„-—--⸗-⸗----= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher lnd franzöſiſcher Literatur Ednard Olkmann in Gießen, Schloß Sgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnoment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: —— 1 5 Wf. auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 P „ 3 3Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der 5aa auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf Auetenden gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ' --- ——— —— — Wrak. Zwei Erzählungen von Robert VByr. Zweiter Band: Trümmer. — Rd;— Teipzig, Ernſt Julius Günthet. 1873. Erſtes Kapitel. Einſam. Die Thüre ging auf und Fritz an der Hand trat Knaben Vater ein. Riedhelm war es, wenn auch um mehr als die verfloſſenen zehn Jahre gealtert. Sein Haar war bereift und ſelbſt durch den vollen dunklen Bart, der ſein mager gewordenes Antlitz um⸗ gab, zog ſich mehr als ein Silberfaden. Trotzdem war er noch ein ſchöner Mann, dem der unelegante Anzug und die etwas gebeugte Haltung nichts von dem Ungewöhnlichen und Hervorragenden ſeiner Er⸗ ſcheinung nehmen konnten. Tiefer, unerſchütterlicher, herber Ernſt lag um ſeine Augen und jetzt, da er den Filzhut abnahm, entblößte er eine gedrückte, finſter gefaltete Stirne, die wie aus Stein gemeißelt war. Byr, Wrack. II. 1 de — n 2 Nur um den Mund ſpielte etwas wie ein Lächeln, als er den Knaben fragte, ob er fleißig geweſen. Fritz wies triumphirend ſein Heft vor und man ſah, wie er ſich freute, zur rechten Zeit fertig geworden zu ſein. „Das iſt brav“, ſagte Riedhelm, ihm über das blonde Haar ſtreichelnd,„ſo iſt's recht, mein Junge. Nun kannſt Du zu Nachbars Heinrich in den Garten, aber fall' mir nicht wieder vom Baume herab.“ Der Knabe benutzte jubelnd die Erlaubniß und ſprang davon. Riedhelm aber legte ſeinen Hut bei⸗ Seite, trat an ſeine Frau heran, legte ihr die Hand auf die Schulter und ſagte freundlich: „Grüß Gott!“ Jetzt hörte man's deutlich, auch ſeine Stimme hatte an Klang verloren und war tiefer geworden im Laufe der Zeit. Früher mit dem Knaben hatte ſie im Scherz um einen Ton höher geklungen. Vielleicht hatte er erwartet, Hanne werde ihm das herzlich lächelnde Geſicht zum Gruße zukehren, wie ſonſt oft, ſie aber mochte noch immer ihre Augen nicht zeigen; in einer heftigen Anwandlung von Weh und Zärtlichkeit ergriff ſie ſeine Hand raſch, ohne umzuſehen, und drückte ſie innig an ihre Lippen, wie um reuig ihre Demuth zu beweiſen und um Vergebung zu bitten 3 für einen nicht einmal laut gewordenen Frevel in Ge⸗ danken. Riedhelm ließ ſie verwundert gewähren, die Hin⸗ gebung hätte ihn vielleicht gerührt, aber ein anderer Gedanke beſchäftigte ihn, und da er ſeinem Weibe nicht in's Auge ſehen konnte, glitt ſein Blick unwillkürlich über ihren Anzug hin. Es lag nichts Mißbilligendes, nur eine leiſe Mah⸗ nung in ſeinen Worten, als er ſagte: „Aber wie ſiehſt Du wieder aus, Hanne? Ich habe Dich ſchon ſo oft gebeten, Dich nicht ſo ſehr zu ver⸗ nachläſſigen!“ Hanne erſchrak und ſetzte die Taſſe vor die Blinde hin. Hals und Antlitz waren von tiefer Röthe über⸗ glüht. Eilig ſtrich ſie die Schürze glatt, ſtreifte die Aermel hinab und nahm das Tuch vom Kopfe, es um den Nacken zu ſchlingen. „Verzeihe, Ried“, ſagte ſie bittend,„aber ich war ſo beſchäftigt, ich hatte Arbeit.“ „Trotzdem!“ erwiderte er ruhig. „Es war ja für Dich!“ ſetzte ſie hinzu, um ſich zu entſchuldigen. Er antwortete nichts, zog ſeinen Rock aus und hängte ihn ſtatt der Blouſe, die er nun überwarf, an 1* 4 den Nagel. Dann ſetzte er ſich ſtill an ſeinen Arbeits⸗ tiſch und nahm eine Uhr vor, die ſchon halb zerlegt war. Der Blinden aber ging das frühere„trotzdem“ und ſein jetziges Schweigen nach, ſie kehrte nun ihren Groll gegen den Angekommenen. „Dem Herrn Schwiegerſohn biſt Du eben zu wenig nobel. Wenn er Dich immer im ſeidenen Kleid ſehen will, muß er Dir wohl erſt eins kaufen.“ Da Alles ſtill blieb, führte ſie jetzt die Taſſe zum Munde, ſetzte aber ſogleich wieder ab.„Der Kaffee iſt ganz kalt“, ſagte ſie boshaft.„Ja freilich, für die blinde Alte iſt's immerhin gut genug,— die muß fürlieb nehmen und froh ſein, wenn man ſie nicht ganz und gar ver⸗ hungern läßt.“ Dieſer Ausfall verfing beſſer. Riedhelm ſah auf und fragte ſeine Frau tadelnd, ob ſie es wieder an etwas habe fehlen laſſen. Hanne hatte Mühe, das Weinen zu bekämpfen, aber es lag kein Unmuth in ihrem Tone, da ſie er⸗ widerte, ſie habe es ja der Mutter geſagt, aber nun ſei es bald eine halbe Stunde, daß ſie den Kaffee ge⸗ bracht, und in der Zeit habe er wohl auskühlen müſſen. „Waſche Dich nur rein“, fiel ihr die Mutter in's Wort.„Ganz natürlich, die Alte hat Unrecht, muß ———— — 5 unrecht haben. Sie iſt ja eine Laſt, die man heute lieber als morgen abſchütteln möchte.“ Das war zu viel. „Mutter, Mutter“, rief Hanne leiſe aus,„wie ſeid Ihr doch ſo hart!“ Das Weinen ließ ſich nicht mehr zurückhalten und erhöhte die Ungeduld, mit der Riedhelm der Verhandlung zugehört hatte. „Nun weinſt Du wieder“, ſagte er immer noch im ſelben Tone, aber um einen Gedanken raſcher. „Geh' lieber und wärme den Kaffee.“ Damit hatte er es aber nur ſchlimmer gemacht, denn jetzt erhob Frau Lehmann die Stimme gegen ihn. „Danke ſchönſtens, Herr Schwiegerſohn“, kam es in der galligſten Weiſe aus ihrem Munde.„Aufge— wärmter Kaffee iſt gut genug für mich. Aber ich danke— ich mag jetzt gar keinen mehr. Verlange gar nichts. Daß auch die Alte ſo unbeſcheiden iſt! Ein Schälchen Kaffee nachmittags, weiter nichts— aber auch das iſt ſchon zu viel.“ Riedhelm gab keine Antwort, ſondern feilte un⸗ muthig an einer feinen Uhrfeder. Hanne hatte ihr Weinen beſiegt und bot ſich an, ſogleich eine friſche Taſſe zu bereiten, aber die Alte wollte nicht, es ſei ihr der Appetit ganz vergangen, behauptete ſie, ihr war zumeiſt darum zu thun, der Bitterkeit, die ſich in ihr ſeit ihrem Erblinden allmälig aufſtapelte, freien Lauf zu laſſen und ſie auf Andere zu entladen. Hanne räumte die Blechtaſſe mit Allem, was darauf war, in die Küche hinaus und ſetzte ſich, die Arbeit wieder ufnehmend und von ihrem Mann halb abgewendet, an ihren früheren Platz. Eine längere Pauſe war eingetreten, jetzt erſt, da Riedhelm einige Rädchen bei Seite ſchob, um einen ihm nothwendigen Stift zu ſuchen, brach die Blinde wieder das Schweigen. „Ah!“ ſagte ſie,„der Herr Schwiegerſohn zählt ja Geld und gar Silber, war alſo doch einmal ein feines Geſchäft“, und da Riedhelm, nur erſtaunt auf⸗ ſehend, ein eigenthümliches Räuſpern hören ließ, fuhr ſie fort:„Na, ich hör's ja. Hab den Ton oft genug gehört, da noch Guldenſtücke und Thaler in's Haus gekommen ſind— iſt jetzt freilich ſchon lange her.“ „Die Frau Mutter irrt“, warf Riedhelm weiter arbeitend gleichgiltig hin,„das war mein Arbeitszeug.“ Die Alte kicherte. Sie war mißtrauiſch und dünkte ſich viel zu klug, um ſich betrügen zu laſſen. „Ja“, meinte ſie,„einem Blinden kann man leicht was weiß machen, aber wer Ohren hat, der hört.“ 7 „Zuweilen aber auch falſch, wenn das Mißtrauen als Hörmuſchel dient“, entgegnete Riedhelm unwillkür⸗ lich. Die Alte hatte ihn gehört, ſo leiſe er geſprochen. „Weiß nicht, was das für Muſcheln ſind“, fing ſie das fremde Wort auf,„und verſtehe des Herrn Schwiegerſohns feine Reden nicht. Bin nur ſchlichte Worte gewöhnt, wie ſie ſich für uns arme Leute ſchicken, aber der Herr Schwiegerſohn läßt ſich nicht gern zu uns herab, nicht einmal in der Sprachweiſe— iſt ihm Alles zu gering. Die Zufriedenheit im Kleinen“, fügte ſie mit aufwärts gerichteten Augen hinzu,„iſt eine Tugend und nicht Jedermanns Erbtheil, aber wer ſie erwirbt, iſt Gott wohlgefällig.“ Riedhelm ſah einen Augenblick bitter auf, ſetzte dann aber ſeine Arbeit ſtumm fort. Eine Erwiderung, das wußte er, war da ſo gut angebracht, als hätte er ſeine Uhren mit bloßen Worten reguliren wollen. Hanne fühlte, was er empfand, ſie hatte die beſte Abſicht, zu mildern und auszugleichen. „Das iſt freilich wahr, Mutter“, ſagte ſie darum, „aber glücklich iſt Der, welcher ſie nicht erſt zu erwer⸗ ben braucht.“ Das war aber nicht geeignet, die Blinde zu beſänftigen. „Du ſprichſt auch nur ſo, weil Du's gern ohne ——————— Mühe haben möchteſt“, fiel ſie ein.„Aber Dich meinte ich nicht, Dich habe ich erzogen; Du biſt noch be— ſcheiden und zufrieden mit Wenigem. Haſt Du mir nicht ſelbſt geſagt, Du verzichteſt auf das Seidenkleid, das Dir vor Gott und der Welt eigentlich gebührt, und verlangſt auch nicht zum Bürgerball und zum Bolzſchützenball auf der Schießſtätte, wenn Du nur nächſten Sonntag zur Bürgerunterhaltung vor's Thor kommſt in die Waldmühle?“ „Das haſt Du geſagt, Hanne?“ fragte Riedhelm ernſt. „Warum ſoll ſie's denn nicht geſagt haben?“ ant— wortete die Alte ſtatt ihrer Tochter, die ſich verlegen tiefer herabbeugte auf ihre Arbeit, als fühle ſie ihres Mannes Blick auf ſich ruhen.—„Ich lüge nicht auf meine alten Tage.“ „Rede Du“, befahl Riedhelm kurz, doch nicht un— freundlich. „Nun ja, Ried“, antwortete Hanne, ſich Muth faſſend,„s iſt wahr, ich kann's nicht leugnen.“ „So!“ weiter ſagte Riedhelm nichts. Das war aber der Blinden zu wenig, in ihr lag noch viel auf⸗ geſtapelt, das wollte heute heraus. „So?“ wiederholte ſie,„das klingt nicht beſonders. Kurz abgemacht. Oder geht Ihr?“ ſchloß ſie lauernd' —Vʒ—ʒÿ—·—Q—Q—/QO—/Q⸗OZOL—-———— 9 Riedhelm ließ ſich in der Arbeit nicht ſtören. Ge⸗ laſſen erwiderte er: „Sind wir acht Jahre davon weggeblieben, wer⸗ den wir wohl auch diesmal daheim bleiben.“ Das war Waſſer auf der Alten Mühle. „Ah!“ höhnte ſie,„hätt' ich doch bald vergeſſen, wie ſolche Unterhaltung für den Herrn Schwiegerſohn zu gemein ſei. Ja natürlich, das iſt nichts. Ob die arme Frau auch einmal ein paar Stunden aufathmen will, wenn ſie ſich das ganze Jahr zu Tode plackt, darum wird nicht gefragt. Zum Fegen, Kochen, Wa⸗ ſchen und Plätten, zum Stricken und Nähen, zum Ab⸗ mühen und Abhetzen iſt die Hanne gut genug, was will ſie auch mehr?— Hätt' ſich die Tochter aus dem reichen leipziger Haus auch nicht träumen laſſen, daß ihre Enkelin einmal wie eine Magd gehalten werden ſoll,— und nicht einmal wie eine ſolche, denn die ſo⸗ Jar hat Sonntags ihren Ausgang zu Tanz und Ver⸗ gnügen.“ „Haſt Du's wirklich ſo ſchwer, Hanne?“ fragte Riedhelm herbe. Hanne verſetzte leiſe, ſie habe nicht geklagt. „Geklagt hat ſie freilich nicht“, berichtigte Frau Lehmann,„aber wer's nicht ſieht, muß blind ſein.“ 10 „Ihr ſcheint es ſogar trotzdem zu ſehen“, warf Riedhelm, der ſeine Ungeduld kaum mehr bezähmen konnte, hin. „Stichelt nur, es läßt Euch gar fein, Herr Schwie⸗ gerſohn“, nahm die Blinde den Angriff auf, und als jetzt Riedhelm feſt auf den Boden trat, fuhr ſie noch höhniſcher fort:„Stampft immerhin, mich zerſtampft Ihr damit nicht, und ich laß mir auch das Wort nicht nehmen, das heraus muß, und ich werd's auch noch einmal und noch einmal ſagen, bis Ihr's hören wollt, daß die Hanne nicht Eure Sklavin iſt und ein Recht dazu hat, von Euch zu fordern, daß Ihr ſie in die Waldmühle führt.“ „Daraus kann nichts werden“, entgegnete Ried⸗ helm kurz,„und ich glaube auch gar nicht, daß Hanne ſelbſt den Wunſch hat, wenn ſie nachdenkt.“ „So— ei ſag' Du's einmal ſelbſt, daß Du eine ehrſame Ehefrau biſt und nicht eine Magd, die Leib und Seele verdingt hat. Nun rede, ſonſt glaubt er noch, ich erzähle ihm Lügen zum bloßen Zeitvertreib.“ Hanne fühlte, daß die Blicke ihres Gatten ge⸗ ſpannt an ihr hingen, ſie mußte ſprechen, und ſie that es denn auch zögernd: „Ja— ich habe den Wunſch.“ ——ʒ;ʒ:·⁊ ñ———rn—————— ——— —— 141 „Aber Du vergißt, daß ich nicht Meiſter bin“, verſetzte Riedhelm ſcharf.„Nur durch die Aufhebung der Zunftgeſetze kann ich frei arbeiten. Willſt Du am Geſellentiſch ſitzen?“ Hanne vertiefte ſich noch mehr in ihre Arbeit, ſprach dabei aber geläufiger als bisher, man hörte, daß ihr die Sache am Herzen lag. „Ehrbach's Louiſe und Hergold's Line haben mir Beide geſagt, daß der Meiſter Ehrbach und Lina's Bruder es ausgeſprochen haben, ſie wollten's durch⸗ ſetzen und Dich an den Meiſtertiſch nehmen, wenn Du dies Jahr kämeſt.“ Riedhelm war unmuthig aufgeſprungen und ſchritt lebhaft auf und nieder. „Alſo gar mit Deinen Geſpielinnen und Freun⸗ dinnen haſt Du ſchon davon geſprochen“, rief er,„und Alles iſt ſchon abgemacht hinter meinem Rücken? Euch Weibern alſo ſoll ich es zu danken haben, wenn mir eine Ehre widerfährt, die mir nicht zukommt?“ „Nein, nicht uns“, entgegnete Hanne und in dem Tone, in welchem ſie ſprach, lag ein gewiſſer ſelbſtbe⸗ wußter Stolz auf den Werth ihres Gatten, der ſeinen Eindruck auf Riedhelm nicht verfehlte und ihn ruhiger ſtimmte,„nicht uns, ſondern Deiner Kunſt und Deinem ——— 12 Geſchick und der Achtung vor Deinem redlichen Weſen, deſſen Erkenntniß ſich endlich nach ſo vielen Jahren Bahn brechen mußte. Chrbach ſagte, Du wiſſeſt mehr als ſie Alle, denn Du habeſt, was Keiner vor Dir vermochte, zu Stande gebracht, und die Uhr auf dem Nikolaithurme wieder hergeſtellt, daß ſie ſei, wie am erſten Tage vor zweihundert Jahren.“ „Das ſagt Einer“, hielt ihr Riedhelm entgegen. „Und Lina's Bruder auch.“ „Alſo zwei, die Anderen aber ſehen noch ſchiefer denn zuvor, und wollt' ich mich zu ihnen ſetzen, ſie rückten weg, ſo weit der Tiſch reicht. Ah! Verdirb mir nicht den ganzen Nachmittag!“ Es klang eine tiefgewurzelte Bitterkeit aus ſeinen Worten, wie wenn ein Herz auch dann noch am Auf— ſchwung verzweifelt, wenn die Hände ſelbſt ſchon Er⸗ folg und Beſſerung der Zuſtände erfaſſen. Frau Leh⸗ mann aber hörte nur den Schlußſatz heraus und baute darauf weiter. „Pah! Du hörſt ja“, ſpottete ſie ihrer Tochter zu,„Du ſollſt Deinem Herrn den Nachmittag nicht verderben. Ob Dir Wochen, Jahre, das ganze Leben verdorben und vergällt werden, das gilt ganz gleich.“ —ᷣ—ᷣyᷣ 8—— —- —— 13 „Jetzt denn“, rief Riedhelm gereizt aus,„mein Daſein iſt eben auch kein Wonneleben!“ Nun war die Alte erſt recht in ihrem Fahrwaſſer. Inſtinctiv fühlte ſie, wie dieſer zornige Ausruf ihrer Tochter in's Herz geſchnitten hatte, und war bemüht, den Eindruck noch zu verſtärken. Hörſt Du's, hörſt Du's?“ ſchürte ſie,„das heißt, 7 wir ſind ihm zur Qual. Ich freilich, ich bin ein nutz⸗ los altes, blindes Ding, aber auch Du;— ihm zur Qual, weil Du Dein Recht verlangſt. Ich kann's nicht hören, es zerreißt mir das Herz und ich kann nur dem barmherzigen Gott danken, daß er mir's er⸗ ſpart hat, den Jammer mit anzuſehen. Ich will gehen und auf meiner Kammer zu ihm beten, daß er die harten Herzen der Menſchen erweiche und ihnen die Sünden vergebe.“ Sie nahm den Stock, der an der Seite des Ka⸗ napees lehnte, und taſtete ſich zur Thüre hinaus, die in die Küche führte, niemand hielt ſie zurück. Hanne arbeitete mit einem grenzenloſen Eifer, Stich folgte auf Stich, während ihr die Thränen über die Wangen herabliefen, und nur von Zeit zu Zeit fuhr ſie ſich über die Augen, um doch ſo viel zu ſehen, als ſie zur Ar— beit nöthig hatte. Sie hielt den Kopf tief herabge⸗ 14 beugt über die Näherei, dennoch ſah Riedhelm, daß ſie weinte, er durchmaß noch ein paarmal die Stube, dann blieb er vor ſeinem Weibe ſtehen und bemühte ſich, ſeiner Stimme einen milderen Ton zu geben. „Was weinſt Du?“ fragte er ſie ſo gelaſſen, als es ihm möglich war.„Doch nicht um das mehr als zweifelhafte Vergnügen in der Waldmühle? Sage ſelbſt, Hanne, iſt es denn nicht thöricht, uns eindrängen oder einſchmuggeln zu wollen, wo man uns nur über die Achſel anſieht?“ Die Worte waren geeignet, die Discuſſion wieder in eine ruhigere Strömung zu bringen, aber die junge Frau hatte den früheren Ausruf zu tief in der Seele empfunden, ſie befand ſich jetzt nicht mehr in dem Zu— ſtande, wo Menſchen logiſchen Gründen zugänglich ſind. Ohne gerade beſchränkt zu ſein, bot ſich der in niederen Kreiſen aufgewachſenen Frau doch nur ein enger Horizont. Die Hetzereien der Mutter ließen hin und wieder ein Samenkorn zurück, das der zurück⸗ haltende ſchwere Ernſt ihres Mannes dann zum Kei⸗ men brachte. In ihren Aeußerungen verſchüchtert, ar⸗ beitete ein hart empfundenes Wort in ihrem Innern dann ſo lange fort, bis es die Stimme der Vernunft übertönte und das Gefühl verletzter oder ſich zurückge⸗ —ᷣ—ᷣ——————— — 15 wieſen glaubender Liebe in einem Momente allzu hoher Spannung mit einem Wehſchrei zum Ausbruch kam, der andrerſeits nicht geeignet war, ein ſich ohnedem fort und fort quälendes, in Bitterkeit erſtickendes Herz zu verſöhnen und zu beruhigen. Jetzt war wieder einmal ein ſolcher Augenblick gekommen, wo das gekränkte Weib nicht mehr an ſich zu halten vermochte und ihr Gefühl ſich gleichſam wie ein ſtrotzender Wildbach durch die nächſte ſchwache Stelle ergoß, wo man ein Durchbrechen am ſpäteſten für möglich hielt. Die wenigſten Frauen kümmern ſich bei dem Bedürſniß, ſich leidenſchaftlich auszuſprechen, um die Logik ihrer Vorwürfe. In ſolchen Momenten fühlen ſie ſich alle als Schweſtern und ſind Gebildete und Ungebildete meiſt gleich. Das ſtille Weinen ging jetzt bei Hanne in ein nicht mehr zu unterdrückendes Schluchzen über, und die Schürze an die Augen drückend, rief ſie: „Ich habe es nicht verdient, daß Du mich thöricht ſchiltſt.“ Ein Lächeln des Aergers verzog Riedhelm's Mund. „That ich denn das?“ ſagte er ſich bezähmend. „O heilige Vernunft! Fürwahr es iſt ſchwer, die Ge⸗ duld nicht zu verlieren.“ 16 Aber Hanne war nun einmal im Strome, der ſie mit fortriß. „Thöricht“, brauſte es dahin,„weil ich mich auf ein Feſt freute, bei dem ich ſchon als Kind nie gefehlt habe, zu dem mein Vater mit Stolz ging und von dem ich nun ſchon ſo lange wegbleiben mußte; thöricht, weil ich Dich dieſes einzige Mal bat, und ich doch noch nie etwas verlangte und mich immer Deinem Willen unterordnete! Ich habe mich nie beklagt, daß Du mich nirgends hin führteſt an Sonn⸗ und Feiertagen, wie es ſonſt doch bei aller Welt Sitte iſt; ich Habe ohne Widerrede allem Umgange mit meinen eundinnen entſagt, weil Du es gerne ſahſt, und habe nie gemurrt, daß ich nicht an ihren Freuden theilnehmen durfte, wie es doch den ärmſten Frauen nicht verwehrt iſt. Aber daß ich jetzt, wo meine langjährige Sehnſucht endlich erfüllt werden könnte, wo Alles geebnet iſt, wo man Dir trotz Deiner unbegreiflichen Weigerung, die Meiſterſchaft zu erwerben, ein Zeichen der Achtung geben will, an dem ſich auch Dein Weib wie an einem Sonnenſtrahl erwärmen könnte, daß ich jetzt endlich den Wunſch hege, das iſt doch wahrlich kein unnatür⸗ lich Ding, am wenigſtens aber verdiene ich darum thöricht geheißen zu werden.“ ———— 44 „Jetzt biſt Du's wirklich!“ ſagte Riedhelm, der ganzen Sache überdrüſſig, und ſetzte ſich wieder an ſeine Arbeit. Hanne aber verlor damit den letzten Reſt von Haltung und eilte in die Küche hinaus, indem ſie vor Schluchzen kaum die Worte hervorbrachte: „O ja, die Mutter hat Recht— eine Magd bin ich, weiter nichts als eine mißachtete Magd!“ Da ſaß er nun, den Kopf in die Hand geſtützt, müde und ſeiner ſelbſt und der ganzen Welt überdrüſſig und doch immer wieder aufgeſtachelt, wie ein edles ſtolzes Pferd, deſſen Widerſtand gebrochen wird durch die Spitze der Gerte, die es Tag und Nacht unabläſſig berührt, ſo oft es ſtehend, vom Schlafe und der Er⸗ mattung überwältigt, einnicken will. „Leben?“ ſo dachte er,„iſt das Leben? und war⸗ um friſte ich es? warum? Heißt Daſein das Kleben an der Erde?— Der gleiche Pulsſchlag, der das Blut in ungeſtörter Regelmäßigkeit aus dem Herzen und wieder in daſſelbe zurückjagt?— Das abſichtliche Hintreiben im Strome, wobei der Selbſtwille erlahmt und das Heimweh nach dem Erhabenen von der Seele geſtreift iſt? Iſt das noch Leben?— Weiterathmen, um den Athemzug auch morgen wieder thun zu können; weiterſchaffen, um die Kraft zu erſetzen, die eben die Byr, Wrack. II. 2 ——yy— 18 Arbeit verzehrt— ſie zu erſetzen immer wieder für dieſelbe Arbeit. Iſt das Leben?“ Heftig ſprang er auf, der Gedanke ging zu lebhaft und der Körper konnte 3 dabei nicht unthätig bleiben.„Leben mag es ſein— ein Menſchendaſein iſt es nicht! Die Arbeit iſt nicht das Höchſte auf Erden, ſondern das Ziel iſt's. Die Arbeit iſt unſer thieriſcher Antheil, das zu erreichende Ziel, das Streben darnach, unſer göttlicher. Wie aber, wo das Ziel fehlt?— Da ſchleppt ſich das körperliche Geſpenſt hin, zum ruheloſen Wandern verdammt als Sühne für den ſelbſtmörderiſch vernichteten Geiſt. Ein ausgebrannter Stern, der noch immer fortrollt auf ſeiner endloſen Bahn, licht⸗ und leblos, ohne Wärme, ohne Gefühl, ſein eigener Schatten, aber unbarmherzig feſtgehalten und fortgetrieben von den ewigen ſtarren Geſetzen der Natur.— Wer da Einhalt geböte!“ Es war ein bitteres, in die Seele ſchneidendes Auflachen, das ſeine Gedanken begleitete.„Auch dazu gehört der Wille“, ſchien es zu ſagen,„und mit der gemeuchelten Seele iſt auch er vernichtet. Stünde ich denn ſonſt noch da unter dem Gewichte einer ganzen Welt? Die Mythe vom Atlas iſt keine Fabel, es liegt ein tiefer Sinn darin. Gewiß, er trägt die Erde und hat nicht einmal die Energie, ſie von ſeiner Schulter zu ſchleu⸗ 49 dern. Der blinde Rieſe weiß nicht, daß weit weniger Kraftaufwand dazu gehört, als ſie zu tragen. Thor, erkenne Deine Macht! Ein Ruck und Du biſt Allem entronnen!“ So höhnte er ſeiner eigenen Schwäche, die ihm darin zu liegen ſchien, das Leben immer noch weiter zu ſchleppen, wie ein Galeerenſklave ſeine Kugel, die man ihm ungerechter Weiſe angeſchmiedet. Zehn Jahre! Wie kurz erſchien ihm dieſe Zeit, wenn er an jene Nacht zurückdachte, ſie erſchien ihm wie geſtern erſt ge⸗ weſen, und doch wie lang, wie ewig lang däuchten ihm die Jahre in ihrer qualvollen Einförmigkeit des Drucks! Wie hatte er ſie durchlebt?! Erſt ſchien es ihm ſo leicht, aus dem Leben zu entfliehen und die Schwingen ſeiner Seele auszubrei⸗ ten im Aether der Unendlichkeit. Immer noch ein Reſt von Hoffnung hielt ihn zurück. Sie ſchwand und ſchwand immer mehr, aber Ring um Ring hatte ſich die eiſerne Kette der Verhältniſſe, in die er jetzt ge⸗ bannt war, um ihn gelegt und hielt ihn feſt. Als es zu ſpät war, verſuchte er dagegen anzukämpfen— ver⸗ gebens, nun fühlte er auch den Muth nicht mehr in ſich, ein Ende zu machen. „Das Geſchick hat mich zu den Verfehmten ge⸗ 2* 20 worfen“, ſagte er ſich.„Hinausgeſtoßen war ich aus dem Palaſte der menſchlichen Geſellſchaft und ich hegte den Wahn, auf einem anderen Wege— durch ein be⸗ ſcheidenes Thürchen wieder dahin zurückkehren zu kön nen. Thor, der ich war! Als ob ich jemals die Er⸗ innerung an die glänzenden Prunkſäle verlieren könnte, in die mich das Leben einmal geleitet! Als ob ich Alles— Sitte und Geſchmack, Sinn und Idee, von mir werfen könnte, wie das alte Kleid, um mich in einen engen, erſtickenden Gedankenkreis zu finden, wie in die niedere Stube und in die ſchlichte Blouſe des Handwerkers!— Sind denn Gedanken in der Trödel⸗ bude umzutauſchen, daß man als neuer Menſch aus ihr hervorgehen könnte?— Eine Familie wollt' ich mir gründen, in Freundesherzen mir eine neue Welt erbauen— ein Wahn! Unter Fremden ſtehe ich, ſelbſt ein Fremder. Sie ſprechen ihre eigene Sprache und verſtehen die meine nicht. Ruhe hofft' ich in der Ein⸗ fachheit zu finden, in der Hütte,— ach, Ruhe! Die geiſtige Beſchränktheit gönnt ſie nicht einmal dem zu Tode Ermatteten.“ Der Schmerz, das Zurückgedrängtſein in ſich ſelbſt hatte ihn zum Egoiſten gemacht, ſich ſelbſt hatte er eine Heimat gründen wollen und eine Ruheſtätte, und — —y— — 21 dabei vergeſſen, daß die Menſchen, die er ſo in ſeinen Lebenskreis hereinzog, auch Weſen waren, die vom Da⸗ ſein Glück und Befriedigung heiſchten und dieſelben Anſprüche an ihn hatten, wie er ſie machte; daß das volle, ungeſtörte Ausleben der Eigenart nicht möglich iſt bei Menſchen, die nahe neben einander ſtehen und deren Wirkungskreiſe ſich durchſchneiden und decken. Trat ihm plötzlich ſolch' ein Hinderniß entgegen, dann fühlte er die Stäbe ſeines Gefängniſſes um ſo härter, weil er die Berechtigung auch eines anderen Gedanken⸗ ganges als des ſeinigen, auch anderer Anforderungen an das gemeinſame Daſein anerkennen mußte und da⸗ bei doch nicht in der Lage war, dieſe Richtung auch zur ſeinigen zu machen, dieſe vielleicht nur billigen Wünſche zu erfüllen. So war es mit der Unterhal⸗ tung in der Waldmühle. Im Grunde hatte Hanne Recht, nicht die Sucht nach Zerſtreuung, ſondern der Stolz auf ihren Mann hatte ihr das Verlangen ein⸗ gegeben. Sie freute ſich, ihre Wahl endlich nach ſo tangen Jahren des Verkennens und des Kampfes mit heimlichen und offenen Gegnern anerkannt zu ſehen. Wie menſchlich und natürlich war dies Gefühl, welch' deutlicher Beweis von inniger, ſtolzer Liebe! Und nun trat er ihr ſo ſchroff entgegen. Ihren Anſchauungen gemäß konnte ſie nur zürnen, daß er ihr dieſen Wunſch nicht erfüllte. Wie konnte ſie wiſſen, welche Unmög⸗ lichkeit ſie von ihm forderte? Aber weßhalb bäumte ſich auch ſein Stolz auf gegen die gewöhnlichen Be— ziehungen zu ſeinen Mitmenſchen? Wollte er noch im— mer beſſer ſein, als jene, deren Loos er theilte? Er machte ſich Vorwürfe. Aber war es denn auch Stolz? Er lachte bitter, er, der Ausgeſtoßene, hatte kein Recht dazu, ſtolz zu ſein. „Stolz?!“ murmelte er mit fieberhafter Scheu und Haſt,„Stolz, und der nächſte Augenblick kann mir eine Begegnung bringen, die ſelbſt das zweifelhafte Glück dieſer Hütte vernichtet und ſie aus einem Aſyl in eine Folterkammer verwandelt. Nur eines Wortes bedarf es, um mich auch von hier zu vertreiben. O, ich habe dieſes Wort nicht vergeſſen, ſeit mir jener Elende es zugeſchleudert, und ich könnte es wohl auch nicht, wenn ſelbſt ſtatt der zehn, ſchon hundert Jahre vergangen wären. Mitten in der Arbeit, im Wachen wie im Schlafe, immer wieder höre ich es— ‚Dieb!' — ohl das iſt ein fürchterliches Wort! Und ich ſollte mit dem Brandmal auf der Stirne, das nur eine leicht verſchiebbare Binde deckt, mich eindrängen unter die harmloſen Leute, die nicht wiſſen, wem ſie die Hand ————— entgegenbieten? Nein, nein, es wäre ſchändlicher Ver⸗ rath an ihrer Redlichkeit! O Weib, Du weißt nicht, was Du von mir verlangſt!“ Die Hände geballt an die Stirn gepreßt, ſtand er da. Immer noch das Gefühl grenzenloſer Ohnmacht gegen das furchtbare Geſchick in ſeinem Herzen, wie an jenem Abend. Vor der Welt war er gerechtfertigt, vor ſich ſelber nicht. Zu ihm war keine Kunde ge⸗ drungen von jenen Entdeckungen, die ſeinen Namen reinigten, einen Namen, den er in der Sorge, ſich vor aller Welt zu verbergen, wie ein beflecktes Gewand, wie ein gefährliches Erkennungszeichen von ſich ge⸗ worfen. Selbſt die Polizei fand in dem Uhrmacher⸗ geſellen Hermann Ried den Verſchollenen nicht auf, ſie mußte ihren Eifer für die Gelegenheit ſparen, wo es galt, einen flüchtigen Verbrecher zu erreichen, und hatte nicht Zeit einen Verkannten ausfindig zu machen, deſſen Ehre wieder hergeſtellt werden ſollte. Das war nicht ihre Sache— mochte er ſich ſelbſt regen.— Zeitungen nahm er in jener Zeit keine zur Hand, die Einzigen, denen er ſich im Laufe der Jahre anver⸗ traut, ſein alter Meiſter und der Paſtor, der ihn ſpä⸗ ter getraut, ſchwiegen. Sie glaubten ihm, hielten aber das Verbergen ſeines Namens für ſeinen Vortheil. 24 Wenn auch Einem oder dem Andern in der Stadt die Zeitungsnotiz in die Hände gefallen war, was ging es ihn an, wer kannte jenen adeligen Hauptmann, hier ſo weit von der Reſidenz entfernt, wer ahnte deſſen Identität mit dem armen Geſellen? Oft hatte er ſich ſchon in ähnlichen Stunden ge fragt, ob er nicht am Ende beſſer daran gethan hätte, ſeinem Weibe die volle Wahrheit zu ſagen? Aber ihr Vater ſelbſt wollte es nicht, der Zweifel ſchien ihm die größte Gefahr für das Glück dieſer Ehe, und mußte es nicht Stunden geben, wo es Hanne vielleicht un— möglich wurde, den Zweifel ſiegreich zu bekämpfen, wie es ihr wohl im erſten Moment edler Erregung dünken mochte. Damals hatte er es verſäumt, an die Kraft der Wahrheit zu appelliren, nun war es zu ſpät. Sie wäre davon zerſchmettert worden.— Ja, ja, er fühlte es immer wieder von neuem, fremd war er unter Fremden, ſeine Worte hatten anderen Sinn für ſeine Umgebung als für ihn, und die Widerſprüche des beſchränkten Verſtandes kehrten im ewigen Kreiſe wieder. Ein Glücklicher mochte das ſo hinnehmen, der ohnedem vom Leben Bedrückte fühlte dadurch Arm und Zunge gelähmt; Tage und We rannen ihm ſchweig⸗ ſam dahin, das Herz drohte zu erfrieren und der Ge⸗ —— —-— 25 danke zu erſchlaffen. Und in herben Stunden machte er ſich wohl den ſchmerzlichen Vorwurf, warum er nicht ein neues Daſein in einer neuen Welt geſucht, warum er nicht dem verwitternden Europa den Rücken gekehrt und über den Ocean gegangen war, ſo lange er die Freiheit dazu noch hatte.— Was jetzt war, das hatte er ſelbſt geſchaffen. Niemand konnte er an klagen, als ſich ſelbſt. Er hatte aus ſich gemacht, was er geworden, auf das ſchwankende Moor war er hin⸗ ausgeſchritten mit der unklaren Hoffnung, feſten Grund zu finden nach den erſten Schritten, und nun erfaßte ihn das Grauen, weil er ſich Zoll für Zoll verſinken ſah in den Sumpf, weil ſeine Exiſtenz am Verlöſchen war und er ſich zu ſtumpf fühlte, noch einen Rettungs⸗ verſuch zu wagen.„Schwächling!“ rief er ſich zu. Noch einen Blick wollte er hinauf nach den Sternen werfen, die ihm einſt verheißungsvoll geleuchtet und ſich dann erbarmungslos von ihm gewandt, noch ein⸗ mal den ſüßen und doch gehaßten Namen ſtammeln, den er nicht vergeſſen konnte, ſelbſt nicht an der Seite ſeines Weibes, und dann— hinabtauchen für immer.—— Die Hausthüre ging und die Stimme ſeiner Frau, die vom Gange herein tönte, riß ihn aus den düſtern —/— — 26 Träumen, die vielleicht auch diesmal noch wie eine ſchwarze Wolke am blauen Himmel ſpurlos fortgezogen wären, aber früher oder ſpäter doch zum furchtbaren Gewitter ſich zuſammenballen mußten, aus der dann der vernichtende Blitzſtrahl herabzuckte. Hanne öffnete jetzt die Thüre und ließ einen herr⸗ ſchaftlichen Diener herein, der ſich mit großer Herab⸗ laſſung an ihn wandte und ihm eine kleine goldene Damenuhr einhändigte, die Riedhelm raſch unterſuchte und für nur unbedeutend beſchädigt erklärte. Er ver⸗ ſprach ſie in einigen Stunden abzuliefern. „Gut“, ſagte der Diener,„bringen Sie die Uhr dann ſelbſt hinüber in das Haus an der Ecke. Wir ſind für einige Tage bei der Gräfin Werſowetz zu Be⸗ ſuch. Die Herrſchaft bezahlt gut, das zu Ihrer Richt⸗ ſchnur. Ich hoffe, Sie werden erkenntlich ſein, daß ich Ihnen eine ſolche Kundſchaft zugewieſen habe, denn ich hätte eben ſo gut wo anders hingehen können. Alſo auf Wiederſehen.“ Riedhelm lächelte dem ſich Entfernenden verächt⸗ lich nach. Solche Erfahrungen waren ihm in ſeiner jetzigen Lebensſtellung gerade nicht mehr neu. „So legt die Geſellſchaft“, ſagte er für ſich,„die ſich überall mit ihrer Redlichkeit brüſtet, auf den kar⸗ — 27 gen Verdienſt des Armen noch Steuern, von denen der Staat nichts weiß und die kein Nationalökonom mit einrechnet. Und überall iſt es ſo, von den Stufen des Thrones bis hinab in die Küche des beſcheidenſten Bürgerhauſes.“ Er legte die Uhr auf den Arbeitstiſch und ſchickte ſich an, die Blouſe wieder mit dem Rocke zu ver⸗ tauſchen. Er fühlte das Bedürfniß, in's Freie zu kommen. Die Luft war ihm zu gedrückt in der Stube, er mußte erſt ſeine Stimmung mehr in Einklang mit der Außenwelt ſetzen, ehe er an die Arbeit gehen konnte. Als er die Thüre auf den Gang hinaus öffnete, trat ihm ſeine Frau entgegen, ſie hatte wohl ſchon eine Zeit lang unſchlüſſig dort geſtanden. Jetzt ſahen die noch gerötheten Augen ſcheu zu Boden, ſie ſpielte verlegen mit der Schürze und fragte ihn halblaut, ob er gehe. „Hermann“, bat ſie, als Riedhelm kurz bejahte, mit einem Male Muth faſſend,„gehe nicht ſo fort. Seit wir verheirathet ſind, haſt Du das Haus noch nicht in Groll verlaſſen.“ „Ich gehe ja auch heute nicht in Groll, was haſt Du?“ Die Worte entſprachen ſeiner Stimmung, er fühlte 28 ſich nur unendlich gedrückt, das machte ſie noch banger, denn ihr liebendes Auge täuſchte ſich nicht. „O, Du biſt gut“, entgegnete ſie und faßte ſeine Hand in ihre beiden,„aber mir drückt es das Herz ab, denn ich fühle wohl, daß ich Dich erzürnt habe. Ich bitte Dich um Verzeihung, ich that nicht recht.“ „Nun, dann iſt ja Alles in Ordnung. Alſo—“ Er wollte gehen, indem er ihr freundlich zunickte, aber das war es nicht, was ſie wollte, ſie trat vollends in die Stube, drückte die Thüre hinter ſich zu und wehrte ihm ſo gleichſam den Ausgang. „Nein, geh' noch nicht, Hermann“, ſagte ſie, nur mit Mühe ihre Rührung ſo weit bekämpfend, daß ſie nicht von neuem in Thränen ausbrach,„Du mußt mir erſt ſagen, daß Du mir vergeben haſt. Und ſiehſt Du, ich will nimmer ſo thöricht ſein, wie zuvor. Ich hatte ja keine Ahnung, daß es Dich ſo verletzen würde. Du biſt eben ein ſtolzer Mann und Unſereins verſteht das gar nicht ſo, es iſt zu hoch für unſeren Sinn.“ „Laß gut ſein, Kind“, beſchwichtigte ſie Riedhelm ſie aber fuhr fort: „Ja, ich weiß wohl, ich bin in Manchem immer noch ein Kind und Du haſt an mir keine Stütze neben Dir, wie Du an einer rechten Frau, die etwas gelernt — 29 hat, haben ſollteſt. Ich kann mich nicht ſo in alle Deine Gedanken hinein verſetzen, und dann weiß ich ja auch gar nicht, was ſo eigentlich in Deiner Seele vorgeht. Du haſt kein rechtes Vertrauen zu mir.“ Mit Angſt im Herzen gewahrte ſie, wie ſeine Stirn ſich umdüſterte und ſenkte, und nun gab ſie ſich alle Mühe, den Eindruck ihrer Worte zu verwiſchen.„Ia, ſieh' nicht ſo finſter drein“, bat ſie,„ich will Dir da⸗ mit keinen Vorwurf machen, beileibe nicht, Du wirſt ſchon Deine Gründe haben, und es iſt gewiß ganz recht, wie Du's hältſt, nur mußt Du eben auch Ge⸗ duld haben mit Deiner Hanne, ich habe ja nichts auf der Welt, als mein Kind und Dich, und Deine Liebe iſt mir Alles, iſt mir die Luſt zum Leben! O nein, nein, die Mutter hat nicht Recht, wenn ſie ſagt, Du hätteſt mich nur aus Mitleid, aus Erbarmen zum Weibe genommen, weil Du geſehen haſt, daß ich ohne Dich geſtorben wäre. Nein, nein, ich weiß es beſſer und ich hab's da im Herzen immer gefühlt, daß es mehr war— daß Du mich auch ein wenig lieb hatteſt. Nicht wahr, Du warſt mir gut?“ Wie hätte er dieſes mit ganzer Seele an ihm hängende Weſen betrüben können, und nicht nur Mit⸗ leid, auch ein inniges Gefühl regte ſich bei ihm, es 30 war keine Lüge, da er gelaſſen, aber weich erwi⸗ derte: „Ich war's und bin es noch, Hanne.“ „O ja, ja, mein Herz hat mich nicht betrogen“, ubelte ſie und küßte ſeine Hand, auf die eine heiße Thräne aus ihrem Auge fiel.„Ich habe es ja ge⸗ wußt“, und dann fuhr ſie in emſigem Vertrauen fort: „Du ſtehſt dabei aber doch ſo weit über mir, Hermann, und noch jetzt nach acht Jahren, die wir mit einander leben, iſt mir oft, als ob es gar nicht wahr wäre, als ob ich eigentlich gar nicht Deine Frau ſein könnte, Alles wäre nur ein Traum, und mit einem Male müßt' ich erwachen, Alles wäre vorüber, und Dein Platz an meiner Seite leer und Du biſt dann fort, wie's im Märchen von dem Schwanenritter heißt. O, wie oft in der Nacht fahre ich auf und höre auf Deinen Athem, ob Du denn auch noch da biſt!“ Riedhelm wiegte leicht den Kopf. „Du biſt manchmal ſo nervös gereizt“, ſagte er. Sie ſah ihn fragend an, in ihrem Blicke malte ſich wieder eine Befürchtung. „Wie meinſt Du das? Bin ich böſe?“ ſagte ſie ſchüchtern. Riedhelm ſah, daß ſie ihn nicht verſtanden hatte, ———QO⏑—Vʒ˖·——— ——— — ——————— — 31 aber er fühlte nicht die Luſt in ſich, ſie jetzt zu be⸗ lehren. „Ja, ja, ich ſpreche ihr eine fremde Sprache“, ging es ihm durch den Kopf; dann ſagte er ihr freund⸗ lich, aber müde:„Nein, ich will nur ſagen, daß Du beinahe krankhaft erregt biſt. Du mußt Dich zu be⸗ ruhigen ſuchen und nicht von Unwahrſcheinlichkeiten träumen.“ 3 „O, ſage: Unmöglichkeit!“ flehte ſie mit dem Aus⸗ druck großer Angſt. „Vertrauſt Du mir denn nicht?“ „Ob ich es thue! Wie auf meinen Schutzengel. Aber ſiehſt Du, auch der iſt immer um mich und doch unerreichbar— ich kann ihn nicht faſſen, nicht halten.“ Wieder ging es durch ſeinen Sinn, wie er ihr fremd ſei und nur volles, unumwundenes Vertrauen dieſe Scheidewand niederreißen könne, und wieder fragte er ſich bitter, ob er es denn dürfe. Er ſah trübe vor ſich nieder, ſie verfolgte mit bangen Blicken die Veränderung jedes Zugs in ſeinem Antlitze. „Hab' ich Dich wieder beleidigt? War ich wieder kindiſch?“ fragte ſie und verſprach dann ſogleich, ihn gewiß nicht mehr zu quälen und gewiß nicht mehr zu verlangen, daß er ſie nach der Waldmühle führe. ———————— 32 „Weißt Du“, entſchuldigte ſie ſich,„ich hätte auch gar nicht gewagt, es von Dir zu verlangen, aber Louiſe und Line ſtellten mir das erſt ſo ſchön vor, und dann ſchämte ich mich vor der Mutter, und ihre Stichelreden thaten mir weh. Ich kann's nicht leiden, daß ſie im— mer ſagt, Du behandelteſt mich nicht als Deine Frau, Du liebteſt mich nicht. O, das thut ſo ſehr weh!“ „Warum hörſt Du auch auf ſie?“ warf ihr Ried⸗ helm mißmuthig ein, doch Hanne fiel ihm in's Wort. „O, nicht ſo, nicht ſo!“ bat ſie.„Sie iſt ja doch meine Mutter. Denke, wie alt und gebrechlich ſie iſt, und wer weiß, wie es uns ſein würde, wenn uns das Augenlicht erloſchen wäre. Sie war nicht immer ſo, wie ſie jetzt iſt, es kommt wie eine Krankheit über ſie. Weißt Du, ſie hat's auch beſſer gehabt in ihrer Jugend — jetzt härmt ſie ſich darüber und da iſt ſie grämlich.“ Das„auch“ verreth ihm den Gedankengang Hanne's. Ja, ja, auch bei ihm litt die Stimmung oft genug unter der Erinnerung. Seine Worte klangen freundlicher, als er ihr darauf ſagte, eben darum ſolle ſie auf die Mutter nicht hören. Auch dieſen letzten leiſen Vorwurf ſuchte er ſogleich wieder zu mil⸗ dern. „Höre mich an, Hanne“, ſagte er.„Schon als — — — 33 ich heimkam, hatt' ich einen Plan für uns; wäre mir nur beinahe ſammt der Freude darüber verleidet worden. Sonnabend erhalte ich das Geld für die Uhr im Nikolaithurme ausbezahlt. Man hat mir nichts abgedungen und es iſt die erſte größere Summe, die ich ſeit Deines Vaters Tod verdiente. Da wollen wir einen Theil dazu verwenden. Ich weiß nämlich noch einen anderen Wunſch von Dir, als den, nach der Wald⸗ mühle zu gehen— einen weit älteren. Was meinſt Du nun, wenn wir uns Sonntag früh aufmachen und mit Fritz über die Berge nach Liebenau gehen— abends fahren wir dann heim.“ Die helle Röthe ſchoß Hanne in's Geſicht, ihre Augen wurden feucht in Freude und Rührung, wie ein Kind ſchlug ſie in die Hände. „Nach Liebenau!— das fürſtliche Schloß und der prächtige Park, von dem der Vater immer erzählte— das ſoll ich ſehen? und Fritz auch— ach, Hermann, iſt's möglich?“ „Vorausgeſetzt, daß es ſchön Wetter gibt“, be⸗ dingte Riedhelm, dem wieder einmal ein leiſes Lächeln durch die Züge ſchlich, wie das momentane Durch⸗ brechen der Sonne durch eine dichte herbſtliche Nebel⸗ ſchicht. Man freut ſich faſt mehr dieſes verſchleierten Byr, Wrak. II. 3 34 Lichts, das man lange ganz entbehrte, als des vollen, mächtigen Strahlenbrandes im Hochſommer. „O ja, natürlich“, behauptete ſie mit anmuthiger Heiterkeit,„das muß es geben, wollen wir ja nach Liebenau.— O Hermann“, fuhr ſie dann fort und in ihrer Stimme vibrirte der weiche Ton inniger Liebe und rührender Dankbarkeit,„Du biſt unendlich gut, Du ſchenkſt mit beiden Händen, wenn Du mit einer nimmſt. Ich weiß nicht, wie ich ſolch' einen Mann verdiene!“ Sie ſchlang den Arm um ſeinen Nacken und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, als wolle ſie vor Ver⸗ folgungen hier Schutz ſuchen und ſich ſeiner für immer verſichern, daß ihn nichts mehr von ihr zu reißen ver⸗ möge. Riedhelm aber wiederholte ihre letzten Worte noch einmal, wie einen Vorwurf, den er ſich bitter ſelbſt machte.„Arme!“, dachte er dabei,„Du verdienſt ein ganzes Herz!“ Leiſe drückte er einen Kuß auf ihre Stirne, löſte ſich dann los und ſagte freundlich:„Nun aber habe ich den Spaziergang verſäumt, ſo will ich denn wieder an die Arbeit.“ „Und ich will Dich nicht ſtören“, erwiderte ſie, raffte ihre Näherei zuſammen und verließ mit einem Blick der reinſten, hingebendſten Liebe auf ihn das Gemach. Sie war ſo glücklich. ———— „„— ——— Zweites Kapitel. Die Entdeckung. Es war ſchon in den ſpäteren Nachmittagsſtunden, als Graf Thunau und Paula von einem Spaziergange heimkehrten, den ſie nach dem Gabelfrühſtück unternom⸗ men hatten, um die Stadt ein wenig kennen zu lernen. Auch das berühmte, nun wieder reſtaurirte Uhrwerk am Nikolaithurme hatten ſie angeſehen und das Talent bewundert, das ein ſo complicirtes Werk aus der halbhundertjährigen Ruhe wieder zum Leben erweckt. Mit welch' anderen Gefühlen hätte Paula das Meiſterſtück betrachtet, wenn ihr eine Ahnung zuge⸗ flüſtert hätte, wer der Mann ſei, der die ſchwierige Arbeit vollbracht, es wurde jedoch nicht einmal der Name, den er jetzt führte, vor ihr genannt:„Ein 3 36 Uhrmacher aus unſerer Stadt“ ſagte man nur, und weiter ging ſie und ließ ſein Werk hinter ſich, wie ſie zweifelsohne auch an ihm ſchon in früheren Tagen vor⸗ übergegangen war und ihn hinter ſich gelaſſen hatte, ohne von ſeinem Daſein zu wiſſen. Es iſt, als wandelten die Menſchen oft in tiefer, undurchdringlicher Nacht arglos neben einander her oder an einander vorüber; die innigſten Freunde, die erbittertſten Feinde haben nur noch einen Schritt zu thun, um für alle Zeit getrennt zu ſein, ohne eine Ahnung von ihrer Begegnung zu bewahren, und Alles bliebe ungeſtört in ſeinem gewöhnlichen Gange, wenn nicht mit einem Male der Blitz„Zufall“ das ganze Firma⸗ ment erleuchtete und damit auch die Seelen in Flammen ſetzte. Ehemals gab der Glaube einer höheren Macht den Donnerkeil in die Hand, heutzutage hält man ihn für eine einfache Naturnothwendigkeit. Man verſucht deren Geſetze zu beſtimmen und muß doch zugeben, daß ſie im letzten Grunde unerforſchlich ſind. Paula fühlte ſich ermüdet und zog ſich auf ihr 1 Zimmer zurück, nachdem ſie ihren Gatten noch gebeten, eine kleine Summe bereit zu halten, die ſie in die Armencaſſe der Stadt zu ſpenden beabſichtigte. Che ſie jedoch noch Zeit gehabt, ein wenig Ruhe zu finden, 37 hatte man ſie zum Diner gerufen, jetzt war auch das beendet und der General ſaß allein vor dem Schreib⸗ tiſche im Salon; er hatte die kleine Schatulle von Juchtenleder geöffnet vor ſich ſtehen, anſtatt aber aus den wohlgeordneten Papieren und Banknolenpäckchen das von Paula verlangte Geld abzuſondern, hatte er ſich, die Stirne in die Hand geſtützt, in die ſtarre Be⸗ trachtung eines Schmuckſtückes vertieft, das er unwill⸗ kürlich zuerſt aus der Caſſette hervorgeholt. Jenes reiche Brillantarmband war es, an welches ſich Paula's und Riedhelm's Geſchick ſo eigenthümlich knüpfte. Es liegt in manchem lebloſen Ding wie eine geheimnißvolle magiſche Kraft, die verhängnißvollen Ein⸗ fluß auf die Menſchen zu üben ſcheint, daher mag wohl der ſo lange gehegte und noch immer nicht ausgeſtor⸗ bene Aberglaube an die Wirkungen gewiſſer als Talis⸗ man betrachteter Dinge ſtammen. Familienlegenden, ja ſogar hiſtoriſche Ueberlieferungen erzählen davon und es iſt viel und mit Recht über das Innewohnen ſolcher verhängnißvoller Gewalt geſpottet worden. Daß aber Dinge, welche im Zuſammenhange mit eigenthümlichen Ereigniſſen, ſelbſt wie Theilhaber daran betrachtet wer⸗ den, ſcheint eben in der Anſchauungsweiſe zu liegen, welche in der menſchlichen Natur begründet iſt, denn 38 würde man ſonſt mit ſoviel Neugier, Befangenheit und ſelbſt Ehrfurcht Bäume und Felsſtücke, Wohnhäuſer, Möbel, ja ſogar Kleidungsſtücke aufſuchen, die mit be⸗ rühmten Menſchen und Ereigniſſen in Verbindung ſtehen?— Die Erinnerungen, die ſie wachrufen, ſind der geheimnißvolle Zauber, der von ihnen ausſtrömt und der um ſo wirkſamer für den Geiſt des Betrachters wird, je weniger dieſer gewöhnt iſt, abſtract zu denken. So ſcheut der wilde Naturmenſch das Feuergewehr, das er für einen böſen Geiſt hält, ſo graut den Meiſten vor einem Henkerbeil, an dem das Blut der Hinge⸗ richteten klebt. Die Anlage zum Aberglauben bringt jeder Menſch aus ſeiner Kindheit mit, wie die Völker aus der ihren. Ein ſolcher Bann hielt Graf Thunau's Auge an das Armband gefeſſelt. Imnier und immer wieder zog der dämoniſche Glanz dieſer Steine ſeine Blicke an. Jahre, lange Jahre lag dieſer Zeuge eines großen Unrechts verborgen, und nur wenn der General reiſte, hatte er ihn bei ſich, es war ihm, als wäre er zum Wächter deſſelben beſtellt und eine Entdeckung deſſelben müſſe ſeiner eigenen Ehre und ſeinem Glücke gefährlich werden. Er hatte ſich dem Wahn hingegeben, den Mann —— 5—— 39 vergeſſen zu können, aus deſſen Elend ihm das Gebäude ſeines Glückes erſtanden war, aber das Kleinod mahnte immer wieder an die Vergangenheit und beſchwor den Schatten Riedhelm's herauf, der ſich mit grauenhafter Deutlichkeit vor den Grafen ſtellte und ihm mit funkelnden Augen und aufgehobenem Arme drohte.— Hundertmal hatte ſich der General ſchon gefragt, warum er das Armband nicht vernichte, warum er es nicht zerbreche und die Theile wegwerfe oder den Armen ſchenke, immer wieder ſchreckte er davor zurück. Eine innere Stimme rief ihm zu, er dürfe es nicht! Wenn ein Ertrinkender ſich an ihn klammerte, wer könnte es ihm verdenken, denſelben, auf eigene Rettung bedacht, ab⸗ geſtreift zu haben, ſagte er ſich— und er tröſtete ſich, nicht einmal das gethan zu haben. Dies Kleinod aber vernichten, erſchien ihm, als wolle er den Balken zer⸗ trümmern, den der Ertrinkende umſchlingt und der ihn noch an's Ufer tragen kann. War es nicht genug, daß er geſchwiegen hatte, als ſein Fürwort den Verleum⸗ deten vom Verderben retten konnte, hatte er ſich nicht ebenfalls hinreißen laſſen, ohne genaue Prüfung über⸗ eilt das verdammende Urtheil auszuſprechen, traf ihn damit nicht gewiſſermaßen ein Theil der Mitſchuld? Mehr als das: hatte er ſpäter durch ſein Schweigen 40 gegen Paula nicht eigentlich einen Raub begangen und ſich ein fremdes Gut, das Herz, das einem Andern gehörte, widerrechtlich angeeignet? Wenn auch der Verſchollene ſo wie ſo keinen Nutzen hätte ziehen können aus einem Akte der Entſagung, das Gewiſſen ſprach Thunau nicht frei. „Es iſt zu viel gefordert von einem Menſchenherzen, ſich ſelber zu berauben, dazu gehört übermenſchliche Kraft!“ ſchrie ſein Herz auf in ſteter Empörung, aber eben ſo ſtetig kam die Antwort darauf wie ein Echo: ſeu hnamen Sophismen! Wenn es ſo iſt, warum dann dieſer Druck, dieſe Qual, dieſe Gewiſſenslaſt? Warum dieſe Todesangſt vor dem Erſcheinen des Ge⸗ ſpenſtes?“ So ſaß und ſann er lange, er merkte nicht das Verſtreichen der Zeit, das Geſpräch am Morgen hatte Alles in ſeinem Innern durchwühlt und in Aufruhr gebracht. Er vernahm nicht einmal, daß hinter ſeinem Rücken die Thüre ging und ſich ein leichter Schritt ihm nahte, ſo ſehr war er abgetrennt von der Außenwelt und verſunken in das Brüten ſeiner Ge⸗ danken. Mit einem Male fuhr er erſchrocken auf, als ſei er vom Feinde überfallen worden, eine blitzſchnelle 41 Bewegung warf das Armband in die Caſſette und ſchloß dieſe. Eine Hand hatte ſich auf ſeine Schulter gelegt. Es war Paula, die in den Salon getreten, ihn ſo gefunden und ſich ihm mitleidig genaht hatte. „Armer Freund, ſchon wieder in düſteren Träu⸗ men, Du darfſt mir nicht zum Hypochonder werden!“ hatte ſie geſagt, war aber durch ſein plötzliches Auf⸗ ſpringen unterbrochen worden und ſah ihn nun erſtaunt an, wie er noch immer faſſungslos daſtand und nur ein paar Worte:„Ha! Paula, Du?!“ faſt unartikulirt aus ſeinem Munde kamen. Doch ließ ſie die Befrem⸗ dung, die ſich ihrer bemächtigen wollte, nicht Herr über ſich werden. Scherzend drohte ſie ihm mit dem Finger und ſagte: „Ei, mein Herr Gemahl, haſt Du ein ſo ſchlimmes Gewiſſen? Es ſcheint, als habe ich Dich in flagranti ertappt.“ Der General ſtammelte abermals einige zu⸗ ſammenhangsloſe Worte und wollte die Caſſette in das geöffnete Fach, woraus er ſie genommen, zurück⸗ legen. Die Bewegung war in dieſem Momente zu auf⸗ fallend, als daß ſie Paula's Aufmerkſamkeit nicht eine beſtimmte Richtung hätte geben ſollen. Sie glaubte, ‿ ihr Mann wolle ihr eine Ueberraſchung bereiten, wie dies ſchon öfter der Fall geweſen, und ſie wollte, eben um zu zeigen, wie unbefangen ſie das Geſpräch am Morgen doch eigentlich gelaſſen und um den Trübſinn ihres Gatten ein wenig zu zerſtreuen, den Scherz wei⸗ ter treiben, der Ueberraſchung, die nun ja doch ſchon halb und halb verrathen war, zuvorkommen und ſo einen kleinen heiteren Triumph feiern. „Ah, ein Geheimniß!“ rief ſie.„Ich ſoll mich alſo von der Neugierde zu Tode quälen laſſen, meinſt Du, ohne zu erfahren, was in der Caſſette ſpukt?“ Vielleicht noch niemals ſeit ihrer Ehe war Paula ſo munter geweſen, aber ſo ſehr dies auch ſonſt den Grafen entzückt hätte, diesmal erfüllte es ihn mit Schreck, denn er ſah voraus, daß ſie nicht in der Laune war, ſich gleichgiltig abfertigen zu laſſen, wie ſonſt, und die Angſt gab ihm, wie ſie immer thut, Mißgriffe ein. Statt die Sache leicht zu nehmen, wie Paula, und dadurch deren Intention abzulenken, zog er die Caſſette faſt heftig an ſich, als ſie die Hand darnach ausſtreckte, und verlockte ſie dadurch nur noch zu leb— hafterem Begehren. „O nein, nein, Du darfſt nicht darum wiſſen!“ ſtieß er hervor. 43 Aber ſie hatte die Caſſette ſchon ergriffen und zog ſie mit ſanfter Gewalt ſcherzend an ſich. Indem er ſie ihr zu entwinden ſuchte, kehrte ſich der Spalt der Schatulle nach unten, ſie öffnete ſich und der ganze Inhalt: Briefe, Papiere, Banknoten und das Armband — fiel zu Boden. Lachend bückte ſich Paula, ehe der General, vor Beſtürzung verſteinert, noch daran dachte, ihr zuvorzu⸗ kommen. Sie hatte ſogleich das Armband erſchaut, das faſt ganz unter Papieren verſteckt lag. „Ha, ein Schmuckſtück!“ rief ſie munter,„vortreff⸗ lich! Ich nehme mir die Ueberraſchung vorweg.— Nun hab' ich's doch!“ Und raſch zog ſie es unter den Papieren hervor, ohne es anzuſehen, denn ihr Blick richtete ſich trium⸗ phirend zu ihrem Manne empor. Erſt der Anblick, der ſich ihr hier bot, lenkte ihr Auge wieder auf das Klei⸗ nod zurück. Wie wenn Freude und Jubel einen hell erleuch⸗ teten Saal erfüllen und dann ein einziger heftiger Luft⸗ zug all' die hundert und hundert Flammen im ſelben Augenblick verlöſcht, ſo daß mit einem Male undurch⸗ dringliche Nacht herrſcht und Jeder, von Ueberraſchung an den Fleck gebannt, einen Ausruf des Schreckens von 44 ſich gibt, ſo war auch hier die erſt noch laute Heiter⸗ keit wie mit einem Zauberſchlag verſtummt und die Stimmung in ihr Gegentheil verwandelt. „Hal! was iſt das? Mein Gott!“ rief Paula ent⸗ ſetzt aus,—„das Armband, das unſelige Arm⸗ band!“ Erſt noch auf den Knieen, ſtand ſie im Nu auf⸗ recht und ſtarrte den Fund an, als halte ſie eine gif— tige Viper. Sie bemerkte nicht, wie der Graf wankte und mit der Hand die Augen bedeckte, ſo ganz war all' ihr Denken und Empfinden auf das Eine con— centrirt. „Mußte ich es noch einmal wiederſehen, und hier, hier!“ ſtieß ſie nach einer Weile hervor.„Wie kommt es hierher? Sage, Thunau, was iſt's damit?“ wandte ſie ſich an ihren Gatten und ſah ſein Gebahren mit heftiger Betroffenheit an. Wie ein Greis war er gebrochen auf den Fauteuil geſunken, der an dem Schreibtiſche ſtand. „O, warum habe ich es nicht längſt vernichtet?!“ murmelte er,„ich ſah es kommen.“ „Was ſagſt Du?“ fragte Paula, der die Sprache verſagen wollte,„ich verſtehe Dich nicht. Vernichten hätteſt Du es ſollen? Du machſt Dir Vorwürfe, daß 45 Du es nicht thateſt? Aus welcher Veranlaſſung? Und llängſt ſchon vernichten:— Du ſagteſt doch ſo, ‚längſt?““ Sie erhielt nur ein leiſes Stöhnen zur Antwort. Jetzt begannen ihre Pulſe ſchneller zu ſchlagen, auch das Wort wurde geläufiger, beinahe haſtig. „Vernichten? Weßhalb vernichten? Rede! Warum ſollte ich es nicht ſehen? Was iſt da für ein Geheimniß dahinter?“ heiſchte ſie. „Ich wollte Dir und mir Vorwürfe erſparen“, brachte der Graf endlich mühſam hervor. „Vorwürfe?! Vorwürfe ſagſt Du? Und wir— wir hätten uns welche zu machen?“ entgegnete ſie mit wiedergefundenem Stolz,„das, glaube ich, hatteſt Du am wenigſten zu ſcheuen.— Es ſind nur widerliche Erinnerungen, die dieſe Steine heraufbeſchwören, aber weiter auch nichts. Und ſelbſt um die mir zu erſparen, war es nicht nöthig, die Sache zu zerſtören. Du haſt ſie alſo ſchon ſeit langer Zeit wieder?“ „Seit zehn Jahren.“ „Seit zehn Jahren?“ wiederholte Paula und be⸗ tonte erſtaunt jedes Wort für ſich.„Und die ganze Zeit haſt Du mir nichts davon geſagt? Das war nicht recht, Thunau.“ 46 „Ich weiß es“, ſtöhnte er. „Und wie kam es in Deine Hände?“ „Ich habe es gekauft, von einem Juden.“ Paula hob ſich höher, als fühlte ſie ſich von Stolz und Verachtung aufgerichtet. „Alſo doch“, ſagte ſie und bewies damit, daß doch noch immer ein kleiner Zweifel an Riedhelm's Schuld in ihr weitergelebt.„Der Jude“, ſetzte ſie nach einer Weile hinzu,„hatte es natürlich von— ihm.“ Es klang wie eine beſtimmte Annahme und doch wieder wie eine Frage, die beantwortet werden ſollte. Mächtige Gegner rangen in des Grafen Seele, das Gewitter, das er ſo lange gefürchtet, war da über ſei⸗ nem Haupte; ſollte er dem Strahle Trotz bieten oder ihn mit einer abermaligen Lüge ablenken, die nicht weniger verbrecheriſch war als Webenſtein's active Ver⸗ leumdung, wenn ſie auch nur in ſchweigendem Ge⸗ ſchehenlaſſen ihren Ausdruck fand? Endlich ſtieß er den feigen Gedanken an den Ausweg zurück. Die Wahrheit wollte er ſagen— komme dann, was da wolle. Das Bekenntniß ſeiner Schwäche war wenig⸗ ſtens ein Verſuch zur Sühne, härter als die Selbſt⸗ geißelung religiöſer Fanatiker. 47 „Nein“, kam es endlich, da Paula ſchon keine Antwort mehr erwartete und das Schweigen als Be⸗ ſtätigung ihrer Vorausſetzung nahm, über ſeine Lip⸗ pen,„nicht von Riedhelm— Webenſtein hatte es ver⸗ ſetzt.“ „Webenſtein?“ wiederholte Paula dumpf, beinahe tonlos— ſie erſchrak und begriff doch nicht den Zu⸗ ſammenhang. „Er hatte es gefunden“, ſetzte der General hinzu. „Gefunden?“ wiederholte ſie abermals, doch ihr Athem ging indeß ſchon haſtiger und ihr Antlitz drückte dabei die höchſte Spannung aus.„Gefunden, von Webenſtein?“ „In einer der Vaſen auf dem Kamin des kleinen Boudoirs, unmittelbar nach jener Scene.“ Kein Ton, nur ein ganz leiſes, leiſes Aechzen ließ ſich hören, wie ihn wohl ein heftiger, ſtoßweiſer Athem⸗ zug aus ungeheuer gepreßter Bruſt hervorbringt. Dann lief ein ſtarkes Zittern durch Paula's Körper, der Schweiß trat, wie von übermächtigem Nachdenken, das auf einen einzigen Punkt gerichtet iſt, auf ihre Stirne, ſie ſchwankte, hielt ſich an der Lehne des Sophas, auf das ſie dann niederſank, noch immer ohne Worte, ohne Laut. Der Graf ſprang in furchtbarer Beſtürzung auf, 48 um ihr zu Hilfe zu eilen, denn er glaubte ſie ohn— mächtig werdend, aber jetzt ſchnellte ſie ſelbſt empor, warf die Arme über den Kopf und ſchrie mit einem durchdringenden Ton der Verzweiflung: „Ich ſelbſt! Mein Gott, ich ſelbſt!“ und als hätte dieſes Suchen in der Erinnerung ihre ganze Kraft er⸗ ſchöpft und der furchtbare Blitz der Erkenntniß ihren Körper wie ihren Geiſt geknickt, brach ſie von neuem auf das Sopha zuſammen und über die Hände, die ſie vernichtet vor's Geſicht geſchlagen, rann ein Strom von Thränen. Der Graf ſtand dabei, er konnte nicht helfen, nicht tröſten, er fühlte ſich grenzenlos elend. Was er da vor ſich ſah, mußte er ſich ſagen, war mit ſein Werk. Er hatte den Moment kommen ſehen; ſtatt ihm vorzu⸗ beugen, hatte er ihn nur hinausgeſchoben— nun war er da und er— was blieb ihm nun zu thun? Rath—⸗ los, finſtern Blicks, mit feſt aufeinandergebiſſenen Zäh⸗ nen ſtand er da, und ſie wußte noch nicht einmal Alles.— Lange weinte Paula ſo im Stillen fort, bis ſich der Sturm doch ein wenig beſänftigte, jetzt fand ſie wieder Worte zu leiſer, unſäglich rührender Klage: „O, ſo iſt es denn wahr geworden, was ich ahnte 49 und immer von mir ſcheuchen wollte. Hermann,— armer, armer Hermann! Wie bitter iſt Dir Unrecht geſchehen, wie hat man Dein Leben vergiftet, und ich Unſelige habe ſelbſt dem Verhängniſſe geholfen, Dich zu zerſchmettern! Erſchütternde Wahrheit iſt der Traum geworden, gegen den ich mich Tag und Nacht jahre⸗ lang geſträubt. Du biſt unſchuldig und ich trage die furchtbare Schuld, an Dir gezweifelt und Dich verleugnet zu haben!“ Dem Grafen zerſchnitt es das Herz, zu hören, wie ie um den einſtigen— den noch immer Geliebten litt. Welche Folterqual hätte fürchterlicher ſein können! Und nun betrachtete ſie wieder durch eine Zeit, die ihm endlos dünkte, das Armband, als wolle ſie Stein für Stein zählen und prüfen, bis ſie den Schmuck endlich auf den Tiſch vor ſich hinlegte und mit feſterer Stimme zu ihrem Gatten ſprach: „Und nichts, nichts iſt geſchehen, um das Unrecht wieder gut zu machen, das ihm angethan worden. Zehn Jahre ohne Rechtfertigung! O Thunau, wie konnteſt Du es über das Herz bringen, einen Menſchen zehn Jahre mit Schmach bedeckt zu laſſen, deſſen Ehre Du in Händen hatteſt?“ Dieſem Vorwurf wenigſtens konnte er begegnen. Byr, Wrack. II. 4 50 „Ich habe Alles gethan, was möglich war, doch er war nicht mehr zu finden“, rechtfertigte er ſich, und nun erzählte er ihr, wie er durch öffentliche Erklärungen Riedhelm's Ruf wieder hergeſtellt, wie er das Officier⸗ corps des Regiments zu jenen rehabilitirenden Beſchlüſſen veranlaßt und ſich bereit erklärt habe, an der höchſten Stelle ſelbſt Schritte zu thun, um das Geſchehene un⸗ geſchehen zu machen. Er theilte ihr mit, wie ergebniß⸗ los alle Aufforderungen und Nachforſchungen geweſen und wie er allmälig die Hoffnung habe aufgeben müſſen, den Geſuchten jemals wieder zu finden, um ihm das Verlorene öffentlich und perſönlich zurückzuerſtatten, um ihm das Erduldete ſo reichlich als möglich zu vergelten. Sei es, daß der Verſchwundene weit fort über's Meer gegangen und ihn die Nachricht von dem Umſchwung nicht mehr erreicht hatte, ſei es, daß ihm dieſelbe be⸗ kannt geworden und er trotzdem aus Verbitterung und Groll gegen die Welt ſeine Verborgenheit nicht mehr verlaſſen wollte, jedenfalls mußte endlich jeder Verſuch, ihn aufzufinden, als nutzlos aufgegeben werden. Ein Leid aber hatte er ſich wohl nicht angethan, ſonſt wäre doch irgendwo ſeine Leiche aufgefunden und das Ereig⸗ niß bekannt worden. Der Gedanke allein, es wäre die letztere Annahme 51 dennoch möglich, durchſchüttelte Paula ſchon mit Fieberſchauern. Sie brach neuerdings in Weinen aus und überhäufte ſich mit leidenſchaftlichen Selbſtvor⸗ würfen. „Und wenn auch Alles ſo kam“, begann ſie nach einer Weile,„Deine Schonung war übel angebracht, Thunau. Mir hätteſt Du es ſagen müſſen— Deinem Weibe! In dieſer Sache durfte es kein Geheimniß zwiſchen uns geben. Den Irrthum theilten wir mit⸗ einander, wir hätten auch gemeinſam den Bemühungen uns hingeben müſſen, den Verunglimpften aufzuſuchen und das Unrecht an ihm gut zu machen.“ Es kam ihr keinen Augenblick in den Sinn, ſich wie eine Gefangene zu betrachten. Freiwillig hatte ſie ihrem Manne die Hand gereicht und ſie dachte nicht, daß es anders ſein könnte. Die Pflicht, die ſie einmal gegen ihn übernommen, war ihr heilig, die Dankbarkeit konnte nicht erlöſchen, die ſie dafür empfand, daß er ſie in dem Moment der Zerſtörung, wo ſie zu ihm flüchtete und an ſeine Ergebenheit appellirte, ſchützend und lieb⸗ reich an ſeine Bruſt genommen. Hatte ſie mit beige⸗ tragen, jene Situation herbeizuführen, ſo mußte ſie ſich auch in die Conſequenzen finden, und ſie that es um ſo leichter, als ihr ſelbſt jetzt, wo auch die Stütze des 44 52 Stolzes morſch zuſammenbrach, doch noch die Achtung vor dem Charakter blieb, die ihr der Graf einzuflößen gewußt. Sie war noch der Meinung, eine allzuweit gehende Delicateſſe allein habe ihn verhindert, ihr das Wichtige mitzutheilen, um ſie vor den Selbſtanklagen und ſchmerzlichen Gewiſſensbiſſen zu bewahren, denen ſie nun doch anheimgefallen war. Konnte ſie auch dem Schweigen nicht beiſtimmen, den Willen wenigſtens mußte ſie gut und edel heißen, und dafür fühlte ſie ſich eine neue Verpflichtung aufgeladen. Sie tadelte ihres Gatten ſchonungsvolles Verfahren, mußte ihm aber den⸗ noch dafür Dank wiſſen, und der Ton, in welchem ſie zu ihm ſprach, drückte dies aus. Wie ein furchbarer Sarkasmus ſchnitt ihm eben dieſer Ton in's Herz. Durfte er ſie jetzt noch länger täuſchen, ohne den letzten Reſt von Selbſtachtung ganz zu verlieren? Nimmermehr! Noch einmal wiederholte er ſich, daß er vorwärts müſſe, möge kommen was da wolle, wie er ja auch in der Schlacht mehr als einmal der drohenden Kanone in die Mündung geſehen und vorwärts gedrungen war, ohne daß ihn der Gedanke an den möglichen Tod zurückhalten durfte. Als daher Paula die Frage an ihn that, weßhalb Webenſtein den Schmuck nicht ihr ſelbſt gebracht habe, antwortete er, 53 jedes feige Zaudern überwindend, daß Webenſtein ihn verborgen gehalten, bis ihn die Geldnoth zwang, den⸗ ſelben bei einem bekannten Wucherer zu verſetzen. „O, der Elende hat ihn alſo ſelbſt geſtohlen!“ rief ſie,„und beſchuldigte Hermann bloß, um ihn zu ver⸗ nichten! O, wenn er noch lebte, ich ſelbſt würde ihn mit eigener Hand züchtigen! Und wir Alle— Alle glaubten dem frechen Betrüger!— Aber wie kam Alles zu Deiner Kenntniß?“ fragte ſie dann weiter. „Der Vorfall“, erzählte der Graf,„hatte in Wien viel Geräuſch gemacht, es wurde in allen Schichten da⸗ von geſprochen. Der Jude hatte ſogleich Verdacht ge⸗ faßt, aber erſt, da er um ſein Geld beſorgt wurde, das er Webenſtein auf das Pfand geliehen, und be⸗ fürchtete, durch dieſes am Ende noch in Verlegenheit zu gerathen, brachte er das Armband mir. Ich löſte es, wie Du denken kannſt, ſogleich ein und eilte damit zu Webenſtein, Rechenſchaft von ihm zu fordern. Ich fand ihn auf dem Sterbelager; noch immer war er ſo be⸗ fangen, daß er nicht an ſeinen Tod glaubte. Zuerſt verſuchte er zu leugnen, dann aber geſtand er, daß er nach jenem entſcheidenden Vorfall ſelbſt noch einmal nachgeſucht und das Armband gefunden habe. Er be⸗ hauptete, anfangs Willens geweſen zu ſein, es zurück— 54 zugeben, dann aber habe ihn ein Rachegefühl gegen Riedhelm getrieben, den Fund zu verheimlichen. Er war eiferſüchtig, haßte ſeinen Gegner und wollte auch nicht zur Verantwortung gezogen werden, da er einmal ſchon verweigert hatte, Satisfaction zu geben. Er be⸗ fürchtete, ſeine Stellung als Tonangeber der Geſellſchaft zu gefährden, und ſchwieg. Das iſt in Kurzem die Geſchichte.“ Paula hatte ihm athemlos zugehört, jetzt ſtand ſie von innerer Erregung getrieben auf. „Wie iſt mir?“ ſagte ſie haſtig.„Webenſtein ſtarb ja in der Nacht vor unſerer Trauung. Das Armband war alſo in Deiner Hand und Du wußteſt Alles— eh' ich Dein Weib ward?!“ Sie ſtarrte in das Antlitz ihres Gatten, als habe ſich dieſes mit einem Male in das eines Todtenkopfes verwandelt und Moder und Verweſung blicke ihr ent⸗ gegen aus den leeren Augenhöhlen. Der General ſah zu Boden, er war nicht im Stande, auch nur ein ein ziges Wort hervorzubringen, und nickte nur bejahend mit dem Kopfe, während er das Urtheil über ſeine Schuld erwartete, deren er ſich nun ſelber angeklagt. Das Herz zuckte ihm ſchmerzlich und dennoch fühlte er, als wäre eine erdrückende Laſt davon genommen. Wie 55 eben ſo viele Schläge berührten ihn Paula's Worte, als ſie heiß und ſcharf die Frage hervorſtieß: „Und Du ſchwiegſt?“ „Paula!...“ flüſterte er bittend und wagte es, die Augen zu ihr zu erheben, aber ſie hörte ihn nicht. „O mein Gott!— Hermann!“ rief ſie.— Es war ein Aufſchrei der Verzweiflung. Raſch wandte ſie ſich ab, ging an's Fenſter und preßte ihre heiße Stirne an die Scheiben, als könne ſie wie jene auch den namen⸗ loſen Schmerz in ihrem Herzen kühlen. Wieder ſpielten die hübſchen Kinder unten im Garten, diesmal aber beſchlich ſie nicht mehr das halb neidiſche, halb wehmüthige Gefühl bei dieſem Anblick, eine Stimme in ihrem Innern erhob ſich bitter grollend und rief, wie gut es nun doch ſei, daß kein Kind ſie an dieſen Mann knüpfe und ihr die aufſteigende Em⸗ pfindung des Widerwillens und Haſſes gegen ihn zum Verbrechen mache. Sie hörte jetzt ſeine Stimme— wie konnte er es wagen, zu ihr zu ſprechen! Unwillig be— fahl ſie ihm, ſie zu verlaſſen. Er aber ließ ſich das Wort nicht nehmen. „Paula, Du mußt mich hören!“ rief er weich und doch leidenſchaftlich.„Verdamme mich nicht, ich könnte ein ſolches Urtheil nicht ertragen. Was ich that, habe 56 ich aus grenzenloſer Liebe zu Dir gethan. Eine Schuld iſt es, aber ich würde ſie heute wieder begehen um Dei⸗ nen Beſitz. Ein Tag ſchied uns von dem Termine unſerer Verbindung, ein einziger Tag, als mir ein Zu⸗ fall dies unſelige Kleinod in die Hände ſpielte. Ich vermag Dir nicht zu ſagen, was ich empfand, als Du mir Deine Zukunft, Dein Lebensglück anvertrauteſt, und zun ſollte ich das Geſchenk, das mich ſelig gemacht, freiwillig von mir weiſen? O, ich rang ſchwer mit mir ſelbſt; es war ein verzweifelter Kampf;— willſt Du es mir zum Vorwurfe machen, daß mein beſſeres Gefühl endlich unterlag? O, ich habe es ſchwer ge⸗ büßt, jahrelang dieſe unausgeſetzte Angſt vor Entdeckung, die mir die ſchönſten Naenoli verbitterte und einen Tropfen Gift in jede Freude ſpritzte; jahrelang das Gefühl, als unterſchlage ich rundes Eigenthum, als verdanke ich jeden Deiner freundlichen Blicke, jede Deiner Liebkoſungen nur einem ſchändlichen Betrug. Und den⸗ noch, dennoch kann ich keine Reue fühlen, daß ich den Zufall, der Dich mir zugeführt, feſtgehalten und mir all' das Glück nicht durch einen anderen Zufall wieder hinwegſchwemmen ließ. Und ſage, wenn mir das Armband nun um einen Tag ſpäter zugekommen wäre, als Du ſchon mein Weib warſt,— hätteſt Du den 57 Schritt zurückzuthun vermocht? Was wäre anders ge⸗ weſen?“ „Dann hätte das Schickſal es ſo gewollt, nichtt Du!“ entgegnete Paula, ſich plötzlich mit vernichtendem Blicke herumwendend. „Nun denn, ich hätte Dich ja auch jetzt noch in die⸗ ſem Wahne laſſen konnen, aber ich wollte, ich mußte endlich einmal die Wahrheit ſagen, denn es wider mich an, auch noch die Lüge zu jenem Schweigen hinzu⸗ zufügen, das eine ſchwere Verirrung geweſen ſein mag.“ „Verirrung?“ wiederholte Paula bitter, indem ſie ihrem Gatten in's Wort fiel, und unnachſichtlich fügte ſie hinzu:„Du haſt ein Verbrechen begangen.“ „Um Deinen Beſitz!“ entgegnete der Graf.„Kannſt Du mich darum haſſen?“ „Ja“, verſetzte Paula hart. „Habe ich mich durch zehn Jahre, ſeitdem wir nun vereinigt leben, Deiner Zuneigung unwürdig gezeigt? Haſt Du einen anderen Vorwurf gegen mich? Iſt Alle⸗ mit einem Male von mir abgeſtreift, was mir Deine Achtung, Deine innige Freundſchaft errang, deren Du mich ſo oft verſicherteſt?“ „Du ſchwiegſt!“ hielt ihm Paula mit ſtarrer Härte entgegen,„Du ſchwiegſt!“ 58 „Und wie hätte ich ſprechen können, wenn ich Dich liebte, Paula?“ „Wahre Liebe weiß ſich auch ſelbſt zu opfern. Deine Leidenſchaft war nur das wilde Verlangen nach Beſitz.“ „Ich verſtehe jene nichtsſagende, nichtsbegehrende, reſignirende Liebe nicht“, bekannte er feſt,„die nichts iſt, als eine mattherzige, eitle Selbſtbeſchauung in dem Spiegel der Entſagung. Mein Durſt wird nicht geſtillt, wenn ich einen Anderen trinken ſehe, und ich mag in dieſem Bewußtſein nicht unthätig und entſagend ver⸗ lechzen. Damals ſprechen hätte ja geheißen, den Sonnen⸗ ſtrahl, der meinen Lebensabend verklärte, von mir weiſen. Vom Glück ward mir das koſtbarſte Juwel verliehen, zu dem ich vorerſt kaum gewagt, den ſehnen⸗ den Blick zu erheben, und jetzt, da ich das Glück hielt und in der Freude des Beſitzes mein Herz Muth faßte und meine Liebe tiefe, unausreißbare Wurzel geſchlagen hatte, hätte ich dies Juwel fortwerfen ſollen, einem Anderen Kröſusreichthum ſchenkend, indeß ich mich zum Bettler machte? Ich hatte Dein Wort und mochte es mir nicht mehr entreißen laſſen; dies Wort habe ich Dir nicht abgeliſtet, ich wollte Dich aber auch nicht in die Lage verſetzen, es zu brechen oder nur mit wider⸗ 5 9 59„ ſtrebendem Herzen zu halten und mir wie einem Ge⸗ fangenwärter zu folgen.“ Auf Paula war dieſe leidenſchaftliche Vertheidigung nicht ohne Einfluß geblieben, aber unmuthig ſchüttelte ſie denſelben ab, er erſchien ihr wie ein Verrath an Hermann. „Du haſt es vorgezogen“, rief ſie heftig,„einem Räuber gleich, mein Lebensglück zu vernichten und Dich ſelbſt mit deſſen Trümmern zu bereichern—“ Der General rief flehend ihren Namen, ſie aber ließ ſich nicht unterbrechen und fuhr fort: „Die furchtbare Anklage, die auf dies edle, un⸗ ſchuldige Haupt geſchleudert wurde, war eine Lüge, und Du hatteſt ſo wohig als ich den Muth, gegen den Verleumder aufzutreten und ihn zu zerſchmettern. Mir fehlte in jenem Augenblick die Klarheit des Verſtandes, Du aber ließeſt es mit kaltem Blute geſchehen, daß man Riedhelm verdammte, obwohl Du vielleicht ſchon damals eine Ahnung von dem richtigen Zuſammenhange hatteſt.“ „Das hatt' ich nicht!“ erwiderte der Graf, in wel⸗ chem durch das Abſchweifen von dem eigentlichen Puncte ſeiner Schuld, die Hoffnung wieder angeregt wurde, 60 der wild tobende Strom werde ſich allmälig verlaufen, —„er hätte ſich ſelber beſſer vertheidigen ſollen.“ Doch hatte er ſich getäuſcht. Das ſcheinbare Ab⸗ kenken war nur dem erneuten Schmerzgefühle ent⸗ ſprungen, das ſie immer wieder bei dem Gedanken an das, was Riedhelm erlitten, überkam. Das Unrecht, das an ihr ſelbſt geſchehen, trat nur für einen Augen⸗ blick in den Hintergrund vor der lebhaften Mitempfin⸗ dung. „Kann ein Menſch“, verſetzte ſie herb,„der hinter⸗ liſtig in's Herz getroffen worden, kann der noch weiter⸗ kämpfen? O, ich hätte nie daran zweifeln ſollen, daß er unſchuldig war; ich war klein, ſchwach, verächtlich und ließ mich überwältigen und täuſchen vom Anſchein; es war der Stolz des beleidigten Mädchenherzens, der mir mein Benehmen eingab;— Du aber— Du hätteſt Erfahrung genug gehabt, um die Wahrheit von der Lüge zu unterſcheiden, wäreſt Du in jenem Momente nicht ſelbſt Partei geworden.“ „Hierin“, betheuerte er,„thuſt Du mir Unrecht, ich ſchwöre es Dir, Paula! Als ich die Entdeckung ſeiner Unſchuld machte, habe ich nicht mehr gezögert, den Irrthum laut zu bekennen. Längſt iſt er vor der Welt kein Ehrloſer mehr. Nur Dir— Dir allein habe 61 ich die Entdeckung verſchwiegen. Vor der Trauund konnte ich nicht ſprechen, es war eine Unmöglichkeit; nach derſelben durft' ich es nicht mehr, wenn mein Glück und Deine Ruhe geſichert bleiben ſollten. Selbſt Dein Vater war derſelben Meinung., „Auch vor der Trauung?“ Der Graf verſtummte und ſein Auge ſchlug ſich zu Boden. Erſt nach einer Pauſe wagte er die Ant⸗ wort, die ſie mit ſtarrem Blick und zuckenden Lippen erwartet hatte. „Bis dahin“, ſagte er leiſe,„ſchwieg ich auch ge⸗ gen ihn.“ Nun aber brach der Glutſtrom von neuem los. „Dies Schweigen war eine— Nichtswürdigkeit!“ rief ſie mit flammender Leidenſchaftlichkeit, und als der General, unter dieſem Geißelhiebe zuſammenzuckend, einen Schritt zurückwich und die Empfindung dieſer Schmach ſich in ſeinen Zügen malte, fühlte ſie ſich nicht erweicht;— wie wenn ſie mit den Streichen eine Luſt gebüßt hätte, die unwiderſtehlich war, fuhr ſie fort: „O, Du thuſt recht zu erbleichen, denn Du haſt in mir eine Flamme erweckt, die mir den Verſtand verzehrt und Dich mit tauſend Qualen verſengen möchte, um ein Opfer durch das andere zu ſühnen. Ich habe ———* 62 zwei zerſchmetterte, verrathene Herzen zu rächen— mei⸗ nes und das ſeine!“ „Er lebt alſo noch immer in Dir“, ſagte der Gene⸗ ral mit düſterem Kopfnicken, als beſtätigte er ſich ſelbſt das Zutreffen ſeiner Vorausſetzungen und Befürch⸗ tungen. Ihre wilde Heftigkeit traf ihn weit weniger, als die Erkenntniß, daß ſeine Liebe trotz des jahre⸗ langen Zuſammenlebens doch unerwidert geblieben, und was er für die Zeichen einer erwachenden ſanften Gegen⸗ liebe gehalten, bloß ein freundſchaftlich gleichgiltiges Gewährenlaſſen, ein achtloſes Hingeben der Schätze war, die ihr entheiligt, gemißbraucht und werthlos er— ſchienen. Dieſer Ausſpruch aber klang in Paula's Ohr wie eine unverſchämte Frage, wie das Wagniß eines Vor⸗ wurfs, und in lodernder Erregung gab ſie die Ant— wort: „Ja!— er lebt noch immer, ich werde ihn nicht zum zweiten Male verleugnen. Ja denn, ich liebe ihn, ich werde ihn lieben mit meinem letzten Athemzuge und mein ganzes Streben wird dahin gerichtet ſein, ihn aufzuſuchen und das furchtbare Unrecht gut zu machen, das an ihm geſchehen. Seiner Spur will ich nach⸗ gehen, Schritt für Schritt, bis an's Ende der Welt, 63 und ihm Alles zum Erſatz anbieten, was ich bin, was ich beſitze, und um ſeine Vergebung flehen. Möge mich Gott den Verſchwundenen finden laſſen, denn ich könnte ſonſt nicht ſterben und müßte wandern und ſuchen in Ewigkeit raſtlos und verzweifelnd. Ich habe von nun an nur den einzigen Gedanken, der mein ganzes Sein erfüllt, daß nichts mehr daneben Raum hat, und der eine Gedanke gilt ihm— ihm allein!“ Es ging ein eigenthümliches Zittern durch die hohe Geſtalt ihres Gatten. „Paula“, mahnte er mit ernſter Bitte,„gedenke Deiner Pflicht,— Deines Schwurs!“ „Erinnere mich nicht daran“, fuhr Paula zürnend auf,„die Pflicht iſt ein Netz, das Du mit Liſt um mich geworfen— ich zerreiße es!“ „Dein Schwur!“ wiederholte der General. „Er war ungiltig im Moment, als ich ihn that.“ „Paula“, beſchwor er ſie,„bedenke was Du ſprichſt, was Du thuſt!“ „Da iſt nichts zu bedenken. Deine That hat eine Kluft zwiſchen uns aufgeriſſen, die uns geſchieden hat, eh' wir einander noch gehörten. Die ganzen zehn Jahre waren ein Trugbild, ein einziges Wort hat es ver⸗ 64 ſcheucht. Der Blick ſieht nun klar und iſt nicht wieder zu täuſchen.“ Der Graf vermochte den Gedanken nicht zu faſſen, daß Alles, Alles nur ein Traum geweſen ſei und nun ein Ende haben ſolle, ſo raſch, ſo ohne Umſtände, wie man ein Licht ausbläſt. „Ich beſchwöre Dich, Paula“, begann er wieder, „gib dieſer erſten Regung, die eben ſo unklar iſt, als ſie Dir klar erſcheint, nicht nach. Laß Dich nicht fortreißen vom Momente, ſchon einmal hat Dir das Leid gebracht und Reue. Man ſpringt aus einem Leben nicht heraus und in ein anderes fertiges hin⸗ ein; das neue muß erſt gebaut werden. Dazu gehören Jahre, und die Hälfte des Lebens liegt hinter Dir.“ „Ich will wenigſtens die zweite Hälfte richtig an⸗ wenden.“ Es erfaßte ihn ein unſäglicher Schmerz, als er ſie ſo reden hörte. „Nein, nein, ich darf Dich nicht verlieren“, ſtieß er hervor,„denn eine ſolche Trennung könnte ich nicht überleben!“ Er haſchte nach ihrer Hand, ſie aber zog dieſelbe, wie vor einer befleckenden Berührung an ſich und herrſchte ihm mit erſtarrender Kälte zu: 65 „Geh! Wir ſind fertig mit einander.“ „So ſchickſt Du mich in den Tod?“ fragte der General. Paula antwortete ihm mit dem Tone kalter Verachtung. „Du warbſt um mich mit einem Verbrechen“, ſagte ſie,„durch ein zweites wird es nicht gut gemacht.“ „Wodurch alſo? Wodurch? Ich frage Dich, Paula — nenne mir die That und ich will ſie thun für Dich!“ Paula wandte ihm den Rücken und trat wieder an's Fenſter. Als er fortfahren wollte, ſie zu be⸗ ſchwören, erſuchte ſie ihn kalt und feſt, ſie zu verlaſſen, und er gehorchte, die Verzweiflung im Herzen. Da ſtand ſie und blickte hinaus, ohne zu ſehen, was draußen vorging. Was kümmerte ſie das Alles, wie klein und nichtig erſchien ihr die ganze Welt gegen den Sturm, der ihre Seele durchbrauſte! Harte, bit⸗ tere Vorwürfe ſchlugen an ihr Ohr, als hätte ſie Je⸗ mand anderer ihr gemacht, daß ſie dieſem Manne die Hand gereicht, an deſſen Rechtſchaffenheit und edles, großes Herz ſie geglaubt hatte, wie an ſeine Liebe, die ihr nun nur mehr als die häßliche Fratze einer Leiden⸗ ſchaft erſchien, die ſelbſtſüchtig das Opfer ihres Lebens hingenommen und mit Liſt und Trug eine eiſerne Feſſel um ſie geſchlagen hatte. Aber zerbrechen wollte Byr, Wrack. II 5 66 ſie dieſe wie Glas, und frei ſein;— weiter hinaus dachte ſie nicht, denn der Schmerz mußte ſich erſt aus⸗ toben und das war nicht möglich, ſo lange ihr die krankhaft erregte Phantaſie immer und immer wieder dieſelben Bilder vorſpiegelte. ¼½–--- Drittes Kapitel. Ein Wiederfinden. Unterdeſſen hatte Riedhelm die unbedeutende Re⸗ paratur an der ihm anvertrauten Damenuhr vollendet und machte ſich auf den Weg, dieſelbe in die Woh⸗ nung der Gräfin Werſowitz zu bringen. Bevor er ſie noch erreichte, ſollte er eine unangenehme Begegnung haben, denn als er um die Ecke bog und im Begriffe ſtand, längs des Hauſes auf das Thor zuzugehen, kam er an einem Herrn vorüber, der ihn nicht beachtete, ihm aber ſeinerſeits eigenthümlich bekannt vorkam. Un⸗ willkürlich mußte er nachſinnen, wo er dies Geſicht ſchon einmal geſehen, er grübelte eine Weile, hielt ſeinen Schritt an, und wandte ſich um, ihm noch nachzu⸗ blicken. Er fühlte ſich beengt, aufgeſtört und doch ver⸗ 5 68 mochte er ſich von der dämmernden Erinnerung nicht loszumachen. Jetzt bemerkte er, wie mehrere Vorübergehende den elegant gekleideten Herrn grüßten, und wie ein Blitz ſchoß es ihm durch den Kopf, daß er ja von einem neuernannten Bezirksvorſteher gehört, und auch deſſen Namen vernommen hatte, der aber damals— er war noch mit der künſtlichen alten Uhr beſchäftigt und kümmerte ſich um nichts Anderes— in ſeinem Ohre nicht haften blieb. Jetzt tauchte er, durch die Begegnung angeregt, wieder in ſeiner Erinnerung auf, und damit auch eine Reihe von Bildern, an die er wenigſtens in dieſem Augenblicke nicht gedacht hatte. Das war der neue Bezirksvorſteher und er war identiſch mit jenem Herrn von Nothfelder, der einſt der Protegé Webenſteins geweſen und der letzte und ein⸗ zige von allen ſeinen früheren Bekannten, der noch einige Worte des Mitleids für den Verfehmten gehabt. „Wie die Leute Carrièére machen“, dachte Ried⸗ helm,„wenn ſie nicht aus der Bahn gewaltſam hin⸗ ausgeſchleudert werden; das war doch wenigſtens ein Mann von Herz, und der Charakter mochte ſich wohl im Laufe der Jahre herausgearbeitet und gefeſtigt haben. Zu beglückwünſchen war der Bezirk, deſſen 69 Leitung in ſolch' humanen Händen lag.“ Aber nicht lange bewegten ſich Riedhelm's Gedanken in dieſer Richtung. Ein anderes, ihm viel näher ſtehendes In⸗ tereſſe war erregt: ſeine Verborgenheit war bedroht. Wie lange konnte es währen, daß ſich neue Ge⸗ legenheiten ergaben, wo er Herrn von Nothfelder treffen mußte; würde dieſer dann immer wieder achtlos an dem beſcheidenen Uhrmacher vorübergehen? Wie leicht konnte ein beſonderer Umſtand ſeine Aufmerkſamkeit erregen, und dann würden vielleicht auch in ſeinen Augen die halb fremden, halb bekannten Züge ein Bild der Vergangenheit beleben, bis endlich das Erkennen unvermeidlich würde. Und dann war der Mantel, der ihn unſichtbar machte, mit einem Male von ſeinen gebrandmarkten Schultern geriſſen und ſein Geheimniß enthüllt; er ſelbſt wieder hinausgeſtoßen in die öde, feindliche Welt. Er fühlte ſich nicht mehr ſicher, und ſonderbar: ſelbſt die Verhältniſſe, die ihm erſt noch ſo unerträglich er⸗ ſchienen waren, jetzt, da er ſich bedroht ſah, auch aus ihnen erbarmungslos herausgeriſſen zu werden, glaubte er ſich von ihnen plötzlich wärmer und traulicher um— fangen; das Angenehme, das er kaum herauszufühlen vermochte, gewann an Relief, es war ihm, als habe er dennoch eine Heimat gefunden, aus der man ihn nun mit Gewalt vertreiben wolle, und ſein Herz klam— merte ſich mit einem Male an dem Orte feſt, wo es, ihm ſelbſt unbewußt, tiefe Wurzel geſchlagen. Der Fluch, der ihn verfolgte, trat jetzt beinahe verkörpert vor ihn, wie ein Büttel, der ihn nirgends Fuß faſſen ließ, ſondern immer wieder über das Weich⸗ bild jagte, wohin er auch ſeine Schritte lenken mochte. Nicht Furcht und Angſt waren es, die ſich ſeiner be⸗ mächtigten, ſondern ein gewaltiger Ingrimm, der die Fauſt der ganzen menſchlichen Geſellſchaft entgegen⸗ ballte. Wie ein gehetztes Wild erſchien er ſich und jetzt war er in der Stimmung, wo er begriff, wie man ſich außerhalb dieſer Geſellſchaft ſtellen und ein Räuber werden könne, der nur ſein ewiges Recht von der wei⸗ gernden Menge fordert, die ſich gegen ihn aſſociirt hat und ihm das Stück Brod entzieht, von dem er ſich nährt, den Fleck Erde, auf dem er ſteht, den Athem⸗ zug Luft, den er zum Leben braucht. Finſtern Sinnes ſchritt er auf das Portal zu, das ſich auf ſeinen Glockenzug ſofort öffnete. Vom Hausbewohner hinauf gewieſen, ging er weiter, im Vorzimmer traf er auf den Diener, der ihm die Uhr gebracht hatte, und dieſer wies ihn über den Corridor 71 nach dem Salon, indem er ihm zuflüſterte, er möge nur ſelbſt hineingehen und ſeinen gehörigen Preis machen. Da er auf ſein wiederholtes Klopfen keine Ant⸗ wort erhielt, vermuthete er den Salon leer und trat ein, um durch denſelben in's nächſte Zimmer zu gehen. Er ſah eine Dame am Fenſter ſtehen, die ihm den Rücken zuwandte, und ſchloß nach Haltung und Toi⸗ lette, daß er die Gräfin vor ſich habe. So blieb er denn, nachdem er einige Schritte gethan, beſcheiden ſtehen und ſagte, da ſein Eintritt noch immer nicht bemerkt zu ſein ſchien, mit leiſer Stimme: „Man hat mich hierher gewieſen, Frau Gräfin.“ Paula zuckte bei dem Tone dieſer Stimme ſchreck⸗ haft zuſammen, als wäre ihr ein Geſpenſt erſchienen, ſie fühlte ihr Blut erſtarren und alle ihre Muskeln gelähmt, es war ihr unmöglich, ſich von der Stelle zu bewegen, oder auch nur umzuwenden. Was war das? Eine Vorſpiegelung ihrer wilderregten Phantaſie, oder der Beginn des Wahnſinns, der ſie Stimmen hören machte? Sie zitterte wie vom Fieber geſchüttelt.— Aber nein, nein, es war keine Täuſchung, denn jetzt hörte ſie dieſelbe Stimme abermals und lauter als zuvor, waren ihr auch die Worte unverſtändlich und ungereimt, der Laut ließ ſich nicht verkennen. Da ſie nicht geantwortet und ſich nicht geregt hatte, glaubte Riedhelm deutlicher ſprechen zu müſſen. Er machte noch einen Schritt vorwärts und ſagte, daß er die Uhr bringe. Jetzt ſchien der Bann gelöſt, mit einem gellenden Schrei wandte ſie ſich um. „Mein Gott, iſt's möglich? Hermann, Hermann!“ rief ſie und ſtürzte auf Riedhelm, der nun ſeinerſeits wie vom Blitze getroffen daſtand, zu, mußte ſich aber ſchon nach den erſten Schritten an der Lehne eines Stuhles halten, denn die Erſchütterung hatte ihr alle Kraft geraubt; ſie fühlte die Muskeln erlahmen und die Sinne ſchwinden, ihre Bruſt hob ſich in einem krampfartig lachenden Schluchzen, das unheimlich an⸗ zuhören war. Welch' ungeheurer Strom von Empfindungen, der auf Riedhelm eindrang und ihn zu erſticken drohte! Mitten in den Gedankengang, den das Erkennen Noth⸗ felder's in ihm angeregt, nun dieſe zweite unerwartete Begegnung, und zwar eine Begegnung in dieſen Ver⸗ hältniſſen, das war mehr, als er ſich ſo ohne Weiteres zurechtzulegen vermochte, nur Eins war ihm klar, fort 73 mußte er ſo raſch als möglich, mit dem Sturm in ſeiner Bruſt hinaus in die freie Luft und ſo weit als möglich von der wie durch Zauberkraft heraufbeſchwo⸗ renen Erſcheinung. Haſtig legte er die Uhr auf ein Tiſchchen, das in ſeiner Nähe ſtand, und wollte das Zimmer verlaſſen. Dieſe Bewegung jedoch gab auch Paula Kraft und Beſonnenheit zurück. Sie durfte, ſie wollte ihn nicht gehen laſſen und ihn ſo zum zweiten Male aus den Augen verlieren, ohne ſeiner Vergebung gewiß zu ſein. Was eigentlich werden ſolle, davon machte ſie ſich im Augenblicke keinen klaren Begriff, ſie empfand nur die eiſerne Nothwendigkeit, ihn jetzt nicht gehen zu laſſen. An der Thüre ereilte ſie ihn noch und faßte ſeine Hand, die eben nach der Klinke greifen wollte. In ihrer Stimme lag ein unſäglich rührender Ton des Flehens, als ſie ſeinen Namen rief. Kalt und fremd klang dagegen Riedhelm's Stimme. „Was ſoll ich?“ fragte er und folgte nur mit Widerſtreben ihrem Bemühen, mit dem ſie ihn von der Thüre wegzuziehen ſuchte.„Was befehlen die Frau Gräfin? Laſſen Sie mich fort!“ Dieſe Worte ſchnitten ihr wie ein Dolch durch's erz. Ge H 74 „Hermann“, klagte ſie mit leiſem Vorwurf,„ſo ſprichſt Du zu mir? Jetzt, wo wir uns endlich wie⸗ derſehen, jetzt willſt Du fort? Willſt fort, wo ich Dir ſo unendlich viel zu ſagen habe. Nein, nein, Du ſollſt nicht“, rief ſie und ſchob dabei den Riegel an der Thüre vor, um ihm den Rückzug abzuſchneiden.„Es muß Licht werden in der jahrelangen Finſterniß!“ „Licht werden in einem Grabe“, entgegnete Ried⸗ helm bitter, er fügte ſich nur wider Willen und doch — eigenthümliches Räthſel eines Menſchenherzens— nicht ungern darein, zu bleiben, bis eine Erklärung ſtattgefunden habe, und er den jahrelang aufgehäuften Groll von der Seele gewälzt.„Was ſoll beleuchtet werden?“ fuhr er fort,— Wurmfraß, Moder, ein hohläugiges Skelett!“ „Nein“, widerſprach Paula.„Licht in dem grauen⸗ haften Gewirr von Mißverſtändniſſen; Licht, das die dunkle Vergangenheit erhellt und einen neuen Tag bringt!“ Es glitt etwas wie ein herbes Lächeln über Ried⸗ helm's Züge. „Die Wunderzeiten der Todtenerweckung ſind vor⸗ über“, ſagte er und wandte ſich dabei wieder der Thüre zu.„Laſſen Sie mich fort!“ Paula aber hielt ihn zurück, dieſe kalte Härte ſchnitt ihr grauſam durch's Herz, ſo wenig ſie deren Berechtigung leugnen konnte, unwillkürlich hielt auch ſie ſich ein wenig mehr zurück. „Hermann, Sie ſind unbarmherzig“, entgegnete ſie.„Aber ich laſſe Sie nicht von hinnen. Bei der Erinnerung an jene Augenblicke Ihrer Liebe und Ihres Vertrauens, in denen Sie ihr ganzes Erdenglück in meine Hände legen wollten, beſchwöre ich Sie, zu bleiben!“ „Der Bann iſt ſchlecht gewählt“, verſetzte er wie früher.„Sie thun nicht gut daran, jene Erinnerungen heraufzubeſchwören, Gräfin. Fürwahr es liegt wenig darin, was mich beſtimmen könnte:— eine Liebe, über die Sie geſpottet, ein Vertrauen, das Sie verrathen haben, ein Erdenglück, das Sie achtlos in den Straßen⸗ koth fallen ließen.— Weshalb quälen Sie ſich mit ſolchen Dingen, die Sie längſt vergeſſen haben müſſen? Suchen Sie eine andere Formel, mit der vermögen Sie mich nicht hier zu halten. Laſſen Sie mich; es wird Ihnen ja nicht ſchwer werden, auch über dieſe zufällige Begegnung hinwegzukommen, als hätte ſie nie ſtattgefunden. Die Glücklichen brauchen kein Gedächtniß. Das Geſtern kann heute nur mehr ſtören.“ 76 Paula zuckte unter ſeinen Geißelhieben, dennoch fühlte ſie einen warmen Strom der Zuverſicht in ihr Herz einkehren. Nur die kalte Ablehnung war unüber⸗ windlich. Vorwürfe ſind ſchon ein Eingehen auf die darauf folgende Entſchuldigung und Abbitte. Sie durfte hoffen— es klang dieſe Empfindung aus dem Tone, mit dem ſie ihm ſagte, daß ſein Hohn vernichtend ſei. „Aber gießen Sie ihn aus über mich“, fügte ſie bei,„ich habe ihn verdient. Schonen Sie meiner nicht, ich verlange es nicht, nur bleiben Sie, und wenn Sie all' Ihren Haß und Ihre Verachtung gegen mich er⸗ ſchöpft haben, dann hören Sie mich auch nur eine Mi⸗ nute lang, nur einen Augenblick— ſo lange nur, bis ich Sie um Vergebung angefleht habe.“ „Was kann Ihnen an der gelegen ſein? Ueber Ihre Handlung müſſen Sie mit ſich ſelber einig zu werden verſuchen, es zwingt Sie nichts, dieſelben vor einem menſchlichen Richterſtuhle zu verantworten. Sie thaten, was Sie für Recht hielten, das kann Ihnen ja übergenug ſein.“ „O, dieſe Kälte, Hermann“, ſtammelte Paula, die beide Hände gegen die ſchmerzende Bruſt drückte,„ge⸗ rade auf ſie war ich nicht gefaßt.“ Wieder zuckten Riedhelm's Lippen in Hohn. 707 „Auch mir ſind die Menſchen nicht immer ſo be— gegnet, wie ich es erwarten konnte“, ſagte er. Paula hatte die Hände gefaltet und rang ſie im tiefſten Weh. „O mein Gott“, rief ſie, als könnte der ſie hören, „was wollte ich thun,— Alles, Alles, was Menſchen⸗ kräfte nicht überſteigt, wenn ich jene einzige Stunde zurückkaufen könnte aus unſerem Leben, wenn ich ſie verlöſchen könnte aus der Erinnerung— nur dieſe eine Stunde!“ „Eine Stunde?“ fiel Riedhelm herb ein.„Sie irren, Frau Gräfin— zehn Jahre ſind es— zehn Jahre der Schmach! Eine ſolche Ewigkeit löſcht nur der Wahnſinn aus dem Gedächtniſſe— oder der Tod.“ Jetzt aber fühlte ſich Paula ebenfalls berechtigt zum Widerſpruche. Wog denn, was ſie empfand, nichts, auch nicht ſo ſchwer wie eine Feder?“ „O, glaubſt Du denn, nur Du allein hätteſt ge⸗ litten?“ rief ſie,„die Jahre der Reue und des Schmer⸗ zes, die ſind auf mich ſo ſchwer gefallen, wie auf Dich, vielleicht noch weit— weit ſchwerer. Was weißt Du, was in meinem Herzen vorging? Nicht dieſe Jahre will ich vergeſſen. In der Laſt ſind wir quitt. Die eine Stunde der Schuld, die eine Stunde, in der 78 mein Herz ſchwach war, in der es mir an Vertrauen gebrach— die eine Stunde der Feigheit, die über mein Leben entſchied— die allein will ich tilgen,— für dieſe einzige, armſelige und doch menſchliche Regung flehe ich um Vergebung zu Dir!“ Der heftige Ausbruch drängte Riedhelm wieder mehr in ſich zurück. Was ſollte dieſe Scene? All' das Elend von neuem aufrütteln, um darnach wieder auf demſelben Flecke zu ſtehen, wie zuvor. .„Wir meſſen Beide mit verſchiedenen Maßen“, erwiderte er finſter,„darum dünkt Ihnen eine Stunde, was mir ein ganzes Leben gilt.— Am Ende“, ſchloß er,„bedarf es ja auch keiner Verſtändigung zwiſchen uns.“ „Ich bedarf ihrer“, widerſprach Paula und ver⸗ trat ihm den Weg,„und auch Du, magſt Du ſie noch ſo ſtarr von Dir weiſen— auch Du bedarfſt der Löſung und Verſtändigung.“ „Und was kommt hernach?“ fragte er dumpfen Tones. „Weiß ich es! Ich frage nicht darnach. Möge kom⸗ men, was es immer ſei, mein gefoltertes Herz hat jar dann Ruhe gefunden. Jahrelang habe ich vor dieſem Momente des Zuſammentreffens gebebt und ihn doch — — — 79 erſehnt mit aller Inbrunſt der Verbrecherin, die vom Himmel Gnade erhofft. Das war das ewige Schwan⸗ ken, aus dem ich mich nur zu erretten vermochte, wenn ich meine Augen mit Stolz und Verachtung blendete. O, Hermann, wenn Thränen eine Sühne ſind, dann habe ich Deine Vergebung tauſendfach verdient. Keiner hat es geſehen, wie ich ſo manche Nacht glühende Thränen geweint und mich in Angſt und Reue gewun⸗ den, bis ich die Angſt bekämpft und die Reue von mir geſtoßen hatte. Meinſt Du denn, nur Dein Glück hätt' ich vernichtet? Habe ich mich ſelbſt nicht aus dem Pa⸗ radieſe gejagt, habe ich den fürchterlichſten Raub nicht an mir ſelbſt begangen? O, Hermann, glaubſt Du denn, daß man ſeine Liebe ſo mit einem Male ſammt allen Wurzeln aus dem Herzen reißen kann?— Das Herz ſelber habe ich mir zerriſſen und über die blutende Wunde konnte ich einen Augenblick lang der Täuſchung verfallen, als ſeien die grauſamen Schmerzen nur Fol⸗ gen einer glücklichen Operation. Verwunden aber habe ich ſie bis heute nicht, und Du— willſt nicht ver⸗ geſſen?!“ „Es iſt unmöglich, zu vergeſſen, wie weit uns Zeit und Welt geſchieden haben.— Zeit und Welt?“ unterbrach er ſich höhniſch ſelbſt,„nein, nein, das iſt 80 eine falſche Anklage, ich ſchwöre keinen Meineid darauf; — Sie haben es gethan!“ „Ich allein? Sage, willſt Du vielleicht darauf ſchwören?“ fragte ſie mit feſtem Blick in ſein Auge und ſchmerzlich ſetzte ſie hinzu:„So hat alſo die Länge der Zeit die Flamme Deines Haſſes noch immer nicht erſtickt?“ „Erſtickt?“ wiederholte Riedhelm das Wort mit einem Ausdruck unſäglicher Verwunderung und Bitter⸗ keit. Dann fuhr er mit plötzlich ausbrechender Leiden⸗ ſchaft fort:„Hat die Länge der Zeit meine Schmach erſtickt? Hat ſie das Elend meines Lebens erſtickt, oder hat ſie es vielmehr geſteigert zur hundertfachen Pein?! — Wie müſſen Ihnen doch— was Sie auch ſagen— dieſe zehn Jahre in Frieden und Glück dahin geſchwun⸗ den ſein, daß Sie meinen, die Fabel von der lindern⸗ den Zeit ſei eine Wahrheit! Unter lächelnden Blumen müſſen Sie dieſe Jahre verbracht haben und aus ihren Kelchen haben Sie das Märchen geſogen, ein Menſchen⸗ herz ſei wie eine Pflanze, die der Herbſtwind entblät⸗ tert, der Winterfroſt zum Welken bringt, zur Mumie verdorrt, und die doch beim erſten Sonnenſtrahl des neuen Frühlings wieder aufblüht zur alten Pracht und zu erhöhtem Farbenſchmelz.— Dieſe zehn Jahre mögen 81 Ihrem Gewiſſen eine Wiege geweſen ſein, die es ſanft einſchläferte, meinem Herzen aber waren ſie ein glühen⸗ der Feuerroſt.— Zehn Jahre, das iſt zehnmal ein Jahr des Elends und der Schmach, und ſo viel Tage im Jahre und ſo viel Stunden im Tage und jede Stunde eine Ewigkeit der Verdammniß! Jahr um Jahr die bittere Verzweiflung, ein Flüchtling, ein Ausge⸗ ſtoßener, immer zitternd vor Entdeckung und Schande! Wer zählt die Nächte all', die ich mit den Schreckge⸗ ſtalten des Wahnwitzes durchrang, in denen die fiebernde Zunge halb ein Gebet, halb einen Fluch ausſtieß in endloſer, grauenhafter Wiederkehr!— Erſtickt der Haß durch die Summe der Tage? Haha! Frage lieber, wie hoch der Strom anwächſt in ſeinem geſtauten Bette, wenn jeder Pendelſchlag durch zehn Jahre auch nur je einen einzigen Tropfen dazu bringt!“ Paula fühlte ſich von dem Redeſtrom überwältigt und faſt betäubt. „Entſetzlich!“ ſtöhnte ſie,„das iſt ein dämoniſches Gefühl. Die Reue tilgt ja ſogar vor Gott die Sünde aus.“ „Nuf' ihn, nicht mich!“ ſtieß er heftig hervor, daß es ſchien, als wolle die auflodernde Flamme ihn und ſie zugleich verſengen.„Gott iſt ewig— ich bin ein Byr, Wrak. II. 6 82 Menſch. Ein Menſch iſt nur ein endlich Ding und das Leben viel zu kurz, um in ſeinen kargen Raum die Vergebung hineinzuzwängen. Das iſt vielleicht die Aufgabe eines andern Lebens, wenn es ein ſolches gibt. Vergeſſen lernt man nicht, nur Kind und Greis üben es unbewußt. Ich ſoll vergeſſen, daß die Tücke mich vernichtet und der Leichtſinn die Hand dazu geboten?! Hinausgeſtoßen bin ich in ein elendes Daſein, betrogen um Alles, was ich erſtrebte und hoffte.— Ja, ſtöhne Weib!“ fuhr er fort, als Paula unter den unbarm⸗ herzigen Stößen nach Athem rang.„Mit jenem nichts⸗ würdigen Verleumder warſt Du es, die mir die Schmach auf's Haupt geladen. Ihr Beide habt die Geißel ge⸗ ſchwungen, die mich auf's Blut traf und mich durch's 1 Leben hetzt wie einen Verbrecher. Ihr Beide habt mir Ehre und Namen geraubt, Ihr habt mir das Herz zermalmt und die Seele vergiftet, Ihr habt den Fluch über mich ausgeſprochen und mich hinausgeſtoßen, und die Andern haben zu dieſem Spectakelſtücke applaudirt. Mein Daſein habt Ihr zerſchmettert, nur Trümmer blieben! Meinſt Du, Deine Thränen ſeien ein Kitt, ſie wieder ganz zu machen?!— Ja, es iſt gut, daß ich dazu komme, mich einmal auszuſprechen, damit es nicht immer und immer wie ein Maulwurf da drinnen 22 83 weiterwühlt. Schmeichler umgeben Dich überall und an die Wahrheit biſt Du nicht gewöhnt— ich will ſie Dir ſagen ungeſchminkt und die beſchönigende Larve, die Du vor Dir ſelber trägſt, herunterreißen. Ich habe Dich einſt unſäglich geliebt, und weil ich es that— haſſe ich Dich jetzt aus ganzer Seele. Das iſt es!“ Paula zitterte und war dem Zuſammenbrechen nahe, von Zeit zu Zeit ging ein nervöſes Zucken durch ihren Körper. Worte zur Erwiderung aber hatte ſie keine, wehrlos ließ ſie Alles über ſich ergehen. Er aber fuhr fort: „Vergeſſen ſoll ich? Vergeſſen und vergeben?— Ein Bild muß erſt vorüber ſein und den Sehnerv nicht mehr erregen, ehe deſſen Farben im Gedächtniſſe bleichen. Die Urſache aber meines Haſſes beſteht heute ◻ wie geſtern, wie vor zehn Jahren. Sage dem Krüp⸗ pel, er ſoll die Folter vergeſſen, die ſeine Glieder zer⸗ ſchlagen! Die Wurzeln meiner Schmach ſind ſo wenig als dieſe ſelbſt erſtorben. Nichts hat ſich geändert, ehrlos bin ich nach wie vor— ein Dieb, ein Dieb!!“ Es war ein wildes, verzweifeltes Hohnlachen, das dabei von ſeinen Lippen gellte, aber Paula hörte ihn nicht mehr unthätig und gebrochen an, blitzſchnell ſtürzte ſie nach dem Tiſche vor dem Sopha. 6* —4—— 84 „Nein, nein!“ rief ſie und nahm das Armband, das ſie hoch empor ihm entgegen hielt.„Da! da— ſieh hier— da iſt's!“ ſtammelte ſie, durch die ungeheure Aufregung beinahe der Sprache beraubt. Nun geſchah aber etwas tief Ergreifendes. Der ſtarke, im Haſſe geſtählte Mann ſtreckte plötz⸗ lich beide Arme vor ſich hin: „Das Armband!“ rang es ſich mühſam von ſei⸗ en Lippen, ohne Ton, ohne Ausdruck, ein paar Schritte that er vorwärts, wie ein Trunkener, er hörte nicht, wie Paula ihm zurief, es ſei ja längſt gefunden, kraft⸗ los ſank er auf das Sopha und brach in ein heftiges Schluchzen aus, das erſchütternder auf Paula wirkte, als Alles, was ſie jemals noch erfahren. Sie warf ſich vor ihm auf's Knie und umfaßte ſeine Hand, indem ſie ihm durch Zureden und ſüße Schmeichelnamen wie eine Mutter ihr krankes Kind zu beruhigen ſuchte. „O Hermann, Hermann“, flehte ſie dann, als ſeine Thränen ruhiger zu fließen begannen,„haſſeſt Du mich noch?“ Er aber verſtand ihre Frage nicht, in ihm war jetzt nur ein einziger Gedanke, der ihn ganz erfüllte. Sein Antlitz ſank auf ihr Haupt herab, als bedürfe — 8⁵ er dieſer Stütze, und leiſe, aber mit unbeſchreiblichem Ausdruck der Wonne und Ermattung ſeufßzte er: „Ich bin nicht mehr ehrlos!“— Es klang ſo löſend, ſo rührend, daß Paula die heißen Thränen nicht zurückzuhalten vermochte. „Das warſt Du niemals“, ſagte ſie ſehr weich.„Nur wer ſeine Ehre ſelbſt in den Schmutz wirft, iſt ehrlos. Der ungerechte Verdacht hat ſie Dir nicht genommen.“ „Genug ſchon am Verdacht. Ich habe ihn lang getragen— ich weiß, wie ſchwer er wiegt.“ „Iſt dieſe Laſt auch jetzt noch nicht von Deiner Bruſt gewälzt?“ „Ich muß erſt wieder athmen lernen“, entgegnete er, das Haupt langſam erhebend. Auch das iſt eine Fähigkeit, die der Arme verliert.“ „Du armer, armer Mann“, ſagte ſie in über⸗ quellender Rührung,„wie ſchwer haſt Du gelitten!“ „Schwer“, erwiderte Riedhelm dumpf,„ja furcht⸗ bar ſchwer!— Sag' mir, iſt's auch gewiß wahr? Iſt es da?“ rief er plötzlich ängſtlich und zagend, wie Einer, der noch immer nicht an einen großen Glücksfall glau⸗ ben kann und meint, das Geld könne ſich jeden Augen⸗ blick wieder in Kohle zurückverwandeln. Haſtig griff“ er nach dem Armband und nahm es aus ihrer Hand, 86 erſt knapp vor die Augen, dann wieder entfernt, dann wieder in unmittelbarer Nähe hielt er es, den Blick ſo ſtarr darauf gerichtet, als könne er es durch ihn zu ſeinem Eigenthum machen.„Ja, da iſt es— es iſt wahr! Die Schmach iſt von mir genommen, das Elend vorüber“, ſagte er mit tiefem, ſinnendem Ernſt und ſetzte dann, indem er das Schmuckſtück auf den Tiſch zurücklegte, leiſe hinzu:„Doch was nun?“ „Leben, Hermann, leben!“ rief ſie ihm aufmun— ternd zu.„O faſſe Dich!“ „Siehſt Du, mir iſt wie Einem, der nach zehn— jähriger Haft freigelaſſen wird. Frei bin ich, frei!“ fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne, dann fuhr er, nachdem er tief aufgeathmet hatte, fort:„Nun aber tritt er aus dem Gefängniß und vor ihm liegen breite, ſchöne Straßen in helles Tageslicht getaucht. Zögernd zieht er den ſchreitenden Fuß zurück. Wohin ſoll er ſich wenden? Er iſt fremd in dieſer Welt, das Alles iſt neu, iſt anders geworden, ſo weit, ſo reich, ſo leben⸗ dig, er aber iſt an die enge, ſtille Zelle gewöhnt, er iſt ſcheu, linkiſch— ja feige geworden. Einſam und zagend ſieht er um ſich und kommt nicht von der Stelle.“ Es war mehr für ihn ſelbſt als für Paula ge⸗ 87 ſprochen. Sie aber nahm dennoch das Wort mit Leb⸗ haftigkeit auf. „Nur, bis er einen Führer findet“, ſagte ſie raſch, „Hermann, laß mich Dein Führer ſein, das ſoll mir als das Zeichen der Verſöhnung gelten. O, Dein Ver⸗ trauen ſoll nicht zum zweiten Mal getäuſcht werden; ich will Dich kürzere Pfade leiten, nicht einen Schritt ſollſt du auf dem Wege zu Glück und Ruhm verloren haben. Stütze Dich auf meine Schulter, Hermann— für Dich wird ſie rieſenſtark ſein!“ Alles— Alles ſchien ihr möglich in der gehobe⸗ nen, beinahe viſionären Stimmung, in der ſie ſich be⸗ fand; dieſelbe Zuverſicht aber auch Riedhelm einzuflößen, gelang ihr nicht ſo ſchnell. „Wird denn die Welt den Geächteten wieder auf— nehmen“, entgegnete er kopfſchüttelnd,„auch ſelbſt wenn der Makel von ſeinem Namen fällt? Wird mir der Zweifel nicht immer wieder begegnen?“ „Wie magſt Du doch ſo fragen? Iſt ſie Dir denn nicht eine Sühne ſchuldig für das lange, unverdiente Leiden? Noch höher müſſen die Menſchen Dich achten, den un⸗ gerecht Verdammten. Eine Märtyrerkrone gebührt Dir!“ Riedhelm nickte bitter lächelnd vor ſich hin. „Du biſt noch immer ein Kind“, ſagte er und dachte dabei:„In Eurer Kaſte altert man nur an Jahren“, dann fuhr er fort:„Eine Sühne? Du kennſt die Menſchen nicht; das Elend kommt weit derber in Berührung mit ihnen, es ſieht die wahre ungeſchminkte Welt und ſtößt ſich manche harte Beule an ihren ſchar⸗ fen Ecken. Sie iſt bei weitem nicht ſo rund als ihr Schatten.— Märtyrerkronen ſind ein ſelten Ding; für Alltagskinder bedeutet leiden auch verſchulden. Sieh' um Dich, überall iſt es gleich: der Arme wird verachtet, nicht weil er es verdient, arm zu ſein— blos weil er's iſt.— Wem durch zehn Jahre ein Zettel mit dem Schimpfe „Dieb' auf den Rücken geheftet war, hat gut ihn herunterreißen, man ruft ihn doch nicht mehr anders.“ „Man wird es nicht wagen“, behauptete Paula ſtolz,„wenn Du an meiner Seite ſtehſt.“ Es ging eine eigenthümliche Erſchütterung durch Riedhelm's Seele. Mit großen Augen ſah er das ſchöne Weib, das vor ihm auf den Knieen lag, an und der Groll, der mit dem Anblick des Schmuckes wie wegge⸗ wiſcht war, kehrte wieder, die weiche, verſöhnungsvolle Stimmung wich von ihm, die Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit erwachte von neuem und verdrängte die ſanfte Ermattung, welche der ungeheuren Erſchütterung geſolgt war. Die wohlthuende Wärme entwich vor 89 der erkältenden Wirklichkeit. Frevelnder Hochmuth der Menſchen, die vermeinen, es bedürfe nur eines Wortes von ihnen, um Alles zu applaniren und ein ganzes Jahrzehnt ſpurlos auszulöſchen! Die Wunden, die das Leben grauſam in ein Herz geriſſen, heilt kein Wunder⸗ balſam über Nacht. Es braucht langer und ſorgſamer Pflege, bis ſie vernarben und die Stelle bleibt immer⸗ dar ſichtbar und ſchmerzt von Zeit zu Zeit, bis alle Empfindung mit dem Leben zu Ende iſt. „An Deiner Seite? Nein!“ ſagte er mit ſchwerem Ernſt.„Ein Erdbeben hat zwiſchen uns den Boden aufgeriſſen,— wie ein toſender Bergſtrom ſchießt auf dem Grunde dieſer Schlucht die Unmöglichkeit dahin.“ „Die Liebe wird ſie überbrücken“, rief Paula be⸗ geiſtert. „Die Liebe?“ wiederholte Riedhelm wehmüthig, „das wäre ein morſcher Steg“, ſetzte er ablehnend hinzu. „Willſt Du ihn nicht betreten— ich wage es!“ „Halt ein!“ Paula aber ließ ſich weder von dem Worte noch von der begleitenden Handbewegung irre machen. „Weshalb dieſes kleinliche Zaudern?“ ſuchte ſie ihn eifrig zu überzeugen. Warum willſt Du die aller⸗ ſchlagendſte Rechtfertigung vor der Welt nicht anneh⸗ men?“ Laß die Menſchen Zeugen meiner Achtung und Liebe für Dich ſein, ſchenke mir Deinen Namen, damit ich ihn, dieſen geſchmähten Namen, mit gerechtem Stolze vor aller Augen tragen kann, als den koſtbarſten Schmuck. — Du haſt um mich einſt als den höchſten Preis Dei⸗ nes Lebens gerungen“, ſchloß ſie mit einem Ausdruck inniger Begeiſterung, die ihr eine holde Röthe in's Antlitz trieb, wodurch die ſchönen Züge der gereiften Frau etwas wunderbar jungfräulich Zartes erhielten, „ſieh'! jetzt liege ich auf den Knieen vor Dir und flehe Dich voll Demuth an: nimm Alles, was ich Dir noch zu bieten vermag, als den kleinſten Bruchtheil einer Ent⸗ ſühnung hin; erhebe mich zu Dir, laß mich an Deiner Bruſt ruhen und gib mir damit ein namenloſes Glück!“ Riedhelm preßte die Zähne tief in ſeine Unterlippe und erhob ſich. „Steh' auf, es ziemt Dir nicht“, ſagte er beinahe hart. Paula folgte ſeiner Aufforderung, aber ſie ließ ſich nicht irre machen. „Hermann“, fragte ſie,„weshalb weichſt Du aus? Was ſcheidet uns noch?“ „Biſt Du frei?“ fragte er zurück. Sein Auge ruhte forſchend auf ihr. 91 „Ich will und werde es ſein!“ rief ſie feſt, es gibt kein Hinderniß mehr zwiſchen uns.“ Riedhelm wußte nun, daß es damals nicht bei der Verlobung geblieben war, ein bitteres Gefühl be⸗ ſchlich ihn. „Du irrſt— es gibt eins“, antwortete er dumpf. Wie ein Blitzſtrahl leuchtete es vor Paula auf. „Du haſt ein Weib!“ rief ſie mit ahnungsvoller Leidenſchaft aus. Ihr Auge funkelte und ihre Bruſt hob ſich in heftigen, raſch einander folgenden Wogen. Riedhelm ſah dieſe Aufregung, es war wie eine Be⸗ friedigung, die ihn überkam, aber keine ſtolze, freudige — eine ſchmerzliche. „Es liegt nicht immer in des Menſchen Hand, die Vergangenheit auszuſtreichen“, ſagte er,„Du ſiehſt es. Die Gerüſte, die wir anzulegen meinen, um mit⸗ telſt ihrer unſer Haus zu bauen, ſind zumeiſt ſchon unſer Haus ſelbſt.“ Es war, als hätte ihn Paula gar nicht gehört. Noch immer ſtarrte ſie mächtig erregt zu Boden. „Und nur an dies Eine— nur daran hab' ich nie gedacht“, murmelte ſie. „Warum gerade daran nicht? Es iſt doch ſo natür⸗ lich— biſt Du nicht ſelbſt das Weib eines Andern?“ 92 „O ich!“ warf ſie dagegen ein,„das war ganz ein Anderes.“ „Nun ja, mag ſein“, erwiderte Riedhelm und ſeine Worte klangen diesmal herber,„Du gabſt Deine Freiheit hin par dépit, in der Aufregung— ich i aller Ruhe, mit Bewußtſein meiner That. Verſchieden war die Art, wie wir gefreit, aber auch die Verhält⸗ niſſe waren verſchieden;— die Thatſache bleibt die⸗ ſelbe.“ „Soll das eine Rechtfertigung ſein?“ fragte Paula bitter. Riedhelm richtete ſich ſtolz auf. „Nein“, verſetzte er feſt,„wozu bedürft' ich ihrer? Ich ſchulde ſie Dir nicht.“ „Du ſchonſt mich nicht“, klagte ſie. „Du ſelber biſt nicht mild.“ „Meinſt Du, ein Herz verlieren fiele ſo leicht?“ „Vor zehn Jahren ſchon wußt' ich, wie es thut.“ Paula's Trotz und Bitterkeit war gebrochen. Tief beſchämt hob ſie die Augen zu ihm empor und flehte, ſeine Hand ergreifend, um Verzeihung. Riedhelm ließ ihr dic Hand und verſicherte, daß er aus ganzem Herzen vergeben. Der Schmerz hatte ja aus ihr geſprochen und dieſer Schmerz that ihm wohl. 93 „Wenn ich Dir ſagte, ich bedürfe keiner Rechtfer⸗ tigung, ſo iſt das allerdings richtig“, ſagte er dann, „nichtsdeſtoweniger wünſche ich ſie. Ich möchte auch heute noch in Deinen Augen nichts verlieren.“ „Dank Dir, Hermann, Dank“, verſetzte ſie, ſeine Hand drückend,„wenn's nicht ein leerer Troſt ſein ſoll. Nun eine Andere mich aus Deinem Herzen gedrängt, muß ich mir wohl an einem Beweiſe Deiner Achtung genügen laſſen.“ Sie führte ihn zum Sopha, wo ſie ſich mit ihm niederließ, und bat ihn, ihr Alles mitzutheilen, wie es gekommen. Riedhelm folgte ihrer Aufforderung. Bis auf den Vorfall an jenem Abende zurückgehend, rief er die ganze Vergangenheit wieder wach, ohne daß ihn Paula unterbrach, oder über den Sachverhalt auf⸗ klärte. Ihr Intereſſe war zu gewaltig erregt, als daß ſie die Mittheilung ſeiner Erlebniſſe durch ein Hinweiſen auf Enthüllungen hätte ſtören mögen, die nach der Wie⸗ derherſtellung ſeines ehrenhaften Namens doch nur von Nebenbedeutung für ihn ſein konnten. Er erzählte ihr von ſeinen empörten Gefühlen, von ſeinen ſchmerzlichen Erfahrungen und vergeblichen Verſuchen, von dem Scheitern aller ſeiner Beſtrebungen. „Nach jener Stunde“, fuhr er dann fort,„in der 94 ein fürchterlicher Irrthum, eine vernichtende Gedächt⸗ nißſchwäche uns getrennt, war mein Leben wie ein Faden abgeriſſen, die Enden waren nicht mehr zu ver⸗ knüpfen. Ich lebte wie im Fieber, ich delirirte. Ich fühlte alle Augen eiſig mich anſtarren. Nirgends, nir⸗ gends fand ich Glauben, ein mitleidiges Achſelzucken war Alles, man wandte mir den Rücken, und wenn auch Einer oder der Andere vielleicht noch eine Regung für mich empfand— den Ausſätzigen berührte Keiner. — Der Rock des Kaiſers, den ich mit Stolz und Ehren getragen, ward mir zum Neſſushemd, das ich mir mit eigener Hand vom Leibe riß. O, es war das eine entſetzliche Zeit! Wäre eine Lawine auf mich hernieder⸗ gerollt und ich hätte mit einem einzigen Schritt ihr auszuweichen vermocht— fürwahr, ich hätt' ihn nicht — gethan!— Hätte mich ein Geſpann im tollſten Raſen einem Abgrund zugetragen und der leiſeſte Zügelanzug wäre genügend geweſen, es zum Stehen zu bringen, keine Muskel in mir hätte gezuckt— nicht einen Finger hätte ich geregt!“ „Entſetzlich!“ hauchte Paula, die athemlos zuge— hört hatte. b„Es gab einen Augenblick, wo die Mündung mei⸗ ner Piſtole an der Stirne lag“, erzählte er weiter, 95 „ich wollte das Leben von mir werfen, wie früher das beſudelte Kleid, aber das Bewußtſein meiner Unſchuld, ſage meinetwegen: der Stolz, riß mir die Waffe aus der Hand. Ein trauriger Reſt von Stolz! Mir ſelbſt das Leben nehmen wollt' ich nicht, nicht mit eigener Hand mein Urtheil unterſchreiben. Wer hätte einen Selbſtmord nicht als Beſtätigung genommen für den Verdacht, der auf mir lag?! Später iſt's freilich an⸗ ders geworden, da hab' ich oft bereut, nicht Allem mit einem Male ein Ende gemacht zu haben, der Trotz wich, und nur das Elend blieb— damals aber hofft' ich noch und meinte, jeder Tag müſſe die Löſung des Räth⸗ ſels, die Herſtellung meiner Ehre bringen— ich war ja noch jung. Der Menſch ſtirbt nicht ſo leicht, ſo lange er noch Hoffnung nährt. Erſt wollte ich bleiben und dies Ereigniß, das ja kommen mußte, erwarten; ich konnte mich an den Gedanken nicht gewöhnen, daß Alles unwiderbringlich verloren ſei.“ „O, wärſt Du doch geblieben, hätteſt Du doch noch gewartet!“ fiel jetzt Paula ein; aber er nickte müde lächelnd mit dem Kopfe. „Verſuchen muß man's, ohne Ehre, ohne Namen zu exiſtiren, ein viel trübſeligerer Peter Schlemihl, als der ohne Schatten. Mit Abſcheu wandte ſich Alles 96 von mir ab, mit Fingern wies man nach mir, ſogar der Mann, der mir ein Zimmer vermiethet hatte, ver⸗ bot mir die Thüre und warf mir die bezahlte Rech⸗ nung in Stücke geriſſen nach. Ich war verfehmt! Den Tod im Herzen— ein Chrloſer, ein Dieb, ein Vaga⸗ bund!—— Grauen erfaßte mich vor mir ſelber, und ich floh, als könnte ich mir entfliehen. Meine Mittel reichten nicht lange aus und an keinem Orte duldete es mich. Fort! weit, weit fort! rief's in mir— ſo mußte ich denn meine Reiſe zu Fuße fortſetzen. Raſt⸗ los eilte ich vorwärts, wie von Furien gepeitſcht floh ich, wie ein Verbrecher!— O die Phraſe lügt“, un⸗ terbrach er ſich,„ein Verbrecher könnte nicht ſo wild und angſtvoll vorwärts dringen, als ich es that— und doch war mein Gewiſſen rein!— Blut rann von meinen wunden Füßen, meine Kraft war erſchöpft, mein Geld zu Ende. Das Fieber in meinen Adern und der Hunger in meinen Eingeweiden, als ich dieſer Stadt betrat.— Vor meinen Augen zerrann Alles und drehte ſich in wirrem Kreiſe, ich konnte nimmer weiter, mir ſchwindelte und ich begann zu ſinken. Meine Hand, die eine Stütze ſuchte, ſtieß in ein Fenſter und griff in das zerbrochene Glas, das brachte mich ein wenig zu mir, ich ſah auf, es war ein Uhrmacherladen, vor 97 dem ich ſtand. Da zuckte mir ein Gedanke durch den Kopf— ich wollte ein Handwerker werden, verborgen und vergeſſen leben. Bevor ich wußte, wie es geſchah, ſtand ich vor dem Meiſter, bat um Arbeit, doch ehe ich noch ſeine Antwort vernahm, ſank ich bewußtlos zu Boden.“ „Mein Gott, mein Gott!“ ſtöhnte Paula und trocknete die Thränen von ihren Wangen. Riedhelm ſetzte ſeinen Bericht weniger lebhaft und in ſchwermü⸗ thigerem Tone fort. „Als ich mein Bewußtſein wieder erhielt, lag ich in einem reinlichen Bette, ein weibliches Weſen ſaß an meinem Lager und hielt meine Hand, was ein eigen⸗ thümlich wohlthuendes Gefühl in mich überleitete. Ein Engel ſchien mir's, ſo ſchön und unſchuldvoll war das milde Antlitz, ſo ſanft der Blick des Auges, die Stimme klang ſo weich, ſo beruhigend. Die Erſcheinung ver⸗ webte ſich mit meinen Träumen, bis ich zur vollen Beſinnung erwachte und auch die Erinnerung an meine Lage wieder fand.— Auf meine Fragen erfuhr ich allmälig, daß der wackere Meiſter mich, den Kranken, Elenden, Mittel⸗ und Ausweisloſen, aufgenommen hatte, mit der reinmenſchlichen Barmherzigkeit eines Samariters, trotz der Widerrede und den Bedenken Byr, Wrack. II. 7 ———— ſeines Weibes; ja, daß er ſogar den Arzt für mich bezahlt habe. Manche Woche war ich am Typhus krank gelegen, ich haderte mit meinem Schickſale, daß es mich dem Tode ſtreitig gemacht, und ſelbſt die milde Heiterkeit, die ſonſt nach jeder ſchweren Krankheit ein⸗ kehrt in das Herz eines Reconvalescenten, blieb dies⸗ mal von Schwermuth und Groll verdrängt; ſo konnte ich mich denn auch nur langſam erholen. Der ſorgſamen Pflege Meiſter Lehmann's und noch mehr ſeiner Tochter verdankte ich meine Geneſung, und ich mußte ihre Mühe und Sorgfalt anerkennen, ſo wenig ich ihnen eigentlich Dank wußte. Ich ſtand endlich vom Lager auf und be⸗ gann zu arbeiten, aber Hanne hatte ſich zu viel zugetraut, ſie wurde aus meiner Wärterin ſelbſt eine Kranke.“ Wie Paula ſo zuhörte, beneidete ſie dieſe Frau um das, was ſie an Riedhelm hatte thun können, der Neid und die Eiferſucht wollten ihr zwar einreden, auch ſie hätte das gethan und mehr, weit mehr noch, aber dann kam die Demüthigung und ſie mußte ſich geſtehen, daß ſie ja nicht einmal für den Mann, den ſie kannte und liebte, Glauben genug beſeſſen, um feſt an ihm zu halten, indeß jene ein Liebeswerk an dem Fremden geübt, von dem ſie nicht einmal wußte, wer er war und was ſein Dank ſein werde. 99 „Und Hanne ward Dein Weib“, ſagte Paula nach einer ziemlich langen Pauſe, ohne eine Antwort zu er⸗ warten, nur gleichſam um ein natürliches Ergebniß zu conſtatiren. Riedhelm bejahte. „Doch erſt nach zwei Jahren“, ſetzte er hinzu, und ſo ruhig der Ton war, klang es doch beinahe wie eine Entſchuldigung,„als Meiſter Lehmann ſtarb. Ihm hatte ich mein Geheimniß mitgetheilt und er hat's treu bewahrt, ihm auch mußte ich das Verſprechen geben, ſelbſt meinemsWeibe nichts davon zu ſagen.— Hanne genas, aber die Roſen kehrten nicht auf ihre Wangen zurück, der traurige, ſtille Geſelle ihres Vaters hatte das junge Herz gewonnen, ohne darum zu wer⸗ ben. Ich merkte es nicht einmal, denn mein Auge war immer nach Innen und in die Vergangenheit zurück gekehrt. Erſt am Sterbebett des alten Vaters ward mir's klar. Der wackere Mann, noch immer mehr auf das Schickſal Anderer, als auf das ſeine bedacht, legte mir die Frage vor, wohin ich mich nach ſeinem Tode wenden wolle? ‚Gott weiß es', ſagte ich leiſe, da brach das Kind in Weinen aus, als ob das Herz zerbrechen wollte, und eilte aus der Stube, das öffnete mir die Augen. Viel brauchte mir der Meiſter 7 100 nicht mehr zu ſagen. Er ſprach von ſeinem Weibe, das kurz zuvor in Folge der Pocken erblindet war, von ſeiner ſchutzloſen Waiſe, ſprach von ihrer verlaſſe⸗ nen Zukunft, von ihrer hilfsbedürftigen Lage, von der Bitterkeit der Armuth und der Schmach, ſein täg⸗ liches Leben als Almoſen erbetteln zu müſſen.— Nun denn, der Alte durfte nicht in Sorge und Kummer zur Grube fahren. Vor ſeinem Tode ebnete er noch Alles beim alten Paſtor, der ihn tröſtete. Was er an mir gethan in reiner, ſelbſtloſer Menſchenliebe, ich habe es kaum einfach zurückbezahlt.“ „Mit Deiner Freiheit, mit Deinem Leben!“ warf Paula ein. Riedhelm zuckte die Achſeln. „Sie galten beide nichts“, verſetzte er.„Ich war ein Ausgeſtoßener, ohne Heimat, ohne Dach, ohne ein theilnehmendes Herz, ohne Familie,— wenn ich ging, vielleicht auch ohne Arbeit, ohne Brod. Mit einem einzigen Worte konnt' ich's wenden,— ich blieb und hatte Alles.“ „Auch das Glück?“ fragte Paula, indem ſie ſeine Hand ergriff und ihn forſchend anſah.„Du ſtockſt!“ ſagte ſie dann, als Riedhelm trübe zu Boden blickte. „Glück ohne Ehre?“ verſetzte er.„Glück ohne 101 Namen? Glück in der Vernichtung?— Kannſt Du es denken?“ „Nun iſt aber Alles anders. Die Widerſprüche ſind gelöſt“, drängte ſie.„Wirſt Du nun glücklich ſein?“ Riedhelm zauderte mit einer Antwort, dann ſagte er leiſe vor ſich hin: „Ich hab's noch nicht verſucht— wie ſoll ich's wiſſen?“ „Ha, Du weißt's nicht?“ rief Paula und ſprang freudig bewegt auf,„dann weiß ich es! Du biſt nicht glücklich, weil Du nicht liebſt.“ „Doch meint' ich es“, entgegnete Riedhelm düſter. „Jahre hindurch hat mein Weib treulich an meiner Seite ausgehalten, Alles mit mir getheilt, was uns im kleinen Bereich die kleinen Wechſelfälle brachten. Sie iſt ſo gut und willenlos, beſorgt für mich, voll Aufopferung und Hingebung, dazu des Körpers Schön⸗ heit— das Alles weckt doch mit der Zeit ein Gefühl der Liebe.“ „Nur der Gewohnheit!“ fiel ihm Paula, deren Augen triumphirend leuchteten, in's Wort.„Die Liebe läßt ſich nicht anraiſonniren, wie die Achtung. Wer ſich bemüht, die Urſachen ſeiner Liebe peinlich aufzu⸗ zählen, um ihrer gewiß zu ſein, der iſt ein Stümper 102 in der Liebe. Hermann, Du haſt bei mir einſt nicht gezählt!“ Feſt blieb Riedhelm's Blick auf den Boden ge⸗ heftet, ein eigenthümliches Lächeln kräuſelte ſeine Lip⸗ pen, man ahnte es mehr, als man es unter dem dich⸗ ten Barte ſah. „Bin älter geworden ſeitdem“, meinte er,„viel älter! Da iſt das Gefühl nicht mehr ein zur Sonne aufſtürmender Aar, es iſt die am Boden hinſchleichende Schnecke.“ Paula faßte ihre Unterlippe zwiſchen die vollen Reihen blinkender Zähne. Sie ſah es nun wohl, das Unglück hatte die Regſamkeit dieſes einſt ſo glühenden Herzens gelähmt. Der Sieg, den ſie ſchon in Händen zu haben glaubte, war noch nicht erkämpft; und doch, je ſtarrer der paſſive Widerſtand, der ſich ihr entgegen⸗ ſtellte, deſto entſchiedener trat ihr Wille hervor und wurde ihr die eigene Sehnſucht klar. Das Ziel mußte ſie erreichen. Einmal hatte ſie dies Herz von ſich ge⸗ ſtoßen, zum zweiten Male durfte ſie ſich's nicht ent⸗ ſchlüpfen laſſen, ſollte ſie nicht für alle Zukunft in die tiefſte Armuth und Verlaſſenheit ſinken. „Nun gut“, ſchien ſie ſich zu beugen, jedoch nur um auf einem andern Wege auf ihr Ziel loszugehen. 103 „Eins aber haſt Du doch aufzuzählen vergeſſen.— Du haſt mir nur ihr Herz beſchrieben, nicht ihren Geiſt“ — und da Riedhelm in ſichtlicher Verlegenheit ſtumm blieb, fuhr ſie fort:„Du ſchweigſt? Hermann, kann ein Mann von Deinem Wiſſen, von Deinen Talenten und Deiner Bildung ein Weib lieben, das ſo tief un⸗ ter ihm ſteht, was Geiſt und Erziehung betrifft, daß er ſich deſſen ſcämen muß?— Die geiſtige Kluft in der Ehe, das iſt die größte Mesalliance.“ „Der Arme iſt nicht wähleriſch“, warf er kurz vor ſich hin. Das aber war ein falſches Argument. „Biſt Du noch arm?“ widerlegte ihn Paula.„Ein einziges Wort von Dir genügt, um Dich in jene Stel⸗ lung zurückzuheben, die Dir gebührt. Du belügſt mich aus falſcher Scham— kannſt Du auch Dich ſelber täuſchen? Nein, nein“, rief ſie mit energiſcher Beſtimmt⸗ heit,„Du liebſt ſie nicht!“ „Und wenn ich es zugebe“, verſetzte Riedhelm düſter zögernd,„würde darum mein Schickſal ein an⸗ deres? Wäre ſie deshalb weniger mein Weib? Biſt Du nicht ſelbſt gebunden?“ „Die Feſſel iſt es alſo, die Dich hält!— Du haſt den Muth und die Kraft nicht, ſie zu brechen? — Ich that's— ich habe mir die Freiheit erzwun⸗ 104 gen, in dem Moment, da ich mein Unrecht gegen Dich erkannte.“ Riedhelm erhob ſich lebhaft und fragte, ob ſie geſchieden ſei, und als ſie ihm erwiderte, ſie werde es binnen Kurzem ſein, fragte er ſchwankend, ob ſie auch recht gethan, ihr Wort zu brechen. „Du zweifelſt?“ ſtieß ſie herb hervor.„Du läßt die Arme ſinken?“ Eine tiefe Bitterkeit erfüllte ſie und die Ueberzeugung, daß hier Alles vergeblich ſei und jeder Verſuch der Erhebung an dieſer innerlich gebro⸗ chenen Exiſtenz ſcheitern müſſe. So tief auch das Ge⸗ fühl der Schuld und Demüthigung in ihr geweſen, es blieb eben ein ungeheurer Unterſchied zwiſchen der reſig⸗ nirten Unterordnung eines von Natur weichen oder von Erfahrungen mürbe geſtoßenen Charakters und der leidenſchaftlichen Selbſtanklage und Unterwerfung die⸗ ſer ſtolzen, ungezähmten Natur, die bisher noch aus jeder Bedrängniß ſiegreich hervorgegangen war, und der es eine unfaßliche Beſchimpfung erſchien, ſich und das Geſchenk, das ſie aus ſich ſelbſt geboten, zurückge⸗ wieſen zu ſehen. Wie ſie ein Daſein mit einem Worte vernichtet, meinte ſie auch daſſelbe mit einem einzigen Worte wieder herſtellen zu können, und ſie fühlte ſich verletzt, da ihr dies nicht gelang, und trug nicht den 105 Umſtänden Rechnung, ſondern ſchrieb Riedhelm allein den Widerſtand zu. Der Mann, den ſie einſt mit einem Blick, mit einem Kuß, mit dem Geſtändniß ihrer Liebe zum glückſeligen Schwärmer gemacht, der blieb jetzt kalt und nahm ihre Erklärung ohne ſichtbare Er⸗ regung wie ein alltägliches Wort hin;— das erſchien ihr unbegreiflich, und weil ſie die beiden Geſtalten von damals und jetzt ſo unvereinbar fand, vergaß ſie über der Befremdung den Umſtand, daß ſie ſelbſt mit die Veranlaſſung dazu war. Sie fühlte ſich verſchmäht und hätte in Scham vergehen mögen vor ſich ſelbſt. Der Stolz war aber nur zurückgedrängt, nicht erloſchen in dieſer Bruſt, die er jetzt mächtig hob. Er gab ihr die kalten Worte ein:„Nun denn, ich nehme Dein Lebewohl. Sei Gott mit Dir.“ Riedhelm überraſchte der Ton, der raſche Abſprung — er ſah ſie betroffen an. „Was willſt Du thun?“ fragte er. „Die Stadt verlaſſen. Geh'n, fort,— ſo weit, daß ſelbſt unſere Gedanken ſich nicht mehr erreichen mögen.“ „Paula“, ſagte er ſtockend,„Du willſt fort?— Jetzt fort?“ Auch ſie begann zu beben. Der Stolz wollte doch 106 nicht ſo recht vorhalten. Wie beſtrickend ſchlug der Laut an ihr Ohr, da er ſie nach ſo langen Jahren wieder bei ihrem Namen rief, den er ſo oft mit Zärt⸗ lichkeit geflüſtert! Sie mußte ihre ganze Kraft zuſam⸗ menraffen, um nicht von neuem ihm zu Füßen zu ſinken und abermals zurückgeſtoßen zu werden. „Ich bin nicht von Erz, gleich Dir“, erwiderte ſie, indeß ihr Auge dem ſeinen auswich.„Müſſen wir uns trennen, ſo ſei es bald, weit und durch unüber⸗ ſteigliche Schranken.“ Es durchlief Riedhelm bei dieſen Worten wie ein kalter Schauer, ſeine ganze Feſtigkeit war wie wegge⸗ haucht vom warmen Föhn, der das ſtarre Eis ſchmilzt. „Scheiden? Jetzt!“ ſtammelte er,„und für immer, nachdem ich Dich erſt gefunden? So ſtill und kühl wie— der auseinandergehen, als hätten ſich zwei ganz oben⸗ hin Bekannte auf einem Spaziergange getroffen und gegrüßt?— Und das könnteſt Du?“ „Ich werde es von Dir lernen.“ „Von mir?“ verſetzte Riedhelm ſchmerzlich lächelnd, „Und wer ſagt Dir——? Oh!“ unterbrach er ſich, „ich fürchte ſehr, wenn Du keinen beſſeren Lehrmeiſter haſt, trifft es kein's von uns.“ Jetzt ſprang der verhaltene Funke der Freude und 107 des Triumphs der Liebe als leuchtende Flamme voll aus Paula's Seele, es wurde ihr dabei ſo eigenthüm lich heiß und thränenſelig zu Muth, daß ſie das won⸗ nige Schluchzen, das ihre Bruſt ſchwellte, kaum mehr zurückzuhalten vermochte und in abgeriſſenen, fliegen⸗ den Worten in ihn drang:„Ein Funken glimmt alſo doch noch unter der Aſche in Deiner Seele?]— Dein Herz iſt nicht ganz erſtorben für mich?— Du haſt mich nicht vergeſſen in den langen Jahren, und die Erinnerung— ſag' doch, ſag'— war nicht der Haß?“ Es lag ein Glanz unſäglicher Liebe, wie ſich ein frommes Gemüth den ganzen Himmel darein gehüllt denkt, in ſeinen Augen, da er ihr jetzt beide Hände entgegenſtreckte und ohne ein weiteres Wort nur leiſe und innig, als wäre es ein Vorwurf für ihren Zweifel und ein Hinweis auf ihre untrennbare Zuſammenge⸗ hörigkeit, ihren Namen rief. Sie bemächtigte ſich ſeiner Hände, ſie hielt ſie feſt; ihr feuchtes Auge wandte ſich in einem Dankgebete nach oben, und als könnte es die Zunge ganzen Schaaren theilnehmender Engel zujauchzen, klang es von ihren Lippen:„O, mein Herz, Du haſt mir nicht gelogen! Ich wußt' es ja, er liebt mich noch, er mußte mich noch lieben! O, Hermann, Hermann, nun habe ich 108 wenigſtens Alles vergeſſen. Mein ganzes Leben wiegt den Augenblick nicht auf.“ Und wie jetzt Beide die Arme um einander ſchlan⸗ gen und Herz an Herz laut pochend ſchlug, da war nicht nur für ſie, auch für ihn Alles— die ganze Welt vergeſſen und verſunken. Viertes Kapitel. Der Zuſammenſtoß. Die Zeit verrann, und es ward Abend, ohne daß die Glücklichen deſſen Acht hatten. Hand in Hand ſaßen ſie auf dem Sopha neben einander und erzählten ſich immer wieder von neuem die Geſchichte der letzten zehn Jahre, ohne daß jedoch Paula erwähnte, wie ſie das Armband bei ihrem Manne entdeckt hatte. Ein eigenthümliches Zartgefühl hielt ſie davon zurück, ihren Gatten zu beſchuldigen. Was thaten auch die Nebendinge zur Sache, war ja Alles doch noch gut geworden, all' die Abneigung und das Rachege⸗ lüſte von ihr wie eine jämmerliche Kleinigkeit abge⸗ fallen, ſie gönnte keiner andern Empfindung in ihrem Herzen Raum, als der des Glückes. Jeden ſtörenden Ge⸗ danken wies ſie von ſich, nichts ſollte ſie aus ihrem Taumel reißen. Auch der Opiumraucher ſchwelgt in ſeinen Träumen, und gibt ſich immer wieder denſelben hin, wiewohl er ſich ſagen könnte, daß es doch immer nur Träume ſeien. Hand in Hand, Auge in Auge träumten ſie ſich in die Vergangenheit zurück. „Dein Haar, Deine Stimme, Deine Augen, o, laß mich ſie anſehen, laß mich Deinen ſüßen Athem trinken und mich vertiefen in die lieben Züge“, ſagte Riedhelm, jeden der Reize ihres Antlitzes mit ſeinen Blicken liebkoſend,„Dein Mund, ſiehſt Du, der iſt ernſter geworden. Da um die Lippen zieht ſich eine leiſe Linie— die war nicht da, ſie iſt mir fremd.“ „Der Schmerz hat ſie hineingegraben, Hermann, das herbe Leid um Dich“, entgegnete Paula, und dann ſetzte ſie beſorgt hinzu:„Entſtellt ſie mich? Bis jetzt habe ich nicht darnach gefragt, nun aber thäte es mir leid; Deinetwegen, Hermann. O, ſei nur nicht böſe, gewiß, ſie wird ſich wieder glätten; dem frohen Lächeln der Glückſeligkeit widerſteht ſie nicht.“ „Und wie Du ſchön geworden biſt“, rief Ried⸗ helm entzückt,„viel ſchöner als zuvor. Dein Auge blickt viel ſeelenvoller, in Deiner Bruſt ſcheint wär⸗ 411 meres Blut zu kreiſen. Iſt's doch, als müßte ich den Herzſchlag hören.“ Und als wolle er wirklich darauf horchen, um— ſchlang er ſie und zog ſie näher an ſich, Paula aber machte ſich ſanft und in holder Scham erröthend aus ſeinem Arme los, nannte ihn lächelnd einen thörichten Menſchen, der ſie nicht vollends trunken machen ſolle. „Mißgönnſt Du mir den Blick in Dein Herz?“ fragte er vorwurfsvoll.„O, laß es mir von Deinen Lippen hören, daß Du mein biſt, mein, Du ſüßes, herrliches Weib. Sag' es, ſag' es!“ „Bedarfſt Du erſt noch einer Verſicherung, Her⸗ mann! Nie hat mein Herz für Dich zu ſchlagen auf⸗ gehört. Ein Schwindel nur, ein Starrkrampf hatte mich erfaßt. Außen trug ich das Haupt hoch, tief im Innern aber da bäumte ſich immer wieder das widerſpenſtige Herz auf gegen die Lüge, an die es nicht glauben wollte, gegen die Gewalt, die ich ihm anthat. Im Grunde war ich immer Dein— Dein von ganzer Seele. Gott iſt mein Zeuge!“ Und nun geſtattete ſie es doch, daß er den Arm um ſie ſchlang, und ſelig lauſchte ſie den Worten der Begeiſterung aus ſeinem Munde. „Paula“, rief er betheuernd.„Auch ich trug nur 112 ein Götterbild in der Bruſt, mit dem ich haderte, um das ich litt, das ich zu haſſen meinte, dem ich fluchen hätte mögen und das ich doch mit allen Empfindungen meiner Seele, mit allen Wellen meines Bluts umfing, das ich endlos und unausſprechlich liebte!“ „Mein Hermann!“ erwiderte ſie gerührt und ſah ihm dabei zärtlich in's Auge.„Biſt Du nun noch immer der Meinung, daß uns noch etwas zu trennen vermöge? Können wir auseinander gehen, ohne uns eines Mordes an unſerer eigenen Seele ſchuldig zu machen? Läßt ſich ſo leicht zerreißen, was zehn Jahre des Leids, eine ganze Welt von Elend und Verzweif⸗ lung, was Abſcheu, Haß, Verachtung nicht zu zerreißen vermochte?— Nein, nein! Wir ſind Eins— unwider⸗ ruflich Eins!“ Kaum noch, daß ſie das letzte Wort ausgeſprochen hatte, zuckte ſie erſchrocken zuſammen, ein leiſes Klopfen an der Thüre kam wie eine Mahnung der Götter, die⸗ ſen Ausbruch des Stolzes und der unerſchütterlichen Zuverſicht in den eigenen Willen und in die eigene Kraft, ein Ziel zu ſetzen. Hermann hatte es überhört und ſah erſtaunt auf Paula, die bleich geworden war und ſich aus ſeinem Arm löſte.— Noch einmal ertönte das Klopfen und zwar vernehmlicher als zuvor. Beide 113 fühlten ſich eigenthümlich befangen, ſo gewöhnlich an und für ſich auch die Unterbrechung war. Das Traum⸗ bild ſchien verſcheucht, gleich einer fata morgana vom ſcharfen Lufthauch, der ſich plötzlich erhebt. Paula erinnerte ſich jetzt, daß ſie ſelbſt die Thüre geſchloſſen und ging, den Riegel zurückzuſchieben. Der Einlaß Heiſchende war ihr Diener, in deſſen ſchlauen Augen ſich allerlei Lichter zu brechen ſchienen. Doch war er zu gut geſchult, um ſeine Verwunderung und ſeine eigenthümlichen Gedanken zu verrathen. Er that, als liege weder in dem Zuſchließen der Thüre, noch in dem ſo ſehr verlängerten Beſuche des Uhrmachers etwas Ungewöhnliches und entſchuldigte nur, daß er ſtören müſſe, aber der Kleine da ließe ſich nicht halten, er verlange mit aller Gewalt zu Herrn Ried, und wäre im Stande, Lärm zu ſchlagen, wenn er ihn wieder fortſchicke. Während er noch ſprach, drängte ſich Fritz zwi⸗ ſchen der halb geöffneten Thüre durch und eilte an Paula vorüber dem Vater zu, den er ſogleich erblickt hatte. „Vater!“ rief er freudig.„Da biſt Du ja. Der garſtige Mann wollte mich nicht zu Dir laſſen.“ Byr, Wrak. II. 8 114 Betroffen ſtanden Riedhelm wie Paula da. In Beiden ging Merkwürdiges vor. Sein Kind! Er hatte ein Kind! Das war der Gedanke, der mit der Raſchheit des Blitzes ſie durch⸗ zuckte. Davon hatte ſie nichts gewußt. Es war, als würde ihr damit erſt vollkommen klar, daß Riedhelm ſeit Jahren und Jahren ein anderes Weib ſein ge⸗ nannt. Bis jetzt ſah ſie ſeine Ehe wie die ihre an, als ein freundliches Zuſammengehen, dem kein ver⸗ einigendes Band tiefern Zweck, höhere Pflichten ver⸗ lieh. Nun erſt kam es ihr zum Bewußtſein, daß Ried— helm tiefe Wurzeln geſchlagen hatte in dem Boden ſeiner neuen Heimat, daß er nicht nur aus Mitleid eine Gefährtin auf ſeinem Lebenswege mitgenommen, ſondern eine Familie gegründet habe, für die er leben müſſe. Ein ſchmerzhaft verbittertes Gefühl ſchwellte ihr Herz, ſie ſah einen Kreis geſchloſſen um den Mann, den ſie liebte, ſich ſelbſt aber verbannt aus dieſem Kreiſe, der ſie feindlich von ihm abtrennte. Da war ſein Kind, das Kind von einem frem⸗ den Weibe, das ſich an ihn ſchmiegte und nähere Rechte an ſein Herz geltend machte, als ſie es durfte. Eine Andere hatte ihm die Freude geſchenkt, ſich Vater rufen zu hören, und konnte ſich nun auf 415 ihr Kind ſtützen— worauf vermochte ſie ſich zu be⸗ rufen?— „Mutter läßt Dir ſagen“, berichtete Fritz nun, indem er Riedhelm an der Hand faßte,„Du ſolleſt uns nicht ganz vergeſſen. Das Abendbrod wartet ſchon.“ Wie ſchnitten dieſe einfachen Worte in Riedhelm's Herz gleich den raffinirteſten Qualen! Im ſtürmiſchen Fluge war er dahin geeilt auf dem Flügelroſſe der Phantaſie durch glückliche Regionen. Die kleine Hand ſeines Knaben genügte, Halt zu gebieten und ihn aus den Träumen in die kalte Wirklichkeit zurückzureißen. In dieſem Augenblicke fühlte er keinen Hauch der Liebe für ſein Kind, es erſchien ihm, wie ein mahnen⸗ der Kerkermeiſter. Im Schlafe war der Gefangene im goldenen Sonnenlichte der Freiheit gewandelt, Blu⸗ men umblühten ſeinen Weg und hauchten ſüße Düfte aus, die er als Speiſe und Trank einathmete. Da wandte er ſich ein wenig, die Kette klirrte, verſcheucht war die Viſion— ringsum die Nacht des Kerkers.— „Vater“, ſagte Fritz weinerlich, da Riedhelm noch immer ſchwieg,„Du ſiehſt mich nicht an. Biſt Du bös? Haſt Du denn Deinen Fritz nicht mehr lieb?“ Das erſte Gefühl des Neides und des Wider⸗ 8* ——õÿ—QOQOQ—Q—O—C.;— 116 willens in Paula's Herzen wich alsbald milderen Em⸗ pfindungen, die das herzige, rührend offene Weſen und die Schönheit des Knaben hervorriefen. Dazu kam der Unwille über die eigene unedle Regung, die ſie nun durch verdoppelte Zärtlichkeit gut machen wollte. Freundlich trat ſie dem Kleinen näher, kauerte ſich zu ihm nieder, ſtreichelte ihm das ſchöne lockige Haar und ſagte in mildem Tone, der ihre Erſchütterung nur zu ſehr verrieth: „Komm,, ich will Dich lieben, Kind— ich will Dich lieben wie eine Mutter.“ Fritz aber fühlte ſich von der ungewohnten Pracht der Umgebung und von der reichen Toilette der ſchö⸗ nen Frau zu ſehr eingeſchüchtert, um ihre Liebkoſung freundlich zu erwidern, des Vaters Schweigen war auch nicht dazu angethan, ihm die Angſt zu benehmen, die ſein kleines Herz zuſammenſchnürte, ſo ſchmiegte er ſich ſcheu an Riedhelm und hängte ſich nun noch feſter an deſſen Hand. „Nein, nein, nicht Du“, wehrte er dabei ab,„der Vater ſoll mir gut ſein.“ Die Erſtarrung, die Riedhelm alle Glieder und beinahe auch das Denken gelähmt hatte, war nun ge⸗ löſt, und als ſchieße der aus dem Herzen verdrängte 417 Blutſtrom nun mit doppelter Leidenſchaft wieder in daſſelbe zurück und mit ihm die Liebe und Zärtlichkeit für ſein Kind, riß er es in ſeine Arme, hob es empor und küßte es heftig, als habe er es aus den Händen eines Räubers oder gar des Todes gerettet und heil zurück erhalten. „Fritz!“ ſtieß er ſchwer athmend hervor, während der Knabe jauchzend ſeinen Nacken umfaßte,„mein lieber Fritz— Du biſt mein liebes, gutes Kind!“ Erſt nach einer Weile ſtellte er ihn wieder auf den Boden. „Das Abendbrod, ſagſt Du, wartet?“ ſprach er dann zu ihm,„gut, gut, geh' nur voraus, ich komme nach. Sag's einſtweilen der Mutter.“ Er beachtete nicht, daß Paula zur Thüre zurückging und mit dem Diener einige Worte wechſelte, und beruhigte Fritz auf deſſen Frage, ob er auch gewiß kommen werde.„Gewiß“, verſicherte er.„Wie fragſt Du doch heute, Knabe?!— Geh' nur voran, vielleicht hole ich Dich noch auf der Gaſſe ein.“ „O, ich will ſchon laufen“, rief der Knabe lachend und ſprang, ohne ſich mehr um die fremde Frau zu bekümmern, zur Thüre hinaus. Ihm folgte unmittelbar der Diener, und Paula kam langſam Riedhelm näher, der noch wie feſtge⸗ 118 nagelt an derſelben Stelle ſtand und mit düſterem Blick zu Boden ſah, als ſei er in die Löſung geome⸗ triſcher Probleme vertieft, zu welchen ihm die Parquet⸗ figuren Anlaß gegeben. Sie ſchwieg eine Weile und ſuchte nur in den Falten ſeiner Stirne zu leſen, was hinter dieſer vor⸗ ging, dann fragte ſie mit eigenthümlicher Ruhe: „Und Du willſt wirklich gehen?“ Er ſchrak beim Laut ihrer Stimme auf. Ein her⸗ ber Zug legte ſich um ſeinen Mund. „Ich Thor wollte fliegen“, ſagte er dumpf,„und vergaß die Mythe vom Ikarus.“ „Hermann“, wiederholte ſie, und eine mitleidige Regung ſtimmte diesmal den Ton milder,„willſt Du wirklich gehen?“ „Du haſt mein Kind geſehen“, ein Achſelzucken begleitete die reſignirte Antwort. „Es wird auch meines ſein“, rief ſie lebhaft und ergriff ſeine ſchlaff herabhängende Hand.„Konnteſt Du daran nur einen Moment zweifeln?— Und wie will ich es lieben, mit ganzem hingebenden Mutter⸗ herzen!“ Riedhelm ſchüttelte trübe den Kopf. „Die Mutter läßt ſich nicht erſetzen“, ſagte er dann. 119 „O doch, ich werde ſie erſetzen, weil ich es aus voller Seele will. Wie mancher Menſch“, reflectirte ſie,„hing nicht mit voller kindlicher Liebe an ſeiner Mutter, der ſpäter nur noch Mitleid mit ihr empfand. Hältſt Du das nicht für eine der traurigſten Erfahrun⸗ gen? Die blinde Mutterliebe genügt dem Kinde; der Erwachſene will mehr, damit er nicht herunterblicken muß, wo er verehren möchte.“ „Dein Wort iſt ſcharfſinnig, ich geſtehe es zu, doch wär' es zu erörtern. Dazu reicht heute die Zeit nicht mehr.“ Dabei griff er nach ſeinem Hute. Paula aber fiel ihm in den Arm. „Wohin, Hermann?“ fragte ſie mit einem Tone, der ihren Schrecken und ihre Bewegung verrieth. „Ich verſprach zu kommen“, gab er die Frage zurück.„Darf ich dem Kinde lügen?“ „Nein, ich laſſe Dich nicht!“ „Ich kann ja morgen wieder kommen.“ „Wiederkommen, wenn Du einmal gehſt?!“ ſtieß ſie heftig hervor.„Nein, nein, Du darfſt nicht fort. Wenn Deine Liebesworte vor einem Augenblicke noch keine Lüge waren, wenn Du mich nicht blos durch ihren fürchterlichen Hohn und dem Contraſt zu Deinem Thun zerſchmettern wollteſt, ſo bleibe!— Nur eine kleine Weile bleibe noch! Fordere ich zu viel mit einem kargen Reſte Zeit? Du darfſt nicht fort, ehe es ganz klar geworden iſt zwiſchen uns!“ Riedhelm ſtand, er ging nicht und er konnte ſich nicht entſchließen, zu bleiben. O, es gibt ſolche Mo⸗ mente, wo es unmöglich ſcheint, einen Entſchluß zu faſſen, und wenn an der Verzögerung auch das Leben hinge. Zwei Gewalten ſtreiten ſich um das Menſchen⸗ herz, beide mächtiger als es ſelbſt iſt. So ſagte ihm in der Bruſt etwas, er müſſe und doch vermochte er ſich nicht loszureißen. Paula wurde es mit jeder Secunde banger zu Muthe, es dünkte ihr unmöglich, ihn von ſich zu laſſen. Jetzt, wo ſie ihn hielt, mußte ſie ihr Eigenthum vertheidigen und die letzten Scrupel löſen; war er einmal fort, wo lag die Garantie für ſeine Wiederkehr? In ſeiner Abweſenheit fühlte ſie ihre Macht über ihn ſich entſchlüpfen. Es war eine gewaltige Leidenſchaft, die ihren Worten Nachdruck und magiſche Kraft verlieh. „Was willſt Du noch bei jenem Weibe, das Du nicht liebſt?“ rief ſie ihm zu.„Iſt Dir die Gewohn⸗ heit ſo mächtig an die Seele gewachſen, daß ſie ihren freien Aufflug zu hemmen vermag? Was— ich frage Dich— was willſt Du eigentlich?“ 121 „Um's Müſſen handelt es ſich, nicht um's Wollen“, antwortete er. „Wo iſt die Pflicht?“ widerſprach ſie.„Es kann keine geben, die Dich in dieſe niedrige Sphäre noch einmal zurückführen dürfte.— Du, der Mann von Ehrgeiz, von Talenten, von Geiſt, feſtgeſchmiedet an die ſtarre, lebentödtende Gewöhnlichkeit— ich vermag es nicht zu denken. Du, zurückkehren in jene enge Zelle der beſchränkten Sitte, des kleinlichen Vorurtheils, die Dir ſo lange das läſtige Gefängniß geſchienen, gegen deſſen Wände Du Dich aufbäumteſt mit wund⸗ gedrückter Seele?— Freiwillig zurückzukehren dahin? Es iſt Widerſinn! Es iſt Selbſtvernichtung!“ Die Rede blieb nicht ohne Eindruck auf Riedhelm, ſchwankend erwiderte er, ſie möge ihm die Pflichter⸗ füllung nicht ſo furchtbar ſchwer machen. Er wies auf ſein Kind, ſein Weib hin, die Werth und Inhalt ihres Lebens von ihm erwarteten, auf die blinde, hilf⸗ loſe Mutter ſeines Weibes, die ihre Erhaltung von ihm zu fordern gewiſſermaßen berechtigt war. „Soll ich denn nur meine eigenen Wünſche hören?“ ſchloß er. „Blos Deine eigenen?“ gab ſie mit vorwurfs⸗ vollem Erſtaunen zurück, dann aber bekämpfte ſie alle 122 Empfindlichkeit und fuhr ruhiger fort:„Doch ja, ich zähle nicht mit, ich habe mein Recht auf Dich verſcherzt. — Aber Deine erſte Pflicht iſt Selbſterhaltung.“ „Und der ſoll ich die ganze Exiſtenz anderer Menſchen opfern?“ „Sie iſt ja nicht gefährdet und Du biſt in der Lage, die alte blinde Frau und ihre Tochter“, es wider⸗ ſtrebte ihr zu ſagen ‚Deine Frau'—„in weit beſſere Verhältniſſe zu verſetzen, als ſie es je im Traum ſich gewünſcht haben. Wir können ihnen ja reiche Mittel an die Hand geben und ihnen den Verluſt nach ihren Begriffen hundertfach erſetzen.“ Riedhelm richtete ſich unwillig auf, das Mißtrauen, das faſt immer im Gefolge des Elends iſt, regte ſich in ihm, der falſche Stolz gährte auf. „Abkaufen alſo willſt Du mich“, rief er im. Tone unwilligen Hohns,„wie hoch der Preis? Doch wohl ein pretium affectionis?!“ Im ſelben Momente, als das Wort heraus war, bereute er es auch ſchon, denn er ſah, wie ſchmerzlich Paula davon berührt wurde. Ihm, dem Armen nur war der Einfall, ſich ſelbſt wie eine Waare, um die gemarktet wird, hinzuſtellen. Paula ſelbſt, immer im Ueberfluſſe lebend, hatte das Geld niemals als etwas 123 Anderes, denn eine einfache Nothwendigkeit angeſehen, am wenigſten konnte ihr jemals der Gedanke aufſteigen, mit dem geringſchätzig betrachteten Reichthum, ſtatt mit den Vorzügen ihrer Perſon Liebe zu erringen. Für ſie ſelbſt wäre ja Glanz und Reichthum niemals eine Verlockung geweſen, und eben ſo ſchwer als ſie ſich in eine nur etwas beſchränktere Lage wirklich hin⸗ eingefunden hätte, eben ſo leicht dünkte ihr die Armuth zu ertragen, weil ſie dabei nur ihr Gefühl, nicht ihre Gewohnheiten in Betracht zog. Sie hatte daher das volle Recht, den unedlen Vorwurf bitter von ſich zu weiſen. „Hab' ich das bittere Wort um Dich verdient?“ ſagte ſie.„Weil ich Dir meine Liebe ungeſcheut zeige, zahlſt Du mir mit Verachtung.“ Er war nun der um Vergebung Bittende gewor⸗ den. Was konnte er anders zu ſeiner Entſchuldigung vorbringen, als daß die lange Schmach niedrige Ge⸗ danken auspräge. „Das thut ſie nicht“, entgegnete Paula ſchnell verſöhnt und bemüht, den Gedrückten in ſeinen eigenen Augen zu erheben,„ſonſt würdeſt Du ja den Edel⸗ muth nicht gerade auf die Spitze treiben. Frage die Menſchen, für die Du Dich opfern willſt, doch ſelbſt 124 und ich bin überzeugt, ſie werden— iſt ihnen erſt Alles klar gelegt— ſich nicht weigern, in die Trennung zu willigen.“ „Ich darf meiner Frau die Frage nicht ſtellen“, wehrte er ab.„Sie hängt mit ganzer Seele an mir. Entſcheide ſelbſt, hat ſie es verdient, daß ich ihre Hin⸗ gebung ſo lohne und ſie unglücklich mache?“ Paula ſann nicht lange nach. „Du haſt ſie auch nie glücklich gemacht“, fiel ſie raſch ein,„da Du es ſelbſt nicht warſt.“ „Wer lehrte Dich den Schluß?“ fragte er betroffen. Es war ein ſiegreiches ſtolzes Lächeln der Liebe, das ihre feingeſchwungenen Lippen hob und aus ihren Augen ſtrahlte. Wer ihn ihr gelehrt? „Mein Herz.— Iſt er vielleicht nicht richtig? O, er iſt es, er iſt es! Sieh', es gibt kein Weib, dem leidige Duldung genügte; kein Frauenherz, ſo opfer⸗ fähig und demüthig, daß es nicht wenigſtens einen Stolz beſäße— es will den Mann, dem es gehört, beglücken.— All' ſeine Schätze mag es zu dieſem Zweck verſchwenden, das ſchwerſte Opfer bringt es willig für ihn dar— wo es ihn aber nicht erreicht, wo es ſeine Ohnmacht fühlt, da muß es das ſchneidenſte Weh über das Scheitern ſeines ganzen Strebens, über den eigenen 125 Unwerth ergreifen; es kann dem Manne nicht mehr freudig entgegenjauchzen, weil es ſich überflüſſig und blos ertragen fühlt; mit Zittern empfängt es die fro⸗ ſtige Liebkoſung, die einem geheimen Widerſtreben ab⸗ gerungen ſcheint, und die Liebe erſtarrt zu ſklaviſcher Furcht oder zu verächtlich buhlender Liebesbettelei.— Nein“, argumentirte ſie weiter,„glaube mir, kein ideales Traumbild warſt Du ihr— ein Herr— ein Gebieter— ein Alp!“ Riedhelm hörte tief ergriffen dieſe Beweisführung an. Er ſchwieg eine lange Weile, während deren er unentſchieden ſchwankte. „Wenn es ſo wäre“, ſagte er endlich, als fordere er von Paula noch einmal die Beſtätigung, um ſich ganz ſicher zu wiſſen. „Ich fühle es ſo“, gab ſie feſt zurück. „Du— Du biſt vom Glück verwöhnt— haſt einen ſtolzen Geiſt— ein Herz aus feuerflüſſigem Metall.“ Paula wiegte lächelnd das Haupt. „Kennſt Du das alte Wahrwort nicht: Vor der Liebe iſt auch die Fürſtin eine Bettlerin?“ „Paula, wenn Du irrteſt!“ Der Sieg ſchien ihr nun gewiß. War ſie ja doch —————— ſchon vorbereitet, dieſen letzten ſchwachen Zweifel zu bekämpfen. „Du ſollſt Dich überzeugen“, verſprach ſie ihm. Verwundert darüber ſtand er eben im Begriffe, zu fragen, was ſie vorhabe, als ein Geräuſch an der Thüre hörbar wurde und unmittelbar darauf Graf Thunau eintrat, den Riedhelm nicht ſofort erkannte. Der General war nach der erſchütternden Scene mit ſeiner Frau wie ein Verzweifelnder fortgeſtürzt, denn er fühlte, daß er, eingeſperrt in ein enges Zimmer, ohne Bewegung erſticken müſſe. So durcheilte er denn plan⸗ und ziellos mehrere Straßen, bis ihn der Zufall ins Freie auf eine Promenade führte, die rings um die Stadt lief und ziemlich unbeſucht war, da die Mode den Spaziergängen der Honoratioren eine andere Richtung gab. Hier konnte er ungeſtört ſeinen Gedanken nach⸗ hängen und in der Aufregung ſelbſt einzelne Worte vor ſich hinſtammeln, ohne daß ihn Jemand belauſcht oder, von ſeinem ſonderbaren Betragen befremdet, an⸗ gehalten hätte. Mit ſtürmiſchen Schritten eilte er anfangs dahin, als hätte er mit einem unſichtbaren Gegner einen Wettlauf engagirt. Allmälig aber wurde ſein Gang ruhiger, regelmäßiger, bis er endlich nur 127 mehr langſam ſchritt und von Zeit zu Zeit ganz ſtehen blieb. Der Lauf ſeiner Gedanken und Empfindungen hatte Schritt gehalten mit ſeinem Gange. Glaubte er im Anfange Alles zertrümmert und ſein ganzes Lebensglück für immer vernichtet, rang ſich in ihm die Frage empor, was er noch mit dem elenden Reſte ſeines Lebens beginnen ſolle, und ob es nicht das Beſte wäre, den Faden kurzweg zu durchſchneiden, ſo ge⸗ wann mit der Zeit eine ruhigere Anſchauung Raum. Er bedachte, wie Paula vielleicht jetzt ſchon bereue, zu weit gegangen zu ſein, er glaubte nicht an die Ausdauer dieſer wild emporgeloderten Flamme, die ja von ſelbſt erlöſchen oder doch wieder zum kleinen Funken zuſam⸗ menſinken müſſe, ſobald ſich keine Nahrung weiter biete; er rechnete auf das ſpurloſe Verſchwundenbleiben Ried⸗ helm's, auf die Macht der Gewohnheit bei Paula, auf die ruhige Erwägung der Sachlage und die Würdigung ſeines Betragens während der Che, ſeiner achtungs⸗ vollen ritterlichen Liebe und ſchließlich wagte er zu hoffen, und die verlorene Zuverſicht kehrte ihm zurück. Was er gethan, mußte Vergebung finden, wenn er nur weich, liebevoll und demüthig mit Paula ſprach, denn die Verhältniſſe waren endlich doch das Unver⸗ meidliche, in das man ſich wohl oder übel fügen mußte, 128 wenn es nicht wirklich zum Bruche kommen ſollte, der ja am Ende doch auch nichts bezweckte. So war er immer mehr zur Ueberzeugung gekom⸗ men, er habe noch keine Urſache zum Verzweifeln, und es bliebe ihm nur, jetzt, nachdem der erſte Stoß vor⸗ über ſei und die ſtürmiſchen Wogen ſich einigermaßen gelegt haben mochten, noch einmal in ruhiger Weiſe Paula's Vergebung zu erflehen, um damit wieder ins alte Geleiſe einzulenken und die ganze Zukunft— für ihn freilich nur ein kurzer Zeitraum mehr— in wohl⸗ thuender Weiſe zu geſtalten. Er kam dahin, dieſen heutigen Tag, der endlich eine Entdeckung herbeigeführt, zu ſegnen, weil er die furchtbare Laſt von ſeiner Bruſt genommen und ihm nach beſänftigtem Sturme ein weit ruhigeres, behaglicheres Glück in Ausſicht ſtellte, als er es in den ganzen zehn Jahren genoſſen. Erſt wenn er die Verzeihung ſeiner Gattin hatte, war kein Geheimniß, kein Mißton mehr zwiſchen ihnen, erſt dann konnte er ſich ſeines Beſitzes aus voller Seele freuen. Mit ſolch' frohen Hoffnungen war er auf dem Heimwege, als ihm in der Nähe des Hauſes Herr von Nothfelder begegnete und nach einer einleitenden Vor⸗ ſtellung, bei der Graf Thunau blos aus Gefälligkeit that, als erinnere er ſich noch an eine frühere Bekannt⸗ 129 ſchaft, erzählte, es ſei ihm ſoeben die Ankunft des gräflichen Paares zu Ohren gekommen und er habe es nicht unterlaſſen wollen, noch heute anzufragen, ob— wie er ſcherzhaft hinzufügte— er als ehemaliger Ver⸗ ehrer hoffen dürfe, daß ihm die Carnevalskönigin ſei⸗ nes Herzens von anno dazumal für den nächſten Tag eine Audienz anzuberaumen geruhen wolle. Der General fühlte wohl, daß es eigentlich die Höflichkeit erfordere, den Herrn Bezirksvorſteher ſofort hinauf zu bitten, befand ſich aber jetzt durchaus nicht in der Stimmung und bezweifelte auch, daß Paula eben geneigt ſei, mit einem Fremden zu verkehren, und gleichgiltige Reminiscenzen in noch gleichgiltigeren Reden auszutauſchen, während ernſte, tiefgehende Em⸗ pfindungen das Herz bewegten und die Gedanken be⸗ ſchäftigten. Er verſicherte daher, daß ſowohl ſeine Gattin als er ſich ſehr freuen würden, ihn morgen zu einer belie⸗ bigen Stunde zu ſehen, fragte noch Einiges über die Verhältniſſe des Bezirksvorſtehers und erfuhr ſo auch, daß derſelbe nur wenige Schritte von da wohne. Man trennte ſich in der cordialſten Weiſe und Herr von Nothfelder empfand in ſeiner bureaukratiſchen Würde Byr, Wrak. II. 9 130 die er mit vielem Selbſtbewußtſein zur Schau trug, kaum, daß man ſich von der andern Seite weit weniger befliſſen zeigte, die alte Bekanntſchaft wieder anzuknüpfen, als dies bei ihm der Fall geweſen. Unterdeſſen ſchritt der Graf die Treppe hinan, in der Hoffnung, Paula ver⸗ ſöhnlicher zu finden und raſch Frieden zu ſchließen, wornach er ſich ſo ſehr ſehnte, daß es ihm wie eine Lebensbedingung erſchien.— Zu keiner ungelegneren Zeit konnte er kommen. Paula war von ſeinem Eintritt ſichtbar unange⸗ nehm überraſcht, was hatte ſie noch mit ihm zu reden? Die Begegnung der beiden Männer hier in ihrer Gegen⸗ wart war ihr zum Mindeſten unerwünſcht; wozu jetzt noch weitere Conflicte, da ja die Löſung der beſtehen⸗ den ſchon ſchwierig genug geworden? Die wiederholte Annäherung ihres Gatten erſchien ihr wie eine Zu⸗ dringlichkeit, die ſie noch kälter und härter ſtimmte, weil ſie kurz zuvor erſt Riedhelm verſichert hatte, daß ſie vollkommen frei und losgelöſt ſei, indeß nun ihr Gatte ſo ohne Weiteres hier erſchien und ſie gewiſſer⸗ maßen einer großſprecheriſchen Lüge zieh. Welchen Eindruck mußte das auf den noch immer Schwankenden hervorbringen? Sie zürnte dem Grafen, daß er ſie vor Riedhelm ſo bloßſtellte, wiewohl ſie ſich ſagen konnte, daß jener von der Anweſenheit ſeines Neben⸗ buhlers keine Ahnung hatte. Auch jetzt beachtete der General Riedhelm nicht, vielleicht hatte er ihn gar nicht geſehen, vielleicht auch war ihm der fremde, offenbar dem Handwerkerſtande angehörige Mann ſo völlig gleichgiltig und unterge⸗ ordnet, daß er ihn gar nicht als vorhanden an⸗ nahm. „Paula“, wandte er ſich an ſeine Frau, aber dieſe unterbrach ihn ſogleich und ſuchte ihm ſein neues Ver⸗ hältniß in ein paar Worten anzuweiſen. Anrede, Ton und Ausdruck richteten eine Scheidemauer zwiſchen ihnen auf. „Ich glaubte Sie bereits abgereiſt“, ſagte ſie mit eiſiger Kälte, aber ſo ſchmerzlich ſich ihr Gatte davon berührt fühlte, die Stimmung, in die er ſich auf dem Spaziergange hineingelebt, wirkte noch nach, und er vermochte der Hoffnung nicht ſo raſch zu entſagen. Auf Widerſtand war er ja gefaßt geweſen, und er be⸗ hielt Muth und Zuverſicht, ihn zu beſiegen. „Noch einmal wollt' ich mich an Dein Herz wen⸗ den“, begann er, aber Paula, die jetzt jeder Erklärung auszuweichen ſuchte, fiel ihm in's Wort, indem ſie ihm mittheilte, daß er zu ſpät komme. Riedhelm ſollte 9* ————— 132 keinen Zweifel hegen über ihre ernſtliche Abſicht, das Verhältniß zu Thunau zu löſen. „Das Schickſal ſelbſt hat inzwiſchen intervenirt“, fuhr ſie fort,„und das Opfer, an dem ſo viel gut zu machen iſt, hierher geführt.“ Ihre Geſte machte den Grafen nun auf den drit⸗ ten Anweſenden aufmerkſam. Erſt verſtand er Paula's Rede nicht ganz, ein ſcharfer Blick aber und eine auf⸗ dämmernde Ahnung ließen ihn Riedhelm erkennen. Wie ſehr ihn dieſe Begegnung erſchütterte, verrieth der Klang ſeiner Stimme. „Herr von Riedhelm!“ rief er.„Iſt's möglich?!“ dann aber ſank ſein Haupt auf die Bruſt herab und leiſe ſprach er vor ſich hin:„o, jetzt begreife ich!“ als wollte er ſagen,„daß jede Hoffnung für mich vor⸗ bei iſt.“ Mittlerweile hatte Riedhelm gleichfalls den Grafen erkannt, auch ihm kam dieſe Begegnung eben ſo uner⸗ wartet als unerwünſcht. Er hatte gemeint, die beiden Gatten ſeien ſchon durch längere Zeit getrennt, ſo hatte er ſich wenigſtens Paula's Worte gedeutet, nun ſtand er dem rechtmäßigen Gatten, der offenbar Verſöhnung ſuchte, wie ein Eindringling, ja, da ihm die näheren Umſtände nicht bekannt ſein konnten, wie ein Intrigant gegenüber und fühlte das Bedürfniß, ſich zu rechtfer⸗ tigen. Niemand ſollte glauben dürfen, daß er ein ins⸗ geheim mit Paula abgekartetes Spiel geſpielt, um ſei⸗ nen Nebenbuhler zu verdrängen. „Excellenz, ich bin Ihnen eine Erklärung ſchuldig“, begann er, doch ließ ihn Paula nicht zu Worte kommen. „O nein, o nein, Hermann“, rief ſie etwas haſtig, „Du biſt ihm keine ſchuldig. Graf Thunau hat ſeine Anſprüche auf mich eingebüßt. Ich bin frei, nach mei⸗ ner Ueberzeugung zu handeln. Wir ſind geſchieden.“ „Iſt es unwiderruflich, Paula?“ fragte der Graf, der noch immer nicht daran glauben konnte. „Ich dächte, wie die Dinge ſtehen, iſt die Frage überflüſſig“, entgegnete Paula. Der Graf kaute an ſeinem großen, faſt weißen Schnurrbart, um nicht durch einen Ausruf des Schmer⸗ zes eine unmännliche Schwäche zu verrathen. „So ſeid ihr Beide unverſöhnlich?“ ſagte er nach einer Weile.„Mein Herr“, wendete er ſich an Ried⸗ helm,„wenn Sie die Urſachen kennen—“ Noch haſtiger als zuvor Riedhelm, fiel Paula diesmal ihrem Gatten in's Wort und verhinderte ihn, ſeine Rede fortzuſetzen. Es war ihr ernſtlich darum zu thun, es zwiſchen den beiden Männern zu keiner 134 Erklärung kommen zu laſſen, die doch nur zu leiden⸗ ſchaftlicher Erregung, zu Streit und Zuſammenprall führen mußte. Was verſchlug es Hermann, wenn ihm der ganze Zuſammenhang verborgen blieb. Ob er darum wußte oder nicht, die Verhältniſſe wurden da⸗ durch nicht verſchoben, und warum ſollte dem Grafen, der für ſeine That durch die Zerrüttung ſeines Lebens⸗ glücks genugſam geſtraft war, nicht wenigſtens die letzte Demüthigung vor ſeinem Nebenbuhler erſpart bleiben? „Die Urſachen“, unterbrach ſie den Gatten,„ſind hier von keinem Belange— ſie ſind eine Frage zwi⸗ ſchen uns allein“, ſetzte ſie hinzu. Der Graf war von dieſen Worten überraſcht; ſie öffneten ihm einen Blick in ihre Seele. „Du haſt mich alſo geſchont? Ich danke Dir“, ſagte er gerührt, wendete ſich dann aber zu Riedhelm, denn ſeinem männlichen Sinne widerſtrebte die Un⸗ klarheit der Situation, die ein Ende haben mußte, ſelbſt zu ſeinem Nachtheile.„Aber ich will keine Schonung“, ſagte er mit loyaler Offenheit,„ich will, daß Sie die volle Wahrheit kennen. Das Armband, mein Herr, das Sie genommen haben ſollen, iſt längſt gefunden.“ Er hielt inne und hörte mit Erſtaunen, 135 wie Riedhelm ihm gelaſſen erwiderte, daß er es wiſſe. „Aber Sie wiſſen einen Hauptumſtand ſicherlich nicht“, fuhr er fort,„daß es ſchon am Tage vor unſerer Trauung in meinen Händen war.“ „Vor— vor der Trauung?“ ſtammelte Riedhelm im höchſten Grade befremdet, dann warf er einen Blick auf Paula, der ſie durchbohren zu wollen ſchien, „und Du“, fragte er, jedes Wort ſcharf betonend,„haſt den Schritt trotzdem gethan?“ Paula ſah ihr Beſtreben vereitelt und ſenkte, da ſie ihren Gatten nicht anklagen mochte und ſonſt nichts zu erwidern fand, unmuthig den Kopf. Der Graf nahm für ſie das Wort. „O, machen Sie ihr keinen Vorwurf; mich allein trifft er, denn ich— verhehlte den Fund.“ Dies Geſtändniß wirkte ſchlagartig auf Riedhelm. Der General ſtand plötzlich wie ein teufliſches Geſpenſt vor ihm, vor deſſen Grinſen ihm graute. „Sie— Sie?“ ſtieß er betäubt hervor.„O, iſt denn ein Menſchenleben nichts als ein Spiel in der Hand des Erſtbeſten?!“ Die Hände an die Stirne gepreßt, hinter welcher ſich die, von all' den Enthüllungen und einſtürmenden Gefühlen verwirrten Gedanken nur allmälig klärten, 136 die Bruſt gehoben vom keuchenden Athem, ſtand er da, ſo daß Paula erſchrak, ihre Hand auf ſeinen Arm legte und bittend ſeinen Namen ſprach, um ihn zu beruhigen. Er aber hörte jetzt nicht auf ſie. „Sie alſo“, rief er, der Leidenſchaft, welche in ihm zu arbeiten begann, Luft gebend,„Sie alſo wa⸗ ren es, der die Peitſche ‚Schande’ über meinem Haupte ſchwang und mir mit ungeſtörter Gemüthsruhe das entſetzliche Brandmal auf die Stirn drückte, die es zehn Jahre lang mit ſich herumtrug?— Sie haben mir die koſtbarſten Güter geraubt, die ich beſaß— meine Ehre, meine Stellung und ein geliebtes Herz. Was— ich frage Sie— was habe ich Ihnen ge⸗ than?“ Der General verlor ſeine männliche Gelaſſenheit nicht, obwohl der Ton, in dem er ſprach, ſeine tiefe Ergriffenheit bewies. „Sie urtheilen allzu hart“, entgegnete er,„da Sie die Umſtände nicht kennen und ſie in ihrer gegen⸗ wärtigen Gemüthsſtimmung auch kaum erwägen dürf⸗ ten. Ich ſelbſt ſtand da am Vorabende meines Glücks, freiwillig war es mir gewährt worden, ich hatte nicht intriguirt, es zu gewinnen und hätte ich zu jener Stunde geſprochen, ich wäre deſſelben verluſtig gegan⸗ 137 gen, ohne es deßhalb in Ihre Hände legen zu können, da Sie nicht auffindbar waren. Wir rangen um das gleiche Ziel— hätt' ich mich freiwillig meines Vor⸗ theils begeben ſollen? Hätten Sie, in ähnlicher Lage, die Braut mir ſelbſt in die Arme geführt?“ Die Beweisführung hätte noch klarer und ent⸗ laſtender ſein mögen, Riedhelm war nicht mehr in der Stimmung, ſie gelten zu laſſen. Er erwog nicht, ob ihm des Grafen Verzichtleiſtung Nutzen gebracht und etwas in ſeiner Exiſtenz während der letzten zehn Jahre geändert hätte; er fühlte nur, daß ihm Paula geraubt worden war, und der Graf erſchien als Räuber vor ſeinen Augen, weil er ihn um die letzte Chance ge⸗ bracht. Webenſtein's und Paula's Schuld häufte er in dieſem Moment mit auf ſein Haupt, und die ver⸗ ſuchte Erklärung erſchien ihm wie ein Hohn alles Rechts auf Erden. „Mein Herr“, rief er mit ſteigender Heftigkeit, „ich weiß nicht, wie Sie zwiſchen uns Beiden eine Parallele zu ziehen vermögen. Ich kämpfte niemals mit unehrlichen Waffen.— Bei Ihnen iſt's ein An⸗ deres. Blos weil ich Ihnen im Wege ſtand, ſtießen Sie mich in einen Abgrund.“ „Das that ich nicht“ widerſprach der Graf ernſt, 138 „ich zögerte nur einen Moment, Sie aus demſelben zu retten.“ „Nun denn“, brauſte Riedhelm in heißem Zorn auf,„dieſe Zögerung war ein— Bubenſtück!“ Wieder ſuchte Paula den Ueberſchäumenden zu beruhigen; mahnend rief ſie ſeinen Namen, aber die Fluten gingen zu hoch, ihre Stimme wurde in dem Toſen der Brandung nicht gehört. Riedhelm war in dieſem Augenblicke nicht zu zähmen, die höchſte Er⸗ regung hatte ſich ſeiner bemächtigt, und es gewährte ihm eine wilde Luſt und Befriedigung, das Gefäß, in dem ſich zehn Jahre lang Haß, Rache und Groll auf— gefüllt hatten, in loderndem Zorne über ein ſchuldiges Haupt ausgießen zu können. Der ganze verhaltene Grimm einer zerſchmetterten Exiſtenz brach die Dämme wie ein angeſchwollener Fluß im Frühlinge und ſchleu⸗ derte die zermalmenden Eisblöcke gegen Alles, was ihm entgegentrat. Der General aber war nicht der Mann, der wich, wenn er ſich beleidigt fühlte; er konnte zwar ein Un⸗ recht eingeſtehen und ſich einem Vorwurf, der berech⸗ tigt war, beugen, niemals aber einen Schimpf ertra⸗ gen. Der Zuſammenſtoß, den Paula als unvermeid⸗ lich vorausgeſehen, war eingetreten. 139 „Mein Herr“, zuckte der General, den bisher ge⸗ mäßigten Ton ändernd, auf,„die Beſchimpfung dulde ich nicht.— Sie haben das Recht, von mir Genug⸗ thuung zu fordern, ohne daß erſt eine weitere Provo⸗ cirung nöthig wäre.— Ich bin bereit, Ihnen eine jede zu geben.“ „Genugthuung?!“ rief mit wildem Hohne Ried⸗ helm, dem das Blut in den Schläfen hämmerte, als müſſe es da heraus.„Genugthuung für ein zerfetztes Leben?! Als ob ich mit einem Stiche durch Ihr Herz mir Vergeſſen erkaufen könnte?! Blut— und flöſſe es auch in Strömen, verklebt all' die Riſſe einer verzweifelten Seele nicht. Mit einer Unze Blei löthet man nicht die Trümmer einer zerbrochenen Exiſtenz!— Was will eure läppiſche, ſorgſam verclauſulirte Genugthuungs⸗ methode, der ſich der Schurke entzieht und dem meiſt der im Recht Befindliche zum Opfer fällt? Damals, als ich ſie forderte, weil meine Ehre daran hing, hat man ſie mir verweigert; jetzt da ich ihrer nicht mehr bedarf, bietet man mir ſie an. Welch' ein erbärm⸗ liches Auskunftsmittel, wenn man eine Schlechtigkeit begangen, die wieder gut zu machen Einem an Luſt oder Möglichkeit gebricht. Wenn es noch wie vor alter Zeit ein Gottesgerichtskampf wäre, deſſen Ausgang 140 Recht und Unrecht zuſpricht, ſei es auch in der ver⸗ kehrteſten Weiſe;— ſo aber iſt es eine prahleriſche Spielerei geworden, die man für Genugthuung aus⸗ gibt, weil man dabei ſeiner eigenen Eitelkeit und ſei⸗ nem falſchen Ehrgefühl genug thut.— Soll ich zu all' meinem erduldeten Elend auch noch die Gewiſſens⸗ biſſe eines Mörders fügen— oder iſt es für mich etwa eine Genugthuung, mich tödten zu laſſen und ſo für immer Ihnen aus dem Wege zu gehen?! Der Wahnwitz und die Feigheit haben ſich gepaart und den Baſtard ‚Duell“ erzeugt. Ich verlache eine ſolche Genugthuung— ich will mir eine beſſere finden!“ Der General zuckte die Achſeln und ſah finſter zur Erde, er empfand, daß Riedhelm Recht habe, ſein Anerbieten zu verwerfen; in dieſem Augenblick erſchien ihm ſelbſt dieſe geſellſchaftliche Form, ſich von einer Schuld rein zu waſchen, eine leichtfertige, oberflächliche Satzung, eine jämmerliche Fanfaronade. Dennoch konnte er keinen andern Erſatz gewähren. „Ich kann Ihnen wenigſtens keine andere Genug⸗ thuung bieten“, ſagte er.„Was Sie ſich nehmen wollen, weiß ich nicht.“ „Alle, alle meine unſäglichen Leiden möchte ich —————— 141 Ihnen zurückgeben“, ſtieß Riedhelm heftig hervor,„leider vermag ich es nicht. Aber einen Theil wenigſtens— den wälze ich wie einen zermalmenden Felsblock auf Ihr Herz.“ Haſtig ergriff er Paula's Hand, die ſie in banger Angſt gegen die Bruſt gedrückt hielt und fixirte ſein rollendes Auge auf ſeinen Gegner.„Sie entriſſen mir die geliebte Braut“, rief er mit marker⸗ ſchütterndem Hohn,„ich entreiße Ihnen das geliebte Weib! Auge um Auge— Zahn um Zahn!“ Der General war von der Wildheit dieſer Leiden⸗ ſchaft wie verſteinert, ſelbſt Paula fühlte ſich davon unangenehm berührt. An den gemäßigten conventio⸗ nellen Ton und die abgeſchliffenen Phraſen ihrer Kreiſer gewöhnt, erſchien ihr ein ſolcher Ausbruch der unge⸗ fälſcht menſchlichen Natur wie eine Rohheit. Es gilt ja die Regel, die vollendetſte Erziehung äußere ſich bei jenem Menſchen, dem es gelungen, aus ſich eine ſchein⸗ bar unempfindliche, widernatürliche und tückiſche oder indolente Marionette zu formen. Jede Gewaltäußerung, geiſtige oder körperliche, erſcheint durch dieſes Prisma betrachtet, als unſchön und ordinär. Tiefer aber noch, als dieſer anerzogene Widerwille, wurde das natür⸗ liche Gefühl durch Riedhelm's raſch gefaßten Entſchluß in ihr verletzt. 142 „Soll ich blos Deiner Rache dienen, Hermann?“ gab ſie vorwurfsvoll ihrer Empfindung Ausdruck. Dieſe Worte brachten ihn ein wenig zu Beſinnung. Aber auch der Graf hatte indeſſen Worte gefun⸗ den, um Riedhelm zu zeigen, daß er über die Grenzen hinausgegangen ſei. „Nimmermehr!“ entgegnete er.„Das iſt kein Tauſch, den ich gutwillig eingehen werde. Wenn wir Beide verſchiedene Maße anlegen, ſo iſt das Ihre offenbar zu groß. Nun frage ich Sie meinerſeits:— was habe ich Ihnen eigentlich gethan?— Den Verdacht habe nicht ich auf Sie gewälzt, Gott iſt mein Zeuge, ich wehrte mich, ſo viel ich konnte, an die Verleumdung zu glauben— ich that dann nur, was Alle thaten. Sofort nach Entdeckung Ihrer Unſchuld habe ich Ihre Ehre wieder hergeſtellt, dabei konnte es auf eine Stunde ab oder zu nicht ankommen.“ „Wie können Sie das wiſſen?“ unterbrach ihn Riedhelm.„Einen ganzen Tag ließen Sie verſtreichen, wer kann ſagen, ob nicht der eine Tag mich aus dem Bereiche der Nachforſchungen führte?“ „Die Wahrſcheinlichkeit wenigſtens ſprach nicht dafür. Sie waren verſchwunden. Treten Sie aber G —— 143 jetzt in die Welt hinaus, ſuchen Sie Ihre Stellung in der Armee, überall wird man Sie mit offenen Armen, mit reuiger Abbitte empfangen. Nur deßhalb erfuhren Sie nicht früher darum, weil Sie ſich ſo lange unauf— findbar verborgen hielten. In dieſem Puncte weiß ich mich vollkommen frei.“ „Auch ohnedem war der Mißbrauch groß ge⸗ nug.“ „Doch hat er Sie in keiner Weiſe getroffen. „Unterbrechen Sie mich nicht“, wies der Graf Ried⸗ helm's Anklage zurück.„Geſetzt den Fall, ich hätte mich in übermenſchlicher Großmuth des mir freiwillig geſchenkten Wortes und Rechtes begeben, ich wäre Paula's Gatte nicht geworden, was hätte ſich denn in Ihrem eignen Leben geändert? Ich kenne es zwar nicht, bin aber überzeugt, daß damit auch nicht das kleinſte Ereigniß daraus weggenommen wäre bis zum heutigen Tage. Vielleicht nur, daß auch dieſe Be⸗ gegnung nicht ſtattgefunden hätte.— Lange Zeit hat man Sie auf das Eifrigſte geſucht. Sie blieben zehn Jahre lang ſpurlos verſchwunden. Nicht einmal der Aufruf der öffentlichen Blätter wurde beantwortet. Für Sie war meine That ganz ohne Conſequenz. Kann ich dafür, daß ſich der Schmuck nicht früher 144 fand? Wer weiß, ob ich dann nicht anders gehandelt hätte, als an der Schwelle eines neuen glücklichen Lebens.— Können Sie von mir Rechenſchaft fordern über die Geſtaltung Ihres Daſeins? Ich habe auch nicht das Kleinſte dazu gethan.— Fragen Sie die Vorſehung, warum ſie Alles ſo geführt.“ „Vorſehung!“ warf ihm Riedhelm bitter entgegen. „Ein bequemes Wort, ſeine Schuld auf fremden Ein⸗ fluß überzuwälzen. Aber mir ſprechen Sie nicht da⸗ von.— Wer mich ſo geführt, wie es geſchah, war kein Schutzgeiſt— mein Todfeind müßte es ſein! Ich halte es lieber mit dem Zufall: ‚Unheile und klage ihn und die Schwäche der Menſchen an.“ „Die Anklage, Hermann, fällt ſchwer auch auf mich“, ſagte Paula, und zog ſchmerzlich bewegt ihre Hand aus der ſeinen. Er ließ es geſchehen, ohne ſich zu regen, denn es war ihm, als riefe ihm eine innere Stimme zu:„Und auf Dich nicht auch?“ Es kam die Reaction nach ſeiner leidenſchaftlichen Aufwallung und drückte ihn nieder. Der Graf aber wendete ſich an Paula, er ſprach gemeſſen und doch weich, daß ſie ſich des Eindrucks kaum erwehren konnte. 1 n 145 „Wenn Du ſelbſt eine Schuld und Schwäche be⸗ klagſt“, ſagte er,„o, ſo wirſt Du vielleicht auch milder urtheilen. Einen einzigen Richter erkenne ich an, weil er der einzige durch mich Geſchädigte iſt:— Dich!— Wenn es ein Frevel war, den ich an Dir begangen habe, o denke, ich hab' ihn tauſendmal gebüßt mit Angſt und bittern Selbſtvorwürfen, Paula! Ich bin geſtrauchelt, weil mir die Liebe zu Dir die Augen verband, meil ich Dich mit einer Glut verehrte, der meine Jahre vielleicht nicht mehr fähig ſchienen. Du haſt ein furchtbar hartes Urtheil über mich geſprochen. Ich will nicht mehr klagen, ich will nicht mehr bitten, ich ſehe jetzt wohl, daß es zu ſpät iſt.“ Bewegt hielt er einige Augenblicke inne, ehe er ſeiner Sprache wie⸗ der ſo weit Herr wurde, um ohne Stockung, wenn— gleich nur mit Mühe, fortzufahren.—„Nur Eins noch erlaube mir: daß ich Dir meinen Dank ſage für all' Deine Herzensgüte, für all' die Treue und An⸗ hänglichkeit, die Du mir erwieſen, für all' das Gute, was Du an mir gethan, von dem Momente an, als Du zur Freude Deines Vaters mir Deine Hand ge⸗ reicht, bis zum heutigen Tag.— Dank, Dank für all' die Glückſeligkeit, die Du mir geſchenkt und die ſo groß war, daß ſelbſt meine Gewiſſensbiſſe davor Byr, Wrak. II 10 ————O—-‚——— 146 erloſchen. Ich zählte meine Jahre nicht, denn ich war glücklich— nun iſt's vorbei, ich bin ein Greis— ein Bettler!— Laß Dir an dieſer Sühne genügen, lebe wohl!— Wirf mir Deine Vergebung als Almoſen zu und ich will flehen: Gott ſegne Dich!— Gott ſegne Dich!“ Seine Stimme hatte bei den letzten Worten ſtark gezittert, jetzt wendete er ſich raſch um, ſeine hervor⸗ brechenden Thränen zu verbergen, es mochte lange Jahre her ſein, daß der graubärtige Krieger zum letzten Male geweint; jetzt fühlte er ſich ſchwach und matt wie ein Kind, mit ſchwankenden Schritten verließ er den Salon, ohne daß ihn ein Laut von Paula's Lip⸗ pen zurückrief. Was hätte ſie ihm auch ſagen ſollen? Ihr Ent⸗ ſchluß war unwiderruflich gefaßt, doch konnte ſie einen Seufzer des Mitleids nicht zurückhalten. „Armer Mann!“ ſagte ſie leiſe nach einer längeren Pauſe. Der Ausruf ſchien Riedhelm aus ſeinen Träu⸗ men zu wecken und machte ihn raſch und ſinnend auf⸗ blicken. „Du fühlſt Mitleid mit ihm?“ fragte er langſam und prüfend. Paula aber gab ihm keine Antwort, 147 faßte ſeine Hand und führte ihn nach dem Sopha hin. Wie Abwehr und Aufmunterung zugleich klang ihre Erwiderung: „Wir wollen an unſere Zukunft denken, Her⸗ mann!“ Fünftes Kapitel. Das Mutterherz. „Mutter, Mutter, da iſt's ſchön“, rief Fritz zur Küchenthüre hineinſpringend, und hängte ſich an der Mutter Schürze, der er nun von all' dem Geſchehenen einen, von ſeiner Phantaſie gefärbten Bericht abſtattete. „Und der Vater“, ſchloß er,„ſteht dort, ſpricht mit 4 der fremden Frau und wird gleich da ſein; ſo ſoll ich 1 Dir ſagen.“ „Das war die Hauptſache und damit biſt Du zu allerletzt vor's Hausthor gefahren“, lachte Hanne, in⸗ 1 dem ſie, da ja nun ſofort zu Abend gegeſſen werden A ſollte, den großen Kartoffeltopf über die Schüſſel ſtürzte. „Wenn er nur die Frau nicht am Ende auch 149 mitbringt“, meinte Fritz,„ich möchte dann lieber gar nicht eſſen.“ 1 „Iſt ſie denn ſo häßlich?“ fragte Hanne zerſtreut „Häßlich, nein das glaube ich nicht. Sie ſieht gar nicht wie die Großmutter aus, aber ſo großmäch⸗ tig.— Und lieb will ſie mich haben, wie eine Mutter, hat ſie geſagt— aber ich will keine andere Mutter als Dich.“ „Da warſt Du gewiß wieder recht unartig und haſt der vornehmen Dame Dein finſteres Geſicht ge⸗ macht, das, von dem ich Dir immer ſage, daß ich's nicht ſehen mag. Mit Leuten, die wohlwollend ſind, muß man ſelbſt auch immer freundlich ſein.“ „Aber ſie iſt ja fremd“, warf Fritz ſchüchtern ein. „Schäfchen, wirſt noch mit gar viel fremden Leu⸗ ten zuſammen kommen. Aber jetzt hilf, bringe mir dort das Salzfaß mit und den kleinen Teller mit But⸗ ter, ſo jetzt mache mir die Thüre auf.“ Und Hanne faßte ſelbſt mit beiden Händen die Schlüſſel an und trug ſie in die von einer altmodi⸗ ſchen Studirlampe freundlich erhellte Wohnſtube, wo der Tiſch vor dem Kanapee, auf dem ungeduldig war⸗ tend die Alte ſaß, ſauber gedeckt war. Die Blinde hatte ſich im Laufe des Nachmittags 150 auf einige Zeit Genüge gethan und zeigte ſich jetzt beſſern Humors. Wenn ſie auch die Bemerkung, es habe lange genug gewährt, nicht unterdrücken konnte, ſo gab ſie ſich doch zufrieden, als ihr die Tochter er⸗ zählte, wie hübſch Fritz es im gräflichen Hauſe gefun⸗ den, und hinzuſetzte, es ſei doch nun einmal auch eine vornehme Kundſchaft bei Hermann eingeflogen und ohne Zweifel werde es nun aufwärts gehen. „Ja“, meinte Hanne, indem ſie der Mutter Waſ⸗ ſer einſchenkte,„und der Herr iſt doch anders als die andern Meiſter. Mit dem kann auch einmal eine vor⸗ nehme Dame reden, und er weiß gewiß Antwort zu geben, daß ſie ſich wundern muß und ihn noch dies und jenes fragt, ſo daß es wohl auch ein wenig länger dauert.“ „So? Mit einer vornehmen Dame redet er?“ warf die Alte aufmerkſam geworden hin. Hanne berief ſich auf Fritz, und in dem Tone, mit dem ſie es that, klang deutlich der gerechte Stolz heraus, der ſie auf den Beſitz eines ſolchen Mannes erfüllte. Sie erſchien ſich ſelbſt viel mehr und geiſtiger und größer, wenn ſie wieder einmal recht klar fühlte, daß ihr ein ſolcher Mann den Vorzug vor allen An⸗ 151 dern gegeben. Ob er unter Allen die Wahl hatte— rer?— ſchien ihr gar nicht fraglich. „Nun“, meinte die Blinde, und diesmal war die Stimme ſchon ſchärfer,„iſt vielleicht eine ſeiner alten Bekannten. Wer weiß?“ Dieſe Bemerkung berührte Hanne ſonderbar, aber ſie fand nicht Zeit, über die Urſache nachzudenken oder eine Antwort zu geben, denn die Hausthüre ging und Fritz ſprang jubelnd nach der Thüre, doch öffnete ſie ſich nach kurzem Klopfen, ehe er ſie noch erreicht hatte Hanne erſchrak unwillkürlich auf's Heftigſte, als ſtatt ihres Gatten der gräfliche Diener eintrat, der nachmittags die Uhr gebracht hatte. Sie fand kein Wort, ihn zu empfangen, und vermochte ſich nicht von der Stelle zu rühren. Das flüchtige Wort, das ihre Mutter fallen gelaſſen und nun die Ueberraſchung machten ihr zuſammen den Eindruck, als müſſe eine Gefahr ſie bedrohen, oder wohl gar ſchon ein Unglück geſchehen ſein. Erſt die Frage des Dieners, ob ſie Frau Ried ſei, brachte ſie wieder zu ſich. Sie bejahte ſcheu und hörte in eigenthümlicher Erregung ſeine Aufforderung an, ſofort zur Gräfin zu kommen. „Ich, zur Frau Gräfin?“ ſtammelte ſie er⸗ 152 ſchrocken.„Aber mein Gott, was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ „Geſchehen. Ich wüßte nicht, daß etwas geſchehen wäre“, beruhigte ſie der Diener,„die Frau Gräfin will Ihnen etwas mittheilen;— vielleicht ein Auftrag“, ſetzte er hinzu,„der Kleine hat der Frau Gräfin ſehr gefallen.“ Hanne wußte nicht wie ihr geſchah, ſie bejahte nur ſtumm, als ihr der Diener auf die Seele band, ja gleich zu kommen, und ließ ihn gehen, ohne ſich bis dahin auch nur zu regen. Jetzt, da die Thüre wieder geſchloſſen war, brach die Blinde das Schweigen. „'s iſt doch ſonderbar“, ſagte ſie,„erſt ſagt der Fritz, er käme gleich, und nun ſollſt Du auch noch hin. Das endet nicht gut, da ſteckt etwas in der Luft.“ Es war ganz daſſelbe, was Hanne ebenfalls dachte, aber da die Blinde es im boshafteſten Tone als eine giftige Bemerkung hingeworfen hatte, fühlte ſie ſich von dem Vorwurf, der für ihren Gatten darin verborgen lag, verletzt und war um ſo weniger geneigt, denſelben zuzugeben, als ſie ſich bewußt war, ihn ſelbſt einen Augenblick lang gehegt zu haben. Sie widerſprach da⸗ her, indem ſie ſich zu munterer, raſcher Sprechweiſe zwang. — 153 „Was ſoll denn nicht gut werden?“ entgegnete ſie. Die Mutter ſieht wieder einmal ſchwarz.“ „Wie Jeder, der blind iſt, darum aber doch rich⸗ tig“, warf die Alte ein. „Diesmal gewiß nicht. Was iſt denn auch Un⸗ gewöhnliches darin, daß man mich ruft?“ fuhr ſie fort.„Der Bediente hat ja ausdrücklich geſagt, daß nichts geſchehen ſei. Ein Auftrag, meint er, nun da iſt's ja, habe ich denn nicht ſchon öfter Aufträge be⸗ kommen; und recht wär's gerade, denn Zeit habe ich.“ Die Alte murmelte etwas Unverſtändliches vor ſich hin, jetzt aber hängte ſich Fritz an der Mutter Rock. „Mutter, geh' nicht zu der großen fremden Frau“, bat er ängſtlich. „Närrchen Du! Warunm ſoll ich denn nicht? Und gerade, hörteſt Du nicht, die Gräfin hat an Dir Ge⸗ fallen gefunden, und wer weiß, ob ſie nicht eben deß⸗ halb nach mir ſchickt? Gewiß, gewiß, ſie hat etwas für Dich, das ſie mir geben will. Ich gehe nur ſchnell.“ Zum Widerſpruch hatte ſie ſich gezwungen, nun aber durch denſelben in die ſanguiniſche Stimmung hineingeſprochen, die um ſo lebhafter war, als ſie aus dem Extrem umgeſchlagen. Eifrig ordnete ſie ein we⸗ 154 nig ihren netten Anzug und warf ſchnell ein großes Tuch über den Kopf und um die Schultern, als ſich Fritz neuerdings an ſie hing und behauptete, er laſſe die Mutter nicht allein gehen, wenn ſie nicht da bleiben wolle, ſo ginge er mit. Alle Vorſtellungen, daß je⸗ mand bei der blinden Großmutter bleiben müſſe, die wieder ihre biſſigen Ausfälle einflocht, waren fruchtlos. Fritz beſtand auf ſeinem Willen, und ſo mußte Hanne der Alten verſprechen, ihr die Nachbarin zu ſchicken. „Eßt nur einſtweilen, Mutter“, bat ſie,„laßt Euch nicht aufhalten. Wir kommen ſchon noch zurück, ehe der Armeleutebraten da in der Schüſſel vollends auskühlt.“ Und fort eilte ſie, Fritz an der Hand. Gleich neben der Thüre ihres Hauſes war ein ebenerdiges Fenſterchen erleuchtet, an dem eine alte Frau ſaß und ſtrickte: die Mutter des Hausmeiſters in dem großen Gebäude, das an des Uhrmachers Häuschen ſtieß Hanne klopfte an das Fenſter und bat die ſchwerhörige Alte, auf eine Viertelſtunde zu der Blinden hinüberzu⸗ kommen. Die beiden alten Frauen waren gute Freun⸗ dinnen, hauptſächlich darum, weil Frau Lehmann der Nachbarin alle möglichen Bosheiten an den Kopf wer⸗ fen konnte, ohne daß dieſe etwas übel nahm, wenn's nicht in gar zu lautem Tone geſchah. 155 Nachdem Hanne die Zuſage erhalten hatte und ſo für ihre Mutter geſorgt war, ſuchte ſie mit be⸗ ſchleunigten Schritten das ſtattliche Eckhaus zu erreichen. Wohl bebte ihr das Herz ein wenig, aber die Zuver⸗ ſicht wich nicht mehr aus demſelben. Einſtweilen hatte ſich die peinliche Scene zwiſchen Graf Thunau und Hermann abgeſpielt und in eigen⸗ thümlich befangener Stimmung nahm dieſer den Platz ein, den ihm Paula an ihrer Seite auf dem Sopha einräumte. Ehe ſie noch zu einer Erörterung der Zu⸗ kunftspläne kamen, trat der Diener wieder ein und meldete— nachdem er ſein ſteigendes Befremden, als er die Beiden beiſammen ſitzen ſah wie alte Vertraute, bezwungen— daß die Frau hier ſei und den Kleinen auch wieder mitgebracht habe. „Wie? Meine Frau? Verſteh ich recht?“ rief Ried⸗ helm, erſtaunt aufſpringend, doch fiel ihm Paula, in⸗ dem ſie ſich ebenfalls erhob, raſch in's Wort. „O ſtill! Nur jetzt nicht“, ſagte ſie,„es muß zu einer Auseinanderſetzung kommen!— Bringen Sie Beide hierher“, befahl ſie dann dem Diener, der die Thüre wieder hinter ſich ſchloß. „Was thateſt Du?“ ſprach Riedhelm im Tone des Vorwurfs.„Das war nicht recht.“ 156 Er fühlte plötzlich ſein Herz wie von einer mäch⸗ tigen Schraube zuſammengepreßt, und es war ihm, als ſehe er jetzt das Schickſal greifbar nahe an ſich herantreten. Paula faßte ſeine Hand, und die ihrige zitterte in fieberhafter Aufregung. „Es iſt geſchehen, es mußte ſein, Hermann“, ſagte ſie mit einer Stimme, der ſie Feſtigkeit zu geben ſuchte. „Geh' nun dort in das Nebenzimmer, die Thüre kann ja wie jetzt offen bleiben und Du magſt Alles hören.“ „Mich verbergen? Nein, das wäre unwürdig“, wies er den Vorſchlag raſch von ſich; Paula aber blieb dabei, und fragte ihn, ob er ſeiner Frau hier in dieſer Angelegenheit entgegentreten wolle. „Laß mich handeln, ich will Alles zu Ende führen. Du ſollſt Dich überzeugen, wie leicht ſie ſich fügt“, ſagte ſie.„Geh' jetzt, geh'“, drängte ſie, da ein Ge⸗ räuſch vor der Thüre hörbar wurde, und Riedhelm ging; er warf ſich ſeine Zaghaftigkeit, ſein Schwanken vor und ging doch, indem er noch bittend das Wort „Schonung!“ flüſterte. Eine beſchwichtigende Geberde war die Antwort, innerlich aber ſagte ſich Paula: „Es muß ſein. Ich mag ihn nicht noch einmal verlieren!“ 457 Kaum war Riedhelm in's nächſte Zimmer ge⸗ treten, als ſich die Thüre öffnete und Hanne mit Fritz ſcheu eintraten; Beide blieben ſchon nach dem erſten Schritte ſtehen und ſuchten in dem allmälig faſt ganz dunkel gewordenen Raum nach Riedhelm. Hanne fühlte ſich überraſcht, ihn nicht zu ſehen, und doch war es ihr gewiſſermaßen wieder recht. Nur begriff ſie nicht, daß er ihnen, wenn er das Haus ſchon verlaſſen hatte, nicht begegnet ſein ſollte. Sie behielt nicht lange Zeit zum Nachgrübeln. „Sind Sie Frau Riedhelm das heißt Frau Ried?“ fragte Paula ſich corrigirend in möglichſt ruhigem Tone, indem ſie einige Schritte auf die junge Frau zutrat und dabei vergeblich ihre Züge zu erkennen ſuchte. „Mutter, das iſt die fremde große Frau“, jam⸗ merte Fritz leiſe zu gleicher Zeit und griff noch kräftiger in die Rockfalte, an der er ſich remorquiren ließ. „Sei nur ſtille, Fritz, und fürchte Dich nicht“, flüſterte Hanne raſch ihrem Söhnchen zu, ehe ſie Paula's Frage bejahte.„Sie ließen mich rufen, Frau Gräfin“, fuhr ſie dann fort,„ich weiß nicht, was mir die hohe Ehre verſchafft. Es wird doch meinem Manne nichts zugeſtoßen ſein? Ich glaubte ihn hier zu finden.“ Die Stimme klang ſo einfach und beſcheiden, da⸗ bei aber ſo milde und wohllautend, daß ſich Paula davon unwillkürlich angeſprochen und das Bedürfniß fühlte, auch das Antlitz ihrer Nebenbuhlerin zu ſehen. Sie ging raſch nach dem Glockenzug und ſchellte nach Licht. Dann gab ſie Hanne freundlich die Verſicherung, er habe ſich entfernt. „Ich habe einige Worte mit Ihnen allein zu ſprechen“, fügte ſie hinzu. „Mit mir, gnädige Frau?“ fragte Hanne ver⸗ wundert. Es war ihr nun nicht länger zweifelhaft, daß die Gräfin von ihrer Geſchicklichkeit in Näharbeiten gehört und ſie deßhalb habe rufen laſſen. 1 Indeſſen brachte der Diener eine Lampe. Paula antwortete nicht, ſie war ſo ſehr in Hanne's Anblick verſunken, daß dieſe verlegen vor dem prüfenden Blick die Augen ſenkte. Faſt widerwillig mußte Paula ſich geſtehen, daß Hermann's Frau ſchön ſei; erſt regte ſich der Neid in ihr, aber ſogleich verjagte ihn das Mitleid, das der weiche, ſeelenvolle Zug in dieſem ſanften Ge⸗ ſicht erweckte, und das noch wuchs bei dem Gedanken an das Leid, das ſie der armen Frau zu bereiten im atn Begriff ſtand. Aber mit Gewalt riß ſie ſich auf, ſie durfte nicht weich werden, durfte nicht nachgeben, die 159 ganze Zukunft für ſie und Hermann ſtand auf dem Spiele. „Was ich ihr ſchenke, nehme ich mir“, ſagte ſie ſich und unterdrückte die mitleidige Regung. „Haben Sie vielleicht einen Auftrag für mich?“ fragte Hanne nach einer Weile, da ſie keine Antwort erhielt,„Näharbeit etwa?“ Der Diener hatte das Zimmer wieder verlaſſen. „Sie arbeiten alſo für Geld?“ fragte Paula zer⸗ ſtreut. „Ja, dann und wann; freilich nur wenig, wenn ich mir die Zeit abſparen kann; aber wenn Sie mir etwas mitgeben wollen, gnädige Frau Gräfin, werde ich mich gewiß recht ſputen, denn ich habe gerade jetzt keinen andern Auftrag;“ nun ſtockte Hanne etwas und dann ſetzte ſie zögernd und erröthend bei:„nur bitte ich die Frau Gräfin, gegen meinen Mann nichts zu erwähnen, wenn er etwa wieder hier zu thun hat.“ Unwillkürlich flog Paula's Blick nach der Thüre des dunklen Nebenzimmers hinüber. Der Anfang dünkte ihr günſtig. Das ſanfte, ergebene Weib ſchien denn doch nicht ſo ganz offen und aufrichtig, wie Riedhelm geſchildert, und wer weiß, was das Vertrauen jetzt noch zu Tage fördern konnte. Ihre Stimme tönte 160 viel ſchärfer, faſt mit einem leiſen Anklang von Hohn darin, als ſie bemerkte, ſie habe alſo Geheimniſſe vor ihm. „Nun ja“, geſtand Hanne mit natürlicher Ein⸗ fachheit, ohne zu grübeln, mit welchem Rechte die Fremde ſie eigentlich Beichte höre,„in dem Einen bin ich nicht offen gegen ihn,— er würde es nicht leiden.“ „Dann aber thun Sie auch nicht recht, gegen den ausgeſprochenen Willen Ihres Mannes zu handeln“, fuhr Paula zu inquiriren fort. Hanne ſenkte verlegen und betrübt den Kopf. „Das weiß ich wohl“, meinte ſis befangen,„und es fällt mir oft ſchwer genug auf's Herz, aber ich be⸗ gehe damit doch keine Sünde, das ſagt mir mein Ge⸗ wiſſen. Sehen Sie, Frau Gräfin, mein Mann iſt zu ſtolz, er möchte mich halten wie eine Dame, aber ich bin das Arbeiten mein Lebenlang gewöhnt, und dann ſeh' ich auch viel beſſer als er, was in der Haushaltung fehlt. Mein Mann iſt brav und redlich, und die Frau Gräfin müſſen auch nicht etwa glauben, Sie hätten Ihre Kundſchaft einem ſchlechten Arbeiter geſchenkt. O nein, er iſt geſchickt, weit geſchickter ſogar als all' die andern Uhrmacher in der Stadt, aber er verdient nicht viel. Das iſt ſo, er iſt— nun er iſt“, fuhr ſie, 161 nachdem ſie einen Augenblick geſtockt, eifrig fort,„eben kein Meiſter und da kommt ihm denn auch wenig ordentliche Arbeit zu. Vielleicht wird's jetzt beſſer, denn ſie machen alle ein Weſens daraus, daß er die alte Uhr auf dem Nikolaithurme wieder hergeſtellt.“ „Wie? Das hat er—— 2“ Hanne nickte nur auf die eingeworfene Frage. „Aber bis jetzt“, erzählte ſie treuherzig weiter, „gab's nur hin und wieder etwas auszubeſſern, Arme⸗ leutekundſchaft, da ſetzt es keinen großen Erwerb. Für den Buben da und für meine alte blinde Mutter will er nicht geſpart haben, und da will's dann auch nicht immer langen; es wird überall zu ſchmal und zu kurz, und es wäre wohl noch ein weit größeres Unrecht von mir, wenn ich da die Hände in den Schooß legen und zuſehen wollte, wie er ſich abhärmt und ſorgt. Nein, da iſt's doch beſſer, ich helfe heimlich die Lücken aus⸗ füllen, er merkt ja doch nichts davon.“ Hanne hielt inne; durch den Wunſch, ſich zu recht⸗ fertigen, hatte ſie ſich weiter mit fortreißen laſſen, als es ihr nun recht ſchien, und ſie wollte gar nichts mehr ſagen, aber Paula wußte ſie richtig zu faſſen und wei⸗ ter auszuholen. „Er merkt nichts davon?“ fragte ſie eigenthümlich Byr, Wrak. II. 11 — 2— 2 162 bewegt von der natürlichen Anmuth der Erzählerin und von dem Einblick in die ihr dargelegten Verhält⸗ niſſe.„Aber wie iſt das möglich? Er muß ſie ja doch arbeiten ſehen?“ Hanne ſeußzte leiſe, ſchüttelte ganz unmerklich den Kopf und ihre Stimme klang wehmüthig. „Er fragt nicht viel nach mir“, geſtand ſie,„und dann, merkt er's auch einmal“, ſetzte ſie hinzu,„denkt er wohl, es ſei für's Haus.“ Ein Jubellaut ging durch Paula's Seele. Alſo hatte ſie mit ihrer Vorausſetzung das Richtige getroffen. Die Frau fühlte ſich vernachläſſigt, ſie war nun ihrer Sache ſicher und ging directer und zuverſichtlicher auf ihr Ziel los. „Ihre Lage iſt alſo wohl eine ſehr beſchränkte und traurige?“ fragte ſie, ariſtokratiſcher aufgerichtet. als zuvor. „Beſchränkt, ja“, entgegnete Hanne zu ihrem Er⸗ ſtaunen faſt leichtherzig,„traurig, nein, gnädige Frau. Ich habe nie im Ueberfluſſe gelebt und die Arbeit macht mir Freude. Die Hoffnung bleibt ja doch noch, daß wir mit der Zeit etwas vor uns bringen; das Brod haben wir noch immer gefunden, und ſo lange die Noth nicht an die Thüre pocht, kann man wohl zu⸗ —— 163 frieden ſein.— Und ich bin's auch“, ſchloß ſie,„und wäre ſogar glücklich, wenn ich nur meinem Manne einen Theil meiner Zufriedenheit ſchenken könnte.“ Paula mußte immer wieder von neuem ſtaunen über den Adel der Gedanken und die— faſt mußte ſie ſagen—„Gewähltheit“ des Ausdrucks in Hanne's Rede. Man ſah, die Frau hatte nicht ohne die Ein⸗ wirkung zu empfinden, an der Seite eines gebildeten und edel denkenden Mannes acht Jahre, ja eigentlich faſt zehn Jahre gelebt. Was ihr aber das Wichtigſte, war das unwillkürliche Geſtändniß dieſer Frau, und dieſen Eindruck verrieth ſie auch in dem Ausruf: „Er alſo fühlt ſich doch gedrückt?!“ Hanne beugte, wie von einem Vorwurf getroffen, das Haupt, ein leiſer Seufzer ſtahl ſich über ihre Lippen. „Ja“, geſtand ſie zu,„das ſieht man ihm wohl an, denn geſagt“, ſetzte ſie raſch, wie ihren Gatten vertheidigend, hinzu,„geſagt hat er mir's noch nicht. Er denkt wohl, die Frau müſſe nicht Alles wiſſen— nun, man merkt's gleichwohl.— Ach, wenn er nur wollte“, fuhr ſie dann von einer geheimen Hoffnung angetrieben fort,„es könnte Alles anders werden. Man kommt ihm ſogar vom Gewerbe entgegen, Alle 115 164 freilich nicht, denn überall gibt es Neidhammel— ja es fände ſich wohl auch noch eine Hand, die ihm das Nothwendige vorſtreckte, damit er Meiſter werden könnte— aber er ſelber will nicht; er ſagt, das könne nicht ſein, und damit iſt Alles abgeſchnitten, denn er ſieht dann immer ſo finſter drein, daß ich gar nicht den Muth habe um den Grund zu fragen.— Aber“, erinnerte ſie ſich ſelber,„ich plaudere da ſo alles Mög⸗ liche, als ob unſere Verhältniſſe die Frau Gräfin intereſſiren könnten.“ „Das iſt auch im höchſten Grade der Fall“, ent— gegnete Paula.„Vertrauen Sie mir, meine Liebe, es ſoll Ihnen geholfen werden.“ Hanne ſah leuchtenden Blickes zu der Dame auf, die ihr wie ein Engel der Hoffnung erſchien. „O, wenn Sie etwas für meinen Mann thun woll⸗ ten, wie dankbar würde ich ſein!“ rief ſie, ſo daß Paula unwillkürlich erbebte, denn ſie hatte nicht er⸗ wartet, daß die Frau nicht für ſich— nur für ihren Gatten bitten würde. „Haben Sie keine Wünſche für ſich ſelbſt?“ fragte ſie unwillkürlich.„Sie beſitzen ja eine alte, blinde Mutter. Wenn nun für Sie Beide etwas geſchähe, um Ihnen eine bequeme, ſorgenfreie Zukunft zu ſichern?“ 165 Dieſe Worte wirkten befremdend auf Hanne ein, es lag etwas darin, was ſie nicht recht verſtand und das ihr gleichwohl eine gewiſſe Beunruhigung ein⸗ flößte. „Uns Beiden?“ meinte ſie.„Ich begreife Sie nicht, gnädige Frau.— Iſt mein Mann nur erſt Mei⸗ ſter und hat er Arbeit, dann iſt ja für uns Beide ſchon geſorgt.“ „Das mag wohl ſein“, verſetzte Paula, die nun den Augenblick gekommen ſah, wo ſie ſich deutlicher aus⸗ ſprechen mußte.„Aber haben Sie nie daran gedacht, meine Liebe, daß Ihr Mann nicht im Handwerker⸗ ſtande aufgewachſen ſein könne, daß er zu dieſer Sphäre nur heruntergeſtiegen ſei; daß ein Tag kommen müſſe, wo er aus der Unſcheinbarkeit wieder hervortreten werde, in die ihn ein herbes Schickſal gebannt?“ Hanne hörte mit ſteigender Beängſtigung zu, es erſchien ihr Alles wie ein Traum und wie man da oft den Märchen horcht, die uns ein Elf in's Ohr flüſtert und doch dabei ein ſicheres Bewußtſein hat, es ſei doch Alles nur geträumt, ſo erging es ihr — ſie meinte im nächſten Augenblick erwachen zu müſſen. „Was ſagen Sie, Frau Gräfin? Mein Mann ———ᷓʒᷓʒoeʒᷓÿÿ—ᷓ́ᷓ˖Uͥᷓ́ᷓÿͤᷓᷓỹAꝗłỹAͤyỹn—— 166 So lang' ich ihn aber kein ehrlicher Handwerker? kenne—“ „Ich habe ihn noch früher und in ganz anderer Stellung gekannt“, fiel Paula der Stockenden in's Wort. Groß ſah dieſe die Gräfin an. Die alte, blinde Mutter hatte alſo mit ihren geheimnißvollen Andeu— 4 tungen eben ſo recht gehabt, wie die eigenen zeitweiſe aufgetauchten Ahnungen. „Sie kannten ihn?“ flüſterte ſie.„In einer andern Stellung, ſagen Sie? O. jetzt weiß ich, weßhalb er ſo hoch über uns ſteht. Mir war's doch immer, als wenn ſich in den Wolken, die ſeine Stirne beſchatteten, ein großes Geheimniß berge.“ Sie ſtand nachdenklich und nickte immerfort ein klein wenig mit dem Kopfe, wie zur Beſtätigung all' deſſen, was ihr Gehirn durchkreuzte. „Wollen Sie, daß ich Ihnen das Räthſel löſe?“ fragte Paula. 1 Eine Weile dachte Hanne nach, dann aber ſchien ſie mit einem Male aller Beklemmung Herr geworden zu ſein. „Nein“, entgegnete ſie und hob das Haupt mit einer Bewegung ſiegreicher Zuverſicht,„nein! Böſes 167 kann's nicht ſein, und wenn er mir ſelbſt ſein Vertrauen nicht ſchenkte, will ich mich auch nicht hinter ſeinem Rücken in daſſelbe ſchleichen. Gewiß hat er ſeine Gründe zum Schweigen.“ Was lag in dieſen wenigen Worten für ein Vor⸗ wurf, der Paula in's Herz traf! Dieſe einfache und doch erhabene Größe des Zutrauens und der Hingebung, wie ſchroff und beſchämend ſtand ſie dem häßlichen Zweifel gegenüber, der einſt nur zu leicht Eingang in Paula's Herz gefunden! Wie klein und eigennützig erſchien da jedes Gefühl neben dieſer edlen Herzensein⸗ falt! Paula fühlte etwas wie Unwillen über ſich ſelbſt rege werden in ihrer Bruſt, und dieſe Empfindung machte ſie ungeduldig, faſt unmuthig gegen die Neben⸗ buhlerin, von der ſie abſichtlos vor dem verborgen Horchenden gedemüthigt wurde. „Nun denn, wie Sie wollen“, entgegnete ſie raſch und mit einem herben Anklang.„Nach all' dem aber werden Sie begreifen“, ſetzte ſie mit weniger Schonung als bisher hinzu,„daß eine große Veränderung vor ſich geben muß, wenn ich Ihnen ſage, daß der Tag gekommen iſt, wo er wieder ungeſcheut hervortreten und ſeine Rechte gegenüber der Welt in Anſpruch nehmen darf.“ 168 Jetzt war es mit der Ruhe und Zuverſicht in Hanne's Seele wieder vorbei. Die wachſende Angſt ſchnürte ihr die Kehle zu; was ſollte da wohl noch kommen? „Ja— natürlich— das wird wohl ſein“, ſtot⸗ terte ſie, und auf ihrem Antlitz malte ſich ſo deutlich das Bangen, daß auch das Mitleid in Paula wieder rege wurde. „Sie werden auch begreifen“, fuhr ſie daher weit milder fort,„daß manche Hoffnung, die ſich an die jetzi— gen widernatürlichen Verhältniſſe und deren beſchränkte Verbeſſerung knüpft, geopfert werden muß, wenn eine ſolche Umwälzung im Leben eintritt.“ Einen Moment hielt Paula aus, aber die Folterqualen, die ſich in Hanne's Zügen verriethen, erſchienen ihr zu grauſam, als daß ſie nicht geſucht hätte, wenigſtens ſo raſch als möglich zu Ende zu kommen.„An die Großmuth Ihres Herzens richtet ſich mein Wort“, erklärte ſie daher wei⸗ ter.„Einem großmüthigen Herzen fällt ja das ſchwerſte Opfer leicht, wenn es allein dadurch das Glück für den geliebten Mann zu erringen vermag. Sehen Sie, Hermann hat ſich unbedacht gefeſſelt, er hat damit auf eine glänzende Zukunft Verzicht geleiſtet. Jetzt öffnen ſich die Thore ihm wieder; die Stufen die ihn empor⸗ 169 führen, ſind frei, aber ſein Schritt iſt gehemmt, ſein Haupt gebeugt, die Pflichten, die er einſt übereilt auf ſich genommen, ruhen nun als erdrückende Laſt auf ihm und halten ihn gebannt mit eiſerner Ge⸗ walt—“ „Nicht weiter!“ fiel hier Hanne mit einer leiden⸗ ſchaftlichen Kraft ein, die ihr Paula nimmer zugetraut hätte. Die ſtolze, ariſtokratiſch erzogene Dame wußte das Gefühl in dieſem armen Herzen nicht zu würdigen, das ſie ſo grauſam verletzte, indem ſie nach ihrer Meinung ſo zart und ſchonungsvoll als möglich geſprochen. Es kam ihr nicht in den Sinn, zu ermeſſen, welche Empfin⸗ dungen eine ähnliche Sprache, gegen ſie geführt, her⸗ vorgerufen hätten. Paula war wirklich großmüthigen, edlen Herzens, ihr erſchien ein Opfer, wie ſie es ver⸗ langte, nicht unmöglich, aber die Nachwirkung ihrer Erziehung machte ſich geltend— ſie unterſchätzte die Empfindungsfähigkeit der Seele bei Menſchen, die auf einer niedereren Stufe der geiſtigen und geſellſchaftlichen Bildung ſtanden. Sie erſchrak jetzt, als ſie die Wir⸗ kung ihrer Rede ſah. „O, jetzt verſtehe ich!“ rief Hanne bitter und mit fliegendem Athem.„Er will mich verlaſſen! All⸗ ——˖—O—ᷣ—;—·····ddtt;—- —O———— 170 mächtiger Gott, haſt Du mir das auch noch aufge⸗ ſpart!“ „Mutter, ich fürchte mich“, wimmerte Fritz, der von Allem nichts verſtand, durch den ungewohnten Ton in der Stimme der Mutter aber eingeſchüchtert wurde. Vergebens beſchwor Paula die arme Frau, ſich zu beruhigen. „Beruhigen?“ fragte dieſe ſcharf.„Könnten Sie ruhig ſein, wenn man Ihnen ſagte, Sie müſſen—— doch ich bin blind!“ unterbrach ſie ſich plötzlich und heftig.„Wo waren meine Augen? Sie lieben ihn— o, ich fühl' es da drinnen, und er liebt Sie wieder; jetzt weiß ich Alles, Alles— ich bin ein verſtoßenes Weib!“ Es war ihr, als riſſe man ihr die Sonne vom Himmel und ringsum werde es plötzlich tiefe Nacht. Sie hörte nicht auf das weinerliche Flehen ihres Kin⸗ des, fort und nach Hauſe zu kommen. Tief ſchnitt der ſchmerzliche Ausdruck ihrer Worte Paula in die Seele, und es dämmerte in ihr die Erkenntniß, daß ſie ſich doch in der Beurtheilung des Charakters„dieſer Leute“ geirrt haben könnte. Dabei aber war ſie zu redlich, um durch eine Liſt den Sieg zu erringen. 171 „Nein, das ſind Sie nicht“, verſetzte ſie, der Wahrheit die Ehre gebend.„In Ihrer eigenen Hand liegt Ihr und Ihres Gatten Loos. Zwei Wege ſtehen offen, ich habe ſie Ihnen nur zur Wahl gezeigt.“ Hanne blickte ſie mißtrauiſch an. Glaubte ſie doch hier nur die Beauftragte Hermann's vor ſich zu haben und Alles ſchon ein abgekartetes Spiel. Wo es ſich um ihres Gatten redlichen Charakter handelte, war ſie nicht im Zweifel geweſen, jetzt aber, wo es ſich um ſeine Liebe zu ihr handelte, fühlte ſie ſich nicht mehr ſicher. „Und dazu“, fragte ſie langſam,„hätten Sie mich rufen laſſen?“ und als ihr jetzt Paula nochmals ver⸗ ſicherte, daß nur bei ihr allein die Entſcheidung ſtünde, da war es faſt, als bräche Jubel aus ihrem Herzen, und mit zitternder Stimme rief ſie:„Und er verſtößt mich nicht? Jagt mich nicht fort wie ein überläſtiges, zudringliches Thier? Hat Ihnen nicht den Auftrag dazu gegeben?“ Hätte ſie gewußt, welche Qualen dies Alles Hermann in ſeinem dunkeln Lauſcherwinkel verur⸗ ſachte, ſie hätte vielleicht ſelbſt dieſe Worte zurückge⸗ halten. Ihr genügte auch die nochmalige Verſiche⸗ rung Paula's nicht ganz.„Sie ſchwören mir's?“ drängte ſie. 172 „Beim Andenken meiner Mutter! Wäre er's denn auch im Stande?“ Die letzte Frage zeigte, wie groß Paula ſelbſt von dem Manne dachte, um den ſie Beide rangen, und ſprach wie ein Vorwurf zu Hanne. Wie hatte ſie durch den Zweifel den Geliebten verunglimpft. „Ja, ja, es iſt wahr“, klagte ſie ſich an,„es war abſcheulich von mir, ihm das auch nur zuzutrauen. O, verzeihen Sie mir, Frau Gräfin— möge auch er mir verzeihen“, ſetzte ſie bei, als verriethe ihr eine Ahnung ſeine Gegenwart.— Nun aber verließ ſie die Kraft, ſie ſchwankte und mußte ſich an der Lehne des Sophas halten. Den Schwächezuſtand ſogleich erſehend, nöthigte Paula ſie zum Niederſitzen, und geleitete die Arme, die alles mit ſich geſchehen ließ, ſelbſt zu ihrem Platze. Fritz wurde immer ängſtlicher, aber er getraute ſich jetzt nicht mehr zu ſprechen, da niemand auf ihn zu hören ſchien. Paula brachte ein Glas Waſſer, und als Hanne gedankt und getrunken, begann das arme Weib, dem die Thränen über die Wangen liefen, mit gepreß⸗ ter, ſtotternder Stimme: „Und wenn ich's recht bedenke— ſo iſt's wohl ſo, wie Sie es ſagen, Frau Gräfin.— Ich ſeh' es ein, 173 ich bin nur eine Laſt für ihn— tauge nicht zu ihm bin ein ungebildetes Weib— ein Weib, das ihn nicht verſtehen kann, das ihn herabzieht— das ſeinen hochdenkenden Geiſt ermüden muß.— Sehen Sie, ich will die Kette nicht ſein— die ihn feſthält— wenn er nur glücklich wird;— um mich— um mich frägt ſich's nicht. Es war mir ja immer, als müßt' er ent⸗ ſchwinden.— O, es kommt nur ſo furchtbar, furchtbar raſch!“ Paula hätte mit weit härterem Erze gepanzert ſein müſſen, um hier nicht von tiefem Mitleid ergriffen zu werden. Gerührt faßte ſie Hanne bei der Hand. Sie fühlte ſich ihr faſt ſchweſterlich vereint. „Du armes Herz“, ſprach ſie ſchmerzlich bewegt, „wird Dir denn das Loslöſen ſo ſchwer, aus einem Verhältniſſe, das Dich doch nicht glücklich machen konnte?“ „Nicht glücklich?“ ſah Hanne befremdet auf,„o, wie können Sie das ſagen?“ „Gabſt Du mir doch ſelber an, er fragte nicht viel nach Dir.“ „Und darum? Darum ſollte ich nicht glücklich ge— weſen ſein?!“ entgegnete Hanne mit herber Verwun⸗ derung, die alsbald dem Ausdrucke leidenſchaftlicher 174 Liebe wich.„Hat er mich denn nicht geduldet? Durft' ich nicht um ihn ſein und für ihn ſorgen zu jeder Stunde? War's denn kein Glück, wenn er im ſelben Zimmer arbeitete, in welchem ich ſaß und ſeinen Athem⸗ 1 zug vernahm?— Und wenn er einmal fortgegangen war und ich mich nach ihm geſehnt hatte, die ganze lange Zeit, und er dann heimkam und ich an ſeinem Halſe hängen durfte und er ſeinen Arm wie ſchützend um mich legte— das wäre kein Glück geweſen? Und hatt' ich eine Arbeit für ihn gethan und es lohnte mich auf ſeinen Lippen ein freundliches Lächeln— o, das war Glück!— Ich ſollte nicht glücklich geweſen ſein?! 1— Iſt er nicht der Vater meines Kindes, und iſt es nicht ſchon das allergrößte Glück auf Erden, ihn lieben zu dürfen und ſein Weib zu heißen!“ 1 Es war glühende Beredtſamkeit, die ihr die Liebe einflößte, ohne daß ſie je die Kunſt der Rede ſich an⸗ geeignet, und die Natur brach hier in ſolch' mächtiger Kraft durch, daß ſelbſt Paula ſich hingeriſſen fühlte. Sie mußte ſich geſtehen, wie arm ihr Herz geweſen, und beugte ſich unwillkürlich vor all' dem Reichthum dieſer Liebe, die nicht im Empfangen und Verlangen ihr Glück ſuchte, ſondern in der ſelbſtloſen Hingebung und Aufopferung für den vergötterten Mann. Wäh⸗ 405 rend dieſer kurzen Pauſe trat Hanne aus der mächtigen Begeiſterung in die naturgemäße Empfindung ihres Verluſtes, den ſie erleiden ſollte, zurück, ſo zu ſagen aus dem poſitiven in das negative Bewußtſein. Der Verluſt ward ihr um ſo deutlicher, je lebhafter ſie die Wonne des Beſitzes noch einmal vor die Seele gerufen, und nur mit Mühe hielt ſie die Thränen zurück, als ſie leiſe und ſtockend fortfuhr: „Nun ja— ich war's!— Und auch die Erinne— rung wird noch mein Glück ſein— das Einzige. Er wird das arme Weib vergeſſen— er wird ein ſchöneres, edleres beſitzen— er wird glücklich ſein!— Ich will zu Gott beten, daß er es werde— er war ja gut gegen mich und nachſichtig alle Zeit. Wie ein himm— liſcher Stern in meinem Leben aufgegangen, zieht er jetzt wieder über meinem Haupte fort.— Um mich bleibt's öde— doch was thut das!— Ich will beten, beten für ihn— das— das ſagen Sie ihm, Frau Gräfin.“ Sie konnte nicht weiter, ein heftiges krampfhaftes Schluchzen erſtickte ihre Worte und preßte auch Paula das Herz ſchmerzlich zuſammen, daß ſie nichts zu er— widern vermochte. Was ſollte auch ſolchem Weh gegen⸗ über ein banaler Troſt? Die demüthige Unterordnung 176 ihren. ſchluchzte er. dem ſie ſagte: „Nicht doch, Du ſchwerbeladenes Her; und Reſignation dieſes armen Weibes, das ſein ganzes Glück für das des Mannes hingab, und ſich freiwillig tiefer ſtellte als die begünſtigte Nebenbuhlerin, ergriff das ſtolze, an's Herrſchen gewöhnte Herz ſo tief und übermächtig, daß es ſich ſelbſt klein und erbärmlich in ſeinem, gegen fremdes Menſchenloos gleichgiltigen Ego⸗ ismus erſchien und ſich ſeines Verlangens ſchämte, wie eines meuchleriſchen Ueberfalls und Raubes. Nun aber war auch Fritz nicht mehr ſeiner Thrä⸗ nen mächtig. Jammernd umſchlang er der Mutter Hals und preßte ſeine kleinen runden Wangen an die „Mutter, liebe Mutter, warum weinſt Du?“ Das griff denn der Armen noch weher an's Herz und ihr Weinen wurde immer heftiger, indem ſie dem Kleinen Worte zuflüſterte, die dieſer zum Glücke nicht in voller Ausdehnung verſtand: „Weil Du keinen Vater mehr haſt, Du armes, ar⸗ mes Kind!“ Jetzt glaubte Paula nicht mehr ſchweigen zu dür⸗ fen und wollte der armen Frau einen Troſt bieten, in⸗ ———— ———— 177 mit einer Stimme, in welcher tiefe Rührung zitterte. „Das Kind ſoll ſeinen Vater nicht verlieren und ich verſpreche Dir— Gott iſt mein Zeuge!— Du ſollſt mit Stolz einſt auf den Knaben ſehen, wenn er auch fern von Dir iſt. Die glänzendſte Erziehung——“ Das war zu viel. Niemand hörte das vernehmliche Stöhnen aus dem Nebenzimmer, denn wie eine gereizte Löwin ſprang Hanne auf und umſchlang ihren Sohn, wie um ihn zu vertheidigen. „Ich ſoll mein Kind von mir geben? Mein Kind!“ rief ſie in wildem Schrecken, fuhr aber ſogleich mit mächtiger königlicher Entrüſtung in Wort und Geberde fort,„Du haſt kein Kind— die Forderung kann keine Mutter ſtellen!“ und mit von der Glut des Zornes und der Liebe raſch getrockneten Augen Paula faſt verzehrend, ſetzte ſie hinzu:„Es iſt mein Kind— mein's!— Und das ſollt' ich von mir geben?!— Seinen Vater habt Ihr mir genommen— das Kind behalte ich! So lange mir's Gott läßt, ſoll mir's keine Menſchen⸗ macht entreißen!“ Noch war dieſer wilde Hilfeſchrei des Mutterher⸗ zens nicht verklungen, als Riedhelm, den nichts mehr zurückzuhalten vermochte, aus dem Nebenzimmer ſtürzte, Byr, Wrak. II. 12 —ůTł3 ά— 178 wo er tauſend Folterqualen mit feſt aufeinander ge⸗ biſſenen Zähnen erduldet hatte. „Nein, nein“, ſtieß er mit heiſerer Stimme her⸗ vor, nichts ſoll Euch trennen, Du treue Mutter, Du treues Weib!— Laßt auch mich bei Euch bleiben!“ Seine Worte wurden beinahe durch den Jubel des kleinen Fritz übertönt, der, alle Thränen plötzllich vergeſſend, jauchzend zu ihm ſprang und ſeine Hand faßte. Paula wankte einen Schritt zurück und tiefe Bläſſe bedeckte ihr ſchönes Antlitz, aber auch Hanne wußte nicht, wie ihr geſchah. War das Alles ein Traum oder eine Prüfung für ſie, wie ſie in ihrer Jugend in Märchen und Sagen geleſen? Kam jetzt noch das Schwerſte, der Abſchied nach, oder ſollte ihr aus dem unſäglichen Schmerz erſt das wahre Glück erblühen? War's nicht eine Täuſchung— durfte, durfte ſie auch wirklich hoffen?—„Hermann, Du?“ ſtammelte ſie, und es war ihr, als wanke das ganze Haus mit ihr. „Du mußt ja fort— und glücklich werden.“ Der wehmüthige Zug wich allmälig aus Ried⸗ helm's Antlitz, für ihn gab es kein Schwanken und Zaudern mehr, kräftig richtete er ſeine Geſtalt empor und ſeine Stirn erglänzte von der hehren Ruhe 179 des Entſchluſſes, auch ſeine Stimme war ruhig und feſt geworden und aus ſeinen Worten klang die unab⸗ änderliche Entſcheidung: „Ich werde es mit Euch ſein!“ und aus ſeinen Augen ſtrahlte die Ueberzeugung von der Unfehl⸗ barkeit dieſer Vorausſagung.„Die Laſt, die mir den freien Athem nahm“, ſetzte er ſeinem Weibe aus⸗ einander,„iſt abgewälzt. Ich habe meinen ehrlichen Namen wieder, kann offen vor die Welt treten, das Geheimniß iſt keines mehr— es wird nichts Fremdes ſtehen zwiſchen uns, wie bisher. Vertrauen gegen Vertrauen!— Alles, Alles habe ich gehört“, nahm er Hanne, die ſprechen wollte, das Wort vom Munde. „Die Perle wollt' ich von mir werfen! Du edles Herz biſt mit mir des Lebens Schattenpfade treulich gewan⸗ delt, tritt mit mir nun auch in's klare Licht. Du opfermuthige Seele haſt mich aufgegeben— willſt Du mich zurücknehmen? Willſt Du mich behalten?“ Er ſtreckte die Arme nicht vergeblich nach ihr aus. Schluchzend und jauchzend zugleich ſtürzte ſich die Glück⸗ ſelige an ſeine Bruſt, die ganze Welt vergaßen ſie um ſich her und hielten ſich umſchlungen, als ſolle ſie nichts mehr auf Erden von einander reißen. Ein unendliches Weh ſchlich bei dieſem Anblick in Paula's Herz. Um⸗ 12* /—x—ͦͦÿ;Q—ᷣHõ———O—————. ſonſt hatte ſie gekämpft und gerungen. Sie war be⸗ ſiegt. Es ſchien ihr, als höre ſie eine leiſe, ernſte Stimme in ihr Ohr flüſtern:„Wer einmal das Glück von ſeiner Thür jagte, bei dem kehrt es nicht zum zwei⸗ ten Male ein. Keine Reue kauft die verlorenen Jahre zurück, das Leben haſt Du mit eigener Hand vernichtet und Deine Seele gemordet. Trümmer bleiben Trüm⸗ mer, Thränen ſind kein Kitt!“— Es währte eine lange Weile, ehe ſich alle Drei wieder in die Gegenwart fanden. In holder Scham⸗ haftigkeit, als hätte ein Fremder die liebende Jung⸗ frau an der Bruſt eines Mannes erblickt, machte ſich Hanne aus Riedhelm's Armen los. Ihr Blick ſuchte nachdenklich den Boden, dann fragte ſie, ihn wieder voll und feucht zu ihrem Gatten aufſchlagend, mit ver⸗ legenem Zaudern: „Hermann, haſt Du's auch bedacht?— Ich tauge nicht für Deine Kreiſe.“ Ach, das arme Weib hatte ſich jetzt in einer Mi⸗ nute das Glück eines ganzen Lebens gewonnen, deſſen Duft für immer ihre Seele erfüllte, und ſie fürchtete eine größere Forderung an das Schickſal zu ſtellen. Beſcheiden und demüthig war ſie bereit, nun wieder 181 zu weichen und die Zukunft in Nacht zu begraben. Riedhelm aber ſah jetzt deutlich ſeinen Weg vor ſich. „Darum laß uns in dem Deinen bleiben“, erwi⸗ derte er mit einem herzhaften Händedruck.„Die Ge⸗ ſellſchaft, die Du meine Kreiſe nennſt, hat mich einſt auf einen bloßen Verdacht hin ſchmachvoll ausgeſtoßen, ſie hat mir die Gerechtigkeit verweigert und ohne Rich⸗ ter mich verdammt, auf die tückiſche Anklage eines Nichtswürdigen hin. Ich will's vergeſſen— ſie iſt gewöhnt, nach dem Schein zu urtheilen— Dein Vater nahm den Flüchtling auf. Ein einfacher Handwerks⸗ mann! Er hat mir vertraut und mir auf mein bloßes Wort geglaubt. Ich bin ein Frender, ein Eindring⸗ ling, und dennoch kommt mir das Gewerbe entgegen, blos weil ich fleißig und geſchickt bin. Daher gehöre ich!— Ja“, fuhr er lebhaft fort,„ich will arbeiten und ich werde es freudig können, denn mein Gedanke iſt frei und mit ihm meine Thatkraft!— Mein Auge war von innen getrübt— jetzt aber weiß ich, wo mein Platz iſt:— Dort, wohin die Pflicht mich ruft!“ Erſt jetzt ſah er ſich nach Paula um, ſie ſaß im Sopha und hatte das feine Spitzentuch an's Auge gedrückt, krampfhafte Schauer durchliefen von Zeit zu Zeit ihren Körper. In tiefer Bewegung trat er zu 182 ihr hin und nannte ihren Namen, ſie aber wehrte mit der freien Hand, ohne aufzuſehen. „Ein jedes Wort ſchmerzt tiefer— leb' woh brachte ſie endlich mühſam und faſt tonlos hervor. Er fühlte ſich mächtig ergriffen, und wandte ſich ſtumm ab. In der That, was war da noch zu [f l! ſprechen? „Nicht wahr, Vater, Du bleibſt bei uns, bei Dei⸗ nem Fritz und bei der Mutter“, fragte jetzt eine mun⸗ tere, zarte Stimme an ſeiner Seite. Heftig beugte er ſich auf den Knaben berab. „Für immer!“ ſagte er in einem unbeſchreiblichen Tone, hob den Kleinen auf den Arm und ſchritt der 6 Thüre zu, dort wendete er ſich noch einmal flüchtig um und warf einen letzten, allerletzten Blick zurück auf das Weib, dem einſt die Liebe ſeiner Jugend gehört. Hanne aber, die ihm gefolgt war, kehrte jetzt raſch, von einer innern Eigebung getrieben, zu Paula zurück, faßte die ſchlaff herabhängende feuchtkalte Hand und preßte ſie innig an die Lippen, indem ſie leiſe, aber mit wunderbarer Weichheit, Vergebung, Mitleid und Segen in die Worte legte: „Gott ſchenke Ihnen ſeinen Frieden!“ Paula entgegnete nichts, nicht einmal ein leiſer 183 Druck ihrer Hand verrieth eine Empfindung; als ſich aber die Thüre ſchloß, da fuhr ſie heftig empor, als müßte ſie den Verlorenen zurückhalten. Weit ſtreckte ſie ihre Arme aus, bald aber fielen ſie matt herab, wie gebrochen, und ſtöhnend ſank das ſchöne Weib in die Kiſſen zurück. Es war vorbei!—— Längere Zeit verging, ehe ſie ſich mit Gewalt aufzuraffen vermochte. Dann aber ſtrich ſie ſich lang⸗ ſam über Stirne und Haare, trat an den Schreibtiſch und warf haſtig, als könne ſie damit eine glühende Sorge von ihrer Seele ſtreifen, die Worte auf's Papier: „Du haſt das Rechte erwählt, Hermann. Ich er⸗ kenne es jetzt. Verzeihe mir, daß ich Dich Deiner Pflicht entfremden wollte— ich trage die Strafe mei⸗ ner Schuld. Auch ſie hat mir ja vergeben.— Und lebe wohl für immer!“ Sie adreſſirte das Billet noch, obwohl ihr die Hahſiaden vor den Augen ſchwammen, und ſchleppte ſich mühſelig bis zum Glockenzug; ehe ſie aber noch ſchellte, n der Diener mit beſtürzter Miene ein und übergab Nothfelder's Karte. Paula war nicht in der Stimmung, Beſuch zu empfangen, zudem erinnerte ſie ſich ja momentan nicht ———— 184 einmal des Namens, ſie gab dem Diener das Billet zur Beſorgung und wies den Beſuch ab. Der Diener aber ſagte, der Herr Bezirksvorſteher beharre darauf, empfangen zu werden, es ſeien Dinge von der größten Wichtigkeit, die er mitzutheilen habe. „Es hat Zeit— ich kann nicht“, verſetzte Paula und blieb wie verloren auf demſelben Platze ſtehen, während der Diener ſich entfernte. Was konnte für ſie noch Wichtiges exiſtiren, nachdem das ganze Leben ihr verſunken ſchien. Die Welt war ausgeſtorben.— Sie war in hohem Grade unangenehm berührt, als ſich die Thür jetzt wieder öffnete, und ein Herr,— offenbar derſelbe, den ſie abgewieſen hatte,— eintrat. So unbedeutend das Ereigniß an und für ſich ſein mochte, gab es ihrem Gedankengange wenigſtens für den Augenblick eine andere Richtung. Der Unmuth über die ſcheinbare Zudringlichkeit brachte ihr ſtocken⸗ des Blut wieder in raſcheren Umlauf. Ihre Lippen bewegten ſich nicht, aber ihr Auge fragte, und Herr von Nothfelder folgte der Aufforderung. „Verzeihen Sie, gnädigſte Gräfin“, entſchuldigte er ſich in einem Tone, dem man bei aller Gemeſſen⸗ heit Haſt und Unruhe anhörte,„verzeihen Sie, wenn ich gegen Ihren Willen hier eindringe. Aber ſelbſt ohne auf die Ehre früherer Beziehungen zu reflectiren, beſtimmt mich dazu ein Ereigniß, welches ich Ihnen ſelbſt mittheilen möchte, um Sie gleichzeitig ſo weit als möglich zu beruhigen.“ „Was iſt geſchehen, mein Herr?“ fragte Paula gleichgiltig, ja ſogar vorwurfsvoll. Sie konnte nichts denken, was ihn berechtigen durfte, ſie zu ſtören. Zaudernd blickte Herr von Nothfelder um ſich, als ſuche er eine Unterſtützung, endlich brachte er es doch heraus. „Ich bitte Sie, Gräfin, nur nicht zu ſehr zu er— ſchrecken, der Fall iſt wohl nicht gefährlich, der Graf wird ſich bald wieder erholen von ſeiner Ohnmacht, es dürfte nur ein— leichter Schlaganfall ſein.“ „Mein Mann!“ rief Paula beſtürzt.„Ein Schlag⸗ fluß?!“ Herr von Nothfelder theilte ihr nun mit, wie Alles gekommen. Der Graf ſei wahrſcheinlich ein wenig alterirt noch einmal abends aus dem Hauſe und auf die Pro⸗ menade hinausgegangen, und dann ziemlich erſchöpft in das Bezirksamt gekommen, als Herr von Noth⸗ felder eben im Begriff ſtand, ſich in's Gaſthaus zu be⸗ geben. Man habe geraucht und eine Flaſche Wein ge⸗ 186 trunken, dabei über alte Zeiten geplaudert, als der General plötzlich nach Waſſer verlangte und mit einem Aufſchrei zurückſank. Der Arzt habe noch keinen Aus⸗ ſpruch gethan, eine Transportirung des noch immer Bewußtloſen jedoch für unausführbar erklärt. Nur einen Augenblick zauderte Paula. Was ging ihr Alles durch die Seele! Der Widerwillen gegen Thunau kämpfte mit dem Vorwurfe, daß ſie ſelbſt mit Schuld an dieſem Ereigniß trage. Erſt noch war ihr Herz wie erſtorben, ihr Kopf wie ausgeleert— jetzt brauſte durch beide ein glühender wirbelnder Sturm, der Mann, mit dem ſie zehn Jahre gelebt— bedurfte ihrer. „Kommen Sie“, rief ſie entſchieden,„wir wollen zu meinem Mann!“—— Jahre ſind vorüber, aber die Erinnerung an dieſe beiden Tage lebt noch friſch im Gedächtniß Riedhelm's; nur was er empfand, hat ſich gewandelt, zum Theil auch gefeſtigt. Seinem Vorſatze iſt er treu geblieben, Weib und Kind haben an ihm eine feſte liebevolle Stütze. Reich hat ſich ſein mechaniſches Talent entfaltet. Die aus giebigen Kohlengruben in der Nähe der Stadt lockten einen Induſtriellen aus dem gewerbreichen Nachbar⸗ lande, eine Maſchinenfabrik zu gründen, zu welcher er die Mittel, Hermann, der heute wieder Riedhelm heißt — die Intelligenz beiſchoß. Das Unternehmen iſt im hoffnungsvollſten Aufblühen, beide Compagnons ſind miteinander zufrieden und Herr von Nothfelder iſt häufig ihr Gaſt. Hanne hat ſich raſch in die neue Lage gefunden. Sie trägt aus Grundſatz niemals ein Seidenkleid und widmet ſich, ſeitdem die blinde alte Mutter geſtorben ganz dem Wohle ihres Mannes und ihres munter auf⸗ wachſenden Sohnes. Mit ruhiger Wehmuth gedenken die beiden Gatten u Zeiten— wenn die Directionsgeſchäfte nicht ganz z Andere abſorbiren— der armen Paula, die bald nach jener Nacht mit ihrem wiedererwachten, jedoch 188 contract gebliebenen Gatten in eines der nahe gelegenen Bäder gereiſt war. Zwei Jahre hatte ſie den Kranken mit muſterhafter Aufopferung gepflegt, und nachdem ſie ihn zur letzten Ruheſtätte geleitet, war auch ſie bald darauf, müde und erſchöpft fortgegangen aus einem Daſein, das für ſie keine Freude mehr bot und nur Gräber der Erinnerung aufwies. Die Verluſtliſten der Schlacht von Cuſtozza ent⸗ hielten Börtling's Namen. Das Armband wurde verkauft, der Erlös kam den Armen der Stadt zu,— die Steine aber ſind zerſtreut, und neugefaßt glänzen ſie wieder in manchem Diadem, in manchem Armband, deren Trägerinnen vielleicht ſtolz herabſehen auf ein Herz, das in aller Armuth doch wohl reicher iſt als das ihre— im hei⸗ ligen Glauben der Liebe!— Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ——— — —˖—õ:ůõ:p,ßñ—— ———————— 1 irey C Green vellow Hed Magenta ☛—