ℳ70 SS e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 1 3 *„ F„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Vie Juliſchen Alpen, oberhalb am Urſprunge des Sauſtromes beginnend, nehmen ihre Richtung in einem langen Striche durch Oberkrain, und ziehen ſich dann weiter hinab durch die Mitte des Landes. Es iſt ein hohes, wildes Gebirge, bei drei Meilen in ſeinem engſten Theile breit, und trotz des ſteinigen Bodens mit rieſigen Buchen, Tannen und Fichten bewachſen, welche längs des ganzen Striches eine ungeheure Wild⸗ niß bilden, einen Wald, noch heut zu Tage an Ur⸗ ſtämmen reich, einen Wald, deſſen innere Räume viel⸗ leicht ſeit undenklichen Zeiten kaum betreten worden ſind, da Licht und Tag ſie fliehen, und nur das Gethier ſſie zu durchirren vermag. Dieß iſt der— Bierbaumer⸗ Wald. An beiden Seiten dieſer Wildniſſe, zu den Füßen jener Alpen, hat in den Tagen der Vergangenheit die Geißel des Krieges unzählige Opfer gefunden. „Mir ſchauert— ſchreibt der heilige Hieroni⸗ mus— wenn ich der Zerſtörungen und Kriegsverwü⸗ ſtungen unſerer Zeit gedenke. Zwanzig Jahre ſind es ſchon und auch darüber, daß zwiſchen Konſtantinopel und den Juliſchen Alpen täglich römiſch Blut ver⸗ goſſen wird. Scythien, Thracien, Macedonien, Dar⸗ danien, Teſſalien, Epirus, Dalmatien und alle Pano⸗ niſchen Länder werden von den Gothen, Alanen, Hunnen, Vandalen und Markomanen verwüſtet, die Einwohner ausgeraubt, oder in die Gefangenſchaft geſchleppt!“ Jene Wildniſſe, unſtreitig die geſchichtlich merkwür⸗ digſten unſerer Lande, haben Völker kommen und ver⸗ ſchwinden ſehen; ſie haben den alten Galliern gerauſcht, als dieſe durch ihre Mitte den Römern in's Land zogen, ſie haben den alten Deutſchen die Zweige geſpendet, mit denen ſie ſich ſchmückten, als ſie Siege über Rom er⸗ fochten; Julius Cäſar durchzog ſie, Oktavianus Au⸗ guſtus betrat ſeine Fußſtapfen, als Beide ihre Legionen gegen die Japidier führten. Der Bierbaumer⸗Wald aber zieht ſich durch ganz Krain, und unter verſchiedenen Namen weit hinab in die Türkei. Auf jenen Höhen, in Mitten der Wildniß, befand ſich auf dem halben Wege, wenn man ſich Laibach und Ydria durch eine gerade Linie verbunden denkt, eine Veſte. Von unten, man mochte die Höhe um⸗ kreiſen, ſo oſt man wollte, wiewohl dieß des Waldes halber kaum denkbar geweſen wäre, war von dem Daſein eines künſtlichen Gebäudes nichts zu merken; eine abgeplattete Gebirgshöhe, faſt einer geſtutzten Pira⸗ it fe — je zl n w 5 mide gleichend, von allen Seiten mit ſchroffen Wän⸗ den begränzt, welche von Baumwerk ſtrotzten, und die äußere Umfaßung bildeten, war Alles was man ent⸗ decken konnte; und doch herrſchte in jener Höhe Leben, reges Leben und Treiben ganz eigener Art. Rechts von der Straße, die von Oberlaibach nach Görz führt, zog ſich ein kaum merkbarer Fußſteig in die Wildniß bis gegen den Fuß jener Höhe, wo er plötzlich verſchwand; es war dieß kein bequemer Gang, denn er führte durch Klüfte und Sprünge über ſchroffe Wände und Gräben, und zwar ſo ſchwach gezeichnet, daß er nur von einem geübten Auge erkannt und verfolgt werden konnte. Um ein Stück jener bezeichneten Höhe hinanzuklimmen, gab es ſelbſt für den Kundigen nur einen ſehr ſchmalen Gang, anfangs einige Schritte ſich hinanſchlängelnd, dann aber in einen gäh abhängigen Bergpfad ausartend; hatte man dieſen mit Lebensgefahr erklommen, ſo be⸗ fand man ſich an einer breiten Kluft, über welche ein ganz freier, kaum zwei Schuh breiter, Holzſteg führte, über den ſich nur derjenige wagen konnte, der frei von jedem Schwindelanfalle blieb. Von hier aus begann aber⸗ mals der frühere Pfad, wo möglich noch ſteiler, bis man zu einem kleinen Abſatze gelangte, der gleichſam einen natürlichen Ruhepunkt bildete; denn von da weiter auf⸗ wärts zu gelangen, blieb ſelbſt der leichtfüßigen Katze unmöglich, und warf man vorne den Steg ab, ſo konn⸗ te man auch nicht mehr zurück, und blieb alſo ein Ge⸗ fangener zwiſchen Himmel und Erde, mitten in der Wild⸗ niß. Doch für den Eingeweihten war noch ein Ausweg; von jener kleinen Platte führte eine unſcheinbare Aus⸗ höhlung, von kaum drei Schuhen anfangs, in die Tiefe, dann aber in Schlangenwindungen bis 300 Schritte tief in das Innere des Berges, wo die Aushöhlung ſich plötz⸗ lich nach allen Seiten erweiternd, die Höhe eines Man⸗ nes und auch zugleich ihr Ende erreicht, welches von einem Thore begränzt wird; die Finſterniß ließ dies wohl kaum erkennen, allein durch ein Pochen an das⸗ ſelbe beſtätiget es den hohlen Ton. Um nach Innen zu gelangen, mußte das Thor oder die kleine Pforte in demſelben geöffnet werden, und man befand ſich in ei⸗ nem rechteckförmigen Hofe, welcher im Rücken und zur Rechten durch Felswände, an den beiden andern Seiten durch einen hackenförmigen Schwiebbogen begränzt war. Von hier aus führten nach Links und in gerader Rich⸗ tung zwei dunkle Hallen zu zwei feſten Gebäuden, die ſcheinbar nur durch die erwähnten Gänge und das Vor⸗ haus in Verbindung ſtanden. Dieſe Gebäude, von Menſchenhänden aufgeführt, glichen übereinander gehäuften Felsſteinen, die durch eine unſichtbare Kraft zuſammen gehalten wurden; ſie boten dem Auge ein rohes Anſehen dar, welches durch die viereckigen, ſtark vergitterten Fenſter noch mehr ver⸗ FP 8. W 7 größert wurde. Obwohl ein Stockwerk hoch, ragten ſie doch nicht bedeutend über die Ebene des Hofes hervor, weil der eine Theil unterirdiſch gebaut war. Die Dä⸗ cher bildeten, da die Gebäude einerſeits an die Felswãän⸗ de ſtießen, blos eine ſchiefe Ebene, und waren gegen das Innere des Hofes abſchüßig, wo Rinnen in zwei Ciſter⸗ nen führten, welche wieder in einem Schlund münde⸗ ten, deſſen Tiefe unerforſchlich, ſich durch ein immer⸗ währendes Brauſen bemerkbar machte, welches dumpf herauf drang und den unterirdiſchen Lauf eines reißen⸗ den Stromes bezeichnete. Die Ziegel der Dächer ragten ſelbſt mit ihren höchſten Kanten nicht über die Abda⸗ chung der Felſen hervor, und blieben daher für jedes Auge verborgen, welchem der Eingang durch jenes Thor verwehrt war. Das Innere der beiden Gebäude zerfiel in Kammern, Gemächer, Gänge, Säle, Keller und Kü⸗ chen, ober und unter der Erde, ohne Ordnung wech⸗ ſelnd, bald größer bald kleiner, durchkreuzt und unter⸗ einander geworfen, ein wahrer Irrgarten von einem Aufenthalte, damals von Wenigen der nächſten Umge⸗ gend, und auch von dieſen nur, einer dunklen Sage nach, unter dem Namen:„DerBierbaumer⸗Tabor*) bekannt. Die Bewohner dieſer Veſte, bildeten einen Staat *) Die Benennung Tabor verdankt den Huſſiten ihren Ur⸗ ſprung, pflanzte ſich jedoch weiter fort. In Krain giebt es meh⸗ rere Tabor. 8 für ſich; gewaltſam von der menſchlichen Geſellſchaft los⸗ geriſſen, waren ſie blos das Glied einer ungeheuren Kette, welche ſich damals durch ganz Deutſchland und den nächſtgelegenſten Ländern ausbreitete, und die alle in ei⸗ nen Bund vereint, dazu beitrugen, wenn es galt: ei⸗ nen gemeinſamen Zweck zu verfolgen, ſonſt aber hatte jede Grafſchaft— ſolche Benennung erhielten die einzelnen Abtheilungen— ihre eigenen Pläne und Ar⸗ beiten. Es waren Räuber, in ſo fern ſie ihre Schätze, wenn es Noth that, auf gewaltſame Weiſe errangen, aber es galt nie dem Einzelnen, dem Wehrloſen, denn ſie kamen ſelten, und wenn dieß der Fall war, ſo mußte ſchon ein bedeutender Gewinn zu hoffen ſein; es waren Spione, aus einem Staate in den andern, ſie waren die Erſten, welche durch ihre allſeitigen Verbindungen Nachrichten aus allen vier Weltgegenden erhielten, und ſie zogen aus den Kriegen der Fürſten den größten Ge⸗ winn. Ihre Grafſchaften glichen Bienenkörben, welche nach allen Gegenden die Bewohner ausſenden, um den Honig einzuholen, ihre Thätigkeit war um ſo gefährli⸗ cher, je höher das Ziel ſtand, welches ſie verfolgten, denn um ſo geheimer, um ſo verborgener war das Walten. Auch waren ſie nicht immer um Gold feil, denn das ſichere Beſtehen des Bundes mußte von allen Befehlshabern der Grafſchaften hauptſächlich berückſichtiget werden, und ſo kam es daß ſie oft freiwillig Jenem Dienſte leiſteten, —————„ —, —, 3 von dem ſie den meiſten Schutz zu hoffen hatten. Die Mitglieder dieſes Bundes ſammelten ſich größtentheils aus den Umgebungen der Grafſchaft, aber nicht jeder er⸗ freute ſich dieſer Aufnahme, denn Proben und Prüfun⸗ gen ihrer Liſt, Gewandtheit, Geiſtesgegenwart und haupt⸗ ſächlich einer, an's Thieriſche gränzenden Fühlloſigkeit aller körperlichen Leiden, vermochten erſt nach einem Zeit⸗ raume von mehreren Jahren die wirkliche Weihe des Bundes herbeizuführen. Es waren daher in jeder Graf⸗ ſchaft nur wenige Mitglieder, die meiſten beſtanden aus Laien, die blos Maſchinen, mit der innern Seele des Mechanismus ganz unvertraut waren. Jedem Gaugra⸗ fen— ſo hießen die Befehlshaber der einzelnen Graf⸗ ſchaften— ſtand das Recht zu, wirkliche Mitglieder zu ernennen. Bei den erwähnten Umſtänden konnte es nicht anders kommen, als daß die Theilnehmer des Bundes aus einem Zuſammenfluß ſolcher Menſchen beſtanden, welche mit der menſchlichen Geſellſchaft zerfallen, oder von der Gerechtigkeit verfolgt, oder irgend andern miß⸗ lichen Verhältniſſen, entflohen waren; alſo Miſſethäter, welche nach überſtandenen Probejahren zu herzloſen ent⸗ menſchten Geſchöpfen herabſanken, die ſelbſt unempfind⸗ lich, Niemandens Empfindungen ſchonten; grauſam, blutgierig, barbariſch, jeder Herzensregung entbehrend, Tieger in Menſchenkleidern! Zur Zeit unſeres Gemähldes hatte dieſer Bund 10 gleichſam ſeinen Höhepunkt erreicht; die türkiſchen Einfälle, und Kaiſer Maximilians venetianiſche Kriege verſchafften ihm in Krain eine große Wirkſamkeit, allein von da an begann er, wahrſcheinlich der Wahr⸗ loſigkeit der Freigrafen zu Folge, immer mehr zu ſin⸗ ken, ſeine Kraft wurde immer kleiner, ſeine Thätigkeit ſchrumpfte zuſammen; hundert fünfzig Jahre ſpäter waren die einzelnen Grafſchaften zu ganz gemeinen Schlupfwinkeln herabgeſunken, welche nur ſtellenweiſe durch ein ſchwaches Band in Verbindung ſtanden, und gemeine Diebe und Spitzbuben beherbergten, die durch Räubereien und Gaunereien die Sicherheit und das Eigenthumsrecht gefährdeten, unter dem urſprüng⸗ lichen Namen des Bundes fortwucherten, und ſich noch immer„die Prudenten“ nannten. —. ——— Innerhalb des großen Thores wandelte eine Schildwache auf und ab, ſie war kriegeriſch, doch ganz ſchwarz gekleidet. Hohe Stiefel von braunem Leder, ein Beinkleid und Wamms, Letzteres um die Mitte durch einen Gürtel feſtgehalten, ein Hut mit breiter Krempe und einer einzigen rothen Feder auf demſelben, waren ſeine Kleidung; ein Schwert an der Seite und eine Partiſane in der Hand, bildeten ſeine Waffe. Das N „ 11 Antlitz des Kriegsmannes, von Backen, Schnauz⸗ und Knebelbart verwildert, durch eine Schramme verun⸗ ſtaltet, war zur ſcheußlichen Fratze entſtellt. Die Kälte war, trotz dem daß der Wind hier keinen Durchzug geſtattete, doch empfindlich genug, um den Wachehaltenden zum Auf⸗ und Abſchreiten zu bewegen. Jetzt erdröhnten am Thore drei Schläge, der Krieger horchte auf; in einer Weile— er hatte eben zehn gezählt— wurde wieder, doch nur zweimal gepocht, und nachdem er abermals fünf gezählt, geſchah nur ein Schlag. Es ſind die Unſeren, brummte er in den Bart, und zog an einem Ringe in der Seitenwand; im großen Hofe drüben ertönte eine Glocke, und gleich darauf kamen drei eben ſo gekleidete und bewaffnet Männer, von einem Vierten angeführt, welcher, mit einem Bund Schlüſſeln verſehen, das Amt eines Ka⸗ ſtellans in der Veſte begleitete. Er zog ein Pfeiſchen aus der Taſche und gab ein Zeichen ſeiner Anweſenheit, worauf dieſes von Außen erwiedert wurde. Jetzt klirrten die Schlößer, die Riegel gingen auf, und die kleinere Pforte bewegte ſich knarrend in den Angeln. Zwei Männer, in der gewöhnlichen Kleidung der dortigen Landleute traten mit einem Dritten ein, deſſen Augen verbunden waren, und der am ganzen 12 Leibe wie ein Espenlaub zitterte. Die drei Krieger nahmen den Angekommenen in Empfang, und gelei⸗ teten ihn durch das Vorhaus und den linken Gang in den großen Hof. Die Pforte draußen ward gleich hinter ihnen geſchloſſen. Der Gefangene, eine bejahrte, unterſetzte Geſtalt, unbewehrt, ganz friedlichen Anſe⸗ hens, ſtieß hin und wieder Bitten aus, welche durch 4 das Zähneklappern ganz unverſtändlich blieben, und von ſeinen Wächtern auch nicht beachtet wurden. Da ſie in der Nähe jenes Abgrundes ſtehen ge⸗ blieben waren, aus dem das Brauſen des Stroms herauf klang, welches daher auch zu den Ohren des Gefangenen drang, ſo vermehrte ſich deſſen Furcht, wo möglich noch mehr, und artete in Todesangſt aus, welche den kalten Schweiß ſchon auf ſeiner Stirne hervor lockte. Jetzt kam von einer Treppe rechts ein Mann heran, von hoher Geſtalt, ganz wie die Krieger, nur in Sammt gekleidet und mit einem Dolche bewehrt. Er nahte ſich den Beiden, welche den Gefangenen eingebracht hatten, und ein Wink von ihm, bedeutete* ihnen, zu ſprechen. Die Auskunft war kurz; ſie hatten den Mann in der Wildniß gefunden, und weil ſie bemerkt, daß er einige Male um die Anhöhe geſchlichen, habe er ſich verdächtiget, und ſie hatten ihn feſtgenommen. Dieß 14 war jedenfalls hinreichend, um dem Gefangenen das Leben zu koſten. Noch zur rechten Zeit gewann dieſer Geiſtesge⸗ genwart genug, gegen dieſe Beſchuldigung Einſprache zu thun, denn er rief: Das iſt nicht wahr! ich habe nicht geſpäht, ich ſuchte nur den verlornen Pfad wie⸗ der zu finden. Der im Sammtkleide hätte jedoch auch dieſe Ge⸗ genrede nicht beachtet, und nach wenigen Augenblicken wäre es mit dem Armen zu Ende geweſen, denn der Befehlshaber war ſchon geſonnen, ohne ferner ein Wort zu verlieren, durch einen Wink der Hand, das Schickſal des Armen zu beſtimmen, als ein zweiter Mann jene Treppe herabkam, und ſich in ſchleichenden Tritten gegen die Gruppe bewegte. Der Erſtere hatte ihn kaum bemerkt, als er ſeine Hand wieder ſinken ließ, und auf ihn zuſchritt. Der Herbeikommende war eine kleine, unterſetzte Geſtalt, mit ſtarker Bruſt und kräftigen Schultern, mit einem breiten Geſichte, ſtumpfer Naſe und zwei kleinen, plattgedrückten, blinzelnden Augen, welche durch eine niedere Stirne noch häßlicher wurden. Die ganze Geſtalt hatte etwas herkuliſches und ſollte, dem Anſehen nach, von ungewöhnlichen Kräften ſtrotzen; dem war aber nicht ſo. Es blieb jedem ein Räthſel, daß dieſer Mann ſo kränklichmatt einherſchlich, ſo —————— 14 leiſe und hohl ſprach, und ſo viel Schwäche an den Tag legte, daß man eher einen ſiechen Greis als einen Mann in den kräftigſten Lebensjahren hätte ver⸗ muthen ſollen, und doch widerſprach das Auge dem Erſteren ganz. Er unterſchied ſich von dem Anderen nur durch eine rothe Binde, welche um die rechte Schulter geſchlungen, an der linken Hüfte befeſtiget war. Waffen waren an ihm keine bemerkbar. Was giebt es da ſchon in aller Frühe, mein lieber Donari? fragte der Herbeiſchleichende mit ſchwacher Stimme, und blieb, gleichſam um Athem zu holen, ſtehn. Der Gefragte erzählte, worauf ſich der Andere wieder der Gruppe zu nähern begann. Was gedenkt Ihr zu thun? fragte er, nach eini⸗ gen Schritten wieder hüſtelnd ſtehen bleibend. Unſerer Sitte gemäß handeln, Herr Graf! lau⸗ tete die Antwort.— Der Andere blinzelte mit den Augen, und befahl dem Gefangenen die Binde abzunehmen. Als dieß geſchehen war, taumelte der Arme ei⸗ nige Schritte zurück, denn der Anblick war ganz ge⸗ eignet, Schrecken hervorzubringen. Der finſtre Hof, vor ſich die Kluft, rechts und links die düſteren Ge⸗ bäude, die im Ganzen von Außen eher finſteren Ge⸗ fängniſſen glichen; an ſeiner Seite ein hohes, ſchwarzes 15 Kreuz, die bärtigen Krieger, dann die beiden Herren — kurz, Alles vereinte ſich zu einem Eindrucke, der ihn bis in die Seele ſchaudern machte. Der Freigraf ſah ihn mit einem lauernden Blicke an und liſpelte: Ihr habt den Tod verdient!— Der Andere, zu wenig Menſchenkenner, glaubte in dieſem heuchleriſchen Weſen Sanftmuͤth zu er⸗ kennen und ſchluchzte: Ja, wenn ein armer Wan⸗ derer, der ſich in dunkler Nacht verirrt, und dann am Tage den verlornen Pfad wieder ſucht, wenn ein ſolcher bei Euch den Tod verdient, ſo darf ich freilich nicht am Leben bleiben. Die Art und Weiſe, wie dieſe Ausſage geſchah, beſtättigte ihre Aechtheit. Der Freigraf faltete, wie zu einer Andacht die Hände, und verſetzte: Ja, wenn man Alles glauben dürfte, was Beſchuldigte zu ihrer Rechtfertigung vorbringen— nicht wahr, mein lieber Donari? dann wäre wohl noch kein Einziger dieſen Weg gewandert!— Er deutete bei dieſem Worte auf die finſtere Schlucht hin. Dem Gefangenen lief es eiskalt über den Rücken! Ihr müßt mir ſchon vergeben, Herr! begann er zu dem mit der rothen Binde gewendet: Ich weiß Euch nicht gehörig zu tituliren, aber wenn mirs recht iſt, hat Euch der Andere da, mit„Herr Graf“ angeredet, drum folg' ich dem Beiſpiel; Ihr werdet mir alſo 16 nicht gram ſein, Herr Graf! wenn ich Euch geſtehe, daß ſelbiger Weg ein verdammt kitzlicher iſt, denn eine Tieſe ohne Treppe und ohne Boden muß Jedem an den Hals, den der liebe Himmel nicht mit Federn geſchmückt hat, ich meine aber Flugfedern. Ich hoffe jedoch, Ihr habt vor dem lieben Gott Reſpekt genug, ihn ſeines Ebenbildes nicht berauben zn wollen, denn ſintemalen jeder Menſch, wie Ihr oft genug von der Kanzel herab gehört haben werdet: nach Gottes Eben⸗ bild geſchaffen iſt, und ich— dem ganzen Anſehen nach, auch ein Menſch bin, ſo unterliegt der Kaſus keinem Zweifel. Die Angſt hatte den Sprecher ſo wortreich ge⸗ macht, und er hätte noch lange nicht aufgehört, ſeine Deductionen fortzuführen, wenn der Freigraf ihn nicht angeſehen hätte; dieſer ſtechende Blick, und das darauf folgende Blinzeln machte ihm den Hauch in der Kehle erſtarren. Nach einer Pauſe tiefen Schweigens, in welcher der Furchtbare den Bebenden angeblickt hatte, ſprach er: Woher des Weges, und wo gedenkt Ihr hin? Ich komme von Trieſt wo ich mir eine kleine, Erbſchaft von einem verblichenen Anverwandten abholte, und gedachte nach Wien zurück, um dort ein klein Gewerbe zu beginnen. he, nn em rn ffe 9, nn der en⸗ en ſus ge⸗ ine icht auf hle her ine, lte, lein 17 Wie groß iſt die gemachte Erbſchaft, und wo habt Ihr ſie? Der Gefangene ſah mit furchtſamen Blicken auf die Beiden, welche ihn hieher gebracht hatten. Einer von ihnen erbleichte. Wo habt Ihr die Erbſchaft? fragte der Freigraf lauter zum zweiten Mahle, aber mit einer Stimme, an welcher man erkannte, das ſie auch noch kräftiger ertönen könnte. Ich habe ſie nicht mehr! platzte der Bebende hervor. Ihr habt ſie nicht mehr? Nein, Herr! ſo wahr mein Name Kajetan Zwickler iſt, ſo wahr mir der heilige Barnabas beiſtehen möge, ich habe ſie nicht mehr! Und wo habt Ihr ſie hingethan? Ich habe ſchwören müſſen— ſtotterte Zwickler, nach Einem der beiden Verkappten ſchielend,— ihn nicht zu verrathen. Geſteht, oder es gilt Euer Leben! drohte der Freigraf; die Stirnader war ihm geſchwollen, man merkte die Gewalt, die er bedurfte, um Ton und Ge⸗ behrden in die gewöhnlichen Feſſeln zu zwingen. Der da hat mich beraubt, ehe der Andere hin⸗ zukam, und zwang mir den Schwur ab, es zu ver⸗ ſchweigen! erwiederte Kajetan. 2 18 Der Freigraf gewann ſeine frühere Ruhe wieder, eine furchtbare Kälte lagerte auf dem Antlitze, er wen⸗ dete ſich zu dem Schuldigen, hüſtelte einige Male und flüſterte, Gefühl heuchelnd: Iſt dieß wahr, mein Sohn? Ja! hauchte der Gefragte, wie vernichtet. Der Schreckliche fuhr ſich einmal mit der Linken über die Stirn, als verſcheuche er den Schlaf aus den Augen, dann ſprach er mit Bedeutung: Eine Minute lang!— Dieß war noch die Friſtzeit ſeines Lebens. Todtenſtille trat ein, man hätte eine Spinne laufen hören müſſen, wäre das dumpfe Getöſe im Abgrunde nicht geweſen; Niemand regte ſich, nur der Verurtheilte — denn dieß war er jetzt ſchon— wiſchte ſich den To⸗ desſchweiß von der Stirne. Der Freigraf zwinkerte jetzt mit dem Auge, die Kriegsleute faßten den Kameraden und zogen ihn in die Nähe des Schlundes. In's Himmels Namen! hauchte der eiſige Richter mit ſüßem Tone, und der Arme wurde hineingeſtoſſen; von unten herauf erdröhme ein dumpfer Fall, eine Pauſe — und die Wogen rauſchten wie früher.— Das iſt eine ſchreckliche Juſtitz! murmelte Zwickler; gleich darauf wurde er links in das Gebäude geführt. —— p— +„. r, n⸗ d en en te de te o⸗ tzt en 18 Im Bundesſaale der Kraineriſchen Prudenten⸗ Grafſchaft waren unter dem Vorſitze des Freigrafen Emilian die Mitglieder des Bundes verſammelt. Die Thüren blieben verſchloſſen, die Fenſter, wiewohl man ſich hoch am Tage befand, waren mit ſchwarzem Tuche verhangen. Die Mitglieder waren ganz ſo, wie Do⸗ nari, der ſich auch unter ihnen befand, gekleidet. Der Freigraf, unſtreitig der Stattlichſte, hörte mit einer ſalbungsreichen Miene die verſchiedenen Vorträge an, unterbrach ſie höchſt ſelten, als ob Ehrfurcht es ihm nicht geſtattete, ſah jedoch öfter auf den Schreiber, ob dieſer dem Redner auch nachzufolgen vermöge, und als der Vortrag geendet war, ſprach er kurz, mit kränklicher Stimme: Das geht nicht!— Der Sprecher mußte ſchweigen, und ein Anderer begann. Mehrere Stunden währte ſolcher Weiſe die Verſammlung, und alle ge⸗ machten Vorſchläge waren von dem Freigrafen ver⸗ worfen worden. Ihr ſcheint die Wichtigkeit der Sache viel zu gering anzuſchlagen!— begann er nach einigen tiefen Athemzügen— Hier iſt doppelter Gewinn zu er⸗ halten: wir verbinden uns dem Einen, deſſen Sieg dem Bunde noch immer Heil gebracht, und bekommen den Andern in unſere Gewalt; wer wird es ahnen, daß wir es waren, die ihn gefangen und ſeinen Fein⸗ den überliefert?— Und wenn auch! welche menſch⸗ 20 liche Macht vermag uns im Bierbaumer⸗Tabor Et⸗ was anzuhaben? Ja wohl gibt es keine— erwiederte ein Greis— Catoni war ſein Name— wir ſind unangreiflich, wir ſind geborgen! Allein nicht alle Sitze der Graf⸗ ſchaften ſind von der Natur ſo begünſtiget, wie der unſere, nicht Alle ſind unangreifbar; wenn es je ver⸗ rathen würde, daß wir es waren, welche die Hände nach ſo hohem Haupte ausgeſtreckt, würden die Deut⸗ ſchen nicht über uns herfallen und Alles vernichten, was nur angreifbar iſt? und Ihr werdet doch wiſſen, Herr Graf! in den Ebenen, wo die Feſtigkeit des Sitzes nur in Mauern beſteht, die in einem Tage niederge⸗ donnert ſind, da läßt ſich wohl wenig Heil erwarten und ſchwacher Widerſtand. Und Ihr wißt, Herr Graf! der Bund will nicht durch thieriſche, ſondern durch geiſtige Kraft, er will nicht durch Gewalt, ſon⸗ dern durch Liſt gefördert ſein! Den Blicken der Andern konnte man es abſehen, daß ſie ganz der Meinung des Redners waren; allein Keiner wagte es, dieſe Theilnahme laut auszuſprechen, ſelbſt mit Mienen drückten ſie's nicht aus, denn das lauernde Auge Emilian's durchkreiste langſam und bedächtig die Verſammlung, blieb dann auf der Mitte der ſchwarz umhangenen Tafel haften, an welcher ſie ſaßen, und wo ſich zufällig das Ende eines, von dem —— 2 1 Gewölbe herabhangenden Spinnengewebes gefangen hatte. Das geſchäftige Inſekt, durch die Ruhe im Saale nicht geſtört, lief auf dem unſichtbaren Seile einige Male auf und ab. Seht dieſes Thierlein, meine Brüder, deucht es Euch nicht, als ob es in der Luft auf und abſchwebe? und doch iſt ein Faden da, der es ſtützt, aber wir ſehen ihn nicht. Weiter oben iſt das Gewebe, die Spinne fleucht hinauf, eine Fliege kommt achtungslos herbei, die Feindinn lauert— jetzt, jetzt fährt ſie auf das Opfer los und zieht es in ihr Netz, die Fliege iſt verloren! Er ſchwieg, um Athem zu holen, und fragte dann kalt: Habt Ihr mich verſtanden, meine Brüder? Ich glaube, ja! erwiederte der Greiſe— Ihr ge⸗ denkt doch aber nicht— Ja! ich gedenke: den Feind in unſere Nähe locken zu laſſen, ihn mit einem Netze zu umweben, und unſern Arm bis in ſeine geheimſten Angelegenheiten reichen zu laſſen. Es iſt beſchloſſen: Lorenzo! Ihr werdet Morgen mit einem Schreiben an die Republik abgehen; fertiget es aus, Andrea!— wandte er ſich zu dem Skribenten— ich werde es heute Abend unterzeichnen; die näheren Verhaltungen wollen wir mündlich beſprechen. Jetzt zu etwas Anderem. Sind die Proben mit den beiden Burſchen fortgeſetzt worden? Noch nicht— entgegnete der Greiſe, welcher ſeinem 22 Anſehen zu Folge, der Erſte nach dem Freigrafen zu ſein ſchien;— es iſt die Erholungsfriſt noch nicht ver⸗ ſtrichen. Ob man Einem oder dem Anderen wohl eine wich⸗ tige Sendung wird anvertrauen können? Wenn Treue und Standhaftigkeit hinreichen— Nicht ganz; ſie bedarf eines jungen Menſchen, der kühn, gewandt, mit einer außerordentlichen Geiſtesge⸗ genwart ausgeſtattet, und ſich überdieß noch in ſeinen Manieren leicht bewegen kann. Von dem Letzteren wird bei dieſen Beiden wohl keine Spur ſein— Emilian blieb einige Augenblicke ruhig, ſchöpfte ſchwer Athem und fuhr fort: Holt mir den letzteinge⸗ brachten Gefangenen herbei! Nach einer Weile wurde Kajetan herbeigeführt. Er erſchrack nicht wenig, als er der unheimlichen Ver⸗ ſammlung anſichtig wurde, denn nun ſollte über ihn der Spruch gefällt werden. Der Freigraf redete ihn an: Was ſoll ich mit dir beginnen, mein Sohn? Mich frei laſſen! platzte Zwickler heraus. Das geht nicht, mein Kind! Wer dieſe Räume betritt, darf ſie lebend nicht wieder verlaſſen, außer denn, er wäre Einer der Unſeren geworden, und dazu ſcheinſt du mir nicht die gehörigen Fähigkeiten zu haben. Kajetan, dem ſein liebes Leben über Alles ging, rie ſa al ni ſck ick de de er (S d. 42 de be ſt de w et to zu er⸗ fte ne er 23 rief: Ach, du heiliger Barnabas! habe ich's beim Hexen⸗ ſabbath auf dem Slivenza ausgehalten, ſo wird es mir auch bei Euch gelingen; der Menſch kann viel ertragen! Meinſt du? Wohlan! eine kleine Probe kann nicht ſchaden. Ich werde dich foltern laſſen— Fol— fol— foltern? ſtotterte Kajetan, dem ſchon der Gedanke den Muth benahm— iſt das bei Euch eine kleine Probe? Eine der Unbedeutendſten! Dann möge mich der heilige Barnabas von den Bedeutenderen bewahren! rief Kajetan,— da will ich mich lieber auf mein letztes Stündlein vorbereiten, denn beſſer: ich ſterbe vor der Qual, als unter derſelben! Die Thränen rannen dem Armen über die Wangen, er war in einer verzweiflungsvollen Lage: gegen dieſe Pein war das Spiel auf dem Slivenza eine Erheiterung. Jetzt begann der Freigraf: Ich bedarf in den oberen Gemächern eines Dieners, ſie werden von den Frauen der Bundesmitglieder bewohnt, und du ſollſt die Stelle bekommen. Um dir deine ganze Lage mit einem Bei⸗ ſpiele vor die Augen zu ſtellen, darf ich nur erwähnen, daß dein Vorgänger den Tod fand, weil er verrathen wurde, mit einer der Frauen geſprochen zu haben. Du erfüllſt die Befehle und bleibſt für Alles ſtumm und taub, antworteſt ſelten, und dann ganz kurz und laut; 24 jedes Lispeln, jeder Wink bringt dir Folter, und dann — den Tod! Kajetan wrilligte in das Unabänderliche. Der heilige Barnabas— ſchloß er ſeine Rede— wird mich nicht verlaſſen, und ſich meiner in allen Nöthen an⸗ nehmen!— Noch Eins— unterbrach ihn Emilian,— jeden Abend haſt du mir genaue Rechenſchaft von den Vor⸗ fallenheiten des Tages zu bringen. Kajetan wurde abgeführt. Der Freigraf hob die Verſammlung auf und ſchlich hinaus. Die Mitglie⸗ der zerſtreuten ſich, nur der greiſe Catoni und Lo⸗ renzo gingen miteinander über den Hof, an dem ſchwarzen Kreuze vorüber, in das Gebäude links; eine kurze Treppe führte in den Gang des oberen Stock⸗ werkes, wo die Thüren der Wohnungen der Reihe nach ſichtbar waren. Hier wollte ſich Lorenzo von dem Anderen trennen, doch dieſer bat ihn, auf einige Augen⸗ blicke zu ſich. Sie ſchritten links hinab, die letzte Thüre führte in Catoni's Wohnung. Sie traten ein. Ca⸗ to ni ließ ſich auf einem Stuhle nieder, zog den An⸗ deren an ſeine Seite und blickte mit forſchenden Augen um ſich, dann lispelte er: Wir können wohl ein ver⸗ traulich Wort mit einander reden, aber behutſam, denn hier haben die Wände Ohren. Lorenzo! Freund! ſo lange ſchon ein Genoſſe unſeres Bundes, gegen dich nn Der ich an⸗ den or⸗ üre en er⸗ 25 kann ich offen ſprechen, dir gegenüber muß jede Rück⸗ ſicht ſchwinden. Du gehſt alſo wirklich nach Venedig? Darf ich es wagen, mich dem Befehle zu wider⸗ ſetzen?— Lorenzo! aus dieſer Sendung kann dem Bunde nimmer Heil entſprießen! Der Freigraf will es! Er hat zu gebiethen— und wir— zu handeln! Zu handeln zum Beßten des Bundes! rief der Greis,— aber nicht im Vortheile ſeines Vaterlandes; der Prudent hat kein Vaterland, und darf keines haben! Emilian iſt ein Venetianerz unter dem Mantel, als ob es das Wohl der Unſeren erheiſchte, handelt er für die Republik, will ſich den Rath, den Dogen ge⸗ winnen, um dann vielleicht den Ueberläufer zu machen und gegen uns zu wirken. Ja, wenn man das erweiſen könnte?! Iſt's der Fall, ſo läßt ſich's wohl, und du wirſt es im Stande ſein. Die Briefſchaften, welche du er⸗ hältſt, können ja— du weißt, er ſchließt ſie immer ſelbſt — mit beſonderen Andeutungen verſehen ſein; könnte man ein ſolches Papier gegen ihn aufweiſen, dann wäre er verrathen— Du meinſt alſo— Du haſt mich verſtanden! Das Wohl des Bundes erfordert es, und dieſem muß jede Rückſicht weichen. Der Gezeichnete. II. 3 26 Vergiß nicht, daß die Republik als Gegnerinn uns nie⸗ mals ſo gefährlich iſt, wie das ganze deutſche Reich. Sie trennten ſich. Die Glocke im großen Hofe erſcholl, ein Zeichen, daß Jemand Einlaß begehre; Einer der Verbündeten, verkappt, wie ſie ſtets unter den mannigfaltigſten Trachten den Tabor zu verlaſſen pflegten, kam herbeigeeilt. Er nahm ſeine Richtung in den oberen Stock des rechts liegenden Gebäudes, wo ſich rückwärts die Gemächer des Freigrafen befanden. Er verlangte vor den Gebieter gebracht zu werden. Nach einer Viertelſtunde ſah man dieſelbe Geſtalt wieder nach Vorzeigung eines Zeichens, denn ohne dieß wurde keine lebende Seele aus der Veſte gelaſſen, das äußere Thor paſſiren. Nach mehreren Stunden erſcholl die Glocke abermals, und der Abgeſandte kehrte mit einem Gefan⸗ genen zurück, deſſen ritterliche Gewänder eine ſchmucke Geſtalt deckten, die, wenn auch etwas niedlich und ſchwach, doch ſchlank gebaut, durch ein nettes Aeußere ſich hervorthat. Eine breite Binde deckte die Augen und den größten Theil des Antlitzes, doch ſaß deßwegen das ſchwarze Sammtbarett keck auf dem blonden Locken⸗ kopfe; der Gang war wohl etwas unſicher, doch nicht aus Furcht, ſondern des verwehrten Augen⸗ lichtes halber. Emilian harrte ſchon des Ankommen⸗ den, er wurde vor ihm gebracht; jetzt ſtand er dem —— 46— fe er en en in vo ch 27 Freigrafen gegenüber, die verhüllende Binde fiel vom Amtlitze, es war— Siegfried. Der erſte Blick Emilians auf den Ankömm⸗ ling war keiner ſicheren Deutung fähig; ein ſtarres Anſchauen, dem augenblicklich ein Blinzeln folgte, welches ein Fremder für Schwäche der Sehnerven hätte halten müſſen, und dann ein lauerndes Umſich⸗ ſehen, ſo wie es dem Tiger eigen iſt, wenn er nach Beute ſpäht, bildeten Siegfrie d's Empfang. Dieſer blickte ihn feſt an und ſtand unerſchüttert. Wie heißeſt du, mein Sohn? begann der Freigraf mit dem Tone herablaſſender Milde, und der Jüngling erwiederte kurz: Siegfried! Aus welcher Familie? Ich kenne ſie nicht, denn es kümmerte ſich Nie⸗ mand um mich! Verſtoſſen alſo, wie es ſcheint? Ja, kurz nach meiner Geburt. Und warum, mein Sohn?— Darüber gaben mir meine Pflegeeltern niemals Auskunft.— Biſt du ein Verbrecher? Nein! Und warum drängſt du dich hieher, wozu forſch⸗ teſt du nach unſerem Aufenthalte? Ich will Einer der Euren werden! Wos iſt dir von uns bekannt? Nichts! erwiederte Siegfried— ich kenne Eure Geheimniße nicht, aber ſo viel hoffe ich von Euch, daß Ihr einem Unſchuldigen, welcher aus un⸗ bekannten Gründen bis auf den Tod verfolgt wird, der verſtoſſen und verworfen, noch keine bleibende Stätte im Leben gefunden, der überall fliehen muß, nirgends gelitten wird, und niemals Ruh' noch Raſt gehabt, daß Ihr einem ſo Mißhandelten, den man mit Hunden aus der menſchlichen Geſellſchaft gehetzt, eine Zufluchtsſtätte nicht verſagen werdet! Du ſollſt dich nicht geirrt haben, du ſollſt eine Zufluchtsſtätte erhalten!— Langſam und bedächtig wandte er ſich hernach zu dem wachehaltenden Krieger: — Führe den Gefangenen zum ſchwarzen Kreuz, ich folge nach.— Er ſchlich mühſam in den Hof hinab, wo die Beiden ſchon Seiner harrten. Darauf zog er eine kleine Pfeife aus der Taſche, ein gellender Pfiff erſcholl, aus dem linken Gebäude ſtürzte ein rieſiger Mann in rothen Gewändern, mit langem Barte und wirren Haaren hervor, in ſeiner Rechten ſchwang er ein Beil. Es war der Henker! Mein treuer Paul— wandte ſich der Freigraf zu dem Fürchterlichen— dieſes junge Blut will bei uns eine Freiſtälte haben, gewähre ſie ihm! Wie viele Au⸗ ne n n⸗ de ß, ſt it ne 29 genblicke gönnſt du ihm noch zum Leben? Ich will es deiner Großmuth überlaſſen. Ich glaube, mit Fünfzehn kann er zufrieden ſein! entgegnete der Henker, und begann laut zu zählen. Siegfried blieb ſtarr ſtehen, er rührte kein Glied, keine Fieber bewegte ſich in ſeinem Körper. Er ſah faſt gedankenlos in die Luft, denn er glaubte Ro ſin a's Bild, ihm Muth einflößend, zu gewahren.— Zehn! Eilf! Zwölf! hörte er den Henker ſchon zählen, er blieb feſt, noch zwei Augenblicke, und er hatte aufgehört zu ſein, und ſein Leiden war zu Ende, noch einen— Herr, Dir empfehle ich meinen Geiſt! ſprach er bei ſich ohne eine Lippe zu bewegen, jetzt war die Friſt ver⸗ floſſen, der Henker ſchwang das Beil, es ſauſte durch die Luft, er ſtand feſt— jetzt berührte das Eiſen ſeinen Nacken, und— er ſank zuſammen. Siegfried fand ſich entkleidet auf einem Lager wieder. War es Täuſchung oder Wirklichkeit? lebte er noch, oder befand er ſich bereits in einer anderen, in einer beſſeren Welt? Er blickte um ſich, er faßte an ſein Haupt, es ſaß noch auf dem Scheitel, der Streich hatte ihn alſo nicht getödtet? welches Wunder! er hatte ja noch das Beil über ſich ſauſen gehört; er 30 wurde jetzt auch auf ſeine äußere Umgebung aufmerkſam. Er ſah ſich in einem kleinen Gemache, ihm gegenüber befanden ſich Thür und Fenſter, Letzteres war vergittert; er erhob ſich und eilte hin, um durch dasſelbe zu ſchauen. Es ging über einen ſchmalen Gang in den Hof hinab, links ſah er das ſchwarze Kreuz, an welchem er den Todesſtreich empfangen ſollte! Er begab ſich zurück auf ſein Lager, Ruhe that dem Erſchöpften wohl, und die konnte er hier finden, denn Grabesſtille herrſchte in dem Gemache, kein Laut ſtörte ſie. Nach einem ge⸗ naueren Umherblicken fand er die Einrichtung bequem und reinlich, eine Polſterbank, Tapetenwände, Schränke, Stühle und ein Tiſch mit Speiſe und Trank beladen, waren wohl geordnet und nach Geſchmack geſtellt. So wäre ich alſo hier— begann er ein Selbſtgeſpräch, welches mehr in Gedanken, als in Lauten geführt wurde, — vor äußeren Feinden wohl geborgen, jenen Gefahren entkommen, und neuen, tauſendfach größeren ausgeſetzt. Ob dieſer Pfad mich wohl zum Glücke führen wird, oder ob ich hier meinen Untergang finden werde? Der Himmel mag es leiten, ich will auf Alles gefaßt ſein! Duna's Rathſchläge brachten mich hieher; allein, war⸗ um verhehlt ſie es mir was ich hier oll? Ich ſolle trachten, mich hier heimiſch und beliebt zu machen, und Sie werde zur rechten Zeit erſcheinen; wohlan! ich bin dem Looſe freiwillig entgegen gegangen, und will es le 31 ſtandhaft ertragen, ich will Herr meiner Gefühle, Herr meines Blutes werden. Roſina— meine Ro ſina! wird ſie jetzt wohl meiner gedenken? Ach! daß Duna mir den Weg nach Cirknitz verwehrte; nur einen Augen⸗ vlick lang hätte ich ſie ſehen mögen, nur ein Wort von ihren Lippen hören, und es wäre mir kein Wunſch mehr übrig geblieben! Immer matter wurde ſeine Vorſtellung, die Gedanken verwirrten ſich und begannen ordnungs⸗ loſer ſein Hirn zu durchkreuzen— er war entſchlafen und träumeriſche Phantaſien belebten den Scheintodten. Er fühlte ſich gerüttelt, öffnete die Augen, es war Nacht; der Freigraf ſtand mit einer brennenden Lampe an ſeinem Lager. Jetzt, Siegfried— begann der Angekommene — ſind wir allein, und ich will von dir die Wahrheit vernehmen.— Das ſollt Ihr, Herr! rief der Jüngling;— aber vor Allem erklärt mir, wie es kommt, daß ich noch lebe?— Ein Wunder, mein Sohn! hat dich gerettet— verſetzte der ſchlaue Heuchler— das Beil des Henkers glitt von deinem Halſe ab, und ich konnte den nicht zum zweiten Male ſolcher Gefahr Preis geben, den die Vorſicht ſelbſt beſchützt, und zu großen Dingen be⸗ wahrt zu haben ſcheint. Jetzt erzähle mir, was du von deinem Leben weißt. Der Jüngling gehorchte, und that dieß mit einer 32 Aufrichtigkeit, nur daß er Duna's Einwirken ganz verſchwieg. Emilian's Auge war während des ganzen Vortrages lauernd auf dem Antlitze des Jüng⸗ lings haften geblieben; er that auch manche Zwiſchen⸗ fragen, ließ ſich ſchon Gehörtes noch einmal wieder⸗ holen, war auf jedes Wort, jeden Ton aufmerkſam; jetzt hatte Siegfried geendet. Der Freigraf blinzelte mit den Augen, rieb ſich die Hände, lächelte grinſend, und neigte einige Male das Haupt; er ſchien zufrieden geſtellt. Deine Leiden, deine Jugend, mein Sohn! rühren mich; du biſt in einer harten Schule herange⸗ wachſen, und wenn es mir möglich wird, ſo will ich dich mit den Menſchen, die ſo viel an dich verſchul⸗ deten, zu verſöhnen ſuchen. Aber zur Aufnahme in unſere Mitte biſt du noch viel zu jung, denn dreißig Lebensjahre machten dich erſt fähig hiezu, und bis du dieſes Alter erreichſt, müßteſt du unter ſtrenger Auf⸗ ſicht in dieſer Veſte verbleiben, und dürfteſt ſie nicht verlaſſen; denke nur, mein Kind! deine ſchönſten Lebens⸗ jahre, zwiſchen Felſenwänden eingezwängt, ich müßte herzlos ſein, wollte ich dich hiezu verdammen. Drum habe ich mit dir Anderes im Sinne: du ſollſt nicht des Bundes Diener, du ſollſt— er ſah lauernd um ſich— du ſollſt der Meinige, du ſollſt mein Vertrauter, und wenn deine Treue ſich bewährt, ſo ſollſt du mein Sohn werden!— Er ſchwieg. Dieſen Tönen, welche aus S 8 68 33 einem menſchlichen Herzen zu kommen ſchienen, konnte Siegfried nicht widerſtehen. Ich will— rief er, des Grafen Rechte ergreifend— ich will Euch Alles, Alles werden, Herr! was Ihr wollt! Der Freigraf, durch den herzlichen Ton des Jüng⸗ lings befriedigt, fuhr, wie zu einem Vertrauten ſpre⸗ chend, fort: Ich kann es dir nicht verhehlen: der Bo⸗ den, auf dem du wandeln wirſt, iſt ein gefahrvoller, ein mit grünem Raſen überlegter Abgrund; ein feſter Tritt— und du biſt geſtürzt! Du wirſt glauben, zwi⸗ ſchen Blumen zu wandeln, und Schlangen werden züngelnd verborgen ſein, um des Augenblickes zu harren, wo ſie auf dich hervorſtürzen können; doch Gefahren, vor denen man gewarnt iſt, ſind keine Gefahren, und du biſt dieß nun; ich gebe dir einige Wochen Friſt, um dir Zeit zu laſſen, mich mit deinen Fähigkeiten bekannt zu machen; indeſſen kannſt du unter der Rolle eines Leibdieners ſtets um mich ſein, mich mit Allem bekannt machen, was du ſiehſt, erlauſcheſt oder behorcheſt; dieß Gemach verbleibt deine Wohnung, es grenzt beiderſeits an die meine, und ſo du mich zu ſprechen wünſcheſt, darfſt du nur an eine der Seitenwände pochen, und ich werde kommen, dich anzuhören. Nun ſchlafe wohl, du haſt Niemanden auf dieſer Welt als mich zu fürchten, doch ſo lange dein eigen Bewußtſein dich gegen mich 34 einer Untreue zeiht, ſo lange kannſt du ſorglos und ruhig bleiben!— Der Freigraf war ſchon längſt fortgeſchlichen, als Siegfried ſich noch immer auf dem Lager umher⸗ wälzte. Er konnte, trotz des herzlichen Tones ſeines Gebiethers, doch nicht ohne Beben an ſein Verhältniß zu ihm, denken. So wie er ſich zeigte, ſo hatte Duna ihn geſchildert, aber mit der Warnung: nie zu vergeſſen, daß ein Tirann, ein Heuchler und ein blutdürſtiger Unmenſch hinter dieſer Larve ſtecke; wie war man be⸗ trogen, wenn man dieſer ſchleicheriſchen, täuſchenden Außenſeite Glauben ſchenkte? Doch beſchloß Sieg⸗ fried, um ſeine Stellung zu ſichern und jede Gefahr während ſeines Hierſeins von ſich abzuwenden, ihm treu zu dienen, bis höhere Pflichten eintreten würden, und er durch Muth und Zuverſicht im günſtigen Au⸗ genblicke ſich aus dieſer Verbindung reißen würde. Durch dieſen Gedanken etwas hoffnungsmuthiger gewor⸗ den, ſpiegelten ſich glücklichere Tage, an Roſinen's Seite, in ſeiner Seele wider; er wollte in einer ein⸗ ſamen Gegend, ferne vom Menſchengetriebe, eine ärm⸗ liche Hütte bewohnen, und nur ſeiner Liebe, ſeinen Theuern leben. Duna— unwillkührlich kam er auch auf ſie zu denken, ſollte dann mit ihm ſein, ſie ſollte, einer greiſen Mutter gleich, von ihm und den Seinen geehrt und hochgeachtet werden. Seine geſchäftige Phan⸗ — 1———„„ hr 35 taſie hätte dieſe günſtige Tändelei wohl noch länger fortgeſetzt, als er durch ein Geräuſch, zu Häupten ſeines Bettes, geſtört wurde. Er erhob ſich und horchte— es kam von Außen her; es mußte alſo jen⸗ ſeits der Wand Statt finden. Er ſann einige Augen⸗ blicke nach, ihm gegenüber der ſchmale Gang, rechts und links befanden ſich die Gemächer des Gebiethers, was mußte alſo im Rücken ſein? das Geräuſch währte fort; er lehnte ſich feſt an die Tapete, um zu horchen, da fühlte er plötzlich die Wand weichen, eine Thüre ging auf, und von unten drang heller Lichtſchein herauf. Er befand ſich auf einer Gallerie, welche in der halben Wandhöhe des Bundesſaales rings umher lief. Der Saal war hell erleuchtet, mit bunten Teppichen und großen venediſchen Spiegeln umhangen; eine Geſell⸗ ſchaft von Herren und Damen, deren nicht bedeutende Zahl in den großen Räumen ſich etwas lächerlich aus⸗ nahm, wogte auf und ab; Einige tanzten, Andere kosten, wieder Andere, in kleine Gruppen geſchaart, unterhielten ſich durch Würfelſpiel, aus einer Ecke hinten drang halbverklungene Muſik, die nichts weniger als geräuſchvoll war, da ſie nur von drei Lauteniſten her⸗ vorgebracht wurde; alle Herren, die wirklichen Mitglie⸗ der des Bundes, waren in gewöhnliche, bequeme Haus⸗ kleider, die Damen aber ſämmtlich in leichte, weiße Gewänder gehüllt, welche offen und durchſichtig, die 36 Reize der meiſt üppigen Geſchöpfe beinahe mehr als ahnen ließen. Siegfried's Blut wallte bei dieſem Anblicke auf. Solch eine Scene mußte auf den Jüng⸗ ling lockend wirken, ſo in Mitte der anmuthigen Ge⸗ ſchöpfe, in deren jeder ſeine Unerfahrenheit eine Roſi⸗ na oder Hemma zu ſehen glaubte, dieſer Gedanke war zu reizend, als daß er ſich von ihm hätte trennen können. Er blieb im Anſchauen verſunken, bis er durch Tritte geſtört wurde, welche rechts daher kamen. Er wollte ſich zurück ziehen, allein es war ſchon zu ſpät, der Kommende mußte ihn ſchon bemerkt haben; um ſich nicht zu verdächtigen, war es beſſer er blieb ſtehen. Der Mann kam mit leiſen Tritten daher„und trug eine brennende Lampe. Als er bei Siegfried anlangte, prallte er einige Schritte zurück; Siegfried, ihn auch erkennend, zog ſich raſch in ſein Gemach zurück, und winkte den Erſchrockenen herbei— es war Kajetan! Seh' ich recht? Heiliger Barnabas! Ihr ſeid's mit Leib und Seele, Junker Siegfried! lispelte er.— Haben wir nichts zu befürchten? fragte der An⸗ dere raſch.— So lange die unten ihren Hockus⸗Pockus treiben, ſind wir oben ganz ſicher! rief wickler, und gebähr⸗ dete ſich vor Freude wie toll über das unverhoffte Wie⸗ derſehen. Nun kam es zum Fragen und Erzählen; Siegfried fand es rathſam, dem Alten die veran⸗ — 37 laſſende Urſache ſeines Hierſeins nicht zu verrathen, ſondern gab vor, mit Gewalt hieher gebracht worden zu ſein. Haben wir noch einige Augenblicke Zeit? fragte Siegfried. Bleibt nur ganz ruhig. So lange bis ein feiner Pfiff ertönt, ſind wir vor Ueberraſchung ſicher, dann muß ich hinab, um den Frauen heraufzuleuchten. Sie wohnen alle in dieſer Reihe, ein Pförtchen, in der Rich⸗ tung, in welcher ich herkam, führt in einen Gang in den ſämmtliche Damengemächer münden. Ihr müßt wiſſen: ich bin hier ein Frauendiener, habe immer nur mit den Weibern zu ſchaffen. S wäre nicht ſchlecht, aber mit dem Reden iſt's aus, ſonſt fliegen Köpfe, und Jeder wahrt ſich, ſo gut er kann. Traut nur dem Frei⸗ grafen nicht, der iſt— unter uns geſagt— Alles, was Ihr wollt, nur kein Menſch! So lange Ihr da ſeid, ſo könnt Ihr auch verſichert ſein, von Spähern und Verräthern umgeben zu ſein. Er kann in alle Gemächer, ihm iſt keine Pforte verſchloßen, er ſchleicht durch Mauern, und was er auf gradem Wege oben nicht vermag, das geſchieht unter der Erde. Ich habe da ſchon Sachen erlebt, gegen welche alle meine frühern Gefahren nur Ergötzungen ſind. Jetzt ſagt mir vor Allem, wer ſind dieſe Damen da unten? 38 Das ſind die Frauen der Bundesglieder— ent⸗ gegnete Zwickler,— mitunter haben ſich einige ein⸗ geſchmuggelt, die blos Herzensfreundinnen ſind. Aber das hat keine Bedeutung, hier wird es nicht ſo genau genommen. Wahrt Euch vor dieſen Weibern, das iſt ein Geſchmeiß, eckler denn das Gewürm, welches in den Pfützen ſeine Heimath hat. Jetzt ſagt mir nur— unterbrach Siegfried den Redſeligen— wie komme ich zu Euch, im Falle ich Euch benöthigen ſollte? In dem erwähnten Frauengange die letzte Thüre, führt in mein Kämmerchen; wagt Euch aber nur des Nachts dahin,— und thut ſonſt nie, Ihr mögt mich ſehen, wo Ihr wollt, als ob Ihr mich kennen würdet. Auch will ich Euch gerathen haben: mit keiner Seele, ob Männchen oder Weibchen, zu ſprechen, denn der lau⸗ ernde Graf hört Alles. Aber ſagt mir, in des heiligen Barnabas Namen! wie habt Ihr die Tapetenthüre auf die Gallerie hinaus, entdeckt? Durch Zufall; ich lehnte mich an die Wand— Und kamt an den verborgenen Drücker— unter⸗ brach ihn Kajetan— da ſeht her! Er nahm die Lampe und beleuchtete die Pforte;— an dieſes kaum bemerkbare Blättchen dürft Ihr nur leiſe drücken, und die Thüre geht auf, ein Gleiches iſt auch von Außen an⸗ gebracht. Unterſucht doch am Tage Eure Wand, und ter⸗ die um und an⸗ 35 Ihr werdet gewiß in derſelben mehrere dergleichen ge⸗ heime Ausgänge finden; ich habe das Geheimniß er⸗ lauſcht, welches nur dem Freigrafen bekannt zu ſein ſcheint, denn ſonſt glaube ich, hätten ihm die Andern ſchon längſt den Garaus gemacht; er hat arge Feinde hier, man hört bei den Weibern ſo hin und wieder Manches munkeln— aber was nützt das Munkeln, wenn man nicht reden darf. Noch Eines für Euch: wißt Ihr, wer noch hier iſt?— rathet einmal! Siegfried ſah ihn fragend an. Doch nicht mein Verfolger? fragte er ſtaunend— jener Fremde, der uns⸗ feſt nehmen ließ d Ei bewahre! erwiederte Zwickler geheimnißvoll, aber die Tochter— In dieſem Augenblicke ertönte ein gellender Pfiff, Kajetan fuhr zuſammen, ergriff raſch die Lampe, blies ſie aus, und trat auf die Gallerie hinaus. Sieg⸗ fried blieb im Dunkeln zurück. Sein Gefühl wogte ſtürmiſch. Wer konnte es ſein, die ſich hier befand, und die er kennen ſollte? Die Tochter— hatte Kajetan geſagt, als er unterbrochen wurde, vielleicht— Ro— ja, die Tochter unſeres Hauswirthes wollte er ſagen, es ſchien Siegfrieden, als ob er ſogar die Worte ver⸗ nommen hätte. Ro ſina hier, geraubt, gefangen, oder ſollte vielleicht Duna ihr ſeinen Aufenthalt entdeckt, und ſie ſeinethalben hieher gekommen ſein? Nein, es Läß war ihm nicht möglich, ſich die Geliebte ſeines Herzens an dieſem gefährlichen Orte zu denken— und doch, wer Anders konnte es ſein? Neugierde und Zweifel, Furcht und Sehnſucht beſtürmten ſein Inneres, der Gedanke ſchien ſo feſt in ſeiner Seele zu wurzeln, daß er ſeiner nimmer los werden konnte. Horch! jetzt vernahm er leichte Tritte daherkommen, wie ein Blitz durchfuhr's ihn: er wollte die Damen alle ſehen, war ſie hier, ſo mußte ſie unter ihnen ſein. Ohne das Ge⸗ fährliche des Unternehmens zu erwägen, nur um ſich durch Gewißheit von der qualvollen Pein zu befreien, ſchlich er zur Thüre und öffnete ſie, doch nur ſo weit, daß ſein Auge durchblicken konnte. Die ſchmale Gal⸗ lerie bemüßigte die Damen, einzeln zu gehen. Schöne Geſtalten, mit glühenden Geſichtern und aufgeregtem Blute, ſchritten an ihm vorüber, aber fremd waren ſie ihm Alle; jetzt kam Kajetan mit der brennenden Leuchte, ihm folgten wieder andere Damen; Sieg⸗ fried kannte keine Einzige. Sollte ſie heute nicht unter ihnen ſein, oder wollte ſie vielleicht bei dieſem ſchwelgeriſchen Feſte nicht erſcheinen? dann war es Roſina, gewiß, ſie war es! Er wollte ſchon die Thüre ſchließen, als noch Eine ſich mit raſcheren Schritten den Anderen an⸗ ſchloß, ſie huſchte an ihm vorüber, ein Blick,— ns fel, der aß etzt litz var e⸗ ſich en, eit, al⸗ öne em ren den cht es an⸗ 41 er hatte ſie erkannt, es war— Walburga, die Tochter des Pflegers von Cirknitz.— Dem Jüngling war es klar, daß ſein Standpunkt zu Emilian durch die Anweſenheit Kajetan's und beſonders Walburga's bedeutend gefährlicher gewor⸗ den ſei. Ahnete der Freigraf nur im Entfernteſten ein Verhältniß zu ihnen, ſo war es ihm ein Leichtes, Ge⸗ ſtändniſſe zu erpreſſen, welche die Wahrheit eines großen Theils ſeiner erſten Erzählung ſehr verdächtigten. Wal⸗ burga, wie kam ſie hieher? in welcher Eigenſchaft befand ſie ſich hier? war ſie einem der Herren vermählt? hatte ſie ihre Gefühle für ihn beſiegt, hatte er die Rache der Verſchmähten— wäre jenes nicht der Fall— ihre raſende Leidenſchaft zu befürchten? Gewiß! Sein erſtes Geſchäft am Morgen war, daß er die Seitenwände unterſuchte, er fand in jeder zwei von einander entfernt liegende Plättchen, alſo mit jenem in der Nacht ent⸗ deckten, fünf verborgene Ausgänge; in einem ſolchen Aufenthalte mußte man ſich unheimlich fühlen, da war man keinen Augenblick ſeiner Freiheit, ſeines Lebens ſicher. Er beſchloß, mit außergewöhnlicher Vorſicht zu handeln. Nach einer Weile hörte er an der linken 42 Seitenwand klopfen, der Freigraf verlangte ihn zu ſich⸗ Er eilte hinüber. Emilian ſah verſtört aus, empfing ihn jedoch freundlich. Nun, mein Kind— begann er zu Sieg⸗ fried mit ſchwacher, heiſerer Stimme— wie haſt du die erſte Nacht in unſerer Veſte zugebracht? ſchliefſt du ruhig und ununterbrochen fort? Siegfried bejahte die Frage ohne Bedenken. Die glückliche Jugend! ſeufzte Emilian, und verkehrte die kleinen Augen;— wer doch noch im Be⸗ ſitze jener heiteren, kräftigen Lebensjahre wäre, die jede Speiſe zum Leckerbiſſen würzen, den harten Stein in einen weichen Pfühl umwandeln. Ich wälzte mich die ganze Nacht ſchlaflos auf dem Lager umher; Kummer und Sorge für das Wohl der Meinen verſcheuchten den ſüßen Gott der Ruhe, und du findeſt mich heute matt, krank und todesmüde. Siegfried traute ſeinem Gehöre nicht; der Einzige, welchen er unter den Theilnehmern des Feſtes erkannt, der alſo die Nacht durchſchwelgt hatte, er heu⸗ chelte, ſein verſtörtes Ausſehen zu beſchönigen, Kummer und Sorgen für die Seinen— er vermochte den Schändlichen nicht anzublicken; zum Glücke für ihn, hatte ſich der Freigraf gleich nach den Worten erhoben, und befahl, ihm die rothe Binde umzuhängen. Sieg⸗ fried that nach ſeinem Wunſche. Jetzt, lieber Sohn! 43 ſprach er, werde ich meinen Morgenſpaziergang antre⸗ ten, begleite mich!— Er ſchlich voran, ehe er jedoch die Thüre öffnete, wandte er ſich um: Hätte bald ver⸗ geſſen, dir, mein lieber Sohn, zu rathen, daß du künf⸗ tig beim Eintreten in dieſes Gemach die erſten Dielen nicht berührſt, es war ein Zufall, daß dieß ſchon heute nicht geſchah, es könnte dir einige Unannehmlichkeiten verurſachen.— Hierauf ſetzte er ſeinen Gang weiter fort, der Andere folgte ihm. Ihr Weg führte die Treppe hinab, über den Hof, in den unterſten Theil des lin⸗ ken Gebäudes. Ein großes Thor öffnete ihnen den Ein⸗ gang in eine lange, dunkle Halle, welche durch Bret⸗ terwände in kleine Gemächer getheilt war, von denen immer Eines in das Andere führte.*) Die erſte Ab⸗ theilung, durch einige Fackeln erleuchtet, zeugte ein Schauſpiel eigener Art. Einige Männer übten ſich im Ringen, andere wieder im Fechten mit einander. Es ging bei dieſen Uebungskämpfen nicht ſo leicht her, denn man ſchonte ſich wenig, und jeder ſuchte ſich zu decken, ſo gut er vermochte.— Der Freigraf ſchlich weiter, eine zweite Abtheilung nahm ſie auf. Sieg⸗ fried ſah hier wieder mehrere Männer, mit verbunde⸗ nen Angen umherſchleichen, und auf den Befehl eines — *) Alles, was hier folgt, iſt faktiſch. 44 Andern gewiſſe Richtungen verfolgen, die ſie ſelten ver⸗ fehlten. Du ſieh'ſt, mein Sohn— wandte ſich Emilian zu ihm— wir ſcheuen weder Finſterniß noch Nacht, wir wandeln immer ſicher, und finden unſeren Pfad! — Eine dritte Abtheilung empfing ſie. Der Raum war mit Fäßern von verſchiedenen Lichtenräumen belegt, die kleinſten ſo eng, daß kaum ein erwachſener Knabe durchſchlüpfen konnte, und hier ſah man Männer, un⸗ ter Kunſtgriffen der mannigfaltigſten Art ſich durch⸗ preſſen und winden. Noch einige Abtheilungen wurden ſolcher Weiſe zurück gelegt, und überall fand man die Krieger und Laien mit ſolchen Uebungen beſchäftiget, welche ihnen in unvorhergeſehenen Fällen ihres Hand⸗ werks zu Statten kommen konnten. Der Freigraf be⸗ lobte und tadelte, je nachdem es die Geſchicklichkeit oder das Gegentheil erheiſchte. Jetzt gelangten ſie an das Ende dieſer merkwürdigen Lehrſäle, wer dieſe betrat, befand ſich auf der höchſten Stufe der Prudenten⸗ Bildungsanſtalt. Es war die Folterkammer! Die Henker waren eben beſchäftiget, einige der hoff⸗ nungsvollen Jünger für ihren künftigen Stand vorzu⸗ bereiten— ein Anblick, der Siegfried ſchaudern machte. Hier kauerte Einer halbnackt in einer Ecke, der Henker ſchwang die Geißel über dem zerfleiſch⸗ ten Rücken, und kein Klagelaut entfuhr dem entmenſch⸗ 45 ten Dulder, unweit davon wurden an zwei Anderen Daumſchrauben und ſpaniſche Stiefeln verſucht; die grelle Beleuchtung ließ jede Muskelbewegung erkennen, von Zeit zu Zeit drehte der Henker die Schraube, und die furchtbare Stille ließ das Knacken der Glieder ver⸗ nehmen, die Geſichter der Gefolterten waren todtbleich, ihre Blicke ſtier, die Zahne knirſchten vor Schmerz, aber kein Weheruf kam aus ihrer Kehle. Beifällig nickte der Freigraf und lächelte wie ein Vater, deſſen geliebtes Kind eben eine glänzende Prüfung beſtanden. Siegfried vergingen ſchier die Augen, aber noch hatte er das Gräßlichſte nicht geſehen, denn ſeitwärts ſtand eine Bank, und Einer wurde eben darauf gereckt. Hände, Kopf und Füße waren befeſtiget, durch Um⸗ drehung einer Kurbel dehnte ſich die Vorrichtung in die Länge, und zog den Körper nach beiden, entgegenge⸗ ſetzten Seiten auseinander. Der Patient war ſchon zu einer ungewöhnlichen Größe gelangt, allein der Henker fuhr fort, vor dem Freigrafen ſeine Kraft ins beſte Licht zu ſtellen. Nach jeder Windung krachte und knackte es; bleichen Geſichtes, mit weiten, aus den Höhlen ge⸗ tretenen Augen, keuchend, mit lechzender Zunge lag der Gequälte auf der Marterbank; die Bruſt hatte ſich zu einem Hügel gewölbt, die Züge zur ſcheußlichen Fratze verſtellt, noch eine Umwendung, und das Blut drang ihm aus allen Poren, aus Naſe und Mund; iſt 46 dieß ein menſchlich Weſen? heiliger Himmel! ſolche freiwillige Marter, und kein Wehlaut entfährt ſeinen Lippen! Der Freigraf zwinckerte mit den Augen und deu⸗ tete mit der Hand in eine Ecke, dort loderte eine Flamme, und verſchiedene Inſtrumente glühten in der⸗ ſelben. Der willfährige Henker verſtand den Wink, holte eine ſprühende Zange, das Eiſen ziſcht unter dem Blutſtrom, jetzt dringt ein Brüllen aus der Kehle des Opfers, aber auch nur einen Athemlang, dann wurde es todtenſtille! Der Freigraf lächelte: Ei ſeht, meine Kinder! er kann noch brüllen, hat es nicht über ſich vermocht, den Schmerz zu bezähmen? beginne von vorne, mein lieber Paul! Der Henker ließ alle Schrauben nach, der Patient zegte ſich nicht. Es wird eine kleine Ohnmacht ſein, begann der Freigraf, reich' ihm ein glühendes Erfri⸗ ſchungsmittel! Der Henker, dießmahl menſchlicher füh⸗ lend, horchte dem Athmen. Ich glaube, Herr Graf! vegann er nach einer Weile, er iſt— todt! Todt? fragte Emilian, ohne irgend ein Kenn⸗ zeichen von einer Veränderung in ſeinen Zügen; wirk⸗ lich todt?— Schade um die Mühe! ſetzt er entmenſcht hinzu, und ſchlich hinaus. Mit allen Schaudern und Entſetzen, deren eine menſchliche Seele fähig iſt, in einem beinahe bewußtloſen Zuſtande folgte ihm Sieg⸗ fried.— 47 Am Mittage wurde er wieder durch ein Klopfen zu ſeinem Gebiether beſchieden. Du biſt blaß, mein Sohn! begann der unmenſchliche Heuchler, Dir ſcheint unwohl zu ſein? und ich hätte Dich heute gerne an meiner Ta⸗ fel geſehen. Ich kann dir mein Vertrauen, meine Freundſchaft nicht beſſer zu erkennen geben, als wenn ich dich in die engſten Kreiſe meiner Verhältniſſe ziehe, und dir bei jeder Gelegenheit mein offenes Herz zeige; dieſes iſt es, was mir die Liebe der Meinigen ſo ſchnell erwirbt, daß ich unter ihnen, wie du ſiehſt, ſtets un⸗ beſchützt und unbewaffnet einhergehen kann. Wirſt du alſo kommen, mein lieber Siegfried? Ihr dürft es nur wünſchen, Herr! erwiederte der Jüngling tonlos, und ich werde nicht ſäumen! Er wurde freundlich entlaſſen.— Als er ſich zur beſtimm⸗ ten Stunde einfand, war die Tafel bereits gedeckt, mit Speiſen und Getränken überladen, wiewohl nur für drei Perſonen getiſcht. Der Freigraf hieß ihn zur Linken Platz nehmen, während der Stuhl für die dritte Per⸗ ſon noch unbeſetzt blieb. Nach einigen Augenblicken öff⸗ nete ſich eine Tapetenthüre in der hinteren Wand, eine Dame rauſchte herein, es war— Walburga! Siegfried, mit ihrem Hierſein bekannt, blieb bei ihrem Erſcheinen ruhig und gelaſſen, dieß war je⸗ doch bei der Dame nicht der Fall; ſie hatte den Jüng⸗ ling kaum erſehen, als ſie die Farbe wechſelte, und 48 einem Athemlang wie feſtgewurzelt ſtehen blieb. Der Freigraf, ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf Siegfried gewendet, betrachtete ihn mit einem lauernden Seiten⸗ blicke, um den Eindruck zu ermeſſen, den die Dame auf ihn machen würde, um dann gewiß zu ſein, in wie ferne er ihm, auch dem andern Geſchlechte gegen⸗ über, vertrauen könne. Die Ruhe des Jünglings be⸗ friedigte ihn, und er wandte ſich zu Walburgen; hier konnte nun ſeinem forſchenden Blicke die Verände⸗ rung nicht entgehen; denn trotz ihrem Ringen nach Ge⸗ laſſenheit, mußte er doch die Bläſſe ihres Antlitzes und ein leichtes Beben bemerken; er verdoppelte ſeine Auf⸗ merkſamkeit, ohne es durch ein äußeres Zeichen nur im Entfernteſten zu erkennen zu geben. Ihr erſchreckt, meine theure Freundinn— begann er mitleidsvoll, daß Ihr hier einen unbekannten Gaſt findet? ich vergaß, Euch auf ihn vorzubereiten. Ihr werdet in ihm einen jungen Mann kennen lernen, den ich meinen Vertrau⸗ ten jetzt ſchon, und bald auch meinen Freund nennen werde.— Oder kennt Ihr ihn ſchon von früher? ſetzte er gleichgiltig, ohne die mindeſte Argliſt zu verrathen, hinzu. Wäre dieß der Fall, erwiederte Walburga ge⸗ faßt, ſo würde ich gewiß nicht ſo erſchrocken ſein, aber wer dieſe Leichenzüge zum erſtenmale ſieht, und gleich⸗ giltig bleibt— 40 Beleidiget meinen jungen Gaſt nicht, theure Freundinn! unterbrach ſie der Graf, durch des Mäd⸗ chens Rede etwas beunruhiget; nicht jedem wird das gütige Geſchenk des Himmels zu Theil, auf ſeinem Antlitze einen immer dauernden Roſenfrühling zur Schau ſtellen zu können.— Es iſt nur Schade, nahm Siegfried das Wort, um Walburga's frühere Rede nicht unge⸗ rochen zu laſſen, daß dieſe Roſen auch mit Dornen ver⸗ ſehen ſind, und wer ſich an der Roſe Duft ergötzen will, muß auch den Dornſtich mit in den Kauf nehmen. Der Freigraf lachte hell auf; vielleicht ſeit langer Zeit hatte er nicht ſo aus Luſt gelacht. Du biſt ein Schelm, mein Sohn! keuchte er hüſtelnd, du ſcheinſt in dieſem Fache dein Theilchen ſchon erhaſcht zu haben? Laß dir's munden, in unſerer Veſte hat noch manches Weibchen Platz, und mir ſolls nicht darauf ankommen, deiner Liebſten zwei der ſchönſten Gemächer, an jene meiner theuren Freundinn gränzend, anzuweiſen.— Roſina in dieſem verderbten Orte ſich nur zu denken machte den Jüngling ſchon erröthen; und Emilian, ſich täuſchend, fuhr fort: Ei, du biſt zuletzt gar ein züchti⸗ ges Schelmchen, und ich bin dir mit meinem Antrage zu nah' getreten? mach' dir nichts draus, war nicht ſo bös gemeint. Bleib wie du biſt, und mir wirds lieber Der Gezeichnete. II. 5 50 ſein, denn ich— ich allein will dich beſitzen, und Nie⸗ mand ſoll dein Herz, dein Vertrauen mit mir theilen! Walburga ſtaunte über die Fortſchritte, welche Siegfried bereits, ehe ſie noch ſein Hierſein ahnte, in der Gunſt Emilians gemacht hatte. Faſt begann ſie ihn zu fürchten, und war dieß der Fall, ſo blieb der Gedanke: ihn zu vernichten, auch nicht fern. Aber ſein Anblick hatte wieder alle jene Gefühle aufgeſtachelt, welche ſeit ihrem Daſein auf dem Bierbaumer⸗Tabor, ſcheintodt darnieder lagen. Noch bei jener Tafel, ſchon in der erſten Stunde des Wiederſehens, ſelbſt in der Gegenwart eines Mannes, der keinen Nebenbuhler duldete, in deſſen Macht es ſtand, ſie mit einem Au⸗ genzwinkern zu vernichten, ſelbſt da geſtand ſie ſich, daß ſie ihn noch liebe, und da faßte ſie den Entſchluß: wie⸗ derhohlt um ſeinen Beſitz zu ringen. Das Mahl war beendet. Walburga und Siegfried wollten ſich entfernen, als Emilian ſich zu dem Letzteren wandte und gleichſam in einer An⸗ wandlung von Laune ihm befahl, die Dame bis an das Ende der Gallerie zu geleiten, und dann zu ihm zurückzukehren. Siegfried ſtaunte über dieſen Be⸗ fehl, und vermuthete mit Recht, daß hinter demſelben eine geheime Abſicht verborgen liegen müſſe. Doch raſch entſchloſſen, folgte er der Voraneilenden nach. Am Ende der Gallerie angelangt, kehrte ſich Walburga 5 1 zu ihm und lispelte: Jene Thüre dort führt in meine Gemächer. Ihr ſollt mehr von mir hören! Ehe er es abwehren konnte, hatte ſie ſeine Hand gefaßt, und drückte ſie ſo feſt, daß dem Ueberraſchten das Blut in die Wangen ſchoß. Er machte ſich etwas unſanft los und eilte zurück in das Gemach des Gebiethers. Der ſpähende Blick des Freigrafen empfing ihn. Du biſt lange geblieben, mein Sohn!— begann er— iſt dir vielleicht etwas Unangenehmes begegnet?— Sieg⸗ fried hatte Mühe, ſein Gefühl zu bezähmen. Sollte er dem Grafen ſeine Bekanntſchaft mit Walburga eröffnen? That er es nicht, ſo lief er im Entdeckungs⸗ falle doppelte Gefahr, da er Walburgen keine Mä⸗ ßigung zumuthen konnte. Er beſchloß alſo, ſeine Hand⸗ lungsweiſe gegen Beide einer reiflichen Ueberlegung zu unterziehen. Den Abend brachte er einſam und nach⸗ denkend in ſeinem Gemache zu. Einer der Krieger, welcher der Ordnung nach die Hausdienſte verſehen mußte, brachte ihm das Abendmahl. Siegfried, der ſich an der Mittagstafel nicht nach Wunſch und Bequemlichkeit ſättigen konnte, ſprach den aufgetrage⸗ nen Gerichten wacker zu, und merkte erſt nach einer Weile, daß ſie meiſt aus Käſe, gewürztem Fleiſche und einigen Fiſchgattungen beſtanden, welche heftigen Durſt erregen. Er griff nach dem Becher um ihn zu leeren, allein ein ungewöhnliches Feuer ſchien dem 5* 5 B Weine inne zu wohnen, daß er das Gefäß kaum halb geleert, niederſetzte. Wie kam es, daß ihm zu ſolchen Speiſen ſolches Getränk getiſcht wurde? Zufall konnte es nicht ſein— man wollte ihn alſo trunken machen? eine Abſicht lag dahinter verborgen, und wenn er auch den wahren Grund nicht ermitteln konnte, ſo wollte er doch vorſichtig ſein. Er leerte den Reſt des Bechers in die Flaſche, öffnete leiſe die Thüre, welche auf die Gal⸗ lerie führte, und leerte die Flaſche, ſie nahe an den Boden haltend, aus. Dann trat er wieder in ſein Ge⸗ mach, und warf ſich angekleidet auf's Lager. Er be⸗ ſchloß, den Schlaf von ſich abzuwehren, um von dem Kommenden nicht überraſcht zu werden. Nach einigen Stunden vernahm er im Nebengemache Geräuſch, er ſtreckte die Hände von ſich, legte den Kopf auf die Seite, um das ganze Gemach überſehen zu können, und nahm die Lage eines Trunkenen an, der von Weingei⸗ ſtern aufgeregt, ſich unruhig umherwälzt. Jetzt ging die Tapetenthüre der linken Wand auf, und der Frei⸗ graf, eine brennende Lampe in der Hand, trat ein. Er ſchlich zum Tiſch, ſtellte die Leuchte auf denſelben, und muſterte die Flaſche, ob ſie leer ſei. Als er dieß vorfand, nickte er zufrieden. Siegfried hatte indeſſen Muße, ihn genau zu betrachten; er hatte ein Nachtkleid übergeworfen, durch eine kleine Anordnung war unter demſelben ein Bruſtpanzer, und etwas tiefer, der Griff wie vom Schlaf überwältigt und ſank zurück aufs Lager. 53 eines Dolches ſichtbar. Ganz zufällig bemerkte Emilian die Blöße und zog haſtig das Kleid feſter zuſammen. Dann näherte er ſich dem Lager. Siegfried preßte die Augen feſt zu und athmete ſchwer. Er hat ſich an⸗ gekleidet niedergelegt, er iſt wirklich trunken! li⸗ ſpelte der Freigraf, doch laut genug, um von Sieg⸗ fried gehört zu werden. Der Jüngling fühlte gleich darauf ein heftiges Rütteln, eine Weile blieb er regungs⸗ los, dann ſtreckte er die Glieder, wälzte ſich um, und ſchien fort zu ſchlafen. Ein abermaliges, noch heftige⸗ res Rütteln erfolgte. Er fuhr, die Ueberraſchung eines plötzlich Geweckten nachahmend, in die Höhe, und rief mit lallender Zunge: Was giebt es? Wer iſt hier? Räuber! Mörder! Ruhig, mein Sohn! ich bin es, dein Freund und Vater!— Fort! fort!— ſtammelte der Jüngling— ach! mein Kopf iſt ſo ſchwer!— Nur eine kleine Antwort, ich vergaß dich zu fra⸗ gen, kennſt du vielleicht die Dame? Welche Dame? ſtöhnte Siegfried mit täu⸗ ſchender Wahrheit. Die, welche du heute beim Freigrafen an der Ta⸗ fel fandeſt.— Nein, nein, ich kenn' die Stolze nicht! hauchte er 5 4 Der Freigraf rieb ſich vergnügt die Hände. Es war nur Täuſchung— liſpelte er, nach der Lampe grei⸗ fend— was ich zu bemerken glaubte; der Zufall war ſonderbar, aber er trog mich doch, denn im Weine liegt Wahrheit!— Er ſchlich durch die Tapetenthüre wie⸗ der hinaus. ——————— Siegfried athmete nach der Entfernung Emi⸗ lians leichter auf, eine zentnerſchwere Laſt fiel ihm von der Bruſt. Alſo der Schlaue hatte über ſein Ver⸗ hältniß zu Walburgen Verdacht geſchöpft? die Leidenſchaftliche mußte ſich verrathen haben, und nun ſollte ihm die Wahrheit im Trunke abgelauſcht werden? Mit welcher Vorſicht mußte er hier zu Werke gehn, wo man ſolchen Proben unterworfen war, ſolche Mit⸗ tel anwandte, um die Wahrheit zu erfahren. Seine Verſtellung war ihm ſo vollkommen gelungen, daß der Freigraf von ſeiner Trunkenheit nicht nur vollkommen überzeugt war, ſondern, daß er auch beſchloß, in Zukunft mehr Vertrauen in den zu ſetzen, welcher ihm noch ſo wichtige Dienſte leiſten ſollte. Der Jüngling hatte alſo, ohne es zu wiſſen, einen rieſenhaften Fortſchritt in Emi⸗ lians Gunſt gemacht, den er aber mit jedem Tage mehr zu fürchten und zu verabſcheuen begann.— Einige 55 Tage hindurch wurde er auf ſeinem Gemache mit un⸗ bedeutenden Arbeiten beſchäftiget, die mehr dazu be⸗ ſtimmt ſchienen, die Zeit zu tödten, als einen ſonſtigen Zweck zu haben. Eines Vormittags, der Freigraf war eben auf ſeinem Morgenſpaziergange durch die Uebungs⸗ Anſtalten des Bundes begriffen, und Siegfried, den er nur Einmal mitgenommen zu haben ſchien, um ihn alle jene Mittel zu zeigen, welche ihm im nöthigen Falle zu Gebothe ſtünden, befand ſich allein in ſeinem Gemache, als Kajetan, von der Gallerie her, durch die Tapetenthüre eintrat. Siegfried grüßte ihn freundlich, allein jener machte ein ſaures Geſicht und ſprach: Ihr ſeid ein junges Blut, und thut, als ob Ihr Euch hier in einem Roſengarten befändet, und doch hangen zehn gezückte Schwerter über Euerem Haupte, und mich werdet Ihr auch mitreißen. Heiliger Barnabas! dieſe Pflegers⸗ tochter wird uns einer ſaubern Pflege überliefern, aber wahrſcheinlich beim— Henker! Was haſt du erfahren, fragte Siegfried, von banger Ahnung überwältigt. Erfahren? dem heiligen Barnabas ſei's gedankt! noch nichts! denn hätt' ich es, ſo wäre ich auch wahr⸗ ſcheinlich ſchon um einen Kopf kürzer, und das wär' ein verdammter Fall, ſintemal mir dann alle meine Gewänder zu kurz wären. Aber dieſe Walburga hat 56 mich mit einer Bothſchaft beſchwert, die mich vielleicht um ein Leben leichter machen wird. Ach! die bringt uns um unſer junges Leben, welches ich bis nun ſo glücklich ſalvirt hätte! So redet, erklärt Euch deutlicher! drängte der Andere. Gleich ſollt Ihr Alles hören, und ſchaudern. Sie befahl mir, Euch zu ſagen, daß Ihr heute, kurz vor der Mitternachtsſtunde zu ihr kommen, und durch ein lei⸗ ſes Klopfen an der Thüre, Einlaß fordern möget, ſie hätte mit Euch nothwendig zu ſprechen; würdet Ihr es unterlaſſen, ſo werde ſie Alles anwenden, Euch und mich zu verderben, und wenn es auch ihren eigenen Untergang herbeiführen würde. Sie ſoll es wagen! rief Siegfried. Sie wird es wagen— verſetzte Zwickler— das unterliegt gar keinem Zweifel, aber nur mit dem Unterſchiede, uns wird es den Hals koſten, und ſie wird ſich aus der Schlinge ziehen; ach, Junker Sieg⸗ fried! bedenkt nur das: einem ſchönen Weibe iſt Alles möglich, und was kein Engel und kein Teufel vermag, das bringt ein ſchönes Weib zu Wege. Heiliger Bar⸗ nabas! um meine Erbſchaft bin ich ſchon gekom⸗ men, und jetzt ſoll ich auch noch mein Bischen Leben einbüßen— 57 Was rathet Ihr mir alſo? fragte Siegfried nachdenkend.—— Ich will Euch das Beſte rathen, fuhr Kajetan raſch fort; macht, daß die Teufelinn von uns abläßt, denn daß Ihr's nur wißt, ſie iſt eine Hexin, ich ſelbſt habe ſie beim Heren⸗Sabbath geſehen! Sie ſoll von uns ablaſſen, oder ſoll uns aus dem Neſte zaubern, ſie ſoll mich in was immer umwandeln, nur von hier ſoll ſie mich befreien; ich rathe Euch daher noch einmal, macht Eines oder das Andere— aber nur ungeſchoren ſoll ſie uns laſſen. Ja, aber wie ſoll ich das veranſtalten? Das werdet Ihr am Beſten wiſſen; ich bin ein ſchwaches Menſchenkind, und werde den heiligen Barnabas bitten, er möge mich erleuchten. Soll ich es wagen, ihren Wunſch zu erfüllen? Wenn Ihr Euch ſtärker fühlt, als Vater Adam war, ſo thut es! Aber der Freigraf, ſein Mißtrauen, ſein immer⸗ waches Späherauge?— Sagt mir doch, grenzt Euer Gemach vielleicht an jenes der Pflegerstochter— Ja, das iſt der Fall, erwiederte Zwickler. Führt vielleicht auch eine verborgene Thür in das⸗ ſelbe? Ich habe eine ſolche entdeckt, allein Walburga ſcheint ihr Vorhandenſein noch nicht zu wiſſen. 58 Deſto beſſer, entgegnete Siegfried, ich komme heute Nacht zu Euch, bleibt alſo gefaßt und verhaltet Euch ruhig. Kajetan ſeufzte tief auf: Alſo auch Ihr zieht mich mit in's Verderben, macht mich zum Helfershelfer? Nun in's Himmels Namen! Ihr ſollet nicht ſagen kön⸗ nen, der Kajetan Zwickler ſei ein herzloſer Menſch geweſen! Ich will den Wienern keine Schande machen, die ſolches guten Rufes ſich erfreuen! vielleicht haben wir's Morgen ſchon überſtanden; da habt Ihr wieder ein Beiſpiel, daß wir ſelbſt im Elende nicht ſo unglücklich geweſen wären, wenn der liebe Himmel keine Weibsleute geſchaffen; ach! hätte er aus dem Adamiſchen Rippenbein was immer fabrizirt, es wäre beſſer geweſen. Verlaßt mich ſchnell, rief Siegfried, ich ſehe den Freigrafen eben über den Hof ſchleichen! Wie vor einer Schlange ſtürzte Kajetan, als er die Schre⸗ ckenskunde vernahm, fort, und Siegfried konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, über die Liſt, welche er erſonnen hatte, um des gutmüthigen aber läſtigen Schwätzers los zu werden. Er begann nun ſein Vor⸗ haben reiflich zu erwägen; zwei Fälle konnten nur bei Walburga Statt finden: entweder wollte ſie ihre Angriffe auf ihn erneuern, und ihn durch Drohungen zu ihren Wünſchen vermögen, oder beabſichtigte ſie eine N MN —— v„—* 59 Liſt, um ihn, dem vielleicht hinter einer Tapetenthüre lauſchenden Freigrafen Preis zu geben? gegen jede die⸗ ſer Möglichkeiten ſicherte ihn ſein früher gefaßter Ent⸗ ſchluß. Emilian ließ ſich den ganzen Tag hindurch nicht blicken. Auch der Abend rückte heran, und Sieg⸗ fried ſah ihn nicht. Er warf ſich aufs Lager, um einige Stunden zu ruhen, im Nebengemache vernahm er einiges Geräuſch; es beurkundete das Daſein des Freigrafen; jetzt wurde es ſtille, er hatte ſich entweder zur Ruhe begeben, oder ſein Gemach verlaſſen. Raſch erhob ſich Siegfried, warf einen Mantel um, ſteckte einen Doch in den Gürtel, und verließ durch die Galleriethüre das Gemach. Zwickler harrte ſchon des Angekommenen in der dunklen Kammer. Jetzt ſchnell, — liſpelte Siegfried— wo iſt der Drücker? Ka⸗ jetan führte ſeine Hand an die Stelle. Ihr begebt Euch ruhig auf Euer Lager! befahl der Jüngling, ein leiſer Druck auf das Plättchen, und er öffnete die Thüre bis auf die Breite einer Klinge. Das Gemach war er⸗ hellt, ſein Blick geſtattete ihm nur die Richtung nach rechts, wo Alles leer, und nur ein dunkler Teppich auf dem Boden ausgebreitet lag. Von links her ver⸗ nahm er Athmen und öfters das Geräuſch eines unru⸗ hig liegenden Schläfers, dort mußte alſo die Lagerſtelle ſein. So ſehr er ſich anſtrengte, konnte er nur das Daſein Eines Menſchen erſpähen. Nach einigen Augen⸗ blicken vernahm man Tritte, deren Geräuſch hohl und dumpf von unten herauf drang, bald begann ſich der Teppich in der Ecke zu bewegen, er ward bei Seite geſchoben, ein kleiner Theil des Bodens öffnete ſich zur Fallthüre, und eine Geſtalt hob ſich empor, ſie war durch ſchlecht verhüllte Panzer beſchützt, und mit einem Dolche bewehrt. Es war der Freigraf. Er ſchloß hin⸗ ter ſich die Fallthüre, breitete den Teppich darüber, und ſchritt vor Siegfried's Blicken vorüber, nach dem Vordertheil des Gemaches. Da ſelbſt das weitere Oeffnen der Thüre ihm keine größere Fernſicht geſtattet haben würde, ſo mußte er ſich jetzt blos auf das Ge⸗ hör beſchränken, auch wurde es jetzt im Gemache dunk⸗ ler, der Freigraf mußte die Lampe verhüllt, oder in eine Vertiefung geſtellt haben. Jetzt vernahm er das Rücken eines Stuhles, der Angekommene hatte ſich wahrſcheinlich an der Seite des Lagers niedergelaſſen. Todtenſtille herrſchte, Siegfried vernahm jeden Laut. Nun, meine Wallburga, ſprach der Freigraf, ſtörte ich dich vielleicht aus dem erſten Schlummer? Ich ſchlief ſchon feſt, log ihm die Gefragte zur Antwort. Du kannſt alſo ruhig ſchlafen? Warum nicht? entgegnete die Heuchlerin unbe⸗ fangen, hab' ich ein böſes Gewiſſen, daß mich der 61 Schlummer fliehen ſoll? ich müßte mir ein ſolches nur hier verſündigt haben. Emilian ſchien die Aeußerung nicht verſtehen zu wollen, und Walburga fuhr fort: Ach! wo ſind die ſchönen Tage, die ich genoß, ehe ich in dieſe Mauern kam? Tage, voll Unſchuld und Freude, ſo lange bis ich dich kennen lernte, und du die freiwillige Gefangene zu deiner Herzensgefangenen machteſt. Tiefe Stille trat ein. Siegfried vernahm nur ein leiſes Flüſtern und Koſen. Walburga! begann jetzt der Graf noch Ein⸗ mahl, ich kann es dir nicht glauben, daß du Sieg⸗ fried noch nie geſehen haſt. Ich habe ihn geprüft, auß eine Weiſe geprüft, die mich hinlänglich verſicherte, daß du ihm fremde biſt. Allein dein Benehmen beim erſten Zuſammentreffen läßt mich das Gegentheil glau⸗ ben, oder daß ſein erſter Anblick einen Eindruck auf dich hervorgebracht, der mich bei deinem feurigen Blute Alles befürchten läßt. Alſo dieſes Mißtrauen, dieſer ſchändliche Verdacht iſt der Lohn meiner Aufopferung, meiner Liebe zu dir? begann ſie faſt unter Thränen, wirſt du es nie über dich bringen, nur Einem Menſchen dein unbegränztes Vertrauen zu ſchenken?— Es wird mir ſchwer gelin⸗ gen, entgegnete der Freigraf, und wenn auch, ſo wird dieß bei einem leidenſchaftlichen Weibe am wenigſten 2 der Fall ſein!— Seit langer Zeit hatte Emilian kein Wort geſprochen, welches ſo aufrichtig und ſo mit innigſter Ueberzeugung frei, ohne aller Heuchelei aus ſeiner innigſten Seele gekommen wäre. Die heutige Nacht wird mich überzeugen, fuhr er fort, kennt dich Siegfried, ſo wird er kommen, denn die Einla⸗ dung einer Unbekannten anzunehmen, wäre für ihn zu gefahrvoll, kommt er nicht, ſo bleibt er frei vom Ver⸗ dacht. O, er kann, er wird nicht kommen! rief Wall⸗ burga, mit einem faſt wehmüthigen Tone aus, er muß mich haſſen,— und raſch ſetzte ſie hinzu— weil ich ihn in Eurem Beiſein ein Leichengeſicht geſcholten habe. Emilian konnte die Beziehung der erſten Aeu⸗ ßerung nicht auffallen, er ſprach daher ruhig weiter: Der Diener hat doch Eure Bothſchaft, welche Ihr ihm gabt, überbracht? Walburga bejahte, und er fuhr gleichſam zu ſeiner eigenen Beruhigung fort: Ich ſelbſt war verbor⸗ gen, und hatte Euch feſt im Auge, als Ihr ihm den Auftrag gabt; hier konnte alſo kein Betrug Statt finden. Wallburga ſeufzte. Was ſoll dieſer Seufzer? forſchte der Freigraf. Er ſoll dir zeugen, daß ich Gefühl genug beſitze, um mich über ſolche unwürdige Behandlungsweiſe ge⸗ kränkt zu finden. Vergib, Walburga! aber ich kann und mag keinen Theilnehmer meines Glückes dulden. Ich will die Seele, ſo ich mir erworben, allein beſitzen, allein, ganz allein, und Niemand ſoll ſich rühmen können, ein Herz erobert zu haben, welches ich das Meine nannte! — Der Heuchler! trotz ſeines ungeheuren Mißtrauens und ſeiner Prüfungsſucht, trotz der argliſtigen Ver⸗ worfenheit, war er doch betrogen, betrogen von Allen die ihn umgaben, und wenn auch nur durch den Blick, der ihm Liebe heuchelte, während das Herz von Ver⸗ achtung und Haß überfloß. Siegfried erkannte nun den Standpunkt der Dinge: Walburga war gezwungen, ihn zu ſich zu laden, um den Verdacht des Heimtückiſchen zu vernichten, oder zu beſtätigen. Ihrer Aeußerung nach, that ſie dieß mit der vollen Ueber⸗ zeugung, daß er der Einladung nicht Folge leiſten würde; er geſtand ſich ſelbſt, daß er dieſe beſſere Auf⸗ regung der Verworfenen nicht zugetraut hätte; allein er überſah es, daß es in Ihrem Intereſſe lag, ſich vor dem betrogenen Freigrafen zu rechtfertigen; war ihr dieß gelungen, ſo blieb ihr noch Zeit genug, ihre ande⸗ ren Pläne auszuführen. Nach dem erwähnten Geſpräche trat vollkommene Stille ein. Die Wachen riefen bereits die Mitternachts⸗ 64 ſtunde aus, und der Freigraf harrte noch immer verge⸗ bens auf die Ankunft ſeines Leibdieners. So iſt mein Verdacht doch grundlos geweſen, begann er nach län⸗ gerem Stillſchweigen; Walburga! Ihr ſeid Beide zu Eurem Glücke gerechtfertiget, dieſer Dolch war für dich und ihn beſtimmt! Siegfried ſtaunte den herzloſen Heuchler an, der in der Folterkammer, wie in dem Gemache der Geliebten ſich immer gleich blieb, immer eine bluttrie⸗ fende Hyäne, ein verabſcheuungswürdiges Scheuſal. Jetzt hörte er ihn ſich erheben, ſah ihn ſeinen Blicken vorüber, gegen die Thüre gehen, welche er abſchloß und den Schlüſſel mitnahm, darauf verließ er raſch durch die Fallthüre das Gemach. Siegfried ahnete nicht, was er eigentlich im Sinne führe, und wähnte, er pflege dieß ſonſt immer zu thun. Jetzt trat er bei Wal⸗ burga ein. Sie erſchrack, als ſie ihn plötzlich vor ſich ſtehen ſah, denn ſie hatte wirklich von dem verborgenen Eingange nichts geahnet.— Siegfried beabſichtigte nur wenige Worte mit ihr zu wechſeln, er wollte ihr das Gefährliche ihrer beiderſeitigen Lage vorſtellen, und ſie bitten, ja nichts zu unternehmen, was den Ver⸗ dacht des Freigrafen neuerdings erwecken könnte. Walburga, heftig aufſpringend, rief mit hau⸗ chender Stimme: Flieht— verlaßt mich ſchnell, oder Ihr verderbt uns Beide! In dieſem Augenblicke, wäh⸗ ege l⸗ ten gte ind zer⸗ au⸗ oder 65 rend Ihr hier ſeid, befindet ſich der Tirann auf dem Wege zu Eurem Gemache, um ſich noch einmahl zu überzeugen, daß Ihr wirklich auf Eurem Lager ſeid? Dem Jünglinge rieſelte es eiskalt über den Rücken. Alſo darum hatte der Wütherich die Thüre verſperrt, um ihm den Ein⸗ und Ausgang zu wehren; ſollte ſelbſt er von der verborgenen Thüre keine Kenntniß haben? Raſch ſchlüpfte er wieder zurück in Kajetan's Kammer und rief: Schnell, leite mich hinab in den Hof.— Der erſchrockene Zwickler fuhr auf, und folgte zitternd dem Befehle. So ſind wir alſo ſchon verloren? jammerte er winſelnd.— Verrathe uns durch keinen Laut! ge⸗ both Siegfried, und eilte, den Langſamen über⸗ flügelnd, über den Hof und mit ſtarken Schritten über die Treppe in ſein Gemach. Kajetan kehrte zurück in ſeine Kammer. Der Freigraf, mit einem geſchwun⸗ genen Dolche in ſeiner Rechten und einer brennenden Lampe in der Linken ſtand fürchterlich grinſend an dem leeren Lager ſeines Leibdieners. Elender! rief er, ſprich, wo warſt du? Siegfried that, als überhöre er die Drohung, und erwiederte, durch das Laufen ſchwer athmend, was ihm wirklich den Schein von ausgeſtandener Angſt und von Schrecken verlieh: Herr! ich habe eine fürch⸗ terliche Entdeckung gemacht: Verrath, Verrath gegen Euch!— 66 Gegen mich? rief der Wütherich, und die geho⸗ bene Hand mit dem Dolche ſank, er mußte die Lampe auf den Tiſch ſtellen, ſie wäre ſonſt dem bebenden Arme entfallen. Der Böſewicht, der ſich keinen Augenblick beſann, bloß einer Probe halber, Liſt, Verrath, Tücke, Gefängniß und Mord in Anwendung zu bringen, er⸗ zitterte feige vor dem Gedanken, daß auch ihm der Verrath auflauern könnte. Ja, fuhr Siegfried, die im Laufe erſonnene Nothlüge geläufig erzählend, fort; hört, vernehmt mich! Ich lag auf meinem Lager, da hörte ich vom Gange her ein Geräuſch, und ſah zwei Geſtalten, die heimlich mit einander ſprachen. Es fiel mir auf, ich wollte Euch davon in Kenntniß ſetzen, klopfte an die Wand, allein mir ward keine Antwort. Jetzt ſchlichen die beiden Männer fort, ich öffnete leiſe die Thüre und folgte ihnen in der Entfernung nach. Sie gingen über den Hof an der Schlucht vorüber, in das linke Ge⸗ bäude; ich hielt mich feſt hinter ihnen, jetzt blieben ſie ſtehen, auch ich that dieß, und um nicht entdeckt zu werden, drückte ich mich in eine Vertiefung der Mauer, und belauſchte ihr Geſpräch: es war eine Berathſchla⸗ gung: den beſten Ort, die gelegenſte Zeit zu beſtimmen, um Euch am ſicherſten ermorden zu können. Die Schur⸗ ken wollten ſogar wiſſen, daß Ihr immer gepanzert ſeid, und beſchloßen hiernach ihre Maßregeln zu er⸗ 67 greifen. Hierauf ſchlichen ſie hinaus, ich folgte, an der Thüre angelangt fiel ich unverſehens über einen, auf dem Boden liegenden Gegenſtand. Wir ſind verrathen! riefen die Mörder, und bis ich mich erhoben hatte, waren ſie entflohen.— Ohne Siegfried's Wollen und Wiſſen ſtand das erſonnene Mährchen mit gewiſſen, bereits erkund⸗ ſchafteten Verhältniſſen in ſo innigem Zuſammenhange, daß der Freigraf bei ſeiner gerechten Furcht vor Ver⸗ rath, bei ſeinem gränzenloſen Mißtrauen an etwas Ed⸗ leres, Beſſeres, die Wahrheit des Erzählten keinen Augenblick bezweifelte. So iſt es alſo wahr? jammerte der Wütherich heuchleriſch, daß man mich ſchuldlos ver⸗ folgt, verrathet— und morden will?! Siegfried's Zweck, ſein Außenſein zu recht⸗ fertigen, war auf eine glänzende Weiſe gelungen, denn der Freigraf fuhr fort: Und dir, der indeſſen ſein Leben für mich bloß geſtellt, dir vermochte ich ſo hart zu begeg⸗ nen? Faſt ſchäme ich mich meiner ſelbſt— heuchelte die Schlange— komm an mein Herz, ich will es nie vergeſſen, wie unrecht ich gegen dich geweſen, aber du ſiehſt, mit welcher Vorſicht man handeln muß, wenn man eine Stellung wie die meinige, behaupten will; es iſt beſſer, ich habe mich ſo in dir getäuſcht, als daß dieß auf eine andere Weiſe geſchehen wäre. Ver⸗ ſchweige indeſſen, was du gehört und geſehen; ich will 68 die Sache einer reiflichen Ueberlegung würdigen, wir werden noch mehr darüber ſprechen. Er ergriff die Lampe und ſchlich fort. Sieg⸗ fried warf ſich erſchöpft von Schrecken und Angſt auf's Lager, und wirre Traumbilder umgaukelten die freudenloſe Schlafſtätte des armen Jünglings. Lorenzo, der an die Republick abgeſandte Bote, war zurückgekehrt, und befand ſich beim Freigrafen, um ſich ſeiner Bothſchaft zu entledigen. Emilian hörte ihm ruhig und gelaſſen zu, und wiewohl die Nachrichten höchſt ungünſtig lauteten— der Ausſage zu Folge wollte die Republick zu dem Unternehmen ihren Einfluß nicht biethen— ſo blieb der Freigraf doch ru⸗ hig und unregſam auf ſeinem Sitze, nur manchmal ließ er ſeinem lauernden Blick auf den Erzähler haften, ver⸗ ſuchte jedoch ihm mehr den Anſtrich von Neugierde, als Verdacht zu geben. Schade, begann er hierauf, als der Andere aus⸗ geredet hatte, daß Venedig uns ſeinen Arm verſagt. Ich werde jetzt das Unternehmen als unausführbar ſin⸗ ken laſſen, und nicht mehr daran denken.— Wie ge⸗ dankenlos durchblätterte er die Papiere welche Lorenzo mitgebracht hatte, und entließ dieſen freundlich mit der 68 Verſicherung ſeiner vollkommenſten Zufriedenheit. Jetzt— war er allein. Haſtig begann er die Papiere noch Ein⸗ mal durchzuleſen, aus ſeinen Blicken ſprachen Grimm und Rache. Ich kann es nicht glauben, brach er in ein Selbſtgeſpräch aus, daß dieß Venetia's Ernſt ſei. Hier liegt ein Geheimniß verborgen, welches ich ergründen muß, und läge es noch ſo tief verborgen. Die Papiere ſind meiſtens die, welche von uns abgegangen ſind; hier die kalte Antwort darauf:„Man dürfe es nicht wagen, ſich Rom und Deutſchland auf den Hals zu hetzen!“ nein, nein, hier muß etwas anderes verbor⸗ gen liegen! Was iſt das? ein weißes Pergament mit einem ſchwarzen Kreuze, ſonſt ganz leer, was mag das zu bedeuten haben?— Halt! ich entſinne mich, ſchon lange waren wir nicht bemüßigt, uns dieſes geheimen Verbindungsmittels zu bedienen; jetzt iſt alſo wieder der Fall eingetreten, ich will die Schrift gleich hervor⸗ treten laſſen; er tauchte das Pergament in Waſſer, und Schriftzeichen traten hervor, geſtalteten ſich zu Worten, Zeilen, zu einem ganzen Schreiben. Er begann raſch zu leſen:„Lieber Emilian! Wir haben Urſache zu ver⸗ muthen, daß Ihr von Verräthern umringt ſeid, denn wir finden in dem Paquette Eure gewöhnliche Unter⸗ ſchrift nicht, und hatten Gelegenheit, bei genauer Beob⸗ achtung Eures Abgeſandten, ihn ſehr oft mit Leuten zu treffen, die von uns als verdächtigt, wohl nächſtens 70 ſchon feſtgenommen werden. Aus dieſem Grunde ertheil⸗ ten wir Euch die abſchlägige Antwort, weil wir be⸗ fürchten mußten, bei ſo Gefahr drohendem Unterneh⸗ men, daß ſich der Verrath auch noch weiter erſtrecken könne, denn wenn die Bundesmitglieder ſelbſt ſchon einander verrathen, was hätten wir erſt zu fürchten Drum vernehmt alſo unſere beifällige Meinung zu Eu⸗ rem Plane: wir werden alſogleich beginnen, die Räder in Bewegung zu ſetzen, und das Opfer herbeizulocken. Harret unſerer weitern geheimen Berichte, und trachtet indeſſen die gefährlichen Perſonen, unter welchen Lo⸗ renzo gewiß mitzuzählen, zu beſeitigen.— Die Republik.“ Alſo hat ſich meine Ahnung bewahrheitet, und Siegfried recht gehört; ſie verrathen nicht nur un⸗ ſere Sache, ſondern ſie wollen auch mich morden, ſchändlich morden! O, Ihr ſollt ſtaunen, Ihr ſollt auftaumeln aus Eurer Sorgloſigkeit, und ſollt mit Zit⸗ tern das rächende Schwert über Eurem Haupte ſchwir⸗ ren hören! Er ging an die Wand und klopfte; nach einer Weile trat Siegfried ein. Alſo, mein Sohn! re⸗ dete er ihn liebevoll an, du kannſt dich wirklich jener beiden Verräther nicht entſinnen, getrauſt dich nicht ihre Züge zu erkennen?— 71 Unmöglich! erwiederte der Jüngling, vermochte ich doch in der Dunkelheit kaum die Umriſſe ihrer Ge⸗ ſtalten zu unterſcheiden.— Vielleicht würdeſt du ſie an der Sprache er⸗ kennen? Ich hörte ſie nur liſpeln.— Waren ſie groß, klein? nur eine Spur, und ich will ſie herausfinden. Siegfried erbebte; denn gab er irgend ein Zeichen an, der kalte Wütherich hätte alle, die jenem entſprochen, auf die bloße Angabe hin, fol⸗ tern und morden laſſen. Ich vermag auch das nicht anzugeben,— entgegnete er,— Dunkelheit, Schrecken und Angſt um Euch, ließen mich Alles vergeſſen! Emilian kreuzte die Hände, ging ſinnend auf und nieder, plötzlich wendete er ſich zu dem Jünglinge und ſprach: Verſchließe die Thüre deines Gemaches und bewaffne dich; jetzt komm' her, mein Sohn, und laß dir eine Binde um die Augen legen. Siegfried er⸗ bleichte, faßte ſich jedoch, und ließ ſich dann von dem Freigrafen leiten. Sie durchſchritten dies, dann Sieg⸗ frie d's Gemach und das jene auf der andern Seite angränzende, welche durch die Tapetenthüren mit ein⸗ ander verbunden waren. Jetzt gelangten ſie in einen finſtern Felſengang. Emilian nahm dem Geblende⸗ ten die Binde ab, allein dieſe Finſterniß war noch gräulicher, denn die frühere. Eine dumpfe, ſchwer ein⸗ * 72 zuathmende Luft umwehte ihn, es däuchte ihm, als ob ein kalter Wind von beiden engen Wänden wehete, jetzt bogen ſie um eine Ecke, dann wieder gerade fort, noch Einmal um eine Ecke und ſie waren am Ziele.— Sie mochten vielleicht im Ganzen zweihundert Schritte gemacht haben. Sie waren in einer Halle angelangt, der Freigraf tappte ſich zu einer Thüre, öffnete ſie leiſe, trat ein, und Siegfried folgte. Es war ein enger, bis an's Dach reichender Raum, das Licht drang alſo von oben herab; ſo weit ſich der Jüngling zurecht finden konnte, befanden ſie ſich jetzt in dem entgegengeſetzt liegenden Gebäude der Veſte; der Felſengang, ein ge⸗ heimes Verbindungsmittel der beiden Gebäude, diente dem Freigrafen wahrſcheinlich hiezu, um ungeſehen aus einem in das andere gelangen zu können. Er war mit dieſen Folgerungen eben zu Ende, als Emilian ſich an die Wand drückte und zu horchen begann. Ich glaube, das Gemach iſt leer, flüſterte er, und ſtieß mit dem Finger auf einen Punkt„eine Thüre öffnete ſich, er ſpähte vorſichtig umher, es war wirklich Niemand anweſend. Folge mir, mein Sohn, laß uns eintreten. Du ſtellſt dich zu jener Thüre, und horchſt; ſobald du Tritte oder das mindeſte Geräuſch vernimmſt, ſo gib mir ein Zeichen. Die Thüre iſt doch verſchloßen? Siegfried verſuchte, es war der Fall.— Ein Blick in die Runde des Gemaches geworfen, ließ ihn erkennen, — — ——. „„—— ob te, rt, itte 73 daß ſie ſich in dem Gemache eines Bundes⸗Mitgliedes befänden, ja ein wohlgetroffenes Bildniß an der Wand verrieth ihm ſogar den Eigenthümer desſelben. Es war der greiſe Catoni. So war denn dem Heuchler kein Mittel zu ſchlecht, um in die Geheimniſſe Anderer zu dringen, ſo ſtreckte er auch ſeine Hand an das Eigen⸗ thum eines Andern, wenn es darauf ankam, zu ſeinem Zwecke zu gelangen. In dieſen Räumen war ihm Alles möglich, auf dieſer Veſte war Alles Auge, Alles Ohr für ihn. Während ſolcher Betrachtungen Siegfried's hatte Emilian die verſchiedenen Papiere unterſucht, und mit Sorgfalt wieder in ihre alte Lage gebracht; er zog einige Schränke auf, öffnete andere, welche ge⸗ ſchloſſen waren, mit einem beſonderen Schlüſſel, allein er fand nichts, was ihn befriediget hätte. Jetzt fuhr Siegfried zuſammen, denn er vernahm Tritte. Man kommt, liſpelte er; Emilian ſchloß raſch den Schrank, und Beide eilten zur verborgenen Thüre hin⸗ aus. Siegfried war froh, von der unwürdigen Scene befreit zu ſein, allein ſie war noch nicht zu Ende, denn da das Auge nichts entdeckt hatte, ſo mußte das Ohr Dienſte leiſten. Der Freigraf horchte an der Thüre und hatte Siegfrieden mit der Linken krampfhaft gefaßt. Das Gemach wutde von Außen geöffnet, zwei Männer traten ein, es waren Catoni und L orenzo; Der Gezeichnete. II. 7 74 nachdem ſie die Thüre wieder geſchloſſen hatten, ließen ſich Beide nieder, ſo daß Emilian ſie nicht nur behor⸗ chen, ſondern auch ſehen konnte. Nun, mein lieber Lorenzo, begann Catoni, erzähle mir, wie es dir in Venetia ergangen; haſt du die alten Freunde noch am Leben gefunden?— Die Meiſten noch, allein es beginnt ein traurig Le⸗ ben, die Königinn der Meere ſcheint im Abſteigen begrif⸗ fen, ihre Kraft iſt im Schwinden, und nicht lange mehr kann es währen, und ſie wird ſich ſelbſt überlebt haben. Konſtantinopel und Wien, der Deutſche und der Türke rütteln an den Säulen, und der Rieſenbau muß unter⸗ gehen! Wir vermögen nicht, es abzuwenden; Stolz und Eroberungsſucht ſtürzen die Republik ins Verderben.— Warſt du ſchon bei Emilian? Ich entledigte mich bereits meiner Bothſchaft, er hat beſchloſſen, das Unternehmen aufzugeben. Meinſt du, Lorenzo? ich kann es mit dem be⸗ ſten Willen nicht glauben— Muß er nicht? fuhr der Andere etwas leiſer fort, meine Bothſchaft zwingt ihn dazu, denn die Republik entzieht ihm ihre Hand. Iſt es dir alſo gelungen? Vollkommen! fuhr der Andere etwas leiſer fort, ich habe mich ſeines Privatſchreibens an den Dogen S. — N 75 bemächtigt, und noch einiger anderer, an Mitglieder des Rathes der Zehn gerichtet; dem bloßen An⸗ trage von Seite des Bundes konnten ſie keinen Glau⸗ ben ſchenken, weil ſie eine Schlinge befürchteten, ſo mußte wohl Alles im Entſtehen ſchon zuſammenſtürzen. Ca to ni ſchüttelte ungläubig das Haupt. Du kennſt Emilian ſchlecht, wenn du wähnſt, er werde ſich hiermit begnügen. Die Folge wird es lehren! Sie ſprachen noch lange mit einander, und der Freigraf hatte, wie ſchon oft Gelegenheit, die offene Meinung über ſich ſelbſt zu vernehmen. Er blieb nicht ruhig beim Anhören des Verrathes, er drückte krampfhaft Siegfried's Hand. Hier alſo ſtack die Wurzel des Giftkrautes, welches ihn vertilgen und ſtürzen, von hier aus gingen die Mörder, deren Stahl ihn vernich⸗ ten ſollte; hier war die Quelle, aus welcher der ver⸗ heerende Strom entſprang. Siegfried überſah deut⸗ lich die Gefahr, welche bei dem Sturze ſeines Gebie⸗ thers auch ihm droh'te; denn, mußte man ihn nicht für einen Späher, für einen Vertrauten deſſelben halten, und ihn eben ſo, wie den Grafen ſelbſt verachten? Emilian, unſchlüſſig was er beginnen ſollte, lehnte faſt erſchöpft an des Jünglings Bruſt; der feige Heuch⸗ ler! wäre er nicht jedes offenen, muthigen Handelns bar geweſen, er wäre hineingeſtürzt, ſein plötzliches Erſcheinen hätte die Anderen für einen Augenblick min⸗ 76 deſtens zum Widerſtande unfähig gemacht, und er hätte ſie angreifen, und mit Vortheil bekämpfen können; ſo aber floh er das Licht, er ſann ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke auf eine neue Liſt.— Nachdem er ſich erholt hatte, trat er, auf ſeinen Leibdiener geſtützt, den Rück⸗ weg an, ſeine Pläne beſchäftigten ihn dermaßen, daß er ganz die Vorſicht vergaß, dem Gefährten wieder die Binde um die Augen zu legen, und Siegfried ſah, daß ſie das Gemach, an dem Seinen zur Rechten gele⸗ gen, dann das ſeinige ſelbſt durchſchritten, und dar⸗ auf in jenem des Freigrafen anlangten. Der Jüngling, welcher das Vorgefallene mit an⸗ gehört hatte, war immer darauf geſpannt, welches Unternehmen der Freigraf eigentlich im Sinne habe, zu dem ſelbſt die Republik ihre Hand nicht biethen wollte; allein er konnte nichts erlauſchen, da es nicht genannt wurde. Die jugendliche Neugierde war rege geworden, und bald hätte er die Thorheit begangen, den Freigra⸗ fen zu befragen, allein zur rechten Zeit warnte ihn ſein guter Genius! Er unterdrückte die Frage, ſuchte ſeine Neugierde zu bekämpfen, und begab ſich, nachdem er entlaſſen worden, in ſein Gemach. Noch in der Nacht deſſelben Tages ſollte ihm das Räthſel gelöſt werden. Für den Nachmittag blieb Emilian in ſeinem Gemache verſchloſſen, nur Donari und Andrea waren zu ihm berufen worden, und verweilten faſt eine 77 Stunde lang in geheimen Berathſchlagungen. Sieg⸗ fried befand ſich in einer unbehaglichen, faſt peinli⸗ chen Stimmung.— Sein Verhältniß zu dem Freigrafen, ſeine höchſt gefahrvolle Lage begann ihm drückend, wie nie zu erſcheinen, ein Aufenthalt, wo jeder Hauch ſei⸗ nes Odems belauſcht werden konnte, wo jede ſeiner Bewegungen lauernden Blicken Preis gegeben war, mußte ein beengendes Gefühl in ſeinem Herzen erwecken, welches ünzufriedenheit zur Folge hatte.— Dieſe Um⸗ ſtände trübten ſeine Stunden, die er ungeſtört zubrachte, bis die Nacht heranrückte. Der Freigraf hatte ihn nicht mehr zu ſich beſchieden, er durfte daher hoffen, ſich eines ruhigen Schlafes erfreuen zu können; allein er wurde ſchon aus dem erſten Schlummer geweckt und Walburga ſtand vor ihm. Die Sicherheit des heutigen Abends— begann ſie langſam— geſtatten einige Stunden, in welchen wir nicht fürchten dürfen, — belauſcht zu werden. Ich bin zu Euch gekommen, um mich von dem Verdachte einer Verrätherei an jenem Abende zu rechtfertigen. Das ſeid Ihr vollkommen, gab Siegfried zur Antwort; allein Ihr ſcheint dennoch mich und Euch verderben zu wollen, ſonſt wäret Ihr nicht hieher ge⸗ kommen. Seid ohne Furcht. Emilian hat heute wichtigere Dinge im Sinne, als daß er Unſerer dächte; er iſt in 78 dieſem Augenblicke unten im Bundesſaale mit ſeinen Vertrauten, und erwartet die Erſcheinung von Ver⸗ räthern, um ſie vor Gericht zu ſtellen.— Jetzt ſagt mir, Siegfried! welches iſt der Zweck Eures Hier⸗ ſeins? Die gleiche Frage, Walburga, könnte ich an Euch richten! Sie blickte verlegen zu Boden, dann aber be⸗ gann ſie: Ich fühle den Vorwurf, welchen Eure Worte enthalten, nur zu ſehr, und doch ſollte Ihr es am wenigſten ſein, welcher mich durch ſolche Rede kränkt, denn Ihr allein ſeid Urſache alles deſſen, was mit mir geſchehen, ſeitdem ich das Haus meines Vaters heimlich verlaſſen hatte. Ich? fragte Siegfried erſtaunt. Ja, Ihr, fuhr ſie fort, denn Euch wollte ich ſuchen, Euretwegen litt ich Elend und Verachtung, bis mein Verhängniß mich hieher geſchleudert. Nicht ich, verſetzte Siegfried, Eure verdam⸗ menswerthe Gier hat in Euch jedes beſſere Gefühl ge⸗ tödtet, hat Euch ſinken gemacht, bis zu jener gräß⸗ lichen Tiefe, aus welcher Ihr nie wieder empor zu klimmen vermögt. Ihr ſeid gleich dem verwilderten Thiere nur Eurem Blute gefolgt, und habt Euch alles deſſen entäußert, was nur dem Menſchen, und beſon⸗ ders dem Weibe zur Stütze dienen kann. Wal⸗ 78 burga! Ihr ſeid verloren für alles Beſſere im Le⸗ ben, nur Ein Pfad iſt Euch offen, betretet ihn, er führt zum Glücke— er führt zur Reue! Ich betrete nur den Weg, rief ſie trotzig, wel⸗ cher mich zu Eurem Beſitze führt! Ihr habt mich ver⸗ ſtoßen, mich vor mir ſelbſt erniedriget, das war mein Sturz, und alles Andere, ſelbſt mein Hierſein, däucht mir Erhöhung im Vergleiche dazu. Ich biethe Euch jetzt zum freundſchaftlichen Bund die Hand, ich ver⸗ mag es, mich, Euch und Euren ehemaligen Gefährten zu retten— wir wollen fliehen; Krain biethet ver⸗ borgene Aufenthalte genug, welche uns ſichern werden.— Ich bedarf Eurer Rettung nicht, und weiſe jede Verbindung mit Euch mit Verachtung zurück; Wal⸗ burga! in Cirknitz habe ich Euch bedauert, jetzt ver⸗ abſcheue ich Euch! Kein Weib, eine wilde Furie ſteht Ihr vor mir, ein Höllengebilde, wie es nur der Teu⸗ fel ſenden kann, um zur Sünde zu locken. Wohlan! rief die Wüthende, jedes weiblichen Ge⸗ fühles bar; Ihr verabſcheuet mich, und ich haſſe Euch! Ihr habt meine Liebe nicht gewollt, ſo em⸗ pfindet nun meinen Haß! Thor! Ihr ſollet es füh⸗ len, ein Weib beleidiget zu haben, welche nur des Willens bedarf, um Euch zu vernichten! Ich werde Euch gegenüber ſtehen, aber auf einein Boden, der ſich unter meinen Füßen feſter wölben wird, wie 80 unter dem Euren, dann ſollt Ihr es bereuen, die Tochter des Cirknitzer Pflegers verſtoßen zu haben! Siegfried war wieder allein, Walburga hatte ihn wie ein böſes Traumgeſicht verlaſſen, er verſank in tiefes Sinnen; nicht ihre Drohung ver⸗ urſachte dieß, ſondern ihre Worte: daß Emilian im Bundesſaale ſei, um über Verräther Gericht zu halten;— wer waren dieſe?— Gewiß jene Mitglie⸗ der, welche er in Geſellſchaft des Gebiethers heute in ihrem eigenen Gemache belauſcht hatte, und welche nun die Strafe leiden ſollten.— Die Neugierde, je⸗ nes geheimnißvolle Unternehmen des Freigrafen kennen zu lernen, erwachte wieder; es mußte wichtig und gefährlich ſein, ſonſt würde die Signoria nicht gezögert haben; bei der Verſammlung— ſchloß er weiter— müßte es wohl zur Sprache kommen. Der Entſchluß, dieſe zu belauſchen, war kaum entſtanden, ſo wurde er auch alſogleich ausgeführt. Er ſchritt auf die Gal⸗ lerie hinaus, ſuchte wieder den Standpunkt, welchen er bei jener Gelegenheit eingenommen, als er das Feſt belauſcht hatte. Die Gefahr war dießmal nicht groß, das Dunkel des Saales, nur in der Mitte durch einige Fackeln erleuchtet, hüllte die Gallerie ganz ein, und Siegfried betrachtete jetzt mit Schauer den ſchwarz umhüllten Raum, welcher damals in Pracht e — 6——— u ——— 81 und Lichterglanz erſtrahlend, nur ein Aufenthalt für Freude zu ſein ſchien Emilian, in der Mitte einiger Bundesmitglieder, von einigen im Hintergrunde ſtehenden Kriegern als Wache geſchützt, ſaß an einem Tiſche, ganz wie da⸗ mals beim Bundes⸗Rathe der Grafſchaft, nur waren dießmahl nicht alle Mitglieder gegenwärtig im Saale. Siegfried fand ſie noch im leiſen Geſpräche mit einander— endlich winkte Emilian, ein kleines Sei⸗ tenpförtchen öffnete ſich, und Catoni und Lorenzo traten ein. Sie waren in keine Feſſeln geſchlagen, ſie ſtanden frei vor ihren Richtern. Ihr ſeid des Verrathes überwieſen, meine Brü⸗ der! begann Emilian, Betrübniß heuchelnd; ach, meine theuren Freunde!— er faltete beide Hände flach wie zum Gebethe; warum habt ihr mir das gethan? warum habt Ihr mich in die traurige Nothwendigkeit verſetzt, über Euch richten zu müſſen? Mir bricht das Herz bei dieſem Anblicke; aber dem Bunde ſein Recht, den Verräthern ihr Lohn! Andrea, leſet die Anklage vor!— Der Schreiber gehorchte. Ich bin des Verrathes an der Sache des Bun⸗ des— begann darauf Lorenzo mit kräftiger Stimme— und der greiſe Catoni als mein Mitſchuldiger ange⸗ klagt? das iſt Lüge, ſchändliche Lüge! ich habe an dem Bunde ſtets treu und rechtſchaffen gehalten; ſein 82 Sache war die meine, ſein Wohl geht dem meinen voran, aber wenn ſich perſönliche Rückſichten eines Einzelnen in den Mantel des allgemeinen Wohles hül⸗ len, um ſchändliche Willkührlichkeiten zu begehen, die ihm wohl Nutzen, dem Ganzen aber Schaden bringen müſſen, dann iſt der Prudent ſeinem Eide zu Folge, verpflichtet, dem Schuldigen entgegen zu treten und ihn zu fragen: Freigraf Emilian! iſt es nicht Ver⸗ rath am Bunde, wenn du ſeine Schreiben mit eigenen Papieren beſchwereſt, welche nicht im Bundesſaale ge⸗ zeichnet, bloß an Einzelne gerichtet, und auch von die⸗ ſen nur verſtanden ſind? Der Freigraf war auf dieſen Angriff gefaßt. Aller⸗ dings, mein Bruder! begann er, bin ich derſelben Meinung, allein wo ſind die Papiere, welche der Frei⸗ graf Emilian geſchrieben haben ſoll? Dieſe hier? fragte er, einen Bogen aus Lorenzo's Hand neh⸗ mend, und mit ſchnellen Augen überfliegend, dieſe hier ſind es? Entſcheidet, meine werthen Freunde und Brü⸗ der! wandte er ſich zu den Andern, ob dieß meine Schriftzüge ſeien? Das Papier machte die Runde, es war wirklich nicht ſeine Hand, der vorſichtige Schurke hatte, ſo wie ſich, auch ſeine Schrift zu verſtellen gewußt. Das iſt nicht des Freigrafen Hand, das ſind nicht ſeine Züge! lautete die Entſcheidung. Emilian fuhr ſich mit der ð 83 Hand übers Antlitz, als ob er ſich Thränen aus den Augen wiſche. Alſo das wäre die Ernte meiner langjãh⸗ rigen Mühe, daß ich hier von dieſem Boden, den ich mit dem Schweiße meines Angeſichtes gepflügt und ge⸗ wartet hatte, ſolche Vergeltung ernten ſollte? Bruder Lorenzo! dein Verrath iſt ſchändlich, aber ganz im Gleichgewichte mit ihm ſteht das Vergehen, welches du an mir Unſchuldigen begingſt, als du mich zu dir hinab⸗ ziehen wollteſt. Schweig, elender Heuchler! donnerte der Beſchul⸗ digte, bemäntle deine Grauſamkeit nicht mit Bruder⸗ liebe; falſch wie eine Katze, giftig wie die Schlange windeſt du dich durch die verworrenſten Irrgänge, und ſtürzeſt Unſchuldige, ſtatt ſelbſt zu fallen! Ich kenne dich, Schurke, Heuchler, Verräther! Dein Ziel war nur Selbſtvortheil, dann wollteſt du den Bund ver⸗ laſſen, wollteſt uns mächtigen Feinden Preis geben, um ſich um ſo gewiſſer und leichter ſichern zu können. Dieß, meine Brüder, war ſein Sinnen, die Zukunft wird die Wahrheit meiner Worte beſtätigen! Emilian blieb während der ganzen Rede unbe⸗ weglich, er ſah den Sprecher lächelnd an, und ſchwieg Catoni war bis dahin ruhig im Hintergrunde geblie⸗ ben, jetzt trat er vor, wandte ſich zu Lorenzo und ſprach: Sage mir doch, mein Bruder, was dieſe Worte ſollen? Wen willſt du von ihrer Wahrheit über⸗ 8S4 zeugen? dieſe Wände, ſie hören nicht, und ſonſt iſt ſt doch Niemand im Bundesſaale? Die Andern, welche ke da ſitzen, hören Alles mit ſeinen Ohren, ſiehſt du u nicht, daß nur Solche ſich verſammelt haben, welche E ſeine Geſchöpfe ſind? die Andern hat er zu rufen weis⸗ g lich vermieden; er wird uns aber trotz dem richten! den d Satzungen des Bundes zuwider, wird er uns, wenn z auch die Mitglieder der Grafſchaft beim Gerichte nicht 2 vollſtändig ſind, dennoch verurtheilen, und opfern! li Ich aber ſage Dir, Freigraf Emilian! wandte er n ſich zu dieſem, daß unſer Tod dein Verderben herauf beſchwören ſoll, daß aus jedem Tropfen unſers un⸗ i ſchuldig vergoſſenen Blutes ein rächender Arm ent⸗ a ſpringen wird, der dich verfolgen, quälen und foltern 2 ſoll. Du biſt zu wenig Menſch, als daß ich dir g fluchen könnte, ich verabſcheue dich zu ſehr, als daß 2 ich dich ferner eines Hauches würdigen ſollte! Er ſchwieg. Der Freigraf war unmerklich erblaßt. d Die fürchterliche Drohung hätte ihn faſt eingeſchüchtert, allein ſeine Seele lechzte nach dem Blute der Opfer und 5 die Mordgier ſiegte.— Er blinzelte mit den Augen und ſt liſpelte: Ich habe noch keinen Verbrecher gefunden, der t ſich für ſchuldig bekannt hätte. Mein Spruch geht da⸗ hin, daß Ihr Verräther ſeid! was ſagen die Brüder dazu? Die Verſammlung ſtimmte bei.— Den Ver⸗ räthern werde Ihr Lohn! rief der Freigraf, und ſchon 4— he du he en nn ht er uf in⸗ nt⸗ ern dir aß ßt. ert, ind und der da⸗ der er⸗ 85 ſtand der Henker hinter Lorenzo. Dieſer ſprach keine Silbe mehr, warf nur einen Blick voll Grimm und Haſſes auf den Richter, und fühlte ſchon die Schnur am Halſe. Er wurde niedergeriſſen, in haſti⸗ ger Eile Einmal im Kreis um die Richter gezerrt, dann ſetzte ihm der Henker den Fuß auf die Bruſt, zog die Schnur feſt an, und er lag erdroſſelt auf dem Boden. Catoni blickte theilnahmslos auf die gräß⸗ liche Scene. Seiner, als des Mitſchuldigen, harrte wohl ein anderer, doch minder ſchimpflicher Tod, denn hinter ihm ſtand Paul mit dem Beile. Und wenn ich noch zehn Leben hätte, rief er, ſo gäbe ich ſie alle freiwillig hin, ehe ich es duldete, daß man den Bund mit der ſchimpflichen Verrätherei belaſte, das Oberhaupt des deutſchen Reiches verlockt, und den Venetianern perſönlich überliefert zu haben! Emilian zwinckerte unwillig über das Zögern des Henkers mit den Augen, verdeckte dann das Ant⸗ litz mit den Händen, als ob er den Anblick nicht zu ertragen vermöchte— das Beil fiel, das Blut des Grei⸗ ſes ſpritzte hoch auf; der Horcher auf der Gallerie taumelte wie bewußtlos in ſein Gemach. . — Von dem Augenblicke an, als Siegfried ſein Bewußtſein völlig erlangt hatte, als er ſich der Worte des gemordeten Catoni genau entſann, und zur Kenntniß des verrätheriſcheſten aller Pläne gelangt war, welcher nichts anderes bezweckte, als den deut⸗ ſchen Kaiſer gefangen in die Hände der Republik zu überliefern, von dieſem Augenblicke an, begann Sieg⸗ fried in ſich das Werkzeug einer höhern Macht zu ſehen, welches die Vorſehung auf ſonderbaren Wegen des Geſchickes hiehergeführt, um nicht für ein einzel⸗ nes Weib, ſondern für Millionen von Menſchen, für Länder und Völker handeln und wirken zu können. Duna's Zweck— er mochte nun ſein, welcher er wolle— dieſem Gegenſtande mußte er weichen. Das Intereſſe des Einzelnen mußte vor dem allgemeinen Wohle in den Hintergrund treten; nach einem geſalb⸗ ten Haupte, nach einem ritterlichen Kaiſer ſollten Räuber nicht ihre Hände ſtrecken! Dieſe Gedanken waren kaum wach geworden, als ſchon andere in ihrem Gefolge einherkamen; er durfte die Veſte als Flüchtling, als Feind des Bundes nicht verlaſſen. Um zuverſichtlicher und mit mehr Sicherheit handeln zu können, mußte er ſich das Anſehen eines ſcheinbar Ver⸗ vündeten geben, mußte ſuchen in den verborgenen Plan ſo tief als möglich einzudringen, Emilians Argliſt von ſich abzuwenden, und zu hintergehen! Wayrlich! eine kühne, eine ſchwierige Aufgabe! Von der Wichtigkeit ſeiner Rolle überzeugt, von dem Gedanken ſeiner Sen⸗ as en lb⸗ ten ken als Um zu zer⸗ lan gliſt ich! 87 dung begeiſtert, gewann er ſo viel Gewalt über ſich, nicht nur ſein Aeußeres, ſondern auch ſein Inneres zu bezwingen; er trat mit einer Miene einher, hinter welcher man den glücklichſten, ſorgloſeſten und zufriedenſten Menſchen geſucht haben würde; er ſang fröhliche Lieder in ſeinem Gemache, und beſchäftigte ſich mit Einrichtungen, denen nach man hätte urthei⸗ len ſollen, daß er ſein ganzes Leben lang dieſe Räume nicht mehr zu verlaſſen gedenke. In dieſer, für An⸗ dere höchſt täuſchenden Stimmung hörte er plötzlich den Ruf des Freigrafen, dem er auch gleich Folge leiſtete. Womit biſt du beſchäftigt, mein Sohn? fragte Emilian mit dem gewöhnlichen Lächeln, welches in einer engen Verwandtſchaft mit einem höhniſchen Grinſen ſtand. Ich habe meine Lagerſtätte mehr befeſtigt, ſonſt glaub' ich kaum, daß ſie mir für den nächſten Winter ausgedauert haben würde. Iſt doch der dießjährige kaum hinter uns, und du ſprichſt ſchon von dem kommenden! du gedenkſt wohl noch lange in unſerer Mitte zu weilen? Siegfried ſah ihn mit Blicken an, die großes Staunen ausdrücken ſollten. Lange? fragte er, wollt Ihr mir vielleicht den Zufluchtsort für die Zukunft 88 verſagen, mir Euren Dienſt entziehen? Ich kann es kaum glauben, daß dieß Euer Ernſt ſei. Du haſt recht, mein Sohn! es iſt auch nicht mein Ernſt. Du haſt mich nur ſchlecht verſtanden; du ſollſt noch lange, recht lange bei mir weilen, du ſollſt Gelegenheit genug bekommen, mir zu beweiſen, daß ich mich nicht getäuſcht habe, wenn ich bei dir mehr Treue und Anhänglichkeit gefunden zu haben glaube, als dieß bei den gewöhnlichen Menſchen der Fall iſt. Aber fort mußt du doch von hier, meine Gunſt hat dir mächtige Feinde zugezogen, dir droht Gefahr, vor welcher ſelbſt ich dich nicht zu ſchützen vermag. Mir droht Gefahr? von welcher Seite? wen bin ich in dieſer Veſte zu nahe getreten, wer kann mich anklagen, ihm nicht mit Verehrung und Hochachtung begegnet zu ſein?— Und hätteſt du des Guten zehnmal mehr als dieß gethan, es hätte dich vor Feinden dennoch nicht ge⸗ ſchützt; denn meine Gunſt hat ſie dir zugezogen, und nicht eher wirſt du der Feinde ledig, bis dir dieſe verloren gegangen. O, dann will ich ihrer nicht achten, rief Sieg⸗ fried, dann mögen ſie ſich wehren, ſo viel ſie wol⸗ len, wenn nur Euer Vertrauen zu mir ſich nicht verkleinert. 5 ht 89 Dieß liegt ganz in deiner Hand, entgegnete der Freigraf, dein Handeln wird dieß beſtimmen. Rück' näher heran, mein Sohn, und höre mir zu. Siegfried's Herz wollte ſchier aufjauchzen vor Freude; die Ausſicht, dieſen Aufenthalt bald verlaſſen zu können, auf eine Weiſe zu verlaſſen, die ſich für ſein Unternehmen nicht günſtiger hätte geſtalten kön⸗ nen, verbreitete eine ſolche Freudigkeit, eine ſolche fröhliche Stimmung über ſein ganzes Weſen, daß Alles das, was er früher, ſich zwingend, Andere hatte glau⸗ ben machen wollen, nun wirklich der Fall war; er ergriff des Freigrafen Hand, und drückte ſie an ſeine Lippen. Emilian, der freudigen Stimmung des Jünglings einen andern Grund unterlegend, blickte ihn mit Wohlgefallen an. Siegfried, ſprach er, du biſt ein treuer Menſch, du ſollſt mein Vertrauen beſitzen, wie noch Keiner auf dieſer Welt! ſo wiſſe, du mußt noch heute Nacht dieſe Veſte verlaſſen, denn der Bote, der vor einigen Stunden anlangte, brachte mir die erwünſchte Nachricht; er iſt ein heimlicher Abgeſandter der Republik— der Signoria iſt es gelungen— den Kaiſer— Der Freigraf fuhr innehaltend plötzlich vom Sitze auf. Man kömmt die Treppe herauf, rief er, und Siegfried hörte jetzt erſt durch Anſtrengung was das geübte Ohr der Heuchlers ſelbſt in Redefluſſe vernom⸗ 8 men hatte. Ein leiſes Schleichen, es kam immer näher; der Freigraf riß einen Dolch unter dem Mantel hervor und ſah den Jüngling mit mißtrauiſchen Blicken an, eine Bewegung Siegfrieds hätte ihm das Leben gekoſtet, allein er ſtand regungslos und horchte, was da kommen würde. Plötzlich ward die Thüre aufgeriſſen. Drei Vermummte ſtürzten herein, ein furchtbarer Schrei, ein Krachen erdröhnte— dann folgte ein klirrendes Ket⸗ tengeraſſel, und Zwei derſelben waren in einem Augenblicke auch ſchon verſchwunden. Die Unwiſſenden hatten die verhängnißvolle Diele betreten und waren in die Tiefe geſtürzt, nur der Dritte überſprang die Oeffnung, und ſtürzte gegen den Freigrafen. Der Jüngling, dem für den Augenblick an der Erhaltung Emilians alles ge⸗ legen war, riß dem Zitternden den geſchwungenen Dolch aus der Hand, und warf ſich dem Angreifer mit ſolcher Schnelle entgegen, daß dieſer, theils über den Anblick: zwei der Gegner zu finden, theils aber von dem Sturze ſeiner beiden Theilnehmer und deren Verſchwinden noch betäubt, einen nur ſchwachen Widerſtand leiſtete, und dem kräftigen Angriffe des Jünglings bald erlag. Von mehreren Dolchſtichen getroffen, ſank er zu Boden. Alles dieß hatte nur wenige Augenblicke gewährt; der Freigraf, mit blutlechzenden Blicken dem Kampfe zu⸗ ſehend, glich dem feigen Hunde, der von der Ferne die Raufluſt zweier Andern bewundert; erſt als der blu⸗ B1 tende Leichnam auf dem Boden lag, rief er freudig: Brav, mein Sohn! wirf den Hund auf die Diele, er ſoll zu den beiden Andern hinab, die ſich morgen von dem betäubenden Falle hinlänglich erholt haben werden, um ihren Lohn zu empfangen!— Während Siegfried ſeinen Befehl vollzog, ließ ſich Jener, von der überſtan⸗ denen Gefahr frei aufathmend, auf ſeinem Sitze nieder, das Krachen und Raſſeln erſcholl wie früher, und der Gemordete verſank. Heiliger Himmel! liſpelte Sieg⸗ fried, du weißt es, daß ein höherer Zweck, um das Leben jenes Elenden zu ſchonen, mir dieſen Mord ab⸗ gedrungen!— Die frühere Stille war eingetreten, Siegfried ſaß abermahls an Emilians Seite, als dieſer wieder begann: So iſt denn jeder folgende Augen⸗ blick dazu beſtimmt, mich immermehr zu überzeugen, daß du eine treue, für mich unerſetzliche Seele biſt! Ja Siegfried, jetzt muß ich dir ganz vertrauen, jetzt, da du mein Lebensretter geworden biſt, denn wer weiß, ob ich den Mörder ſo glücklich beſiegt hätte, jetzt, da du für mich kämpfteſt, dein Leben für das meine wagteſt, jetzt kann ich in dir meinen Sohn ſehen, welcher dazu beſtimmt iſt, das zu ererben, was ich auf dieſer Welt erſtrebt und errungen haben werde. Drum vernimm es jetzt ganz, was ich dir vorhinein nur im Allgemeinen entdecken wollte: die Verrätherei der Bundesmitglieder zwang mich zu einer geheimen Verſtändigung mit der 32 Republik; was ſie mir nicht offen kund geben konnte, davon verſtändigte ſie mich heimlicher Weiſe: es iſt ihnen bereits durch Einwirkung ihrer Freunde gelungen, den Kaiſer zu einer Reiſe in die hieſiege Gegend zu bewegen; das heranrückende Frühjahr begünſtiget den Plan, denn ſchon iſt die Kunde in Laibach angelangt, daß Max⸗ milian in einigen Wochen dort eintreffen werde. Es ſoll jedoch bei dem nicht bleiben, der Kaiſer ſoll von da aus zu einer Reiſe nach Görz vermocht werden, und dieß iſt es, was ich ausgeführt, und durch ſichere Kun⸗ de zu erfahren wünſche. Die Freunde der Republik in des Kaiſers Nähe, fordern von mir einen meiner ver⸗ läßlichſten Leute, deſſen ſie ſich als Boten, und nöthi⸗ gen Falls auch als Kundſchafter bedienen könnten, denn ſie ſelbſt müſſen aus dem Spiele bleiben, um keinen Verdacht auf ſich zu laden. Zu dieſem Zwecke habe ich dich auserſehen!— Siegfried lauſchte begierig den Worten des Freigrafen.— Der Zweck dieſes Unternehmens, fuhr Jener fort,— und von hier aus fand er es für gut, ſeinen gewohnten Trugweg zu verfolgen— iſt ein für alle Lande höchſt wohlthätiger, die Repub⸗ lik wünſcht einen beſtehenden Frieden zu ſchließen, was ihr bisher unmöglich war, da der Kaiſer unter dem Einfluße von Männern ſteht, in deren Intereſſe es liegt, das Blutvergießen noch nicht enden zu laſſen. Ich werde dich daher mit Mitteln hinlänglich verſehen, und du 53 kannſt als ein edler Junker in Laibach glänzend einzie⸗ hen. Dort warteſt du die Ankunft des Kaiſers ab. Je⸗ doch, da die größte Verſchwiegenheit deiner nächſten Umgebung erforderlich iſt, ſo wirſt du von hieraus einen Diener erhalten, der dich begleiten wird, und an deine Perſon eine Anhänglichkeit an den Tag legen ſoll, wie du bisher mir allein erwie⸗ ſen haſt. Der Jüngling glaubte mit der Handlungsweiſe des Freigrafen hinlänglich bekannt zu ſein, um nicht ſogleich zu vermuthen, daß Emilians Abſicht nur dahin ge⸗ richtet ſei, ihm einen Späher aufzubürden, der auf jede ſeiner Handlungen Acht haben, und ihn im Nothfalle auch zur ſtrengen Rechenſchaft zu ziehen vermöchte. Allein dieſesmahl trog er ſich, denn der Freigraf fuhr fort: Zu dieſem Zwecke glaube ich eine kluge Wahl ge⸗ troffen zu haben, denn dir Einen der Unſern mitzuge⸗ ben, finde ich nicht gerathen, da ich wirklich Niemanden weiß, dem ich in ſo wichtiger Sendung hinlänglich trauen könnte, darum verfiel ich auf jenen Mann, der kurz vor deiner Ankunft allhier als Aufwärter bei den Frauen die Bedienſtung erhielt; er ſcheint mir ganz die Eigenſchaften zu beſitzen, welche dieſem Vorhaben ent⸗ ſprechen würden. Siegfried, es kaum für möglich achtend, daß ſich die Umſtände für den armen Fajetan ſo günſtig ge⸗ ſtalten würden, traute ſeinem Gehöre nicht, er begann eine neue Liſt des Grafen zu fürchten, und wollte, um jeden Verdacht zu entgehen, gegen dieſe Zumuthung Einſprache thun; allein der Andere ließ ihn nicht zu Worte kommen: Ich glaube, mein Sohn, perſönliche Sicherheit wird dir eben ſo wie mir erwünſcht ſein, und gewiß! ich wüßte keinen Beſſeren, dem ich dich ſo un⸗ vedingt anvertrauen könnte. Erlaubt mir nur eine Gegenrede, begann der Jüng⸗ ling, gegen die Wahl kein Wort. Ihr werdet Euren Mann am beſten kennen, aber jedes Falls däucht es mir gerathen, ihm Alles zu verſchweigen, was auf meine Sendung nur im Entfernteſten im Bezuge ſteht, denn ein Geheimniß iſt immer am beſten verwahrt, wenn es die wenigſten Mitwiſſer hat. Dieſe Vorſicht ſoll beachtet werden, entgegnete Emilian; jetzt komm, mein Sohn! um alle deine Reiſebedürfniſſe durch deinen künftigen Diener in Em⸗ pfang nehmen zu laſſen.— Siegfried folgte mit jubelndem Herzen. Es fällt dem Armen wohl ſchwer, wenn er von Kummer und Elend darniedergedrückt, den Jammer einſargen muß in ſeine eigene Bruſt, und die Qual in kein theilnehmendes Herz ausſchütten darf, aber es bleiben ihm doch noch Thränen, ſtille Thränen, die ſeinen Zuſtand mildern; wenn aber einer von Freu⸗ de aufgeregt, laut aufjauchzen möchte, daß alle Welt * 5 es höre, und jeder an ſeinem Jubel Theil nehme, und wenn er da ſein Gefühl zurückpreſſen muß, und ſelbſt durch keine Miene das freudige Aufwallen ſeines Blu⸗ tes verrathen darf, ſo iſt dieß eine Lage, die doppelt ſo drückend wie die frühere, genannt werden muß. Dieß empfand Siegfried in demſelben Augenblicke im voll⸗ ſten Maße. Die Gegenwart des Freigrafen bemüſſigte ihn, ſeine außerordentliche Freude zu verhehlen, denn er hätte deſſen Aufmerkſamkeit und Mißtrauen erregt, und wäre dann wahrſcheinlich ſo leichter Weiſe nimmer aus dem Tabor gekommen. Die Nacht verging mit Zurüſtungen mancher Art; der Jüngling mußte es ſich gefallen laſſen, noch ſtun⸗ denlange Verhaltungsregeln vom Freigrafen anzuhö⸗ ren. Diene mir treu, mein Sohn! ſchloß Jene end⸗ lich, und es ſoll dein Schade nicht ſein; vergiß nie, daß es ein wichtiges Unternehmen ſei, welches in deinen Händen liegt, und daß jeder Verrath nicht mit dem Tode allein, ſondern mit tauſendfacher Qual beſtraft wird. Der Morgen war herangebrochen. Vom Freigrafen geleitet, gingen Siegfried und Kajetan über den großen Hof, durch das Vorhaus, bis zum Thor, wel⸗ ches ihnen, auf Befehl Emilians, geöffnet wurde. Der Freigraf kehrte von hier zurück, aber einer der Krieger, welcher ihr Gepäck trug, begleitete ſie. Als ſie endlich jenſeits der Schlucht, über welche der ſchwin⸗ 96 delnde Weg führte, anlangten, und die letzte abwärts⸗ führende Stelle zurückgeleget hatten, gewahrten ſie noch einen Mann, welcher zwei Roſſe hielt.— Dieſe waren für ſie beſtimmt, denn ihr Geleitsmann befeſtigte das Gepäck an den Sattel desjenigen Gauls, welchen Zwickler beſteigen ſollte. Als dies geſchehen war, nahm er beide Roſſe am Zügel, und bat die Abreiſen⸗ den, ihm des gefährlichen Pfades halber zu Fuße zu folgen, der Andere kehrte zurück in den Tabor. Ka⸗ jetan, welcher ſchon früher immer zu ſprechen begin⸗ nen wollte, mußte von Siegfried oft durch Zeichen, und zuletzt auf eine befehlende Weiſe zum Stillſchwei⸗ gen verwieſen werden. Jetzt hatten ſie die Wildniß zurückgelegt, und befanden ſich auf der Straße nach Oberlaibach. Der Geleitende übergab nun jedem ſein Roß, Kajetan erhielt noch einen vollen Beutel, auf welchem geſchrieben ſtand:„Statt deiner Erb⸗ ſchaft! Der Treue wird ſich hundertmal ſo viel zu erfreuen haben, der Schelm aber ſoll die Folter durch acht Tage und Nächte empfinden.“ Der Beſchenkte ſchüttelte ſich fieberiſch und beſtieg ſein Roß, die Reiſe begann. Ihr zweiter Begleiter verließ ſie nun auch. —— 97 Während unſere Reiſenden zwiſchen den Felſen⸗ mauern auf dem Bierbaumer⸗Tabor ſteckten, war draußen der Winter geſchieden, und der Frühling be⸗ gann allmählich von der verlaſſenen Stätte Beſitz zu nehmen. Aber es war nicht jener neckiſche Knabe, wie er in der Ebene einhertändelt,— nein, es war ein ver⸗ krüppeltes Kind, ein Weſen ohne Anmuth und Reiz, ohne Schmuck und Farbenglanz, ein Wechſelbalg, den die ſtiefmütterliche Natur den Inner⸗Krainern ſtatt des Frühlings unterſchoben hatte, gerade ſo, wie es die Beſucherinnen des Slivenza den Bauerweibern mit ihren Kindern zu machen pflegten. Ein warmer Hauch machte die Winterdecke ſchmelzen, entfeſſelte Quellen und Ströme, daß ſie ihren gehemmten Lauf fortſetzten, und begann mühſelig einzelne Grashalme hervorzuzer⸗ ren; Blumen,— ach! wer wollte in dieſer Gegend Blumen ſuchen, wo Steine wachſen, und Felſen ge⸗ deihen? dennoch hatte das Freie, die friſche Luft, der blaue Himmel, ſo viel Entzückendes für unſere Reiſen⸗ den, daß ſie ſich, in Vergleich zu ihrem kürzlich ver⸗ laſſenen Aufenthalte, in einer zauberiſchen Po⸗Gegend dünkten.— Siegfried nahm ſich nunmehr in den ritterlichen Gewändern recht ſtattlich aus. Der him⸗ melblaue Sammt mit der Silberverzierung kleidete den blonden Jüngling trefflich, die weiße Feder wehte freundlich vom Lockenkopfe, und das blanke Schwert Der Gezeichnete. II. 9 war für den bereits mehr Herangewachſenen auch nicht zu lange; überdieß ſaß er feſt und gerade im Sattel, und was ihm vielleicht an Uebung abgehen mochte, das ſuchte er jetzt zu erlangen. Einen deſto ſchwierigeren Standpunkt hatte Kajetan Zwickler. Der gute Wiener war ſein Lebelang auf keinem Sitz, ſo viel von der Murter Erde erhaben, geſeſſen, es wollte ihm auch anfangs oben auf dem Roſſe faſt ſchwindlich werden, aber Siegfried's Zureden, und der Wunſch, ſei⸗ nen frühern Aufenthalt in der kürzeſten Zeit ſo viel als möglich im Rücken zu haben, brachten es endlich da⸗ hin, daß er ſich auf dem Sattel heimiſcher fühlte, und im Stande war, unter Schwanken und Wakeln ſeinen Ritt fortzuſetzen, und auch manchmal einen kurzen Trabb mitzumachen.— Dem Himmel ſei's gedankt, Junker Siegfried! daß wir aus dem Loche draußen ſind; ach du heiliger Barnabas! iſt es doch kaum ein Jahr, daß ich mein liebes Wien verlaſſen, und was habe ich wäh⸗ rend dieſer Zeit ſchon Alles erlebt? mir gruſelts ordent⸗ lich, wenn ich an die Gefahren und Nöthen denke. Nun, Junker! was ſagt Ihr jetzt zu dieſem Lande? hatte ich nicht vom erſten Augenblicke an Recht, wenn ich ſagte, daß hier nur Stöße und Püffe zu holen wären? Denkt nur an die ſchwimmenden Inſeln, an die wetterbrauenden Löcher, an die ominirenden Felſen, an die eigenſinnigen Quellen und Waſſer, an die Igel, 99 mit welchen man ein ordentliches Geſprächſel führen kann, dann an den Hexenſabath auf dem Sliwenza, den freilich nur ich geſehen habe, und endlich an dieß — er ſah ſich vorſichtig um— an dieß Räuberneſt im Rücken, mit ſeiner verdammten Juſtiz, wo man im⸗ mer den einen Fuß in dem tiefen Schlund, und nur den andern auf dem Boden hat, und endlich dieſer Räuberhauptmann, der ſich einen Freigrafen ſchim⸗ pfiren läßt, und gegen den jener berühmte Wazlaw Wulzko*) aus den achtziger Jahren, von dem mir mein Vater oft erzählte, ein Heiliger war; ja, erlaubt mir, dieß Alles zuſammengeſtellt, wenn ich auch Eure ehrenwerthe Beſchützerin Dun a ausnehme, welche ich auf dem Sliwenza nicht geſehen habe, außerdenn ſie wäre jene geweſen, welche von dem Baume herunter heulte— ja dieß Alles könnte einem ehrlichen Menſchen⸗ kinde, wenn es ihn auf Einmal überraſchte, ſchier ein wenig ungelegen kommen. Und dann dieſe Walburga, die hat uns zu unſerem Elende noch gefehlet! Aber aufrichtig geſprochen: würde ich Euch nicht ſo gut ken⸗ nen, ich müßte wahrlich denken, Ihr hättet dieſem Mädchen was Unrechtes beigebracht, denn die, merkt nur, was ich Euch ſage, die läßt nicht mehr von Euch, Siehe des Verfaſſers hiſtoriſchen Roman: Wien vor 400 Jahren. 2 Bde. Wien 1842. 100 ſie wird dem heuchleriſchen Schelm eine Naſe drehen, und huſch! wird ſie als ein Nachtvogel durch's Ge⸗ gitter aus dem Neſte, und hinter uns her ſein. Sie hat ja zu mir von geheimen Auswegen gefaſelt, und wollte Euch und mich mitnehmen; aber ich, der ich auf dem Sliwenza war, ich kenne dieſe g eheimen Wege, und habe Fräulein Walburga gar gut ge⸗ ſehen und erkannt; nun, das fehlte mir noch: ſo wie jener Knecht— wie Herr Remigius erzählte— auf einem Fräulein durch die Luft zu reiten, das könnte dem Ganzen noch die Krone aufſetzen. Kajetan, unterbrach Siegfried den Redſe⸗ ligen, Ihr ſcheint Alles, was Ihr an Reden auf dem Tabor verſäumt, einbringen zu wollen; dieſe vielen Worte könnten mir, wenn die Reiſe einige Tage währte, läſtig werden. Ach, beſter Herr Junker!— rief der Andere— dankt dem heiligen Barnabas, daß Ihr noch menſch⸗ liche Worte hören könnt, denn das Meſſer war Euch ſchon nahe an der Gurgel, und Ihr wißt, eine auf⸗ geſchlitzte Menſchenhaut läßt ſich nicht ſo zuſammen⸗ flicken, wie ein altes Rindsleder. Ach! wenn ich ſo in dem Neſte hätte in's Gras, oder beſſer geſagt, in die Steine beißen müſſen, wenn keine menſchliche Seele mich beweint und betrauert haben würde, und mir nicht einmal ein chriſtliches Begräbniß zu Theil gewor⸗ 101 den wäre, wenn mich ſo die Schlangen, Kröten und Fiſche aufgefreſſen hätten, ich hätte in Ewigkeit keine Ruhe gehabt! Aber dem heiligen Barnabas ſei es ge⸗ dankt! er hat mich noch in keiner Pfütze ſtecken laſſen, und komme ich nach Wien, ſo will ich ſein Konterfe vor mein Bett hangen, und Tag und Nacht ſoll ein Lämpchen vor demſelben flimmern, und damit mir das Oehl nicht auf die Bettdecke tropft, ſo laſſe ich mir eine Niſche fertigen, und das Ganze muß in die Niſche hineinkommen. Siegfried, durch das ununterbrochene Geſchwätz ſeines Gefährten in ſeinem Nachdenken geſtört, wandte ſich jetzt zu ihm: Aber Freund Kajetan! ſpart doch Eure Lunge; wir haben noch einen langen Ritt, und das Reden dürfte Euch an der Geſundheit ſchaden.— Ja Herr, entgegnete der Andere nachgiebig, Ihr wünſcht es, und ich gehorche. Lieber Gott! ich habe mich ja ſchon an das Schweigen gewöhnt, daß es mir gar nicht ſchwer fällt, ich habe bei den Räubern Wochen lange das Maul gehalten, und kann es auch jetzt Euch gegenüber. Es thut mir zwar weh', daß Ihr meine Stimme nicht hören wollt, die doch nicht ſo unange⸗ nehm klingt, da man mich doch bei allen feſtlichen Ge⸗ legenheiten zum Vorſänger fürgezogen, und in dem Neſte aber, habe ich auch nicht meiner Stimme, ſondern anderer Gründe halber, das Maul halten müſſen; 102 denn wenn man unter Weibern iſt, und noch dazu unter Solchen, wo Eine die Andere gerne aus dem Wege haben möchte, um allein Hahn— oder beſſer geſagt— Henne im Korbe zu ſein, da muß man auf ſeiner Hut ſein, um in kein Gewäſch zu kommen, und Ihr wißt, der Räuberhauptmann hätte mich auf eine Weiſe weiß gewaſchen, daß ich mein Lebtag nimmer roth ge⸗ worden wäre. Alſo, Ihr wollt heute wirklich nicht ſchweigen? fragte Siegfried zum öfterſten Male. Gleich, gleich, wenn Ihr es wünſcht, alſogleich, erwiederte Kajetan dienſtbefließen; aber eine Frage erlaubt mir: was gedenkt Ihr jetzt zu thun? Wie kommt Ihr dazu, dieſe Worte an mich zu richten? Ich werde es Euch gleich ſagen, weil ich Meiner⸗ ſeits ſchon einen Entſchluß gefaſſet habe; ich kehre nie mehr dahin zurück, woher wir kommen. So viel habe ich erhalten, als meine ehrliche Erbſchaft betrug, das Roß und die Gewänder betrachte ich als einen blutigen Lohn für meine Todesangſt, und die Dienſtesleiſtung unter den Weibern, was er mir beim Abſchiede ſonſt noch verſprochen, nach dem begehr' ich nicht, ich ge⸗ leite Euch nach Laibach, und dann reite ich geraden Weges nach Wien. Da werde ich bei der Spinnerin am Kreuze vorübertrottiren, und wie ein Edeljunker 103 über die Wieden, dann laß ich mich am Stock im Eiſenplatz ſehen, und ſprenge gegen den rothen Thurm hinab, dann gegen den Salzgries, über den tiefen Graben, auf die Freiung, dann durch die Herrengaſſe auf den Burgplatz, über den Kohlmarkt, den Graben— Mit einem Worte, unterbrach ihn Siegfried, Ihr wollt meinen Dienſt verlaſſen, und ein Ausreißer werden, Ihr wollt das gegebene Wort brechen, um Eure Haut in Sicherheit zu bringen? Ich werde Euch nicht aufhalten, aber den Freigrafen muß ich hievon in Kenntniß ſetzen; es iſt möglich, daß er es nicht der Mühe werth hält, Euch verfolgen zu laſſen, findet das Entgegengeſetzte Statt, ſo ſeid Ihr ſelbſt in Wien vor ſeiner Rache nicht ſicher— Zwickler kratzte ſich hinter den Ohren; die Worte hatten den rechten Fleck getroffen! Ach, beſter Herr Siegfried! bei Euch will ich bleiben, ſo lange Ihr wollt, mit Euch will ich herumziehen ſo weit Ihr wollt, aber in das Neſt zurückkehren, meinen Hals freiwillig unter das Meſſer legen, welches an einem Haare hängt, das werdet Ihr doch nicht von mir for⸗ dern? und ich glaube, Ihr ſelbſt werdet, was Euer junges Blut betrifft, auch ſo fürſichtig ſein,— was meint Ihr alſo, Herr Junker?— Ihr bleibt bei mir; nach dem Tabor, hoffe ich, werden wir nicht mehr zurückkehren.— 104 Das iſt ein weiſes Wort von Euch, denn Ihr habt ſchon geſehen, daß es dort nicht beſonders freund⸗ lich hergeht; aber ich habe noch gewiſſe Bedenklichkeiten; ſeht, der alte Räuberhauptmann gleicht ganz einer Spinne in der Ecke, und es ſcheint mir, als ob mir in dem ganzen Lande hier, wenn wir auch frei zu ſein glauben, doch von ſeinem Netze umwoben ſind, drum wäre es jeden Falls beſſer, wir zögen fort von hier, weit fort, meinethalben nach Wien— unſere Spur ſoll er ſo leicht nicht finden.— Das kann nicht ſein, erwiederte Siegfried be⸗ ſtimmt, wir müſſen einige Wochen hier verweilen„iſt mein Geſchäft vollbracht, dann werden wir ſehen, was weiter zu thun iſt.— Eigenſinniges Blut! brummte Zwickler in den Bart, der ſcheert ſich den Teufel d'rum, wenn ich ſo mir nichts dir nichts abgekehlt werde; heiliger Barna⸗ bas! ſteh' mir bei und bewahre mich in Ewigkeit, Amen! Er ſchlug ein Kreuz, lüftete den Lederhelm und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn; in dem⸗ ſelben Augenblicke trat ſein Roß etwas feſter auf, er fiel vorwärts und fing ſich an dem Sattelknopf. Da ſeht einmal die Mähre, Junker Siegfried! rief er dem Gebiether zu, hat ſich die auch gegen mich ver⸗ ſchworen, und will mich abſetzen, das verdammte Thier! ach, wenn ich nur ſchon die Reiſe überſtanden 105 hätte. Heiliger Barnabas! wenn mein ſeliger Vetter gewußt hätte, was ich beim Holen ſeiner Hinterlaſſen⸗ ſchaft für Ungemach erleiden würde, er hätte mir die Erbſchaft gewiß zugeſchickt, und ich hätte das ganze Land mein Lebtag nicht zu Geſicht bekommen. Da ſollt Ihr einmal nach unſerm Oeſterreich kommen, da iſt gut ſein?'s gibt zwar auch Berge, allein da werden keine Wetter gebraut, ſondern Wein, goldiges Rebenblut quillt von den Hügeln, und die Felder glänzen wachs⸗ gelb im warmen Sonnenſtrahl, und die Wälder ſind da, um Schatten und Kühle zu gewähren, nicht aber daß ſich ein ehrliches Menſchenkind vor ihrer mächtigen Schwärze fürchten muß;— und dann die Menſchen! wie freundlich ſind ſie, wie gaſtfrei und zuvorkommend, da müſſen ſich die Krainer verſtecken: das ſind ja Geiz⸗ hälſe und arme Schlucker dagegen, und dann, ſeitdem der ritterliche Kaiſer Max da iſt, iſt's im Lande auch ruhiger und ſicherer geworden. Die Schnapphähne ſind vertilgt, die Schlupfwinkel gelichtet— aber hier ſieht man noch gar keine Anſtalten dagegen, hier iſt's noch ganz ſo, wie zu Kaiſer Friedrich's Zeiten, und das waren doch die Schlimmſten, der Himmel ſchenke dem Friedfertigen die ewige Ruhe! Siegfried ſah ein, daß Kajetan auf einem gütlichen Wege nicht zum Schweigen zu bringen ſei, er gab daher ſeinem Roſſe die Sporen, und ſprengte da⸗ 106 von; der Klepper des Andern wollte nicht zurückblei⸗ ben, und folgte. Verdammte Reiterei! brummte Ka⸗ jetan, während ihn der ſchwere Trabber ſchuhhoch im Sattel warf. He! Herr Junker! langſam, das Roß ſchleudert mich ja wie einen Ball in die Luft. Pſt! Pſt! mein Schwarzer, tummle dich nicht nach,— aber die Beſtie iſt ja nicht zum erhalten; Junker Siegfried! langſam, Ihr bringt mich um mein Leben!— bleib nur zurück, du toller Hanns, wir werden ihn ſchon ereilen, wenn nicht eher, ſo mindeſtens in der Herberge. Der tolle Hanns ließ ſich weder beſänftigen noch bereden, er gab nicht eher nach, bis er ſeinen Gefähr⸗ ten ereilt hatte, was wohl nicht ſo bald geſchehen wäre, wenn Siegfried, die Gefahr Kajetans berück⸗ ſichtigend, mit ſeinem Roſſe nicht eine langſamere Gangart eingeſchlagen hätte. Z wickler wollte wieder zu ſprechen beginnen, allein der Jüngling rief: Wenn Ihr nicht ſchweigt, ſo ſollt Ihr mich ſo bald nicht wie⸗ der einholen!— Dieſe Drohung wirkte. Der anhaltende Ritt durch Wald und Berg hatte die ſeit einiger Zeit an Bewegung Ungewohnten ſo er⸗ müdet, daß ſie in Oberlaibach zu bleiben beſchloſſen, eine ſeitwärts gelegene Schenke, wurde zur Herberge fürgewählt. Der Nachmittag war heiter; Sie gfrid, um ungeſtört ſeinen Gedanken nachhangen zu können, begab ſich vor den Ort, gegen den Urſprung der Lai⸗ bach, die ſo ſtark entquillt, daß ſie in einer Entfer⸗ nung von einer halben Stunde ſchon Flöße trägt. Die Vergangenheit wurde wach in des Jünglings Seele, und die Scenen am Cirknitzer⸗See lebten vor ihm auf; jetzt nach langer Zeit beſchäftigte er ſich wieder mit Ro⸗ ſinen, allein das lebhafte Kolorit ihres Andenkens war verſchwunden, ſie ſtand nicht mehr ſo ſcharf gezeich⸗ net vor ſeinem geiſtigen Blicke, die Umriſſe waren ver⸗ wiſcht, ſie verſchwammen im Grau der Vergeſſenheit; er dachte wohl noch mit Liebe an ſie, allein ohne daß er es ahnte, war dieß nicht mehr jenes glühende An⸗ klammern des Herzens an das Herz, es war nur das ſanfte, träumeriſche Hinüberranken zu einer befreunde⸗ ten Seele, in eine glückliche Vergangenheit. In dieſem Augenblicke ſeeliger Vergeſſenheit wandelte er vorwärts, als er plötzlich einer Frauengeſtalt gegenüberſtand. Es war Duna. Siegfried! rief ſie in Freude über⸗ ſtrömend, doch ſich plötzlich faſſend, änderte ſie den Ton und fuhr kälter fort: Wie kommt es, daß ich Euch hier treffe? wo weiltet ihr ſo lange, daß Ihr mich zu Adelsberg nicht aufgeſucht? Ich habe heute Morgens den Bierbaumer⸗Tabor verlaſſen, erwiederte der Junker, und gedenke dieſe Nacht in Oberlaibach zuzubringen. Und dann? fragte Duna geſpannt. 108 Dann führt mein Weg in die Hauptſtadt des Landes. Staunet nicht, Ihr ſollt Alles hören, laßt uns hier in dieſer Vertiefung Platz nehmen, hier ſind wir vor Ueberraſchung ſicher. Siegfried begann nun ſeine Erlebniſſe auf dem Bierbaumer⸗Tabor zu erzählen, er verſchwieg nichts von Allem, was ſich mit ihm bis auf den jetzigen Au⸗ genblick zugetragen hatte; und nun— ſchloß er— werdet Ihr einſehen, daß Eure Angelegenheit, ſie möge ſein, wie ſie wolle, meinem jetzigen Vornehmen nach⸗ ſtehen muß; ich halte es für meine höchſte Pflicht, zu wachen, daß der hölliſche Plan des Freigrafen nicht ge⸗ linge, und die Sicherheit des ritterlichen Kaiſers nicht gefährdet werde. Duna hatte aufmerkſam zugehört, ihre Miene verrieth, daß ſie mit dem Benehmen Siegfrie d's vollkommen zufrieden war, jedoch bemeiſterte ſich ein fin⸗ ſterer Gram ihrer Seele und prägte ſich deutlich auf den Zügen aus, als er von der Heuchelei des Frei⸗ grafen und von ſeiner unmenſchlichen Grauſamkeit ein treues Bild entwarf, und dieſer Zuſtand ſteigerte ſich bald bis zur Wuth, als ſie Walburga's Anweſen⸗ heit auf dem Tabor erfuhr. Siegfried ſchwieg ſchon lange, und die Alte ſaß noch immer in tiefen Gedanken da, endlich begann ſie: Siegfried! ich war es, die Euch in die Höhle des Tigers geſendet, mit dem Auftrage, dort die Lage der Dinge zu erſpä⸗ hen. Ihr habt es vollbracht mit Gefahr Eures Lebens, und auf eine Weiſe, daß ich über Eure Liſt und Klug⸗ heit nur ſtaunen kann. Ihr habt den Heuchler kennen gelernt, und nun erfahrt auch in wenigen Worten, in welchem Verhältniſſe ich zu dem Elenden ſtehe. Ich war ein Mädchen, als mich Emilian im Hauſe meiner Aeltern kennen lernte, und mein Herz gewann; meine Familie, eine der älteſten in den öſterreichiſchen Landen, würde in die Verbindung mit dem armen Venetianer nie gewilliget haben, wir verheimlichten daher unſere Zuſammenkünfte. Meine jüngere Schweſter— wir wa⸗ ren die einzigen Kinder unſerer Aeltern— bemerkte das Verhältniß, und entdeckte es dem Vater. Er begann mit ganzer Strenge gegen mich zu wüthen; die Herz⸗ loſigkeit empörte mich, die Leidenſchaft für Emilian, wurde, ſtatt unterdrückt zu werden, noch mehr ge⸗ ſteigert, ich rang nach Freiheit, und mich dem Mann meiner Liebe anvertrauend, entfloh ich dem väterlichen Hauſe, dem heimathlichen Lande. Laßt mich ſchweigen von dem Scheinglücke der leichtſinnig befriedigten Lei⸗ denſchaft, welche mich in ſeinem Beſitze Alles vergeſſen ließ. Die Strafe blieb nicht aus. Wir lebten Jahre lang verborgen in Udine, ſo lange währte die Sum⸗ me, welche ich für meinen Schmuck und die anderen mitgenommenen Koſtbarkeiten erlöſt hatte, endlich drang 110 ich in ihn, mir vor dem Altare ſeine Hand zu reichen und mit Ernſt auf die Zukunft zu denken. Da entfloh der Schurke und ließ mich arm und hilflos zurück. Scham und Verzweiflung bemeiſterten ſich meiner und machten mich vor dem Gedanken, reuig in den Schooß meiner Familie zurückzukehren, ſchaudern, und ward lieber zur Bettlerinn, ehe ich dieſen Schritt that. So kam ich in dieſes Land, ſeine wilde Natur ſchien mit mei⸗ nem Innern zu harmoniren; ich floh die Menſchen und erwarb mir bald den zweideutigen Ruf einer Se⸗ herinn. Alle Gefühle meines Herzens erſtarben ob des unſäglichen Schmerzes, nur der Haß und die Rache nährten ſich wie Schlangen vom Staube, von der aus⸗ gebrannten Aſche meiner Liebe, groß. Ich habe hier nicht Noth gelitten, denn das abergläubige Volk der Umgegend gab mir ſo viel, daß ich ſtets einige Baar⸗ ſchaft erübrigt hatte, aber Kummer, unſäglicher Kum⸗ mer hat mich vor der Zeit alt gemacht und mein Leben gekürzt. Von dem Augenblicke jedoch, als Emi⸗ lian, ohne mein Hierſein nur zu ahnen, dieſe Gegend betrat, ſann ich auf tauſendfältige Pläne, meinen Durſt nach Rache zu ſtillen; ihn morden, ſchnell mor⸗ den, wäre für ſeine Thaten viel zu wenig, aber hin⸗ welken in Qual und Noth, ziſchen hören die Schlan⸗ gen des böſen Gewiſſens, ſehen den Tod, wie er her⸗ anſchleicht von Minute zu Minute, und ihn nicht ab⸗ — — e——„ (— wehren können, das wäre eine würdige Vergel⸗ tung ſeines ſchändlichen Verrathes. Siegfried! Ihr werdet jetzt ermeſſen, was ich durch Emilian verloren habe, er hat mich meiner Familie, meiner Unſchuld, meines Lebensglückes beraubt, er hat mir Alles genommen, und ein ſchlechtes Bewußtſein dafür gelaſſen, und nun ſollte ich es unvergolten laſſen? — Doch die Vorſehung ließ den Böſen ſeinem Unter⸗ gange entgegen reifen; indem Ihr ſeine ſchändlichen Plane durchkreuzt und ihn einer gerechten Strafe über⸗ gebt, werden auch meine Wünſche gekrönet, ich will nur ſein Verderben, je gräßlicher es herbeigeführt, um ſo freudiger will ich es anſehen. Ich war es dennoch, welche die Erſte, ſein Verderben heraufbeſchwor, und daß er es erfahre, dafür werde ich Sorge tragen; d'rum ziehet nach Laibach, des Kaiſers Ankunft, ſo verlautet in der Gegend die Kunde, wird noch in dieſen Tagen erfolgen; handelt klug und bedächtig, daß Euch der Schlaue nicht entkomme, gelingt Euch das Vorhaben, ſo darf ich für Euer künftiges Glück nicht ſorgen, denn der Dank eines geretteten Fürſten wird Euch erheben nach Verdienſt. Und Ihr, Dunak? fragte Siegfried theilneh⸗ mend, werdet Ihr in dieſer Einſamkeit verbleiben, werdet Ihr nicht wieder zurückkehren in den Schooß Eurer Familie? 5 —— In den Schooß meiner Familie? ich habe keine mehr, meine Eltern ſind geſtorben, die einzige Schweſter, die nie meine Freundinn geweſen, lebt, wie ich vernom⸗ men, in glücklichen Verhältniſſen; ich werde ihr nie entgegen treten, dieſen Triumpf ſoll ſie nicht feiern. Eine zwanzigjährige Trennung hat mich Alles vergeſſen laſſen, und wird meine Rache ihr Ziel gefunden haben, ſo bleibt mir auf dieſer Erde nichts mehr zu ſuchen übrig als ein ſtilles Grab!— Nun wagte Siegfried noch eine Frage nach Roſi⸗ naz Duna erwiederte: Ihr habt alſo dieſe flüchtige, jugendliche Neigung noch nicht vergeſſen? kämpft da⸗ gegen, und verbannt jeden Gedanken an das Mädchen, denn die erſte Liebe führt ſelten zum Beſitz, ſie ſcheint nur ein glühender Prüfſtein, des Herzens Stärke zu er⸗ proben. Euch ſteht ein Feld voll Thaten, ein Weg voll Ehre offen, den habt Ihr zu wandeln, das kraine⸗ riſche Bauernmädchen wäre nur ein ſchwerer Stein, der Euch verhinderte, gegen die Macht der Verhältniſſe anzukämpfen, vergeßt ſie, und denkt an ein höheres Ziel. In Laibach ſollet Ihr mehr von mir hören! Sie verließ den Jüngling mit raſchen Schritten und verſchwand bald ſeinen Augen. Siegfried kehrte in die Herberge zurück, wo Kajetan ihm ungedul⸗ dig entgegen ſah, da der herannahende Abend den gut⸗ müthigen Alten um die Sicherheit ſeines Junkers be⸗ 113 ſorgt machte. Die erſte Nacht der Freiheit verging ohne Störung, der Morgen brach heran; Siegfried er⸗ wachte zuerſt und weckte auch den Gefährten, die Roſſe harrten ſchon ihrer geſattelt und gezäumt, ſie wurden beſtiegen, und die Reiſe nach Laibach fortge⸗ ſetzt. Kajetan, je mehr er ſich von ſeinem früheren Aufenthalte entfernte, deſto fröhlicher und wohlgemuther wurde er, ſein feiſtes Geſicht g länzte vor Freude, ſeine Augen funkelten wonnetrunken, und der lebensluſtige Wiener ſchien es ſchon ganz vergeſſen zu haben, daß er noch vor acht und vierzig Stunden ein Gefangener auf dem Bierbaumer Tabor geweſen. Er ſang ſich ſein Morgenlied, pfiff mitunter zur Abwechslung fröhliche Weiſen, und war wieder bemüht, des Reiſegefährten Ge⸗ duld auf eine große Probe zu ſtellen. Nach einer Weile wandte ſich Siegfried zu ihm: Was meint ihr, Ka⸗ jetan, wen habe ich geſtern in der Nähe unſerer Her⸗ berge getroffen? Die Frage brachte den guten Wiener plötzlich aus ſeiner Roſenlaune; er ſah den Junker ſtaunend an, und nachdem er einige Male furchtſam um ſich geſchaut hatte, liſpelte er: doch nicht etwa den Räuberhauptmann? Dem Himmel ſei Dank! den nicht, verſetzte der Andere, es war ein Frauenzimmer— Kajetan athmete leichter; dann iſt's die Wal⸗ burga!— 10 114 Nein, es war Duna! Zwickler ſeufzte tief auf und rief im weinerli⸗ chen Tone: So hat die der Teufel ſchon wieder hinter uns her? kaum ſind wir der Einen entkommen ſo ſtreckt eine Andere ſchon wieder ihre Klauen nach uns; wird denn dieß Satansregiment nie ein Ende nehmen?— Ich habe Euch hievon in Kenntniß geſetzt, begann Siegfried, weil Ihr die Alte in Laibach wahrſchein⸗ lich öfters zu Geſicht bekommen werdet, und es mein Wunſch iſt, daß Ihr hiervon kein Aufhebens macht, und gegen ſie wie gegen eine Fremde thut, in keinem Falle aber etwas von ihr ſprecht, was ihr Schaden bringen könnte. Was ſoll ich denn von ihr reden? entgegnete der Andere, ich wollte, ich hätte ſie mein Lebtag nicht ge⸗ ſehen! Aber Eines freut mich doch von ihr, und dieß iſt, daß ſie nicht auf dem Sliwenza war, außerdenn die Stimme auf dem Baume oben gehörte ihr zu, was ich mich zu unterſcheiden nicht unterfange. In's heiligen Barnabas Namen! ich will an ihr vorübergehen, wie an jedem andern alten Weibe, und wenn mich Einer frägt: Wer iſt dieſe Hexe? ſo werde ich antworten: Fragt ſie ſelber, ich glaube ſie wird es am Beſten wiſſen, denn ich weiß nur ſo viel von ihr, daß ſie den Sliwenza— In dieſem Augenblicke wurde er, oder beſſer ſein 115 Roß durch eine Geſtalt ſtutzig gemacht, welche unfern von ihm aus dem Straßengraben kroch, und ſich mitten in den Weg hinein poſtirte; auch Siegfried ward auf dieſelbe aufmerkſam geworden, und Beide wandten vergebens alle Mühe an, um die Roſſe vorwärts zu bringen. Das Schreckbild war ein in Lumpen gehüllter Bettler, deſſen Anblick ein eckelhafter genannt werden konnte. Sandalenartige Opanken, enge Beinkleider und Jacke, deren Farbe und Form vor Schmutz und Flecken nicht mehr zu unterſcheiden waren, und ein breiter Kremphut bildeten ſeine dürftige Umhüllung; ſein ſchwarzbraunes, aufgedunſenes Geſicht mit einem zauſigen Barte, einer rothen Narbe über die linke Wange, und einem ſchwarzen Pflaſter über Stirne und das rechte Auge, war nur durch das linke belebt„wel⸗ ches klein aber ſtechend unter buſchigen Augenbrauen hervorflimmerte. Er hatte einen Dudelſack unter dem Arme und begann die ſchnarrenden Töne des Inſtrumen⸗ tes hervorzulocken, worüber die Pferde nun gar nicht vorwärts wollten. Scheert Euch Eures Weges! rief ihm Siegfried zu, ſeht Ihr nicht, daß die Roſſe ſich ſcheuen, an Euch vorüber zu ziehen? Der Bettler preßte ſeinem Inſtrumente ohne Un⸗ terlaß die Naſentöne ab, und rief dazwiſchen: Gebt einem armen Blinden ein Almoſen, ich werde Euch Glück erbitten vom Himmel! 116 Aus dem Wege! rief Siegfried zum zweiten Male, und brachte mit Sporenhülfe ſein ſchäumendes Roß in einen ſtarken Galopp gegen den Bettler; kaum gelang es dieſen durch einen Seitenſprung— ſein Leben zu ſalviren, denn ſchon ſtürmte der Jüngling an ihm vorüber, und Kajetan, dem Willen ſeines Kleppers zu folge, ſprengte hinter drein. Eine gute Strecke, bis ſie den Zudringlichen weit hinter ſich hatten, ging es ſo vorwärts, dann hielten ſie an, um wieder in Schritt einzufallen. Nun, was ſagt Ihr zu mir, Herr Jun⸗ ker? ſchnaufte Kajetan, mit lobender Selbſtzufrie⸗ denheit, bin ich Euch nicht wie ein Schatten auf der Ferſe geweſen, und Ihr habt mir in der Schnelle keine Fußbreite Raumes abgewonnen— Das iſt das Verdienſt Eures Kleppers, und nicht das Eure! Bin ich nicht im Sattel geblieben? und wenn ich auch etwas hin⸗ und hergeſchwankt, und mich manch⸗ mahl am Knopf erfangen habe, ſo bin ich doch oben geblieben, und das iſt am Ende die Hauptſache: wer oben iſt, iſt am Beſten! Aber wie gefiel Euch der zu⸗ dringliche Strolch mit ſeinem aufgedunſenen Schädel? wären wir nicht ſo gut zu Pferde und ſelbander gewe⸗ ſen, der Schelm hätte vielleicht aus einem andern Lo⸗ che gepfiffen, aber ſo war mit uns nichts zum an⸗ fangen.— Der Vormittag war ſchon bedeutend vorwärts ge⸗ ſchritten, die Sonne funkelte am hellblauen Himmel, als ſich die Reiſenden immer mehr der Landeshaupt⸗ ſtadt näherten. Dep Weg, welcher früher durch ein zwar angenehmes und reizendes, aber enges Thal führte, und von Hügeln und Waldgebirgen begränzt war, be⸗ gann zwei Meilen vor Laibach plötzlich eine freiere Aus⸗ ſicht zu gewähren, und daher auch einen größern Ein⸗ druck hervor zu bringen. Seitwärts der Straße ſtolzir⸗ ten Wieſen und Felder bereits mit einen Anflug von Grün, ringsum auͤf den Spitzen der Berge und Hü⸗ geln prangten Dörfer und Schlößer, Kirchen und Bur⸗ gen, rechts lag der Grimm, der Wetterprophet der Laibacher, und in der Ferne ragte über die ſchneebedeckte Alpenkette der merkwürdige Loibl und der Terglou hervor. Beide wie greiſe Väter ihrer mindergroßen Nachfolger, in Sonnenglanz gehüllt, wie zwei Stahl⸗ gepanzerte Rieſen herabſchauend. Letzterer, der höchſte Berg des Landes, über 10,000 Fuß hoch, endigt in drei kegelförmige Zacken, die meiſtens Schneebedeckt in den Wolken ſchwimmen. Eine kleine Strecke von Laibach, hart an der Straßet lag damahls ein einſames Gehöft, der Gradlhof ge⸗ nannt. Es war eine Herberge meiſt für Säumer und Fuhrleute, welche die Trieſtiner Straße befuhren, daher bei dem belebten Handel auch häufig beſucht. Sei 118 einigen Tagen aber hatten ſich beſonders viele Gäſte eingefunden, denn die Ankunft des Kaiſers machte Jung und Alt herbeiſtrömen aus allen Theilen des Landes, um Augenzeuge der Feierlichkeit zu ſein, die in Laibach Statt finden würden. Siegfried und ſein Reiſege⸗ fährte ſteigen auch vor dem Schanke ab, um ſich durch einen friſchen Trunk zu erquicken. Der geſchäftige Wirth kam ihnen freundlich entgegen und nöthigte ſie unter lebhaften Anpreiſungen ſeiner Herberge, in das Hinter⸗ ſtübchen, während ihre Roſſe in den Stall geführt wurden. Wenn Ihr in der Stadt nicht bekannt ſeid, junges Herrlein, fuhr der Schankherr fort, ſo wird es für Euch ohnedieß ſchwer halten, ein anſtändig Loſament aufzufinden, denn alle Fremdenherbergen ſind von Gäſten ſo überfüllt, daß man ſchier kein Kämmerlein, vielwe⸗ niger ein Gemach mehr leer finden würde, und dann iſt die Zehrung bedeutend geſtiegen, denn die Laibacher ſind pfiffige Stäbter, die wiſſen ihr Schäfchen zu ſcheeren, ſo lange es Sonnenſchein iſt. Drum hört meinen Vorſchlag: für heute bleibt bei mir, morgen fahr' ich ſelbſt zur Stadt, Ihr reitet mit und ich will Euch bei meinem Bruder— dem ehrenwerthen Schuſter⸗ meiſter Felir Schnitzenbaum einführen, dort ſollet Ihr ein treffliches Stübchen und einen billigen Mann finden. Ihr könnt dann, ſo es Euch beliebt, Monden —— — 8 lang in ſeinem Hauſe verbleiben, und werdet kaum den dritten Theil von dem benöthigen, was Ihr in einer Herberge verzehrt hättet.— Der Vorſchlag gefiel dem Jünglinge, da er in der Bürgerswohnung nicht den vielen neugierigen Blicken und Fragen aus⸗ geſetzt war, wie in einer öffentlichen Herberge, was ſeinem Vornehmen nach nur nützlich ſein konnte; er willigte daher ein, und beſchloß für dieſen Tag auf dem Gradlhof zu verbleiben. Kajetan ſeiner Seits, war mit dem Entſchluße auch einverſtanden, denn er war von jeher ein großer Freund der Ruhe und Häus⸗ lichkeit, und hätte dieſe nicht ſo leicht in einer Herberge fin⸗ den können. Das hintere Stübchen wurde daher von Beiden bezogen, und der Wirth ſchien alles aufzubiethen, um dem anſehnlichen Gaſte den Aufenthalt ſo angenehm als möglich zu machen. Der Nachmittag verging ohne Störung. Der Abend rückte heran, und verſammelte in der großen Schankſtube eine Menge von Gäſten, die laut und munter ſich miteinander unterhielten.— Krainer, Iſtrianer, Gottſcheer und ſogenannte Waſſer⸗ kroaten hatten ſich da zuſammengefunden, und Neu⸗ gierde zog auch unſern Reiſenden in eine Ecke der ge⸗ räumigen Stube. Die verſchiedenen Mundarten der verſammelten Gäſte vereinten ſich zu einen Chaos von Lauten, welcher dem Fremden ganz unverſtändlich klin⸗ gen mußte; ſelbſt ihre Gewänder waren ſo verſchieden 120 von einander, daß ſie faſt den bunten Männern eines Guckkaſtens gliechen, nur in einem viel größeren Maß⸗ ſtabe. Die Oberkrainer, mit ihren kurzen ſchwarzen Lein⸗ wandhoſen, den nackten Beinen und Holzſchuhen, lan⸗ gen Haaren und Bärten, unter dieſen die Säumer beſonders durch den breiten Ledergürtel und die kur⸗ zen Jacken, kennbar. Die Gottſcheer mit Schnürſchuhen, Pluderhoſen, Kamiſols, Filzkappen und den buſchichten Bärten, und endlich die Iſtrianer mit den ſtark ans Türkiſche gränzenden Gewändern, dieſe Alle bildeten ein Gemälde, mannigfaltig an Form und Farbe, von den niedern Wänden der Schankſtube eingerahmt. Ka⸗ jetan und Siegfried hatten hier Gelegenheit, die ſtillen Beobachter zu machen, und Letzterer mußte den Gefährten oft errinnern, ſich nicht in die Freuden der Landleute zu mengen, wozu Zwickler nicht wenig Luſt bezeugte. Um die Freude der Gäſte zu ſteigern, kam der Wirth eilig herein und fragte: Ob ſie nicht Muſik hören wollten?— Allgemeine Uebereinſtimmung der Verſammlung erfolgte; der Wirth riß die Thüre auf und ſchrie: Nur herein mit dem Pfeifer! Der Dudel⸗ ſack ertönte, der Spieler trat in die Thüre, es war der einäugige Bettler von der Heerſtraße. Siegfried beugte unwirſch das Haupt, und Kajetan ſchüttel⸗ te ſich fröſtelnd, als ob ihm eine Gänſehaut über den Rücken liefe. Der Pfeifer aber bließ ohne Unterlaß — 8 6 8 1 121 darauf los, und, war es Zufall oder Abſicht, er ließ ſich in der nämlichen Ecke nieder, wo ſich unſere Rei⸗ ſenden bereits befanden. Die Erſcheinung wirkte ſo un⸗ angenehm auf ſeinen nunmehrigen Nachbarn, daß Siegfried den Wirth herbeirief und ihm befahl, im Hinterſtübchen eine Lampe anzuzünden, da er und ſein Gefährte ſich zur Ruhe zu begeben gedächten. Der Schankherr eilte fort, den Wunſch zu erfüllen; der Bettler wandte ſich zum Junker und ſprach ganz ſo wie am Morgen: Gebt einem armen Blinden ein Al⸗ moſen, ich werde Euch Glück erbitten vom Himmel! Ihr mögt mit dem Himmel in gutem Einverneh⸗ men ſein! brummte Zwickler ſpottend in den Bart. Eure Fürſprache ſcheint mir ſchier ſchlimmer zu ſein als gar keine. Siegfried warf dem Zudringlichen ein Geldſtück zu und ſprach: Ihr habt mir heute den Weg verſtellt, wahrt Euch künftig beſſer, wenn Ihr nicht die Hufe meines Roſſes kennen lernen wollt! Oder die Breite unſerer Klingen! ergänzte der er⸗ muthigte Zwickler. Wie kömmt es, junges Herrlein! grüßte der Pfei⸗ fer, daß Euer Diener ſein vorlautes Maul nicht be⸗ zähmen kann, um mindeſtens in Eurer Gegenwart mehr Artigkeit an den Tag zu legen. Da ſeht'n mahl den Gauch an, rief Kajetan er⸗ Der Gezeichnete. II. 11 122 bost, ich bin des Junkers Reiſegefährter, und nicht ſein Diener. Ihr ſeid aber ein zudringlicher Schelm, ein Wegelagerer, der ſich auf offener Straße hinſtellt, um Almoſen zu erzwingen, wenn es ihm nicht gut⸗ willig geboten wird. Wahrt Euer zweites Auge, ſonſt pick ich Euch ein Pflaſter drauf, daß Ihr wie ein ge⸗ blendeter Finke im Lande herum pfeifen könnt, und mindeſtens ordentliche Leute nicht mehr moleſtiren werdet. Während dieſer Schimpfrede blies der Bettler den Dudelſack ſo heftig, daß kein Wort Kajetan's ver⸗ ſtanden werden konnte. Pfeif' nur zu, lumpiger Kerl! zürnte Zwickler lauter, pfeif' dir deine ſündhafte Lun⸗ ge heraus, du Schelm! Wenn du uns noch'n Mal in den Weg trittſt, ſo ſollſt du bald aus dem letzten Loche gepſiffen haben!— Siegfried ermahnte nun Kajetan, Einhalt zu thun, und ſeinen Grimm zu mäßigen, indem die Gäſte den Störer ihrer Freuden nicht lange in ihrer Mitte dulden, und auf eine hand⸗ greifliche Weiſe zum Schweigen bringen würden; dieſe Gründe waren ſo einleuchtend und abſchreckend, daß Kajetan augenblicklich inne hielt. Siegfried wollte ſich nun in ſeine Stube begeben, als der Bettler ihn noch ein Mal anredete: Schon zur Ruhe, junges Herr⸗ lein? Ihr ſeid ſo jung, und müßt nicht Eure ſchönſte 123 Lebenszeit verſchlafen.„Handeln“ ſollte Euer 20 ſungswort ſein! Die Zudringlichkeit des Bettlers, deſſen ſchnar⸗ rende Stimme ſeine Worte noch unfreundlicher machte, verdroß nun auch Siegfried, und er erwiederte finſter: Ihr ſcheint Euch wirklich mehr, denn nöthig, um das Thun und Laſſen fremder Leute zu kümmern. Armuth ſchützt nicht vor Gerechtigkeit, beſonders wenn ſie den Deckmantel von Roheit und keckem, zudringlichen Weſen iſt. Ich hoffe, Ihr habt mich heute zum letzten Male angeredet.— Er entfernte ſich und Kajetan folgte ihm. Nun, Herr Junker! begann er in ſeinem gewöhn⸗ lichen Tone, was ſagt Ihr wieder zu dem Bettler? ich fürchte, ich fürchte, ſetzte er bedenklich hinzu. Ihr fürchtet immer, und zwar ſtets zu viel, nie zu wenig. Was gibts da zu fürchten? er iſt ein kecker Lun⸗ gerer, dem wir heute auf der Straße ein Almoſen ver⸗ weigerten, den ſein Weg zufällig hieher geführt, und der wahrſcheinlich nach Laibach geht, um bei dem reich⸗ lichen Menſchenzuſammenfluße ſich Etwas zu erbetteln.— Oder zu erſtehlen! unterbrach ihn Zwickler raſch, denn dem ganzen Anſchein nach, iſt er ein Zigeuner, oder vielleicht gar ein türkiſcher Spion, und von Haus aus mag er mehr Räuber als Dieb ſein. Jetzt ſeht Ihr es alſo wohl wieder, was man hier zu Lande Alles er⸗ N 124 leben kann; ach, heiliger Barnabas! ich wiederhohle die achte meiner täglichen Bitten, die ich mir eigens für's Krainerland gemacht habe: hilf mir, daß ich mit heiler Haut aus hieſiger Gegend komme, in Ewigkeit, Amen!— Er warf ſich aufs Lager und begann darauf in ein wohlbehagliches Schnarchen auszubrechen, wel⸗ ches dem noch immer wachen Jünglinge das Geſtändniß abpreßte, daß Zwickler ſelbſt im Schlafe feinen Ohren läſtig falle.— Die Ruhe floh den Jüngling, und dieſes Mahl war es mehr die Zukunft als die Vergangenheit, welche ihn beſchäftigte. Die Erſcheinung des Bettlers war ihm zu wenig beachtenswerth; er dachte nur an Laibach, an den Kaiſer, und die Mittel, welche er gebrauchen würde, um vor den Fürſten zu gelangen. Tauſendfältige Plane hiezu wurden geſchmiedet, ſein geſchäftiger Geiſt hatte ihm ſchon eine weite, hochge⸗ ſtellte Zukunft eröffnet, er ſah ſich geehrt und geachtet von den Edlen und Großen des Landes, er hatte ſchon das Vertrauen des Kaiſers errungen, und war zu einem Lieblinge und Günſtling emporgeſtiegen; er wollte alle diejenigen beglücken, welche ihm bisher Wohlthaten er⸗ wieſen, und vergelten wollte er ſelbſt das Böſe auf eine würdige, edle Weiſe mit Gutem. Unter ſolchen Ge⸗ danken war die Mitternacht ſchon längſt vorüber, als auf der Straße plötzlich zwei Karoſſen hielten, an dem 125 raſchen Einherkommen, und an dem Schnaufen der Roſſe war leicht zu erkennen, daß die Fahrt eine ſehr eilige ſein mußte. Im Hauſe ſchlief ſchon Alles, daher wurde gepocht, bis der Wirth erwachte und öffnete. Siegfried hatte ſich vom Lager erhoben und trat an das Fenſter, deſſen Ausſicht auf die Straße ging. Eine Dame und ein Herr ſtanden bereits auf der Straße, der Schankherr kam eben herbei. Der Herr ſchalt den Einen der Pferdeknechte über ſeine Ungeſchicklichkeit, indem er jetzt den Auſenthalt von einer kleinen Stunde verurſache, und fragte den Herberger, ob er für die Dame nicht auf ein Stündchen ein bequemes Lager vorräthig habe. Es wurde bejaht, die Fremden traten ins Haus; bald darauf hörte Siegfried in der Nebenſtube Geräuſch, die Fremden waren dort eingetreten. Die dünne Schei⸗ dewand ließ jedes nur halblaut geſprochene Wort deut⸗ lich vernehmen. Siegfried hörte den Wirth kommen und gehen, bald darauf ſprach die Dame: Jetzt kommt her, und laßt uns noch ein gewichtiges Wort mitſam⸗ men ſprechen!— Sie hatte ſich wahrſcheinlich auf eine Polſterbank niedergelaſſen, und dieſe mußte hart an der Scheidewand der beiden Stuben angerückt ſein, denn der Horcher vernahm jedes Wort ſo deutlich, als ob es an ſeiner Seite geſprochen würde. Die Stimme der Dame war ihm ganz fremd, dagegen glaubte er jene 126 des Fremden ſchon vernommen zu haben, auch würde er ſie eher, als es wirklich geſchah, erkannt haben, allein der Herr ſprach mit halbgedämpften, begütigenden Tönen, während die Dame aufgebracht und grollend, ihrer Stimme freien Lauf ließ: Solche Handlungs⸗ weiſe, Herr Gemahl! duld' ich nimmermehr! noch bin ich Herrin, wenn auch nicht meiner Hand, ſo doch meines Willens. Ihr gabt vor, die Reiſe in dieſes Land gelte einer alten Anverwandten, von welcher Ihr ein reiches Erbe zu erwarten hättet, und benützet ſie zu ſolcher Frevelthat! Verzeiht, Eleonora! bath der Fremde, und der Hohn ſeiner Worte war nicht zu verkennen; ich wähnte nur Euch zu Gefallen zu handeln. Mir zu Gefallen? rief die Dame empört. O, Ihr Elender! den ich meinen zweiten Gatten nennen muß, welch ein erbärmlicher Erſatz für den Edlen, der ſo früh aus dieſer Welt geſchieden. Es iſt eine ſchöne Tugend der Damen, ſpöttelte der Andere, daß ſie ſtets dem früheren Gatten ſolche Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wie ſie es im Leben nie gethan! Ihr habt Recht, mich durch Spott zu verwunden, Herr Gemahl! warum ließ ich mich ſo viele Jahre nach dem Tode meines Eheherrn verleiten, Euch meine Hand 127 zu reichen. Ihr waret arm, ich habe Euch zu mir empor gehoben, und nun genügt Euch nicht mehr mein Eigenthum, Ihr wollt auch den Sohn meines erſten Gemahls ſeiner Güter berauben, wollt Alles an Euch reißen, auf eine räuberiſche Weiſe, die mich erkennen läßt, daß jedes Gefühl Eurem Herzen fremd ſei. Verzeiht, Frau Gemahlin! ich habe meine Art zu fühlen, der Euren angemeſſen. Eine Mutter, die ihr Kind von ſich ſtößt, die es unter fremde Menſchen wirft, um des allenfalſigen Hinderniſſes einer zwei⸗ ten Ehe ledig zu ſein— Ihr lügt! ich habe ihn nicht verſtoßen, nicht ver⸗ worfen, ich wollte den ſchwächlichen Knaben nur in einer rauhen, lebensfriſchen Gebirgsluft heranwachſen laſſen; ich gab ihn deßwegen armen Leuten, um aus ihm einen kräftigen Mann heranzubilden, und nicht einen ſichen Schwächling! Ihr war't es, der ohne mein Wiſſen, den Leuten befahl, ihm ſeinen Namen zu verſchweigen, Ihr war't es, wie ich jetzt erſt erfuhr, der ihn von ſeinem frühern Aufenthalte heimlicher Weiſe entfernte, und in die Steiermark bringen ließ, um mit ihm nach Eurem Willen verfügen zu können, und nun der Himmel unſere Ehe mit einem Sohne geſegnet, 128 nun wollt Ihr ihn vernichten, um Euer Kind über⸗ reich zu machen! Fort, verlaßt mich, Ihr habt mein, Euch vertrautes Geheimniß dazu benützt, den Unſchul⸗ digen zu verfolgen. Ihr habt das Verderben über ihn heraufbeſchworen, und ihn der Schmach und der Schande Preis gegeben, ich kehre zurück, und nicht eher wagt es, vor meinem Auge zu erſcheinen, bis Ihr den Sohn in die Arme der Mutter gebracht! Jetzt wurde gemeldet, daß zum Weiterfahren an⸗ geſpannt ſei. Siegfried verlor von dem ganzen Geſpräch keine Silbe; ſeine Aufmerkſamkeit hatte den höchſten Grad erreicht, eine Spannung, eine Friſche des Geblütes war in ihm erwacht, von welcher er ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte, die Hände klam⸗ merten ſich bebend an die Wand und gierig horchte das Ohr hinüber. Was war es, was ihn ſo heftig beben machte, die Stimme des Fremden, oder die Theil⸗ nahme an den Reden der Dame, oder ein gewiſſes Etwas, was man weder eine Ahnung noch eine Vor⸗ empfindung nennen konnte, ſondern ein Gefühl, das plötzlich wach in ſeinem Buſen wurde, und deſſen Name ihm die nächſten Augenblicke kund geben ſollten. Er hörte die Dame ſich erheben. Nun, Herr Gemahl! was habt Ihr beſchloſſen? fragte ſie mit faſt hetri⸗ ſchem Tone? „————————————— Eleonora! Ihr kehrt in die Heimath zurück! rief jetzt der Fremde mit voller Stimme, und Sieg⸗ fried erkannte mit Schrecken ſeinen Verfolger. Als Euer Herr und Gemahl befehle ich Euch, ich werde handeln, wie es mein Wille iſt, Ihr müßt nach dem Tode Eures erſten Sohnes die Güter meinem Roman überlaſſen, denn er iſt mein Sohn, und zugleich der Eure! So zieht denn hin, Elender! rief die Dame, icch kann Euch nicht abhalten; in meiner Gewalt iſt aber Roman, was Ihr an jenem, thu' ich an dieſem, vergeßt nie, daß Siegfried mein Sohn iſt! Als ob tauſend Blitze in ſeine Seele geſchlagen hätten, ſo riß es jetzt den Jüngling empor; eine Mi⸗ nute lang verſagten ihm die Sinne den Dienſt, der Athem rang ſich ſchwer aus der Bruſt, er wollte gegen die Thüre, und die Dunkelheit verleitete ihn zur ent⸗ gegengeſetzten Wand, endlich gelang es ihm, jene zu erreichen, er riß ſie auf, und flog hinaus. Mutter! meine geliebte Mutter! rief er mit einer Stimme, die Todte hätte erwecken können; er legte mit Windes⸗ ſchnelle den Weg über den Hof zurück, und ſtürzte auf die Straße. Kaum dreihundert Schritte von ihm flogen aber ſchon die Karoſſen davon, die Eine gegen Lai⸗ bach, die Andere auf der entgegengeſetzten Seite nach Oberlaibach. Wohin ſollte er ſich wenden, in wel⸗ cher ſaß die Mutter, in welcher der feindliche Stief⸗ vater? Er rang verzweiflungsvoll die Hände. Mutter! jammerte er: Hier iſt Dein Siegfried! Er taumelte gegen die Wand und ſank bewußtlos zuſammen! Piertes Vuch: Der Kaiſer in Laibach. —— Wir können bei dem kurzen Umriſſe, den wir von der damaligen politiſchen Lage der Dinge zu entwer⸗ fen gedenken, genau dort beginnen, wo wir in einem unſerer früheren Gemählde*) aufgehört haben. Der ritterliche Kaiſer, Maximilian der Erſte ſeines Namens, hatte den ehrwürdigen Thron der Habsburger betreten, und mißgünſtige Feinde erhoben ſich, ihm die Zeit der Regierung zu trüben. Ludwig der Zwölfte, genau, mindeſtens in dieſer Beziehung, in die Fußtapfen ſeiner Vorgänger tretend, begann an den Säulen des Habsburger Hauſes zu rütteln, die Empörungen von Gent, Bruck und Flandern mußten gedämpft, die Schweizer zur Ruhe verwieſen, Herzog Ruprecht von Baiern bekriegt werden. Venedig im Einverſtändniſſe mit Frankreich, verhinderte den Durchzug des Kaiſers nach Rom. Ein langwieriger *) Wien vor 400 Jahren. Hiſtoriſcher Roman. 2 Bde. 134 Kampf, der auf dem Reichstage zu Konſtanz beſchloſſen ward, entſpann ſich. Die Republik wurde in die Acht erklärt, und Maximilian, mittelſt einer päpſtlichen Bulle, als römiſcher Kaiſer anerkannt. Der Krieg gegen die Republik wurde mit verſchiedenem Glücke ge⸗ führt. Padua, Vicenza und Treviſo wurden oft erobert und wieder verloren. Livi anus, der übermüthige, liſtige Feldherr der Republik fand in dem kaiſerlichen und ſpaniſchen Kriegsheere würdige Gegner. Herzog Erich von Braunſchweig, Fürſt Ru⸗ dolph von Anhalt, Graf Hoyer von Manns⸗ feld und endlich der vielbekannte Georg von Frondsberg ſtanden ihm gegenüber, und begannen bedeutende Vortheile über ihn zu erringen. Um alle dieſe Kämpfe mit einem Schlage zu endi⸗ gen, hatte die Signoria den liſtigen Plan erſonnen, den Kaiſer nach Laibach, dann nach Görz zu locken, und dem Gefangenen, welches Letztere die Prudenten bewir⸗ ken ſollten, einen ſchmählichen Frieden abzutrotzen. Die erwähnten Kriege, wiewohl langwierig, wurden doch nur in Feindesland geführt, und verur⸗ ſachten unbedeutenden Schaden, ſo zwar, daß ſelbſt das angränzende Krain, außer den zu ſtellenden Hülfs⸗ völkern, keine nachtheiligen Folgen davon empfand. Viel mehr hatte es von den häufigen Türkeneinfällen zu leiden, welche über die ſogenannten Meergren⸗ zen, dem damaligen Grenzlande, hereinbrachen, einen Theil des Landes ſengend und brennend durchzogen, und Beute und Gefangene mit ſich fortſchleppten. Von 1460 bis 1508, alſo in einem Zeitraume von kaum fünfzig Jahren fanden bei vierzig ſolcher Einfälle Statt, unzählige Schlöſſer, Dörfer und Gotteshäuſer wurden zerſtört und niedergebrannt, und bei 200,000 Men⸗ ſchen allein in Krain und Kroatien theils getödtet, theils in die Sclaverei geſchleppt. Die Krainer blickten daher der Ankunft des Kai⸗ ſers mit großen Erwartungen entgegen. Sie hofften ſichern Schutz gegen den Andrang der Moslims, das Ende des venetianiſchen Krieges, und endlich die Eini⸗ gung der begonnenen Glaubenszerwürfniſſe. Die Augen Aller waren daher hoffnungsvoll auf die Hauptſtadt des Landes gerichtet, deren Mauern den Kaiſer um⸗ fangen ſollten. Laibach, das ehemalige Aemona in Ober⸗Pa⸗ nonien, nahm um das Jahr 1200 den Rang eines Marktes ein, und gehorſamte den kärnthneriſchen, dann denn öſterreichiſch⸗habsburgiſchen Herzogen. Der Ort begann ſich jedoch durch den blühenden Handel nach Venedig, und den der Republik gehörigen Inſeln, im⸗ mer mehr zu heben, errang ſchon zu Anfang des fünf⸗ zehnten Jahrhunderts den Namen einer Stadt, und wurde, wie die meiſten Städte des Mittelalters, mit ————— 136 Mauern umfangen. Die feindliche Türkennachbarſchaft zwang Kaiſer Friedrich IV. endlich die Stadt im J. 1475 noch mehr zu befeſtigen, bei welcher Arbeit größtentheils gefangene Moslims Hand anlegen mußten. Erſt ſechs Jahre nach dem Zeitpunkte unſers Gemähldes*) wurde Laibach vollkommen mit Thürmen und Baſteien, Grä⸗ ben und Mauern umfangen und befeſtiget. Die Stadt war damahls in Form eines Halbzirkels gebaut, welcher das auf einem Berge gelegene, alte Schloß umfing. Der nach beiden Seiten ſchiffbare Laibachfluß zer⸗ theilte dieſen Halbmond in zwei Theile, welche durch zwei Brücken in Verbindung ſtanden. Sechs Thore führten in die Stadt, ſie wurden jedoch ſo oft zerſtört, und wieder neu erbaut, daß die jetzigen Thore vielleicht keinen Stein der alten mehr enthalten, und nur ihren Nahmen ererbten. Außerhalb der Thore lagen, zur Zeit unſers Gemähldes, ſtatt der jetzigen Vorſtädte, elen⸗ de Dörfchen, welche von einzelnen Gewerken bevölkert wurden. Die Krakau vor dem deutſchen Thore wur⸗ de meiſtentheils von Fiſchern bewohnt, ein Bach trennte dieſe Häuſergruppe von dem gegenüberliegenden Tir⸗ nau, in welchem wieder nur Schiffleute anſäßig waren. In einem andern Dörfchen befanden ſich die Metzger. Das landesfürſtliche Schloß auf dem Berge, zu jener *) 1520. ——„„„ 137 Zeit mit zwei Mauern mit der untern Stadt ver⸗ bunden, ſoll im XI. Jahrhundert— ob von den Herzogen von Kärnthen, oder den Markgrafen von Krainburg iſt ungewiß— erbaut worden ſein. Die verſchiedenar⸗ tigen Theile deſſelben ließen vermuthen, daß es nach und nach in größern Zwiſchenräumen zur damahligen Größe gelangt ſei. Seine mehrfachen Mauern und Ba⸗ ſteien geſtalteten es zu einem äußerſt feſten Platze. In dem geräumigen Schloßhofe fand man mehrere Ciſternen und eine, dem heil. Georg geweihte Kirche. Das In⸗ nere, der zu jener Zeit viel kleinern und engern Stadt, war trotzdem nicht unfreundlich. Die vielen, drei, ſelten zwei oder einen Stock hohen Häuſer näherten ſich in ihrer Bauart dem italieniſchen Geſchmacke, doch war Alles erſt im Entſtehen, und das Emporwachſen der Hauptſtadt durch häufige Erdbeben, Feuersbrünſte und Kriegszerſtörungen bedeutend verzögert. Man zählte damahls bei zwanzig Gäſſen und zwei Plätze: der alte Markt beim Rathhauſe, und der neue Markt beim Landhauſe. Am Florianitag des Jahres 1514 glich Laibach ſammt ſeiner Umgebung einem großen Ameiſenhaufen, in welchem Tauſende von Menſchen herumwimmelten. Alles, was man nur ſah und hörte, verkündete einen feſtlichen Tag. Auf dem Pfeiferthurm im Schloße, wel⸗ cher oben mit einem Gange verſehen war, ſtanden drei 12 138 von den Stadtthurnern in ihrer grünen Livree mit Po⸗ ſaunen und Zinken, und harrten nur eines gewißen Zeichens, um eine Jubel⸗Fanfare los zu laſſen. Auf dem ebenen Platze vor dem Schloße ſah man zwei gro⸗ ße eiſerne Stücke aufgeführt, neben welchen die Stadt⸗ Conſtabler mit den glühenden Zündruthen ſtanden, um ſie jeden Augenblick abzubrennen. Die Gäſſen und Plätze waren vollgepfropft. Landleute und Bürger, Söldner und Ritter liefen und ſprengten durcheinander. Die Fenſter der Häuſer weit aufgeriſſen, ſtrotzten von heraus⸗ ſchauenden Frauen⸗ und Mädchenköpfen, die, wenn ſie auch die wahre Urſache des Freudenfeſtes nicht zu Ge⸗ ſichte bekamen, ſich doch bei dem Anblicke der vorüber⸗ ſtrömenden Volksmenge ergötzten. Hier ſah man die Rathsmänner des innern Rathes, deren Zahl ſich auf zwölf belief, in den langen Purpurgewändern, nach ächt venediſcher Weiſe einherſteigen, oder ſich in Sänften nach dem Rathhauſe tragen laſſen; ſie waren aus den angeſehenſten und verſtändigſten Bürgern gewählt und begleiteten lebenslänglich ihr Amt; dann kamen wieder jene des äußern Rathes, deren Anzahl doppelt ſo groß war, in langen, ſchwarzen Talaren gekleidet, dieſe wurden aber jährlich erwählt; außer dieſen ge⸗ hörten auch die hundert Volksmänner zu den Et⸗ was zählenden Stadtgliedern, denn ſie waren es, welche bei allenfalſigen Verhandlungen das gemeine 138 Volk vertreten mußten. Die Laibacher Rathsherren ſtanden damals in hohem Anſehen, weil aus ihnen ſtets Einer nebſt den andern Landſtänden, einen Ver⸗ ordneten vorſtellen mußte. Auch die Herren Georg Datzel, damaliger Bürgermeiſter, und Hanns Standinath, Stadtrichter von Laibach, prangten im ganzen Ornate, zu welchem unter Anderm auch ein Diener gehörte, den jeder von ihnen hinter ſich herge⸗ hen ließ in der grünen Stadtlivrei. Außer den Raths⸗ perſonen war Laibach in jenen Tagen auch noch der Verſammlungsort der ganzen Kraineriſchen Ritterſchaft, der Feldherren und Herrenbedienſteten. Man ſah hier den Landeshauptmann Johann von Auersberg, den Landesvizdom Georg von Eck, den Komtur des deutſchen Ordens Johann von Auer, den Landesverweſer Paul Raſp, den Hofmarſchall und Vetter des Laibacher Biſchofs, Herr Leonhard Rau⸗ ber, die Herren von Thurn, Raunach, Gold⸗ acker, Neuhäuſer, Dürrer und viele Andere. So viele Pracht wie damahls, war in der Hauptſtadt Krains ſchon lange nicht geſehen worden. Alles flun⸗ kerte von Gold und Silber, Sammt und Seide, ſelbſt die Häuſer, bei welchen der Zug vorbei mußte, waren mit Teppichen, Blumen und Guirlanden ge⸗ ſchmückt, ja ſogar der Erdboden war mit duftigen Gräſern friſch überworfen. Endlich kam der ſchwer 140 erſehnte Augenblick herbei, die große Glocke auf dem Schloßberge gab das Zeichen, die Geſchütze wurden abgebrannt, und donnerten tauſendfältig wiederhallend bis in das ferne Gebirge; von allen Thürmen bim⸗ melten die metallenen Zungen herab, Fahnen und Hüte wurden geſchwankt, die Thurner blieſen und paukten, das Volk jauchzte und ſchrie, tauſend Zun⸗ gen jubelten dem hohen Fürſten das„Willkommen!“ entgegen. Alles drängte ſich gegen das Thor, Sänf⸗ ten, Karoſſen und Reiter wirbelten durcheinander. Hurrah! Hurrah! rief die feſtlich geſchmückte Menge, und Hurrah! Hurrah! wiederholten Ritter und Bür⸗ ger. Unter einem ohrzerreißenden Getöſe, aber wirk⸗ lich herzlichem Empfang, zog Kaiſer Marmilian der Erſte in Laibach ein. Die eine der beiden Brücken, welche die Theile der Laibacher Stadt verbinden, liegt mitten in der Stadt und wird die obere Brücke geheißen. Die⸗ jenige, welche zur Zeit unſers Gemäldes beſtanden, mußte hundert Jahr ſpäter durch eine neue erſetzt werden, doch auch dieſe währte nicht lange, denn ſie gerieth(16354) durch Nachläßigkeit eines Meſſerſchmie⸗ des in Brand, und wurde erſt vier Jahre darauf in —„——„— „— 141 brauchbaren Stand geſetzt. Um die Breite der Brücke nicht unbenützt zu laſſen, befanden ſich längs den bei⸗ den Seiten zwei Reihen von Krambuden, der verſchie⸗ denartigſten Gewerbe und Induſtrien. Hier hatten Rie⸗ mer und Specereiverkäufer, Meſſerſchmiede und Schu⸗ ſter, italieniſche Früchtenhändler nebſt den heimiſchen Klempnern und Tuchmachern ihren Verkaufz hier war aber auch der Uebergang ſehr ſtark, und dieſe Buden gehörten zu den Einträglichſten in der ganzen Stadt. Zu beiden Seiten längs der Buden und in der Mitte befanden ſich bequeme Spaziergänge, ſo daß man mit Muße an den bunten Kramen vorüberwandeln, und in den Fluß hinabſchauen konnte. Von dieſer Brücke aus erhob ſich jenſeits, gegen den Schloßberg zu, ein hohes, bequemes Gewölbe, unter welchem des Tages die gemeinen Krämer ihre Stände hatten, und Nachts die Stadtwächter ihre Unterkunft fan⸗ den; es waren deren eine größere Zahl mit einem Wachtmeiſter, und ſie mußten jede Nachtſtunde in der ganzen Stadt in deutſcher Sprache ausrufen. Auf dem Gewölbe oben befanden ſich die ſchweren Stadtge⸗ fängniße für Miſſethäter und Verbrecher, ſie waren unter dem Nahmen:„Die Trantſchen“ bekannt. Außerdem befand ſich noch im Vizedom⸗Thor am Waoſſer ein Thurm, zu dem man gelangte, wenn man dießſeits der Brücke nach rechts abbog, welcher für 142 ehrliche Bürger beſtimmt war, wenn ſie ſich im Ge⸗ ringen verſtoßen, und nicht als Malefizperſonen behan⸗ delt werden konnten. Außerhalb des genannten Thores, dort wo hun⸗ dert Jahre ſpäter durch den Herrn Biſchof Thomas Thrön der Grundſtein zum Kapuziner⸗Kloſter gelegt wurde, befand ſich ehedem ein großer Garten, welcher zu dem Vizedomhauſe gehörte. An dieſen Garten, mit der Ausſicht gegen die Thorſtraße, ſtand ein ſtockhohes Haus, in welchem Herr Meiſter Felir Schnitzen⸗ baum, Bürger und Gildeherr des Schuſterwerkes ſeine Wohnung hatte. Der Schankherr vom Gradlhof hatte ſeinem Bruder wirklich die beiden Gäſte ins Haus gebracht, allein Einer derſelben lag krank darnieder, es war Siegfried. In jener Nacht, als er die geliebte Stimme ſeiner Mutter zum Erſten Male im Leben ge⸗ hört hatte, als er kaum einige Schritte von ihr entfernt, ſie doch nicht ſehen, ihr theures Bild ſeinen Sinnen nicht einprägen konnte auf immer und ewig, als er endlich die Karoſſen dahin rollen hörte, ohne zu wiſſen, in welcher ſich die Mutter befinde, und ſie ſeinen Blicken vielleicht auf immer entriſſen worden war, da bemeiſterte ſich die Verzweiflung ſeiner; wirre Bilder erfüllten ſein Hirn, er verſank in ein Fieber, und mußte auf Ka⸗ jetans Drängen in dieſem Zuſtande in die Stadt ge⸗ fahren werden. Meiſter Felir räumte dem Fremden —„— „— p— S— S v v „ v 8 8 M 143 ein bequemes Gemach ein, und Ruhe und Heilmittel brachten es nach einigen Tagen wieder dahin, daß der Jüngling, wohl noch ſchwach und matt, aber doch ſeiner Sinne mächtig wurde. Von dem Einzuge des Kaiſers und den folgenden Feſtlichkeiten hatten Beide nichts ge⸗ ſehen, denn Kajetan blieb, als treuer Pfleger ſeines Herrn, an deſſen Krankenlager, und begnügte ſich mit den mündlichen Traditionen des Hauswirthes. Seine Neugierde, welche Urſache eigentlich dieſen Zuſtand ſeines Gebiethers herbeigeführt hatte, forſchte wohl bei dem⸗ ſelben häufig darnach„ allein Siegfried barg das wichtige Geheimniß in ſeinem Innern, und wollte nach reiflicher Ueberzeugung erſt einen Entſchluß faſſen. Ka⸗ jetan, welcher überhaupt die ſeltene Eigenſchaft beſaß, ſich überall bald heimiſch zu fühlen, und ſeiner gutmü⸗ thigen Plauderhaftigkeit wegen von den meiſten ſeiner neuen Bekannten bald wohl gelitten zu werden, hatte in Meiſter Felir einen Mann gefunden, welcher ganz die Eigenſchaften beſaß, ſich zu ſeinem vertrauten Freund herauszubilden. Gutmüthig, wie Kajetan, aber etwas aufbrauſend, mehr zum Anhören, als zum Sprechen geeignet, leichtgläubig und abergläubig, ein Freund von Geſchichten und Hiſtorien, die ans Wunderbare grenzten, überdieß auch noch von emer kleinſtädtiſchen Neugier beſeelt; ſo mußte der Mann ſein, der zu Ka⸗ jetan Zwickler taugte. Seinem Aeußeren nach, war 144 der Schuſtermeiſter ganz das Gegentheil von dieſem; die kleine, magere Figur mit einem langen Geſichte, der Rücken durch das viele Sitzen faſt zu einem Höcker gekrümmt, ſtach er gegen den wohlbeleibten, paus⸗ backigen Wiener gar ſeltſam ab. Er, nebſt einigen Ge⸗ ſellen, trieb zu Hauſe das Gewerb, während ſeine voll⸗ endete Arbeit in einer Bude auf der erwähnten oberen Brücke ihren Abſatz fand. Dort ſaß nämlich unter Schuhen, Stiefeln und Pantoffeln der mannigfaltigſten Größe und Form, des Meiſters Tochter, die ehrbare Jungfrau Urſula, ſchon ſeit 10 Jahren und feilſchte mit den Herrn und Frauen, mit Burſchen und Jun⸗ kern, und ſie hatte ſchon tauſend Füße gefunden, zu denen ihre Stiefel, aber auch kein einziges Hers, zu dem das ihre gepaßt hätte. urſula hatte ſchon das zweite Dutzend ihrer Lebensjahre zurückgelegt, ſie be⸗ fand ſich bereits auf der Grenze, wo das Reich der alten Jungfrauſchaft ſeinen Anfang nimmt, und es war daher die höchſte Zeit, unter die Haube zu kom⸗ men, um des züchtigen, kraineriſchen Mädchenſchleiers los zu werden. Zur Ehre der Schuſtertochter ſei es geſagt: es war nicht ihre Schuld; wenn ſie ohne Freier geblieben war; ſie war ſtets ein wirthſchaftliches, ſit⸗ tiges Bürgermädchen, und hatte ihrem Vater manchen Groſchen aus der Bude in's Haus gebracht. Allein ſie ſchien unter dem Zeichen der Jungfrau geboren, 145 und hätte es ſchier ewiglich bleiben müſſen, wenn der Vetter auf dem Gradlhofe, auf die unſchuldigſte Weiſe, nicht dagegen geſorgt hätte. Zwickler, der bisherige Hageſtolz, ſollte in Laibach das Gefühl ſeiner Selbſt⸗ ſtändigkeit verlieren. Er kam ungefährdet ſo weit, um hier den Weg alles Fleiſches zu gehen, das heißt, um ſich zu vergaffen. Urſula war eine derbe, kernige Krainerinn; ihre übervolle Figur, ihre blühenden rothen Wangen, und das faſt männliche Handthieren gefielen dem guten Kajetan, und er begann über ſich ſelbſt den Kopf zu ſchütteln, brummte, ſo oft er allein war, viel unverſtändliches Zeugs in den Bart, machte ein eſſigſaures Geſicht, und aß vor Aerger dreimal ſo viel, als gewöhnlich, trippelte unruhig von einem Orte zum Andern, kurz, er gebährdete ſich wie Einer, den man Pfeffer in die Naſe geſtreut, d. h. wie ein Verliebter, aber auf ſeine eigene Weiſe. Wenn daher damahls nicht gar ſo viele Fremde hier geweſen wären, ſo wäre es gewiß eher aufgefallen, ihn ſo fleißig auf der oberen Brücke einhertrotteln, und vor der Schuſterbude ſtehen bleiben zu ſehen, um mit der Jung⸗ frau Urſula allerhand zu reden und zu kurzweilen; weil ſie erſtens den größten Theil des Tages in der Bude zubrachte, und er ſich ihr zweitens zu Hauſe in Gegenwart des Vaters nicht ſo vertraulich zu nähern getraute. Der Gezeichnete. I. 13 146 In den Buden und Kramen herrſchte der lebhaf⸗ teſte Verkehr. Zwickler ſtand ſeitwärts der Schu⸗ ſterbude und ſah wohlgefällig auf die Jungfrau Urſula, wie ſie eben einem Krainer im verkaufswüthigen Eifer die Schuhe anpries, welche dieſer von allen Seiten be⸗ trachtete und muſterte. Schaut Euch nur den Schuh an, Gevatter! das ſind Sohlen, die jedem Wetter trotzen — warum bleibt Ihr draußen ſtehn, Herr Zwickler? — das Leder iſt kein Bocks⸗ oder Hundsfell, ſondern ächtes Kalbsleder— ſo tretet doch ein, Herr Zwick⸗ ler!— und die Arbeit müßt Ihr anſehen, da liegt ein Stich an dem andern, da iſt weder Draht noch Pech geſpart— ſetzt Euch doch nieder, Herr Zwickler!— dieſe Schuhe werden ſich in Eurer Familie forterben, bis in's zehnte Glied, Ihr werdet lange denken an Meiſter Schnitzenbaum, den Verfertiger derſelben und an mich, die ſie für Euch ausgeſucht, und ſo billig abgelaſſen habe!— Der Handel war nach langen Hin⸗ und Herreden geſchloſſen, der Käufer entfernte ſich, und Urſula gewann nun Zeit, mit Kajetan einige Worte zu wechſeln. Sie ließ ſich vertraulich ihm gegen⸗ über nieder und begann: Nun, ſeid Ihr ſchon recht herumgeſtiegen, Herr Zwickler?— Wie gefällt es Euch in hieſiger Stadt? Fürtrefflich! Jungfrau Urſula! lautete die Ant⸗ wort. S iſt jetzt faſt ſo lebhaft wie bei uns in Wien, 147 und doch iſt der Ort viel kleiner, und die Häuſer hocken Eines auf dem andern droben, daß man faſt glauben ſoll: die alten Laibacher wären zu gute Freunde geweſen, weil ſie ſich ſo nahe zuſammen gethan hatten; aber da ſolltet Ihr die Kaiſerſtadt ſehen, da gibt's rieſige Häuſer und ſchöne Plätze!— Ja, wem es gegönnt wäre, jemahls dahin zu ge⸗ langen! ſeufzte Urſula. Der Andere kratzte ſich hin⸗ ter den Ohren, als wollte er ſagen: Ich wüßte wohl ein Mittel! und er hätte dieß vielleicht auch herausge⸗ geſprochen, allein einige Käufer kamen herbei, und der ſo ſchön angeſponnene Faden des Geſpräches war zer⸗ ſchnitten. Ehe Urſula von den Kaufluſtigen los werden konnte, trippelte Meiſter Felir daher und trat ein. Nun war ſchon gar keine Hoffnung mehr für den armen Kajetan, ſein Geſpräch wieder an⸗ ſpinnen zu können; er war unwillig über die Käufer, über den Meiſter, und entfernte ſich nach einer Weile brummend aus der Bude, mit dem feſten Vorſatze, der Schuſterstochter bei nächſter Gelegenheit das Mittel bekannt zu machen, wie ſie nach Wien gelangen könne.— Siegfried war bereits geneſen, ging wieder aus, und an einem freundlichen Nachmittage finden wir ihn und ſeinen Begleiter auf einem Spaziergange durch die Straßen Laibach's. Er ging tiefſinnig und ſchweigend an des Andern Seite, erwiederte keine von „ ———————— 148 deſſen Bemerkungen, denn ſeine Gedanken hatten nur Ein Ziel; wie Tauben, die ſtets zum Schlag zurück⸗ kehren, ſo vereinten auch ſie ſich nur immer bei Einem Weſen, bei ſeiner Mutter! Ach, wenn er ſie mindeſtene geſehen hätte, wenn er ſich ihr Bild, ſo wie ſie wirk⸗ lich iſt, vor die Seele ſtellen könnte, aber ſo hatte er nichts als den Ton ihrer Stimme gehört, und doch lag ſelbſt in ihren Worten für ihn ſo viel Tröſtliches; er war nicht verſtoßen, nicht verworfen, ſondern nur durch die liſtige Schurkerei eines böſen Stiefvaters von dem Mutterherzen entfernt gehalten; er wiederholte ſich noch einmal jedes Wort des erlauſchten Geſpräches, allein kein einziger Anhaltspunkt bot ſich ihm dar: nach ihrem Namen, nach ſeiner Heimath zu forſchen. War die eine Karoſſe, welche vom Gradlhof ihre Richtung nach Laibach genommen, war ſie hier geblieben, oder führte ihr Weg nur durch dieſe Stadt? Er wollte ſelbſt nachforſchen, allein wo ſollte er beginnen, nach wem ſollte er fragen?— da er nichts als die Perſon des Stiefvaters kannte, und war dieſer auch hier, wie ſollte er ihn auffinden in dem Gewirre der zahlloſen Fremden, wo nicht nur die Herbergen, ſondern auch die meiſten Häuſer der Bürger mit Gäſten vollgepfropft waren? Dieß waren ungefähr die Gedanken, welche ihn beſchäftigten, und deßhalb mußte auch die Urſache ſeiner — 8— 148 Sendung aus dem Tabor, für die erſten Tage in den Hintergrund treten. Das geöffnete Portal einer Kirche erinnerte den Jüngling, daß er ſchon lange kein Gotteshaus betreten, und wenn er ſich auch täglich in einem frommen Gebete ergoſſen, ſo glaubte er doch dem gütigen Schöpfer erſt hier, an geweihter Stelle für den Schutz und die Gnade recht vom Herzen danken zu können. Mit einem heiligen Ernſte und gottergebenem Sinne trat er in das Schiff der Kirche. Kajetan folgte ihm ſchweigend; die Räume waren leer, vor dem Altare brannte in einer ſilbernen Ampel ein Licht, und verbreitete durch den Widerſchein von Gläſern eine röthliche Helle, tiefe, geiſterhafte Stille durchwehte den Raum. Siegfried durchrieſelte ein Schauer der Gottesnähe, er warf ſich auf die Kniee nieder, ſeine Augen wandten ſich zum Himmel, ſeine Seele flog auf, er gehörte für dieſe Minuten nicht der Erde an. Eine Viertelſtunde war verrauſcht; der Betende kam, aus der frommen Ver⸗ geſſenheit ſeiner ſelbſt, zu ſich, ſchlug dreimal das Kreuz, ſtand auf und ging gegen das Portale, da fiel ſein Blick auf den Pfeiler links; in der letzten Bank, an denſelben gelehnt, ſaß ein Mädchen. Nicht das koſt⸗ bare Gewand, nicht der reiche Schmuck der frommen Beterinn, nein, ſie ſelbſt war es, welche ſeinen Blick feſſelte, ſeinen Fuß eine Minute lang an dem Marmor⸗ 150 boden wurzeln machte. Eine erhabene Ruhe und jung⸗ fräuliche Reinheit ſprachen aus dem wunderlieblichen Antlitz; das zarte, ätheriſche Weſen ſchien aus luftigen Stoffen gebildet, jeder Theil ein Meiſterſtück, jeder Zug wie aus der glühenden Phantaſie eines begeiſterten Künſtlers entſprungen. Das blaue, von mildem Feuer durchfloſſene Auge war gegen die Decke der Kirche ge⸗ kehrt, das Haupt, durch eine grazienhafte Biegung des Schwanenhalſes, ſah nach oben, das anſpruchlos geſcheitelte Haar, braun und glatt, glänzte ſelbſt unter dem ſchneeigen Schleier hervor. Ein ſtiller Ernſt um⸗ wehte ſie, Ruhe und Ungezwungenheit ſprachen deutlich aus ihrem Antlitze, deſſen Farbe zart und blaß, nur von einem rothen Hauche belebt war. Unausſprechliche Milde und heilige Demuth bezeichneten ihr ganzes Weſen, bezauberten Jeden, der ihren Luftkreis betrat, und feſſelte ihn mit ſtarken, aber ſüßen Banden. Das Stehenbleiben Siegfried's ſtörte die Andacht des betenden Engels, ſie ſenkte Haupt und Auge, ein faſt bitterer Zug lagerte ſich um den reingeformten Mund, ein leiſes Erröthen kündete den Unwillen, jetzt ſchlug ſie noch einmal das Auge, aber zu Siegfried empor, ihr Blick traf ihn, aber nicht finſter, nicht grollend, wer hätte auch dieſen zürnenden Himmel ertragen kön⸗ nen?! Nein! es war ein ſtummes, nur von ihm er⸗ kanntes Flehen, ſie an der heiligen Stätte nicht an die 151 Erde, und ihre vergänglichen Freuden zu mahnen.— Der Jüngling verließ raſch die Kirche. Kajetan ſchüttelte bedenklich den Kopf, in demſelben Augen⸗ blicke ward ihnen ein Hut entgegen gehalten, eine Bitte um Almoſen tönte in ihre Ohren:„Reicht einem armen Manne einige Pfennige, ich will dem Himmel danken, daß Ihr, junges Herrlein, ſo ſchnell geneſen ſeid vom giftigen Fieber! Siegfried blickte den Sprecher feſt an, und erkannte den zudringlichen Bettler vom Gradl⸗ hofe. Kajetan ſchlug ein Kreuz und begann fort zu eilen, daß ihm Siegfried kaum folgen konnte. Als ſie des Unheimlichen endlich los waren, kehrte ſich Zwickler zu dem Jünglinge und begann: Ihr mögt ſagen was Ihr wollt, mit dem Bettler iſt's nicht richtig! das iſt kein Zufall mehr, ſondern ein angelegter Plan, um Euch zu verfolgen. Wer weiß, ob's nicht der Schelm iſt, der Euch in Cirknitz feſt nehmen ließ, der Satan möge ihm dafür einſt unterſchüren!— Schweigt, Zwickler! ſprach Siegfried, und ſchimpfirt mir den Mann nicht; er will mir zwar nur Böſes, aber deßwegen darf ich ſolche Reden über ihn nicht dulden. Nun hört, das iſt doch ein wenig gar zu engelhaft— Es ſcheint, Ihr habt gar keine Galle im Leibe, und werdet zuletzt dem noch die Hand küſſen, der Euch mir nichts, dir nichts auf den Scheiterhaufen bringen wollte.— 152 Ach! wenn ich ihn nur noch ein Mal ſehen könnte— Heiliger Barnabas! Ihr wollt ihn zuletzt für die Unbill, die er Euch zugefüget, noch um Verzeihung bitten? das könnt Ihr thun, ich ſetze meinen beſten ahn gegen einen Kupferpfening: Er iſt derſelbige Bettler und harrt nur auf eine ſchickliche Gelegenheit, uns abfangen zu laſſen, oder gar heimlicher Weiſe den Garaus zu machen! Ihr könnt Recht haben, Kajetan! er kann hin⸗ ter dieſer Verkappung ſtecken, wenn wir ihn nur noch ein Mal begegneten.— So? Ihr ſcheint dieß zu wünſchen? Seid froh, wenn Ihr ihn nicht wieder zu Geſicht bekommt; ach, daß Ihr doch immer der Gefahren noch nicht genug überſtanden, denn Ihr wollt ja immer noch Neue aufſuchen. O, wäre nur nicht Eines, ich hätte die⸗ ſes Neſt, wollte ſagen, dieſe Stadt, ſchon längſt im Rücken, aber ſo geht es nicht, ich mag thun, was ich will, ich kann nicht ſo leicht fort von hier!— Er brummte noch eine Weile in den Bart. Sieg⸗ fried war zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftiget, als, daß er auf ihn gehorcht hätte. Das Bild der einſamen Betherin ſtand wie lebend vor ſeiner Seele, es wollte nicht weichen im Wachen, nicht ſcheiden im Traume von ihm. Sie umſchwebte ſein trauriges Lager in Mei⸗ ——* 153 ſter Schnitzenbaum's Haus— freilich tauchte auch hin und wieder die Geſtalt Ro ſina's auf, allein ſie war verblichen, die Gluth erloſchen, und an der alten Brandſtelle loderte eine neue Flamme auf— ihm däuchte es jetzt zur Wahrheit geworden, daß die erſte Liebe nur die Weihe des Herzens ſei, um es für eine Zweite zu heiligen!— Die rückwärtige Nachbarſchaft von Meiſter Schnit⸗ zenb aum's Haus war ſo einladend und reizend, daß Siegfried, deſſen Gemach ſich im obern Stockwerke befand und die Ausſicht dahin hatte, oft Stunden⸗ lang am Fenſter ſtand, und ſich an den traulichen Büſchen, Bäumen und Lauben ergötzte; ſein Blick ſtreifte über eine Reihe von Gärten, er ſtand oft ſtundenlang am offenen Fenſter, und ſchaute hinab ins grüne Blättergewirr, beſonders des Nachts, wenn die ganze Stadt im tiefen Schlummer lag, und Grabes⸗ ſtille die Erde umfing, wenn das Mondenlicht, wie ein Silberſchleier herniederfiel, und alles mit ſeinem Frie⸗ denshauch überwehte; da war es unten in den Gar⸗ tenräumen ſo traulich, da ſtarrten die buſchigen Kro⸗ nen der Baumparthien ſo einladend herauf, daß Siegfried eine gewiße Sehnſucht empfand, hernie⸗ der zu ſteigen und in den ſtillen Gängen umherzu⸗ wandeln. Seine Phantaſie bevölkerte dieſe Räume mit theuren Weſen, dorthin verſetzte er die Mutter, dort⸗ 154 hin die wunderſchöne Betherin, welche er am Nach⸗ mittag in der Kirche zum Erſten Male getroffen hatte, — ach! wenn er ſich ſo zwiſchen dieſe Beiden hinein⸗ dachte, ruhend an der Mutterbruſt, umfangen von den weichen Armen dieſes Engels, da vergaß er alle Leiden, vergaß der Verachtung, die ihm zu Theil ge⸗ worden, und ſchwebte in einem Wonnetaumel, der ihn mit der Welt, mit ſeinem tückiſchen Verhängniſſe wieder ausſöhnte. Horch! jetzt dringen Lautentöne durch die ſtille Nacht, er erwachte aus ſeinem Dahinbrüten, lauſchte, ein leiſer Hauch trägt die zitternden Töne herüber— ſein Herz pocht heftiger; wer kann den Saiten ſo ſüßes Weh entlocken? nur eine zarte wei⸗ che Frauenhand; er neigt ſich hinaus, die Muſik währt fort. Wer mag die nächtliche Lautenſpielerin ſein? ein Entſchluß keimt in ſeiner Seele empor und wird er⸗ faßt. Leiſe, daß ihn Niemand im Hauſe hören könne, ſchlich er aus ſeinem Gemache, die Treppe hinab in den Hof. Eine Bretterwand bildete die Einfriedigung desſelben, raſch hatte er ſie überſprungen und, befand ſich im Garten. Nun horchte er neuerdings, die Töne klangen ihm deutlicher entgegen. Er ſchlich in der Rich⸗ tung hin, da hemmte eine Mauer ſeine Schritte, er ſchwang ſich auf dieſelbe und ließ ſich dann geräuſchlos hinab, nun konnte er nimmer ferne ſein, er ſetzte den Weg weiter fort, mit leichten, kaum hörbaren Tritten —— 155 gelang es ihm endlich, bis in die unmittelbare Nähe 9 t des Ortes zu gelangen, woher die Muſik erſcholl. Es .. war eine, nach altrömiſcher Weiſe gebaute Rotunde. 1 Auf ſechs, mit Epheu umwundenen Säulen ruhte ein e leichtes Kuppeldach, die Schlingpflanze hatte ſich bis hinauf gerungen, und bekleidete die luftige Eindeckung, t hohes Gebüſch von Blumenodem durchathmet, bildete in der halben Höhe der Säulen eine lebendige Wand um den traulichen Frühlingstempel; dieſe ſchützte den Lauſcher, und gewährte ihm doch eine bequeme Aus⸗ e ſicht. Der Mond ſchien hell, ſein Licht fiel ſchräge n durch die zweite, offene Hälfte der Höhe, ins Innere ⸗ des Bosquetts, und beleuchtete die liebliche Scene. t Ein Mädchen im ſchneeigen Nachtkleide, eine Laute im n Arme, lehnte in einer halbliegenden Stellung auf einer ⸗ ſchwellenden Polſterbank, ihre Finger berührten kaum , die Saiten, und doch erzitterten dieſe, und erklangen n in einer lieblichen Weiſe, die im Augenblicke entſtanden, g im Augenblicke verging, aber einen Nachhall von tiefer d Wehmuth in dem Herzen des Lauſchers zurückließ; ſie e mußte zum Herzen dringen, denn ſie kam ja aus tief⸗ ⸗ ſter Seele eines aufgeregten Jungfrauengemüthes! Ohne r zu ſingen, begannen zwiſchen den Lippen der Holden 8 ſüße Worte hervorzuquillen. Die Muſik währte fort, und bildete die unwillkührliche Begleitung des Selbſt⸗ geſpräches: Wie wohl thut mir die Einſamkeit, wo ich ungeſtört fühlen und ungeſtört denken kann. Ihr ewigen Wandler dort oben, ihr waret von jeher die Vertrau⸗ ten meines Herzens geweſen, ihr ſollet es auch jetzt bleiben, denn ihr ſeid verſchwiegen, und verrathet Eure Regina nicht, die keine Freundinn, keine Mutter hat, an deren Bruſt ſie ſinken, und Rath für Ver⸗ trauen tauſchen könnte.— Wie ihr heute ſo heiter herabglänzt, wie ihr ſo vertraulich herniederblickt, ach! wer Eure Zeichen deuten, Eure Sprache verſtehen könnte? er müßte Vieles finden, was ihm die Räth⸗ ſel des Lebens löſen, die Bewegung des Herzens deu⸗ ten könnte! In meinem Buſen iſt es nimmer, wie es war; es däucht mir, als ob ich nicht mehr allein ſei, wie ehedem. Eine Geſtalt ſchwebt mir vor den Blicken, ein Gefühk zittert mir durchs Herz, wie eine Vorah⸗ nung eines nahenden Frühlings. O, die Geſtalt kenne ich wohl, ich ſah ſie im Gotteshauſe. Hat mir der Himmel einen ſeiner Engel geſendet, um mich zu lei⸗ ten in die wonnigen Gefilde eines noch nicht gekannten Landes, oder kam er ſelbſt herbei, mich mitzunehmen in ſeine beſſere Heimath? Ja! ich kenne die Geſtalt wohl, werde ſie nie vergeſſen im Leben, werde ſtets mit ſüßer Erinnerung an ihrem Bilde hangen!— Aber das Gefühl meines Herzens, die Ahnung meiner Seele, weiß ich mir nicht zu deuten, drum ſprecht ihr, himm⸗ liſchen Bewohner dort oben: wer iſt der Fremdling, „— e— c—„—— —. —„„N——, „—„— en 157 der mir wie eine Offenbarung des Allmächtigen erſchie⸗ nen, wie ein Geſandter einer beſſern Welt? Wer iſt er, und warum übt er ſolche Zaubergewalt über mein gan⸗ zes Weſen, daß mein Herz der Aufenthalt unbekann⸗ ter Gefühle, die Heimat nie empfundener Schauer und Wonne geworden?— Sie verſtummte, die Lautentöne verhallten, Gra⸗ besſtille trat ein, Siegfried's Herz ſtürmte im Bu⸗ ſen von unbändiger Kraft. Sie war es, ſie ſelbſt, an die zu denken ſchon Seligkeit ihm däuchte, und nun vernahm er ſelbſt Worte, die ihn zum Gott erhoben. Er wollte die Blätterwand zertheilen und hinſtürzen zu ihren Füßen, und vergehen in niegefühlter Selig⸗ keit; da griff die Jungfrau ſtark in die Saiten, die Töne rauſchten, und wie verklärt das Haupt zum Himmel hebend, ſeufzte ſie: Ihr gütigen Geiſter! werde ich ihn jemahls wieder ſehen?— Sie ſchwieg, als horchte ſie nach der Antwort, der Lauſcher vermochte ſich nimmer zu bekämpfen; ein leiſes„Ja“ von ſeinen Lippen tönte zur Antwort. Die Begeiſterung ließ der Jungfrau den Trug nicht erkennen, die Antwort ſchien ihr aus Himmelshöhen geworden zu ſein; entzückt ſank ſie auf die Kniee, hob die Hände dankend gegen oben und verſank in ein heilig Gebet; gerade ſo war ſie dem Horcher in der Kirche erſchienen, nur umwehte ſie hier das weiße, 158 einfache Kleid, dort war ſie ein irdiſcher Engel, von Schmuck und Sammt belaſtet, hier eine himmliſche Friedensgeſtalt im Liliengewande der Unſchuld. Sieg⸗ fried verſank in Anſchauung der Edenserſcheinung, noch immer wähnte er ſie zu ſehen, und ſie hatte doch ſchon längſt die Rotunde verlaſſen. Beglückt, von rieſigen Plänen und ſüßen Hoffnungen belebt, kehrte er zurück in das Haus des Meiſters. Als er ſich am andern Morgen nach dem Beſitzer jenes Gartens er⸗ kundigte, aus deſſen Mitte das grüne Kuppeldach über die Kronfläche der Bäume, freundlich wie ein grünes Eiland über die dunkle Meeresfläche emporragte, da ward ihm zur Kunde, daß dieſer, Graf Johann von Auersberg ſei, der Landeshauptmann von Krain. In der vor dem Deutſchthore gelegenen Vor⸗ ſtadt Krakau ſtand, den Ufern der Laibach am näch⸗ ſten, ein einzelnes Haus; es war eine Schenke, in welcher die Fiſcher zuſammenzukommen pflegten, um ſich zu laben, und des Lebens zu freuen. Während der Anweſenheit des Kaiſers war auch dieſer abgelegene Ort, ſo wie überhaupt alle öffentlichen Häuſer, wo man Nahrung und Unterkunft fand, von Beſuchern und Gäſten überfüllt. Die Herberge zum Maſt⸗ ℳ„——— ze 3„ S 8„ 8 — at ſe 158 baume zeichnete ſich durch ein beſonders gutes Ge⸗ tränk und durch Backfiſche aus, die man zu jeder Tagesſtunde friſch und wohlgeſchmack zu bekommen pflegte, daher kam es, daß ſelbſt Bürger aus der Stadt und ſonſt anſehnliche Männer den Gang zum Maſtbaum nicht verſchmähten, beſonders, wenn Luft und Wetter zu einer Erluſtigung vor der Stadt ein⸗ ladend waren. Und dieß war auch am zweiten Sonn⸗ tage nach Kajetans Anweſenheit in Laibach der Fall; darum finden wir ihn an Meiſter Schnitzen⸗ baums Seite auf einem Spaziergange vor dem deut⸗ ſchen Thore. Es war auch wirklich ein wonniglicher Nachmittag. Die Luft rein, der Himmel blau, die Sonne ſtrahlte an der azurnen Decke wie eine Roſe am duftigen Buſen einer Jungfrau, die Laibach floß ungetrübt dahin, und ſpiegelte ſich in den goldenen Strahlen, ihre Ufer ſtrotzten von Spaziergängern, die Bewohner ſchienen auf einer Auswanderung begriffen. Der Schuſtermeiſter trippelte an Zwicklers Seite daher, faſt wie ein Knabe an der Seite des Vaters⸗ So habt Ihr in hieſiger Stadt auch eine Schranne? fragte Kajetan im Verlaufe eines früher begonnenen Geſpräches,— auch einen Narrenkotter, wie bei uns auf dem hoͤhen Markte? Nein, an deſſen Stelle haben wie die Trant⸗ ſchen.— Das iſt ein trolliger Name; doch der unſerige klingt auch nicht ernſter. Ich muß Euch ſagen, Meiſter Felir, ich ließe mich deßwegen doch willig und gern auf 24 Stunden in den Narrenkotter ſperren, wenn ich nur ſchon in Wien wäre.— Gefällt es Euch bei uns ſo wenig? Bei Euch? Ei,— da gefällt es mir abſonderlich, und wäret Ihr mit der Jungfrau Urſula und Eurem Häuslein in Wien, beim heiligen Barnabas! ich würde dann ſchier aus einem andern Loche pfeifen; aber das Land will mir nicht recht in den Kopf; Ihr wißt nicht, was ich ſchon Alles ausgeſtanden habe— So werdet Ihr uns auf dieſe Weiſe bald verlaſſen? — Aber der Junker?—— J, fragt den, was er hier macht, ich weiß es nicht! Ihr wißt es auch nicht, ich glaube ſchier, Er ſelbſt weiß es nicht! Fragt ihn, was er hier mache, fragt ihn, wohin er eigentlich von hier aus wolle? er wird Euch keine Auskunft geben können, denn er weiß es ſelbſt nicht! Er iſt alſo ſo eine Art irrender Ritter— Ja, ja, das iſt er, denn er irrt ſich immer, und wird von Jedermann zum Beſten gehalten! Her— wollte ich ſagen, alte Weiber und Räu— wollte ſagen verſchiedene Hauptleute ſenden ihn von einer Stadt in die andere, und halten ihn für einen Fatznarren! — e er ch, m de as ht, n7 es Er he, er eiß und gen t in 161 Hier iſt der Maſtbaum, treten wir ein? So es Euch beliebt, ich bin dabei; aber hier gibt es eine ſchwere Menge von Gäſten, ſchätzbarſter Herr Schnitzenbaum, ich will Euch gebeten haben, nur nicht mitten in dieß Geſumms hinein, denn ich bin et⸗ was kurzathmig, und die dicke Luft würde mich nicht wenig moleſtiren. So, dieß Stüblein da laß ich mir ge⸗ fallen— und ſeht nur den Schankherrn an, wir haben noch nichts befohlen, und er bringt ſchon ein Krüglein einhergeſchleppt.— Er kennt mich ſchon— entgegnete der Schuſter— und weiß meine Zehrung— Und die Backfiſche dampfen noch, ſie müſſen ge⸗ rade aus dem Schmalze gekommen ſein— Aus dem Oele, wollt Ihr ſagen? Oel ſtatt Fett? Was iſt das hier für eine ſonder bare Bereitung?— Ganz nach italieniſcher Weiſe. Hohl' der Henker die Wälſchen! was braucht man Manieren und Leckerbiſſen? Stehen wir nicht mit ihnen in Krieg und Feindſeligkeiten? geben uns Kugeln zu koſten und wir ſollen— doch die Fiſche ſind gut, die Schelme haben Geſchmack! Der Wein— nun der thuts auch; auf's Wohlſein, Meiſter Schnitzenbaum! ſtoßt an, Ihr ſeid der zweite Krainer, dem ich von Herzen zugethan bin!— 14 — 162 Beide tranken. Kajetan plauderte und näßte dabei fleißig die trockene Kehle; ſein Geſicht begann ſich mehr als gewöhnlich zu röthen, er wurde wo möglich noch zutraulicher und geſprächiger. Wie geſagt, Mei⸗ ſter Schnitzenb au m! fuhr er wohlgemuth fort, ich wünſchte nichts, als daß ich Euch mein Lebelang bei mir haben könnte. Ich bin zwar ſchon tief in den Drei⸗ ßigen, aber deßwegen noch ein kräftiger Mann, ein Junggeſelle der edelſten Art, wie ihr keinen Zweiten in hieſiger Stadt treffen werdet. Wenn ich wüßte, daß ich je in den Stand übertreten würde, wo zwei für Eines gelten— Ihr werdet doch nicht ſtützig ſein gegen das allge⸗ meine Joch— Heiliger Barnabas! das nicht; aber es hat ſich bisher noch kein Joch für meinen Hals gefunden; denn ſeht nur, er iſt kurz und dick, aber ich möchte— ich könnte mich beſinnen; wenn nur zu dem Adam eine Eva auch da wäre, denn meine Rippe, Meiſter Schnit⸗ zenbaum, nein, die laß' ich mir nicht aus dem Leibe ſchneiden, und wenn mir die zweite Hälfte noch beſſer gefiele als Eure Jungfrau Tochter!— Der Schuſter lächelte verſchmitzt. Meine Tochter gefällt Euch alſo? Iſt ſie nicht ein kerniges Mädel? glaubt Ihr, ich hätte den Staar, um ihren Fleiß und ihre rothen Wan⸗ gen, ihre Wirthſchaftlichkeit und das kugelrunde Fleiſch⸗ klümpchen nicht zu bemerken? Proſt die Mahlzeit! wer Die einmal an ſeinen Ehetiſch kriegt, der kann ſich fleißig den Mund abwiſchen, denn an Fette und anderen Zugeblichkeiten wird kein Mangel ſein, und bedenkt man nun, daß ich auch kein ſchwediſcher Salz⸗ fiſch bin, daß ich ſo, was man ſagt, auch meinen Mann ſtelle, ſo werdet ihr geſtehen: daß wir Beide— ich nämlich und die Urſula, ein Pärchen abgäben, von dem man nur ſagen könnte: ſie iſt Fleiſch von ſeinem Fleiſch, denn die Knochen müßten da aus dem Spiele bleiben; und würde es Euch nicht erfreuen, ſo ein Paar der molligſten*) Enkelchen auf dem Schooſe zu ſchaukeln, und mit ihnen in der Stube herumhopſen? Daß Ihr hierauf nicht lange warten dürftet, das ſollte meine Sorge ſein! Meiſter Felir rieb ſich vergnügt die Hände und ſprach: Wenn Ihr alſo ein Auge auf das Mädl habt— Und wenn mir zehn Augen im Kopfe oder ſonſt wo ſäßen, ich hätte alle auf ſie! Habt Ihr mit der Urſula darüber geſprochen?— Ueber die Augen?— Ne, Ne, ich meine, über das Herz! *) Mollig, ſo viel als fett und gerundet. Der heilige Barnabas bewahre mich! mir iſt das Ding jetzt nur ſo herausgeruſcht, wiewohl ich ſchon oft daran gedacht habe.— Wenn Ihr aber rathet, ſo will ich den Mund aufthun.— Ja freilich: wer nichts wagt, der gewinnt nichts! ich will ſchon das Meine als Vater dazu thun. Das Zureden laßt nur— bath Zwickler— denn Zwang mag ich nicht; will ſie freiwillig— ins Him⸗ mels Namen! Das wird ſich heute entſcheiden, wenn wir nach Hauſe kommen,— Die Beiden waren ſolcher Weiſe ins Reine ge⸗ kommen, als ſich in das Stübchen eine zweite luſtige Kumpanie herein drängte. Einige junge Männer, ih⸗ ren Gewändern nach, dem Edelſtande gehörig, ließen ſich geräuſchvoll an dem Nebentiſche nieder und lachten und tobten wild durcheinander. In ihrer Mitte befand ſich eine ſtattliche Figur, die ſich fröhlich herumthat, die Narretheien der An⸗ dern mit Geduld ertrug, und manche launige Rede zum Vorſchein brachte. Trink Väterchen! rief ihm einer der Junker zu, Du haſt dein Lebtag noch keinen kraineriſchen Kratzer verdaut, vertragſt Du etwa nicht viel?— »S geht mir mit dem Weine gerade ſo, Freundchen — entgegnete der Angeredete— wie dir mit dem Eiſen. „—— 165 Du kannſt es auch nichl blank ſehen, und ſteckſt es lieber in die Scheide, ich ſchütte das Naß in die Gurgel, das iſt der Unterſchied. Brav, Väterchen! riefen die Andern, und klatſch⸗ ten in die Hände. Was jauchzt Ihr? fuhr der Lu⸗ ſtige fort, freut es Euch, endlich Einen gefunden zu haben, der um kein Haar beſſer iſt, als Ihr? Nun gebt Acht, Meiſter! liſpelte Kajetan, ſei⸗ nem künftigen Schwieger in's Ohr, das gibt eine Schlä⸗ gerei, denn der langgezogene Fatznarr ſagt Denen derbe Grobheiten ins Geſicht, welche ſie wahrſcheinlich nicht vertragen!— Aber er irrte ſehr, die jungen Leute verſtanden den Scherz und wurden noch aufgeräumter. Haſt Du noch nichts erfahren, Väterchen? fragte der Eine, wird es bald von hier weiter gehen? Ich glaube, ja! wenn nur mein Alter keinen Narrenſtreich begeht und ſich von den Kriechern be⸗ ſchwatzen läßt! hinauf laß ich mir die Reiſe gefal⸗ len, nur nicht hinunter. Nimm's wie Du willſt, und denk' Dir: ein Narr ſagt, was er weiß; ich bin ein Narr, und halte doch das Maul, das iſt das Wunder. Hollah! Meiſter Zech! noch einen Krug, der Backfiſch will trinken! Nun Brüderchen! ietzt ſingt mir nach ächt Wieneriſcher Weiſe; Kraineriſches Geſäuf und Oe⸗ ſterreichiſches Lied wird freilich nicht gut zuſammen⸗ paſſen. Da habt Ihr Recht! rief Kajetan dazwiſchen, das iſt g'rad ſo wie ein ſauertöpfiſcher Alter und ein herziges Mädel dazu.— Aller Augen wandten ſich auf Zwickler! Brav geheult, alter Fuchs! rief der Fröhliche von drüben, wenn Du ein ächter Wiener viſt, ſo ſetz Dich an un⸗ ſern Tiſch, und Dein Gefährte wird Dir zu Liebe auch geduldet werden. Die Beiden ließen ſich die Einladung gefallen. Ob ich ein Wiener bin? entgegnete Zwickler, das werdet Ihr mir wohl anſehen, aber ich wette Zwei gegen Eins, Ihr ſeid es nicht! ſcheint aber viel Gu⸗ tes dort erlebt zu haben.— Das will ich auch meinen, Du alter Prophet! biſt vielleicht auch ſchon von einem Stockfiſch verſchlun⸗ gen worden?— Bisher noch nicht, lächelte 3 wickler, wenn ich nur bei Euch mit heiler Haut davon komme.— Brav gekräht! lachte der Angegriffene, und die Andern ſtimmten luſtig bei; Du biſt ja ein Schelm von Profeſſion— reich' mir die Pfote.— Das werd ich bleiben laſſen! rief Kajetan; hat man je gehört, daß ein Vieh dem andern die Pfote — —— —— —„ — 167 gereicht hat? aber eine Hand habe ich für Euch, eine aufrichtige Wiener⸗Hand, wenn Euch die genügt.— Mehr als zu viel! rief der Andere, und drückte dem neugeworbenen Bekannten die Rechte; ſchenkt die Becher voll, Kinder! und leert ſie auf frohes Wie⸗ derſehen in der lieben Kaiſerſtadt! Das Lebehoch wurde ausgebracht, der Wein ver⸗ ſchwand, die leeren Gefäße wurden umgeſtürzt, und wieder gefüllt. Seht, Meiſter! rief Zwickler zu ſei⸗ nen Gefährten, ſo zecht man in Oeſterreich, und be⸗ ſonders zu Wien. Aber, mein freundlicher Lands⸗ mann, denn ſo will ich Euch nennen, wenn wir uns vielleicht in hieſiger Stadt nicht mehr ſehen ſollten, wo treffen wir uns wieder? In Wien gewiß!— Ja, das wäre ſchon recht, aber Ihr wißt, die Kaiſerſtadt iſt kein Neſt, wo man nur beim Fenſter hinausgreifen darf, um die Zäune zu faſſen. Da heißt es laufen, wenn man wohin kommen will, und wiſ⸗ ſen, wo man Jemanden zu ſuchen hat. Wo würde ich Euch dann am Leichteſten finden? Im Innern der Stadt.— Ach! vielleicht auf dem Graben?— Nein!— Auf dem Hof?— Auch nicht!— 168 Auf der Freyung?— Auch nicht, aber ihr werdet bald daran ſein!— Alſo in der Herrngaſſe?— Auch nicht!— Kohlmarkt?— Jetzt ſeid Ihr ſchon in der Nachbarſchaft!— Aha! bei den Auguſtinern?— Schon zu weit!— Kajetan ſprang in die Höhe: doch nicht in der kaiſerlichen Burg?— Ja, Freundchen! dort könnt Ihr mich finden— Zwickler ſchob den Kopf nach rechts und links, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn und ſtrich ſich das Tuch ſeines Wamſes glatt: Ihr verzeiht ſchon, die Hofburg iſt auch keine Haſelnuß, und man kann da nicht von einer Thür zur Andern ſteigen, und den Kopf wie ein Handelsjude hineinſtecken; da würden ſich die Gnaden Prinzen und Prinzeſſinnen ein wenig darüber aufhalten— d'rum wär's ſchier beſſer, wenn Ihr mir Eure Bedienſtung nennen würdet. Seid vielleicht bei den Wagen?— Nein!— Bei den Roſſen?— Nein!— In der Küche?— Auch nicht!— Im Keller?— Eben nicht; aber ich ſehe ſchon, mein lieber Landsmann! das werdet Ihr nicht errathen. Ich bin der einzige Mann auf dieſer Erde, der Seiner kaiſer⸗ lichen Majeſtät, unſerm ritterlichen Fürſten ungeſtraft ins Antlitz greifen darf; ich ſetze ihm wöchentlich einige Male das Meſſer an die Kehle, und er kömmt doch unge⸗ fährdet davon; ich bin des Kaiſers Bartſcherer und luſtiger Rath, Kunz von der Roſen!— Kajetan athmete tief auf und verbeugte ſich. Die luſtige Geſellſchaft ging lachend auseinander. Urſula ſaß am ſelbigen Abende in der großen Vorderſtube, als ſich die Thür öffnete und Kaje⸗ tan, weinſelig, wie er eben vom Maſtbaume kam, her⸗ eintrat. Die Jungfer wollte faſt erſchrecken über den ungewöhnlichen Abendbeſuch, denn Kajetan hatte ſich ſonſt nie zu ungewöhnlicher Stunde blicken laſſen. Er trat mit einigen Kratzfüſſen näher und bat ſie, ihm ein Viertelſtündchen zu ſchenken, indem er Einiges auf dem Herzen habe, worüber er nothwendig mit ihr ſprechen müſſe. Urſula machte nun einige nicht be⸗ deutende Einwendungen, ließ etwas vom„Vater“ fallen, von Unſchicklichkeit und mehr dergleichen, allein Zwickler ſchmunzelte in den Bart und entgegnete: Der Gezeichnete. I. 15 170 Der Meiſter Felir wird uns nicht überraſchen, und ich glaube, wenn er es thäte, würde er Euch kein Loch in den Kopf, und mir keinen Zahn aus dem Munde ſchlagen!— D'rum laßt Euch nur ruhig an meiner Seite nieder, hört mich an, und ſeid unbe⸗ ſorgt und ohne Furcht! Die Krainerin, neugierig, was da zum Vor⸗ ſchein kommen würde, zum Theile es ſchon ahnend, nahm Platz an ſeiner Seite, und gab ſich mindeſtens das Anſehen einer geſpannten Zuhörerinn, während Kajetan fortfuhr: Ihr werdet wiſſen, ehrenwerthe Jungfrau Urſula! daß der liebe Himmel zu allererſt den Mann erſchaffen hat; und das war ſehr gut, denn ich glaube, hätte er mit dem Weibe begonnen, er wäre nicht weiter gekommen, ſintemahlen das Weib, ehe es was von ſeinem ſchönen Körper hingegeben hätte, lieber allein auf der Erde geblieben wäre. Der Adam aber, ein dummer Schelm, hat Unruhe, Zank und Hader für eine Rippe eingetauſcht, und ſelbiger Judenhandel hat ſich ſo fortgeerbt, daß man noch heutigen Tages ſeine Freiheit hingibt, um ſich dafür in ein Joch zu ſchachern, welches manchmal roſig, manchmahl aber dornig ausfällt, je nachdem man mehr oder weniger Glück hat!— Herr Kajetan! nahm jetzt die Jungfrau das Wort, Ihr habt beim ſechſten Schöpfungstage begon⸗ „—„—„— 1—— 171 nen, redet ſchon eine Weile, und ſeid nicht von der Stelle gekommen. Wenn Ihr Euch in der Rede ſo breit macht, kommen wir wohl ſchwerlich zum Ziele; drum wäre es mir ſehr erwünſcht, wenn Ihr Euch etwas kürzer ausdrücktet. Zwickler wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, holte tief Athem und begann wieder: Ihr habt vor einigen Tagen den Wunſch geäußert, die ſchöne, pracht⸗ volle Kaiſerſtadt ſehen zu wollen; das war ſehr löb⸗ lich von Euch, denn Ihr müßtet weit und breit her⸗ umſuchen, bis Ihr einen Ort, ihr gleich, finden wür⸗ det; ich will nicht ſprechen von den großmächtigen Gebäuden, den wunderſchönen Laden und Buden, ich will von dem rieſigen Stephansthurme auch kein Wort ſagen, welcher Euern Domthurm hier bequem in die Taſche ſtecken könnte, ſo daß nicht einmal die Kreuzſpitze herausſchauen dürfte, ich will nicht reden von den Baſteien und Mauern, von der rieſigen Do⸗ nau, gegen welche Eure Laibach hier nur eine Ader iſt, ich will auch ſchweigen von den Tauſenden von Menſchen, von den ſchönen Gewändern, von den— Urſula rutſchte ungeduldig auf dem Sitze hin und her: Herr Kajetan! Ihr vergeßt wieder, was Ihr eigentlich ſagen wolltet, und findet aus Euerem Wien gar nicht heraus.— Ich bin ſchon draußen! rief Zwickler raſch, denn * 172 Adam hat eine Eva gehabt, und Ihr wollet gern Wien ſehen, ſelbiger Euer Wunſch kann bald in Er⸗ füllung gehen; denn ich möchte es gern dem Adam gleich thun, und Euch in das Oeſterreichiſche Para⸗ dies geleiten, wo man aber vor Schlangen ſicher iſt, außer ſie werden uns aus Feindeslanden hereinge⸗ ſchmuggelt. Urſula verſtand recht wohl, was der Redner wollte, allein ſie that noch immer, als ob dieß nicht der Fall wäre. Kajetan ärgerte ſich über das ſchlech⸗ te Begriffsvermögen und ſprach: Allerſchätzbarſte Jung⸗ frau! ſo Ihr mich noch immer nicht verſteht, muß ich mich ſchon deutlicher erklären; ich bin zwar nicht mehr jung, aber vom Altſein iſt noch keine Rede, und Ihr? nun Ihr ſeid auch noch in guten Jahren, drum könnten wir Zwei uns zuſammen thun in Einer Stadt, in Ein Haus, in Ein Gemach.— Urſula ſprang in die Höhe; nun war er zu deut⸗ lich geworden, nun konnte ſie ſich nicht mehr unwiſſend ſtellen.— Ihr meint alſo, wir ſollten uns heurathen? Ja, wenn Ihr anders keine alte Jungfer werden wollt!— Die Schuſterstochter, weit entfernt, ſeine Worte übel zu nehmen, rief munter: Wäre auch keine Schande; alte Leute ſind ehrwürdig! Alte Jungfern machen eine Ausnahme! verſetzte Ka⸗ dt, ut⸗ end n? den ine ine 173 jetan raſch— doch daß Ihr es nicht werden ſollt, da⸗ für werde ich ſorgen; ich heurathe Euch! Ihr wollt alſo wirklich? begann ſie, und ſchlug den Blick zu Boden. Wenn Ihr nicht„Nein!“ ſagt, ich bin dabei! rief Kajetan. Das ſoll eine Wirthſchaft ſein, ſchlagt ein! und Ihr werdet die Meine; ſo lange die Welt ſteht, ſoll es noch kein ſo glückliches Ehepaar gegeben haben! Er zog die Widerſtrebende an ſich und ſchnaufte, wie bei einer Rieſenarbeit, dann preßte er ſie an ſein Herz, drückte einen feſten Kuß auf ihre Lippen und ſprach: Jetzt, Urſula! wenn es Euch angenehm iſt, geh' ich zum Vater.— Muß es denn noch heute ſein? Ihr habt Recht! morgen iſt auch noch ein Tag. Laſſen wir den Alten heute ungeſchoren. Gute Nacht, mein Schatz! ſchlaft recht wohl und träumt von Eu⸗ rem Kajetan! Er verließ ganz ſelig und vergnügt die Stube. Während der Diener auf ſolche Art ſeinen Herzenswün⸗ ſchen Genüge gethan hatte, befand ſich der Gebiether außer dem Hauſe, um ſeit lange wieder eine der ſelige⸗ ren Stunden zu verleben. Das Bild der Jungfrau, deren Selbſtgeſpräch er im Garten des Landeshaupt⸗ mannes belauſcht hatte, wich nicht von ſeiner Seite; er hatte Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß 174 der Graf eine Tochter, Regina genannt, habe. Ja! Sie mußte es ſein, und Sie liebte er! Der Gedanke war mehr erhebend als abſchreckend für ihn, nach ſolch hohem Ziele wollte er jetzt ringen, nach ihrem Beſitze wollte er ſtreben! Von einem ferneren Entſchluße des Kaiſers war noch nichts vernommen worden, die Reiſe nach Görz mußte alſo noch nicht beſchloſſen ſein, es herrſchte vor der Hand tiefes Schweigen darüber. So viel hatte Siegfried jedoch ſchon in Erfahrung gebracht, daß es ihm, dem Unbekannten, im Eintretungsfalle ſchwer ſein würde, Zutritt beim Kaiſer zu erlangen, denn der Hof⸗ diener und Schranzen waren eine große Zahl, und war auch Einer, der ihm den Eingang nicht verwehrte, ſo waren zehn Andere, die es thaten. Er mußte ſich daher eines andern Mittels bedienen, um ſeine Warnung an den Kaiſer gelangen zu laſſen. Nicht unmittelbar brauch⸗ te es zu geſchehen, ihm konnte ja doch die Anerkennung nicht entgehen. Wie hatte er ſich Alles ſo ſchön erſon⸗ nen; eine Gnade würde ihm doch die Güte des Mo⸗ narchen gewähren? Er wollte ſich Regina's Hand erbitten, wollte freiwillig ſeinem Erbe entſagen, um den Nachſtellungen ſeines böſen Stiefvaters nicht aus⸗ geſetzt zu ſein, er wollte ſich in der Nähe der Mutter niederlaſſen, und— glücklich ſein! In ſolche Träume⸗ reien verſunken, hatte er denſelben Nachmittag die er 175 Stadt durchſtreift, und ohne, daß er es wußte, ſtand er wieder vor der Kirche, wo er Regina zum erſten Ma⸗ le geſehen hatte; er trat ein. Es war bereits Abend ge⸗ worden, der Gottesdienſt zu Ende, und die gläubige Schaar wanderte aus den heiligen Hallen. Der Jüng⸗ ling hatte die Jungfrau an derſelben Stelle wieder er⸗ blickt, allein zu ſcheu, ihr nahe zu treten, ſtellte er ſich dem Eingange nahe, und wartete ihr Vorübergehen ab. Eine tiefe Röthe ergoß ſich über ihre Wangen, als ſie ihn erkannte, ſie beſchleunigte ihre Schritte, er folgte ihr. Sein Vorſatz war, ſobald er keine Zeugen zu be⸗ fürchten hatte, ſie anzuſprechen. Dieß geſchah in einem abgelegenen Gäßchen, durch welches ihr Weg führte. War es Zufall oder Abſicht, ſie begann hier langſamer zu gehen. Siegfried trat vor und liſpelte: Darf der Unbekannte es wagen, heute in der Nähe ein Lauſcher jenes wunderlieblichen Lautenſpieles zu ſein, welchem er ſchon ſo oft aus der Ferne gehorcht hatte?— Die bebende Jungfrau erröthete von Neuem, ſah ihn mit flehenden Blicken an und begann ihre Schritte zu ver⸗ doppeln. Siegfried blieb zurück, kein Hauch war ihren Lippen entſchlüpft; war ſeine Bitte gewährt, oder nicht? durfte er kommen? Sie hatte geſchwiegen und ihn kei⸗ ner Antwort gewürdiget, und doch, wenn er jenes himmliſchen Blickes gedachte, in welchem ſo viel Bered⸗ ſamkeit lag, in dem er ein ſüßes Geſtändniß verborgen 126 glaubte, was ſollte er thun? Er ſah ihr traurig nach, ſie ſchwebte dahin, raſch wie ein Frühlingslüftchen über Blumen ſtreift; jetzt war ſie an der Ecke, noch ein Schritt, und ſie wäre ſeinen Blicken entſchwunden, er ſtarrte ſie an, da— wer ſchildert ſein Entzücken, wandte ſich ihr Haupt noch Einmal zurück; nur einen Athem lang währte der ſelige Anblick, dann bog ſie um die Ecke. Ja! rief der Aufgeregte, ich komme! dieſes Anſchauen ſoll mir ein Zeichen Deiner erſehnten Zuſage ſein, ich komme: Dich, mein einzig Leben, meinen theu⸗ ren Engel in ſeinem Himmel aufzuſuchen!— Er ſtürm⸗ te in einer entgegengeſetzten Richtung gegen Schnitzen⸗ baums Haus.— Es war eine anmuthige Frühlingsnacht. Eine ſeli⸗ ge Ruhe lag über die Stadt verbreitet, ringsumher war Alles ſtill und feierlich. Das Abendgeläute der Glocken war längſt verhallt, der Fluß glitt in ſanften Wellen dahin und ſpiegelte Sternenbilder wieder, welche in ſtiller Feierlichkeit am Gewölbe des Himmels weißglän⸗ zend Eines nach dem Andern heraufzogen, und theilneh⸗ mend auf die Erde niederblickten, die in den Armen tiefem Schlummers ruhte. Sei mir willkommen! Du blinde Schweſter des Tages, Dir fehlt das glänzende Auge des Bruders, Dir fehlt ſein freudiger Lebensmuth, ſein reger Geiſt und die Lebensluſt, aber Du gibſt uns Frieden, wenn Du uns mit Deinem ſchwarzen Schleier F— — —— r r —— —— 177 umfängſt; Du ſchenkeſt uns Ruhe, wenn Dein Kuß die glühende Wange kühlt. Wenn am Tage Wünſche, Hoff⸗ nungen und Begierden wie gewappnete Söldner die Ge⸗ fielde des Herzens durchſchreiten, und Krieg und Schlacht verkünden, ſo ſinken ſie von Deinem Zauberodem ange⸗ weht, von Deinem Sternenmantel berührt, zuſammen„ und Sabathruhe kehrt in unſerm Buſen ein. So wird es ſtille auf der Erde, ſtille in den Herzen der Menſchen; die geſtirnte Unendlichkeit wölbt ſich am Himmel, die Welt des Tages iſt verſchwunden, die Welt der Nacht tritt an ihre Stelle, ſie bringt Schlummer und Ruhe, Glück und Träume, die Seele jubelt ihr entgegen, und verſinkt in tiefe Wehmuth. Horch! jetzt klingt es durch die tiefe Nacht, ein ſanfter Lautenton zittert durch die Luft, und verhallt langſam in der Ferne. Soll dieß ein Zeichen harrender Liebe ſein? Fürwahr! ſo zart kann nur die Liebe rufen. Eine Liebesweiſe klingt melodiſch herüber, die zitternden Finger der Spielerin machen die Töne erbeben, und verleihen dem Sange einen unendlich wehmüthigen Ausdruck, jetzt mitten im Liede tritt plötz⸗ liche Stille ein, die Laute verſtummt— iſt eine Saite geriſſen? oder vermag die Spielerin die Weiſe nicht fort⸗ zuſetzen? Vergebt es der Jungfrau, wer wird in den Armen der Liebe die Liebe beſingen?!— Siegfried ſtand Reginen gegenüber. Die Tochter des Landes⸗ hauptmanns erſchrack, Bläſſe und Gluth wechſelten raſch 176 auf den Wangen, der Junker aber ergriff ihre Hand und preßte ſie an ſeine Lippen.— Zürnt Ihr, mein Fräu⸗ lein! begann er leiſe, daß ich mich in Eure Nähe ge⸗ wagt?— Zürnen? Nein! das kann ich Euch nicht, erwie⸗ derte ſie beklommen— aber ob Euer Hierſein die Sitte nicht verletzt— ob die Ehre der Jungfrau nicht gefähr⸗ det würde, wenn nur Ein verrätheriſch Auge wachte? Siegfried, in halb knieender Stellung, richtete ſein glänzendes Antlitz zu ihr empor und ſprach: Wer ſoll uns belauſchen, wer verrathen? Die Blumen, de⸗ ren Duft die ſtille Nacht hier ſchwängert, ſie verrathen die Liebe nicht, denn ſie ſelbſt neigen liebend die Häupter gegeneinander, und tauſchen im Kuß Ho⸗ nig und Blüthenſtaub; die Sterne oben? o, auch die verrathen uns nicht, denn ein liebender Vater hat ſie erſchaffen, eine liebende Mutter hat ſie gezeugt, eine liebende Hand leitet ſie in den unermeßlichen Bahnen, und wo ſo viel Liebe waltet, da kann für die Liebe kei⸗ ne Gefahr ſein! die zu fürchtenden Augen der Lauſcher ſind vom Schlummer und Traume befangen, nur Men⸗ ſchen ſind's, die uns verrathen könnten, und die ſind fern! O, daß ſtets nur der Menſch am Menſchen zum Verräther wird!— Doch giebt es ein Auge, welches uns ſieht, ein Auge, das uns belauſcht, aber dieſes Auge haben wir nicht zu fürchten, denn es blickt liebend auf ete der de⸗ en die 0⸗ die ſie ine ei⸗ her en⸗ ind um hes uge 179 die Erde hernieder, es umfängt alle Menſchen liebend mit einem Blicke, es iſt das allſehende Auge des Him⸗ mels, und wo ſo viel überirdiſche Liebe thront, da droht der irdiſchen keine Gefahr. Eure Worte, verſetzte die Jungfrau, haben in meinem Buſen eine neue Welt emporgezaubert. Was kein Hauch verrathen, kein Gedanke gewähnt, das iſt mir jetzt hell und klar geworden! O, nennt mir Euren Namen, er ſoll mir unvergeßlich ſein, und mich an den Schöpfer meiner neuen Welt erinnern! Siegfried heiße ich! verſetzte der Junker. Siegfried! lispelte Regin a, o wie ſchön klingt dieß Wort in meinen Ohren, wie rein hallt es aus des Herzens Tiefen wieder. Habt Ihr ſchon gehört von dem großen Manne, der vor mehr als zwanzig Jahren aus dem ſpaniſchen Lande mit einigen Schiffen in die große See gegangen?— Der Vater hat viel und oft von ihm erzählt,— er war arm und unbekannt, aber dem Rieſengeiſte wollte unſere Erde nicht mehr genü⸗ gen, ſie war ihm zu klein, zu enge, er flog hinaus auf das unermeßliche Weltmeer. Mit unzähligen Ge⸗ fahren kämpfend, ſein eigen Leben nicht achtend, ent⸗ deckte er eine neue Welt, und Alle die ihn früher ver⸗ ſpottet und verhöhnt, die ihn einen Narren, einen Wahnſinnigen geſcholten, ſie blickten beſchämt zu Bo⸗ den, und ſtanden vernichtet vor dem Manne, der Wel⸗ 180 ten zu verſchenken hatte; ſo habe auch ich mein eigen Herz nicht gekannt; was ich täglich empfand, fühlte und hoffte, ſchien mir meine Welt zu ſein, und wer vor Monden zu mir geſprochen hätte: dein Herz, Regina, birgt noch eine eigene, eine ganz fremde Welt für dich, dem hätte ich neckiſch ins Antlitz gelacht, und wäre ſo wie jene ſpaniſchen Großen, hochmüthig von ihm gegangen. Da kamet Ihr, da ſah ich Euch, und Euer Blick flog, ein kühner Schiffer durch die unbekannten Räume meines Herzens, und plötzlich erſcholl es in mir: Land! Ein neues Land iſt gefunden! Ich wußte mir das ſüße, zauberiſche Empfinden nicht zu deuten, jene Gefühle und Geſtalten meiner Seele waren mir fremd, aber es waren nicht wilde, ſondern freundliche, wonnige Schöpfungen, erhebend und beglückend, Jbel verbreitend und entzückend, es waren Empfindungen, wie ſie nur in der ſchönen, neuen Welt der Liebe zu finden ſind!— Siegfried drückte die Hand der füſ⸗ ſen Schwärmerin an ſein Herz. Er hatte durch ſeine erſten Liebesworte unwillkührlich die Jungfrau zu einer Rede verleitet, welche das Geſtändniß ihrer Leidenſchaft enthielt. Sie liebte ihn! doch das hatte er am erſten Abende ſchon erlauſcht, jenes Selbſtgeſpräch galt ihm mehr, als alle Verſicherungen und Schwüre; was be⸗ durfte es mehr? Er und Regina, wenn ſie ſich auch zum erſten Male ohne Zeugen gegenüberſtanden, konn⸗ 181 ten doch von Liebe ſprechen, von Liebe, die ſich ſo raſch entwickelt, ſo plötzlich emporgeſchoſſen war. Er nahm das Wort: Regina! Ihry ſchildert ſo einfach und ſchön, was in Euch vorgegangen, was Ihr empfindet! Ach! fühltet Ihr auch, wie mein ganzes Denken und Em⸗ pfinden nur Euch kennt, wie mein ganzes Weſen in das Eure übergefloſſen, wie meine Seele in der Euern lebt? Meine Gedanken fliehen zu Euch, meine Wünſche ſtreben nach Euch, meine Augen blicken nach Euch, meine Hände ringen nach Euch; ja Regina! Ihr ſeid die Königin meines Herzens, meines Lebens! Ihr habt mich emporgehoben zu Euch, habt mich geſetzt auf Eu⸗ ren Thron, habt mich zum Mitherrſcher Eures Reiches „der Liebe“ gemacht. Du biſt Königin, Königin meines Herzens! Doch liebe ich dich mehr als alle Für⸗ ſtinnen der Welt! der bange Mund, wie lange er auch geſchwiegen, er muß ſprechen, wenn das Herz überfließt; er wird beredt, mit der Allgewalt des Her⸗ zenſchlages. Regina! meine geliebte Regina! neige Dich herab zu mir, laß mich umweht werden von dei⸗ nem Odem, laß mich fühlen die Wärme Deiner Nähe, die Gluth Deiner Wangen. Komm her, meine Kö⸗ nigin! neige Dich huldvoll herab zu Deinem Vaſallen, zeige ihm das königliche Antlitz voll Hoheit, das Auge voll Milde und Liebe!— O, mein Siegfried! hier bin ich, Dein, ganz 182 Dein, nicht Deine Königin, nur Dein Mädchen, wel⸗ ches Dich innig liebt und lieben wird, einzig und allein, ſo lange ſie lebt und iſt. Hörſt Du es, traute Nacht? rief der Jüngling entzückt— hört es, ihr Blumen und Bäume: Re gina liebt mich! vernimm es, Himmel! vernehmt es, ihr ewigen Sterne in den unermeßlichen Räumen: Sie liebt mich! ich möchte es zuliſpeln jeder Blume, hau⸗ chen in alle Winde, der ganzen Schöpfung könnt ich entgegen jauchzen: Regina, die Königin meiner Seele liebt mich! O, mein Leben, wie ſchön beginnſt du jetzt zu wer⸗ den! nahm die Jungfrau das Wort, ich habe es nie geahnt, daß du ſolche Wonnen zu biethen vermöchteſt. Ich habe bisher nur die Reize und Freuden des Lebens gekannt, ſeine heiligen, irdiſchen Gefühle habe ich em⸗ pfunden, aber ſeinen ſeligen Taumel, ſeine Edensluſt war mir fremd geblieben. O, wie unendlich gütig und allmächtig muß der Schöpfer ſein, wenn er die Spanne unſers Erdenwallens, die Minute unſers Seyns mit ſolcher Wonne zu ſchmücken vermag, mit einem Glücke, welches zu groß iſt, als daß man ewig in demſelben ſchwelgen könnte. Siegfried drückte die Geliebte des Herzens an ſich. Dieſe Augenblicke— begann er langſam— ſöh⸗ nen mich mit meinem ganzen Leben aus, und gewiß, Er — *— 183 Regina! nur ſolche Wonnen können mich die frü⸗ heren Leiden vergeſſen machen. Ich war nahe daran, das Leben, mein Leben als eine Laſt zu betrachten, als eine Laſt, welche mir aufgebürdet worden, um mich unter Schmach und Verachtung bis zur Pforte des Grabes zu ſchleppen. O, Regina! verhönt, verſpottet haben ſie mich, bis ich fort in die Welt geflohen. Ein Mann, durch Bande des Blutes an mich geknüpft, verfolgt mich bis auf den Tod. Sie haben mich eingekerkert, ſie haben mich ausgeſtoſſen und verworfen, haben mich mit Hunden hetzen laſſen, wie das Gethier des Waldes, ſie haben Menſchenblut der lechzenden Meute Preis gege⸗ ben, und mich auf die empörendſte Weiſe bis zur un⸗ erträglichen Schmach erniedrigt. Ich habe getragen und geduldet, wie ein Laſtthier, das willig ein Joch zieht. Jetzt beginnt es in meinem Leben zu tagen, mein Ver⸗ hältniß beginnt ſich zu lichten, in Dir iſt mir eine neue Sonne aufgegangen, und wenn ich ſo an Deiner Seite ſitze, Dich umfaßt halte, in Dein treues Auge blicke, wenn Ruhe und Freuden ſich um mich her verbreiten, und das Leben keine Bürde, ſondern als ein zauberi⸗ ſcher Roſengarten vor mir liegt, als ein duftiges Vorgemach der großen Halle„Jenſeits“; wenn die Erde bräutlich geſchmückt mit dem Himmel liebäugelt, Sonne, Mond und Sterne an uns vorüberziehen, die Natur Frieden haucht, und unſere Seele ihn aufnimmt, 184 wenn das Morgenroth der Zukunft unumwölkt vor uns liegt, und die Menſchen uns brüderlich umfaſſen, wenn Eltern und Freunde uns liebend umgeben, wenn Verwandte unſern Kreis vergrößern, und Eintracht ein gemeinſchaftliches Band um uns ſchlingt, dann— nicht wahr, Regina? dann iſt das Leben doch ſchön! Ja, Siegfried! ſchön durch Liebe, Freund⸗ ſchaft und Frieden! rief Regina, und drückte ſich feſt in ſeine Arme. Doch, jetzt laß' uns ſcheiden, ſchon beginnt es in den Zweigen lebendig zu werden, ſchon regt es ſich im Gebüſche, der Tag kann nimmer fern ſein. Die Nacht, die traute Mitwiſſerin unſerer Liebe, zieht ab, und das Morgenroth wird ſich bald im fer⸗ nen Oſten zeigen. Der Nacht folgt der Tag in der Natur, bemerkte der Jüngling— der Nacht folgt der Tag im Leben, der Nacht folgt der Tag im Lieben! Lebe wohl, Regina! der ſüße Ton Deiner Laute ſoll mir wieder der Ver⸗ künder der ſeligſten Stunden werden!— Er drückte ſie an ſich, preßte die Selige an ſein Herz, Küße wurden mit Küßen vergolten, die Worte verloren ſich in Hauch und Seufzer, die Rede ſtahl ſich als Kuß von Lippe zu Lippe; eine Nachtigall begann in dem Laubwerke zu ſchlagen, und wurde die Dollmetſcherin der ſüßen Gefühle. Jetzt zuckte der erſte Morgenſtrahl durch die Räume des Gartens, die Finſterniß ſchwand, —„—„— c— — 38„„— n, nn in be, 185 der Tag ſandte ſeine Vorläufer, um das Herannahen der glühenden Majeſtät zu verkünden. Die Liebenden waren geſchieden, die Rotunde leer, die Raſenbank öde, die Sonne tauchte empor und vergoldete bereits die grünen Kronen der Bäume, ein leiſer Morgenwind wehte von den Bergen hernieder, ſchüttelte die Thau⸗ perlen von den Blumen und Grashalmen, die Sonne küßte die feuchten Thränen der Nacht von der Erde, wie eine liebende Mutter das Naß von den Wänglein des Kindes. Der verlaſſene Sitz der Liebe ward in Sonnenpurpur eingehüllt, und Tauſende von gefieder⸗ ten Sängern brachen in einen ſchmetternden Chor aus, zum Lobe unvergänglicher Liebe! Es war eine finſtere Halle, abgeſchloſſen durch ein rieſiges Thor. Die ungeheuren Wände dehnten ſich in eine unabſehbare Ferne hinaus, daß ſie, immer kleiner werdend, ſich immer mehr verengend, endlich in einen Punkt zuſammenliefen und verſchmolzen. Keine Wöl⸗ bungen ſtützten die Mauern, welche im Vordergrunde mit Helmen und Harniſchen, Schwertern und Lanzen, Bogen und Pfeilen geziert waren. Die Halle aber war bevölkert mit ſchweigſamen Geſtalten, die unreg⸗ ſam auf ihren Plätzen blieben, mit ſtarren Blicken, wie 16 1668 Mumien einer vergangenen Zeit. Einer ſtierte unver⸗ wandt in ein großes Pergamentbuch mit geſchriebenen Zeichen, das Sandglas an ſeiner Seite kündete den Lauf der Zeit; ein Anderer ſah emſig nach dem Gang der Geſtirne, hatte den geſtirnten Himmel im Kleinen vor ſich, und die Erde ſtand ſtill, und die Erde be⸗ wegte ſich um ſie, und der Gelehrte zeichnete Figuren und Stellungen, und ſuchte nach Scheinbeweiſen für ſein falſches Syſtem; dort ſtanden Steinſchleuderer und Mauerbrecher gegen die Zinnen einer Burg gerich⸗ ten, hier ſank ein Geharniſchter von einer Falkonettku⸗ gel getroffen, eben vom Roſſe; ein gelahrter Medikus ſaß vor einigen Tränklein und Kräutern, welche ſeine ganze Kunſt enthielten, ein Schiff ſchwankte ohne Nadel und Kompaß auf offener See, ſchwarze Zauberer umſeanden die Gruppen, und Lindwürmer und Rieſen wälzten ſich hie und da auf dem Boden und ihre Be⸗ ſieger drückten ihnen kühn den Fuß auf die Bruſt; wohl ragten über dieſe Geſtalten Männer empor, und ſchwangen ihre Schwerter und Geißeln gegen Gegner und Widerſacher, allein ſie ſtanden vereinzelt, ohne Anhang und Stütze, bloß auf ihr eigenes„Ich“ be⸗ ſchränkt. Und über dieſer Halle lagerte ein ſchwüler Dunſtkreis— obwohl ſich der Himmel blau über ſie wölbte, ſo fehlte doch jene friſche, leicht einzuathmende Luft, hie und da ſtiegen ſogar finſtere Nebel auf, und ſen er ne be⸗ ler de 187 das ganze Bild, von einer ungeheuren, jedoch unge⸗ regelten Kraft zeigend, von einem rohen aber treuſinni⸗ gen Treiben, bot dennoch einen wehmüthigen, trübſeligen Anblick dar. Hier ſah man rieſige Geiſter mit kleinlichen Vorurtheilen kämpfen und unterliegen, ungeheure Körperkräfte an kalten Steinen zerſchellen; Vernunft und Gelehrſamkeit durch ein ganzes Lebensalter, an die Löſung phantaſtiſcher Probleme verſplittern; man ſah das Ringen der menſchlichen Kraft, den Rieſen⸗ kampf des Geiſtes mit alten Meinungen und Vorur⸗ theilen. Wahrlich! ein wichtiger Abſchnitt in dem Leben der Menſchheit!— Und an der Eiſenpforte jener Halle ſteht ein einzelner Mann, er hat den Schlüſſel in der Rechten, und öffnet das Schloß und ſchiebt unter dem Rollen von Schneelawinen und unter Kanonendonner die verroſteten Riegel bei Seite, und reißt die Pforte auf, daß das Knirſchen der Angeln über die ganze Erde ſchrillt— und eine zweite freundliche Halle liegt offen vor unſern Blicken, und geſchmeidigere Geſtalten beleben den glätteren Boden, und auf der Eiſenpforte, welche die beiden ſtreng geſchiedenen Räume ſondert, ſteht mit großen, goldenen Lettern der Wahlſpruch des majeſtätiſchen Pförtners: Per tot Discrimina!*) Und neue Geſtalten, neue Trachten, neue Sitten entfalten *) Durch ſo viel Gefahren. FÜñꝗꝗᷓY§OFG†%YG— 188 ſich in dem Raume; das Wiſſen fliegt tauſendfältig um⸗ her, neue Welten ſteigen aus dem unermeßlichen Welt⸗ meere empor, neue Kräfte ſtürzen mit nie geahnter Gewalt Fels und Mauern zuſammen, die Kriegskunſt wird geregelt, und der Geſtirne Lauf mit mehrerer Sicherheit erſpäht; Kanonendonner erſchallt, wo kurz vorher Pfeile ſchwirrten, Inſtrumente bahnen Straßen auf dem Ocean, und meſſen nie bekannte Welten aus; in den Seelen wird es lichter, die Geiſter werden hel⸗ ler, man rüttelt das alte Joch von ſich und ſchmiegt ſich willig in ein ſanfteres, neues, man ſchüttelt an den Säulen des vierzehnhundertjährigen Hauſes, die Grundfeſten erbeben, und die Mauern wanken—— Dieſe beiden Hallen aber ſind die alte und neue Zeit, und der Pförtner, welcher mit mächtigem Arme aus der Erſteren in die Letztere dringt, welcher die Eiſenthüre ſprengt, und geharniſcht, wie ein Kriegs⸗ gott, den eiſernen Fuß unerſchrocken über die Schwelle ſetzt, dieſer Pförtner, mein freundlicher Leſer, iſt der Sproſſe eines alten Hauſes, der Träger einer Kaiſer⸗ krone: es iſt Maximilian der Erſte feines Na⸗ mens. Ja, es war Max, welcher bis zu ſeinem zwölften Jahre der Zunge nicht mächtig, von Vielen ſogar für blödſinnig erachtet, durch pedantiſche Erzieher gegen alles Wiſſen faſt mit Eckel erfüllet,— es war Max, Kaiſer Friedrich's des Friedſamen Sohn. Tauſend — — 8 8 — 188 Schwerter ſind gezückt, wilde Roſſe ſtürmen heran, wüthende Bären, entfeſſelte Löwen ſchäumen daher, Kugeln brauſen durch die Luft, Schiffe ſchwanken, vom Sturme gepeitſcht, auf offenem Meere; Pulverminen fliegen auf, und ſelbſt des Himmels Blitz fährt vor ihm in die Erde; er aber ſelbſt in Mitten all dieſer Gefahren*), bleibt unerſchrocken und muthig, bleibt Ritter und Sieger, bleibt der heldenmüthige Faiſer. Horch! vom Felskranz tönt ein Ton herab— wer ſtößt ſo gewaltig in's mächtige Horn? Iſt's der kecke Schütz dort oben, umgeben von ſteilen Felſen und Klüften, unter ſich den ſchwindelnden Abgrund, über ſich den hangenden Sturz? heiliger Himmel! wer führre Dich hinan, und wer wird es wagen, Dich herab zu leiten? wenn Gott ſich nicht deiner erbarmt, ſo biſt du ver⸗ loren! und der Preisgegebene ſteht ruhig auf dem luf⸗ tigen Throne, mit Wehmuth ſchaut er ins fröhliche Innthal hinab und ruft: Fahre wohl, Leben und Welt! mein Ziel war ſchön, mein Wollen ehrlich! Der Blitz fährt in den Baum als er am ſchönſten in der Blüthe ſteht!— Und wieder ſtößt er in's Horn, daß *) Dieſe und noch unzählige Gefahren überſtand Kaiſer Maximilian perſönlich. Sie ſind alle in dem alten Werke:„Der Theuerdank“ d. i. Einer, der auf Abentheuer ausgeht, beſchrieben. 180 es ſchmetternd durch die Lüfte gellt, vergebens! da hinab dringt kein Ton, er bleibt in den Lüften hangen, verweht und verhallt. So muß dieß Leben denn enden? klagt wieder der muthige Steiger, ehe es noch recht begonnen, ſo muß der Bauherr fort, noch ehe er ſein Werk geordnet; auch ſoll der Geiſt, der nach ſo Vielem geſtrebt, ſoll er hier auf der Martinswand von dem ohnmächtigen Körper ſcheiden? O, ſink in den Schoos, meine Hand! hier nützt deine Kraft, deine Stärke nichts, hier kann nur Gott ſeinem Mar helfen!— Und der Himmel verließ ſeinen Geſalbten nicht, und der Himmel konnte den großen Habsburger nicht auf Steinfelſen ſterben laſſen. Nach dreitägiger Lebensgefahr wird Deutſchlands Kaiſer, Oeſterreichs Held gerettet! Ein Jüngling ſteht plötzlich an ſeiner Seite, und trägt ihn auf ſeiner Schulter über Abgrund und Kluft, und er iſt gerettet! War es ein Bothe des Himmels, oder die verkörperte Liebe eines treuen Volkes? es war immer ein Engel, der ihn befreit! — Und mehr als dreißig große und gefährliche Kriege hat er gekämpft, unzählige Schlachten geſchlagen, war ſelbſt Scharfſchütze, Lanzenknecht, Konſtabler und Ma⸗ troſe; hatte Hunderte von Feinden mit eigener Hand getödtet, und unterlag keinem Gegner, weder im ern⸗ ſten, noch im ſcherzhaften Kampfſpiele. Vierzehn Wunden deckten ſeinen Leib, vierzehnmal hat der Fürſt 151 für ſein Volk geblutet, und vierzig Jahre ſeines Lebens ſind im blutigen Kriege über ihn hinweggerauſcht, vier⸗ zig Jahre ſtand er gewappnet ſeinen Feinden gegen⸗ über, ein herrlicher Kriegesgott, ein Löwenherz unter den Habsburgern, eine duftige Blume, der letzte warme Hauch des gemüthskräftigen Mittelalters, das letzte Aufflackern des verbrannten Rieſenkoloſſes, deſſen traurige Reſte in alle Winde zerſtoben! Und horch! mitten durch das Kriegsgetümmel rauſcht auch das kaiſerliche Lied: er führt die Feder wie das Schwert, zeich⸗ net ſelbſt ſeine Thaten und Schlachten mit kühnem Grif⸗ fel in Clio's Buch, ſchreibt Grab, Ehrenporten, Triumphwagen, Stammchronik und zwan⸗ zig andere Werke, ſendet Gelehrte in alle Lande um die Denkmähler ſeines Hauſes zu ſammeln, um die Thaten ſeiner Ahnen zu zeichnen. Männer von unge⸗ heurem Wiſſen und großer Gelehrſamkeit umſtehen ſeinen Thron: Johann Spießhammer*, der gekrönte Dichter und Wiederherſteller der Wiſſenſchaf⸗ ten; L. Cyprianus Sarenthain aus demſelben Tiroler Thale, wo Aeneas Silvius einſt Pfarrer geweſen; Johann Stabius, durch fünfzehn Jahre des Kaiſers Sekretär, Geſchichtsſchreiber und Beglei⸗ ter, Johannes Staar,*) Hieronimus *) Kuſpinianus⸗ **) Sturnus. 192 Balbus, Chriſtoph von Weitmühl, Ste⸗ phan Röſſel, ein Ausbund aller Fakultäten, und unzählige Andere zieren die Zeit ſeiner Regierung. Drei Jahrhunderte ſind ſeit ſeinem Ableben verrauſcht, und das Bild ſeiner ritterlichen Liebenswürdigkeit beſticht noch immer ſelbſt den gleichgültigſten Forſcher, und reißt zu ſeinem Lobe hin. In ſeiner wahrhaft ritterlichen Größe, in ſeinem ächt romantiſchen Geiſte mochte allerdings die Idee zu einer Herſtellung des Kaiſerrei⸗ ches gelegen ſein, wie es ein Karl der Große oder der Rothbart beherrſcht, aber bei all dieſem Schwung und Streben ging doch ſein frommer und hoher Sinn, ſeine zärtliche Innigkeit und ſein kindlich zartes Hochge⸗ fühl für Ideen, für Orte und Perſonen und für Vergangenheit nie verloren. Sechzig Jahre alt, verlebte er zwei Drittel davon in beſtändigem Kriege, und ſah ſterbend die Welt in Frie⸗ den, und ſein Haus in derſelben das Vor⸗ derſte an Würden und Macht.*) Und dieſen Kaiſer, mein freundlicher Leſer, will ich dir vorführen in meinem Gemählde; er ſoll dem Bilde zum Schmuck und zur Zierde dienen, ſo wie man in einem Baumgarten eine königliche Ceder pflanzt, daß ſie majeſtätiſch emporſproſſe und Glanz und Hoheit *) Siehe Hormayer. ßt 193 ſtrahle, ſo ſoll er hinausragen über die beſcheidene Dich⸗ tung, ein unvergänglicher Heros, ein Gigant von Erz, umfunkelt vom Sonnenglanz ſeines Ruhmes und ſeiner Unſterblichkeit. Im landſtändiſchen Hauſe zu Laibach herrſchte Pracht und Leben, Fenſter und Thore waren aufgeriſſen, Edle und Ritter kamen und gingen, und wie Sterne umkreisten ſie Habsburgs glänzende Sonne, den ritterlichen Marximi⸗ lian, welcher während der Anweſenheit in Laibach ſei⸗ nen Hof hielt. In einem Saale, deſſen Wände in purpur⸗ nen Decken prangten, ſaß auf einem prachtvoll errichteten Throne der Kaiſer. Seine mittelmäßige, etwas gedrungene Geſtalt, hatte etwas Heroiſches; ſein bräunliches Antlitz mit voller Wange, blauen Augen, gewölbter Stirne, einer kühn gebogenen Adlernaſe und etwas hervorra⸗ gendem Kinne, war der Inbegriff aller Majeſtät und Huld; ſein Haar, braun und weiß vermengt, hing vorne bis auf die halbe Stirne und rückwärts gerade und ſchlicht über Schulter und Nacken hinab; die ſtark ſchat⸗ tirten Augenbrauen verliehen ihm einen etwas düſtern Blick, der jedoch durch die Lieblichkeit ſeiner Mienen kaum bemerkt wurde; ſonſt waren alle Züge und Linien an ihm ſo voll Ebenmaß und Einklang, jede Bewe⸗ gung ſeines Leibes ſo lieblich und ſittſam, und doch die Geſtalt ſo voll königlicher Majeſtät, daß Fremde, die weder ihn noch ſein Bildniß geſehen hatten, ihn dennoch Der Gezeichnete. II. 17 194 unter mehr als dreißig anderen Fürſten und Herren herausfanden. Sein Antlitz war ſo impoſant, daß ſelbſt ſeine bitterſten Feinde erſchracken, wenn ſie ihn anſahen; er war es, welcher die aufrühreriſchen Flan⸗ derer und Brügger ſelbſt vor dem Gefangenen erbeben machte. Dem Kaiſer zunächſt ſtanden Paul Lich⸗ tenſtein, der heftige, aber tapfere Tiroler, mit Max immer im Wortſtreite, alles bekrittelnd und über alles maulend, und dennoch eine treue Bieder⸗ ſeele, ein ächt bewährtes Tirolerherz; an deſſen Seite Cyprianus Särenthain, der Hofkanzler, und noch einige andere Räthe; an der entgegen geſetzten Seite des Thrones befanden ſich die Landesedlen, der Landeshauptmann, der Verweſer, Vizedom, die Bi⸗ ſchöfe und Prälaten, die Angeſeyenſten des Laibacher Stadtrathes und noch viele Andere, welchen ſelbſt die⸗ ſer geräumige Saal bald zu enge geworden wäre. Im Hintergrunde, im Rücken des Kaiſers, bemerken wir noch eine Geſtalt: Ein großer, bejahrter Mann mit einem weiß⸗ und rothgeſchlitzten Wamms, einem breiten Gürtel um die Hüfte, einem Kreuzſchwerte in dem⸗ ſelben; auf dem nicht unſchönen Haupte ſitzt ein blaues Baret, mit Goldſchnüren ſchlangenförmig umwunden, an welchem metallene Klümpchen hängen, die faſt das Anſehen von kleinen Glöckchen haben. Das Geſicht dieſes Mannes iſt offen, freundlich, mit einem An⸗ —— ——„ —— 185 fluge von Spott und Schalkhaftigkeit, und zeichnet ſich durch einen kurzen, krauſen Bart aus, welcher Kinn, Lippen und einen kleinen Theil der Wange um⸗ lagert. Dieſer Mann iſt Kunz von der Roſen,*) des Kaiſers luſtiger Tiſchrath, auch ſein Bartſcherer ge⸗ nannt, ſein Befreier aus der Gefangenſchaft, mit einem Worte— ſein Freund. In der ganzen Verſammlung herrſchte die tiefſte Stille, denn der Kaiſer führte das Wort: Es iſt unſer Wille, daß alle Gefangenen, ſie mögen nun höhern oder niedern Ranges ſein, ausge⸗ löst und ausgewechſelt werden. Was Eure Herren Brü⸗ der betrifft, wandte er ſich zum Biſchof, ich meine die Herren Michael und Niklas Rauber, wie auch ihren Vetter, Victor von Thurn, ſo wird man Alles anwenden, ſie aus den Feſſeln der Signoria zu befreien. Es iſt deßhalb an unſern Feldhaupt⸗ mann, den Grafen von Frangipan bereits geſchrie⸗ ben worden. Zugleich befehlen wir Euch, nicht zu vergeſſen, ſobald Ihr das Patriarchat von Aglar**) in Beſitz genommen haben werdet, Eines ſeiner Ge⸗ ſtifte unſerm Sekretär, Georg Kirchmüller zu ertheilen! Der Biſchof verneigte ſich und der Kaiſer fuhr fort: Euch, unſerm getreuen Landeshauptmanne *) Siehe Flögels Geſchichte der Hofnarren. **) Aquileja. ₰ 1896 von Krain und lieben Grafen von Auersberg, über⸗ tragen wir den höchſten Befehl zu Friaul, und wünſchen, daß Ihr beſonders wegen Märan Acht haben möchtet, denn die Feſtung liegt am Meere und kann uns viel nützen! Freudig aufgeregt, verneigte ſich Johann von Auersberg, der Kaiſer lächelte huldvoll und wandte ſich darauf zum Laibacher Stadtrathe: Euch, Ihr Ge⸗ treuen unſerer Stadt Laibach! befehlen wir, die Hülfs⸗ völker, die wir noch in dieſem Jahre unſerm königli⸗ chen Bruder von Spanien nach Napoli ſenden werden, nicht nur frei und ungehindert durchziehen zu laſſen, ſondern ſie mit Allem zu verſehen, was zum Lebensun⸗ terhalte nothwendig iſt. Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß jene Alles nach dem landesüblichen Preiſe im Baaren vergelten müſſen. Zugleich ertheilen wir Euch, nebſt al⸗ len von uns ſchon beſtätigten Privilegien, das Recht der alleinigen Handthierung in der Stadt, ſo daß Nie⸗ mand Fremder ein Gewerbe zu treiben berechtiget ſei*). Nach dieſen huldvollen Verordnungen kamen noch eini⸗ ge Verordnungen und Auszeichnungen an die Reihe. Als der Kaiſer hiermit zu Ende war, trat Kunz von ) Wir bemerken, daß wir uns in dieſer ganzen Scene auf hiſtoriſche Thatſachen beſchränken, bei denen jedoch die Chronologie nicht berückſichtiget wurde. —, — N —, 1897 der Ro ſen gravitätiſch vor, verneigte ſich drei Mal auf echt türkiſche Weiſe vor dem Kaiſer und ſprach: Er⸗ laubt mir, mein kaiſerlicher Herr! daß auch ich mich vor Euer huldvolles Antlitz poſtire, denn ſo ich im Hintergrunde ſtehen bliebe, dürfte ich leer ausgehen und mich keines Geſchenkes Eurer kaiſerlichen Gnade zu er⸗ freuen haben, und da man das Eiſen ſchmieden ſoll, ſo lange es glüht, ſo möchte auch ich gerne Pfeifen ſchnei⸗ den, ſo lange ich im Rohre ſitze! Kaiſer Mar lächelte und ſprach launig zum Bitt⸗ ſteller: Und was befehlen Eure närriſche Hoheit? Gold, oder Titel und Amt? Letzteres wäre mir das Liebſte, denn außerdem, daß jedes Amt Gold und Titel erringt, ſchafft es auch etwas Anderes, denn ſchon ein altes Sprüchlein ſagt: Dem der liebe Himmel gibt ein Amt— dem gibt er auch Ver⸗ ſtand. Die Verſammlung mußte den Einfall des Drol⸗ ligen belächeln, der Kaiſer erhob ſich, und zog ſich in ſeine inneren Gemächer zurück. Der Lichten⸗ ſtein, Auersberg und Kunz waren die Einzigen, welche ihn dahin geleiteten. Der Kaiſer ließ ſich in ei⸗ nen großen Lehnſtuhl nieder, nachdem er allen über⸗ flüſſigen Staat mit Kunzens Hülfe von ſich gewor⸗ fen hatte. Nun, meine Liebſten! laßt uns wichtigere Sachen beſprechen, um deren Willen wir eigentlich hie⸗ 158 her kamen, ich meine nämlich die Venetianiſchen An⸗ gelegenheiten. Ich glaube— hob der Lichtenſteiner an— die Venetianiſchen Angelegenheiten werden am Beſten beſprochen ſein, wenn wir ihnen die Kitzlerin, die Siegerin, Brummerin') und noch einige Dutzend ihrer Schweſtern auf den Hals ſchicken, den Wälſchen was vorheulen, und ihnen die Luſt zum Kriegführen benehmen. Mein Lichtenſteiner iſt alſo ganz gegen den Frieden? Nein, mein Fürſt! ich bin für und nicht gegen ihn, aber mit der wortbrüchigen, falſchen, hinterliſtigen Signoria iſt nie ein Friede ſicher, ehe denn ſie voll⸗ kommen überwunden iſt. Und doch möchte ich ſo gerne Ruhe haben! begann der Kaiſer faſt wehmüthig. Laß' Dich einſcharren, Vetter Max! bemerkte Kunz, ſo werden Alle ausrufen:„Friede ſeiner Aſche!“ während jetzt jeder auf Unfrieden ſinnt! Erlaubt mir, mein kaiſerlicher Herr! nahm jetzt Namen von Kanonen. Maximilian liebte ſeine Kanonen, und ließ ihre Abbildungen und Beſchreibungen ſammeln. Jede hatte ihren Namen und anſpielende Reime dazuz drei pracht⸗ volle Bände hierüber ſind in der k. k. Ambraſerſammlung. 180 Auersberg das Wort, daß auch ich ein Wörtlein drein rede. Ich will weder Frieden empfehlen, noch zum Kriege rathen. Eines wie das Andere hat ſein Bedenk⸗ liches; allein, wer war es, der Euch, hoher Herr! zur Reiſe hierher bewogen, und die Ausſicht zu einem Frie⸗ den mit der Republik ſo nahe geſtellt hat 2— Der Kai⸗ ſer nannte hier die Namen zweier Räthe, die im Augen⸗ blicke nicht anweſend waren; ſo oft er einen ſolchen Na⸗ men nannte, rief Kunz immer ein„Helf Gott!“ dazu. Maximilian ſah ihn fragend an und ſprach: Wem ſoll das: helf Gott! gelten? Dir, Vetter Mar! verſetzte Kunz; denn bei bei⸗ den dieſer Herren, die du nannteſt, kann ich nichts An⸗ deres ſagen, als: Helf Gott zu einem Weiſeren— zu einem Treueren! oder ſonſt was. Glaubt mir ſicher, meine Lieben! begann jetzt der Kaiſer, daß mich Niemand zu ſolchem Entſchluſſe zu bewegen im Stande geweſen wäre, wenn mich mein eigenes Verlangen nicht dazu getrieben hätte. Es iſt mein innigſter Wunſch, dieſem langwierigen Kriege ein Ende zu machen; ich fühle, daß mein Lebensrad bald abgelaufen ſein wird, daß das Ende meiner Tage nicht mehr fern ſein kann, und ich möchte ſo gern in allen Theilen meines Reiches Ruhe und Frieden ſehen, ehe ich aus dieſem Leben ſcheide. Die Nachwelt ſoll nim⸗ mer von mir ſprechen: Maximilian der Erſte hat 200 Kriege geführt, ſo lange er deutſcher Kaiſer war, und hat es ſein Lebelang zu keinem Frieden gebracht! Er verſank in ein wehmüthiges Stillſchweigen. Kei⸗ ner der drei Anweſenden wagte die erhabene Ruhe zu unterbrechen. Nach einer Weile erſt hob Max das ehr⸗ würdige Haupt, und begann mit wehmüthiger Stimme: Wie ſie über meinem Leichnam herfallen werden wie neidiſche Inſekten, und werden nagen an dem Mantel, an dem Purpur, an der Krone!— Mögen ſie es im⸗ merhin! den Kaiſer gebe ich ihnen Preis, auch des Für⸗ ſten ſollen ſie nicht ſchonen, aber den Menſchen in mir, den Ritter ſollen ſie mir unangetaſtet laſſen! Er ſchwieg; wie aus einem Traume zu ſich kom⸗ mend, hob er nach einer Pauſe wieder an: wohlan, mei⸗ ne Theuern! wir wollen es verſuchen! ſendet ſchnell Bothen an die harrende Geſandtſchaft der Republik, wir wollen in Görz eintreffen, und perſönliche Rückſpra⸗ che mit den Mitgliedern des Rathes pflegen; aber beim Himmel! finde ich ſie nicht geſchmeidig wie erwärmies Wachs, ſo ſoll ſich der Leu von St. Markus zu mei⸗ nen Füſſen krümmen, wie ein gemeiner Hund; ich will ihm die eingebildete Krone vom Haupte reiſſen und Kugeln in den Rachen ſtecken, daß ihm der Odem ver⸗ ſagen ſoll! Es iſt beſchloſſen, wir reiſen nach Görz! Er erhob ſich, reichte dem Lichtenſteiner die Hand und ſprach: Biſt Du mit mir zufrieden, mein Paul? Nein! erwiederte der Gefragte kurz! ich kann Eure Abreiſe nach Görz nimmer gut heißen, und wenn ſie zehn Mal aus den Sternen geleſen worden wäre! Mach' Dir nichts draus, Vetter Max! wandte ſich Kunz zu dieſem, der Alte merkt, daß der Stern⸗ gucker ein Venetianer ſei, und Dich zu dieſem Schritt bewogen habe; aber das macht nichts— er hat gut reden, wir thun doch, was wir wollen; und was ein Mal in den Sternen geſchrieben iſt, das läßt ſich mit keinem Meſſer, ſo wie von einer Eſelshaut herabſcheren! Aber dieß Mal bin ich neugierig, wer Recht haben wird: der Lichtenſteiner unten— oder die lichten Steiner oben! Möge Recht haben wer wolle, es bleibt bei meinem Ausſpruche! entgegnete Max, und entließ etwas ver⸗ ſtimmt die Vertrauten. Dieſe entfernten ſich, und im Herausgehen ſprach Kunz von der Roſen: Laßt Euch keine grauen Haare wachſen, Vetter! Ihr werdet ſehen, aus der Görzer Reiſe wird nichts! Ich bin zwar nur ein Be⸗ cher⸗ und kein Sterngucker, aber dieß Mal ſteckt es mir in den Gliedern, und das„In vinis veritas“ ſpuckt mir im Hirn. Aus der Görzer Reiſe wird nichts! Der Himmel gebe es! rief der Lichtenſteiner. Amen! ſetzte Auersberg hinzu. ——————— ——— — Unter der zu Laibach verſammelten Menge hat⸗ ten ſich auch Viele eingefunden, welche aus der Hefe der unterſten Klaſſe entſprungen waren, ihren Erwerb aber ſtets in der Sorgloſigkeit oder dem Ver⸗ luſte Anderer ſuchen; wie ein angeſchwollener Strom aus ſeinen nächſten Umgebungen Gewürm und Unrath herbei ſpühlt, ſo waren auch ſie durch den Zuſammen⸗ fluß von allen Theilen des Landes herbeigekommen. Zi⸗ geuner, Diebe, Bettler und Strolche der verſchiedenſten Gattungen und Abſtufungen, Männer und Weiber, alt und jung, ſo zogen ſie herbei, ihren Erwerb entwe⸗ der auf eine öffentliche oder heimliche Weiſe, je nach⸗ dem es anging, zu betreiben. Sie waren zerſtreut in den nächſten Umgebungen der Stadt, von wo ſie am Tage auf ihre Brandſchatzungen auszogen, um des Nachts wieder dahin zurück zu kehren. So befand ſich von Laibach kaum ein Stündchen entfernt, auf der Straße gegen Cil li ein Gehöfte, welches ſeiner äußern und innern Form nach, ganz dazu geeignet war, der Aufenthalt von Menſchen dieſes Gelichters zu ſein. Et⸗ was abſeits des Weges, in einer buſchigen Umgebung, mehr verborgen als frei, lag eine hölzerne Baracke. Der Eigenthümer derſelben, jeder andern Beſchäftigung feind, glaubte auf keine andere Weiſe leichter zu einem Erwerbe zu gelangen, als wenn er Menſchen beherbergte, die aus gewichtigen Gründen anderswo nicht ſo leicht 203 eine Unterkunft finden konnten. Es war natürlich, daß er ſich das ſpottſchlechte Loſament mit theurer Münze bezahlen ließ, und ſeinen ſauren Wein, den man im Uebermaß bekam, auch nicht ohne bedeutenden Gewinn an Mann brachte. Das gezimmerte Haus war zu die⸗ ſem Behufe vollkommen eingerichtet, denn unten be⸗ ſtand es aus einer langen Halle nebſt mehreren anlie⸗ genden, kleineren Stuben, und oben war das Stockwerk auch in eine Menge kleiner Behältniſſe getheilt, welche armſelig genug, nur ſolchen zum Aufenthalte dienen konnten, die keinen bequemeren aufzufinden wußten. Am Tage war das Neſt wie ausgeſtorben, denn außer der dickleibigen Geſtalt des Herbergers und einigen Knech⸗ ten, gewahrte man ſelten Jemanden in ſeinen Räumen; aber des Nachts, wenn der ſchmutzige Ausguß in ſein Bett zurückkehrte, da wimmelte es von bunten, eckligen Figuren, und das wahre Leben begann. Da wurden die erbeuteten Pfennige auf die mannigfaltigſte Weiſe an den Mann gebracht, man ſoff und ſpielte mit dem ge⸗ ſtohlenen Gute, und je leichter es erworben ward, de⸗ ſto ſchneller ging es aus den Händen. An einem Abende bemerkte man außer den ge⸗ wöhnlichen Gäſten einige fremde Geſtalten in der grö⸗ ßeren Halle, unter dieſen ein altes Weib, welches die Aufmerkſamkeit auf ſich zog, daß die meiſten der Gau⸗ ner und Strolche es nicht unterließen, mit verächtlicher 204 Miene beim Herberger nach ihrem Namen zu fragen, allein dieſer beruhigte ſie mit der einfachen Auskunft: Es ſei Duna, die Seherin des Cirknitzer Bodens. Um in der Mitte der ſaubern Kumpane etwas einheimiſcher zu werden, ging die Alte von einem zum Andern und both ſich an, jedem ſein künftiges Schickſal aus den Liniamenten der flachen Hand zu prophezeien; man lach⸗ te hie und da über das ſonderbare Anſinnen und war doch nicht abgeneigt, den dunklen Schleier ſeiner Zu⸗ kunft gelüftet zu ſehen. Duna, um es mit Keinem zu verderben, gab ihren Reden ſtets einen ſolchen Sinn, daß der Betreffende mit ſeinem künftigen Schickſale vollkommen zufrieden ſein konnte. Nachdem ſie es auf eine ſolche Weiſe dahin gebracht hatte, daß ſich die neugierigen Augen von ihr abwandten, ließ ſie ſich in einer Ecke der Halle nieder, zog ſchwarz Brod aus der Ledertaſche und begann mit düſteren Blicken die mannigfaltigen Phiſiognomien und Geſtalten zu muſtern. Sollte ich mich getäuſcht haben? ſprach ſie bei ſich, ſollte ich vergebens in dieſen ſcheußlichen Aufenthalt herein gekommen ſein? und doch glaubte ich ihn ſo deutlich erkannt zu haben! Iſt er es, ſo darf ich ihn nicht aus den Augen verlieren, denn dann droht dem Jünglinge die größte Gefahr.— Der entſcheidende Au⸗ genblick nah't immer mehr heran, bald wird es licht in mir werden; der finſtere Groll wird ſchwinden, die 205 befriedigte Rache wird verſtummen; dann will ich dem Armen ſeine Heimat ſuchen helfen, will mich noch ein Mal den Meinigen zeigen, und mich vergraben; mein Leben iſt dann abgeſchloſſen, ich will, ich mag nichts mehr von dieſer Erde, weder gute noch böſe Stunden— ich habe an das Leben keine Anſprüche mehr, ich will todt ſein für Alles, was außerhalb von vier Mauern leht und iſt!— Sie verſank in düſteres Schweigen und blieb bewegungslos auf ihrem Platze. Mitternacht konnte nicht mehr fern ſein, das Leben in der Halle war be⸗ reits im Abnehmen. Duna erhob ſich unbefriedigt, und verließ unbeachtet die Halle. Die Nacht war ruhig aber finſter. Sie gelangte eben zur Hofthüre, als ſie von draußen Tritte vernahm. Es waren zwei Män⸗ ner, welche daherkamen und in halblauter Stimme mit einander ſprachen. Die Alte drückte ſich in die Thorecke und ließ die Männern vorüber, dann folgte ſie ihnen nach. Sie gingen rückwärts in den Hof durch eine Thüre, welche in eine der abgelegenſten Stuben führte. Duna war raſch hinter ihnen, denn ſie glaubte die Stimme des Einen erkannt zu haben, und blieb forſchend an der Thüre ſtehen. Ihr Ohr feſt an dieſelbe drückend, gelang es ihr, das Geſpräch der Bei⸗ den zu belauſchen. 206 Ich ſag' Euch, Ihr vermögt nur durch Eure Gegenwart den Sturm zu beſchwören— Ich kann Laibach jetzt nicht verlaſſen. Morgen wird es entſchieden werden.— Iſt denn Eure Gegenwart hier ſo nothwendig? Ja, ſie iſt es! eile Du zurück und ſuche zu dämpfen, ſo viel Du vermagſt, nur Einen Tag Auf⸗ ſchub und Alles iſt gewonnen! Einen Tag? ſo lange wird Eure Macht nimmer währen.—. Sie muß, bei der Hölle und allen ihren Teu⸗ feln! ſie muß! Schnell zurück, Antoni o, verſammle meine Getreuen; und begeiſtere ſie durch Worte, trach⸗ tet nur die Veſte zu verlaſſen, und harret auf dem zwiſchen uns feſtgeſetzten Platze im Walde, links an der Straße. Haſt Du mir die Burſche mitge⸗ bracht?— Wie Ihr befohlen! Sind ſie genau nach meinem Befehle verkappt?— Auch dieß iſt geſchehen! Sie ſollen ſich bereit halten, denn ich werde ihrer vielleicht bedürfen. Nun verlaß mich ſchnell, und vollziehe meine Befehle!— Die Thüre öffnete ſich nach einer Weile. Einer der Männer kam heraus. Duna trat einen Schritt hinterwärts; als er vorüber war, nahm ſie wieder ihren früheren Platz ein. Sie ver⸗ 20* nahm, wie der Einſame jetzt mit ſtarken Schritten die Stube durchmaß und zu ſich ſprach: Die Elenden! ſie wagen es, ſich gegen mich aufzulehnen? meine Ab⸗ weſenheit gab ihnen Muth dazu, und meine Gegen⸗ wart ſoll ſie wieder niederſchmettern!— Ich muß mich von dem Bunde losreißen; gelingt mir mein Unternehmen, ſo ſoll mir die Signoria Schutz und Sicherheit gewähren. Und wer will es verhindern, daß es nicht gelinge? Niemand hier kennt meine Ab⸗ ſicht, meinen wahren Zweck, als ein Vertrauter am Hofe, und der Burſche, den ich hieher geſandt; dieſes Mitwiſſers hätte ich leicht entbehren können, er kennt das Geheimniß und iſt, wie die Dinge ſtehen, ganz überflüßig. Wer hätte auch geglaubt, daß der Kaiſer ſo leicht zu bewegen ſein würde? wäre dieß nicht der Fall geweſen, dann hätte Siegfried wohl eine wich⸗ tige Rolle geſpielt, allein jetzt muß er als unnütz bei Seite geſchafft werden; er darf die gefährliche Waffe ge⸗ gen mich nicht in Händen behalten!— Er ſchwieg, Duna horchte noch eine Weile und vernahm nichts mehr, ſelbſt das Geräuſch der Tritte war verſtummt, er mußte ſich niedergelaſſen haben. Grabesſtille herrſch⸗ te, ſie glaubte das Athmen eines Schlafenden zu ver⸗ nehmen, nachdenkend blieb ſie eine Weile ſtehen, plötz⸗ lich durchfuhr ſie ein Gedanke, die Thüre war offen, er hatte ſie zu ſchließen wahrſcheinlich vergeſſen. Sie 20S wollte eintreten, wollte das Opfer ihrer Rache ſehen, ehe es dem doppelſchneidigen Schwerte der Gerechtigkeit überliefert wurde. Sie trat leiſe ein, Emilian lag nahe am Fenſter im tiefen Schlummer. Duna blieb ihm gegenüber ſtehen, das Grau der Nacht ließ ſie nur die Umriſſe des Verhaßten erkennen. Hier lag er alſo, der ſo viel Wehe über ſie gebracht, der das Ge⸗ witter über ihr Lebensfeld heraufbeſchworen, daß alle Hoffnungen für den Herbſt vernichtet und zerſtört wur⸗ den. Das alſo war der Säemann, der den Samen des Unkrautes ſo gewiſſenlos ausgeworfen, daß für ſie kein Halm mehr ſprießen, keine Frucht mehr gedeihen konnte; wer hinderte ſie, dem Elenden den Dolch in die Bruſt zu ſenken, ihn mit eigenen Händen zu erwürgen?— Er regte ſich, ſie zuckte zuſammen— die Rache leitete in dieſem Augenblicke ganz ihren Sinn, ſie wollte ein ſüſ⸗ ſes Vorgefühl der Rache in ſeiner Angſt, ſeiner Qual empfinden, und begann mit tiefer, hohler Stimme: Emilian!— Verräther! wache auf— die Stunde naht!— Der Gerufene fuhr empor, allein die Hand Dun a's hielt ihn auf's Lager zurück. Wage es nicht, dich zu erheben und zu regen, hob ſie wie früher wie⸗ der an, der rächende Dolch ſchwebt über deinem Haupte und fährt wie der Blitz in dein Leben! Der Freigraf zitterte, ſein Blick ſah das unheimliche Geſpenſt an 68 — — N — 202 ſeinem Lager ſtehen, die Stimme glaubte er ſchon ein⸗ mal gehört zu haben.— Wer biſt du? ſtotterte er! Kennſt Du mich nicht mehr, Emilian? ich bin der rächende Geiſt eines Mädchens, welches du einſt bethört, belogen und betrogen. Ich bin der Geiſt Der⸗ jenigen, welche du durch heuchleriſche Reden verführt, aus dem Hauſe ihrer Verwandten geriſſen, um ſie elend für immer zu machen!— Du biſt?— rief er— Ich bin Klaudia von Ehlingen! Klaudia? ſtöhnte der Freigraf, laß' mich, ich kenne dich nicht, fort Geſpenſt der Hölle! Blendwerk meines erhitzten Blutes, du gehörſt nicht mehr dieſem Leben an, biſt todt!— todt! Ja, rief Duna fürchterlich, ich bin todt, todt für dich, todt für's Leben! Aber dieß verhindert mich nicht, an Dir zu rächen, was du an Kl audia verſchul⸗ det! Haſt Du noch nie gehört, daß der Geiſt denje⸗ nigen verfolgt, der ſich am Körper vergriffen? Das ueberirdiſche muß der Rächer des Irdiſchen werden. Ich könnte den Stahl in deine Bruſt ſenken, kein Har⸗ niſch, kein Schild vermöchte Dich zu ſchützen, ich könnte Dein Blut fließend machen, wie den ſchwarzen Pfuhl einer eckligen Lacke, ich könnte mich weiden an dem ſüßen Anblicke, Dich verenden zu ſehen wie eine Schlange, die ſich windet und krümmt, und in ohn⸗ mächtiger Wuth den Fuß preßt, deſſen Ferſe ihren Kopf zerquetſcht. Doch nein! ich will die lang genährte Ra⸗ che nicht ſo ſchnell beſriedigen, ich will den ſüßen Trunk nicht hinunterſtürzen, ſondern tropfenweiſe mit Wolluſt ſchlürfen. Ich verlaſſe Dich, mein Fluch aber bleibt Dir zurück, er wird Dich treffen zu jeder Stunde und an jedem Orte, er wird Dich rütteln aus dem Schlu⸗ mer, wird Dich foltern im Wachen; die Speiſe wird Dir erſtarren im Munde, der Tropfen zum ſiedenden Blei werden in der Kehle, mein Bild wird ſtets vor Deinen Augen ſtehen, und ſein Anblick wird Dich mar⸗ tern, ſo lange ſich nur ein Hauch aus Deiner Kehle ringt, ich aber werde Tropfen für Tropfen auf Dein verruchtes Haupt träufeln laſſen, bis Dein Schädel durchlöchert, und das Hirn, welches ſo viel Böſes ge⸗ brütet, aus der unheilbaren Oeffnung ſickert. Duna ſchwieg. Emilian warf ſich, wie von einem böſen Traumbilde gefoltert, wie von tauſend Furien gepeitſcht, auf dem Lager umher, ſeine Augen waren feſt zugedrückt; der Elende getraute ſich nicht, die Schreckliche anzuſehen; ungewiß, ob es Traum oder Wirklichkeit ſei, wagte es der feige Heuchler nicht, die Hand auszuſtrecken, um ſich Gewißheit zu verſchaffen; er athmete ſchnell und tief, Angſtſchweiß rann ſchnell über die Stirn, die Haare hingen verworren über Nak⸗ ken und Antlitz. Eine Weile ſchon war der ſchreckliche 211 Mund verſtummt— ſtand ſie noch an ſeinem Lager? — Er blinzelte mit dem Auge, öffnete ſie ganz— das Rachegeſpenſt war verſchwunden, er war wieder allein, allein mit ſeinem Gewiſſen! Die Nachricht von dem Entſchluße des Kaiſers hatte ſich ſehr ſchnell verbreitet, ſeine Abreiſe nach Görz war für einen der nächſten Tage feſtgeſetzt, und der all⸗ gemeine Glaube verſprach ſich, als deren Erfolg, einen anhaltenden Frieden mit der Republik. Siegfried hatte die Kunde kaum vernommen, und ſah den ent⸗ ſcheidenden Augenblick herangenahet, welcher ihn zu handeln aufforderte, als er ſich gegen das Landhaus aufmachte; allein was er vorausgeſehen und zum Thei⸗ le erfahren, trat ein, es gelang ihm nicht, bis zum Kaiſer zu dringen, und mochte er die Wichtigkeit ſeiner Bothſchaft noch ſo ſehr anpreiſen. Eigene Sicherheit bemüßigte ihn, mehr heimlich als offen aufzutreten, denn erfuhr Emilian's Verbündeter am Hofe ſein Verlangen, ſo konnte er Verdacht ſchöpfen, den Frei⸗ grafen davon in Kenntniß ſetzen, und er wäre verloren geweſen; er beſchloß daher, ſeine Warnung auf einem unmittelbaren Wege zum Kaiſer gelangen zu laſſen. Der Abend nahte heran, es fing an in den Straßen bereits einſam zu werden, die Dunkelheit nahm überhand, als an die Hausthüre des Meiſters Felir gepocht wurde. Kajetan, welcher ſich eben im Hofe befand, ging, nach dem Einlaßbegehrenden zu ſehen; er trat auf die Straße, und erſchrack nicht wenig, als er des Bett⸗ lers anſichtig wurde, welcher ihnen ſchon ſo oft be⸗ gegnet war. Iſt Dein Junker zu Hauſe? Zwickler deckte mit dem Rücken den Eingang ins Haus und ſprach: Was haſt Du da zu ſuchen, lumpiger Schuft? troll' Dich fort! ſeit wann haben wir Bruderſchaft getrunken, daß Du mich„Du“ nennſt? Schweig! fuhr der Bettler grollend auf, und beantworte meine Frage! Iſt der Junker zu Hauſe? ich habe nothwendig mit ihm zu reden.— Du biſt ein zudringlicher Strolch! rief Kaje⸗ tan, und wenn du nicht Reißaus nimmſt, ſo ſchreie ich die ganze Gaſſe zuſammen, und laß dich in die Trantſchen ſtecken— Der Bettler ſah ſich vorſichtig um, einige Män⸗ ner kamen wirklich daher. Wenn dir deines Junkers Leben lieb iſt, ſo antworte: Iſt er zu Hauſe? Nein! entgegnete Z wickler ohne Bedenken. Weißt du nicht, wo er ſich befindet? Der Andere verneinte. 213 Wann erwarteſt du ihn zurück? Zwickler beſann ſich einige Augenblicke, die Männer kamen immer näher. Schnell, ſchnell, be⸗ antworte meine Fragen, drängte der Andere in ihn. Kajetan ſchwieg, als beſänne er ſich noch im⸗ mer, die Schritte tönten näher, der Bettler ſchöpfte Verdacht, er wähnte, ſein Gegner warte nur das Herbeikommen der Männer ab, um Lärm zu machen. — Verdammter Spitzbube! raunte er ihm zu, das ſollſt du mir büſſen mit Folter und Tod!— Zwick⸗ ler fuhr empor, der Bettler verſchwand, die Män⸗ ner gingen vorüber; es war wirklich Einer von der ſtädtiſchen Scharwache, mit ihm ein Mann in ritter⸗ licher Kleidung, die Dunkelheit ließ ihn nicht erkennen. Sie ſprachen laut mit einander, wahrſcheinlich mochten ſie den in der Thür ſtehenden Kajetan nicht be⸗ merken. Dieſes hier iſt das Haus des Schuſtermei⸗ ſters? hörte dieſer den Einen im Vorbeigehen ſagen. Zwickler ſchüttelte den Kopf, und wollte eben in's Haus zurücktreten, um die Thüre wieder mit dem Riegel zu ſchließen, als eine neue Erſcheinung ihn zu⸗ rückhielt. Duna trat raſch auf ihn zu. Zwickler taumelte einige Schritte zurück und bekreuzte ſich. So hat heute Satanas ſeine ganze Sippſchaft losgelaſſen? brummte er in den Bart. Heiliger Barnabas! verlaß' mich nur heute Nacht nicht! 214 Steht Ihr ſchon lange an der Pforte? fragte die ehemalige Wegweiſerin. Ein halbes Stündchen wird's wohl ſein, ſtotterte Kajetan. War nicht ein Mann hier, von ſchmutzigem Aus⸗ ſehen, mit einem ſchwarzen Pflaſter über das Eine Auge? einen Höcker— Ja, mit dem habe ich geſprochen, er hat nach Junker Siegfried gefragt.— Und Ihr? fragte Duna— Ich habe mich gehüthet, dem Schelm die Wahr⸗ heit zu ſagen, ich habe den Junker verläugnet. Daran thatet Ihr recht; denn der Bettler iſt ſein Feind, und will ihn verderben. Auch mir— jammerte Zwickler— hat er Folter und Tod geſchworen; er wird doch nicht ſo ge⸗ wiſſenhaft ſein, und ſeinen Schwur halten? das könnte mich faſt kränken. O, heiliger Barnabas! wer wird mich ſchützen vor dem Unheil? Seid außer Sorge, die Schlange ſoll unſchädlich gemacht werden, ehe noch der Morgen anbricht. Eilt ſchnell hinaus zu Eurem Junker und ſaget ihm: Er möge ſich beeilen. Was er im Sinne führe, müſſe noch heute Nacht geſchehen, ſonſt entſchlüpft der Schurke und mit ihm ſein Verderber!— n 215 Sie verließ den ſtaunenden Zwickler. Was hat die geſagt? brummte er, der Junker ſoll ſich be⸗ eilen, ſonſt würde der Schelm entkommen? Was mag ſie damit meinen? Ich verſtehe es nicht— aber dem Junker will ich es gleich hinterbringen; die Alte ſcheint es mit uns noch am Beſten zu meinen, ihr müſſen wir trauen. Ach, wenn ich nur mit meiner Urſula ſchon in Wien wäre, um von all dieſen Hexen und Räubern geſichert zu ſein. Ich werde mein Lebtag an dieß Krainerland denken, die Noth und Angſt, die ich ausgeſtanden, werden mir unvergeßlich bleiben. Er verriegelte die Thüre und ſchlich zurück in's Haus. Eine Weile ſpäter umſchlich ein Mann, der Nähm⸗ liche, welcher früher mit dem Scharwächter vorüberge⸗ gangen war, des Schuſters Haus; in demſelben Au⸗ genblicke war es bereits ruhig geworden, er kam an das Gartengeländer, und bemerkte eine Geſtalt über die Planke in den angrenzenden Garten ſteigen, von welchem die Töne einer Laute drangen. Er warf einen forſchenden Blick auf die Umzäunung jenes Gartens, und verlor ſich im Dunkel der Nacht. Siegfried, welcher mit Ungeduld nach dem Rufe der Liebe gehorcht, war ihm mit fröhlichem Herzen gefolgt. Regina harrte ſeiner mit hochpochendem Herzen; waren es doch nur Stunden, welche ſie der Liebe weihen konnte, waren es doch nur wenige Stun⸗ 216 den, die ſie in ſeiner unmittelbaren Nähe zubringen durfte, und ſelbſt dieß mußte heimlich, in ſtiller Nacht geſchehen, ihre Liebe durfte noch nicht das Tageslicht ſchauen, ſie mußte geborgen werden vor Verrath. Ach! die Nacht! ſie bringt giftiges Gewürm, bedeckt Ver⸗ brechen und Sünde, verhüllt den Pfad des Böſen, und belebt lichtſcheues Geflügel; ach! die Nacht bringt Todesſtille und Grabesſchauer, entfeſſelt Elemente, und verwandelt bange Gefühle in zehnfach vergrößerte Schrecken, ſie legt der Erde eine dichte Binde um das große Auge, beſchwört oft Mord und Raub herauf, und läßt die Menſchen die Vorahnung des Todes füh⸗ len; und dennoch kann man ihr nicht grollen, der hol— den Schäferin, der ſüßen Sternenfrau, der zauberi⸗ ſchen Traumdeuterinn, man kann ihr nicht gram ſein, der ſtillen Wandlerin mit den Millionen unenthüllten Geheimniſſen, der zarten Mondesfürſtinn mit ihrem wehmüthigen Ruheleben, der Beſchützerin heiliger Liebe, welche der hundertäugige Tag mitleidslos trennen würde, die ſie aber pflegt und ſchirmt, und gedeihen läßt. Ihre Dunkelheit läßt weder Fürſtenhut noch Bür⸗ gerskappe erkennen, ſie macht den Bettelſtab zum Scep⸗ ter, Perlen und Gold zu glanzloſem Erdenſtaub, und darin iſt ſie dem Tode gleich, daß ſie jeden Unter⸗ ſchied, den die Vorurtheile der Menſchen unter ſich gezogen, verſchwinden läßt, daß ſie ausgleicht und t ih⸗ ri⸗ in, ten be, nen hen ür⸗ ep⸗ und ter⸗ ſich und 217 ebnet, was Stand und Rang als Hinderniß auf⸗ gethürmet. Siegfried fand in Regina's Liebe das Glück, welches er bisher vergebens geſucht, und die Jungfrau geſtand ſich, daß Alles, was ſie bisher ge⸗ noſſen, gegen die Seligkeit wahrer Liebe nur ein Schatten ſei. Die Stunde unſerer wahren Seligkeit, meine Regina— ſprach Siegfried— iſt nicht mehr fern; der Augenblick meiner Wünſche iſt gekommen, und auch du Gelicbte, ſollſt bei dem Werke, welches das Gebäude unſeres Glückes gründen ſoll, mit thätig ſein. Vernimm alſo, was ich dir vertraue: Verräther haben den Kaiſer bewogen, ſeine Reiſe nach Görz anzutretenz er ſoll auf dem Wege von den Genoſſen des Prudenten⸗ bundes überfallen, gefangen genommen, und ſeinen Feinden ausgeliefert werden. Ich habe es bereits ver⸗ ſucht, meine Warnung an den Kaiſer gelangen zu laſſen, allein vergebens! und doch muß dieß geſchehen, denn wer vermöchte mich ſonſt gegen die Rache des mächtigen Bundes zu ſchützen? auch muß dieß heute noch geſchehen; jetzt nun, mein Mädchen, wirſt du mir hilfreiche Hand leiſten. Ich habe hier ein geſchloſ⸗ ſenes Schreibbuch, welches in wenig Zeilen die War⸗ nung enthält. Dieſes übergiebſt du noch heute deinem Der Gezeichnete. U⸗ 19 Vater, als ob du es durch einen fremden Boten mit dem Auftrage erhalten hätteſt, es ihm alſogleich ein⸗ zuhändigen. Er wird es gewiß öffnen und leſen und die nöthigen Maßregeln ergreifen. Wenn dann der dankbare Fürſt vielleicht nach dem Urheber ſeiner Ret⸗ tung forſcht, ſo will ich hervortreten, und nichts An⸗ ders erflehen, als daß er mir helfen möge, meine Mut⸗ ter zu finden, und mich gegen die Verfolgungen meiner Feinde ſichere. Ich will dann im Heere Dienſte nehmen— vielleicht, daß es mir gelingt, unter den Augen deines Vaters in Friaul mich zu jener Höhe emporzuſchwingen, von welcher aus ich dir, mein Mädchen, frei und offen die Hand reichen darf zum unauflöslichen Bunde! Wohl hätte Siegfried gern noch länger ver⸗ weilt, allein die Zeit drängte; Regina übernahm das Schreiben und mahnte ihn ſelbſt an den Augenblick der Trennung; noch einige Augenblicke ruhte ſie an dem Herzen des Geliebten; Küſſe wurden gewechſelt, innig und herzlich drückte Siegfried die Theure noch ein⸗ mal an ſich, und verließ dann die Rotunde und den Garten. Auch Regina eilte gegen das vorne liegende Gebäude. Hinter der Rotunde erhob ſich aber aus dem Ge⸗ büſche ein Mann, und blickte dem Jünglinge lange 5——— N — 218 nach. Du hegſt kühne Wünſche, Bube! rief er ihm leiſe nach; ſäe nur fleißig, ich will ernten und dann den Säemann vernichten! ———— Der Kaiſer ſaß noch wach im Innerſten ſeiner Gemächer. Ein großarmiger Lehnſtuhl ſtützte die ma⸗ jeſtätiſche Geſtalt, in einem der beiden Seitenbacken ruhte das greiſe Haupt. Zwei vielarmige Leuchter ſtan⸗ den auf dem mit Sammt überzogenen Tiſche, Wachs⸗ kerzen brannten in denſelben, und verbreiteten eine ſtrahlende Helle. Der Kaiſer hatte ein einfaches Haus⸗ kleid von grüner Seide auf dem Leibe, die Linke ſtützte ſich auf den Arm des Stuhles, und die Rechte ruhte nachläſſig auf dem Tiſche. Der etwas düſtere Zug um ſeine Augen war zu einem ſanfteren, freund⸗ licheren verzogen, ſeine Miene drückte Wohlbehagen und Zufriedenheit aus. Die Urſache dieſer angenehmen Ge⸗ müthsſtimmung finden wir in dem an ſeiner Seite ſtzenden Sekretär Johann Stabius, welcher ein Pergament⸗Manuſcript in Händen, eben in demſel⸗ ben zu leſen im Begriffe iſt: Theuerdank hin zur Königinn ging, Gar freundlich ſte ihn empfing, *) Theuerdank, d. i. Einer, der auf Abentheuer denkt. So heißt das Epos, deſſen Held(Mar ſelbſt) von allegori⸗ * Führt ihn in ihr köſtlich Gemach, Darinnen ſie ſtets zu wohnen pflog. Nahm dazu etlich ihr geheimen Bäth, Deßgleichen Theuerdank der Held thät, Auf das ſelbſt ſte anfing und ſprach: „Herr, habt Ihr Euch auch die Sach' Bedacht, ſo Ehrenhold geworben hat Pon meinetwegen und meinem Uath, H So wollt mir eine Antwort geben! Theuerdank der ſprach: Ich hab' eben Mein Ehrenhold in ſeiner Red' Vernommen, Und bin durum her zu Euch gekommen, Euch zuvor etwas zu fragen, Eh' ich meine Antwort will ſagen. Edle Königinn! ich hab' daran Rein Zweifel, daß Ihr von viel Mann Erfahren, daß ich vor langer Zeit Von meinem Vater daheim— ſchen Perſonen, Fürtwittig, Onfollo, Neidel⸗ hart angefeindet und in gefahrvolle Abentheuer ver⸗ wickelt wird, bis er endlich die ſchöne Prinzeſſin Ehren⸗ reich(Maria von Burgund) als Braut erringt. Alle geſchilderten Abentheuer hat Maximilian wirklich beſtan⸗ den; er ſelbſt hat auch Plan und Anlage zu dem Gedicht entworfen, ausgeführt wurde es aber vom Probſt Melchior Pfünzing, welcher auch auf dem Titel als Verfaſſer genannt iſt. Das Gedicht erſchien zuerſt in Rürnberg 1517 in Folio, mit vielen Holzſchnitten ge⸗ ſchmückt. 221 Schon gut, unterbrach ihn der Kaiſer ungedul⸗ dig, wir wollen der Königinn Antwort hören, wie ſie 6 unſer Probſt in Reime gebracht. Stabius fuhr fort: Die Königinn antwort mit Züchten: Fochgeborner Fürſt, Herr Theuerdank! Wahrlicher, es iſt nit gar lang Daß viel großer König und Herrn Rinder, von nahend und fern Haben um mich werben laſſen, Doch hab ich's mit guten Maſſen Allzeit in Ruh und Anſtand geſtellt, Dann ich weiß, daß Ihr, edler Held Seid vor andern weiß' und klug Und habt bisher mit Eurem Unfug Beſchirmt wohl mein Land und Leut Drum wäre es nur ein Schand heut, Wo ich Euch das nit genießen ließ, Mein Vater auch mich das ſelbſt hieß, Daß ich keinen nehm zu meinen Mann Dann Euch, edler Held wohlgethan; Dazu hab ich Euch auserwählt, als Euer Weſen mir wohl gefällt, t wiu Euch darauf nehmen zu der Eh', Doch daß Ihr—— Ja! rief der Kaiſer, von einer ungewöhnlichen W Gluth erfaßt, dieß hat ſie geſprochen! Süß, voll Schmelz und Harmonie floſſen die Laute von ihren 222 Lippen; aber kein Reim, kein Gedicht, und vereinte es den Wohllaut aller Zungen in ſich, vermöchte die Wirkung hervorzuzaubern, wie es ihre Worte gethan. O, meine Maria! meine ſüße Maria!— rief er mit einer Stimme, die bis in's innerſte Herz drang, und die blauen Augen glänzten von Feuer und Thränen— Dein Bild wird nie aus meiner Seele ſchwinden, Dein geliebtes Andenken werd' ich ewig bewahren. Du war'ſt meine erſte Liebe, Dich erkohr mein Herz, und Herzen kennen kein Vergeſſen! Sinne trügen, Herzen nie! O, Stabius! Dir kann ich es vertrauen: einmal ſchon ſeit ihrem Tode habe ich meine Marie ge⸗ ſehen. Du weißt, Trittheim* verſtand die Kunſt, Verblichene auf Augenblicke aus den Gräbern zu holen, ich habe ihn auf meinen Knieen beſchworen: den theu⸗ ren Schatten nur Ein Mal herauf zu rufen, er wil⸗ ligte ein. Es war ſeit ihrem Tode der erſte ſelige Augen⸗ lick! Sie ſtand vor mir, die geliebte Geſtalt, mein Auge ſah ſie, mein Herz ſchlug ihr wonnevoll entge⸗ gen, ich glaubte noch die ſüße Stimme wie im Le⸗ ben zu hören, und dem ſtrengſten Verbothe des Ab⸗ tes zum Trotz, konnte ich es nicht unterlaſſen, ſie an⸗ zurufen, mit den innigſten Tönen meiner Liebe anzu⸗ *) Der berühmte Abt Trittheim. Die erwähnte Be⸗ ſchwörung iſt hiſtoriſch. *. 223 rufen— und zerſtörte auf ſolche Weiſe die ganze Be⸗ ſchwörung. Er verſank wieder in Stillſchweigen und fuhr dann fort: Es iſt vorbei; es wird auch mit mir bald vorbei ſein!— Lies weiter. Der Geheimſchreiber wollte eben fortfahren, die Bitte der Königinn zu leſen: Doch daß Ihr mir meine Pitten Gewähren wollt, die ich will ſagen— als ein Kämmerling raſch eintrat und den Grafen von Auersberg meldete, welcher dringend vorge⸗ laſſen zu werden, bat. Marmilian erhob ſich. Was mochte der Landeshauptmann zu ſo beſonderer Zeit vorbringen wollen? Er geſtattete ihm einzutreten. Der Graf hatte eine Schrift in Händen und begann: Mein kaiſerlicher Herr! vergebt! Nur etwas Ungewöhn⸗ liches konnte mich zu ſo ungewöhnlicher Stunde hie⸗ her führen. Habt die Gnade und les't dieſe Zeilen. Der Kaiſer nahm die Schrift, durchflog ſie raſch und blickte dann mit ernſten Mienen auf den Ueber⸗ bringer. Wie kamt Ihr zu dieſen Zeilen, Graf? Auf die ſonderbarſte Weiſe, mein Fürſt! Ein un⸗ bekannter Bote übergab ſie für mich an meine Tochter. Marmilian begann die Zeilen wiederholt, aber dießmal laut zu leſen: Herr Graf! Schmählicher Ver⸗ rath wagt es, ſeine Hand nach dem heiligen Haupte 224 des Kaiſers zu ſtrecken; die Reiſe nach Görz iſt das einzige Mittel, ihn im Birbaumerwalde zu überfallen und der Republik auszuliefern. Um für den Fall des Mißlingens jeden Verdacht zu beſeitigen, ſind Helfers⸗ helfer gedungen— deren Anführer ein Venetianer— im Auftrage ſeiner Vaterſtadt handelt. Wenn die Rich⸗ tigkeit dieſer Angaben eingetroffen, und das Unglück abgewendet ſein wird, dann wird ſich Derjenige zeigen, der dieſe Entdeckung veranlaßt hat. Der Schreiber dieſer Zeilen ſcheint bei allem gu⸗ ten Willen ein unerfahrner Menſch zu ſein; warum gibt er uns nicht Namen an, damit wir Maßregeln treffen können? die Verräther ſind auf ſolche Weiſe ge⸗ borgen, und gehen zuletzt ungeſtraft aus. Jedenfalls will ich alſogleich ſtrenge Nachforſchungen anſtellen laſſen, vielleicht gelingt es zufällig, verdächtiger Perſo⸗ nen habhaft zu werden, die entweder ſelbſt Theilneh⸗ mer, oder mindeſtens von der Verrätherei in Kennt⸗ niß ſind. Handelt nach Eurem Ermeſſen, lieber Graf!— nahm Marmilian das Wort— die Signoria ſoll mir dieſen Streich hart büßen! Jede Unterhandlung iſt abgebrochen, alſogleich werden Boten an die Feldherrn in Italien geſendet, den Krieg mit größter Strenge fortzuführen. Wir werden ihre Truppen verſtärken, und ihnen neue Geſchütze nachſenden. Die Reiſe nach D 225 Görz iſt aufgehoben. Wir kehren von hier nach Ins⸗ bruck zurück. Der Landeshauptmann wurde gnädig entlaſſen. Maxmilian und Stabius blieben allein zurück. Alſo Meuchelmörder ſenden ſie gegen mich? begann der Kaiſer wie im Selbſtgeſpräch; armer Theuerdank! ſo hat Dir Herr Neidhart einen Streich ge⸗ ſpielt. O, Venetia! Venetia! auch Du gehſt Deinem Untergange entgegen! Einen Fuchs, um den ſich eine Schlange ringelt, ſollteſt Du im Schilde führen, und nicht einen königlichen Löwen, denn der kennt ſolche meuchleriſche Tücke nicht. Solches Handeln kann nicht Segen bringen! es iſt wie ein giftiger Nebel, der ſich aus Deinen Lagunen empor bebt. O, ich ſehe Dich ſchon untergegangen im Laufe der Zeiten, herausgeſtri⸗ chen aus der Reihe der Staaten, herabgeworfen von der Höhe, auf welche Dich Deine Argliſt gehoben. Habsburg wird noch lange ſein, und Du wirſt ſchon bei den Todten liegen, und von Deiner ganzen Hoheit wird kein Funke mehr glimmen; nur von Deinem Schrecken wird man ſprechen, Deine Bleidächer wer⸗ den bleiben, und Deine Todesbrücke wird ſich bis in die Ewigkeit hinüberwölben; aber Du ſelbſt wirſt ver⸗ gehen, Dein Glanz und Deine Pracht werden umdun⸗ kelt, Deine Hoheit wird zerronnen ſein, und nur Deine 226 Schrecken im Gedächtniße der Nachwelt fortleben. Dieß iſt das Loos eines Staates, deſſen Grundpfeiler auf Tirannei und kalter Berechnung fußen! Eine Stunde ſpäter begann es in den Straßen von Laibach lebendig zu werden. Den Anfang der Unruhe verurſachten Wächter und Schaardiener, welche durch die Stadt und Vorſtädte gingen, an vielen Häuſern klopften, mit den Eigenthümern derſelben lange ſpra⸗ chen, und ihre Forſchungen dann weiter fortſetzten. Da ſich die ſolchermaßen Aufgeſtörten, die dunklen Re⸗ den nicht zu deuten wußten, ſo waren ſie auf die eigent⸗ liche Urſache der wichtigen Forſchung neugierig, traten in Haufen zuſammen, und beſprachen den ungewöhn⸗ lichen Vorfall. Indeſſen wurden die Bürger unter Waf⸗ fen gerufen, denn ſchon damals bildeten ſie drei Hau⸗ fen mit drei Kornetts, zweien Lieutenants, welche alle von einem Hauptmanne befehligt wurden. Dieſe wur⸗ den bewaffnet auf ihre Sammelplätze gerufen, und da auch Meiſter Schnitzenbaum zu den Stadtverthei⸗ digern gehörte, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß auch in ſeinem Hauſe die Ruhe für dieſe Nacht geſtört ward. Siegfried und Kajetan fanden ſich bei dem Haus⸗ wirthe gleich ein, und Letzterer konnte ſich über den H ————— —„ H 22* plötzlichen Rumor nicht ſattſam verwundern. Dem Jun⸗ ker ſchlug ſein Herz unruhig im Leibe, denn nun war ſein Werk begonnen. Allein was ſollte der Aufruhr in der Stadt? ſuchte man vielleicht den Schreiber dieſer Zeilen? Oder war man dem Theilnehmer von Seite der Republik auf der Spur? Duna's Warnung vor einem Feinde konnte er nur auf ſeinen Stiefvater be⸗ ziehen.— Sollte dieſer vielleicht die Unterſuchung ver⸗ anlaßt haben?— Er dachte einige Augenblicke nach und beſchloß, mit Kajetan hinauszueilen und Du⸗ na aufzuſuchen, denn ihrer Warnung zu Folge mußte ſie etwas Näheres wiſſen. Unter dem Vorwande, nach der Urſache des Ereigniſſes zu forſchen, verließ er daher mit Zwickler und Meiſter Felix, welch Letzterer dem Sammelplatz der Bürger zueilte, zu gleicher Zeit das Haus. Auf dem Sammelplatze ſah man Wächter, Be⸗ waffnete und Bürger durcheinander rennen. Alles ge⸗ ſchah mit einer Eile und Schnelle, daß man ſchier hätte glauben ſollen, ihr Zweck ginge bei einem nur Mi⸗ nutenlangen Aufenthalte verloren; mitunter ſah man auch Knappen und Knechte fortrennen, wahrſcheinlich, um aus den Vorſtädten für ihre Gebiether Roſſe zu holen; das Ganze, welches nach dem Plane des Lan⸗ deshauptmannes eine heimliche Unterſuchung hätte wer⸗ den ſollen, war ohne deſſen Willen faſt zu einem offe⸗ 228 nen Tumulte gediehen. Meiſter Felir hatte ſich von den beiden Anderen bereits getrennt, und ſeinen Weg fortgeſetzt, als der Zufall es wollte, daß auch Sieg⸗ fried und Kajetan ſich in einem ſinſteren Gäß⸗ chen verloren und jeder, in der Hoffnung den Andern zu finden, den entgegengeſetzten Weg einſchlug. Der Junker, ohne viel Zeit mit unnützem Spähen zu verlieren, wollte eilig ſeinen Zweck verfolgen und ſteuerte weiter, da huſchte eine Geſtalt an ihm vor⸗ über; täuſchte er ſich nicht, ſo war es— wie der Blitz durchfuhr es ihn— ja es war der Bettler, der zudring⸗ liche Strolch, welcher ihm ſchon ſo oft entgegen getreten war. Sollte vielleicht ſein Verfolger dieſe Maske— der Gedanke durchfluthete ſeine Seele und geſtaltete ſich beinahe zur Gewißheit. Der Entſchluß war raſch gefaßt, er folgte dem Eilenden nach. Die Glocke einer nahen Kirche kündete eben die erſte Stunde nach Mit⸗ ternacht, der Wächter auf dem Schloßberge ſchlug, zum Zeichen ſeiner Wachſamkeit, die nämliche Stunde auf einer kleinern Glocke nach. Die Nacht, wiewohl ohne Mondlicht, war doch eine jener freundlichen Früh⸗ lingsnächte, die wohl dunkel, aber keineswegs finſter ge⸗ nannt werden können. Siegfried erkannte daher den Voraneilenden genau für denjenigen, für den er ihn im erſten Augenblicke gehalten hatte. Der Andere aber, kaum daß er die haſtigen Schritte hinter ſich hör⸗ — — 22b te, begann die ſeinigen zu vergrößern; der Junker merkte die verdächtige Eile und verdoppelte auch ſeine Schritte; ſo waren Beide wie im Einverſtändniſſe in ein heftiges Laufen gerathen, bei dem es dem Verfolger trotz ſeiner Leichtigkeit nicht gelingen konnte, den An⸗ dern einzuholen. Der Bettler wand ſich meiſtens durch finſtere Nebengäßchen, trat ſelbſt im Laufen leiſe auf, um dem Verfolger jede Spur abzuſchneiden; allein Siegfried ließ ſich nicht täuſchen und horchte dem Odem des Vorankeichenden. Die Jagd hatte bei⸗ nahe eine Viertelſtunde gedauert, der Verfolgte mochte wahrſcheinlich mit den Windungen und Krümmungen der Gaſſen auch nicht recht vertraut ſein, ſonſt würde er ſchon längſt einen Ausweg gefunden haben. Jetzt wand er ſich aus einem Gäßchen heraus, das Rauſchen der Laibach drang ihm entgegen, Siegfried blieb raſch hinter im her. Der Andere gewann durch einige Sprünge einen noch größeren Zwiſchenraum; jetzt war er am Ufer, wie zufällig ſtieß er an ein leeres Faß, kollerte es raſch vor ſich hinab bis zur Fluth, tauchte es hinein, ſchwang ſich reitend darauf und rauſchte, vom Strome getragen, hinab*). Der Junker, das Unmõg⸗ liche der ferneren Verfolgung einſehend und zürnend, daß * Dieſe Schiffahrt war in Krain nichts ungewöhnliches. Siehe Erasmus Franziskus. 230 ihm ſeine Beute entgangen, trat jetzt ſeinen Rückweg an. Die Glocken verkündeten eben das zweite Viertel⸗ nach Ein Uhr; gedankenvoll ſchritt er vorwärts. Ohne eigentlich eine beſtimmte Richtung einzuſchlagen, über⸗ ließ er ſich dem Zufalle, ſeine Sinne waren nach dem Entflohenen gerichtet; wer mochte es ſein? Jetzt, da er ſeiner Nähe entrückt war, jetzt begann die Neu⸗ gierde nach dem Räthſelhaften wach zu werden, jetzt bereute er es, ihn, der ihm ſo oft gegenüber geſtan⸗ den war, nicht angehalten und zum Entlarven ge⸗ zwungen zu haben, denn jetzt ward es ihm ſchier zur Gewißheit, daß hinter der häßlichen Verpuppung Jemand ſtecken mußte, der ein Abſehen auf ihn hatte; und wer konnte dieß anders, als ſein Verfolger, ſein Stiefvater, ſein? Unmuthig über das Mißlingen, zum Theil wieder froh, den Bedrohlichen wieder fern zu wiſſen, war er fortgeeilt, als er ſich plötzlich am Arm ergriffen fühlte. Es war Kajetan, der ſich in eine Fluth von Reden ergoß: Dem heiligen Barnabas ſei Dank! daß ich Euch, Herr Junker! wieder finde; ich habe Todesangſt ausgeſtanden! Um mich? fragte der erſtaunte Junker. Um Euch! Ja! Aber auch um meine Wenigkeit. Ach, Junker Siegfried! die heutige Nacht bringt mich um mein junges Leben, und mordet in mir, wer weiß wie viele Menſchen noch, denn Ihr wißt, ich — ————.„—— NM — 231 bin mit meiner Urſula ſchon ſo viel als verehelicht, bin alſo ein kerngeſunder Bräutigam, und wenn man einen ſolchen auf malefikantiſche Weiſe um ſein Bischen Leben bringt, ſo mordet man in ſeiner Perſon auch ſeine ganze Nachkommenſchaft, und wer mich jetzt ab⸗ kehlt, bringt die Welt mindeſtens um ein Duzend junger Zwickler und Zwicklerinnen, deren Verluſt nicht ſo leicht erſetzt werden kann. Wißt Ihr, wen ich vor einer halben Stunde geſehen habe? rathet ein Mal, Junker! Doch nicht die Alte?— fiel der Junker ein. O nein! entgegnete Kajetan raſch, die hätte mir auch keinen ſolchen Schrecken verurſacht; aber der Schuft, der Strolch, der lumpige Bettler war's— Wie? der Bettler? fuhr ihn Siegfried raſch an. Ja, der Schelm trat mir entgegen, ſah mich an, und ging an mir vorüber, ſo mir nichts dir nichts, als ob er zum hieſigen Stadtrath gehörte. Und wo habt Ihr ihn geſehen?— Draußen in der Vorſtadt, in der Nähe der Wein⸗ ſtube zum Maſtbaume. Um welche Zeit? fragte der Junker weiter. Gerade vor einer halben Stunde; die Glocken ſchlugen eben Eins, und das war es, was mir eigent⸗ lich in die Beine fuhr. Siegfried ſprach: Ihr werdet Euch wohl geirrt haben? um dieſe Zeit könnt Ihr ihn nicht geſehen haben! 232 Vergebt mir, Junker Siegfried! daß iſt eine ſonderbare Behauptung! ich bin weder ſchlaf⸗ noch weintrunken, und den Schelm kenn' ich zu gut, um ihn nicht ſelbſt in der rabenfinſterſten Nacht unter Tau⸗ ſenden herauszufinden! Nun, damit Ihr's nur wißt, ich habe den nämli⸗ chen Bettler ganz um dieſelbe Zeit, auf einer entge⸗ gengeſetzten Seite geſchen und verfolgt, er entkam mir nur, indem er auf einem Faße auf dem Fluße hin⸗ abfuhr. Kajetan ſchöpfte ſchwer Odem. Da habt Ihr's, Junker! hab' ich es Euch nicht immer geſagt, daß es mit dem Bettler nicht richtig ſei? Er iſt— der heilige Barnabas weiß, was! und fährt auf einem Faſſe? Ja, ein Krokodill, ein Lindwurm, vielleicht gar ein Meerfräulein war es, auf dem er geritten; Ihr habt es nur nicht recht geſehen, das iſt die ganze Beſche⸗ rung! Ach, wenn ich nur ſchon mit meiner Geſponſin dort wäre, wo der Wolf den Gänſen predigt*). Unter ſolchen Klagen, die von Siegfried nicht beachtet wurden, gelangten ſie auf den damaligen Wieſenplatz vor dem deutſchen Thore, wo die Bür⸗ ger ſich eben geſammelt hatten, um in verſchiedenen *) Ein Haus in der Wallnerſtraße in Wien, warauf ſich dieß Gemälde befindet. — 233 Richtungen, in kleine Häuflein getheilt, ausgeſendet zu werden, um alle Verdächtigen aufzuſuchen und feſt⸗ zunehmen. Kajetan fühlte ſich wohler, als er ſich in der Nähe ſo vieler Menſchen befand, die überdieß noch bewaffnet waren. Jetzt kam einer der Bürger auf ihn zugerannt, es war Meiſter Felir. Gut, daß ich Euch treffe, Herr Junker! kommt mit zu jenem Häuflein, zu dem ich gehöre, und welches ſich gleich auf den Weg machen wird; ich möchte nicht gerne zu⸗ rück bleiben; wenn ich mich hier verplaudere, ſo wüßte ich den andern nicht zu folgen, da ich die Richtung nicht weiß, welche ſie einſchlagen werden. So, hier laßt uns ſtehen bleiben! Hört alſo, was ich Euch mitzutheilen habe: vor ungefähr dreiviertel Stun⸗ den, es war gerade Ein Uhr, glaube ich, war Je⸗ mand hier und fragte nach Euch. Nach mir? rief Kajetan auffahrend— Warum nicht gar? Nach dem Junker! Und wer war es? forſchte Siegfried. Ein ſehr verdächtiger Kerl, lumpig angethan, einen ſtarken Höcker, ein ſchwarzes Pflaſter um ein Auge, einen Strobelkopf— Heiliger Barnabas! ſtotterte Kajetan— der Bettler, wie er leibt und lebt!— Und Ihr habt ihn nicht angehalten? rief der Junker? Hätte er nicht nach Euch geforſcht, wäre dieß 20 234 gewiß geſchehen, ſo aber ließ ich es gewähren, und er entfernte ſich eilig von mir.— Erlaubt mir, mein zukünftiger Herr Schwieger, nahm jetzt Kajetan das Wort, ſagt mir noch ein⸗ mal: wo und wann habt Ihr beſagten Kerl geſehen? Hier auf dieſem Platze, genau um die erſte Stunde nach Mitternacht! lautete die Antwort. Der Wiener zog jetzt ſein Barett vom Haupte, klopfte ſich dreimahl an die Bruſt, ſchlug ein Kreuz und ſprach faſt weinend:„Dein Wille geſchehe, im Him⸗ mel und auf Erden; gieb uns unſer tägliches Brod, und führe uns nicht in Verſuchung!“ Dann wandte er ſich zu ſeinen Gefährten: Nun Junker! was ſagt Ihr wieder zu dieſer Geſchichte? an drei verſchiedenen Or⸗ ten war er zu gleicher Zeit; auf einem Faße, meintet Ihr, ſei er fortgefahren? ja, auf dem Teufel ſeiner Großmutter iſt er fortgeritten, und wenn die Laibach ſo ein chriſtlicher Fluß iſt, wie unſere Donau, ſo wird ſie die ſataniſche Tauſendgeſtalt mit Haut und Haar verſchlingen, wie jeden andern Teufelsbraten.— Hei⸗ liger Barnabas! ſchrie er, ſich ſelbſt unterbrechend, plötzlich auf. Was habt Ihr? riefen die Andern erſtaunt.— Dort— dort ſeht Ihr? dort fährt der Satanas wieder hin! rief Zwickler, und wirklich ſahen die Andern den Bettler dahin ſchleichen.— — — — 235 Siegfried wollte ihm nun ſchnell nacheilen, allein er fühlte ſich am Arme gehalten; unwillig ſah er zurück, und Duna ſtand in der Mitte des Bürger⸗ häufleins. Die hatte uns heute Nacht noch gefehlt! jam⸗ merte Kajetan zu ſeinem künftigen Schwieger. Die Alte aber ſprach zu Siegfried: Bleibt ruhig und laßt das Gewürm ſchleichen, Ihr werdet dergleichen Geſchmeiß noch genug zu ſehen bekommen! lohnte es ſich wohl der Mühe, es einzufangen? wenn der Kopf zertreten iſt, dann ſoll an die Glieder die Reihe kom⸗ men! So Ihr mir folgen wollt— wandte ſie ſich zu den Andern— ſo will ich Euch zum Neſt der Schlange leiten, Ihr ſollt Denjenigen finden— was Euch wohl in Staunen ſetzen wird— welcher die Urſache all' die⸗ ſer Störung iſt.— Die Bürger ſowohl, als Siegfried, wußten ſich die räthſelhafte Rede der Alten nicht zu deuten. Letz⸗ terer begann ſogar ſchon zu fürchten, daß dieſe For⸗ ſchung keine Folge ſeiner Warnung, und dieſe unbeach⸗ tet geblieben ſei; doch hatte Duna's Weſen ſo viel Gewißheit und Ehrfurchtgebiethendes an ſich, daß es weder ihm, noch den Andern einfiel, ihr nicht Folge zu leiſten. Das Häuflein machte ſich daher auf den Weg. Es beſtand aus vier bewaffneten Bürgern, zu welchen Meiſter Schnitzenbaum gehörte, worunter 236 Einer die Würde eines Rottmeiſters begleitete; ferner aus Duna, Siegfried und Kajetan. Der Weg führte ſie hinaus auf die Straße gegen Cilly. Duna ging ſchweigend voran, ihr folgte Siegfried und der Rottmeiſter, dann kamen zwei Bürger, und den Beſchluß machten Meiſter Felix und Zwickler. Wiewohl die Alte Allen Stillſchweigen geboten hatte, konnten es die Letzteren Zwei doch nicht über ſich brin⸗ gen, ſolches ganz zu beobachten, und liſpelten leiſe mit einander. Kajetan war der Erſte, welcher die Be⸗ merkung machte, daß er bereis neugierig ſei, wohin ihre Wegweiſerin ſie wohl führen würde. Ach, mit der bin ich ſchon ein hübſches Stück⸗ chen gegangen— ſprach er zu ſeinem Nebenmanne— ſie weiß Beſcheid, das muß man ihr laſſen, aber deß⸗ wegen trau ich ihr doch nicht! Da habt Ihr recht! verſetzte der Meiſter. Mit alten We bern iſt nicht gut Kirſchen eſſen! Ihr kennt alſo die Verdächtige? Verdächtig? Oho! woher wißt Ihr das? Da müßt Ihr mich fragen: ich könnte Euch Gerichte auf⸗ tiſchen von der Verdächtigkeit dieſer Perſon, aber Ver⸗ dacht iſt noch keine Gewißheit! denn wenn ſie nicht die⸗ jenige war, die auf dem Slivenza auf dem Baume ge⸗ ſeſſen, ſo kann ich wenigſtens ihr nichts Böſes nach⸗ ſagen. Aber das Donnerwetter fängt ſchon an, ſich 237 wieder in unſre Angelegenheiten zu mengen— Ihr werdet ſehen, mein zukünftiger Herr Schwieger, die Sache nimmt kein gut Ende. Hohl der Henker alle Hexen und Räuber! von Morgen an ſoll's anders werden— ich ſag' meinem Junker Valet, pack' meine Urſula zuſammen, und zieh' gen Wien; indeſſen könnt Ihr Eure ſieben Sächelchen zu baarer Münze machen und nachkommen. Ihr werdet auch dort Arbeit genug be⸗ kommen, und wenn Ihr auch den Kram nicht auf einer oberen Brucken, wie hier haben werdet, ſo werdet Ihr ihn doch im Schuſtergäßlein, oder ſonſt wo bekommen, und für Kundſchaften, da laßt nur den lieben Herrgotth ſorgen; wir haben in unſerem Wien Pflaſtertreter genug, die mehr Rindsleder als ſonſt was brauchen. Meiſter Felir war mit Kajetan ganz einver⸗ ſtanden, und äußerte ſich hierüber auch ohne Bedenken. — So unterhielten ſich Beide von ihrem zu beginnen⸗ den Leben, und ſchmiedeten Pläne für die Zukunft. Indeſſen begann das Schwarz der Nacht zu ſchwinden, und der Tag fing zu grauen an. Im Oſten röthete ſich der Himmel, ein erfriſchender Wind wehte von dem nördlichen Gebirge her, um gleichſam die Nacht zu ver⸗ ſcheuchen, die Aehren der umliegenden Felder wiegten ſich, und glichen den grünen Wellen eines Sees, über deſſen Fläche der Wind ſtreicht. Auch begannen ſchon 238 wache Sperlinge in den Gebüſchen und Hecken zu zwit⸗ ſchern, hie und da ſchlug eine Nachtigall aus dem trau⸗ lichen Buſch, es wurde lebendig auf der Erde und in den Lüften. Siegfried ging ſchweigend hinter Duna her, Neugierde und Ungewißheit peinigten ihn; wäh⸗ rend ſeine Füße ihn aus Laibach hinaus trugen, blieb die Seele daſelbſt zurück. Er verſuchte es einige Male, Duna anzuteden, erhielt aber keine Antwort, ſon⸗ dern nur die ſtumme Bedeutung, ſich zu gedulden. So hatten ſie bereits eine hübſche Strecke außerhalb der Stadt zurückgelegt, als ſich links von den Aeckern quer hinüber ein ſchwarzer Streifen zu bewegen ſchien. Das Halbdunkel ließ der Entfernung halber nichts Näheres erkennen. Duna blieb forſchend ſtehen, die ihr Folgenden, ihrem Beiſpiele nachahmend, thaten ein Gleiches. Je länger ſie ſtanden, deſto näher bewegte ſich der Gegenſtand, und aus der Dunkelheit trat nach und nach eine Gruppe hervor, welche aus mehreren Männern beſtand. Duna durchflog raſch die Umge⸗ bung, ein nahes Gebüſch am Feldrain kam ihr erwünſcht; ſie winkte den Anderen, ihr hinter dasſelbe zu folgen. Die Gruppe war indeſſen wieder näher gekommen, im⸗ mer mehr entfalteten ſich die einzelnen Theile derſelben, immer ſchärfer traten die Umriſſe hervor, man konnte bereits einzelne Geſtalten wahrnehmen— es waren Männer, welche etwas herbeiſchleppten— ſie waren — S—„— 239 Alle ſchwarz gekleidet, nur an der Spitze ſchwankte etwas Weißes einher. Jetzt waren ſie noch näher ge⸗ kommen, und man ſah deutlich vier Träger mit ſchwar⸗ zen Gewändern, einen Sarg auf den Schultern, und an ihrer Spitze einen Prieſter, mit dem weißen Chorhemde angethan. Heiliger Barnabas! liſpelte Kajetan, thun die ſchon ſo zeitlich ihre Todten zur Ruhe tragen? Die Leichenträger waren ihnen indeſſen bis auf kaum hundert Schritte näher gekommen, als Duna, nachdem ſie den Andern ein Zeichen gab, ſich ruhig zu verhalten, hinter den Gebüſchen hervortrat. Die Tod⸗ tenträger murmelten einander einige Worte zu, und ſetzten ihren Weg weiter fort. Haltet einen Augenblick an, meine Freunde! rief die Seherinn vom Cirknitzer Boden, mein Herz ſagt mir, daß der Hingeſchiedene, den die Bretter dieſes Sarges bergen, mir nahe angehe— Scher' dich aus dem Wege, wahnſinniges Weib! rief einer der Träger, der Verblichene iſt ein Armer unſeres Ortes, und hatte keine Freunde und Verwandte! Ihr lügt! rief Duna zur Antwort, er hatte eine Freundinn, und die war ich! Er aber hat ſie verläugnet, ich will ihn ſehen, muß ihn ſehen— Störe die Ruhe des Todten nicht— begann der Prieſter mit einer Stimme, die ſalbungsvoll hätte ſein 240 ſollen— verzögere nicht das letzte Werk, welches wir an den Ueberreſten eines Sterblichen thun wollen! Ich muß den Todten ſehen! ſchrie Duna, Ver⸗ zweiflung heuchelnd, ich muß ihn noch einmal an mein Herz drücken, mein Athem ſoll ihn beleben, mein Hauch ſoll ihn erwärmen, herab mit dem Sarge von den Schultern!— Zurück Wahnſinnige!— ſchrieen die Träger. Ich rufe nach Hilfe! zürnte Duna.— Der Ton in deiner Kehle ſoll erſticken! donnerte der Prieſter, riß einen Dolch aus dem Buſen, und ſprang auf die Seherin los. Dieß war ein Zeichen für die Verborgenen: mit einem Angriffsgeſchrei hervorzu⸗ brechen, und die einförmige Scene gewann im Nu ein vielgeſtaltigeres Leben.— Das Geſchrei der Bürger erſcholl— Duna rang mit dem Gegner— die Träger ließen den Sarg ſinken und ergriffen die Flucht— die Bürger hinter ihnen drein.— Laßt den Sarg nicht! hörte man Duna rufen, und Kajetan warf ſich mit ſeiner ganzen Wucht über denſelben.— Siegfried ſprang der Alten zu Hilfe, ſchonte jedoch des Prieſters. Da ſchrie ihm Duna zu: Es iſt kein Diener des Herrn, ſon⸗ dern Einer von den Verkappten!— Jetzt griff der Jüngling an, umfaßte den Ringenden, riß ihn zu Boden, der Fallende ſtieß mit dem Dolche nach ihm, ——— X2 N in n 241 der Stoß ging fehl— Siegfried griff nach dem Stahl, entriß ihn dem Wüthenden, und verſetzte ihm mit dem Heft einen Schlag auf die Schläfe, daß er bewußtlos liegen blieb. Indeſſen hatte Kajetan mit dem Sarge ſchwere Noth, denn trotz ſeiner Wucht wälzte ſich das hölzerne Gehäuſe nach rechts und links. Der Todte iſt lebendig geworden! ſchrie der Wiener, kommt herbei und helft mir!— Aus den Luftlöchern des Sarges drang ein Schnaufen und Keuchen; Ka⸗ jetan fühlte die Mühe ſeines Gegners, den Deckel zu öffnen; jetzt kamen Duna und Siegfried und winkten Kajetan, ſich zu erheben. Die ſchwarze Tuchdecke war während dieſes Wälzens herabgeglitten, und der Sargdeckel auf den Boden zu liegen gekommen; der Lebende im Innern ſpürte kaum die Erleichterung, als er ſich ſammt dem Sarge raſch erhob, dieſer fiel zurück, und wie aus einer geöffneten Nuß ſich hinaus⸗ ſchälend, ſtand, mit Tiegeraugen um ſich blickend, der Bettler da. Die zottige Haarkappe war aber vom Haupte gefallen, die ſchwarze Binde hatte ſich aufge⸗ löst, und hing über das Antlitz.— Heiliger Barnabas! ſchrie Kajetan mit faſt vergehender Stimme, das iſt der Freigraf! Ja! donnerte Emilian mit unmenſchlicher Kraft, das iſt er! Noch immer ſtark genug, dich und den Buben dort unſchädlich zu machen! Der Gezeichnete. II. 21 242 Wie vom Blitze gerührt, ſtarrte Sie gfried den verkappten Heuchler an, deſſen Mißtrauen dießmal ſeine Feigheit überwog, indem es ihn zu dieſer Maske trieb, um ſelbſt das Benehmen Desjenigen zu über⸗ wachen, den er für den Treueſten anerkannt hatte. Doch nur einen Athem lang währte dieſe Unthatigkeit des Jünglings, dann aber warf er ſich dem Freigrafen entgegen und umfaßte ihn; alſogleich fühlte er den Bruſt⸗ und Rückenharniſch, welche den Verkappten beſchützten; er warf den Dolch von ſich und begann mit Emilian zu ringen. Iſt dieß der Lohn— keuchte der Freigraf— daß ich dich in mein Vertrauen zog?— Ja! rief Siegfried zur Antwort, dieß für deinen Verrath! Das Ringen der Beiden währte einige Augen⸗ blicke fort; unſtreitig wäre Siegfried unterlegen, hätte die frühere Anſtrengung die Kräfte ſeines Geg⸗ ners nicht ſchon erſchöpft. Während dieſer Friſt ſtand Duna zitternd an Leib und Seele. Mit gierigen Blicken ſah ſie auf den Ausgang des Kampfes; ja, ihre Stimme tönte für Siegfried aufmunternd dazwiſchen. Kajetan aber, als ſeine Furcht ſich gelegt hatte, eilte dem Junker zu Hilfe. 243 Elende Meuchler! heulte der Freigraf.— Gegen Räuber kein ehrlicher Kampf! ſchrie Duna. Zitt're Verräther! ich habe dir die Stunde der Rache verkündet, habe ſie über dich heraufbeſchworen, mir allein haſt du Alles zu verdanken, was über dich her⸗ einbrechen wird!— Die vier Bürger brachten indeſſen zwei der Ent⸗ wichenen gefangen zurück, ſie waren mit den weißen Stricken, welche ſie früher als Leichenträger um den Leib hatten, gebunden. Der Kampf mit dem Frei⸗ grafen war auch zu deſſen Nachtheile geendet, und der Ueberwundene— Duna und Siegfried verwün⸗ ſchend— wurde zu den Andern gekoppelt; jener, wel⸗ cher die Rolle des Prieſters fälſchlich übernommen, hatte indeſſen ſeinen Geiſt aufgegeben. So trat der Zug ſeinen Rückweg an. Kajetan zupfte ſeinen Schwieger: Wenn wir auch den Bettler jetzt im Sarge gefunden, ſo bleibt mir ſein Erſcheinen, an ſo vielen Orten zu gleicher Zeit, doch immer ein unheimlich Räthſel! Meiſter Felix lachte vor ſich hin und ſprach: Wir haben's ſchon heraus, denn die Alle hier ſind unter den ſchwarzen Röcken eben ſo, wie der Schelm da, an⸗ gethan; es fehlt ihnen nur die zottige Haarkappe und 244 das ſchwarze Augenpflaſter, welches ſie wahrſcheintich von ſich geworfen. Verdammter Spitzbube! rief Kajetan, der Kerl hätt' uns ja bald mit einer Faſtnachtsmummerei zum Beſten gehabt? das iſt ein abgedrehter Schelm! er hat für den Fall des Verrathes, die Verfolger nur irre leiten wollen? aber die Alte hat ihm eine Naſe ge⸗ dreht; ja trau' einer nur den Weibern, im Naſen und Geweih ſetzen, kömmt ihnen Niemand auf! Die Sonne ſtieg unbewölkt und purpurroth am Himmel auf, der junge Tag wuchs goldig empor, ein herrlicher Frühlingsmorgen ſtieg von den Bergen ein⸗ her, das Haupt mit grünen Blättern umwunden, das Antlitz roſig und in Freude ſtrahlend, in der Hand das luſtige Banner von duftigen Blumen, ſchien er freudig die vom Haupte des ritterlichen Kaiſers abge⸗ wendete Gefahr aller Welt zu verkünden! —————— Auf dem alten Markte nächſt dem Rathhauſe, waren Schranken wie zu einem Ringelrennen eingerich⸗ tet; eine purpurbelegte, erhöhte Baluſtrade mit zwei auf entgegengeſetzten Seiten angebrachten Prachttreppen, lehnte an dem alterthümlichen Gebäude, welches heute, 3 —, —— —— 245 ſo wie alle andern, den Markt umgebenden Häuſer, be⸗ ſonders freundlich aufgeputzt war, da dieſe mit ihren weit aufgeriſſenen Fenſtern ganz jenen gemüthlichen Menſchen glichen, deren Augen uns herzlich und offen entgegen blicken. Auf der Baluſtrade ſelbſtſtand ein thronartiger Sitz, neben welchem die goldene Krone hing, von einem doppelköpfigen Adler getragen; jener war zur Aufnahme der Kaiſerlichen Majeſtät beſtimmt, welche ſich noch vor ihrer Abreiſe, die nun gegen Ins⸗ bruck und nicht gegen Görz erfolgen ſollte, dem Volke zeigen, und mehrere Kaiſerliche Gnaden der Stadt ſelbſt, dann wieder einigen Herrn und Edlen, und endlich ſelbſt einzelnen Bürgern ertheilen wollte. Mit dem zehnten Glockenſchlage wurde das Ge⸗ dränge auf dem alten Markte wo möglich noch mehr vergrößert; denn unter Trompetenklang und Pauken⸗ ſchall erfolgte die Ankunft des Kaiſers und ſeiner glen⸗ zenden Begleitung. Die Gnadenertheilungen begannen. Unter den Zuſchauern, in der Nähe der einen Treppe, befand ſich auch Siegfried mit hochpo⸗ chendem Herzen, und einer bis an's Peinliche grenzen⸗ den Erwartung. Geſpannt horchte er dem Aufrufe des Herolds, welcher nach Beendigung eines jeden Aktes einen neuen Namen ausrief, worauf der Betreffende immer über eine der Treppen, die Baluſtrade betrat. 246 Jetzt ertönte wieder Trompetenruf, des Herolds Stim⸗ me erſcholl von Neuem, und forderte den Schreiber jener Zeilen vor, die am Abende früher durch einen Unbekannten im Pallaſte des Landeshauptmannes ab⸗ gegeben worden waren. Wie ein Blitz fuhr es bei die⸗ ſen Worten Siegfrieden durch's Herz, er zertheilte die Menſchenreihe, welche ihn noch von der Treppe trennte; dieß währte einige Augenblicke, dann ſtürmte er dieſe mit glühendem Antlitze hinan— jetzt ſtand er am Ziele, deſſen Erringen bisher der Inbegriff aller ſeiner Wünſche war; jetzt glaubte er die Schwelle ſei⸗ nes Mißgeſchickes im Rücken zu haben, da ſtand ihm wie ein grauſes Schreckbild ſein Verfolger, ſein Stief⸗ vater gegenüber. Siegfried taumelte einige Schritte zurück. Großes Staunen bemeiſterte ſich aller Zuſchauer, ſelbſt der Kaiſer ſah verwundert auf die Beiden, wel⸗ che auf Einen Ruf, auf beiden entgegengeſctzten Trep⸗ pen herangekommen waren, und denen man es anſah, daß ſie ſich als Gegner gegenüber ſtanden. Dieſe konn⸗ ten nicht im Einverſtändniß handeln, und doch woll⸗ ten ſich Beide als Schreiber jener Zeilen geltend machen; Einer von ihnen mußte alſo ein Betrü⸗ ger ſeyn! Siegfried's Feind, auf dieſen Auftritt vorbe⸗ reitet, ließ deſſen Betroffenheit nicht unbenützt vor⸗ ſr ih jet ih du be al re ket we Ur J hü er tig che 247 überſtreichen, ſondern trat einige Schritte vor, und ſprach mit lauter Stimme: Ich bin der Schreiber jener Zeilen! Siegfried taumelte auf, dieſe Worte gaben ihm das Leben wieder; er rief: Ihr lügt! ich— habe jene Zeilen geſchrieben! Der Kaiſer winkte jetzt ſeine nächſte Umgebung zur Ruhe und ſprach: Sie ſollen ihren Streit zu Ende führen! Ein Murmeln über dieſen ſonderbaren Vorfall durchlief die Menge; Alles blickte auf die beiden Mitbewer⸗ ber und war auf die Löſung des Streites begierig; allein dahin ſollte es gar nicht kommen, denn Sieg⸗ fried's Verfolger wendete den Kampf auf ein ande⸗ res Feld, indem er ſchrie: Ha! was ſeh' ich? jetzt er⸗ kenn' ich Dich, Du Unheil ſtiftender Molch! So wagſt Du es wieder, verkappt aufzutreten, um Unheil und Verderben zu ſtiften? Der Jüngling unterbrach ihn und rief: Schweigt! Ihr nöthiget mich, Eure ſchändlichen Pläne zu ent⸗ hüllen!— Er verfolgt mich— ſchrie er, ſich zur Menge wendend— weil er nach meiner Habe ſtrebt; er iſt der Gatte meiner Mutter, mein Stiefvater! Naſſenfuß erſchrack; dieſer Angriff war zu kräf⸗ tig, zu un vorhergeſehen, um ihn nicht ſtutzen zu ma⸗ chen. Siegfried gewann augenblicklichen Vortheil, und 248 wäre dießmal gewiß nicht unterlegen, hätte es ſein un⸗ ſeliges Verhängniß nicht anders gewollt. Eine hohe Ge⸗ ſtalt trat aus dem Kreiſe der Edlen, näherte ſich ehr⸗ furchtsvoll dem Sitze des Kaiſers, und begann mit leiſer Stimme zu ſprechen. Dieß währte einige Minu⸗ ten; eine verhängnißvolle Stille herrſchte auf dem Markte während dieſer Friſt, Siegfried zitterte, ſein Feind triumphirte; denn jener Sprecher war der Graf von Katzenſtein. Unter der drängenden Menge auf dem Markte ſtand auch Duna, ſie hatte mit ganzer Theilnahme die Scene bis zu dieſem Augenblicke mit angeſehen; als ſie des Katzianer's Hinzukommen gewahrte, gab ſie Siegfried's Sache verloren und ſann raſch darauf, ihn mindeſtens der augenblicklichen Gefahr zu entziehen. Sie blickte um ſich und gewahrte unweit von ihrem Standpunkte einen finſtern Mann— ein Gedanke blitz⸗ te in ihrem Innern auf— ſie drängte ſich auf dieſen zu, und flüſterte ihm zu: Ihr kennt mich, Meiſter? Nur zu gut, Alte! erwiederte der Finſtere. Duna zog ihn feſter an ſich, und hauchte ihm wieder einige Worte ins Ohr— eine kurze Frage von ſeiner Seite erfolgte— dieſe wurde von Dun a wieder beantwortet, hierauf drängte ſich der Mann raſch gegen die Treppe, Alles wich ihm ſcheu aus. „N—— 7— — au lau ſeir te ne s ſie on er en 249 Jetzt trat der Katzenſteiner bei Seite, der Kaiſer erhob ſich und ſprach zu Naſſenfuß: Der Uns ge⸗ leiſtete Dienſt ſoll nicht unvergolten bleiben! doch Du, wendete er ſich„ ziirnender Miene zu Siegfried, der Du umherziehſt im Lande unter Trug und Lug, der Du es gewagt haſt, ſogar hier mit falſchen Anſprüchen aufzutreten, und Dir fremdes Verdienſt anzueignen,— Du, welcher in einer böſen Stunde geboren ſcheinſt, da — wie ich ſo eben vernahm— der Himmel ſelbſt Dir das verrätheriſche Zeichen ſeines Zornes auf die Stirne gedrückt, Du ſollſt Deinen Lohn empfangen! Siegfried vermochte ſich nicht mehr zu beherr⸗ ſchen; ſein Antlitz hatte ſich bei dieſen Worten mit je⸗ nem fürchterlichen Bloß überzogen, welches ſtets der Vorgänger ſeines unglücklichen Zuſtandes war; er zit⸗ terte wie Baumlaub im Wind, das Auge wurde ſtier, das glühende Zeichen trat auf die Stirn. Welch ein Zeichen! ſprach Naſſenfuß abſichtlich ſo laut, daß er von den Umſtehenden gehört werden konnte. Er iſt gezeichnet! riefen Viele der Edlen. Wehe, er iſt gezeichnet! ſchrie das Volk! In dieſem Augenblicke trat jener finſtere Mann auf ihn zu, faßte des Jünglings Hand, und rief mit lauter Stimme gegen die Menge: Er hat es gewagt, ſeinen Fürſten zu belügen, er iſt meiner Geißel verfallen, 250 er muß von mir gezüchtiget werden! Nach dieſen Wor⸗ ten zog er den Taumelnden hinter ſich die Treppe vol⸗ lends hinab. Platz da! rief der Rottmeiſter der Schaarwache unten, laßt den Meiſter gewähren, gönnt ihm freien Raum mit dem Schuldigen! Der Arme! riefen einige hier. So jung noch! bedauerten ihn Andere dort. Er wird es empfinden! flüſterten die Schaden⸗ frohen. Wer iſt denn der Finſtere? fragte ein anweſender Fremder. Der Henker! lautete die Antwort. Ende des zweiten Bandes. — S ———— „ * —„ — —