—— —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ofttmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — y————n — 4 4 1 4 Quatuor. Novellen von Robert Byr. Vierter Band. Teipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. 2 A — 2 — — — — — Z Byr, Quatuor, IV Erſtes Kapitel. „Hogeſtolzengrillen!“ Das Wort klang ſcharf und beluſtigt zugleich. Die echt weibliche Unzufriedenheit, die ſich darin aus⸗ ſprach, erregte naturgemäß eine unwiderſtehliche Heiter⸗ keit. Das Wort war aber wohl auch lauter geſprochen, als es die friſchen Lippen beabſichtigt haben mochten, denen es entwiſcht, und lenkte die Aufmerkſamkeit von verſchiedenen Seiten auf die kleine Geſellſchaft, die ſich im Schatten jener uralten Eiche, deren mächtige Aeſte ein grünes Laubdach über den äußern Burghof des alten Schloſſes von Baden⸗Baden wölben, das lauſchigſte Plätzchen gewählt. Die kleine reſolute Dame, deren aburtheilender Ausruf mit ſo wenig Demuth entgegengenommen wurde und die ſich weder an das Lachen noch an die ihr 1 ——— 2* ‿ plötzlich neugierig zugewendeten Augen beſonders zu kehren ſchien, hatte zu ihrer Linken zwei Kinder von fünf und ſieben Jahren, der Aehnlichkeit in den friſchen, runden, blauäugigen Geſichtern nach zu ſchließen, offen⸗ bar ihre Töchterchen, denen ſie mit hausfräulich raſcher Bewegung eben den Nachmittagskaffee aus den vor ihr ſtehenden großen Geſchirren zumaß. Das hinderte ſie jedoch keineswegs, ihre Blicke wiederholt auf ihr Gegenüber zu richten und jedesmal halb lächelnd und halb trotzig dabei zu nicken, als ſolle ihr Vorwurf da⸗ durch noch mehr Nachdruck und Bedeutſamkeit erhalten, und es entfiel ihr hierbei auch, doch unwillkürlich ge⸗ dämpfter, die Bekräftigung: „ Ja, ja, Herr Bruder!...“ was denn ein neues Lachen zur Folge hatte. Die Charakteriſtik ſchien aber auch nicht ſonderlich zutreffend. Für einen Hageſtolz war der Bruder der rundlichen lebendigen Dame faſt noch zu jung. Er konnte kaum die Mitte der dreißig erreicht haben, ja, wäre nicht die Feſtigkeit des Blicks, die ſeiner breiten Stirne trotz der momentanen Heiterkeit unauslöſchlich aufgeprägte ernſte Ruhe und ein leichter Zug des Lei⸗ dens in ſeinem durchſichtig blaſſen Antlitz geweſen, man hätte ſich leicht verſucht gefühlt, dieſe Erſcheinung für weit jünger zu ſchätzen. Denn ſie gehörte zu jenen —— 3 . 3 8 V 4 54 4—„—„————————— 5 ſeltenen Männerſchönheiten, die nicht nur auf den erſten Blick feſſeln und dann langweilen, ſondern gleich dem Auge auch die Seele feſthalten, weil die tadelloſen Züge nicht wie auf leere Leinwand zierlich hingepin⸗ ſelt erſcheinen, weil ſie vielmehr den Eindruck machen, als hätte der ſchöpferiſche Geiſt, der aus ihnen ſpricht, ſie ſelbſt mit künſtleriſcher Genialität aus ſich heraus gebildet. Was der ſchönen Männergeſtalt in den Au⸗ gen einer Modedame vielleicht zum Nachtheil gereichte, war die Unterlaſſung jeglicher Toilettekünſtelei, wie ſie in Baden⸗Baden, dieſem eleganten Rendezvous aller Dandies, faſt unerläßlich iſt. Der überaus einfache graue Anzug hatte zur Rechtfertigung der ſo entſchie⸗ den urtheilenden kleinen Dame in der That etwas Hageſtolzenhaftes an ſich; es war die Kleidung eines Mannes, der, wenn er dem ſchönen Geſchlechte auch nicht geradezu den Rücken kehrte, doch ſicherlich nicht zu gefallen ſuchte, vielleicht nicht einmal Gewicht da⸗ rauf legte, wenn er wirklich gefiel. Sein Benehmen während der vierzehn Tage ſeines Badeaufenthalts ließ dies mit Grund vermuthen, und ſelbſt in weiteren Kreiſen der kosmopolitiſchen, täglich wechſelnden und doch ſo kleinſtädtiſch neugierigen Ge⸗ ſellſchaft Baden⸗Badens hatte ſich Major Inderau, dem ſchon bei ſeinem erſten Auftreten manch herausfor⸗ 8 7 4 4 5 9 4 —— — 6 dernder oder ſchmachtender Blick unerwidert begegnet war, den im Grunde ziemlich unverdienten Beinamen „le farouche“ erworben. Ob die junge Dame dort, die zwiſchen ihm und ſeiner Schweſter ſaß, mit dem Beinamen einverſtanden, theilweiſe darüber ſogar erfreut oder im Gegentheile mißvergnügt war, daß auch ihr kein Anlaß zur Er⸗ theilung eines paſſenderen wurde, ließe ſich ſchwer be⸗ ſtimmen. Sie hat ihr hübſches, blühendes Geſichtchen mit ſo ungetheilter Aufmerkſamkeit auf die Brodſchnitte zwiſchen ihren feinen roſigen Fingerchen gerichtet, ſie iſt ſo emſig daran, die goldgelbe Butter aufzuſtreichen und ſo befliſſen, das fertige Brödchen auf der Meſſer⸗ ſpitze über den Tiſch hinüber dem dicken, gemüthlich lachenden Schwager ihres Nachbars zu präſentiren, daß es den Anſchein hat, als dürfe der Letztere nicht die geringſte Aufmerkſamkeit von ihr beanſpruchen, ja, als ſei ihr über die Wichtigkeit der Beſchäftigung auch die Anklage der Couſine gegen denſelben ganz und gar entgangen. Vetter Sinzenbach aber iſt ein behäbiger Ehemann, der ſeinen Scherz mit hübſchen jungen Mäd⸗ chen liebt, zumal wenn ihre Schüchternheit ihm das Necken erleichtert, natürlich nur das Necken mit An⸗ dern, denn ſein energiſches Frauchen war ihm viel zu lieb und theuer, als daß er ihre ohnedem leicht über— A———⏑———— 7 kippende Gemüthsruhe auch nur durch das allerharm⸗ loſeſte Spiel gefährden hätte wollen. So mochte er denn diesmal die günſtige Gelegen⸗ heit nicht ungenützt verſtreichen laſſen. Er nickte mit freundlichem Lächeln, indem er ſich des Butterbrödchens bemächtigte. „Dank, Du meine gütige Ernährerin!...“ ſagte er und ſandte dabei einen komiſch zwinkernden Blick des Einverſtändniſſes über ſeine goldgefaßte Brille... „Wendet Cure Gunſt nur mir zu, bei mir gibt's keine Hageſtolzengrillen. Ich theile mit Vergnügen Eure Ent⸗ rüſtung, da ſie mir zugute kommt. Siehſt Du, Schwa⸗ ger...“ wandte er ſich an dieſen, gleichzeitig mit einem ausgiebigen Biß das halbe Brödchen verſchlin⸗ gend...„ſiehſt Du, ſo verſcherzt man das uns Zu⸗ gedachte.“ „Der Herr Major nimmt ja keinen Kaffee...“ fiel das über und über erglühende Mädchen blitzſchnell ein, um den Verdacht, als habe ſie eine Strafe beab⸗ ſichtigt, von ſich abzuwenden. Da ließ ſich ſofort eine feine Stimme altklug ver⸗ nehmen: „O, Butterbrod ſchmeckt auch ohne Kaffee gut!“ Das Urtheil des kleinern Töchterchens, das der Vater für ein Orakel erklärte, gab der Heiterkeit neuen Stoff, es war daher auch mit einem muntern Lächeln, daß der Major die Bemerkung hinwarf: „Abermals eine Beſtätigung für meinen frevelhaft lautenden Ausſpruch, daß die Frauen, wenn je, ſo doch äußerſt ſelten der Ueberlegung und faſt immer nur einer Laune folgen. Sie zürnen mir, Amalie, Sie entziehen mir ungehalten das verheißene Vesperbrod, dabei ſich ſelbſt aber den fälligen Beweis für mein vorgebliches Unrecht.“ Der Verdruß war der Angeredeten behülflich, ihre Verlegenheit zu bemeiſtern, er machte aber ihre Sache nicht beſſer, denn mit dem verſuchten Einwurf verband ſich ein unwillkürliches Geſtändniß. „Wie kann man auch verlangen...“ rief das hübſche Kind unmuthig...„daß wir immer und überall nur nach Vorbedacht handeln? Soll man ſich denn nie der Eingebung des Augenblicks überlaſſen dürfen? Das iſt Pedanterie!“ „Die müſſen Sie einem alten Soldaten ſchon zu⸗ gute halten...“ erwiderte der Major gelaſſen. „Beſonders, wenn der alte Soldat ein junger Major iſt...“ fiel ſein Schwager mit köſtlichem Humor ein...„In ſolchen Fällen können hübſche Mädchen ſelten umhin, alles Mögliche zugute zu halten. Ja, das doppelte Tuch!...“ fügte er dann noch 9 mit einem komiſchen Seufzer und verzweifelten Blick auf ſeinen faſt mehr als bequem nachläſſigen ſchwarzen Lüſterrock hinzu, ohne darauf zu hören, daß ſeine Frau ſchmerzhaft aufſtöhnte. „Ach, Otto, wie trivial!“ ſeufzte ſie dann und das forderte auch wieder eine Antwort heraus. „Ja, liebe Frau, alles Mögliche...“ wiederholte er mit einem ſpöttiſch nachgeahmten Seufzer...„ſelbſt die Trivialität, die uns Leuten vom Civile nicht un⸗ geahnt hingeht. Sieh' nur, welch' zuſtimmendes Er⸗ röthen Deiner kaltherzigen Kritik gegenüberſteht.“ „Pfui, Vetter, das iſt abſcheulich!...“ rief Amalie lebhaft aus. Sie war ſtill dageſeſſen, das in Glut getauchte Geſichtchen tief auf ihre Taſſe herab⸗ geneigt, jetzt ſprang ſie raſch auf; vergeblich ſuchte der abſcheuliche Vetter ſie zurückzuhalten und verlangte daß ſie erſt ihre Pflicht vollkommen thue, den Lehr⸗ und den Wehrſtand mit dem täglichen Butterbrode ver⸗ ſehe, ſie ließ ſich nicht mehr beſchwichtigen. Mit ge preßter Stimme erklärte ſie, in die Ruine hinaufſteigen und den Sonnenuntergang anſehen zu wollen, und eilte, an jeder Hand eines der kleinen Mädchen füh⸗ rend, davon. Es war ein Blick des Wohlgefallens, mit dem das ernſte, klare Auge des Majors der graziöſen Ge⸗ 10 ſtalt folgte, um die das helle Sommerkleid in zierlich leichten Falten wogte. „Nun haſt Du ſie verſcheucht...“ In der Stimme klang ein leiſer Ton des Bedauerns. „Ich?...“ wehrte ſich der Angeklagte...„ich kann mein Alibi beweiſen.“ „Das ſollte Dir ſchwer werden...“ lachte der Major unwillkürlich über die koſtbare Unverſchämtheit ſeines Schwagers. „So iſt er...“ miſchte ſich die kleine Frau ein, die das Kaffeegeſchirr zuſammenſchob, ein übrig ge⸗ bliebenes Stück Kuchen häuslich in Papier wikkelte, ihren und der Kinder Shawl zuſammenraffte und ſich anſchickte, der Vorangegangenen in das alte Mauer⸗ werk zu folgen, auf dem ſich das leichtſinnige junge Volk ohne ihre Fürſorge ſo leicht eine Erkältung holen könnte...„So iſt er. Du glaubſt nicht, Berndt, was ich gegen dieſes Ueberhandnehmen der Trivialität bei ihm zu kämpfen habe. Ich hätte das bei einem Profeſſor nie für möglich gehalten, wer weiß, wie ſonſt die Dinge gekommen wären! Jetzt heißt es einmal, das Kreuz getragen, aber es iſt doch hart, ſich Tag für Tag in ſeinen beſſern Gefühlen ver⸗ letzen zu laſſen. Und nun hat er wieder das arme Kind auf's Rückſichtsloſeſte— ja, ſchweige Du nur! ꝛ::ãʒʒ6 é§ ₰———-—--—— 44 — auf's Rückſichtsloſeſte getroffen. Wende mir nichts ein, Du weißt gar nichts von den Empfindungen eines weiblichen Herzens, Du haſt nicht einmal geſehen, wie die Thränen, die ſie mit Gewalt zurückpreßte, ihr Auge verſchleierten; Du biſt nicht nur wirklich, ſon⸗ dern auch bildlich kurzſichtig geworden über Deinen Pandekten, untergegangen in Deinen Paragraphen, ver⸗ ſauert und verknöchert!“ „Ich verſauert— und verknöchert?...“ rief der Abgekanzelte höchlichſt amüſirt und mit einem un⸗ nachahmlichen Blick auf ſeinen ſtattlichen Leib, den er mit beiden fetten Händen zärtlich ſtreichelte...„und nun gar verknöchert! Wer hätte ſich die Verknöche⸗ rung ſo gedacht?“ Aber Frau von Sinzenbach hatte, dem unbeſtreit⸗ baren Argumente auszuweichen, ſchon eiligſt die Flucht ergriffen und ſo war es ihm gelungen, mit dem letzten Worte auch das Recht zu behalten. Der Profeſſor brauchte einige Zeit, ſich von dem erneuten Lachanfall zu erholen. Dann aber ſchüttelte er gutmüthig den Kopf. „Thränen?...“ ſagte er in Pauſen, während welchen er behäbig ſeine Taſſe ausſchlürfte...„Hätte in der That nicht geglaubt, daß ich dazu geſchaffen ſei, ſchönen Augen Thränen zu erpreſſen. Und ver⸗ 42 dammt ſchöne Augen ſind es, dieſe Erklärung muß ich auf die Gefahr hin abgeben, daß dadurch ein häus⸗ licher Sturm heraufbeſchworen wird, denn Bertha rech⸗ nete allerdings nicht auf meine Bewunderung, als ſie mit einer gewiſſen geheimen Abſicht mein ſchönes Bäschen ihrem reichen Vater hierher nach Baden ent⸗ führte. Du kennſt ja den Unternehmungsgeiſt Deiner Schweſter, immer irgend etwas im Zuge, immer ein Plan unterwegs, und genau genommen muß ich ſagen, zumeiſt ein ganz geſchickter. Scheint mir auch der gegenwärtige, ſoweit ich Einſicht habe, nicht ſo übel, wenn ihr nur diesmal kein Strich durch die Rechnung gemacht wird.“ Ein ſchlauer Blick, der wie fragend den Major von der Seite traf, glitt an deſſen ruhiger Miene ab. Inderau rauchte ſeine Cigarre, als ob er keine andere Aufgabe hätte, und nicht wie ein Mann, von dem die Löſung eines intereſſanten Räthſels erwartet werde. So fuhr denn der Profeſſor, welchem die ſeiner Natur unbegreifliche Verſchloſſenheit ein wiederholtes„Hm!“ entlockt, ein wenig unzufrieden fort: „Thut mir leid um das Kind. Ich kann einmal kein Weib und am wenigſten ein junges und hübſches weinen ſehen. Aber meiner unſchuldigen Neckerei gelten die Thränen wohl nicht; ſolches Spiel nimmt keine — 13 übel, wenn das Herz und die Augen nicht ohnedem ſchon zum Ueberlaufen voll ſind. Du haſt es doch zu arg gemacht. Die Frauenzimmer wollen es nun ein⸗ mal nicht wahr haben, daß ſie launenhaft ſind, oder doch launenhafter als wir Männer. Na, unter uns geſagt, iſt bei uns auch nicht Alles Weisheit und Syſtem, lieber Berndt, das mußt Du wohl zugeben. Wir laſſen uns zuweilen in Nebendingen doch auch durch kleine Launen leiten.“ „Die Frauen aber immer und in den allerwich⸗ tigſten Momenten des Lebens.“ Der Profeſſor ſah ſeinen Schwager betroffen an. So finſter und hart klang die Antwort, als habe ſie tiefeingewurzelter Haß gegeben. „Ein ſolches Urtheil fällt man nur mit einem ganz beſtimmten Fall im Auge...“ ſagte er mit juriſtiſcher Spürluſt...„Ich möchte wohl wiſſen, wo Du Deine peſſimiſtiſche Weltanſchauung über das weibliche Geſchlecht her haſt. Deine Mutter— Gott habe die Frau ſelig— und Deine Schweſter können Dir keinen gegründeten Anlaß gegeben haben. Woher alſo—?“ „Woher ich ſie habe?...“ fiel der Major bitter ein, indem er ſich erhob und Miene machte, den Vor⸗ angegangenen zu folgen. „Ja, überhaupt und insbeſondere!...“ half der Profeſſor dem ſich vorbereitenden Geſtändniſſe, von welchem er ſich ungemein viel verſprach, geſchäftig nach und ſtand, nachdem er den letzten Schluck gethan, nun ebenfalls auf...„denn ſoviel ich mich aus früherer Zeit erinnere, war mein werther Herr Schwager ge⸗ rade kein Koſtverächter und weit weniger ſtreng in ſeinen Anſchauungen über die Schwächen der ſchöneren Hälfte aller menſchlichen Erdbewohner. Die Fama er⸗ zählte ſogar von einem neuen Don Juan, der begreif⸗ licherweiſe neben ſeinen eifrigen Bemühungen, Leporel⸗ lo's endloſe Liſte zu füllen, noch Zeit finde, ſich ernſten Studien hinzugeben und den Anforderungen ſeines Berufes nachzukommen. Wie mir erſcheinen will, hat dieſer junge Mann, ſo ſehr er ſich auch im Laufe der Zeiten geändert haben mag, doch am allerwenigſten Urſache, über die Launen der Frauenwelt zu klagen. Uebrigens darfſt Du mir Feuer für meine Cigarre geben und Dich nebenbei verantworten.“ Inderau, dem die Anſpielungen auch nicht das leiſeſte Lächeln geſchmeichelter Eitelkeit abgewannen, reichte ruhig ſeine Cigarre dar und zuckte die Achſeln. „Der Ruf hat eben wieder einmal übertrieben..“ ſagte er...„Ich bin und war nicht beſſer und nicht ————,—· 45 ſchlimmer als meine Kameraden. Aber ſelbſt wenn ich, wie Du annimmſt, über die Launen der Frauen mich nicht zu beklagen hätte, würden dieſe Launen darum nicht minder vorhanden ſein. Was mir an Wohlwollen zu Theil wurde, was ich Schmerzliches erfuhr, ich habe es eben nur ihnen zu danken. Glaubſt Du an Liebe bei einem Weibe?...“ und hier wurde ſein Blick flammend und ſeine Stimme rauh, daß Sinzenbach ihn verwundert anſah...„Rede mir nicht von Opfermuth, von Hingebung, von Selbſtent⸗ äußerung, von Entſagung oder Treue bei dem Weibe! Es iſt immer nur der Moment mit ſeiner Regung oder eine Reihe von Momenten, in denen zufällig ſich im⸗ mer wieder dieſelbe Regung erneuert. Nichts aber, gar nichts bürgt dafür, daß nicht ſchon der nächſte eine Intermittenz bringt— ja einen Umſchlag in das Gegentheil. Ein Weib, das Dir erſt die Thüre weist, ſchließt Dich heute Nacht in die Arme und wird Dich morgen verleugnen— nicht nur vor der Welt, nein, vor Dir ſelbſt, und wie ihr ſoll auch Dir Alles nur ein Traum ſein, das Flammenbild einer zu lebhaft angeregten Phantaſie, von welchem nach dem Verkni⸗ ſtern des letzten Raketenfunkens keine Spur mehr an dem nächtlichen Himmel bleibt.— Doch wozu ſich er⸗ nicht werth.“ eifern, das iſt nicht kurgemäß und obendrein der Mühe Er brach damit ziemlich kurz und mit ſich ſelber unzufrieden ab und preßte die Lippen feſt aufeinander wie Jemand, der fühlt, daß er dies beſſer ſchon früher gethan hätte. Der wohlbeleibte Profeſſor hatte Mühe, dem raſch die Stufen Hinaneilenden mit dem Gedan⸗ ken wie mit den etwas bequemen Beinen zu folgen. Endlich erreichte auch er die Damen, die ſich an einem der ausſpringenden Fenſterbogen in das wundervolle Bild verſenkten, das ſich dem ſinnigen Auge hier bot. Der Sonnenuntergang war allerdings nur von Amaliens Verlegenheit zu Hülfe gerufen worden. Zu ſo früher Stunde ſteht im Hochſommer das Geſtirn noch weit über dem Horizonte, aber die Strahlen fal⸗ len doch ſchon ſo ſchräge, daß, im Gegenſatze zur goldfunkelnden, weiten, rheindurchfloſſenen Ebene im Weſten, tiefe Schatten in das liebliche Oosthal herein⸗ fallen und namentlich die jenſeits des Wäſſerchens an der Berglehne hinanziehenden Anlagen mit den darin zerſtreuten Kurgebäuden und zierlichen Villen in leichte Dämmerung hüllen. Ein zarter Dunſtſchleier lagert über den reinlichen Straßen der Stadt, zu der ſich der Weg durch den grünen Tannenwald am neuen Schloſſe vorüber und weiterhin unter ſchönen Kaſta⸗ b 17 nienbäumen hinabſchlängelt. Dort gegen Oſten folgt das Auge dem Lauf des Oosbachs, an deſſen rechten Ufer ſich anmuthige Häuschen hinziehen, wie am linken die lange, ſchattig trauliche lichtenthaler Allee, deren beide Enden je an ein uraltes Kloſter und das mo⸗ derne, allen Virtuoſen der Welt gaſtlich aufgethane Theater ſtoßen. Wie eine reizende Idylle liegt das Städtchen zwiſchen den maleriſch ineinandergeſchobenen Bergen, deren anmuthig runde Formen durch die dunkle dichte Nadelholzwaldung mit den dazwiſchen geſtreuten hellen Buchen und Lärchenbäumen eine träumeriſche Weich⸗ heit, eine ſanfte Lieblichkeit gewinnen, für die kein 1 Auge kalt ſein, denen kein Herz ſich verſchließen kann. Sogar die raſtloſe, redſelige kleine Frau ließ ſich hier von einer mild löſenden Ruhe beſchleichen, nur V hin und wieder wurde ein Ausruf der Bewunderung laut, ein Wort gewechſelt; man ließ die zahlreichen Beſucher der Ruinen, die auf dem ſchmalen, freihäng⸗ 1 enden Gange an der tiefen Fenſterniſche auf und nie der vorüberzogen, unbeachtet; ohne Rückhalt gab ſich 3 Jedes den Reizen der Natur hin. Amalie allein, gerade ſie, welche angeblich aus Sehnſucht nach all' den Schönheiten hier oben den Aufbruch vom behaglichen Kaffeetiſche beſchleunigt hatte, Byr, Quatuor. III. 2 18 ſah zerſtreut aus und widmete ihre Aufmerkſamkeit weniger, als zu erwarten geſtanden, dem herrlichen Ausblick durch den zerbröckelnden Bogen. Unmittelbar hinter ihr lehnte, leiſe Rauchringelchen vor ſich hin⸗ kräuſelnd, der Major und ſeine Nähe ſchien ihr unan⸗ genehm zu ſein, ſie rückte und wendete ſich und ſah wiederholt ein wenig ungnädig hinter ſich, und da er nun gar eine Bemerkung über die Landſchaft machte, ſo mußte ſie doch deutlich zeigen, wie gleichgültig ihr die Worte eines Menſchen ſeien, der eine ſo geringe Meinung vom Frauencharakter hatte, daß er mit einem wirklich verabſcheuungswürdigen Phlegma das ganze Geſchlecht und in demſelben vor Allem ſie, das Schooß⸗ kind des Glücks, dem bis jetzt doch von Jederman, wie natürlich, nur Schmeichelhaftes geſagt worden, auf das Tödtlichſte zu beleidigen nicht Anſtand ge⸗ nommen. So legte ſie denn Frau Bertha, gerade als dieſe ihrem Bruder eine Antwort zu geben im Begriffe ſtand, das Händchen auf den Arm, ihr in aller Eile die äußerſt wichtige Mittheilung zu machen, der kleine hübſche Knabe, der ihnen ſchon am vergangenen Abend vor dem Kurhauſe begegnet und aufgefallen war, ſei eben die Treppe heraufgeſprungen. „Ach, der hübſche kleine Graf!..“ rief das ältere Töchterchen ſich vordrängend, und— ———————— amkeit lichen telbar hin⸗ unan⸗ d ſah da er achte, ig ihr geringe einem ganze chooß⸗ erman, vorden, id R⸗ ade als gegriff r Eile kleine Abend n,, ſei ältere „Ach, der hübſche Knabe!...“ ſtimmte nun auch Frau Bertha ein...„Sie ſtehen noch nicht in der Fremdenliſte...“ fügte ſie raſch hinzu, und Land⸗ ſchaft, Naturbewunderung, Gemüthserhebung, ihre eigene Ekſtaſe waren wie die Bemerkung des Bruders und der Einwurf des Gatten total vergeſſen und zur Ne⸗ benſache geworden der niemals ganz ſchlummernden, leicht entfachten Neugierde gegenüber, für deren Be⸗ friedigung ſie eine ganz unverholene Schwärmerei hegte. „Ich glaube, ein Graf Iſonzo oder Iſansky...“ gab Amalie die durſtig aufgenommenen Errungenſchaf⸗ ten ihrer Nachforſchungen preis...„Aſſeſſor Lach⸗ mann behauptet, es ſeien Polen, Bulgaren oder etwas Dergleichen, aber etwas echt Slaviſches, obgleich der Knabe gar keinen fremden Geſichtstypus hat.“ „Ich finde, er ſieht ganz der Mutter ähnlich, nicht einen Zug vom Vater. Sieh' nur die großen ſchwarzen Augen und wie geſchmackvoll der Kleine ge⸗ kleidet iſt, Alles echter, ſchöner Seidenſammt.“ „Sie müſſen ſehr reich ſein...“ ergänzte Ama⸗ lie Frau Bertha's Auseinanderſetzungen...„Der Aſſeſſor ſagt, ſie ſeien mit einem ganzen Train von Wagen, Pferden und Dienerſchaft angelangt. Der Graf will ſich bei den Rennen betheiligen.“ „Ihre Toilette war aber ſehr einfach— leichte 2* graue Seide;— geſchmackvoll, aber ſehr einfach.— Mein Gott!...“ unterbrach ſich Frau Bertha plötz⸗ lich, indem ſie eine raſche Bewegung machte...„das Kind wird fallen!“ „Alfred, o mon Dieu, Alfred! il ira tomber!...“ zeterte im nämlichen Augenblicke von der Treppe her eine helle Mädchenſtimme und ein Frauengewand flat⸗ terte über den an den Fenſtern hinlaufenden Gang nach der kleinen Thüre, die über eine zerbrochene Stufe vor Zeiten einmal auf einen Söller oder in einen längſt zur. Tiefe geſtürzten Erker hinausgeführt haben mochte. Jetzt erblickte man ſtatt des ſteinernen Maßwerks die ragenden Wipfel bärtiger Tannen durch die Oeff⸗ nung. Brüſtung, Boden, Strebepfeiler und Träger, Alles lag in Schutt und Trümmern viele Klafter tief und die Thürſteine ſelbſt waren ausgebrochen, und auf dem zerfallenden Mauerwerk kauerte ein Kind, das, in Neugierde und Eigenſinn hinaufgeklettert, nun nicht mehr den Muth zurückzukehren fand, wohl auch im Trotz gegen die Mahnung, verwirrt durch den Schreckensruf und die unter ſeinen nach Stützen ſuchen⸗ den Händchen herabkollernden Steine, weiter kroch. Jeden Augenblick konnte ſich ein größeres Stück ablöſen und das Knäblein, das kaum mehr als vier Jahre zählen mochte, von der gefährlichen Höhe nach ————ꝛx————B—B— D——— 21 ι Außen mit ſich hinabreißen. Selbſt Frau Bertha fühlte ſich gelähmt, man mußte fürchten, durch ein zu raſches Herbeiſpringen das Kind zu erſchrecken und den entſetzlichen Fall noch zu beſchleunigen. Da, während noch Alle wie verſteinert ſtanden und die Möglichkeiten erwogen, war auch ſchon ge⸗ holfen. Mit einigen raſchen, aber doch nicht heftigen Schritten ſtand Inderau zwiſchen der händeringend herbeieilenden Gouvernante und der unheimlichen Oeff⸗ nung, ſeine kräftige Hand hatte feſten Griffs den Arm des Knaben erfaßt, und da das erſchreckte Mädchen an ſeiner Seite auf die zitternden Kniee ſank, hatte er auch ſchon das leicht von der Mauer herabgehoben⸗ Kind in den Armen. „O, je ne t'aime plus, méchant enfant!.. ſchluchzte die kleine Franzöſin und überhäufte das gleichzeitig geherzte Kind mit einer Flut von Vor⸗ würfen...„Qu'en dira maman?... ſchloß ſie und wendete ſich dabei noch immer auf den Knieen nach rückwärts zu der mittlerweile ebenfalls die enge Wendeltreppe heraufgekommenen Mutter des Kindes, die, auf den Schreckensruf f herbeigeeilt, nun unmittel⸗ bar hinter dem Major ſtand, der ihr den Rücken zu⸗ kehrte. 22 Sie war eine ungewöhnliche Erſcheinung, nicht über Mittelgröße, doch von ausnehmender Zierlichkeit des Baues und der Glieder. Das bläulich ſchwarze Haar und die großen Augen, die den Eindruck der⸗ ſelben Farbe machten, die in flachem Bogen dichtge⸗ wölbten Brauen und der leiſe Schatten auf der ein wenig emporgezogenen Lippe, welche eine dünne Linie weißen Schmelzes darunter mehr ahnen ließ, als zeigte, waren die charakteriſtiſchen Zierden einer ſüdlichen, faſt einer orientaliſchen Schönheit, doch ſtand dazu der wunderſam zarte Teint und die tadellos feinge⸗ formte, roſig geſchlitzte Naſe in entſchiedenem Wider⸗ ſpruche, wie auch in dem ganzen Ausdruck des Geſich— tes ein eigenes Etwas lag, das die erſtere Annahme gar nicht aufkommen ließ. Die Frau war nicht mehr ganz jung, doch hätte ihr wohl Niemand die nahenden Dreißig zugeſprochen, wäre nicht um ihre Mundwinkel ein Zug der Feſtig— keit gelegen, der an den Schläfen und im Auge eine Ergänzung faſt bis zur Härte fand. Es war. als hätte dies Auge den Blick der Liebe, dieſer Mund das Lächeln nie gekannt— oder für immer ver⸗ lernt. Sie ſah nun auf ihr Kind, ſie ſah es geſund und heil, und mochte der Schreck ihr Herz auch ſtille —————— eq ſig⸗ eine als 23 6 ſtehen machen, ſie vermochte die Regung zu bewältigen, kein Laut kam über ihre Lippen und ſcheinbar ruhig ſtand ſie, nur ein leiſes Zucken ihrer Augenlider ver⸗ rieth die Beherrſchung, die ſie aufbieten mußte, um den anweſenden Fremden kein Schauſpiel zu geben. Da ging mit einem Male ein Ruck durch ihren ganzen Körper. Wie die Franzöſin hatte ſich auch Inderau umgewendet und ſtand nun Aug' im Auge der Mutter des von ihm geretteten Kindes gegen⸗ über. Einem Blitzſchlag gleich hatte auch ihn ihr An⸗ biick getroffen. Bleich wie der Tod ſtarrte er auf ſie. Die Ver⸗ änderung war um ſo auffallender, als die Erregung ſein Geſicht eben erſt mit einer feinen Röthe über⸗ zogen. Die Cigarre, an der er vor Kurzem noch ge⸗ raucht, entfiel ſeiner Hand, die nach einer Stütze für den ſchwankenden Körper zu ſuchen ſchien. Wie ſtark aber die empfundene Erſchütterung auch ſein mochte, er faßte ſich ſofort, ſo daß ſie den Augen ſeiner An⸗ gehörigen ganz entging. Langſam trat er einen Schritt zurück, und die Dame, die ſeinen feſten Blick noch immer mit ſtarrer Kälte aushielt, benützte den freigewordenen Raum und trat, ohne den Kopf auch nur um eine Linie zu einem Gruß des Dankes zu neigen, an ihm vorüber zu ihrem Knaben. Der Major verlor kein Wort, er ſah ſich weder nach dem Kinde, noch nach ſeinen theilnahmsvoll her⸗ zugeeilten Angehörigen um und ſtieg ſofort die Wendel⸗ treppe hinab. „Sie hätte auch wohl danken können...“ meinte Frau Bertha, als man den Hof wieder durchſchritt, um zu dem wartenden Wagen zu gelangen...„Aber dieſe Leute wiſſen ſich vor Stolz gar nicht aus und vernachläſſigen ſogar die gute Sitte. Es wäre ihr eigentlich recht geſchehen, wenn Berndt ſich gar nicht um die ungezogene Range gekümmert hätte, was gibt die Mutter nicht beſſer Acht!...“ Und ſie deckte ihre Mädchen mit den Armen hier auf ebenem Boden, wie eine Henne mit den Flügeln ihre Küchlein. „Du biſt ungerecht...“ entſchuldigte Amalie die Fremde...„denke Dir nur den Schreck einer Mutter! Du ſahſt ja, ſie war wie verſteinert.“ „Und ein wenig Haltung iſt mir in ſolchem Falle faſt lieber als ein ungemeſſener Ausbruch des Gefühls. Selbſtbeherrſchung muß man dieſer ſtolzen Dame laſſen..“ äußerte der Profeſſor und holte ſich da⸗ mit einen vernichtenden Blick von ſeiner lebhaften, dem aufgeſtellten Ideale ſo wenig entſprechenden Gattin. — —— — — 25 „Dieſe Slaven haben gar kein Gefühl..“ ſpru⸗ delte ſie.„da übt ſich leicht Selbſtbeherrſchung.“ Inderau ſprach nichts. Er war noch immer bleich und ſeine Stirne finſter gerunzelt. Statt den Wagen mit zu beſteigen, ſchlug er mit dem Vorgeben, noch ein wenig Bewegung zu bedürfen, den abkürzenden Fußpfad ein, womit Frau Bertha in Anbetracht der Enge des Wagens vollkommen einverſtanden war. Die Begleitung des Schwagers lehnte Inderau ab. Er wollte allein ſein— allein mit ſeinen Erin⸗ nerungen. Es war ein ſeltſames Ereigniß, an das er heute ſo plötzlich, ſo lebhaft gemahnt worden war, ein Er⸗ eigniß, ſo tief in's Leben einſchneidend, daß es ihm von Geſtern däuchte und doch hatten Jahre ihre Spinnennetze darüber gewoben und allmälig eine dichte Staub⸗ und Aſchendecke darauf gerieſelt. Ein Windhauch hatte dieſe nun fortgewirbelt und jene zerriſſen— die Todten lebten wieder auf. ———— — Zweites Kapitel. Auf der Galerie noble eines Vorſtadttheaters der Reſidenz ſah ſich Inderau— und das halbe Decennium, das zwiſchen heute und damals lag, war wie wegge⸗ wiſcht.— Ein berühmter Tenoriſt gab Gaſtrollen, ihm zuliebe drängte ſich Alles in die Vorſtellungen, man überſah die mangelhafte Unterſtützung, welche dem als Sänger und Schauſpieler gleich vorzüglichen Gaſt von den einheimiſchen Kräften zu Theil wurde, die er un⸗ verhältnißmäßig überragte. Man gab die weiße Dame an jenem Abend. Inderau hatte es nicht vergeſſen, wie ſollte er auch? Nur die erſten Takte der Ballade durften an ſein Ohr ſchlagen und wie durch einen magiſchen Ruf war jede Einzelheit jenes Abends vor ihm heraufbeſchworen. Nicht die launigen Vorgänge der Oper; auf die hatte er gar nicht geachtet; der verſprochene Genuß, der ihn in's Theater gelockt, war vollkommen verloren für ihn, denn ſeine Aufmerkſamkeit, ſchon im Anfange von der Bühne abgezogen, blieb unwiderſtehlich an jene kleine dunkle Parterreloge gefeſſelt. Es war die dritte rechts, ſeinem Sitzplatze faſt gerade gegenüber. Die weiße Dame ſaß darin. Die weiße Dame, die erſchienen war, nicht um ihm ſeinen rechtmäßigen Beſitz zurückzuerſtatten, ſondern um ſein Herz zu nehmen ohne jeglichen Erſatz; die wirkliche weiße Dame, das Geſpenſt, das ſich nur zeigt, einen ſchweren Verluſt anzukündigen. Daran hätte er an jenem Abend denken und Warnung nehmen ſollen. Keine Erwägung aber fand neben der auf⸗ keimenden Empfindung Raum, und fühlte ſich die pochende Schläfe vielleicht auch wie vom kühlenden Flügelſchlag der Ahnung geſtreift, der tollende Jugend⸗ muth ſcheuchte alle bedächtige Ueberlegung hinweg. Wie ſchön war ſie aber auch, einem Strahlen⸗ bilde gleich, aus dem dunkeln Hintergrunde der Loge aufgetaucht! Heute, oben auf den Ruinen, war es ihm abermals erſchienen, noch ſo rein gezeichnet, ſo ſinnberückend, nur daß es damals viel jugendfriſcher, viel roſiger geweſen, daß jede Locke dieſes glänzend ſchwarzen Haares ſich koketter und launenhafter ringelte. 28 Wie bizarr war ſchon die Zuſammenſtellung des ſchneeig weißen, durch kein andersfarbiges Band gehobenen, bis zum Halſe hinaufreichenden Promenadekleides mit der eben ſo einförmig ſchwarzen Beduine. Der ſchwarze Schmuck im Ohr, am Arme war ſicher nicht bloß der Uebereinſtimmung wegen da, ſie trug wohl Trauer. — Trauer um wen? um eine Mutter?— einen Gatten? Wer war dann der große Mann hinter ihr mit dem dünnen Haare und dem dichten, ſorgfältig ge⸗ pflegten Bart um das zornmüthige, weinglühende Geſicht? Und die ältliche Dame ganz in Schwarz, die neben ihr ſaß und ſo vergnügte neugierige Blicke durch den Saal wandern ließ, als ſei ſie nur gekom⸗ men, die Geſellſchaft zu muſtern und ſich ein paar Begleiter auszuwählen für ein heiteres Champagner⸗ ſouper oder eine Reiſe nach Paris? Doch was fragte der junge lebensfrohe Mann am Ende nach Stellung und Herkommen der Dame, von der er ſeine Augen nicht mehr abzuwenden ver⸗ mochte. Er war Hauptmann im öſterreichiſchen Ge⸗ neralſtabe und nicht ganz unverdient in den Ruf ge⸗ kommen, mit welchem der Profeſſor den ernſtgeworde⸗ nen Schwager noch jetzt zu necken liebte. In jungen Jahren ſchon in ſo bevorzugter Stellung, eine glanz⸗ 29 volle Zukunft vor ſich, von der Natur mit Vorzügen ausgeſtattet, die ihn ohne ein beſonderes Dazuthun überall zum Günſtling der Damen wie zum Liebling der Kameraden machte, war es ihm kaum zu verdenken, wenn er zuweilen in ſprühendem Uebermuth die Schran⸗ ken ängſtlicher Sitte überſprang und, unbekümmert um die Mahnungen der Weiſen, Maßvollen und Zag— haften, das Leben voll erfaßte und Luſt und Freude in tiefen Zügen trank. Und keins der Frauenbilder, deren Huld er noch erſehnt, hatte ihn bisher ſo raſch, ſo überwältigend gefeſſelt, wie jene weiße Dame dort, und immer noch war es ihm nicht gelungen, einen Blick in ihr Auge zu thun, das aufmerkſam der Bühne zugewendet blieb. Längſt hatte die Begleiterin den jungen Offizier wahr⸗ genommen, der die Loge ſo ausdauernd durch ſein Glas fixirte. Faſt war's, als höbe ein Seufzer ihre üppige Bruſt, ein Seufzer der Erkenntniß, daß dieſe optiſche Belagerung nicht ihr mehr gelte. Sie neigte ſich zu ihrer jungen Gefährtin, ein Flüſtern zwiſchen Beiden und nicht lange währte es, da nahm die weiße Dame ihr Opernglas zur Hand und ließ es erſt durch's Parterre, dann über den erſten Rang hinſtreifen, zu⸗ fällig wohl gerade an der bezeichneten Stelle länger innehaltend. — —y— — 30 Man war im Zwiſchenakt, das Umſehen in dem gefüllten Hauſe war nur natürlich. Es wiederholte ſich noch einige Male, dazwiſchen machte der Herr in der Loge einige Bemerkungen, auf die ihm von Seite der weißen Dame mit ſichtlicher Gemeſſenheit Antwort ertheilt wurde. Inderau fühlte etwas wie Eiferſucht, daß ein anderer Mann das Recht haben ſolle, zu dem Wunderbilde zu ſprechen, etwas wie Frohlocken, daß dieſes ſich dem Kühnen nicht in Gnaden zuzuneigen ſchien. Eine ſtürmiſche Freude erfüllte ihn, ſo oft der Blick des ſchönen Weſens zu ihm wiederkehrte; was that's, daß die ganze Breite des Theaters mit all' den Hunderten von Menſchen zwiſchen ihnen lag, es war ihm, als beſtehe bereits ein geheimer Rapport zwiſchen ſeinen Blicken, die hinüber flammten, und jenen, die von Zeit zu Zeit herüberflogen. Und ſie kamen immer wieder, flüchtig zwar, haſtig wieder ausweichend, aber ſie kamen— auch als der Vorhang neuerdings emporgeſtiegen war und die ſchauluſtige Menge regungsloſen Auges an der Bühne hing— ſie kamen und blieben länger, bis eine Geberde übermüthiger Kühnheit ſie verſcheuchte. Auf den Moment bauend, in dem er ſich vom lauſchenden Publikum unbeobachtet wußte, ſandte er mit kecker Hand einen Kuß durch den klangerfüllten bis ſchte. vom 2 el llten 31 Raum hinüber, eine Huldigung, die der Citelkeit ſchmeichelt, die Sittſamkeit jedoch beleidigt, ein Wag⸗ niß, das er ſofort bereute und doch nicht mehr unge⸗ ſchehen machen konnte, ſo viel er auch dafür hätte geben mögen. Es war ihm allzu koſtbar zu ſtehen gekommen. Das Auge, das er feſtbannen wollte, war geflohen, er wartete und wartete— vergeblich! der Blick kam nicht wieder, er ſaugte den ſeinen feſt an die holde Geſtalt, als könne er ſie damit an ſich ziehen— das ſüße Antlitz blieb abgekehrt. Szene folgte auf Szene, die Oper nahte dem Ende. Die weiße Dame auf der Bühne hatte ihren wackern Offizier ſchon glücklich gemacht, die weiße Dame in der Loge ihr Köpfchen aber kein einziges Mal mehr gewendet. Inderau beſchloß jetzt, koſte es was es wolle, noch einmal dieſen Abend in jene dunkeln Augen zu ſchauen, müßte er auch dem Straf⸗ blicke der Entrüſtung trotzen. Er ſtand auf und wollte noch vor Schluß der Oper den Saal verlaſſen, und in der Eingangshalle mit der fortſtrömenden Menge auch die ſchöne Fremde erwarten. Doch gleichzeitig mit ihm erhoben ſich auch ſchon die Damen in der Loge drüben, der Herr langte ſeinen Hut vom Nagel und trat aus der Thüre, ihm folgte die Aeltere, zu⸗ letzt ging auch die Jüngere, nachdem ſie noch einen 32 Moment mit dem Aufnehmen ihres Fächers und Opern⸗ glaſes verweilt. Und nochmals zögerte ſie ein wenig; ſchon an der Thüre, wendet ſie ſich noch einmal zu⸗ rück. Da war auch der Blick, den Inderau ſo lange erſehnt und geſucht. Sah er recht? Kein Zürnen, kein eiſiges Zurückweiſen, ein leiſes ſchelmiſches Lächeln auf den roſigen Lippen, die jetzt das Ende des ge⸗ ſchloſſenen Fächers berührten, eine leichte Bewegung, ein Wink— nein, ein Kuß, ein Abſchiedskuß und die weiße Dame war verſchwunden. Wie ein Sinnloſer ſtürmte Inderau die Treppe hinab, er wollte ihr zuvorkommen, ſie erreichen. Zu ſpät! Es war ihm doch nicht ſo leicht geworden, zwiſchen den über die Störung ungehaltenen Zuſchauern durchzukommen; als er unten am Portal anlangte, hob der Herr mit dem weinrothen, zornmüthigen Ge⸗ ſichte die weiße, oder jetzt, da ſie dicht in ihre Beduine gehüllt war, vielmehr ſchwarze Dame zu ihrer älteren Begleiterin in den Wagen, ſprang ſelbſt nach, der Schlag fiel zu und der raſche Fiaker brauste davon, ehe es Inderau auch nur gelungen war, die Nummer deſſelben zu erhaſchen. Da ſtand er nun rath- und troſtlos. Bis er an einen andern Wagen kam, dem davonjagenden zu fol⸗ gen, war längſt keine Spur mehr von dieſem zu ent⸗ decken. Da rollten der Fuhrwerke mancherlei, und eins ſchoß mit ſeinen Glühaugen durch die dunkle Nacht wie das andere. Wer mochte wiſſen, welches das Verlorene barg?— Und wieder tauchte die Erſcheinung der weißen Dame wie ein Nebelbild in der Erinnerung auf. Diesmal— es war einige Tage nach jener Theater⸗ vorſtellung— ſtand ſie urplötzlich bei einer Treppen⸗ wendung vor Inderau. Er kam die Stufen des alten Palais herab, von einem ſeiner Vorgeſetzten, zu den ihn eine Dienſtan⸗ gelegenheit geführt, und ſie kam langſam herauf und hielt auf dem erſten Abſatze, ehe ſie zur zweiten Etage weiter ſtieg. Sie war diesmal allein und wieder in die beiden Farben der Halbtrauer gekleidet, nur waren ſie vertauſcht. Sie trug die weiße Kaſchemirbeduine über ein Kleid von ſchwerer ſchwarzer Seide, ein weißes Paraſol und ein zierliches ſchwarzes Hütchen auf dem dunklen Gelock. Im erſten Schreck hatte ſie nach dem Treppengeländer gefaßt, eine heiße Röthe ſchlug über Stirn und Wangen auf, wie beſchämt ſenkte ſie das Auge, aber das leiſe ſchelmiſche Lächeln, das wieder um die ein wenig geöffneten Lippen ſpielte, entging Inderau nicht, als ſie an ihm ohne aufzu⸗ ſehen vorüberging, und dort, ehe die nächſte Wendung Byr, Quatuor. IV. 3 —— — * ſie gänzlich ſeinem Auge entzog, huſchte auch wieder ein kurzer ſcheuer Blick zu ihm herüber. Keine Auf⸗ forderung, nicht einmal eine Ermunterung, aber doch ein deutliches Zeichen des Erkennens, ein Blick, in dem ſich Wohlgefallen, Schalkhaftigkeit und ſittſame Scheu eigenthümlich verbanden. Warum hatte der tapfere Krieger, von deſſen Schlachtenmuth zwei Orden Zeugniß gaben, hier ge⸗ zaudert, wort⸗ und regungslos ſtillgeſtanden, bis die Erſcheinung verſchwunden war? Er machte ſich hef⸗ tige Vorwürfe, er wollte nacheilen, doch beſann er ſich anders. Offenbar beabſichtigte die Dame hier im Hauſe nur einen Beſuch, vielleicht bei der Familie des Freiherrn von Kreuz, die, wie ihm bekannt war, das Stockwerk unter der Wohnung des Generals inne hatte. Das Viſitkartentäſchchen in ihrer Hand ließ wenigſtens darauf ſchließen, dann aber war ihres Verweilens wohl nicht lange, und wenn ſie zurück⸗ kehrte— nein, auch dann wollte er ſie nicht auf offener Treppe in fremdem Hauſe anſprechen. Was ihn auch ſeltſam und ungewöhnlich an der Dame an⸗ muthen mochte, ſeine Erfahrung ſagte ihm, daß er es hier nicht mit einem Verſuche wagen dürfte, der, wenn je erlaubt, immerhin eine Roheit blieb. Doch war er feſt entſchloſſen, die Dame nicht 59 abermals aus dem Auge zu verlieren. Es galt ihm nach dieſer Begegnung als voller Ernſt, was vorlängſt noch ein loſes Spiel geweſen. Sein Plan war raſch gemacht. Vor dem Hauſe hielt ein Miethwagen, binnen wenigen Minuten ſtand ein zweiter nur wenige Schritte entfernt und folgte dem erſten nach einer kleinen hal⸗ ben Stunde, als die Unbekannte wieder eingeſtiegen war. Inderau, mit dem Erfolg ſeiner Berechnung ſehr zufrieden, wappnete ſich mit Geduld, denn es war ja möglich, daß dem einen noch ein halb Dutzend Beſuche folgten. Er hatte ſich vorgenommen, die Spur feſtzuhalten und ſollte es eine Rundfahrt durch die ganze Stadt und alle zweiunddreißig Vorſtädte gelten. Seine Ausdauer wurde auf keine ſo harte Probe geſtellt. Die beiden Wagen hielten kurz nacheinander vor einem der erſten Hotels, in deſſen Reſtaurant Inderau zeitweiſe mit einigen Freunden Abends zu⸗ ſammen zu kommen pflegte. Er war dem Perſonal bekannt, und es hatte alſo nichts Auffallendes, daß er kurz, nachdem die Verfolgte, ohne ihn bemerkt zu haben, die Treppe hinaufgeeilt war, zu dem Portier herantrat und in gleichgültigem Tone die Frage ſtellte, ob die Dame, die eben vorübergegangen, hier wohne. „Ich weiß nicht, habe ich mich vielleicht getäuſcht...“ 3* 36 ſetzte er hinzu und hielt dann, als ſei er unſchlüſſig, inne...„War das nicht—“—„Gräfin Rodnitz...“ beeilte ſich der Gefragte dienſtfertig zu ergänzen... „Ja, ſie wohnt hier, Nummer acht und neun.“ „Aſo doch die Gräfin Rodnitz...“ ſagte Inderau. Er mußte ſich Gewalt anthun, die Worte zu ſprechen, denn was er gehört, hatte ihn doch überraſcht. Nicht daß er ſich wirklich einer früheren Bekanntſchaft er⸗ innerte, er war ſchon zuvor ſicher, daß er die Dame vor wenigen Tagen im Theater zum erſten Male ge⸗ ſehen, aber der Name war ihm nicht fremd, es trug ihn eins der ſtolzeſten Adelsgeſchlechter der Monarchie, und was er gedacht und geträumt, reimte ſich nun ſo wenig dazu, daß er nahe daran war, beſchämt den Rückzug anzutreten. Aber nein, der Kuß war doch keine Sinnes⸗ täuſchung! ſo zufällig jene Bewegung mit dem Fächer auch ſcheinen mochte, das Lächeln auf der Treppe, die immer wiederkehrenden Blicke hatten ihm, ſicherlich ihm gegolten, und war das Eine bloß ein übermüthi⸗ ger Scherz und das Andere noch lange kein Entgegen⸗ kommen— Zurückweiſung lag doch ganz gewiß keine darin. Warum ſollte er weichen, wo ihm ein Aben⸗ teuer winkte? Und wie Trotz flammte es in ihm auf, die Unternehmungsluſt leuchtete aus ſeinen Augen.— — 37 „Und warum nicht?“ murmelte er mit zuckendem Lächeln vor ſich hin. Einer der Aufwärter ſollte der Gräfin ſeine Karte übergeben, er folgte ihm auf dem Fuße und ſtand auf der Schwelle des Salons, als die Gräfin, die kaum erſt Hut und Ueberwurf abgelegt, die fremde Karte noch zweifelnd und fragend der Dame hinreichte, die mit ihr im Theater geweſen und jetzt in einem bequemen Negligé am Fenſter ſaß, der angenehmen Lektüre eines franzöſiſchen Romanes hingegeben, den ſie nun erſt, offenbar unangenehm geſtört, in den Schooß ſinken ließ. „Hauptmann Bernhard Inderau?“... ſagte ie kopfſchüttelnd...„inconnu!“ Doch zur Abweiſung ließ es der Eigenthümer der Karte nicht kommen; mit einer Bitte um Vergebung trat er vollends ein. „Ich glaube, daß Sie, gnädige Gräfin, das Tuch verloren, welches ich auf der Treppe des Hauſes fand, in welchem ich Ihnen zu begegnen die Ehre hatte...“ ſagte er, ſein eigenes Sacktuch zuverſicht⸗ lich der Dame bietend, die es ſofort mit einer Miene zurückwies, in der ſich das Durchſchauen des nichtigen Vorwandes unverholen ausſprach. Doch lag für Inderau nichts Abſchreckendes in ————;——— 14 —y——y der kühlen Einladung,„da er nun einmal die Güte und Mühe gehabt“, ſich für einen Moment niederzu⸗ laſſen. Ein leiſes Zucken um die Mundwinkel, das beluſtigt lachende Auge ſtraften Wort und Ton Lügen, und die ältere Dame ließ zu ungeſcheut ihr Vergnügen über das unerwartete Wiederſehen errathen, als daß er ſich zu ſeiner kecken Liſt nicht Glück wünſchen hätte ſollen. Er nahm die nichtsſagende Höflichkeit für eine ernſtgemeinte Nöthigung und blieb, emſig den Faden eines Geſpräches anſpinnend, bei dem ſich hauptſäch⸗ lich die Stiftsdame betheiligte, welche die Gräfin als ihre Couſine, Freifräulein von Droſſel, vorſtellte. Das Stiftsfräulein kannte das Leben, war eine leb⸗ hafte, zu Heiterkeitt und Genuß geſchaffene Natur, ſpielte ein wenig die Matrone und liebte die Jugend, den Frohſinn, die Schönheit, Geiſt und Muth und den freien Verkehr mit aller Welt. Sie hatte kein Hehl ihres Wohlgefallens, und wenn ihr Benehmen je Tadel erfuhr, ſo erwiderte ſie achſelzuckend mit ihrer tiefen Männerſtimme:„Die Kinder ſind zu ſchüchtern, man lehrt ſie zu viel Ehrfurcht vor unſe⸗ rem Alter. II faut encourager la jeunesse!“ Bei Inderau hätte es allerdings der Ermuthi⸗ gung nicht erſt bedurft. Der gewandte, vor keinem 39 Hinderniß zurückſcheuende, energiſche Soldat war nicht geſonnen, das eroberte Terrain wieder zu räumen, und wenn er ging, mußte er ſich zuerſt die Rückkehr geſichert haben. Wonach er eigentlich verlangte, das machte er ſich nicht recht klar. Bald meinte er inmitten eines kurzen Faſtnachtsſpiels zu ſtehen, bald wieder ganz im Anfange einer jener ernſten, mächtig eingrei⸗ fenden Erlebniſſe, die mit Tändeln beginnen nnd mit Blut und Wunden enden— zuweilen gar mit un⸗ heilbaren. Er bedachte ſich nicht, er that nicht einmal die Frage, ob von anderer Seite in eine Maskenintrigue eingegangen, oder ſeine Annäherung wie eine ex⸗ centriſche aber harmloſe Huldigung geduldet werde; der Moment nahm ihm gefangen, er war da, er ſah ſie, er durfte mit ihr ſprechen, er trank das Lächeln, das ihr ein Witzwort entlockte, feinen berauſchenden Wein von ihren Lippen und wußte nur das Eine, daß er ſich von dieſen dunklen feuchten Augen, die ſo groß und ruhig blickten, mit magnetiſcher Gewalt an⸗ gezogen fühlte. Es war ihm, als hätte er ſchon lange ſein ganzes Leben— ja viele Jahrhunderte lang in dieſe tiefen Augen geſchaut, als ſeien ſie eigentlich die ſeinen und er könne in ihnen all' ſeine eigenen Gedanken, all' ſein Glauben, Lieben und Hoffen nur viel ſchöner und viel ſeliger wieder finden. Ach, ſein Herz war ſchon weit gefährlicher verſengt, als er meinte! Die Gräfin hatte langſam ihre Handſchuhe abgezogen und in ein Knäuel geballt. Welche wunder⸗ bar zarten weißen Hände das waren! An dem vier⸗ ten Finger der linken Hand ſaß ein ganzer Ratten⸗ könig von Ringen, daß das Glied bis zum Knöchel von Gold und blitzenden Steinen wie gepanzert er⸗ ſchien, die rechte Hand dagegen war ſchmucklos, ſie trug nur einen einzigen unſcheinbaren Reif. Und die⸗ ſer Reif legte ſich urplötzlich um Inderau's Stirne und preßte und drängte ſie ſchmerzlich zuſammen. Es war alſo doch ein Anderer da, der Rechte an ſie hatte, und dieſer Andere, war es vielleicht jener große Mann mit dem zornmüthigen weinrothen Ge⸗ ſichte? Neid und Eiferſucht loderten auf. Sie iſt verheirathet und ſie iſt wie Alle, ſie hintergeht ihren Gatten und liebäugelt mit dem nächſtbeſten Fremden. Was that es ihm, daß gerade er dieſer nächſtbeſte Fremde war? Er fragte nicht nach der Konſequenz ſeiner Logik, nach der Berechtigung ſeiner Vorwürfe. Den Abſcheu, den er mit einem Male empfand, fühlte er ſelbſt wie einen körperlichen Schmerz. Er hätte ſie haſſen mögen für die Blicke, die ſie ihm erwidert, für den Kuß, für das Lächeln, für Alles, ſelbſt da⸗ — 5 4 41 für, daß ſie ihn ſo ruhig hier in ihrem Zimmer, an ihrer Seite ſitzen ließ. Alles, was in ihm gelebt und gedrängt, ſchien ihm auf einen Schlag verwandelt und verzerrt, die Glut erloſchen und ein übelriechen⸗ der, erſtickender Qualm ſtieg aus der Aſche empor. Tiefer Widerwille hatte ihn erfaßt, und in der Em⸗ pörung, die er zu fühlen glaubte, vergaß er, daß von ihm die Aufforderung zu jenem Spiel ausgegangen war, welches er nunmehr der Partnerin zum Vor⸗ wurfe machte. Und in dieſer ſeltſamen Stimmung, deren Un⸗ ausgeglichenheit ihm erſt ſpäter in ihrem tiefen Ur⸗ ſprunge klar wurde, brach er auch ſeinen Beſuch ab —„der erſte und der letzte“, wie er ſich trotzig ſagte, obgleich er mit nachläſſiger Höflichkeit die Bittformel, denſelben wiederholen zu dürfen, ausſprach. Wohl bemerkte er, daß auch die beiden Damen den plötzlichen Umſchlag in ſeinem Benehmen, im Ton ſeiner Worte von anregendem liebenswürdigem Humor zu verletzender Gleichgültigkeit empfanden und ſich da— von in ihrem eigenen Weſen beſtimmen ließen. Doch trug das nur noch dazu bei, ſeinen Mißmuth, ſeine Ueberhebung zu erhöhen, ſeinen Groll, den er in die⸗ ſem Augenblick, wie ihm däuchte, gegen die ganze Welt loszulaſſen Luſt hatte, bis zur Verachtung zu 42 ſchärfen. So kam es denn, daß auf die Erwiderung der Gräfin, zu ihrem Bedauern dürfte er ſie bei ſei⸗ nem Wiederkommen wahrſcheinlich nicht mehr finden, ihm eine Antwort entfiel, deren er ſich im nächſten Momente ſchon ſelber ſchämte. „Man ſucht nie vergeblich, was ſich finden laſſen will...“ hatte er geſagt. Es war wie der Rauſch des Triumphes über ihn gekommen, als er den Stein ſchleuderte und ſah, wie er traf. Aber dieſes ſtolze Zucken der Lippe, dieſes zürnende Aufflammen des Blickes, ſelbſt das kalte, tiefbeleidigte Abwenden machten ihm ſofort klar, daß er zu weit gegangen, ja etwas gethan habe, das als Schmähung auf ihn ſelbſt zurückfalle. Er überhörte beinahe die unmuthig herausgepolterte Zurechtweiſung der Stiftsdame, daß ſie ihm dann rathen würde, lieber gar nicht zu ſuchen, und wäre vielleicht ſofort zu einer reumüthigen Selbſt⸗ anklage übergegangen, hätte ihm der Eintritt des eil⸗ fertigen Kellners, der, die Servirplatte mit dem Gabelfrühſtück ſtaunenswerth geſchickt auf der Achſel balancirend, in's Zimmer ſtürzte, nicht das Wort entzogen. Seines Bleibens war nicht länger, und doch was hätte er, kaum daß ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, für jede Minute längeren Zuſammenſeins B 43 mit der Frau gegeben, die er ohne Anlaß, unberech⸗ tigt und ungeſittet gekränkt! Hatte er nicht thöricht wie ein Schulknabe gehandelt, und eine Verbindung, im Uebermuth geknüpft, ebenſo im Uebermuth zerriſſen? Alsbald aber ſchlüpften die Gründe aus allen Ecken, mit denen er ſein Betragen rechtfertigte. Der Aerger über ſich ſelbſt ſuchte und fand einen Ausweg in der Verachtung gegen den Leichtſinn und die Grundſatz⸗ loſigkeit der Frauen, in welchen er ſich immer mehr hineinredete, und in dem Sarkasmus, mit dem er gegen die Gattung Abenteuer zu Felde zog, in deren eines er gedankenlos hineingerannt und aus welchem ſich ſo charaktervoll gezogen zu haben er ſich immer wieder beglückwünſchte, ſobald etwas in ſeiner Bruſt nicht ganz beruhigend und harmoniſch klingen wollte. Und das war im Laufe dieſes Tages mehr als einmal der Fall. Scheuchte er die Gedanken von ſich, ſie kamen wieder und immer wieder wie leibhafte Dämonen, und jedesmal war ihr Grinſen häßlicher, ihr Kichern unübertäubbarer. Der Abend brach an, und jetzt erſt erinnerte er ſich, daß dies einer Derjenigen war, wo die kleine Ge⸗ ſellſchaft in dem Hinterzimmer des Hotels, zuſammen⸗ zukommen pflegte, deſſelben Hotels, in welchem er heute ſchon einmal geweſen. Und nun ſollte er dahin 44 zurückkehren? Er wollte nicht, er fühlte ſich nicht in der Stimmung dazu, er ging planlos durch die däm⸗ mernden Straßen, ſeine Stirne von der Abendluft kühlen zu laſſen, doch lief er dabei geradeswegs zwei Kameraden in die Arme, die ihn ohne alle Rückſicht auf ſeine Ausflüchte mit ſich nahmen. Und ſiehe, ein⸗ mal die Schwelle überſchritten, auf der er bis zum letzten Momente eine Begegnung, er wußte ſelbſt nicht, ob fürchtete oder hoffte, einmal in der gewohnten muntern Geſellſchaft, fand er ſich leichter in die Lage und Umgebung, als er es für möglich gehalten. Aller⸗ dings war er nicht, wie in der Regel, von gleich⸗ mäßiger Aufmerkſamkeit und anregender Geſprächigkeit für die verſchiedenen erörterten Stoffe, ein gern ge⸗ ſehener Genoſſe, der kein Spiel verdarb, ſondern ge⸗ fiel ſich in fortwährenden Sprüngen. Er hatte ſich vorgenommen, heiter zu ſein, jeden läſtigen Gedanken fort zu ſcherzen, und ſo floß er zuweilen in toller Be⸗ redſamkeit über, erweckte Widerſpruch und Lachen, ſtimmte ſelber in fieberhaftem Jubel mit ein, um ur⸗ plötzlich zu verſtummen, das halb hingeworfene Wort zu vergeſſen und abweſend vor ſich hinzuſtarren, bis er ſich mit Gewalt wieder aus dem Traumdämmern aufriß. Er, der ſich ſonſt überaus mäßig hielt, trank dabei; die Zunge war ihm ſo trocken, die Lippe ſo luft wei ſicht ein⸗ zum icht, uten Lage lller⸗ eich⸗ gkeit ge⸗ ge⸗ ſich nken Be⸗ hen, ur⸗ Lort bi⸗ 45 heiß, und der Wein jagte das Blut raſcher durch die Adern, er verſcheuchte die Schatten, er ſollte— ſo ſang ja ſchon Anakreon— das Gemüth fröhlich und frei machen. Wer zählt da die Tropfen und ob einer vielleicht zuviel fließt?! Bei der Geſellſchaft befanden ſich auch ein paar Dragoneroffiziere; ſie jubelten laut auf, als ungefähr um die Stunde des Theaterſchluſſes einer der Ihrigen mit einem Herrn in bürgerlicher Kleidung eintrat, den ſie mit lebhaften Freudenbezeugungen als ihren ehe⸗ maligen Kameraden begrüßten und den andere Offi⸗ ziere als den vormaligen Rittmeiſter Graf Zdenko Konski vorſtellten,„den verwegenſten Reiter, den wil⸗ deſten Fahrer, den geübteſten Schützen, den leiden⸗ ſchaftlichſten Tänzer, den keckeſten Spieler und den routinirteſten Lebemann des Regimentes“, wie ſie hinzuſetzten, ſo ſehr er ſich gegen die„übertriebene Schmeichelei“ auch ſträubte. Für die triftige Begründung des letzten Prädikates gab übrigens ſein Antlitz Zeugniß. Inderau hatte ſo⸗ fort die eigentlich wohlgebildeten, doch ſo auffallend zornmüthigen und weinrothen Züge erkannt. Er war aufgefahren, aber ſchon die Nennung des Namens hatte ihn wunderbar beſänftigt. Graf Konski und ſie— eine Gräfin Rodnitz, ſo hatte doch der Portier ganz ausdrücklich geſagt. Nein, ſie war alſo nicht verheirathet. In welcher Beziehung aber ſtanden ſie ſonſt zu einander? Wie kam er dazu?— Doch was ging das einen Dritten, Unbetheiligten an, und ein Dritter, ein völlig— ein ganz und gar Unbetheiligter war ja Inderau, darüber konnte doch kein Zweifel herrſchen. Warum aber horchte er dann ſo aufmerkſam hin, daß ihm keine einzige Silbe entging, als der Graf ſeinen früheren Kameraden Mittheilungen ganz privater Natur machte? Was kümmerte es einen Unbetheilig⸗ ten, von Verhältniſſen zu hören, die für ihn kein In⸗ tereſſe haben konnten? Nun ja, Graf Konski erzählte auch ſo laut, ſo ungenirt, daß deutlich genug zu ſehen war, wie wenig ihm an der Geheimhaltung ſeiner An⸗ gelegenheiten lag. Er hatte ſofort Sekt beſtellt, und wenn der perlende Champagnerwein auch im Glaſe Inderau's unberührt ſtehen blieb, ſo ſprachen dem⸗ ſelben die Uebrigen, vor allem der freigebige Spender ſelbſt, um ſo eifriger zu. Die Zungen waren ge⸗ löst. „Eine Schande iſt's, Fehrenfeld!“... rief Graf Konski in burſchikoſer Weiſe ſeinem Gegenüber zu... „Eigentlich ſollte man ſich einen Harem halten können, wie die geſcheidten Muſelmänner! Es ließe ſich bei uns am Ende noch ſo leidlich leben, aber die Erbge⸗ ſetze!— was brauchen die Frauen Rechte und Güter?“ „Um ſie dem Manne zuzubringen...“ lachte Baron Fehrenfeld...„Du ſcheinſt Dich doch ſelbſt dieſer Anſicht anzubequemen, oder hätte ich unrecht gehört?“ „Was will man machen!...“ entgegnete der Graf mit ſpöttiſchem Achſelzucken...„Am Ende ſchickt ſich's anch, daß man ſeine geordnete Häuslichkeit grün⸗ det, zumal wenn man ſolid werden will! Hahaha! Du zweifelſt?'s iſt aber mein voller Ernſt. Ich krieche in's Joch. Die Frau Couſine iſt ſchließlich nicht ſo übel, weißt Du. Hat Raſſe! Im Anfange war ich fuchsteufelstoll, daß die Güter meines Oheims ihr zufallen ſollten. Da kommen die Advokaten mit aller⸗ lei Spitzfindigkeiten und Kniffen daher und beweiſen, daß die Erbfolge in gerader Linie bleibt, erſt wenn die älteſte oder einzige Tochter keinen Sohn hat, tritt der nächſte männliche Sproſſe in alle Rechte. Denke Dir den Unſinn! Ich habe gar nicht Luſt, ihn un⸗ angefochten zu laſſen und mein Rechtsverdreher ſtimmt mir bei, aber zu guter Letzt iſt doch er's nur, für den dabei die fetteſten Biſſen abfallen. Dachte mir, ſiehſt Dir mal Deinen Gegner auf der Menſur an. Ich ſchrieb an Sittah und ſchlug ihr eine Zuſammen⸗ kunft zum Zwecke eines Vergleiches vor. Und wahr⸗ lich, es war ein geſcheidter Gedanke! Sie iſt hübſch, ſogar ſehr hübſch, nur ein wenig zurückhaltend; doch das gibt ſich in der Ehe, hahaha! Was meinſt Du, Fehrenfeld? Eigentlich hätte ich ſie gleich aus erſter Hand haben können, aber der Alte ſtand mit meinem Vater nicht beſonders und ich dachte vor ſechs Jahren auch eher an alles Mögliche, als an's Heirathen und Solidwerden. Nun, es hat nichts zu ſagen. Sie hat eine gute Schule durchgemacht bei ihrem verſtor⸗ benen Manne. Sie ſollen ſehr gut mit einander aus⸗ gekommen ſein und ſein faſt anderthalbjähriges Siech⸗ thum hat ſie geduldig und beſcheiden gemacht und, wie ich höre, zur ſorgfältigſten Krankenpflegerin. Das kann man vielleicht brauchen, wer weiß! Beim vor⸗ jährigen Herrenreiten am Räkos hat nicht viel gefehlt und die arme Blue Betſy hätte mir hinter dem Dop⸗ pelgraben das Bein entzwei gedrückt. Zum Glück kam ich im Sturz auf weichen Moorboden zu liegen.“ Von wem ſprach der Graf? Es war ein pein⸗ liches Zittern, das Inderau durch alle Nerven zucken fühlte. Das Blut drängte heftig zum Herzen, die Aufregung ſchien ſeine Sehkraft zu trüben. Von wem ſprach der Graf? War es möglich, daß ſie gemeint 49 war? und wer ſonſt? Er hatte ſie nur Sittah ge⸗ nannt. Ihr Familiename aber, ihr Familiename? Inderau war daran, direkt die Frage zu ſtellen. Es blieb ihm erſpart. „Sie hat übrigens nicht nöthig, mich zu nehmen, und das reizt mich am meiſten...“ ſagte Graf Konski, nachdem er zuvor einige Querfragen, Blue Betſy und die nächſten Rennen betreffend, beantwortet hatte. „Wir ſehen uns doch auch gerne um unſer ſelbſt willen geliebt, ſo viel Romantik bewahrt man immer noch. Sie könnte es darauf ankommen laſſen, den Prozeß zu verlieren, Rodnitz war außerordentlich ran⸗ girt und hat ihr, höre ich, eine ganz nette Summe und ein kleines Gütchen hinterlaſſen, auf dem ſie lebt. Das Rodnitz'ſche Majorat ging natürlich weiter.“ Mehr hörte Indernau nicht. Alles, was noch geſpro⸗ chen wurde, ging ſpurlos an ſeinem Ohre vorüber, in welchem das aufwärts wallende Blut in mächtigen Schlägen pochte. Jetzt war kein Zweifel mehr. Gräfin Rodnitz, die Wittwe, die hierhergekommen war in die gleichſam neutrale Hauptſtadt, um ihren Vetter kennen zu ler⸗ nen, ſich mit ihm auszugleichen, die wohl, weit ent⸗ fernt davon, auf ſeine Pläne einzugehen, ſich im Ge⸗ gentheil, wie eingeſtanden, zurückhaltend zeigte, ja ſo⸗ Byr, Quatuor, IV. 4 gar eine raſche Abreiſe beabſichtigte, von der Graf Konski noch keine Idee zu haben ſchien, die Dame, an deren Ruf bisher auch nicht der geringſte Makel haftete, war auf's Tiefſte beleidigt worden und von wem? Von einem übermüthigen, geckenhaften, niedrig⸗ denkenden Geſellen. Jeder Vorwurf, den Inderau gegen ſich ſelbſt richtete, erſchien ihm noch zu ſchwach. Er preßte die Hände gegen ſeine Schläfe und fragte, welcher Wahnſinn ihn erfaßt habe, eine ehrenhafte, geſittete Frau, die ſich der beſten Nachrede würdig ge⸗ macht, ſo bubenhaft zu beſchimpfen, blos weil er ſich in einem Anfall thörichter Eiferſucht berechtigt glaubte, ſie zu verachten. Und womit hatte ſie die Mißhand⸗ lung verdient? Doch nicht durch den kleinen, wenn auch etwas gewagten Scherz, den ſie wohl ſelbſt für konſequenzlos halten mochte, da ſie ſicherlich nicht da⸗ rauf gefaßt war, in der rieſigen Stadt, die ſie oben⸗ drein nur im geſchloſſenen Wagen durchkreuzte, dem⸗ ſelben Offizier wieder zu begegnen, dem ſie in einem unüberlegten Augenblick auf eine Zudringlichkeit mit einer Neckerei geantwortet. Das wegwerfende Urtheil, mit dem er von ihr geſchieden— vielleicht für immer geſchieden— gellte noch in ſeinen Ohren. Jedes Wort, jeder Buchſtabe fiel wie ein Tropfen glühenden Erzes auf ſein eigenes 51 Herz. Unſeliger, der er war, das Glück zu verſcher⸗ zen, das, wie er jetzt wohl ſah, vielleicht erreichbar für ihn ge⸗ weſen! Das Schickſal hatte ihm gute Karten zugetheilt, und er hatte ſie ſchlecht geſpielt, wie der elendeſte Stümper! Lächerlich! Und jetzt ſollte er wirklich bemalte Karten zur Hand nehmen, die ihm von ſeinem Gefähr⸗ ten zugeſchoben wurden, ſich betheiligen gegen die Bank, die Graf Konski zu halten ſich erboten? Was konnte er dieſem Manne mehr abgewinnen, nachdem er vielleicht durch eigene Schuld das Koſtbarſte an ihm verloren? Er war ja geſchieden für immer, und ſeine eigne frevelnde Hand hatte den Fels geſchleudert, der nun wie ein unüberſteiglicher Wall zwiſchen ihm lag und dem Juwel, das ihm jetzt ein würdiger Preis des ernſteſten Ringens und Strebens erſchien, ſeit es in unerreichbarer Ferne und in jener ruhigen, klaren Schönheit glänzte, die des Dichters und des Künſtlers Phantaſie den Himmliſchen verliehen. Ein Gnadenbild, das ſich dem Sünder verhüllte, der ſich ſelbſt in die Hölle gebannt. War denn das hier nicht die Hölle?! Die Gluthitze der Atmoſphäre ſchien ihm unerträglich, er fühlte die Wirkungen des ungewohnten Weines, er mußte hinaus, die brennen⸗ den Augen kühlen. Unbeachtet von den Spielern ver⸗ ließ er das Zimmer. 4* Doch auf dem Gange war's nicht kühler. Der Nachthauch, der durch die offenen Fenſter ſtrich, hatte nichts Erquickendes; er legte ſich drückend auf die Li⸗ der und ſteigerte die Aufregung, deren Inderau nicht Herr zu werden vermochte. Welche wilde Flucht wi⸗ derſprechender Gedanken in dem ſchmerzenden Haupte und dazwiſchen immer wieder die wuchtende Erinne⸗ rung:„Geſchieden für immer— für immer! Mor⸗ gen iſt ſie vielleicht ſchon fort, und es gibt keinen Widerruf mehr. Sie haßt Dich, ſie verabſcheut Dich! — Geſchieden für immer!“ Nein, nein, es konnte, es durfte nicht ſein! Es mußte etwas geſchehen, gleichviel, was immer! Und was geſchah und wie's geſchah, wie ſollte er nach Jahren davon noch Rechenſchaft geben können? Wußte er ja in jenem Momente ſelbſt nicht, was er that— er war trunken, nicht vom Wein, ſondern vom Ue⸗ bermaße ſeiner Empfindungen. Eh⸗ er's nur bedachte, war er die Treppe hinauf, den Gang entlang geglit⸗ ten, ohne daß irgend ein traumverſunkener Aufwärter oder ein ſpät heimkehrender Gaſt ſeinen Weg gekreuzt. Da ſtand er vor der Thüre und hatte auch ſchon ge⸗ pocht, einmal und abermals, raſcher und dringender. Was er auf eine Frage von innen, Einlaß heiſchend, gemurmelt, er wußte es ſelber nicht. Und jetzt wich 9 03 ein Riegel zurück, er ſtand im Zimmer, und die Thür fiel hinter ihm wieder in's Schloß. Es war die Stiftsdame, die ihm geöffnet und bei ſeinem unerwarteten Anblick mit einem Schrei in's nächſte Zimmer flüchtete, in dem ſie ſich einſchloß. Ihr Negligé wäre ſicherlich von dem Eingetretenen viel un⸗ beachteter geblieben, als von dem Stubenmädchen oder dem Kellner, auf deren Erſcheinen ſie gerechnet. In⸗ derau hatte kein Auge für ſie. Wie ein Verdurſtender zu einer Quelle, war er zu der ſo tief von ihm Ge⸗ kränkten geeilt und hatte ſich niedergeworfen auf die Kniee, bußfertigen, zerknirſchten Sinnes. Sie lag halb träumeriſch auf dem Sofa, ein loſes weißes Nachtgewand umfloß in weichen Wellen ihre Glieder und das geöffnete Haar fiel glatt zurück⸗ geſtrichen in üppiger Flut über die ſchneeigen Spitzen, ſich auf den Ruhebett um ſie wie ſchwarze Schlangen ringelnd. Woran hatte ſie wohl gedacht, welche Bilder hatte die Nacht auf ihren ſchwülen Fittigen durch die unverſchloſſenen Fenſter geſendet? Sie hatte geweint. Noch hing eine Thräne an der dunklen Wimper, da ſie Schreck und Entſetzen ſtarr an ihr Lager feſſelte und jeder Laut in ihrer Bruſt feſtgebannt war. Dann aber flammte eine heiße Röthe auf ihren Wangen auf und zog ſich bis auf den ſchma⸗ len Streifen ihrer Bruſt, den die leiſe auseinander⸗ weichenden Spitzen durchſchimmern ließen. Ein Glut⸗ blick des Zorns ſchoß aus ihrem nächtigen Auge, und die Geſtalt emporrichtend wollte ſie die Hand erheben, aber der Flehende zu ihren Füßen hielt ſie gefangen und gab ſie nicht frei. „O, nicht ſo, nicht ſo!“ rief er flehend...„Sie dürfen nicht ſprechen, mich nicht fortgehen heißen in dieſer Stimmung, mich nicht abſtreifen wie einen un— verſchämten Bettler!“ Worte der heftigſten Reue ſtrömten von ſeinen Lippen, Selbſtanklagen und Bitten. Er ſchonte ſich nicht, er verlangte nur gehört zu werden, nur nicht verabſcheuen ſollte ſie ihn, nur nicht verdammen. Er wollte nichts, nichts— nicht ihre Liebe, die ihm als die höchſte Seligkeit erſchienen wäre, wenn er ſie ver⸗ dient, nicht ihre Verzeihung, die er verwirkt, nur nicht ganz ſchlecht ſollte ſie von ihm denken, wenn ſie ging und ſie ſich vielleicht niemals wieder ſahen! Es war eine wilde Beredſamkeit, die wie ein La⸗ vaſtrom aus ſeinem Munde ging. Flammengleich ſchlugen ſeine Worte auf und hüllten das ſchöne Weib in ihre dämoniſche Glut, er ſprach und ſprach und ſeine Lippen brannten auf ihren Händen. Unter den verſchobenen Falten ihres Kleides blickte ihr Füßchen hervor wie zart geäderter Marmor in der ſchwarzen Sammthülle des loſen Schuhs, und wie der fromme Pilger am Ziele ſeiner Wallfahrt neigte er ſich herab und küßte in Demuth und Leidenſchaft ihren Fuß und die feine bläuliche Spur des rothen warmpulſirenden Blu⸗ tes darunter, und dann richtete er ſich auf, um ſich zu erheben, um zu gehen, aber ein ſanfter Zwang hielt ihn zurück auf den Knieen, zwei weiche Arme ſanken auf ihn herab und ſchlangen ſich um ſeinen Nacken; das Götterbild aus Stein war zum Leben erweckt; derſelbe Rauſch hatte Beide erfaßt.— Aus der zerriſſenen Bruſt rang ſich ihm ein dumpfer Jubelſchrei, der in einem Kuſſe erſtarb— und es vergingen ihm die Sinne. Als er das Gaſtzimmer wieder betrat, war das Spiel eben zu Ende; man hatte ſeine Abweſenheit kaum beachtet. Graf Konski war ſtark im Verluſte, ſein Antlitz vom Wein und der Erregung des Spiels noch höher geröthet. „Gut, daß ich mich zu rangiren im Begriffe ſtehe!...“ lachte er brutal auf, und Inderau fühlte, daß ihm der Unmuth zu Kopfe ſtieg. Aber er ſchwieg und ging. Wozu Worte, er wußte es ja beſſer, und was verlangte er noch nach dem Glück, das er gefun⸗ den, das er feſthielt für immer. Es war ein Rauſch, der ihn der Erde entſührte und durch die nächtigen Straßen wie auf Schwingen des Glückes durch den Himmel der Seligen trug. Und dann kam eine Stunde des Elendes, wo er ſich tief hinabgeſchleudert fühlte, erwacht aus einem berückenden Traume, der ihn noch mit unvergeßlicher Erinnerung äffte inmitten einer Welt voll Schmerz, Trug und Erbärmlichkeit. Fort war ſie, da er am nächſten Tage, in ein roſiges Netz von Zukunftsplänen eingeſponnen, zu der Geliebten eilte; abgereist ohne ein Wort, ein Zeichen nur für ihn zu hinterlaſſen. Fort war ſie und ſo blieb es. Erſt wartete er auf eine Nachricht, und da keine kam, wollte er folgen, zunächſt nach jenem Gute, deſſen Graf Konski erwähnt: Der Dienſt hielt ihn gerade zu dieſer Zeit mit eiſer⸗ nen Banden feſt, er konnte für den Moment die Re⸗ ſidenz nicht verlaſſen. Er ſchrieb. Sein Brief lief uneröffnet zurück. Es kam nun eine Periode bitterer Erwägungen, leidenſchaftlicher Anklagen für ihn. Un⸗ faßbar ſchien ihm die Flucht, nach dem was vorge⸗ gangen, ein Räthſel, und die häßliche Löſung meinte er eines Tages gefunden, als er durch die Zeitung die erfolgte eheliche Verbindung des Grafen Konski mit der Gräfin Sittah Rodnitz erfuhr. Endlich hatte er den erbetenen Urlaub erhalten, — — 57 er ſtand em Begriffe, die Geliebte aufzuſuchen, ihr zu folgen, ſei es bis an's Ende der Welt, ſie Aug' in Aug' zu fragen, was ſie aus ſeinen Armen getrieben, und da gerade las er, daß Alles überflüſſig geworden, jede Frage, an der er ein Intereſſe haben konnte, end⸗ gültig entſchieden ſei. Wohlan— es war auch ſo gut! Die verſtändige, lebenspraktiſche Beſonnenheit hatte ſich für den zweckentſprechendſten Geſchäftsabſchluß ent⸗ ſchieden, das war dieſe Che zwiſchen gleichgeſtellten Intereſſenten— ein konvenabler Vernunftact— ſo hieß man's doch? Was ihm zu Theil geworden— ein Luftgebilde— der Traum einer Nacht— eine Laune und nichts mehr! Was nahm er ſich das Ding zu Herzen?— Thorheit, die den Lufthauch zu Paläſten formen und darin wohnen will! Der Erwachende reibt ſich die Augen und vergißt den Traum und Schmerz und Luſt, die ihm der Laune Augenblick bereitet. Die Zeit ver⸗ weht Alles— Weſen und Schatten— und die Jahre hatten wohl auch Inderau's Erinnerungen zu verwi⸗ ſchen geſucht, mancherlei war gekommen— der Segen der Arbeit und die Zerſtreuung der Geſellſchaft; der Krieg mit dem Siegesjubel aus dem Süden und dem Schmerzensecho aus dem Norden; die Wunde, die ihn 58 Wochen um Wochen an's Siechenbett feſſelte und deren Nachwehen das berühmte Bad vollends heilen ſollten — mancherlei war verrauſcht und das Bild begann allmälig zu verbleichen, der ernſtgewordene Charakter ſich harmoniſcher zu ſtimmen— da nun mußte Alles wieder aufgerüttelt werden aus dem Schlummer, die ganze Vergangenheit vor ihn hintreten, grell und leben⸗ dig, daß die Wunde aufzuckte unter der Berührung und von Neuem zu bluten anfing!— Welch' unſelige Begegnung! —— Drittes Kapitel. Es iſt ein merkwürdiges Treiben, das Abends vor dem Konverſationshauſe, ſein buntes, Auge und Phantaſie beſtrickendes Farbenſpiel entfaltet, einem Rieſenkaleidoſkop ähnlich, in welchem Eitelkeit und Ge⸗ nußſucht, Neugierde und Langeweile und noch manch trübleidenſchaftliches Motiv die glänzenden Edelſteine und die weit in der Ueberzahl vorhandenen bunten Glasſtücke durcheinanderſchütteln, daß aus dem viel⸗ fältigen, im Grunde gleichbleibenden Chaos ſich immer wieder neue Bilder zuſammenzuſetzen und herauszu⸗ ſpringen ſcheinen. Zwiſchen den ſtrahlenden Gasgirandolen wogt die Menge die Bazarſtraße auf und nieder, dem Säulenpor⸗ tikus des Kurſaales entlang bis in die dunkeln ver⸗ ſchlungenen Parkwege hinein, wo paarweiſe Schatten —— 60 huſchen. Reichgeputzte ſchöne Frauen, zierliche, puppen⸗ haft koſtümirte Kinder vor ſich oder an ihrer Seite, ſitzen wie eine dichte Blumenhecke längs des breiten Kiesweges; zwiſchen ihnen drängt ſich, tändelt, ſchäkert, lacht im bunteſten Gewühl der Strom müſſiger Spa⸗ ziergänger. Ebenſo reichgeputzte, ebenſo ſchöne Frauen, ebenſo reizende Kinder in verſchiedenſter Maskentracht, ruhig dahinſchreitende Badegäſte, Lebemänner aus allen Theilen der Welt und mit allen Leidenſchaften dieſer Welt in den zerütteten Zügen, harmlos heitere, lebens⸗ luſtige Geſtalten, die, Amt und Sorgen daheim laſſend, hier einige Wochen eines erhöhten Daſeins wie den verprickelnden Schaum vom Champagnerkelche ſchlürfen, der für Monate, für Jahre vielleicht den einzigen vom Schickſal gebotenen Labetrunk enthält. Hin und wie— der wohl auch ein Kranker, ein Krüppel im Rollwa⸗ gen oder auf Krücken, damit die leiſe Diſſonanz nicht fehle in dieſem Wirbel von Glücksjägern und Sirenen, von lachenden, ſcherzenden, plaudernden, muſternden und mediſirenden, einladenden und abſtoßenden, ver⸗ gnügten und blaſirten, gedankenloſen und tiefſinnigen Menſchen, die alle nur das Eine gemeinſam haben, daß ſie von außen her von allen Uebrigen erwarten, was ihnen, im Augenblicke wenigſtens, das eigene Ich nicht gewähren will, und doch nur das in allen Ue⸗ 61 brigen finden, was ſchon in ihnen liegt und mit ihnen kommt. Ueber dem wie Wellenrauſchen gegen die Ufer brandenden Gemurmel, das all' die mannigfachen Töne in ſich aufnimmt und vermiſcht, ziehen die Klänge der Muſik melodiſch hin, und geben dem glänzenden Bilde die Poeſie, ohne die es alsbald einem alltäglichen Promenaden⸗ oder Marktgedränge gleichen würde, an deſſen buntem Wechſel das Auge ſich wohl erfreuen, nicht aber die Phantaſie berauſchen mag, um ſich der Wirklichkeit in ſüße Träuute zu entrücken. Süß ſelbſt, wenn dieſe Träume tiefe Sehnſucht erwecken, wenn ſelbſtsein Seufzer die Bruſt ſchwellt, und tiefe Falten der Schwermuth die Stirne durch⸗ furchen, wie es bei Inderau der Fall iſt, der ein we⸗ nig abſeits mit ſeinen Angehörigen Platz gefunden. Am Abend nach der Begegnung auf dem alten Schloſſe war er zu Hauſe geblieben. Er hatte keineUnwahrheit ge⸗ ſagt, da er ein leiſes Kopfweh zu ſeiner Entſchuldigung an⸗ gab, wogen doch die plötzlich aufgeſcheuchten Erinnerungen, die angeregten Gedanken ſchwer genug, um ihm die Stirne zu belaſten! Was ſollte er eigentlich thun? Dem Ver⸗ ſtande wollte er den Schiedsſpruch über die wider⸗ ſtreitenden Gefühle anvertrauen, doch der Verſtand ————— 3 1 ſchwankte ſelbſt und hatte für jede Richtung ſeine wirk⸗ lichen und Scheingründe. Abreiſen, zweifellos abreiſen, es war das Klügſte, ſich keinem Zuſammentreffen mehr ausſetzen und keiner Aufregung; wozu ſollte das nochmalige Durchlaufen der ganzen Stufenleiter von Entzücken zu Schmerz und Haß! Und doch, warum Abreiſe und warum er⸗ rathen laſſen, was man empfunden hatte und noch empfand, warum ſich am Ende gar herzloſem Spotte preisgeben? Und dann, hieß es denn nicht thöricht, die begonnene Kur unterbrechen und gleichzeitig das lange Jahre nicht mehr empfundene angenehme Beha⸗ gen des ſtillen Familienlebens für einen Schatten opfern, der nur den Flüchtenden ſchreckt, und zerfließt, ſobald ihn das Licht eines muthigen Auges trifft? Und ſeltſam, je deutlicher ſich Inderau bewies, daß er bleiben müſſe, deſto feſter wurde er in dem Entſchluße, fortzugehen, und vierunzwanzig Stunden nach jenem Wiederſehen hatte er in der That, ganz in der Stille ſchon den größten Theil ſeiner Effekten gepackt und nur den Vorwand noch nicht gefunden, der ſeinen Verwandten dieſe unvorhergeſehene Abänderung in allen feſtgeſetzten Plänen erklären ſollte. Es widerſtand ihm, eine Unwahrheit zu ſagen, und doch war die Mitthei⸗ lung der wirklichen Urſache eine Unmöglichkeit. So 63 hatte er ſich denn halb und halb für eine heimliche Räumung des Schlachtfeldes entſchieden, auf die Ge⸗ fahr hin, daß ſie als ſchimpfliche Flucht, als unerklär⸗ liche Hageſtolzengrille, als eine jener plötzlichen, von ihm ſelbſt ſo hart angefochtenen Launen erſcheine und ſeinen Charakter für alle Zukunft in ein ſchiefes Licht ſetze. Der nächſte Morgen ſollte ihn ſchon fern von Baden⸗Baden ſehen, ſo wollte er doch noch den letzten Abend mit Schwager und Schweſter verleben und mit der vom Norden herbeigeſchneiten Couſine, an deren erfriſchenden Umgang er ſich raſch gewöhnt hatte. Daß die beiden Damen und in gutmüthiger Willen⸗ loſigkeit auch der Profeſſor dem Konverſationshauſe zuwandelten, fand Inderau nicht ſeinen Wünſchen ent⸗ ſprechend, doch ließ ſich da nichts ändern. In dem lichtſtrahlenden Kiosk ſpielte eine Militärkapelle, die aus Karlsruhe herübergekommen war, und es iſt merk⸗ würdig, welch' unwiderſtehliche Anziehungskraft der dröhnende Erzton kriegeriſcher Blasinſtrumente für ein lyriſches Frauengemüth hat. Der Major fügte ſich; es war ja nicht ausgemachte Sache, daß eine er⸗ neute Begegnung ſtattfinden müſſe, und wenn auch— ſie würde ſich ja überſtehen laſſen, wohl beſſer noch als die erſte, die wenigſtens die Ueberraſchung vorweg⸗ genommen. 64 „Dieſe reizende Attakequadrille ſollte in der That wiederholt werden!...“ äußerte Fräulein Amalie, die in ihrer leichten, graziöſen Toilette einer halbge⸗ öffneten Roſenknospe glich, indem ſie in den ſtürmiſchen Applaus einſtimmte, der ſich nach Beendigung des Muſikſtückes ſoeben erhob. „Sagt' ich's nicht?..“ ſcherzte Sinzenbach, einen tiefen Schluck aus ſeinem Bierglaſe holend...„So⸗ gar die Muſik hat's beſſer, wenn ſie nach zweierlei Tuch klingt. Es iſt erſtaunlich, was ein empfindſa⸗ mes Herz in Stürmen, Schießen, Attakiren und Ein⸗ hauen zu leiſten und zu vertragen im Stande iſt. Und da ſingen die Dichter noch von den Greueln des Kriegs! Wahre Wonne für ein gefühlvolles Frauenzimmer!“ „Spotte Du nur!...“ fiel ihm da ſeine Frau in's Wort, die durch ein Löffelchen Früchteneis, das ihr auf's Kleid gefallen und vielleicht nicht ohne Ge⸗ fahr für die Farbe in aller Eile weggewaſchen wor⸗ den, ohnedem ein wenig in gereizte Stimmung gebracht war...„Es wäre traurig, wenn wir Frauen uns nicht für des Kriegers Beruf begeiſtern könnten. Das Schreckliche verſchwindet vor dem Erhabenen, und ſoll der Mann, der ſein Leben für's Vaterland zu opfern bereit iſt, ausgeſchloſſen ſein von den Freuden des Glücks? Gerade der Militär bedarf einer treuen Ge⸗ 65 fährtin, die nicht vor der Ungewißheit des Looſes zu⸗ rückſchreckt. Ich bin überzeugt...“ dieß Letzte ſagte ſie mit einem kaum zu mißverſtehenden Nachdruck... ich bin überzeugt, daß Amalie eine vortreffliche Sol⸗ datenfrau würde.“ „Ach Bertha, wie Du nur ſprichſt!...“ beeilte ſich die Genannte einer weitern Auseinanderſetzung zu⸗ vorzukommen...„Ich habe nie begreifen können, wie Gretchen Alsberg den Premierlieutenant von Ren⸗ kerding heirathen mochte. Nun hat der letzte Krieg ſie auch zur Wittwe gemacht.“ „Ein Lieutenant und ein Major iſt auch zweier⸗ lei...“ brummte der Profeſſor, der ſich einmal nicht den Mund ſchließen ließ. „Ich bin ganz Ihrer Meinung, Fräulein...“ ſtimmte Aſſeſſor Lachmann Amalien bei. Er war ein kleiner, aber ſehr lebhafter junger Mann, deſſen feinausgewichstes blondes Bärtchen ſich mili⸗ täriſch anließ. Der Aſſeſſor war Landwehroffizier und als ſolcher zauderte er nicht, alle Vortheile des Krie⸗ gerſtandes für ſich in Anſpruch zu nehmen, wogegen ihn wieder Amt und Brille aller dem ſoliden Bürger⸗ thume zufallenden Vorzüge theilhaftig machte. Was man ſo nennt, ein liebenswürdiger Geſellſchafter, das heißt zuvorkommender Manieren, heiterer Stimmung Byr, Quatuor. IV. 5 ——— 9y— —————— —— ——— 66 witzigen, wenn auch nicht ſonderlich gründlichen Geiſt⸗ es, war es ihm nicht ſchwer geworden, beim erſten Balle im Kurſaale ein feſtes Plätzchen an Amaliens Seite zu erobern, das ihm ſelbſt Frau Bertha gönnte da er ihrem Bruder gegenüber ihr keine Beſorgniſſe erregte. Und Amalie nahm ſeine Huldigungen nicht un— freundlich hin, es hatte den Anſchein, als gewähre ſie ihm ernſtlich einen Vorzug; das kluge Frauenauge der Profeſſorin hielt ihn aber für das Spielzeug, zu dem das ſchüchterne Mädchen flüchtete, ſo oft es ſich einer Verlegenheit entziehen wollte. Wenn Sinzenbach fragte, zuckte ſeine Frau nur überlegen lächelnd die Achſeln. „Sie iſt viel zu unbefangen mit ihm...“ meinte ſie, und wahrſcheinlich hatte ſie Recht. „Und für eine Frau...“ fuhr der Aſſeſſor fort .„die doch vor Allem Sinn für Häuslichkeit hat und das heilige Feuer auf dem Altar—.“ Amalie jedoch ſchnitt die poetiſche Floskel kurzweg ab. „Ach, ſehen Sie einmal, Herr Aſſeſſor, wie ba⸗ rock der Kleine heute wieder gekleidet iſt in lila Sammt...“ ſagte ſie. „Neuczechiſche Nationaltracht...“ erwiderte der Aſſeſſor mit ironiſchem Achſelzucken...„Sie nehmen aber ungewöhnliches Intereſſe an dem Knaben, mein ——— 67 Fräulein; ſind Sie etwa willens, den Schützling des Herrn Majors auch zu dem Ihrigen zu machen, dann will ich mir Mühe geben, ebenfalls Gelegenheit zu irgend einer Rettung zu erhalten!“ Er ſprach noch weiter, was aber Frau Bertha nicht abhielt, ihrerſeits das Wort zu nehmen. „Da iſt ja auch die Mama...“ ſagte ſie. Viel⸗ leicht holt ſie den verſäumten Dank heute nach, zuviel wäre es nicht. Doch da tritt ſie in den Kurſaal.“ „Wer? Gräfin Konski?...“ fragte Inderau, dem die Anrede galt, aus ſeinem zerſtreuten Nachden⸗ ken erwachend und ſichtlich unangenehm berührt. „Iſonsky...“ korrigirte Frau Bertha. „Nicht doch, Frau Profeſſor!...“ fiel der Aſſeſ⸗ ſor ein...„Gräfin Konski, der Herr Major hat ganz Recht. Ich habe mich näher erkundigt.“ „So?...“ ſprach Frau Bertha ungewöhnlich lang gedehnt, indem ſie ihrem Bruder einen ſeltſam forſchenden Blick zuwendete.„Woher weißt Du denn ihren Namen? Kennſt Du ſie genauer?“ Inderau nahm ſich zuſammen, er fühlte, daß er einen Fehler begangen habe und ſuchte ihn zu verbeſſern. „Man kann eine zufällige— flüchtige Begegnung keine Bekanntſchaft nennen...“ antwortete er und er ſagte im Grunde keine Unwahrheit. Jawohl war 5* 68 jene Begegnung eine flüchtige geweſen— ach, allzu flüchtig! Er hatte es heute noch nicht verwunden. „Das konnteſt Du Dir wohl ſelber ſagen...“ kam ihm der Profeſſor gegen der Schweſter Verdacht zu Hülfe...„wenn zwei Menſchen ſich kennen, pflegen ſie nicht ohne Gruß aneinander vorüber zu gehen.“ „Es kommt aber doch zuweilen vor...“ meinte Frau Bertha kurz und erhob ſich, um ſich von dem Strom der Auf- und Abwandelnden aufnehmen und tragen zu laſſen. Sie war viel zu ſehr gewöhnt, immer und überall voranzugehen, um es für nöthig zu halten, ſich erſt der Zuſtimmung der Nachfolgenden zu verſichern. Der Profeſſor und Inderau mit ihm blieben ein wenig zurück, die kleine Zeche zu berichtigen, dann ſuchten ſie die Damen, die unter dem Schutze und Steuer des Aſſeſſors von der Strömung ſchon weit hinwegge⸗ führt worden waren, zu erreichen. Ehe ihnen dies noch gelungen war, ſah Inderau ſich plötzlich angehalten. „Nicht möglich! Inderau! Major Inderau, wenn ich nicht irre? Das nenne ich einen angenehmen Zu⸗ fall! O, ich habe ſchon gehört— Avancement, Aus⸗ zeichnungen, mit Ruhm genannt, habe mich ſehr ge⸗ freut, ſehr gefreut! Hier in Baden⸗Baden, ſieh, ſieh! Alſo vielleicht nicht mehr ſo rigorös wie damals! Der Bu 69 verdammte Fehrenfeld hatte mich ganz ausgeſackt. Iſt auch gefallen bei Königsgrätz oder da wo! Armer Burſche! Aber ſie erlauben wohl, Monsieur le chef de bataillon Inderau, vieille connaissance— Mon- sieur le marquis de Laganse, allié nouveau mais in- time. Wir trafen uns auf der Weltausſtellung und unſer Weg führte uns gemeinſam nach Wiesbaden und dann hierher. Sie werden doch bei den Rennen bleiben?“ Inderau hatte ſofort den Graf Konski erkannt, wenn er auch einigermaßen überraſcht war, daß ſich derſelbe auch ſeiner und der jedenfalls höchſt oberfläch⸗ lichen Berührung erinnerte, in die ſie vor ſo viel Jahren und das nur ein einziges Mal gekommen. Hatte die Gräfin ſeiner Anweſenheit und der geſtrigen Begegnung Erwähnung gethan?— Doch nein, wo⸗ zu hätte der Mann, der ihn einen alten Bekann⸗ ten nannte und auch als ſolchen behandelte, dann die Ueberraſchung geheuchelt und nicht lieber ſeinen Dank für den ſeinem Kinde gewährten Schutz ausge⸗ ſprochen! Im Gegentheile, die Gräfin mußte geſchwie⸗ gen haben. Der Graf hatte ſich nicht viel verändert, alles Charakteriſtiſche an ihm erſchien nur etwas geſteigert. Die rohen leidenſchaftlichen Züge der hohen Geſtalt disharmonirten mehr als je mit der äußerſt elegan⸗ 70 ten Kleidung und der faſt kleinlichen Sorgfalt, welche auf die Toilette verwendet war. Sein neuerlicher, aber, wie er ſagte, um ſo enger liirter Intimus war eine nicht weniger glatt gebürſtete, gekämmte, geglät⸗ tete und geſteifte Erſcheinung aus dem Modejournale, doch bot ſie keine frappanten Kontraſte. Zu den wei⸗ chen braunen Sammt des kurzen Röckchens paßte der weiche bräunliche Sammt des klugen Geſichtes vortreff⸗ lich, und der kräftige militäriſch gehaltene Henriquatre gehörte gewiſſermaßen zu der vornehm ernſten Miene und Haltung, die das wunderbare Ergebniß auf die Spitze getriebener Delikateſſe und Excluſivität ſchien. Und trotz alledem erweckte der Mann Inderau ein entſchiedenes Mißbehagen, das nur für den Mo⸗ ment in der allgemeinen Verſtimmung, die das Zu⸗ ſammentreffen mit Sittah's Gatten keineswegs herab⸗ zumindern geeignet war, ſich nicht ſo erheblich fühl⸗ bar machte. In dieſer Verſtimmung und nicht gewillt, die pein⸗ liche Situation zu verlängern, verabſäumte Inderau abſichtlich, die Vorſtellung des Marquis mit der ſeines Schwagers zu erwidern. Der Profeſſor erleichterte ihm dies noch, indem er nach kurzer Prüfung der bei⸗ den Fremden dieſen, ein paar Schritte zur Seite tre⸗ tend, den Rücken kehrte. Der Graf nahm davon nicht 71 die geringſte Notiz, faßte Inderau ganz als alter Be⸗ kannter unter den Arm und ſetzte ſein Geplauder ohne eine Antwort abzuwarten, fort. Die vergangenen Zeiten, die Kameraden, die Ex⸗ poſition in Paris, beſonders aber das Spiel und die bevorſtehenden Pferderennen lieferten einen, wie es ſchien, unerſchöpflichen Stoff. Dazwiſchen drückte der Graf ſein Lorgnon feſter, eine der vorüberwandelnden Damen genauer in's Auge zu faſſen, wobei für den Marquis immer wieder eine lascive Bemerkung mit unterlief, und wenn Inderau ſich nicht mit Gewalt losmachen wollte, mußte er ſich's gefallen laſſen, daß er weiter gezogen wurde. Sinzenbach, nach dem er jetzt ausſchaute, um ſich auf ihn und ſeine Geſellſchaft zu berufen, die er nicht verlaſſen könne, bot ihm keine Hülfe, er hatte ſich zwiſchen den Promenirenden verloren. „Ah bah! Eine Viertelſtunde werden Sie uns doch gönnen, lieber Freund...“ proteſtirte der Graf, dem Marquis zuliebe, ſich der franzöſiſchen Sprache bedienend...„Laſſen Sie ſich vermiſſen, das iſt die beſte Strategie bei Damen. Sie lechzen nur nach dem, was ſich ihnen entzieht, iſt's nicht ſo, mein theurer Marquis? Uebrigens würde mir meine Frau nie ver⸗ zeihen, wenn ich ihr von einem meiner alten Bekann⸗ ———-—— 4. ——— —— 72 4 ten erzählte, den ich ihr zuzuführen verabſäumte. Sie kennen ſie noch nicht? Thut nichts. Sie waren doch gewiſſermaßen Zeuge meines glücklichen Brautſtandes oder eigentlich noch nicht ſo recht Brautſtandes. Die Sache entwickelte ſich erſt ſpäter, aber es ließ ſich dies doch ſchon vorausſehen. Und Sie waren ſo halb und halb in das Geheimniß mit eingeweiht. Guter Gatt, was ſpricht man nicht Alles, wenn man ein lukulliſches Diner hinter ſich und eine Bowle in Eis vor ſich hat! Tollheiten, Tollheiten! Aber Sie wiſſen, wie ich da⸗ mals das glücklichſte Einvernehmen in unſerer Ehe vorausſagte. Ja, ja, ich wußte, was ich that. Wir könnten nicht glücklicher miteinander leben. Das reine Paradies auf Erden! Wenn Sie zurückkehren nach Wien und wieder einen von den Alten ſehen— Feh⸗ renfeld hat freilich abgeblaſen— dann müſſen Sie ihnen doch erzählen können, wie es dem tollen Konski geht im ſoliden Eheſtande. Kommen Sie— kommen Sie— meine Frau wird ſich freuen!“ Inderau war auf's Peinlichſte berührt. War es Spott, war es Sarkasmus, was dem Grafen die Zunge löste, während er ihn mit dieſer übertriebenen Kordialität Arm in Arm von dannen zog? Warum dieſe ganz unvermittelten Verſicherungen eines Glückes, an dem er ja keinen Zweifel geäußert? Doch nein, 73 es war nicht anzunehmen, daß der Graf um ein Ge⸗ heimniß wußte und ſo lange Jahre ſchwieg, um es jetzt auf einmal ohne jedweden Anlaß aufzudecken, oder zum Ausgangspunkte einer hinterliſtigen Rache zu wäh⸗ len. Hätte er dann nicht wahrſcheinlicherweiſe ſtatt von einer Vorſtellung, von der Erneuerung einer Be⸗ kanntſchaft geſprochen? Zudem zählte er nicht zu jener Gattung kalter, zurückhaltender Männer, die Alles mit Berechnung thun. Zornmüthig mochte er ſein, roh und leidenſchaftlich, aber kaum heimtückiſch; was er ſprach, war nicht ſo genau zu nehmen; Leute wie er, ſchwatzhaft, bildungslos, großthueriſch und anſchlußbe⸗ dürftig, ſcheinen immer ihr Herz auf der Zunge zu tragen, oder, da ſie eigentlich ſelten eines beſitzen, beſ⸗ ſer geſagt— ihre Herzloſigkeit. Unding auch, zu glau⸗ ben, die Gräfin habe ihre Laune— geſetzt, ſie ſei ihr ſelbſt noch in Erinnerung geblieben— ihrem Gatten gebeichtet. Gewiß, die Geſtalten des Traumes waren mit dem Traum ſelbſt verweht, kein Hauch hatte den Namen genannt, der vergeſſen werden mußte, vergeſſen war. So lag ja auch kaum etwas daran, als völlig Fremder einer Fremden gegenüber zu treten. Ohne grobe Unhöflichkeit konnte Inderau ſich nicht weigern, dem Grafen zu ſeiner Frau zu folgen. War er einerſeits ungehal⸗ ————————— ——— — — —— 74 auf ſich ſelbſt, daß er noch nicht abgereist, ja ſogar in den Bereich der Gefahr einer Wiederbegegnung zu⸗ rückgekehrt ſei, ſo empfand er doch andererſeits einen trotz aller ernſten Reflexion unbezwinglichen geheimen Reiz, dem Weibe noch einmal in's Auge zu ſchauen, das im Vorüberflattern Frohſinn und Vertrauen— den Blumenthau der Jugend von ſeiner Seele geſtreift. Er wollte ſehen, ob ſich dies Auge denn auch heute nicht niederſchlage. Gelang's dem ihren— das ſeine hatte es nicht noth! Die Gräfin ſaß bei ſeinem Eintritt in dem glän⸗ zend erleuchteten Saal an einem der geöffneten Fenſter. Er beobachtete ſcharf. Sein Nahen überraſchte ſie ſo mächtig, daß ſie zurückgelehnt wie feſtgebannt in ihrem Fauteuil blieb. Dann aber ſprach ſie haſtig ein paar Worte zu der Franzöſin, die an ihrer Seite ſaß und den Knaben, welcher auf dem glatten Parkette ſeinen Ball haſchte, herbeizurufen willens ſchien. Es waren wenig andere Perſonen in der Nähe, wer in den Saal trat, benützte ihn nur als Durchgang zu den Spiel⸗ zimmern, ſo hatte die Gräfin den Eintretenden an der Seite ihres Gatten ſofort erkennen, ihre Schlüſſe ziehen und ſich faſſen können. Sie neigte kühl und mit einer unnahbaren Miene der Hoheit ihr Haupt, als der Graf ihr des Majors hrem paar und einen zaren Saal piel⸗ der 75 Namen nannte, kaum daß ſie eine jener inhaltsloſen Fragen, die bei ſolchen Gelegenheiten üblich ſind, fallen ließ, wobei ihr Blick ziemlich deutlich die Gleichgültig— keit verrieth, mit der die Antwort hingenommen wurde. Auch ſie erwähnte mit keiner Sylbe des geſtrigen Vor⸗ falls. Graf Konski mit ſeinem unerſchöpflichen Ge⸗ plauder benahm ihr aber auch jede Gelegenheit dazu, ſelbſt wenn ſie eine eingehendere Konverſation beab⸗ ſichtigt hätte. „Aber, lieber Major, Sie ſtehen ja fortwährend auf dem Sprunge. Nichts da, Sie müſſen ſich ſetzen...“ ſchloß er ein längeres Kauderwelſch über alle mögli⸗ chen und unmöglichen Dinge, indem er Inderau mit Gewalt auf den leeren Fauteuil nöthigte, der dem der Gräfin in der Fenſterniſche gegenüberſtand...„Sie müſſen ſich ſchon bequemen, meiner Frau ein wenig Geſellſchaft zu leiſten, indeß wir uns in den Spielſälen umſehen. Die Frau Marquiſe iſt heute leider unwohl und Sittah demnach ganz allein. Weißt Du, Kind, daß es mir ſchon wiederholt in den Sinn gekommen iſt, der guten Droſſel zu ſchreiben? Im Grunde ſollte ich als Othello eine ſo junge und reizen⸗ de Frau, wie ich zu beſitzen mir ſchmeicheln darf...“ ſetzte er mit einer galanten Verbeugung und einem Anlauf zum Scherze, der nur ihm allein ein Lächeln —Q⏑—Q———————— — —ö— 76 abgewann, hinzu...„niemals ohne Tugendwächter laſſen. Meinen Sie nicht auch, Major, daß es ge⸗ fährlich ſei? Nun, für heute müſſen Sie Sauvegarde ſein, ich vertraue meine Frau Ihrem militäriſchen Schutze an. Allons monsieur le marquis, voyons ce que font aujourd'hui les couleurs!“ Wie er den bereitwilligen Begleiter unter dem Arme faßte und mit ihm über das krachende Parket hintänzelte, ſah man, wie eilig er es hatte, zu den ovalen Gruppen zu gelangen, die ſich in den Neben⸗ ſälen lautlos wie zu einem geheimnißvoll feierlichen Akt um die Opferaltäre drängten, den leiſen gleichför⸗ migen Orakelſprüchen der Oberprieſter zu lauſchen. Es waren ſeltſame Worte geweſen, mit denen der Graf wie mit feinen Lanzettenſtichen die empfind⸗ lichſten Punkte berührt, daß Inderau ſich erſt durch einen mißtrauiſch feſten Blick in das Auge des Plau⸗ dernden von deſſen thatſächlicher Unbefangenheit über⸗ zeugte. Die Gräfin war ſehr bleich geworden und preßte die Unterlippe ſcharf zwiſchen ihren Zähnen. Sie ſprach aber kein Wort und hielt das Auge halb durch ihre dichten dunklen Wimpern verſchleiert. Unſchlüſſig ſchwankte Inderau einen Moment, ob er ſofort gehen, oder in ſeiner Rolle verharrend, noch einige Sekunden bleiben ſolle. Er entſchied ſich für 77 das Letztere. Sein Stolz duldete nicht, daß er irgend eine Gemüthsbewegung verrathe. Mit der froſtigen Höflichkeit des völlig Fremden machte er eine Be⸗ merkung über das Badeleben, die er, nachdem ihm keine Antwort zu Theil ward, mit der Gelaſſenheit, welche ihm von der übernommenen Pflicht auferlegt erſchien, weiter ausführte, um ſo die Pauſe bis zu dem Zeitpunkte auszufüllen, wo er ſich füglich empfeh⸗ len konnte. Die Franzöſin hatte den eben vorüberſpringenden Knaben feſtgehalten. „Venez ici, Alfred! Donnez la main à ce monsieur. Vite!...“ befahl ſie ihm und redete ihm noch leiſe zu, bis der kleine Burſche ſeine Schüchtern⸗ heit überwand und ſeinem Retter, zu dem er lächelnd aufblickte, ſein Fäuſtchen reichte. Inderau hatte keine angenehme Regung dabei empfunden.— Ihr Kind? Der Gedanke war ihm faſt noch ſchmerzhafter als der Gedanke„Ihr Mann“, der ihn beim Anblick des Grafen mit ſcharfer Kralle gefaßt. Wie er nun aber in das unſchuldige hübſche Kindergeſicht, in die gutmüthigen großen Augen ſchaute, in denen jetzt nichts von dem Trotz und Eigenſinn zu erkennen war, die den hellen Blick geſtern in der Ruine verdunkelten, da fühlte er ein warmes Wohl⸗ —— — —— — 70 78 wollen an die Stelle des Widerwillens treten, er ſtrich dem Knaben langſam das Haar zurück, beugte ſich dann zu ihm herab, und der Kuß, der dieſe klare, vom Leben noch unberührte Stirne ſtreifte, war im Grunde ein Seufzer um ein vom Schickſal vorenthal⸗ tenes Glück. Als hätte die Mutter ein Gefühl der Eiferſucht erfaßt, zog ſie das Kind von dem fremden Manne weg, und es lag ſo viel leidenſchaftliche Heftigkeit in der Geberde, mit welcher ſie den Kleinen bei Seite ſchob, daß er zuerſt eine weinerliche Miene ſchnitt und dann, ſo ſehr er ſich auch zu beherrſchen ſuchte, in Thränen ausbrach, als Mama ihm kurz und barſch weiter zu ſpielen befahl. Vom Spiel war vorläufig keine Rede. Die Gouvernante, welche ganz erſtaunt zu ihrer Herrin aufgeſehen, nahm das Bürſchlein an die Hand und verſuchte es zu tröſten, während ſie ſich langſam ent⸗ fernte. Sie befand ſich noch nicht ganz außer Gehörweite, als die Gräfin auf ihre Unkenntniß der deutſchen Sprache bauend, ſich an Inderau wandte. „Was hat Sie veranlaßt, den Grafen aufzufor⸗ dern, daß er ſie mir zuführe?...“ fragte ſie, und ſo ſehr ſie ihre Worte dämpfte, klangen dieſelben ſo eeite, ſchen ufor⸗ und n ſo 79 ſcharf wie geſchleuderte Dolche. Ihre Augen waren dabei feſt und durchbohrend auf ihren Feind gerichtet — denn nur auf einen Feind kann man ſo viel Haß werfen, als ihr ganzes Verhalten ausſprach. Inderau, den ſchon die Szene mit dem Knaben verletzt hatte, faltete in Unmuth ſeine Stirne. Was ſollte dieſe Frage? Warum that ſie die Gräfin? Er war es nicht, der an die dichte Staubdecke rührte, die auf der Vergangenheit lag, weshalb unterließ ſie s nicht ebenfalls? Konnte ſie ſich nicht mit guter Miene in die einmal geſchaffene Situation finden, fühlte ſie denn nicht, daß er ſich ſo viel als möglich beeilen werde, dieſelben zu beenden? „Die Aufforderung iſt nicht von mir ausge⸗ gangen...“ ſagte er zu Boden blickend mit einem leiſen Ton der Entſchuldigung, indem er ſich zugleich erhob...„Sie kam mir völlig unerwartet, deß kann ich Sie verſichern, Frau Gräfin, ſonſt— wäre ich derſelben ausgewichen.“ Er erhob erſt jetzt, im Begriffe ſich zu verbeugen, den Blick und ſah, wie Sittah's Antlitz in tiefſtem Purpur erglühte. Ihre Augen ſprühten dabei und doch waren ſie feucht, wie von aufſteigenden Thränen. Weinte dieſe Frau jemals, ſo geſchah es ſicherlich nur im Zorne. Sie ſchloß und öffnete ihren fächerartigen 80 Sonnenſchirm mit krampfhaften Bewegungen und be⸗ merkte nicht, daß er dabei in Brüche ging. „So werden Sie dies wenigſtens für die Zukunft thun. Reiſen Sie ab!...“ ſagte ſie. „Ich werde Ihrem Wunſche jedenfalls zu entſpre⸗ chen wiſſen, um ſo mehr, da er dem meinen be⸗ gegnet. Die Art und Weiſe dürfte mir wohl über⸗ laſſen bleiben.“ Inderau verbeugte ſich kalt und wollte gehen. Sie hielt ihn mit einer Bewegung des Sonnenſchirms zurück. „Nein!...“ herrſchte ſie ihm in einem Tone zu, der ihm trotz der Dämpfung nicht weniger heftig er⸗ * ſchien...„Hören Sie! Ich verlange von Ihnen, daß Sie abreiſen. Sie müſſen es!“ Inderau überhörte das ängſtliche Flehen, das allerdings neben der ungeſtümen Forderung nur leiſe mitklang. Er richtete ſich ſtolz auf. Was er freiwil⸗ lig zu thun bereit war, befehlen ließ er ſich's nicht. Welches Recht hatte ſie denn, ein ſolches Begehren an ihn zu richten? Mit eiſiger Haltung erwiderte er: „Sie irren. Ich muß nicht!“ „Ein Ehrenmann...“ wallte die Gräfin auf, doch Inderau fiel ihr ſogleich in's Wort. 81 „Laſſen wir meine Ehre, gnädige Frau, ich wüßte ſie hier nicht im Spiele. Sie könnte mich auch unmöglich zwingen, die Orte zu meiden, wo Sie ſich aufhalten und ſo wie ein lichtſcheuer Verbrecher vor Ihnen her zu fliehen; ich bin mir keines Grundes da— für bewußt. Von Ihrer Anweſenheit...“ fuhr er nach ganz kurzer Pauſe immer noch kalt, aber weniger ſcharf fort...„war keine Rede, als ich hierher kam, Heilung zu ſuchen und wahrlich nicht dieſe Begegnung. Iſt Ihnen mein Anblick unangenehm, ſo mögen Sie ihn nach Belieben meiden, aufdrängen werde ich ihn gewiß nicht. Im Uebrigen gedenke ich ruhig hier zu bleiben, bis meine Kur beendigt iſt.“ Die Gräfin zuckte die Achſeln und wandte ihren Blick hinaus nach der luſtwandelnden Menge. Das hieß wohl:„Thun Sie, was Sie wollen!“ Inderau wäre auch ohne dies Zeichen ungnädiger Entlaſſung gegangen. Sein letztes Wort hatte er geſprochen, jede weitere Crörterung blieb beſſer abgeſchnitten. Aber auch der Empfang, der ihm von ſeiner Schweſter wurde, war kein gnädiger. Inderau konnte ſich nach dem Ort ſeines Zuſammentreffens mit den Damen berechnen, daß ſie gerade während ſeines Zwie⸗ geſpräches mit der Gräfin auf gleicher Höhe mit dem Fenſter, an dem es ſtattgehabt, geweſen ſein mußten. Byr, Quatuor. IV. 6 —————— ———— — ⁰— d———— 82 Amalie that, als bemerke ſie ihn gar nicht und unter— hielt ſich überaus eifrig mit dem Aſſeſſor. Sinzenbach⸗ verrieth durch ſeine nicht gerade mißbilligende, aber nachdenklich gedrückte Miene dem Schwager, worüber in deſſen Abweſenheit die Rede gegangen, und wenn noch ein Zweifel blieb, ſo verſcheuchte dieſen Frau Bertha durch ihre ſehr raſch und wie gleichgültig hin⸗ geworfenen Worte, die aber gerade darum unzweifel haft höhniſch klangen. „Du hältſt es recht ſeltſam mit Deinen Bekannt⸗ ſchaften...“ ſagte ſie...„Zuerſt grüßt Du nicht und doch weißt Du den Namen, dann kennſt Du ſie nur den Namen nach und gleich darauf nimmt Dich der Graf als alten Freund unter den Arm, und die Gräfin, an der Du geſtern vorübergegangen, unter⸗ hält ſich heute recht lebhaft mit Dir. Sie hat Dir wohl ihren Dank ausgeſprochen— wie? Lieber Berndt, ich wollte Dir nur ſagen, es iſt überflüſſig, Deine Connaiſſancen zu verleugnen, wir verlangen nicht, uns in ſo vornehme Kreiſe einzudrängen und Du brauchſt nicht zu beſorgen, daß wir Dich mit unſerer Aufdringlichkeit in Verlegenheit bringen.“ Inderau ſchwieg. Und daß er ſich gegen den ausgeſprochenen Verdacht nicht wehrte, machte die Sache nur ſchlimmer. Frau Bertha gab dem in ihr 83 aufgeſtiegenen Verdacht mehr und mehr Raum und hielt ſich ebenfalls mit ungewöhnlicher Wortkargheit zurück. Am meiſten litt dabei der Profeſſor, der ſich in dieſem kühlen Luftſtrome höchſt unbehaglich fühlte und dem eine innere Ahnung ſagte, daß ſich die drohenden Wetterſtreiche theilweiſe wenigſtens in Er⸗ mangelung eines andern Ableiters auf ihn entladen würden. — —— — ———— 8 1 5 Viertes Kapitel. Sinzenbach oder vielmehr ſeine Frau, die alle derartigen Geſchäfte in ihre energiſche kleine Hand zu nehmen pflegte, hatte eines jener reizenden niedlichen Landhäuſer gemiethet, welche an das rechte Ufer des Oosbachs gereiht, hinter anmuthigen Gärtchen nach der lichtenthaler Allee hinüberblicken und mit dieſer durch zierliche Brücken verbunden, am Hauptſtrome des Verkehrs der eleganten Welt und doch wieder dem unruhigen Treiben friedlich entrückt liegen, ſo daß ſich kaum ein gefälligeres Plätzchen für das beobach⸗ tende Stillleben einer dem glänzenden Kunterbunt des Badelebens mehr fernbleibenden Familie denken läßt. Des reichen Kaufherrn und bremer Senators hübſches Töchterlein hatte im oberen Stockwerke neben dem Kinderzimmer ein trauliches Stübchen inne, wäh⸗ rend Frau Bertha ihren Bruder in zwei kleine Zim⸗ 85 mer gewieſeg, die, im Erdgeſchoße unmittelbar an der Aman lenrn, ihm vollkommene Unabhängig⸗ keit und jene Freiheit des Kommens und Gehens ließen, die ein an das Alleinleben gewohnter Menſch nur ſchwer entbehrt. Er war da ganz ungeſtört, denn das alte Ehepaar, das ſich von dem Vermiethen des Häuschens ernährte und die beiden den ſeinen entſprechen⸗ den, an der andern Seite des Ganges gelegenen Zimmerchen bewohnte, hielt ſich ſtill abgeſchloſſen, als ob es nur geduldet wäre. Im oberen Stockwerke befand ſich wohl noch ein größerer Wohnraum, der aber nur bei üblem Wetter benützt wurde. Für gewöhnlich fand ſich die Familie in dem zwar winzigen, aber hübſch gehaltenen Gärt⸗ chen zuſammen, wo eine ſchattige Laube unmittelbar an dem Ufer des Baches zugleich Schutz vor Sonnen⸗ ſtrahlen und neugierigen Blicken bot, denen ſie doch nicht wehrte, nach der Allee hinüberzuſtreifen und Alles, was da in müßiggängeriſcher Geſchäftigkeit vorüber ging, ritt und fuhr, auf's Genaueſte zu muſtern. Die Damen mit den beiden Kindern hielten ſich faſt den ganzen Morgen und die kühleren Stunden des Nachmittags über in dieſem bequemen Lugaus auf, wo die leichte, keine große Aufmerkſamkeit hei⸗ ſchende Handarbeit durch die Kritik der auffallendſten ———- 2 ————— ——— 86 Erſcheinungen des Wandelpanoramas drüben gar wun⸗ derſam gefördert wurde, auch ward den heranwachſen⸗ den Töchterchen ſo Gelegenheit gegeben, neben der lobenswerthen Weiterentwicklung ihres Strickſtrumpfs zugleich ihr Urtheil über wichtige Toilettefragen und die Sonderverhältniſſe der lieben Nebenmenſchen zu üben, was ſicherlich die nutzbarſte Anwendung der durch den Badeaufenthalt nothwendig eingetretenen Schulferien war. Der Profeſſor pflegte hier ſeine Cigarre zu rauchen, die gewöhnlich einigemale erneuert wurde, ehe das Feuer erloſch, und ſeine Anweſenheit hatte für die Kleinen faſt immer den Vortheil, daß Sie ihren Strumpf bei Seite legen und ein wenig nach Herzens⸗ luſt im Gärtchen herumtollen durften. Des Herrn Aſſeſſors Lachmann immer häufiger werdende Beſuche wurden in der Laube empfangen und ſelbſt Inderau fand ſich öfter hier ein, wiewohl ſein Verhältniß zu den übrigen Familiengliedern in letzter Zeit etwas ge⸗ ſpannt geblieben war, ſo freundlich er ſich auch gegen alle verhielt. Faſt eine Woche war ſeit jenem Abende verſtrichen, der Frau Bertha Anlaß zu ſo hoher Unzufriedenheit gegeben und ihres Bruders Verhalten hatte dieſelbe allerdings ein wenig gemildert. Er war ihr nicht 87 mehr„abhanden gekommen“, wie ſie es nannte, hatte ſich keinem andern Geſſelſſchaftskreiſe ſeitdem mehr an⸗ geſchloſſen, hielt ſich zur Familie und abſeits von dem Menſchenſtrome, in welchem eine neuerliche Begegnung vielleicht unausweichlich geweſen, ja, vermied es ſo⸗ gar mit unverkennbarer Abſichtlichkeit, ſich zur Abend⸗ muſik vor dem Konverſationshauſe einzufinden. Das Letztere gefiel nun ſeiner Schweſter nicht ſo ganz. Wenn man gleichwohl mit gewiſſen Leuten nicht gerne zuſammentreffe, meinte ſie, brauche man ſie doch auch nicht zu ſcheuen und ſich zu verkriechen. Ueberhaupt war, wie geſagt, nur von einer Milde⸗ rung ihrer Unzufriedenheit die Rede, keineswegs aber von deren gänzlichem Verſchwinden; dazu fehlte vor Allem ein eingehendes Geſtändniß von ſeiner Seite, worunter ſie die ausführlichſte Mittheilung all' Deſſen verſtand, was er von Graf Konski und deſſen Frau wußte, gehört hatte oder ſelbſt nur ahnte. Die un— bedeutendſte Kleinigkeit über die Knüpfung der Be⸗ kanntſchaft, über den früheren Verkehr, über die Ur⸗ ſachen der ſich bei Inderau kundmachenden Abneigung war nach ihrer Anſicht der Bruder anzugeben ver⸗ pflichtet. Sie, die es ſo gut mit ihm meinte, die ſich ſo ſehr für ihn intereſſirte und alſo auch für Alles, was ihn anging, hatte ein unveräußerliches Recht 2—— . N ——— —yyy —— — 88 auch auf das geringfügigſte Detail. Seine Verſchloſſenheit in dieſem Punkte war eine ihr zugefügte Kränkung, eine Liebloſigkeit, wie ſie ſich bei einem verwilderten Sol⸗ daten und Hageſtolzen naturgemäß entwickeln mußte. Auch daß er noch immer keine Annäherung zu Amalien verſuchte, ja faſt ein wenig zurückhaltender gegen das Mädchen geworden, wie wenn ernſte Ge⸗ danken ſeine Aufmerkſamkeit ablenkten, war der Ur⸗ heberin des ziemlich durchſichtigen geheimen Heiraths⸗ projektes nichts weniger als recht. Wie ſehr hätte ſich ihre Mißſtimmung erſt geſteigert, wäre ihr eine Ahnung von den Empfindungen geworden, mit denen Inderau ſchon wiederholt durch's rankende Laub der Gräfin nachgeſehen, wenn ſie vorüber fuhr oder ritt, was nun bereits einigemal geſchehen. Zu Pferd oder zu Wagen befand ſie ſich jedesmal in Begleitung ihres Gatten und des Marquis und außerdem noch einer mit auffallender Eleganz geklei⸗ deten jungen Dame die er für des letztern Gemah⸗ lin halten mußte, worin er durch Amaliens und ſeiner Schweſter Aeußerungen beſtärkt wurde. Nach ihrem auffallend ſtrohgelben Haar— das, wie Frau Bertha äußerte, in ſolcher Menge nur ſehr ſchwer zu bekommen und von fabelhaftem Preiſe ſei, weßhalb man entweder die unwahrſcheinliche Echtheit oder äußerſt 89 günſtige Vermögensverhältniſſe annehmen müſſe— nach dieſem in's Auge fallenden Haarſchmuck wurde die Dame allgemein nur„die blonde Marquiſe“ ge⸗ heißen. Die Männerwelt ſchwärmte für ſie und, wie man hie und da bemerken wollte, Graf Konski am allermeiſten. Inderau ſelbſt vermißte in ihrer Er⸗ ſcheinung jene feine Schattirung wirklicher Vornehm⸗ heit, aber freilich mußte er ſich aus Erfahrung ſagen, daß die pariſer Luft eine ganz eigene verſengende Ein⸗ wirkung ſelbſt auf hochgeſtellte damen ausübe, ſo daß dieſe thatſächlich die höchſte Genugthuung darin finden, jenen Geiſt, jene pikante Geſchmeidigkeit, jenen ſoge⸗ nannten Chic zu beſitzen und zu zeigen, durch welchen die blaſirte Männerwelt großer Städte ſich von den Sirenen der Mode anziehen und feſſeln läßt. Inderau würde der Marquiſe vielleicht gar keine Aufmerkſamkeit geſchenkt haben, wäre er ihr nicht ſchon einige Male begegnet, wie ſie des Morgens zur Zeit der Brunnenpromenade am Arme des Grafen auf ganz entlegenen und einſamen Parkwegen in eifri⸗ gem Geſpräche dahinwandelte. Der Graf hatte immer nur im Vorübergehen auf ſeine kordiale Weiſe gegrüßt und bloß ein einziges Mal ſich in ein Geſpräch ein⸗ gelaſſen, wobei er Inderau Vorwürfe machte, daß er ſich gar nie ſehen laſſe. Eigenthümlich war es, wie⸗ — 8 ——— — — — 2 — ᷣ 90 wohl Inderau ſehr erwünſcht, daß ſich bei dieſen Morgenpromenaden weder die Gräfin noch der Mar⸗ quis blicken ließen. Namentlich was die Erſtere be⸗ traf, denn ſein Trotz, der ihn gegen ihr Begehr zum Bleiben getrieben, war längſt verflogen. Ein ruhigerer Gedankengang hatte ſich eingeſtellt. Immer wieder kam er auf jene Unterredung im Kurſaale zurück und er ſagte ſich, daß ihre Erregung, ihre Heftigkeit, die verletzende Forderung ſelbſt Alles eher als Gleichgül⸗ tigkeit und Herzenskälte verrathen hatten. Lag die Vergangenheit wirklich wie ein Traum hinter ihr, ſo konnte ſie ihn ja einfach ignoriren, und befürchtete ſie eine zudringliche, indiskrete Mahnung, die vielleicht gar ihre eheliche Stellung gefährden hätte können, ſo mußte ſie der drohenden Gefahr wohl eher durch kluges, ſchmeichelndes Entgegenkommen als durch eine auf⸗ reizende Beleidigung vorzubeugen ſuchen. Sie hielt ihn alſo doch für zu edel, Rache zu nehmen, ſie fürch⸗ tete ihn nicht, ſie überſah ihn eben ſo wenig, die Mahnnng, vor der ſie aufſchreckte, griff nur in ihr Inneres, und Schmerz und Scham waren es alſo ge⸗ weſen, die ſie zu einem unbedachten, in der Wirkung ihrer Abſicht entgegengeſetzten Schritt, zu ſo leidenſchaft⸗ lichen Worten hinriß. Er empfand etwas wie Mitleid und bedauerte te ſie ſleicht „ ſo uges, auf⸗ 91 faſt, die Qual, welche ihr durch ſeine Anweſenheit wurde, konſequenterweiſe nicht ſofort aufheben zu kön⸗ nen. Aber das Mitleid hatte eine ganz befremdende Beimiſchung von Genugthuung. Die Vorſtellung, jene meteorgleich in ſein Leben gefallene und nach der da— rin zurückgelaſſenen Verheerung urplötzlich wieder ver⸗ ſchwundene Erſcheinung ſei nur eine ſeelenloſe Puppe geweſen, hatte ihm ſtets am meiſten wehe gethan. Dies Eine— wenn auch ſonſt Alles ihm noch ein unlösbares Räthſel blieb— dies Eine war nicht der Fall. Es ſchlug ein Herz in dieſes Weibes Bruſt und aus dieſem Herzen war er nicht gelöſcht. Einmal ſo weit, war auch der Unmuth gebändigt, den er ſeit Jahren in ſich genährt; dafür wuchs mäch⸗ tig das Verlangen, den unfaßbaren Widerſpruch zu löſen und einen Blick zu thun in das ſeltſame Laby⸗— rinth der Frauenlogik. Nicht einer Logik, wie ſie Frau Bertha nach Richtſtab und Winkelmaß genau in die Diagonale und darum nicht ſelten falſch konſtruirte, ſondern jener Reihenfolge von Intermittenzen, Anreg— ungen, Gefühlskreuzungen und Phanaſieſprüngen, die ge⸗ rade bei den lebhafteſt empfindenden und begehrteſten Frauen die Gedanken zum unverſtändlichen Schluſſe führen. Inderau glaubte, ein rein pſychologiſches In⸗ — 7 4 — — —,— —--———— 92 tereſſe für die Gräfin zu fühlen, wenn er nachdenk⸗ lich in die Richtung blickte, nach welcher die im Galopp vorüberjagende Reiterin verſchwunden. Sie ſaß ſo ruhig und zuverſichtlich, ſie lenkte ihr Pferd ſo unmerkbar und ſicher, daß die Marquiſe trotz ihrer geſuchten Grazie und ihrer auffallenden Kunſtſtücke, mit denen ſie die allgemeine Bewunderung nicht ſelten zu lauten Beifallszeichen hinriß, neben ihr nur wie eine Kunſtreiterin erſchien.— Sie ſaß, wenn ſie vor⸗ beifuhr, ſo ernſt, ſo dicht in ihren Shawl gehüllt, ſo fröſtelnd in ſich ſelbſt zuſammengezogen in ihrem Wagen, während die Marquiſe neben ihr in fort⸗ währender Bewegung lachend, plaudernd, Blicke wer⸗ fend mit dem an ihrem Schlage trabenden Grafen verkehrte, daß der verborgene Beobachter in der klei⸗ nen Laube ſich fragen mußte, woher dieſer Ernſt ge⸗ kommen und ſeit wann er die tiefen Linien um die Lippen gegraben, die ehemals nur für den lächelnden Uebermuth geſchaffen ſchienen— und doch waren ſie heute noch ſchön und lockend wie zur Stunde, da er Flammen von ihnen trank, die wie überirdiſche Luſt ſeine Adern durchwallten. Ach, er durfte nicht daran denken! Die alte Wunde brach wieder auf— oder war ſie niemals ge⸗ ſchloſſen geweſen? 93 8 In dieſer übermächtig werdenden Bewegung hörte eie er nichts von den Nachreden, die der Gräfin und Ferd ihrer Begleitung aus der Laube folgten. Was über trer das hohe Spiel geſprochen wurde, durch das Graf idh Konski wie durch ſeine Intimität mit dem Marquis dten und deſſen Frau ſchon Aufſehen zu erregen begann, über ſeinen Stall und den Aufwand, den er machte, ün ging unbeachtet an Inderau's Ohr vorüber gleich den die ſentenziöſen Bemerkungen, welche ſeine Schweſter, die 4 Veſcheidenheit ſohider bürgerlicher Verhältniſſe daran knüpfend, vorzubringen liebte. Nur wenn derartige ſort⸗ Reden kein Ende finden wollten, oder gar ſcharfe von d einem Achſelzucken begleitete Ausfälle die Gräfin trafen, djen kam es wohl vor, daß er ſtatt jeder Erwiderung llei unter einem ſchicklichen Vorwande in's Haus zurück⸗ ge⸗ kehrte, oder einen Gang nach der Stadt machte. die Das Letztere that er auch eines Nachmittags, da den der Gräfin und Marquiſe Erwähnung geſchah, die in ſe Begleitung der Herren am ſelben Morgen in der Rich⸗ 3 5 tung gegen Lichtenthal vorübergekommen waren. Die 5 Luſt Familie ſaß diesmal ausnahmsweiſe im großen Wohn⸗ zimmer oben, da ein ſtarkes, um die Mittagsſtunde alte niedergegangenes Gewitter ſie aus dem feuchten Gärt⸗ ge⸗ chen verſcheuchte. Inderau bot ſich an, einen Brief, den Amalie während des Regens geſchrieben, zur Poſt — — — ————*— zu bringen und erhielt für dieſe Aufmerkſamkeit den erſten freundlichen Blick nach langer Zeit. Als er die Brücke überſchritten hatte, fand er den Weg ziemlich aufgeweicht, doch nicht das war Urſache einer beinahe unwillkürlichen Bewegung, die er machte, um wieder zurückzukehren, ſondern der unvorhergeſehene Umſtand, daß nur wenige Schritte auf der Straße hin eine Equipage hielt, die er wohl kannte, wenn die darinſitzenden Damen durch das halb zurückgeſchlagene Dach auch vor ihm verborgen waren. Es mußte et⸗ was am Wagen oder Geſchirr nicht in Ordnung ſein, denn der Diener war abgeſprungen und bemühte ſich, indeß der Kutſcher die Pferde zügelte, die Störung zu beſeitigen. Der Marquis de Laganſe, der gleich dem Grafen beritten war, rauchte gleichgültig ſeine Cigarette, während der Letztere mit Scheltworten und Zurecht⸗ weiſungen den Diener antrieb. Auf dem Vorderſitze ſtand der kleine Alfred und er war es, der Inderau's Abſicht vereitelte. Gelang⸗ weilt von dem anfänglich ſein ganzes Intereſſe in An⸗ ſpruch nehmenden Zwiſchenfall, machte er eben wieder Anſtalt, von ſeinem etwas gefährlichen Standpunkte herabzuſteigen, als er im Umwenden den Major er⸗ kannte und ſeine Entdeckung nach Kinderart laut hin⸗ ausjubelte. So mußte denn Inderau vorwärts; den 95 Hut ziehend, wollte er raſch vorüber. Da ſtellte ſich ihm aber der Graf quer über den Weg. „HGollah, Inderau. rief er...„da alſo wohnen Sie und Ihre ſchöne Braut, von der ich ſoviel gehört, daß ich ganz entſetzlich neugierig geworden bin, ſie einmal zu ſehen! Nun, da ich weiß, wo Sie ſtecken, kann ja Rath dazu werden, und da wir dem zerriſſenen Strang dieſe angenehme Entdeckung verdanken, will ich auch auf dieſes nachläſſige Volk, das nichts unter⸗ ſucht, und den fahrläſſigen Riemer minder ungehalten ſein. Aber wahrhaftig...“ fuhr er in franzöſiſcher Sprache fort...„ich will mit dieſen Wienern nichts mehr zu thun haben. Es iſt kein Verlaß auf ſie. Mar⸗ quis, Sie müſſen mir eine londoner oder pariſer Firma rekommandiren...“ Und ehe der Angeredete noch eine Antwort geben konnte, wendete ſich der Graf ſchon wieder Inderau zu, der ſeinen Weg fortzuſetzen Miene machte...„Was, Sie wollen doch nicht zu Fuße weiter durch dieſe pontiniſchen Sümpfe?...“ rief er lebhaft...„Danken Sie Ihrem Schickſal, daß wir gerade hier und zu dieſer Stunde Schiffbruch erlitten! Iſt doch Alles auf der Welt zu etwas gut. Das Gewitter, das uns in Gernsbach zurückhielt, verhilft Ihnen zu einem Wagen, und die Pfützen, die Sie zu durchwaten hätten, machen Sie zu unſerem Gefangenen, da gilt 96 keine Widerrede! Sie müſſen den vierten Platz an⸗ nehmen. Noch eine Schickung, daß Mademoiſelle Ho⸗ norine gerade heute Kopfweh haben und zu Hauſe bleiben mußte. Der blöde Burſche iſt endlich mit ſeinem Knoten zu Stande gekommen, alſo raſch hinein. Sie wollen doch nach der Stadt?“ „Zur Poſt...“ verſetzte Inderau in der deutlichen Abſicht, der Aufforderung auszuweichen. Der Graf gab jedoch nicht nach. 6„Vortrefflich! Da können wir Sie ja abſetzen, wenn wir am Stephanienbade einbiegen.“ „Der Herr Major wird der Einladung ſicher nicht widerſtehen, wenn ſie von den Damen ausgeht. Sie 2 —— ——— — 41 werden nicht ſo ungalant gegen uns ſein...“ nahm die Marquiſe das Wort, indem ſie Inderau mit ihrem liebenswürdigſten Lächeln zu bezaubern ſuchte...„Das Gewitter ſcheint unſere Herren ganz durchnäßt zu haben, man kann ſie drehen und wenden wie man will, es gibt doch nur Waſſertropfen und die Sonne muß ſich hüten, ſie zu beſcheinen, ſonſt ſieht man ſie bald nicht mehr durch den Nebel, den ſie ausdampfen. Kommen Sie, mein Herr, auf Ihnen beruht unſere Hoffnung, aus der feuchten Langeweile errettet zu werden, die uns Huſten erzeugen wird.“ Inderau konnte nicht mehr ausweichen, ſo unan⸗ nahm ihrem „Das jaben, ll, es j ſich nicht umen nung, , die 97 genehm es ihm war. Er ſtieg ein. Hatte er einen Einwurf der Gräfin erwartet, der ſeinem eigenen Wunſche zu Hülfe kam, ſo täuſchte er ſich; ſie lud ihn nicht ein, doch nichts verrieth auch Unzufriedenheit mit dem ge⸗ troffenen Arrangement. Sie erſchien ihm gedrückt, er meinte faſt eine Wolke der Traurigkeit auf ihrem ſchönen, heute ſo farbloſen Antlitze zu entdecken. Sie nickte ganz ſtille, nicht einladend, aber auch nicht mit jener eiſigen Vornehmheit, die entſchiedener zurückweiſt als das heftigſte Wort; zugleich gab ſie Raum, denn er kam, da er auf ihrer Seite einſtieg, auch ihr gegen⸗ über zu ſitzen. Die Bewegung, mit der ſie ihre Kleider zuſammennahm, hatte nichts von jener beleidigenden Aengſtlichkeit, mit der man eine Berührung wie etwas Widerliches zu vermeiden ſucht. Das Alles bemerkte Inderau und es ſtimmte ihn noch milder und nach⸗ giebiger. Dieſe Frau in ihren unausgeglichenen Regungen war vielleicht mehr der Spielball äußerer Einflüſſe, als die Beherrſcherin derſelben. Sie leide, ſagte er ſich, und nicht momentan, durch ſein Hinzuthun, ſo unabſichtlich dies auch war, ſie nahm es wie eine Beigabe hin, die den Druck des Lebens nicht gerade erleichtert, doch auch nicht weſentlich erhöht. Und dieſer Druck einer keineswegs vergangenen, einer andauern⸗ den, täglichen Erfahrung war es, unter dem ſie litt. Byr, QOnatuor. V. 7 ———— — Q-——— — ———— œD 98 Am Anfang hielt ſie ſich wohl zurück und über⸗ ließ der geſprächigen Marquiſe das Wort ganz und gar; doch da dieſe, ſobald der Wagen ſich in Bewegung ſetzte, wieder auf's Angelegentlichſte mit dem nebenher ſprengenden Grafen zu plaudern begann, während ihr Gemahl, wie es ſchien, der Cigarre zuliebe etwas ab⸗ blieb, übernahm es die Gräfin, Inderau in's Geſpräch zu ziehen und es wollte ihm bedünken, als ob die un— gewöhnliche Haſt, mit der ſie die gewöhnlichſten Allge⸗ meinheiten nacheinander auf's Tapet brachte, darauf berechnet wäre, ſeine Aufmerkſamkeit von dem ſo ungenirt liebäugelnd verkehrenden Paare, als ob es allein auf der Welt ſei, abzuziehen.— Schämte ſich Sittah ihres Gatten und der unverholenen Vernachläſſigung? Wollte ſie verhindern, daß man ſie für unglücklich halte? Indeſſen hatte man die Stadt erreicht, der Wagen lenkte jedoch nicht ein am Stephanienbade, ſondern blieb in den Anlagen am linken Oosufer. Vergeblich erinnerte Inderau an die Zuſage, der Graf wollte nichts hören und bedeutete dem Kutſcher, nur zuzu fahren. „Das läßt ſich wohl Alles ſpäter noch abmachen...“ wies er Inderau lachend ab...„wenn Sie meinem⸗ Diener Ihre geheime Korreſpondenz nicht anvertrauen über⸗ az und vegung ebenher end ihr as ab⸗ eſpräch ie un⸗ Allge⸗ darauf h ihres 2 igung? glücklich Wagen ſondern rgeblich wollte r zuzu en. 5 neinem⸗ rtrauen 99 wollen. Es iſt ja noch geraume Zeit bis zum Poſt⸗ ſchluß. Nun haben wir Sie einmal und laſſen Sie nicht los. Man muß Sie ſchon mit Gewalt entführen, denn freiwillig kommen Sie doch nicht. Iſt übrigens begreiflich, wenn man die Zeit ſo angenehm zu ver⸗ bringen weiß, aber bei aller Schwärmerei für ein ein⸗ ziges holdes Augenpaar darf man ſich doch dem An— ſpruch der übrigen Bekannten nicht ganz entziehen.“ Inderau fand nichts zu erwidern. Gern oder ungern mußte er ſich in die Lage ſchicken. Es war nur mehr eine kurze Strecke bis zur Villa zu hinterlegen, alsbald lenkte der Wagen durch ein Gitterthor und fuhr an einer breiten Veranda vor, die ſich, mit einer anmuthigen Ausſicht über die etwas tiefer gelegene Stadt auf das neue und alte Schloß hinüber, dem Garten zu an das Haus ſchloß. Es war dies eine ſchöne Villa in italieniſchem Style, die ſchon von Außen reichen Comfort verrieth und von dem Vermiether urſprünglich zur eigenen Be⸗ nützung erbaut worden war. Dadurch bewahrte das Ganze den angenehmen Eindruck einer auf Eigenart berechneten Privatwohnung, während die gewöhnlichen Miethhäuſer trotz aller ſplendiden Einrichtung immer kahl, ungemüthlich, hotelartig erſcheinen. Abſeits der Villa, vom Gebüſche halb verborgen, war noch ein 7* ( ——-—. 100 Wirthſchaftshof mit Ställen und ein wenig mehr den Abhang hinan lag eine zweite kleinere, im Schweizer⸗ ſtyl gehaltene Behauſung, die, wie ſich jetzt zeigte, dem Marquis zur Wohnung diente. Er und ſeine Frau zogen ſich dahin zurück und Inderau fand nicht viel Zeit, im Stillen die Summe zu berechnen, welche die Miethe dieſes fürſtlichen Pied- a-terre koſten mochte, denn er ſah ſich plötzlich mit Sittah allein. Der Graf war nach den Ställen wei⸗ tergeritten und der kleine Alfred lief in's Haus voran. Die Gräfin durchſchritt raſch die Veranda und trat in einen räumlichen Salon, deſſen koſtbare Ausſtattung in dem traulichen Dunkel, das hier herrſchte, nicht ſofort in'’s Auge fiel. Inderau fühlte ſich befangen. Von dem Trotz, mit dem er Sittah's Verlangen begegnet, war nichts mehr in ihm. Er fühlte einen ſtillen Vorwurf, wenn er daran dachte, wie er nun doch wieder an ihrer Seite, ja ſogar in ihrem Hauſe ſtand. „Verzeihen Sie mir, Gräfin...“ ſagte er leiſe, als ſie ſtille hielt, ſich gegen ihn umwendete und ihn mit einer leichten Geberde zum Niederſitzen einlud... „verzeihen Sie mir, ich werde ſofort abreiſen.“ Sie hatte ihn nicht angeſehen, jetzt hob ſie den Blick. 101 ir den„Warum?..“ ſagte ſie...„Bleiben Sie im— weizer⸗ merhin. Vergeſſen Sie mein unbilliges Verlangen. e, dem Als ich es ſtellte, wußte ich noch nicht, welche Bande 6 Sie hier feſthalten. Sie dürfen ſich Ihrer Braut nicht d und entziehen.“ zumme Das war nun zum dritten Male, daß eines Ver⸗ Piedd- hältniſſes Erwähnung gethan wurde, das Inderau h mit nicht einmal ſtillſchweigend zugeſtehen wollte. Früher n wei⸗ im Wagen fand er es nicht an der Stelle, zu wider⸗ voran. ſprechen. Diesmal aber nützte es nicht, daß er ſich zu 6 rrat in überzeugen ſuchte, es liege ja nichts daran, was man attung glaube, er könne auch ohne weitere Auseinanderſetzung nicht abreiſen und bedürfe am allerwenigſten vor der Gräfin eine Rechtfertigung. Ein unbezwingliches Gefühl drängte Trot, ihn, die vermutheten Beziehungen abzulehnen. nichts„Ich habe keine Braut...“ ſagte er in einem wenn ruhigen und feſten Ton, der keinen Zweifel an ſeiner übrer Ausſage aufkommen ließ. Trotz der Dämmerung, die im Gemache herrſchte, bemerkte er recht wohl, wie die Gräfin roth wurde und, ſich ein wenig abwendend, bei Seite ſah, um die Bewegung, die ſich ihrer be⸗ mächtigt hatte, zu verbergen...„Es hält mich nichts .. ſetzte er hinzu...„und ich kann gehen.“ Es dauerte eine Weile, ehe die Gräfin eine Ant⸗ wort fand, und Inderau wollte eben zurücktreten, als — — —yy—y——¼¼⁊qꝑ 3 ——2 — — 102 ſie, ohne das Geſicht ihm wieder zuzuwenden, leiſe ſagte: „Wenn Sie nichts hält, ſo drängt Sie doch auch nichts fort.“ „Wie darf ich das verſtehen?...“ fragte In— derau lebhafter, als er es darnach ſelbſt zufrieden war. Die Gräfin befaßte ſich mit einer zierlichen Blatt⸗ pflanze ihres Blumentiſches. „Daß Sie ganz nach Ihrem Gefallen handeln mögen, da es mich keinesfalls berührt...“ ſagte ſie, und es war das wieder der kalte, hochmüthige Ton, den ſie im Kurſaale angeſchlagen. Inderau fühlte ſich faſt neuerdings verletzt, aber ſie kehrte ſich jetzt wieder ihm zu und ihr Blick widerſprach den Worten. Ja, wenn Inderau ſich das ganze kurze Geſpräch wieder⸗ holte, ſo fand er, daß er zweimal zum Bleiben auf⸗ gefordert worden war, mochte dieſe Aufforderung zu— letzt immerhin in das Gewand verächtlicher Gleichgül⸗ tigkeit gekleidet geweſen ſein. Es war, als ob Sittah ſich abſichtlich in ihrem Stolze, vielleicht auch in irgend einem Vorurtheil beſtärke und doch wieder davor er⸗ bange, eine nahe zur Hand gelegene Stütze zu ver⸗ lieren. Das ſagte ihm übrigens Alles erſt eine ſpätere Reflexion, denn momentan kam er zu keinem geord⸗ neten Gedankengange. Der Graf trat ein. „leiſe hauch te In⸗ n war. Blatt⸗ andeln gie ſie, Ton, te ſich wieder . Je, wieder⸗ n auf⸗ ng äl⸗ ichgül⸗ Sittah irgend or el⸗ 1 ver⸗ pätere geold⸗ Seine erſten Worte enthielten einen Vorwurf, daß ſeine Gattin noch nicht abgelegt und auch den Beſuch nicht aufgefordert habe, es ſich bequem zu machen. „Ich könnte doch nicht bleiben...“ beeilte ſich Inderau zu entgegnen...„Wie ich Ihnen, Herr Graf, bereits erklärte, habe ich einige Geſchäfte, die ſich nicht wohl verſchieben laſſen.“ „Derlei gibt's nicht, wenigſtens erkennen wir ſie nicht an. Wir ziehen uns nur raſch um, dann neh⸗ men wir ein kleines Gouter. Wir ſind gewiſſermaßen noch à jeune, denn das Déjeùner dinatoire in Gerns⸗ bach iſt für einen halbwegs verwöhnten Gaumen nicht zu rechnen. Darauf können wir dann gemeinſam nach dem Kurſaal gehen. Oder wenn Du es vorziehſt, meine Liebe...“ wendete er ſich an ſeine Frau, die durch eine faſt unmerkliche Bewegung einen Einwurf gegen das Programm markirte...„magſt Du auch zu Hauſe bleiben. Der Herr Major iſt gewiß muſikaliſch. Ich habe, wie Du weißt, ſchon zugeſagt, notre char- mante Julie zu begleiten.“ Das wurde Alles ſo raſch und in ſo oberfläch⸗ lichem Welttone heruntergehaſpelt, daß Niemand ein Wort dazwiſchen anbringen konnte. „Es thut mir leid...“ ſagte jetzt, nachdem er —————— 4 2b—qrm· ——— — — ——— 104 geendet, die Gräfin...„ich fühle mich ein wenig abgeſpannt, ermüdet, vielleicht iſt auch eine Erkältung dabei im Spiele. Ich wage es nicht, darauf zu be— ſtehen, daß der Herr Major uns heute ſeine ohnedem anderwärts in Anſpruch genommene Zeit zum Opfer bringe, werde mich aber freuen, wenn er uns bald wieder das Vergnügen ſchenken will.“ „Ich würde immer fürchten, ungelegen zu kom men“, verſetzte Inderau, der es zum Mindeſten über⸗ flüſſig fand, daß man ſeine Abſicht, ſich zu entfernen, in ſo auffallender Weiſe unterſtützte. Der Graf warf ſeiner Frau einen unmuthigen Blick zu. „Da hat man's...“ rief er höhniſch auflachend .„die Antwort war verdient auf eine ſo allgemein gehaltene Einladung!“ „Das ſollte ſie nicht ſein...“ entgegnete die Gräfin raſch...„Wenn Sie, Herr Major, uns morgen bei Tiſch Geſellſchaft leiſten wollen, ſo geben Sie mir damit den beſten Beweis, daß Sie mich nicht ebenfalls mißverſtanden haben.“ Der Graf klatſchte Beifall und beſtand ebenfalls auf der Einladung. Inderau fühlte ſich in all' ſeinen Vorſätzen beirrt. Er ſagte endlich zu, nur um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen. Im Nothfall ließ ſich 105 ja wohl ein Vorwand finden, der ſein Ausbleiben entſchuldigte. Die energiſchſte Natur fühlt ſich zuwei⸗ len von den Feſſeln der geſellſchaftlichen Gepflogenheit feſtgehalten und vermag ſie nicht zu ſprengen, um ſo mehr, wenn zu den Rückſichten der Delikateſſe noch ein ganz geheimer, nicht einmal ſich ſelbſt eingeſtandener Zug in derſelben Richtung kommt, welche die Höflich— keit einzuſchlagen verlangt.— Und etwas Dergleichen war bei Inderau der Fall. Doch ſchüttelte er un⸗ willig den Gedanken ab, ſein Herz könne bei der ge— gebenen Zuſage ebenfalls im Spiele ſein. „Es iſt ein natürliches Intereſſe...“ ſagte er ſich...„das ich an dieſer Frau nehme, und was ich an Liebe und Haß für ſie gefühlt, wird ſich in herz— liche, wohlmeinende Freundſchaft löſen. Und ſo iſt es recht!“ Sie war nicht glücklich, ein Druck lag auf ihr, vielleicht war es ihm beſchieden, ihr zu helfen und das wollte er mit Kopf und Hand, was ſie auch im⸗ mer an ihm gethan. Er ſann den ganzen Heimweg darüber nach, wie es geſchehen könne, woran ſie eigentlich leide. Sollte es die Kälte ihres Gatten, deſſen Untreue ſein? Sein Verſtand gab keine Ant⸗ wort, aber eine merkwürdig ſichere Ahnung ſagte ihm — nein! Noch eins fiel ihm auf. Es war ſeltſam, — — —— ,. — —y-————— 106 daß der Graf ihn nun ſchon zum zweiten Male ſeiner Frau zugeführt. War das Zufall, oder lag eine Ab⸗ ſicht dabei zu Grunde? Der Verſtand ſchwieg auch diesmal und vermochte keinen Zuſammenhang zu fin⸗ den, und ſelbſt die Ahnung blieb hier aus. Daheim traf Inderau eine tief abgekühlte At⸗ moſphäre. Aſſeſſor Lachmann war ihm in der Allee begegnet und hatte erzählt, mit wem er ihn in dem Wagen geſehen, der den plebejiſchen Fußgänger ſo rückſichtslos beſpritzt. Inderau erzählte auf eine anzügliche Bemerkung ſeiner Schweſter den Hergang, wie er thatſächlich geweſen, was aber die Dinge um nichts beſſerte. Frau Bertha hatte nicht ſo ganz Un⸗ recht, wenn ſie behauptete, neben den äußeren Ereig⸗ niſſen gebe es noch in der Regel innere, wie neben der offiziellen Staats⸗ und Völkerhiſtorie eine geheime Hof⸗ und Kabinetsgeſchichte herlaufe. Ihr Bruder war ſo tief mit dieſem inneren Ereigniſſen beſchäftigt, daß er Amaliens rothgeweinte Augen nicht einmal wahrge⸗ nommen hatte. Fünftes Kapitel. Am andern Tage fand ſich Inderau pünktlich auf der Villa ein. Diesmal ſchwankte er nicht mehr, ob er gehen oder wegbleiben ſollte. Er hatte ſeine Abreiſe ange⸗ boten, ohne daß ſie angenommen worden wäre; je länger er nachſann, deſto deutlicher klang ihm aus Sittah's Worten der Wunſch heraus, ihn hier zu wiſſen; die Einladung zum Diner endlich war in ſolch entſchiedener Weiſe gemacht, daß ſie keine andere Deutung zuließ. Warum hätte er am Ende auch nicht kommen ſollen? Sicher ſeines Herzens, das, wie er die Ueberzeugung hegte, nie mehr in die früheren Ver⸗ irrungen zurückfallen konnte, hielt er ſich gerne bereit, der Frau, die er geliebt, einen Dienſt zu erweiſen, zu dem ihm allenfalls Gelegenheit wurde. Zudem 4 1 4 1 —— ———— 108 hoffte er von einem wiederholten Zuſammenſein mit ihr eine gänzliche Beruhigung ſeines in der Erinnerung an jenen kurzen Liebestraum und das häßliche Er⸗ wachen noch immer ſchmerzlich aufzuckenden Gemüthes. Hatte das dreimalige Wiederſehen ſchon hingereicht, den ſtarren Groll gegen die jahrelang Verabſcheute zu ſchmelzen, ſo trug er ſicherlich aus dem gerühmten Bade ſchließlich noch eine andere gänzliche Heilung mit fort, als die er hier geſucht. Die Umſtände ſchienen dieſe Annahme thatſäch⸗ lich beſtärken zu wollen. Die Gräfin empfing ihn ruhig und klaren Auges wie irgend einen von geſtern datirenden, doch wohlgelittenen Bekannten. Nichts in ihrem Benehmen verrieth die heftigen Gegen⸗ ſtrömungen, von denen ſie ſich bei den früheren Be⸗ gegnungen beherrſchen ließ. Selbſt der leiſe Zug der Trauer ſchien verſchwunden. Allerdings hatte Sittah Zeit gehabt, ſich für dieſe Stunde vorzubereiten. Auch der Graf ſchien in der beſten Laune. Es fehlten nur wenige Tage noch bis zum Rennen, er baute zuver— ſichtlich auf ſeine Pferde, ſie ſollten die großen Spiel⸗ verluſte decken, von denen in den letzten Tagen ſelbſt in der blaſirten Badegeſellſchaft mit einiger Verwun⸗ derung geſprochen wurde. Inderau mußte noch vor Tiſch den Stall beſehen, 109 nit das könne er ihm nun einmal nicht erlaſſen, meinte ng der Graf, der die Lobſprüche mit Stolz und doch nicht Sr⸗ ohne ſich geſchmeichelt zu fühlen entgegennahm. Er 6. ließ ſich auf eine ziemlich ausführliche Beſchreibung bt, der Vorzüge ſeiner Lieblinge ein, in die er ſo große 1 Hoffnungen ſetzte, und verſuchte ſeinen Gaſt ſchließlich 6 zu einer kleinen Wette zu bewegen, was dieſer jedoch mit ſeinem mangelhaften Urtheil entſchuldigend ab⸗ nit lehnte. t„O, Sie ſind ſehr vorſichtig!...“ lachte der n Graf...„Iſt das eine Folge des letzten Krieges bei un unſerem Generalſtabe?“ t Inderau beherrſchte ſich. Der Ausruf klang ſo eigenthümlich, daß er befremdet aufhorchte und trotz 4 des höhniſch beleidigenden Nachſatzes einen zurückge⸗ haltenen Hintergedanken herauszuhören vermeinte. Was ſollte der Spott eigentlich ſagen? Warum ſollte ge⸗ rade die Vorſicht ein Vorwurf ſein? Doch nicht ein⸗ zig und allein der verſagten Wette wegen? Waren die Worte aber wirklich ernſter gemeint und nur zur Unzeit entſchlüpft, ſo zeigte das Beneh⸗ men des Grafen eine Unbefangenheit, die dazu ange⸗ than war, jede Muthmaßung einer tieferen Bedeutung ſeiner gewöhnlich halb unbedachten Plauderei zu be⸗ ſeitigen. Ihn für einen taktloſen Ausfall zur Rechen⸗ — 74 —ö——ℳ—— 140 ſchaft ziehen wollen, wäre nutzlos geblieben, denn der Graf hatte den Ernſt hinweggelacht, wie er es ja zu einer gewiſſen Virtuoſität in jenem burſchikoſen, bären⸗ häutigen Jovialſein gebracht, das den Stall⸗ und Kneipenduft mitunter in die vornehmſten Salons im⸗ portirt. Obwohl Soldat und an manchmal recht rauh gewürzte Koſt gewöhnt, war Inderau doch über den freien Ton erſtaunt, der auch bei Tiſche herrſchte und durch die franzöſiſche Sprache, in der die Konver⸗ ſation ſchon der beiden mit dem Deutſchen nicht ver⸗ trauten Gäſte wegen geführt wurde, wohl an Ge⸗ ſchliffenheit, keineswegs aber an Zartheit gewann. Es war merkwürdig, wie offen der Graf dabei ſeine Verehrung für die Marquiſe, ja ſein Einver⸗ ſtändniß mit ihr zeigte und wie achtlos ihr Gatte all' die zahlloſen kleinen und großen verrätheriſchen An⸗ zeichen hinnahm, die ihm doch unmöglich entgehen konnten, da ſie ja ſogar Inderau als gänzlich Unbe⸗ theiligter wahrnahm. Sollte der Marquis vielleicht Revanche üben? Inderau fühlte eine äußerſt unangenehme Regung und ſein Blick haftete prüfend auf den Beiden, gegen die ſich ſein Mißtrauen gekehrt. Aber nein,— der Mar⸗ quis hatte nichts zu verbergen, er nahm kaum Notiz 411 von der Gräſin und das war ſicherlich nicht erkünſtelt, ſowie auch ſie ihrer Verachtung gegen den Freund ihres Gatten, gegen die Marquiſe kein Hehl hatte. Bei den zweideutigen Scherzen ſaß ſie einem Stein⸗ bild gleich an der Tafel, wenn es nicht der Zufall wollte, daß ſie gerade ein paar einfache, auf den Er⸗ folg ſeiner Badekur, auf ſeine Familie und derglei⸗ chen Bezug habende Worte mit Inderau wechſelte. Es blieb dieſem kein Zweifel, die Gräfin befand ſich in einer jener Zwangslagen, in welchen manche Frau duldet und ſeufzt. Das aber ſind dann meiſt weiche, kraft⸗ oder doch entſchlußloſe Naturen, die lieber wei⸗ ter leiden, als daß ſie zu ihrer Befreiung die einmal beſtehende und für ſie unverletzlich gewordene Form zu zertrümmern wagten, die vielleicht auch in all' ihrer Noth immer noch einen Hoffnungsfunken auf die Rückkehr zu dem alten verlaſſenen Geleiſe nähren; Sittah jedoch glich keiner ſolchen weichen Natur ohne Muth und Willen, warum alſo machte ſie ſich nicht los? Warum duldete ſie dieſe aufgedrungene, ihr ſichtlich unſympathiſche Geſellſchaft? War es denkbar, daß auch ſie den Hoffnungsfunken nährte, ihren Gat⸗ ten umkehren zu ſehen?— Und warum nicht, wenn ſie ihn liebte?— Das war's:— wenn ſie ihn liebte! 1 A — —23.““ V ———— 3—— 4———n—y— 1 ——. 4 858—.— 112 Die feinen Weine, welche der Graf faſt im Ueber⸗ maße genoß und die auch ſeine blonde Tiſchnachbarin nicht verſchmähte, hatten die lärmende Heiterkeit gegen Ende der Tafel bedenklich geſteigert. Der Graf trank die Geſundheit aller ſchönen Frauen, aller Blondinen, aller Franzöſinnen, ſeine Toaſte wurden mit dem allerausdrucksvollſten Verdrehen, Schließen und Oeff⸗ nen der allmälig immer kleiner, aber feucht und glänzend gewordenen Augen beantwortet. Der Mar⸗ quis brachte ein Bonmot nach dem andern, es war nachgerade eine Ungebundenheit eingetreten, welche die beiden ruhig Gebliebenen peinlichſt berühren mußte. Der kleine Alfred, der zum Deſſert jetzt hereinge⸗ ſprungen kam, brachte wenigſtens der Mutter einiger⸗ maßen Erleichterung. Auch mit Inderau hatte der hübſche, lebhafte Knabe ſchon dicke Freundſchaft geſchloſſen, er reichte ihm das Händchen und ließ ſich von ihm willig lieb⸗ koſen. Doch ein Spielzeug vermochte die Marquiſe nicht lang in fremden Händen zu ſehen, ohne nach Kinderart deſſen Beſitz zu verlangen. Sie zog den Kleinen an ſich, hätſchelte und fütterte ihn, dann hob ſie ihm das runde Geſichtchen und küßte es. „Voyez, c'est drõle!...“ rief ſie mit erkün⸗ 1 1 9 — 113 ſteltem Schreck...„War es mir doch, als hätte ich jetzt den Major umarmt.— Allez, mon ami..“ kam ſie einem Ausruf des Grafen lachend zuvor. „keine Eiferſucht, ſehen Sie, wie ruhig Armand das Geſtändniß hinnimmt, und ſeien Sie auch ein gutes Kind. Sie brauchen nicht zu erröthen, Herr Major, es war nicht Wirklichkeit, nur eine Hallucination. Aber vergleichen Sie ſelbſt dieſe Aehnlichkeit. Hat Alfred nicht ganz dieſe breite Stirne, die Naſe, ſelbſt den Mund? wenn gleich Mars ihn unter einem dich⸗ ten Barte verſteckt, ſpiegelt ſich ſein Lächeln in Amor wieder. Iſt es nicht ſeltſam?“ „In der That...“ ſagte der Graf, an den ſie ſich mit ihrer letzten Frage wieder gewendet „Zum Glück weiß ich, daß meine Frau den Major früher nicht gekannt hat, ſonſt könnte ich wahrlich eiferſüchtig werden. Ich habe einmal ein Buch ge— leſen, ich glaube die Wahlverwandtſchaften hieß es. Kennen Sie unſern Goethe, theure Marquiſe? Dem Namen nach— nun, es iſt auch genügend, obwohl im Grunde ein amüſanter Schalk, beſonders in ſeiner Jugend. Muß allerlei Erfahrungen gemacht haben! In dem Buche, das ich nannte, iſt ſo ein Kapitel, Inderau, Sie erinnern ſich daran, es iſt da auch von einem Major oder Hauptmann die Rede— was Byr, Quatuor. IV. 8 ———————— ——— 1 — — — o— — —y ———.— — — 114 ich ſage, ein ganz pikantes Kapitel über die Urſachen ſolcher Naturſpiele wie die Aehnlichkeit der Kinder, nicht mit ihren Eltern, ſondern mit dritten und vier⸗ ten Perſonen, die eigentlich ganz ferne ſtehen. Schade, daß Sie Deutſch nicht leſen, liebe Freundin, würde Sie unterhalten.— Ein Teufelskerl, der Goethe.“ „Eh bien! Vive ce monsieur Goefhe! Buvons donc, mon petit ange!...“ ſcherzte die Mar⸗ quiſe. Der Graf lachte hämiſch auf. Ein ſcharfer Blick hatte ſchon früher Inderau und die Gräfin geſtreift, letzt, da dieſe unter dem Vorwande, Alfred dürfte aus dem angebotenen Glaſe nicht trinken, dem Knaben in den Garten zu gehen befahl, ſchien ſein Lachen von unheimlicher Bosheit. Inderau hielt mühſam an ſich; der ſchon einmal verſcheuchte Gedanke, der Graf hege einen Verdacht und verfolge mit der beinahe erzwungenen Annähe⸗ rung einen geheimen Zweck, wollte neuerdings Wurzel faſſen, und ſelbſt die ſtolz abweiſende Kälte, mit der die Gräfin ihrem Gatten die Stirne bot, vermochte Inderau nicht ganz davon abzubringen. Hatte Gkaf Konski eine Ahnung von dem längeren Beſtande der ſcheinbar erſt von ihm ſelbſt eingeleiteten Bekannt⸗ ſchaft und ſuchte er durch ſo rohe, tückiſche Mittel 115 Gewißheit zu erlangen, und was beabſichtigte er da⸗ mit, oder ſprach in der That nur der Wein aus ihm und fanden blos die Schuldigen eine Anzüglichkeit in brutalen, doch an ſich harmloſen Späßen? Ein Verdacht war ſchwer anzunehmen, doch ließ ſich Eines denken— daß die einzige Vertraute jener Tage, jenes Stiftsfräulein von Droſſel, vielleicht ohne den geringſten Willen, Verrath zu üben, mit einem unbedachten Worte den Anſtoß zu Vermuthungen ge⸗ geben, denn weiter konnte es nichts ſein. Das Be⸗ nehmen des Grafen war ohnedem ſchon räthſelhaft genug, völlig unbegreiflich aber wäre es geweſen, wollte man annehmen, daß es vor ihm kein Geheim⸗ niß mehr gebe. Von da ab kam Inderau wiederholt nach der Villa. Ein Bangen wie vor einer unſichtbaren und die Gräfin doch nahe bedrohenden Gefahr trieb ihn dahin. Doch traf er Sittah nicht ein einziges Mal allein, und war es auch nur Alfred's Gouvernante, die ihr Geſellſchaft leiſtete, ſo hielt ſie dieſe doch mit wahrnehmbarer Abſicht feſt und Inderau konnte nur flüchtige und bedeutungsloſe Worte mit der Herrin wechſeln, was ihn denn natürlich zur Abkürzung ſeiner Beſuche trieb. Er ſah jetzt auch des Morgens den Grafen nicht 5 — 8 ₰ 9 g— ——————— — — .———— ————— — — — 116 mehr. Derſelbe benützte die frühen Stunden, das Trainiren ſeiner Pferde zu überwachen. Sie mußten in Athem gehalten und an den Boden gewöhnt wer⸗ den. Wo ſo viel auf dem Spiele ſtand, mußte ſich ſelbſt die Marquiſe eine zeitweilige Zurückſetzung ge⸗ fallen laſſen, ſie trank ihre Molke allein und geſtat⸗ tete einem alten General, der aber noch recht liebens⸗ würdig zu manövriren wußte, ſie unter den Kolon⸗ naden und auf den Parkwegen zu begleiten. Der Tag des Rennens brach endlich an. Die Sonne lächelte dem Feſte, zu dem die ganze Badegeſellſchaft ausgezogen war und ſich des günſtigen Wetters um ſo mehr freute, als es die letzten zwei Tage ſtark geregnet hatte, ſo daß die Rennbahn mehr einem Moraſte als einer Wieſe glich. Inderau, der ſich ſeinen Angehörigen beigeſellt hatte, ſah den Mar⸗ quis de Laganſe und ſeine blonde Gemahlin, die durch eine fabelhafte Toilette Aufſehen und Neid er⸗ regte, unweit von den Plätzen, auf denen er ſeine Damen inſtallirt. Sittah aber ſuchte ſein Auge ver⸗ geblich. Er kannte ſie als gewandte Reiterin, mußte alſo Freude am Sport bei ihr vorausſetzen und fühlte deßhalb nur um ſo ernſtlichere Beſorgniß über ihr Wegcleiben. „Sie iſt doch nicht krank?...“ hatte er den ſeine ver⸗ zußte ühlte ihr 444 Grafen gefragt, dem er alsbald begegnete. Der hatte nur die Achſeln gezuckt. „Launen!“ meinte er, kehrte ſich aber ſchon im nächſten Moment ab, neue Angebote in ſein Wettbuch zu notiren. Er war überhaupt ſehr beſchäftigt, bald bei den Pferden, bald bei der Wage. Er freute ſich des tiefen Bodens, der ſeine Hauptgegner ihre einge⸗ ſchriebenen Pferde zurückzuziehen veranlaßte und ihm alſo den Sieg mit ſteigender Gewißheit verſprach. Da gab's noch ſo viel Dinge abzuthun, ſo viel Be⸗ kannte vom Turf zu begrüßen, ſo viel anzuordnen und vorzuſehen, daß ihm keine Zeit für ein ausführ⸗ liches Geſpräch blieb, das Inderau übrigens auch nicht anzuknüpfen verlangte. Indeſſen wurde das Zeichen gegeben und der Starter waltete ſeines Amtes. Die Rennen nahmen ihren gewöhnlichen Verlauf. Es war kein guter Tag für Graf Konski. Beim erſten Flachrennen wurde ſeine Fuchsſtute um eine halbe Pferdelänge geſchlagen. Sie war ein wenig ſchwer und ſank in dem feuchten Grunde zu tief ein. Der zweite Preis, der ihr zufiel, reichte nicht entfernt zu, die Engagements zu decken, welche ihr Beſitzer auf ſie eingegangen. Doch blieb dieſem noch die Hoffnung auf den Erfolg der Steeple⸗chaſe, zu welcher er einen —— ⸗»⸗–«“ — — —— —————— — 1 renommirten Gewinner angemeldet hatte, den er oben⸗ drein unmittelbar nach beendigtem Rennen loszuſchla⸗ gen gedachte. Und es ließ ſich Alles wirklich vortreff⸗ lich an. Der erfahrene Bereiter, welcher den kräftigen Braun ſelbſt ritt, übernahm gleich vom Anfang die Führung, hielt ſich bei allen Hinderniſſen wacker vor⸗ an, ohne das brave Thier zu übertreiben. Die Zu⸗ ſeher von den Tribünen jubelten dem ſichern Sieger ſchon entgegen, alle Welt kannte ſchon vom erſten Rennen her die Farben des Grafen, die gelben Quer⸗ ſtreifen über den blauen Aermeln und die gelbe Mütze. Von allen Seiten empfing der Graf, der am letzten Heckengraben gegenüber der Tribüne ſtand, mehr oder minder warm gemeinte Gratulationen. Es fehlte nur noch der Sprung über dies letzte Doppelhinderniß und die kleine Strecke bis zum Pfoſten. Der Braun, nur mehr mit zwei Gegnern käm⸗ pfend, ſetzte wunderſchön, doch ein wenig zu knapp an der Hecke, zum Sprunge an. Der Bogen wurde dadurch hoch, aber nicht ſo weit, als wohl wünſchens⸗ werth geweſen wäre. Es gab ein wunderſchönes Bild, — im nächſten Moment aber lagen Roß und Reiter übereinander. Das Pferd erreichte zwar den jenſeitigen Graben⸗ rand, doch fiel das Gewicht zu ſtark auf die Vorder⸗ vor⸗ Zu⸗ eger ſten zuer ltze. zten der nur und käm⸗ napp urde ens zild, ben⸗ rder⸗ 419 beine, das feuchte Erdreich gab nach, rutſchte ab und das edle Thier ſtürzte ſo unglücklich, daß es ſich nicht mehr aus dem Graben zu erheben vermochte. Es hatte den rechten Vorderfuß gebrochen. Ein Aufſchrei von hundert und hundert Stimmen begleitete das Ereigniß und übertönte den Fluch, der den Lippen des Grafen entfuhr. Er war ganz bleich geworden, und während das Publikum, unbekümmert um den Sieger, ſein volles Intereſſe dem geſtürzten Reiter zuwendete und in ein Frohlocken ausbrach, als derſelbe wohlerhalten aus dem Graben kroch, hatte deſſen Herr nur eine Verwünſchung für ihn. Die eigentlichen Sportmen, welche es unter ihrer Würde gehalten hätten, die naive Theilnahme der Zuſchauermenge auf den Tribünen zu zeigen und genug mit Händeſchütteln und Berechnen ihrer Wetten, mit Beſehen des Siegers und Abſchätzen ſeiner Vorzüge beſchäftigt waren, hatten den Grafen allein gelaſſen, der in verteufelter Stimmung nach einer Piſtole ver⸗ langte, ſo daß es für den erſten Augenblick zweifel⸗ haft war, ob er ſie gegen ſich ſelbſt, den unglücklichen Bereiter oder das arme ſtillliegende Pferd benützen wolle. Das Schauſpiel, das nach dem Programm nun eigentlich zu Ende geweſen, erhielt jetzt zur Aufregung 8 —— ——B—ꝛ— 120 des Publikums und beſonders der empfindſameren Hälfte noch einen blutigen Nachtrag. Der Schuß, der das edle Thier von ſeinem Elend und ſeinen Schmer⸗ zen erlöſte, erweckte eine gar widerſprechende Kritik, beſonders waren die Damen darin einig, die an ſich vielleicht allerzweckmäßigſte und vernünftigſte Handlung, die der Graf jemals in ſeinem Leben begangen, als einen abſcheulichen Act der empörendſten Grauſamkeit zu verurtheilen. Allerdings war die Art und Weiſe, mit der ſich Graf Konski dabei benahm, geeignet, dieſe irrige Auf⸗ faſſung zu beſtärken, denn die verhaltene Wuth, mit der er die Piſtole abdrückte, benahm ſeiner That den Anſchein der Nothwendigkeit und lieh ihr den einer rohen Willkür. In ſeinen Augen funkelten Haß und eine ſinnloſe Genugthuung, als ob der arme Renner den Fehltritt, den er mit dem Leben und ſein Herr mit noch unaddirten Summen bezahlen ſollte, abſicht⸗ lich gethan hätte. Die prahleriſche Haltung, mit der der Graf einen Beweis vornehmer Gleichgültigkeit bei einer ſo empfindlichen Beſitzentäußerung zu geben be⸗ abſichtigte, widerte ſelbſt auch Männer an, und Inderau, der doch an die weit blutigeren und ergreifenderen Scenen eines Schlachtfeldes gewöhnt war, zog ſeinen Schwager und die Damen, die zwar außer ſich waren, 121 ſich aber doch nicht von dem Schauplatze trennen zu können ſchienen, halb mit unmuthigem Zureden hinweg. „Da ſieht man ſo recht den Kavaliersübermuth...“ meinte Sinzenbach...„was mir nicht mehr nützt, das vernichte ich, denn Alles lebt nur für mich und durch mich und hat keine Berechtigung zum Daſein außer mir, das iſt ihre Logik.“ „Man konnte doch wenigſtens eine Herſtellung verſuchen. Es werden ja jetzt gerade an Beinbrüchen die glücklichſten Curen gemacht...“ „Und mit ein wenig ſorgſamer Pflege hätte man das ſchöne Thier gewiß wieder hergeſtellt...“ ſchloß Amalie ſich der Aeußerung der Profeſſorin an; ihr Auge glänzte dabei ſo feucht, als ob ſie bedauere, nicht ſelbſt ſolch frommes Samariterwerk vollführen zu dür⸗ fen und der Aſſeſſor blickte bewundernd zu ſo viel Milde und Herzensgüte auf. „Ich muß nur bemerken, daß Pferde viel zu ge⸗ waltſam ſind, um einen unverrückbaren Verband mög⸗ lich zu machen...“ erklärte Inderau, doch damit machte er ſich nur ſelbſt der Hartherzigkeit verdächtig, die Damen ſprachen von Geduld, von Schienen und hatten noch allerlei unpraktiſche Vorſchläge. Aſſeſſor Lachmann ſah die Schwierigkeiten beſſer ein, er nahm eine andere Seite des Vorfalls auf. 5 2 —--»- ,·— * 2 —— — — —— — — — — — —. 5—- ——— 122 „Ich bin nur neugierig, wie der Graf das ver⸗ ſchmerzt...“ ſagte er...„Erſt geſtern verlor er zehntauſend Franken am Spieltiſch. Er muß ein koloſ⸗ ſales Vermögen haben, man ſpricht von ungeheuren Gütern in Böhmen, aber es iſt und bleibt doch unbe⸗ greiflich, wo das hinausführen ſoll. Sie müſſen es ja wiſſen, Herr Major, iſt er wirklich ſo reich, daß er alle dieſe Verluſte nicht empfindet?“ Inderau konnte dieſe Frage nicht beantworten. Während ſie ſich durch die Menge drängten, in der allenthalben ähnliche Aeußerungen laut wurden, kamen ſie an einem eleganten Dogscar vorüber, auf welchen Graf Konski eben die blonde Marquiſe hinauf⸗ hob. Inderau, der knapp an den Grafen ſtreifte, ohne daß dieſer, ihm den Rücken kehrend, eine Ahnung da⸗ von hatte, vernahm, wie derſelbe, offenbar auf eine früher gethane Frage des Marquis, die Worte hin⸗ warf: „Ich glaubte es auch, aber er iſt zu vorſichtig; Sie ſehen ja, daß er hier war. Gleichviel, ſie ſoll ein Ende machen!“ Ein kurzer Laut wie ein abgebrochenes wildes Auflachen folgte, dann ſchwang ſich der Graf auf den Bock und ließ die Pferde, ehe er die Zügel noch recht in Händen hatte, mitten in das dichteſte Gedränge der ſich entfernenden Zuſchauer hineinbrauſen, als ob ihm ein weiterer Unglücksfall gerade noch willkommen wäre. Die Menge ſtob kreiſchend auseinander, und die Aus⸗ rufe und Bezeichnungen, die dem Lenker des tollen Geſpanns folgten, zeigten die allgemeine Stimmung in bedrohlicher Erregung. Da waren aber lauter ſo⸗ genannte gebildete, feine Leute, und der Graf, dem anderwärts vom empörten Volke vielleicht übel mitge⸗ ſpielt worden wäre, hatte hier am Ende doch nichts zu befahren. Die vernommenen Worte hatten Inderau ſeltſam getroffen. Daß ſie in keinem Zuſammenhange mit dem Vorfalle auf dem Rennplatze ſtanden, konnte er ſich leicht reimen, doch worauf bezogen ſie ſich ſonſt? Sollte er ſelbſt es ſein, dem, wie ſchon einmal in's Angeſicht, der Vorwurf zu großer Vorſicht gemacht wurde? Faſt mochte er es glauben. Dem Grafen war es alſo unge⸗ legen geweſen, ihn hier zu ſehen. Wer aber war denn ſie, die ein Ende machen ſollte? Es lag ſo viel Drohendes in dem Tone, mit dem die Worte geſpro⸗ chen worden waren, daß Inderau ſich einer geheimen Beſorgniß nicht entſchlagen konnte. Nichts deutete eigent⸗ lich, recht bedacht, auf Sittah und dennoch kehrten Inderau's Gedanken immer wieder zu ihr zurück. War ein Argwohn erwacht, die Gräfin irgendwie gefährdet? 8 —ᷣõᷣ——— b V I —————V——————— Was ſollte es heißen, daß ſie ein Ende machen ſollte? Inderau hatte geſehen, daß der Revolver, mit dem der Schuß geſchah, dem Grafen von einem Diener aus ſeinem eigenen Ueberrocke gereicht wurde, den derſelbe auf dem Arm trug. Was war nicht von der Leiden⸗ ſchaft und Wildheit zu befürchten, welche, wie demnach zu vermuthen ſtand, die tödtliche Waffe allezeit bei ſich zu führen pflegte, denn daß es nur heute und eben in der Vorausſicht des eingetretenen Ereigniſſes der Fall war, ließ ſich nicht recht annehmen. Und Sittah in der Macht eines Menſchen zu ſehen, der ſo jeden Augenblick zu einer gewaltſamen That bereit war, der Gedanke ſchien Inderau mit einem Male unerträglich. Sein Verſtand hatte keinen Grund, gerade jetzt eine dringend nahe Gefahr vorauszuſetzen, aber es gibt Stimmungen, in welchen die vernünftigſten und klarſten Erwägungen einmal nicht Stich halten wollen und der Menſch von dunkeln, unerklärlichen, doch in ihrer inſtinktiven Gewalt unwiderſtehlichen Empfindun⸗ gen geleitet wird. Ohne daß Inderau ſich eigentlich eines Vorſatzes be⸗ wußt geworden, hatte er alsbald nach der Rückkehr ſeine Geſellſchaft verlaſſen und den Weg nach der Villa eingeſchlagen. Der Graf, ſo wurde ihm vom Diener bedeutet, ſeine Villa eutet, 125 ſei im Schweizerhauſe, die Gräfin aber im Salon. Durch die geöffnete Thür drangen noch die Schluß⸗ akkorde einer fremdartigen, zu Ohr und Herzen drin⸗ genden, träumeriſchen Melodie. Sie traf Inderau wie ein elektriſcher Schlag. Was hörte er nicht alles aus dieſen Klängen heraus, welche Bilder zauberten ſie aus der Vergangenheit herbei, welche Erinnerungen riefen ſie ihm wach? Es war die Ballade aus der weißen Frau. Der weite, glänzend erleuchtete Theaterſaal that ſich auf. Hier auf dem Balkone der junge übermüthige Offizier, dort im dunkeln Hintergrund der Loge das feurige Augenpaar, das ſchalkhafte Lächeln eines lieb⸗ lichen Frauenbildes und über den weiten Raum ge⸗ ſpannt eine unſichtbare Irisbrücke, über welche hin die Gedanken und Wünſche als Boten gingen von Seele zu Seele, bis Beide ſich gefunden— gefunden und verloren. Die Melodie riß ab— die Brücke war gebrochen. * * 1 A 3. 1 — y——:—— — Sechstes Kapitel. Die Gräfin erhob ſich beim Eintritt des Beſuchers, man ſah, daß ihr derſelbe unerwartet kam. Inderau glaubte ſogar eine Unſicherheit in ihren Bewegungen und ein leiſes Erröthen zu bemerken, wie wenn ſie bei etwas Ungerechtem überraſcht worden wäre. War die Ballade zufällig geſpielt worden, wie irgend ein an⸗ deres Muſikſtück, oder drangen ſich auch ihr dabei Erinnerungen auf, war die Melodie vielleicht ſogar von den Erinnerungen herbeigelockt— wer konnte es ſagen? Es fiel ihm mit einem Male bei, daß er ſich nun ganz allein Sittah gegenüber befand, und der Ton, den er in Geſellſchaft angeſchlagen, erſchien ihm wie eine widerliche Maske, ſinnlos, wie zwiſchen zwei Menſchen, die ſich genau kennen und genau wiſſen, daß ſuchers, ſie bei lderau gungen 127 ſie ſich gegenſeitig nicht täuſchen, die dennoch vorge⸗ haltene Geſichtslarve. Und wieder iſt es die einzige Be⸗ dingung, unter der zuweilen einzelnen Menſchen die Möglichkeit eines Verkehrs gegönnt iſt. Legte er ſie ab, wie konnte er Sittah gegenüberſtehen? Er durfte nicht daran denken, den Grund ſeiner geheimen Unruhe anzugeben. Doch entfernte er ſich nicht zu ſehr von der Wahrheit, indem er ſeinen Be⸗ ſorgniſſen um ihre Geſundheit Ausdruck gab.—„Der Graf...“ ſagte er...„behauptet zwar, nur eine Laune habe Sie verhindert, heute zu Hauſe zu bleiben, ich konnte mich aber eines Zweifels nicht erwehren.“ „Warum?...“ entgegnete Sittah, die ſich auf eine Chaiſelongue mit dem Rücken gegen das Licht nie⸗ derließ und Inderau einen Fauteuil anwies...„Er hat Recht gehabt. Ich bin nicht krank, nicht einmal unwohl— ich fühlte mich nur nicht geſtimmt, und das nennt man ja wohl Laune.“ Obgleich ihr Antlitz im Schatten lag, erſchien es Inderau doch auffallend bleich, die Züge waren abge⸗ ſpannt, daß man trotz ihrer Schönheit doch heute die Jugend darin vermißte, es wollte ihm ſogar ſcheinen, als hätten die leiſe gerötheten Augen geweint. Und ſie wollte nicht krank ſein! Aber der Ausdruck des Leidens, der ihn rührte, wich unter der Macht der —⸗-⸗–— 8 .—. 8 — ☛——— ——— — 128 Selbſtbeherrſchung alsbald jener ſtolzen Kälte, die er nun ſchon genügend an ihr kannte. „Warum nicht aus Laune?...“ fuhr ſie mit einer Ironie fort, deren Bitterkeit nicht zu verkennen war...„Oder ſollten die Herren der Schöpfung allein berechtigt ſein, den Impulſen des Moments zu folgen, weil ſie geſchickt genug ſind, ihre Handlungen hinter⸗ her durch allerlei Spitzfindigkeiten als logiſche Noth⸗ wendigkeit hinzuſtellen. Man ſchilt das Kind, wenn es eine Blume abreißt und zerflückt, der Mann aber iſt vielleicht noch ſtolz auf ſeine That, wenn er, um die Luſt am Spielzeug einer Minute zu büßen, ein ganzes Daſein zerſtört.“ „Worauf zielen Sie?...“ fragte Inderau mit tiefem Ernſt. Sein Herz pochte heftig. Sollte es ſich um eine Crörterung der Vergangenheit handeln? Was er gehört, klang wie ein direkter Ausfall gegen ihn ſelbſt, und zwar einer, gegen den ſich zu vertheidigen er keineswegs gefaßt war. Wie war es möglich, einen Vorwurf, zu dem er ſich unbedingt berechtigt hielt, ihm vorwegzunehmen und gegen ihn ſelbſt zu kehren? War die Stunde der Erklärung endlich da? Seine Erwartung erfüllte ſich nicht. Mochte Sittah— bei ihren Worten auch etwas der Art gedacht haben, ſie zog es vor, eine andere nahe liegende Deutung die er ſie mit rkennen gallein folgen, 129 unterzuſchieben und innerhalb der Grenzen einer ge⸗ wöhnlichen geſellſchaftlichen Konverſation zu bleiben. „Worauf?...“ ſagte ſie mit ſcharfem Blick auf Inderau, wie wenn ſie hinzuſetzen wollte: und das weißt Du nicht?! Nach einer Pauſe, während welcher ſie ſich beſann, erklärte ſie achſelzuckend...„Waren Sie heute denn nicht Zeuge, wie ein armes Geſchöpf, ein lebendiges Spielzeug, der Laune zum Opfer fiel?“ So wenig die Herbheit und Schwere der früheren Worte zu dieſem vorgeblichen Anlaſſe paſſen wollten, mußte Inderau der Wendung ſich doch fügen. „Sie lieben das Vergnügen des Reitens...“ wendete er ein...„wie kommt es, daß Sie ſo ſtreng über die Wettrennen urtheilen?“ „Reiten und Rennen ſind in meinen Augen ganz verſchiedene Dinge. Ich verſtehe nichts von den volks⸗ wirthſchaftlichen Zwecken, welche den Rennen zuge⸗ ſchrieben werden, doch halte ich ſie für einen Selbſt⸗ betrug. Es kann keinen Nutzen haben, Generationen von Pferden heranzuziehen, die einzig und allein da ſind, um von Zeit zu Zeit einen athemloſen Lauf um die zur Schaubühne abgeſteckte Bahn zu thun. Ich ſehe in Rennen nichts Anderes, als barbariſche Schau⸗ ſpiele, wie Stier⸗ und Hahnenkämpfe, hauptſächlich dazu arrangirt, ſich ohne geiſtige Eigenſchaften hervor⸗ Byr, Quatuor. IV. 9 b 1 b b 2 —õ——ꝛ—P———.:——:—— — AN ———— —— ———— ———— zuthun und die Aufregungen hohen Hazardſpiels zu genießen.“ Inderau vermochte ihr nicht ganz Unrecht zu ge⸗ ben, wiewohl er erkannte, daß ihrer ſcharfen Verur⸗ theilung hauptſächlich perſönliche Erbitterung zu Grunde lag. Die Verſchwendung ihres Gatten gerade auf dieſe Lieblingsneigung, die ſchon in früheren Jahren ein Vermögen verzehrt, mochte ihre Antipathie genährt, wo nicht begründet haben. Der heutige Vorfall war wenig geeignet, ihre Meinung zum Beſſern zu ändern. Sie hatte nur einige Andeutungen gehört, der Graf war für eine eingehende Relation zu aufgeregt und vermied es, mit ſeiner Frau zuſammenzubleiben. Inderau mußte ihr nun Alles genau mittheilen. Ihre Stirne verdüſterte ſich dabei immer mehr, und als des Sturzes, des Schuſſes Erwähnung geſchah und der Zornausbruch des Grafen aus der abſichtlich ge⸗ mäßigten Schilderung hervortrat, ſah Inderau ſeine Zuhörerin vom Froſte geſchüttelt das Antlitz abkehren, als fürchte ſie, ihn ihre Empfindungen errathen zu laſſen. Es ſchien ihm, wenn je der Augenblick günſtig, eine Warnung einfließen zu laſſen. War ſie wirklich bedroht, ſo durfte dieſelbe nicht unterbleiben; ſah er Geſpenſter am hellen Tage, ſo gingen ſeine Worte jels zu zu ge⸗ Verur⸗ Grunde de auf Jahren genährt, U war ändern. ſpurlos vorüber, ſobald er nur vermied, in eigener Perſon mit einem Rath oder Argwohn hervorzutreten. Sittah mußte am beſten wiſſen, ob ſie bedroht war und in dieſem Falle den richtigen Sinn aus der aufgefangenen Aeußerung ihres Gatten heraus⸗ finden. Er gab ſich daher den Anſchein, als deute er die⸗ ſelbe auf Vorgänge und Verhältniſſe, die mit dem Rennplatze in Verbindung ſtänden und des Grafen Abreiſe veranlaßten, der nur die Launen ſeiner Frau entgegenſtünden, die bei ihrem Badearzte Unterſtützung fänden. Sittah blickte geſpannt auf. „Wie ſagen Sie, daß die Worte lauteten?...“ fragte ſie lebhaft. Inderau ſah ſie feſt an und wiederholte das Ge⸗ hörte getreu in franzöſiſcher Sprache. „Ich glaubte es auch, aber er iſt zu vorſichtig. Sie ſahen ja, daß er hier war. Gleichviel— ſie ſoll ein Ende machen!“ Die Gräfin zuckte, wie von einem Geißelſchlag getroffen, zuſammen. „Welche Schmach! welche Schmach!...“ rief ſie aufſpringend und barg das Antlitz in ihren Händen... „Mußte ich es denn nicht erwarten?“ 9* —— ——— ——.—— ᷣ — ——— Alſo doch! Inderau ſah jetzt, daß er mit ſeiner Warnung recht gethan. Die Ahnung, welche ihn dazu getrieben, war begründet geweſen. Wußte er auch ſelbſt noch nicht, um was es ſich eigentlich handle, die Gräfin hatte ſofort die Beziehung erkannt. Raſch und unſicher that ſie einige Schritte, dann kehrte ſie zu Inderau, der ſich gleichfalls erhoben hatte, zurück und bot ihm die Hand. Es war dies das erſte Mal, ſeit er ſie wiedergeſehen. „Ich danke Ihnen...“ ſagte ſie mit bewegter Stimme...„ich danke Ihnen. Und was auch im⸗ mer zwiſchen uns liegt, ich will Ihnen dieſe Stunde nie vergeſſen, in der Sie es gut mit mir gemeint.“ „Nur in dieſer Stunde? Ich habe es immer ge— than...“ konnte ſich Inderau zu erwidern nicht enthalten. Es war ein eigenthümlicher Blick, der ihn traf. Sittah zog ſcheu ihre Hand zurück, ihr Auge ſchlug ſich nieder und ihre Stimme klang leiſe und bebend, während ein Schauder ihren Körper durchlief. „Herr Major...“ ſagte ſie mit mehr Zurück⸗ haltung...„mein Ungeſtüm in meinem erſten Ver⸗ langen berechtigte Sie zur Zurückweiſung. Sie haben mir dann Ihre Abreiſe freiwillig angeboten; nun denn, ich bitte Sie jetzt darum, um meiner Sicherheit willen!“ 133 „Ihre Sicherheit? Iſt ſie denn bedroht?“ „Fragen Sie nicht! Reiſen Sie!“ „Und kann ich denn nichts Anderes thun, Sie zu ſchützen?...“ rief Inderau erregt aus. „Wie kämen Sie dazu?“ Sittah's dunkle Augen ruhten feſt und fragend auf ihm. Die ſtolze Zurechtweiſung traf ihn ſo hart, daß er bitter das Haupt ſinken ließ. In der That, wie kam er dazu, die Frau eines Andern ſchützen zu wollen? „Ich gehe...“ ſagte er nach einer Weile mit ſchmerzlicher Gelaſſenheit...„Ich will mich nicht eindrängen in Angelegenheitn, die mich nichts angehen; doch jetzt, da wir abermals und vielleicht für immer ſcheiden, muß ich nochmals den Vorwurf widerlegen, den Sie vorhin, ich weiß nicht aus welchem Grunde, gegen mich vorbrachten. Nie— glauben Sie mir es— nie habe ich es anders als gut mit Ihnen ge⸗ meint. Ich darf in dieſer Minute wohl das Masken⸗ ſpiel aufgeben, und nach Allem werden Sie mir nicht zutrauen, daß ich Sie verletzen will, indem ich Ihnen ſage, daß ich Sie innig und wahr geliebt. Ja, innig und wahr!...“ wiederholte Inderau, als ein leiſer Laut über Sittah's Lippen kam...„Ich ſage es nur, damit Sie Vertrauen zu mir faſſen, denn es könnte ——-——— — — QQQ—Q—L—F—;—ů·——— — ———— —— 134 doch eine Stunde kommen, wo Sie meiner bedürfen. Ich wünſche ein ſolches Zuſammentreffen der Umſtände nicht, aber wenn es eintritt, dann— laſſen Sie mich die Bitte ausſprechen— dann gedenken Sie meiner. Ich werde ſtets bereit ſein, Rath und That für Sie einzuſetzen. Sie ſehen daraus, daß ich ehrlich alles Vergangene auch vergeſſe.“ Vielleicht hätte er noch mehr geſagt, aber Alfred, der vom Garten hereingeſprungen kam, der Mutter irgend ein Kindergeheimniß anzuvertrauen, ſchnitt ſeine Rede ab. Es war eine ſeltene Heftigkeit, mit der Sittah ſich zu dem Kleinen herabbog und ihn an ſich riß, als wolle ſie ihn eiferſüchtig jedem andern Einfluß entziehen, als ſuche ſie in ihrem Kinde Kraft und Feſtigkeit, die ſie zu verlaſſen drohten. Inderau deutete die Bewegung anders. Er glaubte darin ein kaltes, hochmüthiges Abwenden zu ſehen, wie er es nicht verdient zu haben fühlte. Es that ihm weh, doch bezwang er ſich. „Leben Sie wohl, Sittah...“ ſagte er ruhig .„und zweifeln Sie niemals, am wenigſten aber, wenn Sie einen treuergebenen Freund brauchen— daß ich es immer gut gemeint habe.“ Dann ging er durch die Veranda in den Garten hinaus, ohne noch einmal zurückzuſehen. Es war ſtill in ihm— grabesſtill.— Auf den Stufen, die von der Veranda herab⸗ führten, ſtieß er auf den Grafen, der von dem Schwei⸗ zerhauſe herkam, und deſſen noch höher als gewöhnlich geröthetes Geſicht eine ſtarke Aufregung verrieth. „Hoho, Sie da!... rief er Inderau mit ge⸗ zwungenem ſarkaſtiſchem Lachen an...„Ich hätte es denken können, daß Sie die Sorge um das Wohl⸗ befinden meiner Frau hierherführt. Aber Sie wollen doch nicht ſchon fort? Nichts da, nichts da, verehrteſter Herr Major, das ſähe ja gerade ſo aus, als ob Sie ſachte aus dem Gehege ſchleichen wollten. Es iſt zwar ſehr ſchön, wenn Sie der Dame vom Hauſe Ihre zarte Aufmerkſamkeit widmen, aber warum deshalb dem Gatten ausweichen? Haben Sie ein ſchlechtes Gewiſ⸗ ſen? Dergleichen ſoll bei Männern vorkommen, die von der Gunſt der Frauen verwöhnt ſind.“ Inderau war betroffen. Was wollte der Graf? Die Rede war für einen Scherz zu derb, und barg ſich Ernſt dahinter, weshalb kleidete er ſich in dieſe Form, die immerhin ein Ausweichen geſtattete? So wog Inderau die Wahrſcheinlichkeit ab, indeß er zö⸗ gernd ſtehen blieb. 1 —————— — ———yyjju³*“ — — 136 „Sie ſind erhitzt, Graf...“ ſagte er...„der heutige Vorfall hat Sie alterirt.“ „Einer Mähre wegen? Das fehlte noch. Ein paar Flaſchen Chateau d'Yquem, und man denkt nicht mehr daran...“ Er lachte abermals auf, und man konnte leicht errathen, daß die Methode, Vergeſſenheit zu ſu⸗ chen, bereits angewendet worden war...„Sie haben ſicherlich eine ſo anſchauliche Schilderung geliefert, daß meine Frau in Rührung zerfließt. Es war ihr Lieb⸗ ling. Haha! Er mußte daran glauben. Das paſſirt den Lieblingen zuweilen ſo. Was meinen Sie?— Aber wie grauſam, jetzt gehen wollen, wo Sie das Uebel einmal angerichtet! Da, trocknen Sie erſt die Thränen, die Sie fließen gemacht. Es iſt ja ſüß, Thränen trocknen, zum Mindeſten eben ſo ſüß, als ſie entlocken;— Sie verſtehen ja beide Gewerbe.“ Inderau überhörte die wiederholte Anzüglichkeit nicht. Sie ließ ſich kaum mißverſtehen, aber er ver⸗ gaß momentan, eine Antwort zu geben, da er ſich bei den letzten Worten, die von einer Armbewegung des Grafen begleitet waren, umgewendet hatte und nun, wiewohl er ein wenig tiefer ſtand, doch über die Flie⸗ ſen der Veranda hinweg und durch die offenſtehende Glasthüre in den Salon hineinſah. Da erblickte er 8 denn eine Gruppe, die ihn mächtig ergriff, wie ſie des Grafen zornigen Spott erregt hatte. Sittah ſaß vor dem Flügel, mit dem Rücken gegen die Thüre; ſie hielt Alfred umſchlungen, ihr Antlitz war auf ſein Haar herabgeſenkt und ſicherlich von Thränen überſtrömt. Wenn man es auch nicht ſehen konnte, die ganze Haltung tiefen Schmerzes zeugte dafür. Sittah mußte von demſelben ſo ganz hinge— nommen ſein, daß ſie die in den Salon dringenden Laute nicht vernahm; der Kleine aber hatte die Stim⸗ men erkannt. Raſch machte er ſich von der Mutter los und lief in die Veranda heraus. „Papa, Papa!...“ rief er, ſelber dem Weinen nahe...„Maman iſt traurig, Maman weint!“ Er wollte des Grafen Hand faſſen, dieſer aber riß ſie heftig weg. Ein Stoß, ein Tritt und der Knabe taumelte und ſchlug zu Boden. So leiſe der Schrei auch war, den er ausgeſtoßen, die Mutter überhörte ihn nicht; ſie flog vom Sitze auf, mit einem Sprunge ſtand ſie auf der Schwelle. Doch Inderau war ſchon bei dem Kleinen, den er aufrichtete und liebevoll be⸗ ruhigend an ſich drückte. „Haſt Du Dir weh gethan, Kind?. ..“ fragte er tröſtend. 8—— .* .—— —— — 138 Der Kleine ſchüttelte ſcheu den Kopf und weinte leiſe. „Was iſt's auch um eine Beule oder um ein ge⸗ ſchundenes Knie?“ höhnte der Graf. Inderau, den die Worte noch mehr als die Roh⸗ heit der Handlung empörten, konnte ſich nicht halten. „Wußten Sie, daß es dabei ſein Bewenden habe? Sie konnten das zarte Weſen zum Krüppel machen für Lebenszeit.“ Der Vorwurf war nicht geeignet, die ungezähmte Leidenſchaft zu dämpfen, deren Beute der Graf ſchien. „Was läuft mir auch der Range zwiſchen die Beine!...“ rief er mit einem unverhohlenen Blicke des Haſſes, ſo daß auch Inderau die Selbſtbeherrſchung verlor und mit verächtlichem Ausdruck entgegnete: „Es ſcheint, Sie ſind nur gewöhnt, Pferde zu bändigen.“ „Hoho, und allenfalls auch Unverſchämte zu züch⸗ tigen, ich liebe für Beide dieſelbe Methode!.. fiel der Graf ein. Seine grimmig funkelnden Augen hef⸗ teten ſich dabei auf Inderau, der ſich aufgerichtet und die Gewalt über ſich wieder gefunden hatte. gun aber kam Sittah, die bis jetzt bleich und zitternd in der Thüre geſtanden war, jeder weiteren Entgegnung zuvor. 139 „Nein, nein, keinen Streit in dieſer Sache!...“ ſtieß ſie haſtig und mit verſagender Stimme hervor .„Es iſt nichts geſchehen. Gehen Sie, Inderau, ich bitte Sie darum, gehen Sie und nehmen Sie Alfred mit ſich— mit ſich in den Garten, dort werden Sie gewiß Hermine finden. Bringen Sie ihn ihr.“ Ihre Worte ſtockten ſo ſeltſam, ihre von Thränen verſchleierten Augen blickten ſo bittend, er neigte ſich vor ihr und wendete ſich, den Knaben, der immer noch ängſtlich ſeine Hand feſthielt, mit ſich führend, zum Gehen. „Ich denke, wir ſprechen uns noch!...“ rief ihm der Graf mit aufeinandergebiſſenen Zähnen nach. Inderau wandte ſich, von der letzten Stufe tretend, und ſagte ruhig: „Sie wiſſen mich ja zu finden.“ Dann ging er die geſchlungenen Kieswege entlang zwiſchen den Gebüſchen hin. Der Knabe klammerte ſich ſcheu an ihn und wie um ſeinen Schutz zu erflehen, ſagte er mehrmals heimlich: „Papa iſt ſo böſe— ſo böſe!“ Wie weh that es Inderau heute, den Kleinen von deſſen Papa ſprechen zu hören, von demſelben rohen Menſchen, der ſich eben erſt des Glücks, ein Kind zu beſitzen, ſo vollkommen unwürdig gezeigt! Er konnte ——-—— ☛——-—;—————— 140 ſich nicht enthalten, als ſie die Franzöſin auf einer einſamen Bank in ihrer Lektüre vertieft getroffen, das liebe, herzige Kind, ehe er es der Wärterin übergab, emporzuheben und zu küſſen. War es denn nicht ihr Kind? Und ſeltſam, auf dem Heimwege dachte er weit weniger an den ſtattgehabten Wortwechſel und deſſen vorausſichtliche Folgen, als an Sittah, und von Allem, was geſprochen worden, klang in ihm ſein eigener Name am deutlichſten nach, mit dem ſie ihn zum erſten Male angeredet, als ſie ihn zu gehen bat. Bis dahin war er immer der„Herr Major“ geweſen. Das vor ihrem Gatten darin ausgeſprochene Vertrauen that ihm wohl. Mehr als einmal tauchte dann die Frage in ihm auf:„Wem haben wohl ihre Thränen gegol⸗ ten? der Gegenwart oder der Vergangenheit?“ Auch in der Villa ward die Frage aufgeworfen. Die Gatten fanden ſich allein. Sittah war, ohne ein Wort an den Grafen zu verlieren, in den Salon zurückgekehrt, und unwillkürlich hatte ſie wieder den Sitz vor dem Flügel aufgeſucht, doch ihre Hände lagen unthätig verſchlungen im Schooß. Es dunkelte bereits. „Gib Befehl zum Einpacken!— Wir reiſen...“ ſagte der Graf, der ihr gefolgt war, barſch, indem er ſich in einen Fauteuil warf; als er keine Antwort erhielt, nahm er nach einer Weile mit verſtärkter einer , das ergab, ht ihr rweit deſſen Allem, igener erſten dahin 5 vor that Frage dem er ntwort tärkter Stimme wieder das Wort...„Haſt Du gehört, wir werden reiſen! Nach Biarritz, Paris, was weiß ich, wohin, mit einem Wort nach Frankreich, ſobald ich dieſem Unverſchämten einen Denkzettel gegeben!“ Sittah that ſich Gewalt an, ihre Linke glitt jetzt langſam über die Taſten, ſie wußte ſelber nicht, daß es zerriſſene Akkorde aus der Ballade waren, die ſie träumeriſch griff. „Biſt Du deſſen ſo gewiß?“... fragte ſie mit erzwungener Ruhe, die ihren Gatten noch mehr auf⸗ ſtachelte. „So gewiß...“ rief er denn auch mit böſem Hohne .„ſo gewiß, als ſeiner Beziehungen zu Dir!“ Sittah ſchlug einige hartklingende Töne an. Dann verſchränkte ſie die Arme, als vermöge ſie ſo ein über⸗ mächtig werdendes Gefühl in die Bruſt zurückzudrängen, und legte ſich an die Lehne des Stuhles zurück. „Du biſt überraſcht, was?.. lachte der Graf „daß wir ſo ſcharfblickend waren, das Geheimniß zu durchſchauen. Der Zufall iſt uns Spielern zuweilen im Leben günſtiger als am grünen Tiſche. Er verrieth mir die Spur und ich müßte blind geweſen ſein, um nicht darauf forttappen zu können. So ſind wir denn im Klaren. Oder leugneſt Du noch immer?“ „Ich wüßte nicht, daß ich je geleugnet...“ er⸗ ——V——— V V 1 1 V ——⏑————— 142 widerte Sittah, deren Buſen ſich unter raſchen Athem⸗ zügen hob und die, während ihr Gatte ſprach, die Unterlippe blutig gekaut hatte...„Wenn ich den Namen zu nennen verweigerte, ſo hatte ich ein Recht dazu. „Um Dir die Möglichkeit zu wahren, gelegentlich an die Vergangenheit anzuknüpfen, und ohne mein Wiſſen den Helden derſelben wieder heranzuziehen, wie es de facto hier geſchehen.“ „Du gibſt Dir vergeblich Mühe, die Dinge zu verkehren...“ verſetzte Sittah mit kaltem Achſelzucken .„Es war niemand Anderer als Du ſelbſt, der den Major mir zugeführt, ja als Deinen alten Bekannten mir völlig aufgezwungen.“ „Für dieſe Galanterie...“ fiel der Graf mit widerlichem Scherze ein...„verdiene ich wohl Dank.“ „Verachtung, meinſt Du.“ „Oho!.. rief der Graf aufſpringend. „Soll ich Dir ſagen...“ ſprach die Gräfin eiſig weiter...„wozu Du ihn zu mir gebracht? Glaube Du nicht, daß man Deine Gedanken nicht ebenfalls durchſchaute; ſie ſind ſo niedrig, daß man allerdings an ihrer Möglichkeit zweifeln möchte, wenn man nicht allmälig von derſelben die Ueberzeugung gewonnen, wie es mir beſchieden wär.“ inge zu elzucken fin eiſig Glaube benfall lerding⸗ an nich nen, wie 143 „Du könnteſt ſchmeichelhafter von mir ſprechen...“ höhnte der Graf. „Nun denn...“ fuhr Sittah, ohne die Unter⸗ brechung zu beachten, in ſchneidendem Tone fort... „Dein Manöver iſt mißlungen. Du hätteſt es gern geſehen, wenn ich, das mir ſelbſt gegebene Wort ver⸗ geſſend, in ein Verhältniß getreten wäre, deſſen Ent⸗ deckung ich fürchten mußte. Dir war es nicht genug, daß ich, jedes Widerſtandes längſt müde, dieſes Zu⸗ ſammenſein mit der Marquiſe ſchweigend trug—“ Der Graf benützte die Pauſe, die ſie machte, ihr in's Wort zu fallen. „Da Du ſo großmüthig warſt..“ ſpottete er cyniſch...„von allem Anfang an Deinen Anſprüchen auf eheliche Treue und dergleichen zu entſagen, ſo durfte ich mich wohl gelegentlich anderswo engagiren und Du ſollteſt meine Beſtrebungen beſſer würdigen, die nur darauf gerichtet waren, Dir gleichfalls den Badeaufenthalt—“ „Schweig'!...“ ſchnitt ihm Sittah die weitere Rede empört ab...„Du haſt Dich zu dem verächt⸗ lichſten Gewerbe nur aus habſüchtiger Berechnung er⸗ niedrigt. Dir war es darum zu thun, die Gelegenheit zu einer Erpreſſung zu ſchaffen und Dir meine eigene ₰ ————— —— F — — -— “ —yyyy——— 144 Schmach von mir um einen guten Preis abkaufen zu laſſen.“ „Etwa wie das erſte Mal...“ lachte der Graf in wildem Hohne auf...„Wir ſind ja ſchon an derlei Geſchäfte gewöhnt, mein Täubchen. War ich damals gut genug, Deine Schande zu decken—“ „Du lügſt!...“ rief Sittah leidenſchaftlich aus. Sie war aufgeſprungen und ſtand mit flammenden Augen und wogender Bruſt, ſchön in ihrem lodernden Zorne, vor dem Manne, der ihr Schutz zugeſchworen, ſie vor jedem Unglimpf wahren ſollte und nun ſelbſt die vernichtendſte Schmähung gegen ſie geſchleudert... „Du lügſt und Du weißt es, daß Du lügſt; das iſt feige und nichtswürdig!“ „Nimm Dich in Acht!...“ drohte der Graf. „Ja, Du weißt, daß Du lügſt, denn als ich Wien verließ, hatte ich Dich nicht aufgefordert, mir zu folgen. Oder that ich es etwa? Ich ſah im Gegentheile alle Verhandlungen für abgebrochen an, das mußten Dir auch meine Zeilen deutlich darthun. Du aber ließeſt Dich nicht abſchrecken und kamſt nach Hodowes. Ich wies Dich auch da mit klaren Worten ab, und erſt, als Du drängteſt, geſtand ich, Deiner Ehre vertrauend, Alles offen bis auf den Namen des Mannes, dem ich angehört, und Du warſt es, nicht ich, der ſchließlich zu 145 dennoch auf der Verbindung beharrte, der für Alles eine Entſchuldigung fand, der mich beredete und ein ruhiges, friedliches Zuſammenleben in Ausſicht ſtellte, aus dem ſich vielleicht, wenn die Zeit Alles gemildert, eine warme, freundliche Zukunft für mich— für uns alle Beide entwickeln konnte.“ „Es hätte Mühe gekoſtet, Deiner Eisnatur Funken zu entlocken. Wenigſtens ſprangen ſie nicht für mich. Meine Schuld iſt es nicht, daß ſich dies liebliche Idyll nicht zur Wirklichkeit geſtaltete.“ „Dir war es nie darum zu thun.“ „Ein echter Frauenvorwurf!...“ ſpottete der Graf...„Nun wird mir wohl gar zum Vorwurf gemacht, daß meine Verehrung nicht glühend genug geweſen. Aber man dient heutzutage nicht mehr ſieben und aberſieben Jahre für Rahel, um ſo weniger, wenn man weiß, daß ſie gegen Andere minder ſpröde geweſen.“ Sittah hatte ſich verächtlich abgewendet. Eine ſolche Geſinnung war wie Straßenkoth, welcher Jeden beſchmutzt, der mit ihm in Berührung kommt. „Du lügſt abermals...“ erwiderte ſie, ihre Kälte wiederfindend...„Dir lag nur an den Gütern. Die wollteſt Du erwerben um jeden Prei mich!“ Byr, Quatuor. IV s— nicht 10 3 ———.—:——— 1 b —— a5“ 146 „Und der Preis war, denk' ich, kein geringer...“ Der Graf ſtand nun ebenfalls auf, ſein Ton änderte ſich plötzlich, ſcharf und beſtimmt gab er ſeinen Willen zu erkennen...„Zu Ende! Wir reiſen. Mache die nöthige Summe flüſſig, meine Kaſſe iſt trocken.“ „Deine Sache..“ verſetzte Sittah kurz. „Reize mich nicht! Die Güter ſind mit Hypo⸗ theken überſchuldet, ich habe heute Unglück gehabt, die Wetten müſſen gedeckt werden— außerdem habe ich noch andere Anforderungen zu befriedigen— ich muß, verſtehſt Du— ich muß!“ „Du weißt, daß ich kein Geld habe.“ „Und die Summe, die Dir nach Deinem Manne zufiel!...“ brauſte der Graf auf...„die hundert⸗ tauſend Gulden?“ „Ich habe Dir ſchon wiederholt geſagt, daß Du keinen Anſpruch darauf haſt.“ „Das Gut—“ „Keines von beiden!“ „Noch einmal, reize mich nicht. Ich bin heute nicht in der Laune, mit mir ſpielen zu laſſen.“ Sittah, die an einem Seſſel lehnte, hob das Auge feſt zu dem des Grafen empor, und uneingeſchüchtert von der böſen Glut, die darin brannte, nahm ſie das Wort. derte 147 „Ich habe Dir keinen Einwurf gethan, als Du das Geld verſchwenderiſch ausſtreuteſt...“ ſagte ſie .„keinen, als Du unſer Vermögen zerrütteteſt, wie Du es zuvor mit dem Deinigen gethan; als ich Dich einmal warnte, lachteſt Du, und ich ließ Dich das Majorat überbürden und entwerthen. Das kleine Gut aber, das mir perſönlich gehört, die Summe, welche Rodnitz mir hinterließ, die ſollen nicht in Deine Hände fallen. Du kennſt ihre Beſtimmung und haſt ſie ge⸗ billigt. Mein Sohn ſoll nicht darben dereinſt.“ „Und damit dem Buben nichts entzogen werde, meinſt Du, ſolle ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen?“ Die Worte waren mehr geziſcht als geſprochen. Die unheimlich geſteigerte Wuth verzerrte die Züge des leidenſchaftlichen Mannes, ſein brennender Blick ſchien Sittah verzehren zu wollen und ſeine Fauſt faßte ihren Arm, daß ſie einen Schmerz fühlte, als bräche das Gelenke. „Das Thier...“ knirſchte er...„das mich heute um eine Summe betrog, die kaum ein Zehntel deſſen iſt, was Du mir ſeinethalben vorenthältſt— das Thier mußte ſterben. Meinſt Du, ich ließe mir gutwillig die Stirne bieten? Was mir den Weg ver⸗ ſtellt, zertrete ich! Ein Wurm hat nur ſo lange das 10* ——L—L—L—L—’—’—— — 148 Recht zum Daſein, als man es ihm läßt. Es war ein Fehler, daß es geſchah. Doch Fehler laſſen ſich verbeſſern!“ Damit ließ er Sittah's Arm los, denn er hörte ſprechen. In Haß und Angſt erbebend ſchlug ſie halb das Auge zu ihm auf, dann ſank ſie wie gebrochen auf einen Stuhl nieder. Die Stimmen nahten raſch. Der Marquis und ſeine ſchöne Gemahlin kamen durch die Veranda. Die Marquiſe war in einer bizarren Toilette. „Was ſagen Sie zu meiner neuen Robe, cher ami?...“ plauderte ſie...„iſt ſie nicht du plus haut chic? Aber was ſeh' ich, meine Liebe, Sie ſind alſo ernſtlich unwohl? Nicht wahr, die Geſchichte mit dem armen Attaqueur iſt ſo ergreifend. Pauvre diable! Aber der Graf war ſuperb, wie er ihn erſchoß. Tout à fait eine Räuberſzene aus den Pyrenäen im Hippo⸗ drom. Fierebras tödtet ſein Pferd, um es den verfolgenden Gendarmen nicht zu überlaſſen. Doch wie, cher comte, noch nicht en toilette? Wir wollen doch in das Konverſationshaus. Wie ſchade, theure Gräfin, daß Sie nicht mit können, Sie ſollten ſich Ihrer Migräne nicht ſo ſehr hingeben. Allons, mon cher comte, un petit jeu nous retablira.“ Der Graf, deſſen Augen noch in wildem Feuer 1 Dlus e ſind te mit lable! Tout Hippo⸗ 3 den Doch wollen theure n ſich mOn Feuel —— — E 149 lächelnd deutete er glänzten, ſpielte den Charmanten, auf ſeine Frau. „Kleine Streitigkeiten machen die Ehe pikant...“ ſagte er...„Heute habe ich ſicherlich Glück im Spiele.“ ———————— 8 —y———— gezeigt, wollte ebenfalls nicht recht mehr Stich halten Siebentes Kapitel. Frau Bertha präſidirte am Theetiſche. Man hatte beſchloſſen, den Abend zu Hauſe zuzu⸗ bringen. Der Aufregung war für den Tag genug geweſen. Amalie beklagte ſich zudem über Kopfſchmerz, den ihr der Sonnenſchein und der Schreck beim Wett⸗ rennen verurſacht. Und die Symptome ſchienen ſich noch zu ſteigern, als Inderau, der ſich ebenfalls ein⸗ gefunden hatte, die Mittheilung machte, er gedenke, da ſein Urlaub ablaufe, ſpäteſtens übermorgen ſeine Heim⸗ reiſe anzutreten. Das hübſche Geſichtchen wechſelte die Farbe und die Augen ſenkten ſich tief auf die Taſſe herab. Um die Faſſung war es beinahe geſchehen, und der Trotz, den ſie in letzter Zeit ihrem kaltherzigen Hausgenoſſen „4 ⸗ genug hmerz, Wett⸗ 151 Das jüngere der beiden Kinder, Inderau's Lieb⸗ ling, klammerte ſich an ihm feſt. „Wir laſſen Dich nicht fort, Onkel...“ rief die Kleine weinerlich und er ſtrich ihr ſanft über das blonde Gelock, aber ſein Blick hing zerſtreut an den Gardinen, welche das Fenſter ihm gegenüber verhüllten. „Du willſt ausreißen?...“ rief der Profeſſor, indem er auf den Tiſch ſchlug, daß die Taſſen und Teller klirrten...„Wie iſt mir denn? Es muß ja der Brief noch irgendwo ſtecken, in welchem Du ſelbſt von fünf Wochen ſprichſt, die Du mit uns hier ver⸗ leben wollteſt.“ „Du brauchſt Dich nicht zu bemühen...“ ſagte Inderau, indem er den Schwager, der aufſpringen wollte, beruhigend am Arme faßte...„Ich erinnere mich ſelbſt ganz gut und es war auch meine Abſicht ſo. Die wenigen Tage, die fehlen, hätte ich Euch gern noch Geſellſchaft geleiſtet, doch erhielt ich heute einen Brief, es ſcheint, daß mir eine andere Beſtimmung zugedacht iſt, und da dürften denn doch einige Vorbe⸗ reitungen nöthig ſein.“ „Aber Deine Kur?...“ verſuchte Sinzenbach noch kleinlaut einzuwerfen. „Hat ja die beſten Folgen gehabt. Eine Mahnung werde ich im Arme wohl immer behalten. Wo gibt's eine alte Wunde, die nicht zuweilen ſchmerzte?“ ———]2 A4 ooobf„ 2— 4 ——— 4* 8. d—— 1 S 8——————— 152 War es Wehmuth, die aus ſeinen letzten bedeu⸗ tungsvollen Worten klang? Amalie hob das Auge und ſtreifte flüchtig den Sprecher, als wollte ſie den Sinn der Worte aus ſeinen Zügen herausleſen. Frau Bertha ſtickte emſig an dem Namenszuge fort, mit dem ihre geſchickten Hände ein feines Battiſttuch verzierten. Ihr Blick war feſt darauf geheftet, ſie ſprach kein Wort, und das war ein Zeichen, daß ſie ihre eigenen Gedanken hatte, die ſie aber momentan beſſer für ſich zu behalten erachtete. Sie durchſchaute die Angabe ihres Bruders als einen Vorwand, wenn ſie auch nicht Alles errieth. In Wahrheit drängte Inderau auch nichts zur Abreiſe, als ſein Verſprechen. Da er nun mit Sicher⸗ heit im Verlauf des folgenden Tages eine Botſchaft des Grafen erwartete, ſo gedachte er es ſo einzurichten, daß er mit ihm Tags darauf jenſeits der Grenze zu⸗ ſammentraf, wobei ſeiner Abreiſe alles Auffallende benommen würde, wenn er heimzukehren vorgab, was freilich dann noch eine Frage an das Schickſal blieb. Seine Schweſter hielt nur mit Mühe an ſich, bis die Kinder zur Ruhe gingen und Amalie, auf ihr Un⸗ wohlſein hinweiſend, ſich denſelben angeſchloſſen; dann aber mußte das gewaltſam Unterdrückte ſich Luft ſchaffen, denn ein vollſtändiges„in ſich ſelbſt Zurück⸗ 153 ziehen“ und„für ſich ſelbſt Verarbeiten“ war ganz und gar gegen die lebhafte und kategoriſche Natur der kleinen Frau. „Alſo das iſt der Schluß all' der Veranſtaltun⸗ gen!...“ begann ſie, kaum daß die Thüre wieder zugefallen war...„Konnte es eigentlich vorausſehen, denn mein Bruder hatte von jeher die Gewohnheit, ſeinem Kopfe zu folgen. Diesmal iſt's aber nicht der eigene, ſondern nur ein fremder, einer, der im Grunde gar nicht das Recht hat, Einfluß auf Dich zu üben. Daß ich Dir's ſage, Berndt, Du mußt nicht glauben, daß wir Andern mit Zlindheit geſchlagen ſind und uns nicht an den fünf Fingern zuſammenzählen kön⸗ nen, wozu man keine Algebra und keine Aſtronomie braucht, auf die Ihr gelehrten Herren ſo ſtolz ſeid. Was die Liebe und das Herz betrifft, da verſtehen wir Frauen in unſerer Einfachheit gerade ſo viel als Ihr, ja wir vermögen noch weit beſſer zu ermeſſen, wie es iſt und ſich verhält, denn Ihr ſtürmt nur ver— blendet drauf los, ohne zu denken, wo es eigentlich hinaus will. Was Cuch nahe liegt, was Euch erreich⸗ bar iſt, ſei es auch noch ſo koſtbar, es gilt Euch nichts, Ihr habt kaum ein Auge dafür. Werth legt Ihr nur Dem bei, was Ihr nicht langen könnt. Ringen und Erringen nennt Ihr dies Verlangen und thut Euch ☛ ₰ —— 4 V 8——— —-—— ⏑O—— 154 auf dieſen echt männlichen Charakterzug gar viel zu⸗ gute. Ihr Thoren denkt nicht daran, daß gerade, weil Ihr Mühe daran ſetzt, Euch hinterdrein der Preis ſtets zu niedrig dünken muß. Und zum Oefteſten wird er Euch gar nicht zu Theil. Ihr haſcht nach dem Schmetterling und zertretet dabei die Blume, deren Duft und Farbenpracht Euch entzücken könnte, indeß der Falter davon flattert oder als häßlicher Wurm mit verwiſchten Flügeln zwiſchen Euren Fingern bleibt.“ „Doch wohl nicht immer...“ fiel Sinzenbach ſcherzhaft ein...„oder hätt' auch ich eine derartige Erfahrung zu beklagen?“ Seine Frau fand es unter ihrer Würde, auch nur durch das Zucken eines Augenlids anzuerkennen, daß dieſe Bemerkung von ihr gehört worden ſei. „Du magſt Dir beiläufig entnehmen, was Dich trifft. Ich habe es nicht länger verſchweigen können...“ ſagte ſte zu Berndt gewendet...„ich habe es ſagen müſſen!“ „Sonſt wäre ſie daran erſtickt...“ fügte der Profeſſor humoriſtiſch hinzu. „Ach Otto, wie trivial!... wies ihn Frau Bertha mit ihrem Lieblingsurtheil und der dabei gebräuch⸗ lichen gequälten Miene zurecht, was ihn aber jedesmal 155 ungemein zu beluſtigen ſchien, ſo daß man auf die Vermuthung kommen konnte, er lege es gefliſſentlich auf ein wenig Trivialität an, um den Geſchmack ſei⸗ ner Ehehälfte hin und wieder auf die Probe zu ſtellen. Inderau lächelte heute nicht, wie er ſonſt wohl bei derlei Anläſſen that. Er reichte ſeiner Schweſter die Hand über den Tiſch. „Du biſt ungehalten, Bertha, Deine wohlgemein⸗ ten Pläne durchkreuzt zu ſehen...“ ſagte er weich... „und ich finde das begreiflich. Glaube nicht, daß es Trotz auf männliche Selbſtſtändigkeit iſt, welche mich auf dieſelben nicht eingehen ließ. Ich erkenne Deine treue Abſicht vollkommen an, ja ich bin auch nicht blind und weiß die Wahl zu würdigen, die Du für mich liebevoll getroffen—“ „Aber du lieber Himmel...“ fiel ſie halb ge⸗ rührt und gerade deßhalb wieder um ſo ärgerlicher ein...„wenn Du das Alles einſiehſt, was hält Dich denn ab, den vernünftigſten Schritt der Welt zu thun! Denn Hageſtolze liegen einmal abſolut nicht in der Abſicht der Schöpfung.“ „Sonſt gäbe es, wie ſtatiſtiſch erwieſen, nicht mehr Weiblein als Männlein...“ comentirte der Profeſſor, doch abermals ohne ſich irgend einer Beach⸗ tung zu erfreuen. ——-—ÿ;ʒõ—·— ———— ——— 156 „Du weißt gar nicht..“ fuhr Frau Bertha eifrig fort...„was für ein Schatz das Mädchen iſt. Ich ſage nichts von ihrem Vermögen, denn ganz arm biſt Du ja auch nicht, ſage nichts darüber, daß ſie von alter guter Familie iſt, denn ich kenne Deine Vor⸗ urtheile; aber ſieh' nur ſelbſt, Berndt, wie ſie Dich liebt, und wahrlich, ohne daß Du beſonders viel dazu gethan hätteſt. Du biſt alſo in der glücklichen Lage, eine Frau zu bekommen, die, durch keine Bräutigams⸗ Zärtlichkeit verwöhnt, Dich ſo liebt, wie Du gewöhn⸗ lich biſt, und ſtatt Anſprüche zu machen, Alles thun wird, Deine Neigung zu gewinnen und zu erhalten.“ „Das iſt alſo das Geheimniß!...“ ſtieß Sinzen⸗ bach mit komiſcher Verzweiflung hervor...„Wie ſchade, daß ich es jetzt erſt erfahre! Hätte ich das ge⸗ wußt, ich führe jetzt ganz anders!“ „Ja wahrſcheinlich einſpännig...“ ſetzte ihm ſeine Frau den Kopf zurecht...„Ich zum mindeſten hätte Dir kein gut Wort gegeben. Es gibt aber frei⸗ lich Frauenherzeu— eigentlich zu ihrem eigenen Nach⸗ theile— wie das Amaliens, und dann muß man ge⸗ recht ſein, es kommt wohl auch auf den Mann an. Ja...“ ſpann Frau Bertha, ungeſtört durch das Räuſpern und die Ohos ihres Mannes, den Faden ihrer Rede weiter...„um ſo ſündhafter aber, wenn ——— Zertha einer, dem das Glück ſo lacht wie Dir, mein lieber Berndt, den günſtigen Augenblick ungenützt verſtreichen läßt und ſeine und des Mädchens Zukunft verſpielt.“ „Es thut mir leid...“ meinte Inderau... „ich habe aber, wie Du ſelbſt zugibſt, nichts dazu ge⸗ than, Amaliens Neigung zu gewinnen oder ihr Hoff⸗ nungen zu erwecken. Sie wird ſich gewiß tröſten.“ „Weil ſie mit dem Aſſeſſor lacht und plaudert? Da ſieht man wieder, wie blind Ihr Männer ſeid. Der, mit dem ein Mädchen ſo unbefangen lacht und plaudert, iſt ſicher nicht der Rechte. Willſt Du den finden, ſo ſuche, wen es ſcheut, wem es ausweicht, über wem es ſchilt.“ „Wer ſchimpft, der kauft.“ „Ach Otto, wie trivial!“ „Wie dem ſei...“ nahm Inderau wieder das Wort...„ſich vermag nichts zu ändern, und hätteſt Du mir im Vorhinein Deine Abſichten mitgetheilt, ſo hätte ich ſie Dir entweder ausgeredet, oder wäre ganz und gar ferne geblieben. Ich bleibe, was ich zu Dei⸗ nem Mißvergnügen bin— ein Hageſtolz.“ Der Verſuch zum Scherz fand bei Frau Bertha keinen Anklang. „Du würdeſt es nicht bleiben, wenn Gräfin Konski nicht wäre...“ ſagte ſie und ein eigenthümlich trium⸗ 158 phirender Blick verrieth, daß ſie ſich auf ihren Scharf⸗ blick nicht wenig zugute that. Die Wolke, die über ihres Bruders Stirn lief, beſtätigte ihre Ueberzeugung und verſchärfte ihren Eifer...„oder...“ ſetzte ſie hinzu...„wenn ſie Dir erreichbar wäre; ich meine zu einer ſchlichten und rechten Ehe vor dem Altare geſchloſſen. Dieſe vornehmen Damen lieben aber nur die Intriguen, das Spielen mit dem Feuer—“ „Brich ab!...“ fiel ihr der Bruder ernſt in's Wort...„Urtheile nie über Leute, die Du nicht kennſt, denn es dürfte Dir widerfahren, daß Du mehr als einmal Unrecht thäteſt, und ich halte Dich für zu gut und wahrhaft, als daß ich glauben könnte, der⸗ gleichen ſei Deine Freude.“ Die kleine Frau rutſchte unruhig auf ihrem Seſſel hin und her. Sie ſuchte ſich zu wehren, vermochte im Innern den Vorwurf doch nicht zu entkräften, was zur Folge hatte, daß ihr Widerwille gegen die Urſache dieſer Erörterung nur noch ſtieg und es kam blos auf einen leiſen Anſtoß an, ob ſie ſich noch mehr ereifern, oder trotzend und mit fingirter Kälte allen weitern Verkehr abbrechen werde, als ein unerwartetes Ereig⸗ niß ſie ganz außer Faſſung brachte. Die alte Frau, welcher das Haus und der kleine Garten gehörte, trat ein, es war etwas Unſicheres in ihrem Weſen, ſie kam auch nicht ganz zur Thüre herein, ſondern winkte nur geheimnißvoll dem Major; erſt als man ſie fragte, was es gäbe, rückte ſie mit dem Anliegen heraus, der Herr Major möchte hinunter⸗ kommen, es ſei Jemand da, der ihn— ganz allein ihn zu ſprechen wünſche. Das war, beſonders zu dieſer Stunde, etwas völlig Ungewöhnliches. Inderau, der mit Niemand Bekanntſchaft geſchloſſen und keine Beſuche empfing, dachte ſofort an einen Abgeſandten des Grafen und fand denſelben überaus eilig. Die Verhandlung hätte ſeiner Meinung nach wohl noch zum nächſten Morgen Zeit gehabt und es war ihm gar nicht genehm, daß der Anlaß ſeine Schweſter vielleicht noch auf die Spur des Vorgefallenen führe. Er verſprach, ſofort zurückzukommen, wie er dachte, war ja Alles raſch zu erledigen. Wer aber vermöchte ſein Erſtaunen zu ſchildern, als er in dem Hausflur nicht irgend einen mit der Miſſion betrauten Herrn, ſondern eine Dame erblickte. Sie war ganz dunkel und einfach gekleidet, ein dichter Schleier deckte ihre Züge, an der Hand hielt ſie einen Knaben, und Alfred's Anblick würde Inderau Alles geſagt haben, auch wenn ſein ſtark pochendes Herz nicht ſofort den Zuſammenhang errathen hätte. 1 ———y——— 1 8 —— ——— —— — — “ — — —=——— —— —— Er that jedoch nicht, als habe er die Dame er⸗ kannt, die gutmüthige alte Frau, die ihm mit dem Lichte gefolgt war, brauchte in die Sachlage nicht eingeweiht zu werden, er nahm ihr den Leuchter ab, öffnete die Thüre und lud ſeinen Beſuch durch eine Handbewegung ein, ſein Zimmer zu betreten, wonach er die Thüre ſorgſam wieder ſchloß. Sittah hatte inzwiſchen den Schleier zurückgeſchla⸗ gen und ſich auf das kleine Sopha ſinken laſſen. In⸗ derau ſah, als er ſich umwandte, mit Schreck die tiefe Bläſſe ihres ſchönen Antlitzes, die ſich ſogar bis in die entfärbten, leblos ſcheinenden Lippen erſtreckte. „Ich möchte bei Dir wohnen, da gefällt mir's...“ rief der Kleine, der zu Inderau geſprungen kam und ihm treuherzig die Hand bot. Inderau hob den Knaben auf, küßte ihn und nahm, indem er ſich der Gräfin gegenüberſetzte, ihn auf's Knie. Er wie ſie hatten bis jetzt noch kein Wort ge⸗ ſprochen. Es war etwas geſchehen, etwas tief in's Leben Greifendes, er empfand noch die Ueberraſchung, die Unſicherheit, ſie kam vielleicht erſt jetzt voll zum Erfaſſen ihres Entſchluſſes, den ſie inſtinktiv, faſt wie eine Schlafwandelnde ausgeführt und der nun nicht mehr rückgängig zu machen war. er ab, h eine vonach 161 In tiefer Erſchöpfung ſenkte ſie das Haupt und barg es in den Händen, dann ſanken dieſe gefaltet in den Schooß herab, die Aufregung in ihren Zügen war einer tiefen Reſignation gewichen. „Ich habe keine andere Zuflucht...“ ſagte ſie mit leiſer Stimme. „Weißt Du, ich wollte ſchon zu Bette gehen...“ plauderte Alfred...„Honorine blieb nur ſo lange bei Nanny, da kam Maman und nahm mich mit fort. Wir ſtiegen erſt draußen in einen Wagen. Sie werden uns ſuchen, es weiß Keiner, daß wir fort ſind. Das iſt ſo hübſch. Du mußt uns aber nicht verrathen, weißt Du, damit ſie uns nicht finden. Da wollen wir ſie Alle auslachen.“ So war es alſo eine Flucht. Was aber mußte vorgefallen ſein, um die Gräfin zu dieſem äußerſten Schritte zu zwingen? Es waren ja erſt wenige Stun⸗ den, ſeit Inderau ſie verlaſſen, und nichts deutete da⸗ mals ſchon darauf hin, daß ſeine Hülfe, die er ahnungs⸗ voll angeboten, ſo bald in Anſpruch genommen wer⸗ den ſollte. „Was hat man Ihnen gethan, Gräfin?...“ rief er, wiewohl in gedämpftem Tone, doch lebhaft aus. Sie verneinte mit der Hand. Byr, Quatuor. III. 11 ———— J——— 1 ——— — 1* —ℳOCOꝑ—ꝑCę—————̈—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—x˖-— 4.— 162 „Im Grunde nichts...“ ſagte ſie...„ich kann nur nicht länger bleiben.“ „Sind Sie bedroht worden?“ „Nicht ich, aber das Kind.“ „Mein Gott, wie iſt das möglich?!“ Sittah hob das Auge zu ihm empor, ſenkte es aber ſofort wieder und ſchwieg. „Haben Sie der Rohheit, von der ich Zeuge war, in der Beſorgniß eines zärtlichen Mutterherzens nicht mehr Bedeutung beigelegt, als ſie verdiente?...“ fragte er, denn es ſchien ihm ganz unmöglich, daß der Graf ſein Kind, ſo wenig er es auch lieben mochte, thatſächlich zu ſchädigen gewillt ſei. Gewiß war es nur eine exaltirte Furcht, die ſich der leicht erregbaren Phantaſie der Gräfin bemächtigt und zu einer Ueber⸗ eilung geführt hatte. „Glauben Sie, daß ich hier wäre...“ erwiderte Sittah mit herbem Vorwurfe im Tone...„gerade hier, wenn es ſich nur um eine momentane Willkür handelte? Ich verhehle mir die Folgen des Schrittes, den ich gethan, nicht. Vielleicht waren Sie ſich weniger klar, als Sie mir Ihren Schutz anboten, und Sie be⸗ reuen es nun.“ „Gräfin!...“ ſagte Inderau, er erhob ſeine Stimme nicht, doch hätte er ſich kaum eindringlicher — ann kann 163 vertheidigen können...„Was ich Ihnen ſagte... fuhr er dann fort...„floß aus beſter Abſicht, und auf die Gefahr hin, dieſelbe noch mehr mißdeutet zu ſehen, muß ich es wiederholen: prüfen Sie ſich ſelbſt und alles Vorgefallene genau. Vielleicht iſt es noch nicht zu ſpät und Alles kann werden wie vorher. Bedenken Sie, es iſt ein großer Schritt, den eine Frau thut, die ihren Gatten verläßt. Fragen Sie ſich, ob es wirk⸗ lich unmöglich iſt, zu ihm zurückzukehren, ob es nicht auch zum Theil von Ihnen abhängt, mit ihm in Frie⸗ den zu leben. Er iſt am Ende Ihr natürlichſter Be⸗ ſchützer und wenn auch Sie ſich ihm entziehen, das Geſetz ſpricht ihm wenigſtens das Kind zu.“ „Das Kind!...“ Sittah rief dies, als wolle ſie noch etwas dazu ſetzen, ſie ſtockte aber und ſchüttelte den Kopf...„Kein Geſetz der Welt kann mich zwin⸗ gen, das Kind ſeinem Mörder auszuliefern!“ „Sittah!“ „O, unterbrechen Sie mich nicht, ich weiß, was ich rede. Wenn Sie mich kalt auf meine Pflicht ver⸗ weiſen und mir in's Gewiſſen ſprechen, ſo werden Sie mir keine andere Ueberzeugung geben. Ich werde, wenn es ſo ſein muß, meinen Weg allein gehen.— Ich habe einen Augenblick geglaubt, Gott habe Sie mir in ſei⸗ ner unendlichen Gnade geſchickt, gerade jetzt geſchickt, 11* 2 —— —— ——— — —y—— X 2 — 164 um ein Unrecht wieder gut zu machen; ich habe Ihre Worte für mehr gehalten als Worte, und ein unſeliges Mißverſtändniß für möglich erachtet, aus dem ſich alles Spätere entwickelt, das mit der Löſung jenes Mißverſtändniſſes vielleicht wie ein böſer Traum ver— ſchwunden; aber es iſt Alles wahr, Alles wirklich und unauslöſchlich.“ Sie drückte ihr Tuch an die Augen und Inderau bebte das Herz. Doch die Jahre hatten ihn ruhiger gemacht, und hatte er ſich auch in die Anſchauung hineinzuverſetzen verſucht, daß er dieſer Frau gegenüber zu keinem Vorwurfe berechtigt ſei, ſo war doch gerade damit eine künſtliche Kälte und Zurückhaltung verbun⸗ den, die er für die richtige Stimmung hielt und zu befeſtigen bemüht war. Er hob, um ſich ſelber Zeit zu geben, den Kna⸗ ben, der nach Kinderart plötzlich entſchlummert war, ſorgſam von ſeinen Knieen und trug ihn in das zweite Zimmer, wo er ihn ſachte auf ſein eigenes Bett legte. Dann kam er langſam zurück. „Frau Gräfin!..“ ſagte er. „Ich werde allein gehen...“ verſetzte ſie.. „Ich verlange nichts, ich werde allein gehen.“ „Das werden Sie nicht, Sittah!...“ Seine Stimme klang ſehr mild, und ſanft nahm er ihr die I Unlg 165 Hand, welche das Tuch hielt, vom Auge, ihr ſo in das thränenüberſtrömte Geſicht ſehend...„Glauben Sie denn, ich würde es zulaſſen?“ „Sie haben kein Recht, mich zu hindern...“ entgegnete ſie mit gepreßter Stimme, während eine Konvulſion ihren zarten Körper erbeben machte. Sie wollte ſich mit der andern Hand das Tuch vor’s Auge drücken, doch Inderau hielt mit ſanfter Gewalt auch dieſe feſt. „Nein, verbergen Sie mir nicht Ihr Auge...“ ſagte er...„ich muß darin leſen und eine Erklärung des Wortes ſuchen, das Ihnen zuvor entfiel. Was iſt es für ein Mißverſtändniß, von dem Sie ſprachen? Worauf bezieht es ſich? Hat es mit unſeren gemein— ſamen Erlebniſſen etwas zu thun?— Weichen Sie nicht aus, wenden Sie das Antlitz nicht ab...“ bat er dringender...„In Ihrer Seele muß ſo Großes vorgegangen ſein, ehe Sie zu dem Entſchluſſe kamen, der Sie hierherbrachte, daß in dieſem ernſten Augenblick unmöglich mehr die gewöhnlichen Rückſichten walten können. Ziehen wir den Schleier von der Vergangen⸗ heit hinweg, der uns doch nicht hindert, hindurchzu⸗ ſehen. Reden Sie, ich beſchwöre Sie! Es kann ja nur dieſe Vergangenheit ſein, auf die ſich Ihr Vertrauen zu mir gründet.“ —ÿõ— — 166 „Die Vergangenheit?...“ ſagte Sittah, den Kopf ſchüttelnd und in bitterem Tone...„Wo zeigten Sie den Charakter, der mein Vertrauen hätte erwecken ſollen? Ich habe Sie nur als einen heftigen, leiden⸗ ſchaftlichen Menſchen kennen gelernt, der kein anderes Ziel kennt, als ſich ſelbſt genug zu thun und Alles an die Befriedigung ſeiner Laune ſetzt.“ „Seiner Laune? Und das ſagen Sie mir zum zweiten Male? Und das wollen Sie mir als Ihre eigene Anſchauung glauben machen?“ Er hielt ihre Hände nicht länger, ſein empörtes Herz ſchlug ſo unmuthig, daß er das Verlangen, ihr den Vorwurf zurückzugeben, kaum zu bezwingen ver⸗ mochte. Aber auch Sittah hob trotzig das Haupt, die aufſteigende Glut hatte ſchnell jede Thräne in ihrem Auge getrocknet.. „Was hätte Sie anders zu dem unerhörten Ueber⸗ fall getrieben?...“ rief ſie...„In thörichtem kin⸗ diſchem Uebermuth hatte ich das Wohlgefallen verrathen, das ich bei Ihrem Anblicke empfand. Ein Mann von feſtem Charakter, von Ehre hätte, wenn er es theilte, in redlicher Abſicht eine Annäherung verſucht; wenn er es nicht theilte, ſich zartfühlend zurückgehalten. Sie thaten weder das Eine noch das Andere. Bei Ihrem Beſuche, der ſchon wider die übliche Form lief, zeigten — heilte, wenn 167 Sie mir deutlich genug, welcher Mißachtung ich mich durch ein unüberlegtes Benehmen ausgeſetzt. Es war dies Ihnen noch nicht genug. Sie brachen rückſichts⸗ los gegen meinen Ruf und die Hohnreden, denen eine Entdeckung in dem dichtgefüllten Hauſe mich preisgeben mußte, bei mir ein. Sie begingen, auf das Ueberwäl⸗ tigende des Ungewöhnlichen, auf mein verrätheriſches Blut zählend, einen Raub— ja einen Raub, durch den Sie mich nur demüthigen wollten, mit dem Sie mich zu jenen Verlorenen warfen, die das Recht ver⸗ wirkt haben, ihre Gunſt Jederman zu verweigern, der ſie begehrt.— Sie gingen über Ihren leichten Triumph lächelnd von dannen, in mir aber brannten Scham und Schmerz ich hatte ja die Verachtung verdient, die Sie mir bezeigten. O, ich war in den Staub getreten! Fragen Sie ſich ſelbſt, ob ich Sie haſſen und verabſcheuen mußte!“ Sie hielt inne, den brennenden Blick feſt auf ihn gerichtet. Alles, was durch Jahre an ihr genagt, wie ein verborgener Wurm, es war jetzt ausgeſprochen und es war mit Wucht auf das Haupt Deſſen gefallen, der, immer nur der einen Richtung ſeiner Empfindung folgend, ſeine Gedanken niemals der Kehrſeite zuge⸗ wandt. Es war eine große Umwälzung, welche dieſe Worte in ihm hervorbrachten. Wie er von Sittah, ———§ℳ— 2 ————— Q,ęO, ã··——— 1 V 8 V — * ———— 5 —— ſo hatte ſie von ihm gedacht, und Beide hatten die Vorgänge in der Seele des Andern nicht erwogen. Stumm und mit geſenktem Haupte ſaß Inderau vor ihr, die in der Erregung aufgeſtanden war. Einen Augenblick vergaß er der Gegenwart, er fühlte nur das Glück, daß auch er geliebt geweſen, daß ſein Herz kei⸗ ner Unwürdigen angehört; aufjubeln und ihr zu Füßen ſtürzen hätte er mögen, ſie an ſeine Bruſt ziehen für immerdar. Da aber kam ihm das Bewußtſein des Ver⸗ ſcherzten. Ein leiſes Traumlallen, das aus dem zweiten Zimmer herüberklang, erweckte es. Da lag ihr Kind und ſchlummerte. Sie war ja das Weib jenes Man⸗ nes, vor dem ſie geflohen, vor dem er ſie nun ſchützen ſollte. „Ja, es war ein unſeliges Mißverſtändniß!...“ ſagte er dumpf...„Der Wahnſinn der einen Minute hat Alles zerſtört, was vielleicht das Lebensglück zweier Menſchen ausgemacht hätte. Sie wie ich, wir waren Beide im Irrthum befangen, auch Sie dachten zu ge⸗ ring von mir und haben die Raſerei einer wild und mächtig aufflammenden Liebe für eine mit Vorbedacht vollführte nichtswürdige That genommen. Wir haben einander ſchweres Unrecht zu vergeben!“ Er ſenkte traurig die Stirne in die Hand. Un— willkürlich trat Sittah einen Schritt näher, ihre blei⸗ 169 chen Züge färbten ſich, wieder lag ein Wort auf ihren Lippen, aber er ſah die Bewegung der Hand nicht, die ein halbes Entgegenſtrecken war, und der Kelch der Senſitive ſchloß ſich wieder ſcheu. Es trat eine Pauſe ein, in der kein Laut vernehmbar war, als die tiefen, ruhigen Athemzüge des ſchlafenden Kindes. „Sie verlangen Glauben für Ihre Worte und geben mir doch ſonſt keinen Beweis...“ begann Sittah und der leiſe Vorwurf war auch durch die weiche, ſchmerzlich bewegte Stimme nicht ganz gemil⸗ dert...„Sie bieten mir nicht Ihre Hand, wo ich derſelben bedarf. Soll die Vergangenheit mich aller Hülſe in der Gegenwart berauben?“ Inderau erwachte wie aus einem Traume. War denn ſein Urtheil wirklich ſo hart geweſen? Was mußte das für ein Gefühl ſein, das dieſe Frau für Liebe hielt, und das ſie doch nicht gehindert hatte, ſich in einem Moment des Unmuthes ſofort einem Andern in die Arme zu werfen? Waren es denn nicht in der That die heißerregten Sinne allein, denen er ihren hingebenden Kuß verdankte? Ein kühler Strom begegnete dem vom Herzen zum Kopfe aufſteigenden erhitzten Blute. „Sie haben Recht...“ kam es mit einem leiſen * —————— —⁵ 8 ͤͤͤͤͤͤͤͤͤſͤſͤſͤ———‧² 2 4———ÿ— ☛ 170 Seufzer über ſeine Lippen...„Laſſen wir die todte Vergangenheit.“ 3 Vielleicht hatte Sittah ein anderes Wort erwartet. Sie bezwang ſich und wurde ſtill, und erſt als In⸗ derau nähere Aufklärungen erbeten hatte, um daraus erſehen zu können, was eigentlich zu geſchehen habe, gab ſie mit tonloſer Stimme Auskunft. Sie ſaß wie⸗ der in ihrer Sophaecke, hielt die Hände gefaltet im Schooße und ſprach, als ob ihr nunmehr eigentlich Alles gleich, das jahrelang in ihr glimmende Feuer und damit auch Hoffnung und Furcht, ja der ganze Zweck und Inhalt ihres Lebens erloſchen ſei. Sie theilte Inderau mit, wie ſie den von ihrem verſtorbenen Gatten ſtammenden Theil ihres Vermö⸗ gens auf Rath ihres Anwalts ſich vorbehalten, wie ſie denſelben ſpäter für ihr Kind beſtimmt und wieder⸗ holt nur mit Mühe der Verſchwendungsſucht des Gat⸗ ten entzogen habe, ſie gab ein ziemlich troſtloſes Bild von dem Zuſtande des Majorats und ſchilderte dann in wenigen Worten die Scene, welche ihr kaum mehr eine Wahl gelaſſen. „Er iſt im Stande ſeine Drohung auszuführen, und ich habe für Alfred Alles zu befürchten. Es gibt hundert Mittel und Wege, die entſetzlichſte That der Strafe des Geſetzes zu entziehen. Jetzt, wo ich klar 1 1 1 1 1 4 1 1 1 wieder⸗ des Gat⸗ es Bild te dann m mehr führen⸗ Es gübt hat der 171 ſehe, glaube ich faſt, ein ſolcher Weg wäre ſchon ge⸗ funden, wenn Sie nicht Gott geſchickt hätte. Der Kleine iſt trotzig und ehrgeizig. Es bedurfte vielleicht nur eines Wortes, ihn zum Erklimmen jener gefährlichen Mauerreſte zu reizen, von denen ſie ihn in den Ruinen herabholten.“ „Entſetzlich! Sie glauben doch nicht, daß die Wärterin des Kindes ſelbſt— ²“ „Ich weiß nicht mehr, was ich glauben und nicht glauben ſoll. Honorine kam ſo oft zur Marquiſe. Ich hatte zuletzt gar keinen Einfluß mehr—“ „Es iſt empörend!...“ rief Inderau...„Ich hätte ſolch' grauenhafte Entmenſchtheit nicht für mög— lich gehalten.“ Daß ein Vater nach dem Leben ſeines Kindes ſtrebe, um deſſen Erbtheil an ſich zu reißen, war, wenn auch in der Kriminalſtatiſtik kein unerhörter Fall, doch ein ſo abſcheulicher Gedanke, daß Inderau einige Gänge durch's Zimmer machen mußte, um die Aufregung, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, zu bewältigen. Sittah blieb ganz ruhig, was ſie geſprochen, hatte ſo müde und lebensſatt geklungen, daß es ihn ſchmerzlich bewegte, doch waren ſeine Gedanken durch das Thatſächliche, das er hörte, zu ſehr in Anſpruch genommen, es drängte ſich Alles zu lebhaft in ihm, als daß er die Zeit aber⸗ H ——y ⸗H5F — 8 ———Q⏑Q⏑——4—— — — — a———* e —y-———— 172 mals mit unfruchtbarem Zurückblicken in eine jetzt mehr denn je vollkommen und für immer abgethane Welt vergeuden hätte wollen. „Sie müſſen den Schutz der Gerichte fordern!..“ Sie ſchüttelte den Kopf...„Aber mein Gott...“ fuhr er fort...„gegen die Nichtswürdigkeit müſſen doch alle Rückſichten fallen. Mögen Sie Nachſicht üben gegen den Gatten, der Sie ruinirt; der Räuber, der Mörder iſt dem Geſetze verfallen!“ „Ich werde nie einen Schritt thun, auch fehlen mir ja die Beweiſe. Ich will nichts, als mich ver⸗ bergen, mich ſeinen Nachſtellungen entziehen. Seien Sie mir dazu behülflich und ich will Ihnen danken. Ich bin ohne Mittel, ſelbſt vom Allernothwendigſten entblößt, Alles was ich wünſche, iſt ein Vorſchuß, den mein Anwalt Ihnen erſetzen wird.“ „Und dann? Und dann? Können Sie ſich für immer verbergen? Können Sie verſchwinden? Was wollen Sie thun, wenn Ihr Gatte die Unterſtützung der Gerichte, welche Sie ſelbſt verſchmähen, für ſich in Anſpruch nimmt?— Nein, nein, das kann und darf nicht ſein. Es gibt Mittel, durch welche Sie ſich ſichern und die Sie nicht von ſich weiſen dürfen. Sei es eine Trennung oder ſonſt ein Schritt, der Sie ge⸗ ſetzmäßig der Gewalt Ihres Gatten entzieht. Für's müſſen Nachſicht Räuber, 173 Erſte iſt es allerdings am beſten, wenn Sie ſich ver⸗ bergen. Laſſen Sie ſehen!...“ er zog ſeine Uhr zu Rathe...„Ja, es iſt noch genug Zeit, um den Ort heute noch zu verlaſſen. Sie haben ſich mir anver⸗ traut, aber Sie haben nicht bedacht, welchen Schein es auf Sie würfe, käme man darauf, daß Sie mit mir geflohen,— ſo würde man es wenigſtens deuten, und das darf nun und nimmermehr geſchehen. Ihrem Rufe darf nicht nahe getreten werden. Sie haben Alles in meine Hände gelegt. Geſtatten Sie denn, daß ich noch meine Schweſter und meinen Schwager in das Geheimniß ziehe; wir können deshalb immer für Freunde gelten, deren Bekanntſchaft von hier datirt. Mein Schwager iſt Rechtsgelehrter; er wird uns gewiß mit beachtungswerthem Rathe beiſtehen.“ Es war eine Regſamkeit in ihn gefahren, ſeit es praktiſche Bethätigung galt, die auf's Stärkſte gegen ſein vorhergegangenes träumeriſches Schwanken und Prüfen abſtach. Sittah machte keinen Einwurf. Doch hätte er auch keinen beachtet, es war eine Aufgabe zu vollbringen, und ſeine Thatkraft trat für den Erfolg ein. Raſch eilte er die Treppe hinauf. Der Profeſſor und ſeine Frau ſaßen noch immer beiſammen. Die Letztere war nicht wenig in Unruhe, ſeit die Hausbe⸗ ⸗-–‧–. ͤͤͤͤſͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤ 8 8 1* ——— — ☛ 4 —B——;—y—— * —————n ſitzerin zurückkehrend ihre frühere Mittheilung ganz ge⸗ heimnißvoll dahin ergänzt hatte, daß der Beſuch des Herrn Major eine Dame ſei,— eine Dame, die einen kleinen Knaben an der Hand geführt und in einem Lohnwagen gekommen. Der Fall war unerhört in dem kleinen Hauſe und Frau Bertha erging ſich in den bunteſten Vermuthungen, wobei ſich ihr Unwille gegen den Bruder, der ſo wenig Rückſichten auf ſeine Verwandten nahm, die obendrein ein Mädchen bei ſich hatten, deren unſchuldsvoller Sinn nicht getrübt wer⸗ den durfte, ja genau genommen, dem Unmenſchen zur Braut beſtimmt war— von Minute zu Minute ſteigerte. Der Umſchlag in ihrer Stimmung, als Inderau geſprochen, war eben ſo merkwürdig als plötzlich. Vor Allem war es wohl die befriedigte Neugierde, welche ſie ſofort wieder umgänglich machte. Das feine weib⸗ liche Gefühl, das jede Herzensangelegenheit wie eine Wünſchelruthe wahrnimmt und das Frau Bertha ſchon immer mit Mißtrauen auf die Annäherung ihres Bru⸗ ders zur Gräfin blicken ließ, verrieth ihr nun auch nach den erſten Worten, die derſelbe vorbrachte, wer die Dame ſei, die ſich unten bei ihm befinde, und es be⸗ durfte der Nennung ihres Namens nicht erſt. Inderau beſchränkte ſich nur auf einige Andeutungen, ſie öffneten die einen in einem ſchen zur Minute 175 aber ein weites Feld für Kombinationen und divina⸗ toriſch überblickte Frau Bertha wenigſtens einen Theil des Zuſammenhanges, welcher Triumph ihr einen Er⸗ ſatz für manche Enttäuſchung bot und ihr Herz dem Mitleid öffnete. Jemand mit Rath und That unterſtützen, helfen, wo Hülfe Noth that, Pläne entwerfen und ſich in der Ausführung für Andere opfern, dabei in einer beſtän⸗ digen Bewegung ſein und immer wieder mit ihrer Klugheit und Vorſorglichkeit die Hinderniſſe erkennen und beſeitigen, das war ja das Element der kleinen reſoluten Frau. Schon der Gedanke, das Knäblein oder die Gräfin könnte ſich nicht wohl fühlen, ſie ent— behre der allereinfachſten Dinge, die ſie in der eiligen Flucht vor einem Halbwahnſinnigen vergeſſen, elektriſirte die ſorgſame Mutter und Hausfrau. Sie war die Treppe ſchon hinunter, während Inderau dem ſchwer kapirenden Schwager noch Dinge auseinanderſetzte, die ſich bei ihr ſchon längſt von ſelbſt verſtanden, und als die beiden Herren ihr endlich folgten, ſo fanden ſie ſie ſchon mit Eſſig, Riechfläſchchen, Huſtenbonbons und einer Taſſe Thee neben der Gräfin an dem Bette des ruhig ſchlafenden Knaben inſtallirt, auf deſſen Erwachen die Bonbons warteten, während Sittah dankbar das halb mit Gewalt aufgenöthigte wohlthuende Getränk ſchlürfte. ———B— —„·,—— 2 ——————— — So für's Erſte verſorgt, überließ Frau Bertha die Beiden den Herren und deren Umſtändlichkeit, in aller Eile die Vorbereitungen nach ihrem eigenen Kopfe 12 zu machen. „Mein Schwager...“ ſagte Inderau...„Pro⸗ feſſor Sinzenbach— iſt ebenfalls der Meinung, daß Sie es nicht verſchmähen dürfen, den Rechtsſchutz für ſich in Anſpruch zu nehmen.“ „Sie mögen es, Frau Gräfin, bezüglich einer Scheidungsanklage halten, wie Sie wollen, das Erſte und Nothwendigſte iſt jedenfalls, daß Schritte gethan werden, Ihren Gatten wegen Verſchwendung unter Kuratel zu ſetzen...“ Die Gräfin machte eine ab⸗ lehnende Geberde, aber der Profeſſor ließ ſie nicht zu Wort kommen...„Es iſt, gnädige Frau, von der größten Wichtigkeit, ſchon der Zutheilung des Kindes wegen. Auch iſt— man muß eben jeden Fall in's Auge faſſen— für die Eventualität, daß Ihnen et⸗ was zuſtieße, der Graf der vom Geſetze anerkannte natürliche Vormund ſeines Sohnes, und Sie können ſelbſt ermeſſen, wie nutzlos dann Alles geweſen, was nicht darauf hinzielte, gerade dies zu verhindern.“ Sittah ſchwieg. Sie begann einzuſehen, daß die bloße Flucht nicht genüge und ſie ihren Widerwillen gegen jedes öffentliche Vorgehen im Intereſſe ihres „Pro⸗ ng, daß hutz für nicht zu von der z Kindes Fall ins bnen et⸗ nerkannte können ſen, was 17 Kindes überwinden müſſe. Es wurde Allerlei erörtert. Der Profeſſor bot ſeine Dienſte an, in ſo weit er ihr als Ausländer in Oeſterreich nützlich zu ſein vermochte. Er konnte wenigſtens manches vermitteln und immer rathend beihelfen. „Und jetzt, Gräfin, handelt es ſich noch um den Ort, den Sie zum Aufenthalte wählen wollen.“ „Es iſt mir Alles gleich...“ ſagte Sittah müde „Haben Sie nicht eine Vorliebe für irgend einen Ort, eine Gegend? Mein Schwager wird Sie gerne begleiten.“ „Ach, Ihr Männer ſeid doch alle unpraktiſch. Das muß ich in die Hände nehmen!...“ fiel da Frau Bertha ein, ehe ihr Mann, der durch Inderau's Vorausſetzung überraſcht, unſicher an der Brille rückte, noch eine Antwort fertig hatte. Sie kam vom Kopf bis zum Fuß reiſefertig her⸗ ein und es blieb unbegreiflich, wie ſie das in der kur⸗ zen Zeit zu leiſten vermocht hatte. In der Hand trug ſie eine kleinere Reiſetaſche für ſich und eine zweite größere, die ſie in der Eile mit Wäſche aus ihrem eigenen Vorrath und andere Nothwendigkeiten für die Gräfin vollgepackt, wobei ſogar der Knabe nicht ver⸗ geſſen war, der aber freilich eine kleine Verkleidung Byr, Quatuor. IV 12 ——— —————ʒ———————— — als Mädchen zu erwarten hatte, da Frau Bertha nur Töchterchen beſaß. „Zum Glücke ſteht der Wagen noch drüben in der Allee, der die Gräfin gebracht hat. Wir können alſo noch zum Halbelfuhrzuge zurecht auf dem Bahnhofe ſein, denn daß ich mitgehe und nicht einer von Euch Beiden, das verſteht ſich von ſelbſt und Ihr hättet Euch das ſelbſt ſagen können. So und nicht anders ſchickt ſich's. Kommen Sie, kommen Sie, liebe Gräfin, ich will Sie ſchon recht behüten!“ „Bertha, ich lerne Dich erſt heute recht wür⸗ digen...“ ſagte Inderau, ihr die Hand drückend, was ſie aber der Taſchen wegen nicht leiden wollte. Auf ihres Gatten Frage, wohin denn eigentlich die Fahrt gehen ſolle, kam der unterbrochene Redeſtrom wieder in Fluß. „Na das iſt doch keine Frage! Zu meiner lieben guten Friederike nach Hanau. Wozu hätte man denn ſo alte ergebene Leute! Eine ehemalige Haushälterin von unſerer Mutter ſelig...“ wendete ſie ſich, Alles im Fluge erklärend, an Sittah...„die dort ver⸗ heirathet lebt, eine grundbrave Frau. Sie ſind dort aufgehoben wie in Abraham's Schooß und es ſucht Sie kein Menſch da, was das Beſte iſt. Uebrigens iſt's auch nicht zu fern von unſerer Heimat und ſo⸗ 179 rtha nur bald wir zurückgekehrt ſind, was ohnedem nächſte Woche geſchieht, können wir uns zeitweiſe verſtän⸗ in der digen. Aber jetzt genug, das kann ich Ihnen Alles nen alſͤ während der Fahrt erzählen. Vor Allem zur Bahn!“ Inderau trug den Knaben, der im Schlafe roſig 2 5 8 — ⸗⸗ℳℳ⸗⸗——---Dõ———᷑—ÿ—-———— ⁰ un Lj und anmuthig ausſah, ſo vorſichtig durch den Garten hr hälle und über die Brücke nach dem Wagen, daß er gar rders nicht erwachte, er legte ihn ſorgſam der Mutter in den Grüfin Schooß. Sie hielt lange ſeine Hand feſt. nir„Sie bleiben des Grafen wegen zurück?...“ 1. Pns ſagte ſie leiſe, ſo daß Frau Bertha, welche auf der , äuf andern Seite zum Fenſter hinaus ihrem Manne noch gabut hundert Aufträge und vor Allem die beiden kleinen 5 Mädchen auf die Seele band, nichts davon hörte. viede„Ich muß mich wohl zur Verfügung halten“, entgegnete er. er lüben„Sie ſollen ſich aber keiner Gefahr ausſetzen mei⸗ 4 an denn netwegen, Inderau...“ drang ſie ängſtlich in ihn, and da er ſchwieg...„hören Sie, ich bitte Sie darum!“ de„Seien Sie ruhig...“ verſetzte er nun, ſich ge⸗ 4 dort waltſam zur Ruhe zwingend...„ich werde nichts 1 m fuct dazu thun, wenn ich mich auch, Sie wiſſen es wohl, 6, dem Ueblichen nicht entziehen kann. Leben Sie wohl...“ d fügte er, weicher als es ihm ſelbſt lieb war, hinzu... 1 un 12* „— — ——— — 180 „leben Sie wohl und was auch geſchehe, vergeben Sie mir und denken Sie meiner nicht mehr im Groll.“ Er drückte ihre Hand noch einmal, die ſich feſt an die ſeine klammerte, als er aber bei Seite trat, ſank Sittah leiſe ſchluchzend zurück und barg das Ant⸗ litz in das thränenfeuchte Tuch. „Wie, was? Ich meine gar, Du willſt auf dem Kutſchbocke mitfahren...“ wies Frau Bertha ihren Bruder zurück...„Das wäre mir die rechte Heim⸗ lichkeit! Kutſcher vorwärts! Wir brauchen keinen Schutz, ſind uns ſelbſt Manns genug. Adieu! adieu!“ „Sie iſt doch ein Schatz von einem Weibe!...“ brummte der Profeſſor...„Jetzt will ich aber eine rauchen!“ Inderau ſah dem davoneilenden Wagen nach, dann ging er langſam über die Brücke, und auf dem zwiſchen den dunkeln Büſchen und Raſenflächen weiß leuchtenden Kieswege in's Haus zurück. Erſt als der Morgen graute, erloſch das Licht, das aus ſeinen Fenſtern in die ſtille Nacht hinaus⸗ geſtrahlt. 8 —— 4 ————— Achtes Kapitel. e Heim⸗ keinen Es war noch früh am Tage, als Inderau die adieu!“ Wohnung des Aſſeſſors Lachmann aufſuchte. b P1.2 Schon vor einer Stunde war ein Herr bei ihm der eine geweſen, der ſich als Baron Siregg und, wie Inderau erwartet hatte, als Abgeſandter des Grafen legitimirte, n nac, und ihm eine Herausforderung zu überbringen hatte. Schon am Abend zuvor damit beauftragt, hatte der auf dem Baron vorgezogen, ſo ſpät nicht mehr zu ſtören und ——— binationen auszuſinnen. Der Graf wünſcht nur Piſtolen, 4 im Uebrigen habe ich plein pouvoir und Sie ſollen mit den Stipulationen zufrieden ſein; ich ſetze nämlich en weiß.. 1 die Verhandlungen erſt am nächſten Tage einzu⸗ .„ 2„—.. Lich leiten.„Für heute wäre es ja doch nicht mehr zu linuus⸗ 4 arrangiren geweſen...“ meinte er...„und bis hinaus⸗ 3—.. d — morgen haben wir Zeit genug, die intereſſanteſten Kom⸗ A voraus, daß Sie ebenfalls ein feines entſcheidendes Kugelwechſeln den gedankenloſen rohen Luftpuffereien, wie ſie bei Dilettanten im Schwange ſind, vorziehen.“ Inderau hatte ihm für ſein lebhaftes Intereſſe gedankt, mit dem er ſich der kunſtgerechten Anordnung des Duells als Amateur annehme, und ihn dann für die Mittagsſtunde an den Aſſeſſor gewieſen, den er, anderer Bekanntſchaft ermangelnd, zu ſeinem Zeugen erwählte. Eben jetzt ſtand er im Begriffe, denſelben vorher um dieſen gelegentlichen Freundſchaftsdienſt zu bitten; die militäriſche Seite des Aſſeſſors gewann dabei, und was die bureaukratiſche betraf, ſo war für ſie wohl kaum etwas zu beſorgen, wenn man die Begegnung auf das franzöſiſche Ufer des Rheines verlegte. Der Geſuchte war jedoch nicht mehr zu Hauſe, und Inderau mußte ihm auf das Bureau, wo er ar⸗ beitete, folgen und ihn hier durch einen Diener auf den Korridor herausbitten laſſen. Der kleine Aſſeſſor erſchien ſofort. Er befand ſich in ſichtlicher Aufregung, doch war Inderau zu ſehr mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, um darauf beſonders zu achten. „Verzeihen Sie...“ begann er...„daß ich Sie vielleicht ſtöre—“ ehen.“ ntereſſe vorher bitten; ei, und e wohl ng auf ſehr mit 183 „Bitte, bitte, es trifft ſich ſo, daß ich gerade frei bin.“ „Aber es iſt eine delikate Angelegenheit...“ fuhr Inderau fort. „Doch nicht etwa den Grafen Konski betref⸗ fend?...“ fiel der Aſſeſſor ihm abermals in's Wort. Inderau blickte befremdet auf. Wie konnte der Frageſteller darum wiſſen? Das Erſtaunen wuchs, als ſich der Aſſeſſor, wie im innigſten Vergnügen über die bevorſtehende Entwicklung, die Hände rieb und dabei mit einer Art von Begeiſterung rief: „Gibt einen Hauptſkandal! Der Graf iſt ihnen auf der Stelle nach und es fragt ſich nur, ob er die Entflohenen einholt. Telegraphirt iſt wenigſtens nach allen Seiten.“ Was Inderau hier hörte, machte ihn einigermaßen betroffen. Zwar ließ ſich nicht vorausſetzen, daß die Flucht der Gräfin mit ihrem Söhnchen lange verborgen bleiben könne, aber er hatte erwartet, daß der Graf wenigſtens ſo viel Rückſicht auf ſeinen eigenen Namen nehmen werde, um den Vorfall, für's erſte zummindeſten in ein beſchönigendes Licht zu ſtellen, und der Umſtand, daß Baron Siregg keine Sylbe geäußert hatte, als ſei ihm etwas Ungewöhnliches zu Ohren gekommen, be⸗ ſtärkte die Anſicht. Und nun mit einem Male zeigte —— 2 — — —— —— * ———— —y—— 184 es ſich, daß der Graf dieſe Rückſicht keineswegs ge⸗ nommen, ja die ganze Angelegenheit unbegreiflicherweiſe ſogar an die Lärmglocke geſchlagen haben ſollte. Das nächſte Wort des Aſſeſſors vergrößerte zwar die Verwirrung, ließ Inderau aber doch an ſeinen Befürchtungen wieder zweifeln. Mit der ganzen Summe hätten ſie ſich davon gemacht— das konnte unmöglich Sittah betreffen, wußte ja Inderau nur zu genau, daß ſie keinen Pfennig bei ſich gehabt, er ſelber hatte ſeine eigene Brieftaſche der Schweſter beim Einſteigen in die Hand gleiten laſſen. „Das iſt am Ende nur ein Vorgeben des Grafen...“ ſagte er...„Ich glaube nicht, daß er nach den letz⸗ ten Spielverluſten, von denen Sie ja ſelbſt erzählten, beſonders bei Kaſſe war.“ „Ganz im Gegentheil, alle Welt weiß, daß der Graf mindeſtens ſechzigtauſend Franken heute um Mitternacht heimgetragen. Hat horrendes Aufſehen gemacht, das fabelhafte Glück, mit dem er ſpielte. Schlag auf Schlag ſage ich Ihnen, Alles hörte auf zu pointiren, aus allen Sälen ſtrömten die Zuſchauer herbei. Wäre die Sperrſtunde nicht geweſen, er hätte die Bank geſprengt. Kaum daß er Alles fortzubringen vermochte. Er bezahlte gerade noch ein paar Wett⸗ ſchulden an ſeine eben anweſenden Gegner, ſicherlich degs ge cherweiſe 185 an fünfzehntauſend Franken, und hatte dann noch Mühe, den Reſt, wie ich ſagte, zu verſorgen. Es waren Goldrollen uud Bankbillets, Alles durcheinander, und er ſchob es in eine Ledertaſche, die der Marquis bei ſich hatte. Das heißt, ich ſage noch ‚der Marquis“ aus reiner Gewohnheit. Ha, ein ſauberes Paar, man hätte es denken können! Im Grunde war es ſeine eigene Taſche, er hatte alſo, genau betrachtet, Recht, dieſelbe bei ſeiner plötzlichen Abreiſe mitzunehmen, es lief bloß das kleine Verſehen mit unter, daß ſie voll war.“ Der Aſſeſſor lachte vergnügt über ſeinen Witz und rieb ſich die ſchlanken Hände, er bemerkte nicht die Veränderung in den geſpannten Zügen ſeines Zuhörers, der plötzlich erleichtert aufathmete. Die weiteren Mittheilungen befreiten Inderau vollkommen von ſeiner Beſorgniß. Der Aſſeſſor be⸗ hauptete, ſeine Informationen vom Polizeikommiſſär ſelbſt zu haben, mit dem er befreundet war. „Können Sie ſich denken, wer la belle marquise und ihr duldſamer Begleiter waren?...“ fuhr er fort...„Ein paar Abenteurer von der feinſten Sorte, echte und rechte Hochſtapler, wie ſie gar nicht ſo ſelten hier ſind, daß man ſich eigentlich nur wundern muß, wie ſich noch immer Leute finden mögen, die ihnen 186 in's Netz gehen. Laganſe heißt der Burſche ſchlechtweg, und hier iſt wirklich nomen omen; er verdient ihn auch, leider hängt man heutzutage dergleichen Geſindel nicht mehr. Die eigentliche Schlinge aber, die er aus⸗ wirft, das iſt die ſchöne Blondine, deren Haar ſo echt wie ſein Marquistitel iſt. Aber Beides zieht und das iſt die Hauptſache. Das edle Paar ſoll ſchon allerlei Schwindel in der Schweiz und Wiesbaden, wer weiß, wo nicht ſonſt noch, verübt haben. Zunächſt iſt es ein Spitzenhändler aus Frankfurt, der ſeine zwölftauſend Franken ſucht, die ihm die Vicomteſſe de Salange ſchuldig geblieben. Ein artiges Akroſtichon Laganſe, Salange, nicht? Haben aber ſo wenig Phantaſie, die Spitzbuben! Das Telegramm kam in der Nacht an, der Steckbrief war aber etwas unvollſtändig, und ſo verfiel man nicht ſogleich auf den rechten Vogel. Als der Graf vor ein paar Stunden zur Polizei kam, blieb freilich kein Zweifel mehr, der Vogel war ſchon aus⸗ geflogen.— Iſt eigentlich ein königlicher Spaß! Sie müſſen mir ſchon erlauben, ein wenig auf Koſten Ihres Freundes zu lachen, Herr Major...“ unterbrach ſich der Aſſeſſor. „Meines Freundes? Wen meinen Sie?“ „Nun, Graf Konski, wen ſonſt? Eine Frau haben, wie die Gräfin, und dann doch noch Damen von der Sorte —— chtweg, nt ihn zeſindel er aus⸗ ſo echt nd das 1 haben, r Sorte 187 der Marquiſe ſouteniren, ich geſtehe, daß ich begreife, wenn die Gräfin indignirt von der ihr aufgedrungenen Stellung ihr Haus verläßt und in der Stille abreist.“ „Sie wiſſen?“ „Natürlich, aber ganz unter uns. Man ſoll ſchweigen darüber. Der Graf ſelbſt hat den Wunſch ausgedrückt, hat angegeben, ſie ſei nach Böhmen zurück, aber die Dienerſchaft mußte von der Polizei doch vernommen werden und dann kamen denn auch in dieſer Bezieh⸗ ung Einzelnheiten zum Vorſchein,— nun, es bleibt immer ſonderbar, wenn eine Dame ohne Gepäck, ohne Bedienung, ohne Vorbereitung, ohne irgend Jemand ein Wort zu ſagen, urplötzlich abreist. Wie geſagt, begreiflich iſt's am Ende. Sie hat wohl ſelbſt nicht gedacht, daß ſie ſo raſch gerächt werden ſollte.“ „Aber Sie haben mir ja noch immer nicht geſagt, was eigentlich geſchehen!...“ fiel Inderau in der lebhafteſten Erregung ein. „Mein Gott, ich erzähle ja die ganze Zeit davon! Geſtohlen iſt das Geld, bis auf den letzten Sou. Es ſcheint, daß der Graf mit ſeinen Genoſſen noch ein paar Gläſer Champagner auf den Glücksfall geleert und dann, der Bequemlichkeit wegen, den Reſt der Nacht oben im Schweizerhäuschen zu verbringen be⸗ ſchloſſen,— einzig der Bequemlichkeit wegen!— Bah, 6 2 8 4₰ ——Oᷣ——— o6õ — — — A —y——————möm 188 Sie kennen ja die Geſchichte vom Holofernes. Während der Graf in den Armen der Freundſchaft zu ruhen wähnte, fühlte die blonde Judith und ihr Pſeudogatte das unwiderſtehlichſte Bedürfniß nach einer ſofortigen Luftveränderung; da Holofernes erwachte, hatte er zwar den Kopf, aber die Taſche war mit den Beiden verſchwunden und zwar, wie man meint, auf ganz natürliche Weiſe mit dem Morgenzuge. Holofernes fuhr zuerſt zur Polizei und iſt nun hinter ihnen drein, es iſt nicht ganz ſicher, ob er mehr des Geldes oder der ungetreuen Judith wegen ſchnaubt; dagegen ſo ziemlich unzweifelhaft, daß dieſe und jenes ſchon über der Grenze waren, als Graf Konski noch träumend in dem Doppelgenuſſe ihres Beſitzes ſchwelgte. Es gibt nun eine hübſche kleine Jagd. Schade, daß wir nicht beim Halali ſein können!“ „Immerhin...“ meinte Inderau...„dürfte der Graf noch heute oder doch dieſe Nacht zurück ſein, da er mir für morgen früh ein Rendezvous geben ließ. Sie zu bitten, daß Sie ſich den Miühſeligkeiten des Arrangements mit Baron Siregg unterziehen möchten, iſt der Grund, weßhalb ich Sie aufſuchte.“ „Ein— ein Duell mit Graf Konski?...“ rief der Aſſeſ⸗ ſor und ſeine blaßblauen Augen öffneten ſich, indem er einen Schritt zurück trat, um Inderau beſſer anſehen zu können Aſſeſ⸗ reinen önnen 189 Dieſer, welcher den gauzen Gedankengang errathen konnte, den ſeine Mittheilung anregte, hielt den Blick ruhig aus. „Ich hatte geſtern das Unglück...“ ſagte er mit täuſchender Gelaſſenheit...„eine dem Grafen miß⸗ fällige Aeußerung zu thun, die ſich auf die Brutalität gegen das unglückliche Pferd bezog.“ „Ja— ſeltſam— Sie bewieſen ja den Damen ausdrücklich die Nothwendigkeit des Schuſſes?“ „Aber nicht die Nothwendigkeit, daß ihn der Graf perſönlich abfeuerte...“ fiel Inderau raſch ein... „dergleichen Bravourſtücke in der Arena überläßt man den Piccadores.“ Ob dieſe Worte jeden Zweifel beſeitigten, der ſich aufgedrängt, blieb ungewiß, der Aſſeſſor ſenkte den Blick. „Merkwürdig!...“ ſagte er dann...„den Mann trifft viel auf einmal.“ Eine weitere Andeutung über den tieferen Ein⸗ blick in den Zuſammenhang der Dinge erlaubte er ſich nicht. Er verſprach, ſich mit Siregg zu berathen, und Beide verabredeten für den kommenden Morgen die Abfahrt. Inderau beſtand darauf, den Aſſeſſor abzu⸗ holen, er lehnte auch ausdrücklich den ihm noch am ſelben Abend zugedachten Beſuch ab, es ſei ihm ganz — V V 1 — ——— —— —— — —ꝑ * —I 190 gleichgültig, welche Abmachungen getroffen würden; im Grunde wollte er den Aſſeſſor nur fernhalten von dem kleinen Häuschen, wo Frau Bertha's Abweſenheit ſofort erneuerten Anlaß zu Fragen und Vermuthungen gegeben hätte, denen man zunächſt am beſten auswich. Uebrigens war es natürlich, daß Inderau allein zu bleiben wünſchte. Das eben Vernommene gab ihm zu denken, es konnte nun nicht anders kommen, als daß die Welt ſich viel mit dem Grafen und deſſen Familienverhältniſſen beſchäftigen würde. Ein Skandal gibt ſtets willkommenen Anlaß, neugierigen Blickes in das Innere eines Hauſes, in deſſen verborgenſte Winkel zu dringen und Alles, was damit in Verbin⸗ dung ſteht, auszuforſchen; wenn das unmöglich iſt, wenigſtens verdächtigend anzuzweifeln; doch hoffte In⸗ derau, daß gerade unter der Begünſtigung der neueſten Vorfälle, die einigermaßen zur Erklärung und Recht⸗ fertigung des ungewöhnlichen Schrittes der Gräfin dienen konnten, deren Ruf geſchont bleiben würde. Das Duell traf ſich hierbei unglücklich, aber es war eben nicht zu vermeiden, den einen Fall ausgenommen, daß der Graf, vom Verfolgungseifer fortgeriſſen, das Ren⸗ contre vergaß oder doch verſchob.— Es trat hier bei Inderau ein ſeltſamer Widerſtreit der Gefühle ein Aus dem angeführten Grunde mußte er wünſchen, daß bürden; en von eſenheit thhungen uswich. wmallein ab ihm , als deſſen bkandal Blickes raenſte gerbin⸗ ich it, ffte In⸗ reueſten Recht⸗ Gräfin 191 es ſo käme; gedachte er aber Sittah's, gedachte er der Feſſeln, die ſie an dieſen ſinnlichrohen Menſchen ketteten, von dem ſich ſcheiden zu laſſen ſie nicht zu bereden war, dann ergriff ihn ein Haß, für den es keine andere Befriedigung gab, als die Hoffnung, dieſen Mann zu tödten. Frei ſollte ſie werden, frei von der Geißel, die ſie ſich ſelbſt geflochten, und hatte Inderau den ſtummen Vorwurf hinnehmen müſſen, daß er ſie zu Trotz und Verachtung und in dieſe unſelige Ehe ge⸗ trieben, ſo wollte er ihr wenigſtens das Geſchenk ihrer Freiheit bieten, um, wie er ſich ſagte, die letzten Fäden noch zu löſen, mit denen er in jenes Traumbild der Vergangenheit eingeſponnen war. War ſie frei, ſo war er es auch— er hatte ſeine Schuld geſühnt und zum Danke wollte er nichts als dies Bewußtſein. So täuſcht ſich der Menſch über nichts ſtärker als über ſeine eigenen Empfindungen. Er glaubt den Unterdrücker zu haſſen aus Gerechtigkeitsliebe und thut es zumeiſt nur um des Unterdrückten willen. Die Ueberraſchungen waren aber für dieſen Tag noch nicht zu Ende. Abends kam Frau Bertha, nach der Amalie und die Kinder unter Tags wiederholt gefragt, ohne von dem ſchweigſamen Onkel oder dem verlegen ausweichenden Profeſſor eine genügende Antwort erlangen zu können, ——˖˖Q—O—O——————— J—8ÿõÿ— — — ——— 192 wieder in einer Droſchke angefahren. Man ſah ihr nichts von Ermüdung an, obwohl ſie die ganze Nacht und einen großen Theil des Tages im Waggon verbracht. Sie agirte im Gegentheil ſchon von Weitem und ihre Geſtikulationen nahmen immer noch an Lebhaftigkeit zu, als ſie ſchon die entgegengeſprungenen Mädchen umarmt und dem Bruder, der ſie jenſeits der Brücke empfing, die Hand gedrückt hatte. „Wißt Ihr ſchon, wißt Ihr ſchon?...“ flog es von ihren Lippen. Man konnte errathen, daß ihr das müde Pferd viel zu langſam getrabt und ſie ihre Neuigkeit am liebſten ſchon am Anfange der lichtenthaler Allee womöglich durch ein Sprachrohr voraufgerufen hätte...„Nein, es iſt haarſträubend! O, es war entſetzlich anzuſehen! Und wenn man erſt wußte, wie Alles verknüpft iſt— nein, ich ſage Euch, wahrhaft erſchütternd. Ihr mögt behaupten, was Ihr wollt, da ſieht man wieder einmal deutlich die Wege der Vor⸗ ſehung. Nur raſch, raſch in's Zimmer hinein, ich muß mich ein wenig erholen, ich bin noch ganz erſchüttert von dem Anblick.“ „Das merkt man Deiner Zungengeläufigkeit nicht an...“ ſcherzte der Profeſſor, der ſoeben erſt herbeigekommen war und nur den Schluß der Rede gehört hatte...„Die Erſchütterung möchte h ihr zt und baacht. d ihre ftigkeit ädchen Brücke log es hr das e ihre thaler erufen 3 wat e, wie hrhaft 193 ich noch kennen lernen, die Dich zum Schweigen bringt.“ „Ach Otto, wie trivial!...“ rief Frau Bertha, ihre Hutbänder löſend, während ſie nun doch in die Laube trat und ſich auf die nächſte Bank ſinken ließ...„Wünſche es nicht...“ ſetzte ſie ein wenig tragiſch hinzu...„denn der Tod iſt ein gar trauriges Verſtummen. Ich gönne es ſelbſt meinen Feinden nicht.“ „Iſt eine Unglück geſchehen?...“ fragte In⸗ derau, dem der Athem zu ſtocken drohte, mit banger Zurückhaltung, und die Latten der Laube, die ſeine Hand faßte, knickten zwiſchen dem gewaltigen Druck ſeiner Finger. „Unglück und doch vielleicht kein Unglück— in gewiſſer Beziehung nämlich. Wenn maw's recht bedenkt, iſt das noch der beſte Ausgang für alle Theile, es hat mich eben darum ſo mächtig ergriffen. Jemand heute noch friſch und in voller Lebenskraft zu ſehen, und morgen auf der Bahre, kalt und entſtellt, ohne Reue, ohne Verſöhnung aus der Welt geſchieden, das iſt grauenhaft, man glaubt, man ſei mitſchuldig an dem Tode, und jeder Gedanke, der mit der Möglichkeit ſpielte, wird nachträglich zur Mordwaffe. Ich ſage Byr, Quatuor. IV. 13 ₰ b 1 —————— ————V—V——— — —-———— —yy—— 4 Dir, Sinzenbach, wünſche nie, auch nicht im Scherze, mein Verſtummen!“ „Aber im Gegentheile, rede, rede— nur ſieh zu, daß einer klug daraus wird. Wer iſt denn ge⸗ ſtorben?“ „Nun, wer anders, als Graf Konski? Ich muß es ja ſchon geſagt haben.“ Die Nachricht brachte den tiefſten Eindruck hervor. Selbſt die Kinder drückten ſich enger aneinander und ſchwiegen verſtört, wenn ſie auch kaum den Begriff des Sterbens klar zu faſſen vermochten. Amalie und der Profeſſor ergingen ſich in lebhaften Ausrufen und In⸗ derau ſtarrte wie betäubt vor ſich hin. Das Wort ſeiner Schweſter von dem Gefühl der Mitſchuld klang in ihm nach. Ihm war's, als wäre es ſeine Hand ge⸗ weſen, die den Gegner gefällt. „Wie ſie nur die Nachricht aufnehmen wird?... ſagte Frau Bertha, und diesmal wendete ſie ſich direkt an den Bruder...„Sie läßt Dir danken— nun es braucht ja jetzt kein Geheimniß mehr zu bleiben! Ich habe ſie Beide wohlbehalten untergebracht, aber angegriffen iſt ſie und die größte Schonung thut ihr noth. Die Nachricht ſollte ſie nicht unvorbereitet treffen. Wenn ich denke, wie mich's traf, und ich bin doch eigentlich unbetheiligt, ich glaube, ich habe laut 7* 195 aufgeſchrien, als ich die Leiche im Bahnhofe zu Oos erblickte. Man wollte ſie eben auf einen Wagen heben, um ſie hierher zu bringen, und Alles drängte während der kurzen Wartezeit herzu. Die Geſchichte ging von Mund zu Mund. Es wundert mich, daß ich mich in's Coupé fand, ich wäre ohne Hülfe des Kondukteurs wahrſcheinlich jetzt noch dort. Die Ertrunkenen ſehen ſchrecklich aus. Amalie, Du darfſt mir nicht wieder ſchwimmen gehen! Die Aerzte ſagen zwar, er ſei in Folge der Aufregung und plötzlichen Abkühlung am Schlagfluſſe geſtorben, das iſt aber alles eins— er⸗ trunken iſt er doch auch.“ Und Frau Bertha erzählte. Und was ſie erzählte, ſo abenteuerlich es klang, es hatte ſich doch in der That ſo zugetragen. Von der Polizeiſtation weg, wo man ihm einen der Angeſtellten mitgegeben, war Graf Konski, der ſich in Ungeduld und Zorn ſelbſt auf den Bock geſchwungen und ſeine Pferde in toller Eile aneiferte, direkt nach Oos gefahren. Der Bahnzug, den er hätte benützen können, war vor wenigen Minuten abgegangen, und er konnte bei raſcher Fahrt vielleicht noch für den nach Straßburg verkehrenden Zug rechtzeitig anlangen, da in Oos eine Kreuzung ſtattfand und damit ſtets ein längerer Aufenthalt verbunden war. Wohin er eigentlich 13* * ————᷑—---—— ‿ ——— — — aa — ————— — — —— —y—— 196 wollte, das hatte ſich der Graf ſelbſt nicht klar gemacht; Niemand wußte, bis wohin die Verfolgten Billete ge⸗ nommen, Niemand konnte ſagen, ob ſie von Oos ihre Fahrt nördlich oder ſüdlich fortgeſetzt, ſie hatten keine Spur zurückgelaſſen, und die einzige Hoffnung, die⸗ ſelbe aufzufinden, gewährte allenfalls die auffällige Er⸗ ſcheinung des Paares, beſonders der, eine ſo unge⸗ wöhnliche Fülle blonden Haares zur Schau tragenden Frau, die viel zu eitel war, ihre Reize ſelbſt zum Zwecke einer nützlichen Verkleidung zu verbergen. Der Graf hatte nur einen Gedanken: nach! nach! Ob es ihm gelingen werde, mit Hülfe der Perſonalbeſchreibung Auskunft zu erlangen oder die Flüchtlinge zu ereilen, ehe ſie in dem Wirbel der Rieſenſtadt an der Seine untergetaucht, darüber ſann er nicht. Ein Zuſammentreffen ſo wunderbarer Art, wie es das Leben öfter zu arrangiren liebt, als man an⸗ zunehmen geneigt iſt, ſollte ihm zu Hülfe kommen und doch auch zugleich ſein Verderben herbeiführen. Schon auf dem Bahnhofe zu Oos hatten ſeine Erkundigungen ein höchſt unerwartetes Reſultat. Das Schwindlerpaar war nicht nur hier geſehen, ſondern auch aufgehalten worden. Mit dem Zuge, der es über Straßburg weiter befördern ſollte, war der Ver⸗ treter jenes frankfurter Geſchäftes angekommen und im Begriffe, weiter nach Baden⸗Baden zu gehen, die Telegramme an die Polizei waren nur zur Vorſicht voraufgeſandt, ein allenfalls verſuchtes Entweichen zu verhindern. Geſtützt auf den erwirkten Haftbefehl, wollte er perſönlich den Verſuch machen, die Forderung ſeines Hauſes einzutreiben. Dem Geſchäftsmanne lag wenig an der Arretirung und Alles an ſeinem Gelde, und er wußte viel zu gut, welch' mannigfaltige Reſſour⸗ cen ſich in den Spielbädern ſolch' abenteuernden Exi⸗ ſtenzen öffnen, als daß er ſeinen Schuldnern dieſelben durch eine rückſichtsloſe Verhaftung auf alle Fälle, zu ſeinem eigenem Schaden, hätte abſchneiden ſollen. Darum ſollte vor Allem ſondirt werden, und die ge⸗ richtliche Beihülfe bei ſonſtiger Zahlungsfähigkeit nun auch den guten Willen der ſäumigen Schuldner ein wenig fördern. Die Begegnung im Bahnhofe überſtürzte die Sache allerdings, doch nicht zum Schaden des Geſchäfts⸗ mannes, der nicht geſonnen, die beiden Ausreißer ſich entſchlüpfen zu laſſen, ſofort polizeiliche Hülfe in An⸗ ſpruch nahm und Monſieur Laganſe und ſeine Ge⸗ fährtin vorläufig an der Weiterreiſe verhinderte. Der falſche Marquis, nicht wenig betroffen, wahrte doch ſeine Faſſung, und als er erſt ſah, um was es ſich handle, und daß der jüngſte Streich bis zum Augen⸗ ——ʒ—:—.. ͤ—⏑——..———————————— 8 — —————— 198 blicke noch nicht entdeckt ſei, fand er auch ſ ofort ſeine geſchmeidige Liebenswürdigkeit wieder und beeilte ſich, „das kleine Vergeſſen“ aus der reichgef füllten Taſche des modernen Holofernes gutzumachen. Der befriedigte Spitzenhändler ſah weiter nicht die geringſte Urſache, ſeiner angeborenen Höflichkeit Gewalt anzuthun, verbeugte ſich zu wiederholten Malen vor der vornehmen Kundſchaft, erklärte ſich für vollends befriedigt, den Fall beglichen, das Mißverſtändniß ge⸗ löſt, den Haftsbefehl hinfällig geworden, und da weiter nichts gegen monsieur le marquis vorlag, derſelbe ſeine Reiſe auch ſchleunig fortzuſetzen wünſchte, und man zu jener Zeit mit Ausländern, beſonders aber mit Franzoſen, in Deutſchland und vornehmlich längs des Rheines gar manierlich umzugehen befliſſen war, ſo wurde ihm alsbald erklärt, daß der Fortſetzung ſeiner Reiſe kein Hinderniß mehr entgegenſtehe. Das Einzige war zunächſt die mittlerweile erfolgte Abfahrt des Zuges. Eine Weile ging das elegante Paar unſchlüſſig auf dem Perron auf und nieder, aber die Geduld, den nächſten Zug zu erwarten, ſchien ihnen zu mangeln. Es iſt unſchwer, zu errathen, welcher Gründe ſich die blonde Dame bediente, ihren Genoſſen zu einer Aenderung des Reiſeplanes zu be⸗ ſtimmen. Bis zum nächſten Zuge konnte ein Tele⸗ ſeine ſich, Taſche nicht lichkeit Malen 199 gramm, Graf Konski vielleicht ſelbſt aus Baden⸗Baden eintreffen; jedenfalls war ſchon die Richtung ihrer Flucht verrathen, Anhaltsweiſungen konnten ihnen auf dem heimtückiſchen Drahte voraneilen und ſie in die unangenehme Lage verſetzen, ſich am Ende noch über die unrechtmäßige Weiſe des Erwerbes einer Summe verantworten zu müſſen, die Graf Konski— wenig⸗ ſtens nahezu— verſprochen und von ſeiner Frau zu erhalten erwartet hatte, und deren Zahlung ihm, bei ihrem raſchen Beſchluſſe einer beſchleunigten Heimkehr nach Paris, nur ein wenig erleichtert worden war. So vernehmlich als es mit der ariſtokratiſchen Eleganz ſeines Auftretens vereinbar war, fragte mon- sieur le marquis einige der Bedienſteten nach einem Wagen und fuhr, als derſelbe herbeigebracht wurde, „gegen Raſtatt, das er, da er ſich nunmehr beſonnen und über Karlsruhe weiter wolle, bis zum Eintreffen des nächſten nordwärts gehenden Zuges ein wenig zu beſichtigen gedenke, da die Feſtung für einen Militär doch ſicherlich des Intereſſanten genug beſitzen werde.“ Kaum eine halbe Stunde nach dieſer geſchickt in Scene geſetzten Abfahrt traf das Telegramm und kurz darauf auch Graf Konski mit dem Polizeimann ein, eer fand Alles in Allarm, die Organe der Sicherheit —————B—444— ———— 2* —. —yy — welche in Plakaten auf dem Perron das Publikum —— — 4¼ — — vor kleinen Taſchendieben warnten und ängſtigten, die großen aber laufen laſſen— im Begriff, den Flücht⸗ lingen nachzueilen, er hieb mit einem Fluche in die ſchäumenden Pferde und jagte auf der raſtätter Chauſſee davon. Als jedoch nach einer Strecke ein wohlerhaltener Nebenweg linksab gegen Weſten bog, da beſann er ſich nicht lange und lenkte kurzweg in denſelben ein. Wohl waren friſche Räderſpuren hier zu ſehen, die aber gaben keine Sicherheit; erſt eine Bäuerin, der ſie begegneten, beſtätigte die Vermuthung des Grafen, daß die Flüchtigen nur vorgeblich den Weg gegen Raſtatt eingeſchlagen, um, ſobald dies thunlich, auf kürzerem Wege den Rhein zu erreichen und ſo wenig⸗ ſtens unbehelligt die Grenze zu überſchreiten, jenſeits deren wohl leicht ein Schlupfwinkel und ein Ausweg gefunden war. Die Bäuerin kam von Iffezheim, ſie war dem Wagen begegnet und beſchrieb die beiden Inſaſſen, ſo daß dem Grafen kein Zweifel blieb. Neuerdings peitſchte er in die ſtolzen Renner, die es eine Strecke weit wohl ſelbſt mit der Eiſenbahn aufgenommen hätten. Der Wagen flog mit unheimlicher Schnelle dahin, eine zu raſche Wendung und er mußte zur Seite geſchleudert in Trümmer gehen. rafen, gegen 201 Der über eine halbe Meile lange Weg war in wenig mehr als einer Viertelſtunde zurückgelegt, das Dorf Iffezheim in raſendem Tempo durchſauſt, noch eine kleine Strecke bis zum Strande und ein heiſerer Jubelruf drang aus der Bruſt des Grafen. Die Pferde hielten keuchend an. Ruhig zog der Strom dahin. Draußen im Fluſſe, der hier zahlreiche flache Inſeln bildet, ſchwamm ein Boot. Der Fährmann und ſeine beiden Paſſagiere waren deutlich zu erkennen. Der Graf war mit einem Sprunge vom Wagen und in einem Kahne, der am Ufer mit reicher Fiſcherbeute ſchaukelte. Graf Konski triumphirte, Alles kam ihm zu Hülfe, die Flüchtlinge hatten einen neuen Aufenthalt erfahren. Als ſie an den Strom kamen, war kein Fahrzeug da, Niemand wollte ſie überſetzen, erſt nach einer Weile kamen Fiſcher heim, einen davon hatten ſie bewogen, ſein Boot ihnen ſofort wieder zur Dispoſition zu ſtellen, aber die Verzögerung, die ihnen von wenig Bedeutung ſchien, war ausſchlaggebend. Das Gold, das er anbot, und die Autorität ſeines Begleiters, wie das Abenteuerliche der ganzen Sache ſchaffte ihm ſofort drei handfeſte Ruderer, er ſelbſt verſchmähte es nicht, ſich thätig zu betheiligen, und pfeilſchnell ſchoß das Boot in die Strömung hinaus. — 8 —2““ —-— — ——;——P— — 202 Eine aufregende Jagd begann. Die Abenteurer erriethen alsbald inſtinktiv, daß ſie verfolgt wurden; der Pſeudomarquis griff ſelbſt zum Ruder, auch er mochte Verſprechungen machen und eine Weile ſchien es, als behielte ſein Boot den gewonnenen Vorſprung. Aber es war dies nur eine Augentäuſchung. Acht kräftige Arme leiſten mehr Ar⸗ beit als zwei, und als die Verfolger um eine bewach⸗ ſene Inſel herumbogen, hinter welche das erſte Boot vor einer Weile geglitten, da hatte ſich der Zwiſchen⸗ raum ſchon beträchtlich verringert. Es kam für die Flüchtlinge das Unbequeme dazu, daß ſie nicht direkt dem linken Ufer zuſteuern konnten, da der Strom, wie geſagt, ſich hier in mehrere Arme theilt, das Landen an einer Inſel zwecklos, ja wider⸗— ſinnig geweſen wäre, aber auch am Ufer nicht überall thunlich war, weil es, offen und ſumpfig, gar wenig Chancen des Entrinnens bot. Es mußte getrachtet werden, eine Stelle zu erreichen, die trocken und wo⸗ möglich waldig, zum mindeſten für einige Zeit ein Verſteck gewährte, und eine ſolche zeigte ſich in der That, aber das Waſſer war hier reißend, die An⸗ näherung ſchwierig und der Verfolger ſchon in ſolcher Nähe, daß man die einzelnen Perſonen erkennen und ihre Zurufe verſtehen konnte. iv, daß f ſelbſt machen Zoot den nur eine nehr Ar bewach⸗ ſte Boot Duiſchon⸗ zwiſchen me dazl, konnten, re Arme ja wider⸗ t überal ar wenig getrachte und wo⸗ geit ein „ in der ich die An⸗ in ſolchel nnen und 203 Jetzt ſprang Graf Konski auf:„Halt da!“ rief er, und ſeinen Revolver auf die Flüchtigen richtend, gebot er ihnen, das Rudern einzuſtellen, ſein Begleiter von der Polizei erhob zwar Einſpruch dagegen, dem Grafen ſchien aber ſeine gewaltthätige Art, ſich der Diebe zu bemächtigen, ſicherer und er ließ ſich um ſo weniger beirren, da er wahrnahm, wie ſeine Drohung nicht ohne Erfolg blieb. Der Bootsmann ſtellte die Arbeit ein, ja er ſtemmte das Ruder ſogar gegen den Strom ein, wie⸗ wohl ſeine beiden Paſſagiere, beſonders die Dame, welche in der Aufregung ſelbſt einen Schiffshaken er⸗ griff, ihm eifrigſt zuſprachen. Im Nu waren die beiden Boote nebeneinander. Der Graf, deſſen blutunterlaufene Augen aus den Höhlen zu treten ſchienen und der die Piſtole noch immer hoch erhoben hielt, knirſchte vor Zorn mit den Zähnen. „Ah miserables, je vous tiens!...“ ſchrie er außer ſich und ſprang von der Bank, auf die er ge⸗ ſtiegen war, in's andere Boot hinüber. Doch ſollte er es nicht erreichen, ſein Fuß berührte nur den Bord des Kahnes, welcher unter einem Stoß, den die blonde Abenteurerin mit ihrem Haken, in Haß und Furcht, 8 2— ———————-—— 8 —— =* ohne alle Berechnung, gegen das andere Boot führte, plötzlich zurückwich. Ein dumpfer Schrei und das Waſſer ſchlug über dem Grafen zuſammen. Im erſten Schreck dachte Niemand, das Ruder zu führen, beide Kähne trifteten eine Strecke weit ab, dann aber war es nur mehr der der Verfolger, welcher dem Grafen folgte, und während man denſelben heraus⸗ zufiſchen bemüht war, vom Strome noch weiter ab⸗ wärts getragen wurde. So raſch die Schiffleute auch bei der Hand waren, ſie zogen doch nur eine Leiche in's Boot. Der andere Kahn hatte indeſſen unbeachtet gelan⸗ det.— Die beiden Flüchtlinge waren verſchwunden. Und ruhig floß der Strom dahin. 5„ 7550 öt führte, — ‚gllug über Ruder zu weit ab, „welcher heraus⸗ —— eiter ab⸗ dwaren, t gelan⸗ wunden. Neuntes Kapitel. Im weſtlichen Böhmen, dort, wo zwiſchen den Abhängen des Erz⸗ und Fichtelgebirges heilſame Quellen dem Boden entſteigen und berühmte Bäder der Kranken und Geſunden jahraus jahrein eine große Zahl her⸗ beiziehen, liegt ein wenig abſeits von den beſuchteſten Brunnen, unweit eines freundlichen Ortes mit gleichem Namen, die kleine Beſitzung Karlsgrün. Ein ſtattliches Herrenhaus, das jedoch keineswegs den ihm zuerkannten Titel eines Schloſſes verdient, krönt die kleine Anhöhe, an deren Fuß ſich der Ort hinſchmiegt. Es war nahe an Weihnachten und eine dicke Schneedecke lag auf den Dächern der Häuſer, auf Straßen und Feldern, und der dunkle, weißbeſtäubte Wald glitzerte im hellen Sonnenſtrahl, der, um Ab⸗ ———— ———— — ————— — 3 —— 206 ſchied zu nehmen, noch einmal durch den Einſchnitt zwiſchen zwei Kuppen herüberſprang und in den Fen⸗ ſtern des Schloſſes die prachtvollſte Freudenbeleuchtung entflammte, als gelte es ein Feſt zu feiern und die Ankunft hochgehaltener Gäſte. Zur Zeit war aber nur einer im Schloſſe, und der ſaß hinter einem jener lichtſpiegelnden Fenſter, das nach dem Ort und der Straße herab ſah, einer ält⸗ lichen wohlbeleibten Dame gegenüber, aus deren Zügen Freundlichkeit und Gutmüthigkeit, vor Allem aber eine durch die Jahre kaum gemilderte Lebensluſt ſprachen. „Sie haben ſich, lieber Inderau...“ ſagte die Dame, die ſich bequem in ihren Fauteuil zurücklehnte und ihr Gegenüber wohlgefällig muſterte, in ein wenig barſchem, aber wohlwollendem Tone...„Sie haben ſich in der Zeit— laß ſehen, es muß ſchon einige Jährchen her ſein, zwei— nein drei— doch gleich⸗ viel!— Sie haben ſich doch verändert und, wie ich geſtehen muß, nach meinem Geſchmacke, nicht zu Ihrem Vortheil. Ich weiß nicht, macht's die Majorswürde, ſind es die Feldzugsſtrapazen oder iſt's der abſcheu⸗ liche Ernſt. Ich begreife gar nicht, wie man das Le⸗ ben ſo ernſt nehmen kann. Sehen Sie mein Haar an. Sie haben an den Schläfen ſchon mehr graue Fäden als ich, und ich kann ein Stück Geſchichte erzählen. inſchnitt en Fen⸗ euchtung und die 9 gleic⸗ wie ich 1 Ihrem 4 zwürde, äbſcheu⸗ e Fäden ählen⸗ 207 Aber Sorgloſigkeit, das iſt mein Rezept— die kon⸗ ſervirt, das ſagt oder meinetwegen ſingt Ihnen die Droſſel.“ Die Stiftsdame von Droſſel oder wie ſie ſich, den allgemeinen ſcherzhaften Gebrauch gutmüthig acceptirend, ſelber nannte:„die Droſſel“ pflegte ſich wenig um die logiſche Reihenfolge der Dinge zu kümmern. So mußte denn der Beſuch dieſe Rede gewiſſermaßen als ein Willkommen hinnehmen, denn bei ſeiner Ankunft vor einigen Minuten hatte ſie nur die Hände zuſammenge⸗ ſchlagen und ausgerufen: „Iſt's die Möglichkeit? Sie kommen wirklich? Na, da hätten Sie ſchon in Ihrer Karpathenhöhle bleiben können!“ Zum Glück hatte Inderau ſofort bei ſeiner Ein⸗ fahrt in's Schloß befriedigende Antworten auf die Er⸗ kundigung nach dem Befinden der Gräfin erhalten, ſonſt hätten ihm dieſe Worte, die wie ein ominöſes „Zu ſpät!“ klangen, leicht das Herz ſtille ſtehen machen können. Hatte er ja doch die ganze Reiſe aus dem fernen Siebenbürgen in einer namenloſen Aufregung gelebt. Es war noch keine Woche her, daß er einen Brief der Stiftsdame erhielt, der, nach den zahlreichen Poſt⸗ ſtempeln zu ſchließen— denn die Angabe des Datums . K. ———— —— oooaſſſ“ 4 ——V—— — 2 ———— —————— ——— 208 lag natürlich nicht in der Baronin Gewohnheit— ſchon lange auf dem Weg und mannigfach irregefahren ſein mußte. Er enthielt nur wenige Zeilen. Die Mit⸗ theilung, daß Sittah ſchwer erkrankt und für ihr Leben zu fürchten ſei, und daß ſie in ihren Delirien immer ſeinen Namen nenne, und auch in einem lichten Au⸗ genblicke an ihn zu ſchreiben verlangt habe, wozu ſie jedoch viel zu ſchwach geweſen. Er ließ ſich nur ſo viel Zeit, die Erlaubniß zu ſeiner Abreiſe zu erbitten, und warf ſich ſofort in den Wagen, der ihn nach der nächſten Eiſenbahnſtation bringen ſollte. Tag und Nacht hatte er ſich keine Viertelſtunde Raſt gegönnt; die furchtbare Unruhe, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, gewährte ihm nicht einmal die Erholung eines halben Schlummers während der Fahrt. War die Kranke noch am Leben, war ſie todt? Dieſe Frage ſchreckte ihn immer wieder auf. O was waren alle ſeine Erwägungen und Selbſtbetrachtungen, ſeine verſtändigen Beweisführungen? Wie Spreu zer⸗ ſtoben ſie jetzt, da er befürchten mußte, Diejenige, die er längſt ſchon verloren gegeben zu haben glaubte, in Wirklichkeit zu verlieren,— für immer und unwieder⸗ bringlich zu verlieren! Jetzt, da es vielleicht ſchon zu ſpät war, jetzt fiel es ihm ſchwer auf die Seele, ob es nicht beſſer geweſen wäre, warm und herzlich an die arme verlaſſene Frau heranzutreten, ſtatt ſich, wie er gethan, in übertriebenem Zartgefühl von ihr fern zu halten, als nach jener Kataſtrophe, die ſie zur Wittwe gemacht, eine ſchonende Verſtändigung, eine ſtützende Freundeshand ihr nothwendig war. Frau Bertha hatte freilich ihren Bruder aufge⸗ fordert, die Miſſion ſelbſt zu übernehmen, doch der hielt es für taktlos, gerade in dieſem Moment und mit ſolcher Botſchaft vor Sittah hinzutreten, und am Ende ſie gar öffentlich zurückzugeleiten, er ſchob den Schwager vor und hielt ſich die paar Tage, ehe er die Heimreiſe antrat, vollkommen zurück. Der tapfere, ſchlachtenbewährte Mann fand nicht einmal den Muth, durch eine telegraphiſche Anfrage und die nach einer weiter vorwärts gelegenen Station beſtellte Antwort die quälende Ungewißheit aufzuhellen, der er entgegenging. Es war ihm, als müßte er da⸗ durch das Unheilvolle beſchleunigen, dem er in's Auge zu blicken ſcheute. Wie hatte ſich das Alles noch geſteigert, je näher er dem Ziele kam, als er das Dorf, das Schloß er⸗ blickte, als er den Weg zur Anhöhe hinauffuhr! Zu⸗ gleich antreiben und zurückhalten hätte er die Pferde mögen, das Herz war zum Zerſpringen voll. Wie ſegnete er das erſte Wort, das ihn erlöſte! Eine Ber⸗ Byr, Quatuor, IV 14 ——— — 8 ————————V— ——— 7* —— — T — — geslaſt war von ihm genommen. Die Gräfin ſei aus⸗ gefahren. Sie lebte alſo— ſie war wieder wohl!— Wie ſüß war doch der Athemzug, wie ſchön dieſe Erde! Der helle Sonnenſchein, der flimmernd auf den Schneefeldern lag, zog in die ſtille, ſeit ſo Langem feſtverſchloſſene Bruſt ein. Die Natur log— noch war's nicht Winter! Wohl hatte die Stiftsdame nicht ganz Unrecht, wenn ſie Inderau gealtert fand. Die ruheloſe Reiſe, der Sturm, der ihn von einem Ende der Monarchie zum andern geleitet, ſie hatten ihre Spuren hinter⸗ laſſen. „Und ſie iſt wirklich wohlauf und vollkommen geneſen?...“ fragte er, damit am unverkennbarſten zeigend, daß er kein Wort von dem Geſang der Droſſel gehört hatte. „Ihretwegen, ſcheint es, hätte ſie ſterben können ...“ warf ſie ihm vor. „Sie ſehen, ich bin da.“ „Wenigſtens haben Sie ihr Zeit genug zur Ge⸗ neſung gelaſſen.“ „Warum ſchrieben Sie nicht an die Adreſſe mei⸗ ner Schweſter, wenn Sie ſchon die meine nicht kann⸗ ten?“ „Mein Gott, als ob ich die Ihrer Schweſter r Ge⸗ 4ʃ T zweſter kennte! General Rambach verſicherte mir, Ihr Regi⸗ ment liege in Lemberg. Meinen Sie, ich hätte noch Zeit gehabt, nähere Erkundigungen einzuziehen? Das arme Ding ſprach Tag und Nacht von Ihnen und dann wollte ſie ſchreiben, aber es ging nicht. Ich meinte, ſie ſolle mir diktiren.„Dazu iſt noch Zeit, dazu iſt noch Zeit, wenn er nicht kommt, ſagte ſie; — na, da ſetzte ich mich denn eiligſt hin und rief Sie. Ach, Sie ſind ein Undankbarer, wie haben wir ge⸗ wartet, wie haben wir die Stunden gezählt! ‚Er kommt nicht! ſagte ſie zuletzt und verlor die Sinne,— das war die Kriſis. Seither hat ſie Ihren Namen nicht mehr genannt. Sie hat es Ihnen ſchon übel genom⸗ men, daß Sie ſich in Baden nach dem Todesfall des Grafen ſo ſtreng von ihr fern hielten. Sie ließ auch etwas von einer Braut fallen.“ „Und doch habe ich ihr ſelbſt verſichert, daß—“ unterbrach Inderau die Mittheilungen...„Schon vor ſechs Wochen erhielt ich von meiner Schweſter die Nachricht von der Verlobung jenes Mädchens mit einem Aſſeſſor, den ſie in Baden kennen lernte.“ „So?— nun, das wäſcht Sie ein wenig rein— doch gleichviel! Ich glaube, daß der Gedanke an ihr nagte und nicht wenig an der Krankheit mit ſchuld war, die Erſchütterungen dazu, ich wundere mich, wie 14* —-- —nn,nn——— ———— Q——— — ——y — — — 2 —— A—————4j ſie das Alles ſo lange ertrug. Dann kam die Ver⸗ hängung des Sequeſters über das Majorat— man wollte auch Karlsgrün hineinziehen, indem man be⸗ hauptete, nicht Graf Konski, ſondern Alfred ſei Ma⸗ joratserbe, oder eigentlich ſie, ſo lange ſie lebe, und deßhalb müſſe ſie für die Paſſiven haften, was weiß ich, kurz eine Menge Unannehmlichkeiten, Aufregungen; kein Wunder, daß ſie endlich unterlag. Der Keim des Uebels war ja doch ſchon in ihr gelegen.“ „Und keine Stütze, kein Rathgeber an ihrer Seite!“ „Nur Ihre Schuld!“ Inderau zuckte die Achſeln. „Die meine?...“ ſagte er im Tone des Zwei⸗ fels, der jede Verantwortlichkeit ablehnte. „Und weſſen ſonſt?...“ entgegnete die Stifts— dame mit ſcheinbar ſtrafendem Ernſt, der allmälig in ein Schmunzeln überging, das mehr aus dem Winkel des Auges als von der Lippe lachte...„Könnten Sie nicht ſeit manchem Jahre Sittah's Rathgeber ſein? Haben Sie ſie nicht förmlich in dieſe abſcheuliche Che hineingeſcheucht? Reden Sie nicht. Ich verſtehe Alles. Jugend, Leidenſchaft, wer denkt an die Konſequenzen? Nicht daß ich Ihnen Reprochen machen will. Man muß Nachſicht üben in dieſer charmanten Welt des Verderbniſſes, enfin on cherche à s'amuser, aber da⸗ 213 mals war ich doch ſelbſt ärgerlich über Sie und das will viel ſagen, denn ich liebe ſonſt das Stürmiſche, das Leidenſchaftliche, das Gewaltſame, la fureur, ja, es hat eine Zeit gegeben, wo ich dafür ſchwärmen konnte. Ich habe Ihnen— entre nous— auch gar kein Verbrechen daraus gemacht, ich fand es nur thö⸗ richt für den Genuß eines Augenblicks, die Schale zu zertrümmern, deren Perlenſchaum für lange hinaus, ja— wenn Sie es ſentimental nehmen wollen— für's Leben köſtliche Labung bot. Bah, Ihr ungeſtümen Leute wißt nie, was Ihr thut. Ihr zerbrecht Alles! — Thörichte Kinder, thörichte Kinder!“ Kein noch ſo ſcharfer Vorwurf hätte Inderau härter treffen können, als es dieſer halb zuſtimmende Tadel der leichtlebigen Frau that. Daß er ſich mit jenem egoiſtiſchen Leichtſinn in ein Abenteuer geſtürzt und es in derſelben Art fortgeführt, als er ſchon das Emporblühen einer wahrhaften, unauslöſchlichen Liebe in ſich gefühlt, das war das ſtrafbare ſchwere Unrecht, das er an Sittah ſowohl wie an ſich ſelbſt begangen. Trübe ſah er vor ſich hin. Die Hoffnung wollte nicht recht keimen in ſeiner Bruſt. Schellengeklingel riß ihn aus ſeinem Hinträumen, während deſſen die Droſſel noch Allerlei geſungen. Sie hielt ihn zurück, daß er dem nach Hauſe kommen⸗ ———————— b I —n . 8 ———— ———— 214 den Schlitten nicht entgegeneile. Sie hatte verboten, die Ankunft des Gaſtes zu verrathen, und wollte ſich die Ueberraſchung nicht rauben laſſen. Es währte nicht lange, ſo trat Sittah mit Al⸗ fred an der Hand herein. Es dämmerte ſchon leiſe, dennoch erkannte ſie Inderau ſofort. Ein leiſer Laut kam von ihren Lippen, dann ſtand ſie regungslos, als hätte ſie die Kraft verloren, ſich weiter zu be⸗ wegen. Tiefer Purpur ergoß ſich über das von der Kälte friſch geröthete Geſichtchen, um das ſich weicher Pelz ſchmiegte und das in ſeiner Zartheit an die kaum wieder gewonnene, nur langſam erſtarkende Geſund⸗ heit mahnte, die ihm einen Schmelz wie den der erſten Jugend verlieh. Der Knabe ſprang ſogleich jubelnd auf Inderau zu, der in ihren Anblick ſprachlos verſunken war, und nun ſeinem Herzen in Liebkoſungen Luft machte, die das Kind fröhlich erwiderte. „Da haſt Du ihn nun...“ brach die Stifts⸗ dame das Schweigen...„Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt, Graf Iſolan, der weite Weg entſchuldigt Euer Säumen. Es paßt wörtlich.“ Inderau ging jetzt Sittah entgegen, er reichte ihr beide Hände hin. 215 „Gott ſei Dank, daß Sie wieder wohl ſind!...“ ſagte er tief bewegt. „Ich glaubte ſchon, Sie würden mich nicht mehr finden...“ erwiderte ſie leiſe. „O, ſagen Sie es nicht! Ich mag nicht daran denken.“ Die Stiftsdame ſchlug die Hände zuſammen, und indem ſie der Gräfin behülflich war, ſich ihrer Hüllen zu entledigen, rief ſie mit komiſcher Entrüſtung: „Lieber Himmel! Und das heißt ein Wiederſehen! Ich begreife, daß man heutzutage ſo fürchterlich heizt, als wären die Zimmer Tropenhäuſer. Die junge Ge⸗ neration iſt aus Schnee gebaut und wenn er einmal ſchmilzt, ſteht Alles unter Waſſer, bis an die Augen.“ Inderau hatte gar wohl die Thräne bemerkt, die Sittah an der Wimper hing und zu dieſer Anſpielung Anlaß gab. Er ſelbſt fühlte ſich mächtig ergriffen. Es war ihm ſo ſeltſam, wenn er daran dachte, in welcher vernichtenden Aufregung er die letzten Tage verbracht, wie gewaltig es ihn vorwärts getrieben, und nun ſaß er da in dem traulich ſtillen Zimmer, das die ruhigen Dämmerſchatten im mächtigen An⸗ wachſen durchdunkelten, ſo nahe bei Sittah, daß ſeine Hand die ihre hätte faſſen können, und dabei ſprach er gleichgültige Dinge, berichtete über das Befinden — 8 —-——— b ———* — — 2 — ———— 216 ſeines Schwagers, als ob das der Zweck ſeiner Reiſe geweſen— ein alltäglicher Beſuch und nicht der Sturm⸗ flug an das Lager einer Sterbenden, der er noch einmal ſagen wollte, wie tief, wie grenzenlos er ſie geliebt— geliebt bis zur Stunde. Der Knabe hatte ſich auf den Teppich zu ihren Füßen gelagert und ſpielte mit einem prächtigen Holz⸗ pferde, das er ſich von der Ausfahrt heimgebracht. Es war ſtill geworden im Zimmer. Wie ſchon ein⸗ mal, hatte ſich die Stiftsdame zurückgezogen, die Bei⸗ den allein zu laſſen. Sie war unbeachtet verſchwun⸗ den wie damals— diesmal aber zur kechten Zeit. „Und wie hat Ihnen das Bad gethan? Fühlen Sie noch Schmerzen in Ihrem Arme?...“ fragte Sittah. „Ach, laſſen Sie uns nicht ſolche Fragen thun..“ rief Inderau, den Zwang mit einem Male entſchloſſen abſtreifend...„Es ſind andere Wunden, deren Schmerz wir empfinden und die wir uns mit aller er⸗ künſtelten Gleichgültigkeit doch nicht zu verhehlen vermögen. Sittah...“ ſagte er nach einer klei⸗ nen Pauſe, ihre Hand ergreifend, die ſie ihm nicht entzog...„Was wollten Sie mir in Ihrer Krank⸗ heit ſchreiben?“ Sie ſchwieg und ſah dem Spiele des Kleinen zu. ———— 247 leiſe„O laſſen Sie mich es ausdeuten...“ fuhr In⸗ derau, da er keine Antwort bekam, dringender fort, mal und ſeine Stimme, ſo leiſe er ſprach, war weich und ————— 6 volltönend...„Laſſen Sie mich errathen, was Ihr Mund mir verſchweigt. Immer und immer wieder hren haben Sie mich in Ihren Fieberträumen gerufen, und als Sie glaubten, ſterben zu müſſen, da wollten Sie acht mir ſchreiben, was Sie nicht mehr ſagen zu können ein⸗ befürchteten, Sie wollten es ſelbſt ſchreiben, damit kein Bei⸗ fremdes Auge leſe, was Sie ſo lange vor ſich ſelbſt verborgen. Der Windhauch wehte einen Funken auf — ein Brand hat gewüthet, der Alles einzuäſchern drohte, Glück und Frohſinn, Menſchenglauben und Seelenruhe. Die Lohe wurde gedämpft.— Unter der Aſche aber glimmt der Funke weiter, die Jahre können 4 ihn nicht verlöſchen, bis der Windhauch Zufall die Decke hebt und ihn wieder zur vollen Flamme anbläſt, ———— daß ein verzehrender Brand aufſchlägt, der Alles, was er erfaßt, in Glut und Feuer wandelt. Iſt es nicht ſo? Willſt Du ihm länger wehren?! Sprich es jetzt aus, löſe dieſen ſchmerzlichen Bann, in dem Dich Stolz „ und Unmuth ſo lange feſtgehalten ſprich es aus, daß Du mir vergeben haſt, ganz und rückhaltslos und mehr als das, Sittah— daß Du meine Liebe erwi⸗ derſt!“ ——;ʒ;ʒ— y———. —— — — —— 218 Es war ein ſchmerzlicher Zug, der um Sittah's Lippen ſpielte. „Warum fragen Sie jetzt erſt?...“ ſagte ſie langſam. „So iſt es denn immer unſer Schickſal, daß ſich unſelige Mißverſtändniſſe zwiſchen uns drängen...“ erwiderte er mit verhaltener Leidenſchaft. Er gedachte deſſen, was ſchon die Stiftsdame gegen ihn geäußert.. „Mußt' ich nicht befürchten, meine Abſichten mißdeutet zu ſehen, und mit Recht zurückgewieſen zu werden, wenn ich mir Ihre Lage zu Nutze machte und zu einer Zeit kam, wo das Schickſal ſo gewaltig in Ihr Leben gegriffen und Ihnen keine Erſchütterung erſpart blieb? Mußte ich nicht ſorgſam jeden Verdacht einer rohen Zudringlichkeit meiden, gerade ich— gerade nach dem, was zwiſchen uns liegt?“ „Nein!...“ Ihre Hand lag noch in der ſeinen und ſie ließ ſie ihm, aber ihre Stimme klang herbe, wie vom durchbrechenden Schmerz...„Nein! Ich I Ihnen ſagen, warum Sie fern blieben, warum Sie ſchwiegen. Weil Sie an mir zweifelten, weil ein Rückhalt in Ihrer Seele war, eine Frage, ſtark genug, jede Stimme, die für mich ſprechen mochte, niederzu— halten, eine Frage, die auch jetzt noch der Antwort harrt, die Sie aus Mißtrauen zu verlangen ſcheuen — wi 52 tah's 219 — weil Sie nicht an die Liebe glaubten, die ſich ohne Zögern und willenlos Ihnen hingegeben.“ Er erſchrak faſt, als er ſo ausgeſprochen hörte, was ſich in der Tiefe ſeiner Seele auch in dieſem Moment noch regte. Beſchämt ſchwieg er und blickte zur Erde. Aber war er denn ſo ganz im Unrecht? „Und iſt mir's zu verdenken?“ ſprach er dann dumpf.. „Ich ſoll an dies Gefühl glauben? Wie wäre es mög⸗ lich, daß Sie mit einer ſolchen Liebe im Herzen— eines andern Mannes Weib werden konnten.“ Ihre Hand zog ſich zurück, ihr Blick war an den Boden geheftet, und leiſe, kaum hörbar, erwiderte ſie: „Ich bin es nie geweſen.“ Sein Herzſchlag ſtockte. Er blieb ſtumm. Dann ſprang er plötzlich auf. „Sittah!...“ ſchrie er...„Mein Gott, und das Kind! Das Kind?“ Ihr Auge hob ſich zu ihm, die Lippen öffneten ſich nicht, aber der Blick war ſo feſt, ſo klar, ſo ſelt— ſam, dann ſenkte ſich der Kopf und die Lider deckten das Auge. Es war eine Antwort, die nicht mißver⸗ ſtanden werden konnte. Mit einem unartikulirten Freudenſchrei ſtürzte er ihr zu Füßen, er barg ſein Haupt in ihrem Schooß, er weinte, er ſtammelte, er zog ſie an ſeine Bruſt und w r — — —— ———— ‿— ————— 220 küßte ihr die thränenfeuchten Augen. Dann hob er jauchzend den Knaben empor und drückte ihn an ſich. „Du mußt mir nicht wehe thun...“ wehrte ſich der Kleine...„der böſe Papa iſt fort, Du biſt der gute Papa.“ Und Weib und Kind umſchlingend, ſchluchzte der Glückliche:„Mein ſeid Ihr, mein!“— Von Mund zu Mund ging in der Geſellſchaft die Karnevalsneuigkeit von der Vermählung der Gräfin Konski mit Major Inderau, dem aus früheren Zeiten noch manche Erinnerung getreu war.— So raſch nach dem Tode des Grafen, nicht einmal das Trauerjahr war eingehalten worden. „Es ſoll eine alte Liebe ſein...“ lautete die ſpöttiſche Entſchuldigung. „Und die roſtet ja bekanntlich nicht...“ gab achſelzuckend der Witz hinzu. Wer glaubt an alte Liebe, wenn er nach neuer haſcht? Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ——ꝛ—ᷣͦᷣj—’—ÿ’·— — r — — 2=ͤ———. 1½ ☛̈ ☛ B B8— S——* 4 8 =A———— S— 4 8 +——— 3”2 3 2 ſour& Grey Cortrol Chart Green vellow Hed Magenta