— — Ac Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ i und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2— f. 7 3 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Eine ſtürmiſche Nacht war über das mittlere Krain hereingebrochen, eine Nacht, welche ſich rabenfinſter über die ganze Gegend lagerte, um das Wüthen des Elementes, und die Schrecken der Natur um ſo em⸗ pfindlicher zu machen. Wer hat nicht ſchon ſolche Momente erlebt, und wen ergriffen ſie nicht bis in's Innerſte ſeiner Seele?— Tiefe, dicke Finſterniß um⸗ flort das Land, der Himmel iſt der Erde gleich, Alles eint, Alles verliert ſich; wie eine wilde Furie rast die Windsbraut daher, ſie rüttelt den Baum, welcher ruhig in der Erde fußt, wühlt in dem Strome, als wolle ſie deſſen Tiefe erſpähen, fährt in den Schlott, und ſcheint nirgends Ruhe, nirgends Raſt zu finden; jetzt zucken einzelne Flammen, dumpfes Murmeln rollt durch die Luft, feurige Schlangen ziſchen dahin, und Schlag auf Schlag, Knall auf Knall erdröhnt“, die Erde bebt, der Himmel zürnt; ſo zittert das Kind vor der geſchwungenen Geiſel des grollenden Vaters. — Bei all' dieſem Schrecken und Wüthen iſt kein einzig Wahrzeichen der göttlichen Milde ſichtbar, kein Bogen ſpannt ſich am Himmel, kein Stern wagt es, zu leuchten, die friedlichen Sinnbilder ſind verſchwun⸗ den, nur Vernichtung und Verderben ſcheint das all⸗ gemeine Loos zu ſein, Vernichtung und Verderben Allem, was da lebt und fühlt, wächſt und gedeiht! — Scheu flüchtet ſich das Gethier des Waldes in die Höhlen und Klüſte, der Fiſch taucht in die Tiefen ſeines Elementes, der Vogel birgt ſich in das warme Neſt, und der Menſch wagt es nicht, ſeine Wohnung zu verlaſſen. Feſt werden die Thüren der Hütten verrammelt, die Laden der Fenſter geſchloſſen, Lam⸗ penlicht erleuchtet den Raum, Kinder und Weiber ſuchen furchtſam das Lager, nur der Mann bleibt wa⸗ chend am Tiſch, ſtützt das Haupt in die hohle Hand und ſinnt und ſorgt für ſeine Lieben. Wenn nun nebſt ſolchen Schrecken von Außen, auch noch das Elend im Innern wohnt, wenn Kummer, Krankheit oder Noth Platz gegriffen, und der Verzweiflung den Weg gebahnt haben, daß ſie cben ſo ſchrecklich, wie die Elemente von Außen, die Gefilde der Herzen im Innern durchtsbt, die Ruhe verſcheucht, und den Jammer an ihre Stelle pflanzt; wenn man von allen Seiten angegriffen, nicht weiß, wohin man ſich wende, um Hülfe, um Rettung zu erlangen, um ſich zu ſichern vor den Krallen eines verzehrenden Wahnſinnes: dann bleibt nur ein Mittel übrig, die Armen zu erheben, Troſt und Worte ſind da vergebens, Verſprechungen geh'n verloren; nur plötzliche, unverhoffte, an's Uebernatürliche gränzende 5 Hilfe vermag da zu retten, zu überweiſen; ſie iſt es, welche die Herzen aus der Nacht der Finſterniß auf⸗ jagt, ſie iſt es, welche den geſunkenen Glauben wieder empor richtet, ihn jedoch nur zu oft in Aberglau⸗ ben ausarten läßt! Und dieß war in jener Nacht, in einer am Ende des Marktes Cirknitz gelegenen Hütte, der Fall. Die Vorderſtube derſelben, von einer Lampe ſpärlich erleuchtet, bot einen herzzerreißenden Anblick dar. Auf einem Lager, das zwar arm, doch ſehr reinlich zu nennen war, lag ein weibliches Weſen, ein Mädchen welches kaum die Grenzjahre der Jungfrau über⸗ ſchritten haben konnte; fünfzehn Frühlinge mochte die Arme zählen, ihr Leben war kaum zur Knoſpe ge⸗ diehen, die ſich erſt zur Roſe entfalten ſollte, und nun lag ſie ſchon da, todtkrank, blaß, ſiech, den Stachel des Todes im Herzen; wer ſollte ſie erretten, wer befreien aus den Händen des unerbittlichen Schnitters, welcher hier die Frucht mäht, um die Leichenfelder be⸗ ſäen zu können? Neben dem Lager der Jungfrau ſaß händeringend und jammernd eine Matrone; ſie ſchien bald den leiſen Athemzügen des einzigen Kindes zu horchen, bald wieder von Verzweiflung übermannt, erfaßte ſie der Kranken Hand, und brach in laute Slagen aus, die einzig und allein die Todesſtille un⸗ terbrachen; denn der am Fenſter ſitzende Mann, der unglückliche Vater der Siechen, war in dumpfes Schweigen verſunken, ſtierte düſter auf den Brodlaib und den Waſſerkrug auf dem Tiſche, die ſchon ſeit einigen Tagen der Familie einzige Nahrung aus⸗ machten. Roſina! Roſina! mein einzig Kind! jam⸗ merte das Weib— o verlaß mich, verlaß deine Mutter nicht; heiliger Gott!— ſchrie ſie jetzt plötzlich auf, als ſich ein ſchwerer Odemzug aus dem Herzen der Jungfrau rang— heiliger Gott! ſie ſtirbt!— Der Vater ſprang empor und eilte an die Seite des Weibes; die Augen der Kranken waren geſchloſſen, Todesbläße überhauchte das Antlitz, die Lippen hatten ſich wie zu einem ſanften Lächeln verzogen, nur ein leiſes Klopfen des Herzens verrieth noch Leben.— So laß das Heulen und Klagen, Brigitta!— ſprach der Mann etwas unwirſch,— es frommt zu nichts, und taugt zu nichts! Wenn der Himmel hätte helfen wollen, hätte er es ſchon längſt thun können, aber er ſcheint uns arme Landleute vergeſſen zu haben; liegt doch das Mädel ſchon Wochen lang ſiech darnieder, unſere Wirth⸗ ſchaft iſt ſeither zurückgegangen, und während der ganzen Friſt iſt uns noch kein Funke von Hoffnung geworden; wer ſich ſelbſt nicht hilft— ſetzte er verzweiflungsvoll hinzu— dem wird auch nicht geholfen, und ich, bei allen Teufeln! ich will mir helfen!— Valentin! 7 jammerte das Weib— halt ein, erzürne den Himmel nicht noch mehr, daß er dich nicht mit gewaltigerer Strafruthe heimſuche! O meine gute, fromme Tochter!— ſetzte ſie, mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes, hinzu. Der Mann aber erwie⸗ derte: Ja wohl iſt ſie gut und fromm, aber was nützt es ihr? Sie muß dennoch ſterben, hilfelos ſterben, weil wir nicht im Stande ſind, ihr aus der Stadt ſo einen Quackſalber holen zu laſſen; ihrer Frömmigkeit zu Liebe geht Niemand heraus, aber wohl um baare Silberſtücke; ach hätte ich nur die Alte geholt— O Mann! rief das Weib auffahrend, halt ein mit dem Freveln; willſt du unſer Kind durch Zauber⸗ werk heilen laſſen, willſt du die Teufelsverbündete ino Haus locken, daß der Böſe Fuß faſſe, und dich dann mit Leib und Seele zu ſeinem Eigenthume mache? Valentin! Valentin! du biſt bisher ein redlicher Mann geblieben, gieb Acht, daß das Unglück deiner nicht Meiſter werde, und du, von Verzweiflung ge⸗ trieben, dein ewig Heil verſcherzeſt! Der Andere wollte eben wieder eine laſterhafte Rede zur Antwort ausſtoßen, als draußen das Toben des Sturmes, wo möglich, noch heftiger wurde, und ihm gleichſam den Laut auf der Zunge erſtarren machte. Er ſchwieg. Der Wind pfiff an den Häuſern vorüber und rüttelte die lockeren Fenſterbalken, daß ſie faſt wie ein kleines Mühlenwerk klapperten; der Donner rollte in immer kürzeren Zwiſchenräumen, und das Echo der umliegenden Berge ſchien ſelbſt den zürnenden Himmel zu äffen; dabei rauſchte der nah' gelegene See, vom Orkane aufgewirbelt, unheimlich herüber, und dieſer Auf⸗ ruhr von Außen, und die nun im Innern der Stube eingetretene Todenſtille, bildeten einen grellen Contraſt gegen einander. Die Kranke war indeſſen regungslos liegen ge⸗ blieben, nur ein kaum merkbares Heben der Bruſt zeigte, daß ſie noch dieſer Erde angehöre. Jetzt plötzlich ſtreckte ſie beide Hände ſtarr von ſich, die Bruſt hob ſich hoch, als ob ſie berſten wollte, die Augen öffneten ſich weit, und der ſtarre Blick ſah theilnahmslos die beiden Eltern an. Heiliger Elias! ſie ſtirbt! rief Brigitta, und ſank am Lager nieder; in demſelben Augenblicke riß ein Windſtoß die Fenſterbalken auf, ein greller Blitz be⸗ leuchtete die Stube, der Donner krachte, die Thüre flog auf, und herein trat eine hohe Geſtalt; mit langſamen, kaum hörbaren Schritten ging ſie gerade auf das Bett der Kranken zu. Brigitte war erſchrocken aufgeſprungen und in die Nähe ihres Mannes geeilt, der, die Eingetretene vald erkennend, ſein Weib an der Hand faßte und ihr einige Worte zulispelte, daß ſie, obwohl zitternd, doch vr 9 ruhig an ſeiner Seite blieb.— Sie hatte Geiſtesgegen⸗ wart genug, die Angekommene genau zu betrachten, deren Anblick eben ſo ſonderbar als ihr unerwartetes Erſcheinen war. Ein dunkelrother Zeugmantel umfloß den langen hagern Leib, ſie hatte ſich ganz in das Kleid eingehüllt, und die Enden, da es überflüßige Weite hatte, nach wälſcher Weiſe umgeſchlagen; von den Füſſen waren nur die Spitzen ſichtbar, welche eine ſandalenartige Be⸗ kleidung bemerken ließen, das Haupt deckte ein ſchwarzer Muſchelhut, hinter welchem eine Fülle brauner Haare, ohne ſich zu ringeln, hinabfloß. Das Antlitz der Ange⸗ kommenen, länglich, mit ſcharf gezeichneten Zügen, ließ auf beiläufig vierzig Lebensjahre ſchließen, und die et⸗ was bräunliche Geſichtsfarbe mochte den Eindrücken der Jahreszeiten ihre Entſtehung verdankt haben. Schwarze Augen, deren ſtarre Blicke jeden zu durchbohren drohten, waren es vorzüglich, die dieſer Geſtalt ein unheimliches Anſehen gaben, welches Gefühl durch ein ungewöhn⸗ liches Benehmen noch mehr geſteigert wurde. An der Seite der kranken Jungfrau angelangt, ſchlug die Erſcheinung den Mantel auseinander, ſo daß er nun in reichen Falten hinabfloß, und ſie ihre Hände frei hatte; dann ergriff ſie die Rechte des Mädchens, hielt ſie einige Augenblicke ſinnend umfaßt, ließ ſie wie⸗ der langſam auf die Decke nieder und wandte ſich zu den ſtaunenden Eltern: Euer Kind liegt ſchwer dar⸗ nieder, die Kunde davon drang bis zu mir, und ich kam, mich von der Wahrheit deſſen zu überzeugen. Doch der Kunſt und den unſichtbaren Mächten iſt Alles möglich, ſie kann noch geſunden, und mir dürfte das Werk, ſo ich es unternehme, gelingen. Unterbrecht mich nicht, fuhr ſie gegen Valentin beſonders ge⸗ wendet, fort, als dieſer das Wort nehmen wollte— ich weiß, Euer Wunſch war es ſchon längſt, bei mir Hilfe zu ſuchen, aber das Geſchöpf hier, welches Ihr Euer Weib nennt, war dawider.— Verblendete! zürnte ſie gegen Brigitten— wrillſt du dein Kind lieber todt als lebend ſehen, geh'n dir ihre langen Lei⸗ den ſo wenig an's Herz, daß du ſie kannſt auf dem Siechbette wiſſen, ohne Mitleid mit ihrem qualvollen Zuſtande zu empfinden, und ohne von dem Drange beſtürmt zu werden, ſie von dem Uebel geheilt zu ſehen? Doch genug! Ich unternehme die Heilung des Mädchens, aber Eines müßt Ihr mir als Lohn dafür verſprechen. O Alles! Alles! was Ihr wollt! rief Valen⸗ tin raſch.— Ja, Alles! beſtätigte Brigitte furchtſam, wenn es nur kein Vergehen, nur keine Sünde iſt.— Keines von Beiden, fuhr die Sonderbare fort, im Gegentheile, es iſt ein Werk der Nächſtenliebe, das 5 11 Ihr üben ſollt, und gewiß, Ihr ſollt dafür auch noch andern Lohn ärnten. Höret alſo: Kurz nach Mitter⸗ nacht werden zwei Reiſende an Euer Fenſter klopfen, und Einlaß begehren. Dieſe Fremden nehmt in Eurem Hauſe auf und bewirthet ſie, ſo gut Ihr könnt; was Ihr an ihnen thut, werden Euch die Fremden beſonders lohnen, denn ſie gedenken längere Zeit hier zu verweilenz da ich jedoch weiß, daß Ihr arm ſeid, und gegenwärtig nichts im Hauſe habt, ſo hab' ich auch dafür geſorgt. Im Hofe draußen werdet Ihr einen wohlgepackten Korb finden, welcher für einige Tage genügen wird, indeſſen könnt Ihr aus der Stadt das Nöthige holen.— Nun zur Heilung Eures Kindes! Sie ſchlug den Mantel noch weiter zurück, ein ſchwarzes Kleid ward jetzt ſichtbar, welches ſich eng an den Leib ſchloß; an der linken Seite hing eine braune Ledertaſche, aus der ſie ein Fläſchchen zog. Den Inhalt desſelben goß ſie der Kranken zur Hälfte ein, und über⸗ gab den Reſt an Valentin, mit dem Befehle, ihn in einer halben Stunde der Tochter zu verabreichen. Darauf hüllte ſie ſich wieder in den Mantel, ſchien ei⸗ nige Augenblicke den Athemzügen der Jungfrau zu horchen, nickte dann zufrieden vor ſich hin, und ſprach zu den Eltern: Thut, wie ich befohlen, Ihr ſollt bald wieder von mir hören! Ein Blitz erleuchtete abermals die Stube, der Donner rollte furchtbarer als je. Valentin und Brigitte fuhren geblendet und erſchrocken zuſammen. Als ſie wieder auf die Stelle blickten, wo die Alte ge⸗ ſtanden, war ſie ſpurlos verſchwunden! ———— Nach der Entfernung der Räthſelhaften hatte fich ſonderbarer Weiſe auch der Sturm gelegt, immer ſel⸗ tener wurde der Donner hörbar, in immer größeren Zwiſchenräumen ward das Wetterleuchten geſehen, und ehe eine halbe Stunde verfloſſen, war es auch draußen vollkommen ruhig geworden; aber die Folgen des Ge⸗ witters blieben nicht aus, denn anfangs langſam, dann aver ſchneller, in immer größeren Tropfen, fiel der Regen herab, und das einförmize Plätſchern desſelben drang bald in die Stube⸗ Auf eine ſehr übereinſtimmende Weiſe mit dem Wetter draußen, fand auch bei Mutter Brigitten ein Thränenerguß Statt, der eben ſo wohlthätig auf ihr weiches Gemüth wirkte, als er ihr Vertrauen erhob, und ſie begann in der Alten ſtatt der böſen Zauberinn eine wohlthätige Fee zu ſehen, die von dem Himmel geſendet war, um ihr Kind zu heilen, und ſie und ihren Gatten aus dringender Noth zu befreien. Während ſie alſo dankerfüllt am Lager der nun eingeſchlummerten 13 Kranken ſaß, war der weniger gefühlvolle und härtere Gatte beſchäftige, die kleine Hinterſtube für die verſpro⸗ chenen Gäſte in beſten Stand zu ſetzen, wobei ihm der erhaltene Korb nicht wenig zu Statten kam; denn er fand in demſelben nicht nur Lebensmittel, ſondern auch einige unentbehrliche Geräthſchaften, Decken und andere Eegenſtände, von denen ſonſt in ſeiner armen Hütte keine Spur zu finden war. Auf dieſe Weiſe nahte die erſte Stunde nach Mit⸗ ternacht heran, doch die verſprochenen Gäſte hatten ſich noch nicht eingefunden. Die Eheleute begannen ſchon an deren Kommen zu zweifeln, und meinten, die Frem⸗ den wären des Regenwetters halber bemüßiget geweſen, ein anderes, näher gelegeneres Obdach zu ſuchen, oder ſie hätten in der Finſterniß die Hütte nicht gefunden, und wären deshalb in einer andern eingekehrt, als plötzlich ihr Zwiegeſpräch durch ein leiſes Klopfen am Fenſter geſtört wurde. Sie ſind es dennoch! ſprach Valentin zu Brigitten, und eilte hinaus, um ſich von der Rich⸗ tigkeit ſeiner Vermuthung zu überzeugen. Vor der Haus⸗ thüre angelangt, gewahrte er wirklich zwei Männer, deren Einer ſich ihm ſogleich näherte und ihn anſprach: Iſt Euer Name Valentin Dotich?— Ja, ſo heiß ich, verſetzte der Gefragte— und wenn Ihr die 14 bewußten zwei Fremde ſeid, ſo wurde Euere Herberge ſchon vor einigen Stunden bei mir beſtellt. Das iſt zum Teufel holen! fuhr der Frager auf, ſchon wieder etwas, was ich nicht begreife; wenn das ſo fortgeht, junges Herrlein, wendete er ſich zu dem Andern, ſo ſteh' ich Euch dafür, daß ich in einigen Tagen um mein Bischen Hausverſtand gekommen ſein werde. Und wenn Ihr ſo fortplaudert, erwiederte eine feine, faſt knabenhafte Stimme, ſo ſteh' ich Euch da⸗ für, daß wir bald noch mehr, als durch und durch naß ſein werden. Ihr habt recht— verſetzte der Andere— drum guter Valentin, führt uns ein in Eure Hütte; der Himmel ſegne unſeren Eingang, bewahre uns vor allen zweideutigen Wohlthätigkeitsbezeugungen und allen alten Weibern, denen ich eben ſo gerne, wie einem ſaueren Weine aus dem Wege gehe; denn zwiſchen einem alten Weibe und einer Hexe iſt nur eine haarkleine Gränze, und wenn der Teufel auf eine andere Weiſe nicht bei⸗ kommen kann, den ködert er mit einem Weibe; drum bewahre mich der liebe Himmel vor den Weibern und allen ſonſtigen Uebligkeiten, in Ewigkeit, Amen! Während dieſes Kraftſprüchleins war der Haus⸗ wirth mit ſeinen Gäſten in der Hinterſtube angelangt. Dieſe ſah, wiewohl nicht viel Bequemlichkeit verheißend — 15 doch ſo ziemlich einladend aus. Zwei Lagerplätze mit den erſt erhaltenen Decken belegt, verſprachen den Er⸗ müdeten annehmbare Ruheſtätten, ein gedeckter Tiſch war mit Speiſe und Trank hinlänglich verſehen, um Hunger und Durſt zu ſtillen; ja ſogar ein Leuchter mit Wachskerzen wurde nicht vergeſſen, denn ſonſt hätten ſie ſich mit einem Lämpchen, oder gar mit brennenden Kienſpähnen begnügen müſſen, deren Ausdünſtungen in kleinen Räumen ſo läſtig ſind. Die Reiſenden warfen raſch die Mäntel und durch⸗ näßten Kleider von ſich, und nahmen friſche aus einem beihabenden Reiſebündel hervor. Valentin trug die triefenden Gewänder in die Küche, und begab ſich dann zu Brigitten, um mit ihr das von den Nahrungs⸗ mitteln Zurückgehaltene zu theilen. Die beiden Fremden hatten ſich indeſſen wohlgemuth an dem beſetzten Tiſche niedergelaſſen. Der Aeltere von ihnen, eine mittlere, etwas dick⸗ leibige Figur mit einem kugelrunden Vollmondsgeſichte, dem ein Zug von herzlicher Gutmüthigkeit nicht abzu⸗ ſprechen war, und deſſen Schwerfälligkeit von ihm ſtets durch einen Anſtrich von komiſcher Hoheit bemäntelt wurde; dieſer Aeltere alſo ſchien eine Art von Haushof⸗ meiſter oder Reiſemarſchall— denn Diener konnte man das nicht nennen— bei dem Jüngeren vorzuſtellen. Er war an Jahren bereits vorgerückt, denn vierzig 3 mochte er ſchon zählen, miewohl ſeine bedeutende Glatze auf mehr ſchließen ließ. Der Andere, ein Jüngling von kaum ſiebzehn Jahren mit einem blaßen, aber höchſt einnehmenden Geſichte, mit tiefblauen Augen, die an Klarheit jeden Spiegel übertrafen, mit langen, blonden Haaren, die ſich ſeidenweich über Schläfe und Nacken ringelten, benahm ſich gegen ihn auf eine höchſt freundliche Weiſe, that vieles nach ſeinem Wunſche, wiewohl er nicht ſelten auch ſeine Meinung geltend zu machen wußte. Die Kleidung der beiden Reiſenden war zwar vom gleichem Stoff und Schnitt, allein der Jüngere trug freundli⸗ chere Farben, während der Andere meiſt in Schwarz und Grau erſchien; dem Anſcheine nach gehörten ſie dem Bürgerſtande an. Das Mahl ſchien beſonders dem Aeltern wohl zu ſchmecken, während der Andere nur wenig genoß, und mehr ſeinen Gedanken nachhing, ſo viel Mühe ſein Ge⸗ fährte ſich auch gab, ihn in ein Geſpräch zu verwickeln. Junger Herr! begann dieſer nach langem ver⸗ geblichem Drängen, Ihr wollt mir heute gar nicht gefallen, Ihr wollt nicht eſſen und nicht ſprechen; geht, greift zu, der Käſe da iſt beſonders gut, es ſchmeckt ein Trunk darauf, auch das Brod iſt zum genießen— Eßt und trinkt, gegenredete der Jüngere, und laßt mich ungeſchoren.— ——„————„ 3— — —„„— 17 Ach, du lieber Himmel! was Ihr heute unge⸗ bährdig ſeid, Junker Siegfried— Du lieber Gott! fuhr der Andere empor, was Ihr heute ſo zudringlich ſeid, Herr Kajetan Zwickler— Ja, ſo heiß' ich, das iſt mein ehrlicher Name, und wem der Zwickler nicht recht iſt, der hat es mit dem Kajetan zu thun; Ihr ſeid ein junges Blut, aber gar nicht wohlgemuth; ach, heiliger Barnabas! als ich in Euerem Alter war, da hättet Ihr den Spring⸗ insfeld ſehen ſollen! Mir war kein Graben zu breit, kein Roß zu wild, keine Kumpanei zu luſtig— Das Letztere glaube ich am eheſten, verſetzte Siegfried, was aber die wilden Roſſe und breiten Gräben anbelangt, da werdet Ihr mir ſchon einige Zweifel erlauben, wir haben uns auf der Reiſe hieher hinlänglich kennen gelernt.— Was? Ihr habt mich hinlänglich kennen ge⸗ lernt? Sind es doch kaum acht Tage, daß ich Euch in dem ſteiermärkiſchen Neſte gefunden habe— Um Euch mir als Reiſegefährten anzuſchließen. Ihr habt mich doch mitgehen heißen, denn auf⸗ gedrungen hab' ich mich nicht; aber Ihr vergebt mir ſchon das wahre Wort, Junker! die ganze Geſchichte fängt mich ſchier zu gereuen an. Nicht etwa Eurethal⸗ ben, der heilige Barnabas bewahre! aber ſeit wir die 18 Gränzen dieſes Landes überſchritten haben, iſt mir ganz unheimlich zu Muthe geworden. Nichts als Berg und Felſen, Thäler und Schluchten, Höhlen und Hexen. Flüße, die unter der Erde fortrauſchen, Thiere, die der Teufel auf die Jagd treibt, Wölfe und Bären, und dieſe Menſchen mit ihrem Lehmhütten dazu, und ihrem gekochten Brode, daß ſich der Himmel unſerer anneh⸗ men möge! ſonſt glaub' ich kaum, daß wir mit graden Gliedern wieder hinauskommen. Und das Aergſte von Allem, was mich ſo zu ſagen am Meiſten beunruhiget, iſt dieſe neugebackene Alteweiberfreundſchaft! Zu was braucht die Alte ſich unſerer anzunehmen? wir hätten ohne ſie auch den Weg'gen Cirknitz gefunden, und auch ohne Herberge wären wir nicht geblieben; was braucht ſie uns immer auf der Straße entgegenzutreten und durch ihren Anblick zu erſchrecken? Ach, Junker Siegfried, folgt mir, wartet das Wiederkommen der Unholdin nicht ab, laßt uns morgen früh wieder von hier abreiſen! Ihr ſeid ein Undankbarer, Freund Kajetan! Als die Alte erſchien, um uns, die irregegangenen Wanderer, in den tiefen Waldungen zurecht zu weiſen, da war ſie Euch willkommen! auch über die heutige Herberge in dem ſonſt ſo ungaſtlichen Lande, habt Ihr nicht Urſache, zu klagen, und nun, da Ihr ge⸗ wiſſermaßen in Sicherheit ſeid, nun wollt Ihr, daß 18 ich mein gegebenes Wort breche? Nie und nimmer⸗ mehr! ich werde die Alte hier erwarten.— In des heiligen Barnabas Namen! erwartet ſie immerhin; Euch zu liebe bleibe auch ich, aber Ihr werdet ſehen, die Sache nimmt kein gutes Ende, und daß Ihr's nur im Voraus wißt, eine Ahnung ſagt es mir, * Ihr werdet mich noch um mein junges Leben bringen! Ihr habt viel Furcht um Euer Bischen Leben, viel unnütze Furcht!— Kajetan Zwickler ſeufzte ob dieſer Spottrede tief auf, nahm dann wieder den Krug zur Hand, und nachdem er einen derben Schluck gethan hatte, ſprach er: Der heilige Barnabas iſt d mir bis nun in allen Gefahren meines Lebens getreulich 8 zur Seite geſtanden, er wird mich auch in dem un⸗ n heimlichen Krainerlande nicht verlaſſen! Gute Nacht, r Junker! ich gehe zur Ruhe.— Ach! wenn mich die n Heren und Unholdinnen mindeſtens im Traume nicht r quälen würden.— Er ſuchte das Lager und ließ den Jüngling ein⸗ 1 ſam am Tiſche zurück. n Tiefe Seufzer ſtahlen ſich aus deſſen Bruſt. So , jung an Jahren, und doch ſchon von ſo vielen Schick⸗ e ſalsſchlägen ſchwer getroffen, ſo jung an Jahren, und bt doch ſchon durch die ſtrenge Schule des Lebens gewan⸗ e⸗ dert! Armer Siegfried! an der Wiege ſchon begann das Glück dir feindlich zu werden; ohne dein Verſchul⸗ ——— — den, ohne es zu wiſſen und zu wollen, verſielſt du einem bitteren Verhängniſſe. Du leideſt unſchuldig, dieß möge deine Stütze, möge dein Troſt ſein; darum trage ſtand⸗ haft und geduldig, finſtere Tage ziehen über dich heran. Du haſt erſt die Schwelle überſchritten, und eine lange Wanderung voll Müheſeligkeiten ſteht dir noch bevor; düſtre Wolken ſteigen auf, Gewitter hängen über deinem Haupte, Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag! Halte aus, bleibe ſtandhaſt, ſuche den verlornen Pfad wieder zu erlangen; hinan die ſteile Höhe, nicht zu hoch geſtie⸗ gen, halte feſt, ſonſt ſinkeſt Du zurück in die ſchwin⸗ delnde Tiefe; noch einmal zerrt das Verhängniß an deinem Mantel, noch einmal ſinkſt du, da umſchlingt dich ein Arm weich und zart, und hebt dich zu ſich empor, drückt dich feſt an ein klopfendes Herz und will nimmer von dir laſſen, will nimmer von dir wei⸗ chen, bis du geborgen biſt für immer! Halte feſt an dieſem Arme, denn es iſt der Arm— der Liebe! Als Brigitte am andern Morgen an's Lager der kranken Tochter kam, hatte ſich dieſe merklich ge⸗ beſſert. Sie war bereits zum völligen Bewußtſein ge⸗ langt und lächelte der Mutter freundlich entgegen, welche —— 21 freudetrunken ihr viele herzliche Küße auf Wange und Lippen preßte. O meine theure Ro ſina! frohlockte die Ma⸗ trone, wie freut es mich, daß du wieder zur Beſinnung gekommen, mich, deine Mutter nun wieder erkennſt!— Ach, du warſt ſeit einigen Tagen ganz außer dir, und geſtern Abends ſchon gar, da glaubte ich dich jeden Au⸗ genblick dem Auslöſchen nahe, bis endlich— dem Himmel ſei Dank! plötzliche, unerwartete Hilfe gekommen. Roſina preßte die Hand der Mutter an ihre Lippen. Wo iſt der Vater? lispelte ſie leiſe.— Er iſt in die Stadt gegangen, um Lebensmittel einzukaufen; wir haben ja heute Nacht zwei Gäſte be⸗ kommen, die längere Zeit bei uns verweilen werden— Gäſte? fragte die Kranke erſtaunt. Es iſt ihnen das Hinterſtübchen eingeräumt wor⸗ den— fuhr Brigitte fort— doch dieß Alles darf dich jetzt wenig kümmern. Du haſt nur auf deine Erho⸗ lung zu ſehen, daß du bald geſundeſt. O, meine gute Ro ſina! jetzt, da ich ſo nahe daran war, dich zu ver⸗ lieren, jetzt erſt lernte ich den Schatz kennen, den ich in dir beſitze. Ach! wie gerne wollte ich mich ob deiner Rettung vom Herzen erfreuen, wäre ſie nur nicht von einem Weſen ausgegangen, dem ich niemals werde auf⸗ richtig danken können! Ro ſina ſah die Mutter, eben nach einer nähern 22 Erklärung fragend, an, als ſich die Thüre der Stube öffnete, und der wohlbeleibte Zwickler ſich her⸗ ein ſchob. Ihr werdet vergeben, meine hochverehrteſte Frau Wirthin,— begann er nach einigen Grüßen— daß ich Euer Zwiegeſpräch mit Eurem kranken Töchterlein ein wenig ſtöre; denn daß das Mädel krank darnieder liege, davon hat uns die alte Hexe— wollte ſagen, unſere bejahrte Wegweiſerin, bereits geſtern in Kenntniß geſetzt, und aus Rückſicht für dieſen unliebſanen Fall, habe ich auch mein gewöhnliches Morgenlied, welches ich immer ganz laut zu trillern pflege, dießmal für mich in der Stille abgeſungen; Ihr werdet aus dem erſehen, daß ich ſo Etwas beſitze, was man Lebensart zu nennen pflegt, und daß ich Rückſichten gegen das ſchwache Ge⸗ ſchlecht nie außer Acht laſſe. Was wünſcht Ihr nun, gnädiger Herr? fragte Brigitte ſchüchtern. Was ich mit Euch eigentlich zu beſprechen habe, das ſollt Ihr gleich erfahren, aber vor Allem will ich Euch gebethen haben, daß Ihr mir den„gnädigen Herrn“ aus dem Spiele laßt, denn wenn Ihr dieſen bei mir verſchwendet, ſo bleibt Euch für meinen Junker nichts übrig; und das müßte mir dann ſehr unange⸗ nehm ſein; drum nennt mich glattweg Kajetan oder Zwickler, gleichviel, wie Ihr wollt, und habt Ihr 28 grade noch einen„Herrn“ für mich übrig, nun, in's heiligen Barnabas Namen! ſo könnt Ihr ihn dazuthun, das wird der Sache nichts verſchlagen. Nun kommt aber ein wenig auf den Flur hinaus, denn da herinnen in der Krankenſtube wird mir's ſchier ein wenig zu dunſtig, und ich bin an friſche Luft gewöhnt, wie der Fiſch an's Waſſer!— Ich habe Euch alſo im Namen des Junkers anzukünden,— fuhr er fort, als ſie draußen angelangt waren— daß wir uns hier einige Tage auf⸗ zuhalten gedenken, um uns von der angeſtrengten Reiſe zu erholen; wir werden unſere Zeche freigebig entrichten und Euch nichts ſchuldig bleiben, dafür müßt Ihr aber auch für uns Sorge tragen, und ich meines Theils kann nicht anders, als Euch, was das geſtrige Abendmahl belangt, meine vollſte Zufriedenheit zu erkennen zu geben. Des Getränkes hätte zwar ein Bischen mehr ſein können, allein, das wird ſich ſchon finden, bis Ihr nur mein gewöhnliches Maß etwas näher kennen werdet. Was meinen Junker belangt, ſo müßt Ihr wiſſen, daß er es nicht liebt, viel unter den Leuten zu ſein, und daß er ein abſonderlicher Freund von der Einſamkeit iſt, drum will ich Euch gebethen haben, daß Ihr ſowohl als Euer Mann, unſere Stube ſo wenig als möglich betretet, außer dem, Ihr werdet benöthiget, oder daß Euch hãus⸗ liche Geſchäfte hereinriefen. Brigitte verſprach, ſich genau der erhaltenen 24 Weiſung gemäß, zu benehmen, und Kajetan, trotz⸗ dem ihm der Schweiß ſchon von der Stirne rann, un⸗ terließ dennoch nicht, über verſchiedene Angelegenheiten des Hauſes, Erkundigungen einzuziehen, und verließ dann vollkommen befriedigt die Wirthin, um ſich zu Siegfried zu begeben. Dieſer blieb auch wirklich den ganzen Tag hindurch in der Stube, und genoß nur die freie Luft am offenen Fenſterchen, deſſen Ausſicht in den geräumigen Haus⸗ garten hinausging. Kajetan machte ſich bald dieß bald jenes im Hauſe zu ſchaffen, unterhielt ſich entweder mit Bri⸗ gitten oder Valentin, deſſen etwas rohes Betragen ihm aber weniger zuzuſagen ſchien, als das manierlichere von Mutter Brigitten. An demſelben Abende noch fand ſich in der Hütte ein ſeltſamer Beſuch ein. Es war ein hagerer Mann, deſſen lang gezogene Beine in einem wollenen Beinkleide ſteckten, welches oben breit, gegen abwärts ſich immer mehr verengerte, bis es endlich am Knöchel feſt anſchloß, und von da aus gleichſam den Schuhen Platz ließ; ſeinen Oberleib bekleidete ein eben ſolches, kurzes Kamiſol, deſſen Kra⸗ gen breit und viereckig, beinahe den halben Raum des Rückens einnahm; die Farbe dieſer beiden Kleidungs⸗ ſtücke, einſt grau, hatte ſich durch die Länge der Zeit 25 von Schäden mancher Art verunziert, ganz verloren, abgeſehen von den vielfältigen Flecken, die ſeine Offen⸗ heit decken mußten. Das Antlitz dieſes Mannes hatte zum Körper die verhältnißmäßige Länge; blaß, einge⸗ fallen, mit zwei hohlen Augen, die aus der Tiefe her⸗ vorſtierten, würde man in ihm ganz leicht das Sinn⸗ bild des Hungers erkannt haben, wenn ſein Bart, der bisweilen nur durch die Scheere gekürzt wurde, dem Ganzen nicht einen wohlthätigen Schatten gege⸗ ben hätte. Außerdem deckte noch eine pelzverbrämte Tuchkappe den Scheitel, welcher, ſo viel man im Au⸗ genblicke ſehen konnte, beinahe kahl geſchoren war. Valentin begrüßte den Angekommenen mit ei⸗ niger Ehrfurcht, der auch ſeinerſeits viel Gemüthlichkeit an den Tag legte. Ihr werdet Euch wundern, begann er mit einem etwas gelehrten Vortrage, mich jetzt am Abende in Euer Haus einkehren zu ſehen; allein ſo eben habe ich vernommen, daß zwei fremde Herren bei Euch eingekehrt ſind, und da es vielleicht der Fall ſein dürfte, daß ſie — um mich auf wälſche Manier auszudrücken,— in hieſiger, merkwürdiger Gegend eines Cicerone benöthigen könnten, ſo habe ich mich eingefunden, um meine Dienſte anzubiethen. Ich glaube kaum, erwiederte Valentin, daß dieß bei meinen Gäſten der Fall ſein wird, doch damit Der Gezeichnete I. 3 Ihr nicht denkt, ich wäre Euch um einen etwaigen Ver⸗ dienſt zu kürzen geſonnen, ſo will ich Euch Einen der Fremden herausbeſcheiden, da könnt Ihr mit ihm per⸗ ſönlich Rückſprache nehmen. Nach einigen Augenblicken trat der gerufene Ka⸗ jetan aus der Hinterſtube. Der hagere Eicerone nã⸗ herte ſich ihm ehrerbiethig, machte einige ungeſchickte Kratzfüße und begann:„Gnädiger Herr! mein Name iſt Remigius Käutzlein, Ihr ſeht in mir den Schulmeiſter hieſigen Ortes, der im Nothfalle auch an⸗ dere Dienſte zu verſehen im Stande iſt; ich ſchmeichle mir, wie ſonſt Keiner auf Erden, in unſerem wunder⸗ vollen Lande bekannt zu ſein, und habe auch deshalb ein Opus Topographikum unter der Feder, dem ich ſchon viele Jahre meines Lebens geopfert. Was iſt Euer Begehren? fragte Zwickler, dem beſonders der letzte Theil der Rede nicht ganz ver⸗ ſtändlich war. Ich biethe Euch meine Dienſte als Wegweiſer an.— O, deſſen bedürfen wir nicht! rief Kajetan gravitätiſch; wir haben ſchon unſere alte Hexe— wollte ſagen, unſere eigene, alte Wegweiſerin, die uns durch Wildniſſe geführt, in denen Ihr Euch, ich wette meinen beſten Zahn gegen eine taube Nuß, in Eurem Leben nicht zurecht finden würdet. 27 Ihr habt mich ſchlecht verſtanden, hochverehrteſter Herr Mäcenas!— rreplicirte der Gelehrte— die Kunſt zu führen verſteht jedes Kind im Orte, allein jen zu belehren, über Alles Geſehene Auskunft zu geben, das wird wohl in ganz Cirknitz, außer mir Niemand im Stande ſein! Das iſt etwas anderes!— entgegnete Kaje⸗ tan— wenn Ihr dieß vermöget, dann wollen wir uns näher befreunden, und Ihr könnt verſichert ſein, daß ich meinem Junker von Euch die beſte Meinung bei⸗ bringen werde; allein für heute wird dieß wohl ſchon zu ſpät ſein, drum kommt dieſer Tage wieder und wir werden ſehen, ob wir von Eurer Gelahrtheit Gebrauch machen werden.— Remigius verließ, von angenehmer Hoffnung be⸗ ſeelt, die Hütte; vor der Thüre derſelben bemerkte er Brigitten. Recht gut, Mutter Brigitta, begann er, daß ich Euch hier allein treffe; ich habe Euch etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen. Wenn's nur was Angenehmes iſt! lächelte die Alte. Nun', wie man's nimmt— fuhr der Gelehrte fort— beinahe mehr unangenehm— Unangenehm? rief Brigitte erblaſſend. Erſchreckt nur nicht!— tröſtete Käuzlein. N — es läßt ſich Alles wieder gut machen. Aber damit Ihr ſeht, daß ich es gut mit Euch meine, vernehmt meine Warnung, jedoch geſchieht ſie nur unter dem Siegel der Verſchwiegenheit; ſelbſt Euer Mann darf davon nichts erfahren, es könnte mir und Euch Unglück bringen! Ich war heute beim Herrn Pfleger, da hab' ich Einiges gehört, was mich von Euch, die Ihr eine ſo gottesfürchtige Frau ſeid, ſchier in Verwunderung ſetzte. Die lange Krankheit Eures Töchterleins kam zur Sprache, und man verwunderte ſich gerechter Maßen über ihre plötzliche Geneſung, allein der Pfleger— lächelte ſchlau und ſprach: Er wiſſe ſchon, mit welchen Dingen es da zugehe, es habe Jemand die alte Duna in Euer Haus ſchleichen ſehen, und dergleichen andere Dinge. Nun werdet Ihr wiſſen, welche wohlthätige Strenge hieſigen Landes gegen ſolche Malefikantinen aplicirt wird, und es dürfte leicht kommen, daß bei einer allenfalſigen Klage auch Euer Haus nicht leer aus⸗ gehen und— 3 Heiliger Gott!— jammerte Brigitte,— welch' ein gräßliches Unheil— Beruhigt Euch nur, liebe Frau, man kennt ja Eure Gottesfurcht; Ihr ad personam habt nichts zu fürchten; das Mädl? nun ich glaube auch nicht, daß ihr Gefahr droht, und dem Valentin? er wird ſich ſchon zu rechtfertigen wiſſen; übrigens iſt das nur eine 29 Muthmaßung, die Gefahr könnt Ihr leicht abwenden, wenn Ihr der Alten künftig Eure Hütte verbiethet, denn es mag nun einmal ausgehen wie es wolle: Segen bringt ſie Euch gewiß keinen in's Haus, und daß ſie Eine von denen ſei, die dort oben auf dem Sliwenza') ihre Zuſammenkünfte haben, und den Sabbath feiern, das werdet Ihr ſo wenig wie ich, oder jeder Andere, der ſie kennt, in Abrede ſtellen. Ach, das liebe Cirk⸗ nitz! das iſt ſein einziger Schmutzfleck, daß es ſammt Umgegend mit ſo vielen Unholdinnen bevölkert iſt, und daß man nicht genug Scheiterhaufen ſchlichten kann, um ſie Alle zu vertilgen. Nun behüth' Euch der Himmel⸗ Frau Brigitte! vergeßt der Verſchwiegenheit nicht, haltet mich auch fürder in Ehren, und empfehlt mich auf's heißeſte Euren Gäſten. Er entfernte ſich gravitätiſch und ließ das zerknirſchte Weib allein zurück, welches im Geiſte das gefürchtete Ungewitter ſchon über ihr Haupt heraufbrechen ſah. Das mittlere Krain, zum Theil durch die Flüße Laibach, Gurk und Kulpa begränzt, noch heut zu Tage dem wißbegierigen Reiſenden ein Land *) Ein Berg im Krainerlande. voll merkwürdiger Sehenswürdigkeiten, war zur Zeit unſeres Gemäldes, wo viele der aufklärenden Wiſſen⸗ ſchaften kaum zu wachſen begannen, die meiſten noch ruhig in der Wiege ihrer Kindheit verſchlummerten, ein Land der Wunder; ein Land, in welchem beſon⸗ ders das fremde, an dergleichen Anblicke ungewohnte Auge, nur unheimliche Geiſter zu erblicken glaubte, welche alle dieſe außergewöhnliche Rieſenarbeit hervor⸗ gebracht, und mit gigantiſchen Kräften erhalten haben. Die Einwohner ſelbſt vermochten ſich nicht von dieſen Meinungen loszuringen; die Natur, deren Geheimniſſe ſie nicht verſtanden, mußte dem Ueber⸗ natürlichen weichen; das Leben in den Bergen und unter der Erde, welches ſie nicht zu deuten wußten, wurde— je nachdem es ihnen Nutzen oder Schaden brachte, entweder wohlthätigen oder böſen Mächten zugeſchrieben; ſie bevölkerten daher ihre Höhlen mit Gnomen, ihre Berge mit Männleins, ihre Klüfte mit Hexen, und die Berglöcher mit Gewittern; die Flüße wurden von Waſſerjungfern bewohnt, und die Wälder waren vom Teufel beſetzt, der die kleinen, landeshei⸗ miſchen Thierleins„Billich“ genannt, auf die Weide treiben mußte.— Der Boden ſelbſt bot eine bunte Abwechslung von Berg und Ebene, Feld und Thal, Waſſer und Land dar. Felſen und Wälder, Reben⸗ hügel und Aecker wechſelten in buntem Gemiſche, und 31 es war vielleicht nicht ſo bald ein Land zu finden, welches Poeſie und Wirklichkeit, das iſt: das Roman⸗ tiſche mit dem Nützlichen ſo gleichzeitig darzubiethen vermochte. Außer dieſen gewöhnlichen Gliedmaßen eines Lan⸗ des beſaß Mittelkrain auch noch eine Menge innerer Bauwerke, ſo daß man mit Recht hätte ſagen können: dieſes Land beſitze ein ober⸗ und unterirdiſches Leben. Hier treffen wir Flüße, die in die Erde ver⸗ ſchwinden, und nach meilenlanger Wanderung wieder zum Vorſchein kommen; Quellen, die nur bei beſon⸗ dern Gelegenheiten oder zu beſondern Zeiten fließen; Höhlen, die tief in den Schlund der Erde führen, und deren Ende heut zu Tage noch nicht erſpäht wor⸗ den; Grotten, durch welche mit Kähnen gefahren wird, Löcher, die mit wildem Geflügel bevölkert ſind, und endlich das größte Wunder des Landes, einen See, auf deſſen Boden man in Einem Jahre pflügen, ſäen, ärnten, jagen und fiſchen kann; für⸗ wahr! auf der ganzen Erde iſt ſeines Gleichen nicht zu finden, er ſteht einzig in ſeiner Art da— der Cirknitzer⸗See! Südlich der Hauptſtadt des Landes, in einer Entfernung von ſechs Meilen, erheben ſich kreisförmig wilde, rauhe und ſteinige Berge, über welche der an der Mittagsſeite gelegene Javornick hoch empor⸗ ragt. Eine Maſſe von Hügeln und Felſen, die über⸗ reich mit Fichten, Tannen und Eiben gekrönt ſind, bilden dieſen Berg, deſſen Haupt, eine undurchdring⸗ liche Wildniß, gegen rückwärts viele Stunden weit hinausreicht. An der mitternächtlichen Seite dieſes Kranzes ſtreckt ſich anmuthig eine Ebene dahin, die in Aeccker und Wieſen abwechſelnd, eine reiche Menge von Dör⸗ fern, Burgen und Gehöften aufzuweiſen hat, die ſo eng aneinander gränzen, daß ſie dem Landſtriche das Anſehen eines übergroßen Dorfes geben, deſſen Hütten etwas weit auseinander gerückt ſind. Zwiſchen jenem Bergkranze nun, inmitten des Keſſels liegt der wunderbare See. Er dehnt ſich von Oſten nach Weſten in einer Länge von zwei Stunden, und von Nord nach Süd in einer halb ſo großen Breite in eirunder Form aus. Aus ſeinen Tiefen er⸗ hebt ſich ein Kleeblatt von Eilanden, deren Eines von dem Dorfe Ottok und einer auf einem Hügel ge⸗ legenen Kirche gekrönt wird; die Anderen aber blos aus kleinen waldigen Höhen beſtehen'). Den Boden des See's bilden eine Menge Gruben, Löcher und Kanäle, Erhöhungen und Vertiefungen, die alle mit ) Die drei Inſeln heißen: Vornek, dann Velka Goriza unb Ma l1 a Goriza⸗ 33 dem Entſtehen des See's verſchwinden, und mit ſeinem Ablaufen zum Vorſcheine kommen. Gegen Ende eines jeden Herbſtes nämlich, brechen aus allen Löchern und Gruben, Quellen und Kanälen Waſſermaſſen hervor und füllen das Thal, welches auf dieſe Weiſe den See bildet, welcher dann an den meiſten Orten eine Tiefe von achtzehn Ellen, und an den ſeichteſten Stellen die Höhe eines Mannes erreicht; doch gegen Früh⸗ lingsende beginnt der See wieder mit Zurücklaſſung von einer ungeheuern Menge von Fiſchen durch die Löcher und Gruben abzulaufen, in fünf und zwanzig Tagen iſt gewöhnlich aus dem See trock'nes Land geworden; der vor der Anquellzeit geſäete Saamen beginnt zu ſproßen, mannigfaches Wild durchjagt die baumreicheren Parthien, und bald wird reife Frucht geſchnitten, wo kurz früher die Fluth ihre Wellen warf, und der Fiſch ſeine Heimath hatte. Unter allen, den See umgebenden Ortſchaften iſt wohl der Markt Cirknitz der Bedeutendſte; er iſt es, welcher jenem den Namen verleiht. So wie die meiſten kraineriſchen Dörfer, beſtand auch er größ⸗ tentheils aus hölzernen Häuſern, die entweder mit Brettern oder gar mit Stroh eingedeckt, ſtatt der kauchfänge blos mit Oeffnungen verſehen waren, in deren Ermanglung der Rauch durch anderweitige Fugen und Löcher abzog, und auf dieſe Weiſe der ganzen Hütte ein geräuchertes Anſehen verſchaffte. Die Beſchaffenheit dieſer Wohnungen war eine ſehr einfache. Zwei Stuben, durch eine Küche abge⸗ ſondert, mit einem leinen Vorhauſe verſehen, woran nicht ſelten die Viehſtälle gränzten, reichten hin, die einfachen Bedürfniſſe dieſer Leute zu befriedigen. Das Innere der Stuben war eben ſo einfach; eine gedielte Decke, ein lehmgeſtampfter Boden, kleine Fenſterchen, hölzerne Schränke, und ein ungeheuerer Kachelofen, in dem ſelbſt im Sommer das Brod gebacken wurde, bildeten ihre Beſtandtheile. So waren die kraineriſchen Häuſer zur Zeit unſeres Gemäldes, ſo ſind ſie auch jetzt noch mit mehr oder weniger Abwechslung. Auch Valentin Dotich's Hütte machte hievon keine Ausnahme; nur mit dem Unterſchiede, daß ſeit der Einkehr der beiden Fremden, im Innern derſelben mehr Reinlichkeit und mehr Wohlhabenheit anzutreffen war. Einige Tage verfloſſen, Roſina hatte ſich zu⸗ ſehends gebeſſert, ſo, daß ſie bereits das Lager verlaſſen, und von der Mutter geleitet, in der Stube umherſchleichen konnte. Remigius Warnung hatte in Brigit⸗ ten's Seele einen Stachel zurückgelaſſen, der allein Schuld trug, daß ſie ſich der Geneſung ihres Kindes und der herbeigeführten Verbeſſerung ihres Haushaltes nicht vom Herzen freuen konnte; die Furcht vor der 6 35 Beſchuldigung eines freundſchaftlichen Verhältniſſes mit einem berüchtigten alten Weibe, war hinreichend, ihr die Ruhe zu rauben, und ſie vor jedem kommenden Augenblicke zittern zu machen. Um ſo wohler befand ſich Valen tin; er arbeitete wieder unverdroſſen und genoß ruhig des ihm zu Theil gewordenen Glückes, ohne die Qualen zu ahnen, welche ſein verſchwiegenes Weib indeſſen empfand. Die beiden Fremden machten zwar im Markte viel von ſich ſprechen, allein dieß war nur in den erſteren Tagen der Fall, denn Kajetan hatte ſich bald freund⸗ ſchäftlich zu den Männern gefunden, beſuchte ihre Schankſtube, ließ ſich da nicht ſpotten, erzählte ihnen, wie er und ſein Junker auf einer Erheiterungsreiſe be⸗ griffen wären, weil der Letztere von etwas kränklichen Geſundheitsumſtänden ſei; kurz, er that Alles, um ſich und Siegfried in's beſte Licht zu ſetzen. Dieſe Angaben wurden um ſo wahrſcheinlicher befunden, da der Junker auf ſeinen zeitweiligen Spazier⸗ gängen von Vielen bemerkt wurde, und ſeine auffallend blaße Geſichtsfarbe dieſen Vorwand nicht nur beſtätigte, ſondern auch Remigius Käutzlein, der indeſſen bei den Fremden ſo eine Art von Hausfreund gewor⸗ den war, das Seinige dazu beitrug, den Cirknitzern von dem Junker und Kajetan die vortheilhafteſte Meinung beizubringen. —— NMan befand ſich gerade im Brachmonat des Jahres 1313. In der nächſten Umgebung des Cirknitzer Se e's herrſchte die regſte Geſchäftigkeit, denn man er⸗ wartete bereits das Verſchwinden des Waſſers. Die Oberſeedorfer Einwohner, von altersher durch die Landesgerichtsherrn zur Bewachung des See's ver⸗ pflichtet, vergrößerten ihre Aufmerkſamkeit, um die Zeit des Fiſchfanges nicht zu verſäumen, welcher zwar in den Gruben und Löchern von ungeheuerer Ergiebigkeit jedoch nur einige Stunden währt, weil dieſe gewöhnlich in ſolcher Friſt abgelaufen ſind, und die Fiſche mitge⸗ ſchwemmt haben. Vor den Hütten ſah man überall die Fiſchperne) hangen, Körbe, Säcke und anderes Ge⸗ ſchirrwerk zur Aufnahme der Fiſche wurden in Bereit⸗ ſchaft geſtellt, um jeden Augenblick bei gegebenem Zeichen ungehindert zum See eilen zu können. Das Wetter war in dieſem Frühlinge beſonders günſtig und angenehm. Der Himmel hing in ungetrübter Klarheit über die Gegend, die Sonne ſchwamm wie ein mäjeſtätiſches Feuerſchiff durch den blauen Raum, der See ſchien ſich in den aufgefangenen Strahlen zu wär⸗ men, ſein Spiegel glatt und ungetrübt, ſtrahlte das Bild des Himmels wieder, und die drei grünen Inſeln *) Netze an mondſichelförmigem Holz geheftet, welches an einer Stange befeſtiget iſt. 37 ragten wie Smaragden aus dunkelblauer Fläche hervor. Die umliegenden Dörfer und Gehöfte, Schlößer und Kirchen, deren Letztere wohl über Zwanzig zu zählen, glänzten eben ſo prachtvoll im Morgenſtrahle, und bil⸗ deten ſammt den Wieſen und Matten, Höhen und Tiefen eine würdige Umfaſſung des reizenden Bildes. Es war ein wunderlieblicher Morgen, die Luft durchſichtig und klar— ein ſanfter Zug ſtrich von dem Javornikherab, ſchien ſich in den Wipfeln der Bäume zu fangen, und wehte erfriſchende Kühle hernieder. Eine ungeheure Schaar von Wildtauben, in den beiden Tau⸗ benlöchern auf dem Javornik heimiſch, rauſchten über den See, zerſtreuten ſich nach allen Winden, und kehrten geſättigt und beladen wieder. Da erſcholl von der Kirche des heiligen Kantian bei Oberſeedor f'*) die Glocke, ein Zeichen, daß die Fiſchzeit ihren Anfang genommen; bald nach dieſem gegebenen Zeichen eilen drei Männer längs des Cirknitzer⸗Baches gegen den See, wir erkennen in ihnen den Junker Siegfried und Kajetan, von Herrn Käuzlein geführt. He, Freund Remigius!— keuchte Kajetan hintendrein,— ſo macht doch keine ſo langen Schritte; Ihr müßt bedenken, daß es der Beine verſchiedene Gattungen hienieden gibt. *) An der öſtlichen Seite des See's gelegen. 38 Ihr ſollt Recht haben,— erwiedert der Andere, — da hinüber zu den zwei Hauptlöchern in der Nähe der alten Seebrücke kämen wir doch ſchon zu ſpät; es iſt daher am Beſten, wir halten uns in nördlichen Theilen des See's auf, Ihr werdet den ſchaamloſen Plebs auch hier ſattſam bewundern können. Die erſten Züge aus den Fiſchreicheren Gruben haben die Herrſchaften, als da ſind die Auersberge, Eggenberge, Haas⸗ berge, das Sitticher⸗Kloſter, die von Laas, Schneeberg u. ſ. w., dann kommen die Andern dran. Ihr glaubt gar nicht, Junker, wie groß die Menge der Fiſche iſt, die hier jährlich gefangen werden. Sagt mir doch, Herr Remigius,— wandte ſich der Angeſprochene zu ihm— wie heißt denn das 1 waldige Gebirge jenſeits des See's? Das iſt der Javornik,— lautete die Antwort 1— in der Verlängerung jener Inſel, die Velika Go⸗ riza benamſet iſt, befindet ſich in der Höhe des Berges ein großes Taubenloch, ein zweites iſt in der Richtung 1 der alten Seebrücke zu finden, links davon in Südoſt werdet Ihr wieder einen Berg gewahren, das iſt der Slivenza, dort iſt ein Wetterloch— 1 Wie? ein Wetterloch?— fragte Kajetan, 1 erſtaunt— Findet Ihr das ſonderbar? fuhr der Gefragte fort — in dieſen Löchern, es gibt deren in unſerem Lande — — v — S 1, noch vier, da werden die Gewitter gebraut; wann es da drinnen aufrühreriſch und ſtürmiſch wird, ſo bricht Dampf und Rauch hervor, ſtinkende Nebel ſteigen auf, bilden ſchwarze Wolken, und wenn ſich dieſe entladen, ſo wirft's Hagel und Schloßen ab, welche die Felder und Gärten in der Runde verwüſten. Es werden da⸗ her dieſe Löcher jährlich geweiht, um ſie zu beſänftigen, und alle Schäden fern zu halten; da hat Euch der Pfarrer von Guttenfeld dieß nur Einmahl unter⸗ laſſen, weil er nicht glauben wollte, daß es von Be⸗ deutung ſein könne; aber proſt die Mahlzeit! Ein Wetter nach dem Andern ſtieg aus dem ungeweihten Loche hervor, und zerſchlug alle Früchte der Um⸗ gegend.— Kajetan ſtieß einen lauten Seufzer aus.— Das iſt ein verdammtes Land! brummte er in den Bart,— ach!— wenn ich nur ſchon mit heiler Haut draußen wäre!— In der Nähe des Wetterloches auf dem Sli⸗ venza,— fuhr Remigius fort— iſt ein ebener Platz zu finden, wenn Ihr ein ſcharfes Auge habt, müßt Ihr die grüne Matte von da aus bemerken, frei⸗ lich kaum ſo breit, wie'ne flache Hand— Nun, was iſt's mit dieſem Platze? fragte Kaje⸗ tan raſch— wird dort vielleicht auch etwas gebraut? Wie man's nimmt, ſo was dergleichen, dort halten die Hexen von ganz Krain ihren Sabbath! Zwickler fuhr zuſammen. Die Hex— He— ren?! ſtotterte er,— nun ja, es iſt vorauszuſehen, daß es in einem ſolchen Lande an dergleichen Geſchmeiß nicht fehlen kann. O, wir haben ihrer genug, trotz Folter und Schei⸗ terhaufen, ich weiß von den Teufelsgeſchichten genug zu erzählen. Wißt Ihr von den Inſeln im See nichts Merk⸗ würdiges? fragte Siegfried, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. Von dieſen?— ſprach Herr Käutzlein nach⸗ denkend,— nein! aber zwiſchen St. Marain und der Stadt Weichſelburg liegt ein großer Weiher, dem Sitticher⸗Kloſter gehörig. In dieſem befindet ſich eine Inſel, mit Bäumlein bewachſen, und mit einer Wieſe, die jährlich einen Fuder Heu abwirft, dieſe Inſel ſchwimmt mir nichts, dir nichts in dem Teiche umher, und wenn ein heftiger Sturm im Anzuge iſt, wird ſie an's Ufer gebunden. Kajetan klopfte ſich dreimal an die Bruſt: Alſo Ihr bindet hier zu Lande Eure Inſeln wie die Roſſe an? heiliger Gott! wenn ich nur ſchon wieder in meinem lieben Oeſterreich wäre! Die Donau trägt doch auch Inſeln, aber iſt es dem untern oder obern 41 Werd jemals eingefallen,'gen Schloß Ebersdorf hinab zu vagabundiren, oder gar bis an die unga⸗ riſche Gränze zu marſchieren? Der ſchwimmenden Inſeln,— replicirte Herr Remigius,— gibt es mehr; ſo ſoll ſich eine auf dem Schottiſchen See⸗Pfuhl Loumond, eine andere im Königreiche Kaſche mir befinden, aber dieſe In⸗ ſeln ſind nicht ſo wunderbar wie einige Waſſer, die wir hier zu Lande haben. So trefft Ihr zwiſchen Loitſch und Oberlaibach in der Wildniß, links von der Straße ein Waſſer von höchſt ſeltſamer Natur; es fließt nur dann, wenn Ihr es berührt— ſonſt hat es ſeine beſtimmte Quellzeit nur um neun Uhr Vor⸗ mittags und um Mitternacht, jedesmal eine Viertel Stunde lang. Das iſt ein eigenſinniges Waſſer!— rief Zwickler erſtaunt,— zu was hat es denn der liebe Himmel er⸗ ſchaffen, wenn es nicht fließen will? gerade ſo, als wenn ich mich zu reden weigerte.— Bei Schwarzenbach iſt auch eine Brunnquelle, — fuhr Käuzlein fort,— die hat eine andere, noch ſonderbarere Eigenſchaft; ſie duldet nicht, daß man in ihrer Nähe Linnenzeug waſche, wie dieß geſchieht, ver⸗ ſtopft ſie ſich, und höret auf zu fließen.— Alle Wetter!— polterte Kajetan;— daß iſt zu ſtark, Ihr wollt uns zum Beſten haben, Herr Remi⸗ 4 42 gius! das wäre ja von dieſer Brunnquelle eine über⸗ triebene, eine unmenſchliche Reinlichkeit, die höchſtens dazu dienen könnte, daß ſich die Mägdlein darin ſpie⸗ geln ſollten, wie ſie ja keine Leinwand, die ein And'rer auf dem Leibe trägt, ſich mögen nahe kommen laſſen. Aber Ihr könnt erzählen, was Ihr wollt, ich glaube Euch Alles! in einem ſolchen Lande iſt nichts unmöglich, und wenn Ihr mir ſagtet, Ihr hättet ſingende Felſen— Die haben wir auch!— rief Käuzlein ſtolz; Kajetan prallte drei Schritte zurück, ſah ihn ganz verdutzt an und ſprach trübſelig: In des heiligen Bar⸗ nabas Namen! ich will Euch auch das glauben! Selbiger Fels liegt zwiſchen der Stadt und dem Schloßgraben von Rudolphswerth, und wird von dem Gewäſſer des Letzteren erreicht. So oft nun in der umgegend ein Unglück im Anzug iſt, ſo läßt ſich ein unterirdiſcher Hall aus dem Felſen vernehmen, faſt ſo, als ob man ein großes Faß daherkollerte, und es hat ſich noch nie ereignet, daß der Fels falſch ominirt hätte. Kajetan ſah mit Erbarmen,flehenden Augen ſeinen Junker an. Was ſagt Ihr dazu, Junker Sieg⸗ fried? nun werdet Ihr mich doch nimmer ſchelten, wenn ich in Euch dringen werde, aus dieſer Gegend ſo ſchnell als möglich davon zu kommen? 43 Er wollte in ſeinen Klagen noch fortfahren, als von einer, nächſt Cirknitz gelegenen Kirche, dem hei⸗ ligen Johanni Baptiſta geweiht, die Glocke ertönte. Nun gebt Acht!— rief Herr Käuzlein,— nun wird der Tanz angehen! Dieß war nämlich das Zeichen, daß das Fiſchrecht frei geworden; die Bewohner von allen umliegenden Ortſchaften ſtürzten gegen den See; Jung und Alt, Mann und Weib, Alles bunt durcheinander, halb nackt, mit Fiſchpern, Körben, Säcken und anderartigen Netzen verſehen. Viele fiſchten in den Gruben, aus welchen noch nicht alles Waſſer abgelaufen war, Andere wühlten im Gras umher, wieder Andere durchſuchten Rohr und Schilf, Viele ſtiegen in die ſteinigen Löcher hinab und ſtöberten da umher; es bot ein Bild voll Leben dar: ſo viele Hunderte von Menſchen ſich herumtummeln und beeifern zu ſehen; doch blieb ihre Mühe nicht un⸗ belohnt, denn eine hübſche Menge von großen und kleinen Fiſchen wurde ihnen zu Theil. Kajetan nahm an dieſem ächten Volksſchauſpiele den innigſten Antheil; anfangs ſchimpfirte er zwar gewaltig über die Schaam⸗ loſigkeit der daſigen Landleute, die mir nichts, dir nichts am hellichten Tage halbnackt daherlaufen, aber an den Anblick einmahl gewohnt, ſprang er am Ufer luſtig um⸗ her, zeigte den Kindern die Steine, unter welchen ſich hie und da ein Fiſch verſteckt hatte, jubelte laut auf, 4 4 wenn der Entſchlüpfte eingebracht wurde, dabei rann ihm der Schweiß über das Antlitz, daß es ſchier glänzte, als ob es mit Fett überſtrichen worden wäre. Hieher! Hieher!— rief Kajetan plötzlich, vor einer Grube ſtehen bleibend, welche von Fiſchen, beſon⸗ ders kleinerer Gattung, wimmelte;— hier kommt her, da gibt es einen reichen Fang. Das werden wohl Alle bleiben laſſen!— unter⸗ brach ihn Remigius,— in dieſen beiden Löchern, Piauze und Narte heißen ſie, iſt das Fiſchen ver⸗ vothen, weil die Thiere da drinnen ſtreichen; aber ſeht, in eben dieſen Gruben wohnt nebſt den Fiſchen eine un⸗ geheure Menge von Igeln,*) wenn Ihr Euch hinein vegebt, und gewiſſe Worte ruft, ſo kleben ſie ſich zu Hunderten an Eurem Leibe an, wie Ihr aber ſtille bleibt, ſo werden ſich nur wenige oder gar keine ein⸗ finden. Und welches ſind dieſe Worte? fragte Sieg⸗ fried erſtaunt. Der Schulmeiſter begann in einem etwas ſingen⸗ dem Tone: Pi mene piauka! Pii mene piauka! das heißt auf deutſch:„Saug mich Igel! Saug mich Igel!“ *) Egel. Wir behalten das Wort Igel bei, weil es gleiche Chroniken gebrauchen. 45 Jetzt ging Kajetan die Langmuth, oder beſſer ſeine Glaubfähigkeit zu Ende. Herr Remigius! be⸗ gann er mit ernſtem Tone; Ihr habt uns heute viel Mährchenhaftes von Eurem Lande erzählt— Noch lange nicht Alles! replicirte der Andere. Ich habe aber an dem ſchon genug!— rief Zwickler;— Ihr ſeid ein gelehrter Mann, Ihr müßt das beſſer wiſſen wie ich, ob das Alles mit rechten Dingen zugeht; wir unſeres Theils haben bisher auch die Wahrheit des Erzählten Eurem Zeugniſſe zu Folge, nicht in Zweifel gezogen, aber was das Letztere belangt, beim heiligen Barnabas! das iſt mir ein Bischen zu rund! Ich kann es nimmer glauben, daß ſolche ſtumpf⸗ ſinnige Thierleins, wie dieſe Igel ſind, denen der liebe Himmel nicht einmal Ohren gegeben hat, daß ſie, ſage ich, die menſchliche Stimme hören, vielweniger gar ver⸗ ſtehen können. Einige Umſtehende, welche den ausgeſprochenen Zweifel mit angehört hatten, beſtätigten die Ausſage des Schulmeiſters. Kajetan ließ ſich ſeine Meinung nicht ſtrittig machen, bis endlich Herr Remigius rief: Nun, wenn Ihr es nicht glaubt, ſo überzeugt Euch! Jetzt ſtand der Andere einige Augenblicke verdutzt da, dann ſah er mit fragenden, etwas furchtſamen Blicken 46 auf Siegfried; doch dieſer ſprach: Es bleibt wohl kein anderes Mittel, Euern Zweifel zu rechtfertigen. Kajetan blickte die Grube, dann die Umſtehen⸗ den an, doch die Neugierde ſiegte über die Furcht; der eitle Gedanke, aus dem Streite als Sieger hervorzu⸗ gehen, ſpornte ihn an, und er ſprach: Gut, ich gehe in die Grube. Raſch, als fürchte er eintretende Reue über den voreilig gefaßten Entſchluß, warf er ſeine Kleider von ſich, und ſtieg kühnen Schrittes in das Loch; der Schlamm reichte ihm faſt bis an die Bruſt, tiefer hin⸗ ein wagte er ſich nicht. Mit geſpannter Neugierde blieb Alles ſtehen und ſah auf Zwickler. Fühlt Ihr was? rief ihm Käuzlein zu. Bisher noch nichts! Nun, ſeht Ihr? Es fing dem armen Kajetan an warm zu werden. Jetzt ruft die Igel mit jenen Worten herbei! Zwickler wiſchte ſich den Angſtſchweiß von der Stirne. Ich habe ja das Kauderwälſch vergeſſen!— ſchrie er aus dem Loch.— Pii mene piauka! pii mene piauka! johlte ihm die Menge vor, und: Piü mene piauka! pii mene piauka!— ſtotterte der Verſucher hintendrein. Einige Augenblicke herrſchte tiefe Stille. Plötzlich fuhr Kajetan, einen Angſtſchrei ausſtoſſend, in die V V 47 Luft, mit Blitzesſchnelle ſtürzte er aus dem Loche, und o Wunder! die ganzen Beine ſahen wie ſchuppig aus, ſo waren ſie mit Egeln überſäet. Wie raſend ſprang er umher, denn die unbarm⸗ herzigen Blutſauger drückten ihm ihre Stachel tief in's Fleiſch; er rief nach Hilfe, ſtreifte mit den Händen nach abwärts,— vergebens; Hülfe! Rettung!— ſchrie er — die Beſtien zapfen mir das Blut ab! Herr Re⸗ migius, helft! rettet!— Junker Siegfried, er⸗ barmt Euch meiner; ich bin ein Kind des leibhaftigen Todes! Nun kam Rettung. Einige Cirknitzer, die ſchon früher— das Ende fürchtend— fortgeeilt waren, kamen mit einem Scheffel Salz herbei, und beſtreuten die Thierleins, welche alſogleich von ihrem Mahle ablaſſend, entkräftet zu Boden fielen. Kajetan mußte, faſt ohnmächtig, in's Dorf ge⸗ tragen werden. Wallburga, die Tochter des Pflegers von Cirknitz, ſaß ſinnend in ihrem Kämmerlein; das ſchwarze Lockenhaupt in die zarte, weiße Hand geſtützt, das Feuerauge, heute etwas trüb und feucht, war um⸗ 48 flort, die hohe Stirn in Falten gelegt, und die Miene eine nachdenkende, faſt kummervolle. Was mochte die üppige Schöne ſo angegriffen haben, daß ſie faſt wie das leibhafte Konterfei einer Trauernden da ſaß? ge⸗ dachte ſie wieder des untreuen Liebſten, der ſie vor Monden ſchon wortbrüchig verlaſſen? hatte ſie doch in⸗ deſſen dem reichen Peter im Markte ihre Gunſt ge⸗ ſchenkt; oder war es wieder eine andere Flamme, die in ihrem Buſen aufgelodert, Freude und Ruhe ihrer Tage zu verzehren drohte? Faſt glauben wir es errathen zu haben. Nach einer Weile trippelte Frau Barbara, die Haushälterin des verwitweten Pflegers herein. Nun, mein Täubchen!— begann ſie mit geläu⸗ figer Zunge— was ſoll das heißen? ſitzeſt da wie eine Tuckmäuſerin, die nicht fünf zählen kann, und laſſeſt alles Andere im Hauſe gewähren; was hat es gegeben, mein Wallchen? hat ſich der Liebſte wieder ſpröde benommen, oder haſt ihn vielleicht gar auf verborgenen Schlichen ertappt?— Die Schöne ſeufzte tief auf, und gab keine Antwort. Die Alte, welche den Nagel auf dem Kopf getroffen zu haben glaubte, fuhr fort: Ja, traue Eine den Män⸗ nern nur! die ſind wandelbar wie die Waſſer unſeres See's, und laſſen uns bald im Trockenen zurück. 40 Ach! hört mir mit dieſem Gemeinſprüchlein nur auf,— unterbrach ſie Walburga verdrießlich;— meint Ihr, weil mich der Wälſche verlaſſen, ſo müſſe es nun jeder Folgende auch thun?! Peter hat zu feſt in den Köder gebiſſen, als daß er ſich ſo leicht wieder davon losmachen könnte! Dießmal iſt es etwas ganz Anderes, faſt der umgekehrte Fall wie früher.— Ah ſo, Wallchen? das laß' ich mir gefallen, wer wird immer an Einem Knochen nagen; du biſt ein ſchmuckes Mädchen, zur Freude des Lebens ge⸗ ſchaffen, und man lebt ja nur Ein Mal und iſt auch nur Ein Mal jung! die Roſe duftet angenehm, allein die Nelke thut es nicht minder; auch das Veilchen bleibt nicht zurück, und die anderen Blumen ſind eben Geſchöpfe des lieben Gottes, und dürfen nicht in den Hintergrund geſtellt werden; wer wird alſo ſo thöricht ſein, immer nur Eine vor die Naſe zu halten? friſch gelebt und genoſſen, ſo lange man will, oder beſſer: ſo lange man gewollt wird! Walburga preßte einen Seufzer hervor. Nun, mein Töchterchen? Du wirſt doch das Letztere nicht bezweifeln? Du, das üppige, jugendliche Geſchöpf mit dem wunderlieblichen Geſichtchen, den roſigen Wangen und den kleinen Feuerrädern; wo iſt der Mann, dem's bei deinem Anblicke um's Herz nicht Der Gezeichnete. I. 5 50 warm werden ſollte; wo iſt derjenige, deſſen Eisrinde durch dieſe Augen nicht ſchmelzen müßte? Ach! hauchte die Leidenſchaftliche,— wenn es nur dießmal der Fall würde— Barbara blieb nicht ſtille: Es wird, es muß; du weißt, mein Kind, uns beiden widerſteht Niemand! Nenn' mir ihn; wer iſt der Glückliche, dem jetzt dein ungeſtümmes Herzchen entgegegen ſchlägt? Habt Ihr von den Fremden gehört, die bei Do⸗ tich eingekehrt? fragte die Tochter des Pflegers. J freilich, ich bin auch dem Einen von ihnen ſchon begegnet, aber der wird es doch nicht ſein, der Alte?— O nein! Nein! Der iſt es gewiß nicht, denn Er iſt jung, faſt zu jung noch an Jahren. Ach, Barbara! wenn du ihn geſehen hätteſt, wie ich, ſo nah', ſo unbelauſcht. Ohne daß er es wußte, ſtand er kaum zehn Schritte von mir entfernt, nur durch die Einfriedung unſeres Gartens von mir getrennt; er wandelte tiefſinnig, faſt traurig vorüber, und war's Zufall oder Verhängniß, er blieb, bei mir angelangt, ſtehen, ſchlug wehmüthig das große, blaue Auge gegen den Himmel auf, und ein Seufzer, aus tiefſter Bruſt geholt, rang ſich empor. Das blaße Antlitz, mit dem zarten, faſt mädchenhaften Fell, die langen, blonden Locken, die ſeidenweich ſich abwärts ringeln, und dann . ——,—————— † 5 1 der feſte Blick, wie nur ein entſchloſſener Mann ihn ſenden kann, der Adel ſeiner Züge, die Hoheit der Stirne und der ſchlanke Wuchs; wer dieß Alles ſo wie ich, mit einem Blicke verſchlungen hat, und ungerührt geblieben, dem kann kein weiblich, kein empfänglich Herz im Buſen klopfen! Barbara klatſchte freudig in die Hände. Schön, Wallchen, ſchön! Du empfindeſt ganz ſo, wie ein Mädchen deines Alters empfinden ſoll; du biſt es würdig, daß ich für dich handle, und ich will es auch thun, thun mit dem ganzen Vermögen meiner Seele, mit allen Kräften meines ſiechen Leibes. Hei, mein Töchterlein! friſch auf! laß' Freude wieder dein Inneres beſeelen, keine Spur von Kummer darf zu treffen ſein; Morgen geht der Vater zur Herrſchaft nach Laibach und kehrt erſt in einigen Tagen wieder; viel Zeit, viel Raum, um ein junges Blut zu kirren und ein männlich Herz zu fangen; luſtig Wallchen! munter, mein Täubchen— er wird dich ſehen, und du haſt geſiegt! Barbara trippelte wieder aus der Stube, und Wallburga, unflügelt von Träumen und Hoff⸗ nungen, umfaßte ſchon in Gedanken den Jüngling, der beim erſten Anblicke der Abgott ihrer Seele gewor⸗ den war. Wir aber wenden uns von der entarteten Jung⸗ „ 5 2 frau, die von früheſter Jugend an mutterlos, der Ob⸗ hut eines Weibes anvertraut war, welches gewiſſenlos den Keim der Verderbtheit in's unſchuldige Herz ſenkte, und nachdem er Wurzel gefaßt, ihn ſorgſam pflegte, daß er gedieh, reifte, und nun bereits ſeine giftigen Früchte trug; wir laſſen um ſo freudiger von der un⸗ würdigen Scene den Schleier ſinken, weil eine andere unſerer harret, die edler, herzlicher, unſere Theilnahme mehr in Anſpruch nimmt. Es war an demſelben Nachmittage, als Sieg⸗ fried ſich allein im Garten ſeines Wirthes befand; Valen tin war im Walde, um Hoiz zu fällen, Bri⸗ gitte auf dem Felde, und Kajetan, von ſeiner un⸗ freiwilligen Aderlaß bereits geneſen, befand ſich beim Schulmeiſter, mit dem er ſehr freundſchaftlich zu har⸗ moniren begann. Der Jüngling lag im Schatten einer Gruppe von Obſtbäumen, deren zahlreiche Früchte ihrer Zeitigung bereits entgegen gingen; ſein Haupt war an den Stamm eines Apfelbaumes gelehnt, das Auge wie nachdenkend gegen Oben gekehrt. Die Unthätigkeit in dieſem Hauſe mußte ihn be⸗ reits aneckeln, er konnte darüber nur mit ſich ſelbſt zürnen, denn wer hielt ihn auf, wenn er gehen wollte? aber es war ſein Verſprechen, welches er der Alten ge⸗ geben hatte, ſo lange in Dotich's Hauſe zu harren, bis ſie ſich wieder bei ihm eingefunden haben würde; doch warum kam ſie nicht, warum ließ ſie Wochen verſtreichen, ohne ihre Zuſage zu erfüllen?— Wer war die Unbekannte, und was mochte ſie bewogen haben, ihn in ihren Schutz zu nehmen, und ihm die Gründung ſeines künftigen Glückes zu verſprechen? Sollte ſie ihm vielleicht falſch, hinterliſtig entgegen gekommen ſein, um ihn— den ſie vielleicht nur zu gut kennt— denjenigen auszuliefern, denen er kaum entflohen war, ſollte ſie die Zeit ſeines Hierſeins dazu benützen wollen, ſie her⸗ bei zu holen? Dieſe Reihenfolge von Gedanken beſchäftigte ſeine Seele, und der Letztere fand Anklang in derſelben. So iſt's! ſprach er zu ſich ſelbſt;— ſie will mich verrathen, verkaufen, ausliefern! jeder Augenblick bringt mich dem Verderben näher, jede Minute vergrößert die Gefahr; drum fort von hier! Morgen ſchon verlaß' ich dieſe Gegend, um ihre tückiſchen Anſchläge zu vereiteln. Dieſer Entſchluß war kaum gefaßt, als die Phan⸗ taſie auch ſchon Entwürfe und Pläne für die Zukunft machte. Der Kaiſer war mit den Venetianern in Feind⸗ ſeligkeiten verwickelt; er wollte dem Paniere des Ruh⸗ mes folgen und für ſein Vaterland kämpfen.— Vater⸗ land? Hatte er eines?— Welches war ſein Vaterland, wo war er geboren worden, wo lag ſein Vaterhaus, wo war die Wiege ſeiner Kindheit geſtanden?— Tiefe Rührung bemächtigte ſich bei dieſem Gedanken Seiner, eine Thräne, glühend heiß, perlte die Wange herab. Armer Siegfried! du hatteſt kein Vaterhaus, das bittere Verhängniß, im Einklange mit einer mißgünſtigen Natur, hatten dich deſſen beraubt; halte feſt, Herz im Leibe, und breche nicht! Aus dieſer ergreifenden, höchſt wehmüthigen Stim⸗ mung ſich aufraffend, erhob er ſich raſch vom Boden, und vor ihm ſtand ein Mädchen, welches, faſt eben ſo erſchreckend als er, einige Schritte zurückwich. Nichts als ein weißes Linnenkleid deckte ihren Körper, um den Hals war es geſchloſſen, in der Hüfte mit einem rothen Tuchgürtel umwunden. Einfacher konnte wohl keine Kleidung ſein, und doch, welchen Eindruck machte die Geſtalt auf den Beſchauer! wie lieblich, wie anmuths⸗ voll ſtand ſie da, mit tauſend Reizen geſchmückt, von füßem Zauber umwoben. Das Antlitz ein heiterer Himmel, kaum merkbar angehaucht vom zarten Abend⸗ roth, das Auge ein Stern, das Haar eine Krone, dieß wundervolle Madonnenbild zur Königin der Herzen zu erkieſen, die ganze Geſtalt ein Geſchöpf des himm⸗ liſchen Bildners würdig, den Zauber aller Reize in ſich vereinend, der Lilie eben ſo, wie der Roſe und dem Veilchen gleich, ſo ſtand die Jungfrau dem Jüngling gegenüber: Es war Roſina! Siegfried hatte ſie bis zu dieſem Augenblicke noch nicht geſehen; er war nie in die Krankenſtube ge⸗ 55 kommen, und heute verließ ſie dieſelbe zum erſten Nale. Ein Erröthen ergoß ſich über Beider Wangen beim erſten Anblicke, dann aber erhob ſich Siegfried, ging freund⸗ lich auf ſie zu und ſprach: Seid Ihr die Tochter des Hauſes, die ſo lange ſchon darnieder lag? Ja, ich bin Roſina!— entgegnete die Jungfrau ſchüchtern,— und Ihr ſeid der fremde Junker, der bei uns wohnet, dem meine Eltern ſo viel zu verdanken haben, und dem ich ſelbſt mein Leben ſchulde? O Herr! wie werde ich Euch danken können; Ihr habt Glück und Segen in unſer Haus gebracht. Siegfried ſeufzte. Glück und Segen? fragte er mit einem leiſen Anflug von Hohn; es müßte das erſte Mal in meinem Leben ſein, daß ich Glück und Segen in ein Haus bringe. O Roſina! ich bin kein Kind des Glückes, kein Sohn des Segens!— Das Mädchen ſah ihn mit inniger Theilnahme an. Wär' es möglich? Ihr— ſo jung noch an Jahren, ſolltet ſchon die herbe Koſt des Lebens genoſſen haben 7 O, es kann nicht ſein! Ihr ſeid ja vornehmer Eltern Kind, auf Eurem Antlitze ſteht die edle Abkunft geſchrieben— Auf meinem Antlitze? rief Siegfried faſt er⸗ ſchrocken aus, ſetzte aber, ſchnell ſich faſſend, gelaſſener hinzu: Ja, Ihr habt Recht! auf meinem Antlitz ſteht's geſchrieben, daß mich die Natur verſtoſſen hat, daß ſie 54 mir den Stempel aufgedrückt, der mich verhaßt, der mich verworfen macht! Ja, Mädchen! auf meinem Ant⸗ 4 litz ſteht's geſchrieben, daß man mich meiden, mich fliehen 3 ſoll; ich kann nicht Glück, ich kann nicht Segen bringen, unter meinem Tritte dorrt das Gras, unter meinem Hauche welkt die Blume; das Lüftchen, das an mir vorüberweht, wird zum glühenden Sirocco, die Fluth, die mich berührt, zum Gift; dem Ausſätzigen gleich, ſollte man mich auf eine wüſte Inſel ſetzen, daß meine Nähe die Luft der Reinen nicht verpeſte. Ja, auf meinem Antlitze ſteht's geſchrieben, daß man mich meiden, daß man ſich vor mir wahren ſoll, denn in meinem Geleite ſoll das Verderben ſein, an meinen Ferſen ſoll das Ver⸗ brechen kleben!— Roſina verſtand die Worte des Junkers nicht ganz. . Ihr ſprecht in Räthſeln, Herr! erwiederte ſie . freundlich;— auf Eurem Antlitze kann ich nichts finden, nichts Schreckliches leſen. Gutmüthigkeit, Edelmuth und Freundlichkeit leuchten aus Euren Blicken, aus Euren 1 Zügen hervor. Ich ſeh' Euch an, und freudig bebt mein Perz dabei; der Anblick eines Verworfenen kann ſo nicht zum Herzen ſprechen. Siegfried ſah ſie mit glühenden Blicken an. Wär' es möglich! rief er, ihre Hand ergreifend;— ich ſollte hier ein Weſen gefunden haben, daß ſich mir ver⸗ 5 7 traulich nähert, mir mit Offenheit und S entgegen kömmt? Ja gewiß, Herr! unterbrach ihn die Jungfrau; Euch gegenüber werde ich nie anders als offen und herzlich ſein können. Aber werdet auch Ihr Gleiches mit Gleichem vergelten? Wer könnte, dich im Auge, je anders denken und anders ſprechen? rief Siegfried feurig, und zog das Mädchen näher an ſich;— doch der Abend rückt heran, der kaum Geneſenen kann die feuchte Luft ſchädlich werden; kommt in die Stube, ich will Euch erzählen, was ich erlebt, erduldet— ich will Euch erſchließen, was mein Herz bisher ſo hoch bewegt, wie ich ver⸗ achtet und mißhandelt ward; doch Euch allein ſei es vertraut, ein todt Geheimniß lieg' es in Eurem Buſen, ein Geheimniß, daß Ihr keiner Seele, ja den Lüften ſelbſt nicht entdecken ſollt; denn Verräther lau⸗ ſchen, und meine Freiheit ſteht auf dem Spiele.— Faſt erzitternd vor dem Schrecklichen, das ſie er⸗ fahren ſollte, ſchritt Ro ſina dahin: ihre Hand ruhte in Siegfried's Arm, von der Krankheit noch matt, lehnte ſie an ihm, und er unterſtützte mit klopfendem Herzen die ſüße Laſt. So gelangten ſie in die Vorderſtube; des Abends Halbdunkel begann ſchon von den Bergen, einer grauen Wolke gleich, herabzuſinken, und verbreitete ſich in dem 58 kleinen Raume; Siegfried ließ ſich an der Jung⸗ frau Seite nieder, legte ſeine Rechte auf die Lehne der Bank, daß er ſie auf ſolche Weiſe faſt umſchlang, faßte mit der Linken ihre Hand, und drückte ſie an ſein pochend Herz. Roſina,— begann er— an Eurer Seite ſitzt ſich's ſo traulich, in Eurer Nähe athme ich ſo leicht! Ihr habt mich ſo wunderbar an Euch gezogen, und je länger ich die Huldgeſtalt mit meinem Blicke verſchlinge, je länger ich Euren Odem fühle, deſto heftiger pocht mein Herz, deſto lauter ſpricht die Stimme in meinem Innern: Ja, Siegfried! dieſem Weſen vertrau'„ dieſes Mädchen verdient es, in die geheimſten Falten deines Herzens zu ſchauen!— Ro ſina! ich habe viel gelittten!— Die Hausthüre draußen wurde in dieſem Augen⸗ blicke geöffnet. Heiliger Himmel! rief die Jungfrau aufſpringend,— der Vater iſt's, o ſchnell, Junker! wenn Ihr mich achtet, wenn Euch meine Ehre lieb, ſo verlaßt mich; eilt in Eure Stube, wir ſehen uns wieder, ja gewiß, wir ſprechen uns wieder! Siegfried empfand einen leiſen Druck ihrer Hand, ſtürzte aus der Stube, und kaum hatte er die Thüre ſeines Stübchens hinter ſich in's Schloß ge⸗ worfen, ſo trat auch Valentin in's Vorhaus. 50 Heiliger Himmel! lispelte Roſſina vor ſich hinz wenn er ihn auch nicht geſehen, ſo hat er doch gewiß das Zuſchlagen der Thüre vernommen!— Und ſo war es auch. Die Mühe Walburga's: Siegfried wäh⸗ rend der Abweſenſeit ihres Vaters in's Haus zu locken, war vergebens! Der Jüngling hatte zufällig von dem Schulmeiſter mehres über den Wandel der Pflegers⸗ tochter vernommen, und hütete ſich, in ihre Schlingen zu fallen. Wie konnte er, ſeitdem er Roſinen ge⸗ ſehen hatte, an ein anderes Mädchen denken? wer wird ſich, wenn ihm ein duftig heitrer Morgen aufgegangen, nach dem glühenden Mittag ſehnen, wer wird die friſche Silberquelle im kühlen Hain verlaſſen, um an dem ſan⸗ digen Ufer eines rauſchenden Stromes zu weilen? Einige Tage ſpäter trat Kajetan in die Stube. Seine Miene war ernſt, ſein Odem bewegt; er ſchüttelte ſich, als ob er eines böſen Geſichtes los werden wollte. Junker Siegfried! begann er,— ich komme, ein ernſtes Wort mit Euch zu ſprechen. Und dieſes iſt? fragte der Jüngling. Wir reiſen Morgen von hier ab! Wer befiehlt dieß? 60 Eure Sicherheit! Wie? meine Sicherheit? fuhr der Junker auf;— was habt Ihr erfahren? Ihr ſollt gleich Alles hören. Ihr müßt von hier fort, denn wenn Ihr noch lange da bleibt, ſo bringt Ihr Euch alle alten Weiber auf den Hals. Heiliger Barnabas! ſo ein junges Blut— und nichts als alte Weiber vergaffen ſich in Euch! Ich hatte mich da zwi⸗ ſchen den Gärten ergangen, da kommt ſo ein altes Donnerwetter auf mich los; Herr Junker, ich ſage Euch, der fehlte nur der Beſen zwiſchen die Beine, und ſie hätte können auf den Slivenza reiten. Sie begann ein freundlich Geſpräch mit mir und klagte, daß Ihr ſo hartherzig ſeid, daß ſie Euch zum glücklichſten Men⸗ ſchen machen wolle, und daß Ihr ſo thöricht ſeid, es nicht annehmen zu wollen, und mehr dergleichen Faſe⸗ leien. Ich machte mich aber aus dem Staube. Aber ſagt mir nun, um's heiligen Barnabas Willen! was haben die alten Weiber an Euch gefreſſen? alle wollen Euch glücklich machen, und Keine thut es! Es iſt ja um Euch ein ordentliches Alteweibergeriß! Siegfried, welcher ſchon mehre Angriffe Bar⸗ bara's ausgeſchlagen, ahnete bald, daß Sie es geweſen ſei, welche ſich an Kajetan gewendet hatte, und ſprach: Wenn Euch die Alte noch einmal in den Weg 61 tritt, ſo ziehet Eure Fuchtel aus der Scheide und bläuet die Verſucherin durch; ich berechtige Euch dazu. Das werde ich bleiben laſſen! rief Zwickler furchtſam; dieſe alten Unholdinnen ſind Hieb⸗ und Stichfeſt, die würde mich ſauber eintunken; da könnte es leicht geſchehen, daß Ihr eines Morgens ſtatt des Kajetan Zwickler einen brüllenden Ochſen mit einem Paar tüchtiger Hörner zu ſehen bekämet, wie es, nach Ausſage des Herrn Remigius, hierlands einem Edelmanne geſchehen ſein ſoll; und das, muß ich Euch aufrichtig geſtehen, wäre mir nicht ſehr ge⸗ nehm! Aber abgeſehen von dieſer Angelegenheit, müßt Ihr dennoch fort von hier: denn mir iſt auch noch etwas Anderes zu Ohren gekommen, was Euch nicht gar genehm ſein wird. Geſtern Abends waren unſere beiden Wirthsleute im Garten draußen; ich befand mich unter den Bäumen im hohen Graſe, ohne daß ſie mich bemerkten, und wurde ſolcher Art ein unfreiwil⸗ liger Zeuge ihres häuslichen Zwiſtes. Die ganze Sache drehte ſich wieder um Euch, wie ſich denn überhaupt ganz Cirknitz, wenn wir nicht bald Reißaus nehmen, um Euch drehen wird. Der Alte gab vor, zwiſchen Euch und der Haustochter etwas Unliebes bemerkt zu haben; das heißt Etwas, was nicht Euch, ſondern ihm unlieb zu ſein ſcheint; die Brigitte widerſprach, er ließ ſich nicht abbringen, und da kam es endlich 62 ſo weit, daß er betheuerte: Euch und mich, trotz meiner Unſchuld verſteht ſich auch dazu, bei nächſter Veranlaſſung aus dem Hauſe zu werfen, und der⸗ gleichen Unannehmlichkeiten mehr.* Von Siegfried's Augen fiel es wie Schuppen. Das war alſo die Urſache, daß Valentin ſeit jenem Abende nicht mehr das Haus verließ, Roſina keinen Augenblick allein blieb, und er mit ihr kaum Blicke wechſeln konnte. Er warf ſich ungeſtüm an die Lehne des Stuhles. Nun alſo, Herr Junker! fragte Zwickler;— was ſagt Ihr zu dieſer Kunde? Wir reiſen, und zwar übermorgen! verſetzte Sieg⸗ fried kurz. Nun, dem Himmel ſei's gedankt! rief der Andere froh; das iſt endlich einmal ein weiſer Entſchluß: wir wandern, und damit hollah! Seht Ihr? hab' ich's nicht im Voraus geſagt: mit alten Weibern iſt keine Freund⸗ ſchaft zu ſchließen? taugen ſchon die Jungen wenig, ge⸗ ſchweige erſt die Alten! Siegfried ließ ihn gewähren und unterbrach den Redſeligen nicht. Die Haushälterin des Pflegers, nachdem Kaie⸗ tan ſich, nach ſeinen Ausdrücken, aus dem Staube ge⸗ macht, und ſie allein gelaſſen hatte, eilte mit zorn⸗ 63 glühenden Blicken nach Hauſe, wo Walburga ihrer ſchon ſehnſüchtig harrte. Hat man je ſo was gehört? iſt Einem je ſo hochfärtig Geſindel unter die Augen gekommen? Nun wartet nur, Ihr fahrendes Pack! ſollt nicht vergebens uns verſchmäht und zurückgewieſen haben! Sei nur geduldig, mein Wallchen, und vergieß keine Thränen, nur ruhig, mein Mädel— Barbara! flehte die Leidenſchaftliche,— alſo wieder vergebens? rede, haſt du mit ihm geſprochen, ſah'ſt du ihn mit eigenen Augen?— J was, wie kannſt du denn zu dem kommen, ohne von den Leuten bemerkt zu werden; in's Haus geh'n? das fiele zu ſehr auf, und der Junge iſt ein ſchüchtern Ding, läßt ſich ſelten im Freien ſehen; Ich habe mit ſeinem Begleiter geſprochen, der ließ mich auf dem Wege ſtehn, und lief, wie ein toller Spitzbube, von dannen. Wallchen! jetzt fang ich ſelbſt zu verzweifeln an; du haſt es hier nicht mit einem kalten Herzen, dagegen mit einem eigenſinnigen Narren zu thun, laß ab von ihm— Wie? fuhr die Tochter des Pflegers auf; du kannſt das rathen, kannſt das mir rathen, von der du weißt, daß ich nie gewohnt war, gefaßte Entſchlüße aufzugeben? Ich muß, ich werde ihn beſitzen, und wenn es mich mein Leben koſten ſollte! gerade dieſer Widerſtand reizt 64 mich, dieſe Unempfindlichkeit zeigt Erfahrungsmangel, dieſer Starrſinn, von kräftiger Männlichkeit. Barbara, jetzt ſprich, rathe, es muß zum Aeußerſten geſchritten werden, ich vermag es nimmer, die Pein zu dulden, dieſe Ungewißheit tödtet mich! Nun, mein Töchterchen! wenn es dein Wille iſt, wollen wir zum Aeußerſten greifen. Du haſt bisher überall geſtegt, wo du angegriffen, auch hier wird es geſchehen, nur mit mehr Mühe; deſto ſüßer wird die Frucht ſchmecken, je gefahrvoller du ſie vom Baume holſt. Aber vor Allem: Verſchwiegenheit, die mußt du mir geloben, Verſchwiegenheit bis in den Tod! Ich will dich Morgen Abends einführen in eine luſtige Kum⸗ panei, wo es drunter und drüber geht, wo kunter bunter gewirthſchaftet wird; hollah, mein Töchterchen! da ſollſt du luſtig und guter Dinge werden, da ſollſt du ſchauen, was es auf dem großen Tanzboden für Leben gibt, wo grüne Säulen die Decke ſtützen, an welcher tauſend und tauſend Lämpchen prangen, wo luſtige Muſikanten den Tanz ſpielen, und Hunderte ſich drehen im wirbeln⸗ den Kreiſe, daß ihnen der Odem ſchier verſagt, die Bruſt zu ſprengen droht, und die Augen ſtarr aus den Höhlen quellen; an meiner Seite ſelbſt ſollſt du bleiben, Wallchen, und ſehen tauſend Geſchichten und Dinge, an denen dein Auge ſich laben, dein Sinn ſich erheitern ſoll; da wirſt du auch den Liebſten ſehen, ob er wirklich 65 noch kein Mädchen geküßt, ob er noch kein anderes Bild im Herzen trägt; dieß Alles wird dein Auge er⸗ kunden, dieß Alles wirſt du erkennen; und dann ſollen die Schweſtern dir ein Mittelchen bereiten, den Sprö⸗ den kirren, das Gemüth des Züchtigen umwandeln zu können. Walburga's Auge ſprühte Feuer und Flammen. Barbara! rief ſie faſt zitternd vor Luſt,— ich geh' mit dir, leite mich, wohin du willſt, mache aus mir, was du willſt, für ſeinen Beſitz wage ich Alles!— Wallchen! ſprach die Alte, jetzt eine bedenkliche Miene annehmend,— ich kann es dir aber nicht ver⸗ ſchweigen, daß du auch etwas ungewöhnliche Dinge ſehen wirſt; Dinge, bei deren Anblick die Furcht gar leicht ein ſchwach Gemüth beſchleicht— Iſt mein Gemüth ſchwach? fragte Walburga, ſich erhebend,— wer für Einen Wunſch ſeines Her⸗ zens Alles wagt, der kann kein ſchwaches Gemüth haben; deſſen Blut ſo feurig, wie das Meine wallt, wer ſo heiß empfinden kann, wie ich, den kann nie die Furcht be⸗ ſchleichen, wenn es ſich um das Erreichen des höchſten Lebenswunſches handelt. Ich geh' morgen Nachts mit dir, und wenn mein Zweck erreicht ſein wird, ſo ſollſt du die größte Urſache haben, mit mir zufrieden zu ſein. Sie umarmte die alte Haushälterin und begab ſich 66 dann in ihr Kämmerlein, um mindeſtens in Gedanken in der Nähe des angebeteten Jünglings zu verweilen. Barbara aber rieb ſich freudig die Hände: End⸗ lich iſt das Täubchen in die Falle gegangen! hollah, meine Schweſtern! die Tochter des Pflegers von Cirk⸗ nitz wird auf dem Slivenza prangen; ſchmückt Euch zum feſtlichen Sabbath, Morgen geht der Tanz an, Morgen wird die Laiinn den erſten Flug verſuchen; nur kühn meine Tochter! du kannſt unter dem Volke noch zu großem Anſehen gelangen! Jetzt ſoll der Herr Pfleger noch einmahl mit Keuche, Folter und Scheiter⸗ haufen drohen, jetzt wollen wir ihm ein Schreckbild ent⸗ gegen ſtellen: furchtbarer, als alle Geſtalten eines er⸗ hitzten Geblütes, ein Schreckbild, das ſeine weitgeprie⸗ ſene Gerechtigkeit bis in die Grundfeſten erſchüttern ſoll, das Bild— ſeiner eigenen Tochter! —————— Am Abende vor dem zur Abreiſe beſtimmten Tage, ſaßen Herr Kajetan und Remigius im freund⸗ ſchaftlichen Zwiegeſpräch begriffen, um die letzten Stun⸗ den des Beiſammenſeins im Hauſe des Letzteren bei einem vollen Glaſe zu verleben. Aber jetzt ſagt mir, Freund Ka jetan,— wen⸗ 67 dete ſich der Schulmeiſter zu dem Andern;— wo gedenkt Euer Junker von hier aus eigentlich hin zu wandern? Da kann ich Euch wahrhaftig keine Auskunft geben; er iſt gegen mich eben ſo verſchloſſen, wie gegen alle Andern. Ich traf ihn zum erſten Male in einem ſteieriſchen Gebirgsneſte, aus welchem wir zu gleicher Zeit aufbrachen. Wohin, junges Herrlein? fragte ich. — In die Welt! lautete die Antwort.— Dahin geh' auch ich.— Ich hatte es ihm damals verſchwiegen, daß ich eigentlich nach Trieſt wanderte, um mir von dort das kleine Erbe eines verſtorbenen Verwandten zu holen, um dann wieder in meine Vaterſtadt, das liebe Wien zurückzukehren, und ein kleines Gewerbe zu be⸗ ginnen. Er lud mich ein, mit ihm zu wandern, dafür verſprach er mir, ſeinen Säckel zu öffnen; ich war gleich dabei, es ging auch Alles recht gut, bis— wie ich Euch neulich ſchon erzählte, die Alte ſich in unſere An⸗ gelegenheiten zu miſchen begann. Das thut kein gut, ich werde daher ſo bald als möglich meine eigene Richtung einſchlagen, und dann mag er ſehen, wie er ſich das Ge⸗ ſchmeiß vom Halſe ſchafft!— Habt Ihr nie in Erfahrung gebracht— nahm Käuzlein das Wort— ob der Junker dieſe Duna ſchon von früher her kenne? Ich glaube, nein! Und was hewegt die Alte, ſich ſeiner anzunehmen? 68 Ach, heiliger Barnabas! wie könnt Ihr nur'ne ſolche Frage thun? was bewegt den Gott ſei bei uns, ſich in menſchliche Angelegenheiten zu mengen? er will 'ne arme Seele verführen; und wenn der Böſe ſelbſt nicht kommen kann, wen ſendet er? eine Hexe!— und was iſt die Alte? auch eine Hexe! da habt Ihr die Löſung des Räthſels! Ihr meint alſo wirklich?— Ich meine das, was jeder Vernünftige meinen muß, und was alle Anderen meinen, welche die Un⸗ holdinn näher kennen. Verrufen iſt ſie genug— beſtätigte Käuzlein, — aber es wäre von großem Nutzen, wenn man Ge⸗ wißheit hätte; denn ſeht, dann könnte man den verblen⸗ deten Junker aus den Satansklauen retten, und das wäre ein menſchenfreundliches, gottgefälliges Werk! denkt Euch nur, ſo ein junges Blut dem Böſen ent⸗ reißen, dazu biethet ſich nicht täglich Gelegenheit dar.— Ja, das wäre Alles annehmbar; aber wie wollt Ihr Euch überzeugen? Remigius dachte einen Augenblick nach, dann neigte er ſich vertraulich zu Kajetan und lispelte: Ich hätt' ein Mittelchen, wollt Ihr mit mir gehen? Wohin denn? fragte Kajetan geſpannt. Wir haben heute Vollmond und Freitag, die Um⸗ 69 ſtände ſind alſo günſtig; kommt mit nach dem Sli⸗ venza!— Wohin? fragte Zwickler aufhorchend. Nach dem Slivenza! Jetzt gleich? Nun freilich, jetzt gleich; denn bis wir hinauf kommen, wird es um die eilfte Stunde ſein, gerade die rechte Zeit— Ich verſtehe Euch nicht recht— unterbrach ihn der Andere kleinlaut— was ſollen wir in der Nacht auf dem Berge?— Wir werden uns Gewißheit holen, ob die Duna wirklich eine Hexe ſei oder nicht! Ja, woher wollt Ihr die Gewißheit bekommen? Ach, ſeht Ihr's denn noch nicht ein? wir wollen den Hexenſabbath belauſchen. Kajetan ſprang auf. Seid Ihr toll, Freund Remigius? nein, ſolche verwegene Gedanken ſind in meinem Gehirn noch nie erwacht! Verwegene Gedanken? Was findet Ihr verwe⸗ gen? Was können die Hexen uns guten, chriſtlichen Menſchenkindern anthun? und dann müßt Ihr wiſ⸗ ſen, bin ich geſchützt gegen jeden Zauber! Zwickler ſchüttelte ſich. Ihr habt mir da einen ſchönen Stein in den Topf geworfen; der Herxenſchutz, der wär' ſchon recht, der könnte Einem ſein Lebelang 70 wenigſtens gute Dienſte leiſten, aber zum Hexenſab⸗ bath gehen? das hieße den Kopf in ein Weſpenneſt ſtecken! So ſehr Zwickler dagegen ſtritt, ſo war er trotz ſeiner angebornen Furchtſamkeit doch ſchon mit dem Gedanken vertrauter geworden. Neugierde, wie es denn bei einem ſolchen Tanze hergehen möge, und ob die alte Duna auch eine Theilnehmerinn ſei; fer⸗ ner den Wunſch, einen Theil des Hexenſchutzes zu beſitzen, der ihn für immer ſichern könnte, und end⸗ lich die Eitelkeit: einſt in Wien ſagen zu können, er habe mit eigenen Augen den Hexenſabbath des berüch⸗ tigten Cirknitzer Bodens in Krain geſehen. Alle dieſe Umſtände vereinten ſich, ihn nach lan⸗ gen Hin⸗ und Herreden in des Schulmeiſters Vor⸗ ſchlag eingehen zu laſſen, welchen Letztere ſeiner Seit's ſich im Voraus auf die Ausheute an Erfahrung freu⸗ te, die er dabei zu ſammeln hoffte.— Nachdem alſo Zwickler einen Theil des ſchützenden Talismannes erhalten,— welcher in der dürren Wurzel eines Krautes beſtand,— und ſich Beide mit tüchtigen Stöcken ver⸗ ſehen hatten, traten ſie ihre Wanderung an. Kajetan ging an Remigius Seite, und bat dieſen, ihm recht viel zu erzählen, damit der lange Weg ſich kür⸗ zen möge. Käuzlein willfahrte auch ſeinem Begehren. Den 71 Hexenſchutz, den ich Euch mitgetheilt, iſt die Wurzel des Krautes, welches unter dem Namen Goldgelb⸗ Frauenkraut'*) bekannt, und gegen Hexerei ſehr kräftig verwendet wird; man findet dieß Gewächs ſehr häufig neben dem Eberwurz, welches zu La⸗ tein Carolina heißt, weil Kaiſer Carl damit aus ſeinem Kriegsheere die Peſtilenz vertreiben wollte. Ihr müßt wiſſen, ich lebe ſchon viele Jahre in Cirknitz, und habe es noch nicht dahin bringen können, einen He⸗ renſabbath zu belauſchen, wiewohl in unſerem Markte eine hübſche Anzahl ſein mögen, die aus dem Schlott ſtatt aus der Thüre fahren. Es ergeben ſich hierbei auch wunderſame Geſchichten, die bald zu den Ohren der Anderen kommen. So iſt Euch vor einigen Jah— ren in Oberſeedorf da drüben, eine reiche Frau geweſen, die auch zu dem Gewerbe der Bocksreiterin⸗ nen gehörte, und die, ſo oft ſie zum Hexenſabbath aus⸗ fahren wollte, immer den Knecht ihres Gatten auf⸗ zäumte, und auf ihm davon ritt. Ihr müßt aber wiſſen, daß ſelbiger Knecht dann jedesmahl die Ge⸗ ſtalt eines ſchwarzen Roſſes bekam. Eines Males, unter währendem Hexentanze, zäumte ſich der Roß⸗ knecht ab, und warf der Herrin, wie ſie zurückkam, den Zaum an den Hals; huſch! wurde ſie zur *) Adiatum aureum, oder Colytrictou aureum majns. 72 Stute. Er aber nicht faul, ſetzt ſich auf die Stute, reitet nach Hauſe und zieht daß Roß in den Stall. Des andern Morgens zeigt er ſeinem Herrn an, er habe in den Schoden auf dem Felde eine Stute ge⸗ fangen; der Herr geht hinab, und als er ſich über die Schönheit des Roſſes ſattſam verwundert hatte, nahm der Knecht jenem den Zaum ab, und die Stute hatte ſich Augenblicks in die Frau ſeines Herrn ver⸗ wandelt. Nun hört einmahl, Freund Käuzlein— ſprach Kajetan— für ein ſolches Stuten⸗Weib möcht ich mich bedanken! die hätt ich doch durchgebläut, daß es ihr im ganzen Leben nicht mehr eingefallen wäre, auf dem Knechte davon zu reiten. Da hat ſich zu Laibach ein Stücklein anderer Art begeben— fuhr der Gelehrte fort,*)— eine Magd ſah oft, wie ſich ihre Frau ſalbte, und dann aus der engen, langen Hexenthüre durch die Luft ritt. Auch ſie wollte die Spazierfahrt verſuchen, ſalbte ſich und flog davon, aber nicht weit, denn ſie fiel herab— und wißt Ihr, wohin? auf's Franziskanerkloſter iſt ſie ge⸗ fallen; ja, ja, am andern Morgen fand man ſie todt auf dem Dache. *) Wir bemerken hier ein für allemal, daß Alles auf Sitten und Tradition Bezug habende, genau nach gleich⸗ zeitigen Chroniken gezeichnet iſt. 73 Iſt ihr recht geſchehen!— entgegnete Zwickler — was braucht ſie dem Teufel in's Handwerk zu pfu⸗ ſchen! Sie hat den Lohn ihrer Frevelthat eingeärntet, Friede ihrer Aſche! Die beiden Freunde hatten ſolcher Weiſe ſchon eine hübſche Strecke zurück gelegt, als Kajetan ſich dem Schulmeiſter mehr näherte und ihm leiſe zuraunte: Wir haben doch nimmer weit nach dem Berge? Kaum eine Stunde Weges noch. Nun meine ich, ſollten wir doch ſchon hin und wieder Einer oder der andern— das Hauptwort wollte ihm nicht über die Lippen— begegnet ſein, aber ich hörte noch keine Einzige in der Luft über unſern Häup⸗ tern dahinrauſchen. Was? Ihr wollt Die in der Luft ſehen? Eitles Verlangen! da ſind ſie ja unſichtbar, oder erſcheinen uns armen Menſchenkindern als Fledermäuſe, Eulen oder ſonſtiges lichtſcheues Geflügel! Beſter Freund Remigius! verſetzte Zwickler, ſich hart an den Schulmeiſter drückend,— jetzt habe ich aber doch Etwas gehört! Käuzlein horchte auf. Ich glaube nicht, es muß Täuſchung geweſen ſein. Wie Ihr glaubt— ſprach der Andere wieder be⸗ ruhigt,— Ihr müßt das beſſer wiſſen. Der Gezeichnete. 1. 74 Sie gingen weiter. Nach einer Weile Stillſchwei⸗ gens ließ ſich Kajetan wieder vernehmen: Ich ſpüre, mein wertheſter Freund, daß wir bereits ſtark bergauf gehen, wir können nimmer weit davon ſein; d'rum ſagt mir jetzt, wo werden wir eigentlich anhalten, wo werden wir uns verbergen, um nicht bemerkt zu werden? Dafür laßt nur mich ſorgen, ich kenne die Gele⸗ genheit da droben genau; eine Grube mitten im Ge⸗ büſch, nahe an der Wieſenmatte, wird uns vor Ent⸗ deckung ſichern. Nun, wenn Ihr glaubt,— ſeufzte Kajetan tief auf,— Ihr müßt das am Beßten wiſſen! Daß Ihr Euch aber ſtille verhaltet,— warnte Käuzlein,— kein Ausruf der Verwunderung, kein Wort, ja kein Hauch darf über Eure Lippen kommen! O, ich will mäuschenſtille bleiben; Ihr werdet mir doch immer ganz nahe ſein? Freilich, haltet Euch nur an meinen Rock, aber zittert nicht ſo heftig, denn das Tuch iſt mürbe und Ihr könntet leicht ein Loch hineinzerren. Aha, jetzt hebt ſich der Wind auf! Je länger ſie den verrufenen Berg hinanſtiegen, je näher ſie dem bezeichneten Platze kamen, deſto mehr ſchien Kajet an's Muth zu ſinken, und deſto größere — 75 Beredſamkeit mußte ſein Begleiter anwenden, ihn auf⸗ recht zu erhalten. Der Weg, durch Felſen und Gebüſch, über Tief und Höhe; war aber auch unheimlich genug, um eben einen etwas feſteren Muth, als jenen des armen Zwick⸗ ler, ſinken zu machen. Bald rauſchte es in den Wipfeln der Bäume, dann raſchelte es unten im Graſe; hier knackte ein Aſt, dort ſtrich ein Billich durch's Laub; bald rechts, bald links huſchten einzelne Geſtalten vor⸗ über, mit geiſterhafter Schnelle erſcheinend und ver⸗ ſchwindend. Die beiden Freunde langten eben in ihrem Verſtecke an, als die Glocken der Thürme in den umliegenden Dörfern die eilfte Nachtſtunde in langtönenden Schlägen herabriefen. Das war aber auch eine echte Hexennacht. Der Vollmond hing am Himmel, Wolken flogen wie gehetztes Wild nach allen Richtungen. Eine ſchnob über die andere dahin, Eine ſuchte die andere zu ereilen; jetzt decken ſie die nächtliche Leuchte und Schatten um⸗ hüllen die Erde; ein rieſiger Reiter ſtiebt am Himmel vorüber, die Sternlein verbergen ſich hinter demſelben; ha! hoh! nur langſam, du grauſiges Bild, willſt an Schnelle den Blitz überflügeln? zieh' ein deinen zottigen Schädel, du fegſt uns die Lichtlein aus; halt an, deinen ſchrecklichen Renner, er wirft uns die Lampe herab. Der Reiter verſchwindet und ein mächtiges Schiff ſegelt 76 daher; wohin des Weges ſo eilig? zieh' ein deine ſchwarzen Wimpeln, laß die Todtenflagge nicht weh'n; oder willſt auch du hinüber in die neue Welt, die der rieſige Geiſt vor kaum zwanzig Jahren entdeckt? willſt auch du in das goldſchwangere Land, um die Freiheit der nackten Bewohner zu kirren; ſie ſelbſt mit künſt⸗ lichem Blitz und Donner zu ſchrecken, die Wehrloſen niederzumetzeln und mit Hunden zu hetzen? Halt ein, daß du nach Jahren nicht geborſten am Strande liegeſt, vernichtet, zerſchmettert, wie Jener, der Welten ver⸗ ſchenkte und im Hoſpitale erlag. So lohnen die Fürſten! — Und der Himmel glich einem magiſchen Spiegel, wo immer neue Bilder ſich geſtalteten, wenn die alten verſchwanden; ho! ho! was will die ungeheuere Wolke in Form eines Halbmondes am Himmel? herunter mit ihm, ſtoßt ihn herab, Ihr unſichtbaren Mächte! er hat den Krieg und die Peſt in unſer Land getragen, er hat unſere Väter zu Sklaven, die Mädchen zu Metzen gemacht, durch ſeinen Arm ſind Blutſtröme entquollen, durch ſeinen Wink ſind Nillionen gefallen! Herab mit dem Halbmond, ſein Platz iſt nicht oben, von unten iſt er gekommen, und nach unten muß er verſchwinden! Und die Wolke zerſtob, und eine andere tauchte empor: ein gewaltig Ungeheuer mit einem Alles verſchlingenden Rachen, mit tauſendmal tauſend von Krallen, die hinreichten, jedes lebenden Menſchen Augen 77 mit Blindheit zu ſchlagen, und ſeinen Geiſt zu um⸗ nachten; ha! ich kenne dich, du nievergehendes Unge⸗ thüm, dem die größten Weiſen erlagen, welches die erſten Helden als ihren Herrn erkannten; ich kenne dich, du unheilſtiftender Moloch, du Peſtilenz aller Zeiten, du Meer von Wahnſinn, du Schänder aller Heiligthümer, ich kenne dich, du Kind der Hölle, Bruder der Ab⸗ götterei, du Schandfleck des menſchlichen Geiſtes, du haſt Feuer⸗ und Waſſer⸗Proben geheiligt, du haſt Ordalien gefeiert, haſt die Folter erfunden und die Scheiterhaufen gezündet; herab vom Himmel, du giftiger Wahn, in die Hölle mit dir, denn ſelbſt die Erde iſt zu gut für dich— den Aber⸗ glauben! Und die Glocken der umliegenden Dörfer riefen in langathmigen Schlägen das zweite Viertel der zwölften Stunde herauf, da begann es ſich auf dem Slivenza zu regen und zu heben, da hörte man's wiſpeln und murmeln, und aus den Gebüſchen und unter der Erde kroch es hervor wie giftiges Gewürm, kleine Lichtlein ſchwankten herüber, und unſichere Geſtalten wogten wie Nebelſtreifen umher, und immer größer wurde die Menge, immer näher floß ſie zuſammen. Biſt du es, Ecken⸗Liſel? hört man's leiſe fragen. Ja wohl, ich und die Tod ten⸗Franzel kamen zugleich! wo iſt die Dorl? 78 Auch ſie wird ſchon mit der Anna⸗ Grethe da ſein! He, Lene, hole den Keſſel!— Schweſtern, ſchleppt Reiſig herbei!— So, jetzt ſchichtet den Haufen— zündet ihn an— daß es Licht werde in unſerer Mitte! Huſſa!— Huſſa!— Aus dem Haufen raucht es, die Flamme zuckt! puhſte, puhſte, Schweſter! daß ſich die feurige Schlange durch's Reiſig hin winde, lecke, glühende Lohe, brenn' luſtig, Scheiterhaufen, du haſt mancher Schweſter ſchon eingeheitzt, ſollſt jetzt uns Allen zur fröhlichen Sabbathslampe auch dienen; puhſte, Schweſter! hoch auf muß die Flamme wirbeln, nun ſchnell den Keſſel darüber gehangen; ſchließt mit dem Deckel das Bundesgefäß, hurra! mit Beſen her und den Tanzſaal gefegt!— Pfleger⸗Bärbel, biſt auch gekommen? was haſt für ein ſchmuckes Dirnlein an der Hand?— Wallchen, Wallchen, biſt du's? biſt eine junge Herinn geworden? her an mein Herz, mußt aber nicht zittern Töchterchen! wir ſind nicht ſo böſe, wie dein Vater, wir werden dich nicht legen auf die Folter, wir werden dich nicht werfen auf den Scheiterhaufen— Holla, Lene! wirf Fünffinger⸗Kraut in den Keſſel! Dorl, bring die Schlafn acht⸗Schat⸗ ten herbei, Graben⸗Suſel, ſchmeiß Wa ſſer⸗ 79 nelk hinein; Todten⸗ Franzel, thu' Waſſer⸗ Wurz und Eppich dazu, hier iſt die Wolfs⸗ Wurz; jetzt, Schnatter⸗ Kathel, hau' den Deckel drauf.— Friſch, Holz auf das Feuer, friſch, Waſſer in den Keſſel, hurrah! der Heren⸗Sabbath fängt an; unſer Gebiether wird kommen, unſere Meiſterin wird erſcheinen, ich weihe dich, W allchen, zum unauflöslichen Bunde.— Willkommen, fein's Dirnlein in unſerem Kreiſe! ha— jetzt fängt's an im Keſſel zu kochen, jetzt ſie⸗ det's und brodelt's zum zaubriſchen Brei— willſt ſehen den Liebſten im feurigen Spiegel? auf mit dem Deckel, fort mit dem Rauche, neige dich hin— nun ſchau' hin⸗ ein— ſiehſt, mein Töchterl, den todtbleichen Freier, wie er ein ſchmuckes Mädel umarmt? erkennſt du ſie nicht? es iſt ja Valentin's Roſi!— Bärbel, halt doch das W allchen, ſie ſinkt ſonſt zuſammen, gebt ihr von unſerem Lebensſaft, daß ſie wieder erwache. Munter, mein Kind! noch nicht verzagt; du ſollſt ihn dennoch haben, den ſchmucken Junker mit den blonden Locken; ſollſt ihn haben, ſo wahr du eine Herinn ge⸗ worden. Horcht, jetzt brummen die metallenen Schrei⸗ hälſe die feſtliche Stunde; Schweſtern, ſchlingt den Kreis um die Gluth, Hand in Hand ſchließet den Reigen, hei⸗ raſſa! pfeiff uns dein Liedel, lautmauliger Blaſer! 80 Und wirklich hatte ſich der Wind erhoben, und blies in die Flammen, rauſchte in den Eiben und pfiff in der Luft, die Unheimlichen johlten im ohrzer⸗ reißenden Chor ein Lied und flogen wie gepeitſcht um die Gluth. Die Gewänder flatterten, die Haare durch⸗ fegten die Luft und die Buſen drohten zu berſten, faſt vergeht ihnen der Odem„ und doch halten ſie es aus. Sind wir nun Hexen, ſo wollen wir's bleiben, und es wie immer, herenhaft treiben. Suſel, du mußt dich um den Liebestrunk umſchauen, Dorl, du wirſt ihnen s⸗»Wetter einbrauen„Franzel allein ſoll den rothen Hahn haben, Lenerl ſoll uns die Toden ausgraben; Kathel muß tödten Geflügel und Vieh, Grethe hilft Allen und ſcheut keine Mühe! ſind wir nun Hexen, ſo wollen wir's bleiben, und es wie immer, hexenhaft treiben! Heiraſſa! heiraſſa! ſchließt nur den Reigen, und laſſet uns Noth und Elend erzeugen, laßt uns der Uebel noch viele bereiten, und alle auf ihre Häupter nableiten; Kopfweh und Grimmen und Reißen im Zahn, dieß Alles nur haben die Hexen gethan; juckt's dir im Rücken, ſauſt's dir imOhr, ſo können allein nur die Hexren davor, ſind wir'mal Hepen, ſo wollen wir's bleiben, und es wie immer, hexenhaft treiben!— Und das zweite Viertel nach der Mitternachts⸗ 81 ſtunde klang zum Slivenza hinauf, als der geſpen⸗ ſtige Reigen plötzlich verſtummte und minutenlange Todenſtille eintrat; nur das Rauſchen der Bäume, das Kniſtern der Flammen wird gehört. Die Meiſterin! die Meiſterin! heulte der Chor— dann verſtummte er plötzlich, von oben aber, faſt wie aus den Wipfeln der Bäume kreiſchte eine Stimme herab: Nicht kann ich heute treten in Eure Mitte, nicht ſollet Ihr heute mein Antlitz erſchauen, denn Ungeweihte haben Euer Thun belauſcht; unwirkſam ſind die Zauber der heutigen Nacht, Verrath lauert in der Nähe, außer unsAllen ſind noch zwei men ſch⸗ liche Weſen auf dem Slivenza! Heiliger Barnabas! preßte Kajetan mühſam hervor,— ſollte ſie uns meinen? Zwei menſchliche Weſen? brüllte die Herenver⸗ ſammlung und ſtob auseinander. Der Sturm blies in die Gluth, rauſchte im Laub, ſchwarze Wolken verhüllten den Mond, Zetergeſchrei erſcholl, Geſtalten huſchten keuchend hinab, Fledermäuſe flogen aufge⸗ ſchreckt durch die Luft, im Gehölze krächzte der Nacht⸗ vogel, dazwiſchen klang das widrige Kreiſchen der Meiſterin, rabenfinſtere Nacht umhüllte den Tanzplatz und Wahn und Verbrechen waren verſchwunden. Die Hähne hatten ſchon zum erſten Male ge⸗ k äht, des Morgens Gluth begann ſchon den öſtlichen Himmel zu zünden, als Remigius und Zwickler in Cirk nitz eintrafen. % —.— * In der nämlichen Nacht, als dieß auf dem Sli⸗ venza vor ſich ging, erblickte in Valentin's Hauſe ein Kindlein das Licht der Welt, und nur zwei Per⸗ ſonen feierten ſeine Geburt. Das Kindlein war aber ein pausbackiger Knabe mit braunem Gelock, der ſich ſo ohne Wiſſen und Wollen in die Welt geſchmuggelt hatte, von deſſen Entſtehen Niemand zu ſagen wußte, und deſſen Gedeihen nur unbemerkt geſchah; dieſes Kindlein aber war kaum an's Licht gekommen, als es ſich auch ſchon hurtig auf die Beinlein machte und davon lief; aber nur um wieder zu kommen, um oft wieder zu kommen und zu ſchauen, ob ſein Sitz noch leer ſei, ob der Ort ſeiner Entſtehung noch ihm ge⸗ höre, ob noch kein anderer Herr, Gebiether ſeines Reiches geworden; und daß dieſes ja nicht geſchehe, brachte der Knabe ein Mädchen mit ſich und ſetzte es als Wächter an die Stelle, wo er entſproſſen, und trug ihm auf, hier zu hüthen und zu wachen, zu ſorgen und zu wahren, zu kämpfen und zu ſtreiten gegen alle liſtigen und offenen Angriffe, und auszuharren bis zum letzten Hauche des Lebens. Das Kindlein aber war 83 nicht Monate, ſondern nur Wochen lang, nicht unter dem Herzen, ſondern im Herzen getragen worden, und wenn ich ſeinen Namen auch verſchweigen wollte, ſo würde es doch jeder kennen. Das Kindlein, ſo in jener Nacht in Valentin's Hauſe das Licht erblickte, war die Liebe, das Mädchen, ſo er zum Wächter ſeines Reiches, des Herzens, geſetzt— die Treue! Siegfried hatte kaum den Entſchluß zur Ab⸗ reiſe gefaßt, als ſein Herz plötzlich bewegt wurde; un⸗ willkührlich dachte er an Roſinen. Jemehr der Ge⸗ danke in ſeiner Seele ſich fortſpann, jemehr er über den ſonderbaren Grund des Weh's in ſeiner Bruſt nach⸗ ſann, deſto deutlicher wurde es ihm, daß es nur das Mädchen ſei, welches ihm das Ausführen ſeines Ent⸗ ſchlußes ſo erſchwere. Er beſchloß noch einmal mit Ro ſinen zu ſprechen, mit Roſinen, welche ſchon bei der erſten Zuſam⸗ menkunſt innige Theilnahme an ſeinem Schickſale zu nehmen ſchien. Es gelang ihm am Abend, ihr unbemerkt einige Worte zuzulispeln; die Jungfrau hatte ſchon von der nahen Abreiſe des Junkers gehört und gewährte ihm ſeine Bitte, welche darin beſtand, ihm noch einige Augenblicke des Beiſammenſeins in der heutigen Nacht zu gewähren.— Faſt gereu'te es ſie, als ſie etwas ſpäter über das gegebene Verſprechen nachſann, das roreilige Wort; aber ein Gefühl, welches ſie vielleicht 84 für Mitleid halten mochte, machte die Reue bald ver⸗ ſchwinden und beſchönigte dieß mit der bedauerns⸗ werthen Lage des Jünglings. Es mochte nahe an Mitternacht ſein, als Roſina leiſe aus der Vorderſtube ſchlich, einen Augenblick an der halbgeöffneten Thüre horchte, ob ſich nicht vielleicht etwas bewege, dann dieſelbe hinter ſich zuzog, noch eine geraume Weile horchend ſtehen blieb und erſt, als ſie vollkommen beruhigt war, in den Garten ging, wo Siegfried ihrer harrte. Sie zitterte wie Espenlaub. Ach, Herr Junker! lispelte ſie,— mir iſt ſo angſt und bange; Ihr hättet dieß nicht fordern ſollen, was ich ſo unüberlegt gewährt habe. Ich hätte alſo von Euch ohne Abſchied ſcheiden ſollen? O nein, das nicht; aber in Gegenwart des Vaters und der Mutter hätte es geſchehen müſſen; o gewiß! da hätte ich nicht gebebt, und wenn auch, ſo wäre es nicht aus Furcht geſchehen. Ihr fürchtet mich alſo? fragte der Jüngling faſt gekränkt. Euch? nein Junker! Euch fürchte ich nicht, Ihr ſeid ja ſo gut, ſo herzensgut, wer könnte Euch fürchten? Aber das Ueberraſcht werden, den Vater, ſein böſes Wort fürcht' ich, und deshalb wäre ich auch nicht gekom⸗ men, hätte ich es Euch nicht am Abende unſeres erſten 85 Beiſammenſeins zugeſagt, daß wir uns noch einmal ſprechen würden. Roſina!— ſprach der Junker mit inniger Theil⸗ nahme und faßte ihre Hand,— ach, wenn Ihr wüßtet, wie ich mich nach dieſem Augenblick geſehnt habe! O gewiß, auch ich! entgegnete ſie,— hätte ich doch gern ſchon längſt mit Euch einige Wörtchen gewechſelt, aber es ging nicht an; der Vater war immer in der Nähe, und der ſieht es nicht gerne, ja, die Mutter ließ ſogar einige Winke fallen, daß ich mich vor Euch wahren möge, der Vater hege ſchimpflichen Verdacht— Und Ihr kamet doch?— rief Siegfried, Ro⸗ ſin en's Hand an ſeine Lippen preſſend. Ich mußte ja,— verſetzte ſie— mein Herz ließ mir keine Ruhe— Euer Herz? brach der Jüngling zitternd los, und licht begann es vor ſeinen Augen zu werden, licht in ſeiner Seele. Die Jungfrau aber, das Wörtchen war kaum über ihre Lippen gefloſſen, bereute ſchon, es aus⸗ geſprochen zu haben. Sie fühlte, daß ſie zu viel geſagt, ſie empfand, ohne es zu wiſſen, daß ſie Etwas geſtanden habe, was vielleicht noch in tiefer Bruſt hätte vergraben bleiben ſollen. Aber Siegfrid ſtürmte auf geöffneter Bahn vorwärts; wie Sphärengeſang tönte das zarte Geſtändniß durch ſein Herz und hallte tauſendſtimmig wieder; von dieſem Augenblicke an war der Jüngling 86 zum Manne geworden; er hatte gefunden, was ihm bisher gefehlt; er verſtand, was er bisher empfunden! Und ſtürmiſcher wie nie, klopfte ſein Herz; raſcher als je, rollte das Blut.— Ja! rief er, die ſanft Widerſtrebende an ſich ziehend, dein Herz hat dich zu mir geführt, und das Meine hat nur allein auf dich geharret. Ro ſinal ich ſteh' an deiner Seite, halte dich umſchlungen, fühle das Pochen deines Herzens, das Wehen deines Odems; mir iſt ſo wohl, wie mir's im Leben noch nie geweſen! ich fühle mich ſo ſelig, wie ich es wünſchte, nach dem Tode zu ſein. O ſprich, rede, iſt's dir eben ſo? empfindeſt du dasſelbe Beklemmen, dasſelbe Weh und Entzücken, denſelben Jubel in deiner Bruſt?— Ach, Herr! lispelte Roſina,— ich vermag's nicht auszuſprechen, was in mir vorgeht: ein bunt Ge⸗ miſch von Gefühlen, ein nicht zu löſender Knäuel tau⸗ melt umher; ach! ſagen kann ich's nicht, ob mir wohl oder weh; aber fühlen thue ich's, fühlen, daß ich ſo was niemals mehr empfinden werde. Und feſter zog Siegfried das Mädchen an ſein Herz, und traulicher drückte ſich Ro ſina in ſeine Arme. Von dieſem Augenblicke an— ſprach Siegfried— gehörſt du mir, mein iſt dein Leben, denn mein iſt dein Lieben! Und wie der Morgenwind zum erſten Male die 87 neuerſproſſene Blume anweht, und ſie erbebend, den erſten Thautropfen aus dem Kelche weint, ſo erzitterte Roſina anfangs vor dem deutungsvollen Spruche, dann aber rang ſich eine Perle aus dem Auge, glitt die Wange hinab, und zerfloß auf der Hand des Jun⸗ ker's. Ja, Siegfried! hauchte ſie faſt ſterbend vor Wonne:„Dein iſt mein Leben, denn dein iſt mein Lieben!“ Und in demſelben Augenblicke war es, daß jenes Kindlein das Licht erblickte, und in demſelben Augen⸗ blicke ſeierten Siegfried und R oſina ſeine Geburt; ohne ihr Wiſſen und Wollen war es entſtanden, ohne ihr Wiſſen und Wollen kam es an's Licht. Und noch feſter zog Siegfried die Geliebte an ſich, noch inniger erfaßte er das bebende Weſen, und Willens, ihr noch ein Liebeswort zuzulispeln, näherten ſeine Lippen ſich dem holden Antlitz und blieben auf der Stirne haften, neigten ſich dann tiefer hinab, und Lippe fand ſich zu Lippe, und Kuß zerfloß in Kuß; zwei Leben, ein Hauch! Und in demſelben Augen⸗ blicke war es, daß jenes Kindlein in die Herzen, denen es entſproſſen, jene Wächterinn pflanzte, daß ſie hüthe und wache, ſorge und wahre, kämpfe und ſtreite gegen jede Verirrung, gegen jede Gefahrl Menſchenſchritte außerhalb der Gartenmauer ſcheuch⸗ ten die Liebenden von einander. 68 Bald darauf klopfte es leiſe an das Fenſter der Vorderſtube, an dasſelbe, wo Siegfried vor Wo⸗ chen Einlaß begehrt hatte. Valentin erhob ſich er⸗ ſchreckt und eilte hinaus, um nach dem Ruheſtörer zu forſchen. Ein Mann, in einen Mantel gehüllt, ein Schwert an der Seite und ein befiedertes Baret auf dem Haupte, trat ihm entgegen. Ich lange ſo eben im Dorfe an,— ſprach der Fremde— und da Euer Haus das Erſte iſt, erlaube ich mir, Euch um die Fremdenherberge zu fragen. Die iſt hierorts wohl etwas dürftig beſtellt!— erwiederte Valentin unwirſch über die Ruheſtörung. Ihr könnt ſie jedoch dort drüben, in der Nähe der Kirche, leicht finden. Es werden vielleicht viele Fremde dort ſein?— Ich glaube nicht; die zwei Einzigen im Orte wohnen bei mir. Bei Euch? und ſind ſie ſchon längere Zeit hier? Schon durch mehrere Wochen; ich nahm ſie nur aus beſonderen Rückſichten in's Haus, welches ſie je⸗ doch heute Morgens zu verlaſſen gedenken. Könnt Ihr mir ihre Namen nennen? Valentin that dieß. Der Fremde verlangte eine nähere Beſchreibung der Perſönlichkeiten und der Hauswirth leiſtete ſie, ſo genau er nur konnte. Er iſt es, den ich ſuche— begann darauf der 80 Fremde ernſt,— ich verfolgte ſeine Spur bis hieher, endlich find' ich ihn. Ich will die Ruhe der Euern nicht ſtören, der Morgen iſt zwar ſchon im Anbrechen, allein ich muß mich, ehe ich einen entſcheidenden Schritt thue, mit den Gerichten in's Einverſtändniß ſetzen. Indeſſen übertrage ich Euch die Ueberwachung Eures jungen Gaſtes, den Anderen kenne ich nicht; zur Vor⸗ ſorge jedoch wird es gut ſein, auch ihn feſt zu halten. Verhindert ihre Abreiſe, und wenn es Noth thut, mit Gewalt; Ihr bürgt mir für ſie mit Eurem Leben! Er ſchlug den Mantel über die Schulter und entfernte ſich. Valentin kehrte kopfſchüttelnd in die Stube zurück. Roſina, welche noch wach, das Hinausgehen des Vaters vernommen hatte, zitterte vor Angſt auf dem Lager, denn ſie wähnte nichts Anderes, als daß Jemand ſie im Garten belauſcht habe, und nun den Vater davon in Kenntnlß ſetze. Von dem Geſpräche draußen konnte ſie nichts hören, endlich, nach einer Weile ängſtlichen Harrens, hörte ſie den Vater wieder zurückkommen, und ſich, ein Stein fiel ihr vom Herzen, auf's Lager hinwerfen. An dem heimkehrenden Kajetan huſchte unweit vom Hauſe eine verhüllte Geſtalt vorüber. Es war der Fremde! ———— D0 Mit dem früheſten Morgen desſelben Tages war es, was ſonſt nicht ſo leicht der Fall zu ſein pflegte, in den wenigen Gäſſen des Cirknitzer⸗-Marktes ſchon lebendig geworden. Es hatten ſich nämlich in der Nacht Vorfälle begeben, die, ſo geringfügig ſie auch ſein mochten, doch von den Bewohnern in Ermang— lung anderer wichtigerer, wiedergekäuet wurden. Das Weib eines Siebmachers trat zuerſt vor die Haus⸗ thüre, ſpähte nach dem Wetter und wiſchte ſich die Augen, als ob ſie nicht ausgeſchlafen hätte, gleich darauf kömmt ihre Nachbarinn, eine Schuſterswitwe, herbei und wünſcht ihr einen guten Morgen. Die Siebmacherin bedankt ſich und fügt gleich die Bemer⸗ kung hinzu: daß ſie daran recht thue, ihr einen gu⸗ ten Morgen zu wünſchen, indem die Nacht es ohnedieß nicht geweſen ſei. Ei, potz Blitz! erwiederte die geweſene Schuſterin — wenn Ihr Eheweiber über ſchlimme Nächte klagt, was ſollen erſt wir Witwen ſagen? Ach! als mein Se⸗ liger noch lebte— Ihr habt, liebe Magda, die Sache anders genom⸗ men, als ich dachte; übrigens werdet Ihr es am Beſten wiſſen, daß man auch im Eheſtand böſe Nächte hat. Ja, ja, das weiß ich recht gut aus der Zeit, als mein Seliger noch lebte. Die Siebmacherin erwartete nun, daß die Nach⸗ Bi barin in ſie dringen würde, um die wahre Urſache ihrer Klage zu erfahren; allein dieſe ſchien jetzt erſt die frühere Anſpielung zu begreifen, denn der ſelige Schuſter war ein bedeutender Trunkenbold geweſen, und hatte die üble Angewohnheit, ſo oft er in ſeinem überſeligen Zu⸗ ſtande des Nachts nach Hauſe kam, ſeine zweite Hälfte ein wenig mit dem Beſen— das Symbol ſeines Hand⸗ werkes wollte er auf dem Rücken eines Weibes nicht entweihen— durchzufuchteln. Sie konnte es daher nicht über ſich gewinnen, obige Anſpielung unvergolten zu laſſen, und fuhr erſt nach einigen Augenblicken fort: Was übrigens die Erfahrung an ſchlimmen Ehe⸗ nächten belangt, ſo werdet Ihr, liebe Nachbarinn, freilich nicht viel davon zu erzählen wiſſen, denn Eu⸗ er Mann treibt ſein Geſchäft den größten Theil des Jahres hindurch, im ganzen Lande herum, und Ihr — nun Ihr treibt wieder Eüer hft indeſſen zu Hauſe. Das war eine Pille der bitterſten Art, die Wir⸗ kung blieb nicht aus. Die Siebmacherinn, wenn ja noch ein Fünkchen von Schläfrigkeit in ihren Augen gelegen wäre, dieſe Worte hätten es gewiß verſcheucht, ſie fuhr auf: Da ſeht doch, was Ihr ſchon in aller Frühe für giftige Reden führt! böſe Meinungen ins Dorf bringen, iſt keine Kunſt; üble Nachreden fließen B2 leichter von der Zunge, denn gute, ich habe noch keinen Mann ins Grab geärgert.— Daran ſeid Ihr unſchuldig! rief Magda da⸗ zwiſchen, wer kann dafür, daß ſich Euer Mann nie⸗ mahls in den Spiegel beſchaut.— Ihr meint, er ſolle es ſo machen, wie Ihr, die Ihr Euch den ganzen Tag hindurch putzt und leckt, wie eine Katze im Lenzmond? deßwegen werdet Ihr doch keinen Mann mehr bekommen! Ihr könnt in der Chriſtnacht löſeln'), ſo lange Ihr wollt, Ihr wer⸗ det Euch keinen Mann erhorchen, Ihr könnt da hun⸗ dert verkehrte Vater unſer bethen, es wird auch nichts fruchten, Ihr könnt ins Waſſer ſchauen, ſo lang Ihr wollt, Ihr werdet nur immer Euer eigen abſcheuliches Bild, nie jenes eines zweiten Mannes zu ſehen bekom⸗ men; Ihr könnt Euch vor die Kammerthüre legen, ſo lang Ihr ſeid, und könnt über Euch hinaus grei⸗ fen, ſo weit Ihr wollt, Ihr werdet doch von Eurem zweiten Manne kein Haar erfaſſen“ ,) das merkt Euch, das habe ich Euch geſagt, heute am Samſtage nach Peter und Pauli! *) Horchen. **) Dieß Alles ſind aberglaubiſche Gebräuche, welche hei⸗ rathsluſtige Mädchen im Krainerlande in der Chriſtnacht un⸗ ternehmen. .. D3 Die Witwe gebährdete ſich während dieſer gan⸗ zen Rede wie ein wilder Hund an der Kette. Alles hätte ſie der Gegnerinn vielleicht mit der Zeit verge⸗ ben können, aber daß die Siebmacherinn ihr Bild ein„abſcheuliches“ genannt hatte, das einzige Wort machte ſie zu ihrer Todfeindinn. Elende Metze! kreiſchte ſie, denn ſprechen konnte ſie nicht mehr; warte, du ſollſt an mich denken, dein Lebelang!— Damit fuhr ſie, wie eine wilde Katze auf die Siebmacherinn los und begann ſie zu würgen, dieſe ſtieß ein Zetergeſchrei hervor, und fuhr der Wit⸗ we in die Haare; ſo begann ein Fauſtkampf, der un⸗ ter Heulen und Toben fortgeſetzt wurde, bis der ganze Markt zuſammen lief, und die beiden Weiber, die wie Kletten ineinander hingen, auseinander brachte. Man verwunderte ſich höchlich, zwei der anerkannt beſten Freundinnen in Cirknitz in einem ſolchen Kriegszu⸗ ſtande zu finden. Die veranlaſſenden Urſachen dieſes Auflaufs, waren ſchon längſt in ihre Hütten geſchleppt worden, als die Cirknitzer noch immer ſtehen blieben, und ver⸗ ſchiedene Haufen bildeten. Es waren nämlich in der⸗ ſelben Nacht einige Gartenumzäumungen niedergeriſſen worden; einige Thüren, die am Abend geſchloſſen wurden, waren am Morgen aufgeriſſen gefunden; Ei⸗ nem war zufälliger Weiſe ein Kalb verendet; einige 54 Andere wurden durch einen Fremden aus dem Schlaf geſtört, welcher die Fremdenherberge nicht finden konnte; ein Bote hatte eilends nach Laas müſſen, um den Doktor zu holen, weil Pflegers Walburga von einem argen Gebreſte befallen war; dieß Alles und noch andere Umſtände mehr, bildeten Veranlaſſungen genug, die Männer und Weiber längere Zeit zu be⸗ ſchäftigen, über die vermeintliche Urſachen viel unſin⸗ niges Zeugs zu ſchwätzen, bis endlich ihre Aufmerk⸗ ſamkeit durch eine neue Scene in Anſpruch genom⸗ men wurde. Der Fremde, welcher bisher die Rückkunft des Pflegers, die jeden Augenblick erfolgen ſollte, verge⸗ bens erwartet hatte, nahm zwei mit Spießen bewaff⸗ nete Marktwächter mit ſich, um nöthigen Falls die Abreiſe Siegfrieds zu verhindern, da er in ſeinen Hauswirth nicht das beſte Vertrauen ſetzen mochte. Er war es alſo, welcher mit den Wächtern einher⸗ geſchritten kam. Die Verſammelten machten ihm ehr⸗ erbietig Platz, ſchloßen ſich jedoch der Gruppe an, und folgten ihr unter Fragen und Forſchen nach, in der Richtung gegen Valentin Dotichs Haus. Dort waren indeſſen einige ſtürmiſche Scenen vorgefallen. Kaje tan war nach ſeinem Eintritt in die Stube von Siegfried etwas unwirſch empfangen wor⸗ 5 den. Der Junker warf Jenem ſein nächtliches Außen⸗ bleiben vor und fragte, wo er denn eigentlich gewe⸗ ſen ſei? Kajetan, noch immer nicht recht bei ſich, warf ſich aufs Lager, um des Schreckens und der wüſten Bilder los zu werden. Ihr fragt mich, wo ich war? begann er nach einer Weile, ich werde es Euch ſagen, aber jetzt nicht, heute nicht! Ihr werdet ſtaunen, wie ein ſterb⸗ lich Weſen, dem ſo wie mir— nur Fleiſch und Kno⸗ chen zu Gebote ſtehen, ſich in ein ſolches Unternehmen wagen konnte! Herr! wo ich war, werdet Ihr nie⸗ mals hinkommen, und ich wünſche es Euch nicht, auch mir nicht, auch meinem Todtfeinde nicht; aber der Herr Remigius hat mich dazu beredet, und es wär mir bald ſchlechter, wie mit den Igeln gegangen, denn dort hat es ſich um Blutstropfen gehandelt, da aber hat es das Leben gegolten, und wißt Ihr, was noch? die Seligkeit! denn, wenn ich da abgefahren wäre, ſo hätte ich in der Ewigkeit nicht ein Bodenfenſter vom Himmel, vielweniger den Himmel ſelbſt zu Geſichte be⸗ kommen. Aber für Euch hab' ich eine troſtreiche, ſehr beruhigende Kunde mitgebracht; die Alte, Eure ehren⸗ werthe Wegweiſerinn, das muß man ihr jetzt ſchon nach⸗ ſagen, die war nicht dabei, wenns nicht die auf dem Baume geweſen iſt; unten war ſie nicht, das kann ich Euch verbürgen! ————— ———————— Siegfried war nicht in der Stimmung, der Löſung von Zwicklers räthſelhaften Reden nachzu⸗ ſinnen; ſeine Gedanken waren bei Roſinen, deren Kuß noch auf ſeinen Lippen brannte, deren Treuver⸗ ſicherung noch in ſeinen Ohren klang. Es war ein bit⸗ teres Verhängniß, welches ihn aus den Armen ſeiner Liebe riß, kaum gefunden und ſchon geſchieden, kaum war das ſüße Geſtändniß verklungen, als auch ſchon die Stunde des Abſchiedes erdröhnte. Konnte eine Kno⸗ ſpe, über deren erſte Lebensſtunden ſchon ſolche Gewit⸗ ter hereinbrachen, zur Blume gedeihen? konnte eine Liebe, welche ſo entſtand, welche ſo weniger Stunden gegenſeitigen Beſitzes ſich erfreute, wo ein ſo geringer Austauſch von Gefühlen Statt fand, konnte eine ſolche Liebe bei längerer Trennung fortbeſtehn? Und war dieß der Fall, wie heiß, wie innig mußte ein Herz empfin⸗ den, um das Gefühl wach, um es am Leben zu erhal⸗ ten. Dieſe Gedanken waren es vorzüglich, welche Sieg⸗ frieds Zweifel aufrüttelten, und die erſten Qualen getrennter Liebe ins Leben riefen. Endlich war der Morgen angebrochen, er erhob ſich vom Lager, warf ſich in die Kleider, und war eben geſonnen, auch Kajetan aus ſeinem unruhigen Schlum⸗ mer zu ſtören, als Valentin in die Stube trat.— Ihr ſeid ſchon zeitlich munter, Herr Junker! be⸗ gann er mit einem Anklange von Hohne; der Junker, it⸗ ner um 0n no⸗ it⸗ ine den ger lche ieß fin⸗ hal⸗ eg⸗ alen chob ben be⸗ 87 welcher etwas Anderes befürchtete, als kommen ſollte, entgegnete: Ich gedenke, Eirknitz heute noch um ein hübſches Stückchen Weges im Rücken zu haben. Meint Ihr? fragte der Andere noch auffallender als früher. Siegfried that noch immer, als merke er den Ton nicht, und verſetzte: Das könnt Ihr ſchon glauben, denn ich, ſo kurz auch meine Beine ſind, vermag doch tüch⸗ tig auszuſchreiten. Ja, wenn es nur zum Ausſchreiten kömmt! meinte der Hauswirth. Wer wird mich daran verhindern? Indeſſen werde ich es thun! begann jetzt Valen⸗ tin mit Strenge; kurz und gut, Herr! Ihr dürft vor der Hand dieſe Stube nicht verlaſſen! Seid Ihr toll?! fuhr der Jüngling auf. Reine Beſchimpfung in meiner Hütte! drohte der Krainer. Unter dieſen Streitreden war Kajetan erwacht. Unwiſſend was indeſſen zwiſchen dem Junker und dem Andern vorgefallen war, erhob er ſich vom Lager und fragte: ob ſchon die Stunde der Abreiſe herange⸗ rückt ſei? Ja, reiſen werdet auch Ihr— wendete ſich Va⸗ lentin zu ihm,— aber zum Pfleger, und von da höchſt wahrſcheinlich ins Gewahrſam! Der Gezeichnete. I. 98 Was ſcheer' ich mich um Euern Pfleger? brumm⸗ te Zwickler in den Bart; ich bin ein ehrlich Men⸗ ſchenkind, und werde trachten, aus dem Hexenneſt ſo bald als möglich hinauszukommen. Siegfried, der ſich dieß Benehmen ſeines Wir⸗ thes nicht zu deuten wußte, gerieth auf den Gedanken, daß Valentin von Roſinen ein Geſtändniß er⸗ zwungen habe, und ihn nun zur Rechenſchaft ziehen wolle; in dieſem Falle war es am rathſamſten, ihm zum Pfleger zu folgen; er wendete ſich daher ruhig zu Ka⸗ jetan und ſprach: Kommt, wir gehen zu den Ge⸗ richten, Rechenſchaft über dieſe Mißhandlung zu for⸗ dern! Valentin konnte gegen dieſen Befehl nichts ein⸗ wenden, und da Zwickler dem Junker zu folgen gleich willig war, ſo machten ſich alle Drei auf den Weg. Ein hübſches Stück von Dotichs Hütte kam ihnen der Fremde mit den bewaffneten Marktwächtern, im Geleite der Cirknitzer entgegen. Als Siegfried den Haufen des Weges daherkommen ſah, mochte er wohl nicht glauben, daß dieſer Beſuch ihm gelte, und Va⸗ lentins Ausruf: Ah! da kömmt Er ſchon, der wird ſchon ein Paar Wörtlein mit Euch reden! erregte zu⸗ erſt ſeine Aufmerkſamkeit. Doch nicht lange hatte er Zeit darüber nachzuden⸗ ken, ſchon ſtanden ſich die beiden Gruppen gegenüber, 32 ſchon donnerte ihm der„Haltruf“ des Fremden ins Ohr. Der Junker ſah ihn an, und kannte ihn nicht, er hatte ihn nie im Leben geſehen. Die zahlreichen Zuſchauer ver⸗ harrten in einem, Neugierde verrathenden Schweigen. Jetzt trat der Fremde noch einen Schritt gegen den Junker zu und ſprach in einem beſtimmten Tone: Ihr ſeid Jener, den ich ſuche— Euer Name iſt Siegfried! So heiße ich, erwiederte dieſer, was wünſcht Ihr von mir? Daß Ihr mir folget, willig ohne Widerrede. Euch folgen? Wer ſeid Ihr? Wie heißt Ihr? Ich kenne Euch nicht! Ihr folgt mir auf mein Begehren, oder Ihr habt Alles zu fürchten! Siegfried ſchien etwas betreten, da nahm Ka⸗ jetan das Wort, und ſprach zu dem Fremden: Herr! Ihr werdet vergeben; das geht aber nicht, daß Ihr da Jemanden Euch zu folgen gebiethet, der Euch nicht kennt, Euch nie geſehen; weiſt Euch aus, wer Ihr ſeid, denn wenn Ihr auch ein Schwert an der Seite und ei⸗ ne Feder auf der Kappe tragt, ſo kann man deswegen doch nicht wiſſen, was eigentlich dahinter ſteckt. Nicht wahr, Ihr Cirknitzer Freunde? Dieſe letzte Frage ſchmeichelte den Verſammelten nicht wenig, es war vielleicht das erſte Mal ſeit Men⸗ 100 ſchengedenken, daß ſie von einem Fremden auf ſo eh⸗ rende Weiſe gleichſam um Rath gefragt wurden, und dann nannte ſie Kajetan ſeine„Freunde“, das war zu viel, daher riefen Alle einſtimmig: Nein, Nein, das geht nicht, das dulden wir nicht! Der Fremde, auf dieſen Widerſtand weder gefaßt noch vorbereitet, befürchtend: in dem Haufen ernſte Geg⸗ ner zu finden, wendete ſich in ſeiner folgenden Rede an die Cirknitzer: Wie? Ihr könnt es wagen, ſtatt mich zu unterſtützen, mir feindlich entgegen zu ſein? So wißt denn, Verblendete! daß auf die Gefangennehmung die⸗ ſes Menſchen ein Preis von zwanzig Goldgulden geſetzt iſt, und daß dieſe Summe in Euern Säckel fallen wird! Die Todtenſtille, welche auf dieſe Rede eingetreten war, bezeugte ihre günſtige Wirkung; der Fremde ſchien ſeine Leutchen zu kennen, dem gewinnſichtigen Krai⸗ ner mußte Gold über Alles gehen! Siegfried aber rief zur Antwort: Ihr lügt, elender Verläumder! Ich lüge nicht! ſchrie der Fremde, nehmt ihn feſt!— Wagt es nicht! rief der Andere dazwiſchen, als Einige, um ihn feſt zu nehmen, näher traten. Haltet ihn feſt, Ihr verblendeten Leute! donnerte der Gegner, wollt Ihr das Verbrechen und Unglück noch länger in Eurer Mitte dulden? Wollt Ihr ſelbſt ——— — ——— WM * 101 das Verderben über Eure Häupter heraufbeſchwören? Haltetſihn, daß er nicht durch die Lüfte entfleucht; hal⸗ tet ihn, daß ſich der Boden unter ſeinen Füſſen nicht ſpalte; noch lebt er nicht lange genug in Eurer Mitte, um Krankheit und Peſt heraufbeſchworen zu haben, aber ſo Ihr ihn nicht feſt nehmt, geſchieht es gewiß! Auf dieſe Worte verbreitete ſich ein Murmeln un⸗ ter den Anweſenden. Er iſt ein böſer Geiſt! ertönte es hier.— Ein Zauberer! rief es dort— Er hat meinen Gartenzaun zerſtört! klagte der Eine— Seinetwegen hat mein Kalb verendet, der Andere— Jetzt erſt weiß ich mir die plötzliche Feindſchaft der Siebmacherinn und der Schuſterinn zu erklären! ſprach ein kluger Alter— Er, ja Er allein hat ſie geſtiftet! Während dieſer kurzen Pauſe war Siegfried be⸗ bend, ob vor Wuth oder Schrecken, war ſchwer zu ent⸗ ſcheiden, ſtehn geblieben; er vermochte keinen Laut über die Lippen zu bringen. Indeſſen wurde ſeine Lage durch Hinzukommen einer neuen Perſon noch gefährlicher; dieß war der Pfleger. Er ſtürzte faſt außer ſich, mitten durch den Haufen auf Siegfried los. Platz! Platz!— hörte man ihn ſchon in der Ferne rufen— daß ich ihn faſſe, erdroßle mit eigenen Hän⸗ den! E Der Pfleger— ſchrie die Menge— iſt außer ſich! Was gibts? was iſt wieder vorgefallen? 102 Geht hin in mein Haus— keuchte der Athemloſe— ſeht und hört es ſelbſt; meine Walburgaiſt außer ſich! Der Ausſage der Haushälterin zu Folge, hat er das Mädchen mit Anträgen beſchimpft, und als ſie nicht beachtet wurden, ſo hat er ſündhafte Wege ergriffen. Da ſteht er, welcher meine Tochter um den Verſtand ge⸗ bracht, er hat ihr'nen Liebestrank gegeben, er hat ſie behext— bezaubert— Er vermochte nicht weiter zu reden. Ueber das Antlitz des Fremden verbreitete ſich bei dieſer neuen Anklage ein ſchadenfrohes Lächeln, er haf⸗ tete ſein Auge forſchend auf Siegfried's Antlitz und blieb ruhig. Der Pfleger hatte ſeine letzte Rede kaum beendet, als eine neue Scene die Verwirrung vermehrte. Roſina, von dem Auflaufe auf der Straße herbei⸗ gelockt, hatte die Verhandlung bis zu dieſem Augenblicke mit angehört. Furcht, Angſt, Theilnahme, Schrecken, Alles dieß malte ſich auf ihren Wangen, ihren Zügen und Blicken. Sie zitterte für Siegfried, zitterte für ſeine Freiheit, ſein Leben. Die Anklage des Fremden fand in ihrer Seele keinen Eingang, ſie konnte dieß von dem Geliebten nicht glauben, ſie war bisher die Ein⸗ zige, welche von ſeiner gänzlichen Unſchuld vollkommen überzeugt blieb. Dieſer Gedanke war es auch, der ſie aufrecht, der ſie ſtandhaft erhielt. Als aber der Pfleger ſeine Anklage begann, die den Jüngling vorgeblicher M L e r r 103 Anträge an Walburga veſchuldigte, da ſank ihre Zu⸗ verſicht, da ſtürzte ihr Glaube ein, denn deren einzige Stütze— die Liebe— erlitt einen gewaltigen Stoß! Sie hörte die folgenden Worte nicht mehr; die ganze Verſammlung begann ſich im Kreiſe zu drehen, ihr Blut wirbelte durch die Adern, es funkelte ihr vor den Augen wie tanzende Sterne, die Sinne ſchwanden und mit dem Wehrufe„Siegfried!“ ſank ſie zu Boden. Valentin's Roſina! rief der Nächſtſtehende.— Auch Sie hat er verhert! ſchrie ein Anderer, und: „Auch Sie hat er verhext!“ wiederholte ein Murmeln der Menge, unterbrochen durch das Hohnlachen des Fremden.— Jetzt fuhr es dem Jüngling wie ein Schreck durch die Glieder, er erzitterte; nicht wie ein Baum im Sturm, nein, wie ein Berg erbebt, wenn die Erde in ihren Axen wankt, bis in's Innerſte ſeiner Tiefen. Wild rollten die Blicke umher, wie jene einer giftigen Schlange, die ihr Opfer ſucht; die Zähne knirſchten, die Hände ballten ſich, die bleiche Geſichtsfarbe umwandelte ſich in ein fahles Todengelb; ausdruckslos, wie bleiern waren die Züge; plötzlich, wie wenn der Himmel am Rande einer unermeßlichen Sandwüſte von dem glühenden Morgen überhaucht wird, ſo begann ſich über die Stirn allein eine feurige Röthe zu legen, um gleichſam den untern Theil des Antlitzes noch ſchrecklicher hervorzuheben. 104 Es war ein Anblick, der das Blut in den Adern erſtarren machte, und dieſen ſchien der Fremde abge⸗ wartet zu haben; denn zurücktaumelnd, mit der Linken auf Siegfried deutend, und mit der Rechten die Augen bedeckend, ſchrie er: Seht ihn nicht an, ſein Anblick tödtet Euch! Faßt ihn im Rücken, daß der Unheilſchwangere nicht entfliehe, daß er der rächenden Flamme nicht entgehe; Er, den der Himmel ſelbſt— gezeichnet hat! Und die Rede fiel wie ein Waſſertropfen in ſieden⸗ des Blei: Alle ſahen den Unglücklichen an, ſchreckten auf und riefen: Fort! Fort mit ihm! Ihn hatder Himmel gezeichnet! Nur eine halbe Minute lang hatte dieſer außerge⸗ wöhnliche Zuſtand des Armen gewährt, dann legten ſich die Wogen des aufgeregten Gefühls, die frühere Bläße ſeines Antlitzes kehrte wieder, das Zeichen verſchwand, er ſank kraftlos in die Arme ſeiner Gegner! Zweites Vuch: Der Katzenſtein. — Mnd der Sommer war vergerückt, war alt gewor⸗ den, und hatte in allen Theilen des Krainerlandes mit freigebiger Hand Saat und Frucht geſpendet, nur über dieſe kahlen Felsberge war er nicht geſtiegen, nicht mit jener Kraft, jener Gluth eines vollblütigen Mannes, denn es hatte ihn der Odem des ſteinigen Karſtes faſt zum Greiſen gewandelt. Ja, dieſe Karſtgegend des Krainerlandes iſt ein traurig Gebilde, aber nicht von jener wehmüthigen Trauer, die uns ergreift, wenn wir im Unglücke ſchönerer Tage gedenken; nein, es iſt jene Trauer, die wir empfinden, wenn die letzte Stütze un⸗ ſeres Lebens geſunken, wenn die letzte Hoffnung uns betrogen, wenn der letzte Freund uns verlaſſen; es iſt Trau er mit Verzweiflung verſchwiſtert! Als der Himmel über den erſten Sündenfall der Menſchen gezürnt, als er ihr künftig Elend beweint, da hat er dieſe Gegend erſchaffen!— Unnahbare Felſen, tief in eiſernen Schlaf verſunken, ſtrecken ſich wild gegen den Himmel empor; ſeit der Schöpfung ſind ſchon Nillionen Wolken über ſie gezogen, und noch keine hat 108 ſie geweckt, Millionenmal hat die Bora ſchon gegen ſie gewüthet, und noch kein Stein iſt von ihrem Scheitel gefallen. Zu ihren Füßen lagern ſich graue, verwitterte Kalkſteinberge, die neben den Rieſen zu Zwergen gewor⸗ den; ſie drücken ihre Schulter an die mächtigen Stützen, und ſcheinen ſich furchtſam an ſie zu klammern. Oedes Geſtripp ſteckt hie und da ſeine Wurzeln in das wüſte Geklüft, wo kein Saame der Erde zu keimen im Stande iſt, wo nur Ströme von Regen, ſeit undenklichen Zeiten, ja vielleicht ſeit dem Tage des Erſchaffens, nichts An⸗ deres vermocht, als ſchmale Streifen zu höhlen, um in einem Beete hinabzurauſchen. Dichte Nebel lagern meiſt auf den Bergesſpitzen umher und umwölken die Lüfte; dann aber ſinken ſie in die öden Tiefen hinab und zerſtäuben an dem harten Geſtein. Wer könnte dieſe wunderbaren Geſtaltungen ſehen, ohne tief ergriffen zu werden? Wer könnte ſie ſehen, daß nicht der Gedanke an die Ewigkeit in ihm erwachte? — Iſt es doch faſt, als ob man mitten im Gebiete eines Geiſterfürſten ſtünde. Dort jener Fels, mit den ſpitzen Zacken und Zinnen, mit der kuppelförmigen Ab⸗ dachung, das war eine Burg, und der ſündige Zwing⸗ herr hat ſich dem Nächtigen verſchrieben mit Leben und Blut, iſt ihm verfallen, und ſteht nun ein warnendes Beiſpiel für ewige Zeiten in Stein da; dort zwei lang gezogene Trümmer, in der Ferne faſt wie ein liebendes 160 Paar zu ſchauen: ſcheint es doch, als ob ſie in den Armen ſich lägen; ſie haben für den Beſitz des Erden⸗ glückes ihr ewig Wohl geopfert— daß ſie nie mehr ge⸗ trennt werden, ſtehn ſie da ſeit undenklichen Zeiten.— Ha! wer iſt dieß zur Rechten? ein Gewappneter ſcheint es zu ſein, mit Rüſtung und Speer, ſo eben ſchwebt ihm eine Wolke wie eine wehende Feder über dem Helm; ein Kriegsheld iſt es geweſen, der ſtolz wie ein Trium⸗ phator auf dem Wagen des Glückes dahin fuhr, der Städte bezwang, Burgen ſtürzte, Länder eroberte und Völker unterjochte; ſeinem Buſen war jedes Gefühl fremd; er lebte nur dem Ehrgeitz, dem Stolz, und opferte ſeinem Ruhme tauſende von Menſchenleben; er wollte Unſterblichkeit; dort ſteht er, er hat ſie errungen! Blickt nur hinauf zu jenem Bergeshorn, ſcheint es nicht ein Thron zu ſein, den Purpurwolken umhangen, über dem das ewig glühende Diadem des Himmels ſchwebt, von dem der Donner des Zorns grollt, der Blitz der Vergeltung geſchleudert wird 2 Ja, es iſt ein Thron, aber verwaist ſteht er da ſeit ewigen Zeiten; ihm fehlt der Fürſt, der ihn beſteige, für die Erde iſt er zu groß, für den Himmel zu nichtig! Dieß ſind die Wunder, die dem Blicke ſich dar⸗ biethen, wenn er über dem Boden hinwegſchweift, ſich erhebt, und die Runde durchkreist; jetzt aber wollen wir das unterirdiſche Leben belauſchen, wir wollen in's 110 Eingeweide der Erde dringen, denn dahin führt uns eine Scene unſeres Gemäldes. Wer wohnt hier in dem nächtlichen Raume, wo Felſen ſich über Felſen thürmen, wo Blöcke über Blöcke geſchichtet, die Eindeckung bilden? wo Finſterniß voran, Nacht im Rücken, und graues Dunkel nach den Seiten ſich hindehnt? wo ein feuchter Boden die Tritte ſtützt, unter dem es rauſcht und braust, wie dumpfer Donner mächtiger Flüſſe, unter dem es zeitweiſe aufbrüllt, wie eine Empörung ſchäumender Meere. Wer wohnt in dem Raume, wohin nie ein Sonnenſtrahl gedrungen, kein Regentropfen gefallen, den kein Wechſel des Lichtes, kein Wechſel der Jahreszeiten erfreut, den nur ein künſt⸗ liches Feuer erwärmt, eine künſtliche Flamme erleuchtet, denn die Natur hat ihn mit ſiebenfältiger Nacht, mit Grauſen und Schrecken umflort! Ja, wem biethet dieſer Ort einen Aufenthalt? Iſt es ein Geiſt, der dieſe Räume durchwandert? Iſt es das Volk der neckiſchen Bergmännleins, die in dieſem Steinlabyrinte ihre Hei⸗ math verehren, oder ſind es lichtſcheue Geſpenſter, die da hauſen, um Jagd nach Menſchenwohl und Men⸗ ſchenglück zu machen?— Nichts von dem Allen! ein menſchlich Weſen iſt's, ein ſchwaches Weſen, welches in dieſem Orte wohnt. Aber es iſt ein Weſen, das un⸗ auslöſchlichen H aß in ſeinem Herzen trägt; einen Haß, den es groß geſäugt mit dem Frieden und der Ruhe 111 ſeines Lebens, der jetzt eingemeiſelt in den Wänden ſeines Herzens, nie zu vertilgend, da ſteht. Neben dieſem finſtern Herzensgaſte wohnte noch ein anderer, furcht⸗ barer als dieſer, aber eng verſchwiſtert mit ihm— die Rache!— Dieſen beiden Gefühlen hat jenes Weſen ſeine künf⸗ tigen Tage anheimgeſtellt; von ihnen ſcheint es ſein Daſein zu friſten, ihre Befriedigung iſt ſein ganzes Le⸗ bensziel; jeder Gedanke entſprang dem Haß und mün⸗ dete in Rache, jedes Wort klang wie Haß, und die Rache hallte es wieder. Und dieſe beiden giftſprühenden Schlangen, welche hingereicht hätten, einem ganzen Orte Verderben zu bringen, waren wieder nur gegen Ein Weſen gerichtet, gegen einen Mann! Weib gegen Mann! Schwäche gegen Stärke! Wem wird der Sieg zu Theil? Dem Weibe, denn auf ihrer Seite ſind Rache und Haß! Die Bewohnerin jenes Ortes war— Duna! Eine helle Flamme kniſtert in der Nähe einer Wand und leckt ſich hinauf an dem ſchwarzen Geſtein. Die nächſte Umgebung erglänzt im röthlichen Schein, und die Tropfen an dem feuchten Gewölbe blitzen wie Eis im Sonnenſtrahle; etwas weiter verliert ſich ſchon die Helle, es bleibt nur jenes dämmernde Licht, welches Tag und Nacht ſcheidet, hier ſieht man nicht mehr das Glitzern der Tropfen, das Flimmern der Feuchte, —— 11 2 man bemerkt kaum hie und da Stellen von grünem mit Flechten umwachſenen Steines; noch etwas weiter, und völlige Nacht hält Alles in Schwarz; Tropfen, Feuchte, Moos und Geſtein, Alles iſt ſich gleich!— Rechts von dem Feuer ſtand ein Gerüſte, faſt einem Altaré zu vergleichen, mit wunderbaren Schnörkeln und Verzierungen. Dieſes Werk der großen Meiſterinn, von, ſeit undenklichen Zeiten herabfallenden Tropfen gebildet, hatte ohne Hinzuthun von Menſchenhänden dieſe Form angenommen, und war ſo prachtvoll her⸗ angediehen, wie ſonſt keine irdiſche Kunſt es ſo phan⸗ taſtiſch hätte bilden können. Zu Füßen dieſes Altars ſaß Duna. Sie hatte den rothen Mantel übereinander geſchlagen, der Kopf war abwärts geſunken, und folgende Worte drangen Anfangs düſter, dann aber immer lauter zwiſchen ihren Lippen hervor: Alſo gefangen iſt er? Wer mag der Fremde geweſen ſein, der ihn verfolgte, und warum that er es? Armer Jüngling! auch dich hat das Glück ſtiefmütterlich von ſich gewieſen, im Zorn drückte dir die Natur den heuchleriſchen Kuß auf die Stirn, und du biſt dem Geſchicke verfallen! Sollte er wirklich ein Verbrechen begangen haben? Nein, von ihm kann ich es nimmer glauben! Als ich ihn zum Erſtenmale in jenem Gränzorte unſeres Landes bemerkte, da war der Gedanke in mir erwacht, ihn an mich, an meine 113 Nähe zu feſſeln, ihn vorzubereiten, und ein treues, feſtes Werkzeug in meiner Gewalt zu haben; ich dachte, mir ihn heranzubilden, abzuhärten für körperliche Lei⸗ den, und dann gegen den Molch zu ſenden, um ihn zu ſtürzen, zu verderben auf immer! Ich leitete ſeine Schritte hieher, ich wollte ihn an dieſe Gegend feſ⸗ ſeln, wo die Schauer der Natur den Geiſt aus dem Schlummer wecken, wo der Muth geregt, und das Auge an alle Schrecken gewöhnt wird, dann ſollte er durch die Schule des Lebens wandern und meinem Zwecke entgegen reifen; ich führte ihn hieher, die Liebe ſollte der Zauber ſein, ihn feſtzuhalten, und ſie wär' es geworden, hätte das Verhängniß mir nicht jenen un⸗ ſeligen Fremden in den Weg geführt, welcher meinem Plan ſo plötzlich ſcheitern machte. Scheitern? Nein! Selbſt verzögert ſoll er die Ausführung nicht haben! Ich will den Jüngling befreien, will ihn von hier ent⸗ fernen; wenige Monden werden hinreichen, ihn für mich tauglich zu machen, und dann ſoll mein Werk beginnen. Duna, die Stunde wird ſchlagen, und du wirſt den ſchon lange geſpitzten Pfeil auf den Bogen legen, die Stunde wird tönen, und du wirſt das Geſchoß gegen das Unthier ſenden! Ja, wie ein Wild will ich ihn hetzen, im Schlamme ſoll er ſich wälzen und in den Lüften ſoll er vergehen; nicht den Tod durch Dolch und Gift nicht den plötzlichen Tod ſoll er ſterben; nein, er 10 114 ſoll langfam, von Stunde zu Stunde das Geſpenſt gegen ſich einherſchreiten ſehen, er ſoll den Augenblick wiſſen und nicht abwenden können; nicht heimlich, nein, öffentlich verhöhnt, verſpottet, ſoll er den letzten Mi⸗ nuten entgegen wanken, und den ſchimpflichen Tod durch Henkershand dulden. Nicht umſonſt ſoll mir der Haß die ſchönſten Tage meines Lebens verbittert haben, nicht umſonſt ſoll meine Seele ſchon Jahre lang nach Rache lechzen, ich habe dir's geſchworen bei der Seligkeit meines ewigen Lebens! und Duna hat ihre Schwüre noch nie gebrochen! Sie verſank wieder in düſteres Schweigen, die Flamme war nach und nach erloſchen, immer näher drangen die ſchwarzen Schatten der Nacht um die Be⸗ wohnerinn der Grotte, bald hauchte nur nech der röth⸗ liche Schimmer der Gluth an die Wand, immer tiefer ſenkte ſich auch dieſe Hülle, jetzt umzog eine Aſchenhaut die Kohlen, förmliche Dunkelheit trat ein und umhüllte das Weib; Finſterniß von Außen, Finſterniß im Innern und doch war es auch einſt in ihrer Seele licht geweſen, licht und hell, wie am heiterſten Frühlingstage, und ein Mann hat die Finſterniß heraufbeſchworen; er kann, er wird ſeinem Schickſale nicht entgehen! —— *** „—— 115 Die Herenriecherei, welche eigentlich erſt im ſieb⸗ zehnten Jahrhunderte ihren Kulminationspunkt erreicht hatte, war ſchon ein Jahrhundert früher zu einer Höhe emporgeklommen, die nach den bereits früher begonnenen Fortſchritten des menſchlichen Wiſſens, jenen Zeitgenoſſen wenig zur Ehre gereichte; es iſt ſonderbar, daß ſelbſt die berühmteſten Männer, die hellſten Köpfe jener Zeit ſich dem Wahne nicht entringen konnten, und die es vielleicht ja vermocht hätten, und die Nichtigkeit des⸗ ſelben einſahen, die unterließen es aus anderweitigen Rückſichten, aus Intereſſen, die ſie uns viel verächtlicher machen, als jene, die aus Unwiſſenheit oder Bigotterie dem Wahne huldigten. Kein Land hlieb von dieſer Abirrung des menſchlichen Geiſtes verſchont, die Schei⸗ terhaufen, auf welchen die unſchuldig Bethörten wim⸗ merten— kein Alter, kein Geſchlecht blieb hievon aus⸗ geſchloſſen— bildeten eine Kette durch ganz Europa, eine glühende Kette, die um den Wahnſinn der Bevöl⸗ kerung eines Welttheils ein gemeinſchaftliches Band zog; vernünftige Intereſſen hätten ſie nie zu ſolchem Einklange vermocht!— Ein Land wie Krain konnte da unmöglich frei bleiben; abgeſehen davon, daß es ſeit dem Einbruche der Türken in Europa fortwährend mit dieſen beſchäf⸗ tiget war, abgeſehen, daß es an Italien, dem Lande 116 des Aberglaubens gränzte; es konnte nicht frei bleiben, ſchon ſeiner natürlichen Beſchaffenheit nach. Vier Punkte des Landes waren es beſonders, die in dieſer Beziehung Vorzügliches leiſteten, die am ver⸗ rufenſten waren, und wo die Hexen und Zauberer nach der Meinung des Volkes Schlupfwinkel und Zufluchts⸗ örter hatten, und dieſe waren die nächſten Umgebungen von Laas, Schneeberg, Alben und Cirknitz⸗ Die Urſachen hievon, ſind nach unſeren früheren An⸗ ſichten leicht erklärlich; es ſind dieß die abentheuerlichſten Gegenden des Landes, wo die Natur Wunder über Wunder gehäuft, wo ſie dem menſchlichen Geiſte es deutlich vorſtellen wollte, daß ſie allvermögend, nie zu erſchöpfend und unnachahmlich ſei, wo ſie gleichſam in einer überſchwenglichen Laune in großartigen Bizarrien ſich ſelbſt überbot. Um dem Uebel zu ſteuern und die Brut auszu⸗ rotten und auszujäten aus der menſchlichen Geſellſchaft, um den Satanas ſeiner Helfershelfer zu berauben, und ihm die Verbindungen mit den Menſchen abzuſchneiden, wurden daher in jene Gegenden die anerkannt ſtrengſten und weiſeſten, das heißt nach unſeren Begriffen, die fanatiſcheſten Männer an die Gerichtstiſche geſetzt und mit unbegränzter Vollmacht zu ſengen und brennen nach eigener Ueberzeugung, nach Ausſagen von Zeugen, oder nach Geſtändniſſen durch die Folter erpreßt, ausgeſtattet; 115 es war ein vollkommenes Heren⸗ und Zauberet⸗ Standrecht!— Ein ſolcher Mann nun war Herr Chriſtoph Heidlinger, Pfleger in Cirknitz, Wallbur⸗ ga's Vater.. Siegfried konnte daher in keine gefährlicheren Hände gerathen; die Beweiſe waren für jene Zeit und beſonders für ſolche Prozeße zu überzeugend, zu gültig, als daß hier an eine Losſprechung zu denken geweſen wäre. Walburga war zwar wieder zur vollkom⸗ menen Geneſung gelangt, allein das Verbrechen blieb doch auf ihm haften, die Meinung allgemein: Er ſei ein verdorbener Menſch, dem Böſen verſchrieben, um für ihn arme Seelen zu kapern, und unter den Men⸗ ſchen ſo viel Unheil, als anginge, zu ſtiften. Der Fremde, ſeiner Angabe zu Folge, aus einem edlen, ſteiermärkiſchen Geſchlechte, klagte den Jüngling eines gleichen Verbrechens auf einem ſeiner Lehen an, und drohte, Cirknitz nicht eher zu verlaſſen, als bis der Verbrecher ſeinen Lohn, das heißt, den Tod erhalten haben würde. Herr Heidlinger, mit dem Vorſatze, den Prozeß mit der größten Strenge zu leiten, hatte den Jüngling einem ſtrengen Gewahrſam in dem Keller eines eigenen Hauſes übergeben, wozu er ſelbſt die 118 Schlüſſel bewahrte; dieß geſchah theils darum, weil das gewöhnliche Gefängniß ohnedem einige Miſſethäter beherbergte, theils wieder, weil er den Verbrecher nir⸗ gends ſicher genug glaubte gegen ſeine wahrſcheinlich Verbündeten unter dem Hexenvolke der Umgebung. Kajetan, der vorläufig nur eines näheren Um⸗ ganges mit Siegfried beſchuldigt war, erhielt eine dunkle Kammer im Marktgerichtshauſe zu ſeinem ge⸗ zwungenen Aufenthalte. Für Valentin und ſeine Angehörigen blieb es ein Glück, daß Duna ſeine Hütte ſeit dem erſten Male nicht wieder betreten hatte, denn ſie wären dann ihrem Schickſale nicht entgangen; ſo aber haftete nur der Verdacht auf ihnen, und ſie blieben unter der ſtrengen Aufſicht ihrer mißgünſtigen Nachbarn. So waren einige Wochen verfloſſen, mehrere Ver⸗ höre fanden Statt, in welchen die Verhafteten theils einzeln, theils einander gegenüber geſtellt, vernommen wurden. Kajetan's Standpunkt war dabei ein viel ſchwierigerer, als jener des Junkers; denn ſein Gewiſſen war nicht ſo rein, er hatte ja einem Hexenſabbath, wenn auch nur aus Neugierde, beigewohnt; kam dieß zum Vorſchein, ſo war auch er verloren. Und dieß geſchah. Die Verhafteten ſollten ſich nämlich ausweiſen, ob ſie jene Nacht im Hauſe zugebracht hätten; bei Sieg⸗ fried war es wohl der Fall, allein, wer ſollte es ihm 119 bezeugen? Roſina? konnte er Sie vor Gericht be⸗ langen, und ihre Ehre dem öffentlichen Gerede Preis geben? und Kajetan kam doch erſt gegen Morgen zurück; dieſer ſagte aus, er habe jene Nacht beim Schul⸗ meiſter zugebracht, und nun wurde auch der in's Ver⸗ hör gezogen; Herr Remigius und Kajetan, ein⸗ zeln vernommen, widerſprachen ſich nun, die Wahrheit verhehlend, in ihren Angaben dermaßen, daß man ihnen mit der Folter zu drohen begann, und das war hinrei⸗ chend, den furchtſamen Kajetan zu einem offenen Geſtändniſſe zu bewegen. Nun hatte man es heraus: der Vertraute geſtand, folglich wurde Siegfried als ein verſtockter Sünder angeſehen, der Alles läugnete; und dagegen hatte Herr Heidlinger ſchon wirkſame Mittel Er beſchloß noch ein Verhör mit Kajetan vorzunehmen, um zu erfahren“, wer denn die Theil⸗ nehmerinnen auf dem Slivenza geweſen ſeien; dann wollte er von dem Andern das Geſtändniß erpreſſen, und Beide dem Scheiterhaufen überliefern. Herr Remi⸗ gius, deſſen langgekannter, ehrenvoller Lebenswandel ihn ſchützte, wurde als ein von Kajetan irre gelei⸗ tetes Schaaf erklärt und ſollte mit einer öffentlichen Kirchenbuße davonkommen. So weit war der Prozeß ſchon vorwärts ge⸗ ſchritten, und ſollte bald beendigt werden. Wal⸗ burga war kaum geneſen, als ſie von Leidenſchaft 120 durchglüht, ihre Angriffe auf Siegfried zu erneuern begannß es ſchien wirklich, als ob ein Zauber das Mäd⸗ chen an ihn feſſle, daß ſie nie und nimmer von ihm laſſen könne. Es war aber nur die Hoffnung auf ſeinen Beſitz, von welcher ſie erneuert aufgeſtachelt wurde, die Hoff⸗ nung, welcher ſie jetzt um ſo mehr Raum geben zu können glaubte. Befand er ſich doch mit ihr unter Ei⸗ nem Dache, war er ja ein Gefangener, von Folter und Tod bedroht, und was thut man nicht, um ſolchen Leiden, ſolchem Ende zu entgehen? Barbara, welche den Jüngling mit der kargen Koſt eines Gefangenen zu verſehen hatte, wurde die Zwiſchenträgerinn, allein Siegfried blieb trotz allen Verſprechungen, trotz aller Anträge ſtandhaft; er wollte lieber das über ihn Ver⸗ hängte dulden, als ein Gefühl heucheln, welches er für ſie nie empfinden konnte, oder gar zum Frauenknechte herabzuſinken. Dieſer Widerſtand, ſo lächerlich er den beiden Weibern anfangs auch ſcheinen mochte, denn ſie meinten, ihn mit dem Heranrücken des entſcheidenden Augenblickes auch immer ſchwächer, und im letzten Au⸗ genblicke ganz gebrochen zu finden, ſo ſtaunten ſie über denſelben doch nicht wenig, als der Abend vor dem ent⸗ ſcheidenden Tage erſchien und Siegfried ſich nicht gefügiger als Anfangs zeigte. Barbara erboste, denn ſie hatte ihrer Schüle⸗ 121 7 rinn für gewiß verſprochen, den Spröden zu kirren, und nun ward ſie zur Lügnerinn, zur Lügnerinn mit ſammt ihrer Kunſt; Walburg a's Inneres glich jenem eines feuerſpeienden Berges; aufgeregt, gereitzt, gepei⸗ nigt, ein Herz, in dem Stolz, Liebe, Verachtung, Sinn⸗ lichkeit und Schadenfreude kämpften, kann es einen Schauplatz geben, der jenen feuerathmenden Werkſtätten beſſer verglichen werden könnte?— Sie ſchalt ſich ſelbſt eine Thörinn, daß ſie einem Jünglinge gegenüber, ſich ſo herabgewürdiget; und im nächſten Augenblicke über⸗ redete ſie ſich wieder, Mitleid mit ſeiner Lage zu em⸗ pfinden; ſie malte ſich die ſüßen Augenblicke, die won⸗ nigen Stunden, die ſie in ſeiner Liebe hätte finden können. Ach! was war Alles, was ſie genoſſen, gegen dieſen Taumel, gegen dieſes Entzücken, und wer trug die Schuld, daß es nicht geſchah? Er allein ſtand ihr, ein Gegner, gegenüber! Dieß weckte ihren Zorn; da er ſie verſchmäht, iſt er ſolches Glückes nicht würdig, er ſoll dulden und leiden; gereckt ſollen ſeine Glieder auf der Folterbank werden, tief in's Fleiſch ſollen ſie ihm die glühenden Eiſen preſſen, und wenn die Qual ihm den Angſtſchweiß auf die Stirne gelockt, wenn ihm die Augen aus den Höhlen getreten, wenn ſeine Bruſt ſich zum Hügel gewölbt, und ein Jammerſchrei nach dem andern ſich hohl und matt aus der lechzenden Kehle ge⸗ rungen, dann gedachte ſie die Stunde des Triumphes Der Gezeichnete. 1. 1¹ 123 leiſtend, bald wieder ſtrafend, bald auf der Spitze des Felſens zu ſehen war, wohin noch kein irdiſcher Fuß gelangt, bald in dem finſtern Abgrund, deſſen Tiefe ſelbſt den Bergſtrom ſchäumen machte. Wos wollt Ihr? fragte die Tochter des Pflegers mit zitternder Stimme. Walburga! ich komme zu dir, unglückliches Mädchen, dich von dem Abgrunde zu zerren, an wel⸗ chen dich böſe Rathſchläge und eine unſelige Leidenſchaft gelockt. Du verſtehſt mich, ich ſchweige darüber. Und was wollt Ihr?— fragte die Angeredete geſpannt. Die Rettung des Unſchuldigen, der in Eurem Keller ſchmachtet, der Morgen zur Folter und dann zum Tode geſchleppt werden ſoll! Und die verlangt Ihr von mir? Kann ich bis in ſein Gefängniß dringen? Lügnerinn! grollte Duna mit knirſchenden Zähnen, — du kannſt es! Wo haſt du den Schlüßel, mittelſt welchem die Haushälterinn oft zur Nachtſtunde in jenes Gefängniß gedrungen, um dem Junker Freiheit und Rettung zu verheißen, wenn er deiner Liebe Gehör ge⸗ geben, wenn er ſich deinen Anträgen willig gefunden? Himmel! Ihr wißt? ſtotterte das Mädchen. Ich weiß Alles, was hier geſchieht; mir iſt nichts verborgen! Walburga, du haſt einen böſen Weg * 122 zu feiern, dann wollte ſie das empfinden, was er jetzt ihr gegenüber empfand. Mit dieſen Gedanken ging ſie an jenem Abende zur Ruhe.— Zur Ruhe? Ja, wer einem ſolchen Herzen in ſolcher Lage Ruhe zu geben vermöchte! Schlaflos wälzte ſie ſich umher, über Pläne brü⸗ tend, welche kaum gefaßt, wieder verworfen wurden. Der Mond warf ſein Silberlicht in's Kämmerlein, als wolle er der Pein eines entarteten Mädchens lauſchen; die Nacht war ſchon vorgerückt, faſt zu jener unheim⸗ lichen Stunde, welche die ſchlummernden Geiſter weckt, und die Geſpenſter zum Wandeln ruft, da klopfte es leiſe an's Fenſter. Walburga horchte; wer konnte es ſein? War es vielleicht der Buhle, der ſo oft ſchon um dieſe Zeit Einlaß gefordert und erhalten; oder war es vielleicht eine der Bundesgenoſſinnen, welche ihre Hilfe benö⸗ thigte? Sie blieb ruhig horchend; jetzt klopfte es zum zweiten Male, und Walburga, zitternd vor Angſt, ſchlich zum Fenſter. Eine hohe Weibergeſtalt, in einen rothen Mantel gehüllt, mit dem Muſchelhute auf dem Haupte, ſtand vor demſelben. Es war Duna. Walburga erkannte ſie, denn in der ganzen Umgegend war kein Kind, dem das un⸗ heimliche Weib nicht bekannt geweſen wäre, welches plötzlich erſchien und wieder verſchwand, bald Hilfe 124 begonnen, du wandelſt einem Abgrunde entgegen, an deſſen Kante du eben gelangteſt. Mädchen, kehr' um, noch iſt es Zeit, laſſe den Leidenſchaften nicht die Zügel ſchießen, denn ſie ſind wilde Roße, die dann, keiner Leitung mehr gehorchend, dich willenslos vernichten. Deine Leidenſchaft für Siegfried iſt fruchtlos; Liebe läßt ſich nicht erzwingen! du ſiehſt es, er geht eher dem Tode entgegen; drum bekämpfe deine Wünſche, be⸗ kämpfe deine Begierden, denn was du für den Jüngling empfindeſt, iſt Raſerei, Tollheit, Wahnſinn und nicht Liebe; nur ein Funke von Liebe in deinem Herzen, und du hätteſt ihn am erſten Abende gerettet. Duna ſchwieg. Walburga ſeufzte tief auf und ſprach: Ich glaube Euren Worten, aber nennt dasjenige, was in meinem Herzen für Siegfried lebt, wie Ihr wollt; ich kann, ich werde nicht von ihm laſſen! Ihn befreien ſoll ich? ihn erretten, für eine Andere erretten? Nie und nimmermehr! Er hat mich verſchmäht, hat mich verworfen, er hat das Weib in mir gekränkt und dieſes fordert Genugthuung; was er gewollt, iſt ihm geworden. Entartete! rief Duna,— ja, verworfen hat er dich, weil du ohnedieß eine Verworfene biſt. Wal⸗ burga! zum letzten Male, nicht das ſtrafende Weib, eine rathende Mutter ſteh' ich vor dir, willſt du den Unglücklichen retten? Nie und nimmer! Wohlan, ſo haſt du es von nun mit mir zu thun! Laß' den Jüngling hier ſein Ende finden, dann wollen wir den Wettkampf beginnen. Der Pfleger von Cirknitz, der ſtrenge Herenrichter, ſoll es doch verſuchen, wie es ſchmeckt, über ſein eigen Kind den Spruch zu fällen!— Walburga ſtieß einen Schrei aus, doch die Alte fuhr mitleidslos fort:— Er ſoll es verſuchen, ſoll die Wonne empfinden, ſein eigen Töchterlein auf der Reckbank zu ſehen: ihr Wimmern wird ihn gewaltig in den Ohren kitzeln, ihr Jammer wird in ſeiner Seele freudig widerklingen. Die zarte, blendend weiße Mädchenhaut, nach welcher manches Leckermaul bisher gelechzt, ſoll auch den Kuß des glühenden Eiſens ſchmecken, und eine ſo niedliche He⸗ rinn wird ſich auf dem Scheiterhaufen recht lieblich ausnehmen. Das Mädchen mußte ſich bei den furchtbaren Worten an's Fenſterkreuz klammern; es wurde ihr wirbelich im Haupte, die Sinne drohten zu ſchwinden, ihr heißes Blut malte die gräßlichen Scenen mit ſchauderhafter Treue. Haltet ein! Haltet ein! bat ſie, die Alte oft unterbrechend;— ich will— ich will ihn erretten! ſetzte ſie hinzu, als Duna endlich ſchwieg.— Ich werde Euch alſogleich die Schlüßel des Kel⸗ —— 126 lers überbringen— lispelte die Athemloſe— rechts im Hofe, die letzte Thüre— Wozu mir das? fragte Duna mißtrauiſch,— ich werde ihn nicht befreien; auch Barbara darf es nicht, ſondern du, du ſelbſt mußt die Rettung vollbringen! Ich ſelbſt? jammerte Walburga:— ſoll ich neue Hual aus ſeinem Anblicke ſaugen? ſoll ich den Hohn ob meiner Schwäche auf ſeinem Antlitze leſen, vielleicht gar den Spott von ſeinen Lippen vernehmen? Es wird nicht geſchehen,— tröſtete ſie die An⸗ dere— und wenn auch, ſo wäre dieß eine viel zu geringe Sühne deiner vergeſſenen Weiblichkeit. Noch Eines,— ſetzte die Unerbittliche hinzu, als Wal⸗ burga ſich ſchon entfernen wollte,— mißlingt die Rettung aus dieſem Hauſe, was nun immer daran Schuld tragen möge, ſo iſt dein Loos das Nämliche, als ob du ſie gar nicht unternommen hätteſt. Ich werde vor dem Thore harren; hat Siegfried an meiner Seite das Haus verlaſſen, dann ſteht es dir frei, nach Willkühr zu handeln. Walburga ſchloß das Fenſter und ſchwankte gegen eine Lade, in welcher die Schlüßel verbor⸗ gen lagen. Zitternd öffnete ſie die Thüre und ſchlich über den kurzen Hof zum Keller; jeder Laut machte ſie 127 erbeben, der Wiederhall ihrer eigenen Tritte däuchte ihr Verrath; jetzt langte ſie am Ziele an, ſchob leiſe den Schlüßel in die Oeffnung— da erwachte noch ein⸗ mal der Stolz;— der Gedanke: dem Rettung brin⸗ gen zu müſſen, der ſie ſo tief erniedrigt, ſchien ihr unerträglich. Sie wollte die bereits halbgeöffnete Thüre wieder zudrücken, da tauchte das entſetzliche Ende einer Hexe in ihrer Seele auf, ſie ſah ſchon den eigenen Vater ſich als Richter gegenüber, ſie hörte den Spott des Volkes, ſah die höhniſchen Blicke der verſchmähten Freier, fühlte auch ſchon ſelbſt die gräßliche Pein— und die Kellerthüre ging auf.— Siegfried lag in dem engen Gewahrſam auf einem Bündel Stroh und ſchlief. Der Arme wußte nicht, was ſchon der nächſte Morgen ihm zu bringen beſtimmt war; er ſchlief ruhig und träumte von Roſinen. Da knarrte der Riegel, die Thüre ging auf, er erwachte; eine Stimme, welche er nicht kannte, die er nie gehört hatte, rief leiſe herein: Erhebt Euch und folgt mir! Der Jüngling ſprang auf; war's kein Traum, was er hörte? War es nicht die trügeriſche Stimme eines neckenden Bildes? Er ſollte fort aus dem Kerker, ſollte wieder frei werden, frei ausgehen, in die weite, ſchöne Welt, er ſollte ſeinem bitteren Verhängniße ent⸗ — 128 rinnen können?— Wer ruft mich? fragte er im erſten Aufwallen ſeines Entzückens, und die zitternde Stimme entgegnete: Wenn Ihr Rettung wollt, ſo folgt mir! Ob ich will? jauchzte der Jüngling,— ob ich Rettung will? wie kannſt du noch fragen? Engel des Himmels, zu mir in die Kerkernacht herabgeſtiegen, gib mir ein Zeichen, wo du ſeieſt, daß ich dich finde, dir folge; mein Gott! ſo plötzlich ſendeſt du mir den erlö⸗ ſenden Bothen? ich habe ja nie an deiner Allgüte ge⸗ zweifelt, du warſt ja dem Unſchuldigen ſtets ein lieben⸗ der Vater! Dieſer herzliche Erguß einer freudigen Seele, dieſe geliebte Stimme, welche ſie„einen Engel des Himmels“ nannte, goßen einen ſtärkenden Balſam in Walbur⸗ g a's Herz. Sie faßte, nachdem ſie die Thüre wieder geſchloſſen, Siegfrie d's Hand, leitete ihn hinaus in den Hof und ſchloß auch die äußere Pforte. Der Mond ſchien noch immer helle herab, ſein Licht ergoß ſich noch immer über das ſchlummernde Cirknitz, und ver⸗ wehte die Schauer der Nacht. Staunend ſtand Siegfried ſeiner Retterinn ge⸗ genüber; er hatte Walburga erkannt! Alſo Ihr ſeid es?— fragte er, aus ſeiner Herzensfreude erwachend — Euch habe ich meine Rettung zu danken? Die Tochter des Pflegers glaubte in dieſen Worten 128 jene kalte Verachtung zu hören, mit welcher Siegfried bisher alle ihre Anträge zurück gewieſen hatte. Nicht mir— entgegnete ſie raſch— dankt Ihr die Freiheit, ich bin nur das gezwungene Werkzeug eines drohenden Weibes. Siegfried ahnte, daß es die Alte ſein könne, welche für ihn gehandelt habe; allein, wie es ihr ge⸗ lungen, Walburga zu dieſem Schritte zu vermögen, das blieb ihm ein Räthſel. Walburga! begann er mit einem Tone, der in⸗ nige Herzlichkeit und Aufrichtigkeit nicht verkennen ließ — ich ſteh' Cuch jetzt zum erſten Male in meinem Leben gegenüber; wir ſind allein, ich darf daher frei und offen mit Euch ſprechen. Ich will glauben, daß Alles, was zwiſchen uns Beiden durch eine dritte Perſon vorge⸗ gangen, ohne Euer Wiſſen geſchehen ſei, ich will es glauben, Euch zu Liebe, weil Ihr meine Retterinn ſeid, und mir zu Liebe, weil ich eben dieſe Rettung keinem Weſen verdanken möchte, das ſo vor mir ſtünde, wie Ihr bisher, dem Vorgefallenen gemãäß, ſtehen mußtet. Drum lebt wohl, lebt recht wohl, denket meiner nicht mehr, vergeßt einen armen Jüngling, den ſein Geſchick in die weite Welt getrieben, und deſſen Herz nur Eine liebt, nur Eine ewig lieben wird! Als Siegfried vor Walburga daſtand, die laßen Wangen im Mondenſchimmer erglänzten, das 130 Auge dunkel leuchtete, die Züge ſanft und lieblich ſtrahlten, als er ſo vor ihr ſtand in ſeiner Jugend, ein Bild der männlichen Anmuth und Herzlichkeit, da er⸗ wachte ihre Liebe, ihre Leidenſchaft wieder. Sie begann zu zittern, zu zittern vor Schmerz, daß ſie ihn, den ſie nie beſeſſen, nun verlieren ſolle. Sie faßte ſeine Hand, preßte und drückte ſie in der ihren und ſprach: Siegfried! ich kann es faſt nicht glauben, daß ich Euch im jetzigen Augenblicke zum letzten Male in meinem Leben ſehen ſoll. Wir werden uns wiederſehen, gewiß! wir müſſen uns wieder begegnen, darf ich dann hoffen? Walburga! bat der Jüngling,— denkt nicht daran; Ihr werdet gewiß auch ohne mich noch glücklich werden. Ihr ſah't es ja, an meiner Seite iſt nicht gut wandeln, ich bin wie der Bo ra in Eurem Lande, ich zerſtöre das Glück eines Jeden, der ſich mir nähert. Und dennoch kann ich nicht von Euch laſſen! rief das Mädchen leidenſchaftlich, und wäret Ihr der Böſe ſelbſt, und wäre die Hölle Eure Heimath, Tod und Verzweiflung Euer Geleite, dennoch könnte ich nicht von Euch laſſen! O ſprecht, redet, iſt denn kein Funke von Wohlwollen für mich in Eurem Herzen? Walburga!— bat Siegfried erneuert— beherrſchet Eure Leidenſchaft, lernet entſagen und der Himmel wird Euch ſtärken! O, ich kann nicht, Siegfried! ich kann Euch 131 nicht miſſen,— flehte die Leidenſchaftliche— mein Leben iſt von nun an das Eure gekettet, meine Faſern mün⸗ den in die Euern, mein Hauch iſt ein Theil Euresz Odems, mein Seyn hört auf, wenn das Eure endet. — Siegfried! rief ſie, ſeine Hände preſſend und auf die Knie ſinkend,— hier liege ich vor Euch⸗ krümme mich, dem Wurme gleich, zu Euren Füßen, tretet mich, mißhandelt mich, ſtoßt mir den Dolch in's Herz und ich will Euch ſegnend, Euch liebend umfaſſen, will eine Sklavinn, in Euch meinen Abgott verehren, nur in Eurer Nähe laßt mich weilen! Der Jüngling hob ſie auf und entgegnete feſt und ernſt: Es kann nicht ſein, es muß geſchieden werden, unſere Wege trennen ſich; Ihr habt einen Vater zu beglücken, dem Ihr Pflichten ſchuldet, ich ſteh' allein, verlaſſen und verwaist; Ihr werdet in den Armen eines Mannes, der Euch mehr, als ich, zu bieten ver⸗ mag, das Glück Eures Lebens finden und ich— nun ich werde ringen und kämpfen um das, was einem Andern ſchon insder Wiege beſcheert iſt. Lebt wohl— Siegfoked, haltet ein— ich laß' Euch nicht von mir!— Ich flieh mit Euch, ich vergeſſe Alles, um Euch allein anzugehören! Du bleibſt! ſprach Duna, plötzlich zwiſchen Beide tretend,— du bleibſt und trachteſt noch in dieſer Nacht auch den Gefährten des Junkers aus 132 ſeinem Gewahrſam zu befreien; denn ſo du es unter⸗ laſſeſt, ſo biſt du Morgen ſchon verrathen; er und der Schulmeiſter waren es, welche den Hexenſabbath auf dem Slivenza belauſcht und dich unter den Unholdinnen erkannt haben! Wie von einer eiſigen Fluth übergoſſen, zur Bildſäule erſtarrt, blieb Walburga ſtehen; das Blut wich aus den Adern und drohte das Herz zu zerſprengen, ſie ſah und hörte nichts, der Sabbath flirrte ihr vor den Augen; Folter, Scheiterhaufen, Kerker, ihr Vater, wirbelten ihr durch den Kopf; ſo blieb ſie eine Weile ſtehen, nach und nach kehrte ihr Bewußtſein wieder, das Blut ebnete ſich, die Bilder erloſchen, ſie athmete tief auf. Duna und Sieg⸗ fried hatten indeſſen den Hof verlaſſen. Walburga ſchwankte gegen das Marktgerichts⸗ haus, wo Kajetan gefangen ſaß. ———— Roſina's Friede war ſeit der Gefangennehmung Siegfried's verloren. Ihr Leben, bisher einer ru⸗ higen Quelle gleich, ſilberhell dahingefloſſen, war in den Strom der Leidenſchaften gemündet, und rauſchte nun trübe und unſtätt dahin. Welche Qualen em⸗ pfand das jungfräuliche Herz während dieſer ganzen ——— u — 133 Zeit, welche Pein erlitt es, was waren die Wonnen jener Augenblicke gegen dieſe Tage voll Schmerz? Und dann war ſie allein, ſie hatte keine Freundinn, der ſie ſich anvertrauen, Niemanden, der an ihren Leiden Theil nahm; die Mutter, ſie hätte es nimmer gegen den Vater verſchwiegen, und der, ahnte er nur das wahre Verhältniß, er hätte ſie gemordet. Sie vergrub alſo ihr Leiden, ſcheuchte den Schmerz in ihr Inneres zurück, und um jeden Verdacht von ſich fern zu halten, ſchützte ſie Unwohlſein vor, was die Bläße ihres Antlitzes auch glaubenswürdig machte. Die Eltern, einen Rückfall in ihre frühere Krankheit befürchtend, wußten nicht, ſollten ſie das Uebel dem Umſtande zuſchreiben, daß der zauberiſche Junker ihre Hütte verlaſſen, oder war er die veranlaſſende Urſache, indem er dem Mädchen wirklich etwas angethan hatte? Jedesfalls glaubten ſie Urſache zu haben, mit ſeiner Gefangennehmung zufrieden zu ſein und hofften, mit ſeinem Tode die Löſung von Ro ſinen's Uebel.— Der Jungfrau blieb alſo nichts übrig, als ſich ſelbſt zu leben und an Siegfried zu denken; doch fand ſie auch in dieſem Gedanken nicht viel Tröſtliches. Seine Lage, ſo gefahrvoll ſie auch war, hatte ihr wohl Kummer und Sorge bereitet, allein da konnte der Himmel helfen, der Allgütige, ohne deſſen Willen kein Staub von dem Flügel eines Schmetterlings geſtreift wird. 134 Daß man ihn verfolgte, der Zauberei beſchuldigte, dar⸗ über ſprach ſie ihn von jeder Schuld frei und war voll⸗ kommen beruhigt; allein des Pflegers Beſchuldigung, Walburga's Zuſtand, welcher dieſe nur zu ſehr recht⸗ fertigte, die Zweifel darüber, da die Liebe ihn verthei⸗ digte, und die Wahrſcheinlichkeit, die doch ſo deutlich am Tage lag, ihn wieder verdammte, dieß waren die 1 eigentlichen Nattern, welche ſich in ihren Buſen geniſtet, denſelben mit Gift überhauchten und das ſelige Gefilde der Liebe, den Sitz einer gewiß ausharrenden Treue in einen Leichenacker umwandelten, in welchem das Grab ſchon fertig lag, um Vertrauen, Liebe und Treue in ſich aufzunehmen. Am Morgen nach Siegfried's Befreiung war ganz Cirknitz in Bewegung. Man war neugierig auf Kajetan's Ausſage und die Namen der Mit⸗ ſchuldigen, welche er angeben würde; Viele, deren Ge⸗ wiſſen nicht ganz rein war, verließen ſchon heimlich den Ort, um mindeſtens der erſten Gefahr zu entgehen; dann ſollte an demſelben Tage auch die peinliche Frage 1 an Siegfried aplicirt werden, das war eine zweite, nicht unwichtigere Urſache jener Lebhaftigkeit. Herr Heidlinger prangte ſchon im Amtsornate, die Wächter ſuchten ihre Hellebarden hervor, der beeidete Gerichtsſchreiber ſpitzte bereits die Feder und der Henker war vorläufig in der Hexenkeuche beſchäftigt, da ver⸗ fig 9 135 breitete ſich plötzlich vom Amtsgerichtshauſe her die Kunde: der gefangene Kajetan wäre in der Nacht entflohen, entflohen durch eine Klinſe oder durch's Schlüßelloch, denn an dem Schloße habe der Wächter, der ihn abzuholen kam, nichts Verdächtiges bemerkt und vorgefunden, er müſſe daher mit Hilfe ſeiner hölliſchen Verbündeten entronnen ſein. Nach genauer Durchſu⸗ chung ſeines Kerkers fand man in der Ecke einen Sack, welcher mit ungewöhnlicher Vorſicht als ein Zauberwerk vor den Pfleger gebracht wurde. Nun begannen die Cirknitzer den Vorfall zu wie⸗ derkäuen. Einige fanden es ſehr natürlich, daß der Satan ſeine Helfershelfer nicht im Stiche laſſe. Andere ſchnitten wieder pfiffige Geſichter und meinten: die alte Lene, des Wächters Weib habe wahrſcheinlich das ihre zur Rettung beigetragen, indem ſie nicht mit Unrecht auch gewiße Feuerlichkeiten zu befürchten habe. Der Pfleger war über den Vorfall faſt außer ſich; dieß war ihm während ſeiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen. Er glaubte ja alle Maßregeln genau be⸗ obachtet zu haben, die bei Einkerkerung von Hexen und Zauberern unumgänglich erforderlich waren. Um ſeinem Zorn eine Schleuße zu öffnen, befahl er, den andern der Verbrecher vorzuführen. Während einige Wächter ihn abzuholen gingen, verordnete er, die Feſtnehmung —½— 136 desjenigen, welcher die Schlüßel zu Kajetan's Ge⸗ fängniß in Verwahrung hatte; er befahl eine genaue Durchſuchung aller, das Amtsgerichtshaus umgebenden Häuſer, ja, deren Bewohner ſelbſt ſollten vor Gericht gezogen und ſtrengen Verhören ausgeſetzt werden. Indeſſen kamen die Abgeſandten mit bleichen Ge⸗ ſichtern und beengten Gefühlen zurück, an ihren Stirnen war ſchon die Hiobspoſt zu leſen, daß auch der Kerker des Anderen ſei leer gefunden worden. Jetzt fuhr der Pfleger erſchüttert auf, es fing ihm ſelbſt an unheimlich zu werden. Zu dieſem Gefängniß hatte er ſelbſt die Schlüßel in ſeiner Verwahrung, er ſelbſt wohnte über demſelben, in ſeiner mittelbaren Nähe, und doch war der Gefangene entkommen; da mußte es mit ungewöhnlichen Dingen zugehen, da war jedes menſchliche Mittel fruchtlos. Er nahm die früher gegebenen Befehle nicht ohne Schaam zurück, erſtickte die Wuth in ſeinem Innern und gab ſich die lächelnde Miene eines Menſchen, der reſignirend einen unangenehmen Vorfall höheren Mächten zuſchreibt, gegen welche eine ſchwache Menſchenhand nichts auszuwirken im Stande ſei. Dieſe zweite Nachricht vermehrte, wo möglich, noch mehr das Gerede der Cirknitzer. Die zwei müſſen es feſt hinter den Ohren haben, — ſprach der Eine.— Ja, da glaubt man, es gäbe 137 nur in unſerem Lande Hexen und Zauberer! entgegnete ein Anderer. Ich hätte nur den dicken Schelm ſehen mögen, nahm ein Dritter das Wort, wie er durchs Schlüſſelloch Reißaus genommen! Was fällt Euch ein?— belehrte ein Vierter— ſolches Gelichter fährt ja als Strohhalm, Feder oder als winziges Gewürm durchs Loch, da hat wieder der Satan einmal ein Meiſterſtücklein gemacht! Die Weiber betrachteten den Vorfall aus einem andern Geſichtspunkte. Nun, Kuma*%) kopf⸗ ſchüttelte die Eine, was ſagt Ihr zu dieſer Geſchichte? Hm!— ſchupfte die Andere die Schulter— ich weiß, was ich davon zu denken habe!— So geht, laßt doch hören— bat die Erſtere— ihr habt mit Euren Mei⸗ nungen ſchon öfters den Nagel auf den Kopf getroffen, ich wette, Ihr täuſcht Euch auch dieſes Mal nicht! Nun ſeht— lautete die Antwort— ich meine, hier ſind Weiber im Spiele! Weiber? fuhr die Andere auf— aber doch He⸗ rinnen? denn eine andere chriſtliche Seele wird doch ihre Hände nicht muthwillig in eine ſataniſche Pfütze ſtecken? Da habt Ihr Recht! nun ſeht, die Nachbarinnen des Amtsgerichtshauſes ſind: die alte Annagre the, die ) Gevatterinn. 138 Lieſe an der Ecke, und die Dorl; das Weib des Wächters iſt die Lene; dieſe Viere ſind, unter uns geſagt, denn wißt Ihr, ich ſpreche ſo was nur zu meiner beſten Freundinn, ſchon lange für den Scheiter⸗ haufen ſo reif, wie eine Pflaume zu Simon und Juda; die haben den Einen herausgehert! Der Jüngere? nun um den dürft Ihr Euch ſchon gar nicht ſorgen, denn der hat ſich der Duna ver⸗ ſchrieben, und die läßt Ihre Leute nicht im Stiche! Nun? was ſagt Ihr zu dieſer Meinung? Die Andere war über die Hebung aller Zweifel und über die vollkommen befriedigte Neugierde ſo ent⸗ zückt, daß ſie nichts Eiligeres zu thun hatte, als ſich auf den Weg zu machen, und das Gehörte unter die Leute zu bringen, während die kluge Deuterinn ſich raſch an die nächſte Nachbarinn hing und dort ihr Geſchichtchen mit ſammt dem Beiſatze: daß ſie ſo was nur zu ihrer beſten Freundinn ſpreche, wie früher, wiederholte. In den Ohren jenes Fremden, jenes Steiermärkiſchen Edlen, war die Kunde von Siegfried's Flucht wie ein Donner erſchollen. Er eilte beſtürzt zu Herrn Heidlinger und kam ohne tröſtende Auskunft zurück. Zu ſpät ſah er jetzt ein, daß der Zunder, den er damals unter die Cirknitzer geworfen, in nur zu em⸗ pfängliche Gemüther gefallen, daß man an ſeine eigene 135 Anklage zu feſt glaubte, während er, weit davon ent⸗ fernt, dieſe Meinung zu theilen, ſie nur ausgeſprochen hatte, um den Jüngling um ſo ſicherer zu verderben; und nun ward der Entflohene durch ſie gewiſſermaßen noch geſchützt, denn er konnte Niemanden bewegen, den Junker zu verfolgen; wer getraute ſich dem Böſen feindlich entgegen zu treten, ihn anzugreifen außerhalb des heimathlichen Weichbildes, und wo hätte man den Entflohenen auch ſuchen ſollen, in dieſem Lande, wo man unter der Erde eben ſo zahlreiche Zufluchtsörter fand, als auf derſelben? Grollend mit ſich ſelbſt, wüthend über daß Miß⸗ lingen ſeines Planes verließ der Fremde Cirknitz, um von Neuem ſeine Verfolgung zu beginnen. Du entgebſt mir nicht! drohte er dem Entflohenen nach, nicht ruhen noch raſten will ich, bis ich dich gefunden und vernichtet habe! du allein ſtehſt meinen Wünſchen ent⸗ gegen, du allein biſt der Stein, den ich aus dem Wege räumen muß, um zu meinem Ziele zu gelangen. Flieh' wohin du willſt, ich folge dir; berge dich in die Tiefen der Erde, ſo weit du kannſt, ich werde dich finden; meiner Gewalt entkommſt du nicht, in meinen Augen ſchützt dich kein Zauber, und hätte die Natur dich zehn⸗ mal ſchrecklicher gezeichnet, und trügeſt du es für immer auf der Stirn, ich fürchtete dich dennoch nichtl —— ———— 140 Ich vernichte dich nur— weil mit deinem Tode meine Zufriedenheit beginnt!— Nach dieſen fürchterlichen Worten begann er zum zweiten Mal ſeine, den Jüngling bedrohende Wan⸗ derung.— Nachdem ſich das erſte Staunen in Cirknitz gelegt hatte, wendete ſich die allgemeine Aufmerkſamkeit auf die beiden Mädchen, denen es der Junker, nach dem unumſtößlichen Wahn angethan hatte: auf Roſina und Walburga. Valentins Tochter, als ſie Siegfrieds Flucht vernahm, war im erſten Augen⸗ blicke freudig überraſcht; ſie dankte dem Himmel im Stillen für die Gewährung deſſen, um was ſie ihm ſo oft angefleht hatte, und war froh, ihn fern von dem bedrohlichen Orte zu wiſſen; allein dieß Ereigniß diente nur dazu, die quälendſten Zweifel in ihrem Buſen noch zu vermehren; denn das, was alle nicht ahneten, glaubte die Liebe zu erkennen, und Roſina mochte thun, was ſie wollte, der Gedanke: daß Siegfried durch Wal⸗ burgen gerettet worden ſei, wich nicht aus ihrer Seele; er war es, welcher die reine Freude über des Junkers Rettung trübte. Allein das Aergſte für die arme Jungfrau ſollte erſt kommen! Nach einigen Tagen verbreitete ſich in Cirknitz plötzlich die Nachricht, und fand ſich auch be⸗ ſtätiget, daß Walburga im Hauſe ihres Vaters ver⸗ 141 mißt werde, und das man ſie trotz alles Nachſuchens in der ganzen Gegend nicht finden könne! Dieſer Vorfall zerſchmetterte wie ein Blitzſtrahl den letzten Reſt der Hoffnung in dem Buſen der Jungfrau; jetzt mußte die Liebe ſchweigen, jetzt konnte ſie kein ver⸗ theidigendes Wort mehr ſprechen. Der Falſche hatte Walburgen geliebt, ſie hatte ihn befreit und war nun dem Entflohenen gefolgt. Roſina glich an demſelben Tage einer wandeln⸗ den Leiche; dieſes Gewitter hatte die ganze Saat der Liebe vertilgt, vor dieſem Gewitter flüchtete auch das ſchützende Mädchen des Herzens:„die Treue;“ unter dieſem Sturm ging auch das Vertrauen zu Grabe, und leer wie eine Wüſte wurde es in dem jungfräulichen Herzen. Traurig ſieht ſie hinaus in den Garten, unter jenen Baum, wo der Falſche ſo ſüß gelogen hatte, bückte ſich zur Erde nieder und ſtach mit einem Meſſer eine kleine grabähnliche Tiefe aus, dann ſchnitt ſie ſich mit demſelben Meſſer eine Locke vom Haupt, legte ſie in die Erde— und während ſie das Grab verſchüttete, ſprach ſie unter Thränen:„Vom jetzigen Augenblicke an ſei mein Schmerz um ihn in die Erde vergraben; ſo wie dieſe Locke, ſei auch Alles vergeſſen, was ich für ihn empfand, ſd wie ich ſie vom Haupte, ſo will ich auch die Liebe mir aus dem Herzen reißen. Du, Him⸗ mel! haſt meine Worte gehört! Dir gelobe ich von nun eine treue Tochter zu werden, dir verlobe ich mich ganz, für dieſes Leben und für die Ewigkeit. Amen! —— —— In der Tiefe jenes Felſenſtockes, auf deſſen Spitze die zur ſelben Zeit noch bewohnte Adlerburg prangte, wölbt ſich eine Grotte hinein, die noch jetzt unter dem Namen der Adelsberger Grotte gekannt, und von den ſchau⸗ und wißbegierigen Reiſenden häufig be⸗ ſucht wird Sie iſt eine der größten und weitläufigſten Grotten im Lande, und biethet in ihrem Innern die manigfaltigſten und furchtbarſten Anblicke dar. Am Morgen nach ſeiner Flucht finden wir Steg⸗ fried an Duna's Seite am Eingange der Höhle. Die Alte iſt eben beſchäftiget, an einem Schwe⸗ felfaden eine Kienfackel anzuzünden, und nachdem dieß geſchehen war, übergab ſie dem Jünglinge eine ähnliche, welcher dieſelbe an der ihrigen anbrannte. Nun began⸗ nen Beide ihren Weg in die Höhle. Die Schlangenwindungen des Einganges ſchloſſen hinter ihnen bald das Tageslicht ab, und nun erſt fing das röthliche Fackellicht die Grottenwände in ſeiner ganzen Grelle zu erleuchten an. Siegfried hatte faſt demuthsvoll die bemooste Schwelle der Kluft über⸗ treten und folgte der Alten ſchweigſam durch die felſigen 143 Gänge dieſer unterirdiſchen Schöpfung. Der enge Pfad, die dumpfe Luft, jetzt mit dem Dampf der Kienfackel geſchwängert, benahmen ihm faſt den Odem und be⸗ engten ſeine Bruſt; er athmete erſt wieder frei auf, als ſie in eine geräumigere Höhlung gelangten. Die Flammen überhauchten die Wände mit ihrer blutigen Röthe, und der Jüngling ſtaunte die kühnen Gewölbe an, die, in Feuchte erglänzend, jeden Augenblick herab⸗ zuſtürzen, und ihn für immer zu begraben drohten. Mit jedem Schritte entfalteten ſich neue Wunder vor ſeinen Blicken, denn der immerthauende Tropfſtein hatte wunderbare Formen und Geſtaltungen gebildet, die der Grotte das Anſehen einer unterirdiſchen Welt verliehen, und wie unauflösbare Räthſel vor ſeinen Augen lagen. Bald ſah er ſich mitten in eine zaubriſche Wildniß verſetzt, deren Bäume wie natürlich in den Boden wurzelten, dann ſtand er wieder in einem Gletſcherland, deſſen Firnen und Zacken zu ihm herüberſtarrten; hier blickte ihm ein Steinpallaſt entgegen, in dem Fenſter, Thore und Rauchfänge das treue Abbild eines wirklichen Schloſſes zu ſein ſchienen, während noch ein Schritt ihn mit täuſchender Wahrheit unter ein Rudel wilder Thiere verſetzte. Jetzt hielt Duna an und hob ihre Fackel gegen eine Figur, die eben im Entſtehen war; die Alte wollte dem Jüngling das Geheimniß dieſer Werkſtätte mit einem Blicke erſchließen. Das Gebilde auf dem Boden hatte die Form einer Lagerſtätte ange⸗ nommen, und die emſige Meiſterinn war eben geſchäftig, den Vorhang vor derſelben fertig zu weben. Die Tro⸗ pfen ſickerten herab und lagerten ſich mit ſolcher Ge⸗ nauigkeit, als ob ihr Auffalspunckt im Voraus berechnet worden wäre; Duna hielt ihre Fackel hinter den Vor⸗ hang, und das Licht brach ſich und erleuchtete ihn, daß er faſt wie ein feines Gewebe durchſichtig ward!— Der Jüngling vermochte ſich von dem wunderbaren Anblicke kaum zu trennen; ſolch verborgenes Walten der Natur hatte er nie geahnt, vielweniger geſehen; jetzt ſetzte ſeine Führerinn ſchweigſam den Weg fort und er mußte folgen. Neue Wunder geſtalten ſich vor ſeinen Blicken, mit jedem Schritte ein wo möglich noch größeres, Ueberraſchenderes. Die beiden Ge⸗ ſtalten mit den brennenden Fackeln in den Händen, durch die Finſterniß der Grotte wandelnd, von einer Todtenſtille umſponnen, die Schauer um ſich ver⸗ breitete, glichen zweien Geiſtern, welche geſpenſtiſch durch die Nacht ihrer Erlöſung entgegen wandeln. Jetzt, eine Meile Weges waren ſie in der Höhle bereits vorgedrungen, umfaßte ſie eine Halle; ſie ſtanden auf einer natürlichen Felſenbrücke, die kühn ge⸗ wölbt, die große Baumeiſterinn nicht verkennen ließ. 145 Siegfried taumelte faſt ſchwindelnd zurück, denn ein dumpfes Brauſen ſchlug an ſein Ohr; hohl klang es aus der Tiefe herauf, wie Ströme, die im wüthenden Kampfe gegen einander ſchäumen„ſich wie Nattern zuſammenringeln, und endlich vereint, mit lautem Gebrüll dahinſtürzen zwiſchen den zitternden Ufern, bis ſie ſich ſchäumend über dieſelben ergießen. Unwillkührlich wurzelte ſein Fuß in den Boden. Ihm däuchte es, als ſollte ſchon ſein nächſter Schritt ihn in die Tiefe hinabreißen. Duna bemerkte dieß und ſenkte ihre Fackel gegen den Abgrund; Siegfried folgte dem Beiſpiel, allein der Lichtſtrahl gelangte nicht in die Tiefe, er ſchien einen Lichtkreis bildend, in der Luft hangen zu bleiben, wie ein Nebel, der unter einem Berge ſchwebt und von der Sonne erleuchtet wird; ungeſtört hievon, fuhr der Strom in ſeinem Geheul fort, und wälzte ſeine Fluthen durch die ewige Nacht wie ein lichtſcheues Geſpenſt. Jetzt nahm Duna zum erſten Mal das Wort: Von hier aus hat es noch kein Sterblicher gewagt, in die grauſe Nacht weiter zu dringen. Abgründe ſenken ſich ſteil in die Tiefe, und der Strom— der Pock iſt ſein Name— wälzt ſich durch die Felſengänge dahin. Meilenweit führt ſein geheimnißvoller Weg dem for⸗ ſchenden Auge verborgen, bis er endlich bei Planina Der Gezeichnete. 1. 13 aus der Unzhöhle unter dem Namen:„Die Unz“ wieder hervorſtürzt. Nun kommt, laßt uns zurück! Sie traten ihren Rückweg an, auf zwei Drittel der Entfernung gewahrte Siegfried, daß ſie den näm⸗ lichen Pfad gingen, auf welchem ſie gekommen, allein dann ſchlug Duna einen Seitengang ein. Denn die Grotte wird wie ein unterirrdiſches Labyrinth von Höhen, Weiten, Krümmungen und Seitenwegen tau⸗ ſendfach durchkreuzt, kein menſchlicher Fuß hat noch alle Räume durchwandert, kein lebendes Weſen kann ſich rühmen, ſie ganz zu kennen. Es mochte nimmer fern vom Mittag ſein— denn wer wagt es in dieſen Räumen an eine Tageszeit zu denken, wer vermöchte ſie zu beſtimmen?— als Duna und Siegfried in jener Halle anlangten, die wir ſchon geſchildert, und welche die Alte ſeit längerer Zeit ihre Wohnung nannte.— Die Tage, welche Siegfried im Kerker verlebt, hatten ſeine Kräfte ſehr herabgebracht, nun war noch eine ſchlafloſe Nacht, dieſe faſt achtſtündige Fußwande⸗ rung hiezu gekommen, das Anſchauen einer fremden Welt, welches ſeinen Geiſt faſt erſchlaffen machte; er war unfähig ſich ferner auf den Füßen zu erhalten, und bat Duna um eine Lagerſtätte; Die Alte rich⸗ tete ihm einen Bund Stroh in die Ecke und warf eine Decke darüber; er ließ ſich nieder, ſeine Augenlieder N 147 fielen matt zu, kaum eine Minute verfloß und ſein regelmäßiges Athmen zeigte, daß er entſchlafen ſei. Duna glaubte Siegfried vorläufig ganz ſo gefunden zu haben, wie er zu ihren Plänen taugte; ſeine männliche Feſtigkeit, Walburgen gegenüber, ſein Gleichmuth im Unglücke und endlich die Gewandtheit und phyſiſche Kraft, welche er bei verſchiedenen Gelegen⸗ heiten, auf der Flucht hieher, entwickelt hatte, ließen in ihm den werdenden Mann erkennen, obgleich ſein ſchwaches Aeußere dem zu widerſprechen ſchien. Als Siegfried erwachte, vernahm er mit Stau⸗ nen, daß Tag und Nacht ſchon vorüber und daß die Sonne des folgenden Morgens bereits eine ziemliche Höhe erreicht habe. Duna bot ihm Speiſe und Trank und ließ ſich an ſeiner Seite nieder. Nachdem er ſein Mahl beendet, begann die Alte: Ich glaube, Siegfried! es wird an der Zeit ſein, daß wir Beide einander uns näher erklären, und ich muß billiger Weiſe den Anfang machen. Ich habe mich Euer angenommen, habe— ohne alles Andere zu erwägen— Euch gerettet; ich biethe Euch jetzt einen ſicheren Aufenthalt, allein für lange iſt Eures Bleibens hier nicht, die Augenblicke ſind für mich koſtbar, und Ihr würdet auch mit ſolcher Wohnung für längere Dauer nicht zufrieden ſein; drum hört mich an: Nach einigen Tagen, deren Ihr zu Eurer Erholung bedürft, „ werdet Ihr dieſe Grotte verlaſſen, ich will Euch indeſſen einen Aufenthalt ſuchen; ich kann es Euch nicht ver⸗ hehlen, daß Ihr dazu auserſehen ſeid, mir Dienſte, wichtige Dienſte zu leiſten, aber Ihr ſollt mich nicht undankbar finden, Ihr ſollt durch mich glücklich werden, Ihr ſollt Alles erlangen, wonach Euer Herz ſich ſehnt; wähnt Ihr jedoch etwas Beſſeres in der Welt zu fin⸗ den, glaubt Ihr, Euer Glück auch ohne mich finden zu können, wohlan! jetzt iſt's noch Zeit, ich geleite Euch aus der Grotte und Ihr ſeid frei, Eurem Schickſale ſelbſt überlaſſen! Ich bin Euch zu Dank verpflichtet,— erwiederte Siegfried,— ich fühle es und werde darnach han⸗ deln. Mir blüht auf dieſer Erde kein Glück, mir leuchtet kein Segen. Ich bin in der Steiermark unter fremden Menſchen, die ich nie die Meinen nennen durfte, heran⸗ gewachſen; unter Menſchen, die mich täglich daran mahnten, daß ich eine Waiſe ſei, ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Segen, ohne Vaterland. Die mir die Nächſten waren, haben mich von ſich geſtoßen, ich habe ſie nie gekannt, ich mag ſie auch nicht kennen, denn mit dieſem Daſein haben ſie mich unendlichem Elende freigegeben. Nimmer länger vermochte ich an jenem Orte zu weilen, ſie ſchalten mich einen Verworfenen, vor dem man ſich wahren müſſe; ſie zählten die Un⸗ grücke her, die ſeit meinem Daſein über ſie gekommen, 148 ſie meiden mich wie einen Ausſätzigen; der Himmel ſelbſt hatte mich ja gezeichnet! Ich entfloh. Die we⸗ nige Baarſchaft, die ich mir erſpart hatte, reichte bisher hin, von jetzt an wär's mir wohl ein wenig karger gegangen. Und jener Fremde, der Euch verfolgte? fragte Duna. Ich ſah ihn nie und kenne ihn nicht. Ihr werdet alſo ſehen, daß ich in der Welt nichts Erfreuliches zu hoffen habe und daß mir ein Antrag, wie der Eure, nur genehm ſein kann. Ich bleibe bei Euch und will für Euch handeln. Doch erlaubt auch Ihr mir eine Frage: Wer ſeid Ihr? Duna beſann ſich einen Augenblick, dann aber entgegnete ſie: Fraget nicht darnach, meine Schickſale werden Euch nicht verſchwiegen bleiben, jedoch jetzt iſt's noch zu früh. Betrachtet mich als ein menſchlich Weſen, als ein Weib, welches in der Schule des Elendes Herbes gelitten und dem Mittel zu Gebote ſtehen, die nicht jeder Sterbliche kennt; als ein Weſen, welches zu lange in dieſen geheimnißvollen Bergen gelebt hat, um nicht mindeſtens einen Theil des Ir⸗ diſchen von ſich geſtreift zu haben! Sie ſchwieg und Siegfried ſprach: Es iſt beſchloſſen, ich will für Euch handeln, ich will mich Eurem Dienſte weihen, wie ein treuer Diener ſeinem Herrn! 130 Nicht wie ein Diener dem Herrn! rief Duna und ihre Worte klangen faſt herzlich; nein, Sieg⸗ fried! wie ein Sohn ſeiner Mutter! 1 Dieſer und noch einige Tage verſtrichen; Duna 11 war abweſend und Siegfried allein. Nach gewiſſen Kennzeichen durchwandelte er die Höhle, wagte ſich aber trotz dem nicht zu weit, denn die Mannigfaltigkeit in derſelben gewährte ihm hinlänglich Zerſtreuung. Endlich am fünften Tage kehrte Duna zurück f und brachte ein Bündel mit, in welchem ſich Wäſche und Kleider befanden. Siegfried merkte an allen Vorbereitungen, die ſie traf, daß er ſeinen jetzigen 1 Aufenthalt bald verlaſſen werde; Duna blieb wort⸗ 11 karg und er wollte nicht fragen; ſo vergingen einige Stunden. Endlich rief ſie den Jüngling zu ſich und 11 begann: Haltet Euch bereit, Ihr werdet in einigen Stunden dieſe Grotte verlaſſen und ich werde Euch geleiten. Die Zeit, für mich zu handeln, iſt noch nicht gekommen, Ihr müßt indeſſen untergebracht, der Winter iſt nimmer fern, Ihr müßt geborgen werden. Zu Eurem Aufenthalte iſt ein Schloß gefunden, wo man Euch aufnehmen wird. Doch habe ich auf meiner 1 Wanderung aller Orten von einem Fremden ſprechen hören, der einen blondhaarigen Junker ſuche; es iſt gewiß jener Mann, der— aus uns unbekannten Grün⸗ den— Euch verfolgt, vor dem müßt Ihr geſichert 15 ſein, denn Euer Leben iſt jetzt das Meine, an Eurer Sicherheit hängt mein Ziel! Aus dieſem Grunde habe ich beſchloßen, Euch in einer Verkleidung in Eurem künftigen Wohnorte einzuführen und zwar in einer Verkleidung, in welcher Ihr ſelbſt Euch nicht erkennen ſollt. Kein anderer Stand, kein anderes Alter ver⸗ möchte Euch zu ſichern, kein Bart, keine Haarkappe würden Euch hinlänglich verſtellen, Ihr müßt— um von jedem Verdachte frei, um jedem Vergleiche trotzen zu können, einem anderen Geſchlechte angehören. Siegfried ſah ſie erſtaunt an und Duna fuhr, ihn beruhigend, fort: Es ſind nur wenige Wo⸗ chen, welche Ihr in der ungewohnten Lage zu ver⸗ leben habt; ich wüßte Euch ſonſt nicht vor Eurem Ver⸗ folger zu ſichern, deſſen Abſicht nur Euer Verderben ſein kann, und der, wenn ihm der Wahn nicht hilft, gewiß Gift und Dolch gebrauchen wird. Ihr werdet als ein armes, verwaistes, kroatiſches Edelfräulein, unter dem Namen Maria von Ottmitſch auf dem Schloße eingeführt und als Geſellſchafterinn der Gräfinn mit Achtung und Ehrfurcht behandelt werden. Ihr werdet gewiß in manche Lagen kommen, in denen Ihr, da ſie nicht vorauszuſehen, mit Bedacht und Ver⸗ nunft handeln müßt. Ihr werdet vielleicht Liſt und Verſtellungskunſt zu gebrauchen haben, ja es kann auch der Fall ſein, daß Ihr Kühnheit und Muth bedürfen werdet, um Euch in Eurer Lage zu behaupten, Ihr müßt auf Alles gefaßt ſein! Die Tage auf dem Schloße ſollen auch gewißermaßen für Euch eine kleine Prüfung ſein, die Ihr beſtehen müßt, um Euch in noch unſicherere Hände wagen zu können, um Euch auf noch größere Gefahren vorzubereiten. Vor Allem wahrt Euch vor jedem Ausbruch einer leidenſchaftlichen Wuth, um durch das Hervortreten jenes verhängnißvollen Zeichens Eure Lage nicht zu verſchlimmern. Hier habe ich die ſchicklichen Gewänder mitgebracht, ſie werden Euch an⸗ ſtehen, und Eure Gewandtheit wird meine Hoffnungen nicht zu Schanden machen. Ihr werdet Euch zwar ſelbſt überlaſſen bleiben, allein auch ich will für Euch wachen und ſorgen, daß Ihr nicht verunglückt; in den Augen⸗ blicken höchſter Gefahr werde ich Euch nahe ſein. In Siegfried's Seele hatte dieſes abentheuer⸗ liche Unternehmen vielen Anklang gefunden. Das Neue, Angewöhnliche desſelben reitzte ihn, das Geheimnißvolle zog ihn an, er ſah ſich ſchon in die tollſten Abentheuer verwickelt; er glich in dieſem Augenblicke dem Wanderer, welcher aus der Tiefe in die Höhe blickt und nur des Augenblickes harrt, wo die Nebel zerreißen und das Bild deutlich vor ihm liegen würde. Duna bemerkte mit Wohlgefallen den Eindruck, welchen ihr Vorſchlag auf den Jüngling gemacht hatte. Sie erhob ſich, ihr ganzes Weſen, welches bis jetzt, ſo — — 153 wie Fürſten in häuslichen Kreiſen, alles Ungewöhnliche abgeſtreift hatte, nahm wieder jene Hoheit, jene ſtarren Züge, jenen geſpenſtigen Blick an, wie ſie den Men⸗ ſchen gewöhnlich erſchien; ſie war wieder jene unheim⸗ liche Alte, das Seherweib, wie es vor Monden an Ro ſina's Krankenlager geſtanden hatte. Mit abgemeſſenen Schritten ging ſie auf das altar⸗ förmige Gebilde los, zog aus einer Vertiefung vier Wachskerzen hervor, ſteckte ſie in künſtliche Vorrichtun⸗ gen und zündete ſie an. Jetzt erſt durch die hellere Beleuchtung wurde ein dunkler Schleier ſichtbar, welcher den erhöhten Theil der Figur bedeckend, herabhing; ſie zog an demſelben, er fiel und Siegfried ſah einen förmlichen, mit künſtlichen Blumen geſchmückten Altar vor ſich. Dieſer gewöhnliche Schmuck bot an dieſem Orte einen ungemein erhabenen Anblick dar. Die düſter über dem Altare han⸗ genden Felſen, die ſtille Nacht, die hier herrſchte, das Wunder dieſer untererdlichen Schöpfung, die Schauer der Einſamkeit, Alles vereinte ſich, ſelbſt den größten Zweifler, den hartnäckigſten Leugner einer ewigen Vor⸗ ſicht, das Wort abzupreſſen: Ja, es muß ein Weſen geben, welchem wir angehören, welches uns erſchaffen, und welches einzig und allein angebetet zu werden ver⸗ dient; ja, es gibt— einen Gott! Duna zog jetzt den Jüngling an die Stufen des Altars nieder und begann mit feierlicher Stimme: Sieg⸗ fried! du kannſt die Welt nicht begreifen, die ich mir ſelbſt geſchaffen, du kannſt die Empörung meines Her⸗ zens mit den höchſten Kräften deines Geiſtes nicht er⸗ ſchwingen, ich habe Alles auf Eins geſetzt, ich habe mein ganzes Streben in einen Punkt vereiniget, und dieſen werde ich zur Zeit dir überantworten. Du wirſt nicht blos ein willenlos Werkzeug in meiner Hand ſein, nein, du wirſt mein zweites Ich, mein rächender Engel werden! Hier in dieſem Augenblicke, wo kein menſchlich Auge uns ſieht, wo ein Felſengrab uns umfängt, wo die Schauer einer Gruft uns umwehen, in dieſem Au⸗ genblicke weih' ich dich zu meinem Vertrauten, zu mei⸗ nem Sohn! du biſt noch rein wie der Aether der von den Bergen herabweht, rein wie der Hauch eines erſt gebornen Kindes, darum ſtoß mich nicht von dir, ver⸗ achte mich nicht, denn ich bin elend durch einen Mann, elend— weil ich gefallen! Ja, geſunken, gefallen, ge⸗ ſtürtzt und verworfen bin ich! Laß uns den Bund ſchlißeen; was dir die Natur, hat mir ein Menſch ge⸗ than, du biſt verſtoßen, ich bin verworfen; Dir glüht es auf der Stirn, mir glüht es im Herzen. Gezeichnet ſind wir, gezeichnet du durch ein Maal, ich durch mein Gewiſſen, du nur für Augenblicke, ich für's Leben, du aus fremden, ich aus eigenem Verſchulden. Nun denn, an dieſem heiligen Orte weih' ich dich zu meinem Sohn, 155 zu meinem Helfer, zu meinem Rächer, dafür will ich dein Schutz, dein Schirm ſein, für dein Leben das meine wagen, für Dein Glück mein Heil! Dieſen Bund wollen wir halten ſo lang ein warmer Blutstropfen in uns fließt, ſo lang ein Schlag unſer Herz belebt. Ver⸗ flucht ſei unſer Leben und Thun, verflucht ſei unſer Wir⸗ ken und Schaffen, verflucht unſere Aſche, wenn dieſes Bündniß mit unſeren Willen entweiht wird! Schauer durchwehten Siegfried's Bruſt. Er hatte gedankenlos die inhaltſchweren Worte nachgeſpro⸗ chen, nicht wagend in Du na's Antlitz zu blicken. Jetzt öffnete ſie ihre Arme, zog Siegfried an ſich und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn; wie ſiedend Blei floß es durch ſeine Adern und wirbelte in den Kopf, ein ſtechender Schmerz machte ihn unfähig zu denken, die Sinne verſagten den Dienſt, er ſank in die Arme des Weibes. Die Flammen der geheiligten Kerzen beleuchteten die ergreifende Scene. ——— Es gibt wohl Viele, welche von den vier Jahres⸗ zeiten, die in feſter Ordnung an uns vorüberziehen, ſo wie vier Könige bei einem Faſtnachtsſpiel nur dem Früh⸗ linge zugethan ſind, mit Herz und Kopf, mit Leib und Seele; ſie können den Froſt oder die Glut nicht er⸗ leiden, eine Blume erquickt ſie mehr, als eine reife Korn⸗ ähre, eine grüne Matte iſt für ſie einladender, als eine im Sonnenſtrahl funkelnde Eisbahn. Ich mag ſie nicht tadeln, ſie mögen dem Kinde, ſo oft es niederſteigt, die Erde zu bekränzen, entgegen jubiliren, ſo viel ſie wollen, ſie ſollen ſich freuen nach Herzenluſt, aber ſie ſollen deß⸗ wegen die Andern nicht überſehen, ſie ſollen vor Allem den Herbſt begrüßen, den Herbſt, welcher dasbringt, was der Frühling verheißt. Nicht ein leichtes geflügel⸗ tes Kind hüpft er daher, von Blumenodem umweht, auf Blättern ſich wiegend, mit Blüthen nur tändelnd, mit Blumen nur kkoſend; nein, er ſchreitet wie ein Mann durch's Land, beladen und bepackt mit Allem, was wir meiſten lieben und brauchen; und wenn ihm die Undankbaren auch nicht entgegengeſungen, ſo kommen ſie jetzt doch herbei und nehmen ſeine Geſchenke, nehmen ſeine Früchte, nehmen ſein Wild, nehmen ſeinen Wein. Er aber reicht es ihnen freundlich mit wehmüthiger Miene und lächelndem Munde; er zieht ruhig ſeiner Wege un⸗ ter wachsgelben Bäumen, über abgemähte Felder, und gleich hinter ihm beginnt das Laub zu dorren, zu fallen, der Wind hat es ſich zum Spielzeug erkoren, bis der Winter ihm ein Anderes, die Schneeflocken, beut. So begann nun der Herbſt auch dießmahl ſeine Wanderung, ſo zog er auch dießmahl durch das Land, welchem er leider nicht ſo viel zu biethen hatte, da es 157 von der Natur nur arm bedacht iſt;— durch Ober⸗ krain. Wenn er aber auch wenige Gaben, ſo hat er mindeſtens ſonnige Tage gebracht, die— wenn einmal die Morgennebel verſcheucht waren, ſo heiter und rein heraufzogen, wie ſie der Frühling nicht anmuthiger bieten konnte. An einem dieſer Nachmittage ſaß die Frau Grä⸗ finn Eliſabeth Katzianer an der Seite ihres Töchterleins, der ſechzehnjährigen Hemma am offenen Fenſter. Beide waren mit einer Stickerei beſchäftiget, welche einem heiligen Zwecke geweiht, der Vollendung ſchon ziemlich nahe ging. Es war eine Altardecke von himmelblauem Sammt, mit Sternen und heiligen Wahrzeichen, von Silberfäden kunſtreich durchwoben, welche ſie unter ihren Händen hatten; der Stoff war der Gräfinn von ihrem Gemal, dem Herrn Hanns Katzianer von Katzenſtein aus Wien überſendet worden; denn der Graf hielt ſich meiſtens an des Kaiſers Hof auf, weil er nach hohen Würden ſtrebte, welche er auch ſpäter erlangte. Die zu vollendende Decke aber ſollte den Altar unſerer lieben Frau, in der St. Peterskirche zieren, welche einſam auf einem Berge oberhalb des gräflichen Schloßes gelegen, von dem offenen Fenſter aus, gerade überſehen werden konnte. Das Schloß ſelbſt hieß der Katzenſtein. Ach, Mütterchen! begann Hemma— wie freu' ich mich des Augenblickes, wo dieſe Decke zum Erſten⸗ male den heiligen Ort zieren wird, und die frommen Wallfahrer, wenn ſie am Peter⸗ und Pauli⸗Feſte aus allen Theilen des Landes gläubig herbeiſtrömen, ſie anſtaunen und unter einem frommen Gebete, der Spenderinn gedenken werden. E, ſieh da, meine Hemma!— verſetzte ſtra⸗ fend die Gräfinn— das klingt ja faſt wie Hochmuth, oder beſſer, wie Eitelkeit und Eigennutz? Du würdeſt dich nur freuen, weil die Spende unter deinen Hän⸗ den gediehen, aus deinen Händen hervorgegangen? Dir ſchmeichelt die Bewunderung und das Lob der Menge, nicht aber der ſtille, erhebende Gedanke, das eigene Bewußtſein eines gottgefälligen Werkes.— Wie Ihr mich gleich ſo hart ſtraft, Mütterchen, mit ſtrenger Rede,— entgegnete die erröthende Jung⸗ frau; ich habe es nicht ſo gemeint, wie Ihr es ge⸗ deutet; der Himmel weiß! daß ich unter manchen Fehlern, welche meinem Herzen, mir ſelbſt unbewußt, inne wohnen, gerade den Hochmuth am wenigſten kenne.— Nun, wir werden es ſehen! erwiederte Frau Eliſabeth zufrieden; die Zukunft wird es lehren. Du weißt, ich habe neulich jener armen Alten die An⸗ nahme eines dürftigen Mädchens zugeſagt, welches vom kroatiſchen Adel entſproßen, als elternloſe Waiſe 1350 darben müßte, wenn es nicht eine anſtändige Unter⸗ kunft fände. Das Mädchen ſoll nicht als Dienerinn im Schloße behandelt, ſondern als deine Geſpielinn betrachtet werden; du haſt mich ja immer beſtürmt, dir im Dorfe unten, den Umgang mit einigen Mäd⸗ chen zu gewähren; ich that dieß nicht, weil Vertrau⸗ lichkeiten zwiſchen Herrſchaft und Unterthan zu keinem guten Ende führen, und weil beſonders der Vater, der viel auf Ehre hält, es nicht geduldet hätte. Nun wird alſo dein Wille befriedigt; ich werde ſehen, ob du mit dem armen Fräulein— denn das iſt es ja immer, da es aus edlem Blute entſproſſen— in Frieden verkehren wirſt, denn ehe ich zwiſchen Euch Zank und Hader duldete, ehe litt' ich ſie nicht auf ſo leid es mir thäte! Hemma, welche ſich ſchon immer auf die An⸗ kunft des Fräuleins gefreut hatte, verſprach der Mutter: ſreundlich wie immer und nachgiebig wie nie, zu ſein; die Gräfinn beſchloß jedoch, im Stillen das unbekannte Mädchen früher genau zu beobachten und einer ſtrengen Prüfung zu unterziehen, ehe ſie ihr einen freundſchaft⸗ lichen, vertrauten Umgang mit der einzigen Tochter ge⸗ ſtattete.— Unter ſolchen Beſprechungen war der Abend her⸗ angenaht, als Hundegebell und Pferdegetrabbe von Unten herauf drang, und ein Jagdzug, an deſſen Spitze 160 der junge Graf Friedrich einherſprengte, gegen das Thor ritt. Eine hohe, männliche Geſtalt zeichnete den achtzehnjährigen Jüngling vor Allem aus. Sein ſchwarzes Haar, welches in wilden Locken die Schultern bedeckte, das Gluthenauge mit dem feſten, aber dennoch freund⸗ lichen Blick, das blühende Roth auf den Wangen, dann die beiden Reihen Alabaſterzähne hinter den ſchön ge⸗ formten Lippen, dieß Alles verſchaffte ihm den Ruf eines der ſchönſten Jünglinge des Landes. Er brachte den größten Theil des Jahres in Wien, in der unmittelbaren Nähe des Vaters zu, nur in den beiden Herbſtmonden wurde ihm die Erholung auf einem der väterlichen Schlößer, gewöhnlich in der Nähe der Mutter und Schweſter, geſtattet.— Frau Eliſabeth hing mit ächter Zärtlichkeit an dem einzigen Sohne; es war ſchwer zu entſcheiden, ob ſie für Hemma oder für Friedrich mehr Liebe empfand, ob ihr der Sohn oder die Tochter mehr galt; die Geſchwiſter ſelbſt waren recht liebevoll gegen einander und zwiſchen ihnen herrſchte vollkommene Eintracht. Eine Stunde nach der eben geſchilderten Scene ſaß Frau Eliſabeth in der Mitte ihrer Kinder, beim vertraulichen Abendmahle; Balthaſar, ein lang⸗ jähriger Diener der gräflichen Familie, war der Befehle der Herrſchaft gewärtig, als plötzlich an dem bereits geſchloſſenen Thore gepocht wurde. Es war der Schenke 161 aus dem unterhalb des Schloßes gelegenen, gleichna⸗ migen Dorfe. Er brachte die Nachricht: eine Fremde ſei bei ihm angelangt, ſende ihn mit der Kunde hieher, daß ſie die Erwartete ſei und, daß die gnädige Frau Gräfinn ihr noch heute erlauben möge, auf's Schloß zu kommen. Frau Eliſabeth gewährte das Ver⸗ langen um ſo lieber, da es ihr für ein Mädchen nicht ſchicklich däuchte, in der Schenke zu übernachten, welches die Beſtimmung hatte, im Schloße ſo vornehmer Be⸗ handlung theilhaftig zu werden. Unter den Verſam⸗ melten war die Neugierde auf's Höchſte geſtiegen. Bei jeder der Perſonen war ſie aus andern Motiven ent⸗ ſprungen, jede derſelben ſtellte andere Forderungen, und wird das Fräulein wohl allen Dreien genügen können? Endlich erſchien die Erwartete, die Thüre öffnete ſich, ſie trat ein. Es war eine Geſtalt, die man als Mädchen groß und ſchön gewachſen nennen konnte; der kroatiſche, weißfarbige Faltenrock mit den aufgebauſchten Buſenhügeln, um die Mitte mit einem rothen Tuch⸗ Gürtel feſtgehalten, verlieh der Figur zwar keine ſchlanke, aber eine üppige Taille; den blendend weißen Hals zierte ein Kranz von Glasperlen, welcher mit Bändern von bunten Farben durchflochten war, die alle bei zwei oder drei Finger Breite hinabhingen und ſo gewißer⸗ maßen einen regenbogenfarbigen Strahlenkranz um den Hals bildeten. Das blonde Haar der angeblichen Kroa⸗ 14 2 162 tinn war in breite Flechten gewunden und kronenartig um das Haupt gelegt; wiewohl glatt und weich, ſchien es ſich doch in ungewohnter Lage zu befinden und ſträubte ſich hie und da dagegen, auch geſtattete die Kürze nicht jenes oftmalige Umwinden des Flechtwerkes, wie es bei Kroatenmädchen in manchen Gegenden der Fall zu ſein pflegt; allein dieß Alles konnte nicht bemerkt, minde⸗ ſtens nicht ſo leicht bemerkt werden. Der Kopfputz aber war es, welcher dem Antlitze des Mädchens einen ei⸗ genen und zwar ſehr intereſſanten Anblick verlieh. Die weiße Stirne trat nun in ihrer ganzen Höhe hervor, die blaßen Wangen konnten ſelbſt von dem genaueſten Kenner weiblicher Formen, nur anmuthig genannt wer⸗ den, und dann das tiefblaue, dunkle Auge mit ſeiner Gluth, ſeinem wunderſchönen Blick, wer würde in dieſe Spiegel geblickt, und nicht mit vollſter Ueberzeu⸗ gung gerufen haben: Maria von Ottmitſch wär' eine Erſcheinung, die ganz auf die Sinne eines Mannes zu wirken im Stande ſei! Mit etwas ſteifer Haltung ging die Angekommene auf die Gräfinn zu und küßte ihr die Hand, machte eine züchtige Verbeugung gegen Friedrich und wollte nun auch die Hand des Fräuleins ergreifen, allein Hemma erhob ſich raſch vom Sitze, umſchlang Ma⸗ rien und drückte ihr einen herzlichen Kuß auf die Stirne. Es durchwirbelte jene vom Scheitel bis zur Zehe. 163 Edle Frau! begann jetzt die Angekommene ſchüchtern, ich bin Maria von Sttmitſch Ihrer Sprache fehlte der Klang einer Mädchenſtimme, ſie hatte mehr Stärke— ein wenig Zwang und dieſe verſchwand. Seid mir willkommen, liebes Kind! entgegnete Frau Eliſabeth; wir haben Euch ſchon mit jedem Tage erwartet. Legt vom jetzigen Augenblicke an, jeden Zwang ab, und betrachtet Euch als eine ge⸗ achtete Bewohnerinn dieſes Schloßes. Maria nahm auf dieſe Anrede mit erleichtertem Gemüthe zwiſchen den beiden Frauen Platz, und die Unterhaltung wurde bald ohne Störung fortgeführt. Friedrich nahm für dieſen Abend weniger Antheil an derſelben, er blieb in das Anſchauen des kroatiſchen Fräuleins verſunken. Einige Tage waren ſchon ſeit der Anweſenheit Mariens auf dem Katzenſtein verſtrichen, und der feſte Eindruck, den ſie auf die Gemüther der einzelnen Mitglieder der gräflichen Familie gemacht hatte, begann ſich immer tiefer einzuprägen; dieſer war ein durchaus vortheilhafter für ihre Perſon, allein ein höchſt nach⸗ theiliger für ihre Lage. Vor allem war es Friedrich, deſſen Gefühle ſie in Aufregung gebracht hatte; der feurige, glühende Jüngling fühlte ſich mit unüberwind⸗ licher Macht zu ihr hingezogen und gab dieß auch bald zu erkennen; die Gefahr von dieſer Seite war jedoch 164 von der Art, daß ihr ausgewichen, daß ſie für die Friſt ihres Hierſeins auf dem Schloſſe hingehalten werden konnte, allein eine andere, viel gefährlichere war zu überwinden, und dieſe entſprang durch Hemma. Das Fräulein hing ſich mit ganzer Seele an Ma⸗ rien; herangewachſen, ohne je etwas Anderes als Liebe und Ehrfurcht gegen Eltern und Verwandte empfunden zu haben, ſtrebte Hemma die Leere des Herzens auszufüllen, ſie that dieß unwillkührlich, ohne es zu wiſſen und zu wollen. Sie war daher immer um Marien, umhüpfte ſie den Tag hindurch, half ihr das kleine Gemach, welches an das ihre gränzte, und mit demſelben durch eine Thüre verbunden war, wohnlich machen; gab ihr dieß und jenes von ihrem fleinen Eigenthum, und legte dadurch eine Herzens⸗ innigkeit eine, Liebenswürdigkeit an den Tag, die auf die vermeintliche Maria nicht ohne Folgen bleiben onnte, ſie in höchſt peinliche Lagen zu verſetzen, und pr daher in jeder Beziehung gefährlich werden mußte. Um aber ihren Standpunkt noch mehr auf die Spitze zu ſtellen, glaubte Frau Eliſabeth, nach genauer Prüfung, in Marien ein ſchüchternes, unverdorbenes Mädchen zu finden, welches zwar in Bildung und weiblichen Verrichtungen ein wenig vernachläßigt gewor⸗ den, was jedoch in ihrer ärmlichen Lage nicht anders kommen konnte, dem ſie jedoch ſonder Gefahr einen 6b 165 freundſchaftlichen Umgang mit ihrer geliebten Hemma geſtarten durfte.— So lange es noch die Jahreszeit erlaubte, einen großen Theil der Zeit im Freien zuzubringen, ſo lange man ſich noch im Garten ergehen, auf den naheliegenden Bergen herumklettern, Obſt und Früchte einſammeln konnte, kurz ſo lange Zerſtreuung von Außen die Sinne mehr beſchäftigte, ſo lange ging Alles gut, und zur vollkommenen Sicherheit Mariens; allein, als die ſchlechte Witterung begann, die winterliche Jahres⸗ zeit heranrückte, und Sturm die Schloßbewohner auf die vier Wände beſchränkte, da begann ſich die Gefahr zu mehren, da mußten Liſt und Klugheit mehr in An⸗ wendung kommen, um den Klippen zu ſteuern, die das Kroaten Fräulein zu umſchiffen hatte. Friedrich führte den erſten Sturm herbei. Die Leidenſchaft für Marien war bei dem feu⸗ rigen Jünglinge zur gefährlichen Größe gediehen. Er ſelbſt bemerkte dieß vielleicht nicht eher, als bis der Zeitpunkt heranrückte, wo er gewöhnlich nach Wien rückzukehren pflegte. Er fand bald den Grund jenes bangen Gefühls heraus, welches ihn ergriff, als er an die Abreiſe dachte; er fand, daß es Liebe zu Marien ſei. Er trachtete, nun den Fräulein ſein Gefühl zu offenbaren, allein dieſes wich ihn ſo geſchickt aus„daß er es keinen Au⸗ genblick allein fand; er verzögerte daher ſeine Abreiſe 1 1 1 111 von Tag zu Tag, da kam endlich ein mahnendes Schreiben aus Wien. Friedrich kannte die unerbittliche Strenge des Vaters, er konnte aber auch unmöglich den Katzenſtein verlaſſen, ohne ſich gegen Marien erklärt zu haben; wie ſollte er ſein Verweilen bemänteln, entſchuldigen? Er ergriff das einzige Mittel, welches ihm blieb, er ſchützte eine Krankheit vor. Frau Eliſabeth, ohne den wahren Zuſtand des Sohnes zu ahnen, erſchrack nicht wenig, und ſetzte den Gemahl unverzüglich hievon in Kenntniß, welcher dem Kranken ſolcher Weiſe den Aufenthalt auf Katzenſtein bis zu ſeiner erfolgten Ge⸗ neſung gewährte. Der Zuſtand Friedrichs blieb vom Beginne einige Tage hindurch derſelbe, ſeine Wangen waren in der That merklich bläßer geworden, das Leiden der Seele hatte auch den Körper angegriffen; Frau Eliſabeth fing an, beſorgt zu werden und befahl Balthaſar, aus Rattmannsdorf, der nächſten Stadt, den Wundarzt herbei zu holen. Der Diener folgte dem Befehle der Herrin, kam jedoch bald nach ſeiner Abſendung zurück. Gnädige Frau, begann er, als ich da drüben durchs Dorf wollte, und einigen Fragenden die Aus⸗ kunft ertheilte, ich müße für Herrn Friedrich einen Heilkundigen holen, erzählten ſie mir, es halte ſich ſeit einigen Tagen im Orte ein Quackſalber auf, der 167 ſchon viele Wunden geheilt und viele Preßhafte geneſen gemacht habe. Da Ihr nun ſelbſt wißt, daß der Ratt⸗ mansdorfer kein weiſer Herr ſei, ſo gerieth ich auf den Gedanken, ob es Euch denn nicht genehm ſein würde, den Fremden früher um Rath zu fragen. Verſpricht er die Heilung des Kranken, ſo dürfen wir nicht den Anderen holen, und es iſt in dieſem Falle noch der Vortheil, daß wir dann den Helfer bei Handen haben. Es war dazumal etwas Gewöhnliches, daß ſelbſt geſchickte und erfahrne Aerzte im Lande herumzogen, um ihre Kunſt zu üben; die Gräfinn willigte daher ohne Bedenken in Balthaſars Vorſchlag. Maria und Hemma befanden ſich eben bei der Gräfin anweſend, als der Gerufene eintrat. Er war ganz in grauem Sammt gekleidet, ein Ueberwurf und ein ſchwarzer breiter Knebelbart ver⸗ liehen ihm ein ſtattliches Ausſehen. Mit gemeſſenen Schritten näherte er ſich der Gebietherinn des Schloſſes, eine kleine Verbeugung gegen ſie, dann gegen die Jung⸗ frauen, ein Blick auf Marien— er ſtutzte; ſie ſah ihn feſt an, ihr Herz fing heftiger zu pochen an, von Außen keine Veränderung, aber im Innern begann es zu wogen und zu ſtürmen, denn der Arzt war der nämliche Fremde, welcher Siegfrieds Gefangenneh⸗ mung in Cirknitz veranlaßt hatte. ——— * Eine Meile nördlich von Rattmannsdorf lag das Schloß, welches unſere Leſer bereits betreten haben. Von rückwärts durch hohe Schneeberge dominirt, von vorne durch ein ebenes flaches Feld geziert, erheben ſich mehrere, zwei auch drei Stock hohe Gebäude, zu einem Ganzen verbunden, und bilden das Schloß. Ehedem führte es den Namen:„Vigaun“ wie denn auch das angränzende Dorf noch jetzt genannt wird. Die merkwürdigſte Epoche des Gebäudes dürfte wohl das Jahr 14358 gebildet haben, wo es vom Grafen Herrmann von Cilley, völlig zerſtört wurde. Durch die Verbindung des Georg Katzianer mit der einzigen Tochter des Herrn Hanns von Haas⸗ berg, dem auch Rattmannsdorf und Wallen⸗ berg zu eigen waren, kam um die Mitte des vier⸗ zehnten Jahrhunderts Schloß Vigaun an dieſe Familie und erhielt dann den Namen:„der Katzenſte in.“ Zur Zeit unſeres Gemähldes war es im guten Stand; reine luftige Gemächer, ein hübſch angelegter Garten, mit einem dichten Gehölze, eine viereckige, aber nicht unfreundliche Thurmwarte, verliehen Letzterer von Außen und erſterem von Innen ein hübſches Anſehen. Seine Geräumigkeit brachte es mit ſich, daß der größte Theil der Gemächer unbewohnt war, denn die gräfliche Fa⸗ milie mit ſammt der nicht zahlreichen Dienerſchaft, hatte eil a⸗ tte 160 im großen, rückwärtigen Flügel, deſſen Ausſicht auf das Schneegebirge ging, hinlängliche Bequemlichkeit; daher kam es, daß Frau Eliſabeth dem fremden Heil⸗ künſtler ein Gemach neben dem kranken Grafen zur Wohnung angeboten, welches er auch bezogen hatte. Wenn auch in der Heilkunde nur ſchlecht, oder vielleicht gar nicht bewandert, ſo entging es ihm nach genauerer Betrachtung doch nicht, daß das Uebel kein Innerliches, und überhaupt kein Gefährliches ſei; er gab daher dem Kranken einige ſeiner beihabenden Tränklein, die, ſo unſchuldig ſie auch waren, dieſen doch zu dem Geſtändniſſe bewogen, daß er ſich etwas wohler fühle; der Arzt hatte indeſſen Gelegenheit, ſeine eigenen Interreſſen zu verfolgen. Die Aehnlichkeit Mariens mit Siegfried, welche ihm im erſten Augenblicke ſo aufgefallen war, veranlaßte ihn zu heimlichen Nachforſchungen im Schloſſe, die ihn jedoch irre führten, denn die Auskünfte ſtimmten überein: Maria ſei ein kroatiſches Edelfräulein, von einer Freundinn der Frau Gräfinn empfohlen, und ſeit meh⸗ reren Wochen ſchon im Schloſſe anweſend; noch mehr als dieß wurde er durch Mariens Benehmen getäuſcht, welche weder durch Auſpielungen noch durch Kreuz⸗ und Querfragen aus ihrer Bahn zu bringen war; und ſelbſt durch keine Miene verrieth, daß ſie ihm ſchon je begegnet ſei. Der Gezeichnete. 1. 15 Es wäre ihm indeſſen doch möglich geworden, den gefaßten Verdacht der Gräfinn mitzutheilen, und eine genaue Unterſuchung zu veranlaſſen, allein ein anderer Umſtand hielt ihn hievon ab; die Reize des gräflichen Fräuleins hatten ſeine Wünſche rege gemacht, und der erweckte Gedanke, das Siegfried vielleicht mit Hemmas Wiſſen und Wollen unter dieſer Maske Mutter und Bruder täuſche, fand ſo viel Anklang in ſeiner Seele, daß er gar nicht zweifelte, das Fräulein durch Drohungen auch ſeinen Abſichten geneigt zu machen. Er beſchloß daher, vor der Hand einzig und allein dieſem Ziele entgegen zu ſtreben, ſich von der Wahrheit und Täuſchung ſeines Verdachtes zu überzeugen, und dann erſt Marien zu entlarven, um ihren Sturz zu veran⸗ laſſen. Die Lage des Kroatenfräuleins wurde aber durch einen andern Umſtand wo möglich noch gefährlicher. Hemma, größtentheils von der großen Welt abgeſchloſſen lebend, unbekannt mit der Verworfenheit der Menſchen, mit den Gefahren, welche beſonders unerſahrnen Mäd⸗ chen drohen, hatte bisher noch nie Gelegenheit, mit Män⸗ nern durch längere Zeit in geſellſchaftliche Berührungen zu kommen. Der Fremde, ein Mann in den kräftigſten Lebensjahren, durch das Halbdunkel ſeiner Kunſt noch intereſſanter gemacht, konnte ihr daher nicht gleichgültig bleiben; ohne daß ſie es ahnte, beſchlich Liebe ihr 171 Herz, und Maria, welche den größten Theil der Zeit hindurch um ſie war, und ſie am Genaueſten be⸗ obachten konnte, da Hemma der Vertrauten gegen⸗ über, frei und offen blieb, erfuhr dieß zuerſt. Sie kam mit dem Fräulein eben aus dem Gemache der Gräfinn und wollte ſich in das ihre begeben, als der Diener Friedrichs erſchien, und die Schweſter auf einige Augenblicke zum jungen Grafen zu kommen erſuchte. Maria wollte hierauf Hemma verlaſſen, allein dieſe bat, ſie zu begleiten, da der Bruder wahr⸗ ſcheinlich nur ein unbedeutendes Anliegen habe, welches ſie nicht lange in Anſpruch nehmen würde, und ſie dann mit Marien noch ein Stündchen zu verplaudern gedenke. Dieſe willigte nach einigen Weigern ein, und ſo kamen Beide zu dem Kranken. Friedrich ſaß in einem großen Lehnſtuhl; eine Lampe erleuchtete nur ſpärlich das Gemach und ver⸗ breitete jenes Halbdunkel, das zu vertraulichen Mit⸗ theilungen ſo geeignet iſt. Freundlich wies er den beiden Mädchen Sitze an, und begann, ohne Marien ins Geſpräch zu ziehen, mit der Schweſter über Vorberei⸗ tungen zu ſeiner Reiſe zu ſprechen. Maria nahm an der Verhandlung nicht den geringſten Antheil, ſie blieb ſtumm und in ſich gekehrt. Plötzlich erſcholl des alten Balthaſars Stimme, welche nach dem Fräulein rief. Sie erhob ſich raſch. * 172 „Nur einige Augenblicke harre hier, meine liebe Ma⸗ ria, ich werde alſogleich zurück ſein!“ Mit dieſen Worten floh Hemma fort, und ehe das Kroatenmädchen ſich noch faſſen konnte, ehe ſie das Unſchickliche ihres Auf⸗ enthaltes recht einſah, war Hemma ſchon längſt aus dem Gemache. Marig erhob ſich verlegen, als Fried⸗ rich, dieſe zwar höchſt erwünſchte, aber wirklich zu⸗ fällige Gelegenheit nicht unbenützt verſtreichen laſſen wollte und ihre Hand ergriff. Maria! begann er raſch — nur einige Augenblicke verweilt, ich muß mit Euch allein ſprechen, noch war mir bisher hiezu keine Gelegen⸗ heit günſtig, aber nun kann ich es nimmer länger be⸗ wahren— Herr Graf!— flehte Maria, ihre Hand ver⸗ legen aus der ſeinen ziehend— erlaubt mir, daß ich Euch verlaſſe— Nur einen Augenblick, mein Fräulein!— bat Friedrich— und dann mögt Ihr fort, ich werde Euch nimmer läſtig fallen! O, geſteht es mir, habe ich Euch wehe gethan, oder gar beleidigt, daß Ihr mir bisher ausweicht und mich gemieden habt, wie Einen, deſſen Nähe verpeſtend iſt? Warum haßt Ihr mich? Herr Graf! entgegnete Maria— Ihr thut mir Unrecht! Weßwegen ſollte ich Euch haſſen, der Ihr mir nie Leides zugefügt, mir ſtets ſo zart begegnet 173 ſeid? Ich habe Euch gemieden, es iſt wahr; ich habe das Alleinſein mit Euch gefürchtet, und gewiß, die jetzigen Augenblicke, wenn es wirklich nur ein Zufall war, der ſie herbeigeführt, ich werde ihn nur ver⸗ dammen können— Welch' einen entwürdigenden Verdacht!— rief Friedrich gekränkt;— Maria! ich ſchwöre es Euch, weder Hemma noch ich, hatten es in der Ab⸗ ſicht, Euch hieher zu locken! Verlaßt mich— beſſer: wir reden nie mehr mit einander, als daß Ihr mir ſo Schimpfliches zumuthet!— Ein inneres Gefühl ſagte es Marien, daß ſie ihren Verdacht, den ſie hätte verſchweigen ſollen, auf eine etwas unweibliche Weiſe ausgeſprochen habe. Der Edelmuth des jungen Grafen und die wahre Achtung, welche er für ſie empfand, rührten ſie daher um ſo mehr und ſie em⸗ pfand das innigſte Mitleiden mit ſeinem Zuſtande. Vergebt mir meine Worte— bat ſie— ich bin nicht gewohnt, ſie zu einer ſchönen Rede zu formen; aber wenn auch manchmal hart, ſo ſind ſie doch ohne Falſch. D'rum bitte ich Euch bei Allem, was Euch lieb und theuer iſt! betrachtet mich als kein gewöhn⸗ liches Mädchen; ich vermag nicht zu empfinden, ich vermag nicht zu fühlen, mir hat die Natur ein weiches Gemüth verſagt, in meinem Buſen ſchlägt ein männlich Herz. O, gewiß, Herr Graf! Ihr irrt Euch in dem 174 Gefühle, es kann Wohlwollen, es kann Freundſchaft ſein, aber eine Leidenſchaft, Liebe, iſt es nicht! Der junge Graf ſchwieg einige Augenblicke, als prüfe er ſelbſt ſein Herz und ſeine Gefühle, dann faßte er Marien's Hand, blickte mit Innigkeit in die tiefblauen Augen und ſprach: Alſo ſollte ich mich getäuſcht haben? in dieſem Buſen ſollte kein fühlend Herz wohnen, das Feuer dieſer Augen ſollte nur eine Flamme ohne Gluth, ein winterlicher Sonnenſtrahl ſein? Maria— ſeid aufrichtig— Ihr habt ſchon geliebt,— Euer Herz iſt nicht mehr frei! — Ja lerwiederte die Kroatinn raſch— ja, der Himmel iſt mein Zeuge! ich habe ſchon geliebt, liebe noch— innig und treu— In dieſem Augenblicke trat Hemma zur völligen Beruhigung Marien's in's Gemach, um ſie abzu⸗ volen.— Nach einem kalten Abſchiede verließ ſie den Kranken, froh, einer Scene entkommen zu ſein, welche für ſie ſo qualvoll begonnen und ſo gefährlich hätte enden können. Die beiden Mädchen langten vor Hem⸗ ma's Thüre an und Maria wollte ſich wieder von dem Fräulein trennen, als dieſe ſie einlud, auf ei⸗ nige Augenblicke in ihr Gemach zu treten. Sie mußte ihr willfahren. Das Gemach war hell erleuchtet, Hemma warf ſich auf eine Polſterbank und zog Marien an ihre 175 Seite nieder. Nun, meine theure Freundinn! begann ſie— laß uns einige Augenblicke zuſammen plaudern; mich flieht der Schlaf und böſe Träume quälen mich. Du biſt aber ſo ſtille, ſo verſchloſſen? Warum dieß gegen mich, von der du überzeugt biſt, daß ich es ſo aufrichtig mit dir meine? Fräulein!— ſtotterte Maria— Fräulein! und immer Fräulein! rief Hemma unwirſch; laß' doch die Poſſen und nenne mich du, ſo wie ich dich; ſo lange die kalten Redensarten eine Scheidewand zwiſchen unſeren Herzen bilden, ſo lange vermag ich nicht ſo recht von ganzer Seele mit dir zu ſprechen. Maria!— ſetzte ſie innig hinzu und ſchlug ihre Rechte um den Nacken der Kroatinn— komm an das Herz deiner Hemma, deiner Freun⸗ dinn; laß uns einen Bund ſchließen, nie von einander zu laſſen, nie, ſo lange wir denken, ſo lange wir fühlen!— Marien wurde es bei dieſen Vertraulichkeiten des Fräuleins heiß, ſie fühlte das ungeſtümme Pochen des Mädchenherzens, das Glühen von Hemma's Wangen; ein leiſes Beben durchfröſtelte ihre Glieder, ſie wollte ſich der gefährlichen Umarmung entwinden und vermochte es nicht, ſie ſtrebte zu ſprechen und brachte nur einzelne Laute hervor. Warum bebſt du, . 176 meine Maria? fragte Hemma beſorgt— iſt dir unwohl? ich werde dir den Gürtel öffnen— Um's Himmelswillen nicht! bat dieſe verlegen,— mir iſt ganz wohl, ich empfand nur die ſüße Wonne, ein Schweſterherz gefunden zu haben. Ja, meine Schweſter, meine gute, liebe Schweſter ſollſt du von nun ſein; mit dieſem Kuß weihe ich dich auf ewig hiezu! Ein Kuß brannte, ehe ſie es wehren konnte, auf Marien's Lippen, die jungfräuliche Gluth zuckte wie ein Blitz durch ihre Adern, das Blut begann zu wallen. Hemma! rief ſie wärmer wie ſonſt und preßte das Fräulein an ſich,— du biſt ſo gut, ſo rein und heilig, wie die Flamme, die aus den Wolken zuckt! O, möchte ſich dieſer Glanz deines Herzens doch nie verlieren! Ach, Maria! klagte die Freundinn— ich fürchte, er hat ſich ſchon verloren; ich glaube, es iſt in meinem Innern nicht mehr ſo, wie ehedem. Haſt du es noch nicht wahrgenommen, liebe Schweſter, daß ich ſeit ei⸗ niger Zeit jene Freudigkeit verloren, jene übermüthige Laune, wie ſie mir von jeher eigen geweſen? Ich kann nimmer ſo recht vom Herzen fröhlich ſein, ich vermag es nimmer, ſo ſorgenlos in die Zukunft zu ſchauen; ein unbekanntes Etwas iſt in mir erwacht, welches mich meiner Ruhe, meiner Zufriedenheit beraubt; eine Be⸗ ——,——————— 177 klemmung hat mein Inneres ergriffen, daß es mich ſchmerzt und ich doch die wunde Stelle nicht auffinden kann; der Schlaf flieht mein Lager, und wenn er ja auf Stunden bei mir einkehrt, ſo umgaukeln mich meine Traumbilder, in welcher immer und ewig nur Eine Geſtalt im Vordergrund ſteht, nur Eine den erſten Platz behauptet— Und wer iſt dieſe? fragte Maria beklommen. Da ſenkte Hemma das Auge, ein leiſer Seufzer wehte zwiſchen ihren Lippen hervor, ſie legte das Haupt an Marien's Herz, und während ſie zu den tiefblauen Augen der Freundinn, wie zu einem Himmel aufſah, von dem ſie eine Erleichterung hoffe, lispelte ſie ver⸗ ſchämt:„Der fremde Arzt!“ Jetzt fiel es wie Schuppen von Marien's Augen: Hemma liebte den Fremden, ihren Verfolger. Hei⸗ liger Himmel! rief ſie erſchrocken— haſt du ſchon mit ihm geſprochen? In Gegenwart der Mutter, ſonſt nie; aber wie kömmſt du zu dieſer Frage, Maria? Hemma! entgegnete die Freundinn raſch— wenn dir das Glück deines Lebens lieb iſt, ſo vermeide es ja, mit dieſem Menſchen allein zu ſein. Verbanne jeden Gedanken an ihn, bezwinge dich, ihn als ein Weſen zu betrachten, welches dich, ahnt es nur im Entfernteſten, was in dir vorgeht, für immer in einen Abgrund reißen 178 wird, aus dem du nie wieder das Licht eines zufriedenen Tages zu erblicken vermagſt. Du kennſt ihn alſo? fragte Hemma erſtaunt. Maria wurde verlegen, faßte ſich jedoch gleich und verſetzte: Ja, ich kenne ihn, doch nur aus einer einzigen Begebenheit in meiner Heimath. Er verfolgte einen Jüngling, der ihn nie geſehen, nie gekannt, und überlieferte ihn mit falſchen Beſchuldigungen dem Schei⸗ terhaufen. Was vermag man aus dieſer einzigen Hand⸗ lung Anderes zu folgern, als daß ſeinem Buſen ein böſes Herz inne wohne, ein Herz, welches man fliehen und meiden ſoll! Wäre es möglich? ſtammelte Hemma,— ich ſollte mich alſo getäuſcht haben? Ich— die im Geiſte in ihm den Inbegriff, den Vereinigungspunkt aller Vollkommenheiten ſuchte? Ach, Maria! du haſt mich ungeſtüm aus einem ſüßen Traume geweckt!— Danke dem Himmel, wenn es mir gelungen iſt, den täuſchenden Glauben noch zur Zeit wanken zu machen; das Unkraut zu vertilgen, ehe es um ſich gegriffen und Wurzel gefaßt. Marria vermied es ſorgfältig, die unerfahrene Jungfrau über den wahren Zuſtand ihres Herzens zu belehren; ein Funke nur in das aufgeregte Gefühl ge⸗ worfen, das Wörtchen„Liebe“ nur ausgeſprochen, hätte — — 17B es vermocht, die Flamme hervorbrechen zu laſſen, wäh⸗ rend ſie jetzt noch erſtickt werden konnte. Maria ſah es ein, daß Hemma alle Kraft wer⸗ de aufbiethen müſſen, um ihre Gefühle dem Fremden weder durch Worte noch durch Handlungen zu verta⸗ then. Hemma, welche ſich die Angſt der Freundin nicht zu deuten wußte, ſchüttelte ungläubig das Köpf⸗ chen: Sollte es möglich ſein, ſollte ich mich wirklich be⸗ trogen haben? Wer hätte ſo viel Böſes in dieſem Men⸗ ſchen geſucht? Ach, Maria! daß ich dir nur geſtehe: ich hab' mir oft gedacht, wenn ich je ſo krank würde, wie es nun Friedrichiſt, müßte er allein mich heilen, ich könnte nur in ihn das Vertrauen ſetzen, daß er mich wieder geneſen mache. Laß es ſinken, Hemmal bat die Freundin, ſin⸗ ken ſo lange es noch möglich iſt. Hüte dich, ſeinen Bli⸗ cken dein Inneres aufzudecken, er darf es nie ahnen wie du denkſt, wie du fühlſt; Hemma! wenn du die Gefahr ſo mit einem Blicke überſehen könnteſt, gewiß! du würdeſt deine Mutter bitten, ihn ſo bald als mög⸗ lich aus dem Schloße zu entfernen. Das Fräulein ſah ſie mit einem trauernden Blicke an und ſprach: Ich will dir glauben und folgen; du haſt Recht! er muß fort von hier, der Bruder iſt be⸗ reits auf dem Wege der Geneſung, der Arzt ſoll ſeinen Lohn empfangen und das Schloß verlaſſen. Ich habe ja noch dich, und bedarf ſonſt keines vertrauten Herzens! Die letzten Worte ſprach ſie faſt unter Thränen, ſchlang den Arm um die Freundin, drückte ſie an ſich und hauchte einen Kuß um den andern auf ihre Lippen. Maria's Wangen zündeten von der Glut Hemm a's, ihre Augen verſchlangen die Reize des lieblichen Mäd⸗ chens, welches hingegoſſen an ihrem Herzen lag. Die trauliche Stille im Gemache, das fühlbare Schlagen und Heben der Bruſt, ſie wirkten elektriſch auf Marienz es begann ſich in ihrem Innern zu re⸗ gen, das Blut jagte durch die Adern, der Athem wurde immer kürzer, eine nie gefühlte Wonne durch⸗ ſtrömte ſie; alle Lebensgeiſter wurden wach, ſüße Schau⸗ er durchbebten ihren Körper, ſie preßte heiße Küße auf Hemm a's Lippen, drückte ſie an ſich, umklammerte ſie ſeſt und innig— noch einen Augenblick, und das verkappte Mädchen wäre zum Mann geworden; da tauchte wie mit einem Schlage Roſinen's Bild empor, ein ſchützen⸗ der Engel für Hemma, ein warnender für Marien; dieſe taumelte auf, trug Hemma, welche halb bewuſt⸗ los in ſüßer Wonne ſchmachtete, auf ihr Lager, und ver⸗ ließ ſtürmiſch das Gemach. Hemma hielt das der Freundin gegebene Ver⸗ ſprechen. Der Arzt, deſſen Lichtkreis Marien's War⸗ nung vernichtet hatte, war nun nichts mehr als ein bö⸗ ſer Menſch, der ſie gewißenlos in's Unglück geſtürtzt N— 181 hätte, wenn ihr kein warnender Engel an der Seite ge⸗ ſtanden wäre. Sie ließ daher in Gegenwart der Mut⸗ ter Aeuß erungen von der langen Anweſenheit des Arz⸗ tes auf dem Schloſſe fallen, da ohnedieß der Bruder ſo viel als geneſen ſei, und die Gegenwart des Fremden einigen Zwang in die gewöhnliche Lebensweiſe der Fa⸗ milie gebracht habe. Bei der Gräfin waren dieſe Worte in keinen un⸗ fruchtbaren Boden gefallen, und ſie benützte die erſte Gelegenheit hiezu, den Fremden ihre Wünſche zu erken⸗ nen zu geben. Dieſer Schlag kam aus heiterem Himmel; Er ſollte das Schloß verlaßen, ehe er ſeine Abſichten er⸗ reicht? dies war Etwas, was ihm ſelbſt nicht im Ge⸗ danken beikam. Er that daher, als verſtände er die Grä⸗ fin nicht, beſchloß noch einige Tage zu verweilen, dieſe Friſt aber beſtens zu benützen. Auffallend war es ihm jedoch, daß dieſer Wunſch von der Gräfin ausging, bei welcher er es hauptſächlich darauf angelegt hatte, ſich ihrer Gunſt zu verſichern, was ihm auch ſeiner Meinung nach vollkommen gelungen war; und nun dieſe plötz⸗ liche, unvorhergeahnte Willensänderung? es mußte auf die ſchwache Frau von Außen eingewirkt worden ſein! Von HemmaundFriedrich gewiß nicht, denn Erſtere war ihm mit beſonderer Freundlichkeit begegnet, und Letzterer that mindeſtens ſo, als ob er ihm ſeine Gene⸗ ſung danke, es konnte dieſer Schlag alſo nur von Ma⸗ rien kommen. Furcht vor Entdeckung⸗ war wohl, ſeiner Meinung nach, daß erſte Motiv, welches ſie dazu bewogen haben konnte, allein nach längerem Denken glaubte er noch ei⸗ nen andern Grund aufgefunden zu haben: wie leicht konnte Maria ſeine Neigung zu Hemma bemerkt haben, denn er hatte ſie ja in tauſend Kleinigkeiten, wel⸗ che freilich von dem unerfahrnen Mädchen unerkannt blie⸗ ben, an den Tag gelegt, es konnte daher Eiferſucht von Marien ſein, in deren Intereſſe es lag, ihn aus Hem⸗ m a's Nähe zu entfernen; dieſe Gründe beſtärkten ihn, oder beſſer: ſie machten ſeine Vermuthung, daß Maria und Siegfried eine und dieſelbe Perſon ſeien, zur Gewißheit, und hienach beſchloß er zu handeln. Der Boden, auf dem die unglückliche Maria wan⸗ delte, war ein ſchlüpfriger,— ein verborgener Vulkan, der bald losbrechen ſollte. Sie wußte dies nur zu gut, allein ſie wollte doch muthig ausharren, bis die Friſt verfloſſen, wo ihre Beſchützerin ſie aus dieſer pein⸗ lichen Lage zu befreien verſprochen hatte; und war dies geſchehen, welches ſollte nachher ihr Loos ſein? welche Gefahren und Mühen ſollte ſie dann zu beſtehen haben, welches Ziel ſollte ſie ſich ſtellen, wenn ſie den Wün⸗ ſchen Dun a's Genüge geleiſtet haben würde?— Dieſe und ähnliche Gedanken waren es, welche Ma⸗ —— —— 183 rien beſchäftigten, als ſie eines Abends ganz einſam in ihrem Gemache ſaß. Draußen war eine recht kalte De⸗ zembernacht, ſtill aber ſtreng; die Glut im Kamine ver⸗ breitete eine angenehme Wärme um die Einſame, und überhauchte mild ihre blaſſen Wangen. Es war einer jener Augenblicke, in welchem ſich die Seele gern zu ei⸗ nem Fluge in die Vergangenheit aufmacht, uns zurück⸗ trägt in die verfloſſenen Tage, und die Gefilde noch ein⸗ mal durchwandern läßt, welche wir ſchon durchirrt ha⸗ ben. Maria hatte ſo wenig Freudiges erlebt, daß Rück⸗ erinnerung in ihr mehr Wehmuth als Wonne erregte; ein einziger lichter Punkt erleuchtete ihr Leben, ein einziger Stern war ihr in Roſſinens Liebe aufgetaucht, und dieſer— eine Ahnung in ihrem Innern ſprach es deutlich aus— war bereits untergegangen. Roſinens Bild hatte ſich eben wieder in ihrer Seele belebt, und begann ſich immer lebhafter vor ihrem geiſtigen Auge zu geſtalten, als ſich die Thüre des Gemaches leiſe öffnete, und eine Geſtalt herein ſchlich. Erſchrocken ſprang Maria auf, zog die Blende der Nachtlampe hinweg, und der Arzt ſtand ihr gegen⸗ über. Ohne ſeine Anrede abzuwarten, begann ſie mit zürnender Stimme: Wie, Herr! Ihr wagt es zu dieſer ungewöhnlichen Stunde in das Gemach eines Mäd⸗ chens zu dringen?— Vergebung, holde Maria! lautete die ſpöttiſche 184 Antwort, ich meine, die Gefahr dürfte, uns Beiden ge⸗ genüber, nicht ſo groß ſein.— Wie meint Ihr dieß? rief Maria, und zündete raſch die Wachskerze an der Lampe, daß das Gemach hell er⸗ leuchtet wurde; verlaßt mich, augenblicklich verlaßt mich oder beim Himmel! Ihr ſollt es büßen! Wozu dieſe Aufregung, Fräulein? mäßigt Euch, Ihr wißt, ſie könnte ſonſt gewiße Zuſtände veranlaſſen die Euch nicht gar genehm ſein könnten— d'rum hört mich ruhig an, bleibt gelaſſen— Maria aber, ohne ihn ausſprechen zu laſſen, rief: Ich, das Fräulein von Ottmitſch habe von dem fremden Arzte nichts anzuhören; Fort! verlaßt mich augen⸗ blicklich, oder ich rufe die Dienerſchaft, und Eure Zu⸗ dringlichkeit ſoll ihren Lohn finden! Noch eimal, Fräulein!— fuhr der Arzt fort, ſeine Geg⸗ nerin zu reitzen, und in eine Stimmung zu bringen, daß ſie ſich ſelbſt durch das Hervortreten des Zeichens ver⸗ rathe— ereifert Euch nicht, es könnten gewiße Merk⸗ male ſichtbar werden, die Euch der Lüge, der Heuche⸗ lei verdächtigen dürften.— Maria war auf alle dieſe Angriffe vorbereitet, ſie brachten daher nicht die erwünſchte Wirkung hervor.— Meine Geduld iſt zu Ende, entgegnete ſie ernſt und würdevoll, ſchon zu lange habe ich Eure beleidigenden und mir ganz unverſtändlichen Reden angehört; ich gehe V w 185 zur Gräfinn, ſie von dem Vorfall in Kenntniß zu ſetzen; es wird ſie freuen, ihre Gaſtfreundſchaft an Perſonen vergeudet zu haben, welche die Ehre ihres auf ſolche Weiſe zu ſchätzen wiſſen. Der entſchloſſene Ton Marien's, die Beſtimmt⸗ heit, mit welcher ſie ihm entgegnete, die Gleichgültigkeit, mit der ſie ſeine Anſpielungen hörte, und hauptſächlich die Drohung, welche ihn augenblicklich aus dem Schloße gebracht hätte, wenn Maria die Anklägerinn gewor⸗ den wäre, bewogen ihn faſt zu dem Entſchluße, ſeinen Angriff zu ändern. Fräulein! bat er— vergebt mir; ich ſehe es ein, ich habe mich in Euch getäuſcht. Ihr ſeid nicht die Perſon, die ich ſuche, und deren Aehnlichkeit mit Euch ſo groß iſt, daß ich Euch, wenn auch nicht für eine und dieſelbe Perſon, ſo mindeſtens für Geſchwiſter halten muß. Habt Ihr keinen Bruder? Dieſe Worte waren mit ſolch überzeugendem Tone geſprochen, daß Maria die liſtige Falle nicht merkte, und die Frage kurz verneinte. Sonderbar,— fuhr der Arzt fort— und doch kann ich Euch nur Glück wünſchen, daß Ihr mit dem Ge⸗ ſuchten in keiner Verwandtſchaft ſteht. Er iſt zwar noch jung an Jahren, aber doch ſchon mit einem Be⸗ wußtſein belaſtet, welches ich nimmer das meine nennen möchte. Nicht Verbrechen hat er geübt, nein, ſein Ver⸗ 16 186 hängniß iſt es, welches hinter jeden ſeiner Tritte nur unglück und Verderben ſprießen läßt. Die Gründe, daß ich Seiner habhaft werden will, ſind eigener Art; ich ſah ihn zum letzten Male in Cirknitz, wo ich ihn feſt⸗ nehmen ließ. Er entfloh aber dem Gewahrſam, und am Morgen ſeiner Flucht gaben ſich zwei Mädchen den gewaltſamen Tod— Zwei Mädchen, ſagt Ihr?— rief Maria faſt bebend. Der Arzt, ohne die Theilnahme bemerken zu wollen, fuhr fort: Ja, zwei der ſchönſten Mädchen des Ortes: Walburga, die Tochter des Pflegers, und Roſina, das einzige Kind ſeines geweſenen Hauswirthes— Roſina! meine Roſina iſt todt! rief Sieg⸗ fried, ſich vergeſſend, und ſank beinahe entſinnt auf einen Stuhl. Der Arzt aber brach in ein ſchadenfrohes Lachen aus, ſeine Lippen umſpielte jener teufliſche Hohn, der das Herz vor Furcht erſtarren macht. So biſt du es dennoch? rief er, mit den Zähnen knirſchend— ſo habe ich mich nicht betrogen? Elender! liſtige Schlange, die mir entſchlüpft, als ich ſie ſchon gefaßt zu haben glaubte. Du biſt jetzt in meiner Gewalt! Augenblick⸗ lich— rief er und zog einen verborgenen Dolch aus dem Buſen— biſt du ein Kind des Todes, wenn mein Vortheil es heiſcht! —— 187 So morde mich, Schurke! rief der Jüngling ver⸗ zweiflungsvoll aufſpringend;— warum verfolgſt du mich? Soll die Furcht, vor deinem Anblicke erzittern zu müſſen, mich nie verlaſſen? Ich kenne dich nicht, ich ſah dich nie, und doch haſt du mein Verderben be⸗ ſchloſſen? das kann nur ein Räuber, ein elender Mör⸗ der; hier haſt du meine Bruſt, ſtoße dein Eiſen in das unbewahrte Herz, und vernichte mich mit Einem Male, ohne mich jahrelangen Qualen Preis zu geben! Dein Untergang war von mir beſchloſſen und feſtgeſetzt, und nur Eines vermag dich zu retten. Ich liedbe Hemma, und du verhilfſt mir zu ihrem Be⸗ ſitze. Gelingt dir dieß, ſo werde ich ablaſſen, dich zu verfolgen, und du wirſt nie erfahren, wer ich geweſen. Unſere Wege werden ſo geſchieden ſein, wie ſie es ehedem waren. In meiner Macht iſt es, dich aus dem Schloße zu bringen, und thuſt du nicht nach meinen Wünſchen, ſo wird das Unabänderliche nicht ausbleiben, und du entgehſt meinem rächenden Arme nicht! Morgen Nacht werde ich kommen, deinen Ent⸗ ſchluß zu vernehmen! Er verließ das Gemach. Siegfried warf ſich nach ſeiner Entfernung in einen Stuhl und ballte verzweiflungsvoll die Hand; ohnmächtige Wuth, daß er wehrlos dem Willen eines ſolchen Menſchen fröhnen ſolle, bemeiſterte ſich ſeiner. So bin ich denn wirklich 188 dazu auserſehen— rief er, ſeinen Grimm in Klagen ergießend— das ſchuldloſe Opfer eines Elenden zu werden? Soll denn kein Zufluchtsort vor ſeinem dro⸗ henden Arm ſicher genug ſein? Er will mich zwingen, ihm zum Beſitze des Fräuleins zu verhelfen? ich ſoll die ſtürzen, welche ſich mir als eine liebende Schweſter genähert, ich ſoll Wohlthaten mit Verrath entgelten? Wie eine zweite Mutter hat mich die Gräfinn in den Schoos ihrer Familie aufgenommen, und nun ſoll ich der Erſte ſein, die Brandfackel in die Gefilde ihrer Ruhe zu ſchleu⸗ dern?— Nie und nimmermehr! Ich will ihm ent⸗ gegen treten, will mich ſtemmen gegen den Andrang der Bosheit, und ehe ich ſolche Schmach auf mein Haupt lade, eher will ich untergehen! Dieſer Gedanke ſchien ihn zu erheben, es begann in ſeiner Seele immer ruhiger zu werden, die Gefühle ebneten ſich, wie Meereswogen beim Nachlaſſen eines Sturmes; die Sonne des Geiſtes trat, ihre Räume immer mehr erleuchtend, hervor; er ſpähte nach einem Anker, um ſich feſt zu klammern und an's Ufer zu ziehen; er faßte Pläne und verwarf ſie wieder, er wollte Hemma ſchützen, und wenn es auch mit ſeiner eigenen Gefahr geſchehen müßte. Aber wie ſollte er es bewirken, am ſicherſten, am ſchnellſten und kräftigſten? Wie ein Blitz durchfuhr es ſein Hirn— der Entſchluß war ge⸗ faßt. Er nahm die brennende Kerze vom Tiſche, ver⸗ ——— 189 ließ das Gemach und ſchlich den Gang hinüber zu Friedrich. Dieſer lag in tiefem Schlummer, von angenehmen Traumbildern umrungen; Maria's Geſtalt, tauſend⸗ fach verſchönt, umhüpfte ihn wie eine zauberiſche Fee, als das Oeffnen der Thüre ihn weckte, und er diejenige wirklich an ſeinem Lager ſtehen ſah, die ihn ſo eben, aber nur im Traume, umgaukelt hatte. Er erhob ſich erſchreckt. Täuſcht mich nicht ein Geſicht? rief er freu⸗ dig ergriffen; Maria! Ihr ſeid es wirklich? Vergebt, Herr Graf! entgegnete die Angekommene raſch— daß ich Eure Ruhe ſtöre, aber Viel, ſehr Viel, das Glück Eurer Familie liegt in der Wagſchale— Ihr könnt mir nicht zürnen! Der fremde Arzt ſinnt darauf, Eurer Schweſter den Untergang zu bereiten, und hat mich zur Vertrauten ſeiner Pläne gemacht; er droht mir, mich durch Verläumdungen aus Eurer Mitte zu treiben, wenn ich ſeinen Wünſchen nicht Folge leiſte; ich wage es nicht, ihm offenen Widerſtand zu biethen, denn Er iſt es, der mich aus unbekannten Gründen verderben will, und deſſen Verfolgungen mich zu dieſer Verkleidung bemüßiget haben! Verkleidung? rief Friedrich erſtaunt. Ja, Herr Graf! Euch muß ich es geſtehen, um dem Verdachte eines unedlen Betruges zu entgehen, um mindeſtens Einen Schützer gegen die teufliſche 180 Bosheit jenes Fremden zu haben, der ſich unter der Maske eines Arztes im Schloße befindet. Ihr waret ſo gütig gegen mich, habt mich, in die Tiefen einer treuen, edlen Seele blicken laſſen, o, nehmt Ihr Euch meiner an, daß ich dem Fremden nicht ausgeliefert werde, denn bei Gott! er hat kein Recht auf mich. Wer ſeid Ihr alſo? fragte der junge Graf ge⸗ ſpannt, die beſchämende Täuſchung noch nicht ahnend. Ich bin ein Jüngling, wie Ihr,— erwiederte jetzt Siegfried— aber unglücklich, verſtoßen, ver⸗ höhnt und verfolgt; verloren, wenn Ihr mir Euren Beiſtand verſagt! Ein eiskalter Froſt durchrieſelte Friedrich's Körper, es war ihm zu Muthe, wie dem Erhitzten, der plötzlich in ein Bergwaſſer ſtürzt. Der verkappte Jüngling ahnete den Zuſtand ſeiner Seele und ſank ihm zu Füßen. O, zürnt mir nicht! rief er, die Hände emporringend,— ich bin unſchuldig an Allem, was vorgegangen; macht meinen ſchönen Glauben an Euer edles Herz nicht wanken— Ihr werdet dem verfolgten Jüngling das nicht verſagen, was Ihr dem Mädchen ſo freiwillig geboten hättet. Der junge Graf rang nach einem Entſchluße; er bekämpfte das ſich erhebende Gefühl der Schaam, dem ſo leicht die Härte gefolgt wäre, und ließ dem Mitleid die Oberhand. Ihr habt uns Alle getäuſcht,— 191 ſprach er mit einem vorwurfsvollen Ton, doch will ich dieß mit Eurer bedrängten Lage entſchuldigen; daß Ihr jedoch gegen mich nicht offen geweſen, daß Ihr mich in dieſem Wahn gelaſſen, welcher mich, ſo oft ich daran denken werde, erröthen machen wird, das kann ich Euch nimmer vergeben! doch fern ſei es von mir, unedlen Geſinnungen Raum zu gewähren, ich werde nie Euer Gegner, nie Euer Feind ſein; ſo lang Ihr in dieſem Schloße ſeid, will ich Euch ſogar Schutz biethen, nur den Eltern gegenüber kann ich dieß Verſprechen nicht erfüllen, ihnen gegenüber muß mein Wille ſchweigen. Jetzt verlaßt mich, für, Hemma werde ich ſchon Sorge tragen; ſo bald der Arzt von hier entfernt, trachtet auch Ihr unter einem ſchicklichen Vorwande dieſe Gegend zu verlaſſen, damit mich Euer Anblick an die ſchmachvolle Verblendung nicht erinnere. Siegfried wankte zerknirſcht aus dem Ge⸗ mache.— Trotz dieſer harten aber gerechten Rüge des jungen Grafen, wäre die bedrängte Lage der Kroa⸗ tinn doch nach einigen Tagen einer wohlthätigen Aen⸗ derung nicht entgangen, denn auf Friedrichs Einwir⸗ kung hätte der Arzt ſich entfernen müſſen, und im ſchlimmſten Falle würde der junge Graf Siegfrieds YParthei ergriffen haben, und ſich als einen Mitwiſſer der geheimnißvollen Verkleidung bekannt haben, und da der Andere keine Rechte aufweiſen konnte, ſo wäre 1832 der Verfolgte wohl für den Augenblick geborgen geweſen; allein ſein unſeliges Verhängniß, welches ihn zu ver⸗ folgen noch lange nicht ermüdete, führte den mißlich⸗ ſten aller Umſtände herbei, der in dieſem Falle nur eintreten konnte; der alte Graf langte nämlich am anderen Morgen ganz unerwartet auf Katzenſtein an. Theils die Kunde von dem Unwohlſein ſeines Sohnes, theils die herannahenden Weihnachtsfeiertage hatten ihn dazu vermocht, Wien auf einige Wochen zu verlaſſen, und ſeine Familie, ohne ſie früher von dieſem Entſchluße in Kenntniß zu ſetzen, mit ſeiner Ankunft zu überraſchen. Allgemeine Freude herrſchte nun auf dem Schloße; Frau Eliſabeth und Hemma waren die Erſten, welche ihn bewillkommten, dann erſt kam Friedrich, den die Freude vom Krankenlager ſcheuchte. Es begann nun auf dem Katzen ſtein viel leb⸗ hafter zu werden; die Edlen aus der Nachbarſchaft ſtrömten herbei, um den alten Freund perſönlich zu begrüßen; Gäſte— die ſonſt ſelten eintrafen, ließen ſich wieder blicken, alte Kumpane, welche ſchon man⸗ chen Strauß gegen die Ungläubigen mitgefochten, und die mit Weibsleuten nicht viel zu ſchaffen haben mochten. Auf dieſe Weiſe vergingen einige Tage in Saus und Braus, während welchen zwiſchen den feindlichen Partheien der früheren Bewohner ein kleiner Waffen⸗ 193 ſtillſtand eingetreten zu ſein ſchien; es war eine voll⸗ kommene Windſtille, eine Schwüle— wie ſie vor einem herannahenden Gewitter einzutreten pflegt. Die Ankunft des alten Grafen konnte im ganzen Schloſſe Niemanden erwünſchter kommen, als dem Arzte, welcher nun einen ganz neuen Angriff auf Siegfried vorbereitete, einen Angriff, dem Jener nicht nur unterliegen, ſondern der ihn auch vollkommen demüthigen und vernichten ſollte. Die Grundſtütze dieſes Vornehmens wurde nun der alte Graf, von ihm konnte er viel mehr Strenge, kräftigere Unterſtützung erwarten, als früher von der ſchwachen Frau und den beiden Kindern, die zim ſchlimmſten Falle dem armen Jüngling noch zur Flucht behilflich geweſen wären; aber nun war der ehrgeitzige, familienſtolze Vater da; benützte er deſſen ſchwache Seiten, kam er dieſem mit den gewiſſen Nachrichten entgegen, ſo war Siegfried verloren. Freilich mußte er für den Augenblick min⸗ deſtens ſeine Abſichten auf Hemma aufgeben, allein dieſe beſchloß er erſt zu verfolgen, wenn Siegfried bereits das Schloß verlaſſen haben würde. Graf Hanns Katzianer von Katzenſtein war für den Krieg gebildet und abgehärtet; ſchlicht und gerad, ohne Kniffe und Umtriebe, war er ein Todfeind jeder Verſtellung, und wenn ſie noch ſo un⸗ ſchuldiger Art ſein mochte; kam ſie ihm nun gar den Der Gezeichnete. I. 17 makelloſen Ruf ſeiner Familie verdächtigend, oder ſeine ehrgeizigen Plane kreuzend in den Weg, ſo war er bei ſeinem harten Gemüthe, jeder That fähig, die jene entlarven und züchtigen konnte. Der Arzt war alſo der Erſte, welcher dem Grafen offen entgegen kam. Einige Tage nach deſſen Ankunft ließ er ihn um eine geheime Unterredung erſuchen; die Bitte wurde gewäyrt. Er trat bei dem Grafen ein und ſprach: Ihr werdet erlauben, Herr Graf! daß ich Euch vor Allem mit meinem Stand und meiner Perſon bekannt mache— Ich kenne Euch ſchon, mein lieber Medikus; verſetzte der Graf lächelnd; Ihr habt meinen Sohn geheilt, ich werde es nicht vergeſſen, doch mag die Krankheit nicht ſehr gefährlich geweſen ſein? Beim Himmel! rief der Arzt faſt launig, das war ſie nicht, denn wäre ſie es geweſen, ich wäre gewiß nicht im Stande, ſie zu heilen.— Setzt Ihr ſo wenig Vertrauen in Eure Kunſt? habt Ihr Euer Handwerk ſo ſchlecht gelernt? Die Arzenei iſt nicht mein Handwerk, erwiederte der Fremde; ich bin ein Krieger wie Ihr, Herr Graf, von edlem Blut wie Ihr; mein Name iſt Franz von Naßenfuß! Naßenfuß? fuhr Katzianer auf; Einer aus dem Steiermärkiſchen Geſchlechte? ——————————— —————— ——————————— —————— Ja, von demſelben! Und ich muß Euch in dieſer Verkleidung treffen? Die Urſache deſſen, Herr Graf, ſollt Ihr gleich vernehmen. Ich verfolge einen entflohenen Jüngling, der von uns als Waiſe aufgenommen, auf unſerem Schloſſe erzogen, zum Dank dafür ſich an einem Mädchen! ſchwer verging, und deshalb die Flucht er⸗ griff; und was werdet Ihr nun ſagen? Herr Graf! wenn ich Euch geſtehe, daß ich den Ehrvergeſſenen hier in Euerem Schloſſe gefunden zu haben glaube? Im meinem Schloſſe? rief Katzianer mit furchtbarer Stimme. Noch habe ich keine Gewißheit, jedoch vermuthe ich— Undz wer ſoll es ſein? Iſt es einer der Diener? dann— Nein, Herr Grafl der Liſtige hat ſich viel beſſer zu ſchützen gewußt, wozu ihm ſeine Jugend ſehr zu Statten kam. Er, den ich ſuche, iſt das verkleidete Fräulein, Maria von Ottmitſch! Der Graf prallte zurück. Mit finſteren, durch⸗ vohrenden Blicken ſah er auf den Arzt, denn er glaubte kaum, daß dieſe Worte deſſen Ernſt ſeien; allein des Anderen offene Miene beſtätigten ſie nur zu ſehr. Als kaum die Möglichkeit an dieſe Wahrheit Raum in ſeiner Seele gefaßt hatte, entrollte ſich auch ſchon eine Folge 2 trügeriſcher Scenen, welche durch dieſe Verkleidung entſtanden ſein konnten, und welche die Ehre ſeiner Familie, und ſeines Hauſes auf eine ſchändliche Weiſe brandmarkte. Herr von Naßenfuß! rief er, Ihr habt mit Eueren Worten meine Seele ſchaudern ge⸗ macht; wenn es ſo wäre, wie Ihr geſprochen, wenn der Elende die Maske benützt hätte, meine einzige Tochter zu bethören— Vergebt, Herr Graf! daß ich Euch unterbreche; doch bisher glaube ich noch nicht, daß es geſchehen ſei. Ich kam aber vielleicht gerade recht, die Unthat zu verhüthen. Der Elende muß entlarvt werden! Ich will Maßregeln ergreifen— rief der Graf— und findet ſich's beſtätigt, dann ſoll er's ſchwer büßen! Und wenn es ſich nicht beſtätiget? fragte der an⸗ gebliche Arzt— wenn ich mich, was doch menſchlich iſt, getäuſcht haben ſollte, dann Herr Graf, habt Ihr ein armes, hilfloſes Fräulein vergebens einer Schmach Preis gegeben, und ich müßte mir deßhalb Vorwürfe machen; das mag ich nimmer auf meinem Gewiſſen haben. Drum erlaubt mir, Herr Graf, eine kleine Liſt vorzuſchlagen, ein ganz unſchuldiges Mittel, daß ſich der muthmaßliche Verbrecher, wenn er es wirklich iſt, ſelbſt verrathe, und wir ihn dann nur angreifen dürfen. 197 Und welches iſt dieſes? fragte Katzianer neu⸗ gierig. Franz von Naßenfuß theilte ihm nun ſeinen Plan mit, und der Graf gab ſeinen Beifall. ——— Für den folgenden Tag wurde auf Katzenſtein zur Feier der Wiedergeneſung des jungen Grafen ein großes Feſt angeſagt, wozu Alles, was herbeiſtrömen konnte, geladen war. Eine Reihe der Gemächer des Erdgeſchoſſes ſollte die Dienerſchaft aufnehmen, im zweiten Stockwercke war eine noch größere Anzahl für die Landleute beſtimmt, und über dieſe befand ſich ein langer Saal in dem die Edelſten tafeln ſollten⸗ Alles was an Pracht aufgebothen werden konnte, mußte zur Verſchönerung des Feſtes beitragen. Trotz der winterlichen Jahreszeit durchfluthete eine angenehme Wärme Säle und Gemächer, deren Wände mit bunten Teppichen behangen, mit künſtlichen Blumen verziert, einen erheiternden Anblick gewährten. Die Tafeln ſelbſt prangten, von Gold⸗ und Sil⸗ bergeſchirren ſtrotzend, mit Bechern und Pokalen be⸗ laſtet, in welchen bald das edle Rebenblut perlen, und zur Geſundheit der gräflichen Familie getrunken werden ſollte. Schon am Vormittage begannen ſchwerfällige Karoſſen in den Hof zu rollen, doch war ihre Zahl ſehr klein, denn die meiſten der Damen und alten Herren bedienten ſich noch der Sänften, und die Jün⸗ gern kamen zu Roß. Die Verſammlung verſprach eine recht zahlreiche zu werden, denn ſchon um die Mittagsſtunde wallte eine Menge von Edelfrauen und Herren durch die Säle und Gemächer; die von Rattmansdorf, Krain⸗ burg, Biſchoflakh die Beſitzer von Asling, Neumarktel, Tauerburg und noch viele Andere hatten ſich eingefunden; Alles prunkte in Sammt und Seide, ſtrotzte von Gold und Silber; da ſah man nur ſchwere Ketten von Gold prangen, Edelgeſtein flunkern, und Federn von den Häuptern weh'n; auf Katzenſtein war ſchon lange ſolche Pracht nicht geſehen worden. Endlich wurde das Zeichen zum Mahle gegeben und nach Alter, Rang und Sitte geordnet, nahm man die Plätze an den Tafeln ein, und das Feſt begann. Pfeifen, Cimbeln und Trometen verkündeten von den Gallerien herab deſſen Anfang, ertönten dann fort in erheiternden Weiſen, und ſo oft ein Trinkſpruch aus⸗ gebracht ward, fielen ſie vom Pauckenwirbel unterſtützt in ſchmetternde Fanfaren ein, und übertönten laut den Jubel der frohen Verſammlung. Das war ein Leben in den drei Stockwerken des Katzenſteins, faſt wie in einem großen Bienenkorbe, 199 wo es in den verſchiedenen Abtheilungen übereinander wimmelt, und lebt, wo jeder Punkt zu leben und ſich zu bewegen ſcheint. Ja, faſt wie in einem Bienenkorbe war es zu ſchauen, nur galt es hier nicht der Müh' und der Arbeit, ſondern dem Frohſinn und der Freude; der Zweck dieſer Verſammlung war nicht Honig, ſondern Gift zu bereiten, Gift und Verderben für ein armes Menſchenherz. Maria, zwiſchen der Gräfinn und Hemma ſitzend, ahnete nicht den Schlag, den ihr liſtiger Ver⸗ folger erſonnen hatte, um ſie plötzlich zu entlarven und zu vernichten. Die unſchuldige Täuſchung ſollte ſchwin⸗ den, und ſchwer mußte ſie es büßen, während Er frei und ungehindert ausgehen konnte, trotz dem jeder Hauch ſeines Mundes Verläumdung und Lüge, jeder Gedanke ſeines Hirns ein Schurkenſtreich war, zum Verderben Anderer erſonnen! Das Mahl befand ſich im vollen Gange, die Luſt war mit jeder Minute geſtiegen, die Freude allgemein, als eine unerwartete Scene die Aufmerkſamkeit Aller auf ſich zog. Sie fand unten vor dem Schloße Statt und wurde im Saale nur durch den Lärmen bemerkt welcher ſie begleitete. Ein alter, ehrwürdiger Mann, in ein Pilgerkleid gehüllt, begehrte Einlaß ins Schloß, der ihm ſeiner ärmlichen Keidung halber verweigert worden war; hierüber erboſt, begann er zu ſchelten und ſchimpfen, und zwar ſo lange, bis ſich einige Diener über ihn machten, um ihn mit Gewalt zu entfernen, was ſolchen Rumor verur⸗ ſachte. Dieſe Kunde wurde auf Befragen des Schloßherrn von einem Diener ertheilt. Der Graf befahl den Schul⸗ digen vorzuführen. Aller Augen waren dem Manne zu⸗ gekehrt, als er erſchien, und aller Herzen ſprachen für den Greis, als er am Ende der Tafel ſtehen blieb. Wie kommt es, begann der Graf mit ſcheinbarem Unwillen, daß ihr Cuchunterſtanden, vor meinem Schloße Scheltworte hören zu laſſen?— Ich that dies, weil ich gereitzt wurde! lautete die kurze Antwort. Ihr ſcheint mir unter dem Kleide der Armuth die Landleute zu brandſchatzen! Ich bettle nicht; erwiederte der Greis, der Him⸗ mel hat mir genug gegeben, um mich reich und wohlha⸗ bend zu nennen. Das ärmliche Gewand deckt meinen Körper in Folge eines Gelübdes, und nicht eher darf ich es ablegen, als bis ich das gefunden, was ich ſuche. Und was ſucht ihr? fragte der Graf mit lauter Stimme,— darf man es erfahren? Ihr ſollt es, Herr Graf! verſetzte der Alte, um den ſchimpflichen Verdacht, welchen ihr auf mich geladen, zurück zu nehmen. Ich bin aus den Oberſteiriſchen Ge⸗ birgslanden, wo ich noch vor achtzehn Jahren mit mei⸗ —— nem Weibe von dem Ertrage einer hübſchen Landwirth⸗ ſchaft lebte. Unſre Ehe wäre glücklich zu nennen gewe⸗ ſen, aber ſie war kinderlos, und ich verlobte mich zu einer Wallfahrt nach Rom, wenn uns der Himmel mit einem Erben beglücken ſollte, und ſiehe da! es geſchah. Meine Gattin fühlte ſich Mutter und gebar wirklich im Jahre 1496 einen Knaben. Ihr werdet Euch erinnern, daß drei Jahre ſpäter eine große Jubelfeier von Seiner Heiligkeit dem Papſte Alera nder ausgeſchrieben war und daß ſich im Herbſte, der Gläubigen eine Menge aus Ungarn, Polen und andern Ländern dahin begeben ha⸗ ben; die Steiermärker ſchloſſen ſich an, und auch ich war dabei, um mein gethanes Gelübde zu löſen. Aber Scander⸗Baſcha ſammelte in Eile bei 8000 leichte Reiter, und überfiel uns bei Görz, der Thürſchwelle Welſchlands, und wie reißende Wölfe mit wehrloſen Heerden, hatte auch er! mit uns leichtes Spiel; die nicht getödet wurden, mußten in die Gefangenſchaft; auch mich traf dies Loos. Dreizehn ſchwere Jahre zogen mit eiſerner Geiſel über mein Haupt hinweg, dreizehn Jahre, welche den kräftigen Mann zum Greiſe, den geſunden Körper zum ſiechen umwandelten. Es gelang mir mit Gefahr mei⸗ nes Lebens der Sclaverei zu entfliehen, ich kehrte mit freu⸗ digem Herzen heim, da traf mich ein neuer, ein viel härterer Schlag. Mein Weib, über die Trauerbotſchaft * meiner Gefangenſchaft, war vor Jahren erkrankt und ge⸗ ſtorben, meine Verwandten hatten das Erbe an ſich ge⸗ zogen, und um dies nach Willkühr behandeln zu können, verſtießen ſie meinen Sohn, gaben ihn an arme Leute, die ihm nie ſeinen Namen und Stand entdecken durften, wofür ihnen jährlich ein kleines Sümmchen ward. Und habt Ihr jetzt bei Eurer Heimkehr nichts von ihm erfahren können? fragte Herr Katzianer. Wohl gelang es mirz; ich belangte die Unmenſchen, und ſie mußten mir mein Eigenthum zurückſtellen, und da ihnen nun der Burſche nicht mehr im Wege ſtand, entdeckten ſie mir ſeinen Aufenthalt. Ich reiſte ſchnell hin, fand wohl die Leute, allein eine neue Trauerkunde ward mir: mein Sohn warentflohen!— Niemand wußte mir die Urſache ſeiner Flucht anzugeben, in ganz Lands⸗ berg war Niemand im Stande, mir den Aufenthalt von meinem Siegfried anzugeben. Der Greis hatte die letzten Worte ſchärfer betont; Maria taumelte auf; Landsberg? Siegfried? ſchrie ſie mit einer Stimme, welche das trägſte Blut er⸗ ſchüttern mußte— heiliger Himmel! Vater!— hier bin ich, den du ſuchſt— ich bin dein Sohn, bin dein Kind — und ſchwankend, bewußtlos, wie von einem fieberi⸗ ſchen Zuſtande bewegt, taumelte der verkappte Jüngling gegen den Greis. Die ganze Geſellſchaft, den Trug nicht ahnend, hatte ſich, von dem Auftritt erſchüttert, von ih⸗ „ 5 204 ren Sitzen erhoben, und blickte mit Staunen und Theil⸗ nahme auf das Paar. Da erdröhnte die donnernde Stimme des alten Grafen durch die Räume des Saals: So biſt du in die Schlinge gefallen? elender Be⸗ trüger! haſt dich ſelbſt verrathen, heuchleriſcher Bube? den Lohn ſollſt du ernten! du haſt die Meinigen hinter⸗ gangen, den Ruf meines Hauſes geſchädigt, die Ehre der Meinen bemakelt, haſt gelogen und betrogen, da⸗ für laſſe ich dich im Angeſichte Aller, die durch deine Anweſenheit im Schloſſe betrogen wurden, bis vor das Weichbild des Dorfes mit Hunden hetzen, und dann möge dich der rächende Arm eines Andern ereilen. Die ganze Geſellſchaft erſchrack ob der entehrenden Drohung, nur Franz von Naßenfuß ſah mit ſcha⸗ denfrohem Lächeln auf die Scene; er konnte ſein Ge⸗ fühl nicht verbergen, ſo ſehr er ſich auch Mühe gab, Theil⸗ nahme zu heucheln. Siegfried, durch die donnernden Worte des Katzianers aus ſeinem Entzücken geriſſen, hatte ſich, den vorgefallenen Trug ahnend, hoch aufgerichtet, der Schre⸗ cken des Vorgefühls ſeiner Entehrung drang ihm wie ein zweiſchneidig Meſſer durchs Herz; Todtenbleiche überzog ſein Antlitz, ſein Auge ſah glanzlos auf die Ver⸗ ſammlung, er begann das Haupt mechaniſch nach rück⸗ wärts zu neigen, jetzt war wieder die Todtenfarbe ſichtbar 204 und wie eine Brunſt am Rande einer Schneefläche, ſo trat die glühende Röthe auf der Stirne hervor. Welch einZeichen! rief der Greis ihm gegenüber, fort von mir, Ihr ſeid nicht mein Sohn!— Er war rein und mackellos und Euch hat der Himmel gezeichnet? Gezeichnet? riefen einige furchtſame Stimmen— Er iſt gezeichnet!— wiederhohlten wieder Andere. Fort mit ihm, wahrt Euch vor dem Schrecklichen!— erſcholl es in allen Theilen des Saales; hüthet Euch vor dem Gezeichneten! Das Zeichen verſchwand, der unglückliche Jüngling ſank zu Boden, keine menſchliche Hand bot dem Armen eine mitleidige Stütze. Um die Verwirung noch zu vergrößern, mußten Frau Eliſabeth und Hemma ohnmächtig aus dem Saale gebracht werden. Als Siegfried nach einer Weile wieder zu ſich kam, ſah er ſich, vor Froſt erbebend, im Hofraume unter den rohen Händen einiger Knechte. Die Frauenkleider waren ihm vom Leibe geriſſen, die Haare aufgewühlt, daß ſie nun der Feſſel ledig— 205 frei über den Nacken hinwallten; ſeinen Leib umhüllten ein Beinkleid und eine Jacke von grauem Sacklinnen, der grimme Froſt hatte ihm Arme und Beine erſtarren gemacht. Kaum hatten die Herzloſen ſein Wiederer⸗ leben wahrgenommen, als ſie ihn vor das Thor ſchleppten/ um ihm gleichſam zum letzten Mal den Anblick des Schloſſes in der Nähe zu gewähren; er warf einen Blick auf die zahlreichen Fenſter der Stockwerke, und ihm drohten vor Schaam die Füße den Dienſt zu ver⸗ ſagen; ſie waren alle weit aufgeriſſen, und von den anweſenden Gäſten vollgepropft— Einer lehnte über dem Andern, ein Kopf ragte über den andern hervor. Alles war begierig, Zeuge der Schmach eines Ver⸗ worfenen zu ſein. Froſt, Wuth, Weh und Jammer begannen an dem ſchwachen Körper zu rütteln, mit gerinnendem Blute ſtand er zwiſchen den Knechten, wankend wie ein Rohr im Sturm; jetzt bemeiſterte ſich ein thieriſcher Grimm ſeiner Seele, er ballte die Fauſt, entriß ſich mit Rie⸗ ſenkraft den Händen der Wächter und ſtürzte mit Wildſchnelle fort. Fluch Euch Allen!— ſchrie er, im Laufe das Haupt zurück wendend— ich fluche Euch, und der Himmel wird mich erhören! Doch kaum ein hundert Schritte hatte er ſolcher Weiſe zurückgelegt, als er hinter ſich Peitſchenknall —— —. ——— — —— und Hundegebell vernahm. Er wandte nur einen Athemlang den Blick zurück, fünf große Rüden ſchnaubten hinter ihm her, und das donnernde Huſſa! Huſſa!“ des Hundehüthers verkündete die fürchter⸗ liche Hatz. Der Gedanke war kaum gedacht, als er die Schnelle ſeines Laufes verdvppelnd, wie ein gehetztes Wild dahin ſtürzte; fort ging es über Weg und Steg, über Graben und Stein, die Beſtien vermochten ihn ſchwer zu ereilen, jetzt hatte die leichtfüſſigſte ihn erreicht, er ſchleuderte ſie mit Rieſenkraft von ſich, daß ſie weit von ihm in den Schnee fiel, dieß machte die Anderen ſtutzig; er gewann wieder einen Vor⸗ ſprung und ſetzte ſeinen Lauf fort— einige Augenblicke der Flucht wurden nur von Keuchen, Bellen, Schnau⸗ ben und Peitſchenknall begleitet; jetzt begann Sieg⸗ frieds Odem zu ſchwinden, zwei der Rüden hingen ſich an ihn, ſchlugen ihre Zähne in ſein Fleiſch, das Blut troff auf die Erde, er raffte die letzten Reſte ſeiner Kraft zuſammen, und mit übermenſchlicher Anſtrengung, daß Adern und Sehnen ſich ſtraff ſpann⸗ ten, ſchleuderte er die ſchnaubende Meute von ſich und keuchte fort— noch einige Schritte, und ein Graben hemmte ſeinen Lauf; ohne deſſen Breite zu erwägen, ohne in die Tiefe zu ſchauen, nur von dem Gedanken beſeelt, ſich von dieſer fürchterlichen Schmach — 207 zu befreien, rief er aus faſt athemloſer Bruſt:„All⸗ mächtiger Himmel! in deine Hände empfehl' ich mei⸗ nen Geiſt!“ und ſetzte hinüber. Er erreichte den jenſeitigen Rand, doch entſinnt, entathmet blieb er leblos auf dem Boden liegen, die eiſige Schneedecke ward ihm zum Pfuhl. Die ſchnaubende Meute wagte es nicht, dem Opfer weiter zu folgen und kehrte luſtig, wie von einem Jagen ins Schloß zurück. Als Franz von Naßenfuß nach einer Weile mit zwei gemietheten Knechten daher kam, um ſich ſeines Opfers zu bemächtigen, war Siegfried ver⸗ ſchwunden. Ende des erſten Bandes. Von EduardPreier ſind bei uns noch folgende intereſſante Romane erſchienen: Wien vor 400 Jahren. Hiſtoriſcher Roman in 2 Bänden 1842. Der Fluch des Rabbi. Sittengemählde aus dem 16. Jahrhundert. 2. Aufl. 1845. Die Tartaren in Croatien und Dalmatien. Hiſtoriſches Gemählde aus den Zeiten König Bela 1V. Die Huſſiten in Luditz, Hiſtoriſcher Roman. 1843. Waldfräulein, oder Ritter und Adept. Romantiſches Sagenbild der Vorzeit. 1844. Der Königsenkel. Die Schlacht bei Mohäes. Zwei hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählungen. 2te Auflage. 1845. ———————— —