—— ——— — „v--⸗-——- Leihbiblivthek l deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ d Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und LCeſebedingungen. 9. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſſl pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſpoe den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ₰ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. wird.—— o 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. —„ 3 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurt ciſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei gſolchen mit Kupfern ꝛc.) muf der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theit eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz Sdes Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen iſſ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— ——— 2 5 5 — S — ₰½ ₰ S 8 8 Ernſt Julius Günther. —-—õ ʒ — —₰ 2 3 5 8 6 B ‿ I. Ein tragiſches Kapitel. In milden Schwingungen klingen die Abendglocken über den See hin. An dem ſo eigenthümlich geſchnittenen Kamme des Traunſteins hängt noch der goldene Strahl der ſchei⸗ denden Sonne, wie in einer letzten Umarmung, wie in einem letzten innigen Kuſſe. Immer höher hinauf war der helle Schein des Tages geflohen, immer höher, unmittelbar gefolgt und emporgedrängt von den nach⸗ ſetzenden, emſig aufwärts kletternden Schatten, die be⸗ reits das ganze herrliche Thal erfüllen und dennoch zu leicht ſind, um die wunderbar ſcharfen Contouren zu verhüllen, über welche ſie nur den weichen Reiz der ſanften gemilderten Töne breiten. Die am Tage ſo ſteil und trotzig in die Fluthen 1* abſtürzenden Wände ſchmiegen ſich jetzt ſtill und fried⸗ lich, wie um die Wiege eines ſchlummernden Kindes, deſſen Träume ſie behüten. Eine tiefe wunderbare Ruhe liegt über dem See. Der Dampfer verſchwand ſoeben hinter dem Vorſprunge von Traunkirchen, er kehrt von ſeiner letzten Fahrt für heute heim nach Ebenſee, nur ein leichtes Wölkchen ſchwebt noch an der Stelle, wo das Schiff verſchwunden, leiſe zerflattert es zu einem bläulichen Dufte. Nichts— nichts regt ſich mehr. Stille, wie feſtgeankert im See liegt ein kleines zier— liches Boot, deſſen brauner blaugeſtreifter Bord ſich kaum abhebt von der dunklen weiten Fläche. In das harmoniſche Geläute fällt jetzt dreimal wiederholt der wehmüthige Schrei eines Waſſervogels, der raſch und beinahe ohne Flügelſchlag nahe an dem glatten Spiegel hinſchießt und, als folgte es dieſem geheimnißvollen Rufe wie einer Beſchwörung, ſo hebt ſich jetzt ein leiſes Lüftchen, das erſt ſtellenweiſe in langen Streifen, dann aber über die ganze Fläche hin das nachgiebige Element zierlich aufkräuſelt, wie das weiche wellige Haar eines ſchönen Weibes. Jetzt fängt ſich der abendliche Hauch in dem ſchlaff am Maſte herabhängenden Segel, hebt es zwei⸗, dreimal wie im Scherze und bläht es endlich, an dem Spiele Gefallen findend, vollends auf, ſo daß der Kahn leiſe dahin⸗ ————4 5 gleitet an Schloß Ort vorüber, dem freundlichen Gmun⸗ den zu. Traumhaft ſüß iſt die Stimmung, die jedes Herz ergreift zu dieſer Stunde, es iſt, als umſpülten es die weichen Wellen ſanft und wohlig, wie ein lindes Bad, aus dem es das endloſe Gefühl reiner Glückſeligkeit trinkt:— Alles ſcheint Friede— tiefer Friede. Doch nein, die Stimmung lügt, dort in dem Kahne ſitzen ſich zwei Menſchen gegenüber, in ihrer Bruſt ſtürmt und brandet es mächtig, ſie ſind eben im Begriffe von einander zu gehen— zu ſcheiden für immer. Der Mann am Steuer ſieht empor zu dem hellen blauen Himmel, aber nur das Auge ſchaut die wun⸗ derbare Pracht der hellorangen und violetten Streifen, die ſich gegen den Horizont hin zur dunklen majeſtäti⸗ ſchen Flammenröthe vereinigen und verdichten— an die ſchöne Lichterſcheinung knüpfen ſich keine Gedanken, das zeigt der herbe ſcharfe Zug in dem blaſſen, edeln, von dunklem vollen Barte umſchloſſenen Antlitz. Me⸗ chaniſch lenkt ſeine kräftige Hand das Boot. Wohin es treiben mag— gleichviel, weiß er ja kaum wohin er ſelber treibt, der Sturm hat ihm das Steuer an ſeinem Lebensſchiffe aus der Hand geriſſen, und dieſe Hand ſoll ſich bemühen, dies zierliche Spielzeug durch 6 den ſchlummernden See zu führen?— Welch ein Hohn! — Dieſer Friede, dieſe Ruhe und Stille in der Natur — welch ein Hohn! Welch eine Lüge! Vorn an der Spitze ſitzt ein bleiches Mädchen, aber auch dieſe großen dunklen Augen ſind vom Ge⸗ genüber abgewendet, ſtarr und trotzig ſehen ſie hinab in die Fluth, als wollte ihr Blick dem in die Tiefe geſunkenen Bilde der Ufer nachtauchen, an dem der Kahn leiſe vorübertrieb. Von Zeit zu Zeit fährt die eine Hand über die niedere ſchön geformte Stirne und das dunkelblonde weiche Haar, indeß die Linke, des Hand⸗ ſchuhs entkleidet, über den Kahn ins Waſſer hängt, ſodaß die kühlen Wellen zwiſchen den feinen weißen Fingern durchrinnen und ſogar das zarte Spitzenge⸗ webe über dem edel gerundeten Handgelenke netzen. An dem vierten Finger glänzt ein goldener Reif, die Strahlenbrechung im Waſſer erzeugt eine optiſche Täuſchung: bald iſt's, als ſei die Hand vom Arme getrennt durch einen unerbittlichen Schnitt, bald iſt's, als glitte der Ring von dem wachsgleichen Finger herab, und dann wieder ſaß er um ſo feſter an einer ſtarren eiſig kalten Todtenhand. Sonderbares Spielen und Aeffen! Und warum ſollte es nicht zur Wahrheit werden? Wenigſtens das Eine— das Leichteſte, das Kürzeſte? Das iſt's, was ——Q———— ( dieſe ſchöne Statue des Unmuths, des Trotzes, der Bitterkeit blitzgleich durchfährt. Und nun hebt ein leiſes Zucken dieſe ſtolz gekräuſelte Oberlippe und zeigt die Spitzen zweier blendend weißen Zähne, ſogleich aber zieht ſie ſich wieder herab, um ſich nach einiger Zeit abermals zu heben, und nochmals gehorcht ſie dem Zwange, zum dritten Male aber entfallen dem Munde zwei Worte, kaum hörbar und doch ſo ſcharf, daß ſie über die ganze Länge des Bootes hinüber⸗ dringen. „Warum nicht!“ Zwei unſchuldige, kurze Worte, ohne Sinn, ohne Macht für jeden Anderen, für den Mann am Steuer eine zweiſchneidige Klinge, ein Dolch ſo gut gezielt, ſo ſicher geworfen, daß er mitten in das Herz fuhr und es zu Tode traf. Und wieder ward es ſtille und kein Laut vernehm⸗ bar, erſt nach einer längeren Pauſe unterbricht ein weiteres Wort das drückende, aufreibende Schweigen. Diesmal ſpricht er es. „Valerie...“ ſagt er mit verhaltener Stimme, deren Zittern er nicht ganz zu beherrſchen vermag... „Valerie, das iſt alſo die Erwiderung, und mit ſo leichtem Herzen ſprichſt Du ſie aus?“ Wieder kräuſelt ſich die ſtolze Oberlippe, als ob ſie ſagen wollte: „Was weißt Du von meinem Herzen— ob es leicht, ob es ſchwer iſt?...“ weiter aber erfolgt keine Antwort, und ſo nimmt er denn nach einer Weile von neuem das Wort: „Dir iſt es alſo gleichgültig, wenn ſich unſere Wege trennen— Du findeſt es ſo ganz natürlich?“ „Haſt Du erwartet, daß ich bettle? Du warſt's, der das Wort geſprochen, nicht ich.“ „Nun ja, freilich, freilich! Warum nicht...“ und der Ton, mit dem er ihren Ausſpruch wiederholt, iſt unſäglich bitter und ein Hohn klingt aus ihm, wie das Auflachen des geſtürzten Engels; Zorn, Haß, Ver⸗ zweiflung lachen mit. „... Es war Alles nur ein ſchwerer Traum; eine Zeit der Thorheit und Verblendung; es wird nun klar zwiſchen uns, und Du kamſt früher zur Erkennt⸗ niß, denn ich.“ Vergebens erwartete er einen Einwurf, eine Er⸗ widerung, Valerie blickt immer gleich ſtarr und regungs⸗ los in die Fluth. Ein Stöhnen der Leidenſchaft bricht die Feſſeln und ringt ſich aus der zum Zerſpringen vollen Bruſt, in die der Wille des Mannes all die =— üt 9 heißen lodernden Empfindungen mit übermenſchlicher Anſtrengung zurückzudämmen ſucht. „Ja, ja, ich ſprach es aus...“ fährt er jetzt fort ...„ich war es. Aber Du haſt den Moment wer weiß wie lange ſchon erwartet. Du wollteſt nur nicht die Erſte ſein— das iſt die Kunſt des Weibes, uns die Initiative zuzurücken, uns Alles ſo nahe zu legen, daß wir in ſeine Abſichten eingehen müſſen, und wie durch die gezwungene Volte des Taſchenſpielers die uns vor⸗ her beſtimmte Karte unausweichlich ziehen. Du wußteſt, wie es kommen müſſe, weil Du es ſo gewollt. Nun es ſo gekommen, nun trage ich die Schuld, ich allein — Ruppert hat das Wort geſprochen, nicht Du— deſſen aber klagſt Du Dich nicht an, daß Du mich ſo weit getrieben, bis ich es ſprechen mußte, oder mich ſelbſt verachten. Ja, das mußte ich, Du aber warſt es, die mir die Wahl ſtellte. Mögeſt Du Dich immer deſſen erinnern, Valerie!“ Ein Blitz zuckt aus ihren großen Augen hin⸗ über. „Mir iſt nicht um die Erinnerung,— ich will lieber vergeſſen, es wird das Beſte ſein.“ „Vergeſſen! Ja wohl, ja wohl, das iſt das Beſte. Alles, Alles mit den Wurzeln ausreißen und den ver⸗ 40 dorrten Stamm ins Feuer! Es ſoll Alles aus ſein— aus und vorüber.“ „Hier iſt Dein Ring...“ verſetzt Valerie und hält ihm den Reif entgegen, den ſie vom naſſen Fin⸗ ger zog. Und mit einem einzigen Sprunge iſt Ruppert am Maſte und ſtreckt die Hand aus, den Ring zu nehmen, den ſie hineinfallen läßt, ohne dieſe Hand noch einmal zu berühren, dieſe warme kräftige Hand, aus der ſie den Reif einſt erglühend und beſeligt entgegengenom⸗ men. Wenige Monden ſind es erſt— doch ein Lebens⸗ alter an Erregung, an Gefühlen. Die Liebe erſchloß ihre Knospe— ſie blühte, eine flammende herrliche Roſe, ſie kränkelte, einzeln fiel Blatt um Blatt, nun iſt ſie am Sterben. Alles in dem kurzen Zeitraum — Alles kurz wie ein Traum, lang wie ein ganzes Leben. „Gib mir den meinen wieder...“ ſagt ſie ruhig, als handle es ſich um den Rücktauſch zweier im Spiele gewechſelten Pfänder— nicht um den eines Symbols für das heilige, gegenſeitig verpfändete Wort...„Du haſt auch mein Bild...“ ſetzt ſie hinzu, während Ruppert bemüht iſt, den Ring vom Finger zu ziehen. „Dein Bild...“ fährt Ruppert empor und in ſein blaſſes Geſicht ſchießt mit einem Male ein mäch⸗ Ki 11 tiger Blutſtrahl...„Dein Bild?...„Zögern und Schwanken drückt ſich in ſeiner ganzen Haltung, im Tone ſeiner Stimme aus. „Nun ja, gib mir auch das zurück.“ „Das iſt mein Eigenthum durch die unzähligen Küſſe, die ich darauf gedrückt— es iſt mein!“ „Ich fordere es.“ „Um es an einen Anderen zu verſchenken?...“ ruft er in wilder Leidenſchaft...„Nein, der Ring, den ich trug, das Bild, das mein war, kein Zweiter ſoll ſie nach mir beſitzen!“ Ein kräftiger Riß trennt das Medaillon von der Uhrkette und dann ſchleudert eine heftige Geberde daſ⸗ ſelbe zuſammt den beiden Ringen vereint in den See, der ſie mit einem Aufziſchen ſeiner Fluthen empfängt und verſchlingt. „Wem nach dem Schatze verlangt, der hol' ihn da unten...“ ſtößt Ruppert dumpf hervor und tritt wieder ans Ruder— ein Ruck, und der Kahn, der ſeinem Willen überlaſſen in den See hinaustrieb, fährt mit einer raſchen Wendung herum, über die Stelle hin, wo ſich über dem verſunkenen Hort weitere und weitere Kreiſe ziehen, und gleitet raſch dem Ufer zu. Kein Wort fällt mehr, die beiden vereinſamten 12 Menſchen ſind verſtummt, der Sturm in ihren Herzen tobt verborgen aus. Von der Spitze des Traunſteins iſt der letzte Sonnenblick verſchwunden. Tiefer Friede herrſcht in der ſinkenden Nacht.— —— 1 1 1 4 II. Ein wenig erbauliches etymologiſches Kapitel. Das Dampfboot, das am folgenden Morgen die mit dem erſten Zuge Angelangten und raſtlos nach Iſchl eilenden Touriſten und Badegäſte von Gmunden nach Ebenſee trug, war von zahlreichen Paſſagieren beſetzt, und als das Glockenſignal zum dritten Male erklang, und das Boot von der Landungsbrücke ab⸗ ſtieß, war auf dem ganzen Hinterdecke kaum mehr ein Quadratfuß Raum leer. In Kurzem aber änderte ſich die Scene, denn über den See ſtrich ein friſcher Wind, der nicht nur die grünen Reiſeſchleier von den Hüten der Damen hob, ſondern auch die grünen Wellen des Sees, die er luſtig vor ſich hertrieb und mit weißen Schaum⸗ kronen ſchmückte. —, — ☛— — —--ͤ— . E Kaum ſetzten die Schaufeln rüſtig ein, ſo begann das kleine Schiff zu rollen und vergegenwärtigte den Reiſenden ſo die Unannehmlichkeiten einer Seefahrt en miniature, was bei vielen die erſte Freude an der ungewohnten, mit dem Reize der Neuheit ausgeſtatte⸗ ten Transportart bald abſchwächte. Viele flüchteten nun in die Kabine, theils um das ihrer Anſicht nach empörte Element nicht mit fort⸗ währendem Schauder betrachten zu müſſen, theils um die empfindlichen Hälſe und Ohren und die blosgeleg⸗ ten Zahnnerven vor der kalten Zugluft zu bewahren, die auf dem Verdecke im Schatten des geſpannten Zeltes herrſchte oder ihnen wenigſtens zu herrſchen ſchien. Nun war ein ſichtender Ueberblick weit leichter geworden; aus dem bunten Gewühle, in dem alle mög— lichen Sprachen durch einander ſchnarrten, hatten ſich einzelne gelichtete Gruppen gebildet, von denen haupt⸗ ſächlich drei die Aufmerkſamkeit jedes Mitreiſenden feſſeln mußten, der ſeinen bewundernden Blick von dem herrlichen Naturbilde für einen Augenblick ab⸗ wenden mochte. Am Steuerruder ſaß die eine beiſammen. Sie beſtand aus einem alten Herrn, einer älteren und zwei jüngeren Damen, ihren Töchtern, nach der auffallenden Aehnlichkeit, den ihre noch immer ſchönen Züge mit ————„. —— 15 denen der beiden Mädchen hatten. Auf ihrem, wie auf dem ſüßen Antlitze des jüngeren, kaum erſt zur Jungfrau erblühten Kindes malte ſich ganz deutlich eine ziemlich große Beſorgniß, deren Grund die angſt⸗ voll auf das ungeſtüme und doch ſo prächtige Treiben der Wellen gerichteten Blicke und die an der Brüſtung feſtgeklammerten Händchen leicht errathen ließen. Völlig unberührt davon ſcheint die ältere Schweſter, tiefer Ernſt liegt auf ihren Zügen, und das große dunkle Auge ſieht träumeriſch, beinahe ſchmerzlich, gerade aus in die Ferne. Die Röthe auf den Wangen iſt nicht die friſche Farbe des munter kreiſenden jugendlichen Blutes, nur der Wind hatte ſie hingehaucht, die ge⸗ ſunde kräftige Luft dieſer majeſtätiſchen Berge. Der Reiſegefährte der Damen hat vielleicht noch nicht ſechzig Jahre, aber er ſieht alt aus. Das hell— blonde Haar, das nicht grau werden konnte, hat eine weißfahle Färbung angenommen. Die Haltung iſt ge⸗ bückt, man ſieht es der Geſtalt an, daß ſie gewöhnt iſt, am Schreibtiſche zu ſitzen, und ſchreibt nicht ſelbſt in dieſem Augenblicke der mit einem großen ganz gol⸗ denen Siegelringe geſchmückte Zeigefinger mechaniſch allerlei Runen und Hieroglyphen auf das ſpitzige Knie?! Es iſt ein merkwürdiges Antlitz, das ſich ſo eifrig den Damen zuwendet. Zwiſchen den ungeheueren weit vom ——nn— 8 - ——— 82 —— 16 Kopfe abſtehenden Ohren, hinter denen die dicke gol⸗ dene Brille verankert iſt, hängt es beinahe wie eine alte abgenützte Wachslarve, die man nach langer Zeit vom Eſtrich herabgeholt hat, wo ſie Jahre durch im Staube lag und von den Mäuſen bei ihren Feſten und Spielen zu allerlei Unfug benutzt wurde, nachdem die kleinen erſtaunten Thierchen ihre erſte Scheu vor dem geſpenſtigen Menſchenantlitze verloren. Von Pocken⸗ narben zerriſſen, grau und roth geſprenkelt, von bei⸗ nahe regelmäßig wiederkehrenden Blitzen durchzuckt, iſt es ein friſch geackertes Feld, in dem ein Erdbeben un⸗ ausgeſetzt arbeitet; über den hellgrauen Aeuglein hin— ter den großen runden Gläſern befinden ſich die buſchi⸗ gen Augenbrauen, die weit dunkler als das Haupthaar ſind, in ſteter Bewegung. Bei jedem zweiten, dritten Worte, und ſelbſt auch, wenn es nicht ausgeſprochen, ſondern blos gedacht wird, ziehen ſie ſich hoch hinauf in die Stirne, als wollten ſie die Höhle des Auges zerreißen, um ſogleich wieder herabzuſinken und nach momentaner Pauſe von neuem unheimlich emporzuzucken. — Das Ganze krönt der hier auf dem Lande und zur Sommerszeit im hohen Grade ungewöhnliche ſchwarz⸗ ſeidene Cylinder, zu dem ſich ein ebenſo merkwürdig in graues Löſchpapier eingeſchlagener Regenſchirm unter dem Arme geſellt. 17 Ganz am entgegengeſetzten Ende des Hinterdeckes fiel eine andere, zwar immerhin nicht ſeltene, aber doch ungewöhnliche Erſcheinung auf. Es war ein Eng⸗ länder; er ſaß backbord vor der Kapitänskajüte unmit⸗ telbar an der Brüſtungsöffnung, in welcher ſich die beiden Pflöcke zur Befeſtigung von Schlepp⸗ oder Land⸗ ſeilen befindet. Sein Aeußeres war ziemlich excentriſch in ein graues Jaquet und eben ſolchen Plaid gepackt, an den Füßen trug er Schuhe mit ſehr dicken Sohlen und braune Strümpfe, die über das Beinkleid bis zum Knie emporreichten, wodurch er ſich offenbar ſeinem Ideale von öſterreichiſcher Nationaltracht anzupaſſen meinte,— und auf dem Kopfe einen kleinen runden Hut, der einem chineſiſchen nicht ſehr unähnlich gewe⸗ ſen wäre, hätte ſich nicht ein langer blauer Schleier da⸗ rum geſchlungen. Das unvermeidliche roth eingebundene, Handbook fehlte natürlich nicht, ſo wenig als ſeinem gewöhnlichen breiten verſchwommenen Geſichte der gro⸗ teske, mit feinen Spitzen weitabflatternde röthlichblonde Backenbart, der ſelbſt das hübſcheſte Antlitz zur Cari⸗ catur verzerrt. Der Engländer las eifrig in ſeinem Murray und hätte nichts beſonders Merkwürdiges gebvien, wäre Byr, Quatuor. II. 2 A nicht ein eigenthümlicher Reiſegefährte an ſeiner Seite und geweſen. den 7 Auf dem Boden ſtand ein Käfig aus ſtarken Eiſen⸗ ſhſ ſtäbchen und in demſelben befand ſich ein Affe von der mittlerer Größe und fratzenhaftem Anſehen. fahle War es Bosheit, war es Langeweile, das häß⸗ fern liche Thier hatte die Eiſenſtäbe mit Vorder⸗ und Hin⸗ nart terhänden gefaßt und rüttelte aus Leibeskräften daran, Sch ohne ſeines Herrn Aufmerkſamkeit dadurch auch nur Fi im Geringſten zu erregen. Um ſo öfter ſah dagegen für r der alte Herr durch ſeine Goldbrille nach ihm, und ſein Blick verrieth einen hohen Grad von Intereſſe. doch Die dritte Gruppe beſtand ebenfalls nur aus zwei Die V Individuen.— Ich ſetze voraus, daß man mir in der ma 5s vorigen den Affen zum wenigſten als Individuum gel⸗ woll 5 ten läßt, wenn ich ihn ſchon nicht eine Perſon nennen Die darf.— Die beiden jungen Männer, die neben einan⸗ entſ der unausgeſetzt vom Maſchinenraume zum Steuer Ma und wieder zurück wandelten, waren ziemlich von einem war Alter, in der Mitte der Zwanzig, ſonſt aber im vollſten Ent Gegenſatze zu einander. Dem großen ſchlanken Manne mit den dunklen nach langgelockten Haaren, der grauen Gebirgsjoppe und auf dem ſchwarzen Banditenhut brauchte man blos in das von kühn geſchnittene gebräunte Antlitz und in die ſcharfen Seite Liſen⸗ von häß⸗ Hin⸗ aran, nur gegen und ſſe. zwei in der n gel⸗ tennen einan⸗ Steuer einem olſſten unklen ee und in das ſcharfen 19 und doch ſchwärmeriſchen Augen zu blicken, um in ihm den Künſtler zu erkennen. Sein Gefährte, klein und ſchlotterig, war eine erneuerte Ausgabe des alten Herrn, dem er bis auf die Goldbrille und das ſchlichte fahle Haar glich. Eine Verbeſſerung ſchien nur inſo⸗ fern eingetreten, als die junge Auflage keine Pocken⸗ narben hatte und ſein Teint anſtatt der aſchgrauen Schatten ein blühendes Weiß und Roth aufwies, ſo⸗ gar ein blonder Flaum an Kinn und Oberlippe konnte für einen ſchüchternen Bartverſuch gelten. Wie geſagt waren beide in gleichen Jahren, und doch lag beinahe ein halbes Lebensalter zwiſchen ihnen. Dieſe blonde, unbeholfene, verlegene Erſcheinung konnte man unmöglich als majorenn anerkennen, das Wohl⸗ wollen legte ihr die Bezeichnung„Jüngling“ bei. Die energiſche Geſtalt daneben trug den Stempel des entſchiedenen Selbſtbewußtſeins, das war ein fertiger Mann, ſelbſt der braune Schnurrbart, den er trug, war kräftig und voll und deutete auf eine raſchere Entwickelung und Reife. So oft ſie am Kamine wieder umwendeten und nach hinten wandelten, hefteten ſich ſeine Augen feſt auf die reinen Züge der beiden Schweſtern, ohne einer von den beiden einen beſonderen Vorzug zu geben. „Woran ſie denken mag?...“ ſagte er eben wie— 2* 20 der zu ſeinem Begleiter, als jetzt die ältere Schweſter an die Steuerbordsbrüſtung herantrat und ſich auf dieſelbe lehnte und mit einem langen ſtarren Blick, gleichſam ſeelenlos auf einen Punkt des Sees unweit der reizenden Inſel von Ort hinſah...„Finden Sie nicht, daß ihr Antlitz jener ſublimen Madonna Michel Angelo's in der Grabkapelle der Medicis gleicht?“ „Ich habe ſie nicht geſehen— war niemals in Florenz...“ erwiderte der blonde Jüngling...„aber ſehen Sie nur das ſchöne Exemplar von Inuus sylva- nus. Ich möchte wetten, der Engländer kommt direct von Gibraltar.“ „Die Kleine iſt aber dennoch reizender, dieſe Seele iſt noch völlig ungetrübt, hell und freudig ſieht ſie aus den munteren Augen, nicht einmal die Angſt vor den rauſchenden Wellen vermag den Ausdruck ganz zu bannen.“ „Ja, Ida iſt ein heiteres Mädchen, Papa ſagt das auch immer.“ „Gewiß— dieſer reine Ausdruck von Seelenhei⸗ terkeit kann nicht täuſchen. Dieſes Herz iſt noch von keinem Hauch berührt, anders iſt's bei der Schweſter. Sehen Sie die ſcharfe Linie um den feſt zuſammenge⸗ preßten Mund, das antike volle Kinn, die eben weit geöffneten langen und feinen roſigen Nüſtern; das iſt ein Herz zum Gto Der hob ſich in den) das Vord legenen D „ keit beſit ſeiner ir Muskel, beſteht, bewegur Definiti „Das H ſaurer e dem R weiſe 6 de und w verächtl da ſein dech ſch ter 21 ein Herz voll Weh, ein ſtolzes verletztes Herz, zu hoch zum Groll und dennoch voll namenloſer Herbheit.“ Der junge Mann hatte kaum ſo geſprochen, da hob ſich der große Kopf des blonden Jünglings ſteifer in den Nacken und die Gelegenheit der Rückkehr gegen das Vorderdeck benutzend, docirte er im Tone der über⸗ legenen Wiſſenſchaft: „Das Herz iſt ein hohler Muskel, der die Fähig⸗ keit beſitzt ſich zuſammenzuziehen, wodurch der Umfang ſeiner inneren Höhlung verringert wird, was dieſen Muskel, der aus zwei Haupt⸗ und zwei Vorkammern beſteht, befähigt, den Mittelpunkt für die ganze Blut⸗ bewegung abzugeben, der Kreislauf——“ „Lieber Herr Doktor, ich weiß noch eine andere Definition...“ unterbrach ihn ſein Gefährte lachend.. „Das Herz iſt eine vortreffliche Speiſe, beſonders in ſaurer Sauce, doch kann man ſie auch ſpicken und auf dem Roſte zubereiten, in welchem Falle es ausnahms⸗ weiſe Spickherz genannt wird.“ Der blonde Doktor ſah den Spötter betroffen an und wußte nicht, ſollte er ärgerlich antworten oder verächtlich ſchweigen, entſchloß ſich aber zu letzterem, da ſein Begleiter um den Kamin herum aufs Vorder⸗ deck ſchritt, um von hier das näherrückende Traunkir⸗ α‿—-—— 1 1 . 22 chen und die gegenüberliegende Karbachmühle ungehin⸗ derter zu betrachten. „Ich will ein wenig zu den Damen...“ meinte der Doktor und eilte unſicheren Schrittes über das in dem zunehmenden Wellenſchlage ſtärker ſchwankende Schiff zurück. „Nehmen Sie ſich doch in Acht, Max...“ rief ihm ſchon von ferne die alte Dame entgegen...„neh⸗ men Sie ſich in Acht, das Schiff ſchaukelt ſo furcht⸗ bar, Sie könnten fallen.“ „Ach, es wird wirklich recht arg...“ ſetzte die Kleine ängſtlich hinzu...„mich faßt der Schwindel.“ „Sobald Sie ans Land kommen, Fräulein Ida...“ beruhigte ſie der an ihrer Seite Platz nehmende Dok⸗ tor...„wird Sie das Gefühl alsbald verlaſſen.“ „Aber bis dahin wird mir entſetzlich übel werden.“ „Das iſt Nausea...“ erklärte ihr der alte Herr 1 mit einem bedeutungsvollen Hinaufziehen der mächti⸗ gen Augenbrauen...„das Nausea der Alten, von Cicero ſchon für die Schiffskrankheit, d. i. Uebelkeit, Neigung zum Erbrechen angewendet, während Hora⸗ tius und Plinius es überhaupt für Ekel, Uebelkeit ge⸗ brauchen.“ „Aber mein Gott, Herr Rath...“ fiel ihm Ida ins Wort...„Ihre Erklärung macht mich wirklich krank.“ 23 „Man ſollte die Dinge immer kennen, mit denen man zu thun hat.“ „Ja wohl, der Herr Rath hat Recht...“ ſtimmte die ältere Dame bei, die Todesangſt, die nach einem Strohhalm faßt, ſprach aus ihren Zügen...„Ich bitte, Herr Rath Bogner, geben ſie uns eine Beruhi⸗ gung.“ Rath Bogner nickte befriedigt mit ſeinem Kopfe und ſchickte ſich zu einer längeren Auseinanderſetzung an, welche Ida mit der Miene einer Märtyrerin über ſich ergehen ließ. „Es iſt gut Alles zu erörtern und auf den Ur⸗ ſprung zurückzugehen...“ begann der Rath... „Nausea iſt daher eigentlich„die Schiffskrankheit haben“, d. h. wegen der Schiffahrt Neigung zum Erbrechen, Uebelkeit empfinden, auch wohl ſich wirklich erbrechen, ſo finden Sie es bei Horatius. Kann aber auch die Allgemeinheit der Empfindung, überhaupt den Reiz bedeuten und in dieſem Sinne gilt auch der Tropus ista effutientem nauseare, den Cicero ſo geiſtreich ausſpricht, d. h. Ungereimtheiten vorbringen, die Ekel erwecken müſſen.“ „Wie heißt die Trope?...“ fragte Ida ver⸗ zweifelt. — 1 — 24 „Ista effutientem nauseare...“ wiederholte der Doktor zuvorkommend. „Ach, daß ich das Lateiniſche nicht behalten kann .“ rief das ſchalkhafte Mädchen trotz Angſt und Schwindel mit leidendem Ausdruck...„ich wüßte den Satz ſo gut anzuwenden.“ „Sehr leicht, ſehr leicht, mein Fräulein...“ be⸗ eilte ſich der Rath...„dürfen ſich nur an das Fran⸗ zöſiſche halten. In meinem Werke über die Berührungs⸗ punkte der romaniſchen Sprachen und ihrer Abſtam⸗ mung von dem indogermaniſchen Aſte der Urſprache finden Sie die beſte Anleitung über das mnemotech⸗ niſche Anknüpfen. Nauseabond, da haben Sie den Schlüſſel, dieſer franzöſiſchen Wurzelbiegung entſpricht im Lateiniſchen nauseabundus, auch nauseans nach Seneca. Nauseasus nach Plinius= Ekel machend, ekelhaft, und ſo auch nauseabilis, was Ekel macht.“ Ida, die an den Auseinanderſetzungen vollkommen genug hatte, ſuchte mit einer liſtigen Diverſion abzu⸗ lenken. „Sehen Sie nur...“ machte ſie die Geſellſchaft aufmerkſam...„ſehen Sie nur, wie der arme Affe dort an ſeinem Bauer rüttelt, es ſcheint, auch ihm iſt unheimlich auf dem Schiffe und er fühlt ſo eine An⸗ wandlung von nausea.“ ——— —yy—,— der ſage dieſ eine woh ſelb wan gehö in d Wa dabe forte bede die ihn mein noch mach händ G 25 — „Nauseola, nur das Diminutiv...“ corrigirte der Rath unverdroſſen...„nauseola würde Cicero ſagen und Seneca würde den Betreffenden, alſo ſpeciell dieſes Aeffchen hier, einen nauseator nennen, d. h. einer, der Uebelkeit empfindet.“ „Der arme Pavian!...“ rief Ida, doch galt wohl der Seufzer, den ſie dabei ausſtieß, mehr ihr ſelbſt als dem Beklagten. „Sie thun dem Thiere Unrecht, Fräulein Ida...“ wandte ſich Max eifrig an ſeine Nachbarin...„er gehört wohl in die Ordnung der Vierhänder, doch nicht in die Familie der Cynocephalen, zu deutſch Paviane.“ „Ach, ſehen Sie nur, Herr Rath, er wird ins Waſſer fallen...“ kreiſchte die Matrone auf und wies dabei nach dem Thiere, deſſen Käfig ſich durch das fortwährende Schütteln und Rollen des Dampfers in bedenklicher Weiſe der Lücke in der Brüſtung näherte. Der Rath zog ſeine Augenbrauen übermäßig in die Höhe und rief dann über den ganzen Raum, der ihn vom Engländer trennte, dieſem warnend zu:„Sie, mein Herr— Ihr Affe!“ Das hatte jedoch nur die Wirkung, ſämmtliche, noch am Bord befindliche Paſſagiere aufmerkſam zu machen, ohne jedoch den Beſitzer des gefährdeten Vier⸗ händers aus ſeiner Lektüre zu ſtören. ————— 26 „Der kleine nauseator wird ein Opfer ſeiner Un⸗ ruhe werden. Es iſt der nausea eigenthümlich, daß ſie die Todesfurcht abſtumpft und gleichgültig gegen das Geſchick macht. So wenigſtens beſchreibt...“ Ida, die eine Fortſetzung über Alles fürchtete und deren ſammtartige Wangen ſchon längſt jedes Roth eingebüßt hatten, unterbrach den docirenden Rath, in⸗ dem ſie ſich mit der Frage an ihren Nachbar wendete: „Was iſt's denn alſo für ein Affe— ein Man⸗ drill?“ Das Schiff legte ſo eben bei der Landungsſtation von Traunkirchen an, und es trat in ſeiner Bewegung momentane Ruhe ein; ſo gewann denn Max auch die Aufmerkſamkeit von Ida's Mutter, die einen Augen⸗ blick lang ihre Furcht vergaß. Auch die ältere Schwe⸗ ſter nahte ſich und hörte zum mindeſten ſcheinbar zu. Der blonde Jüngling fühlte ſich daher nicht wenig gehoben und begann, ſeine goldene Brille näher ans Auge rückend, mit der ganzen Wichtigkeit des cum laude promovirten Doktors: „Sie irren, mein Fräulein, ich ſagte ſchon, daß dieſes Exemplar nicht in die Familie der Cynocephalen gehört, alſo kann er auch kein Mandrill, Cynocephalus mormon, ſein. Dies iſt der gemeine Affe oder Magot, inuus sylvanus.“ 27 „Ach, ſehen Sie, ſehen Sie nur, er fällt hinein...“ rief die Matrone erſchrocken aus. Das Schiff hatte im Abſtoßen einen ſcharfen Ruck erhalten, der den Käfig dem Rande um ein Erkleckliches näher brachte. Der Rath leiſtete dieſer indirecten Aufforderung Folge, ſtand auf und ſchritt auf den Engländer zu, der ſich um nichts außer ſeinem Buche zu kümmern ſchien. In ſeiner Nähe angelangt, zog der Rath höf⸗ lich ſeinen Hut und begann mit heftigem Zucken ſeiner Augenbrauen: „Mein Herr, erlauben zur Güte, Ihr Affe fällt in den See.“ Auf dieſe Anrede hob der Engländer langſam ſeine Augen und ſah den vor ihm Stehenden verwun⸗ dert an, ſo daß dieſer meinte, ſeine Anrede noch ein⸗ mal wiederholen zu müſſen, die er durch eine ſprechende Geberde gegen den Käfig unterſtützte. Doch auch diesmal wurde ihm von dem Angerede⸗ ten keine Antwort zu Theil, da aber kein Zweifel ſein konnte, daß er verſtanden worden war, ſo kehrte der Rath wieder auf ſeinen Platz zurück, wobei aber die mittlerweile eingetretene ſtarke Bewegung des Schiffes der Würde ſeines Ganges bedeutenden Eintrag that. Während deſſen hatte ſich ein kurzes Geſpräch 28 zwiſchen der Mutter und ihrer älteren Tochter entſpon⸗ nen, und jene hatte ſo eben die Frage gethan: „Aber es iſt doch ſeltſam, daß Graf Morſax heute früh nicht kam und uns ſo ohne ſeine Begleitung zu— rückkehren läßt. Ich weiß nicht, wie Papa dies eigen⸗ thümliche Benehmen auffaſſen wird. Haſt Du viel⸗ leicht eine Ahnung, Valerie, was ihn abhielt?“ Das Antlitz der Gefragten war in tieferen Pur⸗ pur getaucht, und eine unruhige Bewegung ihrer Au⸗ gen hätte ihre Verlegenheit verrathen müſſen, wenn die Mutter durch das heftige Schwanken nicht plötzlich alles Intereſſe am Fernerliegenden verloren hätte. Zu⸗ letzt trat jetzt auch der Rath wieder heran und tau⸗ melte auf ſeinen Sitz, ſo daß Valerie ſich für den Au⸗ genblick einer peinlichen Antwort enthoben ſah. „Mein Gott, mein Gott, es wird fürchterlich...“ ſtöhnte ihre Mutter...„hier zwiſchen den Felſen tobt es noch viel ärger und es iſt hier ſo gefährlich!“ Naufragiosus meinen Sie, des Schiffbruches we⸗ gen gefährlich...“ nahm der Rath das Wort auf... „auch naufragalis, eine Flexion des Subſtantivums naufragium. Da haben Sie wieder die Berührung der romaniſchen Sprachen, wie Sie in meinem Werke darüber und über deren Ableitung vom indogermani⸗ ſchen Sprachſtamme angedeutet finden. Naufragium und das franzöſiſche naufrage kommen aus derſelben Wurzel mit nausea. Eigentlich navifragium von navis, Schiff, und frango, brechen, wie Lucrez ſo ſchön ſagt: naufragiis magnis cortis, d. i. Stürme, die Schiffbruch erregen, wir ſind ganz in der Lage dieſe Wendung zu würdigen. Naufragium iſt auch das nach dem Schiff⸗ bruche gebliebene Wrack, Sie können ſich das doch vor⸗ ſtellen, meine Damen? und ſo auch naufragium facere, Schiffbruch leiden und endlich gleichfalls nach Cicero naufragio perire— im Schiffbruche zu Grunde gehen.“ „Mein Gott, halten Sie ein, Herr Rath, der Ge⸗ danke iſt ja fürchterlich!“. ſtieß die Mutter der bei⸗ den Mädchen zu Tode geängſtigt hervor. „Es iſt aber ſehr zweckmäßig, Frau von Hellfried, ſich mit Allem ganz vertraut zu machen und die Dinge..“ „Nein, nein, Gott behüte uns vor einem näheren Bekanntwerden damit.“ Frau von Hellfried hüllte ſich ſchaudernd und blaß wie eine Leiche in ihren Shawl. „Der Affe rückt immer näher...“ machte Ida den Doktor aufmerkſam...„Wie nannten Sie ihn doch? Ma— Ma-, ich kann den Namen nicht be⸗ halten.“ „Magot, mein Fräulein.“ „In der That ein ſonderbarer Kauz, der Englän⸗ 30 der...“ rief der Rath und ſprang von Neuem auf, um über das Verdeck zu balanciren. „Ach Gott, wären wir nur ſchon in Ebenſee...“ ſeufzte Frau von Hellfried, die mit bangen Blicken bald die munteren Wellen, bald die Schiffbruch drohen⸗ den Felſenwände maß. „Der Magot, mein Fräulein, iſt der einzige Vier⸗ händer, der ſich in Europa im Freien erhält, und zwar in Gibraltar, jedoch auch da kommt er nur förmlich angeſiedelt und unter beſonderem Schutze fort— er iſt ohne Verlängerung der Rückenwirbeln und beſitzt 74 eine.. „Sehen Sie nur, wie ungeſtüm er iſt, als wollte er einen Selbſtmord begehen.“ „Der Selbſtmord kommt bei der Ordnung der Vierhänder niemals vor und...“ „O Mama, iſt Dir auch nicht wohl?...“ unter⸗ brach Ida zum zweiten Male den blonden Jüngling... „man ſieht Dir's an.“ „Kind, es wäre ſchrecklich, wenn uns der See verſchlänge und wir eine Speiſe der Forellen wür⸗ den...“ klagte die Mutter, welcher Doktor Max Bog⸗ ner jedoch ſogleich tröſtend beiſprang: „Es iſt noch kein Beiſpiel vorgekommen, daß ſich Forellen von Menſchenfleiſch nähren, höchſtens würden —— wir der hab ſche das hf ter En culc 31 wir eine Beute der Hechte, die allerdings zur Gattung der Raubfiſche gehören und ein ſehr ſcharfes Gebiß haben.“ Frau von Hellfried zuckte zuſammen, als fühle ſie ſchon an irgend einer beſonders empfindlichen Stelle das„ſcharfe Gebiß“ eines Hechtes und drückte krampf⸗ haft die Hand ihres immer bleicher werdenden Töch⸗ terleins. Mittlerweile war der Rath wieder bis zu dem Engländer gekommen und rief mit den heftigſten Geſti⸗ culationen: „Sie, Ihr Affe! Votre singe!“ Zum dritten Male blieb er ohne Antwort. Der Engländer, der jetzt nicht mehr in ſein Buch, ſondern unverrückt vor ſich hin ſah, warf dem war⸗ nenden Rathe nur einen kurzen verdrießlichen Blick zu und wendete ſein Auge dann wieder dem früheren Objecte zu, und dieſes war kein anderes, als Valerie's ſchönes ernſtes Antlitz. Der unglückliche Magot rüttelte indeß wirklich gleich einem Verzweifelten an den Gittern ſeines Ge⸗ fängniſſes, vielleicht hatte er längſt die ihm drohende Gefahr erkannt und ſuchte ſich auf dieſe Art zu retten oder ſeinen Gebieter auf ſich aufmerkſam zu machen; —-—õ————— — —— 32 freilich brachten ihn dieſe Bemühungen nur immer näher an den Rand des Verderbens. Rath Bogner war glücklich wieder an Frau von Hellfried's Seite zurückgelangt, doch nicht ohne mit einer gewiſſen Eile nach Brüſtung und Bank zu greifen. „In der That heftige Bewegung!...“ murmelte er...„Nicht umſonſt ſagt Ovid Pes in pelle laxa natet, der Fuß ſoll im bequemen Schuh ſchwimmen. Navis kommt von nato, ſchwimmen, ſchiffen; unda natatur piscibus, die Welle wird von Fiſchen beſchwom⸗ men, denn Schiff heißt im Sanskrit— die Schwim⸗ merin, naus, navas, griechiſch naus, neos, lateiniſch navis, von dem ariſchen nu, snu, snauti, fließen, rin⸗ nen.— Da iſt die Wurzel...“ fuhr er lebhafter ge— gen die Damen gewendet fort...„davon kommt ſo⸗ wohl navigo, ſchiffen, ſegeln, und gleich dem navicella, naucella, das Schifflein, der Kahn, auch das früher erwähnte nausea. Iſt die Etymologie nicht äußerſt intereſſant, meine Damen?“ „Gewiß im höchſten Grade...“ ſtammelte Frau von Hellfried, während ſich Ida ganz abwendete. Der Rath ſah wieder nach dem Engländer hin⸗ über, es fehlten nur wenige Zolle und der Käfig lag im See. „Sie, Ihr Affe!„ ſchrie der Rath mit aller — Gewve Händ aber derhe 7 32 50 Gewalt ſeiner Lunge über das Schiff, indem er beide Hände gleich einem Sprachrohr an den Mund legte. Der Affe rüttelte und ſchüttelte aus Leibeskräften, aber ſein Herr achtete nicht darauf. Noch einmal wie— derholte der Rath ſeinen Stentorruf: „Sie, Ihr Affe!“ Nun aber litt es 4 nicht länger; mit einigen haſtigen Sätzen war er an der anderen Seite, faßte den Käfig und ſetzte ihn einen Schritt weiter gegen die Maſchine, ſo daß der bedrohte Magot in vollkom— mener Sicherheit war. Dem aber mußte die ſchreckliche Todesangſt in alle Glieder gefahren ſein, denn er hing noch immer an den Eiſenſtangen, warf den Kopf ent⸗ ſetzt hin und her und ſah mit dem Ausdrucke der furchtbarſten Erregung bald den Rath, bald ſeinen Herrn an. Dieſer war jetzt nämlich ebenfalls in Action ge⸗ treten. Ein vernichtender Blick aus ſeinen Augen traf den eigenmächtigen Rath, der ſich erlaubt hatte, einen Eingriff in fremdes Recht zu thun. Entrüſtet war der Engländer aufgeſprungen und mit einem Gemurmel der ſchlecht verhaltenen Wuth fuhr er an dem Rathe vorbei, faßte den Käfig und ſchoß mit demſelben die Stiege zur Kabine hinab. Der Rath ſah ihm erſt verdutzt nach, dann aber Byr, Quatuor. II. 3 hob er ſein Haupt im Gefühle ſeiner energiſch retten— den That höher und eilte zu ſeiner Geſellſchaft zurück. „Man muß mit dieſen Menſchen nur kurz um⸗ gehen...“ brüſtete er ſich...„echt ſchiffmänniſch, nautalis. Sie haben da immer wieder den Anknüpfungs⸗ punkt. Navita, nauta, der Schiffsmann; im Zuſam⸗ menhange wird Ihnen aucht das Einzelne klarer, das iſt das Schöne an der Sache und der beglückende Reiz der Etymologie. Da haben Sie wieder nausea und unmittelbar dazu gehörig nautea; nur durch einen ein⸗ zigen Buchſtaben unterſchieden; ſo wie Plautus beides verwechſelt, ſo kann auch eins durch das andere erhöht werden. Denn nautea, das griechiſche vavria, iſt eine übelriechende Feuchtigkeit, vermuthlich gleichbedeutend mit sentina, dem Schiffsunrathe, das Cäſar ſo hübſch gebraucht, wenn er ſagt: sentinae vitiis conflictari...“ Aber die weitere Entwickelung des ſprachforſchen⸗ den Rathes hatte vor der Hand ein Ende, denn die beiden Damen ſprangen faſt gleichzeitig auf, um vor der allzu zeitgemäßen Deduction die Flucht zu ergreifen. Sie eilten der Luke zu, die in die Kajüte hinab⸗ führte, und Valerie folgte ihnen. Sobald der Rath ihre Abſicht bemerkte, wollte er ihnen mit ſeinem Sohne nach, doch als beide an der Treppe ankamen, ſtürmte ihnen der Engländer die Stiege herauf entgegen, ——— den von ihm unzertrennlich ſcheinenden Käfig in der Hand. Aber der reinliche Aufzug deſſelben hatte ſich ſehr geändert. Die Todesangſt mußte auf den Organis⸗ mus des Magot eine ſehr unglückliche Wirkung aus⸗ geübt haben, was der blonde Jüngling in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Naturforſcher und Doctor medicinae jeden⸗ falls beſtens zu erklären befähigt war. Käfig und die Beinkleider des Engländers waren mit einem unnenn⸗ baren Etwas grauenhaft bedeckt, das ſehr ſtark an die Definition von nautea oder sentina erinnerte und ſich den Geruchsnerven unangenehm bemerkbar machte. Der Engländer ſtürzte ſammt ſeinem Affenbauer wie beſeſſen nach dem Vorderdeck, Rath Bogner aber, der, wie vom Blitze getroffen, vor der unerwarteten Erſcheinung zurückprallte, taumelte, von der hülfreichen Hand ſeines gelehrten Sohnes unterſtützt, nach der Brüſtung, über welche hinaus er ſich ungeſtört, aber mit heftiger convulſiviſcher Gründlichkeit in Betrach⸗ tungen über Urſprung und Declination von nausea erging. * III. Ein Reiſekapitel. Endlich war Ebenſee erreicht. Die Paſſagiere froh darüber, erlöſt zu ſein, ſtrömten ans Land und dem Poſtomnibus zu. „Aber mein Gott...“ rief Frau von Hellfried... „unſer Wagen iſt ja nicht da. Mein Mann wird uns noch nicht zurückerwarten, wie kommen wir jetzt weiter?“ „Ich werde Plätze im Omnibus nehmen... erbot ſich der junge Doctor, und ſein Vater, der ſehr angegriffen und niedergedrückt ausſah, nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. „Abſcheulich!...“ rief Frau von Hellfried ent⸗ ſetzt aus...„Dieſe Zumuthung, mit all den Leuten!“ „Es wäre auch gar kein Platz...“ ſetzte Ida - — iſ 8/6 ausgleichend hinzu...„Sehen Sie nur, Alles iſt ſchon beſetzt.“ „Nun dort die Poſtchaiſe...“ ſchlug Max wie⸗ der vor. „Ach, ſehen Sie nicht, der abſcheuliche Engländer iſt ja ſchon im Begriffe ſie mit Beſchlag zu belegen.“ So war es auch, der Engländer mit ſeinem Kä fige, beide wieder hinreichend präſentabel, befand ſich kaum zehn Schritte mehr von dem Wagen, doch ehe er ihn noch ganz erreicht hatte, kam ihm ein Ra⸗ ſcherer zuvor. Derſelbe junge Mann mit der künſt⸗ leriſchen Erſcheinung, welcher früher mit dem jungen Doctor Bogner auf dem Verdecke hin⸗ und herſpaziert war, hatte, ohne gerade abſichtlich zu horchen, die laut geführte Converſation und die Ausrufe der Rathloſig⸗ keit gehört, überholte raſch entſchloſſen in behendem Laufe den gefährlichen Prätendenten. Der Kutſcher, der ſeine Leute zu kennen ſchien, ſchüttelte auf die Frage, ob der Wagen ſchon gemiethet ſei, bedenklich das Haupt und deutete auf den heran⸗ keuchenden Engländer. „Hat er Sie vorher beſtellt?...“ fragte der junge Mann, und auf die zögernd gegebene Antwort, daß dem nicht ſo ſei, äußerte er in beſtimmtem Tone .„Dann habe ich das Vorrecht.“ — 38 Indeß war der Engländer ebe nfalls herangekom⸗ men und ſtellte ohne Weiteres den Käfig auf den⸗ Vorderſitz. „Mein Herr, nehmen Sie Ihren Affen wieder fort...“ ſagte der junge Mann. „Der Wagen iſt mein.“ „Nicht doch. Ich habe ihn bereits gemiethet.“ „Der Wagen iſt mein. Mein Gepäck uird gleich kommen.“ „Nehmen Sie Ihren Affen wieder fort...“ ver⸗ ſetzte der junge Mann mit entſchiedener Feſtigkeit. Statt aller Antwort machte der Engländer An⸗ ſtalt ſelbſt einzuſteigen und drückte dabei den jungen Mann rückſichtslos bei Seite, doch dieſer ließ ſich offen⸗ bar nicht ſo leicht imponiren, denn blitzſchnell hatte er den Käfig gefaßt, auf den Boden geſtellt und im näch⸗ ſten Augenblicke ſaß der Engländer auf demſelben, ohne daß er eigentlich wußte, wie ihm geſchah. Nun aber ſtieg die Röthe des Zornes dem Eng⸗ länder ins Geſicht und er öffnete weit ſeinen Mund und hob dazu beide Fäuſte empor. Es hatte einen Moment lang den Anſchein, als ſollte ſich ein regel rechter Fauſtkampf zwiſchen den beiden Nebenbuhlern entwickeln. Der junge Mann war auf Alles gefaßt, und im Vollgefühle ſeiner Kraft, von der er ſo eben — eine hübſche Probe gegeben, erwartete er feſten Fußes den Angriff. Doch es ſollte anders kommen. Der Engländer fuhr plötzlich mit einem wilden Schrei empor, jedoch durchaus nicht in einer Boxerſtellung, wie er ſie etwa Heenan abgeſehen haben mochte, die Hände fuhren viel⸗ mehr ganz in entgegengeſetzter Richtung nach dem Sitze des Schmerzes, deſſen Ausdruck ſein Geſicht verzerrte. Der junge Mann, der dem Anprall ein ſo uner⸗ wartetes Ziel geſteckt ſah, lachte heiter auf und that dies noch aus vollem Herzen, als ſich der Engländer haſtig gegen den Käfig herumwandte und ſeinen theuren Magot, deſſen Nägel ſich entweder aus Bosheit oder Schreck an ſeinem Herrn vergriffen hatten, mit einer Fluth von engliſchen Worten überſchüttete, die nichts weniger als zärtlich klangen. Selbſt der Kutſcher, der zu dem Eingriffe in ſeine Entſcheidung ziemlich ſcheel geſehen hatte, mußte über den komiſchen Anblick mitlachen und war vollends ge⸗ wonnen, als er erfuhr, daß der junge Mann den Wa⸗ gen nicht für ſich, ſondern für Frau von Hellfried miethen wollte. „Ja, warum haben's das nit glei geſagt...“ meinte er, raſch den Bock beſteigend...„J hab ja nit wiſſen können, daß der Frau von Hellfried ihre Equipage nit da is. Das is ja gar a ſeltne Ehr““ Unbekümmert um den Engländer, ſeinen Affen und ſein Gepäck, fuhr er davon und auf die Gruppe der Damen zu, welcher dadurch eine angenehme Ueber⸗ raſchung bereitet wurde, denn wohl waren alle mit lebhaftem Intereſſe dem Vorgange mit dem Engländer gefolgt, doch konnten ſie nicht ahnen, daß der fremde junge Mann in ihrem Intereſſe den Kampf auszu⸗ fechten bereit war. „Der Herr hat mich geſchickt...“ ſagte der Kutſcher, indem er vom Bocke ſprang, den Hut zog und den Schlag öffnete. Ueber das angenehme Erſtaunen, das ſie empfand, vergaß Frau von Hellfried fürs erſte ganz und gar, dem gefälligen Fremden ihren Dank zu ſagen, und als Va⸗ lerie ſie leiſe daran erinnerte, war es zu ſpät, der Helfer in der Noth war ſpurlos verſchwunden. Mittlerweile wurden die Koffer des Rathes und einiges leichtes Gepäck für die Damen aus dem Schiffe gebracht, und da ſelbſt der Omnibus ſich ſchon in Be⸗ wegung ſetzte, ſo drängte Frau von Hellfried zum Einſteigen. „Sie fahren jedenfalls mit uns, das verſteht ſich...“ ſchlug ſie jede Einwendung von Seite der beiden Herren — —„»— 41 nieder...„Da Sie ſo freundlich waren, uns unter Ihren Schutz zu nehmen, dürfen Sie uns jetzt auch bis Iſchl nicht verlaſſen.“ „Ich bitte Sie, wenn wir in der Schlucht ange⸗ fallen würden...“ fügte Ida, die ihre ganze Mun⸗ terkeit wiedergefunden hatte, ſcherzend hinzu. „Es iſt nur ſchade, daß wir nicht beſſer in der Lage waren...“ lispelte Max, indem er den Damen in den Wagen half und dann ſelbſt höchſt unbeholfen auf den Bock kletterte...„wir konnten ſo gar nichts thun.“ „O wir verdanken Ihnen doch ſo viel Be⸗ ruhigung...“ ſpottete das heitere Mädchen, indem ihre Augen in einem allerliebſten ſchelmiſchen Feuer aufleuchteten...„ein ſo außerordentliches Gefühl von Sicherheit! Es iſt auch ganz natürlich, wenn uns etwas ganz geläufig iſt, ſo fürchten wir es auch nicht mehr. Zum Beiſpiel, ich habe jetzt gar kein Bangen mehr vor nausea.“ Der Rath war weit davon entfernt, das gewor⸗ fene Hölzchen aufzunehmen. Kleinlaut drückte er ſich in ſeine Ecke, nur hoben ſich ſeine Augenbrauen in bedenklicher Weiſe. Die Pferde zogen an. „Wir ſind aber dem Zufalle wirklich Dank 42 ſchuldig...“ führte Frau von Hellfried weiter aus. „daß Sie gerade heute mit dem Zuge ankamen. Im Ganzen wäre es doch äußerſt unangenehm geweſen, von einer Parthie ohne unſeren Begleiter zurückkehren zu müſſen. Es iſt recht unartig von Valerie's Bräu⸗ tigam geweſen, uns derart im Stiche zu laſſen, es war doch abgemacht, daß er mit uns zurückkehren wolle. Es iſt unmöglich, daß Du nichts Näheres weißt, Kind...“ wandte ſie ſich nun zu ihrer Toch— ter...„Ruppert muß Dir doch etwas geſagt haben.“ „Das hat er auch...“ verſetzte Valerie leiſe... „eine ernſtliche Angelegenheit hat ſeine Abreiſe aber⸗ mals nothwendig gemacht.“ „Seine Abreiſe— aber, mein Gott, davon ſag⸗ teſt Du ja bis jetzt noch gar nichts. Was iſt denn geſchehen? Du biſt ſo ernſt, ſo blaß.“ „Liebe Mutter, die Bewegung des Schiffes.“ „Aber ſage doch——“ „Die Mittheilung einer für ſie unintereſſanten Affaire würde unſere Herren langweilen.“ Die Mutter war mit dieſer ausweichenden Ant⸗ wort nicht ganz zufrieden und wollte eben von Neuem in ihre Tochter dringen, als der leichte offene Wagen raſch an dem eingeholten Omnibus vorüberfuhr. Neben dem Kutſcher thronte auf erhabenem Sitze —— — 43 der Engländer, der im Innern keinen Platz mehr ge⸗ funden hatte, auf ſeinem Schooße balancirte er den Käfig und warf wüthende Zlicke auf den bequemen davoneilenden Wagen, der ihm ſo ſchmählich entriſſen worden war. Um ſo harnloſer erfreute ſich der Affe an der weiten Ausſicht, ſah neugierig in den Wagen hinab und blekte vor Vergnügen den Damen die lan⸗ gen Zähne entgegen. „Sehen Sie doch, Herr Doctor, wie freundlich uns der Magot grüßt...“ rief Ida lachend, indem ſie ſich nach dem Außenſitze herumwandte. Max begnügte ſich, durch ein ſehr froſtiges Lächeln zu antworten. Dafür erinnerte ſich Frau von Hell⸗ fried neuerdings des Helfers in der Noth, der des Engländers Fäuſten für ſie den Wagen entrungen hatte. „Unter anderm, Max... rief ſie...„wie iſt's? Sie kennen ja den intereſſanten jungen Mann, der ſo galant gegen uns war.“ „Nur ſo oberflächlich, mir erſcheint er nicht inter⸗ eſſant.“ „Wie heißt er denn, wer iſt er?“ „Sein Name iſt Zeno Rottwyl und er iſt Maler.“ „Wie? Derſelbe doch nicht, von dem im letzten März die Gegend aus dem Albanergebirge im Kunſt⸗ verein ausgeſtellt war?“ — — „Derſelbe.“ „Ja, das iſt ja aber ſehr intereſſant— weshalb ſagten Sie denn früher nichts?“ „Ein bloßer Landſchafter...“ erwiderte der blonde Jüngling, geringſchätzig mit den Achſeln zuckend. Der Wagen fuhr jetzt langſamer, da es bergan ging. Ida, deren Blick ſchon mehrmals gewiſſermaßen erwartungsvoll den Weg vorangeſchweift war, fuhr jetzt plötzlich wie elektriſirt auf ihren Platz zurück. „Ich glaube, da iſt er...“ ſtotterte ſie, als ob ſie auf einer unerlaubten That ertappt worden wäre, einen Augenblick ſpäter tauchte der Maler neben dem Wagen auf, den er vorüberlaſſen wollte, indem er dabei mit abgezogenem Hute die Damen grüßte. Frau von Hellfried grüßte lebhaft zurück und lehnte ſich über den Wagenſchlag in der Abſicht, den Fußgänger anzuſprechen. Sie dankte in verbindlichen Worten für ſeine artige Zuvorkommenheit und erging ſich in lebhaftem Bedauern, daß er nun ſelbſt das Opfer ſeiner Galan⸗ terie und zur Fußwanderung gezwungen ſei. „Wie leid thut's mir, daß ich Ihnen keinen Platz im Wagen antragen kann, Herr Rottwyl.“ „Ich ziehe die Fußwanderung vor...“ verſetzte dieſer dankend...„gewiß, meine Gnädige.“ —— „Das iſt nicht beſonders ſchmeichelhaft für uns...“ ſcherzte Ida, die dabei jedoch über ihre eigene Kühn⸗ heit erröthete. „Ei, mein Fräulein, ich habe die Strafe ver⸗ dient...“ erwiderte der Maler heiter, ſeiner kleinen Widerſacherin warm in's roſige Geſichtchen blickend... „Aber es war von mir durchaus nicht ſo menſchen⸗ ſcheu und damenfeindlich gemeint, als es klang. Ich wollte nur ſagen, daß ich aus Princip die Fußreiſe der im Wagen vorziehe, weil ich nur auf dieſe Weiſe den wahren Genuß an der Natur habe und meine Studien machen kann. Ich fürchte, meine Damen, in Ihrer Geſellſchaft käme mein Skizzenbuch zu kurz und ich ſähe in dem berühmten Traunthale keine andern Schönheiten, als die eben nur heute flüchtig darin weilen.“ „Das haſt nun Du verdient..“ ſagte Frau von Hellfried, in den Scherz eingehend, zu Ida, dann wandte ſie ſich jedoch wieder an Rottwyl...„Aber wenigſtens Ihr Ränzchen und Ihre Taſche könnten wir mitnehmen.“ „Ich danke, meine Gnädige; ich binde mich nicht gern an Tag und Ort, zudem muß ich mein Hand⸗ werkszeug bei mir haben, ich wäre ja ſonſt gelähmt.“ „Nun denn, ſo verſprechen Sie uns wenigſtens, wenn Sie nach Iſchl kommen, uns aufzuſuchen.“ „Wenn ich nach Iſchl komme!“ „Wie, Sie wollten nicht?...“ fragte Ida, hielt aber ſogleich inne. „Aber das iſt ja doch der Weg dahin...“ ſetzte Frau von Hellfried erſtaunt hinzu. „Für den, der auf demſelben weiter geht...“ erwiderte Rottwyl lächelnd. „Nein, nein, das gilt nicht, Sie müſſen kommen.. 4 beharrte Frau von Hellfried eifrig. Im ſelben Augenblicke trieb ein friſcher Luftzug ein blühendes Alpenveilchen, welches der Maler in das Hutband geſteckt hatte, in den Wagen und geradezu auf Ida's Schooß. Jubelnd hob das Mädchen die Blume empor. „Das iſt ein Pfand...“ rief ſie...„ein Pfand, daß Sie kommen; Sie müſſen ſich's holen und ein— 4 löſen.“ „Nun denn, ich werde es holen...“ rief Rott⸗ wyl mit einer eigenthümlichen Miſchung von Fröhlich⸗ keit und Ernſt in ſeinem Tone, indem er gleichzeitig den Schlag losließ, den er bis jetzt gefaßt hatte, um gleichen Schritt mit den heimeilenden Pferden halten zu können...„und ich werde es einlöſen.“ 47 Er ſchwenkte den Hut, denn der Wagen war auf der Höhe angelangt und rollte nun raſch bergab. Alle grüßten ihn noch einmal. Doch im ſelben Augenblicke, als die Pferde an⸗ zogen, flog von einem Felſen oberhalb der Straße, aus einem dichten Gebüſche, ein Strauß von Alpen⸗ roſen in den Wagen und— war es Zufall oder hatte der Werfende ſo geſchickt gezielt— der Strauß fiel Valerien in den Schooß, ſo daß ſie überraſcht empor⸗ fuhr. Es lag die Vermuthung nahe, daß dieſe Blumen von einem der hier an der Straße ſo häufigen Kinder geworfen worden ſeien, deren kleines Gewerbe durch den Heißhunger aller Touriſten nach Alpenblumen einen reichlichen Ertrag gibt; doch vergeblich war alles Ausblicken nach dem kleinen Spender, es ließ ſich Nie⸗ mand blicken, der die Gabe dafür in Empfang genom⸗ men hätte. Die geheimnißvolle Hand blieb verborgen. Als Valerie die Alpenroſen näher betrachtete, da ſah ſie, daß dieſelben nicht friſch gebrochen, ſondern längſt todt, verdorrt und getrocknet waren. Ihre Lider ſanken über die ſchönen Augenſterne herab und das bleiche Antlitz vergrub ſich ſtill in den dürren Strauß— ſie wußte, woher er gekommen. Der Wagen rollte auf der prachtvollen Straße 48 gleichmäßig fort, den ſmaragdenen Wellen der Traun entgegen, die zwiſchen den Felſen ſo munter dahin⸗ rauſchten, wie ein Gruß des Willkommens aus den grü⸗ nen Thälern und von den weißſchimmernden Höhen der Alpen. Dahin ging es durch die herrliche Schlucht des Traunthales mit ihren impoſanten Felsblöcken, den träumeriſchen Nadelholzwäldern, der wonnigen Bergluft und dem duftigen Harzgeruche— dahin durch dieſe Welt von Schönheiten und reizenden Verheißun⸗ gen— aber keins ſprach ein Wort, keins ſah etwas von all der Naturpracht umher. Die beiden Bogner, Vater und Sohn, verharrten in conſequentem Schwei⸗ gen; Frau von Hellfried ſchlummerte ein wenig und die beiden ſchönen Kinder ſaßen ſtill verſunken in ihre Träume und beide ließen ihren Blick auf den Blumen ruhen, auf der aufblühenden Cyclame— auf den geſtorbenen Alpenroſen. IV. Ein retroſpectives Kapitel. Der Maler war auf der Höhe des Weges ſtehen geblieben und ſah ernſter, als es ſonſt wohl in ſeiner jugendfriſchen Natur liegen mochte, dem dahinrollenden und bald um eine Bergecke verſchwundenen Wagen nach, dann erwachte das Auge allmälig aus ſeinem träumeriſchen Hinſtarren, der Blick begann über das zauberiſche Bild hinzuſtreifen, das ſich ihm gerade an dieſer Stelle darbot. Hier neben der Straße der ſchäumende, emſig vor⸗ wärts drängende Fluß, mitten darin der mächtige Felsblock mit dem metallenen Crucifix darauf, weiter oberhalb der gebrochene und über das Waſſer hinge⸗ ſtürzte Baumſtamm, die ſaftig grünen Matten und die in den Farben mannichfach abgeſtuften Sträucher, Tannen Byr, Quatuor. II. 4 —————————— * ———-—V— —— — 50 und Kiefern, durch das Alles in den reizenden Licht⸗ ſpielen der helle fröhliche Sonnenſchein im überraſchen⸗ den Wechſel mit tiefem lauſchigen Schatten, das Alles gab ein feſſelndes Bild, das ſich von den fernen, durch die Schlucht hereinnickenden, duftblauen Bergen als von einem Phantaſie anregenden Hintergrunde abhob. Rottwyl, deſſen geübtes Auge ſich an der Ge⸗ ſammtſchönheit erlabte und doch auch gleichzeitig den einzelnen Lichteffecten und dem ſo harmoniſch ins Ganze wirkenden Detail nachſpürte, hatte ſich auf einen Stein am Wege hingeſetzt, gleichgültig, ob er durch dies Säumniß ſeine Reiſe verzögere oder nicht. Er hatte ſich ja nicht das Wort gegeben, in wo möglich kürzeſter Zeit die wo möglich größte Strecke abzurennen und wo möglich viele Gipfel und Thäler in ſein Ge⸗ dächtniß zu pfropfen, ſei es auch blos mit dem Namen, um das ſtolze Bewußtſein in ſich zu tragen, das Alles geſehen zu haben. Beinahe der ganze Sommer lag vor ihm und er hatte kein Ziel als das, ſich von Laune und Zufall treiben zu laſſen, keinen Zweck als den, zu genießen, zu ſtudiren, zu träumen und ſich an der Natur zu erfreuen. Langſam keuchten die Pferde mit dem Omnibus die Anhöhe herauf, und der Maler hatte ſoeben einen 51 heiteren Blick auf den Engländer geworfen, der jetzt über ſich und ſeinen Affen einen rieſigen Sonnenſchirm von ungebleichter Seide aufgeſpannt hielt, als er ober⸗ halb mit einem Male Tritte in dem bröckelnden Geſtein vernahm und einzelne Steinchen zu ſeinen Füßen herab⸗ rollten. Einen Augenblick ſpäter ſchwang ſich ein Mann an einem Gebirgsſtocke in weitem Bogen auf die Straße herab und ſtand faſt unmittelbar vor dem überraſchten Maler. Der Mann trug ſich im Ganzen beinahe wie Rottwyl, nur ſaß ſtatt des Banditenhutes der grüne Steirerfilz auf ſeinen dunkeln Haaren. Auch an Ge⸗ ſtalt und Größe glichen ſich beide Männer, nur das Antlitz des Künſtlers war jünger und lebensfreudiger, auch fehlte ihm der ſtarke Vollbart, der das ernſte Ge⸗ ſicht des Fremden umfing. Einen Moment lang ſahen ſich beide erſtaunt an, als könnten ſie ihren Augen nicht trauen, dann aber ſprang der Maler empor und ſtreckte dem anderen beide Hände entgegen. „Ruppert!...“ rief er mit einer Stimme, die vor Freude zitterte...„Ruppert, ja, iſt's denn mög⸗ lich?!“ „Zeno— Du hier?!...“ ſprach Ruppert bewegt, aber leiſe und gedämpft, während über ſeine Züge ein Strahl von Freude hinzuckte, der freilich bald genug 4* — 52 92 wieder dem düſteren Ausdrucke von früher wich... „Du alſo warſt es...“ fuhr er fort...„Dul ich konnte Dich nicht erkennen, wie Du ſo neben dem Wagen herſchritteſt.“ „Du warfſt alſo den Strauß, der in den Wagen fiel.“ „Ich that es.“ Ein flüchtiges Roth flog über ſeine Schläfe. „Nun errathe ich aber Alles, gar Alles!...“ rief Zeno jubelnd, dabei wie ein erfreutes Kind in die Hände klatſchend...„Alles!— das war Deine Braut, das ernſte ſchöne Mädchen mit den Madonnen⸗ augen, und Du hatteſt Dich hier verborgen, um ſie zu überraſchen.“ „Es iſt nicht ganz ſo...“ verſetzte Ruppert bitter. „Aber ſie heißt doch Valerie, ſo ſagte mir wenigſtens der blonde Junge mit dem Doktortitel, den er ganz friſch vom Schneider eigens für die Badereiſe erhalten hat und der ihm noch gar nicht auf den Leib paßt. Und Valerie haſt Du ſie mir in Deinem letzten glückſeligen Briefe, der mich noch in Rom traf, genannt. Und ſeither iſt ein richtiges halbes Jahr verfloſſen, während welchem Du über der Liebe Wonne die alte Freundſchaft vergeſſen haſt.“ 53 „Ich habe ſie nicht vergeſſen, mein Zeno, aber es kam jedesmal etwas dazwiſchen, wenn ich Dir ſchreiben wollte— die Stimmungen——“ „Weiß, weiß...“ fiel ihm Zeno ins Wort... „brauchſt Dich auch gar nicht zu entſchuldigen; wäre auch eine ſchöne Freundſchaft, die ſich nicht einmal ohne ſchriftliche Verſicherungen behelfen könnte. Nur die Frauenfreundſchaften nähren ſich von ſolchen Be⸗ theuerungen und ſterben an der Abzehrung, wenn ihnen Tinte oder Papier ausgeht.— Aber weißt Du auch, daß Du ganz verſchollen biſt? Deine Wohnung war verſchloſſen und kein Menſch in der Stadt wußte mir zu ſagen, wohin Dich die Flügel der Liebe trugen. Da führt uns nun der Zufall oder beſſer unſer gutes Geſchick zuſammen, wo ich's am wenigſten denken konnte. Nun freilich, in Iſchl hätten wir uns jeden⸗ falls treffen müſſen.“ Der Maler hatte ſich indeſſen wieder in Bewe⸗ gung geſetzt, und die beiden Freunde ſchritten rüſtig aus. „Wir hätten uns nicht getroffen...“ verſetzte Ruppert mit einem wehmüthigen Kopfſchütteln...„ich gehe nicht dahin.“ „Das verſtehe ich nicht, das iſt doch der Weg?“ „Ich werde ihn in Langwies verlaſſen.“ 54 „Wohin willſt Du aber?“ „Nach Weißenach an den Atterſee hinüber und ich weiß nicht wohin noch.“ „Pah— nonsens und dort fährt Deine Braut, der Du ſoeben die nette kleine Ueberraſchung bereitet haſt.“ „Ich bereue es jetzt auch...“ ſprach Ruppert finſter...„wozu war's? noch ein letzter Abſchied? er war überflüſſig— es iſt doch vorüber— ich hätte dieſem Drange nicht nachgeben ſollen, es war eine Schwäche.“ Der Maler ſah den Freund jetzt prüfend an und war ebenfalls ernſthaft geworden. „Mir iſt's gleich, wohin Du gehſt, ich gehe mit...“ ſagte er nach einer Weile...„Jetzt, wo ich Dich nach ſo vielen Jahren wiederhabe, will ich Dich auch nicht ſo bald verlaſſen.“ „Du willſt mit mir?...“ rief Ruppert und von ſeiner Bruſt hob es ſich wie eine ſchwere Laſt. „Ich meine, Du könnteſt eben einen Gefährten brauchen...“ verſetzte Zeno trocken, aber aus ſeinen Augen leuchtete warme innige Freundſchaft...„und ich bin gleichfalls des einſchichtigen Wanderns ſatt, alſo an den Atterſee und ſo weiter ins Blaue.“ Ruppert drückte dem Gefährten die Hand, eine 5 weitere Antwort verſchlang das Geräuſch des Omni⸗ bus, der ſie eben überholte und auf deſſen Bock der Engländer nicht eben in beneidenswerther Lage bemüht war, Käfig, Handbuch und Paraſol feſtzuhalten, was ihm bei der heftigen Bewegung des Wagens und dem ſcharfen Luftzuge nicht gerade leicht wurde. Die beiden Freunde ſchritten meiſt ſchweigend neben einander her. Der Austauſch ihrer Gedanken beſchränkte ſich auf einige im Ganzen unbedeutende Mittheilungen, zu denen Zeno noch die meiſten Koſten beitrug; aber auch er war bald verſtummt, ein Druck lag auf beiden, den die Gegenwart auf ſie ausübte. Beide fühlten das Bedürfniß, daß Alles ganz klar zwiſchen ihnen werde; aber Ruppert brauchte Zeit, um ſich zu ſam⸗ meln, und Zeno wollte ihm dieſe Zeit laſſen und drängte nicht. Das Vertrauen mußte von ſelbſt kommen, nur ſo konnte das vollkommene Ausſprechen zur Er⸗ leichterung werden. Erſt, als ſie in der Schenke zu Langwies einander gegenüber ſaßen und den trockenen Gaumen mit einem Schluck Wein erquickt hatten, löſten ſich die Zungen wieder. „Ich erſcheine Dir wohl fremd, räthſelhaft, ſchweig⸗ ſam...“ begann Ruppert mit einem ſchmerzlichen Lächeln, dem Freunde die Hand über den Tiſch bietend. 56 „Laß ſein...“ fiel ihm Zeno ins Wort und ſchlug herzlich ein...„ich weiß eine wirkliche Aende⸗ rung in eines Menſchen Weſen und Charakter von einer augenblicklichen Stimmung zu unterſcheiden— im Grunde biſt Du wohl noch immer der Alte...“ und als der Freund den Kopf ſchüttelte, ſetzte er beſtimmt hinzu...„wenigſtens gegen mich.“ „Ja, in der Beziehung bin ich's, weiß Gott, Zeno!“ „Deß war ich ſicher, und wohl auch ſonſt— treu, ehrlich, offenherzig, warm, leidenſchaftlich, ſelbſt hitzig, da haſt Du Deine Photographie und beſſer gemalt, als es das diebiſche Sonnenlicht, das nur Fleiſchcon⸗ touren, aber keine Seelenlinien trifft, jemals vermocht hätte.“ „Es iſt viel anders worden, Freund, auch der Menſch bleibt ſich nicht gleich.“ „Schwere Erfahrungen müſſen über einen Menſchen kommen, wenn die Eindrücke ſo mächtig werden ſollen, daß ſie umformend nicht nur ins Leben, ſondern auch in den Charakter eingreifen.“ „Sie ſind über mich gekommen...“ murmelte Ruppert und fuhr dann nach einer Pauſe fort... „So weißt Du alſo noch, was ich Dir vor einem halben Jahre über meine Verhältniſſe geſchrieben?“ 57 „Als wenn ich den Brief geſtern erhalten hätte. Brachte er ja doch eine ganze Revolution bei mir hervor. Erſt war ich eiferſüchtig auf das unbekannte Mädchen, das mir einen Theil Deines Herzens ſtahl, dann fing ich mir ein Bild zu malen an, von Deiner Valerie— einen anderen Namen zu nennen hatteſt Du ja abſicht⸗ lich oder zufällig vergeſſen. Ich fügte Zug an Zug zu einem idealen Bilde— ich geſtehe jetzt, es war ſehr ſchlecht getroffen, bis auf das blonde Haar, denn davon hatteſt Du ja in Deinem Briefe genügend ge⸗ ſchwärmt. Ich dichtete mir ſogar einen ganzen Roman über Eure Begegnung, über Euer Zuſammenfinden und ſo fort— es wird die Dichtung wohl ebenſo un⸗ richtig geweſen ſein, wie das Bild, und es iſt ganz gut ſo, ſonſt wäre ich jetzt Dein Nebenbuhler, denn in die Heldin des Romans, in das Ideal des Bildes habe ich mich, Dank der fortwährenden Beſchäftigung, am Ende glücklich verliebt.“ „Noch immer der alte heitere Sinn...“ ſagte Ruppert, der unwillkürlich lächeln mußte...„der mit dem Leben ſo leicht fertig wird und um den ich Dich ſchon im Inſtitute immer beneidete.“ „Und der mich zum Bummler durch die Welt, zum Künſtler, wenn Du willſt, befähigt.. 4o) fuhr Zeno halb ernſt, halb ſcherzhaft fort...„der mich 58 aber zum Oekonomen und Politiker, was doch Deine Aufgabe iſt, ganz untauglich machen würde. Deine Stellung in der Geſellſchaft, Deine Zukunft, erfordert ganz andere Eigenſchaften des Temperaments, wie ſie andere Anforderungen an den Geiſt ſtellt. Dein Ehr⸗ geiz hat andere Ziele und Dein ernſter Wille, Dein unbeugſamer Sinn, werden ſie ereichen.“ „Trümmer, Trümmer!...“ ſtieß Ruppert dumpf hervor...„das iſt Alles, was ich errungen. Wie mein altes Haus in Neuhaus ſind auch meine Zu— kunftsträume Ruinen. Mein Vermögen, meine ehr⸗ geizigen Pläne, Glück und Liebe— Ruinen; und ich ein Bettler.“ Zeno ſaß ſtill und betroffen da, aber gewaltſam ſchüttelte er das froſtige Gefühl, das ihn beſchleichen wollte, von ſich ab. „Nun, dann treiben wir's gemeinſchaftlich...“ rief er übermüthig...„ich male die Bilder zu den Räubergeſchichten, Du ſingſt die Lieder dazu, gedruckt in dieſem Jahre, und ſo durchziehen wir die gebildete Welt. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn es uns nicht ein ſchönes Vermögen mit der Zeit ein⸗ brächte, von dem wir dann alte Ruinen wieder auf das Glänzendſte im Style der Hochrenaiſſance auf⸗ bauen.“ 1 *† . —— 59 Der Scherz verfing nicht, Ruppert ſchüttelte abweiſend den Kopf, ohne ſein trübes Schweigen zu unterbrechen, ſo daß Zeno ſich wider Willen von der ernſten Stimmung anſtecken ließ und einen ruhigeren Ton anſchlug. „Freund...“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort...„ich glaube, Du malſt die Gegenſtände auf zu düſterem Untergrunde, deßhalb dunkeln ſie noch ſo ſtark nach, daß Du ſelbſt die wahren Contouren nicht mehr genau erkennſt. Bei etwas ſchärferer und gün⸗ ſtiger Beleuchtung ſtellt ſich gewiß Manches viel freund⸗ licher dar.“ „Du kannſt ſelber urtheilen...“ verſetzte Ruppert und begann nun, entſchloſſen, jede peinliche Empfind⸗ lichkeit, die noch gerne gezögert hätte, zur Seite ſchie⸗ bend, ſeine Mittheilung....„Wie Du wohl weißt, war ich bis vor drei Jahren gänzlich von meinem Oheime abhängig, auf deſſen Veranlaſſung ich ja auch meine Erziehung in Dresden erhielt, wo wir beide unſere Freundſchaft ſchloſſen. Du weißt auch, wie ich nach ſeinem Tode das teſtamentariſch mir vermachte Erbe antrat, jedoch durch die eigenthümliche Clauſel des originellen alten Herrn bis zu meinem dreißig⸗ ſten Jahre abermals unter Vormundſchaft geſetzt wurde.“ 60 „Du haſt mir das Verhältniß nie ganz genau mitgetheilt.“ „So höre, denn es iſt eigentlich der Riff, an dem mein Lebensſchiff geſtrandet iſt. Neuhaus iſt kein Fa⸗ milienmajorat der Morſax, ſondern war Privateigen⸗ thum meines Oheims, der jung verwittwet mich auf⸗ erzog, nachdem meine Eltern, ohne Vermögen zu hin⸗ terlaſſen, geſtorben waren. Jedoch hatte Onkel Rainer eine eigene Vorliebe für die Verwandten ſeiner ver⸗ ſtorbenen Frau behalten, die er abgöttiſch verehrte, weßhalb er auch nach ihrem Tode, obwohl noch jung an Jahren, keine zweite Ehe mehr einging, ſo ſehr ſelbſt mein Vater in edler Uneigennützigkeit ihn dazu drängte. Dieſe verſtorbene Tante war eine Rottenklau und der gegenwärtig lebende Baron Elmar iſt ein Sohn ihres einzigen Bruders, der mittlerweile auch ſchon geſtorben iſt. Elmar hat noch ein kleines Schwe⸗ ſterlein von zehn oder zwölf Jahren, genau weiß ich es nicht, denn ich habe das Kind niemals geſehen. Onkel Rainer hatte nun die beiden Geſchwiſter, die übrigens in ſehr guten Verhältniſſen leben, in ſeinem Teſtamente bedacht, jedoch in der eigenthümlichen Faſſung, daß ſie für den Fall, als ich vor dem dreißig⸗ ſten Jahre kinderlos ſtürbe, Neuhaus erben, im ent⸗ — ——,— 61 gegengeſetzten Falle aber eine Summe als Entſchädi⸗ gung erhalten ſollten.“ „Da iſt ja die Sorge vorbei, denn Du biſt dreißig...“ fiel Zeno, der aufmerkſam zuhörte, ein. „Seit wenigen Tagen, aber es iſt zu ſpät.“ „Wie? zu ſpät, daß Du dreißig wurdeſt? Drängt's Dich ſo ſehr, Deine Jugend los zu werden?“ „Du wirſt mich ſogleich verſtehen. In Folge dieſer Teſtamentsclauſel hielten ſich die Gerichte für verpflichtet, die Sache ſelbſt in die Hand zu nehmen, um das Recht und die Anſprüche der beiden Ge⸗ ſchwiſter Rottenklau zu wahren. Ich zog zwar auf Neuhaus ein, aber mit mir auch ein obrigkeitlich be⸗ ſtallter Verwalter, der unter meinem Curator ſtand, und ſo kam es, daß ich über meine Zeit und die jähr⸗ lichen Erträgniſſe meines Vermögens vollkommen frei und nach Belieben ſchalten konnte, ohne auch nur die geringſte eigenmächtige Maßregel auf Neuhaus durch⸗ führen zu dürfen, ehe ich das dreißigſte Jahr erreicht hatte. Stelle Dir meine Stimmung vor, mit der ich vor drei Jahren den Beſitz antrat. Ich hatte Freude an der Oekonomie, trug mich mit hundert Verbeſſe⸗ rungen, die Schloß und Güter dringendſt bedurften, denn Alles war von Onkel Rainer, der wie alle alten Leute vor jeder Veränderung unüberwindliche Scheu 62 trug, auf das Entſetzlichſte vernachläſſigt worden. Ich ſehnte mich nach einer energiſchen Thätigkeit, nach ei⸗ nem arbeitſamen und erfolgreichen Eingreifen ins Leben. Das Alles ſollte mir verwehrt ſein. Ich ſtand da, wie eine höchſt überflüſſige Verzierung, und war Je⸗ dermann im Wege. Der Verwalter beſorgte Alles, befahl Alles und der Curator revidirte Alles— ich ging nur ſo mit. Wohl luden ſie mich wiederholt und mit der widerlichſten Unterwürfigkeit ein, an den Be⸗ rathungen Theil zu nehmen, meine Wünſche zur billigen Rückſichtnahme zu äußern, neue Einrichtungen zu be⸗ antragen; und einmal verſucht' ich's auch, aber nur dies eine Mal. Was ich ſagte war unhaltbar, tau⸗ ſend Einwendungen ſollten mir die Unmöglichkeit be⸗ weiſen, bewieſen mir aber nur den übeln Willen der beiden, mir in vollkommener Uebereinſtimmung ent⸗ gegenarbeitenden Männer. Ich hatte übergenug an dem Verſuche. Dazu kam noch, daß mir Doktor Na⸗ hodski, der Curator, perſönlich im höchſten Grade widerwärtig war. Obgleich der Mann ſich allgemei⸗ ner Achtung erfreute, ſo konnte man ihm doch ſchon auf den erſten Blick den lauernden, ſinnlichen, hab⸗ ſüchtigen, vor nichts zurückſchreckenden Charakter an⸗ ſehen und es mußte wirklich von ſeiner Seite einer jahrelang fortgeſetzten Heuchelei bedurft haben, um das 63 Vorurtheil zu zerſtören, das ſein Anblick erweckte, und ſelbſt die ſcharfſinnigſten Menſchenkenner zu täuſchen.“ „Iſt das derſelbe Nahodski, von dem ich vor⸗ geſtern in den Zeitungen las...“ fragte Zeno erregt, und als ſein Freund zuſtimmend nickte, rief er heftig .„O, nun wird mir's klar, der Schurke!“ „Nun ja, um kurz zu machen...“ fuhr Ruppert in ſeiner Erzählung fort....„Mich widerte dieſe Exiſtenz an und ich ging nach der Stadt. Damals ſahen wir uns zum letzten Male, denn Du warſt ge⸗ rade im Begriffe Deine künſtleriſche Pilgerfahrt nach Rom anzutreten.“ „Nun begreife ich auch Deine damalige Zurück⸗ haltung.“ „Ja, ich ärgerte mich über das ganze ſchiefe Ver⸗ hältniß, Du warſt voll von Reiſeplänen und ſüdlich colorirten Träumen, ich konnte von Dir nicht fordern, daß Du meinen grauen Jammernebel mit mir durch⸗ wandern ſollteſt, ſo blieb Alles unerörtert. Wozu hätte es auch genützt, Dir die Erbärmlichkeiten mitzutheilen, die nach meiner Anſicht doch nur vorübergehend waren? Es wäre ja im böchſten Grade egoiſtiſch geweſen, Dir eine Sorge mit in den leichten Reiſekoffer zu packen, denn daß Dich die Sache nicht gleichgültig laſſen würde, wußte ich. Beinahe hatte ich Luſt, Dich zu be⸗ —— ,. — —— gleiten, zu thun blieb mir ja nichts. Ein unbedeuten⸗ der Umſtand hielt mich zurück— es galt eine Wahl durchzuſetzen, für die der Termin bevorſtand und bei der es auf jede einzelne Stimme ankam, wenn die liberale Partei nicht unterliegen ſollte. Ich hatte zu⸗ geſagt und überdies war das Intereſſe auf das Leb⸗ hafteſte rege in mir. Doch das iſt gleich, genug, ich blieb in der Stadt und blieb daſelbſt, mit einigen kleinen Ausnahmen, bis vor Kurzem in und mit der Zeit lebend und meine überreichliche Muße mit Studien über Nationalökonomie, Politik u. dgl. ausfüllend. Nun, darüber habe ich Dir ja immer aufs Ausführ⸗ lichſte geſchrieben.— Neuhaus beſuchte ich nicht ein einziges Mal; im Laufe der Zeit hatte ſich meiner eine überreizte Delicateſſe bemächtigt. Ich erfuhr von verſchiedenen Seiten, daß die Rottenklau's und zwar hauptſächlich die Mutter meiner beiden Inteſtat⸗Nach⸗ folger mehrmals über mich Erkundigungen eingezogen hatten. Mein Arzt theilte mir lachend mit, wie er ſchon wiederholt über meinen Geſundheitszuſtand be⸗ fragt worden ſei, und wie ſeine Auskünfte nicht ge⸗ radezu befriedigt aufgenommen worden waren, weil ſie zu günſtig lauteten. Ja, noch mehr, in unſeren Kreiſen verbreiteten ſich auf völlig unbegreifliche Weiſe allerlei Gerüchte. Man fragte mich ſogar, ob ich —yy= 65 in der That geſonnen ſei, Johanniter zu werden, und eine Dame, die ſich in beſonders aufdringlicher Weiſe mütterlich meiner angenommen hatte, warnte mich wiederholt bald vor dieſem, bald vor jenem Mädchen, dem ich vielleicht ein bischen mehr Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt hatte als gewöhnlich. Die treue Warnerin war eine gute Freundin der alten Rottenklau, das weiß ich jetzt.“ „Schändlich! Geſindel iſt doch in allen Schichten der Geſellſchaft daheim!...“ rief Zeno empört aus, ſetzte aber gleich darauf lachend hinzu...„müßte aber ein Hauptvergnügen ſein, dem beſorgten heuch⸗ leriſchen Packe eine tüchtige Naſe zu drehen.“ „Du biſt vielleicht mit Deiner Anſicht im Rechte; auf mich übten alle dieſe Machinationen jedoch einen anderen Eindruck aus. Ich zog mich verletzt zurück, kümmerte mich abſichtlich gar nicht mehr um die Ver⸗ waltung der Güter, wollte nichts wiſſen und nichts hören und gab mir ſelbſt das Wort, unter keiner Bedingung vor meinem dreißigſten Jahre zu heirathen. Als ich mir das Verſprechen gab, war mein Herz frei. Es iſt jetzt etwas über ein Jahr her, daß ich zufällig in das Haus des Banquiers Hellfried kam.“ „Ah!...“ lachte Zeno, da Ruppert bewegt innehielt; doch nur kurz währte die Pauſe, obwohl Byr, Quatuor, II. 5 man dem Erzähler anſah, welche Ueberwindung es ihm koſtete, ſeine Mittheilung ruhig fortzuſetzen. „Einzelnheiten ſind Dir nicht intereſſant— und wenn auch, lieber Zeno, laß mich ſie übergehen, von Wichtigkeit ſind ſie ja doch nicht. Ich liebte das Mädchen, im Anfange bekämpfte ich dieſe Neigung, ſie war aber ſtärker als ich und wurde zur Leiden⸗ ſchaft, von Schritt zu Schritt kamen wir uns näher, kaum könnt' ich Dir's ſagen, wie's geſchah, aber eines Tages traten wir beide vor Hellfried und unſere Ver⸗ lobung ward begangen, ohne daß ein Hinderniß zu überwinden geweſen wäre. Ich Thor, ich Thor hielt das Leben für einen hellen Sonnentag, für eine end⸗ loſe Reihe glückſeliger Stunden— ich Thor! Das Leben iſt ein äffendes Glücksſpiel, das Nieten bringt, wenn——“ „Halt!...“ unterbrach Zeno den Freund mit komiſchem Ernſte„Halt! ſchilt mir das Leben nicht und ergehe Dich nicht in ſo tragiſchen Apoſtrophen an daſſelbe. Das Leben iſt eben das Leben und weder eine Lotterie, noch ſonſt ein als verächtliches Bild ge⸗ brauchtes Inſtitut. Mögen einzelne Epochen immerhin einen herben Beigeſchmack haben, im Großen und Ganzen iſt es doch ſo übel nicht, und willſt Du ſchon einen Vergleich haben, ſo nehme ich den mit einem 67 alten wohlwattirten Schlafrock, der im Anfange neu und ſchön war und ſelbſt am Ende trotz aller Löcher und Flecken noch immer ſo gemüthlich iſt, daß man ihn nicht gern auszieht. Laß einmal abſtimmen in der Menſchheit, ob ſie ſterben will— trotz allen Geſchimpfes wett' ich, die Majorität iſt für's Lebenbleiben und die Minorität verſchwindend klein.“ „Du meinſt? was aber kann denjenigen noch am Leben feſſeln, dem nichts blieb— gar nichts?“ „Wäre ich jetzt empfindlich, würde ich mich nun gleichfalls in mein Schneckenhaus verkriechen— aber ich will lieber annehmen ‚Nichts' ſei nur ein neuer Uebername, den Du mir gegeben, und nichts blieb Dir' iſt eine Redensart für ‚Du habeſt doch noch Dein altes treues Haus, den Zeno Rottwyl.““ „Verzeih' mir, Zeno...“ bat Ruppert gerührt... „es iſt wahr, ich habe Unrecht, aber ich wollte Dir nicht wehe thun und mir iſt ſchlimm zu Muthe.“ „Du haſt mir noch nicht Alles geſagt.“ „Es bleibt nicht viel übrig, freilich iſt's die Ent⸗ ſcheidung. Die Eltern Valeriens dachten Anfangs unſere Verbindung raſch zu ſchließen und zwar noch in den letzten Tagen des Carnevals. Ich erwirkte einen Aufſchub, man beſtimmte einen der erſten Tage nach Oſtern, ich bekämpfte auch dies Project und verlangte 5 ⁵ die Feſtſetzung der Hochzeit auf den vierzehnten Tag nach meinem Geburtsfeſte. Dies dem ſonſtigen Drängen eines feurigen Bräutigams ſo entgegengeſetzte Benehmen mußte natürlich befremden. Den Beweggrund wollte und konnte ich nicht verrathen, der überaus praktiſche Banquier hätte mich verrückt geſcholten. Valerie ſelbſt hätte mir ſicher gezürnt, daß ich die Vollendung unſeres Glückes eines ſo nichtigen Bedenkens wegen hinaus⸗ ſchiebe. Sie hätte vielleicht einen Triumph darin ge⸗ ſucht, daſſelbe zu überwinden. Ich wollte mich all dem nicht ausſetzen und ſchwieg. Hellfried wollte ſich von dem Stande der zukünftigen Heimath ſeiner Tochter überzeugen, er äußerte immer wieder die Abſicht nach Neuhaus zu gehen— ich hinderte ihn daran. Er er kundigte ſich nach den Verhältniſſen, ich gab ihm ober— flächliche Antworten, doch mußte er von anderen Seiten zufriedenſtellende Auskunft über den Ertrag und Werth von Neuhaus erhalten haben. Er warnte mich vor Doktor Nahodski und forderte mich auf, doch ein wenig ſelber in die Dinge zu ſehen, und machte mir ſcherz— weiſe den Vorwurf, ich ſei zu ſehr Grand⸗Seigneur. Ich ließ ihn reden, es überkam mich beinahe ein Lächeln, wenn ich daran dachte, wie wenig Hellfried ſeinen Mann kannte. Wer hat wohl weniger Anlage zum Grand⸗Seigneur als ich?“ 8— 69 „Nun etwas iſt allerdings daran, Freund Ruppert. Unſer Einer aus der großen Schaar hätte vielleicht nicht ſo delicat, ſo feinfühlig gehandelt, aber dafür auch praktiſcher. Der Ariſtokrat ſteckt in Dir.“ „Und das behaupteſt Du? gerade Du? Nein, Zeno, das iſt nicht Dein wahres Geſicht. Du kennſt zu gut meine Geſinnungen und wärſt längſt nimmer mein Freund, hätte mein Herz ſich gewandelt und den alten Vorurtheilen ſklaviſch ſich gebeugt. Es iſt nicht recht, daß auch Du mir Vorwürfe über meine Hand⸗ lungsweiſe machſt, von Dir hoffte ich beſſer verſtanden zu werden.“ „Thuſt Du jetzt nicht wie Immermann's Emeren⸗ tia...“ verſetzte Zeno mit gut gemeintem Spotte... „Und ich bin Dein Buttervogel; aber ſei ruhig, Vor⸗ wurf mache ich Dir keinen, weil ich weiß, daß Du heute ganz genau ebenſo zum zweiten Male handeln würdeſt— das liegt alſo tiefer bei Dir und iſt des⸗ halb incurabel. Mag Dich deshalb auch gerade nicht weniger, ja, ich weiß ſogar nicht, wie es zugeht, aber Deine Eigenheiten haben juſt am meiſten An⸗ ziehungskraft für mich. So und nun, da ich Dich mit mildem Oele geſalbt, darfſt Du ohne Weiteres wieder in Gang gerathen, denn die Spannung iſt meiner Con⸗ ſtitution entſchieden ſchädlich.“ „Du weißt ja den Ausgang.“ „Pah, ſei nicht verſtimmt, ich will auch die Ent— wicklung kennen.“ „Ich hatte die Familie meiner Braut...“ nahm Ruppert den Faden wieder auf, doch nicht ohne bei dem letzten leiſer geſprochenen Worte etwas zu ſtocken .„nach Iſchl begleitet, und je näher der Zeitpunkt unſerer Verbindung kam, deſto leidenſchaftlicher glühte in mir das Verlangen nach unendlicher Glückſeligkeit auf. Ich lebte in einem Fieber. Vor einer Woche brach ich von Iſchl auf und richtete meine Reiſe der⸗ art ein, daß ich am Morgen nach meinem Geburtstage in Neuhaus eintreffen mußte. Keine Stunde vor Ablauf dieſer Friſt, die mich zum unbeſchränkten Herrn machte, wollte ich das Schloß betreten. Schon vorher hatte ich den Curator aviſirt, daß für dieſen Moment Alles zur Uebergabe bereit gehalten werde. Die kurze Zeit bis zur Trauung ſollten mir genügen, Neuhaus zum würdigen Empfange meiner Gattin in Stand zu ſetzen. Alles war ſchon voraus beſtellt und angeordnet, ſo daß die Handwerker mit mir zugleich eintreffen mußten. Nun die mächtige Ueberraſchung magſt Du Dir ſelbſt ausmalen, die meiner wartete.“ „Ich las nur ſo viel in der Zeitung, daß Doktor Nahodski, der zum Vermögenscuratur des jungen Grafen 71 M beſtellt war, mit Hinterlaſſung bedeutender Deficite verſchwunden ſei. Natürlich wußte ich nicht, daß das M. Morſax bedeute, und fragte auch nicht, da mich die Affaire wenig intereſſirte.“ „Dieſe Notiz ſagte Dir das Allgemeine. Mit dem Curator waren auch der Verwalter und alle Bücher verſchwunden. Die beiden Schurken hatten ſo wenig Mühe darauf verwandt, die Inzichten zu verwiſchen, daß nicht einen Augenblick lang der geringſte Zweifel an der verbrecheriſchen Flucht blieb, die ſie ſchon drei Tage vor meiner Abreiſe in Scene geſetzt hatten. Auf meine Anzeige wurde ſogleich nach allen Richtungen telegraphirt, ich zweifle an einem Reſultate, der Vor⸗ ſprung iſt zu groß. Beide ſind gewiß ſchon auf dem Meere, ſie hatten Alles klug genug eingerichtet und von Anfang an mit eiſerner Conſequenz auf ihr Ziel losgearbeitet. Ich will nicht ins Detail gehen, es wird Dir genügen, wenn ich Dir ſage, daß ſie meine ge— ſetzlich ausgeſtellte Vollmacht ſo weit mißbrauchten, die Güter mit den ſchwindelhafteſten Hypotheken zu belaſten, daß blos ein kleiner Reſt aus dem günſtigſten Verkaufe der grenzenlos vernachläſſigten Güter übrig bleiben würde. Kaum verbreitete ſich die Nachricht, ſo fielen alle Gläubiger über mich her und kündigten einſtimmig die Kapitalien. Es bedurfte keiner acht⸗ —.—— —————— 2 7 undvierzig Stunden dazu. Gleichzeitig trat auch die Baronin Rottenklau für ihre Kinder mit ihren An⸗ ſprüchen auf. Das Alles ging in namenloſer Haſt, als hätten ſie alle ſchon auf den Moment gewartet und ſein Eintreten mit Sicherheit vorausgewußt. So bin ich denn ein Bettler, weniger als das,— ſelbſt beraubt, betrogen und doch gleichſam ein Betrüger, denen gegenüber, die in dem Ruine ihre Deckung nicht finden ſollten.“ Zeno war von ſeinem Stuhle aufgeſprungen und ging tief aufgeregt in der Stube hin und her. „Das iſt aber eine ganz niederträchtige Schurke⸗ rei!...“ rief er mehrere Male aus, ehe er nur ſo weit beſchwichtigt war, um auf die Einzelnheiten und die zu ergreifenden Maßregeln zurückzukommen. „Das iſt Alles nutzloſes Bemühen...“ wies Ruppert die verſchiedenen Vorſchläge ſeines Freundes zurück...„Es iſt Alles unausführbar; an eine Wie⸗ dereinbringung der beiden Betrüger iſt kaum zu glau⸗ ben und in anderer Weiſe an kein Aufkommen zu denken; Neuhaus wird auf den Aufſtrich verkauft— ein Ausgleich iſt eine Unmöglichkeit.“ „Armer Freund.“ ſagte Zeno und ſeine Stimme hatte einen ungewöhnlich weichen Klang, als er zu Ruppert herantrat und ihm die Hand auf die — —y— 7 73 Schulter legte...„armer Freund— Dir iſt hart mitgeſpielt, aber halte den Kopf hoch, Du biſt ja ge⸗ wöhnt zu arbeiten, verſuche es nur einmal, es iſt ſo übel nicht, wenn wir uns die Arbeit lohnen laſſen, wenn ſie aus dem Zeitvertreib ſtrenger Ernſt wird. Glaube mir, dann erſt gibt ſie uns volle Befriedigung, füllt unſer Daſein aus und mit dem Selbſtbewußtſein kehrt dann auch die aufrichtige Achtung vor dem that⸗ kräftigen Volke bei uns ein. Bis jetzt hatteſt Du daſ⸗ ſelbe nur in Protection genommen, von nun an ge⸗ hörſt Du ſelbſt dazu. Ich begrüße Dich als Einen aus der ungeheueren Majorität der Menſchheit, die ihren Verpflichtungen nachkommt, nämlich durch Arbeit ſich vorwärts zu ringen, ſich ſelbſt und die Menſchheit; und in dieſem Sinne möchte ich das alte franzöſiſche Proverbe umkehren, es iſt arg mißbraucht, dieſes „Noblesse oblige,“— kehren wir es einmal um und ſagen wir L'obligation ennoblit, die Pflicht adelt, das heißt: inſofern wir ſie erfüllen. Laß Dich nicht niederdrücken, Freund, ein neues Leben beginnt, jeder Verluſt läßt ſich wieder erſetzen.“ „Dieſe pecuniären Verluſte ſind es auch nicht, die mir ſo nahe gehen...“ verſetzte Ruppert kopfſchüt⸗ telnd...„es iſt der weit größere, der daraus er⸗ wuchs und den mein Herz erlitt.“ ——y—— ——— „Menſch, Du biſt ein Weichling!.. heftig...„wenn Du Dir die Trennung von einem Weibe zu Herzen nimmſt, die Dich verlaſſen konnte, weil Du Dein Vermögen verloren haſt. Ihre Pflicht wäre es geweſen, um ſo feſter und treuer an Dir zu halten. Laß fahren hin!... „Nicht ſo...“ unterbrach ihn der Freund ernſt, doch ohne Unmuth...„Du thuſt ihr Unrecht und ſchätzeſt den Charakter dieſes Mädchens zu gering. Es mußte eben ſo kommen, vielleicht trage ich nicht den kleinſten Theil der Schuld.“ „Iſt dem ſo, dann bereue und ſuche die Ver⸗ ſöhnung.“ „Nimmermehr, ich müßte mich ſelbſt verlieren. Siehſt Du genauer in den Hergang, wirſt Du mir wohl ſelber zuſtimmen. Höre mich an und dann ur⸗ theile. Mein erſter Gedanke, nachdem ich zu mir kam, war an meine Braut; ein leiſes Bangen wollte mich beſchleichen, aber ich verbannte es mit Gewalt. Wohl war ſie in der letzten Zeit ſtiller, zerſtreuter geworden, manchmal wollte es mich ſogar bedünken, auch kühler gegen mich, aber an ihrem edlen Herzen wollte ich nicht zweifeln. Es ſtand feſt in mir, ſowohl ihr als ihrem Vater das Wort zurückzugeben, das war ich mir ſchuldig und erſt wenn ſie dieſe Zurückgabe nicht an⸗ .“ rief Zeno 7 n 75 nahmen, wenn die veränderten Verhältniſſe keinen Umſchwung in ihren Geſinnungen hervorbrachten, dann erſt konnte ich mich des Glückes mit voller Beruhi⸗ gung, mit vollem Rechte erfreuen. Es drängte mich dieſe Laſt von mir abzuwälzen und mich von den quälenden, wenn auch noch ſo leiſen Zweifeln zu be⸗ freien. So ließ ich denn durch den Telegraphen den Tag meiner Ankunft melden. Ich war freudig über⸗ raſcht, als mich meine Braut ſchon auf dem Bahn⸗ hofe in Gmunden empfing. Ich hielt es für ein Zei⸗ chen der Liebe und Theilnahme, denn wie ich aus der Begrüßung von Valeriens Mutter entnahm, war ihnen der Schlag, der mich betroffen hatte, ſchon bekannt, Hellfried hatte ihnen die Nachricht mitgetheilt. Daß man mir trotzdem entgegengekommen war, erfüllte mich beinahe mit Dank, ſah es doch wie ein Zeugniß da⸗ für aus, daß ſich in unſeren gegenſeitigen Beziehungen nichts geändert habe. Ich nahm es mit ſtiller Wonne hin. Ich war mit dem Abendzuge angelangt und Frau von Hellfried wollte nicht in der Nacht heim⸗ kehren und gedachte überhaupt am anderen Tage, alſo heute, noch einen kleinen Ausflug an den Offenſee zu unternehmen. Ich war mit Allem einverſtanden. Der See lag ſo ſüß und einladend in ſeinem maleriſchen Bette, daß ich eine Spazierfahrt auf demſelben vor⸗ 76 ſchlug. Valerie war ſogleich einverſtanden und ich be⸗ ſorgte den Kahn; im entſcheidenden Augenblicke aber ſank ihrer Mutter und Schweſter der Muth und ſtatt uns zu begleiten, entſchloſſen ſie ſich den Kalvarien⸗ berg zu beſteigen, nachdem ſie uns noch beſchworen hatten, nur ja nicht zu tollkühn zu ſein und immer recht nahe am Ufer zu bleiben. Valerie und ich, wir fuhren in den See hinaus;— es war eine Fahrt in die Unterwelt.“ Ruppert hielt einen Moment inne, dann fuhr er mit gepreßter Stimme fort: „Sobald wir allein waren, trat eine eigenthüm⸗ liche Spannung zwiſchen uns ein. Ich ſuchte nach der Form meiner Mittheilung und Valerie ſah mich, je länger das Schweigen währte, um ſo befremdeter an.„Valerie', ſagte ich, ‚unſer Hochzeitstag wird wohl abermals verſchoben werden müſſen.’ Ich ſagte es zaudernd und bewegt, mir war, als träfe mich ein Donnerſchlag, da mir bitter und ſcharf die Antwort wurde: ‚Ich hatte es ja erwartet!’— Das war lieb⸗ los und berührte mich ſchmerzlich, doch ſuchte ich we— nigſtens äußerlich meine Ruhe zu bewahren, ich er⸗ klärte ihr, daß ich dieſes neue Verſchieben gewiß am meiſten bedauere, aber daß eine Wendung eingetreten ſei, wie ſie ja ſelbſt wiſſe, das Alles erſt klar werden — ren ner 1 ———— müſſe und daher auch die Verbindung wenigſtens ſo lange vertagt werden ſolle, bis die Geſchäftsverwicke⸗ lung, wie es ihr Vater nennen würde— gelöſt ſei. Noch erbitterter als die erſte Antwort war die zweite: Sie ſei der Meinung, ich betrachte überhaupt dieſe ganze Affaire— unſere Verbindung nämlich— nur als ein Geſchäft! Du kannſt Dir denken, Zeno, wie mir das Blut zum Herzen ſchoß. Mir, mir eine ſolche Antwort— eine ſolche Ausdeutung meiner reinſten Gefühle, ein ſolch verleumderiſches Unterſchieben von Motiven, das war zu viel! In demſelben Augenblick, in dem ich bereit war, auf Alles zu verzichten und ihr das Wort zurückzugeben, einer ſchmählichen, niedrigen, verächtlich eigennützigen Berechnung geziehen zu werden — von ihr ſelbſt geziehen zu werden, das war här— ter als der Tod.— Das war das Mädchen, das ich über Alles liebte, deſſen Glück mir das Theuerſte auf Erden war———! pah!...“ unterbrach er ſich herbe auflachend..„wozu die Emotion? Das Pflänz⸗ lein Wunderhold iſt mit den Wurzeln ausgeriſſen und — vielleicht iſt's beſſer ſo.—“ Ruppert athmete tief auf und führte ſeine Erzäh⸗ lung von da ab raſch, beinahe in hartem Tone zu Ende, während der Freund mit unendlich geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchte. 78 „Ich gab ihr dann ihr Wort zurück, ich habe wohl auch keine ſüßen Worte dabei gebraucht, dann ſagte ich ihr, nach Allem dürfte es wohl das Beſte ſein, wenn wir beide auseinandergehen. Nun auch ſie fand das ganz natürlich. ‚Warum nicht', gab ſie mir zur Antwort.— Du ſiehſt, es ging Alles glatt ab; als wir wieder ans Land ſtiegen, war die Operation voll⸗ zogen, wenn auch ſchmerzlich, ſo doch ohne weitere Gefahr. Noch bis zum Gaſthofe führte ich ſie, dann zog ich höflich den Hut und vorüber war's. Dem Kellner trug ich auf, Frau von Hellfried von einem Unwohlſein zu berichten, das mich befallen habe, das Uebrige überließ ich Valerie. Heute Nacht theilte ich dem Banquier in einem kurzen, aber rückſichtsvoll ge⸗ haltenen Briefe die Beweggründe mit, die mich veran⸗ laßten, zurückzutreten. Der Brief kommt mit ihr gleich⸗ zeitig an,— und ſo iſt's vorbei.“ „Und ſie hat Dich früher geliebt?...“ fuhr Zeno plötzlich aus ſeinen Gedanken auf, in die ihn die Mittheilung verſenkt hatte. „Ich habe es wenigſtens geglaubt.“ Bei dieſer Antwort flog ein helles Roth blitzgleich über Ruppert's Wangen und Stirn, das jedoch ſogleich wieder erloſch, doch genügte es, um Zeno einen Blick ———ÿʒ— in das Herz ſeines Freundes zu gewähren, auf deſſen Antlitz ſein Blick ſcharf prüfend verweilte. „Dann iſt mir Alles viel räthſelhafter, als ehe ich Deinen Rapport gehört...“ ſagte er nach einer Weile...„es erſcheint mir das Ganze wie ein rie⸗ ſiges Mißverſtändniß, deſſen einziges mikroskopiſches Samenkörnchen ich nur nicht gleich zu entdecken ver⸗ mag.“ „Da kann kein Mißverſtändniß obwalten, es iſt Alles nur allzu klar...“ erwiderte Ruppert mit grenzenloſer Bitterkeit...„Ich habe eben ihre Liebe nicht zu bewahren gewußt.“ „Das alte Mißtrauen in Dich ſelber— nein, nein, da ſteckt etwas anderes dahinter.“ „So müßte ich ihr ja ſelbſt niedrige Motive zu⸗ ſchreiben.“ „Nein, da haſt Du ganz Recht. Ich ſah ſie mir lange an heute auf dem Schiffe, noch ehe ich wußte, wie nahe mir das Mädchen ging. Da hab' ich ſie ohne Vorurtheil betrachtet; dieſes Geſicht, dieſes Auge lügt nicht. Der Ausdruck war Schmerz.“ „Du ſagſt, ſie war traurig?“ „Nein— nichts von Traurigkeit lag in ihrem Weſen— der Schmerz ſagte ich, der überwältigende, imponirende, ſtolz getragene Schmerz— das iſt ganz 80 etwas anderes, Freund. Eine Chriemhild iſt nicht traurig. Mir iſt, als müßte ſich da eine Löſung finden, wenn Du nur einen Schritt——“ „Ich habe den allerletzten gethan...“ fiel ihm Ruppert entſchieden ins Wort...„willſt Du mein Freund bleiben, ſo verſuche nicht mehr, mich zu etwas Unwürdigem zu bewegen.“ „Was aber ſoll weiter werden?“ „Du willſt ja mit mir nach Weißenbach.“ „Und dann, was willſt Du dann thun?“ „Du fragſt und haſt mir doch ſelbſt den Weg ge⸗ wieſen. Einen Moment noch für mein Herz, es muß ausruhen, es muß ſtille werden und dann— an die Arbeit!“ V. Noch ein gelehrtes Kapitel. „Das Alles kommt mir ſehr der Quere, ich ge⸗ ſtehe es, aber was iſt da zu machen?...“ ſagte der Banquier von Hellfried am anderen Morgen zu ſeiner Gattin, mit der er ſchon eine ganze Weile über die ſo plötzlich in die Brüche gegangene Hochzeit ver⸗ handelte. „Ich begreife das Kind nicht...“ jammerte die gute Frau...„ich begreife es nicht— ich habe ſchon mit Valerie geſprochen, aber ſie will auch nichts mehr davon hören, obwohl ich ihr geſagt, daß ſich gewiß Alles applaniren laſſe. Sie ſagt nur immer, es iſt vorbei. Die ſchöne Parthie! und alle Wäſche und alles Silberzeug iſt nun ſchon mit der ſchönen Grafenkrone gezeichnet!“ Byr, Quatuor, II. 6 „ 8½ —— — 82 „Da brauchſt Du juſt nicht darum beſorgt zu ſein Höre Alte, es iſt nicht Alles aus damit und eine Toch⸗ ter vom Hauſe Hellfried, die kriegt zehn Grafen für einen.“ Das kleine runde Männlein mit dem künſtlich überfriſirten Kahlkopfe warf die Cigarre zum offenen Fenſter hinaus und ſprang ſelbſt lebhaft aus dem ge⸗ ſchmackvoll gebauten Fauteuil empor, in dem er be⸗ haglich geruht hatte. „Will ſie nicht...“ fuhr er lebhaft geſticulirend fort...„ſo will ſie nicht, das iſt ihre Sache, ich zwinge meine Kinder nicht, das iſt mein Grundſatz, dafür habe ich mich mein ganzes Leben lang geplagt und geſchunden, daß ſie mit ihrem Herzen thun können, was ſie wollen. Sie ſollen die Früchte meiner Arbeit genießen.“ Er hatte dieſe Aeußerung mit ebenſo viel Gut⸗ müthigkeit als Selbſtbewußtſein gethan, und man ſah, daß ſie ihm geläufig war, wie ein Grundſatz, den man bei jeder Gelegenheit mit beſonderer Vorliebe paradiren läßt. Der Banquier war ein Mann, der ſeine Stellung— wenigſtens zum größten Theil ſich ſelbſt verdankte. Zwar beſtand das Geſchäft ſchon von ſeinem Vater her, doch hatte erſt der Sohn die beſcheidenen Verhältniſſe durch ſeinen ſcharfen Verſtand — und ſeine große Schlauheit abgeſtreift und durch raſt⸗ loſe Thätigkeit ein bedeutendes Vermögen erworben. Gleich den meiſten Männern ſeiner Art quälte auch ihn die kleinliche Ambition nach äußerer Auszeichnung, nach Standeserhebung, nach Aufnahme in die exclu⸗ ſiveren Kreiſe der hohen Ariſtokratie, und äußerte ſich in den nicht ſelten ſklaviſchen Formen einer unbegrenz⸗ ten Hyperloyalität. Dieſer wiederholt und auffallend, ſelbſt mit ſcheinbaren Opfern bethätigten Hingebung wurde denn auch die verdiente Anerkennung und das Glück ſenkte ſich zweimal bei außerordentlichen An⸗ läſſen auf das Haus Hellfried herab, indem ſein Chef geadelt und mit einem Orden geziert wurde. In neueſter Zeit war er ſogar von einem kleinen Staate zum Conſul ernannt worden und im Gefolge dieſer Stellung blühten ihm noch mancherlei Ehren und Aus⸗ zeichnungen in der Zukunft. Herr von Hellfried hatte nun ſo ziemlich den Gipfelpunkt ſeiner Wünſche er⸗ reicht und genoß ſein Leben in ruhiger Behaglichkeit, ohne deshalb das Geſchäft aus den Augen zu laſſen. Mit dem Grundſatze über die Freiheit der Wahl ſei⸗ ner Töchter war es ihm vollkommen Ernſt, denn er liebte ſeine Kinder mit mehr Schwäche als Vernunft; doch ganz im Geheimen lebte die Hoffnung in ihm, dieſe Freiheit werde nicht mißbraucht werden, ſondern 6* —y— — die Wahl im Ganzem nach ſeinem Wunſche aus⸗ fallen. Das war denn bei Valerie in der That einge⸗ troffen, und der Banquier wie ſeine Frau wiegten ſich in dem ſtolzen Gefühle, einen echten und richtigen Grafen zum Schwiegerſohne zu erhalten; ſo konnte Herr von Hellfried ſchon weit leichter in den Plan ſeiner Gattin eingehen, die für eine Verbindung ihrer jüngeren Tochter mit dem einzigen Kinde ihrer„innigſt geliebten theueren Jugendfreundin“ ſchwärmte, um ſo mehr, da dieſes einzige Kind zugleich der Sohn einer wiſſenſchaftlichen Celebrität war und dieſe Verbindung alſo doch in einer Weiſe gewiſſermaßen Glanz auf das Haus Hellfried zurückſtrahlte, es war Doctor Max Bogner. Nun da ſchon Alles dem Ziele nahe war, nun kam mit einem Male, gleich einer platzenden Bombe, Ruppert's Brief, und um den Riß vollkommen unheil⸗ bar zu machen, beinahe gleichzeitig die ernſte und ent⸗ ſchiedene Erklärung Valeriens, daß Alles abgethan und zu Ende ſei und man ſie mit näheren Erörterungen verſchonen möge, wenn man ſie liebe. Einer ſolchen Appellation konnte weder Vater⸗ noch Mutterherz wi⸗ derſtehen. Doch fiel es beiden nicht leicht, auf ihren Plan zu verzichten. ———O—— — er — —— „Thut mir nur um den Jungen leid— ja ſo...“ unterbrach Herr von Hellfried den kaum erſt begonnenen Satz...„um den Herrn Grafen, wollt' ich ſagen. Er wäre mir ſo ein Schwiegerſohn ganz nach dem Herzen geweſen. Vornehm, jeder Zoll ein Graf und doch liebenswürdig dabei und nicht im Geringſten ſtolz, von dem urälteſtem Namen und doch von dem neueſten Wiſſen, aufgeklärt und talentirt. Ein Mann von Vergangenheit und von Zukunft, ſo was ich einen Mann aller Zeit nennen möchte. Gelehrter und Cavalier— Cavalier durch und durch, ſogar ein bis⸗ chen allzu ſehr, wie's die jetzige Affaire wieder zeigt— aber das muß ſich noch einrichten laſſen. Pah, ich hätte ihm das Geld gegeben auf Neuhaus und er hätte es aus Neuhaus wieder herausgeholt.“ „Du meinſt alſo, daß er ohne dieſes ruinirt ſei?“ „Ruinirt?— ein Mann wie er iſt nie ruinirt, übrigens ehe Alles rein abgewickelt iſt, kann man da kein rechtes Urtheil abgeben. Bei Gott! Ich bin noch immer bereit, ihm das Geld zu geben, wenn er auch nicht mein Schwiegerſohn wird, aber er wird's nicht nehmen wollen und das iſt ärgerlich, denn in der Welt werden ſie ſagen, der Hellfried iſt ein Filz, er hat die Heirath rückgängig gemacht, weil den Grafen ein Unglück getroffen hat, und Du wirſt ſehen, man läßt uns das merken, das verdrießt mich und ich gäbe ein ſchön Stück Geld dafür, wenn es mir gelänge, die Sache zu ändern. Aber freilich bei Valerie darf man damit nicht ankommen. Ich thue meinen Kindern keine Gewalt an, ſie ſollen vollkommene Freiheit haben in der Wahl———“ „Da kommt unſer Rath Bogner...“ unterbrach ihn ſeine Frau, indem ſie durch's Fenſter auf die parkartigen Anlagen hinauswies, welche die Villa um⸗ gaben. „Der kommt mir jetzt gerade auch unbequem...“ rief der Banquier verdrießlich, indem er ſich eine neue Cigarre anbrannte. „Aber, lieber Hellfried, Du weißt ja. Ich bitte, empfange beide nur recht artig. Es war geſtern ſo liebenswürdig von ihnen; ſie können ja nichts dafür, daß—— und ſoll auch dieſer Eidam noch—— meiner Freundin einziges——“ „Na, ich bitte Dich, ſchwätze mir nur den Kopf nicht voll, es iſt ſchon gut...“ ſchnitt der Banquier kurz ab und öffnete die Thüre, welche auf die Veranda hinausging, um die beiden Beſucher ſchon von weitem zu begrüßen. „Charmante Villa, gratulire, Herr von Hellfried...“ kam ihm der Rath Bogner entgegen...„Villa urbana —y—— ſich aufhielt, die alſo nur zum ländlichen Gebrauche war und etwa unſerem heutigen Meierhofe entſpricht, und der villa fructuaria, wo die Früchte aufgehoben wurden. Ich kann mich der Anſicht des M. T. Varro nicht anſchließen, der es in ſeinem de rea rustica von veho— führen, tragen, bringen, ableitet, weit eher noch von vilis— wohlfeil, gemein, gering, ſchlecht.“ „Wie meinen Sie? Wohlfeil?...“ fragte der Banquier, der im Geiſte überſchlug, was ihm die Villa, die ſein Stolz war, gekoſtet haben mochte und deſſen Geſicht ſich bei den etymologiſchen Auseinander⸗ ſetzungen bedeutend verlängerte. „Ja, gewiß wohlfeil, weil deren Erbauung eben nicht ſo hoch kommt, als die eines Hauſes in der Stadt, und weil es urſprünglich nur gemein, ſchlecht, alſo vilis——— Ahl Recht guten Morgen, freund⸗ liche villica...“ wandte ſich der Rath jetzt an Frau von Hellfried, die er mit ſeinen blöden Augen nicht früher erſehen hatte. „Immer ſcherzhaft, Herr Rath...“ lächelte die Angeredete halb verlegen...„aber eine recht hübſche Abkürzung für Wilhelmine, ich kannte ſie nicht, ge⸗ braucht ſie vielleicht Ihre Frau, meine innigſt geliebte Freundin.“ zum Unterſchiede von villa rustica, wo der villicus 5 zu corrigiren...„Tusculum iſt nur fälſchlich gebraucht. Der Rath riß die Augenbrauen gewaltig in die Höhe, ſo daß ſogar ſeine weit abſtehenden Ohrmuſcheln einen Ruck dadurch erhielten, indeß ſeine untere Kinn⸗ lade verblüfft herabfſiel und den Mund weit öffnete. „So— ja ſo— ja— ja freilich...“ ſtotterte er dann mit einem gezwungenem hölzernen Lachen, hob aber ſogleich wieder docirend ſeinen Zeigefinger mit dem großen Siegelring...„nein, meine Gnä⸗ dige, villica, ſehen Sie, kommt eben von villa— villicus, wird ſelbſt von Cato gebraucht und will ſagen: die Wirthſchaftsbeſorgerin des Landgutes, die Meierin oder auch des Meiers Frau.“ Nun war an Frau von Hellfried die Reihe, ihr Lächeln fallen zu laſſen, da es ihr doch ſcheinen wollte, als ſei die Anrede nicht eben beſonders ſchmeichelhaft. Der Banquier, der ſeine Zimmermiütze nicht bei ſich hatte und dem das Stehen im Zuge der offenen Thüre nicht eben ſtark zuſagte, nöthigte die beiden Bogner in's Zimmer. „Es freut mich recht ſo, wenn Ihnen mein Tus⸗ culum gefällt, aber wollen Sie es nicht auch innen anſehen.“ „Tusculanum, verehrter Freund...“ beeilte ſich der Rath, indem er der Einladung Folge leiſtete, ½ ——— Tusculum iſt das Diminutiv von tus, Weihrauch, wie Sie im Plautus leſen können, oder auch eine alte Stadt in Latium, das heutige Frascati und von die⸗ ſem letzteren daher tusculanus aus Tusculum, dahin gehörig, tusculaniſch daher; rus tusculanum, abgekürzt: tusculanum, ein Landgut dabei, wie auch Cicero hatte, wenn Sie wollen eine Villa, wie dieſe hier, daher auch quaestiones tusculanae, die auch Cicero ſelbſt dispu- tationes tusculanae nennt, weil ſie daſelbſt angeſtellt wurden; ſo berufe ich mich denn in der Schreibart auf Cicero ſelbſt.“ „Ganz richtig, ganz richtig, Tusculanum...“ ſtimmte der Banquier eifrig bei, der nicht gern an ſeiner claſſiſchen Bildung zweifeln laſſen wollte. Der Rath war offenbar noch in der Stimmung in ſeinen etymologiſchen Excurſionen fortzufahren und auf die allgemeine Wurzel tus, ſammt allen ihren Generationen zurückzukommen, als ihm ein heftiger Huſtenanfall ſeines Sohnes das Wort abſchnitt. „Ach, der liebe Max kann gewiß den Tabaksrauch nicht vertragen...“ rief Frau von Hellfried in ihrer Beſorgniß um das„einzige Kind ihrer innigſt geliebten theuren Freundin“ aus. „Ja, warum haben Sie das nicht geſagt?...2 entſchuldigte ſich der Banquier, der ſeine herrlich bren⸗ nende Puros mit einer wahren Märtyrermiene anſah und ſich nur zögernd entſchloß, ſie bei Seite zu legen und ſo unverantwortlich auch zu verderben...„ich konnte nicht ahnen; der Tabak iſt heut zu Tage ſo verbreitet und ein ſo unſchädliches Kraut——“ „Sagen Sie das nicht...“ nahm der blonde ,) Jüngling mit dem Doctorhute beinahe feierlich das Wort auf...„ich würde dieſes unſchädliche Kraut', wie Sie es zu nennen belieben, nie Jemanden erlau⸗ ben, wer auch immer ſeine Geſundheit meiner Obſorge anvertraut. Die Nicotiana von Nicot, der ſie 1560 nach Frankreich brachte, ſo genannt, enthält außer einem flüchtigen Oele zwei tödtliche Gifte— ein flüch— tiges Alkali, das Nicotin, und ein empyreumatiſches Oel. Das Nicotin iſt ſo wirkſam wie die Blauſäure, ein einziger verdunſteter Tropfen beſchwert das Athmen in einem Zimmer ſchon bedenklich. Das empyreuma⸗ tiſche Oel aber, welches ſpeciell beim Verbrennungs⸗ proceſſe erzeugt wird, gleicht ſehr nahe jenem des gif⸗ tigen Fingerhutes, der digitalis purpurea. Bringt man einen Tropfen davon einer Katze auf die Zunge, ſo geräth das Thier ſogleich in Zuckungen und iſt in zwei Minuten todt.“ „Siehſt Du, ſiehſt Du, Hellfried!...“ jammerte ſeine Frau...„ich beſchwöre Dich immer, Du ſollſt — nerte ſollſt —= nicht ſo viel rauchen, Du wirſt Dich noch vergiften mit dem empiriatiſchen Oele.“ „Ich bin ja keine Katze...“ widerlegte der Ban⸗ quier verdrießlich. „Auch die Menſchen werden davon angegriffen und zwar in hohem Grade...“ ſetzte Max nur um ſo eifriger fort...„Je raſcher das Blatt verbrennt und der Rauch eingezogen wird, und je mehr Sie den Speichel zurückhalten, deſto mehr Giftſtoff geräth in Ihren Mund, daher leben auch Leute, welche an ſtarke Cigarren gewöhnt ſind, in einem beſtändigen Zuſtande der Betäubung und narkotiſchen Trunkenheit.“ „Aber davon weiß ich doch gar nichts, und rauche doch lange genug.“ „Die Folgen bleiben nicht aus, auch die ſtärkſte Geſundheit muß untergraben werden, denn der Tabak ſtört die Aſſimilationsverrichtungen, beſonders was die zuckerartigen Stoffe betrifft, das üble Ausſehen ſolcher Raucher und die dunkle oder auch grünlich gelbe Färbung ihres Blutes beweiſt es. Woher auch käme es, daß das Rauchen Uebelkeit, Erbrechen, allge⸗ meines Zittern, Krämpfe, Betäubung, Lähmung, ja ſelbſt den Tod hervorbringt? Ja, ſelbſt den Tod, Herr von Hellfried, ich meine es gut mit meiner Warnung, denn die Wiſſenſchaft kennt Beiſpiele, daß Menſchen —— ſich durch das Rauchen von ſiebzehn bis achtzehn Pfei⸗ fen auf einen Sitz ſelbſt tödteten.“ „Aber, mein Gott, das brächte ich ja gar nicht zu Wege, und dann rauche ich niemals aus einer Pfeife.“ „Um ſo ſchlimmer, Herr von Hellfried, denn der Gebrauch der Cigarre zieht nur allzuhäufig die gefähr⸗ lichſten krebsartigen Uebel des Mundes nach ſich, denn die zu Ende gerauchte Cigarre lagert alle die ſchäd⸗ lichen Stoffe, die ſich während des Verbrennens erzeugt und angeſammelt haben, direct in den Mund ab, wo ſie ſich mit dem Speichel vermengen. Sie werden es ſelbſt fühlen, daß durch das Rauchen Ihr Appetit ab⸗ nimmt, denn Sie ſchwächen damit ſyſtematiſch Ihre Verdauungsorgane. Zu all dem kommt noch, daß das ganze Verfahren für den nicht Theilnehmenden etwas Widerliches und daher geradezu durch die Rückſichts⸗ loſigkeit Beleidigendes hat.“ Der blonde Doctor hielt mit erhabener Würde inne und ſchob ſeine goldene Brille mit großartiger Geſte empor. „Ach, was iſt es doch Vortreffliches um die Wiſſen⸗ ſchaft...“ rief Frau von Hellfried mit einem zärt⸗ lichen Blick der Bewunderung auf ihren künftigen Schwiegerſohn aus...„Man lernt doch immer!“ — 93 äi Der Banquier bewegte ſich unruhig auf ſeinem iih Fauteuil und murmelte etwas von ,‚Friedenspfeife bei den roheſten Völkern.“ ner„Ja, da haben Sie ganz recht, bei den roheſten Völkern und zwar erſt in ſpäterer Zeit...“ nahm b der Rath die Erörterung der Bemerkung auf...„die jr civiliſirten Völker geben Salz und Brod als Zeichen din des Grußes und der Gaſtfreundſchaft, und in früherer hüd⸗ Zeit ſchon galt das Anbieten von Brod oder wohl Kug auch Kuchen mit würziger Obſtfülle als Friedens⸗ und o Freundſchaftsverſicherung.“ nes„Kuchen?...“ fragte Frau von Hellfried neu⸗ al⸗ gierig...„Kuchen mit Obſtfülle?“ Jre„Nun ja, ich hege ſogar ſpeciell die Anſicht, daß das ſchon zur Zeit der Völkerwanderung die heute noch in was Böhmen gebräuchlichen Kollatſchen mit Powidl oder chtz⸗ dergleichen zu dieſer Rolle verwendet wurden.“ .„Aber zur Zeit der Völkerwanderung...“ er⸗ bürde laubte ſich der Banquier einzuwerfen...„das iſt doch tiger ſchon lange her, und Kollatſchen ſind doch ein ſehr civiliſirtes Gebäck, ich aß ſie öfter in früherer Zeit, iſſen bevor wir unſeren jetzigen franzöſiſchen Koch hatten. zätt⸗ Auch meine Eltern hatten eine böhmiſche Köchin, die tigen ſie vortrefflich zubereitete.“ 1“ „Erlauben Sie, Herr von Hellfried...“ verſetzte der Rath, indem er ſeine Augenbrauen, über den un⸗ gewohnten Widerſpruch erſtaunt, emporzog...„aber die eifrigſten Forſchungen haben mich gewiſſermaßen zu dieſer Schlußfolgerung berechtigt. Als ich vor drei Jahren das teplitzer Bad gebrauchte, machte ich wider— holt Ausflüge in das böhmiſche Mittelgebirge, um den verſchwundenen Markomanen nachzuſpüren. Ich ließ auf den Höhen, wo ſich die alten Ringlager befunden haben mußten, fleißig Nachgrabungen anſtellen, und unter den ſonſtigen höchſt intereſſanten Funden, die ich der Akademie der Wiſſenſchaften vorzulegen mir er⸗ laubte, befanden ſich auch zahlreiche Scherben von ge⸗ branntem Tone, durchgehends durchlöchert und auf ein Haar den heute noch in Gebrauch ſtehenden Seih⸗ töpfen und Schüſſeln ähnlich, die zur Bereitung des Pflaumenmuſes verwendet werden.“ „Ja, zum Durchpaſſiren...“ beſtätigte Frau von Hellfried. „Nun alſo, da haben Sie den ſchlagendſten Be⸗ weis, daß Powidl oder Pflaumenmus ſchon in der grauen Vorzeit bekannt war. Ferner frage ich Sie, Herr von Hellfried, ob Sie ſich noch der Beſchreibung des Tacitus vom Cultus der Hertha auf Rügen, jener Inſel im Ocean, wie er ſagt, erinnern? Es iſt Ihnen die Stelle gewiß noch im Gedächtniß, 95 wo er von den Umzügen und den Feſtlichkeiten ſpricht.“ Der Banquier begnügte ſich, pagodenhaft mit dem Kopfe zu wackeln, jeder weitere Einſpruch war ihm abgeſchnitten, denn um keine Welt hätte er geſtanden, daß er ſo wenig von Tacitus als von Hertha wußte. „Es iſt bekannt...“ fuhr der Rath mit dem feierlichſten Ernſte fort...„daß ſich der Oberprieſter bei der Hauptceremonie hinter einem Brode befand, das er vor ſich hielt und das ſo groß war, um ihn ganz zu decken, denn Hertha, die fruchtbringende Erde, erhielt dies Brod zum Opfer, Brod oder Kuchen, wohlverſtanden, ein flacher runder Kuchen, was iſt das aber anders, als eine Kollatſche, ergo Kuchen mit Obſtfülle, denn beides läßt ſich leicht vereinigt denken, Kollatſche mit Powidl; finden Sie nun meine Schluß⸗ folgerung noch zu gewagt?“ Der Banquier murmelte etwas Unverſtändliches und ſeine Frau ergoß ſich in Entzücken, wie belehrend doch der Umgang mit dem Herrn Rath ſei und wie intereſſant ſolche Einblicke in die Vergangenheit ſich geſtalten. „Ich habe das Alles viel genauer und mit Ci⸗ taten belegt in meiner Abhandlung über die Sitten und Gebräuche der Markomanen und Quaden und „ O—— 3 96 deren allmäligen Uebergang in die heutigen Bewohner, ſowie über die Ueberreſte der Vorzeit in Bojohemum ausgeführt, die ich nach jahrelanger Sammlung näch⸗ ſtens dem Drucke übergeben werde, ſobald mir Doctor Nahodski das Manuſtript zurückgeſtellt hat.“ „Doktor Nahodski?...“ fuhr der Banquier über⸗ raſcht aus ſeiner gedrückten Paſſivität empor. „Nun ja...“ erwiderte der Rath mit einem Ton und Geſichtsausdruck, die in eigenthümlicher Weiſe die ſtolze Genugthuung des Gelehrten mit einer rühm⸗ lichen Beſcheidenheit zu verbinden wußten...„Der Menſch kann nicht alles Wiſſen in einem Kopfe ver⸗ einigen und ſo muß ich mich denn im Intereſſe der lernenden Menſchheit dazu verſtehen, mein armes Büch⸗ lein mit fremden Federn zu ſchmücken. Doctor Na⸗ hodski war ſo gefällig, mir die Correctur der vor⸗ kommenden czechiſchen Ausdrücke und ihrer Orthographie zuzuſagen. Das Manuſcript iſt ſchon ziemlich lange bei ihm.“ „Das bekommen Sie nimmer, machen Sie ein Kreuz darüber...“ fuhr der Banquier heraus... „Doctor Nahodski iſt durchgebrannt.“ Der Rath war wie vom Schlage getroffen, dann aber hielt er Alles nur für einen Scherz und es be— durfte der ganzen Beredtſamkeit des Banquiers, um 97 ihn vom Stande der Dinge zu überzeugen; um ſo ge⸗ waltiger war aber hernach auch die Wirkung, welche dieſe Nachricht auf den, im allgemeinen vertrauenden, gutmüthigen Mann hervorbrachte. Entſetzt fuhr er ſich immer wieder durch die blondgrauen Haare, daß ſie ſich ſträubten, wie das elektriſch berührte Fell einer Katze, ſeine Aeuglein rollten verzweifelt hin und her unter dem unheimlichen Wogen der buſchigen Augen— brauen. Ein nervöſes Zittern durchfuhr den hageren Körper, endlich ſprang der erbitterte Mann ganz vom Stuhle auf und raſte in höchſter Aufregung im Zim— mer umher. „Mißbrauch des Vertrauens! Diebſtahl! Raub des geiſtigen Eigenthums!...“ ſo rief er ein über das andere Mal mit kreiſchender ausgehender Stimme. „Meine Abhandlung, meine langjährige Abhandlung, meine langjährige Arbeit, die ganze logiſche Entwickelung, Alles dahin! Lupus raptoris! Tractatus meus raptus! Raptus flagitiosus!“ „Hat er den Raptus?...“ fragte der Banquier leiſe, ſeine Frau mit dem Ellenbogen anſtoßend. „Verſtehſt Du ihn denn nicht?...“ fragte ſeine Frau leiſe zurück. „Natürlich, natürlich!...“ beſtätigte er mit zu⸗ verſichtlicher Miene. Byr, Quatuor. II S — 98 Indeß war der Rath noch immer umhergefahren, jetzt ſtand er mit einem Male vor dem Banquier ſtill. „Ich muß dem ſchändlichen Räuber, dem raptor flagitioso, ignominioso, turpissimo nach.“ „Was fällt Ihnen ein?“ „Halten Sie mich nicht zurück, ich muß ihm nach!“ und in der Stimme des Rathes lag etwas ſo Ent⸗ ſchiedenes, daß der Banquier einſah, wie hier jeder Widerſtand vergeblich ſei...„Auf der Stelle reiſe ich ihm nach Hamburg nach.“ „Weshalb gerade nach Hamburg?...“ fragte der Banquier und Max ſuchte ſeinen Vater mit einem überzeugendem Grunde beizukommen. „Aber, lieber Papa, er muß ja ſchon längſt auf dem Wege nach Amerika ſein.“ „Das glaub' ich kaum...“ widerſprach der Ban⸗ quier, ohne ſich an den neuen Ausbruch des Rathes zu kehren...„dazu ſcheint mir der Mann zu ſchlau. Er weiß recht gut, daß augenblicklich der Telegraph ſpielte und er daher in die größte Gefahr kam, aufgegriffen zu werden, wenn er ſich direct in einen Hafenort begab, während er verhältnißmäßig ſicher iſt, wenn er einige Zeit in einem Verſtecke klug zu⸗ wartet, bis der erſte Lärm vorüber iſt.“ „Sollten Polizeiminiſter werden, minister disci- 99 plinae publicae...“ gab der Rath ſein Einverſtänd⸗ niß zu erkennen...„aber um ſo ſicherer werde ich ihn noch erreichen. Ich gehe nach Hamburg.“ „Sehen Sie nur, aus derſelben Urſache, warum er nicht direct an das Meer geht, meine ich, wird er auch nicht Hamburg berühren. Gerade weil das der gewöhnlichſte und directe Weg für alle Schwindler iſt, um ſo raſch als möglich und ohne große Paßſchwierig⸗ keiten auf ein Schiff zu kommen, gerade deshalb ſind die beiden nicht nach Hamburg und gehen auch nicht dahin, um ſo weniger, als das eine Seeroute iſt, auf der ihnen der Telegraph einen böſen Streich ſpielen könnte, wenn man zufällig entdeckt, wann und auf welchem Schiffe ſie in See gegangen. Hamburger Schiffe legen meiſt in England noch einmal an, ehe ſie den Ocean überſetzen.“ Der Rath hatte aufmerkſam zugehört, aber er ließ ſich nicht überzeugen. Seine Ohren traten vielmehr noch weit mehr nach vorwärts und gaben dem jetzt ſtark roth gefärbten zerfetzten Geſichte ein ungemein obſtinates Ausſehen. „Das ſind bloße Vermuthungen. Opinio, opina- tio, wie Cicero ſagt: in his locis opinio est. Sier ſind ein opiniator, opiniosus, ein Vermuther voller Ver⸗ muthungen, ich bin aber der Meinung— sum hujus 7* 100 opinionis— daß ich den raptor gar nirgends als in Hamburg ereilen kann. Auf der Stelle muß ich fort.“ „Aber, lieber Papa, Du wollteſt ja nach Auſſee, die Fichtennadelbäder gebrauchen und ich——“⸗ „Fichtennadelbäder, ich werde ſie gebrauchen, wenn ich zurück bin. Haltet mich nicht auf, Ihr betheiligt Euch ſonſt an dem entſetzlichen Verbrechen; socius culpae! Ich muß fort. Du, Du, mein Sohn Maxi⸗ milianus, Du bleibſt hier, ich ſtelle Dich unter den Schutz der freundlichen villica. Jeder auf ſeinem Wege, ad altam finem!“ Und als hätte ihn eine Tarantel geſtochen, fuhr er zur Thüre hinaus und ſein verjüngter Abdruck folgte ihm, nachdem er ſich höflich empfohlen und verſprochen hatte, die Reiſe womöglich zu verhindern. „Au contraire, ſoll reiſen, meinetwegen an den Nordpol!...“ rief der Banquier, ſobald der blonde Doctor ebenfalls das Gemach verlaſſen hatte...„Der Kopf iſt mir wie eine Tretmühle, die Kollatſchen und der Tacitus, die villica und Tusculum oder nein, Tusculanum, Powidl und Nicotin, Mundkrebs und Markomanen. Pah! Da könnte einem der Verſtand ſtehen bleiben und wenn er nicht reiſt, ſo fahre ich morgen früh in die Stadt zurück, direct in mein Comp⸗ toir— und das ſoll eine Badeerholung ſein! Ach à in ort 6 ſſee, enn ligt eius axi⸗ den nem uhr gte hen 101 geh...“ fuhr er ſeiner Gattin lebhaft ins erſte Wort, das ſie ſprechen wollte...„laß mich mit Deiner innigſt geliebten Freundin und deren hochgelahrten Gatten in Ruhe. An den Nordpol, an den Nordpol in Gottes Namen ſammt ſeiner Abhandlung über Czechen und Quaden.“ Indeß der Banquier noch wie eine Billardkugel in der Quart umherrollte, öffnete ſich leiſe die Thüre nach den innern Gemächern und ein Diener trat ein, ein Schreiben auf einer Taſſe präſentirend. „Der Herr ſagt, er wolle warten...“ meldete er...„er ſitzt draußen in der Veranda.“ „Was will er?..“ fuhr der Banquier auf. „Weiß nicht, ſieht aber anſtändig aus, muß ein Engländer ſein.“ „Vielleicht der Engländer mit dem Affen!... rief Frau von Hellfried entſetzt aus. „Was? Ein Engländer mit einem Affen? Das ginge mir noch ab.“ Dabei hatte der Banquier das Couvert raſch auf⸗ geriſſen und das Schreiben überflogen. Es war ein Creditbrief von Rothſchild in London an ſein Haus für„the must honourable and respectable James Temple Norton Esquire“ bis auf zweitauſend Pfund 77 102 Sterling. Der Banquier ſah etwas beruhigter aus, doch murmelte er immerhin noch verdrießlich: „Nehmen hier gar keine Creditbriefe an— mag ſich an die Firma wenden— bin hier Privatmann, reiner Privatmann, villicus, wie der Herr Rath ſagt.“ Das letztere begleitete er mit einem boshaften Auflachen, der Diener aber zuckte die Achſeln. „Er will entſchieden warten, bis er vorgelaſſen wird...“ ſagte er...„und es hat ganz den An⸗ ſchein, als wolle er im Nothfalle bis Abends ſitzen bleiben.“ „So laß ihn in— in— Gottes Namen ein...“ rief der Banquier und verſenkte die Fäuſte trotzig in die Taſchen ſeiner Beinkleider. Frau von Hellfried aber verließ ihren Gatten, in deſſen Geſchäfte ſie ein für alle Mal keinen Einblick hatte. Die Thüre nach der Veranda öffnete ſich und Sir James Temple Norton trat gravitätiſch, aber höflich grüßend ein, und zwar ohne ſeinen Affen. „Womit kann ich dienen?...“ empfing ihn der Banquier in der gewohnten Weiſe, doch ſich raſch ſeines momentanen Privatdaſeins erinnernd, ſetzte er hinzu: „Ich muß Sie jedoch aufmerkſam machen, mein Herr, daß Sie ſich betreffs des eröffneten Credits an das Haus Hellfried in Wien wenden müſſen.“ Oh, ik ueiß..“ gab der Engländer zur Ant⸗ wort...„Aber Sie ſind Chef von der Haus.“ „Allerdings...“ verſetzte der Banquier mit merk⸗ licher Ungeduld...„doch pflege ich mich hier durch⸗ aus nicht mit Geſchäften zu befaſſen.“ „Oh, ik ueiß! Ik verlange durchaus kein Geſchäft von hier.“ „Nun dann weiß ich nicht.— Sie haben mir doch Ihren Creditbrief übergeben laſſen...“ und da⸗ bei überreichte der Banquier das koſtbare Document wieder dem Eigenthümer, der auch diesmal gleichmüthig erwiderte: „Oh, ik ueiß! Ik habe Ihnen der Brief nor ge⸗ ſchickt, damit Sie ſehen, mit uem Sie zu thon.“ Der Banquier verbeugte ſich ſehr geſchmeidig, ſein Antlitz nahm wieder ſeinen gewöhnlichen jovialen Aus⸗ druck an und er beeilte ſich dem ſehr Ehrenwerthen einen Sitz anzubieten. „Sie darf nikt glauben...“ fuhr dieſer der Einladung Folge leiſtend fort...„daß ik in Ver⸗ legenheit von Geld. Ik bin verſehen. Ik uollte Sie nor beſuchen.“ Der Banquier verbeugte ſich noch einmal und weit tiefer vor den ihn beſuchenden zweitauſend Pfun⸗ den Reiſecredit. 104 „Sehr ſchmeichelhaft...“ erwiderte er.. ſchmeichelhaft, aber ich begreife nicht——⸗ „Oh, ik ueiß!...“ half Sir Norton dem Ban⸗ quier aus der Verlegenheit...„aber Sie haben eine ſehr hübſche Villa.“ „Ja wohl, ja wohl...“ verſetzte der Banquier, in dem jetzt ein Verdacht aufſtieg...„aber ich bin nicht Willens, ſie zu verkaufen, um keinen Preis,— ich habe eine beſondere Affection für das Haus, das ich mir ſelbſt gebaut.“ „Oh, ik ueiß, ik uill der Haus nikt kaufen.“ Der Faden ging dem Banquier aus, in einer gelinden Verzweiflung ſprang er darum plötzlich über und fragte den Allwiſſenden, wie lange er ſich in Iſchl aufzuhalten gedenke; er athmete völlig auf, als er diesmal ein„Ik neiß nikt... bekam. .„ſehr zur Antwort „Das hängt ab, uie es mir gefällt...“ ſagte der Engländer. „Dann darf ich Ihnen wohl meine Dienſte an⸗ bieten, wenn Sie die Umgegend beſuchen wollen.“ „Ik uill nikt, ik beſuche nor Sie.“ Der Banquier verbeugte ſich abermals, weil er nichts Beſſeres zu thun wußte, und fügte ziemlich un— ſicher hinzu: ſehr 105 „Dann darf ich alſo hoffen, Sie öfter bei uns zu ſehen, wollen Sie uns vielleicht morgen die Chre ſchenken, einen Löffel Suppe mit uns zu eſſen?“ „Uie meinen Sie einen Löffel?“ „Nun, ob Sie morgen bei uns diniren wollen — vorausgeſetzt, daß Sie nichts Beſſeres zu thun haben.“ „Ik bin in der Abſicht. Ik habe nikt Beſſeres zu thon.“ „Nun das freut mich...“ rief der Banquier, doch blieb es zum mindeſten ſehr zweifelhaft, ob der Ausruf der Zuſage oder dem Aufſtehen ſeines Beſuches galt, der Miene machte, ſich zu entfernen...„das freut mich wirklich!“ „Oh, ik ueiß!...“ entgegnete der ſehr Ehren⸗ werthe mit derſelben unerſchütterlichen Ruhe, die er während des ganzen Geſpräches beibehalten hatte, und ohne ein weiteres Wort empfahl er ſich. Kaum hatte der Banquier die Thür hinter ihm geſchloſſen, ſo richtete er ſich aus der geſchäftsmänniſch höflicheun Verbeugung raſch empor, fuhr ſich erſt mit beiden Händen leiſe über die wohlfriſirte Glatze hin, ſtreckte dann beide Arme wie ein Zeichentelegraph von ſich und rief ſtark puſtend, halb ärgerlich, halb mit einem verzweiflungsvollen Lachen aus: 106 „Puh!— Narren, lauter Narren, eine ganze Narrenmenagerie!— ein Narrencollegium!“ Und wäre der Rath nicht ſchon im Gaſthofe und eifrig beſchäftigt geweſen, ſich zur Abreiſe zu rüſten, dieſem letzten Ausrufe hätte er gewiß beifällig zugeſtimmt mit der Erläuterung: „Tres faciunt collegium—“ VI. Ein Kapitel der Ueberraſchungen. Die Villa des Herrn von Hellfried verdiente in der That die Lobſprüche, die ihr ſowohl Rath Bogner als auch der Engländer zu Theil hatten werden laſſen, und wenn auch Beide im Geſchmack eben nicht allzu— ſehr urtheilsberechtigt waren, ſo wurde doch ihre Aeußerung von aller Welt beſtätigt, und nur hin und wieder ein neidiſcher Architekt, der an keinem ſeiner Kollegen ein gutes Haar ließ, oder einer jener Kritiker, denen weder der Herrgott im Himmel noch die Men⸗ ſchen auf Erden etwas recht machen können, und die ſchon deshalb Alles ſchlecht finden, weil ſonſt die Kritik aufhören müßte, boshaft zu ſein, und ſie im verbitten⸗ den, ſtachelnden Gefühle ihrer Unmacht doch nur zum Kritiſiren taugen— nur einer von dieſem Höllenkreiſe 108 der Neidiſchen trat je zuweilen dem allgemeinen Ur⸗ theile entgegen. Der Banquier hatte keine Koſten geſcheut, und ſo war nach dem Plane eines anerkannten Meiſters ein zierliches und dabei doch geräumiges, wohnliches Häuschen im Phantaſie⸗Schweizerſtyle erſtanden, das auf einer ganz leichten Anſchwellung des Bodens mit⸗ ten in einem Parke lag, der ſelbſt ſchon eine Anhöhe hinanzog, ſo daß man von der Villa aus die pracht⸗ vollſte Ausſicht über das ganze herrliche Thal hin ge⸗ noß und andererſeits auch das Haus ſchon von ziem⸗ lich weit her geſehen werden konnte, in der ganzen Anmuth ſeiner phantaſievollen, das Bunte harmoniſch einigenden Architektur. Von einem wirklichen Parke war eigentlich keine Rede, doch konnte man die Anlagen ebenſowenig einen Garten nennen. Sie wahrten im Ganzen mehr den ländlichen Charakter, denn zwiſchen den Boskets und den feingekiesten Wegen ragten aus den Raſenplätzen nur einzelne ſchöne Bäume auf, und erſt ganz in der Nähe des Hauſes auf der Seite der Veranda waren in das ſaftige, volle Grün ein paar kleine Beetchen von Pelargonien, Geranien, Penſee's und Flox wie zierliche Blumenkörbchen eingeſtreut. Zur Veranda ſelbſt ſchritt man einige ſehr breite Stufen hinan, die auf 109 einen ziemlich großen, mit zierlicher Steinmoſaik aus⸗ gelegten Vorplatz führten, von welchem ein Theil durch Säulen, verſchiebbare Glasfenſter und Marquiſen abgeſchloſſen war. Sowohl die Terraſſe als auch die Veranda waren mit zahlreichen, gleich ausſehenden Tiſchen, Stühlen und Bänken möblirt, nur daß unter Dach das Mate⸗ rial hiezu Rohr, im Freien dagegen Eiſen war. Der ganze eben nicht allzugroße Beſitz war mit einem leben⸗ digen Zaune umhegt, der jedoch ſo glücklich maskirt war, daß man von der Villa aus dieſe verhältniß⸗ mäßig nahen Grenzen ebenſowenig wie das Thor zwi⸗ ſchen den beiden Granitſäulen, das tagsüber ſtets offen ſtand, wahrnehmen konnte. Vor dieſem Thore hielt jetzt an einem ſchwülen Juliabend Herr Rottwyl und ſah nachdenklich vor ſich hin auf den breiten Kiesweg, der beiderſeits von hohen Gebüſchen eingeſchloſſen war, und ſchon nach einigen Schritten eine ſcharfe Wendung machte, ſo daß jeder neugierige Einblick verwehrt blieb. Nicht daß er gezweifelt hätte, ob er überhaupt eintreten oder wieder umkehren ſolle, an das Letztere dachte er nicht, es war ein reiflicher Entſchluß, der ihn hieher geführt hatte, der feſte Wille, in irgend einer Weiſe ſeinem Freunde nützlich zu werden und— viel— — 110 leicht auch ein ganz leiſer magnetiſcher Zug, dem er unwillkürlich Folge leiſtete, ohne es ſich geſtehen zu wollen. Immerhin deckte der Vorwand auch dieſe Regung. Beinahe drei Wochen waren verfloſſen, ſeit er den Wagen im Traunthale davonrollen ſah, ſeit er ver⸗ ſprochen hatte, die Familie des Banquiers zu beſuchen, und ſeit er dann den Freund ſo unvermuthet fand und mit ihm von der erſten Reiſeroute ablenkte. Geſtern erſt hatten ſie ſich wieder getrennt und nun, wo Zeno im Begriff ſtand, ſeine Zuſage zu erfüllen, da hielt er noch einmal zaudernd an, eine eigenthümliche Empfin⸗ dung war über ihn gekommen, wie ſie zu Zeiten den Menſchen erfaßt, wenn er ſich vor einem neuen Ab⸗ ſchnitte ſeines Lebens befindet, obwohl ihm das noch durchaus nicht klar vor Augen liegt. Es iſt das in⸗ ſtinktive Gefühl von der Wichtigkeit eines Schrittes, den man zu thun im Begriff ſteht und an den ſich eine unabſehliche Folgenreihe knüpft, deren entſcheidende Einwirkung auf das ganze Daſein ſomit ſcheinbar an den freien Willen des Menſchen und ſeinen Entſchluß zu dieſem erſten Schritte geknüpft iſt. Drei Wochen und er hatte das freundliche helle Augenpaar, ſo kurz der Blick war, noch nicht vergeſſen. Drei Wochen der Streiferei, der Arbeit, des Naturge⸗ 414 nuſſes, der Freundſchaftsergüſſe und der Duft des ſo ſchalkhaft entführten Cyklamens umwehte ihn noch und hielt ſeine Sinne träumeriſch befangen. Da ſtand er nun, wie ſollte er Alles finden?— Kam er ungelegen, kam er als Fremdling? War er vergeſſen? Würde die Miſſion, die er ſich ſelbſt gege⸗ ben, gelingen? Was lag Alles vor ihm, ſobald er dieſe Schwelle überſchritten hatte? Während er noch ſo ſann und erwog, hörte er aus der Ferne plötzlich ein Kreiſchen, Lachen und dann heftige, beinahe wildklingende Schreie. Ueberraſcht und neugierig war er eben im Begriffe, durch die Pforte einzutreten, als ſchon der Lärm ganz in ſeiner Nähe erſcholl. Ein Schatten, eine Bewegung, ein blitzſchneller Sprung— im Moment tauchte eine kleines Scheuſal vor dem Maler auf, ſchlug ſich aber, erſchreckt durch die Begegnung, ſogleich bei Seite in den Buſch, einen Augenblick ſpäter flog es wie ein Gummiball über die Hecke und lief und kollerte über die abhängige Wieſe dahin. Halb mit Vergnügen folgte Zeno's Blick den ge⸗ lenkigen Bewegungen des gewandten Flüchtlings, als auch vor ihm ſchon die puſtende Geſtalt des ſehr ehren⸗ werthen Sir James Temple Norton in athemloſem Laufe aus dem Gebüſche auftauchte. „Coco, Coco!...“ brüllte er aus Leibeskräften, ohne jedoch durch dieſen Schmeichelnamen auch nur die geringſte anziehende Wirkung auf ſeinen getreuen Lieb⸗ ling auszuüben. Der Affe eilte nur noch raſcher vor⸗ wärts. „Uarum Sie haben ihn nicht gehalten?...“ rief er zürnend dem Maler zu;„uarum hinausgelaß?“ Die kleine Regung von Aerger hatte Zeno ſogleich verwunden, und mit behaglichem Lachen über die ganze komiſche Situation erwiderte er, den Engländer karika⸗ tirend:„Ueil ik nikt Ihr Affenwärter, Sir.— Uebri⸗ gens...“ ſetzte er hinzu,„hat er mich gar nicht ge⸗ fragt. Maſter Coco ließ mich ungeſtört im Beſitze der Pforte und voltigirte auf eigene Fauſt über den Zaun.“ Sir Norton hörte den Schluß nicht mehr; mit einem wüthenden Blick auf den muntern Spötter war er an dieſem vorübergerannt und ſetzte ſeine Verfol⸗ gung unter dem furchtbarſten Hebrülle gegen den Bade⸗ ort hin fort. Zeno ſah noch einen Augenblick lang der komiſchen Jagd nach und wandte ſich dann kopfſchüttelnd der Villa zu, von wo er noch immer in kurzen Abſätzen das glockenhelle, kindliche Lachen vernahm. Und jetzt bei einer zweiten Biegung des Weges ſah er mit einem Male den Schauplatz vor ſich, von welchem Flucht —— ⸗ 4a¼⁶¼¾4¼ʃʃ und Verfolgung offenbar ihren Ausgang genommen hatten. Mitten auf einem friſchgrünen, aber niedergetrete⸗ nen Raſenplatze ſtand eine Schaukel aufgerichtet, auf deren Sitz das blonde, roſige Mädchen ſaß, deſſen Bild ihm erſt noch ſo lebhaft vorgeſchwebt hatte. Doch war die Wirklichkeit noch weit zauberhafter, als die Erin⸗ nerung zu malen verſtand. Das herrliche Kind, in einem leichten weißen, der Länge nach hellblau geſtreif⸗ ten Kleide, umſchlang mit einem Arm das ſtraffe Seil und gab ſich der leiſen Bewegung hin, indem ſie nur von Zeit zu Zeit mit der ſchmalen Spitze des nied⸗ lichen Füßchens im Vorbeiſtreifen vom Boden abſtoßend der Schaukel einen leichten Schwung gab. Das lieb— liche Köpfchen war zur Seite an das umfangene Seil gelehnt und ein übermüthiges Lachen hielt den roſigen Mund geöffnet, ſo daß die weißen Zahnreihen voll und blinkend zu ſehen waren. Das Bild war ſo verlockend, ſo alle Sinne mit einem Male übermächtig gefangen nehmend, daß es Zeno einen Moment lang war, als müſſe und müſſe er vorwärts ſtürzen, das liebe Mäd⸗ chen inbrünſtig umarmen und dieſen ſüßen offenen Mund mit einem herzinnigen Kuſſe auf Minuten und Minuten verſchließen. Es koſtete ihm keine kleine Ueberwindung, dieſer Byr, Quatuor, II. 8 regte zuerſt Valerie's Aufmerkſamkeit und auf ein war⸗ 114 heftigen Verlockung zu widerſtehen. Doch kam ihm die Bemerkung zu Hülfe, daß ſie Beide nicht allein waren, ſondern ſich noch Ida's ältere Schweſter anweſend be⸗ fand. Valerie, in einem einfachen, zu ihrem ernſten Antlitz paſſenden Kleide von roher Seide, ſaß auf einer Gartenbank von ungeſchälten Birkenſtämmen und fächelte ſich mit dem großen Blatte einer Catalpa Kühlung zu; ſelbſt ſie war momentan durch die große Heiterkeit ihrer Schweſter und wohl auch durch den eben erlebten Vorfall heiter angeregt, doch entging dem ſcharfen Auge des Malers die tiefe Bläſſe des Teints und der ſcharfe Zug von Schmerz und Feſtigkeit nicht, die ihm ſchon bei ihrem erſten Anblick auf dem Schiffe ſo eigenthüm⸗ lich aufgefallen waren und die ihm ſeither eher noch geſteigert als gemildert ſchienen. Umgeſtürzt lag zwiſchen Beiden der zierliche Affen⸗ bauer mit weit offener Thüre. Einige Zeit noch blieb der Maler ruhig ſtehen, als wolle er dies köſtliche Bild, das einer meiſterhaften Schöpfung Watteau's glich, ſeinem Gedächtniſſe feſt einprägen; endlich riß er ſich von dem Anblicke los und zerſtörte den Zauber durch ſein Vortreten. Das Geräuſch ſeiner Schritte auf dem Kieſe er— —, n⸗ r⸗ 115 nendes Wort von ihr blickte auch Ida auf, ein leiſes „Ah!“ entfuhr ihren Lippen, eine helle Purpurwolke legte ſich plötzlich über das eben noch ſo kindlich frohe Geſichtchen, und blitzſchnell glitt die Elfengeſtalt von der Schaukel. Nur einen Moment währte die Unent⸗ ſchiedenheit, was ſie eigentlich beginnen ſolle, dann aber ſiegte das frohe, offene Naturell, und einige Schritte dem Beſuche raſch entgegentretend rief ſie ihm freundlich zu:„Nun, Herr Rottwyl, Mama wird ſich freuen, aber wahrlich wir hätten Recht, Schiller zu citiren.“ „Wenn das nicht zu ſchmeichelhaft für mich klänge“, verſetzte Zeno, indem er die ihm liebenswürdig gebo⸗ tene Hand herzlich ergriff und dabei einen Blick in des Mädchens Auge that, dem es zwar nicht auswich, aber doch nur feucht und ſcheu begegnete. Ida erhielt jedoch ſogleich ihre Unbefangenheit wieder.„In dieſem Falle“, rief ſie ſcherzend,„müſſen wir uns freilich in Acht nehmen— ein Künſtler iſt leicht verwöhnt.“ „Meinen Sie? Ich ſage Ihnen aber, mein Fräu⸗ lein, es iſt ganz gehörig dafür geſorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen und daß Unſereiner vor Hochmuth gerade nicht berſte.“ Zeno begrüßte nun auch Valerie, die ſich ebenfalls 8 116 erhoben hatte und ihm höflich die Hand bot, wie einem älteren Bekannten. Er fühlte, daß ihm dieſe Gunſt von der ältern Schweſter nur gewährt ward, um den un⸗ gewöhnlich freundlichen Empfang der jüngern Schwe⸗ ſter dem Fremden gegenüber nicht ſo auffallend erſchei⸗ nen zu laſſen. Mit einem eigenthümlichen Blick, als wollte er die geheimſte Stimmung ihrer Seele ergrün⸗ den, faßte er ſie in's Auge. „Wir erwarteten Sie in der That früher, Herr Rottwyl“, äußerte ſie leichthin;„da wir Sie damals auf dem Wege nach Iſchl glaubten.“ „Eine Begegnung hielt mich auf.“ „Ei, eine Begegnung, nicht der weite Weg“, neckte ihn Ida mit einem halb ernſt halb ſcherzhaft gemeinten Schmollen.„Nun ja, ein kurzes Ständchen an der Straße, ein verplaudertes Viertelſtündchen, ein ganz unbedeutender Aufenthalt von— drei Wochen, wäh⸗ rend welchem Sie uns— welch' ein Wunder! doch nicht vergeſſen haben.“ „Es wäre eine große Eitelkeit von mir, wenn ich glaubte, dieſen ſchmeichelhaften Vorwürfen gegenüber mich wirklich vertheidigen zu müſſen. Vielleicht hatte ich ſogar Unrecht, Ihre damalige liebenswürdige Ein⸗ ladung ernſtlich zu nehmen.“ 417 „Pfui, das iſt abſcheulich!“ ſchalt Ida; raſch ſetzte ſie hinzu:„Mama meint's immer ehrlich.“ „Ich wurde ja auch von Ihnen eingeladen“, ſcherzte Zeno.„Uebrigens konnte ich meinem eigenen Wunſche, dieſer Einladung Folge zu leiſten, leider nicht eher genügen“, ſetzte er aufklärend hinzu, als Ida ihr Geſicht beleidigt abwandte, um ein abermaliges Erröthen zu verbergen.„Kurz nachdem ich Ihnen mei⸗ nen letzten Gruß nachgewinkt hatte, fand ich einen Freund, den ich jahrelang nicht mehr geſehen hatte. Er war ſchmerzlich ergriffen, ſein Herz blutete noch an einer friſchen Wunde, ich hielt es für meine Pflicht, bei ihm zu bleiben und mit ihm das Gebirge zu durch⸗ ziehen, bis er wieder Kraft gefunden, voll ins Leben einzutreten.“ Zeno hatte das ſo ernſthaft, ſo eigenthümlich à Padresse geſagt, daß Valerie ſich wie von einem Hauche myſteriöſer Ahnung angeweht fühlte. Zeno, der ſie prüfend betrachtete, konnte deutlich bemerken, wie ſein Pfeil getroffen: an dem marmorgleichen Erſtarren ihrer edlen Züge und an dem plötzlichen Zurücktreten des Blutes ſogar aus den feinen, faſt etwas zu ſchma⸗ len Lippen. Die leiſe Andeutung, die er hatte geben wollen, ohne ſich roh anzudrängen, war verſtanden worden; er war zufrieden, nun war es leicht, ſich den 118 „Weg in das Vertrauen des ernſten Mädchens allmälig zu ebnen. Er dachte an Ruppert und ein freudiger Strom der Hoffnung ſchoß ihm durch's Herz. In die⸗ ſem Momente hatte er beinahe ſich ſelbſt vergeſſen. Eine ſüße Stimme rief ihm die eigene träumende und wünſchende Individualität in's Bewußtſein zurück. „Und nun haben Sie ſich denn doch vertheidigt“, lachte das heitere Kind an ſeiner Seite,„und ſich gleichzeitig auch gerichtet. Zu guter Letzt wäre Ihre ganze Vertheidigung noch immer nicht allzu ſtichhaltig und wir könnten es Ihnen auch fühlen laſſen, aber in ſolcher Stimmung fehlt uns der nöthige Ernſt zur Ungnade.“ „Das bezweifle ich entſchieden; was Anderes als die ſchwere Ungnade der Damen kann die beiden Flücht⸗ linge fortgetrieben haben, die mich beinahe über den Haufen rannten?“ Ida brach in heiteres Gelächter aus und ſchlug dabei vergnügt in die Hände.„Sind ſie Ihnen be⸗ gegnet? Wohin ging die Jagd?“ „Ueber die Wieſen dem Orte zu.“ „Köſtlich!“ rief ſie.„Das gibt morgen ein allge⸗ meines Brunnengeſpräch, wenn Coco ſeinen Weg durch die Straßen nimmt. Am Ende betheiligt er ſich noch 149 an der Promenade auf der Esplanade. Mir iſt, als ſähe ich den Spektakel.“ „Ida!“ mahnte die ältere Schweſter leiſe. „Du haſt gut reden. Ich muß einmal lachen, wenn ich etwas Komiſches ſehe, ſonſt ſtößt es mir das Herz ab. Nicht wahr, am Lachen iſt nichts Böſes?“ fragte ſie Zeno mit bezaubernder Treuherzigkeit. „Lachen Sie, lachen Sie“, erwiderte er warm; „in Ihrem Lachen liegt Jugend und Glück und es theilt davon Anderen mit.“ „O wenn Sie es geſehen hätten“, erzählte das fröhliche Kind;„es war zu komiſch, wie Norton auf meinen Vorſchlag, Coco zu ſchaukeln, einging. Er ſtellte den Käfig dort auf den Sitz, bewegte dieſen hin und her und ich ſang ein Wiegenlied dazu. Das ge⸗ fiel dem Magot, wie Doktor Max ihn nennt, vortreff⸗ lich, er grinste ganz ſeelenvergnügt; als aber Norton immer heftiger ſchaukelte, da ward's dem Wiegenkind⸗ chen zu arg, Coco warf ſich gegen die Stäbe, der Käfig flog herab, die Thür durch die Erſchütterung auf und Coco wie der Blitz heraus. Erſt ſah er uns ganz verdutzt an, als glaube er ſelber nicht an ſeine Frei⸗ heit, dann ſchnitt er eine ſeiner geiſtreichſten Fratzen und machte an der Stelle einer galanten Verbeugung eine zierliche Kapriole, als hätte er ſagen wollen: Ich empfehle mich allerſeits! und ehe Norton ihn noch er⸗ reichen konnte, war er in ein paar Sätzen über die Wieſe fort. Da ſetzte er ſich wieder hin, als wollte er uns noch einmal aus der Ferne betrachten, Norton rief ihn auf's Zärtlichſte und eilte ihm lockend nach, aber in dem Momente, wo er die Hand ausſtreckte, den Flüchtling zu faſſen, war dieſer, huſch! davon und verſchwunden. Es war zu allerliebſt, Sie hätten das Bild ſehen ſollen.“ „Ich ſah ein anderes allerliebſtes Bild“, verſetzte Zeno mit einem ſchalkhaften Blick;„ich könnte mir kein reizenderes denken; als ich es ſah, habe ich zum erſten Male bedauert, daß meinem Talente ſo enge Schranken gezogen ſind und ich nur Berg, Waſſer und Baum wiederzugeben vermag. Durch eine ſolche Staf fage ſinkt ſelbſt die ſchöne Veduta des iſchler Thals zur Unbedeutendheit herab.“ „Und warum verſuchen Sie's nicht wenigſtens?“ fragte das Mädchen ſo naiv, daß Zeno einen Augen⸗ blick ſtutzte, weil er nicht mehr wußte, ob das auch noch Natur ſei. „Mir fehlen in meinem Malkaſten die Farben dazu“, ſagte er dann einfach und gerade im Tone, ſo daß ſeine Worte nicht wie ein Kompliment klangen; „meinen Sie, man könne Engel mit denſelben farbigen n 4241 Oelkleckſen abkonterfeien, wie die alte Ruine Wilden⸗ ſtein da droben? Im beſten Falle gäb's doch nur lei⸗ nene Dekorationsgenien.“ So ſelbſtverſtändlich allgemein Zeno auch ſeinen Satz hingeſtellt hatte, indem er demſelben abſichtlich den Anſtrich einer plumpen Schmeichelei nahm, wurde Ida doch ſprachlos vor Verwirrung und Scham, denn jetzt erſt bemerkte ſie, wie der Maler durch ihre letzte unbefangene Frage förmlich zu der Antwort herausge⸗ fordert worden war. „Was wird er von mir denken?“ fragte ſie ſich ſelbſt ganz verzweifelt;„entweder ich ſei eine Kokette oder— ein Gänschen.“ Und nun ſchwamm ihr Auge in einer Thräne, die ihr der Aerger und Zorn über ſich ſelber entpreßte, dabei gelobte ſie ſich feierlich, von nun an ernſt und und ſtolz zu werden, wie ihre Schweſter.— Wie lange, Liebchen, meinſt Du wohl, daß ein ſolcher Vorſatz reicht? Bis morgen? Nein! Eine Stunde? Nein? So lange, bis ſich die Gelegenheit gibt, ihn zu brechen und auch nicht eine Sechzigſtel⸗Sekunde länger. Das magſt Du gar oft noch erfahren, bis Alter und Erfahrung Deinen Organismus und Charakter ſo ſehr verändern, daß der Ernſt einkehrt und der Stolz oder doch das Selbſtbewußtſein Deinen Geiſt ſtählt. 122 Bis dahin mag noch manches Jahr vergehen und manchen zu Grabe getragenen Vorſatz mit ſich nehmen, wie den ſoeben gefaßten, der ja ſchon wieder durch ein heiteres, ſpöttiſches Lächeln von den friſchrothen Lippen geküßt iſt. Dieſes wenig ſchmeichelhafte Lächeln galt aber dem jünglinghaften Doktor Max Bogner, der maje⸗ ſtätiſchen Schrittes den gekrümmten Weg von der Villa herabgewandelt kam und die goldene Brille emſig rückte, um ſchon aus der Ferne den Begleiter der beiden Schweſtern zu erkennen. „Kommen Sie“, bat Valerie den Maler,„der Vater iſt ausgegangen, aber Mama iſt in der Veranda, wir wollen ſie nicht länger warten laſſen.“ „Da iſt ſchon der Bote, der uns ruft— aber un⸗ geflügelt“, ſagte Ida, indem ſie nach dem langſam Heranſchreitenden hinwies. „Ah! ah! Herr Rottwyl, freut mich unendlich“, grüßte Max, als er auf halbem Wege mit den drei ihm Entgegenkommenden zuſammentraf, jedoch in einem Tone, der dieſe kundgegebene Freude äußerſt zweifelhaft machte;„haben Sie Ihre Gebirgstour ſchon beendigt?“ „Nur unterbrochen“, gab der Maler kühl zurück und flüſterte dabei ſeiner Nachbarin ganz leiſe zu: „Sie ſehen, nicht überall grüßt Illo.“ 123 „Mama ſchickt mich“, wandte ſich der blonde Jüngling an die beiden Schweſtern, dem Fremden ge⸗ genüber abſichtlich den Ton des Kinds vom Hauſe annehmend, um nachzuſehen, was es gibt; erſt das Geſchrei und dann das Gelächter— es war über⸗ raſchend. Wir meinten beinahe, es ſei ein kleines Mal⸗ heur paſſirt.“ „Das iſt es auch“, übernahm Ida die Antwort; „die Baſtille iſt geſchleift, der Gefangene frei— alle Bande der Ordnung zerriſſen, alle Achtung vor dem Geſetze dahin, die Büchſe der Pandora geöffnet, das Unheil ſchwebt über den Häuptern der Ahnungsloſen, das Fürchterliche iſt geſchehen— Coco iſt auf und davon.“ „Wie? Der Magot? Sagt ich's doch immer, die Ordnung der Vierhänder, beſonders Inuus sylvanus, beſitzt doch keine Anhänglichkeit an den Menſchen, ſon⸗ dern iſt boshafter, wilder, freiheitsliebender Art. Wenn auch nicht ſo tückiſch wie der Mandrill, Cynocephalus mormon, oder wie der Gorilla, von dem du Chaillu erzählt, daß er dem Menſchen kampfbereit entgegengeht, ſich auf die zwei Hinterbeine erhebt und mit der Hand auf die gewölbte Bruſt ſchlägt, daß es dröhnt und ſein Kampfgeſchrei dadurch noch ſchrecklicher wird, ſo iſt er doch immerhin in Proportion zu ſeinem——“ „Sie meinen alſo, daß er Norton gefährlich wer⸗ den könnte, wenn ihn dieſer erreicht?“ fragte Ida ſchelmiſch; ihr war es nur darum zu thun, den natur⸗ wiſſenſchaftlichen Vortrag zu unterbrechen. „Das eben nicht, das eben nicht“, verſetzte Max geſtört; dann wandte er ſich an die ältere Schweſter: „Alſo iſt Ihr Bräutigam ſelbſt dem Flüchtigen nach⸗ geeilt, Fräulein Valerie?“ Statt aller Antwort ergoß ſich ein Strom von Blut in die blaſſen Wangen der Angeredeten; ein ſcheuer Blick glitt zu dem Maler hinüber, wie um den Eindruck zu beobachten, den das eben ausgeſprochene Wort auf ihn hervorbrächte. Zeno war wie vom Blitze getroffen; er ſtarrte ſprachlos das Mädchen an, das kaum vor drei Wochen ſeinem Freunde den Verlobungsring zurückgegeben und jetzt ſchon wieder die Braut eines andern— dieſes Engländers ſein ſollte. Eine Frage ſchwebte ihm auf der Zunge, eine Frage, von der ſein eigenes Lebensglück abzuhängen ſchien, ſo ſehr ſprach ſich die höchſte Spannung und Erregtheit in all ſeinen Zügen aus; doch jeder Frage kam Valerie zuvor. Ihr Antlitz hatte wieder die gleich⸗ mäßige, kaum alterirbare Bläſſe zurückerhalten, der alte Stolz blickte aus ihrem dunklen Auge eine trotzige 125 Beſtätigung, und als entflamme ſich dieſer Geiſt des Widerſpruchs an einem tief verborgenen Gedanken, ſo hob ſich ihre ganze Geſtalt höher, und indem ſie leicht vorausſchritt, ſprach ſie feſt und mit abſichtlicher Wie⸗ derholung die Einladung aus, ihr zu folgen:„Wollen wir in die Veranda— mein Bräutigam hat die Ver⸗ folgung ſelbſt übernommen, er wird wohl ſpäter nach⸗ kommen.“ VII. V müther abzukühlen und den ungleichen, fieberhaften V Herzſchlag zu mildern und auf ein naturgemäßeres E Ein nebelgraues Kapitel. 3 Es war nun keine Täuſchung mehr möglich, wenn d t Zeno auch noch einen Augenblick lang geglaubt hatte, daß er falſch verſtanden— jetzt war es entſchieden.— 6 Armer Freund!— Nun waren die drei Wochen dennoch ſchon eine T zu lange Friſt geweſen! Wer hätte das gedacht? Der 3 Zeitraum, der ihm gerade genügend erſchien, die Leiden⸗ ſchaften ſich ein wenig beruhigen zu laſſen, die Ge⸗ Tempo zurückzuführen,— der Zeitraum hatte hinge⸗ reicht, das Unglaubliche zu vollbringen und alle Ver⸗ hältniſſe zu verzerren und zu überhaſten. 127 Aber wie? War ſein Freund denn auch wirklich zu bedauern, ein Herz verloren zu haben, das in ſolcher winzigen Spanne Zeit ſich nicht nur von ihm ab⸗, auch einem andern wieder zuwenden konnte, das ſo gleich⸗ gültig auf den zerſtörten, noch rauchenden Ruinen ein neues leichtfertiges Gebäude aufzuführen vermochte,— hatte dies Herz, das ſo raſch, ſo glücklich, ſo gänzlich vergaß, auch wirklich jemals geliebt? Pah! Der knabenhafte blonde Doctor mit ſeiner altklugen goldenen Brille hatte am Ende doch Recht gehabt, gerade in Beziehung dieſes Herzens zu ſagen:„Das Herz iſt ein hohler Muskel mit vier Kammern und zwei Klappen, der die Fähigkeit beſitzt, ſich zuſammenzuziehen!“ So hatte denn der brutale Realismus Recht behalten, und ein Menſchenantlitz iſt nicht mehr als eine belebte Maske dieſes hohlen Muskels, die nichts gemein hat mit dem innerſten Menſchen, die nicht ſeine Seele ab⸗ ſpiegelt, ſondern nur vom blinden Walten der Natur dieſem zweckmäßigen Organismus„Menſch“ vorgebun⸗ den iſt, ein verlockendes oder abſtoßendes, jedenfalls aber täuſchendes, lügneriſches Aushängeſchild. Die ganze Phyſiognomik alſo ein abergläubiſches Märchen für große Kinder! Das iſt ein Herz voll Weh, ein ſtolzes verletztes Herz, zu hoch zum Groll und dennoch voll namenloſer “ 128 Herbheit. Das hatte er damals ausgeſprochen, und erſt noch vor wenigen Minuten meinte er daſſelbe heraus⸗ zuleſen aus dieſen ernſten, unerſchütterlichen Zügen, aus dieſen großen, dunkeln und doch ſo harten, beinahe unbeweglichen Augen, in denen der elektriſche Funke erſtarrt ſchien unter einer Decke von Eis. Und er ſollte ſich getäuſcht, die rege Phantaſie ein Spiel mit ihm getrieben haben! War's möglich? Nein— nein! Und doch es iſt, ſie hat es ſelbſt beſtätigt, ſie nannte dieſen halb verrückten, unzertrennlichen Gefährten eines häßlichen Affen— ihren Bräutigam. Zeno hatte das Gefühl, als wandle er im Schlafe. Vor drei Wochen erſt hatte er den jetzt auf der Affen⸗ jagd befindlichen Gentleman in gerade nicht allzu rück⸗ ſichtsvoller Manier zu Gunſten der Damen deplacirt, und dieſe hatten auch nicht die entfernteſte Bekanntſchaft mit dem Engländer gehabt, und nun war eine derſelben ſeine Braut. Das war wie ein Traum, wie ein Mär⸗ chen. So viel auch Zeno ſchon von der Raſchheit bei Badebekanntſchaften gehört, ein ſolch' fabelhaftes Tempo erſchien denn doch unnatürlich, ja geradezu— toll. Zu Ida's großem Erſtaunen ſchritt er ganz ſtill und zerſtreut an ihrer Seite den ſanft anſteigenden Weg bis zu der Teraſſentreppe empor und hatte kein Acht auf ihr Geplauder, keine Bemerkung zur Erwi⸗ 129 derung, ja kaum ein Auge für ſie, ſo daß ſie ſich end⸗ lich in gerechtem Verdruß dem Doktor zuwandte und dieſem gegenüber ihre Liebenswürdigkeit um ſo mäch⸗ tiger in's Feld führte, je mehr ſie ſich innerlich durch Zeno's unerklärliches Benehmen verletzt und geärgert fühlte. Max, der von dem muntern Kinde in dieſer Rich⸗ tung nicht verwöhnt war, hielt all' die urplötzlich auf ihn hereinregnenden Bonbons für baare Münze, die er ſeiner eigenen Anziehungskraft zu Gute ſchrieb und mit vollendeter Selbſtbefriedigung entgegennahm, ſo daß er Zeno gewiß in hohem Grade erheitert hätte, wäre dieſem die nöthige Unbefangenheit für eine richtige Be⸗ urtheilung zu Gebote geſtanden. So aber ging die köſtliche Figur für ihn verloren, ja noch mehr, ſeinem eingenommenen Kopfe fehlte natürlich auch der allgemeine Ueberblick, und anſtatt die Komödie, die das uner⸗ fahrene Kind noch dazu ſo durchſichtig als möglich ſpielte, als ſolche zu erkennen und an den Bemühungen, ihn zu ſtrafen, ſein Ergötzen zu finden, ließ er ſich von dem naiven Spiele der Koketterie täuſchen und war ſehr nahe daran, beide Schweſtern zuſammen zu thun und über beide in gleicher drakoniſcher Strenge daſſelbe verwerfende Urtheil zu fällen. Der freundliche Empfang, der ihm von Frau von Byr, Quatuor. II. 9 130 Hellfried zu Theil wurde, vermochte nicht, ihn dieſer Stimmung zu entreißen, und er begann ſich die heftigſten Vorwürfe darüber zu machen, daß er ganz gegen ſeine ſonſtigen Grundſätze diesmal einer ſo flüchtig ausge⸗ ſprochenen Einladung fremder Leute Folge gegeben. Dem Freund zu nützen hatte er ſich vorgenommen; dieſer Vorwand mußte auch das eigene Verlangen, jenes lieb⸗ lich grüßende Kind wiederzuſehen, decken, und nun glaubte er deutlich genug zu erkennen, wie es für die Intereſſen des Freundes und für ſeine eigenen ganz gleichgültig, wenn nicht ſogar beſſer geweſen wäre, wenn er Einladung, Pfand, Verſprechen und Alles vollſtändig vergeſſen hätte. Weder er noch ſein Freund waren unerſetzbar, das merkte er nun wohl, ja er fand es ſogar beſchä⸗ mend, wie leicht und durch welche Puppen ſich die Lücken hatten füllen laſſen, und mußte ſich ſagen, daß Ruppert und er alſo ungefähr im gleichen Werthe ſtanden mit Sir Norton und dem blonden Doktorjüng⸗ ling; eine Bemerkung, die geeignet war, gleichzeitig ſehr demüthig und ſehr grimmig zu ſtimmen. Mit dieſen wechſelnden Empfindungen, bei deren Paſſirung ſeine Grundſtimmung, der Unmuth, lawinen⸗ artig anwuchs, konnte das Geſpräch, das er zu führen gezwungen war, unmöglich ein erquickliches ſein. Die 131 Antworten klangen theils zerſtreut, theils herbe, daß auch die gute alte Frau ſich einigermaßen enttäuſcht fühlte und zurückhaltender wurde. Es war für Alle, nur für Max nicht, eine Er⸗ leichterung, als der Banquier, der einen Spaziergang nach der Esplanade gemacht hatte, heimkehrte. Mit einem ſcheuen, verdrießlichen Murmeln warf Herr von Hellfried ſeine prächtig glimmende Cigarre am Fuße der Terraſſe weg, ſobald er Max oben erblickte, und begrüßte dann Ida, die ihm über die Stufen entgegen⸗ geeilt war, mit einem zärtlichen Kuß auf die reine Stirne. Frau von Hellfried beſorgte die gegenſeitige Vorſtellung und der Banquier wechſelte mit Zeno einen freundlichen Händedruck; die Gelegenheit aber wollte Zeno benützen, um ſeinem erſten Beſuche ein Ende zu machen, indem er ſich innerlich zugleich das Verſprechen gab, daß es auch der einzige bleiben ſollte. An der Ausführung des erſten Vorſatzes jedoch hinderte ihn der Banquier, der froh war, einen Geſellſchafter ge— funden zu haben, von dem er ſich eine Paralyſirung der Vorträge des blonden Doctors verſprach. „Sie dürfen auf keinen Fall fort, ehe Sie nicht wenigſtens den Thee mit uns genommen haben; da kommt ja eben Johann.“ Alle erhoben ſich und Frau von Hellfried führte 9* 3 4 4 2 4 7 den Gaſt in den Speiſeſaal zu einem gemüthlich er⸗ leuchteten runden Tiſch, an welchem Valerie ſchon be⸗ ſchäftigt war, das heiße Waſſer aus dem dampfenden ſilbernen Keſſel auf den Thee zu gießen. In kurzen Worten hatte Frau von Hellfried ihren Gatten von dem Vorfalle verſtändigt, der Sir Norton's Abweſenheit verurſachte, und der Banquier ſchüttelte bedenklich den Kopf. Es wurde jedoch nicht weiter darüber geſprochen. Die Pauſen zwiſchen den ver⸗ einzelten, gleichgültigen, kurzen Sätzen, die hin und wieder fielen, wurden immer länger und peinlicher,— dies brachte Max auf den Gedanken, die paſſende Ge⸗ legenheit zu einer Diskuſſion nach ſeiner Art zu be⸗ nützen, oder ſollte es wirklich nur das rühmenswerthe Bemühen geweſen ſein, die Unterhaltung nicht gänzlich ſtocken zu laſſen, das ihm plötzlich die Frage in den Mund drängte:„Aber meine Gnädige, Sie kehren wieder zum grünen Thee zurück?“ „Ich kann einmal den ſchwarzen nicht goutiren, bin ihn ſchon zu lange gewöhnt, lieber Max; es thut mir leid, daß ich Ihren Rath nicht berückſichtigen kann.“ Hm! hm!“ räuſperte ſich der Doctor im Katheder⸗ / tone.„So muß ich Ihnen denn Alles ſagen, um Sie vor dem verderblichen Genuſſe zu warnen.“ 133 „Mein Gott, er wird doch nicht vergiftet ſein!“ rief die gute Frau entſetzt aus und ließ vor Schreck den Löffel fallen, mit dem ſie eben umrührte, als Max zur Antwort gab:„Das iſt er auch.“ „Aber ich lebe doch noch immer.“ „Können Sie wiſſen, wie ſehr er ſchon Ihre Ge⸗ ſundheit untergraben hat? Ihr ſchreckhaftes Zuſammen⸗ fahren, Ihr nervöſes Zittern, Ihre zeitweiſen Magen⸗ krämpfe. Das Alles können Sie dem grünen Thee zu⸗ ſchreiben, den Sie allein von Ihrer ganzen Umgebung trinken. Er wird Ihnen ein frühes Alter bereiten.“ Dieſe Drohung war fürchterlich; ganz kleinlaut erwiderte Frau von Hellfried:„Aber ich denke, der grüne Thee ſoll ja viel geſünder ſein als der ſchwarze, der am Feuer geröſtet iſt, während jener nur an der Sonne trocknet.“ „Weit gefehlt, meine Gnädige. Beide gehören einem Strauche an, Thea sinensis, der viele Aehnlich⸗ keit mit Camellia japonica hat, die Sie alle kennen werden, meine Damen. Die Blätter werden dann verſchiedenen Prozeſſen unterworfen, wobei jedoch in beiden Fällen das Räuchern und Röſten, das Kneten und Rollen mit den Händen die Hauptrollen ſpielen, nur daß bei einem mehr gerollt, beim andern mehr geröſtet wird.“ „Das iſt ja aber äußerſt unappetitlich!“ rief Ida, indem ſie mit einer mißtrauenden Miene die noch halb volle Taſſe von ſich ſchob. „Das iſt nur Anſichtsſache, Geſchmacksverſchieden⸗ heit; an der ſüdamerikaniſchen Küſte reicht man, nach⸗ dem der Aufguß getrunken wurde, auch noch die Blätter gleichſam als Zuſpeiſe herum. Der Maté oder Para⸗ guaythee, der aus der ſogenannten Yerba gebraut wird, befindet ſich in einer Kalebaſſe, ſo erzählt Ger⸗ ſtäcker, und wird mittelſt einer Blechröhre, Bombilla genannt, getrunken, die in der Geſellſchaft kreiſt, wie bei unſern Altvordern die Tummler.“ „Pfui!“ brummte der Banquier; aber der eifrig docirende Doctor ließ ſich durch den Ausruf nicht ſtören. .„Die Chica oder das Maisbier in Südamerika 1 kommt in mehreren Arten vor, die ſich ebenfalls nur durch die Zubereitungsart unterſcheiden. Zur Berei⸗ tung der Chica mascada z. B. ſetzen ſich alle Fami⸗ 1 lienmitglieder in einen Kreis um eine Kalebaſſe. Ein jedes nimmt eine Handvoll getrocknete Maiskörner und kaut ſie auf das Gründlichſte zu einem Brei, der dann in die Kalebaſſe zuſammengeworfen und mit heißem Waſſer wie hier der Thee angebrüht wird. Der Ab⸗ guß wird in Krüge gefüllt und der Gährung über⸗ V 135 laſſen, was ein vortreffliches Getränke geben ſoll. Der Speichel kommt nämlich der Diaſtaſe zu Hülfe und verwandelt die Stärke in Zucker. Es iſt die größte Ehre, die der Wirth dem Gaſte erweiſt, wenn er ihm ſelbſtgekaute und gebraute Chica anbietet, welche aus⸗ zuſchlagen eine Beleidigung wäre.“ Die Geſellſchaft ſaß vollkommen ſtumm da und der Doctor warf ſtolz auf ſeine ausgebreiteten Kennt⸗ niſſe triumphirende Blicke im Kreiſe herum. „Sie ſehen die Verſchiedenheit der Anſichten über Appetitlich und Unappetitlich, meine Verehrten“, fuhr er nach einer Kunſtpauſe fort.„Aber die Haupturſache, weshalb ich Sie, meine Gnädige, vor dem Genuſſe des grünen Thees warnen muß, beſteht in der gewiſſen⸗ loſen Fälſchung dieſes Artikels. Dieſe ſchöne grüne Farbe, die Sie dem Trocknungsverfahren zuſchreiben, rührt von fein zermalenem Berlinerblau und Gyps her, welches Pulver während des Röſtens unter die Blätter gerührt wird, ſo daß die Hände der Arbeiter voll⸗ kommen himmelblau gefärbt ſind.“ Nun ſtieß auch Frau von Hellfried ihre Taſſe ſchaudernd von ſich. „O wie gut iſt es doch, wenn man belehrt wird“, flüſtert ſie;„ich will gewiß keinen grünen Thee mehr trinken.“ ——— Der Doctor nahm den Lobſpruch mit edler Be⸗ ſcheidenheit hin, Ida verhüllte ihr Antlitz mit dem Sacktuche und der Banquier murmelte verdrießlich;„Ich danke überhaupt für allen Thee,— er wird uns all⸗ mälig noch alles Eſſen und Trinken verleiden.“ Dabei ſchenkte er ſich und dem Maler das Glas voll feurigen Bordeaux und fühlte ſehnſüchtig nach dem aus der Seitentaſche hervorlugenden Cigarrenetui, ließ es aber endlich doch ſeufzend ſtecken. Es wollte kein Geſpräch recht Wurzel faſſen, Alle überkam ein peinliches Gefühl der Beengtheit, und Zeno, der es am drückendſten empfand, erhob ſich zu⸗ erſt, um ſich zu empfehlen. „Wie? Sie wollen ſchon?“ fragte Frau von Hellfried der Formalität halber, indem ſie ihm ſichtlich erleichtert die Hand bot, und dieſe Erleichterung fühlten mehr oder weniger Alle, der nebelgraue Abend hatte eben ein Ende. Wer hätte nicht ſchon ſolche Abende allgemeiner Mißſtimmung erlebt, wo doch an keinem ſo eigentlich die Schuld liegt und Alle leiden! Erſt der Aufbruch iſt der Moment der Erlöſung und da fällt die ſtarre Larve von allen Geſichtern wie ein Bann. So kam es auch, daß ſich Alle ganz menſchlich gerührt fühlten, als Zeno nun erklärte, er müſſe ſich 137 früher empfehlen, da er ſchon bei Sonnenaufgang wieder auf dem Wege zu ſein gedenke. Einige Augen⸗ blicke vorher hätten ſie dieſe Mittheilung vielleicht weit ruhiger mit angehört, nun aber fiel der Abſchied mit dem erlöſenden Aufbruch zuſammen und das ſtimmte milde und empfänglich. Nicht nur Frau von Hellkfried zeigte ſich über⸗ raſcht, auch ihr Gatte bedauerte ſehr, daß ihm nicht mehr Gelegenheit geboten ſei, beſſer bekannt zu werden, und forderte den Beſuch auf, doch noch einige Tage in Iſchl zu bleiben. Der Maler zuckte die Achſeln, als wollte er ſagen:„Ich habe hier nichts mehr zu ſuchen.“ Er beurlaubte ſich; doch wenn er hoffte, etwa noch ein Abſchiedswort von Ida zu erhaſchen, ſo ſah er ſich getäuſcht, denn das Mädchen war mit dem kleinen, überſchwellenden Herzen aus dem Zimmer ge⸗ eilt, ohne Rückſicht darauf zu nehmen, wie wenig regelrecht dies Benehmen war und wie ſehr ſie den Fremden dadurch verletzen möchte. Vielleicht rechnete ſie abſichtlich auf dieſen Erfolg. So ging Zeno denn arg verſtimmt und verbittert ſeinem Abſteigequartier zu, und ſeine Laune gewann natürlich nicht ſehr durch den Umſtand, daß der blonde Doctor ihn begleitete, und durch ſeine Erfolge im Laufe 138 dieſes Abends aufgemuntert, ſich als Beherrſcher eines Herzens, als quasi Bräutigam, als zukünftiger Schwie⸗ gerſohn des Banquiers gerirte und Alles ſo entſchieden hinſtellte, daß Zeno überzeugt war, einer abgemachten Sache gegenüber zu ſtehen. Er war froh, als ſie bei der Poſt anlangten und ihm vergönnt war, die läſtige Begleitung abzuſchütteln. „Eine Erfahrung mehr“, murmelte er vor ſich hin, indem er die Treppe zu ſeinem Zimmer hinauf⸗ ſtieg.„Geſchieht Dir ganz recht, alter Knabe, was beißeſt Du an den Köder! Hätte ebenſo gut fortbleiben können— oder eigentlich weit beſſer!— Wozu ging ich denn eigentlich hin? Mädchen, Weiber— pah! Nette Spielzeuge, Puppen! Aber ein Herz? Warum nicht gar! Der gelehrte Dummkopf hat recht, bei die⸗ ſen Leuten iſt das Herz nichts Anderes als der hohle Muskel mit zwei Klappen und vier Kammern, der ſich kautſchukartig zuſammenziehen und ausdehnen kann und das Uhrwerk für die hübſchen Puppen erſetzt. Gute Nacht, Ruppert, armer Teufel, verſchlaf's wie ich!“— VIII. Ein Kapitel in Briefen und Blättern. Lieber Zeno! Weshalb ſchreibſt Du mir das Alles? Meinſt Du, ich hätte noch eine Hoffnung gehegt?— Nun wäre ſie ja vollends vorüber, bis auf den letzten trüge⸗ riſchen Schein, der vergeſſen und überſehen in einer Ecke des Herzens zurückblieb;— auch er iſt jetzt ziſchend erloſchen. Du biſt verſtimmt, Du ſchreibſt in loderndem Zorne, weßhalb haſt Du mit dem Schreiben nicht bis zum Morgen gewartet? Gewiß, Dein Urtheil wäre ein anderes geweſen. Weßhalb hätte ſie anders han⸗ deln ſollen? Sie hat klug gehandelt. Nun wird gewiß Niemand ſagen, ſie ſei zurück⸗ getreten, weil ich plötzlich verarmte, ich hätte ſie ver⸗ — —— — „,* 140 laſſen, beide Verſionen ſind abgeſchnitten. Sie liebte Jenen, deshalb mußte ſich das Verhältniß mit mir löſen. Eine Verirrung des Herzens ſieht die Welt nach, niemals die Kälte und Dürre deſſelben. Doch laß das Alles— vorbei, vorbei! Wie meine Stimmung war und iſt, das mag ich Dir nicht be⸗ ſchreiben; da haſt Du ein paar Blätter, lies, ſie ſind nur für Dich beſtimmt— was würde die Welt damit anfangen? Sie hat jetzt ernſtere Beſchäftigung, als dem Schrei eines zu Tode getroffenen Herzens zu lauſchen. Die Politik iſt's, die alle Geiſter feſſelt, die Po⸗ litik, ſelbſt der Geiſt des Jahrzehntes, wenn nicht ſo⸗ gar des halben Jahrhunderts. Auch ich bin nun unter ihre Schriftführer gegan⸗ gen, ſeit drei Tagen arbeite ich bei der Redaktion der..., Du kennſt ja das Blatt, ſchon früher ſchrieb ich für daſſelbe hin und wieder einen kleinen Artikel, jetzt aber habe ich das ſchwere Stechzeug angethan, ich habe nunmehr eine Geliebte, die Frau Politika, und gehöre ihr ganz und gar. Sie muß meinen Körper nähren, meinen Geiſt auffriſchen und erregen und mein Herz ſtählen— und ſie wird es. Um noch einmal auf die Blätter zurückzukommen — ſie entfielen mir einzeln, wie im Herbſte einem 141 Baum, zum größten Theile noch während unſeres Bei⸗ delt ſammenſeins in den ſchönen Bergen. Ich verbarg ſie vor Dir, warum? ich weiß es nicht, vielleicht aus din falſcher Scham. Durchblättere ſie jetzt und wirf ſie be dann in's Feuer— wohin verdorrtes Laub gehört. ſid Arbeite etwas recht Schönes, Freund, und behalte uii lieb Deinen 5 Ruppert. als zu Vergilbte Blätter. Mißmuth. do Mißmuth— du Bruder der Verzweiflung, der ſ uns beſchleicht und beherrſcht, wenn wir mit der Ver⸗ zweiflung ſchon abgerechnet haben;— der du troſt⸗ hn⸗ loſer biſt, als dieſe deine charakterſchwache Schweſter, äof denn für ſie exiſtirt noch ein Troſt, der eben aus ihrem eb vehementen Auftreten entſpringt, in ihrer Einſeitigkeit kel ſeinen Grund hat;— du, Mißmuth, der ſich als ein ic ſchwarzer Schleier über unſer Sein breitet, wie ein und unheilbares Krebsübel gierig all' unſer Wünſchen und per Fühlen aufzehrt und uns nur das nüchterne Denken und läßt, ſelbſt dieſes in ſeiner Richtung, in ſeiner Aus⸗ dehnung begrenzend;— der du mit herbem Lächeln nen auf das einzige noch übrig gebliebene Ziel weiſeſt; nem— Mißmuth! du biſt der böſe Dämon, die nackte 142 Wirklichkeit, die uns nun nicht mehr jammervoll ent⸗ gegenzetert, aber ihre erſtarrende Todeskälte dafür um unſere Bruſt, um jeden unſerer Nerven unbarmherzig zuſammenzieht. Schadenfroh findeſt du deine Freude in der Zer⸗ ſtörung all' unſerer Träume, zerrſt boshaft die Larve der Illuſion von den Erdengeſtalten, mit der ihnen unſere Liebe die Weihe des Edlen gegeben!— Haſt du dich einmal feſtgeſaugt an unſerem Marke, was bleibt uns noch übrig zu hoffen? Zu hoffen?—— als wärſt du nicht der bittere Ausdruck der armen Seele, die ſehnſüchtig den letzten Strahlen des Abendroths all' ihrer Hoffnungen nach⸗ geſehen hat,— die noch nacheilen, hinabtauchen möchte hinter jene fernen, blauen Hügelreihen, die eben das letzte Reſtchen Roth aufſaugten,— um gerade noch zurecht anzulangen, den letzten Strahl im Weſten aber⸗ mals hinabtauchen zu ſehen,— die ſich ſo mattgehetzt in der nutzloſen Verfolgung, immer hinterher der Sonne— bis ſie endlich todtmüde im tiefen Schatten des Thales anhält, dem verſchwundenen Tag ihr letz⸗ tes Lebewohl zuruft und in dem Dämmerdunkel des Abends dumpf ergeben— die Nacht— den neuen Tag erwartet!— — nen 143 Was kann er bringen, der neue Tag, bei einem Leben, das nur die Dauer eines Tages hat? Magnetismus des Herzens. Hoch oben auf den Alpen ſchlägt ein einſames Herz, übervoll und ſelig ſchwimmend in der Pracht und Schönheit des Anblicks, weit und liebend— um— floſſen vom herrlichen Blau des Himmels. Und weit von dort, im glänzend erleuchteten Saale, umduftet von ſeltenen Blumen und alltäglichen Schmeicheleien, pocht ein anderes Herz, lächelnd vor Freude und Erregung. Und plötzlich zuckt es durch's Herz inmitten des ewigen Schnees— und es flammt durch das Herz, umſchwirrt von Licht und Muſik, und es ſenkt ſich über beide wie ein betäubender, wonniger Duft, der ſie mit Thränen der Sehnſucht ſättigt und ſie mild durchwärmt, wie ein verirrter Sonnenſtrahl einſtiger Liebe. Der Verſtand, der Wille hat beide Herzen ge⸗ trennt.— Jahre, eine Ewigkeit, Welttheile mögen zwiſchen ihnen liegen— manch' anderes geliebtes Bild herbergen ſie in ihrem ſtillſten Innern, und doch drängt ſich plötzlich auf einmal beiden eine gleiche Wehmuth— die lange verdrängte Erinnerung auf und thaut in 144 beiden weich, wie ein Orgelton, der um die Geiſter⸗ ſtunde aus den epheuumrankten Trümmern einer längſt zerſtörten Kirche klagt. Und beide Herzen rufen ſich beim Namen, ſo ſüß und zärtlich wie der Bräutigam ſein junges Weib, und beide möchten in Eins verſinken und die Thränen des andern wegküſſen, ſie trocknend mit dem warmen Hauche der Liebe.— Doch der Augenblick vergeht— der Zeitraum aber, das Urtheil, die Entfernung, die ſich trennend zwiſchen ſie geſchoben— die bleiben. Eine Saite war in beiden berührt— ein ſanfter trauriger Akkord erklang— deſſen Echo immer leiſer in die Vergangenheit vermurmelt. Ein Hauch des einen Herzens, der einem Hauche des andern auf ſeinem Wege begegnet, ihn küſſend be⸗ rührt und dann in die Unendlichkeit verduftet, ent⸗ ſchwebt. Vorbei Iſt's Dir nie geweſen, als möchteſt und könnteſt Du noch auf die Zukunft hoffen, und du dürfteſt es nicht mehr? Haſt Du Dich nie verzweiflungsvoll an die Ge⸗ genwart geklammert, und doch war die Ueberzeu⸗ iſter ingſt ſüß zeib, nen men aum nend gung in Dir, daß ſie vorüber müſſe, daß ſie vor über ſei?! War es Dir nie klar, daß Dein Leben nur in Einer Richtung weiter möglich ſei, und daß Dir doch dieſe Eine Richtung das Schickſal verſchließe? 1 Haſt Du nie einen Menſchen recht wahrhaft ge⸗ liebt, mit der Ueberzeugung der Unendlichkeit und Du⸗ wurdeſt wiedergeliebt, und dennoch drängte ſich Dir die namenloſe Wehmuth des Nichtverſtandenſein un⸗ widerſtehlich auf? Haſt Du nie ein Herz geliebt mit aller Innigkeit Deines Herzens, mit aller Macht Deines Geiſtes, mit aller Stärke Deines Willens, mit aller Leidenſchaft Deines Blutes, und nachdem Du lange gehofft, dies Her durch Liebe, durch Drohen, durch alle Mittel dieſer Welt zu erwärmen, groß zu machen und in einem Gedanken lebend mit dem Deinen,— brach er⸗ mattet Dein Wille zuſammen und aus Deinem ge⸗ preßten Herzen rang ſich ermattet und verzweifelt ein: „Vergeblich!“— und Du konnteſt doch nicht aufhören, die ſchwächere Seele zu lieben, Du wußteſt, daß Du nie aufhören würdeſt, und es blieb Dir nur die dumpfe Oede, die entſetzliche Verlaſſenheit zurück? Warſt Du je mild und alle Milde und Verge⸗ Byr, Quatuor. II 10 ſ6 4 G ¹ . 4 bung konnte das Geſchehene nicht mehr ungeſchehen machen? 146 Rang es ſich jemals ſtöhnend über Deine Lippen „Vorbei!“ und Du wußteſt, daß auch Alles— Alles vorbei ſei? Und lebſt Du noch?— Armer Menſch, Dir wäre beſſer— Du wäreſt todt! Dein Name. Auf des Bergesrieſen Scheitel, Ueber Wolken hoch erhaben, Hab' ich in marmornem Blocke Deinen Namen eingegraben. ——— Da in Sonnenglut und Wetter Feſt im Steine mag er ſtehen, Spurlos mögen die Jahrzehnte Ueber ſeine Lettern wehen. Hätt' ihn gern zur Sternesdecke, Zu den Himmeln aufgetragen, V Doch der Griffel reicht nicht weiter, Als die höchſten Gipfel ragen. Auch im Herzen iſt der Name Tief und blutig eingeſchrieben, Und erzählt von meinem Wehe— Der im Stein von meinem Lieben. Iſt vom Block nach langen Zeiten Er verſchwunden und verwittert, Hat auch über's arme Herz längſt Todeswehen hingezittert. Unbeachtet. Myriaden von Sternen glänzen Am weiten Himmelszelt, Ul Man merkt's nicht, wenn da einer lles Von ihnen herunter fällt. Myriaden von Seelen leben Im Rieſenraum der Welt, lreſt Man merkt's nicht, wenn davon eine Der Todesſchmerz zerquält. Was liegt an einer Seele? Was liegt an einem Stern? Von ſo viel Myriaden läßt ſich Ein einz'ges leicht entbehr'n. Und doch lebt in jeder Seele— In jedem Stern eine Welt, Die da ganz unbeachtet Und unbeweint zerſchellt. Dich! Dich! Dich! Wie es rast und tobt in jedem Nerven! Wie es brauſt und klopft in den Ohren, wie es ſauſt und ſtürmt im Kopfe! Es drängt den Athem ſchnaubend aus der Bruſt und eine Unruhe durchjagt die Adern, daß die Glieder zucken, daß es mich nirgends hält und mich raſtlos von einem Orte zum andern hetzt. O, meine Seele! zu Dir drängt's mich, als müßte ich dort Ruhe, tiefe Grabesruhe finden, den heißen 10* —-õ———— 148 Kopf in Deinem ſüßen Schooß, die Stirne unter Deiner weichen kühlen Hand— und ich kann nicht zu Dir! O Weib, ich liebe Dich, daß ich Dich an meiner Bruſt zerdrücken könnte;— und möchte, daß Du ich werden könnteſt und es gäbe dann nur ein Einziges auf dieſer Welt— ich!— und das wäre ich und Du. Und ich haſſe Dich aus maßloſer Liebe, daß meine Zähne knirſchen und ich Dich aufſtöhnend zerſchmettern möchte, um mich dann ſelbſt zu vernichten, zu tilgen aus dieſer großen Kothpfütze— Welt! Und ich war ſo ruhig den ganzen Tag, die ganze Zeit über,— jetzt auf einmal bricht dieſer Blitzſtrahl der Unruhe auf mich herein,— es ſiedet und ziſcht mir im Kopfe, als ſollte ſich ein Vulkan gebären, und es zerſchüttelt mein ganzes Sein;— als drohe ein gewaltiges Ungewitter über meinem Haupte, als bräche eine Lawine donnernd über mich herein! Was iſt's? Rüttelſt Du durch einen magnetiſchen Strom an meinem Herzen, an meinen Nerven, daß Alles ſich mit unheilvoller Electricität ſchwängert und überſättigt zum Berſten, wo doch nicht ein einziger Funke hervorziſchen kann, um als zerſchmetternder Blitz mich ſelbſt und 149 Alles, Alles mit mir zu zerſtören, zu verzehren— aus⸗ zulöſchen! Mit Jahren meines Lebens bezahle ich dieſe un⸗ ſeligen Momente; ſie nagen und zehren gefräßig,— ſie brauchen auf! Heiß und dürr die Zunge, heiß und dürr die Hand, heiß und dürr der Kopf— dürr und verſengt das Herz! Wahnſinn! ſchreit der dumme Menſchenhaufe.— Wahnſinn!— Hohlköpfe! Wahnſinn? die helle Lohe, die über dem Hirn zuſammenſchlägt und das Bewußtſein auftrocknet? Ach nein. Ein Herz;— ein unerſättlich verlangendes, ein verdurſtendes Herz— ein Herz, das den Himmel her⸗ abzerren möchte, um ihn Dir zu ſchenken,— ein be⸗ leidigtes, ein durchbohrtes, ein glühendes Herz, auf dem ein Tropfen ziſchend verdampft, das nach einem Meere lechzt, und das eine Sündflut nicht zu löſchen — zu kühlen nicht im Stande wäre,— ein Herz, das ſich im dämoniſchen Unmuthe ſelbſt zermalmt, ſelbſt zerbricht! Gewiß, gewiß, Du biſt gut, Du biſt groß, Du biſt heilig! Was, was will ich denn? 150 O was— Dich und Dich und Dich!!— Mein Gott, ich raſe. Berknüpft. Ueberkam es Dich nie wie ein troſtloſes Gefühl der Verlaſſenheit? War's Dir nie, als ſollte Alles, was Du bisher geliebt, Alles, was Du geſehnt,— ein Ende nehmen? Als ſollteſt Du austreten aus dem Kreis des Dich Umgebenden, aus der Bahn des Ge⸗ wöhnlichen? Als ſollteſt Du brechen mit allen den Ge⸗ fährten, die Dir treulich zur Seite ſtanden? Als ſoll⸗ teſt Du abrechnen mit der Vergangenheit, die Dir theuer war aus Liebe und Gewohnheit? Als ſollteſt Du Lebewohl ſagen all' dem Errungenen, all' dem erſt hoffend Angeſtrebten? Als ſollte Alles um Dich ver⸗ ſinken in die Nacht des Todes und Dich hinausſtellen auf den Gipfel, hinter Dir eine Kluft öffnend, die Dich an jedem Rücktritt hindert, vor Dir einen dichten Schleier laſſend, der Dich zaudern macht, den Schritt nach vorwärts zu wagen;— Du weißt ja nicht, ob Du feſten Boden findeſt, ob ein Abgrund Deiner war⸗ tet?— Und Du thateſt kühn den Schritt— Du be⸗ gannſt ein neues Leben, in dem Du Glück und Freude fandeſt! 451 Zaudere nicht, wenn Du Dich ſo hinausgeſtellt ſiehſt, gezwungen mit dem Geweſenen zu brechen, wenn Dich die Ahnung eines Lebensabſchnitts überkommt; überwinde das bange Gefühl der Schwäche, es iſt das irdiſche Erbtheil der Menſchheit. fühl 4 les Es gleicht dieſer Moment ſo ſehr dem an Deinem Sterbebette. dem Der letzte Moment Deines Todeskampfes knüpft Ge⸗ ſich innig an den erſten Deiner Geburt für ein Ge⸗ beſſeres, höheres Daſein.— Dein Körper gehört der ſoll⸗ Erde, Dein Geiſt der Welt. Pit Dein Zweck in der niedern Sphäre iſt vollendet, luſt der Wille erkennt Dir einen erhabenern zu. erf Erfülle ihn und zage nicht! ver⸗ Uen 1 Nach dem Sturme. die bten Draußen ſtürmt die rauhe Nacht, . Stürmt auch mir im Herzen drinnen, ritt Wenn auch drauf die Sonne lacht, ob Bleib' ich doch in düſterm Sinnen. bal⸗ Hat der Sturm ſich dann gelegt. be⸗ Und beſänftiget ſein Wüthen— eude Todt bleibt, was er abgefegt, All' die duft'gen Frühlingsblüthen. 452 Lieber Ruppert! Nachdem ich acht Tage bei dem miſerabelſten Wetter von der Welt in den Bergen herumgekrochen bin, kehrte ich geſtern wieder hieher nach Iſchl zurück, und wie zum Hohne kam auch die Sonne wieder aus ihren grauen Bettgardinen hervor. Ich glaube, es war ihr auch etwas in die Zähne gefahren und ſie lag aus Verdruß darum zu Bette. Ich war drüben in Auſſee und der Steiermark, und bei guter Beleuchtung muß es dort eine hübſche Ausbeute geben, drum will ich auch nächſtens wieder hin und vielleicht ſuche ich mir dort mein Sujet. Du mußt nämlich wiſſen, daß mir eine hohe, höchſte, beinahe allerhöchſte Beſtellung zugegangen iſt. Heute Morgens bei der Kurmuſik ſtellte mich ein alter, würdiger Herr, der hier und der ganzen Um⸗ gebung wegen ſeiner großen Leutſeligkeit und Güte allbekannt und beliebt iſt, der Erzherzog nämlich. Er ſprach mich ſehr huldvoll an, fragte mich nach meiner italieniſchen Reiſe und ob ich auch wieder vaterländiſches Geſtein und Gewäſſer meines Pinſels würdig halten werde. Da ich lächelnd bejahte, beſtellte er bei mir — und das war das Beſte— ein großes Bild, Land⸗ ſchaft aus den Alpen, keine Veduta, alſo bleibt mir 153 die vollſte Freiheit, und ich habe ſogar ſchon ſo etwas wie eine Idee dazu. Du hätteſt nun ſehen ſollen, was Dein Freund Rottwyl mit einem Male für ein berühmter Maler geworden war, zum Wenigſten in der gegenwärtigen Iſchler Saiſon. So mannigfaltige verächtliche Blicke bisher meine Lodenjoppe und mein vielgeprüfter, wetter⸗ geſtählter Sombrero über ſich ergehen laſſen mußten, mit einem Male wurde ihnen die glänzendſte Satis⸗ faktion. Alle Welt ſah auf mich und es war ein Genuß, dem Wechſel im Ausdruck der Geſichter und die halb ſcheuen, halb neugierig frechen Blicke zu ſtudiren. Eine Menge Leute drängten ſich an mich und ſagten mir die fadeſten Schmeicheleien, die ich mir aber doch con amore ſagen ließ, nur um zu ſehen, wie zur Abwechslung ein Mal auch ſolche Koſt ſchmeckt. Dann aber fing ich an, mich gelinde zu ärgern. Alſo alles das, was dieſe Mäcene und Kunſtkritiker nun plötzlich in mir erkannten, war ich nicht ſchon geweſen, ſondern wurde es erſt durch die freundliche Begegnung, die mir der liebenswürdige Greis zu Theil werden ließ! Ich wandte der ganzen Geſellſchaft den Rücken, ließ ſie verblüfft ſtehen und ging heim.— 54 Ich glaube faſt, wenn ich an die Geſichter denke, das war erſt der rechte Trumpf, den ich ohne Abſicht ausſpielte. So ging ich denn alſo heim und las Deine vergilbten Blätter noch einmal, ehe ich ſie in's Feuer werfe, wie es Dein Wunſch iſt. So ganz un⸗ recht haſt Du mit dem Wunſche nicht, denn daß ich dir's nur ſage, etwas Anderes kann man damit doch nicht anfangen, das fühlſt Du ja auch ſelber, indem Du ſie zum Feuertode verurtheilſt. Wenn ich jetzt beim Durchleſen mir Alles zu⸗ ſammenſtelle und vergegenwärtige, das heißt, mir zu jedem Blatt Dich in Deiner entſprechenden Stimmung hinzudenke, wie Du die kurzen Tage unſeres Beiſammen⸗ ſeins Dich in den chamäleonartigen Wechſelſpielen der Leidenſchaft gabſt, bald bis zum Wahnſinn auflodernd, daß mir Angſt wurde um Deinen armen Kopf, bald wieder in der unnatürlichen Ruhe einer Dich ſelbſt belügenden Reſignation, in dieſem ewigen Kampf von Glut und Eis, dann hat dieſe ſkandirte und un⸗ ſkandirte Lyrik Leben, ſie ſind erſchütternder, greif⸗ barer Realismus. Anders, wenn dieſe Ausflüſſe Deiner Stimmung zierlich gedruckt in einem Album ſtünden mit Deinem vollem Namen darunter. Das iſt der reine abgethane Weltſchmerz. 155 Ueberſchwänglich iſt man heutzutage ganz ebenſo, wie vor einem oder zwei Dutzend Jahren, nur hat ſich der Geſchmack geändert, ehemals packte die Ueber⸗ ſchwänglichkeit der Sentimentalität— heutzutage iſt die Ueberſchwänglichkeit des Witzes beliebt. Ein Fort⸗ ſchritt mag es vielleicht ſein, aber eigentlich nur für rohe Herzen und ſeichte Köpfe. Ich halte das Ge⸗ fallen an der Ueberſchwänglichkeit des Witzes, das ge⸗ ſuchte, mit Haaren herbeigezogene Geiſtreichſein, das Spielen mit dem Männchen voller Löckchen, Glöckchen, Hopſerchen und Entrechats entſchieden für ein ſchlim⸗ mes Zeichen. Vor Allen Boz, auch Thakeray und ſelbſt mitunter Bulwer haben dieſe Geſchmacksrichtung auf dem Gewiſſen. Von dem Schwarme unſerer deutſchen Nachahmer will ich nicht ſprechen— ich bin ein Maler und könnte ſie alſo auch gar nicht alle beim Namen nennen. Aber dieſe Schriftſteller haben ihr Genie zur Grimaſſe mißbraucht, ſie ſind in ihren Büchern lei— der gar zu oft ſuperklug, harlekinartig bunt, charla⸗ taniſtiſch breit und tanzmeiſterhaft unruhig und ge⸗ künſtelt; da iſt Alles kraus und par force pikant, voll Schnörkelchen, Schönpfläſterchen, Purzelbäumen und Kunſthüpfern. Alles ſcheint zu ſagen, gleich dem Ba⸗ jazz in der Kunſtreiterbude:„Wie bin ich doch geiſt⸗ reich? wer nicht applaudirt und lacht, iſt ein sot.“ 156 Mir wenigſtens geben ſolche Bücher weder einen Ge⸗ danken, noch befriedigen ſie, Alles iſt Licht, es fehlt der Schatten, oder vielleicht auch umgekehrt. Es fehlt die edle Ruhe in der Bewegung, die Größe, das warme Kolorit und die Tiefe des Gedankens.— Hobelſpäne— ſind noch lange keine Bildhauerarbeit, und eine Palette iſt kein Gemälde. Schlage in Deiner Zeitung nach und vergleiche mit dieſer Philippika die am Liebſten geleſenen, die am Meiſten applaudirten und bejubelten Feuilletons. Aber ich bin ganz von meiner Leinwand abge⸗ kommen. Ich wollte nur ſagen, daß Du Dir bei der gegenwärtigen Geſchmacksrichtung mit einer Publi⸗ kation ſolcher vergilbter Blätter ſehr im Lichte ſtehen würdeſt. Manchmal glaubte ich beim Durchleſen wirk⸗ lich, Du hielteſt mir eine moraliſche Sittenpredigt, und gar in der Verknüpfung des Daſeins mit einer höheren Sphäre finde ich nicht das rechte Elixir für Dich. Laß es Dir noch ein wenig in einer niederen gefallen, mit feſtem Willen und Arbeit übertaucht man am Ende auch dieſſeits den Erdenjammer. Nun, Du haſt ja einen gewaltigen Anfang ge⸗ macht und Dein Dienſtagsartikel widerlegt am Be⸗ ruhigendſten Deine bange Randgloſſe unter dem Blatte: Dich, Dich, Dich!“ 157 So ſchreibt kein Raſender, ſondern nur ein ſehr vernünftiger, ſcharfſinniger und entſchiedener Politiker. Für dieſen Artikel mache ich Dir mein aufrich⸗ tiges Kompliment;— wenn die vergilbten Blätter Deine Vergangenheit ſind, ſo iſt er ganz beſtimmt das Programm Deiner Zukunft. Das iſt ein Banner, um das ſich Millionen ſchaaren, und ein Schlachtruf, der die reifen Geiſter der ganzen Menſchheit zum energiſchen Einſtimmen herausfordert. Noch einmal, ich gratulire Dir, das ſind keine Leitartikel, das ſind Schlachten und Siege, auch für ſie gibt es einen Lorbeerkranz und eine Bürgerkrone. Ich weiß, Du wirſt über meine Lobſprüche nicht eitel, denn Dir fehlt die Stimmung dazu; ein gedrück⸗ tes, leidendes Herz iſt gewappnet gegen den Höhen rauch der Eitelkeit. Drum wirſt Du auch ohne Em⸗ pfindlichkeit den Rath annehmen, den ich Dir geben will. Schreibe kein vergilbtes Blatt mehr und laß nichts merken von dem Spiritualismus, der aus ihnen her⸗ ausklingt, laß Dein Publikum an Deinen Materialis mus glauben, ſo lange Du keine feſte Partei haſt. Der Rath iſt macchiavelliſtiſch, aber die Strömung des Jahrzehntes iſt eben ganz entſchieden, und was iſt zu thun, wenn die Menge eben keinen Unterſchied zu ma chen verſteht zwiſchen Spiritualismus und Ultramon⸗ tanismus, zwiſchen Deismus und abergläubiſcher Bor⸗ nirtheit? Traurig iſt's, aber es iſt doch ſo. Erſt muß dieſe Begriffsverwirrung gelöſt werden, dann wird auch das jetzt ſchmachvoll exilirte Gefühl wieder in ſeine Rechte treten— das heißt öffentlich, denn ins⸗ geheim beim Einzelnen hat es ſich ja doch nicht ver⸗ drängen laſſen, nur vor dem Publikum ſchämt dieſer ſich einzugeſtehen, daß er Gefühl, daß er ein Herz hat. Du brauchſt darum nicht zu heucheln— nur klug zu ſchweigen. Es kommt ſchon die Zeit, wo Du leh⸗ rend und eifernd dafür auftreten kannſt. Pahl! Du weißt das wohl beſſer als ich, und vielleicht iſt ſie auch ſchon da. Nun iſt's aber genug. Das iſt ein Gegenſtand, den ich gerne mit Dir erörtern möchte, und darauf freue ich mich nicht am Wenigſten, wenn ich im Herbſte wieder in die Stadt komme. Für einen Brief aber iſt das Thema zu unerſchöpflich. Wie ſteht's mit Neuhaus? Verlautet nichts mehr von dem Schurken? Wenn Du Zeit haſt, ſchreibe, ſonſt laß es— ich leſe Deine Artikel und denke mir dabei, ſie ſeien an mich adreſſirt. Lebe wohl, mein lieber, lieber Freund! Dein alter Zeno. 159 Unter Anderem, ich will doch wieder zu Hellfrieds 4 gehen, der Alte hat mich heute Früh ſo jovial einge⸗ laden. Den verdammten Engländer finde ich hoffent⸗ lich ja doch nicht dort— er ſoll ſeinen kranken Affen 4 warten. Vale. — ———— —— IX. Ein Liebeskapitel. So ſehr en bagatelle Zeno auch den Beſuch in der Villa des Banquiers behandelte, ſo ließ die Eile mit welcher er der Einladung dießmal Folge leiſtete, doch darauf ſchließen, wie erwünſcht ſie ihm gekommen war, ja ſie legte ſogar die Vermuthung nahe, daß den Maler nicht das Regenwetter allein ſo bald wieder nach Iſchl zurückgejagt habe, wohin er vor Ende des Sommers nicht wiederkehren wollte. Dieſe Eile war in der That verrätheriſch, ging ſie doch ſo weit, daß Zeno ſchon im Verlaufe des Nach⸗ mittags wieder an der eiſernen Pforte ſtand, die er ſich für immer zu meiden vorgenommen hatte, und zwar zu einer ſo frühen Stunde, daß die Sonne noch hoch am Himmel ſtrahlte. 7 161 Langſam ſchritt er zwiſchen den Gebüſchen hin, es war ſo ruhig und traulich, nur hin und wieder wurde die Stille durch den Geſang eines Schwarzblätt⸗ chens unterbrochen, das in einem der hohen Bäume niſtete. Die übrige gefiederte Welt ſchien ſich bei der drückenden Hitze noch immer der Sieſta hinzugeben. Jetzt trat Zeno um den vorſpringenden Winkel des Boskets und hielt unwillkürlich an. Er ſtand an der nämlichen Stelle, von der aus er jenen unvergeßlichen Anblick genoſſen, jenes be⸗ rückende Bild, das ſeither immer auf jeder Leinwand, die er vor ſich hinſtellte, um darauf eine Kompoſition zu entwerfen, wie von einem Zauber hervorgerufen er ſchien. Wie ſehr hatte ſich nun die Szenerie verändert; langweilig, unſymmetriſch gebaut, ſtörend ſtand die un⸗ ſchöne Schaukel inmitten des öden Raſenflecks, und ſelbſt dieſer ſchien lange nicht mehr ſo friſch und ſaftig, obwohl er in Wirklichkeit durch ſieben Regentage doch unmöglich ſo auffallend verdorrt ſein konnte— aber was kümmert ſich das Auge der Liebe um die Geſetze der Natur?! Zeno trat weiter vor, eine unwiderſtehliche Luſt wandelte ihn an, ſich ſelbſt auf das Schaukelbrett zu ſetzen, und er war kindiſch genug, dieſer ſeltſamen Re⸗ gung Folge zu leiſten. Byr, Qnatuor. II. 11 162 Da ſaß er nun und war dben im Begriffe, ſich im Stillen tüchtig auszulachen, als ſein Blick mit ei⸗ nem Male durch eine unerwartete Farbenzuſammenſtel⸗ lung gefeſſelt wurde; durch das grüne Laub zu ſeiner Rechten ſchimmerte ein ganz unbedeutendes Fleckchen Weiß und Blau, das offenbar weder einer Blume noch einem Vogel angehörte. Wie elektriſirt ſprang er von ſeinem Sitze herab und durcheilte den Raſenplatz vollends, nun ſah er ſchon deutlicher durch die Stämme der Bäume 1n die Blätter des niederen Gebüſches, er erkannte einen blauen Gürtel aus Seide um ein leichtes weißes Kleid. Noch ſah er weiter nichts und doch pochte ſein Herz raſcher und entriß dem Verſtande die Führung, ſo daß Zeno, anſtatt auf den breiten Fahrweg zurückzukehren, auf einem ſchmalen, kaum merkbaren Pfade in das Gebüſch eindrang. Und jetzt— jetzt, jauchzen hätte er mögen— mitten in dem Boskete befand ſich ein lauſchiges Ver⸗ ſteck, eine ganz kleine Lichtung, ſo glücklich angelegt, daß man ſich leicht in Waldesſchatten hineinträumen konnte— rings dicht umſchloſſen von einer grünen Blätterwand, aus der alte, hohe Bäume emporragten, nur auf der einen Seite zugänglich, von der Zeno ge⸗ kommen war— und hier auf einer Gartenbank wie 163 eine ruhende Nymphe ſaß, halb liegend, das ſüße blonde Mädchen und ſchlummerte. Das Köpfchen war nach rückwärts und zur Seite geſunken, dadurch trat die Büſte mehr hervor, wahr⸗ nehmbar hob ſich der zarte jungfräuliche Buſen unter der leichten, durchſichtigen Blouſe. Der faltenreiche Rock hatte ſich etwas verſchoben und ließ den kleinen ſchlanken Fuß nnd den reizend geformten Knöchel ſehen, ſogar noch ein klein wenig von der kräftigen Wade in dem ſtrammen, blendend weißen Strumpfe. Das linke Händchen war ſchlaff herabgeſunken und hatte das Buch, das es gehalten, zu Boden ſinken laſſen. Einen Angenblick verweilte Zeno in dem bezau⸗ bernden Anblick, dann bückte er ſich raſch und geräuſch⸗ los nach dem entfallenen Buche, einen neugierigen Blick hineinzuthun. Es waren Geibel's Gedichte, und bei⸗ nahe von ſelbſt öffnete ſich das Buch an einer, wie es ſchien, oft geleſenen Stelle, doch der indiskrete Forſcher kam nicht dazu, dieſes Gedicht zu überfliegen, denn die Stelle war gleichſam bezeichnet durch eine eingelegte getrocknete Blume, die noch jetzt einen würzigen Duft aushauchte. Es war ein Alpenveilchen— es war das ſeine, es mußte das ſeine ſein, gewiß, gewiß war's ſo. Jubel erfüllte ſeine Seele, vorſichtig nahm er das Blümlein heraus, drückte es an ſeine Lippen und that 164 es in ſein Notizbuch. Forſchend ſah er um ſich nach irgend einem Zeichen, der Zufall konnte ihm nicht günſtiger ſein. In dem dichten Schatten, der den Boden feucht erhielt, blühten eine Menge Vergißmein⸗ nicht. Raſch pflückte er die größte und blaueſte der Blumen und legte ſie ſorgſam an derſelben Stelle ein, wonach er das Buch wieder zuthat und in das Gras zurücklegte. Er wollte fort, aber das Herz widerſprach. Laut und gewaltig ſchlug es und hielt ihn wie mit eiſernen Klammern gefeſſelt. Unmöglich war's ihm, die Augen loszureißen von dem entzückenden Bilde. Jetzt regte ſich die Schläferin leiſe, und Zeno war auf dem Sprunge zu entfliehen. Doch war ſie nicht erwacht, nur ihre Lage hatte ſie ein wenig verändert. Das Geſichtchen war jetzt noch mehr ihm zugewendet. Ein tieferes Roth als gewöhnlich hatte die Hitze des Sommernachmittags auf die zarten Wangen gehaucht, feucht und doch geringelt lag das loſe, in Unordnung gerathene Haar um die Stirne, die Lippen waren halb geöffnet, wie ſchnee weiße Punke ſchimmerten die Spitzen zweier Zähne dahinter hervor, und tief und voll ging der aromatiſche Athem der Jugend und Geſundheit über die zauberiſch lockenden Lippen. Zeno war ſeiner Sinne nicht mehr mächtig, er 165 dachte nicht an die Folgen ſeines Beginnens, nicht an die gebotene Rückſichtnahme, an nichts;— in namen— loſer Liebesſehnſucht beugte er ſich trunken über die ſchlummernde Elfe und drückte leiſe, aber innig einen wonnigen Kuß auf den berückenden Mund. Ein tiefer Athemzug, faſt wie ein Seufzer, hob die ſchwellende Bruſt, langſam ſchlugen ſich die hellen blauen Augen auf, ſogleich aber ſanken die breiten weißen Lider wieder herab, als wollten ſie ein fliehen— des ſüßes Bild zurückhalten, ein Traumgeſicht, das mit dem Erwachen entſchwand. Ein entfernteres Geräuſch, wie von geknickten Zweigen, von raſchen Fußtritten, unter denen der Kies knirſchte, drang an Ida's Ohr und rief ihre Aufmerkſamkeit wach. Nochmals ſchlug ſie die Augen auf, dießmal voll und forſchend, doch das Geräuſch war ſchon wieder vorüber und nichts Ungewöhnliches zu bemerken!— ordnend ſtrich ſie ihr Haar, ihr Kleid glatt, dann neigte ſie ſich, um das Buch aufzunehmen, ſie ſchlug es halb in Gedanken auf; da lag— ein Vergißmeinnicht— ein ganz friſches Vergißmeinnicht! Wie ein Feuerſtrom ſchoß es ihr zum Herzen, in die Wangen, in die Stirne— Schläfe, Nacken, Hals waren in tiefen Purpur getaucht— der Schreck, der ſelige Schreck lähmte ihren Herzſchlag, und in holder — 166 Scham bedeckte ſie das liebliche Antlitz mit beiden Händen, als wollte ſie es vor der ganzen Welt ver⸗ bergen— was ihre Lippen gefühlt, was die geſchloſſe⸗ nen Augen geſehen,— es war ja kein Traumgeſicht, kein Spiel der ſchalkhaften Phantaſie— Wirklich⸗ keit war es, ſüße, wonnige Wirklichkeit— glückſeliges Leben! Als Ida eine geraume Weile ſpäter in die Ve⸗ randa kam, fand ſie Zeno im vollen Geſpräche mit Frau von Hellfried und dem Banquier, der im höchſten Grade vergnügt ſchien, einen Gefährten gefunden zu haben, der ihn mit lebhaftem Eifer darin unterſtützte, die ſeit einiger Zeit nur ſcheel angeſehene Cigarren⸗ taſche allmählig zu leeren, und das edle Blatt aus der Vuelta d'abajo in ſeiner vollen Güte gehörig zu würdigen wußte. Von Neuem erröthend, begrüßte ſie abgewandten Blickes nur flüchtig den Beſuch und ſchlüpfte an die Seite der Mutter, aus deren Arbeitskörbchen ſie ſich eine Beſchäftigung holte, die ihr die nöthige Faſſung geben ſollte. Aber ſo leicht durfte ſie der gefürchteten Begeg⸗ nung nicht entkommen, denn Herr von Hellfried war in ſei⸗ ner jovialſten Laune, und fand es ſehr beluſtigend, ſich auf Unkoſten ſeines Töchterleins zu divertiren. 167 „Ei!“ rief er,„ſieh, ſieh, Idele!, Du wirſt ja ganz feuerroth und verlegen, als ſtünde plötzlich ein wildfremder Menſch vor Dir. Iſt ja unſer lieber Herr Rottwyl. Spielt Dir einen eigenthümlichen Streich das Blut, daß es Dir ſo in die Wangen ſteigt?“ Ida antwortete natürlich nicht, nur war dieſe Anrede nichts weniger als geeignet, die verrätheriſche Röthe zu verſcheuchen. „Möchte doch wiſſen, ob's der Schreck oder die Freude war?“ ſcherzte der Banquier, der keine Ahnung davon hatte, wie voll er in's Schwarze traf mit ſeiner neckiſchen Bemerkung. In ſeinen Augen war der Ma⸗ ler ganz ungefährlich, am Ende auch viel zu wenig bekannt in der Familie, und dann hatte er ſich ja wohl oder übel ſchon längſt mit dem Plane ſeiner Frau ab⸗ gefunden und betrachtete die Verlobung ſeiner Tochter mit Maxy ſo gut wie geſchloſſen. Der Scherz, den er fortzuſetzen ſichtbar noch in der Launewar, wurde nun auch Zeno unbequem, und ſo fand dieſer denn raſch einen Uebergang auf ein anderes Gebiet und ſprach mit ſolcher Lebhaftigkeit, daß die Zeit Allen raſch und angenehm verflog. Zeno wollte ſich endlich empfehlen, doch ließ man ihn zu ſeiner ſtillen Befriedigung nicht fort. Frau von Hellfried ſchlug einen Spaziergang nach der Hen⸗ 168 riettenhöhe vor uud entfernte ſich mit Ida, um Hut und Sonnenſchirm zu holen. Der Banquier ſah nach der Uhr und ſprach ſein Erſtaunen darüber aus, daß Doktor Bogner noch nicht da ſei.—„Mein Schwiegerſohn in spe, Sir Norton,“ ſetzte er dann hinzu,„iſt ebenfalls unſichtbar, es iſt nun ſchon der zweite Tag, daß er gar nichts mehr von ſich hören läßt.— Haben Sie ſchon einen Entwurf für das Gemälde Sr. kaiſerlichen Hoheit?“ ſprang er raſch über, und ohne Zeno nur Zeit zur Beantwor⸗ tung der Frage zu laſſen, fuhr er fort:„O, Sie dür⸗ fen mir's nicht abſchlagen— ich bin pränumerirt auf das erſte Werk, das darauf folgt. Ich könnte nicht ruhig ſein, wenn meine kleine Sammlung nicht eine Perle aus dem Pinſel eines ſich ſo raſch Bahn bre— chenden vaterländiſchen Talentes enthielte.“ Zeno verbeugte ſich, ohne eine eigentliche Zuſage zu geben, aber um ſeinen feingeſchnittenen Mund ſpielte ein eigenthümliches Lächeln, deſſen richtige Deutung dem Banquier, wenn er ſie verſucht hätte, ziemlich ſchwer gefallen wäre, da er in der feſten Meinung ſtand, eben ſo liebenswürdig als geiſtreich geweſen zu ſein. Die beiden Damen erſchienen wieder, zum Spa⸗ ziergang gerüſtet, und auch Valerie kam mit. Ruhig 169 begrüßte ſie den Maler. Sie erſchien ihm diesmal noch ernſter, noch leidender und auch noch ſtolzer. Unter gleichgültigen, aber heitern Geſprächen ging die kleine Geſellſchaft nach ihrem Ziel; unterwegs hatte ſich zu Zeno's nicht geringem Verdruſſe auch Max an⸗ geſchloſſen, doch ſorgte der Maler dafür, daß er für's Erſte nicht zu Worte kam, und ſogar der Banquier be⸗ hielt, ungeachtet des mißbilligenden Blickes, der ihn traf, die friſch angebrannte Cigarre trotzig im Munde. War er ja doch in ſeinem Widerſtande nicht mehr allein. Auf der Höhe wurde ein leichtes Veſperbrod ein⸗ genommen, der Banquier und Frau von Hellfried hat⸗ ten Bekannte getroffen, mit denen allerlei zu beſprechen war; Zeno hatte ſich abſeits gezogen, er genoß die herrliche Ausſicht, ſkizzirte und träumte und zeichnete bald ſtatt Studien nur mehr Buchſtaben in gothiſcher, römiſcher, Mönchs⸗ und Lapidarſchrift. Erſt lange nach Sonnenuntergang machte ſich die Geſellſchaft auf den Heimweg. Der dunkle Schatten, der abhängige Weg gaben den Herren gewißermaßen eine Berechtigung, den Damen ihren Arm zu bieten. Voraus ſchritt Frau von Hellfried, Max führte ſie; er war in einen Vortrag über die höchſt nach⸗ theiligen und gefährlichen Wirkungen des Kaffees ge⸗ 170 rathen, den die gute Frau mit dem höchſten Intereſſe anhörte und darüber alles Andere vergaß. Nach ihnen ſchritt der Banquier mit einem alten Stiftsfräulein, deſſen Geſchäfte er beſorgte und das er ſehr rückſichts⸗ voll behandelte, weil es ihm nicht wenig ſchmeichelte, vor der ganzen Badegeſellſchaft mit einer Dame von ſo altem Adel intimen Umgang zu pflegen. Auch Va⸗ lerie hatte ſich ihnen angeſchloſſen. So war es gekommen, daß Zeno und Ida ſich ganz von ſelbſt zuſammenfanden, ohne daß ſie ſich eben ſuchten, jedoch auch ohne ſich geradezu auszuweichen. Bang fühlte Ida das unruhige Herz ſchlagen, als ſie ihre Hand ganz leicht, beinahe unfühlbar auf ſeinen Arm legte, und Beiden rieſelte es eigenthümlich durch alle Adern, als ſei eben jetzt eine elektriſche Kette ge⸗ ſchloſſen worden, als verbinde ein Telegraphendraht die beiden Endbatterien, Herz genannt.. Ja, das waren dieſe beiden Herzen, deſſen waren ſich Beide bewußt, und Zeno mußte lächeln, wenn er hin und wieder weit vorne den blonden Doktor ein⸗ herſchreiten ſah, den Jüngling mit ſeinem hohlen Mus⸗ kel mit vier Kammern und zwei Klappen. Es wandelte ſich ſo traulich durch den ſtilldäm⸗ merigen Abend, umfloſſen von der lauen, duftgeſchwäng⸗ erten Luft, umhuſcht von den heimlichen Schatten der —’ 41 Bäume, von Niemanden belauſcht als von den leiſe aufgehenden Sternen am Firmamente, das Liebchen am Arm und das ſüße Geheimniß in der Bruſt. Ja, was doch auf Erden ein paar Schritte für einen Un⸗ terſchied machen— nur wenige Schritte vor dem ſe⸗ ligen Paare wandelte das alte Stiftsfräulein und der Banquier, und Beide merkten von all' den Wonnege⸗ fühlen dieſes Spaziergangs aber auch gar nichts, und ſelbſt Valerie's Bruſt war weh und enge zuſammen⸗ gepreßt. Und Alles nur darum, weil der unſichtbare Begleiter der Geſellſchaft vorzog, ein paar Schritte hinter ihnen zurückzubleiben und zwiſchen dem letzten Paare einherzuſchweben, der unſichtbare ſtille Genoſſe — das Liebesglück. Lange genug gingen die Zwei ſelbander, ohne ein Wort zu reden, und als ſie endlich zu ſprechen began⸗ nen, da war das einförmige, endloſe Gezirpe der Ci⸗ kaden lauter als ihr Geflüſter. „Weßhalb haben ſie mich ſo mißhandelt,“ fragte er vorwurfsvoll,„als ich vor acht Tagen zum erſten Male auf die Villa kam?“ „Hätte ich das?“ gab ſie bebend vor Aufregung zurück, kaum wußte ſie, was ſie ſprach, jede Saite in ihr war auf das Aeußerſte angeſpannt,„ich weiß mich nicht zu erinnern.“ 172 „Warum leugnen Sie es, Ida? Sie müſſen es noch wiſſen, Sie müſſen ſich deſſen erinnern— Sie haben mich ja dadurch fortgejagt und ich wollte nim⸗ mer wieder kommen.“ Ein leiſes Zucken ihres Armes verrieth, wie im nämlichen Momente ein Pfeil ihr Herz getroffen hatte. Beinahe ſchmerzlich klang der Ton ihrer Stimme, als ſie erwiderte:„Das hätten Sie vermocht?“ raſch aber korrigirte ſie ſich und ſetzte beinahe kichernd hinzu: „Ach, Sie kamen ja doch wieder.“ „Nur weil ich noch Eines vergeſſen hatte, das mir keine Ruhe ließ.“ „Gewiß ein Zweifel betreffs des grünen Thees oder die Ungewißheit über das Befinden Coco’s?“ Wäre es nicht zu finſter geweſen, er hätte das ſchelmiſche Lächeln ſehen müſſen, das um ihre Lippen glitt, denn Ida nahm eben den Strohhut ab und hängte ihn an den freien Arm, um die Stirne im milden Abendhauche zu baden. „Nein, mein Fräulein, ein Anderes, je nachdem weniger oder mehr wichtig als die beiden eben er⸗ wähnten Dinge.“ „Ich rathe ſchwer.“ „Mein Pfand.“ 173 Eine Pauſe trat darauf ein, Beide fühlten, daß es mit dem Scherz, wie mit dem Verſteckenſpielen jetzt zu Ende ſei. Höher ſchlug Beiden das Herz, denn der entſcheidende Moment war gekommen, wo das geheim— nißvolle Zauberwort geſprochen werden— das„Seſam öffne Dich!“ die Herzen ſich erſchließen mußte. „Sie ſelber haben mich aufgefordert, Ida, es ein⸗ zulöſen,“ ſagte dann Zeno mit weicher Stimme,„ich that es, wollen Sie den Eintauſch gelten laſſen?“ Die Röthe, die nun das liebliche Geſicht übergoß, deckte mitleidig die gütige Nacht, deren Schatten jetzt noch tiefer auf dem Wege lagen, ſeit die Heimkehren⸗ den den Irrhain betreten hatten. Wie ſollte das be⸗ bende Kind die Frage nehmen? welchen Eintauſch meinte er, die Blume oder—? „Sie antworten nicht?“ drängte er.„Habe ich Sie erzürnt, o dann werfen ſie immerhin auch das Vergißmeinnicht in das hohe Gras zurück, aus dem ich es geholt, dann war Alles ein plumper, ungeſchlach⸗ ter Scherz von mir, den Sie vergeben mögen und vergeſſen, wie mich ſelbſt.“ Seine Worte klangen bitter, es lag die Erregung ſeiner Seele in ihnen, all' die Furcht, das Bangen, die Verzweiflung;— konnte er ja doch nicht in ihr 174 Auge ſchauen, konnte er ja doch aus ihnen die Ant— wort nicht leſen, mit der ihre Lippen noch immer zauderten. Mit aller Zuverſicht, die ihn den ganzen Nachmittag hindurch getragen und gefeſtigt hatte, war's nun mit einem Male vorbei, das Herz— das thörichte Herz war Meiſter über den ruhigen, ſcharfen Verſtand. Wozu taugte ihm nun all' ſeine Welt- und Menſchen⸗ kenntniß? Befangen, unſicher war ſein Urtheil, zau⸗ dernd, ungewiß ſah er in die nächſte Zukunft, wie ein Knabe, nicht wie ein Mann, der auf Konſequenzen pocht und weiß, was kommen muß. „O ja, ja, ich bin ein thörichter, unciviliſirter Menſch,“ ſtieß er nun hervor.„Sie haben Recht, mein Fräulein, wenn Sie mir zürnen, wenn Sie dieſe Blume vielleicht ſchon weggeworfen haben. Es war ungeſchickt, es war vermeſſen von mir, ein Pfand ge⸗ gen ein anderes, den Scherz in Ernſt umwechſeln zu wollen. Laſſen Sie's ein Spiel ſein— das Spiel iſt zu Ende!“ „Ich werde dies Pfand ſo ſorgfältig bewahren, wie das erſte“, klang es leiſe und milde an Zeno's Ohr; wie berauſcht ſchlürfte er die Töne ein. „Ida!“ rief er leiſe, aber mit der ganzen In⸗ nigkeit ſeiner Liebe, indem er den zarten, runden 175 Arm heftig an ſeine Bruſt drückte;„Ida! iſt es wahr?“ „Oder eigentlich noch weit ſorgfältiger,“ lispelte es noch leiſer, aber nicht ohne einen leichten Beiklang von Schelmerei, durch die Nacht, und dabei wurde der Druck ganz leiſe erwidert,„damit es mir nicht wieder ſo tückiſch geraubt werde, wie das erſte.“ Zeno war es, als hüpfe ihm das Herz in der Bruſt, laut aufjauchzen hätte er mögen zu den blinken⸗ den Sternen, die nur einzeln durch das dichte Laubdach lugten, das ſich über den Beiden wie eine Kuppel wölbte. Tief finſtere Nacht umhüllte ſie, ſo daß Eines nicht das Andere ſah, ſo waren ſie ſicher vor jedem neugierigen Blicke. Zeno faßte jetzt plötzlich ihre Hand mit der Linken, löste ſeinen Arm aus dem ihren, und ſchlang ihn feſt und innig um ihren ſchlanken Leib. Zitternd hing ſie in ſeinem Arm, der Kopf war rück⸗ wärts geſunken, vielleicht perlte eine Thräne in ihrem Auge, wer mag es wiſſen?— und ſelig und glühend hing Mund an Mund.— O ſchüttle nicht den Kopf, ſchöne und dennoch ſtrenge Sittenrichterin! Ziehe deine küſſenswerthe Lippe nicht ſo mißbilligend und verächtlich empor! Sieh, und weshalb hätte ſie denn auch dem Kühnen beſonders E * 1 ☚ 47 176 wehren ſollen, ſelbſt gegen ihr eigenes Fühlen und Sehnen?— es ſah's ja Niemand in jener ſüßen, trau⸗ lich finſtern Nacht— und am Ende war's ja doch auch nicht mehr der— erſte Kuß. X. Ein Kapitel der Aufklärungen. „Wie geſagt, ich habe im Prinzip nichts dagegen, abſolut nichts dagegen, aber jedenfalls iſt noch Man⸗ ches zu beheben, die Verhältniſſe müſſen ſich erſt feſt— ſtellen und überhaupt iſt das Kind noch zu jung— viel zu jung, lieber Herr Rottwyl.“ So ſprach der Banquier zu Zeno, als ſich Beide am nächſten Tage in dem Gemache gegenüber ſaßen, in welchem Herr von Hellfried Sir Norton vor vier Wochen zum erſten Male empfangen hatte. Zeno ſtak in einem feierlichen ſchwarzen Anzuge, 1 und ſelbſt der Umſtand, daß der Banquier, ungeachtet der frühen Morgenſtunde, ſchon ſeinen Schlafrock mit dem Ordensbande gezierten Frack vertauſcht hatte, Byr, Quatnor. II. 12 ——X—Pyjj,— 178 deutete auf etwas Ungewöhnliches hin, was in der Villa vorging. Es räth ſich leicht, worin das Ungewöhnliche be— ſtand, das ſeine Wogen zwar nicht mehr in der erſten Gewalt der Brandung, aber doch noch immer in mäch⸗ tiger Bewegung gegen die Gemüther in dem zierlichen Schweizerhäuschen ſchlug. Noch am vergangenen Abend, als ſich die Geſell⸗ ſchaft an der Gartenpforte getrennt hatte und die Fa— milie Hellfried in ihre freundliche Häuslichkeit zurück⸗ gekehrt war, hatte ſich Ida ſtürmiſch in die Arme der Mutter geworfen und, das verſchämte Antlitz an ihrer Bruſt bergend, ihre Liebe, ihr Glück geſtanden und ihre Mittheilung mit dem Rufe geſchloſſen:„Mutter, ich will ſein Weib werden, ich kann keinen andern Mann auf Erden lieben!“ Das war nun frellich eine kategoriſche Erklärung, die der guten Frau ganz unerwartet kam und ſie ſo ſehr erſchütterte, daß ſie ſich ſogleich ſetzen mußte. Frau von Hellfried war nahe daran, eine Anwandlung von Weltſchmerz zu verſpüren; waren ja doch alle ihre Träume, alle ihre Pläne auf's Aeußerſte bedroht, ja eigentlich ſchon zerbrochen.„Der einzige Sohn ihrer innigſt geliebten, theuern Freundin“ ſollte nicht auch ihr Sohn werden, ſollte leer aus⸗ und ihr ſo lange ung, 2 ſo ußte. lung ihre ja ihrer auch lange 179 mit beſonderer Vorliebe gehegter Wunſch in Rauch aufgehen! Das war keine kleine Prüfung. Die Mutterliebe beſtand ſie doch. Zunächſt eilte ſie, ihren Gatten aufzuſuchen. Wie wenig der Ban⸗ quier auf dieſe Neuigkeit vorbereitet war, ging aus der großen Beſtürzung hervor, in die ſie ihn verſetzte. Zwar um den Verluſt des projektirten Schwiegerſohnes war es ihm nicht, aber dafür hatte er hundert und einen Grund gegen die Subſtituirung durch Rottwyl einzuwenden. Ein Maler, ein Mann ohne Stellung, ohne Vermögen, ohne namhaften Ruf, das war denn doch eine ſtarke Zumuthung für ihn, an eine ſolche Perſönlichkeit die Hand ſeiner Tochter hinzugeben. Es ſchien im Anfange wirklich, als wollte er ſich aus Leibeskräften dagegen wehren und ſeine ganze väter⸗ liche Autorität in die Wagſchale werfen. Da alle Vorſtellungen nichts nützten, verhärtete er ſein Herz gegen das ſtille Weinen des Kindes und befahl, ſie ſolle ſich ungeſäumt auf ihr Zimmer zurückziehen und den verrückten Einfall ausſchlafen. „Ich gehe, Vater, und gehorche“, ſagte Ida leiſe und ihr Schluchzen unterdrückend,„aber ich werde meine Geſinnung nicht ändern, ſollte ich auch darüber ſterben.“ Und das klang gar nicht theatraliſch, denn das 12* 180 Mädchen hatte die Worte ruhig und einfach, aber mit ſo feſtem Tone geſprochen, daß ſich der Banquier da⸗ von frappirt fühlte. Die ruhigere Erwägung trat nun an die Stelle der erſten hitzigen Aufwallung. Rottwyl hatte ja eini⸗ ges Vermögen, freilich nur„eine Priſe“, wie der Banquier es nannte. Immerhin aber zeigte die Art, wie er ſeine Mittel zu erhalten und zu verwenden wußte, daß er doch keines jener leichtſinnigen Genies, die ihr liederliches Leben mit der Kunſt entſchuldigen, — ſondern daß er ein ordentlicher junger Mann ſei. Außerdem hatte der Maler unſtreitig eine Zukunft vor ſich, er beſaß immerhin ein ehrenhaftes Renommé trotz ſeiner Jugend, und endlich, Se. kaiſerliche Hoheit hatte ihm ja ſelbſt und ſogar öffentlich gewiſſermaßen den Stempel des Beachtungswerthen aufgedrückt,— das wog in den Augen des loyalen Banquiers am Aller ſchwerſten. Bis in die ſpäte Nacht hinein wurde berathen, den Ausſchlag gab aber endlich Valerie, die noch ſo ſpät herabkam und erklärte, ſie könne es nicht länger anſehen, wie ihre arme Schweſter ſich dem Schmerze hingebe, ſie bitte nun ebenfalls für ſie und ſei ent— ſchloſſen, wenn etwa Zeno's Vermögensloſigkeit ein Hinderniß ſein ſollte— zu Gunſten ſeiner Verbindung 181 mit ihrer Schweſter ihr ganzes Heirathsgut abzutreten, ihre Verlobung mit ihrem Bräutigam zu löſen und in ein Kloſter zu gehen. Das entſchied. Der Banquier fühlte ſich gekränkt durch die Zumuthung, als reichten ſeine Kräfte nicht aus, alle beiden Töchter finanziell unabhängig zu ſtel⸗ len; dazu kam der Schreck, Valerie möchte ihre Droh⸗ ung ausführen, und ſo der Welt den Skandal des zweiten Bruches einer feierlichen Verlobung binnen wenigen Wochen geben. Es ging, wie es bei Eltern, die ihre Kinder abgöttiſch lieben, immer zu gehen pflegt. Der Banquier gab nach, ſeine Frau hatte ſchon längſt nachgegeben und durfte ſich nun die Be— friedigung gewähren, in das Zimmer der Schweſtern zu eilen und ihr Kind tröſtend an das Mutterherz zu nehmen. Beim Banquier trat nun aber ein allen ſanguini⸗ ſchen Naturen eigenthümlicher Vorgang ein. Er be⸗ gann ſich mit der neuen Lage der Dinge zu befreun⸗ den, ihnen die beſte Seite abzugewinnen, ja ſich ſogar mit der früher angefeindeten Idee völlig zu identifi⸗ ziren. Er gratulirte ſich, nunmehr dem blonden Max, der ihm wie ein Alp auf der Bruſt gelegen war, glück⸗ lich entgangen zu ſein und ſich dem Genuſſe ſeiner Cigarren von nun an wieder ungeſtört, ja ſogar mit 182 großem, durch Theilnahme verdoppelten Vergnügen hingeben zu können. Ja noch mehr— es kitzelte ſo⸗ gar ſeiner Eitelkeit, ſeine Uneigennützigkeit ſo recht offenbar zeigen zu können, und zu alledem noch Schwie⸗ gerpapa zweier zum Mindeſten geſagt— ungewöhn⸗ licher Schwiegerſöhne zu werden. Zu dem originellen Engländer nun der Künſtler, und zwar, wenn nicht Alles trog, bald ein gefeierter Künſtler. Die Idee nahm von Minute zu Minute mehr Anziehungskraft für ihn an, und als er am Morgen nach einem kur⸗ zen, ſehr unruhigen Schlummer erwachte, war er nicht nur verſöhnt, er hätte ſogar Jeden angefeindet, der ihm zumuthen wollte, den neu acquirirten Schwieger⸗ ſohn gegen den eliminirten rückzutauſchen. Nichtsdeſtoweniger hielt es der Banquier ſeiner Würde angemeſſen, ein klein wenig den Rückhaltenden zu ſpielen; er kalkulirte ſchlau analog ſeinen Börſen⸗ geſchäften, wie die Nachfrage ſteigen müſſe, wenn ſich das Angebot flau, oder noch beſſer, ganz indifferent verhalte, der Dank, den er am Schluſſe einzukaſſieren erwartete, mußte ſich durch eine leichte Weigerung, durch ein ganz allmäliges Nachgeben nur ſteigern. So empfing er denn Zeno, deſſen Erſcheinen er nach den Andeutungen ſeiner Tochter erwarten durfte, abſichtlich mit einer gewiſſen patriarchaliſchen Förm⸗ 183 lichkeit, und richtete auch ſeine Antworten der Berech⸗ nung gemäß ein. „Wie geſagt, zu jung— viel zu jung“, wieder⸗ holte er noch einmal.„Sie ſelbſt“, fügte er dann hinzu,„ſind ja auch noch jung, ſehr jung. In Ihrem Alter dachte ich noch gar nicht an's Heirathen.“ „Das mag allerdings ſein“, ſuchte ihn Zeno zu überzeugen,„aber ich habe bei Zeiten gelernt, ſelbſt— ſtändig zu ſein, und dann werden Sie wohl zugeſtehen, Herr von Hellfried, daß der Abſtand unſerer Jahre der günſtigſte iſt, den man bei der Ehe gewöhnlich als wünſchenswerth auffſtellt.“ „Ja, gewiß, gewiß, acht Jahre— ganz paſſend, da läßt ſich nichts ſagen.“ „Und wenn wir auch vielleicht ein wenig früh— zeitig in die Ehe treten, ſo iſt es doch am Ende noch immer beſſer, als wenn wir erſt, durch bittere Erfah⸗ rungen mattgehetzt, nur mehr die kargen Reſte ver⸗ brauchter Herzen zuſammenſchießen wollten zu einem Kapitale, von dem wir das ganze lange Leben hin⸗ durch zu zehren haben müſſen, wenn nicht das Unglück des Erkaltens das Tiſchtuch früher oder ſpäter zwiſchen uns zerſchneiden ſoll.“ Das Bild war für den Banquier ein wenig zu hoch gegriffen, ein Kapital aus Herzen oder Herzens⸗ 184 ( überreſten kam ihm nicht ſehr rentabel vor, darum raffte er auch ſeinen ſchon halb erloſchenen Widerſtand wieder auf. „Ja, Geduld, Geduld ſchadet nie“, ſagte er.„Ich kann Ihnen alſo keinen andern Beſcheid geben, als warten Sie zu. Prüfen Sie ſich erſt eine Zeitlang ſelber, und gönnen Sie auch meinem Kinde, über ihre Gefühle ruhiger nachzudenken. Kommt Zeit, kommt Rath.“ „Es iſt alſo keine Abweiſung, die mir von Ihnen zu Theil wurde— kein leeres Vertröſten?“ „Wozu?“ fragte der Banquier erſtaunt und etwas mit dem ſelbſtbewußten Air des auf Stellung und Reichthum pochenden Mannes.„Hab' ich's nöthig? Wollte ich Sie abweiſen, ich ſagte es auch gerade heraus, was könnte mich abhalten?“ „Nun denn, ſo ſage ich Ihnen Dank, Herr von Hellfried“, verſetzte Zeno mit warmen Gefühle, indem er die fleiſchige Hand ſeines dereinſtigen Schwieger⸗ vaters ergriff und herzlich drückte.„Ich ſage Ihnen aufrichtig aus vollem Herzen Dank, um ſo mehr, da Ihre Aeußerung mich hoffen läßt, daß Sie mir die Erlaubniß gewähren wollen, meine Werbung um die Liebe Ihrer Tochter fortzuſetzen. Oder hätte ich Sie dennoch unrecht verſtanden, und Sie verlangten von nen ——— 185 mir, ich ſolle vor der Hand auch meine weitern Be⸗ ſuche in Ihrem Hauſe einſtellen?“ „Paperlapa!“ rief der Banquier mit einem Klaps, den er halb verdrießlich, halb luſtig ſeinem eigenen wohlgerundeten Bäuchlein verſetzte;„das fällt ja gar Niemanden ein. Au contraire, ich rechne von nun an auf Sie, wie auf den Sohn vom Hauſe. Aber nun müſſen Sie mir mal Ihr Urtheil ſagen“, unter⸗ brach er ſich und ſprang plötzlich in den jovialſten Ton der Welt über, indem er gleichzeitig die Schub⸗ lade eines eleganten Büreaus herauszog und auf den Inhalt eines friſch geöffneten importirten Cigarren⸗ kiſtchens wies.„Verſuchen Sie mal— eine ganz neue Sorte: ‚Capricios“, bin ſehr begierig, ſehr be⸗ gierig,— ſehr aromatiſch, leicht, gut gewickelt, feines Blatt, ſehr feines Blatt, nur ein Bischen zu klein, zu zierlich, zu raſch verbrannt, müſſen auch noch abliegen, nun, bin begierig, was wenigſtens ſechs Monate Sie ſagen, lieber Rottwyl.“ Und damit brannte er ſich ſelber eine an und reichte das Zündholzetui dem Maler hin, dem es in dieſem Momente gar nicht wie Rauchen war, und am Allerwenigſten, wenn es eine Prüfung galt,— das abſcheulichſte gerollte Pfälzerkraut hätte ihm momentan 186 doch wie die köſtlichſte Regalia oder Prinzados ge⸗ ſchmeckt. Für Zeno konnte in dieſem Momente Niemand gelegener, für den Banquier kein Menſch ungelegener kommen, als Doktor Max Bogner, der eben ungewöhn⸗ lich raſchen Schrittes auf die Villa zueilte. Dem Banquier zuckte die Hand, daß er beinahe die Cigarre fallen ließ, dann aber erinnerte er ſich, ſteckte ſie mit einer Geberde kühnen Trotzes wieder zwiſchen die Lippen und zeigte ſich, wie ein Mann, auf Alles gefaßt. „Ich habe da noch etwas mit dem Herrn Doktor zu ſprechen“, ſagte er,„wollen Sie nicht vielleicht einſtweilen zu den Damen hinübergehen, lieber Rott⸗ wyl?“ Zeno erwartete keine zweite Aufforderung. Als ſich aber die Thüre hinter ihm ſchloß, da nahm der Banquier in energiſcher Breite Platz vor ſeinem Bü⸗ reau und erwartete den drohenden Beſuch. Der blonde Jüngling war augenſcheinlich im hohen Grade konſternirt, denn er ſchien bei ſeinem Eintritte weder den Rauch noch die glimmende Cigarre zu bemerken. „Ich komme— ich komme heute ſehr früh— bitte zu entſchuldigen, Herr von Hellfried“, ſtammelte 5 and ner hn⸗ gahe 187 er ganz gegen ſeine gewöhnliche docirende Redeweiſe, „aber ein ungewöhnliches Ereigniß— ein ſehr über⸗ raſchendes Ereigniß——“ „Ich bitte, lieber Herr Doctor, wollen Sie nicht vielleicht Platz nehmen?“ „Ich danke— danke wirklich— ich komme bloß, um mich zu beurlauben.“ Der Banquier zog die Augenbrauen plötzlich em⸗ por, wie es ſonſt der alte Rath Bogner zu thun pflegte, und ſchnellte in der Verwunderung die Aſche ſeiner Cigarre dem Doctor gerade auf den Rockärmel. Das erſt erregte deſſen Aufmerkſamkeit und zog ihn momen⸗ tan von dem Hauptgedanken, der ihn okkupirte, ab. „Ei, ſieh da, Herr von Hellfried“, nahm er rügend das Wort,„ich dachte Sie ſchon ganz von dem ge⸗ fährlichen Laſter des Cigarrenrauchens geheilt. Wiſſen Sie auch, daß die Neger das Tabakblatt auf ihren nackten Oberſchenkeln rollen, welche häufig von den häßlichſten Ausſchlägen bedeckt ſind, und ſo das wider— wärtige Rauchkraut förmlich ſyſtematiſch inficirt wird?“ Der ſonſt ſo ſanfte Banquier murmelte einen ſchrecklichen Fluch zwiſchen den Zähnen, aber nein, diesmal galt es die Vertheidigung eines Prinzips ge⸗ gen einen ohnedem ſchon geſchlagenen Feind,— mit wahrer Todesverachtung biß er nur feſter in ſeine 188 „Capricios“ und blies eine ſo mächtige Rauchwolke dem blonden, altklugen Jüngling unter die Naſe, daß dieſer mit einem heftigen Nieſen antwortete, welchem der Doctor einen ſtark affectirten Huſten, jedoch ganz ohne allen Erfolg, nachſendete. „Sie ſprachen von einem überraſchenden Ereig⸗ niß?“ faßte der Banquier ihn ganz knapp. „Ja, in der That, ich muß noch heute Mittag ab⸗ reiſen— ſpäteſtens Mittag— es iſt ein unerklärliches Mißverſtändniß.“ „Dürfte ich Sie vielleicht um nähere Aufklärung bitten?“ „O gewiß, gewiß. Ich erhielt ſoeben einen Brief von Mama“, referirte Max,„Papa iſt endlich zu Hauſe angekommen.“ „Wie? Und hat er die Schurken?“ Der Banquier vergaß weiter zu rauchen, und ſah aus wie eine lauernde Tigerkatze auf dem Sprunge. „Nein, das nicht, im Gegentheil.“ Herr von Hellfried ſog jetzt wieder an ſeiner Ci⸗ garre weiter, und mit dem Ausdruck der vollſten Be⸗ friedigung wiegte er ſich auf den geſpreizten Beinen. „Dachte mir's, dachte mir's“, lächelte er ſelbſtge⸗ fällig,„meine Berechnungen konnten nicht täuſchen.“ „Wie? Sie hätten das Ereigniß vorausberechnet?“ — wolke , daß lchem ganz ETreig⸗ Jal⸗ liches irung Brief ha quier eine 189 Die Miene, mit welcher Max dieſe Worte in blö— dem Staunen hervorſtieß, gaben ihm eine große Aehn⸗ lichkeit mit einem ſeiner Wolle wegen hochgeſchätzten Wiederkäuer. „Ordnung bisulca— ruminantia, Familie cavi- cornia, Spezies Ovis aries,“ hättte er zweifelsohne ſelbſt hinzugeſetzt. „Wenn Sie es ein Ereigniß nennen, daß er die Schurken nicht hat, dann ja.“ „O, das iſt nicht Alles— es ſcheint, Papa hat ſich zu geheimnißvoll beim Aufſpüren der Flüchtlinge benommen, und dadurch eine gewiſſe Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen.“ „Und da haben ſie Wind bekommen?“ „Nicht das— obwohl es allerdings auch der Fall ſein mag, aber jedenfalls waren noch außer ihm Po⸗ lizeiorgane thätig.“ „Ah!“ „Ja, und da ſcheint ein leidiges Mißverſtändniß gerade Papa zum Opfer geſucht zu haben.“ „Wo ſoll das hinaus?“ „Papa wurde durch ſein geheimnißvolles Gebah⸗ ren, wie es ſcheint, verdächtig— kurz man hielt ihn für Doctor Nahodski ſelbſt.“ „Wie? Iſt ſolche Verwechslung auch möglich?“ 190 „Es ſcheint doch, denn er wurde arretirt und trotz ſeiner heftigen Remonſtrationen unter Gewahrſam über die Grenze bis in die Hauptſtadt gebracht.“ Das war zu viel, der Banquier erlag einem hef⸗ tigen Lachanfall, mächtig erſchüttert ſank er in ſeinen Fauteuil, die Cigarre entfiel ihm, und lange konnte er ſeine Ruhe nicht einmal theilweiſe zurückgewinnen. Die Cigarre glomm auf dem Boden luſtig weiter und entſendete ſtarkduftende Rauchwolken, welche dem Blonden den beſten Vorwand gaben, ſeine Verlegenheit hinter einem erneuerten Huſten zu verbergen. Als Max aber ſah, wie nutzlos dies Mittel blieb, und wie des Banquiers Lachluſt immer wieder von Neuem losbrach, fand er es gerathen, eine feierliche Miene aufzuſetzen und ſeiner Indignation freien Lauf zu laſſen. „Herr von Hellfried“, begann er,„ich finde den Anlaß durchaus nicht geeignet, ihn derartig heiter auf⸗ zunehmen. Es muß mich ſogar befremden, daß Sie ein Unglück, das einen Ihrer Freunde betroffen, zum Lachen ſtimmen kann.“ „Ach gehen Sie— das iſt ja gar kein Unglück“, brachte der Banquier mühſam hervor. „Es kann das allergrößte werden“, entgegnete Max im Tone eines furchtbar ernſten Richters;„Papa ct und ahrſam 7 m hef⸗ ze dem genheit 191 hat eine äußerſt nervöſe, reizbare Konſtitution, zudem hat er durch die rückſichtsloſe Behandlung beim Rück⸗ transport, der ohne Aufenthalt Tag und Nacht vor ſich ging, ſich einen heftigen Catarrhus branchus zu⸗ gezogen.“ „Ah, ein Schnupfen!“ lachte der Banquier. „Hinter Catarrhus branchus bergen ſich nicht ſel⸗ ten die traurigſten Entwicklungen“, erklärte Max, „Coryza, bronchitis, angina, oesophagia, dysphagia inflammatoria, tonsillitis, amygdalitis, meningitis, arachnitis cerebri, ja ſelbſt encephalitis.“ „Bewahre, bewahre, lieber Freund, das Alles wird nicht eintreten, ein Bischen Aerger, ein Bischen Alteration, das vergeht Alles— Sie werden ſehen, es iſt nichts. Ha, ha, ha! es iſt göttlich, wenn ich mir den Rath denke, als Betrüger gefangen, vielleicht ſogar noch die Handſchellen! Das war wieder einmal ein echter Abderitenſtreich unſerer ſchätzbarſten Polizei.“ Max warf entrüſtete Blicke durch ſeine goldgefaßte Brille nach dem neuerdings in ein homeriſches Ge⸗ lächter losplatzenden Banquier. „Nun denn, Herr von Hellfried“, ſagte er endlich in biſſigem Tone,„da will ich Sie denn nicht weiter hindern, ſich ganz nach Belieben Ihrer krankhaften Heiterkeit zu überlaſſen; muß Sie nur noch warnen, — — S I daß ſie nicht am Ende gar in den Lachkrampf— risus sardonius— ausarte, das Uebel iſt ſehr gefähr⸗ lich, beſonders für ältere, etwas ſtarke Herren. Ich wollte überhaupt mich nur noch beurlauben und mich entſchuldigen, da ich meinte, daß meine Abreiſe viel⸗ leicht eine Störung in Ihrem verehrten Familienkreiſe hervorbringen dürfte.“ „O bitte, gar nicht“, beeilte ſich der Banquier, den des Doctors Bemerkung geärgert hatte, zu erwi⸗ dern, und zündete ſich nun mit Oſtentation und ab⸗ ſichtlich großartiger Rauchentwicklung abermals eine Cigarre an. Dieſe doppelte Antwort wirkte auf den blonden Jüngling wie ein Sturzbad und er zog gelindere Sai⸗ ten auf. „Ich weiß nicht, ob ich zu dieſer frühen Morgen ſtunde es wagen darf, die Damen zu beläſtigen“, ſagte er ſo geſchmeidig, als es ihm eben möglich war,„aber vielleicht hat Frau von Hellfried etwas für Mama—“ „O, Sie können unbeſorgt hinübergehen, mein zukünftiger Schwiegerſohn iſt auch ſchon bei ihnen.“ „So, alſo ſehe ich bei dieſer Gelegenheit Sir Norton?“ Im Auge des Banquiers leuchtete es wie ein Blitz der Schadenfreude, nun konnte er ja das„be⸗ 193 ſonders ältere und ſtarke Herren bedrohende risus sar- donius“ zurückgeben. „Nein, Ida's Bräutigam— unſern talentvollen Rottwyl“, warf er ſcheinbar ganz gleichgültig hin, den ſchlauen Blick, mit dem er die Wirkung beobachtete, und den feinen Zug des Spottes um den Mund mit einer ungeheuren Rauchwolke verhüllend. Max ſtarrte erſt ſprachlos vor ſich hin, verfiel dann in einen krampfhaften Huſten und ſprudelte end⸗ lich in ſchlecht verhülltem, ſchülerhaftem Aerger hervor: „So! Dann will ich nicht ſtören— bitte mich zu empfehlen“, und ſtürzte beinahe ohne Gruß mit glühen⸗ der Stirne zur Thüre hinaus. Der Banquier ſah ihm eine Weile nach und ſtieß ſeelenvergnügt, fein und leiſe einen Pfiff, wie den eines Mäuschens, zwiſchen den Zähnen hervor. „Merkſt Du's!“ murmelte er vor ſich hin.„Aber nein, mit Handſchellen und goldenen Brillen,— der Rath als arretirter Miſſethäter, wenn ich mir das vorſtelle— zu komiſch, zu komiſch!“ Und wieder brach er in eine neue Lachſalve aus. —„Aber der Menſch mit ſeinem sardonius risus, der könnte mir kommen und mit ſeinem Zungenkrebs, in einem halben Jahre hätte er mich unter die Erde ge⸗ bracht“, ſagte er dann nach einer Weile.„Nun jetzt Byr, Qnatuor. II. 13 iſt's auch mit dem Rottwyl erklärt. Ausgeſprochen iſt's und zurück kann ich nimmer“, und damit ging er ſelber hinüber in's Wohnzimmer ſeiner Frau, der er ſeine Unterredung mit ihrem Lieblinge mittheilte. Auch mit ihr hatte es Max nun durch ſein un— höfliches Fortgehen, ohne ſich vorher bei ihr zu beur⸗ lauben, ſo ziemlich verdorben, und das Glück der bei⸗ den Liebenden wurde durch des Banquiers Mitthei⸗ lung womöglich noch erhöht, war ihnen nun ja der gegenſeitige Beſitz ſogar ſchon offiziell zugeſtanden. Wie raſch ſchwanden ihnen die Stunden dahin, und als Zeno dann ſchied, war es nur, um gegen Abend wiederzukommen und das ſüße Gegirre von Neuem aufzunehmen. Das war ein traulicher, glückſeliger Abend, der den vergangenen noch weit, weit übertraf, denn zu dem Bewußtſein und der Trunkenheit erſter Liebe ge⸗ ſellte ſich noch die ſtolze Freude an der errungenen Zukunft, der Traum von endloſem, ungeſtörtem Glück. Außer Frau von Hellfried war Niemand mit dem Paare auf der Terraſſe. Der Banquier befand ſich noch auf ſeiner gewöhnlichen Abendpromenade, und Valerie ſaß im Salon am Harmonium. Voll und getragen ſchwollen die wehmüthigen Accorde an und ſchwebten durch die geöffnete Doppelthüre heraus, wie 4 195 von dem lauen Abendlüftchen entführt. Der ſüße Klang umſchmeichelte weich und milde die übervollen Herzen und akkompagnirte das leiſe, zärtliche Geflüſter wie eine verheißungsvolle Orgelouvertüre, die an den prieſterlichen Segen gemahnte, an den Ringwechſel am Altare, an den Moment der Erfüllung aller Wünſche. „O, wie ſie gut iſt“, lispelte das holde Kind, nachdem es dem Geliebten die Intervention der Schwe⸗ ſter mitgetheilt hatte,„ſie hat zu unſern Gunſten ent⸗ ſchieden.“ „Ich weiß es ihr Dank, und darum möchte ich ihr wenigſtens einen Theil deſſen, was ſie für uns gethan, zurückerſtatten. Ich wünſche ihr ein Glück, wie das unſere, Ida.“ Ernſt ſchüttelte ſie das liebliche Köpfchen und blickte auf die beiden verſchlungenen Hände nieder. „Warum biſt Du ſo ernſt, meine Seele?“ fragte er,„warum ſchweigſt Du? Zweifelſt Du?“ „Valerie iſt nicht glücklich.“ „Warum glaubſt Du das?“ „Ich weiß es ganz beſtimmt, Zeno“, flüſterte ſie, innig zu ihm aufblickend,„ich weiß, was Glück iſt! — Meine Schweſter iſt anders— iſt verſchloſſen, ſtarr und eiſig.“ Zeno zog das glückliche Mädchen leiſe an ſich 13* — G — 1 1 4 4 —— und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirne, indeß ſie weiter ſprach. „Siehſt Du, Zeno, ſie war auch ſtill und ernſt zur Zeit, als ſie noch mit Graf Morſax verlobt war, aber dennoch lag in ihrem ganzen Weſen eine ganz andere Stimmung— ſeit jener Reiſe nach Gmunden, wo wir Dich kennen lernten, iſt ſie wie vertauſcht— ich ſah ſie ſeither nicht mehr lächeln.“ „Es iſt ein Räthſel in ihr, das ich ſchon löſen wollte, als ich das erſte Mal hierherkam.“ „So, nun ertappe ich Dich und ich that mir noch etwas darauf zu Gute, daß Du nur meinetwegen kamſt.“ „Zum Theil, zum großen Theil,— aber ich kam doch auch des andern Grundes wegen.“ „Das iſt häßlich von Dir“, ſchmollte ſie und ſprang von ſeiner Seite auf. „Habt Ihr ſchon Händel?“ fragte Frau von Hell⸗ fried, gutmüthig lächelnd,„das fängt früh an.“ „Mama, er iſt abſcheulich!“ rief Ida, ließ ſich aber gar nicht ungern von dem abſcheulichen Manne auf das kleine Sopha zurückholen und beſchwichtigen. „Ein Wort erklärt Dir Alles“, ſagte er, ihr Händ⸗ chen gefangen nehmend,„Ruppert iſt jener Freund, mit dem ich drei Wochen lang in den Bergen umherzog.“ 496 Ida ſtieß einen leiſen Schrei der Verwunderung aus. „Als ich hierherkam— war nichts mehr zu thun“, fuhr er fort,„Deine Schweſter war neuerdings Braut., „O, dieſer Norton!“ flüſterte Ida eifrig,„das iſt ja eben das Unbegreifliche. Vom erſten Tage an, da er in's Haus kam, ſagte er ihr, daß er nur ihret⸗ wegen komme, ſie habe ſeine Aufmerkſamkeit auf dem Dampfboot erregt, und von da an machte er ihr in ſeiner entſchiedenen, wenn auch wortkargen Weiſe den Hof. Und als er nach kaum vierzehn Tagen anfragte, ſagte ſie ruhig und beſtimmt ja, als handle es ſich um die Gewährung eines Walzers— aber Valerie iſt gegen mich ſo verſchloſſen, wie gegen die ganze Welt, und ich habe ihr doch ſchon wiederholt geſagt, daß ſie einen unverantwortlichen Schritt gethan, ſich an den trockenen Geſellen zu binden. Ich bin tief überzeugt, daß ſie dieſe Verbindung noch unglücklicher macht.“ „Das bin auch ich, und darum will ich noch einen Verſuch wagen, ihr Herz zu ergründen— ich habe heute an ſie gedacht und für ſie etwas mitgebracht Nicht wahr, mein Herz, Du gibſt mir auf eine kleine Weile Urlaub, es gilt ein gutes Werk.“ Ida hatte ſich innig an ihn angeſchmiegt und gab ihm freiwillig einen Kuß. 4 3 4 4 „Geh“, ſagte ſie,„ich möchte, die ganze Welt ſoll glücklich ſein, wie wir, geh'; Dir muß es gelingen.“ „Ich hoffe es.“ Leiſe war Zeno in das Gemach getreten und ſtand neben dem Harmonium, ehe Valerie ihn be⸗ merkte. Sie hatte zu ſpielen aufgehört, ihre Finger lagen noch auf den Taſten und ihr Haupt war in trübem Sinnen auf die volle, herrliche Bruſt herabge⸗ ſunken. Sie glaubte ſich ja völlig unbeachtet. Zeno hatte ſich auf das Inſtrument gelehnt und erſt ſeine Stimme weckte ſie aus ihren Träumen. „Sie haben ein ſchönes Lied geſpielt, Valerie, ich wollte Ihnen dafür danken.“ „Erſchrocken fuhr ſie auf, doch ſogleich erwiderte ſie gefaßt:„So, hat es Ihnen gefallen?“ „Ich hätte nur Eins gewünſcht, daß es minder ſchwermüthig geweſen wäre.“ „Das iſt eine Eigenthümlichkeit des Inſtrumentes.“ „In dieſem Falle noch verſtärkt durch die Stim⸗ mung der Spielerin.“ „Das erſcheint Ihnen wohl nur ſo.“ Der Ton, in dem das geſprochen ward, klang nicht gerade zu unhöflich oder zurückſtoßend, aber doch ablehnend. Zeno war jedoch nicht geſonnen, ſich ſein Ziel ſo leicht entrücken zu laſſen. T' rte er 199 „Valerie“, ſagte er herzlich,„ich bin Ihnen Dank ſchuldig für das, was Sie für mich und Ida gethan, ich habe meine ganz eigene Anſicht über die Art und Weiſe, in der ich Ihnen meinen Dank abſtatten will. Vor Allem möchte ich frei und offen mit Ihnen reden“, und da Valerie ſchwieg, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort:„Ich habe einen Freund, den ich von Kindheit an kenne, denn wir wurden zugleich in Dres⸗ den erzogen und verlebten unſere ſchönſten Jugend⸗ jahre gemeinſchaftlich im Hauſe eines Profeſſors, der eine Art von Penſion hielt. An dieſem Freunde hänge ich heute noch mit ganzem Herzen. Schwere Erleb⸗ niſſe ſind über ihn hereingebrochen, er trägt ſie männ⸗ lich, aber ſein Herz blutet, ich weiß es, die Wunden ſind unheilbar,— Sie kennen meinen Freund.“ „Warum erwähnen Sie ihn?— Zum Mindeſten iſt das überflüſſig.“ Diesmal klang die Zurechtweiſung härter und kälter, aber Zeno ließ ſich nicht irre machen;— es handelte ſich um zu viel, als daß hier noch die ge⸗ wöhnlichen Geſetze der Delikateſſe und Schonung gil⸗ tig hätten ſein ſollen. „Ich will auch nur eine einzige Frage thun, möge ſie Ihnen ſelbſt indiskret erſcheinen von einem Frem⸗ den, aber unſer Verhältniß hat ſich ja ſeit heute Mor⸗ 4 2 4 4 gen, und eben durch Ihren Einfluß ſo ſehr geändert, daß ich glaube, mir ſie erlauben zu können. Löſen Sie mir nur ein Räthſel, ſagen Sie mir das Eine: wie war es möglich, daß ein ſo edelmüthiges, groß⸗ herziges Mädchen, wie Sie, Valerie, einem Manne das Verſprechen zurückziehen, ihren Bräutigam fallen laſſen konnte, weil er— ſein Vermögen verloren hat?“ „Das iſt eine Lüge! Und der ſie Ihnen erzählte, iſt ein Verleumder, und ſchon deshalb Ihrer Freund⸗ ſchaft nicht werth.“ Valerie hatte das heiß auflodernd hervorgeſtoßen und war gleichzeitig aufgeſprungen, um ſich zu ent— fernen. Zeno hielt ſie an der Hand zurück. „Sie ſind ungerecht, Valerie, wie können Sie eine Thatſache leugnen und das Odium noch einem Andern zuſchieben?“ „Mein Herr, das iſt eine abſichtliche Beleidigung“, rang es ſich heftig aus Valerie's hochwogender Bruſt los.„Mit welchem Rechte unterſchieben Sie mir ſo niedrige Motive? Ihr Freund ſcheint Ihnen nicht geſagt zu haben, daß er es war, der ſein Wort zu⸗ rückzog, und Sie baſiren Ihre Anklage, zu der Ihnen nichts das Recht gab, auf vage Vermuthungen.“ „Das Recht gibt mir meine aufrichtige Theilnahme 201 und Freundſchaft für Beide, für Sie, wie für ihn; auf Vermuthungen gründet ſich aber meine Aeußerung nicht, es müßte denn auch er nur Vermuthungen Raum gegeben haben. Daß er zurücktrat, iſt ja doch ganz natürlich geweſen.“ „Natürlich? O! Es ſcheint, er hat Sie zu ſeinem Geſandten erwählt, um abgeriſſene Verbindungen von Neuem anzuknüpfen. Es iſt zu ſpät.“ Valerie hatte den bittern Worten durch den Hohn ihrer Stimme noch mehr Nachdruck gegeben, daß Zeno befremdet und erkältet ihre Hand fahren ließ, doch im nächſten Momente ſchon ward ihm klar, wie ſich in ſolcher Leidenſchaftlichkeit nur das tief verletzte, blu⸗ tende Herz verrieth, und ſein Entſchluß, den Urſprung dieſes argen Mißverſtändniſſes zu ergründen, erſtarkte und ſtand feſter denn je. „Bleiben wir bei der Sache“, entgegnete er mit großer Gelaſſenheit, die ihre Wirkung auch auf das erregte Mädchen nicht verfehlte.„Vor Allem gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich aus eigenem und nur aus eigenem Antrieb handle. Ich begreife Ihren Zweifel nicht, warum finden Sie das Benehmen mei⸗ nes Freundes unnatürlich? Ich halte dafür, daß er als Mann von Ehre gar nicht anders handeln konnte, 2 4 1 b nachdem er durch die Betrügereien zweier Schurken ſein ganzes Vermögen eingebüßt.“ „Wie ſagen Sie? Sein ganzes Vermögen?“ „Nun ja, bis auf den letzten Heller, ſo daß er gezwungen iſt, ſich als Journaliſt ſein Brod zu er⸗ werben.“ Ein heftiges Zittern durchlief den ſchönen Körper des Mädchens; die einſtweilen hereingebrochene tiefe Dämmerung erlaubte Zeno nicht, in ihren Zügen zu leſen. „Davon wußte ich nichts“, ſagte ſie nach einer längern Pauſe dumpf und zagend. „Ja, aber Sie wußten doch um den Vorfall, und zwar ſchon damals, als Sie ihm bis Gmunden ent⸗ gegenkamen, zudem hat er Alles ohne Rückhalt Herrn von Hellfried mitgetheilt.“ „Davon erfuhren wir aber nur im Allgemeinen“, verſetzte Valerie ſo raſch, daß daraus der Eifer zu erſehen war, mit dem ſie jeden niederen Verdacht von ſich abzuſtreifen ſuchte.„Ich weiß ja bis heute noch nichts Näheres— ich hielt Alles für einen beträcht⸗ lichen Verluſt, das erſchien mir aber im Ganzen doch nur von geringer Bedeutung. Und dann“, fügte ſie feſter bei,„meinen Sie, eins von uns— mein Vater, oder meine Mutter, oder ich— hätten daraus Anlaß T er 203 nehmen können, zurückzutreten? Ich glaube, daran war wohl kein Zweifel.“ „Je weniger er vorhanden war, deſto mehr mußte die Enttäuſchung überraſchend— vernichtend wirken.“ „Eine Enttäuſchung?— Kamen wir nicht unge⸗ achtet des Vorgefallenen bis Gmunden entgegen? Wa⸗ ren wir es, die zurücktraten?“ „Nicht von vornherein— aber um ſo entſchiede⸗ ner nachträglich. So viel ich weiß, nahmen Sie das Wort, das er zurückgeben mußte, und das Sie nach meiner Anſicht— ich ſage es offen— nicht zurück⸗ nehmen durften— Sie nahmen es an.“ Jetzt legte Valerie haſtig ihre Hand auf die Ze⸗ no's, und feucht und eiskalt fühlte ſich das erſt noch ſo lebenswarme Händchen an. „Er hat Ihnen nicht erzählt, wie wir ſchieden?“ fragte ſie mit fliegendem Athem. „Solche Details ſind ein Geheimniß, das man als Heiligthum bewahrt, in das ſelbſt ein Freund kei⸗ nen Einblick thun darf.“ „Ah!“ ging es wie eine fühlbare Erleichterung über Valerie's Lippen, erſt nach geraumer Weile fügte ſie herbe hinzu:„So herrſcht denn in der That ein Mißverſtändniß, wiewohl nur ſeinerſeits. Sagen 4 4 1 4 Sie ihm, wenn Sie ihn wiederſehen— oder nein, nein, ſagen Sie ihm nichts, es iſt Alles gut ſo, wie es iſt.“ „Iſt Alles gut ſo?“ fragte Zeno ernſt, beinahe feierlich. „Ihnen will ich es ſagen, als meinem Schwager, wir Beide wenigſtens müſſen uns kennen— und ich will nicht, daß Sie ſchlecht von mir denken. Ihnen will ich es ſagen, warum ich das zurückgegebene Wort annehmen durfte, annehmen mußte: Weil er mich nicht geliebt hat.“ „Valerie— Sie irren bei Gott!“ rief Zeno ſo beſtürzt und feurig, als wäre ihm ſelbſt dieſer Vor⸗ wurf von ſeiner Braut gemacht worden. Er ſah das bittere Lächeln nicht mehr, das des Mädchens Lippen ſchmerzlich verzerrte. „Laſſen Sie, Zeno“, unterbrach ſie ihn ruhig, wie man einer abgethanen Sache gegenüberſteht;„laſſen Sie — ihm war von Anfang an nicht ſonderlich daran ge⸗ legen, von ihm ging der wiederholte Aufſchub unſerer Ver⸗ bindung aus. Ich bin zwar ein Mädchen, und die Welt will, ein Mädchen ſoll ſo etwas nicht geſtehen — ich thue es doch, weil es klar werden ſoll zwiſchen uns Beiden.— Die Kälte, die Geduld, das auffällige Hinausſchieben, meiner eigenen Ungeduld und Sehn⸗ 205 ſucht gegenüber, brachten mich zur Ueberzeugung— ich hatte zuletzt keine Wahl mehr.“ Ein Ausruf der höchſten Ueberraſchung entſchlüpfte Zeno— der Schlüſſel war gefunden. Das innerliche Frohlocken darüber milderte den Ton des herben Vorwurfs in ſeinen Worten. „Und haben Sie denn ſelbſt geliebt? Hätten Sie in einem ſolchen Falle Ihre kaum wieder erlangte Freiheit ſo raſch von Neuem verſchenken können?“ Feſt preßte ſie die Lippen aufeinander, dann er⸗ widerte ſie leiſe, beinahe tonlos:„Eine Kluft mußte zwiſchen uns aufgeriſſen werden.“ Zeno ſtarrte durch das zunehmende Dunkel, als müſſe er in ihrem Auge, in ihrer Seele leſen. „Sie waren ja der Ueberzeugung, daß er Sie nicht liebe“, fragte er langſam, jedes Wort betonend, „und Sie hielten dieſe Kluft dennoch für nothwendig?“ Eine Weile blieb es ſtill, dann war es Zeno, als ſchlüge ein Hauch kaum vernehmbar an ſein Ohr, es klang wie:—„Vielleicht!“ und Täuſchung war es keine— das Herz hatte geſtanden. Warum rieſelte das Blut durch Zeno's Adern. Er empfand ein ſeliges Gefühl, als hätte er zum zwei⸗ ten Male ſeine Braut gefunden. „Valerie, Valerie, was haben Sie gethan?“ rief 4 2 206 er lebhaft,„warum haben Sie nicht früher noch an eine letzte Entſcheidung appellirt?“ „Sie kam ſelber“, erwiderte das gequälte Mäd⸗ chen bitteren Tones.„Im vergangenen Herbſte habe ich ihm ein Bouquet von Alpenroſen gegeben, das er von mir erbat; halb im Scherze fügte ich hinzu, er möge es als Selam bewahren, wenn die Liebe ein⸗ mal in ſeinem Herzen erloſchen ſei, dann mögen uns dieſe Blumen jede aufregende Scene erſparen, er brauche mir nur dieſelben wieder zuzuſtellen— ich wiſſe dann, woran ich ſei, und Alles wäre ganz im Stillen vor— über.“ „Und dieſer Strauß war derſelbe, der im Traun⸗ thal in Ihren Wagen fiel?“ „Derſelbe.“ „Und dieſes ſentimentale Spiel einer tief gekränk⸗ ten Liebe, dieſer eigenthümliche Scheidegruß, der Ihnen ja gerade die Wahrheit verrathen mußte, der beſtärkte Sie noch in dem gänzlichen Mißkennen der Dinge? O Valerie, Sie liebten, Sie lieben tiefer, als Sie's geſtehen— Sie wären ſonſt nicht ſo grenzenlos blind geweſen.“ Und nun erzählte Zeno mit leiſen, geflügelten Worten Alles, was er wußte, wie es ihm der Freund mitgetheilt, wie er ihn erkannt und durchſchaut bis 207 auf den Grund ſeines Herzens. Und Valerie hörte ihm zu mit wechſelnder Farbe, keuchendem Athem, mit fliegender Hitze, dann wieder bebend und ſchauernd, und geſchüttelt vom heftigen Fieberfroſt. Sie war keines Wortes mächtig. „Da nehmen Sie Valerie— es ſind dieſe Blätter nicht für Sie geſchrieben“, ſagte er zum Schluſſe,„ich weiß, daß ich ſogar gegen den Willen des Dichters handle, aber für Sie muß eine überzeugende Kraft darin liegen. Leſen Sie, leſen Sie mit dem Herzen und dann erleuchte die Liebe Ihren Sinn, damit dieſe vergilbten Blätter an dem wackeren, koſtbaren Stamme durch friſche grüne Blätter erſetzt werden,— in Ihrer Hand liegt ein Kranz von Lorbeer und Myrthen.“ Zeno übergab ihr das Packet Schriften und ſchied mit einem warmen Händedruck, unter der offenen Thüre erwartete ihn ſchon ſeine Braut mit begreiflicher Ungeduld. „Der Urlaub war lang ausgedehnt“, ſcherzte ſie leiſe,„nun wie ſteht's?“ „Alles, Alles wird noch gut“, gab er eben ſo leiſe mit freudiger Aufwallung zur Antwort. „Nun, dann will ich über das lange Zwiegeſpräch ein Auge zudrücken.“ „Und ich Dir den ſchelmiſchen Mund.“ 3 4 1 2 4 4 — 208 Ein Kuß ſtreifte ihre Lippen, was war natür⸗ licher nach ſo endlos langer Trennung? Hand in Hand trat das Paar auf die Teraſſe hinaus, wo ſchon die Lampe auf dem einſtweilen arrangirten Theetiſch brannte. „Ah, da bringſt Du ja den Deſerteur“, rief ihnen der Banquier munter entgegen.„Kommen Sie, Zeno— heute Morgens kam ich um Ihr Urtheil— jetzt prü⸗ fen Sie dafür aber um ſo gründlicher— ich muß wiſſen, was Sie von meinen Capricios halten. Sie befürchten ja keinen Zungenkrebs.“ e XI. Ein unglaubliches Kapitel. Als Zeno am folgenden Morgen wieder kam, fand er die Familie noch um den Früſhſtückstiſch in der Veranda. Nur ein flüchtiger erſter Blick galt dies⸗ mal der glückſtrahlenden Braut, dann flog ſein Auge prüfend hinüber zu Valerie. Kein Zug verrieth eine ungewöhnlich große Emotion in ihr, nur war ſie noch bleicher, die Augen ermüdeter als ſonſt, und unter denſelben lagen breite, beinahe dunkelbraune Schatten. Zeno ſchüttelte unzufrieden den Kopf, er hatte eine andere Wirkung von ſeinen geſtrigen Mittheilungen erwartet. Ida, die ſeinem Blicke gefolgt war, und jetzt auch das Kopfſchütteln bemerkte, flüſterte ihm leiſe zu: „Sie hat die ganze Nacht kein Auge zugethan, Byr, Quatuor. II. 14 4 4 2 4 4 ———-— — 1 G h ¹ 1 4 V 2 210 immer wieder las und las ſie, und ich hatte ordent⸗ lich Angſt vor ihr, ſo ſtarr ſaß ſie da, wie eine Leiche.“ Beide traten nun näher an den Tiſch heran— ſchon von Weitem empfing ihn der Banquier mit einem jovialen Gruße, als wäre der Maler ſchon ſeit Jah⸗ ren ſein Schwiegerſohn, und nicht erſt ſeit vierund⸗ zwanzig Stunden ein Kanditat auf dieſe Stelle. „Guten Morgen, guten Morgen, lieber Zeno! Bringen Sie vielleicht Nachrichten von Ihrem künf⸗ tigen Schwager? Norton wohnt ja im ſelben Gaſt⸗ hofe wie Sie? Drei Tage lang läßt er ſchon nichts hören von ſich, am Ende iſt er ſelber nicht wohl. Geſtern war ich dort, wurde aber nicht vorgelaſſen. Denken Sie, ich, der Schwiegerpapa, nicht vorgelaſſen! — ſei zu beſchäftigt.“ „In der That unerhört, Papa,— von mir ſollen Sie ſolche Mißhandlung niemals erfahren“, und da⸗ mit ſetzte ſich Zeno abſichtlich neben Valerie, die bei dem Namen Norton nur ein ganz leiſes Zucken über⸗ kam. „Das wollte ich Dir auch nicht gerathen haben“, nahm Ida in liebenswürdigem Uebermuthe das Wort auf,„denn das ſage ich gleich, in ſolchem Falle nehme ich für Papa Partei.“ „So, Du kleine Katze!“ rief der Banquier mit i 211 komiſchem Zorne, indem er Zeno gleichzeitig eine Ci⸗ garre anbot,„gut, daß ich das weiß— alſo nur in ſolchem, in dieſem Falle— ſonſt nicht?— Na warte!“ „Immer für Den, der Recht hat, Papa“, ſcherzte das heitere Kind. „Ja natürlich hat Zeno immer Recht“, grollte der Banquier,„das hat man von den Kindern. O gewiß hat Norton bei Valerie ebenfalls Recht.“ „Das hat er nicht“, ſagte Valerie, klar und ernſt, als wäre ſie für jeden Scherz vollkommen unem⸗ pfindlich. „Nun ſiehſt Du, Papa“, triumphirte Ida,„Deine Jeremiade über den ſchwarzen Undank Deiner miß⸗ rathenen Töchter war ſehr verfrüht. Wir beide ſind einſtimmig der Meinung, daß Norton Unrecht hat, denn ſeine Beſchäftigung beſteht ſicher in nichts An⸗ derem, als einer liebevollen Krankenpflege für dieſen häßlichen Coco. Eine wirkliche und wahrhaftige Affen⸗ liebe.— Denke Dir“, fuhr ſie erläuternd, aber nur ſo laut, daß Zeno ſie verſtehen konnte, fort,„das ab⸗ ſcheuliche Thier rannte damals wirklich auf die Es⸗ planade, kletterte auf das Geländer, um ſich vor Nor⸗ ton, der den Affen zum großen Vergnügen der Spazier⸗ gänger verfolgte, zu retten, und fiel, Gott weiß wie, in die Traun. Das kalte Bad nach dem raſchen Laufe 14* 242 mag ſeiner tropiſchen Lunge nicht zuträglich geweſen ſein. Seit Coco aufgefiſcht wurde, iſt er leidend, und Norton kam nur alle Tage auf einen Sprung, ſeit drei Tagen ſcheint er aber das Krankenlager des klei nen Scheuſals gar nicht mehr zu verlaſſen.“ Man plauderte heiter und vergnügt, nur Valerie verharrte in ihrem ſtarren Schweigen, bis Zeno den Moment erſah, ſie leiſe zu fragen, ob ſie geleſen. Stumm nickte ſie mit dem Kopfe, ohne aufzu⸗ ſchauen. „Was werden Sie thun, Valerie?“ fragte er dringender.„Darf ich ihm ſchreiben?“ „Was wollen Sie ihm ſchreiben?“ erwiderte Va⸗ lerie, und erhob jetzt langſam ihre Augen, in denen Zeno einen Abgrund von Schmerz, eine ſtarre ertödtende Reſignation zu erblicken vermeinte.„Daß auch ich mich elend fühle?“ „Aber Valerie, wollen Sie denn das Opfer blei⸗ ben dieſes unſeligen Mißverſtändniſſes?“ „Ich habe mein Wort gegeben.“ „Es iſt Ihre Pflicht, es zu löſen— oder das Unglück dreier Herzen kommt über Sie.“ „Wie kann ich es?“ murmelte ſie leiſe, und aus dem Tone klang die Verzweiflung. Müde ſchlug ſie das Auge nieder. 213 „Sie müſſen es können, Valerie“, drang Zeno mächtig erregt in ſie.„Sie mögen ſich ſelber opfern, wenn Sie dazu die Kraft und Ueberzeugung haben, von wo aber kommt Ihnen das Recht, auch Ruppert's Herz, das Herz, dem Sie Alles ſind, zu zerreißen, zu vernichten?“ Vielleicht hätte er verſucht, noch weiter in ſie zu dringen, aber Ida lenkte ſeine Aufmerkſamkeit und die der Uebrigen auf eine Geſtalt, die ſich der Villa näherte, und in der ihr vortreffliches Auge trotz der ziemlichen Entfernung ſchon Norton erkannt hatte. Valerie glaubte ihre Bruſt wie von eiſernen Rei⸗ fen umklammert, und Zeno ſelbſt fühlte ſich durch das Erſcheinen des Engländers gerade in dieſem Augen⸗ blicke auf das Widrigſte berührt. „Nun, allzu früh iſt's nicht mehr, das muß ich ſagen“, meinte der Banquier,„übrigens zeigt es doch immerhin von einem gewiſſen Gefühl für das Zu⸗ kömmliche, daß er ſich heute ſo beeilt, nachdem er mich geſtern abweiſen ließ— mich, den Schwiegerpapa.— Sollen wir ihm verzeihen, was meinſt Du, Valerie?“ Die Angeſprochene blieb ſtumm, ſtatt ihrer über⸗ nahm das jüngere Schweſterlein ein wenig ſchnippiſch die Antwort. „Ich bin abſolut dagegen, Papa, wir wollen ———— 4 32 71 b 1 4 1 214 nicht vorlieb nehmen mit den Reſten einer Affektion.“ Im Uebermuthe betonte ſie die erſte Silbe mehr als nöthig war, und rief beim Banquier damit eine bei⸗ fällige Heiterkeit hervor. „Aber was iſt denn das?“ rief er, als der Be⸗ ſucher näher gekommen war,„mein Schwiegerſohn hat ſein ewiges Nebelgrau abgelegt, und ſich in Schwarz gehüllt.“ „Kein Zweifel, er iſt in Trauer ¹“ rief Ida, und ſchlug überraſcht die Hände zuſammen. Sie hatte Recht. Von Kopf bis zu den Füßen war er in Schwarz gekleidet, Handſchuhe, ſowie das Vorhemd ſogar, waren ſchwarz, und um den Hut war ein breiter Flor geſchlungen. Dem Aufzuge entſprach ſein Gang, mit wahrer Leichenbittermiene ſchritt er gemeſſen und feierlich einher. Endlich war er auf der Teraſſe, höflich, aber mit unerſchütterlichem Ernſte, grüßte er die Anweſenden. „Nun, mein lieber Norton“, empfing ihn der Banquier, indem er ihm einige Schritte entgegenging, „kommen Sie, meine geſtrige Abweiſung wieder gut zu machen?“ „O, ik ueiß“, verſetzte der Engländer,„aber es war unmöglik, es uar zu einer ernſten Stunde.“ Willig ließ er ſich die Hand ſchütteln, dann trat 215 er an Valerie heran und reichte ihr ebenfalls die Hand.— Ihr war es zu Muth, als ſei ihre Hand eine fremde, und wiege viele Hunderte von Pfunden, ſo ſchwer erhob ſich dieſelbe, um ſich in die ſeinige zu legen. Die Finger waren von kaltem Marmor, ſie hatten kein Leben, keinen Druck. „Eine ernſte Stunde?“ unterbrach der Banquier ſeine Frau, die ihre beiden künftigen Schwiegerſöhne einander vorſtellen wollte, und es nicht ohne Ver⸗ legenheit that, da ſie ſich jener Scene am Ebenſeer Landungsplatze erinnerte, die eben nicht ſonderlich ge⸗ eignet ſchien, eine dauerhafte entente cordial einzu⸗ leiten;„eine ernſte Stunde, wie iſt das zu verſtehen? Iſt das in Verbindung damit zu bringen, daß Sie Trauer tragen?“ „Ja uohl, ik trage Trauer.“ „Iſt Ihnen etwas Schmerzliches zugeſtoßen?“ fragte Frau von Hellfried theilnehmend. „O ja, etuas ſehr viel Schmerzlikes.“ „Ein Todesfall in Ihrer Familie?— Dann neh⸗ men Sie mein herzlichſtes Beileid entgegen“, ſprach der Banquier, von Neuem ſeine Hand ſchüttelnd. „O, ik ueiß.“ „Seien Sie unſerer Aller herzlichſten Theilnahme verſichert“, ſetzte Frau von Hellfried gerührt hinzu. — 216 „O ik ueiß, Sie ſein ein gutes Herz.“ Frau von Hellfried wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge, und ſelbſt Valerie ſah zögernd auf. „Haben Sie geſtern die Nachricht erhalten?“ fragte der Banquier. „O nein— ik uar ſelbſt gegenuartig.“ Der Banqier ſtutzte. „Wie? Sie waren gegenwärtig, aber mein Gott, ſo viel ich hörte, verließen Sie ja geſtern den ganzen Tag Ihr Zimmer nicht?“ „O ik ueiß— aber er iſt geſtorben in meinem Zimmer.“ Ida verließ mit einem hyſteriſch klingenden Auf⸗ ſchrei die Teraſſe, ihr Antlitz in das Taſchentuch ver⸗ bergend, aber Niemand hatte darauf Acht, ſelbſt ihr Bräutigam nicht, denn auf Allen lag es plötzlich wie eine furchtbare Ahnung von dem, was da kommen ſollte. „Auf Ihrem Zimmer?“ ſtotterte der Banquier. „Coco iſt ſehr ſchön geſtorben“, ſagte der Eng⸗ länder mit ſeinem weichſten Tone. „Der Aff!“ ſchrie der Banquier auf, als ſei ihm Coco's Geiſt in dem Augenblick erſchienen,„unerhört! — Der Aff!“ „Uarum unerhört? Er war mein beſter Freund. Noch auf dem Todtenbette ik habe ihm verſprok, ſeine Leike ſoll ſein begraben in ſeiner Vaterland, in ſeine Heimatserde. Er uar davon beruhigt und ſein ſehr ſanft ausgelöſchen.“ Zeno hatte Mühe, nicht laut aufzulachen. Frau von Hellfried war entrüſtet ob der ſo übel ange⸗ wandten Mitleidsthräne, und der Banquier ſtarrte den Engländer eine Weile ſprachlos an, als halte er ihn für entſchieden verrückt. „Und für das Vieh legen Sie Trauer an?“ ſtieß er dann erregt hervor, und im Augenblicke richtete ſich Sir Norton höher auf, indeß ſein Geſicht einen harten ſtrafenden Ausdruck annahm. „O! Coco war kein Vieh!“ widerſprach er ſcharf. „Erlauben Sie mir!“— Der Banquier ſprach nicht weiter. „Darf ik Sie und mein Fräulein Braut um eine Unterredung bitten?“ fragte Sir Norton. „Wir ſind Beide da“, entgegnete der Banquier mit unverhohlenem Aerger, immer wieder dachte er, daß er, der Schwiegerpapa— der Banquier von Hell⸗ fried— des Affen wegen abgewieſen worden,„meine Frau wird wohl auch zuhören dürfen, und das hier iſt Herr Rottwyl, Ida's Bräutigam, Ihr künftiger —— —— — Schwager, ich meine, vor dem brauchten Sie eben auch kein Geheimniß zu machen.“ Rottwyl und Norton verbeugten ſich gegen ein— ander ſehr förmlich, und die Blicke, mit denen ſie ſich begrüßten, waren eben nicht gerade freundſchaftlich. Valerie war aufgeſtandeu und ſah ihren Bräutigam fragend an. „Uie Sie unollen“, begann dieſer,„ik uollte nur G vor Fräulein Valerie mein große Bedauerniß aus⸗ ſpreken, daß ſie nok nikt meine Frau, Lady Norton uürde mik begleiten, Fräulein Valerie kann nikt mit nak Gibraltar.“ 11.. cc.. „Na, das will ich hoffen“, rief der Banquier, deſſen üble Laune im ſteten Zunehmen war. „O ik ueiß. Deshalb komme ik mik verabſchieden. Der Sarg nird ſein bis Mittag fertig, dann ik uill reiſen.“ „Was, Sie wollen reiſen?“ Und der Banquier, der ſich geſetzt hatte, ſprang wie ein Gummiball wie⸗ der auf,„Sie wollen jetzt reiſen, wo in vierzehn Ta⸗ gen die Trauung ſtattfinden ſoll?“ „Mir ſehr leid— aber ik muß mein Uort halten, ik reiſe nak Gibraltar— der Trauung muß ver⸗ ſchoben.“ „Sie ſind nicht bei Sinnen!“ Bau nic an 219 „O dok!“ „Das muß ich wahrhaftig bezweifeln“, brach der Banquier los. Zeno hielt den richtigen Moment für gekommen. „Ich würde mir im Intereſſe Aller einen Vor⸗ ſchlag erlauben“, ſagte er und verſuchte den wüthenden Banquier zu beſchwichtigen.„Sie wollen reiſen?“ „Das uill ik“, verſetzte der Engländer mit all ſeiner eigenthümlichen, durch die Invektiven des Ban⸗ quiers noch erhöhten Hartnäckigkeit. „Noch einmal frage ich Sie— beſtehen Sie feſt darauf, Ihre Reiſe nach Gibraltar anzutreten?“ „Ik beiehe.“ „Sie können in vierzehn Tagen zur Trauung nicht zurück ſein?“ „Das kann ik nikt.“ „Sie nehmen alſo Ihre Zuſage für dieſen Trauungs⸗ termin zurück?“ „Ik muß.“ „Sie geſtehen alſo beiden Theilen das Recht zu, an dieſem Termin feſtzuhalten oder nicht?“ „Ik thue das.“ „Wie nun, wenn Ihre Braut ausdrücklich auf dem Termin beſtände, und ihn zur Bedingung machte, unter der ihr Jawort allein gilt?“ ———— 220 „O das uird ſie nikt“, verſetzte der Engländer ſelbſtbewußt. „Ich aber ſage Ihnen, ſie thut das“, beharrte Zeno, der Valerie, die ſelbſt mitſprechen wollte, ein Zeichen zu ſchweigen gab.„Wählen Sie zwiſchen einer Braut und jenem Beeſt.“ Einen Augenblick lang ſchien der Engländer ſehr ſchwankend, und Zeno bangte ein wenig für ſein ge⸗ wagtes Spiel, aber ſeine Berechnung auf die Hart⸗ näckigkeit des Britten, die er noch durch die letzte Be⸗ zeichnung Coco's ſtachelte, erwies ſich als genau. Der Schimpf empörte Norton ſo ſehr, daß er einige Mo⸗ mente nahe daran war, Zeno auf einen Fauſtkampf herauszufordern, um die dem theuern Hingeſchiedenen angethane Schmach würdig zu rächen; dann aber ließ er Angeſichts des herannahenden Mittags und der feſtgeſetzten Abfahrtsſtunde die Abſicht fallen, und gab mit ſtaunenswerther Gelaſſenheit ſeine Entſcheidung ab. „Ik habe ihm das Uort gegeben, und ik reiſe nach Gibraltar.“ Frau von Hellfried war entſetzt. Ihr Mann war dem Zerſpringen nahe. Zeno allein ſetzte ſich befriedigt nieder. Aber wie erſchrak er, als Valerie plötzlich vortrat und alles von ihm ſo kühn Errungene wieder in Frage zu ſtellen ſchien! — 221 „Sir Norton, ich bitte Sie noch auf ein Wort“, ſagte ſie. „Was wollen Sie, Valerie?“ verſuchte Zeno ſie zurückzuhalten, aber ſie ſchüttelte ernſt den Kopf. „Laſſen Sie, Zeno, der Liſt mag ich nichts ver⸗ danken, aber ich kenne nun ſeine Wahl und fühle keine Gewiſſensbiſſe mehr, offen zu ſprechen.“ Darnach ſchritt ſie ſtolz voran in den Salon, wohin ihr der Engländer folgte. Die drei Zurückgebliebenen ſchwiegen. Frau von Hellfried häkelte ſo eifrig, als wolle ſie damit Alles wieder in's Geleis bringen, der Banquier rannte un⸗ ruhig auf der Teraſſe hin und her, und Zeno dachte unwillkürlich an den blonden Max und ſeinen ſentiöſen Ausſpruch über den hohlen Muskel. Zweifelsohne mußte es organiſche Abweichungen von der Regel geben, denn der hohle Muskel dieſes ſteifen Englän⸗ ders beſaß ganz beſtimmt eine fünfte Kammer— in der der ſanft hinübergegangene Magot auch noch nach ſeinem Abſterben wohnte. Nur wenige Minuten hatte das Zwiegeſpräch der beiden Brautleute gewährt, als ſie wieder auf der Terraſſe erſchienen. Der Engländer ſteif und förmlich wie zuvor. Valerie ſichtbar ſtark bewegt. Norton trat vor Frau von Hellfried hin. — „ 4 1 1 4 4 222 „Miß Valerie“, ſagte er mit ruhiger Stimme, „liebt mik nikt. Sie iſt getreten zurück.“ „Mein Herr es thut, mir unendlich leid“, ſagte Frau von Hellfried, indem ſie ſich nun ebenfalls erhob. „O ik ueiß.“ „Wir können unſer Kind nicht zwingen, mein Herr“, miſchte ſich nun der Banquier ziemlich barſch ein,„der Wille unſeres Kindes——“ „O ik ueiß“, unterbrach ihn der Engländer.„Ik verzikte und make meine Reiſe. Leben Sie unohl!“ Höflich zog er den Hut und grüßte mit ausge⸗ zeichneter Artigkeit die Damen und den Banquier, dann wendete er ſich kurz um und verließ die Terraſſe ſo feierlich, wie er gekommen. Noch war er kaum außer Hörweite, als der Ban⸗ quier ſich heftig auf ſeinen Stuhl, die Arme aber hoch über den Kopf empor warf, und ſeiner heftigen Be⸗ wegung in dem Ausrufe Luft machte: „Unerhört! Unglaublich! Phänomenal!— Wer ſollte das für möglich halten— wenn man es nicht ſelber mit erlebte! Das iſt ja kein Spleen mehr, das iſt reine Narrethei!“ Aber Valerie unterbrach ſeine weitern Ergießungen — zäértlich legte ſie den Arm um ſeinen Nacken, ihr 70 B mme, Ver r, das ßungen en, ihr 223 Antlitz ſtrahlte in der Verklärung der Freude und ihre Stimme klang gepreßt, als ſie dann ſagte: „O Vater, erzürne Dich nicht— es iſt Alles gut, und ich bin unſäglich glücklich.“ Der Banquier ſtarrte ſeine Tochter ſprachlos an — dann rief er mit komiſchem Affect: „Na, da werde der Teufel klug daraus verliert ſeinen Affen und trauert, und Du verlierſt Deinen Bräutigam und biſt unſäglich glücklich. Mir der ſteht der Verſtand ſtill. Zeno, begreifen Sie das?“ Zeno lächelte ſtill in ſich hinein. Und endlich das Schlußkapitel. An ſeinem Schreibtiſche ſaß Ruppert und arbei⸗ tete— die fliegende Feder, der glänzende Blick ver⸗ riethen es— mit Eifer und lebhaftem Intereſſe. Das Zimmer war nicht groß, und war das ein⸗ zige des Bewohners, denn außer einigen ſehr einfachen Möbeln ſtand auch das Bett darin. Es lag im vier⸗ ten Stockwerke eines großen Miethhauſes in einer Vor⸗ ſtadt, weit vom Mittelpunkte der Reſidenz, wie es eben ein Schriftſteller bewohnt, der über keine Exiſtenz⸗ mittel, als über das Kapital in ſeinem Kopfe verfügt, und erſt im Anfange ſeiner Laufbahn ſteht. Und wie manches arme Talent mag auch dem Ende derſelben in gleichen— vielleicht in noch ungün⸗ ſtigeren Verhältniſſen entgegen ſehen! Von der Feder lebt ſich hart. Jetzt war er zu Ende, raſch durchlief Ruppert das Geleſene noch einmal, dann brach er den Bogen, legte ihn in ein Couvert, das er zuklebte, und übergab es dem Laufburſchen der Druckerei, der an der Thüre wartete. Nun, da die Arbeit vorüber war, ſchwand auch mit einemmale die Spannung und Erregung aus ſei⸗ nem Antlitze, es nahm einen düſtern, ſchwermüthigen Ausdruck an, und die ſtark hereinbrechende Abenddäm⸗ merung warf noch tiefere Schatten über daſſelbe. Langſam legte er mehrere aufgeſchlagene oder mit Leſezeichen verſehene Bücher, die ſeinen Schreibtiſch beengten, auf eine Seite zuſammen, es geſchah dies mechaniſch, da er nicht mehr die Abſicht hatte, zu ſchrei⸗ ben, und ſomit der größere oder geringere Raum auf der Tiſchplatte ſo ziemlich gleichgültig war. Ein Brief fiel ihm dabei in die Hände, flüchtig überlas er einige Stellen, faltete ihn dann wieder und legte ihn zu an— dern in das Schubfach. Der Brief war von Zeno— der letzte, den er dem Freunde geſchrieben, und in welchem er ihn noch einmal dringend aufforderte, ſein eigenes Glück nicht mit Füßen zu treten, die dargebotene Verſöhnung nicht Byr, Quatuor. II. 15 4 8 4 4 4 —— 4 226 von ſich zu ſtoßen, ſonſt werde die Reue einſt furcht⸗ bar anpochen. Von dem Hochmuth, der jetzt ſeine Ant⸗ worten diktire, könne er ſich doch nicht ſein ganzes Le⸗ ben hindurch nähren, das Herz verlange auch ſein Recht. „Er meint es gut“, murmelte Ruppert trübe, „aber es darf, es ſoll nicht ſein.— Vorbei, vorbei!“ In düſterem Sinnen ſank ſeine Stirn in die Hand. Zeno hatte dem Freunde noch am ſelben Tage, als Norton Abſchied nahm, Alles mitgetheilt. Seine eigene kurze Liebesgeſchichte, ſeine Verlobung, ſeine Seligkeit, ſeine Unterredung mit Valerie, den Vorfall mit dem Engländer; er hatte ihn aufgefordert, unge⸗ ſäumt zu kommen. Welcher Sturm von widerſtreitenden Gefühlen war durch dieſe Nachrichten in Ruppert's Seele her⸗ vorgerufen worden, welchen Kampf mochte ſein Herz auskämpfen!— Dem Briefe, der ſtatt ſeiner nach Iſchl ging, war davon nichts anzumerken, die Buch⸗ ſtaben liefen ſo wohlgeformt und ruhig hinter einan⸗ der her, und die Worte ſtanden ſo ernſt und kühl da, als wäre der Kopf, der ſie gedacht, in Wirklichkeit ſo feſt und ruhig wie die Hand, welche ſie geſchrieben; — und wie dieſer erſte Brief, ſo lautete auch ein zwei⸗ ter— ein dritter. — 22ʃ Zeno hatte Recht, wenn er es Stolz nannte, was dieſe Antworten diktire. Es war der Stolz des ver⸗ armten Mannes, der ſich einmal gekränkt und verletzt fühlte, und nun das Mißtrauen nimmer zu bannen vermag. Es war Stolz, aber nicht jener unnatürliche, hyperromantiſche, der ſich einbildet, eine Werbung um ein reiches Mädchen, die Annahme eines Vermögens mit der geliebten Braut ſei eine Schande, und der auch nur in den Köpfen unreifer Knaben, oder zum Mindeſten ſolcher Männer, die eben keine Liebe fühlen, und in beſonders rührenden Dramen oder Romanen ſpukt. Ruppert's Stolz hatte einen andern Urſprung, als einen überſpannten Begriff von Ehrgefühl. Sein Herz, ſein Charakter waren einmal mißkannt worden — wer bürgte ihm dafür, daß niemals eine Wieder⸗ holung ſein Gefühl auf das Unheilbarſte, Schmerzlichſte verletzen würde? Wie ſehr ſich Zeno auch bemühte, ihm Aufklärung über Alles zu geben, aus der Ferne ſahen ſich die Verhältniſſe doch ganz anders an, als ſie Zeno geſchildert zu haben glaubte. „Nicht einen Schritt thue ich. Gönne mir, daß ich überwunden habe. In der Tiefe des Traunſees liege Alles begraben, wie unſere Ringe. Nochmals, nicht einen Schritt— ich darf ihn nicht thun. Das iſt mein letztes Wort.“ 15* ☛α ☛‿—— V 1 228 So hatte er vor drei Tagen auf den Brief ge⸗ antwortet, den er ſo eben in der Hand gehabt. Nun war's alſo ganz vorbei— es war ihm faſt, als ſollte ihn bei dem Gedanken die ſo lange mühſam erhaltene Kraft verlaſſen. Allein nur einen Augenblick währte die Schwäche, dann ſchüttelte er ſie männlich ab. Es drängte ihn fort aus der engen Stube, in der die Träume ihn gleich Wichtelmännchen umſchlichen, die ein für allemal hier ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hatten. Er ſtand auf und griff nach ſeinem Hute, um auszugehen, als leiſe an ſeine Thür gepocht wurde. Schüchtern that ſie ſich auf ſeinen Ruf auf, und erſtaunt ſah er eine dicht verſchleierte Dame eintreten. Was war es— eine geringfügige Bewegung, die Umriſſe der Geſtalt, die geheimnißvolle Ahnung ſeines Herzens, die Ideenverbindung, die an den Brief und die daran gereihten Gedanken anknüpfte?— Was war es, das ihn mit einemmale wie ein glühendes Feuer durchzuckte, das ihm verrätheriſch einen Namen zuflü⸗ ſterte und das Blut nach den Augen jagte, ſo daß ſich ein ſchwarzer Schleier, mit hüpfenden, leuchtenden Mücken geſtickt, davor legte, und er, dem Schwindel zu begegnen, ſich an dem Kaſten halten mußte, der ihm zunächſt ſtand? Was war es? —— 229 Ein leiſes Beben durchfuhr die Geſtalt der Ein⸗ getretenen, dann ſchlug ſie langſam den Schleier von dem bleichen Angeſichte zurück. Schamhaft verlegen ſuchte ihr Blick den Boden, hiernach aber einem feſten Entſchluſſe Folge gebend, ſchlug ſie das Auge voll auf. „Ruppert“, ſagte ſie einfach und milde,„Du willſt keinen Schritt thun— auch nicht einen, ſo blei⸗ ben mir denn alle.“ „Du kommſt zu mir? Zu mir?“ ſtammelte er mit keuchendem Athem. „Ich habe Dich aufgeſucht, weil ich Deine Ver⸗ gebung haben wollte— Deine Liebe habe ich ja noch immer— ich weiß es aus Deinen vergilbten Blättern.“ Sie ſtreckte verſöhnend ihre Hand gegen ihn aus und eine ſchwere Thräne löſte ſich von ihrem Auge und rollte an der Wange herab, vorüber an dem un⸗ widerſtehlich ſüß lächelnden Munde. „Valerie! O meine Valerie!“ ſchrie Ruppert wild jauchzend auf und ſchloß die noch hundertfach mehr als je Geliebte an ſeine ſtürmiſch wogende Bruſt. Wo war der Stolz? Wo die ſichere Entſchieden⸗ heit, die unerſchütterliche Reſignation, die ſich der Kopf zur Pflicht gemacht? Das Herz— das volle, geſunde, liebeglühende Herz bleibt Sieger— ſo war es allezeit, ſo wird es immer bleiben. Was der Verſtand baut, 4 G 4 1 1 4 wird vorübergehen, es iſt nur das Werk des Menſchen⸗ geiſtes, ein Spezielles, eine irdiſche Stufe für irdiſche Größe. Die Liebe aber iſt das All— die Liebe iſt ewig. Wie lange war's, bis die Beiden aus den Him⸗ meln ihres Glückes wieder zur Erde kehrten? Wer weiß es? Sie ſelber könnten's nicht ſagen. Ein Pochen an der Thüre hatte ſie erweckt. Blitzſchnell ſtand Ruppert an der Thüre, um den Eintritt zu verwehren, und ſchon war der Schlüſſel umgedreht. „Mein Gott, wenn man Dich hier fände!“ flüſterte er entſetzt. Valerie aber blieb ruhig; edle Seelengröße ¹ ſprach aus ihrem offenen Blick, aus ihrem ſtrahlenden Antlitz, aus ihrer ſtolzen Haltung. „Warum?“ ſagte ſie ruhig,„die ganze Welt mag's wiſſen, daß ich zu Dir kam. Ich habe nur ein Un⸗ recht gut gemacht an uns Beiden.“ „Ruppert, Ruppert, mach' auf— zum Teufel, was ſperrſt Du denn zu?— ich bin's ja. Nehme ab⸗ ſolut keine Verleugnung an“, ſo klang es dumpf durch die Thüre. Ueberraſcht erkannten die beiden innen Be⸗ findlichen Zeno's Stimme. Als Zeno eintrat, war er nicht wenig überraſcht, die Schweſter ſeiner Braut hier zu finden. 231 „Valerie, Sie hier?“ rief er, dann aber erfaßte ihn eine ungemeine Heiterkeit, in ſeinem tollen Humor deckte er ſeine Augen mit dem Hute und ſagte mit komiſch geſpielter Verſchämtheit:„Aber, Valerie, wenn das die Mama wüßte! Während wir Alle der feſten Meinung ſind, Sie hätten ſich wirklich aus Ermüdung nach der Reiſe zurückgezogen, und Sie damit beſchäf⸗ tigt wähnen, die abſcheuliche Migraine, die Sie ſo ſehr quälte, eifrig auszuſchlafen, während wir Sie Alle ſo ſehr bedauern, ſind Sie fort aus dem Bauer und ha⸗ ben ein heimliches Rendezvous mit einem jungen Manne, der auch kein ehrliches Gewiſſen hat, ſonſt würde er es nicht verſuchen, ſogar ſeinen beſten Freund hinauszuſperren. O, Valerie, ſind das die Früchte meiner Erziehung und meiner endloſen Predigten? Schrecklich!“ „Das ſind ſie auch“, antwortete Valerie, dem Freunde herzlich die Hand entgegenſtreckend,„und Zeno, wahrlich, ich danke Ihnen dafür.“ „Und ich danke Dir, Freund, für Alles, was Du für mich gethan“, ſetzte Ruppert lebhaft hinzu, indem er ſich Zeno's anderer Hand bemächtigte, ſo daß der Hut zu Boden fiel. „Sachte, Ruppert“, ſcherzte Zeno,„meinſt Du, wenn man unter die Haube kommt, bedarf man des Hutes nicht mehr? Du mißhandelſt ihn, und es iſt doch ein ganz neuer aus den Abruzzen vom Kohlmarkt. Für Euch hätte ich was gethan? Das ich nicht wüßte! Nur für mich— nur für mich! Kann keinen Menſchen um mich ſehen, der den Pips hat, das iſt das Privi⸗ legium annoch lebendiger Backhühner.— Na, Gott ſei Dank“, rief er dann mit mehr Ernſt und mit war⸗ men Gefühl,„das Herz hat bei Euch durchgeſchlagen. Schwager, Schwägerin— es hilft Euch nichts— ich muß Euch umarmen.“ Innig umfing er erſt den Freund, dann Valerie, gleich darauf aber wendete er ſich ſchalkhaft zu Ruppert: „Darfſt dafür Repreſſalien ausüben, Schwager, an Deiner Schwägerin. Sanctionirt: Zeno der Große, Maler und Bräutigam von Gottes Gnaden.— Das trifft ſich aber herrlich“, fuhr er dann in minder gro⸗ teskem Tone fort,„da komme ich gerade recht mit einem Hochzeitsgeſchenk, das Euch Papa ganz ahnungs⸗ los ſchickt— na, wird der Augen machen!— Da lies— aber lies gleich laut, die Pointe kenne ich ſchon, möchte auch die Details erfahren.“ Und damit überreichte er Ruppert ein Schreiben, das er aus der Bruſttaſche zog. Es war ein Telegramm aus Liverpool und lau⸗ tete überſetzt ungefähr ſo: 233 „Herr von Hellfried ꝛc. „Endlich Erfolg. Beide ſchon Ueberfahrt gemiethet. Nahodski von ſeinem Gefährten im Streit ermordet. Dieſer eingezogen. Größte Theil der Summe noch vorhanden. Alles veranlaßt.“ Unterſchrieben war der Name des Beſitzers eines der erſten Handlungshäuſer Liverpools. Ruppert hatte mit ſteigender Erregung geleſen. „Und dieſe Nachricht hat Herr von Hellfried jetzt eben erhalten?“ fragte er lebhaft. „„Du ſiehſt's ja hier oben angemerkt. Es iſt keine halbe Stunde her, da kommt Papa haſtig in den Sa⸗ lon, wo wir ein wenig dämmerten.“ „Endlich haben wir die Spitzbuben!“— ruft er ganz ſeelenvergnügt— hatte zwar überall hin aviſirt — in alle Hafenorte, ſpitzte mich aber immer auf Li⸗ verpool, auf die Naſe kommt es an!— Dann gab er mir das Telegramm und jagte mich fort, Dich aufzu⸗ ſuchen; noch im Fortgehen hörte ich, wie er, ſich die Hände reibend, rief: ‚Ha, ha! Der arme Bogner, ab⸗ gefangen, heimtransportirt, catarrhus branchus, und nun iſt er auch noch um ſein großes Werk über Kol⸗ latſchen gekommen. Welch ein Verluſt für die Menſch⸗ heit!“ „O, auch das Glück kommt nicht einzeln“, ſagte —— Ruppert, indem er Valerie's Hände ergriff.„Jetzt mag das Unglaublichſte kommen, ich werde nicht ſtaunen. Mit Dir zog alles Glück ein in dieſe arme Stube, in dieſes arme— und jetzt ſo reiche Herz.“ „Wahr iſt's, Valerie“, ſetzte Zeno hinzu.„Ihre muthige That bleibt das Schönſte von Allem! Recht hat er!— Aber nun bitte ich die geehrten Herrſchaften, die Fortſetzung dieſer rührenden Scene um eine halbe Stunde zu verſchieben. Sie, Valerie, müſſen nach Hauſe Du, Ruppert, haſt daſſelbe Ziel, denn Papa erwartet Dich, um das Weitere über das Telegramm zu be⸗ ſprechen und ich— muß mit als Garde des Dames. Mein Wagen wartet unten. Nein, wie Papa dreinſehen wird! Das Arrangement dieſer Ueberraſchung trägt mir wenigſtens ein Kiſtchen Capricios von ihm ein, von Mama einen Segen und von Ida einen eigens 1ℳ gezuckerten Kuß. Auf nach Valencia! Frühjahr iſt es, ſüßer, goldiger Mai. Des Vaters Segen baut den Kindern Häuſer. Der Banquier hat eine liebliche Villa am Traunſee an ſich gebracht und ſie am Hochzeitstage Ida's ſeinem Schwiegerſohne geſchenkt, damit er dort ungeſtört der Liebe und ſeiner Kunſt leben möge. Vom Traualtare hinweg führte ſie das raſche Dampfroß in dieſe neue 235 Heimat. Und wie das glückliche junge Paar den Fuß über die Schwelle ſetzt, begrüßt ſie ein anderes, nicht minder glückliches. Von Neuhaus iſt Ruppert mit ſeiner jungen Frau herübergekommen, um Bruder und Schweſter freudig zu überraſchen. Die Nacht liegt über dem Waſſer. Weit draußen, wo der waldige Rücken hineingreift in den tiefgrünen, jetzt beinahe ſchwarzen See, und die alten Bäume ernſt ihr zitterndes Spiegelbild betrach⸗ ten, das ihnen ſchon ſeit ihrer Kindheit entgegenge⸗ leuchtet, und Rechnung hält über ihr allmäliges Altern, — weit draußen, angelehnt an die uralten, nackten Felſenhäupter, ſteht das Häuschen ſo nett und traulich, als hätte es die Phantaſie ſelbſt hingebaut, als einen Tempel des Friedens und der Liebe, eingehüllt und umfloſſen von den Lichtſtrömen des Mondes. Und auf den Balkon heraus tritt ein Glücklicher und lehnt ſich an die eiſerne Brüſtung und läßt ſich das Haupt umkränzen und beſchatten von den Blättern der in Gartentöpfen blühenden, duftenden Blumen, die ein leiſer, weicher Lufthauch zu wecken ſcheint, zu einem heimlichen Regen und Flüſtern, zu einem liebenden Koſen mit den ſehnſüchtigen Küſſen des Mondes. Verloren, unbewußt ſehnt ſein Auge hinaus auf 1 4 1 2 4 4 236 die kleinen, murmelnden Wellen, die gleichmäßig glitzern und ſprühen, wie Tauſende von Brillanten,— auf die weite, glänzende Fläche, auf der ein langer Streif milchweißen Lichtes ausgebreitet liegt in unergründ⸗ licher Tiefe,— auf die ernſten, finſtern, mürriſchen Rieſenwächter, die ſchwer auf dem See laſten und ſich immer näher zuſammenſchieben, wie um den Menſchen den Eintritt zu verwehren in ihre ehrwürdige, unbe⸗ zwungene Granitwelt. Mild und leiſe klingen die ſanften Accorde eines Harmoniums aus dem Saale nebenan und umſtricken mit betäubendem Duft der Muſik die Seele jenes glück⸗ lichen Mannes. Nun fügt ſich eine weiche, reine Stimme der Melodie— ein ſchönes, einfaches Lied— wie dringt ihm die Stimme in's Herz, ſein junges, geliebtes Weib— ſeine Braut iſt's, die im Geſang zu beten ſcheint. Ein Heer von Gefühlen und Gedanken, von un⸗ erfaßten Bildern ſchwirrt und rauſcht in ihm und ſchwellt ihm Geiſt und Herz, unbegriffen von ihm ſel⸗ ber. Ja, er ſucht es nicht einmal zu begreifen, feſtzu⸗ halten, dieſes Meer von Ideen, von ſüßer Wehmuth und Glückſeligkeit, in das er verſinken und ſich auf⸗ löſen möchte, in Eins mit dem See, dem Mond, den Alpen, der Muſik— und ſo vergehen und doch nicht 237 aufhören, ein ſeliges Selbſt zu ſein, frei von den Klein⸗ lichkeitszwecken der Ernſt ſpielenden Erde— ein Se⸗ liger, im Bewußtſein des heiligſten Beſitzes— an der Bruſt ſeines Weibes. Ein Arm legt ſich um ſeinen Nacken,— der Freund, der Bruder iſt zu ihm herausgetreten. Lange halten ſie ſich ſchweigend umſchlungen und horchen den ſüßen Klängen. Dann deutet der Freund weit hinaus. „Siehſt Du die Stelle dort im See?“ fragt er leiſe.„Dort in der Tiefe ruht der Hort meines Glückes. Dort glaubt' ich mein Herz zu verſenken— es tauchte größer, reicher, glücklicher empor.— Fühlſt Du wie ich?— Nun, gute, gute Nacht!“ Die Muſik erſtirbt, der Ton verhallt, das Licht erlöſcht, tiefe Stille träumt in der Natur, der Mond ſchwebt einſam über dem See— ein Silberſtrahl ſtiehlt ſich durch das Geranke am Balkon und küßt den Abend⸗ thau von einer ſüßen Roſe.— Ende des zweiten Bandes. 1 2 4 4 . 5 8 A 2 5 3 3 8 S 8₰ 8 — 5 8 8 8 8 α 8 5 8 8 8 5 8Q Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand. Novelle von Edmund Höfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Stephan Lawrence. Roman von Mrs. Edwardes. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Debenham's Gelübde. Roman von A. B. Edwards. Aus dem Engl. von Anna Wünn. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Mark 50 Pf. Gewonnen— nicht umworben. Roman von James Pahn. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 80. Eleg geh. Preis 8 Mark. Berlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Pariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 13 Mark 50 Pf. er Lebengretter. Graf illrich Zandiſſin. 1 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 6 Mark. In engen Kreiſen. Roman 1 von 1 Graf Alrich Baudiſſin. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 9 Mark 50 Pf. ——V— —— ———— . —ü — — hing. ¹ 1 4¼ — rey Soruroſ Shart Green vellow Hed Magenta