—— — — — Lei hbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pfänanahmnf und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem W rthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 wird 8 A 4. Abonnement. D. aſſelbe muß voraus bezahlt werden und+† beträgt fur wöchentlich 2 Bücher 4 Büc her: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 5 50 Pf. 2 Mr Pff 2 4 2 4 — „ 2 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückf endu Ing 4 der SBüͤcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ d lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 8 Ausleihezeit. D eſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben — —- — ——— 8——— Zwei Erzählungen von Robert Byr. Vierter Band: Der Tuwan von JYanawang. — SOe/= Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Erſtes Kapitel. Panawang. In allmäliger Steigung hebt ſich von der tief am Meere gelegenen Hauptſtadt Javas das Land nach dem Innern zu, bis ſich die Berge zuletzt zu dem acht⸗ bis neuntauſend Fuß hohen vulcaniſchen Gerippe der Inſel emporthürmen, über das dann noch einzelne Spitzen, gleich mächtigen grollenden Herrſchern, hinaus⸗ ragen. Vor ihren gefurchten Brauen erbebt das ganze Gebiet ringsum, ein einziger Ausbruch ihres Unmuthes reicht hin, zu zerſtören, was die ſtillſchaffende Natur und der Fleiß des Menſchen in unabſehbarer Reihe von Jahren geſchaffen. Geſtaltung, Erhebung aus der Meerestiefe, Zähmung der wilden geheimnißvollen Kräfte iſt ihr Segen— ihr Fluch die Vernichtung! Byr, Wrak. IV. 1 2 Aus den weiten Reisfeldern der ſumpfigen, ſeuchen⸗ ſchwangeren Ebene führen die Rieſentreppen der Sa⸗ was hinan zu kühleren, geſünderen Gegenden. Zwiſchen den hellen grünenden Halmen der Terraſſen tauchen hin und wieder Haine von Fruchtbäumen in ſaftigerem dunkleren Grün auf, in denen ſich einzelne zierlich aus Bambus geflochtene Häuschen oder ganze Dörfer ber⸗ gen. Die Palmen bleiben in der Tiefe zurück, nur einzeln kommen ſie in den höheren Regionen noch vor, wo der ewige Frühling ihre Frucht nicht mehr zu zei⸗ tigen vermag. Dafür iſt es der Wald, der hier ſeine ganze tropiſche Pracht entfaltet. Aus einem dichten Teppich von Farren, Bärlapp und duftigen Kräutern, die von bunten Blüthendolden wie in den glühendſten Farben durchſtickt erſcheinen, ragen die ſchlanken Stämme dicht empor, umſchlungen von rieſigen Lianen und tau⸗ gleichen Calamusranken, die ſich guirlandenartig von Baum zu Baum wie durch einen Säulentempel ſpan⸗ nen. Die zierliche Arecapalme mit ihrer glänzend rothen Fruchttraube findet ſich hier neben dem mäch⸗ tigen Baumfarren und der Raſamala, deren Rieſen⸗ ſtamm nicht ſelten die Höhe von hundertachzig Fuß er— reicht. Aus Wurzeln und Aeſten ſprießen phantaſtiſch geformte Schwämme und farbenprächtige Orchideen, 2 0⁹ und überall klammern ſich Schmarotzerpflanzen an, durch deren üppiges Blattwerk eine mannichfaltige Thierwelt dahinſchlüpft. Aber es herrſcht hier, ſo nahe an der Küſte, noch nicht die ungeſtörte, feierliche Einſamkeit wie in den Urwäldern des unzugänglicheren, weiter öſtlich gelegenen Theiles der Inſel. Der Menſch hat hier der Natur weite Bodenſtrecken für die Cultur abgerungen. Ganze Wälder ſind da ausgerodet und in den geſäuberten Grund lange Reihen rothblühender Dadapbäume ge⸗ pflanzt, unter deren Schatten der Kaffeeſtrauch empor⸗ wächſt und aus ſeinen weißen Blüthenbüſcheln die würzigen Kronen der ſüßlichen Frucht entwickelt. Weite Lichtungen ſind mit dem kohlſtrunkartigen Thee⸗ oder dem koſtbaren Zimmtſtrauch bebaut und lange Durch⸗ ſchläge führen durch den dichten Wald, wo zwiſchen einzelnen, ſtehen gelaſſenen Bäumen der Gagasreis auf⸗ ſchießt oder die junge Kaffeepflanzung gehegt wird. Auf einer ſolchen breiten, mit hohem Alang⸗Alang*) bewachſenen Straße, deren beide Seiten eine Hecke blühender Roſen ſäumte, bewegte ſich an einem der erſten Aprilmorgen im bequemen Tempo eine kleine *)Eine Grasart. 4 Cavalcade durch den Wald. Die Pferde waren mit Schaum bedeckt und ſchienen einen langen Weg hinter ſich zu haben. Die von einer kleinen Schaar mit Lan⸗ zen bewaffneter Diener gefolgten, ganz in Weiß geklei⸗ deten Reiter waren Lieutenant van Duizenbeek und der Tuwan⸗beſar von Panawang, Mijnheer van der Hage, deſſen Tochter Suſanne zwiſchen Beiden auf einem milchweißen Macaſſarhengſte die Mitte nahm. Nach ſcharfem Ritte durch einen Theil der weiten Beſitzungen, die Mijnherr van der Hage ſeinem Gaſte nicht ganz ohne ſtolzes Selbſtgefühl gezeigt, ließ man die Pferde etwas verſchnaufen. Es war nur noch eine geringe Strecke bis zum Herrenhauſe zurückzulegen, und Suſannens Vater benutzte dieſelbe, ein früher ange⸗ ſponnenes Geſpräch über die Vor⸗ und Nachtheile des ſogenannten„Culturſyſtems“ zu Ende zu führen. „Mag man immerhin behaupten“, ſchloß er in ſtrengem Tone eine längere Ausführung,„daß die Ver⸗ pachtung der Ländereien oder doch der Arbeit größeren Nutzen bringe, ſo werde ich doch nimmermehr auf die feſtgeſetzten Frohntage von Seite der Bewohner meines Kampongs verzichten, ſchon darum, weil es mein Recht iſt und man nur durch eine unbedingte Aufrechthaltung des Rechtes dieſe ſo weit zurückgebliebenen Menſchen zu höherer moraliſcher wie geiſtiger Entwicklung er⸗ en kann.“ Der Lieutenant beeilte ſich, ſeine volle Zuſtimmung zu dieſen Grundſätzen zu erklären und gerieth nur in einige Verlegenheit, als ihm Suſanne in's Wort fiel und ihm bewies, daß er mit ſeiner unverhohlen ver⸗ ächtlichen Beurtheilung des Volkes weit über ihres Vaters ſtrenge, aber dabei doch gerechte Anſichten hinausgehe. „Vielleicht läßt ſich da auch mein Vater auf einen Irrweg leiten, ſo ſehr er das Recht auf ſeiner Seite haben mag“, fuhr ſie fort.„Das Culturſyſtem hat, indem es den Unterthan zur Zwangsarbeit ver⸗ pflichtete, eine wenn auch noch ſo milde Sklaverei ge⸗ ſchaffen. Sklaven ſind immer widerwillig und gefähr⸗ lich, ihre Leiſtungen ungenügend. Wer ein Volk heben zlel will, muß es zuerſt aus der Sklaverei befreien.“ „Moderne Grundſätze, denen ich niemals beiſtim⸗ mnen werde, ſo lange ich Herr bin!“ „Die aber einem ſanften weiblichen Herzen zur Zierde gereichen“, bemühte ſich van Duizenbeek einzu⸗ lenken,„ſelbſt wenn ſie nicht practiſch ſein ſollten.“ Das Geſpräch wurde nicht weiter fortgeſetzt, denn als der Weg eben eine Biegung um eine vorſpringende 6 Waldecke machte, hinter welcher man ſchon auf einige hundert Schritte Entfernung des Herrenhauſes anſich⸗ tig wurde, kam der Geſellſchaft im geſtreckteſten Galopp ſeines über und über mit Schaum und Schweiß be⸗ deckten Pferdes ein Reiter entgegen, der bei der raſchen Parade beinahe einen gefährlichen Sturz gethan hätte. Der kleine braune Hengſt erhielt ſich zwar trotz des Strauchelns auf den Beinen, aber ſie zitterten zum Niederbrechen und die Flanken ſchlugen, als ob die Lunge zu berſten drohe. „Holla, Keyſer, was gibt's? Sie reiten ja auf Leben und Tod!“ Der Aufſeher war ſelber athemlos vom wilden Ritt. Nur mühſam brachte er einzelne Worte hervor: „Aufſtand— Marbabu— Sumor⸗bening— morden und brennen!“ Der Eindruck dieſer Nachricht war ein zu über⸗ wältigender, und es bedurfte nicht erſt der nachfolgen⸗ den Erklärung, die Gemüther in Schrecken und Auf regung zu verſetzen. Eine Schaar von Unzufriedenen hatte ſich erhoben und die genannten, nur wenige Paal*) von Panawang entfernten Beſitzungen überfallen. *) Ein Paal= 1507 Meter. — ( „Zwei Regierungsbeamte ſind ermordet worden“, ſchloß der Aufſeher, nachdem er zu Athem gekommen, ſeine Mittheilungen.„Controlor Waalburg von Sumor⸗ bening glaubt, daß ſeinen Herren kein beſſeres Schick⸗ ſal zu Theil wird. Er reitet ſo raſch er kann, nach Batavia, um Succurs zu holen. Ich begegnete ihm auf der Hauptſtraße und eilte ſofort hierher.“ Suſanne war ſehr blaß geworden, doch ihr Auge flammte in Muth und edler Begeiſterung. „Aber man muß doch den Bedrängten ſogleich zu Hilfe kommen!“ rief ſie. Der Aufſeher zuckte mit bedeutſamem Zlicke die Achſeln. „Es fragt ſich, ob wir ſie nicht ſelber nöthig haben“, erwiderte er.„Wir müſſen froh ſein, wenn das Feuer nicht weiter greift.“ „Sie meinen?“ fragte der Tuwan⸗beſar kurz Eine finſtere Falte hatte ſich zwiſchen ſeine Brauen gelegt. „Die Folgen eines hartnäckig feſtgehaltenen, be⸗ drückenden Rechtes“, ſagte Suſanne, lebhafter als bis⸗ her.„Mein Ausſpruch bewährt ſich ſchnell: Sklaven ſind immer gefährlich.“ Der Vorwurf traf van der Hage in dieſem Augen⸗ 8 „Es iſt kein Grund zur Furcht heutzutage eine Unmöglichkeit.“ ſeher trocken hinzu. ſtarken Abtheilung Truppen Sorge Ausſchlag; er blieb. „Keyſer“, nahm van der Hage „laſſen Sie ſich den Blitz ſatteln. Sie aber nicht ſelber liegen. Waalburg könnte aufge⸗ beicke hart, aber ſeine Züge wurden nur noch feſter, und hoch richtete er ſich im Sattel auf. und Verzweiflung vorhanden“, ſagte er mit erzwungener Ruhe.„Ein Aufſtand, der ſich über das ganze Land verbreitet, iſt „Das Feuer iſt bald genug ausgeblaſen“, fiel der Lieutenant zuverſichtlich ein.„Der vergangene No⸗ vember hat in Bali den Beweis geliefert. Man muß den Schurken nur den Daumen auf's Auge halten.“ „Es bedarf blos der Macht dazu“, ſetzte der Auf⸗ Van Duizenbeek erbot ſich, ſogleich nach Batavia zurückzukehren und für die Entſendung einer genügend zu tragen, aber Suſannens ſpöttiſcher Ausfall, daß es nicht ſehr ritter⸗ lich ſei, die Freunde in der Noth zu verlaſſen, gab den das Wort, und H der Ton, in dem er ſprach, ließ keine Widerrede zu, Er iſt friſch und ausgeruht; reiten Sie, was Sie können, und wenn er umfällt, nehmen Sie irgend ein anderes Pferd, bleiben 9 ₰ halten werden. Zwei ſind beſſer als Einer. Ich will es doch verſuchen, nach Sumor⸗bening Hilfe zu bringen. Sie haben fünfundzwanzig Paal, morgen können die Truppen hier ſein.“ Er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte dem nahen Herrenhauſe zu, ohne auf ſeine Begleiter zu achten. Die Villa war nach Landesſitte, aber ſehr reich und geſchmackvoll gebaut. Marmorſäulen trugen die Dächer der Galerien und zahlreiche Nebengebäude ſchloſſen ſich in geringer Entfernung an, doch ſo, daß ſie den Ausblick von dem in einen Park verwandelten Hügel nicht hemmten, der die ganzen Anlagen von Panawang trug. Weite Waldungen umſchloſſen ihn von der Weſtſeite, unabſehbare Reis⸗ und Kaffeepflanz⸗ ungen von den übrigen, ein Kampong lag auf Schuß⸗ weite in einer ſanften Niederung und über demſelben wölbten ſich in der klaren Ferne, die nur Vulcanen eigenen, ſchwungvollen Contouren des Gunong Salak und des Pangerango. Ehe van der Hage noch vom Pferde geſtiegen war, hatte er bereits den Befehl ertheilt, den De⸗ mang*) herbeizurufen; er nahm ſich kaum Zeit, für *)Der Häuptling des Kampongs. das in der Pendoppo ſchon aufgetragene Frühmah die Kleidung zu wechſeln, und auch Suſanne befand ſich in zu großer Aufregung, um ſich damit lange auf— zuhalten. Sie erſchien alsbald wieder, aber ſo wenig wie ihre beiden Tiſchgenoſſen berührte ſie die Speiſen. Ihr Vater bemühte ſich, ein gleichgiltiges Geſpräch in Gang zu bringen. Die Haſt, mit welcher er ſich jedoch immer wieder einſchenkte und Glas auf Glas leerte, verrieth dennoch die Unruhe, die er gern verborgen hätte. Schon ein halb Dutzendmale hatte er nach dem Demang gefragt, bis einer der Jungen endlich die Meldung brachte, derſelbe harre der Befehle des Tu⸗ wan⸗beſar. Als der Gerufene eintrat, wozu er der Sitte gemäß erſt die Erlaubniß abwarten mußte, kauerte er ſich zwar unterwürfig unmittelbar neben dem Ein⸗ gange auf die Hacken nieder, aber ſeine Züge zeigten weniger den Ausdruck aufrichtiger Ehrerbietung als den eines ſcheuen Trotzes, und in ſeinem ausweichen⸗ den Blicke funkelte etwas Falſches, Hinterliſtiges, das Suſanne erſchreckte, von ihrem Vater aber gar nicht bemerkt wurde, da er ſich an dieſe Phyſiognomie im häufigen Verkehre längſt gewöhnt hatte, und des nahe⸗ zu unbedingten Gehorſams ſicher, auf die größere oder geringere Bereitwilligkeit wenig achtete. -— AEAn 11 „Laßt mich ein wenig allein“, bat er.„ECigent⸗ lich thäteſt Du am beſten, Suſanne, die Nachmittags⸗ ruhe nicht zu verſäumen, aber ich ſehe Dir die Mun⸗ terkeit an den Augen ab. Nun denn, ſo laſſe es Dir wenigſtens angelegen ſein, unſerem geehrten Gaſte die Zeit zu kürzen; ich werde mich ohnedies wahrſcheinlich gezwungen ſehen, Dich für die nächſten Stunden unter ſeinen Schutz zu ſtellen.“ „Du willſt fort?“ fragte Suſanne beſorgt. „Wir ſehen uns jedenfalls noch zuvor“, entgegnete van der Hage, indem er ſeinen früher ausgeſprochenen Wunſch wiederholte. Van Duizenbeek bot Suſannen den Arm und führte ſie nach der Innengalerie, die mit großer Pracht ausgeſtattet, einen Begriff von dem Reichthume des Beſitzers gab, aber auch den geläuterten Geſchmack der Dame des Hauſes verrieth, der hier ordnend und ver⸗ ſchönernd waltete. Trotz der hohen Tageszeit herrſchte eine angenehme Kühle in dem halbdunklen Raume, der nur durch die beiden mit blauen Bambusrouleaux verdeckten Glasthüren Licht empfing. „Iſt Mejuvrouw Suſanne damit einverſtanden, unter meinen Schutz geſtellt zu werden?“ fragte van 2 2 Duizenbeek, indem er ſeiner Stimme einen zärtlichen Ausdruck gab. Suſanne nahm an einem Tiſchchen Platz, auf welchem Bücher und Bildermappen lagen, in denen ſie zerſtreut und offenbar mit ganz anderen Gedanken beſchäftigt blätterte. „Es hängt nicht von mir ab“, gab ſie zur Ant⸗ wort,„ob Sie die Freundlichkeit haben wollen, hier zurückzubleiben und in meines Vaters Abweſenheit den Befehl im Hauſe zu übernehmen.“ „Und wenn es von Ihnen abhinge?“ „Dann würde ich Sie bitten, ſtatt bei mir, bei meinem Vater zu bleiben und ihm beizuſtehen, wenn er ſich in eine Gefahr ſtürzen ſollte.“ „Und Sie ſo allein in den Händen dieſes erbärm⸗ lichen Volkes zurücklaſſen, das man am beſten ganz von der Erde vertilgte, wenn es nicht als Arbeits⸗ und Laſtthier verwendbar wäre!— Nimmermehr!“ „Sie vergeſſen, daß ich ſelbſt ebenfalls aus jenem Volke ſtamme.“ Dieſe einfache Erwiderung verletzten Stolzes machte den Lieutenant verſtummen. Er war ärgerlich, daß er ſich von ſeiner Emphaſe zu Worten hatte hinreißen laſſen, die als Beleidigung aufgenommen worden wa AEn? 13 ren und ſich nun kaum noch zur Entſchuldigung wen⸗ den ließen. „Sie werden doch nicht ſagen, Mejuvrouw Su⸗ ſanne“, ſuchte er den Eindruck zu verwiſchen,„daß eine Dame von ſo hoher geiſtiger Entwicklung, von durchaus glänzender europäiſcher Bildung, mit dem inländiſchen Volke in irgend einer Beziehung ſtehe, weil ein Tropfen Blutes dieſer Race in ihren Adern rinnt?“ „Was Sie mir auch Schmeichelhaftes ſagen, än⸗ dert, ſelbſt wenn ich ſo gläubig und eitel wäre, es für Wahrheit zu nehmen, an der Sache nichts. Ich werde nie verleugnen, was ich doch in Ihren, wie in den Augen aller Welt bin— eine Nonna.“ Suſanne hatte das mit ernſtem Lächeln geſprochen, dem ſich aber doch ein Funken Schalkhaftigkeit bei⸗ miſchte, ſo daß van Duizenbeek es am gerathenſten fand, die ganze Crörterung ſcherzhaft aufzunehmen. Er wollte eben das unerquickliche Geſpräch in eine andere Bahn lenken, als van der Hage eintrat. In ſeinen blitzenden Augen, auf ſeiner gerötheten Stirne gab ſich Unmuth und geſteigerte Aufregung kund. „Es ſind Elende“, murmelte er,„die keiner Nachſicht werth ſind! Sklaven? Sie ſind es noch viel zu wenig!“ 14 Suſanne war aufgeſprungen und hatte des Vaters Hand liebkoſend erfaßt. „Denke an meine Mutter!“ bat ſie. Der Tuwan⸗beſar zuckte ſchmerzlich auf, dann blickte er feſt in das ſchöne flehende Auge ſeines Kindes. Nach einer Pauſe fuhr er ſich über die Stirne und es war, als glätteten ſich die Furchen des Zornes unter dem Striche, die Falten der Sorge aber blieben. „Es iſt wahr“, ſagte er und ſeine Stimme klang milder.„Sie war gut und hat mir Nachſicht an's Herz gelegt, aber es ſcheint, daß die Race immer bös⸗ artiger, immer heimtückiſcher wird, ſtatt ſich zu ver⸗ edeln.“ Eine Entgegnung, die ihre ſchon auf dem Spa⸗ zierritte geäußerte Anſicht wiederholte, ſchwebte auf Suſannens Lippen, ſie unterdrückte dieſelbe aber, und ohne jeden Vorwurf in ihrer Stimme fragte ſie, was neuerdings vorgefallen ſei. „Werden Sie es glauben, Herr Lieutenant“, machte van der Hage ſeinem Unmuthe Luft,„daß der Demang verweigert, ſeine Leute aufzubieten?“ „Und können Sie ihn nicht zwingen?“ „Wenn ich es könnte! Er wendet mir ein, es ſei nicht ſeine Sache, den Aufſtand auf fremdem Gebiete 15 zu bekämpfen, dafür hielte die Regierung ihre Sol⸗ daten. Zudem ſei es gerade in ſolcher Zeit geboten, zu Hauſe zu bleiben, da während einer Abweſenheit der ſtreitfähigen Männer leicht eine Streifſchaar der Aufrührer die unbewachten Kampongs überfallen und ausplündern könnte. Der Grund ſcheint einleuchtend, aber er ſcheint es nur, denn in der Wirklichkeit ver⸗ birgt ſich Widerſpenſtigkeit und Schadenfreude hinter dieſer Ausrede. Ich kenne meinen Mann.“ „So könnteſt Du doch mit unſeren eigenen Leuten einen Verſuch wagen“, drängte Suſanne, deren groß⸗ herzige Theilnahme für das Schickſal der bedrängten Nachbarn wieder feurig aufloderte. Van der Hage nickte bedächtig. „Daſſelbe hatte ich auch im Sinne, aber mir ge⸗ fiel der trotzige Blick nicht, mit dem der Schurke ſeine Einwendungen vorbrachte und auf ſeinen Willen be⸗ ſtand. Es lauerte noch etwas Anderes dahinter, irgend eine Tücke— eine Nichtswürdigkeit. Er hat ſo Man⸗ ches auf dem Kerbholze und weiß, daß ich nicht ſcherze Ich glaube ſelbſt, es wird das Beſte ſein, Panawang nicht allzuſehr zu entblößen.“ „Fürchteſt Du für uns?“ „Nein, nein, Kind!“ ſuchte van der Hage ſeine 46 Tochter zu beſchwichtigen,„durchaus nichts, aber Vor⸗ ſicht kann keinesfalls ſchaden und es wäre mir darum faſt am liebſten, Du würdeſt für einige Tage unſere Freunde in Batavia beſuchen. Der Herr Lieutenant und Deine alte Babu könnten Dich begleiten.“ „Es droht uns alſo doch Gefahr?“ rief Suſanne beſorgt aus. Van der Hage gab ſich Mühe, ſeine eigene Un⸗ ruhe zu verbergen, und van Duizenbeek unterſtützte ſeinen Wunſch, indem er ebenfalls Suſannen zuredete, ein paar Tage bei Goudelaars zuzubringen. Sie wei⸗ gerte ſich zuletzt nicht, doch ſtellte ſie die Bedingung, daß auch ihr Vater mitgehe. „Das kann ich nicht, mein Kind“, lehnte dieſer jedoch ab.„Wenn ich es ſchon aufgeben muß, den Bedrängten zu Hilfe zu eilen, ſo iſt wohl der triftigſte Grund vorhanden, Panawang auch zu anderem Zwecke nicht zu verlaſſen, am allerwenigſten aber, wenn wirk⸗ lich Gefahr droht. Der Platz des Heren iſt auf ſeinem Beſitzthume.“ „Und der des Kindes bei ſeinem Vater“, fiel Su⸗ ſanne mit Entſchiedenheit ein. Nichts vermochte ſie von ihrem Entſchluſſe abzu— bringen und van der Hage beſtand auch nicht allzu 17 feſt auf ſeinem Wunſche, denn er war der feſten Ueber⸗ zeugung, daß ſeine bloße Gegenwart genüge, jede drohende Gefahr zu beſchwören, wie er dies im Laufe faſt eines Vierteljahrhunderts in mancher mißlichen Lage erfahren. Was der Lieutenant vorbrachte, ver⸗ mochte dieſe Ueberzeugung nicht zu erſchüttern, und ſo hatte es denn mit der Zuverſicht auf das baldige Er⸗ ſcheinen der militäriſchen Hilfsmacht ſein Bewenden. In verhältnißmäßiger Ruhe verging auch der Reſt des Tages, nachdem ſich die erſte Aufregung gelegt und den Befürchtungen kein weiterer Anlaß gegeben wurde. Van Duizenbeek fand ſogar die Umſtände ſeinen Abſichten, die ihn im Laufe der letzten Monate immer öfter nach Panawang geführt, überaus günſtig. Der Herr vom Hauſe war mit einigen Anordnungen, ſowie mit dem Sichten ſeiner Papiere beſchäftigt und überließ den Gaſt mehr als gewöhnlich der alleinigen Geſellſchaft ſeiner Tochter, und als der Abend unwider⸗ ſtehlich zu einem erquickenden Spaziergange im Park einlud, nahm van Duizenbeek die Gelegenheit wahr, die ſeit lange auf ſeinen Lippen ſchwebende Frage zu thun, welche bisher immer noch durch ein ausweichen⸗ des oder übermüthiges Wort Suſannens zurückgedrängt worden war. Byr, Wrak, IV. gewaltſam feſt. Suſanne war zu ernſt geſtimmt, um diesmal, wie gewöhnlich, eine ſcherzhafte Ausflucht zu benutzen. Sie machte eine kleine Pauſe, ehe ſie antwortete. „Ob ich ſelbſt mich dabei ſicher und— glücklich fühlen würde, das kann ich jetzt noch nicht entſcheiden“, ſagte ſie mit einer Ruhe, die nichts mit der ſüß ver⸗ ſchämten Erregung eines liebenden Herzens gemein hatte. Daß aber Ihre Couſine Emilie darüber ſehr D unglücklich wäre, deſſen bin ich gewiß.“ O, wenn es nur dieſe Rückſicht iſt, welche Sie „DO, „Sie haben heute ſchon einmal die von mir er⸗ betene Antwort geſchickt umgangen, Mejuvrouw Su⸗ ſanne“, lenkte er von einem gleichgiltigen Geſpräche mit entſchiedener Abſichtlichkeit ein, während er mit ſeiner Begleiterin die verſchlungenen Kiespfade zwiſchen blumigen Grasplätzen dahinwandelte. wollte Sie für einige Stunden meinem Schutze anver⸗ trauen— würden Sie ſich in demſelben ſicher und glücklich fühlen, wenn ich Ihren Vater bitten würde, es für immer zu thun Der Arm, der bisher auf dem ſeinigen gelegen, wollte ſich zurückziehen, er aber hielt die kleine Hand zurückhält“, jubelte der Freier ſiegesgewiß auf,„dann — da 19 zaudern Sie nicht länger, Suſanne, mich zum ſeligſten Menſchen zu machen. Ich ſchwöre Ihnen, daß ich für Emilie nie die leiſeſte Regung empfunden, und Sie dürfen ſicher ſein, daß auch in Zukunft kein anderes Bild als das Ihre in meinem Herzen thronen wird.“ „Nein, Herr Lieutenant, eiferſüchtig bin ich nicht“, verſetzte Suſanne mit einem leichten, ſpöttiſchen Lächeln auf den Korallenlippen.„Das würde wärmere Ge⸗ fühle bei mir vorausſetzen, als ich bis jetzt empfunden habe.“ „Meine unbegrenzte Hingebung, die Beweiſe einer abgöttiſchen Verehrung, die mein Herz mit verzehrender Leidenſchaft erfüllt, werden auch in dem Ihren eine Zuneigung erwecken, welche die Zeit— ich hoffe es— kräftigen und zur wahren, innigen, beglückenden Liebe ſteigern ſoll. O, ſagen Sie Ja, Suſanne!“ Sie ſagte es nicht, und als er weiter in ſie drang, da ſchüttelte ſie zögernd den Kopf. „Mein Vater würde verlangen“, entgegnete ſie dann, daß mein Gatte ihm zur Seite ſtehe, um den zukünftigen Pflichten, die der Beſitz auferlegt, dereinſt gewachſen zu ſein.“ „Ein Wort von Ihnen, Suſanne, und ich gebe mit Freuden meine jetzige Stellung auf! Es iſt kein 92* 20 Opfer, und wäre es eines— keines iſt mir zu groß! Mich hindert kein Bedenken.“ „Doch mich ein ernſtes. Sie zählen ſo ſicher darauf, jenen Grad herzlicher Zuneigung bei mir zu erwecken, der mir für ein glückliches Verſtändniß in der Ehe unentbehrlich ſcheint. Ich will die Möglichkeit nicht beſtreiten; ich kann nicht ſagen, daß ich Ihnen abgeneigt bin, und Zeit und Gewohnheit mögen wohl fördernd wirken.“ „Suſanne!“ rief van Duizenbeek, der ſich ſchon am Ziele ſeiner Wünſche ſah, entzückt aus. Er drückte ihre Hand an ſeine Lippen und ſie entzog ihm dieſelbe nicht, ſie ſah ihn auch nicht unfreundlich an, aber in den Augen des klugen Mädchens lag ein eigenthüm⸗ licher Ausdruck ernſten Sinnes, der zwar zaudernde Entſcheidung, aber keine Unſchlüſſigkeit verrieth. „Sie müſſen mich zu Ende kommen laſſen“, unter⸗ brach Suſanne ihren Verehrer.„Wenn ich nun auch ſage, daß es Ihnen vielleicht bei mir gelänge, ſo zweifle ich doch ernſtlich, daß es Ihnen jemals glücken würde, auch bei dem Volke, bei Ihren Untergebenen, Zuneigung zu erwecken.“ „Was hat—“ „Unterbrechen Sie mich nicht, Herr Lieutenant. 241 Es hat dies große Bedeutung für mich. Ich fühle Mitleid, Theilnahme für dieſes Volk, das Sie ver⸗ achten, und nimmermehr könnte ich mich entſchließen, die Hand zu bieten, es noch unglücklicher zu machen, als es ſchon iſt, es unter die Gewalt eines unnach⸗ ſichtigen, grauſamen Herrn zu bringen.“ „Mein Gott, wenn Sie es wünſchen, bin ich na⸗ türlich zur Stelle bereit, mich in die Rolle eines Volks⸗ beglückers hineinzufinden. Wir zahlen den Männern erhöhten Lohn und erlaſſen ihnen dafür die Arbeit, wir verſchreiben den Damen Crinolinen von Paris und den Kindern Puppen aus Nürnberg—“ „Gerade Ihr Spott beſtärkt meine Anſicht“, fiel ihm Suſanne in's Wort.„Sie haben kein Herz für Ihre Untergebenen, das mußten mir heute Ihre Aeu⸗ ßerungen beweiſen, wenn ich noch eines weiteren Be⸗ weiſes bedurft hätte.“ „Eines weiteren?“ „Nun ja“, ſetzte Suſanne ein wenig zögernd hinzu. „Ich erinnere mich eines Abends vor der„Concordia“. Die Behandlung, die Sie damals Ihren Untergebenen angedeihen ließen, verrieth wenig Gutmüthigkeit. Ein häßliches Lachen begleitete den zornigen Blick, der aus van Duizenbeek'’s Augen ſchoß. „Ah, ſo habe ich mich doch nicht getäuſcht, daß jener Burſche Mejuvrouw Suſanne ein kleines Inter⸗ eſſe eingeflößt hat. Das mitleidige weibliche Herz ver⸗ mag ſich ſelbſt einem Abenteurer nicht zu verſchließen, wenn dieſer ein feſſelndes Aeußere beſitzt. Wenn ich für gewiß wüßte, daß die Sache ſich ſo verhält, bei Gott, ich könnte—“ Suſanne, die ſich von dieſer auflodernden Leiden⸗ ſchaftlichkeit verletzt fühlte, zog ihre Hand von ſeinem Arm. „Was könnten Sie?“ fragte ſie ſtolz und ruhig. Das brachte ihn zur Beſinnung. Er beeilte ſich, den Fehler gutzumachen, und verbarg ſein wahres Geſicht hinter einer heuchleriſchen Maske. „Ich könnte die größte Thorheit begehen!“ rief er in erkünſtelter Verzweiflung.„Fragen Sie nicht, was ich könnte! Was kann ein Wahnſinniger nicht Alles? Und wahnſinnig möchte ich ſchon bei dem bloßen Ge⸗ danken werden, daß ein anderer Mann, ſei er wer immer, Ihre Aufmerkſamkeit, Ihre Theilnahme erregt hat. Niemand ſoll Anſpruch erheben auf dies Herz, ich habe es geſchworen— Niemand, ſo lange ich lebe!“ Der Eindruck, den dieſe unwahre Leidenſchaftlich⸗ 2 3 keit machte, war kein günſtigerer als der durch den früheren heftigen Ausbruch hervorgerufene. Suſanne fühlte ſich erkältet. Sie hatte die Wahrheit geſagt, als ſie geſtand, dem Lieutenant nicht abgeneigt zu ſein, ja ſeine Bemühungen um ihre Gunſt hatten ihr ſogar geſchmeichelt, und es bedurfte der Andeutungen ihres Vaters nicht, um ſie eine Verbindung mit dem Neffen ſeines langjährigen Geſchäftsfreundes in ernſtlichere Erwägung ziehen zu laſſen, aber immer wieder war etwas Entfremdendes zwiſchen ihn und ſie getreten, was ſie die Unmöglichkeit immer deutlicher erkennen ließ, die ihr gewidmeten Gefühle zu erwidern. Auch jetzt fühlte ſie ſich abgeſtoßen. Der Stolz regte ſich in ihr. „Darüber hat Niemand zu entſcheiden als ich“, ſagte ſie feſt. Doch ließ ſie, was ſie noch hinzufügen ſ wollte, ungeſagt. Sie hatte ihren Kopf mit einer ſelbſt⸗ bewußten Bewegung erhoben, und ihr bisher zu Boden geſenkter Blick ſiel dabei auf ein dichtes Bos⸗ quet, vor dem ſie im Geſpräche unwillkürlich ſtille ge⸗ ſtanden waren. Schon dunkelte es ſtark, doch glaubte ihr ſcharfes Auge in dem Buſchwerk den Kopf eines Mannes zu erkennen. Die Züge des Antlitzes waren in Haß ver⸗ 24 zerrt und die auf van Duizenbeek gerichteten Augen funkelten wild und unheimlich. Suſanne erſchrak und tieß einen leiſen Schrei aus. „Sehen Sie dort“, antwortete ſie auf die dringen⸗ den Fragen ihres Begleiters,„ein Mann— ein Mann im Buſche!“ Der Lieutenant wandte ſich raſch herum, er ver⸗ mochte aber nichts mehr zu erblicken, der Kopf war verſchwunden. „Haben Sie einen Feind?“ fragte Suſanne,„einen Todfeind?“ Van Duizenbeek verſuchte zu lachen. „Unter den Inländern?“ „Ja“, entgegnete Suſanne,„es iſt eine malay'ſche Phyſiognomie. Der Mann muß Sie furchtbar haſſen.“ Der Lieutenant zuckte zuſammen. Suſanne ſah noch immer ſcheu nach dem Bosquet hinüber, ſonſt hätte ſie trotz der ſinkenden Schatten ſein Erbleichen bemerken müſſen. Aber er faßte ſich raſch. Mit dem Anſcheine der Geringſchätzung aller Gefahr erbot er ſich, wiewohl unbewaffnet, das Gebüſch nach dem Ver⸗ ſchwundenen zu durchſuchen. Suſanne nahm jedoch raſch ſeinen Arm. „Nein, nein“, rief ſie.„Will er ſich nicht finden 5 2 laſſen, ſo gelingt es Ihnen doch nicht und— will er es— ſo ſollen Sie Ihr Leben nicht blosſtellen.“ „Sie zittern für mein Leben, Suſanne?“ entgeg⸗ nete er, die Gelegenheit geſchickt erfaſſend.„Iſt es ſo, dann hat es für mich unſchätzbaren Werth.“ Die Tirade ging wirkungslos verloren. Suſanne zog ihn ängſtlich mit ſich fort. „Kommen Sie, kommen Sie!“ bat ſie.„Viel⸗ leicht habe ich mich in der That nur getäuſcht und die Aufregung nach den heutigen Nachrichten läßt mich Geſpenſter ſehen. Aber kommen Sie in's Haus zurück! Mir iſt es unheimlich hier. Papa ſoll den Park durch⸗ ſuchen laſſen, ich finde ſonſt keinen ruhigen Schlaf heute Nacht.“ Zweites Kapitel. Der Krys. Die Nacht ließ ſich überhaupt ſchlimm für den ruhigen Schlaf der Bewohner des Herrenhauſes von Panawang an. So wenig beſorgnißerregende Anzeichen der Lauf des Nachmittags gebracht, jetzt ſchienen ſie ſich mit einem Male häufen zu wollen. Suſanne hatte ſich kaum erſt von dem Schreck über die Begegnung im Parke erholt, als noch vor der Rückkehr der Diener, welche das Gebüſch nach dem fremden Eindringlinge ganz vergeblich durchſuchten, die alte Babu, deren Fürſorge Suſanne ſchon als Kind anvertraut geweſen, mit allen Zeichen von Schreck und Angſt ihre Herrin beiſeite rief und ihr dringend an's Herz legte, den Tuwan⸗beſar 26 und den Gaſt zur ſofortigen Abreiſe zu bewegen. Sie wollte anfangs nicht reden, ſondern wiederholte nur immer ihren Rath, zuletzt aber brach ſie doch in einen faſt unſtillbaren Thränenſtrom aus und geſtand, daß böſe Reden im Kampong gefallen ſeien, daß man auf einen Zuzug der Empörer hoffe und dann die Nacht vielleicht zu einem Ueberfalle benützen werde. Mehr war aus ihr nicht herauszubringen, aber das Mitgetheilte genügte vollkommen, den letzten Reſt erzwungenen Gleichmuthes zu verſcheuchen und alle Gedanken der drohenden Gefahr zuzulenken. Suſanne hatte von dem Gehörten natürlich ihrem Vater ſofort Mittheilung gemacht und dieſer auch den Lieutenant zu Rathe gezogen; das Ergebniß lautete aber ſehr we⸗ nig erbaulich. Der günſtige Moment z Verſuchte man ſie jetzt noch, ſo gab man ſich damit aller Wahrſcheinlichkeit nach erſt recht in die Hände wegelagernder Aufrührerſchaaren. Van Duizenbeek ließ ein Wort des Vorwurfes gegen Suſanne fallen, daß ſie, als es noch Zeit war, ſich geweigert, das beſte ur Flucht war vorbei. D und einfachſte Auskunftsmittel zu benützen. Das ſtolze Mädchen, ſo aufgeregt es auch ſein mochte, verſchmähte es doch, darauf etwas zu entgegnen oder die Schuld 28 dem Vater zuzuſchieben, der ſich innerlich ſelbſt anklagte, nicht ernſter auf der Abreiſe ſeiner Tochter beſtanden und die Lage überhaupt zu leicht beurtheilt zu haben. Er hatte nur an eine örtliche, leicht gedämpfte Be⸗ wegung geglaubt, wie ſie wohl hier und da, gleich den Fumarolen an einem Vulcane, zu Zeiten Blaſen auf⸗ treiben, die, geplatzt, dann wieder in ſich ſelbſt zuſam⸗ menfallen; nun ſchien ſich aber das aufgeloderte Feuer wie ein Waldbrand weiterwälzen zu wollen, der Haupt⸗ ſtadt des Landes zu, weit zur Rechten und zur Linken Alles verzehrend, was auf ſeinem Wege lag. Zum Glücke hatten die Empörer noch jedesmal ihre Kräfte nach dem Maße ihrer entfeſſelten Leiden⸗ ſchaften geſchätzt, und auch diesmal ſtand ein raſcher Erfolg der aufgebotenen Truppen zu erwarten, aber erſt der Morgen brachte dieſe Hilfe, und es galt alſo, eine ganze lange Nacht Stand zu halten gegen die Anſchläge, welche Liſt und Gewalt in's Werk ſetzen würden. Dazu bot die offene, von allen Seiten zu⸗ gängliche Villa freilich die ungünſtigſten örtlichen Be⸗ dingungen. Bei ihrer Erbauung war nur auf Behag lichkeit und Eleganz Rückſicht genommen worden, nicht aber auf Schutz und Sicherheit. Dieſes überall von Fenſtern und Thüren durchbrochene Gebäude er⸗ 29 folgreich zu vertheidigen, war eine Unmöglichkeit, ſelbſt wenn man ſich auf die Treue der zahlreichen Diener⸗ ſchaft verlaſſen konnte. Die weite Umfaſſungsmauer hingegen zu beſetzen, hätte eine hundertfach größere Anzahl ergebener Vertheidiger erfordert. Van der Hage mußte daher auf andere Mittel ſinnen und wählte nach einigem Bedenken das Deſtillationshaus zum Zu⸗ fluchtsorte. Dieſes aus Stein errichtete Gebäude, welches die großen Feuerherde, Keſſel, Pfannen und Kolben ent⸗ hielt, mittelſt deren Arak aus Palmzucker und Reis gebrannt wird, hatte nur drei Fenſter, die über Man⸗ neshöhe vom Boden angebracht, ſich vortrefflich zu Ständen für die Vertheidiger eigneten, wenn man ſie bis auf eine kleine Oeffnung gehörig ſchloß und polſterte. Das Thor ließ ſich feſt verrammeln, und ſo war die Möglichkeit gegeben, dieſe improviſirte Veſte einige Stunden lang zu halten, wenn die Angreifer in ſol⸗ cher Anzahl erſcheinen ſollten, daß man ſich die übrigen Wohngebäude preiszugeben und auf das letzte Boll⸗ werk zurückzuziehen gezwungen ſah. Dies ſofort zu thun, konnte ſich van der Hage nicht entſchließen, wenn er auch vorläufig Alles in Stand ſetzte und die Dienſtleute, unter denen ſich nur zwei europäiſche 30 Unteraufſeher befanden, mit den vorhandenen Waffen zur Noth ausrüſtete. Das Haus war doch zu koſtbar ausgeſtattet, um es der Plünderung auszuſetzen, ohne auch nur den Verſuch zur Abweiſung des Angriffes zu wagen, ja ohne dieſen überhaupt nur abzuwarten. War er denn ſo ganz gewiß? Noch immer blieb ja die Hoffnung, die erwartete Aufrührerſchaar könne erſt ſpät oder gar nicht eintreffen und der Demang werde ohne die verheißene Unterſtützung vielleicht nicht den Muth haben, allein mit dem geringen Reſte Unzufrie⸗ dener ein ſolches immerhin bedenkliches Wagniß zu unternehmen. In banger Erwartung vergingen die erſten Stun⸗ den des Abends. Die ausgeſtellten Lauſcherpoſten blie⸗ ben ruhig und bemerkten nicht das geringſte Zeichen einer feindſeligen Annäherung. Das Kampong, auf welches man vom Hauptgebäude den Ausblick hatte, ſchien umſponnen vom klaren Mondlichte, eine Stätte tiefſten Friedens; nichts regte ſich, kein Laut faſt war vernehmbar und die Bewohner des Herrenhauſes be⸗ gannen ſchon ihre Phantaſie der übertriebenen Aus⸗ malung eingebildeter Gefahren anzuklagen. Da begann mit einem Male innerhalb der Ortſchaft eine ſeltſame Bewegung, von der man van der Hage ſofort Meldung 31 erſtattete, worauf er ſich ſelbſt in die Vorgalerie hin⸗ ausbegab und das Kommende aufmerkſamen Blickes verfolgte. Zu allererſt ließen ſich die weichen Töne des Gamelang aus der Ferne vernehmen, faſt unmittelbar darauf zeigte ſich ein fahler Lichtſchein, der mit der klaren Mondbeleuchtung nicht ſonderlich harmonirte und ſich langſam zwiſchen den Tamarindenbäumen, die vom Kampong bis zum Herrenhauſe eine ſchöne Allee bildeten, vorwärts bewegte. Nach einiger Zeit ließ ſich auch ſchon die dichtgedrängte zahlreiche Schaar erkennen, die hier anſcheinend friedlich heranzog. Der Lieutenant rieth zu einem rechtzeitigen Rück⸗ zuge, aber Suſanne proteſtirte lebhaft; ſie wies darauf hin, daß ein beabſichtigter Angriff ſicherlich nicht auf dieſe Weiſe in's Werk geſetzt würde, da ein vorſichtiger, plötzlicher Ueberfall viel mehr Wahrſcheinlichkeit des Gelingens böte; zudem liege in dem ganzen Aufzuge auch nichts Ungewöhnliches, derſelbe wiederhole ſich ja zu verſchiedenen Feſtzeiten des Jahres. Und in der That machte die feierliche Proceſſion, die jetzt auf den gekiesten Vorplatz, der von zwei mäch⸗ tigen Waringis überſchattet war, langſam einlenkte, nichts weniger als einen bedrohlichen Eindruck. Dem Gamelang⸗Orcheſter, das noch immer ſeine ſanften 32 Melodieen erklingen ließ, folgten acht Rongengs, die rieſige Fächer ſchwingend, hin und wieder nach dem Tacte der Muſik tänzelten. Zwei Poſſenreißer, das Geſicht hinter ſcheußlichen Fratzen verborgen, ſchritten ihnen zur Seite mit flammenden Bambusfackeln. Da⸗ nach kamen einzelne Geſtalten mit buntfarbigen Lämp⸗ chen an langen Stangen hinter einander her, Guir⸗ landen zogen ſich von Laterne zu Laterne über die Häupter der zwiſchen die einzelnen Träger gedrängten Schaar, über deren Köpfen bunte Fähnchen flatterten. Das Alles ſah wie ein heiteres Spiel aus, aber van der Hage lebte zu lange unter dieſem Volke, um die ganz unvorbereitete Ceremonie nicht überraſchend zu finden. Die flatternden Fähnchen ließen ihn den ſtar⸗ renden Lanzenwald nicht überſehen, an den ſie befeſtigt waren, zudem zeigte ſich noch jeder der Sundahneſen, wie es allerdings gebräuchlich iſt, mit Krys und Cap⸗ meſſer verſehen, und wenn man genauer hinblickte, ſo mochte ein ſcharfes Auge unter den ſchlanken Lanzen⸗ ſchäften wohl auch hin und wieder den Lauf einer Büchſe erkennen. Je mehr ſich der Zug entwickelte, deſto unzweifelhafter erſchien er van der Hage als eine Liſt, und er bedauerte beinahe, den Rath van Duizen⸗ beel's nicht früher befolgt zu haben. Es war nur gut, 39 30 daß er wenigſtens dieſen ſelbſt, unmittelbar nach dem Einwurf Suſannens, gebeten hatte, gedeckt vom Schat⸗ ten des Hauſes, nach dem Deſtillirhauſe hinüberzueilen und mit einem der beiden holländiſchen Unteraufſeher für die Offenhaltung der Rückzugslinie zu ſorgen. Indeſſen hatte ſich der ganze Vorplatz gefüllt. Die Maſſe bildete einen gegen die Galerie zu geöffneten Halbkreis. Noch immer tönte der Gamelang, und es ſchien faſt, als ſollten die Rongengs, wie bei den üb⸗ lichen Feierlichkeiten, wo dem Tuwan⸗beſar gehuldigt wurde, einen Tanz beginnen, als ſie ihre Doppelreihe plötzlich theilten und ſich an die Flügel des Halbkreiſes zurückzogen, ſo daß einige einzeln ſtehende Geſtalten, worunter die des Demangs, die ſich bis jetzt hinter ihnen gehalten hatten, mit einem Male ſichtbar wurden. Zu gleicher Zeit verſtummte auch das Orcheſter. „Was ſoll das Schauſpiel? Sudah!“ rief van der Hage, welcher in der um einige Stufen erhöhten Ga⸗ lerie ſtand, indem er um einen Schritt weiter vortrat. Seine Geſtalt war hochaufgerichtet und ſeine Stimme klang gebieteriſch. Die Gewohnheit des Gehorſams war ſo ſtark, daß kein Laut hörbar wurde und die Meiſten vielleicht wieder abgezogen wären, wenn ſich nicht ein ſtärkerer geheimer Antrieb geltend gemacht hätte. Byr, Wrak IV 3 Auch der Demang trat jetzt weiter gegen das Haus vor und begann mit heuchleriſcher Demuth eine Anrede, in welcher er den Tuwan⸗beſar der Ergeben⸗ heit des Kampongs verſicherte und den Aufzug als Be⸗ weis derſelben anführte, in demſelben Momente, wo andere Untergebene, der drückenden Laſt müde, ihre Herren überfielen und tödteten. Wenn es auch in Panawang an beklagenswerthen Uebelſtänden nicht fehle, ſo werde das arme gedrückte Orang-kettyl*) doch nicht zu ſolchen Gewaltmitteln greifen, ſondern im Vertrauen auf die Güte und Einſicht des Tuwan⸗beſar in ſeiner Anhänglichkeit unerſchütterlich bleiben. Zahlreiche Zurufe aus der Menge beſtätigten das Einverſtändniß mit dieſen Worten, die der Demang in ſchlauer Weiſe als Einleitung vorausſchickte, weil er nach der im Kampong herrſchenden Stimmung bei einem gewaltthätigen Vorgehen der Theilnahme des Volkes nicht ſicher war. Indem er ſie zur Betheiligung an einem friedlichen Feſte bewog, konnte er darauf rechnen, daß der Moment auch auf die eindrucksfähigen Gemüther ſeine hinreißende Kraft bewähren werde. Er folgte dabei nur den Einflüſterungen eines noch *+ ) Das Volk. — wies ſchlo einze unhö Sach Rebe weis beſſen nicht nicht nende troti beſar ſeine 35 Schlaueren, der es in der Hand behielt, die allenfalls in Gang kommenden Verhandlungen nach Belieben abzubrechen. Doch van der Hage zeigte nicht die geringſte Nei⸗ gung, nur überhaupt die Klagen anzuhören. Kurz wies er den Demang und alle Unzufriedenen ab. „Das iſt nicht die Art, Forderungen zu ſtellen“, ſchloß er.„Habt ihr eine Bitte vorzubringen, ſo kommt einzeln und bei Tage. Ich werde den Demang allein anhören, niemals aber Alle zuſammen, und wenn eure Sache die gerechteſte wäre, denn das iſt Auflehnung— Rebellion! Wenn dieſer Aufzug wirklich nur der Be⸗ weis eurer Ergebenheit ſein ſoll, ſo liefert mir einen beſſeren und begebt euch nach Hauſe. Thut ihr das nicht, ſo habt ihr gelogen, und dann wird die Züchtigung nicht ausbleiben, deſſen ſeid gewiß!“ Schon während der Rede hatten ſich einzelne höh⸗ nende Stimmen vernehmen laſſen, die aufreizenden trotzigen Rufe mehrten ſich jetzt, nachdem der Tuwan⸗ beſar ſo ſchroff geendigt; aber es ſchien doch, als ob ſeine Worte nicht ohne einſchüchternden Eindruck ge⸗ blieben wären, es zeigte ſich eine Bewegung in der Menge, wie wenn Viele darunter nicht übel Luſt hät⸗ ten, dem Befehle Folge zu leiſten und ſich zu entfernen. 3* 36 Das konnte aber nicht im Sinne der Aufhetzer ſein, ſie verlangten ſtürmiſch, der Herr ſolle ſie hören, und da er dies abermals verweigerte, wurde das Stim⸗ mengewirr bald heftiger. Wie ein ſturmgepeitſchtes Meer begann die Menge zu wogen und heranzuſchwellen, Drohungen wurden laut und plötzlich flammten überall Bambusfackeln auf, bei deren grellem Scheine viele fremde, unheimliche Geſichter bemerkbar wurden. „Zurück!“ donnerte van der Hage den Heran⸗ drängenden zu,„oder ich laſſe Feuer geben!“ Seine entſchloſſene Miene brachte die Bewegung einen Augenblick zum Stocken, aber die Wirkung wurde ſogleich wieder aufgehoben, als einer der bisher dem Demang zur Seite geſtandenen Männer vorſprang und ſeine Stimme erhob. Seiner Tracht nach war er ein Häuptling, doch kannte ihn weder van der Hage, noch ein Anderer ſeiner Leute. Trotzig ſchwang der Fremde ſeine Büchſe, und ſeine Augen glühten wild. „Ihr wollt nachgeben? Ihr fürchtet Euch?“ rief er in den entflammenden Tönen leidenſchaftlichen Haſſes. „Wollt Ihr Euch weiter bedrücken laſſen von den frem⸗ den Eroberern? Folgt mir und wir werfen ſie in's Meer. Ein Sturm fegt über die Inſel. Unſer Weg geht nach Batavia, die Gefangenen zu befreien. Denkt 37 an Idah Madeh Rahi! Wie ihn, ſo wird man Cuch in's Gefängniß werfen! Haha! Sie halten ihn in Ketten, aber doch wird er es ſein, der Euch führt.“ Ein Jubel antwortete ihm, der wie das Brüllen blutlechzender wilder Thiere klang. „Nieder mit dem Schurken!“ zürnte van der Hage und legte auf den Rädelsführer an, aber Suſanne kam dem Vater zuvor; ſie zog ſeinen Arm herab. „Vergieße kein Blut“, bat ſie leiſe, aber mit feſter Stimme; in ihren bleichen Zügen war keine Furcht zu leſen. Die Bewegung blieb nicht unbemerkt und viele Zurufe galten der gütigen Nonna⸗beſar, die man ſchonen ſollte. Der Einfluß der Aufrührer war aber mächtiger. Hef⸗ tig drangen die Erbitterten gegen die Galerie vor, die Tänzerinnen flüchteten mit Kreiſchen, aus der fried⸗ lichen Proceſſion waren wild anſtürmende Kriegshaufen geworden. Es ſchien die höchſte Zeit, wenn eine Ret⸗ tung noch überhaupt möglich ſein ſollte. Die ſich vorſchiebende Menge hatte ſich immer weiter über den Vorplatz ausgebreitet, ſo daß kaum ein ſchmaler Pfad an dem Hauſe, in welchem ſich die Fremdenwohnungen befanden, vorüber nach dem Deſtil⸗ lirhauſe hin freiblieb. Es erſchien zu gefährlich, dieſen 38 Weg jetzt noch einzuſchlagen, das Häuflein, das van der Hage zur Dispoſition hatte, war zu gering; er mußte es alſo in anderer Weiſe verſuchen, das Reduit zu gewinnen, auf das ſich bisher die Aufmerkſamkeit der Bedränger noch nicht gerichtet hatte. Als wolle er ihrem Angriffe ſelbſt durch einen Vorſtoß begegnen, zog er ſeine Leute zuſammen, und während ſie im An— ſchlage die brandende Woge momentan ſtauten, durch⸗ eilte er ſelbſt mit Suſannen, dem zweiten Unteraufſeher und zwei Dienern die Villa, um auf der Parkſeite das Herrenhaus zu umgehen und, durch daſſelbe gedeckt, erreichten ſie auch glücklich in wenigen Minuten das von van Duizenbeek nur angelehnt gehaltene Thor des Steingebäudes, welches ihnen bis zum Anlangen eines Entſatzes Schutz gewähren ſollte. Noch hatte ſich die Aufmerkſamkeit des tobenden Haufens nicht hierher gewendet. Zwiſchen den Leuten von Panawang und den Aufrührern war es zuletzt doch zum Zuſammenſtoße gekommen, die kleine Schaar aber, deren Widerſtand überhaupt nicht ſehr ernſtlich gemeint ſein mochte, war bald niedergeworfen und entwaffnet; doch ein Wuthgeſchrei gellte über den Platz, als man die Entdeckung machte, daß es dem Tuwan⸗ beſar gelungen war, zu entſchlüpfen. Während ſich 39 Einzelne der Aufgabe unterzogen, die Verſchwundenen zu ſuchen, entwickelte ſich das bisher noch einigermaßen geordnete Durcheinander auf dem Vorplatze zum chao⸗ tiſchen Tumulte. Ein Theil warf ſich in das Her⸗ renhaus, ein anderer in die Nebengebäude, Palmen⸗ wein wurde vertheilt, um die Gemüther noch mehr zu erhitzen, und, auch damit nicht zufrieden, begann man die Vorräthe des Kellers zu plündern; eine bacchan⸗ tiſche Luſtigkeit bemächtigte ſich der von den unge⸗ wohnten Getränken raſch Berauſchten. Die Rongengs mußten ihre Tänze aufführen, trunkene Männer miſch⸗ ten ſich drein, der Gamelang tönte immer haſtiger und unharmoniſcher. Der ſtille, friedliche Landſitz hatte ſich in einen Schauplatz wilder Scenen verwandelt, und die Erbitterung der in ihrer Rache Getäuſchten warf die Brandfackel in den zum Theile noch mit Vor⸗ räthen gefüllten Speicher. Schon loderte hier und dort die gefräßige Flamme empor. Die Flüchtlinge hatten gehofft, daß man ihr Ver⸗ ſteck nicht ſo raſch ausfindig machen werde. Vielleicht glaubte man ſie zu Pferde entwichen und machte ſich an die Verfolgung, während ſie verhältnißmäßig unbe⸗ helligt zu bleiben meinten. Doch mit der Sicherheit, die ſie ſich vorgeſpiegelt, war es bald vorüber. Hatte 40 nun ein kluges Späherauge die Spur gefunden, oder einer der Diener in Angſt und Ueberläuferei die ge⸗ troffenen Vorbereitungen verrathen, ein erneutes Auf⸗ jauchzen der in thieriſcher Luſt überſchäumenden Menge, ein wilder Racheſchrei, dem faſt unmittelbar ein hef⸗ iger Anprall gegen das glücklicherweiſe Stand haltende Thor folgte, überzeugte die in dem Deſtillirhauſe Ein⸗ geſchloſſenen, daß über ihr Verbleiben kein Zweifel mehr herrſche. Sie machten ſich zur verzweifelten Gegenwehr bereit. Zwei Fenſter befanden ſich in derſelben Wand mit der Thüre, ſo daß man von ihnen aus die letztere be⸗ treichen konnte. Das dritte Fenſter, breiter und höher als die beiden anderen, ſah nach der entgegengeſetzten Seite. An daſſelbe wurde van Duizenbeek mit dem einen Unteraufſeher poſtirt, während der andere mit van der Hage die erſteren links und rechts vom Thore beſetzt hielt. Nur ſchmale Oeffuungen waren gelaſſen, eben geräumig genug, den Lauf der Büchſe hindurch zuſtecken und nach dem Abſehen vornweg das Ziel zu nehmen. Vieles aber hatte ſich ſchon in dem urſprüng⸗ lichen Plane durch die nicht vorhergeſehene Art des Ueberfalles verändert, welcher die Leute des Tuwan⸗ beſar abgeſchnitten und ſomit die Beſatzung der kleinen geſtt 41 Feſtung gar bedenklich verringert hatte. Wenn auch jeder Vertheidiger zwei bis drei Gewehre zur Benützung bereit hatte, ſo mangelten doch die Hände, die abge⸗ ſchoſſenen von Neuem zu laden. Der erſte Verſuch, das Thor im Sturme zu neh⸗ men, war zwar geſcheitert. Ein halbes Dutzend gut⸗ gezielter Schüſſe hatte die Angreifer zurückgeſchreckt, ſo daß ſie ſich vorſichtig nach den beiden fenſterloſen Sei⸗ ten des Hauſes zurückzogen, aber wie bedeutungslos war dieſer Erfolg! Lange, lange Stunden mußten noch vergehen, bis der Morgen und die Befreiung kam. Wie war es denkbar, ſchon den nächſten, mit mehr Ausdauer wiederholten Angriff abzuweiſen? Und die Befürchtungen ſollten ſich raſcher erfüllen, als die davon Gequälten es ſelber erwartet hatten. Während Suſanne neben ihrem Vater ſtand und ſich erbot, ihm die friſch geladenen Gewehre zuzureichen, gellte draußen plötzlich wieder ein wilder Jubelſchrei durch die halbtrunkene Menge. Zugleich ließ ſich ein ſeltſames, unheimliches Kniſtern vernehmen und in den bisher nur durch das Mondlicht, dem die Rauchöffnun⸗ gen des nicht unmittelbar auf den Mauern aufliegen⸗ den Daches Eingang geſtatteten, matt erhellten Raum fiel alsbald wachſender Gluthſchein von oben. 42 — — Brennende Bambuspfeile und einige geſchickt ge⸗ ſchleuderte Dammarfackeln hatten das Dach in Brand nn geſteckt, deſſen leicht brennbares Material augenblicklich aufpraſſelte und mit dem Einſturz drohte. Das Mittel la war gut gewählt, die Geflüchteten aus ihrem Verſtecke w herauszutreiben, auch hatte van der Hage einen der⸗ al artigen Verſuch vorausgeſehen, aber die Löſchapparate di waren nutzlos, da die Vertheidiger ihre Poſten nicht 1 verlaſſen durften. Der Rauch machte das Athmen faſt unmöglich, die Schlußkataſtrophe mußte Alle begraben. „Sei es!“ rief Suſanne mit heldenmüthiger Ent⸗ 3 ſchloſſenheit nach kurzer Berathung.„Wir harren aus. Der Tod iſt barmherziger als die wahnſinnige Horde. 1 Laß mich an Deiner Bruſt ſterben, mein Vater!“ Mächtig ergriffen ſchlang van der Hage den Arm 3 um ſein Kind, das er, wie er ſich jetzt vorwarf, nur i durch ſeine Weigerung, beizeiten abzureiſen, einem ſo ſchmerzlichen, frühzeitigen Tode geweiht hatte. p Er wußte kein Rettungsmittel mehr. Der Ent⸗ 1u ſchluß Suſannens war auch der ſeinige. Aber van d Dutzenbeek dachte nicht ſo, bei ihm erhob ſich der Egois— mus gegen die Zumuthung, einen Untergang zu theilen,. — 1 43 den doch eigentlich das empörte Gefühl der Bedrückten nur dem gehaßten Gutsherrn bereitete. „In der Gefahr habe ich Sie nicht verlaſſen“, lautete van Duizenbeek's Proteſt, nachdem er ſich ohne weiteres von ſeinem Poſten entfernt hatte.„Ich würde auch weiterhin noch an Ihrer Seite aushalten, wenn dies zu etwas nützen könnte, aber ich habe keine Luſt, zwecklos mein Leben einzubüßen. Er machte ſich daran, die Verrammlung des Tho⸗ res hinwegzuſchaffen. „Man wird Sie ſo wenig ſchonen, wie uns“, rief ihm der Aufſeher zu, indem er dies zu verhindern ſuchte, doch der Junker ließ ſich in ſeinen Bemühungen nicht irre machen. „Das wollen wir ſehen“, entgegnete er trotzig. „Ich bin Officier des Königs. Was können ſie von mir wollen? Und da ich ihnen nichts gethan, werden ſie ſich wohl hüten, mir nur ein Haar zu krümmen.“ „Sie wollen uns alſo preisgeben?“ fragte Su⸗ ſanne in einem unbeſchreiblichen Tone des Entſetzens und der Verachtung, der dem Lieutenant doch die Röthe der Scham in die bleichen Wangen jagte. „Vielleicht gelingt es meiner Autorität auch, Sie zu ſchützen“, ſtammelte er. 3 Im nächſten Augenblicke war das Thor geöffnet. Ein wirres Geſchrei erhob ſich. Dichte Schaaren drängten ſich trotz der augenſcheinlichen Gefahr herein. „Vater! Erbarmen! Tödte mich!“ flehte Suſanne, aber ſchon war ſie gleich ihm von einem Dutzend Fäu⸗ ſten gepackt und zu Boden geriſſen. Der eine Aufſeher, der ſein Leben ſo theuer wie möglich hatte verkaufen wollen, ſank, von zwanzig Lanzenſtichen durchbohrt, unter die Füße der Eindrin⸗ genden, die ihn zerſtampften und in ſeinem Blute wa⸗ teten. Die Mordluſt hatte ſich der Raſenden bemäch⸗ tigt, und keines der Opfer wäre dem Gemetzel ent⸗ gangen, hätte nicht eine herriſche Stimme, die alles Geſchrei übertönte, Einhalt geboten. Es bedurfte einer Wiederholung des Befehles, ehe die in ihrer Rache Geſterten, wenn auch murrend, Folge leiſteten. Die Gefangenen wurden aus dem Gebäude ge⸗ zerrt, in das ſchon einzelne verkohlte Gebälkſtücke her⸗ abfielen. Noch einige Minuten, und das ganze Dach mußte zuſammenbrechen. Die Unglücklichen entgingen der einen Todesgefahr nur, um einem anderen, weit grauſameren Verhängniſſe zum Opfer zu fallen, das die Todesqualen verlängerte und erhöhte. Selbſt van Duizenbeek, der nicht müde wurde, 45 mit lauter Stimme gegen jede Gewalt zu proteſtiren und ſich auf ſeine militäriſche Würde, wie auf eine Gewährleiſtung der Unantaſtbarkeit zu berufen, verlor die Sprache und beinahe auch die Beſinnung, als ſich die Reihen für die herbeigeſchleppten Gefangenen öff⸗ neten und dieſe ſich dem Anführer der Empörerſchaar gegenüber ſahen. Es war ein noch junger Malaye in reicher Ge wandung, und in ſeinem um die Hüften gewundenen Shawl ſtaken Waffen von koſtbarer Arbeit. Derſelbe war's, der früher vor der Galerie die zur Gewaltthat fortreißende Rede gehalten und dem auch der Demang gewiſſermaßen zu gehorchen ſchien. Jetzt, da ſich ſein Antlitz in Haß und Schadenfreude verzerrte, erkannte Suſanne mit tiefem Grauen dieſelbe Erſcheinung, die ſie ſchon am Abend auf ihrem Spaziergange mit Schreck und Bangen erfüllt. Gerade ſo wie jetzt, mit demſel⸗ ben Ausdrucke in Auge und Miene, war ſein Kopf hinter dem dichten Gebüſche aufgetaucht, gerade derſelbe Blick fiel auch jetzt wieder auf den Lieutenant, deſſen Geſichtsmuskeln ſich in heftiger Bewegung zu einer Larve des Entſetzens zuſammenzogen.. „So hat man Dich doch gefunden!“ höhnte der Häuptling.„Gerade Dich habe ich geſucht. Ich brauche 46 Dich als Wegweiſer. Kennſt Du mich? Wana Sariah, der Sohn Rio Saleh's iſt gekommen, die Schmach zu rächen und die Gefangenen zu befreien. Du aber wirſt uns den Weg weiſen. Wo iſt Mata⸗bunga?“ Es hätte der letzten Frage nicht bedurft, um van Duizenbeek's Erinnerungen wachzurufen. Derſelbe Sohn der verachteten Race, der ſich jetzt zu ſeinem Richter aufwarf, war vor einem halben Jahre in der Zoll⸗ bude an der Seite jenes Mädchens geſtanden, das bei⸗ nahe zu einem ernſten Conflicte Anlaß gegeben, jenes Mädchens, um das er jetzt fragte, als wüßte er, daß er ein Recht habe, gerade von dem Einen Rechenſchaft zu fordern, an den die drohende Frage gerichtet war. Wußte er——? Es erſchien van Dutzenbeek jetzt, als habe er dieſe Augen, die ſo verzehrend auf ihm ruhten, ſchon wie⸗ derholt auf ſeinen Pfaden gefunden, und er konnte ſich jetzt ſagen, daß ſie ihn abſichtlich verfolgten. Was hatten ſie geſucht? Was hatten ſie entdeckt? Ein Fieberſchauer durchfröſtelte van Duizenbeek; er gab ſich Mühe, dem fragenden Flammenblicke feſt zu begegnen, ohne daß ſein eigenes Auge zum Ver⸗ räther an ihm wurde. Und als jetzt dieſelben Worte zum den, 47 zum zweiten Male und drohender an ihn gerichtet wur⸗ den, da zuckte er trotzig die Achſeln. „Was weiß ich, wen Du meinſt“, erwiderte er. „Du weißt es, Du weißt es!“ loderte Wana Sa⸗ riah auf und ſeine Fauſt zückte den Krys. Gleichzeitig erhoben ſich einige Gewehre und richteten ſich auf van Duizenbeek und ſeine Gefährten. Der Häuptling hatte es aber anders bedacht, er ſchlug die Läufe in die Höhe und herrſchte den Ungezügelteſten gebieteriſch Ruhe zu.„Ah, Du biſt vergeßlich“, lachte er dann auf, und aus ſeinen Zügen grinſte teufliſcher Hohn.„Ich werde Deinem Gedächtniſſe auf die Spur helfen.“ „Tödtet ſie, tödtet ſie!“ brüllte die Menge, ein einziges Zeichen des Anführers genügte jedoch, ihr Schweigen aufzuerlegen. „Ihr ſollt ſie tödten“, rief er mit weithin ſchallen⸗ der Stimme,„ihr ſollt ſie tödten. Das Leben des Tuwan⸗beſar und ſeines Aufſehers gehört den heiligen Waringi. Sie haben lange, lange den Gräuel geſehen. Die Geiſter, die ſie bewohnen, haben Thränen geweint, ſie müſſen verſöhnt werden durch ein Opfer. Aber ehe ihr ſie hinnehmt, ſollen ſie Zeugen ſein bei der Marter des Schlimmſten von ihnen, des Kriegers, der in das fremde Land kommt als Mörder, als Unter⸗ 48 drücker, als Feind unſerer Väter und Brüder, als Räuber unſerer Schweſtern und Bräute. Er ſoll ſagen, was aus Mata⸗bunga geworden, und wie ihr geſchehen, ſo geſchehe dafür der Nonna⸗beſar! Vergeltung!“ „Vergeltung, Vergeltung!“ jauchzten Hunderte von Stimmen. Van der Hage ächzte auf, der Blick, der ſein Kind traf, verrieth den tiefen Seelenſchmerz. Suſanne ſel⸗ ber wankte unter der furchtbaren Androhung eines Ge⸗ ſchickes, das ſie mehr ahnte als errieth, der Schreck jedoch, den das über ihren Vater ausgeſprochene Todes⸗ urtheil hervorgerufen, verdrängte jeden anderen Ge⸗ danken. Ein Schlag an den Gong rief die Zerſtreuten zuſammen, aber es folgte nur ein Theil dem Zeichen, die Uebrigen wollten ſich im Schwelgen und Plündern nicht ſtören laſſen. Vor und hinter den Gefangenen bildete ſich ein Zug, der ſich in feierlich religiöſer Weiſe vorwärts zu bewegen begann; der Gamelang eröffnete denſelben wieder und Wana Sariah ſchritt mit einigen ſeiner vornehmſten Gefährten unmittelbar hinter dem⸗ ſelben drein, die Richtung beſtimmend, welche der Zug einzuſchlagen hatte. Der Weg führte um die Villa herum und in den Park. Zeitweiſe ſetzte der Game⸗ und löſt geko deg drat ſelb Bäu 49 lang aus, dann erhob ſich ein rauher, unſchöner Ge⸗ ſang, der manchmal mehr einem wilden Geheul glich und dann wieder von dem eintönigen Tingtang abge⸗ löſt wurde. So war man endlich an dieſelbe Stelle gekommen, wo wenige Stunden zuvor Suſanne ihren Begleiter erſchrocken zur Umkehr bewogen. Der Zug drang in das Bosquet, ein kleiner freier Platz in dem⸗ ſelben umſchloß eine hübſche Bambusgruppe. Stühle und Bänke ſtanden auf den Kieswegen wie in einem lau⸗ ſchigen Verſtecke umher, wohin man ſich gern vor der höher ſteigenden Morgenſonne flüchten mochte. Hier hielt der Zug. Wana Sariah ſchien die Oert⸗ lichkeit vortrefflich ausgekundſchaftet zu haben, doch ſeine Wahl trug keinen ſo friedlichen Charakter— es war ein Folter⸗ und Hinrichtungsplatz, wozu er dieſe Stelle beſtimmt. Feierlich brach er die gelbe Traubenblüthe eines Hibiscusbaumes, die er zum Zeichen der Feſtlichkeit in ſein turbanartig um den Kopf gewundenes Tuch ſteckte. Von dem Stamme dieſes Baumes ſchälten die Capmeſſer ſeiner Genoſſen eilig den Baſt, mit dem ſie die Hände der Gefangenen auf den Rücken zuſam⸗ banden. Nun trat der Häuptling ſelbſt an das Bam⸗ busgebüſch in die Mitte und hieb die hochaufgeſchoſſenen Byr, Wrak. IV. 4 50 Halme nieder, ſo daß nur die Stumpfe noch aus der ſ Erde ragten. lo „Dein Gedächtniß iſt krank und in Schlaf geſun⸗ wi ken“, wandte er ſich dann an den Lieutenant, welcher mit ſcheuen Blicken dieſen Vorbereitungen zugeſehen hatte, deren Zweck Niemandem klar ſein konnte, der ho nicht mit den alten Landesgebräuchen bekannt war. ho „Dein Gedächtniß ſchläft tief in Deinem Herzen. Die u Spitzen des Bambus ſollen darnach graben und es er⸗ wecken. Dein Herz iſt Lüge und es ſoll ſchweigen, 9 aber keine Hand ſoll ſich beflecken mit dem Blute des wi Feiglings, keine Lanze ihre Schärfe verlieren an Dir. ru Du haſt uns gedroht mit dem Zorne Deines Königs, N wenn wir Dich verletzen. Gut, wir wollen Dich nicht fu verletzen und Du ſollſt dennoch ſterben nach den hei⸗ ül ligen Bräuchen, die ihr zu vernichten zu uns gekom⸗ 8 men ſeid.“ mi Auf einen Wink von ihm wurden raſch zwei Pfähle w. in den Boden geſchlagen und van Duizenbeek, dem ſt man die Kleider bis zu den Hüften herab vom Leibe be riß, ſo darangebunden, daß er mit der Bruſt unmittel⸗ C bar auf den Bambusſtumpfen auflag, ohne eine Be⸗ al wegung machen zu können. Er hatte zu ſprechen und S ſich zu wehren verſucht, doch blieben ſeine Worte unver⸗ — C———H———— 51 ſtändlich, wie ſeine Bemühungen vergeblich. Regungs⸗ los lag er nun da und jauchzend umringte ihn die wilde Schaar. Wana Sariah erhob mächtig ſeine Stimme. „Bis die Sonne aufgeht, wirſt Du geſprochen haben, wo Mata⸗bunga iſt, bis die Sonne niedergeht, haben die jungen Triebe Deinen Leib durchwachſen und aus Deinem Munde kommt keine Lüge mehr!“ Entſetzen erfaßte den machtlos auf den Boden Hingeſtreckten. Die Worte ſeines Gegners klangen ihm wie ein erſchütterndes Urtheil, gegen das jede Be⸗ rufung vergeblich war. Er erinnerte ſich jetzt mit einem Male, von jener in früheren Zeiten auf Bali üblichen, furchtbaren Todesſtrafe gehört zu haben, die er nun über ſich ſelbſt verhängt ſah. Er wußte, mit welcher Schnelligkeit die jungen kieſelreichen und ſpitzkugelför⸗ migen Schoſſen des Bambus aus der Erde treiben, er wußte, daß deren Wachsthum bei Nacht, wo ſie ſich ſtärker entwickeln, beinahe zwei Zoll in der Stunde beträgt und daß ſie mit der Unwiderſtehlichkeit einer Eiſenwaffe ſich ihm in's Leben bohren mußten. Faſt auf die Minute genau vermochte er den Beginn der Schmerzen, ihre Steigerung und das Ende zu berech⸗ nen. Und keine Rettung, keine Hilfe denkbar!— Denn 44 52 wenn er auch ſprach, wenn ſein Gedächtniß jetzt ſchon erwachte und er auch Antwort gab auf die einzige Frage, die an ihn geſtellt worden war— ſein Urtheil war unwiderruflich geſprochen. Wie in jenen düſteren Tagen des Mittelalters, wo das von der Folter er⸗ preßte Geſtändniß nicht vor dem Tode bewahrte, war hier die verhängte Vernichtung durch keinen Selbſtver⸗ rath zu beſchwören, nicht einmal die Schmerzen, welche ihm das Geſtändniß entreißen ſollten, blieben ihm durch ein Zuvorkommen erſpart. Bis zum Morgen werde er geſprochen haben, ſo hatte der grauſame Richter behauptet. Bis zum Mor⸗ gen war vielleicht die angſtvoll erwartete Hilfe da, aber zu ſpät— zu ſpät! Das Herz lag keine vier Zoll tief in der Bruſt. Erneuter Jubel war des Häuptlings Worten ge⸗ folgt. Der Gamelang begann mit einigen mächtigen Gongſchlägen, und leidenſchaftlicher Geſang fiel ein. Es war die beginnende Orgie eines wilden heidniſchen Opferfeſtes. Da ſetzten erſt einzelne Stimmen aus, mehrere folgten, plötzlich war jeder Laut verſtummt. Geſpannt horchten Alle auf. Ein Schuß— ein zweiter— ein dritter war in der Ferne gefallen, jetzt 53 krachte eine Salve in der Richtung der Villa. Ein unterdrückter Schrei löſte ſich von den Lippen der dem Tode Geweihten. Konnte es möglich ſein? War das Hilfe in der Noth? Durften ſie hoffen? Aber auch ihren Henkern hatte ſich dieſelbe Com⸗ bination aufgedrängt. Die mitgebrachten Fackeln ſchwenk⸗ ten ſich wie auf ein Zeichen zur Erde und erloſchen. Wana Sariah ſtieß einen dumpfen Schrei aus, wie ihn der verwundete Tiger vernehmen läßt. Er zog den Krys und wollte ſich auf ſein Opfer ſtürzen, das man ihm zu entreißen drohte, aber ehe er den ent⸗ ſcheidenden Stoß führte, hielt er ein. Ein dämoniſches Lächeln glitt über ſeine Züge. „Nein, nein, er ſoll ſprechen, er ſoll die Wahr⸗ heit ſagen und dann ſterben wie die Anderen“, ſagte er, und jedes ſeiner Worte war in der eingetretenen Stille genau verſtändlich. Ihr ſollt ſie tödten, aber nicht jetzt— nicht in der Haſt. Der Durſtige ſetzt ſich auch, wenn er gelaufen, erſt an der Quelle nieder und wartet, ehe er trinkt. Fürchtet nicht, daß ſie Euch, entkommen— auch dann nicht, wenn wir beſiegt wer⸗ den.“ Dann wandte er ſich an einen ſeiner Gefährten, der gleich ihm ſchon durch die Tracht von den Einwoh⸗ nern des Kampongs verſchieden war, und gab ihm ſo 54 laut, daß den erbebenden Opfern kein Wort entging, ging den Auftrag, mit einer kleinen Schaar hier zurückzu⸗ ü bleiben und die Gefangenen zu bewachen, ſie aber im 4 Falle eines Angriffes ſofort zu tödten. K Eilig zog die Menge ſodann unter Wana Sariah's Führung ab und den Hügel nach dem Herrenhauſe hinan, wo zeitweiſe noch vereinzelte Schüſſe fielen. Bald folgten wieder mehr, Pelotonfeuer krachte da⸗ 3 zwiſchen und das Geheul entfeſſelter Dämonen drang herüber nach dem ſtill gewordenen, einſamen Platze, auf dem die Gefangenen ihres Schickſales harrten. 1 Die Hoffnung hatte einen Augenblick lang ihre Bruſt erfüllt, aber nur um einer noch tieferen Troſt⸗ loſigkeit und Verzweiflung Platz zu machen. Ja, das Unberechenbarſte war geſchehen, die Hilfe, die erſt zum 1 Morgen erwartet worden, war jetzt ſchon da, zu rechter Zeit noch, um die Bedrohten zu erretten, und dennoch b brachte ſie ihnen keine Rettung mehr, im Gegentheil, ſie beſchleunigte nur ihr Verderben, und todesbangend mußten ſie dem Augenblicke entgegenſehen, der die Freunde b zu ihrer Erlöſung herbeiführte. Nur eine Erlöſung winkte ihnen mehr, ſie war zugleich das Scheiden für immer. Schluchzend lehnte ſich Suſanne an die Schulter b 2 5 ihres Vaters, der ſie mit ſeinen gebundenen Händen nicht zu ſtützen vermochte, bewußtlos glitt ſie an ihm zur Erde nieder.— Um das Herrenhaus wüthete indeſſen ein heftiger Kampf, der durch das Anlangen des Balineſen mit ſeiner Schaar neu entbrannte. Es waren in der That die Truppen, welche Waalburg und Keyſer aus Ba⸗ tavia geholt. Von der Militärbehörde wurde ſogleich eine inländiſche Compagnie zur Expedition abgeordnet, welcher zwanzig Schützen mit Hinterladern beigegeben wurden. Da die beiden Controleure die Gefahr als ſo dringlich ſchilderten, ſuchte man das Anlangen der Hilfe an den bedrohten Punkten zu beſchleunigen und brachte die ganze Truppenmacht auf mehreren Wagen unter, die auf der Landſtraße in raſender Eile dahin⸗ jagten. Immerhin hatten die Vorbereitungen doch einige koſtbare Stunden beanſprucht, die vielleicht nicht wieder einzubringen waren. Der Feuerſchein, den die angezündeten Gebäude verbreiteten, war die beſte Unterſtützung für Keyſer's Bitte, den Umweg nach Sumor⸗bening über Panawang zu machen. Anderthalb Paal vom Orte hatten die Truppen die Wagen verlaſſen, um auf einem kürzeren Fußwege unbemerkt anzurücken. Sie hatten kaum Wider⸗ 56 ſtand gefunden; die auf der Villa Zurückgebliebenen waren durch die häufigen Libationen nicht mehr in der Verfaſſung, einen ernſthaften Kampf aufzunehmen. Um ſo erbitterter entwickelte ſich der Anprall, den Wana Sariah, unverſehens hinter den Gebäuden her⸗ vorbrechend, gegen die ſchon nicht mehr ſo feſt ge⸗ ſchloſſenen Reihen der Soldaten führte. Doch auch hier ſiegte die überlegene Waffe, die Angreifer wurden mit großem Verluſte zurückgeſchlagen, zerſtreut, verfolgt und viele von ihnen zu Gefangenen gemacht. Kleine Abtheilungen wurden nunmehr ausgeſchickt, gegen den Kampong hin und in der Umgebung der Villa zu ſtreifen. Einer derſelben, die den Parkweg einſchlug, ſchloß ſich Keyſer, der Aufſeher van der Hage's an. Er kannte den die Patrouille führenden Sergeanten, mit dem er die Fahrt von Batavia her auf demſelben Wagen gemacht, und redete ihn jetzt haſtig an. „Kommen Sie mit mir“, drängte er mit verſagen⸗ der Stimme.„Man hat Alle fortgeſchleppt, aber viel⸗ leicht iſt es doch noch nicht zu ſpät. Die Hunde ſind erſchlagen, ſie können die Spur nicht ſuchen, aber die alte Babu hat ſie mir verrathen. Sie liegt im Pen⸗ doppo, und Blut quillt ihr aus dem Mundo, aber ich 57 glaube ſie doch verſtanden zu haben. Dort in jenem Bosquet— kommen Sie, kommen Sie!“ Wie Schatten glitten aber einige fliehende Ge⸗ ſtalten in der angedeuteten Richtung hin und verſchwan⸗ den hinter den Gebüſchen. So raſch ſie es vermochten, folgten die drei Soldaten dem voraneilenden Aufſeher, und bald war das Buſchwerk erreicht. Da, als ſie ſchon in daſſelbe eingedrungen waren, ſchrie plötzlich der am weiteſten Zurückgebliebene auf und ſank, von einer Lanze durchbohrt, zu Boden. Ein Schlag auf das Haupt warf gleichzeitig Keyſer bewußtlos zur Seite und unterbrach gewaltſam ſeinen Freudenruf, mit dem er van der Hage, deſſen er eben anſichtig geworden, die Befreiung zu verkünden gedachte. Ein halbes Dutzend Sundahneſen ſtürzte ſich nun auf die Uebrig⸗ gebliebenen. Noch fiel ein Schuß, aber der Soldat, der ihn abgefeuert, war ſofort zu Boden geriſſen, der Sergeant von kräftigen Händen feſtgehalten, nachdem ein lähmender Schlag auf den Arm ihn entwaffnet hatte. Wana Sariah ſtieß ein höhniſch wildes Lachen aus. Mit ſeinen Getreueſten hatte er ſich flüchtend hierher gewendet, um noch Rache zu nehmen, ehe er ſich der Verfolgung gänzlich entzog; aus ſeiner Schulter 58 rann Blut, aber für jeden Tropfen konnte er ja hun⸗ dertfach Vergeltung nehmen aus den Adern der gehaß⸗ ten Weißen, wenn auch ſein Anhang geſchlagen und zerſprengt, ſein Plan geſcheitert war und er knirſchend ſchon auf der erſten Etappe den Siegeszug nach Ba⸗ tavia geendet ſah. „Da habt ihr noch mehr Opfer“, rief er ſeinen Gefährten zu.„Tödtet ſie! Tödtet ſie Alle! Nur der Eine bleibt mir ſelbſt— er muß ſprechen!— Hört! Er ſpricht!“ Es war ein dumpfes Stöhnen des Schmerzes, das ſich van Duizenbeek's gequälter wunder Bruſt ent⸗ rang; die Pfeile, von der Erde in ſein Herz geſandt, hatten ihre Spitzen ſchon in das zuckende Fleiſch ge⸗ bohrt. „Tödtet ien wiederholte Wana⸗Sariah, aber ein neuer Ausruf, der von ſeinen verzerrten Lippen kam, hielt die Gefährten noch von der Ausführung dieſes grauſamen Befehles zurück und verlängerte die furcht⸗ baren Qualen der armen, des Todesſtreiches harren⸗ den Opfer. Während die wilden Geſellen den Aufſeher und den Sergeanten mehr nach der Mitte des Bosquets hinſchleppten, war es dem Letzteren gelungen, die Rechte 59 frei zu bekommen und dieſelbe ungehindert unter die Uniform zu bringen. Blitzſchnell zückte er dann die Klinge, die er an der Bruſt verborgen getragen, doch ſcharfe Blicke hatten jede ſeiner Bewegung bewacht; ehe der Stoß noch geführt war, der dem ſtarken brau⸗ nen Burſchen zur Linken zugedacht geweſen, hatten zehn Hände den drohenden Arm gefeſſelt und ihm die ſcharfe, geflammte Waffe entwunden, die dabei klirrend zu Bo⸗ den fiel. Das Gemurre des Zornes hatte Wana Sa⸗ riah's Aufmerkſamkeit auf die Gruppe gelenkt. „Der Krys! Der heilige Krys!“ rief er in höch ſter Ueberraſchung aus und verhinderte den Burſchen, der ſich gebückt hatte, den Dolch, von dem derſelbe erſt bedroht geweſen, aufzuheben.„Berühre ihn nicht!“ rief er.„Er bringt Dir Verderben, wie Jedem, der ihn widerrechtlich an ſich nimmt.“ Raſch ſtieß er die Nächſten zur Seite, ſo daß Nie⸗ mand mehr zwiſchen ihm und dem auf die Kniee Nie— dergeworfenen ſtand. Die Kopfbedeckung war demſel⸗ ben im Ringen entfallen und der faſt ſonnenhelle Strahl des tropiſchen Mondes, in dem die Edelſteine des Griffes der am Boden liegenden Waffe geheimnißvoll funkelten, fiel klar auf Paul Albot's bleiche Züge und in ſein trotzig blitzendes Auge. 60 „Es iſt Idah Madeh Rahi's Krys“, wiederholte der Häuptling zweimal, als habe er jetzt erſt die volle Beſtätigung gefunden. „Stoß' zu damit!“ rief Paul, ſein Auge heraus⸗ fordernd auf den Gegner richtend. Dieſer aber ſchüttelte den Kopf. Seine bis jetzt von der Leidenſchaft entſtellten Züge nahmen faſt den Ausdruck des Leidens und tiefer Bedrücktheit an, und wenn ſein Blick auch düſter und unfreundlich auf den Gefangenen gerichtet blieb, ſo verrieth ſich in ſeinem Gebahren doch nichts von dem Haſſe gegen den ſcho— nungslos bekämpften Feind. „Laßt los! Gebt ihn frei!“ herrſchte er den nur zaudernd Gehorchenden zu.„Er kann gehen, wohin er will. Mata⸗bunga liebt ihn. Idah Madeh Rahi hat den heiligen Krys in ſeine Hand gelegt, ihn be⸗ ſchützen die göttlichen Mächte.“ Paul konnte kaum daran glauben, daß er frei ſei, ſo unerwartet war der Umſchwung gekommen. Entſchlußlos ſtand er einen Augenblick lang da, nachdem er ſich erhoben. „Gehl“ mahnte ihn Wana Sariah. Ein ſchmerzhaftes Stöhnen, das van Duizenbeek ausſtieß, traf Paul's Ohr. „Und Deine Opfer?“ fragte er den Häuptling. „Sie werden todt ſein, ehe Du mit Anderen wie derkommſt.“ „Auch wenn ich für ſie bitte? Wenn ich ſie unter denſelben Schutz ſtelle wie mich?“ „Er beſchützt ſie nicht“, rief Wana Sariah heftig. „Sie ſind unſere Feinde, ſie haben uns nie Gutes er⸗ wieſen. Sie ſollen ſterben! Nur in Deine Hände hat Idah Madeh Rahi den heiligen Krys gelegt“, und in⸗ dem ſeine Stimme klagend wurde, fuhr er fort: er hat nicht bedacht, daß auch Du bei Ihnen ſtehſt. Er hat den Sieg fortgegeben und ihn den Holländern zugewendet. die unſeren ſtumpf. Das Glück hat Idah Madeh Rahi, wie ſein Volk verlaſſen. Er iſt verwundet, er iſt krank, ſein Kind geraubt, ſeine Genoſſen gefangen. Alles, Alles mißglückt, denn der heilige Krys iſt auf der Seite des Feindes. Wäre er noch in unſeren Händen, Alles wäre anders.“ Er winkte Paul, die Waffe aufzunehmen und ſich zu entfernen. Sprache ſich anzueignen gelungen war, genügte, ihm den Sinn dieſer klagenden Worte verſtändlich zu ma⸗ 61 H 7 Ihre Waffen ſind furchtbar geworden, Aber was dieſem von der malay'ſchen chen. Er that keinen Schritt, nur ſeine Geſtalt richtete ſich höher auf, ſein Auge leuchtete. Ein rettender Ge⸗ danke war in ihm aufgeblitzt. „Höre!“ rief er mit erhobener Stimme.„Ich biete Dir einen Tauſch an!“ Der Häuptling zuckte verächtlich die Achſeln. „Wana Sariah verkauft ſeine Rache nicht“, ſagte er.„Du biſt arm, denn Du trägſt dieſes Kleid. Aber auch wenn Du reich biſt, kannſt Du nichts geben.“ Idah Madeh Rahi's Geſchenk— den Krys!“ „3 Es war merkwürdig, die Erregung zu beobachten, welche dieſes Angebot hervorrief. Ein Murmein, ein dichtes Umdrängen der Gruppe, mißtrauiſche Blicke, die auf Paul fielen, dann wieder ein halbunterdrücktes Jauchzen. Blos Wana Sariah blieb einige Secunden ganz ſtill, dann fragte er, nur mühſam ſein Erſtaunen und ſein Mißtrauen verbergend: „Du willſt den Sieg von Dir geben, das Glück Deiner Genoſſen, Deine eigene Unverletzlichkeit?“ Die Entäußerung eines ſolchen Talismans, noch dazu in einem Augenblicke, wo er ſich ſo auffallend bewährt hatte, ſchien dem abergläubiſchen Sinne zu unbegreiflich, als daß ſie nicht eine gefährliche Liſt 63 dahinter vermuthet hätten. Paul erkannte dies wohl, und kaum vermochte er ſein Frohlocken zu beherrſchen — noch einen Schritt und er hatte gewonnen. „Du ſelbſt willſt die zürnenden Mächte verſöhnen“, wiederholte der Häuptling ſeine Frage,„und ihre Gunſt uns wieder zuwenden? Du ſprichſt die Wahrheit nicht.“ Paul hob die funkelnde Klinge vom Boden auf und ſteckte ſie in die reichverzierte Scheide, die er raſch hervorholte. „Hier iſt der Krys!“ ſagte er, ihn Wana Sariah hinreichend.„Ich biete ihn im ehrlichen Tauſche. Schenke mir Deine Gefangenen und er iſt Dein!“ Nur einen kurzen Moment bedachte ſich der Häupt⸗ ling noch. Dann griff er ſo haſtig nach dem Dolche, als ob ihm das koſtbare Heiligthum noch entſchlüpfen könnte. „So gib!“ ſagte er. Kaum daß er die Waffe in der Hand hatte, ſchwang er ſie triumphirend über dem Haupte. In ſein Lachen miſchte ſich der Jubelruf ſei⸗ ner Gefährten; dann wendete er ſich den Gefangenen, hauptſächlich van Duizenbeek zu und hob drohend den Dolch.„Unglückliche!“ rief er,„ihr entgeht uns nicht! 64 Die Wunden werden heilen, die Gefangenen werden frei ſein und das Volk mächtig. Wir haben den hei⸗ ligen Krys, er wird uns zur Rache helfen!“ Paul erſchrak, er fürchtete, die, wenn auch nur vom Aberglauben anerkannte Macht zu früh aus der Hand gegeben zu haben, doch war ſeine Beſorgniß über⸗ flüſſig; die ungebildeten Söhne einer ausſterbenden Race hielten treu an ihrem Wort. Wie wenn ſie der Boden verſchlungen hätte, war die ganze Schaar ur⸗ plötzlich zwiſchen dem Buſchwerk verſchwunden. An Paul's Seite lag das Capmeſſer, das man ihm früher entriſſen hatte. Haſtig eilte er zu dem Stöh⸗ nenden, der ihm der Hilfe am dringendſten zu bedürfen ſchien. Mit einigen Hieben waren die Baſtſtricke durch⸗ ſchnitten. Wie von einer Feder geſchnellt, ſprang der Lieutenant auf, Blut rann über ſeine Bruſt, ſeine Augen blickten wirr umher, gleich denen eines Wahn⸗ ſinnigen, dann brach er ohnmächtig zuſammen. Der Aufſeher hatte die Zeit ebenfalls benützt. Sobald man ihn freigelaſſen, hatte er ſich bemüht, die Feſſeln der Uebrigen zu löſen. Wankend kamen ſie aus dem Schatten, der ſie bisher verborgen. Die Zunge verſagte den Dienſt, wie eine Leiche ſtarr und 65 leblos ſank Suſanne ihrem Vater in die Arme. Nur einen Augenblick lang war der Mondſtrahl über dieſes geiſterbleiche, leidenentſtellte Antlitz hingehuſcht.— Paul aber hatte es dennoch zur Stelle erkannt. Der Name, den er rufen wollte, erſtarb auf ſeinen Lippen. Byr, Wrak. IV Drittes Kapitel. Die Scheidewand. In Mijnheer Goudelaar's blendend erleuchteter Pendoppo ſaß eine größere Geſellſchaft beim Deſſert des köſtlichen Diners, das Mevrouw ihren Gäſten zu Ehren einige Wochen nach den erſchütternden Vorgängen in Panawang arrangirt hatte. Mijnheer van der Hage hatte unmittelbar darnach ſein von den mächtigen Gemüthserregungen ſtark an⸗ gegriffenes Kind zu den Freunden nach Rijswijk ge⸗ bracht und es auch da gelaſſen, als er wieder auf ſeine Beſitzung zurückkehrte, wo der Schäden genug zu heilen waren. Hatte Suſanne auch ſchon Zeit gehabt, ſich von dem ausgeſtandenen furchtbaren Schreck allmälig zu erholen, ſo zeigten doch ihre ungewöhnlich blaſſen 7 Züge wie das zeitweiſe, oft von dem unbedeutenſten Geräuſche hervorgerufene Zuſammenfahren, daß die Erinnerung an jene entſetzliche Nacht immer noch nicht verwiſcht war, und die zerrütteten Nerven vielleicht noch einer langen Ruhe bedurften, wenn ſie überhaupt jemals wieder ihre volle gleichmäßige Stärke erlangen ſollten. Mochte Juvrouw Emilie ſich noch ſo geiſtreich anſtrengen, ihre Freundin zu zerſtreuen, es lohnte ihre ſpitzigen Einfälle kaum zuweilen ein mattes Lächeln, das flüchtig wie Spätherbſt⸗Sonnenſchein wieder ver⸗ ſchwand. Weniger Eindruck als ſelbſt bei van der Hage, der ſeit jenen Ereigniſſen ernſt und in ſich gekehrt blieb, hatte das Erlebte bei dem Junker van Duizenbeek hinterlaſſen. Wenn er die Spuren auch noch als kaum vernarbte Wunden auf der Bruſt trug, ſo ſchien ihm dies nur ein Anlaß, das ſchon verloren gegebene, wiedergewonnene Leben in vollen Zügen zu genießen und ſeinem Haß gegen die unterdrückte Race noch un⸗ verhohlener Ausdruck zu geben. „Wenn es in meiner Macht läge, ich würde ſie Alle vertilgen, die Hunde. Aber langſam unter Folter⸗ qualen!“ ſagte er mit boshaftem Lachen, wenn darauf die Rede kam.„Eines wenigſtens kann man von der 5* 5 68 gelben Brut lernen: wie man ſich rächt. Ha, ich bin ein gelehriger Schüler und zahle es heim!“ Ein unheimlicher Blitz ſchoß dabei aus ſeinen Augen, als ob er das Opfer ſchon in Händen halte, und Suſanne erſchrak jedesmal, wenn ihm ſolche Worte entfielen, aber ſie hatte den Muth verloren, gegen ihn für das arme bedrückte und verführte Volk, dem ihre Mutter angehört hatte und dem ſie noch immer ihre Neigung und ihr Mitleid nicht zu entziehen vermochte, in die Schranken zu treten, was ſie auch von den Bethörten zu erleiden gehabt hatte. Alle, mit denen ſie verkehrte, Alle waren gegen ſie und begriffen die Schwäche nicht, die es noch verſuchen konnte,„dieſe raubluſtige, blutdürſtige und dämoniſche Meute“ zu vertheidigen. Ein Einziger ſchloß ſich mit mildem Urtheile ihren Anſichten an und wagte ſogar trotz des Widerſpruches manches entſchuldigende Wort. Er hatte dies auch während des Diners wieder gethan und ſich an den dadurch entfeſſelten Sturm nicht ge⸗ kehrt. Es war Paul Albot. Er ſaß Suſannen gegenüber, zwiſchen Emilie und dem Herrn des Hauſes und ſchälte, als gingen all' die heftigen Einwürfe nicht ihn an, ruhig das bittere Häutchen von dem ſaftigen Fleiſche einer roſenrothen 69 Scheibe, die er von der auf ſeinem Teller liegenden braunen Pompelmuſe abgelöſt. Er ſah wie verwandelt aus in dem eleganten Salon⸗Anzug, den er gleich den übrigen Herren trug; ſein ausdrucksvolles Geſicht hatte dabei noch bedeutend gewonnen, und die gelaſſen vornehmen Bewegungen kamen, wie ſein ſchlanker Wuchs, erſt in der kleidſamen Tracht zur vollen Geltung. „Sieh' nur, welch' ſchön gepflegte Hand für einen gemeinen Soldaten! Faſt hübſcher als die Wilhelm's. Du hatteſt doch nicht ſo ganz Unrecht!“ flüſterte noch knapp vor dem Diner Emilie ihrer Frenndin ſchelmiſch kichernd ins Ohr;„un papillon échappé de sa chry- salide!“ Und eine Verwandlung war in der That mit Paul vorgegangen, nicht blos mit ſeinem Aeußeren, ſeine ganze Lebensſtellung hatte eine günſtigere Baſis gefunden. War auch Colonel de Brabant's Verwendung nach Rückkehr der Expedition von Bali der Förderung ſeiner Wünſche zu Hilfe gekommen, ſo reichte dies vorläufig doch nicht weiter, als bis zu ſeiner Einberufung in's topographiſche Bureau, von dem er die Aufgaben für ſeine mehrmonatliche Prüfung zugewieſen erhielt. Nach⸗ 70 dem er dieſe auf's vorzüglichſte beſtanden hatte, mußte er doch wieder zur Truppe einrücken, da momentan keine Stellen frei und noch einige vor ihm Einberufene in Vormerkung ſtanden. Mißmuthig hatte er ſich in ſeinen Ausſichten wie⸗ der auf die Zukunft vertröſtet geſehen, aber war ihm damals das Geſchick unfreundlich erſchienen, jetzt ſegnete er es, denn es hatte ihn zur rechten Stunde zur Rettung der ſchon dem Tode Verfallenen herbei⸗ geführt. Ja, war es nicht gerade dieſe Fügung, die in jener Minute Rettung überhaupt noch möglich machte? Konnte ſie ein Anderer vollbringen, der nicht denſelben Tauſch wie er zu bieten vermochte? War nicht ſelbſt der Umſtand wichtig geweſen, daß er in der Minder⸗ zahl kam und anfänglich überwältigt wurde, indeß er mit Uebermacht den flüchtigen Häuptling wohl ver⸗ trieben, allenfalls auch gefangen, ſicherlich dann aber nur noch die Leichen der Opfer gefunden hätte? Als Paul den Zuſammenhang erſt überſah, erbebte er; ihm war, als habe er einen Blick in die Werk⸗ ſtätte des webenden Schickſales gethan. Er lehnte auch jeden Dank entſchieden ab. Er habe kein Verdienſt, war ſeine ſtete Erwiderung, er fühlte es nur tief wie 71 ein unſchätzbares Glück, daß es ihm vergönnt geweſen, helfen zu können, und zwar vor Allem ihr, deren Bild er unvergeſſen bewahrte, wie er meinte, im grol⸗ lenden Herzen. Doch wenn auch er jede Anerkennung zurückwies, konnten ſich doch die Geretteten des Dankes nicht ent⸗ bunden erachten. Van der Hage bot ihm ſeinen ganzen Einfluß an, um ſeine Entlaſſung aus dem Dienſte zu erwirken, wornach er die Stelle eines Oberaufſehers in Panawang von Keyſer übernehmen könnte, der dann leicht auf einer der entfernteren Beſitzungen eine loh⸗ nende, ſelbſtſtändigere Verwendung fand. Paul war jedoch nicht zu bewegen geweſen, auf ein ſolches Arrange⸗ ment einzugehen, ſo vortheilhaft daſſelbe für ihn auch erſchien, ſo ſehr der Tuwan⸗beſar auch in ihn drang, er blieb feſt. Für ſechs Jahre hatte er Handgeld ge⸗ nommen, und er war entſchloſſen, ſeine Zeit vertrags⸗ gemäß zu Ende zu dienen. Vielleicht auch regte ſich, ihm ſelber unbewußt, noch ein Reſt des alten, durch alle Demüthigungen nicht ganz gebeugten Stolzes, der es ihn vorziehen ließ, lieber auf der tiefſten Stufe Diener eines Staates als auf hervorragender und pecuniär noch ſo gut geſtellter der eines Privatmannes zu ſein. Als Landsknecht hatte er ſich verdungen, und 72 6‿ lieber blieb er ein ſolcher, als daß er die Launen eines Herrn auf das geknechtete Volk übertrug. Faſt hätte er aber doch ſeinen Entſchluß bereut, als ihn die Auf⸗ gabe traf, die Gefangenen, deren man etwa dreihundert gemacht und von denen nur ein Theil auf der Stelle abgeurtheilt worden war, in Bekaſſie zu bewachen, wohin man ſie vorläufig gebracht. Doch wurde er raſch erlöſt. Van der Hage hatte ein anderes Mittel gefunden, ſich dankbar zu erweiſen. Seine Mittheilungen hatten Colonel de Brabant wie den commandirenden General auf's günſtigſte für Paul geſtimmt, und deren Verwendung war es gelungen, dem Aſpiranten, deſſen Arbeiten ohnedies ſchon die Aufmerkſamkeit auf ihn gelenkt, die erſte frei gewordene Opnemerſtelle zuzuwenden. Paul hatte nun das Ziel erreicht, nach dem er ſeit ſeiner Landung auf der Inſel geſtrebt und das ſonſt der dafür mit Talent Begabte ziemlich mühelos erreicht, da ſich unter den holländiſchen Colonial⸗Soldaten nur wenige dazu eignen und man ſogar in den letzten Jahren bemüht ſein mußte, inlän⸗ diſche Soldaten, die ſich nüchterner halten, zu dieſem Zwecke heranzubilden. Obwohl Paul ſeine Eintheilung und ſeinen Rang als Sergeant in der Armee behielt, war er doch in 73 ein ganz anderes Verhältniß getreten. Während der drei Probemonate, die er noch vor definitiver Ein⸗ theilung zur Zufriedenheit zurückzulegen hatte, bezog er ſchon einen Gehalt von monatlich hundertzwanzig Gulden mit der Ausſicht, dieſe ſpäter verdoppelt zu ſehen, und was weit eingreifender war, er hatte vom Tage ſeiner Ernennung an die von allen Claſſen ſo ſehr geſcheute Uniform abzulegen und mit dem Civil⸗ kleide zugleich Zutritt ſelbſt in ſolche Kreiſe, die ſich ſogar gegen den Officier mehr oder weniger zurückhaltend zeigen. Wenn auch als Sergeant im Regiſter geführt, war er doch als„Mijnheer Opnemer“*) den Herren der anſtändigſten Geſellſchaft vollkommen gleichgeſtellt, und er müßte ſich in ſeiner bisherigen Umgebung weni⸗ ger elend gefühlt haben, um dieſes Zurückkehren in die gewohnten Verhältniſſe nicht wohlthuend zu empfinden. Während der wenigen Tage, die ihm zur Cqui⸗ pirung in Batavia gegönnt waren, hatte er ſchon Ge⸗ legenheit, dies behagliche Gefühl voll zu genießen. Er wanderte jetzt nicht mehr wie ein Paria an dem glän⸗ zenden Geſellſchaftshauſe der„Concordia“ oder„Har⸗ monie“ vorüber. Es hob ſich kein parfümirtes Sacktuch *) Aufnehmer bei der Laudesvermeſſung. 74 mehr, wenn er ſich zufällig einer dieſer eleganten Da⸗ men nahte, und ſelbſt ſeine Aufnahme in der Villa in Rijswijk, wohin ihn van der Hage auf's dringendſte eingeladen, war eine andere, als ſie ſich wohl trotz des anerkannten Verdienſtes, wenigſtens von Seite der Damen des Hauſes, geſtaltet hätte. Er war heute zum dritten Male hier— leider auch zum letzten Male, denn am nächſten Morgen lichtete das Boot die Anker, das ihn nach Samarang, der drittgrößten Küſtenſtadt des Landes, bringen ſollte. Gewiſſermaßen ihm galt dieſes Abſchieds⸗Diner, und er war nicht wenig überraſcht, auch van Duizenbeek bei demſelben zu finden. Mochte der Lieutenant, der erſt kürzlich geneſen war, in der That einige Dankbarkeit für ſeinen Retter empfinden oder ſchämte er ſich, ſeine Herzloſigkeit zu verrathen, kurz, er zeigte ſich tactvoll genug, über das früher Vorgefallene, als wäre es nicht geſchehen, hin⸗ wegzugleiten. Er hütete ſich ſeinen militäriſchen Rang gegen den in keinem Subordinations-Verhältniſſe mehr Stehenden hervorzukehren und begegnete ihm, wenn auch kühl, doch artig. Nur der Blick, der ab und zu Paul und gleich darauf ſein holdes Gegenüber ſtreifte, ver⸗ rieth ſeine geringe Sympathie und ein gewiſſes nicht zu bannendes Mißtrauen. N 82 75 Und etwas davon äußerte ſich jetzt faſt in den Worten: „Man muß beſondere Intereſſen haben, um ſich ſo warm einer Räuberbande anzunehmen.“ „Verzeihen Sie, Herr Lieutenant“, fiel Paul ihm gelaſſen in die Rede,„man muß nur ein Gefühl für Menſchlichkeit haben, wenn man die Härte des Erobe⸗ rers beklagt, der ſich ſtatt freundlicher Diener rachſüch⸗ gige Sklaven heranzieht.“ Van Duizenbeek lachte und zuckte die Achſeln, doch er ſchwieg. Man erhob ſich vom Tiſche, Paul's Serviette fiel, von Emiliens Kleid herabgefegt, zu Boden, ein leiſes Klingen ließ ſich vernehmen und ehe der Diener ſich noch bückte, hatte Emilie ſchon raſch einen kleinen Gegen⸗ ſtand aufgehoben. „Sieh da, Ihr Ring!“ ſagte ſie zu Paul. „In der That, ich muß ihn unverſehens mit der Serviette abgeſtreift haben. Er iſt mir zu weit.“ Emilie hatte unterdeß in aller Eile einen neugie⸗ rigen Blick auf den Schmuck geworfen und war ſogar naiv genug, dies zuzugeſtehen, indem ſie ihre Entdeck⸗ ungen laut bekanntgab. „Ei, ei, Mijnheer Opnemer“, rief ſie neckiſch,„alſo 76 Friederike heißt ſie? Und aus Gram um die ver⸗ laſſene Dame Ihres Herzens ſind Sie ſchon ſo ſehr abgemagert, daß Ihnen ſogar dies Zeichen der Erin⸗ nerung zu weit wird. Schlimme Vorbedeutung!“ Paul war etwas betreten, Emiliens unzeitiger Scherz verdroß ihn, doch beherrſchte er ſich ſo weit, um ſeinen Ring mit ziemlich gemeſſener Verbeugung an ſich zu nehmen. „Wer weiß, Mejuvrouw“, entgegnete er dabei mit kühlem Lächeln,„das kommt auf die Ausdeu tung an.“ War es Zufall, daß gerade in dieſem Momente ſein Auge dem Suſannens begegnete? Die Jungen reichten Kaffee und Liqueur herum, der Hausherr bot Cigarren und lud die Herren zum Spiele ein. Paul lehnte Beides ab, er blieb bei den Damen auf der einen Seite der Pendoppo, während Goudelaar, van der Hage und der Lieutenant ſich am an⸗ deren Ende derſelben zum Kartentiſche ſetzten. Später ſprach auch Eekhoorn ein, doch verſtärkte ernicht die Spiel⸗ partie, ſondern nahm nur eine Weile mit Mevrouwals Zu⸗ ſeher theil, nachdem Emilie ſeine Galanterien ſchnippiſch von ſich gewieſen und ſich ſchließlich auch ſeiner ſtum⸗ men Ehrerbietung ungnädig entzogen hatte, um in der —4, 74 Innengalerie ihr armes Inſtrument den Aerger ent⸗ gelten zu laſſen, den Vetter Wilhelm's froſtige Zurück⸗ haltung erregte. Nachdem ſie ihren Gefühlen in einem entſetzlich diſſonirenden Sturmgalopp Luft gemacht, ſchlug ihre Stimmung um und ihr Liebesſchmerz ergoß ſich in einer unabſehbaren Folge thränenreicher Reverien, die einem Tauben das Herz aus der Bruſt hätten reißen können. Dennoch fand ſich dafür ein entzückter Zuhörer, und wenn all' die ſchmelzenden Empfindungen auch nicht ihm galten, ſo konnte er ſeine Bewunderung doch nicht ver⸗ hehlen, was ihn allmälig in ein eifriges Geſpräch mit Mevrouw Goudelaar verwickelte, das nur hin und wieder durch die Kleinen geſtört wurde, die ihre Babu um Zuckerwerk quälten, die ältere Schweſter mit einem ergreifenden, nervöſen Hunden auf's täuſchendſte nach⸗ geahmten Geheul accompagnirten, ab und zu liefen und dabei immer wieder ein dringendes Anliegen bei Mama vorzubringen hatten. So war es gekommen, daß Paul und Suſanne, faſt ohne daß ſie es merkten, mit einander allein blie⸗ ben, und als ſie deſſen gewahr wurden, brach plötzlich das bisher ſo lebhaft geführte Geſpräch über Muſik ab, als ob es mit einem Male jedes Intereſſe verloren hätte, 78 und das eingetretene Schweigen erhöhte noch Beider Verlegenheit. Es war ihnen, als ſei jedweder Ge⸗ ſprächsſtoff wie weggezaubert in den Boden geſchlüpft. „Ich freute mich wirklich, Ihre humanen Anſichten zu hören“, begann endlich Suſanne, nur um irgend etwas zu ſagen.„Es findet ſich ſelten unter den Herren vom Militär, daß ſie das arme Volk nicht ver⸗ achten.“ „Ich glaube“, verſetzte Paul mit ein wenig iro⸗ niſchem Lächeln,„es findet ſich auch ſelten unter den vornehmen Damen hier.“ „Sie ſagen das, als wollten Sie mir ebenfalls einen Vorwurf machen.“ „Das würde ich nicht wagen, aber den Ausdruck leiſer Verwunderung müſſen Sie mir doch geſtatten, Mejuvrouw, Sie ſolch' humanen Anſichten zuſtimmen zu hören. Oder“, fuhr er, Suſannens fragendem Blicke feſt begegnend, mit verſchärfter Ironie fort, „oder gilt Ihr Mitleid nur dem eingeborenen armen Volke?“ „Ich verſtehe nicht, worauf Sie zielen, Mijnheer. Ich mache keine Ausnahmen.“ „Blos mit dem armen Volke der Soldaten. Ich weiß eine kleine Geſchichte, die mich faſt an die Fabel 79 vom Löwen und der Maus gemahnt, nur weicht ſie im Beginne ſtark von der Fabel ab. Der Löwe— hier eine ſchöne vornehme Dame— weit entfernt, das Mäuslein zu verpflichten, wendete ſich verächtlich von dem armen Thierchen ab, die Dame barg das Antlitz in ihr Schnupftuch, nur um den verächtlichen Soldaten nicht zu ſehen, der es gewagt hatte, in der Nähe ihres Wagens ſtehen zu bleiben, gleich anderen bevorzugten Cavalieren.“ „Und wer war jene Dame?“ fragte Suſanne, deren Wangen ſich lebhaft geröthet hatten, und deren Augen in ſtarker Erregung glänzten. „Sie, Mejuvrouw, an jenem Abende vor der „Concordia“,— die Maus— war ich.“ Doch wie anders kam es, als Paul erwartet hatte! Suſanne ſchlug nicht beſchämt die Augen nie⸗ der, um die Lection zu beherzigen, die er ihr in ſcherz⸗ haftem Tone, doch mit ernſter Abſicht ertheilen wollte, im Gegentheil, ihr Auge blieb feſt, und raſch, als ſei es ihr unerträglich, ſolchen Verdacht auch nur eine Secunde länger auf ſich ruhen zu laſſen, fiel ſie ein: „Sie haben jene Bewegung bemerkt? Wie konnten Sie glauben, es ſei ein Zeichen der Ver⸗ achtung?“ 80 „Es wäre ſchwer geweſen, etwas Anderes darin zu ſehen“, verſetzte er bitter.„Das Benehmen und die halben Worte der anderen Damen ließen keinen Zweifel aufkommen.“ „O freilich, es kommt Alles auf die Ausdeutung an!“ Auch Suſannens Stimme klang dabei herb. „Sie ſagten es ja zuvor ſelbſt.“ „Und wie iſt die Ihre, Mejuvrouw? Ich laſſe die meine gern berichtigen.“ „Sie fragen und haben doch ſchon Ihre vorge⸗ faßte Meinung. Inwiefern habe ich Ihnen durch mein früheres Verhalten Anlaß dazu gegeben?“ „Wollen wir annehmen, Sie hätten den armen Söldling vom Vorderdeck des„Kosmos“ nicht wieder erkannt?“ „Nein, denn ich habe Sie wieder erkannt, und gerade darum mußte mich die Ihnen gewordene empörende Behandlung noch mehr verletzen. War es denn nicht natürlich, daß ich in Scham und Unmuth meine Augen von einem Auftritte abwandte, der mir entwürdigender für den Angreifer als für den Belei⸗ digten erſchien.“ Bis jetzt war zwiſchen Beiden der Vergangenheit nicht Erwähnung gethan worden, jetzt war das Eis 81 gebrochen. Beide hatten ſich geſagt, daß ſie nicht acht⸗ los an einander vorübergegangen waren, und in dem Eifer, mit dem Suſanne ihre Vertheidigung geführt, lag mehr— es klang ein Etwas aus der Erklärung heraus, das Paul elektriſch berührte und mit unendlichem Wohlbehagen erfüllte. Er ergriff Suſannens Hand und drückte einen für bloße Ehrerbietung faſt zu warmen Kuß darauf. „Ich ſollte nun eigentlich um Vergebung bitten“, ſagte er in gedämpftem Tone, und ſein Auge leuchtete von innerer Heiterkeit,„und zwar aus doppelter Urſache Für's Erſte, daß ich Sie unrichtig beurtheilt, und das wäre verzeihlich; ich lerne Sie ja erſt kennen. Für's Zweite— und das wiegt ſchwerer— weil ich es an Großmuth fehlen ließ und mich der feurigen Kohlen rühmte, die ich ja in Wahrheit gar nicht auf dies holde Haupt geſammelt habe. Aber das vermag ich nicht zu bereuen, denn ohne dieſen Mangel an Groß⸗ muth wäre ich ja noch immer im Irrthume. Es iſt gut ſo! Wie viel ich kleiner wurde, ſo viel ſind Sie dabei gewachſen, und— ich freue mich deſſen und freue mich der Dankesſchuld, die Sie mir auferlegten.“ „Ich habe es nicht darum geſagt“, entgegnete Byr, Wrak IV 6 82 Suſanne, deren großes, zur Erde gerichtetes Auge die Verwirrung umſchleierte. „Nein, ich weiß es. Ich kenne Sie jetzt beſſer, Mejuvrouw Suſanne, und werde mich hüten, einen Dank auszuſprechen, der, für eine naturgemäße, ſchöne Regung gezollt, die beleidigende Würdigung deſſelben als ungewöhnliches Verdienſt enthält. Wofür ich Dank⸗ barkeit empfinde, das iſt ein ganz Anderes, das iſt die Erweckung eines in mir faſt erſtorbenen Gefühles: die Werthſchätzung des Frauenherzens. Sie haben mich wieder an deſſen Güte und edle Lauterkeit glauben ge⸗ lehrt.“ Suſanne ſah ihn erſtaunt, ja befremdet an. „Sie ſprechen ſo?“ fragte ſie.„Iſt es nur, um etwas Schmeichelhaftes zu ſagen? Sie kennen doch wenigſtens eines, an dem Sie nicht zweifeln.“ „Die Mutter bleibt ja immer ausgenommen“, ver⸗ ſetzte Paul achſelzuckend und mit trübem Lächeln. „Heißt Ihre Mutter—“ ſie ſtockte einen Moment und tiefe Gluth überflammte ihr liebreizendes Angeſicht, als ſie mit Ueberwindung die Frage durch den Namen ſchloß:„Friederike?“ Nun war es an Paul, befremdet aufzublicken; ein Schatten glitt über ſeine Stirne. Die Pauſe währte 83 ungewöhnlich lange. Dann zog er Randhof's Ring vom Finger. „Friederike“, ſagte er ernſt,„hieß meine Braut, die mich verließ, da ich arm geworden war— arm—“ er wollte ſagen„für ſie“, aber er hielt das Wort zu⸗ rück und fuhr fort:„Der Ring iſt eine Erinnerung an ſie, doch keine für mich. Der Name iſt auch der ihrer Mutter, und ihr Vater gab ihn mir, da er mich bat, als Teſtamentsvollſtrecker für die Ausfolgung des reichen Erbtheiles an ſeine Tochter zu ſorgen. Er iſt vor einem halben Jahre geſtorben.“ „Dann ſteht ja auch Ihrem Glücke kein Hinderniß mehr entgegen.“ Paul ſah Suſanne wieder eine Weile an, ehe er antwortete: „Friederike iſt ſeit Jahr und Tag verheiratet.“ „Ich verſtehe jetzt Ihre ſchmerzlichen Zweifel“, ſagte Suſanne, nachdem ſie ein wenig nervös mit ihrem Spitzentuche geſpielt. Solche Erfahrungen ſind wohl noch ſchwerer zu verwinden als die Erinnerungen an Vorfälle, wie ich ſie jüngſt erlebt.“ „Doch! Ich glaube, daß eine verblaßt wie die an⸗ dere, wenn neue, ſtärkere Eindrücke ſich geltend machen.“ „Vergeſſen Sie ſo leicht?“ . 6* 84 Die Frage klang wie ein Vorwurf, und Paul fühlte ſich plötzlich von dem unwiderſtehlichen Verlangen hingeriſſen, denſelben von ſich abzuwälzen. Der Ge⸗ danke, von ihr geringſchätzig beurtheilt zu werden, ſchien ihm unerträglich. „Leicht vergeſſen zu können“, ſagte er,„würde ich ü für ein Glück halten, aber es iſt mir nicht leicht ge— worden, wahrlich nicht leicht! Ich habe auch eigentlich W ein falſches Wort gebraucht, wenn ich von„vergeſſen“ ſprach. Es ſollte„überwinden“ heißen. Und finden Sie es ſo tadelnswerth, daß das Ueberwundene zurück— tritt in den Hintergrund? Finden Sie es tadelnswerth, daß ein Menſchenherz uns gleichgiltig wird, wenn wir erſt erkannt haben, daß es des innigeren Gefühles, der Begeiſterung, der Verehrung, die wir ihm gewidmet, unwürdig war? Dann erſt verurtheilen Sie mich, wenn ich mich treulos von einem Herzen wende, das ich erſt zu gewinnen geſucht, und deſſen ich müde würde, indeß es mir in ungemindertem Maße ſeine Zuneigung bewahrt, oder wenn ich nur einen einzigen Zug milder Freundlichkeit vergeſſen könnte, der mir, ſei es auch nur eine Minute meines Lebens verſchönte! Dann, Mejuvrouw, verurtheilen— dann verachten Sie mich!“ 85⁵ Suſanne ſchüttelte leiſe den tiefgeneigten Kopf. „Das werde ich niemals!“ „Auch nicht, wenn ich es verdiente?“ „Sie werden es niemals verdienen.“ Der Blick, mit dem Suſanne bei dieſen Worten ihre Augen zu ihm aufſchlug, berauſchte ihn. „Nein, nein“, rief er betheuernd,„es wäre ja unmöglich! Das Anbetungswürdige bleibt ewig unver⸗ geßlich!“ Eine ſanfte Röthe zog diesmal über Suſannens Wangen, aber erſchrocken zuckte ſie zuſammen und jede Farbe wich, als Emiliens Fächer ſie berührte. „Mein Gott, wie Du noch immer ſchreckhaft biſt. Kaſian!*) Armes Herz“, lachte Juvrouw Goudelaar. „Es thut mir leid, Eure intereſſante Unterhaltung zu ſtören, aber ich möchte Dich bitten, Mamma für mich zu ſagen, daß das Kleine ſich nicht ganz wohl be— findet und nach ihr verlangt, ja? Du weißt, ich ſpreche mit Mevrouw nicht, wenn es anders ſein kann.“ Der Schlußſatz wurde Suſannen nicht etwa leiſe in's Ohr geflüſtert. Juvrouw Emilie machte kein Hehl aus ihren Sympathien und Antipathien. Ein Ausruf des Bedauerns. 86 „Mijnheer Opnemer ſoll mir erzählen, wie ihm mein Spiel gefallen hat und welches Stück er vor⸗ zieht; ja?“ Paul ſuchte ſich ſo gut als möglich aus der Affaire zu ziehen, was ihm ſchwer genug wurde, da er kein einziges der Stücke beachtet hatte. Er that es obendrein mit mehr Liebenswürdigkeit, als man ſonſt einer un⸗ liebſamen Störerin zu bezeigen pflegt, aber ſo gern er einerſeits das Geſpräch mit Suſanne fortgeſetzt hätte, war er doch wieder dankbar, daß ihn die Unterbrechung vor einer größeren Unbeſonnenheit bewahrt hatte. Wenn auch ſein wiederholter Verkehr mit Suſanne in den letzten Tagen Beide einander näher gebracht und die gelegentlich bruchſtückweiſe erfolgte Mittheilung ſeiner Lebensſchickſale ihm ihre Theilnahme gewonnen, die offene Darlegung ſeiner Schwächen und begangenen Fehler eine günſtige Meinung für ihn erweckt hatte, ſo berechtigte ihn das noch immer nicht dazu, ſich von ſeinen mächtig anwachſenden, aufwallenden Gefühlen hinreißen zu laſſen. Wie ſchon früher einmal, ſagte er es ſich wieder mit ſcharfer Selbſtironie, welcher Ab⸗ ſtand zwiſchen ihm lag und der Tochter des reichen Pflanzers. Suſanne hatte ſich indeſſen dem Spieltiſche ge— 87 nähert, an dem ſie vorbei mußte, um ihren Auftrag an Mevrouw Goudelaar auszurichten. Die Herren führten ein lebhaftes Geſpräch, und unwillkürlich blieb Suſanne ſtehen, als Paul's Name an ihr Ohr ſchlug. Ihr Vater und der Hausherr kehrten ihr den Rücken zu und ſahen ſie nicht, van Duizenbeek aber that wenig⸗ ſtens, als ſehe er ſie nicht, indem er ſich mit dem Miſchen der Karten zu ſchaffen machte. Suſannens Nähertreten kam ihm offenbar ſehr gelegen, denn er er⸗ hob noch ſeine Stimme, ſtatt ſie zu mäßigen. „Glauben Sie mir, Mijnheer van der Hage“, ſagte er,„Niemand könnte beſſer über das braune Ding Auskunft geben als er. Ich habe nie begriffen, warum der Schuft von einem plantirten Liebhaber gerade mich nach ſeiner Mata⸗bunga fragte. Aber er muß mich offenbar für Albot's Vorgeſetzten gehalten haben. Als er ſelber da war, hielt er ſich an ihn. Haben Sie nicht gehört, wie er ausdrücklich ſagte, Mata⸗bunga liebt Dich; das iſt doch klar, und dann die Geſchichte mit dem Krys.“ „Ja, die Geſchichte mit dem Krys“, murmelte Mijnheer Goudelaar. „Von wem glauben Sie denn, daß dieſer Krys, der uns glücklicherweiſe das Leben rettete, ein ſo koſt⸗ 88 barer Schatz, in ſeine Kände gelegt wurde? Jeſſika, die ihrem Papa Shylock Diamanten und Ducaten ent⸗ führt und ſie ihrem Liebhaber zuſteckt, und der alte Idah Madeh Rahi mag in ſeinem Kerker auch auf und ab laufen und rufen:„Ich wollte, meine Tochter läge todt zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren!“ „Sie glauben?“ „Woher denn ſonſt dieſe Vorliebe für das braune Geſindel, das ihm ja ganz an's Herz gewachſen zu ſein ſcheint?“ Boshaft auflachend wiederholte er:„Wirklich an's Herz gewachſen, haha! Sie werden mir doch nicht glauben machen wollen, daß ein Edelmann in Europa, obendrein ein öſterreichiſcher Officier, ſolche demokratiſche Ideen eingeſogen haben kann?“ „Aber, daß er ſie ſo verſteckt hält? Hm! Er könnte ja ganz offen wie die Anderen?“ äußerte Mijnheer Goudelaar ſein Bedenken. „Klugheit!“ „In der That“, nahm nun auch Mijnheer van der Hage das Wort, während er mechaniſch ſeinen Grog umrührte.„In der That, ich muß mich faſt auch dieſer Meinung zuneigen. Schon Colonel de Bra⸗ bant ließ dergleichen Andeutungen fallen. Die Tochter 89 des aufſtändiſchen Bedana hat Herrn Albot in ſeiner ſchweren Krankheit aufopferungsvoll gepflegt und der Colonel hat ſie ſelbſt im Hoſpitale geſehen. Er glaubt, daß in Folge ſeiner eigenen, damals ausgeſprochenen Bemerkung das Mädchen beſeitigt wurde, daß aber das Verhältniß insgeheim weiter beſtehe. Der Colonel be⸗ dauert dies, ich kann es aber im Grunde nicht einmal ſo unrecht finden, wenn man ein treues Herz nicht un⸗ dankbar von ſich ſtößt.“ „Ich wollte, Juvrouw Suſanne hegte denſelben Grundſatz!“ ſeufzte van Duizenbeek, indem er ſich noch immer den Anſchein gab, als bemerke er Dieje⸗ nige nicht, für die ſeine Worte doch hauptſächlich be⸗ rechnet waren. Suſanne hatte genug gehört. Der kurze Herzkrampf war vorüber und ſie ging weiter, ihren Auftrag aus— zurichten. Was Paul früher zu ihr geſprochen, erſchien ihr jetzt in ganz anderem Zuſammenhange. „So war's gemeint! Auf jenes Herz bezog ſich die Betheuerung, es nicht verlaſſen zu wollen, ſo lange es ſelbſt in treuer Hingebung verharre und jener Zug milder Freundlichkeit, den die Dankbarkeit nie vergeſſen dürfe, war wohl die aufopfernde Pflege, der er ſeine Geneſung verdankte. Ja, ja, ſo iſt's und ich——?! 90 Aber es iſt ja wahr, wenn er ſich zuerſt bemüht hat, dies Herz zu gewinnen, wie er ſelber andeutete, ſo kann er nicht anders handeln, er hat Recht, ich darf ihn nicht verurtheilen, nicht verachten. Es iſt nur ſo ſchwer—!“ Was ihr ſo ſchwer erſchien, geſtand ſie ſich ſelber nicht, denn der Satz blieb unergänzt. Sie kehrte aber nicht ſofort auf ihren Platz zurück, ſondern zog es vor Mevrouw Goudelaar in die Kinderſtube zu begleiten. Als ſie endlich wieder in der Galerie erſchien, war ſie ruhig, aber ernſt und zurückhaltend. Paul empfand ſogar eine ihn ſchmerzlich berührende Kälte. Suſanne vermied es den ganzen Abend ſichtlich, mit ihm wieder zuſammenzutreffen, und ſelbſt als er Abſchied nahm, Abſchied vielleicht für immer, da lag ihre kleine Hand eiſig in der ſeinen, ſo daß er ſelbſt nicht den leiſeſten Druck wagte, und ihr„Reiſen Sie glücklich!“ war tonlos, als käme es von den Lippen einer Marmor⸗ ſtatue. Als der Wagen, in deſſen Kiſſen er ſich geworfen, davonrollte, ſchlug ſich Paul an die Stirne, ſein Herz war mit Unmuth erfüllt, aber er wußte nicht recht, ob gegen Suſanne oder gegen ſich ſelbſt. „Recht hat ſie!“ murmelte er ſchließlich,„ganz Recht, und n H0 ſiel Verre Nom 91 Recht, nur ich bin der Thor. Sie hat mich verſtanden und mir ihre Antwort zu verſtehen gegeben; Recht hat ſie! Ich und die Tochter des reichen Pflanzers— Verrücktheit! Der Opnemer Paul Albot und die Nonna⸗beſar von Panawang!“ Ein helles Hohnlachen erſchreckte den raſchen Gaul, der nun pfeilſchnell dahinbrauſte, als ſolle es Unheil geben. Viertes Kapitel. Ein Rompok. Weit im Oſten der über zweitauſenddreihundert Quadratmeilen an Flächeninhalt umfaſſenden Inſel zieht ein tiefer Thaleinſchnitt faſt durch deren ganze Eff Breite von Süden nach Norden den der Kali⸗Brantes mit ſeinen Zuflüſſen durchſtrömt. Mächtige Berge ſch thürmen ſich zu beiden Seiten auf. Im Oſten iſt es zu der beinahe zwölftauſend Fuß hohe Vulcan Semeru lei und der Gunong Tengger mit ſeinem ausgedehnten wiſ Berggebiete, im Weſten ſtehen ihnen die beiden Gu— wi nongs*) Kawi und Ardjuno gegenüber. Sa *) Vulcane. 93 Auf der höchſten Kuppe des letzteren, die aus großen übereinandergehäuften Trachytblöcken beſteht, iſt ein trigonometriſches Signal aufgerichtet, und auf dieſes weithin ſichtbare Zeichen war das Auge eines Reiters gerichtet, der, von Norden kommend, flußauf⸗ wärts den einſamen Weg zwiſchen den Zuckerplantagen und den in der Abendſonne dampfenden Waſſerſpiegeln der Reisfelder dahinzog. Auf der ſchmalen holperigen Straße war außer ihm, noch ein halbes Dutzend Büffelkarren, die langſam und ächzend auf ihren eckigen Rädern ihm entgegenkamen, und zwei Kulis, die hinter ihm hertrabten und auf ihren mit Glöckchen behängten und mit Fähnchen verzierten Bambus allerlei Reiſe⸗ Effecten trugen. Einen Augenblick lang hielt der Reiter ſogar ſein ſchönes Pferd an, um die Pyramide beſſer in's Auge zu faſſen. War es ja doch der Punkt, den er viel⸗ leicht manches Jahr hindurch anzuviſiren hatte, ge⸗ wiſſermaßen der Stütz⸗ und Haltpunkt ſeines gegen⸗ wärtigen Lebens. Nach ganz kurzem Aufenthalte hatte Paul Albot Samarang wieder verlaſſen, da er ſeine Zutheilung zu der in Surabaja ſtationirten Aufnehmer Brigade erhielt, die ihm ſein Terrain in Malang anwies, wo⸗ 94 hin er ſich ſofort über Paſſuruwan auf den Weg ge⸗ gemacht hatte. Das Ziel mußte nun bald erreicht ſein. In ſeinem weißen Anzuge mit dem breitrandigen Strohhute glich Paul faſt einem wohlhabenden Pflan⸗ zer, und der Eindruck wurde noch durch das ſchöne Pferd, welches er ritt, verſtärkt. Es mußte weit mehr gekoſtet haben, als einem Opnemer ſonſt zur Befrie⸗ digung ſeiner Paſſionen, ſelbſt wenn er ein ehemaliger Cavallerieofficier war und ihnen gern ein Opfer bringt, zu Gebote ſteht. Der Goldfuchs, von jenem großen Schlage, den man auf der Inſel nicht findet und eigens mit großen Koſten vom Cap der guten Hoffnung als Luxusgegenſtand einführen läßt, war ein Geſchenk van der Hage's, das einzige, welches Paul angenommen, theils, weil es ſeinem Bedürfniſſe ſo ſehr entgegenkam, theils, weil es in ſo zartſinniger Weiſe gemacht wurde, daß eine Zurückweiſung mehr Unfreundlichkeit und rohe Widerhaarigkeit, als wahr⸗ haften Stolz bekundet hätte. Erſt nachdem der Dampfer die Rhede von Batavia verlaſſen hatte, wurde Paul vom Capitän ein Brief überreicht, in welchem van der Hage mit ſcherzhafter Hinweiſung auf die Schwierig⸗ keit, für eine ſo ſtattliche Körpergröße in Java ein 95 verhältnißmäßiges Pferd zu finden, Paul den ſchon Abends zuvor an Bord gebrachten Hengſt als Andenken zu behalten bat, da ohnehin Niemand als ein ſo ge⸗ übter Reiter, wie er dem ſchwer zu bändigenden Tem⸗ peramente deſſelben gewachſen wäre. In Panawang ſei wenigſtens jeder Verſuch mißlungen. Hätte Paul nicht ſofort die wohlgemeinte Noth⸗ lüge erkannt, ſo würde ihm eben jetzt Gelegenheit ge⸗ worden ſein, die Schilderung als eine arge Verleum⸗ dung des feurigen, aber gehorſamen und gutgeſchulten Thieres zu erproben, als er auf den Ruf der Kulis: „Tuwan⸗Opnemer, Kalongs, Kalongs!“ die Büchſe von der Schulter riß und den einen Lauf gegen den großen Baum ſeitwärts des Weges abfeuerte, auf den ihn die Kulis aufmerkſam gemacht hatten und der an allen Aeſten mit ſeltſamen Früchten, wie mit dunklen, zuſammengeſchlagenen Bauernregenſchirmen behängt ſchien. Doch plötzlich begannen ſich alle zu regen und zu entfalten, und unmittelbar darauf flog eine dichte, kreiſchende Wolke gegen den höher gelegenen Wald. Nur eines der Thiere war von der Kugel getödtet worden, und neugierig betrachtete ſich Paul das von den Kulis herbeigehalte Exemplar des fliegenden Hun⸗ 2 des, von dem er bisher ſchon oft gehört, ohne ihn 96 noch geſehen zu haben. Wie wenig hatte er überhaupt bisher noch von der reichen Natur der Tropengegenden kennen gelernt. Es überkam ihn eine faſt jugendliche Luſt bei dem Gedanken an das einſame Leben in Berg und Wald, das ihm bevorſtand und ſo viel neue An⸗ regungen verſprach. Munter ſchwenkte er die Büchſe über, klopfte den Hals ſeines Pferdes, das trotz des Schuſſes die ganze Zeit über ſtillgeſtanden hatte, wie aus Stein gemeißelt, und ſetzte es dann wieder in raſcheren Gang, den Kulis bedeutend, daß ſie nur be⸗ quem folgen ſollten. In weniger als einer Viertelſtunde war die Strecke bis Malang zurückgelegt, aber beinahe hätte er, ſtatt einzureiten, ſein Pferd knapp vor dem Kampong wie⸗ der herumgeworfen. Die Erinnerung an die beiden mitgemachten Expeditionen war noch zu lebhaft, als daß er es räthlich gefunden hätte, ſich einzig und allein mit ſeiner Büchſe in eine haßerfüllte, blutgierige Auf⸗ rührerſchaar zu ſtürzen, und auf Aehnliches glaubte er ſich hier beinahe gefaßt machen zu müſſen. Wilde Rufe tönten ihm entgegen, weithin ſchallende Becken wurden geſchlagen, wie zu Sturmſignalen, kriegeriſche Geſtalten mit langen Lanzen eilten hin und her und ſchienen ſich auf dem Alun-Alun ſammeln zu wollen, und jetzt hatte ihn auch ſchon eine bewaffnete Schaar erſehen und kam auf ihn zugeeilt. Doch ſeine Beſorgniß erwies ſich als überflüſſig. Ehe er noch ſeine Büchſe an die Wange gebracht hatte, verwandelte ſich der ſcheinbare Angriff in eine Huldi⸗ gung. Die Lanzen ſenkten ſich, mit allen Zeichen der Demuth machten ſich deren Träger daran, den Fremd⸗ ling, der ſchon in ſeiner Eigenſchaft als Europäer einem höheren Weſen gleich geachtet wurde, feierlich einzuholen, und als ſie ſich vollends zu beiden Sei⸗ ten des Weges niederkauerten und verbeugten, na⸗ türlich, indem ſie dabei, wie es die javaniſche Sitte fordert, Geſicht und Vorderſeite ihres Körpers ehrer⸗ bietig von ihm abwandten, da konnte Paul bei ſolch' inoffenſiver Haltung kaum mehr an eine beabſichtigte Feindſeligkeit glauben. nen Empfang trieb er ſein Pferd an, ritt von ſeinem bewaffneten Gefolge geleitet, über eine zierliche Hänge⸗ brücke aus Bambusſtäben und Rotangſtricken und er⸗ reichte, nachdem er durch zwei lange, faſt ganz leere Gaſſen gekommen, den Alun⸗Alun, der mit einer dich⸗ ten Kette Lanzenträger rings umſtellt war, hinter wel⸗ cher ſich neugierig Weiber und Kinder drängten. „Pinggir!“ Das Zauberwort genügte, ihm eine Byr, Wrak. IV. Verwundert über dieſen ſolen⸗ 97 ( 98 Gaſſe zu öffnen, durch die ihn ſeine Begleiter bis zur Bobantjong“*) führten, die vor dem Kraton errichtet b war. Hoch zu Pferde, Alle überragend, hatte Paul. 1 ſchon von Weitem auf derſelben eine Gruppe von Zu⸗ ſchauern erblickt, unter denen er mehrere Europäer und ſogar zwei vollſtändig toilettirte Damen unterſcheiden konnte. Es war alſo hier offenbar eine Feierlichkeit im Gange, irgend ein Schauſpiel, zu dem er wie ge— rufen kam. Aber auch er war ſchon bemerkt worden. Gleich anfangs hatte er ſeine Begleiter nach dem Tu— wan⸗Opnemer gefragt, und während er vom Pferde ſtieg, das ſeltſam ſtutzte, ſchnaubte und zurückwich, wie wenn es irgend eine Gefahr wittere, kam ſchon ein junger blonder Mann, der ſich raſch von der Geſell⸗ ſchaft getrennt hatte, fröhlich mit entgegengeſtreckten Händen auf ihn zu. „Höre, daß Sie nach mir fragen“, grüßte er in deutſcher Sprache, deren lang entbehrter Laut Paul allein ſchon für den Sprecher gewann.„Irre mich alſo ſicherlich nicht, wenn ich in Ihnen Herrn Albot vermuthe. Der neue Aufnehmer iſt mir ſchon brieflich aviſirt. Ich bin der alte, mein Name iſt Hardenſtein, 99 und eine Stube für Sie iſt in meinem Bambus⸗Palais bereit. Jetzt kommen Sie aber nur ſchnell! Der Rom⸗ pok ſoll jeden Augenblick beginnen, Volk und Herrſcher ſind ſchon ungeduldig, und wenn ein neuer Tuwan auf einem in dieſen Thälern noch nie geſehenen Pracht⸗ pferde auch momentan intereſſanter als der ſchönſte Königstiger iſt, ſo wollen wir die Geduld des Publi⸗ cums doch nicht zu ſehr auf die Probe ſtellen. Die unerläßliche Vorſtellung bei den hohen und allerhöchſten Herrſchaften wird ohnedies noch einige Zeit wegnehmen.“ Dabei hatte er Paul unter den Arm genommen, und ehe dieſer noch zu Worte gekommen und ſeine Lach⸗ luſt über die mit merkwürdiger Zungengewandtheit herausgeſprudelte Rede bezwungen hatte, ſah er ſich ſchon auf der Bobantjong und einer Verſammlung von Europäern und javaneſiſchen Großen gegenüber. Der Tumongong, der Reſident⸗Aſſiſtent und deſſen Gemah⸗ lin empfingen ihn mit feierlicher Höflichkeit und der Erſtere bot ihm unweit von ſich einen Platz an. „Ihr ſchönes Pferd hat imponirt“, raunte Har⸗ denſtein dem Neuangekommenen zu. Die übrigen Herren, ein Arzt und mehrere Pflan⸗ zer, machten in cordialerer Weiſe mit Paul Bekannt⸗ ſchaft, doch beſchäftigten ſie ſich vorerſt nicht viel mit 100 ihm, denn Aller Augen richteten ſich erwartungsvoll auf die Mitte des Hauptplatzes, wo das Schauſpiel ſtattfinden ſollte, zu deſſen Beginn ſoeben das Zeichen gegeben wurde. Für's Erſte war nichts zu ſehen als ein Geſtell, das einem Dache oder einer Rieſenſchildkrötenſchale glich, und etwas entfernt davon eine viel niedrigere Schütte Stroh, unter der ſich— wie Hardenſtein mit kameradſchaftlicher Liebenswürdigkeit erklärte— der Tigerkäfig befinden ſollte. Jetzt flog eine geſchickt geſchleuderte Fackel auf das Stroh und ſetzte es in Brand. Ein Brüllen ließ ſich unmittelbar darauf vernehmen, welches ſo furcht— bar klang, daß Paul unwillkürlich nach ſeinem Pferde umblickte, deſſen ſeltſame Scheu er nun verſtand. Zu ſeiner Beruhigung ſah er, daß man ſchon ſo vorſichtig geweſen, es fortzuführen. Das brennende Stroh war inzwiſchen auseinander⸗ geriſſen worden, mit einem ungeheuren Satze war das ſchöne, große Thier aus dem Käfig, ſah ſich um und ſtutzte. Das währte aber kaum eine halbe Minute, dann ſchien der Tiger ſeinen Entſchluß gefaßt zu haben; in raſchem Laufe durchmaß er den leeren Platz und ſuchte die dichten Reihen ſeiner Feinde, der Bobant⸗ 101 jong gegenüber, zu durchbrechen. Man kennt jedoch die Gewohnheiten dieſes Königs der Wälder und be⸗ ſetzt die Windſeite am ſtärkſten. Ein Lanzenwald ſtarrte ihm entgegen. Er wendete ſich und ſuchte durch einen kühnen Satz an einer zweiten Stelle das Freie zu gewinnen, doch auch hier wurde er zurückgedrängt. Befremdet, eingeſchüchtert, floh er nun zu ſeinem Käfige zurück, duckte ſich hier wie zum Sprunge und peitſchte mit ſeinem prächtigen Schweife den Boden. So ver⸗ hielt er ſich eine ganze Weile lauernd, ohne ſich von der Stelle zu regen. Das währte der Aufregung, die ſich der Zuſchauer bemächtigt hatte, zu lange. Spotten und Lachen ſtrafte die anſcheinende Feigheit des wil— den Burſchen, dem einzeln zu begegnen doch wohl kaum einer der Spötter Muth genug beſeſſen hätte. Jetzt bewegte ſich das ſchildkrötenförmige Dach, und dabei erſt wurde bemerkbar, daß es von Bewaffneten beſetzt war, deren Lanzen plötzlich aus einer Menge kleiner Oeffnungen hervorſtarrten. Der Igel rückte dem Tiger auf den Leib, doch nicht etwa, um ihn zu tödten, ſon— dern nur, ihn wieder zu neuen Verſuchen anzuſpornen. Dies gelang auch vollkommen. Das gequälte Thier ſprang auf und flog zum zweiten Male gegen die Windſeite hin, aber auch dies— 102 mal ebenſo vergeblich. Ein Gebrüll, viel wilder und durchdringender als beim Beginne ausſtoßend, jagte es an den vorgehaltenen Lanzen hin, ein abgebrochener Schaft ragte aus der Weiche hervor. Die Wunde machte den gereizten Geſellen vollends raſend und blind vor Wuth. Mit einem Male wendete er um, war mit Blitzesſchnelle an dem Lanzendache vorüber und warf ſich im Verzweiflungsſprunge auf die vor der Bobantjong aufgeſtellten Reihen. Ein Durchbruch nach dieſer Seite konnte gefähr— lich werden, aber es war dafür vorgeſorgt. Man be gnügte ſich diesmal nicht mit bloßer Abwehr, die Auf regung war ſchon zu ſehr geſtiegen, der Tiger mußte ſeinen kecken Verſuch, die vornehme Zuſchauerſchaft in ihrem Behagen zu ſtören, mit dem Leben büßen, die Spieße aller Zunächſtſtehenden begruben ſich in ſeinem Leibe. Schmerzbrüllend ſank das Opfer des grauſamen Feſtſpieles zuſammen und war nach wenigen Zuckungen todt, denn Jeder, der ſich heranzudrängen vermochte, wollte auch ſeine Waffe noch in das dampfende Blut tauchen, um ſeinen Theil an dem Ruhm der gefahr loſen That zu haben. Mit Intereſſe war Paul dem Schauſpiele gefolgt, den nunmehr ausbrechenden Jubel konnte er aber doch 103 nicht begreifen. Er fühlte faſt Mitleid mit dem erſt noch ſo ſchönen, furchtbaren Thiere, das nun, faſt bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt, in einer Pfütze von Blut und Staub lag. Während der Cadaver weggeſchleppt wurde, muſterte Paul ein wenig ſeine Umgebung, die immer hin einige Aufmerkſamkeit verdiente. Der Tumongong, ein noch jugendlicher Mann mit hübſchen arabiſchen Zügen, trug eine ſchwarze, cylin⸗ driſche Mütze, eine gelbe Jacke, einen dunkelrothen Sa⸗ rong und rothe Pantoffeln an den bloßen Füßen; im Sarong hatte er zwei Kryſe ſtecken, deren koſtbare Griffe von Diamanten funkelten. Er ſaß, gleich dem Reſidenten an ſeiner Rechten und den übrigen Euro⸗ päern auf einem Stuhle, während die Bedanas und Demangs, die an den Flügeln der Bobantjong ihren Platz gefunden hatten, auf ihren Ferſen kauerten. Gelb, die Galafarbe, herrſchte in der Bekleidung vor. Auf einem etwas tieferen Abſatze, unmittelbar vor den Europäern, war eine Amazonen⸗Leibgarde poſtirt. Acht junge, hübſche Mädchen trugen je Schwert, Krys, Säbel, Capmeſſer, Pfeil und Bogen, Schild und Lanze. Ihr blumengeſchmücktes Haar barg ſich zum Theil unter einer phantaſtiſch helmartigen Kopfbe⸗ 104 deckung aus Goldblech. Ueber den gelben Sarong, unter welchem kleine, mit Ringen geſchmückte Füße hervorſahen, fiel eine kurze, violette Jacke, die aber den Obertheil der Bruſt wie die Schultern bloß ließ. Hals, Unter⸗ und Oberarm waren von goldenen Span⸗ gen umſchloſſen, und Alle hatten Schultern und Wan— gen ſtark mit gelbem Turmerikpulver geſchminkt. Zu beiden Seiten der Bedajas ſchloſſen ſich Zwerge und alte Weiber an, von denen eines mit der Speichel⸗ doſe vor dem Tumongong kauerte, denn dieſer, ſowie alle die inländiſchen Zuſchauer, die Weiben und Mädchen, kauten unausgeſetzt ihren Betel. Hinter dem Regenten ſtand ein Diener, der über ſeines Herrn und des Re⸗ ſidenten Haupt einen großen weiß und orangen, reich mit Gold verzierten Pajong hielt, mehr als Zeichen der Würde denn zum Schutze vor den ſchon ſehr ſchrä⸗ gen Strahlen der Sonne. Uebrigens hatten auch die reichgekleideten Verwandten des Regenten wie die Euro⸗ päer ihre durch Farbe, Umfang und Verzierung den Rang diſtinguirenden Sonnenſchirme. Der anſehnlichſte war der über den beiden europäiſch gekleideten Damen, von denen die Eine die Gattin des Reſidenten, die Andere die des holländiſchen Arztes war, beide ubrigens Nonnas, die das erfriſchende Turmerikpulver, 105 nicht zum Vortheile, durch grelle weiße und rothe Schminke erſetzt hatten. Die Reſidentin war eine wohlbeleibte, mannhafte Dame, in reiferen Jahren als ihre Begleiterin, und ſie erſchien Paul, je länger er ſie anſah, um ſo be⸗ kannter. Auch dem Reſidenten war er ſchon irgendwo begegnet, und als er ſein Gedächtniß ein wenig an⸗ ſtrengte, kam er auch darauf, daß dies zweifellos daſ⸗ ſelbe Ehepaar war, unter deſſen Schutz Suſanne die Reiſe von Rotterdam nach Batavia zurückgelegt. Paul war ſicherlich auf der Ueberfahrt von Beiden gänzlich unbeachtet geblieben, dennoch erfüllte ihn jetzt eine eigen⸗ thümliche Empfindung von wehmüthiger Freude bei der gemachten Entdeckung. Schien es ihm nun doch möglich, trotz der weiten Entfernung von Batavia, von Zeit zu Zeit Nachricht über Diejenige zu erhalten, die er nimmer vergeſſen konnte, wie er es ihr ja ſelbſt geſtanden, und der ſein Herz gehörte, wenn er ſich auf die Zukunft auch keine trügeriſchen Hoffnungen machte. Es war wohl anzunehmen, daß zwiſchen der Reſidentin und van der Hage's, der Verkehr wenigſtens brief⸗ lich fortgeſetzt wurde, und Paul beſchloß, ſich bei erſter Gelegenheit Gewißheit darüber zu verſchaffen. Das Tigerſtechen war zu Ende, nicht aber die 106 ganze Feſtlichkeit, die, wie Hardenſtein ſeinem neuen Collegen mittheilte, der Geburt des erſten männlichen Sprößlings galt, deſſen ſich der Tumongong in ſeiner ſchon mehrfach gewechſelten Ehe erfreute. Es entſtand jetzt eine kurze Pauſe, da die Sonne ſchon im Sinken war und der muhamedaniſche Gebrauch dieſen Moment heiligt. Kaum war der letzte goldene Strahl hinter dem Ardjuno verſchwunden, als die Stimme des Prie⸗ ſters vernehmlich wurde, der jenſeits des Alun⸗Alun von der dem Kraton gegenüberliegenden baumumgrün⸗ ten Moſchee die Gläubigen zum Gebete rief. Den Zeitraum, während deſſen dieſer Aufforderung ſowohl vom Hofſtaate wie von der übrigen Bevölkerung Folge geleiſtet wurde, benützte Hardenſtein, nähere Bekanntſchaft mit ſeinem vorläufigen Arbeits-⸗ und Hausgenoſſen zu ſchließen, doch ließ ihn ſeine lebhafte Mittheilungsluſt kaum zum Empfange irgend eines Berichtes kommen. Indeß er von Paul noch nichts als den Namen wußte, trug er umſomehr Sorge, über ſeine eigene Vergangenheit, ſeine Wünſche und Beſtrebungen Auf⸗ klärung zu geben. Aus Chemnitz in Sachſen zu Hauſe, Ingenieur von Fach und Chemiker aus Neigung, hat⸗ ten ihn Unternehmungsgeiſt und Reiſeluſt immer weiter nach dem Oſten Europas geführt; das genügte ihm 107 aber nicht, und da ihm ſeine durch allerlei Experimente ſehr zuſammengeſchmolzenen Mittel das Ziel ſeinern Sehnſucht in anderer Weiſe zu erreichen nicht geſtatten wollten, hatte er ſich kurzweg entſchloſſen, holländiſche Colonialdienſte zu nehmen, wornach er auf demſelber Wege wie Paul, nur in kürzerer Friſt, in ſeine jetz ge Stellung gelangt war. „Abenteurer, Abenteurer ſind wir Alle!“ ſchloß er, leiſe lachend, ſeine Erzählung.„Und eigentlich ſollten wir uns auch gegen Oſten wenden und unſer Bittſprüchlein herſagen, Frau Aventiure, unſere Schutz heilige, günſtig zu ſtimmen. Na, ſehen Sie'mal, wie ernſt die Leute die Sache nehmen! Aber freilich— an Höfen iſt man überall fromm, das gehört einmal zu den Regierungsgrundſätzen, hier wie bei uns daheim Wo die Etikette nicht mehr hinreicht, herrſcht Heiden⸗ thum. Reiten Sie einmal zu den ſchönen Tempeln von Singoſari hinüber, Sie werden noch immer An⸗ hänger Buddah's finden. Aber ſtill, jetzt kommt das Hübſcheſte, und zwar zum Theil mein Verdienſt. Durch das beſondere Vertrauen des Regenten geehrt, habe ich mich der angenehmen Beſchäftigung unterzogen, das Ballet Seiner Hoheit höherer choreographiſcher Aus⸗ bildung zuzuführen. Es iſt mir einigermaßen gelungen, 108 wie ich ohne Schmeichelei behaupten darf und Sie ſelbſt beurtheilen können. Den Lohn trägt die gute That in ſich ſelbſt“, fügte er mit fauniſchem Augen⸗ zwinkern humoriſtiſch bei.„Du lieber Himmel, mit der bloßen Opnemerei müßte man ja vor reiner Lang⸗ weile zu Leder einſchrumpfen!“ Er hätte vielleicht noch immer nicht zu plaudern aufgehört, wenn die weithin ſchallenden Schläge des Gong ſeine Stimme nicht übertönt hätten. Der Game⸗ lang begann eine ernſte kriegeriſche Melodie, und Flam- men erleuchteten den zunächſt am Bobantjong gelegenen Raum mit rothem und bläulichem Scheine— auch eine Erfindung Hardenſtein's, deren er ſich rühmte. Die Bedajas hatten ihre Plätze verlaſſen und zogen nun paarweiſe über dieſelbe Stelle hin, auf der früher die Lanzenträger ſtanden, die den Tiger getödtet hatten. Es waren Bretter gelegt worden, und die Mädchen konnten ihren Aufzug ausführen, ohne ihre zartgepfleg⸗ ten Füßchen, die nur hin und wieder unter dem lan⸗ gen Sarong zum Vorſcheine kamen, an dem Blute des gefällten Thieres zu verunreinigen. Die Amazonen legten ihre Waffen ab, ein heiterer Chor von Frauen— ſtimmen erhob ſich und begleitete den Tanz, der nun in raſchem Tacte begann. n 109 „Paſtorale“, hatte Hardenſtein das Programm erklärt, aber trotz der Munterkeit, die ausgedrückt wer⸗ den ſollte, behielten die Tänzerinnen ihre ſchwermüthigen Mienen, und nur aus dem Auge lachte zuweilen der Schalk. Schritte machten ſie im Ganzen wenige, nur hin und wieder, um eine neue Verſchlingung zu bilden, ſonſt beſchränkte ſich Alles auf anmuthige Stellungen und ſchöne Bewegungen des Oberleibes. Der Game⸗ lang, der den Geſang nur leiſe begleitet hatte, fiel nach einer Weile mit einem ſtörenden, unangenehmen Durcheinander von Tönen ein, und die Bewegungen der Tänzerinnen wurden herausfordernder, verächtliche Geberden wurden gewechſelt, und ohne Erklärung konn⸗ ten die Zuſchauer verſtehen, daß eine Beleidigung gefallen war, die nur durch den Kampf beglichen werden konnte. Die Bedajas griffen wieder zu ihren Waffen und tra⸗ ten in zwei Parteien einander gegenüber, welche ſofort den Streit begannen. Eine wilde, fortreißende Melo⸗ die, in die ſich zeitweiſe leidenſchaftliche Chöre miſchten, feuerte die Amazonen an. Bogen und Pfeil, Krys und Lanze wurden gekreuzt und geſchwungen, und die Wuth des Kampfes gab Anlaß zu den ſchönſten Stel⸗ lungen und Bewegungen, die trotz der vortrefflichen Cha⸗ rakteriſtik doch immer gemeſſen und graziös blieben. 110 Das Schauſpiel ſchloß mit dem Siege der einen Partei, die dann über den ſcheinbaren Tod der Er⸗ legenen in Reue verfiel und unter dem weichen Weh klagen des Frauenchores, unter den melodiöſen, leiſen Klängen des Gamelang um den gefallenen Feind trauerte, bis die Todtgeglaubten ſich wieder erhoben und ie wiedergewonnenen Freunde mit ſich hinwegzogen, wo⸗ rauf Alle den alten Platz zu Füßen des Tumongong einnahmen. Die Vorſtellung hatte Enthuſiasmus erregt, und zwar nicht blos unter den dichtgedrängten inländiſchen Zuſchauern, Jubel und Geſang ertönte von allen Sei⸗ ten, und die Frau des Reſidenten winkte gnädig Har⸗ denſtein an ihre Seite, um ihm einiges Verbindliche über die Vervollkommnung des urſprünglichen Schau⸗ ſpieles zu ſagen, wobei ſie aber nicht unterließ, ihm mit ihren fetten Fingern ſchelmiſch zu drohen. Mijn⸗ heer van Montfoort, der ſchon lange unruhig geworden war, benützte den Moment, wo die Hauptfeierlichkeit zu Ende war und die minder ceremoniöſen Volksbe⸗ luſtigungen begannen, ſeinen Platz an der Seite des Regenten zu verlaſſen, und war bald in ein angelegent⸗ liches Geſpräch mit zwei Plantagenbeſitzern vertieft. Auch Paul nahm die Pauſe wahr, die durch Vor⸗ 111 bereitungen zu einem Wayang“) ausgefüllt wurde, um ſich der Gattin des Reſidenten zu nähern. Mevrouw war ſehr gnädig; das Aeußere des neuen Opnemers hatte ſie beſtochen, ſie liebte ſchöne Männer und hatte deſſen kein Hehl, ohne viel darnach zu fragen, wie ſich ihr von der Natur wenig begünſtigter Gemahl in die Zurückſetzung fand. Trotz ihres herriſchen Auftretens war ſie aber gutmüthig und gab ſich ganz zufrieden, wenn ihr die bevorzugte Männerwelt ein wenig hul⸗ digte und ſich von ihr in mütterliche Protection neh⸗ men ließ. „Sie kommen ja aus Batavia?“ fragte ſie mit ihrer tiefklingenden Commandoſtimme.„Da bringen Sie gewiß Neuigkeiten mit— heraus damit, Mijn⸗ heer Opnemer!“ „Vielleicht hat Mevrouw noch nichts von dem kürzlich ſtattgehabten Aufſtande in Sumor⸗bening und Panawang vernommen?“ ging Paul direct auf ſein Ziel los. „Kein Wort! Mein Gott, in Panawang ſagen Sie?“ und da auf den lauten Ausruf ihr Gatte be⸗ ſorgt herbeigeſprungen war, theilte ſie dieſem ſofort *) Schattenſpiel. 112 die große Neuigkeit mit.„Denke Dir, in Panawang! Nein, iſt es möglich, ſo nahe an Batavia! Aber in Panawang“, wandte ſie ſich wieder Paul zu, da leben ja van der Hage's! Sie ſind doch nicht gefährdet ge⸗ weſen? Wie werden ſie erſchrocken ſein! Kaſian!“ Paul erzählte nun, häufig von Ausrufen unter— brochen, die Vorfälle, welche er vor Kurzem erſt er⸗ lebt, wie auch, was er aus Suſannens Mund über das Vorhergegangene gehört. So wenig er dabei ſeiner eigenen Verdienſte Erwähnung that, konnte er ſeine Betheiligung doch nicht ganz mit Stillſchweigen übergehen, und Mevrouw war gleich bereit, ſich für den Retter ihrer lieben Suſanne, wie ſie Paul trotz ſeines Proteſtes nannte, zu enthuſiasmiren. Das gab ein Fragen, ein Bedauern, eine Fluth von Lobeserhebungen und immer wieder ein erneutes Erſchrecken, daß es Paul beinahe leid that, mit ſeinen Kittheilungen nicht wenigſtens einen paſſenderen Mo⸗ ment abgewartet zu haben, denn dieſe lebhaften Aus⸗ rufe waren eine Störung für das Wayang, das mitt⸗ lerweile ſeinen Anfang genommen. Man hatte ein auf Karrenrädern ruhendes Bret terhaus durch Büffel vor die Bobantjong ziehen laſſen. Daſſelbe war größer als die gewöhnlichen 113 Pedati*) und vor der großen Seitenöffnung mit einem weißen Vorhange überſpannt, auf dem ſich die Schatten der aus Leder geſchnittenen und mit beweglichen Glied⸗ maßen verſehenen Figuren zeigten. Der Dialog dazu wurde in der alten javaneſiſchen Sprache gehalten, die für ſolche Darſtellungen aus der Mythologie ſtets be⸗ nützt wird, und von welcher die nur mit dem Malayiſchen vertrauten Europäer natürlich nichts verſtanden. Der Fürſt wie die übrigen Zuſchauer folgten dem Vorgange auf der kleinen Bühne mit großer Aufmerkſamkeit, woran ſich jedoch Mevrouw van Montfoort nicht im geringſten kehrte. Sie ſprach ungenirt fort, und Nie⸗ mand wagte über die Störung zu klagen— ein Zei⸗ chen, wie groß das Anſehen des die Regierung ver⸗ tretenden Reſidenten ſein mußte. Mevrouw war viel zu klug, um aus dem von Paul Mitgetheilten nicht ihre Schlüſſe zu ziehen. „Ich ſchreibe morgen und Sie fügen mir einige Zeilen bei, ja?“ forderte ſie Paul auf, und als der⸗ ſelbe ein wenig verlegen ablehnte, fuhr ſie wie tröſtend fort:„Alſo Lieutenant van Duizenbeek war auf Pana⸗ wang und mußte Schmerzen leiden? Kaſian! Das *) Büffelkarren. Byr, Wrak. IV ————— ——„. 114 Orang Kettyl iſt ſehr wild und grauſam, wenn es ausartet, aber man muß es zu behandeln wiſſen. Van der Hage iſt zu hart, und der Lieutenant, hm, der Lieutenant gehört in den Salon. Wiſſen Sie, ich glaube nicht, daß er ſich zum Tuwan eignet und dann, glauben Sie, daß Suſanne ſich viel aus ihm macht, ja? Sudah! Suſanne müßte ihre Anſichten ſehr geän⸗ dert haben. Aber es iſt abſcheulich, daß ſie ſo lange nicht ſchrieb!“ Schließlich hielt es Mijnheer van Montfoort doch geboten, auf das Vergnügen des Regenten einige Rück⸗ ſicht zu nehmen; er forderte ſeine Gattin zur Heimkehr auf und ſchloß ſich ihrer Einladung, recht bald und recht oft ihr Haus zu beſuchen, auf das freundlichſte an, ſo daß Paul es verſprechen hätte müſſen, auch wenn ihm ſelbſt weniger darum zu thun geweſen wäre. Man verabſchiedete ſich von dem Regenten, ohne auf den Fortgang der Handlung des Schattenſpieles viel Rück⸗ ſicht zu nehmen, und Hardenſtein beruhigte Paul mit der Erklärung, daß dieſes bis Sonnenaufgang dauere und daher noch genug Ergötzlichkeit verſpreche. Die übrigen europäiſchen Gäſte verließen ebenfalls die Bo⸗ bantjong und miſchten ſich unter das Volk, das ſich auf dem weiten Alun⸗Alun in mannigfaltigen Gruppen — 145 bei Geſang und Muſik und bei dem Scheine von Hun⸗ derten bunter Papierlaternen an den vertheilten Lebens⸗ mitteln, an Maskenſpielen, Tänzen, Gauklerſtücken und anderen hier gebotenen Genüſſen erfreute. Auch Paul durchſchritt mit Hardenſtein die hei⸗ teren Menſchenmaſſen, und wieder ſagte er ſich, daß es bei einiger Freundlichkeit und mit gutem Willen nicht ſo ſchwer ſein müſſe, über dieſes im Ganzen kindlich ſanfte und gutmüthige Volk zu herrſchen und es allmälig zu freierem, menſchenwürdigerem Da⸗ ſein zu erziehen. Doch blieb er nicht lange; müde vom weiten Ritte, wünſchte er, ſein College möge ihm einen Führer mitgeben. Hardenſtein erbot ſich aber ſelbſt dazu. „Mein Haus iſt das Ihre“, meinte er lachend, „am Ende muß ich aber doch dazuſehen, daß auch ich noch darin Platz finde. Nun, wie gefiel's Ihnen? Wie läßt ſich das Opnemerleben an?“ „Der Anfang war ſo übel nicht!“ Damit jedoch gab ſich Hardenſtein nicht zufrieden, es klang ihm zu kühl, zu zurückhaltend, und als ſie die im Gegenſatze zu dem Gewühle des Alun-Alun um ſo ſtilleren Gaſſen durchſchritten, in denen außer dem fern verklingenden Gamelang kein Laut vernehmbar 8 116 war als das leiſe, träumeriſche Gurren der Turtel⸗ tauben, deren Käfig an keiner javaniſchen Hütte fehlt, kam er wieder darauf zurück und rief mit einer komiſchen Miſchung unſchuldigen Neides und gutmüthiger Be⸗ wunderung aus: „Ich ſagte es, Sie waren der Held des Tages! Was Tiger, was Ballet, was Tumongong, was Har⸗ denſtein! Sie hätten nur einmal ſehen ſollen, Guteſter, welche Blicke Ihnen die Bedajas zuwarfen. Ich bin ausgelöſcht, rein ausgelöſcht, und in Mevrouws ge⸗ räumigem mütterlichen Buſen ſind Sie kopfüber ver⸗ ſchwunden. Na, darum keene Feendſchaft niche, wie ſie daheim bei Nachbars ſagen! Wir ſind zu Hauſe, Liebſter, treten Sie in die Pforte des Palaſtes. Sa⸗ lam! Willkommen den Penaten! Fünftes Kapitel. 1— Mata⸗bunga. Was auch die wechſelnden Jahreszeiten brachten, im Ganzen glichen ſich doch die Tage, ſelbſt der Tem⸗ — peraturunterſchied war unten an der Küſte kein ſonder⸗ lich wahrnehmbarer; und auch darin glichen ſich die Tage, daß einer die Spur des anderen verwiſchte, und die Abende, daß womöglich an jedem in Geſell⸗ ſchaft gefahren, Mediſance getrieben, geliebelt und ge⸗ tanzt wurde— man amüſirt ſich eben in Batavia. Einer jener glänzenden Bälle, welche die„Har⸗ monie“, der eleganten Geſellſchaft von Zeit zu Zei gibt, hatte noch nicht den Höhepunkt der Luſt und des Vergnügens erreicht, noch immer ſtiegen die Wogen, und um ſo auffallender mußte es erſcheinen, wenn ein 118 munterer Geſellſchafter, ein leidenſchaftlicher Tänzer ſchon ſo frühzeitig ſchied. Es war daher im Grunde nicht unnatürlich, daß Mevrouw Goudelaar, die in einem ſchweren Lila⸗ Seidenkleide an Eekhoorn's Seite durch die Quadrille rauſchte, ihrer Verwunderung Ausdruck gab. „Ich geſtehe, daß ich an ſeinen Vorwand nicht glaube“, flüſterte ſie zwiſchen den Figuren ihrem Tänzer vertraulich zu.„Es iſt immer ſein Dienſt, auf den ſich Wilhelm beruft, Sudah! Aber ſonderbar, wenn Suſanne van der Hage hier war, gab es nie Dienſt. Er hat ſich ſchon beurlaubt, und nur dieſe Francaiſe wollte er noch tanzen, weil er mit Emilien engagirt war. Glauben Sie, daß er in die Kaſerne geht, ja? Sie ſind ja ſein Freund, Sie müſſen das wiſſen.“ „Der Lieutenant van Duizenbeek“, verſetzte Eek⸗ hoorn achſelzuckend,„liebt es nicht, ſeine Freunde in ſein Vertrauen zu ziehen.“ „Aber es iſt vielleicht der Freunde Pflicht und Vortheil, ſich in dieſes Vertrauen einzudrängen, wenn davon die Erfüllung der eigenen Wünſche abhängt. Sie haben doch bemerkt, daß Wilhelm, ſeit ſeine wie— derholten Verſuche in Panawang ſcheiterten, Emilien ſeine Aufmerkſamkeit widmet. Glauben Sie nicht, daß er ſeinen Entſchluß gefaßt hat? Sehen Sie, wie er in ſie hineinredet, das arme Kind ſteht ganz in Flammen.“ Eekhoorn's Blick folgte dem ihren nach dem etwas entfernter tanzenden Paare, und ſeine Stirne umwölkte ſich; Mevrouw war zufrieden mit dem Effect und hielt die Gelegenheit gekommen, ihren eigentlichen Wunſch auszuſprechen. „Sie kennen meine Meinung, ja?“ ſagte ſie, ihre Stimme hinter dem vorgehaltenen Fächer noch mehr dämpfend. Eine Mutter hat Pflichten und muß prüfen, ob nicht ein Unwürdiger die Seele ihres Kindes um— garnt. Ihnen traue ich ganz und gar, und Sie wiſ⸗ ſen, ich unterſtütze Sie; aber Wilhelm iſt ein Roué, er denkt nur an das Geld, und Emilie würde unglück— lich mit ihm. Es muß mir Alles daran gelegen ſein, ſie zu überzeugen, und Sie ſind mir behilflich, ja?“ „An mir ſoll es wahrlich nicht fehlen, Mevrouw“, entgegnete Cekhoorn, den die ſo heuchleriſch zur Schau getragene Zärtlichkeit für die verhaßte Stieftochter unterhalten hätte, wenn ihn ſein Grimm gegen die auch von ihm ſchon wahrgenommene Wendung in Duizenbeel's Abſichten nicht zum Verbündeten der eifer⸗ ſüchtigen, vernachläſſigten Frau gemacht hätte, deren Beweggründe er ganz gut durchſchaute. d Es bedurfte alſo nur noch eines Winkes, ihn zu veranlaſſen, diesmal des Nebenbuhlers Wege-auszu⸗ kundſchaften, um dann die Karte erfolgreich gegen ihn ausſpielen zu können, wenn wirklich, wie Mevrouw behauptete, ſogar Emiliens Vater ſchon von van Duizen⸗ beek für die Verbindung gewonnen war. „Heute erſt ſprach mein Mann darüber mit mir“, ſchloß ſie.„Ich habe noch abgeredet, aber ohne Be⸗ weiſe geht Alles ſeinen Weg. Liegt Ihnen daran, es zu ändern, ſo ſchaffen Sie die Beweiſe, daß er ein leichtſinniger Menſch iſt.“ Eekhoorn's Lippen kräuſelten ſich eigenthümlich, als dächte er, dieſe Beweiſe könnten ſich am Ende näher und müheloſer finden laſſen, als es Mevrouw wohl lieb wäre, aber er hütete ſich, ſeine Verbündete zu ver⸗ letzen, und trat unmittelbar nach Beendigung des Tan⸗ zes hinaus auf die Treppe, die von der Vorgalerie des Geſellſchaftshauſes auf die Straße hinabführte. Sein Plan gewann ſo den Anſchein des Abſichtsloſen, Zu⸗ fälligen. Er hatte nicht lange zu warten. „Sieh da, Cekhoorn, Sie gehen auch ſchon?“ hörte er ſich alsbald von dem Lieutenant angeſprochen, der ebenfalls die Treppe herabſchritt. „Hm!“ murrte Eekhoorn,„habe es ſatt, mich ſchlecht behandeln zu laſſen. Aber Sie kann doch nicht, gleich mir, die Galle vertreiben?“ „Dienſt, Freund. Zeitweiſe ſind nächtliche Viſi⸗ tirungen nothwendig.“ „Alſo gegen das Campement? Da nehme ich Sie eine Strecke weit mit. Dort ſteht mein Bendy.“ „Ich ziehe es vor, eine Promenade zu machen.“ „Um ſo beſſer“, fiel Eekhoorn ein, der nicht Luſt hatte, ſich von der ausweichenden Antwort abweiſen zu laſſen.„Dann nehmen Sie mich mit.“ Der Lieutenant machte gute Miene und duldete es, daß der Freund ſich an ſeiner Seite hielt. Wäh⸗ rend ſie durch die dichten Gruppen des von den Klän⸗ gen und dem Lichterſcheine herbeigelockten neugierigen Volkes hinſchritten, drängte ſich ein Eisverkäufer an ſie heran; er ſtreifte hart an ihnen vorüber, wandte ſich um und folgte ihnen langſam. Nur Eekhoorn hatte ihn bemerkt und ſtutzte einen Moment. „Merkwürdige Aehnlichkeit!“ murmelte er.„Wenn ich nicht wüßte—!“ as meinen Sie?“ / W 122 „Haben Sie den Burſchen nicht geſehen? Ich möchte ihn für den Geiſt Ida Madeh Rahi's halten, wo nicht für dieſen ſelbſt, aber der iſt ja unter Schloß und Riegel und, wie man mir ſagt, im Sterben; man erwartet jede Minute ſeine Auflöſung.“ „Ich habe auch davon gehört“, äußerte ſich der Lieutenant zurückhaltend und mit erkünſtelter Heiterkeit, „vielleicht iſt der Tod nunmehr wirklich erfolgt und ſeine Seele auf der Wanderung in einen anderen Kör⸗ per Ihnen begegnet. Dieſe Balineſen ſind ja noch halb und halb Buddhiſten. Nun“, fügte er mit einer plötzlichen Anwandlung von ſcharfem Humor hinzu, „da öffnet man ja, glaube ich, die Vogelbauer, wenn Jemand ſtirbt, und läßt die gefangenen Vöglein frei, damit die Seele des Verſtorbenen nicht gefangen bleibt, wenn ſie in eines der Thierchen zu fahren hat. Laſſen wir die Vöglein flattern!“ Er nahm ſich ſofort wieder zuſammen, doch hatte er ſeinem aufmerkſamen Begleiter ſchon einen gefähr⸗ lichen Einblick gewährt. Eekhoorn war ſelbſt überraſcht davon, mit einem Male ſtand wieder jene Scene in der Zollbude am Hafen vor ſeinen Augen, und Alles, was er ſpäter von der Tochter des aufſtändiſchen Häuptlings, die ja eine Zeit hindurch ſogar Stadtge⸗ 123 ſpräch geweſen, gehört hatte, fügte ſich ihm jetzt, wie es ſchien, zu einem ganz deutlichen Bilde zuſammen. Die Augen der beiden Spaziergänger begegneten ſich lauernd und ſie konnten dies gegenſeitig um ſo beſſer erkennen, da ſie eben aus dem tiefen Schatten der Allee in den Lichtkreis einer Laterne traten. „Sie ſind ein Schelm, Lieutenant“, begann end⸗ lich Eekhoorn, dem es beſſer gelang, ſeine Gefühle zu verbergen.„Man möchte faſt auf die Vermuthung gerathen, Sie wären der Vogelſteller, der ſich ein ge— wiſſes gefangenes gelbes Vögelchen nach Hauſe ge⸗ tragen. Wenn ich wenigſtens an Ihre Beweisführung denke, daß die kleine Prinzeſſin insgeheim die Gefähr⸗ tin des deutſchen Lümmels ſei— Sie wiſſen wohl noch am Abend vorg ſeiner Abreiſe bei Goudelaar's, an die Adreſſe von Juvrouw Suſanne— und com⸗ binire...“ „Combiniren Sie gar nichts, lieber Freund“, fiel ihm van Duizenbeek wie ein ſtoßender Raubvogel in's Wort,„gar nichts, ſonſt komme ich ebenfalls in's Com⸗ biniren und dann könnte ich mir am Ende denken, Ihre freundliche Begleitung an dieſem ſchönen Abend ſei nicht ſo ganz abſichtsloſe Liebenswürdigkeit. Ich bin in dieſer Hinſicht ſehr irritabel. Denken Sie, daß 124 ich vor einiger Zeit Sidin— Sie kennen doch den Leibjungen von Mevrouw Goudelaar?— alſo daß ich Sidin auf meinen Wegen fand, er ſchlich immer um mich her und zuletzt ertappte ich iyn, wie er mei⸗ nen Promenaden ſogar zu Wagen nachſpionirte. Kön⸗ nen Sie glauben, daß er es auf eigene Fauſt that? Ich nicht. Er that nur, was Frauenneugierde ihn geheißen, darum mußte aber doch er die Witzigung für ſeine Herrin hinnehmen. Ich fuhr voran, er nach, und ſo kamen wir in eine hübſche Gegend, wo ich meinen Leibjungen und ein Vierteldutzend Soldaten poſtirt hatte, den Reſt können Sie meinetwegen com⸗ biniren. Ich glaube, Sidin hütet ſeitdem in Folge rheumatiſcher Gliederſchmerzen das Bett. Wenigſtens hab' ich ihn nicht mehr ſerviren ſehen. Und jetzt, mon cher“, ſchloß er, ſtehen bleibend,„trennen wir uns. Sie ſehen, hier geht mein Weg nach dem Cam⸗ pement, dort der Ihre, wenn Sie nicht neuerlich Wohnung gewechſelt haben. Vielleicht auch kehren Sie zum Balle zurück, jedenfalls aber würde ich Ihnen widerrathen, mir weiter zu folgen. Die rheumatiſchen Gliederſchmerzen ſollen eine ſehr unbequeme Krankheit ſein.“ Der Lieutenant lachte boshaft, drückte dabei Eek⸗ 125 hoorn mit großer Freundlichkeit die Hand und ſchritt trillernd weiter. Der Zurückgebliebene ſah ihm zornig nach, zuckte aber dann, ebenſo boshaft lachend, die Achſeln und warf raſch einen Blick umher, ob ſich auf der noch ziemlich belebten Straße nicht irgend ein brauchbares Werkzeug finden laſſe. Jetzt, wo er ſich ſchon im Beſitze des halben Geheimniſſes befand, fühlte er nicht die geringſte Luſt, von ſeinem Verſuche abzu— ſtehen, weil er ſich errathen ſah. Im Gegentheil, nun wollte er erſt recht feſt zufaſſen. Das Mittel, den Nebenbuhler aus dem Felde zu ſchlagen, ſollte ihm nicht entſchlüpfen. Von den einzelnen Vorübergehenden ſchien ihm keiner zu taugen, er ging nun wieder den Weg zurück; näher der„Harmonie“ ſtieß er ſofort auf das, was er ſuchte; dort bog eben ein Eisverkäufer in die nächſte Seitenallee ein. Cekhoorn rief ihn an. Es war der⸗ ſelbe, der ihm ſchon früher aufgefallen war, und aber⸗ mals frappirte ihn die zuerſt bemerkte Aehnlichkeit. Aber auch der Eisverkäufer ſchien betroffen, ſein dunk⸗ les Auge fuhr ſuchend die Straße entlang, als ſei er überraſcht, den Mann, der ihn gerufen, ohne deſſen Begleiter zu ſehen. Er machte nicht einmal Anſtalt, ſeine Waare anzubieten, ſondern ſtieß einen eigenthüm⸗ 126 lich ſcharfen Pfiff aus, der wie ein Zeichen klang, doch auch für eine gewohnheitsgemäße Beluſtigung angeſehen werden konnte, da er gar nicht auf eine Erwiderung zu warten ſchien, ſondern ſeine Aufmerkſamkeit ganz und gar Eekhoorn zuwendete, der ihm indeſſen haſtig den Auftrag zuflüſterte, dem Officier, der ſoeben in die zweite Seitenallee rechts eingebogen, raſch und vor⸗ ſichtig zu folgen. „Was haſt Du?“ fragte er, da der Mann plötz⸗ lich aufſah. Gleichzeitig war ein Miethwagen, der von dem Stande der übrigen herkam, raſch vorübergerollt, und es war Eekhoorn, als habe deſſen Kutſcher und der Eisverkäufer einen flüchtigen, bezeichnenden Blick ge⸗ wechſelt. „Nichts, Herr“, erwiderte der Malaye demüthig. „Ich fürchtete nur, der Wagen könnte Dir zu nahe kommen.“ Eekhoorn hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, ob dies etwa nur eine Ausflucht ſein könne. Es han⸗ delte ſich darum, keine Minute zu verſäumen, und jedes wähleriſche Bedenken ſtellte den Erfolg überhaupt in Frage. „Hier haſt Du!“ ſagte er, dem Manne ein Geld— 127 ſtück in die Hand drückend.„Die Summe wird ver⸗ zehnfacht, wenn Du mir morgen früh genaue Kunde giebſt, wo der Officier die Nacht verbrachte. Hier meine Adreſſe. Fort!“ Verwundert ſah er, wie ſich der mit dieſem Auf⸗ trage Betraute nach der angegebenen Richtung in Lauf ſetzte, ohne daß er ſich auch nur Zeit genommen hätte, das Geldſtück zu prüfen und ſich ſo den verſprochenen Lohn voraus zu berechnen. „Er wird ſich eben fürchten, ihn durch das ge— ringſte Zaudern ganz zu verlieren“, ſagte er zu ſich, „er muß dazu thun, wenn er meinen lieben Freund noch erreichen will, doch wie immer— wir ſind ein⸗ mal auf der Fährte, was heute nicht gelingt, gelingt morgen!“ Noch mehr wäre Eekhoorn erſtaunt geweſen, wenn er, ſtatt zu Mevrouw zurückzukehren, um ihr über das Vernommene, ſeine Zurückweiſung und ſeinen Aufpaſſer zu berichten, dem Letzteren ſelbſt gefolgt wäre und ge⸗ ſehen hätte, wie dieſer im eiligen Laufe erſt innehielt, als er den vor ihm herrollenden Miethwagen erreicht hatte, wie dann zwiſchen dem Kutſcher und dem Eis⸗ verkäufer ein raſches Zeichen gewechſelt wurde, wie der Erſtere mit der Peitſche nach einer auf etwa fünfzig 128 Ellen vor ihm herſchreitenden Geſtalt wies und dann an einer vollkommen menſchenleeren Stelle ſein Pferd von der Straße ab in das Dickicht lenkte, wo er es an einen Baum band, um ſonach mit der Raſchheit und Gewandtheit eines Panthers den Spuren des Vorausſchreitenden zu folgen. Indeſſen hatte der Lieutenant ſeinem Wege längſt eine veränderte Richtung gegeben. Faſt verſchmähte er es dabei, jene Sorgfalt zu beobachten, die er nach ſeinen eigenen Aeußerungen über Sidin bisher wohl immer geübt, noch prickelte ihn ja der Triumph, Eek⸗ hoorn ſo nachdrücklich abgewieſen zu häben. Am Ende war es heute auch vorausſichtlich das letzte Mal, daß er dieſen Weg machte,„wenigſtens bis ich Emilie mir ein bischen gezähmt habe“, rechnete er. Denn da ihm alle Hoffnung entſchwunden war, die Hand Suſannens zu gewinnen, dieſe ſich immer ſchroffer von ihm zurück⸗ zog und ihn an die egoiſtiſche Preisgebung Anderer bei jenem Ueberfalle in Panawang erinnerte, ſo hatte er in der That zuletzt den Entſchluß gefaßt, ſich von ſeinem neckiſch blonden, eckigen Bäschen heirathen zu laſſen, um wenigſtens die drückenden Sorgen los zu werden, wie die in letzter Zeit ſtark angewachſenen Schulden zu decken ſeien. Daß er ſich diesmal nicht —— enen nicht 429 wieder wie früher auf das Fürwort der„Tante“ bei ſeinem Onkel verlaſſen durfte, war ihm nur allzu klar, und ehe er ſich abermals in die alten Feſſeln, und wahrſcheinlich nur um ſo feſter ſchmieden ließ, wollte er es doch lieber mit Emilien verſuchen; ſchließlich mußte ſich ja Mevrouw doch wohl fügen, vorausge⸗ ſetzt, daß ſie kein anderes Gegenargument vorzubringen vermochte als dasjenige, über welches ſie klugerweiſe ſelber das ſtrengſte Schweigen beobachtete. Bei geſchickterer Wahl ihrer Spione hätte ſich ein ſolches Argument wohl finden laſſen, aber van Duizen⸗ beek hatte es zu keiner Zeit an Vorſichtsmaßregeln fehlen laſſen, ſeine geheimnißvollen Wege zu verbergen, ja er ließ ſogar mit kluger Berechnung lange Pauſen verſtreichen, ohne dieſe Wege auch nur zu betreten. Immerhin mußte jetzt ſelbſt der leiſeſten Möglichkeit einer unliebſamen Entdeckung vorgebeugt werden. Und heute gerade ſchien ihm der Tag dazu ge⸗ kommen, ein durch Lüſternheit, Beſorgniß und Rachſucht noch über die Höhe der eigentlichen Leidenſchaft hinaus verlängertes Verhältniß vollends zu löſen. Sie moch⸗ ten dann nach einem Argumente ſuchen, das ſie ſo gern gegen ihn ausgeſpielt hätten! Morgen gab es keine Spur mehr davon! Byr, Wrak. IV. 9 130 So ſeinen Gedanken nachhängend, war er in eine ganz ſtille einſame Gegend in der Nähe des chineſiſchen Kampongs gekommen; er ſchritt nun einen ſchmalen Pfad zwiſchen hohen Hecken hin, noch einmal ſah er, mehr aus Gewohnheit als aus Beſorgniß, zurück; es war, als ſcheuche ſein Blick einen Schatten auf, doch, da er näher hinlauſchte, ſchien ſich nichts zu regen, kaum ein leiſer Lufthauch flüſterte in den Blättern. Alles blieb ſtumm. Raſch ſchlüpfte er durch eine kleine Heckenpforte, durchmaß mit einigen Schritten den kurzen Gartenweg und ſtand vor einem hübſchen Häuschen, das, mochte es auch vielleicht nur vier Innenräume unſſchließen, doch eine gewiſſe Zierlichkeit beſaß, welche verrieth, daß der urſprüngliche Erbauer dem kleinen Wohnſitze ein villenartiges Anſehen zu geben bemüht geweſen war. Statt des gewöhnlichen Baumaterials ſah man hier weiß getünchte Mauern, die geriegelten Bambuswände waren übermörtelt. Eine geräumige Pendoppo enthielt bequeme Möbel aus Rohr und Matten, hübſche Käfige hingen von der Decke herab, im Schlafe girrten die Vögel. Fenſter waren keine zu ſehen, ſtatt des Glaſes verſchloſſen Bambusrouleaux dieſelben; durch die Spal⸗ ten des einen ſchimmerte noch Licht. 131 „Sie hat mich doch für heute nicht erwarten können“, murmelte van Duizenbeek. Er wollte ſchon an's Fenſter treten, zog es dann aber doch vor, an die Thüre zu klopfen. Er hatte das in eigener Art gethan, und es währte nur kurze Zeit, bis ſie ihm geöffnet wurde. In einem nachläſſig umgeworfenen Sarong und die vorn nicht einmal geſchloſſene Kabaja gehüllt, die viel zu viel von ihren welken Reizen verrieth, ſtand Trinel's dicke Geſtalt auf der Schwelle, das Lämpchen hoch über den Kopf erhoben, um dem Einlaß Fordern⸗ den damit in's Geſicht zu leuchten. Mit Zeichen tiefer Devotion begrüßte ſie den Lieutenant, nachdem ihn die ſchwerfällige„Bachſtelze“ erkannt. „Ach, wie gut“, begann ſie ſofort, ſichtlich erleich⸗ tert in ihrem malay'ſchen Dialecte,„wie gut, der Tuwan⸗beſar ſelbſt gekommen. Schon ſelber zu ihm gehen wollen, ſelber aufſuchen, bitten, bitten. Riolle wieder den Taptoe*) überſchritten, vollgetrunken. Tſchandu geraucht, liegt hier wie eine ſatte Rieſen⸗ ſchlange. Weiß nichts, rührt ſich nicht, wie todt. Morgen Strafe.“ *) Sprich Taptu, holländiſch,„Zapfenſtreich.“ 9- 132 Sie leuchtete dabei in eine Ecke des Gemaches, wo eine unförmliche Geſtalt wie ein zuſammengerolltes Kleiderbündel auf dem Bette lag. Der Lieutenant zuckte ärgerlich die Achſeln. „Der Kerl“, ſtieß er zwiſchen den Zähnen hervor, „würde mich noch verrathen, wenn es länger ſo fort⸗ ginge. Statt mit dem Avancement und den Geldzu⸗ ſchüſſen zufrieden zu ſein, geräth er immer tiefer in Völlerei und alle Laſter des Orients: Branntwein, Opium und was weiß ich, was noch! Dabei compro⸗ mittirt er mich.“ „O, Herr Lieutenant, nur diesmal noch— Rpolle gewiß nimmer thun!“ bat die treue Gefährtin des Trunkenboldes. „Nein, er wird's nimmer thun“, nickte van Duizen⸗ beek mit boshaftem Lächeln,„wenigſtens hier nimmer, dafür iſt geſorgt, denn morgen räumt ihr das Haus, es iſt verkauft, und weil es das letzte Mal iſt, ſo will ich Deines lüderlichen Mannes Ausbleiben über die Zeit auch noch auf mich nehmen. Ich bedarf eurer nicht mehr.“ Ohne auf die Ausbrüche des Jammers zu achten, mit denen ſich Trinel über die regungsloſe Geſtalt Riolle's warf, als wolle ſie den nur dumpf Grunzenden — lizen⸗ nmer, Haus, t, ſo über eurer ichten, geſtalt enden — 133 aus ſeiner Lethargie erwecken, um ihm das Ende der genoſſenen Herrlichkeiten und die wenig erfreuliche Wendung, die ihnen bevorſtand, mitzutheilen— ohne auch nur ein Wort weiter zu verlieren, ſchritt van Duizenbeek durch ein zweites dunkles Gemach und öffnete die Thüre zu einem dritten, demjenigen, aus welchem der Lichtſchein durch die Spalten des Fenſter⸗ rouleaux ſchimmerte. Der Lichtſchein kam von einer brennenden Kerze, die ein kleines, einfach, aber nicht ohne Comfort aus⸗ geſtattetes Gemach erhellte. Es war ein Schlafzimmer, das Lager jedoch in der Ecke, trotz der ſpäten Stunde, noch ganz unberührt. In der ſeltſam geformten Wiege, am Fußende des Bettes, lag ein ganz kleines Kind mit fiebergerötheten Wangen in unruhigem Schlummer, und über daſſelbe gebeugt, kauerte daneben eine ſchlanke Frauengeſtalt, die beim Eintritte des Lieutenants nicht einmal den in die Hände geſenkten Kopf hob. Die Ellbogen waren auf die Kniee geſtützt, das ſchwarze Haar fiel in dicken Strähnen über einen hageren, matt⸗ gelben Hals und verbarg die Wangen. Regungslos blieb die Geſtalt, es war zweifelhaft, ob Kummer oder Schlaf ſie in ſolcher Erſtarrung verſetzt. „Du heißeſt mich nicht einmal willkommen?“ 134 fragte der Eingetretene, nachdem er einige Secunden gewartet, und ſetzte dann, ſich wie früher der malay'⸗ ſchen Sprache bedienend, ungeduldiger hinzu: „Schläfſt Du, Mata⸗bunga?“ Die Angeredete machte eine langſame Bewegung und ſah auf. Es war Mata⸗bunga, die Tochter Idah Madeh Rahi's, und ſie war noch immer ſchön, wie ſie daſaß, matt und abgezehrt, die kleinen hageren Händchen im Schooße kreuzend. So ſehr ſie ſich auch verändert haben mochte, der Ausdruck der großen ſanften Kinderaugen war noch derſelbe, nur das Licht ſchien darin erſtorben, glanzlos heftete ſie dieſelben auf den Mann, den ſie gefürchtet von ihrer erſten Begegnung an, gegen den ſie immer Abneigung empfunden und der ſie doch mit Liſt und Gewalt an ſich zu reißen gewußt. Durch allen Widerſtand nur noch heftiger und begehrlicher gemacht in ſeiner Leidenſchaft, hatte er Riolle und Trinel gewonnen und die Letztere mit einer niedrigen Lüge an das argloſe Kind geſandt. Aus dem Hoſpi⸗ tale und in ein einſames Haus gelockt, erkannte Mata⸗ bunga zu ſpät, daß ſie einem Elenden in die Falle gegangen. Alle Fluchtverſuche hatten die erbärmlichen Werkzeuge des Lüſtlings verhindert; das Häuschen, 135 das ſchon vor ihm einem reichen, nunmehr nach Europa zurückgekehrten Freunde zu gleichem Zwecke gedient, wurde der Käfig für die arme Gefangene, in welchem ſcharfe Augen ſie bewacht hielten, bis ſie ſich, gebrochen von den zu Tage tretenden Folgen der an ihr began⸗ genen rohen Gewaltthat, wie ihre Wächter meinten, guten Muthes, in der That aber mit ſtumpfer, troſt⸗ loſer Verzweiflung in ihr Schickſal ergab. Das lag auch in dem Blicke, mit dem ſie den Vater ihres Kindes jetzt anſah. „Ich ſchlafe nicht“, ſagte ſie leiſe, als wäre ſie ſelbſt zum Sprechen zu müde,„denn das Kind ſchläft nicht.“ „Schade“, ſagte er. Ein lüſternes Feuer leuchtete in ſeinen Augen auf.„Ich fühle eine zärtliche Regung zum Abſchiede und Du biſt matt und erſchöpft vom Wachen. Du biſt krank.“ Mata⸗bunga hatte den Sinn ſeiner Worte nicht gefaßt. „Das Kind iſt krank“, ſagte ſie düſter,„es fühlt die Gefangenſchaft und wird ſterben.“ „Wenn es nur daran liegt, ſo will ich helfen. Die Freiheit ſoll Euch beiden zurückgegeben werden. Freuſt Du Dich nun?“ 136 Die junge Mutter fuhr empor. Es war faſt, als wolle ein Schimmer von Röthe ihre eingefallenen Wan⸗ gen überziehen. Das Auge erhielt Glanz, aber nur einen Augenblick lang, dann war Alles wie das Wetter⸗ leuchten am Abendhimmel, wieder verſchwunden. „Wie ſoll ich mich freuen?“ entgegnete ſie dumpf auf ſeine wiederholte Frage.„Mata⸗bunga iſt todt. Du haſt ihr Opium gegeben, damit Du Herr ſeiſt über ſie, und ſie ſchlief. Gib dem Kinde auch Opium, vielleicht ſchläft es auch.“ Der Lieutenant machte eine zornige Bewegung; ſeine Lippen verzerrten ſich in häßlicher Weiſe. „Es ſcheint“, ſpottete er,„daß Dir nicht einmal ein Gefallen geſchieht, wenn ich Dir Deine Freiheit zurückgebe, nach der D kluger Berechnung geſeufzt. Nun ſchlägſt Du ſie wohl gar noch aus?“ „Was thue ich noch bei meinem Stamme?“ ſtöhnte ſie. Es war plötzlich, wie wenn ein ſtärkeres Geräuſch u immerfort, wohl nur aus aus dem erſten Zimmer des Häuschens herübertöne. Van Duizenbeek horchte auf; da aber jeder Ton, ja ſogar auch Trinel's Aechzen und Jammern, das bis⸗ her immer noch nicht aufgehört hatte, ſofort völlig 137 verſtummte, das aus dem leiſen Schlummer erwachte kranke Kind hingegen zu weinen begann, ſtampfte er heftig mit dem Fuße und murmelte einen Fluch vor ſich hin. „Nun winſelt der Balg auch noch!“ rief er.„Gib ihm Nahrung oder in Gottes Namen Opium, mir gilt es gleich, auch ob Du zu Deinem Stamme zurückkehren willſt, oder Dich an irgend eine andere Räuberbande anſchließeſt. Ich habe lange genug für Euch Sorge getragen, habe Geduld gehabt, bis Deine Stunde ge— kommen war, habe Dir Zeit gegönnt, Dich zu erholen und wieder Kräfte zu ſammeln, nun kann ich Dich hier nicht länger dulden.“ Es klang wie grauſame Ironie, wenn er von den Kräften dieſes ſchwachen Mädchens ſprach, daß jetzt faſt Mühe hatte, das kleine Kind auf den dünnen Armen zu erhalten. Tiefe Bitterkeit erfüllte Mata⸗ bunga's Herz. „Gib dem Kinde auch Opium“, wiederholte ſie, „vielleicht ſchläft es auch— für immer, für immer!“ „Wenn Du damit mein Mitleid zu erwecken ſuchſt, ſo irrſt Du Dich. Warſt Du vielleicht doch nicht ſo kalt, als Du Dich bei meinen Liebkoſungen geſtellt?“ lachte er höhniſch auf, dann fuhr er hart und ſtreng — 138 fort:„Ihr ſteht mir im Wege, ſeht zu, daß Ihr weiterkommt! Fort müßt Ihr. Von morgen an gehört dieſes Haus einem Anderen. Morgen iſt die Vergan⸗ genheit ausgelöſcht.“ Er zog eine Börſe hervor und legte ſie auf den Tiſch, Mata⸗bunga, die noch immer mit ihrem ſchreien⸗ den Kinde beſchäftigt war, bedeutend, es ſei das eine Abfindungsſumme, über die ſie nach Belieben verfügen möge, dann wendete er ſich ohne ein weiteres Ab⸗ ſchiedswort der Thüre zu. Das alſo war Alles, was er ſeinem Opfer zu ſagen wußte. Er hatte eine Blume am Wege gepflückt und warf ſie nun achtlos beiſeite, mochte ſie verwelken und in den Schmutz getreten wer⸗ den, was kümmerte das ihn! Wer konnte ihn dafür zur Rechenſchaft ziehen? Der Vater! Da ſtand er in der geöffneten Thüre. Van Dui⸗ zenbeek prallte zurück, als habe er ein Geſpenſt geſehen, das ſeine aufgeregte Phantaſie ihm vorgeſpiegelt, und als er ſich überzeugte, daß er hier einer Geſtalt von Fleiſch und Bein gegenüberſtand, da war er noch weit mehr betroffen, als Eekhoorn von der ſeltſamen Aehn⸗ lichkeit, wie er meinte, denn Idah Madeh Rahi war ja im Gefängniß, er lag im Sterben, war vielleicht 139 ſchon todt in dieſem Momente— es konnte keine Täuſchung ſein. Was aber war dann dieſe Erſchei⸗ nung?“ „Mein Vater!“ Die Tochter ſelbſt war es, die mit erlöſchender Stimme in Schreck, Freude und Ver⸗ zagtheit Antwort gab auf dieſe Frage. Sie hatte den Eingetretenen ſoeben erſt bemerkt und ſank, ihr Kind feſt an ſich drückend, wie um es zu ſchützen, in die Kniee. „Mata⸗bunga!“ tönte es im ſelben Moment vom Fenſter her. Die Stimme machte van Duizenbeek er⸗ beben. Das Rouleaux war beiſeite geſchoben, ein Mann in der Kleidung eines malay'ſchen Miethkutſchers ſchwang ſich herein. Der Lieutenant, der ſich bei dem Ausrufe umgeſehen, erkannte ſeinen größten Feind, dem er am wenigſten zu begegnen wünſchte: Wana⸗ Sariah. Grinſend ſtand der Anführer der Aufſtändiſchen von Panawang vor dem ſchon einmal entſchlüpften Opfer. „Diesmal iſt der heilige Krys in unſeren Hän⸗ den!“ höhnte er, und er hatte damit ſeinem Gegner genug geſagt. —“ —„————., 140 Van Duizenbeek zog ſeinen Degen. „Ein Ueberfall der Räuberbande!“ knirſchte er und hielt ſich bereit, den Angriff abzuſchlagen. Der junge Malaye war auch im Begriffe, ſich auf ihn zu werfen, Idah Madeh Rahi jedoch hielt ihn zurück. „Laß' ihn“, ſagte er.„Sie iſt ſein Weib. Mata⸗ bunga iſt zu den Feinden ihres Volkes gegangen, aber ſie iſt ſein Weib, und er iſt der Vater ihres Kindes.“ „Ich bin nicht ſein Weib!“ fiel Mata⸗-bunga die ſchmerzliche Anklage zurückweiſend, ein.„Er hat mich zu ſeinem Willen gezwungen, mich gefangen gehalten, jetzt verſtößt er mich— o nehmt mich mit!“ „Du biſt nicht ſein Weib?“ rief der Häuptling wild, und indem er funkelnden Auges nach dem Säug⸗ ling faßte, den ſie in aufwallender Mutterangſt jedoch ſeiner Fauſt entriß, ſetzte er drohend hinzu:„Und die⸗ ſes Kind?“ „Für das Kind habe ich freigebig geſorgt“, ſagte van Duizenbeek, auf die Börſe zeigend. „Und ſie iſt nicht Dein Weib?“ kam der Häupt⸗ ling immer wieder auf das Eine zurück. „Das fehlte noch!“ lachte der Lieutenant, der obwohl allein Zweien gegenüberſtehend, ſich im Gefühle 141 ſeiner Ueberlegenheit und in der Hauptſtadt des Landes zu ſicher wähnte, um den Muth zu ver⸗ lieren.„Ich bin der Dirne überdrüſſig und ſie kann gehen; mit euch Beiden aber wäre wohl noch ein Wort zu ſprechen. Dich“, wandte er ſich gegen Wana Sa— riah,„habe ich nicht vergeſſen, Du haſt mir noch eine Schuld zu bezahlen.“ „Ich zahle ſie!“ rief der Angeredete und ſtürzte ſich auf den Lieutenant, der ihm ſeinen Degen ent⸗ gegenſtreckte, im nächſten Augenblicke aber mit einem dumpfen Aufſchrei zu Boden ſank. Idah Madeh Rahi war ſeinem Brudersſohne zu⸗ vorgekommen. Der heilige Krys war in der Bruſt van Duizenbeek's begraben. Eine kurze Pauſe trat ein, kein Laut war ver⸗ nehmbar, als das Röcheln des Sterbenden und das leiſe Wimmern des Kindes. „Dieſe Nacht iſt gut“, ſagte dann Wana Sariah, „wir haben noch eine zweite Pflicht zu erfüllen. Mein Vater wartet.“ Idah Madeh Rahi ſprach kein Wort. Er faßte finſteren Blickes ſein Kind am Arme und zog es mit ſich fort, vorüber an der gebundenen und geknebelten 142 Trinel, vorüber an dem bewußtloſen Franzoſen, dem er im Vorbeigehen verächtlich einen Stoß mit dem Fuße gab und die früher vom Tiſche genommene Börſe auf die Bruſt warf. Dunkle Schatten huſchten durch den Garten, dann ward es ſtill. Sechstes Kapitel. Die Daboja. Mehr als ein Vierteljahr war vergangen, ſeit Paul ſeine neue Thätigkeit aufgenommen, in der er ſich nunmehr ſchon ſo ſehr eingelebt hatte, daß es ihm zu⸗ weilen erſchien, als habe er ſich ihr für alle Zeit gewidmet. Wie der Anfang war, blieb es in der Folge frei⸗ lich nicht; die ſpäteren Tage glichen dem erſten nur wenig Von Beluſtigungen und Zeitvertreib war kaum mehr die Rede, aber die ſtrenge Arbeit hatte dafür wieder das Gute, alle Kräfte zu abſorbiren und ſelbſt die Gedanken von anderen Zielen abzulenken, die Er⸗ innerungen, wenn nicht zu verwiſchen— denn das war bei der Tiefe der Empfindung unmöglich— ſo doch zu mildern und in den Hintergrund zu drängen „ 144 und auf einzelne Stunden zu beſchränken, wo ſie ſich ungebeten Audienz nahmen. Das Paul zur erſten Aufnahme zugewieſene Ter⸗ rain umfaßte zwar nur drei und einen halben Qua⸗ dratpaal, aber es war ſehr felſig, zumeiſt nur auf die beſchwerlichſte Art zugänglich und bot der überaus genau geforderten Aufnahme in äquidiſtanten Schichten mit dem ſogenannten Tranche- montagne große Hin⸗ derniſſe, ſo daß Paul vom früheſten Morgen an in An⸗ ſpruch genommen war und die Abendſtunden mit dem Auszeichnen der Meſſungen verbringen mußte. Kein Wunder, wenn er ſich dann zu ermüdet und abgeſpannt fühlte, um ſelbſt Mevrouw van Montfoort's liebens⸗ würdigen Einladungen Folge zu leiſten. So anſtrengend dieſes Leben auch war, ſo ſtand es doch in zu vortheilhaftem Gegenſatze zu Compagnie⸗ kammer, Drillplatz und Commißmenage, als daß Paul nicht froh geweſen wäre, endlich nach Ablauf ſeiner Probezeit zur effectiven„Platzing“ vorgeſchlagen zu werden. Er konnte ſich nun etwas mehr Ruhe gönnen, da von Seite des als Chef fungirenden Capitäns jetzt, wo die Leiſtungen genügende Beweiſe von Eifer und Geſchicklichkeit geliefert hatten, auch verhältnißmäßig geringere Anforderungen geſtellt wurden. qua⸗ Mei übe bet von Tea h 5 Malang, mit dem gaſtfreundlichen Hauſe des Reſi⸗ denten und dem raſch liebgewonnenen, immer gutge⸗ launten Collegen, mußte Paul jetzt allerdings verlaſſen. Er erhielt eine größere Section des gegen Oſten liegen⸗ den Tenggergebirges zugewieſen und ſchlug ſein Haupt⸗ quartier in einem winzigen Dörfchen, Aſſartenga, auf. Meilen⸗ und meilenweit erſtreckte ſich der dichte Urwald über Felſenberge hin, die kaum noch ein Menſchenfuß betreten hatte und zu deren Gipfeln man nur auf den von wilden Büffeln gebahnten Wegen gelangte. Der Teakbaum, der ſeine vortrefflichen Eigenſchaften wohl der rauhen Abhärtung verdankt, da er mit dem ſchlechteſten Boden vorlieb nimmt, hatte hier alle anderen Bäume verdrängt. Lianen, Kletterfarren und Orchideen, die nach allen Richtungen von den mächtigen Aeſten hingen, bildeten undurchdringliches Gewirr, in dem die ganze ſcheue und raubluſtige Thierwelt der Tropen ihren Schlupfwinkel fand. Inmitten dieſer Wildniß lag auf einem vorſpringenden Plateau, das eine Ausſicht nach dem beinahe immer thätigen Gunong Semeru gewährte, der kleine Kampong, in deſſen nächſter Nähe Paul ſich Hütten gebaut hatte. In Wahrheit„Hütten gebaut“, denn da ſein Aufenthalt hier vorausſichtlich ein jahrelanger war, ſo Byr, Wrak. IV. 7 10 146 mußte er auf einige Bequemlichkeit bedacht ſein; dazu war vor Allem ein halbwegs bewohnbares Haus nöthig, ein Stall für ſein edles Pferd, dent er inzwiſchen noch einen kleinen, ſtarken Berggänger zugeſellt hatte. Küche und Vorrathshaus, wie die anderen Gebäude nur aus Bambus errichtet, kamen hinzu, und das ganze Gehöfte umſchloß eine ſtarke Palliſadirung, die auch ein kleines Gärtchen mit umfriedete, nach welchem die Pendoppo des Bungalo ſich öffnete. 2 Es war ein Samſtag zu Ende des September, als Hardenſtein ſeinem Collegen die Ueberraſchung bereitete und aus Malang heraufgeritten kam, um ſich, wie er ſagte,„die neue Wirthſchaft einmal zu beſehen und einen Gruß von Mevrouw van Montfoort zu bringen, die ſich für nächſten Sonntag Paul's Geſellſchaft bei Tiſche erbitte.“ „Darnach machen wir Beſuch bei dem Tumongong und laſſen uns das neue Ballet aufführen“, ſchloß der redſelige Beſchützer der Bedajas. Paul führte ſeinen Gaſt überall umher, dann wurde dinirt. Zum Kaffee ſtreckte Hardenſtein ſich be⸗ quem auf das nächſte Bali⸗bali“*) und rauchte und *)Sofa aus Bambusmatten. 147 plauderte, bis aus den Worten ein ſanftes Schnarchen wurde. Paul hingegen benützte das Stündchen, einen angefangenen Brief fortzuſetzen, an deſſen Vollendung ihn ſein geſprächiger Geſellſchafter für die nächſten vierundzwanzig Stunden ſonſt wohl nicht denken ließ. Noch war er nicht am Schluſſe, als der Mandur) in's Zimmer trat und meldete, es ſei ein Mann und ein junges Weib mit einem Kinde da, und ſie wünſchten den Herrn zu ſprechen. Es ſeien Inländer und ſie ſähen wie Bettler aus. „So laß' ſie in der Pendoppo warten, bis ich hier zu Ende bin“, gebot Paul. Der Diener verließ geräuſchlos das Gemach. Aber ſo leiſe auch geſprochen worden war, Hardenſtein wachte doch auf. „Wie? Du ſchreibſt heute, ſtatt Dich gleich mir ernſtem Nachdenken hinzugeben?“ ſagte er, ſich dehnend. „An meine Mutter“, erklärte Paul, indem er die Feder weglegte.„Es iſt nun mehr als ein Jahr ſeit meiner Landung auf Java verfloſſen, und im Hinblick auf meine geänderten Verhältniſſe wollte ich denn doch wieder eine Epoche machen. Es iſt faſt etwas der⸗ *) Oberdiener. 148 gleichen. Ich komme ſo ſelten zum Schreiben, und wenn ich Alles nachhole, gibt's immer wieder ein großes Porto.“ „Schön von Dir, auf daß Du lange lebeſt auf Erden! Der Menſch vergeſſe ſein Mütterchen nicht. Hm, wenn ich noch eines hätte, wer weiß! Aber wie konnteſt Du Dich eigentlich trennen?“ Paul zuckte die Achſeln. „Es mußte eben ſein. Ich dachte an Carrière, meine Mutter an Erſparniſſe, die ich heimbringen ſollte. Bis jetzt ſah es damit knapp aus, wie es in Zukunft wird, ich weiß es nicht. Bin eben daran, meiner Mutter einen kleinen Ueberſchlag meiner Haushaltungs⸗ koſten zu geben“, und den Brief in die Hand nehmend, las er das zuletzt Geſchriebene.„Die Lebensmittel an Ort und Stelle ſind nicht theuer, aber was über die gewöhnlichen Bedürfniſſe an Kaffee, Zucker, Reis, Erd⸗ äpfel, Hühner, Oel und dergleichen hinausgeht, muß fern hergeholt werden, und dieſe Gegenſtände, an und für ſich ſchon hoch im Preiſe, werden durch den tage— weiten Transport mittelſt Kulis noch theurer. So koſtet zum Beiſpiel in Surabaja das Faß Butter zu zehn Pfund zweiundzwanzig Gulden, der Kuli von dort bis hierher acht Gulden, macht dreißig. Und nun un 149 denke Dir den Genuß, liebe Mutter, wenn Du zu Deinem Kaffee mit Büffelmilch— denn andere gibt es nicht— Dein Brot mit einer Butter beſtreichen ſollſt, die für die Dauer der Reiſe von Europa hierher natür⸗ lich geſalzen und dabei ſo flüſſig wie Oel iſt. Die hier übliche Theilung der Arbeit macht einen großen Hausſtand nothwendig. Niemand will thun, was nicht ſpeciell ſeines Amtes iſt, ſo muß ich fünf Die⸗ ner halten: den Mandur, einen Koch, der zugleich wäſcht... „Unter Anderem, ſage mir einmal“, fiel Harden⸗ ſtein hier ein,„warum denn keine Köchin? Scheuſt Du weibliche Bedienung?“ „Das gerade nicht, aber...“ „Aber Du willſt Deinen Hageſtolzenruf bewahren. Weißt Du, daß ſolch' ſpröder Stolz hierzulande faſt zu den Unglaublichkeiten gehört? Du wirſt Dir dadurch Anwartſchaft auf eine Heiligenpfründe erwerben, wenn Du Dich nicht ſchließlich ebenfalls zum Muhamedaner acclimatiſirſt. Selbſt Mevrouw van Montſoort findet Deine edle Zurückhaltung ſehr— ſchön. Sie intereſſirt ſich wenigſtens ſehr dafür und hat mich ſchon mehr⸗ mals ausgeholt, ob Du nicht doch insgeheim vielleicht eine„Maid“ mitgebracht. Nun, eine Haushälterin 150 würde ich mir doch anſchaffen, ſie iſt ja ſogar den katholiſchen Pfarrern geſtattet— und wenn Du den jungen keinen zu großen Einfluß gewähren willſt, nun — ſo wähle ſie canoniſch.“ Paul machte eine Bewegung mit dem Kopfe, die eben ſowohl das Einſtimmen in den Scherz, als Ab⸗ lehnung bedeuten konnte, über die Gründe ſeiner Hand⸗ lungsweiſe jedoch keine Auskunft gab. „Alſo Mandur, einen Koch, der wäſcht“, las er wei⸗ ter,„einen Pferdejungen und zwei Knechte, die mir bei der Aufnahme behilflich ſind. Das legt eine anſtän— dige Breſche in die dritthalbhundert Gulden, die ich monatlich als Gehalt beziehe und von denen Du meinen wirſt, daß ſich großartige Erſparniſſe machen laſſen müſſen, da ja meine Bezüge ſammt dem vom Vater mir ausgeworfenen Monatsgelde in den ſchönen Zeiten, da ich noch Officier war, niemals dieſe hohe Summe erreichten. Ich fürchte, liebe Mutter, dieſe Erſparniſſe werden ſehr beſcheiden ſein am Ende der noch vor mir liegenden fünf Jahre, dagegen um ſo größer die Ver⸗ wöhnung, und ich weiß nicht, wie ich mich in die heimatlichen Verhältniſſe bei meiner Rückkehr nach Europa finden werde, nachdem ich hier— freilich in oſtindiſcher Weiſe— als großer Herr gelebt.“ — 151 „Sehr rührend, wie Du das Alles beſchreibſt!“ nahm Hardenſtein das ſchon ſchmerzlich entbehrte Wort. „Aber ſag' mir mal, muß es denn ſein, daß der Vogel zu dem Neſte zurückkehrt, in dem er ausgebrütet wor⸗ den iſt, zumal wenn er es kahl, ausgezauſt und von frechen Sperlingen beſetzt findet, die er erſt nach un⸗ rentabler Anſtrengung wieder expropriiren muß? Krank⸗ haftes Vorurtheil einer organiſch noch niedrig entwickel⸗ ten, mit dem Heimatsſinne behafteten Generation! Dort, wo Du Deine Exiſtenzbedingungen findeſt, laß Dich nieder, und nicht, wo Andere Lieder ſingen, Du biſt's, der ſingen muß aus reinem Plaiſirvergnügen! Und wenn man ſchon jemals wieder in die Heimat zurückkehrt, nun, ſo muß es wenigſtens als Na⸗ böbchen ſein, um doch gehörig Aufſehen zu machen und den guten alten Kirchthurm ein wenig vergolden laſſen zu können, den braven Abderiten zu ſtupender Verwunderung.“ Paul lächelte und ſchob ſeinen Brief beiſeite. „Handelt ſich nur um eine unbedeutende Kleinig— keit: das ausreichende bischen Gold dazu“, ſagte er launig. „Liegt auf der Straße, wo Du hingreifſt.“ 152 „Welch' ſträfliche Bequemlichkeit, daß Du ſelbſt noch nicht zugegriffen!“ „Hab's ſchon— geiſtig wenigſtens. Iſt Alles in Ordnung und nur das Anlagekapital fehlt noch. Ich habe noch drei Jahre zu dienen, bis dahin ſind meine heutigen Erſparniſſe mindeſtens verdreifacht; biſt Du fertig, ſtelle ich Dir großmüthig frei, als Compagnon mit einzutreten.“ „Und bei welcher Deiner bis jetzt projectirten Unternehmen?“ „Habe zwei neue, noch dazu zwei, die Hand in Hand gehen können.“ „Gleich zwei auf einmal wieder?“ „Bewundere meinen ſchöpferiſchen Geiſt. Ich be⸗ greife gar nicht, wozu man mitten unter den ſchönſten Vulcanen ſitzt, wenn man ſich nicht Pfeifen ſchneidet. Dampfen da jahraus jahrein— ich habe es noch nicht genau ausgerechnet— wie viel Kubikmeter Leuchtgas zum Schlot hinaus. Wie thöricht! Geſchickt aufge⸗ fangen, könnten ſie die halbe Erde mit Gas verſehen. Ich gründe eine Actiengeſellſchaft zur Beleuchtung der Inſel Java und Concurenz, meinetwegen ganz Oſtaſiens mittelſt Vulcangaſes; daneben gewinnen wir noch zu verſchiedenen chemiſchen Zwecken bei wiſſenſchaftlich ge⸗ 153 leiteter Scheidung Chlornatrium für eine Rieſenbleiche, Salzſäure, ſchwefelige Säure, Eiſenchlorid und ſo weiter. Da die Lava bei längerer Strömung baſiſch wird, ſo iſt auch für die Salze geſorgt, und endlich beſorgt die ganz koſtenlos hergeſtellte Hitze noch die prächtigſten Reductio⸗ nen und Schmelzungen gratis, ſo daß außer der Welt⸗Gasanſtalt und der vulcaniſch⸗chemiſchen Fabrik auch noch ein einträgliches Geſchäft mit eigens durch ein beſonderes Verfahren dem Vulcan künſtlich zuge— wieſenen Kryſtallen etablirt werden kann. Die Rieſen⸗ bleiche läuft nur ſo nebenher.“ „Das gibt ſchon vier“, fiel Paul lachend ein,„und wenn Du fortfährſt, wird ein ganzer Rattenkönig daraus, mittlerweile haſt Du aber eine für javaneſiſche Bequem⸗ lichkeit ſehr wichtige Verwendung der Vulcane vergeſſen, die Dir ſelbſt momentan zugute käme, denn Deine Cigarre glimmt längſt nicht mehr.“ „Kassi api!“ rief Hardenſtein, ohne ſeine bequeme Lage zu verändern,„wozu hätten wir denn unſeren Mandur mit ſeiner Lunte! Nun wo bleibt der pflicht⸗ vergeſſene Böſewicht Tali⸗api!“*) Der Gerufene kam endlich hereingeſtürzt und bot *(Die Feuerlunte, welche ſtets bereit gehalten wird. ———-:⸗—.—— 154 dem Gaſte ſeines Herrn das Verlangte dar, zugleich aber überreichte er Letzterem, indem er ſein Zuſpät⸗ kommen damit entſchuldigte, einen Brief, den ſoeben ein Bote aus Malang gebracht. „Von Mevrouw van Montfoort!“ rief Paul über⸗ raſcht, als er das Schreiben erbrochen.„Da höre, was ſie will: Kommen Sie ſchon morgen zu Tiſche herab aus Ihrem Felſenneſt, wir haben liebe Gäſte und Sie finden eine kleine Ueberraſchung. Man intereſſirt ſich ſehr für Sie; à revoir! Ihre Freundin.— Gäſte, Gäſte“, ſetzte Paul in nicht geringer Aufregung hinzu. „Aber nein, es iſt nicht möglich!— Was mögen es für Gäſte ſein? Warum ſagteſt Du mir nichts davon? Und wer intereſſirt ſich für mich?“ wendete er ſich zu⸗ letzt wieder an den Freund. „Die letzte Frage iſt am einfachſten beantwortet: Mevrouw.“ „Ah! mußt Du immer ſpotten?“ „Alſo die Gäſte? Dann aber zweißt Du ſicherlich beſſer, als ich, wer ſie ſind. Das Erſte, was ich ſelbſt von ihnen höre.“ Der Mandur machte durch leiſes Flüſtern auf ſeine Anweſenheit aufmerkſam. Die Vorſchrift der Etikette, der jene halbeiviliſirten Völkerſchaften ebenſo⸗ n 155 ſehr unterworfen ſind wie die des gebildeten Europa, erlaubte ihm nicht, in Gegenwart ſeines Herrn lauter zu ſprechen. Dieſer entnahm der Mittheilung jedoch ſo viel, daß der Bote noch einen zweiten Brief bei ſich habe, den er aber nur unmittelbar in Paul's Hände legen dürfe. Im Momente, als Paul ſelbſt in die Pendoppo, wo der Bote zu warten angewieſen war, hinauseilen wollte, ließ ſich von dorther ein ungewöhnliches Ge⸗ räuſch vernehmen. Ein Schrei, raſche Schritte, heftiges Durcheinanderrufen, Alles gab Kunde von einem un⸗ vorhergeſehenen Ereigniſſe, das dieſe Unruhe hervor⸗ rief, und ſelbſt Hardenſtein ließ ſich von ſeiner Neu⸗ gierde aus dem bequemen Hindämmern aufreißen. Paul hatte ſchon die Thüre geöffnet. Es bot ſich ihm ein Bild der Verwirrung und des Schreckens: zwei, drei Diener, die einen Mann umſtanden, der eine Schlange in den Händen hielt, ein auf die Kniee geſunkenes Weib, das ſich über ein Kind zu neigen ſchien, wie um es zu beſchützen; aber das häßliche Thier bedrohte Niemand mehr, es hing ſchlaff aus der geballten Fauſt zur Erde herab. Das Weib zuckte jetzt und ihr Kopf fiel in den Nacken zurück. Paul konnte ſich nicht mehr täuſchen. „Mata⸗bunga!“ rief er mit verſagender Stimme. 4 156 Aber ſie hatte den Ruf doch vernommen, in den großen, ſanften Augen, die fie ihm zukehrte, leuchtete ein ſchwacher Glanz der Freude auf und ihre Hand ſtreckte ſich nach ihm; ſo raſch er auch hinzueilte, konnte er ſie doch nicht mehr faſſen, ſie war ſchon wieder matt herabgeſunken. „Die Daboja! Die Daboja hat ſie gebiſſen!“ So viel war aus dem haſtigen Durcheinanderreden und Erzählen zu entnehmen, daß der Retter zu ſpät gekommen war und der Biß tödtlich ſein mußte, da der lebloſe Wurm einer der giftigſten Viperarten ange⸗ hörte. „Man muß ihr das Gift ausſaugen!“ rief Har⸗ denſtein. Sein Rath fand jedoch keine Befolgung, Alle traten zurück und hefteten ihr Blicke auf den Mann, welcher die Schlange noch immer emporhielt und den Paul jetzt erſt näher betrachtete und mit ſteigender Ueberraſchung als den Vater Mata⸗bunga's erkannte. Hardenſtein, durch das Zögern geärgert, beim Anblick der ſchönen leidensverklärten Züge der jungen Mutter von tiefem Mitleide ergriffen, wollte ſelbſt das Beiſpiel geben und der vom Tode Bedrohten Hilfe bringen, aber 157 Idah Madeh Rahi vertrat ihm den Weg. Seine Stirne war tief gefaltet und ſein Auge brannte düſter. „Keiner thu' es!“ rief er, und ſeine Stimme klang ſo gebieteriſch, daß ſich ſelbſt Hardenſtein, der ihn bei⸗ ſeite ſchieben wollte, des Eindruckes nicht erwehren konnte, der Sprechende müſſe eine gewiſſe Berechtigung zu ſeinem Eingriffe beſitzen.„Keiner! Ich thue es nicht— der Vater!“ „Das iſt kein Grund!“ wollten Paul und Harden⸗ ſtein zugleich einwerfen. Der Häuptling aber wies ſie feſt zurück. „Das Schickſal wollte es, daß ich zu ſpät komme“, entgegnete er,„ſie ſoll ſterben, es iſt gut für ſie. Der Wurm iſt todt, er hat ſeinen Zweck erfüllt.“ Dabei warf er das Reptil verächtlich auf die Erde und ſetzte dann dumpf hinzu:„Mata⸗bunga wird ſterben wie er. Das Schickſal will es ſo— Gott iſt groß!“ Noch immer glaubten die beiden Freunde, es nur mit dem ſtarren Fatalismus der hier noch durch aller⸗ lei Heidenthum entſtellten muhamedaniſchen Religion zu thun zu haben. Sie wollten den Häuptling mit Ge⸗ walt zur Seite drängen und Hilfe bringen, wenn noch eine möglich war. „Ein glühendes Eiſen!“ rief Paul ſeinen Dienern 158 zu, aber Idah Madeh Rahi warf einen Zlick auf ſein Kind, dann gab er achſelzuckend freiwillig Raum. „Es iſt zu ſpät!“ murmelte er; hierauf neigte er ſich, die Hand an der Stirne, vor Paul und bat: „Verzeihe Ihr, Tuwan⸗beſar, denn ſie iſt gekommen weit, weit her— mit blutigen Füßen und den Brand des Fiebers in der Bruſt, Dich darum zu bitten.“ „Du, Mata⸗bunga....“ Paul, der mit Erſtaunen zugehört, ſah mit Schreck, daß der Häuptling Recht hatte, wenn er jeden Rettungsverſuch für vergeblich hielt. Das Mädchen war aſchfahl, tiefe blaue Ringe lagen um die eingeſunkenen unnatürlich erweiterten Augen und leiſe Zuckungen gingen durch den Körper— ein Beweis, daß das ſcharfe Gift bereits angefangen, das Blut zu zerſetzen. Mata⸗bunga richtete ſich mühſam noch ein wenig auf, wobei Paul ſie unterſtützte. Sie öffnete den Mund, um zu ſprechen, aber die Zunge verſagte ihr wieder⸗ holt den Dienſt, endlich brachte ſie doch die Worte hervor: „Ich bin nicht treulos fortgegangen!“ „Ich habe es nie geglaubt, armes Kind, nie ge⸗ glaubt!“ fiel Paul lebhaft ein, da er ſah, wie raſch ihre Kräfte ſchwanden.„Ich habe Dich bei Deinem Va⸗ ter vermuthet, wie wie Du ja ſelbſt geſagt.“ ne 159 Ihre Lippen bewegten ſich, es war kein Laut ver⸗ nehmbar, der Hauch traf ſeine Hand, die ſie an ſich gezogen, ein Blick des Dankes erhellte noch einmal das ſchon vom Tode umflorte Auge. Der Vater übernahm die Antwort. „Sie war nicht bei mir. Der Schurke hielt ſie gefangen. Warum biſt Du damals zwiſchen ihn und ſie getreten? Mein Krys hätte ihn getroffen. Was hilft es, daß er jetzt todt iſt?— Es iſt zu ſpät!“ „Van Duizenbeek todt?!“ rief Paul beſtürzt aus. Der Häuptling ſchwieg und ſtarrte finſter vor ſich hin. „Sie ſtirbt, ſie ſtirbt!“ rief Hardenſtein und lenkte damit Beider Aufmerkſamkeit wieder auf Mata⸗ bunga. Ihr Auge hatte ſich ſchon geſchloſſen, aber nach einer kurzen Pauſe öffnete es ſich noch einmal mit convulſiviſchem Zucken. Es blickte auf das Kind, auf Paul, auf ihren Vater, der ſich im aufwallenden Schmerze über ſie geworfen hatte, dann wurde dies Auge immer ſtarrer, bis es unheimlich regungslos und weit offen in den tiefen Höhlen lag. Scheu wohnten die Umſtehenden dem Auftritte bei. Paul fühlte ſich tief ergriffen, eine Ahnung des Vor⸗ — —.—— —ÿ.—— 160 gefallenen dämmerte in ihm auf, doch ehrte er den Kummer des Vaters zu ſehr, um jetzt durch eine Frage weitere Aufklärung in die Lage zu bringen. Am ſeltſamſten war die Bewegung, die ſich des ſonſt immer ſo mun⸗ teren Hardenſtein bemächtigt hatte; Er nahm das Kind auf ſeine Arme und räumte ſo das Mattenſofa, auf welches der Häuptling mit Paul's Hilfe ſeine Tochter bettete. Das kleine Ding ſchlummerte ganz ruhig und ahnungslos, während es der ſchwerſte Ver⸗ luſt getroffen und der Tod ihm die Mutter hinwegge⸗ rafft hatte, die ihr eigenes Leben für das des Kindes hingegeben. Aus den leiſe geflüſterten Mittheilungen der Die— ner konnten Paul und Hardenſtein entnehmen, welcher Gefahr ſie ſelbſt entgangen waren und wie Alles ge⸗ kommen. Die junge Mutter hatte ihren Säugling geſtillt, und als er ruhig war, nicht mehr in den Slendang gehüllt— jenes ſhawlartige Tuch nämlich, das die javaniſchen Frauen um die Schulter ſchlingen und in dem ſie ihr Kind auf der Hüfte tragen. Der eigenen Erſchöpfung nachgebend, legte ſie das Kleine auf den Bali⸗bali, neben welchem ſie ſelbſt niederkau⸗ erte, während ihr Vater in dumpfem Hinbrüten weiter 161 abſeits ſaß. Dann war der Bote gekommen und, eben⸗ falls in die Pendoppo geführt, hatte er auf einem Haufen von Baſtmatten ſich den bequemſten Sitz ge⸗ ſucht. Dadurch wahrſcheinlich aus ihrem Verſtecke ge⸗ ſcheucht, war die Schlange auf das naheſtehende Sofa geſchlüpft. Als Mata⸗bunga aufſah, erblickte ſie das Aermchen ihres Kindes von dem bösartigen Thiere um⸗ ringelt. Mit einem Schrei ſtürzte ſie ſich auf daſſelbe; gleich einem Pfeile ſchnellte ſich der Wurm nach ihrem eigenen Arm, und ehe noch der Häuptling herbeigeeilt war, hatten ſich die Giftzähne des gereizten Thieres ſchon darin vergraben. Mit ſicherem Griff erfaßte der Bedana die Schlange hinter dem Kopfe, den er mit einem leichten Schlage ſeines Stockes eindrückte. Die Viper war getödtet, aber auch Mata⸗bunga trug den Todeskeim in den Adern. Vielleicht hätte die unverzügliche Anwendung von Hilfs⸗ mitteln noch Rettung geſchafft, doch war dies nicht als gewiß anzunehmen, Aufregung, Krankheit, Kummer und die Mühſeligkeiten der anſtrengenden Wanderung mitten durch die unbevölkerten Felsgebiete und den Urwald hatten ihre Kräfte wie ihren Lebensmuth er⸗ ſchöpft. Das Gift hatte leichte Arbeit gefunden. Idah Madeh Rahi erhob ſich nach einer Weile, Byr, Wrak. IV. 11 — 162 ſein Anlitz war finſter und gramdurchfurcht, ſonſt aber beherrſchte er ſich. Der rauhe Mann hielt es unter ſeiner Würde, ſich ſchwach zu zeigen und ſeinen Schmerz ſo ſehen zu laſſen. „Alles kommt, wie es beſtimmt iſt“, ſagte er. „Wenn die Sonne ſinkt, will ich die Leiche begraben.“ Auf Paul's Wink hatten ſich die Diener entfernt, er war allein bei der Todten, mit deren Vater und Hardenſtein, der das Kind noch immer auf ſeinen Knieen hielt. „Die Arme!“ klagte Paul.„Welch' trauriges Geſchick!“ Der Häuptling ſchüttelte den Kopf. „Sie hat gehabt, was ſie gewünſcht“, ſagte er. „Gott will dem Menſchen wohl, dem er ſeine Wünſche erfüllt, ehe er ihn zu ſich nimmt, und den er zu ſich nimmt, wenn es Nacht wird. Mata⸗bunga hat Dich geſehen, und Du weißt, daß ſie Dich nicht verrathen hat.“ „Und nur deshalb kamt Ihr zu mir?“ „Ich habe es geſagt.“ „Wie wußtet Ihr aber, daß ich hier ſei?“ fragte Paul verwundert. 163 Ueber Idah Madeh Rahi's Lippen glitt etwas wie ein Lächeln. „Wir wiſſen, was wir wiſſen wollen“, entgeg⸗ nete er. „Gedachteſt Du vielleicht Schutz gegen Deine Ver⸗ folger, Hilfe bei mir zu ſuchen? Ich kann Dir leider keinen gewähren. Du biſt hier nicht ſicher.“ „Bei Dir, Herr, bin ich's“, verſetzte der Häupt⸗ ling mit einer Ruhe, die das volle Vertrauen kundgab, das ſein ſtolzes Herz dem Fremdling weihte.„Du biſt kein Verräther und im Lande iſt kein Verräther. Ich bin von Oſten nach Weſten durch die ganze Inſel gegangen und wieder zurück von Weſt nach Oſt bis hierher, es hat mich Keiner verrathen, kein Chineſe, kein Malaye, kein Araber. Nur die Holländer ſind Verräther, aber für die Holländer iſt Idah Madeh Rahi todt.“ Ein Zug unendlicher Verachtung legte ſich um ſeinen Mund, als er fortfuhr:„Die Augen der Holländer ſind ſchlecht wie die eines alten Weibes. Sie konnten den Bruder nicht unterſcheiden vom Bru⸗ der. Idah Madeh Rahi lag krank und er wäre ver⸗ brannt, wenn ihn nicht Wana Sariah entdeckte und ihm forthalf aus dem brennenden Hauſe. Idah Ma⸗ 11* 164 deh Rahi war lange krank, aber die Holländer wollten nicht gehen von Bali ohne ihn, und das Volk konnte die Kampongs nicht wieder aufbauen und den Reis nicht wieder pflanzen, es mußte verhungern—“ „Und es ging Rio Saleh, der Bruder, und ſie nahmen ihn für Idah Madeh Rahi und ſchloſſen ihn in ihren Kerker. Rio Saleh wußte, daß ſein Bruder kommen würde und ſein Sohn, ihn zu befreien, und ſie kamen, da die Krankheit endlich gewichen war durch die Berührung des heiligen Krys.— Sie kamen, aber Rio Saleh lag im Sterben und konnte nicht mit fort⸗ gehen, und eine Kugel traf Wana Sariah. Es war gut für ihn, denn Mata-bunga war geſtorben für ihn, und er wollte kein anderes Weib ſeines Stammes. Das Geſchlecht Idah Madeh Rahi's iſt ausgelöſcht;— Allah hat den Baum verdorren laſſen.“ Paul hatte nun eine Aufklärung über das Räthſel, das ihn ſchon Mata⸗bunga's Worte im Hoſpitale ahnen ließen, aber noch war zu vieles ungelüftet; er fragte den Häuptling, wie er denn eigentlich ſeine Tochter gefunden habe, und hörte mit wachſendem Staunen und tiefer Erregung die Erzählung von den Schickſalen des unglücklichen Mädchens, ſeit es ſich von ihm ge⸗ trennt hatte. Der Vater fühlte dabei noch einmal den 165 ganzen leidenſchaftlichen Haß, den er bei der Entdeckung ſeines Kindes und bei deren ſpäteren Mittheilungen empfunden, von neuem durch, wilde Rachgier flammte in ſeinen Augen wie in ſeinem Herzen auf, doch auch die Befriedigung geübter Rache verhehlte er nicht. Seine Andeutungen ließen Paul den wirklichen Hergang genügend errathen, und unwillürlich erbebte er bei der Vorſtellung des grauenhaften Endes, das ſeinen Gegner ereilt.— „Und was haſt Du nun vor?“ fragte er nach einer längeren Pauſe, während welcher nur Hardenſtein ſeine mächtig erregte Theilnahme an dem Gehörten kundgab. Idah Madeh Rahi blickte düſter auf die Todte. „Wenn die Sonne ſinkt, begrabe ich Mata⸗bunga, und dann— in den Wäldern gibt es Tiger, an den Flüſſen Krokodile. Gott iſt groß!“ Er kauerte ſich zu Häupten der Leiche nieder und verbarg das Geſicht in ſeine Hände. Es war kein Wort mehr von ihm zu erlangen. Paul warf noch einen langen Blick auf die Todte, dann folgte er dem vorangegangenen Freunde in das Zimmer. Hier erwartete ihn ſchon der Mandur mit ———“ ——-:———— n nynynyn———— 166 dem Boten. Jetzt erſt erinnerte ſich Paul, daß er dieſem noch ein zweites Schreiben abzunehmen habe. „Die junge Nonna⸗beſar hat es mir noch zuletzt zugeſteckt“, flüſterte der Malaye.„Nur für Dich, ſagte ſie, für Dich allein.“ Paul erbrach das Briefchen. Wie ſchlug ſein Herz ſo heftig, als er folgende Zeilen las: „Werden Sie Ihren Freunden vergeben? Es hat Sie nie verurtheilt, nie verachtet— nur mißverſtan⸗ den— S.“ „Suſanne!“ rief Paul, und wenig hätte gefehlt, daß er die verrätheriſchen Worte küßte. Wie glücklich machte ihn der Gedanke, ſie— ſie ſelbſt ſei gekommen. Sah er doch in dem Briefe, mit dem ſie Mevrouw's wohlangelegte Ueberraſchung zerſtört, die pochende Un⸗ geduld eines Herzens, an deſſen Liebe er jetzt nicht mehr zweifeln konnte. Alles war ihm klar, ein ein⸗ ziger Sonnenſtrahl hatte alles Dunkel zertheilt, die irrige Auffaſſung ſeiner Worte an jenem Abſchieds⸗ abende, von denen jedes einzelne unverlöſchlich in ſei— ner Erinnerung ſtand, die Erkundigungen, welche Mevrouw van Montfoort ſo eifrig eingezogen— 167 all' die kleinen Umſtände fanden jetzt die rechte Deutung. Und doch— in all den Seelenjubel miſchte ſich ein wehes Gefühl, das er nicht ganz zu verbannen vermochte. „Sie ahnt nicht, daß Mata⸗bunga heute dennoch unter meinem Dache iſt“, ſagte er halblaut vor ſich hin und nickte traurig mit dem Kopfe.„Welch' ein Zu⸗ ſammentreffen!“ „Kann mir jetzt ungefähr denken, welcherlei Art Gäſte Mevrouw van Montfoort Dir eingeladen hat!“ ſagte Hardenſtein. „Kommſt Du mit? Ich reite ſofort.“ „Nein, ich will da bleiben. Das arme Kind! Was ſollte es anfangen ohne mich? Da zeigt ſich wieder die Frucht Deines Eigenſinnes und welche Ca⸗ lamitäten eintreten, wenn keine weibliche Bedienung im Hauſe iſt. Ich bleibe bis morgen. Das kleine Ding muß verſorgt werden, es iſt mir an's Herz ge⸗ wachſen, wie— ſeine ſchöne Mutter. Lebte ſie noch— wer weiß—!“ Er drückte das Kind an ſich, indem er ſein Ge— ſicht zu einer drolligen Maske verzerrte. Es war er⸗ wacht, ſah aus den großen, ſchönen Augen freuͤnd⸗ 168 lich und ganz ruhig zu dem fremden Manne auf und 9 ganz ruhig z griff mit den winzigen Fingerchen in deſſen blonden Bart. Bewegt wandte ſich Paul ab. „Arme Mata⸗bunga!“ Siebentes Kapitel. Suſanne. Eines der furchtbaren Gewitter war niederge— gangen, wie ſie der Weſtmouſſon in jenen Breiten mitunter bringt. Das Waſſer fällt in Strömen vom Himmel und nichts widerſteht der verheerenden Ge⸗ walt, mit der es Alles fortſchwemmt, was mit dem Felſen nicht zu Einem verwachſen. Die Bergpfade und Hohlwege ſind für Jedermann unpaſſirbar, der nicht den Muth in ſich fühlt, mit der Hölle anzubin— den und vom Himmel ſelbſt dazu gefeit iſt. In ſolcher Lage aber befindet ſich nur ein Liebender, deſſen Blutwellen von einem himmelhoch jauchzenden Herzen in wahnſinniger Haſt gegen den Kopf getrieben, die 170 Functionen des Gehirns, aus denen ſich der geſunde Menſchenverſtand ergibt, bedenklich hemmen. Solcher Art war der Zuſtand, in dem Paul, allen Abmahnungen ſeines Freundes trotzend, noch am ſelben Abende den Ritt nach Malang gewagt hatte. Zum Glücke half ihm ein tüchtiger Gefährte. Ohne die wunderbare Muskelkraft und Ausdauer ſeines Pferdes wäre es ihm wohl nicht gelungen, all' die Hinderniſſe zu bewältigen und aus den Drangſalen und Gefahren mit heiler Haut hervorzugehen. Er hatte alle Urſache, Mijnherr van der Hage für deſſen koſt⸗ bares Geſchenk, das ſich ſo vortrefflich bewährte, aus vollſtem Herzen Dank zu wiſſen. Aber dieſes Gefühl kam nur ſehr unvollkommen zu ſeiner Erkenntniß, und im Grunde war ihm dies kaum übel zu nehmen. Andere Gedanken, andere Bilder erfüllten ihn, vor deren Farbengluth ſelbſt das nächtige Naturſchauſpiel mit all' ſeinen Fährlichkeiten erblich. Nicht daß er ſich von der Trunkenheit des Glückes ſo weit hätte hinreißen laſſen, auch nur von der Möglichkeit weiterer Conſequenzen dieſes bevor⸗ ſtehenden Wiederſehens zu träumen; der Abſtand, der ihn von Suſanne trennte, erſchien ihm darum nicht kleiner, weil ſie ihm ſelbſt einen Schritt entgegen ge⸗ 4741 than, und es war nur die reine, von keiner Reflexion getrübte, hochflammende Freude, das ſo heiß geliebte Mädchen im Laufe der nächſten Stunden ſchon ſehen zu dürfen, nicht mehr verkannt, nicht mehr kühl zurück⸗ gewieſen zu werden, wo er ſo gern ſein ganzes war— mes Herz geboten hätte; es war dieſe Freude allein und unverfälſcht, die ihn ſo raſtlos und tollkühn vor⸗ wärts trieb auf dem gefährlichen Pfade. Es iſt das Schickſal alles Irdiſchen: die Vergäng⸗ lichkeit, und auch das reinſte Gefühl ſoll nicht von Dauer ſein, ſo will es das ewige Geſetz. Paul erfuhr es, da er mit ſtürmiſch pochendem Herzen die Innen⸗ galerie der Behauſung des Reſident⸗Aſſiſtenten betrat, wo ſich während des Gewitterſturmes die Familie mit ihren Gäſten verſammelt hatte. Wie wenn der An⸗ prall des letzten Windſtoßes noch eine Scheibe einge⸗ drückt und einen mächtigen Regenſchauer in das Gemach getrieben hätte, platzte Paul herein, ſo daß Mevrouw van Montfoort mit einem Aufſchrei des Entſetzens von ihrem Sitze emporfuhr und die Frau des Arztes ſogar einer Ohnmacht nahe war. Die Herren ſtanden wie verſteinert, und ſelbſt Suſanne ſaß ſichtlich mehr be⸗ troffen als erfreut in ihrem Schaukelſtuhle. „Mein Gott, wo kommen Sie her?“ rief der Arzt. 172 „Aus dem Wetter, Kaſian!“ erklärte mitleidig Mevrouw. „Sie ſind durch das Gewitter geritten?“ fragte Suſanne erblaſſend, und die Frau des Arztes ſetzte hinzu, man könne dieſer perſonificirten Regenwolke ja gar keinen Platz anbieten, es müſſe Alles durch⸗ weicht werden. Das war der Empfang, den Paul allerdings nicht erwartete. Er hatte bis jetzt nicht auf ſeine Erſchei⸗ nung geachtet. Nachdem er ſein Pferd bei Hardenſtein eingeſtellt, war er raſch hierher geeilt, durchnäßt, zer⸗ zauſt wie er war. An ein Vertauſchen der Kleidung konnte er bei des Freundes ſo ſehr von der ſeinen verſchiedenen Körpergröße ohnehin nicht denken; zudem war er längſt an dieſes unausweichliche Durchnäßt⸗ werden gewöhnt, ſo daß er ſich nicht vorgeſtellt hatte, welchen Eindruck ſein Erſcheinen in ſolcher Verfaſſung hervorrufen müſſe. Jetzt erſt beachtete er die kleine Lache, die ſich raſch zu ſeinen Füßen ſammelte, jetzt erſt fühlte er es kalt durch ſeine Pulſe und zum Her⸗ zen ſchleichen, und ſelbſt als Suſunne, ihren Schreck bewältigend, ſich nunmehr erhob und ihm die Hand mit innigem Blicke zum Willkommengruße reichte, wollte das nicht genügen, ihn wieder zu erwärmen. 173 Sein Auge blickte ernſt, die ungeſtüme Freudigkeit ſei⸗ ner Seele war gewichen und in ſeinem Weſen lag eine faſt herbe Zurückhaltung, die verſchüchternd auch auf Diejenige wirkte, welcher er noch kurz zuvor ju⸗ belnd zu Füßen ſtürzen zu müſſen meinte. Mevrouw van Montfoort gab ſich vergebliche Mühe, dieſe Stimmung zu verſcheuchen; ſie bedauerte Mijnheer Opnemer, der ſich ſolchen Gefahren ausgeſetzt, wollte ihn durchaus zum Umkleiden bewegen, wobei ſie ſich über ihres Gatten kleinen Wuchs geradezu ent⸗ rüſtete, und bot dem Durchnäßten, in ihrem Verlangen, nur irgend etwas für ihn zu thun, ſchließlich ein Körb⸗ chen mit ſaftigen Jambuſen, köſtlichen Manguſtans und allerlei Apfelſinenſorten an, ohne zu bedenken, daß dieſe kühlende Erquickung kaum das rechte Mittel in dem gegebenen Falle ſein dürfte. „Lieber einen ſteifen Toddy!“ kam ihr van der Hage zu Hilfe, der Paul auf das herzlichſte die Hände ſchüttelte.„Mein junger Freund hat zwar noch das beneidenswerthe Feuer ſeiner Jahre, immerhin wird er es aber nicht verſchmähen, auf ſein Wohl mit uns anzuſtoßen.“ Der Reſident hatte indeſſen ironiſch die Achſeln gezuckt und dem Doctor in's Ohr geflüſtert, wie wenig 174 günſtig ſich heute der eben Angekommene präſentire und wie es ihn nur Wunder nehme, daß ſeine Frau ſich deſſelben dennoch ſo eifrig annehme. Es gälte ihr doch nur die Außenſeite etwas, und er habe darum ſeine guten Gründe, wie er ſchon des Oefteren ge⸗ äußert, von den von ſeiner Frau in Protection Ge⸗ nommenen nicht ſonderlich viel zu halten. „Sehen Sie, lieber Freund“, ſchloß er,„ob ich mich jemals getäuſcht habe? Da iſt wieder jener Lieute⸗ nant van Duizenbeek, von dem früher die Rede war, der beſte Beweis dafür. Mich nimmt nur Wunder, daß meine Frau den Opnemer protegirt, denn ſie thut das nie mit Herren, die ſich um anderer Damen Gunſt bewerben. Das thut Herr Albot zwar nicht, es müßte denn Khre Frau Gemahlin—“ „O, ich bitte“, fiel der Arzt derb ein,„bleiben Sie nur bei der Ihren, Mijnherr Reſident!“ „Haha, wie Sie auffahren! Ich wollte ja nur ſagen, daß der Betreffende meines Wiſſens ſeine Auf⸗ merkſamkeit gar keiner Dame widmet, aber auch ſpe⸗ ciell der meinigen nicht, was inſofern freilich gün⸗ ſtiger für ihn ſpricht, als Lieutenant van Duizenbeek damals ganz auffallend der ſchönen Juvrouw Suſanne huldigte.“ dur 175 „Sie zeigt ſich aber nicht im geringſten betrübt durch den Verluſt.“ „Klugheit, und dann— wer erforſcht die Herzen der Frauen!“ Der Arzt zuckte bei dieſem ſchlauen Ausſpruche die Achſeln in zweifelhafter Weiſe, ſo daß der Reſident dies recht gut als Zuſtimmung nehmen konnte. Dann aber wandte er ſich an van der Hage und bat ihn um nähere Auskunft über den eben vor Paul's Eintritt erwähnten Fall. „Ja, ja, die näheren Details!“ entſchied Mevrouw van Montfoort's Commandoſtimme. Auch Paul, der es ſich auf der guten Dame Geheiß an ihrer Seite recht bequem gemacht hatte, horchte erregt auf, da des Lieute— nants Name an ſein Ohr ſchlug, und es bedurfte der wiederholten Nöthigung ſeiner freundlichen Nachbarin, daß er nicht des heißen Getränkes, welches ſie ihm mittlerweile gemiſcht hatte, ganz und gar vergaß. „Sie haben den Lieutenant van Duizenbeek ja auch gekannt?“ ſagte van der Hage, indem er ſeine Cigarre in Brand ſetzte, zu Paul.„Ich habe gerade den Herrſchaften mitgetheilt, wie er um's Leben ge⸗ kommen, es iſt noch keine Woche her. Das heißt, nicht eben wie er um's Leben gekommen, denn darüber 176 liegt noch ein geheimnißvoller Schleier gebreitet, nur unter welchen Umſtänden er gefunden wurde und was man vermuthet.“ „Ich bleibe dabei, der Sergeant hat es gethan!“ fiel Mijnheer van Montfoort ein, der Arzt widerſprach und die Anderen gaben ebenfalls ihre Meinung ab, ſo daß es eine Weile dauerte, ehe van der Hage wieder zu Wort kam. „Ja“, ſagte er,„im Anfange war ganz Batavia der Meinung, der Sergeant und ſeine Geliebte ſeien hauptächlich dabei betheiligt, aber allmälig iſt man davon doch abgekommen. Ich habe Ihnen ſchon er⸗ zählt, wie der Lieutenant am Morgen ermordet ge⸗ funden wurde. Die Malayendirne hätte Lärm geſchla⸗ gen, nachdem ſie ſich, wie ſie behaupteten, von den Rotangſtricken, die ihre Hände und Füße banden, ſowie von dem Knebel befreit. Ihr Geliebter, der Sergeant Riolle, lag in einer Art Vorflur oder Küche auf dem Bette in tiefem Opiumrauſche, und was die Sache für ihn übel ſtellte, war der Umſtand, daß ſich auch eine gefüllte Börſe neben ihm fand, die als eine von Emilie für ihren Couſin geſtickte erkannt wurde. Der Raub— mord war erwieſen, und man zog die beiden Genoſſen ein, wiewohl ſie mit den heiligſten Eiden ihre Unſchuld hab ſtan plöt 47 beſchworen und feſt bei ihren Ausſagen über das Ver⸗ hältniß des Lieutenants zur Tochter des gefangenen Rebellenfürſten beharrten, wie ich Ihnen dies ſchon mitgetheilt. Riolle wollte ſeit zwölf Stunden geſchlafen haben und von nichts wiſſen, das Mädchen aber be⸗ ſtand darauf, kurz nach der Ankunft des Lieutenants plötzlich von einem oder mehreren Männern überfallen, gebunden und geknebelt worden zu ſein und nur noch den ſeltſamen Streit vernommen zu haben, ohne daß ihr der Zuſammenhang der Worte klar geworden war. Dann ſei ein Aechzen entſtanden und darnach die Tochter des Häuptlings mit ihrem Kinde und zwei Malayen aus dem Hauſe geflohen.“ „Lächerliche Ausreden!“ ließ der Reſident aber⸗ mals ſeine Zweifel laut werden. „Eine eigenthümliche Inzicht gab dieſen Ausſagen Gewicht“, fuhr der Erzähler, ohne den Einwurf zu beachten, fort.„In der Todeswunde ſtak ein koſtbarer Dolch.“ „Der heilige Krys“, murmelte Paul. Van der Hage ſah den Sprecher überraſcht an, da aber Paul ſchwieg, ſo beendigte er ſeinen Bericht. „Eine jener reichbeſetzten Waffen, wie man ſie nur bei den Fürſten des Landes findet und nicht wohl Byr, Wrak. IV. 12 im Beſitze des Sergeanten vermuthen durfte. Man gewann jetzt raſch die Ueberzeugung, daß der Sergeant und ſeine Geliebte es ſicherlich anders angeſtellt hätten, wenn ſie die Thäter waren, ihre Schuld zu verbergen. Viel wahrſcheinlicher als mit einem Raubmorde, hatte man es hier mit einem Racheacte zu thun, der ſich durch das gewalſame Verhalten des Ermordeten zu ſeiner Geliebten erklären ließ.“ „Kaſian! Der Arme!“ ſeufzte Mevrouw van Mont⸗ foort.„Er war ein leidenſchaftlicher Menſch, er iſt hart beſtraft worden.“ Niemand that Einſpruch, ſelbſt Paul nicht, der ſehr viel Luſt dazu hatte, da er Suſanne das Geſicht abwenden ſah und dies in eiferſüchtiger Regung, die ihm das Herz noch zuſammenſchnürte, als ein Zeichen ihrer mehr als allgemein menſchlichen Theilnahme für den Todten auslegen zu müſſen glaubte. „Ich will nicht entſcheiden, ob die Strafe zu hart war. Wenn ſich Alles ſo verhält, wie die Malayen⸗ dirne erzählt, hat er wenigſtens nicht gehandelt wie ein redlicher Mann“, entſchied van der Hagen. „Ich glaube nicht daran, möglich aber wäre es. Meine Frau wählt ſtets ſolche Schützlinge“, äußerte Mijnherr van Montfoort mit boshaftem Lachen, ohne den zumr 179 den drohenden Blick zu beachten, den ihm ſeine Gattin zuwarf. „Und hat man keine Ahnung, wer die eigentlichen Thäter waren?“ fragte der Arzt. Van der Hage zuckte die Achſeln. „Es hat ein ſeltſames Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände ſtattgefunden“, berichtete er weiter.„Noch gab es eine zweite alarmirende Nachricht für Batavia an jenem denkwürdigen Morgen. In derſelben Nacht war ein Verſuch gemacht worden, den gefangenen Häupt⸗ ling von Bali gewaltſam zu befreien. Der Poſten hatte jedoch rechzeitig Feuer gegeben, der Aufrührer⸗ trupp wurde zerſprengt, und unter den Todten befand ſich außer dem im Einverſtändniſſe geweſenen Schließer noch ein junger Malaye, den einige Ihrer ehemaligen Kameraden, Mijnherr Opnemer, als jenen Anführer des Aufſtandes in Sumor⸗bening und Panawang er⸗ kennen wollten, der uns ohne Ihre Hilfe dort ſo übel mitgeſpielt hätte.“ „Wana Sariah?“ rief Paul, dem Idah Madeh Rahi's Worte jetzt erſt im ganzen Umfange klar wurden. „Sie erinnern ſich“, fuhr van der Hage kopfnickend fort,„daß er ſchon damals mit dem Lieutenant grau⸗ 12* —õ— ——— —— 180 ſam abzurechnen beabſichtigte und ihm Auskunft über die Tochter des gefangenen Bedana durch die Folter abpreſſen wollte. Nun kommt noch dazu, daß jenes Malayenweib, das man mit dem Sergeanten des Mordes verdächtigte, in dem Gefallenen eine jener beiden Geſtalten zu erkennen behauptete, die ſo geheim⸗ nißvoll in das einſam gelegene Haus gedrungen waren. Gerade der Anzug eines Miethkutſchers, den er trug, ſollte ihrer Ausſage nach mit zum Erkennen beigetra⸗ gen haben. Und ſo gewinnt in der That die Anſicht an Wahrſcheinlichkeit, daß ſich ein Verwandter oder früherer Geliebter des Mädchens an deſſen Entführer gerächt habe.“ „Empörend“, rief der Reſident,„dieſe wiederholten Aufſtände in unmittelbarer Nähe der Hauptſtadt und nun gar in derſelben! Daß man da keiner energiſcheren Mittel ſich bedient. Am Ende hätte das Unternehmen noch glücken und der Gefangene befreit werden können. Weshalb hebt man ihn ſo ſorglich auf und macht nicht kurzen Proceß mit ihm? Ein zweites Mal gelingt der Befreiungsverſuch ſicherlich beſſer.“ „Der Verſuch wäre auch im beſten Falle vergeb⸗ lich geblieben“, entgegnete van der Hage, denn in der⸗ ſelben Nacht verſchied Jdah Madeh Rahi im Gefäng⸗ ber niſſe— ſo lautete die amtliche Angabe.“ tter„Die amtliche Angabe“, wiederholte Paul mit ſo nes ſeltſamer Betonung, daß Alle auf und ihm fragend in’s Auge ſahen. Er gedachte aber der Pflicht des an⸗ weſenden Regierungsbeamten und fand es gerathener, dem Reſident⸗Afſiſtenten alle Sorgen und Zweifel, dem Vater Mata⸗bunga's aber jede weitere Verfolgung zu ren. aug, erſparen. Vertrauensvoll hatte der Bedana ſein Haus ra⸗ betreten, er ſollte ſich nicht getäuſcht haben; er ſah ſcht nicht darnach ars, als könne er, gealtert, gebrochen, der und lebensmüde, den Herren der Inſel noch einmal ge⸗ hrer fährlich werden. Der mitgetheilte Fall gab noch eine Weile Anlaß zu allerlei Erörterungen, dann ſetzte man ſich zum li Spiele. Van der Hage benutzte die Gelegenheit, die und ſich dem Ausgeloſten während des erſten Rubbers bot, dien um wieder an Paul heranzutreten und ihm einen Be⸗ mien weis ſeines freundlichen Wohlwollens zu geben. Er nen fragte ihn, wie der junge Opnemer ſich hier in feiner nict neuen Stellung geſiele, ſprach von einem weiteren Felde der für die Thätigkeit eines Mannes, der Freude am Schaffen habe, erwähnte die Theilnahme, mit welcher rgeb⸗ Colonel de Brabant noch immer Paul's gedachte, und der⸗ 182 theilte dieſem ſchließlich ein wenig zaudernd mit, daß es im Grunde nur von ihm abhinge, ob er einen ge⸗ wiſſermaßen ſchon gewährten Urlaub benützen und ſeine Kraft und Zeit vielleicht einer anderen, frucht⸗ bringenderen Aufgabe weihen wolle. Paul glaubte den Vorſchlag, den er für eine Wiederholung des ſchon früher einmal gemachten nahm, ablehnen zu müſſen. „So könnte ich Ihnen keinen Wunſch erfüllen— keinen?“ fragte van der Hage, und ſeine Worte klan⸗ gen ſo ſeltſam, faſt ſchmerzlich, daß Paul unwillkürlich nach ſeiner Hand faßte und ſich erbeben fühlte. Einen Wunſch, einen gab es allerdings, aber es wäre ja thöricht geweſen, ihn zu nennen. Der eine Wunſch mußte auf immer begraben bleiben! „Es würde mich freuen, wenn Sie volles Ver⸗ trauen zu mir faſſen wollten“, ſagte der alte Herr nach einer kleinen Weile mit innigem Tone,„es würde mich freuen, mein lieber junger Freund. Es iſt mir, als hätte ich in Ihnen einen wackeren Sohn gewonnen, und der ſollte ſo wenig gegen mich zurückhalten, wie meine Tochter. Ich habe eine zeitlang gefürchtet, ihr Ver⸗ trauen verloren zu haben, und Sie glauben nicht, wie wohl es mir thut, zu wiſſen, daß ich nicht fremd bin 183 im Herzen meines Kindes. Wer unſere Zuneigung hat, auf deſſen geheime Gedanken ſind wir eiferſüchtig. Das ſollte auch Sie mir näher bringen.“ Er mußte kurz abbrechen, da Mevrouw van Mont⸗ foort ihn an ſeinen Poſten rief. Paul blieb ſeltſam beklommen zurück. War es reines, herzliches Wohl⸗ wollen, das ſich in dieſen Worten ihm kundgegeben, der Wunſch, ihn zu fördern und auf dieſe Weiſe die Schuld der Dankbarkeit abzutragen? War es mehr? — war es— Paul wagte es nicht, den kühn auf⸗ geſchoſſenen Gedanken auch nur auszudenken. Die Vernunft mit ihren abkühlenden Gründen und Schluß⸗ folgerungen war ſofort bei der Hand und wies das ſtürmiſche Herz in ſeine Schranken. Es war ihm heiß geworden nach dem ſtarken Ge⸗ tränk und in dem geſchloſſenen Raume, er verließ die Galerie und trat hinaus in die Pendoppo, wo er die glühende Stirne an eine der Steinſäulen lehnte und mit tiefen Zügen den kühlenden Lufthauch einſog, den das Gewitter als einzigen Nachzügler zurückgelaſſen hatte. Keine Wolke war mehr am Himmel zu ſehen, in aller Sternenpracht wölbte er ſich über der Inſel. Als ſuche er unter den leuchtenden Geſtirnen ein Augenpaar, ſo tauchte Paul's Blick in das funkelnde — ———OQAQ— .—— ——— — — — 8 184 Lichtmeer und blieb endlich an dem wunderbaren Bilde des ſüdlichen Kreuzes haften. Und zwiſchen den ein⸗ zelnen goldenen Sternen tauchten ſchleierartige Wölkchen auf, immer dünner, immer durchſichtiger wurden ſie, bis drei ſchöne Mädchenköpfe deutlich und unverkennbar hindurchleuchteten. Wie verſchieden von einander in Form und Aus⸗ druck, wie ruhte jedes Augenpaar mit anderem Blicke auf ihm! Welcher Unterſchied aber auch in den Cha⸗ rakteren, wie anders war jeder vom Schickſale geformt, von den beſtimmenden Einflüſſen umgeben geweſen! Noch klangen die Worte in ſeinem Ohre, die van der Hage in Beziehung auf ſeine Tochter eben geſprochen. Welche innige Liebe drückte ſich in ihnen aus— eine Liebe, vielleicht nicht inniger, nicht opferbereiter, als die den Vater Mata⸗bunga's angetrieben hatte, die Rettung ſeines an dem Schlangengifte ſterbenden Kin⸗ des zu verhindern. Und welche Liebe hatte jemals Randhof ſeiner Tochter gezeigt, worin beſtand die Auf⸗ faſſung ſeiner Pflicht, womit hatte er die Schuld ab⸗ getragen, die ein unläugbares Naturgeſetz den Eltern auferlegt? Alles, Alles tauchte wieder auf. War es ein Wunder, wenn jede dieſer Knospen ſich zu einer anderen Blume entfaltete? Und von allen 185 de dreien— ſo ſagte ſich Paul— war nur Eine ſein ge⸗ ſ⸗ weſen, gerade die eine, nach der er niemals verlangend en die Hand geſtreckt, die eine, die der Tod jetzt ſchon , unter den Raſen gebettet. Friederike war im Leben al von ihm abgefallen, ein im leichten Lufthauche dahin⸗ flatterndes Roſenblatt, und die Dritte, die er über Alles liebte, von der er ſich ſelbſt in Augenblicken be— ke rückender Träumerei geliebt geglaubt— Ahl fort, fort, 5 fort der Gedanke, wozu ihn weiter führen? Das Ende t, war da. 1! Schon als der Spieltiſch geordnet wurde, war er Suſanne verſchwunden. Bedurfte ſolches Zurückziehen n. erſt einer Auslegung? Warum aber, wenn ſie ihm nicht begegnen wollte, warum der Brief? Nein, nicht le 3 der Brief, er ſelbſt trug Schuld daran, wenn er An⸗ te deres aus den Worten herausgeleſen, als ſie beſagen 3 wollten! 3 Ein unendlich bitteres Gefühl beſchlich ihn, ein f Gefühl der Entſagung, die aber nicht jene ſchmerzliche Ruhe brachte, aus der ein tröſtender Sonnenſtrahl lächelt, ein Gefühl der Entſagung, das ſein Herz zer⸗ fleiſchte, wie ein Riß mit glühender Zange. Ein leiſer Tritt, der von der Gartenſeite kam, ſcheuchte ihn auf. Da ſtand Suſanne vor ihm, und ——— 186 er meinte zu träumen und wieder auf dem Schiffe zu ſein, in einer jener Sternennächte, wo eine leichte Ge⸗ ſtalt an ihm vorüberſchwebte und, an die Brüſtung gelehnt, ein edles bleiches Geſicht zu den ſanften Lich— tern erhob, die ſo ſtill vom Firmamente hernieder glänzten. Wie damals lag nur eine ſchwarze Spitzen⸗ mantille über der ſtolzen Stirne, das ſchöne Oval in zierlichem Wurfe umſäumend. Wie damals ruhten die großen dunklen Augen ernſt, faſt fragend auf ihm. Die Ueberraſchung, die ſich einen Moment in des Mädchens Zügen malte, war ſchnell verflogen, doch währte es einige Zeit, ehe Suſanne Worte fand, und erſt als Paul ſich gefaßt hatte und mit einer ſteifen Verbeugung zur Seite trat, als wolle er ihr Platz machen, ſagte ſie leiſe und mit bewegter Stimme: „Ich danke Ihnen. Es war ſehr, ſehr freundlich, daß Sie gekommen ſind.“ Ein böſes Lächeln zuckte um Paul's Lippen. „Sie ſchienen das früher nicht zu finden, Meju— vrouw“, entgegnete er nicht ohne Spott,„Ihr Ausruf, als ich eintrat, klang wie ein Vorwurf.“ „Und das war er auch“, verſetzte Suſanne eifrig. „Sie haben ſchon einmal meine Bewegung mißdeutet. Diesmal war es der Schreck, denn ich erbebte bei dem 187 Gedanken an die Gefahren, denen Sie hätten erliegen können.“ „Und habe ich auch Ihr Verſchwinden mißdeutet?“ „Ich verließ die Galerie— weil— weil es mir unerträglich ſchwül erſchien.“ Dies Stocken, dies leiſe Erröthen, das ſelbſt der Schleier der Nacht nicht verbarg! Paul war es, als wolle ſich all' ſein Blut mit einem Male in's Herz er⸗ gießen. Jubel erfüllte ſeine Seele und um ihn her war's heller Tag, als ſei die Sonne zurückgekehrt auf ihrer Bahn und in voller Strahlenmajeſtät wieder emporgetaucht über den mächtigen Horizont. „Alſo nicht, um mir auszuweichen?“ rief der Glück⸗ liche im Uebermaße ſeiner Freude. Und Suſanne überließ ihm die zitternden Hände, die er ſtürmiſch erfaßt, und den Blick ſenkend er⸗ widerte ſie leiſe, daß die Worte nur wie ein koſender Hauch an ſein Ohr ſchlugen: „Wären wir darum hierhergekommen?“ „Und warum, warum? O, ſprechen Sie es aus. Um mir zu begegnen alſo— meinetwegen, meinet⸗ wegen?“ Sein Auge flammte und in leidenſchaftlichem Drängen drückte er ihre Hände wie in einen Schraub⸗ 188 ſtock, als müſſe er ihr durch die Folter das entzückende Geſtändniß erpreſſen. Wie ſollte ſie da Widerſtand leiſten? „Ich hatte ja eine Abbitte zu thun“, ſagte ſie weich,„die letzen Ereigniſſe haben mich über ein Miß⸗ verſtändniß aufgeklärt, mit dem ich Ihnen Unrecht that. Und nun, nicht wahr“, ſchloß ſie, das Auge wieder voll und innig zu dem ſeinen erhebend mit lieblicher Bitte,„nun kein Mißverſtändiß mehr?!“ „Keines, keines, meine liebe, liebe Suſanne!“ Jauchzend ſchloß er ſie in ſeine Arme, und es währte eine gute Weile, ehe ſie ſich von ihm losmachte und, das thränenüberſtrömte Antlitz mit ſeligem Lächeln ihm zuwendend, ſcherzhaft ausrief: „Ach, wir ſind verrathen, Du ungeſtümer Menſch, ich bin jetzt ſo naß wie Du!“ 1 Achtes Kapitel. Ein Brief-Fragment als Schluß. „Gott Lob, haben ſich Deine Befürchtungen, liebe Mutter, nicht erfüllt. Suſanne iſt, bis jetzt wenigſtens, geſund und friſch, dabei heiter, lieb und gut und ſchö⸗ ner als je. Wie freue ich mich, ſie Dir in die Arme zu führen. Wie werdet Ihr gegenſeitig an einander Gefallen finden und Euch lieben lernen. Sie iſt wohl⸗ auf, wie geſagt, und macht ſich tüchtig Bewegung. Heute iſt ſie zur Stadt gefahren, einer Hochzeit beizuwohnen. Du wirſt es viel finden, daß ein junger Ehemann ſein Weibchen ſchon nach drei Monaten glücklicher Ehe, alſo ſozuſagen noch in den Honigwochen, allein die Fahrt nach Batavia machen läßt und ſich ſogar auf zwei ganze Tage trennt— denn morgen Abend iſt “ 8 1 1 —— 190 Suſanne wieder hier, ſie hat es mir hoch und theuer h verſprochen— aber es iſt ſo eine eigene Sache. 1 Eigentlich hätte ich auch mitgehen ſollen, und die d Arbeit, die ich vorſchützte, um in Panawang zu blei⸗ ben, wäre eben auch um zwei Tage zu verſchieben ge⸗ weſen, aber Suſanne, wiewohl ſie die Ausflucht recht gut durchſchaut, beſtand ſelber nicht auf meiner Be⸗ gleitung. Sie fühlte wohl, daß mir da allerlei unan⸗ genehme Reminiscenzen entgegentreten mußten. Ich betrete das Haus der Goudelaar's überhaupt nicht gern, und beſonders in Betreff des Bräutigams haben Enthüllungen ſtattgefunden, die mir den Einfluß, wel⸗ chen er in Gemeinſchaft mit dem verſtorbenen Lieute⸗ nant van Duizenbeek auf mein Geſchick genommen, nicht leicht in günſtigem Lichte erſcheinen laſſen. Es handelt ſich um jenen Zollbeamten Eekhoorn, deſſen ich ſchon gegen Dich erwähnte. Suſannen's Jugendfreun⸗ din, Emilie Goudelaar, hat ſich nämlich, nachdem ſie ihren verſtorbenen Couſin ein Vierteljahr hindurch be⸗ trauert, entſchloſſen, dem ausdauernden Bewerber in b Ermangelung eines Anderen ihre hagere Hand zu reichen. Ich fürchte, Mevrouw, die mit ihm früher unter einer Decke agitirte, hat ſich durch Unterſtützung dieſes Hei⸗ raths⸗Projectes ſelbſt eine Drahtgeißel geflochten. Eek⸗ 191 hoorn iſt ein ſchlauer Gaſt und wird keinen Anſtand nehmen, das Erbtheil ſeiner Frau auf Koſten desjenigen der Stiefmutter und Stiefgeſchwiſter zu vergrößern. Er wird kein Mittel ſcheuen und ſicherlich, wenn es ſein ſollte, ſelbſt vor Gericht gewiſſe Beziehungen auf— decken, in die er durch van Duizenbeek Einblick erhielt. Wenigſtens hörte ich bei Déluzet und Compagnie Einiges über einen beabſichtigten ſcandalöſen Proceß verlauten, als ich vor etwa einer Woche in Friederiken's Angelegenheit auf dem Bureau war. 8 Hoffentlich habe ich mit dieſer letzteren Sache nicht lange mehr zu thun. Nicht daß ſie mir peinlich wäre! Jedwede Erbitterung iſt in mir längſt erſtorben, ja ich möchte ſagen, es erfüllt mich ſogar etwas wie Dank⸗ barkeit, wenn ich daran denke, daß ohne die vorherge⸗ gangenen Ereigniſſe ſich meine Gegenwart niemals ſo geſtaltet hätte, wie es der Fall iſt. Wie traurig, wenn ich für mein ganzes Leben an ein herzloſes Weib ge⸗ ſchmiedet wäre und die Feſſel ohne Vorwurf tragen müßte, bis ſie mich erdrückt oder demoraliſirt hätte! Ohne Vorwurf, ſage ich, denn daraus kann man ja dem Menſchen keinen Vorwurf machen, daß er kein Herz hat. Dafür kann er ſelber nichts. Ich höre Deine Einwürfe, liebe Mutter, und ſehe, wie Du Dich 192 ereiferſt, denn Dir erſcheint Herzloſigkeit wie ein Ver⸗ brechen, aber auf die Gefahr hin, von Dir wieder ein Materialiſt geſcholten zu werden, muß ich dabei blei⸗ ben, daß auch Deine wunderbare Seelengüte nur ein Geſchenk der Natur iſt und nicht eigenes Verdienſt. Dann darf man aber auch jene nicht anklagen, denen die Natur ſtiefmütterlich dieſes herrliche Geſchenk vor⸗ enthalten. Sie ſind ja ſelbſt die Verkürzten und ent⸗ behren ein volles Glück. „ Freilich mag ſolch ein Mangel hin und wieder auch zum Vortheile gereichen. Ich habe bei Deinen Mittheilungen oft daran gedacht. Wie wäre es Frie⸗ deriken möglich geweſen, dieſe zweite Kataſtrophe zu durchleben, wenn ihre Seele tieferen Eindrücken zu⸗ gänglich wäre? Ohne Liebe hat ſie geheirathet, nur in der ſicheren Zuverſicht, für das Opfer ein bequemes, glänzendes Daſein zu erkaufen. Und nun mit einem Male aus dem geträumten Glanze rauh in's Elend hinausgeſtoßen zu werden, das Vermögen des altern⸗ den Mannes wie Spreu zerſtieben zu ſehen, an den ſiechen Greis gekettet zu ſein und mit ihm nothleidend in die Dachſtube ziehen zu müſſen, dort von der Hände ungewöhnter Arbeit des Tages Bedürfniſſe zu beſtreiten — und alles das im Bewußtſein, ſich ſelbſt ſo gebettet 193 zu haben, das muß hart ſein, weit härter als Alles, was ich je ſelbſt erfahren. Denn für den Mann er⸗ liſcht mit den erſten Jugendträumen noch nicht alle Lebenshoffnung, alle Thatkraft, und ſelbſt in dem Auf⸗ ſuchen neuer Verhältniſſe, ſo drückend ſie anfangs er⸗ ſcheinen mögen, liegt eine Erleichterung, ein befreiendes Element. Das Weib aber verliert mit dem entſchwun⸗ denen Lebensfrühling, mit den verdorrten Jugendhoff⸗ nungen jedes Ziel, dem es ſein Leben mit Nutz und Freude weihen könnte, und alle Surrogate, durch welche ein Erſatz geboten werden ſoll, vermögen dieſe Leere nicht auszufüllen. Vielleicht hat es die am beſten, die ſolche Leere gar nicht empfindet, und inſofern müßte ich Friederiken's Herzloſigkeit ſogar wie ein Glück ſchätzen. Wie gut, daß der arme Randhof ſein Kind nie kennen lernte! In ihm war reiches Gemüthsleben, gleichſam vergra en unter den zerfallenen Ruinen, ein ungehobe⸗ ner Schatz. Wie ſchmerzlich enttäuſcht hätte er ſich gefühlt, wenn er ſtatt der warmen Hingebung ſeiner Geliebten die kaltherzige Oberflächlichkeit ihres Kindes gefunden! Ich glaube ſelbſt, daß ſie ihres Vaters nicht anders als des zu erwartenden Erblaſſers gedenkt und es nicht entbehrt, von ihm nicht früher gehört zu haben, als bis ſein Tod ihr die willkommene Legitimation Byr, Wrak. IV. 13 194 brachte. Sie entbehrt nur materiell, und dem wird ja nunmehr abgeholfen, denn, wie mir Däluzet mit⸗ theilte, hat ſich der gegenwärtige Freiherr von Rand⸗ hof zu einem Vergleiche herbeigelaſſen, welchen anzu⸗ nehmen mir wie den Anwälten gerathen ſcheint. Der Proceß könnte ſonſt Jahre dauern und einen Theil des Vermögens verſchlingen. Zunächſt habe ich Déluzet Mittel zur Dispoſition geſtellt, damit das Bureau durch eine von demſelben ausgehende Anticipando⸗Zahlung die Erbin wenigſtens aus der ſchwerſten Bedrängniß befreie. Vielleicht hat die durchgemachte Schule ſie wenig— ſtens Vorſicht und Klugheit gelehrt, ſich den wieder— gewonnenen Wohlſtand dauernd zu bewahren. Die Erfahrungen, die ſie gemacht hat, ſind bitter genug. Doch damit habe ich Dir genug über die Sache geſagt, laß ſie uns als abgeſchloſſen betrachten, wie ſie es ja für mich auch geſchäftlich demnächſt ſchon iſt. Wer ſo viel Glück gewonnen, wie Dein Paul, der muß übrigens zu Zeiten das Durchlebte in's Gedächt⸗ niß rufen, ſchon um des erzielten Läuterungsproductes nicht verluſtig zu gehen, wie Freund Hardenſtein ſagen würde, und um nicht übermüthig zu werden, wie ich ſelbſt bemerke. luzet durch lung gni 195 Dazu wäre hinreichend Verſuchung vorhanden. Doch halte ich mir immer wohl im Auge, daß ich ja Alles der Liebe meines Weibes verdanke, und auch dieſe, wie mein liebes Mütterchen behauptet, nur der gütigen Vorſehung. Das Verdienſt muß in jedem Falle erſt hinterher erwieſen werden. Den feſten Willen dazu habe ich, hoffentlich wird es mir nicht an der nöthigen Fähigkeit gebrechen. Die Erfolge in der kurzen Friſt beleben wenigſtens meine Zuverſicht, ja ſie haben ſo⸗ gar bei meinem Schwiegervater Anerkennung gefunden. Doch ich muß Dir das ordnungsgemäß mittheilen. Es hat ſich ſehr viel verändert ſeit meinem letzten Briefe, der Dir die Nachricht von unſerer vollzogenen Verbindung brachte und im erſten Rauſche, wie ich nun reuig bekennen will, wohl ein wenig kurz ausgefallen ſein dürfte. Es war aber auch wahrlich kein Wunder, wenn ich damals den Kopf nicht ſo recht beiſammen hatte. Wie ſchnell war Alles gekommen ſeit unſerem erſten Wiederſehen in Malang bei der guten Aſſiſtent⸗ Reſidentin, die Alles ſo ſchön eingeleitet hatte und deren Protection ich immer in dankbarem Angedenken behalten werde. Wie wir plötzlich verlobt waren und Papas Einwilligung erhielten, das weißt Du Alles, wie auch, daß ich im Anfange ſteif und feſt darauf 13* — ——— 196 beharrte, in meiner Stellung als Opnemer zu bleiben, mir aber ſchließlich doch bange ward, mein zartes Weibchen zu ſolch' entbehrungsvollem Leben in der Wildniß zu verdammen. Die Seelensgute war auch dazu entſchloſſen, und ich Barbar hätte wirklich das Opfer in meinem dünkelvollen Mannestrotz angenom⸗ men, wenn mir Mevrouw van Montfoort nicht eines Tages gehörig die Leviten geleſen hätte. Ich erinnere mich, Dir auch noch mitgetheilt zu haben, wie ich mich zuletzt herbeiließ, meinen Platz einem ſchon ſehnſüchtig darauf harrenden jüngeren Kameraden zu räumen und den Urlaub anzunehmen, den Papa van der Hage für mich ausgewirkt und der für meine ganze übrige Dienſt⸗ zeit gelten ſoll. Ich habe mich ſeitdem überzeugt, daß ich auch auf andere Weiſe als mit dem Meßtiſch und dem Theo⸗ doliten der Regierung, der ich zu dienen geſchworen, nutzbar ſein kann. Mein Schwiecgervater hat mich in ſeine Beſitzthümer eingeführt, und ich gab mich mit ebenſo viel Intereſſe als Eifer der Sache hin; aber ſobald ich einigen Ueberblick gewonnen hatte, vermochte ich ihm nicht zu verhehlen, daß mir die Lage der Dinge nicht gefalle und nach meiner Anſicht Reformen unbe⸗ dingt nöthig wären. 197 Es handelt ſich vor Allem um eine Regelung des Verhältniſſes der Arbeiter zum Dienſtherrn und Grund⸗ beſitzer, worüber ich Dir den, nähere Details, ſelbſt wenn ſie Dich intereſſiren ſollten, nicht geben kann. Laſſe Dir daran genügen, daß die noch größtentheils im Lande beſtehenden Ein⸗ richtungen— das ſogenannte„Culturſyſtem“— den ohne weitſchweifig zu wer⸗ angeſtrebten Zweck völlig verfehlt haben und durch den Frohndruck, wie durch die allzuniedrige Arbeitsent⸗ lohnung das Volk erbittern, zu Aufſtänden reizen un obendrein der Bodenbeſtellung nicht einmal die genügen⸗ den Kräfte zuführen. Nicht nur, daß man das java⸗ neſiſche Volk gezwungen, weite Ländereien abzutreten, man will es auch noch zu deren Cultur zwingen und macht es dadurch nur indolent, ſtützig und träge Der Europäer will eben den Halbgott ſpielen, aber es wird eine Zeit kommen, wo die Götter in Staub zer⸗ fallen und die urſprüngliche Bevölkerung dieſer Zonen den Beruf und die Macht in ſich erkennen wird, ſein Geſchick und ſeine Entwicklung in die eigene Hand zu nehmen, und auf dieſen unvermeidlichen Uebergang bedacht zu ſein, ihn zu ſänftigen und zu keinem allzu unvortheilhaften für die fremden Eindringlinge werden zu laſſen, das iſt, meine ich, die Aufgabe Derjenigen, — — ℳnA— 198 die heute noch die Macht in Händen haben. Menſchen⸗ würdige Erziehung und allmälige Befreiung des unter⸗ drückten Volkes führen allein mit Sicherheit dazu. Du ſiehſt, es ſind andere Anſichten, als die, welche der Colonialſoldat aus Europa mit auf das Schiff genommen.„Es wächſt der Menſch mit ſeinen größten Zwecken“, würde unſer Proſodie⸗Profeſſor ſagen, wenn der arme Schelm noch am Leben wäre. Papa van der Hage hörte ernſt und ohne Ein⸗ wurf meine Vorſchläge an. Ich wollte vor Allem einen Theil der Ländereien in Pacht gegeben und alle Zwangs⸗ arbeit erlaſſen wiſſen. Die Löhne ſollten verlockend erhöht und ſo das Volk zu freiwilliger Arbeit, durch Prämiirung aber zum Fleiße herangezogen werden. Ich ſah es Suſannens Vater an, daß er an jedem Erfolge zweifelte, aber ihrem und meinem Zureden gelang es, ihn zu einem Verſuche zu bewegen, er über— ließ mir zu dieſem Zwecke ein Territorium, und meine Genugthuung war für den kurzen Zeitraum eine glän⸗ zende. Vier Wochen ſind es nun gerade her, ſeit mein Schwiegervater mich auf's höchſte überraſchte, indem er Panawang und die dazu gehörigen Striche Landes ganz und gar in meine Hände übergab. Er könne 199 meine Erfolge nicht leugnen, aber er vermöge ſich auch nicht mehr in die neuen Anſchauungen zu finden. Das höchſte Zeichen des Vertrauens habe er mir ja doch ſchon in ſeinem Kinde gegeben. Er blieb trotz meiner Weigerung bei ſeinem Willen. Seither iſt Papa in die Stadt gezogen, wo er ſich ſchon früher ganz in der Stille eine prächtige Villa gekauft hatte. Da beſuchen wir ihn, wie er abwech— ſelnd uns, aber nur an Sonntagen, denn es gibt red⸗ lich zu arbeiten. Noch fehlt mir viel zu einem vollkommenen Ein⸗ blicke in die Verhältniſſe; ich habe zu lernen und bin zu ehrgeizig, um irgend einen Verſtoß machen zu wollen. Dann darf ja, beſonders wo die Dinge in der Umge⸗ ſtaltung ſind, des Herrn Auge nicht fehlen. Zum Glücke gehen mir einige tüchtige Aufſeher und vor Allen der Controlor Keyſer, ein redlicher Mann, den ich von den Außenbeſitzungen zu meiner Hilfe herbeigezogen habe, mit gutem Willen, klarer Umſicht und eingehender Sachkenntniß an die Hand. In einigen Jahren hoffe ich auch noch Hardenſtein's Beiſtand zu gewinnen, der bei all' ſeiner phantaſievollen Redſeligkeit mich doch mit gutem Rathe und einer unverwüſtlichen Arbeitsluſt unterſtützen kann. 200 Ein ſeltſamer Kauz. Ich hätte nie ein ſo reiches Gemüthsleben hinter den unerſchöpflichen Späſſen ge⸗ ſucht. Er hat das Kind van Duizenbeek's trotz meiner Einreden behalten. Ich werde nun bald genug ſelbſt Familienvater, meinte er, ihm ſei das kleine Ding wohl zu gönnen, er wolle ſich's zu ſeiner Qual und Plage heranziehen. Ich mußte nachgeben, und ſonſt erhob Niemand Einſpruch. Mata⸗bunga iſt todt und ihr Vater verſchwand von ihrem Grabe. Kein Menſch hat ſeither wieder von ihm gehört. Iſt Hardenſtein einmal bei mir und als mein alter ego eingeführt, ſo kann ich ihm und Keyſer ge⸗ troſt die Leitung auf ein paar Monate, ein Halbjahr, ein Jahr vielleicht überlaſſen und einen Ausflug in die alte Heimath unternehmen. Ich bringe Dir dann mein ſchönes, liebes Weib. Du haſt zwar ihre Photographie, aber ſie iſt weit, weit wunderbarer, als Du ſie Dir dar⸗ nach vorzuſtellen vermagſt, und liebt mich inniger, als ich verdiene, ſo wie nur eine Mutter ihren Sohn ge⸗ liebt zu werden für würdig hält; und was mich bei⸗ nahe ſtolz machen könnte, dieſe Neigung reicht zurück bis in eine Zeit, wo ich, noch der arme Recrut, die eigene keimende Liebe für ein Hirngeſpinnſt halten mußte. O, wie herrlich iſt es, daß dies gegenſeitige Gefühl nicht ſchon in den Wurzeln erſtickte, ſondern ſich zur reichen Blüthe entfalten durfte! Ich ſehe mein Mütterchen ſchon mit Thränen der Rührung auf den Wangen das ſchöne Töchterlein an's Herz ſchließen und vielleicht einen, zwei geſunde Enkel.— Doch nein, ich will ſolche Freude nicht zu lebhaft ausmalen, ſonſt wächſt meine Sehnſucht, Dich wiederzuſehen, zu gewal⸗ tig, und ſie muß ſich doch noch einige Jahre gedulden, dann aber wollen wir uns dafür ſchadlos halten, nicht wahr, liebe Mutter? Ganz nach Europa zurückzukehren, wie Du mir ſchüchtern andeuteſt, dazu werde ich mich nicht ent⸗ ſchließen, wenn mir mein ſüßes Weib auch ohne Zö⸗ gern dahin, wie überall hin folgen würde. Ich bin hier feſtgewachſen, ich habe hier meinen Lebenszweck gefunden. Es wäre nicht daſſelbe, wenn ich hier Alles weggeben und in der Heimath mich irgendwo ankaufen wollte. Ihr bedürft der Hilfe des Einzelnen nicht mehr, die politiſchen wie die ſocialen Verhältniſſe in Europa entwickeln ſich klar und unaufhaltſam— hier hingegen iſt's der Einzelne, der noch wirken kann und von dem das Wohl und Wehe Vieler abhängt. Hier kann ich nicht ſagen:„Bin ich's nicht, iſt's ein An⸗ derer“— der Andere ſäet vielleicht Haß, der Andere 202 kann die Vernichtung ſein. Wie ſeltſam! Es war in der That eine Art Vorahnung, in der ich Dir vor ſechs Monaten an jenem entſcheidungsvollen Tage ge⸗ ſchrieben, daß es mir faſt ſchwer werden würde, mich ſchließlich wieder in kleinliche Verhältniſſe zurückzufinden, die mir in Europa geboten wären, ſo wenig ich damals der glücklichen, ſchönen Entwicklung meines Schickſals nur mit einem Gedanken— ja nur im Traume nahe kommen konnte. Ich ſelber hätte es Keinem geglaubt, der mir's geſagt, daß ich Dir heute nach nur zwei Jahren, da ich hinauszog als armer Abenteurer von Harderwijk nach dem indiſchen Meere, von meinen Plänen und Hoffnungen ſchreiben werde, inmitten meines reichen Glückes, inmitten eines neuen, weit ſeligeren Herzens⸗ frühlings, als froher Gatte, als eifriger Pflanzer, als— Tuwan von Panawang.“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Nomane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Maun und Weib. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. ſe Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. 1 Fräulein oder Frau? ſ Erzählung d von 1 Wilkie Collins. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 25Ngr. Die Lovels auf Arden. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. Neue Ramane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Mer Mull nan Wanſtanz. Roman Otto Müleer. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Die Türken: in n München. oman 6 von Hernan Schmid. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 20 Ngr. 4—*— ——-——— ———————— rey Control Chart Green vellow Hed Magenta g 8 4