Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von v Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen bei Entgegenn nahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher:: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 5 Pf. 2 Mk Pf „ 4 7 3 4. 5. Auswärtige Aoneuten haben für Hin und Zurückſendung der, Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſcrtn Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der kavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſo: eders darauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattf n darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir gelieh zuch dafür zu ſtehen haben. ————=—=———— 4 Wrak. Zwei Erzählungen von Robert Byr. Erſter Band: Trümmer. /S⸗— Leipzig, Ernſt Julius Günthet. 1873. Ahoi! Ahoi!— Der eintönige melancholiſche Ge⸗ ſang der Matroſen klingt vom Hafen her. Die Sonne taucht aus dem Meere auf und zwei Schiffe lichten den Anker, zwei Schiffe am ſelben Geſtade vom Sta⸗ pel gelaufen, ſchmuck und ſtolz in ſiegesbewußter Kraft. Die Wimpel flattern im Winde, der die Segel ſchwellt; noch ein Salutſchuß und ſie ziehen hinaus in die offene See, das eine hierhin, das andere dorthin— die ganze Welt winkt ihnen freundlich entgegen und heiter lacht der blaue Himmel auf ſie herab. Es war der Beginn einer glücklichen Fahrt. Doch keins der beiden ſoll ſein Ziel erreichen.— Wie ein düſtrer Trauerſchleier zieht vom Horizont die ſchwarze Wetterwolke vernichtend heranſ, immer Byr, Wrack. I. ——— 2 2 raſcher und raſcher, der Sturm heult und der Himmel hüllt ſich in Nacht, die nur der fahle Wetterſtrahl auf bange Augenblicke zereißt und ſteuer⸗ und compaßlos treiben alsbald auf dem Rücken wildaufbäumender Wogen— ein Spielzeug des empörten Elementes— die beiden Schiffe. Ein Krach, ein Beben durch den ganzen Bau und hier auf mörderiſcher Klippe ſitzt das eine; die Rippen berſten und zerſchellt ſtürzt das Gallion in die Tiefe. Und dort auf den Strand hin treibt eine mit⸗ leidloſe Welle das andere Fahrzeug mit gekappten Ma⸗ ſten, leck und bordbrüchig und alles Schmucks beraubt. Wrak dies wie jenes— hier zwiſchen Felſen, dort im Sande: Wrak!— Der Schrecken hat ſich ausgetobt, der Donner vergrollt leiſe, entſchlummert iſt der Sturm. Vom Ufer ſtrecken ſich jetzt hilfreiche Hände aus. Ein Nachen ſtößt ab, ein zweiter, das Wrakgut von dem gebor⸗ ſtenen Fahrzeuge wird ſtückweiſe geborgen und die Planken und Bohlen fügen ſich von neuem zum Ge⸗ bälk. Eine enge düſtere Zelle zimmert ſich auf inmitten —,— ——— —.— 3 der ärmlichen niederen Strandhütten— ein dürftig Dach, dennoch eine warme treue Heimat, von der ſich der Bewohner nicht zu trennen vermag— ob auch der Sturm ſie ächzend rüttelt, ob auch die Düne ſie verweht. Auch das geſtrandete Schiff iſt vollends ans Land gezogen. Noch hält zur Noth der Bau, noch iſt der Scha⸗ den kein unheilbarer. Rumpf und Maſten werden ge⸗ beſſert, Steuer und Takelung erſetzt und ein Tag kommt, wo das Wrak, verjüngt und gekräftigt, von neuem in die hohe See ſticht, hinauszieht nach fernen Geſtaden und nachdem es Wind und Wellen muthig beſtanden, ſtolz befrachtet und beflaggt in den ſichern Hafen läuft. * Im ſelben Walde aufgewachſen, auf demſelben Werft gebaut, mit denſelben Hoffnungen ausgelaufen, geſcheitert eines wie das andere— und doch ein ſo ungleiches Geſchick. Hier ein Nothbau aus Trümmern, dort ein kräf⸗ tig Neuerſtehen daraus. 4 3 4 Nicht auch im Menſchenſchickſal?— Das war der leitende Gedanke, als ich die beiden folgenden, äußerlich ſo unähnlichen Erzählungen, die theilweiſe auf Thatſachen beruhen, abſichtlich neben⸗ einanderſtellte. Der Verfaſſer. Trümmer. Zwei Tage aus einem Kenſchenleben. Erſtes Kapitel. Der eine Tag. „Wollen wir nicht zu Sacher gehen? Ich fühle das Bedürfniß, mir ein copiöſes Frühſtück zu Gemüthe zu führen.“ „Zu Sacher? Heute? Höre, Börtling, Du biſt doch eigentlich ein heillos leichtſinniges Tuch! Kaum aus der Klemme, ſchon wieder oben hinaus.“ „Nun ja, bei allen Heiligen, die im Kalender ſtehen, ſoll' ich etwa Reu' und Leid erwecken? In der Stadt ſind wir einmal, Mittag wird's im Augenblicke ſein, Hunger verſpüre ich wie ein Währwolf, ſoll ich alſo wieder bis zur Kaſerne hinausrennen, um dort in unſerer vorſtädtiſchen Koſtkneipe mich an der mehr ſplendiden als delicaten Abonnementsabfütterung zu betheiligen? Man lebt nur einmal, vogue la galère!“ 8 So ſchloß, offenbar mit ſeiner Lieblingsmaxime, der elegante junge Offizier, der mit ſeinem um einige Jahre älteren Gefährten an einem kalten, aber ſonnen⸗ hellen Februarmorgen vor dem Café Daun ſtand und das bewegte Leben und Treiben des Kohlmarktes Revue paſſiren ließ. Von ungefähr gleicher Größe, trugen Beide den grauen Paletot der öſterreichiſchen Infanterie, der, bis zum Halſe geſchloſſen, dennoch die Abzeichen auf dem Rockkragen erkennen ließ. Drei goldne Sterne auf dem des Einen, zwei auf dem des Andern, den ſein Ge⸗ fährte früher Börtling genannt hatte. Beide waren hübſche Männer, ja der Hauptmann konnte ſogar ſchön genannt werden, ſein dunkles, braunes Auge leuchtete kühn über der edelgebogenen Naſe, ſein etwas tiefer Teint harmonirte vortrefflich mit den beinahe ſchwar⸗ zen Haaren und dem etwas helleren, mäßig großen Schnurrbarte, der einen ſtreng, aber fein geformten Mund mit dem zeitweiſe zwiſchen den Lippen ſichtbar werdenden blinkend weißen Email der Zähne beſchat⸗ tete. Unwillkürlich haftete das Auge der Vorüber⸗ gehenden an dieſer auffallend edlen Kriegergeſtalt, wenn auch die herausfordernden und begehrlichen Blicke der meiſten einzeln oder paarweiſe vorüberrauſchenden Dämchen alsbald mit einem vertraulichen Aufleuchten 9 des eben nicht ſchamhaften Erkennens zu der präten⸗ ſiöſeren Erſcheinung des Oberlieutenants hinüberſchweif⸗ ten. Und auch in ſeinen hellen blauen Augen begeg⸗ nete ihnen ein Blitz des Verſtändniſſes, der ſogar hin und wieder von einem wohlgefälligen Schmunzeln der vollen, friſchen Lippen begleitet war. Zu dieſem Lä⸗ cheln paßte das tiefeingeſchnittene Grübchen in dem breiten Kinne, das ein tief herabreichender dunkelblon⸗ der Backenbart freiließ. Der wie das ſorglich friſirte Haar ganz helle, faſt ſtrohfarbene Schnurrbart war von erſtaunlicher Länge, mit Hilfe von mancherlei Toilettekünſten in bewunderungswürdiger Borſtigkeit ſchnurgerade erhalten und theilte ſich offenbar nur mit der beinahe fortwährend daran beſchäftigten Hand in den Stolz des eitlen Beſitzers. Daß man dieſem mit ſolcher Charakteriſirung nicht Unrecht thue, bewies der Umſtand, daß die überaus gepflegte Hand, trotz der unter Null ſtehenden Temperatur vom Handſchuh ent⸗ blößt, ihrem Geſchäfte obliegen mußte, um ja gehörig in's Auge zu fallen. 1 Der kleine Finger, an dem ein ſpitziger Nagel von chineſiſcher Länge vorſtand, hatte jetzt ſogar die Aufgabe, in den eben vorüberrollenden Fiaker einen Kuß zu werfen, wobei der ſelbſtgefällige Elegant von ſeinem Nachbar mit Kopfſchütteln betrachtet wurde. —— 10 „Vogue la galère“, wiederholte der Hauptmann mit eigenthümlicher Betonung und fuhr dann fort: „bis das Schifflein auf einem Riffe feſtſitzt. Man lebt allerdings nur einmal, aber man hat nicht die Verpflichtung, dieſes eine Mal gut, ſondern tüchtig zu leben.“ „Du geräthſt in das ſeichte Fahrwaſſer der Sit⸗ tenprediger, Riedhelm“, erwiderte Oberlieutenant Bört⸗ ling achſelzuckend;„überlaſſe das unſerem Major, der doch auch Autoritäten, wie Jeſus Sirach, für ſeine rührſeligen Anſprachen an das löbliche Offizierscorps anzuführen weiß. Bis zu ſolchem Citatenreichthum wirſt Du's bei all' Deiner Beleſenheit nicht bringen. Oder iſt Dir bang um Deinen Mammon und willſt Du durch meine Beſſerung eine Hypothek dafür ſichern?“ „Wäre mir bang, ſo brauchte ich vor einem Vier⸗ teljahre ſchon nicht als Bürge für Dich einzutreten, am allerwenigſten aber hätte ich mich heute früh dazu verſtanden, Deinem Gläubiger auf morgen die Be⸗ zahlung aus meinen Mitteln, die, wie Du weißt, klein genug ſind, zuzuſagen. Was verhinderte mich, ihn klagen zu laſſen, wonach man offenbar Dich zuerſt beim Schopf genommen hätte??“? „Was Dich verhinderte? Die Kameradſchaft.“ „Nein, die reicht nicht ſo weit. Sie findet ſich 11 mit dem dutzendweiſen Cigarrenabverlangen und ge⸗ meinſamen Losziehen über die Vorgeſetzten genügend ab. Das, was mich verhinderte, liegt tiefer— die Freundſchaft iſt's, die mich verhinderte, verſtehſt Du, Bruder Leichtſinn!“ Der Hauptmann ſprach dies in halb ſcherzhaftem, halb ernſthaftem Tone, aber in ſeinem Auge glänzte etwas, woraus ſich auf die tiefe Empfindung, die den Worten zu Grunde lag, ſchließen ließ. „Hol' mich der Satan, Du ſollſt's auch nicht be⸗ reuen, Freund Riedhelm!“ entgegnete Oberlieutenant Börtling, indem er mit der Hand die auf dem Säbel⸗ korbe liegende Linke ſeines Nachbars berührte. Er ſchien wirklich bewegt, ſeine Augen wendeten ſich mo⸗ mentan von den Paſſanten ab und leuchteten treu⸗ herzig und zuverſichtlich auf, indem er hinzuſetzte: „Glaube mir, ich weiß dieſen Freundſchaftsdienſt zu ſchätzen, und ich wäre ein Lump, wenn ich Dich im Stiche ließe. Morgen ſchon ſchreibe ich meinem Onkel, er muß noch einmal herausrücken, wozu hat er denn das viele Geld und einen ſo hoffnungsvollen Neffen wie mich? Ein ſo koſtbares Kleinod muß man auch dem Werth gemäß faſſen.“ „Alſo in Chinaſilber“, verſetzte Hauptmann von Riedhelm kauſtiſch,„das genügt für böhmiſche Steine.“ 12 Weit entfernt, ſich beleidigt zu fühlen, lachte der Angegriffene, deſſen ernſtere Regung ſchon längſt wie⸗ der verflogen war, hell auf, als ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte und ihn zwang, ſeinen Kopf rechts hinüber zu wenden. Zugleich ertönte eine heiſere, dennoch ſehr vernehmliche Stimme: „Ha, Börtling, Sie ſind bei Laune. Teufel! wer ſo lachen könnte wie Sie; einen Dukaten für ein beißendes Bonmot oder eine amüſante Anekdote!“ Langſam, wie gelangweilt, folgten die Worte ein⸗ ander und entſprachen dem Eindrucke, den die Erſchei⸗ nung des Sprechers offenbar machen ſollte. In einem eleganten Ueberrocke— dem Meiſterwerke eines faſhio⸗ nablen Ateliers— ſteckte eine lange, hagere Geſtalt mit einem kleinen, jedoch ausdrucksvollen Kopfe. Bartform und Toilette ahmten die engliſche Mode nach, das thaten auch die manierirt blaſirten Züge, die ſchlaffen Bewegungen, aber täuſchen ließ ſich dadurch wohl nur ein oberflächlicher Beobachter. Dieſe eingetrockneten, ſcharfgezeichneten Züge, dieſe zuckenden Mundwinkel, dieſe jetzt beim flüchtigen Gruß momentan entblößte Stirne voll eben ſo vieler unendlich feiner Runzeln, als ſie Haare zu wenig trug, erzählten die lange, in⸗ tereſſante Geſchichte eines bewegten, abenteuerlichen Lebens, und in den tief eingeſunkenen, von welken 13 Lidern umfaßten Augen zuckte ein Heer dämoniſcher Leidenſchaften in eigenthümlich verrätheriſchen Lichtern und Flämmchen. Sie contraſtirten beſonders zeitweiſe ſo ſtark mit der damals— es war die Zeit des Krim⸗ feldzugs— ſehr beliebten und zum guten Tone ge— hörenden Maske der blaſirten Langweile, daß das Weſen dieſes Mannes wo nicht unheimlich, doch ge⸗ radezu widerwärtig und abſtoßend erſchien. Dieſe Empfindung zu verbergen, nahm ſich Haupt⸗ mann Riedhelm nicht einmal ſonderliche Mühe, und erwi⸗ derte den Gruß in unzweifelhaft kühler Weiſe, während ſein Freund, oberflächlich und augenſcheinlich nicht zu den ſcharf Beobachtenden gehörig, die Bemerkung des neuen Ankömmlings mit cordialſter Freundlichkeit aufnahm. „Sie haben leicht bieten, Baron Webenſtein“, erwiderte er,„ich wüßte Niemand in ganz Wien, der Ihnen in der Sorte Concurrenz machen könnte und noch ein Exemplar aufzutreiben vermöchte, das nicht ſchon durch Ihre Hände gegangen.“ „Wodurch ſie nicht immer an Reinlichkeit gewin⸗ nen“, ſetzte Riedhelm mit lächelndem Munde, doch in ziemlich ſchneidendem Tone hinzu,„die Anekdötchen mein' ich natürlich.“ „Dafür aber um ſo pikanter werden“, gab Bört⸗ ling dem Satze lachend eine mildere Wendung.“ 14 Riedhelm hatte nichts beizufügen, und Baron Webenſtein, der einen Augenblick lang die Unterlippe zwiſchen die Zähne gepreßt, fand es ebenfalls zweck⸗ mäßiger, keinen weitern Anſtoß zu nehmen. Es ge⸗ lang ihm mit beſonderer Leichtigkeit, über die geſpannte Situation hinwegzukommen, indem er durch eine Wendung den jungen Mann, der mit ihm ſoeben aus dem Café auf die Straße getreten war, in den Vor⸗ dergrund brachte. „Erlauben die Herren, daß ich Ihre Bekanntſchaft vermittle“, ſagte er,„Herr von Nothfelder, mein beſon⸗ derer Schützling, den ich Ihrer Freundlichkeit anem⸗ pfehle. Widmet ſich der bureaukratiſchen Carriére und dem Strauß'ſchen Galopp.“ Während Riedhelm mit artigem Gruß ſeinen Na⸗ men nannte, empfing Börtling den eben Vorgeſtellten mit einem jovialen: „Ah, freut mich ſehr, wir haben uns ja ſchon vorgeſtern im Sophienſaale getroffen.“ „Ja, ja, allerdings; war ſehr animirt“, ſtieß Herr von Nothfelder mit nichtsſagendem Lächeln hervor, bei dem ſich ſeine bartloſen Lippen viel zu weit für die dahinter verborgenen ſchlechten Zähne öffneten. Die . ſchlichten, wie in die Form geklebten ſteifen Haare, die Abweſenheit jedweden Bartes, der nur durch dünne, 15 gekräuſelte braune Härchen an den Wangen und Backen⸗ knochen angedeutet wurde, ſo wie die ziemlich unwelt⸗ männiſchen, eckigen Bewegungen ließen den jungen Mann noch jünger erſcheinen, als er es in der That war. „Alſo darum vermißte ich Sie?“ wandte ſich Weben⸗ ſtein an ihn, indem er gleichzeitig, wie um ihn beſſer zu fixiren, ſeine in Silber gefaßte Klemmbrille auf die Naſe ſchob.„Was muß ich hören? Sie entziehen ſich Ihrem Cornak und machen Streiche auf eigene Fauſt! Sie entwickeln ſich raſch in der Reſidenzluft, die auf ſolche vielverſprechende Pflänzchen wie ein Tropenhaus wirkt.“ Herr von Nothfelder lächelte geſchmeichelt und machte dabei eine unbeſchreibliche Bewegung mit dem Kopfe, als wollte er ihn in der Kravatte und dem ſteifen Hemdkragen zurechtſetzen. In ſeinen Worten und vielmehr noch im Tone der Stimme trat aber doch etwas wie das ferne Donnergrollen einer er⸗ wachenden Revolution gegen die aufgezwungene Pro⸗ tectorſchaft hervor, als er erwiderte: „Das ewige Spielen iſt mir langweilig und dann verliere ich zu viel dabei. Mir gefiel der Abend im Sophienſaal viel beſſer, ich tanze ſehr gern.“ „So, nun dieſer Neigung können Sie heute Abend 16 auf das Maßloſeſte fröhnen, junger Mann“, ſagte der Baron, ſcheinbar ohne von dem auftauchenden Trotz beſondere Notiz zu nehmen, und fügte dann, gegen Riedhelm gewendet, hinzu:„Sie kommen gewiß auch zu Bornegg's? Der Ball wird großartig, Champagner ſoll in Strömen fließen.“ „Die Unerſchöpflichkeit einer ſolchen Quelle hat für mich nicht die geringſte Anziehungskraft“, entgeg⸗ nete Riedhelm trocken,„ich liebe die ſchäumende, zucker⸗ ſüße, fade Sorte nicht.“ „Ah, Sie gleichen darin Klippburg, bevor er ſeine Erbſchaft machte. Aber alle ſieben Jahre verändert ſich ja der Menſch ſammt ſeinem Geſchmacke. Die neue Aera fiel bei Klippburg eigenthümlicher Weiſe mit dem Erbanfall zuſammen. Seither ſchwört er bei Cliquot, trinkt ihn aber nur unter vier Augen, wozu zwei ſchön ſein müſſen;— öffentlich aber bleibt er ein Koſtverächter. ‚Man muß Principien haben', be⸗ hauptet er.“ „Köſtlich!“ lachte Börtling auf,„ſolche Principien laſſe ich mir auch gefallen, und ich will mich gerne verpflichten, ihnen ſtreng nachzuleben, wenn bei mir die neue Aera mit einer ſoliden Erbſchaft zuſammen⸗ fällt.“ „Sei immerhin zufrieden“, erwiderte Riedhelm, 17 der des Barons Ausfall zu beantworten unter ſeiner Würde hielt,„wenn ſchon etwas zuſammenfallen ſoll, daß es nicht das Kartenhaus Deiner Hoffnungen iſt. Das thun ja doch die meiſten Häuſer, die man aus oder— auf Karten baut.“ „Der Herr Hauptmann ſcheint ein abgeſagter Feind des Spieles zu ſein“, nahm Baron Webenſtein bitterſüß den Span auf.„Doch iſt es mir, als hätte ich Sie ſchon einigemale pointiren ſehen, auch wenn ich zufällig die Bank hielt.“ „Ganz recht“, entgegnete Riedhelm,„aber auch nur dann. Börtling zuliebe beſuchte ich die Geſell⸗ ſchaft, und da wandelte mich unwiderſtehlich die Luſt an, einen prüfenden Blick— in die Chancen des Glückes zu thun, die meinem Freunde mit ſo merkwürdiger Conſequenz unhold ſind.“ Riedhelm hatte den Schlußſatz ſeiner Rede nach einer eigenthümlich ausgehaltenen Pauſe langſam und ſcharf betont geſprochen, wobei ein Blitz ſeines Auges mit unverhohlener Drohung den Baron ſtreifte, der jedoch davon nicht die geringſte Notiz zu nehmen ſchien. „Kommen die Herren vielleicht mit zu Sacher?“ fragte er.„Wie ich höre, iſt ein friſcher Auſterntrans⸗ port angelangt.“ „Friſche Auſtern?“ fiel Börtling ein, und ſeine Byr, Wrack. I. 2 18 Zunge fuhr leicht über die ſinnlich geſchwellten Lippen. „Riedhelm, was meinſt Du?“ „Thue, was Du willſt“, erwiderte der Gefragte gleichgiltig. „Ah, der Herr Hauptmann theilt ſicher auch Klipp⸗ burg's Antipathie gegen die Auſtern wie gegen den Champagner, die unſchuldigen Thierchen haben aber auch ein doppeltes Odium. Sie ſind zu appetitreizend und zu koſtbar für das Binnenland. Sie ruiniren, dauernd genoſſen, den ſtandhafteſten Magen und das ſolideſte Vermögen.“ „In ſolchen Dingen ordne ich mich ganz Ihren Erfahrungen unter, Baron“, verſetzte Riedhelm kalt, „Sie ſind competent.“ Auch diesmal veränderte ſich kein Zug in Weben⸗ ſtein's Geſichte, ja er lächelte ſogar ſcheinbar wohlge⸗ fällig, als Börtling, dem letzten Worte zuſtimmend, ausrief: „Das ſind Sie ohne Zweifel, was Feinſchmeckerei betrifft. Ich bezweifle, daß es in ganz Wien einen vollendeteren Lebemann gibt, als Baron Webenſtein, wir könnten alle von Ihnen lernen.“ „Kommt nur auf den Preis der Lectionen an“, murmelte Riedhelm diesmal, da er nicht direct ange⸗ griffen worden war, unverſtändlich vor ſich hin, und 19 wendete ſich dann ſo, daß er gegen den Graben hin⸗ abblickte. „Alſo Sie meinen wirklich, Baron“, begann nun Herr von Nothfelder, der bis jetzt geſchwiegen hatte, „daß die Auſtern ſtelbſt dem ſtandhafteſten Magen nicht zuträglich ſind? Ich dachte es mir ſchon immer, wollte es aber nicht ſagen, da ich befürchtete, ausge⸗ lacht zu werden. Da denke ich, wir laſſen das Früh⸗ ſtück heute lieber.“ „Wie Sie wollen. Ich nehme Jemand einer Ein⸗ ladung wegen niemals beim Wort.“ Die kühl und beinahe verächtlich vorgebrachte An⸗ ſchuldigung trieb dem jungen Manne alles Blut in das milchbärtige Geſicht, und mit einer gewiſſen Hef⸗ tigkeit, die man bei ihm nicht vorausgeſetzt hätte, fuhr er heraus: „Ich ſtimmte meines Wiſſens zwar nur einer Auf⸗ forderung bei“, ſtockte aber alſobald, da ihn ein Blick ſeines Protectors traf, und vollendete ſeine Rede mit kläglich hervorgeſtotterten Bruchſtücken,„allerdings er⸗ innere ich mich nicht genau— oder doch— ich ließ wohl ein Wort fallen— gewiß, gewiß— ich freue mich ſchon recht ſehr— die Auſtern werden vortreff— lich ſchmecken— ich leide nicht ſo leicht an Indi⸗ geſtionen.“ 20 „Wie geſagt, ganz wie Sie wollen“, gab der Baron mit herablaſſender Gleichgiltigkeit ſeine Zuſtim⸗ mung, wandte ſich ſodann an die beiden Offiziere, in⸗ dem er nachläſſig hinwarf:„Sehr leid, daß wir Ihre Geſellſchaft entbehren müſſen, aber wir ſehen die Herren ja heute Abend zu Füßen unſerer ſchönen Comteſſe.— Apropos“, unterbrach er ſich, ſchon halb im Gehen begriffen.„Wiſſen Sie das Neueſte? Klippburg ſagte mir, er habe vor mehreren Tagen Comteſſe Paula um die Mittagsſtunde im verödeten Volksgarten an der Seite eines Offiziers luſtwandeln ſehen. Das Geſicht des Offiziers konnte er nicht erblicken, da ſie vor ihm gingen, aber die Comteſſe habe einen Augenblick ſich ihm zugewendet, und er will ſchwören, daß er ſich trotz ihres dichten Schleiers nicht getäuſcht habe. Was ſagen Sie dazu? Entweder iſt Klippburg ein Narr oder— aber nein, man muß ſolche boshafte Klatſche⸗ reien nicht weiter verbreiten, die Sache iſt ja ganz undenkbar, Comteſſe Paula, die ſtolze, unrührbare Schönheit an der Seite eines Offiziers— noch dazu eines Infanterieoffiziers! Ein Rendezvous im Volks⸗ garten zu dieſer Jahreszeit! Ah, nicht wahr, das iſt pure Verleumdung?“ Er warf einen unheimlich prüfenden Blick auf Riedhelm, der ganz leiſe erröthet war. Der Farben⸗ 21 wechſel ließ ſich aber leicht auf die unmuthige Erregung ſchieben, mit der er jetzt den Erzähler unterbrach. „Darf ich bitten, Baron“, ſagte er mit ſchneiden— der Schärfe,„mir näher zu erklären, was Sie an der Sache ſo undenkbar finden?“ „Ah, es intereſſirt Sie alſo? Sind Sie vielleicht näher eingeweiht?“ „Es fragt ſich hier nicht um die Angelegenheit ſelbſt“, fiel ihm Riedhelm abermals in's Wort,„ſon⸗ dern um die eigenthümliche Betonung, mit der Sie des Offiziers und beſonders des Infanterieoffiziers erwähnten. Was meinten Sie damit?“ „Mein Gott, nichts, als daß ich glaube, Graf Bornegg werde bei ſeinem bekannten Stolze nicht auf die Stellung einer Oberlieutenants⸗ oder Hauptmanns⸗ gattin für ſeine Tochter aſpiriren, ſo ehrenhaft dieſe auch in meinen Augen ſein mag. Wenn ich die Be⸗ zeichnung ‚Infanterie“ beſonders hervorhob, ſo bezog ſich das nur auf den Umſtand, daß in dieſer die be— mittelten und adeligen Offiziere ſeltener vorkommen, als bei der Cavallerie, was Ihnen nach meiner Mei⸗ nung allerdings an Ritterlichkeit keinen Eintrag thut. Ich bin ja als Offiziersfreund in der ganzen Garniſon bekannt.“ Baron Webenſtein hatte dieſe Entſchuldigung etwas 22 eifriger vorgebracht, als es ſonſt in ſeiner Redeweiſe lag. Man konnte deutlich ſehen, daß es ihm darum zu thun war, einem ernſtlicheren Conflicte auszuweichen. Herr von Nothfelder, der ſich auch ſchon zur Rechen⸗ ſchaft gezogen ſah, obwohl er kein Wörtlein geäußert, trat in peinlicher Verlegenheit von einem Fuße auf den andern, zum Glücke ſah er ſich durch Riedhelm's Erwiderung bald daraus befreit. „Die Erklärung genügt“, ſagte dieſer kalt,„doch thun Sie jedenfalls gut, ſich dieſelbe ein andermal zu erſparen, indem Sie auf ſolche genauere Unterſchei⸗ dungen zwiſchen verſchiedenen Truppengattungen einer und derſelben Armee verzichten. Die geforderten De⸗ finitionen könnten leicht einmal zu gewunden erſcheinen“ — Kommſt Du mit, Börtling?“ wandte er ſich zum Schluſſe an den Freund. „Aber die Auſtern“, ließ dieſer ein wenig klein⸗ laut fallen, machte dann jedoch ſeinem Zögern kurz ein Ende und ſchloß ſich Riedhelm an, der ſich nach flüchtigem Gruße dem Michaelerplatze zuwendete, wäh⸗ rend ſich Baron Webenſtein mit ſeinem Schützling nach der entgegengeſetzten Seite entfernte. Langſam ſchlenderten die beiden Freunde gegen die Burg. -— 32 23 „Du haſt ihm ein paar tüchtige Jagdhiebe ver⸗ ſetzt“, ſagte Börtling nach einer Pauſe. „Die er redlich verdient hat“, entgegnete Ried⸗ helm, ſeinem zurückgedrängten Groll jetzt ungeſcheut Luft machend,„ich wollte, ich könnte ihn, wie einen biſſigen Hund, mit einem Fußtritt von mir jagen. Das weiß ich, daß ich als Graf Bornegg einem ſolchen zweideutigen Individuum keinen Zutritt in mein Haus gewähren würde.“ „Aber was willſt Du, der Baron iſt hier in allen anſtändigen Kreiſen acceptirt, er kommt in Häufer, die uns ſtreng verſchloſſen bleiben und deren Portier uns ſogar naſerümpfend über die Achſel anſieht, trotz unſerer reſpectiven Stellen im kaiſerlich könig⸗ lichen Militärſchematismus.“ „Schlimm genug, daß es genügt, Baron Weben⸗ ſtein zu heißen, um die Welt nachſichtig gegen den zweideutigſten Charakter zu machen.“ „Charakter? Wer zum Henker frägt nach Charak⸗ ter? Meinſt Du, wir Beide hätten unſeren Zutritt im Bornegg'ſchen Hauſe und in noch einigen andern hier unſerem außerordentlichen Charakter zu verdanken? Ich verdanke ihn Dir und Du Deinem Ahnherrn, der Dich zum Ritter von Riedhelm machte, und Deinem Vater, der, wie ich glaube, einſt in gewiſſer dienſtlicher 24 Beziehung zum Grafen Bornegg geſtanden. So iſt der Zuſammenhang der Dinge auf Erden.“ „Das iſt aber noch keine Urſache, daß der Graf dieſen Menſchen duldet, der ſeinen Dank dafür mit boshaften Verleumdungen abträgt, die dem Rufe der Tochter vom Hauſe ernſtlich ſchaden können.“ Börtling ſah den Freund aus den Winkeln ſeiner Augen an, räuſperte ſich, nahm Riedhelm's Arm und ſchwenkte mit ihm nach der entgegengeſetzten Richtung herum. Dann nahm er leiſer und mit einem gutmüthig boshaften Lächeln das Wort. „Entre nous, ſollte hinter dem Webenſtein'ſchen Geſchichtchen wirklich nichts als die dintenſchwarze Ver⸗ leumdung ſtecken?“ fragte er vertraulich.„Ich meine immer, Du könnteſt am eheſten Auskunft über jenen, nur von der Kehrſeite ſichtbar gebliebenen Offizier geben, dem zuliebe Comteſſe Paula bei fünf Grad unter Null in den laubloſen Alleen des Volksgartens promenirt, was ohne beſonders anregende Unterhaltung einer räthſelhaften Monomanie gleich ſähe.“ „Glaubſt Du auch an dieſe Märchen?“ entgeg⸗ nete Riedhelm mit gezwungenem Lächeln. „Nun, daß etwas zwiſchen euch Beiden vorgeht, iſt offenbar kein Märchen. Ich habe in ſolchen Dingen Erfahrungen, wie Webenſtein ſagt, und wenn auch gerade nicht in ſo hohen Sphären, doch ſo umfaſſende, daß ich nicht leicht zu täuſchen bin. Die Augen eines verliebten Comteßchens leuchten ganz ebenſo, wie das Brillantfeuerwerk in den Aeuglein eines Apothekertöch⸗ terchens, wenn Derjenige ‚welcher’ naht. Und gewiſſe wortarme, traumverlorene Stimmungen ſind mir aus eigener Praxis zu wohl bekannt, als daß ich ſie nicht auch ohne weitere Auseinanderſetzungen bei meinem Freunde zu deuten wüßte.“ „Du irrſt Dich.“ „Nun, mag ſein. Es gibt eben verſchiedene Na⸗ turen. Ich habe niemals hinter dem Berge gehalten, und Du haſt mir oft auf das Bereitwilligſte die zweck⸗ mäßigſten Elephantendienſte geleiſtee. Du magſt mit der Farbe nicht herausrücken, auch recht, Du gehörſt eben zu den Delicaten. Brauchſt Du mich einmal, ſo weißt Du, wo Du anklopfen ſollſt. Ich kann auch ſchweigen, wenn es ſein muß.“ „Ich zweifle nicht daran, aber ich habe nicht Ur ſache, Dich auf die Probe zu ſtellen. Laſſen wir über⸗ haupt die Sache. Die ganze Erzählung war ja doch nur ein tückiſcher Ausfall Webenſtein's, der in's Blaue ging und den die feige Creatur aus Rache that, weil er weiß, daß ich ihn nicht leiden kann und weil ich ihn das ungeſcheut fühlen laſſe.“ 26 „Nimm Dich in Acht, daß er Dich nicht einmal doch noch trifft!“ warnte Börtling. „Solches Ungeziefer iſt unſchädlich, wenn man ihm den Abſatz auf den Kopf ſetzt“, erwiderte Ried⸗ helm ſtolz. Aber nimm Du Dich ſelbſt in Acht“, fügte er hinzu,„die Reue kommt ſonſt zu ſpät!“ „Du ſelbſt haſt ja wiederholt aufgepaßt und muß⸗ teſt zugeſtehen, daß er nicht falſch ſpiele. Er verliert im Hazard auch zu viel.“ „Dafür deckt er ſich im Commerceſpiel. Aber laß einmal das Deficit zu groß werden, und er macht ſich ſeine ungeheure Gewandtheit auch in unredlicher Weiſe zu Nutzen.“ „Ah, er iſt Dir einmal Guignon“, fiel Börtling achſelzuckend ein.„Ich— habe keinen Nebenbuhler in ihm und finde ihn amüſant.“ Riedhelm zog die Augenbrauen finſter zuſammen, und ſeine Stimme klang ernſt undals Auer⸗ . v widerte: „Dann iſt weiter nichts zu ſagen. Es iſt traurig genug, daß ſolche zweifelhafte Exiſtenzen faſt immer einen ſo unbegreiflichen Zauber auf große Kreiſe aus⸗ üben, die ſie dann auszubeuten verſtehen. Dieſer junge Mann— Nothfelder oder wie er heißt, könnte g 27 Dir wohl ein warnendes Exempel ſein. Sitzt er doch wie der Gimpel an der Leimruthe.“ „Ein recht ſchmeichelhafter Vergleich, der auch auf mich einzelne Strahlen zurückwirft.“ Börtling hatte den Ausruf theils ärgerlich, theils lachend gethan und blieb einen Augenblick ſtehen, da ſie Beide im Geplauder bis zum Stockameiſenplatze gekommen waren. Zögernd blickte er um die Ecke in die von einem dichten Menſchen⸗ und Wagenſtrom über⸗ füllte Kärntnerſtraße, bis ſein Zaudern ſelbſt dem Freunde, der ſchon umgekehrt war, auffiel. „Du ſehnſt Dich offenbar nach den Fleiſchtöpfen Egyptens“, ſcherzte Riedhelm,„ſoll in dieſem Falle heißen: nach Sacher's Auſtern.“ „Ich möchte doch wiſſen, ob ſie wirklich friſch von der Nordſee kommen?“ geſtand Börtling.„Aber nein“, fuhr er dann mit einem energiſchen Entſchluſſe fort, „ich will erſt die Silberflotte von meinem Onkel er⸗ warten. Ihrer Ankunft zu Ehren aber mußt Du dann auch mithalten, wenn Du ſelbſt kein Liebhaber biſt.“ „Ich will Dir wenigſtens zuſehen“, entgegnete Riedhelm, indem ſie wieder nach dem Graben zurück⸗ ſchlenderten. „Wenn ſie nur nicht zu lange ausbleibt! Der März braucht ſich blos warm anzulaſſen und der Au⸗ ſterntransport muß eingeſtellt werden“, reflectirte Bört⸗ ling mit ſolchem Trübſinn, daß er darüber ſogar den grüßenden Blick überſah, den ihm eines von zwei eben vorüberſtreifenden Dämchen zuwarf. So hätte er auch beinahe vergeſſen zu grüßen, würde ihn nicht Riedhelm noch zu rechter Zeit auf einen ihnen gerade entgegen⸗ kommenden General aufmerkſam gemacht haben. Dieſer dankte ziemlich kühl, obwohl er damit eine Handbewegung verband, die ſeine nähere Bekanntſchaft mit beiden Offizieren verrieth. „Da muß irgendwo Comteſſe Paula in der Nähe ſein“, bemerkte Börtling, ſobald ſie vorüber waren, „der Thunau iſt ſo ſicher, wie einer der beiden Pilo⸗ ten, die den Haifiſch anzeigen.“ „Aber Menſch, welch' himmelſchreiender Vergleich, Paula Bornegg und ein Haifiſch!“ rief Riedhelm mit komiſchem Entſetzen aus, dabei ſtreifte ſein Blick jedoch ziemlich zerſtreut den Graben entlang. „Warum?“ entgegnete Börtling ſpöttiſch,„ver⸗ ſchlingt ſie euch nicht Alle, Einen nach dem Andern?! Wenn Du nur am Ende wieder lebendig und glücklich zum Vorſchein kommſt.— Aber höre, Riedhelm“, ſprang er dann plötzlich ab, indem er gleichzeitig ſeinen Schritt anhielt,„ein halbes Dutzend könnte doch eigent⸗ lich nichts ſchaden. Weißt Du, nur ſo eine kleine 29 Probe, mit einem Schluck Chablis— nicht? Nun, wie Du meinſt, aber mein Magen beträgt ſich verdammt ungeberdig.“ „Kannſt Du nicht gerade ſo gut in ein Bierhaus gehen? Das wäre Deiner Börſe weit zuträglicher.“ „Ja, aber da man heute ſchon einmal Geſellſchaft bei Sacher hat.“ „Ich leiſte Dir auch Geſellſchaft, komm' Du nur!“ Riedhelm nahm den Freund unter den Arm und zog ihn beinahe mit Gewalt einige Schritte weiter. Nur ungern fügte ſich Börtling dieſer Maßregel, aber ſie kamen nicht weit, blos bis zu dem Cigarrenladen, wo er erklärte, ſeinen ausgegangenen Vorrath erneuern zu müſſen. Riedhelm folgte ihm und hatte ſich raſch mit einigen Cigarren verſorgt, während ſein Freund noch immer wähleriſch herumlangte und dabei die Ge⸗ legenheit benützte, der jungen Verkäuferin, der er zu⸗ nächſt ſtand, einige Galanterieen zu ſagen, die ſich mehr durch handgreifliche Schmeichelei als durch poe⸗ tiſche Feinheit auszeichneten, nichtsdeſtoweniger aber unter wohlwollendem Schäkern beſtens aufgenommen wurden. Riedhelm war unterdeß an die Thüre des Ladens getreten und ſein Auge hing gebannt an einer elegan⸗ ten Equipage, die eben von zwei herrlichen ſechzehn⸗ 30 fäuſtigen Eiſenſchimmeln in ſtolzem Schritte vorüber⸗ gezogen wurde. Die Pferde trugen glänzendes Ge⸗ ſchirr, auf welchem, ſowie auf den mit Silberborten ein⸗ gefaßten zierlichen blauen Decken, ſilberne Grafenkro⸗ nen mit einem großen lateiniſchen B darunter, ange⸗ bracht waren. Der Blick durch die großen hellen Spie⸗ gelſcheiben in das Innere des Wagens belehrte Ried⸗ helm, daß dieſer leer ſei, was er zum Theil ſchon aus der langſamen Gangart der Pferde errathen hatte. Eben, als ſein Auge die zahlreichen Spaziergänger muſtern wollte, legte ſich die Hand des Freundes, der endlich mit der ſchwierigen Auswahl zu Stande ge⸗ kommen war, auf ſeinen Arm und unterbrach ſeine Forſchungen. „Weißt Du, Riedhelm“, ſagte Börtling, ſeinen Schnurrbart in die Länge ſtreichend,„ich habe mir's überlegt, man ſoll den günſtigen Moment im Leben nie vorüberlaſſen; wer weiß aber, ob er ſich wieder bietet, das Beſte iſt, man greift zu.“ Riedhelm warf mit einer raſchen Bewegung den Kopf zurück, in ſeinen Zügen malte ſich lebhafte Ueber⸗ raſchung. „Zugreifen? Wie meinſt Du das?“ Sein Blick flog hinüber zu der Equipage, als ſuche er dort die Antwort. 31 „Nun ja— bis morgen ſind ſie ſchon nicht mehr ſo friſch.“ „Ah!“ ging es wie ein Seufzer über Riedhelm's Lippen,„die Auſtern!“ „Natürlich, was ſonſt?— Alſo wenn Du nicht mitkommſt, gehe ich allein. Freund, man lebt nur ein⸗ mal; vogue la galère!“ Und damit war er zum Laden hinaus und ſchlug mit langen Schritten den Weg nach dem unwiderſteh⸗ lich anlockenden Reſtaurant ein. Riedhelm ſah ihm kopfſchüttelnd nach, doch ließ er ihn ohne Einwendung gehen, was vielleicht unter anderen Umſtänden nicht der Fall geweſen wäre. Für's Erſte aber mochte er ſich aus Zartgefühl, gerade deshalb, weil er heute die früher blos von ihm verbürgte Schuld ſeines Freundes ganz übernommen, nicht als Mentor zeigen, damit es nicht den Anſchein erhielte, als meine er ſich von nun an zu einer polizeilichen Ueberwachung ſeines Schuld⸗ ners berechtigt. Für's Zweite kam ihm Börtling's Entfernung in dieſem Momente, genau genommen, nicht ungelegen. Sah er ja doch einer Begegnung, die am beſten ohne neugierigen Zeugen blieb, entgegen. Sie trat raſcher ein, als er erwartet hatte. Beim erſten Schritte, den er in entgegengeſetzter Richtung als Börtling aus dem Laden that, blickte er plötzlich 32 in ein paar dunkelblaue ſtolze Augen, die aber nach dem erſten Aufleuchten freudigen Erſchreckens raſch den weichſten, innigſten Blick in ſeine Seele ſandten. Auch dieſer Ausdruck ſchwand ſchnell dahin, ehe er noch von irgend einem unberufenen Späher aufgefan⸗ gen, zum Verräther werden konnte, und mit liebens⸗ würdiger, aber kühler Hoheit erwiderte die ſchöne, im⸗ poſante Erſcheinung, welcher die ſo raſch wechſelnden und doch ſtrenge beherrſchten großen Augenſterne ge⸗ hörten, Riedhelm's ehrerbietigen Gruß. Ohne auch nur das geringſte Zeichen von größe⸗ rem Intereſſe zu geben, ſchwebte die hohe, ſchlanke Geſtalt an der Seite ihrer viel älteren Begleiterin weiter und nahm wie eine Königin von Zeit zu Zeit die Huldigung der Grüßenden entgegen, unter denen ſich auch der auf ſeine Schritte zurückkehrende General befand, den Börtling„Thunau“ genannt hatte. Ihm wurde ſogar eine ungewöhnliche Begünſtigung zu Theil, die Damen hielten einen Augenblick an und wechſelten einige Worte mit ihm, ja ſie kehrten ſogar mit ihm um und ließen ſich ſeine Begleitung gefallen. Den ganzen Vorgang hatte Riedhelm von ferne mit angeſehen, da er ſich alsbald zurückwendete und den Damen wie unabſichtlich folgte; jetzt, da ſie wie— der auf ihn zukamen, trat er in eines der ſchmalen⸗ 33 in den Graben einmündenden Gäßchen und wich ſo einer erneuten Begegnung aus, folgte aber dann wie⸗ der der ſchon von weitem ſichtbaren hohen Geſtalt, die er an dem ſilbergrauen Hut und dem mit feinem Edel⸗ marder reich ausgeſchlagenen ſchwarzen Sammetpaletot erkennen mußte, wenn ſich ſein lautpochendes Herz nicht ohnehin wie von einem mächtigen Magnet ange⸗ zogen gefühlt hätte. Jetzt am Ende des Grabens angelangt, bogen die beiden Damen ein, ſchritten quer über die Fahrſtraße und traten, nachdem ſie ſich vorher noch von dem General verabſchiedet hatten, in Haslinger's hiſtoriſch bekannte Muſikalienhandlung ein. Ohne lange zu über⸗ legen, folgte ihnen Riedhelm und ſtand nach wenigen Minuten vor dem Ladentiſche, an der Seite der Dame im ſchwarzen Sammetpelze, die ſeinen nun erneuten Gruß womöglich noch kühler als auf der Straße er— widerte. Ihre Begleiterin war ſo eifrig in die Be⸗ ſichtigung einer neuen Serie von Noten vertieft, daß ſie ſeine Anweſenheit vorerſt gar nicht bemerkte. Von dem geſchäftig fragenden Commis verlangte er ein Potpouri für Klavier aus den Hugenotten, ſtellte aber betreffs der Vereinigung der hervorragend⸗ ſten Motive eine ſo exorbitante Forderung an das verhältnißmäßig dünne Heft, daß ſich der Commis mit Byr, Wrack. I 3 34 höchſt zweifelhaftem Kopfſchütteln daran machte, das Verlangte zu ſuchen. „Sie ſind alſo doch auch muſikaliſch, Herr Haupt⸗ mann?“ bemerkte das ſchöne Mädchen leichthin in einem Tone, der keine beſondere Beachtung erregte und ſchien ſeine Erwiderung:„Nur ganz oberflächlich, Comteſſe— ich beſorge nur einen Auftrag“, zu über⸗ hören. Neugierig beugte ſie ſich über einen Stoß vor ihr liegender Muſikalien, legte nach einigen Augenblicken den Muff auf den Ladentiſch und ergriff mit der kleinen Hand, die ſich in der warmen Umhüllung des Hand⸗ ſchuhs entledigt hatte, das oberſte Heft, das ſie auf⸗ ſchlug und prüfend durchſah. Nach einiger Zeit— der verzweifelnde Commis war gerade von dem ner⸗ gelnden Riedhelm abermals mit ſeinen vorgelegten Exemplaren zurückgewieſen worden— kam auch ihre Linke mit einer raſchen Bewegung aus dem Muff ge⸗ ſchlüpft, machte ſich an dem Hefte zu ſchaffen und reichte dieſes dann Riedhelm hin. „Was ſagen Sie zu dieſem Lindblad'ſchen Liede?“ äußerte die junge Dame,„wie finden Sie die Beglei⸗ tung? Ich finde ſie ein wenig monoton.“ Riedhelm, der beinahe zu haſtig nach dem Liede griff, warf einen eigenthümlichen Blick auf die Gefährtin 35 ſeiner Nachbarin, der deutlich genug markirte, wie er in Bezug auf dieſe Begleitung vollkommen derſelben Meinung ſei und machte ſich dann eifrig mit der Durch⸗ muſterung des Liedes zu ſchaffen, bei welcher Gelegen⸗ heit ein klein gefaltetes Blättchen Papier in ſeinen Händen zurückblieb. Er fand keine Antwort mehr, ſeine Meinung über Lindblad's Muſik abzugeben, denn indeſſen hatte die ältere Dame ihre Wahl getroffen. „Haſt Du diesmal nichts ausgeſucht, Paula?“ fragte ſie, wandte ſich jedoch ſogleich an Riedhelm, als ſie dieſen erſah, und erwiderte ſeinen Gruß etwas vornehm und gemeſſen. „Kh, bon jour, Herr von Riedhelm, ich habe Sie gar nicht bemerkt, ich war immer der Meinung, Sie befaßten ſich mit ſolch' unzweckmäßigen Künſten, wie Mufik, nicht, wenigſtens erinnere ich mich niemals, wenn ich am Flügel war, ein Wort vernommen zu haben, welches auch nur das kleinſte Intereſſe an Tonſchöpfung, Vortrag oder Technik verrathen hätte.“ „Mein Urtheil iſt wohl von zu wenig Gewicht“, — entgegnete Riedhelm, das Liederheft auf den Laden⸗ tiſch zurücklegend, führte aber ſeine Entſchuldigung nicht weiter aus, was ihm ohnedies unmöglich geweſen wäre, da die gekränkte Künſtlerin, nachdem ſie ſich ſelbſt genug gethan hatte, mit ihrer jungen Gefährtin 9„ 36 nach dem Wagen ſchritt, der vor dem Laden hielt und in dem die ausgewählten Noten ſoeben von dem vor⸗ ausgeeilten Commis untergebracht wurden. Riedhelm hoffte vergeblich, noch einen Blick zu er⸗ haſchen. Das Mädchen ließ noch vor dem Einſteigen den Schleier herab. Der Bediente ſchloß den Schlag und die Equipage rollte raſch davon, ſo daß Riedhelm durch nichts verhindert war, zu ſeinem Geſchäfte zurück⸗ zukehren. Jedenfalls hatte der Commis, welcher ihn bediente, gegründete Urſache an den tieferen muſikali⸗ ſchen Kenntniſſen des dilettirenden Hauptmanns zu zweifeln, denn waren alle bisher vorgelegten„Huge⸗ nottenauszüge“ als unbrauchbar verworfen worden, obwohl ſie der Mehrzahl der Anforderungen entſpra⸗ chen, ſo war jetzt plötzlich das allererſte, zu oberſt liegende, unbedingt angenommen, trotzdem er ſelbſt auf⸗ merkſam machen zu müſſen glaubte, daß es eigentlich gar nichts als eine langausgeſponnene Variation über den Chor der Ronde enthalte. „Blos Rataplan?“ verſetzte Riedhelm mit merk⸗ würdigem Empreſſement.„Vortrefflich, aber ganz vor⸗ trefflich, das iſt's, was ich will, warum haben Sie mir's denn nicht gleich gebracht?“ „Der Herr Hauptmann verlangten ein Potpouri aller hervorragenden Mo—“ v—s 37 „Da haben Sie mich ganz falſch verſtanden“, un⸗ terbrach Riedhelm den beſcheiden appellirenden Jüng⸗ ling.„Ganz falſch, für einen Soldaten gibt es in der Oper kein hervorragendes Motiv als ‚Rataplan', da die Schlußdechargen doch einmal nicht in Muſik geſetzt ſind.“ Eilig bezahlte er den verlangten Preis und hätte beinahe ſeinen Einkauf in den Händen des Commis zurückgelaſſen, der eine zierliche Rolle daraus zu for⸗ men im Begriffe ſtand, ſo ſehr drängte ihn die Un⸗ geduld, den Laden zu verlaſſen. Raſch bog er um die nächſte Ecke, ſchritt etwa hundert Schritte in die ſchmale Gaſſe hinein, die ziemlich öde war und zog dann erſt jenes Billet hervor, das ihm von ſchö⸗ ner Hand im Lindblad'ſchen Liede zugemittelt wor⸗ den war. Nit haſtigem Blick las er die zierliche, doch feſte Handſchrift, und jedes Wort ſog er auf wie einen ſtarkduftenden Tropfen ätheriſchen Oeles, ſo daß er ſich am Schluſſe wie trunken fühlte. Selig leuchteten ſeine Augen, als er das Blättchen auf der Bruſt barg und doch ſtand keine Silbe darauf, welche irgend ein lei⸗ denſchaftlicheres Gefühl verrathen hätte; für ihn frei⸗ lich war es an und für ſich ſchon bedeutungsvoll ge— nug. Es lautete: — — 1 ——;——— „Es war mir ganz unmöglich heute. Meine gute, alte Noëmi iſt krank geworden und Tante Fanny be⸗ gleitet mich bei der Ausfahrt. Hoffentlich kommt es heute Abend zur Entſcheidung. Nicht gar zu ſpät kommen, darum bittet der Geburtstag.“ f — Zweites Kapitel. In der Geſellſchaft. 3 Trotz dieſer Bitte und trotz dem Drängen ſeines eigenen Herzens war die zehnte Abendſtunde ſchon lange vorüber, als Riedhelm in die reichen, ſür den Ballabend geöffneten Apartements des gräflich Bornegg'ſchen Palais' trat. Abſichtlich hatte er ſo lange gewartet, nicht etwa in einer Anwandlung unmännlicher Kokette⸗ rie, ſondern weil er wußte, daß in der erſten Stunde des Feſtes keine ungeſtörte Annäherung zu der viel⸗ umworbenen Tochter des Hauſes zu hoffen war. An einem flüchtigen Worte, an einem blitzſchnellen Austauſch einiger Blicke konnte ihm aber heute nicht mehr genügen, zu weit war das Verhältniß zwiſchen Beiden vorge⸗ ſchritten und drängte zur Entſcheidung, die ja Paula auch für heute verſprochen hatte. Von jeher ein Ver⸗ —— — — ächter des Tanzes, hätte er jetzt viel um die leicht⸗ füßige Geſchicklichkeit des hohlköpfigſten Dandys gegeben, da er ſich allein von all' den günſtigen Gelegenheiten ausgeſchloſſen ſah, die der Tanz einer momentanen Iſolirung vertrauter Pärchen inmitten der drängenden und beobachtenden Geſellſchaft bietet. Er wollte nicht ſtundenlang mit anſehen, wie die Geliebte immer wieder in einem anderen Arme an ihm vorüberſchwebte, lieber machte er ſich des Verbrechens ſchuldig, die herzige Bitte am Schluſſe des Billets unberückſichtigt zu laſſen. Zuletzt aber verging noch eine geraume Zeit in der vergeblichen Erwartung Bört⸗ ling's, der ſchon am Morgen die gemeinſame Fahrt nach dem Palais mit ihm verabredet hatte und nun am Ende doch nicht kam, was übrigens bei Börtling's leichtſinnigem Weſen nicht allzuſehr befremdete. Die Schreiberin des Billets aber muſterte ſchon lange mit flüchtigen Blicken die Gruppen der Herren, und ihr ſchönes Auge, dem die dichte, ſtolz geſchwungene Braue einen mit der edlen Ruhe des Antlitzes contra⸗ ſtirenden leidenſchaftlichen Glanz verlieh, verdüſterte ſich, als ſie auih diesmal nach beendigtem Tanze die Geſtalt Riedhelm's vergeblich ſuchte. An Heurn von Nothfelder's Arm verließ ſie raſch den Saal und trat in das anſtoßende, ganz mit gelber 41 Seide ausgeſchlagene Gemach, wo ſie in der Nähe ihrer Begleiterin vom Morgen in einem niedern Fau⸗ teuil Platz nahm. Die Dame, die in dem Billet als Tante Fanny bezeichnet geweſen war und die als Schweſter des gleichfalls verwittweten Grafen Bornegg die Honeurs des Hauſes machte, hörte gemeinſam mit der neben ihr ſitzenden hochgeſchminkten und brillanten⸗ überſäeten Puppe Webenſtein zu, der jedoch bei Paula's Ankunft ſeinen Vorrath an pikanten Neuigkeiten für erſchöpft erklärte, ſeinen Zuhörerinnen das Vergnügen des eifrigen Wiederkäuens überließ und ſich dem ſtrahlenden Geſtirne zuwandte, das ihm nun aufge⸗ gangen. Seine Züge behielten die apathiſche Schlaffheit, aber in verrätheriſcher Begehrlichkeit funkelten die Blicke, als ſie von dem dunkeln reichen Haare, das jede künſt⸗ liche trügeriſche Nachhilfe verſchmähte, auf den wunder⸗ bar geformten Nacken, die herrlichen Schultern und die zarte Erhebung des wie aus beſeeltem Marmor ge⸗ meißelten Buſens herabglitt. Mit dem Rücken gegen Webenſtein gewendet, konnte Paula den Blick des Ba⸗ rons nicht ſehen, und doch, als fühle ſie peinlich die brennende Berührung dieſes fauniſchen Auges, breitete ſie ihren Federfächer ſo aus, daß er ihr Geſicht ſeinen Blicken entzog, und fächelte ihrem vom Tanze höher gerötheten, antik geſchnittenen Antlitze Kühlung zu. Die Aufmerkſamkeit Webenſtein's wurde dadurch auf ein blitzendes Brillantarmband gerichtet, das den ſchlanken und dabei tadellos gerundeten Arm ziemlich hoch über dem Gelenke umſchloß. „Sie haben da ein Meiſterſtück unſeres Hofjuwe⸗ liers“, ſagte er, indem er ſich auf die Rücklehne des Fauteuils ſtützte und ein wenig zu Paula herabbeugte. „Ich ſah es vor einigen Tagen und erkenne es an der geſchmackvollen Zuſammenſtellung der Brillanten mit den großen Amethyſten. Es wurde mir als verkauft gezeigt, doch blieb der Name des Käufers ein Geheimniß.“ „Ein Geburtstagsgeſchenk meines Vaters“, ent⸗ gegnete Paula kurz, ohne ſich umzuſehen. Sie hörte nicht weiter auf ſeine Bemerkung, daß es nach Angabe des Juweliers einen realen Werth von fünftauſend Gulden repräſentire, und antwortete Nothfelder, der ſie überſchwenglich verſicherte, es ſei dieß der entzückendſte Walzer ſeines Lebens geweſen, ein wenig übermüthig: „Nicht allzu ſchmeichelhaft. Ich entſinne mich, von Ihnen gehört zu haben, daß Sie erſt ſeit dieſem Winter walzen.“ „Was will das ſagen?“ rief Herr von Nothfelder emphatiſch aus, wurde aber in ſeinen weitern Be⸗ theuerungen von Webenſtein unterbrochen. 43 „Daß Comteſſe Paula ihrerſeits dieſen Tanz viel⸗ leicht nicht ſo entzückend gefunden“, bemerkte der Baron ſpöttiſch, erhielt aber unmittelbar darauf den verdienten Vorwurf. „Was erlauben Sie ſich, Baron?“ warf ihm Paula, den Kopf ein wenig wendend, über die Achſel zu.„Ich gab Ihnen kein Recht, meine Ausſprüche zu commentiren.“ „Ja, wer gab Ihnen das Recht?“ begehrte Herr von Nothfelder in einem Tone auf, der bewies, wie ſehr das früher ſchon gelockerte Verhältniß zwiſchen Protector und Schützling durch allerlei Vorkommniſſe, ſeit Mittag an Intimität eingebüßt hatte. „Es iſt ſonſt eben nicht Sache der Damen, einem Schüler Lectionen zu ertheilen“, verſetzte Baron Weben⸗ ſtein ſcharf.. „Ich werde mir darüber eine Erklärung aus⸗ bitten“, brauſte der junge Mann wie ein Kampfhahn auf, was bei ſeinem timiden Ausſehen einen komiſchen Eindruck machte. Vielleicht hätte er ſonſt nicht ſo leicht den Muth gefunden, ſich gegen einen der Unfehlbaren ſo kühn aufzubäumen, wenn er ſich nicht gerade vor einer Dame, und obendrein noch vor der im Stillen ſchwärmeriſch verehrten, compromittirt geſehen hätte. Baron Webenſtein zuckte mit ſarkaſtiſchem Lächeln die Achſeln und entgegnete nachläſſig: 44 Ich denke, ſie „Bedarf es denn einer ſolchen? liegt auf der Hand. In einigen Monaten kann man doch unmöglich ein Tanzmeiſter werden, ſelbſt wenn man ſonſt die gediegenſten Anlagen dazu hätte, und die will ich Ihnen, lieber Nothfelder, durchaus nicht abſprechen.“ Der junge Mann wußte nicht recht, ſollte er dieſe Worte für eine genügende Chrenerklärung oder für eine neue Beleidigung anſehen; es dämmerte etwas wie das Verſtändniß der höhnenden Pointe in ihm auf. „Ja— freilich— in der That“, ſtotterte er. Paula kam ihm freundlich mitleidig zu Hilfe. „Es iſt aber doch erſtaunlich“, ſagte ſie vermit⸗ telnd,„wie raſch Sie den Walzer lernten. Sie tanzen ihn wirklich vortrefflich, wie ein geübter Meiſter.“ „O, Comteſſe“, rief der junge Mann, dem das Entzücken aus den Augen leuchtete,„Ihr Ausſpruch beſchämt mich. Ich werde jetzt Tag und Nacht walzen, um ſeiner würdig zu werden.“ „Das wird das Vernünftigſte ſein, was Sie thun können“, ſtimmte Webenſtein ſarkaſtiſch bei. Paula mußte unwillkürlich lächeln, wiewohl ſie ſich durch die Impertinenz des Barons geärgert fühlte. 45 Es verdroß ſie, daß er den armen wehrloſen jungen Mann zum bequemen Stichblatte ſeines Witzes machte. „Baron Webenſtein“, ſagte ſie,„ſcheint heute ebenſo freigebig mit ſeinen Rathſchlägen, als verſchwen⸗ deriſch mit ſeinen ungebetenen Commentaren. Ich bin überzeugt, er wird die Gelegenheit dazu nicht einmal vorübergehen laſſen, wenn ich nur die einfache Bitte an ihn richte, mir ein Glas Waſſer zu ſenden.“ „Sie haben ganz recht vermuthet“, erwiderte der Baron, dem es nicht darum zu thun war, ſich fort⸗ ſchicken zu laſſen.„Ich bin raſcher mit dem Rath, als mit dem Waſſer zur Hand. Die Abkühlung nach dem Tanze wäre zu raſch und könnte Ihnen leicht ſchaden. Das darf ich nicht auf mein Gewiſſen nehmen und— ſo bleibe ich denn lieber.“ „Indeß ich verdurſte“, fügte Paula mit einem Vor wurf bei, in den ſich merkbar Verdruß miſchte. Der Augenblick ſchien Herrn von Nothfelder günſtig, ſeine dienſtfertige Ergebenheit zu beweiſen und gleich⸗ zeitig auch einen Rückſchlag auf ſeinen Mentor, gegen den er ſich gründlich empört hatte, zu führen. „O, ich eile!“ rief er mit köſtlichem Pathos.„Wäre es mir doch immer vergönnt, Ihre Wünſche ſo erfüllen zu dürfen und dadurch zugleich einem herzloſen Skeptiker 46 jene Lection zu ertheilen, mit der ſich ja die Damen nicht befaſſen ſollen.“ Mit dieſem blutigen Ausfall und einem triumphiren⸗ den Blick auf den Baron, den er nun niedergeſchmettert zu haben feſt überzeugt war, ſtürzte der junge Mann, durch das Gedränge ſeinen Weg ſuchend, fort. Baron Webenſtein ſchien höchlich amüſirt von der Vehemenz dieſes Abgangs. „Gut gebrüllt, Marionette“, ſpöttelte er, ſich vertraulicher auf den Fauteuil lehnend.„Enfin, er ging und das iſt die Hauptſache. Es gilt nur, die richtigen Fäden zu ziehen, und die Püppchen agiren ganz natürlich und mit der ſtaunenswertheſten Prä⸗ ciſion.“ „Immerhin beſchämt er Sie doch in Einem“, ent⸗ gegnete Paula, indem ſie mit einer unmerklichen Be⸗ wegung ihren Kopf ſo wendete, daß er ſich von dem ihr Läſtigen entfernte, obwohl ſich ihm gleichzeitig das Profil dabei zukehrte. „Mag ſein, ich gönne ihm dieſen banalen Triumph“, ſagte der Baron, und fügte leiſer, nur ihr allein ver⸗ ſtändlich hinzu:„Liebenswürdig kann eben jeder kurz⸗ ſichtige Tropf heißen, der nach einem Glaſe Waſſer läuft und damit Anderen das Feld räumt, glücklich, für ſeine Dienſtfertigkeit ein unbedeutendes Wort des Dankes zu erl vel 1 Lei ein 1 ernten. Ich geize nach ſo zweifelhafter Huld nicht. Ich verlange mehr.“ „Ungenügſamkeit iſt noch kein Verdienſt.“ „Als ob bloß das Verdienſt zum Ziele führte! Ich zähle auf die Ausdauer und Heftigkeit meiner Leidenſchaft,— ſie werden mir das Ziel erringen helfen.“ Paula's fein geſchweifte Lippen kräuſelten ſich zu einem verächtlichen Lächeln. „Ich wußte nicht“, warf ſie ſarkaſtiſch hin,„daß Sie die Bank von Homburg zu ſprengen gedenken;— ſo muß ich mir bei dieſem Aufwand von Eigen⸗ ſchaften Ihre Abſicht deuten. Oder bringen Sie Ihren heurigen Sommer in einem anderen Spiel⸗ bade zu?“ „Sie ſind grauſam, Comteſſe!“ beklagte ſich Weben⸗ ſtein, der zornig an ſeinen Lippen kaute. „Verlangen Sie denn Nachſicht?“ „Nein, aber mehr als das“, verſetzte der Baron, und ſich jetzt ſo tief herabbeugend, daß ihm das feſt⸗ geklemmte Augenglas von der Naſe fiel, flüſterte er beinahe unhörbar:„Sie wiſſen es ja. Spielen Sie nicht länger mit mir und weichen Sie mir nicht immer aus. Es nützt Ihnen doch nichts, ich werde nicht nach⸗ geben und Keiner ſoll Sie mir ſtreitig machen. Ich bin in Kenntniß gewiſſer geheimnißvoller Zuſammenkünfte—“ 48 Er vollendete nicht. Vergebens hatte Paula nach einer willkommenen Störung ausgeblickt; die ſie ſonſt immer mit ſo viel Zudringlichkeit umſchwärmenden Anbeter ſahen ſie in ein intereſſantes Geſpräch mit Baron Webenſtein vertieft und ſcheuten zu ſehr, den Löwen zu reizen, um ſich zu nahen. Der Baron ſpielte in der jungen Männerwelt eine eben ſo bewunderte als gefürchtete Rolle. Jetzt aber, wo der Schreck über die Entdeckung ihr Herz durchfuhr, blieb der Bedräng⸗ ten nichts Anderes übrig, als ſich mit all' dem ver⸗ nichtenden Stolz, den ſie dem tückiſchen Manne gegen⸗ über empfand, aufzurichten und ihn in ſeine Grenzen zu weiſen. Gab ſie nur ein Zeichen von Furcht, ſo war ſie in ſeiner Hand. „Sie drohen?“ ſagte ſie, ihre Augen ſo feſt auf die ſeinen richtend, daß er nahe daran war, ſie nieder⸗ zuſchlagen.„Ich war doch der Meinung, Sie bedürften außer Ihren beiden Alliirten, der Ausdauer und der Leidenſchaft, keiner Hilfsmittel weiter. Ihre Drohung iſt ein Schlag in's Geſicht, wie jede Verleumdung, und ſo weit vergeſſen ſich nur Feiglinge Damen gegen über.“ Der Zorn verſchönerte das ſtolze Mädchen unge mein, er umſtrahlte ſie mit königlicher Hoheit. In⸗ ihrem Blick lag etwas ſo bezwingendes, daß Webenſtein 49 ſelbſt ſeine Sicherheit ſchwinden fühlte und mit unter⸗ würfigem, eindringlichem Tone ſie anflehte, ihn nicht für das unbedachte Wort zu züchtigen, das ihn der Wahnwitz der Liebe ſprechen ließ.—„Aber warum jagen Sie auch mein Blut durch alle Irrgänge der Verzweiflung“, fuhr er mit gutgeſpielter Leidenſchaft⸗ lichkeit fort, bis es wie ein glühender Lavaſtrom die Schranken zerreißt! Sprechen Sie endlich das eine kurze Wort der Erhörung, um das ich Sie auf den Knieen anflehen möchte, wenn wir allein wären. Paula——!“ „Baron, Sie werden wieder unangenehm“, unter⸗ brach ihn Paula ſcharf. Der Baron aber ließ ſich nicht beirren; ungeachtet dieſer Zurechtweiſung ſetzte er ſein Drängen fort. „Warum, o warum dieſe unbeſiegbare Härte? Sie wiſſen nicht, Paula——“ Diesmal begnügte ſich die alſo Angeredete nicht mehr mit einer fruchtloſen Unterbrechung, entſchieden entzog ſie ſich der quälenden Zudringlichkeit, indem ſie ſich kurzweg mit eiſiger Kälte erhob und, ohne von Weben⸗ ſtein, der kaum ein zorniges Knirſchen zu verbergen ver⸗ mochte, weitere Notiz zu nehmen, an den Tiſch trat, der an der Seite des Sophas, auf welchem ihre Tante ſaß— mit den verſchiedenſten Albums bedeckt— ſtand. Byr, Wrack. I 4 50 Schon ſeit einiger Zeit blätterte in einem derſelben, das die goldgepreßte Aufſchrift„Italien“ trug, Feld⸗ marſchallieutenant Graf Thunau, der offenbar nur zue dem Zwecke das Zimmer betreten hatte, um mit Paula einige Worte zu wechſeln, ſich aber, um ihr Geſpräch nicht zu unterbrechen, dieſer zeittödtenden Beſchäftigung zugewendet hatte. Er war nicht mehr jung, ſein Haar ſtark ergraut, dennoch machte ſeine hohe, gerade gehal⸗ tene Geſtalt den Eindruck der Rüſtigkeit, ſein Geſicht war edel geſchnitten, ſein Auge blickte gerade und ernſt, in ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich militäriſches und ariſtokratiſches Selbſtbewußtſein ohne Ueberhebung aus. In der Jugend mußte er ſchön geweſen ſein, jetzt noch konnte er ein wohlconſervirter Mann genannt werden, und ſein Umgang war in Geſellſchaft ſtets an⸗ genehm und von einer liebenswürdigen Gemeſſenheit Ein wenig ſchwerhörig und in den Anblick eines Blattes, das ihn beſonders zu feſſeln ſchien, vertieft, hatte er Paula's Annäherung nicht wahrgenommen und ſchrak leicht zuſammen, als ihn ihre, auch in der ver⸗ ſtärkten höhern Lage noch wohlklingende Stimme aus ſeinem Sinnen riß. „Nicht wahr, das Bildchen hat Ihre Aufmerkſamkeit erregt, General?“ ſagte ſie mit freundlichem Lächeln. „O, es iſt auch mein Liebling.“ „Vielleicht des Künſtlers wegen?“ fragte der Ge⸗ neral, indem die Spitze ſeines Fingers auf einen in die Augen ſpringenden Namen in der untern Ecke des Blattes wies. Paula ſchüttelte leicht den Kopf. „Nicht im Entfernteſten“, erwiderte ſie.„Sie ſehen ja, Couſin Edgar hat es für nothwendig befunden, ſeinen Namen recht auffällig anzubringen, damit man ob des Gegenſtandes den Künſtler nicht vergeſſe, was er bei mir, aufrichtig geſtanden, nur zu ſehr Gefahr läuft.“ „Und dennoch iſt er zu beneiden, da er Ihnen, ſchöne Comteſſe, ein Vergnügen zu bereiten vermochte“, äußerte der Graf. Webenſtein hatte ſich wieder Paula's Tante ge⸗ nähert, die an ſeiner Geſellſchaft ſichtbar Gefallen zu finden ſchien. „Der alte Narr“, flüſterte er ihr jetzt in's Ohr, „führt die Batterieen ſeiner Galanterie in's Feuer, ſo verjährt wie er ſelber.“ Lachend nickte ſie Beifall. Die Gräfin Larenberg mochte wohl gegründete Urſachen haben, dem General mißgünſtig zu ſein und ſeine Galanterien verjährt zu finden, da er dieſelben, trotz wiederholter, faſt hand⸗ greiflicher Anſpielungen und des aufmunterndſten Ent⸗ 4* gegenkommens, immer noch nicht ihr zu weihen ſich entſchloß. „Das hat er in der That“, war indeß Paula's Antwort geweſen, die ſie in ſchlichter Einfachheit gab, wie ihrem energiſchen Charakter überhaupt jede Ziererei fremd war.„Seine Aquarelle ſind wirklich recht hübſch. Zudem gibt es kein ſüßeres Plätzchen auf Erden als den Comerſee, und ſo arbeitet die eigene Erinnerung an dem Kunſtwerk erklärend mit.“ Der General blickte träumeriſch auf das Blatt. „Auch mich zieht eine innige Sympathie nach jenen lieblichen Ufern“, ſagte er.„Ein kleines Grab.“ b„Ein Grab?“ „So iſt es. Auf den Wunſch der ſterbenden Mutter ging ich mit meinem kranken Kinde nach Belaggio. Die Luft ſollte helfen.“ Er ſeufzte und ſein Auge ſchimmerte feucht.„Nun“, ſchloß er raſch,„das iſt freilich ſchon lange her.“ „Deshalb blieb Ihnen das Blatt in Händen. O, Sie müſſen mir davon erzählen!“ rief ſie, unwillkürlich gerührt, ſtreckte ihm theilnehmend ihre Hand hin und ſetzte mit nicht verletzendem Scherze vorwurfsvoll hinzu: „Warum ſprachen Sie nie davon? Bin ich nicht Ihre kleine Freundin? Ce n'est pas gentil, mon général.“ 53 Während Graf Thunau die dargebotene Hand an ſeine Lippen zog, murmelte Baron Webenſtein giftig zwiſchen den Zähnen:„Die Kokette!“ Dann wandte er ſich in ſeiner nachläſſig ſpöttiſchen Manier an den Grafen. „Comteſſe Paula will Sie Beichte hören, Herr General“, warf er in einem Tone hin, worin Scherz und Bosheit hart an einander grenzten und der darum impertinent klang,„aber ſie vergißt, daß man bei zuneh⸗ mendem Alter nicht mehr gern an Dinge erinnert wird, die vor vielen Jahren geſchehen ſind.“ Gräfin Larenberg nickte und lächelte Beifall. Graf Thunau hingegen richtete ſich ſtraff auf, heftete ſeinen Blick feſt auf den Baron und gab ihm mit kaltem Ernſt zurück: „Sie irren, Herr von Webenſtein, doch halte ich die Unrichtigkeit Ihrer Behauptung dem Wunſche, ſich geiſtreich zeigen zu wollen, zu gute. Warum ſollte ich mich abgebleichter Erinnerungen mehr als meiner ge⸗ bleichten Haare ſchämen? Haben Sie zufällig nie vom Hekla gehört? Die Decke von Eis hindert nicht, daß er zu Zeiten Flammen ſprüht, und mancher Verwegene hat es ſchon gebüßt.“ Webenſtein, der ſich nur offenſiv vorwagte, wo er keinen Ernſt erwartete, änderte ſogleich den Ton und entgegnete ebenſo feig als hämiſch: ——y n 54 „Sie thun mir Unrecht, General, mir fiel eine ſolche Deutung meiner Worte nicht im Traume bei, au contraire war ich der Meinung— um die Me⸗ tapher beizubehalten—: man gedenke der Aſtern nicht, wenn unter dem Schnee friſche Veilchen ſprießen.“ Diesmal hatte er den verwundbaren Fleck getroffen. Der General wandte ſich mit unverhüllter Verachtung ab, doch gelang es ihm nicht ganz, ſeine Verwirrung zu verbergen; zum Glücke für ihn kam Bewegung in die ziemlich dicht umherſtehenden plaudernden Gruppen; man errieth aus einigen Tönen, die in dem Geſumme hörbar wurden, die erſten vom Orcheſter angegebenen Tacte einer Francaiſe, und Alles beeilte ſich, in den Saal zu gelangen. Den Paaren entgegen drängte ſich jetzt plötzlich Herr von Nothfelder, hin und wieder ziemlich ungeſtüm Platz heiſchend, und ſtand im nächſten Augenblicke mit dem Glaſe Waſſer auf dem Präſentirteller vor Paula. „Ach Gott, Comteſſe“, berichtete er athemlos und mit dem Ausdrucke übertriebener Verzweiflung in Wort und Geberde,„ich bin unſchuldig und im höchſten Grade unglücklich, daß ich Sie ſo lange durſten ließ, aber parole d'honneur, nirgends war Waſſer zu bekommen. Ueberall, wo ich fragte: Eis, Limonade, Orangeade, 55 Thee, Bouillon, Mandelmilch, alles Mögliche, nur kein Waſſer. Endlich iſt es mir gelungen, nachdem ich das Unmöglichſte aufgeboten——“ Der junge Mann trat nun triumphirend einen Schritt näher, ſollte aber in ſeinen Erwartungen ge⸗ täuſcht werden, denn Paula fühlte ſich von den Aus— fällen Webenſtein's ſo mißſtimmt, daß ihr nur darum zu thun war, das Gemach bald zu verlaſſen, und ſie dabei nicht erſt Bedacht nahm, den Eifer ihres jungen, ſtill verſchwiegenen Anbeters zu belohnen. „Ich danke Ihnen recht ſehr, Herr von Nothfelder“⸗ ſagte ſie mit kühler Freundlichkeit, dem eine leichte Kopfneigung Nachdruck gab;„aber man gibt das Signal zur Quadrille und ich fürchte, mein Tänzer wird mich vergebens ſuchen.“ Dann wandte ſie ſich an den Grafen und erſuchte ihn, ſeinen Arm nehmend: „Wollen Sie mich in den Tanzſaal führen, mon général.“ Graf Thunau beeilte ſich, ihrem Wunſche nachzu— kommen. „Ich bedaure nur, daß es für einen Andern ſein muß“, äußerte er;„aber das Tanzen iſt leider für mich vorbei.“ „Und manches Andere ſollte es ebenfalls ſein“, flüſterte Webenſtein ſarkaſtiſch der Gräfin zu, die ſich mit ihrer Geſellſchafterin ebenfalls erhoben hatte, um der Francçaiſe im Saal zuzuſehen. „Sie ſind ein Mephiſtopheles“, entgegnete die Gräfin und gab ihm lächelnd einen Schlag mit dem Fächer. Er aber folgte inzwiſchen mit ſcharfem Auge dem ungleichen Paare, das in der Thüröffnung eben auf den gerade eintretenden Riedhelm ſtieß. Eine kaum merkbare Bewegung, ein leiſes Erröthen auf Paula's Wangen entging ſeinem ſcharfen Blicke nicht. Paula war von der in dieſem Momente nicht er⸗ warteten Begegnung derart überraſcht worden, daß ihr das Wort gebrach, den ſpät kommenden Gaſt, der ſich vor ihr verbeugte, zu begrüßen. Der General that es an ihrer Stelle. „Guten Abend, Riedhelm“, ſagte er herablaſſend, „Sie kommen erſt jetzt? Sie ſind ſonſt kein Freund von Verſpätungen.“ „Nur Tänzer vermißt man auf einem Balle, Excel⸗ lenz,— und ich bin keiner“, verſetzte der Angeſprochene ruhig, wobei aber ſein Blick zu Paula's Augen hinüber⸗ ſchweifte und ausdrucksvoll und fragend an dieſen hän⸗ gen blieb. War es Zufall oder Abſicht, daß in dieſem Augen⸗ blicke Paula's geſchloſſener Fächer eine ungewöhnliche Bewegung machte und nach einer Thür des Gemaches wies, die dem Ausgange nach der Seite des Saales gerade gegenüber lag, von blühenden und immergrünen Sträuchern aber faſt ganz verdeckt war? Webenſtein, der die Bewegung wohl bemerkt hatte, fragte ſich darum und ſtieß einen ganz leiſen Pfiff zwiſchen den Zähnen hervor. Der General gab mittlerweile dem ſaumſeligen Untergebenen, deſſen Regimentsinhaber er war, noch einen wohlwollenden Verweis. „Sie zeigen wenig Eile, Ihre Huldigung unſerer ſchönen Dame vom Hauſe zu Füßen zu legen— nun, vielleicht wußten Sie nicht“, ſetzte er hinzu,„daß wir Ihren Geburtstag feiern.“ Riedhelm trat mit einer tiefen Verbeugung zur Seite und ließ das Paar vorüber, in ſeinem Auge ſprühte ein heiteres Spottteufelchen. Er— er ſollte nicht wiſſen um den Geburtstag! Und von wem war denn das Briefchen auf ſeiner Bruſt, als vom„Ge⸗ burtstag.“ Bei ſeiner innerlichen Heiterkeit, noch ſelig von dem bezaubernden Anblick des geliebten Mädchens, achtete er der kühlen Kopfneigung nicht, die ſeiner Verbeugung von Seite der Gräfin Larenberg zu Theil wurde, ſondern lenkte ſeine Schritte wie zufällig quer durch das Gemach, 58 dem Gebüſche zu, das jene erwähnte Thüre zum Theil verbarg. Noch immer ſtand Herr von Nothfelder über die ſchmähliche Zurückweiſung ſeines ſo ſchwer eroberten Glaſes beſtürzt und zur Salzſäule erſtarrt auf dem⸗ ſelben Flecke. Verblüfft ſah er der Entſchwundenen nach und ſtotterte erſt nach einer Weile: „Ja— ja— aber das— Waſſer.“ In demſelben Momente trat Webenſtein an die lächerliche Figur heran, nahm ganz ruhig das Glas von der Servirtaſſe, trank es mit einem Zuge leer und ſetzte es, ohne eine Miene zu verziehen, wieder darauf zurück. „Iſt ſehr friſch geweſen“, ſagte er mit Gönner⸗ miene zu dem ihn mit offenem Munde anſtarrenden Jüngling.„Kühlt ausgezeichnet. Aber Sie bedürfen wohl keiner Abkühlung mehr— oder wie? Mir that ſie ſehr wohl und es war ſehr freundlich von Ihnen, ſich ſo zu bemühen.“ Jetzt endlich erholte ſich Herr von Nothfelder von ſeiner Verſteinerung, und die Taſſe ſammt dem leeren Glas auf den Tiſch ſetzend, daß ſie klirrten, rief er zornig: „Für Sie hätte ich es wahrlich nicht gethan!“ „Gleichviel“, entgegnete Webenſtein, gleichmüthig 59 die Achſeln zuckend,„Sie gewinnen dabei eine Nutzan wendung: homme propose et la femme dispose— auch über ein Glas Waſſer.“ „Behalten Sie Ihre Maximen für ſich!“ rief Herr von Nothſelder, auf's Aeußerſte gebracht, mit unerwarte⸗ ter Energie,„auch über ein Glas Waſſer!“ Und damit ſtürzte er wüthend zur Thür hinaus, da er zur Qua⸗ drille zu ſpät zu kommen fürchtete. Webenſtein ſah ihm höhniſch lächelnd nach, dann aber richtete ſich ſein Blick auf die vom Gebüſch halb— verdeckte Thüre, durch die er im nächſten Momente in ein dämmeriges Gemach trat. Achteckig und mit dunkel⸗ braunen goldgepreßten Ledertapeten ausgeſchlagen, war es ein reizender Schmollwinkel, in dem man ſich unge⸗ ſtört ſeinen Träumereien hingeben konnte. Eine Hänge⸗ ampel aus farbigem Glas verbreitete nur ein mattes, phantaſtiſches Licht, das in Verbindung mit der rothen Gluth im Kamine eigenthümliche Effecte hervorbrachte. Die Einrichtung beſtand in nichts Anderem, als Sitz⸗ möbeln der mannigfaltigſten Art, von denen ſich eine Anzahl um den Kamin gruppirte, der, aus reinſtem carrariſchen Marmor in ſchönen Formen gemeißelt, aus der dunklen Wand hervortrat und außer zwei ſchlanken chineſiſchen Vaſen nur noch eine kunſtvolle, alterthüm⸗ liche Pendüle trug, deren Rückſeite ſich in dem hohen, bis 60 zum Plafond reichenden Glaſe— der einzigen Wand⸗ verzierung— ſpiegelte. Riedhelm ſaß nachdenklich in einem tiefen Fauteuil und ſchürte mit dem Feuerhaken in der erſterbenden Glut. Unangenehm berührt, zuckte er zuſammen, als Webenſtein's Organ an ſein Ohr ſchlug. Auf die Be⸗ merkung, welch' ein ruhiges Plätchen er ſich ausgeſucht, gab er gar keine Antwort, doch Webenſtein hatte ſein Ziel im Auge und ließ ſich nicht ſo leicht abſchrecken. Bequem ſtreckte er ſich zu Riedhelm's Mißvergnügen ebenfalls in einem Fauteuil aus und gähnte dann mit Oſtentation. „Nun, was ſagen Sie, Herr Hauptmann“, begann er nach einer Weile,„es iſt wahrlich keine Kleinigkeit für uns Nichttänzer, ſo die ſchönſten Stunden zu opfern und ſie auf einem Balle zu verbringen, wo man ſich aus Langeweile zu Tode gähnen könnte?“ Auf die directe Frage mußte Riedhelm doch eine Antwort ertheilen. „Mir iſt's kein Opfer“, ſagte er.„Wenn ich auch nicht tanze, vermiſſe ich doch meinerſeits die Aufregungen des Spiels nicht. Ich befinde mich hier ſo gut wie anderswo.“ „Nun, ich leugne nicht, daß ich meine Abende lieber am Spieltiſche verbringe. Ihr Freund, Oberlieutenant — Börtling ſcheint derſelben Meinung zu ſein. Als wir uns nach dem Frühſtück, das etwas lange währte, trennten, äußerte er die Abſicht, zu Klippburg zu gehen.“ „Wie? Börrtling? und ich erwartete ihn hier?“ „Dann warten Sie vergebens, er hält es mit Klippburg, dem es ebenfalls in ſeinem Kreiſe beſſer gefällt. Die Geſellſchaft iſt dort vielleicht in ihren Aus⸗ drücken nicht ſo gewählt wie hier, aber um hundert Points amuſanter. Er verſteht, ſich das Leben einzu⸗ richten. Ich wollte, Fauſt's Mantel brächte mich hin.“ Riedhelm ſtieß in die Kohle, als ob er ſagen wollte Wahrhaftig, das wollte auch ich! faßte aber ſeinen Wunſch in ein conventionelleres Gewand und verſetzte: „Aber wozu wünſchen Sie erſt eine ſo ungewöhnliche Transportgelegenheit? Es ſind ja kaum fünfhundert Schritte von hier, weßhalb thun Sie die nicht?“ „Ich hätte in der That nicht übel Luſt, mir fehlt nur Eins: ein Compagnon, mir den Weg zu verkürzen, ein Grund, mich aus der trägen Erſchlaffung aufzu⸗ reißen. Ich bin bereit, wenn es einen Freund zu be⸗ gleiten gilt, ſonſt kann ich eben ſo gut ein Stündchen hier verdämmern. Ich bin heute unendlich abgeſpannt, die Muſik macht mir Kopfweh.“ .„ —, 62 „Dann wird aber Ihr Uebel zunehmen, je länger Sie bleiben“, beeilte ſich Riedhelm, der heftig erſchrocken war, zu bemerken. Der Eifer beſtärkte Webenſtein in ſeiner Vermu⸗ thung, ſo leicht räumte er nicht den Platz. „Sie haben ganz Recht“, gähnte er.„Laſſen Sie ſich einen Vorſchlag machen. Sie waren lange genug nicht bei Klippburg, ſehen Sie ſich die Wirthſchaft dieſes Junggeſellen par excellence wieder einmal an — ich gehe mit.“ „Ich bin nicht ganz in Ihrer Lage, verehrteſter Baron“, erwiderte Riedhelm kalt.„Sie bieten mir den Compagnon, trotzdem fehlt mir ein Grund.“ „Wie meinen Sie das?“ „Buchſtäblich. Ich kenne keinen anderen Grund, in einen Spielclub zu gehen, als den:— zu ſpielen. „Sie ſcheuen wohl die Chancen“, warf Webenſtein mit leichtem Spotte hin.„Wer gewinnen will, muß wagen.“ „Ein muthiges Ringen ſtelle ich höher als die Toll⸗ kühnheit des unbeſonnenen Waghalſes.“ „Es ſcheint doch nicht in jedem Fall.“ „Mein Herr!“ „Geduld Sie können ſpäter leugnen“, beſchwichtigte Webenſtein den in Harniſch Gerathenen und fuhr dann ger ten ein oll⸗ 63 lauernd fort:„Sollte ich vielleicht irren, ſo ſteht es noch immer bei Ihnen, mich zu berichtigen, aber ich glaube vorausſetzen zu dürfen, Ihrer Weigerung mich zu begleiten, liege ein Intereſſe zu Grunde, das Sie hier im Hauſe feſſelt, wenn Sie auch gerade keinen Sinn für taktmäßige Bewegung Ihrer Beine an⸗ derswo, als auf dem Egxercirplatze haben. Ich meine ſo.“ Riedhelm ſprang, ſeiner Gefühle nicht mehr Herr, zürnend auf. „Mit welchem Recht, Herr, drängen Sie ſich an mich?!“ rief er, doch bereute er ſchon im nächſten Augenblicke, daß er ſich vom Moment hatte hinreißen laſſen. „Sie ſind ja merkwürdig empfindlich“, äußerte Webenſtein mit großem Gleichmuth, ohne ſein hämiſches Lächeln zu verbergen.„Warum erhitzen Sie ſich ſo? Wer wird einen kleinen Scherz unter Bekannten übel nehmen? Ich muß eine Freikugel im Laufe gehabt ha⸗ ben. ‚Schieß nicht, Max, ich bin die Taube!’— und den Vortheil, den ihm ſeine Ruhe dem hitzigen Neben⸗ buhler gegenüber diesmal errungen, ſchlau wahrneh⸗ mend, ſchlug er nun einen Ton ſchmeichelnder Bieder⸗ keit an, indem er ſich ebenfalls erhob und an den Ka⸗ min lehnte, wodurch er Riedhelm näher kam.„Es 64 thäte mir leid“, ſagte er,„hätte ich abſichtslos Unheil angerichtet, und faſt muß ich's fürchten, denn nur, wenn in's Schwarze getroffen iſt, geht der Böller los. — Hab' ich's? Hab' ich eine Wunde berührt?— Laſſen Sie mir es nicht entgelten! Sehen Sie in mir Ihren Freund, der Ihnen gern mit Rath und That an die Hand ginge! Freilich müßte ich zuerſt wiſſen, wie ich Ihnen am leichteſten beiſtehen könnte. Oft ſieht ein anderes Auge ſchon beim erſten Blick, was dem einen immer und immer wieder entgeht. Offene Dar⸗ legung und Vertrauen ſind in einem ſolchen Falle das Beſte.“ Riedhelm hatte ſcheinbar ruhig zugehört. Ein über⸗ müthiger Einfall war durch ſeinen Kopf geſchoſſen, der den Heuchler gleichzeitig entlarven und ihm vom Halſe ſchaffen ſollte. Die Quadrille mußte ja bald zu Ende ſein, und wie unangenehm war es, wenn Paula den läſtigen Spion noch hier fand! „Eine Lüge iſt der anderen werth“, dachte er, und als ihm der Baron mit aller Unverſchämtheit die Hand entgegenſtreckte und Vertrauen für Vertrauen bot, das er niemals zu bereuen haben ſolle, nahm er mit ziem, lich ſchauſpieleriſcher Geſchicklichkeit die Miene eines Bedrängten an und rückte mit ſcheinbarem Zaudern, jedoch ohne die Hand anzunehmen, heraus.„Und wenn 65 ich ſpreche“, äußerte er,„was wird es am Ende nützen?“ „Was in eines Menſchen Kräften ſteht, will ich thun“, ermuthigte ihn der Baron, innerlich aber ſetzte eer wohl hinzu:„Dich zu zermalmen!“ „O, Sie ſind freundlich, Baron“, ſagte Riedhelm und fügte zweideutig bei:„zu freundlich faſt. Aber es iſt eine große Kluft, die ſich vor mir aufthut.“ Webenſtein triumphirte. Er glaubte ſich am Ziele, ſich ſelbſt Herr des Geheimniſſes. „Es gibt keine“, betheuerte er mit falſcher Treu⸗ herzigkeit,„die ſich nicht ausfüllen oder überbrücken ließe. Nur Muth!“ War das Geſtändniß einmal gethan, ſo hoffte er mit dieſer Waffe in der Hand, je nach Ermeſſen, auf Paula oder Graf Bornegg einen zwingenden Druck aus⸗ üben zu können. Bisher waren alle ſeine Andeutungen nur Verſuchballons geweſen, die er ausſendete, nun endlich ſollte ihm Gewißheit werden. Erwartungsvoll lauſchte er auf jedes Wort, das Riedhelm ſprach. „Sie thaten eines Intereſſes Erwähnung, das mich hier im Hauſe feſſle“, ſagte dieſer,„wie wußten Sie?“ „So etwas erräth ſich. Comteſſe Paula vermag ihr e Empfindungen nicht immer zu beherrſchen.“ Byr, Wrack. I 9 66 „Comteſſe Paula?“ fragte Riedhelm mit dem täu⸗ ſchendſten Ausdruck der Verwunderung. „Nun ja, Sie meinten doch die Kluft, die Sie von ihr trennt“, entgegnete Webenſtein irre gemacht, und ſein Blick ſchien dem Gegner bis in's Herz ſehen zu wollen. „Von Comteſſe Paula?“ rief Riedhelm ſcheinbar enttäuſcht.„Wie kommen Sie darauf? Sie haben mich alſo nicht verſtanden?“ „Welches Intereſſe könnte Sie ſonſt hier feſſeln?“ „Und ich dachte, Sie kämen mir hilfreich entgegen, weil Sie meine Lage erriethen.“ „Aber ich begreife nicht“, ſtieß Webenſtein verblüfft hervor.„Erklären Sie ſich doch! Meine Hilfe habe ich Ihnen freilich zugeſagt, und das ändert ſich in keinem Falle.“ „So muß ich denn auseinanderſetzen“, begann Riedhelm mit gedämpfter Stimme, die nur mühſam das Lachen bewältigte,„was mir nur anzudeuten ſchon ſchwer wird. Das Intereſſe, das mich hier noch feſſelte, war die Hoffnung mit einem meiner Kameraden zu ſammenzutreffen, der mich hierher beſchied. Er wollte bis zehn Uhr da ſein, wenn es ihm gelang, die Summe für mich aufzutreiben, die ich morgen einem unerbittlichen Gläubiger bezahlen muß. Nun iſt's bei⸗ 67 nahe Elf und er iſt noch nicht da— ich wage kaum mehr zu hoffen.“ „O, Sie haben Schulden?“ bemerkte Webenſtein, mit einem Male ſehr kühl geworden. „Nein, eigentlich nicht ich, aber ich ſtand für einen Andern gut, der mich im Stiche ließ. Es handelt ſich um meine Exiſtenz, wenn dieſe Summe bis morgen nicht gedeckt iſt, mein Ehrenwort iſt verpfändet, Hun⸗ dert Napoleonsd'or und die Kluft iſt gefüllt.“ „Bah, eine Bagatelle; wie kann Sie das ſo be⸗ unruhigen?“ „Für Sie mag es vielleicht eine Bagatelle ſein, für mich iſt's ein Vermögen.“ „Sie hätten ſich nicht einlaſſen ſollen.“ „Aber nun iſt's geſchehen.“ Webenſtein zuckte gleichmüthig die Achſeln. „Das iſt freilich fatal, ſehr fatal“, ſagte er, und ſchob beide Hände in die Taſchen ſeiner Bein⸗ kleider. Die letzten Takte der Francaiſe verklangen und Riedhelm, der ſeine Liſt ſo wohl gelungen ſah, ent⸗ ſchloß ſich vollends, Sturm zu laufen, um den unbe⸗ quemen Geſellſchafter ganz zu vertreiben, ehe Paula dazu kam und all' ſeine Bemühungen vergeblich machte. 68 „Baron“, fing er daher wieder in dringenderem Tone an,„Sie boten mir früher Ihre hilfreiche Hand,— wäre es wirklich möglich, daß Sie einen ſolchen Akt der Großmuth ausübten?“ „Thut mir leid“, lehnte Webenſtein nachläſſig ab,„miſche mich nie in fremde Geldangelegen⸗ heiten.“ „Schon in einigen Monaten wäre ich wieder in der Lage—“ Riedhelm hielt zaudernd inne. ⸗ Webenſtein, der, vollkommen getäuſcht, nicht den geringſten Zweifel mehr in die Abſicht Riedhelm's ſetzte, glaubte in ſeiner Abweiſung nicht entſchieden genug ge⸗ weſen zu ſein. „Verſtehe ich Sie recht, Herr Hauptmann“, ſagte er eiſig,„Sie wollen bei mir eine Anleihe machen? Bei mir? Das iſt vollkommener Nonſens.“ „Eine Bagatelle nannten Sie es ſelbſt.“ „Eine Bagatelle muß man haben!“ verſetzte Weben⸗ ſtein ſarkaſtiſch. „Ah, Sie weichen mir aus“, drängte Riedhelm lebhafter, da er ſchon das Geräuſch der in das nächſte Zimmer ſtrömenden Paare vernahm.„Iſt das Ihre Theilnahme? Was eines Menſchen Kräfte vermögen, wollten Sie thun.“ „Das will ich auch, parole d'honneur!“ unterbrach 69 Webenſtein ironiſch die vorwurfsvolle Rede.„Ich gebe Ihnen einen Rath, mehr vermag ich nicht.“ „Und der wäre?“ 3 „Gehen Sie zu Klippburg— und ſpielen Sie! Das Wie iſt Ihre Sache.“ Mit dieſen höhniſch vorgebrachten Worten ver⸗ beugte ſich der Baron, und in der vollen Ueberzeugung, einen Fehlſchluß gethan und einen Menſchen für ge⸗ fährlich gehalten zu haben, der weit davon entfernt war, ſein Nebenbuhler zu ſein, verließ er das Gemach mit dem Gefühle heimlicher Schadenfreude, Riedhelm, der ihm ſo oft ſcharf und ſiegreich entgegengetreten war, nun endlich auch in einer precären Lage zu wiſſen. Als er hinaustrat, ſah er ſich vergebens nach Paula um, er durchſchritt, ſie ſuchend, die Aparte⸗ ments, an einem Theetiſch traf er mit der Gräfin Larenberg zuſammen. „Ich bin eben damit beſchäftigt geweſen, einen ar⸗ men Teufel zu tröſten“, war ſein erſtes Wort. Haupt⸗ mann Riedhelm klagte mir ſeine Noth. Es that mir leid— aber ich borge grundſätzlich nie.“ „Was Sie ſagen?“ erwiderte ſie raſch mit ge⸗ ſpannter Neugierde und unzweifelhafter Befriedigung. „Aber ich habe mir immer meine Gedanken gemacht 70 trotz ſeiner Maske der Solidität. Ich weiß nicht, warum mein Bruder ſo ſehr auf ſeiner Einladung be⸗ ſteht. Ihm gegenüber darf ich doch Gebrauch machen? wie?“ „Unter dem Siegel der Verſchwiegenheit—“ „Natürlich, das verſteht ſich von ſelbſt.“ Drittes Kapitel. Die Kataſtrophe. Riedhelm hatte ſich dem Entfernenden halb lachend, halb verächtlich nachgeſehen. Die Lippen ſprachen un⸗ willkürlich ſeine Gedanken leiſe aus: „Da geht der Geiſt, der ſtets verneint. Ein altes Mittel und doch das beſte, Ueberläſtige zu entfernen. Sobald ſie fürchten, man wolle ihnen in die Taſche greifen, flüchten ſie ſo eilig als möglich. Sie merken die Abſicht und werden verſtimmt, das heißt, ſie werden grob oder reißen aus.“ Er freute ſich, nicht wirklich auf dieſe gemeine Seele angewieſen zu ſein, und durch das als Noth⸗ pfennig aufgeſparte Erbtheil ſeiner Mutter die Deckung für Börtling's Schuldſchein in Händen zu haben. Die Obligationen hatte er nachmittags ausgewechſelt und das Geld lag zum Glück bereit für den auf den nächſten Morgen beſtellten Gläubiger. Freilich gab er damit ſeine letzte Hilfsquelle aus der Hand, es blieb ihm nur wenig übrig, aber was fragte er jetzt nach Geld und Gut? Fühlte er ſich denn nicht der Reichſte und Glücklichſte auf Erden? Beſaß er nicht das koſtbarſte Juwel, die Liebe dieſes wunderbar begabten Mädchens, die ihm Niemand mehr entreißen konnte?! Er hätte aufjauchzen mögen vor Luſt und Wonne, doch ſchlich mit einem Male, gleich einem düſtern Schatten über die ſonnige Landſchaft, der Zweifel über ſeine Glückſeligkeit dahin. Bis jetzt waren freilich die Hinderniſſe, die ſich ihnen entgegenſtellten, nicht groß geweſen. Wie ſich die Liebe in beider Herzen entwickelte, ſo fanden ſie ſich auch, ohne viele Worte, ohne gewaltſame Scenen, einfach und herzlich von Auge zu Auge, von Seele zu Seele. Sie hatten inniges Wohlgefallen aneinander gefunden, ehe ſie ſich eigentlich gegenſeitig genau kann⸗ ten. Ihre Liebe war ſo zu ſagen mehr der Glaube an das Ideal, als die volle Ueberzeugung davon, eine Hinneigung von Seele und Herz, ohne daß auch der Verſtand geprüft hätte. Die Probe ſollten ſie erſt noch beſtehen, allerdings ſahen ihr Beide zuverſichtlich entgegen, ihr Vertrauen dünkte ihnen unerſchütterlich. Manchmal erſchien Riedhelm das ganze Verhält⸗ niß wie ein Traum, aus welchem ein Erwachen furcht⸗ bar ſein müßte. Selbſt in Momenten, wo dem Lie⸗ bespaar eine der wenigen glücklichen Minuten des un⸗ geſtörten Beiſammenſeins inmitten der ringsum drän⸗ genden Geſellſchaft oder auf flüchtigem Spaziergange unter den ſchützenden Flügeln von Paula's ehemaliger Gouvernante zu Theil wurde, kam es vor, daß ihm Paula plötzlich fremd und unerreichbar als die einzige Tochter des reichen und ſtolzen Grafen erſchien, und es bedurfte dann aller liebenswürdigen Beredtſamkeit um ihn von der Hingebung des ſüßen Mädchens zu überzeugen und mit der felſenfeſten Zuverſicht der Geliebten zu erfüllen, die ſie eine ungetrübte Zukunft auf die große Liebe ihres Vaters bauen ließ. Heute,— hatte ſie geſchrieben— nahte die Ent— ſcheidung, was Wunder, wenn Riedhelm's Bruſt von Unruhe erfüllt war! Sinnend ſtarrte er, in ſeinem Fauteuil nach vorwärts gebeugt, in die verglimmenden Kohlen, als ſich plötzlich eine Hand auf ſeine Schulter legte und eine ſchalkhafte, doch vor innerer Bewegung zitternde Stimme ein leiſes: „Warum ſo nachdenklich, mein Ritter?“ fragte. Ueberraſcht und bebend vor Freude und Ent⸗ zücken ſprang Riedhelm auf, und die Hand, die auf ſeiner Achſel gelegen, erfaſſend, rief er: 74 „Ah, endlich! Paula!“ Er hatte ihren leichten Tritt auf dem dicken Teppich nicht vernommen, ſo wenig wie das leiſe Geräuſch der Tapetenthür, durch die ſie eingetreten war, ohne des mit Gebüſchen beſetz⸗ ten Eingangs zu bedürfen; war ihm ja in ſeinem Sinnen und Grübeln ſogar die lange Pauſe entgan⸗ gen, die ſeit dem Ende der Quadrille verfloſſen und nun neuerdings von einem Walzer unterbrochen wurde, deſſen einzelne Klänge wie die fernen Töne einer Wind⸗ harfe in die lauſchige Stille des abgeſchiedenen Ge⸗ maches herüberdrangen.„Mein Traum verwirklicht ſich“, ſagte er mit glückſeligem Lächeln. „Ich kann dabei nur verloren haben“, ſcherzte ſie. Im Traume iſt Alles vollkommener, zauberhafter.“ „Das iſt nicht mehr möglich“, entgegnete er innig. „Der Traum kann das ſüße Bild nicht mit ſo herr⸗ lichen Farben ausſchmücken, daß es nicht wie eine traurige Nebellandſchaft anzuſchauen wäre neben der glühenden Sonne, die mit einem einzigen ihrer Strah⸗ len der todten Welt das köſtlichſte Leben einhaucht.“ „Schwärmer!“ ſagte Paula, nicht ohne daß ein leuchtender Blick ihren Vorwurf entkräftet hätte.„Wir haben nur einen kurzen Augenblick, den ich ermöglichte, indem ich ‚hinter den Walzer ginge, und ſtatt ſchön practiſch das Nöthige zu bereden, wollen Sie mich 75 bloß zum Proſelyten machen für Ihren heidniſchen Sonnencultus.“ „Sie dürfen ihn immerhin dulden.“ „Wenn ich aber mehr thue— wenn ich ſogar ſelbſt ein wenig zum Heidenthum neige?“ „Geſegnet ſei dies Heidenthum, Paula!“ rief er und preßte ſeine Lippen oberhalb des Handſchuhs auf ihren ſchönen Arm,„aber wir ſollten ihm nicht länger insgeheim obliegen, ich ſehne mich darnach, mich öffent⸗ lich zu meinem Idole zu bekennen.“ „Ich ſelber ſehne mich nach einem offenen Ge⸗ ſtändniſſe. Heute habe ich mir den Muth genommen und einen Schritt gewagt. Bitte, ſchließen Sie lmir das widerſpenſtige Armband“, unterbrach ſie ihre Mit⸗ theilung, da ſie ſich vergeblich Mühe gegeben hatte, das Brillantenbracelet, welches Webenſtein im Laufe des Abends bewundert hatte und das ſie in der Hand mit hereingebracht, anzulegen. Riedhelm that, was ſie verlangte, fragte dabei in höchſter Spannung, welcher Art der Schritt gewe⸗ ſen ſei. „Ich ſprach mit meinem Vater. Am heutigen Tage habe ich einen Wunſch frei.“ „Nun, und?“ kam es haſtig, faſt tonlos von ſei⸗ nen Lippen,„was ſagte er?“ 76 „Ich habe ihn blos vorbereitet“, verſetzte Paula heiter.„Noch nannte ich keinen Namen. Erſt wenn das Feſt vorüber iſt, will ich ihm Alles geſtehen, aber ich habe ſo viel geſagt, daß er ſich beinahe den Reim darauf ſelbſt machen kann.“ „Und fürchtet meine Paula keinen Einwurf?“ fragte er beſorgt. „Nein, Hermann“, entgegnete ſie leuchtenden Blickes, „ich bin ſtolz auf meine Wall, ich fürchte nichts, und dennoch“, fügte ſie träumeriſch hinzu,„zage ich.“ Riedhelm drückte ihre Hand feſter mit ſeinen beiden. „Wovor?“ fragte er überraſcht. „Ich weiß es nicht, vielleicht— vor dem allzu⸗ großen Glück.“ „Oder vor dem Kampfe, den es koſten wird?“ warf er mißtrauiſch ein. „Es wird keinen koſten, Hermann“, ſagte ſie zu⸗ verſichtlich.„Mein Vater iſt ja ſo gütig und trägt ein warmes Herz unter ſeiner glatten Weiſe.“ „Der Abſtand zwiſchen uns iſt groß“, beharrte er, ſein Haupt neigend.„Was kann ich bieten?“ „Die Zukunft.“ „Ja, die will ich wohl in meine Dienſte zwingen, aber in der Gegenwart? Ich habe nur meinen ehr⸗ lichen Namen und meine Charge. Gegen uns ſind alle Vorurtheile der Welt.“ Paula warf die feine Oberlippe trotzig auf. „Vorurtheile!“ erwiderte ſie. „Sie ſind die unerbittlichen Mühlſteine der Welt und zermahlen ruhig Herzen und Gedanken.“ „Wer von uns beiden zagt nun?“ ſagte Paula mit einem hellen, halb unmuthigen, halb liebevollen Blitz ihrer Augen. Riedhelm fühlte ſich durch ihn gekräftigt und er⸗ muthigt, freudig hob er den Kopf. „Du haſt Recht“, ſtimmte er zu.„Aber ein Blick aus Deinem Auge, und er verſcheucht wie ein Zauber jedes Bangen, das meine Seele beſchleichen will. Das iſt die Macht, die die Götter ihren Lieblingen ver⸗ leihen, damit dieſe ſegnen und beglücken mögen.“ Er wollte weiter ſprechen, doch der dumpfe Ton, wie vom Fallen eines Gegenſtandes, unterbrach ihn Der Ausruf Paula's lenkte ſeinen Blick zu Boden. Das Armband hatte ſich wieder geöffnet und war auf den Teppich gefallen, wo es unweit des Kamins lag „Das iſt der Götter Mahnung, die ſich nicht muthwillig citiren laſſen“, ſcherzte ſie.„Zum dritten Male ſchon heute Abend.“ Riedhelm hatte ſich raſch niedergebeugt und hob — V 78 das Armband auf; einer flüchtigen Eingebung Folge leiſtend, ließ er ſich auf ein Knie nieder, da er es ihr überreichte, und erwiderte ſcherzhaft und doch mit einem gewiſſen Ernſte dabei: „Wenn es ſchon kein Zufall, ſondern ein Zeichen ſein ſoll, ſo deute ich es dahin, daß von der reinen allmächtigen Liebe aller Tand abfällt und ſie keine goldene Kette und kein noch ſo reiches Geſchmeide, ſelbſt keine Krone in Feſſeln zu ſchlagen vermag. Was ſind ihr alle Nichtigkeiten und der Glanz der Erde?“ Statt aller Antwort beugte ſich Paula über ihn herab und drückte raſch einen Kuß auf ſeine breite ſchöne Stirn.. Der Kuß durchzuckte ihn wie ein Feuerſtrahl, im Nu war er aufgeſprungen, ſchlang ſeinen Arm um das geliebte Mädchen und zog es ſtürmiſch an ſeine Bruſt. „Paula, meine Seele!“ jauchzte er.„Ja, ich glaube an unſer Glück, denn ich glaube an Dich und nichts wird uns mehr trennen, nichts!“ Hingebend ſchmiegte ſich Paula an ihn, ſtreckte, ohne ſich eigentlich Rechenſchaft von ihrem Thun zu geben, die Linke gegen den Kaminſims aus, ließ das Armband, das ſie noch in der Hand gehalten, in die ihr zunächſt ſtehende Vaſe gleiten und ſchlang dann — 79 den Arm mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit um ſeinen Hals. „Nichts, nichts, mein Hermann!“ hauchte ſie und trank den heißen, langen Kuß von ſeinen Lippen. Erſt nach einer Weile löſte ſie ſich verwirrt aus ſeinem Arm, es war hohe Zeit, denn beinahe unmit⸗ telbar darauf ſtand Webenſtein, der Paula überall vergeblich geſucht hatte und aus dem Umſtand, daß ſie auch am Tanze nicht Theil nahm, Verdacht ſchöpfte, auf der Schwelle und biß ſich bei dem Anblick wüthend in die Lippen. Sah er ja nun, daß er der Fuchs geweſen, der ſich hatte prellen laſſen. „Alſo heute noch?“ fragte Riedhelm ſoeben,„wie aber wird die Entſcheidung— mir bekannt werden?“ wollte er ſagen, doch Paula hatte im Spiegel den Lauſcher bemerkt und unterbrach ihn lebhaft, während ein Wink ihrer Augen ſeine Aufmerkſamkeit erregte. „O, darüber machen Sie ſich keine Sorge, Herr von Riedhelm“, lenkte ſie mit bewundernswerther Ge⸗ wandtheit und Sicherheit ein.„Es würde mich aber in der That recht ſehr freuen, wenn Sie mir eine entſchiedene Diagnoſe geben könnten. Ich habe ſchon einen Arzt nach dem anderen zu Rathe gezogen, ohne daß die arme Patientin eine beachtenswerthe Beſſerung erfahren hätte. Fühlen Sie ihr den Puls, Herr 80 Wunderdoctor, und wenn die Kur gelingt, will ich als Fama für Ihren Ruf und Ihre Praxis ſorgen.“ Im Anfange verſtand Riedhelm nicht, was ſie meinte, da ſie ihre Hand jetzt aber auf die alte Pen⸗ dule legte, fand er ſich raſch in die Situation, die für ihn, ſobald er ſeinerſeits ebenfalls Webenſtein und ſein verblüfftes Geſicht bemerkte, ſogar etwas ungemein Komiſches und Reizendes enthielt. „Dieſe Zuſage, Comteſſe“, erwiderte er munter lachend,„iſt ſchon das geheimnißvolle Abracadabra, dem nichts widerſtehen kann. Es wäre namenloſe Heimtücke, wenn ſich die Rococodame nicht fügen wollte, Ich bin überzeugt, ſie iſt nur eine malade imaginaire.“ Nun horchte er dem Pendelſchlage, als hege er wirklich die ernſtliche Abſicht, ſich mit der Uhr zu be— ſchäftigen. Paula, die ſeine Neigung zur Mechanik kannte, hatte keinen Fehlgriff gethan, als ſie der Ein⸗ gebung des Momentes gefolgt war. „Nun?“ fragte ſie, aber Riedhelm wurde zunächſt die Antwort erſpart. Mit unendlich geſchäftiger Miene erſchien Herr von Nothfelder in größter Eile auf der Schwelle und ſchob den ihm im Wege ſtehenden Baron etwas un⸗ ſanft zur Seite. Es ſchien ihm willkommen, ſeinem Groll ein wenig die Zügel ſchießen laſſen zu können. 81 „Wollen Sie wohl ſo gefällig ſein“, ſagte er nicht im höflichſten Tone,„ich denke, man braucht Sie hier nicht als Thürhüter.“ „Gemach, mein Freund“, entgegnete Webenſtein, dem es komiſch vorkam, ſeine Creatur im offenen Auf⸗ ruhr gegen den Schöpfer zu ſehen, ſarkaſtiſch, indem er dabei Platz gab,„wer weiß, wer weiß? Sind Sie deſſen ſo gewiß?“ Nothfelder aber that dergleichen, als achte er gar nicht auf ihn, er war entſchloſſen, ſeine Unabhängig⸗ keitserklärung ſelbſt mit gewaffneter Hand ſiegreich aufrecht zu erhalten. Mit einer Verbeugung trat er auf Paula zu, die ſich halb umgewendet hatte. „Comteſſe, ich bin ſo glücklich“, brachte er ſeinen Spruch vor,„daß mein Freund, der Baron Lieben⸗ werth von einem plötzlichen Kopfſchmerz befallen wurde.“ „Ei, Herr von Nothfelder“, fiel ihm Paula lächelnd ins Wort,„ich wußte nicht, daß Sie ſo grauſam ſeien. Wenn man kein Arzt iſt, wünſcht man ja in der Regel nicht einmal ſeinen Feinden eine Krankheit.“ „O, ich meinte es nicht ſo. Nicht über die ſchmerz⸗ liche Veranlaſſung, nur über das für mich ſo erfreu⸗ liche Reſultat bin ich glücklich, das heißt, wenn Sie, Comteſſe, geneigt ſind, ſein Teſtament zu vollziehen.“ Byr, Wrack. I. 6 82 „Sein Teſtament? Erſt ſprachen Sie nur von einem plötzlichen Kopfweh und nun——“ „Stellt ſich gar Erbſchleicherei heraus“, ergänzte Webenſtein kauſtiſch den unvollendeten Satz. Nothfelder warf ihm dafür einen wüthenden Blick zu. „O, ich wäre unglücklich“, rief er mit vielem Pa⸗ thos,„wenn ich Sie erſchreckt hätte, Comteſſe. Nein, er lebt, er lebt Gott ſei Dank vollkommen; nur ent⸗ ſchuldigen läßt er ſich, weil er ſo glücklich war, Ihre Zuſage für den Cotillon zu haben, und nun das Un⸗ glück hatte— aber ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie mich als Erſatzmann für ihn annehmen wollten. Ich habe ſchon für Plätze geſorgt.“ „Zum größten Glücke“, ſetzte Webenſtein paro⸗ dirend hinzu, wandte ſich dann aber näher tretend an Paula:„Darf ich mich vielleicht ebenfalls auf die Candidatenliſte ſetzen?“ äußerte er in ſeiner gewöhn⸗ lichen nonchalanten Weiſe, doch mit einem Blicke aus⸗ ſprechend, daß er ſich von der zwiſchen ihr und Ried⸗ helm ſoeben geſpielten Komödie nicht mehr täuſchen laſſe.„Comteſſe Paula hat ja heute ohnedem ſchon das Glück' eines Walzers an meinen Mitconcurrenten vergeben.“ „Sie tanzen ja nicht“, warf Paula kühl ein. „Ich werde an Reminiscenzen zehren“, entgegnete er und fügte bedeutungsvoll hinzu:„Zudem bietet der Cotillon Gelegenheit für mancherlei intereſſante Mittheilungen—“ „Auf die ich bei aller weiblichen Neugierde für jetzt doch verzichten muß“, vollendete Paula ironiſch den Satz. Ich werde mich freuen, einmal etwas wirk⸗ lich Intereſſantes von Baron Webenſtein zu hören, vorerſt aber genüge ich meiner Pflicht und vollſtrecke— das Teſtament.“ Damit nahm ſie lächelnd den Arm Nothfelder's, welcher ſich im Stolze des Triumphes über ſeinen Gegner— natürlich ſchrieb er denſelben ganz allein ſeinen außerordentlichen Eigenſchaften zu— kaum zu faſſen wußte. „Danke, göttliche Comteſſe, Sie machen mich zu Liebenwerth's ſeligem Erben“, flüſterte er, und von ſeinem Witze noch mehr gehoben, warf er Webenſtein einen vernichtenden Blick zu, der aber ganz machtlos abzuprallen ſchien. Noch ehe ſie ging, nickte Paula Riedhelm freund⸗ lich zu. „Ich habe Vertrauen“, mahnte ſie ihn doppeldeu⸗ tig,„ſeien Sie vorſichtig!— mit der Pendule.“ 6* 84 Worauf Riedhelm munter und in gleicher Weiſe erwiderte: „Ich will das Beſte hoffen“, und ſich dann ganz ernſtlich mit der Uhr zu ſchaffen machte. Indeſſen flog ein tückiſches Lächeln über Weben⸗ ſtein's welke Züge, mit dem er zu ſagen ſchien, daß er nicht ſo leicht düpirt und all' das Pulver der Beiden zu dieſem Zweck nutzlos verſchoſſen ſei. Ein Blitz des Haſſes vervollſtändigte dieſen Ausdruck. Ohne eigent⸗ lichen Zweck, aber doch in der Abſicht, einen Anhalts⸗ punkt für ſeine Rache zu gewinnen, ließ er ſich ſchein⸗ bar träge in einem Fauteuil nieder, der beinahe um die Breite des Gemaches vom Kamin entfernt ſtand. „Es ſcheint, Sie haben nun doch ein Mittel ge⸗ funden, Ihre Schulden zu bezahlen“, begann er die Converſation. „Weshalb ſcheint Ihnen das?“ erwiderte Ried⸗ helm, der ihm, fortwährend mit der Uhr beſchäftigt, conſequent den Rücken wandte, kurz angebunden. „Weil Sie mit einem Male ſo heiter ſind.“ „Meine Beſorgniſſe ſind in der That gehoben“, warf Riedhelm, der die richtige Schlußfolgerung zu⸗ geben mußte, leicht hin. „Ei ja“, ſtieß Webenſtein mit erkünſteltem Lachen, doch lauernden Blicks hervor.„Comteſſe Paula iſt 8⁵ eine reiche Erbin. Die einzige Tochter und der Vater ein Millionär.“ „Möglich. Sie werden ſich darum ſchon genauer bekümmert haben.“ „Darf man vielleicht gratuliren?“ „Ich verſtehe Sie nicht, Baron.“ „Doch ſcheint's, Sie verſtehen ſich ſonſt ſo ziem⸗ lich auf Alles.“ „Sehr verbunden, aber ſolch' zweideutiges Lob überlaſſe ich jenen, deren Geſchäft es iſt, ſich überall überflüſſig zu machen. Eins, zwei, drei“, begann Riedhelm die Schläge der Uhr zu zählen, nachdem er an dem Schnürchen gezogen. „Das könnte auch Leuten widerfahren, die ſich allzu nothwendig dünken“, erwiderte Webenſtein hämiſch und ſetzte mit eigenthümlicher Betonung hinzu:„Ver⸗ zählen Sie ſich nicht!“ „Zehn“, ſchloß Riedhelm.„Nicht doch, ich gebe Acht“, ſagte er dann.„Ihre Rathſchläge ſind wirklich recht beherzigenswerth, aber ich muß Sie nachdrücklich erſuchen, mich gefälligſt nicht zu ſtören. Sie ſehen, daß ich eine intereſſantere Beſchäftigung habe.“ „Ich wußte nicht, daß Sie auch dieſes Hand⸗ werk betreiben. Sind Sie vielleicht gelernter Uhr⸗ macher?“ 86 Der Ton der Unterhaltung wurde immer ſchärfer und zugeſpitzter. „Sie wiſſen doch“, erwiderte Riedhelm dieſen Ausfall, daß ſogar in manchen Fürſtenhäuſern die Sitte herrſcht, den Prinzen ein Handwerk lehren zu laſſen, zum Unterſchiede von gewiſſen anderen adeligen Sproſſen, die nichts lernen und daher auch nichts können, als etwa intriguiren oder Bank halten. Lud⸗ wig XVI. verlegte ſich außer auf die Schloſſerei auch auf's Uhrmachen. Sie können ein Meiſterwerk von ihm in Verſailles ſehen. Karl V. und ſein berühmter Ausſpruch iſt im Munde aller Schulknaben,— ſo werden Sie ihn wohl auch kennen. Sie ſehen, ich be⸗ treibe ein königliches Handwerk. Riedhelm, an der Uhr hantirend, ſah nicht den verzerrten Ausdruck ohnmächtiger Wuth im Angeſichte ſeines Gegners, den er im Vollgefühle ſeiner Kraft ſo rückſichtslos reizte. „Ihre Vielſeitigkeit iſt wirklich bewunderungswür⸗ dig“, ziſchte der Baron.„Ich ſtaune nur, wie Sie Ihre Talente auszunützen verſtehen.“ „O, das iſt nichts Großes. Ich finde es weit ſtaunenswerther, zu ſehen, mit wie viel mehr Erfolg Mancher die Talente Anderer zu ſeinem Nutzen aus— beutet, beſonders wenn das Talent in altteſtamenta⸗ 87 riſcher Lesart genommen wird. Es ſoll Leute geben, welche ganz allein davon leben. Haben Sie darüber noch keine Erfahrungen gemacht?“ Diesmal konnte ſich Webenſtein nicht enthalten, einen kurzen Fluch auszuſtoßen, auf welchen ſich Ried⸗ helm raſch umdrehte und ihn fragte, was er meine. „Ich verwünſche dieſe Erfahrungen, Herr Haupt⸗ mann“, antwortete Webenſtein zornig. „Ah, da haben Sie ganz Recht“, ſtimmte Ried⸗ helm gelaſſen bei,„das mögen Andere auch thun.“ Er kehrte ſich wieder der Uhr zu und nahm ſeine Be⸗ ſchäftigung von neuem auf. Während er abermals die Schnur zog und die Schläge zählte, trat der Kammerdiener des Grafen Bornegg ein, ging ſachte auf den Kamin zu und ſchien hier zuerſt auf dem Sims, dann auf der Erde etwas zu ſuchen. Riedhelm beachtete ihn nicht. „Ich glaube, ſie retardirt ſtark“, ſprach er halb⸗ laut vor ſich ſelbſt hin;„ich müßte mit einem Chrono⸗ meter vergleichen—“ „Das kann ich Ihnen ganz genau ſagen, wie viel es geſchlagen hat“, ſiel Webenſtein giftſprühend ein. „Bei Ihnen?“ entgegnete Riedhelm ſchneidend; „das iſt nicht der Mühe werth. Ich halte Sie nicht 88 für zuverläſſig— in Zeitangaben“, ſetzte er nach einer längeren Pauſe nebenbei hinzu. Er hatte ſich, theils des Duells auf dolchſpitzige Worte, die doch bei Webenſtein's Feigheit zu keinem ernſtlichen Conflict führten, müde, theils durch die Bewegungen des Kammerdieners genirt, vom Kamin abgewendet und ſtand im Begriffe, das Feld— an deſſen Behauptung ihm nun nichts mehr gelegen war— zu räumen, als ſich der Kammerdiener mit der ehr⸗ furchtsvollen Frage an ihn wandte, ob die Herren nicht vielleicht ein Armband geſehen hätten. „Ein Armband?“ fragte Riedhelm betroffen, da er ſich ſogleich der früheren Scene erinnerte und ihm war, als liege in der Frage ein tieferer Sinn. Hatte Paula den Diener geſchickt? Wollte ſie ihm auf dieſe Art eine Mittheilung machen laſſen, deren Sinn er erſt zu enträthſeln hatte? Der Kammerdiener bejahte ſeine Frage. „Ein ſehr reiches Brillantarmband“, fügte er hinzu.„Die gnädige Comteſſe ſagte mir, es ſei auf dem Kamine, aber ich kann nichts finden.“ „Vielleicht hinabgefallen“, warf Webenſtein, dem die Regung ſeines Nebenbuhlers nicht entgangen war, aufmerkſam geworden hin. 89 Der Kammerdiener verneinte, er hatte auch auf dem Boden nichts gefunden. „Das muß ein Mißverſtändniß ſein“, behauptete Riedhelm.„Das Armband ging hier aus dem Schloſſe und fiel zu Boden, ich ſelbſt jedoch habe es aufgehoben und der Comteſſe übergeben.“ „Die gnädige Comteſſe behauptet aber, es ſelbſt auf den Kamin gelegt zu haben. Das mag vielleicht darnach geweſen ſein“, widerlegte ihn der Kammer⸗ diener, der immer eifriger und jetzt ſogar in den aus⸗ gebrannten Kohlen des Kamins ſuchte. Riedhelm, der noch immer auf eine Enthüllung wartete und aus den Worten keinen tieferen Sinn herauszufinden wußte, wurde ungeduldig. Er hielt dafür, der Bote habe die Hauptſache vergeſſen. „Nein, nein, es iſt ganz gewiß nicht ſo“, wieder⸗ holte er;„ich müßte davon etwas wahrgenommen haben.“ Webenſtein, der Riedhelm ſcharf beobachtete, rich⸗ tete ſich wie ein Raubthier, das Blut wittert, zum Sprunge halb auf. „Aber wozu ereifern Sie ſich denn ſo ſehr?“ be⸗ merkte er lauernd.„Es iſt ja doch möglich und am Ende haben ſogar Sie den fraglichen Gegenſtand bei Ihrer Dilettantenvorſtellung unverſehens hinabgeſtreift.“ 90 „Es könnte ſein“, entgegnete Riedhelm, der im Augenblick an etwas ganz Anderes dachte, als daß er gegen ſeinen Nebenbuhler ſtets mit ausgelegter Waffe bereit ſein müſſe, unſicher;„es könnte ſein, aber ſon⸗ derbar iſt's doch, daß ich nichts bemerkt habe.“ „Vielleicht haben die Brillanten Sie geblendet“, verſetzte Webenſtein anzüglich, aber Riedhelm achtete nicht auf dieſe Worte, er folgte aufmerkſam den Be⸗ mühungen des Kammerdieners, die reſultatlos blieben, wiewohl er nach und nach alle Möbel, ja jeden Win⸗ kel unterſuchte. Jetzt ſtürmte auch noch Herr von Nothfelder her⸗ ein. Seine nichtsſagenden Züge trugen den Ausdruck der Wichtigkeit, welche er ſeinem Auftrage beilegte. Ohne die beiden anderen Anweſenden zu beachten, wen⸗ dete er ſich an den Kammerdiener. „Ah da ſind Sie ja!“ rief er.„Comteſſe Paula ſchickt mich, nachzuſehen, wo Sie ſo lange bleiben. Durchlaucht iſt ſchon ungeduldig, ſie möchte den Schmuck ſehen, von dem ſie gehört hat.“ Jetzt erſt erſah er Riedhelm.„Ah, Herr Hauptmann“, grüßte er dieſen und ſetzte wie erläuternd bei:„Die Fürſtin Lazaroff hat eine Leidenſchaft für edle Steine, beſonders für Diamanten, ſie will ſich überzeugen, ob ſie nicht nöthig hat, neidiſch zu werden.“ 91 Der junge Mann war ſehr zufrieden mit ſeinem Ausſpruch und dem damit gelieferten Beweis ſeines Fortſchrittes in der geſellſchaftlichen Kunſt, über Jeder⸗ mann etwas Boshaftes zu ſagen, in welcher ſein jetzt abgeſchüttelter Mentor ein ſo anerkannter Meiſter war. Der Arme fühlte nicht, daß es ihm zu ſolcher Voll⸗ kommenheit ſowohl an Geiſt als an Temperament gebrach. „Die gnädige Comteſſe muß ſich doch geirrt haben“, ſagte jetzt der Kammerdiener, der unausgeſetzt geſucht hatte,„hier iſt nirgends etwas zu finden.“ „Sie ſuchten vielleicht nicht recht“, verſetzte Noth⸗ felder und machte ſich nun ebenfalls, und zwar mit dem gleich ungünſtigem Erfolge, an die Arbeit. „Ich habe ſchon Alles wiederholt durchſucht“, meinte der Kammerdiener kopfſchüttelnd. „Alles bis auf unſere Taſchen“, ſetzte Webenſtein ſarkaſtiſch hinzu. Niemand hörte auf ihn. Nothfelder ſuchte noch eine Weile, dann gab er es auf und ſtürmte eben ſo raſch wieder fort, jals er gekommen war. Auch der Kammerdiener verließ auf einen Augenblick das Ge⸗ mach, um ſogleich wieder mit einer hellbrennenden Girandole zurückzukehren und neuerdings in alle Ecken zu ſehen. 92 „Es iſt doch eigenthümlich!“ ſtieß Webenſtein, der ſich noch nicht von ſeinem Platze gerührt hatte hervor. 7 „Ein eigenthümlicher Fall der Zerſtreutheit“, äu⸗ ßerte Riedhelm, der nicht begreifen konnte, wie Paula den Vorgang ganz vergeſſen haben könnte. Daß ſie das Bracelet nicht mit ſich nahm, ſondern gedanken⸗ los beiſeite legte, war ihm in der Aufregung jenes ſüßen Moments, wo die Wogen des Blutes ſo hoch ſchlugen, vollkommen entgangen. „Es fragt ſich nur, bei wem?“ knüpfte Weben⸗ ſtein an ſeine Aeußerung an. „Bei wem? Um ſo zu fragen, müſſen Sie wohl ſelbſt ſehr zerſtreut ſein.“ „Ich habe noch nie bemerkt, daß ich daran leide.“ Der Hohn in der Rede des Barons trat immer ſchärfer hervor und das Leuchten in ſeinen Augen hatte etwas Unheimliches an ſich. Sein Körper ſaß ruhig, aber die Finger bewegten ſich ſo krampfhaft und unabläſſig, daß Riedhelm daran allein die unge⸗ heure Aufregung hätte erkennen können, die ſich ſeines Gegners bemächtigt hatte, wäre ſein Auge dafür jetzt offen geweſen. All' der Zündſtoff, den Haß und Neid in Webenſtein aufgeſpeichert hatten, war, wie von einem Blitzſtrahl getroffen, aufgeflammt. Ein Plan 93 ſtand plötzlich mit erſchrecklicher Deutlichkeit vor ſeiner Seele, die Ausführung verlangte nur Kühnheit. Den Muth, ſeinem Feinde auf der Menſur entgegenzutreten, hatte er vielleicht nicht, wohl aber den, ihn meuch— lings zu treffen und ihn ſo ohne eigene Gefahr zu vernichten. Die Umſtände waren zu günſtig, um nicht benützt zu werden. Mittlerweile, während er ſeinen Entſchluß faßte und Riedhelm ſinnend den vergeblichen Nachforſchungen des Kammerdieners folgte, war Paula raſch eingetreten. Nothfelder der ihr folgte, war befliſſen, jeden Vorwurf von ſich abzuwenden. „Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, Comteſſe, daß es nicht an den Suchern liegt“, ſagte er. „Ganz recht, ſondern am Finder“, bemerkte We⸗ benſtein mit Nachdruck, indem er ſich bei Paula's Eintritt erhob und auf die Rücklehne ſeines Stuhles ſtützte. Paula ging ungeduldig an dem abſeits ſtehenden Riedhelm, den ſie nicht ſogleich bemerkte, vorüber und direct auf den Kamin zu. „Ich weiß es doch ganz beſtimmt!“ behauptete ſie und begann ſelbſt in aller Eile auf dem Kamin⸗ ſims nachzuſehen. Indeſſen vermehrten ſich die Anweſenden; außer 94 der Gräfin Larendorf, dem General Thunau und noch einigen Gäſten, die ſich neugierig herzudrängten, war auch Graf Bornegg ſelbſt mit der Fürſtin eingetreten. Die Nachricht Nothfelder's hatte bei dem bedeutenden Werthe des Objects Alle alarmirt. Die Fürſtin, eine Dame von ſehr anſehnlicher Leibesfülle, ſchien am meiſten alterirt von dem Gedanken an den Verluſt ſolch' werthvoller Steine. „Aber, meine Liebe“, liſpelte ſie mit einer Stimme, welche wie die eines Kindes klang und in ſeltſamem Widerſpruche zu ihrer Erſcheinung ſtand,„es iſt doch ſehr gewagt, Brillanten ſo unachtſam liegen zu laſſen.“ Sie beliebäugelte dabei die ſchöne Roſette an dem weit ins Land hineinragenden Vorſprung ihres üppigen Buſens. „Wir ſind ja unter uns, Durchlaucht, und meine Leute ſind vollkommen vertraut“, entgegnete ihr Graf Bornegg mit etwas ſteifer Gelaſſenheit. Er war ein Mann in den beſten Jahren, von ſchlanker und vornehmer Erſcheinung, doch in ſeinem Weſen lag eine gewiſſe kühle, diplomatiſche Gemeſſen⸗ heit, die ſich auch in den ſcharfen Zügen ſeines glatt raſirten Geſichtes ausſprach. Man hüätte ihn leicht für gefühllos halten mögen, und nur ſeiner Tochter gegen⸗ über erſchloß er ſein volles warmes Herz. Sichtbar war ihm der ganze Vorfall und die Bedeutung, welche man demſelben ſchon jetzt beizulegen begann, unange⸗ nehm und eine Epiſode, deren raſche Ausgleichung er gern mit dem Verluſte des Kleinods erkauft hätte. General Thunau, der ſeinen Freund genau kannte, errieth deſſen Empfindungen und ſuchte daher eine Ab⸗ lenkung anzubahnen. Er bat Paula, ſich doch zu er⸗ innern, da ſie gewiß den Ort verwechſle. „Nein, ich verwechſle den Ort ſicherlich nicht“, beharrte ſie, ärgerlich geworden durch das Mißtrauen, das man in ihr Gedächtniß ſetzte und deßhalb unacht⸗ ſam auf den Wink, den ihr der General durch ſeine Worte geben wollte. Statt beizuſtimmen, um der Scene ein Ende zu machen, wiederholte ſie:„Hier, eben hier ging es zum dritten Male auf, denn das Schloß muß ſchlecht gearbeitet ſein, es fiel zu Boden; Herr Hauptmann, Sie ſind Zeuge.“ Schon im ſelben Momente bereute Paula, Ried⸗ helm in die Discuſſion gezogen zu haben, doch das raſche Wort war in der Erregung einmal ihren Lippen entſchlüpft und nun nicht mehr zurückzuholen. „Aber Comteſſe“, antwortete Riedhelm, der ſich ſo direct zum Sprechen aufgefordert ſah,„ich ſelbſt hob es ja auf und übergab es Ihnen wieder. Erin⸗ nern Sie ſich doch!“ 96 „Ganz richtig, und darnach legt' ich es hier auf den Sims“, behauptete Paula, durch jeden neuen Zweifel immer hartnäckiger werdend. „O darnach— darnach—“ rief Riedhelm leb⸗ haft, ſtockte aber ſogleich verlegen; hätte er auch ſagen ſollen— darnach haben wir uns geküßt?— Das plötzliche Abbrechen, die eigenthümliche Befangenheit mußten Jedermann unwillkürlich auffallen. Aller Au⸗ gen wendeten ſich ihm fragend zu. Die eingetretene Stille benützte Webenſtein, um ſeine Karte auszuſpielen. „Ich ſagte es ja ſchon früher“, begann er von ſeinem Platze aus,„es müſſe da eine eigenthümliche Zerſtreutheit zu Grunde liegen. Denn von dem Mo⸗ ment, wo Comteſſe Paula das Gemach verließ, bis zu dem, wo der Diener nachzuſuchen kam, war nie⸗ mand in dieſem Raum, als wir beide:— Herr von Riedhelm und ich.“ „Sie ſehen demnach, Comteſſe—“ vermittelte der General. „Du haſt Dich alſo doch wohl geirrt!“ trat ihm Graf Bornegg bei. Diesmal mußte Paula den deutlichen Wink ver⸗ ſtehen, ſie konnte ſich aber nicht enthalten, noch halb⸗ laut zu wiederholen: 97 „Und dennoch möchte ich es beſchwören!“ Graf Bornegg rückte mit einer kleinen Bewegung des Unmuths ſeinen Kopf und ein mißbilligender Blick fiel in das Auge ſeiner Tochter. Seine Stimme aber klang ruhig, ja ſogar ganz ungewöhnlich heiter. als er ſich mehr an ſeine Gäſte als an ſie wandte. „Morgen bei Tageslicht wird ſich das alles fin⸗ den“, ſprach er.„Jedenfalls müſſen wir das Räthſel indeſſen ungelöſt laſſen, unſer Programm darf nicht geſtört werden. Wollen wir nicht in den Tanzſaal zurück? Es lohnt ſich einer ſolchen Kleinigkeit wegen nicht der Mühe und Aufregung.— Ein unangenehmer Zwiſchenfall“, ſetzte er leiſe gegen die Fürſtin hinzu, indem er ſich zum Gehen wendete. Man war allgemein im Begriff, ſeiner Auffor⸗ derung und ſeinem Beiſpiele zu folgen, doch das wäre durchaus nicht in Webenſtein's Plan gelegen. Er er⸗ hob daher lauter als zuvor die Stimme. „Ich bitte doch!—“ rief er, und alle Anweſenden, zu denen ſich noch immer neue hinzudrängten, wen⸗ deten ſich wieder um, bereitwillig weiteren Entwicklun⸗ gen, die ihre Neugierde und Senſationsluſt befriedigen konnten, entgegenſehend—„die Erklärung der Com⸗ teſſe iſt ſo beſtimmt“, fuhr er ſcharf prononcirend fort, daß kein Zweifel an der Richtigkeit des Factums bleibt. Byr, Wrack. I 4 98 Es frägt ſich alſo nur noch, wohin das Armband ge⸗ kommen ſein kann. Die ganze Zeit über ſaß ich hier, und Herr von Riedhelm machte ſich mit der Pendule auf dem Kamin zu ſchaffen, unter dem Vorwande, ſie repariren zu wollen. Er muß ſo gut wie ich wünſchen, ſich von jedem Verdachte zu reinigen.“ „Mein Gott, Baron, es fällt ja niemand bei—“ fiel Graf Bornegg lebhaft ein; doch Webenſtein ließ ihn nicht weiter zu Worte kommen. „Ganz recht, Excellenz“, ſagte er.„Ich weiß, was ich thue, es iſt ein Ehrenfall. Der Herr Haupt⸗ mann iſt gewiß mit mir einverſtanden, wenn ich vor⸗ ſchlage, die Geſellſchaft durch den Augenſchein zu über⸗ weiſen.“ Riedhelm ſah überraſcht und erſtaunt auf. „Es mögen einige Herren mit uns in ein Neben⸗ zimmer kommen“, fuhr Webenſtein fort,„um ſich dort die genaueſte Ueberzeugung zu verſchaffen.“ „Eine völlige Viſitation?“ brauſte Riedhelm, dem das Blut in Schläfe und Wangen ſtieg, auf.„Dieſem Schimpfe unterwerfe ich mich nicht!“— Vielleicht hätte er die Sache ruhiger aufgefaßt und abgelehnt, wäre ihm nicht bei der Erregung noch der Gedanke plötzlich aufgeſtiegen, man könnte jenen Brief Paula's bei ihm finden. Allerdings hätte er denken können, daß man 99 Papiere unbeſehen laſſen werde, wo man nach dem Schmuck ſuchte, aber in ſolchen Momenten trägt die Reflexion ſelten das Gepräge der Logik. Das verletzte Ehrgefühl hatte ihm den Reſt ſeiner Kaltblütigkeit geraubt. Dieſe Regung kam Webenſtein zu Hilfe, er hatte für die Ausführung ſeines blitzſchnell entworfenen Pla⸗ nes ſogar darauf gerechnet. Fügte es ſich anders, nun denn, ſo verlief die ganze Sache ſchlicht und eben. Die Beurtheilung, die er ſeines Gegners Temperament und Charakter zu Theil werden ließ, hatte ihn nicht getäuſcht, ſo unähnlich ſeine eigenen Anlagen waren, kein Körnchen der zuſammenwirkenden Motive und Regungen hatte er falſch abgeſchätzt. Befriedigt nahm er ſeinen Vortheil wahr. Jetzt ſah ſich auch Herr von Nothfelder durch ſeine Gutmüthigkeit angetrieben, eine Vermittlerrolle zu übernehmen.“ „Aber enfin—“ meinte er,„wenn Sie freiwillig—“ Er kam nicht weiter. Riedhelm hatte ſich ſtolz aufge⸗ richtet. „Ich glaube eine ſolche Rechtfertigung nicht erſt zu benöthigen. Mögen jene zu ſolchen Mitteln grei⸗ fen, die in ihrer Ehre keine genügende Stütze finden.“ Der Ausfall war ſcharf, aber die Weigerung zu 7 100 rüde, zu ernſt, als daß ſie nicht eben durch den ſchwe⸗ ren Ton hätte auffallend werden ſollen. Alle An⸗ weſenden empfanden das und ſo kehrte ſich die Stim⸗ mung immer entſchiedener gegen ihn. Webenſtein gab derſelben Ausdruck. „Sie weigern ſich?“ fragte er ſchneidend. „Nein“, verſetzte Riedhelm, die ſtolz erhobene Stirn noch düſterer gefaltet,„denn es hat mich bisher noch niemand aufgefordert. Eine ſolche Aufforderung käme einem Verdachte gleich.“ Alles blieb ſtill, es war ein peinliches Schweigen. „Nun denn“, ſagte Webenſtein mit einem teuf⸗ liſchen Blitz in ſeinen Augen, indem er jedes Wort betonte,„ich ſpreche ihn aus.“ „Baron Webenſtein!“ ſtieß Riedhelm flammend hervor und that unwillkürlich einen drohenden Schritt gegen ſeinen Gegner, dem Paula empört und jede Rückſicht vergeſſend:„Sie lügen Baron!“ zurief. Die allgemeine Aufregung und Befremdung war durch dieſe Aeußerung ihrer Zuneigung für den Be⸗ ſchuldigten nur noch geſteigert. Man ſtand im Begriffe, ſich die verſchiedenartigſten Vermuthungen zuzuflüſtern, als Webenſtein Allen das Wort abſchnitt und die laut⸗ loſeſte Stille ſeiner Rede eine unheimliche Deutlichkeit verlieh. 101 „Ich will Beweiſe geben“, ſagte er,„ich bitte vor⸗ erſt um's Wort.— Herr von Riedhelm, ich frage Sie, ob Sie ſich nicht die ganze Zeit am Kamine zu ſchaffen machten?“ „Ich hätte Ihnen eigentlich keine Antwort mehr zu geben“, entgegnete Riedhelm, dem jede Muskel vor Empörung zuckte,„der Geſellſchaft aber gebe ich ſie. Ich unterſuchte die Uhr und Sie wiſſen es wohl.“ „Ich ſelbſt habe den Herrn Hauptmann darum gebeten“, beeilte ſich Paula zu beſtätigen. „Gut“, fuhr Webenſtein, ohne ſich ſtören zu laſſen, in ſeiner Beweisführung fort,„die Comteſſe hat das Armband hingelegt. Niemand ſtand dabei, als Sie, und ſobald Sie ſich vom Kamin entfernten, war auch das Armband verſchwunden. Wie nun, wenn Sie es in einem Anfall der Zerſtreutheit hinabgeſtreift hätten?“ Riedhelm ſah in zweifelnd an und Graf Bornegg ergriff den willkommenen Ausweg. „Vielleicht in die Aſche“, ſagte er;„wir werden ſie morgen durchſuchen laſſen.“ „Das habe ich ſchon vergebens gethan, Excellenz“, erlaubte ſich der Kammerdiener zu bemerken. „O, nicht in die Aſche— nein, in die Taſche!“ ſprach Webenſtein mit dem Ausbruch eines Galgen⸗ humors, der den Athem beengte, Riedhelm aber zu 1 14 V 102 ſolcher Wuth aufſtachelte, daß er ſich wie ein Raſender auf den frechen Angreifer geworfen hätte, wären ihm nicht Mehrere, darunter der General ſelbſt, in den Weg getreten. Es war eine Scene, wie ſie in dieſen vornehmen, der heiteren Geſelligkeit geweihten Räumen wohl noch nie geſpielt haben mochte. „Geduld!“ ſetzte Webenſtein unerſchütterlich ſeine Beweisführung fort.„Weshalb erſchraken Sie ſo ſehr, als der Diener nach dem Armbande fragte? Warum waren Sie verlegen, als die Comteſſe zuvor auf ihrer Ausſage beſtand?“ Eine Pauſe trat ein, während welcher Alle ge⸗ ſpannt eine Antwort von dem Angeklagten erwarteten. „Kann ich gezwungen werden, auf dieſe ſchamloſe Verleumdung zu antworten?“ preßte endlich Riedhelm, deſſen Fäuſte krampfhaft geballt waren, zitternd vor Zorn und Scham hervor. „Es iſt Ihre Pflicht!“ ermahnte ihn der General ſtreng und mit unmuthigem Stirnrunzeln. Riedhelm war nahe daran, in wildem Hohn auf⸗ zulachen. Jetzt hing auch noch Paula's Blick leuchtend und herausfordernd auf ſeinen Augen, als wollte ſie ihm ſagen:„So vertheidige Dich doch!“ „Kann ich es denn, ohne Dich bloszuſtellen?!“— 103 das war der verzweiflungsvolle Ausdruck ſeines Blickes, ſeiner Züge, der aber, verbunden mit dem unſeligen Zaudern, das ſeine Zunge feſſelte, einen ganz anderen Effect, als den des Mitleids, bei ihr hervorzurufen ſchien. Der Empörung und dem Widerwillen folgte in ihrer Seele eine allmälige Wandlung des Gefühles. Befremdung, Unmuth, Mißtrauen, Schmerz, das alles ſchnitt ihr in raſcher Aufeinanderfolge erkältend ins Herz. Ihr Athem ging immer heftiger und ihr Auge ſchien zu erſtarren, als hätte es entſetzt in ein Me⸗ duſenantlitz geblickt. Im nächſten Moment hätte ſie ſich ſelbſt geißeln mögen für den Verrath, den ihr wankender Glaube an dem Geliebten beging, zürnend ſcheuchte ſie die langſam heraufzüngelnde Schlange des Zweifels von ſich, und nur einer kleinen Regung mehr bedurfte es und ſie wäre vorgetreten, Schwur und Zeugenſchaft abzulegen für die unantaſtbare Ehre des Mannes ihrer Liebe. Nicht die falſche Scham war es, die ſie ſchließlich doch zurückhielt, ſich offen zu ihm zu bekennen, ſondern die ſtrenge Liebe zur Wahrheit. Und wieder kam der tückiſche Zweifel heran⸗ geſchlichen und es rächte ſich der kalte, abſtracte Ver⸗ ſtand, den das Herz nicht um Rath und Zuſtimmung gefragt hatte, als es in Liebe und Leidenſchaft zu 104 einem faſt fremden Manne entbrannte und ſich ihm ohne Rückhalt hingab, ehe Zeit und Gelegenheit ſeinen Charakter unverkennbar geoffenbart hatten. Kannte ſie ihn denn? Was wußte ſie von ihm? Waren ihr nicht faſt noch unglaublichere Beiſpiele aus der Geſellſchaft bekannt? Und wenn er ſie nun doch getäuſcht hätte?! Ihre Seele zog ſich in furchtbarem Weh zuſammen, doch gab ſie kein Zeichen deſſen von ſich Das ſtolze Weib fand die Kraft, das zuckende Herz zu beherrſchen. Zorn und Verachtung übertäub⸗ ten das Schmerzgewimmer in ihrer Bruſt. Webenſtein ergriff nach einer qualvollen Pauſe wieder das Wort. „Ihr Benehmen, mein Herr“, ſagte er,„iſt un⸗ leugbar verdächtig“, und ſeine Worte klangen wie ein Richterſpruch, denn das dumpfe Gemurmel der An⸗ weſenden ſchloß ſich ihm bedeutungsvoll an. Sogar die Fürſtin Larazoff, die doch einer Nervenerſchütterung nicht ſo leicht zugänglich ſchien, zeterte im höchſten Diskant ein deutlich vernehmbares:„Quel horreur!“ und führte dabei ihr ſtark parfümirtes Spitzentuch an die typiſch breitgedrückte Naſe, als hoffe ſie dadurch jeden gemeinen Odeur, der von einem Angeſchuldigten ausſtrömen mußte, ihrem Geruchsorgane fern zu halten. „Aber es handelt ſich noch um viel gewichtigere Indicien“, fuhr Webenſtein nach einer erneuerten Kunſtpauſe, die er zu einem triumphirenden Rundblick im Kreiſe der Anweſenden verwendete, ſchneidend fort. Noch iſt's keine halbe Stunde, daß Sie verzweifelt waren, wie Sie eine für Ihre Verhältniſſe ziemlich hohe Schuld, die bis morgen fällig iſt, bezahlen woll⸗ ten. Mich ſelbſt ſprachen Sie um Hilfe an— können Sie es leugnen?— Als ich Sie wieder traf, und zwar hier an jenem Kamine, war Ihre Sorge— ich citire Ihre eigene Ausſage— von Ihnen genommen.“ Riedhelm wollte antworten. Der General kam ihm zuvor. „Sie hatten Schulden?“ fragte er mit tiefem Ernſt. „Nein— ja elgentlich— nicht ich, ſondern— aber ſchon heute war alles geordnet“, ſtotterte Ried⸗ helm, der hier doch nicht alles auseinanderlegen konnte, was am Ende auch gar nichts genützt hätte, da es nicht geeignet war, den Verdacht, den Webenſtein ſo ſchlau zu verſtärken wußte, von ihm abzuwälzen. Der ſonſt ſo geiſtesgegenwärtige, entſchloſſene Mann wurde zaghaft und verwirrt. Alles ſchien ſich mit ihm im Kreiſe zu drehen. Was war gegen einen ſolchen tückiſchen Ueberfall, von dem er gefaßt ward, ehe er 106 noch daran zu glauben vermochte, das wildeſte Ge⸗ dränge einer Schlacht! Dort war er kühn und zuver⸗ ſichtlich, davon gab das CEhrenzeichen auf ſeiner Bruſt Zeugniß,— hier ging Muth und Kraft, Weitblick und Zuverſicht alles unter in dem Wirbel von Scham, Wuth und herzzerreißender Ohnmacht, hervorgerufen durch eine unerhörte Situation. Graf Thunau trat kalt einen Schritt zurück, als fürchte er ſeine Berührung. Auch bei ihm faßte das Mißtrauen Raum. „Ihre verwirrte Rede klingt in der That räthſel⸗ haft“, ſagte er hart. „Ich gab die Verlegenheit nur vor“, ſuchte ſich Riedhelm, da er die Richtigkeit dieſer Bemerkung gar wohl fühlte, zu rechtfertigen,„um mich von der Zu⸗ dringlichkeit dieſes Menſchen zu befreien.“ „Sie ſollten glaubwürdigere Entlaſtungsgründe beibringen!“ fiel Webenſtein mit cyniſchem Lachen ein. Ein höhniſches Gemurmel gab ihm Recht. „Aber ich kann beweiſen, daß ich das Geld für die Schuld zu Hauſe liegen habe!“ rief Riedhelm hitzig. „Warum wollen Sie nicht lieber Ihre Taſchen umwenden? Das iſt viel einfacher!“ ſpottete Weben⸗ ſtein. Riedhelm knirſchte mit den Zähnen, ſein ganzes 107 Sein war in Gährung. Dieſer namenloſe Schimpf, dieſe Schmach— ihm! Sein ganzer Stand war in ihm beleidigt. „Das würde die Offiziersehre nimmermehr erlau⸗ ben“, verſetzte er, ſich noch bemeiſternd. Webenſtein nickte zufrieden mit dem Kopfe— ſeine Combinationen hielten vortrefflich Stich. Sein Gegner unterſtützte ihn ſo namhaft, daß er beinahe an die Richtigkeit ſeiner eigenen Behauptungen zu glauben begann. „Die Offiziersehre“, nahm der General auf's neue mit eiſiger Gemeſſenheit das Wort, und ſein Antlitz glich dabei einer finſter drohenden Wetterwolke,„die Offiziersehre hat durch Sie, mein Herr, ſchon ſo viel Eintrag erlitten, daß Sie beſſer thun würden, nicht mehr an dieſelbe zu appelliren. Ihre Herren Kameraden werden mir darin beiſtimmen“, wandte er ſich an die gedrängte Menge, unter der ſich mehrere Offiziere be⸗ fanden. Tiefes Schweigen beſtätigte ſeine Berufung. In raſender Wuth bäumte ſich Riedhelm auſ. „Mein Gott, ich werde wahnſinnig!“ ſchrie er wild und ſtürzte ſich wie ein reißendes Thier auf den Urheber dieſer Scene, den er an der Bruſt faßte und wie eine Gliederpuppe ſchüttelte.„Sie werden mir 108 Satisfaction für Alles geben!“ kreiſchte er; ſeine Stimme hatte nichts Menſchliches mehr. Die zunächſtſtehenden Herren, die eine Gewaltthat befürchteten, ſielen ihm in die Arme und riſſen ihn zu⸗ rück. Webenſtein war unter dem mächtigen Griffe kreidebleich geworden. Sobald er frei war, trat er, ſo weit er Raum fand, zurück, dann aber kehrte auch ſeine freche Kaltblütigkeit wieder; ſo nah am Ziele, durfte er ſein gewagtes Spiel nicht mehr aufgeben, der Rückſchlag mußte ihn ſonſt zweifelsohne treffen. „Einem Dieb gibt man keine Satisfaction!“ rief er ſcharf,„man ſtellt ihn vor Gericht!“ Ein gellender Aufſchrei drang beängſtigend in je⸗ des Herz. Riedhelm hatte ihn ausgeſtoßen; wie von einem Schlag auf's Haupt getroffen, taumelte er zu⸗ rück; ein eigenthümlich dumpfes Gemurmel durchlief den Raum, in dem ſich Kopf an Kopf drängte. Es gab ja das intereſſanteſte Schauſpiel zu ſehen, das die Geſellſchaft ſeit langer Zeit außerhalb des Theaters gehabt hatte. Plötzlich riß ſich Riedhelm aus ſeinem, an mo⸗ mentanen Stumpfſinn grenzenden Gemüthszuſtande auf und trat mit einem raſchen Schritt vor Paula hin. „O, Sie müſſen ſprechen!“ drang er in ſie,„Com⸗ teſſe Paula, reden Sie, ſagen Sie, daß Sie ſich be⸗ 109 ſonnen haben, daß Sie das Armband nicht dahin legten. Rufen Sie Ihre Erinnerung wach, ich be⸗ ſchwöre Sie bei Allem, was Ihnen heilig iſt!“ Indem er ſie bat, ihre Erinnerung wachzurufen, ſchien ſich ſein Auge in das ihrige einbohren zu wollen, um ſie an den Vorgang am Kamin zu gemahnen, deſſen er ja nicht in Worten erwähnen durfte. Ver⸗ gebens! Paula fühlte ſich ihrer Sache zu ſicher. Wenn ſie auch früher bereute, ſo hartnäckig auf ihrem Aus⸗ ſpruche beſtanden zu ſein, jetzt wäre jede Schonung ein Schlag geweſen, den ſie der Wahrheit ins Geſicht verſetzte. Nach dem Vorausgegangenen durfte ſie ihn nicht mehr ſchonen. Er hätte ſich das Mitleid als einen Reſt ihres Gefühles für ihn auslegen können. Nein, ſie wollte keine Schwäche zeigen, um keinen Preis; der Mann, der ſie um ihre erſte Liebe betrogen hatte, für den ſie jetzt nur noch Abſcheu empfand durfte ihr Herz nicht mehr mißbrauchen, dies Herz, das nach den ſchmerzhaften Zuckungen der letzten Mi⸗ nuten wie erſtorben und bis zu Eis erſtarrt in ihrer Bruſt lag. Mächtig bewegt, aber dennoch feſt gab ſie ihre Antwort ab. „Ich kann nicht anders ſprechen, als ich gethan.“ „So verderben Sie mich denn mit einem leicht⸗ 1 ’ ſinnigen Schwur!“ verſetzte Riedhelm mit unſäglicher Bitterkeit, nachdem er ſie einen Moment lang ange⸗ ſtarrt, als traue er ſeinen Sinnen nicht. War es doch, als athme er unter der Laſt eines fürchterlichen Traumes.„Möge Gott Ihnen den Meineid verzeihen, ich kann es nicht, denn in Ihrer Hand lag es, meine Exiſtenz zu retten, meine Ehre— und Sie haben mich ſinken laſſen kalt und gleichgiltig. Das war ſchlecht!“ Die Scene war auf voller tragiſcher Höhe; zu nervenergreifend für die an glatte, ſäuberliche Manie⸗ ren gewöhnten Anweſenden. Das ſchlug ja über alle Grenzen der erlaubten Senſation. Man war im höch⸗ ſten Grade alterirt, beſonders die Damen fühlten ſich ſehr angegriffen, vor Allen die Fürſtin Lazaroff, die abwechſelnd„horrible!“ und„entſetzlich!“ kreiſchte und einer Ohnmacht nahe ſchien, welche die Zunächſtſtehen⸗ den ſicherlich in die größte Verlegenheit gebracht hätte. So ergreifend Riedhelm's Worte waren, auf Paula wirkten ſie nicht beſchämend oder niederſchlagend, im Gegentheil war ihr ganzer Stolz wachgerüttelt. „Es thut mir leid, mein Herr, aber auch um den Preis Ihrer Rettung möchte ich keine Lüge ſagen“, erwiderte ſie in ſprühender Rede und wandte ſich dann mit raſcher, aber hoheitsvoller Bewegung ab von ihm. 111 Riedhelm ſchlug die Hände vor's Geſicht, ein gel⸗ lendes Lachen kam über ſeine Lippen. „Keine Lüge?— Deine Liebe war's!“ ſchrie es in ſeiner Bruſt wie eine Anklage zum Himmel auf. Dann kam eine wilde Entſchloſſenheit über ihn.„Nun denn, ja ja!“ rief er heiß,„man ſtelle mich vor Ge⸗ richt, man durchſuche meine Taſchen— jetzt!— ſo⸗ gleich! Meine Ehre als Mann wenigſtens wird nicht ſchon durch einen bloßen Verdacht befleckt. Ich fordere die Gerechtigkeit heraus— ſie wenigſtens darf mir die Satisfaction nicht verweigern, die ſie einem redlichen, verleumdeten Manne ſchuldig iſt. Sie möge die Schleich⸗ wege der Infamie und des Haſſes aufdecken.— Da! ich ſtehe zu Gebot— durchſucht mich!— Herr Graf—“ wandte er ſich an den Hausherrn, aber dieſer unter⸗ brach ihn mit einer feinen, ablehnenden Handbewegung. „Bewahre!“ ſagte er ſehr kühl, aber ohne auch nur einen Moment die dem Hausherrn gegen ſeinen Gaſt gebotene diſtinguirte Höflichkeit außer Augen zu laſſen.„Es ſei fern von mir, die Convenienz ſo weit zu verletzen. Ich möchte auch einer Bagatelle wegen nicht all' die Unannehmlichkeiten einer gerichtlichen Ver⸗ handlung haben.“ „Aber es handelt ſich ja um meine Ehre!“ warf Riedhelm gereizt ein. „Ich habe ſie nie bezweifelt“, ſagte der Diplomat, leicht den Kopf neigend, in ſeiner glätteſten Weiſe und wandte ſich unmittelbar darauf, ohne ſich weiter um Riedhelm zu bekümmern, an die übrigen Gäſte, mit der Aufforderung, da der Cotillon doch nun einmal unterbrochen ſei, ihm zum Souper zu folgen. „Wir dürfen die Turtle soup nicht kalt werden laſſen, meine Damen“, ſchloß er ſcherzend,„ſie hat, wie Alles, ihren günſtigſten Moment. Wir haben hoffentlich heute Gelegenheit, ein kleines Feſt en fa⸗ mille zu feiern und auf einen Toaſt anzuſtoßen.“ Indem ſein Auge mit entſchiedener Aufforderung dem fragend aufblickenden ſeiner Tochter begegnete, bot er liebenswürdig der Fürſtin den Arm, den ſie mit merkwürdiger Hingebung annahm. „Graf, ich bewundere Ihren Edelmuth und Ihre Delicateſſe“, flüſterte ſie ihm ſchmeichelnd zu.„Aber Sie haben meine Neugierde im höchſten Grade erregt.“ Es blieb dem Grafen überlaſſen, dieſe Neugierde halb zu befriedigen, halb abzulenken, indem er den Gäſten als Führer in die glänzend ausgeſtatteten Speiſelokalitäten voraufſchritt. Seines„Edelmuths“ und ſeiner„Delicateſſe“ wurde aber noch von vielen laut und leiſe lobpreiſend gedacht. Er ſelbſt fühlte ſich wohl von ſeinem„takt⸗ — —, 113 vollen Benehmen“ befriedigt, das einem armen Opfer der Verleumdung auf die verächtlichſte Art der Welt das letzte Mittel, ſeine Unſchuld zu beweiſen, entzogen hatte. Mit einem Male fand Jeder ſeine Gegenwart in dieſem Raume überflüſſig, man ſah nur noch, wie Riedhelm verzweiflungsvoll in einen Fauteuil ſank und das Antlitz in ſeine Hände vergrub, und entfernte ſich dann einzeln oder in Gruppen, wie es eben kam, nur noch einen ſcheuen Blick zurückwerfend, wie auf der Flucht vor einer verpeſteten Leiche. Erſt im anſtoßen⸗ den Gemach löſten ſich die Zungen und ordneten ſich die Paare. Auch Paula, der General und Webenſtein waren faſt gleichzeitig hinausgetreten. Paula hatte alle Farbe verloren, ſie war blaß wie ein Marmor⸗ bild und ein leiſes Zittern ging von Zeit zu Zeit durch ihren Körper. Vielleich: hatte ſie ihrer Kraft doch zu viel zugemuthet. Den Blick ihres Vaters hatte ſie vollkommen verſtanden. Sie wußte jetzt, daß er nach ihren eigenen Andeutungen am Morgen, nach kleinen Anzeichen während der ſoeben verfloſſenen Minuten, ihr Verhältniß zu Riedhelm errathen hatte, und daß er ihr wohl keinen Vorwurf mache, an ſie aber jetzt die beſtimmte Anforderung ſtelle, durch einen raſchen, ihrer Willenskraft würdigen Entſchluß jeder ihren Ruf Byr, Wrack. I 8 114 bedrohenden Combination zuvorzukommen. Daß dieſes raſch geſchehen müſſe, deuteten ſeine vorbereitenden Worte an die Geſellſchaft an. Sie konnte nicht zwei⸗ felhaft ſein, wohin der Vater ihre Wahl gelenkt wiſſen wollte. Er hatte von jeher die beſcheiden zurückhal⸗ tenden Bewerbungen ſeines Freundes Thunau, wenn auch eigentlich nur paſſiv, unterſtützt. Paula bebte— und warum? ſo fragte ſie ſich ſelber. Sie ſollte ihre Hand verſchenken— was lag ihr noch daran, an wen, ſeit ihr Herz ſtumm war, wie ein Ermordeter— ſeit ihr Leben ihr leer erſchien, als hätte der Sturm, eben hindurchgefegt, Alles, ſogar bis auf die letzte Thräne, mit ſich daraus fortgeriſſen. Webenſtein trat jetzt an ſie heran. Mit grinſen⸗ dem Lächeln, mit einem Blick, aus dem halb Begehr⸗ lichkeit, halb Schadenfreude leuchtete, verneigte er ſich. „Darf ich Ihnen meinen Arm bieten, Comteſſe?“ ſagte er, ohne ſelbſt in dieſem Momente ſeine boshafte Zunge zügeln zu können.„Sie bedürfen jetzt vielleicht einer Stütze.“ Paula trat einen Schritt zurück, als tauche vor ihr plötzlich ein widerliches Kriechthier aus Moos und Geſtrüpp auf— ihr Gedankengang war kurz abge⸗ riſſen. Mit unverholenem Abſcheu blickte ſie dem Ba⸗ ron feſt in's Auge. 445 „Und drohte mir der Sturz in einen Abgrund“, erwiderte ſie in ſtolzer Verachtung,„von einem De⸗ nuncianten würde ich keine Rettung annehmen. Was Sie thaten, war elender Eigennutz!“ Webenſtein war weit entfernt, unter dieſer be⸗ ſchimpfenden Anklage verletzt zuſammenzuzucken; im Gegentheile verzog ein häßliches triumphirendes Lächeln ſein Antlitz. „Ohne einen gegebenen Punkt“, tröſtete er ſich, „hebt ſelbſt Archimedes die feindliche Welt nicht aus den Angeln. Daß ich es gern that, warum ſoll ich es gerade Ihnen leugnen?“ Paula würdigte ihn hierauf keiner Antwort. Der General aber, der noch immer neben ihr ſtand, konnte ſich nicht enthalten, ſeinem Unwillen durch eine ſpre⸗ chende Geberde Luft zu machen, er warf einen Blick zurück nach dem Eingange in das achteckige Gemach und faſt unwillkürlich entfielen ihm die Worte: „Der arme junge Mann— wie ſchwer wird er ſeinen Fehltritt büßen!“ Das Mitleid, das ſich hier ohne alle Oſtentation, beinahe wider Willen äußerte, gewann dem Grafen, beſonders durch den ſchlagenden Contraſt, in dem er zu Webenſtein's Herzloſigkeit und Tücke hervortrat, Paula's Herz. Sie verzögerte nicht länger ihren Ent⸗ 8* 116 ſchluß; je raſcher ſie ihn ausführte, deſto ſicherer war ſie vor ſich ſelber. „Sie ſind gut, General“, ſagte ſie, ihrer Stimme Feſtigkeit zu geben ſuchend, und legte die Hand auf ſeine verſchränkten Arme.—„Nehmen Sie mich mit, wir wollen mit einander wallfahrten nach Bellaggio zum Grabe unſeres Kindes— und dort gemeinſam um unſere Todten weinen.“ Graf Thunau hatte wie verſteinert auf dieſe, im Tone unterwürfiger und inniger Bitte geſprochenen Worte gelauſcht. Es lag ja ſo unendlich viel in ihnen im Beginne derſelben ein unermeßlich reiches Ge⸗ ſchenk, das ihm geboten wurde, im Schlußſatze ein unumwundenes Geſtändniß, das ſich au ſeinen Edel⸗ muth wandte. Mit Wonne erfüllte ihn das erſte, mit tiefem Mitleid das letztere. „Paula!“ fiel es zitternd von ſeinen Lippen. Er faßte die Hand und führte ſie mit innigem Drucke an ſeinen Mund, dann legte er ſie in ſeinen Arm und verließ mit Paula den Salon, indem er ihr leiſe und weich, wie man es von dieſer ernſten Kriegergeſtalt kaum erwartete, zuflüſterte:„O, jetzt verſtehe ich Sie erſt— mein armes Kind!“ Webenſtein ſah ihnen mit wüthend zuſammenge⸗ biſſenen Zähnen nach; er hatte das Juwel dem Einen 117 nur entriſſen, um es dem Anderen in die Arme zu werfen, und er ſelbſt ging leer aus und war um den Judaslohn betrogen. „Verdammt!“ knirſchte er und näherte ſich, da der Salon mittlerweile leer geworden war, den Ge⸗ büſchen, die um den Eingang in das verhängnißvolle Boudoir gruppirt waren. Da ſtürmte ihm noch ein⸗ mal Nothfelder entgegen und warf ihn mit einem offen⸗ bar abſichtlichen Anprall faſt in die Aeſte der Pflanzen. „Lump!“ rief er dabei ziemlich vernehmlich und eilte weiter den Zimmern zu, wo ihn das Souper erwartete. Er war, getrieben von einer Regung ſeines Herzens, zurückgeblieben, bis Alle das Boudoir ver⸗ laſſen hatten, und hatte ſich dann Riedhelm mit der gutmüthigen Frage genähert, ob er ihm vielleicht nütz⸗ lich ſein könne. Erſt als der Unglückliche ſtumm blieb und nur ablehnend den Kopf ſchüttelte, war auch er gegangen. Was hätte Riedhelm antworten ſollen, wer konnte ihm noch nützen, als Derjenige, der den Verleumder entlarvt, die Wahrheit an den Tag gebracht hätte. Was aber war die Wahrheit? Er grübelte nicht ein⸗ mal darnach, dazu ſtand der ganze Vorgang noch zu wenig objektiv vor ihm. Das Gefühl der gänzlichen Vernichtung übertäubte jede Reflexion. Das grenzen⸗ 118 loſe Weh und die eben ſo grenzenloſe Ohnmacht, dem mit der Unwiderſtehlichkeit einer Naturgewalt über ihn hereingebrochenen Schlage gegenüber, erfüllte ſein gan⸗ zes Weſen und lähmte beinahe auch ſeine Muskeln. Wie vom Blitz zermalmt— von einem Zlitz, der wirk⸗ lich diesmal aus einem heitern, verheißungsvollen Him⸗ mel gekommen— ſaß er da, regungslos und faſt ohne Gedanken, ſeine Hände hingen ſchlaff herab, wie ſein Kopf, in dem ſich nur immerfort dieſelben Gedanken, wie farbenfunkelnde Feuerräder, raſend ſchnell im Kreiſe drehten. Es währte lange, bis er die Sprache wieder fand, aber unheimlich tönte das gellend höhniſche Lachen, als er ausrief: „Geſtürzt aus dem Himmel! Vernichtet! Ehrlos! und auch ſie— auch ſie! hahaha!— und ich— ich lebe noch!“ Das Lachen tönte noch wie ein Echo nach und brach dann plötzlich ab, er war im Begriffe, neuer⸗ dings in die tiefe Erſchlaffung zu verfallen. Da öffnete ſich die auf den Corridor hinausfüh⸗ rende Tapetenthüre, durch welche Paula zuerſt einge⸗ treten war, und der Kammerdiener des Grafen kam herein, verbeugte ſich vor Riedhelm, ohne daß eine Miene etwas Ungewöhnliches verrieth, und wies auf 119 die offen gebliebene Thüre, indem er in höflichſtem Tone meldete, daß der Wagen vorgefahren ſei. Er mußte ſeine Meldung zweimal wiederholen, denn der verſtörte Blick Riedhelm's verrieth, daß dieſer ſich nicht einmal bewußt war, wo er ſich befand, erſt das dritte Mal verſtand er Wort und Sinn. Wie von einer Feder geſchnellt ſprang er empor. Er war klar und deutlich zum Bewußtſein ſeiner Lage gekommen. „Hal ſo recht!“ rief er mit unſäglichem Hohne, „das Gefäß iſt zerſchellt,— die Trümmer wirft man vor die Thüre!“ und ſtürzte fort, ſo daß ihm ſelbſt der ſchwer aus ſeinem wohlgezogenen Gleichmuthe zu bringende Diener kopfſchüttelnd folgte. Der kleine Raum, welcher der Schauplatz einer ſo erſchütternden Scene geweſen, war leer. Nach einigen Secunden erſt, als die Tapenthür feſt geſchloſ⸗ ſen blieb und der Kammerdiener nicht zurückkehrte, trat Webenſtein, der an der Thüre gelauſcht hatte, ein. Vorſichtig ſah er ſich noch einmal um und warf einen raſchen Blick durch den Salon, ob er auch keinen Lau⸗ ſcher und keine Ueberrumpelung zu fürchten habe. Dann näherte er ſich raſch dem Kamin, hob von dem ziem⸗ lich hohen Sims vorſichtig erſt die eine, und nachdem er dies vergebens gethan, auch die andere Vaſe herab, ſah zuerſt hinein und wendete ſich dann mit triumphi⸗ rendem Blick um. Es gab einen hellen Klang, ohne daß etwas zum Vorſchein gekommen wäre, aber Weben⸗ ſtein ermüdete nicht mit Drehen und Schütteln, bis der darin befindliche Gegenſtand endlich durch den engen Hals glitt. In ſeiner Hand lag das Brillanten⸗ armband. Er betrachtete es mit gierigem und zugleich ſpöttiſchem Blicke, nachdem er die Vaſe wieder ſorg⸗ ſam auf den Kamin zurückgeſtellt hatte. „Man muß nur zu ſuchen wiſſen“, ſagte er zu ſich ſelbſt.„Doch was ihnen heute nicht einfiel, fällt ihnen vielleicht morgen ein, man darf dem Zufall nicht zum zweiten Male vertrauen. Zweimal hinter einan⸗ der kommt ſelten dieſelbe Chance, um va banque zu rufen. Ich werde ſelbſt der Bewahrer dieſes Geheim⸗ niſſes ſein.“ Das Armband glitt in ſeine Taſche, wieder ſah er ſcheu um ſich und ſchlüpfte dann raſch hinaus in den Salon. Kein Auge hatte ihn bemerkt. Viertes Kapitel. Verſchollen. Die Nacht war vorüber. Endlos lang hatte ſie Riedhelm gedünkt, endlos wie die ewige Verdammniß; jeder Gedanke eine leckende Flamme, jedes Bild der Erinnerung ein verzehrender Brand; der unſtillbare Durſt nach einem einzigen la⸗ benden Tropfen für das verſengte Herz und kein Licht⸗ ſtrahl, keine Erlöſung.— Endloſe Nacht! Stundenlang war er achtlos durch die Straßen gewankt, der Kreuz und der Quere immerfort und immerfort. Der anfangs ſtürmiſche Schritt war im⸗ mer langſamer geworden, bis er vollends anhielt. Riedhelm ſah um ſich, er war zu Hauſe, ohne zu wiſſen, wie er dahin gekommen. Die Gewohnheit 122 hatte ihn geführt. Da ſaß er unausgekleidet und 2 1 ſtarr auf ſeinem Lager, bis endlich der Morgen an⸗ brach und die gewöhnlichen Geſchäfte brachte. Ried⸗ helm aber war Alles gleich, er überhörte all' die Mel⸗ dungen und Anfragen; wie ein Schlafwandler ging er offenen Auges und doch der Wirklichkeit entrückt in ſeinem Zimmer auf und nieder, bis endlich nach ängſt⸗ lichem Pochen der Geſchäftsmann eintrat, welcher Börtling's Schuldſchein in Händen hatte. Dieſe Erſcheinung riß Riedhelm endlich aus ſeinem Traumleben, eine ſeltſame Haſt bemächtigte ſich ſeiner, raſch holte er das bereitgehaltene Geld hervor und behändigte es dem Manne, der es eiligſt und mit vie⸗ len Bücklingen entgegennahm. Dann faßte er raſch nach der Mütze und eilte mit dem Schein in der Hand fort, an dem Erſtaunten vorüber, ohne auf ſeine wei⸗ teren Anerbietungen und Dankesworte zu hören. Börtling wohnte nicht in derſelben Kaſerne, er gehörte einem anderen Regimente an, in welchem auch Riedhelm früher gedient hatte, bis dieſer bei ſeiner Beförderung zum Hauptmann in ein anderes verſetzt wor⸗ den war, wo eben ihm die neuen Cameraden nicht beſonders freundlich entgegenkamen. Riedhelm fühlte das Bedürfniß, den Freund aufzuſuchen, ihm Alles mitzutheilen und von ihm Rath und Beiſtand zu ver⸗ 123 langen. Er fand ihn noch im Bette und rüttelte ihn rückſichtslos aus dem tiefen Schlafe. „Wach' auf, wach' auf!“ rief er dem gähnend ſich die Augen Reibenden zu,„jetzt iſt keine Zeit zum Schlafen, ich muß auf der Stelle mit Dir reden!“ Börtling ſetzte ſich raſch auf, ſah Riedhelm erſt überraſcht, dann aber mit einem ganz unbeſchreiblichen Ausdruck der Scheu und des Mitleids an und fragte endlich mit einer, ſeinem Weſen ſonſt gar nicht eigenen Zurückhaltung, was er ſolle. Befremdet ſah ihn Riedhelm an; was war zwi⸗ ſchen ihm und dem Freunde vorgefallen, dem er ſoeben einen Liebesdienſt erwieſen? „Hier haſt Du Deinen Schuldſchein, er iſt bezahlt“, ſagte er, indem er das durchriſſene Papier auf den Schreibtiſch warf, auf welchem die großartigſte Unord⸗ nung herrſchte. Als verſtünde ſich das ganz von ſelbſt, nickte Börtling nur mit dem Kopfe und ſein Auge ſchien zu fragen: „Was weiter?“ „Stehe auf und kleide Dich an!“ herrſchte Ried⸗ helm beinahe in befehlendem Tone; als aber Bört⸗ ling gar keine Miene machte, dieſer Aufforderung nach⸗ zukommen, ſondern nur gähnend die Arme in die Luft 124 ſtreckte, fuhr er erklärend fort:„Es iſt eine Sache von 4 höchſter Wichtigkeit, ich verlange Deine Unterſtützung, 1 Du mußt mein Secundant ſein.“ „Du willſt Dich alſo ſchlagen?“ fragte Börtling. 3 „Ja, und einer von uns muß auf dem Platze bleiben, Webenſtein oder ich.“ Börtling nahm dieſe Erklärung ganz ruhig auf, ohne die geringſte Ueberraſchung zu zeigen. „Ich glaube nicht, daß Webenſtein Deine Heraus⸗ forderung annimmt“, verſetzte er gleichgiltig. „Er muß, ſonſt iſt er ein Feigling, und ich in⸗ ſultire ihn auf offener Straße!“ rief Riedhelm hitzig aus. Börtling wiegte bedenklich den Kopf. „Hm“, ſagte er,„ich weiß nicht, das iſt ſeine Sache; aber ich glaube doch, daß es mit dem Zwang nichts iſt. Er hat feſt und entſchieden erklärt, ſich in keinen Zweikampf einlaſſen zu wollen.“ Nun war es an Riedhelm, den Freund erſtaunt 1 anzublicken. „Ja weißt Du denn?“ ſtammelte er,„laß' Dir doch erſt erzählen.“ „Ich habe die ganze fatale Geſchichte ſchon ge⸗ hört“, unterbrach ihn Börtling.„Ich war juſt im beſten Zuge— Klippburg hatte mich nämlich abends r n 125 mitgenommen— als ſo etwa um Mitternacht We⸗ benſtein vom Balle kam. Er erzählte uns den ganzen Vorfall, der ihm, wie er ſagte, den Appetit zum Souper genommen hatte; mir verdarb er das Glück— ich verlor Alles wieder. Nun, Du kannſt Dir wohl den⸗ ken, was die Geſchichte für Senſation gemacht hat. Heute kennt ſie wohl ſchon die ganze Stadt.“ „Die ganze Stadt!“ wiederholte Riedhelm knir⸗ ſchend, er drückte beide Fäuſte gegen die Schläfe, um den hämmernden Schlag des Pulſes zu dämpfen, es war ihm, als müßte er den Kopf in Trümmer drücken, „die ganze Stadt; und der Schurke wandelt noch un⸗ geſtraft auf den Straßen und verbreitet ſeine nichts⸗ würdigen Lügen— o, es iſt zum Tollwerden!“ „Hm“, hob jetzt Börtling mit der Miene eines weiſen Kadi an,„das hätteſt Du früher bedenken ſollen.“ „Früher bedenken? Was faſelſt Du? Kommſt Du mir auch noch mit ſolchem Zeug, Du, mein Freund?! Biſt mir auch ein ſauberer Freund, Du, der ruhig zu⸗ hört, wie man mich in einer Geſellſchaft verleumdet, und nicht einmal die Courage hat, dem Elenden offen ſeine Meinung zu ſagen. Hätte man mir hinter Deinem Rücken ſo etwas von Dir zu erzählen gewagt, in's Ge⸗ ſicht hätte ich den Hund geſchlagen; ſo hätte ich gethan!“ 126 Der lebhafte Vorwurf wirkte beunruhigend auf Börtling ein, er bewegte ſich unſchlüſſig und auf ſei⸗ nem Antlitze malte ſich eine gewiſſe Verlegenheit. „Ja— aber— warum haſt Du es denn nicht gethan?“ fragte er endlich, ſichtlich froh, eine ſo tref⸗ fende Erwiderung gefunden zu haben. „Du weißt alſo die Geſchichte doch nicht“, brauſte Riedhelm auf,„ſonſt hätteſt Du auch erfahren, daß man mich mit Gewalt wegriß. Ich glaube, ich hätte ihn erwürgt und damit ſeinen Lügen für immer ein Ende gemacht. Höre, ich will Dir Alles ſagen, wie es war.“ Und nun begann er Börtling den ganzen Her⸗ gang mitzutheilen, nicht ein Jota vergaß er, ſtand ja doch jede Einzelnheit mit grauenhafter Deutlichkeit vor ſeiner Erinnerung. Im Erzählen machte er den gan⸗ zen Vorgang abermals durch, die Schändlichkeit der Verleumdung ergriff ihn von neuem und zugleich er⸗ wachte Aerger und Mißmuth gegen ſich ſelbſt in ihm, daß er durch ſein taktloſes und unweltmänniſches Be⸗ nehmen ſeine Sache noch ſchlimmer gemacht, als ſie ohnedem war. Zugleich aber erbitterte ſich ſeine Seele noch mehr gegen die ganze Geſellſchaft, die ihn ſo bereitwillig geſteinigt hatte, beſonders aber gegen General Thunau, den eigenen Inhaber, und Paula, 127 die ja, der Erſtere durch ſeine militäriſche Stellung, ſie nach dem Zuge ihres Herzens, ſeine Partei hätten nehmen ſollen, ſtatt ſich ihm ſo ohne jede Unterſuchung ohne weiters gegenüber zu ſtellen, als ob ſein Charak⸗ ter und ſein Vorleben vollkommen zu ſolch' abſcheuli⸗ chen Annahmen berechtigt hätten. „Iſt das esprit de corps?“ rief er im höchſten Unmuth zum Schluſſe aus.„Der Inhaber war ver⸗ pflichtet, mich vor der Meute zu vertreten. Er hat damit ſich ſelbſt und dem ganzen Stande einen Schimpf angethan!“ Börtling hatte etwas auf der Zunge, erwiderte aber nur mit einem ſkeptiſchen Achſelzucken, traf An⸗ ſtalten, ſein Bett zu verlaſſen, um ſich anzukleiden, und rief nach Michel, dem er befahl, den Kaffee zu bereiten. „Du haſt vielleicht ſchon gefrühſtückt“, fragte er Riedhelm in einem Tone, der ſo klang, als wolle er damit ſagen, wie er nicht geſonnen ſei, den Beſuch zur Theilnahme einzuladen. Riedhelm hatte in ſeiner jetzigen Stimmung kein Organ für ſo feine Nüancen. „Laß mich mit Deinem Frühſtück“, rief er,„mir iſt jett um Anderes zu thun! Du kennſt nun den ganzen Hergang— Alles, ich habe Dir nichts ver⸗ 128 ſchwiegen, ſelbſt nicht, was ſie betrifft. Daß Du dar⸗ über ſchweigſt, wie das Grab, verſteht ſich von ſelbſt, es thut auch nichts zur Sache, nur Dir wollte ich Al⸗ les klar legen, damit Du ſiehſt, wie plump dieſe ganze infame Anſchuldigung angelegt war, da doch kein ver⸗ nünftiger Menſch annehmen kann, wie ich, hart am Ziele, mich ſelbſt in den Abgrund ſtürzen werde.“ „Freilich, freilich“, murmelte Börtling, indem er in die Beinkleider ſchlüpfte, es ſcheint kaum glaublich, wie Du mir die Sache jetzt dargeſtellt haſt. Es ge⸗ hört zu den unbegreiflichen pſychologiſchen Räthſeln. Die Hand nach einem Armband ausſtrecken, wenn man im Begriffe iſt, die dargebotene Hand ſelbſt zu erfaſ⸗ ſen. Um ein paar tauſend Gulden eine Million in die Schanze zu ſchlagen. Denn das wird ſie einmal wohl bekommen. Sapperment, eine Million!“ „Nun alſo“, entgegnete Riedhelm, der den Freund mit ſich einverſtanden meinte, mit zornigem Lachen, „iſt es nicht, um den Verſtand zu verlieren, wenn das ihr nicht ſelbſt einleuchtet? Was iſt das für eine Liebe, die ſich von dem erſten verpeſteten Lufthauch hinweg⸗ blaſen läßt, als hätte ſie nie beſtanden? Möchte man da nicht an etwas wie Zauberei glauben?“ „Geſchwindigkeit iſt keine Zauberei“, brummte — nte 129 Börtling in den naſſen Schwamm, mit dem er ſich eben über das Geſicht fuhr. „Lüge war ihre Liebe, Lüge und kokettes Spiel!“ fuhr Riedhelm, der ihn nicht verſtanden hatte, mit wilder Bitterkeit fort.„Was bewog ſie dazu, mir Gefühle zu heucheln, die ſie nicht empfand, was bewog ſie, mir im Handumwenden ſelbſt den Gran Vertrauen zu entziehen, den doch der nächſtbeſte anſtändige Menſch von Jedem beanſprucht?“ Börtling ſchien jetzt ſeine ganze Aufmerkſamkeit dem ſtruppigen, blonden Schnurrbart, ſeinem Lieb⸗ linge, zuzuwenden, den er unter ein fingerbreites Le⸗ derband, das rund um den Kopf lief, arrangirte. „Wird wohl ihre Gründe gehabt haben“, ſagte er mit eigenthümlichen Lallen, das ſeinen Urſprung der zurückgepreßten Oberlippe verdankte, die nicht be⸗ wegt werden durfte, um das feſtanliegende Band nicht zu lockern und die ſtarre Borſtigkeit des Schnurrbarts nicht am Ende zu gefährden. „Gründe? Was für Gründe?“ fragte Riedhelm ſcharf. Börtling zuckte die Achſeln. „Weiß nicht“, ſagte er dann,„aber wird ſie wohl haben.“ „Menſch, Du bringſt mich zur Verzweiflung! Rede, Byr, Wrack. I 9 1 V V 130 wenn Du etwas weißt, aber gieb Dich nicht mit Orakelſprüchen ab, dazu biſt Du zu wenig tiefſinnig. Was iſt's mit Paula?“ „Ich denke nur“, lallte Börtling,„es muß ihr nicht beſonders Ernſt mit Dir geweſen ſein, oder Du haſt wohl auch ein wenig Deiner Phantaſie die Zügel ſchießen laſſen, ſonſt wäre es nicht recht begreiflich, wie ſie ſich noch geſtern Abend mit Thunau verloben konnte.“ „Mit Thunau? Es iſt nicht wahr!“ „Die ganze Geſellſchaft hat beim Souper auf das Wohl des Brautpaares getrunken.“ „Es iſt nicht wahr, ſage ich!“ brauſte Riedhelm heftig auf,„woher weißt Du das? Wer hat's erzählt?“ „Webenſtein.“ „Er lügt! Der Niederträchtige!“ „Andere, die nach dem Ende des Balles kamen, haben es beſtätigt. Es war ein Abend voll Senſa⸗ tionen. Das junge Brautpaar wurde ungemein be⸗ glückwünſcht. Du ſcheinſt Dich alſo getäuſcht zu ha⸗ ben, denn der geſtrige Ball wurde allem Anſchein nach nur zum Zwecke der Declaration arrangirt. Iſt eigent⸗ lich ſchade, daß ich nicht mit dabei war, wiewohl andererſeits—— im Grunde“, ſchloß er nach einer Pauſe,„iſt's aber doch beſſer, daß ich nicht dort war. 131 Es wäre mir ſehr unangenehm geweſen. Man er⸗ ſcheint bei ſolcher Gelegenheit leicht in falſchem Lichte.“ Er hätte ſeine Anſichten noch deutlicher ausein⸗ anderſetzen können, ohne daß Riedhelm davon Notiz genommen haben würde. Starr vor Schreck hatte er die Nachricht von Paula's Verlobung angehört, er war jetzt die Beute eines ungeheuren Andranges von Gefühlen der mannichfachſten Art, die ſich in ſeiner Bruſt bekämpften und um die Herrſchaft ſtritten. Es war, als hätte das Schickſal noch nicht die letzte Karte gegen ihn ausgegeben. Die Schläge der geſtrigen Nacht ſchienen an Wucht eine Spielerei gegen den Felsblock, der jetzt mit einem Male auf ihn herabſtürzte. Er wußte nicht, was er denken, was er glauben ſollte, ja es war vom Denken eigentlich gar keine Rede mehr. In ſeinem Gehirn brauſte es wie ein unausgeſetzt fort und fort ſtrömender Waſſerfall von mächtigem Schwalle, ſeine Augen verloren die Sehkraft, ſein Herz die Em⸗ pfindung, Stumpfſinn bemächtigte ſich ſeiner. So ſtand er lange an die Wand gelehnt, ohne dieſe Stütze wäre er vielleicht umgeſunken. Aus dem Chaos löſte ſich endlich eine einzige Idee mit er⸗ ſchreckender Vehemenz los. „Ich ſchieße ihn nieder, wie einen Hund! Ich muß ihn tödten!“ kreiſchte er ſo furchtbar, daß der 132 vor dem Spiegel ſtehende Börtling wie auf Commando auf dem Abſatze herumfuhr und ihm der Kamm, der eben das wildgeſträubte Haar in Ordnung bringen ſollte, aus der Hand fiel. „Den General?“ fragte er betroffen. „Webenſtein!“ ziſchte Riedhelm zwiſchen den auf— einandergebiſſenen Zähnen hervor.„Du gehſt auf der Stelle zu ihm, in zwei Stunden im Prater, jeder bringt ſeine Piſtolen mit. Ueber das Schnupftuch!“ „Ich glaube nicht, daß er annimmt.“ „Er muß!“ „Da er Dir ſchon einmal Satisfaction verwei⸗ gerte“, bezweifelte Börtling. „Du wirſt ihn dazu zwingen.“ „Ich?“ lallte Börtling und ſetzte dann, die Her⸗ ſtellung ſeiner Friſur wieder aufnehmend, in abge⸗ brochenen unklaren Sätzen, die am Ende aber doch die vollſte Deutlichkeit nicht vermiſſen ließen, hinzu:„Aller⸗ dings— aber— es wäre mir lieber— ich muß ge⸗ ſtehen— man kann nicht immer, wie man gerne möchte— wenn Du vielleicht einen anderen—“ „Wie? einen Anderen?“ fragte Riedhelm barſch. „Du zögerſt? Du willſt dieſem Dienſte ausweichen, den kein Camerad bleibt, geſchweige denn ein Freund dem Freunde verweigern darf?“ 133 Die Verwunderung nahm bei ihm noch zu, als ihm die Erwiderung wurde: „Die Sache iſt unthunlich; es thut mir recht leid, aber ich kann mich nicht in die fatale Angelegenheit miſchen. Man könnte da leicht ſchlimm wegkommen. Wer Pech angreift, beſudelt ſich.“ „Und aus Furcht davor, reichſt Du mir lieber gar nicht die Hand, mir aus demſelben zu helfen?“ „Kann ich dafür, daß Du hineingerietheſt?“ ent⸗ gegnete Börtling achſelzuckend, ohne ſich umzuwenden, „Du hätteſt Dich beſſer vorſehen ſollen.“ Es war Riedhelm einen Augenblick, als ſollte er mit einem Fauſtſchlage antworten, aber die Erregung wich faſt blitzſchnell einem eiſigen Gefühl der Bitterkeit und Verachtung. Einen Blick warf er auf den von ihm bezahlten zerriſſenen Schuldſchein und ließ ihn dann wieder hinübergleiten zu demjenigen, der ſich noch geſtern ſeinen Freund genannt und, ohne die ge⸗ ringſte Mahnung des Chrgefühls, im ſelben Momente Hilfe von ihm annahm, in welchem er ihm auch nur die allergewöhnlichſte Unterſtützung bei dem Verſuche, ſeine angegriffene Ehre rein zu waſchen, verweigerte. Unnatürliche Kälte lag in ſeinen Worten, als er die Bemerkung hinwarf, daß er wohl einen Anderen finden werde. „Möglich, möglich“, meinte Börtling mit einer Gefühlloſigkeit, als ob es ſich um den Ankauf eines Pintſches gehandelt hätte,„aber ich glaube kaum. Es waren Offiziere von der ganzen Garniſon bei Klipp⸗ burg, und alle darin einſtimmig, daß Webenſtein ſtriete nach dem code d'honneur gehandelt habe, Dir Satisfaction zu verweigern, bis Du Dich von jeder Anſchuldigung rein gewaſchen.“ „Alle?— alſo auch Du!“ „Ich?— Ich hatte eigentlich geſchwiegen— aber — genau genommen—“ „Bemühe Dich mit keiner Erklärung“, fiel Ried⸗ helm dem Lallenden in's Wort,„ich erlaſſe ſie Dir. Ihr waret aber keine Repräſentanten, und es wird wohl nicht das ganze Offizierscorps derſelben Meinung ſein. Ja, ich werde die Beweiſe gegen dieſe Verleum⸗ dung liefern, indem ich dem Elenden die Mündung meiner Piſtole auf die Bruſt ſetze und ihn ſo zwinge, zu widerrufen.— Jämmerlich aber muß es in Dir ausſehen, daß Du ſo ohne weiters an meine Schuld glaubſt; es beweiſt, daß Du ſelbſt den Lockungen einiger tauſend Gulden nicht zu widerſtehen vermöchteſt und ſie Dir im gegebenen Falle unbedingt aneignen würdeſt.“ „Riedhelm, ich verbitte mir das!“ fuhr Börtling, 13⁵ der es angezeigt fand, ſich auf das hohe Roß zu ſetzen, auf. „Echauffire Dich nicht“, entgegnete Riedhelm, ohne den Ton eiſiger Verachtung, in dem er geſprochen, zu verändern.„Du würdeſt Dich ja„nach dem code d'honneur“, deſſen Paragraphen Dir ſo geläufig ſind, doch nicht mit mir ſchlagen, vertagen wir daher unſere Affaire lieber, bis ich die erſte hinter mir habe, ich werde Dich dann erinnern, daß ich Dir die Neigung zu fremdem Gute naturgemäß zutrauen mußte, weil Du ſie ja bei Deinem beſten Freunde, alſo folgerichtig bei Jedermann vorausſetzeſt. Man beurtheilt die Welt nach ſich ſelbſt.“ Börtling zeigte eine verlegene Miene, welche durch die Bartbinde in nichts an Reiz gewann. „Ich habe keinen Verdacht ausgeſprochen“, be⸗ gann er einigermaßen beſchämt.„Au contraire, ich perſönlich bin vollkommen überzeugt— ein ungünſtiges Zuſammentreffen von Umſtänden— aber man muß den Forderungen der Welt Rechnung tragen— man geräth ſo leicht in üble Nachrede— um ſo mehr, da ich ſo intim mit Dir war— wie geſagt, ich ſelbſt zweifle nicht—“ Riedhelm hatte ihn reden laſſen, indem er ihn 136 mit einer Miſchung von Mitleid und Verachtung im Blicke betrachtete. Jetzt brach er kurz ab. „Bemühe Dich nicht“, ſagte er ruhig,„um ſo ſchlimmer, wenn Du perſönlich von meiner Unſchuld überzeugt biſt. Einen Verdacht könnte man eher hin⸗ nehmen, als dieſe grenzenloſe Erbärmlichkeit des Cha⸗ rakters, die nicht den Muth hat, energiſch für ſeine Ueberzeugung einzutreten, die ſich feig hinter die all⸗ gemeine Meinung verkriecht und lieber das Unrecht ungeſtraft geſchehen läßt, als dem Freunde zu helfen, daſſelbe abzuwälzen, weil es bequemer iſt, mit den Wölfen zu heulen. Wer ſo handelt, gehört in die Spinnſtube, nicht vor die Fronte unſerer braven Sol⸗ daten, er iſt ein jämmerlicher Egoiſt, der den Schein der Chre ſelbſt vorzieht, eine unausgebackene Teigpuppe und kein Mann. Wir beide haben ausgeredet mit einander!“ Raſch verließ er das Zimmer. Unter den be⸗ täubenden Erlebniſſen, die auf ihn einſtürmten und ihn niederzuſchmettern drohten, hatte dieſe Unterredung, ſo bitter die Erfahrung war, doch einen großen Vor⸗ theil für ihn. Er fand in ihr wenigſtens momentäne Ruhe, Feſtigkeit und Entſchloſſenheit wieder und den vollen faſt freudig gehobenen Muth, Allem thatkräftig entgegenzutreten und ſich wie ein Mann das geſtohlene —— 137 Recht zu erkämpfen. Es war auch das ein krankhafter, fieberhaft emporgetriebener Zuſtand ſeines Gemüths, wie ja auch der zu Tode Getroffene die Wunde im heißeren Rachebegehren nicht empfindet, bis mit dem letzten Tropfen Blut auch das Leben dahinſtrömt und ſein brechendes Auge mitten im letzten haßerfüllten Blicke erliſcht. Er war entſchloſſen, keine Minute ungenützt ver⸗ ſtreichen zu laſſen. Aus der Kaſerne eilte er direct in die Stadt zu Klippburg, der noch ſchlief und von ſeinem Kammerdiener nicht geweckt werden durfte. Von dieſem erfuhr er zum Mindeſten Webenſtein's Wohnung. Der Diener, von dem er empfangen wurde, mußte wohl ſchon inſtruirt ſein, er fragte zuerſt nach dem Namen des Offiziers und als er denſelben ver⸗ nommen, ſchloß er ihm ruhig mit der Bemerkung, daß ſein Herr ſchon ausgegangen ſei und die Stunde ſeiner Rückkehr nicht angegeben habe, die Thüre vor der Naſe zu. Und wie diesmal ging es ihm jedesmal, bis er, den Diener mit Gewalt bei Seite ſchiebend, die Woh⸗ nung, in die er eindrang, in der That leer fand. Von da an mochte er pochen und läuten ſo viel er wollte, die Thüre blieb geſchloſſen, der Hausmeiſter theilte ihm auf ſeine Frage mit, daß der Baron auf 138 einige Zeit verreiſt ſei, ohne ſeine Adreſſe zu hinter⸗ ſe laſſen. Darüber waren mehrere Tage vergangen. w Riedhelm hatte der Reihe nach an mehrere ſeiner Ca⸗ d meraden appellirt, alle hatten ſich kühl zurückgezogen, 8 ohne ihn jedoch direct zu beleidigen, es blieb ihm alſo bi jeder Vorwand genommen, ſie für ihr Benehmen zur p Verantwortung zu ziehen. Der Vorfall auf dem Balle d des Grafen Bornegg hatte indeſſen großes Aufſehen in allen, beſonders in den militäriſchen Kreiſen der Re⸗ ſidenz gemacht. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Kunde davon. Riedhelm's Oberſt war auf Thunau's Anlaß im Begriffe, einzuſchreiten, als ſich das G Offizierscorps mit der Bitte an ihn wandte, die Sache ſelbſt austragen zu dürfen, um den Ruf des Regiments wenigſtens in der Armee zu ſchonen, wenn er ſchon in der Hauptſtadt gelitten hatte. 1 Vergeblich verlangte Riedhelm wiederholt den Proceß vor Gericht, ſeine Cameraden traten ihm ſcharf entgegen, wozu ſie vollkommen berechtigt zu ſein glaub⸗ 88*⁸‿ 0 816 3 ten. Der Schein war zu entſchieden gegen ihn. Er unterwarf ſich endlich der Procedur ſeiner Mitoffiziere. Noch hoffte er, ſich rechtfertigen zu können. Er brachte das Zeugniß jenes Geldmäklers bei, daß er ihn ſchon am frühen Morgen nach jenem Vorfall baar ausbe⸗ zahlt hatte, ehe noch Gelegenheit geweſen wäre, das 139 verſchwundene Armband in Geld umzuſetzen, der Be⸗ weis war jedoch nicht triftig genug. Man hielt ihm den notoriſchen Umſtand vor, wie es in der großen Stadt genug Hehler gebe und ihm von Mitternacht bis zum Morgen genügend Zeit geblieben wäre, um eine ſolche Höhle aufzuſuchen. Alibi vermochte er ja für dieſe Stunden, während welcher er wie ein Trunkener durch die Straßen getaumelt, keines beizubringen. Die Zuverſicht, die Ausſage des Bankiers, bei welchem er Tags zuvor ſchon ſeine Obligationen umgewechſelt hatte, zu gewinnen, erwies ſich als nicht ſtichhaltig Es erinnerte ſich keiner der Bedienſteten, ihn unter der zu⸗ und abſtrömenden Menge im Locale bemerkt zu haben. Der junge Mann, welcher ihm die Papiere abgenommen und das Geld ausbezahlt hatte, war im Auftrage des Chefs nach Galizien gegangen und ſchrieb auf eine Anfrage zurück, es wäre wohl möglich, doch beſtimmt könne er ſich nicht erinnern, an jenem Tage mit einem Offizier verkehrt zu haben, er ſei zudem kurzſichtig und habe kein Phyſiognomiegedächtniß, wahr⸗ ſcheinlich war das letztere nur eine kluge Ausrede, um nicht zur Unzeit für die Geſchäfte des Hauſes, zur Confrontation nach Wien zurückberufen zu werden. Der Poſten war zwar, wie ihn Riedhelm angab, ver⸗ bucht, natürlich aber nicht der Name des Geldem⸗ 140 pfängers, außerdem aber legte man nicht einmal beſonde⸗ res Gewicht auf dieſen Umſtand, der nur in äußerlichem Zuſammenhange mit der Affaire ſtand und ſelbſt für den erwieſenen Fall Riedhelm noch immer nicht ent⸗ laſtete. Die Ausſage des Feldmarſchalllieutenants, ſo ſehr er ſich auch jeder Conjectur enthielt und nur das ſtreng Thatſächliche erwähnte, wie das Zeugniß einiger anderer Anweſenden, beſonders der Offiziere, die ge⸗ genwärtig geweſen, genügten, um den ſchwerſten Ver⸗ dacht auf Riedhelm zu wälzen. Entweder mußte es ihm gelingen, denſelben auf das Unzweifelhafteſte zu widerlegen, oder ſeine Stellung war unmöglich ge⸗ worden. Er ſträubte ſich mit aller Gewalt gegen das Ergebniß der Berathungen. Es wäre ihm wie ein Act der Feigheit erſchienen, ſeinen Platz zu verlaſſen, immer wieder wies er auf Webenſtein hin, den er zum Bekennen der Verleumdung zwingen wolle. Aber man entgegnete ihm einfach, es handle ſich gar nicht mehr um Webenſtein, die Thatſache ſei das Ver⸗ ſchwinden des Bracelets, das er ſelbſt nicht zu erklären vermöge. Vielleicht hatte er anfangs noch auf das Erſcheinen des unſeligen Schmuckes gerechnet, auf eine Botſchaft aus dem Hotel des Grafen— ſeine Hoffnung blieb unerfüllt. — 141 Allmälig ließ die Spannkraft, die ihn aufrecht erhalten, nach. Die ſchweren Schläge waren nicht ſo leicht überwunden. Die Muskeln waren gelähmt und verſagten den Dienſt; verachtet und gemieden ſah er ſich, verhöhnt ſogar von der Straßenjugend, und wo dies nicht wirklich der Fall war, da glaubte er es wenigſtens zu ſein, denn ſein Mißtrauen wuchs mit jeder Stunde. Todwund und müde zum Sterben brach er endlich erſchöpft zuſammen. Seine Exiſtenz lag in Trümmern; ſein Widerſtand war gebrochen, ſtumpf und gleichgiltig nahm er Alles hin, er gab ſeine Quittirung ein. Kein Gericht hätte ihn auf die mangel⸗ haften Indicien hin verurtheilen können, nicht an Schuld oder Verleumdung war ſein Lebensſchiff ge⸗ ſcheitert, ſondern an der vornehm zurückhaltenden Kälte ſeiner Mitmenſchen, die ſich noch auf ihre edel— müthige Handlungsweiſe etwas zugute thaten. Die unzeitige Delicateſſe des Grafen hatte ihm das einzige Mittel ſeiner Rechtfertigung vorenthalten, ſie trat jetzt abermals bei ſeinem Offizierscorps hervor und raubte ihm den Weg des Rechts, auf dem er ſeine Verthei⸗ digung hätte offen führen können, man that, als wolle man ihm eine ſchmähliche Entlaſſung erſparen und zwang ihn moraliſch, ſeine wohlerworbene Stellung ſcheinbar freiwillig, alſo gewiſſermaßen mit dem — 1 1 1 — 142 Geſtändniß ſeiner Schuld und Unwürdigkeit ſelbſt aufzu⸗ geben. Eines Tages war er verſchwunden; Börtling hatte nicht daran gedacht, dem Brod⸗ und Obdachloſen die Summe, welche er für ihn als Freund erlegt hatte, zurückzuzahlen. Er war ihm in der letzten Zeit ſoweit als möglich ausgewichen, ſchonte ihn nicht in ſeinen Geſprächen, nannte ihn mit den härteſten Namen, aber eine Summe, die dem„Diebe“ gehörte, zurückzubehalten, ſchien ihm keine„traurige Verirrung“ und bedrückte ſein Gewiſſen nicht. Seine Handlungsweiſe berührte ja die Ehre nicht, ſelbſt wenn ſie bekannt geweſen wäre, es war eben nur„Vergeßlichkeit.“ Mit friſchem Credit und der endlich angelangten Subvention ſeines Onkels lebte er fröhlich in den Tag hinein, bis die Auſtern zu Ende gingen, da erſchien eines Abends Webenſtein wieder bei Klippburg. Er kam direct von Paris, wo er den Schluß des Carne⸗ vals und die in Wien„ihm ſo langweilige Faſtenzeit“ verbracht hatte. Er brachte die neueſten Moden, die neueſten Calembourgs mit, und war von der jungen Welt gefeiert, wie je. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß er nun wieder Bank hielt, und als hätte er auch das Glück mitge⸗ bracht, ſo proſperirte dieſe, und die Banknotenvorräthe der Mitglieder des Klippburg'ſchen Clubs— ſo be⸗ —-—— 143 zeichneten ſich nämlich die faſt alltäglichen Gäſte des reichen Lebemannes, der mitten in der Reſidenz, trotz aller Polizeiverbote, zu ſeinem Privatvergnügen eine kleine Spielhölle hielt, bei der er obendrein noch ſelbſt ganz anſtändige Summen verlor— dieſe Banknoten⸗ vorräthe verminderten ſich zu Gunſten Webenſtein's in überraſchender Weiſe. Vor allen Anderen war es Börtling, der nicht nur Alles verlor, was er beſaß, ſondern auch ſchon einige bedeutende Bons ausgeſtellt hatte, die ebenfalls zu Webenſtein hinübergewandert waren. Jetzt erinnerte er ſich jenes, von dem faſt ſchon vergeſſenen Riedhelm geäußerten Verdachtes; er paßte auf, erregt von Wein und Verluſt, legte er mit einem Male ſeine Hand auf die Karten und beſchuldigte Webenſtein des falſchen Spieles. Es gab Streit, der mit einer Herausforderung endete. Zwei Ereigniſſe, die Geräuſch machten, trafen anfangs Mai zuſammen. Die Verbindung des Gene⸗ rals Thunau mit Comteſſe Paula und das zwei Tage vorher ausgefochtene Duell zwiſchen Oberlieutenant Börtling und dem ſtadtbekannten Baron Webenſtein, der dabei eine Kugel in die Seite erhielt, an der er vierundzwanzig Stunden ſpäter ſeinen Geiſt aufgab. Kurz vor ſeinem Tode— ſo erzählte man ſich— hatte 144 ihn noch Graf Thunau beſucht und war längere Zeit mit ihm allein geblieben. Der Umſtand war aufge⸗ fallen, für's Erſte, weil ſonſt kein Menſch, nicht ein einziger von ſeinen früheren Spiel⸗ und Tafelgenoſſen, keiner von ſeinen Verehrern und Nachahmern den ſterbenden Abenteurer, der ſo lange den Ton angege⸗ ben hatte, ſehen wollte, wie auch keine Seele ſeinem Leichenbegängniſſe beiwohnte, außer dem gewöhnlichen Perſonale und einigen mit der Begräbnißmonomanie Behafteten— dann, weil ſchon am Tage nach der früher erwähnten Trauung, als das junge Paar ſeine Hochzeitsreiſe angetreten hatte, ein drittes Ereigniß eintrat, das einige Combinationstalente alsbald mit dem Beſuche des Generals bei Webenſtein in Verbin⸗ dung brachten. Es verbreitete ſich nämlich mit ungemeiner Schnel⸗ ligkeit das Gerücht von der Unſchuld Riedhelm's. Zeitungsinſerate wurden im Namen des Generals veröffentlicht, welche Riedhelm vollkommen rehabilitirten und das Mißverſtändniß bedauernd, die Auffindung des verſchwunden geweſenen Schmuckſtückes anzeigten. Das Offizierscorps von Riedhelm's früherem Regimente beſchloß, angeregt durch ein eigenhändiges Schreiben des Generals, ein Geſuch an die höchſte Stelle zu 2 richten und dem Unglücklichen im ungünſtigſten Falle —— 145 wenigſtens den Bezug ſeiner verlorenen Gage aus Privatmitteln lebenslänglich zu ſichern. Es geſchahen verſchiedene Schritte von Seiten der Gerichte, und die allgemeine Meinung erhob mit plötzlichem Umſchlag, den unſchuldig Verfolgten unter die Märtyrer und Heiligen, während dem todten Webenſtein, trotz des alten Spruches, viel, ſehr viel Uebles nachgeredet wurde,— ja ſogar Börtling, der ohne Strafe durch⸗ gerutſcht war, gefiel ſich ſehr in dem Nimbus, der ihm als Drachentödter und Rächer ſeines verunglimpften Freundes wurde und nahm ſeine Verſetzung nach Peſt gelaſſen wie ein Römer auf, der ungebrochen in's Exil ging. Aber alle die ſchönen Intentionen kamen nicht zur Ausführung, all' die Inſerate und Aufforderungen, die gerichtlichen Nachforſchungen und Informationen erga⸗ ben kein Reſultat. Riedhelm war und blieb verſchwun⸗ den— nicht lange und er war auch vergeſſen. Byr, Wrack. I Fünftes Kapitel. Nach einem Decennium. Es iſt nicht Aufgabe dieſer Erzählung, die darin vorgeführten Charaktere zu rechtfertigen oder ſie gar gegen Angriffe zu vertheidigen, ſie zu entwickeln oder doch ihrer Entwicklung auf dem ganzen langen Wege Schritt für Schritt zu begleiten. Ich wollte bloß Er⸗ eigniſſe mittheilen, die auf ein intereſſantes Menſchen⸗ leben einwirken und es geſtalten helfen, da ich eben deren eigenthümlichen Einfluß auf dieſe Charaktere für bemerkenswerth halte, weil ſie zeigen, wie der Charak⸗ ter doch nicht immer allein das Schickſal ſchafft, ſon⸗ dern daß das letztere vielmehr eine Macht iſt, die mit manchen Menſchen wie mit Puppen ſpielt. Erſt eine Wechſelwirkung der äußeren Einflüſſe und der inneren Anlagen gibt einem Leben Form und Farbe. 54 Die großen Wendepunkte eines Menſchenlebens ragen nicht immer greifbar in auffallenden Vorkomm⸗ niſſen über die dazwiſchen liegenden, nur ſanft abge⸗ dachten Ebenen, über welche die Zeit leiſe fortrieſelt, aber ſie finden doch immer wenigſtens in einer ſchar⸗ fen Einkerbung Ausdruck, und um ſie gruppirt ſich alles Uebrige in anſteigenden und abfallenden Linien. Ausgeſprochen war dieß wohl im Leben Riedhelm's der Fall; die beiden Kriſen, von denen ich die erſte in den vorhergehenden Kapiteln zu ſchildern verſuchte, umfaßten immer nur einen Zeitraum von wenigen Stunden, ich möchte ſagen: die Eſſenz dieſes Lebens iſt auf zwei Tage zuſammengedrängt. Es möge mir darum geſtattet ſein, einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren zu überſpringen. Nach dem ſteilen Ab⸗ ſturz liefen ſie wie eine rauhe, ſonnenloſe Straße auf der Thalſohle zur entgegengeſetzten Böſchung hin, wo der Weg endet, oder mit einer Kraftanforderung, der nicht Jeder zu entſprechen vermag, zu lichten Höhen wieder hinanſteigt.— In den ſpäteren Vormittagsſtunden eines warmen Auguſtmorgens fuhr ein eleganter Reiſewagen durch die Hauptſtraße einer größeren deutſchen Provinzial⸗ ſtadt im Norden des Reiches, nahe an der Grenze und hielt vor einem anſehnlichen Eckhauſe, deſſen zwei 10* 148 erkerartige Vorſprünge auf einen mittelalterlichen Ur⸗ ſprung hinwieſen. Der Diener, welcher mit der Kammerjungfer in der Imperiale ſaß und, ziemlich beſtäubt, einen nicht ſonderlich präſentablen Anblick bot, ſprang raſch herab und öffnete den Schlag, nachdem er zuvor moch am glänzend polirten Knopf der Hausglocke ge⸗ zogen. Die Thüre öffnete ſich nach einer Weile, während welcher den Wagen ein alter Herr verließ, der ſich noch immer ſehr aufrecht hielt und etwas jugendlich Kräftiges in ſeinen Bewegungen gewahrt hatte. Ein Hausmeiſter, der bei beſonders feierlichen Gelegenheiten wohl auch die Rolle eines Portiers zu ſpielen hatte, kam zum Vorſchein und rief, ſobald ihm der eben an⸗ gekommene Diener einige Worte zugeflüſtert hatte, ein ſchallendes„Rudolph!“ in's Haus zurück. Unzählige Male ſich verbeugend, riß er das Thor vollends auf, damit der Wagen in den Hof einfahren könne. Der Poſtillon folgte auch alsbald dem Winke des Herrn, und ließ ſeine Pferde im langſamen Schritte anziehen. Als er wieder hielt, ſtand auch ſchon ein glattraſirter, ſehr reſpectabel ausſehender Diener oder eigentlich mehr eine Art Intendant am Schlage und war mit Hilfe des zu Fuß nachgefolgten Herrn bemüht, der noch im 149 Wagen ſitzenden Dame herauszuhelfen. Die ſchlanke, kräftige Geſtalt berührte jedoch kaum die dargebotene Hand und ſprang federleicht heraus. Das zierliche, graue Sommergewand aus ungebleichter Seide ließ wie ein Transparent die ſchlanke, elaſtiſche Taille er⸗ kennen, und jetzt ſchlug ſie auch den dichten, grauen Schleier zurück. Paula!— Es waren noch immer die wunder⸗ bar reizenden Züge des Mädchens, nur noch ſtolzer und ſtrenger waren ſie geworden in den letzten zehn Jahren, ſeit ſie Gräfin Thunau hieß, allerdings ge⸗ mildert durch eine liebenswürdige Herablaſſung und ein höflich zuvorkommendes Weſen, aber doch auch eigenthümlich beſchattet, wie von einem tiefliegenden, längſt verwundenen und dennoch in der Stimmung nachklingenden Schmerz. „Die Frau Gräfin erwartete die Herrſchaften ſeit acht Tagen“, eröffnete ihr der Intendant ehrfurchtsvoll. „Ach ja“, erwiderte ſie, indem ſie ſich eigentlich nur an ihren Gatten wandte,„es war eine unver⸗ zeihliche Nachläſſigkeit, daß wir der Tante unſer ver⸗ ändertes Reiſeprogramm nicht mittheilten. Sie wußte nicht, daß wir noch unterwegs bei Tante Larenberg aufgehalten wurden.“ Graf Thunau begnügte ſich, mit dem Kopfe zu — —y 150 nicken, und gab ſeinem Diener verſchiedene Befehle. Die Kammerjungfer war mittlerweile ebenfalls von ihrem luftigen Sitze herabgeklettert und machte ſich daran, die zunächſt für einen Toilettewechſel ihrer Herrin nothwendigſten Artikel auszupacken. „Es wird Ihrer Erlaucht gewiß ſehr leid thun, die Ankunft der gnädigen Herrſchaft verſäumt zu haben“, fuhr der Intendant fort, der die Worte, welche als Entſchuldigung dienen konnten, gleichſam im Na⸗ men des Hauſes mit ſtummer Verbeugung entgegen⸗ genommen hatte. „Wie? Iſt die Tante nicht zu Hauſe?“ fragte Paula lebhaft. „Erlaucht glaubten ihre gewöhnlichen Exereitien im Kloſter vom Herzen Jeſu nicht länger mehr auf⸗ ſchieben zu dürfen.“ „Dann wollen wir vielleicht ſogleich wieder wei⸗ ter, Paula“, warf der General hin und die Kammer⸗ jungfer hielt mit ihrem eifrigen Auspacken, der Ant⸗ wort gewärtig, inne. Der Intendant kam Paula, die überlegte, zuvor. „Erlaucht würden darüber untröſtlich ſein“, ſagte er mit dem Ausdruck aufrichtiger Beſtürzung. „Daß wir aber auch nicht daran dachten, zu telegraphiren“, meinte Paula, ſich wieder an ihren 154 Gatten wendend.„Wir kommen wahrhaft wie ein Ueberfall, lieber Freund, das gehört aber noch zu Deinen alten Soldatengewohnheiten. Die Tante hat Recht, wenn ſie uns böſe wird.“ Der Intendant räuſperte ſich und erlaubte ſich dann einzuwenden: „O, davon iſt wohl keine Rede, gnädigſte Gräfin. Erlaucht haben Alles angeordnet für den möglichen Fall, der nun auch wirklich eingetroffen iſt und wür⸗ den, wie geſagt, untröſtlich ſein, wenn die gnädige Herrſchaft, ohne ſie zu ſehen, ſogleich wieder nach Wildau weiter reiſen würde.“ „Nun, ſo wollen wir bleiben“, entſchied Paula und das Aus⸗ und Abpacken nahm wieder ſeinen Fortgang. Der Intendant ſchritt voran die Treppen hinauf und öffnete die Thüren zu einem ſchön eingerichteten, wiewohl etwas alterthümlichen Salon, der in ſeiner Ausſtattung, unbekümmert um neue Mode, gewiſſer⸗ maßen zu dem in alter Würde daſtehenden Hauſe paßte. Dann ging er weiter und wies den Gäſten ihre Schlaf⸗ und Ankleidezimmer an, die auf das Freundlichſte zu ihrem Empfange eingerichtet waren. Während Paula ſich hier mit der Kammerjungfer einſchloß, kehrte der General in den Salon zurück, wo ihm ſchon der Haus⸗ 152 meiſter und der Poſtillon mit einem großen Koffer begeg⸗ neten, denen der Diener mit einer ſehr eleganten handlichen Caſſette aus ſtahlbeſchlagenem Juchtenleder folgte. Der Intendant wies die Kofferträger nach den Nebengemächern und der Diener wollte ihnen dahin folgen, als der General dagegen Einſprache that. „Nicht doch, Philipp, hierher auf den Schreib⸗ tiſch“, rief er und ſchloß ſie raſch in ein Fach, wornach er den Schlüſſel zu ſich ſteckte.„Geh' und ſorge zuerſt für Deine eigene Unterkunft, ich werde mich erſt ſpä⸗ ter umkleiden“, ſetzte er dann hinzu. „Ich werde ihm ein Stübchen neben dem Vor⸗ zimmer anweiſen, Excellenz“, ſagte der Intendant, „der Glockenzug aus dem Schlafzimmer führt dahin.“ In dieſem Augenblicke trat Paula erfriſcht und mit geordnetem Anzuge wieder ein, ſie trug eine kleine goldene Damenuhr in der Hand, die ſie ihrem Diener mit der Weiſung übergab, ſie, wenn es möglich ſei, ſchnell repariren zu laſſen, da ſie ſtehen geblieben ſei. Dann wandte ſie ſich heiter an ihren Gemahl. „Nun, was ſagſt Du, Thunau“, bemerkte ſie, „wohnen wir nicht charmant? Die Ausſicht aus dem Schlafzimmer iſt wirklich reizend.“ Der Intendant verbeugte ſich wieder, gleichſam am 153 um den Lobſpruch im Namen des gräflichen Hauſes in Empfang zu nehmen. Der General äußerte ſein Bedauern, den Dank nicht ſogleich perſönlich aus⸗ ſprechen zu können und fragte, bis wann man auf die Rückkehr der Gräfin rechnen dürfe. „Keinesfalls vor morgen Abend, Herr General“, erwiderte der Intendant.„Erlaucht pflegen ihre Retraite ſtets auf fünf Tage auszudehnen und ließen nur diesmal, ſpeciell des erwarteten Beſuches wegen eine Beſchränkung auf drei Tage eintreten.“ Auf die Frage Paula's, ob ſie denn die Tante nicht im Klo⸗ ſter aufſuchen dürfe, ſetzte er mit einer gewiſſen komi⸗ ſchen Haſt hinzu:„Die Frau Gräfin würden ſich ver⸗ gebens bemühen. Erlaucht ziehen ſich für dieſe Uebungen immer vollkommen zurück und kehren ſich auf das Strengſte von allem Irdiſchen ab, ſo daß ſie, um nicht geſtört zu werden, mit niemandem in Berührung kommt.— Wenn die gnädige Herrſchaft nichts andres zu befehlen hat“, ſchloß er,„werde ich nach dem Gabelfrühſtück ſehen.“ Er verbeugte ſich und ging. Paula, die auf dem kleinen Sopha Platz genommen hatte, konnte ſich nicht enthalten, ſcherzhaft zu äußern, wie da die letzten zehn Jahre eine große Veränderung, ja gewiſſermaßen eine Bekehrung hervorgebracht hätten. Ihr als Prote⸗ 3 V 2 1 V 154 ſtantin erſchien ſolch' eine religiöſe Abſchließung, eine ſolche periodiſche fromme Einkehr in einem fremden Lichte. General Thunau, der wie ſie, aus dem deut⸗ ſchen Nachbarkönigreiche ſtammte, wo auch Paula's Gut Wildau, wohin ſie jetzt reiſten, lag, theilte ihr Glaubensbekenntniß und ſtimmte ihr achſelzuckend bei. Er liebte keine Geſpräche, welche die Religion berührten, ſo wie er ein Feind aller politiſchen Erörterungen war. „Von dieſer Seite kannte ich Tante Werſowetz nicht“, fuhr ſie fort.„Ich kann mir die ſtolze, impo⸗ ſante Geſtalt, das wohlwollende, lebensfrohe, ſchöne Antlitz, das ich noch in der Erinnerung habe, unmög⸗ lich mit dieſer ernſten, ſtrengen Lebensanſchauung zu⸗ ſammenreimen. Doch freilich, wie hat ſich auch Tante Larenberg geändert, ſie iſt faſt kindiſch geworden und hat ihr ganzes Gedächtniß verloren. Ja, ja, zehn Jahre!— Eine lange Zeit!“ „Galt dieſer Seufzer den zehn Jahren?“ fragte der General. „Und wenn?“ entgegnete ſie und ſah lächelnd zu dem vor ihr Stehenden empor. „Dann hätteſt Du den Seufzer mir überlaſſen ſollen,— an Dir gingen ſie ſpurlos vorüber.“ Paula ſtreckte ihm die Hand hin, die er zärtlich erfaßte. — — 155 „Immer galant und liebenswürdig, folglich ſind ſie auch an Dir ſpurlos vorübergegangen“, ſagte ſie. „Aber ſiehſt Du, lieber Thunau, ich dachte an meine Tante, und mein Erſtaunen über die mit ihr vorge⸗ gangene Veränderung wiech der Reflexion, wie oft zu einer ſolchen nicht Jahre, ſondern nur Augenblicke nöthig ſind. Eine einzige Erfahrung— eine einzige Enttäuſchung kann ſie bewirken.“ Ihr Ton war ernſter und ernſter geworden, ſinnend brach ſie ab. Aber auch auf den erſt noch zärtlich auf ſie blickenden General hatten ihre Worte einen verſtimmenden Eindruck gemacht. In ſeiner Ant⸗ wort gab ſich eine leichte Bewegung kund, die er nicht zu unterdrücken vermochte. „Ich weiß, worauf Du zielſt, Paula“, hielt er ihr vor.„Warum erweckſt Du immer wieder dieſe Erinnerung?“ Paula ſtrich ſich mit der feinen Hand, die nur ein wenig trockener und energiſcher geworden war und ſich vielleicht nicht mehr ſo warm wie ehemals an⸗ fühlte, über die Stirne, wie um die zwei leiſen Linien, die da hinein geritzt waren, zu glätten. „Kann ich ſie verſcheuchen?“ entgegnete ſie.„Wo⸗ chen, Monate, Jahre denke ich nicht daran, mit einem Mal iſt der düſtere Schatten, den ich nicht rufe, wie ... ———O ☛ 156 von einem Wort, einem Ton, einem Anblick, in un⸗ entwirrbarer Ideenverbindung heraufbeſchworen da wie eine Drohung. Ein bleiches, unheimliches Geſicht, eine mahnend gehobene Hand, ein vorwurfsvoller Blick aus ſchwermüthigen dunkeln Augen. Erſt noch war ich ſo heiter und nun iſt mir unheimlich, dieſer Blick ſchleicht mir eiskalt zum Herzen hin, als hätte ich ein Unrecht begangen— und doch weiß ich mich frei. Gott Lob, daß dem ſo iſt! Der Gedanke, mit Urſache an dem Elende eines Menſchen zu ſein, der vielleicht unſchuldig iſt, der Gedanke, eine Seele—— nein, nein!“ unterbrach ſie ſich heftig und ſprang dabei auf, wie einem Verfolger zu entgehen oder um ſich gegen einen Angreifer zu wehren, und„ich will ihn nicht denken, den Gedanken— er wäre fürchterlich!“ ſetzte ſie fröſtelnd, leiſer hinzu und trat an's Fenſter, das auf einen kleinen, zum Nachbarhauſe gehörigen Garten hinausging. Kinder ſpielten unten und erregten ihre Aufmerkſamkeit, ein zwiſchen Antheil und Wehmuth ſchwankendes Gefühl:— ihre Ehe war kinderlos ge⸗ blieben.— Sie erwartete keine Erwiderung von Seite ihres Gatten, um ſo mehr überraſchte ſie die Wiederholung ihres eigenen Ausrufs. „Ja wohl, fürchterlich!“ 7 ng 157 Frappirt von dem eigenthümlich dumpfen Ton, in dem dieſe Worte halb unwillkürlich aus einer zu⸗ ſammengeſchnürten Bruſt heraufſtiegen, drehte ſie ſich raſch um. Der Anblick ihres Gatten machte ſie be⸗ troffen. Gebeugt, den düſtern Blick zu Boden geſenkt, lehnte er mit untergeſchlagenen Armen am Schreib⸗ tiſche und fuhr beinahe erſchrocken auf, als ſie auf ihn zutrat und ihre Hand ſeinen Arm faßte. „Du gibſt es zu?!“ rief ſie, dann aber war es als ſtocke ihr der Athem, nur ihre Augen hingen fragend an den ſeinigen, die ſich den Blick auszuhal⸗ ten bemühten; erſt nach einer Weile ſetzte ſie haſtig hinzu:„Du glaubſt an ſeine Unſchuld! Thunau ſprich! Du hegſt eine Vermuthung?!“ Was den General auch angewandelt haben mochte, er hatte es beſiegt, willenskräftig richtete er ſich auf. Nicht das erfte Mal im Laufe dieſer zehn Jahre trat ein ſolch' ſchwieriger Moment für ihn ein, immer noch war er glücklich darüber weggekommen; auch diesmal ermahnte ihn ihre fliegende Hitze, wie nothwendig es war, jeden Zweifel an der Richtigkeit ſeiner Handlungs⸗ weiſe in fich niederzukämpfen und Paula mit äußerer Ruhe und Feſtigkeit zu begegnen, ohne ſich vom Augen⸗ blicke zu einer Abweichung von ſeinem Wege hinreißen zu laſſen. Er faßte ihre Hand und ſtreichelte ſie liebkoſend, als ob er dadurch den ſtürmiſchen Puls beruhigen wollte. „Wie kommſt Du darauf?“ rief er aus.„Ich ſagte ja nichts, was Dir Veranlaſſung zu dieſer Frage gäbe.“ Paula, welche ſich an die zeitweiſe gedrückte melan⸗ choliſche Stimmung ihres Mannes, ohne daß ein äuße⸗ rer Anlaß dafür vorhanden war, im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, ſah nichts Befremdendes darin, nur der Ausruf hatte ſie ſonderbar berührt, vielleicht war auch ihr Nervenleben von der Reiſe mehr als ſonſt er⸗ regt, die Bewegung ließ ſich nicht ſo leicht bemeiſtern, wie ſanft ihr Thunau auch jede aufſteigende Ahnung auszureden bemüht war. Abſichtlich hatte er ſie jahrelang in Unwiſſenheit über die Entdeckung der Unſchuld Riedhelm's gehalten, im Anfange hatte ihm das einige Mühe gekoſtet, wie⸗ wohl Paula damals ſchroff auch die leiſeſte Anſpielung auf jenen Vorfall im Hauſe ihres Vaters ablehnte und ſogar dieſem ſelbſt im zweiten Jahre ihrer Ehe, als ſie wieder einmal zum Beſuche bei ihm war, kurzweg das Wort abſchnitt, da er davon zu ſprechen begann. Die Gräfin Larenberg dagegen blieb ſteif und feſt bei der Behauptung, ihr Liebling Webenſtein habe die 159 Wahrheit geſprochen und man habe Riedhelm nur aus falſcher Humanität wieder rehabilitiren wollen. Sie als die einzige, die eine Aufklärung hätte herbeiführen können, war daher leicht zu bewegen, gegen Paula, deren ablehnende Haltung in dieſer Angelegenheit ſie ohnedem ſchon erfahren hatte, ganz und gar zu ſchweigen. Später, als Graf Thunau den Dienſt verließ, brachten ſie mit kurzer Unterbrechung mehrere Jahre im Auslande zu. Der Tod des Grafen Bornegg rief ſie in die Heimath, ein halbes Jahr verbrachten ſie jetzt in Wien, aber in ſtrenger Zurückgezogenheit, die ihnen von der Trauer auferlegt war, kein Menſch er⸗ innerte ſich mehr an jenen Vorfall, der Name Ried⸗ helm war verſchollen und die Gräfin Larenberg kindiſch geworden, ſo war es leicht, Paula die Wahrheit zu verbergen, wenn ſie ſich auch jetzt in den häufiger werdenden Durchbrüchen eines tief geheim gehaltenen Schmerzes, oder beſſer geſagt, eines nicht zu verbannen⸗ den, immer wiederkehrenden Bangens weniger abge⸗ neigt zeigte, an jene Kataſtrophe anzuknüpfen. Die heftigen Selbſtanklagen, die ſie bei ſolchen Gelegen⸗ heiten immer bereit war, auf ihr eigenes Haupt zu wälzen, die unverkennbare Angſt vor der Möglichkeit einer ſolchen Combination, ließen die Sorgfalt, mit 160 der er ihr jeden Grund dazu immer wieder zu beneh⸗ men ſuchte, gerechtfertigt erſcheinen. Ob dies ein ſol⸗ ches fortwährendes Unterdrücken der Wahrheit wirk⸗ lich war?— Wir werfen uns darüber nicht zum Richter auf. „Es iſt wahr“, ſagte Paula, ſich zur Ruhe zwin⸗ gend,„das Blut ſchoß mir durch den Kopf, ich ließ mich hinreißen, weil ich meinte, eine Beſtätigung mei⸗ nes Zweifels aus Deinem Munde zu hören. Gott Lob es iſt nichts— es darf nichts ſein!“ ſetzte ſie mit ei⸗ ner Lebhaftigkeit hinzu, die bewies, mit welcher An⸗ ſtrengung ſie ſich zu der Ueberzeugung zwang,„der allerkleinſte Zweifel würde genügen, um das Herz vor Entſetzen ſtille ſtehen zu machen. Es darf kein Zwei⸗ fel herrſchen!“ „Warum quälſt Du Dich ſo?“ beſchwichtigte ſie der General, der nur mit Mühe dem kummervollen Blick einen weniger herben, zärtlicheren Ausdruck zu geben vermochte. „Du haſt Recht. Es iſt ja längſt Alles klar. Eben darin, daß dieſes Räthſel ſcheinbar keine Löſung hatte, liegt die Löſung ſelbſt. Du denkſt doch ſo wie ich?“ „Ja— ja ich denke ſo“, entgegnete er leiſe und zögernd,„doch ſoll der Menſch kein allzuſtrenges Ur⸗ theil fällen.“ 161 Ein Ausdruck leidenſchaftlicher Härte trat in Paula's Züge, während ſie ſich wieder dem Fenſter näherte. „Du biſt zu gut, Thunau“, ſagte ſie,„bedenke, daß ſich das Urtheil— und mit Recht— gegen uns wendet, wenn es ihn nicht trifft. Es gibt hier keinen Mittelweg. Die Schuld muß erwieſen ſein und iſt ſie es, dann kann kein verdammendes Wort zu hart dafür erſcheinen!“ Der General nickte mit dem Kopfe, es ſah aus, als beſtätige er den Ausſpruch Paula's, doch war es nur die Beſtätigung ſeiner inneren Anſicht. Er wußte es ja, der Glaube an Riedhelm's Schuld war, wenn ſie mit ihm nicht jeden Halt verlieren ſollte, für dies Herz eine Nothwendigkeit. Er war der Bann, der allein die Drachen der Selbſtvorwürfe, die es züngelnd umlauerten, gefeſſelt hielt. Ein bitteres Gefühl ſchlich dem Grafen in die Seele: das Bewußtſein, auch durch eine zehnjährige Zärtlichkeit und die aufmerkſamſte Liebe noch immer nicht feſtzuſtehen auf ſeinem Platze, den er als Eindringling nur ſo lange einnahm, bis der rechtmäßige Eigenthümer ihn zurückforderte. Er fühlte, daß ihm ihre Liebe nur ſo lange geſichert war, als ſie Riedhelm gleichſam von Paula ſelbſt mit Ge⸗ walt entzogen blieb. Byr, Wrack I 11 162 „Weßhalb kommſt Du immer wieder darauf zurück?“ ſagte er mit leiſem Vorwurf,„Du denkſt noch an ihn,— Du liebſt ihn, Paula!“ Es lag eine unnachahmliche Bewegung des Stol⸗ zes in dem Zurückwerfen dieſes edlen Kopfes, das ihre Entgegnung begleitete. „Lieben?“ ſtieß ſie verächtlich hervor,„einen Ehr⸗ loſen? Einen Dieb?!“ „Du fürchteſt Dich, ſeine Unſchuld erwieſen zu ſehen, denn Du würdeſt ihn lieben, wenn er beides nicht wäre.“ Der Graf bereute ſofort ſeine Unvorſichtigkeit, und daß er ſich durch das lebhafte Gefühl zu dieſer Aeußerung hatte hinreißen laſſen, denn Paula's Stirne verdüſterte ſich, und der raſche Athem, der ihre Bruſt hob, zeugte von der mächtigen Erregung, welche die bloße Vorausſetzung in ihre Seele warf. Sie rüttelte ſich mit Gewalt auf, ſie wollte, ſie konnte ſich keine Klarheit geben— wozu auch? Es bedurfte keiner Grübelei über das Wenn; die Wirklichkeit ſtand ja unverrückt. Zehn Jahre lang hatte ſie ſich an dieſe gewöhnt und im Ganzen befand ſie ſich wohl in ihr. „Spiele nicht mit Unmöglichkeiten“, ſagte ſie nach einer Weile, den Schatten, der ſich um ſie lagern wollte, verſcheuchend.„Verlange keine Folgerungen. 163 auf gewagte Suppoſitionen. Der Menſch kann nie wiſſen, wie er ſich in dieſem und jenem Falle verhal⸗ ten würde, und was nützt auch das Kopfzerbrechen, wie es wäre,— wie ſie iſt, muß man die Welt neh⸗ men.“ Sie ergriff ſeine beiden Hände, ſah ihm voll und innig in's Auge und fuhr fort:„Der Charakter allein iſt liebenswerth, nicht das Ideal, das man ſich von ihm gemacht. Ein ſolches Ideal hat das ſchwär⸗ meriſche Mädchen einſt geliebt und alle Reichthümer der Seele und des jungen Herzens daran verſchwen⸗ det— Du weißt es, mein edler, theurer Mann.— Ein Blitzſtrahl hat die Flitter entzündet, mit denen ich es umhängt und geſchmückt, das falſche Geſchmeide fiel ab, der Werth, der nur ein eingebildeter war, verſchwand, im Staube lag das zertrümmerte Götzen⸗ bild und eine häßliche Fratze grinſte mir entgegen.— Laß die Dinge, Thunau.“ Der General aber folgte ihrer Bitte nicht; ſtatt dem gefährlichen Punkte auszuweichen, trieb ihn ein Dämon immer wieder dahin zurück. „Du fühlſt aber immer noch Mitleid mit ihm“, ſprach er. „Nein!— Mitleid wär' ein Reſt von Liebe— ich haſſe, ich verabſcheue ihn!“ Sie drückte damit das Gefühl aus, das ſie wirk⸗ 14* 164 lich zu empfinden meinte, ja ſogar wirklich empfand. Doch war das eben nur die auf Vorausſetzungen ba⸗ ſirte Metamorphoſe des geradezu Entgegengeſetzten. Ein Wort konnte da die Rückverwandlung herbeiführen. Sie ſelbſt gab ſich darüber keine Rechenſchaft, aber die Lebhaftigkeit der Empfindung bewies es deutlich. Nur noch ein in Liebe bewegtes Herz gibt für die Täuſchung Haß, ſtirbt die Liebe einmal wirklich, dann tritt Gleichgiltigkeit ein, und an dieſe ſchließt ſich freundliches Gedenken, oder auch Widerwillen, je nach⸗ dem, niemals aber active Gefühle wie Haß und Abſcheu; ſie ſind der Ausdruck des Lebens, nicht des Todes. Das empfand auch der Graf, und es ſchnitt ihm wehe in die Seele. Als fände er eine ſchmerzhafte Wolluſt, ſeine Selbſtqual ſo weit zu erhöhen als mög⸗ lich, taſtete er weiter. „Das heißt, Du verabſcheuſt ſeine That“, meinte er. „Nein— ihn, der ihrer fähig war. Die That im Gegentheil war ja ein Glück für mich, denn ſie gewährte Einblick in die ungeheure Lüge, die mich umgarnt hatte, und beugte noch zu rechter Zeit dem namenloſen Elende vor, dem mein Leben ſo gut wie verfallen war.“ „Und aus dem Schiffbruch haſt Du noch die Trümmer gerettet.“ die 165 Dieſe Worte klangen ſo herbe, daß Paula befrem⸗ det zu ihrem Gatten aufſah. „Warum ſagſt Du ſo?“ fragte ſie beſorgt.„Gibſt Du wieder dem düſtern Drucke nach, der Dich ſo ſon⸗ derbar ſtimmt? Habe ich Dir jemals Urſache gegeben durch mein Benehmen, zu glauben, ich fühlte mich un⸗ glücklich oder unbefriedigt?— Du machſt mir einen Vorwurf damit, der mich ſchmerzt“, ſetzte ſie hinzu, „ich glaubte mich dagegen geſichert.“ „O, ich weiß, ich weiß“, entgegnete der Graf bitter,„Du haſt Alles gethan, mehr als Deine Pflicht. Du beſitzeſt eine ungemeine Gewalt über Dich, und ich darf mich in keinem Ding beklagen; aber ich weiß auch, daß Du das Glück, von dem Du einſt träum⸗ teſt, bei mir nicht gefunden haſt. Du haſſeſt ihn, weil er Dir das Glück einſt geraubt, aber Du kannſt auch mich nicht lieben, weil ich Dir es nicht wiederzugeben vermochte. Paula ſann jetzt nicht nach, ob ihr Gatte Recht habe oder nicht, er erſchien ihr wie ein Kranker und ihre nächſte Pflicht dünkte ihr, ihn zu heilen oder doch ſeine ſchmerzhafte Empfindung zu lindern und mit der Erkenntniß dieſes Zweckes, den es zu erreichen galt, wich die eigene Bedrängniß von ihr und faßte die ſchwankende Zuverſicht in ihr wieder neue Wurzel. 166 Was hatte ſie dem Manne nicht Alles zu danken, und dies zu bethätigen, war das nächſte Mittel, jeden Zweifel, der ihn quälte, zu verſcheuchen. Mild lächelnd legte ſie ihre Hand auf ſeine Schulter. „Du biſt eiferſüchtig auf einen Schatten“, ſagte ſie,„laß all' die Erinnerungen, Thunau— es iſt ver⸗ gangen und vorbei. Fort mit der finſteren Wolke“, fuhr ſie fort, indem ſie liebkoſend über ſeine ſchöne, von dichtem grauen Haar umkräuſelte Stirne ſtrich, und in ihrer Stimme lag dabei etwas unnennbar zu⸗ traulich Rührendes.„Wir ſind ja Beide keine Kinder mehr. Wir ſind ruhige geſetzte Leute und wollen uns auch darnach betragen.— Du haſt einſt das verirrte, haltlos gewordene Mädchen an Deine Bruſt genommen, Du haſt mir ringen helfen mit meinem eigenen thö⸗ richten Herzen, und mit mir gebetet und geweint, Du haſt mich aufgerichtet, und bei Dir habe ich endlich das Gleichgewicht und die Ruhe gefunden. Die Ruhe aber, mein Freund— iſt Glück. Sie ſchmiegte ſich innig an ihn, er ſchlang wie unbewußt den Arm um ſie und zog ihre Hand an ſeine Lippen. „Ja wohl“, ſagte er träumeriſch,„die Ruhe muß .— g 7 Glück ſein.“ muß 167 Beſorgt blickte Paula zu ihm auf. Welch' ſonder⸗ barer Ausruf! Was fehlte ihm zur Ruhe? „Was iſt Dir Thunau?“ fragte ſie mit inniger Theilnahme, denn ſo in ſich verloren, ſo gedrückt hatte ſie ihren Mann noch nie geſehen.„Du ſprichſt wie geiſtesabweſend, was kann Dich beunruhigen?“ „Sagte ich, ich ſei unruhig?“ „Deine Worte ließen es wenigſtens vermuthen. Was erregt Dich? Biſt Du vielleicht krank? Hat Dich die Reiſe angegriffen?“ Der General raffte ſich mit Gewalt auf, er zwang ſich zum Lächeln. „Ja, ja, das iſt's“, erwiderte er.„Ich bin das Reiſen nicht mehr gewöhnt. So viele Jahre ruhig vor Anker zu liegen, das macht bei einem alten Fahr⸗ zeug die Planken morſch.“ „Da ſollte ich mir eigentlich einen Vorwurf ma chen, daß ich Dich zur Reiſe beredet habe.“ Und in der That machte ſie ſich ihn auch. Gleich⸗ mäßig neben ihm fortlebend, hatte ſie beinahe den Unterſchied ihres beiderſeitigen Alters vergeſſen, ſie hatte das Gefühl, als könne er in Allem gleichen Schritt mit ihr halten, kam ſie ſich ja doch nach der Erfahrung jenes Abends ſelbſt ſo ungeheuer gealtert vor, als ſei ſie eine Greiſin. Sie hatte im Laufe der ——— 168 Jahre nicht Acht gehabt auf die Veränderungen, die mit ihm vorgegangen waren. Jetzt zum erſten Male fielen ſie ihr auf, ohne daß ſie davon einen anderen Eindruck empfing, als den erhöhter Zunneigung und inniger, ſorglicher Theilnahme. Ja— der Graf war alt geworden; ſein aufrechter Gang, die Bemühungen, ſich ſeiner jungen Frau gegenüber jugendlich zu geben, um ſie die muntere Lebendigkeit eines Altersgenoſſen nicht vermiſſen zu laſſen, zeugten nur von der Herr⸗ ſchaft, die ein an das Befehlen gewohnter kräftiger Geiſt, ſelbſt über den eigenen allmälig erlahmenden Körper zu üben wußte. Aber wie lange konnte dieſer Zwang noch Gehorſam finden? Wer weiß, wie tief dieſe ſcheinbar eiſerne Geſundheit ſchon erſchüttert war — ein kleiner Anſtoß konnte den ſtraff gehaltenen Körper zuſammenrütteln und eine Krankheit hervor⸗ rufen, deren Ausgang ſich zum Mindeſten nicht voraus⸗ beſtimmen ließ. Paula erſchrak heftig. Der Gedanke, ihn ver⸗ lieren zu müſſen, den Gefährten durch ſo lange Jahre, den ſie, nicht anders denn als einen treuen Freund und Begleiter durch's ganze Leben ſich zu denken vermochte, und dann ganz allein ohne Stütze zurückzubleiben in der Welt— der Gedanke erſchütterte ſie mächtig. Sie fürchtete eine Beſtätigung ihrer Beſorgniß zu hören — 169 und fühlte ſich erleichtert, als der Graf jede Krank⸗ heitsempfindung in Abrede ſtellte. „Wir konnten doch nicht immer in der Reſidenz bleiben“, fuhr er dann fort,„Du weißt, daß mir eine geregelte Thätigkeit Noth thut und mir deren Mangel in den letzten Jahren ſtark empfindlich wurde. Zudem wünſchte Dein Vater ſelbſt in der letzten Zeit, die Be⸗ wirthſchaftung der Güter in die Hand zu nehmen und hätte es auch in Ausführung gebracht, wäre er nicht durch den Tod daran verhindert worden. Ich fühle Neigung zu dieſer Beſchäftigung, zumal der alte Director ſich in die Ruhe zurückzuziehen wünſcht und ich doch wenig⸗ ſtens in Deinem Intereſſe die Uebernahme einleiten muß. Kurz, die Reiſe war ja nicht zu verſchieben, und ſobald wir in Ruhe ſind, kehrt auch das alte Wohlbefinden wieder. Aber nun drängt’s mich auch, ſo raſch als möglich in unſerer neuen Heimat anzu⸗ langen. Ich wollte, wir könnten ſofort weiter.“ „Bis übermorgen müſſen wir uns nun doch jeden⸗ falls gedulden, es wäre ſonſt eine Unfreundlichkeit gegen die Tante.“ „Du haſt Recht, mein Kind“, entgegnete der Ge⸗ neral mit einem mißlungenen Verſuche zum Lächeln, „es geht nicht anders, vielleicht thut mir auch die mo⸗ mentane Ruhe wohl, dennoch iſt mir's, ich weiß nicht —e ☛——— 170 weßhalb, als hinge ein ſchweres Wetter über uns und ich befände mich in einem Hauſe ohne Blitzableiter. Ich werde erſt wieder frei athmen, wenn wir in Wil⸗ dau ſind.“ Der Intendant trat jetzt, ehe noch Paula etwas erwidern konnte, ein und meldete, daß das Gabelfrüh⸗ ſtück ſervirt ſei. „Das iſt ein Wort, das Vieles ausgleicht“, ſcherzte Paula, um ihren Gatten, deſſen Arm ſie nahm, zu erheitern,„beſonders auf der Reiſe.„Wir wollen uns durch den drohenden Blitz wenigſtens den Appetit nicht rauben laſſen. Après nous le déluge!“ und leiter. Vil⸗ etwas ffrüͤh⸗ herzte n, zu muns nicht Sechstes Kapitel. In der Hütte. In einer Provinzſtadt, ſie möge noch ſo ſtattlich ſein, ſind die Quartiere der Armuth nicht ſo ſtreng von den Vierteln der Paläſte oder, da dieſe eigentlich nur ganz ſporadiſch vorkommen— der behäbigen Wohnhäuſer wohlhabender Einwohner geſchieden. Man braucht oft nur um eine Ecke zu biegen, kaum ein paar Schritte weit, ehe die Gaſſe noch zu Ende geht, ſinken die Firſte mit einem Male um mehrere Stock⸗ werke herab, eine Reihe von Hütten ſetzt die ſtolze Zeile fort, oder es drängen ſich doch einzelne unhar— moniſch, wie an den Urſprung mahnend, zwiſchen die rings emporragenden Häuſergrößen. So lag auch in der Seitengaſſe, zu welcher das ſtattliche gräfliche Eckhaus mit den beiden Erkern we⸗ nigſtens zum Theil gehörte, wenn auch das Portal nicht da hinaus ging, ein unſcheinbares baufälliges Häuschen, kaum fünfzig Schritte davon. Das ſteile, ſchadhafte Dach ſtieg nur über einem Erdgeſchoſſe em⸗ por, das außer der Thüre noch zwei kleine Fenſter auf die Gaſſe öffnete. Hinter den blanken Scheiben waren Uhren ausgeſtellt und zeigten, daß das Zimmer neben der Eingangsthüre die Werkſtatt ſei; hinter der⸗ ſelben lag eine ziemlich dunkle, aber ſehr reinlich ge⸗ haltene Küche, an die ſich eine auf den ſchmalen Garten hinausſehende Stube ſchloß. Nach dieſer Seite hatte das Häuschen auch noch einen Aufbau zu dem das Dach den Raum hatte hergeben müſſen und der zwei kleine Zimmerchen enthielt, welche zu Schlafkam⸗ mern benutzt wurden. Der Verſammlungsort der Bewohner war die ge⸗ räumige Werkſtätte, die zugleich als Wohngemach diente und demnach auch mit einem gewiſſen ärmlichen Comfort ausgeſtattet war. Außer dem Tiſche, worauf das Handwerkszeug lag, befand ſich eine hartholzene Kommode und ein eben ſolcher Schrank darin, und an der Hauptwand neben dem Ofen ſtand ein altmodiſches, mit Kattun überzogenes Kanapee, vor welchem der große, ſchwere Tiſch mit den gedrehten Füßen vielleicht ſchon ſeit einem Jahrhunderte feſtſtand. An den Wän⸗ 173 den hingen einige alte Kupferſtiche, die durch ihre gute Ausführung ſtark von den in ſolchen Räumen gewöhn⸗ lichen Schildereien abſtachen, dazwiſchen waren noch mehrere große Pendeluhren angebracht, die mit ihrem raſcheren und ſchwereren Ticktack ein für den Unge⸗ wohnten befremdendes, aber doch nicht unangenehmes Geräuſch verurſachten, das dem Ganzen eine eigenthüm⸗ lich trauliche Stimmung gab. Es war jetzt, einige Stunden nach der Mittags⸗ zeit, niemand in dem auffallend rein gehaltenen Zim⸗ mer, als eine alte blinde Frau, die auf dem Kanapee, und ein Knabe von etwa ſieben Jahren, der ihr ge⸗ genüber auf einem Stuhle ſaß und emſig ſchrieb. Er war ſo eifrig bei der Arbeit, daß ſein ſchöngeſchnittenes, friſches Geſichtchen, das von vollem, blonden Haar ein bischen eigenſinnig umwallt war, den Zügen der Feder folgend, allerlei komiſche Bewegungen machte, wovon er ſelber aber keine Ahnung hatte. Sein An⸗ zug war einfach, den überaus beſcheidenen Verhält⸗ niſſen angemeſſen, und unterſchied ſich im Schnitte nicht von dem ſeiner Altersgenoſſen, wohl aber in der Reinlichkeit, die dem Kinde von der Wiege aus aner⸗ zogen ſchien. Die Züge des Knaben verſchoben ſich im Eifer immer komiſcher und die Feder ging immer geräuſchvoller auf und nieder. Die Alte auf dem 174 Kanapee konnte jene nicht ſehen, aber ſie hörte dieſe um ſo deutlicher. Schon lange malte ſich Unzufrieden⸗ heit und Aerger auf ihrem hageren, nach allen Rich⸗ tungen von Falten und Pockennarben zerriſſenen Ge⸗ ſichte. Endlich brach ſie das Schweigen, das ihr über⸗ haupt keine Gewohnheit zu ſein ſchien. „Biſt noch immer nicht fertig?“ begann ſie mit nergelnder Stimme, ohne daß der Knabe ſonderlich Notiz von der wahrſcheinlich oft gehörten Redeweiſe genommen hätte.„Immer das Gekritzel auf dem Papier. Den ganzen Tag in der Schule, und ſobald Du da⸗ heim biſt, kreiſcht die Feder wieder in Einem fort, als ob Du ein Schreiber werden ſollteſt. Iſt auch eine ſchöne Beſchäftigung das, bei der nichts herauskommt, als Proceſſe und Leuteſchinderei und große Brocken für den, der's ſchon hat, aber ganz kleine Krumen für den armen Teufel mit der Feder hinterm Tintenfaß. Kenn' ſie gar gut, die Tintenkleckſer. Schwärmten aus und ein wie ein Bienenſchwarm im Kreisamt, unſerem Haus gegenüber. Mußt wiſſen, meines Vaters Haus ſtand draußen beim Kreisamte, wo ſie jetzt die neuen Fabriken hingebaut haben, wie ich mir ſagen ließ, und war ganz anders, als die erbärmliche Hütte hier. Iſt mir auch nicht an der Wiege geſungen worden, daß ich auch noch einmal ſollt' von fremder Gnade abhängen erlich weiſe pier. 1 da⸗ „ als ☛᷑ — Serrnn 175 im Leben. Aber Gott prüft die Gerechten. Ja, alſo da habe ich zur Genüge die luſtigen Schreibervögel kennen gelernt. Nichts zu beißen und nichts zu brocken. Dein Vater thäte auch geſcheidter, Dich in die Lehre zu nehmen, damit Du ein tüchtiger Uhrmacher würdeſt. Alt genug biſt Du nun, an's Brodverdienen zu denken, und es wäre beſſer, als die ſchöne Zeit unſerem Herr⸗ gott mit dem ewigen Tintenkleckſen abzuſtehlen.“ Der Knabe hatte den ganzen Schwall Worte über ſich ergehen laſſen, ohne viel darauf zu merken, erſt das Ende der Rede ſchien ihn zu verdrießen. Ohne ſich zu unterbrechen, entgegnete er: „Aber, Großmutter, wenn ich nicht ſchreiben kann, kann ich auch kein Rathsherr werden!“ Die Alte ſtieß ein unangenehm klingendes, kichern⸗ des Lachen aus. „Schau, ſchau den Obenhinaus!“ ſpottete ſie— „Rathsherr! hihi! Rathsherr will der Junge werden, als ob ohne ihn der hohe Magiſtrat nicht ſchon genug Unſinn und verdrehtes Zeug zuſammenſchwatzte, wenn es gilt, die armen Leute durch eine neue Verordnung zu bedrücken. Rathsherr! Wer hat Dir denn das in den Kopf geſetzt?“ „Die Andern rufen mich ſo.“ „So? Die Andern? Na, weil ſie Dir ſpotten —y—— 176 wollen; daß Du es weißt. Willſt gar hoch hinaus, Büblein. Aber“, fuhr die Alte fort, indem ſie die ge⸗ falteten, eingedorrten Hände, wie bei jeder ſolchen frommen Redensart, höher hob und zugleich die licht— loſen Augen emporwandte, als ob ſie direct in den Himmel hinein ſähe,„der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und an ſeinen Früchten ſollſt du ihn erkennen. Deinem Vater iſt auch das ehrliche Gewerbe zu ſchlecht, — merk's wohl, wenn ich gleich blind bin und mir der Herr die Augen geſchloſſen hat, damit ich nicht Aerger⸗ niß zu nehmen brauche an der ſündigen Welt.— Raths⸗ herr? Wollte Gott übrigens, es ginge wieder aufwärts, bisher iſt's nur abwärts gegangen. Siehſt Du, Dein Urgroßvater das war ein wirklicher, wahrhaftiger Rathsherr. Du mußt wiſſen, daß meine Mutter die Tochter eines reichen Kaufherrn aus Leipzig war, konnte ihr Lebenlang die Hände in den Schooß legen und nichts thun, wie eine vornehme Dame; ging ihr aber zu wohl, lief drum bei Nacht und Nebel fort mit einem jungen Theologen, der Hauslehrer war und ſich dann als Muſikmeiſter ſein Brod erwerben 1 mußte, weil der alte reiche Handelsherr ſeine Hand abzog und nichts mehr wiſſen wollte von uns, ſelbſt als ich zur Welt kam. Und auch die Brüder der Mutter waren hochmüthig und gaben gar keine Ant⸗ 177 wort, die Briefe kamen zuletzt uneröffnet zurück. So ſind ſie, die da rufen: Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie Jener dort!— Nun, ich war doch noch die Frau eines ehrſamen und rechten Uhrmachermeiſters, Gott hab' ihn ſelig!— Deine Mutter aber mußte ſich da an Deinen Vater hängen, der nicht einmal ſein Meiſterſtück gemacht hat, von dem man nicht einmal weiß, woher er kommt, und den ſie in der Zunft und in der Stadt nur ſo dulden von wegen meines Man⸗ nes ſelig.“ Bis hierher hatte der Knabe ruhig zugehört, ohne auf das Geſagte, das er ja ſchon ſelbſt auswendig konnte, zu achten, nun aber von ſeinem Vater die Rede war, wurde der Knirps ganz roth im Geſicht, legte für einen Moment die Feder weg und rief: „Großmutter, ich leid's nicht, daß Ihr den Vater ſchmäht!“ „Holla!“ ſchüttelte ſich die Alte, daß ihr Kopf wackelte, als wolle er geradeswegs von den Schultern fallen,„das kreiſcht und flattert, wenn man in's Krähen⸗ neſt ſtößt. Wie die Alten ſungen, zwitſchern die Jun⸗ gen. Das hat keinen Reſpect vor dem Alter, weil's das üble Beiſpiel vor ſich hat. Aber das prophezeihe ich Dir doch: herunter vom Vater auf den Sohn und aus Dir wird nichts, mein junges Rathsherrchen. Jetzt Byr, Wrack. I. 12 * 178 aber geh und rufe mir Deine Mutter herein, ſie hat mich wohl vergeſſen.— Mach' von der Stelle, Fritz!“ herrſchte ſie ihm zu, als er noch ein paar Worte ſchrieb, um den Satz zu ſchließen. Er folgte nun ſogleich, nahm Schreibebuch, Tin⸗ tenfaß und Feder mit ſich und verließ das Gemach durch die neben dem großen Kachelofen in die Küche führende Thüre. Die Alte aber ſetzte, nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß ſie allein war, ihre nur etwas weniger laut gehaltene Rede ſo fort, als ob ſie noch immer einen Zuhörer hätte. „Wie der Bube trotzig iſt, aber das kommt vom Blute— iſt Herrenblut!“ murmelte ſie.„Weiß wohl, wenn auch mein Alter— Gott hab ihn ſelig!— ſchwieg wie ein Fiſch. An jeder Fingerſpitze merkt man's, ehe man's noch betaſtet, wie die Nähe des Feuers. Das thut hoch und gewaltig, ganz anders als wie andere Leute. Nun, wenn's nur das wäre, ich gönnt' es der Hanne gern— aber er hat kein reines Gewiſſen, was hat er ſonſt nöthig, Unſereins zu ſpielen und ſich zu verbergen?! Das habe ich geſagt und ſage ich, wenn er auch zehnmal mein Schwiegerſohn iſt, denn gerade darum thut's weh. Selig, die eines reinen Herzens ſind! Ich danke dir, mein Herr, daß du mir die De⸗ muth gegeben haſt als meinen Antheil.“ — — —yͤ 179 Sie verblieb in der diesmal beſonders andächtigen Stellung, obwohl ſie ſehr gut gehört, daß ſich die Thür wieder geöffnet hatte und ſie den Schritt ihrer Tochter erkannte. Die noch junge Frau trug ein über⸗ aus einfaches, aber ſehr reines, friſchgeſtärktes Waſch⸗ kleid aus violettem Baumwollenſtoff, das ſich den ſchön gerundeten Formen ihres Oberkörpers knapp anſchloß und unten kleine, wenn auch nicht beſonders zierliche Lederſchuhe ſehen ließ. Die Aermel waren zurückge⸗ ſchlagen und entblößten einen Arm von ſo vollendeter Reinheit der Form, daß man ihn einer edlen Sta⸗ tue entlehnt halten konnte. Auch die Hand war klein, wenngleich nicht von jener durchſichtigen Weiße, wie ſie Nichtsthun und ſorgſame Pflege der Haut verleiht. Dem volleren Körperbau nicht ganz entſprechend, ſaß auf einem ſchlanken, biegſamen Hals ein beinahe zu kleiner Kopf, der nur durch die Fülle des natürlichen braunen, in einem einzigen Zopfe herumgeſchlungenen Haares größer erſchien. So fehlte es auch dem hüb⸗ ſchen, pikanten Geſichte ein wenig an Rundung und Farbe. Der Teint ſpielte etwas in's Broncefarbene und der Eindruck wurde durch die dichten, dunklen, beinahe ineinander laufenden Brauen verſtärkt, unter denen der Blick der hellen blauen Augen gar wunderlich feſt und doch ſeelengut und treuherzig winkte. 12* 2 1 180 Wie ſie jetzt ſo leicht und lebhaft auf den Tiſch zuſchritt, mit dem aufgenommenen Ende der Schürze zugleich das kleine Blech haltend, auf dem Veſperbrod und Kaffee für die Alte in blaugeblümtem weißen Fayencegeſchirre hergerichtet war, das weiße Tuch über den Kopf geworfen und nur loſe unter dem Kinn ge⸗ ſchürzt, bot ſie zugleich Vorwurf und Modell zu dem reizendſten Genrebilde, von dem ſich jeder Beſchauer traulich angezogen fühlen mußte. „Hier iſt der Kaffee, Mutter“, ſagte ſie mit einer wohlklingenden und munteren, nur beinahe etwas zu weichen Stimme und ſtellte das Service vor die Blinde auf den Tiſch, ſo daß dieſe es bequem mit der Hand erreichen konnte. Statt aber darnach zu langen, be⸗ merkte ſie in ſcharfem, vorwurfsvollen Tone: „Haſt mich heute lange warten laſſen.“ Die junge Frau bat ſie freundlich, nicht böſe zu ſein.„Ich habe mich nur ein wenig bei der Arbeit verſpätet“, ſetzte ſie hinzu.„Es waren gerade Steine heiß und ich hatte noch zwei Hemden für den Herrn.“ Die Alte zuckte ungeduldig mit dem Kopfe. „Ja freilich“, ſagte ſie,„wenn's für Deinen Mann war, dann begreif' ich's. Der ‚Herr'’ geht Allem vor. Wenn meine Wäſche hätte geplättet werden ſollen, ————— 181 wär' wohl die Eile auch nicht ſo groß geweſen, für mich hätte es immer noch Zeit.“ „Ihr thut mir recht weh, Mutter“, verſetzte die junge Frau und ſchüttelte ſeufzend den Kopf, indem ſie ihren Arbeitskorb von der Kommode nahm, ſich zu der Mutter an den Tiſch ſetzte, ſo daß ſie der auf den Hausgang führenden Thüre den Rücken zukehrte und zu nähen begann.„Ich weiß gar nimmer, was ich thun ſoll, um Euch zufriedenzuſtellen.“ „Das Gebot befolgen und die Mutter ehren, da⸗ mit Du lange lebeſt und es Dir wohlgehe auf Erden.“ Das hatte auch der kleine Fritz gehört, der hinter der Mutter wieder hereingekommen war und jetzt An⸗ ſtalten machte, ebenfalls ſeine Arbeit wieder aufzuneh⸗ men. Er hatte nur deßhalb Alles früher mit ſich ge⸗ nommen, weil es ſchon vorgekommen war, daß die Blinde in ſeiner Abweſenheit„aus Zufall“, wie ſie ſagte, das Tintenfaß umgeſtoßen oder das noch naſſe Schreibheft auf den Boden hinabgeſtreift hatte. Alt⸗ klug ſtreckte er jetzt das Näschen empor und rief: „Aber es heißt: du ſollſt Vater und Mutter ehren— und die Großmutter will nie, daß ich den Vater ehre.“ „Wirſt Du wohl ſchweigen, kleine Lügenbrut!“ fiel ihm die Alte in's Wort. 182 „Habt Ihr ſchon wieder—?“ ſagte die junge Frau vorwurfsvoll.„Ich habe Euch doch ſo gebeten, Mutter, vor dem Kinde wenigſtens Euren Groll zu bezähmen.“ Die Alte wackelte heftig mit dem Kopfe. „So, ſo, Frau Tochter. Es ſteht Dir wirklich gut an“, legte ſie los,„der Mutter gute Lehren geben zu wollen. Wir wiſſen freilich nur, was in der guten alten Zeit Sitte war, und in die neue können wir uns nicht fügen. Iſt jetzt freilich Alles auf den Kopf geſtellt, warum ſollte das Ei der Henne nicht auch ſagen, was ſie thun und laſſen ſoll? Gib Du ſelbſt dem Kinde kein böſes Beiſpiel, und am beſten iſt's wohl, Du ſchickſt die ungezogene Range hinaus, was hat ſie immer zu horchen?!“ „Ich horche nicht, das iſt eine Schande, ſagt der Vater“, rief der Knabe. „So, und ſitzeſt Du nicht hier, als wäreſt Du angenagelt, und ſchnappſt jedes Wort auf, das gar nicht für Deine Ohren gehört? Geh', ſag' ich und mach fertig mit Deinem Geſchreibe,'s iſt ohnedem nur ein Vorwand, um auf uns zu merken und jedes Wort ihm zu hinterbringen.“ „Das thu' ich nicht. Kein ordentlicher Kerl ſchwätzt aus der Schule“, verſetzte der Knabe mit 183 komiſchem Pathos.„Vater hat mir befohlen, da an dem Tiſche zu ſchreiben, und wenn die Großmutter auf ihrer Stube reden will, da kann ſie ſagen, was ſie will und ich höre nichts davon.“ Die Alte kicherte vor Aerger. „So, mein Püppchen, alſo auf der Stube ſoll ich bleiben?“ enzgegnete ſie.„Mein eigener Enkelſohn weiſt mich aus dem Zimmer, obenein aus meinem eige⸗ nen Zimmer in meinem Hauſe. So weit iſt's alſo ſchon gekommen. Nein, das iſt mir auch nicht an der Wiege geſungen worden, daß ich mich gefangen halten laſſen ſolle in der dumpfigen Hinterſtube. Als meine Mutter ſelig das reiche leipziger Haus verließ, träumte ihr ſicherlich nicht, daß ihrer Tochter dereinſt der Platz mißgönnt wird, wo ſie ihr blindes Haupt hin⸗ legt.“ Die junge Frau hatte den Knaben mit ſtrengem Blick aus dem Zimmer verwieſen; er folgte auf der Stelle und ein wenig beſchämt dem Befehl. Sie aber ſuchte, als die Thüre geſchloſſen war, ſein vorwitziges Wort zu entſchuldigen, er ſei ja noch ein Kind und meine es gar nicht ſo. Die Alte aber behielt ihren gekränkten Ton. „Er ſagt's aber“, widerſprach ſie,„und woher hat er's? Auf ſeinem Acker iſt das Sprüchlein nicht 1 4 V 1 1 184 gewachſen. Das kennt man gleich am Ton. Wie der Vater, ſo der Sohn.“ „Nein, Mutter“, ereiferte ſich nun die junge Frau, „ſo Unrecht dürft Ihr dem Hermann nicht thun. Das kann ich nicht ertragen. Er hat noch niemals etwas geäußert, was Ihr ſo auslegen könntet.“ „Halt' Du nur zu ihm, thörichtes Ding! Haſt Recht, haſt Recht, thut Euch zuſammen gegen die arme blinde Alte;— will Euch aber den Willen thun; geh' ſchon, geh' ſchon aus der Welt— freilich Euch wird's zu lang, aber nur ein bischen Geduld!“ Die junge Frau wußte auf ſolch' liebloſen Vor⸗ wurf nichts mehr zu erwidern, ſie ſchüttelte ſeufzend den Kopf und dachte im Stillen:„Sie iſt eben kin⸗ diſch!“ Laut aber erinnerte ſie an den Kaffee, der kalt würde, um von dem unangenehmen Thema abzukom⸗ men, aber die Blinde war einmal ſchon übler Laune. „Bin ich ein Kind, daß ich mir Alles vorſchreiben laſſen ſoll?“ verſetzte ſie. „Ich dachte nur, weil Ihr verdrießlich war't, daß die Stunde vorüber ſei durch meine Schuld“, erklärte die junge Frau. Das beſänftigte die Alte ein wenig, ſie lehnte ſich zurück und bemerkte, es ſei gut, daß Hanne das en 185 wenigſtens einſehe. Ihre Tochter ſchwieg und arbei tete emſig weiter. Nach einer Weile, während welcher außer den durcheinandertönenden Pendelſchlägen nur das eigen⸗ thümliche Geräuſch hörbar wurde, welches das Durch⸗ ziehen des Fadens beim Nähen verurſacht, begann die Blinde wieder: „Du nähſt ja Seide. Wie kommſt Du zu dem Seidenkleid?“ fragte ſie, und als Hanne verneinte, es ſei nur Linnen, blieb ſie feſt bei ihrer Behauptung. „Seide iſt's— ich hör's am Rauſchen.“ „Nein, es wird ein Hemd für Fritz. Fühlt ſelbſt, Mutter“, ſagte die junge Frau und reichte der Blin⸗ den den Stoff zum Betaſten hin.„Wo ſollte ich auch ein Seidenkleid hernehmen?“ ſetzte ſie lächelnd hinzu. „Wo Du's hernehmen ſollſt?“ fuhr die Alte, die ſich durch's Gefühl von ihrem Irrthum überzeugt hatte, es aber nicht wahr haben wollte, auf,„woher? — Er ſoll Dir's geben. Den ganzen Tag arbeiteſt Du für ihn und marterſt Dich ab und haſt keinen Dank davon. Eine Schande iſt's, ſag' ich, daß Du kein Seidenkleid haſt für den Kirchgang, wie jede ehr⸗ ſame Bürgersfrau, da müſſen Dich freilich Alle über die Achſel anſehen.“ „Das iſt wohl wahr“, gab Hanne kleinlaut zu. 186 „Nun ſiehſt Du; auf mein ſchwarzſeidenes Kleid darfſt Du nicht rechnen, das ſage ich Dir gleich, mit dem will ich in den Sarg gelegt werden. Es war mein Hochzeitsſtaat. Damit iſt's aus, er ſoll Dir nur ein's kaufen.“ „Ja, Mutter, aber er ſagt, der Verdienſt gäbes nicht, und's iſt wahr. Was wir erübrigen, geht für —“ ſie ſtockte plötzlich—„für Euch auf“, hatte ſie ſagen wollen, nun ſetzte ſie ſchonend hinzu:„die Schule auf.“ Das aber war für die Alte das richtige Stich⸗ wort. „Ja, das glaub' ich wohl“, ergoß ſich ihr Rede⸗ ſtrom.„Woher aber kommt's, daß der Verdienſt ſo ſchmal iſt? Gott ſei's geklagt: weil er nur ein Win⸗ keluhrmacher iſt— da liegt's. Keine rechte Beſtellung, keine rechte Bezahlung, am End' auch keine rechte Arbeit.“ Die letzte Bemerkung gab der jungen Frau wieder ihre frühere Feſtigkeit zurück. Alles mochte ſie ertra⸗ gen, aber ein Scheltwort gegen ihren Gatten ließ ſie nicht unerwidert. Jeder Angriff durfte hingehen, nur nicht ein gegen ihn gerichteter. Ihn zu vertheidigen, konnte das ſonſt eben nicht muthige Weib zur Heldin werden. „Doch iſt er geſchickter“, ſagte ſie mit Beſtimmt⸗ heit,„als alle die andern Meiſter in der Stadt. — 187 Haben ſie ihn doch am Ende zu der Uhr auf dem al⸗ ten Nicolaithurme geholt.“ „Weil kein Anderer von dem alten Räderwerk etwas hören will, da iſt er gut genug dazu.“ „Weil Keiner zu helfen vermag, ſo viel ſie auch daran herum verſuchten, bis es ſchlimmer ward als zuvor“, widerlegte Hanne die Mutter, indem ihr Ge⸗ ſicht vor Stolz erglühte.„Und er hat ſie nun doch wieder ſo weit in Ordnung gebracht, daß das alte künſtliche Werk, dem zuliebe gar die Fremden hergereiſt kamen, wieder geht und er ſie heut übergeben kann. Hat ja ſelbſt der Vater ſeine Geſchicklichkeit immer gelobt und über alle andern—“ „Ja der Vater“, fiel ihr die Alte, ſogar mit den Händen wehrend, in's Wort,„der hatte das Herz im Aermel ſitzen, da fiel's immer heraus, ſobald man nur einmal ſanft darüber hinſtrich. Das verſtand aber Dein Mann mit ſeinem ſtillen Weſen und den ernſten, ſchwermüthigen Worten. Ich habe mir's nie erklären können, was er an dem ſtillen Geſellen für einen Narren fraß. Und bei Dir war's um kein Haar beſſer. Biſt Du nicht Tag und Nacht an ſeinem Bett geſeſſen, wie er uns ſozuſagen krank in's Haus herein fiel, und wie viel Streit hat's nicht mit Deinem Vater gegeben des hergelaufenen Burſchen wegen!“ 188 „Mutter!—“ bat Hanne lebhaft, aber die Alte ließ ſich nicht ſo leicht unterbrechen. „Ja, was wahr iſt, iſt wahr“, fuhr ſie fort. „Gott ſteh' mir bei, aber war's mit ihm nicht, als gält' es einen Prinzen oder Grafen? Ein Handwerks⸗ burſche, der krank wird, gehört in's Geſellenſpital, wofür iſt's denn da?— Aber am Ende war's auch mit der Wanderſchaft nicht geheuer, denn ich wenig⸗ ſtens habe nie ein Wanderbuch von ihm geſehen und habe ſie doch von allen unſeren Geſellen in Verwah⸗ rung gehabt, ſo lange mir noch meine paar geſunden Augen im Kopfe ſteckten. Iſt noch ein Glück, daß es nicht ſchlimm ausſchlug, denn recht war's einmal nicht, daß wir einem Ausweisloſen Unterſtand gaben, aber die Polizei hat ihre Augen grad' nicht immer dort, wo ſie hingehören, wenn ſie auch mit ihrer Naſe in alle Töpfe ſchnüffelt. ‚Willſt uns zu Grunde rich⸗ ten? ſagt' ich zum Alten— Gott ſchenk' ihm die ewige Ruhe!— Woher ſollen wir's denn nehmen? Aber da hatt' ich gut reden, es half Alles nichts, da war der alte Lehmann ſelig ſtarr und ſteif auf ſeinem Willen, wie— Gott verzeih' mir die Sünde— ein ſtütziger Karrengaul. Statt in's Spital, kam er in die ſonnige Hinterſtube, und Suppen mußte ich kochen und Hühnchen und Kraftbrühen, daß mir das liebe — 189 Geld wehe that, das wir an den Fremden wegwarfen, als hätten wir nur zu ſagen: Klinge, klinge, Beutel! und hatt' ich nicht Recht? Wie lohnt er's uns jetzt?“ Oft genug mochte die junge Frau ſchon dieſelbe Erzählung und denſelben Vorwurf mit angehört haben, um dieſen endlich gewohnt zu ſein, aber ihn ruhig hinnehmen konnte ſie noch immer nicht. Die Unge⸗ rechtigkeit trieb ſie zum Widerſpruch. „Er läßt's Euch doch an nichts fehlen, Mutter“, ſagte ſie,„und mehr könnt Ihr nicht fordern. Was Ihr an ihm gethan, iſt ohne Lieb' geſchehen, und nur die erweckt Dankbarkeit.“ „Liebe? Sieh' doch, Liebe!“ keifte die Alte dagegen. „Was fragt der Hunger darnach, ob Liebe mit in der Brühe iſt oder nicht, wenn ſie nur wohl ſchmeckt, und meine Bettücher haben ihn zugedeckt, beſſer und wär⸗ mer als alle Liebe, wenn er im Fieber lag und fror. Bah, Liebe! Du haſt Dich doch mit Deinem ganzen Herzen an ihn gehängt, nun, und iſt er Dir dafür etwa dankbar? Liebt er Dich etwa?“ „Ihr thut mir weh, Mutter“, verſetzte Hanne emſig fortnähend.„Er iſt mein Mann und ich kann nicht klagen über ihn.“ „So? Alſo weil er Dein Mann iſt? das iſt mir auch ein ſchöner Grund. Aber wenn Du meinſt, aus 190 Lieb' hätt' er Dich geheirathet, da irrſt Du weit Hundertmal hab ich Dir's ſchon geſagt: aus Erbarmen nahm er Dich zum Weib, weil Du junges Ding ihm damals leid thateſt, wie Du vom Tag an, daß er ge⸗ ſund wurde, hinzuſiechen anfingſt und immer ſtiller und ſtiller wurdeſt, Farbe und Luſt verlorſt und vom Fleiſche fielſt, daß Du ſchier wie eine Leiche anzuſehen warſt. Aber an Deinen großen Augen mußt' er's wohl abſehen, wornach das Schmachten ging und wie nur er Dich am Leben erhalten konnte, und dann kam nach zwei Jahren des Vaters Tod, da nahm er denn's Ge⸗ ſchäft und Dich, eins mit dem andern. Biſt thöricht, wenn Du meinſt, daß es mehr war als Erbarmen. Wenn's ihm am Ende nicht bloß darum zu thun war, hier angeſeſſen zu bleiben und damit ſich Duldung und Nachſicht zu erkaufen, daß er nun einmal eines ehr⸗ lichen Bürgers Waiſe verſorgte, da er ſie zum Weibe nahm. Wie er getraut werden konnte, weiß ich heute noch nicht, denn ich habe nicht einmal gehört, daß er einen Taufſchein gehabt hätte. Das iſt Alles ganz in der Stille beim Herrn Paſtor abgethan worden und wohl nur Dir zuliebe. Das wußte der wohl, und ſo iſt er hier untergeſchlupft. So iſt's und thu' Dir nicht zu viel auf die Liebe zugute, hörſt Du?“ Was da die Mutter ſprach, mußte dem armen 491 jungen Weibe wie ein Stachel in's Herz dringen, denn das Blut ſchoß ihr in's Geſicht und dann wurde es wieder ganz bleich zum Erſchrecken. Hanne aber war zu ſtolz, um zu verrathen, wie ihr vielleicht ſelbſt ſchon manchmal ein ſolcher Gedanke gekommen. Sie nahm ſich mit Gewalt zuſammen und entgegnete mit gepreß⸗ ter, aber ruhig tönender Stimme: „Mitleiden iſt ja auch Liebe, und er iſt doch ſo gut. Selbſt wenn er ſtreng iſt, meint er's noch gut.“ Das ärgerte die Alte noch mehr. „Selig ſind die Einfältigen!“ ſtieß ſie hervor. „Aber wenn Ihr ſo beſtimmt voraus wußtet, Mutter, daß es mein Unglück ſei“, fragte nun Hanne herbe,„warum habt Ihr dann die Heirath zugegeben?“ „Hätt' es vielleicht etwas genützt, wenn ich da⸗ gegen geſprochen hätte?“ rechtfertigte ſich die Alte. „Ich? Du mein Gott, als ob jemand auf mich gehört hätte. Du, der Alte— Ruhe ſeiner Aſche— und der Herr Paſtor? War nicht Alles abgekartet? Mich fragte niemand, ich konnte damals auch nichts Anderes den⸗ ken, als mein Elend, und glaubte immer wieder, ich müßte das Geſicht zurück erhalten, das mir die Blat⸗ tern genommen hatten, und ſo wartete ich Tag um Tag auf das Licht, bis ich einſah, der liebe Herrgott habe es gut mit mir gemeint und es mir mit Fleiß 192 ausgeblaſen, damit ich ſtatt in die Erde in den Himmel hinein blicke. War damals auch noch zu gut und zu vertrauensvoll gegen die Menſchen; erſt als ich die leiblichen Augen zuthat, thaten ſie ſich innen klar auf, immer mehr und mehr, ſo daß es mir jetzt iſt, als könnte ich in alle Herzen ſehen, und ſo weiß ich auch, daß Du lange nicht ſo vergnügt biſt alle acht Jahre her, den Anfang etwa ausgenommen, als Du gerne glauben machen möchteſt. Geh' mir, Du lügſt mir nichts ein!“ Es war eine eigenthümliche Gewalt, die Hanne’'s Zunge zu feſſeln ſchien. Vergebens mühte ſie ſich um eine Antwort, aber ſie mußte ſchweigen, um nicht gleich⸗ zeitig in Thränen auszubrechen, die Lider um die Augen verriethen den Kampf und färbten ſich roth. Der Zufall kam ihr zu Hilfe und erſparte ihr das Reden. Man hörte die Hausthüre gehen, gleich darauf Fritz jubeln und über den Gang ſpringen. „Ah, er kommt“, ſagte Hanne unwillkürlich und erhob ſich, unſchlüſſig, ob ſie dem Manne entgegen⸗ gehen oder für den Moment lieber in die Küche flüch⸗ ten ſolle, um ſich dort erſt wieder vollkommen zu faſſen. „Thörichtes Weib!“ hielt ſie die Alte zurück. Es mmel d zu die 193 war ihr nicht recht, daß die Tochter dem Schwieger⸗ ſohne einen Gruß entgegenbringe.„Da halte mir den — Napf“, befahl ſie, und Hanne folgte und reichte ihr 6 die Kaffeetaſſe, welche die Mutter aber nicht aus ihren Händen nahm und ſie ſo zwang, vor ihr ſtehen zu bleiben. Ende des erſten Bandes. 1 1 — Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 13 —ÿy————— Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. Wilden der Heſellſchaft. Eine Erzählung von Mar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 1 Thlr. Krieg und Frieden Novellenbuch von Levin Schücking. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. — rey GCorutrol Chart Green vellow Hed Magenta