſto mehr hatte Siegfried zu erzählen.— Was? die Walburga habt Ihr wieder getroffen? unterbrach Zwickler den Jüngling, als dieſer ſein Geſchick in Oſterberg erzählte; heiliger Barnabas! lebt die ſchlechte Dirne auch noch? habe ich ſie doch längſt ſchon in jenem Loche gewähnt, wo der Räuberhaupt⸗ mann— der Freigraf wollte ich ſagen, ſo kurze Juſtiz zu machen pflegte!— Siegfried erzählte deſſen Ende.— Nun, da ſieht man doch, daß der liebe Gott noch Herr im Hauſe iſt! O, dieſer Freigraf! was hab' ich für Angſt ausgeſtanden, als ich auf dem Bier⸗ baumer⸗Tabor Frauendiener— er ſchlug ſich hiebei auf den Mund, als ob er nicht gehört ſein wolle, dann zog er Siegfried vertraulich zu ſich und lis⸗ pelte ihm zu: Ihr müßt hier im Hauſe, und beſon⸗ ders vor meinem Weibe nicht ſagen, daß ich auf dem Tabor zwiſchen ſo vielen loſen Weibern d'rinn geſteckt habe; meine Urſula iſt etwas ſüdländiſcher Natur, und wenn ſie auch große Stücke auf mich baut, ſo könnte der Teufel mit dem Hausfrieden doch ſein 153 Spiel haben! Er war durch dieſe Worte plötzlich aus ſeiner vorigen Rede gefallen und ſagte: Nun, Jun⸗ ker Siegfried! jetzt, da Ihr ſchon ziemlich aus der Patſche ſeid— ich ſage ziemlich, denn ſo lange die Duna bei Euch iſt, kann ich nicht ſagen: ganz; alſo, was meint Ihr jetzt zu der ganzen Geſchichte? Iſt es nicht wahr geworden, was ich gleich Anfangs pro⸗ phezeihte: daß für uns im Krainerlande keine Aepfel zu holen wären? Denkt an die Gefahren, die Nöthen welche Ihr überſtehen mußtet, und die Euch gewiß unter die Erde gebracht hätten, wenn Ihr nicht ſo zäher Katzennatur wäret— Ihr müßt mir den Ver⸗ gleich ſchon vergeben; aber wir Wiener, wir reden, wie uns der Schnabel gewachſen iſt. Alſo denkt nur an Alles zurück: an die ſchwimmenden Inſeln, an die ominirenden Felſen, an die wetterbrauenden Lö⸗ cher, an die eigenſinnigen Quellen und Waſſer, an die Geſprächverſtändigen Igel, an den Hexenſabath auf dem Slivenza— den freilich nur ich geſehen ha⸗ be— an den jetzt, dem Himmel ſei's gedankt! ſchon baumelnden Freigrafen, an die Abentheuer mit dem ſchuft'gen Bettler— das geht auch den Freigrafen an— und endlich an Eure Geſchichte mit den Gauk⸗ lern! Wenn man das Alles zuſammennimmt, ſo wer⸗ det Ihr mir zugeſtehen müſſen, daß ich vollkommen Recht hatte! Doch ſind wir froh, mit heiler Haut da⸗ 134 von gekommen zu ſein, und freuen wir uns des Bis⸗ chen Lebens, das uns geblieben! Aber jetzt ſagt mir nur, zu welchem Ende habt Ihr die Dun a mit in's Land gebracht? Meint ſie, hier auch ſo im rothen Mantel herumſteigen zu können, wie bei Cirknitz? da irrt ſie ſehr; wir haben hier Rathsdiener und Schaar⸗ wachen, wir haben Thürme, Schrann⸗ und Narren⸗ kotter, wir haben in den Werd's Holz genug zu den Scheiterhaufen!— Ihr irrt, Kajetan! entgegnete Siegfried ernſt; Duna iſt ein ehrlich Weib und keine Hexe; wär' ſie dieß, ſo hätte ſie wahrlich nicht ſo viel ge⸗ duldet und ertragen, ſondern ſich ſelbſt auf ſündhafte Weiſe geholfen.— Da müßt Ihr Euch nicht trügen laſſen! warnte Kajetan; einer Hexe kann ſo gut der Faden aus⸗ gehen, wie einem rechtſchaffenen Menſchenkinde; aber ich will es glauben, daß ſie Beſſerung beabſichtigt, denn von Wien bis auf den Slivenza wär' doch ein etwas zu ermüdender Ritt— wiewohl ich nicht ſagen kann, daß ſie oben war, außerdem— Ihr wißt ſchon, was ich meine— aber ich weiß noch immer nicht, was ſie hier will? Siegfried theilte ihm Duna's Abſicht mit, worauf Zwickler antwortete: Wenn ſich die Sa⸗ 155 che ſo verhält, dann iſt das freilich ein ander Ding, und verdient Beachtung. Meint Ihr, fragte der Jüngling, daß wir ihre Schweſter, die Freifrau hier auffinden würden? Sonder Zweifel, wenn ſie hier iſt; ich will ſchon meine Forſchungen betreiben. Aber Ihr, das will ich Euch gebethen haben, geht mir nicht viel aus dem Hauſe; al lein ſchon gar nicht, mein Schwieger und ich werden Euch ſchon her⸗ umführen. Ihr könntet Euch verirren, oder vielleicht ſonſt was Böſes erfahren; bis zur Stephanskirche könnt Ihr Euch ſchon wagen, bis dahin ſind nur ein Paar Schritte; im Vorbeigehen könnt Ihr auch den Stock im Eiſen bewundern, und Euch von meiner Urſula die Mähre darüber vorſchwatzen laſ⸗ ſen; Alles übrige werde ich Euch ſchon zeigen: den Graben, die Burg, den Hof, die Lauben, die Schranne, den Kotter und was es hier ſonſt noch zu beſchauen gibt. Siegfried rückte nun ſeinem Wirth näher und ſprach: Kajetan, ich habe eine Bitte an Euch— Redet, ſprecht! beim heiligen Barnabas! wenn's in meiner Macht ſteht— Ich glaube, Ihr ſeid ſehr leicht im Stande, ſie zu erfüllen; ich möchte erfahren, ob und wo der krai⸗ neriſche Landeshauptmann hier zu treffen.— 156 Der Wiener Schankherr ſchmunzelte und rief: Aha! fangt Ihr ſchon wieder an, die Gartengeſchichte hervorzuſuchen? meint Ihr, ich hätte es in Laibach nicht geſehen, wie Ihr über die Planke geſtiegen, und auf das Säulendach mitten im Garten zugeſtie⸗ felt? der Landeshauptmann würde Euch wenig küm⸗ mern, wenn das ſchöne Fräulein nicht mit hier wäre! Junker Siegfried! ich werde thun, was Ihr wollt, aber vergeßt nicht, daß Ihr zu Wien ſeid, wo es offene Augen und wache Ohren gibt; ſeid nicht zu wagig, bei den Mädchen iſt ſelten was Gutes zu holen, dem nicht viel Sorge und Beſchwer⸗ de nachkommen würde, und ſchon gar bei ſo hohen Fräuleins; es iſt zwar löblich von Euch, daß Ihr Eure Augen ſo hoch erhoben, aber wer ſich hoch ver⸗ ſteigt, läuft auch Gefahr, tief zu fallen!— Was ſoll ich alſo unternehmen, wenn ich den Aufenthalt des Landeshauptmannes und ſeines Töchterleins erfahren, oder wenn ich Letzteres gar zu Geſichte bekäme Ihr ſollt ſie von meinem Hierſein in Kenntniß ſetzen! Auch das will ich, gab der Andere zur Antwort; ich weiß: Lieb' iſt ein ſchwer Ding, hab' auch ſo was gefühlt, was man bei einem Jüngling, wie Ihr, Lie⸗ be, bei einem alten Junggeſellen aber, wie ich war, Narrethei nennt!— Das Geſpräch war geendet, 157 und Kajetan vergaß nicht, was er verſprochen hatte. Er ging oft aus, und betrieb Siegfrie d's Angele⸗ genheiten, wie ſeine eigenen! Du heiliger Barnabas! murmelte er vor ſich; er iſt ein gutes, junges Blut, hat viel gelitten und gedarbt, er verdient ſchon, daß er in den Armen eines lieben Weibchens Ruhe findet; und man mag ſagen, was man wolle, nur im Eheſtande gibt's Ruh! das hab ich bei meiner Urſula erfahren; und wenn dann erſt das kleine, junge Volk nachrückt, das ſchreit, quitſcht, poltert und im Hauſe umher rennt! Eines läuft ſchon in die Schule, das Andere durchjagt die Stube, das Dritte rutſcht auf dem Boden herum, das Vierte liegt in der Wiege, das Fünfte ſteckt noch, der heilige Barnabas weiß, wo 2 das wird erſt ein Leben werden! und er ſchmunzelte ſelbſtzufrieden da⸗ bei— Wer hätte das dem Kajetan Zwickler an⸗ geſehen? Wer hätte von ihm noch ſo was vermuthet? Siegfried befolgte indeſſen wirklich Kajetans Rath, ging ſelten aus, und das nur in die nächſtgele⸗ genen Plätze und Gäſſen. Eine neue Welt umgab ihn da: dieſes geräuſchvolle Treiben, dieſes Lärmen und Wogen, dieſe Pracht, dieſer Aufwand, dieſe Rieſen⸗ maſſen von Kirchen und Gebäuden, dieſe zahlreichen Kauf⸗und Laubherren mit ihren Buden, Krams⸗ und Handelsplätzen; et hatte nie geahnt, daß ſich ſo Etwas auf natürlichem Wege zuſammenfinden und zuſammen⸗ 158 fügen könne; er glaubte, in ein Land der Wunder und Feerei verſetzt zu ſein! Eines Nachmittags kam Kajetan ſchmunzelnd nach Hauſe, zog Siegfried bei Seite und liſpelte: Ich hab' ſie ſchon! Ein freudiges Erröthen ergoß ſich über die Wange des Jünglings. Wär' es möglich? rief er mit bewegter Stimme. Alles iſt möglich! entgegnete Zwickler; wenn Felſen ominiren können, ſo kann man auch ein Fräu⸗ lein finden, welches man ſucht; aber ich habe ſie nicht nur gefunden, ſondern auch mit ihr geſprochen. Auch geſprochen? jubelte der Jüngling. Ihr ſollt ſie auch ſprechen! fuhr Zwickler fort, und das noch heute Abends. Nun war der Freude kein Ende; Siegfried faßte den wohlbeleibten Schankherrn, umſchlang ihn mit den Armen, herzte und küßte ihn, wie einen lieben, gu⸗ ten Freund, wie einen Wohlthäter und Vater. Wo habt Ihr ſie gefunden? Wie ſah ſie aus? Was ſprach ſie? fragte ſie um mich? O, du heiliger Barnabas! unterbrach ihn der An⸗ dere; was Ihr Alles auf Einmal wiſſen wollt! Bleibt ſchön ruhig und geduldig, und Ihr ſollt Alles erfah⸗ ren.— Vor einigen Tagen ſchon erfuhr ich; daß der kraineriſche Landeshauptmann ſein Loſament am Hofe habe; ich hätte Euch dieſe Nachricht mittheilen können, 158 — aber was würde ſie Euch gefruchtet haben? Ihr wäret in Euerer Liebesraſerei um das Haus herumſcher⸗ wenzelt, und hättet höchſtens die Aufmerkſamkeit, vder vielleicht gar noch etwas Aergeres auf Euch gezogen; deßwegen ſchwieg ich, bis ich etwas Näheres erfahren; und dieß gelang mir heute. Ich ging über den Hof, gegen die Schottner zu, da ſah ich ein Fräulein vor mir her trippeln.— Ich griff aus, kam ihr vor, ſah ihr in's Geſicht, und fand wirklich etwas Bekanntes, etwas Kraineriſches in ihr.— Ihr müßt wiſſen, alle kraineriſchen Mägdleins, ſelbſt meine Urſula nicht ausgenommen, haben ſo etwas Verhexendes in ſich, daß gereiſ'te Leute, wie wir Beide, es auf den erſten Au⸗ genblick erkennen! Das Fräulein wollte zur Kirche; ich aber ließ es wieder an mir vorbei und murmelte vor mich hin, aber ſo, daß auch ſie es hörte: Wenn Ihr eine liebe Botſchaft aus Laibach hören wollt, ſo folgt mir! Hierauf machte ich Schritte, ſo lang, als es meine Beine erlaubten; in meiner Bruſt ging es zu, wie in einer Schneiderwerkſtatt; ich trabte zum Schot⸗ tenthore hinaus. Die Neugierde ließ mich aber nicht weit kommen, denn ich wollte auch wiſſen, ob ich an den rechten Mann gekommen; ich ſah zurück, und hollah! das Vöglein flatterte an der Ruthe, das Fiſchlein bau⸗ melte an der Angel, die Angeſprochene war hinter mir her! Heiliger Barnabas! wenn meine Urſula das geſehen hätte, wie mir ſo ein herziges Fräulein nach⸗ ſtieſelte, ich glaube, ſie hätte ein ärgeres Wetter ge⸗ braut, als die; Löcher in Krain! Ich machte Halt, und wartete ihr Herankommen ab.— Schönes Fräu⸗ lein! ſprach ich— wenn Ihr Diejenige ſeid, die ich meine, ſo hätte ich Euch eine gute Botſchaft zu ſagen, da ich Euch aber nicht recht kenne, und auch die Andere nicht, die ich ſuche, ſo nennt mir Euren Namen!— Das war klug von mir geſprochen; denn es hätte ſonſt leicht kommen können, daß eine loſe Dirne ſich für die ausgab, die ich ſuchte, und Ihr wäret durch ſolche Verwechslung in eine Tunke gerathen, die Euch nicht genehm hätte ſein können; deſſen ſind wir voll⸗ kommen geſichert, denn das Fräulein ſprach: Ich heiße Regina von Auersberg! Dann ſeid Ihr die Wahre, erwiederte ich; ich bin der Schankherr Kajetan Zwickler aus der Kärnth⸗ nerſtraße, und habe mit Euch in Angelegenheiten des Junker Siegfried, den Ihr wohl kennen werdet, zu ſprechen. Bei dieſem Namen wurde ſie über und über roth und verlegen; ich aber fuhr fort: Thut nicht ſo ſchämig, mein holdes Fräulein! das iſt ein ganz löblich Ding, wenn man verliebt iſt, und ein Bischen mehr als ſonſt, bringt auch weder Schande noch Scha⸗ den; ich war vor meiner Hochzeit auch ſo was, was man verliebt nennen könnte; beſſer verliebt als betrun⸗ tte 161 ken, wiewohl man in beiden Fällen den Kopf ver⸗ liert!— Nach dieſen Worten fragte ſie: Wo befindet ſich der Junker Siegfried? Antwort: Dermalen in Wien, in meinem Hauſe! Nun wurde ſie noch röther⸗ ich glaubte zu bemerken, daß ſie zu zittern begann, und ſprach: Zittert nur zu, mein Fräulein! ich habe auf dem Slivenza auch gezittert, und bin deßhalb ein meiſterhafter Ehemann geworden, wie es Euch meine Urſula jetzt ſchon darthun kann; d'rum ſprecht: was ſoll ich dem Junker Siegfried ſagen? Um ihr aus der Patſche zu helfen, ſetzte ich gleich hinzu: Ich bin jedoch der Meinung, daß es jedes Falls thunlicher ſein wird, wenn Ihr ſelbſt— Ich ſelbſt? ſtotterte ſie— mein Himmel!— wo Der Himmel, ſchönes Fräulein! hat viele Plätz⸗ chen erſchaffen, wo ſich zwei liebende Herzen ausieeren können.— Mädchen ſind liſtig, beſonders, wenn ſie in ſolchen Umſtänden— ich meine nämlich, wenn ſie ver⸗ liebt ſind!— Sie beſann ſich eine Weile, dann ſprach ſie: Heute Abends werde ich mit meiner Gürtelmagd hier an dieſem Weingarten*) luſtwandeln!— Sie nickte *) Vor dem Schottenthore befanden ſich Weingärten, welche aber in den Kriegen unter Friedrich IW. zum Theil ver⸗ wüſtet, ſpäter ganz verſchwanden. 14 162 mir freundlich zu und ging zurück in die Stadt; ich aber zog hinter ihr her, als wenn ich ſie gar nicht kennete, und verlor ſie auch bald aus den Augen. Mit einer ſolchen Botſchaft mußte der Liebende ſehr zufrieden ſein; er drückte dem vorſichtigen Liebes⸗ boten die Hand und rief: Tauſend Dank! für Eure Mühe; mit Ungeduld blicke ich der wonnigen Stunde entgegen! Kajetan kratzte ſich hinter den Ohren: Das wär' Alles recht ſchön, ich gönne es Euch von gan⸗ zem Herzen, aber— aber— Was habt Ihr für Bedenklichkeiten? fragte der Jüngling erſtaunt. Ganz gerechte! gab der Schankherr zur Antwort; ich bin um Eure Sicherheit beſorgt; nicht etwa vor Dieben und Mördern, ſondern vor Euren Feinden; es ſind viele Laibacher Herren da— weil wir bald in Wien große Feſtlichkeit zu erwarten haben— wenn Euch Einer erkennen würde, dann finge das Uebel von Neuem an!. Siegfried wollte ihn hierüber beruhigen, aber Zwickler entgegnete: Und wenn auch dieß Alles außer Acht bleibt, ſo dürft Ihr zu ſo ſpäter Stunde nicht allein gehen! Ihr ſeid hier fremd, mit Umgebung, Sitte und Brauch unbekannt, wenn Euch etwas zu⸗ ſtieße?71— 163 Dem wäre leicht abzuhelfen, wenn Ihr mich be⸗ gleitet!— Kajetan zog ſich erſchrocken zurück. Ich? ſprach er mit großer Verlegenheit; Heiliger Barnabas! wenn das meine Urſula erführe, daß ich des Nachts — nein, nein— Junker! das geht nicht, da muß ein Anderer gefunden werden! Ein Ehemann, der auf Zucht und Sitte hält, läßt ſich zu ſo was nicht herbei; ſo lang ich ledigen Standes war— ah, da war's etwas Anderes! da bin ich gern Wache geſtanden; aber jetzt, ſintemalen ich mich bald Vater eines Kindes nennen werde, jetzt iſt ſo was nicht im Rechten! So ſehr er ſich auch dagegen wehrte, als er lange genug nachgeſonnen, und keinen Vertrauten herausge⸗ funden hatte, den man in ein ſolches Geheimniß hätte ziehen können, ſo mußte er ſich am Ende doch ent⸗ ſchließen, den Jüngling, wollte er ihn nicht allein gehen laſſen, zu begleiten. Es wurde nun verabredet, daß er und Si fried, ſobald die Bierglocke geläutet haben würde, worauf alle Schankhäuſer geſchloſſen werden mußten, ſich unter dem Vorwande eines Spazierganges aus dem Hauſe entfernen würden. Jedoch— fügte Kajetan, hinzu— müßte Alles unter ſtrenger Verſchwiegenheit geſchehen, damit Urſu la ja nichts erfahre. Jetzt habt Ihr kaum in die Stadt herein geſchmeckt, Junker Siegfried! fuhr er klagend fort, und die Aben⸗ 164 theuer beginnen ſchon wieder, und der arme Kajetan Zwickler wird abermals hineingemengt, und wird vielleicht wieder Püffe und Angſt holen! aber das Eine tröſtet mich noch: daß wir in Wien und nicht in Krain ſind, daß der Weg nur vor's Schottenthor und nicht auf den Slivenza führt: thut mir auch den Gefallen, und ſchweigt vor der Frau Duna, denn wenn ſie auch eine Hexe geweſen, ſo iſt ſie doch ein Weib geblie⸗ ben, und Ihr wißt: bei einem Weibe iſt ein Geheim⸗ niß nicht beſſer aufbewahrt, wie ein Schinderling*) in einer löcherigen Taſche, und wenn meine Urſula den wahren Grund unſeres Ausganges erfährt, ſo iſt es mit dem Hausfrieden gar geworden, und den bekommt man weder bei den Joppnern, Pfeilſchnitzern, noch Tand⸗ lern**) zu kaufen; das werdet Ihr in der Ehe ſchon erfahren! Der Abend nah'te langſam, beſonders ungeduldig von Siegfried erwartet. Der Jüngling hielt ſein Verſprechen und verſchwieg auch Duna ſein nahes Glück. Die Nacht war herangebrochen und die Stunden vorgerückt; das von Siegfried mit Sehnſucht er⸗ wartete e erklang, und bald befand er ſich an *) Eine— ſehr geringfügige Münze. **) Aus den damaligen Satzungen der Handſchneider, iſt ſcho der Handel mit Trödel erkennbar. 165 Kajetan's Seite auf dem Wege zum Schottenthor. Dieſer war zurückgelegt, Beide athmeten ſchon die reine, freie Luft, wie ſie vom Kahlenberg herabſtrömte, und hörten, jedoch halbverklungen, das Rauſchen der Do⸗ nau, welches von der rechten Seite herüberdrang. Die peiden Männer durften nicht lange harren, denn zwei verhüllte Frauengeſtalten kamen durch's Thor, von denen Eine, nachdem ſie der Wartenden anſichtig wurde, einige Schritte zurückblieb; es war die Gürtelmagd des Fräuleins. Kajetan, um kein unwillkommener Störer zu ſein, trat einige Schritte bei Seite. Sieg⸗ fried eilte dem Mädchen ſeiner Liebe entgegen— „Regina!“—„Siegfried!“ ertönte es zu glei⸗ cher Zeit, und ſie lagen ſich in den Armen. Das Herz klopfte am Herzen, die Lippen brannten auf den Lip⸗ pen, ihre Weſen ſchienen in Eins verſchmolzen! Wer die Wonne ſolcher Augenblicke kennt, wird wiſſen, daß ſie den Schmerz jahrelanger Trennung aufwiegt; da ſieht man nichts, da denkt man nichts, da fühlt man nichts, als— Liebe! Die ganze Welt iſt öde und ausgeſtorben, nur ein Weſen bevölkert ſie, und das iſt die Geliebte; der Schmerz verſchwindet, ja ſelbſt alle anderen Freuden erlöſchen, ſo wie die Sterne ver⸗ gehen, wenn die Sonne mit ihrem glänzenden Strahlen⸗ lichte hervortritt. So habe ich Dich endlich, meine Reginal liſpelte 166 der Jüngling, in ſo fern ihm die Freude ſeine Stim⸗ me zu dämpfen nur geſtattete; ſo habe ich Dich nach beinahe Jahresfriſt wieder! o, dieſer Augenblick!— mit einem ganzen Leben iſt er nicht zu erkaufen! Regina wand ſich aus ſeinen Armen, ergriff jedoch ſeine Hand, drückte ſie innig, und zog ihn mit ſich.— Laß uns nicht ſtehen bleiben, bat ſie— es iſt beſſer, wenn wir eine kleine Strecke auf und nieder wandeln, bis Du mir Deine Schickſale mitgetheilt, und wie es zugegangen, daß Du hieher kamſt!— Siegfried erzählte ihr Alles, was er erlebt und geduldet hatte, wie ihn Du na bewogen, nach Wien zu kommen, wo er trachten werde, vor den Kaiſer zu kommen, um ihm die Schurkerei ſeines Stiefvaters zu entdecken. Ach! ſeufzte Regina, als ich an jenem unſeligen Tage Dein Unglück vernahm, wollte ich ſogleich zum Vater und ihm Alles entdecken; allein das alte Weib, welches Du ſandteſt— Welches Weib? fragte er erſtaunt. Nun, Du ſandteſt ja ein Weib zu mir, ich ſollte mich tröſten, und es bei dem Stande der Dinge be⸗ wenden laſſen, indem ſich Deine Angelegenheit nur verſchlimmern könne, und Du jetzt außer aller Gefahr wäreſt; es daher am beßten ſei, die Zukunft abzuwarten. Siegfried konnte nur Duna im Spiel ver⸗ 167 muthen, und mußte ſich jetzt geſtehen, daß ſie klug gehandelt hatte; denn da der Kaiſer noch an jenem Vor⸗ mittage Laibach verließ, ſo hätte er die Aufmerkſam⸗ keit ſeiner Feinde nur noch mehr auf ſich gezogen. Durch längere Zwieſprache klärte ſich zwiſchen den Liebenden Alles auf, und ſie waren mit der Vergangenheit bald in's Klare gekommen. Regina bat ihn, nur ja die größte Vorſicht nicht außer Acht zu laſſen, indem auch die ganze Familie der Katzenſteiner in Wien ſei, die noch immer ob des Truges auf ihrem Schloſſe zu ſeinen er⸗ vittertſten Feinden gehöre; beſonders aber der jüngere Graf Friedrich, welcher damals zu der verkappten Maria von Ottmitſch jene unſelige Leidenſchaft gefühlt batte. Was mich belangt, fuhr ſie fort— ſo wird es gut ſein, wenn Du mich nie ſuchſt; da ich die Wohnung Deines Wirthes weiß, ſo werde ich in be⸗ ſonderen Fällen Dich ſchon zu finden wiſſen, und ſoll⸗ teſt Du mich zu ſprechen unumgänglich nöthig haben⸗ ſo findeſt Du mich täglich in der Nachmittagsandacht vei den frommen Frauen zur„Himmelspforte.“ Die Augenblicke, welche Siegfried in Geſell⸗ ſchaft der Geliebten zubrachte, gehörten zu den ſelig⸗ ſten ſeit langer Zeit. Daß ich Dich nur wieder habe, ſprach er, jetzt will ich gerne wieder Schmach und Elend dulden, Dein Anblick hat mich geſtärkt, Deine Liebe mir wieder Lebensmuth für Jahre verliehen! ————— 168 Nein, nein, Siegfried! Du wirſt nicht mehr Schmach, nicht mehr Elend zu dulden haben; mir ſagt's mein Herz, daß Du die Tage der Prüfung über⸗ ſtanden, daß der bisher welke Baum Deines Glückes zu grünen beginne, und daß ſeine Blüthen nicht ab⸗ fallen, ſondern ſich zum fruchtbringenden Kelche bil⸗ den werden.— Hat meine Regina ſo einen kleinen Propheten in ihrem Buſen, verſetzte der Jüngling; ſo wird er uns vielleicht auch noch Anderes zu künden wiſſen. O, frag' ihn doch, mein Mädchen, ob wir uns auch immer angehören werden, ob Du einſt ganz— ſo ganz die Meine werden wirſt? Und glaubſt Du, fragte die Jungfrau— wenn mein Herz dieß nicht mit tauſend Stimmen riefe, wenn ich daran nicht ſo feſt glaubte, wie an mein einſtiges Erwachen nach dem Tode, daß ich in dieſem Augen⸗ blicke hier ſtünde? Tauſend Dank! für dieſen Troſt! rief der Jüng⸗ ling; wo ſolche Zuverſicht keimt„da kann die Frucht nicht„Täuſchung“ heißen! Aber wähne nicht, Re⸗ gina, daß meine Liebe zu Dir nicht ſo innig ſei, weil ſie ängſtlicher im Hoffen, minder muthig in die Zu⸗ kunft ſah; ach! in deſſen Leben ſich die Begebenheiten ſo häufen, wie in dem meinen, den das Unglück von Tag zu Tag ſo verfolgte, wie mich, den alle— alle hr ir T es b⸗ n er er ie N 160 Hoffnungen bisher ſo getäuſcht haben, wie mich, bei dem iſt es wahrlich kein Wunder, wenn er ängſtlich wie ein Kind wird, welches im Gehen ſich längſt einer Lehne hinzieht, fürchtend, ohne zu fallen! Und bedarfſt Du einer beſſeren Stütze, als Du haſt? fragte Regina ſanft; wer wa liebt, dem kann es nie an Ausdauer fehlen; wer ein ehrlich Gewiſſen im Herzen trägt, der kann an des Himmels Gnade nie verzweifeln, und wer Beides in ſich vereint, der wird hoffen, ſelbſt wenn ſchon des Todes Senſe dem Lebenshalme naht! Ja! rief S—— Du haſt Recht! Wer liebt und betet, kann h d'rum laß uns nie vergeſſen, zu lieben und zu beten! Er ſchlang ſeine Arme um ſie und drückte ſie an ſich. Gute Nacht, mein Leben! liſpelte er.— Vergiß Deine Regina nicht— bat ſie, und Beide ſchieden. Kajetan kam heran. Ihr habt ein Bischen lange gebraucht, J unker! begann er; iſt Euch die Zeit ſo ſchnell verronnenk wißt Ihr, daß Mitternacht ſchon längſt vorüber iſt? Mitternacht erſt? fragte der Jüngling.— So? wollt Ihr vielleicht gar ſchon Morgen ha⸗ ben? meint Ihr, es ſei vielleicht kurzweilig, allein ſtehen zu müſſen im Acker?— Warum bleibt Ihr allein! verſetzte Siegfried launig; Regina's Gürtelmagd— Der Gezeichnete III. 170 Der Schankherr machte einen Seitenſprung und rief: Wollt Ihr mich gar zur Sünde verleiten?! oho, Junker Siegfried, das iſt nicht löblich von Euch! Eine Schlange zu ſpielen iſt keine Kunſt, aber einen Löwen macht nicht jeder nach! Der Menſch iſt nur ein Menſch, und wenn er auch auf dem Slivenza ſeine Erfahrungen gemacht hat! Ach, wenn nur meine Urſula von der ganzen Geſchichte nichts erfährt, ſonſt bin ich ein armer, geplagter Mann, der das Zutrauen auf ſein Lebelang verloren; denn meine Hälfte iſt gut, aber wen ſie einmal auf dem Korn hat, den läßt ſie auch nicht mehr aus dem Auge! Zu Siegfried's Freude langten ſie ohne Ge⸗ fährde zu Hauſe an; der Jüngling ging ſelig und wonnig zur Ruhe.— Es hat dem Himmel gefallen, die Erde mit tauſend und tauſend Annehmlichkeiten zu ſchmücken, ſie ſo recht bunt, reich und wonnig aus⸗ zuſtatten, ſo wie ein reicher Vater ungefähr, der ſeine einzige Tochter in die Arme eines Mannes führt. Die Menſchen, die Kinder dieſer Erde, die Kinder dieſes Weibes, die ſind aber ſcharf geſpalten, ſtreng geſchieden, ſie ſind ſehr ungleich von der Mutter be⸗ dacht; Einige ſchwelgen im Ueberfluß, Andere langen mit Mühe aus, und die Mehrzahl ringt flehend die Hände zur Mutter: ihre Noth zu lindern! So un⸗ gleichförmig auch der Reichthum vertheilt ſcheint, ſo 171 ſtiefmütterlich die Einen bedacht ſind, in Einem Punkte hat die kluge Frau Alle gleich geſtellt; da ſchwankt das Zünglein der Wage nicht haarbreit aus dem Gleich⸗ gewichte: Das Irdiſche hat ſie unter das Völklein geworfen; der Stärkere, der Gewandtere bekam mehr, der Schwächere weniger; das Geiſtige hat ſie vertheilt,— aber Eines erhielten Alle gleich, und dieß iſt das Glück, welches aus dem Herzen ſtrömt. Fürſtin und Bettlerin lieben ihre Kinder gleich ſtark, der Junker und der Gewerksmann lieben ihr Mädchen gleich innig, und der arme, geze ichnete Jüngling, der Verworfene, Verſchmähte, Miß⸗ handelte, mit Hunden Gehetzte,— ihn machte die Liebe ſo glücklich, er ſchlief ſo ſelig, als wäre das Gold des erſt entdeckten Welttheils ſein Eigenthum!! Duna, Siegfried und Kajetan ſaßen bei⸗ ſammen, um Rathes zu pflegen. Die ehemalige Se⸗ herin des Cirknitzer Bodens hatte ſich vollkommen erholt; aber ihre Angelegenheit war bisher nicht wei⸗ ter gediehen, ſie hatte ihre Schweſter noch nicht ge⸗ funden. Mit Mühe erfuhr ſie, daß die Freifrau von Irch ſchon vor vielen Jahren Wien verlaſſen habe, nach Steiermark gezogen ſei, und ſeitdem verſchollen 15* ——————,.——.—— —— 172 war. Wenn ſie ſich auch entſchließen wollte, ſie dort aufzuſuchen, ſo erforderte es die Dankbarkeit, daß ſie jetzt dieſes nicht thue, ſondern dem Jüngling behülf⸗ lich ſei, und ihn nicht eher verlaſſe, als bis er die Mutter gefunden; dann wollte ſie ihr von Neuem beginnen. Die Art, wie S 8 Angelegenheit am beſten zu ergreifen wäre, ſollte berathſchlagt werden. Duna hatte ihr vuu ausgeſprochen, welches dahin ging, vor Allem Sieg fried's Rechtfertigung vor dem Kaiſer zu betreiben. Durch die Geſchäfte des Reiches aufgehalten, ſollte Marximilian erſt Anfangs Juli in Wien eintreffen, allein was konnte man thun, um den Jüngling wäh rend des muthmaßlich kurzen, kaiſerlichen Aufenthal⸗ tes, vor denſelben gelangen zu machen? Das Ding wird um ſo ſchwerer gehen, ſprach Siegfried, da, wie man allenthalben hört, große Feſtlichkeiten im Anzuge ſind; es werden Könige und Fürſten, es wird ſich Alles, was groß und reich iſt, hier verſammeln; und ging es mir ſchon in Laibach ſchwer oder eigentlich gar nicht, wie wird es erſt hier ſein?!— Auf dem geraden V Wege geht es nicht, nahm Duna das Wort; wir müſſen ſuchen, uns eine Em— pfehlung zu verſchaffen.— Siegfried wollte ſich dem kraineriſchen Lan⸗ deshauptmann anvertrauen; dem widerrieth Duna.— W W 173 Im günſtigſten Falle, ſprach ſie, wärſt Du ein Gegenſtand ſeiner Gnade und von Deinen andern Wünſchen um ſo weiter entfernt. Während Beide ſo erwogen und ſich beſprachen, war Kajetan ſinnend da geſeſſen, als er plötzlich auffuhr und ausrief: Ich hab's! beim heiligen Bar⸗ nabas! ſo geht es, oder ich will der einfältigſte Tropf von ganz Wien ſein!— He, Urſula! meine Sonn⸗ tagsſchaube, die farbige Gugel und eine weiße Krauſe! — So geht es! Fragt mich nicht, ich gebe Euch keine Antwort! rief er dem ſtaunenden Paare zu; bis ich zurückkomme, ſollt Ihr Alles erfahren! Urſula brachte ihm die verlangten Gewänder; er warf ſich in ſeinen Feiertagsſtaat und verließ eilig ſeine Wohnung. Die Zurückgebliebenen ſahen ihm verwundert nach, ihre ſtummen Wünſche begleiteten ihn auf den Weg. Kajetan Zwickler ging über den Graben und Kohlmarkt, gegen die kaiſerliche Burg. Nach langem Hin⸗ und Herfragen wurde er dort über einen langen Gang geführt, an deſſen Ende ſich die Woh⸗ nung des Geſuchten befinden ſollte. Der Schankherr aus der Kärnthnerſtraße trat ein, ein Mann empfing ihn, Kajetan erkannte ihn ſogleich.— Nicht ohne Urſache blieb Kajetan eine Weile ſtehen; er erwartete, daß ihn auch der Andere erkennen ſollte, 174 allein dieß geſchah nicht, denn dieſer fragte barſch mit lauter Stimme, wie es ſeine Gewohnheit war: Was wollt Ihr? Zwickler wurde ein wenig betroffen und erwie⸗ derte: Kennt Ihr mich nicht mehr?— Nein!— Sonderbar! ſtotterte der Schankherr. Mein Gedächtniß iſt wie ein Sieb: was Staub iſt, fällt durch! Kajetan nickte mit dem Kopfe und erwiederte: Das meine iſt ebenſo: was grob iſt, bleibt darin liegen. Wer ſeid Ihr? Ein Schankherr aus der Kärnthnerſtraße! So? ich meinte, Ihr wäret vom Lichtenſteg*) her⸗ gekommen! Kajetan verſetzte: Ich habe es noch nicht erlebt, daß denen am Lichtenſteg Einer ausgeriſſen wär', wißt Ihr vielleicht ein Beiſpiel? Ich glaube es vor mir zu haben! Das iſt ſchön, daß Ihr ein Beiſpiel nehmt. Eine Pauſe trat ein, und wir bemerken im Vor⸗ beigehen, daß dieß derbe Geſpräch nicht etwa finſter und raufſüchtig geführt wurde, ſondern mit jener Laune, * Dort befgnden ſich dazumal ſchon die Fleiſchbänke, und deutet hiemit die Anſpielung auf einen Ochſen. mit zas ie⸗ ub te: en. er⸗ bt, nd 175 jenem Phlegma, welches beiläufig zwei heutigen Spaß⸗ vögeln eigen iſt, die ſich in einer muntern Geſellſchaft hänſeln und aufziehen. Nach einer Weile fragte Kaje⸗ tan: Kennt Ihr mich noch nicht? Wenn Grobheiten Einen kenntlich machten, ſo wäret Ihr der Erſte, den ich erkennen müßte. Nennet mir doch Euren Namen! Ich heiße Kajetan Zwickler! Zwickler? Zwickler?— Ich habe den Namen ſchon irgendwo gehört. Vielleicht in Laibach? Richtig, ich beſinne mich.— Seht Ihr? rief jetzt Kajetan, froh, ihn end⸗ lich dahin gebracht zu haben; ich bin ja jener drol⸗ lige Kerl— Der Andere rief: Wen die Leute für drollig hal⸗ ten, der muß ein Narr ſein; wer ſich ſelbſt dafür ausgibt, iſt ein Eſel! Euer unterthäniger Knecht! Herr Kunz von der Roſen! ſchrie Kajetan; deßwegen bleiben wir doch gute Freunde; den Ihr einen Eſel ſcheltet, der iſt ein guter Kerl, und vom heutigen Tage laß ich mir's an die Stirne heften. Da habt Ihr Recht! rief der kaiſerliche Bartſcherer lachend; denn ſonſt glaubt es Euch ohnedieß Niemand. Jetzt ſetzt Euch her.— He⸗ Hannes! befahl er ei⸗ 176 nem Diener— bring' Humpen, Becher, Weißbrod! In⸗ deß erzählt Ihr mir, wie es Euch ergangen und was Euch zu mir bringt. Kajetan ließ ſich dieß nicht zweimal ſchaffen und verſetzte: Ich habe mir, als Ihr mich damals in Laibach getroffen, aus ſelbiger Stadt ein Weib⸗ chen mitgebracht. Nun, da iſt es Euch bisher ziemlich ſchlecht er⸗ gangen? J, bewahre! ich werde bald Vater ſein! Ei, da ſeid Ihr ja zu beneiden! Nun, trinkt! s iſt doch ein Unterſchied zwiſchen dieſem Rebenblut und dem kraineriſchen Kratzer. Das will ich meinen! Aber aufrichtig geſprochen: habe auch ich in meinem Keller kein ſolches Echtblut! Se, Herr Ku nz von der Roſen! könntet Ihr mir nicht von dieſem, für eigenen Gebrauch, oder höchſtens für ausgezeichnete Gäſte ein Eimerchen oder ſonſt was, überlaſſen 2 Ihr Schlingel von einem Leutgeber! meint Ihr, der kaiſerliche Keller wäre da, um die Wiener Schank⸗ häuſer aus demſelben zu verſehen?— Oho! rief Kajetan, iſt das was Beſonderes? Haben's die Wiener einmal dem ſeligen Kaiſer einge⸗ — 127 brockt, ſo könnte es ihnen der Jetzige dafür ein⸗ ſchenken*)! Wurſt wider Wurſt! Mein lieber Zwickler! die Zeiten haben ſich ge⸗ ändert; wißt Ihr, wenn unſer Augsburger Bürger⸗ meiſter**) die Glocken läuten läßt, ſo iſt ganz Deutſchland in Harniſch, und Frankreich beginnt zu zittern! Mit dem Weine iſt's alſo nichts, ſo viel ich ſehe, nahm der Schankherr wieder das Wort; nun ſo muß ich was Anderes erbitten; aber nicht für mich ſondern für meinen armen Junker, der bei mir im Hauſe iſt. Bei Euch im Hauſe? ein Junker? hübſch? Ein ſchmuker Jüngling! Und Ihr laßt ihn im Hauſe? habt Euch erſt ver⸗ ehlicht? welche Unvorſichtigkeit! Bei dem hat es keine Gefahr; er iſt verliebt b is über die Ohren! Ihr fahrt über Prügel und Steiner! Meinethal⸗ ben! ein Narr der mehr gibt, als er kann— Ich nehme Euch beim Wort! rief Kajetan. Wie ſo? Ihr ſeid ein Narr, folglich müßt Ihr mehr geben, *) Kajetan ſpielt hier auf die Empörung der Wiener unter Friedrich IV. an. ) So nannte ein franzöſiſcher Rath Mar imilian einſt ſpottweiſe, worauf er vom Könige obige Antwort erhielt. ——.——— 178 als Ihr könnt; Ihr müßt dem armen Junker zu einer Mutter verhelfen! Das iſt nicht möglich— Ihr müßt ihn rein waſchen!— Bin ich eine Wäſcherin? Ihr müßt ihm zu ſeinem Erbe verhelfen!— Ich habe keine Jura gehört.— Mit Einem Worte: Ihr müßt ihn glücklich machen! Das kann ich nicht; weil ich, mit Einem Worte: kein„Gott“ bin. Ein Narr thut mehr, als er kann! replicirte Zwickler. Hol' Euch der Satan mit Euerem Sprichworte; erzählt mir die ganze Geſchichte und ich will ſehen, was ſich thun läßt! Kajetan begann zu erzählen; nach einer halben Stunde hatte er vollendet. Jener Spitzbube iſt alſo ſein Stiefvater?— forſchte Kunz. Ja, ein Rabenvater! ein Schurke! ein Heide! ein Tiger! Ereifert Euch nicht, lieber Zwickler, denn es führt zu nichts und nützt auch zu nichts; haltet den Junker indeſſen im Zaume, damit man ſeine Ankunft 179 nicht erfährt; ich werde das Meine thun! Jetzt trinkt noch Eines.— Hollah! rief der Schankherr; das war ein köſt⸗ licher Einfall, daß ich mich Eurer entſann! Wie gut war es, daß ich Euch damahls in Laibach getroffen; wenn Ihr'n Mal durch die Kärnthnerſtraße geht, ſo kehrt auch bei Kajetan Zwickler ein.— Ne, ne! zu Euch komm' ich nicht; aber Euer Weibchen will ich mir'n Mal beſehen; wie heißt ſie? Urſula! Puh! das iſt ein unſchöner Name; ſo oft ich „Urſula“ höre, fallen mir immer die zehntauſend Jungfrauen ein. Hoho! rief auch der Fuchs— die Weintrauben ſind zu bitter! Bitter? ne— aber ſie ſind ſehr ſchlecht gerathen! Jetzt behüth' Euch der Himmel, Herr Kunz von der Roſen! Auch Euch, Herr Kajetan Zwickler! Bleibt uns gewogen, Herr kaiſerlicher Rath! Ihr mir auch, mein wäſſeriger Schankherr! Vergeßt nicht Euren Knecht. Ihr auch mich nicht, in Ewigkeit Amen! So ſchieden die alten Bekannten und Zwickler eilte nach Hauſe. Duna und Siegfried hatten ſei⸗ ner Rückkehr ſchon ſehnſüchtig geharrt, und als er endlich 180 erſchien, und ſie ſein freudeſtrahlendes Antlitz erblick⸗ ten, erleichterte ſich auch ihre Sorge, und Beide theil- ten endlich ſein Gefühl ganz, als er ihnen den Erfolg ſeines Ganges mittheilte. Einige Tage vergingen, ohne das Siegfried die Geliebte geſehen hatte; da erwachte der Wunſch hie⸗ zu, und er konnte ihm nicht widerſtreben. Das Herz des Menſchen iſt ein verzogenes Kind; man gebe ihm nur die Möglichkeit, ſeinen Willen zu erreichen, und es wird unaufhörlich die Händchen darnach ausſtrecken. Hat das liebe Kind dann auch noch einen gutmüthigen Vater, oder gar ein trautes Mütterlein— nun, da ver— ſteht es ſich von ſelbſt, daß dem kleinen Schreihals gar nichts abgeſchlagen wird; und ſiehe da! nach kur⸗ zer Friſt reckt das ungezogene Würmlein ſeine Hand nach dem ſilbernen Monde, und weint und jammert, daß es nicht die ſchöne, glänzende Kugel haben kann, die doch ſo leicht zu haben wäre, wenn ſie zu ihm herabſtiege. Iſt dieß nicht die Geſchichte all jener un⸗ glücklichen Leidenſchaften, deren Gegenſtand durch Adel, Würde, Reichthum oder andere weltliche Gränzmarken unſeren Verhältniſſen ſo viel entrückt iſt, wie der Mond der Erde? Wir haben durch unſere Vergleichung mit dem Nachtgeſtirn nicht bedeuten wollen, als ob jene Unerringbaren vielleicht aus anderem Teige geknettet ſeien als wir;— der Himmel bewahre! ich wollte 181 nur den Höhenunterſchied verſinnlichen, den ein Menſch zwiſchen ſich und ſeinem Nebenmenſchen zieht; ein Menſch zwiſchen dem Andern, wo Alle an dem Stück⸗ chen Erde kleben, wie ein Raupenneſt zwiſchen den Zweigen; ein Windſtoß— und ſie ſind zerſtäubt! Es war am nächſten Nachmittage, als Sieg⸗ fried ſich in die angrenzende Himmelpfort⸗ gaſſe begab, um Regina zu ſehen. Er entſann ſich freilich ihres Verbotes, allein die Sehnſucht zog ihn hin, und er beſchloß, damit ſie ihn nicht entdecke, ſich in ein Winkelchen zurückzuziehen, und von dort aus ihren Ausgang abzuwarten. Eine große Volks⸗ menge ſtrömte an dieſem Nachmittage zur Himmel⸗ pfortskirche; es war auffallend, es mußte dort ein außergewöhnlicher Gottesdienſt gefeiert werden. Die Neugierde ließ den Jüngling an einen Vor⸗ übergehenden die Frage um die Urſache dieſes Zulau⸗ fes richten, und er erhielt die Antwort, daß eine No⸗ vize bei den frommen Frauen zur Himmelpforte die Weihe erhalte. Eine gerechte Bewunderung ergreift die Bruſt eines jeden Menſchen bei dem Anblicke eines Opfers, welches ein vielleicht junges Weſen ſeinem frommen Gefühle bringt, indem es der Welt und ihren Freu⸗ den entſagt, und ihr ganzes Erdenwallen dem Dienſte des Himmels weiht. Siegfried betrat mit einem 182 beſonders heiligen Gefühle die geweihten Hallen. Alle Räume des Schiffes waren voll; nur mit Mühe ge⸗ lang es ihm, ſich bis zu einer der ſeitwärts ſtehenden Säulen zu drängen, von wo aus eine Ausſicht über den größten Theil der Kirche geſtattet war. Strah⸗ lenglanz erleuchtete ſelbſt die entfernteſten Räume, ſo daß man jedes Antlitz erkennen konnte. Siegfried's Augen hatten das Mädchen ſeiner Liebe bald heraus⸗ gefunden; Regina befand ſich in einem der vorder⸗ ſten Betſtühle; ſo reizend, ſo lieblich, ganz wieder jenes lufegewobene, überirdiſche Weſen, wie er es in dem Gotteshauſe zu Laibach das erſte Mal geſehen hatte. Ja, es ſchien ihm faſt, als ob ſie noch voll⸗ kommener, noch heiliger geworden wäre; ach, was ſieht die aufgeregte Phantaſie eines Jünglings nicht Alles in der Geſtalt der Geliebten? kein Spiegel vermag jenen Zauber zu bewirken, welchen ein verliebtes Auge hervorbringt. Regina's Züge ſchienen von einem Anfluge von Wehmuth überhaucht; man bemerkte dieß, trotz dem, daß der ungeheure Kerzenglanz ihr Antlitz mit freudigem Roth überhauchte; wahrſcheinlich moch⸗ ten die Gedanken über den bevorſtehenden religiöſen Akt ſie beſchäftigen. Siegfried konnte ſich an dem Anblicke der Lieblichen nicht genug ſättigen, als plötzlich Orgeltöne die feierliche Stille unterbrachen, und in majeſtätiſcher Schöne vom Chore herabrauſch⸗ „— — 17 S* , = 5 183 ten. Die heilige Handlung begann. Das Orgelſpiel wurde von einem wehmüthigen Geſang der Nonnen unterbrochen, welche aus einer Seitenthüre paarweiſe hereinkamen. Ihr langſamer Gang, die düſtern Ge⸗ wänder, die brennenden Wachskerzen in den Händen, der vom Orgelſpiel begleitete Geſang, dieß Alles brachte eine feierliche, faſt erhabene Stimmung hervor. Aller Augen waren dem Zuge zugewandt, denn die weltli⸗ che Neugierde wartete ſchon mit Ungeduld das Er⸗ ſcheinen der Himmelsbraut ab. Sie kam, von zwei der älteſten Nonnen geführt, ganz in Weiß gekleidet, mit einem weißen Schleier überworfen, der das Haupt dicht verhüllte. Hinten nach folgte der Zug der jüngern No⸗ vizen, welche ebenfalls brennende Kerzen trugen. Sieg⸗ fried's Auge begleitete die Geſtalt der Braut mit je⸗ dem Schritte. Es war eine ſchlanke Geſtalt von ſchönen, edlen Formen; ſie ſchwebte dahin, wie ein Wölkchen im Mondenſtrahl; ach! vielleicht eine Lilie, über die der Sturm des Lebens geweht! Wer mag ſie nur ſein? fragte jetzt ein Mann, der neben unſerem Bekannten ſtand. Der, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, er⸗ wiederte:*s iſt eine Krainerin, die der Graf Auers⸗ berg hieher empfahl, und die ſeiner Verwendung die Aufſnahme zu danken hat; ſie ſoll von armen Eltern, aber ein wahrer Engel an Frömmigkeit ſein. Der Him⸗ ——,.—————— . 184 mel laſſe ſie das Glück und die Ruhe finden, welche ſie wahrſcheinlich im wirrenden Lebenstreiben nicht zu er⸗ langen vermochte! Amen! verſetzte der Andere, und das kurze Zwei⸗ geſpräch war beendet. Das die Braut eine Krainerin war, erregte Sieg⸗ frie d's Neugierde und Theilnahme nur noch mehr; war ſie doch auch aus dem Lande, wo er ſo viel geduldet und gelitten, und in welchem er doch den einzigen lichten Stern ſeines Lebens, ſeine Regina gefunden hatte! Der Menſch denkt an ſolche Orte, wo er von Leiden und Beſchwerden heimgeſucht wurde, mit Weh⸗ muth zurück, und es erregt ſeine Theilnahme immer, wenn er Menſchen findet, die dort gelebt hatten, und wenn er auch mit ihnen nie in Berührung gekom⸗ men.— Der Geſang war verſtummt, der Prieſter be⸗ gann das Gebet; tiefe Stille trat ein, man hörte nur den Beter am Altar. Die Nonnen und Novizen, welche rings auf den Stufen knieten, erhoben ſich jetzt. Die Braut wurde vor dem Prieſter geleitet, der ihr die üblichen Fragen vorlegte. Auch dieß war geſchehen; die beiden Nonnen nahmen den weißen Schleier vom Haupte der Braut; ein Myrtenkranz, welcher in Form einer Krone auf demſelben ſaß, wurde jetzt ſichtbar. Sie war bisher immer mit dem Antlitze gegen den Prieſter, und mit dem Rücken gegen den Eingang ge⸗ N—— 185 kehrt geweſen, jetzt ſollte ſie noch Einmal unverhüll⸗ ten Antlitzes ihre Nebenmenſchen ſehen, noch Einmal wurde ihr der freie Blick in's Leben geſtattet; es war ein entſcheidender, ein wehmüthiger Augenblick. Nur noch Einmal— dann war ſie todt für die Menſchen, für Verwandte und Freunde, ſie durfte nur ihrem Erlöſer leben. Die beiden Nonnen ergriffen ihre Arme und wendeten ſie langſam gegen das Volk. Dem Jünglinge war ſchon früher ängſtlich geworden, jetzt faßte ihn ein unerklärliches Beben. Er ſah das blaſſe, kummerſchwere Antlitz der Geweihten an, fuhr erſchrocken zurück und lehnte ſich ohnmächtig in die Arme des nächſtſtehenden Mannes.— Die jetzt ge⸗ weihte Nonne der frommen Frauen zur Himmels⸗ pforte war— Roſina, Valentin Dotitſch's Tochter aus Eirknitz, die erſte jugendliche Liebe ſeines Herzens! In dem Kreiſe, wo der Ohnmächtige war, ent⸗ ſtand Unruhe— Drängen und Drücken. Platz da! riefen mehrere Stimmen— ein Jüngling iſt ohnmächtig geworden!— Tragt ihn hinaus! riefen wieder Andere. — Mit ſchwerer Mühe wurde er bis vor den Ein⸗ gang gebracht; draußen war es bereits Abend gewor⸗ den. Einige theilnehmende Seelen eilten mit Lichtern herbei; Siegfried hatte ſich bereits wieder erholt. Zwei eben vorbeigehende Edelherrn drängten ſich dem 16 3.— ——= 186 Haufen hinzu. Donnerwetter! ſchrie der Eine über⸗ raſcht— den ſollte ich ja kennen? Das iſt ja der— Gezeichnete! rief der Andere. Der Haufe ſtob auseinander; der Jüngling, zu ſich gekommen, erhob ſich raſch vom Boden und ſtürzte wie raſend ſeiner Wohnung zu. —.—.— So wie jedes Schankhaus im damahligen und jetzigen Wien, hatte auch jenes, deſſen Eigner Kaje⸗ tan Zwickler war, ſeine Stammgäſte; das ſind nämlich ſolche Gäſte, denen jedes Getränk mundet, die warme Vertheidiger des Schankherrn ſind, Freunde, Bekannte, Verwandte, oder ſonſt was, die daher nie ausbleiben, ſchon beſtimmte Plätze, Gläſer und heut zu Tage auch Pfeifen zum Rauchen haben, die ſo leicht nicht Platz machen, wenn ſich ein fremdes Schäflein in ihre Mitte verirrt, und mit dem Vorrechte ausge⸗ ſtattet ſind, allen Selteneren, oder gar Fremden, derbe Reden, manchmal auch Grobheiten ſagen zu dürfen. Kajetan hatte mehrere Gewerbsleute aus der Kärnth⸗ nerſtraße, die ſeine Stammgäſte waren; zum Glücke ein ruhiges, munteres, nicht ausgelaſſenes Völklein, welches täglich kam, täglich ging, nie Streit oder Zank hatte, Niemanden hinauswarf, ſeine Zeche be⸗ zahlte, und beſonders des Schankherrn Geſchichten und — in, er e⸗ 187 Schnurren, die Abentheuer ſeiner Krainerreiſe gerne mit anhörten; was blieb unſerem Zwickler noch zu wünſchen übrig?— Einige Tage nach Siegfried's Unfall bei den frommen Frauen zur Himmelspforte, welchen dieſer aber unkluger Weiſe Allen verſchwiegen hatte, war Kajetans Stube wieder ſo ziemlich be⸗ ſucht; er und Urſula bedienten die Gäſte, Sieg⸗ fried und Duna ſchliefen oben bereits, und Meiſter Schnitzenbaum hatte auch ſchon ſein Nachtgläs⸗ chen getrunken. Das ruhige Geſpräch der Stamm⸗ gäſte währte nicht lange, als ein neuer Zuwachs an Zechern kam; fünf bis ſechs Jünglinge jubelten herein, nahmen an einem noch unbeſetzten Tiſche Platz, ſchie⸗ nen jedoch dem Vater Bachus oder Gambrinus bereits gehuldigt zu haben, denn wenn ſie auch noch junge Bürſchchen waren, ſo überſprudelte ihre Laune doch zu ſehr, ſie waren toll und ausgelaſſen. Dem An⸗ ſcheine und ihrer netten Kleidung nach, waren es eine Art Pagen, Diener von jungen Edelherren, welche meiſtens zu Liebesboten und Kundſchaftern verwendet wurden, welche daher die Geheimniſſe ihrer Herrſchaf⸗ ten kannten, da ſie eine Art Vertraute derſelben bil⸗ deten, und ſich hierauf nicht wenig zu Gute thaten. Das ausgelaſſene Treiben der Pagen, wir wollen ſie ſo nennen, machte bei den Stammgäſten finſtere, runz⸗ liche Geſichter; Einer nach dem Andern verlor ſich, zu 188 nicht geringem Verdruße des Gaſtgebers, und bald war Kajetan mit den Andern allein; denn nach ſei⸗ ner Meinung, war in ſolcher Kumpanei für ein jun⸗ ges Weibchen nicht gut weilen, daher er Urſula auch ſchon in die Schlafſtube abgeſendet hatte. Nun wurden die Bürſchchen noch ausgelaſſener. Schankherr! rief der Eine, indem er auf den Wein zeigte, iſt dieß der Beſte, den Ihr habt? J bewahre, verſetzte ein Anderer; das Beſte hat er bereits hinauf geſchafft— es iſt ſein Weiblein! Die ſchenkt er doch nicht aus?— Noch nicht! aber s' kömmt wohl dazu! Herr Page, begann jetzt Zwickler ernſt, treibt Scherz und Geſpeis, ſo viel Ihr wollt, aber laßt mir meine Hausehre unangetaſtet! Es iſt nicht löblich von Euch, das Ihr, ein junges Bürſchlein, ſolche loſe Worte im Munde führt; überhaupt, wie ich noch ſo klein und ſo dünn war, wie Ihr jetzt ſeid, da habe ich gar noch nicht gewußt, daß es einen Adam und eine Eva gab, und von denen, dem heiligen Barnabas ſei's geklagt! ſtammt doch all' das Uebel her.— Ein ungeheures Gelächter der Jünglinge erfolgte; Kaje⸗ tan aber fuhr fort: Es freut mich, daß Ihr lacht; denn eine Rede, die Lachen erweckt, iſt beſſer, denn eine die weinen macht,— aber erlaubt mir die Be⸗ merkung, daß mich zwar Euer Beſuch ſehr gefreut 189 hat, daß Ihr ihn jedoch ſehr kürzen müßt denn die Bierglocke wird gleich läuten. Hol' der Satan die Bierglocke! rief Einer.— Sie iſt für lumpige Schuſter und Schneider, und nicht für Diener von Grafen und Edelherren! Hab' ich nicht recht, Mätzlein? Freilich! ſchrie dieſer, Gewerbsleute trinken Bier, wir aber Wein, und eine Weinglocke wird nicht ge⸗ läutet!— Müßt ſchon vergeben, Ihr Herrleins! verſetzte Kajetan; Ihr mißdeutet die Sache; man hat vor⸗ ausgeſetzt, daß nur Diejenigen eine Erholung im Schank brauchen, die des Tages arbeiten, das ſind Ge⸗ werbsleute; für Jene, welche den ganzen Tag faul⸗ lenzen, für die iſt kein Schank da, ob ſie nun Bier, Wein oder Meth trinken; denn wären in Wien lau⸗ ter ſolche Gäſte, wie Ihr, ſo hätte man es gewiß nicht Bierglocke, ſondern Lump— wollte ſagen, Wein⸗ glocke genannt! Schenk' noch Eins ein, Du kluger, gewiſſenhaf⸗ ter Schankherr! Das thu' ich nicht; denn wenn die Schaarwache kömmt und Euch abführt— So wird mich morgen mein Gräflein wieder herausführen; s' wär' nicht das erſte Mal! 5——— —— 190 Wird auch nicht das letzte Mal ſein! ergänzte ein Anderer. Hollah! rief der, welcher Mätzlein hieß; Wein her!— Wein her!— Man ſah es dem Burſchen an, daß er ſchon mehr als halbtrunken war. Kajetan weigerte ſich ſtandhaft; der Frühere fuhr aber fort: Du bringſt keinen Wein?— daß Dich das Mäuschen beißt! komm her, Freund Schankherr, ich will Dir was erzählen: biſt ein ſittiger Schmeer⸗ bauch, gehſt um Mitternacht mit jungen Landläufern auf die Freite— Kajetan wurde wie vom Schlage gerührt und ſtotterte: Herrlein!— Herrlein!— Ei, Du biſt ein Schelmlein, Schankherr! komm her, Brüderchen! laß Dich küſſen; Du pfuſcheſt uns in's Handwerk, Du biſt ein fetter, wummlicher*) Page, was haſt Du Liebeslohn für den Gang bekommen? Kajetan wackelte mit dem Kopfe und ſah ver⸗ legen um ſich. Welch' ein Glück, daß Urſula nicht da iſt, dachte er; allein das Schlafgemach war gerade oberhalb, die Decke dünn, man konnte jedes Wort hören, und der Racker ſchrie, wie ein Ausrufer auf dem Platze.— Herrlein! rief Kajetan, macht doch keinen Lärm!— *) Wummlich— ſo viel als: kugelrund. 191 Das war Oehl in's Feuer. Hoho! johlte der Betrunkene, fürchteſt etwa, dein Weibel möcht's hören? Komm herab, Du ſchöne Schankfrau! ich will Dir erzählen ein ſchnurriges Mährlein von dem ſchmeerbauchigen Männlein, welches des Nachts vor den Schottnern draußen— Kajetan zappelte an Händen und Füßen. Hei⸗ liger Barnabas! rief er, ſprang auf den Pagen zu und drückte ihm die Hand auf die Lippen; aber dieſer kreiſchte dennoch dazwiſchen durch, in Verfolg ſeiner früheren Rede— auf ſchöne Fräulein harrt; hollah! Regina— ſoll leben! pereat der Landläufer! Pereat! riefen die Pagen, und ein johlendes Ge⸗ lächter erfüllte die Stube, ſo daß Kajetan ſchwitzend, keuchend und erſchöpft auf die Bank taumelte. Hollah! Wein her!— begann der Trunkene von Neuem, und Zwickler gehorſamte dießmal; was ſollte er mit dem Spitzbuben beginnen? der Schelm wußte Alles— wie war er nur zu dem Geheimniſſe gelangt? Komm' her, Schankherrlein! mußt Dich nicht verdutzen laſſen; Page weiß Alles, Page kommt über⸗ all hin, Page erfährt Alles; ſo lange es ein Loch gibt, wo ein Mäuschen durch kann, ſo lang bleibt dem Pagen nichts geheim; vivat! mein Klärchen ſoll leben! ————.——— v—— 192 Hol' Dich der Henker! mit ſammt Deinem Klär⸗ chen! Wenn ich den Gauner mit ſeiner Kumpanei nur ſchon vor der Thüre hätte! Ruf':„vivat!“ ruf':„vivat, Klärchen!“ drängte der Andere in ihn.— Was hab' ich mit Eurem Klär⸗ chen zu thun? grollte Zwickler. Sehr viel, Brüderchen! ruf:„vivat, Klärchen!“ biſt ja eine Stunde lang neben dem ſchmucken Mädel geſtanden, und haſt ſie angeglotzt wie ein Ochs, wenn er ein rothes Fazelettlein ſieht; ruf:„vivat!“ Klär⸗ chen iſt ja die Gürtelmagd des Fräuleins, du Schelm, merkſt Du denn noch nichts? Nun ging dem Schankherrn freilich ein Licht auf: Ich wollt', brummte er, dein Klärchen hätte das Genick gebrochen, ehe es durch's Schottenthor kam! — Die Pagen jubelten über die„g'ſpaßige“ Löſung, als plötzlich die Thüre aufgeriſſen wurde, und die Schaarwache hereintrat. Der Anführer ſprach: Die Stunde iſt vorbei, Schankherr! Ihr werdet gebüßt! Herzlich gerne, entgegnete Kajetan, zahl' ich die Strafe, aber ſchafft mir nur die unwillkommenen Gäſte hinaus!— Das war aber nicht ſo leicht geſche⸗ hen; denn in einem Nu waren alle Lichter gelöſcht, Finſterniß umhüllte die Stube— Krüge, Becher, Stühle ſchwirrten durch die Luft, Kaietan erhielt Püffe und Stöße mehr als er bedurfte, die Schaarwache zog ſich ä r⸗ mei gte ir⸗ del nn är⸗ m/ as n! g⸗ die ie en e⸗ e 193 beſtürzt zurück, ehe man es ſich verſah, waren die Pa⸗ gen entſchlüpft; man hätte eben ſo leicht eine Schaar Mäuſe im Dunkeln fangen können, als die gewandten, aalglatten, in dergleichen Händeln erfahrenen Schelme. Zerſchlagen und zerkratzt humpelte Kajetan zur Thüre, ſchloß ſie, zündete Licht an, durchſuchte die Stube, ob ſich einer dieſer Taugenichtſe nicht etwa unter die Tiſche oder Bänke verkrochen habe, und begab ſich dann in die obere Stube. Am anderen Morgen erſt war er im Stande, über den Vorfall reiflich nachzudenken; er war alſo wieder durch Siegfried in ein Abentheuer gerathen, wel⸗ ches für ihn nicht nur unangenehm, ſondern auch ge⸗ fahrdrohend werden konnte; es kam nur darauf an, weſſen Diener dieſer Trunkenbold von Page eigentlich war; ſo viel, ſprach er bei ſich, iſt gewiß, daß ich in die Patſche gerathen, und daß man ſich hüten ſoll, mit“ Perrn Siegfried einen Schritt außer Haus zu ma⸗ chen; ich glaube, wenn Der einmal auf den Friedhof kommt, ſo erwachen die Todten— das iſt ein wahrer Unglücksvogel!— Er beſchloß, vor ſeinem Weibe ganz natürlich den Vorfall zu verſchweigen, mit dem Jüng⸗ linge aber darüber zu ſprechen. Aeußerſt froh war et, als er nach einigem Spähen und Forſchen wahrzuneh⸗ men glaubte, daß Urſula von dem Tumulte und den unangenehmen Entdeckungen nichts vernommen ha⸗ Der Gezeichnete II. 17 ———— 184 be, und dankte dem Himmel im Herzen, daß er ihr gerade an dieſem Abende ſo einen guten Schlaf geſandt hatte. Sobald es unbemerkt geſchehen konnte, zog er Siegfried bei Seite.— Ihr habt wieder was Sau⸗ beres angerichtet! jammerte er ihm zu. Man muß des Jünglings ſchuldbewußte Lage er⸗ wägen, um ſeinen Schreck ermeſſen zu können; doch wollte er ſich nicht auf den erſten Angriff hin verrathen, und fragte: Wie ſo? Was iſt denn geſchehen? unglück iſt geſchehen,— Unglück wird geſchehen— Ihr ſeid entdeckt! Alſo Ihr wißt es ſchon? fragte jetzt Siegfried traurig.— Ja, Alles— Alles weiß ich!— Ach! wenn ich nur nicht den unſeligen Gang un⸗ ternommen hätte!— Er meinte nämlich zur Himmels⸗ pfortkirche. Ja, ich habe es Euch ja gleich geſagt, daß es beſſer iſt, des Nachts das Bette hüten, als auf die Freite zu gehen. Des Nachts? fragte der Jüngling erſtaunt; es war ja am Nachmittage.— Zwickler ſah ihn mit offenem Munde an. Was ſeid Ihr denn ſo verblüfft? war es nicht am Nachmittage? Kommt nur zu Euch, Junker! es war Mitter⸗ nacht vorüber. r dt er r= es ie es it m r= 195 Ihr ſcheint nicht bei Sinnen zu ſeyn! Beim heiligen Barnabas! wär' auch kein Wunder, wenn man ſein Bischen Verſtand verlöre; mir Etwas weiß machen zu wollen, wo ich ſelbſt Zeuge war! Wie? Ihr wart' Zeuge? Es iſt mit Euch zum raſend werden! Behüt' Euch der Himmel, Junker Sieg fried! ich werde ein anderes Mal wiederkommen, wenn es Euch etwas minder zum Scherzen beliebt, oder wenn Ihr beſſer bei Sinnen ſein werdet! Der Jüngling hielt ihn zurück; er merkte, daß hier ein Mißverſtändniß obwalten müſſe, und es ge⸗ lang ihm endlich, dasſelbe nach längerem Hin⸗und Her⸗ reden zu heben. Nun aber ſtieg Beider Noth noch höher, denn die Mittheilungen eines Jeden vergrößerten nur die Gefahr noch mehr, und aus Allem zuſammen ergab ſich, daß Siegfrie d's Liebesverhältniß nicht nur entdeckt, ſondern auch ſeine Anweſenheit verrathen, und er erkannt war. Seht Ihr, Junker Siegfried! jammerte ſein Hauswirth, was habe ich Euch immer geſagt: Bleibt fein zu Hauſe, auf dem Dielenboden iſt noch Niemand über einen Stein geſtolpert; aber bei Euch iſt jedes Wort vergebens! Ihr ſolltet dort wohnen, wo der Wolf den Gänſen predigt! O, heiliger Barnabas! jetzt bin ich für den geſtrigen Abend ſchon gebüßt; die Pa⸗ 17* 136 genſtrolche haben mich wie einen Stockfiſch geklopft, Heute oder Morgen kann ich noch auf die Schranne und bin ich endlich aus der Patſche draußen, ſo lauf ich Gefahr, von ſo einem Paare adelicher Krautjunker gefangen und abgekehlt zu werden— und wenn meine Urſula erſt die ganze Litanei erfährt, ſo erſchreckt ſie, fällt um, und Ihr habt mich um Geld, Geſund, Re⸗ putation, und um meinen muthmaßlichen Stammhal⸗ ter gebracht. In dieſen Lamentationen wurde der Schankherr durch das eilige Eintreten ſeines Schwiegers, des Mei⸗ ſters Felir Schnitzenbaum unterbrochen.— Was Neues, Junker! Schon wieder ein Unfall, klagte Zwickler im Voraus; denn er glaubte nun feſt, daß es für ſeinen Freund nichts Anderes als Unfälle auf der lieben Erde geben könne! Ein Unfall? rief der Schuhmeiſter; daß ich nicht wüßte! Was gibt es alſo? fragte der Jüngling. Ihr ſollt einen Gang machen! Was? der Junker ſoll aus dem Hauſe? rief der Schankherr; das wird er nicht, ſo lange ich Kajetan Zwickler heiße! Ihr werdet mich doch nicht einkerkern wollen? Einkerkern? Nein, aber hinaus laß ich Euch auch 197 nicht. Ich bin Euer Vater und Hüter, weil Ihr leider Gottes keinen andern habt. Euer Heil und Leben iſt mir auf die Seele gebunden; was würde Frau Duna ſagen, wenn Ihr nicht wiederkehrtet; ſie ſchicke mir ein Paar wandernde Inſeln, oder ſonſt was auf den Hals, und ich kann dann ſehen, wie ich ſie und die Inſeln wieder los werde; wir Beide wiſſen am beſten, wie wir mit ihr ſtehen! Mein lieber Sohn— nahm jetzt der Meiſter das Wort,— ich verſtehe zwar wenig von dem, was Ihr hier geſprochen; aber ſo viel ſehe ich ein, daß Ihr den Junker nicht aus den Augen laſſen wollt. Das iſt aber dießmal nicht löblich von Euch, denn wenn er jetzt mit mir geht, ſo thut er ein chriſtliches Werk. J was, der Junker hat ſchon chriſtliche Werke ge⸗ nug gethan, und iſt übel dabei angekommen; er ſoll jetzt einige Wochen gar nichts thun, als zu Hauſe bleiben. Das geht nicht! rief Schnitzenbaum. Es iſt gut, wenn es nicht geht, ſo bleibt er da⸗ heim! Ich meine, er muß jetzt mit mir! Mit Euch? Wohin denn? Zu einer Sterbenden! Siegfried erſchrak; Kajetan nickte mit dem 1 * * 198 Kopfe: Zu einer Sterbenden? das iſt freilich was An⸗ deres; aber wer iſt ſie denn? Das weiß ich ſelbſt nicht! Ihr wißt„daß ich zu den bekehrten Frauen in der Weihburggaſſe Arbeit lie⸗ fere; ich trage heute ein Paar Schuhe hin, welche für Frau Dorothea, die Meiſterinn im Hauſe, be⸗ ſtimmt waren; die würdige Dame befand ſich gerade bei einer ſiechen, todtkranken Frau, deren letztes Stündlein wahrſcheinlich bald ſchlagen wird; ich rede mit der Meiſterin dieß und jenes, und ſpreche endlich von unſerem lieben Gaſtpaare!— 3wickler ſprang herum, wie ein Schaaf, wenn es die Drehkrankheit bekömmt. Herr Schwieger! Herr Schwieger! rief er, und kratzte ſich hinter den Ohren; was habt Ihr da wieder begonnen! So kommt denn alles Unheil zuſammen? J du lieber Himmel! jammerte der Schuhmeiſter — ſoll man denn nicht von ehrlichen Leuten reden dürfen? Es gibt unterſchiedliche, ehrliche Leute! rief Zwick⸗ ler, bei Einigen iſt es ſehr gut, wenn ſie nie an das Tageslicht kommen, bei Andern iſt es wieder beſſer, wenn man ihren Namen nur dann nennt, wenn kein rother Mantel in der Nähe iſt; das weiß ich Alles beſſer! O, wie gerne ließe ich mich noch einmal 18909 vüßen und klopfen, wenn Ihr nur kein Wort von unſern Gäſten geredet hättet! Jetzt iſt es aber ſchon geſchehen, d'rum hört mir zu, was weiter kam. Heiliger Barnabas! ich weiß jetzt ſchon, was wei⸗ ter kommen wird: die Todtkranke hat Euer Geplauder gehört, und will nun, daß der Junker zu ihr komme. Iſt's nicht ſo? Ja, ſo iſt's!— aber woher wißt Ihr? Du lieber Himmel! wer ſo lang' wie ich, mit Junker Siegfried zu thun gehabt, der weiß, wie bei ihm Alles kommt; die ganze Welt reißt ſich um ihn, die ganze Welt will ihn ſehen, die ganze Welt kennt ihn, und alle Welt bringt ihm Unglück! So war es immer, ſo wird es wahrſcheinlich auch dieſes Mal ſein! In Siegfried war aber eine andere Muth⸗ maßung erwacht. Wie? wenn es eine Anverwandte, oder vielleicht gar ſeine todtkranke Mutter wäre, die ſich in dieß Bußhaus bringen ließ? Er wollte hin, er mußte hin!— Komme nun, was da wolle, ſprach er, ich gehe mit Euch, Meiſter Schnitzenbaum!— Kajetan antwortete: Das habe ich wohl gedacht, daß Ihr nicht„Nein“ ſagen werdet; natürlich, wer vor's Schottenthor und in die Himmelpfortgaſſe läuft, der kann auch in die Weihburggaſſe gehen!— Meinet⸗ „——— 200 halben!— dießmal laß ich Euch noch fort; aber ich und mein Herr Schwieger begleiten Euch. Dabei blieb es auch. Siegfried kleidete ſich an; die beiden Männer, mit derben Knütteln bewaff⸗ net, nahmen ihn in ihre Mitte, und ſo traten alle Drei den Weg in die nah gelegene Weihburggaſſe an. Schon in den früheſten Zeiten war das Augen⸗ merk der wohlthätigen, menſchenfreundlichen Wiener beſonders auf Anſtalten gerichtet, in welchen alte, ver⸗ armte Leute, Kranke, gefundene Kinder u. ſ. w. eine Unterkunft fanden, die ſie nicht nur vor dem Erhun⸗ gern ſchützte, ſondern wo ſie auch mit Allem verſehen wurden, was ihrer Lage und ihrem Alter für ange⸗ meſſen befunden ward. Das herzogliche Spital St. Martin vor dem Werder⸗ dann Widmerthor, das Armenhaus bei St. Marx, die Spitäler St. Johann in Als, der K lagb aum auf der Wieden, St. Lazar gegen das Schottenthor und den oberen Werd zu, liefern hierfür die freundlichſten Beweiſe. Aber ein nicht minder ehrenwerthes Motiv lag der Er⸗ richtung und Stiftung jenes Hauſes zu Grunde„wel⸗ ches zu den bekehrten Frauen zu St. Hiero⸗ nimus hieß, und in welches wir unſere Leſer jetzt führen. Es wurde urſprünglich von einzelnen Bürgern aus freiem Antriebe mit großen Opfern geſtiftet, und in der Folge aus ihrem Communvermögen bedeutend —— — „e 1——„— vergrößert; die Anſtalt ſelbſt konnte in jener moraliſch verderbten Zeit, über deren Sittenverfall alle gleichzei⸗ tigen Geſchichtsbücher von Klagen ſtrotzen, nur will⸗ kommen erſcheinen, und daß ſie erſtanden iſt, zeigt von dem beſſeren Gefühl für Zucht und Ehre, von wel⸗ chem ihre Stifter beſeelt waren. Noch iſt nach Herrn Schlager's Angabe, deſſen Skizzen wir über dieſen Punkt vorliegen haben, eine Bittſchrift der Wiener Bürger vorhanden, welche deren Mißbilligung über das ſchaamloſe Leben, gelegenheitlich der Weinſchenker⸗ Aufhebung im Jahre 1403 zu erkennen gibt; waren ſie daher auch nicht im Stande, der Fluth der Verwor⸗ fenheit, dem Entſtehen der öffentlichen Frauenhäuſer Einhalt zu thun, ſo wollten ſie wenigſtens jenen, welche in den Schoos der Sittlichkeit zurück zu kehren ſich entſchloſſen, welche den Pfad des Laſters zu ver⸗ laſſen, und ſich in die Arme eines bußfertigen, reuigen Lebens zu werfen gedachten, ſolchen wollten ſie min⸗ deſtens ein geeignetes Aſyl öffnen, wo ſie vor Spott, Gewalt und Noth geſchützt, und in ihrem bußfertigen Wandel nie geſtört werden ſollten. Und dieß war das Haus der bekehrten Frauen zu St. Hieronimus in der Weihburggaſſe. Daß Siegfried eine Verwandte oder gar ſeine Mutter in demſelben zu finden fürchtete, erklärt der Umſtand, daß er weder Beſtimmung noch Ordnung 202 dieſer Anſtalt kannte; er wähnte, es ſei ein Aſyl für Verunglückte, und fand einen Beſſerungs⸗ und Reue⸗ Ort für Verworfene. Als unſere Bekannten in das Haus eingelaſſen wurden, ging Meiſter Schnitzenbaum voraus, und meldete der Meiſterin das Anlangen des Fremden, den die todtkranke Dame zu ſehen wünſchte. Der Jüngling wurde in eine kleine Zelle eingelaſſen, wäh⸗ rend Kajetan und ſein Schwieger draußen harrten, um ſeine Rückkunft abzuwarten. Eine dicke, ſchwüle Krankenluft ſtrömte dem Jünglinge entgegen. Das Halbdunkel des Stübchens blendete den kaum Einge⸗ tretenen dermaßen, daß er in der erſten Minute nichts ſah, bis ſich endlich ſein Auge an das Dunkel gewöhnt hatte. Er gewahrte ein Lager ein der Ecke, eine Bank an demſelben; zu Häupten der Stätte ein Mutter⸗ gottesbild, und zu Füßen ein von Holz geſchnitztes Kreuz; durch die auf einander folgenden, zeitweiligen Bewohnerinnen der Zelle, mochten die unzähligen from⸗ men Bilderchen an die Wände befeſtiget worden ſein, welche jetzt denſelben faſt das Ausſehen von Tapeten verliehen. Die Kranke lag mit dem Antlitze gegen die Wand gekehrt, und erſt, als Siegfried den letzten Schritt zum Lager that, wandte ſie ihm das Antlitz zu; ſie hatte früher wahrſcheinlich nicht vermuthet, daß ein Fremder eingetreten ſei.— Dem Jünglinge ——, e—— 3 er ihr goldene Berge verſprach, und ſie ſchon nach 203 zeigte ſich ein ſcheußlicher Anblick! Unter der Decke hervor ſchaute der Kopf und eine Hand. Eine blaß⸗ gelbe Haut über ſpitze Knochen gezogen, ein Paar, aus tiefen Höhlen hervorglotzende Augen, ordnungs⸗ los herumhangende, ſchwarze Haare, bleiche Lippen, die dürre Knochenhand, deren langgezogene Finger faſt wie Krallen anzuſchauen waren; dieß war das Bild des noch lebenden Frauenſtelettes. Siegfrieden perlte der Angſiſchweiß über die Stirne, ſein Herz pochte, ſo wie damals, als er den Freigrafen die Lei⸗ ter des Hochgerichtes beſteigen ſah; es war ganz das nämliche Gefühl, ganz die nämliche Wirkung, und als die Kranke erſt die fahlen Lippen öffnete, und ſeinen Namen liſpelte, da überlief es ihn eiſigkalt; Fieberſchauer rieſelteüber ſeinen Rücken, er erkannte — Walburga. Da lag die Tochter des Cirknitzer Pflegers; ſchon das Haus, wo ſie ſich befand, zeigte, wie tief ſie ge⸗ ſunken; ſo weit war ſie gekommen, um auf ſolche Weiſe zu enden!— Ihr Geſchick ſeit Oſterberg war wieder eben ſo elend, als verwerflich; der beſſere Ent⸗ ſchluß, durch den Anblick des Vaters rege gemacht, erloſch bald wieder. Sie verließ mit einem Venediſchen Faufherrn die Heimath, zog mit ihm nach Wien, wo — — 204 Wochen wie eine ausgeſogene Zitrone verwarf;— dürfen wir hier noch etwas hinzufügen?— Siegfried! liſpelte ſie kaum hörbar, ſo ſeh' ich Euch doch noch ein Mal wieder? Nun— nun wrill ich gerne ſterben! Unſelige Leidenſchaft! ſelbſt von den Armen des kalten Todes umfaßt, glühte ſie noch; ſo wirft der unheimliche Hekla unter Schnee und Eis ſeine glühende Lava aus! Walburga— nahm Siegfried ernſt das Wort— ich will hoffen, daß Euer Wunſch, mich zu ſehen, aus einem andern Borne entquoll, als es bis⸗ her der Fall geweſen; Ihr war't auch eine aus der Zahl derjenigen, die der Himmel geſandt hatte, Kum⸗ mer und Gefahren über mein Haupt zu häufen; aber das Grab iſt die Grenze, über welche hinaus kein Groll, kein Haß geht, wo überhaupt alles irdiſche Fühlen und Denken ſtille ſteht; die Todten ſind un⸗ ſerer Sphäre entzogen! Fühlt Ihr bei Euch, daß es dem Himmel bald gefallen werde, Euch vor ſeinen Richterſtuhl zu ſtellen, ſo nehmt die Verſicherung mit, daß ich Euch vergeben habe, und daß meine Anklage Eure Schuld nicht mehren ſoll. Die Knochenhand faßte Siegfried's Rechte, ihn durchſchauerte ein Gefühl, als ob ihn eine Leiche gefaßt hätte; er fühlte den kalten Druck, doch wollte er der Sterbenden keine Schmach anthun, und ließ ſie gewähren. Es war augenſcheinlich, Walburga war — ——— e, he lte 205 durch den Sturm in ihrem Innern angegriffen, und ſchwächer geworden; ſie wollte ſprechen, aber es ran⸗ gen ſich nur einzelne Laute über ihre Lippen, hie und da ein Wort, aus dem man auf den Sinn des Gan⸗ zen ſchließen konnte. Siegfried glaubte einige Male „Cirknitz“ zu vernehmen und ſprach: Wollt Ihr, daß ich einen Gruß an Euren Vater beſtelle?— Sie nickte.— Seid verſichert, tröſtete er ſie, daß es ge⸗ ſchehen ſoll; Euer Wunſch wird erfüllt werden! Sie ſchloß die Augen, blieb ruhig liegen, hielt jedoch ſeine Hand krampfhaft umſchlungen. In Sieg⸗ fried's Seele regten ſich Betrachtungen über das Le⸗ ben dieſer Unglücklichen. Cirknitz, der Bierbaumer⸗ Tabor, Oſterberg und Wien, dieß waren vier in ab⸗ ſteigender Linie liegende Höhenpunkte; von Einem zum andern führten unzählige Stufen, jede Stufe tiefer, jede Stufe elender, und Walburga war auf allen geſtanden!— Sie, die Tochter des Pflegers, wurde die Geliebte eines Räubers, ſank zur Gauklerin herab, und endete im Hauſe der bekehrten Frauen. Wir führen dieſes ſcheußliche Bild zum letzten Mal vor die Augen unſerer Leſer, denn gleich wird es der Tod un⸗ ſerem Anblicke und unſerem Recht entziehen; aber wir hoffen, daß es einen tiefen Eindruck auf das Gemüth zurücklaſſen werde; kein Stand, kein Alter ſichert vor Fehltritten, aber Beiſpiel, Erziehung, Vernunft und — 206 Religion ſind Schranken dagegen; ſie bilden gleichſam die Lehne, an welche man ſich klammert, wenn der Weg über einen ſchwindelnden Steg führt, unter dem eine grauſende Tiefe gähnt. Wer ſein Ohr verſchließt, das Auge blind ſein läßt, die Vernunft nicht hört, an den Himmel nicht denkt, das Ende nicht erwägt und dem heißen Blute, ſeinen Forderungen und Lü⸗ ſten folgt, der muß ſo vergehen— elend— jammer⸗ haft, unbedauert, unbetrauert; ſeine Nebenmenſchen ſenken ihn in die Grube, ſo wie man eine unliebe Laſt ablegt, der man endlich losgeworden! Kann es etwas Ergreifenderes geben, als ſolch' ein Leben, ſolch einen Tod?— Siegfried ſtand eine Weile da, plötzlich fühlte er in der Hand der Kranken ein Zucken und Strecken — ihr Haupt hob ſich, das Auge öffnete ſich noch einmal, zum letzten Mal; der Mund wurde verzerrt, und zog ſich ſo wie das ganze Antlitz in die Länge, die Decke ſpannte ſich ſtraff, und in der Gegend der Bruſt ſah man vom ſchweren Athmen ihr Bewegen, ein Schrei— heiſer und kreiſchend, ertönte, die dün⸗ nen, langen Finger ſpreizten ſich, wurden kalt; Wal⸗ burga war todt! Durch den Schrei gelockt, ſtürzten Kajetan und Schnitzenb aum in die Zelle; Siegfried wendete ſich ſchaudernd zu ihnen und ſprach: Danket —„ e — 20* dem Himmel, daß Ihr zu ſpät kamt; Ihr habt das Sterben einer Sünderin nicht geſehen! Der Himmel aber iſt ein leitender Vater, ſelbſt den Verworfenſten; wenn ſie nur einen Funken von Reue verſpüren, kehrt er ſein mildes Auge zu; er hatte ſogar einer Walburga ihren letzten Wunſch gewährt, Siegfried drückte ihr die Augen zu, zum ewigen Schlafe! Heißa! Wien iſt da! das Dreikönigs feſt iſt da! Luſtig und munter, fröhlich und wohlgemuth! der Kaiſer kommt, zwei Könige kommen, Biſchöfe, Für⸗ ſten, Grafen, Herzoge, Ritter und Herren kommen; ſchöne, große, reiche, mächtige Herren! d'rum nur lu⸗ ſtig und wohlgemuth: Wien iſt da! das Dreikö⸗ nigsfeſt iſt da! Der Sommer war herangerückt, und hatte die nun zu kommenden allgemeinen Begebenheiten vorbe⸗ reitet. Wien ſollte abermals der Schauplatz eines Welthiſtoriſchen Ereigniſſes werden, wie es ſchon oft der Fall geweſen. Trotz aller Drangſale und Beſchwer⸗ den im Reiche und in Italien, war Kaiſer Mayi⸗ milian's Auge doch ununterbrochen auf Ungarn ge⸗ richtet. Das herrliche Reich war in der größten Ver⸗ 208 wirrung; Wladislaw ſaß auf dem Throne; die Zapo lya's, ſich da ſchon früher zu den höchſten Ehren⸗ ſtellen emporgeſchwungen, ſchienen augenſcheinlich die Rolle jener Major Domus' ſpielen zu wollen, die ihre Könige vom Throne bis zur Zelle drängten; ſie wollten nichts Anderes, als Ungarn nach dem Ab⸗ ſterben Wladislaw's, Polen durch Heurath zu erhalten, und ſomit ihren Stamm an die Stelle des Jagelloniſchen pflanzen. M a rimillian ſetzte dieſen Plänen eingreifende Mittel entgegen. Er ver⸗ lobte ſeine Enkelin Iſabella mit Chriſtian, der die drei ſkandi aviſchen Kronen beſaß, ſchloß mit dem Czaar Jwan einen vortheilhaften Handelsvertrag und ein Angriffsbündniß wider Polen. Er durchglühte den deutſchen Ritterbund, das Joch der ſchmählichen Abhängigkeit von Polen abzuſchütteln, und die mäch⸗ tigen Städte zwiſchen der Oder und der Weichſel und der Seeküſte frei zu machen. Nun erbebte der Polen⸗ könig Siegmund; auch ſeinem Bruder Wladis⸗ law in Ungarn war in ſtärkeren Augenblicken das Joch der Zapolya's unerträglich; er mußte oft durch ſeines Kanzlers Einwirken wider Willen die Augen öffnen, und Beide fühlten nun den Drang, ſich mit Maximilian ernſthaft auszuſöhnen. Die Negotia⸗ tionen begannen. Johann Spießhammer wurde abgeſendet, eine Zuſammenkunft zu bereden, welche 209 die, durch unſelige Zwiſchenträgerei entzweite Gemü⸗ ther der Fürſten nach langer Zeit wieder einmal in brüderlicher Eintracht vereinigen ſollte. Die Königs⸗ brüder trafen in Preßburg ein, wo die Doppelheirath zwiſchen Maximilian's Enkeln Karl oder Fer⸗ dinand und Maria, und Wladislaw's Kindern, Ludwig und Anna beſchloſſen wurde. Da dieſes ſchon im Mai Statt fand, ſo mußten ſich die un⸗ geduldigen Könige des Harrens begeben, weil ſich des Kaiſers Ankunft bis Mitte Juli verzögerte, wo er beide Könige nach Wien einzuladen gedachte, und wo großartige Vorbereitungen zu einem der glänzendſten Feſte getroffen wurden. Am 10. Juli langte Maxi⸗ milian in Wien an, und eilte dann den Königen entgegen; die Nacht vom 15. auf den 16., brachten die Könige mit den Ihrigen zu Bruck an der Leutha und Haimburg zu. Auf der Ebene zwiſchen den bei⸗ den Städten beim Hartem⸗Wald, ohnweit Traut⸗ mansdorf bezeichnete ein rieſiger Baum und ein hoch⸗ auflodernder Scheiterhaufen den Platz der Zuſammen⸗ kunft. Die beiden Könige trafen zuerſt ein; der ſech⸗ zigiährige Wladis law in einer Sänfte, der Polen⸗ könig zu Roß; kaum hatte ſich auf der weiten Ebene von zwei Seiten dieß unzählbare, fremde Volk unter freudiger Kriegsmuſik entſchaart, als plötzlich vom Hart, dem ſchattenreichen Waldhügel herab, heller 18 —.————— 210 Glanz die Augen blendete, und kriegeriſche Waffen in den heißen Sonnenſtrahlen blitzten. Es war der Kai⸗ ſer, umgeben von den Herzogen von Baiern, Wür⸗ temberg und Mecklenburg, von den ſpaniſchen und engländiſchen Geſandten, von Fürſten, Grafen und Herren aus dem Reiche und einem zahlreichen, ſtreit⸗ baren Adel aus allen öſterreichiſchen Landen; auch in dieſem Augenblicke hätten einige Ungarn gerne den Funken des Mißtrauens und der Zwietracht in den Herzen der koniglichen Brüder angefacht; aber der Polenkönig ſprach: Ich bin mit allem Vertrauen in des römiſchen Kaiſers ritterliches Gemüth ſo weit her⸗ gekommen, will auch darin verharren, und mich kei⸗ nes Arg's verſehen. Wer gleichen Sinnes iſt, möge mir und den Meinen folgen; wer aber dem Kaiſer mißtraut, der kann ſeines Weges zieh'n! Alle blieben.— Maximilian, auch ſchon den Sechzigen nahe, erſchien ebenfalls in einer Sänfte. Als er ſich dem errichteten Baum nahete, ließ er die Decke derſelben abnehmen, bot allen die Hand, und rief freudig und hell in lateiniſcher Sprache: Dieß iſt der Tag, den der Herr gemacht hat, laſſet darin uns freuen und fröhlich ſein!— Hierauf erwiederte der Polenkönig eben ſo: Nur wolle Gott! daß dieſe unſere Zuſammenkunft der ganzen Chriſtenheit nutz⸗ und heilſam ſein möge!— Der Ungarkönig wollte „ „ 211 dasſelbe wiederholen, allein er vermochte vor Thrä⸗ nen nicht zu Worte zu kommen. Der neunzehnjährige Prinz Ludwig— als Ungarkönig der Zweite ſeines Namens— heftete das ſchöne Blauauge auf den Jaiſergreis, und ſeine Schweſter, die zwölfjährige Anna, erhob ſich im Wagen und grüßte ihn mit Freundlichen Blicken und Gebehrden. Ein ungeheurer Jubel durchkreuzte die Maſſen, welche aus den ver⸗ ſchiedenartigſten Ländern, durch Kleid und Sitte ge⸗ ſondert, hier nur Ein Volk zu bilden ſchienen. Dieſe erſte Zuſammenkunft währte durch anderthalb Stun⸗ den; eine kleine Jagd wurde auf demſelben Platze weranſtaltet, wobei ſogar ein Hirſch lebend gefangen wur⸗ Dde. Als der Kaiſer das ſchöne Vertrauen des Polen⸗ königs vernahm, dankte er ihm dafür und ſprach: Führwahr! Euer Liebden werden uns mit Ihrem guten Gemüth Urſache geben, daß wir Ihr zu Gefal⸗ len einmal in Ihrem Land einen Auerochſen wollen iagen helfen! König Siegmund lächelte, und er⸗ vot ſich gegen den Kaiſer alles freundlichen Willens. Da es indeſſen Abend zu werden begann, ſo bezog der Polenkönig ſein Nachtlager zu Enzersdorf; Wladislaw mit ſeinen Kindern blieb in Traut⸗ mansdorf, und der Kaiſer mit den Seinen begab ſich nach Laxenburg. Der Tag war überaus ſchön und Ffreundlich, und hielt ſo bis in die Nacht an. — — 212 Der Morgen des ſiebzehnten Juli brach heran; aber auf das herrliche Wetter des vorigen Tages war ein trübes, regneriſches gefolgt. Der Kaiſer brach von Laxenburg nach der Schwechat auf, um dort die An⸗ kunft der Könige abzuwarten. In der Stadt Wien aber begann das Reiten und Kutſchenfahren ſchon mit Anbruch des Morgens; die Straßen und Plätze wim⸗ melten von Menſchen, wiewohl es bereits zu regnen begann und des ganzen Tages hindurch anhielt, ſo wogte und brauſ'te es doch bei St. Marx und längs der Donau hinaus, wie ein Meer, in dem jeder Tropfe ein Menſch war. Auf eine Viertelmeile weit, zogen aus der Stadt 1500 Bürger und Bürgers⸗ ſöhne den Königen entgegen, alle in Scharlach ge⸗ kleidet; vor ihnen, hoch zu Roß, zogen ſechs mit rit⸗ terlicher Würde geſchmückte Rathsherrn; dieſen folgten 600 deutſche Lanzknechte, im Reich geworben, gleich⸗ förmig gekleidet, mit Spießen und langen Handröhren bewaffnet; hinter ihnen die Schulknaben, von denen jeder ein Fähnlein trug, die mit dem Reichsadler und mit den Wappen der Königreiche Hungarn, Böh⸗ men und Polen, insgleichen der Erz⸗ und Herzogthü⸗ mer Oeſterreich, und Burgund, gar bunt bemahlt wa⸗ ren; dieſen folgte die geſammte Kleriſei der Stadt Wien, die den Königen die Heiligthümer entgegen tru⸗ gen, dann die Hochſchule, die Zünfte und Zechen der . t 6. 213 Gewerksmänner mit ihren Fahnen, bei 600 Mann an der Zahl; als dieſer Zug den Königen im freien Felde begegnete, bewillkommte ein Sprecher der Raths⸗ herren die Fürſten mit Gruß und Geſchenken. Darauf reiheten ſich die Wiener den Andern ein, und es begann jener berühmte Einzug, wie die frühe⸗ ren und ſpäteren Jahrhunderte nichts Aehnliches, we⸗ der an Pracht und Reichthum, noch an Herrlichkeit aufzuweiſen haben. Die Glocke ſchlug die fünfte Morgenſtunde, als ſich der Zug in Bewegung ſetzte. An der Spitze be⸗ fand ſich der Hauptmann von Neuſtadt, Melchior von Maßmünſter, ganz geharniſcht, auf getigertem Roß; hinter ihm 200 geharniſchte, in rothe Rennröcklein angethanene Reiſige; dann kamen die Reiſigen des Kardinals von Gurk, dann 160 wohlgerüſtete bairiſche Pferde und Mannen, die auserleſene Reiterei des Markgrafen Kaſimir von Brandenburg mit ihren rothen Gewändern, güldenen Ketten, köſtlichen Weh⸗ ren und ſonſtigen Verzierungen; dann die Roggen⸗ dorfiſchen Speerreiter, und endlich des Hofmarſchalls Leonhard Rauber Reiterei, in ſchwarzen Kleidern, lichten Harniſchen, auf dem linken Arm ein Rad füh⸗ rend. Nach dieſen kam der Markgraf Kaſimir von Brandenburg auf einem getigerten Roſſe, in Gold und Scharlach gekleidet, und der Graf Berchtold von 214 Hennebergz denen folgte der ganze kaiſerliche Hofſtaat mit dem Ober⸗ und Nieder⸗Oeſterreichiſchen Adel, eine auserleſene Schaar, bei 600 Pferden ſtark; viel Auf⸗ ſehens machte eine, ihnen folgende Truppe von Hu⸗ ſaren mit rothen und weißen Fähnlein und mit be⸗ deckten Pferden; die blaugekleideten Moskowitiſchen Bo⸗ genſchützen, mit langen, weißen Hüten und Armbrüſten, und endlich die Tartaren, ſämmtliche mit ihren Trom⸗ peten und Feldpauken, wovon jene der Tartaren einen Schall von ſich gaben, wie im Sommer die Weſpen und Hummeln, aber verſteht ſich, viel lauter; dann kamen alle ausländiſche Reiſige der Königsbrüder, ihre Hofbedienten, hierunter viele Pagen, deren Aermel ganz mit Perlen geſtickt waren, ihnen ſchloß ſich wie⸗ der ein Geſchwader polniſcher Reiter und ein Truppe polniſcher Huſaren an; nun kamen die 13 Edelknaben des Kaiſers, in ſchwarzem Sammt gekleidet, auf ſchö⸗ nen hohen Roſſen; dann der Hofmarſchall Leonhard Rauber in einem lichten Küraß, einen Waffenrock von Goldſtoff und auf geharniſchtem Roß; ihm folgten die deutſchen Erz⸗ und Biſchöfe von Bremen, Paſſau, Laibach und Chiemſee, der Herzog Ludwig von Baiern, jener von Würtemberg und die hungariſchen und pol⸗ niſchen Biſchöfe. Nun kamen die Geſandten von Hiſpanien und England, die zwei Kardinäle, jener won Gurk, und der von Gran, beide im rothen Ha⸗ 315 bit, dem Erſteren wurde von einem Diener der Stab, dem Letzteren, als päbſtlichen Legaten, das vergüldete Kreuz vorgetragen; außerdem waren Beide noch von unzähligen Dienern zu Fuß umgeben; nun folgten die vornehmſten Barone und Magnaten der Könige, mit güldenen Ketten, Perlen und Kleinodien überla⸗ den, in echt orientaliſcher Pracht, wie Geſtalten eines andern Erdtheiles zu ſchauen; darauf kamen ſechs Ehrenholde in ihren Perſevatten, zwölf Trompeter und Heerpauker, die kaiſerlichen Thürhüter, mit den weißen Stäben in den Händen; jetzt ritt König Sigmund von Polen, ein ſtattlicher, freundlicher Herr von 48 Jahren. Er war ganz in Scharlach gekleidet, ein weißſammtenes, rothbefiedertes Barett deckte ſein Haupt, ihm zur Seite ritt ſein Neffe Lud⸗ wig, der neunjährige Kronprinz von Ungarn und Böh⸗ men, in rothen, golddurchwirkten Scharlach gekleidet, mit gepufftem Haar unter dem ſchwarzſammtnen Ba⸗ rett; ſein Roß ſtrotzte von Gold und Silber, Perlen und Edelgeſtein. Beide Reiter waren von hungari⸗ ſchen, böhmiſchen und polniſchen Herren zu Fuß um⸗ geben, deren verſchiedenartige Trachten in niegeſehener Pracht erglänzten. Nun folgte der 60jährige Ungar⸗ könig Wladis law, in einer Sänfte getragen. Dieſe ſowohl, ſammt den Knaben und Dienern, welche die Roſſe leiteten, waren in rothem Sammt gekleidet; der ——— — 216 König hatte jene, ſammt Pferden und Gezeug, vom Kaiſer verehrt erhalten; darauf kam Maximilian, ebenfalls in einer mit rothem Scharlach überzogenen und mit ſchwarzem Sammt gefütterten Sänfte; gleich⸗ farbig waren wieder die nebenhergehenden Knaben und Diener angethan; König und Kaiſer waren umrun⸗ gen von den gewaltigen Grafen und Herren aus den kaiſerlichen Erblanden, alle in ſchwarzem Sammt ge⸗ kleidet und zu Fuß, dann von den ſtolzen Prälaten und Magnaten des Hungarlandes. Hinter dieſen fuhr eine vergoldete, breite Staats⸗Karoſſe, mit allegoriſchen Basreliefs verziert, von acht weißen Roſſen gezogen; in derſelben ſaß Prinzeſſin Anna, Prinz Ludwig's Schweſter, die zwölfiährige Braut eines Kaiſerenkels, ſtrotzend von ſchönem Gold⸗ und Edelgeſtein; vor die⸗ ſer Karoſſe ging der Hofmeiſter der Prinzeſſin, Brze⸗ tislaw von Smichau, rechts und links ritten der Markgraf Georg von Brandenburg und GrafPe⸗ ter von Pöſing; nun folgte noch ein vergüldeter Wa⸗ gen mit 6, und 4 Kutſchen, jede mit 4 Roſſen beſpannt, in welchen ſich der weibliche Hofſtaat der Prinzeſſin befand. Den Nachzug bildeten 800 Reiter des Mark⸗ grafen Georg in grünen, gelben und ſchwarzen Ge⸗ wändern, unzählige Wagen und Reiſige, die aber des Regenwetters halber in Unordnung und Drängen folg⸗ ten. Wir müßten Blätter füllen, wollten wir nur die 217 Namen jener Herren und Grafen aufzeichnen, welche aus den unterſtehenden Ländern herbeigekommen waren; was nur im Stande war, traf ein; auch Jacob Fugger, der deutſche Handelsherr, der Rothſchild jener Zeit war anweſend; Er, deſſen Ahn Hanns Fugger, ein armer Leinweber geweſen, und deſſen Urenkel dann vier deutſche Kaiſer: Friedrich, Max, Ferdinand und Karl V. in ſeinem Hauſe beher⸗ bergte, der ſogar dem Letzteren, bei Gelegenheit einer Unpäßlichkeit das Gemach mit Mahagony⸗Holz heizen ließ, und die ermattende Flamme im Kamine durch Schuldverſchreibungen von 200000 fl. im Werthe belebte; da konnte Karl freilich, als er den königlichen Schatz in Frankreich beſah, ausrufen: Ich habe einen Lein⸗ weber in Augsburg, der zahlt Euch all dieſe Herr⸗ lichkeiten baar aus!! Der Weg des Zuges führte durch die St. Nikolaus⸗ vorſtadt, jetzt Landſtraße, das Stubenthor, die Woll⸗ zeile, gegen St. Stephan. Auf dem Heilthums⸗ ſtuhl, auf dem der Biſchof nebſt der anderen Inſu⸗ lirten Geiſtlichkeit und vielen Standesperſonen der jährlichen Heilthumsfeier beizuwohnen pflegten, auf demſelben befand ſich der Wiener Biſchof Georg Slatkonia mit der Kleriſei und ſprach, als die Könige unter dem Schwibbogen anlangten, den Segen über Herrſcher und Volk, worauf die kaiſerlichen Pfei⸗ Der Gezeichnete III. 19 218 fer und Lauteniſten das Te Deum laudamus auf's Lieblichſte anſtimmten. Hierauf zertheilte ſich der Zug; Kaiſer Marimilian nahm den Ungarkönig, den Prinzen und die Prinzeſſin mit ſich in die Burg, der Polenkönig bezog aber die ehemalige Reſi⸗ denz des großen Hunyadi, in welcher dieſer auch geſtorben, und die in der Kärnthnerſtraße unter dem Namen des Haſenhauſes bekannt war, und auch noch iſt. Der folgende Tag war allgemein zur Ruhe be⸗ ſtimmt; der nächſtfolgende jedoch, das iſt der 19., ver⸗ ſammelte ſchon um die achte Frühſtunde in der kai⸗ ſerlichen Burg die drei Herrſcher und ihre Fürſten und Räthe, bei hundert Perſonen an der Zahl. Drei Thronſitze, in der Mitte der Kaiſer, rechts und links die Könige, nahmen die oberſte Stelle ein; neben dem Polenkönig ſaßen der Reihe nach, Prinz Ludwig, die beiden Kardinäle, die fremden Geſandten, die Erz⸗ und Biſchöfe und die Miniſter der drei Reiche: Un⸗ garn, Polen und Böhmen; neben Wladislaw hin⸗ ab, ſaßen die deutſchen Fürſten und Räthe. Des Kai⸗ ſers erſte Anrede währte eine Stunde lang. Er dankte dem Himmel, daß er die Herzen zu ſolch' freundli⸗ chem Begegnen gelenkt, dann den Königen, daß ſie ſeine Ankunft abgewartet, und die mühevolle Reiſe unternommen; er wünſchte, daß die Zuſammenkunft 21B zur Erweiterung der göttlichen Ehre, zum Heil und zur Wohlfahrt der geſammten Chriſtenheit und zur Unterdrückung des gemeinſamen Erbfeindes gedeihen möge. Er ſprach eindringlich von Türkengefahr, und von den Mitteln, die zu ergreifen wären, um nicht nur den Moslim zu demüthigen, ſondern ihn ſogar aus dem Welttheil zu vertreiben; endlich ermahnte er die beiden Könige, wenn ſie in ihre Lande zurückkeh⸗ ren würden, daß ſie trachten mögen, daß ein ſo lang⸗ verlangter Kriegszug in's Werk geſetzt werde, wozu er— Leib und Gut, Alles, was der höchſte Gott ihm verliehen, getreulich daran zu wagen, geſon⸗ nen ſei! Während dieſer langen Rede waren Aller Augen auf den Kaiſer gerichtet; er ſprach ſo wahr und ſo überzeugend, daß Vielen die Thränen aus den Augen drangen; und ſelbſt ſeine Gegner, deren er beſonders unter den Magyaren keine geringe Anzahl hatte, mußten bekennen, daß ſie niemahls, was ſie jetzt angehört, vermuthet hatten. Als ſich hier auch die einzelnen Partheien unter einander in's Einverſtändniß geſetzt, übernahm der Kardinal⸗Legat das Wort, dankte dem Kaiſer im Namen der Könige und der großen Chriſten⸗ heit, und ſchloß die Verſicherung bei, daß ſich die Erſteren, wie es chriſtlichen Herrſchern gezieme, ver⸗ halten würden. 19* 220 Hierauf wurde die Verſammlung aufgehoben und Jeder verfügte ſich mit den Seinen nach ſeinem Einlager. Abends um die ſechſte Stunde fand in der kai⸗ ſerlichen Burg ein Tanz ſtatt, wozu jeder der Herr⸗ ſcher nur fünfzig Perſonen mitbringen durfte. Dieß war die Gelegenheit, bei welcher die beiden Könige, Prinz Ludwig und Prinzeſſin Anna mit der In⸗ fantin Maria von Hiſpanien zum erſten Mal zu⸗ ſammentrafen. Dieſe wurde durch die baieriſchen Her⸗ zoge und andere Grafen und Herren von ihrer Reſi⸗ denz, dem Eilleyer⸗Hauſe abgeholt, und erſchien ne⸗ ven ihrem Hofmeiſter Georg von Rottal, gefolgt von ihrem ganzen Hofſtaate und den erwähnten Her⸗ zogen und Herren, in dem Tanzſaal. Sie war zehn Jahre alt, erſchien im königlichen Schmuck, grüßte und empfing die Verneigungen der Andern mit an⸗ muthiger Schüchternheit, und doch nicht ohne majeſtä⸗ tiſchem Selbſtgefühl; war ſie es doch, dasſelbe Kind, welches ſechs Jahre früher, alſo in ihrem vierten Lebensjahre, zu weinen anfing, als man ihren kleinen Bruder zum Könige krönte, und als ſie um die Ur⸗ ſache gefragt wurde, zur Antwort gab: Sie weine, daß ſie keine Krone auf dem Haupte habe, da ſie doch ſo gut wie ihr Bruder, eines Königs Kind ſei!— Man ließ ihr zum Scherz auch eine Krone aufſetzen, — 221 worauf ſie ruhig wurde. Als man ihr den Sitz neben dem Prinzen und Prinzeſſin anbot, ſo nahm ſie den⸗ ſelben nicht eher ein, als bis Balthaſar Merklin, der Probſt von Waldkirch in ihrem Namen die frem⸗ den Herrſcher und Gäſte bewillkommt hatte. Nun be⸗ gann der Tanz unter Paukenſchall und Trommeten⸗ klang. Der erſte Reigen wurde angeführt von dem hungariſchen Prinzen und ſeiner Schweſter, welchen die Grafen von Mannsfeld und Weſterburg, der Markgraf Kaſimir und der Herzog von Mek⸗ lenburg mit vier Wachsfackeln folgten; begleitet wur⸗ den ſie von den Hofmeiſtern Brzetislaw von Smi⸗ chau und Peter von Carlaczki. Den zweiten Reigen begann Herzog Wilhelm von Baiern mit der lieblichen Infantin, hinter ihnen die Grafen Henneberg und Hardeck. Den drit⸗ ten führte wieder der hungariſche Prinz mit der Frau von Rottal, der Gemahlin ſeines Hofmeiſters an, worauf die anderen Grafen und Herren folgten. Das Feſt wurde um die zehnte Stunde beſchloſſen. Trotz des Gebothes, nur fünfzig Perſonen mitzubringen, war doch der geräumige Saal gedrängt voll, ein Be⸗ weis, daß die Zudringlichkeit ſchon damahls in An⸗ wendung war. Die nachfolgenden beiden Tage wurden von den Königen und Miniſtern mit Rathſchlägen zugebracht, die jedesmal bis zwei Uhr Nachmittags ——.——— „——— 2½ währten. Der Adel und die Ritter benützten ſie zur Beſichtigung der Stadt, der nahen Luſtplätze und mehrfaltiger Kurzweil in der Burg, auf allen Straßen und Plätzen. Wie dann insbeſondere der Markgraf Georg von Brandenburg mit dem Grafen von Hen⸗ neberg und noch einigen Rittern, in der Burg ein Stechen hielten. Endlich erſchien der Tag Maria Magdalena, der zwei und zwanzigſte des Heumondes, im Jahre des Herrn fünfzehnhundert und fünfzehn. Während wir ſolcher Weiſe unſere Leſer bis zum Glanzpunkte des Dreikönigsfeſtes in Wien gebracht haben, iſt es unſere Pflicht, nun die nachfolgenden Scenen zu erklären und das Intereſſe für unſere Haupt⸗ perſonen nicht ſinken zu laſſen, uns aus dem frohen Gewühl in das ſtille, aber freundliche Haus Kajetan Zwickler's zurück zu begeben, und unſere Aufmerk⸗ ſamkeit von dem Allgemeinen auf das Vereinzelte zu lenken. Zwei Ereigniſſe waren es beſonders, welche unſe⸗ ren Helden ſehr hart trafen, und ihm nicht nur den Aufenthalt in Wien vergällten, ſondern ihm auch mehr als je, die Laſt des Lebens und die Nichtigkeit deſſelben 223 fühlen ließen: Roſina's Weihe und Walburga's Tod. Er konnte es ſich nicht verhehlen, daß er an der Erſteren einzig und allein Urſache ſei, und bei dem Letzteren, wenn auch ohne ſein Verſchulden, mit ver⸗ flochten war. Die Zurückgezogenheit, der Zwang, in welchem er leben mußte, um den Anſchlägen ſeiner Feinde zu entgehen, machten ihn um ſo mißmuthiger, da er ſchon ſeit einigen Tagen auch von Re gina nichts vernommen hatte; aber wie konnte ſie auch in dieſem Wogen und Treiben, in dieſem Strome von Feierlich⸗ keiten und Feſtlichkeiten, wo ſie ſtets von den Lieblingen und Freunden ihres Vaters umrungen war, auch nur Eine Stunde für ſich gewinnen? Ja, ſelbſt der tägliche Be⸗ ſuch der Himmelspforte war ſeither unterblieben. Aber um ſo thätiger waren jetzt ihre und Siegfried's Gegner. Sie hatten abſichtlich dieſe feſtlichen Tage ab⸗ gewartet, dieſes Menſchengewühl von Fremden, wo man ein Verbrechen eher unerkannt üben konnte. Wir finden den Edlen Franz von Naßenfuß im Ein⸗ verſtändniſſe mit Friedrich von Katzenſtein; der Schreck des Erſteren, als er Siegfried in Wien wußte, war ſo außerordentlich, daß er nun Alles zu wagen müſſen glaubte, um den Verhaßten aus dem Wege zu räumen. Er hatte bisher ſo viel erſonnen und erklügelt, um den Stiefſohn zu verderben, und immer war derſelbe durch eine ihm entgegenwirkende Macht — —,.———— ——— 224 über der Tiefe erhalten worden, und nun befand er ſich plötzlich in Wien, wo mit einem Schlage all' ſein Thun und Wagen zu Nichte gemacht werden konnte. Nun erſt bereuete es Naßenfuß, den Jüngling nicht auf unmittelbarem, ſicherem Wege fortgeſchafft, und ihn ſchon in Cirknitz aus dem Leben gebracht zu haben; ein Dolchſtoß, und es wäre vollendet geweſen; aber es gibt viele Menſchen, die mit kaltem Herzen und un⸗ empfindlicher Bruſt ihren Nebenmenſchen um Millionen betrügen, oder ihn in Kerker und Verderben ſtürzen können, während ſie doch zu gewiſſenhaft ſind, einen Mord zu begehen; zu dieſen gehörte Naßenfuß. Er hatte an Siegfried Alles gethan, was nur deſſen Un⸗ tergang herbeiführen konnte; aber er ſelbſt wollte ihn nicht tödten. Dieß war auch jetzt der Fall, nur mit dem Unterſchiede, daß jetzt ſeine Stellung dem Jünglinge gegenüber, eine viel ſchwierigere war; denn Siegfried hatte in ihm— durch welchen Zufall, wußte er nicht— den Stiefvater erkannt. Seit jenem Augenblicke verließ er Krain, in der Furcht, ſein eigennützig Spiel veröffent⸗ licht zu ſehen, und beſchloß vor Allem, ſeine Gattin zu beſänftigen, und dann die weiteren Ergebniſſe mit Siegfried abzuwarten. Nun befand ſich dieſer in Wien; es bedurfte nur eines Zufalls, um die Mutter zu finden, und ihn für lange Zeit vielleicht unangreif⸗ bar zu machen; nun mußte Alles gewagt werden, ihn — pP———„——„— —„„—„— ſ 225 zu verderben; allein nicht er, ein Anderer ſollte es be⸗ werkſtelligen, und hiezu mußte Friedrich von Katzen⸗ ſtein das Werkzeug ſein. Dieſer war ſeit jenem Begebniſſe auf dem väter⸗ lichen Schloſſe über ſeine Leidenſchaft zu Siegfried und die ſchmähliche Täuſchung höchſt erbittert; dieß wußte Naßenfuß, und es koſtete ihm wenig, Jenen durch einige Lügen und falſche Beſchuldigungen, als hätte ſich Siegfried öffentlich jeneß Vorfalls ge⸗ rühmt, und mehr dergleichen, zu reitzen und aufzu⸗ ſtacheln; Friedrich war alſo das Werkzeug geworden, mit welchem der im Verborgenen lauernde Stiefvater den unglücklichen Sohn vernichten wollte. So war der Nachmittag von dem Zweiundzwanzig⸗ ſten herangenaht, als inZwickler's Schank ein Page erſchien, welcher, als er den dicken Kajetan erſah, auf ihn zuging, und nach dem Junker Siegfried fragte. Kajetan ſah den Burſchen verdächtig an: Was wollt Ihr von dem Junker? Ich muß ihn ſehen! In weſſen Auftrage? Das wird nur Er erfahren! Meinethalben, ich will ihn rufen; Ihr könnt ihn ſehen, aber ob dieß auch fruchten wird, weiß ich nicht; wenigſtens will ich dafür ſorgen, daß die Saat nicht gedeihe. ——.————— 226 Er entfernte ſich, und kam mit Siegfried zurück. Als der Bote den Jüngling ſah, zog er ein kleines Brieſchen aus der Bruſt, überreichte es ihm, und entfernte ſich, ohne ein Wort zu ſprechen. Der Jüngling öffnete das Papier und fand einige Zeilen von Regina, welche ihn auf den heutigen Abend vor das Schottenthor lud! Die Freude des Jünglings war außerordentlich; allein Kajetan ſprach: Was tanzt und bockt Ihr da in der Stube herum? meint Ihr vielleicht gar, daß Ihr hinaus gehen werdet? Soll ich der Einladung der Geliebten nicht folgen? I was, Geliebte! wo die Gurgel auf dem Spiele ſteht, da hol' der Henker ein Paar Liebesküße! ich ſage Euch, daß Ihr nicht gehen werdet! Und ich ſage Euch— daß ich ja gehen werde! Wir wollen es ſehen, ich ſperre die Thüre. Und ich ſpringe durch's Fenſter! Aus dem erſten Stockwerke? Aus dem zehnten, wenn es Reginen gilt! Meinethalben hopſt hinab, und brecht Euch das Genick! Ich werde ſpringen, und kein Genick brechen! Heiliger Barnabas! meint Ihr, für Euch ſei das erſte Stockwerk nicht ſo hoch, denn für Andere? und dann wollt Ihr Euch baß in die Gefahr begeben, — „„„—„— 227 abkehlen laſſen, und weiß der liebe Himmel, was noch Alles, und für was? Für gar nichts, für ein Paar ſüße Worte, und vielleicht auch gar umſonſt, denn wer weiß, ob das Ganze nicht eine Falle iſt. Eine Falle meint Ihr? ſprach Siegfried— es kann nicht ſein; da ſeht her, hier ſteht es ja ge⸗ ſchrieben!— Kajetan nahm das Papier, beſah es von allen Seiten und ſprach: Das ſeh' ich wohl, ſchwarz auf weiß; aber was die Hacken bedeuten, weiß ich nicht, denn ich verſteh' mich auf Pippe und Ein⸗ ſchlag, auf Maß und Krug, und nicht auf ſolches Gekraxel; zu was brauch ich's auch? meine Gäſte zahlen baar, und die ſchuldig bleiben, haben Jeder ein Kerbholz— und nach den Einſchnitten zählt man die Maß, und zählen— dem heiligen Barnabas ſei es gedankt! zählen kann ich gut— lieber Drei mehr, als Eins weniger. Will alſo ſagen: wenn ich von dem Allen nichts verſteh', ſo weiß ich doch, daß es möglich iſt, daß das Geſchreibſel falſch ſein könne— das heißt, nicht von dem Fräulein— Wenn es aber nicht indem iſt? Das iſt auch möglich; aber beſſer bewahrt, als beklagt! Siegfried ſann eine Weile nach: Sei es, wie es ſei— ich gehe! Junker Siegfried! ſeid Ihr ſchon wieder ei⸗ 228 genſinnig? Wollt alſo mit Gewalt in's Verderben ren⸗ nen? ich ſag' Euch, der Ueberbringer war einer jener ſchelmiſchen Pagen, die mich geklopft haben. Da glaub' ich's gerne, daß er bei Euch ſchlecht angeſchrieben iſt. Er und die Andern, ſie ſind gar nicht ange⸗ ſchrieben; das ſind loſe Vögel, bei denen es Schade um Schwärze und Griffel wär'; Ihr wollt alſo wirk⸗ lich gehen? Es iſt mein unabänderlicher Entſchluß! Gut, ſo geh' ich wieder mit Euch; man ſoll von Kajetan Zwickler nicht ſagen, er hätte Euch je im Stiche gelaſſen; bin ich Euch in Cirknitz und ſonſt überall gefolgt, habe ich mich neulich für Euch klopfen laſſen, ſo kann es jetzt wieder geſchehen, aber Ihr werdet ſehen, dieſes Mal geht es an die Gurgel! Zur beſtimmten Stunde waren Beide auf dem Wege; aber dieſes Mal mit Schwertern bewaffnet, welche ſie jedoch unter den Gewändern verborgen trugen. Die Nacht war heiter, das Getöſe des Tages verſchollen, Ruhe und Erholung waren ge⸗ ſucht und gefunden, denn das Treiben, welches am Tage auf den Plätzen und in den Gaſſen Statt fand, hatte ſich in die Steinmaſſen hineingezogen, und war dort verſtummt; die Sterne durchpilgerten ruhig ihre —„— 2S9 Bahnen, ſie zogen die blaue Straße dahin, ſo wie Nachtwandler, die an der Decke haften, und nie herab⸗ ſtürzen. Vom Werd herüber vernahm man das Rau⸗ ſchen der Donau, des vaterländiſchen Stromes, der ſich wie eine Rieſenſchlange hinabwälzt, das angrenzen⸗ de Ungarn durchfluthet und mit ſechzig ſchiffbaren Flüſ⸗ ſen in's ſchwarze Meer ſtürzt. Als Kajetan und Siegfried vor den Schottnern anlangten, war noch Niemand auf dem Platze. Zwickler hatte ſich vor⸗ ſichtig in die Arme ſeines jungen Freundes gehangen und ſprach: Wißt Ihr was, Junker Siegfried, da wir noch allein ſind, ſo laßt uns da ſeitwärts hineinlegen und harren, bis Jemand kommt, wir wer⸗ den dann gleich ſehen, wer es iſt; denn ſo gute Au⸗ gen hab' ich ſchon, um ein Fräulein von einem Kraut⸗ junker unterſcheiden zu können. Der Jüngling befolgte den Rath. Sie nahmen eine ſolche Stellung ein, daß ſie die Straße bequem überſehen, und doch nicht auf den erſten Anblick ent⸗ deckt werden konnten. O, Ihr glaubt nicht, Herr Junker— ſprach Kajetan— welch' gute Dienſte ein ſolcher Hinterhalt leiſtet; Heiliger Barnabas! was wär' aus mir und Herrn Remigius auf dem Sli⸗ wenza geworden, wenn wir nicht zwiſchen Buſch und Dorn gelegen wären! das hättet Ihr mit anſehen ſol⸗ len: anfangs nichts als Huſchen und Rauſchen, dann —— 230 flog es wie Nachteulen den Augen vorüber, dann be⸗ gann der Tanz, das Flackern der Flamme, das Ko⸗ chen und Broddeln im Keſſel, der fürchterliche Heren⸗ tanz, und zuletzt dieſes Brüllen vom Baume herab; o, Junker Siegfried! ſeht nur, ich bin ein alter Kauz geworden, aber ich gäbe viel darum, wenn ich wüßte, ob Eure ehrenwerthe Freundin auf dem Bau⸗ me geſeſſen; denn wie geſagt, man kann ihr geradezu nichts Uebles aufbürden, wenn man den rothen Man⸗ tel und ſonſtige Zweideutigkeiten abrechnet, aber— aber— Seht Ihr nicht einen Schatten in der Luft? Schatten? Luft?— wo? Ich ſehe nur unſeren gewaltigen Stadtrieſen, deſſen Scheitel im Grau der Nacht verſchwindet, und der wie ein mächtiger Schirm⸗ herr über unſer liebes Wien wacht. Ich höre Schritte! Mir will's auch ſo bedünken! Feſie, ſtarke Schritte! Ja, ſie haben etwas Feſtes und Starkes! Es ſcheint nicht Reginen's ſchwebender Gang. Das mein' ich auch; das Fräulein müßte denn ein Gehwerk haben, wie einer unſerer Rumorknechte. Beide ſchwiegen eine Weile, dann neigte ſich Kajetan zu Siegfried und flüſterte ihm in's Ohr: Na, was hab' ich geſagt? ſind wir in die Falle ki 231 gegangen oder nicht? Es war noch gut, daß wir et⸗ was früher kamen und dieſen Hinterhalt benützten; o, es läßt ſich nicht beſchreiben, was ſo ein Verſteck für ein gut Ding iſt! Laßt uns jetzt ſachte die Schwerter entblößen! Heiliger Barnabas! ich, ein friedlicher Schank⸗ herr, muß in meinen Ehetagen noch mit Eiſen und Stahl handthieren; o, Herr Junker! zu was habt Ihr mich auf dieſer Welt nicht ſchon vermocht! Ich ſage es Euch aber im Voraus, ich verſtehe mich auf das Angreifen ſchlecht: Lärm will ich ſchlagen, ſo viel Ihr wollt, aber ſonſt ſchlag ich nichts! Zwei Männer waren indeſſen näher gekommen, man hörte ſie ſprechen. Ich glaube, er kommt nicht! ſprach der Eine. Sollte der Schelm den Kniff gemerkt haben? Er kennt vielleicht die Schriftzeichen? Den Teufel kennt er— laßt uns nur harren, er kommt vielleicht noch! Siegfried hatte eine Bewegung gemacht, als ob er ſich erheben wollte; Kajetan hielt ihn mit bei⸗ den Fäuſten. Heiliger Barnabas! rührt Euch nicht, oder wir ſind verrathen! Es ſind ihrer ja nur Zweie! So, wollt Ihr's mit Zweien aufnehmen? Ich habe 232 Euch ſchon geſagt, daß Ihr auf mich beim Angriff nicht rechnen könnt— Halt! was iſt das für ein Geräuſch? ſprach Einer der Männer?— Mir ſchien es auch, als ob ſich's da drüben bewegt hätte; verſetzte der Andere. Kommt, laßt uns den Ort durchſtöbern!— Man hörte ſie gehen. Jetzt kommen ſie; heiliger Barnabas! rührt Euch nicht, oder ſie finden uns! lis⸗ pelte Kajetan. Er wollte nun den Jüngling ferner am Boden feſthalten, allein dieſer riß ſich mit ſolcher Kraft los, daß Kaijetan rückwärts fiel, und ſich um⸗ herwälzte; indeſſen ſprang Siegfried den Männern entgegen, im Rücken erhob Zwickler ein fürchterli⸗ ches Geſchrei; die beiden Andern warfen ſich auf den Jüngling, die Schwerter klirrten, Schlag auf Schlag fiel, daß die Funken durch die Nacht ſprühten— Kaje⸗ tan vergrößerte ſeinen Lärm. Plötzlich war der Kampf⸗ platz in einem weiten Kreis von Bewaffneten umrungen, der immer näher zuſammen floß, und die Kämpfer ſammt dem brüllenden Schankherrn umzingelt hatte.— Eingehalten, im Namen des Kaiſers! gebot der Anführer mit kräftiger Stimme, und Todtenſtille trat ein.— Jetzt überliefert uns Eure Waffen!— Sieg⸗ fried's Gegner wollten einige Einwendungen machen, allein der Andere rief: Im Namen des Kaiſers! und ſie leiſteten Folge. riff ner der rat g* n, nd 23 Jetzt wurde jeder der Gefangenen zweien der Wäch⸗ ter übergeben, auch an Kajetan kam die Reihe; allein er rief: Oho! wollt Ihr vielleicht auch mich feſt⸗ ſtecken? Was hab' ich gethan? hab' ich Euch nicht durch meinen Ruf zur Verhüthung ferneren Unglückes hieher⸗ gelockt? Soll das mein Lohn ſein? Mitgefangen— mitgehangen! lautete die Antwort. Hol' der Henker das Sprüchlein! da kann man auf die leichteſte Weiſe um ſeinen Kopf kommen. Ihr werdet wiſſen, daß ich Eheherr bin, das könnte auch meiner einſtigen Nachkommenſchaft ſchier das Leben koſten! Alle Einwendungen fruchteten nichts, er mußte ſich in ſein Geſchick ergeben, und der Haufe ſetzte ſich gegen das Thor in Bewegung. Als ſie in der Herren⸗ gaſſe anlangten, ſprach Kajetan zu ſeinen beiden Be⸗ gleitern: Wißt Ihr was, Ihr lieben Herren? da Ihr ſchon ſo unerbittlich ſeid, mir für die heutige Nacht ein aufgedrungenes Loſament anzuweiſen, ſo thut mir wenigſtens einen Gang zu meinem Schwieger, zu Liebe; er wohnt im Zwickleriſchen Schank in der Kärnth⸗ nerſtraße, und ſagt ihm, daß ich eines wichtigen Er⸗ eigniſſes halber, heute Nacht nicht nach Hauſe kommen könne. Habt Ihr mich verſtanden?— Man verſprach ihm zu willfahren. —— 234 Der Morgen des Zweiundzwanzigſten verſam⸗ melte die Herrſcher und ihre Räthe wieder im großen Saale der kaiſerlichen Burg; auch die hungariſche Prin⸗ zeſſin Anna war dahin beſchieden, und die feierliche Handlung begann damit, daß ihr der Kaiſer in Ge⸗ genwart der ganzen Verſammlung eine güldene Krone auf's Haupt ſetzte, worüber der Ungarkönig in Freu⸗ denthränen ausbrach. Die Prinzeſſin verehrte dem Kai⸗ ſer dafür einen koſtbaren Kranz von Perlen und Edel⸗ ſteinen. Hierauf ſetzte ſich der Zug gegen die Stephans⸗ kirche in Bewegung. Die Fürſten, Grafen und Herren zu Fuß, auf das Köſtlichſte geſchmückt; der Kaiſer, der Polenkönig und Prinz Ludwig hoch zu Roß, Wladislaw wieder in der Sänfte, die Prinzeſſinnen in einen vergoldeten Staatswagen, gefolgt von ihren Hofdamen in einfacheren Karoſſen. Es war um die neunte Frühſtunde. Die Kirche war indeſſen auf Be⸗ fehl des Kaiſers herrlich geſchmückt worden, das Pres⸗ byterium mit ſeidenen Decken und Tapeten behangen, die in den kunſtvollen Niederländiſchen Webereien ge⸗ ſertiget wurden; die Betſtühle waren mit Goldſtoff überworfen, zwei der Prachtvollſten ſtanden in der Mitte, beſtimmt für die beiden Prinzeſſinnen. Als der Zug daſelbſt anlangte, nahmen der Kaiſer und die beiden Könige ihren Platz zur rechten Seite des Pres⸗ byteriums ein. Neben dem Letztern ſtand Prinz Lud⸗ 235 wig, dann kamen die Engländiſchen und Kaſtiliani⸗ ſchen Geſandten, der Herzog Wilhelm von Baiern, dann jene von Meklenburg und Würtemberg, und viele vornehme Herren der drei Reiche. Hinter den Prinzeſſinnen ſtanden die Geſandten des Königs von Hiſpanien, Herzog Ludwig von Baiern, der Mark⸗ graf Georg von Brandenburg, die Graftn von Henne⸗ verg, Pöſing und Hardeck, und ſämmtliche Frauen des Hofſtaates. Zur Linken hatten ihren Ständ die geiſt⸗ lichen Fürſten, Kardinäle, Erzbiſchöfe7 Prälaten und Pröbſte, ſämmtlich in ihrem Habit; es waren ihrer zwei Kardinäle, zwei Erzbiſchöfe und fünfzehn Bi⸗ ſchöfe anweſend. Maximilian— es war Einer der größten Momente ſeines Lebens— trug eine roth⸗ ſammtene Schaube, der Orden des goldenen Vließes hing auf ſeiner Bruſt, ſein rothſammtnes Barett war mit einem Kleinode verziert, welches mit einem koſt⸗ baren Demant beſetzt war; mün hat ſein ganzes Ge⸗ wand auf eine Million Goldes geſchätzt. Wir können hier bei Beſchreibung dieſes merkwürdigen Ereigniſſes, und dieſes höchſt erhabenen Anblickes nur unſer Stau⸗ nen darüber zu erkennen geben, daß bisher kein vater⸗ ländiſcher Künſtler ihn zum Vorwurf ſeines Pinſels gewählt hat; als Quellen könnten ſehr leicht zwei Ge⸗ mälde benützt werden, die auf dem Schloſſe zu Ni⸗ kolsburg hangen, und welche zwei andere Scenen des 236 berühmten Dreikönigfeſtes darſtellen. Der Biſchof von Wien feierte das Hochamt, welches von der kaiſerlichen Kapelle begleitet wurde, der Kaplan des Kardinals von Gurk betrat die Kanzel, allein des Geräuſches halber, konnte er nicht gehört werden, und mußte in der Mitte ſeiner Rede abbrechen. Schon früher hatte der Kaiſer ſeinen Platz verlaſſen, und ſich in die Sa⸗ kriſtei zum Grabe ſeines Vaters begeben, jetzt unter Paukenſchall und Trompelenklang trat er heraus, vor⸗ an die Fürſten mit dem Reichsapfel, dem Schwert und dem Scepter, dann er ſelbſt, ganz im kaiſerli⸗ chen Ornate, die Krone auf dem geſalbten Haupte. Er näherte ſich der ungariſchen Prinzeſſin Anna, und führte ſie vor, wo der Kardinal von Gran die Trau⸗ ung vollzog. Die anweſenden kaiſerlichen Notarien nahmen die ganze Handlung, ſo wie die folgenden Worte Marximilian's zu Protokoll, er ſprach: „Wiewohl Wir itzund Euer Liebden das Wort gegeben, „daß Ihr Unſere Gemahlinn ſein ſollet, ſo iſt doch „ſolches geſchehen, im Namen Unſerer beiden abwe⸗ „ſenden Enkeln, und in Meinung, Euer Liebden, an veinen von denſelben zu vermählen, denen Wir auch „Euch hiemit ehelich verſprechen. Und weil mein En⸗ „kel Carolus die Königreiche Kaſtilien und Arago⸗ „nien, ingleichen ſein Bruder Ferdinandus das „Königreich Neapel zu erben und zu erwarten yat, i— 237 „ſo erklären und ernennen Wir hiemit Euer Liebden veine Königinn, und wollen Euch zu einer ſolchen ge⸗ „krönt haben!“ Dieß ſagend, ſetzte er ihr eine Krone auf's Haupt, leitete ſie zurück zu ihrem Sitze, worauf Prinz Lud⸗ wig von Hungarn mit der Infantin Maria hervor⸗ trat, welche ebenfalls mit einander getraut wurden. Nach Beendigung deſſen, wurden den vier gekrönten Herrſchern jedem ein Schwert gereicht, und 200 Jüng⸗ linge vom erſten Adel erhielten die Ritterwürde. Hier⸗ auf ſprach der Kardinal von Gran vor dem hohen Al⸗ tar den Segen, Trompeten und Pauken fielen ein, das ve Deum wurde angeſtimmt, und die Feierlichkeit war zu Ende. Vom Stephansthurme erdröhnte die erſte Nach⸗ mittagsſtunde Noch an demſelben Nachmittage wurde auf dem neuen Markte von ſechs ritterlichen Paaren ein Tur⸗ nier und Scharfrennen abgehalten, wozu der ganze Platz in einen großen Wald, und die Häuſer in Prunk⸗ ſäle verwandelt ſchienen, eine unzählbare Menge wohnte dem ſtattlichen Feſte bei; am Abende feierte Maximi⸗ lian die Vermählung Siegmund's von Dietrich⸗ ſtein, mit der ſchönen Barbara von Rottal; er wollte mit dem Staatsfeſte zugleich ein Herzensfeſt 238 geben; denn der Dietrichſtein war der Liebling ſeiner Seele. Maximilian züählte einen großen Kreis von Helden, Gelehrten und Staatsmännern um ſich, er hat ſie alle geehrt und ihnen hochvertraut; den D iet⸗ richſtein aber hielt er wie den Stern ſeines Auges, er ſelbſt bildete ihn heran für die großen An⸗ ſprüche der Geſchäfte und der Waffen; er ſelbſt ſtif⸗ tete dieſe Verbindung mit der Tochter des Hofmar⸗ ſchalls und Hofmeiſters der Infantin, welche das Glück und die Zierde von Siegmund's Leben war; er ſelbſt wollte daher am Tage jener weltgeſchichtlichen Doppelheirath einen nicht minder wichtigen Ehebund für ſeinen Liebling ſtiften. Wie hoch M aximilian ſeinen Siegmund Dietrichſtein hielt, läßt ſich aus dem ermeſſen, daß er auch noch im Grabe mit ihm vereint ſeyn wollte— Beide ruhen in der Georgs⸗ kapelle in der Burg zu Wiener⸗Neuſtadt, unter den Stufen des Hochaltars— Dietrichſtein zu den Füßen ſeines Freundes und Kaiſers! Er ſelbſt und der Hungarkönig führten die Braut zum Altar„zwiſchen ihnen ſaß ſie an der Tafel, auf welcher 300 Speiſen ſtanden, und wo die alte und neue Welt ihr Füllhorn ausgeſchüttet zu haben ſchien, um dieß Silber, Gold und Edelgeſtein zu liefern. Ein Kaiſer, zwei Könige, en der en en rn d 233 ein Prinz, zwei Prinzeſſinnen, eine Königin,*) zwei Kardinäle, Herzoge und Markgrafen, dreizehn Bi⸗ ſchöfe, ſechzehn Fürſten, eine Anzahl von Grafen und Herren ſaßen an jener Tafel; ſo lange die Welt ſteht, wurde noch keinem Freiherrn ſolche Ehre zu Theil!!!*²) Das Feſt währte bis in die zehnte Nachtſtunde, und wurde mit einem Tanz beſchloſſen. Am anderen Tage fanden wechſelſeitige Beſchen⸗ kungen Statt. Der Kaiſer verehrte den Frauen der Prinzeſſin 600 Ellen Sammet, Damaſt und anderen Seidenſtoff; dem Polenkönig ſchenkte er zwei getigerte Roſſe, deren Eines bis auf die Hufe hinab in Stahl und Eiſen gehüllt war, und Beide köſtliches Sattel⸗ zeug aufliegen hatten. Hierüber war Siegmund ſo erfreut, daß er zum kaiſerlichen Geſandten ſprach: „Er nehme dieß Geſchenk zum freundlichen Dank an, und wolle, worin er dem Kaiſer dienen kann, ſich Lebelang zu deſſen Wohlgefallen willfährig finden laſ⸗ ſen!“ Der Ungarkönig erhielt eine mehr künſtlich gear⸗ beitete, als koſtſpielige, ſilberne Weinkanne, und Prinz Ludwig überkam gleichfalls ein getigertes Roß und *) Die Königin von Dänemark. **) Dieſe Tafel, und ein am anderen Tage abgehaltenes Rit⸗ terſpiel, ſind auf den erwähnten Gemählden zu Nikols⸗ burg abgebildet. 240 eine goldgeätzte Rüſtung, nach der Größe ſeines Körpers gefertiget. Am Vierundzwanzigſten ward abermals großer Rathſitz gehalten: alle Beſchlüſſe wurden feſtgeſtellt; nach der Mittagstafel fand abermals ein Rennſpiel ſtatt, welches vier Stunden lang währte, und dem wieder der ganze Hoſſtaat beiwohnte; vom Rennplatze nahm der Kaiſer den Ungarkönig, den Prinzen und die Prinzeſſin mit ſich auf die Burg, wo ſie ſich im engen Familienkreiſe beim Abendeſſen verſammelten. Der Kaiſer hatte ſchon früher mehrere Hundert Gold⸗ und Silbermünzen mit ſeinem Bildniſſe prägen laſſen, welche nun an die Anweſenden zu gleichen Theilen vertheilt wurden, worauf ein Kartenſpiel begann. Ehe man ſich zu demſelben niederließ, bemerkte Marimilian ſeinen luſtigen Freund Kunz, der geſchäftig im Saale umherſchlich, und ſich da viel zu thun machte. Ei, mein lieber Kunz, ſprach er, biſt Du auch da?'s iſt mir lieb; aber wie kömmt es, daß ich Dich in den letzten Tagen nicht zu Geſichte bekam. Ich war immer, wo Du warſt, lieber Vetter! Aber das iſt der Welt Lauf: man wird überſehen, ſo lange man nicht mehr allein iſt. Der Polenkönig wollte ſich ſchier ausſchütten vor Lachen und rief: Meinſt Du etwa gar, wir wären auch Narren? ——————— ————— 241 Bewahre, das habe ich nicht gemeint, königlicher Herr! verſetzte Kunz; der Fuchs iſt auch kein Narr, wenn er mit dem Löwen Bündniß macht! Alſo bin ich es vielleicht gar, in Deiner Mei⸗ nung? rief Max. Du? Nein! Du biſt es auch noch nicht; aber bei meiner Narrenkappe! Du haſt Geſchick, Du kannſt's noch werden! Sieh', Freund Max, man munkelt ſich in die Ohren: Du ſelbſt würdeſt um die ſchöne ungariſche Prinzeſſin freien, mit der Du Dich im Na⸗ men Deiner Enkel verlobt. Spricht man dieß? lachte der Kaiſer; nun ja, es hätte geſchehen ſollen; aber wir ſind zu gewiſſenhaft, um das holde Kind zur jungen Wittib zu machen, die dann, ihrem Stande gemäß, nicht ſo leicht einen zweiten Ehemann finden dürfte.*) Das wäre gerade die geringſte Sorge, verſetzte Kunz, es hat noch jeder Topf einen Deckel gefunden; iſt kein güldener da, thut's ein ſilberner, im Noth⸗ fall auch ein eiſerner; Eiſen deckt Alles! Ja, ja, verſetzte der Kaiſer, mehr ernſt⸗, als ſcherzhaft; Eiſen deckt Alles!— Hierauf begab er ſich zum Spieltiſch, wohin ihm Kunz von der Roſen folgte. Während des Kartenſpieles wurde, ohne dieſes 0 Hiſtoriſch. Der Gezeichnete III. we—— 242 zu unterbrechen, folgendes Geſpräch geführt. Kunz machte die Bemerkung, daß die Spielmünzen erſt aus der Präge gekommen, und erbat ſich eine vom Kaiſer; er erhielt eine ſilberne; damit nicht zufrieden, ſprach er: Ei, ei, Freund Marxlich liebe wohl die Weisheit, aber das Weiße nicht! Weiß iſt eine Farbe, die mich an viel Unangenehmes erinnert; w eiß iſt die Farbe des Schreckens, weiß iſt die Kreide, womit der Her⸗ berger meine Reſte notirt, weiß iſt das Haar des Menſchen, der das Unglück hat, alt zu werden; wenn man von Jemandem ſagen will: er hat mich betrogen, ſo ſagt man: er hat mir was weiß gemacht; weiß iſt der Schnee im Winter, weiß ſind die Scheitel der Gletſcher; weiß iſt die Farbe des Todes, d'rum liebe ich das Weiße nicht! Gib mir etwas Gelbes! Der Kaiſer nahm die Silbermünze zurück und reichte ihm eine güldene dafür.— Schon wieder ge⸗ wonnen! rief der Ungarkönig dazwiſchen, meine Anna hat viel Glück im Spiele! Kunz verſetzte darauf:'s iſt immer ſo: der Reiche wird immer reicher! Die ſchöne Prinzeſſin wird von nun, wie man ſpricht, 25000 Dukaten Nadelgeld bekommen, und jetzt gewinnt ſie Euch auch noch ein Paar Goldſtücke ab. Ei, Kunz!— rief der Kaiſer— ſag' mir nur, woher weißt denn Du alle unſere Verträge, die wir ab⸗ 243 geſchloſſen haben? Kümmerſt Du Dich denn auch um Politik? O, ich kümmere mich um Nichts und weiß doch Alles! Sieh', ich weiß, daß Du jetzt ſelbſt noch nicht weißt, welcher Deiner Enkel, die ſchöne Prinzeſſin, bekömmt; Du möchteſt dem Einen gern das geiſtliche, dem Anderen das weltliche Regiment vertrauen; da jedoch] Letzterer mit Renata von Frankreich verlobt iſt, ſo willſt Du das Bündniß wieder löſen laſſen; dann weiß ich— ja, dann weiß ich— aber das ſag⸗ ich nicht! ein Narr ſagt Alles, was er weiß; da aber keine Regel ohne Ausnahme iſt, ſo will ich beweiſen, daß auch ein Narr in gewiſſen Augenblicken klug ſein kannz ich weiß nichts mehr und ſag' auch nichts mehr! Das Spiel währte fort, der Kaiſer verlor nach und nach Alles.— Laß' gut ſein, Vetter Max!— tröſtete ihn Kunz— Du haſt eine Anwartſchaft auf ein großes Reich gewonnen, Du kannſt ſchon die Paar Goldſtücke verlieren! Aber wie kommt es denn, daß Du mich früher gar nicht fragteſt, zu welchem Zweck ich ienes Goldſtück bedürfe, welches ich von Dir gefordert? Du wollteſt es wahrſcheinlich aufbewahren zum Andenken an die feſtliche Zeit! J, behüthe der Himmel!— rief Kunz— ver⸗ ſchenken wollte ich es! 21* ———— — 244 Verſchenken? Wem denn? Einem Menſchen, der Dir einmal das Leben ge⸗ rettet! Ein kaiſerliches Leben— verſetzte Max— lohnt man nicht mit Gold, und überhaupt nicht mit Einem Goldſtück! Es iſt aber beſſer, man lohnt es mit Etwas, als mit gar nichts! Max ſprang auf: Kann man mich je der Un⸗ dankbarkeit zeihen? Bleib' ruhig, Vetter Max! bat Kunz— ſonſt verdirbſt Du Alles, und verſchütteſt das Kind ſammt dem Bade, ſo wie Du es in Laibach gethan! Der Kaiſer ſah ihn fragend an, und ließ ſich auf ſeinen Sitz nieder: Jetzt erkläre Dich, ich will Deinen Worten Gehör ſchenken! Kunz begann dem Kaiſer den Vorfall zu Lai⸗ bach in's Gedächtniß zurückzurufen: wie er dem Ret⸗ ter den Dienſt zu vergelten verſprochen, wie es bisher aber noch nicht geſchehen ſei.— Wer war der Mann? — forſchte der Kaiſer. Der Edle von Naßenfuß! Warum kam er nicht an unſeren Hof? Weil er wahrſcheinlich fürchtete, vor Dir zu er⸗ ſcheinen. Fürchten? hierzu hat er keinen Grund; das, was 245 er an Uns gethan, muß ihm nur Zutrauen, und keine Furcht einflößen. Ja, wenn Er es wirklich gethan hätte; aber es war ſein Stiefſohn, der Alles that, den der Herr Va⸗ ter aber betrog, hinterging und— mit einem Worte: ganz verderben wollte, weil er deſſen Vermögen ſeinem eigenen Sohne in die Hände ſpielen will! Das Spiel war zu Ende. Der Kaiſer erhob ſich und ſprach: Kunz! Du folgſt mir ſpäter in mein Gemach; ich will Deinen Bericht mit mehr Ruhe an⸗ hören, und ihn einer größeren Ueberlegung würdigen. Er unterhielt ſich noch einige Zeit mit dem Könige und den Prinzeſſinen, dann verließ er den Saal, und die Anderen zogen ſich zurück in ihre Gemächer. Am anderen Morgen war es in einem Vorzim⸗ mer der kaiſerlichen Wohnung mehr lebhaft wie ſonſt. In demſelben befanden ſich vor Allem zwei Edelherren, die wohl koſtbar gekleidet, aber keine Waffen trugen, daher auch vermuthen ließen, daß ſie Gefangene ſeien. Zwei Leibdiener, ihnen zur Seite, beſtätigten dieſes noch mehr. Die beiden Herren ſprachen eben leiſe mit einander, als ſich die Thüre öffnete, und eine zweite Gruppe eintrat. Dieſe beſtand wieder aus zwei bewaff⸗ neten Leibdienern und aus Siegfried und Kaje⸗ tan. Die Letztern waren kaum eingetreten, als Er⸗ ſterer auch die Edelherren erkannte: es war der Edle 246 von Naßenfuß, ſein Stiefvater— und Friedrich von Katzenſtein. Siegfried erbleichte, hielt ſich an Kajetan und lispelte ihm Etwas zu, worauf dieſer laut ausrief: O, du heiliger Barnabas! jetzt geht mir ein Licht auf! gebt Acht, Junker Siegfried! wir kommen vor den Kaiſer, und die Geſchichte wird ſich auf Einmal zu Eurem Beſten kehren; das Gute, der Gerechte muß ſiegen, ob früher oder ſpäter, gleich⸗ viel, einmal geſchieht's doch; und Ihr, Herr von Naßenfuß! jetzt wiſſen wir Eueren Namen, hät⸗ ten wir ihn früher gewußt, ſo wär dieß Alles nicht gekommen; Ihr ſollt ſchlechten Lohn für Euer un⸗ menſchlich Handeln haben, denn wißt es nur: kaiſer⸗ liche Majeſtät weiß Alles, ſie hat es durch mich er⸗ fahren. Ihr mögt Euch indeſſen an finſtere Stuben und vergitterte Fenſter gewöhnen; für den letzten Mordanſchlag werde ich beſonders Genugthuung ver⸗ langen, denn der hat auch mich getroffen, und es hätte, wäre ich nicht ſo gut auf den Hinterhalt be⸗ dacht geweſen, leicht kommen können, das Ihr der ganzen Reihe der Zwickler plötzlich ein Ende ge⸗ macht, was aber der Himmel verhüthet hat! Naßenfuß war bei Siegfried's Anblick bleich geworden, und Zorn und Wuth kämpften in ſeinen Zügen; der junge Katzenſtein ſtand beſchämt da, und hatte das Haupt zu Boden geſenkt. Jetzt trat 247 Kunz von der Roſen aus dem Gemache und winkte den Gegnern, einzutreten. Der Kaiſer, ganz einfach, im dunklen Hauskleide, ſaß an einem kleinen Serpenttiſch⸗ chen, in der Mitte zweier ſtattlicher Herren; dieſe waren Johann von Auersberg, der kraineriſche Landes⸗ hauptmann und der Graf Katzianer von Katzen⸗ ſtein. Der Kaiſer nahm das Wort: Vor Allem zu Euch, junger Mann!— dieß galt Friedrich von Katzenſtein— Ihr ſeid der Sohn eines heldenmü⸗ thigen Vaters; erhebt Euch und nehmt den Unfall als Strafe für Euer unedel Benehmen hin; wer einen Wehrloſen verlockt, um ihn am Leben zu überfallen, verdient eine große Strafe; allein Wir ſehen Euch als ein verführtes, boshaftes Kind an, und verweiſen Euch aus unſerer Stadt, nach Eurem Vaterlande, in der An⸗ hoffnung, daß Ihr von nun an, Euch eines beſſeren Wan⸗ dels befleißen, und dieſe Demüthigung Euch zu Gemü⸗ the ziehen werdet. Er winkte, und Friedrich verließ beſchämt das Gemach. Der Kaiſer wandte ſich jetzt zu Na ſ⸗ ſenfuß mit zürnender Stimme: Habt Ihr ein menſch⸗ lich Herz in Eurem Buſen? Das ganze Lebensglück eines unſchuldigen Jünglings ſo zertreten zu wollen, fürwahr! man ſollte glauben, Ihr wäret jedes beſſeren Gefühles bar, und könntet nur für Gold und Gut em⸗ pfinden. Ihr habt den Armen verläumdet, habt ihn 248 unerlaubter Künſte angeklagt, habt ihn als einen Verworfenen erklärt, und ihn ſelbſt vor Unſeren Au⸗ gen der Lüge und des Betruges geziehen, während er allein Unſer Retter vor jenem Schlangengezücht war, das Wir, dem Himmel ſei's gedankt, zertreten haben; Er verrichtete die That, und Ihr wolltet den Lohn ärnten. Wir gönnen Euch eine Friſt von drei Mon⸗ den, binnen welchen Ihr ſammt Eurem beweglichen Hab und Gut Unſere Lande verlaſſen haben müßt. Wir werden bis dahin Sorge tragen, daß jenes Band, welches ein hülfloſes Weib an Eure Seite kettete, ge⸗ lös't, und Euer unbeweglich Gut für Euren Sohn verwaltet werde. Flieht Unſer Antlitz und all' Diejeni⸗ gen, an denen Ihr ſo unmenſchlich gehandelt habt. Wir überlaſſen Euch als Strafe der Pein Eures bö⸗ ſen Gewiſſens und der unſtäten Flucht eines Men⸗ ſchen ohne Vaterland. Franz von Naßenfuß floh zerknirſcht aus dem Gemache des Kaiſers.— Nun wandte ſich dieſer zu Siegfried: Erhebe Dich, mein Sohn! Du haſt viel gelitten und geduldet, Du haſt Dich um Unſere Perſon verdient gemacht, Wir haben Dich verkannt, und der Züchtigung des Henkers Preis ge⸗ geben; Wir wollen Dich Alles vergeſſen laſſen, ſelbſt was die Natur an Dir verſchuldet; jenes unſelige Zeichen, wiewohl Wir's nicht Ferlöſchen können, ſo — 249 wollen Wir's doch unſchädlich machen; Du ſollſt, wenn Du ein Mann geworden, Uns nahe ſtehen; Wir hof⸗ 6 fen dadurch, dem allgemeinen Vorurtheil, dem Wahn am beſten zu begegnen, wenn Wir ihm kühn die Stirne biethen. Doch Du biſt noch jung, Dein Vater iſt todt, Deine Mutter ein ſchwaches Weib, den Stief⸗ vater haben wir verbannt; Wir müſſen Dich daher einem tüchtigen Schutze anvertrauen. Mein lieber Graf von Auersberg, Euch übergeben Wir den jungen Freiherrn Siegfried von Irch als Euren Sohn, als Unſeren Retter— brauch' ich noch Etwas hinzu⸗ zufügen? Nein, mein kaiſerlicher Herr!— ſprach der Lan⸗ deshauptmann freudig;— ich verſtehe Euch ganz! Damit ging er auf Siegfried zu, ſchloß ihn in ſeine Arme, drückte ihm einen Kuß auf die Stirne und ſprach mit feſter Stimme: Du ſollſt mein Sohn ſein, nicht nur dem Worte, ſondern dem Sinne nach! Siegfried umklammerte den Grafen, denn ihm drohten die Sinne zu ſchwinden. Der Kaiſer nahm nun abermahls das Wort: Nun? iſt noch Jemand in dieſer Angelegenheit da? Was will der Mann dort? er deutete hiebei auf Kajetan. Kunz trat raſch hervor: Dieſer Mann, Gevatter Max, iſt der Schank⸗ herr Kajetan Zwickler aus der Kärnthnerſtraße. Er gehört zwar nich unmittelbar hieher, aber er war — 250 wider ſeinen Willen in dieſe Begebenheit mit ver⸗ wickelt. So kann er z. B. damit umgehen, Egel zu fangen; er beſucht, wenn es ſein muß, einen Hexen⸗ tanz, und befand ſich auch eine Zeitlang auf dem Bierbaumer⸗Tabor; in Laibach half er den Freigrafen fangen, wiewohl Einige behaupten: er hätte das Fer⸗ ſengeld genommen; hier in Wien ſchenkt er Bier und Wein, und hat bei dem letzten Anfalle auf den Frei⸗ herrn von Irch recht wacker ge— gefochten meinſt Du vielleicht? o, bewahre der heilige Barnabas! er hat nur geſchrieen! Kajetan hatte während dieſer Rede verſchiedene Geſten gemacht, welche ſeine Unzufriedenheit verriethen; er wollte den Sprecher unterbrechen, allein bei dieſem ſprudelte es ſo geläufig über die Lippen, daß er dieß nicht ſo leicht thun konnte; jetzt aber, da Kunz en⸗ dete, ſetzte er raſch hinzu: Ja, Majeſtät! Er hat zwar nur geſchrieen, aber es hat doch was genützt' O, mein lieber Schankherr!— entgegnete des Kaiſers Bartſcherer— es iſt nicht das erſte Mal im Leben, daß viel Lärmſchlagen was hilft, wenn auch gar nichts dahinter ſteckt; wiewohl man Letzteres von Euch nicht behaupten kann, denn wahrlich! bei Dir, Bruder Zwickler, ſteckt viel dahinter. Doch, mein lieber Gevatter Mar! damit Du auch weißt, was der Schankherr eigentlich da will, ſo muß ich es Dir 251 entdecken. Dem guten Mann hat neulich der Wein aus Deinem Keller ſehr gut gemundet, und er möchte nun mit Dir gern einen Kauf über ein Fünf⸗ oder Zehneimer⸗Faß abſchließen; jedoch darfſt Du Deine Waare nicht zu hoch anſetzen, denn er will das Ge⸗ tränk billig geben und verpflichtet ſich: daſſelbe nicht zu verfälſchen, weder mit ſchlechterem Blut, noch mit Gänſetrank; mit einem Wort: ihn ſo zu ſchenken, wie er ihn von Dir erhält! Alle lachten über Kajetan's Verlegenheit, und über ſeine Geſichter, welche er ſchnitt. Der Kaiſer, wohl⸗ gelaunt, rief: Wohlan! Wir wollen es verſuchen. Der Schankherr ſoll fünfzig Eimer von Anno Zwölf haben; Wir wollen ſehen, ob es in der Wiener Stadt, außer Uns, noch einen Mann gibt, der es über's Herz bringt, ſeinen Gäſten reinen Wein zu ſchenken!! Und nun Gott befohlen! Ihr, mein junger Freiherr! gehabt Euch wohl; ſo oft Ihr zu Uns kommt, ſollt Ihr Uns willkommen ſein! Wir wollen Euch nie ver⸗ geſſen, und an dem gewiſſen Zeichen ſtets Unſeren Getreuen, Unſeren Siegfried von Irch erkennen! Als Siegfried und Kajetan wieder in das Vorgemach traten, fanden ſie Duna in demſelben. Heiliger Barnabas! rief Zwickler— was wollt Ihr da? wollt Ihr vielleicht auch zum Kaiſer? Bleib lieber da, denn er weiß vom Slivenza, von den rothen —— 252 Mänteln und anderen Geſchichten, er könnte die Sache ſchief nehmen, und dann gäb' es Hitzen; unten Gluth, rechts und links Flamme, im Mund ein Pulverſäck⸗ lein*), das muß eine wahre Höllenfahrt ſein, wie ſie beiläufig Doktor Fauſt erfunden! Duna erklärte, daß ſie durch einen Pagen hieher geführt worden ſei, mit dem Bedeuten, hier zu harren. Was? durch einen Pagen? rief Kajetan— o, Frau Duna, Ihr ſeid ſonſt ſo klug, und habt Euch durch einen Pagen verführen laſſen! o, die Pagen ſind Schelme! war's nicht der Mätzlein? oder wie der Bur⸗ ſche ſonſt heißt— die verſtehen ſich auf's Klopfen!— Kunzvon der Ro ſen trat jetzt heraus und rief: Ei ſeht, Frau Klaudia von Ehlingen, ſeid Ihr auch ſchon da? nun laßt uns ſämmtlich einen kurzen Gang machen, ich habe Euch wohin zu führen, wo Ihr er⸗ wartet werdet. Sie traten nun mitſammen den Weg an; es ging über den Kohlmarkt, auf den Hof. Zwick⸗ ler hatte ſich zu Kunz geſellt, und benützte die Zeit, dem luſtigen Bartſcherer Vorwürfe über die leichtfertige Art zu machen, mit welcher er von ihm und ſeinen Thaten geſprochen: Herr von der Roſen, Ihr müßt bedenken, daß der Scherz gut aufgenommen wurde, weil kaiſerliche Majeſtät gut gelaunt waren; es hat mir *) War beim Verbrennen der Hexen und Zauberer üblich. —— f—.—, —„——— 253 auch fünfzig Eimer getragen, und daß ich einen recht guten Wein überkomme, deß werdet Ihr gewiß Sorge tragen; aber was wäre gekommen, hätte der Kaiſer g'rade in übler Laune geſtanden? Das verſteht Ihr nicht, lieber Zwickler! ver⸗ ſetzte Kunz, wenn man merkt, daß der Gebiether nicht bei munterem Gemüth, ſo kommt man ihm nicht mit Bitten; deswegen mußtet Ihr ja ein Paar Tage feſt⸗ ſitzen, bis der erwünſchte Augenblick kam. Ah ſo! ich verſtehe; alſo weil Majeſtät nicht munter war, mußten wir ſo lange eingeſperrt blei⸗ ben?— Macht nichts! für fünfzig Eimer laß ich mich, vorausgeſetzt, daß ſie vom Beſten ſind, drei Wochen einkottern, und wenn Gaſſenjungen und Schuſterlehrlinge am Gitter ſtehen bleiben und ru⸗ fen:„Da ſeht den Schankherrn Zwickler, bäh!“ ſo ſchrei ich wieder heraus:„Es geſchieht um fünſzig Eimer, mäh!!“ Sie waren jetzt vor einem Gebäude am Hofe angelangt. Kunz nahm Siegfried unter die Arme und leitete ihn hinauf. Im erſten Stockwerke öffnete ſich eine Thüre und eine ſchöne, ältliche Dame trat ihnen mit ſchwankenden Schritten entgegen. Sie hatte kaum den Jüngling erblickt, als ſie mit dem Ausrufe: „Mein Sohn!“ auf ihn zuſtürzte! Der Jüngling warf ſich entzückt in die Arme „„——— ——.—————„— 25 4 der Mutter; er wollte weinen und vermochte es nicht; er ſtöhnte, ein unendlicher Schmerz zog durch ſeinen Buſen; allein nicht ungeſtört ſollte die erſte Freude nach einem langen Wiederſehen ſein, denn Duna rief jetzt: Eleonore! kennſt Du Deine Schweſter nicht mehr? Klaudia! Du? iſt es möglich? ſo viel Freude auf einmal! Ihr meine Muhme? jubelte Siegfried, um⸗ faßte die Frauen, und alle Drei hielten ſich im wah⸗ ren Sinne des Wortes umſchlungen; Keines ſprach, Keines regte ſich, die Freude hatte ſie verſteinert. Kunz von der Roſen hatte ſich mit innigem Gefühle an der ergreifenden Stene geweidet, jetzt be⸗ merkte er, daß Siegfried immer mehr erblaſſe; er ilte auf ihn zu und unterſtützte ihn. Eleonore leitete ihn auf eine Polſterbank. So wie jede beſon⸗ dere Aufregung, hatte ihn auch die ungeheuere Freude ergriffen. Er bebte zuſammen, die Blicke rollten, die Zähne knirſchten, das fahle Gelb nahm die Stelle der Bläße ein, jene Bleifarbe trat hervor, dann begann ſich die Glühröthe über die Stirne zu legen. Die Freifrau ſtürzte zu ſeinen Füßen, umfaßte den bebenden Körper, drückte den mütterlichen Kuß auf die glühende Stirne und rief: Ja, Du biſt mein Kind! mein un⸗ —„— „„—„— 255 glückliches Kind, an dieſem Zeichen erkenne ich Dich ganz!— Siegfried erwachte in ihrer Umarmung! Nachdem die Freude des erſten Wiederſehens vor⸗ über war, begannen die Erklärungen; wir werden ſelbe in wenigen Worten wiedergeben. Nach dem Tode der Eltern, verließ Eleonore an der Seite ihres Gatten, Freiherrn von Irch, Siegfried's Va⸗ ter, die Stadt Wien, und kehrte erſt nach Jahren, indem ſie, nach dem Tode ihres Gatten, dem Edlen von Naßenfuß die Hand gereicht hatte, als deſſen Gattin wieder; es war daher natürlich, daß ſie von Duna nicht gefunden werden konnte. Kunz von der Ro ſen, durch Kajetan von Allem in Kennt⸗ niß geſetzt, auch mit Eleonorens wahrem und frühe⸗ rem Namen bekannt, mußte daher auch gleich wiſſen, daß Duna Eleo norens Schweſter ſei. So hätte uns das feindſelige Geſchick endlich wieder vereint!— rief Eleonore,— Ich, mein Sohn, muß mir ſelbſt die Freuden dieſes Augenblickes verbittern, indem ich nur mir die Schuld beimeſſen kann, den größten Theil Deiner Leiden ſelbſt verſchul⸗ det zu haben. Es war unmütterlich von mir, Dich in früheſter Jugend fremden Händen anzuvertrauen; allein Deine körperliche Schwäche und— mit Schaam, ——— —,— 236 mit zerknirſchender Reue bekenne ich es— dieſer krank⸗ hafte Zuſtand, dieſes Zeichen— o, erlaß mir alle ferneren Erklärungen— ich habe für mein leichtſin⸗ niges Handeln genug gebüßt! Qual und Angſt von Außen, Gewiſſensbiſſe im Innern,— ich habe es durch Jahre empfunden, der Himmel möge keine fernere Strafe über mein Haupt verhängen! Ei was, Frau Eleonore!— ſprach jetzt Kunz von der Roſen,— was wollt Ihr jetzt, da der Himmel das Gute ſendet, des Böſen gedenken, ver⸗ geßt die Vergangenheit und genießt die Gegenwart; dieſe aber iſt freudig; d'rum freuet Euch vom Herzen! Ihr habt einen ſchlechten Gatten verloren, dafür einen guten Sohn und eine gute Schweſter wiedergefunden! freuet Euch, ich will mich mit Euch freuen, ſo lang ich lebe, ich will den heutigen Tag als den luſtigſten betrachten, und wenn ich auch bei der ganzen Sache nichts Anderes gethan habe, ſo will ich doch, wie Herr Kajetan Zwickler vor dem Schottenthore, einen unbändigen Lärm ſchlagen: Es lebe vor Allem unſer guter Kaiſer! dann die Freifrau von Naßen⸗ fuß! es lebe Klaudia von Ehlingen! der iunge Freiherr von Irch! Fräulein Regina von Auers⸗ berg, ſeine Braut! und Kajetan Zwickler, der kaiſerliche Schankherr in der Kärnthnerſtraße. ————— 25* Und Kunz von der Roſen, des Kaiſers n luſtiger Rath und Bartſcherer! jubelte Zwickler h aus dem Hintergrunde hervor! e 5 r Das Dreikönigsfeſt währte noch vier Tage, wo 5 Spiel, Luſt, Rennen und Tänze miteinander wech⸗ ; ſelten; am Neunundzwanzigſten verließ der Kaiſer ſammt den Königen und Fürſten die Stadt Wien, n und begaben ſich nach Neuſtadt. 6 Siegfried's Glück begann nun zu blühen. 8 Der kraineriſche Landeshauptmann wurde wirklich ſein 6 Vater, denn ehe ein Jahr verfloß, war Regina e ſeine Gattin. Wien blieb der immerwährende Auf⸗ 6 enthalt des glücklichen Ehepaares; die Mutter des Gezeichneten erfreute ſich herzlich an dem Glücke der e, F Kinder, und Klaudia von Ehlingen, der ehe⸗ 8 maligen Seherin des Cirknitzer Bodens, wurde ein ze ruhiger, zufriedener Lebenswinter zu Theil; die 5 Enkel ihres lieben Siegfried's, und der kleine e Roman, Eleonoren's und Naßenfuß— welch' Letzterer wirklich von ſeiner Gattin ge⸗ ſchieden wurde— beiderſeitiger Sohn, wuchſen unter ihrer beſonderen Obhuth heran. Kajetan und ſein Weib blieben theure Freunde des freiherrlichen Hauſes, 258 und um die Lebensfreuden des guten Schankherrn zu ermeſſen, dürfen wir nur erwähnen, daß Urſula zweimal nacheinander Zwillinge zur Welt brachte, und Kajetan alſo ein Beſitzer von vier Kindern war. Beim heiligen Barnabas! ſchrie er umhertan⸗ zend, als das zweite Paar angerückt war— wenn das ſo fortgeht, ſo muß mir der Wiener Stadtrath einen eigenen Grund für meine Nachkommenſchaft an⸗ weiſen, und man ſoll noch in tauſend Jahren auf dem Zwickleriſchen Grund von dem alten Kajetan reden!— Es mag aber wahrſcheinlich nicht ſo fortgegangen ſein, denn man findet in keinem der Stadtprotokolle etwas von einem Zwickleriſchen Grund ver⸗ zeichnet. Kaiſer Mar überlebte die großen Tage des Drei⸗ königsfeſtes nur vier Jahre; er verſchied zu Wels am zwölften Jänner 1519, im ſechzigſten Lebensjahre; mit ihm ging ein wahrer Fürſt der Kunſt und der Liebe zu Grabe; Einer der größten Habsburger— mit ihm ſchied der letzte Ritter im weiteſten Sinne des Wortes, von unſerer Erde. Sein Enkel Ferdinand, als deutſcher Kaiſer der Erſte, vollzog wirklich am 27. Mai 1522 zu Linz die Verbindung mit der Prinzeſſinn Anna von Hun⸗ 259 garn; Prinz Ludwig als Hungariſcher König der Zweite, blieb Marien's Gatte, und fand ſeinen Tod bei Mohacs. Vermög den Verträgen von Anno 1515 „daß der Gemal Anna's beim erbloſen Ableben Lud⸗ wig's ihm in der ungariſchen Krone erblich nachfolgen ſolle?, ging nun dieſe nicht ohne inneren Zwieſpalt und Widerſtand von Seite der Zapolya's, an Ferdinand und ſomit an das Haus Habsburg über; die Saat des Dreikönigsfeſtes in Wien war emporgeſchoſſen, und trägt noch jetzt die herrlichſten Früchte! So eben erſcheint bei uns: Die Sendung des Rabbi. Zeit und Sa genbild. In zwei Bänden von Eduard Breier. ———— ——— ½———— 5 8— P x. — —— —=—