— —————:xx —— eee * V b b Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht ber Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 We— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüuckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mit ſengender Gluth brannten die ſenkrechten Strahlen der Mittagsſonne auf die ruhige, von keinem Windhauch gekräuſelte Fläche der javaniſchen See und auf die baumloſen, kahlen, ausgedörrten, gerade hier ſo unwirthlich die Inſel ſäumenden Ufer, die in dem blendenden, durch die Widerſpiegelung noch vermehrten Lichte, in den aufquellenden warmen Luftſtrömen zu zittern und zu flimmern ſchienen, daß ein forſchend dahin gerichtetes Auge den ſchmerzhaften Reiz auf die Länge nicht zu ertragen vermochte. Trotz der lähmen⸗ den Hitze war an Bord des durch ſein Alter nahezu 1* — 3 4 ſchon ehrwürdigen Fahrzeuges Alles in Bewegung. Die Haſt des Ausſchiffens hatte ſogar die Matroſen über⸗ kommen, die ſich doch nur auf ein paar am Lande zu ver⸗ ſchwelgende Tage Rechnung machen durften; um wie viel mehr mußten die Paſſagiere, nach einer Fahrt von vierzehn Wochen, den Augenblick herbeiſehnen, wo ſie wieder feſten Boden unter ihren Füßen hatten. Am lebhafteſten zeigte ſich dies Verlangen in den ſchönen, wie von einem leichten Erzton angehauchten Zügen einer jungen Dame, deren großer dunkler Blick geſpannt den kleinen Local⸗Dampfer muſterte, der ſich eben vom Hafen her dem neu angekommenen Schiffe näherte, viel zu langſam für ihre Ungeduld. Doch jetzt war er nahe genug, daß ein ſcharfes Auge die darauf Befindlichen erkennen konnte. Ein halbunterdrückter Freuderuf kam über die leichtgeöffneten, in tiefem Pur⸗ pur ſchwellenden Lippen, die kleine Hand hob raſch das koſtbare Spitzentuch und wehte damit einen fröh⸗ lichen Gruß hinaus, dem ein ebenſo lebhaftes Will⸗ kommen unter dem Sonnenzelte des Dampfbootes ant⸗ wortete. „Kommt Ihr Vater, Sie abzuholen, Suſanna?“ fragte eine tiefe, faſt männliche Stimme, die der ſtatt⸗ lichen Frau unmittelbar neben der Angeredeten gehörte. Dieſe ſchüttelte ein wenig enttäuſcht das Köpfchen, ——— —g —4,,,—— — 5 ſtrich ſich mit dem Taſchentuche eine der ſchweren Locken von bläulichem Schwarz, die in Unordnung gerathen war, aus der ſchönen klaren Stirn und erwiderte in ſanftem, überaus wohlklingendem Klageton: „Ich ſehe ihn nicht, Mevrouw van Montfoort. Ich erkenne nur Emilie Goudelaar an ihrem goldgelben Haar.“ „Und an ihren eckigen, überhaſtigen Bewegungen, durch die ſich meine liebenswürdige Couſine ſo vortheil⸗ haft auszeichnet. Haben Sie das nicht wenigſtens ge⸗ dacht, Mejuvrouw van der Hage?“ ſetzte ſpöttelnd der junge, elegante Offizier hinzu, der ſich mit einigen nicht beſonders freundlich aufgenommenen Liebkoſungen bei dem Schooßhündchen der älteren Dame einzuſchmeicheln ſuchte, jetzt aber den Blick ebenfalls aufmerkſamer auf den Dampfer richtete, nachdem er ſein Lorgnon zuvor noch einer flüchtigen Reinigung unterzogen. Er hatte eine gewinnende Erſcheinung, von der er ſichtlich ſehr eingenommen war und die er, wie ſein zierlicher Anzug, das ſorgſam geſcheitelte und ge⸗ bürſtete Blondhaar und der wohlgepflegte Bart zeigten, durch die Mittel einer gewählten Toilette noch mehr zu heben verſtand. Das Lächeln um ſeine ſchmalen Lippen verrieth, daß er ſich auch der ſcharfen Satire ſeiner Worte wohl bewußt war. Wenn er aber auf — — —— ,————— . —— 6 eine anerkennende Zuſtimmung gehofft hatte, ſah er ſich getäuſcht. Juvrouw Suſanne blickte ihn mißbil⸗ ligend an und ihr ſchönes Antlitz zeigte dabei wirklich ein wenig Strenge, dann ſagte ſie ernſt: „Die Zuneigung, welche Emilie in allen Briefen für ihren Vetter, den Lieutenant van Duizenbeek) kundgibt, iſt, wie ich fürchte, ſehr wenig verdient.“ „Ich fühle mich derſelben in der That vollkommen unwürdig und kann nicht einmal errathen, wodurch ich ſie mir zugezogen habe. Ich weiß mich nicht ſchul⸗ dig, jemals für goldgelbes Haar und eckige Bewegungen geſchwärmt zu haben. Mein Ideal trägt ſchwarze Locken.“ Der dieſen Schlußſatz begleitende Blick ſchien ihn ergänzen zu wollen und zu ſagen:„wie dieſe hier“, aber Diejenige, der er galt, hatte bereits ihr Auge wieder abgewendet und ſchwenkte von neuem grüßend das Tuch. „Eine böſe Zunge, Sudah!“**) mahnte Mevrouw van Montfoort lächelnd, und ſchlug dabei den Junker, *) Sprich: Deiſenbeek. **r) Eine malayiſche Bezeichnung des Vergangenſeins. Hier, wie ſehr häufig, in der Bedeutung von:„Machen wir ein Ende!“ „Genug!“ gebraucht. 1 7 mehr belohnend als zur Strafe, auf den Arm. Doch nahm er keine Notiz davon. „Ach, jetzt erkenne ich ſie auch“, rief er,„ſie wird noch in's Waſſer fallen in ihrer Haſt, und ich werde ſie retten müſſen. In Gottes Namen, wenn es ſein muß, nur nicht für mich!“ „Sie ſind wirklich abſcheulich, wenn Sie nach ein⸗ jähriger Abweſenheit keine größere Freude empfinden, ihre Anverwandten wiederzuſehen!“ „Freude?“ entgegnete der Lieutenant, indem er ſich weiter über die Brüſtung vorlehnte und der jungen Dame, die ihm den Vorwurf gemacht, in's Auge zu blicken ſuchte.„Freude? Ehe ich dies Schiff betrat, verwünſchte ich den Umſtand, daß mein Urlaub zu Ende war, ſeitdem habe ich ihn geſegnet. Heute, wo ich das Schiff verlaſſen ſoll— wie Sie— möchte ich die Reiſe am liebſten abermals beginnen. Ich gedachte wahrlich nicht, meinen Onkel häufig mit meinen Be⸗ ſuchen zu beläſtigen, nun aber werde ich ein täglicher Gaſt in Rijswijk ſein, wenn ich hoffen darf...“ hier hielt er ein wenig inne und ſenkte dann ſeine Stimme zu faſt unverſtändlichem Flüſtern...„Emilie nicht allein zu treffen.“ Er meinte, ein leiſes Zeichen der Verwirrung bei ſeiner Zuhörerin zu entdecken, wenigſtens ſchmeichelte ff 4* 1 — —y———— — R 8 er ſich damit, denn es blieb zweifelhaft, ob ſie die Schlußworte überhaupt vernommen, da im gleichen Momente der Capitän des Schiffes und ein älterer Vorgeſetzter des Lieutenants herantraten, Beide in der Abſicht, von den Damen mit aller Förmlichkeit Abſchied zu nehmen. Man hatte ſich während der langen Ueber⸗ fahrt an die gegenſeitige Geſellſchaft gewöhnt. Me— vrouw van Montfoort, welche das aus einer Rotterdamer Penſion— wohin ſie ihr eigenes Töchterchen zur Er⸗ ziehung gebracht— heimkehrende Mädchen, in gefälliger Rückſicht für die Familie, unter ihren mütterlichen Schutz genommen, liebte den Umgang mit Herren und hatte die beiden Officiere wie den Capitän oft in ihre Nähe gezogen, ſo eiferſüchtigen Blickes dies ihr Gatte auch mit angeſehen. Er bekleidete die Stelle eines Reſident⸗ Aſſiſtenten auf einem der inländiſchen Poſten, hatte die Gelegenheit benützt, eine kleine Erbſchaft in Holland zu erheben und ſeiner Frau Europa zu zeigen, das ſie abſcheulich fand, und war jetzt in unſtetem nervöſen Eifer mit dem Zuſammenſuchen des Handgepäcks be⸗ ſchäftigt, um das ſich Mevrouw ſo wenig kümmerte, als wenn es gar nicht das ihrige wäre. Ihr ganzes Intereſſe war den Scheidenden zuge⸗ wendet, die ſie zu einem gelegentlichen Beſuche einlud, und ſie nahm es faſt übel, als die beiden Truppen⸗ —ää;ßÿũ Zö—1111 —ůy —— Officiere ſich alsbald empfahlen, um ihrer Pflicht nach⸗ zukommen, die ſie auf das Vordrdecke rief, wo ſich die von ihnen aus Holland herübergeführten nemangewor⸗ benen Soldaten unter der Aufſicht einiger Sergeanten verſammelten und zur Ausſchiffung vorbereiteten. Da dieſelbe durch den kleinen Local⸗Dampfer be⸗ werkſtelligt werden ſollte, ſo hielt derſelbe gegen das Vordertheil des Kauffahrers und legte ſchließlich auch dort an. Emilie, ein hageres, etwa ſiebzehnjähriges Mädchen, das in ſeiner Toilette eine große Vorliebe für Hellblau und Roſenroth an den Tag legte, war raſch an Bord und glitt dabei ſo gefährlich aus, daß es aller Geſchicklichkeit des Lieutenants van Duizen⸗ beek bedurfte, ſie zu verhindern, in ſeinen Armen und an ſeiner Bruſt das verlorene Gleichgewicht wiederzu⸗ finden. Dagegen empfing und erwiderte Suſanne, welche, ohne Rückſicht auf die dichten, das Deck verengenden Soldatengruppen nach vorn geeilt war, die nunmehr ihr zugewendete Umarmung der Jugendfreundin auf das Herzlichſte. Indeſſen ſchüttelte der ſo ſehnlichſt erwartete ſund nun ſo kühl ablehnende Vetter ſeinem Onkel die Hand. „Gute Fahrt gehabt?“ lautete die ein wenig trockene Begrüßung des wohlbeleibten, ganz in Weiß gekleideten ältlichen Herrn, über deſſen unbedecktem Haupte ein malayiſcher Diener, ſobald ſie das ſchattige Sonnenzelt verlaſſen, einen orange und weißen Pajong*) ſ hielt. Die kurze und abgemeſſene Weiſe ſchien eine gewiſſe Wechſelwirkung hervorzubringen, denn auch der ſonſt nicht ſehr wortkarge Neffe befliß ſich gleicher Rede⸗ v weiſe. d „Neunundneunzig Tage. Mevrouw wohlauf?“ er⸗ 6 widerte er. „Hm!“ murmelte Mijnheer Goudelaar, und das konnte eine Bejahung oder Verneinung ſein. Dann ſetzte er noch ein kurzes:„Emilie konnte es nicht er⸗ 1 warten. Sehr heiß!“ hinzu und verlangte dann, als ſei nun der Rührung und Freude des Wiederſehens genug gethan, von ſeinem Diener die Cigarrentaſche und die brennende Lunte. Emilie hatte während ihrer Küſſe und Umarmun⸗ 1 gen übrige Zeit gefunden, der wiedergefundenen Kind⸗ heitsgenoſſin allerlei Geheimnißvolles zuzuflüſtern und dabei deren friſch aus Europa kommende Toilette zu muſtern. „Trägt man jetzt ſolche Gürtel mit den Schleifen rückwärts?“ kritiſirte ſie.„Nein, wie geſchmacklos!“ „Und wo iſt mein Vater?“ fragte Suſanne, welche *) Sonnenſchirm. —————— ¶☛ —— 11 den Ausruf in ihrer wirklichen Herzensfreude und Sehn⸗ ſucht gar nicht beachtet hatte.„Er iſt doch geſund? Ich kann es nicht erwarten, ihn wiederzuſehen.“ „Mon dieu! Was ſollte ihm fehlen? Er war vorige Woche hier, kehrte aber nach Panawang zurück, da man von Euch nichts hörte und ſah. Papa hat einen Boten hinausgeſendet, ſobald Euer Schiff aviſirt wurde.“ „Gott Lob, ſo werde ich ihn morgen ſehen!“ „Indeſſen ruhſt Du bei uns aus. Heute Abend iſt Ball in der Concordia.“ Suſanne hatte auf dieſen Rath, ſich von den Strapazen einer langen Seereiſe auf ſo zweckentſpre⸗ chende Art zu erholen, abermals nicht geachtet; ſie wei⸗ dete ſich an dem Anblicke der Freundin und über ihre Stirne flog ein Wölkchen träumeriſchen Zurückdenkens an die vergangene Kindheit, als ſie mit etwas rück⸗ ſichtsloſem Erſtaunen in die Worte ausbrach: „Nein, wie groß Du geworden biſt!“ Der Ausruf war nicht ganz nach dem Geſchmacke der jungen Dame, der es wie ein Zweifel an ihrer vollen jungfräulichen Würde erſchien, wenn ihrer kaum entſchwundenen Kindheit gedacht wurde. Sie ſtand eben im Begriffe, eine recht geſetzte Antwort zu erlaſſen, die von der Fülle ihrer Lebenserfahrungen, von der ι Unerſchütterlichkeit ihrer geſellſchaftlichen Stellung, ihrem Längſterwachſenſein und ihrer,„obwohl in keinem Pen⸗ ſionat erhaltenen“, dennoch vollendeten Bildung glän⸗ zendes Zeugniß ablegen ſollte, als ſich ihre dünnen Lippen plötzlich verzogen, ihr hagerer Oberleib ſich weit zurückbeugte und ihr ſpitzes Näschen ſich tief in das Taſchentuch verſenkte, während ſie das Antlitz mit einem Blicke des Widerwillens zur Seite wendete. Derjenige, dem dieſe auffallenden Zeichen des Ab⸗ ſcheues galten, ſah ſie mit Ueberraſchung, doch anfäng⸗ lich weit entfernt davon, ſie auf ſich ſelbſt zu beziehen. Es war einer der in der Nähe ſtehenden Soldaten, ein Mann, jedenfalls ſchon über die Mitte der Zwan⸗ zig hinaus, von hoher, ſchlanker Geſtalt und intereſſan⸗ ten, wohlgeformten Zügen, auf welchen der verſtei⸗ nernde Druck eines düſteren Ernſtes lag. Von ſeinen Gefährten unterſchied ihn ſchon der Ausdruck weit höherer Intelligenz. Mit einer Verbeugung war er an die beiden Damen herangetreten und überreichte Suſannen das Spitzentuch, mit dem ſie ſo eifrige Will⸗ kommensgrüße der Freundin zugeweht und das ihr bei den Umarmungen entglitten war. „Will Mejuvrouw ihr Tuch an ſich nehmen?“ er⸗ innerte er in etwas gebrochenem Holländiſch, da Su⸗ ſanne ihn nicht ſofort bemerkte. — 13 Sie griff nunmehr haſtig nach dem dargebotenen Tuche, aber kaum daß ſie es erfaßt hatte, war es ihr auch ſchon wieder aus der Hand gezogen und flatterte über der Brüſtung. Es war auf dem beſten Wege in's Meer, als Lieutenant van Duizenbeek es noch recht⸗ zeitig auffing. Emilie hatte mit der Spitze ihres Son⸗ nenſchirmes die Operation ſo geſchickt vollbracht. „Pfui! Nicht lecker!“ ſagte ſie dabei, und als ob ſie den Soldaten— der ſchwerlich die Bedeutung die⸗ ſes in Java ſo vielfach, ſelbſt für das eigene Befinden, wie für Ausſehen, Geſchmack, Güte oder Reinlichkeit eines Gegenſtandes verwendeten Ausdruckes kennen mochte— abſichtlich durch einen Beweis der Verach⸗ tung beleidigen wolle, ſetzte ſie dann noch hinzu:„Wie kann man anfaſſen, was in ſolchen Händen war?! Je te conjure, Guillaume, débarrasse nous!“ Sie wendete ſich dabei mit einer unbeſchreiblichen Bewegung an ihren Vetter, doch ehe derſelbe irgend eine Aeußerung thun konnte, fiel der Soldat, gegen welchen ſich der Ausfall richtete, ſcharf ein. „II n-y-a pas besoin d'intervention, Mademoi-⸗ selle!“ verſetzte er in tadelloſem Franzöſiſch, und die Röthe der empfundenen Schmach auf der Stirne, den Unmuth im dunkeln, feſt auf die Beleidigerin gerich⸗ . 14 teten Auge, trat er mit einer leichten Verbeugung Be zurück. ihr „Welche Inſolenz!“ rief Emilie, aber doch unwill⸗ Ha kürlich etwas leiſer.„Wie kannſt Du das dulden, lei Wilhelm?“ Lel „Meine theure Couſine vergißt“, erwiderte der mn Lieutenant lachend,„daß es ſich hier um kein dienſt⸗ liches Vergehen handelt. Dieſe verdorbenen Subjecte er bewahren ſich noch einige Reminiscenzen von Ritter⸗ ten lichkeit und wiſſen nicht, wie übel dieſelbe bei unſeren du Damen hier angebracht iſt.“ „Ruinirter Officier?“ fragte Mijnheer Goudelaar ha mit nicht wiederzugebendem Ausdrucke der Verachtung in ſeiner kurz angegebenen Manier. de „Natürlich!“ beſtätigte der Lieutenant achſelzuckend. ha „Ein Oeſterreicher. Beanſprucht, von Adel zu ſein, glaube ich, wie Alle, und thut, als diene er aus Gnade. ab Wird die Herablaſſung ſchon verlernen.“ we Ein kurzes Lachen beendigte die Bemerkung über 8 den ſchon außer Hörweite Befindlichen, dem übrigens nicht allein das Blut in's Antlitz getreten war. Auch n Suſannens Wangen hatten ſich bei der unangenehmen 6 Scene ein wenig höher geröthet und ließ ſich nicht e unterſcheiden, ob dies ebenfalls ein Zeichen empörten 1 Gefühles oder der Scham über das ſchroffe, beleidigende f ———————— * — ——— ——— 15 Benehmen ihrer Freundin war. Jetzt griff ſie nach ihrem Tuche, das der Lieutenant noch immer in der Hand hielt, ohne an eine Rückſtellung zu denken, viel⸗ leicht auch, weil er ſie nicht für thunlich hielt. Das Letztere ließ wenigſtens ſein verbindliches Lächeln ver⸗ muthen, mit dem er ſich verbeugte. „Sie nehmen dies Tuch zurück?“ ſagte er halb erſtaunt, halb geſchmeichelt.„Darf ich es dahin deu— ten, daß Mejuvrouw annimmt, es ſei in meiner Hand durch ein reinigendes Bad gegangen?“ „Ich nehme an“, erwiderte Suſanne raſch,„es habe eines ſolchen niemals bedurft.“ „Die Spitzen ſind zu koſtbar!“ kicherte Emilie, die ihrem Vetter einen eiferſüchtigen Blick zugeworfen hatte. Suſanne erröthete abermals, ſie ſprach kein Wort, aber ſie zerriß mit anſcheinender Ruhe das feine Ge⸗ webe in zwei Theile, behielt dieſelben, nachdem ſie der⸗ art die Vermuthung widerlegt, jedoch in Händen. „Ich ſehe aber überhaupt nicht ein, weshalb wir noch länger in dieſer Umgebung verweilen“, nahm Emilie wieder das Wort, indem ſie gleichzeitig mit einem verächtlichen Blick auf die Soldaten das ſpitze Näschen abermals in ihr parfümirtes Taſchentuch ver⸗ ſenkte,„Du wirſt uns doch Deine Begleitung vorſtellen, 16 und dann raſch fort. Papa nimmt eine Prau für uns. Der Dampfer iſt zu überfüllt. Kommſt Du mit, Wil⸗ helm?“ Van Duizenbeek entſchuldigte ſich mit ſeiner Dienſt⸗ pflicht und verſprach, ſich alsbald im Hauſe des Onkels einzufinden. Die Damen verließen, von Mijnheer Gou⸗ delaar gefolgt, das Verdeck. Im Momente, wo ſie die trennende Barridre überſchritten, wandte ſich aber Su⸗ ſanne noch einmal flüchtig zurück, und einem dunklen Auge, das ihr finſteren Blickes gefolgt war, ſchien es, als ſuche das ihre eine einzelne Geſtalt aus den Sol⸗ datengruppen herauszufinden und als nicke dies lieb⸗ liche Köpfchen ſcheu, aber nicht unfreundlich den früher vergeſſenen Dank herüber. Ein bitteres Lächeln ſchwebte eine Secunde lang um den von einem dichten ſchwarzen Schnurrbart be⸗ ſchatteten Mund des Mannes, der trotz der groben Uni⸗ form ſo auffallend unter ſeinen Gefährten hervortrat. Der halbverſtohlene Dank erſchien ihm kaum weni— ger beleidigend, als früher die offen gezeigte Verachtung von Seite der ſchnippiſchen Blondine. Es mußte eine ſchmerzliche Gedankenreihe ſein, in die er ſo tief ver⸗ ſunken war, daß er ſogar das die Abtheilung ſammelnde Commando überhörte und dadurch ſeinem Lieutenant Anlaß zur Rüge gab. V 1 47 „Sie ſind wohl in Ihre einſtigen Triumphe ver⸗ ſunken, Albot“, kleidete van Duizenbeek dieſelbe in bos⸗ hafte Form,„wollten Sie ſich gefälligſt in Ihre Ein⸗ theilung bemühen?“ Und da der Angerufene raſch dem Befehle Gehorſam leiſtete, ſetzte der Lieutenant noch mit einem Anfluge jovialen Lächelns hinzu:„Unſere Damen achten die Menſchenrechte nicht ſonderlich, das iſt oſtindiſch; aber ich würde Ihnen ebenfalls rathen, über dem Menſchen doch nicht allzuſehr den Soldaten zu vergeſſen.“ Auch diesmal öffneten ſich die feſtgeſchloſſenen Lip⸗ pen zu keiner Entgegnung, nur in den Augen des Sol— daten leuchtete ein kurzer Blitz auf, ehe ſich die Lider darüber ſenkten, als gebiete ſich ein feſter Wille Ruhe und Unterordnung in das ſelbſt auf ſich genommene Loos. Während die Mannſchaft auf dem Localdampfer untergebracht wurde, grüßte van Duizenbeek noch ein⸗ mal nach den beiden Prauen hin, die ſoeben vom Schiffe abſtießen, und es wehte auch diesmal ein weißes Tuch herüber, aber es war Emilie, die es ſchwenkte und der Begrüßte biß ſich ärgerlich auf die Lippe. Das Dampfboot hatte alsbald in den Canal ein⸗ gelenkt, der eigentlich die Stelle eines Innenhafens ver⸗ tritt, und legte an der Zollbude an. Raſch überſchritt 2 Byr. Wrak III 2 die Truppe den im glühenden Sonnenlichte offen da⸗ liegenden Platz und eilte in den Schatten zu kommen. Der Lieutenant ſchloß den vom Capitän geführten Zug und als er jetzt einen jungen, ihm wohlbekannten Be⸗ amten erblickte, grüßte er denſelben ſchon von Weitem und benützte die Zeit, während welcher die mitgebrach⸗ ten ſpärlichen Effecten der Recruten einer oberflächlichen Reviſion unterzogen wurden, ſich ihm zu nähern. Der Beamte, eben mit einer Gruppe von Inlän⸗ dern im Geſpräche begriffen, wollte ſich beim Anblicke des lange nicht mehr geſehenen Freundes losmachen und demſelben entgegenkommen, wurde daran aber durch die Hartnäckigkeit verhindert, mit der er von dem einen ſeiner Clienten wieder und wieder um eine nähere Auskunft angegangen wurde, die er nicht geben wollte oder nicht zu geben vermochte. Der ſo ſchwer zu be⸗ friedigende Frageſteller trug zwar das bunte Kopftuch des Malayen um die dunkelgefärbte Stirne, aber er hatte weder das melancholiſche Auge, noch die kleine breitflügelige Naſe dieſes Stammes, und ſein Anzug aus gelber und violetter Seide verrieth die Wohlhaben⸗ heit des vornehmen Mannes. Einfacher gekleidet war ſein Gefährte, der ein wenig abſeits mit allen Zeichen lauernder Aufmerkſamkeit auf ſeinen Ferſen kauerte. Das Mädchen, welches ſich neben ihm in derſelben bei 19 jenen Völkern ſehr beliebten Stellung hielt, trug über dem blau und weiß geſtreiften Sarong— jenem geſchickt um den Leib gewundenen, die Stelle eines Unterkleides vertretenden Stücke Zeug— die eigenthümlich gefaltete Jacke, Kabaja genannt, unterſchied ſich jedoch von den meiſten Farbigen durch ihr entblößtes Haar, das ſie nicht in einem Kopftuche verborgen, ſondern geſchmack⸗ voll in einen Knoten aufgebunden und mit Blumen geſchmückt hatte. Sie ſchien ſich um die Verhandlung nicht zu kümmern, ſondern verzehrte langſam einen Piſang, wobei ſie hin und wieder eine Doppelreihe vollkommen weißer Zähne zeigte, ein Beweis, daß ſie ſich der Sitte des Betelkauens entzogen haben mußte, der ihr Gefährte eben auf das Leidenſchaftlichſte fröhnte. Van Dutzenbeek, dem der eifrige Frager den Weg vertrat, rief ihm ein gebieteriſches„Pinggir!“(„Aus dem Wege!“) zu, das jeder Europäer auf der Inſel allſogleich mit allen Zeichen tiefſter Unterwürfigkeit be⸗ folgt zu ſehen gewöhnt iſt. Ueberraſcht und geärgert durch den Mangel an Gehorſam, gab er dem Zau⸗ dernden mit ſeiner Säbelſcheide einen empfindlichen Schlag auf den herabhängenden Arm, der aber ſofort aufzuckte und den reichverzierten Griff des einen der beiden nebeneinander ſteckenden Dolche erfaßte. Doch ehe der Krys noch die Scheide verließ, legte ſich die 20 kleine Hand des Mädchens hindernd auf die bewehrte Rechte des racheſchnaubenden Mannes. Das Kind, denn ein ſolches ſchien es faſt noch an Jahren, war blitzſchnell aufgeſprungen, um der raſchen That zuvor⸗ zukommen, und ein ſanfter Blick der großen ſammet⸗ artigen Augen ſuchte die auflodernde Leidenſchaft zu beſchwichtigen. Gleichzeitig nahm ihr ebenfalls aufge⸗ ſprungener Genoſſe eine drohende Haltung gegen den Lieutenant an, was dieſer jedoch nicht einmal der Be⸗ achtung werth hielt. Er wendete ſich ſchließlich an den Aelteren, den er mit verächtlichen Blicken maß. „Ich hätte gute Luſt, Dich peitſchen zu laſſen, gelbhäutiger Schurke“, ſtieß er zornig hervor.„Das Sprichwort hat Recht, daß für jeden Indier, der ge⸗ boren wird, tauſend Rotangs im Walde aufſprießen. Es wäre ſchade, ſie ungenützt verfaulen zu laſſen.“ „Es iſt mein Vater“, erwiderte das Mädchen im malayiſchen Idiome, demſelben, deſſen ſich auch der Lieutenant bediente. Die ſchlichten Worte klangen wie die beredteſte Bitte um Schonung. Bisher hatte van Duizenbeek dem Kinde noch kei⸗ nen Blick gegönnt, er war nun doppelt überraſcht von der anmuthigen Erſcheinung. Wohlgeſällig prüfte er die feinen Züge, den ſchlanken geſchmeidigen Wuchs —————————— 21 bis auf das zierliche Füßchen, das unter dem Sarong ein wenig ſichtbar wurde, dann kehrte ſein Blick, der immer freundlicher geworden war, wieder zu dem zar⸗ ten Geſichtchen zurück und heftete ſich mit lüſternem Verlangen auf die ſanften Augen der Kleinen. „Dir alſo habe ich es zu verdanken“, ſagte er mit abſtoßendem Lächeln auf den begehrlichen Lippen, „daß ich bis jetzt noch nicht die unangenehme Bekannt⸗ ſchaft der Waffe dieſes Räubers machte? Aber für die bloße Abſicht verdient er ſoviel Schläge, als Tage im Jahre ſind. Willſt Du mir jedoch für jeden einen Kuß geben, ſo ſollen ſie ihm erlaſſen ſein, des Ver⸗ dienſtes wegen, eine ſo hübſche Tochter zu beſitzen.“ „Nehmt Euch in Acht, Freund!“ warnte der Be⸗ amte, halb im Ernſt, halb lachend.„Es iſt zuweilen nicht gut ſpaßen.“ „Wer ſagt denn, daß ich's thue? Die kleine Hexe ſoll in allem Ernſte das Löſegeld zahlen!“ Dabei legte der Lieutenant ſeinen Arm um den biegſamen Leib der Kleinen und näherte ſein Antlitz dem ihren. Mit einer ſchlangengleichen Bewegung ent⸗ ſchlüpfte ſie ihm, aber auch er war raſch, hatte ſie in zwei Schritten ereilt und wollte ſie in Uebermuth und Lüſternheit neuerdings umarmen, ohne ſich um die Fol⸗ gen zu kümmern, die ihn aus zwei wild flammenden — ——ʒ— 22 Augenpaaren bedrohten— da ſchob ſich im entſchei⸗ denden Momente eine große Geſtalt zwiſchen ihn und das Mädchen, das er ſchon zu haſchen meinte. „Pardon, Herr Lieutenant“, entſchuldigte ſich der unberufene Störer,„ich wollte nach der anderen Seite.“ Van Duizenbeek prallte zurück und maß ihn mit zornigem Blicke. Es war derſelbe Soldat, den er auf dem Schiffe mit dem Namen Albot angeſprochen hatte. „Das wollen Sie nicht!“ rief er wüthend.„Was haben Sie hier zu ſuchen? Was miſchen Sie ſich vor⸗ dringlicher Weiſe ein?“ „Um Vergebung, Herr Lieutenant“, erwiderte Al⸗ bot ernſt, immerhin aber in einem militäriſch achtungs⸗ vollen Tone,„ich meinte nur, daß auch die Herren in Oſtindien wohl daran thäten, die Menſchenrechte zu achten.“ Van Duizenbeek's Auge ſchleuderte dem Redner einen Blitz des Haſſes zu, es war, als habe er nicht übel Luſt, den Untergebenen, der ſich ſolcher Kühnheit vermaß, zu zerſchmettern, dann aber lachte er in ver— biſſener Wuth gellend auf und ſchien ſich zu bezwingen. „Fürwahr, Sie beginnen Ihre Laufbahn nicht übel— mit Damendienſt. Glauben Sie, daß man auch hier Proben der Galanterie von Ihnen fordert? Sie verwechſeln wohl die Gegenwart mit der Vergangen⸗ ————————— heit? Man wird Sie an Ihre Stellung als gemeiner Infanteriſt gewöhnen müſſen. In Ihre Reihe! Marſch“ Ein höhniſches Lachen folgte dem mit vorſchrifts⸗ mäßigem Gruß ſich Entfernenden. Dann nahm van Duizenbeek den Arm des Beamten und ſchlenderte gegen den Eingang des Gebäudes. „Hätte mir faſt die Laune verdorben“, äußerte er mit erkünſtelter Gleichgiltigkeit.„Aber ich ſehe die nette Dirne nirgends mehr. Cekhoorn, Sie hätten ſie nicht aus den Augen laſſen ſollen.“ Das Mädchen mit ſeinen beiden Begleitern war in der That ſpurlos verſchwunden, ſelbſt auf dem Platze war nichts mehr von ihr zu erblicken. „Sie ſind doch noch ganz der Alte“, erwiderte Eekhoorn ſcherzend.„Das rauhe Klima Hollands hat Sie, wie es ſcheint, in den anderthalb Jahren nicht abgekühlt. Beſtens willkommen! Aber da hätten Sie leicht einen unangenehmen Empfang haben können. Der eine Krys war ſchon mehr als halb aus der Scheide.“ „Sie glauben doch nicht, daß die Schlingel in⸗ mitten der Beamten und Soldaten es gewagt hätten?“ „Hm! Von Balineſen könnte man ſich dergleichen doch verſehen.“ „Woher wiſſen Sie, daß die Spitzbubengeſichter 24 von der Inſel Bali kommen? Freilich“, ſetzte der Lieu⸗ kenant hinzu,„ſolch eine Blume, wie die Kleine, wächſt um Batavia nicht.“ „Das für's Erſte. Ich habe jedoch andere Gründe zu meiner Vermuthung. Vor ein paar Wochen fingen wir eine Ladung Gewehre auf, die nach Bali beſtimmt war. Natürlich hatten uns wieder unſere vielgeliebten Nachbarn, die Herren Engländer, den Freundſchafts⸗ dienſt zugedacht. Die Ladung war für einen Häupt⸗ ling mit dem wohlklingenden Namen Idah Madeh Rahi beſtimmt. Wer weiß, welche Teufelei er im Sinne hat; glücklicherweiſe iſt da jetzt vorläufig ein Riegel vorgeſchoben.“ „Ich dächte, das Handwerk wäre den Balineſen gründlich gelegt?“ „Hm! Möglich. Vielleicht wollte der Fürſt nur ſeine Leibgarde für die Dechargen zu Höchſtdeſſen Na⸗ menstag würdig ausrüſten. Indeſſen iſt das Noth⸗ wendigſte dazu confiscirt— die Gewehre nämlich, und wie Sie ſich denken können, haben wir nicht die ge⸗ ringſte Luſt, ſie aus den Händen zu geben, am aller⸗ wenigſten jetzt, wo der alte Regent von Bleling, wie ich mir ſagen ließ, geſtorben iſt und der junge Radjah vielleicht einen ziemlich ſchweren Stand haben dürfte.“ „Alſo Ausſicht auf eine Expedition? Abſcheulich!“ l ———————jy—— 25 „Welche Kampfluſt!“ lachte Eekhoorn auf; dann fuhr er, ſich den Schweiß von der Stirne trocknend, fort:„Ich denke, Sie können Ihren wilden Kriegseifer dämpfen, Verehrter. Wenn ich mich nicht täuſche, dürfte unſer Fang den Frieden ziemlich ſichern. Der Verluſt der Feuerwaffen ſcheint den Beſtellern ſehr empfindlich, denn der Wunſch, ſich in deren Beſitz zu ſetzen, über⸗ wiegt ſogar die gewöhnliche Schlauheit dieſer Burſchen. Sie glauben, an der Sachlage noch etwas ändern zu können, ſchicken Kundſchafter, möchten uns ausholen, beſtechen, oder führen wohl gar irgend einen Hand⸗ ſtreich im Sinne. Nach dergleichen ſah mir wenigſtens die Zudringlichkeit des würdigen Vaters dieſer kleinen Theeroſenknospe aus, und hätte der Zwiſchenfall mit Ihnen zu einem etwas ernſtlicheren Ausgange geführt, würde ich die Gelegenheit wahrgenommen haben, mich ſeiner Perſon unter dieſem Vorwande zu verſichern. Ich wartete nur darauf.“ „Wirklich! Wie dankbar muß ich Ihnen ſein, ſel⸗ tener Freund!“ rief nicht ſehr angenehm überraſcht van Duizenbeek aus.„Wie ſchade, daß ich verhindert wurde, Ihnen den kleinen Dienſt zu erweiſen! Zum Henker mit allen Zoll⸗ und Regierungs⸗Intereſſen, mich dafür ermorden zu laſſen!“ „Bah! Handelte ſich ja blos um den Verſuch. 26 Wir hätten ihn wahrſcheinlich ſchon noch zur rechten Zeit verhindert.“ be „Die Hölle vergelte Ihnen dieſes wahrſcheinlich!“ e „Ihr Aufenthalt in Europa hat Sie aber recht T ſchwer zu befriedigen gemacht, Lieutenant. Nun, ich 1 ſage alſo, zuverſichtlich hätten wir ihn verhindert, da⸗ 1 für aber Seine Hoheit Idah Madeh Rahi im Käfige e gehabt, wo reißende Thiere immer am beſten aufge⸗ hoben ſind.“ 1 „Wie? Sie glauben—“ „Daß Sie Ihre etwas ungeſtümen Huldigungen einer Prinzeſſin dargebracht haben, nur eine ſolche d wird ſeltſamerweiſe mit dem Titel„Herr“ angeredet, und ich hörte mit eigenen Ohren, wie ihr anderer Be⸗ gleiter dies that;„Tuwan“ nannte er ſie ganz aus— drücklich. Ich halte eine Wette auf einen Korb Cham⸗ pagner ihr Herr Papa iſt der Pangeran) ſelbſt, mit ſo wenig Gepränge er auch auftritt.“ 1 „Idah Madeh Rahi?“ Der Beamte nickte, drehte ſich geſchickt eine Ci⸗ garette aus dem zarten Seitenblatte einer Nipapalme 6 und zuckte bedauernd die Achſeln.„Es entwickelte ſich Alles ſo gut“, ſagte er,„wäre Ihr uniformirter Schutz⸗ engel nur um eine Minute ſpäter eingeſchritten.“ *) Prinz. ————-————O ͤ 27 „Verdammt ſei der freche Menſch!“ In van Duizen⸗ beek's Zügen loderte der Ausdruck des Haſſes.„Aber er ſoll es empfinden, was es heißt, ſich überheben zu wollen, wenn man weiter nichts als Troupier iſt! Und bei Gott, das ſoll er bleiben! So viel ich weiß, will er ſich zur topographiſchen Aufnahme melden, da er zu alt iſt, auf Avancement zu dienen. Ich werde Sorge tragen, daß es nicht dazu kommt.“ „Vielleicht kann ich Ihnen behilflich ſein.“ „In der That, bei Ihren Verbindungen—“ „Nur um Ihnen zu beweiſen, daß Ihnen auch der andere Dienſt noch rechtzeitig geleiſtet worden wäre. Der Name alſo?“ „Paul Albot, oder eigentlich von Albot.“ „Beſorgt und aufgehoben!“ Das Commandowort rangirte die Truppen zum Weitermarſche in die Kaſerne. Die beiden Freunde reichten ſich lächelnd die Hand und wechſelten einen Blick des Einverſtändniſſes, in⸗ dem ſie ſich für den Abend in der„Concordia“ Ren⸗ dezvous gaben. Zweites Kapitel. Eine Receptie. Welch' entzückender Gegenſatz zwiſchen dem öden, d kahlgebrannten Landungsplatze und dem Eilande voll ſüdlicher Pracht, die Batavia mit ihrem Zauberreiz umſchlingt! 1 Keine Stadt im gewöhnlichen europäiſchen Sinne, d ein meilenweiter köſtlicher Park iſt die Hauptſtadt ſe Javas. Die überwuchernde Fülle tropiſcher Natur ni fügt ſich der Civiliſation und leiht ihr den herrlichſten Schmuck. Durch dichten Wald, entlang dem Fluß, m rings um weite gelichtete Plätze, ziehen ſich breite, 4 0 glattgehaltene Wege nach allen Richtungen hin, geſäumt ſt von zierlichen Gärten und eingefriedigten Parkanlagen, n wo hin und wieder, im Grünen gebettet, beſcheidene ſe Wohnhäuſer, reichere Villen, ernſte Amtsgebäude oder 3 8ͤſ‧ͤͤZ—ö—ͤö—öͤöͤͤͤͤͤͤͤͤöoͤͤZ 2 29 die leichten Bambushütten der armen Inländer zer⸗ ſtreut liegen. Zu Zeiten treten ſie näher an die Wege heran, ſchieben ſich enger aneinander und bilden eine kurze, unanſehnliche Straße, wie in dem Kern der Hauptſtadt, dem eigentlichen alten Batavia. Da finden ſich denn auch die wenigen, meiſt von Chineſen gehaltenen Kaufläden und ein buntes Leben entfaltet ſich durch den Zuſammenſtrom des europäiſchen Handels, der regſamen aſiatiſchen Einwanderung und der faſt ſklaviſch dienſtbaren Einwohnerſchaft der Colonien. Es ſind dies die hauptſächlich nur während der Tagesſtunden aufgeſuchten Geſchäftsviertel. Die elegantere holländiſche Welt jedoch, wie die gleichfalls hinzugerechneten wohlhabenden Meſtizen⸗Familien trifft man vorzugsweiſe nur in den weitgedehnten Vorſtädten, die meiſt in dem Geſammtnamen„Weltevreden“ zu⸗ ſammengefaßt werden und eben jenen wundervollen, nirgends wieder anzutreffenden Park bilden. Die villenartigen Wohngebäude in demſelben, mögen ſie nun mit allem Raffinement des Reichthums oder mit beſcheidener Einfachheit ausgeſtattet ſein, be⸗ ſtehen alle, den klimatiſchen Verhältniſſen angemeſſen, nur aus einem mit vielen Fenſtern und Thüren ver⸗ ſehenen Erdgeſchoße, das der erfriſe enden Luft überall Zutritt gewährt und an deſſen Vorder⸗ und Hinterſeite 30 freie, durch eine Innengalerie verbundene Außengale⸗ rien angebaut ſind, indeß ſich die Nebengebäude in geringer Entfernung daranſchließen. Nach Sonnenuntergang, wenn die Bevölkerung in der kühlenden Abendbriſe aufzuleben beginnt, er⸗ hellen ſich dieſe reizenden Behauſungen, buntfarbige Lampen ſchimmern durch das dichte Laubwerk, Muſik⸗ klänge erfüllen die mit berauſchenden Düften ge⸗ ſchwängerte Luft, geſchmückte Damen und Herren be⸗ wegen ſich zwiſchen den ſchlanken, weißen Säulen, die das ſchützende Vordach tragen, oder wandeln flüſternd und lachend auf den verſchwiegenen Kiespfaden des Gartens dahin, vorüber an den im Mondlicht träumen⸗ den Blumen, umſummt von der nimmer ruhenden In⸗ ſectenwelt der heißen Zone. Praſſelnd ſteigen hier und dort Raketen und ziehen ihre feurige Bahn zu den funkelnden Sternen empor. Einem Märchen gleicht jeder Abend, jedes Haus einem blendenden Feſtſaal. Am einladendſten und hellſten ſtrahlte Tags nach der Ankunft des„Kosmos“ auf der Rhede von Bata⸗ via die Villa von Mijnheer Goudelaar durch das dichte Gebüſch von Tamarinden und Cocospalmen, das allzu 6 neugierigen Augen, theilweiſe wenigſtens, den Einblick verwehrte. Wenn nicht gerade die ſtolzeſte, war die Beſitzung immerhin eine der anſehnlichſten in Rijswijk —————ͦ ———————A— n g 31 — einem der vornehmen Stadttheile, die den eine Stunde im Umfange haltenden Königsplatz umgeben. Das Wohnhaus zeigte keinen ungewöhnlich ausgebilde— ten Geſchmack, dafür aber ſoliden Reichthum, wie es der Geſchäftsausdehnung der in Colonialwaaren han⸗ delnden Firma Goudelaar angemeſſen war. Es hatte ſich heute zu Ehren ſeiner Gäſte beſonders geſchmückt und ſchwamm in einem Meere von Licht, das zahl⸗ reichen koſtbaren Hängelampen entſtrömte, die überall angebracht waren, in beſonders großer Anzahl aber unter dem Dache und zwiſchen den zierlichen Eiſen⸗ ſäulen der Pendoppo“), auf deren glatten Marmor⸗ flieſen für die tanzenden Paare Raum geſchaffen wor⸗ den war, indem man die zahlreichen Tiſchchen, Sophas und Schaukelſtühle knapp an die Wand geſchoben hatte. Von Mevrouw Goudelaar waren ſchon Tags zuvor die Einladungen zu einem Balle erlaſſen worden, der Suſanne Erſatz für den am Abende ihrer Ankunft verſäumten„Concordia“⸗Ball bieten ſollte. Denn ſo wenig als Emilie konnte die Dame des Hauſes daran glauben, daß die vorgeſchützte Ermüdung nur eine Ausrede für das lebhafte Bedürfniß eines mächtig er⸗ griffenen Gemüthes ſei, mit den Eindrücken und Em⸗ pfindungen erſt ins Gleichgewicht zu kommen, ehe ſich *) Die rückwärtige Galerie. — ——ꝛʒ 32 die Seele wieder den Strömungen dieſes alten, von Kindheit auf gewohnten Lebens, das durch die lange Abweſenheit, wie durch die veränderten Anſchauungen ja faſt ein völlig neues geworden war, theilnehmend hinzugeben vermochte. Statt ihr dieſen Uebergang durch allmäliges Herbeiziehen der Außenwelt zu er⸗ leichtern, glaubten Suſannens Freunde ihn am zweck⸗ mäßigſten unvermittelt zu erzwingen; es entſprach dies vollkommen ihrem eigenen, auf Aeußerlichkeiten gerich⸗ teten Sinn, wie ihrer alle Stunden des Tages ſo lückenlos ausfüllenden Vergnügungsſucht. Emilie zu⸗ mal hatte noch einen geheimen, aber leicht zu errathen⸗ den Hauptgrund, ſich im vollen Glanze einer reichen Toilette, in der erhöhten Stimmung eines den Ver⸗ kehr ſo ſehr erleichternden Ballabends zu zeigen, ſo daß die Einwürfe ihrer Jugendfreundin ſelbſtverſtänd⸗ lich keine Beachtung finden konnten, und Mevrouw Goudelaar gefiel ſich zu ſehr in der Rolle einer liebens⸗ würdigen Stiefmutter, um nicht die Gelegenheit will⸗ kommen zu heißen, mit den Wünſchen ihres erwachſe⸗ nen Töchterchens ihre eigenen zu erfüllen. Emilie wußte ihr für dieſe ſcheinbare Bereitwillig⸗ keit wenig Dank. Empört über die zweite Heirath ihres Vaters, haßte ſie„Mevrouw“ doppelt— als Farbige und als Eindringling. Sie ſuchte ihr die Herrſchaft 33 im Hauſe überall ſtreitig zu machen, bewies ihr einen beleidigenden Mangel an Achtung und verabſcheute ihre kleinen verzogenen Halbgeſchwiſter, denen ſie die Kürzung ihres Erbtheiles nicht vergeben konnte. „Mevrouw“ aber— wie ſie conſequent auch von Emilie genannt wurde— gab ſich den Anſchein, als bemerke ſie dieſe Abneigung gar nicht; viel zu ſchlau, in offenen Kampf einzutreten, ſuchte ſie nur ihren Einfluß auf den Gatten zu befeſtigen, um für den Tag der Entſcheidung gerüſtet zu ſein. In der Oeffentlich⸗ keit verrieth kein Zug ihres hübſchen, nur etwas zu füllreichen Geſichtes die häusliche Fehde; ſie war im— mer die zärtliche Mutter und liebenswürdige Haus⸗— frau. Auch dieſen Abend hatte ſie die angeborene Trägheit überwunden und zeigte ſich den Gäſten wie ihrem befriedigten Gatten als eifrig beſchäftigte Wir⸗ thin, die überall ihr Auge hatte. Vorzugsweiſe galt ihre Aufmerkſamkeit dem Vater Suſannens. Der reiche Geſchäftsfreund der Firma Goudelaar war zur freudigen Ueberraſchung ſeiner Tochter noch am vorigen Abende von Panawang ein⸗ getroffen. Er hatte die Entfernung von fünfundzwan⸗ zig Paal mit ſeinen vortrefflichen Preangerpferden“ in *) Pferde aus der im weſtlichen Theile der Inſel gelegenen Preanger Regentſchaft find ſehr geſucht. Byr, Wrak, III 3 ———— ———— — 34 wenigen Stunden zurückgelegt, ſo lang ſich auch die Strecke für ſeine Sehnſucht zu dehnen ſchien. Das Wiederſehen war ein ergreifendes für Beide. So oft ſich Suſanne daſſelbe auch im Geiſte vorausgenommen, immer nur hatte ihr Herz freudig aufgejauchzt bei der Vorſtellung dieſes Augenblickes, niemals war ihr eine der Thränen in's Auge getreten, die jetzt in Strömen denſelben entfloſſen, und auch die Wimper des ernſten, vorzeitig gealterten Mannes feuchtete ſich und ſeine ſonnverbrannte hagere Wange zeigte die verrätheriſche Rieſelſpur tiefer Rührung. Da hatte er ſein Kind wieder, ſein theures, lang entbehrtes Kind, das Erb⸗ theil, das ihm ein inniggeliebtes Weib zurückgelaſſen, als es für immer ſchied. Seine eigene Zärtlichkeit überwindend, hatte er der Zukunft ſeiner Tochter vor vier Jahren das ſchwere Opfer der Trennung gebracht, da er ſelbſt mit den größten Koſten dem Kinde die Ausbildung in Java nicht zu geben vermochte, wie er ſie für wünſchenswerth erachtete. Vier Jahre, welch' lange Zeit! Doch nun war ſie vorüber. Wie aber hatte ſie die Eigenſchaften des Kindes entwickelt? Wie hatte die Fremde auf Geiſt und Herz gewirkt? Und war ihm auch kein Atom der Liebe verloren gegangen, die ihm aus dieſen großen warmen Augen ſo wohlthuend entgegenleuchtete, als er ſie zum letzten Male geküßt? — 35 Nein, nein, er hatte umſonſt geſorgt. Dieſe ſchö⸗ nen Augen blickten noch eben ſo innig und vertrauens⸗ voll, und aus ihnen glänzte ein Lichtſtrahl reiferen, geklärten Geiſtes, um ihre Lippen ſchwebte ein leiſer Zug bewußter Charakterfeſtigkeit, ohne daß darum der ſüße Mund das holde Lächeln kindlicher Unſchuld ver⸗ lernt hatte. Und der faſt ängſtlich prüfende Blick des Vaters ſänftigte ſich zum Ausdruck des Wohlgefallens und faſt unverhohlener Bewunderung, die ein minder lauteres Gemüth leicht zu Eitelkeit und Uebermuth hätte verleiten können. Vater und Tochter hätten es eigentlich vorgezogen, ungeſäumt in die Heimat zurückzukehren, um ſich dort ganz ungeſtört auszuſprechen und für alle entbehrte Herzlichkeit ſchadlos zu halten; ſie mußten aber fürch⸗ ten, ihre Gaſtfreunde zu beleidigen, wenn ſie deren dringenden Einladungen nicht Folge leiſteten, und füg⸗ ten ſich mit einem leichten Seufzer in das Unabweis⸗ bare, nachdem ſie verſprochen, wenigſtens die nächſten Tage noch in Batavia zu verweilen. Am angenehm⸗ ſten fühlte ſich van Duizenbeek von dieſer Zuſage über⸗ raſcht, da er nur zu ſehr geneigt war, ſie ſeinem per⸗ ſönlichen Einfluſſe zuzuſchreiben. Zur Feier des fröhlichen Wiederſehens war er zum heutigen Diner geladen worden, da ihn Tags 3* 36 zuvor die üblichen Meldungen, die Einrichtung in ſei⸗ ner Wohnung und allerlei kleine Geſchäfte abgehalten hatten, das Haus ſeines Oheims zu beſuchen. Dafür zeigte er ſich heute in ſeiner liebenswürdigſten Laune. Er war Mijnheer van der Hage vorgeſtellt worden und legte es offenbar darauf an, deſſen Gunſt zu ge⸗ winnen; um ſo kühler verhielt er ſich gegen ſeine Couſine, die auf alle mögliche Art ſeine Aufmerkſam⸗ keit, doch leider vergeblich, zu feſſeln ſuchte. Wer Mevrouw Goudelaar genauer beobachtet hätte, würde einen eigenthümlich ſpöttiſchen Ausdruck in ihrem Auge bemerkt haben, während ſie die mißlingenden Verſuche ihrer Stieftochter verfolgte, und es ſchien faſt, als empfinde ſie Schadenfreude über die zunehmende Miß⸗ ſtimmung derſelben. Emilie hatte aber auch allen Grund dazu, ganz abgeſehen von der Gleichgiltigkeit, welche der Vetter ihrer ziemlich offenen Verehrung ent⸗ gegenſetzte. Hatte ſie nicht gewähnt, jetzt, wo ſie ſich erwachſen fühlte, den unauslöſchlichſten Eindruck auf ihn hervorzubringen? Hatte ſie nicht voll Siegeszuver⸗ ſicht heute die glänzendſte Toilette gemacht, um darin alle die geladenen Damen, beſonders aber ihre von Europa zurückgekehrte Jugendfreundin zu überſtrahlen, und hatte ſie nicht voll Neid bemerken müſſen, um wie viel geſchmackvoller dieſelbe in ihrer Einfachheit geklei⸗ ———— ——————— 37 det erſchien? Sie ließ es darum auch nicht an wieder⸗ holten Ausfällen gegen die unſchönen europäiſchen Moden fehlen, indeß ſie ſich bemühte, ihre mageren Schultern noch mehr zu entblößen, ſo tief das him⸗ melblaue Mouſſelinkleid mit den Roſaſchleifen an und für ſich auch ſchon ausgeſchnitten war. Sie erreichte aber damit nichts, als daß der Lieutenant, boshaft lächelnd, die europäiſchen Moven als veraltete und dem Bärenklima angepaßte Nachahmungen bataviſcher Toilettekunſt erklärte und ſich von nun an noch we⸗ niger um ſie kümmerte. Das mußten dann die beiden Brüderchen entgelten, die, um ihr Naſchwerk gebracht, vielleicht auch unter dem Tiſche gekniffen, in ein Jam⸗ mergeheul ausbrachen, daß Mevrouw mit verbiſſenem Aerger nach der Kinderfrau rufen mußte. Die Kleinen waren von der Babu kaum fortge⸗ bracht, als auch ſchon die erſten Wagen anlangten, und bald hob das Feſt die allgemeine Stimmung. Mevrouw Goudelaar freute ſich des Glanzes ihrer Brillanten, Emilie ihrer zahlreichen Tänzer, der Lieute⸗ nant hoffte auf eine günſtige Gelegenheit, mit Suſannen allein ſprechen zu können; dieſe ſah ſich von ſo man⸗ cher befreundeten Familie herzlich begrüßt, und die beiden älteren Herren konnten ſich doch auch wieder in die Chancen der nächſten Kaffee⸗Ernte und in die — 5 3 Urſachen der erſtaunlichen Abnahme des Gewürzbe⸗ darfes vertiefen. An dem einen Ende der Pendoppo war ein kleines Orcheſter eingerichtet, und munter drehten ſich die Paare. Wer die an Reichthum des Schmuckes, an Eleganz der Toiletten wetteifernden Schönheiten Ba⸗ tavias, die Herren in ihren ſchwarzen Fräcken, mit ihren weißen Cravatten und den buttergelben Hand⸗ ſchuhen ſah, der hätte ſich viel eher in Europa als in der Nähe des Aequators gewähnt, wo das Thermo⸗ meter ſelbſt zur Abendſtunde noch achtundzwanzig Grade zeigt und den Tanz zu einer Aufgabe macht, welche nur die Ausdauer bewundern läßt, mit der ſich die Geſellſchaft Batavias derſelben unterzieht. Kaum daß hin und wieder eine kurze Pauſe, die der gefällige Muſiklehrer mit einem kleinen Clavier⸗ Concerte in der Innengalerie ausfüllt, den malayiſchen Jungen Gelegenheit gewährt, mit ihren Servirbrettern durch die Gruppen zu ſchlüpfen. Dieſe Diener in ihrer blauen Jacke— blau iſt ja Emiliens Lieblings⸗ farbe— in ihrem rothen Kopftuche, die den Damen ſo unterwürfig und geräuſchlos Eis und andere Er⸗ friſchungen anbieten, ſind in der That die einzigen fremdartigen Erſcheinungen inmitten dieſer modernen Welt, von der ſie, die Nachkommen der einſtigen Herren —— 39 und glücklichen Bewohner dieſes geſegneten Erdſtriches, verdrängt und unter das Joch der Dienſtbarkeit ge⸗ beugt wurden. Und wahrlich, die Eindringlinge haben ſich kraft des Rechtes der Macht breit und bequem niedergelaſſen und führen nachdrücklich die Herrſchaft, ſo daß jedes Aufbäumen der unterdrückten Nation wie ein Verbre⸗ chen angeſehen und geahndet wird. Sie fühlen ſich ganz zu Hauſe und genießen ihr Leben ſo heiter und von Vergnügen zu Vergnügen flatternd, wie es die ſchwerfälligere Geſellſchaft der holländiſchen Heimat nicht vermag. Der urſprüngliche National⸗Charakter ſcheint hier zwiſchen den Wendekreiſen ganz ausgewech⸗ ſelt; wohl mag dazu auch die reichliche Miſchung mit fremdem Blute beitragen. Faſt täglich iſt in einem anderen Hauſe, wie heute bei Mevrouw Goudelaar, „Receptie“; die Geſellſchaft amüſirt ſich; ſie tanzt mit Hingebung, ſie plaudert munter. Neben dem etwas kindiſch gebrochenen Holländiſch der Nonnas— der aus Miſchehen hervorgegangenen Frauen— hört man das eleganteſte Franzöſiſch; die Herren oorteſiren, trinken und ſpielen, man knüpft Verhältniſſe an, man klatſcht und intriguirt, bis die vorgerückte Stunde dem Empfangsabende ein Ende macht. Eben hatten ſich die Paare nach einer Quadrille ———jy——— ——. 40 getrennt. Van Duizenbeek, der ſie, zum großen Miß⸗ vergnügen ſeiner Couſine, mit Suſannen getanzt, fühlte ſich plötzlich von einem Fächer berührt; er wendete den Kopf zur Seite, neben ihm ſaß, in einem Schau⸗ kelſtuhl nachläſſig zurückgelehnt, Mevrouw Goudelaar. Sie lächelte ihm eigenthümlich zu, indem ſie wie ſpie⸗ lend in die zarten Federchen blies, die um ihren Fä⸗ cher einen wehenden Beſatz bildeten. „Leicht und beweglich wie Flaum“, ſcherzte ſie. „Weichen Sie mir aus, ja?“ „Wie können Sie glauben...?“ verſetzte der Angeredete, ſich leicht auf die Lippen beißend.„Sie waren immerfort umgeben von Damen und Herren. Man konnte ja gar nicht zu Ihnen gelangen.“ „Wenn man nicht wollte, und geſtern ſich gar nicht gezeigt! Sehr häßlich, Wilhelm, ja!“ „Ich hoffte auf eine Quadrille von meiner liebens⸗ würdigen Tante. Da ergibt ſich doch die günſtigſte Gelegenheit, ein paar Worte ungeſtört zu wechſeln.“ Sein Blick bemühte ſich, etwas wie Zärtlichkeit auszudrücken, was ihm am Ende nicht ſo ſchwer fallen konnte, denn Mevrouw ſah in ihrem gelben, tiefaus⸗ geſchnittenen Atlaskleide mit den ſchwarzen Spitzen, da ihrem Teint noch obendrein eine dichte Lage Reis⸗ pulver zu Hilfe kam, in der That ſehr hübſch aus, ——-⸗-òℳ-qͤ—— 41 viel hübſcher als ihre Tochter, die ſich am anderen Ende der Galerie eben anſtellte, als habe ſie Suſannen das wichtigſte Geheimniß der Welt anzuvertrauen. Mevrouw warf einen bezeichnenden Blick nach der Gruppe hinüber, um ihren Mund zuckte ein ſpöttiſches Lächeln. 3 3 „Sie werden es mit Emilien verderben“, ſagte ſie mit einem Ausdruck, hinter dem mehr lag, als ihre Worte verriethen.„Man muß ſie nicht alarmiren. Ich habe heute keine Quadrille, Emilie mag für mich tanzen.“ Eine Wolke des Unmuthes zog über des Lieute⸗ nants Stirne. Glücklicherweiſe näherte ſich Mevrouw . Montfoort, die noch etwas von den Vergnügungen der Hauptſtadt genießen wollte, ehe ſie mit ihrem Gatten auf deſſen Poſten in's Innere weiter reiſte, ſoeben der Hausfrau. Das ungeduldige Achſelzucken, mmit dem ſich van Duizenbeek abwendete, blieb unbe⸗ merkt. Er that einige Schritte unentſchloſſen, als wolle ¹ er der erhaltenen Weiſung Folge leiſten, nahm dann aber wie im Trotze Eekhoorn's Arm und zog den in ſtummer Bewunderung an einem Thürpfoſten Lehnen⸗ den halb mit Gewalt nach der Vorgalerie. „Kommen Sieo, ich habe das Bedürfniß, ein Glas e———ꝛ—F—Byöry———. — 42 Wein zu leeren“, lud er den Zaudernden ein.„Wir wollen auf eine Geſundheit trinken.“ „Auf die Ihre ſtoße ich nicht an“, brummte der Beamte mit komiſchem Verdruſſe. „Entzückende Aufrichtigkeit!“ lachte van Duizen⸗ beek.„Wenn ich nur ahnte, was ich Ihnen gethan habe. Ich will Sie aber nicht auffordern, mir Ihre freundlichen Wünſche zu weihen, wenn Sie glauben, Groll gegen mich hegen zu müſſen. Grollen Sie fort, nur iſt das kein vernünftiger Grund, uns am Trinken zu hindern.“ Er ſetzte ſich an eines der kleinen Tiſch⸗ chen, um die ſich zumeiſt ſchon ſpielend und trinkend die älteren Herren gruppirten, bemächtigte ſich einer Flaſche Bordeaux, ſchenkte das Glas ſeines Gegenüber und ſein eigenes voll und fuhr dabei, da Eekhoorn nur ein unverſtändliches Murmeln hören ließ, munter plaudernd fort:„Wenn ich Ihre ſtumme Götzenan⸗ betung von vorhin mit Ihrer Geſprächigkeit während der letzten Quadrille zuſammenhalte, ſo komme ich auf die Vermuthung, daß es Ihnen eine gewiſſe, mir naheſtehende Dame, mit dem reizenden Namen Emilie, angethan hat. Wie? Oder ſollte ich falſch geſehen haben, Mijnheer Cekhoorn?“ „Zum Teufel mit Ihrem Scherz! Ich habe kein Glück. Wären Sie doch in Holland geblieben!“ —— — ————— ———— ——— 4 . —— 43 „Ah, ſo lautet der Trinkſpruch! Begreiflich! Darum alſo hätten Sie mir die Bekanntſchaft mit dem Krys des braunen Schurken gegönnt? Nun, Eekhoorn, kom⸗ men Sie, ſtoßen Sie an! Ich bin nicht neidiſch und ſtelle mich Ihnen auch nicht in den Weg. Freie Bahn! Auf Ihr Glück!“ „Iſt's Ihr Ernſt?“ „So wahr dieſer Tropfen echt iſt, und daran zu zweifeln, hieße das Renommé der Firma Goudelaar in Frage ſtellen.“ „Nun denn, dann trinke ich auch auf Ihr Wohl.“ „Und ich auf das Ihre!—— Sagen Sie mir unter Anderem, Eekhoorn“, fuhr der Lieutenant, nach⸗ dem er getrunken, fort,„hat man nichts mehr von dem Pangeran und der niedlichen Prinzeſſin aus Bali gehört?“ „Nichts. Sie ſind wie verſchwunden.“ „Schade! Ich glaube ſelbſt, Sie hatten Recht, man hätte ſollen Seiner Hoheit das Attentat vollbringen laſſen. Jetzt ſäße der Burſche feſt und ich hätte die gegründetſte Urſache, mir mein Fürwort gehörig be⸗ zahlen zu laſſen.“ „Ich glaube Ihren Preis zu kennen.“ „Bah, ich bin uneigennützig, und hätte mich be⸗ gnügt, die betrübte Tochter ſo gut als möglich zu 44 tröſten. Verdammte Einmengung! Aber hören Sie, Eekhoorn, ich bin Ihnen wirklich dankbar und muß ſchon auch etwas für Sie thun, ſoweit ſich der Ein⸗ fluß eines Vetters erſtreckt. Sie verſtehen mich! Sie haben Wort gehalten. Albot hat ſich mit zwei Ande⸗ ren in der That gemeldet, wie ich vorausgeſehen, wurde aber übergangen; das dankt er Ihnen.“ „Kleinigkeit! Koſtete nur ein Wort im Secretariat. Meine Andeutung fiel auf fruchtbaren Boden. Man muß den hochfliegenden fremden Vögeln die Flügel ſtutzen. Trinker hat man bei uns zur Auswahl.“ „Ha, ich verſtehe! Vortrefflich ausgedacht! Alſo belaſſen wir's beim Trinken, vorläufig reicht das hin, ihn von der Bewerbung um die Opnemerſtelle auszu⸗ ſchließen, und ſpäter—“ „Sorgt er ſchon ſelber dafür, uns nicht Lügen zu ſtrafen, und macht's wie alle Anderen. Wir kennen ja die Sorte. Genever und Opium heißt ihr Wahl⸗ ſpruch.“ „Nun, ſo gar übel iſt derſelbe gerade nicht. Zu Zeiten hat er ſein Schönes. Stoßen Sie an, leeren wir ihm zu Ehren ein Glas!“ Sicherlich hätte van der Hage's Urtheil über den Lieutenant anders gelautet, würde er deſſen Trink⸗ ſpruch vernommen haben. „Ein leckerer Menſch, Ihr Neffe— gefällt mir“, äußerte er gegen den Hausherrn, der mit ihm und Mijnheer van Montfoort den Tiſch in der äußerſten Ecke der Vorgalerie beſetzt hielt. „Hm! Ja!“ meinte Mijnheer Goudelaar, ohne daß ein Zug ſeines ſteinernen Geſichtes ſeine eigentliche Meinung verrathen hätte. „Ein gewandter Burſche“, fiel der Reſident⸗Aſſiſtent lebhaft ein,„den ich aber nicht hoch taxire, da ihn meine Frau protegirt. Und ſehen Sie, meine Herren, ich habe die Erfahrung gemacht, daß ſie Alles prote⸗ girt, was eine glänzende Außenſeite zeigt. Die Frauen ſchwärmen einmal für das glänzende Aeußere, ſie ſchwärmen überhaupt gerne, aber ich habe mir noch jedesmal die Ueberzeugung geholt, daß das Innere bei ſolch glänzender Außenſeite hohl und krank— ja ge⸗ wiß hohl und krank iſt wie ein Vulcan. Wie ein Vulcan ſage ich, der läßt auch nichts Gutes erwarten. Uebrigens hat es mich im Grunde doch gewundert, daß ſie den Lieutenant protegirte, denn ſie protegirte ſonſt nie Herren, die ihre Aufmerkſamkeit ſo auffällig einer anderen Dame widmen, und das that Ihr Neffe, Mijnheer Goudelaar, in ganz bemerkenswerther Weiſe gegenüber Juvrouw Suſanne. In der That, Mijn⸗ heer van der Hage, als wäre da ein kleines Einver⸗ ſtändniß im Gange, hehehe! Wie geſagt, hat mich nur gewundert von meiner Frau, hehehe!“ Diesmal war an Mijnheer van der Hage die Reihe, mit einem unenträthſelbaren„Hm, ja!“ zu er⸗ widern. Während er, um ſeine Cigarre in Brand zu *ſtecken, nach der vom Diener immer bereitgehaltenen Lunte rief, konnte er unbeachtet den Gedanken nach⸗ hängen, welche dieſe Mittheilung in ihm angeregt. Es war unmöglich, zu errathen, welcher Natur ſie waren, nur aus einem etwas haſtigen Ausſtoßen des feinduftenden Rauches der echten Manilla ließ ſich allenfalls ein Schluß ziehen auf die Unruhe, in die das Vaterherz bei der Vorſtellung gerieth, das kaum wiedergefundene Kind ſo raſch ſchon ſcheiden oder doch einem ungewiſſen Loſe entgegengehen zu ſehen. Und was ihn am meiſten quälte, mochte mit die bittere Empfindung ſein, in den wenigen Jahren das Ver⸗ trauen ſeines Kindes ſo ganz verloren zu haben, daß auch kein Wort, nicht die leiſeſte Andeutung nach dem erſten Sturme der Begrüßung in das gegenſeitige Aus⸗ ſprechen und Erzählen gefallen war, welche ihn auf eine ſo wichtige Umwandlung in der Stimmung dieſes jugendfriſchen Herzens hätte vorbereiten können. Die vergebliche Sorge wäre raſch geſchwunden, würde es ihm vergönnt geweſen ſein, ſeine Tochter 47 in demſelben Momente zu belauſchen. Sicher vor jedem Horcher, wie van Duizenbeek und Eekhoorn, in ihrer intimen Unterhaltung, führten Suſanne und Emilie ein flüchtiges Geſpräch in der Innengalerie, wo ſie ſich unweit des prächtigen Flügels niedergelaſſen hatten, um die erquickende Luftſtrömung zu genießen. Wenig⸗ ſtens war das Suſannens Abſicht, und Emilie hatte dieſelbe vorgegeben, um der Freundin folgen und ſie ausforſchen zu können. „Du biſt aber ſehr anſpruchsvoll geworden, meine Liebe“, fiel ſie, zwiſchen Triumph und Aerger getheilt, gegen Suſannens ſchließliche Erklärung aus,„ſehr anſpruchsvoll, wenn Du behaupteſt, Dir aus Vetter Wilhelm nichts zu machen. Ich möchte wiſſen, was ihm an Geiſt und Eleganz gleichkommt? Sicher keiner der jungen Herren in Rotterdam.“ „Das behaupte ich auch gar nicht“, verſetzte Suſanne mit einem Lächeln, das vielleicht nur darum keine Langeweile verrieth, weil dies erſt die zweite oder dritte kleine Eiferſuchtsſcene war, die Emilie ihrer Freundin ſeit deren Ankunft bereitet hatte.„Ich will Deinen Vetter unbedingt loben, wenn es Dir Freude macht, aber weil ich gegründete Urſache habe, zu vermuthen, daß dies der Fall ſei, gerade darum, liebe Emilie, konnte es mir nie in den Sinn kommen, ſeine liebenswürdigen Bemühungen um unſere Unter⸗ haltung während der Fahrt für ernſtlich gemeinte Huldigungen zu nehmen.“ „Alſo doch Huldigungen, ich wußte es ja!“ „Mein Gott, wenn Du meine Worte ſo klügelnd ausdeuteſt, will ich lieber ganz und gar ſchweigen.“ „O, Du biſt piquirt, ärgerlich, ſuchſt Ausflüchte und zeigſt Dich empfindlich— aber wozu das Alles, Herz? Habe ich das verdient? Es iſt ja die reine Theilnahme, die mich ſo fragen läßt. Ich finde dieſer Huldigungen ſo natürlich, ſo— ſo erfreulich, und Du haſt ſie alſo auch freundlich angenommen; gewiß, Du warſt nicht ſpröde! Es iſt ja überhaupt nicht Deine Sache, ſpröde zu ſein, Du haſt ein zu gutes Herz.“ „Emilie, was haſt Du?“ „O nichts! Sagen Sie Mejuvrouw van der Sloot“, wandte ſich Emilie an ein Mädchen ihres Alters, das eben einige Accorde gegriffen hatte und erwartungsvoll am Inſtrumente ſtand, ob ſie Niemand auffordern werde, ihr gerngezeigtes Talentchen leuchten zu laſſen,„ſagen Sie, iſt es nicht ſo, wie ich ſage, daß Suſanne ein ſehr gutes Herz hat? Denn ich kann doch nicht glauben, daß man in den Rotterdamer Penſionaten ſo demokratiſche Ideen einſaugt, um es für ſelbſtverſtändlich zu halten, ſogar die Huldigungen — 49 gemeiner Soldaten freundlich hinzunehmen oder wenig⸗ ſtens aus ihren Händen das zu Boden geglittene Tuch.“ „O!“ ſtöhnte Mejuvrouw van der Sloot, als wenn eine Ohnmacht ſie anwandelte; indem ſie ſich aber, wie der Stütze bedürftig, an die Claviatur lehnte, griff ſie mit großer Geſchicklichkeit einen begleitenden Accord zu dem Ausruf ihres Entſetzens. „Sie hat nur ein ſo unendlich gutes Herz“, wiederholte Emilie mit ſpitzer Freundlichkeit. Suſannens Wangen färbten ſich etwas tiefer und ihr Auge leuchtete in edlem Unmuth auf. „Ich ſehe an dem, was ich gethan, nichts Ta⸗ delnswerthes“, verſetzte ſie in ſehr beſtimmtem Tone, „und was Du Huldigungen zu nennen beliebſt, das erſcheint mir in der That gleich werthvoll oder werth⸗ los, ob ſie mir von Herrn Lieutenant van Duizenbeek oder— wenn Du ſchon ſeiner erwähnſt— von ſeinem Untergebenen dargebracht werden. Nimm es als Troſt oder Aergerniß hin— die Wahrheit bleibt es.“ Sie erhob ſich, Emilie folgte ihr, und auch Mejuvrouw van der Sloot mußte für diesmal darauf verzichten, zu einem Concert aufgefordert zu werden. Dagegen folgte ſie ohne Zögern der Einladung ihres Tänzers zur eben beginnenden Polka. Byr, Wrak III. Drittes Kapitel. Im Campement. Südlich von Weltevreden, etwa auf eine Stunde Entfernung und nur noch durch ganz vereinzelte Villen mit dem bevölkerteren Theile des neuen Batavia in Verbindung, liegt das Campement Meſter⸗Cornelis, der Hauptſtadt größte Kaſerne, die außer für zwei Infan⸗ terie⸗Bataillone noch für die Officiersſchule Raum ge⸗ währt, in welcher beſtändig hundertfünfundzwanzig Sergeanten einen zweijährigen Curſus durchmachen, um ſich zum Examen vorzubereiten. Wie in einem tropiſchen Garten liegen die einzelnen Compagnie⸗Ge⸗ bäude zerſtreut, ſie beſtehen, gleich allen von Europäern auf der Inſel errichteten Wohnhäuſern, nur aus einem luftigen, reichlich mit Fenſtern verſehenen Erdgeſchoſſe, 54 deſſen vorſpringendes Dach beiderſeits breite, offene Galerien bildet. Auch das Campement feierte heute ein Feſt zu Ehren der„Baare“— ſo nennt man nämlich die aus Europa Neuangekommenen im Gegenſatze zu den ſchon eingewohnten„Oudgaſten“. Freilich ging es dabei nicht ſo hoch her wie in der Villa von Mijnheer Goudelaar, auch mußten die friſcheingerückten Recvuten die Koſten dieſer Feier ſelber tragen, ſtatt daß man ſie bewirthet und umſchmeichelt hätte; was aber die Herzlichkeit der Geſinnung beim Willkommgruße betraf, da durfte ſich die Geſellſchaft des Campement getroſt mit jener der Villa meſſen, höchſtens daß das Soldatenvolk Theil⸗ nahme wie Schadenfreude unverhüllter zur Schau trug. Am meiſten ließ in Meſter⸗Cornelis noch die Ele⸗ ganz der Feſträume zu wünſchen übrig, wie die der geladenen und ungeladenen Gäſte. In der langen „Kamera“, der wir unſeren Beſuch widmen wollen, treibt ſich zur dämmernden Abendſtunde eine lärmende und wenig anziehende Geſellſchaft durcheinander. Die ſonnverbrannten, meiſt kräftigen Männergeſtalten ſind überaus leicht gekleidet, ſie tragen außer den ſogenann⸗ ten Schlafhoſen aus hellem Kattun nur noch die weiße, burnusartige Kabaja. Dieſes außerdienſtliche Negligé wird aber noch von dem der zahlreich anweſenden 4* 4 52 braunen Damen übertroffen, die zum Theil in lebhaf⸗ tem Geplauder in einer Ecke beiſammen hocken oder eifrig damit beſchäftigt ſind, für ihre Herren und Ge⸗ bieter Schuhe zu reinigen und Wäſche in Ordnung zu bringen oder ihre Kinder zu ſäugen. Eine Schaar halb oder ganz nackter Kinder balgt ſich zwiſchen den Grup⸗ pen der Erwachſenen und kollert unter die breiten Betten, die oben mit Strohſack und Bambusmatte eine ziemlich ſpartaniſche Lagerſtätte, unterhalb aber einen Käfig bilden für Kinder, Affen, Hunde, Katzen und allerlei bunte Vögel. Das Kreiſchen, Bellen, Pfeifen, Miauen, Rufen, Singen, Schnarchen und Schelten vereinigt ſich zu einem hölliſchen Concert, und es iſt kein Wunder, wenn ein noch mit ſeinen europäiſchen Begriffen vom Soldatenweſen hierhergekommener Neu⸗ ling ſich in dieſem Hexenſabbath von fremdartigen Tönen und Erſcheinungen anfänglich nicht zurechtzu⸗ finden vermag. In dieſem Falle befand ſich auch der mit dem „Kosmos“ auf Java angelangte junge Mann, mit deſ⸗ ſen Schickſal ſich van Duizenbeek und Eekhoorn ſo eifrig beſchäftigten. Gedankenvoll ſaß Paul Albot auf der Kante ſeines Bettes und ſuchte Auge und Ohr an das ſeltſame Schauſpiel zu gewöhnen. Wie verſchieden von ſeinen Träumen trat ihm hier in der fremden Welt — 53 Alles entgegen. Ein Gefühl tiefer Wehmuth wollte ihn beſchleichen und mußte ſich wohl ſchon in ſeiner Haltung, in ſeinen Zügen ausdrücken, denn auf ein⸗ mal ließ ſich eine heiſere Baßſtimme vernehmen, und es war die Heimat, die ihn in ihrer Sprache grüßte. „Hoho! Kopf hängen laſſen? Trübſelige Gedanken? Wir kennen das“, lauteten die deutſchen Worte.„Das Ding an ſich, um das handelt es ſich. Der Reflex der Erſcheinungswelt hängt ganz von uns ab. Zuerſt Enttäuſchung, dann Aufſchwung zur Klarheit. Gin, Gin, mein Beſter, ſchütten Sie mir das Glas voll, auf Klarheit! Zum Teufel mit der verdammten Me⸗ lancholie!“ Der ſo geſprochen, ein kräftiger, vierſchrötiger Mann, der das Bett zur Linken einnahm, ſchob die Arme unter den früh kahl gewordenen Kopf, wendete das einſt gewiß ſchön geweſene, jetzt aber ganz ver⸗ glaſte, weit aus den angeſchwollenen Lidern hervor⸗ quellende blaue Auge nach dem Plafond und kreuzte die Beine. „Quoi donc la mélancolie?“ krächzte eine kleine, olivengrüne Figur mit ungemein lebhaften Bewegungen, die neben Albot fortwährend von einem Fuße auf den anderen ſprang und offenbar nur das eine Wort ver⸗ ſtanden hatte.„Ah! mon jeune ami, ça ne vas pas, vous deviendrez malade. Faites vous faire pétrir. Je vous présenterai Trinel, demandez à monsieur le baron, elle s'y connait parfaitement. Trinel, Trinel, où allait se cacher la bégueule?!“ „Es iſt eine gewiſſe Congruenz in der Reihenfolge der Einwirkungen von Außen“, begann„Monsieur le baron“, wie ihn der Franzoſe betitelt hatte, von Neuem mit einer Stimme, die jeden Zuhörer unwillkürlich ſich zu räuſpern veranlaßte,„eine gewiſſe Congruenz, die mir geſtattet, Ihnen Rathſchläge zu ertheilen, die aus eigener Erfahrung fließen. Eine raſche Jugend, ein kecker Entſchluß, unklare Vorſtellungen vom Dinge an ſich, glänzende Hoffnungen auf Avancement und Reich⸗ thümer, niederdrückende Behandlung, neue Pläne, ver⸗ gebliche Verſuche, ſchließliches Landen in Meſter⸗Cor⸗ nelis, angehende Verzweiflung, Untergehen im Pandä⸗ monium, aufkeimende Selbſtmordgedanken— kennen das!“ „Nein, nein, ſo weit bin ich denn doch nicht, und hoffentlich ſoll es dazu auch nicht kommen.“ Der Ton, in welchem Paul Albot dies rief, ver⸗ rieth mehr das gewaltſame Aufraffen, als einen ſchon klar und unverrückbar gehegten Entſchluß, Alles, was auch kommen mochte, muthig zu ertragen. Wie genau hatte der ſeltſame Philoſoph mit wenigen Worten die Vorgänge bis auf den heutigen Tag geſchildert, Paul ſah Alles wieder an ſeinem inneren Auge vorüber⸗ gleiten. Die raſch, ja leider allzu raſch verlebte Ju⸗ gend, den kecken, unbeſonnenen Sprung in neue, gänz⸗ lich unbekannte Verhältniſſe, die Hoffnungen, die ſofort beim erſten Einblicke in die eigentliche Sachlage er⸗ loſchen. Schon auf dem Schiffe hatte er ſich entſchließen müſſen, auf neue Bahnen einzulenken, da die eben erſt betretenen zu keinem glänzenden Ziele führen konnten. Zum Officiers⸗Examen werden nur jene nach vier⸗ jähriger Dienſtzeit zugelaſſen, welche das dreißigſte Jahr bis dahin noch nicht erreicht haben. Iſt es überſchritten, müſſen ſechs Dienſtjahre dem Examen vorhergehen, und da demſelben in der Regel noch zwei bis drei bis zur wirklichen Beförderung folgen, ſo verlor Vaul Muth und Geduld, auf Avancement zu dienen. Was er ſich ſo leicht vorgeſtellt, nämlich die Charge eines Lieutenants, die er ſchon vor nahezu zehn Jahren erreicht hatte, nunmehr als reiferer Mann, als geſchulter Soldat wiederzugewinnen, zeigte ſich als ein ſo ferngerücktes Ziel, daß er lieber ganz auf daſſelbe verzichtete und dafür den Uebertritt zur topographiſchen Aufnahme in's Auge faßte, wo er zwar keine weitere Beförderung zu erwarten, nach der definitiven Ein⸗ theilung jedoch ein reichliches Auskommen und eine 56 angeſehene Stellung hatte, wie ſie ihm die Uniform, auch mit den ſchönſten goldenen Epauletten geſchmückt, bei der Abneigung der dortigen Geſellſchaft gegen das Militär, kaum je gewähren konnte. Man hatte ihm geſagt, daß es beſonders ehema⸗ lige deutſche Officiere ſeien, die man zur Aufnahme eintheile, da man von ihnen mehr Fleiß und Nüch⸗ ternheit erwarte als von der übrigen holländiſchen oder aus allen möglichen Nationen zuſammengewür⸗ felten Mannſchaft, und darauf bauend, war er mit ſeiner Bitte vorgetreten, als der Transport, dem er angehörte, nach einem langen beſchwerlichen Marſche in glühender Mittagshitze in der Depotkaſerne von den Stabsofficieren empfangen und gemuſtert wurde. Mit Sicherheit hatte er auf die Erfüllung ſeines Wunſches gezählt, nun ſah er ſich unbegreiflicherweiſe übergangen und, während ſeine beiden Gefährten ſogleich an das topographiſche Bureau gewieſen wurden, mit dem Reſt der Abtheilung in's Bataillon eingetheilt und unter die Recruten rangirt, wiewohl er ſchon in Harderwijk, vor der Einſchiffung, das Unterofficiers⸗Examen abge⸗ legt hatte und ſelbſt als Abrichter verwendet worden war. Zehn Jahre des Dienſtes lagen hinter ihm, eine ernſte Schule des Lebens mit mancherlei Erfahrungen 57 im Kriegsweſen; zwei Feldzüge hatte er mitgefochten, ſogar für ſeine Tapferkeit ein Kreuz erhalten, das ihm für ſeinen militäriſchen Eifer und ſeine Verwendbar⸗ keit ertheilt worden war. Alles das zählte nichts; um die Kenntniſſe, die er ſich erworben, wurde nicht gefragt, ſeine Geſchicklichkeit nicht einmal geprüft; gleich dem halb idioten Knechte, den man vom Pfluge weg⸗ geholt und raſch in den Soldatenmantel geſteckt, war er hier weiter nichts, als ein— Recrut, das heißt nicht einmal noch Soldat, ein bloßer Spielball des nächſtbeſten Unterofficiers, welcher der Aufgabe, dem Neuling die allererſten Anfangsgründe, das ABC des Soldatenſtandes beizubringen, ſich nicht ſelten in ziemlich roher Weiſe zu entledigen gewohnt ſein mochte. Welche Zukunft eröffnete ſich da vor ihm! War das Treiben, in das er ſich hier wie von dämoniſcher Fauſt hineingeſchleudert ſah, nicht wirklich jenes Pan⸗ dämonium, deſſen die heiſere, vom Trunke verwüſtete Stimme neben ihm erwähnt? Und in ſolcher Umge⸗ bung ſollte er leben, ſich vielleicht an dieſelbe gewöh⸗ nen, ſich ihr zuletzt am Ende wohlgefällig zugeſellen, verſunken in Rohheit und Stumpfſinn die Jahre ver⸗ bringen— ſechs Jahre! Sechs lange Jahre, für die er ſich verkauft— eine Ewigkeit! Und was darnach?— Dann ſtand er auf demſelben unwirthbaren Felſen, ——————,j 58 von dem aus er den Sprung in's Ungewiſſe gewagt, e eine unwiederbringliche Zeit war verloren, Lebensmuth b und Unternehmungsgeiſt vielleicht verſiegt, derſelbe Sprung mußte zum zweiten Male gethan werden, dann 1 aber führte er nur mehr— in's Leere. Von der friſchen Elaſticität und dem zuverſicht⸗ lichen Uebermuthe, die ihn bisher durch's Leben getra⸗ gen, glimmte in dieſem Momente kaum noch ein Funke; unter der gleichmäßig beharrlichen Traufe der Wirk⸗ lichkeit waren all' die Phantaſiebilder von raſch errun⸗ genen Erfolgen und abenteuerlichen Glücksſpenden aus der Hand des Zufalles erloſchen und eine tiefe Ent⸗ muthigung wollte ſchon den bisher zu leicht vom Mo⸗ ment beſtimmbaren Charakter erfaſſen, als ihn noch im rechten Augenblicke die von genauer Kenntniß des Menſchenherzens zeugende Zergliederung ſeiner geheim⸗ ſten Gedanken, zum Trotze gegen die Zumuthung, ja gegen das Schickſal ſelbſt aufriß, das ihm dieſelbe durch den Mund ſeines Landmannes hier auf fremder Erde zu ſtellen ſchien. Nein! Soweit war er noch nicht, um ſich ſchon feige aus dem Leben wegzuſtehlen, ohne jeden weiteren Verſuch, ſich durchzuringen. Warum ſollte das Daſein nichts mehr zu bieten haben, was den Kampf um daſ⸗ ſelbe lohnte? Heimweh, Weichheit, Verzärtlung nannte ——— 59 er das Gefühl, das ihn angewandelt hatte; er ver⸗ bannte es und mit wachſender innerer Kraft hob er t wieder den geſenkten Kopf und richtete ſein heller blickendes Auge zunächſt auf die beiden älteren Kame⸗ raden, zwiſchen denen er ſeine Lagerſtätte angewieſen erhalten hatte.’ 1 Sie waren ihm Beide in ihrer Art freundlich ent⸗— 3 gegengekommen, und er glaubte Urſache zu haben, dieſe ⸗ Freundlichkeit wirklichem perſönlichen Wohlwollen und 4 nicht blos dem ihnen und noch einigen Anderen ge⸗ ſpendeten Genever und Toddy zuſchreiben zu dürfen. 5 Randhof, den der Franzoſe conſequent monsieur „ le baron nannte, ſchien träge, verſumpft, kaum daß h einzelne helle Geiſtesblitze noch aus einer immer tiefer 8 ſinkenden Nacht aufzuckten. Die ſeltſam, faſt zinnober⸗ ⸗ roth gefärbten Züge ſeines noch immer ſchönen Ange⸗ 1 ja ſichtes trugen die abſchreckendſten Spuren der Verwü⸗ be ſtung. Die Leidenſchaft des Trunkes hatte hier eine er urſprünglich gewiß nicht gewöhnlich angelegte Natur untergraben und herabgewürdigt. n„Riolle, nommé le brave“, hatte er, nachdem er m ſich zuerſt ſelbſt dem Neueingetheilten genannt, den 1 in nächſten Bettnachbar Paul's zur Rechten in der tadel⸗ ſ⸗ loſen Form geſellſchaftlicher Präſentation vorgeſtellt, „ci-devant monsieur le capitaine Riolle“, und dann, 1 60 während der Genannte ein groteskes Tanzmeiſtercom⸗ pliment machte, in vornehm nachläſſigſtem Tone und in deutſcher Sprache hinzugefügt:„Uebrigens will ich gehenkt ſein, wenn der Kerl jemals mehr als ein mit dem Menagegelde durchgebrannter Sergeant war. Kann ihn empfehlen, raſirt ausgezeichnet.“ Jetzt, nach Paul's herzhaftem Ausrufe erwiderte er nichts und begnügte ſich, zum Zeichen ſeines Zwei⸗ fels, zwiſchen den Zähnen leiſe„Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſere Reben!“ zu pfeifen. Den Zweifel laut auszuſprechen mit Hinweiſung auf die eigenen geſammelten Erfahrungen, verhinderte ihn vielleicht eine gewiſſe Achtung, die ihm der neue Genoſſe ſchon mit dem erſten Auftreten abgezwungen. Das war ein Unglücklicher, ſicher kein Gefallener, aus dieſem Auge blickte gekränktes Ehrgefühl, ſinkendes Selbſtvertrauen, nicht aber die Schuld, das fühlte der Verlorene in⸗ ſtinctiv in ſeiner Verkommenheit ſogar, und es mochte ſich etwas in dem ausgebrannten Herzen regen wie Mitleid und Zuneigung, wie die reuige Erinnerung an die verkörpert wieder auftauchende eigene Ver⸗ gangenheit. Dem braven„Capitän“ war es inzwiſchen ge⸗ lungen, die Geſuchte herbeizurufen. Mit einem derben ben 61 Fauſtſtoße ſchob er das unſchöne Mädchen weiter vor gegen Paul. „Fais ton compliment, ma petite! Permettez, monsieur que je vous présente mademoiselle Trinel, mon épouse“, ſagte er, und auf die vom Sarong ganz bloß gelaſſenen Arme und Schultern deutend, über welche das ſchwarze prächtige Haar unordentlich herabfiel, fuhr er nicht ohne Stolz in gebrochenem Holländiſch fort:„Sehen Sie dieſe Schultern, viel⸗ verſpreckend, wie? O, wir leben wie die Turteltäub, et Dieu soit loué, ohne famille. Das iſt nickt ihre ſchlimmſten Seiten, fragen Sie nur der Errn Baron. Welche Haar, was ſagen Sie? Einen ganzer Perrücke à la Louis quatorze man könnte maken daraus. Enfin, elle west pas mal, n'est ce pas?“ „Sage ich es nicht“, brummte Randhof halb un— verſtändlich,„ein Friſeur oder Barbier. Gleichviel, hier ſind wir Alle gleich, abſolute égalité et fraternité.“ „Vive la liberté!“ kreiſchte Monſieur Riolle, der die ihm allein verſtändlichen Schlußworte ergänzen zu müſſen glaubte. „Der Eſel!“ fiel der Andere verdrießlich ein,„als ob die hier irgendwo zu entdecken wäre. Saubere Freiheit, die höchſtens darin beſteht, ſich eine„Maid“ zuzulegen. Sehen Sie ſich die Peſtilenz an, Albot. — 62 Den inländiſchen Soldaten, die in die vier Mittel⸗ Compagnien des Bataillons eingetheilt ſind, mußte man Zugeſtändniſſe machen, wollte man ſie überhaupt unterwürfig haben. Man aſſentirte ſie mit ihrem gan⸗ zen Hausſtande, Kind und Kegel, das gehört einmal zum Oriente. Die Weiber ſind eigentlich nur gut dreſſirte Hausthiere, entheben ihre Herren von allerlei Laſten und ſorgen für Zukoſt zur Menage. Das ging nicht, ohne die europäiſchen Flügel⸗Compagnien neidiſch zu machen. Ein bischen Schweineſtall mehr oder we⸗ niger war am Ende gleich, und man gewährte uns auch das ſtolze Recht, uns zu„bemaiden.“ Gott Lob machen nicht Alle davon Gebrauch. Da, ich habe Ih⸗ nen mein Bett abgetreten, das iſt in der Ordnung, dem Recruten gebührt die unangenehmere Nachbarſchaft. Schenken Sie ein, Albot, und glauben Sie mir, blei⸗ ben Sie Gargon wie ich. Man ſtreckt ſich viel be⸗ quemer auf ungetheiltem Lager. Und iſt man zu tief dem Urgrunde der Dinge nachgegangen— geben Sie mir die Ginflaſche herüber, Freund, man ſpürt den Arrak kaum im Grog, ein Damengetränk!— Laſſen Sie Trinel ein wenig daran nippen. Spaßhaft, wer ihr den Namen gegeben hat? Er iſt malayiſch heißt „Bachſtelze“ und klingt wie eine Ironie auf die wat⸗ ſchelnden breiten Entenfüße.— Da, Trinel, trink'“, 63 ſchloß er, zur holländiſchen Sprache übergehend, die auch Riolle und die Maid verſtanden.„Sie iſt keine zarte, aber eine gute Haut, und was ich ſagen wollte, wenn man zu tief dem Urgrunde der Dinge nachge⸗ gangen iſt, ſchadet es nicht, eine ſanfte weibliche Hand in der Nähe zu wiſſen, die den hinfälligen Cadaver zu Bette bringt und ihn gehörig in die Walke nimmt.“ „Gern, gern, ja!“ lachte Trinel, über das ihr von Paul angebotene Glas hinweg, zuerſt Rand⸗ hof, dann dem neuen Nachbar zu, als wolle ſie auch ihn ihrer Bereitwilligkeit für vorkommende Fälle verſichern. „Man hält gute Nachbarſchaft und hilft ſich aus“, beſtätigte Riolle mit der Würde eines römiſchen Haus⸗ vaters, und indem er ſeine Hand auf Trinel's Schul⸗ ter legte, ſchloß er:„Je lui la préte quelquefois, oui! Ik leihen ſie zu Zeiten à monsieur le baron.“ „Zum Maſſiren natürlich!“ fiel dieſer ein. „Oh, elle est une fameuse masseuse!“ „Ja, ich mag ſie gern. Sie knetet eine linde Hand. Sie werden das ſelber finden, Albot. Eigent⸗ lich die einzige orientaliſche Sitte, die mir gefällt. Der Teufel hielte ſonſt die Strapazen bei dieſer Hunds⸗ tagsſonne aus. Das Kneten muß die erſchlaffenden Muskeln wieder beleben; das Kneten und der Gin. —ꝛʒᷓ 64 Wollen Sie die Flaſche nicht noch einmal zum Füllen ſchicken, Landsmann? Der Gin, das iſt die Kritik der reinen Vernunft. Glauben Sie mir, Jeder kommt zu⸗ letzt darauf— Jeder! Exerciren, manövriren, gut! Kammerwache, Corridorwache, Nachtwache, Menage⸗ Einkaufen, Kochen, meinetwegen! Aber all die kleinen Dienſte: Platz⸗Corvet, Arreſt⸗Corvet, Corridor⸗Corvet und wie ſie alle heißen, zuletzt noch ardappeljassen,*) da mag ein Anderer bei Laune bleiben, der den Beruf zum Hausknechte in ſich fühlt. Haha! Soldat wollten Sie werden und haben keine Uebung im Beſenführen und Bodenaufwaſchen? Laſſen Sie ſich Ihr Handgeld wiedergeben, wenn Sie können— ja, das iſt's, wenn Sie können! Verkauft, der Hölle verkauft mit Leib und Seele— auf ſechs Jahre? Haha, Poſſe! Für die Ewig⸗ keit! Fragen Sie einmal nach dem Hoſpital⸗Friedhof, dort liegen ſie reihenweiſe, die der Satan hierherge⸗ lockt. Ein häßlicher Reflex der Erſcheinungswelt, nicht wahr— beſonders wenn die alten Gedanken dazu kommen, wie die Leichenwürmer, hu! Man muß die Strahlenbrechung zu ändern ſuchen, ja, das muß man — um das Ding an ſich zu erkennen— die Strahlen⸗ brechung modificiren durch ein Medium— ein flüſſi— ges Medium— das iſt die Methode zur ratio⸗ —) Erdäpfelſchälen für die Mahlzeit der Uuterofficiere. 65 nellen Verſchönerung— ein flüſſiges Medium— Gin!“ Er ſetzte dabei die Flaſche an, leerte ſie vollends und fiel dann wie ein Todter zurück auf ſein Lager, das ihm Trinel ein wenig bequemer ordnete, und es klang beinahe wie eine Leichenrede, da Riolle, ſich in die Bruſt werfend, äußerte: „Ce pauvre baron! Es wird nikt lange mehr währen mit ihm Er ſein von der Melankolie erfaßt, hélas, von der Melankolie— eine grauſame Krank⸗ heit! Ik verſtehe mik darauf. Ik aben verlor zehn Mann von meine Compagnie daran unmittelbar nak den Slakt von Inkerman. Sie ſein alle geſtorben an die Melankolie über die Tod von ihre übrigen hun⸗ dertfünfzig Kameraden, die alle gefallen ſein. Zuletzt bin ik allein übrig— ik und meine Tambour.“ Die Prahlerei vermochte die trübe Stimmung nicht zu verſcheuchen, in welche die halb irrſinnigen Reden Paul verſetzt hatten. In welchen Abgrund hatten ſie ihn blicken laſſen. Er erhob ſich und verließ das Ge⸗ mach, um des Anblickes loszuwerden, den es bot und der ihm faſt unerträglich ſchien. Ohne beſonderes Ziel ſtreifte er durch das üppige Buſchwerk, für deſſen fremdartiges Laub er in dieſem Momente kein Auge hatte; bald ſtand er vor einer Byr, Wrak. III. 5 — niedrigen Stelle der nördlichen Einfaſſungsmauer des Campements, über die ihm die anſehnliche Höhe ſeiner Geſtalt hinwegzuſehen erlaubte. Faſt ſehnſüchtig blickte er hinaus nach dem hellen Schein am Horizonte, welcher in der faſt ohne Ueber⸗ gang raſch hereingebrochenen Nacht die Lage der Stadt bezeichnete. Er kam ſich vor wie ein Gefangener, das Herz lag ihm gepreßt in der beengten Bruſt und die Seele ließ ihre erſt noch zum trotzigen Flügelſchlage gehobenen Schwingen hoffnungslos und traurig ſinken. Ein leiſes Geräuſch ſtörte ihn auf, er erinnerte ſich, daß es ihm ſchon ſeit einiger Zeit geweſen, als folge man ſeinen Schritten, er ſah zur Seite, wo ſich das Gebüſch bewegte, doch ehe er noch die im verhül⸗ lenden Schatten verweilenden Geſtalten recht wahrzu⸗ nehmen vermochte, fühlte er ſeine Hand erfaßt und einen ſanften Kuß darauf gedrückt. „Tuwan besar*) danken“, liſpelte eine weiche Frauenſtimme, und ſeine Augen mehr anſtrengend, er⸗ kannte er an dem eigenthümlichen Haarputze und den feinen Geſichtszügen jenes Mädchen, dem er Tags zu⸗ vor in einer chevaleresken Regung, ſeine untergebene Stellung vergeſſend, am Landungsplatze gegen ſeinen *)„Großer Herr“, eigentlich nur der Titel reicher Beſitzer. e n 67 Lieutenant zu Hilfe gekommen. Im Grunde war er froh, daß der Vorfall keine weiteren Folgen gehabt und ſeine Eintheilung in die Compagnie ihn dem Einfluſſe van Duizenbeek's entzogen hatte. Das kleine Ereigniß war über die faſt zu heftig einſtürmenden neuen Eindrücke ganz vergeſſen, umſomehr überraſchte Paul dieſe unerwartete Begegnung mit dem braunen Kinde, deſſen beide Begleiter er in den Männergeſtal⸗ ten zur Seite jetzt ebenfalls mehr errieth als erkannte. Das Mädchen ſprach, als Paul ſeine Hand raſch zurückzog, noch einige Worte, die er aber nicht verſtand, da er, trotz ſeiner Studien in den freien Stunden während der Ueberfahrt, des Malayiſchen noch zu we⸗ nig mächtig war. Der Vater, in welchem Eekhoorn nicht ohne Grund Idah Madeh Rahi, einen der Bedanas oder Bezirkshäuptlinge von Bali, zu er⸗ kennen vermeint hatte, ſchien die unzulänglichen Sprach⸗ kenntniſſe des jungen Soldaten zu errathen, denn ob⸗ wohl gebrochen, bediente er ſich doch ziemlich verſtänd⸗ lich des Holländiſchen, indem er der Erklärung ſeiner Tochter zu Hilfe kam. „Mata⸗bunga*) gewünſcht, Dir zu danken. Ma⸗ ta⸗bunga will küſſen Deine Hand, darum hergekommen. *) Blüthenauge. Mata⸗bunga hat Recht, darum ich auch hier. Hollän⸗ der ſchlecht, Du gut, Du kein Holländer, nicht wegneh⸗ men fremdes Gewehr. Aber nehmen, was ich frei⸗ willig gebe. Heilige Klinge, macht unverwundbar, von Allah gekommen. Nimm, iſt Dein!“ Er reichte dabei einen Krys hin, deſſen mit Stei⸗ nen beſetzte Scheide im Mondlichte geheimnißvoll blitzte, und ſuchte die koſtbare Waffe, der eine abergläubiſche Verehrung noch weit höheren Werth verlieh, Paul auf⸗ zudrängen; der aber lehnte ſie freundlich ab und ſchob Idah Madeh Rahi's Hand endlich mit Entſchiedenheit zurück. Dem Häuptling erſchien eine derartige Ver⸗ ſchmähung geradezu unbegreiflich; er ſah Paul mit weitgeöffneten, ſtaunenden Augen an, dann aber ſchien er plötzlich das richtige Verſtändniß gefunden zu haben; düſteren Blickes trat er einen Schritt zurück. „Du wilſſt nicht“, ſagte er, und der Ton, in wel⸗ chem er die Worte rief, war mehr klagend als heftig und unwillig.„Du willſt nicht den Dank von Idah Madeh Rahi, nicht den Dank von Mata⸗bunga; die Hand, die ſie küßt, ſtößt ſie fort. Mata⸗bunga's Mund verſchmäht den Tſchiri*), die Männer verſchmähen Mata⸗bunga's Mund. Ihre Zähne nicht ſchön ſchwarz *) Betel⸗Pfeffer. 69 und glänzend, häßlich weiß, wie die Zähne des Tigers. Wer mag den Tiger küſſen? Der Radjah hat ſie nicht zum Weibe genommen, mir zurückgeſchickt, ich will ihn ſtrafen— der Fremdling verſchmäht ſie und will nicht ihren Dank, er ſtraft uns. Nur der Officier verſchmäht ſie nicht, für ihn Mata⸗bunga blos Maid Rongeng e). Der zweite Begleiter des Mädchens hob drohend die geballte Fauſt in der Richtung gegen die Stadt; ſelbſt im Schatten konnte man ſeine Augen in wildem Haſſe blitzen ſehen. „Orang⸗tjelaki!“ murmelte er.„Unglücklicher!“ der größte und eigentlich einzige Schimpf, den die Sprache dieſes im Ganzen ſanften und gutmüthigen Volksſtammes aufweiſt. Der Häuptling gebot ſeinem Gefährten Stille und dieſer kroch wie ein geſchlagener Hund zurück und kauerte auf ſeine Hacken nieder. Paul hatte unterdeſſen Muße gefunden, ſich von ſeinem Erſtaunen zu erholen. Was ihm anfangs un⸗ begreiflich ſchien, wie es den Leuten gelungen war, in das Campement einzudringen, erklärte er ſich jetzt, wenn er der vielen ein⸗ und ausgehenden Obſt⸗ und Eisverkäufer und der in der Kaſerne ſelbſt un⸗ *) Oeffentliche Tänzerin. 70 tergebrachten Menge malay'ſcher Frauen gedachte. Es konnte da kaum ſchwierig ſein, ſich einzuſchleichen. Weit ſeltſamer blieb es, daß ſie ſo genau um ſein Verweilen wußten. „Wie konntet Ihr mich finden?“ gab er ſeiner I Verwunderung Ausdruck. Mit ſtolzem Lächeln erwiderte der Bedana: „Wir finden Tiger im Jungle, wir finden Hirſch im Wald. Deine Spur viel leichter finden. Jungle und Wald nicht ſprechen können, Menſchen haben Augen und Zunge. Wir Dir gefolgt, weil Mata⸗bunga nicht fort will, bis ſie Dir gedankt— Du verſchmähſt Dank— wir gehen.“ „Nein, nein, Ihr irrt Euch“, fiel Paul ein,„wie ſollt' ich Euren Dank verſchmähen? Iſt es ja doch das erſte Zeichen der Freundlichkeit, das mir in dieſem fremden Lande geboten wird, der erſte Gruß, der mich hier willkommen heißt, das erſte Wort, das mich nicht wie eine gezähmte Beſtie an die Kette weiſt, ſondern mir auch hier Menſchen zeigt, unter denen ich Menſch ſein darf.“ „Du haſt gut geſprochen“, nickte der Häuptling, „warum Du nicht kommen mit uns?“ Paul ſchüttelte lachend den Kopf und legte unwillkürlich ſeine Hand auf das Haar des Mäd⸗ 71 chens, das raſch und lebhaft zu ihm aufgeblickt hatte, wie um den Vorſchlag des Vaters bittend zu unter⸗ ſtützen. „Das geht wohl nicht“, ſagte er freundlich, „Euer Dank hat mich erfreut, Euren guten Willen erkenne ich, aber Euch folgen kann ich nicht.“ „Sie Dich ſterben laſſen. Holländer Alles ver⸗ ſchlingen— auch Dein Leben.“ „Wie es ſei, ich habe mein Wort gegeben“, verſetzte Paul, von dem Einwurfe Id dah Madeh Rahi's ernſter geſtimmt,„zieht Eures We Leges, ich gehe den meinen.“ Der Bedana ſprach kein Wort mehr, er legte die Hände mit einer ehrerbietigen Verbeugung an die Stirne zum Salam, der Begleiter folgte dieſem Bei⸗ ſpiele; zugleich fühlte Paul ſeine Hand ſanft erfaßt und, ehe er es zu hindern vermochte, abermals an die feuch⸗ ten, warmen Lippen des Mädchens gezogen; dabei ſchob ſich ein harter Gegenſtand zwiſchen ſeine Finger, und unmittelbar darauf war Mata⸗bunga mit den beiden Männern verſchwunden, wie ſie aufgetaucht waren, ſpurlos, geräuſchlos, kaum daß ſich ein Blatt bewegte in der ſchwülen Nachtluft. Schattenhaft war die ganze Erſcheinung vor⸗ übergehuſcht und Paul hätte ſie für ein ſelbſtgeträum⸗ 72 42 tes Märchen halten können, wäre in ſeiner Hand nicht der koſtbare wunderthätige Krys gelegen, den ihm die Kleine nun doch noch aufgedrungen hatte. Gedanken⸗ voll ſah er ihn an, wie er ſo geheimnißvoll unheim⸗ lich flimmerte im Mondenſtrahl. So hatte ſein Leben doch noch für Jemand Werth, daß es unter den Schutz eines Zaubers geſtellt wurde, daß man ſich da⸗ zu eigens von ſo unſchätzbarem Kleinod trennte, denn ein ſolches war es für den Gläubigen. Und wieder war ihm dabei ein düſteres Ende prophezeit worden, vor dem ihn ja gerade dies Geſchenk bewahren ſollte. Und feite es nicht ſchon der Wunſch allein, den ein wohlwollendes Menſchenherz daran geknüpft? Gab er dem Amulette nicht mehr Kraft und Weihe als das feierlichſte vom Prieſtermunde darüber hingemurmelte Gebet? Mit Wohlgefallen betrachtete er die ſchöne Waffe; es war ihm, als fühle er noch den warmen, ehrerbie⸗ tigen Druck der kleinen Hand, die den Dolch in die ſeinige geſchoben, als empfinde er noch den ſanften Kuß der Dankbarkeit, als blicke er noch in die ſcheuen, großen, bittenden Augen, und dieſe Augen, ſie riefen ihm ein anderes Augenpaar in's Gedächtniß, ein an⸗ deres Mädchenbild ſchob ſich unverſehens vor ſeine Erinnerung. Sein Zlick ſchweifte träumend wieder 73 gegen Norden hinaus. Raketengarben ſtiegen in der Ferne über den dichten Baumkronen empor und zer⸗ ſtoben zu erlöſchendem Goldregen. Er ahnte nicht, daß dies Feuerwerk ein Feſt ver⸗ herrlichte zu Ehren der holden Heimgekehrten, an die er ſoeben unbewußt gedacht. 1 ——— 8 — n Viertes Kapitel. Dienſtbarkeit. 2 Dieſſeits der hölzernen Brücke, die von Weltevreden nach Alt⸗Batavia hinüberführt und an dem„Molen⸗ vliet“ genannten Wege, der dann den langſam ſchlei⸗ chenden braunen Fluß entlang zieht, liegt ein meiſt von Chineſen bewohnter Kampong(ſo nennt man die Ortſchaften dieſes Stammes und der Inländer). Kleine zierliche, oft nach ſehr geſchmackvollen Muſtern gefloch⸗ tene Bambushäuschen, zu deren Conſtruirung auch nicht das kleinſte Stückchen Eiſen verwendet iſt und deren Doppelgemach nur von einem leichten Atapdache*) überdeckt iſt, ſind hier unter dem Schutze mächtiger Fruchtbäume zu einer feſtgeſchloſſenen Anſiedelung zu⸗ ſammengerückt. Ein reges Leben herrſcht da bei Ein⸗ bruch der Nacht, wenn Hunderte von farbigen Papier⸗ *) Bearbeitete Blätter der Nipapalme. 75 laternen ihr phantaſtiſches Licht verbreiten. Chineſen in dunkelblauen oder weißen Kabajen, über die der ſorglich geflochtene Zopf faſt bis zur Erde reicht, ihre ängſtlich trippelnden, Fächer ſchwingenden, ſchiefäugigen Damen und die, wie es ſcheint, ſchon alt und ver⸗ grämt auf die Welt gekommenen Kinder erholen ſich luſtwandelnd, während andere— induſtrieller— noch zu ſo vorgerückter Stunde ihre von ölgetränkten La⸗ ternen erhellten Waaren anpreiſen oder zum Beſuche ihrer Theehäuſer einladen. Malayen, in helle bunte Farben gekleidet, Sundahneſen mit ſanftem Blick und ſtiller Genügſamkeit, Laſtträger, deren brauner kräf⸗ tiger Körper faſt jeder Kleidung entbehrt, ſchmutzige Kinder, häßliche Weiber, Mohren, Matroſen, Arbeiter und Soldaten treiben ſich hier in abwechſelnden Grup⸗ pen durcheinander, plaudern, lachen, rufen und krei⸗ ſchen. Dazwiſchen, den Lärm und das Geſumme über⸗ tönend, gellt der ſchrille Ruf des Obſthändlers und des Eisverkäufers, die ihre fabelhaft billigen Waaren an den Mann zu bringen ſuchen. Ganze Körbe locken⸗ den Zuckerrohres, goldener Ananas, purpurner Ram⸗ butans laden zur Erquickung ein, große Pyramiden grüner Sirekajas und brauner Mangiſtans wechſeln mit aufgeſtapelten Bergen von Cocos⸗ und Erdnüſſen, von Bananen und hunderterlei anderen ſaftigſüßen 76 Früchten. Sogar das in der heißen Zone ſo köſtliche Eis iſt dem Armen hier kein verſagter Genuß, da jähr⸗ lich große Schiffsladungen voll dieſes Wintergeſchenkes aus Amerika herüberkommen. Hier ſchlürfen die Dur⸗ ſtigen das erquickende Waſſer und Zucker⸗Cis, dort lauſcht eine Geſellſchaft den ſchwermüthigen Weiſen des„Gamelang“, eines javaniſchen Orcheſters von Flöten, Pauken, Saiten-Inſtrumenten und Metall⸗ becken, die alle der mächtige Gong übertönt. Mehrere Paare öffentlicher Tänzerinnen wiegen und biegen nach den melodiſchen Klängen den geſchmeidigen Leib, kaum hin und wieder ein paar Schritte thuend und doch ihre Zuſeher in ſo hohem Grade befriedigend, daß einzelne ihrer Bewunderer, von unzähmbarer Begei⸗ ſterung getrieben, ſich die Erlaubniß erkaufen, an dem Tanze ſelbſt mit theilzunehmen. Weiterhin um das offene Feuer und den brodelnden Keſſel des„Warongs“ — der Garküche— drängen ſich hungrige Kulis und Matroſen und verzehren, auf den Ferſen kauernd, ihre kleine Portion„Naſſi“, den gedämpften Reis, den ſie mit Piſang ſchmackhafter machen, mit appetitlichen Stückchen gebratener fetter Schlangen vermengen oder mit„Zajor“ befeuchten, einem wohlſchmeckenden Ge⸗ müſe⸗Ragout, in deſſen Sauce der ſcharfe rothe„Lom⸗ bokpfeffer“ vorſchlägt. 44 3 Faſt unmittelbar hinter dem Warong liegt eine 15 etwas größere Bambushütte. Rieſige rothe Zettel mit 8 ſchwarzen chineſiſchen Schriftzeichen überdecken die Vor⸗ derwand, ein buntfarbiges, weithinleuchtendes Trans⸗ ü parent ladet die Vorübergehenden zum Beſuche ein. in Auch das erſte Gemach iſt mit ähnlichem Papier be⸗' 1 klebt, auf dem mit ſchwarzer Tuſche allerlei phan⸗ l— taſtiſche Figuren und Lettern gemalt ſind. Mannig⸗ le faltig ſeltſamer Zierrath, farbenreiche Papierblumen, 1 Schlangen und Drachen in künſtlicher Geſtaltung 4 ſchmücken das von Papierlampen und rothen Wachs⸗ 9 kerzen hell erleuchtete Zimmer, über deſſen Eſtrich dichte 6 Bambusmatten gebreitet ſind. Ernſthafte Chineſen kauern gruppenweiſe umher und verfolgen mit ängſt⸗ n licher Wichtigkeit die Glücksfälle des Würfelſpieles. Hin und wieder ſchlüpft eine ſcheue Geſtalt an der 1 464 Wand entlang und verſchwindet durch die angelehnte d Thüre in den zweiten Raum der Hütte, aus dem ſich ein re ſtark wahrnehmbarer, dabei aber eigenthümlich feiner 1 e Geruch verbreitet. Wer durch die Thüre eintritt, dem n ſchlägt zuerſt ein dichter Qualm entgegen, der das r ganze Gemach erfüllt, ſo daß man erſt nach und nach ⸗ die Gegenſtände zu unterſcheiden vermag. Der Geruch dieſes Rauches iſt hier noch ſtärker, faſt betäubend, er entſteigt jenem braunen Kügelchen, das der Chineſe 78 dort in der Ecke ſoeben an einer Nadel in die Kerzen⸗ flamme hält und geſchickt zum Glühen bringt. Es iſt „Tſchandu“, jene melaſſeartige, hauptſächlich durch Eintrocknen aus dem Opium gewonnene Subſtanz, deſſen Genuß ſchon eine gewiſſe Wohlhabenheit bei den dieſem Laſter Ergebenen vorausſetzt, während ſich die Aermeren mit den mehr oder weniger ausgebrannten Rückſtänden begnügen müſſen. Auf breiten Holzpritſchen liegt eine Reihe von Männern, theils noch wach, theils ſchon in jener träu⸗ meriſchen Verzückung, die ſie, einmal empfunden, un⸗ widerſtehlich immer wieder anlockt. Hier athmet eben Einer in tiefen Zügen den Rauch der Kugel ein, die auf dem birnförmigen Pfeifenkopfe klimmt, dort läßt der halbgeöffnete Mund des ſchon in Bewußtloſigkeit Verſinkenden die blauen Wölkchen langſam wieder ent⸗ kräuſeln. Eine Gruppe vollends Berauſchter bewegt regellos Arme und Beine oder liegt ſtarr und ſtumm, mit unheimlich weit aufgeſperrten Augen, lallt unver⸗ ſtändliche Laute oder plaudert und lacht wirr durch⸗ einander; es iſt ein widerliches Bild geſunkenen Men⸗ ſchenthumes. In dieſe heiße raucherfüllte Atmoſphäre treten eben zwei neue Ankömmlinge, ſie bleiben einen Augen⸗ lick ſtehen und betrachten ſich die Scene. Der Anblick — 79 ſcheint in Beiden ſehr verſchiedene Empfindungen wach⸗ zurufen. „Entſetzlich!“ ſtammelt der eine der beiden Sol⸗ daten. „Die Glücklichen!“ ſetzt der andere murmelnd hinzu, dem das Schauſpiel offenbar kein neues mehr iſt, und in ſeinem Tone liegt eine unbeſchreibliche Miſchung von Spott und Neid. Es iſt Randhof, der ſeinen jüngeren Genoſſen halb abſichtslos und von einem inſtinctiven Zuge gelenkt hierhergeführt hat. Er hatte zugeſagt, ſich für dieſen Abend nüchtern zu halten, und er war es auch leidlich geblieben; dennoch hatte er der ſirenenhaften Lockung des großen Transparentes am Eingange der Hütte nicht zu widerſtehen vermocht. Nachdem Paul Albot die erſten Tage in ſeinen neuen Berufspflichten verbracht, hatte ſich in ihm der Wunſch geregt, die Stadt, das Leben derſelben ſowie die Eigenthümlichkeiten des fremden Landes, in das ihn eine Laune ſeines Schickſals verſchlagen, näher zu beſehen. Bis jetzt hatte er ja außer den Kaſernen noch wenig kennen gelernt, denn ſelbſt der Zwiſchen⸗ fall am Abend ſeiner Eintheilung zum Bataillon war wie das Zauberſtück eines Schattenſpielers an ihm vorübergegangen. Randhof, der für ſeinen jüngeren Landsmann, ſoweit es ſein überhandnehmender Stumpf⸗ 80 ſinn zuließ, eine raſche Zuneigung gefaßt, hatte ſich zum Führer erboten und für Beide die Erlaubniß er⸗ wirkt, den Abend außerhalb des Campements zu ver⸗ bringen. Länger als eine Stunde ſchon waren ſie zwiſchen den bunten Gruppen des Kampongs hin und wieder geſchlendert, während welcher Zeit Paul im emſigen Intereſſe all' die neuen Bilder zu erfaſſen und in ſich aufzunehmen, beinahe ſeiner eigenen, wenig beneidens⸗ werthen Lage vergeſſen hatte. Zum Schluſſe lenkte Randhof die Schritte ſeines Begleiters auch noch nach dem glänzendſten und einladendſten der verſtreuten Spielhäuſer, an welchem gleichgiltig vorüberzugehen für ihn eine Unmöglichkeit ſchien. Nun ſtanden ſie hier in einer Luft, die Paul nicht einzuathmen ver⸗ mochte, ohne Schwindel zu empfinden, während ſie auf Randhof faſt eine belebende Wirkung ausübte. Seine hervorquellenden Augen bekamen Glanz und Ausdruck, ſeine ſchlaffen Züge Spannung und Feſtig⸗ keit, ſeine Nüſtern blähten ſich weit, das ſüße Gift einzuſaugen. „Komm und vergiß!“ forderte er Paul auf. „Ich ſollte mich zu dieſen Verlorenen geſellen?“ fragte dieſer ſchaudernd. „Es gilt ja nur einen Verſuch.“ Sarkaſtiſch lachend 7ℳ nd 81 ſetzte Randhof hinzu:„Nur einen, haha! Es iſt aber der erſte einer endloſen Reihe. Bah, endlos? Alles nimmt ein Ende, Alles! Und um ſo eher, je entſchie⸗ dener die Abkehr vom Willen zum Leben. Kehren wir uns ab vom Leben und der Fata morgana eines anderen zu, wer weiß, ob wir's anderswo finden als im blauen Rauch des Tſchandu? Nimm einen Zug und laß Dich von dem Wolkenwagen hinanführen zur tollen Walpurgisnacht. Haſt Du ein Liebchen jenſeits des großen Waſſers, Du ſuchſt es hier; liegt Dir ein Weib im Grabe, es ſchüttelt die gefräßigen Würme aus den Höhlen des Schädels, daß ſie wie wallende Goldlocken niederrollen, und der Moder wird zur üp⸗ pigen Leibespracht, die Dich entzückte, und der Mund, der Dich verrieth, lächelt wieder, und das Auge lügt Dich glücklich, wie dereinſt. Komm und ſchwelge wie Du nie geſchwelgt!“ Ein unheimliches Auflachen folgte, dann fuhr er in verändertem, wildem Tone fort: „Du willſt nicht? Willſt nicht ſchwelgen, willſt nicht vergeſſen? Gut ſo, was muß die Menſchheit auch die Grimaſſe der Weichherzigkeit und Seelengüte heucheln? Fort mit der religiöſen Larve, die den Haß nich⸗ dämpft, nur verbirgt! Wer Dir den Glauben tödtet, wer Dir die Liebe tödtet, den tödte wieder! Rächen willſt Du Dich? Komm, ſchlürfe den duftigen Nebel Byr, Wrak. III. 6 2 und Du genießeſt Deine Rache; Du tödteſt den Geg⸗ ner, haha, was iſt ein einziger Tod? Du tödteſt ihn wieder und wieder, zehnfach, hunderttauſendfach, mit allen Martern, die Dein nüchternes Gehirn nimmer zu erſinnen vermöchte! Das iſt Luſt, das iſt Rache! Komm, verſuch's! Zaudern? Scheuſt Du die Rache? Kind! Du meinſt, es ſei thieriſche Leidenſchaft, Du meinſt, es gäbe einen Richter? Einen Richter, der ver⸗ dammt?— Wer, wer iſt verdammt? Du ſagſt, ich ſei verdammt, wie kannſt Du es wiſſen? Verdammt? — Wer ſagte Dir's, wer? Rede!“ Wieder war der Ton umgeſchlagen, aus dem ängſtlichen Zuſammenbeben in rauhe Drohung über⸗ gegangen. Wild faßte der Sprecher ſeinen Genoſſen an der Bruſt, der, ohne ein Wort zu erwidern, der zuſammenhanglos hervorgeſtoßenen Rede zugehört hatte Jetzt hielt es Paul an der Zeit, der ſteigenden Exal⸗ tation ein Ende zu machen. Ruhig nahm er Randhof am Arme und ſah ihm feſt in's wirre Auge. „Sie haben mir das Wort gegeben, heute nicht zu trinken, nicht zu rauchen, ſondern rechtzeitig mit mir heimzukehren. Kommen Sie hinaus.“ Nur widerſtrebend folgte Randhof in's Freie. Wie die langerhaltene Leiche, aus ihrem hundertjährigen Verſteck an die friſche Luft gebracht, in Staub verfällt, ſo brach die unnatürliche Haltung des unwiderruflich dem Tode Verfallenen zuſammen, ſobald der reine Hauch der Atmoſhphäre wieder um ſeine Schläfen fächelte. Der Blick ward ſtumpf, die Wange hohl und unſicher der Gang. Wie um ſich zu beſinnen und eine verdunkelnde Wolke vom Gehirne zu ſcheuchen, fuhr ſich Randhof über die Stirne. Es war ein leiſes, unverſtändliches Gemurmel, das über ſeine ſchlaffen Lippen kam. Paul faßte ihn unter den Arm und langſam wandelten ſie ſo dahin. Bald lag das Kam⸗ pong weit hinter ihnen. „Doch eigentlich ſeltſam“, begann Randhof nach einer geraumen Weile und mit ſeinem gewöhnlichen trockenen Sarkasmus, der wieder einen geklärteren Gedankengang verrieth,„doch eigentlich ſeltſam, daß Sie mich führen, indeß ich Ihr Guide ſein wollte, da die glänzenden Finanzen eines königlich holländiſchen Füſiliers die Anſchaffung eines gedruckten Bädeker wohl kaum geſtatten. Bädeker, der fehlte noch! Hören Sie, wenn die Touriſtenfluth ſich einmal hierher wendet, ſind wir am Ende in unſerer ſtillen Verborgenheit nicht mehr ſicher, und dann— ah bah! Warum ſind Sie denn aus der Stimmung gefallen? Erſt wollten Sie unſere gefällige Uniform und Alles, was drum und dran hängt, vergeſſen und ſich als Touriſten be⸗ 6* 84 trachten und nun brechen Sie aus. Wer die Landes⸗ ſitten kennen lernen will, muß Alles verſuchen— warum nicht auch den Tſchandu? War Ihnen bange, Sie G könnten den Weg nicht heimfinden in unſeren Palaſt? 3 Da haben Sie Leuchtkäfer.“ Er deutete auf einen im raſcheſten Tempo der vorgeſpannten feurigen Macaſſarhengſte vorüberrollen⸗ den Wagen. Hintenauf ſtanden zwei Jungen mit Bambusfackeln. Die raſche Bewegung, der grelle Feuerſchein, der wie ein Kometenſchweif nachflatternde beleuchtete Rauch, von unzähligen ſprühenden Funken durchwebt, gaben dem ganzen Aufzug etwas unheimlich Dämoniſches. Bald tauchten in allen Richtungen ähn⸗ liche Gefährte auf. Elegante Equipagen, Miethwagen und einſpännige Bendies, von den in Geſellſchafts⸗ Toilette gekleideten, doch barhaupten Herren ſelbſt ge⸗ lenkt, ſchoſſen vorüber, ein leiſer Windhauch trug ſo⸗ gar von Zeit zu Zeit die Töne einer Meyerbeer'ſchen Ouvertüre zu den beiden Wanderern herüber. „Wir nähern uns dem Rendezvous der eleganten Welt“, ſagte Randhof.„Sie haben eine gute Witterung, Albot, das Geheimniß des Reizes beruht auf dem Gegenſatze. Auf dem Waterlooplatze ſpielt die Mili⸗ tärmuſik und Sie können dort ſehen, wie unſere bata⸗* viſchen Schönheiten nontonnen.“ 85 „Was iſt das?“ „Ja ſo, Sie ſind noch ſchwach in dem malayiſchen Jargon der Lipslaps). Das Wort hat eigentlich andere Bedeutung, hier aber heißt es, im Wagen den Plaudergruß des Courmachers empfangen. Haben Sie dergleichen niemals auf einem italieniſchen Corſo, im Boulogner Gehölze oder anderswo geſehen? Aber mer⸗ ken Sie, Freund, Sie ſelber ſind's, der dorthin will. Was ſoll Leuten in unſerer Lage ein ſolcher Anblick? Uns, vor denen jede wohlerzogene Dame die Naſe rümpft? Meyerbeer, Seidenroben, Equipagen, Cham⸗ pagnerperlen, ſchöngeiſtiges Liebesgeflüſter— lächerlich! Nicht für uns gehört der ganze lügneriſche Schimmer dieſer durch's Prisma betrachteten Erſcheinungswelt. Das Ding an ſich— das Ding an ſich, darin ſteckt alle Weisheit! Laſſen Sie Ihr Auge nicht feſſeln, Freund, von Tand und Reclamenprunk; ſteckt überall die Fäulniß darunter, Moder und Wurmfraß.— Das Ding an ſich, das Ding an ſich! Erkenntniß und Spiegelung. Des Menſchen Hirn ſchafft Alles. Ich bin Bramah, Allah, Elohim! In mir iſt die Welt!“ Paul kannte jetzt ſchon dieſe ſeltſam verſchlungenen * Kinder aus Miſchehen. — ——ͤ—— 86 rhapſodiſchen Ausbrüche eines offenbar geſtörten Denk⸗ vermögens, wo zu Zeiten ein Lichtblitz die Nacht er⸗ hellte, um ſofort wieder von ihr verſchlungen zu wer⸗ den. Er verzichtete auf jeden Einwurf. Immer näher waren ſie dem Platze gekommen. Die lärmenden Klänge der Blechmuſik verhinderten übrigens jedes Geſpräch. Der Spaziergänger wurden immer mehr, immer häufiger rollten die Wagen an ihnen vorüber und jetzt bogen ſie in eine ſchöne lange Allee ein, in der dicht hintereinander eine Reihe von Cquipagen hielt, deren Inſaſſen, der Muſik lauſchend, den angenehmen Abend genoſſen. Die Fackelträger hatten ihre Bambuſſe gelöſcht, unter den mächtigen Bäumen lag tiefer Schatten, der, durch den Contraſt mit dem blendendes Licht ausſtrahlenden Geſellſchafts⸗ gebäude der„Concordia“ noch verſtärkt, die unbemerkte Annäherung der Cavaliere an die Wagenreihe begün⸗ ſtigte. Dumpf dröhnte der Kanonenſchuß, mit dem der Anbruch der Nacht ſignaliſirt wird. Die Capelle hatte ſoeben ihr Stück beendet und machte eine kurze Pauſe, während welcher Paul und Randhof langſam die Allee hinabwandelten. Unweit der Candelaber des„Con⸗ cordia“ Hauſes hielt der Erſtere plötzlich ſeinen Schritt an und blieb unwillkürlich in der Betrachtung einer 87 Gruppe ſtehen, die ſeinen Anblick feſſelt’. Ein Wagen ſtand da im hellen Lichtſchein, als wenn die Damen es abſichtlich verſchmäht hätten, ſich im lauſchigen Schatten zu verbergen. Die eine derſelben war Paul nur zu wohl bekannt, er konnte ſich nicht täuſchen, hatte er ja dies holde Antlitz, dieſe feurigen und doch ſo milden Augen während der Ueberfahrt oft genug betrachtet. Suſanna ſaß neben Mevrouw Goudelaar, ſie ſpielte mit einem Strauße blühender Melatti— jenen zarten, ſüßduftenden Blümchen, die dort das Veilchen vertreten— und horchte dabei auf die Worte van Duizenbeel's, der, an den Schlag gelehnt, neben dem Wagen ſtand. Ihr gegenüber, auf dem Rückſitz, hatte Emilie Platz gefunden; ſie theilte ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zwiſchen Eekhoorn, der den anderen Wagen⸗ ſchlag beſetzt hielt, und dem Beſtreben, etwas von dem Geplauder ihres Vetters zu erlauſchen, das ſie durch laute ſchlagende Bemerkungen ſoviel als möglich zu ſtören und aus dem ſentimentalen Geleiſe zu bringen ſuchte. „Hoho, Sie verſinken in ſtummes Anſchauen, Freund, das iſt gefährlich“, ſpottete Randhof, der Paul's Blicken gefolgt war und ſich über deren Rich⸗ tung nicht täuſchte.„Sie tragen nicht mehr die ſchmucke Uniform des eleganten Dragoner⸗Officiers. Schlagen Sie ſich dieſe ſchöne Nonna aus dem Sinne. Ver⸗ teufelt hübſch iſt ſie, aber für Leute unſerer Livrée wachſen nur Trinels auf den Bäumen. Iſt am Ende auch einerlei, das bischen Larve, Toiletten⸗ und Bil⸗ dungsflitter abgerechnet, bleibt Weib Weib. Schwach, falſch und zerbrechlich ſind ſie Alle— Alle. Kommen 14 Sie! Aber Paul war nicht ſo leicht von der Stelle zu bringen. Er wandte ſein Auge nicht ab von der ſchö⸗ nen Erſcheinung, es war ihm, als ſolle er ſie zum letzten Male ſehen. „Schlimmer als Tſchandu!“ murmelte Randhof. Aber das unverwandte Hinblicken ſatt auch im Wagen Aufmerkſamkeit erregt. Emilie, die ſich unruhig immerfort von einer Seite zur anderen wendete und ihre coquetten Augen überall hatte, erſah Paul zuerſt, ſie neigte ſich ſofort zu ihrer Freundin vor und flüſterte ihr kichernd ihre Bemerkung zu. „Dein intereſſanter Anbeter ſcheint Luſt zu haben, Dir auch auf feſtem Lande ſeine Dienſte zu weihen, willſt Du ihn nicht herbeiwinken?“ Suſanne warf einen Blick nach der angedeuteten Richtung, ſie erkannte Paul nicht ſofort, da das Licht ſie blendete, d der Lieutenant hatte aber Emiliens Worte eben⸗ 89 falls vernommen und ſogleich verſtanden, worauf ſie abzielten. „Dieſe Unverſchämtheit!“ ſtieß er unwirſch hervor, und einer Regung des Aergers Folge gebend, vielleicht auch einer der Citelkeit, die ihm zuflüſterte, ſich vor den Damen in ſeiner ganzen imponirenden Macht als Vorgeſetzter zu zeigen, that er einen Schritt vom Wa⸗ gen weg und herrſchte ſeinen beiden Untergebenen zu, näherzutreten. „Was haben Sie hier zu thun?“ fuhr er ſie an, ohne ihren militäriſchen Gruß, mit dem ſie gehorchten, einer Erwiderung werth zu halten.„Haben Sie den Retraiteſchuß nicht gehört? Sie gehören in's Cam⸗ pement.“ „Wir haben die Erlaubniß zum Ausbleiben, Herr Lieutenant“, verſetzte Paul mit mühſam erzwungener Ruhe, während ſich ſeine Augenbrauen unmuthig zu⸗ ſammenzogen. „Aber nicht die, zum öffentlichen Scandal auf den belebteſten Plätzen herumzutorkeln und ſo die Erlaub⸗ niß zu mißbrauchen, indem Sie in Ihrer Trunkenheit die Damen inſultiren. Sie machen einen guten An⸗ fang“, richtete er ſeine Worte hauptſächlich an Paul, „ſehen Sie zu, daß Sie nach Hauſe kommen.“ Dann wendete er ſich im Vollbewußtſein erfüllter Ritterpflicht — ———ʒ́— 90 nach dem Wagen um, wobei er Cekhoorn einen ſchlauen Blick zuwarf und achſelzuckend, gleichſam mit entſchul⸗ digendem Mitleid, hinzuſetzte:„Zwei Berauſchte.“ Es war Paul, als habe er einen Schlag erhalten, er ſah wie durch einen Nebel, daß Suſanne ihr Antlitz in dem Strauße barg, als ob ſie deſſen Wohlgeruch einſaugen wolle, indem ſie ſich gleichzeitig nach der entgegengeſetzten Seite wegwandte, und konnte die Be wegung nicht anders deuten, als die nicht mißzuver⸗ ſtehenden Kundgebungen des Abſcheues von Seite der beiden anderen Damen. Alles Blut war aus ſeinen Wangen gewichen, ſein Athem ging heftig und ſein Auge ſchoß flammende Blitze. Hatte er noch einen Moment mit der feſtgewachſenen Gewohnheit der Sub⸗ ordination gekämpft, jetzt vermochte er ſich nicht mehr zu bezähmen; was auch daraus erwuchs, er mußte ſprechen. Aber er hatte kaum den Mund geöffnet und das Wort„Herr!“ über die Lippen gebracht, als er ſich von Randhof feſt am Arme gepackt fühlte, wie wenn dadurch ein weiteres Ausſprechen verhindert werden ſollte. „Herr Lieutenant“, fiel ihm Randhof gleichzeitig in die Rede, und zwar in einem Tone, der van Duizen⸗ beek zwang, ſich wieder umzuwenden.„Herr Lieutenant, für meines Kameraden Nüchternheit ſtehe ich ein, es 91 iſt ſomit allenfalls nur ein Berauſchter da. Wenn Sie aber eben in der Verfaſſung ſind, den doppelt zu ſehen— na, dann gibt's freilich zwei oder nach Um⸗ ſtänden— drei.“ Es lag der ganze Randhof zu Gebote ſtehende Sarkasmus in den Worten, und wer die zerrüttete Geſtalt dabei ſo ungewöhnlich aufgerichtet ſah, der konnte ihr einen Zug vornehmer Ueberlegenheit nicht abſprechen. Selbſt in der tiefen Verkommenheit ließen ſich die verwüſteten edlen Anlagen dieſes Geiſtes nicht verkennen. Die Scene war nicht unbeachtet geblieben, die wogende Menge hatte ſich geſtaut, einen kleinen Kreis gebildet und war nicht abgeneigt, Partei zu nehmen, hätte es ſich nur nicht um die übelrenommirten Parias der Kaſerne gehandelt. Für die Damen konnte, was nun auch erfolgen mochte, die Situation nur eine peinliche ſein, und als ſich auf Koſten des Lieutenants unter den Zuſchauern hin und wieder ein leichtes Lachen vernehmen ließ, ſties Mevrouw Goudelaar Eekhoorn an. „Nicht lecker, ja? Der Kutſcher ſoll zufahren. Sudah!“ Der fortrollende Wagen theilte die ſchauluſtige Menge, wenn ſie aber einen Auftritt erwartet hatte, ſah ſie ſich getäuſcht; die Lieutenant mußte ſich merk⸗ 92 würdig in der Gewalt haben, denn, ſtatt aufzulodern, wie es ſeinem vorhergegangenen Benehmen entſprochen hätte, glitt plötzlich ein ganz joviales Lächeln über ſein Geſicht und mit einem leichten Verſuch zu ſcherzen, nickte er ſeinem Untergebenen zu. „Richtig! Das iſt ja, glaube ich, Randhof“, ſagte er.„Les vieux grognards sont assez connus. Schla⸗ fen Sie aus, ich will nichts gehört haben, es wäre Schade um einen braven Soldaten. Und Sie“, wandte er ſich an Paul, ſorgen Sie dafür, daß Ihr Kamerad ordentlich in die Kaſerne kommt.“ Er faßte Cekhoorn unter dem Arme und ſchlenderte mit ihm dem Geſell ſchaftsgebäude zu, indem er ſo, daß es allgemein ver⸗ ſtändlich war, die Bemerkung machte:„Eine ſchwere Aufgabe, wie ich fürchte; wenn ein Blinder den andern führt, fallen beide in die Grube.“ Paul hatte die Hand vorſchriftsmäßig an den Czako gelegt, aber er hätte ſie am liebſten geballt, um dem Spötter nachzueilen und ihn vor all den feinen Leuten niederzuſchmettern, die ſich, raſch umgeſtimmt, höhniſch und verachtungsvoll von„den beiden Blinden“ abwendeten. Die Vernunft ſiegte; es war ihm klar, daß eine ſolche Handlungsweiſe den gegen ihn erregten Verdacht nicht zu widerlegen vermöchte, vielmehr das Urtheil 93 noch entſchiedener gegen ihn kehren mußte. Er ſchämte ſich und eilte, in den bergenden Schatten und aus dem Bereiche der vornehmen Welt zu kommen, von der ihn ja jetzt, und wie es ſchien, für immer, eine unausfüll⸗ bare Kluft trennte. Eine zeitlang ging er ſchweigend fort, unbekümmert, ob ſein Genoſſe ihm folge oder nicht. Sein Herz war mit unſäglicher Bitterkeit erfüllt. Er war die Mißachtung noch nicht gewöhnt, um ſie ruhig hinzunehmen und nun mußte er ſie ſogar vor den Augen der einzigen Dame, an deren Meinung ihm gelegen war, ja von ihr ſelbſt erdulden. Sie, die ihm noch im Momente des Ausſchiffens mit dem freundlich zugenickten Dank eine gewiſſe Genugthuung gegeben, mußte den Anſichten ihrer Umgebung einen ſehr großen Einfluß auf ſich geſtattet haben, daß ſie ſo ganz ver⸗ ändert war. Eine eigenthümliche Annäherung hatte zwiſchen ihnen während der Ueberfahrt ſtattgefunden, ohne daß es dem untergeordneten Soldaten jemals geſtattet ge⸗ weſen wäre, das Hinterdeck zu betreten. Jede Be⸗ rührung mit den Paſſagieren war unmöglich gemacht und die Tage verfloſſen für die Recruten bei Exer⸗ eitien, Paraden und anderen unnützen, aber zeitaus⸗ füllenden Plackereien. Erſt in der Nacht durfte der egdrillte Menſch aufathmen, aber auch das war in den kurzen Hängematten, in dem kaum fünf Fuß hohen, erſtickend heißen Zwiſchendeck faſt eine Unmöglichkeit, beſonders bei einer ungewöhnlich hohen Geſtalt, wie Paul ſie beſaß. Sein Capitän hatte ihm in Rückſicht darauf auch geſtattet, ſein Lager, wie es eben ging, auf Deck zu ſuchen, und Paul hatte ſelbſt bei Sturm und Regenwetter von dieſer erleichternden Erlaubniß Gebrauch gemacht. Um wie viel erquickender war erſt die balſamiſche Kühlung bei klarer Luft. Manche wunderbar ſchöne Nacht hatte er ſo während der drei Monate auf den ſchaukelnden Wogen wenigſtens zum Theil durchwacht, und dann geſchah es faſt immer, daß um die Stunde, wo ſich die Officiere zur Flaſche und zu den Karten zurückzuziehen liebten, eine jugendliche Frauengeſtalt auf dem Verdecke erſchien und, in die Pracht des Him⸗ mels und des unendlichen Meeres verſenkt, längere Zeit da verweilte. Bald lehnte ſie träumend und ſchauend an die Brüſtung, bald wandelte ſie auf und ab, ihre Promenaden bis zum Buge ausdehnend. Oft und oft war ſie ſo an Paul vorübergekommen, und einmal, da ſie vor einem auffliegenden Fiſche erſchrak, hatte er ſie ſogar anzuſprechen gewagt. Sie hatte nur wenig, aber nicht unfreundlich geantwortet, und ihr Auge begegnete von nun an zuweilen dem ſeinen, 95 wenn er auch keinen Verſuch mehr machte, ſie zu ſpre⸗ chen, ja es ſogar unterließ, ihr einen ehrfurchtsvollen Gruß zu bieten, nachdem er bemerkt, daß ſie ſeither das Vorderdeck nur betrat, wenn ſie ihn eingeſchlum⸗ mert meinte. Schmerzlich war er ſich da ſeiner untergeordneten Stellung bewußt worden, aber wenn ihn auch die Schranken der Geſellſchaft von ihr ſchieden, ſo konnten ſie ihn doch nicht hindern, ihrer wie einer Lichterſcheinung zu gedenken, die manche finſtere Stunde ſeines Lebens erhellte und ihm durch ihren bloßen Anblick über die herbſten Erinnerungen an eine für immer abgeſchloſſene Epiſode der jüngſten Vergangenheit hinweghalf. Und nun war gerade ſie es geweſen, die ihm die emfind⸗ lichſte Kränkung zugefügt, indem ſie ſich mit derſelben verletzenden Geberde des Widerwillens von ihm abge⸗ wendet hatte wie die Uebrigen. O, es war unerträg⸗ lich, es war um raſend zu werden! An ſich ſelbſt hätte er ein Attentat begehen mögen, wenn er ſeiner jammervollen Ohnmacht gedachte, indem er mit knirſchendem Ingrimme jedes Wort, jeden Blick des Auftrittes recapitulirte. Wo waren die Zeiten, in denen der auf ſeine Ehre ſtolze und faſt gar zu empſindliche Reiterofficier keck mit dem Säbel geraſſelt und in jugendlichem Uebermuthe nicht ſelten ungerecht⸗ — fertigte Händel geſucht hatte, um dem raſchen Blute eine ſcheinbare Genugthuung zu gewähren; wo waren ſie, die Zeiten? Jetzt vermochte er nicht einmal mehr, eine wirklich grobe Beleidigung zu ſtrafen, ja noch mehr, der Schimpf galt für ihn nicht einmal als Be⸗ leidigung, und er war es, er ſelbſt, der die Stufen V heruntergetreten war und ſich die Waffe hatte entwin⸗ den laſſen! Aber wie? Hatte er ſich denn darum auch — der Ehre ſelbſt und des Rechtes begeben, ſie hoch und heilig zu bewahren? „Optiſche Verzerrung des Dinges an ſich“, mur⸗ melte Randhof. Es war, als wäre er nicht nur Paul's Schritten, ſondern auch ſeinem Gedankengange gefolgt und hätte nur das Anlangen an dieſem Punkte erwartet, um ſeine Antwort wie auf eine direct an ihn gerichtete Frage einfließen zu laſſen.„Stecken noch zu tief in der vorurtheilsvollen Vergangenheit, Freund“, fuhr er fort,„nehmen ſich ſolche Kleinigkeiten zu Herzen. Hät⸗ ten Sie meinen Rath befolgt und mit mir Tſchandu geraucht! Beleidigung iſt nur, was wir dafür auf⸗ nehmen. Sehen Sie ſich den Lieutenaut van Duizen⸗ beek an, ein Wort von Ihnen hüätte er ſicherlich als ſolche aufgenommen und Sie wären zur Genugthuung der Strafe nicht entgangen.“ ——ꝛ— — 97 „Ich hätte ihn gezwungen, mir eine andere zu geben.“ „Bah! Der gemeine Soldat— den Officier? Ue⸗ brigens können Sie, meine ich, zufrieden ſein. Ich habe ihn gehörig abgeführt, und was das Beſte iſt, bei mir wagte er gar nicht, ſich die bequeme Genug— thuung zu nehmen, weil der Burſche weiß, daß ich nichts mehr zu verlieren habe. Sie ſind noch jung⸗ fräulich rein und hegen Hoffnungen— ich?— ich war einmal auf dem Sprunge, Opnemer zu werden, das war im erſten Jahre meines Hierſeins, dann ſpä⸗ ter einmal Sergeant, beide Male hatte ich's mit einer Subordinations⸗Verletzung verdorben, das dritte Mal würde ich's nicht mit Worten abgehen laſſen. Es iſt einerlei, ob die Farce ſo oder ſo endet, und es würde mir doch noch einen kleinen Spaß zuvor machen, ſo ein holländiſch Kerlchen da an dem Spieße zu ſehen.“ Er ſchlug dabei höhnend an's Bajonnet, zog aber gleich darauf ſeinen Gefährten zu einer Hütte, aus der wilder Lärm erſcholl. „Gin, Gin!“ gurgelte er.„Meine Kehle iſt ein Reisfeld und verlangt ein Canaliſirungsſyſtem. Kom⸗ men Sie in die Kneipe, wir ſind alte Bekannte und es wäre unrecht, trocken vorüberzugehen.“ Byr, Wrak. III 7 98 „Sie haben bis jetzt ſo wacker ausgehalten“, wollte ihn Paul zur weiteren Mäßigkeit ermuthigen. „Und wurde doch für berauſcht erklärt. Hab's auch ſelber zugegeben; will die Wahrheit geſagt haben, 1 und darum munter das Verſäumte nachgeholt. Haha! Wozu nützt die Tugend? Sie wird doch verleumdet. Seien wir laſterhaft, Freund, ſo haben wir doch den Genuß des Laſters. Hab' es erſt auch nicht wahr haben wollen und dann ſpäter doch als richtig erkannt. Haha!“ Sein Blick hatte etwas drohend Stieres erhalten, ſein Lachen klang wild und faſt wie das Geheul eines Raubthieres, ſeine geballte Fauſt erhob ſich wie gegen einen unſichtbaren Feind. Noch einmal verſuchte Paul der ihn befremdet anſah, einen Einwurf. „Sie haben mir Ihr Wort gegeben für heute“, mahnte er und hoffte auf dieſelbe Wirkung, wie er ſie ſchon einmal an dieſem Abend erzielt. Aber die Sache kam anders. „Bah, Wort?!“ höhnte Randhof.„Das Wort iſt Fleiſch geworden und nicht Wort geblieben, Laut, Hauch, conventioneller Begriff.— Wort? Vorurtheil! Lächerliche Cavaliersgewohnheit. Habe ſie in Europa gelaſſen. Mögen die Freiherren von Randhof auf ihrem Schloſſe unter den Oelaugen ihrer leinenen 99 Ahnen ſolch' thörichten Hocuspocus treiben, wir ſind auf Java und nicht in der Pfalz. Unſere Vorfahren haben ſich geſpreizt und ihre Unterthanen verkauft als Soldaten nach Oſt⸗ und Weſtindien— wir verkaufen uns ſelber— im Grunde daſſelbe, haha! Das Ding an ſich, ja, ja, das Ding an ſich!“ Aller Zuſpruch blieb vergeblich, die Schwäche ſiegte. Und das war derſelbe Mann, der zuvor noch vermocht hatte, ſich zu ſtolzer Haltung aufzuraffen, und der dem Beleidiger für den Moment wahrhaft impo⸗ nirend entgegengetreten war, indeß er mit ungewöhn⸗ licher Großherzigkeit den gefährdeten jüngeren Genoſſen vor den Folgen einer Uebereilung bewahrte. Da ſchwankte er dahin, ein willenloſes Opfer ſeiner Leiden⸗ ſchaft. Hatte die bataviſche Geſellſchaft im Grunde ſo Unrecht mit ihrer Scheu vor den Soldaten? Paul fühlte ſein Herz ſchmerzlich zuſammengezogen. Er blickte Randhof nach, bis derſelbe in der Bude ver⸗ ſchwand, dann machte er ſich allein auf den Weg nach Meeſter⸗Cornelis. Fünftes Kapitel. Ein Geſunkener. Der Weſtmouſſon, der diesmal beſonders lange gezögert, hatte endlich ſeine Herrſchaft angetreten und machte ſich mit gewaltigen Fluthen geltend, die Tag für Tag, bald unter den mächtigen Schlägen tropiſcher Gewitter, bald nur mit dem Rauſchen wolkenbruchar⸗ tiger Regen auf die durſtige Erde herabſtrömten. Mit der naſſen Jahreszeit war auch, wenigſtens theilweiſe, eine wohlthuende Abſpannung der Temperatur eingetreten. Sie kam vorzüglich den ungewöhnlich an— geſtrengten Truppen zu ſtatten, die trotz der ungünſtigen Witterungsverhältniſſe mit einem Male ſcharf zu Uebun⸗ gen angehalten wurden, welche man ſonſt lieber auf andere Monate verlegte. Gerüchte hatten ſich verbreitek von ſteigender Widerſetzlichkeit, von drohenden Auf⸗ 101 ſtänden, die immer feſtere Geſtalt erhielten und gerade durch die energiſchen Vorbereitungen von militäriſcher Seite am meiſten Wahrſcheinlichkeit gewannen. Es hieß, ein Häuptling der Regentſchaft Bleling habe ſich gegen den Radjah aufgelehnt, er bedrohe ihn mit ſeinen Leuten, der Regent⸗Aſſiſtent habe um mili⸗ täriſche Unterſtützung angeſucht, da die Inſel Bali ſelbſt keine Beſatzung hatte, man ſei dem Verlangen nachge⸗ kommen; aber ſtatt daß dieſe Verſicherung die Gemüther beruhigte, nahmen die Beſorgniſſe zu; man wollte von Mißerfolgen wiſſen, die verheimlicht würden, man er⸗ innerte ſich des letzten, vor zwanzig Jahren ebenfalls auf jener Inſel ausgebrochenen Aufſtandes, zu deſſen Dämpfung man drei voller Jahre bedurfte und der ſo viele Opfer koſtete, daß der eigentliche Nutzen, den der Beſitz dieſer von der Oſtküſte Javas nur durch eine ſchmale Waſſerſtraße getrennten Inſel brachte, dieſelben kaum aufzuwiegen vermochte. Dazu kam die Erkennt⸗ niß, daß die holländiſche Regierung gerade der gefähr⸗ lichen Nähe der immerhin möglichen Einniſtung fran⸗ zöſiſchen oder engliſchen Einfluſſes wegen auf ihre Ho⸗ heitsrechte über dieſe Inſel nicht verzichten dürfe. Bei der Befürchtung, der Aufſtand könne am Ende größere Dimenſionen annehmen und ſeine wilden Wogen ſogar auf Java herüberwälzen, wo die Stimmung der Be⸗ 102 völkerung dem drückenden„Culturſyſtem“ ohnehin nicht günſtig iſt, Urſache genug, die Aufregung, welche die erſten unſicheren Nachrichten wachgerufen, in allen Kreiſen der Hauptſtadt auf's Aeußerſte zu ſteigern. Am höchſten natürlich war die Erwartung der Soldaten geſpannt, die jede Stunde dem Eintreffen des Marſchbefehls entgegenſahen. Doch verging eine län⸗ gere Zeit, ohne daß dieſem Zuſtande der Ungewißheit ein Ende gemacht wurde, und die Erregung, die in allen Abtheilungen von Meeſter⸗Cornelis herrſchte, begann ſich ſchon allmälig wieder zu legen und der gewöhn⸗ lichen Stimmung Platz zu machen, als eines Tages Randhof von einem Ordonnanzdienſt zurückkehrend, zu Paul herantrat, der die ſtille Mittagsſtunde zu einer kurzen Ruhe nach den Strapazen des Morgens benutzt hatte, und ihn mit den Worten weckte: „Auf aus den Träumen! Diesmal wird's Ernſt.“ „Iſt's möglich, wir marſchiren?“ rief Paul, indem er raſch aufſprang. „Morgen!— Gott Lob“, ſetzte Randhof finſter hinzu, „daß es ein Ende nimmt. Es iſt Zeit!“ Und ohne weiter ein Wort zu ſagen, machte er ſich's bequem, als habe er keine weitere Nachricht gebracht, als die von einem gewöhnlichen Uebungsmarſche. 103 „Comment?“ rief Riolle von ſeinem Bette herüber, „man führt uns zum Siege. Trinel! Trinel! Où est donc cette fille du diable? Trinel! Make Deine Vorbereitungen und vergiß nikt der Lorbeerkranz für meine Aupt! Nous marchons contre ces rustres, tes compatriots. En avant, ma petite! Partant pour la Syrie“, ſchloß er trällernd.. „Arm in Arm mit Dir, Trinel, ford're ich mein Jahrhundert in die Schranken“, parodirte ihn Rand⸗ hof.„Capitaine Riolle, mon brave, rasez-moi pour la dernieère fois, s'l vous plait.“ Riolle ſchien indeß wenig Luſt zu haben, der Auf⸗ forderung in dieſem Augenblicke der Begeiſterung Folge zu leiſten. Sein lauter Ruf hatte übrigens eine wahre Revolution in dem Gemache hervorgerufen. Die größten⸗ theils der Ruhe pflegenden Soldaten ſprangen wie elektriſirt auf, die Maiden und Kinder kreiſchten in jähem Schreck, die Papageien, Hunde, Affen und Katzen ſtießen, wie wenn ſie von der allgemeinen Aufregung mit ergriffen worden wären, ihre entſetzlichen Töne aus, und in dem grauenhaften Spectakel, wo Keiner ſein eigenes Wort verſtand, war es die lächerlichſte Forderung der Welt, daß Randhof ſich dem raſch zu⸗ ſammengedrängten Zuhörerkreiſe verſtändlich machen und nähere Mittheilungen bringen ſolle. Er machte 4 4 auch nicht einmal Miene, als wolle er dieſem Verlan— gen entſprechen, ſondern ſtreckte ſich mit bewunderungs⸗ würdigem Gleichmuthe auf ſeiner Strapuzze aus, und es wäre am Ende vielleicht von Seite der Ungedul— digen, die ihre Neugierde angereizt und nicht befriedigt fühlten, noch zu Thätlichkeiten gekommen, hätte nicht ein eben eintretender Unterofficier die dienſtliche Ordre zum Ausmarſche gebracht und ſo den Chor der Fra⸗ genden von Randhof ab und ſich ſelber zugelenkt. Das wilde Chaos ſchien jedoch ſofort wieder ent— feſſelt, als die ganz beſtimmte Anordnung bekannt ge⸗ macht wurde, daß bei dieſer„Expeditje of krijsverrig- ting“ die Frauen nicht, wie ſonſt bei ähnlichen Gelegen⸗ heiten, mitgenommen werden ſollten, ſondern zurückzu⸗ bleiben hätten. Alle Einwendungen, wer die Bagage tragen, Waſſer herbeiſchaffen, für Lebensmittel ſorgen, kochen und die Verwundeten pflegen ſolle, wenn man die weiblichen Laſtthiere zurücklaſſen müſſe, prallten an dem ſtarren Worte:„Befehl“ ab. Das Wehklagen und Murren wollte kein Ende finden. Selbſt Capitain Riolle trennte ſich nur ſchwer von ſeiner immerhin noch ſchöneren Hälfte. „Embrassez-moi!“ rief er ein⸗ über das anderemal aus, indem er gerührt ſeine Arme öffnete. Dann — 105 ſetzte er tröſtend hinzu:„NVois-tu, ma chère, Du ſehen mik gewiß wieder, ik ſein auk gekommen aus der Slakt von Inkerman. Cependant, il faut penser à te trouver une condition. Du müſſen aben einen Unterkonft. Wir ſein ohne Familie, was ik Dir könnte legen an Deine Erz, ik werden Dir verſchaffen eine gute Siker⸗ heit. Ik geben Dik auf den Mont-de-piété. Enfin, que veux-tu? C'est la guerre!“ „Hektor und Andromache!“ murmelte Randhof, dem der ergötzliche Troſt etwas wie ein Lächeln abge⸗ lockt hatte.„'s iſt eigentlich einerlei, Hexameter oder Proſa— das Ding an ſich bleibt daſſelbe.“ „Und im Grunde iſt's am beſten, gar keinen Abſchied nehmen zu müſſen“, ergänzte Paul den Satz. „Hm, ja“, meinte Randhof trocken,„wer aber muß, der thue es; könnte leicht mit dem Widerſehen nicht recht klappen.“ „Sie meinen, es könnte Ernſt werden? Mit einer ſolchen Handvoll Empörer ſind wir ja im Handum⸗ wenden fertig.“ „Kann auch länger dauern. Will Ihnen mal ſagen, was ich gehört habe. Mitte vorigen Monats ſchon wurde von Surabaja aus eine expeditionäre Macht hinübergeſendet. Ein Infanterie⸗Bataillon, das 106 vierzehnte, und eine Abtheilung Artillerie mit zwei Haubitzen und zwei Handmortirern, außerdem einige Kriegsſchiffe, die eine Marine⸗Landungs⸗Diviſion bei⸗ ſteuerten. Bei Tebunkus bezogen ſie ein Barakenlager und griffen dann den feindlichen Hauptkampong Band⸗ jardiebava— ich glaube ſo iſt der Name— mit ge⸗ ſammter Macht an. Das war am zwanzigſten Sep⸗ tember, ſeitdem haben ſie's wiederholt verſucht— aber ſie ſtehen noch auf dem alten Flecke. Ginge es ſo leicht, brauchte man uns nicht— was meinen Sie? Nahezu einen Monat Widerſtand, und die brau⸗ nen Kerle haben nicht einmal hölzerne Kanonen und ebenſowenig Gewehre, man ſoll ihnen eine Schiffsladung voll aufgefangen haben.“ „Wie iſt aber ein ſolcher Mißerfolg möglich, wenn die Gegner nicht einmal ordentlich bewaffnet ſind?“ „Europäiſches Vorurtheil! Wir ſitzen am Aequa⸗ tor. Kein Friedrich der Große, kein Napoleon, kein Klauſewitz, kein Radetzky und kein Moltke! Natur⸗ Strategie, Indianer⸗Taktik!— Die Burſche ſtecken mit ihrem Spieß, Krys und Haumeſſer hinter den Bentings, das ſind Verhaue oder Paliſſadirungen mit Gräben, die ſie meiſt auf Höhen anlegen, oder hinter den 7 Mauern, mit denen die einzelnen Abſchnitte ihrer Kam⸗ 107 pongs eingeſchloſſen ſind, am liebſten aber legen ſie ſich in den Hinterhalt, tauchen urplötzlich auf und machen Alles nieder, ehe an eine Vertheidigung gedacht werden kann. Wie gut gedeckt ſich dieſe Räuber an⸗ zuſchleichen wiſſen, hat gerade am erſten Angriffstage wieder ein Fall gezeigt, den Capitän Ruiter zuvor er⸗ zählen hörte. Lieutenant Stekman, vom vierzehnten Batallion, wurde mit fünfzehn Mann en tirailleur vorgeſchickt. Er ging ganz leiſe vor, bis zu einem Graben; im Momente, wo er denſelben durchſchreiten will, wird er überfallen, und nicht ein Mann blieb am Leben. Als die Unterſtützung anlangte, war von der ganzen feindlichen Rotte nicht eine Spur mehr zu finden.“ Paul ſchüttelte den Kopf. „Das iſt denn aber doch bei dem Mangel an Feuerwaffen auf Seite des Feindes kaum recht zu be⸗ greifen“, meinte er. „Dafür haben ſie ihre Pfeile und ſind ſehr ge⸗ ſchickt im Werfen ihrer Lanzen.“ „Auf dieſe Weiſe kommen ſie aber doch immer nur gegen kleinere Abtheilungen auf und gegen Vereinzelte; einer geſchloſſenen größeren Macht dürften ſie ſchwer⸗ lich Widerſtand leiſten können.“ „Sie warten eben die erſte Decharge ab und be⸗ 108 nützen die Zeit des Ladens zur blitzſchnellen Annäh⸗ erung.“ Das Lächeln, welches Paul's Züge überſchlich, hatte etwas Grauſames, er deutete mit eigenthümlicher Geberde auf ſein Gewehr. „Nun, dieſe Taktik dürfte unſere neue wunder⸗ wirkende Reliquie vereiteln“, ſagte er.„Ich kenne den Effect von Böhmen her, wo wir vor zwei Jahren ihre nähere Bekanntſchaft machten. Lieutenant Kuhn iſt ja ein Preuße und hat bei ſeiner Erfindung im Grunde nur das Zündnadelgewehr ein wenig modiſicirt.“ „Hm, ja! Sieg der Intelligenz und Humanität! Wir werden kurzen Proceß machen. Wer das Ende ſchaut, kann ſeine Freude daran haben. Vielleicht iſt's ſo übel nicht, wenn ſie Einem erſpart bleibt.“ Damit wandte ſich Randhof auf die andere Seite; er ſchien bald in Schlaf zu verfallen, trotz des Tumultes, der in der Kamera herrſchte. Alles war auf den Bei⸗ nen. Die Capmeſſer wurden geſchliffen, Torniſter und Speckſack gepackt und ſonſtige Vorbereitungen getroffen. Mancher verwendete die gezählten Augenblicke noch dazu, von ſeinen Lieben in der Heimath Abſchied zu nehmen oder ſeine irdiſchen Angelegenheiten, ſo gering ſie ſein mochten, in Ordnung zu bringen. Auch Paul nahm Papier und Feder zur Hand. 109 Die letzten Worte ſeines Kameraden waren nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben. Woran er früher gar nicht gedacht, das war ihm nun nicht mehr ſo ganz undenkbar. Wer weiß, ob er das Ende der Expedition erlebte?!! Die Unternehmung erſchien ihm nun nicht mehr ſo leicht und unbedeutend, wie er ſie früher, im Vergleiche zu den beiden Feldzügen, die er mitgemacht, zu ſchätzen geneigt war. In der That, es bedurfte ja nicht der mächtigen Geſchützparks, der unabſehbaren Heeresmaſſen europäiſcher Kriege, dem Leben des Ein⸗ zelnen konnte der nächſtbeſte Pfeil oder irgend ein gut geführter Krys raſch ein Ende machen. Und wenn die Opfer auch nicht ſo ſchaarenweiſe fielen, wer bürgte ihm, daß nicht gerade er eines derſelben ſein werde?! Ein Gefühl der Wehmuth beſchlich ihn; in der Geſtalt wie diesmal war der Todesgedanke noch nie an ihn herangetreten. Wie ganz anders war es, da er mit begeiſtertem Patriotismus, in der Hoffnung, ſich auszu⸗ zeichnen, mit dem ſtolzen Bewußtſein, ſelbſt als Gefal⸗ lener noch ruhmvoll genannt zu werden, als Führer, wenn auch nur einer kleinen Schaar, in die Schlacht ritt. Wie anders jetzt, wo er fern vom Vaterlande in fremden Dienſte, für fremden Zweck, ohne Enthuſias⸗ mus, ein unbeachteter Soldat, um deſſen Verluſt man ſich kaum kümmern mochte, ein willenloſes Werkzeug, — in den Kampf zog gegen eine Schaar wilder, uncivi⸗ liſirter Menſchen, die im Grunde nur ihre Freiheit gegen die fremden Eroberer vertheidigten, denen er ſeine Dienſte verkauft. Verkauft!— Schwer fiel der verächtliche Klang des Wortes in ſein Gemüth, ſchwerer als jemals noch bisher. Und wofür verkauft? Was hatte er erreicht, wenn das Buch ſeines Schickſals vielleicht jetzt ſchon zugeſchlagen wurde? In der Meinung, es handle ſich nur um einen Zufall, der es ſo gefügt, daß man ihn bei der Zu⸗ theilung zur topographiſchen Aufnahme überſehen, hatte er die erſte Gelegenheit nach ſeiner Eintheilung in das Bataillon wahrgenommen, dem Commandanten deſſel⸗ ben ſein Anliegen abermals dienſtlich vorzutragen. Mochten auch hier die geſchickten Einflüſterungen Eek⸗ hoorn's nicht mehr wirkſam ſein und von Duizenbeek's Feindſeligkeiten erlahmen, ſo machten ſich doch wieder andere Einflüſſe geltend, die Paul's Wünſche nicht eben förderten. Seine Erſcheinung, ſein Auftreten ſchienen gefallen zu haben, man wünſchte ihn, bei dem großen Mangel tauglicher Individuen zu Unterofficieren, bei der Truppe zu behalten, und kurz nach ſeiner Meldung rief ihn Capitän Ruiter beiſeite und forderte ihn im Auftrage des Bataillons⸗Commandanten auf, nicht auf —— 411- ſeinem Wunſche zu beſtehen, ſondern lieber auf Avan⸗ cement zu dienen, es ſolle Sorge getragen werden, daß er ſobald als möglich wenigſtens zum Sergeanten vor⸗ rücke, und an weiterer Beförderung werde es dann gewiß auch nicht fehlen. Wie der Antrag geſtellt war, vermochte ihn Paul nicht geradezu abzulehnen, ohne Gefahr zu laufen, das ihm von ſeinen Vorgeſetzten er⸗ zeigte Wohlwollen zu verſcherzen, und er konnte deſſel⸗ ben gar ſehr bedürfen, wenn man ſeiner Bitte an höherer Stelle, wie es immerhin möglich war, vielleicht doch nicht Folge gab. Er fügte ſich alſo vorderhand und unterzog ſich widerſpruchslos und eifrig allen An— forderungen, wie er es ſich in allem Anfang ſogleich bei Ausführung ſeines ſchweren Entſchluſſes vorgenom⸗ men hatte. Faſt zwei Wochen unausgeſetzten Exercirens waren vergangen, bevor man ihn als genugſam gedrillt aus der Recrutenabrichtung entließ, ohne daß darum die endloſen Uebungen bei ſengender Hitze aufgehört hätten. Die neuerfundenen Hinterlader, erſt in wenigen Exem⸗ plaren vorhanden, ſollten erprobt werden. Es wurde eine Abtheilung aus fünfzig altgedienten Soldaten, zur Hälfte Angehörige anderer Nationalitäten, zuſammen⸗ geſtellt. Randhof war dazu gewählt worden, Paul hatte ſich freiwillig gemeldet, denn er erwog, daß ohne 112 Zweifel dieſer Abtheilung eine beſondere und ehrenvolle Aufgabe zufallen werde, im Falle die Feindſeligkeiten, von denen ſchon ein beunruhigendes Gerücht umlief, f ernſtere Ereigniſſe nach ſich ziehen ſollten. Bei dem erſten Ton der Kriegstrompete regte ſich auch ſchon wieder der militäriſche Ehrgeiz in ihm, und die klug aus⸗ geſonnenen Lebenspläne waren ſofort zur Seite ge⸗ ſchoben. Doch wieder vergingen einige Wochen in fortwäh⸗ renden, vom früheſten Morgen bis in die Nacht dau⸗ ernden Uebungen auf dem Execir⸗ und Schießplatze, die allerdings ſehr befriedigende Reſultate ergaben, aber beſonders für Paul, deſſen Natur noch nicht Zeit ge⸗ habt hatte, ſich zu acclimatiſiren, mit nahezu aufreiben⸗ den Strapazen verbunden waren. Beinahe bereute er es ſchon, daß er ſich durch ein Phantom von ſeinem Wege hatte abbringen laſſen. Wenn es ihm auch ge— lungen war, das Wohlwollen und die Achtung ſeiner Vorgeſetzten zu befeſtigen, ſo konnte ihm dies doch nicht beſonders förderlich ſein; die Ofſiciers⸗Charge ſtand in zu unerreichbarer Ferne. Randhof's Nachrichten hatten nun freilich raſch den allmälig aufſteigenden Mißmuth verſcheucht, und dem lebhaften Temperamente hielten zuletzt auch die ver⸗ ſtimmenden Bedenken nicht mehr Stand, die ſich bei dem 113 Vergleiche mit der Vergangenheit eingeſtellt hatten. Die Kampfluſt war erwacht und ſie ſprach ſich auch in den wenigen Zeilen aus, die er in die ferne Heimath rich— tete. Und ſollte es ein Abſchied auf immer ſein— nun denn, das Mutterauge hatte ſchon ſo viele Thrä⸗ nen um ihn vergoſſen, daß es jetzt vielleicht trocken blieb, wo das Letzte eintraf. Für das treue Herz war er ja ſchon verloren, als er ſo weit, weit fortzog über das ungeheure Meer.— Paul hatte nicht bemerkt, daß, während er ſchrieb, Randhof ſich entfernte. Er ſah ihn erſt Abends wieder. Randhof war ausgegangen geweſen, er kam von der Stadt zurück und ſchien ſtark getrunken zu haben, ſo gebeugt und unſicher ſchlich er einher; ſeine Züge zeig⸗ ten eine tiefere Zerſtörung als jemals, aber Paul er⸗ kannte bald, daß er ſich getäuſcht hatte, als er dieſe Erſcheinungen dem Branntwein oder dem Opium zu⸗ ſchrieb. Sein Gefährte ſank nicht, wie dies ſonſt zu geſchehen pflegte, lallend auf ſein Lager, er ſetzte ſich trübſinnig auf den Rand ſeines Bettes, ſchien einige Zeit in Nachdenken verſunken und hob dann klar und verſtändiger als gewöhnlich zu ſprechen an. „Haben Sie nach Hauſe geſchrieben?“ fragte er. „Ja, meiner guten Mutter.“ Byr, Wrak. III. 8 114 ſo haben Sie Niemand? Keine Freunder „Und ſonſt haben Sie I 1. kein Lieb'?“ Paul zuckte bitter lächelnd die Achſeln. „Wenn man in eine neue Welt tritt, thut man am beſten, die alte zu vergeſſen.“ „Kann man das?“ Randhof's Stimme klang ton los, faſt nur wie ein Seufzer.„Das Herz iſt ein Notizbuch mit unverwiſchbarer Schrift. Der Name der Geliebten füllt manches Blatt.“ „Dann iſt es gut, wenn die Geliebte ſelbſt dafür ſorgte, dieſelben herauszureißen.“ „Sie hatten alſo eine? Natürlich, wie frage ich.“ „Ich hatte eine!“ Diesmal klang Paul's Stimme dumpf, ſofort aber ſetzte er hart hinzu:„Sie zog es jedoch vor, eines reichen Mannes Frau zu werden. Vielleicht“— er wollte noch etwas ſagen, hielt aber inne, und erſt da ſein Camerad nichts hören ließ als ein leiſes„Hm!“ fügte er noch mit dem erkünſtelten Ausdrucke ſorgloſer Gleichgiltigkeit hinzu:„Im Grunde hatte ſie Recht. Ich glaube, daß jede wie Friederike gehandelt hätte.“ Der Name war ihm unwillkkürlich entſchlüpft. „Friederike?“ wiederholte Randhof weniger erſtaunt als eigenthümlich bewegt. Es trat eine kleine Pauſe an ne 115 ein, dann murmelte er, noch faſt wie in der Erinnerung abweſend:„'s iſt auch eine Friederike geweſen.“ Riolle kam eben herbei und fuchtelte mit ſeinem friſch geſchliffenen Capmeſſer in der Luft. „Hélas, Messieurs! Le grand jour du combat, est arrivé“, bramarbaſirte er,„je dirai comme à la- bataille d'Inkermann, je dirai: Allons, mes braves—“ Randhof machte eine ungeduldige Bewegung. Ohne auf des Franzoſen weitere Großſprechereien zu hören, forderte er Paul auf, mit ihm hinaus in die Galerie zu kommen, es ſei kühler und ſtiller daſelbſt. Während Paul auf den Vorſchlag einging, konnte er ſich des Staunens nicht erwehren, welch' merkwürdige Verände⸗ rung mit Randhof vorgegangen war. Wo blieben der Sarkasmus und das Chaos abgebrochener Sätze? Sie ſchritten eine Weile ſtumm neben einander her. Dann legte Randhof die Hand auf ſeines Ge⸗ fährten Arm. „Hören Sie, Albot“, ſagte er,„ich habe Sie lieb⸗ gewonnen. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, wenn ſich die Ruine an den feſten Thurm lehnt. Ein feſter Thurm, das ſind Sie und Sie kommen durch; bei mir war das Mauerwerk ſchon zu ſtark durchlöchert, es iſt Zeit daß es ganz zuſammenfällt.“ Paul's Antwort zuvor⸗ kommend, fuhr er fort:„Ich will Sie um einen Dienſt 8*¾ 116 erſuchen. Wollen Sie mein Teſtamentsvollſtrecker ſein?“ „Wie kommen Sie darauf?“ fragte Paul, deſſen Verwunderung wuchs. „Schlagen Sie mir's nicht ab, ich müßte ſonſt noch ändern. Habe ſoeben mein Teſtament gemacht und bei Déluzet und Compagnie niedergelegt. Alles Form Rechtens. Es ſoll Ihnen keine große Unbequemlichkeit daraus erwachſen.“ „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich gern thue, was ich hier in meiner Stellung vermag, aber——* „Aber ich hätte nicht viel zu teſtiren, meinen Sie?“ fiel Randhof ein, und es lag wieder etwas vom ge⸗ wöhnlichen Sarkasmus in ſeinem Tone.„Hm, hat allerdings nicht den Anſchein, verhält ſich aber doch anders. Haben Sie nie von einem gewiſſen Karl Moor gehört? Hätte er ſein Erbtheil in Anſpruch genommen, 1 ſo konnte ‚dem Manne noch ganz anders geholfen werden’ als mit dem Denunciantenlohn.“ Paul ſah ihn forſchend an, als fürchte er wieder den Umſchlag im's alte Kauderwälſch. Randhof bemerkte es, zuckte jedoch nur mit herbem Spott die Achſeln und fuhr fort: „War auch einſt ein toller, aber guter Burſche, wie jener Karl Moor. Nur daß der jüngere Bruder hat doch Moor umen, holfen 1 wieder merkte n und zurſche⸗ Brudel 417 Franz den alten Moor nicht erſt gegen mich einzuneh⸗ men brauchte. Meine Mutter war bei meiner Geburt geſtorben, und das hat mir mein Vater nie vergeben können. Der Frau Stiefmama war ich auch nicht recht, weil ich ihrem Sohne das Erbe wegnahm. Ich ſcheerte mich wenig um die Geſinnung daheim und lebte als flotter Burſche zuerſt in Heidelberg, dann in Göttingen, zuletzt in München. Dort nahm's mit dem Studiren ein Ende. Die alte Geſchichte— ein Mädchen, ſchön, aber arm, das allein bei der Mutter lebt. Fauſt und Gretchen. Zuletzt war ich feſt entſchloſſen, Frie⸗ derike zu heirathen, ſchrieb es heim und beharrte auf meinem Sinn. Gut, hieß es, aber ein halbes Jahr ſollte ich noch warten, dann ſei ich großjährig und könne thun, was ich wolle, wenn ich ſchon auf der Thorheit beſtehe. Aller Widerſpruch hatte mit einem Male ein Ende, Alles war ſüß und gut, nur die eine Bedingung wurde geſtellt, ich ſolle bis zu der beſtimm⸗ ten Friſt eine Reiſe unternehmen, um meine Beſtändig⸗ keit zu prüfen. Ich lachte und fuhr nach Italien, Friederike weinte und blieb zurück. Nach einem Vier⸗ teljahr blieben ihre Briefe aus, und als ich zurückkam, war ſie todt. Mein Vetter Adolf, mein beſter Freund, dem ich ſie auf die Seele gebunden, führte mich an ihr Grab. Er ſagte mir, daß meine Liebe ihr das Leben 118 1 gekoſtet. Ich hatte an Einem Tage die Geliebte und das Kind verloren, dem ich durch unſere Heirath die Legitimität zu geben beabſichtigt hatte. Friderikens— Mutter war fortgezogen. Mein Schmerz— hm! Der Vetter half mir ihn tragen, der brave Freund!“ Randhof's Züge waren dämoniſch verzerrt, die Bewegung überwältigte ihn, er mußte einen Moment —õ—— innehalten. Dann nahm er, ein heiſeres Lachen aus⸗ ſtoßend, ſeine Mittheilung wieder auf. „Der brave Freund! Er ſprach mir Troſt ein, er rieth, mich zu zerſtreuen und ging mir dabei an die Hand. Ich war ja nun großjährig und konnte über das Erbe meiner Mutter frei verfügen. Ich that's wie ein Raſender; in den wildeſten Strudel des Vergnügens ſtürzte ich mich hinein, um zu vergeſſen, um mich zu betäuben. In Paris, in London, in Berlin hieß ich der tolle Randhof; zuletzt meinte ich das unverwiſchbare Bild durch ein anderes verdrängen zu können und bildete mir ein, zu lieben, weil mich die Stimme der berühmten Sängerin entzückte, ich glaubte wieder ge⸗ liebt zu ſein, weil ſie mir's zuſchwor nnd mein Ver⸗ mögen mit vollen Händen verſchwendete. Als es zu Ende war, da fand ich ſie eines Tages in zärtlichem Geſpräch mit— Adolf. Wir ſchlugen uns, und der — brave Freund fiel, von meiner Kugel getroffen. 4119 Faſt that mir's leid; was lag mir am Ende an dem Weibe? Da, ehe er ſtarb, regte ſich das Gewiſſen in ihm; er geſtand mir— Hahl ich habe den ganzen Schiller durchgeſpielt, den Karl und den Don Carlos und den Ferdinand! Ja, ja, der ehrenhafte Präſident und der wackere Wurm verſtanden es, auf Louiſen ein— zuwirken. Ein bischen anders war es, aber das Ding an ſich— ſehen Sie, Freund, das Ding an ſich blieb gleich. Mein Vater hatte den klugen Plan erſonnen und Vetter Adolf ihn durchgeführt; meine Abweſenheit wurde benutzt, auf Friederiken einzuwirken, und als ſich das arme Kind muthig hielt, da kamen Drohungen, zuletzt ſogar die Lüge von meiner Untreue. Gott oder vielmehr die Hölle weiß, durch welche Schurkerei ſie dieſelbe glaublich machten. Das arme Opfer erſchrak wodurch die erſt nach einigen Wochen in Ausſicht ſtehende Kataſtrophe beſchleunigt wurde. In dem Einen wenigſtens hatte man mir die Wahrheit geſagt! Friede⸗ rike war dabei unterlegen. Ihrer Mutter aber wurde Geld geboten, daß ſie ſchweige und mit dem Enkelkinde nach Salzburg oder Tirol hinüberziehe, wo ihre Ver⸗ wandten lebten. Was meinen Sie“, unterbrach Rand⸗ hof ſeine Erzählung,„der Herr Präſident war ein Heiliger und Wurm ein Stümper? Mein Vater hatte die Mesalliance ebenſo klug verhindert, ohne den Sohn zu opfern, und mein Vetter— mein beſter Freund— das war der Mann, der ſeine Sache verſtand. Zuletzt aber hatte er doch ungeſchickt geſpielt. Ha! Da ich ihn ſo leblos vor mir ſah, da that mir's wieder leid, daß ich ihn ſchon getödtet hatte und er nur einmal ſterben konnte. Viel zu raſch, viel zu leicht, ſage ich Ihnen, geht das Alles. Was waren die Minuten der Strafe gegen die Jahre meines Schmerzes? Was Jahre?! Mein ganzes Leben lag in der anderen Wagſchale. Was bin ich durch den Elenden geworden? Wieder und wieder— unzähligemale hätte ich ihn tödten mögen— nicht einer theilnahmsloſen Kugel das Ge⸗ ſchäft überlaſſen, zum mindeſten mit einem Dolche oder Degen durchſtechen oder, noch beſſer, ihn mit der eigenen Hand erdroſſeln müſſen— langſam, langſam— daß ich ſein Todesröcheln in jeder Faſer mitempfinden könnte. Ich habe dieſe Rache doch genoſſen— ja, doch nur im Traume, und das elende Tſchandu hat mich ſelbſt zer— rüttet— aber es war die einzige Luſt!“ Paul erſchrak. Dieſe rollenden Augen, dieſe knirſchenden Zähne, die ſich gleich denen eines reißen⸗ den Thieres in wilder Mordluſt entblößten, waren fürchterlich unheimlich; einen Moment ſtieg in ihm der Verdacht auf, ob er es nicht doch mit einem Tollhäus⸗ ler zu thun habe. Die ungeheure, nur bei ſolchem, 121 überhaupt ſchon geſtörten Organismus mögliche Auf⸗ regung legte ſich aber raſch wieder und machte dagegen Jeiner um ſo größeren Erſchlaffung Platz. Gebrechlich wie ein Greis, knickte Randhof zuſammen und wäre zu Boden geſtürzt, wenn Paul's Hand ihn nicht unter⸗ ſtützt und nach einer Ecke des Corridors geleitet hätte, wo er ſich niederlaſſen konnte. „Ich habe heute noch keinen Tropfen getrunken, die Kräfte verlaſſen mich“, murmelte er nach einer Weile.„Aber hören Sie erſt meine Geſchichte zu Ende. Sie iſt kurz. Der Mörder war todt und ich mußte entfliehen, wollte ich nicht der Strafe verfallen. Nichts hielt mich mehr. Ich haßte meinen Vater, ich haßte die Menſchen, ich haßte Alles! Was lag mir an den Gütern, die ich nach dem Tode des alten Moor erhalten ſollte? Ich ging nach Algier und trat unter anderem Namen in die Fremden⸗Legion. Ich verdarb's mit meinem Capitän, und um nicht gezüchtigt zu wer⸗ den, entfloh ich; darüber waren Jahre vergangen. Ich verſuchte es als Seemann, dann blieb ich eine Weile in Vorder⸗Indien, zuletzt ließ ich mich für Java an⸗ werben. Ich wollte es verſuchen, mich in die Höhe zu arbeiten, aber es ging nicht mehr, ich hatte mir den Gin angewöhnt und ohne Tſchandu konnte ich nicht leben. Jetzt bin ich am Ende, die Comödie drängt 122 zum Schluſſe, es iſt mir heute plötzlich klar geworden, wie wenn mir Jemand ganz deutlich in's Ohr ge⸗ raunt hätte: Rechne ab, es iſt Zeit, Teſtament zu machen.“ Paul wußte ſich kaum zu faſſen. War's möglich, daß ein Menſch ſo alle ſeine Pflichten vergaß und immer tiefer in die Nacht des Elends hineintaumelte? „Und bis heute haben Sie geſchwiegen?“ gab er endlich ſeinen Gedanken Ausdruck.„So viele Jahre hindurch, und Sie fragen nicht einmal, was aus Ihrem Kinde geworden?“ Randhof machte einen Verſuch ſarkaſtiſch aufzu— lachen. „Bah! Nehmen wir immer das Ding an ſich. Was thut's? Und habe ich gefehlt, ſo biete ich jetzt reichlich Erſatz. Haha! Der Heinrich Randhof könnte noch immer ſeine Rolle ſpielen in der Welt. Es ſind ziemlich große Allodial-⸗Güter da, neben dem Fidei⸗ commiß. Beide hat mein Stiefbruder übernommen, da der alte Moor vor fünf Jahren über Nacht eine Leiche ward und ich verſchollen blieb. Sie ſehen, ich habe mich durch zweite, dritte Hand ganz genau unterrichtet, hielt es aber für beſſer, daß ich verſchollen blieb. Das Fideicommiß mag bei Franz bleiben, aber das Allod fiel nach der Satzung, da kein Teſtament vorhanden 123 war, mir zu. Noch iſt die Zeit nicht um, der Heinrich Randhof noch nicht für todt erklärt und kann die Güter hinterlaſſen, wem er will. Das habe ich heute gethan. Das Kind muß jetzt neunzehn Jahre alt ſein. Ich habe es adoptirt und in alle Rechte meines Erben eingeſetzt. Alles iſt unanfechtbar geſetzmäßig abge⸗ macht.“ „Und damit meinen Sie Alles gethan zu haben?“ fragte Paul mit tiefem Ernſte.„Fürchten Sie denn nicht, daß Ihr Vermögen zur Tilgung Ihrer Schuld nicht ausreichen möchte? Fürchten Sie nicht, ein Menſchenleben vielleicht ſchon unrettbar geſchädigt, in das Schickſal ihres Kindes vielleicht in nicht wieder gutzumachender Art eingegriffen zu haben? Randhof verſank in düſteres Sinnen, dann fuhr er heftig auf, ſeine Stimme klang höhniſch und rauh. „Kommen Sie mir auch noch mit Gewiſſensbiſſen! Weltlenken? Lächerlich. Die Welt rollt fort und fort, und kein Eingriff von Menſchenhand rückt ſie eine Linie weit beiſeite. Was geſchehen ſoll, geſchieht. Es iſt am Ende Alles eins, wie die Generationen ab⸗ ſterben und ſich erneuern. Abkehr des Willens vom Leben, darin ſteckt alle Weisheit, aber weiſe ſind nur Wenige. Shiwa, der Zerſtörer, iſt Herrſcher der Welt. Ihm huldige ich.“ 124 „Das mögen Sie thun, aber nicht gegen ein Weſen, dem Sie doch das Leben gegeben“, warf Paul ein. „Vaterpflichten?!“ lachte Randhof dagegen auf. „Was thun denn die Väter für die Kinder? Was that denn der meinige für mich? Seelen knechten, auf die man kein Recht hat, das iſt's, was für Pflicht aus⸗ gegeben wird. Was iſt die Pflicht überhaupt? Aus dem Uebereinkommen reſultirende Auferlegung, unter der Kritik der reinen Vernunft in nichts zerfließend. Pflicht? Wer erfüllt ſie tadellos und ohne Hinterge⸗ danken um ihrer ſelbſt willen? Hypokriſie! Paul ſenkte den Kopf. Er fühlte nicht das Recht zu weiteren Vorwürfen. Hatte er denn ſelbſt immer und ohne Erleichterung ſeine Pflicht gethan? Wäre er dann, wenn dies geſchehen, auch hier wo er ſtand? Randhof zeigte ſich nicht weiter mittheilſam, er ging nach der Cantine, Entſchädigung zu ſuchen für die ſelbſtauferlegte Zurückhaltung dieſes Tages. Am andern Morgen brach das Bataillon mit einer beigegebenen Abtheilung Artillerie auf nach dem Landungsplatze, von wo es durch kleinere Boote hinaus⸗ gebracht werden ſollte nach der offenen Rhede, auf welcher ſchon„Koning Willem III.“ und ein anderes Schiff unter Dampf auf die Truppen harrten. Zwei 125 Muſikbanden ſchritten voraus, faſt alle Officiere gaben den Abziehenden das Geleite. Am Landungsplatze hatte iich eine unabſehbare Menge eingefunden. Die ganze elegante Welt Batavias war hier verſammelt, auch die Damen hatten ihre Abneigung vergeſſen und ſich in großer Zahl eingefunden. Es galt ja die Sympathieen zu zeigen, welche die drohende nationale Gefahr für deren Bekämpfer erzeugte. Auch mochte ſich menſchliche Theilnahme in den Herzen regen für das Geſchick der gegen den Feind Beſtimmten. Nicht nur der Krys und die Lanze der Empörer erwarteten ſie, gefährlicher faſt noch drohten die Schrecken verheerender Krankheiten, die gleich raubgierigen Hyänen dem Zuge ſolcher Expedi⸗ tionen zu folgen pflegen. Die reichen vornehmen Herren, die eifrigen Geſchäftsleute, die excluſiven eleganten Damen, ſie Alle mußten die Braven doch noch einmal begrüßen, die dahingingen, für ſie und ihre Intereſſen Blut und Leben zu laſſen. Vergeblich ließ Paul ſeine Blicke während der Einſchiffung durch die Menge ſchweifen, es war ſo er— folglos wie alle die Ausflüge, die er trotz aller ermü— denden Tagesarbeit ſeit jenem Abend, wo er mit Lieu— tenant von Duizenbeek vor dem„Concordia“⸗Hauſe zu⸗ ſammengetroffen, wiederholt unternommen, wenn der Dienſt zu Ende war. Er wollte nicht mehr an ſie denken, der er doch immer zu begegnen gehofft, er wußte nicht, daß ſie ſchon am Tage nach jenem Zu⸗ ſammentreffen abgereiſt war. Verſtimmt ſenkte er ſein Haupt— die er ſuchte, fand ſein Auge auch heute nicht und doch wäre es ihm wie ein gutes Omen erſchienen, hätte ſein Blick noch einmal den ihren geſtreift. Das Schiff ſtieß vom Lande. Er achtete nicht auf die anfeuernden Klänge der Muſik, auf den tauſend⸗ ſtimmigen Abſchiedsruf, auf das ununterbrochene Tücher⸗ ſchwenken— was war ihm die Menge?— Er ſtand allein.— Sechstes Kapitel. Die Expeditie. Die Regentſchaft Bleling, in welcher ſich der auf⸗ ſtändiſche Diſtrict befand, nimmt den Java zunächſt gelegenen Theil der Inſel Bali ein. Der Nordküſte entlang zieht ſich ein mächtiger vulcaniſcher Gebirgszug, der einzelne niedere Ausläufer gegen das Meer ent⸗ ſendet. Zwiſchen denſelben, in hübſche kleine Thäler gebettet, lagen die Kampongs, welche ſich mit ihrem Bedana Idah Madeh Rahi gegen den Tumongong*) erhoben hatten. Mit tiefen, theils dichtbewachſenen, theils von Bächen durchfloſſenen Gräben umgeben, durch hohe Ringmauern in Abſchnitte getheilt, die der Ver⸗ theidigung überaus günſtig waren, hatten ſie den bis⸗ *) Regent. 128 herigen Angriffen der ſchwachen expeditionären Macht ſiegreichen Widerſtand geleiſtet, ja es ſogar wagen dürfen, einzelne Abtheilungen angriffsweiſe vorzuſenden, ſo daß ſich die holländiſchen Truppen bis zum Anlangen der nothwendigen Verſtärkung wieder an die Küſte zurückziehen mußten, wo ſie, angelehnt an den freund⸗ lich geſinnten Kampong Tebunkus und unter dem Schutze einer kleinen, auf offener Rhede vor Anker lie⸗ genden Escadre, die aus vier Dampf⸗Fregatten, eini⸗ gen Kanonenbooten und einem ausrangirten Dreimaſter als Spitalsſchiff beſtand, vorläufig ein Lager bezogen. Nach dreitägiger Fahrt entlang den Küſten Javas und Maduras kamen den von Batavia abgegangenen Hilfstruppen endlich die Lichter der ankernden Schiffe und die prachtvollen Bergconturen der Inſel in Sicht. Doch vergingen nach der Landung einige Tage der Vorbereitung, ehe der entſcheidende Schlag geführt wurde. Noch lagen die Schatten der Nacht über die Inſel und das weite Meer gebreitet, doch ſchon erblichen die Sterne und leiſe begannen ſich die in den Himmel ragenden Bergſpitzen zu röthen. Der für den Angriff feſtgeſetzte Tag— der vierundzwanzigſte October— brach an, und zwiſchen den aus Bambus und Reis⸗ ſtroh errichteten Baraken begann es ſich zu regen. 129 Feuer loderte überall auf, um in Eile noch einen Morgenimbiß daran zu bereiten, der vielleicht für den ganzen Tag ausreichen mußte, die Kulis und die Ket⸗ tenjonge— inländiſche Laſtträger und Sträflinge näm⸗ lich— ſpannten ſich vor die Geſchütze und beluden ſich mit den Mortirern, der Munition, den Tragbahren der Ambulanz und mit Lebensmitteln, die Boejongen befeſtigten das Gepäck ihrer Herren, deren Bettzeug, Flaſchenkeller, Proviant und ſonſtige Effecten, ohne welche die Officiere ſich nicht behelfen zu können glau⸗ ben, auf's geſchickteſte an Bambusrohren, die dann von je zweien auf der Schulter getragen wurden. Die Soldaten ſetzten ihre Waffen in Stand und verſahen ihre Feldflaſchen mit Branntwein. „Wie, Sie gießen ſich blos Waſſer ein, Randhof?“ „Für heute genügt es vollkommen“, murmelte der Angerufene, indem er ſeinem jüngeren Kameraden ernſt zunickte. „Und morgen?“ „Für morgen mögen Sie ſorgen, Albot; ich habe es nicht mehr nöthig.“ „Wieder dieſe Ahnungen?“ rief Albot aus.„Schla⸗ gen Sie ſich die trüben Gedanken aus dem Sinne. Mein trübſter iſt der, mit ſolcher Laſt bei der zu er⸗ wartenden Sonnengluth unabſehbare Stunden lang Byr, Wrak III. 9 130 bergauf, bergab marſchiren, klettern, ſpringen und käm⸗ pfen zu müſſen, ich, der ich mein Lebtag kein Verehrer des Zufußegehens war, wie ſich's bei einem alten Reiters⸗ mann von ſelbſt verſteht. Ich beneide die Herren Kulis, ſie haben ſicherlich nicht ſo ſchwer zu tragen als wir. Die achtzig Patronen allein ziehen, als wollten ſie ſagen:„Und ſtehſt Du nicht willig, ſo brauch' ich Ge⸗ walt!“ „Nun, dieſe Laſt hat glücklicherweiſe die Eigen⸗ ſchaft, abzunehmen, gleich der Aeſop's. Ich meine, in ein paar Stunden haben wir zum mindeſten die Hälfte cuf unſer Vis-a-vis abgeladen.“ „Immerhin ſteht uns harte Arbeit bevor. Wollen Sie nicht wenigſtens einen Schluck Genever aus mei ner Flaſche nehmen, Randhof?“ 8„Man ſoll nicht ſagen, daß ich an dem Tage, wo ich in den Tod ging, mich berauſchte, um mir Courage zu machen.“ Randhof wies die Flaſche zurück, die Paul nun kopfſchüttelnd an ſich nahm. „Und fürchten Sie nicht, daß ein ſo ſtarres Ab⸗ weichen von Ihrer Gewohnheit Sie ſchwächen wird?“ „Wer einem erwünſchten Ende entgegengeht, den überkommt keine Schwäche, Freund.“ Es lag tiefer Ernſt in Randhof's Worten, der 1 131 ſelbſt dann nicht wich, als er Paul feſt die Hand drückte und dabei mit ſeinem gewöhnlichen ſarkaſtiſchen Lächeln hinzuſetzte: Ich brauche ja das Ding an ſich nicht mehr zu ſuchen. In die geſchloſſenen Augen fällt kein Reflex der Erſcheinungswelt. Schlafen, vielleicht auch träu⸗ men—— wie ſagt Hamlet?“ Paul fand nicht mehr Zeit zur Antwort, das Commando rief ihn in Reih' und Glied, und alsbald ging es der Küſte entlang, wohl eine Stunde weit, durch den tiefen Sand in beſchwerlichem Marſche. In⸗ zwiſchen war die Sonne in all ihrer Pracht dem Meere entſtiegen, im goldenen Morgenlichte blitzten die Wo⸗ gen, die Berge ſchienen in ein Gewand von glühenden Strahlen gehüllt, und weiß ſchimmerten im dichten Grün der Thäler und Anhöhen die Mauern einzelner Ortſchaften. Hier im Angeſichte der feindlichen Kam⸗ pongs wurde gehalten. Der Befehlshaber ordnete ſeine Colonnen zum Angriff. Colonel de Brabant, dem das Commando über die Expedition übertragen war, hatte hier nicht ſeine erſten Lorbeeren zu pflücken. Ein be⸗ wegtes Schickſal hatte ihn— den Franzoſen von Ge⸗ burt— vor dreißig Jahren in holländiſche Dienſte und nach Indien geführt. Von der unterſten Stufe mußte er ſich emporarbeiten, und gerade auf Bali war es, wo er ſich bei jenem großen Aufſtande im Jahre 9⸗ 132 1849 die Officiers⸗Epauletten verdient hatte. Als tüch⸗ tiger Soldat bekannt, war dies nun die neunzehnte Expedition, an der er theilnahm; er hatte ſich in einer ſo lange Reihe kleiner Feldzüge großen militäriſchen Scharfblick, doch auch manche Eigenthümlichkeit erwor⸗ ben, die, auf Erfahrungen begründet, wohl leicht auf den erſten Blick befremden mochten. In ſeltſamem Aufzuge durchſchritt er die Reihen; gegen die Sonnenſtrahlen durch einen breitrandigen Strohhut geſchützt, zur einzigen Waffe eine Lanze, und barfuß, wie die Malayen, führte er das Com— mando. Er formirte aus ſeinen Streitkräften drei gleich ſtarke Quarrés, in deren Mitte die Sträflinge und Träger eingetheilt wurden. Die Artillerie wurde gleichfalls getheilt, die fünfzig mit Hinterladern ver⸗ ſehenen Schützen aber wurden zur beſonderen Dispo⸗ ſition des Commandanten geſtellt, der ſich mit ihnen dem erſten Quarré anſchloß, das ſich nunmehr, auf größere Abſtände von den beiden anderen gefolgt, in Marſch ſetzte, ohne ſich— wie dies eben durch die eigenthümliche Kriegführung des Feindes geboten war — mit einer durch ihre numeriſche Schwäche zu ſehr gefährdeten Vor⸗ und Seitenhut zu decken. Der Marſch ging nur langſam von ſtatten. Das anſteigende Terrain beſtand aus ſogenannten Sawas, 133 dies ſind zur künſtlichen Bewäſſerung terraſſenförmig angelegte Reisfelder, deren vier bis ſechs Schuh hohe gemauerte Ränder nur mühſam zu erklettern ſind und Paul's Befürchtungen nur zu raſch erfüllten. Die Aufſtändiſchen hatten, um den Gegner das Vorrücken noch mehr zu erſchweren, zudem an viele Stellen verborgene Pfähle als Fußangeln, mit der Spitze nach aufwärts in die Erde getrieben, ſo daß man nur vorſichtig Schritt für Schritt weiter kam; doch ſo weit das Auge reichte, war keines Menſchen Spur zu entdecken, keine Wache, kein Auslug zeigte ſich, es ſchien, als werde der drohende Anmarſch nicht einmal beachtet. So wurde eine Strecke von etwa fünfzehnhundert Schritten zurückgelegt, ohne daß eine Stockung einge⸗ treten wäre. Da zuckten plötzlich auf etwa hundert Schritte zur Rechten des Quarrés verrätheriſche Blitze auf. Ein mit Buſchwerk begrenzter Graben zog ſich dort in die Flanke der Marſchcolonne, die ſofort hielt und ihre Aufmerkſamkeit nach jener Seite richtete. Einzelne Geſtalten bewegten ſich nun hinter dem Ge⸗ büſche; war es, daß die Empörer, durch ihre Erfolge allzu ſicher gemacht, die Deckung verſchmähten, oder hatten ſie überhaupt die Abſicht, den Angreifern die erſte Decharge zu entlocken, ſie verbargen ſich nicht 134 einmal, als der Colonel die Schützen aus der Colonne⸗ treten und gegen den Graben Front machen ließ. Alles war auf den Erfolg der neuen Waffe geſpannt. Noch einen Moment und dann krachte die Decharge. Sie wirkte wie ein Signal. Hunderte und Hun⸗ derte wilder Geſtalten tauchten urplötzlich aus den Hecken und hinter dem Buſchwerk auf, und wie eine Schaar von der Hölle ausgeſpieener Teufel kamen ſie, ihre lan⸗ gen Lanzen ſchwingend, unter wildem Geheul blitz⸗ ſchnell auf das vorderſte Quarré zugerannt. Diesmal aber hatten ſie ſich in ihrem taktiſchen Kunſtgriff ver⸗ rechnet. Während ſie die Gegner noch mit dem Laden beſchäftigt glauben mochten, krachte ihnen ſchon die zweite Salve entgegen. Einen Augenblick ſtutzten ſie, aber immer neue Schaaren ſprangen aus dem Graben, und ihrer Ueberzahl gewiß, ſtürzten ſie ſich von Neuem mit barbariſchem Rachegeſchrei vorwärts. Doch die dritte, die vierte, die fünfte Salve folg⸗ ten raſch nacheinander, ein ſolches Feuer vermochten ſie nicht auszuhalten. Viele waren zu Tode getroffen, die Anderen, wie von paniſchem Schreck ergriffen, kehrten den unabläſſig feuernden Gewehren den Rücken. Nur einige Wenige ſetzten todesmuthig ihren Lauf fort und ſtürzten ſich, wie von wilder Raſerei getrieben, in die ſtarrenden Bajonnete. 1 135 Ein nicht endenwollendes§ urrah der Colonne be⸗ gleitete dieſe erſte Waffenthat, mit der die geſunkene Zuverſicht ſich wieder hob. Der Erfolg war, im Ver hältniß zur geringen Zahl der im Feuer geweſenen Schützen, überraſchend; von den Balineſen war nichts mehr zu ſehen, außer den wenigen unmittelbar vor der Front liegenden Leichen, die übrigen waren auf dem Rückzuge, gleich den Verwundeten, mit fortgeſchleppt worden. Unter dem Expeditions⸗Truppen befand ſich ein einziger Verwundeter. Der Jubel war begreiflich. „Als wenn wir wer weiß was geleiſtet hätten!“ brummte Randhof Albot, der neben ihm ſtand, zu. „Die Maſchine hat eben den Sieg davongetragen, wie ſie ſeit nahezu vierhundert Jahren, rings um den Erd⸗ ball vorſchreitend, den Sieg davonträgt und die min⸗ der geſchickten Völkerſchaften unterjocht.“ „Und gilt der Sieg der Intelligenz weniger, als der perſönlichen Muthes?“ warf Paul ein.„Die Tapferkeit unſeres Gegners fußt auch nur auf dem Glauben an ſeine Uebermacht.“ „Ja, ja, das Ding an ſich! Der Menſch iſt eine feige, mordluſtige Beſtie, die ſich nur aus Verzweiflung vorwagt, wenn ſie nicht überzeugt iſt, die Stärkere zu ſein.“ 136 Die Crörterung konnte vor der Hand nicht fortge⸗ ſetzt werden, da die Colonnen ſich wieder in Bewegung ſetzten. Bald hatten ſie die Oſtſeite des erſten Kam— vongs Dentjarek erreicht, aus welchem vereinzelte Schüſſe fielen, ohne jedoch bedeutenden Schaden anzurichten. Nur ein Officier und ein inländiſcher Soldat wurden tödtlich getroffen. Colonel de Brabant ſtellte hier an die Truppen die Frage, ob ſie gewillt ſeien, den Ort mit Sturm zu nehmen, und einſtimmig erklärten ſich Alle mit Be— geiſterung dafür, wenn die Schützen indeſſen das Ter⸗ rain ſäubern wollten. Ein ſehr breiter, mehrere Klafter tiefer Graben mit dicht bewachſenen ſteilen Rändern war zu überſchreiten. Während die Vorderfront des erſten Quarrés hinabkletterte, beſtrichen die flinken Büch⸗ ſen die Gebüſche der anderen Seite, und in das Knat— tern der Salven dröhnten die Schüſſe zweier aufgefah⸗ rener Haubitzen, welche in die über zehn Schuh hohen Außenmauern Breſche legten, um den Einblick in den Kampong zu öffnen. Die Schüſſe von jenſeits waren bereits wieder verſtummt, der Vertheidiger zeigte ſich nicht, und es hatte den Anſchein, als habe er den Platz ganz ge— räumt. Unbehelligt konnten die Quarrés den Graben überſetzen und in das Innere des Kampongs eindringen. 137 Sofort flammten zur Rechten und Linken die leicht entzündlichen Bambushütten auf, indeß die Colonne zwiſchen den hohen Mauern, welche die einzelnen Ab⸗ ſchnitte eines jeden Kampongs einſchließen, gegen Weſten vorrückten. Bei der erſten Theilung verfolgte jedoch nur das dritte Quarré dieſen Weg, die beiden vorderen ſchwenkten gegen Süden in eine Gaſſe ein, die von dem ausgetrockneten Rinnſale eines Baches gebildet wurde und nur eine Klafter Breite hatte, ſo daß die Linien des Quarrés ſich brechen mußten und Alles, theils durch die Oertlichkeit gezwungen, theils im wach⸗ ſenden Gefühle der Sicherheit, bunt durch einander marſchirte. Niemand dachte mehr an einen möglichen Ueberfall, der doch in dieſer Lage von den ſchrecklich⸗ ſten Folgen ſein mußte; einzelne Geſtalten, die ſich hinter den Mauern oder im Gebüſche zeigten, wurden ſofort niedergeſchoſſen, und raſcher ging die Bewegung vorwärts. Da plötzlich flog ein Ruf der Beſtürzung von Mund zu Mund. Gerade an der Stelle, wo der all⸗ mälig zum Hohlwege ausgetiefte Graben am engſten war, ſtockte die Tôte der Colonne, ein Verhau ver⸗ ſperrte ihr den Weg. Gleichzeitig wurden zu beiden Seiten über den Mauerkämmen eine Menge Lanzen ſicht⸗ bar, deren Träger, durch die gemachten Erfahrungen gewarnt, ſich zunächſt jedoch wohl hüteten, dem Feuer der Truppen ein Ziel zu bieten. Dagegen praſſelte auf dieſe nun mit einem Male ein dichter Hagel ſchwerer Wurfgeſchoſſe nieder, Steine von der Größe eines Men⸗ ſchenkopfes, Lehmziegel, Balken, Mauertrümmer, Alles, was den Vertheidigern eben zur Hand ſein mochte, fand ſeinen Weg über die Mauern heraus auf die Köpfe der eng zuſammengepreßten Soldaten, und der Knäuel wurde immer dichter, da die Vorderſten zurück⸗ wichen, um aus dem Bereiche dieſer Geſchoſſe zu kom⸗ men, während die Nachfolgenden, ſtatt dem Drucke nachzugeben, unbeſonnen vorwärts drängten. Jeder Wurf traf, und immer heftiger entwickelte ſich der furchtbare Hagel. Das Geheul der Balineſen, das Wehgeſchrei der Getroffenen, der Schreckensruf, den unwillkürlich Jeder ausſtieß, einten ſich zu einem grauenhaften Getümmel, in dem ſich kein Commando, kein Signal Gehör zu verſchaffen vermochte. Der Wirr⸗ warr ſtieg von Secunde zu Secunde, die Furcht be⸗ gann ſich der Gemüther zu bemächtigen, die Situation war im höchſten Grade gefährlich, die erſt noch ſo leb⸗ hafte Siegeszuverſicht nahe daran, in Verzweiflung und Flucht umzuſchlagen. Doch ſelbſt dieſe konnte verſperrt ſein, und dann gab es kein Rettungsmittel mehr, denn die Aufrührer ſchenkten Keinem das Leben; was in ihre Hände fiel, wurde unbarmherzig niedergemacht. Das wußte Jeder, und dieſe Ausſicht war keineswegs geeig net, die Stimmung zu heben, die Lage zu entwirren. Aber das Glück des Tages ſollte ſich nicht wen⸗ den. Wie ein Wunder mußte es erſcheinen, als erſt einzelne Schüſſe krachten und bald darauf ein heftiges Gewehrfeuer zu rollen begann, das dem Steinhagel raſch ein Ende machte. Paul, ſelbſt von einem Stein auf die Schulter getroffen, hatte, den Schmerz nicht achtend, Randhof auf eine Stelle des Grabenrandes aufmerkſam gemacht, wo die Mauerkrönung unterbrochen war. Behend ſchwang er ſich die klafterhohe Böſchung hinan, unbekümmert um das Loos, das ihn oben er⸗ warten mochte. Randhof blieb nicht zurück, und auf Paul's Zuruf folgten immer mehr und mehr. Die nur theilweiſe aus Stein aufgeführten Gebäude hatten nach jener Seite keine Umfaſſung, und nachdem die wenigen dieſen Punkt bewachenden Feinde niedergeſtoßen waren, reichte ein kurzes, wohlgenährtes Feuer von dem domi⸗ nirenden Hügel herab hin, die jeder Deckung entbehren⸗ den Feinde trotz ihrer namhaften Zahl in die Flucht zu jagen. An einem Momente hatte das Schickſal der Er⸗ pedition gehangen. Glücklich erfaßt, war er zu ihrem 140 Vortheile ausgeſchlagen. Wem das Verdienſt dabei gebührte, darüber konnte kein Zweifel herrſchen. Capitän Ruiter trat zu Paul heran. „Ihnen verdanken wir dieſen Ausgang“, ſagte er, ihm ſeine Hand bietend. Ich werde Sorge tragen, daß man Sie und Ihre entſchloſſene That nicht ver⸗ gißt.“ Dann wandte er ſich zu Randhof: „Wie ſchade“, meinte er kopfſchüttelnd, welch' tüch⸗ tiger Soldat könnten Sie ſein, Randhof! Aber Sie verhindern ſelbſt, daß man etwas für Sie thun könnte.“ „Es wäre auch kaum mehr der Mühe werth“, verſetzte der Angeſprochene in einem Tone, der den leutſeligen Capitän nicht wenig in Erſtaunen ſetzte. Auch Capitän Henequin trat nun herzu, er ge dachte der Leiſtung aber nur mit flüchtiger Anerken⸗ nung, da er in Eile die unter ſein Commando geſtell— ten Schützen ordnete, um den Weitermarſch gegen den zunächſt gelegenen Kampong Bandjar⸗ die⸗Atas anzu⸗ treten. Die Sonne war indeſſen immer höher geſtie⸗ gen, eine ſengende Hitze machte die Bewegung überau⸗ beſchwerlich; doch noch ehe die zweite Ortſchaft erreicht war, hatte ſich der Himmel raſch umzogen, einer jener kurzen, aber ausgiebigen Gewitterregen der naſſen Jah⸗ reszeit ging nieder, und das Grollen des in den Ber⸗ gen gewaltig widerhallenden Donners geſellte ſich zu bei 141 dem unter ſolcher Begleitung faſt verſchwindenden Dröh⸗ nen des ſchweren Geſchützes, das die Mauern des Kampongs in Trümmer warf. Auch Bandjar die Atas war nach verhältnißmäßig kurzem Kampfe genommen und Colonel de Brabant theilte nun ſeine Streitkräfte, um den Hauptkampong Bandjar⸗die⸗Bawa gleichzeitig von zwei Seiten anzugreifen. Der hartnäckigſte Wider⸗ ſtand mußte hier vorausgeſetzt werden, denn es war der eigentliche Wohnort Idah Madeh Rahi's, und außer⸗ dem befand ſich der heilig gehaltene Tjandi“) Ruhma⸗ Dewa in demſelben. Pfadlos galt es die ſteile, zerklüftete Felſenhöhe hinabzuklimmen, auf welcher der zuletzt genommene Kampong lag. Als die Truppen unten angekommen waren, eröffneten die Geſchütze das Feuer und unter dem Schutze deſſelben wurde, ungeachtet eines gefähr⸗ lichen Pfeil⸗ und Steinhagels, der durch den vorher⸗ gegangenen Gewitterregen hoch angeſchwollene Bach durchſchritten, welcher der Oſtſeite des Kampongs ent⸗ lang ſtröomte. Diesmal waren es die Schützen, die, der übrigen Colonne vorgeſchoben, zuerſt zwiſchen die ummauerten Häuſervierecke einzudringen hatten, und mit geſteigerter Kampfluſt führten ſie ihre Aufgabe in *) Tempel. kühnem Anlaufe durch, ohne ſich von den zahlreichen durch die Luft ſchwirrenden Geſchoſſen auch nur einen Moment aufhalten zu laſſen. Einem unverſchloſſenen großen Thore gegenüber nahmen ſie Stellung, und hier entſpann ſich ein erbitterter Kampf. Das Thor führte zum Hofraume des Kratons— der Reſidenz nämlich des aufſtändiſchen Häuptlings, der hier ſelbſt die Ver⸗ theidigung des letzten Bollwerkes leitete. Der Kraton, ein gleich den übrigen Wohnungen von ſtarken Mauern umſchloſſener Complex nur theil⸗ weiſe ſteinerner, doch etwas anſehnlicherer Gebäude, war von mehreren hundert Balineſen beſetzt, die in wiederholtem Anlaufe ſich auf das kleine Häuflein An⸗ greifer zu werfen ſuchten, aber, von dem unausgeſetzten Schnellfeuer, das ihnen ſchwere Opfer koſtete, einge⸗ ſchüchtert, nicht ſo weit gelangten, um ſich im Hand⸗ gemenge mit dem ſiegreichen Gegner meſſen zu können. In Folge der ſtarken Verluſte ſchien bei ihnen Ver⸗ wirrung einzureißen. Rathlos liefen ſie einzeln oder in Gruppen über den Hofraum, den Kugeln ſo ein ſelten verfehltes Ziel darbietend. Noch einmal ſchienen ſie ſich ſammeln und einen Ausfall wagen zu wollen, aber die Angſt lähmte den Verſuch, die anfeuernden Worte der Führer blieben vergeblich; die nicht getroffen zu Boden ſtürzten, kehrten um und eilten, hinter den 143 Mauern Schutz zu ſuchen. Nur Zwei aus der ganzen Schaar hielten dem Feuer muthig Stand: ein Greis, deſſen lange ſilberweiße Haare bis auf die Hüften herabwallten, und ein Jüngling, der mit dem Gluth⸗ blicke verzweifelten Opfermuthes vorwärts ſtürmte. Nach den erſten Schritten, die er aus dem Thore that, fiel er ſchon von mehreren Kugeln getroffen. Sein greiſer Gefährte dagegen hielt ſich mit drei Schußwunden in der Bruſt und einer im Kopfe heldenmüthig aufrecht. Er ſtimmte einen ſeltſam monotonen Geſang an und tanzte, wie in religiöſer Verzückung, auf das Glied der Schützen zu. Es war ein grauenhafter Anblick — das ſtrömende Blut, die flatternden weißen Haare, die irrſinnig funkelnden Augen. Randhof ſetzte unwillkürlich ſein Gewehr ab und auch die Anderen ſtellten einen Moment lang ihr Feuer ein; es war, als zeige ſich in der That ſchon die Wir⸗ kung des geheimnißvoll beſchwörenden Geſanges, den mit einem Male ein Siegesjubel beendete. Doch der Triumph des greiſen Zauberers ſollte nicht lange währen. An der Fronte angelangt, ſenkte er ſeine große Lanze, die er bis jetzt in mannigfachen Schwingungen um ſein Haupt hatte kreiſen laſſen, und ſich mit voller Wucht vorwerfend, gelang es ihm, einen der Schützen nieder⸗ zuſtoßen und ſich ſo eine Gaſſe zu bahnen, die aber im 144 nächſten Augenblicke ſchon ſein eigener, von Bajonneten durchbohrter Leichnam ſchloß. Die Vertheidiger hatten nur ſo lange gewartet. Der Sturz des Greiſes war ihnen ein Zeichen zur Flucht. Die Schützen überließen die Verfolgung den nachrückenden Truppen, eilten nach dem am Ende der Straße gelegenen, die Reſidenz begrenzenden Alun⸗ Alun*) und wandten ſich nach der in denſelben mün⸗ denden Quergaſſe, um deren Ecke ſchon früher einige verdächtige Burſche geſchielt hatten. Indeſſen war es auch dem dritten Quarré, das die Umgehung ge⸗ macht hatte, gelungen, die an der Straße hinziehenden Gräben zu ſäubern und von Nordoſten her in den Kampong einzudringen, der nun ohne weiteren Wider⸗ ſtand vollends beſetzt wurde. Ein kurzer, letzter Kampf entſpann ſich noch auf den Stufen des an der Nordſeite des Platzes gelegenen, in großem Anſehen ſtehenden Tempels, bald aber fand auch hier die Kugel kein Ziel mehr, und die geſamm⸗ ten Truppen vereinigten ſich wieder auf dem weiten Alun⸗Alun, in deſſen Mitte ein prachtvoller großer Baum kühlenden Schatten bot. 1— *) Hauptplatz der Ortſchaft. 145 Es war einer jener heilig gehaltenen Waringis, welche von ihren mächtigen Aeſten Luftwurzeln zur Erde niederlaſſen, die dann zu neuen Stämmen an⸗ wachſen und allmälig mit ihrem Laubdache einen wei⸗ ten Raum umſpannen, der einen herrlichen Naturtem pel bildet, deſſen Säulengänge und Hallen von einer immergrünen flachen Kuppel überwölbt ſind, unter der zahlreiche Schaaren Schutz und Obdach finden können. Die wundergläubige Phantaſie ſieht in ihnen Wohn— ſtätten überirdiſcher Weſen und erweiſt ihnen beſondere Ehrfurcht, die ſich nicht ſelten bis zu Opfern verirrt, die den ungekannten Gottheiten zuweilen ſelbſt in grau⸗ ſamer Weiſe dargebracht werden. Auch hier hatte es ſicher nicht an ſolchen gefehll. Drei mannesſtarke runde Balken waren an dem Baume auf Klafterhöhe vom Boden befeſtigt, an denen zerfetzte Kleidungsſtücke in einer großen Menge kaum getrock⸗ neten Blutes klebten, wonach ſich auf eine erſt kürzlich ſtattgehabte Hinrichtung ſchließen ließ. Die Menſchen⸗ opfer aber waren den erzürnten Gottheiten nutzlos gebracht, das Heiligthum ſelbſt befand ſich im Beſitze der fremden Eindringlinge, deren vervollkommnete Waf⸗ fen den Sieg in ſo kurzer Zeit errungen hatten. Um fünf Uhr Morgens war die expeditionäre Macht ausgezogen, jetzt ſtand die Sonne im Mittag Byr, Wrak. III. 10 146 und bereits waren drei der feindlichen Kampongs, darunter der Hauptplatz der Rebellen, die Reſidenz des Häuptlings, in ihren Händen und dieſer mit dem Reſte ſeiner Anhänger auf der Flucht. Jubel heerſchte in den Reihen der Truppen, die nunmehr Anſtalten zu einer kurzen, wohlverdienten Raſt trafen. „Wie ſie triumphiren!“ murrte Randhof,„als ob ſie wer weiß welche Schlachten durchgekämpft hätten. Unſerem Zollſchooner allein gebührt der Lorbeer; wäre es ihm nicht gelungen, jene fünfhundert Gewehre auf— zufangen, wer weiß, wo wir ſtänden!“ „Immerhin haben wir's nicht allzu bequem ge⸗ habt“, meinte Paul. „Eine Treibjagd war's, mir grauſt davor.“ „Wenigſtens eine Treibjagd auf Tiger, bei der man ganz leicht ſein Leben einbüßen konnte. Pene⸗ manns, der arme Junge neben Ihnen, könnte davon erzählen, wäre ſein Mund nicht für immer geſchloſſen.“ Randhof zuckte die Achſeln. „Es war ein Irrthum“, erwiderte er mit gedämpſ⸗ ter Stimme, wie im Selbſtgeſpräche.„Der alte Solo⸗ tänzer hatte es offenbar auf mich abgeſehen. Er fun⸗ kelte mich ſo klug mit ſeinen Augen an, als wollte er ſagen:„Komm' Freund, wir gehen mit einander.“ 147 Dann glitt ſeine Lanze an meinem Gewehrlaufe ab und ging dem armen Teufel zu meiner Linken in die Bruſt. Es war ein Irrthum.“ „Nun, ungehalten bin ich eben über dieſen Irr⸗ thum nicht. Da Ihre Ahnungen ſich nicht erfüllt ha⸗ ben, wollen Sie jetzt nicht endlich einen ſtärkenden Schluck?“ „Der Tag iſt noch nicht zu Ende“, ſagte Rand⸗ hof und wies die dargebotene Flaſche düſter von ſich. Da kam Riolle hinzu. „Voilà messieurs, mes amis, le troisieme mous- quetaire!“ rief er ſchon von Weitem und wies mit Stolz auf ſeine Hinterladebüchſe, die er ſammt der dazugehörigen Munition dem Gefallenen abgenommen und mit Zuſtimmung des Capitäns gegen die ſeinige vertauſcht hatte. „Schöne drei Musketiere— in der That nichts weiter als Musketiere“, brummte Randhof ärgerlich. „Jetzt, da der Kerl ſieht, wie wenig Gefahr dabei iſt, will er auch ſeinen Antheil Ruhm holen.“ Paul lachte, Riolle aber warf ſich ſtolz in die Bruſt, und als ob er ſchon vom Morgen an immer in der vorderſten Reihe gekämpft hätte, rief er: 10* —— — 1 4 „Wir aben uns geſchlagen, wie die Héros, wie die lebendige Teufel! Immer avancir, avancir! Hè- las, mes braves, das ſein der Sonne von Inkerman, der uns beſcheinen! Nur ein wenig zu eiß! Ik erſt ruhen, wenn ik geholt eine Pajong von die prince Idah. En avant, mes grénadiers!“ Siebentes Kapitel. Der Waringi. Die den Truppen gegönnte Ruhe währte nur kurze Zeit. Ehe die Stunde um war, wurde das eine Bataillon und die Schützenabtheilung, deren wackerer Haltung hauptſächlich der Erfolg des Tages zu danken war, nach der, durch einen kleinen Fluß vom Haupt⸗ kampong getrennten Ortſchaft Kalie⸗anget entſendet Die Zurückgebliebenen ſuchten ſich mittlerweile in den vom Feuer verſchonten Häuſern ſo wohnlich als möge lich einzurichten. Einzelne Abtheilungen durchſtreiften die Gehöfte, um allenfalls zurückgebliebene Feinde aus ihren Ver⸗ ſtecken aufzuſtöbern, hauptſächlich aber zum Zwecke der Proviantirung. Hühner wurden zuſammengefangen, Schweine niedergeſchoſſen und was ſich ſonſt noch an 150 Lebensmitteln vorfand aufgeleſen. Zu plündern gab es in den von ihren Bewohnern geräumten Häuſern nichts, da dieſe armen Volksſtämme keine Koſtbarkeiten beſitzen und ſelbſt die wenigen Einrichtungsſtücke von der urſprünglichſten Einfachheit ſind. Kaum daß die nöthigen Kochgeſchirre zuſammengebracht werden konnten. Eine dieſer kleinen Fouragir⸗Colonnen drang un⸗ ter Führung des Lieutenants van Duizenbeek auch in den Kraton ein. Es war ein Wall von Leichen zu überſteigen, um zu den Gebäuden zu gelangen. Ein grauenerregender Anblick, wie hier der Tod ſeine Ernte gehalten. Scheue Angſt grimme Wuth zeigten ſich noch auf den erſtarrten Geſichtern, die meiſten aber trugen den Aus⸗ druck lähmenden Entſetzens. Niemand dachte daran, den Gefallenen ein Grab zu bereiten. Van Duizen⸗ beek ſelbſt eilte ſeinen Soldaten voran nach dem Haupt⸗ bau der Reſidenz; ein geheimer Gedanke leitete ihn, eilend durchſtürmte er die kahlen Räume, aber was er ſuchte, gelang ihm nicht zu finden. Keine lebende Seele ſchien zurückgeblieben zu ſein, und im Unmuthe über die verfehlte Durchſuchung gebot er, den Kraton in Brand zu ſtecken. Schon leckten die Flammen an den leicht brenn⸗ baren Säulen, Wänden und Stützen empor und er⸗ 151 faßten die nur aus Palmblättern, Reisſtroh und Bam⸗ bus beſtehenden Dächer, von denen im Nu eine wir⸗ belnde, faſt rauchloſe Feuerzunge emporſchlug, ſchon ſahen ſich die Soldaten gezwungen, an den eigenen Rückzug aus dem raſch um ſich greifenden Flammen meere zu denken, als van Duizenbeek einige wilde Klagerufe zu vernehmen glaubte, die aus einem bis jetzt unbeachtet gebliebenen, abſeits liegenden Häuschen zu kommen ſchienen, das er für einen Stall gehalten hatte. Es waren weibliche Stimmen, die ſich hatten vernehmen laſſen, und raſch eilte van Duizenbeek, von einigen ſeiner Leute gefolgt, auf das kleine Seitenge⸗ bäude zu, deſſen verrammelte Thüre alsbald mit ein paar Stößen geöffnet war. Ein Lächeln des Trium⸗ phes flog über ſeine Züge, hier hatte er doch noch entdeckt, was er ſich ſchon entſchlüpft wähnen mußte. In einem niedrigen, durch ein winziges Fenſter nur ſchwach erhellten Gemache, das für gewöhnlich vielleicht zur Aufbewahrung von Milch und anderen kühl zu haltenden Lebens mitteln diente, kauerten vier oder fünf verhüllte Frauengeſtalten zitternd in einer Ecke um einen im erſten Moment nicht ſofort erkenn⸗ baren Gegenſtand, der regungslos auf der Erde lag. „Ei, da finden wir ja das Taubenneſt!“ lachte van Duizenbeek, und der Scherz erweckte ein rohes Echo bei ſeinem Gefolge. Die Soldaten eilten auf die ſich ſcheu Zuſammendrückenden zu und zogen ſie mit brutaler Zärtlichkeit aus ihrem Verſteck. Ein ein⸗ ziges der Mädchen war bei Annäherung der Eindring⸗ linge aufgeſprungen und blickte ihnen, einen Krys in der kleinen Hand ſchwingend, furchtlos und trotzig entgegen, als ſei es bereit, den bewachten Leichnam mit dem eigenen Leben zu vertheidigen. Denn die Leiche eines Mannes oder wenigſtens deſſen bewußt⸗ loſer, mit Blut überſtrömter Körper war es, vor den das Mädchen ſo muthig hintrat. In van Duizenbeek's Augen blitzte ein Strahl tückiſcher Freude auf. Geſchickt wich er dem Stoße aus und faßte die bewaffnete ſchwache Hand. „Sieh' da, meine Ahnung hat mich nicht getäuſcht!“ rief er munter und ſetzte dann in malayiſcher Sprache hinzu:„Ich habe Dich geſucht, kleine Prinzeſſin, Toch⸗ ter Idah Madeh Rahi's. Komm' mit mir, wir brau⸗ chen Geiſeln.“ Mata⸗bunga— denn dieſe war es in der That— zuckte beim Klange ſeiner Stimme beſtürzt zuſammen. Jetzt erſt erkannte ſie, in weſſen Gewalt ſie ſich befand. Zu ſtolz, um die Möglichkeit einer Niederlage voraus⸗ zuſetzen, hatte der Bedana ſeinen Haushalt nicht gleich den anderen Bewohnern des Kampongs vorher ſchon 153 in die Berge geflüchtet. Als die Truppen der Expe⸗ dition ſo unerwartet raſch vorrückten, war es faſt zu ſpät dazu, überdies weigerte ſich Mata⸗bunga, den Vater zu verlaſſen; mit einigen Dienerinnen und Be⸗ daja's“) blieb ſie im Kraton und zog ſich erſt in das gemauerte Häuschen zurück, als die Kugeln ſo mör⸗ deriſch durch den offenen Thorweg hereinpfiffen. Waren Muth und Vertrauen bei den Rebellen ſchon nach den erſten Mißerfolgen geſunken, ſo ſchlugen ſie völlig in tödtlichen Schreck und wilde Flucht um, als der Häuptling bei dem letzten Ausfallsverſuche ſelbſt von einer Kugel in die Schulter, von einer zwei⸗ ten am Kopfe getroffen, taumelte und zu Boden ſank. Der Kampf war ſchon vorüber, ein Moment der Ruhe eingetreten, als Mata⸗bunga ſich in den Hof⸗ raum wagte, um nach ihrem Vater zu ſuchen, den ſie fallen geſehen. Die meiſten ihrer Gefährtinnen ergriſ⸗ fen nun ebenfalls die Flucht, nur einige wenige blie⸗ ben und halfen ihr den anſcheinend Lebloſen in das Verſteck tragen. Idah Madeh Rahi regte ſich nicht, aber das Klopfen ſeines Herzens verrieth der ängſtlich Lauſchenden, daß doch noch Leben in dem Körper ſei. Alle Belebungsverſuche ſchienen jedoch erfolglos bleiben *) Tänzerinnen, die von Privaten gehalten werden. — ——ʒ 154 zu wollen. Inzwiſchen hatte ſich der Hof wieder mit den Leuten van Duizenbeel's gefüllt. Die Mädchen hielten ſich ſtill und es ſchien faſt, als ſollten ſie den Nachforſchungen entgehen, bis der Schreck beim An⸗ blicke des auflodernden Feuers einer der Dienerinnen jenen Schrei entriß, der die Aufmerkſamkeit des Lieute⸗ nants auf dieſen unbeachtet gebliebenen Schlupfwinkel lenkte. Wie eine Löwin vor das Lager ihrer bedrohten Jungen hatte Mata⸗bunga ſich vor ihren Vater ge⸗ worfen. Dieſe Bewegung aber war von van Duizen⸗ beek ganz anders gedeutet worden, und ohne des auf die Erde hingeſtreckten Körpers nur zu achten, ſuchte er ſeine Gefangene zu umſchlingen und ihr, wie am Tage ſeiner Landung in Java, mit gewaltſamer Lieb⸗ koſung einen Kuß zu entreißen. Dabei aber verſah er es doch, ihre geſchmeidigen Bewegungen zu über⸗ wachen, er fühlte mit einem Male einen ſtechenden Schmerz in ſeinem rechten Unterarme und fuhr raſch mit einem Fluche zurück. Der Krys hatte ihn getrof⸗ fen und das Blut rieſelte reichlich aus der Wunde. „Ha, haſt Du auch einen Giftzahn?“ rief er ihr zornig zu.„Immerhin, einen jeden Tropfen ſollſt Du mir mit einem Kuſſe bezahlen! Diesmal entſchlüpfſt — 455 Du mir nicht mehr. Was hindert mich, Dir den Dolch in die eigene Bruſt zu ſtoßen?“ Mit einem rauhen Griffe der Linken riß er die Kabaja des Mädchens entzwei, ſo daß ſie von Bruſt und Schultern herabfiel. Mit lüſternen Blicken wei⸗ dete er ſich an den ſchönen, entblößten Formen, die einem Erzguſſe von hoher, künſtleriſcher Vollendung glichen. Schamhaft kreuzte das Kind die Arme vor der zarten knospenden Bruſt, doch ein ernſter aufblitzender Gedanke ließ dieſes Gefühl ſofort zurücktreten. Haſtig faßte Mata⸗bunga nach dem zerriſſenen Gewande, ein raſcher Blick zur Seite gab ihr die Ueberzeugung, daß ihr Vater noch immer bewegungslos an derſelben Stelle lag. Wie zufällig ließ ſie die Kabaja niedergleiten, ſo daß ſie das blutüberſtrömte Antlitz des Häuptlings und ſeinen Oberkörper bedeckte, und ohne Widerſtreben folgte ſie dann den Soldaten, denen van Duizenbeek zugerufen hatte, die Dirnen mit fortzunehmen, ehe noch das Feuer den Rückweg unmöglich mache. Niemand achtete auf den Todten. Vor dem Thore des Kratons fand noch eine herz— zerreißende Scene ſtatt, die ſelbſt in der Bruſt der rauhen Männer, die derſelben beiwohnten, Mitgefühl erweckte. Die Leiche jenes Greiſes war noch nicht fortgeſchafft, im ſtockenden Blute klebten die langen 156 weißen Haare zuſammen, und es war, als zucke noch immer das irre Lächeln um die bleichen geöffneten Lippen, die mit dem letzten Laute der Beſchwörung verſtummt waren. Bei dieſem Anblicke ächzte Mata⸗ bunga wie von einem tödtlichen Geſchoſſe getroffen dumpf auf und ſank mit ausgebreiteten Armen auf die Leiche nieder. Es war der Vater ihrer Mutter, und wie dieſe hatte auch er ſie nun verlaſſen, der ſie zärtlicher geliebt als ihr eigener Vater. Der Lieutenant mußte ſie mit Gewalt losreißen laſſen. Gleich ihren Gefährtinnen wurde ſie nach dem Tempel Ruhma⸗Dewa gebracht, der für die wenigen Gefangenen, die man bisher gemacht, zum Haftort diente. Von der Zeit erwartete van Duizenbeek die günſtigſte Gelegenheit für ſein Vorhaben, an deſſen Ausführung ihn zunächſt noch ſeine Wunde hinderte, die wie ſich jetzt zeigte, nicht ſo ganz unbedeutend war. Die Sonne neigte ſich ſchon ſtark gegen den weſt⸗ lichen Horizont, als die nach Kampong Kalie⸗anget entſendeten Truppen von ihrem zwecklos gebliebenen Ausfluge nach Bandjar⸗die⸗bawa zurückkehrten. Es hatte ſich nirgends ein Feind gezeigt. Die Häuſer waren leer gefunden worden und brannten jetzt zu Aſche. Dem Beiſpiele der zurückgebliebenen Beſatzung noch neten rung Nata⸗ toffen auf utter, er ſie eißen dem nigen fftort k die deſſen derte, war. weſt⸗ anget benen 157 folgten alsbald auch die Anlangenden. Die vom Feuer bisher verſchonten Gehöfte waren raſch in Lagerplätze für die einzelnen Abtheilungen umgewandelt. In den vorgefundenen Pfannen und Töpfen ſchmorte und bro⸗ delte das Fleiſch friſch getödteter Hausthiere, Reis wurde vertheilt und mitgenommenes„Ding⸗Ding“, das iſt entfettetes und an der Sonne getrocknetes Hirſch⸗ oder Büffelfleiſch, das, in dünne Scheiben ge⸗ ſchnitten, wie Zwieback gegeſſen wird. Die längſt ge⸗ leerten Flaſchen füllte der Proviantmeiſter, der ſich unter den breiten Aeſten des Waringi etablirt hatte, friſch auſ, die Soldaten reinigten ihre Gewehre und raſteten von den ausgeſtandenen Strapazen, und die Offiziere hatten es ſich auf ihren mitgeſchleppten Ma⸗ tratzen im tiefſten Negligé ganz bequem gemacht. „Wahrlich, Sie müſſen zu den ehrwürdigen Ana⸗ choreten gehören, Randhof, die, durch ein Wunder be⸗ kehrt, allen Verlockungen des Fleiſches vom Moment an ſiegreich widerſtehen“, ſcherzte Paul Albot, der unter dem vorſpringenden Atapbache einer Reisſcheune ſaß und damit beſchäftigt war, den Verſchluß⸗Mecha⸗ nismus ſeiner Büchſe einzuölen, während ſein älterer Kamerad beinahe theilnahmslos zwei Schritte weiter in ſeiner Lieblingsſtellung, mit unier den Kopf ge⸗ ſchlagenen Armen auf dem Rücken lag.„Ich geſtehe, daß ich die ſchmorenden Schweins⸗Fricadellen, deren Duft mir höchſt verführeriſch an der Naſe vorüberzieht, am liebſten auf der Stelle halbroh verſchlänge.“— „Toute suite, messieurs! Es fehlen nur noch der letzte élan und ik aben die Ehre zu ſervir le diner!“ rief Riolle, der ſich mit anerkennenswerther Geſchick⸗ lichkeit am Feuer beſchäftigte, herüber, ein Beweis, daß Paul's ſehnſüchtige Blicke ſehr verſtändlich ge⸗ weſen. „Figaro lä, Figaro quà!“ brummte Randhof ſpottend.„Ein vielſeitiges Talent. Iſt ein Koch an ihm verloren gegangen; ich glaube, er könnte aus der nächſtbeſten Areca⸗Nuß eine Omelette backen.“ „Nun, böſe wäre ich darüber nicht. Wenn man ein Dutzend Stunden, belaſtet wie ein Kuli, durch das unebenſte Terrain marſchirt, in Schweiß gebadet, bis zur Bruſt durch Gewäſſer watet und zur Abwechslung wieder durch ein paar Platzregen bis auf die Seele durchweicht wird, dabei vom früheſten Morgen nichts im Magen hat, als ein kleines Stück halbrohes Fleiſch und einen Schluck Genever, dürfte man wohl den be⸗ gründetſten Anſpruch auf ein wenig Appetit und den Schlaf des Gerechten erheben.“ „Hm, ja! Habe aber bei Ihnen auch noch nichts von beginnender Abkehr des Willens vom Leben bemerkt.“ deren vzieht, noch mer!“ eſchick eweis, ch ge⸗ andhof och an ¹s der helung Seele nichts Fleiſch den be⸗ d den nichts 54 N merkt, 159 „Madame, est servil!“ krähte Riolle, ſeinen improviſirten Kochlöffel wie den Stock eines Tambour⸗ Majors ſchwingend. Von allen Seiten eilten die Hung— rigen herbei, doch hielt er gute Ordnung.„L'un après l'autre. Man laſſen ſik ſchöne Zeit, wenn man ſpeiſen bei die„Trois frères provençaux“. Dieſe und ähn⸗ liche Scherze mußten die Ungeduld beſchwichtigen. Was den Appetit betraf, durfte ſich Paul wirk⸗ lich nicht beklagen, er ward, Dank den kochkünſtleriſchen Anlagen des Franzoſen, bald geſtillt; weniger glücklich fügten ſich die Umſtände für den zweiten geltend ge⸗ machten Anſpruch, denn kaum hatte ſich Paul an Randhof's Seite hingeſtreckt und die Augen geſchloſſen, ſo riß ein plötzlicher Trommelwirbel ſie ihm wieder auf. Es wurde Alarm geſchlagen. Die Verwirrung war keine kleine. Die ſich ſchon vollkommen ſicher haltenden Truppen glaubten ſich nun doch noch durch einen Ueberfall bedroht, der bei ihrer momentanen Verfaſſung im höchſten Grade gefährlich werden mußte. Die Gewehre ſtanden in Pyramiden, die Abtheilungen waren zerſtreut; ehe ſie ſich ſammel⸗ ten, konnten ſie ſchon abgeſchnitten ſein. Die unbe⸗ greifliche Sorgloſigkeit, der man ſich hingegeben, hatte zum Glücke nicht die ernſten Folgen, die man befürch⸗ ten mußte; es war ein blinder Alarm, hervorgerufen 160 durch die Annäherung ungefähr eines halben Hunderts Balineſen, die ſich aber nur in die Nähe des Kam⸗ pongs gewagt hatten, um die zurückgelaſſenen Todten mit ſich fortzunehmen und auf die erſten Schüſſe, die gegen ſie abgefeuert wurden, ſchleunigſt wieder das Weite ſuchten. Immerhin aber war man durch den Zwiſchenfall gewitzigt, und Colonel de Brabant for⸗ mirte zur größeren Sicherheit auf dem Aluͤn alun von ſämmtlichen Truppen ein großes Quarré, in deſſen Mitte, eingedenk jenes bekannten, die Gelehrten und die Eſel zuſammenfaſſenden Befehles alle Kettenjungen, Kulis und Boejongen“) mit dem geſammten Gepäcke untergebracht wurden. Er ließ außerdem die den Hauptplatz umſäumenden Mauern einſtoßen, um jede gedeckte Annäherung zu verhindern, und die noch ſtehen gebliebenen Gehöfte in Brand ſtecken. Eine geſchäftige Hand legte ſogar Feuer an den in Mitte des Quarrés befindlichen Waringibaum, den die raſch hinanzüngeln⸗ den Flammen alsbald in eine rieſige Fackel verwan⸗ delten, deren Schein weithin die ganze Umgebung des Kampongs erleuchtete. Inzwiſchen hatte ſich, angeregt durch eine unbe⸗ dachte Aeußerung, die der älteſten Gefährtin Mata⸗ *) Inländiſche Offiziersdiener. 161 derts bunga's entfiel, das Gerücht vom Tode Idah Madeh Kam⸗ Rahi's verbreitet. Der Oberſt wollte ſich von der Ge⸗ odten wißheit überzeugen und entſendete einen Offizier mit die einigen Leuten nach dem ſchon in Aſche geſunkenen tdas Kraton. Aber das Ergebniß dieſer Nachforſchung war den nicht befriedigend. Das Häuschen, in welchem die for⸗ Tochter des Häuptlings entdeckt worden war, hatte von von der Feuersbrunſt nur wenig gelitten; das Dach war deſſen abgebrannt, doch die Mauern ſtanden noch, von einem und Leichnam aber war unter den verkohlenden Balken ingen, nichts zu ſehen, und wo man auch nach dem Rebellen⸗ epäcke führer ſuchte, es blieb vergeblich. Mata⸗bunga ver⸗ e den mochte, auch wenn ſie zu einer Ausſage zu bewegen jede geweſen wäre, keine weitere Auskunft zu geben; ſie ſtehen war über das Verbleiben ihres Vaters ſelbſt in Un⸗ äftige wiſſenheit, nur hegte ſie im Stillen Zweifel gegen die aarrös ausgeſprochene Vermuthung, es ſei den früher heran⸗ ngeln⸗ geſchlichenen Anhängern ihres Vaters hauptſächlich rwan⸗ um deſſen Leiche zu thun geweſen und deren Hinweg⸗ g des bringung ihnen auch gelungen. Der Befehlshaber fühlte Mitleid, doch wiewohl er die übrigen gefangenen unbe⸗ Frauen am nächſten Morgen freizugeben befahl, konnte Mata er gegen das wie ſtumpfſinnig vor ſich hinbrütende Mädchen, wider ſeinen eigenen Wunſch, nicht dieſelbe Milde walten laſſen. Die Tochter des feindlich geſinn⸗ Byr, Wrak III. 11 24——————-— — —nꝛʒé— 162 ten Bedana diente als Geiſel, deren er ſich nicht ent— äußern durfte, ohne ſeine Pflicht zu verletzen. Vom Alun-⸗Alun aus wurden nunmehr auch die Ausgänge des Kampongs durch ſtärkere Abtheilungen beſetzt, die ihrerſeits wieder Wachen, doch nur auf einige Schritte, vorſchoben. Die Rieſenleuchte des brennenden Waringi erhellte das Außenfeld und er⸗ leichterte ſo den Ueberblick, der ſonſt bei der mond⸗ loſen Nacht und dem wolkenbedeckten Himmel vollkom⸗ men gefehlt haben würde. Ermüdet von den Anſtrengungen des Tages ſchlie⸗ fen die Soldaten ſitzend, das Gewehr im Arme. Von Zeit zu Zeit fielen immer wieder einige Schüſſe, denen raſch mehrere folgten, bis Alles kampfbereit ſtand. Immer waren es jedoch nur einzelne Spione, die ſich genähert hatten, und die Truppen wurden ſchon ungehalten über den ſo oft wiederkehrenden Alarm. Es ging ſtark gegen Mitternacht, als nach längerer Ruhepauſe eben wieder einzelne Schüſſe auf der weſtlichen Seite des Kampongs fielen. Nur widerwillig erhoben ſich die aus ihrem Schlummer Geſtörten. Die Schützen hielten den ſüdlichen Ausgang beſetzt. „Abermals ein falſcher Alarm“, äußerte Paul, ohne die Stellung zu ändern. Er lehnte den Kopf auf die beiden das Gewehr umfaſſenden Hände, das 163 ſo als Stütze dienen mußte. Aber ſchon im nächſten Augenblicke ſtand er auf den Beinen. Den erſten Schüſſen waren mehrere gefolgt, jetzt fiel eine Salve und unmittelbar darauf rollte in den Bergen das Echo eines Haubitzenſchuſſes. „Hm! diesmal iſt's Ernſt“, meinte Randhof, indem er ſein Gewehr aufnahm.„Meine Vorahnung hat mich nicht betrogen. Mit dem heutigen Tage geht's zu Ende. Immerhin! Leben Sie wohl, Albot!“ „Wenn es den Teufeln gelingt, da drüben durch⸗ zubrechen und uns in den Rücken zu kommen, brauchen wir kaum Abſchied zu nehmen, wir können dann un⸗ ſere Wanderung in den Orcus gemeinſchaftlich antreten.“ „Ce diable de fusil!“ fluchte Riolle aber ſeine Stimme klang durchaus nicht ſo feſt wie bei der Be— theuerung, ſich Idah Madeh Rahi's Pajong zu holen, mit der er bei den Schützen eingetreten war..... Wenn ik aben ein anderes Gewehr, ik ſtehen mitten im Quarré! Hier nous sommes trop exposés was kann man maken, quand on est si exposé? Im ge⸗ ſchloſſenen Quarré wir würden uns vertheidigen bis auf die letzte Mann. Mais ici, wir ſein abgeſchnitten und verloren, wenn ſie durchbrechen. Das gibt eine grand massacre!“ Es hatte beinahe den Anſchein, als wollten ſeine 3 164 Befürchtungen ſich erfüllen. Furchtbares Geſchrei er⸗ füllte die Luft, Dechargen krachten auf Dechargen, da⸗ zwiſchen donnerte das ſchwere Geſchütz faſt unausge⸗ ſetzt— ein Beweis, daß der Angriff nicht ſo leicht abgeſchlagen war wie bisher. Ja, der Gegner mußte ſogar an Terrain gewinnen, denn der Schall verſtärkte ſich immer mehr, das Feuer kam näher. Doch blieb der nach dieſer Seite vorgeſchobenen Abtheilung nicht lange Zeit zu Erwägungen über ihre Lage, die Riolle nicht ganz ohne Recht exponirt nannte. Der Angriff wandte ſich auch hierher; ganze Schaaren dunkler Geſellen tauchten in der Front und ſeitwärts auf, wie wenn ſie aus dem Boden wüchſen, und in Gefahr, bald auch der Sicherung des Rückens verluſtig zu ſein, mußte das kleine Häuflein doch Alles aufbieten, den drohenden Anlauf zurückzuſchlagen. Von Mund zu Mund, wie ein Lauffeuer, ging die durch einen vom Alun⸗Alun herbeigeeilten Adjutanten zugleich mit dem Befehle zum feſten Ausharren mitge⸗ theilte Behauptung, Idah Madeh Rahi, der fälſchlich Todtgeſagte ſelbſt ſei es, der den Ueberfall leite, und die Nachricht erhielt noch mehr Wahrſcheinlichkeit durch den Umſtand, daß man die feindlichen Reihen entlang einen reich gekleideten Reiter auf einem jener edlen flüchtigen Roſſe dahinſprengen ſah, die von den Häupt⸗ 165 lingen ihrer Schnelligkeit wegen zur Hirſchjagd ver⸗ wendet werden, auf dem gebirgigen Bali aber äußerſt ſelten ſind. Anfeuernd und vortreibend, war die Ge⸗ ſtalt des Anführers bald hier, bald dort und lenkte jetzt die ſtürmenden Schaaren bei dieſem Seitenangriffe, welcher den gegen den weſtlichen Theil des Kampongs gerichteten Hauptanprall unterſtützen und durch Ueber⸗ raſchung einen ſchnellen Erfolg erzielen ſollte. Zum Glücke traf er gerade hier auf die gefürch⸗ teten Schützen. Blitzſchnell hatten ſich dieſe vorwärts geworfen, die Mauerreſte, welche das Bombardement og Einahme des Kampongs ſtehen gelaſſen, beſetzt und eröffneten nun ein ſcharfes, wohlgezieltes Feuer hinter der improviſirten Verſchanzung hervor, das in kurzer Zeit unglaubliche Verheerung in den Reihen der Aufrührer anrichtete, ſo daß es den Stürmenden nicht gelang, den Fuß der Mauern zuerreichen, ſo oft ſie auch mit bewundernswerthem Muthe den Anlauf erneuerten. Endlich trat eine Pauſe im Kampfe ein. Die Angreifer zogen ſich ein wenig zurück und die Schützen ſtellten, um ihre ſchon ſtark zuſammengeſchmolzene Munition zu ſchonen, das Feuer ein, bis die An⸗ näherung des Feindes wieder eine größere Treffſicher⸗ heit gewährte. „Ein paar Mann da in die Mauerlücke!“ befahl 166 der Sergeant und nannte die betreffenden Leute, dar⸗ unter auch Randhof. Dieſer aber wankte und mußte ſich auf Paul ſtützen, der neben ihm ſtand. „Was iſt Ihnen? Sind Sie verwundet?“ Randhof beantwortete des Kameraden beſorgte Frage mit einem Kopfſchütteln und einer Bewegung nach der Magengegend. „Ich ſagte es ja, Ihr Körper würde dieſe rück⸗ ſichtsloſe Enthaltſamkeit nicht ertragen“, ſagte Paul und führte den Schwankenden einige Schritte nach rückwärts zu einem Stamme, auf welchen ſich derſelbe niederließ. Riolle ſprang indeß an die Stelle, welche Rand⸗ hof hätte einnehmen ſollen; er ſchwang ſein Gewehr, wie es die Rebellen mit ihren Lanzen zu thun pflegten. Der Erfolg hatte ihm die ganze Zuverſicht wiedergegeben. „Voyez, mes braves“, rief er mit Emphaſe,„c'est tout à fait la fameuse bataille d'Inkerman. Laßt mik allein und ik vertheidigen dieſen Platz gegen der ganzen Armee de ces diables bruns! Venez, canailles, si vous avez du courage!“ Die Herausforderung wurde faſt auf der Stelle durch ein Geheul der Angreifer beantwortet, als ob ſie Riolle vernommen und verſtanden hätten. Es war aber nur ein Ruf wilder Verzweiflung und heftigen Schreckes, denn mit einem Male erleuchtete der ſchon 167 vor dem Beginne des letzten Angriffes faſt völlig er⸗ loſchene Flammenſchein des verglimmenden Waringi von Neuem weithin das Terrain, ein ſtürzender Aſt loderte noch einmal auf und zerſtreute auf einige Minuten die dichten Schatten der Nacht. Wollte der Reiter, den man für den Bedana hielt, den geſunkenen Muth ſeiner Leute befeuern oder nur im Haß und Grimm, für ſeine Perſon wenigſtens, dem Feinde noch Schaden bringen, genug, er benutzte gerade dieſen Moment der allgemeinen Beſtürzung ſeiner Krieger zu einem kecken Streich, durch den er ſeine eigene Todes⸗ verachtung kundgab. Wie ein Pfeil ſchoß er gegen den Kampong heran. Sein Kuda⸗Burong) ſchien in der That Flügel zu beſitzen; kaum ſtreiften deſſen Hufe den Boden. Nie⸗ mand dachte daran, dem Einzelnen eine Kugel zuzu⸗ ſchicken, er nahte auch viel zu raſch, um überhaupt ein Ziel zu bieten; es ließ ſich nicht ahnen, was er vor⸗ habe. Der Lauf des Pferdes richtete ſich gegen jene Lücke in der Mauer, welche ſoeben erſt beſetzt worden war; unwillkürlich fällten Riolle und ſeine Gefährten das Bajonet, aber der Reiter zeigte keine Luſt, ſich in dieſelben zu werfen. Mit mächtiger Parade hielt er ſein Pferd knapp *)„Vogelpferd“, Name dieſer Gattung. — 168 vor der Mauer an und warf es auf den Hinterhufen mit einem einzigen Ruck herum, zu gleicher Zeit ſauſte der um den Kopf gewickelte Laſſo, den man bisher in dem matten Lichtſcheine nicht wahrzunehmen vermochte, durch die Luft. Ein Schrei, und wie mit einem un⸗ geheuren Satze flog Riolle hinter dem Steine, den er zur Deckung benutzt, hervor und wurde mit raſender Eile hinter dem Davonjagenden hinweggeſchleift. Nun waren die Gewehre raſch an der Backe, ein Dutzend Schüſſe fiel, und einer wenigſtens mußte getroffen haben, denn der Renner bäumte ſich auf, that einen mächtigen Sprung und ſtürzte zu Boden. „Der Bedana! Idah Madeh Rahi!“ hieß es in einem Aufſchrei der Entrüſtung, und ohne einen Befehl abzuwarten, ſprangen Riolle's Gefährten, ohne weiter auf ihre Deckung zu achten, hinter der Mauer vor und ſtürmten nun ihrerſeits auf die Stelle los, wo der Reiter geſtürzt war; als ſie aber dort anlangten hatte ſich derſelbe ſchon unter dem zuckenden Pferde hervorgewunden und war, begünſtigt von der wieder mit dichter Finſterniß niederſinkenden Nacht, ſeinen Verfolgern entſchlüpft. Noch wurden einige Salven auf' Gerathewohl in der Richtung, wo die Aufrührer ſtehen mußten, abgegeben, und da kein neuer Angriff erfolgte, zogen ſich die Schützen wieder in ihre früherere 169 Stellung zurück. Ein Kampf, Mann gegen Mann, ohne daß man den Gegner auch nur zu ſehen ver⸗ mochte, war nicht gerathen, und auch dieſer ſchien, von dem Mißgeſchicke des Führers völlig entmuthigt, den Rückzug angetreten zu haben. Der Ueberfall war an der Weſtſeite gleichfalls abgeſchlagen, nur hin und wieder ein Schuß, der den Nachzüglern gelten mochte, ſchallte herüber; die Haubitzen hatten ihre tiefe Stimme ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr hören laſſen. Beim Scheine einer Bambusfackel wurde der un⸗ glückliche Riolle, den man mit zurückgebracht hatte, unterſucht. Der Laſſo hatte ihn beinahe erdroſſelt, mit der Stirne mußte er gegen einen Stein geſchleu⸗ dert worden ſein; aber gerade der Blutſtrom, der mit der Tactmäßigkeit des Pulsſchlages aus der tiefen Wunde quoll, verrieth, daß noch Leben in dem be⸗ wußtloſen Körper war. Nachdem man ihn nothdürftig verbunden hatte, nahmen ihn zwei Kameraden auf, um ihn nach der auf der Alun-Alun haltenden Ambu⸗ lanz zu bringen. „Schließen Sie ſich an“, rieth Paul, der mittler⸗ weile wieder zu Randhof getreten war und ihn noch ſchwach zurückgelehnt fand.„Sie bedürfen der Nahrung und des Schlafes, Freund.“ Des Schlafes! des Schlafes!“ nickte Randhof. II ———— 1————— ——— 170 „Aber er will nicht kommen. Wieder ein Irrthum ge⸗ weſen. Heute ſchon der zweite. Und es ſollte keinen Zufall geben?! Sehen Sie, hätte Riolle es nicht ſo eilig gehabt mit ſeinem Bramabaſiren, wäre ich daran⸗ gekommen. Es war ſpaßig, wie der Kerl ſeinem Pa⸗ jong nachjagte. Hm, iſt ſchade um ihn, er raſirte gut, aber er war einmal für den Strick beſtimmt.“ „Hoffentlich iſt er zu retten.“ „Nun, mir gleich. Eigentlich hat's ja doch mir gegolten. Seltſam, ſage ich Ihnen, zwei Irrthümer! Und Mitternacht iſt's. So war's doch nichts mit dem heutigen Tage. Sonderbar, ich habe es doch ſo be⸗ ſtimmt gefühlt! Für dieſe Nacht wenigſtens dürften die Kerle Ruhe geben, und ſo wird's freilich nichts mehr. Sie haben Recht, Albot“, lachte er höhniſch auf,„wenn man nicht ſterben kann, muß man zu leben ſuchen. Geben Sie mir ihren Arm, helfen Sie mir weiter, ich meinte, es würde zureichen, was ich noch an Kraft hatte, aber die Lampe will ihr Oel. Bei der Ambulanz wird wohl ein Schluck Gin zu haben ſein— und noch einer, und noch einer. Man gewöhnt ſich an das Zeug.“ Paul reichte dem Entkräfteten ſeinen Arm und folgte Riolle's Trägern. „Wäre nicht ſo übel geweſen“, brummte Randhof 171 nach einigen mühſam zurückgelegten Schritten,„in einem anſtändigen Duelle zu fallen. Die günſtige Ge⸗ legenheit hätte der Freiherr von Randhof nicht ver⸗ ſäumen ſollen. Weiß zwar nicht, ob ſo ein malay'ſcher Prinz einem deutſchen Barone vollkommen ebenbürtig iſt, aber turnierfähig iſt er gewiß, und ein Reiter iſt der Bedana, gleich dem gewandteſten Beduinen⸗Scheikh.“ „Ich glaube nicht, daß es der Bedana war“, fiel Paul ein. Randhof fragte, aber er hatte die Frage ſofort auch wieder vergeſſen, und der Moment eignete ſich überhaupt nur wenig, eine eingehende Antwort darauf zu geben. Paul hätte dann vor Allem jener ſeltſamen Begegnung am erſten Abend in Meeſter⸗Cornelis erwähnen müſſen, um ſeine Schlußfolgerung klarzu⸗ legen. Der Name Idah Madeh Rahi war damals zu flüchtig an ſeinem Ohre vorübergegangen, als daß er ſich deſſelben entſonnen hätte, da die erſten Nachrichten von dem Aufſtande des Diſtrictes der Inſel Bali nach Batavia gelangten. Von den Combinationen Eeck⸗ hoorn's wußte er nichts, ſo war es ihm bis zum Mo⸗ mente fremd geblieben, daß er demſelben Manne feind⸗ lich gegenüberſtand, welcher vor wenigen Wochen noch in abergläubiſcher Dankbarkeit ſein Leben durch eine — 172 koſtbare Gabe zu beſchützen meinte. Mehr zum An⸗ 1 denken als zur Vertheidigung trug er den Dolch J wohlverborgen am Leibe bei ſich, ohne zu ahnen, daß. er vielleicht in die Lage kommen könne, ihn gegen r deſſen früheren Beſitzer ſelbſt zu zücken. Vor einigen Minuten erſt hatte ſich ihm alles Erlebte zum Auf⸗ dämmern des Zuſammenhanges verknüpft. Die grelle 4 Beleuchtung, welche auf die Züge des kühnen Reiters 9 im Momente ſeines Stillehaltens vor dem in's Auge gefaßten Opfer fiel, weckte in Paul die Erinnerung an den Häuptling und ſeine Tochter, aber nicht in des Erſteren Antlitz meinte er zu ſchauen, ſondern in die haßglühenden Augen jenes einſylbigen Begleiters, der ſich an Mata bunga's Seite gehalten hatte. Die Rolle, die er damals geſpielt, war eine zu unterwürfige ge⸗ weſen, als daß Paul ihn für den eigentlichen Rebellen⸗ häuptling halten konnte. War nun Idah Madeh Rahi wirklich todt oder, wie behauptet wurde, entkommen, den Ueberfall hatte nicht er ſelbſt geleitet, und waren Pferd und Tracht die ſeinen, ſo mußte es ein Anderer geweſen ſein, der die Rolle, wer weiß zu welchem Zwecke, geſpielt. Paul verſchob es auf den anderen Morgen, ſeine 11 Bedenken Randhof mitzutheilen. Sie waren auf dem Alun-alun angekommen und traten in das noch immer 173 in einiger Unordnung befindliche Quarré, in deſſen Mitte der ſchon ganz verkohlte Stamm des ſchönen Rieſenbaumes glimmte. Kaum einige Schritte davon war die Ambulanz aufgeſchlagen. Es gab mehrere Verwundete, auch Riolle wurde übergeben. „Hm! mir iſt ſchon wohl bei dem Gedanken an einen gehörig tiefen Zug aus der Flaſche“, verſuchte Randhof zu ſcherzen, indem er Paul die Hand bot. „Thorheit, ſich zu kaſteien; Wir ſind doch Narren bis zum Ende und ſpielen mit uns ſelbſt Comödie; das Ding an ſich, Freund! Leben Sie wohl, das Ding an ſich.“ Sein heiſeres, ſarkaſtiſches Lachen klang Paul noch in den Ohren, als er ſchon mit ſeinen beiden Kame⸗ raden, die Riolle getragen hatten, wieder auf dem Rück⸗ wege nach dem Poſten war. Da krachte es auf einmal in ganz eigenthümlicher Art. Ein wildes Durcheinanderſchreien vermochte doch das darauf folgende Praſſeln nicht zu übertönen. Paul wandte ſich raſch um und that ein paar Schritte zu⸗ rück, der Gedanke an einen erneuten Ueberfall ſchoß ihm durch den Kopf, aber er erkannte ſogleich, daß er ſich getäuſcht. Ein furchtbar ſchönes Schauſpiel bot ſich ſeinem Auge dar. Der durchgebrannte Stamm des heiligen Baumes hatte ſich, wie wenn die aus ————————3xEE —ꝛʒ— 474 ihrer Behauſung vertriebenen Geiſter den Frevel zür— nend rächen und Alles in dem gefeiten Umkreiſe ver⸗ nichten wollten, geneigt und war dann wuchtig und verderbenbringend niedergeſtürzt. Als habe ſich der Krater eines Vulcans geöffnet, ſprühte eine ungeheure Funkengarbe gegen den nächtigen Himmel, der von der zerſtäubenden Feuer⸗Fontaine unheimlich geröthet wurde. Gewaltſam brach Paul ſich Bahn durch die von Schreck und Bewunderung gelähmten Gruppen, bis zur Stelle, wo die verglühenden Reſte des uralten Baumes lagen. Er fragte, rief, forſchte— das Suchen blieb vergeblich. Nicht alle von der zuſammenbrechenden Gluthſäule Bedrohten waren der Gefahr entronnen, ſo raſch ſich auch die Meiſten geflüchtet hatten. Mehrere waren noch geſtreift worden, ſie kamen mit leichten Brand⸗ wunden davon. Drei aber lagen zerſchmettert unter der zerfallenen Gluth, über welche nur noch kleine züngelnde Flämmchen hinhuſchten. Von den Dreien war einer— Randhof. Seine Ahnung hatte ihn doch nicht getäuſcht. Der Tag war zu Ende— und das Leben. Siebentes Kapitel. Das Teſtament. Im großen Militär⸗Hoſpital auf dem Kaſernenweg von Weltevreden lag wenige Wochen nach dem denk würdigen Tage der Einnahme des Kampongs Band⸗ jardiebawa eine namhafte Anzahl der geſund und kampf⸗ luſtig zur Expedition ausgezogenen Soldaten. Schon in Bandjardiebawa, wo die Truppen einige Tage ver⸗ weilten, hatten ſie die Keime bösartiger Krankheiten eingeſogen. Die Luft war verpeſtet durch die große Anzahl halbverbrannter, theils unbegrabener, theils nur flüchtig eingeſcharrter Leichen, durch das Liegenbleiben der Häute und Eingeweide, zahlreicher geſchlachteter Thiere und ſonſtiger Speiſenabfälle, ſowie überhaupt durch die enge Concentrirung ſo vieler Menſchen, die nur durch einige nothdürftig aufgerichtete Baracken — — gegen den furchtbaren Sonnenbrand und faſt gar nicht gegen die heftigen Gewitterregen und die darauf fol⸗ gende Brutwärme geſchützt waren. Typhus, Dyſenterie und Cholera forderten bald ihre Opfer. Die Erkrankten wurden nach einem im⸗ proviſirten Lazarethe in Tebunkus, auf das Spital⸗ ſchiff oder weiter nach Surabaja geſchafft, aber immer wuchſen wieder neue Kranke zu und immer noch durfte der Expeditions⸗Commandant nicht an den Abzug den⸗ ken, bevor die Aufſtändiſchen ſich nicht unterworfen hatten. Kleine Schaaren geflüchteter Balineſen fanden ſich zwar ein und gaben an, daß Niemand mehr an Widerſtand denke, daß es Thorheit ſei, die neuen Höllenmaſchinen, die gar nicht geladen zu werden brauchten, bekämpfen zu wollen, daß der Verluſt des verhängnißvollen Tages allein mehrere hundert Todte betragen habe und Idah Madeh Rahi mit einem nur kleinen Anhange in die Berge der benachbarten Regent⸗ ſchaft geflüchtet ſei— aber zu einer vollſtändigen Be⸗ ſiegung des Aufſtandes gehörte doch vor Allem, daß einer möglichen Wiederkehr derſelben Zuſtände vorge⸗ beugt wurde, und darauf ließ ſich erſt zählen, wenn der kühne Rebellenhäuptling gefangen oder nicht mehr 34 unter den Lebenden war. Colonel de Brabant mußte daher, obgleich —ʒ— 477 ſchweren Herzens, bei ſeiner Aufgabe ausharren, wenn er darüber ſein kleines Expeditionsheer auch vom Siech⸗ thum decimirt ſehen ſollte. Alles, was ſich thun ließ, war das Verlaſſen der allzu ungeſunden Umgebung und die Rückkehr an das Ufer des Meeres nach Tebunkus Unter den der Krankheit Verfallenen befand ſich auch Paul. Sein kräftiger, aber noch nicht an die fremdartigen Verhältniſſe gewöhnter Organismus mußte den ungewöhnlichen Anſtrengungen erliegen. Größere Arbeit als jedem Anderen war ihm zugefallen. Der Einzige in der ganzen expeditionären Truppe, der die Geſchicklichkeit hierzu beſaß, wurde ihm vom Comman⸗ danten die Aufgabe ertheilt, die gewonnenen feindlichen Kampongs und das Manövrir⸗Terrain vom Strande aus für die den Berichten beizulegenden Croquis auf⸗ zunehmen. Der Eifer und die Raſtloſigkeit, mit wel⸗ chen er dieſem Befehle nachkam, hatten ihm zwar die Zufriedenheit und Gunſt des Colonels erworben, gleich⸗ zeitig aber auch das Meiſte dazu beigetragen, ſeine er⸗ ſchütterte Geſundheit ganz zu untergraben. Vom Fie⸗ ber gerüttelt war er auf das Krankenſchiff gegangen. Raſch verfielen ſeine Kräfte, und erſt im Hoſpitale zu Weltevreden erwachte er wieder aus der von Delirien unterbrochenen Lethargie, die wochenlang ſeinen Geiſt gefeſſelt gehalten. Byr, Wrak. III. 12 178 Er meinte, noch eine der Spukgeſtalten ſeiner wil⸗ den Träume zu ſehen, als er beim Aufſchlagen der Augen ein ſanftes, braunes Antlitz erblickte, das ſich beſorgt über ihn neigte. Noch war ſein Kopf zu ſchwach, um ſich alles Erlebten und des ganzen Zuſammenhan⸗ ges zu erinnern, aber er fühlte ſich doch ſicher, dieſes Kindesauge ſchon einmal geſehen zu haben. Die leiſe, wohlklingende Stimme war ihm nicht fremd, wenn auch zu anderer Zeit bei anderer Beleuchtung—— ein ſeltſames Zuſammentreffen in einem fernen heißen Lande, von dem er geträumt.— Ha! das war's!— Mata⸗bunga! Es war aber kein Traum geweſen, kein drücken⸗ der, ängſtigender Alp, aus dem er in ſeiner Heimath erwachte, glücklich im Bewußtſein der unverlorenen, ehrenhaften Stellung, im Beſitze der holden, niemals treulos geweſenen Braut, des ungeſchmälerten Ver⸗ mögens und der vollen, vertrauensfeſten Zukunftshoff⸗ nung. Nein, nein, es war kein Traum geweſen, alle die Verluſte waren wirkliches Erlebniß. Er war weit über's Meer gefahren, er ſtand als der Letzte auf der unterſten Stufe eines fremden Heeres, er lag elend und ſchwach Tauſende von Meilen fern der Heimath in einem Lazarethe, und an ſeinem Lager kauerte ein dun⸗ kelgefärbtes, halbwildes Mädchen, das ihm jetzt vor⸗ 179 ſichtig einen kühlenden Trank einflößte. Es war kein Traumbild— auch Mata⸗bunga lebte. Die Tochter des Bedana, als Gefangene ebenfalls auf das Krankenſchiff geführt, um nach Batavia ge⸗ bracht zu werden, hatte es ſich als eine Gunſt erbeten, den in Fieber⸗Phantaſien Daniederliegenden pflegen zu dürfen, und der hilfreichen Arme waren zu wenig, als daß man die freiwillige Unterſtützung hätte zurückweiſen ſollen. In Batavia ſelbſt wurde auf den Beſitz von Geiſeln weniger Gewicht gelegt, Niemand achtete des ſchwachen Kindes, und es wurde demſelben nichts in den Weg gelegt, als es dem Krankenzuge nach dem Hoſpitale folgte. Warum hätte man gerade Mata⸗ bunga verwehren ſollen, was man doch den Maids der übrigen Erkrankten und Verwundeten geſtattete? Man zählte ſie einfach dieſen bei, die Anhänglichkeit an den Beſinnungsloſen, die Hingebung, mit der ſie ſich ſeiner Pflege unterzog, waren nur geeignet, eine ſolche Annahme zu beſtärken. Zuletzt hatte man faſt ihrer Abſtammung vergeſſen, wenigſtens dachte Nie⸗ mand mehr daran, ſie zu bewachen, als es bei der Rückkehr des von Batavia nach Bali geſendeten Ba⸗ taillons hieß, Ida Madeh Rahi ſei von ſeinen eigenen Leuten ausgeliefert worden. Seine Tochter galt für Paul's Gefährtin, wie etwa Trinel für die Riolle's, 12* —y—————— 180 an deſſen Krankenbett ſich die treue Dirne ſofort nach ſeiner Uebertragung in's Hoſpital ebenfalls eingefunden hatte. Capitän Riolle, genannt le brave, wurde, als er endlich wieder zum Gebrauche ſeiner Sinne und der ſtark lädirten Stimme gelangte, nicht müde, made- moiselle son épouse, die in gläubiger Bewunderung lauſchte, von ſeinen Heldenthaten zu erzählen, die be⸗ ſonders in der letzten Epiſode, durch die ſeine Ver⸗ wundungen herbeigeführt worden waren, Alles weit überragten, was die glorreiche Bataille von Inkermann für ihn ſo denkwürdig gemacht. Die gewandte Darſtellung ließ in dem unbefan⸗ genen Zuhörer faſt die Vermuthung aufkommen, es ſei Riolle geweſen, der den Laſſo geworfen und ſich an demſelben abſichtlich habe nachſchleppen laſſen, um den flüchtigen Häuptling zu ereilen. „Ce coquin de Bedana!“ endigte er jedesmal mit dem Ausdrucke lebhaften Bedauerns.„Er ſein aus⸗ geriſſen, was ſeine Pferd laufen können. Ik war nur zu Fuß; mais S'il n'allait pas si vite, je l'aurais at- trapé!“ Dieſe epiſchen Rhapſodien, die immer wieder an Paul's Ohr klangen, trugen nicht wenig dazu bei, ſei— nen abgeriſſenen Gedankengang wieder zuſammenzu⸗ t n 1841 knüpfen und die Lücken der Erinnerung nach und nach auszufüllen. Mit der wiederkehrenden Geneſung, ſo langſam dieſelbe auch vorſchritt, kamen ihm zuweilen Bedenken über das fernere Verbleiben des Mädchens, das ihm eine ſo treue Anhänglichkeit erwies, er ſprach dann auch zu Mata⸗bunga und deutete auf ihre Rück⸗ kehr hin; da ſie aber jedesmal auswich und ihn mit ſanft bittendem Blicke fragte, warum er ſie denn fort⸗ ſchicken wolle, ſo nahm er an, ſie ziehe es vor, in Ba⸗ tavia und in der Nähe ihres gefangenen Vaters zu bleiben; überhaupt fühlte er ſich zu ſchwach, um auf einem Wunſche nachdrücklich zu beſtehen, auch that ihm die aufmerkſame Pflege ſeiner Wärterin wohl, und ſo ließ er ſie denn ungeſtört walten. Eines Tages erſchien unvermuthet Colonel de Bra⸗ bant im Hoſpital, die unter ſeinem Commando erkrank⸗ ten Soldaten zu beſuchen. Er kam auch in das Zim⸗ mer, in welchem Paul lag. Offenbar hatte der Colo⸗ nel ganz beſonders nach ihm gefragt, denn der dienſt⸗ thuende„Officier van Gezondheit“ geleitete ihn geraden⸗ wegs an das Bett des ſich nur langſam Erholenden. Der Colonel richtete einige Fragen über ſein Befinden an ihn und gratulirte ihm dann zur Beförderung. „Ich freue mich“, ſagte er,„der Erſte zu ſein, der es Ihnen mittheilt, daß Sie Sergeant geworden. — —ʒ—— 182 Sie haben es im Kampong Dentjarek verdient, ich hatte damals keine Zeit, Ihre That anzuerkennen. Und was Ihre Wünſche betreffs der Aufnahme angeht, nun, ſo haben Sie ja ſchon eine ganz hübſche Probe abge⸗ legt, werden Sie nur erſt geſund.“ Im Gefolge des Oberſten befand ſich auch Lieute⸗ tenant van Duizenbeek. Die Wunde, welche er von Mata⸗bunga's Krys empfangen, war längſt geheilt, aber das Wundfieber, das ſie nach den Aufregungen jenes Tages und bei der ungünſtigen Temperatur nach ſich gezogen, hatte ihn zur rechten Zeit verhindert, ſeine gewaltthätigen Pläne auszuführen, und ſo war ihm das Mädchen plötzlich außer Auge gekommen, bis er es in dieſem Momente endlich dort wiederfand, wo er es am wenigſten geſucht hatte. Sein Auge blitzte froh⸗ lockend auf, und einer Regung folgend, welcher nach⸗ gegeben zu haben er alsbald wieder bedauerte, bemühte er ſich, die Aufmerkſamkeit ſeines Vorgeſetzten auf das ſcheu zurückgetretene Mädchen zu lenken. „Das kann wohl nicht fehlen bei ſo viel Sorg⸗ falt“, äußerte er, an den zuletzt ausgeſprochenen Wunſch des Colonels anknüpfend.„Der Herr Sergeant hat ſich die Pflegerin gleich vom Kriegsſchauplatze mitge⸗ nommen. Die Krankheit muß wenigſtens ſeine An⸗ ziehungskraft nicht geſchwächt haben, wenn die Tochter 183 ˙/ — — Idah Madeh Rahi's der Geſellſchaft ihres Vaters ſeine vorzieht.“ Der freundliche Blick des Colonels verfinſterte ſich, er hatte Mata⸗bunga jetzt ebenfalls erkannt, ſie war bei ihm ganz in Vergeſſenheit gerathen geweſen. „Warachting“, ſagte er,„wie kommt es, daß ſie nicht bei dem Rebellenhäuptlinge iſt?“ Sofort aber ſetzte er mit verächtlichem Achſelzucken und unverkenn⸗ barem Mißmuthe hinzu:„Allerdings, ein ſehr natür⸗ licher Magnetismus, der die Feinde in unſer Lager herüberzieht.“ Die ſich ihm aufdrängende Vermuthung mußte ſeinem Wohlwollen für Paut bedeutenden Eintrag ge⸗ than haben, denn er wandte ſich ohne ein weiteres Wort ab und verließ den Saal. Riolle, der ſich ſchon in Reconvalescenz befand, hatte ſich alle mögliche Mühe gegeben, vom Colonel bemerkt zu werden; das war ihm nun allerdings nicht gelungen, dafür aber hatte er van Duizenbeek's Blick auf ſich gezogen. Der Lieutenant war zurückgeblieben, ſchlug den Franzoſen belobend auf die Schulter und erinnerte ſich mit ſcherzhaft übertriebener Anerkennung des allgemein bekannten Abenteuers, was Riolle mit der Miene beſcheidenen Selbſtbewußtſeins, die etwa einen Bayard oder Roland geziert hätte, hinzunehmen α ——B — ——ʒ—— geruhte. Bald waren Beide in ein leiſes Geſpräch verwickelt, während deſſen ihre Blicke wiederholt auf Mata⸗bunga fielen. Es währte jedoch nicht lange, und mit der ziemlich laut gegebenen Verſicherung, daß er für die Berückſichtigung des Verdienſtes Sorge tragen und am rechten Orte ſein Wort einlegen wolle, eilte er den Vorangegangenen nach. Riolle ſchien um einen Schuh gewachſen, er erging ſich ſofort in einer erneuer⸗ ten Recitation des Heldengedichtes, zu dem die ſchwung⸗ volle Aufzählung ſeiner„Thaten“ nach und nach her⸗ angewachſen war, nahm aber die erſte Gelegenheit wahr, Trinel beiſeite zu ziehen und ihr einige vertrau— liche Eröffnungen zu machen. Bei Paul hatten indeß der Beſuch des Colonels, der auffallende Wechſel in deſſen Stimmung und jene Mata⸗bunga betreffenden Bemerkungen die Gedanken wieder wachgerufen, denen er ſchon einigemale gefolgt war. „Sie haben Recht“, ſagte er zu dem Mädchen, das ſich ſeit van Duizenbeek's Erſcheinung furchtſam niedergekauert hatte, als könne es ſich auf dieſe Art vor dem Verfolger verbergen.„Sie haben Recht. War⸗ um gehſt Du nicht zu Deinem Vater? Er bedarf Dei⸗ ner vielleicht im Gefängniſſe.“ Mata⸗bunga ſchüttelte den Kopf, ihr Mund war ——, 185 ganz nahe an Paul's Ohr, ſie bewegte nur leiſe die Lippen, und mühevoll die Worte der fremden Sprache ſuchend, verſetzte ſie flüſternd: „Nicht Gefängniß.“ „Wie?“ fragte Paul erſtaunt,„Idah Madeh Rahi wurde doch ausgeliefert und hierhergebracht. Willſt Du nicht zu ihm, oder was willſt Du ſagen?“ Ihre Augen blickten ihn flehend an, und noch leiſer als zuvor entgegnete ſie: „Nicht verrathen! Nicht verrathen! Rio Saleh, nicht Vater, Rio Saleh gefangen, Idah Madeh Rahi blutig— krank. Nicht verrathen!“ Paul wußte nicht, was er daraus machen ſolle. Bargen dieſe Worte ein Geheimniß, wie dies beinahe anzunehmen war, ſo mochte er es nicht einmal errathen, wie nahe die Löſung vielleicht auch lag, um ſich nicht ſelbſt in den Zwieſpalt zu verſetzen, zwiſchen Pflicht⸗ verletzung und Vertrauensbruch wählen zu müſſen. Die ausweichende Frage, was ihn die Dinge eigentlich an⸗ gingen, mochte nicht ganz gerechtfertigt ſein, er konnte ſich das wohl nicht verhehlen, aber ein Kranker urtheilt nicht ſo ſtrenge, auch wenn es ihn ſelbſt betrifft, und ſo enthielt er ſich jeder weiteren Nachforſchung. Doch ohne ſein Dazuthun ſchien der Zufall ihn tiefer entweihen zu wollen, denn ſchon am nächſten ——jꝛꝛꝛe— 186 Abende flüſterte ihm Mata⸗bunga, die nur auf ſein Erwachen aus längerem Schlummer gewartet zu haben ſchien, einzelne Worte zu, die mit den Aeußerungen vom vergangenen Tage offenbar in Verbindung ſtanden. Soviel glaubte Paul daraus zu entnehmen, daß ſie Nachrichten von Idah Madeh Rahi empfangen habe; die wenigen malay'ſchen Redensarten, die er ſich eigen gemacht, reichten nicht hin, um eine eingehendere Ver⸗ ſtändigung zu ermöglichen.„Vater ruft!“ Die beiden Worte kehrten immer wieder, doch ſo zögernd ſie ſich verabſchiedete, nichts ließ vermuthen, daß ſie gehen wolle, um nicht wieder zurückzukehren. Erſt als die Nacht vergangen war und auch der ganze folgende Tag, ohne daß ſich Mata⸗bunga wieder zeigte, wurde Paul unruhig. Er hatte ſich doch an das ſanfte Auge, die kindlich ruhigen Züge ſeiner Pflegerin gewöhnt und konnte ſich ihr Ausbleiben nicht erklären. Vergebens fragte er ſeine Umgebung nach ihr. Man hatte ſie nicht geſehen, auch daß ſie mit irgend einem Fremden verkehrt hätte, war nicht bemerkt worden. Niemand als Trinel habe mit ihr geſprochen. Obwohl Riolle ſammt ſeiner Maid das Hoſpital kurz nach dem Be⸗ ſuche des Colonels verlaſſen hatte, war Trinel doch anderen Tages noch einmal aus dem Campement ge⸗ kommen, einige vergeſſene Kleinigkeiten abzuholen; bei 187 dieſer Gelegenheit hatte ſie einige Worte mit Mata⸗ bunga gewechſelt, ſonſt war dieſe nicht vom Lager des Schlafenden gewichen. Kein günſtigeres Reſultat hatte die Nachfrage, die Paul im Gefängniß des Bedana anſtellen ließ. Die Tochter Idah Madeh Rahi's war dort nicht geſehen worden. Man mußte endlich annehmen, daß ſie, einem Befehle ihres Vaters Folge leiſtend, in's Innere des Landes oder nach Bali geflüchtet ſei. Was nun aber auch die Wahrheit ſein mochte— Mata⸗bunga blieb verſchwunden, und im Grunde kümmerte ſich Niemand viel darum, ſelbſt Paul, wenn er ſie auch anfänglich vermißte, hatte ſie doch bald vergeſſen. Nur einmal wurde er noch an ſie erinnert, und zwar durch Riolle, der eines Sonntags im Hoſpital erſchien, ſich dem Leidensgefährten in ſeiner neuen Würde vorzuſtellen, denn auch er war nicht lange nach ſeinem Einrücken zur Truppe„in Anerkennung ſeiner Tapferkeit und ſonſtigen dienſtlichen Verwendung“, wie van Duizen⸗ beek es ihm verheißen hatte, zum Sergeanten befördert worden. „Si j'avais été sage!“ meinte er.„Capitaine, nicht Sergeant, Capitaine wäre ik nok— mais vous connaissez les choses, eine Sake, wie aben Sie auk erlebt, mon ami, et ce pauvre baron Randoff! Ik 188 aben niemals eine Bart geſehen, ſo dick wie die ſeinige. Mais dites-moi donc, mon cher, wo aben Sie der kleinen braunen Prinzeſſin?“ und als er gehört hatte, was Paul ſagen konnte, da nahm ſein verächtliches Achſelzucken kein Ende.„Sie ſein gewiß fortgelaufen“, wiederholte er.„Eine leikte Perſon, Trinel war immer von dieſe Meinung.“ Die Mißſtimmung, welche dieſe Aeußerungen bei Paul hervorriefen, ſchloß ihm ganz und gar den Mund. Was ſollte er auf eine Anſchuldigung von dieſer Seite erwidern? Fühlte er auch keinen Beruf, ſich zum Ver⸗ theidiger des verſchwundenen Maädchens aufzuwerfen, ſo regte ſich doch eine gewiſſe Theilnahme für das Schick⸗ ſal derjenigen, deren liebevoller Fürſorge er hauptſäch⸗ lich die Wiederkehr ſeiner Geſundheit verdankte. Er hielt das Kind keiner leichtfertigen Handlung fähig, und es ſchmerzte ihn ſchon der Gedanke an eine ſolche Möglichkeit. Daß Mata⸗bunga ein Unglück widerfah⸗ ren, daß ſie das Opfer einer Nichtswürdigkeit ſein könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Er vertraute zu ſehr der Gewandtheit und inſtinctiven Schlauheit die⸗ ſer Naturkinder. Zudem kamen bald Ereigniſſe, die jede Erinnerung an jenen Zwiſchenfall in den Hintergrund drängten. Colonel de Brabant hatte Wort gehalten, was —— 189 ge. er auch von Paul's Moralität denken mochte. Schon der nach kurzer Zeit erhielt der Letztere die Weiſung zu⸗ te, geſtellt, ſich, ſobald er aus dem Hoſpitale entlaſſen ſei⸗ es in Batavia auf dem topographiſchen Bureau zur Prüf⸗ 15 ung einzufinden, die in der Regel außer in einer theo⸗ er retiſchen Frageſtellung noch im Abzeichnen einer Karte V und in der Aufnahme eines angewieſenen Terrains bei beſtand und drei Monate zu währen hatte. Die Hoff⸗ nd. nung, endlich in eine beſſere Lebensſtellung zu gelangen, eite hob alle Seelenkräfte und förderte ſelbſt die körperliche er⸗ Geneſung, wenn auch die Schwäche und Ermattung ſo nicht ſo raſch ſchwinden wollte, als Paul's Ungeduld ick es gewünſcht hätte. ich⸗ Endlich kam mit dem neuen Jahre auch der Tag, Er an dem er, wenngleich noch nicht vollkommen dienſt⸗ hig, fähig, doch die Erlaubniß erhielt, das Lazareth zu ver— lce laſſen. Sein erſter Weg jedoch führte ihn nicht in das ah⸗ topographiſche Bureau, ſondern in das von Doktor ſein Déluzet und Comp., wohin er durch ein höflich abge⸗ „u faßtes Geſchäftsſchreiben der genannten Firma zu einer de gelegentlichen Beſprechung eingeladen worden war. Das Local befand ſich in der alten Stadt Batavia ung ſelbſt und ſchien dem malay'ſchen Kutſcher ſehr gut be⸗ kannt, denn er ſetzte ſeinen Fahrgaſt an der Thüre ab, ohne erſt Nachfragen anſtellen zu müſſen. Mijnheer wa⸗ — —ꝛʒ— 190 Déluzet empfing Paul mit großer Würde, zugleich aber mit einem Aufgebote von Artigkeit, die er ſicherlich nicht dem Soldatenrocke, ſondern nur dem einträglichen Clienten erwies, der von Paul repräſentirt wurde. Er verſtieg ſich ſogar zu einem Ausdrucke ſeines Bedauerns über die Erkrankung des Letzteren, die eine frühere Erledigung der fraglichen Sache verhindert habe, und ſprach ſeine Hoffnung aus, daß ſich der Herr Sergeant fernerhin der beſten Geſundheit zu erfreuen haben möge. Endlich händigte er Paul, nicht ohne Feierlichkeit und im Beiſein des Compagnons, ein kleines an ihn adreſ⸗ ſirtes Packet ein. Es enthielt, wie Paul ſchon voraus⸗ geſetzt, ein Schreiben Randhof's, das ihn zum Teſta⸗ ments⸗Vollſtrecker ernannte und mit folgenden Zeilen ſchloß: „Für die Mühe, die Herrn Paul von Albot aus dieſer Angelegenheit erwächſt, wage ich es nicht, dem⸗ ſelben eine Belohnung anzubieten, aber er möge den hier beigelegten Ring zum Andenken tragen an einen Mann, der ſich unter anderen Verhältniſſen gerne ſeinen Freund genannt hätte. Das Medaillon hingegen bitte ich ihn ebenfalls ſo lange zu bewahren, bis es gelungen, meine Tochter aufzufinden, der es dann zur Erinnerung an ihren Vater eingehändigt werden mag.“ Erſchüttert gedachte Paul jenes Tages, an welchem 191 Randhof ihm die Geſchichte ſeines traurigen, abwärts führenden Lebensweges erzählt hatte, und der Nacht, wo die Ahnungen des zu Tode Ermüdeten in ſo ſelt⸗ ſamer Weiſe in Erfüllung gegangen waren. Es hatte ihn ſchon am Grabe, das man dem Entſeelten am nächſten Morgen grub, ein tiefer Schmerz beſchlichen, als ob er mehr verloren hätte mit dem geſchiedenen Kameraden, den er ja doch nur wenige 2 Bochen gekannt. Jetzt, nachdem er deſſen Abſchiedsworte durchleſen, em⸗ pfand er, daß auch er ſich zu dem Todten inniger hin⸗ gezogen gefühlt und daß derſelbe ihm unter anderen Umſtänden, in einer minder gebrochenen Lebensperiode zum Freunde hätte werden können. Was ſie ſchied, war das eigene bedrückende Gefühl Randhoß's von ſeiner Verlorenheit geweſen. Mijnheer Déluzet erbat ſich nun auf das Höflichſte, der Form wegen, wie er hinzufügte, eine Legitimation der Indentität des anweſenden mit jenem als Teſta⸗ ments⸗Vollſtrecker genannten Paul von Albot, und nach⸗ dem dieſer Forderung Genüge geleiſtet war, ſchritten Déluzet und Compagnie zur Eröffnung der geſetzlich deponirten Verfügungen des Erblaſſers. Alles zeigte ſich ganz in Ordnung und wie Randhof es Paul ſchon früher mitgetheilt. Die Nachweiſe über die Identität des Freiherrn Franz Wilhelm Heinrich Randhof zu 192 Randhof und Giebichsheim, eine beglaubigte Abſchrift der die allodiale Erbfolge betreffenden Familien⸗Beſtim⸗ mungen, die Adoptions⸗Urkunde und die notarielle wie ärztliche Beſtätigung der vollen Zurechnungsfähigkeit des Erblaſſers lagen, wie der Advocat verſicherte, in der unanfechtbarſten geſetzlichen Form dem Teſta⸗ mente bei.— Bevor Mijnheer Déluzet jedoch die einzelnen Schrift⸗ ſtücke zur Verleſung brachte, forderte er Paul noch auf, die ihm perſönlich zugewieſenen Andenken an ſich zu nehmen. Er öffnete das Schächtelchen, in welchem ſie aufbewahrt geweſen, und übergab Ring und Me⸗ daillon. 3 Es war ein Ausruf höchſter Verwunderung, der ſich Paul's Bruſt entrang, als er des Ringes anſichtig wurde. Ein einfacher Reif mit drei ſeltſam geſtellten Steinen— die in ihren Farben: roth, blau und milch⸗ weiß, wahrſcheinlich an das Wappen der Freiherren von Randhof erinnerten— trug auf der Innenſeite in deutlicher Gravirung den Namen„Friederike.“ Paul faßte haſtig nach dem nicht ſonderlich koſt⸗ baren Schmuckſtücke. Wie war ihm doch? Ganz den⸗ ſelben Ring hatte er ja an einer Hand geſehen, die er unzählige Male geküßt, ganz einen ähnlichen Ring hatte er ja ſelbſt beim Juwelier ſchon zu ſeinem Trauringe chrift 71 beſtellt gehabt, als die Kataſtrophe eintrat, die ihm mit lin ſeiner Stellung und ſeinem Vermögen zugleich die Braut un entriß. .„Fühlen Sie ſich nicht wohl? Vielleicht ein Rückfall 2 in die Krankheit? Rückfälle ſind ſehr gefährlich! Soll Al ich einen Arzt holen laſſen?“ 4 Erſt dieſer beſorgte Ausruf des Advocaten führte hriſr Paul wieder in die Gegenwart zurück. Dennoch hörte Al er, faſt ohne eine Sylbe zu verſtehen, der Verleſung ) d der Actenſtücke, zu, ein einziges Mal zuckte er zuſammen in 3 als de Name der Mutter des adoptirten Kindes ge⸗ Re nannt wurde. Es hätte dieſer Beſtätigung kaum mehr bedurft; er wußte, daß ſie Friederike Reinhold heißen müſſe. So hieß ja auch das Kind, jenes Mädchen ſichig das er ſelbſt über Alles geliebt. balten Und wie ſich jetzt Alles einheitlich vor ſeinem nilch Geiſte aufbaute! Nach Salzburg, hatte Randhof er⸗ herren zählt, habe man ſein Kind gebracht, und dorthin war ite i die Großmutter in der That zu ihvem älteren Sohne gezogen. Bei dieſem blieb nach ihrem Tode die heran⸗ kotk⸗ blühende Jungfrau, die Paul's Herz bei der erſten Be⸗ z den⸗ gegnung gefeſſelt. Es war ein ſüßer Liebestraum, der die er den leichtlebigen juugen Mann von dem Wirbel ober⸗ halle flächlicher Vergnügungen, die ihn ſonſt anlockten, all⸗ uringe Byr, Wrak III. 13 —. 4.—— 194 mälig abzog, ein Liebestraum wie ihn Jeder einmal ſ geträumt, nur daß die Meiſten vielleicht ihr gütiges 4 Geſchick vor ſo unſeligem Erwachen bewahrte. Eine ſp unabgebrochene Reihe bitterer Erfahrungen war es, die G Paul von dem Momente an machen ſollte, da er im ſ blinden Vertrauen zur Ehre eines Geſchäftsmannes für ſe den Oheim Friederikens ein Blanquett unterzeichnet n hatte, um ihn großmüthig aus momentaner Klemme zu 1 helfen. Das Börſenſpiel verſchlang auch die große 3 Summe, welche der gewiſſenloſe Mann erhob, I fi und faſt zu gleicher Zeit ſtarb Paul's Bar. ließ 3 das immer als namhaft angeſehene Vermögen in be⸗ t dauerlicher Unordnung zurück, ſo daß mit einem Male 1 er von zwei Seiten Forderungen herantraten, die er mit 5 4 4 Aufopferung all ſeiner Anſprüche nicht zu befriedigen vermochte. Er verlor ſeine Charge, nachdem er ſchon d früher allen Glauben an die Menſchheit verloren, denn n Friederikens Oheim wußte ſich nicht nur geſchickt aller d Haftung zu entziehen, ſondern. überredete auch ſeine I Nichte, dem zu Grunde gerichteten Geliebten zu entſagen und dafür eine vortheilhafte Verbindung einzugeben. n 1 Die leichten Worte, mit denen das Mädchen das Ver⸗ t hältniß zu Paul löſte, fügten ihm die letzte und tiefte d Wunde zu. Aber wie ein Mann hatte er den Schmerz ertragen und ſeinen Entſchluß gefaßt. Ein Verwandter 195 ſeiner Mutter hatte dieſe zu ſich genommen, auch noch den letzten Reſt der Schulden gedeckt, leider aber zu ſpät, um Paul vor dem beſchämenden Verluſt ſeiner Charge zu bewahren; auch war er durchaus nicht ge⸗ ſonnen, für dieſen noch weiter etwas zu thun, da er ſeinen Leichtſinn ſtreng verurtheilte und an eine Aende⸗ rung ſeines Charakters nicht glauben wollte. Zu ſtolz zum Betteln, zu feſtgewachſen in militäriſche Anſchau⸗ ungen, um ſich ſo leicht in einen anderen Stand zu finden, ergriff Paul den ihm gezeigten Ausweg, über⸗ zeugt, auf dieſem abenteuerlichen Wege raſch emporzu⸗ kommen. Und nun— war es nicht ſeltſam!— mußte er hierherkommen, nach all dieſen Erlebniſſen, um aus der Hand des ſterbenden Kameraden das reiche Erbtheil und einen Namen zu empfangen für das Weib, das er ſelbſt mit allen Reichthümern überſchütten hätte mögen und das ſich leichten Herzens von ihm abgewandt, da ihm nichts mehr geblieben war als ein paar zur Arbeit ungelenker, aber geſunder Arme. Wie ſonderbar das Schickſal ſpielte! Jetzt, wo nichts mehr zu ändern war an dem Geſchehenen, ſchüt⸗ tete es Geld und Gut, der Nichte jenes Schurken in den Schoß— Summen, groß genug, um den an dem Glücke eines Anderen begangenen Frevel wenigſtens materiell zu ſühnen. Ob die Frau des bejahrten 13* 196 Mannes durch den reichen Beſitz glücklich werden mochte? Ob ſie nicht doch vielleicht mit einem Seufzer der Verg ngenheit gedenken werde? ob ſie nicht bereuen würde bei der Nachricht von dieſem ihr zugefallenen Vermögen, ob ſie nicht bereuen würde, das Warten auf eine beſſere Zukunft als eine thörichte Zumuthung von ſich gewieſeu zu haben?— Wozu aber, wozu dieſe Fragen? Mit bitterem Lächeln ſcheuchte Paul die Schemen von ſich. Hatte ſein Herz noch Theil an der Vergangenheit, ſo war es doch nicht mehr die Liebe, die nach ihr zurückblickte, die Wunde war geheilt, wenn eine harte Berührung an der Stelle auch immer noch ſchmerzte. „Es handelt ſich jetzt nur darum“, bemerkte Mijn— heer Déluzet nach beendigter Vorleſung mit klugem Lächeln,„die betreffende Dame, über deren Aufenthalt, Leben oder Tod alle beſtimmten Angaben mangeln, ausfindig zu machen.“ Er rieb ſich vergnügt die Hände, in denen er die ganze Angelegenheit recht lange und ergiebig zu behalten meinte. Seine behaglich ge⸗ rundete Miene verlängerte ſich aber nicht wenig, als Paul ſich erhob und ganz unerwartet erwiderte, darüber könne er Aufſchluß geben. Verwundert nahm der An⸗ walt die Daten entgegen, verwundert notirte er ſich dieſelben und verwundert machte er im Stillen ſeine 197 Bemerkung über den erſtaunlichen Umſtand, daß die allerſchwierigſte Frage ſo leicht gelöſt worden war, ohne daß der Teſtator nur geahnt, wie nahe er bei ſeinen Lebzeiten noch die geſuchte Auskunft gehabt. Er unter⸗ ließ es auch nicht, Paul mehrmals prüfend anzublicken, und ſeine Zweifel machten ſich noch beim Scheiden in der wohlgemeinten Mahnung Luft: „In der That, ſollten einen Arzt zu Rathe ziehen. Kein Fieber? kein Kopfweh? nichts?— Aber ein Arzt könnte nichts ſchaden! Sehen ſehr bleich aus— ſehr bleich!“ Ende des dritten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — V V 4] 1 1 1 4 Nene Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Deutſche Kämpfe. Zwei Erzählungen von Levin Schücking. 2 Bände. 80. Eleg. geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Des Hauſes Eckſtein. Roman von J. von Oben. 3 Bände. 8⁰ Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Verfloſſene Stunden. Novelle von S. Junghans. 1 Band. 80. Elegant geheftet. Preis 22 ½ Ngr. —— Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Das Vermächtniß der Millionärin. Roman von N. Waldmüller-Duboc. 3 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. König Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman von Franz Carion. 3 Bände. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Chriſtoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeſchichte von Wilhelm Kaabe. 2 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ſ 2——— 1————————.j————— Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand Novelle E von Edmund Höfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. In der Welt verloren. Edmund Hoefer. Zweite Auflage. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Armadale. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Ueue Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. * Modelle. Humoriſtiſcher Roman A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Der Tlephunt. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. —————————— Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Hirel, die Tochter des Calviniſten. Roman von John Saunders. 1 Verfaſſer von„Abel Drake'8 wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifar“. Aus dem Engliſchen von Sop hie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Hannah. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Veue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julins Günther in Leipzig. Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der Lebensretter. Humoriſtiſcher Roman von Graf lllrich Bandiſſin. 3 Bände. 80⁰. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Frauenherzen. Zwei Novellen von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. ie Wilden der Geſellſchuft. Eine Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Krieg und Frieden. Novellenbuch LCevin Schücking. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. —— — — — — —— rey Control Chart Green vellow Hed Magenta