1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit Lit. A. Nr. 256. Teih- und— Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — er: auf 1 Monat: 1 Nt. Pf. 1 NM. 50 Sf. 2. Pf. „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zur lckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der A er zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Rusoikezere. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— ————— —4 1 —— 4 Quatuor. Novellen von Robert Byr. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. — η ‿ E — 8 Byr, Quatuor. I. Erſtes Kapitel. Es mag wohl ein Luſtrum her ſein oder noch etwas länger, daß ich eines häßlichen Nachmittags in die Berge, welche ſüdlich des wiener⸗neuſtädter Stein⸗ feldes aufſteigen, hineinfuhr und zwar in jenen Zwickel, wo ſich die Grenzen Oeſterreichs, Ungarns und der Steiermark treffen. Dort eben in jenem Zwickel, noch auf öſterreichiſcher Seite, ſollte der Beſchreibung nach Bernegg liegen, wohin mich mein alter Freund ſchon wiederholt mündlich und ſchriftlich eingeladen hatte, ohne daß es mir früher möglich geweſen wäre, ſeiner Aufforderung Folge zu leiſten. Nun war ein Moment gekommen, wo mir ein freies Aufathmen gegönnt und der innigere Anſchluß an die Natur, das unbeſchränkte Ausleben, das mir lange genug verwehrt geweſen, zum Bedürfniß ward 4 und ich machte mich auf, die ſo oft angebotene Gaſt⸗ freundſchaft zu erproben. Das Wetter hatte ſich während der Eiſenbahn⸗ fahrt zum Ueblen gewandt; ein ſtarker Regen fiel, gegen den mich das Wägelchen, welches ich auf der Station — ich weiß nicht einmal mehr deren Namen— ge⸗ miethet, mit ſeinen mangelhaften Vorrichtungen nichts weniger als ausreichend beſchützte. Die Straße ver⸗ engte ſich bald und wurde, je höher ſie ſtieg, um ſo ſchlechter, der Grund war aufgeweicht, das jedenfalls nicht an nahrhafte Koſt gewöhnte Pferd beſaß zu wenig Kraft, die Hinderniſſe zu überwinden, mühſam und in jener mitleiderweckenden Weiſe keuchend, in der ſich eine unheilbare Lungenkrankheit verräth, kroch das arme Thier, an jeder Raſt und gar oft auch ander⸗ wärts ſtille haltend, zwiſchen den dunklen Tannen hin⸗ an und als wir oben an dem mir vorherbezeichneten Fuhrmannswirthshauſe angelangt waren, da hatten ſich die Nebelſtreifen, die wie Spinngewebe an den Waldſpitzen gehangen, zwar verzogen, man ſah weit in das grüne Thal hinab und nach den waldigen Höhenrücken hinüber, wo ein kleines Kirchdorf im letz⸗ ten Sonnenſtrahle, der verſpätet noch zwiſchen den Zacken im Weſten einen Durchweg gefunden hatte, aus dem Schatten goldig hervorzutreten ſchien, und ein ð——— 5 zauberiſch Abendroth flammte dann über den höchſten ſchneeigen Gipfeln auf, daß die ſchmale Mondſichel im Oſten kaum zu bemerken war, aber der ſchöne An⸗ blick vermochte mich nur wenig über die weit unpoeti⸗ ſchere Ausſicht, die ſich mir für mein nächtliches Ver⸗ bleiben eröffnete, zu tröſten. Bis zu der Waldſchenke ſollte ich von der Station aus fahren, hieß es in dem Briefe des Freundes, der ſich ſeiner Gewohnheit nach auch gleich peremptoriſch zu meinem Reiſemarſchall oder beſſer geſagt, zu meiner Marſchbehörde aufgeworfen. Von hier ſei der Weg ſchlecht, für Kutſchen mit Federn unbefahrbar, ich ſolle alſo da raſten und indeß einen Boten nach Bernegg ſenden, wenn ich einen kleinen Spaziergang nicht etwa dem Erwarten des Wagens vorzöge. Alles ſehr ſchön! Meine Kutſche mit Federn, denn eine ſolche war es dem äußern Anſchein nach, ertrug in der That keine Zumuthung, noch weniger konnte ich geſonnen ſein, ſie dem armen Gaule zu machen, deſſen Weichen wie die Flügel eines geſpießten Schmetterlings flatterten. So blieb noch der Spaziergang und das Warten. Zu erſterem hatte ich nach der Wegprobe, die ich ge⸗ ſehen, und die noch die weitaus beſſere ſein ſollte, weder die Luſt noch das entſprechend todesverach⸗ tende Stiefelpaar, zu letzterem kaum die Geduld, und doch bedurfte ich derſelben für eine ganze Nacht ſogar. „So ein Stündel“, meinte der Wirth und kratzte ſich hinter dem Ohr, von dem er das grüne Käppchen wegſchob. Eine Stunde war's bis Bernegg, aber ich kenne ſchon dieſe Stunden in den Bergen; bis mein Bote nach Bernegg kam, war's tiefe Nacht und nun ſollte ich wohl noch eine weitere ſolche Stunde warten, bis der Freund kam,— ſollte ihn überhaupt aufſtören, die wahrſcheinlich wenig erquickliche Fahrt auf gründlich durchweichtem Waldweg von ihm fordern und dann bei dem allerdings milden und ruhigen, eine Wagen⸗ laterne aber bei weitem nicht erſetzenden Scheine der Milchſtraße, dieſelbe Fahrt gleichfalls genießen— nein, für ſolche Ungeduld hätten am Ziel meiner ganz andere Arme warten müſſen, ganz andere Lippen als die mei⸗ nes alten Haun, welcher an ſeiner ganzen Figur nichts weich Umfangendes und einen rieſig borſtigen Schnurr⸗ bart unter der Naſe hatte, der knaſtergeräuchert, wie ich ihn kannte, mir niemals ſonderlich kußverlockend erſchienen war. Alſo in der Schenke übernachten! Dieſe Idee war ſelbſt für den Wirth, ſein Weib und den Knecht, der vor Sonnenaufgang meine Botſchaft nach Bernegg hin⸗ 17 überbringen ſollte, etwas ſo Unerhörtes, daß alle Drei ſprachlos auf der Straße ſtanden und ſich gegenſeitig anſtarrten. Allmälig kam dann noch eine Schwägerin, eine Magd, ein halberwachſenes Mädchen, das ein dreijähriges Kind auf dem Arme trug, und zu guter Letzt mein Kutſcher dazu, ohne daß die Vergrößerung des Raths beſonders zur Erleuchtung deſſelben beige⸗ tragen hätte. Der Wirth kratzte ſich nun am linken Ohre, die Wirthin gab ſich alle mögliche Mühe, den einen nackten Arm mit dem andern und dieſen mit der Schürze zu verdecken, was wahrſcheinlich ihrer An⸗ ſicht nach die Toilette auf's Tadelloſeſte vervollkomm⸗ nete, die Schwägerin fuchtelte mit dem Kochlöffel, die Magd verſteckte jedesmal, wenn mein hülfeſuchender Blick ſie traf, ihr rothes dickes Geſicht kichernd hinter dem durchlöcherten Schürzenzipfel, das halberwachſene Mädchen riß den Mund weit auf und das kleine Kind ſteckte das ſchmutzigſte der zehn Fingerchen in den ſei⸗ nen, mein Kutſcher ſchüttelte den Kopf, was ſein Gaul, als ſei er darauf dreſſirt, mit erbarmungswürdiger Reſignation wiederholte, und nur der Knecht behielt die Faſſung— er war es auch, der zuerſt das löſende Wort fand. „Ja, wenn die Rodenhoferin—!.. ſagte er, das Uebrige ſpann er in der Phantaſie weiter aus, aber der Gedanke mußte einer unſichtbar laufenden Lunte gleich gezündet haben, denn eine Reihe von Detonationen folgte. „Ja, wenn die Rodenhoferin!“... wiederholte die Wirthin. „Ja, wenn die Rodenhoferin!“... murmelte der Wirth. „Freilich, die Rodenhoferin! wenn die Rodenhofe⸗ rin—14... fielen nun auch die Andern im lebhaften Durcheinander ein, aber Keines ſchien dieſen verheißungs⸗ vollen Redebeginn vervollſtändigen zu wollen oder dies auch nur für nothwendig zu halten. Die guten Leute ſchienen mich ſogar ſehr bornirt zu finden, da ich mir die unvorſichtige, den ſanft anſchwellenden Redefluß plötzlich wieder eindämmende Frage erlaubte:„Was denn die Rodenhoferin?“. „Na, ſehen Sie ſich einmal das Kammerl an“... ging die Wirthin ſtatt jeder Erklärung in eine andere Tonart über und ihre fettſtrotzenden Arme noch ſcham⸗ hafter verhüllend, trat ſie mir voran in's Haus. Doch waren ihr darin ſchon Magd und Schwägerin zuvor⸗ gekommen, und als ich die große Schenkſtube durch⸗ ſchritten und in die verheißene Kammer trat, fand ich ſie Beide ſchon hier beſchäftigt, Ordnung zu machen. Das war auch keineswegs überflüſſig, ſoweit mich das 5 ⸗f———. — 9 ſpärlich durch's einzige Fenſterchen fallende Dämmer⸗ licht die wenig anziehende Umgebung erkennen ließ. Zwei hochgethürmte, mit blaugeblumtem Baum⸗ wollenzeug überzogene Betten machten mit einer ſchön⸗ gemalten Kiſte, einem dreibeinigen Tiſchchen und einem durchlöcherten Strohſeſſel die ganze Einrichtung aus und das Verführeriſche dieſes Nachtlagers wurde nur ſehr wenig durch die von der Wirthin gewährte Aus⸗ ſicht geſteigert, daß mir ein Bett ganz und gar unge⸗ ſchmälert überlaſſen werden ſollte, das der jungfräuli⸗ chen Schwägerin, während das zweite die Magd den beiden Kindern abtreten müſſe, die in gewöhnlichen Zeitläuften bei den eigentlichen Bewohnerinnen dieſes Staatsgemachs, welchen nunmehr eine Zuflucht auf dem Heuboden eingeräumt werden ſollte, unparteiiſch vertheilt wurden. Nun waren mir derartige Verhältniſſe allerdings nichts Neues, ich hatte ſchon unter weit gravirenderen Umſtänden die ſüße Nachtruhe der Unſchuld genoſſen, und hoffte auch hier derſelben ſicher zu ſein, wenn ich ſie nur nicht in den erſtickenden Brutpfühlen, ſondern weislich in der Schenkſtube auf einem improviſirten Strohſacke ſuchte, mit deſſen leichtfüßiger, blutgieriger Beſatzung ich noch weit lieber in den Kampf einging, als mit den verſchiedenen Fährlichkeiten jener Prokru⸗ 10 ſteslager, in denen ſich der biedere Landmann nach des Tages Mühen und Laſt wohlfühlt. Ich begann mich alſo ſchon der Nothwendigkeit zu fügen und der wohlwollend auf eine unpräliminirte Mehreinnahme ſin⸗ nenden Wirthin meine„unbegreiflichen“ Dispoſitionen zu hartnäckigem Gemüth zu führen, als ein plötzliches Wagenraſſeln und der dreifache Ausruf„die Roden⸗ hoferin!“ unſern Pourparlers vorläufig ein Ende machte. Das ſchwache Geſchlecht hatte ſich von der durch das Wagengeraſſel erweckten Gedankenreihe noch nicht erholt, als auch ſchon der Knecht hereinſtürzte und mir in wenig gewählten Worten andeutete, ich möchte hin⸗ auskommen. Ein leiſer Hoffnungsſtrahl dämmerte in mir auf, ohne ſchmerzlichen Rückblick ſchied ich aus den wirthlichen Räumen. Draußen auf der Straße hielt ein ſogenannter Steirerwagen, deſſen Korbgeflecht, un⸗ mittelbar auf den Achſen ruhend, zwei in Lederriemen hängende Sitze trug, hinter denen noch allerlei Säcke und Päcke halb unter einem Theertuche lagen. Vorn ſaß ein Knecht, der die Pferde führte, auf dem zweiten Schaukelſitze eine Beſtalt, die ich im erſten Momente, irregeführt durch die Dämmerung, für einen Kapuziner hielt. „Sie können mitfahren bis Bernegg“... empfing —-— 2 11 mich der Wirth, der ſein Käppchen faſt ehrfurchtsvoll in der Hand hielt, was ich ſeinem religiöſen Gefühle zuſchrieb.„Aber tummeln Sie ſich!“ drängte er. Der Knecht hob meinen Koffer ſchon rückwärts zu den Päcken hinauf und der Kapuziner rückte eben beiſeite und ſagte auf einmal mit einer ganz weichen, wohlklingen⸗ den Altſtimme:„Steigen Sie ein, wenn Sie mit⸗ wollen!“ Das iſt alſo die Rodenhoferin!— wurde es klar bei mir, was aber offen geſtanden nur eine neue Un⸗ klarheit war. Und im Nachdenken darüber überſah ich faſt, wie mir der Wirth die Hand zum Gruße bot und der Hausknecht ſie in anderer Abſicht ausſtreckte. Der Erſtere kratzte ſich hinter den Ohren, der Letztere zählte das erhaltene Trinkgeld, das ſchwache Geſchlecht, wie⸗ der auf der Wirthshausgaſſe verſammelt, ſtimmte in ein diſſonirendes„Gute Nacht!“ ein und blickte dem davonrollenden Wagen nach, ſo lange noch eine Rad⸗ ſpeiche davon zu ſehen war. Wir bogen bald genug von der Straße ab und hatten kaum ein halbes Hundert Schritte gemacht, als* ich mich von der Unzukömmlichkeit einer Fußpromenade in dieſen tief ausgefahrenen, einem Hohlweg gleichen⸗ den Geleiſen überzeugte. Das elaſtiſche Holz des Wägelchens ächzte, wenn dieſes durch eine moraſtge⸗ ———— ——CO—— 12 füllte Grube ſchwankte, die dichten Tannen an beiden Seiten benahmen alles Licht, ſo daß wir aus der tiefen Dämmerung plötzlich in die Nacht gerathen wa⸗ ren, und der aufſpritzende Koth, der mich zeitweiſe in's Geſicht traf, gab mir eine nicht gerade angenehme Beſchäftigung. Mit der Zeit gewöhnt man ſich jedoch an weit Aergeres, und der tröſtliche Gedanke, nicht mit eigenen Füßen durch den Brei waten zu müſſen, erweckte endlich auch das zwar dumpf, aber doch vor⸗ handen geweſene Gefühl von Dankbarkeit gegen meine Retterin aus der drohenden Nachtherberge zu höflicher Bethätigung. Bis zur Einleitung hatte ich's gebracht, aber die drei Worte:„Ich muß dankbar—“ blieben vorläufig auch das Ganze, denn ſchon beim„dank“ hob ich mich oder vielmehr hob das Rad, über dem ich ſaß, mich bedenklich und das„bar“ ſprach ich bereits meiner Begleiterin ſo nah in's Ohr und unterſtützte es mit meinem vollen, nicht gerade unbedeutenden Gewichte, daß ſie von der Aufrichtigkeit meiner Geſinnungen auf's Nachdrücklichſte überzeugt ſein mußte und wir beinahe Gelegenheit gehabt hätten, auf ebenem Boden, obgleich in einigermaßen unbequemer Lage, unſere weitern ge⸗ genſeitigen Verſicherungen auszutauſchen, wenn nicht zufällig noch rechtzeitig ein dienſtfertig vorſpringender 13 Fichtenſtamm das umkippende Vehikel geſtützt und vor dem Kentern bewahrt hätte. Unwillkürlich umfaßte ich die rauhe Kapuziner⸗ kutte meiner Nachbarin, bereit, ihr meine Dankbarkeit werkthätig zu bezeigen, indem ich ſie bei dem Sturz in's Meer rettete oder mit ihr gemeinſam unterging. Sie aber rückte ganz ruhig auf dem Sitze zurecht und ohne darauf Rückſicht zu nehmen, wie ich mich ſelbſt wieder in Ordnung brachte, ſagte ſie mit derſelben weichen tiefen Stimme, die ich ſchon einmal gehört: „Sepp, nimm die Latern' und leucht' ein Oertl!“ Das war im reinſten Lokaldialekt geſprochen und während der Kutſcher abſtieg, die Zügel meiner Nach⸗ barin übergab und dann mit der Laterne, in der er Licht gemacht, den langſam folgenden Braunen voran⸗ ſchritt, überließ ich mich meinen Muthmaßungen über Alter, Ausſehen und ſonſtige Eigenſchaften der Roden⸗ hoferin, von der ich auch noch keinen Zug geſehen hatte. Wahrſcheinlich hatte ich da eine wohlhabende Bauersfrau neben mir, darauf deutete ihr Titel, das Fuhrwerk, ſelbſt das ſchwere meſſingbeſchlagene Pferde⸗ geſchirr hin, aber eine originelle Frau mußte das doch ſein, um ſo mit aller weiblichen Eitelkeit und mit der Landesſitte zu brechen und ſich in die allerdings bei dem heutigen Wetter ſehr praktiſche, aber weder ſchöne, noch übliche Tracht zu ſtecken. Ob ſie jung war? Die Stimme klang ſo. Ob ſie hübſch war? Was ging das mich im Grunde an? „Wir büßen da eigentlich Ihres Freundes hart⸗ näckigen Rechtsſinn“— riß ſie mich plötzlich aus mei⸗ nem Grübeln.„Er behauptet, die Gemeinden und die Anrainer hätten den Weg zu erhalten, und doch iſt er's, der am meiſten unter der Vernachläſſigung leidet, denn ſelbſt der Rodenhof hat noch eine gute, wenn auch etwas weitere Straße auf der andern Thallehne, und hätte ich ahnen können, daß hier oben das Wetter ſo arg gehauſt, würde ich ihn wohl vorgezogen haben, doch nun freut es mich, daß unſere verſpätete Heimkehr auf dieſer Seite wenigſtens Ihnen zu Stat⸗ ten kam, und vielleicht veranlaßt der Umſtand, ſeinem Freunde beinahe einen Armbruch zum Willkommen ge⸗ boten zu haben, Herrn von Haun endlich doch zu einer Reparatur ſeiner etwas mangelhaften Verbindung mit der Welt.“ Da kombinire ein Menſch noch auf Erden! So ſpricht keine Bäuerin, auch nicht die gebildetſte, auch nicht, wenn ſie origineller Weiſe eine braune Loden⸗ kapuze trägt. Das war dialektloſes Deutſch, das war eine lange, wohlgefügte Rede, ohne Zwang, ohne Zu⸗ ——— 15 rückhaltung, ohne Beengung, ja ſogar mit Humor, und was die Sache vollends unheimlich machte, ich war erkannt. Während ich von meiner Nachbarin gar nichts wußte, ſprach ſie mich geradezu als Freund meines Freundes Haun an. Da frage ich, ob ich nicht ſtaunen ſollte, wie ſie dies wiſſe, und ich fragte auch ſie, und die Ant⸗ wort war, das ſei kein Wunder, denn mein Freund erwarte mich ſchon ſehnſüchtig ſeit meinem letzten Briefe, und zum Schluße nannte ſie mich gar bei meinem leibhaftigen Namen. Es mag ſtärkere Na⸗ turen geben, die dergleichen überwinden und denen der Verſtand nicht ſtill dabei ſteht, mir war dies nicht be⸗ ſchieden. Und wieder nahm ich meine Kombinationen auf. Wer war dieſe Frau?— oder war es ein Mädchen?—„Die Rodenhoferin“, und damit hieß es vorderhand auslangen. „Oder wollen Sie nichts zur Verbeſſerung der Communication beitragen?“ fragte die Räthſelhafte, deren Worte ich ſchon einmal, tief in Gedanken ver⸗ loren, überhört hatte...„Wollen Sie Ihren Freund in ſeinem Eigenſinn und ſeiner Weltabgeſchiedenheit unterſtützen? Faſt muß ich es glauben, da ſie ſchwei⸗ gen. Es werden alſo nun zwei Haune ſtatt einem demnächſt auf Bernegg hauſen?“ 16 Sie hatte ganz beſtimmt Bernegg geſagt, weiß der Himmel, wie es kam, daß es ganz wie Bären⸗ höhle klang. „Zwei Haune? bewahre! es wird nichts gehauſt, gnädige Frau“... Der in Oeſterreich ſo allgemein übliche Titel war mir herausgefahren, weniger in Folge meiner gewagten Kombinationen, als vielmehr in harmloſer Unwillkürlichkeit, und nun mochte er auch ſtehen bleiben, denn nicht das geringſte Zeichen ver⸗ rieth mir, daß er etwa übel genommen worden.. „Ich ihn in ſeinem Eigenſinn und ſeiner Weltabgeſchie⸗ denheit unterſtützen? da müßte ich mich ja ſelber ver⸗ leugnen!“ fuhr ich fort, und die baare Lüge ging mir nur ſo glatt von den Lippen, ohne daß ich heute noch weiß, was mich zu der eifrigen Reinwaſchung drängte, wenn es nicht der allgemein menſchliche Drang war, ſich für den Fremden ſchöner zu kleiden, als für die nächſte, intimſte Umgebung, wiewohl dieſe weit eher Berückſichtigung verdient. Ich war nahe daran, einen Meineid abzulegen, daß ich an der Stelle meines brum⸗ migen Freundes alle Straßen der umliegenden Ge⸗ meinden, Kreiſe, Provinzen repariren zu laſſen lieber bereit ſei, als mit meinem Wagenrad nur in eine ein⸗ zige Unebenheit zu gerathen. Zum Glück hielt mich ein kurzes, aber helles — — 17 Lachen von der allerlerletzten himmelſchreienden Ueber⸗ treibung zurück. „Sepp, halt amal rechts übri!“... mahnte die ſchöne Nachbarin— denn für die Schönheit hatte ich mich nunmehr unwiderruflich entſchieden— den durch die Dunkelheit voranwatenden Laternenmann, und ohne allen Uebergang richtete ſich gleich darauf wieder das tadelloſe Hochdeutſch an mich...„Und bei dieſem Gegenſatz der Charaktere ſind Sie doch Beide ſo herz⸗ liche Freunde geworden?“ „Setzt Sie das in Erſtaunen, gnädige Frau?“... Es kam mir jetzt gar nicht darauf an, mit welchen Gemeinplätzen ich meine erſchwindelten Behauptungen unterſtützte. Trug ſie eine Kapuze, konnte ich auch eine aufſetzen...„Gerade weil wir uns in Allem und Jedem widerſprechen, was man ſich ergänzen nennt, ſind wir der Ueberzeugung, ſtets in ungetrüb⸗ teſter Uebereinſtimmung zu ſein. Das iſt das große Geheimniß der durch alle telluriſchen Erſcheinungen zum Ausdruck kommenden Polarität.“ Ich machte eine Pauſe, um mich zu einer neuen ſchwungvollen Phraſe zu rüſten, meine Nachbarin un⸗ terbrach mich darin nicht, ſie wiederholte nur leiſe, wie betroffen das Wort„Polarität“ und ſchwieg dann, Byr, Quatuor. I. 2 aber Sepp löſchte ſeine Laterne und nun war's für die geblendeten Augen ſtockfinſter. „Hiazt geht's ſchon“... meinte er, und kletterte vornauf, was zur Folge hatte, daß die beiden Pferde, ohne eine weitere Anfeuerung zu erwarten, im Trab anzogen.. Und es ging ſchon, aber an ein Weiterſprechen war bei den Sprüngen und Stößen des Wägelchens nur mit ſtummer Entſagung und dem innigen Wunſche zu denken, den hartnäckigen Rechtsſinn des weltabge⸗ ſchiedenen Freundes einigermaßen gebeugt zu— fühlen. Und es ging— faſt eine halbe Stunde ſo fort. Da verſchwanden die Tannen an unſerer rechten Seite und in der Lichtung begann eine Hecke, an dieſe ſchloß ſich eine Mauer, und nun hielt der Wagen vor einem großen geſchloſſenen Thor, hinter welchem meh⸗ rere Hunde anſchlugen. Sepp war abgeſprungen, er zog eine weithin ſchallende Glocke. „Hier ſind Sie in Bernegg. Grüßen Sie mir Herrn von Haun. Auf Wiederſehen!“ Das war eine ſehr— ſehr kleine Hand, die ich in der meinen hielt, und entweder war das, worin jene ſtak, ein feiner däniſcher Handſchuh, oder ich hatte nie im Leben einen zwiſchen den Fingern gefühlt. Aber nach einiger Zeit fühlte ich ihn nicht mehr, ach, Alles ein S meinen Kombi meinen „Die Freun ſonder barg. Atmoſ getrete wie ei G 4 dieſe⸗ für ſer ſchon nicht widern — (* 19 Alles iſt vergänglich! Der Wagen raſſelte davon und ein Schlüſſel raſſelte im Thore, an dem ich neben meinem Koffer ſtand und zwar ſo verſunken in meine Kombinationen, daß ich dem jenſeits vorſichtig nach meinem Namen Fragenden beinahe geantwortet hätte: „Die Rodenhoferin“. Von dem weiten Oekonomiehofe, den ich durch⸗ ſchritt, von dem niedern, nur mit einem Erdgeſchoße verſehenen Hauſe, in das ich geführt wurde, ſah ich in meiner Zerſtreutheit eben ſo wenig als von meinem Freunde, nur daß mir den letztern nicht dieſelbe Wolke, ſondern eine aus undurchdringlichem Tabaksrauch ver⸗ barg. Doch mochte er ſelber mehr auf dieſe dichte Atmoſphäre eingerichtet ſein, da er, kaum daß ich ein⸗ getreten war, urplötzlich vor mir ſtand. „Ci, Du gottverdammter Racker! platzt er herein wie ein echter betyär“) mitten in der Nacht!“ Das war der Willkommensgruß. Da ich aber dieſe eben ſo elegante als enthuſiaſtiſche Ausdrucksweiſe für ſeine freudige Ueberraſchung bei meinem Freunde ſchon lange gewohnt war und mich darin überdies nicht gewachſen fühlte, hielt ich mich nicht mit Er⸗ widerung dieſer nachdrucksvollen Zuneigungsverſiche⸗ (* Ungariſcher Pußtenräuber. rungen auf, ſondern fragte, noch während wir uns gegenſeitig die Hände wund drückten, friſch zu, wer die Rodenhoferin ſei. Haun ſah mich plötzlich ganz ernſt an, ich möchte ſagen, faſt ein wenig mißtrauiſch, wenn ſein grollendes Geſicht nicht immer dieſen Ausdruck trüge. „Die Rodenhoferin?“... wiederholte er gedehnt. „Sie läßt Dich grüßen.“ „Ja, wie zum Teufel kommſt denn Du zur Roden⸗ hoferin?“... examinirte er mich mit Donnerſtimme, wie einen nichtsnutzigen Hallunken und ſchlug ſich da⸗ bei mit beiden Händen auf die kurzen Lederbeinkleider, daß es wie eine Hirtenpeitſche knallte. So kurz als möglich erzählte ich, wie ich ihr mein Hierſein verdankte. „Richtig!“... murmelte er...„Sie iſt heute Morgens nach dem Markte hinabgefahren. Einkäufe für die Wirthſchaft. So ſo ſo! Biſt alſo mit ihr gefahren. Nun, das war freilich das Beſte. Da ſetze Dich, trinke ein Glas Wein und dort nimm Dir eine Cigarre aus dem Kiſtchen.“ „Das hat Alles Zeit. Ich weiß ja noch immer nicht, wer die Rodenhoferin iſt.“ „Hm!l lerne ſie erſt kennen und Du wirſt ſagen wie ich: Das iſt ein Weib!“ „ nach de „ gibt!“ d. kümmel geſellen ſtarrte die er ſcharf wurde ſchwern überraß G N⸗ ich und Ä15 Schritt letzter T ich mi⸗ — das ſo muf ſchlage 3 5 gen 21 „Nun, daß ſie kein Kapuziner ſei, wußte ich ſchon nach der erſten halben Minute.“ „Ein Weib, ſage ich Dir, wie es kein zweites gibt!“ Dann ſetzte er ſich, ohne ſich weiter um mich zu kümmern, auf ſeinen Stuhl an den einſamen Jung⸗ geſellentiſch, ſtützte beide Ellenbogen vor ſich hin und ſtarrte mit einer Miene in die mächtigen Rauchwolken, die er von ſich blies, daß ſein viel zu hageres und ſcharfgeſchnittenes Adlergeſicht durchaus nicht ſchöner wurde, mich aber durch den noch nie darin bemerkten ſchwermüthigen und ſinnenden Ausdruck eigenthümlich überraſchte und anzog. „Du intereſſirſt Dich alſo für ſie?“... fragte ich und ſetzte mich wie ein Inquiſitor ihm gegenüber. „Intereſſiren? Blödes Wort, riecht auf hundert Schritte nach dem Salon. Man merkt, wo Du in letzter Zeit Deine Schuhſohlen durchgeſchliffen.“ Das war wieder der alte Haun. Den Block hatte ich mir ſelber vor die Naſe geſchoben; um denſelben — das wußte ich wohl— war nicht herumzukommen, ſo mußte meine Wißbegierde denn andere Pfade ein⸗ ſchlagen. „Ein Weib, ſagſt Du, folglich iſt ſie verheirathet?“ „Leider Gottes!“ 1 4 22 „Und wer iſt ihr Mann?“ „Ein Landſtreicher, der einmal mein Freund war.“ „Scheinſt da eine hübſche Bekanntſchaft zu haben?“ „Rechneſt Du Dich auch ein?“ „Höre, das war grob!“ „So mache künftig ſchlauere Bemerkungen. Und da Dir's doch, wie all' den Weltmenſchen, hauptſächlich um den Namen zu thun iſt, als würde aus der Ca⸗ naille etwas Anderes, wenn ſie getauft iſt, ſo will ich Dir ſagen, daß der Rodenhof einem Baron Veröczy gehört oder gehörte, denn der Teufel weiß, ob er noch lebt, erſoffen iſt, ſich erſchoſſen hat, oder ſonſt irgend⸗ wie verkam.“ „Eine Baronin Veröczy alſo?“ „Ha! nun ſieht's gleich anders aus! Da kann man Karten abwerfen, nicht wahr, und dergleichen Firlefanz mehr, nach dem neueſten bon ton, Salon⸗ karpfen!“... und indem mein liebenswürdiger Freund mich im Unklaren ließ, ob er in den letzten ſchmeichel⸗ haften Sammelnamen auch mich inbegriffen habe, goß er ſein Glas voll, blies eine mächtige Wolke nach mir herüber und ſtrich, wie wenn er den Geſprächsgegen⸗ ſtand wegfegen wolle, mit der Hand entſchieden über den Tiſch...„Und nun, wenn Du Dich ausgewun⸗ dert haſt“... begann er dann eine neue Aera... 23 „komm' zu etwas Anderem. Wie ſteht's mit Deinen Angelegenheiten?“ Die aber ſind von wenig allgemeinem Intereſſe und ſo möge denn der Tabaksnebel, als modern ge⸗ wordener Theatervorhang, uns ſammt unſerem weitern Zwiegeſpräche umhüllen. Zweites Kapitel. Ich war ſchon mehrere Tage in Bernegg und ich kann nicht ſagen, daß ſie gerade amüſant geweſen wären, ſo was man für gewöhnlich amüſant nennt, ich glaube ſogar, daß ſich die meiſten meiner Bekann⸗ ten während derſelben gründlich gelangweilt hätten, mir aber thaten ſie unendlich wohl und in der Erin⸗ nerung ſtehen ſie mir noch immer wie eine grüne, ſanfte, ruhige Dämmerung. Der Menſch muß, um eine ſolche Dämmerung zu genießen, eben dafür und dazu geſtimmt ſein, und ich war es. Wie ſchön ſah ſich's da aber auch in die Lande hinaus, über das Thal und den gegenüberliegenden Höhenzug hin und dann über einen niedrigern und immer wieder über einen niedrigern, bis in die weite Ebene, wo nur das Fernrohr noch Häuſer und Kirch⸗ 25 thürme erkennen konnte. Auf den drei andern Seiten war der Hof vom dunklen duftigen Wald umſchloſſen, aus dem nur gegen Oſten ein kahler Fels mit den zerfallenen Reſten der alten Burg emporragte. Dort war der Sitz der ſchon in alter Zeit genannten Haune von Bernegg geweſen, bis, ich weiß nicht mehr welches Natur⸗ oder Kriegsereigniß der Herrlichkeit ein Ende machte. Alle Vorfahren meines Freundes dürften ihm nicht geglichen haben, denn ſonſt hätten ſie ſich ſchwer⸗ lich durch Jahrhunderte im Staats⸗ und Hofdienſte rühmlich hervorthun können. Im Gegentheil, ſie mö⸗ gen wohl den Glanz und Luxus des Weltlebens allzu⸗ ſehr geliebt haben, zum wenigſten was meines Freun⸗ des nächſte Vorgänger betrifft, ſonſt würde deſſen Erb⸗ theil wohl reichlicher ausgefallen ſein. Noth litt er allerdings keine, was Küche und Keller betrifft, befand ſich meine Bewirthung ſogar in den beſten und kundigſten Händen, ja mancher kleine Gutsbeſitzer würde ſich mit dem Inhalte des eiſernen Geldſchranks, der oberhalb des Schreibtiſches im Ar⸗ beitszimmer eingemauert war, für's ganze Leben aus aller Noth und Sorge gefühlt haben, aber der Glanz der Familie war nichtsdeſtoweniger erblichen— und ihn wieder herzuſtellen, das machte meines Freundes ganzen, ſelbſt vor mir geheim gehaltenen Ehrgeiz aus. 26 Er war ſtolz auf ſeinen Namen und wollte die Haune wieder zu einem großen und kräftigen Geſchlechte ma⸗ chen, wollte dieſem Geſchlechte ſeinen alten Stammſitz aus den Trümmern neu errichten und kümmerte ſich, dieſes Ziel im Auge, wenig darum, ob man ihn einen ſtörriſchen Geizhals nannte, ob er in einem beſcheide⸗ nen Hauſe wohnte, wenn es nur ziemlich behaglich ausgeſtattet war, und ob er, genau genommen, nicht viel beſſer als ein Bauer ſeinen Tag verbrachte, wäh⸗ rend er vielleicht auf der großen Heerſtraße des Ehr⸗ geizes mit ſeiner Ausdauer, aber freilich auch mit einer nothwendigen Modifizirung ſeines Weſens, ſchon eine ziemlich hohe Stufe erklommen gehabt hätte. Er ging ſeinen Weg, und auch der brachte ihn vorwärts, ſo daß ich auf dem mit allerlei Sämereien, Futterproben und Modellen für die Stallwirthſchaft bedeckten Schreibtiſch ſchon einen neuerlich angefertigten Plan zum Ausbau der alten Burgruinen fand. Die Idee war bizarr, aber mit maleriſchem Geſchmack ent⸗ worfen; offenbar dachte mein Freund ſchon an die Ausführung; er hatte bei all' den Mühen, Sorgen und Trachten nur Eins vergeſſen, und war allmälig aus einem reifen Junggeſellen ein angehender und ge⸗ mach ein reifer Hageſtolz geworden, ohne die nöthige Sorge für das Geſchlecht zu tragen, deſſen ſtolzen —— ——+ e 27 Stammſitz er neu aufrichten, deſſen erblichenen Glanz er wieder hell ſtrahlen ſehen wollte, und das nun aller Wahrſcheinlichkeit nach ſehr unzeitgemäß mit ihm er⸗ loſch, wenn er nicht bald dazu ſah. Seine Schuld war es freilich nicht, daß eine ſolch' tückiſche Vernichtung all' ſeiner über ein halbes Men⸗ ſchenleben genährten Träume hereinzubrechen drohte. Was konnte er dafür, daß ihm noch keine genugſam gefallen hatte, um ſie zur Mutter dieſes künftigen, fataler Weiſe fehlenden Geſchlechtes zu erheben? Mehr als einmal hatte er ſeinem gerechten Ingrimm gegen die nach ſeiner Meinung ſchlecht berathene und ver⸗ waltete Vorſehung vor mir in der Betrachtung Luft gemacht, warum es denn ihm nicht auch ſo gut hätte werden können, ſchon eine ganze Schaar Geſchwiſter, Nichten und Neffen anzutreffen, wo es doch ſo viele Familien gäbe, aus deren Neſte die federloſen Kleinen ganz ſehnſüchtig nach einem fürſorglichen ledigen Onkel piepsten, der dann aller Mühe überhoben ſei, ſich ſel⸗ ber in die Unannehmlichkeiten zur Herbeiſchaffung eines Leibeserben ſtürzen zu müſſen. Wiederholt hatte er ſich bei früheren Gelegenheiten ſolch' philoſophiſchen Betrachtungen hingegeben, dies⸗ mal— und es waren wie geſagt ſchon mehrere Tage ſeit meiner Ankunft vergangen— war noch keine ſolche Andeutung gefallen, auch nicht die allerleiſeſte. Faſt kam ich auf den Gedanken, daß er anfange, ſich die Mühſeligkeit und Unannehmlichkeit beſagter Herbei⸗ ſchaffung weniger unüberwindlich vorzuſtellen, und was mich noch darin beſtärkte, war ſeine begeiſterte Ver⸗ ehrung für die„Rodenhoferin“, der abermals Aus⸗ druck zu geben er ſich wohl hütete, wie er auch, da ich ein paarmal meinen Wunſch ausſprach, dieſer Dame nähere Bekanntſchaft zu machen, dies ganz zu über⸗ hören ſchien und abſichtlich immer wieder einen anderen ausweichenden Vorſchlag in petto hatte. Es brauchte meine Citelkeit dies gar nicht als eiferſüchtiges Ver⸗ wahren ſeines Schatzes auszulegen, die Analogie mit anderen erlebten Fällen zeigte mir darin eben die Scheu des knorrig gewordenen einſamen Mannes vor der Gefahr, ſein Herzensgeheimniß errathen zu ſehen; ich ließ es alſo dabei bewenden und drang nicht mehr auf einen Beſuch, der meinem Freunde unangenehm ſchien. Was ging mir auch im Grunde ab? Hier hatte ich das ungeſtörte Stillleben, nach dem ich mich ge⸗ ſehnt, den freien Verkehr mit der Natur. Der Tag brachte uns manche gemüthlich gemeinſame Stunde, und wenn der fleißige Landwirth in Stall und Milch⸗ kammer, Käſerei und Futterſcheuer herumſtapfte, träumte ————— 29 ich auf meinem Zimmer oder ſaß in den Ruinen und ſann und las, und las und ſann. In den Morgenſtunden ſtrichen wir regelmäßig durch den Wald, wir hatten die Büchſe über der Schul⸗ ter, und die Hunde gingen mit und ſtanden wohl hin und wieder auch eine Kette Hühner, aber geſchoſſen wurde nicht, denn Füchſe ließen ſich nicht blicken, den harmloſen Nußhäher zu einer übelſchmeckenden Suppe herunterzuknallen, war nie mein Vergnügen, und das richtige Wild noch ſicher. Dafür galt's heute einen Schlag, morgen einen Meiler beſuchen, und ein ande⸗ res Mal wieder nach entlegenen Aeckern ſehen. Was verlangte ich mehr? Nach mancher Stunde Wanderung in der Runda durch den Forſt und weite Felder ſtanden wir eines Tages an einem Wehre. Das zu Zeiten wohl ſpär⸗ liche Waſſer wurde hier geſtaut, um weiter unten eine Säge zu treiben. Schöne Buchen und ſchlanke Ahorn⸗ bäume umſtanden mit Nadelholz gemiſcht das ziemlich breite Baſſin. Das klare Waſſer, von dem ein dünner Glasfluß über die Schleuſe zu rieſeln und die feuchte Schlucht darunter immer tiefer auszuwaſchen ſchien, mußte einen der Hunde— die junge Sarah— unwi⸗ derſtehlich angelockt haben, die weit heraushängende trockene Zunge und dann auch das heiße Fell zu baden; das Plätſchern machte meinen Begleiter darauf auf⸗ merkſam, ein Pfiff, und ehe ich mir's verſah, hatte das gutmüthige Thier trotz ſeines augenblicklichen Ge⸗ horſams einen ganz nachdrücklichen Jagdhieb über die Weiche. Mein Erſtaunen ob der ungewöhnlichen Strenge des Hundeverzärtlers, wie ich ihn ſonſt ſcherzhaft wohl nannte, wurde nicht herabgemindert, als der Züchtigung noch eine ganz ernſthafte Lehrrede folgte. „Dies Waſſer iſt nicht für euch Geköter“.. ſagte mein Freund...„höchſtens Hektor darf hier allenfalls baden. Merke dir's, das iſt der Elfenteich! Lernt erſt Menſchen retten!“ Elfen bei meinem allem Aberglauben abholden Skeptiker, wie kam er zu denen? und Menſchen retten, welche hohe Anforderung, die er da ſeinem vierfüßigen Gefolge ſtellte! Sollte das Muſter Hektor ſolche Tha⸗ ten vollbringen? Aber wo war dieſer verdienſtvolle Hund?— ich kannte nun ſchon alle auf Bernegg per⸗ ſönlich und dem Namen nach, Hektor war keiner dar⸗ unter, keiner ſchien mir einer Rettungsmedaille würdig. Ich ſollte ſofort die Bekanntſchaft des citirten Vor⸗ bildes machen. Während ſich Haun mitten auf dem Schleuſenſteg über die Brüſtung lehnte und merkwürdig träumeriſchen Auges in die leiſe fortwellenden Ringe ſchaute, welche Sarah's Bad hervorgerufen, ſchlug plötz⸗ —— 31 lich ein Hund jenſeits an, gleich darauf kam derſelbe den ſchmalen Weg um die Haſelbüſche dahergaloppirt. Das ſchöne Thier, unter deſſen Ahnen unzweifelhaft auch ein Neufundländer ſich hervorgethan, ſtrich an meinem Freunde hin, ließ ſich von dieſem auf die Flan⸗ ken tätſcheln, hob Auge und Naſe mißtrauiſch gegen mich und näherte ſich dann in ritterlicher Weiſe der armen Gezüchtigten, deren Aufjammern ihn wohl her⸗ beigelockt und für die er vielleicht eine zärtlichere Nei⸗ gung im langzottigen Buſen trug. Das alſo war Hektor. Haun beſtätigte meine Vermuthung. „Komm', wenn wir ſchon einmal da ſind!“... ſagte er dann, ging raſch vorauf, wahrſcheinlich um mir den ſeltſamen Ausdruck ſeines Geſichtes, den ich doch ſchon bemerkt hatte, zu verbergen, und war in einer Minute um die Haſelbüſche herum. Ich begann zu verſtehen, wozu die Aufforderung an mich ergangen war. Vor uns lag ein größeres Gehöfte. Das Wohngebäude ähnelte aber keinem Bauern⸗ hauſe, nicht einmal dem Herrenhauſe auf Bernegg. Größer war es zwar nicht, aber ein ſtylvoll gehaltener, mittelalterlich ausſehender Riegelbau, wie man ihn ſelten in dieſer Gegend findet. Das braune Holzwerk zwiſchen den Backſteinen bildete hübſche Formen und ——— 2 32 an die Südoſtecke ſtieß ein ganz ſtattliches Thürmchen, mit einer Plattform oben, die weite Ausſicht gewähren mußte. Die übrigen Gebäude, Scheunen, Waſchküche, Backofen, Ställe und was dazu gehört, ſahen nicht anders aus, als allerorts, aber ſie zeugten von großer Ordnung und Reinlichkeit. Wie eine Front Soldaten waren die hier im Gebirge üblichen„Heunzen“ unter dem Vordache rangirt. Lebhaftes Gackern erſcholl aus dem großen Hühnerhofe, der Rythmus des Dreſchflegels von der Tenne und aus der Ferne klang ein hübſches Geläute von Kuhſchellen. „Das iſt der Rodenhof“.. ſagte mein Freund ..„mir freilich nichts Neues, denn ſchon beim erſten Anblick— wer klügelt die feinen Fäden der Gedanken⸗ verbindung aus?— hatte ich es gewußt. Da wir ganz nahe waren, ſah ich erſt, daß, was ich für alt gehalten, erſt der jüngſten Zeit ſeine Ent⸗ ſtehung verdankte. Das Holzwerk war braun gebeizt, wie von den Jahren, die Fenſter waren hoch und in ſchönen Verhältniſſen, wie die deutſche Vorzeit ſie nicht kannte, ſogar der Thurm mochte noch keinem Viertel⸗ jahrzehnt getrotzt haben, und dort um jene Ecke lugte ein Gärtchen hervor, deſſen dürftig entwickeltes Ge⸗ büſch eine Anlage vom letzten Frühjahre verrieth. Es war Alles ſehr nett, verdroß mich aber doch, e vielleicht weil ich mich in meiner Erwartung, ſogar in meinem erſten Urtheile getäuſcht ſoh. Und am Ende enttäuſchte mich auch der Anblick jener Frau, die ich mir nach unſerer Begegnung ganz willkürlich und in logiſcher Anknüpfung an den däniſchen Handſchuh und der in denſelben wahrgenommenen Verhältniſſe ausge⸗ malt hatte. Was fand ich am Ende, alle Umſtände, ihre Nachtfahrt im Kapuzinerhabit auf einem ſtoßenden Korbwagen, und Haun's, des praktiſchen Haun Ekſtaſe wohl erwogen? Etwa eine kräftige, derbe, ihre Hand Lügen ſtrafende, reſolute Hausfrau, eine Haun's Praxis noch überbietende, robuſte, wettertrotzende Landwirthin, die Alles kurzweg von den Tiſchen fegte, was nicht dorthin gehörte, eine Schaar Hühner, eine Schaar Enten und eine Schaar Kinder gleich mütterlich ver⸗ ſorgte, nur daß die Letzteren das Waſchen und Naſen⸗ putzen Andern überließen, während die Erſteren ſich ſelber ganz genug waren. So quälte mich meine Phantaſie. Etwas wie Reue überkam mich und ich wappnete mich mit Stoi⸗ zismus. „Die gnädige Frau iſt beim Dreſchen, ich werde ſie gleich rufen“... erklärte uns die Magd, die uns empfing und in das Empfangszimmer wies. Beim Dreſchen!— Die gnädige Frau beim Dre⸗ Byr, Quatuor. I. 3 ſchen! Meine Befürchtungen gingen auf das Grauen⸗ hafteſte in Erfüllung. Das Zimmer, in welches wir getreten waren, konnte mich von meiner Anſchauung nicht zurückbringen. Es war neu, ſehr neu, allerdings von muſterhafter Ordnung und Reinlichkeit, aber im alltäglichſten Style gehalten. Dort in der Ecke Wollripsmöbel, in der andern ein Ofen. In einem Fenſter ein Nähtiſchchen, gegen das zweite gekehrt ein Flügel, zwiſchen beiden am Pfeiler ein Schreibtiſch, an den Wänden ein paar gewöhnliche Stahlſtiche. Alles ganz gewöhnlich, nur über dem Schreibtiſche, wo ſonſt der Spiegel zu hän⸗ gen pflegt, konſtatirte ich eine Abweichung, da hing ein dreifaches Bücherbrett; in der That Bücher, und kaum ein Drittel im gewöhnlichen Prachtgewand, der Reſt— meine Neugierde hatte ſchon eine raſche Mu⸗ ſterung vorgenommen— der Reſt beſtand nicht aus den unvermeidlichen Lyrikern oder den unumgänglichen Klaſſikern, auch nicht aus der Tauchnitz⸗Edition oder dergleichen ſorgſamer Auswahl zum Niemalsgeleſen⸗ werden, ſondern— aus wiſſenſchaftlichen Büchern, geſchichtlichen und landwirthſchaftlichen Inhalts, ferner Mechanik, Phyſik, Chemie und ein paar Reiſebeſchrei⸗ bungen.. Das ſprach nicht für, nicht gegen meine neueſte 35 Anſicht, ich blickte in eine offene Seitenthüre und ſah ein Zimmer mit Jagd⸗ und Angelgeräthen, Waffen und allerlei Krimskrams ausgeſtattet, wie man's in Herrenzimmern zu treffen pflegt. Dort ſtand auch ein größerer Bücherkaſten, ich ging aber nicht hin und blieb ſittſam in dem uns angewieſenen Wartezimmer. Dort drinnen mochte wohl der Mann gewohnt haben. Ich fragte Haun, der mit ſeinem blutgierigſten Geſichte in einem Fauteuil ſaß. „Den Teufel auch!“ brummte er mürriſch, als wenn er ſeinen Todfeind zu erwarten gedächte,„iſt ja Alles erſt ſeit zwei Jahren umgebaut. War eine elende Bauernhütte und weiter nichts. Hat Alles ſie gethan, ganz allein ſie, mit ein paar lumpigen Gul⸗ den. Er hat ſich den Kukuk darum bekümmert, wäh⸗ rend er in der Welt herumfuhr.“ „Iſt's Der?“ fragte ich höchſt überflüſſiger Weife, denn die Antwort konnte ich mir ſelber geben. Das einzige werthvolle, über die Gewöhnlichkeit hinausrei⸗ chende Einrichtungsſtück war ein Oelbild, nicht einmal groß, nur ſo, daß es über dem Nähtiſche Platz fand, aber ein Meiſterwerk, den ſchönen und eigenthümlich melancholiſch düſteren Kopf eines Mannes darſtellend, deſſen Nationalität unverkennbar dem Namen entſprach, den die Beſitzerin des Rodenhofes führte. Ein Kranz umrahmte das Bild, nicht gerade friſch, doch auch nicht ganz verwelkt, ſo daß man ſchließen konnte, das Bild ſei vor nicht gar langer Zeit vielleicht bei irgend einer ſtillen Erinnerungsfeier damit umwunden worden. Armer Freund Haun, für Dich war er jedenfalls zu friſch! Und dieſer Kopf, der Kopf eines Landſtreichers? Wie Einen die Phyſiognomik doch irre führen kann! Ich hätte den Mann für alles Andere gehalten. Was war die Urſache, daß er den Rodenhof mied? Was für Scenen hatten ſich hier abgeſpielt? Dieſer Roden⸗ hof, über den ich eben noch die Naſe gerümpft, war mir überhaupt nach Haun's letzter Aeußerung plötzlich in anderer Beleuchtung erſchienen. Unter ſolchen Um⸗ ſtänden mußte ſich das Urtheil modifiziren. Nüchtern und gewöhnlich ſind relative Begriffe, und ich fand mich auf einmal unendlich albern mit meiner abſpre⸗ chenden QOberflächlichkeit, die einem zwanzigjährigen, blaſirten, ſuperfeinen Commis voyageur alle Ehre ge⸗ macht hätte. Auch die Frau gewann eine andere Stellung. Ihre Leiſtungen würdigend, blickte ich bald auf den halbwelken Kranz, bald auf das— wie man an den zerleſenen Blättern ſah— oft in Anſpruch genommene Bücherbrett und gedachte dann wieder der Redewen⸗ * dungen, mit denen mich die„Rodenhoferin“ überraſcht und ich begann, mir ein abermals verändertes Moſaik⸗ bild von dieſer Frau zuſammenzuſtellen. „Wo ſind denn die Kinder?“.. fragte ich, noch an einer letzten Illuſion feſthaltend...„lärmen und ſpielen gewiß im Stalle herum,— oder hat man ſie in ein Inſtitut geſteckt?“ „Inſtitut?“... fuhr mich Haun an, als ſcheine ihm etwas bei mir im Kopfe nicht in Ordnung, was nur mit Gewalt wieder einzurichten ſei...„etwa in eines für künſtliche Fiſchzucht? Vorderhand kommen die Menſchen erſt nach der Geburt in die Brutanſtalt. Das fehlte auch noch—!“ „Mir ſcheint aber doch, daß die Ehe—— und ſo viel ich weiß, iſt Frau von Veröczy doch verheira⸗ thet— ſomit iſt meine Frage—“ „Vollkommen unberechtigt! Verſtehſt Du⸗ Voll⸗ kommen unberechtigt!“. fuhr mich mein Freund barſch an, und ich behielt nicht einmal Zeit, mir die Logik dieſer unerwarteten und mit meiner Anſicht gar nicht ſtimmenden Ergänzung zu reimen, denn die Dame, von der die Rede war, trat ein. Oder vielmehr ich vermuthete, daß die raſche, leb⸗ hafte Erſcheinung mich dieſer Dame gegenüberbringe, und das plötzliche Aufſpringen meines Freundes, ſeine handſchuhweiche Verbeugung beſtärkten mich darin. Ich war nahe daran, wieder in die frühere Grille zurück⸗ zuverfallen und die Baronin für jene Rodenhoferin zu halten, als welche ich ſie mir kürzlich im Stillen cha⸗ rakteriſirt hatte. Ein ganz gleich geſchnittener Kapu⸗ zenmantel, wie bei unſerer erſten Begegnung, hüllte ſie vom Kopf bis zu den Füßen ein, nur war er dies⸗ mal von leichterem grauen Stoffe und über und über beſtaubt. „Herzlich willkommen! Ich dachte ſchon, Sie hät⸗ ten mich vergeſſen. Schickt ſich das für Nachbarn, ſich ſo lange nicht ſehen zu laſſen?“... ſo ließ ſich jene tiefe, wohllautende Stimme, die mir noch im Ohre klang, vernehmen. Dieſelbe Hand im feinen däniſchen Leder, wie damals, ſchüttelte zuerſt Haun, dann aber auch mir herzhaft die Rechte. Und nun bekam ich endlich auch das Antlitz zu ſehen. „Die Herren entſchuldigen ſchon, wenn Sie nieſen müſſen, aber die Freude, Sie zu ſehen, ließ mich den Tennenſtaub ganz vergeſſen...“ hatte die Baronin geſagt und war damit aus dem praktiſchen Kleidungs⸗ ſtück geſchlüpft, das ſie vor die Thüre an einen Nagel hängte. Hatte ich gemeint, ſie trüge gar keine anderen — 39 Kleider, als ſolche Nonnengewänder— ſo ſah ich mich nunmehr völlig beruhigt. Das einfache, rothgeſtreifte Sommerkleid war ſogar ſehr geſchmackvoll gemacht und bewies, daß es nicht nur wiſſenſchaftliche Schrif⸗ ten, ſondern auch Modejournale auf dem Rodenhofe gab. Ich meine übrigens, an der Erſcheinung, die ich da vor mir ſah, wäre mir jedwede Tracht kleidſam erſchienen. Ich vergaß ſogar die neugierige Muſterung im Anſchauen des holden Geſichts, das mir friſch und freundlich entgegenlächelte, als ob dort in der Fenſter⸗ niſche kein halbwelker Kranz um ein gewiſſes Oelbild geſchlungen ſei, deſſen Original, wenn Haun's Ausſpruch richtig war, doch wohl Anlaß zu Kümmerniß geben mußte. Ein bleiches, abgehärmtes Geſicht hatte ich erwartet, dem leidenſchaftliche Scenen tiefe Züge ein⸗ geäzt,— Mitleid hatte ich empfinden wollen— Thor, der ich war! Der helle Tag lag vor mir und nicht die ſtürmiſche Nacht. Ich erinnerte mich nicht, je zu⸗ vor ein ſo intereſſantes, echt brünettes Geſicht bei einer Nordländerin geſehen zu haben. Und nun vollends dies ſchwere, braune Haar! Die ſchlanke, elaſtiſch regſame Geſtalt entſprach den anmuthigen, von der Geſundheit und Thüätigkeit warm gefärbten Zügen, das klare graue Auge blickte zuverſichtlich und kraft⸗ und willensbewußt ins Leben, 40 nur eine ganz ſeichte Linie am hübſchen Munde wollte mich an vergangenes Leid, an nervöſe Aufregungen und dergleichen erinnern. Was aber den größten Reiz der Erſcheinung bildete, war der eigenthümlich zarte jungfräuliche Hauch, der über dem ganzen, wiewohl ſonſt entſchiedenen, unbefangenen und wohlwollend ent⸗ gegenkommenden Weſen der jungen Frau— faſt möcht, ich ſagen— wie der erſte Strahl der Morgenſonne lag. Das Mädchen, das uns empfangen hatte, brachte einen kleinen Morgenimbiß herein und ordnete Alles auf dem Sophatiſche, während die Hausfrau ein paar Worte mit unſerem gemeinſamen Freunde wechſelte und mich dann in der liebenswürdigſten Weiſe um alle die Dinge befragte, über die man allerwärts Rede ſtehen muß, wenn man zum erſten Male an einem Orte, in einer Gegend iſt. Scherzend erwiderte ich, daß ich mich in meinen Erwartungen überboten ſähe, ſogar was die Romantik dieſer Berge betreffe. Sie ſtimme ſelbſt Haun zum Schwärmer an einſamen Elfen⸗ teichen. Das letzte Wort ſchien ein Verſtoß zu ſein. Die Baronin erröthete auffallend und warf Haun einen flüchtigen, faſt mochte es ſcheinen, vorwurfsvollen Blick zu, und der davon Getroffene machte eine ganz jäm⸗ merliche Miene und ſchien dabei nicht übel Luſt zu — 41 haben, ſeine Augen aus dem Rohr und mich damit mauſetodt zu ſchießen. Ich allein wußte nicht, was ich mit den meinigen anfangen ſollte; unſere freund⸗ liche Wirthin half mir zum Glücke aus der Verlegen⸗ heit, indem ſie dieſelben auf das Gabelfrühſtück lenkte, welches redlich verdient zu haben ich mir in ſeltenem Maße bewußt war. Auch Haun ließ ſich nicht lange nöthigen, abwegs wurde ein wenig geſprochen, für den Anfang gehörte unſere Aufmerkſamkeit ja doch hauptſächlich der zweck⸗ entſprechenderen Beſchäftigung an, in welcher ich mich durch keinerlei Kombinationen ſtören ließ.— Kombi⸗ nationen!— Ich begann ihnen gründlich zu mißtrauen, mich aber nichtsdeſtoweniger allmälig ganz behaglich zu fühlen, als die Dame des Hauſes eine kleine Pauſe unverſehens zu einem Ueberfalle auserſah, der mich aus aller trügeriſchen Gemüthsruhe riß. „Mein Gott, gnädige Frau!“.. rief ich, erſchreckt von ihrer Bemerkung, ich hätte bei unſerer gemeinſamen Fahrt das Wort„Polarität“ fallen laſſen, und das ergriffene Glas ungetrunken wieder hinſtellend, aus... „gehen Sie mit einem armen Sünder nicht allzuſtrenge in's Gericht. Beſchämen Sie mich nicht, indem Sie mich an ein Gefaſel erinnern, das ich ja doch nicht an Sie— wenigſtens nicht mit Bewußtſein an Sie, ſondern an irgend eine braune Kapuze richtete, in der ſich eine gewiſſe Rodenhoferin befinden ſollte, von der ich ja ſo viel wie nichts wußte.“ „Und bei ſolchen Gelegenheiten können Sie der Luſt nicht widerſtehen, ſich über Ihre Mitmenſchen luſtig zu machen...“ ſtimmte ſie mit allerliebſtem Lächeln in den Ton ein. Ihr leiſes Kopfnicken ſagte ungefähr:„So ſeid ihr!“ Ich ſchlug in ſtummer Reue an die Bruſt, und Haun metzelte mich mit ſeinen tür⸗ kenſäbelartigen Brauen mitleidslos nieder.. „Ich dachte, Sie hätten einen ernſtern Gedanken bei jenem Worte“, ſagte die Baronin dann...„Iſt es in Ihren Augen ebenfalls— Gefaſel? Ich meine nämlich, wenn es die Uebertragung des phyſikaliſchen Geſetzes der Abſtoßung gleicher und der Anziehung ent⸗ gegengeſetzter magnetiſcher Pole in die organiſche Welt bedeutet.“ Seltſame Frage von einer Frau überhaupt— von einer, der man zum erſten Male Auge in Auge gegen⸗ überſitzt, insbeſondere! „Je nun!“... ſagte ich mit einem ſehr diskreten Achſelzucken. Sie mußte meine Gedanken errathen haben, denn ſie erröthete abermals, was ihr mädchenhaft reizend ließ. — 43 „Ich ſpreche vom thieriſchen Magnetismus, von der Macht des Willens, wenn Sie wollen“, ſagte ſie ſehr ernſt.—„Glauben Sie daran?“ „Wenn ein Mann wie Schopenhauer an's Tiſch⸗ rücken glaubt, muß man wohl denken, daß es auch Zeiten gab, wo ſich die Wiſſenſchaft gegen die Exiſtenz der Elekrizität wehrte, und andere, wo der Dampf für Dampf gehalten wurde.“ „Und iſt Ihnen nie ſelbſt ein Fall aufgeſtoßen?“ fragte ſie wieder. Mein Lächeln war längſt verſchwunden und ich erwähnte einiger merkwürdiger Erſcheinungen, die ich zu beobachten Gelegenheit gehabt, obwohl die letzte unumſtößliche„arithmetiſche“ Ueberzeugung mir noch nicht geworden. Sie nickte aufmerkſam zuhörend dabei .„Ich habe mir eine eigene Erklärung erdacht“, ſagte ſie.„Etwa ſo: Wir erhalten äußere Eindrücke durch die Nerven, die für die Vibration der Luft und ſelbſt für die des Aethers, der wir ja auch das Licht zuſchreiben, empfindlich ſind. Das kleine Gehirn, das wir als Sitz des Willens betrachten, mag nun die Fähigkeit beſitzen, durch die gehorſamen Nerven dem Aether oder der Luft— wir kennen ſonſt eben kein vermittelndes Fluidum— eine unendlich feine Bewe⸗ gung mitzutheilen, die von den Nerven eines andern Menſchen aufgenommen wird und eine Bedrückung des Gehirns, eine Einſchläferung zur Folge hat, wie dies ja auch bei leiſe ſtreichelnder Berührung der Haare ſtattfindet,— ja bis zur augenblicklichen Paralyſirung der Empfindungsnerven oder ſagen wir des Empfin⸗ dungsvermögens gehen kann, wie dies ebenfalls nach⸗ weisbar durch das Einathmen von Chloroform und Schwefeläther geſchieht. Daß nicht alle, ſondern nur einzelne der Gehirnfunktionen gehemmt ſind und dieſe ſich von unſerem Wachleben mitunter ganz emanzipiren, iſt eine Eigenthümlichkeit, die dieſer magnetiſche Schlaf mit dem gewöhnlichen theilt, während deſſen wir ja auch nicht ſelten hören, ſprechen und ſogar antworten. So iſt der Magnetismus ein Einfluß von außen, deſſen Wiederholung mit der Zeit eine vollſtändige Umſtimmung herbeiführen kann, wie auch der ſchwä⸗ chere Magnet unter den wiederholten Strichen des ſtär⸗ keren ſeine eigene Kraft verliert und mit der übertrage⸗ nen die Polarität wechſelt.“ Ich ſah ſtumm auf die nachdenklich gewordene Sprecherin. Eine Frau, die ſich mit der Löſung ſolch' ernſter Probleme befaßt, und die für ein weibliches Gemüth faſt unwiderſtehlich verlockend darin liegende Myſtik mit den klarſten Formeln einer ernſtlich ver⸗ ſuchten wiſſenſchaftlichen Schlußfolgerung ruhig ver⸗ 3 66————— 45 ſcheucht— eine ſolche Frau war mir noch nicht oft, oder ſagen wir ehrlich— noch gar nicht vorgekommen. Als hätte meine Zuſtimmung zu der aufgeſtellten Theorie ſie eher in eigenem Nachdenken geſtört, denn darin gefördert oder beſtärkt, ließ ſie mit einem Male den Stoff unſerer Unterhaltung fallen, hob das geſenkte Auge und erklärte mit anmuthigem Lächeln, ſie ſehe auf unſeres Freundes Stirn ein Gewitter aufſteigen und alle Hypotheſen über Magnetismus ſeien doch keine Blitzableiter, die elektriſche Ueberſpannung gefahr⸗ los in die anzubrennende Cigarre überzuführen. Aber Haun war diesmal nicht ſo leicht zu zäh⸗ men. Er mußte etwas auf dem Herzen haben und drängte zum Aufbruch, ſo freundlich uns die Hausfrau auch zum längeren Verweilen nöthigte. Da wir gin⸗ gen, ſchloß ſie ſich an und gab uns ein Stück Weges das Geleite, wobei, faſt wie um den ſchmollenden alten Freund zu verſöhnen, nur Wirthſchaftsangelegenheiten, in denen ſie ſeinen Rath einholte, von ihr beſprochen wurden. So wenig Intereſſe ich ſonſt daran nahm, mußte ich doch ihren praktiſchen Blick bewundern, und ich erkannte wieder einen Zug meines Phantaſiegebil⸗ des der Rodenhoferin. „Wir kommen wohl noch ein andermal auf un⸗ ſern Gegenſtand zurück...“ ſagte ſie, als ſie zum 46 Abſchiede auf's Liebenswürdigſte ihre Einladung wie⸗ derholt und Haun mit einer Wärme die Hand gedrückt, faſt als fühle ſie das Bedürfniß, ihm irgend ein Un⸗ recht abzubitten. Und dann ging ſie zurück zwiſchen den Buchen und Hektor ſchritt majeſtätiſch hinter ihr drein. Ich ſchwieg und verarbeitete den Eindruck und mein Freund ſchwieg, und ſo ging's ſtumm eine gute Weile fort, da grollte das lang ſchon drohende Ge⸗ witter los. „Daß Dich der Teufel reitet! Mußt Du auch noch mit Deinen Spukgeſchichten kommen, als ob ſie an der ihrigen nicht genug hätte!“ „Die ihrige?— Erzähle! Ich bin im höchſten Grade geſpannt!“... und das mürriſche Brummen nicht beachtend, drang ich eifrig in den unwirſchen Freund. Es war fruchtlos, er blieb verſchloſſen. „Ich werde Dir's ſchon erzählen“, war Alles, was er verſprach,„wenn die Gelegenheit ſich ergibt.“ Und die Gelegenheit ergab ſich.— Drittes Kapitel. Faſt unmittelbar im Weſten der ſchönen Kaiſer⸗ ſtadt an der Donau hebt ſich ein anſehnlicher Bergrücken gleichſam aus den Wellen des Stromes empor, um dann manche Meile weit in anmuthigem Schwunge der Linien ſeitwärts zu ziehen bis zum Hauptſtock der Alpen, an den ihn der beinahe ſechstauſend Fuß hohe Schnerherg wie ein gewaltiger Knoten ſchürzt. Hier um den ſtolzen Gebieter, deſſen Silberſcheitel fern in's Land hinausglänzt, lagern ſich, beſonders auf der 4 Mittagsſeite, mächtige Bergſtöcke, die in grauſigen 9 Schroffen zu wildſchönen Schluchten abfallen, oder mit ſanfter geſenkten waldigen Ausläufern märchenhaft liebliche Thäler umſchließen, auf deren Sohle hurtige Wäſſer milchweiß dahinſchäumen, und ruheliebende Menſchenkinder in ſtiller Abgeſchiedenheit den Sommer verträumen können. 48 Zum Mindeſten konnten ſie es noch zu jener Zeit, wo ſich zutrug, was mein Freund Haun mittheilte und was ich hier in meiner Weiſe erzählen will. Da⸗ mals pflegten die Bewohner der Reſidenz ihren Land⸗ aufenthalt noch nicht ſo weit von der geliebten, unent⸗ behrlichen Stadt zu wählen, noch überfluteten die all⸗ ſonntäglichen Vergnügungszüge nicht die entlegnere Gebirgsgegend, noch waren nicht allüberall zierliche Tragantvillen auf jedwedes Hügelchen geklebt, an Stelle der jetzigen Hotels ſtanden beſcheidene Gaſt⸗ häuſer, und es konnte geſchehen, daß in einem etwas rauherem Vorſommer auch dieſe vergeblich Beſuch er⸗ warteten, oder mit ein paar frühzeitig zugeflatterten Schwalben vorlieb nehmen mußten, die wochenlange hier der gewünſchten oder auch unerwünſchten Ein⸗ ſamkeit pflegen mochten. Dergleichen kam ſelbſt im Thalhofe vor, jenem altrenommirten, ſeit Menſchengedenken von der in der ganzen Umgegend rühmlich genannten Familie Waißnix gehaltenem Gaſthauſe, das wie ein heimliches Neſtchen in eine reizende Einbuchtung des ſchönen Thales von Reichenau hineingebaut iſt. Hinter ſich die felſigen Abhänge des Gans', die ſich auch gegen Nordoſten herumziehen, iſt der Hof gegen Südweſt von dem waldigen Rücken des Feuchta's gedeckt und blickt von 49 ſeiner ſanften Anhöhe über Felder und Wieſen die Straße und den Fluß hinweg weithin in's Thal, das im Süden die maleriſchen Formen des Sömmering verbauen. An klaren Tagen ſieht das Auge aus den Wolken, die den Gipfel umhüllen, ein ſchneeweißes Wölkchen ſich abtrennen und im Zickzackwege des Blitzes, nur weit langſamer, an der Lehne nieder⸗ gleiten oder es klimmt wohl auch eins die Schlängel⸗ linie ſachte, ſachte hinan, und die Phantaſie des Schauenden ergänzt dann das Bild, fügt zu dem Wölk⸗ chen den Schlot, den Keſſel, die Maſchine und Wagen an Wagen zum langen Zuge, der Menſchen und Waa⸗ ren mit nie ermüdendem Athem da an Abgründen hin über haarſträubende Viaducte, durch endlos gebohrte Felſenthore hinüberfördert in die grüne Steiermark oder in entgegengeſetzter Richtung nach der allesver⸗ ſchlingenden Metropole bringt von nah und weiterher, bis aus den fernen welſchen Landen. Ein ſonniger Nachmittag hatte die einzigen Gäſte des Thalhofs, drei Damen, die den unfreundlichen Launen der erſten Juniwochen wacker Trotz geboten, in's Freie und zu einem größeren Spaziergange gelockt. Sie waren am Holzrechen und bei den großen Kalk⸗ öfen geweſen und befanden ſich nunmehr auf dem Heimwege, den ſie der Abkürzung wegen über den Byr, Quatuor. I. 50 großen Feuchta eingeſchlagen. Schöne, wohlerhaltene Wege führen durch den ſchattigen Nadelwald, über die niederen Kuppen des Berges und zu ſchönen Ausſichts⸗ punkten, aber der Unternehmungsgeiſt der Jüngſten hatte die drei Spaziergängerinnen alsbald verleitet, die gebahnten Pfade zu verlaſſen und einen ſcheinbar näheren einzuſchlagen, der ſich jedoch ſchon nach Kurzem als eine jener rauhen Furchen erwies, die ſich zur Zeit der Schneeſchmelze oder bei ſtarken Gewittern das plötzlich anſchwellende Waſſer gräbt. Schon eine geraume Weile kletterten die Damen in dem ſteinigen, mit vorjährigem Laub bedecktem Grunde aufwärts, und wie es allen Anſchein hatte, waren ſie auf direk⸗ tem Wege zum Gipfel des Berges, wenn auch noch gar weit von demſelben entfernt und ohne deſſen Er⸗ ſteigung überhaupt nur zu beabſichtigen. Mit einem halb unmuthigen, halb unter Kichern verſtecktem Seufzer geſtand ſich die kecke Führerin ihren Mißgriff, den ſie bis jetzt der gerechtfertigten Anklage ihrer beiden Begleiterinneu entgegen ſtandhaft geleug⸗ net hatte, endlich ſelber zu. Sie hielt, wie um Athem zu ſchöpfen, an, und ließ die Nachfolgenden an ſich vorüber. Es war eine friſche Blondine von kaum achtzehn Jahren, leichtſinnige, gutmüthige braune Augen lachten aus dem vollen Geſichtchen, zu dem das helle, 51 mit zierlichen Roſenknospen beſäte Barségekleid, deſſen rückſichtslos nachgezogene Schleppe einen breiten Saum des zuſammengekehrten Schmutzes trug, vortrefflich ſtimmte. Die muntere Beſitzerin dieſer Augen war ſicherlich keine Freundin der Ordnung und peinlichen Genauigkeit, ſie ſah gewiß auch noch über andere Dinge achtlos hinweg, wie über das zu Grunde ge⸗ richtete koſtbare Kleid, und hatte mit der Gewohnheit des Reichthums auch wohl noch die Gewohnheit, ihre Launen ohne viel Bedenken zu befriedigen. In auffallen dem Gegenſatze zu ihr ſtand die Er⸗ ſcheinung des nunmehr vorangehenden Mädchens, einer ſchlanken, faſt ein wenig zu zarten, ungewöhnlich wohlgebauten Geſtalt, deren blaſſes, von ſchweren braunen Flechten umrahmtes Antlitz keineswegs ſchön genannt werden konnte. Der tiefe Erzton dieſer Stirn und Wangen, dem ſelbſt die anſtrengende Bewegung keinen Hauch von Röthe zu verleihen vermochte, und ein krankhaft nervöſer Zug um den feinen Mund ver⸗ riethen jenes gefahrloſe, aber tief in die Natur ein⸗ greifende Siechthum, das die aufſchießende Jugendkraft des Mädchens tückiſch niederhält und nicht zur friſchen Blüte gelangen läßt. Auch die ſcharfen grauen Augen, die ſo traumhaft groß unter den langen ſchwarzen Wimpern hervorſahen, waren nicht eigentlich ſchön, 4* 52 dennoch lag in ihnen etwas ſo eigenthümlich Anziehen⸗ des, daß wer ſich einmal in ihre räthſelhafte Tiefe verſenkt, kaum noch ſich loszureißen vermochte. Zu der Geſtalt ſtimmten noch die feine Hand, die jetzt das Kleid ſorgſam zuſammenhielt, und der unter dieſem hervorkommende Fuß, beide von ſo untadelhafter Ele⸗ ganz und auffallender Kleinheit, daß man ſie nicht reizender ſehen konnte. Die dritte Dame war von älteren Jahren, eine ruhige, freundliche Frauengeſtalt, deren feingefälteltes Angeſicht von Gutmüthigkeit und augenblicklich ein wenig auch von den winzigen Tröpfchen ſtrahlte, welche die Anſtrengung des Steigens da angeſammelt. Wohl nur das Alter, kaum aber der Kummer mochte das dunkle Haar der Matrone mit ſo feinen Silberfäden durchzogen haben. Frau von Thürnau war die Wittwe eines braven Generals, der ihr außer der Penſion nicht viel mehr hinterlaſſen hatte, als zum anſtändigen Auskommen für ſie unumgänglich nöthig war. Der leidenden Tochter zuliebe hatte ſie, dem Rathe des Arztes fol⸗ gend, ihren Sommeraufenthalt im Thalhofe gewählt, wo die reine Gebirgsluft, der Harzduft der Nadel⸗ hölzer und das friſche, kräftigende Kaltbad in den drängenden Wellen des Fluſſes ſchon mildthätig auf — 53 Emmy's erſchütterte Geſundheit eingewirkt und ihren zarten Gliedern eine Claſtizität wiedergegeben hatten, welche ſelbſt die im verfloſſenen Jahre durchgemachte Wundercur bei dem damals vielgenannten Doctor Schoder ihnen nicht zu verleihen vermocht. Emmy's Couſine theilte das ſtille Landleben der Beiden. Henriette von Wilders— der blonde Ueber⸗ muth— war von ihrem Vater, einem reichen wiener Banquier, ſeiner Schwägerin anvertraut, und fand nur das eine zu beklagen, daß es im ſchönen reiche⸗ nauer Thale doch gar ſo einförmig war und die zeit⸗ weiſe erſcheinenden, nur ſelten dem Modejournal ent⸗ ſprechenden Gäſte ſich nicht längere Zeit aufhalten und Bekanntſchaft anknüpfen wollten. Da es an intereſſanten Perſönlichkeiten fehlte, mit denen man ſich beſchäftigen, an Verehrern, die man quälen und ſeufzen laſſen konnte, ſo mußten es ſich ſchon Tante und Couſine zuweilen gefallen laſſen, mit irgend einer Eulenſpiegelei ein wenig geneckt zu werden, doch wenn Frau von Thürnau auch das dies⸗ malige ſo ganz vernunftwidrige Klettern für einen Schelmenſtreich hielt, war ſie im Irrthum. Henriette hatte nachgerade das Vergnügen ſelbſt genug; ein Weg, der ſich faſt unbemerkbar vom Waſſerriß in ebener Richtung zur Rechten hinzog, erſchien ihr jedenfalls 54 willkommen; doch ohne Emmy von ihrer Abſicht zu ſagen, ließ ſie dieſelbe erſt an ſich vorüber und eine kleine Strecke weiter gelangen, hielt die Tante an einer Falte ihres ſchweren Seidenkleides zurück, als ob ſie daſſelbe von einigen feſtgehaltenen Dornen be⸗ freien wolle, legte dann zur Warnung den Finger auf die blühenden Lippen, winkte mit den Augen, aus denen der Schalk lachte, nach dem zur Seite ablenken⸗ den Steig und zog ſchließlich die alte Frau raſch mit ſich fort, ſo daß Beide im Nu von üppigem Geſtrüppe gedeckt und zwiſchen den dichtſtehenden Lärchen ver⸗ ſchwunden waren. Erſt nach einer kleinen Weile hielt Henriette an, und nun in der Hoffnung, ſich an der Ueberraſchung der Alleingelaſſenen weiden zu können, rief ſie mit gedämpfter Stimme, als käme der Laut ſchon von weit her, Emmy's Namen. Doch in demſelben Augen⸗ blicke erſcholl vom Waſſerriß her ein gellender kurzer Schrei, den nur die Gerufene ausgeſtoßen haben konnte, und gleichzeitig ließ ſich ein dumpfes Gepolter ver⸗ nehmen, zu dem ſich das Rauſchen des Laubes und das Krachen dürrer geknickter Aeſte geſellte. Und dann ward's unheimlich ſtill. Frau von Thürnau war vor Schreck bleich ge⸗ worden, ihre Kniee zitterten, und wäre ſie überhaupt einer Bewegung fähig geweſen, hätte ſie ſich gewiß geſetzt. Auch Henriette blieb während einer halben Minute wie erſtarrt auf demſelben Flecke, dann aber eilte ſie auch ſogleich an die Stelle zurück, wo ſie den Seitenpfad eingeſchlagen, und ſo ſchnell es die ver⸗ ſagenden Kräfte erlauben wollten, folgte ihr die Tante. Sie fanden Emmy halb beſinnungslos außerhalb der Furche an einen Baumſtrunk gelehnt im Graſe ſitzen. Ein Mann ſtand neben ihr, aus deſſen kühn⸗ geſchnittenem, bärtigem Geſichte dunkle Augen glühten. Er trug den grünen Hut, die graue Lodenjacke und das kurze ſchwarze Lederbeinkleid, zu dem die grünen Strümpfe nicht vollends hinanreichten— die Kleidung all der Bewohner jener Gegend. Doch war's nur ein Moment, daß ihn Henriette erſah. Bei ihrem Herannahen entfernte er ſich raſch. Nach wenigen Augenblicken hatte ihn der dichte Wald aufgenommen. Zunächſt war Emmy der Sprache unmächtig, nur ein ſanfter Blick, ein matter Händedruck, das ſtumme Verneinen des ſich wieder aufrichtenden Köpfchens be⸗ ruhigte die in Sorge und Angſt um das Mädchen Bemühten. Erſt auf die Vermuthung, daß der fremde Mann ſich vielleicht unartig betragen habe, raffte ſich Emmy zu einer Entgegnung auf. „O nein, o nein, er hat mich gerettet!“ wider⸗ 56 ſprach ſie, und erſt nach einer längeren Pauſe ſetzte ſie noch mit ſchwacher Stimme hinzu:„Und ich habe vergeſſen, ihm zu danken, wo iſt er?“ Vergeblich ſah ſie ſich nach dem Verſchwundenen um. Allmälig athmete ſie leichter auf und ohne für's Erſte das Drängen der Mutter noch zu beantworten, erhob ſie ſich. „Aber nicht hier weiter hinauf!“ bat ſie.„Es könnte wieder ein Stein herabkollern“, und ſie lenkte aus der Mulde in den Pfad ein, der von Henrietten ſchon zuvor bemerkt worden war. Dieſe vermochte ihre Neugierde nun nicht länger mehr zu zähmen, ohnedem war dies eine Aufgabe, zu deren Durchführung ſie niemals viel Beruf in ſich verſpürte. Jetzt aber meinte ſie, übernatürliche Selbſt⸗ beherrſchung an den Tag gelegt zu haben, für die ſie endlich auch belohnt zu werden verdiente. „Schätzchen, nun haſt Du Dich gewiß ſchon erholt, und länger hält's kein Menſch mehr aus, neben einem ſchweigſamen Steinbilde herzuſchreiten. Bis jetzt haſt Du uns nichts als Andeutungen gegeben, erzähle, er⸗ zähle ausführlich, und unterdeſſen können wir langſam weiter gehen, der Weg hier führt uns ganz ſicher zum Waißnix hinab. Aber rede, rede! Wer war der Fremde?“ 6 57 „Ich weiß es nicht, ich habe ihn eigentlich gar nicht angeſehen.“ „Nicht angeſehen? Ja, was haſt Du denn ſonſt gethan?“... ſprudelte der Blondkopf in heller Ver⸗ wunderung heraus...„Da haſt Du aber ſehr viel verſäumt. Er war ungemein intereſſant, in einem ſchönen Bilde auf der Ausſtellung müßte er ſich ſehr gut machen, mit ein paar erlegten Gemſen vor ſich auf der in's Unendliche abſtürzenden Felswand und einer Büchſe in der Hand, weißt Du, wie ich dem Albert Müller zugeredet, ſich malen zu laſſen. Der geheimnißvolle Unbekannte ſähe aber nicht wie ein Gemsjäger von der Redoute aus, wie das höfliche Müllerchen. Förſter iſt er jedoch nicht und auch nichts dergleichen, denn ich ſah es ganz genau, er hatte braune Handſchuhe an.“ „Welch' beobachtender Scharfblick!“... ließ Emmy, die ſchon wieder raſcher austrat, mit gutmüthig mattem Lächeln einfließen. „O, ſo etwas fällt mir gleich auf. Ich begreife nur nicht, wie man ſchöne braune Handſchuhe haben und dabei doch ſo unanſtändig ſein und die Kniee entblößt tragen kann... kicherte Henriette. „Wie mag man doch dergleichen bemerken!“.. verwies die Matrone in ernſterem Tone, als es ſonſt 58 wohl ihre Gewohnheit war, die Erregung war bei ihr nicht geſchwunden. Das Geplauder verzögerte auch die Mittheilung des Vorgefallenen und für die Mutter hatte das denn doch weit größere Wichtigkeit, als ſelbſt die drolligſten Einfälle, die durch einen achtzehnjährigen übermüthigen Mädchenkopf ſchießen. „Ich weiß ja ſelbſt kaum wie es zuging, Ma— ma...“ kam Emmy zuletzt der wiederholten Auffor⸗ derung nach...„Ich hörte nur plötzlich in der Höhe vor mir ein Geräuſch, ein Praſſeln, ein Rollen, und mit einem Male fühlte ich mich am Arme und um den Leib gefaßt und zur Seite geriſſen. Ich wußte ſelbſt nicht, wie mir geſchah, ſchrie im Schreck auf und im ſelben Momente ſtürzte und ſprang ein großer Fels⸗ block an mir vorüber den Berg hinunter. Ich fühlte etwas Warmes an meiner Hand, das brachte mich zur Beſinnung; ein großer Hund leckte mir die nieder⸗ hängenden Finger, dann ſah ich auf und da ſtand jener Mann neben mir, den Ihr ſelbſt gewahr wurdet, ich wollte etwas ſagen, aber ich hab' es wohl nicht gethan und auch das Auge mußte ich ſogleich wieder ſenken, denn ſein Blick that mir weh.“ „Jetzt haſt Du Dich am Ende gar in aller Eile verliebt“... lachte Henriette auf. „Das wird wohl der Schreck geweſen ſein“... — 59 meinte die Mutter und Emmy ſtimmte dem bei, dann ſtockte ſie aber und ein leiſer Schauer durchfröſtelte ihre ſchlanke Geſtalt, ſinnend ſetzte ſie dann hinzu: „Nur ſeltſam, daß ich das Gefühl erſt wahrnahm, nachdem ich aufgeſehen hatte, faſt erinnerte es mich an die Empfindungen, die mir Doctor Schoder's mag⸗ netiſche Striche erregten, nur war's doch wieder anders, viel ſchärfer— lähmender, wie der Schreck zuvor, und wieder völlig verſchieden—“ „Träumerin!“... ſchalt ſie die Mutter... „Es war auch nicht der Schreck ſelber, ſondern die Abſpannung, die darauf folgte. Denke nicht mehr daran und peinige Deine Nerven nicht ſelbſt mit ſolchen Grübeleien.“ Viertes Kapitel. Eine Veranda, wohl dreißig Schritte lang und auf der Südſeite ganz mit einer Glaswand verſehen, ſtößt an das Hauptgebäude des Thalhofs und wird als Speiſeſaal benützt. Hier und zwar am äußerſten Ende derſelben ſaßen die Damen ſpäter beim Thee. Es hatten ſich keine Gäſte eingefunden, ſie waren allein, und da der Mond gar wundervoll hell auf Blumen und Sträuchern im Gärtchen und den Bergen drüben lag, ſo hatten die Damen, nachdem ihr vom weiten Spaziergang geſchärfter Appetit geſtillt war, die Lichter wegtragen laſſen und plauderten nun leiſe und heimlich im Dämmerlichte, denn der Mond konnte die Veranda nicht genügend erhellen, es war nun draußen Alles ſo licht und ſilberweiß, gerade wie oft die milde Erinnerung vor unſerem Seelenauge liegt, 64 reglos, ſilberhell, weich und wehmüthig— ein Traum⸗ märchen.— Es war von gleichgültigen Dingen die Rede, mitten im Sprechen hielt Emmy plötzlich inne. Die Thüre am entgegengeſetzten Ende der Veranda hatte ſich geöffnet, eine hohe Geſtalt trat ein, mehr ließ ſich von ihr nicht erkennen, zudem hatte ihr Emmy den Rücken zugewendet, dennoch zuckte dieſe wie unter einer Berührung zuſammen. Wieder empfand ſie jenes unnennbare Gefühl, als ſei ihr Herz gewaltig zu⸗ ſammengepreßt. Das ſchnell vor den Mund gebrachte Tuch half ihr ein Schluchzen erſticken, die Thränen aber rannen ihr die Wangen herunter. Es war ihr, als müſſe ſie ſich dieſem ſonderbaren Einfluſſe durch die Flucht entziehen, ſie ſprang auf, eilte zur nächſten Thüre hinaus, durch den Garten und von da hinauf in ihr Zimmer. Hier ſank ſie auf's Sopha; noch weinte ſie, aber ſie war ruhiger. Mutter und Couſine hatten ihr zwar befremdet nachgeblickt, aber doch keine Ahnung von der unge⸗ heuren plötzlichen Erregung, die ſich des Mädchens ſo ohne allen Anlaß bemächtigt hatte. Der Vorfall war an ſich doch zu unbedeutend, um beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen, um ſo mehr, da ja Emmy, zu Zeiten ſolchem äußerlich unmotivirten Stimmungs⸗ 62 wechſel unterworfen, gerne ohne weitere Vorbereitung die Einſamkeit aufſuchte, worin man ſie ungeſtört ge⸗ währen ließ. Nebſtbei wurden die Gedanken der beiden Zurückgebliebenen alsbald auf einen andern Gegenſtand gelenkt. Der Eingetretene hatte ſich gleich beim Eingange niedergelaſſen, der Kellner Licht vor ihm auf den Tiſch geſtellt und eine Speiſekarte überreicht, in die ſich der Gaſt auf's Angelegentlichſte vertiefte, ohne von den übrigen Anweſenden die geringſte Notiz zu nehmen. Das allein hätte hingereicht, Henriettens Intereſſe und vielleicht auch ein wenig ihren Unmuth zu erregen. Dießmal verwandelte ſich derſelbe jedoch alsbald in Entzücken, da ſie den geheimnißvollen Fremden erkannte, der ihre Phantaſie ſchon mehr als nützlich beſchäftigt hatte, und deſſen Kleidung jetzt nicht einmal mehr Anſtoß zu mißliebigen Bemerkungen gab, da das ordentlich zugeknüpfte Lederbeinkleid feſt über die hinaufgezogenen grünen Strümpfe ſchloß. Zu ſeinen Füßen lagerte ein großer, ſchöngefleckter Jagdhund, der ſeine Augen ſo klug und aufmerkſam auf den Mund ſeines Herrn gerichtet hielt, als ver⸗ möge er die Anordnungen deſſelben, ſowie die Aus⸗ kunft, welche der Kellner über einen Führer ertheilte, Wort für Wort zu verſtehen. 63 Unwillkürlich entſchlüpfte Henrietten ein leiſes: „Ah, er iſt's!“ Auch die alte Frau freute ſich der wiederholten Begegnung, die ihrer Tochter Gelegen⸗ heit gab, das Verſäumte nachzuholen. Sie ſandte die Nichte ſofort dem Flüchtling nach. Erſt wenn Emmy kam, wollte auch ſie als Mutter ihren Dank dem Retter ihres Kindes abtragen. Unterdeſſen ſtu⸗ dirte ſie das Antlitz des fremden Mannes. Ernſt und Schwermuth lag in den Zügen, die wenig zu einer Annäherung verlockten. Henriette eilte, beflügelt von der großen Neuig⸗ keit, die ſie mitzutheilen hatte, nach dem Wohnzimmer hinauf. Sie fand ihre Couſine ſtill ſitzend und vor ſich hinſtarrend. Die Thränen hatten zu rieſeln auf⸗ gehört, aber im Mondſtrahl, der durch's Fenſter fiel, glänzte noch hell ein Tröpflein, das verſpätet an der Wange hing. „Was iſt Dir, Herz? Du haſt geweint!“... rief ſchnell gerührt das leichtherzige Mädchen und ſchloß mit überſtrömender Gutmüthigkeit Emmy in die Arme, was dieſe ruhig, ohne die Zärtlichkeit zu erwidern, geſchehen ließ. Erſt neuerdings gedrängt, gab ſie der Wahrheit gemäß, doch nur in kurzen Worten, Auskunft. „Nichts! es iſt ſchon wieder gut, es war mir 64 nur ſo weh, als er eintrat, wie früher, da er neben mir am Waſſerriß ſtand.“ „Du weißt alſo? Du wußteſt?“... gab Hen⸗ riette ihrem Erſtaunen Ausdruck...„Aber dann mußt Du ja ganz merkwürdig ſcharfe Augen haben, oder wie ſonſt konnteſt Du wiſſen, daß er es ſei? es war ja doch ganz finſter!“ „Ich habe es gefühlt.“ „Unbegreiflich!“ „Auch ich begreife es nicht, aber es war ſo.“ Henriette ſtarrte ihre Couſine beinahe mit ein wenig Scheu an. Dieſe ſeltſamen Antworten berührten ſie unheimlich, das bleiche Mondlicht dazu, das in einem breiten Streifen auf dem Boden der Stube hin⸗ lief, hätte ſicher genügt, eine weniger muthige und in der Realität feſtankernde Natur zaghaft zu machen. Schwärmeriſch aber hatte Henriette nie gefühlt, mit überirdiſchen Problemen ſich nie den Kopf zerbrochen, ſelbſt das Märchen beſaß für ſie ſchon ſeit Jahren nicht mehr den feſſelnden Zauberreiz, von dem wir uns ſo gerne umſpinnen laſſen. Die Prinzen hatten allen Nimbus verloren, zu oft begegnete ſie ihnen in Wirklichkeit, und der Roman mit ſeinen dem Leben abgelauſchten Figuren, mit ſeinen pikanten Verwick⸗ lungen, aus denen alles Wunderbare verbannt blieb, —,— 65 gefiel ihr weit beſſer— den konnte man doch allenfalls einmal auch durchleben, und leben iſt doch immer mehr als träumen. So hatte ſie denn auch bald den Geiſterhauch, der ſie ſtreifte, überwunden. Ein:„Merkwürdig!“ war Alles, was ſie noch den befremdenden Mitthei⸗ lungen widmete, dann überquoll die Ungeduld jede andere Empfindung. Es war Henrietten darum zu thun, ſo raſch als möglich in die Veranda zurückzu⸗ kehren und den Fremden, der einmal ihr Intereſſe erweckt hatte, nicht wieder entſchlüpfen zu laſſen, ehe nicht ihre Neugierde befriedigt und das neue Buch— in dem vielleicht ein kleiner Roman ſtehen mochte— durch und durch geblättert war. Wie abſcheulich alſo von Emmy, die doch zur Anknüpfung der Bekanntſchaft behülflich ſein mußte, wie abſcheulich von ihr, ſich zu weigern, und doch beſtand dieſelbe auf ihrer ſo wider⸗ ſinnig lautenden Behauptung: „Ich kann nicht hinunter. Es wird mir wieder weh thun!“ „Aber das wäre ja im höchſten Grade unhöflich, und was Deine Abneigung betrifft, die begreife ich ganz und gar nicht. Er iſt ein wirklich hübſcher Mann mit einer ganz wundervollen Adlernaſe. Nun trägt er keine Handſchuhe und meine Vermuthung erwies Byr, Quatuor. I. 5 66 ſich als vollkommen zutreffend, ein Förſter hat keine ſo weiße, wohlgepflegte Hand, und endlich, wenn Du vielleicht der Kniee wegen— weißt Du?— da brauchſt Du nicht prüde zu ſein— er iſt jetzt ganz anſtändig gekleidet.“ Emmy hatte nur den erſten Theil des Geplau⸗ ders gehört und der enthielt in der That einen zwingen⸗ den Grund. „Du haſt Recht“,.. ſagte ſie nach einiger Ueber⸗ legung, zu welcher ihr Henriettens weitere Mitthei⸗ lungen Zeit gelaſſen...„Es wäre unhöflich, ja mehr als das— undankbar von mir. Ich werde verſuchen, mich zu überwinden und der kindiſchen Re⸗ gung Herr zu werden. Komm, laß uns gehen!“ Den Entſchluß einmal gefaßt, fand Emmy auch die Kraft in ſich, ihn durchzuführen. Sie war ein charakterſtarkes Mädchen, was durchaus nicht im Widerſpruche mit der krankhaften, von rein körper⸗ lichen Urſachen abhängenden Reizbarkeit ihrer Nerven ſtand. Das geſteigerte Seelenleben, vielleicht gerade eine Folge der krankhaften Dispoſition, trug nur dazu bei, die Gedanken in dieſem zarten Köpfchen logiſcher zu gliedern, ihren Willen zu ſtählen, ihren Charakter klarer und ſchärfer herauszuarbeiten. Vielleicht kamen 67 auch einzelne ſchwerwiegende Erlöbniſſe dazu, Verſtand und Willenskraft des noch nicht zwanzigjährigen Mäd⸗ chens zu reifen. Ueber Allem aber lag die Krankheit wie eine Nebelhülle gebreitet, und wie ein Bild, das man durch einen Schleier betrachtet, nur verſchwom⸗ mene Züge weist, ſo mochte Emmy ſelbſt der nächſten Umgebung oft nur ſchwach, launenhaft, unbeſtimmt im ganzen Weſen erſcheinen, ohne daß darum ein Zug wirklich an Schärfe des Gepräges verlor. Zu Zeiten, wenn ein Strahl ihres eigentlichen Naturells den trübenden Hauch durchbrach, vermochte ein aufmerk⸗ ſamer Blick das Bild in voller Reinheit zu erkennen; der gutmüthig kurzſichtigen Mutter aber, wie den übrigen Perſonen ihres gewöhnlichen Umganges, er⸗ ſchien ſolch' ein oft blitzartig wieder verſchwindendes Aufleuchten nur wie ein neuer Zug, der die einmal bequeme Annahme von der Launenhaftigkeit und Erreg⸗ barkeit der Kranken augenfällig beſtätigte. Solch' unklarem Schwanken ſchrieb Henriette auch die anfängliche Weigerung und nun den plötzlichen Entſchluß zu, und fürchtete eine Aenderung deſſelben, noch ehe der Fuß der Treppe erreicht ſei. Ihre Be⸗ ſorgniß war jedoch überflüſſig. Emmy wollte und es gelang ihr, ſich ſo ſehr zuſammenzunehmen, daß die Erregung, welche ſich ihrer ſofort beim Betreten der 5* 68 Veranda neuerdings bemächtigte, äußerlich kaum be— merkbar wurde. Der Fremde hatte einſtweilen ſeine Abendmahlzeit beendigt und ſchickte ſich, ſeine Cigarre anbrennend, eben wieder zum Gehen an, als die Damen, denen er keine Beachtung geſchenkt, auf ihn zutraten und Emmy ihm zu danken verſuchte. Sie hatte es ſich feſt vorgenommen, ihre Em⸗ pfindung zu bezwingen. Sie wollte ihn anſehen und machte eine Anſtrengung, den Zlick zu heben, traf aber auf ſein tiefdunkles Auge, das verwundert auf ihr ruhte, und ſogleich ſanken die Lider, als ob ein Druck ſie ſchlöße. Die Stimme ſtockte, doch raffte ſich Emmy nach ein paar haſtigen gepreßten Athemzügen wieder auf, und ohne den Blick zu heben, ſprach ſie, obgleich faſt tonlos, doch ſo ziemlich geläufig, was ſie zu ſagen hatte: „Mein Herr, ich habe vergeſſen, Ihnen zu danken. Sie werden mich für unhöflich gehalten haben, daß ich es nicht ſogleich that, doch war ich ſo erregt——“ „Warum eine Entſchuldigung?“... unterbrach ſie der Angeredete ruhig, aber in einem beinahe barſch ablehnenden Tone...„Sie haben nicht nöthig, mir zu danken, mein Fräulein. Ich gab nur einer Regung der Schwäche nach. Vielleicht wäre es beſſer geweſen, 69 der Felsblock hätte Sie zerſchmettert. Glücklich, wer aufhört zu leben. Er hat einen Schritt weiter gethan auf der unabſehbaren Bahn.“ Das klang nun allerdings etwas ſeltſam, und keineswegs, als ſei es dem Sprecher bloß darum zu thun, ſich dem Danke zu entziehen. Frau von Thürnau behauptete es nichtsdeſtoweniger, ſie erfaßte in ihrer Rührung die Hand, welche er nur ungern ihr überließ, und gab ihren mütterlichen Gefühlen Ausdruck, indem ſie ſchließlich Gottes Segen auf den Retter ihres Kindes herabrief. „Gottes Segen— wofür?“... fragte der Fremde. „Für die ſchöne That!“... und Frau von Thür⸗ nau brach nun gar in Thränen aus. „Es liegt kein Verdienſt in ihr“,... erwiderte er ungeduldig...„und es iſt nicht freundlich, mich durch die Vorausſetzung eines ſolchen zu beſchämen. Ich habe Ihnen dazu ſo wenig Urſache gegeben, wie zu irgend einer anderen Aeußerung, die für mich we⸗ niger angenehm wäre.“ „Aber”“,... wagte die mit großen erſtaunten Augen auf ihn ſtarrende Henriette einzuwerfen... „aber es muß Sie ja doch freuen, ein Menſchenleben gerettet zu haben!“ 70 „Nein!“... verſetzte der ſonderbare Mann, dießmal aber weniger barſch als wehmüthig ſinnend, und brachte die Fragende damit gänzlich außer Faſſung „Ob ein Menſch kürzer oder länger lebt, was ſoll das für Anlaß zur Freude geben, mir, der ich perſönlich weder am Verluſt noch am Gewinn bethei⸗ ligt bin! Die Menſchen ſterben, die Generationen vergehen, und aus den zerſetzten Formen des Stoffes bilden ſich neue, das iſt ſo ewiges Geſetz. Wäre ich in jenem Augenblicke im Vollbeſitze meines freien Willens geweſen, ich hätte auch nicht einen Finger ge⸗ rührt, um frevelnd in ein Menſchenſchickſal zu greifen. Die Vorwürfe, die ich mir darüber machte, kann nur der Gedanke entkräften, daß ich ohne Ueberlegung handelte und dabei bloß eine Rolle ſpielte, wie etwa der Felsblock, der gerade in dieſem und keinem andern Momente dem Geſetze der Schwere folgen mußte.“ Man ſah, daß dieſe philoſophiſche Erörterung mehr eine Selbſtbetrachtung und nicht mit Rückſicht auf die Damen ausgeſprochen war. Dieſe Außeracht⸗ laſſung ihrer Gegenwart vermochte Henriette jedoch nicht zu begreifen. Sie fing nur das heraus, was ihr allen weltläufigen Redensarten Hohn zu ſprechenſchien. „Aber dann wäre Emmy ja geſtorben!“... ſtieß ſie im höchſten Erſtaunen und Entſetzen hervor. 71 „Das mag ſein, doch was läge daran?“ „Mein Herr, Sie ſind unerhört— unartig!“ rief Henriette, die ſich einem Gegner gewachſen glaubte und ſein Achſelzucken für Hohn nahm, in mächtiger Entrüſtung aus, und glaubte damit etwas allen Widerſtand Vernichtendes, in den Staub Schmet⸗ terndes geſagt zu haben. Im nächſten Momente mußte der Zermalmte ſich als reuig Büßender ihrer Gnade überantworten. Ueberraſchenderweiſe that er nichts dergleichen. „Ich denke, Wahrheit geht über Artigkeit“,... ſagte er ruhig, als vermöchten die wuchtigſten Keulen⸗ ſchläge ihn nicht einmal zu ſtreifen, und dann empfahl er ſich mit eiger ziemlich kühlen, doch höflichen Ver⸗ beugung, indem er den Damen gute Nacht wünſchte und ſich damit entſchuldigte, daß er andern Tags früh⸗ zeitig aufbrechen müſſe, um den Schneeberg zu be⸗ ſteigen. Er ging, ſein Hund folgte, ohne auf ein Zeichen zu warten, und nur der feine Duft der Cigarre blieb zurück. Emmy holte einige Male tief Athem, als bekäme ſie jetzt erſt Luft, griff mit der Hand ans Herz und dann an die Stirne, über die ſie langſam hinſtrich, ſchüttelte den Kopf wie unbewußt oder um einen Druck zu verſcheuchen, der ihre Gedanken lähmte, trat zur o 72 Glasthüre hinaus unter die Blumen und ſeltſame Schatten werfenden Geſträuche und ſeufzte:„Gott ſei Dank!“ Sie verſuchte zu denken, aber noch immer vermochte ſie es nicht. „Unerhört!“... ſtammelte endlich Henriette, die noch immer ſprachlos auf die Thüre geſehen, welche ſich hinter dem Fremden geſchloſſen hatte...„Das ſoll er büßen!“.. ſetzte ſie hinzu, aber ihre Stimme ſtockte ſchon wieder, ſo daß ſie das„büßen“ mehr ſagen wollte, als wirklich ſagte. Dann trat auch ſie hinaus zu Emmy, und Beide ſahen ſtumm hinüber zu den Bergen, über die ſich von Oſten langſam weißer Nebel zog in wunderlichen Formen, und ſie nach und nach umhüllte mit dem ganzen Stück Sternen⸗ himmel über ihnen. Erſt der Ruf der alten Frau machte die beiden Mädchen aufmerkſam, daß der feuchte Schleier immer tiefer und tiefer ſank, keines von beiden hatte darauf geachtet. ———— Fünftes Kapitel. Am andern Tage geſtattete das Wetter keinen Ausflug. Die Damen ſaßen nach Tiſch in der Veranda, wo ſie ſo ungeſtört waren, wie auf ihrem Zimmer. Es regnete. Man hörte das fortwährende einförmige Gepraſſel der Tropfen auf dem Schindeldache, man ſah durch die triefende Fenſterwand die unzähligen feinen, von den fallenden Tropfen gebildeten Linien, wie durch einen Schleier erſchien die Gegend und manchmal zog ein lichtgrauer Wolkenfetzen faſt greifbar niedrig vorüber. Die Stunden verrannen ſo, und das angenehme Gefühl, unter Dach und Fach im Trocknen zu ſein, wich ſchon allmählig der Langeweile, beſonders bei Henrietten, die nicht lange bei einer Arbeit oder Lec⸗ türe zu verweilen vermochte, und die Veranda endlich wie einen Kerker zu haſſen begann. 7 4 4 Sie hatte ſchon das ganze Haus durchſtöbert, hier geplaudert, dort genaſcht, ſich ein wenig mit den jungen Kätzchen geneckt und zuletzt in irgend einem Winkel ein vergeſſenes Federballſpiel aufgefunden, zu dem ſie jetzt Tante und Couſine zwang. Aber auch das verlor bald den erſten Reiz, der kleine Mund konnte ein Gähnen nicht mehr bezwingen. „Es iſt doch recht ungeſchickt! Baron Veröczy hätte auch lieber hier bleiben können, ſtatt dem Wet⸗ ter zum Trotze auf den Schneeberg zu ſteigen, auf die Gefahr hin, daß er fortführe, uns mit ſeinen verwun⸗ derlichen Liebenswürdigkeiten den Kopf zu verdrehen!“ ... ſo platzte Henriette, die nicht begreifen konnte, daß man ihre Geſellſchaft nicht allen Schneebergen der alten und neuen Welt vorziehe, endlich ganz ver⸗ droſſen heraus. „Wer iſt Baron Veröczy?“... fragte Frau von Thürnau und Emmy hob aufmerkſam den Kopf. „Wer ſoll er ſein, als unſer Fremder von geſtern, der ungalante Jägersmann!“ „Woher weißt Du das?“ Henriette zuckte die Achſeln und lachte heiter in die Welt hinaus. „Wie Du doch frägſt, Tantchen? Wozu gäbe es denn Fremdenbücher in der Welt, als daß man ſeinen 75 berechtigten Wiſſensdurſt an dieſen Quellen löſche! Ob das nun der Gaſtwirth behufs ſeiner Rechnungs⸗ ſkala oder irgend ein anderes Menſchenkind thut, bleibt ſich ja gleich. So wißt denn, worüber ich bis jetzt mit der bewunderswerthen Zurückhaltung eines Rö⸗ mers geſchwiegen, immer in der geheimen Erwartung, Euch fragen und herumrathen zu hören, welches Ver⸗ gnügen Ihr mir aber, wie es ſcheint, bis zum jüngſten Tage nicht bereiten wollt. Arpad Baron Veröczy⸗ ſteht im Fremdenbuch, kommt vom Rodenhof und reiſt nach Rodenhof. Weiß auch ſchon, wo der Rodenhof liegt, das hat mir Fanny geſagt, die es vom Kellner erfuhr. Drei Meilen von hier im Gebirge, er gehört dem Baron, und der kommt jedes Jahr ein paarmal hier herüber. Nun, was ſagt Ihr zü meinen polizei⸗ lichen Anlagen?“ „Du biſt doch ein recht neugieriges Mädchen“, bemerkte die Tante kopfſchüttelnd, obwohl ſie ſich wohl gehütet hatte, die Mittheilungen zu unterbrechen. Henriette nahm den Verweis denn auch ſehr munter hin. „Als ob Ihr nicht insgeheim froh wäret, daß ich Eurer eigenen Neugierde zu Hülfe kam, ehe ſie Euch und Eure gemachte Gleichgültigkeit ganz und gar ver⸗ zehrte! Und angenommen, Euer Gefühl für vornehmen 76 Anſtand ſei wirklich ſo feſt gewurzelt, daß Ihr Cuch um den Namen eines Menſchen nicht kümmert, der Cuch nicht vorgeſtellt iſt, ich kann einmal ein ſo ganz ungeheuer merkwürdiges Bärenexemplar nicht unbe⸗ achtet an mir vorübergehen laſſen. Das ſchlägt in die Naturgeſchichte, ich muß es doch zu benennen wiſſen! Nun weiß ich's und bin ganz befriedigt.“ Ehe das Geſpräch weiter fortgeführt wurde, that ſich die Thüre auf und Der, von dem die Rede war, trat ſelber ein, grüßte geziemend und nahm dann an dem, wie es ſchien, bereits für ihn gedeckten Tiſche Platz, an dem er ſchon Tags zuvor geſeſſen. Nach ſeinem Ausflug mußte Herr von Veröczy vollkommen Toilette gemacht haben, denn er erſchien in ganz trockener Kleidung, die mit der herrſchenden Mode ſo ziemlich übereinſtimmte. Das Spiel der Mädchen war unterbrochen, was gar nicht nach Henriettens Sinn ging, aber Emmy kehrte ſofort zu ihrem Buche zurück und ließ ſich nicht bewegen, den früheren Zeitvertreib wieder aufzunehmen. Die blonde Unruhe ſchmollte darüber, warf dann wiederholt ungeduldige Zlicke nach dem gelaſſen ſein Mahl Einnehmenden hinüber, that allerlei, was doch nicht den Erfolg hatte, ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, verſuchte den Hund zu locken, der nicht von ſeines 77 Herrn Seite wich, und da gar nichts fruchtete, zwang ſie zulett der Tante mit Gewalt die kleine Ballliſte auf und wußte es ſo geſchickt einzurichten, daß die gute Frau nun in die Nähe des nun völlig in Belage⸗ rungsſtand Erklärten zu ſitzen kam, der zuletzt gar ein Zeitungsblatt vorgenommen hatte, in das er ſich gründlich vertiefen zu wollen ſchien. Es währte denn auch gar nicht lange und die Verſchanzung wurde mit Sturm genommen. Einige Würfe gingen recht gut von ſtatten, da traf— rein durch Zufall— das befiederte Geſchoß mitten in die Zeitung, ſo daß ſie einen langen, unheilbaren Riß querdurch bekam. Natürlich hatte Henriette nichts Ei⸗ ligeres zu thun, als ſcheinbar ganz entſetzt aufzuſprin⸗ gen und für ihr Ungeſchick um Verzeihung zu bitten. Baron Veröczy, der ſich von der Vergeblichkeit der Mühe, eine ſo gründliche Breſche noch länger gegen die ernſtgemeinten, ſcharfgezielten Angriffe halten zu wollen, überzeugt haben mochte, ſtand ruhig auf, legte das vernichtete Blatt bei Seite und überreichte Frau von Thürnau den Federball, indem er zu Henrietten gewendet, ganz gleichmüthig ſagte: „Wenn meine Zeitung Ihnen ein Greuel im Auge iſt, mein Fräulein, hätten Sie mir das früher ſagen ſollen.“ 78 „Ach, mein Herr, entſchuldigen Sie den kleinen Wildfang!“... bat nun auch Frau von Thürnau. „Ich hab' es ja nicht abſichtlich gethan“,... ſtotterte Henriette über und über roth und verlegen. Sie hatte die gewöhnlichen Betheuerungen des Ge⸗ ſtörten erwartet, daß eine ſolche Störung, vielmehr eine ganz beſondere Chre und ein nicht minder großes Vergnügen ſei, ſtatt deſſen ward ihr eine obendrein vollkommen unumwundene Zurechtweiſung. Man muß geſtehen, Grund genug für eine hübſche junge und verzogene Dame, ſich gründlich zu erbittern. Für einen Penſionatsſtreich fühlte ſie ſich noch nicht zu alt, wohl aber für die Rüge, durch die ſie eines ſolchen geziehen wurde.„Der unmanierliche Menſch!“ Der unmanierliche Menſch ſchien aber ſeine eigenen Worte im Ernſte zu nehmen und die Andeutung, die ihm geworden, zu beherzigen. Er kehrte nicht mehr zu ſeinen politiſchen Neuigkeiten zurück, ſondern zeigte ſich bereit, der Geſellſchaft der Damen, in die er nun ſchon zum zweiten Male beinahe gewaltſam hineinge⸗ zogen worden, ſich mit guter Miene anzuſchließen. „Sie haben heute übles Wetter gehabt, Baron...“. bedauerte nach einer Weile die alte Frau. Herr von Veröczy gab zu, daß es unangenehm geweſen. 79 „Aber warum gingen Sie dann?“... warf Henriette ſchnippiſch ein. Ihr felſenfeſter Vorſatz, ſich von nun an zurückhaltend und ſogar abſtoßend zu geben, war ſchon wieder verflogen. Der Gefragte achtete auf die Annäherung jetzt ſo wenig, als er ſich vorher über das Zurückziehen ge⸗ kränkt hatte. „Ich habe es geſtern geſagt, daß ich heute gehen werde“,... gab er leichthin zur Antwort. „Ei! wer hätte Sie denn beim Worte genommen?“ „Sie ſehen, daß ich es that.“ „Sie ſcheinen gewöhnt, Ihren Willen durchzu⸗ führen“,... meinte Henriette; der Ton ließ unbe⸗ ſtimmt, ob dies eine Anerkennung oder ein Spott ſein ſollte. Veröczy gab ſich keine Mühe, die Abſicht zu entziffern. „Wer es ſelbſt nicht thut, darf es noch weniger von Andern fordern“,... entgegnete er, und wer in das feſtblickende Auge, auf dieſe mächtige, in merk⸗ würdiger Plaſtik gebildete Stirne ſah, der konnte wiſſen, daß es dem Sprecher mit ſeinen Worten ernſt war. Der unbeugſame Gebieter über ſich ſelber durfte ſich wohl auch von Andern kaum des Ungehorſams verſehen. In ſeinem Blicke lag eine unwiderſtehliche Macht: der Wille. 80 Emmy zuckte unwillkürlich zuſammen und ſogar ihre muntere Couſine, welcher auf Erden kaum irgend etwas imponirte, blickte ſcheu zu dem Manne auf, der ihr bis jetzt noch immer die erſte Huldigung ſchuldete. Frau von Thürnau erlaubte ſich, auf den Ein⸗ fluß der Umſtände hinzuweiſen, dem der kluge Wille ſich zum eigenen Vortheil beuge. Ihre Worte klangen ſo mütterlich wohlmeinend und in ihren freundlichen Zügen lag dabei ein ſo herzgewinnender Ausdruck von Güte, daß der Belehrung alles Aufdringliche und Ver⸗ letzende, was ſie ſonſt für einen völlig Fremden haben konnte, benommen war. Im Gegentheil ſtellte ſie faſt ohne Uebergang ein gewiſſermaßen familiäres Verhält⸗ niß feſt, in das ſich ſogar der bisher ziemlich ſchroff aufgetretene junge Mann nicht ungern zu fügen ſchien. Auf ſeine Anſicht verzichtete er darum allerdings nicht, aber er vertheidigte ſie in milder Form. „Der durchgeführte Wille“,... ſagte er mit dem erſten Lächeln, das die Damen noch um ſeinen hübſchen, nur zu ſehr vom Bart verſteckten Mund geſehen... „der durchgeführte Wille trägt immer die Befriedigung in ſich, die der Leiſtung, wenn auch nicht immer die des Erreichten. Die letztere iſt ohnedem ſelten genug, weil in der Regel die Erwartung immer noch um eine Stufe darüber hinausragt, Was meine heu⸗ 81 tige Partie betrifft, ſo fehlte mir aber auch ſelbſt dieſe Genugthuung nicht. Meine Ausdauer wurde auf's Schönſte belohnt, denn auf dem Gipfel hatte ich das Regenwetter, wie die Erde mit ihrem Elend und Schmutz unter mir, ich ſtand im hellen warmen Son⸗ nenſchein, und wenn ſich dann hier und dort zu Zei⸗ ten die Wolken zertheilten, da gewährten ſie einen Durchblick von einer Schärfe und Nähe, von einem Zauber, wie ihn ſonſt die Weitſchau von der Höhe gar nie bietet.“ „Ich will auch hinauf beim Regen!“... rief Henriette wie ein Kind, das nach einem Sterne langt. „Ach nein, Sie wollen nicht, Sie möchten bloß“,... bemerkte Herr von Veröczy mit unver⸗ hohlener Ironie...„Aber zu dem bischen Sonncn⸗ ſchein drei Stunden durch den Regen hinanklettern, wäre doch zu unbequem. Und wer in der erſten Stunde wieder umkehrte, hätte blos das Naßwerden ohne den Lohn. Warten Sie lieber, bis der Sonnen⸗ ſchein zu Ihnen herunter kommt., Ohne eine Antwort abzuwarten, wendete er ſich dann zu Emmy, ſie fragend, wie ſie geruht und ob ihr der Schreck nicht geſchadet. Emmy blickte nicht auf von ihrem Buch, es war ihr wieder ſo beklommen um's Herz, wenn auch nicht Byr, Quatuor. I. 6 mehr ſo arg wie geſtern, man merkte ihre Unruhe kaum, wenn nicht an dem etwas ſtärkerem Heben und Senken des zartgerundeten Buſens. Leiſe antwortete ſie: „Ich danke, ich bin wohl.“ „Ihr Buch intereſſirt Sie wohl ſehr?“ Die Frage war eine Aufforderung, der ſich nicht ausweichen ließ. Emmy mußte ſich zwingen, damit ihre Zurückhaltung nicht wie abſichtliche Beleidigung erſcheine. Sie reichte ihm das Buch, es war ein Band von Bulwer. Ein Geſpräch entſpann ſich darüber, das bei der Literatur begann und beim Himalaya endigte. Inzwiſchen hatte ſich das Wetter aufgeheitert, einzelne Wolken nur jagten noch an der Sonne vor⸗ über und das herrliche dunkelſaftige Grün allüberall rief und zog hinaus in die balſamiſche Luft, und ſo wandelten auch die Damen alsbald in Geſellſchaft des Barons dahin auf den gebahnten Wegen am Ab⸗ hange des Berges und man wußte ſich kaum mehr zu erinnern, daß man vor wenig Stunden einander noch fremd geweſen. Das Bärenexemplar erwies ſich als gar nicht ſo bösartig. Herr von Veröczy verrieth ſo viel Bildung, ſprach ſo gut und ohne die geringſte Affectation immer einfach ſeine Meinung, gab ſich dabei ſo natürlich, herzlich und einnehmend, daß der erſte unangenehme 83 Eindruck, als habe man es mit einem Sonderling zu thun, der ſich in barſchem Auftreten gefalle, längſt verwiſcht war, und ſelbſt Emmy, an deren Seite er mit Vorliebe zu verweilen ſchien, ihm gerne zuhörte und ſich der unangenehmen Regung, die ſein Erſcheinen hervorgerufen, gar nimmer bewußt war. Nur manch⸗ mal, wenn er ſie bei irgend einer Rede längere Zeit feſt anſah und ſich dann ihre Blicke begegneten, fühlte ſie ſich neuerdings bedrückt und verlor ſich, ſeine Worte überhörend, faſt gänzlich in ſeinem Auge, wie wenn ſie unter einem Banne ſtünde, gegen den ſich zu ſträu⸗ ben ihre Kraft nicht zureichte, wenn ſich auch der Wille aus ſolcher Ohnmacht hätte aufraffen mögen. Dann hob ſich bange ihre Bruſt, er aber hatte davon nichts wahrgenommen, deutete die Zeichen viel⸗ leicht auch anders, ſah wieder weg, ſprach freundlich und gut und ſie vergaß, was ſie erſt einen Augenblick zuvor empfunden. Henriette war unzufrieden, ſich derart vernach⸗ läſſigt zu ſehen und griff den Begleiter in ihrer naiven Manier an, ihn an ſich zu erinnern. „Es iſt recht gut, Baron“,... ſagte ſie mit einem Blick, in welchem die Luſt an Neckerei über die Verſchämtheit ſiegte...„es iſt recht gut, daß Sie heute etwas gentlemanliker gekleidet ſind als geſtern; 6* 84 wir hätten uns nicht zeigen können in Ihrer Geſell⸗ ſchaft.“ „Henriette!“ Aber der Uebermuth beachtete den Warnungsruf der Tante nicht. Schon war die Antwort auf die erſtaunte Frage, wie das gemeint ſei, heraus. „Nun, Sie hatten doch etwas gar zu— nachläſ⸗ ſige Strümpfe an...“ kicherte Henriette hinter dem Fächer, den ſie gegen die Richtung hielt, in der die Sonne ſich längſt hinter die Berge geſenkt. Der Angegriffene ließ den Vorwurf nicht uner⸗ widert. „In der That, mein Fräulein“,.. ſagte er und es klang jene herablaſſende Ironie in ſeinen Worten, mit der man ungezogene Kinder abfertigt, wenn ſie läſtig werden...„Dafür haben Sie heute ein zu nachläſſiges Kleid— und der Unterſchied beſteht nur darin, daß ich das zweckmäßige bloße Knie einzig für mich allein, Sie aber das unzweckmäßig dekolletirte Kleid nur für die Geſellſchaft tragen. Die Welt hat ſonderbare Begriffe von Anſtand und es gehört ein eigenes Studium dazu, um zu wiſſen, wann man er⸗ röthen ſoll, was man nennen darf und was nicht. Die Welt iſt ſtreng in ihren Vorſchriften, dieſe ſind aber nicht immer richtig. Weit ſicherer dürfte ein 85 ungekünſteltes Feingefühl leiten, das allerdings nicht Jedermann beſitzt.“ Die Züchtigung war hart, Henriette konnte ſehen, daß die„Zähmung“ noch nicht ſo weit vorgeſchritten war, als ſie vermeint, es hinderte ſie dies jedoch nicht, immer wieder aggreſſiv vorzugehen. Büßte ſie auch jede Neckerei theuer, ſo war ſie nichtsdeſtoweniger dem Gegner durchaus nicht gram, wiewohl ſie es ſpäter zu behaupten verſuchte. Im Gegentheil verſetzte ſie die Erklärung ihres Begleiters, bald wieder nach dem Thalhofe kommen zu wollen, in die beſte Laune. Baron Veröczy bat Frau von Thürnau förmlich um Erlaubniß, wie wenn es ſich um einen Beſuch in deren Hauſe handle, er geſtand, daß ihm, dem einſam Lebenden, der Umgang mit den Damen wohlgethan habe und er wolle dankbar die Stunden hinnehmen, die ſie ihm in ihrer Geſellſchaft zu verbringen geſtat⸗ teten. Das Erbetene wurde auf das Liebenswürdigſte gewährt, Frau von Thürnau mußte ſich ja geſtehen, daß ihr kleiner Kreis durch den Zuwachs ebenfalls gewonnen habe. Wie langſam war die letzte Woche vergangen, wie raſch der heutige Nachmittag! Der Thee wurde gemeinſam eingenommen und man ſchied mit einem herzlichen„Gute Nacht und auf Wiederſehen!“ Sonderbar! die ganze Zeit über war Emmy ruhig b 1 86 geweſen und hatte dem neuen Bekannten aufmerkſam zugehört und gerne geantwortet,— jetzt, da er weg war, und die Mädchen ſich allein auf ihrem Zimmer befanden, ließ ſie matt die Arme ſinken und ſeufzte leiſe:„Mir iſt weh!“ „Ei, weil er fort iſt!“.. lachte die Gefährtin auf. „Nein, Henriette, weil er in meiner Nähe war.“ „Du ließeſt Dir doch ganz geduldig den Hof machen“... eiferſüchtelten die ſchmollenden Lippen. „Spotte nicht!“... bat Emmy. „Nun ja, mir ſcheint, er gefällt Dir nicht übel.“ Emmy fröſtelte. „Ich fürchte ihn— ich mag ihn nicht.“ „Närrchen, was thut er Dir denn?“ „Es iſt mir gerade ſo, als ob er mir die Seele aus dem Leibe nähme.“ „Du biſt kindiſch und auf dem beſten Wege, Dich in ihn zu verlieben.“ „Nein, nein, gewiß nicht! Sein Einfluß erſchreckt mich, entfremdet mich ihm— er iſt mir unheimlich wie eine dunkle Ahnung.“ „Komm' ſchlafen!“... drängte Henriette ein wenig ungnädig. „Ich fürchte mich.“ „Wovor?“ — ☛᷑ 87 ) „Von ihm zu träumen, wie vergangene Nacht.“ „Darüber wäre ich gar nicht böſe. Leider muß ich immer von dem blöden Albert träumen, und Du wirſt ſehen, wir haben ihn demnächſt hier. Da iſt mir noch Dein Zauberer lieber!“ Sie lagen noch eine Zeit am Fenſter, dann gin⸗ gen ſie zu Bette; lange blieb Emmy wach, zuletzt ſchlief ſie plötzlich ein, wie vom Schlafe erdrückt. Sie träumte auch dieſe Nacht von ihm. Wen Henriette diesmal im Traume ſah, davon erzählte ſie am nächſten Morgen kein Sterbenswort. Sechstes Kapitel. Mit ihrer Prophezeiung aber behielt Henriette Recht. Jener Albert, den ſie mit einem ſo wenig ſchmeichelhaften Eigenſchaftswort bezeichnet, erſchien wirklich Sonnabends im Thalhofe, und da Veröczy eben nicht anweſend war, fiel dies Wiederſehen für ihn weit günſtiger aus, als Henriette es ihm unter anderen Umſtänden vielleicht bereitet hätte. Er war doch immer ein„Herr“, und ließ ſich zu allerlei Ritter⸗ dienſten, vorzüglich aber zu jedem Scherze ganz wohl verwenden. Als hoffnungsvoller Sohn von Herrn von Wil⸗ ders langjährigem Compagnon, hatte Albert Müller natürlich die Carrière eingeſchlagen, in welcher ihn der Vater am meiſten fördern konnte. Doch wie die boͤſe Welt behauptete, ſollte ſich der künftige Chef des —j—— — e 89 altberühmten Bankhauſes mehr mit jenem Theil der Geldgeſchäfte befaſſen, welcher unter die Rubrik„Soll“, als mit dem, der unter die Rubrik„Haben“ fällt. Der junge Mann, kaum erſt großjährig geworden, hatte ſich aus eigener Machtvollkommenheit ſchon ſeit geraumer Zeit ſelbſt mündig erklärt, ohne daß ihn dazu beſonders frühreife Geiſtesgaben etwa berechtigt hätten. Er war ein echtes Kind der Reſidenz, mit einem Aeußern, das dem oberflächlichen Blick ſogar beſtechend erſchien, und auf das er mit genau genom⸗ men lobenswerther Selbſterkenntniß ſehr viel hielt und große Sorgfalt verwendete. Auf irgend etwas muß der Menſch ſich was zu Gute thun können, und glück⸗ lich, wer mit richtigem Urtheil wirklich die beſte Seite ſeines werthen Ich herausfindet, er wird dann doch nie den grotesken Eindruck des Irrſinnigen machen. Herr Albert Müller machte bloß den eines land⸗ läufigen Modenarren, ſelbſt der in ſolchen Dingen überaus ſcharf geſchulte Blick Henriettens hätte in ſeiner Kleidung, ſeiner Art, wie er die Uhrkette be⸗ feſtigte, die Kravatte knüpfte und die Fingernägel be⸗ ſchnitt, nicht die geringſte„Nachläſſigkeit“ entdecken können. Außerdem füllte er ſeine Zeit auf's Tadelloſeſte aus. Er führte ſein Geſpann ſelbſt ein, war bekannt 90 auf dem Turf und auch beliebt, denn er hatte die an⸗ genehme Gewohnheit, ſich hoch zu engagiren, und zwar immer auf jenen Favorit, der geſchlagen wurde, er dinirte gern in heiterer, ihm ebenbürtiger Geſellſchaft und verſäumte ſelten einen Abend ſeinen Fauteuil im Parterre jenes Vorſtadttheaters, welches ſich am meiſten beſtrebt zeigte, der hohen Aufgabe gerecht zu werden, Geiſt und Herz der goldenen Jugend in würdiger Weiſe zu bilden. Kein Wunder, daß er aus ſolcher Schule auch ein Benehmen nach Hauſe brachte, wie es geſitteten Jünglingen ſonſt nur durch das eifrigſte Studium Knigge's oder doch wenigſtens des„vollkom⸗ menen Galanthomme“ ſich anzueignen vermögen. Dabei war er im Grunde ein„guter Kerl“, machte ſich allen Ernſtes ein ganz immenſes Vergnügen daraus, ſämmtliche Plaids und Shawls der Damen zu tragen, das nur etwa durch einen dazu beſchiedenen Sonnenſchirm noch geſteigert werden konnte. Er hielt ſich für beſonders beglückt, wenn ihm Henriette ein Gänſeblümchen in's Knopfloch ſteckte, oder Emmy ihre Finger auf ſeinen Arm zu legen geruhte, und für überaus liebenswürdig, wenn er ſich mit einigen:„O nein! durchaus nicht!“ gegen jede Erleichterung ſeiner Bürde gewehrt hatte. Stolz darauf, unter der Laſt jener durch ihre Beſtimmung ſchon zu ätheriſchen Hüllen ge⸗ 91 wordenen Wollſtoffen ſchwitzen zu dürfen, dampfte er höchſt mörderiſch Tod und Verderben den zudringlichen Mücken, ſich ſelbſt aber eine beſtändige Uebligkeit aus der Cigarre, die er von beſonderer Stärke führte,— natürlich den Freunden zu Liebe, und dann ſchon, weil er eigentlich gar kein Raucher war und dies ja um keinen Preis irgend Jemand merken durfte. Stillſchweigend hatten die beiden Compagnons wohl immer eine Verbindung ihrer Kinder im Auge, aber noch war das große Wort nicht ausgeſprochen. Die Jugend ſollte, nach des alten Müller Anſicht, erſt austoben und Zwang niemals geübt werden. Albert wußte, daß ihm die Wahl freiſtehe, und gleichſam nur um ſich deſſen immer wieder zu verſichern, ließ er ſich von jeder hübſchen Frauenerſcheinung im weiteſten Kreiſe ſeiner Bekanntſchaft, ohne Widerſtand zu leiſten, an⸗ ziehen, als wolle er die Stärke der verſchiedenen Mag⸗ nete erproben, deren kräftigſter ſchließlich den Sieg erringen und ihn ganz und gar behalten ſollte. Auch hier, obwohl von ſeinem Vater eigens herausgeſchickt, um der in letzter Zeit„beſonders coulanten Geſchäfts⸗ gebahrung“ endlich ein Ziel zu ſetzen— auch hier be⸗ hielt er das Bewußtſein unwiderſtehlich freier Wahl, und ſchwang ſomit wie ein Pendel zwiſchen den beiden Mädchen hin und her. 14 b 1 1 92 Es beirrte ihn daher nicht wenig, ſchon einen erſten Helden auf der Bühne zu finden, die er als Alleinherrſcher zu betreten geglaubt. Die immer wieder⸗ kehrende Erwähnung des ihm nicht einmal dem Namen nach bekannten Fremdlings machte ihn ſtutzig, er witterte ſogleich den Nebenbuhler und die erſte Begegnung mit demſelben fiel ziemlich ſteif aus. Baron Veröczy hatte in der That nur wenige Tage vergehen laſſen, ehe er ſich im Thalhof wieder zeigte. Henriette beklagte ſich gleichwohl über ſein langes Ausbleiben, ſie that dies mit um ſo abſicht⸗ licherer Zurſchauſtellung eines ſehnſüchtigen Intereſſes, als ſie damit ihren langweiligen Verehrer zu necken wünſchte. Auf Den aber machte dies weiter keinen Eindruck, er pendelte nur mehr nach Emmy's Seite hinüber, um zu zeigen, wie man ſich ſeiner Neigung auch ganz würdig erweiſen müſſe. Auch Veröczy ſollte ſeine Ueberlegenheit fühlen, und da der junge Dandy aus der großen Welt kam, ſo fiel ihm das gar nicht ſchwer. Er ſprach von dem letzten Rennen, wußte ganz genau den Namen der Sieger, konnte ſich auf den Buchſtaben erinnern, was Graf Binbin und Fürſt Lulu geſagt, vermied nie eine Gelegenheit, ſeiner illuſtren Bekanntſchaften in vertraulichſter Weiſe zu erwähnen, ließ merken, daß Gungel die fruchtbarſten Ideen für ———— 93 ſeine neuen Paletots und Jaquets eigentlich ihm ver⸗ danke, zog häufig mit graziöſer Nonchalance ſeine ſteifen Manſchetten hervor, um deren neuen Schnitt und die originelle Form der Knöpfe ins rechte Licht zu ſetzen, und führte zuletzt den Hauptſchlag, indem er ſein Ein⸗ geweihtſein in die intimſten Couliſſengeheimniſſe der Theaterwelt verſchleiert durchblicken ließ, den Preis der Toiletten nannte, den die Königinnen der Bretter auf den brillanteſten Bällen des letzten Karnevals ge⸗ tragen, ja ſogar den Witz citirte, mit dem der berühmte Redakteur des berühmten Feuilletons der berühmten Tageszeitung ſich bei der nicht minder berühmten Dar⸗ ſtellerin der ſchönen Helena die köſtlich niederſchmetternde Rückantwort geholt. Wie beſchämt ſtand Baron Veröczy dabei, von all' den überaus wichtigen Dingen wußte er nichts— aber auch gar nichts zu ſagen. Wie ein Bär lebte er ſchon ſeit mehreren Jahren in ſeiner Höhle, und nun kam er hervor und wollte mit einem Male ſich zu Albert Müller's Rivalen aufwerfen— zum Rivalen Albert Müller's! Unglaublich! „Wie klein, wie weltfremd erſcheine ich mir neben Ihrem auf der Höhe des Tages lebenden jungen Freunde; ich bin wirklich in Barbarei verſunken!“... äußerte der Beſiegte mit ſeinem ruhigen ironiſchen 17 8 b 1 1 1 1 94 Lächeln zu Emmy, während ſich Henriette am Pianino übte und deren muthmaßlicher Bräutigam vor ihr lehnte, als genüge ihm nicht, das Salonſtück zu hören, und als wolle er es auch in der Beweglichkeit der Finger, in dem Uebergreifen der Hände mit leiblichen Augen ſehen. Veröczy hatte ihn jung genannt, und obwohl er ſelbſt nur drei bis vier Jahre mehr zählte, konnte man ihm, die beiden Männer vergleichend, das Recht hierzu nicht abſprechen. Es waren die Ereigniſſe ſeines Lebens, die ihn raſcher gereift, faſt gealtert hatten, ſo daß Albert Müller neben ihm wie ein verwelkter Knabe erſchien. „Und warum vergraben Sie ſich in die Berge?“ ... fragte Emmy, weit entfernt, den Scherz in Ve⸗ röczy's Bemerkung ernſthaft zu nehmen und doch den ſelbſtgemachten Vorwurf damit ein klein wenig be⸗ kräftigend. Griff ſie damit tiefer, als ſie ſelbſt beabſichtigte, oder bedurfte es nur noch eines kleinen Anlaſſes, ihm die Zunge zu löſen, er ſprach ſich über Dinge aus, von denen er vielleicht jahrelang, ſogar gegen ſeine nächſten Gutsnachbarn, mit denen er noch am meiſten verkehrte, keine Erwähnung gethan. „Wenn ich Ihnen alle meine Erlebniſſe ausführ⸗ ——õÿ— 1 95 lich ſchilderte“,... ſagte er lebhafter bewegt, als Emmy ihn je geſehen...„Sie würden wiſſen, daß nicht ich es bin, der ſich vergräbt. Es iſt nicht wahr, wenn man behauptet, daß jeder Menſch dort ſtehe, wohin er ſich ſtellt. Bis jetzt blieb mir nur ein einziges Mal die Wahl, und da ſtellte ich mich auf die Seite meines Vaters und meines Vaterlandes in der be⸗ geiſterten Aufwallung, die ſich des Jünglingsherzens bemächtigt hatte. Ich kämpfte für meine Ueberzeugung, aber die Opfer, die mir für ſie auferlegt wurden, habe ich ſchon nicht mehr freiwillig gebracht; das hätte ich wohl nur gethan, um den Sieg unſerer Sache zu er⸗ kaufen, indeß ſie gerade eine Folge der Niederlage waren.“ Er erzählte nun in ſchlichten Worten ſeine Schick⸗ ſale in den Hauptumriſſen. Flüchtig berührte er ſeine Theilnahme an der Erhebung Ungarns, nach deren Niederwerfen die reichen Güter ſeines Vaters der Konfis⸗ kation verfielen. Dieſem war er ins Ausland gefolgt, wo er die unterbrochenen Studien wieder aufnehmen ſollte. Da aber der Vater in der Verbannung ge⸗ ſtorben war, und der karge Reſt des geretteten Ver⸗ mögens in den Händen des jungen Mannes, der reiſen und die Welt kennen lernen wollte, bald genug ſchmolz, ſo mußte er für ſeine Zukunft einen Entſchluß faſſen 4 ———ÿÿõ — 96 Die einzige Schweſter ſeiner ſchon früher geſchiedenen Mutter ſtarb zu jener Zeit und hinterließ, ſelber kinder⸗ los, das Familienerbe ihres Mannes, der ſich zum wackern Arzte hinaufgearbeitet und erſt in ſpäteren Jahren das ſchöne aber arme Fräulein von jenſeits der Grenze geheirathet hatte, ihrem Neffen in Paris. Veröczy ſtand es nun frei, das kleine Erbgut zu ver⸗ kaufen, und von dem bei den ungünſtigen Verhältniſſen vorausſichtlich nur geringfügigen Erlöſe weiter zu leben, ſo lange es eben ging, oder den Beſitz perſönlich an⸗ zutreten und zu ſehen, was aus demſelben zu ſchaffen ſei. Er entſchloß ſich zu dem Letzteren. „Und ſo“,... endigte er ſeine Mittheilung... „gerieth ich in die Berge, und ich habe ſie liebgewonnen in den fünf Jahren, ſeitdem mich das Geſchick hier vergraben. Zu Zeiten denk' ich wohl, es werde ein Tag der Auferſtehung kommen, und ſeit den Kriegs⸗ ereigniſſen des vorigen Jahres denke ich es öfter noch als ſonſt; dann, wenn der erſtarrende Druck von mei⸗ nem Vaterlande weicht, mag vielleicht für mich auch die Stunde ſchlagen, wo ich ihm und meinen Mit⸗ menſchen wieder thatkräftig dienen darf; bis dahin iſt es mir nicht geſtattet, meinen Eifer und guten Willen zu bethätigen. Fragen Sie noch, weßhalb ich mich in die Berge vergrabe?“ 97 Emmy, die ſich nicht auf das politiſche Feld wagen wollte und auch wohl fühlte, daß ein Mann mit ſo eiſerner Willenskraft die Verhältniſſe ſchwerlich in der milden, verſöhnenden Weiſe wie ſie betrachten mochte, ſchwieg. Es ſchien auch nicht, als habe er eine Ant⸗ wort erwartet, ruhig fuhr er nach kurzer Pauſe fort: „Ja, recht in den Bergen vergraben, aber die Berge ſind ſo ſchön! Die Reiſenden, die fein der Straße folgen, ſehen nicht einmal das Dach meiner Behauſung, der Weg, der dahin führt bis ans Thor, iſt wohl noch nie von einer Kutſche befahren worden, der Pflug hat ihn in das Erdreich geſchleift, die Heu⸗ laſt geglättet. Wie ein Bauer lebe ich auf meinem kleinen Rodenhof. Aber in der niederen Stube ruht man bequem, wenn man Tags über durch Feld und Wald geſtreift, und iſt der Acker beſtellt, die Ernte ein⸗ gebracht, die Ueberzeugung gewonnen, daß es dem Vieh im Stalle an nichts fehle, ſpinnt die Magd ihren Faden und ſchnitzt der Knecht ſeine Holzſpäne, dann kommt wohl ein oder der andere halbvergeſſene Ge⸗ danke, und wie der Wind um's Haus ſchwirrt und an die Scheibe pocht, ſo verlangt der ernſte Geſelle Ein⸗ laß und rumort dann unwirſch im Kopfe herum, daß ihn kein noch ſo weiſer Bann, den man aus Büchern Byr, Quatuor. I. 7 98 zu leſen ſucht, zu verſcheuchen vermag. Da taucht dann wohl je zuweilen der Wunſch auf, den unge⸗ betenen Gäſten für immer den Riegel vorzuſchieben, daß ſie ganz draußen bleiben müſſen. Das kann aber nur die weiche Hand eines treuen Gefährten, eines Genoſſen für's Leben, der mithauſen will in der Ein⸗ öde draußen, und dieſe erſt zur ſonnigen Heimat macht.“ Es klang wie ein Seufzer, und zwar wie der Seufzer einer Bruſt, die nicht daran gewöhnt iſt zu ſeufzen, und der ſich in einem unbewachten Augenblicke, wo der Zeuge beinahe vergeſſen iſt und doch eben durch ſeine Anweſenheit, durch ſein ſtummes aber warm empfundenes Eingehen die dreifachen Eiſenringe löſt, ein tiefer Athemzug entringt, ſo tief, daß er ſich faſt wie ein nicht mehr zu unterdrückendes Stöhnen anhört, ſo daß ſelbſt Der erſchrickt, dem es entſchlüpfte. Veröczy ſchwieg plötzlich und beinahe als fürchte er jetzt eine Antwort, eine Aeußerung des Troſtes, brach er die Unterredung jäh ab, wobei ihm Henriette zu Hülfe kam. Schmollend erhob ſie ſich von dem Inſtrumente und trat zu den Beiden heran. „Haben Sie das letzte Stück nicht erkannt, Ba⸗ ron?“... fragte ſie und fuhr ſogleich fort:„Ich 99 dächte doch, ein wenig Applaus verdient zu haben. Ihretwegen ließ ich die Noten mir ſchicken, und habe ſie binnen zwei Tagen einſtudirt. Ich meinte, Ihnen eine Freude zu machen und nun rühren Sie keine Hand! War es denn ſo ſchlecht?“ „Ausgezeichnet! brillante Technik!“... rief Herr Müller mit allem Enthuſiasmus, den ein Weltmann wie er außerhalb des Theaters noch übrig hat. „Wenn Sie noch einmal die Freundlichkeit haben wollen, ſich an's Klavier zu ſetzen, will ich Ihnen meine Meinung ſagen. Ich weiß nicht, was Sie ſpiel⸗ en...“ ſagte dagegen der ſo direkt zum Beifall Auf⸗ geforderte. Henriette ſah ihn groß an, ſie ſchien auf einmal wie mit Purpur übergoſſen. „Wo waren Sie Baron“,... fragte ſie endlich mit faſt leidenſchaftlicher Schärfe...„daß Sie den „Räaköczy⸗Marſch' nicht hörten?“ „Baron Veröczy iſt ihn wahrſcheinlich nur von Zigeunermuſik gewöhnt...“ ließ Herr Müller mit einem ſpöttiſchen Lächeln, das geiſtreich ſein ſollte, einfließen...„und wird darum behaupten, der Takt habe ihn beirrt. Aber ich verſichere Sie, Fräulein Henriette, es war ſüperb!“ 7* 4 1 100 „Begnügen Sie ſich, mein Fräulein...“ ſagte nun Veröczy...„mit dieſer Behauptung des Herrn Müller, er iſt der Richtigkeit derſelben gewiß ſicher, da er ſogar weiß, was andere Leute behaupten werden.“ Der Genannte blickte etwas zweifelhaft darein, er wußte nicht ſofort, ob es ſich nur um einen Scherz handle, oder ob er am Ende gar beleidigt worden ſei; zuletzt entſchloß er ſich ohne ein Wort der Erwide⸗ rung Henrietten zu folgen, die mit einem flammenden Blick auf ihre Couſine und die Zähne feſt in die blutig geritzte Lippe drückend, haſtig die Veranda ver⸗ ließ. Emmy ſah der in den Garten Enteilenden nach. Sie that ihr leid. Im Uebereifer richtete ſie die Frage an Veröczy:„Warum ſuchen Sie nicht die weiche Hand des treuen Genoſſen? Wer ſein Haus ſonnig will und warm, der darf den hellen Sonnen⸗ ſtrahl nicht verſcheuchen.“ Die Beziehung war nicht zu mißverſtehen, der ſo plötzlich ſchweigſam Gewordene ſah aber nun feſt der Fragerin in's Auge und wehrte dann mit einer faſt unmerkbaren verneinenden Bewegung des Hauptes die geſtellte Zumuthung ab. Dann ſetzte er ſich an das Pianino, was er bisher noch nicht gethan, und — — ——-;; ———— 10¹ rauſchend entquollen die klagend feurigen Weiſen des Räakôczy⸗Marſches den Saiten. Es klang faſt, als wolle der Spielende ſagen: „Dazu bedarf ich keiner fremden Hand. Den treff ich ſelber auch!“ Siebentes Kapitel. Oberhalb Reichenau verengt ſich gäh das bis hie⸗ her gleich einer Malachitſchale ſanft ausgetiefte Thal. Eine wild zerriſſene Schlucht zwängt ſich nun zwiſchen den ſchroffen Abſtürzen des Schneebergs und der Rax⸗ alpe hindurch, an denen ſtellenweiſe ſelbſt die genüg⸗ ſame Legföhre keine Kante findet, breit genug, ihre klammernde Wurzel feſtzuheften. Wo die Hänge weni⸗ ger ſteil ſind, trotzen einzelne bärtige Tannen dem hier oft arg hauſenden Wetter, auch zum dichten Walde finden ſich die kräftigen Bäume zuſammen. Wo die Schlucht ſich ein wenig weitet, da ſteht dann wohl auch ein einſames Häuschen, eine kleine Wirthſchaft, auf deren Kegelbahn ſtämmige Holzknechte und kräftige Jägerburſche ihre Geſchicklichkeit erproben. Ein Rechen iſt wohl auch in der Nähe, der, quer über das ſchäu⸗ 103 mende Waſſer gelegt, das Schwemmholz auffängt, das die Schwarzau aus den Bergen herabbringt und hin⸗ ausflößt in die Ebene. Da überſetzt dann zumeiſt der ſchmale Weg, verdrängt von dem einen Ufer zum an⸗ dern hinüber, den Fluß, denn nicht überall iſt aus⸗ reichend Raum für beide, und ſie müſſen eben ſehen, wie ſie an einander vorüber kommen. Die Schlucht reicht ſtundenweit hinein ins Ge⸗ birge und heißt ihrer feſſelnden Wildheit wegen das „Höllenthal“. An der Mündung des ſüdlich quer ein⸗ geſchnittenen Naßthals, wo auch die Schlucht wieder breiter wird und den charakteriſtiſchen Namen verliert, liegt ein vielbeſuchtes Wirthshaus— die„Singerin“ genannt. Es iſt Ziel⸗ und Kehrpunkt der meiſten Aus⸗ flüge ins Höllenthal; auch Frau von Thürnau, die mit ihren Mädchen und den beiden Herren einen wun⸗ dervollen Morgen zu dieſer Partiegewählt, hatte nach vierſtündigem Marſche hier Halt gemacht. Nach der Mittagraſt ſollte der nachbeſtellte Wagen die kleine Geſellſchaft dann wieder zurückbringen. Veröczy war in den letzten Wochen ein häufiger Gaſt im Thalhofe geweſen und damit indirekt vielleicht Urſache der Verlängerung, welche der Aufenthalt des noch immer zu keiner Entſcheidung gekommenen Bräu⸗ tigams in spe wider den urſprünglichen Plan erfuhr. Der Bedauernswerthe, nicht in der Lage, das Ent⸗ flammen zweier Herzen zu verhindern und ebenſowenig in der Lage, beide beglücken zu können, pendelte mehr als je in der Ungewißheit, auf welcher Seite er gründ⸗ lich geliebt— angebetet werde. Er war nicht einmal mehr eiferſüchtig auf ſeinen Nebenbuhler, der ihm nach ſeiner Ueberzeugung nur zur Folie diente. Er ließ es ruhig geſchehen, daß Veröczy ſich immer mehr und in auffallender Weiſe an Emmy anſchloß. Ein unerklärlicher Zwieſpalt offenbarte ſich in dem Mädchen, vor dem es ſelbſt erſchrak. Waren auch keine Aeußerungen mehr gefallen, wie damals, wo Emmy für ihre Couſine geradezu geworben, ſo hatte Veröczy doch wiederholt die Gelegenheit geſucht, ſeine Gedanken mit Emmy auszutauſchen. Sie ließ ſich denn immer mehr unter ſeinem Einfluſſe gehen und horchte ihm aufmerkſam zu. Es gefiel ihr, wenn er aufrichtig und ernſt ſprach— es that ihr faſt körperlich wohl— ſie nahm Theil an ſeinen Erlebniſſen, fand ſich in ſeine Anſichten, ihr war, als müſſe ſie ſelbſt ſeine Ueberzeugung theilen. Das blieb ſo, ſo lange er an ihrer Seite verweilte. Doch kaum hatte er ſie ver— laſſen, da trat wieder jenes unbegründete und doch ſo lebhafte Widerſtreben ein, das ſie ſchon von allem An⸗ fang an gegen ihn empfunden hatte, ſie litt unter der 105 Nachwirkung ſeines Einfluſſes und noch mehr unter dem Bewußtſein ſeiner Neigung, die ſie ſich nicht mehr verhehlen und wenn es ihr Leben gekoſtet hätte, auch nicht erwidern konnte. Am ſchmerzlichſten aber empfand ſie, daß Hen⸗ riette ihr, ſobald ſie allein waren, ſtets bittere Vor⸗ würfe über die Art machte, in der ſie ſich die Auf⸗ merkſamkeiten des Barons gefallen laſſe und die vor⸗ gebliche Abneigung mit dem Lächeln wachſender Ver⸗ achtung für Liſt und Verſtellung hielt. Henriette ſelbſt wurde von Tag zu Tag ernſter, ſie liebte den Baron und konnte ſich— verwöhnt wie ſie war— nur ſchwer enthalten, irgend eine Unzukömmlichkeit zu begehen. Da half freilich die Anweſenheit ihres halben Verehrers glücklicherweiſe nach. An ihm konnte ſie wenigſtens ihre tauſend Launen auslaſſen, die mit jeder Minute wechſelten, und der Glückliche fing bald an, ſich für den Gegenſtand einer geheimen aber unbeſiegbaren Lei⸗ denſchaft zu halten, die Henriette zu ihm und ſeinen außerordentlichen Cigenſchaften dämoniſch hinriß, und ſich nur in ſo ſeltſamen Sprüngen äußerte, bis er ſich herabließ, den Sturm mit einer Erklärung zu beſchwich⸗ tigen. Aber er gefiel ſich unendlich in dieſer behag⸗ lichen Lage und übereilte ſich nicht mit dem Schluß⸗ und Beglückungsworte. 106 Arme Henriette, ſie hatte keine Ahnung von der Mißdeutung, welche ihr Benehmen erfuhr, ſie fühlte das erſte, ernſthafte Weh in ihrem glückgewiegten Le⸗ ben und floh Veröczy in dem Maße, als Emmy ſich dieſem während ihres Beiſammenſeins anſchloß. Wäh⸗ rend Henriette ihre Couſine der Falſchheit zieh, konnte ſich Frau von Thürnau das widerſpruchsvolle Weſen ihrer Tochter nicht anders erklären, als daß ſie es einer geſteigerten mädchenhaften Schüchternheit zuſchrieb, die ſich des Geſtändniſſes auch vor ſich ſelber ſchämte. Die alte Frau ſah wohl deutlich das Verhältniß zwi⸗ ſchen Veröczy und Emmy wachſen und hatte auch nichts dagegen. Sie war ja arm, nach ihrem Tode blieb dem Kinde faſt nichts und die Partie convenirte um ſo mehr, als ſie Emmy nicht für ſchön hielt und nie auf Albert Müller gezählt hatte, da ihr deſſen Ver⸗ bindung mit Henrietten eine ausgemachte Sache war. Bot der Freier auch kein glänzendes Loos, was that'’s? — das arme kränkliche Soldatenkind hatte doch nie ein ſolches zu erwarten, und wahre innige Liebe, wie ſie Veröczy in tauſenderlei nur dem achtſamen Frauen⸗ auge bemerkbaren zarten Kleinigkeiten zeigte, bettete das rückſichtsvoller Sorgfalt bedürftige Mädchen wohl wärmer als der im Luxus darbende Reichthum. Sie ließ die Dinge gehen und hütete ſich wohl, 107 durch eine Frage, ein förderndes Wort oder ein unzei⸗ tiges Dazwiſchendrängen die Entwicklung zu ſtören. Auch jetzt nach Tiſch that ſie ſich und ihren Jahren keinen Zwang an, ohne Sorge war ſie in der Sopha⸗ ecke eingenickt. Die jungen Paare ſchlenderten indeſſen ins Freie und hatten ſich bald aus den Augen verloren, da Hen⸗ riette in eiferſüchtiger Selbſtquälerei alle Schmerzen auskoſten zu wollen ſchien und in erkünſtelt toller Laune immer tiefer in den Wald hineinflatterte. Sie pflückte ſich einen Strauß, und Albert, den ſie mit ſich zog, mußte ſich ein beſonderes Vergnügen daraus ma⸗ chen, an den gefährlichſten Uferſtellen zum Flußbette hinabzuklettern, um ſeiner Gebieterin die grotesk rieſi⸗ gen Blätter des Schneckenbarts heraufzuholen, die ſich dann wie ein weiter Schleppmantel um das kleine Bouquet falteten, oder er mußte die ſteilſten Abhänge hinanklimmen, ein unſcheinbares überflüſſiges Blau⸗ glöckchen zu pflücken, wobei ſeine gewählte Toilette nicht ohne Schaden zu leiden davonkam. Welch' größe⸗ res Opfer vermochte das lebende illuminirte Mode⸗ kupfer wohl zu bringen! Veröczy hatte indeß ein lauſchiges Plätzchen ge⸗ funden, und nachdem er für Emmy ſeinen Plaid auf den Boden gebreitet, ſich mit ihr unter einer uralten Buche niedergelaſſen. Kein Strahl der Sonne drang durch die dichte Laubkrone. Es war ſüß und ſtille da, nur hin und wieder ließ ſich der Schrei eines Geiers oder das Zwitſchern eines Vögleins, das zwi⸗ ſchen den Aeſten niſtete, vernehmen. Ein leiſer Luft⸗ hauch kühlte wohlig die von der Anſtrengung des We⸗ ges, von Sonnenbrand, der Mahlzeit und wohl auch von manchen aufgejagten Gedanken glühenden Stirnen. Emmy fühlte ſich wie von einem entnervenden Ele⸗ mente umfangen, ſie beſaß nicht einmal die Kraft, ihre Hände zurückzuziehen, als Veröczy ſie mit ſanftem Drucke faßte. Wie wenn ihre Adern geöffnet wären und das Blut langſam aus denſelben rieſelte, empfand ſie die ſteigende Ermattung und der Laut ſeiner Stimme verklang in immer weiterer Ferne, es waren keine Worte, die ſie hörte, ſondern die leiſe ausſchwingenden Klänge einer Glocke. Und doch ſprach Veröczy lebhaft und angeregt, der Moment führte ihn weiter, als er vielleicht beab⸗ ſichtigt hatte. Eine Andeutung, die Emmy entfallen war und wie ſchon einmal auf Henriette hinwies, gab ihm Anlaß, ſich über dieſe, ſowie über Alles zu äußern, was ihm am Herzen lag. Henriette war ihm nur die Wolke, die im Farbenſpiel des heraufſteigenden Mor⸗ gens das Auge ergötzen mochte, das aber in der Helle 109 des Tages zu ungreifbarem Nebel zerflattert oder als griesgrämiger Regen zur Erde fällt— eine gar un⸗ ſchöne Realität, zu der ſich die anſcheinend ſo liebliche Poeſie entwickeln dürfte. „Was bietet das Kind, mag es auch ſchön ſein wie die Sonne, wäre es auch ſo gebildet und gut als heiter und beweglich?“... fuhr er mit ſeiner tiefen melodiſchen Stimme, die über Emmy ſo beſtrickende Macht hatte, fort...„Wo iſt in ihm die Garantie für dauerndes Glück? Was iſt die Liebe bei ihm An⸗ deres als ein Spiel verletzter Phantaſie! Es heirathet, um ſeine Launen zu befriedigen, aus dem Hauſe, aus unangenehmen Verhältniſſen fortzukommen, ſeine Ge⸗ ſpielen zu überflügeln, um zu genießen— um mit einem Worte Frau zu werden. Sind Ihnen ſolch' traurige Beiſpiele nie begegnet? Einige Zeit mag wohl die junge Che glücklich ſcheinen, bis ſich die Frau, die Anderes in ihrem Manne erwartete, getäuſcht, gelang⸗ weilt fühlt, bis die Scenen vorbei ſind, mit denen ſie ſich gegen das gleichmäßig ruhig herzliche Alltagsge⸗ fühl wehrt, in dem ſie die Aufregung vermißt und das Glück nicht finden will, bis ſie erſt die Vergnügungen der Welt, denen ſie noch ferne geſtanden, verkoſtet und ſolchen Gefallen an ihnen gefunden hat, daß ſie ſich ohne Beſinnen kopfüber in das Meer von Luſtbarkeiten 410 ſtürzt, aus denen ſich der Mann vielleicht in den Hafen der Ehe zu retten gedacht. Tritt ihr nur gar eine neue Erſcheinung entge⸗ gen, die ſie zu feſſeln weiß und gewiſſenlos genug iſt, die ihm entgegengebrachte Herrſchaft zu mißbrauchen, ſo folgt ſie ihm, und ihr Gatte wird um ſo unglück⸗ licher, je mehr er ſie geliebt und je mehr er in ihr und durch ſie die Verwirklichung ſeines Ideals von Glück gehofft hat. O nein, nein...“ ging er vom Allge⸗ meinen auf den Einzelfall über...„Das iſt's nicht, was mir ein treuer Freundesrath zuweiſen darf. So können Sie meine Worte nicht mißverſtanden haben.“ Emmy hatte den Kopf etwas zurück und an den Baum gelehnt, ihre Lider hatten ſich geſenkt, aber ſie ſprach nicht, ſie ſeufzte nur tief auf und athmete ſchwer. Wärmer, faſt mit Heftigkeit in der gedämpften Stimme fuhr Veröczy fort: „Wiſſen Sie es denn, Emmy, ich verlange nach Glück, ich brauche es ſo nöthig, wie die Luft, ohne die ich meinen letzten Athemzug thun müßte! Ich habe in der Zukunft meines Vaterlandes Kraft und Troſt ge⸗ ſucht, und habe gewartet von Jahr zu Jahr, und mit jedem ſchwand ein Stück vom Leben und damit auch der Zweck des Lebens. Ich brauche Glück, um ihn wiederzufinden, ich lechze nach Glück, nur nach einem 111 Tropfen; o ich ſuche es jetzt nicht mehr in der Größe, der Macht, nicht Chrgeiz, nicht befriedigte Rachſucht vermöchten mir's zu gewähren, nur allein, allein will ich nicht mehr ſein, und Sie— Sie zeigen mir ein ſolches Kind! Wo iſt da Glück zu hoffen, wo?— Man liebt ein Kind, wie man die Blume liebt, nicht mit Herz und Geiſt, das Herz und den Geiſt des rei⸗ fen, fühlenden, denkenden Weibes. Und ſo muß man lieben, und ſo muß man wiedergeliebt ſein. Nur das Herz, das den Maßſtab hat, weiß, wann es uner⸗ meßlich liebt. Nur wer ſchon einmal mit überreizter Phantaſie ein Bild mit ſich herumgetragen und daran alle falſchen Juwelen verſchwendet, welche die Jugend für ihren Reichthum hält und ungezählt vergeudet, ohne doch ihren wahrhaften, tiefer gebetteten, gediege⸗ nen Schatz zu ſchmälern, nur Der fühlt, was nun an⸗ ders iſt, wenn er mit ganzer hingenommener Seele an einer anderen Menſchenſeele hängt, von der ſie nichts zu trennen vermag— auch nicht der Tod!“ „Auch nicht der Tod!“... klang's wie ein fernes fernes Echo. Die Lippen, über die es kam, bewegten ſich faſt nicht. Veröczy horchte ſeltſam berührt darauf, war's ein Geſtändniß? Ehe er ſich der Bedeutung der Worte noch recht zu freuen wagte, öffneten ſich die Lippen 412 wieder, indeß die Augen wie müde und lichtſcheu ge⸗ ſchloſſen blieben. Leiſe, kaum verſtändlich und abge⸗ brochen flüſterte Emmy:„Einmal hab' auch ich geliebt.“ Und nun brach es aus des Lauſchenden übervoller Bruſt. „Ich wußt' es, ich wußt' es ja!“... rief er, indem er ſich lebhaft erhob...„Ich habe es geleſen in dieſem herrlichen Auge, das ſich mir jetzt ſo ſchüch⸗ tern verſchleiert. Da ſieht eine Welt von Fühlen und Leiden heraus für den, der ihre Sprache zu entziffern vermag. Geliebt haben Sie, geliebt und gelitten, die bittere Enttäuſchung hat den wahren Zug des Ernſtes um Ihren Mund gebannt. Sie haben geliebt.— Sie haben, und nun iſt es vorbei! Und ſo ſind Sie mir denn noch um viel tauſendmal lieber, weil Sie es ſel— ber ſagen, und ſo habe ich mir's ja auch gedacht; Sie mußten es ſagen— Sie mußten meine ſtumme Frage beantworten. Wer zwang Sie dazu?“ „Ihr Wille“.. hauchte es von Emmy's Lippen. „Nein, Emmy, Ihr Herz!“... widerſprach der mühſam unterdrückte Jubel, der Veröczy die Bruſt zer⸗ ſprengen wollte...„Das war der erſte, der unum⸗ ſtößliche Beweis jener erhabenen Freundſchaft, die Alles überdauert und aus der allein die wahre Liebe erblühen kann. Müde und ſchmerzlich berührt von der ganzen 113 Welt außer ihnen, ſinken ſich zwei Menſchen, die allein noch übrig geblieben für einander, in die Arme und halten ſich umſchlungen für immer und immer! Sie haben ihr Leben und ihr Glück wiedergefunden und können es nun nimmer verlieren, denn ſie gehören ja einander bis an das Ende der Zeiten! Nicht wahr, ſo iſt es Emmy?“ Veröczy hatte das in Ekſtaſe geſprochen und doch ſo unendlich weich, aus vollem großen Herzen. Zwei Thränen hingen ihm an den Wimpern. Er hatte von Neuem die Hände des Mädchens gefaßt, das ſich ganz an den Baum zurücklehnte und deſſen Antlitz von einer wunderbaren, faſt überirdiſchen Schönheit verklärt war. Immer aber blieben die Augen geſchloſſen, wie vom Glanze des Glücks und der Freude geblendet, und ſanft flüſterten die Lippen: „O ja, o ja!— Mir iſt unendlich wohl!“ „Sind's meine Worte, Emmy“... drängte Ve⸗ röczy...„die Ihnen wohl thun?“ „Ja“... kam's leiſe abgebrochen hervor...„ja! Aber auch Ihr Gefühl— Ihr Wohlwollen.“ „O, ſagen Sie mir, daß Sie es theilen!“ „Sie wiſſen ohnedem, daß ich es thue.“ „Und Du wirſt mein Weib werden, Emmy?“ „Ich werde es.“ Byr, Quatuor, I. 8 4 114 Ein Jubelruf des Entzückens, der an den Bergen wiederhallte, entrang ſich der Bruſt des Glücklichen. Veröczy umſchlang ſeine Braut, indem er zu ihr nie⸗ derkniete, und drückte einen langen, innigen Kuß auf ihre reine Stirne. Unter einem tiefen Athemzug hob ſich ihr Buſen, ihre Hände zuckten einen Moment und fielen dann müde in den Schooß. Wie der Kelch einer vom heißen Südwind verſengten Blume ſank auch das Köpfchen ihr tief auf die Bruſt. „Hup, hup!“... ſchallte es von den gebrochenen Wänden verſchlagen herüber. Albert Müller, der Ve⸗ röczy's Jubel für einen Anruf gehalten, wie er in den Bergen üblich iſt, hatte ſich beeilt, dienſtfertig Antwort zu geben. „Mein Fräulein,“... wandte er ſich dann an ſeine Begleiterin...„laſſen Sie uns die Richtung einſchlagen, aus welcher der Ton kam, es ſcheint, daß ſich die Beiden verirrt haben und nicht zu uns finden können.“ „Oder wollen!“... ergänzte Henriette mit Schärfe, und dann folgte ſie raſch; es trieb ſie die Unruhe zu denen, aus deren Nähe ſie Unmuth und Eiferſucht kaum erſt verjagt hatte. Bald wollte ſie fliehen und ſich den Stachel in die eigene Bruſt drücken, bald wieder ſich eindrängen und zürnend 115 fremdes Glück ſtören, das ihr wie ein tückiſcher, an ihr ſelbſt begangener Raub erſchien. So ſchwankte ſie, ein Spiel ihrer ebbenden und flutenden Gefühle. Zuletzt hatte der ſie begleitende und an einen blaſirten Schlendergang gewöhnte Lebemann Mühe, mit ihr gleichen Schritt zu halten. Sie fanden Emmy noch immer in derſelben Stel⸗ lung an den Baum gelehnt ſitzen, die ſie während der ganzen vorhergegangenen Unterredung mit Veröczy bei⸗ behalten hatte, und dieſen eifrig bemüht, ihr das im nahen Bache angefeuchtete Tuch an die Schläfe zu drücken. „Ich weiß nicht, was geſchehen iſt“,... antwor⸗ tete er mit beſorgter Miene auf Henriettens Frage... „Sie ſaß hier und ſprach ſoeben noch, es muß ſie eine plötzliche Ohnmacht überkommen haben.“ „Schreck oder Freude— oder vielleicht beides zu⸗ gleich?!“... warf Henriette bitter hin, in dem Zlick, mit dem ſie flüchtig Veröczy ſtreifte, lag aber nur eine Frage, ein Vorwurf, Schmerz und Groll, und nichts vom Hohne der Stimme. Sie war ſofort an Emmy's Seite niedergekniet und ſuchte dieſelbe zur Beſinnung zu bringen, während ihr athemloſer Begleiter einmal um das andere die Bäume, die Vögel, die Felſen und den Himmel fragte, was da zu machen ſei, und end⸗ 8* — 4 —₰ 116 lich auf die Idee gerieth, ſein parfümirtes Taſchentuch anzubieten. „Es iſt echter Mang⸗Mlang“.. verfehlte er nicht zu bemerken. Niemand hörte auf ihn. „Emmy, wachen Sie auf!“... bat jetzt Veröczy und ſein Mund war ihr ſo nahe, daß ſein Athem wi, ein kühler Luftzug über ihre Augen hinſtrich. Und wunderbar, wie wenn ſie nur leicht geſchlummert hätte, hoben ſich ſchnell ihre Wimpern auf die Mahnunge Klar und ruhig ſah ſie Veröczy, dann Henriette und Herrn Müller an und fragte hierauf mit leichtem Lä⸗ cheln, was es denn gäbe. „Habe ich geſchlafen?“... forſchte ſie weiter.. „Mich drückte das Gewitter ſo ſehr— es lag mir ſchwer auf der Stirne. Es muß ſogleich losbrechen.“ „Geſchlafen?“... wiederholte Veröczy halblaut und ſeine Verwunderung ſtieg, als er gleich den An dern zum Himmel aufſah und denſelben in der That ſchwarz und drohend umzogen erblickte. Niemand als die in Ohnmacht oder Schlaf Gelegene hatte bemerkt, wie raſch die Wolken ſich von Berggipfel zu Berggipfel geſpannt hatten, gleich einem tiefſchattenden Sonnen⸗ zelt. Es war doch ſonderbar! Die kleine Geſellſchaft beeilte ſich nun, nuter Dach 117 zu kommen, ſie eilten nach dem Wirthshauſe zurück. Schon fielen die erſten ſchweren Tropfen. Henriette ſcherzte wie im munterſten Uebermuth. Sie bot ihrem Kavalier, der das Naßwerden ſehr ängſtlich zu ſcheuen ſchien, das große halbwelke Blatt des Schneckenbarts. „Damit Sie nicht zergehen, Albert“,... ſpottete ſie...„Es wäre Schade um das viele Zuckerwaſſer mit Mang⸗Mang. Konſerviren wir's auf beſſere Ge⸗ legenheit.“ „Warum geben Sie mir nicht lieber die Blumen?“ ... fragte der Geneckte, dem der plötzlich aus dem Seitenthal hereinheulende Wind die glattgebürſtete Fri⸗ ſur häßlich zerzauſte. „Die gehören dem Sturm, meinem Bräutigam“, ... lachte Henriette, und es klang unheimlich und ſah wild aus, wie ſie den Strauß, deſſen Zuſammenbrin⸗ gen dem eleganten Jünglinge ſo viele Mühe gekoſtet hatte, in die Luft ſtreute und zerflattern ließ. Dann ſchlang ſie ihren Arm in den ihrer Couſine und zog dieſe eilig mit ſich fort. Ein Kobold, der ein Men⸗ ſchenkind entführt. Veröczy hatte aber doch Zeit gehabt, Emmy noch ein paar Worte zuzuflüſtern. „Ich gehe jetzt fort, Emmy, und will Alles ord⸗ nen. Noch habe ich Hoffnung, einen Theil meines Vermögens zurück zu erhalten. Wenn Alles in's Reine gebracht iſt, komme ich wieder und mahne Sie an Ihr Wort. Wie lange es währt, bis ich wiederkomme, ich weiß es nicht, aber gäbe Gott— es wäre bald!“ Ob ſie ihn wohl verſtanden hatte? Der brauſende Sturm, das raſche Vorwärtsſchreiten, Henriettens Ein⸗ drängen machte jede weitere Erklärung unmöglich. Frau von Thürnau, von ihrem Schläfchen er⸗ wacht, hatte die Außenbleibenden mit Angſt erwartet. Zum Glück hielt das Gewitter nicht lange an. Wäh⸗ rend die Geſellſchaft nach dem Thalhofe zurückfuhr, theilte Veröczy ſeinen Entſchluß mit, nach Ungarn zu reiſen, wohin ihn dringende Geſchäfte riefen, er fürchte, vielleicht ſo lange aufgehalten zu werden, daß er ſie nicht mehr hier in den Bergen träfe, hoffe ſie aber nach der Heimkehr in Wien aufſuchen zu dürfen, wozu er ſich in einer beinahe feierlichen Weiſe die Erlaubniß von der Generalin erbat, die ſie ihm auch ertheilte. Wäre die Mittheilung minder überraſchend und nicht ſo mitten in ein unaufgeklärtes Verhältniß gekommen, ſo hätte die Rührung vielleicht die gute Frau über⸗ mannt, ſo aber nagte es an ihr, daß man ſich nicht ausgeſprochen hatte, und doch empfand ſie zu viel Scheu vor dem ernſten, willenskräftigen Weſen des Mannes, den ſie ſich im Stillen ſchon als ihren Schwie⸗ 119 gerſohn zu betrachten gewöhnt hatte, um dieſes ge⸗ wünſchte Ausſprechen auch nur leiſe anzuregen. Veröczy's Abſchied war kurz. Er reichte Jedem die Hand und nur Emmy flüſterte er dabei noch ein leiſes„Bald!“ zu, wobei ſich ſein Auge noch einmal tief und innig in das ihre ſenkte. Alle waren ſtumm geblieben. Henriette allein zeigte eine fieberhafte Mun⸗ terkeit. Lärmendes Scherzen und Lachen ſprudelte von ihren Lippen, als habe ſie Urſache, im höchſten Grade vergnügt zu ſein. Als aber beide Mädchen auf ihrem Zimmer waren, ſank Emmy auf einen Stuhl, Henriette auf das Sopha, und Beide brachen, wie auf ein Zei⸗ chen, in Thränen aus. „O, Du Falſche!“... rief Henriette bitter mitten im Schluchzen...„Siehſt Du nun, wie Du Dich verſtellt haſt, nun weinſt auch Du, weil er gegan⸗ gen iſt!“ „Nicht darum, ſondern weil ſeine Anweſenheit ſo ſchwer auf mir laſtete. Sein Fortbleiben iſt mir eine Erleichterung.“ „Und Du haſt es vielleicht ſogar veranlaßt!“... brauste Henriette auf...„Nun will ich auch nicht länger mehr hier bleiben, der Thalhof iſt öde wie ein Friedhof, und wenn ich bleibe, ſo legt man mich in's Grab. Warum haſt Du ihn verjagt? Was iſt zwiſchen 4 Euch vorgefallen, daß Du in Ohnmacht fielſt und daß er nun ſo plötzlich abreiſte?“ „Nichts“,... ſagte Emmy ruhig, indem ſie ihre Thränen trocknete...„Gar nichts! Ich war auch nicht ohnmächtig, ich ſchlief nur.“ „Und Du behaupteſt, nichts ſei vorgefallen?“ „Nichts, bei meiner Ehre! Ich weiß von nichts.“ „Und Du ſchliefſt?“... lachte Henriette höhniſch auf...„Das glaube Dir, wer mag!“ „Doch iſt's ſo!“.. betheuerte Emmy..„Ich ſchlief, bis er mir aufzuwachen befahl, und da mußte ich gehorchen. Und ſo muß ich immer gehorchen, wenn er will, und das thut mir weh und ängſtigt mich, und dafür könnt' ich ihn haſſen.“ „Du erzählſt mir Märchen, aber ich bin kein Kind mehr!“ „O, wenn Du mir doch glauben wollteſt! Was hätte ich für einen Grund, Dich zu täuſchen?“.. ſuchte Emmy die Couſine zu übeczeugen, an die ſie ſich treuen Sinnes ſchmiegte...„Wenn Du wüßteſt, was ich leide! Ich fühle es, wenn er kommt und wenn er geht, es zuckt mir ſchmerzlich in den Nerven, ſieht er mich an, ſiedend heiß oder eiskalt rinnt es mir durch die Adern, wenn er meine Hand nimmt, und doch muß ich ſie ihm laſſen. Ich muß an ihn denken 421 im Wachen und im Träumen, und frage Gott, was dem Manne dieſe Macht gegeben über mich!“ „Närrchen!“... fiel Henriette mit wehmüthigem Scherz ein...„als ob's mir nicht gerade ſo erginge, ich finde darin nichts Uebernatürliches, ich liebe ihn eben.“ „Ich aber liebe ihn nicht“... rief Emmy mit dem Ernſt, als ob ſie einen Schwur ablege...„nein, nein! Ich fürchte ihn!“ Die Verſicherung klang ſo wahr und Henriette glaubte ſo gerne. Sie war ruhiger geworden, um⸗ ſchlang Emmy, theilnehmend, neugierig, tröſtend und Troſt bedürftig, und Beide ſprachen lange in die Nacht hinein. Herr Albert Müller aber fand es nachgerade doch ſehr langweilig im Thalhofe, denn die Damen blieben verſchwunden, und er war beim Souper ganz allein, ſo allein, wie er es in der Reſidenz niemals nöthig hatte, und das verbitterte ihm ſogar das geheime Ver⸗ gnügen an dem— wie er meinte— ſchmählichen Rück⸗ zug ſeines geſchlagenen Nebenbuhlers.— Achtes Kapitel. Monate waren vergangen. Ein dichter naßkalter Herbſtnebel verhüllte den anmuthigen Hügelzug, der mit ſeinen maleriſchen Ruinen und Pavillons, mit ſeinen kleinen Felsgruppen und ſchattigen Waldpar⸗ tieen den hübſchen Ort Mödling zu einem der belieb⸗ teſten Sommerfriſchen in der nächſten Umgebung Wiens macht. Nun hatten ſich die Gäſte wohl ſchon alle in die Stadt zurückgezogen, nur einzelne mochten der früh eingetretenen böſen Jahreszeit trotzen und verblieben noch auf ihren reizenden Landſitzen in der Brühl, jenem lieblichen Seitenthal, das ſich in den Wienerwald einſenkt und in überraſchenden Windungen ſtundenweit in die ſanft anſteigenden Berge hineinführt. Auch Müller ſenior beſaß dort eine hübſche und gar freundlich gelegene Villa. In der Regel wurde 123 ſie aber nur im Hochſommer bewohnt und diente eigent⸗ lich mehr als ein flüchtig beſuchtes Abſteigequartier; nun aber war Herr Albert, der hoffnungsvolle Sproß des Banquiers, ſchon ſeit einer Woche täglich heraus⸗ gekommen, um ſtundenlang da zu verweilen, und jeden Täg erſchienen wieder andere Leute mit ihm, Tape⸗ zierer, Möbelhändler, Vergolder, Ofenſetzer und der⸗ gleichen koſtſpielige Begleiter, die für das Landhaus eine vollſtändige Umwandlung und Ausrüſtung für etwas wie eine Wintercampagne bedeuteten. Auch jetzt ſaß Albert Müller im Wartezimmer des Bahnhofs an der Seite eines ſolchen Organes, das bis zum ſinkenden Abend die Offenbarungen ſeines Geſchmackes entgegengenommen, wohl auch hin und wieder rektificirt hatte und nun noch immer beſchäftigt war, einzelne Eingebungen nachträglich in das Notiz⸗ buch zu fixiren. Wie ſchade, wenn eine davon in Vergeſſenheit gerathen wäre, es ſollte ja ganz und gar Albert's eigene Schöpfung ſein, mit der er ſeine Braut überraſchen wollte, wenn er ſie— welch' ori⸗ gineller Gedanke!— ſtatt auf die Hochzeitsreiſe, zu einem kurzen Winteraufenthalt auf's Land führte, wie ein ſtolzer Magnat auf ſeine feudale Burg. Wer weiß, ob dieſe Erinnerung nicht beſonders mitbeſtimmend in ſeine Pläne eingriff, dieſe ſelbſtbe⸗ 124 wußt den Vergleich herausforderten mit dem, was etwa der beſiegte Mitbewerber zu bieten vermochte! Und Herr Albert Müller hatte alle Urſache, zu⸗ frieden auf ſeine Erfolge zu blicken. Der Gegner war endgültig geſchlagen, das Glück hatte ſeinem Günſt⸗ linge Wort gehalten und dieſer führte die Braut heim und die Braut hieß ſchließlich doch Emmy und nicht Henriette. Ja, das war überraſchend genug gekommen und einigermaßen ſelbſt für die dabei am meiſten Bethei⸗ ligten. Nach Veröczy's Abreiſe vom Thalhofe hatte Albert Müller den leergewordenen Platz an Emmy's Seite eingenommen, und ſo wenig auch ſein Geſchwätze be⸗ achtet wurde, hatte ihn das doch nicht verhindert, immer offener mit ſeinen Abſichten auf des Mädchens Hand herauszurücken. Sein Anſchließen an Emmy war um ſo natürlicher, als Henriette, ſeit Veröczy fort und der Thalhof für ſie verödet war, in ihrem ganzen Weſen, faſt auch im Charakter verändert er⸗ ſchien, ernſt oder doch mißlaunig und einſilbig wurde, während im Gegentheile Emmy, von Tag zu Tag freier aufathmend, ſich munterer und umgänglicher zeigte. Aber auch von ihr wurde auf Albert nicht jene 125 Rückſicht genommen, deren er ſich werth wußte, er er⸗ hielt nur kurze, ablehnende, zum mindeſten ausweichende Antworten, was ihm endlich auffiel, daß er es ſeiner Würde ſchuldig zu ſein glaubte, den Beleidigten ſpielen zu müſſen, und eines Tages abreiſte. Kaum daß dieſes Ereigniß beachtet wurde. Die beiden Mädchen hatten anfänglich noch oft von Veröczy geſprochen, hauptſächlich hatte Henriette die Rede ſtets auf ihn gebracht; je ſtärker aber ihre Couſine Abnei⸗ gung und Furcht ausſprach, deſto wortkarger und zurückhaltender wurde auch ſie ſelbſt und zuletzt war von ihm gar nicht mehr die Rede, ſo wenig als von dem andern der beiden Freier. Henriette machte kein Hehl, daß ihr der Thalhof auf's Gründlichſte verleidet war. Sie ſchrieb ihrem Vater und dieſer mußte wohl oder übel ihrem Wunſche willfahren und ſie nach Hauſe kommen laſſen. Der Aufenthalt in den herrlichen Bergen hatte auf Emmy's Geſundheit den allererfreulichſten Einfluß ausgeübt, ſie hob ſich neugekräftigt wie eine vom Thau befeuchtete Blume, ſo zart und empfindlich ihr Nerven⸗ leben immer bleiben mochte, und mit dieſen Wirkungen ſehr zufrieden, voll Hoffnung auf eine beſſere Zukunft für ihr kränkelndes Kind, kehrte auch Frau von Thür⸗ nau Ende September nach Wien zurück. 126 Hatte nun Albert Müller ſeinen Groll gutmüthig ſchon wieder vergeſſen, oder beſaß er mehr Charakter⸗ feſtigkeit, als ihm zugetraut wurde, kurz er nahm die erſte Gelegenheit wahr, Emmy ſeine Huldigung darzu⸗ bringen, und that das in wirklich einfacher und ge⸗ winnender Weiſe, ſo daß das Wiederſehen ſich gemüth⸗ licher geſtaltete als der etwas kurze Abſchied. Das mußte der ſelbſtgefällige Jüngling für eine Ermuthigung genommen haben, er ſetzte ſeine Bewerbungen wieder auf's Eifrigſte fort, wiewohl er von Emmy nicht die geringſte Aufmunterung erhielt. So vergingen Wochen, ohne daß er ſeinem Ziele namhaft näher gerückt wäre, da trat ein Ereigniß ein, das einen gänzlichen Wechſel in der Lage der Dinge hervorbrachte. Ein Brief an Emmy war angekommen. Er ent⸗ hielt ein Lebenszeichen von Veröczy, der ſchon wie verſchollen geweſen war. Die Mutter befand ſich nicht zu Hauſe, als der Poſtbote kam, und eine Ahnung ſagte der Empfängerin, ehe ſie noch den Brief geöffnet hatte, von wem er un⸗ erwünſchte Nachricht bringe. Mit unangenehmen Ge⸗ fühlen erbrach ſie das Schreiben, aber der Inhalt war ſo befremdend, ſo unerhört verletzend für ſie, daß jene erſten Empfindungen ſich alsbald auf's Ueberwältigendſte arzu⸗ d ge⸗ nith⸗ Das gung vieder t die dige ent⸗ wie der erin, un⸗ Ge⸗ war jene endſte 127 ſteigerten und doch waren es nur wenige und freund⸗ liche Worte, die eine kräftige Männerhand in ſicht⸗ licher Eile auf's Papier geworfen. „Theure Emmy!“ ſo las das überraſchte Auge, ſich ſelbſt nicht trauend, wiederholt.„Endlich, endlich! O, wie lange ſind mir die Wochen, die Monate ge⸗ worden, aber der Bittende muß ſich mit Geduld wapp⸗ nen und die Wege des Bittſtellers gehen lernt, wer mit ſeinem Stolz nicht mehr ſich allein, ſondern auch das Theuerſte trifft, was er auf Erden beſitzt. Ich habe den Nacken gebeugt und meine Angelegenheiten ſind nun geordnet, günſtiger als ich zu hoffen gewagt. Ich empfing zwar meine Güter nicht wieder, doch einen anſehnlichen Theil meines einſtigen Vermögens durch einen Gnadenakt des Königs. Noch weile ich hier in Peſth, wo ich Fürſprache gefunden, ſo bald als möglich kehre ich jedoch zurück und mahne Sie an die Erfüllung Ihrer Zuſage, mir in meine Einöde zu folgen als mein geliebtes Weib. „O, ich will recht zufrieden, recht glücklich ſein! Bald, bald bin ich bei Ihnen, Emmy. Gott behüte Sie! Arpad Veröczy.“ Schreck und Abſcheu faßten das Herz der Leſerin im Krampf und ließen es erſtarren. Der Brief ent⸗ 128 fiel ihr, die Kniee verſagten ihr, ſie ſank nieder und ihre Stirne ſchlug auf die Fenſterbrüſtung. Das alſo war's, was Veröczy gemeint, als er ſagte, er wolle ſeine Angelegenheiten ordnen, als er ihr mit einem unverſtändlichem„Bald!“ die Hand zum Abſchiede bot.— Aber wer hatte ihm denn das Recht dazu gegeben, ſo mit ihr zu ſprechen? An die Erfüllung ihrer Zuſage mahnte er ſie— ihrer Zuſage?! Und wann hätte ſie ihm eine ſolche gegeben? War's eine Lüge— was war's? Und woher nahm er die Kühn⸗ heit, ihr ein ſolches Verſprechen in den Mund zu le⸗ gen? Was hatte ſie dem Manne gethan, daß er ſie verfolgte, ihr ſo weh— ſo unendlich weh that?! Sie wollte nichts wiſſen von ihm; nein, nein! Sie wollte ihn nicht! Sie haßte ihn ja, haßte ihn aus ganzer Seele! Brennend jagten ſich die Gedanken in ihrem ge⸗ marterten Haupt. So blieb ſie lange halb knieend, halb ſitzend am ſelben Flecke, die Thränen rieſelten ihr langſam und ſtille über die Wangen herunter, Thränen, wie ſie die Verzweiflung weint. Tief, trau⸗ zig, lebensverzagt ſchaute ſie vor ſich hin und ſo traf Henriette ſie. In den Augen der Beſuchenden zeigte ſich ſofort lebhafte Beſtürzung, die der Anblick ſolch' ergreifender Troſtloſigkeit wohl hervorzurufen geeignet war. 429 „Um des Himmels willen, was iſt geſchehen?“ ... ſtieß Henriette beſorgt hervor, und auf ein ſtum⸗ mes Zeichen ihrer Couſine hob ſie haſtig den verhäng⸗ nißvollen Brief auf. Emmy ſprach kein Wort, ſie erhob ſich mühſam und lehnte ſich weinend an's Fenſter. „Du haſt mich alſo doch belogen!“... rief Hen⸗ riette todtenbleich, den Brief, den ſie im Nu durch⸗ flogen, heftig zuſammenballend. Und ſie lachte dabei wild auf. Da Emmy nur ſchweigend den Kopf ſchüt⸗ telte, ohne ihre Stellung zu ändern, fuhr ſie leiden⸗ ſchaftlich fort:„Warſt zu feige, mir die Wahrheit offen in's Geſicht zu ſagen, logſt von Abneigung und Haß, und jetzt weinſt Du glückſelige Brautthränen und fühlſt wohl unendlichen Triumph bei der außerordentlichen Ueberraſchung, die Du uns bereitet haſt.“ „Ich habe immer die Wahrheit geſagt!“... fiel ihr Emmy in die mit der Gewalt eines Waſſerfalls ſtrömende Rede. „Willſt Du auch dieſem Briefe gegenüber noch leugnen? Sieh' her! Hier ſteht deutlich ‚Ihre Zuſage“.“ ... Das Blut war der Sprechenden wieder in's Ge⸗ ſicht geſchoſſen, und mit der niederſchmetternden Ge⸗ berde einer verrathenen Bühnenkönigin wies ſie auf den gar nimmer recht zu glättenden Papierknäuel. Byr, Quatuor. I. 9 — ————— 130 Nach der leiſen, aber beſtimmt vorgebrachten Wider⸗ legung ihrer Couſine, dieſelbe habe niemals eine Zu⸗ ſage gemacht, brauſte ſie nun vollends auf...„Du wirſt mir doch nicht glauben machen wollen, daß ein Mann ſo frech ſein könnte, einen ſolchen Brief zu ſchreiben, ohne das Recht dazu zu haben.“ „Und doch iſt's ſo.“ „Und ich ſage nein, es iſt nicht ſo! Ich ſehe jetzt klar genug. Jener Nachmittag bei der Singerin, als wir Dich in Ohnmacht trafen, und ſeine damalige über⸗ eilte Abreiſe erklären Alles!“ Wieder folgte eine Flut von Vorwürfen, auf welche Emmy mit keiner Silber antwortete. Die Mah⸗ nung an jenen Vorfall im Höllenthale traf ſie eigen⸗ thümlich. Wie ein Geſicht durch dichte Schleier däm⸗ merte es vor ihr auf,— man erkennt die Züge nicht, doch erräth man ſie. „Henriette!“... rief ſie nach einer Weile und ihr Antlitz trug einen Ausdruck der Furcht, der bei⸗ nahe momentaner Geiſtesſtörung zu entſpringen ſchien .„Henriette! Du ſagſt, jener Nachmittag? Mein Gott! ich ſchlief damals— gewiß, ich ſchlief! Ich konnte dem Schlaf nicht widerſtehen, es überwältigte mich und es war eine Erſchlaffung, als wenn mir alle Muskeln gelöſt würden. Faſt ſo wie unter Doctor 1341 Schoder's Strichen, und doch wieder ganz anders, viel mächtiger, viel zwingender!— Wenn ich an den unerklärlichen Einfluß denke, den die Gegenwart dieſes Mannes immer auf mich ausgeübt! Wenn es möglich wäre—?“ „Daß Du ihm im Schlafe das Jawort ge⸗ geben?“... fiel Henriette höhniſch lachend ein. „Im magnetiſchen Schlafe, Henriette. Es wäre ſchrecklich, eine ſolche Doppelexiſtenz zu führen!“ „Du eine Somnambüle?— Für dergleichen geben ſich nur die Gehülfinnen der Taſchenſpieler aus.“ Aber Emmy hörte den böſen Spott nicht, ſie mur⸗ melte nur wiederholt für ſich: „Es wäre ſchrecklich!“ „Du ſuchſt Dich jetzt nur herauszuwinden— ich glaube Dir nicht mehr. Hätteſt Du mich wenigſtens in Dein Vertrauen gezogen!“ Darin lag's! Das war das Schlimmſte, denn eher mag die Freundin der Freundin vergeben, ihr eine Eroberung weggekapert zu haben, als ſie ſich über die Entziehung des Geheimniſſes hinausſetzt. Als Ver⸗ traute, da dünkt man ſich faſt ſo wichtig, wie die Liebende ſelbſt, ja wichtiger ſogar, denn was hat man nicht Alles zu denken, zu ſorgen und vorzuſehen für die Andern, welchen Dank verdient man ſich, und da⸗ . 9* — ————ÿ—ͦ—:—-—:—n’——— 132 mit hat ſich ſchon Manche über das eigene Beiſeite— geſetztſein getröſtet. Mit einer ungewürdigten, vielleicht unerkannten Liebe im Herzen ſich dem Wohle des Ge⸗ liebten und der Freundin opfern, ohne daß eine Thräne den Seelenſchmerz verräth, welch' ſüßeres Weh kann's wohl auf Erden geben! Und darum ſah ſich Henriette gebracht. Hatte ſie nicht Grund, auf's Unverſöhnlichſte entrüſtet zu ſein?! „Wenn's ſo wäre? So muß es ſein!“.. grübelte Emmy, um ſich dann mit einem plötzlichen Entſchluſſe aufzuraffen...„Aber nein, nein!“... rief ſie „es iſt nicht möglich! Er kann mich nicht zwingen, ein Verſprechen, von dem ich nichts weiß, zu halten! Er ſoll meine körperliche Schwäche nicht mißbrauchen dürfen! Ich will— ich kann ſeine Frau nicht werden! Ich habe ihn gefürchtet, aber jetzt haſſe ich ihn— o, ich haſſe ihn!“ „Bis ſeine perſönliche Gegenwart dieſen Haß neuerdings in Liebe verwandelt“,... höhnte Hen⸗ riette...„und dann wird doch ganz luſtig gehei⸗ rathet.“ „Nimmermehr! nimmermehr! Ich will nicht, und werde mich ſeiner Macht entziehen!“ Ein Achſelzucken gab Antwort und ſteigerte die augenblickliche Exaltation noch mehr. Ein Zlitz auf⸗ die uf⸗ 133 flammender Willenskraſt ſchoß aus den hartblickenden Augen. Nichts erſchien kränklich oder ſchwächlich an dem Mädchen, als es den Entſchluß ausſprach, den der Moment ihr eingab: „Ich nehme Albert Müller's Antrag an.“ Vergeſſen war Kränknng und Hohn, aber Hen⸗ riettens Mißtrauen kämpfte noch mit einem maßloſen Erſtaunen. „Du willſt Albert heirathen?“... fragte ſie zwei— dreimal hintereinander. 3 „Es bleibt mir kein anderer Ausweg übrig.“ „Liebſt Du ihn denn?“ „Nein, er iſt mir gleichgültig, und er hat ein gutes Herz im Grunde.— Jenen haſſe ich! Er hat ſchlecht an mir gehandelt und ſeine Kraft mißbraucht. Er darf keine Gewalt weiter über mich haben.“ „Räthſelhaft! unerklärlich!“... Noch immer wußte ſich Henriette nicht zu faſſen, doch war ſie un⸗ vergleichlich ruhiger geworden, ſeit Emmy ſich ſo ent⸗ ſchieden geäußert; ſie bat dieſelbe um Verzeihung, und während ſie noch von fünf zu fünf Minuten beſorgt die Frage ſtellte, ob mittlerweile keine Willensänderung eingetreten, beſprach ſie mit allem nur möglichen Eifer den ganzen Plan. Es war, als ſuche ſie ſelbſt eine Rache— eine doppelt ſüße, weil damit dem Befürch⸗ 134 teten vorgebeugt wurde— in dieſem Anſchlag, zu deſſen Durchführung ſie ihr Beſtes verſprach. Und ſie hielt auch Wort. Mit bewunderungs⸗ werther Hingebung nahm ſie ſich der Angelegenheit an, die, nun auf dem beſten Wege, durch ihr Zaudern ſicherlich nicht mehr zur Umkehr kommen ſollte. Das war ja nicht mehr als Freundespflicht gegen die arme Bedrohte, die ihr Vertrauen nicht getäuſcht ſehen ſollte. Schon am nächſten Tage erfuhr Herr Albert Müller ſein Glück aus Henriettens Munde, und ſie ließ ihm gar keine Zeit, ſich deſſelben zu erfreuen oder über die Eile zu ſtaunen, mit der ſie Alles betrieb, und er ſich zu Frau von Thürnau befördert ſah, um dort ſeine offizielle Werbung anzubringen, die auch freundlichſt angenommen wurde. Wohl erſtaunte die alte Frau über das ſchnelle Ja ihrer Tochter, über dieſe niemals wahrgenommene Neigung zu Albert überhaupt, aber auf Veröczy rechnete ſie ſchon lange nicht mehr. Emmy hatte ſie auch in inſtinktiver Scheu vor dem mütter⸗ lichen Zureden über den erhaltenen Brief in Unwiſſen⸗ heit gelaſſen, und genau genommen war Albert Müller, wenn er die Generalin perſönlich auch weniger anzu⸗ ſprechen vermochte, für ihre Tochter doch eigentlich eine außerordentlich ‚ſchöne Partie'. Und welche Mutter könnte da widerſtehen und fände nicht mit erſtaunlichem „ zu 135 Scharfblick an dem kürzlich noch mißachteten Freiers⸗ mann, ſobald er nur erſt ihr angehender Schwieger⸗ ſohn geworden, alsbald die gediegendſten Eigenſchaften heraus, die nur das Ueble an ſich haben, daß ſie nach geſchloſſener Ehe mitunter wieder eben ſo urplötzlich in ihren Augen verſchwinden. So hatte ſich Alles gefügt, und das war Urſache zu Herrn Albert Müller's ungewöhnlicher Thätigkeit. Papa Müller war aber in der erſten Freude über die endlich in Ausſicht ſtehende ‚Konſolidirung' ſeines Söhnchens auch überaus ſplendid geweſen, und hatte die Mittel zur Verwirklichung der hochfliegendſten Bräutigamspläne reichlich gewährt. Kein Wunder, daß ſelbſt die perſonifizirte Nüchternheit Geſchmack daran gewann, Phantaſie zu zeigen. Eben war wieder eine kühne Idee von dem dienſt⸗ fertigen Vollzieher der dekorativen Wünſche— wie die Umſchreibung bei der herrſchenden Abneigung, Kind und Handwerk beim rechten Namen zu nennen, wohl lauten muß— der Vergeſſenheit entriſſen und gewiſſenhaft verbucht worden, als das Glockenſignal vorderhand allen weiteren phantaſtiſchen Anwandlungen ein Ziel ſteckte. Immerhin blieben Herrn Albert Müller's Gedanken aber noch ſehr in Anſpruch genommen, ſo daß ihm — L 2 1.— 8 7 3 3 —————ſſ—y 4— 8 136 Heim Einſteigen das Malheur widerfuhr, dem einzigen ſchon im Coupé ſitzenden Reiſegefährten aus Leibes⸗ kräften auf den Fuß zu treten. Aus den Entſchuldigungen entwickelte ſich raſch das Erkennen, und das Vergnügen der Ueberraſchung war bei Albert Müller jedenfalls ſehr gering, wenn ihm auch ſo unmittelbar dem beſiegten Nebenbuhler gegenüber der Stolz einigermaßen die kümmerlich ent⸗ wickelte Bruſt ſchwellte. Veröczy dagegen freute ſich aufrichtig. Bald nach Abſendung ſeines Briefes war er, ohne die Reſidenz zu berühren, auf den Rodenhof zurückgekehrt, wo er die mit Sicherheit erwartete Antwort nicht vorfand. Er war nun auf dem Wege zur Geliebten und glück⸗ lich, in ſeiner Unruhe Jemand zu finden, von dem er recht viel über Diejenige zu erfahren hoffte, die ihm ſo ſehr am Herzen lag. Was er erfuhr, waren jedoch ganz erſtaunliche Dinge. „Es iſt nicht möglich! Ihre Braut? Sie müſſen ſich irren! Sie irren ſich ganz gewiß!“... das wa⸗ ren die Worte, welche aus ſeinem Munde kamen, aber der Ton— der Ton! Aus dem Erſtaunen zum bar⸗ ſchen Abſprechen, vom Unglauben in das heftig grol⸗ he 137 lende Anherrſchen ſchwoll der Laut in raſchem unnach⸗ ahmlichen Uebergang. Die Zumuthung, in einer ſo wichtigen Sache dem Irrthum anheimgefallen zu ſein, wollte nun zwar Herrn Albert keineswegs behagen, aber er fand es bei dem ſeltſam drohenden Vibriren der Stimme ſeines Gegners doch gerathen, denſelben die Niederlage nicht zu empfindlich fühlen zu laſſen. Er pochte nur ganz ſachte auf ſein gutes Recht, wie erſtaunte er aber, als nunmehr auch ihm Mittheilungen gemacht wurden, auf die er nicht vorbereitet geweſen. Wie ganz anders hatte er jenen Vorfall im Höllenthal betrachtet! Es war doch ſonderbar, daß ſich ein Mädchen, bei unſerer in dieſem Punkte wenigſtens unzweideutigen Geſetz⸗ gebung, gleichzeitig beinahe gegen zwei Männer ver⸗ pflichtet haben ſollte, ſie zu heirathen. Veröczy's Er⸗ klärungen jedoch ließen kaum einen Zweifel zu. Das Hin und Wider dauerte ſo lange, daß beide Neben⸗ buhler den Bahnhof ſchließlich in einem und dem⸗ ſelben Fiaker verließen und in Müller's ſchon halb und halb aufgegebener und nun plötzlich wieder an häuslichem Werth gewinnender Garçonswohnung die Auseinanderſetzungen, die noch lange kein Ende fanden, weiter führten. „Ich begreife im Grunde, daß Sie nicht zurück⸗ b V 1 1 4 3 138 treten wollen“,... nahm Veröczy zuletzt den kürzeſten Weg...„Sollen wir es auf einen Ausſpruch des Fräuleins ſelbſt ankommen laſſen? Mir genügt das nicht, ich ziehe vor, die Entſcheidung in den Waffen zu ſuchen. Ich kann es nicht glauben, daß man mir auch das Herz des Mädchens abſpenſtig gemacht habe; jene Knoten aber, die man ihr vielleicht um die Hand⸗ gelenke legte, ihr das zuſtimmende Wort zu entreißen, jene Knoten, die Sie nach Ihrer Behauptung ſo wenig zu löſen vermögen, wie ich, die durchhaut man am einfachſten!“ Das leuchtete Herrn Albert Müller doch nicht ein. Im Ganzen war ihm eine gewiſſe weltläufige Klug— heit nicht abzuſprechen. „Ein Duell“,. ſagte er...„wäre mir ganz gelegen, auch wenn es mein Blut koſten ſollte, wenn ich nur zum Schaden nicht auch den Spott zu fürchten hätte. Aber eine Affaire, wie Sie ſie vorſchlagen, würde die Sache nur publik und mich lächerlich machen. Glauben Sie, daß ich ſo thöricht bin, die Geliebte eines Andern zu heirathen, oder die es doch wenigſtens war? Wer gibt mir's denn Schwarz auf Weiß, daß ſie es nicht noch iſt oder nicht wieder wird? Nichts da! das kann ich billiger haben! Wiſſen Sie was? Thun Sie was Sie wollen, meinetwegen kann der 139 Knoten ungelöſt und unzerhauen bleiben, ich kümmere mich nicht mehr um ihn. Zum Glück iſt noch nichts offiziell!“ Und der Knoten blieb vorläufig ungelöſt und unzerhauen. Neuntes Kapitel. Am ſelben Abend war große Soirée bei Banquier Wilders, der, obgleich Wittwer wie ſein Compagnon, doch der heranwachſenden Tochter zuliebe und gewiſſer⸗ maßen im Namen der Firma ein Haus machte. Und ein Feſt der Firma galt es heute zu feiern. In zweiter Linie war dann ja Emmy von Thürnau, der zu Ehren die Einladungen erlaſſen worden waren, auch ſeine Nichte, und hätte es ihn gleich mehr gefreut, einen langjährigen Lieblingsplan erfüllt und das eigene Töch⸗ terchen als Mittelpunkt der heute zu erwartenden Glück⸗ wünſche zu ſehen, ſo war er doch zu gutmüthig, Emmy die Verbindung zu mißgönnen. Genau genommen blieb ja auch ſo Alles— wenngleich ein wenig weitläufiger — in der Familie. Papa Wilders hatte denn auch Alles aufgeboten, —— 141 ſeinen Salons den höchſten Glanz zu verleihen, und worauf der im Geſchäfte etwas vertrocknete Schönheits⸗ ſinn des Vaters nicht verfallen war, das hatte Hen⸗ riette in ihrer Freude über die kaum erhoffte Entwick⸗ lung der Dinge herbeizuzaubern gewußt. Die vorgeſchrittene Stunde hatte ſchon faſt alle Gäſte verſammelt, und ganz unter dem Siegel der Verſchwiegenheit flüſterte man ſich zu, daß dieſe Soi⸗ rée dem blaſſen Fräulein von Thürnau zu Chren ſtatt⸗ finde, deren Verlobung mit dem noch nicht erſchienenen Bräutigam deklarirt werden ſolle. Bis jetzt war Emmy's Brautſtand noch in ſtrenges Geheimniß gehüllt geweſen, ungefähr wie alle wichtigen Komitéverhandlungen, von welchen Niemand weiß, als die merkwürdig gut be⸗ richteten Sperlinge auf den Dächern. Nur ein Wunder, daß noch nicht alle Randgloſſen erſchöpft waren, und ſich unter den Gäſten immer noch einzelne fanden, welche das bevorſtehende Ereigniß einer ſo ſpät kommenden Beſprechung werth hielten. „Das junge Ding macht da eine ganz außerordent⸗ liche Partie“... bemerkte ſpinnegiftig die zahlreich mit disponiblen Töchtern geſegnete Statthaltereiräthin von Gall. „Nun, gar ſo jung iſt ſie doch nicht mehr“... warf ſpitzig Comteſſe Melanie ein...„ſie iſt gewiß — —————————ꝛ——,.——— 142 ſchon dreiundzwanzig Jahre alt. Sie war zwei Jahre vor mir in der Penſion.“ „Ich begreife nur nicht, wie die Thürnau ihre Tochter einem Bürgerlichen geben mag“... meinte Gräfin zu Mäuſethurm, die Mutter Melanie's, welch' Letzterer Nieemand die ſo überzeugend vorgebrachten Altersbeweiſe zu glauben und ſchon ſeit geraumen Jah⸗ ren weder Adeliger noch Bürgerlicher mehr das Ver⸗ gnügen eines Cotillons, geſchweige denn das Glück der Ehe zu bereiten geneigt war. „Hm, Bürgerlicher? Wer weiß, ob ſie ſich nicht ſchon über's Jahr das freiherrliche Alliancewappen auf den neulackirten Kutſchenſchlag malen laſſen. Man kann in der heutigen Zeit, wo die Banquiers Barone und die Barone Banquiers werden, für nichts mehr gut ſtehen!“... ſeufzte Baron Michael Severin, dann blinzelte er nach oben, faltete die Hände fromm und ſäuſelte:...„Gottes Wege ſind unerforſchlich!“ „Und was ſagte man nicht noch Alles?! Nur die Braut ſelbſt ſchwieg, ſie ſaß bleich und ernſt mit Henrietten abſeits im letzten Zimmer, einem blau ausgeſchlagenen und nach einem Gemälde Wat⸗ teau's wunderhübſch im Rococogeſchmack dekorirten Boudoir. Im anſtoßenden Salon hielt ſich die jün- gere Welt auf, und ab und zu flatterte eine der inti⸗ —————. ahre ihre einte und einem Wat⸗ rirten e jün⸗ inti⸗ ¹ meren Bekannten herbei, um irgend eine gleichgültige Bemerkung mit geheimnißvoller Wichtigthuerei dem Fräulein vom Hauſe in's Ohr zu flüſtern, oder wohl auch nur, um mit außerordentlich theilnehmender Be⸗ ſorgniß zu fragen, ob denn Herr Albert Müller immer noch nicht erſchienen, und ob ihm doch nicht am Ende gar etwas zugeſtoßen ſei. Die Braut ſchien am wenigſten Notiz davon zu nehmen. Faſt hätte man meinen mögen, es ſei ihr gleichgültig, ob ihr künftiger Gatte komme oder aus⸗ bleibe, heute oder vollends für immer. Sie war zer⸗ ſtreut, unruhig, apathiſch, und beachtete nicht einmal den auserleſenen engeren Zirkel, den ihre Couſine um ſich verſammelt hatte. Die Huld der Gefeierten ſchien zwiſchen dem großen Ulanenrittmeiſter und dem nach engliſchem Muſter ab⸗ gemeſſenen Schiffsfähnrich zu ſchwanken, die ihr zu⸗ nächſt ſaßen und die Eroberung kameradſchaftlich und auf gemeinſchaftliche Kriegskoſten unternommen zu ha⸗ ben ſchienen; doch ganz ohne Ausſicht mochte ſich auch jener wohlgenährte mohrenköpfige Dichter nicht wähnen, der ſich mit ſo unnachahmlicher Nonchalance in den tiefen Fauteuil neben das Theebrett hingelagert hatte, von welchem er allmälig das ganze Konfekt hinweg⸗ knusperte, und ſicherlich bemitleidete alle Drei im Stillen ————j— 8 5——. 144 das ſchlanke jugendliche Mitglied eines der Miniſterien, das ſeine Kollegienuniform erſt ſeit einem halben Jahre mit dem ſchwarzen Fracke vertauſcht hatte und ſich mit Henriettens Fächer Luft zuwehend, auf den Spitzen ſeiner zierlichen Chagrinſtiefeletten wiegte. Die muntere Blondine hatte für Jeden ein Wort, einen Scherz, ein Lächeln, einen viel⸗ und doch viel⸗ leicht auch nichtsſagenden Blick. Sie ſchien Licht und Heiterkeit auszuſtrahlen, man ſah, daß ſie ſich hier in ihrem eigentlichen Elemente befand und ſich ihrer un⸗ umſchränkten Herrſchergewalt bewußt war. „Wenn Sie meinen Fächer zerbrechen, werden Sie landesverwieſen“... ſcherzte ſie...„meine Land⸗ und Seemacht“... ſetzte ſie, auf die beiden Offiziere deutend, hinzu...„erhält den Auftrag, Sie über die Grenze zu ſchaffen und dieſelbe vor jedem erneuten Ueberfall zu ſchützen, indeß unſer Hofpoet die ganze Staatsaktion in feierliche Verſe bringt, wozu er ſich, wie Sie ſehen, ſchon einen gehörigen Vorrath von ſpaniſchem Wind ſichert.“ „Ich ließe das nicht ſo auf mir ſitzen, Doktor“ ... fiel der Rittmeiſter lachend ein...„das lautet genau ſo, als holten Sie Ihre Einfälle aus fremden Zuckerdoſen.“ — 1. 8 rien, jahre ſi itzen Vort, viel⸗ und er in un⸗ Sie and⸗ iziere er die euuten ganze ſich, von pktor“ lautet enden 145 „Wo doch die eigene ausreicht“.. ſekundirte die Marine boshaft. „Sie ſehen, Ihr Heeresaufgebot wirkt Wunder“ .. vertheidigte ſich der Angegriffene mit erkünſtelter Nachläſſigkeit, ſeine Worte an Henriette richtend... „die leichte Reiterei befährt ſeichtes Waſſer, und das Schiffsvolk zäumt den Gaul in aller Eile von hinten auf. So geht's, wenn ſich die Potentaten unvorſichtig in den Krieg ſtürzen, um Windmühlen zu bekämpfen.“ ... Der letzte Streich, den harmloſen angehenden Miniſter treffend, der davon glücklicherweiſe nichts merkte, ſchien dem Autor ſo ſehr zu gefallen, daß er, nachträglich in ein hämiſches Lachen ausbrechend, den Witz drei⸗, viermal wiederholte, indeß er ſich die Bai⸗ ſers haufenweiſe in den Mund ſchob...„Hehehe!“ Um Windmühlen zu bekämpfen— hölzerne Wind⸗ mühlen!“ Henriette lachte mit, mochte aber doch wohl ein wenig Mitleid fühlen. „Solch' tückiſchen Ueberfall im eigenen Lager, der Niemand ſchont, nicht einmal uns ſelbſt, können wir nicht dulden“... ſagte ſie...„um ſo mehr, da wir einer Hungersnoth ausgeſetzt ſind, denn ich ſehe unſern Mundvorrath, ſeit ſich die Literatur der Verwaltung deſſelben angenommen, in bedenklicher Weiſe ſchwinden. Byr, Quatuor. I. 10 —₰ ———————— 146 Es bleibt uns daher nichts übrig, als das gefährliche Ungethüm in der Höhle allein zu laſſen, und zum Tode durch potenzirte Langeweile an den eigenen Wer⸗ ken zu verurtheilen.“ „Vortrefflich! Tod durch die eigenen Werke! Raf⸗ finirter Selbſtmord!“... ging das Beifallrufen durch⸗ einander. Henriette wandte ſich inzwiſchen zu ihrer Couſine. „Ich hoffe, Du als Mitregentin beſtätigſt mein Urtheil.— Aber mein Gott, was iſt Dir?“... unter⸗ brach ſie ſich plötzlich, denn Emmy war furchtbar bleich. Die Arme fühlte ſich ſchon ſeit einigen Minuten von einer mächtigen Unruhe erfaßt, die ſie nicht zu bewältigen vermochte, ſo ſehr ſie ſich auch, während der ſchäkernde Kreis nicht auf ſie achtete, Mühe gab. Der peinliche Eindruck hatte ſich nur geſteigert, ihre rechte Hand umkrampfte die Lehne der Cauſeuſe, die linke lag ihr zuckend im Schooße, ſie mußte ſich zurück⸗ lehnen und ſchwere haſtige Athemzüge hoben ihre Bruſt. „Was iſt Dir?“... drängte, mit einem Male allen Scherz vergeſſend, Henriette. Emmy mußte ſich Gewalt anthun, um die Frage nur zu beantworten. „Er iſt hier⸗... ſagte ſie leiſe. „Wer? Albert?“ — ſine. nein nter⸗ leich uten 447 Emmy ſchüttelte den Kopf, ihr Auge blickte wie abweſend, es klang wie ein Stöhnen, als ſie erwiderte: „Nein— der Andere“ Henriette zuckte auf und wechſelte nun gleichfalls die Farbe. Unhörbar für die Uebrigen flüſterte ſie Veröczy's Namen ihrer Couſine in's Ohr, und als dieſe nur ein klein wenig mit dem Kopfe nickte, ſprang ſie auf und ſuchte ihre Geſellſchafter mit dem Hinweis auf Emmy'’s Unwohlſein zu entfernen, doch ehe die ſich Beſtürztzeigenden noch gehorcht hatten, trat eine Ge⸗ ſtalt in das Gemach, deren Erſcheinen ihr noch vor einer Minute ſo unwahrſcheinlich geweſen, wie etwa ein Erdbeben, unter deſſen Rütteln die heitere Geſell⸗ ſchaft von den zuſammenſtürzenden Wänden des Hauſes begraben werden ſollte. Veröczy ſah ernſt, aber nicht erregt aus, nur ſein Blick war von einer erſchreckenden Gewalt. Er trat an den Platz des künftigen Miniſters, grüßte Henriette und reichte ihr die Hand, in die ſie hocherröthend die ihre legte, und dann trieb ſie die Herren mit beinahe unhöflicher Haſt aus dem Gemach, wobei nur der neue Ankömmling, den Niemand kannte, vergeſſen wurde und ſomit, nachdem die Damaſtportièren gefallen wa⸗ ren, mit Emmy allein blieb. Er reichte auch ihr die Hand und ſie nahm die⸗ 10* 4 148 ſelbe, während ſich ihre Augen wie vom Lichte geblen⸗ det, ſchloſſen. „Ich treffe Sie ja heute bei einem ſehr freudigen Feſte“... ſagte er mit ſchneidender Höflichkeit. Emmy's Antlitz verzog ſich ſchmerzlich wie unter einem Geißelſchlag. „Nicht ſo! Nicht ſo!“... bat ſie bebend. Veröczy's Stimme wurde weicher. Mit ſchwer⸗ müthigem Vorwurf fragte er:„Was haben Sie ge⸗ than?“ „Sie wollte Ihnen trotzen, weil ſie Ihren Ein⸗ fluß fürchtete“... lautete die leiſe Antwort. „Wer iſt dieſe ‚ſie‘?“... fragte er verwundert. „Nun, Emmy.“ Veröczy ſah mit wachſendem Erſtaunen auf das ſeltſame Mädchen. „Sie ſelbſt alſo?“ ſagte er nach einer Weile. „Nun ja— ich“... das letzte Wort kam wider⸗ ſtrebend und zögernd hervor. „Und thut Ihnen denn dieſer Einfluß ſo weh?“ „Nein, ich thue mir ſelber weh, weil ich mich da⸗ gegen ſträube.“ „Und deshalb haben Sie ſogar Ihr Verſprechen gebrochen?“... Er konnte den herben Vorwurf nicht zurückhalten, aber welche Ueberraſchung für ihn, als er⸗ ſen 149 Emmy leichtweg, als handle es ſich nur um ein kind⸗ liches Verſteckſpiel, erwiderte: „Gebrochen? Nein! Denn ich werde ja doch Ihre Frau.“ „Emmy, ſcherzen Sie nicht!“... ſagte er ſtreng Sie erhob aber bittend ihre Hände und in ihren Zügen lag ein ſolch' rührender Ausdruck von kindlicher Unſchuld und Furcht, daß Veröczy nicht im ſelben Tone fortzufahren vermochte. „Emmy“... ſagte er...„warum ſchließen Sie immer Ihr Auge? Sehen Sie mich an, damit ich Ihre Seele erkenne, damit ich weiß, was in Ihnen vorgeht und ob Sie mir Ihre Zuſage halten wollen.“ „Ich will“... erwiderte das Mädchen und ihre Augen öffneten ſich weit. Es lag etwas Starres, Un⸗ erklärliches in dem Blick, Veröczy aber las im Mo⸗ mente nur die Beſtätigung des klar und offen ausge⸗ ſprochenen Geſtändniſſes darin. Er preßte ihre Hand, und ihr Auge mit dem ſeinen feſthaltend fragte er: „Auch auf der Stelle?“... Ohne eine Antwort abzuwarten, ſetzte er ſogleich hinzu...„So kommen Sie denn mit zu Ihrer Mutter. Reichen Sie mir den Arm!“ Emmy gehorchte wie ein willenloſer Soldat dem Kommando. Als Henriette das Paar in den Salon 1 1 —— 4——— — ——— 150 treten ſah, verlor ſie den Athem, ſie hielt ſich an einem Blumenſtänder, der klirrend umſtürzte. Frau von Thürnau, die erſt im weiter folgenden Gemache ſaß, empfing das herantretende Paar ſehr verlegen. Neben ihr ſtand Albert Müller in der ſorg⸗ fältigſten Salontoilette, deren Anordnung nichts von einer Gemüthsbewegung des jungen Mannes errathen ließ. Er hatte ſoeben eine raſchgeflüſterte Erklärung beendet, die bewirkte, daß der guten alten Dame Alles vor den Augen flimmerte. Soviel jedoch war ihr klar geworden, daß, um jeden größern Eclat zu vermeiden, von der beabſichtigten Verlobung nicht mehr die Rede ſein dürfe. Befangen bot Frau von Thürnau dem unerwar⸗ teten Gaſt ihren Willkommsgruß und ſuchte ein gleich⸗ gültiges Geſpräch anzuknüpfen, doch wenn ſie an den ungewöhnlichen Spaziergang der Beiden Arm in Arm durch die Appartements dachte, ſo verſchlug es ihr Gedanken und Stimme, und Albert, der ihr eine Stütze hätte ſein ſollen, war verſchwunden. Auch ſchien es, als habe weder Veröczy, noch Emmy eine nichtsſagende Konverſation im Sinne. Das Mädchen ſah ſehr ernſt und feierlich aus und obwohl es leichenblaß war und ſich faſt wie ein Steingebilde ſtarr hielt, klang doch, was es ſprach, klar und nur allzu verſtändlich. 451 „Ich habe verſprochen, Mutter“... lauteten die Worte...„ihn zum Manne zu nehmen.“ Frau von Thürnau blickte beſtürzt um ſich, ob auch Niemand eine Silbe davon aufgefangen, und es war ihr, nach den Mienen ſelbſt der entfernteſt Sitzen⸗ den zu ſchließen, als ſei Niemanden auch nur ein Buchſtabe der ſeltſamen Erklärung entgangen. Mit Neugierde blickte Alles auf die Gruppe und Gräfin Mäuſethurm näherte ſich, natürlich in der wohlmei⸗ nendſten Abſicht und die theilnehmendſte Frage nach Emmy's Befinden auf den honigſüßen Lippen. Die Generalin ſah ein, daß ſie ſich aus der pein⸗ lichen Lage nur durch einen energiſchen, wie es ſchien auch den Wünſchen ihrer Tochter entſprechenden Schritt befreien könne. Für Auseinanderſetzungen blieb ſpäter noch Zeit, im Momente galt es, ſich in die Umſtände zu fügen. Das Paar der Gräfin zuführend, ſagte ſie mit einem in der Gewohnheit des Salons immer zu Ge⸗ bote ſtehenden Lächeln: „Liebe Gabriele, ich wollte ſoeben zu Dir kommen und Dir ein junges Brautpaar vorſtellen. Baron Veröczy, der Bräutigam meiner Tochter.“ Die Gräfin war vor Erſtaunen wie feſtgefroren 4 1 1 8 4 1 152 und es dauerte ziemlich lange, bis ſie endlich ihr gro⸗ tesk ſauerſüßlautendes:„Ach— ich gratulire!“ her⸗ ausbrachte. So war die Verlobung deklarirt, freilich aber in einer Weiſe, daß alle Welt aus den Wolken fiel. Nichtsdeſtoweniger drängte man ſich zu den Glück⸗ wünſchen. „Wiſſen Sie ſchon?— Nicht Müller— un reve- nant! Ein Baron Veröczy— au moins un homme tout-à-fait inconnu!— Unglaublich! Merkwürdig geheimnißvoll arrangirt!— Wer hätte das gedacht?“ ... ſo durchlief es die Salons. Alles war wie elek⸗ triſirt. Selbſt die Firma Wilders und Müller geber⸗ dete ſich wie der Froſch im Salze. Nur Henriette war und blieb für den Abend ver⸗ ſchwunden. Sie lag ſtundenlang auf den Knieen in ihrem Zimmer und weinte— dann aber ſprang ſie, auf, trocknete ihre Thränen und ſprach reſolut:„Auch ich will heirathen! Und ich will mein Leben genießen und ich will mich rächen an den Männern und an dem falſchen Frauengeſchlecht— an der ganzen Welt, aber lieben will ich nie— nie wieder!“— Rittmeiſter und Schiffsfähnrich, Dichter und Mi⸗ niſterkeimling hatten ſich unter die Gäſte gemiſcht, die 153 lange über die gewöhnliche Stunde beiſammen blieben — ſie erzählten.— Und noch volle acht Tage lang erzählte ſich die Reſidenz die ſeltſamſten Dinge von jener überraſchenden Deklarationsſoirée. Zehntes Kapitel. Von jetzt begann für Emmy eine Zeit der unge⸗ heuerſten Erſchütterungen. In Veröczy's Gegenwart blieb ſie die ergebene und zufriedene Braut, die jedoch immermehr die leidensvolle Unterwürfigkeit eines Opfers annahm. Sobald er ſie verließ und gedrängt von der Aufſchluß verlangenden Mutter, geſtand ſie ihre unüberwindliche Abneigung, das unſägliche Wehe, das ſie empfand, und flehte um Rettung, die ihr nicht wurde, denn Frau von Thürnau, ſo tiefe Seelengüte ſie ſonſt beſaß, war doch zu ſehr Sklavin ihrer Er⸗ ziehung und Umgebung, um dem Gerede der Welt— ihrer Welt zu trotzen. Sie ſetzte der ſcheinbar ſo unerhörten Launenhaftigkeit ihrer Tochter feſten Wider⸗ ſtand entgegen und erinnerte immer wieder an den Eclat, den ſchon die unerwartete Verlobung gemacht unge⸗ wart ldoch eines rängt n ſie Wehe, nicht ngüte 155 und den ein nunmehr ſtattfindender Bruch aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach zum Skandal— zur Achterklärung ſteigern mußte. Emmy ſchwieg, duldete und weinte im Stillen. Eine Bitterkeit wenigſtens blieb ihr erſpart. Ihre Freundin hatte ſich ganz von ihr losgeſagt und von dieſer Seite ſtürmten keine Vorwürfe auf ihr Gemüth ein. Es litt auch ohnedem ſchwer genug. Der ſtete Wechſel im Gefühle, das Bewußtſein ihrer grenzen⸗ loſen Wehrloſigkeit, das Entſetzen vor dem ihr ſelbſt unbegreiflichen und doch ſo klaren Zwieſpalt im eigenen Innern, die ſchlafloſen Stunden der Nacht, wie ſelbſt die Träume, in denen auch wieder nur er vor ihren Augen ſtand, all dieſe heftigen und zehrenden Einflüſſe richteten ihre Geſundheit bald ganz zu Grunde, ohne daß die Wiſſenſchaft eine eigentliche Krankheit erkennen wollte. Sie ſah ſehr übel aus. Der Arzt aber ſchmun⸗ zelte nur cyniſch.„Geſteigertes Nervenleben, leichte Störungen, die vielleicht bis zur Hallucination gingen, aber nicht von Bedeutung ſeien“, meinte er,„das werde ſich ſchon geben— nach der Heirath.“ Und es glaubte die Mutter an dieſe beruhigende Diagnoſe des alten Praktikers wie der Bräutigam, deſſen Auge immer ſorgender auf dem bleichen Mädchen ruhte, 156 und der dem ärztlichen Ausſpruche um ſo mehr Ge⸗ wicht beizulegen geneigt war, als er ſelber die ſieche Blume in ſeiner Gegenwart immer wieder aufleben ſah. So kam der unter ſolchen Rückſichten abſichtlich näher angeſetzte Tag, und hatte ſich Emmy anfangs mit der Hoffnung getröſtet, ſich immer noch losreißen zu können, wenn ſie den Muth dazu erraffte, ſo fehlte ihr zuletzt ſogar die Kraft, einen entſcheidenden Ent⸗ ſchluß zu faſſen. Eine völlige Lähmung des Willens war über ſie gekommen und mehr todt als lebendig trat ſie zum Altare. Wiederholt mußte die Mutter ihr zuſprechen, ſich zuſammenzunehmen, doch konnte ſie nicht verhindern, daß die leichenblaſſe Braut am Ende der Ceremonie halb ohnmächtig zuſammenbrach. Scheinbar ohne Leben ſank ſie in die Kiſſen des Wagens. Den vereinten Bemühungen gelang es aller⸗ dings bald, ſie zu erwecken, doch blieb ein ſeltſamer Zuſtand— faſt möchte man ſagen, der Seelenloſig— keit, zurück. Die Trauung hatte Abends ſtattgefunden, unmittelbar darauf ſollte das Paar abreiſen, Frau von Thürnau und Veröczy, deſſen Zlick allein die äußerlich bemeiſterte Aufregung verrieth, zögerten nun Beide, der Arzt aber zuckte nur die Achſeln und ſein ſkeptiſches Geſicht zeigte wieder jenes Lächeln. gr Ge⸗ ſieche ffleben chlich ffangs reißen fehlte Ent⸗ billens bendig NMutter ite ſie Ende en des aller⸗ ſamer loſig⸗ inden, Frau n die n nun d ſein 15( „Reiſen Sie getroſt und je früher deſto beſſer“... rieth er...„das bischen Fieber hat nichts zu ſagen, Luftveränderung, Veränderung der Lebensweiſe, Ruhe des idylliſchen Landlebens und zärtliche Pflege— die bringen Alles in Ordnung,— ſind beſſer als alle Mittel aus der Apotheke. Kein organiſcher Fehler da, ergo abgereiſt!“ Ohne ein Zeichen der Theilnahme hörte Emmy an, was man beſchloß, gefühllos ließ ſie ihre Toilette ändern, gefühllos nahm ſie Abſchied von ihrer Mutter, gefühllos ſaß ſie im Eiſenbahncoupé. Auf der Sta⸗ tion erwartete ſie ein leichter Wagen. Veröczy hob ſeine junge Frau hinein,— ſie war wie eine Glieder⸗ puppe. In der Morgendämmerung kamen ſie auf dem Rodenhofe an. Was Veröczy die ganze Zeit über empfunden, als ſeine Frau anfangs nur kurze, ſpäter gar keine Antworten gab, als er ihre Kälte immer zunehmen ſah, als er während der langſam verinnenden Stun⸗ den der Fahrt alles Vorgegangene wieder und immer wieder überdachte und ſich ſelbſt dabei mit tauſend⸗ fältigen Vermuthungen bis zur höchſten Aufregung ſtachelte, mag ſich ſelber aus der Erinnerung ausmalen, wer je äonengleiche Stunden quälender Eiferſucht, ver⸗ zehrenden Zweifels durchlebt. Eine Frage— mochte 8 I 1 —ð er ſie mit den kräftigſten Einwürfen beſchwichtigen, mochte er ſie überzeugend oder unwillig zurückdrängen, ſtieg immer wieder in ihm auf, die Frage, ob es nicht ein fortglimmender Funke jener Liebe ſei, von der ſeine Braut damals unter der Buche geſprochen, ein Funke, der, ſchon im Verlöſchen, von Neuem aufge⸗ flammt dem Spätergekommenen das geträumte Obdach verzehre! Keinen Augenblick hatte er gezweifelt, daß Emmy's Verlobung mit Albert Müller nur auf den dringenden Wunſch der Mutter von dem fügſamen Mädchen ein⸗ gegangen worden, als es ſich von dem durch Wochen und Wochen kein Lebenszeichen mehr von ſich gebenden Geliebten vergeſſen und verlaſſen glaubte. Daß Albert Müller Emmy's Liebe beſitzen könne, hatte er keinen Moment geglaubt, auch jetzt dachte er nicht daran. Daß es aber ein Dritter ſei, der dieſe Zuneigung be⸗ ſitze, das wallte jetzt wie ein glühender Verdacht immer von Neuem zu dem ſonſt ſo klar verſtändigen Kopfe empor und raubte ihm die Ruhe zur Ueber⸗ legung.— Da waren ſie nun zu Hauſe. Der Rodenhof hatte zu jener Zeit noch ſein un⸗ verändertes altes Ausſehen. Das größtentheils aus Holz gezimmerte Bauerngehöfte wies ſeine vom Alter 159 dunkelbraun gewordenen Balken, in die nur ſpärlich kleine Fenſter eingeſchnitten waren. Das weit vor⸗ ſpringende Schindeldach benahm ſelbſt dieſen noch einen Theil des Lichts und die Stube hatte in der Däm⸗ merung, trotz des in letzter Zeit dahin verpflanzten Comforts, gar wenig Wohlthuendes für die an hohe Räume gewöhnte Bewohnerin der großen Stadt. We⸗ nigſtens meinte Veröczy den Schauer, mit dem ſeine Frau das düſtere Gemach betrat, dieſer Empfindung zuſchreiben zu müſſen. Die Liebe, hatte er gemeint, werde dieſelbe überwinden, die Sonne hell und er⸗ wärmend hereindringen unter das niedere Dach— und es war der Froſt, der eingezogen in Haus und Herz. Ein böſer Zauber lag auf Beiden.— „Emmy, was iſt Dir? Biſt Du krank? ſprich doch!“... fragte Veröczy mit zärtlichem Drängen ſeine Frau, die auf einen Stuhl geſunken war und dort in vollem Reiſeanzuge, ohne Regung, ein Bild tiefer Niedergeſchlagenheit, ſaß, als ob es ihr völlig gleichgültig ſei, wo ſie ſich befinde und was mit ihr geſchehe. Erſt auf ſeine wiederholte Frage erhielt er Antwort. „Laß mich allein!“ Das war Alles, was er aus ihr herausbrachte. 160 Er bat ſie, doch zu ſagen, ob ſie ſich unwohl fühle oder wie ihr geholfen werden könne. Ein Ausdruck von Widerwillen überflog ihr Antlitz, in, ihrer Stimme lag heftige Ungeduld. „Ich beſchwöre Dich, mich allein zu laſſen— ganz allein!— ich bin ſo entſetzlich müde“... ſagte ſie und der Schluß, der die frühern Worte mildern ſollte, klang wie ein Seufzer tiefer Ermattung. Veröczy fühlte einen Krampf ſeine Bruſt zuſam⸗ menziehen. Das alſo war die erſehnte, glückſelig ge⸗ träumte Stunde der Heimkehr, das war das erſte Wort ſeines Weibes am eigenen Herde! Es wollte ihm flammend heiß aus den Augen ſchlagen, zwiſchen denen ſich ſchwere Falten in ſeine Stirne gruben, ein hartes Wort ſchwebte auf ſeinen Lippen, aber Emmy hob bittend die Hand. „O nicht ſo!“... hauchte ſie flehend, als habe ihr geſenkter Blick dennoch den ſeinen empfunden... „O, nicht ſo! ich kann ja nichts dafür!“ Eine ſeltſame Ausflucht, doch erreichte ſie den Zweck, den heraufſteigenden Sturm zu beſchwören. Veröczy bezwang die Regung, die ihn zu übermannen drohte. Ein Blick auf das im nüchtern kalten Mor⸗ genlicht doppelt bleich und erſchöpft erſcheinende Geſicht „des ihm angetrauten Kindes ſtimmte ihn weich und 161 mitleidig. Er fragte nicht weiter, er drang nicht wei⸗ ter in ſie, nur einen leichten Kuß drückte er auf die Stirne ſeiner Frau, die dabei ein Schauder durch⸗ fröſtelte, dann ging er, nahm in ſeinem Zimmer ein Gewehr von der Wand, pfiff ſeinem Hunde und ver⸗ ließ das Haus. Stundenlang ſtreifte er durch den Wald, ohne die Büchſe von der Schulter zu nehmen, ſtundenlang ſaß er drüben in Bernegg bei Haun, dem einzigen Manne, dem er ſich hier in der Gegend freundlich angeſchloſſen, und der ihm von Anfang zwar nur zurückhaltend, aber doch immer mit treunachbarlichem Rath, zuweilen auch mit thatkräftiger Hülfe an die Hand gegangen war. Des Berneggers Art war es nicht, die Leute viel zu fragen und ſie neugierig aus— zuforſchen. Veröczy konnte alſo ſtundenlang ſeinen Gedanken nachhängen, und an jenem Tage erfuhr Haun kein Wort weiter, als was er durch die vorher⸗ gegangenen vertraulichen Mittheilungen über ſeines Nachbars Brautwerbung ohnehin ſchon wußte. Das ſonderbare Betragen des jungen Ehemannes am erſten Tage nach der Hochzeit mußte wohl allerlei Bedenken wachrufen, die eine leicht hingeworfene Bemerkung über vorübergehendes Unwohlſein u. dergl. nicht ſo ohne Weiteres beſeitigte, der Eine aber wollte ſich nicht Byr, Quatuor, I. 11 — .—— 1 ————— — 162 in das Vertrauen drängen, das der Andere, vielleicht in manchem Augenblicke zu gewähren bereit, in auf⸗ ſteigender Scham doch wieder entzog. So zog ſich der trübe Nachmittag hin und der Abend brach ein, ehe Veröczy den Heimweg antrat. Die Magd, welche der jungen Frau zur perſön⸗ lichen Bedienung zugewieſen war, wußte nichts zu ſagen, als daß ihre Gebieterin jede Hülfe, jede Er⸗ quickung, Alles, was ihr angeboten wurde, zurückge⸗ wieſen und ſich den ganzen Tag über in ihrem Zim⸗ mer eingeſchloſſen gehalten habe. Veröczy verſuchte den Drücker, die Thüre gab nach. Es waren keine Lichter angezündet, nur der Mond ſchien hell zum Fenſter herein und lag in magiſchen Streifen auf dem Fußboden, dem dunkeln Getäfel und den alten ſchwe⸗ ren Spinden, an deren Kanten ſie ſich mehrfach brachen. Und unmittelbar an dem einen Fenſter, ſo daß ſie in die Mondnacht hinausſchauen konnte und doch in tie⸗ fen Schatten gehüllt blieb, ſaß in ſich zuſammenge⸗ kauert die neue Herrin des Rodenhofes. Veröczy bemeiſterte gewaltſam die Aufregung, die ihn beinahe überwältigte, er wollte gelaſſen erſcheinen und durch das Gleichmaß ſeines Weſens die krank⸗ hafte Gereiztheit zügeln, die ſich bei ſeiner Frau in ſo 163 überraſchender Weiſe äußerte. So hatte er es in ſich beſchloſſen, ſo ſuchte er es durchzuführen. „Guten Abend!“ ſagte er ruhig und ernſt, doch klang die Zärtlichkeit, die er nicht zu verleugnen ver⸗ mochte, hindurch, als er fragte:...„Iſt Dir beſſer, Emmy?“ „Ich war nicht krank“,.. lautete die tonloſe Antwort. „Biſt Du ausgeruht? Haſt Du geſchlafen unter Tags?“ Die bis jetzt regungslos gebliebene Geſtalt hob nun einen Arm. Die Hand, vom Mondſtrahl getroffen, war unheimlich bleich, wie die Hand einer Leiche, ſie hielt ein Papier, das ſie dann auf die Fenſterbrüſtung legte. „Nein“,... ſagte Emmy,..„ich habe ge⸗ ſchrieben,— ſchicke morgen dieſen Brief an die Mutter.“ „Soll ſie kommen?“ „Wozu?“ Was berührte doch Veröczy ſo eigenthümlich, ſo kalt, ſo ſchmerzhaft in dieſem einzigen Worte? Das war der dumpfe Ton eines Sargdeckels, der über die geſtorbene Hoffnung zufiel. Ein Gefühl überkam ihn, wie von einem furchtbar drohenden Verluſt, das ihn 11* ————— 1 1 164 milder ſtimmte, als er zu ſein ſich vorgenommen. Nicht Nachſicht, nicht Güte wollte er üben— die Liebe ſelbſt ſchwellte ſein Herz und ſuchte ein Ver⸗ ſtändniß. Er zog einen Stuhl heran und ſetzte ſich neben ſeine Frau, er ſuchte nach ihrer Hand und hielt ſie mit ſanfter Gewalt feſt. „Es iſt etwas Unerklärliches zwiſchen uns“,... ſagte er mit Innigkeit,...„aber es ſoll nicht zwiſchen uns ſein und uns ſcheiden.“ Er wollte ſeinen Arm um ſie ſchlingen, wie er es ja früher ſchon in mancher trauten Stunde gethan, aber die Widerſtrebende entwand ſich ihm. „Es wird uns immer ſcheiden!“... erwiderte ſie ſo leiſe, daß nur ſein nahes Ohr es vernehmen konnte. Ungläubig ſchüttelte er den Kopf, die Liebe iſt nicht ſo leicht entwaffnet. „Darf ich bei Dir bleiben?“... bat er... „Es wäre gut, Emmy, wenn wir uns ausſprächen.“ „Ich kann nicht!“... rief ſie aus und ein Zit⸗ tern der Angſt überlief ſie...„ſei noch einmal gut, nur noch einmal! noch einmal!— Laß mich allein! O, ich will ſchlafen!“ Der Wunſch klang wie ein Hülferuf, wie eine 165 Vorſpiegelung der Verzweiflung, wie das Aechzen einer Schwerkranken. Veröczy war aufgeſtanden, er hatte ſich verletzt gefühlt, aber die Empfindung ſchwand, als er in das Antlitz ſah, das nun ein wenig vor⸗ gebeugt in dem Mondlichte den ſteinernen Zügen der Todesengel auf den Friedhöfen glich. Uneins mit ſich ſelber, ſah er ſie lange, lange an, dann legte er die Linke liebkoſend auf ihr Haar und küßte ſie auf die Stirne. Als hätte ſie ein Brandmal empfangen, zuckte Emmy zuſammen und fing leiſe aber heftig, wie ein untröſtliches Kind, zu ſchluchzen an. Noch einmal verſuchte Veröczy einen Weg zur Verſtändigung— zu ihrem Herzen, nahm ihre Hand und ſagte unendlich weich:„Emmy, höre mich!“ Sie aber entzog ihm ihre Hand, verhüllte ihr Geſicht und winkte abwehrend, indeß ſie weinend bat: „Geh!— ich bitte Dich, geh!“ Und er ging. Er ging aus dem Hof, er ging immer gerade aus, zwiſchen den entlaubten Bäumen und Büſchen hin, durch das Geſtrüppe, bis ſeine Schritte gehemmt waren und er an dem Wehre ſtand, wo das reichlich zufließende, hochgeſtaute Waſſer rauſchend über die Schleuſe in die Tiefe rann. Da ſtand er eine Weile, es fiel ihm nicht einmal bei, daß er eine andere Rich⸗ 166 tung einſchlagen könne, es blieb ja im Grunde einerlei, wo er war; er war gegangen, ohne daran zu denken, er ſetzte ſich jetzt auf einen Baumſtrunk, ohne daran zu denken, er ſah auf den Mondſchein, der ſich im Waſſer ſpiegelte, der in den Thautropfen blitzte, die in den Pflanzen hingen, und er ſah es, ohne daran zu denken. So ſaß er einſam. Nein, nicht einſam. Hektor war mitgekommen, der treue Gefährte hielt zu ſeinem Herrn. Er drängte ſich nicht vor, er verlangte keine Aufmerkſamkeit, aber er war da. Unverwandt ſchau⸗ ten ſeine Augen nach dem Gebieter und dieſe Augen leuchteten ſo ſeltſam, jetzt grün und dann wieder roth. Silberweiß lag das Waſſer da, und brauſend ſprühte Brillantſtaub auf im ſtillen klaren Mondlicht und Alles war ſo ruhig, ſo friedlich, ſo weich— und doch nicht Alles, nicht dieſe Bruſt, in der es glüht und hämmert, und die ein Jammerelend umfaßt, das nicht Raum hat in der ganzen großen Welt und das ſich Alles zuſammenlaſtet auf ein Herz— auf ein einziges Menſchenherz. Eine Sternſchnuppe fällt,— und er kann nicht auslöſchen wie ſie! Es ſchläft Alles— ob auch ſie ſchläft? dort in dem Haus, das wie ein großer Grabhügel daliegt,— 167 noch hängen die Fichtenreiſer herum, mit denen es geſchmückt war— eine Stätte des Friedens, des Glücks, der frohſinnig genießenden Zufriedenheit ſollte es werden, und jetzt!—— O, daß er es doch an— ſtoßen könnte mit einem Feuerbrand, daß die rothe Lohe aufſchlüge zu dem bleichen, eiskalt gleichgültigen Himmel da oben! War's der Wahnſinn, der mit ſeinen Krallen nach ihm langte? Fort, fort, dieſe Raſerei farbenglühender Bilder! Es war ein wehes, in die Seele ſchneidendes Träumen, in das er verſank. Hektor wendete den Kopf gegen das Haus und knurrte leiſe, ſein Herr aber achtete nicht darauf, ſelbſt dann noch nicht, als der Hund ſich raſch, aber geräuſch⸗ los erhob. Was des Mannes Herz zerfleiſchte, ſprach ſich in einer bittern Klage aus. Warum war gerade er dazu verdammt, immer wieder ſo ganz allein zu ſtehen in der Welt? Die Mutter hatte er gar nicht gekannt, der Vater war ihm ſtets fremd, im Ganzen ein ſtrenger Herr geblieben, und wenn er geliebt hatte, war's ein unwürdig Herz geweſen, oder der Duft war verweht worden, gleich den Blüten ſeiner Lebenshoffnungen, vom Hauche des Schickſals, das, eine Roſe nach der andern entblätternd, die Stacheln alle ſitzen ließ in — 1 3 5 4 —— —õ 168 ſeiner Bruſt. Und jetzt— jetzt wieder nur eine Täu⸗ ſchung— ein Scheinvertrag! Das war kein Ueberreiz der Nerven, keine krankhaft zu weit gehende Scheu, die ihn fortgetrieben, wenn er ſich deſſen auch über⸗ reden wollte; das Wort ſo leiſe geſprochen, daß es die Lüfte vielleicht ſelbſt nicht vernehmen und weiter⸗ tragen ſollten, vibrirte noch immer in ihnen:„Es wird uns immer ſcheiden!“ Was nützte es, dagegen zu ringen? Das Unbekannte war mächtiger als er, und wenn er demſelben weichen mußte, wie ſollte die Löſung geſchehen? Wie war ſie verſöhnlich ins Werk zu ſetzen? Wenn er ſie laſſen mußte, die er über Alles liebte, ſo ſollte ſie doch nicht darunter leiden. Aber mußte er ſie denn laſſen? Mußte es ſein? Ach der Gedanke war ſo unfaßbar ſchwer; es war nicht mög— lich, ſich an ihn zu gewöhnen und mit eigener Hand die letzte Hoffnung niederzubrechen! Es war nicht möglich! Eine Thräne glänzte an ſeiner Wimper auf und fiel in's glitzernde, thaufeuchte Gras. Des Hundes Knurren war vernehmlicher gewor⸗ den, nun ſchlug er laut an und weckte den Träumer, der emporſchauend im ſelben Augenblick eine Erſchei⸗ nung an ſich vorüberhuſchen ſah. Nur leiſe knackte das Reiſig unter den flüchtigen Schritten der eilenden —4 169 Geſtalt, ein weißes Gewand umfllatterte ſie, jetzt ſtand ſie am Rande des Weihers, wenige Schritte von Ve⸗ röczy, der noch wie gebannt auf ſeinem Baumſtrunk ſaß. War's Wirklichkeit? war's eine Viſion?— Geiſterhaft fiel das volle Mondlicht auf die wie dem Grabe entſtiegene Geſtalt, die jetzt den bleichen Kopf nach rückwärts überbeugte, dann die gerungenen Hände gen Himmel ſtreckte, wie um die Gnade des Allerbarmers zu erflehen. Dann noch ein Schritt, ein Plätſchern und das Waſſer ſchlug wie flüſſiges Silber funkenſprühend über der Verſinkenden zuſammen.—— Der wachſame Hund mußte die Gefahr ſofort be⸗ griffen haben. Mit einem Sprunge war er am Ufer. Eben ſo wenig bedurfte es eines Moments der Ueber⸗ legung bei Veröczy, die Ueberraſchung, welche ihn ge⸗ lähmt, war gewichen, ſobald er das Beabſichtigte er⸗ kannte. Er hatte kaum das Schreckliche geſehen, als auch die aufſchäumende Flut ſchon den Nachtauchen⸗ den umfing. Nach wenigen Minuten war er wieder am Ufer. In ſeinen Armen hing eiskalt und wie leblos der ſtarre Körper ſeiner Frau.— * Nach jener Kataſtrophe verfiel Emmy in eine ſchwere Krankheit, in der ſie wochenlang bewußtlos lag, und als ſie wieder erwachte, war ihre Mutter geſtorben und ihr Mann abgereiſt— ſie ſtand allein. Am Morgen, der jener unheimlichen Nacht folgte, hatte Veröczy jenen in Vergeſſenheit gerathenen Brief ge⸗ funden, den er an Emmy's Mutter beſorgen laſſen ſollte, er ſandte ſtatt deſſen eine Depeſche an ſie ab, welche Frau von Thürnau vorſichtig benachrichtigen und herbeirufen ſollte. Die Gute erlag aber dem Schreck, obwohl nur von einer Erkrankung ihrer Toch⸗ ter die Rede war. Die Aufregung und Sorge der letzten Wochen hatte ihre Geſundheit wohl mehr er⸗ ſchüttert, als ſie, gewohnt ſtets aufrecht zu bleiben, es ihrer Umgebung merken ließ. An ihrer Stelle kam eine Mittheilung des Arztes, die von einem leichten Schlaganfalle ſprach, doch in ihrer verklauſulirten Faſſung ſchon die geringe Hoffnung auf Erhaltung des gefährdeten Lebens errathen ließ. Es war Veröczy nicht vergönnt, an das Sterbe⸗ bett ſeiner Schwiegermutter zu eilen, ſtand ja der Todesengel an der Pforte ſeines eigenen Hauſes, und kein menſchliches Wiſſen konnte entſcheiden, ob er ſich von hinnen wenden oder die Schwelle überſchreiten werde. 171 So harrte der ſchwergeprüfte Mann bei der aus, die ihm noch immer zunächſt ſtand, er wich nicht von ihrem Lager, er ließ die kalten Finger der Bewußt⸗ loſen nicht aus ſeiner wärmenden Hand, den Brief aber hielt er ſich nach dem Vorgegangenen berechtigt, zu eröffnen, darin den Schlüſſel zu den Räthſeln zu ſuchen, die ihn umgaben. Das Schreiben lautete: „Theure, liebe Mutter! „Gott hat mich verlaſſen! Ich lebe in einer Aufregung, daß ich ſie nimmer ertragen kann. Ich vermag nicht zu beten und ich zweifle an Gott ſelbſt — er hätte nicht zulaſſen dürfen, daß ein Menſch ſo überirdiſche Gewalt über mich habe. „O, wie ich ihn verabſcheue! wie ich ihn haſſe, und doch muß ich ihn meinen Mann nennen! Mutter, warum haſt Du mich nicht vor ihm gerettet, als ich Dich darum anflehte?! Jetzt iſt es zu ſpät! Ich fürchte, ich zittere vor ihm, vor ſeiner Nähe, vor ſeiner Berührung, und doch fühle ich und weiß es, daß ich ihm wieder gehorchen müßte, wenn er es von mir verlangt, jetzt und mein Lebenlang. „Gott, du Allmächtiger, was iſt es, das mich ſo ganz in ſeine Gewalt gegeben? Woher dieſer un⸗ begreifliche, unnatürliche Zwieſpalt? Gibt es denn in 172 Wirklichkeit einen Zauber? Mein Verſtand ſträubt ſich dagegen und doch— und doch— Mutter ich werde wahnſinnig! „Ich hoffte ihm zu entfliehen und deßhalb gab ich Albert mein Jawort, aber es ſtand geſchrieben, daß es ſo und nicht nach meinem Willen kommen ſolle.— „Das Leben graut mich an!— O Mutter, ich werde ſterben, fluche mir nicht— ich kann ja nicht anders, Gott hat mich nicht erhört. Denke, es wird mir beſſer ſein, wenn ich nicht mehr bin! Bete Du, Mutter, für meine Seele. Meine arme liebe Mutter, verzeihe Deinem unglücklichen Kinde, verzeihe, verzeihe Deiner Emmy!“— Als Veröczy ſpäter dem Freunde drüben in Ber⸗ negg ſein Herz ausſchüttete und auch dieſen Brief zum Leſen gab, da lachte er gellend auf. „Ein Zauber! ein Blendwerk!“... rief er... „So ſind wir alſo Beide um unſer Lebensglück be⸗ trogen! Warum nicht ein Höllenzauber und ich Satans-Jünger? Haſt gut geſpielt, Teufel, der du unſere Larven verzerrteſt und unſere Augen mit Blind⸗ heit ſchlugſt! Alles war erlogen, was ſie mir geſagt, und ich weiß es noch Wort für Wort! logen Alles!“ Erlogen, er⸗ 473 Es ſchien eine mächtige Umwandlung von dem Tage an mit ihm vorgegangen. Er war kalt, ver⸗ ſchloſſen, höhniſch bis zum Widerwärtigen und hart bis zur Grauſamkeit. Nur am Krankenlager ſeiner Frau äußerte ſich dies nicht. Mit Selbſtaufopferung wartete er ſie Tag und Nacht durch Wochen, bis die Kriſis vorüber und ihre Geneſung entſchieden war, das behauptete er ſich ſelbſt ſchuldig zu ſein, ebenſo auch, daß er darnach ging, um nie— nie wiederzu⸗ kommen, und der Frau, die ihn verabſcheute, nie mehr wehe zu thun. Darin blieb er felſenfeſt und kein Zuſpruch des Freundes vermochte den Entſchluß zu er⸗ ſchüttern. Der Tag kam endlich, an dem die Kranke ihr Bewußtſein wiederfand. So lange ſie wachte, hatte Veröczy ſich fern gehalten, ihr Blick ſchien ihn zu ſuchen, wie die Wärterin meinte, doch kam über die ſchwachen Lippen keine Frage nach ihm. Als dann die Nacht hereinbrach, ſchickte er das Mädchen fort, er wollte noch einmal allein ſein mit ihr, an die er vor wenig Stunden die letzten Abſchiedsworte ge⸗ richtet. „Meine Gegenwart“... hatte er geſchrieben... „iſt Ihnen ſo unleidlich, daß Sie ihr den Tod vor⸗ ziehen. Aber Sie ſollen leben und nicht fürchten, daß 174 ich Sie quälen werde. Es iſt fern von mir, einen Beſitz anzuſprechen, auf den mir nur unerklärliche Gewalten— eben ſo unerklärlich für mich, wie für Sie— das Eigenthumsrecht verſchafften. Weder der unterſchriebene Kontrakt, noch der Segen der Kirche können in meinen Augen bindend vereinen, was ſich nicht ſelbſt mit freiem Willen eint.— Leben Sie für ſich— ich werde meine Wege gehen, und es ſoll meine Sorge ſein, daß wir uns nie und nirgends be⸗ gegnen. „Es hat Sie während Ihrer Krankheit ein ſchwerer Schlag getroffen; wie Ihnen Herr von Haun, der Ueberbringer dieſes Briefes, vorher ſchon mitgetheilt haben wird, iſt Ihre Mutter vom Tode ereilt worden. Ein Troſt mag Ihnen ſein, daß die würdige Frau ſanft und ſchmerzlos geſtorben, ohne Ihren Brief ge⸗ leſen zu haben, und mit einem Segenswort für Sie auf den Lippen. „Das Geſchick hat Sie Ihrer natürlichen Zuflucht beraubt. Ich ſetze voraus, daß Sie ſich nicht von Ihren Verwandten abhängig machen wollen, auch würde dies, da Sie einmal meinen Namen tragen, mir peinlich ſein. Bleiben Sie demnach ruhig auf dem Rodenhofe. Ich werde ihn nicht mehr betreten. „Mein Bankier hat den Auftrag, Ihnen jährlich 175 dreitauſend Gulden, und wenn meine Revenüe ſich vergrößern ſollte, auch dann die Hälfte derſelben aus⸗ zuzahlen. Im Falle dies nicht ausreichen ſollte, bitte ich Sie, unbedenklich auf meinen Namen zu ziehen. Bedürfen Sie des Rathes oder einer thatſächlichen Unter⸗ ſtützung, ſo erlaube ich mir, Sie an Ihren Nachbar auf Bernegg, meinen erprobten Freund, zu verweiſen, nicht als ob ich Ihnen einen Vormund ſetzen wollte, das ſei fern von mir, nur weil ich denke, daß Ihnen in der fremden Umgebung ein Anhalt vielleicht will⸗ kommen ſein dürfte. „Und nun möchte ich Ihnen ſchließlich noch ſagen, daß ich mir gar kein Beſtimmungsrecht über Sie an⸗ maße und jeder beliebige Schritt Ihrem Gefallen über⸗ laſſen bleibt. Ich bedaure, daß unſer Schickſal Ihnen die Freiheit genommen und Sie an mich gekettet hat. Sie ſollen nicht ſchwer, und wie ich hoffe— ſelbſt wenn Sie auf eine frühere Löſung verzichteten— nicht lange darunter zu leiden haben. „Möge es Ihnen wohl ergehen!— Veröczy.“ Er hatte ſich losgeſagt. Jetzt ſtand er an dem Krankenbette und ſchaute beim rothen Lampenſchein in die bleichen, ihm einſt ſo lieben, abgezehrten Züge der Schlummernden, die er mit ſchneidender Ironie ſeine„Frau“ nannte. Lange ruhte ſein Blick auf ihr, 176 ſeine Gedanken mögen am Ende doch verſöhnliche ge⸗ weſen ſein, denn er beugte ſich herab, drückte einen flüchtigen Kuß auf ihr Haar und wandte ſich mit einem tiefen Athemzug zum Gehen. Draußen drängte ſich der Hund an ihn, er win— ſelte leiſe und wollte dem Wagen folgen, der ſeinen Herrn entführte. Der aber ſah dem treuen Thiere feſt in die Augen. „Du bleibſt!“... ſagte er...„Du bleibſt bei deiner Frau!“... und dann jagte er es zurück in den Hof. Er ſelber fuhr fort, zunächſt nach Bernegg. Noch einen Augenblick länger im Krankenzimmer, und die Reiſe wäre vielleicht unterblieben. Denn als er die Schlummernde geküßt hatte und gegangen war, da hob ſie zuckend die Hand, wie um ihn zurückzuhalten, und über ihre Lippen kam gepreßt ein ſchwaches Stöhnen: „Arpäd!— bleibe!“— Doch die Thüre fiel in's Schloß, die bleichen Lippen ſchloſſen ſich wieder, ein ſchmerzhafter Zug um⸗ ſpielte ſie, und die welke Hand ſank matt an der Decke herunter. ——— Elftes Kapitel. Ja, das war es ungefähr, was ich von Freund Haun gehört, wenn auch nicht ganz ſo zuſammen⸗ hängend und bei weitem nicht mit allen Schnörkeln, die ſich die leidige Gewohnheit des auf die Feder ſtatt auf die Zunge angewieſenen Erzählers nun einmal nicht verſagen kann. Fehlt ihm ja doch die Unmittel⸗ barkeit, deren Wirkung ich an jenem Nachmittage, wo Haun die verheißenen Mittheilungen endlich machte, aufs Schlagendſte an mir ſelbſt erprobt ſah. Ich war mächtig bewegt, ſo daß ich, wenigſtens ein Dutzend Fragen auf der Zunge, doch eine ganze Weile höchſt nachdenklich ſchwieg. „Höre Freund!“... machte ſich endlich meine Stimmung Luft...„das Ganze iſt eine ſo unglaub⸗ liche Geſchichte—“ Byr, Quatuor. I. 12 — —— 178 „Daß ſie eben buchſtäblich wahr ſein muß, um geglaubt zu werden“... fiel er trocken ein...„Bin ſonſt nicht dafür bekannt, den Leuten Geflunker vorzu⸗ machen.“ Ich glaubte ihn beruhigen zu müſſen, daß ich keine Zweifel gegen ſeine derbe Wahrhaftigkeit hege. „Es ſind mir nur die Vorgänge in einer Menſchen⸗ ſeele räthſelhaft“... ſagte ich dann...„Vorgänge, die ſich in ſolchem Widerſpruch der Handlungeu, ja in ſolch' extremen und vehementen Stimmungen kund⸗ geben, denn von Entſchlüſſen, die doch eine beſtimmte Willensäußerung ſind, kann bei dem, was Du mir von der Baronin erzähltſt, unmöglich die Rede ſein. Wie nun reimen ſich jene wechſelvollen, einen hohen Grad von Krankhaftigkeit verrathenden Stimmungen mit ihrem gegenwärtigen, wie es ſcheint vollkommen ebenmäßig harmoniſch ausgeglichenen Weſen?“ „Bin etwa ich dafür verantwortlich? Ich habe ſie nie anders gekannt als jetzt. Weiß von dem Früheren nur aus ſeinen und ihren Mittheilungen, die trotz einzelner Abweichungen doch im Ganzen zuſam⸗ menpaßten. Seit ich ſie zum erſten Male geſehen, iſt ſie ſich unverändert gleich geblieben, nur daß ſie damals noch ſchwach, noch angegriffen, noch— wie ſage ich gleich?— noch nachdenklich oder in ſich verſunken 179 war und ſtill, ganz ſtill, dann aber immer friſcher und munterer wurde. Statt dem ſtädtiſchen Wachsteint blühte ihr eine friſche Röthe in der Landluft auf den Wangen— ein wenig voller iſt ſie geworden— na, Du haſt ſie ſelbſt geſehen! Kann es eine Frau geben, die ſich beſſer für einen Landwirth eignete? Früh und ſpät auf den Beinen, überall mit Aug' und Sinn da⸗ bei. Meinen Rath hat ſie längſt überholt. Bin ſonſt nicht für die Bücher mit ihren modernen Neuerungen, wo die Kühe Galoſchen, die geſchorenen Schafe Pale⸗ tots bekommen und die Hühner ihre Cier gleich als Omlette legen ſollen, was aber die da drüben im Rodenhof herauslieſt, hat Kopf und Hand, und ich alter Kerl habe ſelbſt ſchon Manches von ihr ange⸗ nommen. Ein Kernweib iſt ſie, Alles gedeiht und wächſt unter ihr, wenn die—— Himmelkreuzdonner⸗ wetter... unterbrach er ſich, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch hieb, daß die noch darauf ſtehen⸗ den Deſſertteller klirrten...„wenn man denkt, daß ein ſolches Weib ſo gut wie ledig bleiben ſoll, ein Weib, das eine Stammutter—!“ Und noch einmal gab er der unſchuldigen Tiſch⸗ platte einen Schlag, als ob er damit pantomimiſch ſeinen Mund ſchließen wolle, der zum Verräther an den geheimſten Gedanken ſeines Herrn wurde. Der 12* ——— 180 Mann, der mehr als ſein halbes Leben der Herſtellung des Glanzes ſeiner Familie gewidmet, knirſchte mit den Zähnen, als habe er nicht übel Luſt, die verſäum⸗ ten angebornen Generationen an Demjenigen zu rächen, der ſie noch nachträglich hinderte, die reſtaurirte Burg Bernegg zu beziehen und mit ihrem Ruhme den alten Namen der Haune neu zu vergolden. „Welcher Gedanke“... fiel ich beſchwichtigend dem Aufgeſprungenen in die beim Aufundabrennen der Kreuz und Quere nach geführten Fauſthiebe, die den unſichtbaren Gegner zu einem unförmlichen Brei verwandelten, aber gelegentlich auch mir, wenngleich unbeabſichtigt, gefährlich werden konnten...„welcher Gedanke, der Dir die gewohnte Cigarre nicht verleiden ſollte, caro amico, ſchon der Verdauung wegen.“ Die Leidenſchaft aber ſchlägt ſelbſt die fürſorglichſte Mahnung in den Wind. „Der Teufel mag da rauchen!“... hieß es, und es blieb mir nichts übrig, als mich reſignirt mit der Aufgabe des Teufels allein zu befaſſen. „Iſt mir bei allem Räthſelhaften am allerräthſel⸗ hafteſten“... murmelte ich beinahe im Selbſtgeſpräch vor mich hin...„daß ſie nach Allem und Allem noch auf dem Rodenhof blieb. Ob ihr Mann dies oder jenes wünſchte, kann ihr gleich ſein, und mit oder ohne 181 den Jahresgehalt von dreitauſend Gulden konnte ſie immerhin einen anderen Aufenthaltsort finden, als den, aus welchem ſie den rechtmäßigen Beſitzer doch eigentlich vertrieb. Was mag ſie wohl an dieſen Rodenhof feſſeln— oder“... ſetzte ich vorſichtig hinzu...„gefeſſelt haben, zu einer Zeit, wo ſie ja gar Niemanden in der Gegend kannte— wo ſie hier auf fremden Boden unter Fremden ſtand? Iſt ſie habſüchtig?“ „Iſt auch nicht weit her mit Deiner Menſchen⸗ kenntniß, wenn Du ihr dergleichen zutrauen magſt.“ „Verzeihe, ich fragte im Monologe mich ſelbſt und war eben im Begriffe, mit Nein zu antworten. Was aber“... frug ich nachdenklich die Rauchwolke, die ich langſam vor mich hingeblaſen...„was aber kann ſie ſonſt halten? Sieht ſie ſich für die Verwal⸗ terin des Abweſenden an?“ „Frage ſo ein Frauenherz!“... entgegnete mein alter Freund für die Rauchwolke...„Ja, wer es durchſchaute!“ „Du glaubſt alſo, daß ſich jenes geheimnißvolle Band zu einem ganz gewöhnlichen dauerhaften Knoten ſchlang, ſeit der Mann ſich geneigt zeigte, es zu löſen? Du glaubſt, daß ſie jetzt, wo ſie ſich nicht mehr ab⸗ hängig fühlt, erſt— recht an ihm hängt?“ 182 „Ich glaube gar nichts!“... brummte Haun unwirſch und ich nickte, denn ich verſtand die Worte ſo:„Ich bin überzeugt davon, will es aber nicht ſein!“— Dann ſtampfte er wieder ein paar Mal im Zimmer auf und ab, und da ich ſchwieg, begann er mit einem Anlauf, als gälte es meine heftigſten Ein⸗ wendungen durch die doppelte Gewalt der Argumente und ſeiner Stimme niederzuſchmettern. „An ihm hängen? Eine Närrin müßte ſie ſein, wenn jetzt nicht das letzte Reſtchen von Gefühl für ihn erlöſche, ja, wenn es nicht ſchon längſt erloſchen wäre! Siehſt Du, anfangs ergriff ich ſelbſt ſeine Partei, noch als ich ſie geſehen hatte— noch als ich ſie beſſer kennen gelernt— immer ſprach ich ihr zu und lobte ihn, wie ich's für recht hielt— mehr als das, denn meiner Meinung nach hatte er ſich mit der Wirthſchaft viel zu wenig befaßt, ſie iſt unter ihrer Führung ganz anders gegangen, und das iſt eigentlich eine Schande für den Mann. Er ſtreifte viel lieber durch's Land und kletterte auf allen Bergen herum, als ob ſich die liebe Erde von dort oben aus weit runder ausnähme. Kurz, ich wollte ihn beſſer ſehen, als er war, und lieh ihr meine Augen. Aber einmal mußten ſie mir doch aufgehen! Ihm war das Umherſtrolchen eben lieber als das Daheimhocken, und da kann man ſich leicht mit verletztem Mannesſtolz und dergleichen eine Ausrede zuſammenleimen, daß es den Anſchein hat, als wäre man wer weiß wie ſehr im Rechte. Wem's aber Ernſt mit dem Zuhauſebleiben iſt, der läßt ſich nicht mit dem Mund in die Welt hinausblaſen, wie man ein Licht austhut, der nimmt die Hand, wenn man ihm den Finger reicht, und thut nicht, als ob man nimmer Deutſch verſtände oder das Leſen verlernt hätte oder von dem Briefe nicht aufgefunden worden ſei, deſſen Empfang man doch durch Namensunterſchrift auf dem Recepiſſe gefertigt.“ „Sie hat ihm alſo geſchrieben?“ „Wer ſagt das? Ich weiß wenigſtens nichts davon.“ „Aber der Brief?“ „War von mir— von mir eigenhändig. Und ich habe ihm darin Alles geſagt, wie's ſtehe daheim, wie ſie von ihm ſpreche und immer von ihm zu ſprechen verlange, wie ſie Alles in ſeinem Sinne thue und mich jedes Mal, ſo oft ſie mich ſähe, frage, ob ich Nachricht von ihm hätte, ob ich ihm nicht ſchreibe und ſo fort. Na, ich denke, das war deutlich genug, wenn er's ver⸗ ſtehen wollte— wenn er's wollte, das iſt's! Aber in Paris, in Italien und weiß Gott wo herumkut⸗ ſchiren und mit leichtfertigen Perſonen umgehen, das taugt dem jungen Herrn beſſer. Nun hat er's! Ver⸗ hehlt iſt ihr's nicht worden von mir; habe ich für ihn geſprochen, ſo redete ich ihr ſpäter zum eigenen Wohle zu, wenn ich auch des Gröbſten nicht Erwähnung that. Sie aber wollte ihn nicht fallen laſſen, ſo ſind die Weiber— auch die allerbeſten—“ „Und vielleicht eben darum die allerbeſten“... warf ich ein. „Na, meinetwegen!“... knurrte er und ſetzte dann, auf einen offen daliegenden Brief ſchlagend, mit einer gewiſſen Genugthuung hinzu...„Jetzt endlich muß ſie einſehen, daß er es nicht werth iſt!“ „Seltſamer Freund für Deine Freunde! Ich danke, wenn Du auch für mich ſo eintrittſt.“ Der Vorwurf, halb ſcherzhaft gemeint, ſchien ihn ſchärfer zu treffen, als ich beabſichtigte. Seine tiefge⸗ wurzelte Ehrenhaftigkeit jedoch griff den Tadel auf und verwandelte ihn in eine Selbſtanklage, gegen deren Spitze ſich das gute Gewiſſen anfangs vielleicht nur ſchüchtern zur Wehre ſetzte. Er ſank ſtumm auf ſeinen Stuhl und legte den Kopf zwiſchen die ſtützenden Hände. Es arbeitete mächtig in ihm, aber das gute Gewiſſen ging zuletzt ſiegreich aus dem Kampfe hervor und mit feſtem Blicke ſagte er zu mir:„Du biſt mein Freund nur ſo lange, als Du recht handelſt; 185 betrage Dich ſo— und Du haſt aufgehört es zu ſein.“ Bei dem„ſo“ fiel ſeine geballte Fauſt abermals auf jenen Brief, der eigentlich die Veranlaſſung zu dem ganzen Geſpräche gegeben. Der Bote, der von Bernegg, dem Rodenhof und den nächſtgelegenen Ortſchaften gemeinſam gehalten wurde, hatte vor Tiſche wie gewöhnlich Zeitungen und Briefe gebracht. Unter dieſen war einer, deſſen Lektüre meinem Freunde einen dumpfen Ausruf der Ueber⸗ raſchung entriß. Ich blickte unwillkürlich von den wenig anſprechenden politiſchen Neuigkeiten hinüber zu Haun und war meinerſeits betroffen von der Erregung, die ſich bei ihm kundgab, bei dem Ausdruck ſeiner ſonſt wie aus knorrigem Holz geſchnittenen Züge, in denen Entrüſtung, Mitleid, Zorn, Unruhe, Hoffnung, ja faſt etwas wie Freude in der ſeltſamſten Miſchung wechſelte und ineinanderfloß. „Ein Glück für ſie! das größte Glück!“... rief er endlich...„Franz, anſpannen! Ich muß in den Rodenhof!“ „Was haſt Du, was willſt Du dort?“. er⸗ laubte ich mir zu fragen, und erſchrak, als er mit einem Schnaufen, das dem eines wilden Thieres glich: 186 „Eine Trauerbotſchaft! Aber eigentlich iſt's ein Glücks⸗ fall!“... entgegnete. „Der Brief iſt von Reigern“... ſagte ich, da ich die Schrift meines ehemaligen Kameraden ſchon auf der Adreſſe erkannt...„was kann er Dir ſchreiben?“ „Was ich längſt erwartete, was kommen mußte! Daß ſie ganz frei iſt. Und das iſt ſie beim Himmel, ob er lebt, ob er ſtirbt, nach dem, was geſchehen! Sage ſelbſt, ob's ſo iſt?“ Und er las mir folgende Brieffragmente vor, in⸗ dem er das Unweſentliche überſprang und ſelbſt das Hauptſächlichſte nur bruchſtückweiſe hervorſtieß:„—— Da ich weiß, daß Sie ſich intereſſiren— ſchon da⸗ mals in Paris.— Seit einiger Zeit iſt Baron Veröczy hier— macht reden von ſich— glaube keine Indis⸗ kretion zu begehen, da man heute Abends in jedem Kaffeehauſe wie in jedem Salon davon plaudern wird. —— Haus des jungen Bankier Müller, der die Tochter des Compagnons geheirathet— eine Couſine der Baronin Veröczy— und, wie ich flüſtern hörte, ſchon früher gern geſehen.— Sehr angenehmes Haus — viele Leute— ſehr angenehme Frau— ſehr liebens⸗ würdig— Baron Veröczy keineswegs der Erſte— nur Held der Saiſon— Unvorſichtigkeit— Eclat.— —»——.,— 187 Heute früh ausgetragen— Barrière— unbegreiflicher Großmuth ſchoß er in einen Baum, dreißig Schritte rechts von ſeinem Gegner, der letzte Schuß traf ihn. Der Arzt, zufällig auch der meine, zuckt die Achſeln— zwiſchen den rechtsſeitigen Rippen durch— kaum noch Hoffnung. Wer hätte gedacht, daß der beleidigte Che mann ſolch' ein Schütze— wird geradezu Mode wer⸗ den— Löwe Müller— Müllerlöwe—“—„Und Papperlappap und Gewiſche Gewäſche!“... ſchloß Haun kurzweg und mit jähem Ausbruch ſeines Wider⸗ willens die Citate aus dem Briefe, dem er noch einen Schlag mit dem Rücken der rechten Hand verſetzte, ehe er ihn mit der linken zuſammenballte und wieder auf den Tiſch warf...„Da, ſage ſelbſt“... forderte er mir dann mein Urtheil in einer Weiſe ab, als ob er mir nicht rathen wolle, anderer Meinung als er ſelbſt zu ſein...„iſt das genügend als Scheidegrund? Ich denke, es iſt genügend, mehr als genug, ein Schiffs⸗ tau durchzuſchneiden!“ So wenig mich im Grunde die Nachricht anging, machte ſie mir doch einen beſtürzenden Eindruck, ich mußte unwillkürlich an den Schreck Derjenigen denken, die davon am nächſten betroffen wurde. „Und das ſcharfe Inſtrument dazu beabſichtigſt 188 Du in ihre Hände zu legen?“... fragte ich... „fürchteſt Du nicht, daß es auch ſie verwunde?“ Haun ſtutzte; er kaute, wie dies zu Zeiten in ſei⸗ ner Gewohnheit lag, an den Knöcheln ſeiner ſonnge⸗ bräunten ſehnigen Finger. „Wenn ſie krank würde, wenn ſie wieder krank würde wie damals“... ſtieß er abgebrochen hervor .„Weißt Du, Reigern ſchrieb mir auch vor einem Jahre aus Paris, und ich ſagte ihr nicht einmal Alles über die Umgebung, in der ſich ihr Mann gefallen ſolle— und ſie war eine Woche lang recht übel da⸗ ran. Ich hatte nur eine Frage gethan,— nur ein Wort—— Nein, in's Teufelsnamen!“... unter⸗ brach er ſich wieder heftig...„ſie darf nicht wieder krank werden!— Lieber will ich mein ganzes Leben lang—— Fahr'in die Hölle, Dummkopf!“... fuhr er Franz an, der ſo eben mit der Meldung eintrat, daß der Wagen bereit ſei...„Ausſpannen, hab' ich geſagt, Marſch!“.. und dann warf er ſich mit Wucht auf den Stuhl, ſtemmte die Arme auf den Tiſch und die Stirne zwiſchen die Fäuſte, als hege er die ent⸗ ſchiedenſte Abſicht, ſeinen Kopf feſtzuſchrauben und dann in fürchterlicher Weiſe flach zu preſſen, und kam ſchließlich zu der im wahrhaft rührenden Tone einer um ihr Kind beſorgten Mutter herausgeſeufzten 189 Erklärung:„Nein, nein, ſie darf nicht wieder krank werden!“ Das bald darauf ſervirte Mittageſſen ſchien zwar meinem Freunde noch weit weniger als mir zu ſchmecken, hatte aber doch immerhin die günſtige Wirkung, das zwiſchen unverſtändlichen Ausbrüchen und ſtummen Hinbrüten hin und herſchwankende Gemüth mir gegen⸗ über ein wenig zur Gleiche zu bringen, als Franz Ci⸗ garren auf den Tiſch geſtellt und ſich entfernt hatte, thaute die Rinde, oder ſag' ich beſſer— ſie barſt, und die„Gelegenheit“, bei der ich die Geſchichte des Rodenhofes hören ſollte, und die vielleicht gar nie ge⸗ kommen wäre, war da. Erſt zuletzt miſchte ich mich wieder ein wenig ein, und unſer Zwiegeſpräch hatte gerade jenen Punkt erreicht, wo mir in Folge dieſer Einmiſchung unter gewiſſen Bedingungen, die ich freilich nie eintreten zu laſſen geſonnen bin, die Freundſchaft förmlich gekündigt wurde, als etwas ganz Unerwartetes, die Dame näm⸗ lich, von der die Rede war, eintrat. Seit meinem erſten Beſuch im Rodenhofe hatte die Baronin uns ſchon einige Male das Vergnügen ihrer Anweſenheit auf Bernegg gegönnt, ſo überraſcht — ich möchte ſagen— auf der That ertappt fühlten wir uns jedoch noch nicht bei ihrem Erſcheinen wie 190 diesmal. Alles Erkünſteln einer freudigen heiteren oder nur höflich komponirten Miene blieb uns aber, wie wir ſofort ſahen, erſpart. Die junge Frau war in großer Haſt, bleich und verſtört. Sie trug ein graues Hauskleid, in dem ſie ohne Weiteres vom Hofe fortgeeilt ſein mußte, es fehlte ſogar die nöthige Ver⸗ vollſtändigung der Toilette. „Ihren Wagen, Herr von Haun“... ſagte ſie, kaum daß ſie an dem erſtaunten Franz vorüber und im Zimmer war...„Ihren Wagen! Ich bitte Sie, ſogleich anſpannen zu laſſen. Ich muß zum nächſten Zug an die Bahn, und meine Pferde habe ich heute in die Mühle geſchickt.“ „Aber Baronin, was—“ „Laſſen Sie anſpannen, ich bitte Sie darum“... unterbrach ſie meinen Freund mit lebhaftem Drängen .„Ich muß zu ihm— er liegt im Sterben!“ Sie hatte die Worte ganz ohne alles Aufgebot an Tragik geſprochen, man ſah, daß ſie ſich während des ziemlich langen Weges vom Rodenhof mit dem Gedanken ſchon ein wenig vertraut gemacht.— Der Ton, ſo klang⸗ und ausdruckslos, ſchnitt mir doch in's Herz. Und dieſe Frau ſollte ihren Mann nicht lieben? Dieſe Frau ſollte zu einer Scheidung zu be— ſtimmen ſein?— Armer Freund Haun! 191 Ich gab Franz einen Wink, ſofort anſpannen zu laſſen, denn der Hausherr dachte nicht daran, er war zuerſt mit einem perplexen„Wie? Sie wiſſen?“ her⸗ ausgefahren und nun eben daran, ſeiner Entrüſtung Worte zu leihen und ihr etwas von Unwürdigkeit und Scheidungsklage in ſeiner abgebrochenen Weiſe aus⸗ einanderzuſetzen, was ſie offenbar nicht hörte oder doch nicht verſtand, da ſie, vom eiligen Laufe erſchöpft, vielleicht auch vom Schmerze überwältigt, auf einen Stuhl niederſank. Sie ließ den Grollenden ſprechen, fuhr ſich mit dem Tuch über Augen und Stirn, trank einen Schluck aus dem Glaſe, das ich ihr bot, und ſtreckte dann, als ſie ſich erholt hatte, ihre Hand ver⸗ ſöhnlich dem Freunde entgegen. „Nicht ſo, nicht ſo!“... bat ſie mit rührender Weichheit...„Es ſteht der Tod an ſeinem Bette.“ „Und wenn er inzwiſchen ſchon geſtorben wäre?“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Er lebt, ich fühle es“... ſagte ſie, die Hand auf's Herz und auf die Stirn legend...„er lebt!“ „Und wenn er am Leben bliebe?“... Haun ſtellte die Frage eben ſo düſter, wie die frühere. „So würde ich Gott danken für dies Glück! Dann wäre Alles, Alles gut.“ Sie ſagte das mit einem leuchtenden Blick, der 492 dies leidvoll blaſſe Geſicht wunderbar verklärte. Dieſer Ausdruck hätte Mörder bezwingen und bekehren müſſen. Haun, den ich wohl nie liebgewonnen, wenn ſeine äußerlichen Knorren auch nach innen gewachſen wären, vermochte nicht zu widerſtehen. Er war hülflos wie ein Kind, und nur, um nicht zu raſch in das Gegentheil ſeiner Ueberzeugung zu fallen, verſuchte er noch einige leichte Andeutungen über den Inhalt des Briefes zu machen. Ein wehmuthsvolles Lächeln ſchlich um die Lippen der jungen Frau, ihre Hand machte eine leiſe Be⸗ wegung, als ſtriche ſie einen Berg von Anklageakten, der doch nicht mehr wog, denn ein Fläumchen, vom grünen Gerichtstiſch. Was lag an der Urſache der Wunde, aus der dies Leben zu entfliehen drohte?! Auch die Baronin hatte einen Brief empfangen, und zwar vom Arzte, welcher ſich darauf beſchränkte, ihr das Ereigniß und die drohende Gefahr mitzu⸗ theilen. Derſelbe Bote, der Bernegg allarmirte, hatte, ſeinen Weg fortſetzend, auch ihr die Nachricht gebracht. Sofort war ſie herübergeeilt, ohne auch nur zu war⸗ ten, bis das Allernöthigſte zu einer Reiſe zuſammen⸗ gerafft war, der Vorſprung vor ihrem damit betrau⸗ tem Mädchen konnte ja benützt werden, den Wagen 193 vorher in Bereitſchaft zu bringen, ſo daß keine Ver⸗ ſäumniß eintrat. Wie wenig das Schreiben des Arztes andeutete, es genügte Albert Müller's Name, die erſchütterte Frau auf die richtige Spur zu leiten. Sie kannte das Temperament ihrer Couſine, die nun ſchon ſeit anderthalb Jahren die Gattin des jungen Banquiers war, und konnte ſich ohne große Mühe den Zuſammen⸗ hang der vorgefallenen Dinge denken, wenn ſie ſich Henriettens unverhehlt zur Schau getragene Neigung zu Veröczy und die leichtlebige Art vergegenwärtigte, mit der die nur ihren Launen folgende Frau ſich den Zwang einer liebeloſen Ehe erleichtern mochte. So ungefähr erklärte ich mir das ergreifende Lächeln, den ruhig klaren großen Blick und die Alles ſo geringſchätzig hinwegſtreifen de Geberde. Ein Frauen⸗ herz wägt und urtheilt ganz anders als der in ſeinen Geſetzesformeln, wo nicht gar in Vorurtheilen ver⸗ knöcherte Richter. Die Gerechtigkeit wird nicht um⸗ ſonſt mit verbundenen Augen dargeſtellt, ſie iſt eine Frau und ſieht als ſolche mit dem Herzen. Die all⸗ gemein in die Augen ſpringenden Fäden und Motive haben für ſie keine Bedeutung. In dieſem beſonderen Fall übernahm allerdings noch ein Umſtand von ganz Byr, Quatuor. 1. 13 194 unbezwinglicher Beweiskraft die Vertheidigung des Angeklagten. In dem Briefe des Arztes war ein zweiter ein⸗ geſchloſſen, und dieſen zog die Baronin jetzt hervor und reichte ihn dem Ankläger, wie ein Dokument, das ihn zum Schweigen bringen müſſe. Und in der That entſprach der Effekt dieſer Erwartung, denn Haun, deſſen Brauen und Schnurrbart gar eigenthümlich zuckten, blickte lange auf den Brief, nachdem er ihn geleſen, und ließ ihn dann, ohne ein Wort zu ver⸗ lieren, auf den Schreibtiſch fallen, an den er getreten war, um das Licht des Fenſters für ſein ſcharfes Jägerauge zu benützen, das für die Ferne unver⸗ gleichlich, in der Nähe ſeinen Dienſt nur ungern leiſtete. Es war, als habe ſich nach der Lektüre dieſer Zeilen eine ſchwere Laſt auf ihn geſenkt, unter der die ſehnige Geſtalt ſich aufrecht zu erhalten Mühe hatte. Es war wohl auch darum, daß ſeine Hände die Stuhllehne wie Adlerfänge umfaßten. Niemand im Gemache hatte Luſt, das Schweigen zu brechen, als ich aber näher hinſah, da entgingen mir die Thränen nicht, welche der armen, ſo ſchmerzhaft er⸗ griffenen Frau über die bleichen ſtarren Wangen herab⸗ liefen. C b klang wie eine Erlöſung, als Franz den Wa⸗ 195 gen und die Ankunft des Mädchens aus dem Roden⸗ hofe meldete. „Ich danke Ihnen, leben Sie wohl!... ſagte die Baronin zu Haun und bot ihm die Hand. Er aber hob den Kopf, als wenn er aus tiefem Nachſinnen erwache, und ſtatt die Hand zu nehmen, griff er nach ſeinem Hute. „Sie werden doch nicht glauben, daß ich Sie allein gehen laſſe?“... verſetzte er, und ohne auf ihren Einſpruch zu hören, geleitete er ſie hinaus, half ihr in den Wagen, ſtieg auf den Kutſcherſitz, nahm ſelbſt die Zügel in die Hand und fuhr raſch davon, indem er mir nur noch flüchtig einen Gruß zuwinkte. Ich ſah ihnen noch ſo weit nach, bis das Wägel⸗ ——— chen verſchwand, ging dann in das Haus zurück und ſchloß das Zimmer ab, in welchem Briefe umherlagen, die denn doch nicht für Jedermann waren, und die ich auch nicht einmal berühren wollte, indem ich ſie verſorgte. Ich weiß nicht warum— da mich all' das Vor⸗ gefallene doch eigentlich gar nichts anging— warum mir Bernegg auf einmal wie herbſtlich, ja die ganze Gegend, die mich anfangs ſo ſehr entzückt und ſo wohlthuend auf mich eingewirkt hatte, nun vorkam, als habe das Grün an Friſche, der Wald an Duft, 43 die Sonne ihren goldigen Glanz verloren. Selbſt die Droſſel ſang mir nicht zur Luſt, und die Welt war doch eigentlich nur eine in der Mannichfaltigkeit der Variationen höchſt ſinnreich eingerichtete, ſonſt aber herzlich trübſelige Münzſtätte des Leids, das Jeder⸗ man, ſei es als Goldkrone oder als Kupferheller, mit ſich herumträgt, und ob er's zu verheimlichen oder unter die Leute zu bringen ſucht, doch nie los⸗ zuwerden vermag. Am nächſten Tage ging's wieder beſſer, aber ich mußte noch viel an den Rodenhof denken, oder viel⸗ mehr an die Bewohner deſſelben, die momentan ja fern waren. Abends von einem langen Spaziergange heimgekehrt, ſah ich mich von Haun ſchon mit Unge⸗ duld erwartet. Vor einer halben Stunde war er heim⸗ gekehrt und im höchſten Grade unzufrieden, ſein Zim⸗ mer verſchloſſen zu finden. Aber der Ingrimm war gedämpft. „Ich war ſchon nahe daran, das Fenſter einzu⸗ ſchlagen“... brummte er...„was fällt Dir ein!“ Unter anderen Umſtänden hätte er das längſt gethan. Er mußte gedrückt, ja nach ſeiner Art ſogar weich ſein. Das zeigte mir auch das raſch beſchwich⸗ tigte„So, ſo!“ als ich die Urſache angab, weshalb ich mich zur Anlegung der Sperre entſchloſſen. Beide ——mmmh 197 Briefe lagen noch, wo er ſie gelaſſen. Langſam that er ſie zuſammen auf den Schreibtiſch, verſorgte ſie jedoch nicht. „Iſt er todt?“... fragte ich endlich, da er von ſelbſt nicht darauf kam, meinen geſpannten Blick zu beantworten. Er ſchüttelte den Kopf...„Iſt Hoff⸗ nung da?“ er zuckte die Achſeln. „Der Arzt glaubt's. Aber was wiſſen die Quack⸗ ſalber“... murrte er, und dann in einen heftigen Ton ausbrechend...„Verdient hat er's wahrlich nicht, wie ein waidwundes Thier zu verkümmern, und um ein Weib, um ſo ein Weib! Ja, wenn's noch das ſeine wäre! Man wüßte wenigſtens, wofür man die Kugel in den Leib bekäme, und meinetwegen— ich wollt' mir auch aus einem Dutzend nichts machen, und wenn's auf der Stelle verenden hieße— aber ſo ein Weib! Du lieber heiliger Martin, nicht einmal die Hälfte eines Mantels verdient ſie, ihre Blöße zu verdecken.“ Von da an bedurfte es nur jeweiliger Leittöne, um dem einmal im Zuge Befindlichen die Uebergänge zu erleichtern, und ich hörte, wie Henriette aus Dépit geheirathet, ihren Ruf wenig genug geſchont. Wie ein boshafter, eiferſüchtiger Verehrer,„einer von den nichts⸗ nutzigen, ſchmarotzenden Tagedieben, ein dicker gift⸗ 2*—— —— 8— kochender Skribifax“— bezeichnete ihn Haun— den Denuncianten geſpielt, wie eine Scene ſtattgefunden hatte, in der Veröczy die von keinem Menſchen, mit Ausnahme des beleidigten Gatten, geglaubte Behaup⸗ tung aufſtellte, daß er an der Treue und Gewiſſen⸗ haftigkeit der Dame geſcheitert ſei, die er durch Be⸗ ſtechung der Zofe durch Liſt und Gewalt in einem Momente überfallen, wo ſie ſich vollkommen unbelauſcht und vor jeder Gefahr ſicher glauben mußte, wie dann die gebräuchliche Art, eine ſolche Affaire auszutragen, die Ehre der beiden Gatten hergeſtellt, wiewohl kein Menſch in der ganzen Reſidenz anders als mit Lächeln und Achſelzucken der Geſchichte erwähne. „Der Schneeberg iſt ſchwarz!“... lachte Haun bitter heraus...„Ja, ſchwarz iſt der Schneeberg, und dabei bleibt's und abgethan iſt's! Hole der Kukuk das ganze Lügengeſindel, wo Jeder lügt und Jeder auch gleich weiß, daß Keiner glaubt!— Wo iſt das Weib, für das ein Menſch vielleicht ſein Leben läßt? Seelenruhig ſitzt es daheim und erwartet ſehnſüchtig den Moment, Gewiſſenhaftigkeit, Tugend und Pflicht⸗ treue gegen Reigern, der ſich ſehr zu intereſſiren ſcheint, gegen jenen Schmaustragiker oder irgend einen Andern — eben ſo ſiegreich bewähren zu können!— Selt⸗ ſames Volk, das Frauenvolk!— Die Andere wieder 199 thut, als hätte er die Wunde für ſie empfangen, ſitzt am Krankenbett, gießt dem Bewußtloſen den Trank ein, hält ſeine Hand in der ihren, ſchläft und ißt nicht, horcht auf jeden ſtärkeren Athemzug und zittert für das Leben deſſelben Menſchen— dem ſie in's Waſſer entlaufen.— O, die Weiber! man möchte ver⸗ rückt werden, wenn man daran denkt!“ Der Groll, faſt möchte ich ſagen, Haun's Normal⸗ ſtimmung, ſchien die Feſſeln allmälig wieder abzuſtrei⸗ fen, doch zuckte mir ſein langer herunterhängender Schnauzbart noch allzu wehmüthig, und im Auge lag ihm feuchte Rührung, wie ich ſie noch nie dort ge⸗ ſehen. Er ſetzte ſich matt an den Tiſch, ich glaube wohl, daß er die ganze Nacht kein Auge zugethan hatte, und ich wollte gehen und ihn allein laſſen. Zuvor jedoch entfiel mir noch die Bemerkung, es ſei doch faſt ein übermenſchlich Liebeswerk, das ſich nur begreifen laſſe, wenn man annähme, die Frau, welche ſich demſelben unterzog, thue es in Reue und um ein Unrecht, das ſie einmal begangen, dadurch vom eignen Herzen abzuwälzen. „Meinſt Du?“.. ‚fragte er faſt höhniſch, dann ſchüttelte er den Kopf, und es war ein häßliches Lä⸗ cheln, das um ſeinen Mund zuckte, während er ſcharf hinzuſetzte:„Haben will ſie ihn! und weil das nur — 1 8 3 — 200 im Leben geht, ſo ſoll er leben, und wenn er ſtirbt, dann wird bereut. Vorher iſt's überflüſſig. Du miß⸗ billigſt, was ich ſage? Du ſchüttelſt den Kopf?— da lies! Kennſt doch ſonſt ſchon Alles.“ Und ich las den Brief, den er mir zuſchob, ohne mich erſt zu fragen, ob ich damit auch kein Unrecht an Derjenigen begehe, an die er gerichtet war. Meine Neugierde, vielleicht darf ich doch auch ſagen meine Theilnahme war zu ſehr geſpannt. Es waren kräftige, aber ein wenig zu willkürliche Schriftzüge, und die Worte lauteten folgendermaßen! „Emmy! mein Weib! „Vergönne mir's dies eine Mal, daß ich Dich ſo nenne— mein Herz hat Dich immer ſo gerufen— vergönne mir's diesmal, es iſt zum letzten Male. „Ich habe morgen ein Duell— ich werde fallen, denn ich will es. Mein Leben iſt werthlos, ſeit ich von Dir ging; ich habe verſucht, es zu tragen— ich bin es müde.“ Welch' fürchterlichen Ernſt dieſe Worte, die mir ſonſt wie Phraſe geklungen hätten, jetzt nach dem Vor⸗ gefallenen zeigten! Es war, als fühlte ich eine kalte Hand am Herzen und ich las weiter: „Und nun laß es mich noch einmal ſagen: ich habe Dich unſäglich geliebt, Emmy, mehr als Alles 201 auf der Welt. Da kam jene Nacht auf dem Roden⸗ hofe, darauf habe ich Deinen Brief an die Mutter ge⸗ leſen. Da ging ich denn fort, und ſo ſehr ich Dich liebte, wir ſind doch für immer getrennt von da an. Die Welt ſollte den Schmerz in meiner Bruſt über⸗ täuben, es iſt ihr aber nicht gelungen, was ich auch gethan, denn der Gedanke an Dich ließ ſich nicht ver⸗ bannen und mein Herz ſchrie lauter als der wüſteſte Lärm, in den ich mich hineinſtürzte, und hörte nicht auf zu ſchreien, und der Name, den es unausgeſetzt rief, war der Deine— Emmy! „Ich will Dir keine Vorwürfe machen, nein, nein! nicht in dieſer Stunde! Ich ſegne Dich und es iſt Alles verziehen, Alles! Nur wiſſen möchte ich, was ich Dir gethan habe, daß Du mich ſo ſehr haßteſt, daß Du mich verabſcheuteſt, und ich habe es doch ſo gut, ſo treu mit Dir gemeint und an Glück geglaubt für mich— für uns Beide! „Es ſollte nicht ſein! „Warum es nicht ſein ſollte? warum wir uns dann begegnen mußten, weshalb ſonſt noch Alles ſo gekommen iſt? Ich frage jetzt nicht mehr— ich habe ſo oft gefragt und keine Antwort erhalten. Ich bin es müde und bald iſt's vorüber! „Und nun noch Eins. Mein Teſtament ernennt wandten und keinen Legator außer einem:— Hektor. Behalte ihn auf dem Rodenhofe und laß ihn dort pflegen, wenn er alt wird— er hat einmal mitge⸗ holfen, Dich vom Tode zu retten. „Lebewohl! und darf ich eine Bitte ausſprechen, ſo iſt es die: wenn Du wieder heiratheſt und glücklich biſt, hänge darum mein Bild nicht weg aus meinem Zimmer und ſieh Dir's— nur hin und wieder ein⸗ mal— an. Ich kann Dir ja dann nicht mehr weh thun, ich bin ja todt. Denke, daß ich geſtorben bin, weil ich Dich ſo ſehr lieb gehabt, und bete für mich. Das Gebet iſt ein Gedenken. „Lebewohl, Emmy! Arpäd.“ Außen auf der Adreſſe ſtand:„Nach meinem Tode zu übergeben.“ Der Arzt hatte die Beſtimmung eigen⸗ mächtig gebrochen. Ich ſagte nichts. Es fiel auch kein Wort weiter zwiſchen uns über die Sache. War nach dieſem Briefe in dem Verhalten der Baronin noch etwas unklar?— Ich begriff Alles. Wenige Tage ſpäter ſchied ich von Bernegg und meinem mürriſcher und abſprechender als je gewor⸗ denen Freunde. Ich bin ſeitdem nicht mehr in jene Berge gekommen. Dich zu meiner Univerſalerbin. Ich habe keine Ver⸗ Zwölftes Kapitel. Eines ſchönen Nachmittags im Spätherbſte hielt ein bequemer Wagen, der die breitere Straße an der anderen Berglehne heraufgefahren war, an der Wald⸗ ecke, von der man auf einer kleinen Anhöhe den Ro⸗ denhof erblickte. Er nahm ſich gar ſtattlich in der herrlich klaren Luft zwiſchen den dunklen Fichtenbe⸗ ſtänden aus. Und das fand auch der eine der beiden Inſaſſen des Wagens, der ein wenig matt auf die Polſter zurückgelehnt, bisher ziemlich einſilbig, doch mit ſichtlicher Theilnahme um ſich geſchaut. „Emmy, was iſt das?“... fragte er lebhaft, indem er ſich aufrichtete, und ſein blaſſes bärtiges Ge⸗ ſicht röthete ſich leiſe. „Nun, der Rodenhof“... erwiderte die Gefragte 204 lächelnd, und in dieſem Lächeln ſpielte Glück, Freude und auch ein wenig— Stolz. „Nein, das iſt ja gar nicht möglich! Das iſt ja faſt ein Schloß geworden. Es war kaum beſſer als ein Bauernhof, da— da ich es verließ.“ Seine Gefährtin ſagte nichts, aber der Mann, der vorne die Zügel führte und der kein Anderer war als Haun, wandte nur ein wenig das Geſicht über die Schulter und murrte, als habe er die ſchwerſte Anklage vorzubringen:„Hat Alles ſie gebaut.“ „Du, Du?“... fragte der Rekonvaleszent, ſeine Frau bei den Händen faſſend, und ſie entzog ihm die⸗ ſelben nicht, aber verſchämt ſuchte ſie ſich gegen die ſchwere Anklage zu verantworten. „Man baut hier wohlfeil“... entſchuldigte ſie ſich beinahe...„Und ich hatte ſo viel Geld.“ „So viel Geld!“... rief Veröczy...„als ob ihr Frauen es in der That nicht zu verthun wüßtet. Wer ſo koſtſpielige Bauten ausführt, hat ſeine beſon⸗ deren Pläne.“ Der Scherz rief wieder Scherz hervor. Eine leb⸗ hafte Röthe ſchoß in das liebliche Geſichtchen, und aus den klaren Augen ſprühte etwas von dem Uebermuthe eines Kindes. „Die hatt' ich eigentlich auch. Es war mir daran 205 gelegen—“... und hier hielt ſie ein wenig an und ſprach das Folgende langſam und mit beſonderem Nachdruck...„wenn ich mich wieder verheirathete, auch recht bequem zu wohnen.“ „Du Böſe! Ich hätte Dir gar keine ſo tückiſchen Vorſätze zugetraut!“... und ein verrätheriſcher Laut ließ Haun keinen Augenblick bezweifeln, daß ein Kuß den neckenden Mund beſtrafte. Und ſonderbar, es verlautete nichts, daß dieſe Strafe übelgenommen oder zurückgewieſen worden wäre. Der Kutſcher gewann dabei nicht an Behaglichkeit und der ſcharfe Hieb, mit dem er die beiden etwas ſchwer⸗ fälligen Gäule antrieb, war ſicherlich kein Ausdruck überſchwenglichen Vergnügens. Warum hatte er aber auch das mehr als Menſch⸗ liche geleiſtet, die beiden Heimkehrenden vom Bahnhofe abzuholen und dem neben ihm ſitzenden Knechte die Funktionen des Pferdelenkens abzunehmen? Wenn er damit aus dem Bereiche der beiden Glücklichen zu kom⸗ men gedachte, ſo war dies, wie eben der Erfolg zeigte, nicht genügend gelungen. Vielleicht war's ein Ver⸗ ſuch, wie weit ſein eiſernes Regime gegen die eigene rebelliſche Natur ſich bewähre. Auf die Bitte der Ba⸗ ronin hatte Haun ſelbſt Alles überwacht und nun alle 8 3 ——— b 2 206 Vorbereitungen zur Aufnahme des endlich nach mancher bangen Woche heimkehrenden Chepaares getroffen. Jetzt war man an der Kehre und Dank der an⸗ feuernden Gemüthsbewegung, die ſich in Haun's Peit⸗ ſchenſchnur ausſchwang, hielten die Pferde alsbald im Hofe an, wo die dienſtbaren Leute den Wagen mit einer unverholenen Miſchung von Freude, hochgradiger Neugierde und zuverſichtlicher Hoffnung auf Feſtbier und Feſtmahl begrüßten. Veröczy war tiefer ergriffen, als er zeigen wollte, aber auch ſeiner Frau ſtanden ein paar große Thrä⸗ nen in den glückſeligen Augen. Welch' ein Unterſchied gegen jene erſte Einfahrt in den Hof! War es doch, als ſeien ſie heute erſt, und nicht in jenem böſen Traum — das neuvermählte Ehepaar. Der Herr war ausgeſtiegen und dankte den Hof⸗ leuten, indem er ſich mühſam der Liebkoſungen Hek⸗ tor's erwehrte, der, vom Geruchsſinn geleitet, dem Wagen winſelnd und in großen Sätzen entgegengeeilt war. Dann ging er, die liebliche junge Hausfrau, die jetzt kräftiger war, als der kaum dem Krankenzim⸗ mer Entronnene, halb umſchlingend und halb auf ſie geſtützt in's Haus, wo er ſeiner Rührung erſt eine kurze Pauſe gewähren mußte, ehe er alles Neue und 1 207 alles Alte in neuer Anordnung, was ſich ihm hier bot, in Augenſchein nahm. Da kamen ſie denn vorerſt in jenes Zimmer, das, ganz wie früher das ſeine, mit den Jagdgeräthen her⸗ gerichtet war, und in der nämlichen Weiſe, ſo daß er keine Veränderung wahrnehmen konnte, als wenn es das alte geblieben und nur freundlicher und heller in die Höhe gewachſen wäre. „Und wirklich keine Veränderung? Du merkſt gar keine?“... fragte die kleine Frau, und in ihren Au⸗ gen leuchtete wieder der ſchelmiſche Strahl, den ihr Gatte zuvor im Wagen bemerkte und der ihn ſo ſehr entzückte, weil er ſich nicht erinnerte, ihn ehemals je bemerkt zu haben, jener Strahl, der wie ein Schimmer vollerwachter, reicher Lebensfreude in ſein Auge, in ſein Herz fiel. Schon wollte Veröczy„Nein“ ſagen, doch da ſtockte er; ſein Blick haftete an einer Stelle der Wand, die jetzt ein Fiſchnetz einnahm, und ſeine Frau verſtand dieſen Blick. „Sieh', Arpäd“.. ſagte ſie mit demüthig um Vergebung flehender Sündermiene, hinter der ſich aber doch ein wenig der Schalk barg...„Dein Bild hatte ich ſchon hinausgehängt— bevor ich mich noch wie⸗ der verheirathete.“ ——--— „So hatte ich alſo doch nicht Unrecht mit meiner Bitte?“... rief er mit einer Lebhaftigkeit, die ein leichtes Aufwallen von Bitterkeit verrieth. Und merk⸗ würdig, der armen Sünderin ſchien dieſes Aufwallen nicht den geringſten Verdruß zu bereiten. „O Du brſer, leidenſchaftlicher, eiferſüchtiger Mann!“... rief ſie halb bewegt, halb lachend... „Da ſieh' auch, wohin ich es verwieſen habe!“... und ſie öffnete die Thür in ihr Wohnzimmer, wo das vermißte Bild ſich über dem Arbeitstiſchchen fand, und zwar umgeben von demſelben Kranz, den ich darum geſehen, und deſſen Erneuerung von Haun's entſagen⸗ der Selbſtertödtung doch zu viel gefordert geweſen wäre. „So hatte ich's immer vor Augen“... ſagte der nun völlig ernſt und weich gewordene Schalk, und kreuzte mit einem Seufzer— vielleicht in Erinnerung an die vielen vor dieſem Bilde ſchon ausgeſtoßenen Seufzer— die Hände auf der Bruſt. „Meine Emmy!“... rief Veröczy entzückt und beſchämt aus. Er legte ſeinen Arm um ſie, ihr Kopf ruhte an ſeiner Bruſt und ſo ſtanden ſie eine Weile, dann fragte er ſie nachdenklich...„Wie iſt's denn nur gekommen, daß Du ſo ganz, ganz anders gewor⸗ den biſt, und ſeit wann?“ t 209 Sie hob langſam den Kopf, als verlaſſe ſie nur ungern die ihr zuſagende Stellung. „Das will ich Dir ſagen“... entgegnete ſie... „In jener Krankheit, während welcher Du mich ge⸗ pflegt, da hielteſt Du mich viel bei der Hand, zuweilen Stunden hintereinander, und es war mir, als ſtröm⸗ ten Geſundheit, Glück und Ruhe in mich herüber, als gäbſt Du mir ein Theil von Dir ſelbſt, und Deine Hand lag oft kühlend auf meiner brennenden Stirn und verſcheuchte die häßlichen Traumbilder. O, ich fühlte es wohl, wenn ich auch ſcheinbar beſinnungslos dalag, und als ich dann erwachte, da wußte ich es auch mit einem Male ganz klar und deutlich, daß ich Dich ja ganz unermeßlich lieb habe.“ „Und Du riefſt mich dennoch nicht zurück?“... fragte Veröczy vorwurfsvoll. „Ich rief Dich— ich ließ Dich rufen.“ „Und ich hörte nicht darauf, weil ich es für Zwang hielt, den Du Dir auferlegteſt. O, hätteſt Du mir Alles geſchrieben, wie Du es jetzt zu mir geſagt! Was wäre uns erſpart geblieben! Welche Jahre der Verwüſtung! Wie viel Scham und Reue!“ Sie hob das ſchamhaft geſenkte Auge und ein Byr, Quatuor. I. 14 210 Blick jener unermeßlichen Liebe, zu der ſie ſich bekannt, traf das ſeine. „Ich wußte ja“... ſagte ſie mit einem bezau⸗ bernden Ausdruck des Vertrauens...„ich wußt' es ja, daß Du kommen mußteſt.“ „Noch immer Hellſeherin? Aber darin laß ich mir's gefallen.“... Dann ſetzte er aus dem Scherz faſt ein wenig in Wehmuth übergehend, hinzu:...„Doch wäre ich beinahe nicht gekommen.“ „Du biſt aber hier!“ „Und wenn wir uns verloren hätten— durch das Leben oder durch den Tod?“... Ernſt und fra⸗ gend ſah er ihr in's feuchte Auge. „O, das konnte ja gar nicht ſein!“... rief ſie mit einem bangen Griff nach ſeiner Hand...„Herzen, die ſich recht lieben, die müſſen ſich wiederfinden— und Arpäd, wir haben einander ja ſo innig lieb!“ Sie legte ihren Arm um ſeinen Nacken und zog ſeinen Kopf zu ſich herunter und hängte ſich an ſeine Lippen. Er ſagte nur tiefgerührt:„Mein liebes, mein lie⸗ bes Weib!“... und dann hielten ſich Beide um⸗ ſchlungen, als ſollte es ſein für alle Ewigkeit. Da fand denn Haun natürlich Zeit genug, ſich fortzuſchleichen. Seine Zeugenſchaft war überflüſſig 211 und es gelüſtete ihn nach keinem Antheil am Feſtmahle und der Feſtfreude... Und ſoll ich ſagen, woher ich nun dieſen Bericht wieder habe?— Auch aus ſeinem Munde. Es war auf der ſchönen Aqua ſola bei meinem letzten Aufenthalt in Genua. Da ſaßen wir auf einer Bank, die noch den ſpäteſten Strahl der ſinkenden Sonne genoſſen. Glutäugige Frauen, den weißen Schleier im dunklen Haar, promenirten bei Verdi's und Donizetti's Melodieen, die von einer Militärkapelle geſpielt wurden. Die Waſſer ſprangen, die Dandies ſpreizten ſich und lorgnettirten, die Kinder balgten ſich auf den Kieswegen und jubelten, Alles kreiſchte und lachte und plauderte und mein alter Freund hüſtelte in der kühlen Abendluft. Auf meinen erſten Brief nach meiner Abreiſe von Bernegg hatte er geantwortet, dann nicht mehr. Jahre waren vergangen, ohne daß ich Nachricht von ihm er⸗ halten hätte. Der Zufall hatte mich ihn hier treffen laſſen, aber welch ein Wiederſehen! Der ſtahlharte, ſehnige Mann war zu einem Hauche zuſammengeſchwun⸗ den, nur die Naſe hing noch ſcharf und mächtig über dem buſchigen Barte und die Augen waren trotzig und 14* 212 A — glühend wie ehemals. Gleich einem waidwunden Thier — um ſeinen eigenen Vergleich zu gebrauchen— hatte er ſich hier verkrochen, um ungeſehen zu enden. 19„Wie Du Dich aber entſchließen konnteſt, Haus und Hof zu verlaſſen, an denen Du ſo ſehr hingſt?“— „Thorheit!“... fiel er mir in's Wort und es war bis auf die hohle Stimme faſt die alte Weiſe... „Hätte ich vielleicht Tag für Tag zuſehen ſollen, wie gut es der Menſch haben kann? Das hab' ich mir ſchon nach Jahr und Tag klar gemacht und ſeither verſuche ich's ſelber gut zu haben. Will mir nur nicht gelingen, den richtigen Fleck Erde dazu zu finden, ſo 1 emſig ich die Jahre her auch geſucht. Was hätte ich noch daheim thun ſollen? Das bernegger Schloß kann ſich einmal das kleine Mädel ausbauen, das ich noch aus der Taufe gehoben. Der Bube, der, wie ich ge⸗ hört, nachfolgte, erhält den Rodenhof. Iſt immer ein ſicherer Rückzug, wenn das Schiffchen wieder einmal umkippen ſollte und der Papa die große politiſche Rolle, welche er ſich drüben in ſeinem Vaterlande zu ſpielen anſchickt, unverſehens ſatt bekommt.“ „Wie mögen die Begegnungen ausfallen, wenn er oder ſeine Frau mit Frau Henrietten in der großen Welt zuſammentrifft? Was mag aus der geworden ſein?“ 213 Haun zuckte die Achſel, als ſage er verächtlich: „Was kümmert dies Weib mich?!“ Erſt nach einem beſchwerlichen Huſtenanfall, der ihn zum Aufbruche mahnte, gab er Antwort:„Ueber den Verluſt Veröczy's hat ſie meines Wiſſens Reigern getröſtet, ſeither iſt er Major in einem andern Ulanenregiment geworden, das in Böhmen liegt. Ihr Mann hat an der einen Heldenthat genug— der Schneeberg bleibt ſchwarz. Sie darf ſich alſo ungeſcheut tröſten laſſen.“ „Und jetzt nur noch eine Frage, Freund, dann geb' ich Dir Ruhe! Wer war jener Erſtgeliebte der Ro⸗ denhoferin, von dem ſie ſelber ſprach? Iſt das ein Geheimniß geblieben?“ „Ah ah ah!“... machte der Gefragte mit ſpöt⸗ tiſchem Lächeln...„Ich rieche Lunte!— Der Erſt⸗ geliebte, den willſt du kennen? Kein Anderer als Hen⸗ riettens Bruder, der in ſeinem ſiebenzehnten Jahre ſtarb— eine Kinderſtubenliebe.— Ich merke, auf was Du aus biſt“... fuhr er ſich erhebend fort... „Höre, daß Du auch ſo ein homo litaratus geworden. Hätt's zwar nimmer gedacht! Möchteſt die Geſchichte erzählen, wie ich kombinire? Frage im Rodenhof an. Wenn ſie's zugeben und ich geſtorben bin, habe ich nichts dagegen. Aber zuerſt muß ich geſtorben ſein, hörſt Du! Laß Dir Zeit! Gute Nacht!— Bis ich ge⸗ ſtorben bin! Der Quackſalber meint, ich müſſe dazu eigens nach Egypten, aber ich denke— es thut's auch hier.“ Ja wohl— es that's auch da.— Armer Freund! Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Gzünther in Leipzig. Frauenherzen. Zwei Novellen von Touiſr Mühlhach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 9 Mark. Nomaden. Roman von Kobert Byr. 5 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 12 Mark. Zwei Novellen von Robert Byr. Inhalt: Trümmer.— Der Tuwan von Panawang. 4 Bände. 8⁰. Elegant broch. Preis 10 Mark 50 Pf. Berlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Leben um Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 6 Mark 50 Pf. Ein edles Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Mark. Die Ogilvies oder: Herzenskämpfe. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 6 Mark. eipzig. T. V — — rey Cortro Chart Green vellow Hed Magenta Grey 2. Grey 8 Grey— Black