— bibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 2— 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Bei Mr. Wallace hatte ſein Bericht, wie zuvor bei Streicher, ein ungemeſſenes Erſtaunen hervorgerufen, dann hatte der alte Herr den Blick und die gefalteten Hände gläubig dankbar zum Himmel erhoben. wäre auf der Stelle den jungen Leuten nach Genf nach⸗ gereiſt, um ihnen Vergebung und Beiſtand zu bringen. Erſt nachdem er die Verſicherung erhalten, daß der letztere wenigſtens momentan nicht nöthig ſei, gab er Seine nächſte Frage aber war: „Können wir jetzt wieder heim nach Clayton⸗Foreſt, Nab, meine Liebe? Es wäre mir, wenn ich ſo ſagen ſich zufrieden. Byr, Nomaden. V. Samariterideen. Erſtes Kapitel. Hätte es von ihm abgehangen, er 1 2 darf, das Allerliebſte, und da kein Grund mehr— nun ja, ich glaubte der Meinung ſein zu dürfen—“ Ein ſtrenger, zurechtweiſender Blick ſeiner Frau hatte ihn unterbrochen, aber auch ſie nahm Gerhard's Mittheilungen mit leidlicher Mäßigung auf. Die Angſt und Ungewißheit vom vorigen Tage, die Schreckniſſe der letzten Nacht waren nicht ohne mildernden Eindruck auf ihr Gemüth geblieben. Sie empfand zudem eine große Genugthuung darin, daß ihren Vorausſagungen doch eine geheimnißvolle Thatſache zu Grunde gele⸗ gen, und ſie beſchränkte ſich auf einige Ausrufe des Entſetzens. „Ein Verhältniß mit unciviliſirten, unbekleideten Orientalinnen! Ein Verhältniß mit Folgen! Ein Zigeu⸗ nerknabe, ein Seiltänzerkind in unſerer Familie! Was werden die Leute ſagen? Shocking!“ hieß es. Damit war aber die Sache vorläufig zu Ende. Den Reſt verarbeitete ſie in ſtummer Emſigkeit mit ihren nie raſtenden Stricknadeln. Sie war entſchloſſen, erſt den Fußfall ihres Schwiegerſohns abzuwarten, um ihm dann die Bedingungen vorzuſchreiben, unter welchen ſie Gnade walten zu laſſen geneigt war. Gerhard durfte nun endlich an ſich ſelber denken, an ſein Herz. In den langen Stunden einer ſchlafloſen Nacht 3 und der einſamen Morgenfahrt hatte er zu Erwägun⸗ gen und Entſchlüſſen hinlänglich Zeit gehabt. Die ſpannende und befriedigende Löſung des Miterlebten war nicht ohne Einwirkung auf ſein Gemüth geblieben, was ſchon tags zuvor in ſeiner Bruſt keimte, das war nun zur reichen, herrlichen Saat ausgereift. Verzeihen und erretten, ſo klang es in ſeiner Seele wieder. Den Geſtrauchelten zu ſtützen, den Fehlenden mit ſich und der Welt auszuſöhnen, das waren die großen göttlichen Aufgaben der Liebe von jeher, die Re⸗ ligion zweier Jahrtauſende war darauf gegründet; aus dem Menſchenſohne, der das Verſöhnungswerk ſeiner Lehre mit dem eigenen Tode beſiegelt, hatte die mythen⸗ bildende Begeiſterung und Bewunderung der Menſchheit ein Verjüngungsbild der Gottheit geſchaffen, und das Symbol des heiligen Geiſtes mußte die Gleichſtellung und Verſchmelzung der ewigen Liebe mit der Schöpfungs⸗ idee und dem ewigen Rechte des Seins vollenden. Wie, er hätte zaudern ſollen, wo es nicht einmal die Hingebung des eigenen Lebens, nicht die Aufopfe⸗ rung auch nur eines einzigen Wunſches galt, wo er mit einer That der Barmherzigkeit ſich ſelbſt zugleich das höchſte Glück ſchenkte, das doppelte Glück, in einem andern Herzen das eigene wiedergeſpiegelt zu ſehen? Mußte es ihm Adrienne einſt nicht unendlich dan⸗ 17* 4 ken, wenn er ſie mit kühner Hand aus der Gefahr be⸗ freite, in der ſie anfangs vielleicht ahnungslos verweilt, aus deren Umgarnung zu entſchlüpfen ſie ſpäter vielleicht nicht mehr die Kraft gefunden hatte? Wer konnte er⸗ meſſen, welche Kämpfe es der armen Kindesſeele viel⸗ leicht gekoſtet, als die Frage an ſie herangetreten war, zu wählen zwiſchen der unwirthbaren Härte eines Le⸗ bens, wie es ihr von ihrem Schwager geboten wurde, und der verlockenden Ueppigkeit, die ſie bei ihrer Schweſter umgab? Wozu hätte er mit ihr, wie Strei⸗ cher vorſchlug, ein abgeſchmacktes Spiel treiben ſollen, wozu den Widerſtand erneuern? Schwer genug wog es in der Wagſchale für ſie, daß ſie in dem Sumpfe nicht untergegangen war, daß ſie ihre Reinheit flecken⸗ los bewahrt hatte und die Erkenntniß ihrer Umgebung zugleich mit dem willenskräftigen Zurückziehen in eine ſchützende Umwallung verbunden war. Gerhard gedachte der einfachen, kahlen Dachkam⸗ mer, in der Adrienne mit ihrem kleinen Neffen ſchlief und die Abende verbrachte, an denen ſie inſtinctiv den Salon ihrer Schweſter floh, die ſich gewiß Mühe ge⸗ nug gegeben hatte, das ihr zur Seite ſtehende mah⸗ nende Gewiſſen in eine Gefährtin und Theilnehmerin an dem rauſchenden, betäubenden Genuſſe des Lebens zu verwandeln. — 5 Und wie ſehr hatte ſich Adrienne fortgeſehnt, wie innig ihn gebeten, ſie wegzunehmen aus dieſem Hauſe, das ihr wie eine verzehrende Hölle erſchien. War denn ein Irrthum undenkbar? Es ließ ſich ohne gewalt⸗ thätige Verdrehung pſychologiſcher Hergänge ganz na⸗ türlich annehmen, daß ein Mädchen erſt mit dem rei⸗ fenden Verſtand die ganze Größe der Gefahr erkenne, mit der es bis dahin geſpielt, daß es in Abſcheu vor dem Abgrunde zurücktaumle, an deſſen Rand das Kind erſt noch verlockende Blumen gepflückt, um mit dem nächſten Moment im plötzlich aufblitzenden Innewer⸗ den der vollen jungfräulichen Würde und Unantaſtbarkeit verzweifelnd nach der rettenden Hand zu langen, die, zuvor gedankenlos zurückgeſtoßen, nicht wieder geboten wird. Wie oft mochte Adrienne die Antwort bereut haben, die ſie den Anträgen ihres Schwagers zu Theil hatte werden laſſen, Anträge, die im verbiſſe⸗ nen Unmuth nicht mehr wiederholt wurden, als ſie vielleicht mit Freuden und Dankesthränen angenommen worden wären. Aber Gerhard wollte ſolch rechtfertigende Erklä⸗ rung nicht einmal zur Geltung kommen laſſen. Es gewährte ihm weit mehr Genugthuung, zu denken, daß Adrienne nur die Liebe zu ihm von dem allmäligen, aber ſichern Sinken zurückgehalten habe. Wie eite —y——ℳ— 8 — 6 Blume erſchien ſie ihm, rein und hold noch bis zur Stunde, aber ein häßliches Inſekt ſah er zu ihrem Kelche emporkriechen. Sein Hauch allein erfaßte es und trug es wie ein Wirbelwind von dannen. Sein Schutz erhob und rettete das Unſchuldskleid der Lilie, an ſeiner Bruſt ſollte ſie voll ſich entfalten zu herrli⸗ cher, wunderbarer Blüte. Alle Bedenken, die Mr. Lesley's Fragen, die eigene Beobachtung und Reflexion, ſowie Monſieur de Granier's Worte in ihm erweckt, waren vergeſſen oder überwun⸗ den. Er gefiel ſich darin, mit Samariterideen zu ſpie⸗ len. Seine Liebe erſchien ihm erſt jetzt groß und ge— heiligt. Erſt jetzt verdiente ſein Empfinden den ſchönen Namen. Früher war es das unklare Gefühl inſtincti⸗ ver Anziehung geweſen, über deſſen Urſachen er ſich keine Rechenſchaft, über deſſen Dauer er ſich eben da⸗ rum keine Gewähr geben konnte. Was ihn jetzt durch⸗ glühte, war die reife Frucht des vollen Bewußtſeins, es trug die Krone der Unvergänglichkeit. Die Zukunft einer Menſchenſeele lag in ſeiner Hand, von ihm ſollte ſie Form und Inhalt empfangen, an der ſeinen ſich läutern und erheben, und ſeine Liebe war die läu⸗ ternde Glut. Raſch, wie es zu den beſchleunigten Schlägen ſei⸗ Herzens ſtimmte, eilte er den Fußpfad hinan. —, 5 6 Adrienne mußte ihn ja nach der Zuſage auf ſeiner Karte lange erwarten. Vielleicht machte ſie ihm ſchon die Zögerung bis zu dieſer Stunde zum Vorwurfe; ſie konnte ja nicht um die Urſachen derſelben wiſſen. Wenn er die Ausdrücke ſeines Briefes mit der lakoniſchen Kürze der auf die Viſitenkarte hingeworfenen Worte zuſammenhielt, erſchien ihm die Ungewißheit, in welcher Adrienne nun ſchon ſeit beinahe vierundzwanzig Stun⸗ den ſchweben mußte, eine zwar unbeabſichtigte, aber darum nicht weniger grauſame Prüfung. Doch nun ging ſie ja zu Ende und ſeine geſchäftige Phantaſie malte ihm vorgreifend die erſchütternde und doch un⸗ endlich ſüße Scene des Wiederſehens aus. Er hörte, wie ſich ein Schrei des Schmerzes und Glückes zugleich Adriennens Bruſt entrang, er ſah, wie er die Geliebte in ſeine Arme ſchloß, er fühlte das Pochen ihres reuig ſeligen Herzens an dem ſeinen und die Ungeduld be⸗ flügelte ſeine Schritte immer mehr. Da, als er der Gartenthür ſchon ganz nahe war, ſah er Kuruſoff aus derſelben treten. Der Ruſſe ſtutzte, er war ſichtbar betroffen über die unerwartete Begeg⸗ nung; einen Augenblick war es, als zaudere ſein Fuß, als irre ſein Blick unſtät umher, einen Ausweg zu ſuchen, dann aber hatte er wohl ſeinen Entſchluß ge⸗ faßt, denn er ging mit Zuverſicht, ja ſogar mit einem 8 gewiſſen Trotz auf Gerhard zu und knapp an ihm vor⸗ über die Fahrſtraße entlang, indem er gleichzeitig zum Gruße den Hut zog. Unwillkürlich gedachte Gerhard des Zuſammentref⸗ fens zwiſchen Monſieur de Granier und Herrn von Kuruſoff, dem er tags zuvor auf dem Treppenabſatze beigewohnt. Die Behauptung des erſtern, daß der Ruſſe mit jenem angeblichen Onkel ſeiner Frau iden⸗ tiſch ſei, kam ihm wieder in den Sinn, und er empfand ein unangenehmes Gefühl darüber, den fatalen Men⸗ ſchen gerade jetzt aus der Villa kommen zu ſehen. Die Sonne, die in ſeinem Gemüth geſtrahlt, verhüllte ſich ein wenig und ſelbſt die Haſt ſeiner Schritte ſchien gemäßigt. Er trat in den Garten. Als er ſich dem Hauſe näherte, kam Nero bellend auf ihn zugeſprungen. Es wahr nicht mehr Maxime's muntere Kinderſtimme, die den Hund zur Ruhe rief. Gerhard mußte an den hüb⸗ ſchen Knaben denken, der nun wohl ſchon in der Hei⸗ mat angekommen war, und auch zu dem andern Vater ſchweiften ſeine Gedanken zurück, der nun ebenfalls, aber unter welch andern Verhältniſſen, ſein Kind aus einer wenig angemeſſenen Umgebung herausgeholt. Dann erfaßte es Gerhard eigenthümlich, daß dem Bellen des Hundes kein Einhalt gethan wurde und er ſich den 9 Zugang zum Hauſe beinahe erkämpfen mußte. War er denn über Nacht ein völlig Fremder hier geworden? Der Empfang wollte ihm faſt ſymboliſch dünken, aber er faßte ſich ein Herz und ſchritt vorwärts. Die Köchin trat ihm jetzt im Hausgange entge⸗ gen, doch ſie kannte ſein Verhältniß zu der Herrſchaft und ließ ihn lächelnd vorüber. Sein Herz klopfte weit heftiger als zu jener Stunde, wo er an Maxime's Hand die Treppe zu Adriennens einfachem Stübchen empor⸗ geſtiegen war, und doch hatte er damals eine Entſchei⸗ dung geholt, indeß er ſie heute ſelber brachte. Er hörte eine Stimme im Salon laut und leiden— ſchaftlich ſprechen, und als er die Thür öffnete, konnte er noch die Worte vernehmen:„Du mußt Dich entſchei⸗ den, es bleibt Dir keine Wahl, denn ich gehe nach Paris!“ Madame de Granier hatte es Adrienne zugerufen, die mitten im Gemache ſo ſtand, daß ſie Gerhard's Eintritt ſogleich bemerkte. Ein Ausruf der Ueber⸗ raſchung unterbrach ihre ältere Schweſter, die ſich raſch umwendete und den Beſucher erkennend aufkreiſchte und mit erſtaunlicher Schnelligkeit zu der ihr nächſtgelege⸗ nen Thür hinausfuhr, offenbar um ſich und ihre noch äußerſt manigelhafte Toilette, an der ſich heute die Gra⸗ zien noch nicht betheiligt hatten, dem unberufenen Auge zu entziehen. —— ————— —— — 8 —— 10 Eine tiefe Bläſſe hatte Adriennens Antlitz bedeckt, als Gerhard eintrat, jetzt ſchien es in dunkle Glut getaucht; aber wo blieb der Reſt der vorgeträum⸗ ten Scene, der herzerſchütternde Aufſchrei, das ſtür⸗ miſche Umfangen, das unterdrückte Schluchzen und der beſeligende Kuß? Von alledem kam nichts ſo, wie es Gerhard vorgeſchwebt hatte. Die beiden Men⸗ ſchen ſtanden ſich ſtumm und verlegen gegenüber, wie ein froſtiger feuchter Nebel ſchien die Entfremdung zwiſchen ihnen herabzuſinken. Wie Blei zog es an Gerhard's Armen, daß er ſie nicht zu heben, der Braut nicht entgegenzuſtrecken vermochte. Sie war verwirrt, beſtürzt, ihr Blick, wich dem ſeinen aus. „Adrienne“, ſagte Gerhard endlich, und in ſeiner Stimme lag Weichheit und Güte,„ich komme, wie Du es von mir verlangt haſt, ich komme, weil es mich ſelber dazu drängt— haſt Du keinen Gruß für mich?“ Adrienne blickte ſcheu und unſicher auf, als traue ſie dem Ohre nicht und wolle ſich erſt verſichern, wie ſeine Worte gemeint ſeien. „Was wollen, was verlangen Sie noch?“ fragte ſie zaudernd. „Wie? Das iſt Alles, was Du mir zu ſagen haſt?“ rief Gerhard ſtarr vor Staunen aus.„Geſtern noch beſchworſt Du mich, zu kommen, und nun?“ ——˖V˖—ę—ꝭ—ↄ—ę———[—C——/—ꝑęQ— —* —— — —-— — ——————— 44 Eine Laſt ſchien ſich von ihrer Bruſt zu wälzen. „Sie kommen des Briefes wegen—“ entgegnete ſie aufathmend. Doch that ſie ſich abſichtlich Zwang an. „Weshalb ſonſt? Du haſt mich zu ſprechen ver⸗ langt.“ Gerhard war bei dieſen Worten auf ſie zugetreten und ſtreckte ihr die Hand entgegen, die jedoch Adrienne abſichtlich nicht zu bemerken ſchien. Langſam trat ſie einen Schritt um den andern zurück, bis ſie einen Stuhl erreicht hatte, auf deſſen Lehne ſie ſich ſtützte. Eine Veränderung war in ihren Zügen vor ſich gegangen, ihre Lippen kräuſelten ſich in Herbheit und Wehmuth. „Sie haben ſich lange bedacht, ehe Sie dieſem Verlangen entſprachen“, ſagte ſie. „Du weißt ja, daß ich verreiſt war“, erwiderte er ein wenig ungeduldig, denn es ſchien ihm ſonder⸗ bar, daß nun er ſich zu verantworten haben ſollte. „Ich habe es erſt dieſen Morgen erfahren.“ „Wie, erſt heute iſt Dir meine Karte zugekommen?“ „Ich habe niemals eine Karte erhalten.“ „Niemals? O, nun begreife ich!“ rief Gerhard heftig aus.„Und der Nachläſſigkeit des Portiers oder eines andern dieſer Schlingel wegen mußteſt Du Stun⸗ den auf Stunden vergebens warten und glauben, ich beſtände auf den raſenden Worten meines in höchſter —— ☛˙ — — 42 Leidenſchaft hingeworfenen Schreibens. Du haſt mich für hart und unverſöhnlich gehalten, Du mußteſt an der Tiefe meines Gefühls, an meiner Liebe ſelbſt zweifeln, Kälte und Bitterkeit ſind in Dein Herz ein⸗ gekehrt— armes, armes Kind, wie wehe hab' ich Dir gethan! Verzeihe mir— ſieh, ich bin es, der Dich um Verzeihung bittet! Ich kann ohne Dich nicht ſein, ich ſelber habe Alles vergeſſen bis auf das Eine, daß Du mein biſt für immer!“ Seine Stimme war weich und ſchmeichelnd gewor⸗ den und nochmals ſtreckte er dem geliebten Mädchen beide Hände hin. Adrienne hob die langen dunkeln Wimpern und heftete ihren Blick lange und forſchend auf ihn, ohne daß ihre Lippen ſich bewegt hätten. Endlich reichte ſie ihm ihre Rechte, die er mit warmem Druck in ſeine beiden Hände ſchloß. Er zog die noch immer leiſe Widerſtrebende an ſich und küßte ſie erſt auf die Wange, die ſie ihm bot, dann auf die Lippen, die er mit ſanfter Gewalt zum Ausharren zwang. Adrienne aber löſte ſich, noch immer ſchmollend, aus dieſer Umarmung, ſie ſchüttelte den Kopf und ließ ſich langſam auf das Sopha nieder. „Du liebſt mich nicht“, ſagte ſie mit gepreßter Stimme,„wie hätteſt Du ſonſt verreiſen mögen, da ich Dich bat, zu kommen. Du ſpielſt nur mit mir.“ von en 13 „Adrienne“, fiel er ihr ins Wort,„Du wirſt Deine Anklage bereuen, wenn Du erſt weißt, welch wichtiges Ereigniß mich von hier rief.“ Es war wieder daſſelbe ſchmerzlich bittere Lächeln von zuvor, das ihren Mund umſpielte, als ſie verſetzte: „Ja ja, Du mußteſt das hübſche Mädchen beglei⸗ ten, das damals abends an Deiner Seite am Hafen ſaß. Dein Herz iſt getheilt. Du mußt Dich für eine von beiden entſcheiden.“ Sollte das ein Vorwurf der Eiferſucht ſein? Wa⸗ rum fielen ihm gerade jetzt die Worte ein, die er zuvor bei ſeinem Eintritte vernommen und in denen Madame de Granier ihre Schweſter ebenfalls aufgefordert hatte, eine Entſcheidung zu treffen? Im Grunde, was war Befremdendes daran? Nur ſonderbar erſchien es, daß Adrienne ſo gut wußte, mit wem er abgereiſt war. Hatte alſo Frau von Rüderich wieder geklatſcht und Herr von Kuruſoff, ungewarnt durch die frühern Lec⸗ tionen, die Nachricht ſofort mit ergänzenden Zuſätzen und Randgloſſen weiter getragen? „Ich werde dieſen Menſchen ernſtlich züchtigen!“ entfuhr ihm der drohende Schluß. „Wen meinſt Du?“ „Kuruſoff, dieſes zweideutige, freche Geſchöpf.“ Adrienne ſah überraſcht auf. — —— 14 „Was that er Dir? Was weißt Du?“ brachte ſie ſtockend hervor. „Daß er ſich darin gefällt, Verleumdungen über mich auszuſtreuen. Der Wicht ſtößt wie ein Bravo von rückwärts zu, weil ihm die Courage fehlt, Auge in Auge ſich dem Gegner gegenüber zu ſtellen. Er kann es nicht verzeihen, daß ich ſeinen Zudringlichkeiten bei Miß Lizzie ein Ende machte und dadurch mit einem Schlage ſeine Heirathsſpeculationen auf den Sand ge⸗ riethen. Adrienne, wäre ich heute wieder bei Dir, wenn meine Reiſe den Zweck gehabt hätte, den jener Schleicher ihr unterſchiebt? Ich bin nur einer Pflicht gefolgt.“ „Was muß das für eine wichtige Pflicht geweſen ſein, für ein Ereigniß“, ſagte ſie bitter,„das Dich ſo ſchleunig in Geſellſchaft jener Damen von hier wegführte, daß Du nicht einmal Zeit gefunden haſt, mir noch den Grund Deiner Abreiſe, die Dauer Deiner Abweſenheit und ein Wort der Verſöhnung zu ſchreiben! Hatteſt Du nicht eine Minute für mich übrig?“ „Keine einzige“, verſetzte Gerhard ernſt.„Es ſtand mehr als ein Menſchenleben auf dem Spiele.“ Ein ungläubiger Blick reizte ihn. Wodurch hatte er den Zweifel an ſeiner Aufrichtigkeit und Wahrheits⸗ liebe verdient? War Adrienne, gerade ſie berechtigt, ————ͦ—᷑—ÿ—ÿx˖—Q··———Q—⸗ñnn— 15 einen ſolchen zu hegen?„Man traut wohl Andern zu, weſſen man ſich ſelber ſchuldig weiß“, raunte ihm eine Stimme zu— ſie klang faſt wie jene Streicher's. Er be⸗ zwang das aufſteigende Gefühl, nahm neben Adrienne Platz und erzählte in kurzen Worten alles ſeit geſtern Morgen Vorgefallene, indem er natürlich allem Pein⸗ lichen ſorgfältig auswich und alle Motive zu Mr. Les⸗ ley's Flucht und Vorhaben in dem einen Worte„Spleen“ zuſammenfaßte. Er hob hauptſächlich die für ihn ſelbſt vorgelegenen zwingenden Gründe hervor. Die Kälte und abweiſende Zurückhaltung, mit der Adrienne zu⸗ hörte, wollten ihm nicht gefallen; abgeſehen davon, daß ſich kein Mitgefühl für fremdes Leid bei ihr zeigte, konnte ſich Gerhard ſagen, daß er hier einer Natur gegenüberſtehe, die, zäh und nachtragend, nur ſchwer zum vollen, vorbehaltloſen Vergeben zu bewegen ſei. Verbindet ſich dieſe Eigenſchaft mit großer Strenge gegen ſich ſelbſt, mit Kraft und Charakterfeſtigkeit, ſo iſt ſie immerhin achtungswerth; wenn aber weibliche Güte und Weichheit einem Charakter fehlt, der ſelbſt der Nachſicht bedürftig iſt, ſo kann es vorkommen, daß ſie Urſache zur Verſtimmung bei demjenigen wird, ge⸗ gen den ſie ſich wendet, und aus ſolcher Verſtimmung erwächſt Trotz. Gerhard fragte ſich wiederholt im Stil⸗ len, wem denn eigentlich hier die Rolle des Gekränkten ————— ——— —— —— 16 und des Verzeihenden zufalle. Er hatte aus Delica⸗ teſſe ſeine Anklage nicht wiederholt, er hatte darauf verzichtet, ſeine berechtigten Vorwürfe auszuſprechen, und nun war er es, dem mit einer eigenthümlichen Wendung die Verantwortung zugeſchoben, dem ſein ſtreng gerechtfertigtes Handeln als Schuld angeſchrie⸗ ben ward. „Uebrigens“, ſchloß er mit ziemlich erkältetem Tone ſeinen Bericht,„wäre ich eher gekommen, wenn mich bei der Heimkehr nicht die Nachricht von dem Brande in meinem Zimmer überraſcht hätte.“ „Wie? Ein Brand in Deinem Zimmer? Heute Nacht?“ rief Adrienne erſchreckt. Gerhard nickte und erzählte auch, was er heute früh gehört. „Und Du ſagſt, Du habeſt Verluſte gehabt?“ fragte ſie leichenblaß geworden. „Ja, eine nicht unbedeutende Summe“, erwiderte Gerhard. Die Veränderung in Adriennens Zügen mußte ihm auffallen und forſchend ſah er auf ſie. Sollte Streicher am Ende doch nicht ſo ganz Unrecht gehabt haben mit ſeiner Prüfung? Was Gerhard gegen dieſen Vorſchlag als ganz in der Ordnung vertheidigt hatte, das wollte ihm, da es bei Adrienne eintraf, doch nicht recht gefallen, die Theorie erleidet in ihrer Anwendung b d 17 immer Modificationen, und Gerhard hätte es gern ge⸗ ſehen, wenn Adrienne ſich bei der Nachricht von ſeiner pecuniären Einbuße weniger erſchüttert gezeigt hätte. Oder war es ein anderer Grund, der ſie ſo ſehr ergriff? Denn als er die Bemerkung machte, Streicher habe ſich erboten, den ganzen Schaden zu erſetzen, was er aber natürlich nicht anzunehmen gedenke, da achtete ſie nicht einmal darauf, und erſt nach einer Pauſe, wäh⸗ rend welcher ſie unruhig an etwas ganz Anderes zu denken ſchien, warf ſie plötzlich die Frage hin: „Warum Streicher?“ „Weil er aller Wahrſcheinlichkeit nach der Urhe⸗ ber iſt.“ „Wie? Er ſoll es ſein?“ entgegnete Adrienne mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens. Gerhard gab in kurzen Worten die Erklärung, der ſie mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zuhörte. „Aber wie kommt es“, ſchloß er,„daß Du von alledem nichts weißt? Wenn man ſo genauen Rap⸗ port über meine Abreiſe erſtattete, ſo wäre, denke ich, doch auch dieſer Vorfall wichtig genug geweſen, um ſo mehr, da der eifrige Berichterſtatter ja ſelbſt, wie mir erzählt wurde, ſich beim Löſchen beſonders rühm⸗ lich hervorthat. Oder gefällt ſich Herr von Kuruſoff nur in jenen Berichten, die er durch ſeine eigenen Be⸗ Byr, Nomaden. V. 2 —— merkungen und Conjecturen zu meinem Nachtheile aus⸗ zuſchmücken vermag?“ Adrienne ſchrak plötzlich zuſammen, als hätte ſie ein Geſpenſt auftauchen ſehen. „Was weißt Du? Was glaubſt Du ſelbſt?“ rief ſie, ihr Auge feſt auf das ſeine richtend. „Ich?“ entgegnete Gerhard verwundert.„Inwie⸗ fern? Ich verſtehe Dich nicht. Was meinſt Du?“ „Dieſer Kuruſoff haßt Dich“, ſagte ſie. Es war, als wolle ſie noch etwas ſagen, aber ſie unterbrach ſich, ihr Antlitz glühte und ausweichend ſetzte ſie mit unbe⸗ gründeter Heftigkeit hinzu:„Nein, nein, ich weiß ja nichts. Seiner Verleumdung habe ich keinen Glauben geſchenkt.“ „Alſo doch“, rief Gerhard ergrimmt,„er verſuchte ſie wenigſtens. In welchen Beziehungen ſtehſt Du zu dieſem Manne?“ „Ich in keiner!“ betheuerte Adrienne, und plötzlich Gerhard's Hand ergreifend, preßte ſie dieſelbe zwiſchen den ihren und an die Bruſt. Ihr ganzes Weſen ſchien mit einem Schlage verändert, ihre Augen waren thrä⸗ nenſchwer, nur mühſam hielt ſie den Ausbruch zurück, ihr ſchönes Antlitz war ſtark geröthet und verrieth eine mächtige Aufregung, ihre Bruſt hob und ſenkte ſich raſch unter beengten Athemzügen, ihre Stimme zitterte und 19 war öfter unterbrochen, wenn die Bewegung Herr zu werden drohte. Die Worte klangen haſtig und wie ein ¹ Nothruf aus tiefſter Seele.„Gerhard, gehe nicht wie⸗ der fort nnd ſſchreibe mir nicht wieder ſolche Worte, ich würde ſonſt verzweifeln. Lieber nicht leben! Nimm mich von hier, ſchiebe es nicht länger hin⸗ aus! Ich weiß, daß dieſe Bitte ſonderbar von mir iſt, aber ich kann nicht anders. Was ſoll aus mir werden? Meine Schweſter will fort nach der geſtrigen Scene mit ihrem Manne und nachdem er ihr den Kna⸗ ben und die Penſion für denſelben genommen. Du ſ willſt nicht, daß ich mit ihr gehe, Du willſt nicht, daß — o nimm mich fort! Ich will überallhin gehen, wo⸗ hin Du willſt!“ —„Adrienne!“ rief er weich und ſchlang den Arm um ihren von Schauern erfaßten Leib. Sanft zog er ſie an ſich und ſprach ihr liebkoſend zu.„Könnte ich Dich denn verlaſſen? Warum ſonſt wäre ich heute hier, als um Dir zu ſagen, Daß Du mir theurer biſt als Alles und daß Du Dich ſtützen ſollſt auf meinen Arm, der Dich ſicher herausführen wird aus all den Gekfahren?“ Jetzt war ſie ſo, wie er ſie zu finden er⸗ wartet hatte, wund, flüchtend, reuig, und er war der barmherzige Samariter, der ſich zu ihr niederbeugte, die Wunden wuſch und verband, ſie aufnehmen wollte 5 N 5 N ———— —-rüo— in ſein Haus, pflegen und behüten, bis die geheilte Seele, im Glücke erſtarkt, ihm den ſchönſten Lohn bie⸗ ten konnte, die dankbare, liebevolle Erkenntniß ſeiner befreienden That. Er küßte Adrienne auf die Stirn, als drücke er ihr damit das Siegel der Erlöſung und Heiligung auf.„Aber auch Du“, ſagte er mit zarter Mahnung,„mußt Dein volles Vertrauen in mich ſetzen; wie Du an meinen ehrlichen Willen, an meine Liebe glaubſt, ſo mußt auch Du mir die Ueberzeugung geben, daß in Deinem Herzen kein Rückhalt, keine Falte iſt, die ſich meinem Auge verbirgt. Ich will auf den Vor⸗ wurf meines Briefes nicht zurückkommen, es ſei abge⸗ than, aber von heute an, Adrienne, ſei Wahrheit zwi⸗ ſchen uns, volle Wahrheit, hörſt Du mich? Ich rede nicht von abſichtlicher Lüge. Sie Dir zumuthen, hieße Dich von mir ſtoßen, ich weiß es, aber auch ein Ver⸗ ſchweigen iſt zwiſchen uns undenkbar, jedes Ausweichen würde das Vertrauen unheilbar erſchüttern, der ge⸗ ringſte Mangel an Aufrichtigkeit wäre das Ende unſerer Liebe. Alles muß klar ſein in uns, in die Tiefe der Seele des andern muß jedes ungehindert ſchauen können, kein Schleier darf ſie verhüllen; nur eine Un⸗ lauterkeit, und wir wären für immer getrennt.“ „Ich war nicht unlauter gegen Dich—“ „Adrienne!“ fiel ihr Gerhard ernſt ins Wort, 21 aus ſeinem Blick, aus dem Ton ſeiner Stimme ſprach eine feierliche Mahnung. Die Angerufene ſuchte ihre Verlegenheit unter raſcherem Sprechen zu verbergen. „Ich leugne ja nicht, daß ich Dir nicht die volle Wahrheit ſagte, wenn Du Alles beim Buchſtaben neh⸗ men willſt, aber Unlauterkeit war keine dabei, daß ich der Anträge meines Schwagers nicht erwähnte, ſie kamen zu einer Zeit, wo ich vielleicht noch nicht ſo klar ſah, und in einem Tone, der mir die Annahme unmöglich machte. Wäre die Rede darauf gekommen, ich hätte ſie Dir nie geleugnet. Ich habe Dir nie etwas verborgen, um Dich zu täuſchen, und ich werde Dir niemals etwas verborgen halten, ich ſchwöre es Dir.“ „Des Schwurs bedarf es nicht, ich glaube Dir aufs Wort, meine Seele“, erwiderte er und zog ſie von neuem an ſeine Bruſt. Adrienne erwiderte den feurigen Kuß, aber es geſchah zerſtreut; ihr Sinn war mit etwas Anderem beſchäftigt. Plötzlich ſchien ſie einen Entſchluß gefaßt zu haben, ſie lehnte ſich zurück. „Damit Du ſiehſt, Gerhard“, ſagte ſie haſtig,„wie aufrichtig ich bin, will ich dir—“ Das Wort ward ihr aber kurz abgeſchnitten durch ein Geräuſch an der Thür, dem unmittelbar der Ein⸗ tritt ihrer Schweſter folgte. Vergebens erinnerte ſie Gerhard, fortzufahren, Adrienne ſchüttelte den Kopf und blieb ſtumm. Madame de Granier ſah jetzt bedeutend jünger, ſchöner und farbenfriſcher aus als noch kurz zuvor, ihre Toilette hatte Wunder gewirkt. Es wakt, als ent⸗ fliehe vor ihrem Auftreten jede Gefühlsinnigkeit mit den Lauten der deutſchen Sprache, die ſie mit Conſequenz verleugnete. „Vous enfin ici!“ rief ſie Gerhard entgegen.„Das iſt wahrhaftig eine Ueberraſchung! Wir hatten ſchon darauf verzichtet, Sie wiederzuſehen. Nach Ihrem ver⸗ rückten Brief, mon ami, und den thörichten Bitten, zu denen ſich die Kleine fortreißen ließ, ohne daß Sie ſich bewogen fühlten, ſich zu zeigen, mußte man denken, Sie ſeien ſchon über den Montblanc. Ah, die kleine Närrin, wie weinte ſie über Ihr Ausbleiben! Vraiment! ich hätte Sie ganz anders behandelt. Höchſtens Worte der Entrüſtung hätte ich für Sie gehabt und auf den Knieen hätten Sie kommen müſſen, um Verzeihung zu erflehen. Die Männer muß man behandeln wie die Hunde; je mehr man ſie peitſcht und mit Füßen tritt, deſto treuer werden ſie.“ „Alle ſind doch nicht ſolche Sklavennaturen“, ver⸗ ſetzte Gerhard, der jetzt zu ahnen meinte, woher die erſten Abſätze in Adriennens Briefe ſtammten und aus 23 welcher Quelle ihr heute vom Anfang an beobachtetes kaltes, zürnendes Benehmen ſeinen Urſprung nahm. Die Rathſchläge einer ſolchen Schweſter waren gefähr⸗ licher als Gift.„Ich denke“, ſetzte er mit einem ab⸗ ſichtlichen Ausfalle hinzu,„Sie haben eine ähnliche Erfahrung an Ihrem Herrn Gemahl gemacht.“ „Oh ce monstre!“ ſtieß Madame, die Fäuſte bal⸗ lend, aus.„Mich, eine brave, redliche Frau, ſo zu be⸗ handeln! Das Kind von der Mutter zu reißen, kalter Seele, und nicht zu hören auf den Schmerzensſchrei eines unmündigen Herzens, das ſich mit den kleinen Händen verzweiflungsvoll an die Mutter klammert. O, das iſt grauſam, blutgierig wie ein Tiger, der ſeine Beute tückiſch überfällt. Omein armer Maxime! Dieſer Vater, was habe ich ihm Alles geopfert!“ Madame fuhr noch eine Weile in ihrem theatra⸗ liſchen Erguſſe fort, ohne daß Gerhard, welcher den widerwärtigen Eindruck zu verbergen ſich nicht einmal die Mühe nahm, weiter darauf gehört hätte. Er gedachte des Contraſtes mit jener erſten Begegnung, bei welcher ſie eine ſolche Liebe zu ihrem Gatten zur Schau ge⸗ tragen hatte, von dem ſie„widrige Verhältniſſe lei⸗ der geſchieden hielten“. Wie damals ſpielte ſie wohl auch jetzt Komödie, hinter der tragiſchen Maske lauerte die herzloſeſte Frivolität. 4 ——ÿ —— — Gerhard unterbrach endlich das Pathos in kurzer Weiſe: „Sie wollen ja reiſen, ſoviel ich höre, Hermance.“ Madame warf ihrer Schweſter einen ſonderbaren, keineswegs liebevollen Blick zu. „So hat dieſe da ſchon geſchwatzt“, ſagte ſie. „Nun ja, ich habe es ſatt, das langweilige Waſſer dieſes Sees immer vor Augen zu haben. Sogar die Rhone hält es bei ihm nicht aus und zieht weiter. Eh bien, ich ziehe ebenfalls.“ „Bald?“. „Je früher, je beſſer. Morgen, übermorgen, ich weiß es nicht.“ „Und was geſchieht mit Adrienne?“ „Das iſt Ihre Sache, denke ich.“ „Allerdings, zunächſt muß ſie aber doch eine Un⸗ terkunft haben.“ „Voilà, ich bin großmüthig“, rief Madame mit unnatürlichem Lachen, indem ſie ſich in einen Fauteuil fallen ließ und eine nicht eben allzu decente Stellung einnahm.„Ich laſſe Euch das Haus zurück, die Miethe iſt bis Frühjahr bezahlt. Ein charmantes kleines Neſt, groß genug für Euch. Raum iſt in der kleinſten Hütte für ein zärtlich liebend Paar“, citirte ſie deutſch und uhr dann wieder fort:„Ich weiß, daß ich überflüſſig bin; kann ſehr Und daß zeige nicht roſit rück tete mir Ein Ge⸗ ſpr hal hin den 25 bin; eh bien, ich gehe. Die Tante— haha! die Tante kann zurückbleiben; ich vermache ſie Euch, ſie verſteht ſehr gut Haare zu kräuſeln und Spitzen zu plätten. Und ich gebe Euch meinen Segen, in der Hoffnung, daß Sie, mein künftiger Schwager, ſich großmüthig zeigen. Es iſt doch immer ſchön von mir, daß ich Euch nicht zur Laſt fallen will. Generoſität gegen Gene⸗ roſität!“ „Ich werde Ihnen die vorausbezahlte Miethe zu⸗ rückerſtatten“, entgegnete Gerhard kalt. „Und das iſt Alles? O, wirklich brillant!“ ſpot⸗ tete Madame. „Was fordern Sie ſonſt?“ „Ah gut, Sie laſſen mit ſich reden. Bezahlen Sie mir die Reiſe. Was ſagen Sie zu fünftauſend Francs? Einer Schwägerin kann man ſchon einmal ein ſolches Geſchenk machen, denke ich.“ „Ich dachte, da Sie von Ihrer Reiſe ſo ſicher ſprachen, müßten Sie auch das Reiſegeld ſchon haben.“ „Wahr“, äußerte Madame und ſetzte achſelzuckend hinzu:„Ich nehme es aber lieber aus Ihren Hän⸗ den, Gérard, ich bin dann unabhängig.“ Gerhard zuckte ungeduldig mit dem Kopfe. „Ich bewundere Ihren ſeltenen Freimuth, Her⸗ ——Q—·Qx — —— 26 mance“, erwiderte er ein wenig ſpöttiſch.„Aber ſelbſt wenn ich von der Zweckmäßigkeit Ihres Vorſchlags ganz überzeugt wäre, könnte ich auf denſelben nicht ſo unmittelbar eingehen, da ich mein disponibles Geld heute Nacht verlor.“ „Sie waren in Saxon und haben es verſpielt?“ „Nein, es verbrannte.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Alſo weißt auch Du nicht davon?“ mengte ſich jetzt Adrienne, mit ſcharfem Blick ihre Schweſter fixi⸗ rend, ins Geſpräch.„Es hat hente Nacht in der Pen⸗ ſion Germain gebrannt, ſpeciell in Gerhard's Zimmer, und gerade der Tiſch iſt ein Raub der Flammen ge⸗ worden, worin ſich zehntauſend Thaler in Papieren befanden.“ Madame hatte mit zunehmender Spannung dieſe Worte mit angehört, ihr Oberleib hatte ſich vorgelehnt, eine fliegende Röthe wurde ſogar durch das künſtliche Weiß hindurch ſichtbar. „Ah, ich verſtehe!“ entſchlüpfte es ihren Lippen, an die ſie gleich darauf ihr Sacktuch drückte, ſichtbar ärgerlich darüber, daß ſie den Ausruf nicht zurückge⸗ halten hatte. „Du denkſt an—“ wollte Adrienne ſprechen, aber ihre Schweſter fuhr ihr blitzſchnell dazwiſchen: ſie fo Ausr möge 27 „Tais toi, petite begueule!— Ich verſtehe“, fuhr ſie fort,„mein künftiger Schwager hat eine vortreffliche Ausrede, mich abzuweiſen. Wo iſt Ihr gerühmtes Ver⸗ mögen, wenn Sie dieſer Verluſt genirt?“ „Das thut er Gott Lob! nur momentan.“ „Und doch verweigern Sie mir die paar tauſend Francs! Arme Adrienne, ich bedaure Dich, Du haſt eine ſchlechte Wahl getroffen.“ Madame erhob ſich, indem ſie die vollen Schultern ſpöttiſch hoch hinaufzog.„Kuru⸗ ſoff hat Recht: der Ruſſe gibt die Fauſt, aber ſie iſt voll, der Franzoſe die Hand, aber ſie iſt vergoldet, der Deutſche den Finger und der iſt ſchmuzig.“ „Hermance!“ rief Adrienne, aber Gerhard kam ihr zuvor. Die Erwähnung des Schleichers rief allen Groll in ihm wach. „Was hat dieſer Menſch zu ſagen?“ äußerte er. „Es iſt ſonderbar, daß er, wenn er Sie ſchon ſo ge— nau über mich unterrichtet, nichts von dem Vorfalle dieſer Nacht erwähnte. Wie kommt es, daß Sie davon nicht gehört haben wollen?“ Madame war abermals erröthet. „Ich ſage ihnen aber, daß ich kein Wort wußte“, ſtieß ſie heftig hervor. „Was machte alſo dieſer Elende hier? Was hat er hier zu ſuchen?“ „Wenn Sie es wiſſen müſſen“, ſtellte ſich Ma⸗ dame ihm trotzig gegenüber,„er kam Abſchied nehmen“, und ſie machte dabei einen tiefen ſpöttiſchen Knix. „Ich ſetze voraus, daß ich Ihnen über meine Bekann⸗ ten keine Rechenſchaft ſchuldig bin.“ „Aber“, verſetzte Gerhard raſch,„vielleicht doch über Mitglieder der Familie, welcher ich angehören ſoll, oder über Solche, die ſich eine ſolche Stellung anmaßten. Monſieur de Granier ſcheint Aufſchlüſſe eigenthümlicher Natur über die Identität eines gewiſſen Herrn Fiſcher mit dieſem Kuruſoff geben zu können.“ Madame war wieder ganz bleich geworden, ſie hatte ihre Unterlippe zwiſchen die Zähne gekniffen. Ihre Augen funkelten in ſtarker Erregung, ſie glich einer Schlange, die ſich züngelnd erhebt, und ſchien nicht übel Luſt zu haben, auf ihren Gegner loszu⸗ fahren. „Monſieur de Granier“, lachte ſie endlich heiſer auf,„iſt ein bösartiger Narr und Sie ein leichtgläubi⸗ ger!“ Damit wendete ſie ſich der Thür zu, durch welche ſie gekommen war. „Hermance, Du mußt—“ rief Adrienne, die ihr einige Schritte nachthat. Die Gerufene wendete ſich raſch um. „Was denn?“ fragte ſie ſcharf und ihr Blick 29 ließ ihre Schweſter verſtummen. Dann ging ſie, wie einem plötzlich aufſchießenden Gedanken folgend, wieder auf Gerhard zu, dem die Scene im höchſten Grade ſeltſam erſchien, und that noch einmal eine Frage. „Sagen Sie mir, wenn nun die verlorene Summe ganz oder zum Theil wieder in Ihren Beſitz käme, nehmen wir den Fall an: würden Sie mir das Ver⸗ langte noch abſchlagen?“ Gerhard war überaus befremdet, er dachte, man wolle ihm eine Falle legen, Streicher vielleicht wirklich beim Wort nehmen und ihn bezahlen laſſen, oder der⸗ gleichen. Er wich aus. „Unmöglichkeiten vorausſetzen iſt zwecklos“, erwi⸗ derte er.„Verſprechungen, darauf gebaut, kann Nie⸗ mand ernſtlich nehmen.“ „Hélas! ich wußte es ja. Ein filziger Deutſcher würde ſelbſt ſein Wort brechen, um einen Sou zu retten“, rief ſie ſarkaſtiſch und ſetzte dann mit großer Beſtimmtheit, wie um einen gefaßten Entſchluß zu be⸗ kräftigen, hinzu:„Eh bien, es bleibt dabei!“ Ehe ſie ſich noch umgewendet hatte, brachte Adri⸗ enne neuerdings, diesmal jedoch weniger ängſtlich, ja faſt drohend ein:„Hermance, Du weißt—“ hervor. „Nichts!“ fiel ihr die Schweſter ſcharf ins Wort. Ohne die heftige Bewegung, in der ſich Adrienne au⸗ 30 genſcheinlich befand, zu beachten, ſetzte ſie bedeutungs⸗ voll hinzu:„Schweige, kleine Meerkatze, und— heirathe. Ich menge mich nicht in Deine Angelegenheiten, und wenn Dir an einem ſchweſterlichen Segen etwas liegt, Du haſt ihn.— Sans revoir, monsieur mon beaufrèrel' Und mit einer abermaligen Verbeugung zog ſie ſich aus V dem Salon zurück, denſelben den beiden Brautleuten V überlaſſend. V Gerhard fühlte ſich ſehr verſtimmt. Das Betra⸗ —y—— gen ſeiner Braut war ebenſo ungewöhnlich wie das ihrer Schweſter. „Du haſt Dich einſchüchtern laſſen“, wendete er ſich an Adrienne.„Rede, Du wollteſt etwas ſagen.“ ——— Adrienne vermochte die Verwirrung, die ſich in ihrer Haltung wie in ihren Zügen, ſogar in der Haſt, mit der ihre Finger in einem Album blätterten, deut⸗ —— lich ausſprachen, nicht verbergen; ihr Auge ſtreifte nur flüchtig Gerhard und ſenkte ſich ſofort wieder auf das Buch. „Nichts“, erwiderte ſie mit einem Tone, der Un⸗ befangenheit ausdrücken ſollte,„gewiß nichts. Ich beherrſchen.“ Gerhard wurde ſehr ernſt, eine tiefe Falte ſank . 4 wollte Hermance nur ermahnen, ihr Weſen mehr zu 7 zwiſchen ſeinen Brauen ein und wie ein Schatten des ——,„...———————— 2 34 Kummers legte ſich ein leiſer Zug um ſeinen Mund. Er nahm Adrienne das Buch aus der Hand, legte es beiſeite und faßte ſie dann an beiden Händen. „Adrienne, wen fürchteſt Du, wenn Du bei mir biſt? Vertraue mir; es iſt etwas nicht zum Ausſpre⸗ chen gekommen. Was iſt's mit dieſem Kuruſoff?“ „Ich weiß nichts“, entgegnete Adrienne, die jetzt den Blick ihres Bräutigams ſtandhaft aushielt.„Ich habe ihn kaum einigemal geſehen und niemals geſpro⸗ chen. Du wirſt doch nicht eiferſüchtig ſein?“ ſetzte ſie mit einem Verſuch zum Scherze hinzu, der aber ſeine Wirkung verfehlte, denn Gerhard blieb ernſt und düſter, und ſo erſtarrte auch das verführeriſche Lächeln auf ihren Lippen. „Sei aufrichtig, Adrienne“, nahm er wieder ein⸗ dringlich das Wort,„bedenke, was Du mir ſchwören wollteſt und was ich Dir geſagt. Ich pflege nicht blos für den Augenblick zu reden, meine Entſchlüſſe ſind nicht mit einer Liebkoſung hinwegzutändeln. Ich ſah es, Dir lag etwas auf dem Herzen, Du wollteſt ſprechen, thue es jetzt, Adrienne, habe kein Geheimniß vor mir.“ „Du irrſt, ich habe keins“, erwiderte ſie nach einer Pauſe, die freilich ſo kurz war, daß ſie kaum auffiel. Gerhard hatte ihre Hände, wie wenn ihn aus ihnen ein elektriſcher Schlag getroffen hätte, ſofort losgelaſſen —— und langte nach ſeinem Hute. Der Schreck, den Adrienne über dieſe Bewegung empfand, ſtörte die Haltung, die ſie bis jetzt bewahrt, ganz und gar. Sie faßte ihn am Arm, ſie entwand ihm den Hut, ſie warf ſich mit thränenden Augen an ſeine Bruſt. „Gerhard“, ſtieß ſie mit gepreßter Stimme und in der Haſt der Todesangſt hervor,„Du darfſt nicht gehen! So nicht, jetzt nicht! Was biſt Du ſo böſe? O verlaſſe mich nicht, ich habe ja Niemand, Niemand als Dich, Dich ganz allein! Warum quälſt Du mich ſo? Was habe ich gethan? Ich verſchweige Dir nichts, o glaube mir!“ Und wieder regte ſich das Samaritergefühl in ſeiner Bruſt und verſcheuchte jeden Groll, jeden Zweifel. Dieſer wunderbar ſchöne Leib, den er jetzt mit ſeinen Armen umſchlang und an ſein pochendes Herz drückte, konnte nur die Hülle einer reinen Engelsſeele ſein. Was berechtigte ihn zu ſolchem Mißtrauen und ſolch ſtarrer Strenge? War er denn fehlerlos? Wie über ein weinendes Kind, das Zuflucht und Schutz bei ihm geſucht, beugte er ſich über ſie und ſanft und tröſtend klangen ſeine Worte an ihr Ohr, zu⸗ gleich wie eine tiefe, feierliche Mahnung des Gewiſſens: „Ich glaube Dir, Adrienne.“ —— Zweites Kapitel. Ein Komet. Es war ſchon zu vorgerückter Nachmittagsſtunde, als Graf Hilmersdorf in das Zimmer des Kapitäns geſtürmt kam. Er deutete auf das flatternde Papier in ſeiner Hand und rief:„Ordre zum unverzüglichen Einrücken wegen Urlaubsüberſchreitung— was ſagen Sie, Kapitän?“ Der Angeredete lag zu Bette. Der immer haſtiger gewordene Lauf nach dem Friedhofe von Clarens am verfloſſenen Tage, die Aufregung und Erkältung in der darauf folgenden Nacht hatten ſeinen Zuſtand ſehr ver⸗ ſchlimmert und er durfte ſein Lager nicht mehr ver⸗ laſſen. Gerhard, der aus der Villa kaum noch zum Diner zurecht gekommen war und danach einige Ge⸗ Byr, Nomaden. V. 3 ſchäftsbriefe abgefertigt hatte, um doch für die nächſten Ausgaben eine Summe Geldes flüſſig zu machen, ſaß jetzt bei dem Kranken, dem er auf Mrs. Lesley's Wunſch gedankt und das Wichtigſte mitgetheilt hatte. Ueber den Brand war, wie natürlich, ebenfalls ge⸗ ſprochen worden, und der Kapitän ließ die Aeußerung fallen, wie ihm ſelbſt einen Moment lang Zweifel auf⸗ geſtiegen ſeien, daß der Brand mit Streicher's An⸗ weſenheit in dem Zimmer in Verbindung ſtehe. Der Zwiſchenraum war ein ungewöhnlich langer, aber er habe ſich überzeugt, daß das Feuer auf keinen andern Urſprung zurückzuführen ſei. Die Fenſter ſeien unver⸗ ſehrt geweſen und erſt, um dem Rauch Ausgang zu ver⸗ ſchaffen, geöffnet worden, als das Feuer beinahe ſchon gelöſcht war. Durch die Thür aber konnte kein Menſch mehr gekommen ſein, da er, wach wie er war, und im Beſitze eines vortrefflichen Gehörs, jedes leiſeſte Ge⸗ räuſch an der Thür, jeden Schritt auf dem Corridor vernommen haben würde. Der Kapitän war eben inmitten dieſer Erwägun⸗ gen, die einen Nebengedanken durchſchimmern ließen, ohne ihn jedoch faßbar hinzuſtellen, als der Graf in das Zimmer trat. „Was ſagen Sie?“ wiederholte er, troſtloſen Blicks auf ſeine Ordre weiſend.„Was ſoll ich thun?“ 35 „Gehorchen“, brachte der Gefragte in einem An⸗ fall ſeines peinlichen Huſtens mühſam hervor. „Gerade jetzt; ja, wenn ich im Gewinnen wäre, aber ſo kann ich ja eigentlich gar nicht fort. Die Rech⸗ nungen müſſen doch bezahlt werden und Papa läßt nichts hören. Weiß Gott, der Alte ſpielt wieder ein⸗ mal den Tauben und knallt ſeinen Haſen eins nach dem andern auf den Pelz, indeß ich hier feſtgefroren bin. Ich hätte momentan nicht einmal das Reiſegeld. Sie werden drum verzeihen“, wendete er ſich an Ger⸗ hard,„daß ich Ihnen die Kleinigkeit noch nicht zurück⸗ erſtattet habe. Sie werden ſich wohl auch nach dem Mal⸗ heur heute Nacht kaum in der Lage befinden, mir zur Erfüllung meiner Dienſtpflicht behülflich zu ſein.“ „In der That“, verſetzte Gerhard, über ſo viel vor⸗ nehme Gelaſſenheit unwillkürlich lächelnd,„ich muß es Ihnen ſchon allein überlaſſen, ſich mit ihr abzu⸗ finden.“ „Schade, daß der Jude Markus nicht mehr hier iſt“, bedauerte der Graf,„der hätte mir gewiß gehol⸗ fen, wenn ich auch keine ſchöne Frau habe, wie Leſtow, um ſie als Fauſtpfand zu verſetzen. Aber am Ende mach' ich mir nichts daraus“, ſchlug ſein gewöhnlicher Leichtſinn wieder durch.„So habe ich denn doch einen ganz anhörbaren Vorwand, hier zu bleiben.“ 3* — ———————— 8 —-— 8 35 „Man wird Ihnen den Proceß machen“, warf der Kapitän ein. „Geſchieht meinem Alten Recht, daß ihm ſein Sohn caſſirt wird, wenn er ihn nicht gehörig unter⸗ ſtützt. Schande für einen Grafen Hilmersdorf! Ich mache mir nichts daraus, ich gehe nach Frankreich, nach Italien, man amüſirt ſich überall.“ „Ohne Geld?“ ließ Gerhard ſcherzhaft einfließen. „Teufel, Sie haben Recht! Aber was machen? Es iſt ohnehin keine große Freude, einzurücken. Offen⸗ bar erwarten mich allerlei Verdrießlichkeiten. Zuerſt die Ueberſchreitung, dann— nun, wiſſen Sie, meine Herren, wie das ſo geht, ich hatte allerlei Urſachen, auf einige Zeit zu verſchwinden. Ein kleines Verhält⸗ niß mit einer hübſchen Frau; der Mann wurde unge⸗ zogen, ich gab ihm einige mit der Reitgerte, der Kerl drohte zu klagen; dachte mir: Laſſen wir Gras über die Geſchichte wachſen, aber der bornirte Menſch, ſcheint es, findet eine Freude daran, ſein doppeltes Malheur aller Welt zu erzählen, und hat geklagt. Na, das heißt ſoviel wie eine Verſetzung aus der Garde. Nicht mehr Kreuzberg, nicht mehr Oper, nicht mehr Kranzler, irgendwo in ein pommerſches Neſt; da iſt's geradezu beſſer, ich gehe über die Grenze, laſſe mich in der Fremdenlegion anwerben und tödte in Algier Löwen, 37 Kabylen und Kohlköpfe. Wäre ich noch katholiſch! Wenn man aus unſerer glorreichen Armee tritt, gibt es heutzutage nur eine noch, in welcher man für altes Recht, für Legitimität und Religion als echter Cava⸗ lier kämpfen kann: die päpſtliche.“ Graſ Hilmersdorf's Redefluß wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Streicher zeigte ſich auf der Schwelle und winkte Gerhard, der mit einer kurzen Entſchuldigung das Zimmer und die beiden Offiziere verließ. „Schnetterbeck iſt angekommen“, theilte Streicher dem Freunde auf dem Corridore mit.„Er hat nach Dir und mir gefragt und ein Paquet auf mein Zimmer tragen laſſen. Rüderichs müſſen ihm geſagt haben, daß wir hier ſind, ſie haben ihn auf dem Bahnhofe abgefangen, ſcheinen ihn alſo von früher zu kennen.“ „Haſt Du ihn ſchon geſehen?“ „Nein, ich wollte nicht zu dieſen Leuten in den Salon gehen.“ „Wir werden uns doch vor ihnen nicht fürchten und geniren?“ „Lächerlich!“ brauſte Streicher auf.„Wer fürchtet ſich, wer genirt ſich? Ich ſicherlich nicht. Meinet⸗ wegen kann Schnetterbeck bleiben, wo er will.“ „Er war aber doch einer unſerer getreueſten Commi⸗ litonen, und es könnte jedenfalls nicht ſchaden, wenn Du Dich mit ſeinem Blatte in Verbindung ſetzen wollteſt.“ „Aha, ich verſtehe“, fiel Streicher ein,„das ſoll eine Mahnung ſein. Egoiſt Du, der nicht einmal einen Tag warten kann, bis er mich im Joche der Leibeigenſchaft ſieht. Nun ja, ja, ich will ja Alles ab⸗ arbeiten und Dir ſoll der Ruhm bleiben, aus dem freieſten Mann in Deutſchland einen Sklaven, aus dem unſtäteſten Nomaden Europas einen Maulwurf ge⸗ macht zu haben, der in Löchern wohnt, ſich von Erde nährt und weder Licht noch Luft für ſich vorhanden glaubt. Ein gefeſſelter Prometheus bin ich an den Felſen angeſchloſſen und zwei Adler freſſen mir die Leber aus dem Leibe, Du und er! Alſo komm zu ihm!“ Der Eintritt der beiden Freunde in den Salon wurde kaum beachtet. Dirkſons ließen ſich nicht ſtören und Frau von Rüderich that abſichtlich, als bemerke ſie nichts, und ließ den gerade in eifriger Discuſſion be⸗ griffenen neuen Ankömmling, welcher der Thür den Rücken zugewendet hatte, fortfahren, obwohl ſie wußte, daß er nur Gerhard's und Streicher's wegen hierher ge⸗ kommen ſei. Herr von Rüderich aber ſagte nichts, wo⸗ zu er nicht von ſeiner Frau den Anſtoß erhalten hatte. 39 „Ach, meine Gnädige, ich kenne das genau“, er⸗ klärte Schnetterbeck eben mit ſtarker Geſticulation.„Recen⸗ ſionsäſthetiker ſind eigentlich patentirte Schönheits⸗ meſſer. Das Patent ertheilen ſie ſich ſelbſt; behaupten ſie doch für alle Künſte, Malerei, Sculptur, Architektur, ja auch für Poeſie, Literatur und Schauſpielkunſt, für Muſik und alle Gottesgaben vom Gedanken bis zur Stimme in ihrer bloßen Empfindung für das große Publikum unfehlbare Werthbeſtimmer zu beſitzen und alſo gewiſſermaßen eine Art von Alkoholometer zu ſein. Dazu gehört eigentlich weiter nichts als Keckheit, ſich dafür auszugeben und ſeine Miſſion zu behaupten. Merkwürdig genug, die Menge betet den Uſurpator zuletzt wirklich an, der ſich zur Gottheit gemacht hat und conſequent ſelbſt dafür hält.“ 8 „Sie gehen da wohl zu weit“, bemerkte Frau von Rüderich, indem ſie ſich ein wenig pikirt zurücklegte und dabei durch ihr Lorgnon ſah. „Jawohl, zu weit“, wiederholte ihr Gatte.„Man muß einen Maßſtab an die Arbeit anlegen.“ „Allerdings, den der Nützlichkeit.“ „Bravo!“ mengte ſich jetzt Streicher, der ganz knapp an den Sprechenden herantrat, in die Conver⸗ ſation.„Frau von Rüderich iſt ja ſelbſt der Anſicht, daß es bei der Arbeit darauf ankomme, wer die beſten und eleganteſten Stiefel mache. Es iſt nur eine lächer⸗ liche Aufgeblaſenheit, daß ſich Künſtler, Dichter und Schriftſteller mehr dünken als jeder geniale Schuſter, aber am allerlächerlichſten iſt es, daß ſich ſchier noch mehr der Kritiker dünkt, weil er zu beurtheilen weiß oder eigentlich zumeiſt es nur zu wiſſen glaubt, ob ein Stiefel gut oder übel gerathen iſt, den er doch ſelbſt nicht herzuſtellen vermöchte. Ein richtiges Urtheil iſt weiter nichts ats ein geſchärfter geſunder Menſchen⸗ verſtand. Dem Kritiker fehlt ja ſogar die Phantaſie, welche Künſtler und Dichter ſo unumgänglich brau⸗ chen; weil ihm aber auch häufig genug der geſunde Menſchenverſtand fehlt, ſo wird nach bizarren, künſt⸗ lich gebauten Grundſätzen das Urtheil verbildet und damit auch der Geſchmack der Menge, die eben keinen andern als vorgekauten und eingelernten hat, ver⸗ dorben.“ „Beim Himmel, das muß Streicher ſein! Laß Dich umarmen, alter Burſche!“ Der Fremde war bei dieſen Worten aufgeſprungen. Es war eine gedrungene, nicht beſonders große Geſtalt von ungewöhnlichem Auf⸗ zug. Der Kopf ließ trotz der ſchon ſtark hereinbrechen⸗ den Dunkelheit originelle, kräftige, aber keineswegs ſchöne Züge erkennen. Ganz kurz, faſt bis auf die Haut abgeſchorenes Haar deckte dicht den Kopf und V 41 einen Theil der Stirn, die dadurch niedrig erſchien. Die buſchigen Augenbrauen, die kurze, aufgeſtülpte Naſe, die etwas wulſtigen Lippen unter dem ſtruppig über den Mund herabgekämmten Schnurrbart gaben dem Ge⸗ ſichte etwas Derbes, Ordinäres, dem nur die klug blickenden Augen widerſprachen. Dem Verſuch der freund⸗ ſchaftlichen Annäherung wich Streicher zurücktretend aus. „Bleiben Sie mir vom Leibe, mein Herr! Ich bin kein Freund von Umarmungen und am wenigſten, wenn man nicht weiß, mit wem man es zu thun hat“, ſagte er ſehr kühl. „Aber mein Gott, alter Junge, ich bin ja Schnetterbeck, Paul Schnetterbeck! Kennſt Du mich denn nicht?“ „Lächerlich! Das könnte Jeder ſagen. Legitimiren Sie ſich erſt!“ Dem Andern mußte das ungemein ſcherzhaft vor⸗ kommen, denn er lachte laut. „Hier meine Karte“, ſagte er und zog wirklich eine aus der Weſtentaſche.„Die muß man immer be⸗ reit haben.“ „Karte? Wer garantirt mir, daß es die Ihre iſt? Dort iſt Feder und Tinte, unterſchreiben Sie Ihren Namen, damit ich die Unterſchrift mit jener des Briefes vergleichen kann.“ — — — 42 Dieſe Zumuthung ſchien dem Betreffenden doch zu arg. „Thorheit!“ rief er.„Wozu ſollte ich mich für einen Andern ausgeben? Uebrigens garantirt wohl Frau⸗ von Rüderich für mich, von ihr habe ich zuerſt er⸗ fahren, daß Du hier in Montreux ſitzeſt. Nicht wahr, Frau von Rüderich?“ „Jedenfalls“, gab ſie die verlangte Beſtätigung in ſpitziger Form ab,„fkann ich weit eher für Herrn Schnetterbeck als für Herrn Streicher garantiren, be⸗ ſonders was den geiſtigen Normalzuſtand anbelangt.“ Streicher hatte nicht übel Luſt, darauf zu er⸗ widern, aber Gerhard ſchnitt durch ſein Hinzutreten jede weitere Erörterung ab. „Ich garantire für beide“, ſagte er, und Schnetter⸗ beck die Hand hinſtreckend, hieß er ihn herzlich will⸗ kommen. „Vortrefflich conſervirt!“ jubelte dieſer.„Ganz der Alte! Unter tauſend Menſchen hätte ich Dich erkannt, Strandau. Aber dieſe mißtrauiſche Seele könnte einen beinahe anſtecken“, fuhr er fort, nachdem er den bei den, denn auch Streicher war dem Beiſpiel ſeines Freundes gefolgt, eine ganze Weile die Hände geſchüt⸗ telt,„um ſo mehr, wenn man erlebt hat, was mir heute zuſtieß. Denken Sie ſich“, wendete er ſich nun auch zu dem Chepaar,„ich ſitze heute beim Diner um drei Uhr im Hotel Beaurivage zu Ouchy— ich hatte näm⸗ lich in Lauſanne zu thun und mußte mich dort auf— halten— alſo ich ſitze da, der Platz neben mir war noch leer. Da kommt ein kleiner Herr, der ganz vornehm flüſtert, der Kellner iſt ganz devot und nennt ihn Herr Graf, ich ſehe genauer hin und denken Sie ſich meine Ueberraſchung, erkenne einen Croupier von Saxon, der gerade vor drei Jahren, als ich zuletzt dort war, wegen Unredlichkeit fortgelſagt wurde. Er war, ſo hörte ich, früher Kammerdiener bei einem ruſſiſchen Geſandten oder Attaché Grafen Orloff oder Wal⸗ loff und nannte ſich Poninski, ſolange er mit dem rothen Bändchen im Knopfloche die Krücke hand⸗ habte, und jetzt läßt ſich dieſer Kauz Graf Kuruſoff nennen.“ „Kuruſoff?“ hieß es von allen Seiten. „Jawohl, aber ich habe ihn doch erkannt, trotz ſeiner Perrücke und ſeines veränderten Bartes, und als ich ihn bei ſeinem frühern Namen anſprach, wurde er ſehr verlegen, obwohl er eine gewiſſe ariſtokratiſche Kälte affectirte, die mich aber nicht irre machte. Es ſcheinen ſich hier an den Ufern des Sees allerlei zweifelhafte Exiſtenzen Rendezvous zu geben.“ „Erinnerſt Du Dich an nichts?“ fragte Frau von 44 Rüderich ihren Gatten, den ſie betroffen anſah.„An nichts bei dem Namen Orloff?“ „Fürwahr, meine Theure—“ „Die Aehnlichkeit, die uns ſogleich auffiel. Herr von Kuruſoff und Iwan. Jener Croupier ein Kammer⸗ diener Orloffs!— Iwan, Zwan, Erinnerſt Du Dich nicht an Dresden? Wir waren bei der lieben Sarolta, die damals ein Verhältniß mit dem Grafen unterhielt. Iwan brachte ein Bouquet. Erinnerſt Du Dich denn nicht mehr an die Geſchichte? Der Graf— wollte ihn prügeln und fortjagen, denn er hatte das Bouquet beim Blumenhändler gegen ein billigeres vertauſcht. Ah göttlich, prächtig! Ein Kammerdiener ſpielt hier eine Rolle. Hehe! Sehr amüſant; vortrefflich zu ver— wenden.“ „Ganz vortrefflich zu verwenden.“ „Und wir, wir ſelbſt haben uns von ihm düpiren laſſen. Man kann nicht einmal entrüſtet ſein! Er war zu geſchickt.“ Gerhard hatte überraſcht aufgehorcht, als er der Namen Orloff hörte. Der Name war ja auch von Mon⸗ — ſieur de Granier genannt worden. Kuruſoff ein Kam⸗ merdiener jenes Grafen Orloff und ſpäter als Herr Fiſcher die Stelle eines Oheims bei Hermance ſpielend, bis er eines Tages ſpurlos verſchwindet, um erſt 45 wieder als Croupier Poninski in Saxon aufzutauchen— das war ein ganz eigenthümliches Streiflicht, das plötzlich auf dieſe Perſönlichkeit und auf deren unklares Verhältniß zu Hermance fiel. Ein unheimliches Halb⸗ dunkel umgab die Geſtalt. „Aber ſage, liebſte Albine“, nahm jetzt Herr von Rüderich zweifelnd das Wort,„es könnte doch eine Verwechslung ſtattgefunden haben. Herr von Kuruſoff iſt ja nicht nach Lauſanne.“ „Ja, das iſt wahr“, trat ſeine Frau der Meinung bei;„der Name iſt ja nicht ungewöhnlich. Schade, es hätte ſich Alles ſo hübſch combinirt; aber unſer Herr von Kuruſoff iſt wohl momentan in Sierre, wenn nicht weiter auf der Simplonſtraße. Wir haben ihn ja ſelbſt begleitet, ich ſah ſeine Fahrkarte, er fuhr nach Sierre. O, Herr von Kuruſoff war wohl eigentlich über jeden Zweifel erhaben! Er war fein gebildet und hatte ein ſcharfes Verſtändniß für Literatur. Er ging für die kälteſten Monate nach Italien.“ „Wie ſah Ihr Graf Kuruſoff aus?“ fragte Ger⸗ hard, der ſich durch das zuletzt Geſagte nicht irre machen ließ. „Aber es liegt ja eigentlich gar nichts daran“, meinte Schnetterbeck,„ich erzählte die kleine Geſchichte ja nur à propos.“ 46 „Doch“, fiel nun auch Streicher ein,„es liegt etwas daran. Es wäre jedenfalls merkwürdig, wenn derſelbe Herr von Kuruſoff, der mittags nach Oſten abreiſt, einige Stunden ſpäter im Weſten auftaucht. Sorche plötzliche Sinnesänderungen kommen vor, ſind aber nicht gewöhnlich und in gewiſſen Fällen ſehr be⸗ deutſam. Man nennt es die Leute auf falſche Spur führen, und die Indianer in Cooper's Romanen ſind ſehr geübt darin. Sollte Herr von Kuruſoff ſich etwa ebenfalls auf dem Kriegspfade befinden?“ „Ah“, ſpöttelte Frau von Rüderich,„Herr Strei⸗ cher ſieht wieder einmal Geſpenſter. Steht vielleicht einer Ihrer Ausbrüche bevor?“ Schnetterbeck gab nun eine Perſonbeſchreibung, die vollkommen ſtimmte, ſodaß kein Zweifel mehr aufkommen konnte. Dennoch fügte ſich Frau von Rüderich nicht ſo leicht hinein. Sie behauptete, nicht daran glauben zu können, es erſcheine ihr doch zu un⸗ wahrſcheinlich, auch ließe ſich, wenn man ſelbſt Alles annehme, kein genügender Grund hierfür denken. Das bewog Streicher zu der Entgegnung, ſie möge ſich in Acht nehmen, man könnte ſonſt auf die Vermuthung gerathen, ſie habe ſelbſt ein beſonderes Intereſſe dabei, dieſe auffallende Zickzackreiſe zu verbergen. „Wer allzu eifrig Partei nimmt, verdächtigt ſich 47 ſelbſt des Einverſtändniſſes“, ſchloß er ſeinen biſſigen Ausfall, der ein entrüſtetes Auffahren und die Ent⸗ fernung der beleidigten Dame zur Folge hatte. „Es nimmt ſich gut aus“, erwiderte ſie noch zu⸗ vor den Schlag,„wenn Leute ſo ſprechen, die ſelbſt vor Gericht ſtehen ſollten. Hätten Sie nicht etwa Luſt, den Abgereiſten, der ſich nicht vertheidigen kann, auch noch der Brandſtiftung zu beſchuldigen?“ Streicher ſchwieg, er war betroffen, aber nicht von dem Vorwurfe, ſondern von dem Gedanken, welchen der Schlußſatz in ihm anregte, obwohl er denſelben alsbald wieder verwarf. Der Ruſſe hatte ſich ihm ja verbindlich erwieſen, er hatte denſelben immer gegen Gerhard vertheidigt und ſein Urtheil konnte ihn nicht täuſchen, er war ja ein Menſchenkenner. Aber Schnetterbeck war auch aufmerkſam gewor⸗ den, er fragte, was die Anſpielungen zu bedeuten hätten, und erfuhr theils von Gerhard, theils von Streicher die ganze Geſchichte des Brandes. „Sie ſehen“, ſchloß Streicher,„Sie ſind ganz zu rechter Zeit gekommen, ich muß meine Schuld abzahlen und ergebe mich Ihnen mit Leib und Seele, wenn Sie meine Arbeiten nehmen wollen.“ „Vortrefflich“, rief Schnetterbeck;„aber warum 48 Wir duzten uns ja auch das ſteife Sie zwiſchen uns? auf der Univerſität.“ „Aber ſeitdem iſt eine lange Zeit verfloſſen, wir haben erſt wieder neue Bekanntſchaft zu ſchließen“, ent— gegnete Streicher und ließ ſich durch nichts von ſeiner Anſicht abbringen. Schnetterbeck mußte ſich endlich zu⸗ frieden geben. Er erkundigte ſich nach der Stunde des Soupers und fragte dann, wie viel die Uhr jetzt ſei. „Fünf Uhr vorüber“, entgegnete Streicher;„wir haben Zeit genug, inzwiſchen Alles zu beſprechen. Aber ſagen Sie mir, weshalb Sie nicht ſelbſt auf die Uhr ſehen, die Sie bei ſich tragen? Es iſt doch Egoismus, andere Leute zu plagen.“ „Sie hat keine Zeiger“, und auf eine weitere Frage fuhr Schnetterbeck fort:„Wozu ſollte ſie welche haben? Das würde mich nur ſtören und oft an die Stunde mahnen, wenn ich nicht gemahnt ſein will. oder wenn ſie falſch ginge und ich verließe mich auf ſie, würde ich allerlei Verſpätungen erleben. Man ſieht auf eine Thurmuhr oder fragt den Erſtbeſten, das iſt viel bequemer. Ich brauche meine Uhr nie zum Uhr— macher zu geben und mich nie zu ärgern— das ſind unnütze Auslagen. Ich bin nur für das Zweckmäßige. Der Menſch muß ſich nicht ſelbſt Laſten ſchaffen.“ „Aber weshalb haſt Du dann eine Uhr bei Dir?“ 49 fragte Gerhard, beluſtigt von dieſer originellen An⸗ ſchauungsweiſe, welche die Streicher's noch zu über⸗ bieten ſchien. „Um im Falle der Noth etwas zu haben, was man verſetzen oder verkaufen kann. Ich habe ſchon als Student die Erfahrung gemacht, wie zweckmäßig ſolche Reſerven ſind. Aber, Kinder, nun kommt, ich will mir's ein wenig bequem machen. Wir haben Zeit ge⸗ nug, bis zum Abendeſſen Alles zu beſprechen. In mei⸗ nem Gepäck habe ich auch einige Exemplare meiner Zeit⸗ ſchrift. Ich habe einen Plan, ſie zu heben, aber verſcheucht mir nur die Rüderichs nicht. Nützen ſie dem Blatte gerade auch nicht, ſo könnten ſie ihm doch ſchaden. Sie taucht ihre Feder in Bosheit und Galle, und was nützt es mir, wenn Freund Streicher auch die geiſt— reichſten Artikel bringt, die führen mir weit weniger Abonnenten zu, als ſie mir abwendig macht.“ Es kam dabei zu Tage, wovon nicht einmal Ger⸗ hard etwas wußte, daß Streicher ſich ſchon wiederholt, aber natürlich nur in ſeht langen Zwiſchenpauſen in literariſchen Arbeiten verſucht und dieſelben unter falſchem Namen in Schnetterbeck's Blatte hatte erſcheinen laſſen, mit welchem er ſchon vor längerer Zeit in eine brief⸗ liche Verbindung getreten war. Es war ihm ſogar ſchon der Antrag gemacht Byr, Nomaden. V. 4 worden, als Mitredacteur einzutreten, aber Streicher hatte ſeine unbeſchränkte Freiheit vorgezogen und das Anerbieten abgelehnt. Jetzt war er freilich bereit, wie er ſagte, ſich als Sklave an die Galeere ſchmieden zu laſſen; wollte er ja mit dem Erlös,„für welchen er ſich dem Teufel verkaufte“, Gerhard befriedigen. Schnetterbeck bedankte ſich für die wohlwollende Bezeichnung und betrat mit den beiden Freunden das Zimmer, welches früher Kuruſoff bewohnt hatte und nun Streicher zugewieſen worden war. Gerhard ent⸗ zündete ein Licht an der Gasflamme auf dem Corri⸗ dor, als er aber durch die Thür trat, blies ihm ein Zugwind daſſelbe wieder aus. „Schließen Sie doch das Fenſter“, rief Schnetter⸗ beck Streicher zu. „Lächerlich!“ erwiderte dieſer, der dem Rathe ſchon zuvorgekommen war.„Es iſt ſchon zu, aber eine Scheibe iſt zerbrochen.“ „Zum Glück geht es auf die Veranda hinaus, die ja geſchloſſen iſt. Es wäre fatal“, meinte Schnetter⸗ beck,„wenn es das andere nach dem Freien wäre. Für heute iſt an das Einziehen einer friſchen Scheibe doch kaum mehr zu denken.“ „Ich danke dafür“, ließ ſich Streicher erbittert gehen;„das iſt ein ſehr ſchwacher Troſt. Ich kann — 51 nicht bei offenem Fenſter ſchlafen, die ärgſte Erkältung kann man davon haben. Handwerker genug waren den ganzen Tag hier im Hauſe, ſie hätten auch dies Fenſter repariren können.“ „Die Scheibe iſt ohnehin ganz kürzlich erſt einge⸗ fügt worden“, bemerkte Schnetterbeck, der mittlerweile auch herangetreten war,„der Kitt iſt noch nicht ein⸗ mal ganz trocken. Sonderbar, alſo auch Fenſterſchei⸗ ben, nicht nur Bücher ſcheinen ihr Schickſal zu haben. Wiſſen Sie was, lieber Freund, wir werden die Oeff⸗ nung, ſo gut es geht, von innen verſtopfen. Geben Sie mir einmal dort die beiden Handtücher und Ihren Schwamm vom Waſchtiſche her!“ „Die brauche ich ja zum Waſchen!“ „Ach, ganz überflüſſig! Wie kann man ſich mit derlei zeitraubenden Beſchäftigungen abquälen!“ „Sie werden ſich doch auch waſchen?“ entgegnete Streicher verwundert. „Ich? Niemals. Wozu hätten wir die Segnungen einer hochgradigen Civiliſation?“ „Doch nicht zur Cultivirung eines hochgradigen Schmuzes“, fiel Streicher derb ein. Aber hier hatte er einmal ſeinen Meiſter gefunden. „Wie kurzſichtig!“ rief Schnetterbeck lachend aus und wog damit Streicher's„Lächerlich!“ vollkommen 4* 52 auf. Eine ganz philiſtröſe, veraltete, breitſpurige Be⸗ wegung in den ausgefahrenen Gleiſen! Wäre ich an das thörichte Vorurtheil gewöhnt, mich überall waſchen zu müſſen, ſo müßte ich auf meinen Reiſen immer im Gaſthofe übernachten, ein Zimmer bezahlen und der⸗ gleichen Auslagen mehr, die füglich erſpart werden können. Ich bringe, bin ich einmal auf Reiſen, alle meine Nächte auf der Bahn zu, entweder im Waggon oder im Warteſaale. Ich ſchlafe da prächtig. Bei Tage bin ich in den Städten und verrichte meine Ge⸗ ſchäfte, ich richte mir das ſo ein, abends fahre ich weiter.“ „Und die Toilette?“ Laſſe ich beim Friſeur oder im Barbierladen „9 machen. Man nimmt mir den Bart ab und wäſcht mir dabei das Geſicht, die Hände natürlich auch“, ſetzte er auf einen ſehr zweifelhaften Blick Streicher's hinzu.„Jezuweilen nehme ich ein Bad. Sehen Sie, ich brauche keins von den hunderterlei überflüſſigen Utenſilien, mit denen man ſich beſchwert. Ich habe nicht einmal einen Kamm.“ Er fuhr ſich dabei über den wie mit dichten ſcharfen Borſten beſtandenen Kopf „Ich laſſe mir die Haare immer ſo kurz halten, nicht aus Unzufriedenheit, ſondern aus Bequemlichkeit, und ich verſichere Ihnen, befinde mich ſehr wohl dabei. Der 53 Menſch iſt nur wahrhaft frei und unabhängig, wenn er wirklich gar nichts braucht, an nichts gebunden iſt und an nichts hängt.“ „Ich glaube“, verſetzte Streicher nachdenklich, „Sie gehen da etwas zu weit. Auch ich habe zwar den Grundſatz, Alles in einem Koffer unterzubringen, und was da nicht hinein will—“ „Einen Koffer!“ ſchnitt ihm Schnetterbeck ſchon wieder das Wort ab.„Aber mein Gott, wozu denn ein Koffer? Der wiegt ja allein zwanzig Pfund, da ſind Sie mit Ihrem Freigewichte raſch zu Ende. Höchſt unpraktiſch, ſage ich Ihnen, höchſt ſchwerfällig nnd unmobil.“ „Aber irgend etwas muß man doch bei ſich haben, Wäſche und dergleichen“, entgegnete Streicher etwas unwirſch, er fing ſchon an, ſich geärgert zu fühlen. „Wo ſtecken Sie das hin, doch nicht Alles in die Taſche?“ „Wie kurzſichtig! Da ſehen Sie einmal her, da iſt mein ganzes Gepäck.“ Und Schnetterbeck führte Streicher an das Sopha, auf welchem ein feſtgeſchnürtes, mit verſchiedenen Fracht⸗ nummern und Adreſſen beklebtes Paquet lag. Beim Schein des Lichtes, das Gerhard mittlerweile doch angezündet hatte, löſte er die Plaidriemen und ſchlug die Um⸗ hüllung auseinander, die nichts Anderes als ein alter 54 Ueberrock war. In denſelben hatte er ſchmuzige und reine Wäſche, Schriften, Zeitungen, ſonſtiges Druck⸗ papier bunt durcheinander eingewickelt. „Da iſt Alles— all das Meine trage ich bei mir. Nun können wir ſofort an unſern Plan gehen, da ſehen Sie das Probeblatt.“ Er reichte Streicher ein Blatt hin.„Aber es iſt hier wirklich alle Wärme bei dem offenen Fenſter hinausſpaziert. Da nützt alles Heizen nichts.“. Er ſchob den ganzen Inhalt ſeines Paquets auf das Sopha und zog darunter den Rock hervor, den er überwarf und ſo einen höchſt komiſchen Anblick bot, denn die ringsum an den verſchiedenſten Orten aufge⸗ klebten Zettel mit fetter ſchwarzer Schrift oder großen rothen Ziffern gaben ſeiner Erſcheinung das Ausſehen einer drolligen Maske. Er kehrte ſich jedoch durchaus nicht an die Heiterkeit, die ſein grotesker Aufzug her⸗ vorrief, ſondern ging ſofort an die Auseinanderſetzung ſeines Plans zur theilweiſen Neugeſtaltung ſeines Blattes. „Was will die Kunſt?“ begann er.„Nachbilden, was vorhanden. Das herrlichſte Gebild eines Plaſtikers oder Malers iſt nicht ſchöner als der ſchönſte Menſch; das Vorhandene läßt ſich nicht überbieten. Sie hat alſo keinen andern Zweck, als dem Menſchen einen Ge⸗ nuß zu verſchaffen, indem ſie ihm das Schöne vor 55 Augen führt, das eben nicht immer und überall zu finden iſt. Die Poeſie bietet ebenfalls nur Erſatz für das nicht wirkliche Durchleben. Sie rückt dem Leſer oder Zuſchauer ein Gefühl, eine Action, einen Lebens⸗ lauf vor Augen, durch welche er aus ſeiner wirklichen Umgebung momentan in eine illuſoriſche entführt wird. Seitdem die Menſchen mehr leſen und Schauſpiele be⸗ ſuchen, haben ſie weniger Thatkraft, ihr eigenes Leben zu geſtalten, das heißt, ſelbſtthätig zu dichten. Es ent⸗ ſteht eine geiſtig überreizte Trägheit, die blos Leben um Leben, Gefühl um Gefühl, bequem angeregt, nach⸗ träumen will und dabei auf das Selbſterleben ver⸗ zichtet, ja es ſogar fürchtet. Die Heldenthat wie die Sünde wird nur noch in Gedanken mitbegangen und ſelbſt von ſolchen, denen der Muth eigentlich zu beiden fehlt. Die Muſik ahmt noch am wenigſten nach, ſie gibt auch eigentlich nur eine Stimmung und keinen Gedanken, ſie mag am berechtigtſten ſein, weil ſie am ſelbſtſtändigſten iſt, Malerei, Bildhauerei und Poeſie aber ſind doch nichts Anderes als mehr oder minder flaues Surrogat, die Dichter und Künſtler aber Surrogatgarküche.“ „Und das ſagſt Du, der ein Organ für Kunſt und Poeſie herausgibt?“ nahm Gerhard die eingetretene Pauſe wahr. „Ganz Recht hat er in Manchem“, nahm Streicher des Andern Partei,„nur weiß ich nicht, wo all das hinauswill.“ Er ſchlug die ihm von Gerhard ange⸗ botene Cigarre aus. „Wie kurzſichtig!“ fuhr Schnetterbeck mit ſeinem mitleidig protegirenden Lächeln fort, indem er zugleich die Cigarre für ſich in Anſpruch nahm.„Nichts iſt einfacher. Da der ganze Zug der Zeit nach der Kunſt geht und wir uns das Weſen der Kunſt nunmehr klar gemacht haben, ſo gilt es—“ „Eine Surrogatgarküche zu eröffnen, ſcheint mir“, fiel Streicher ein. „Allerdings. Hauptſache, daß wir Zulauf haben, und das wird am ſicherſten erreicht, wenn wir dem wahren Weſen der Kunſt gemäß uns vorzugsweiſe an diejenige halten, welche dem Leben noch am nächſten kommt, die größte Täuſchung hervorruft und eben da⸗ rum das meiſte Intereſſe erweckt. Kurz, es handelt ſich darum, das Theater— aber wo iſt denn mein Meſſer?“ „So ſo, Deine Zeitung ſoll alſo ein Theaterblatt werden, eine Reclamenſchmiede und Agenturcurrende“, meinte Gerhard geringſchätzig nickend. „Etwas dergleichen, aber nicht ganz.— Doch wo iſt denn mein Meſſer?“ rief Schnetterbeck, der vergebens —⸗——— 57 in den Taſchen und in ſeinem Wäſchebündel gewühlt hatte.„Ich kann keine Cigarre abbeißen.“ „Alſo doch noch nicht ganz auf der Höhe der Un⸗ abhängigkeit“, ſcherzte Gerhard, während Streicher ſein Meſſer anbot. „Nein, nein, ich muß es doch finden“, lehnte Schnetterbeck ab,„es muß vielleicht beim Oeffnen mei⸗ nes Gepäcks hinabgerutſcht ſein. Aber ich werde mir auch das Meſſer noch abgewöhnen. Federn ſchneide ich keine, man kann Papier und ſolche Dinge auch zer— reißen und die Cigarren werde ich mir von nun an gleich im Laden abkippen laſſen.“ Er ſchrie plötzlich auf. Während des Spre⸗ chens hatte er zuerſt unter dem Sopha geſucht, dann hatte er die Hand zwiſchen den Sitz und die Rücklehne ge⸗ ſchoben und fuhr raſch von der einen Seite zur andern. Jetzt zuckte er zurück, auf der Rückſeite des Mittel⸗ fingers war ein blutiger Ritz zu ſehen, und als er, denſelben näher zu betrachten, die Hand ſchnell ans Licht brachte, fielen ein paar graue Stahlperlen, die ſich zwiſchen ſeine Finger geklemmt hatten, auf den Tiſch. „Teufel“, rief der Verwundete,„es iſt doch nicht mein Meſſer geweſen? Ich werde es doch nicht mit offener Klinge eingepackt haben?“ Er griff nochmals ſachte und vorſichtig hinein und brachte gleich darauf einen kleinen metallenen Gegen⸗ ſtand zum Vorſchein, den er prüfend ans Licht hielt. „Das Zeug hat ſcharfe Kanten“, meinte er,„daran muß ich mich geritzt haben. Aber mein Meſſer iſt noch immer nicht gefunden.“ Er legte das Metallplättchen achtlos auf den Tiſch und wendete ſich wieder um, als ihn ein Ausruf Ger⸗ har'ds abhielt, ſein Suchen von neuem zu beginnen. Gerhard hatte raſch nach dem Plättchen gefaßt, das beinahe einem Dreiecke glich und in der Mitte eine knopfartige Erhöhung hatte; Knopf wie Platte waren ciſelirt. Er war haſtig aufgeſprungen. „Und dies ſtak hier im Sopha?“ rief er. Schnetterbeck wendete ſich raſch um und war er⸗ ſtaunt über die tiefe Bläſſe, welche Gerhard's Züge be⸗ deckte. Erſt als er beſtätigt hatte und Streicher wieder⸗ holt fragte, brach mit dem wieder ins Geſicht zurück⸗ ſtrömenden Blute der Zorn bei Gerhard aus. „Dann hat dieſer Schurke Kuruſoff oder Poninski oder Fiſcher oder wie er ſonſt heißen mag, das Geld geſtohlen und mein Zimmer in Brand geſteckt. Niemand anders!“ Ein maßloſes Erſtaunen hatte ſich der beiden Andern bemächtigt, aber es wich der vollſten Ueberzeu⸗ gung, als er fortfuhr:„Hier dieſe Perlen, dieſer Etk⸗ beſchlag ſind von meinem Portefeuille.“ Zwar wollte 59 Streicher ſein beliebtes„Lächerlich!“ einwenden, aber Gerhard brachte ihn ſofort zum Schweigen.„Diesmal iſt's nicht lächerlich, denn es geht Dich ebenfalls an, und vom nächſten beſten Portefeuille können zwar die Perlen ſein, das Beſchläge aber gewiß nicht. Da ſeht her!“ Er wies auf ein zwiſchen den verſchlungenen Arabesken eingravirtes M.„Den Buchſtaben trägt nicht das Eckbeſchläge der nächſtbeſten Mappe aus dem Laden. Das Portefeuille gehörte meinem Vater, ein Geburtstagspräſent meiner Mutter war's. E MMO, ſein Taufname ſtand mit je einem Buchſtaben in den vier Ecken. Anf dem Schloß iſt links ein S, rechts ein T eingravirt— Strandau. Zweifelt Ihr noch?“ „Es kann nach dem Brande hierher gekommen ſein. Kuruſoff war ja einer der Eifrigſten beim Löſchen“, wandte Streicher ein. „Dieſer Beſchlag“, widerſprach Gerhard,„war niemals im Feuer, ſeit er auf dem Portefeuille befeſtigt wurde, ſonſt könnte er nicht ſo blank ausſehen, bis auf die wenigen alten Roſtflecke. Und die Perlen, mit denen Guirlanden geſtickt waren, und das wunderbare Fehlen jedes Reſtes im Schutt und in der Aſche und das offene Schloß! Du wirſt jetzt nicht mehr ſagen, ich hätte es offen gelaſſen. Und jener abgebrochene Bart in meinem Schloſſe nach dem Verſuche, es zu öffnen, jene Begegnung auf der Veranda nach der räthſelhaften Scene bei Leſtows und die plötzliche Ab⸗ reiſe dieſes Schurken, ſein fingirtes Reiſeziel Sierre, indeß er zu Tiſche in Ouchy iſt! Wenn Dir das noch nicht genug Inzichten ſind, dann biſt Du der gnädigſte Richter auf Erden.“ „Der kurzſichtigſte“, trat Schnetterbeck auf Ger⸗ hard's Seite.„Aber wir können ja noch ſuchen, wer weiß, was ſich noch Alles findet!“ Er machte ſich ſogleich daran— es fand ſich nichts; die Fauteuils, die Betten, ſogar die Zwiſchenräume der Dielen wurden unterſucht— vergebens; außer einigen Perlen auf dem Fußboden wurde nichts mehr entdeckt, bis endlich Gerhard dem Suchen energiſch ein Ende machte. „Wozu noch weitern Beweiſen nachſpüren! Was wir haben, iſt vollkommen genug. Wir kennen das Wild und ſeine Fährte, alſo machen wir uns auf die Jagd!“ „Lächerlich! warf Streicher, der lange nachgedacht hatte, ein.„Das Alles iſt noch kein Beweis. Zuerſt fragt ſich's, wie ſoll der Dieb— angenommen, es ſei einer— in Dein Zimmer gekommen ſein? Sodann, wenn ihm das gelang, wann iſt es geſchehen? Ehe ich drin war oder nachher? War er früher drin, ſo bin ich noch immer der Brandleger.“ 61 „Ich denke den Weg zu kennen, den er genom⸗ men“, erwiderte Gerhard, auf das Fenſter deutend, das nach der Veranda hinausging.„Es iſt derſelbe, den ich ſelbſt ſchon einmal gewandert, und die Eile, mit der dieſer Schurke ſich hier in dieſes Zimmer drängte, nachdem Leſtows abgereiſt waren, iſt der beſte Beweis, daß er ſchon damals ſeinen Operations⸗ plan entworfen hatte. Bei Tage aber hat er den Weg nicht gemacht, ſolange Leute im Salon waren, abends ſaßeſt Du auf meinem Zimmer, folglich muß er nach Dir dort geweſen ſein. Biſt Du mit der Schlußfol⸗ gerung zufrieden?“ „Wenn Du mir den Beweis lieferſt, daß er dieſen Weg genommen. Hier hinaus, das iſt einleuchtend, aber wie hinein?“ Alle drei machten ſich auf den Weg, ſie durch⸗ eilten den Salon, der momentan ganz leer war, zündeten die mitgebrachte Kerze auf der Veranda an und begaben ſich an das Fenſter des ausgebrannten Zimmers. Es ſtand noch immer offen und kein Zeichen von gewaltſamer Cröffnung deſſelben war von außen zu entdecken. „Aber vielleicht war es ſchon früher offen?“ „Das glaube ich nicht“, entgegnete Gerhard kopf⸗ ſchüttelnd.„Ich ſelbſt habe es von Anfang an ge⸗ ſchloſſen und die Rouleaux herabgelaſſen gehalten, auch habe ich dem Stubenmädchen ſtreng unterſagt, es zu öffnen, damit mir kein Neugieriger hereinſehe.“ Streicher beugte ſich wieder vor, um die Vertie— fungen zu unterſuchen, in welche der Riegel eingriff, da klang es unter ſeinen Füßen. Er war auf einen Glasſcherben getreten, der unmittelbar an der Mauer auf dem Boden lag und nun ganz zerſplitterte. Un⸗ willkürlich richteten alle drei den Blick zugleich auf die Scheiben der Fenſters, aber es kam damit keine Klar⸗ heit in die Sache— alle waren unverſehrt. „Sonderbar“, meinte Schnetterbeck.„Drüben iſt eine zerſchlagene Scheibe und hier liegt ein Glasſcher⸗ ben. Ja, wenn die eingedrückte Scheibe auch hier wäre, dann— „Dann könnte ſich freilich auch der Küchenjunge den Zuſammenhang erklären“, äußerte Streicher barſch, „der ſo dumm war, nicht ins Haus zu können und mich damit hinaustrieb, aber“, fügte er mit hellem Blick und tiefem Athemzug hinzu,„nichtsdeſtoweniger fängt eine gewiſſe Zuverſicht bei mir einzukehren an. Gott Lob, ich glaube, ich bin kein Leibeigener! Wenn auch der Brand noch auf meinem Theile bleibt, ſo kann ich die Schuld doch abtragen, ohne mich mit Leib und Seele zu verkaufen.“ rnnn ————⸗-- 63 „Wie?“ rief Schnetterbeck überraſcht.„Sie wollen nicht mitredigiren? Verſtehe ich Sie recht?“ „Leiten Sie Ihre Surrogatgarküche nur allein.“ „Wie kurzſichtig! Der ungeheure Aufſchwung, den das Blatt nehnen wird! Die Erfolge! Sie ſtehen ſich ſelbſt im Lichte.“ „Lächerlich!“ verſetzte Streicher auf den heftigen Ausruf Schnetterbeck's mit gleicher Beiſeiteſetzung aller übertriebenen Höflichkeit.„Wie kann man ſich ſelbſt im Lichte ſtehen, wenn man ſeine Freiheit wahrt! Sie iſt das wahre Licht.“ „Erlauben Sie mir“, entgegnete wieder ſeinerſeits der Andere, eifrig bemüht, ſeine Anſicht zu verfechten, und ſo entſtand ein Wortwechſel, der, wie gewöhnlich, um ſo heftiger geführt wurde, als er gänzlich bedeu⸗ tungslos war. „Ich werde die Rüderichs auffordern“, drohte Schnetterbeck. „Thun Sie das, ganz die rechten Leute für Sur⸗ rogat“, verſetzte Streicher erboſt. Endlich machte Gerhard dem Zank ein Ende, der neuerdings zu entbrennen drohte. „Aber es wird Zeit“, ſagte er,„daß wir uns zur Abreiſe rüſten. Ich nehme an, daß Ihr mit 64 mir kommt, das Raubthier in ſeiner Höhle zu über⸗ raſchen.“ „Ich fahre nach Lauſanne mit, kann mich aber nicht aufhalten“, verſetzte Schnetterbeck kühl und ohne zu verhehlen, daß er ſich beleidigt fühle.„Ich pflege nachts immer zu reiſen.“ „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Du mein Gaſt biſt“, ſuchte Gerhard ihn zu bewegen, aber der Ge⸗ kränkte verhielt ſich entſchieden ablehnend, ſodaß Ger⸗ hard rathlos ausrief:„So komme wenigſtens! Be⸗ nutzen wir die Zeit bis zur Abfahrt, um bei der Mairie Deine Ausſage zu deponiren, damit von poli⸗ zeilicher Seite nach Ouchy telegraphirt und des Spitz⸗ buben Feſtnahme eingeleitet wird.“ „Es thut mir leid, ich kann nicht ausſagen, ich habe keine Zeit. Muß die paar Augenblicke noch be— nutzen, mit Frau von Rüderich zu ſprechen.“ „Wie? Du willſt mir nicht einmal den Freund⸗ ſchaftsdienſt erweiſen und für mich gerichtlich ausſagen, daß dieſer Kuruſoff derſelbe Poninski iſt, den Du in Saxon geſehen?“ Schnetterbeck zuckte die Achſeln. „Ich kann mir die Zeit durch Zeugenausſagen nicht rauben laſſen“, ſagte er.„Ich kann auch nicht verweilen, ich muß noch dieſen Abend fort.“ 65 „Laß den Kometen weiter fahren“, brach Streicher ab und verhinderte ſo Gerhard an einer Erwiderung. „Sie erſcheinen und verſchwinden; daß ſie etwas Unge⸗ wöhnliches bedeuten, iſt ein Aberglaube, von dem man 1 abgekommen iſt. Sie glänzen und ziehen einen großen Schweif hinter ſich drein, aber es iſt Alles nur Schwindel; feſten Kern haben ſie erwieſenermaßen — keinen. Es ſind eben nur verpuffende Weltraketen— hier herein, dort hinaus, auf Nimmerwiederkehr. Glück⸗ liche Reiſe, Herr Komet!“ n m 1 t Byr, Nomaden. V. Drittes Kapitel. Auf der Spur. CEhe die Uhr noch neun ſchlug, verließen Gerhard und Streicher den eben in den Lauſanner Bahnhof ein⸗ gefahrenen Zug. „Wir werden's auch allein treffen“, hatte Streicher zu ſeinem Freunde geſagt, als der„Komet“ ſeine Mit⸗ wirkung verweigerte, und nachträglich war Gerhard zufrieden darüber geworden, daß er keinen polizeilichen Beiſtand erbeten hatte. Düſtere Ahnungen waren in ihm aufgetaucht und hatten ſich wie ſchwere Schatten auf ſein Gemüth ge⸗ legt. Er dachte an ſeinen heutigen Beſuch auf der Villa zurück, ein Wort ums andere rief er ſich in die Erinnerung, und ſo unzuſammenhängend ſie damals geſchienen, jetzt hatten ſie alle eine Bedeutung erhalten, vor der Gerhard erſchrak, wie vor der Prophezeiung einer dunkeln Zukunft. Noch war der Schleier nicht vollſtändig gelüftet, aber immer dünner und durchſich⸗ tiger wurde er, ſodaß ſich kaum mehr zweifeln ließ, was dahinter vorging. Der Zuſammenhang Kuruſoff's mit der Villa war nicht einmal mehr unklar. Daß er der Geſellſchafter war, mit welchem Hermance ihre Reiſe nach Paris zu machen beabſichtigte, daß dieſe mit dem ihm ſelbſt geraubten Gelde beſtritten werden ſollte, daß die Verbindung des einſtigen Kammerdieners jenes Grafen Orloff mit der geheimnißvoll dem letztern angetrauten Gemahlin eine langjährige war, das Alles trat ihm jetzt grell vor Augen, wenn er ſich auch noch entſetzt gegen die Möglichkeit wehrte, das Einverſtänd⸗ niß könne ſich bis auf den Diebſtahl ſelbſt ausgedehnt haben, oder gar— nein, Adrienne konnte unmöglich um das Verbrechen oder auch nur um die Vergan⸗ genheit des Ruſſen gewußt haben! Die Idee war zu toll, ſie hätte zur Beraubung ihres künftigen Gatten ſicherlich nicht geſchwiegen. Solche Com⸗ binationen hatten weder Sinn noch Verſtand, und Gerhard war nahe daran, ſich ſelbſt zu verabſcheuen, daß ſolch ein häßliches Mißtrauen auch nur ſo lange, als ein Blitz aufflammt, ſeine Seele durchzucken konnte. Welcher Art aber auch die Enthüllungen ſein 5* 68 mochten, denen er entgegenſah, beſſer war es jedenfalls, daß ſie nicht an die Oeffentlichkeit gezogen wurden. Der Gedanke, daß das Publikum hohnlächelnd in den bloßgelegten Wunden wühlen ſollte, daß alle die Ver⸗ hältniſſe beſprochen, betaſtet, bewitzelt werden würden, daß nichts, am allerwenigſten er ſelbſt Schonung zu erwarten hatte, war ihm furchtbar. Warum ſollte er ſelbſt dazu beitragen, daß ſein Fall in jeden Mund, ja, wie es durch der Rüderichs Vermittelung gewiß war, in alle Zeitungen käme! Wie würde das Urtheil über alle Betheiligten, Adrienne natürlich nicht aus⸗ genommen, lauten, und wie wenig verpflichtete er ſich dieſelbe durch ein rückſichtsloſes Vorgehen zum Danke! Nein, lieber ſollte das ohnehin ſchon verloren gegebene Geld wirklich verloren ſein, als daß er dafür den Ruf ſeiner Braut oder auch nur den ihrer Familie in die Schanze ſchlug. Es war ganz recht, daß die gericht⸗ lichen Schritte unterlaſſen worden waren, daß Niemand mit auszog zu der Jagd, denn auch Schnetterbeck war nicht mitgekommen. Er hatte ſich entſchloſſen, den ſpätern Nachtzug zu benutzen; theils war er in ſeinen Verhandlungen mit Rüderichs noch zu keinem Abſchluſſe gelangt, theils wollte er des Soupers nicht gern ver⸗ luſtig gehen. Gerhard und Streicher waren ganz allein auf ſich 69 angewieſen. Der letztere, ſo ruhmredig er anfangs auf dieſe Eventualität hingewieſen, ſchien jetzt, nachdem ſie eingetroffen war, doch nicht beſonders zufrieden mit der Anordnung. Wiederholt ſchon während der kurzen Eiſenbahnfahrt hatte er den Freund des Egoismus beſchuldigt, daß er von einer kräftigern und beſonders legalen Unterſtützung nichts hören wollte. Seiner Anſicht nach war die Feſtnahme des Verbrechers Sache der Po⸗ lizei und ſich darein mengen hieß ſich der doppelten Gefahr ausſetzen, einem unerwarteten Widerſtande zu begegnen und noch obendrein eine Geſetzloſigkeit zu begehen. Sein eigenthümlich ausgebildetes Gerechtigkeitsgefühl nahm darin ſogar gewiſſermaßen für den Verfolgten Partei. Vom Zurückbleiben, das ihm Gerhard freiſtellte, wollte er aber doch nichts hören, auch da hieß es wieder: „Egoiſt! Meinſt Du, ich ſollte mich inzwiſchen ſchlaflos und unruhig die ganze Nacht von der einen auf die andere Seite wälzen und mich abquälen mit allen möglichen Conjecturen, wie es Dir ergangen ſein könnte?“ Gerhard ließ ihn alſo brummen und achtete nicht auf die tauſenderlei Pläne, die er entwarf, und die Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die er einzuſchärfen bemüht war. Nach ſeiner Meinung hätten beide ſich in Panzerhemden ſtecken, 70 ihr Leben verſichern oder ſich als Kellner verkleiden müſſen. Das Abenteuerlichſte kam da aufs Tapet. Dazu aber hatte er Gerhard doch bewogen, einen Re⸗ volver zu ſich zu ſtecken, nachdem ihm ſelbſt im letzten Angenblicke wieder Skrupel über den möglichen Miß— brauch einer ſolchen zur Gewaltthat verführenden Waffe gekommen waren. Gerhard gedachte keinen Gebrauch davon zu machen, außer im äußerſten Nothfalle, den er ſich ſelbſt noch nicht recht klar gelegt hatte. Er erwartete keinen Wider⸗ ſtand zu finden; ſein Plan war ein äußerſt einfacher. Er wollte dem Flüchtling gegenüber treten, ihn geradezu des Verbrechens anklagen und es ihm dann freiſtellen, offen zu geſtehen oder ſich verhaften zu laſſen. Zweifels⸗ ohne zog der Bedrohte das Erſtere vor, um ſich durch Aus⸗ lieferung des Geldes vor der verdienten Strafe zu retten. Wie viel hatte ſich ereignet, wie ganz anders hatte ſich das Leben geſtaltet, ſeit Gerhard mit ſeinem Freunde denſelben Weg gewandelt, den ſie jetzt vom Bahnhof aus einſchlugen! Bald waren ſie in dem prachtvollen, mehr einem Schloß als einem Gaſthofe gleichenden Hotel Beau⸗ rivage angekommen. Mit der ſchon in wenigen Augen⸗ blicken erwarteten Begegnung ſollte es aber fürs erſte nichts ſein. 71 Auf die mit großer Spannung geſtellte Nachfrage wußte man zuerſt keine Auskunft zu ertheilen, erſt beim Nachſchlagen des Fremdenbuchs fand ſich Kuruſoff's Name mit dem prunkenden Titel Graf; die eigene Angabe lautete: Von Italien nach Genf. Daneben aber ſtand von anderer Hand: Abgereiſt. Nun befanden ſich die beiden Freunde ſo ziemlich dort, wo ſie vor anderthalb Stunden in Montreux ſtanden. Sie waren auf der Fährte, das Wild aber ſchon wieder aufgebrochen, noch dazu hatte man früher das Lager gekannt, in welchem man es zu beſchleichen gedachte, jetzt aber war nichts bekannt als die Rich⸗ tung, in der es weiter geflohen, wenn man überhaupt der Angabe trauen konnte. Der Graf ſei mit dem Nachmittagszuge abgereiſt, hieß es. Kuruſoff konnte ſchon über der Grenze und in Frankreich ſein, wie war da ſeine Spur zu ver⸗ folgen? Freilich verrieth der Umſtand, daß er ſo nahe dem Orte ſeiner That angehalten, daß er ſogar ſeinen Namen nicht gewechſelt hatte, eine große Sorgloſigkeit oder ein großes Vertrauen in ſeine Sicherheit. Er glaubte alſo gar nicht an die Möglichkeit einer Ent⸗ deckung bei der Geſchicklichkeit ſeiner Vorſichtsmaß⸗ regeln, die er noch ſelbſt ſich bewähren geſehen. Das freilich konnte ihn ſeinen Verfolgern vielleicht noch i die Hände ſpielen. Streicher drängte, jetzt endlich amtliche Hülfe zu V requiriren, und Gerhard ſelbſt dachte daran, wenigſtens an Mr. Lesley zu telegraphiren, ehe er ſelbſt mit dem nächſten Morgenzuge— früher ging keiner mehr in dieſer Richtung— nach Genf weiter fuhr. „Hätteſt Du von Montreux aus hierher telegra⸗ phirt“, warf Streicher dem Freunde vor,„ſo würdeſt Du ſchon am Bahnhofe ſeine Abreiſe erfahren haben und wir hätten den Zug ſofort zur Weiterreiſe benutzt. Es geſchieht Dir ganz recht, daß Du nun hier ſitzeſt.“ Die genauen Erkundigungen, das wiederholte Fragen fiel auf. Es fanden ſich mehrere Leute ein, die nun mit einem Male, wie das zu gehen pflegt, ihre Neugierde ebenfalls erregt fühlten. Auch der Haus⸗ knecht kam herbei. „Ich habe dem Herrn Grafen die Reiſetaſche nach dem Bahnhofe gebracht, er reiſte mit dem Genferzuge“, erzählte dieſer.„Wenn die Herren wiſſen wollen, wohin, ſo könnten ſie es eben auf dem Bahnhofe erfahren.“ „Lächerlich!“ platzte Streicher heraus.„Der Bil⸗ letteur wird ſich nicht alle Perſonen merken, denen er Karten ausgibt.“ „Ja, das verſteht ſich, aber der Herr hat früher n n — Q,— telegraphirt und Anordnungen wegen Nachſendung ſeiner Bagage getroffen, die fälſchlicherweiſe nach einer andern Station gegangen ſein ſoll.“ Das war ein Lichtſchimmer. Ueber das gramm war bei dem Perſonal freilich nichts zu er⸗ fahren, aber vielleicht hatte er doch behufs einer Ant⸗ wort eine Angabe über ſein nächſtes Reiſeziel gemacht. Die beiden Freunde machten ſich unter des Hausknechts Führung auf den Weg. Er hatte ſich ſelbſt angeboten, um ſich die günſtige Gelegenheit, ein reiches Trinkgeld — T ele⸗ zu ernten, nicht entgehen zu laſſen. Seine fortwäh⸗ renden Fragen wurden Gerhard aber alsbald läſtig; was brauchte der Burſche zu wiſſen, in welcher Ange⸗ legenheit die beiden Herren den Abgereiſten ſo eifrig ſuchten! „Sage nichts“, murmelte Streicher;„der Kerl iſt vielleicht ein gedungener Vorpoſten, der uns ausforſchen will und dann dem Schurken telegraphirt. Du wirſt ſehen, er leitet uns irre.“ Streicher's immer reges Mißtrauen hatte diesmal wieder fehl gegriffen, es verführte ihn dazu, den Leuten ſtets mehr Liſt und Vorausſicht, mehr Planmäßigkeit und Teufelei zuzumuthen, als ſich wirklich bei ihnen fand. Auch jetzt zeigte ſich, daß es der Hausknecht ganz redlich gemeint und nur aus Neugierde die ver⸗ 74 ſchiedenſten Wendungen verſucht hatte, in das Geheimniß einzudringen. Sein Rath war wirklich gut geweſen. Im Telegraphenamte war nichts zu erfahren. Rückantwort hatte Kuruſoff keine verlangt, auch keine Adreßangabe gemacht. Gerhard hätte ſehr gern gewußt, wohin und an wen der Ruſſe ſeine Depeſche geſandt hatte. Eine Ahnung ſagte ihm, nach Montreux an Madame de Granier. Er unterließ aber ſelbſt dieſe Frage, auf welche ihm vielleicht Antwort geworden wäre. Ein unerklärliches Grauen hielt ſeine Zunge gefeſſelt, er wollte ſeine Ahnung nicht beſtätigt hören. Günſtiger war der Erfolg der Nachforſchungen im Gepäckbureau; die hier Bedienſteten erinnerten ſich auf des Hausknechts Beſchreibung recht gut des kleinen Ruſſen ohne Stimme. Er hatte ein Anliegen an den Beamten ſelbſt gehabt. Dieſer nun war aller⸗ dings nicht ſofort gefunden, er war zu Bette gegangen und es bedurfte längerer Zeit, bis er ſich herbeiließ, ſeine Ruheſtunde zu opfern. Die Auskunft war nur kurz, als er endlich kam, aber ſie genügte voll⸗ kommen. Kuruſoff hatte gebeten, ſeinen Koffer, der durch ein Verſehen nach Sierre gerathen ſei, ihm nach Morges, Hotel des Alpes, nachzuſenden, ſobald er anlange; reclamirt habe er bereits. — g — ——— 65 Nun hatte man alſo die Spur wieder. Sonderbar blieb es nur, daß Kuruſoff ſo plötzlich abgereiſt war. Offenbar hatte er urſprünglich die Abſicht gehabt, ſeinen Koffer, den er, um Rüderichs und mit ihnen alle um ſo ſicherer irre zu führen, nach Sierre aufgegeben hatte, hier in Ouchy zu erwarten, und nun dieſer raſche Ent⸗ ſchluß, eine Meile weiter am Seeufer zu gehen, in ein ſtilles, zu dieſer Jahreszeit weniger von Fremden be⸗ ſuchtes Städtchen. So hatte ihn alſo doch die Begeg⸗ nung mit Schnetterbeck, den er zwar ſelbſt nicht kannte, von dem er ſich aber zu ſeiner unangenehmen Ueber⸗ raſchung erkannt ſah, vertrieben. Bei aller Sicherheit mußte er demnach eine leiſe Furcht, verfolgt zu werden, empfinden, warum lag ihm ſonſt daran, ſich ſo ſorg— ſam zu verbergen? Gerhard hatte keine Luſt, den Abgang des Morgen⸗ trains zu erwarten; Stunden mußten noch bis dahin vergehen, während welcher dem Flüchtigen aller Spiel⸗ raum blieb, eine neue Strecke zurück zulegen, und bei der Ankunft ſeiner Verfolger konnte er dann abermals verſchwunden ſein; im günſtigſten Falle war nichts gewonnen, im ſchlimmſten konnte aber auch die Spur ganz verloren ſein. Die Nachforſchungen hatten ſicher⸗ lich nicht jedesmal wieder den Erfolg wie bisher. Es galt, den erlangten Vortheil feſtzuhalten und auszunutzen und ſo entſchloß ſich Gerhard, ſeine Reiſe ſogleich im Wagen fortzuſetzen. Streicher legte vergeblich Proteſt ein. Die Fahrt in der kalten Nachtluft am feuchten Seeufer ſchien ihm der Geſundheit ſehr gefährlich und er fand es von dem Freunde in hohem Grade egoiſtiſch, ſolche Zumuthungen zu ſtellen, obwohl er von einem Alleinzurückbleiben doch wieder nichts hören wollte. So kehrten ſie denn nach dem Hotel zurück. Nach einiger Zeit ſaßen ſie im Wagen und rollten auf der hübſchen Uferſtraße dem Städtchen Morges zu. Es war keine angenehme Fahrt. Eine kalte Biſe trieb den See zu hohen Wellen auf und machte ſich den beiden Reiſenden, die ſich für eine derartige Nacht⸗ fahrt im halboffenen Wagen nicht vorgeſehen hatten, ſehr empfindlich. „Einen Schnupfen, ein katarrhaliſches Fieber wenigſtens tragen wir davon bei dieſer romantiſchen Unternehmung“, grollte Streicher hinter ſeinem Plaid hervor, den er ganz über den Kopf gezogen hatte. „Es ſcheint“, entgegnete Gerhard, durch das ewige Jammern ungeduldig geworden,„daß Dein Intereſſe, den Dieb zu fangen, kein ſehr großes mehr iſt und daß Dir an der Summe weit mehr gelegen war, als Du noch meinteſt, ſie decken zu müſſen.“ „Lächerlich!“ fuhr Streicher auf.„Du kannſt das 5 1 77 Geld allerdings leichter entbehren als ich, aber es iſt doch kein Pappenſtiel. Hielte ich's dafür, ſäße ich nicht hier bei romantiſchem Sternengeflimmer und jagte mit den Wolken um die Wette. Nur dieſes ewige Drängen begreife ich nicht, haſt Du denn gar keine Ruh⸗?“ „Dieſen Vorwurf von Dir? Mußte ich mir nicht in der letzten Zeit immer den Mangel an Beweglichkeit vorrücken laſſen, und heute, wo Du Dich gerade durch den Vergleich mit Schnetterbeck zu ungeheuren Anſtren⸗ gungen angeeifert fühlen ſollteſt, damit er Dir im Praktiſchen und in der Unabhängigkeit nicht den Rang abläuft, gerade heute ſehnſt Du Dich, als echter Phi⸗ liſter, unter Deiner warmen Bettdecke zu ſtecken.“ „Ich bin ein Wandelſtern, kein Komet“, wehrte ſich Streicher.„Da gibt es gar keine Concurrenz. Ich bin ein Nomade, ſchlage mein Zelt heute hier, morgen dort auf, er aber hat gar keins außer ſeinem Redac⸗ tionslokale. Uebrigens, das muß man zugeben: lernen läßt ſich von ihm Allerlei.“ „Etwa die Uhr ohne Zeiger oder der Paletot⸗ Reiſeſack⸗Schlafrock mit den Adreßzetteln oder die Surrogattheorie?“ „Die Mobilität, Freund, die Mobilität!“ Das Geſpräch hatte damit wieder ein Ende, das Rollen des Wagens ſogar wurde zweitweiſe von dem Pfeifen des Windes und von dem Brauſen der Wogen übertönt, um wie viel mehr erſt die menſchliche Stimme. Gerhard, mit ſeinen Gedanken unausgeſetzt be⸗ ſchäftigt, fühlte von dem Ungemach weniger, aber auch er war froh, als das Ziel endlich, nach mehr als ein⸗ ſtündiger Fahrt, erreicht war und die Räder über das holprige Pflaſter von Morges raſſelten, der gewerb⸗ fleißigen, handeltreibenden Ortſchaft, die von Alters her als eine der vier guten Städte der Waadt be⸗ kannt iſt. Nach einer Weile hielt der Wagen vor dem Thore unmittelbar am geräumigen Hafen gelegenen Hötel Alpes. Mitternacht war nicht mehr fern und das Haus ſchon geſchloſſen. Die Angekommenen mußten erſt die Glocke ziehen, ehe ſie eingelaſſen wurden. Gerhard's erſte Frage galt dem Ruſſen. halbverſchlafene Portier vermochte keine Auskunft zu geben. Der Flüchtling, den man ſchon feſtzuhalten gemeint, ſchien ſich wieder, gleich einer zerrinnenden Nebelgeſtalt, zwiſchen den Fingern zu verlieren. Ger⸗ hard preßte die Zähne feſt aufeinander; ſollten ſie Das Irrlicht tanzte vor ihnen Der wieder genarrt ſein? her und ſchien ihrer zu ſpotten. 79 „Hier bleiben wir auf jeden Fall“, entſchied Streicher.„Wir ſind ausgefroren genug, alſo vor allem zwei Zimmer.“ Mit der Laterne ſchritt der Portier vor ihnen her bis zu einer Thür, in der er verſchwand, um bald darauf mit dem Kellner wieder zu erſcheinen, der ſeine Toilette ebenfalls nur auf das Nothdürftigſte beſchränkt hatte. Dieſer übernahm nun die Führung und hatte die Beiden bald in zwei zuſammenſtoßenden Zimmern untergebracht. Während ſich Streicher ſofort anſchickte, zu Bette zu gehen, wiederholte Gerhard ſeine Fragen mit beſſerem Erfolge. Der Name Kuruſoff war zwar auch dem Kellner unbekannt, doch gab er zu, daß mit dem Nachmittags⸗ zuge ein Reiſender angekommen ſei, deſſen Aeußeres er ſo beſchrieb, daß Kuruſoff nicht zu verkennen war. Ins Fremdenbuch hätte er ſich noch nicht eingetragen, daher man auch ſeinen Namen nicht wiſſe; er ſei bis ſpät abends im Caſino und habe dann Auftrag ge⸗ geben, ihn erſt um acht Uhr zu wecken. „Bis dahin alſo iſt er uns ſicher“, meinte Streicher, ſobald der Kellner das Zimmer verlaſſen hatte. „Wie, Du willſt Dich alles Ernſtes zu Bette legen?“ fragte Gerhard, der endlich den Moment ge⸗ 80 kommen glaubte, ganz erſtaunt, da er ſ ſah, daß der Freund ſeine Vorbereitungen nicht anicrrach. „Das verſteht ſich. Man könnte ſich bei der Ge— ſchichte auch noch eine Krankheit holen, das wäre doch nicht der Mühe werth. Der Menſch muß ein paar Stunden Ruhe haben und mit dieſem Froſt im Leibe wären wir es, die Zurredeſtellenden, die zähneklappernd keine beſondere Rolle ſpielen dürften.“ „Wie Du willſt, ich ſchiebe die Rache nicht mehr auf, ich gehe allein.“ Als Streicher des Freundes Entſchloſſenheit ſah, wurde er doch ein wenig irre, aber in ſeiner Hart⸗ näckigkeit fand er ſich nicht zum Nachgeben bewogen, ſondern er bot nur alle Gründe und alle Mittel der Ueberredung auf, Gerhard zum Aufſchub zu ver⸗ anlaſſen. „Gehſt Du, ſo gehe ich auch, gut, Du willſt es! Aber es iſt ſchmählicher Egoismus von Dir, denn ich werde zweifelsohne gefährlich krank. Warte nur ein paar Stunden, nur bis fünf oder ſechs, der Spitzbube kann uns ja nicht entgehen, er wohnt in Nummer dreizehn, das iſt auf demſelben Corridor mit uns, er muß an unſerer Thür vorüberkommen, wenn er fort⸗ will.“ Dieſe und ähnliche Gründe waren es, welche Streicher vorbrachte und zwar nicht ohne Erfolg. 81 Gerhard, der ohnehin in der Tiefe ſeiner Seele eine faſt unüberwindliche Scheu vor dem Zuſammen⸗ treffen mit dem Schwindler empfand und mehr als einmal ſich ganz im Stillen auf dem Wunſch er⸗ tappte, der Ruſſe möchte doch lieber nicht einzuholen, nicht zu finden ſein, gab nach. Was hatte ein Auf⸗ ſchub von wenigen Stunden zu bedeuten? Es war wohl eine Verlängerung des Zweifels, aber es war auch ein Hinausſchieben der Entſcheidung, vor welcher er trotz aller logiſchen Beweisgründe, die er ſich für Adriennens Unſchuld und völlige Unberührtheit von dem Schlamme vor Augen hielt, doch ein leiſes, gewiſſer— maßen uneingeſtandenes Bangen trug. Gerhard legte ſich nicht zu Bette, vom Schlafen wäre ohnehin bei ihm keine Rede geweſen, er fühlte ſich zu aufgeregt, von einer zu mächtigen Unruhe durch⸗ wühlt, als daß auch nur ſein Körper Erquickung hätte finden können. So verbrachte er die Stunden auf ſeinem Sopha oder im raſtloſen Umherſchreiten, wobei er oft auf den Corridor hinaushorchte, denn ſeine Phantaſie ſpiegelte ihm beim leiſeſten Geräuſch einen erneuten Fluchtverſuch des Verfolgten vor. Dabei tauch⸗ ten immer wieder die unfaßbaren drohenden Schatten, die erdrückenden Ahnungen in ihm auf, er hörte Mr. Lesley's ernſte Fragen, die wie ſchwerwiegende Ermah⸗ Vyr, Nomaden. V. 6 82 nungen ihm aufs Herz fielen, er hörte das boshafte Kichern der Frau von Rüderich, er ſah Miß Lizzie s ſtolz gekräuſelte Lippe, er glaubte aus dem Nebenzimmer ſogar Streicher's höhniſches Lachen zu vernehmen. Alles das galt ihm. Zuletzt ſah er ſich, mit Adrienne am Arm, durch eine lange Reihe von Menſchen ſchreiten, und an ſie hatte ſich ihre Schweſter, an ihn der Ruſſe gehängt und Alles blickte hohnlächelnd auf ſie, und je weiter er ſchritt, deſto länger dehnte ſich die Doppel⸗ reihe, Hermance und Kuruſoff machten immer tollere Capriolen und das Lächeln der Leute wurde immer höhniſcher, immer verletzender, die Reihe aber war ſo dicht geſchloſſen, daß er nicht rechts, nicht links hin⸗ durchkonnte, es war kein Ausweg, keine Rettung, der Weg der Schande lag endlos vor ihm. Mit einem dumpfen Schrei fuhr er aus dem wüſten Halbſchlummer auf, der ihn zuletzt doch über⸗ wältigt hatte. Er glaubte noch das Hohnlachen zu hören, aber es war das Geräuſch von Stimmen auf dem Corridor, das ihn geweckt hatte. Raſch eilte er auf die Thür zu, um zu ſehen, was es gebe. Er ſah den ſchon zum zweiten Male aus dem Schlafe geſtörten Kellner, mit ihm einen Mann in der Uniform der Telegraphendiener; ſie hatten an der Thür von Nummer dreizehn gepocht, eben wurde ihnen — — aufgethan. Was konnte dies zu bedeuten haben? Noch war draußen Alles dunkel, Gerhard ſah auf die Uhr, es war ſechs. Er weckte ſogleich Streicher, der kaum zu ermun⸗ tern war und ſich endlich unter Brummen anzukleiden begann. Jetzt hörte man wieder Thüren gehen, der Kellner und der Telegraphendiener kehrten zurück. Ger⸗ hard trat auf den Gang hinaus und hielt den erſtern an. Che er noch zu einer Auskunft gelangte, mußte er das Erſtaunen hinnehmen, das der Kellner darüber äußerte, einen Gaſt ſo frühzeitig ſchon angekleidet zu ſehen. „Wollen Sie denn auch abreiſen?“ fragte der ganz verſchlafen Ausſehende. „Will das Herr von Kuruſoff?“ erwiderte Ger⸗ hard die Frage. „Ja, ſogleich. Er hat eine Depeſche erhalten, die ihn abberuft, wie es ſcheint. Aber gut war es doch, daß Sie uns geſtern den Namen ſagten, ſonſt hätten wir gar nicht gewußt, an wen die Depeſche gerichtet ſei. Ich ſagte es auch dem Herrn und daß Sie nach ihm gefragt hätten.“ „Wie, das haben Sie ihm geſagt?“ „Natürlich. Er meinte, ich ſolle die Herren nicht wecken; es ſei Zeit genug, wenn er zurückkäme. Vielleicht ein Ehrenhandel?“ 6* Gerhard hielt es nicht für angemeſſen, auf die neu⸗ gierige Anſpielung des Kellners zu antworten. Der Moment war alſo jetzt gekommen und durfte nicht ver⸗ ſäumt werden. „Du ſiehſt“, ſagte er, ins Zimmer zurücktretend, zu Streicher, der trotz der gerühmten Mobilität mit dem Ankleiden nicht ſehr raſch zu Stande kam,„Du ſiehſt, diesmal hätte uns Dein Eigenſinn bald um den Erfolg unſerer Fahrt gebracht. Die Theorie des War⸗ tens und der diplomatiſchen Nichtübereilung führt zu⸗ weilen in der Praxis zu unverbeſſerlichen Fehlern. Gut, daß es diesmal noch nicht zu ſpät iſt. Beeile Dich, oder ich mache die Sache für mich ab.“ Gerhard wartete nur mit der größten Ungeduld, bis Streicher fertig war; die Unentſchiedenheit war jetzt, wo es ſich um einen raſchen Entſchluß handelte, einer beinahe fieberhaften Haſt gewichen. Der Menſch hat den allen Raubthieren gemeinſamen Zug bewahrt, daß er ſich durch die Flucht eines Feindes oder Opfers nicht zum Mitleid, ſondern zur Verfolgung, zum Auf⸗ gebot aller Kräfte angeſtachelt fühlt, die er wie in einem Wettſpiel einſetzt. Es iſt mehr eine inſtinctive Art von Ehrgeiz als die Grauſamkeit, welche den Sieg wünſcht und zu erlangen trachtet. Endlich war Streicher fertig. ———— 85⁵ „Haſt Du auch den Revolver?“ fragte er. Gerhard, welcher an der Thüre gewacht hatte, zuckte nur die Achſeln und war ſchon bei Nummer dreizehn, ehe Streicher ihm noch gefolgt war. Er klopfte und trat unmittelbar darauf ein. Beim Scheine einer ein⸗ zigen Kerze war eine Geſtalt beſchäftigt, einige Toi⸗ lettegegenſtände in einem kleinen Reiſeſack unterzubringen, der auf dem Tiſche lag. Beim erſten Blick war auch der letzte Zweifel ver⸗ ſcheucht. Es war wirklich Kuruſoff, der in der Mei⸗ nung, der Kellner ſei eingetreten, fortpackte und ſich erſt nach der Frage:„Haben Sie ſchon einen gefunden?“ umwendete. „Einen Schurken, den ich ſuchte, ja“, erwiderte Gerhard ruhig und nachdrücklich, aber doch mit vor Aufregung leiſe bebender Stimme. Es war, als hätte den kleinen Mann ein Schuß getroffen. Er zuckte mit den Armen empor, als greife er Rettung ſuchend nach irgend einer Waffe, und fuhr bis an den Tiſch zurück, den er beinahe umgeworfen hätte. Leichenblaß ſtand er da, mit verzerrten Zügen; der Umſtand, daß er ſeine Perrücke noch nicht auf den kahlen Schädel geſetzt hatte, trug noch dazu bei, die⸗ ſelben zu entſtellen. Einen Augenblick blieb er ganz ſtarr, als aber Gerhard vorwärts auf ihn zutrat, be⸗ ———ÿ 86 mächtigte ſich ſeiner Glieder eine unheimliche Unruhe und ſeine Lippen zitterten ſo ſtark, daß er kaum zu ſprechen vermochte. „Was wünſchen Sie, was wollen Sie von mir?“ keuchte er in ſeiner heiſern, lautloſen Weiſe. „Ich denke, daß ich Ihnen das nicht erſt zu er⸗ klären habe“, erwiderte Gerhard. „Mach' kurzen Proceß mit ihm“, rief Streicher von der Thür her, die er beſetzt hielt. „Meine Herren, ein ſolcher Ueberfall— das iſt nicht die Manier unter gebildeten Leuten.“ „Lächerlich!“ fiel Streicher dem Proteſtirenden in die Rede.„Sie werden ſich doch nicht unter die ge⸗ bildeten Leute zählen wollen? Diebe, Einbrecher, Brand⸗ ſtifter wollen auch noch als Gentlemen behandelt ſein! Es kommt weit mit der Humanität! Sind Sie am Ende nicht gar noch darauf erpicht, auch ein ehrlicher Mann zu heißen? Verlangen Sie lieber gleich den Monthyon⸗Preis.“ „Es bedarf wohl keiner weitern Erklärungen zwiſchen uns“, nahm Gerhard wieder das Wort,„kommen wir zu Thatſachen, jedes Leugnen iſt überflüſſig. Zuerſt erſtatten Sie das Geld zurück.“ Kuruſoff hatte während dieſer Reden Zeit gehabt, ſich zu ſammeln, und er mußte ein Meiſter in der Ver⸗ 82 7 ſtellung ſein, denn es gelang ihm ſo gut, ſich zu be⸗ herrſchen, daß nur ein leiſes, kaum wahrnehmbares Zucken ſeiner linken Hand gegen die Bruſt bei Er⸗ wähnung des Geldes die Gelaſſenheit ſeiner Haltung ſtörte. Seine Züge drückten vornehme Kälte aus, das hinter ſeinem Rücken ſtehende Licht kam ihm dabei zu ſtatten, denn im Schatten wurde das unheimliche Funkeln ſeiner einen Ausweg ſuchenden Aeuglein nicht bemerklich. 8 „Ich muß geſtehen, Ihr Beſuch überraſcht mich in hohem Grade. Sie erlauben, daß ich mich überzeuge—“ ſagte er und ging dabei raſch auf die Thür zu. „Halt!“ rief ihm Streicher entgegen, indem er höh⸗ niſch lächelnd ſeinen Kinnbart ſtrich,„hier kommen Sie nicht hinaus.“ Der Ruſſe verbeugte ſich ſpöttiſch. „Das iſt auch gar nicht meine Abſicht. Derartige Angelegenheiten verhandelt man nicht auf der Straße“, erwiderte er.„Ich wenigſtens wünſche keine unge⸗ betenen Zeugen. Sie erlauben, daß ich dafür ſorge, daß wir nicht geſtört werden.“ Damit ſchloß er, ohne daß der etwas verblüffte Streicher ſeinen Platz verließ, die Thür und zog da— nach den Schlüſſel ganz ab. „Wir ſind jetzt vor jedem neugierigen Ohre ſicher“, 1 4 G 4 88 ſagte er, langſam wieder gegen den Tiſch zurückſchrei⸗ tend, der vor dem Sopha in der Nähe einer halboffenen Thür ſtand, die zu dem Schlafzimmer führte.„Darf ich die Herren erſuchen, Platz zu nehmen? Der Ein⸗ gang Ihrer Worte läßt mich vermuthen, daß unſere Verhandlungen ernſter Natur ſein dürften.“ „Ohne Umſtände! rief Streicher. „Zum Ziel!“ ſetzte Gerhard ernſt hinzu. „Wie Sie wollen, Sie werden mir wenigſtens erlauben, daß ich mich ſelbſt ſetze“, bemerkte Ku⸗ ruſoff.„Ich bin geſpannt auf Ihre Erklärungen, da ich mir gar nicht enträthſeln kann, was Sie hier⸗ her geführt.“ Während er dieſe Worte im allerglatteſten Geſell⸗ ſchaftstone, offenbar nur, um Zeit zu gewinnen, ſprach und ſeine beiden Zuhörer damit in Verwunderung und Entrüſtung über ſo viel Dreiſtigkeit verſetzte, war er bei dem Tiſche angelangt. Wie, um Platz zu machen, damit er ſich auf das Sopha ſetzen könne, rückte er den Tiſch von ſich und that es plötzlich mit ſolcher Ge⸗ walt, daß der Tiſch gegen Gerhard hin umſtürzte. Sack und Leuchter rollten zu Boden, das Licht erloſch und Gerhard, der ſeine Geiſtesgegenwart nicht ver⸗ loren hatte und mit einem Satz am Sopha ſtand, faßte in die Luft. Das Geräuſch einer ins Schloß fallen⸗ 89 den Thür belehrte ihn, daß Kuruſoff in das Neben⸗ zimmer entſchlüpft war. „Läute, läute!“ rief er Streicher zu, der in der erſten Ueberraſchung einen Fluch ausgeſtoßen hatte und nun der Weiſung gemäß nach dem Knopfe taſtete und die Glocke zog. Gerhard ſuchte vergeblich nach Zündhölzchen. Strei⸗ cher machte endlich mit ſeinem Taſchenfeuerzeuge Licht, die Kerze wurde aufgehoben und in Brand geſetzt, Gerhard riß die Thür ins nächſte Zimmer auf— es war leer. Auch dieſes Zimmer hatte einen Ausgang nach dem Corridor, jedoch auch hier war abgeſchloſſen. „Fort iſt der Vogel“, rief Streicher,„da hin⸗ aus. Und man kann nicht einmal ſagen, daß er wie ein böſer Zauberer durch eine Verſenkung ent⸗ wiſchte. Geradeswegs durch die Thür! Schämen muß man ſich! Wie von Harlekin iſt uns mitgeſpielt worden und wir ſind zwei Pierrots der erſten Sorte. Wir ſelber ſehen noch zu, wie er uns einſperrt— es iſt unerhört!“ Gerhard hatte inzwiſchen auch hier die Glocke ge⸗ zogen, er pochte an der Thür und rief aus Leibes⸗ kräften. Dann eilte er ans Fenſter, das er öffnete, aber an ein Hierhinausgelangen war nicht zu denken. 1 1 4 V 1 6 41 ——— *—————— 90 Das Fenſter befand ſich im erſten Stockwerke und das Erdgeſchoß war ſehr hoch. „Wenn man uns nicht öffnet, erbrech' ich die Thür!“ „Lächerlich!“ verſetzte Streicher auf dieſen Aus⸗ ruf ſeines mächtig erregten Frenndes.„Warum haſt Du nicht zu rechter Zeit zugefaßt! Aber die Polizei, die Polizei, die iſt ſchon auf dergleichen dreſſirt! Wärſt Du meinem Rath gefolgt, ſäßen wir nicht hier wie die Mäuſe in der Falle. Aber apropos, vielleicht iſt der Speck noch hier oder wenigſtens ein Theil deſſelben. Dnrchſuchen wir ein wenig die Reiſetaſche, bis man kommt, uns die Freiheit wiederzugeben.“ Er trat in das erſte Zimmer zurück und Gerhard folgte ihm unwillkürlich. Während Streicher die Taſche vom Boden aufhob und in derſeiben kramte, las Ger⸗ hard ein Papier auf, das ebenfalls zu Boden gefallen war, die telegraphiſche Depeſche, welche Kuruſoff kurz zuvor empfangen hatte. Gerhard zuckte, als er die Unterſchrift ſah, wie von einem Dolchſtoß getroffen. O wie ſicher hatten ihm ſeine Ahnungen Alles vorausgeſagt! Da lag das unbezweifelbare Document in ſeinen Händen, das ihm den Beweis von dem ſtrafbaren Einverſtändniſſe Her⸗ mance's und des Abenteurers lieferte. 91 Die Depeſche war noch ſpät am Abend in Mon⸗ treux aufgegeben, aber in Morges, das keinen Nacht⸗ dienſt hatte, erſt mit dem frühen Morgen ausgefertigt worden; ſie lautete: „Mr. Kurusoff. Morges. Hôtel des Alpes. On vous cherche. Il ne faut pas perdre minute. Partez. Rendez-vous. Hermance.“ Ein tiefer Ingrimm hatte ſich beim Leſen Gerhard's bemächtigt, er ballte das Blatt zuſammen und wollte es zu Boden ſchleudern, beſann ſich aber eines Beſſern uud ſchob es in die Taſche. „Du findeſt nichts“, unterbrach er Streicher's er⸗ gebnißloſe Beſchäftigung,„der Schurke war gewarnt. Aber ich werde ihn finden und müßte ich mir ihn aus der Hölle holen. Ich muß wiſſen, wer Alles zu dieſer Bande gehört. Ich muß es!“ „Was willſt Du thun?“ Gerhard antwortete durch die That. Mit aller Kraft an der Thür reißend, gelang es ihm, den Schloß⸗ haken zu lockern, und die Thür war geöffnet. Raſch und ohne ſich aufzuhalten, oder auf das nun endlich erſcheinende Stubenmädchen zu achten, eilte er von „Man ſucht Sie. Es iſt keine Minute zu verlieren. Reiſen Sie ab. Zuſammenkunft. Hermance.“ 92 Streicher gefolgt den Corridor entlang und die Treppe hinab. „Iſt Jemand aus dem Hauſe fort?“ herrſchte er dem Portier zu, der ganz verdroſſen auf der Schwelle ſeines Zimmerchens ſtand. „Jawohl, jener Herr, den Sie ſuchen und für den vorher das Telegramm kam. Welche Störungen in einer Nacht! Monſieur ſchien Eile zu haben.“ „Lächerlich!“ knurrte ihn Streicher an.„Machen Sie doch auf, wir haben auch Eile, ſonſt entkommt uns der ſaubere Patron.“ Das Hausthor war offen, aber wohin, nach wel⸗ cher Richtung hatte ſich der Flüchtling gewendet? Gerhard ſchlug Streicher eben vor, die Verfolgung Kuruſoff's getheilt zu verſuchen, als der Kellner von der Landungsſtelle herbeikam. Er zog fröſtelnd ſeinen dünnen Frack um die Bruſt zuſammen und in ſeinen Haaren wühlte der Wind. Er war überraſcht, den Beiden außerhalb des Thores zu begegnen. „Haben Sie dieſen Herrn Kuruſoff nicht geſehen?“ fragte Gerhard. „Jawohl“, verſetzte der Kellner verwundert,„ge⸗ rade zuvor; ich ſagte Ihnen ja, daß er infolge der Depeſche abzureiſen gedenke.“ „Wohin?“ 93 „Das weiß ich nicht. Er bezahlte ſeine Rechnung für das Zimmer, um nicht aufgehalten zu ſein, ſofort und trug mir auf, ihm ein Boot zu beſtellen.“ „Wie, er fuhr mit einem Boot? Schnell ſchaffen Sie uns auch eins.“ „Das wird nicht ſo raſch gehen. Es traf ſich zu— fällig, daß ein Fiſcher noch vor Sonnenaufgang hin⸗ aus wollte, ſonſt ſind die Schiffsleute um dieſe Stunde nicht am Hafen.“ „Wo hat das Boot angelegt?“ „Dort, ſie werden es aber ſchwerlich mehr er⸗ reichen.“ Fragen und Antworten waren blitzſchnell aufein⸗ ander gefolgt. Gerhard hielt ſich keinen Augenblick mehr auf, ſchon rannte er, ſo ſchnell er es vermochte, auf dem Hafendamme hin. Es lagen zahlreiche Schiffe im Baſ⸗ ſin der regen Handel treibenden Stadt. Endlich war die Stelle erreicht, die der Kellner bezeichnet hatte. Mehrere Boote ſchaukelten da in der leiſe bewegten Flut, nirgends aber war ein Schiffsmann zu ſehen. Ein Hafenwächter trat an Gerhard heran und fragte ihn, ob er etwas ſuche. „Ein Fiſcherboot, das ſo eben ein Herr beſtiegen hat.“ „Wenn Sie mitfahren wollen, kommen Sie zu — ———— 94 ſpät“, lautete die Entgegnung.„Sie ſind ſchon ab⸗ geſtoßen. Sehen Sie dort das Segel! Gerhard folgte mit den Augen der Richtung, in welche der Mann deutete. Im Lichtkreis der beiden Fanale an den Enden des Dammes tauchte ein dunkler Punkt auf. Ein Boot paſſirte ſo eben die Einfahrt des Hafens. Wie die Schwinge einer Möve, die ſich zum Fluge ent⸗ faltet, hob ſich langſam ein graues Stück Leinwand am Maſte und blähte ſich unter dem Drucke des gün⸗ ſtigen Windes. Wie ein Pfeil ſchoß das Boot hinaus in die gegen den Molo brandenden Wogen. Viertes Kapitel. Der Vornand. Kaum eine Viertelſtunde ſpäter verließ ein zweites Boot den Hafen. Außer dem alten, aber rüſtigen Schiffer befanden ſich die beiden Freunde darin. Mit ungebrochener Ausdauer wurde die Verfolgung wieder aufgenommen. Anfangs hatte Streicher dieſelbe als abgeſchloſſen erachtet und Gerhard's Abſicht mit allen Gründen, die ihm zu Gebote ſtanden, bekämpft. Der Wind, die Wellen, der Vorſprung, Nacht und Kälte, wie die Un⸗ kenntniß der Richtung mußten als ſolche gelten. Da er aber ſah, daß ſie ganz ohne Wirkung auf Gerhard's Entſchluß blieben, fügte er ſich brummend und beſorgte, während ſein Freund mit Hülfe des Kellners einen Schiffer aus dem Schlafe trommelte, alle Vorbereitungen zu der nach ſeiner Anſicht höchſt gefahrvollen Reiſe. 5 5 V 2 96 Er nahm, was er an Bettdecken in ſeinem und im anſtoßenden Zimmer fand, zuſammen und trug es hinab zur Landungsſtelle. Gegen einen hinreichenden Einſatz in Geld ließ der Kellner nicht nur Alles hin⸗ gehen, er zeigte ſich auch noch bereitwillig, in der Eile eine Flaſche Wein und ein Stück Brod herbeizuſchaffen. Man konnte, nach Streicher's Anſicht, nicht wiſſen, wie lange dieſe neue Auflage der Irrfahrten des Ulyſſes dauern würde. Sogar der Hafenwächter hatte ſich bereit finden laſſen, nach der Richtung auszuſpähen, welche der Flüchtling genommen. Soviel die der Dämmerung noch immer nicht weichende Nacht erkennen ließ, ſteuerte das Boot mit vollem Segel quer über den See, der hier die größte Breite hat, ungefähr in der Richtung von Thonon, dem Hauptorte des ſavoyiſchen Chablais. Der Schiffer wollte noch ſeinen Schwiegerſohn holen, als er hörte, wovon die Rede ſei, aber Gerhard wollte keine neue Verzögerung, zu dreien waren ſie jedenfalls Allem gewachſen. Zudem galt es ja haupt⸗ ſächlich das Segel zu benutzen; es müſſe ſich zeigen, welches Boot das leichtere ſei. Der wettergebräunte Alte ſah nachdenklich empor, er prüfte den Himmel mit ſeinen erbleichenden Sternen und den raſch ziehenden, ſich immer dichter ballenden Wolken. 97 „Können Sie auch rudern?“ fragte er vor dem Abſtoßen. Erſt auf Gerhard's Verſicherung, im Noth⸗ falle werde wenigſtens er das Seinige leiſten, drängte er das Boot vom Lande, mit einigen Ruderſchlägen zwiſchen den größern Schiffen durch, und an derſelben Stelle, wo es das andere Boot gethan, knapp an der Ausfahrt aus dem Hafen, hißte er mit Gerhard'’s Hülfe das Segel. „Werden es nicht lange brauchen“, meinte er kurz. „Mit dem Winde kommen wir nicht hinüber, der ſchläft ein. Es wird Arbeit geben.“ „Nun, mein Freund wird auch die Ruder nehmen“, entgegnete Gerhard. Im ſelben Augenblicke aber war das Segel feſt, der Schiffer griff ans Steuer und das Boot legte ſich ganz zur Seite. Im Moment war es aus dem ruhigen Fahrwaſſer und durchſchnitt mit ſcharfem Kiel die hoch⸗ gehenden Wogen, deren weiße Schaumkronen als Sprüh⸗ regen über das Boot hingingen. „Lächerlich!“ ſtieß Streicher, der ſich am Backbord angeklammert hatte, heftig hervor, ſobald ſich das Boot wieder aufrichtete und, nun aus der ärgſten Brandung heraus, graziös über die Wellen tanzte.„Wer rudert denn in ſolchem Wetter? Ich brauche meine Hände zum Feſthalten. Wenn man wenigſtens einen Regen⸗ Byr, Nomaden. V. 77 ———— — ᷣↄ— 98 ſchirm mit hätte! Wir ſind ſammt unſern Decken durch und durch naß, ehe wir noch den halben See hinter uns haben. Hätteſt Du doch die Polizei—“ Eine Woge, die ſich krachend am Buge brach, ein neues Neigen, daß das Segel beinahe das Waſſer be⸗ rührte, machte ſeinen Worten ein Ende. Er rutſchte von der Bank herab und ſetzte ſich auf den Boden. Dort fühlte er ſich geſicherter. Es wurde kein Wort mehr geſprochen. Gerhard, der an der Spitze ſaß, ſtrengte ſeine Augen an, Kuru⸗ ſoff's Boot zu erſehen, wobei ihm das allmälige Däm— mern des Tages zu Hülfe kam. Erſt wie ein Punkt, dann deutlicher erkennbar kam es in Sicht. Bald ge⸗ nug aber ſtellte ſich die damit verknüpfte Vorausſetzung, daß man demſelben näher komme, als eine Täuſchung heraus. Das deutlichere Erkennen war nur dem zu⸗ nehmenden Lichte und nicht der Verkürzung der Diſtanz zuzuſchreiben. Noch ließ ſich ſchwer unterſcheiden, wel⸗ ches von beiden Booten der beſſere Segler ſei. Das Fiſcherboot hatte mehr Leinwand, dafür war es aber auch größer und ſchwerer gebaut als der leichte, haupt⸗ ſächlich für Luſtfahrten berechnete Kahn, der die Ver⸗ folger trug. Nahe an eine Stunde ſchon hatte die Fahrt ſo ge⸗ währt und Gerhard glaubte eher zurückgeblieben als näher 99 gekommen zu ſein. Er theilte dies dem Alten am Steuer mit. Dieſer nickte mit dem grauen Kopfe. „Gingolphe“, ſagte er,„hat ein tüchtiges Schiff, es faßt mehr Wind als das meine, aber das nützt ihm nicht mehr viel.“ Und als wollte der Wind ſelbſt ſeine Worte be⸗ ſtätigen, ſchlappte das Segel in dieſem Momente ein paarmal ſchwer gegen den Maſt. Die Biſe hatte, wie vorausgeſagt, allmälig ab⸗ genommen. Der hohe Wellenſchlag freilich hatte dem ungeübten Auge die Abnahme der Raſchheit in der Fortbewegung verborgen, aber der Umſtand, daß noch nicht einmal die Mitte des Sees erreicht war, gab Zeugniß von dem Erſchlaffen des Windes. Noch immer herrſchte eine trübe Dämmerung. Es war zwar kein Nebel auf der Waſſerfläche, die, weit entfernt von der berühmten durchſichtigen Bläue, die ihr ſonſt eigen, grau und ſchmuzig ausſah, das Ufer auf der Savoyer⸗ wie auf der Schweizerſeite war deutlich zu erkennen; aber nichts war vom kommenden Tagesgeſtirn zu er⸗ blicken, kein Strahl durchbrach die dichten Wolkenmaſſen, die ſich mit dem Nachlaſſen des Windes über dem Becken des Leman zu ſtauen ſchienen, und ſelbſt Cos mußte ihren Roſenfinger heute unvorſichtiger⸗ oder mürriſcherweiſe in die grauen, häßlichen Fluten ge⸗ * 100 getaucht haben, bevor ſie die Pforten des Tages ge⸗ öffnet. Gerhard ſpähte ſcharf nach dem vordern Boote aus. Auch dort mußte man eben die gleiche Erfahrung gemacht haben, denn das Segel fiel herab und Gerhard glaubte zu bemerken, daß Ruder ausgelegt wurden. „Ha, jetzt ſind wir im Vortheile“, rief er.„Ku⸗ ruſoff kann nicht rudern, dort ſind nur zwei Arme, hier ſind ſechs. Euer Schiff iſt ſchlank und leicht, glaubt Ihr nicht, Alter, daß wir ſie noch auf dem See erreichen?“ „Der Vorſprung iſt groß“, meinte der Gefragte, der nicht viel Vertrauen in die Geſchicklichkeit und Kraft ſeiner beiden Paſſagiere haben mochte, achſel⸗ zuckend.„Es wird Arbeit geben.“ „Wir müſſen ihn früher faſſen; iſt der Schurke einmal auf dem Lande, ſo haben wir wieder das Nachſehen. Streicher!“ „Was ſoll's?“ fragte der Angerufene kleinlaut aus ſeinen Decken hervor.„Ein trübſeliges Vergnügen! Sinken wir? Meinetwegen, Du haſt es gewollt, Du Egoiſt!“ „Aber was fällt Dir ein?“ „Das Schiff hat ſchon lange einen Leck. Ich fühle es an der ſteigenden Näſſe. Meine Glieder ſind wie erſtarrt!“ 101 „Um ſo beſſer wird Dir das Rudern thun.“ „Lächerlich! Ich werde mich doch nicht der kalten Luft ausſetzen, der Typhus wäre unausbleiblich. Viel⸗ leicht ſitze ich auch gerade an der Stelle, wo der Leck iſt. Ich habe gegründete Urſache, es zu vermuthen. Stehe ich auf, ſo ſtrömt das Waſſer ungehindert ein und wir ſind verloren.“ Es koſtete Gerhard keine geringe Mühe, den hy⸗ pochondriſchen Freund von ſeinen Grillen abzubringen und ihn zu bewegen, die Ruder, welche der Alte in⸗ zwiſchen befeſtigt hatte, zu ergreifen. Eine koſtbare Zeit war darüber hingegangen. Nun aber, nachdem ſich alle drei mit einem Schluck Wein und einem Biſſen Brod geſtärkt hatten, legten ſie ſich tüchtig in die Riemen und das Boot flog gleichmäßiger und raſcher dahin. Nur manchmal wendete einer oder der andere den Kopf, um die Entfernung bis zum vordern Boote zu beurtheilen; ſie nahm ſichtlich ab. An ein raſches Näherkommen war freilich nicht zu denken, denn auch der Fiſcher, den der Alte Gin⸗ golphe genannt hatte, ſetzte ſeine ganze Kraft ein. Ab⸗ geſehen von den Verſprechungen, die ihm Kuruſoff gemacht haben mochte, war es eine Ehrenſache für ihn, ſich nicht überholen zu laſſen. Jeder Beduine will das flüchtigſte Pferd, jeder Schiffer, ſei es auf dem Oceun 102 oder einem Binnenſee, will das raſcheſte Schiff, den kräftigſten Arm haben. Aber auch der Verfolger be⸗ mächtigte ſich nach und nach eine ſteigende Haſt und ein faſt leidenſchaftlicher Eifer, den der Alte von Zeit zu Zeit durch Ermahnungen zu mäßigen ſuchte. „Mehr Ruhe, mehr Ruhe!“ wiederholte er.„Gin⸗ golphe iſt jung und kräftig, aber hitzig, er überarbeitet ſich. Gelaſſen, gelaſſen! Sie ſind weniger geübt als er und werden noch früher ermüden, wenn Sie Ihre Kräfte nicht ſchonen.“ Nichtsdeſtoweniger war nach einer weitern Vier⸗ telſtunde ſeine Prophezeiung wenigſtens bei Streicher in Erfüllung gegangen. „Der Teufel“, rief er,„hole das verrückte Dahin⸗ fahren durch die Welt!“ „Das entſpricht ja ſonſt ganz Deinen Neigungen“, verſuchte Gerhard zu ſcherzen, um die Laune ſeines Freundes zu heben.„Wer anders als Du hat mich ſo eifrig vor dem philiſtröſen Feſtkleben an der Scholle gewarnt? Wir ſind eben ein wenig mobil.“ „Lächerlich!“ platzte der Andere heraus.„Als ob ich je ambitionirt hätte, Mitglied eines Rudervereins zu werden! Die Natur hat mir ſchon in meinem Namen eine Anweiſung auf nomadiſche Gewohnheiten gegeben. Streicher heiße ich, aber ich habe all mein 103 Lebtag nur von Land⸗, niemals von Waſſerſtreichern gehört.“ „Wenn Sie ſprechen, verlieren Sie den Athem“, mahnte der Alte,„und mit dem Rudern iſt’'s vorbei.“ „Das iſt's ohnehin ſchon“, warf Streicher ärger⸗ lich ein. „So ruhe ein wenig“, rieth Gerhard wohl⸗ meinend. „Das ginge mir noch ab! Du denkſt nur an Dich“, ereiferte ſich Streicher.„Ich ſoll jetzt mitten in der Erhitzung der Lunge, mitten in der Transſpi⸗ ration ſtille ſitzen und mich total erkälten. Rede lieber nicht, verleite mich nicht zum Antworten, Cgoiſt; be— denke die Lungen anderer Leute!“ Und mit aller Kraft ſetzte er von neuem ſeine Ruder ein. Immer näher kamen ſich die beiden Boote. Schon konnte man ganz genau die beiden Männer unter⸗ ſcheiden, die im vordern ſaßen. Kuruſoff hatte eben⸗ falls ein großes Ruder ergriffen, manövrirte aber da⸗ mit ſehr ungeſchickt, ſodaß es wenig Vortheil brachte. Der Fiſcher that dafür Uebermenſchliches. Es war eine junge, herkuliſche Geſtalt und die zurückgeſtreiften Aermel zeigten mächtige Arme, deren Muskeln unter der Anſtrengung zu dicken Stricken angeſchwollen waren. —————— — —— 104 Aber aller Kraftaufwand reichte nicht hin, den Abſtand auch nur gleich zu erhalten. Immer kürzer wurde derſelbe von Minnte zu Minute, und wie der Alte es vorausgeſehen hatte, that ſich bei dem Beſitzer des großen Fiſcherbootes allmälig eine gewiſſe Er⸗ ſchöpfung kund, der Ruderſchlag wurde langſamer. Bald war die Spitze des nachfolgenden kaum mehr dreißig Fuß von dem Steuer des flüchtigen Bootes entfernt. Da krachten plötzlich kurz nacheinander zwei Schüſſe. Einer davon hatte das Ruder des Alten ge⸗ troffen. Im Moment, wo dieſer es ins Waſſer tauchte, ſplitterte das Holz und brach entzwei. Der Alte drehte ſich nicht einmal um, er drohte nur mit der erhobenen Fauſt. Gerhard jedoch ſetzte einen Moment aus und ſah ſich um. Er erblickte Kuruſoff aufrecht ſtehend am Maſte, den er mit der Linken, um ſich eine Stütze zu geben, umſchlang. In der Rechten hielt er eine Dreh⸗ piſtole im Anſchlag— er zielte. „Ducke Dich!“ rief Streicher, aber ſchon krachte der dritte Schuß, und diesmal war Streicher's Ruder auf Backbord getroffen. „Höllenhund, ich habe geglaubt, meine Hand iſt's, ſo hat es mich geprellt“, rief Streicher. Ein höhniſches Gelächter vom andern Boot herüber konnte als Antwort gelten.„Der Kerl hat noch zwei, drei Schüſſe im Laufe.“ 105 „Aber ſonſt keine mehr, ſonſt würde er ſie nicht ſparen“, ſetzte Gerhard hinzu.„Vertheilen wir die übrigen Ruder.“ „Warum übſt Du nicht Revanche? Wozu haſt Du die Piſtole bei Dir?“ „Ich ſchieße nicht genau genug. Willſt Du vielleicht?“ „Ich eine Piſtole?“ verſetzte Streicher, indem er ſchon das übrige Ruder dem Alten hinreichte.„Lächer⸗ lich! Spiele nie mit Schießgewehr, denn es fühlt wie Du den Schmerz. Ich begreife aber Dich nicht, Du biſt ja ſonſt Meiſter in all dieſen ritterlichen Uebungen. Hätteſt auch mehr Eifer aufs Schießen verwenden können. Aber jetzt iſt der Lump ſchon wieder eine ganze Strecke vor uns. Eingeſetzt, eingeſetzt!“ Etwas von dem Feuer des Jagdeifers ſchien ſich auch Streicher mitgetheilt zu haben. Erſtaunt ſah Gerhard, wie er nicht nur ſeine gewöhnliche Vorſicht vergeſſen hatte, ſondern jetzt auch ohne alle Aengſtlich⸗ keit aufſtand, ſich des zweiten Ruders ſeines Freundes bemächtigte und es mit einer überraſchenden Kraft handhabte. Der Vorſprung, den der Ruſſe gewonnen, war bald wieder eingebracht. Jeden Moment erwarteten die drei Verfolger wieder einen Schuß fallen zu hören, 4 V ——— 4 106 aber es geſchah nichts dergleichen. Immer näher kam das zweite Boot. Streicher lachte nun ſeinerſeits höh⸗ niſch auf, er ſchien wie ausgewechſelt. Während ſein Freund einen finſtern Ernſt bewahrte, wurde er der übermüthigſte Dränger, der nicht raſch genug vorwärts kam. Wiederholt warf er Blicke über ſeine Schulter. Kuruſoff ſtand mit düſter drohender Miene am Maſte, ſeine Augen feſt auf die Herankommenden gerichtet, der Ausdruck ſeiner Züge war in dem trüben Morgen⸗ lichte ſchon deutlich zu erkennen. Er war haßerfüllt und unheilbrütend. Jetzt berührten ſich die beiden Boote beinahe. Ein kräftiger Stoß mit dem Ruder, den der Fiſcher führte, lenkte das Boot der Verfolger ab. Man hörte den keuchenden Athem, der röchelnd aus der Bruſt des mit unſaglicher Anſtrengung arbeitenden Mannes kam. „Gingolphe“, rief der Alte,„es iſt ein Dieb, den Ihr führt. Zieht die Ruder ein!“ Der Angerufene antwortete nicht, der Athem mochte ihm fehlen. Doch hielt er nur einen Augen⸗ blick, wie zögernd, inne. Ein kurzes, ihm von Kuruſoff zugerufenes Wort, das auf dem andern Schiffe nicht verſtändlich war, machte ſeinem Zaudern ſogleich ein Ende und wieder ſetzte er die Ruder faſt mit über⸗ menſchlicher Kraft ein, ſodaß er abermals einen kleinen 107 Vorſprung gewann. Aber das dauerte nur ein paar Minuten. Bald ſchoß der ſchlanke, leichtgebaute Kahn wieder vorwärts an die Seite des Fiſcherbootes und nun er⸗ hob ſich Gerhard und rief mit lauter Stimme Kuruſoff zu, er ſolle ſich ergeben. „Sie ſehen, daß Sie uns nicht mehr entkommen!“ Der Ruſſe gab eine Antwort, die aber infolge ſeines zerſtörten Organs unverſtändlich blieb. Gerhard nahm es als eine Erklärung an, die vielleicht eine Unterhandlung anbahnen ſollte. „Stellen Sie das Rudern ein“, rief er zurück. Inzwiſchen befand er ſich faſt unmittelbar dem Ruſſen gegenüber, der jetzt vernehmlicher als früher ſeine Stimme erhob. „Sie werden mir kein viertes Mal im Wege ſtehen! Dreimal iſt genug!“ kreiſchte er mit einem Blick, der in Wuth und Rache glühte, und zugleich er— hob er die Hand mit der Piſtole und zielte auf Ger⸗ hard's Bruſt. Der Schuß blitzte auf. Gerhard fühlte ſich niedergeriſſen, er ſtürzte; nur mit Mühe konnte er ſich erhalten, daß er nicht ins Waſſer fiel. Aber nicht die Kugel war es, die ihn niederwarf, 108 fondern ein Stoß von Streicher, der ſich, im entſchei⸗ denden Moment mit Blitzesſchnelle aufſpringend, vor den Freund geworfen hatte und der Kugel des Ruſſen, der ſich zuvor als ſo vortrefflicher Schütze bewieſen hatte, ein anderes Ziel bot. Ein dumpfer Ausruf zeigte, daß Streicher ver⸗ wundet worden war.. „Elender!“ ſchrie er dann.„An den Galgen, an den Galgen!“ Er ſcheute nicht den drohend herüber⸗ gerichteten Lauf des Revolvers. Und abermals krachte, wie zur Antwort, ein Schuß. Er war in die Luft gegangen; die Scene hatte ſich ſeltſam verändert. Der unmittelbar nach dem vorletzten Schuß auf⸗ geſprungene Fiſcher hielt Kuruſoff mit beiden Armen umſchlungen und drückte die ſchwache Geſtalt nieder, ſodaß ſie kein Glied zu regen vermochte. „So haben wir nicht gewettet“, rief er zornig. „Schießt die Ruder zuſammen, aber nicht die Menſchen. Einen Dieb will ich meinetwegen retten, einen Mörder um alles Geld der Welt nicht!“ Der alte Schiffer hatte inzwiſchen hinübergelangt und hielt die beiden Boote Bord an Bord feſt. Ger⸗ hard hatte ſich wieder erhoben, er ſah Blut über den zerriſſenen Aermel ſeines Freundes herabrieſeln. 109 „Du biſt verwundet, Streicher. Wo iſt die Kugel?“ ſagte er mit ſtockender Stimme, die ſeine lebhafte Be⸗ ſorgniß verrieth. „Lächerlich!“ erwiderte Streicher.„Wie ſoll ich das wiſſen! Wahrſcheinlich im See draußen. Es iſt nicht viel, denn ich kann ja den Arm noch be⸗ wegen. Aber hinüber, faſſe den Hund! Das iſt jetzt wichtiger.“ Es bedurfte eines erneuten Antriebes, ehe Ger⸗ hard den Freund verließ und ſeiner Aufforderung Folge leiſtete. Mit dem Revolver in der Hand trat er auf den noch immer feſtgehaltenen Gauner zu und forderte ihn auf, keinen Widerſtand mehr zu leiſten und ſeine Waffe abzuliefern. Er entwand ſie Kuruſoff, der leichenbleich geworden war und deſſen blaue Lippen im Froſt an einander ſchlugen. Der Hut war ihm entfallen, die von der Kälte geröthete Glatze lag bloß. Gerhard unterſuchte die Piſtole, es war kein Schuß mehr darin, die Patronen waren in der Reiſetaſche zurückgeblieben. Gerhard reichte die Waffe Streicher hinüber. Dieſen Augenblick benutzte Kuruſoff, der jetzt auch von Gingolphe losgelaſſen wurde. Er griff mit der Gewandtheit eines falſchen Spielers in die Bruſt⸗ taſche ſeines Rockes, zog ein Portefeuille hervor und 1 1 1 4 4 1 110 warf es über Bord. Niemand hatte dieſe Bewegung geſehen als das ſcharfe Auge des Alten, der ſogleich Gingolphe eine Bemerkung zurief. Dieſer verſtand alsbald, wandte ſich um und erſah das noch auf den Wogen ſchwimmende Paquet; ehe es zum Sinken kam, hatte er es mit einem kleinen Fiſchnetze aufgefangen und an Bord geholt. Das Leder hatte zum Glück das ſofortige Sinken verhindert. Gerhard öffnete die Brieftaſche und fand nur die ihm entwendeten Obligationen, aber kein baares Geld darin. „Ah!“ rief Streicher,„es war alſo blos Bosheit, daß dieſer Elende die Werthpapiere von ſich warf. Du ſollteſt ſie nicht mehr zurückerhalten.“ Ein Blick auf das tückiſche Geſicht des Ruſſen, der vergeblich auf Rettung ſinnend und zähneknirſchend auf dem Schiffsboden kauerte, machte dieſe Annahme nur zu wahrſcheinlich. „Und doch haben Sie ſich gerade durch dieſen Verſuch vollkommen verrathen“, ſagte Gerhard zu ihm. „Ich hätte Ihnen nicht zu beweiſen vermocht, daß dieſe Papiere mein Eigenthum ſind. Sie haben Ihr Ver⸗ brechen ſelbſt eingeſtanden. Man ſchießt Verfolger, die man nicht zu befürchten hat, nicht nieder, man wirft 111 Papiere von Werth nicht ins Waſſer, wenn man der rechtmäßige Beſitzer derſelben iſt.“ Kuruſoff bewahrte ſein dumpfes Schweigen. Er ward halb mit Gewalt genöthigt, in das andere Boot überzuſteigen, wo er im Achter ſeinen Platz angewieſen erhielt. Gingolphe, deſſen Boot ins Schlepptau ge⸗ nommen wurdo, ſollte dem Alten helfen, nach Morges zurückzurudern. Gerhard wollte bei dem Gefangenen bleiben und Streicher hüllte ſich dicht in die Decken und benetzte ſeine Wunde— einen leichten Streifſchuß am fleiſchigen Theile der Schulter— mit Waſſer, um die Blutung zu ſtillen. „Heimkehr der Flotte nach gewonnener Seeſchlacht“, ſcherzte er.„Schade, daß wir keinen berühmten Ma⸗ rinemaler mitgenommen haben. Wir ſollten uns ver⸗ ewigen laſſen.“ „Schmerzt Dich die Wunde?“ fragte Gerhard mitleidig.„Es iſt mir, als müſſe ich mir ſelbſt Vor⸗ würfe machen. Du hätteſt Dich nicht ſo großmüthig—“ „Was da!“ fiel ihm Streicher heftig ins Wort. „Kommſt Du ſchon wieder mit Deinem Egoismus? Ich hätte Dich alſo tödten laſſen ſollen, damit Du keine Theilnahme zu empfinden brauchteſt, hätte, damit Du Dir über eine Schramme, nicht der Rede werth, keine Verwürfe zu machen habeſt, mir das ganze Leben hin⸗ ————— AN —— — —— 442 rurch die heftigſten machen ſollen, daß ich nichts ver⸗ ſucht, einem Menſchen das Leben zu retten. Im Grunde iſt freilich nicht viel am Leben, ein ander⸗ mal kannſt Du meinetwegen zu Grunde gehen, wenn ich nicht dabei bin.“ Er wandte ſich mürriſch ab. Gerhard bat ihm innerlich Alles ab, was er ihm in letzter Zeit zum Vorwurfe gemacht, aber er ſprach kein Wort. Es war hier nicht der Ort zu danken; er wußte, daß Streicher mit allen Mitteln des Hohns und der Schroffheit der Rührung wehren würde, zudem gab es auch noch Wichtiges zu verhandeln. Alles, was an den Ereig⸗ niſſen noch dunkel, mußte geklärt und Kuruſoff zu Ge⸗ ſtändniſſen über ſeine verſchiedenartigen Beziehungen gedrängt werden. „Sie werden auf meine Fragen antworten“, ſagte Gerhard mit ruhigem Ernſt zu dem in düſterer Ver⸗ biſſenheit verharrenden Ruſſen. „Es kann mich Niemand dazu zwingen“, erwiderte dieſer. „Die Gerichte.“ Kuruſoff lachte höhniſch und verſetzte:„Auch ſie nicht, wenn ich ſchweigen will.“ „Wollen Sie es darauf ankommen laſſen?“ Eine Pauſe trat ein. Kuruſoff überlegte. Ger⸗ 113 hard's Frage regte eine Hoffnung in ihm an; man hatte alſo nicht unbedingt die Abſicht, ihn den Ge⸗ richten zu überliefern, warum hätte man ihm ſonſt da⸗ mit gedroht? Um Ausſagen zu erpreſſen? Was hatte er zu erwarten? Er warf einen lauernden Blick auf denjenigen, in deſſen Gewalt er ſich nun befand, nach⸗ dem er ihn beraubt und ihm ſogar nach dem Leben getrachtet. „Ihr Einbruch iſt conſtatirt“, nahm Gerhard wieder das Wort.„Man kennt den ganzen Vorgang, es handelt ſich blos um Einzelnheiten. Sie wiſſen, was Ihnen bevorſteht, nachdem Sie ſich mit Gewal meines Geldes bemächtigt haben.“ „Es war Wiedervergeltung“, erwiderte Kuruſoff knirſchend,„und ich habe mir nur meinen Erſatz ge⸗ holt, wo ich ihn fand. Wer hieß Sie in meine Pläne und Abſichten ſich eindrängen? Was habe ich Ihnen in den Weg gelegt, daß Sie mir ſowohl bei Miß Lizzie als auch bei Mademoiſelle Aglaé Brocat ent⸗ gegentraten? Es war nichts weiter als die Luſt am Spielverderben, mir aber haben Sie damit alle Aus⸗ ſichten auf eine Rangirung meiner Verhältniſſe, die ſchon faſt geſicherte Ausſicht auf eine ruhige, ſorgloſe Zukunft zerſtört. Wie ein böſer Dämon ſind Sie auf⸗ getaucht in meinem Leben und haben ſich zwihen mich Byr, Nomaden. V. ——ÿ— FesRer⸗ ——— N —— 114 und mein Glück geſtellt. Ohne Sie wäre ich am Ziele; Sie haben mir das Vermögen, das mir ſicher war, geraubt und mich zur Mittelloſigkeit, zum Elend ver⸗ dammt. Nicht ich, Sie waren der Räuber, und ich habe mir nur einen Theil davon zurückgenommen, um was Sie mich gebracht. Ihr Verluſt machte Sie nicht arm, ich aber habe durch Sie Alles verloren!“ „Lächerlich!“ fuhr Streicher auf.„Das heißt die Logik auf den Kopf ſtellen.“ Er wollte fortfahren, nur mühſam beſchwichtigte ihn Gerhard. Die Leidenſchaftlichkeit, mit der Kuruſoff ſeine Anklagen vorgebracht, waren nicht ganz ohne Einwir⸗ kung auf denjenigen geblieben, an welchen ſie ſich rich⸗ teten. Das Raiſonnement, welches den Gaunerſtreich zu einem Racheact umwandelte, konnte recht wohl in dieſem tückiſchen, lauernden und niedrigen Charakter vorausgeſetzt werden. Gemeine Menſchen ſind ja ſtets geneigt, die Behauptung fremden Rechts als Beein⸗ trächtigung des ihrigen, jede Beſchränkung ihrer Ge⸗ lüſte als eine zur Rache herausfordernde Gewaltthat anzuſehen. Aber Gerhard wurde durch dieſe Reflexion nur äußerlich noch ruhiger und gemeſſener. „Ich bezweifle“, ſagte er,„daß Sie bei Miß Lizzie jemals zu Hoffnungen berechtigt waren.“ 115 „O warum nicht? Aber nachdem Sie aufgetreten waren, mußte mir natürlich Abſcheu gezeigt werden, damit Sie nicht im Zweifel blieben.“ Gerhard unterbrach dieſen boshaften Ausfall, der ihm gleichwohl die Röthe ins Antlitz trieb, mit bar⸗ ſchem Worte. „Genug! Wie dem auch ſei“, fuhr er fort,„Ihr eigenes Benehmen hat die Folgen nach ſich gezogen. Mir konnte gleich ſein, wen Sie heiratheten. Ich habe mich nicht vor Ihnen zu entſchuldigen. Wollen Sie mir die Aufſchlüſſe geben, die ich verlangen werde, oder nicht?“ „Sagen Sie mir zuerſt“, entgegnete Kuruſoff mit einem eigenthümlichen Zug der Neugierde,„was Sie auf meine Spur gebracht hat.“ „Eins und das Andere. Entſcheidend war die Auffindung von Perlen und einem Beſchlag meines Portefeuilles zwiſchen Rückwand und Sitz des Sophas in dem Zimmer, das Sie bewohnt hatten.“ Kuruſoff ſchlug ſich unmuthig an die Stirn. „Wie ungeſchickt, daß ich nicht warten konnte!“ rief er.„Es geſchieht mir recht. Was mußte ich auch das Portefeuille dort noch aufſchneiden— ich war ein Stümper!“ Durch wiederholte Fragen brachte Gerhard 8* ——— — 12 — 116 den Ruſſen zum Geſtändniſſe des ganzen Sach⸗ verhalts. Als Kuruſoff ſeine Heirathspläne geſcheitert ſah, beſchloß er ſich an Gerhard zu rächen und zugleich ſeiner faſt ganz geleerten Kaſſe aufzuhelfen. Der Anblick der in der Tiſchlade aufbewahrten Werthpapiere, welcher ihm gelegentlich jener demüthigenden Scene geworden, wo er in Gegenwart des Kapitäns und des Grafen Hilmersdorf Abbitte leiſten mußte, brachte ihn zuerſt auf dieſen Gedanken. Daher ſeine große Bereitwillig⸗ keit, mit Streicher das Zimmer zu wechſeln, weil er ſo in Gerhard's unmittelbare Nachbarſchaft kam. Er glaubte hier eine günſtige Gelegenheit zu finden, aber alle Verſuche, mit Hülfe falſcher Schlüſſel in Gerhard's Zimmer zu dringen, mißglückten. Einmal, wo Kuruſoff Niemand zu Hauſe wähnte— es war an jenem Abend, wo Mr. Lesley ſeine traurige Geſchichte erzählte— entſchlüpfte er ſogar nur mit genauer Noth der Ent⸗ deckung. Von da an ſchmiedete er andere Pläne. Die Abreiſe der Leſtows beförderte dieſelben. Er bezog das mit der Veranda correſpondirende Zimmer und nun kam es es nur darauf an, eine ungeſtörte Stunde zu finden. Einma ſchon glaubte er den Moment erhaſcht zu haben, als Gerhard den Ausflug nach Saxon 417 machte. Kuruſoff wollte mit dem Abendtrain zurück⸗ kehren und die Abweſenheit Gerhard's benutzen, aber auch dieſer verließ das Spielbad zur ſelben Zeit. Das Unternehmen mußte verſchoben werden. Endlich kam die Stunde der Ausführung. Von Rüderichs hatte Kuruſoff Gerhard's Abreiſe erfah⸗ ren, durch Befragen des Stubenmädchens gelangte er zu der Ueberzeugung, daß Gerhard ſich nicht die Zeit genommen habe, irgend etwas einzupacken, daß er ſogar ganz ohne Gepäck gereiſt ſei. Nun fragte es ſich, ob er noch in der Nacht zurückkehren werde. Die Stunden vergingen und Kuruſoff wartete in ſteigender Aufregung. Abends kündigte er dem Wirthe für den nächſten Tag ſeine Abreiſe an und verlangte für den andern Morgen ſeine hochaufgelaufene Rechnung. Er ſicherte ſich dadurch einen unauffälligen Rückzug im Falle des Gelingens. Im entgegengeſetzten Fall war er entſchloſſen, ſich andern Tags fürs Bleiben zu erklären oder noch in der Nacht, mit Hinterlaſſung ſeiner Effecten, das Weite zu ſuchen. Der letzte Zug, den auch Streicher in Gerhard's Zimmer abgewartet hatte, war durch Montreux ge⸗ kommen, Gerhard nicht mit demſelben zurückgekehrt. Der Verſuch konnte gewagt werden. Faſt eine Stunde nach Mitternacht verließ Kuruſoff 7 4 8 1 —— * R ——— fun V— 9 118 ſein Zimmer durch das Fenſter, das nach der Veranda ging, und drückte mit Hülfe eines aufgeklebten Papiers die eine Mittelſcheibe in Gerhard's Fenſter ein, worauf er bequem öffnen und einſteigen konnte. Der Tiſch wurde mit Hülfe eines Nagels leicht geöffnet, das ver⸗ ſchloſſene Portefeuille war in Kuruſoff’'s Händen. Noch zauderte er und ſchwankte, ob er nicht auch den Koffer öffnen ſolle, aber er überlegte, daß ſich in demſelben wohl ſchwerlich noch weiteres Geld befinden dürfte. Er ging daran, die Spuren ſeines Einbruchs zu ver⸗ wiſchen. Schon früher hatte er mit großer Schlauheit Alles ins Werk geſetzt. Geſchickt hatte er eine Scheibe ſeines eigenen Fenſters herausgeſchnitten und daſſelbe mit den Scherben der eingedrückten gethan, an deren Stelle er nun die ganze Scheibe mit friſchem Kitte einfügte, den er ſich zu verſchaffen verſtanden. Die Splitter der zerbrochenen Scheibe ſetzte er dagegen in ſein eigenes Fenſter. Einer davon war unbemerkt zurückgeblieben und Streicher's Fuß hatte ihn tags darauf zertreten. Nun verſuchte Kuruſoff auch die geleerte Lade wieder zu ſchließen. Das Schloß gehorchte nicht, die Spitze des Nagels war abgebrochen und ſtecken ge⸗ blieben. Dies war das Erſte, was Kuruſoff nicht be⸗ hagen wollte, dann beunruhigte ihn weiter der Gedanke, 119 daß er den Fenſterflügel von außen nur anlehnen konnte, was bei aufmerkſamer Unterſuchung des Ge⸗ machs, wie ſie nach Entdeckung des Diebſtahls vor⸗ auszuſetzen war, leicht eine Inzichte werden köonnte. Da kam ihm ein Gedanke blitzartig zu Hülfe. Auf dem Tiſche ſtanden Leuchter mit abgebrannten Kerzen. Papier lag da und auf demſelben waren Zündhölzchen verſtreut, theils verbrannt, theils noch ungebraucht, verkohlte Cigarrenenden und Aſche dabei, wie eben Streicher Alles zurückgelaſſen hatte. Ein Zufall, daß hier kein Unglück geſchehen war. Ein Zufall konnte noch immer nachhelfen. Und ſchon hatte die zitternde Hand das Licht niedergeſenkt, die Zündhölzchen ſprühten auf, die Flam⸗ men züngelten weiter und ergriffen das Papier. Kuru⸗ ſoff floh vor dem hellen Schein wie vor einem Verräther. Auf ſeinem Zimmer angekommen, ſchnitt er, da zu dem künſtlichen Schloſſe kein Schlüſſel paſſen wollte, das Lederportefeuille auf. Er überzeugte ſich, daß das Geld darin lag, und ſchob dann, um ſelbſt bei einer allenfallſigen Unterſuchung gedeckt zu ſein, die Mappe mit Allem an den Ort, wo ſpäter die verrätheriſchen Rückbleibſel gefunden wurden. Es lag nicht in ſeiner Abſicht, das ganze Hotel in Flammen aufgehen zu laſſen, nur alle Spuren ———“ ——:———— ——— 4120 wollte er vertilgen, die auf einen Verdacht führen konnten. Ein Unglücksfall ſollte vorliegen, kein Ver⸗ brechen. Kuruſoff kehrte daher auf die Veranda zurück, er wollte die Fortſchritte des Feuers beobachten und zu rechter Zeit Lärm machen. Der Kapitän kam ihm zuvor. Ehe die Flamme noch das ganze Zimmer ergriffen hatte, wurde das Haus alarmirt und Kuruſoff mußte ſich eiligſt zurück⸗ ziehen. Er verließ ſein Zimmer ſogleich wieder durch die Thür und da er ſich aufs eifrigſte am Löſchen betheiligte, konnte es auch Niemand auffallen, daß er, ſobald die Flamme gedämpft war, die Fenſter auf⸗ riß, um dem Rauch freien Abzug zu gewähren. Kein Verdacht fiel auf den eigentlichen Urheber des Brandes. Streicher war zuletzt in dem Zimmer geweſen; ein leiſes Wort, von Kuruſoff hingeworfen, wendete die Schuld jenem zu, und die leidenſchaftliche Art, in der ſich derſelbe am Morgen darauf ſelbſt ſchuldig bekannte, ließ keinen Zweifel mehr aufkommen. Die That war unübertrefflich gelungen, eine Entdeckung ſchien unmöglich und triumphirende Sicherheit bemächtigte ſich des ſchlauen Verbrechers. Er fand es darum nicht einmal der Mühe werth, ſeinen Namen zu ändern, es ſchien ihm genügend, um jede— ihm freilich undenkbare— Verfolgung abzulenken, 121 jene Scheinabreiſe ins Werk zu ſetzen. Er war nicht weiter als bis Villeneuve gefahren, von wo er das eben abgehende Dampfboot benutzte, um nach Ouchy zu gelangen, wo er knapp vor Tiſche eintraf und Schnetter⸗ beck’'s Nachbar wurde. Während der Ueberfahrt hielt er ſich in der Kajüte des Dampfbootes auf, das im Winter faſt gar nicht benutzt wird. Er war alſo ziemlich ſicher, keinem Bekannten zu begegnen. Das zerſchnittene Portefeuille verſank, nachdem der Inhalt herausgenommen war, in den Wellen des Sees. „Warum gingen Sie nach Ouchy?“ fragte Gerhard. Kuruſoff, der mittheilſamer geworden war, als es bei ſeinem anfänglichen verſtockten Schweigen den An⸗ ſchein gehabt, ſah mißtrauiſch zu dem Fragenden auf. „Ich dächte, Sie wüßten es“, entgegnete er ziſchend. „Die Hexe hat doppeltes Spiel geſpielt.“ Gerhard zitterte und ſeine Kehle ſchnürte ſich zu⸗ ſammen, daß es ihm war, als könne er kein Wort mehr hervorbringen. „Was meint der Kerl?“ rief Streicher, der ſich die ganze Zeit auffallend ruhig verhalten hatte. „Alles Unglück kommt von den Weibern her“, murrte Kuruſoff. „Da hat er Recht.“ Es war ein ſo überaus ſeltener Fall, Streicher Jemand Recht geben und nicht ———A 1 — 8 — 4 122 widerſprechen zu hören, daß es ſogar in dieſem ernſten Augenblicke, wo ſich ſo viel für ihn entſcheiden ſollte, Gerhard auffiel. „Ich war ein Thor, daß ich ſie aufforderte, mit mir nach Paris zu kommen“, ſagte Kuruſoff.„Was ging ſie mich noch an? Was kümmerte es mich, daß ihr Gatte, der kurzſichtige Tölpel, ſich nicht weiter be⸗ trügen ließ und ihr den Abſchied gegeben hatte? Es gibt genug ſchöne Frauen in Paris, was brauchte ich ſie? Was hat ſie ſich von Ihnen bezahlen laſſen, daß ſie mich an Sie verrieth, indeß ſie mir danach eine Warnung ſchickt und ein Rendezvous in Hermance gibt?“ „Was iſt Hermance?“ „Wie, Sie wüßten es nicht? Das Telegramm muß doch in Ihre Hände gefallen ſein. Hermance iſt ein kleiner Hafenort zwiſchen Evian und Thonon. Die Sache war ganz ſchlau berechnet, das Wortſpiel mit ihrem Namen verrieth nichts, aber eins hat ſie doch überſehen und daran iſt ihr ganzer kluger Plan ge⸗ ſcheitert: die Telegraphenſtation. Morges hat keinen Nachtdienſt. Eine Lappalie, die uns verdirbt. Die Oberflächlichkeit der Weiber, die niemals nach dem Rechten ſich erkundigt.“ „Sie ſind im Irrthum“, entgegnete Gerhard, der in höchſter Spannung zugehört hatte,„wenn Sie 123 Madame de Granier meinen, von Ihr haben wir nichts über Sie erfahren.“ „Machen Sie mir das nicht weis! Wer ſonſt ſollte Ihnen geſagt haben, wo ich zu finden ſei? Ich kenne das liſtige Weib, das wohl auch von Ihnen noch ein Reiſegeld zu gewinnen dachte. Der Streich mißlang. Freilich, am Ende hätten Sie froh ſein ſollen“, ſetzte er hämiſch hinzu,„daß ich Ihnen eine ſolche Schwägerin entführte. Sie werden noch bereuen die Summe nicht geopfert zu haben.“ „Der Kerl hat ſchon wieder— Recht“, wollte Streicher rufen, aber er verſchluckte das letzte Wort. Gerhard achtete nicht darauf, er nahm ſich auch nicht weiter die Mühe, Kuruſoff von ſeinem Irrthum abzubringen. Sein Herz klopfte in mächtiger Erregung. „Madame wußte alſo um Ihre That?“ fragte er. Kuruſoff zuckte die Achſeln und lächelte höhniſch dabei. „Geſagt habe ich's ihr nicht“, erwiderte er,„aber klug genug iſt die Schlange, es ſich ſelbſt zuſammen⸗ zurechnen, wenn ſie erſt wußte, daß überhaupt etwas geſchehen ſei. Daß ich plötzlich bei Kaſſe war, hatte ſich ohnehin in Erſtaunen verſetzt.“ Wie mit einem Schlage ein Nebelbild aus der Nacht aufſpringt, ſtand die Erinnerung an den geſtrigen Beſuch auf der Villa vor Gerhard's Seele, jedes Wort, d* F ——— — —— 424 das geſprochen worden war, reproducirte ſein Ge⸗ dächtniß mit peinlicher Treue, jeder Blick, jeder Aus⸗ ruf, jede Bewegung gewann Bedeutung. Er ſah die Ueberraſchung, das Erſchrecken bei ſeiner Mittheilung vom Brande und Verluſte ſeiner Papiere, den Farben⸗ wechſel, die Verlegenheit, er hörte das ſonderbare Zwie⸗ geſpräch der beiden Schweſtern, die halben Worte und unverſtändlichen Wendungen wieder, und es war klar, Madame de Granier hatte ſogleich die richtige Spur gefunden. Sie hatte einen Moment vielleicht ſogar die Abſicht gehabt, das Geheimniß ihm zu verkaufen. Sie kannte es, als er noch ahnungslos an einen Un⸗ glücksfall glaubte, ſie kannte es und hatte geſchwiegen. Sie allein? Nicht auch Adrienne? Gerhard bebte zuſammen, wie unter der Wucht eines furchtbaren Schlags. „In welchem Verhältniſſe ſtehen Sie zu jener Frau?“ ſagte er. „Ich begreife, Sie wollen Notizen einziehen über Familienverhältniſſe, die Sie ja ſehr nahe angehen“, erwiderte der Ruſſe ſarkaſtiſch,„aber Sie erlauben, daß ich über Privatangelegenheiten ſchweige.“ „Lächerlich!“ brummte Streicher, der ſich von dem Alten einen Verband hatte anlegen laſſen.„Sag' dem Kerl, was wir von ihm wiſſen. Die Maskerade hat ein Ende.“ 125 „Was zwiſchen der Metamorphoſe aus dem Croupier Poninski in einen Herrn und ſogar Grafen von Kuruſoff liegt, wiſſen wir“, ſagte Gerhard.„Ich möchte etwas aus jener Epoche erfahren, wo ſich das Verhältniß anknüpfte und die den Kammerdiener Iwan in einen Onkel Fiſcher verwandelte.“ Kuruſoff's Antlitz drückte nacheinander Staunen, Beſtürzung, aufflammenden Zorn und Haß aus. „Die Schlange hat Ihnen alſo Alles verrathen?“ kreiſchte er.„Nun warum denn nicht auch zugleich, wie ſie mit Graf Orloff aus dem Hauſe ihrer Aeltern da⸗ vonlief, wie ſie ſeine Maitreſſe war und, als ſein Tod unglücklicherweiſe in einem Moment erfolgte, wo unſere Kaſſe ziemlich geleert war, die wenigen werthvollen Effecten beiſeite brachte, eine Komödie ſpielte, bei der ich ihr behülflich ſein mußte, und endlich mit Hülfe eines gefälſchten Trauſcheins Monſieur de Granier betrog und in ihr Netz lockte? Sie glaubt mich jetzt nicht mehr zu brauchen und mich verrathen zu dürfen, weil ihr Mann ſie verlaſſen hat und ſie nicht mehr fürchtet, daß er ſie erwürgen würde, wenn er die Fälſchung entdeckte. Ah, ich begreife, ich begreife, Sie haben Ihr alſo eine hohe Summe gezahlt, für die mich die Elende verkaufte. Aber ſie ſoll zittern!“ Es lag ein furchtbarer Ausdruck von Wildheit in —— —yyy—— —q— 126 ſeinen Augen, im tonloſen Kreiſchen ſeiner Stimme, in ſeinem convulſiviſch zuckenden Antlittze. Gerhard aber ſchien von alledem nichts zu be⸗ merken. Die Enthüllungen kamen ſo plötzlich, ſo weit über das Gefürchtete hinausragend, daß er kaum die eigene Aufregung zu beherrſchen vermochte. Seine Frage war mehr ein Stammeln als ein Sprechen. „Und ihre Schweſter weiß dies Alles?“ „Was kümmert mich die Natternbrut?“ knirſchte Kuruſoff.„Fragen Sie ſie ſelbſt— Ihre Braut. Von mir wenigſtens weiß ſie, wer ich bin, denn ſie hat mich mit meinem Herrn im Hauſe ihres Vaters ge⸗ ſehen, und ſie ſtand geſtern dabei, als ich ihrer Schweſter den Antrag machte, mit mir zu gehen. Die alte Schlange ſtellte es ihr frei, mit nach Paris zu reiſen oder einen Antrag anzunehmen, der ihr von anderer Seite gemacht worden war. Sie waren ja davonge⸗ reiſt in einem Anfalle von Eiferſucht oder dergleichen. Aber nein, ich glaube gar nichts mehr. Eine Komödie hat man mir vorgeſpielt, weiter nichts. Man hat mich verrathen und ſich den Verrath bezahlen laſſen. Aber noch iſt nicht aller Tage Abend!“ Grollend verſtummte der von dem vermeintlichen Verrath ſeiner Spießgeſellin tief aufgebrachte Schurke. ſter alte ſen erer 127 Gerhard war wie erſtarrt, ſein Herzſchlag ſtockte. Wie ſeine Gedanken nach der Villa in Montreux ſchweiften, ſo wandte er auch ſein Antlitz dem Ufer zu. Er wußte nicht, wie es kam, daß ihm eine pein⸗ liche Erinnerung gerade jetzt vor Augen trat. Er mußte jenes Augenblicks gedenken, wo er im Ueber⸗ muth des Glücksrauſches Adrienne ſo raſch und um einen momentanen Triumph zu feiern, dem Neben⸗ buhler als ſeine Braut vorgeſtellt. Das Blut wallte jetzt um ſo heftiger in ihm, Schamröthe glaubte er auf ſeinen Wangen glühen zu fühlen. Wie ein blutig Gepeitſchter mit zuckenden Nerven einem neuen Geißel⸗ ſchlage entgegenſieht, ſo meinte er jetzt und jetzt ein Wort aus Streicher's Munde vernehmen zu müſſen, eins jener unbarmherzigen, höhniſchen Worte, wie ſie auch die treueſte Freundſchaft in der ſchadenfrohen Grauſamkeit des Siegesgefühls nicht zu erlaſſen pflegt und wie eine Sonde in die ſchmerzhafte Wunde drückt, ehe der Balſam des Troſtes und der Theilnahme ge⸗ ſpendet wird, als müßte der Getroffene früher noch zum vollen Bewußtſein ſeines Elendes kommen, um danach den Werth echter Freundſchaft ganz ermeſſen zu können. Streicher aber, der ſchlagfertige Widerſpruch, der bittere Sarkasmus, die ſcharfe Rückſichtsloſigkeit in F — —— —ö—— —— 2 ——— — ———— .— 5 4 — 128 Perſon, ſchwieg. Kein Wort der triumphirenden Rechthaberei, keins jener„Hab' ich's nicht geſagt!“ oder „Wer nicht hören will, muß fühlen!“ ließ ſich ver⸗ nehmen. Der Freund, den Gerhard ſo oft ſchon läſtig, in letzter Zeit ſogar unerträglich gefunden hatte, ent⸗ wickelte einen Takt des Herzens, der bewies, wie tief er das ungeheure Weh mit empfand oder doch zu würdigen wußte, das ein Gemüth wie das Gerhard's nach ſolchem Blick in den grell aufflammenden Lichtſchein der Wahrheit erfaſſen mußte. So ſaßen die drei eine geraume Weile ſtumm, als plötzlich ein mächtiger Windſtoß von Südoſt her über den See fegte. „NVoilà le Bornand!“ rief Gingolphe, der ſchon ſeit längerer Zeit mit dem alten Schiffer kurze Worte getauſcht hatte, während ſie beide wiederholt beſorgte Blicke nach dem Himmel und den dort brauenden Wolken geworfen hatten. Der Windſtoß war nur ein Signal geweſen, der Piqueur, der dem mächtigen Sturme vorherritt, welcher nun mit furchtbarem Ungeſtüm unverſehens, wie aus einem Hinterhalte, aus den Schluchten der ſavoyiſchen Alpen hervorbrach. Die Windſtille war nur ein Ueber⸗ gang geweſen, der gleichſam das Feld für die Rückkehr der wilden Jagd ebnete, die nun mit Toſen und Heulen 429 über die Wogen dahinzog. Tiefer wurden die Waſſer⸗ furchen aufgeriſſen, der aufgepeitſchte Schaum ſchien ſich mit den immer tiefer ſinkenden Wolken vermählen zu wollen, um als eine jener gefährlichen Waſſerhoſen, im raſenden Wirbel Alles begrabend, hinzutanzen, ein wilder Brautreigen der entfeſſelten Elemente. Die Schiffer waren aufgeſprungen, auch Gerhard durfte nicht dem ſeiner Stimmung harmoniſchen Brauſen des Sturms lauſchen, die Gefahr des Augenblicks ver⸗ langte gebieteriſch das Aufgebot ſeiner Kraft. Die Ruder mußten auf Backbord vertical in das Waſſer geſtemmt werden, damit das leichte Fahrzeug nicht um— ſchlug und nicht zu weit gegen Weſten abgetrieben wurde. Niemand hatte jetzt einen Blick für den Ruſſen, Niemand gewahrte, wie er das große Fiſcherboot immer näher und näher heranzog. Der Einzige, der auf ihn hätte achten können, Streicher, lag in Fieber⸗ ſchauern auf dem Boden des Kahns; die Aufregung, der Blutverluſt, die Kälte hatten ihn zuſammen⸗ gerüttelt. Eine ungeheure Woge hob das große Boot jetzt auf ihren Rücken und ſchleuderte es mit Macht weſt⸗ wärts in einen Abgrund. Wie eine Nußſchale flog das kleine Boot nach, indeß es ſich gleichzeitig trotz der eingeſtemmten Ruder zur Seite legte. Es drohte zu Byr, Nomaden. V. 9 ———A ——————————— 4 130 kentern, ein Strom von Waſſer ergoß ſich in daſſelbe, ſodaß Streicher ſich plötzlich aufrichtete. „Wir ertrinken ja!“ kreiſchte er auf. „Das Boot, das große Boot!“ ſchrie Gerhard, den Ausruf der beiden Schiffsleute wiederholend. „Es reißt uns um! Kappen Sie das Tau! Raſch das Tau!“ Und wieder legte er ſich mit ganzer Kraft ins Ruder, denn eine neue Welle hob das Schiff, deſſen Achter vom großen Fiſcherboot leewärts geriſſen wurde, und eine große Woge, höher als alle frühern, ſchwoll näher und näher heran, noch ein Zug am Steuer und der Kahn war mit Waſſer gefüllt oder ſchlug um. Da, als er ſich ſchon auf der Woge zu heben be⸗ gann, flog er mit einem Mal leicht in die Höhe, ſchaukelte ſich einen Moment auf der Spitze und ſank dann ſanft und graziös wieder hinab. Die Schnur, welche ihn ſo gefährlich mit dem unregierten, ſchwerfälligen Fiſcher⸗ boote verbunden hatte, war durchſchnitten. Das große Boot trieb nun frei und raſch nach Nordweſten, in demſelben kauerte, feſtgeklammert an den Rippen, Kuruſoff. Ein kühner Schwung, in der Todesverach⸗ tung der Verzweiflung gethan, ehe er das Tau kappte, hatte ihn glücklich hinübergebracht. Gingolphe war der erſte, der ihn bemerkte. — 131 „Haltet ihn, er entflieht auf meinem Schiffe!“ ſchrie er, ſelbſt das Toſen des Sturms übertönend. Ein Moment der Betroffenheit überkam alle. Streicher erhob ſogar die ungeladene Piſtole des Flüchtlings; dann rief er: „Wie willſt Du ihn halten? Lächerlich! Greif doch zu!“ „Laßt ihn“, ſagte Gerhard,„er hat uns vielleicht das Leben gerettet.“ „Und das ſeine ſteht in Gottes Hand!“ ſetzte der Alte feierlich hinzu. Der Kahn gehorchte wieder dem Ruder, immer weiter und weiter trieb das große Boot im Sturme ab. Keine Bewegung, kein Laut verrieth, was in der Seele des flüchtigen Verbrechers vorging. War es ein Stoß⸗ gebet, das in dieſer ernſten Stunde über ſeine bebenden Lippen ging, oder ein Fluch, das Wort verhallte im wilden Toſen der aufgeregten Natur. 1 ———PPV— —..i— ——qi Fünftes Kapitel. Mit blutendem Herzen. Am ſelben Tage, kurz vor der Mittagsſtunde, ſtand Madame de Granier mit ihrer gleichfalls vollkommen zum Ausgehen gekleideten Schweſter im Salon der Villa. Sie ſah ſich nochmals um, ob ſie nichts ver— geſſen habe, vielleicht auch um Abſchied zu nehmen von dem Raum, in welchem ſie die letzten Jahre ohne Sorgen um den künftigen Tag, nicht ſelten in Jubel und Genuß verlebt. Sie war bereit, ihn für immer zu verlaſſen. Tags zuvor ſchon hatte ſie ihre Reiſevorbereitungen be⸗ gonnen. Mit dem erſten Zuge, ſo hatte ſie es verab⸗ redet, ſollte ſie heute nach Lauſanne abreiſen, um von da mit Kuruſoff die Reiſe nach Paris fortzuſetzen. Da war am Abend zuvor das Telegramm von Kuru⸗ 133 ſoff eingetroffen, worin er ihr mittheilte, daß er durch eine Begegnung veranlaßt ſei, Ouchy zu räumen. Er gedenke mit ihr in Morges zuſammenzutreffen. Der Umweg war kein bedeutender, denn ohne Lauſanne nochmals zu berühren, konnte man von Morges die Route, die man größerer Sicherheit halber gewählt hatte, über Coſſonay, Yverdon und von da nach Pontarlier einſchlagen. Abends jedoch erſchien Graf Hilmersdorf auf der Villa. Madame de Granier wollte ihn anfangs gar nicht vorlaſſen, ſie nahm ihn aber zuletzt doch an,„um den letzten Abend nicht in langweiligem téte-à-téte mit ihrer tugendhaften Schweſter zuzubringen“. Der Graf kam, um ein wenig über ſeine Einbe⸗ rufung zu jammern, zugleich aber auch die neueſte Neuigkeit, die von Schnetterbeck ihren Weg zu Rüderichs und von da raſch weiter gefunden hatte, zur Kenntniß der Damen zu bringen. Hatten ja auch ſie ſich nach ſeiner Meinung gleich allen Andern von dem abgefeimten Gauner düpiren laſſen, der, nicht zu⸗ frieden, ſeine ſtille Thätigkeit mit einem ſo geſchickten Einbruch zu beenden, auch noch Monſieur Germain mit allen ſeinen Gäſten zum Flammentode zu verurtheilen vorhatte. „Denken Sie, und in ſolcher Geſellſchaft bewegt —————V——— man ſich hier in der Fremde!“ hatte Graf Hilmersdorf entrüſtet ausgerufen, ohne die auf ihn ſelbſt zurück⸗ fallende Ironie zu fühlen.„Die Leſtows, jener Glück⸗ ſtadt, dieſer Kuruſoff— nichts als Abenteurer, Gauner und Spieler! Das kann einem daheim doch nicht paſ⸗ ſiren, da weiß man wenigſtens, mit wem man umgeht.“ Die Nachrichten, welche der Graf gebracht, hatten Madame de Granier ſehr aufgeregt. Ihr ganzer Reiſe⸗ plan war ja in Frage geſtellt. Sie mußte Kuruſoff warnen; ſo bat ſie den Grafen, ſie nach dem Tele⸗ graphenamt zu begleiten. Graf Hilmersdorf erbot ſich, das Telegramm ſelbſt zu beſorgen, aber Madame ſpielte eine kleine Komödie und that, als gälte es gewiſſe intereſſante Geheimniſſe vor ſeiner Neugierde zu be⸗ wahren. So machte ſie noch ſpät abends den Gang nach dem Telegraphenbureau. Kuruſoff hatte vollkommen richtig verſtanden. Her⸗ mance, auf ſeine Schlauheit rechnend, bezeichnete gerade den unſcheinbaren Ort am andern Ufer des Sees, weil die Gleichheit des Namens mit dem Ihrigen ſelbſt einer gerichtlichen Nachforſchung keinen Anhaltepunkt bot. Waren die Spuren des Flüchtlings einmal verwiſcht, ſo konnte die Reiſe ganz bequem und in aller Sicher⸗ heit fortgeſetzt werden. Schon mit dem erſten Schiffe am Morgen hatte ſie aach Evian abzureiſen beſchloſſen. . 4 — 135 Der furchtbare Sturm, der ſich in der Frühe erhoben hatte, ſchreckte ſie zurück. Bei ſolchem Wetter ſtellen die Dampfboote überdies ihre Fahrten ein, und ſich in einem Boote auf den empörten See zu wagen, dazu lag noch keine Veranlaſſung vor. Kuruſoff konnte ja warten. Der Sturm hielt ſelten länger als einige Stunden an. Im Laufe des Vormittags hatte er ſich auch be⸗ ſänftigt, der See ſich wenigſtens ſo weit geebnet, daß das Dampfboot ſeine Linie wieder aufnehmen konnte. Madame beſchloß abzureiſen. Adrienne ſollte ſie noch bis an den Landungsplatz begleiten. Draußen vor dem Gartenthore hielt der Wagen, auf welchen die Magd ſo eben mit Hülfe des Kutſchers einen großen Koffer und einige kleinere Taſchen verpackte. Hermance ließ beinahe Alles zurück. Die Möbel gehörten zwar nicht ihr, aber auch ihre Toiletten hatte ſie zum Theil groß⸗ müthig der Schweſter überlaſſen; ſie ging ja nach Paris. Wer mag Eulen nach Athen tragen? „Siehſt Du, Du wirſt es hier ganz hübſch haben“, tröſtete ſie ihre Schweſter mit einer Art von theils gut⸗ müthigem, theils ſchelſüchtigem Spott,„ganz hübſch unter der Obhut der Tante. Haha, die Tante! Sieh doch, ſogar die laſſe ich Dir zurück, ich frage nicht mehr nach dem Anſtande. Je me fiche de ces ba- 4 V 1 4 V ——— 136 gatelles, moi! Du wirſt es ganz beyaglich haben, das heißt, Du könnteſt, wenn Du geſcheidt wärſt, bis Dich zartes Täubchen Dein Bär aus dem Neſte holt. Der Filz, der mir nicht einmal ein Reiſegeld bezahlen wollte und dem Du kleines Aeffchen beinahe noch das un⸗ freiwillig bezahlte ſammt meinem Reiſekaſſirer ausliefern wollteſt!“ „Gerhard hat gedroht, mich für immer zu verlaſſen, wenn er entdeckt, daß ich eine Unwahrheit geſagt oder ihm etwas verſchwiegen habe“, entgegnete Adrienne kleinlaut. Sie war gedrückt und unruhig. „Allons! Als ob das nicht alle ſagten! Dieſe Männer, die uns für ihre Sklaven halten, die immer Aufrichtigkeit verlangen und immer voll Geheimniſſe ſtecken, große Worte machen und klein in ihren Handlungen ſind, uns jede kleine Untreue zum Ver⸗ brechen anrechnen— hélas! als ob man ein Herz von Marmor hätte— und uns doch dabei fortwährend hin⸗ tergehen, dieſe Männer, ich haſſe ſie eigentlich, aber was will man machen! Man muß ſich eben den Dingen anbequemen, wenn man nicht ins Kloſter will. O, Du wirſt einmal an mich denken, ich habe es gut mit Dir gemeint und Dir meinen Rath nie vorenthalten. Hätteſt Du mir gefolgt, aber Du willſt lieber dieſem deutſchen Bären in ſeine Höhle folgen. Bon voyage! Ich gehe nach Paris! Bin ich fort, kannſt Du ſprechen, ſoviel Du willſt. Du wirſt alle Schuld auf mich werfen. Ich der Dämon und Du das liebe Kind!“ In dieſem Momente, wo Hermance eben im Be⸗ griffe ſtand, auf die Thür zuzugehen, öffnete ſich die⸗ ſelbe und die„Tante“ trat ein. „Monſieur Strandau will durchaus die Damen ſprechen“, ſagte ſie etwas verwirrt. „Wie, er iſt zurück?“ ſtieß Madame betroffen her⸗ vor.„Aber haſt Du nicht geſagt, daß ich reiſe? Ich habe keine Zeit.“ „Doch jedenfalls noch ſo viel“, ſagte Gerhard,„um ein paar Worte mit anzuhören, die Ihren Reiſeplan vielleicht ändern.“ Er hatte die Alte zur Seite geſchoben, um in den Salon zu gelangen. Sein Auftreten verkündete nichts Gutes. Die er⸗ ſchreckliche Bläſſe ſeines Geſichts, die düſter gefaltete Stirn, der kalte Blick und Ton, ſogar die vernach⸗ läſſigte Toilette zeigten, daß in ihm etwas vorgegangen ſei. Der furchtbare Ernſt eines eiſernen Entſchluſſes lag in ſeinem Weſen und eine Ahnung ſagte Adrienne, welcher Art derſelbe ſei. Sprachlos, zitternd ſtand ſie da wie ein Marmorbild, alles Blut war ihr zum Her⸗ zen geflohen, das ſeine Functionen auszuſetzen drohte. 1 8 b 4 — 138 Nur ihre Augen ſchienen noch zu leben, ſie waren weit geöffnet und mit dem Ausdruck dumpfen Schrecks auf Gerhard gerichtet. Wie der Sturm ihn aus ſeinen Träumen empor⸗ riß und ſeine ganze Thatkraft weckte, ſo hatte auch der Sturm, der durch ſeine Seele tobte, alles krankhafte Zagen hinweggefegt, und klar lag, was ihm zu thun blieb, vor ihm, als das Boot endlich ohne Unfall glücklich in den Hafen von Morges zurückgelootſt war. Von Kuruſoff und dem Fiſcherboote hatte man nichts mehr geſehen. Gerhard entſchädigte Gingolphe für den Verluſt des letztern. Ohne ſich länger aufzu⸗ halten, als unumgänglich nöthig war, hatte er mit Streicher, der durchaus nicht zurückbleiben wollte, ſo⸗ dann die Rückreiſe angetreten. Es wurde während der Fahrt wenig geſprochen zwiſchen den Freunden. Streicher hatte mit ſeinem Unwohlſein zu kämpfen, Gerhard lebte alles Vernom⸗ mene wieder und wieder durch, und die zornige Auf⸗ regung, in die ihn anfangs der Gedanke verſetzt hatte, das Opfer einer ſolchen Täuſchung zu ſein, klärte ſich allmälig zu tiefem Schmerz und unerſchütterlicher Feſtigkeit. Sein Unwillen verwandelte ſich in die Er⸗ kenntniß, daß hier eine ſchöne lockende Frucht ſchon von der Fäulniß angegriffen ſei. Der großmüthige 139 Plan ſeines Rettungswerkes erſchien ihm jetzt wie der Traum eines überſpannten Thoren. Hier kam jede Hülfe zu ſpät, der Verſuch, die dem Abgrund Verfallene zurückzuhalten, hätte nur ihn ſelbſt mit hinabgeriſſen. Die Trennung war unvermeidlich und ſie mußte ſogleich vollzogen werden. Damit aber kein Zweifel an der Unwiderruflichkeit aufkommen könne, wollte er nicht wieder brieflich ſeine Gründe und Anſichten aus⸗ einanderſetzen. Einmal ſchon hatte er geſchrieben und doch war er dann ſelbſt wiedergekommen, nachdem die Ruhe bei ihm eingekehrt war. Ein neuer Brief konnte vielleicht für den abermaligen Ausfluß einer heißen Aufwallung gelten; es ſollte Niemand durch eine falſche Hoffnung irregeführt werden. Direct vom Bahnhof ging er nach der Villa. Es war in ihm ruhig, wie nach dem Sturme in der Natur, und dieſe Ruhe eben ließ ihn Adrienne unheimlich wie ein Geſpenſt er⸗ ſcheinen. „Madame“, ſagte er,„wollen Sie Ihre Dienerin bedeuten, daß Sie das Zimmer verläßt.“ Er wartete, bis die falſche Tante ſich entfernt hatte. „Sie waren geſtern Abend nicht bei uns“, be⸗ gann Madame unſicher mit einem ziemlich verunglückten Verſuch ihren Gleichmuth zu beweiſen.„Sie vernach⸗ läſſigen Ihre Braut, Gérard, Sie gewöhnen ſich dieſe 4 —A V q 140 plötzlichen kleinen Reiſen an, die ganz geeignet ſind, Eiferſucht zu erwecken. Wäre ich Ihre wenig beneidens⸗ werthe Braut, ich würde Sie fragen, wo Sie ge⸗ weſen.“ „Die Frage wäre überflüſſig“, erwiderte Gerhard kalt,„da Sie davon, wie ich denke, ziemlich genau unterrichtet ſind. Ein Beweis dies Blatt Papier.“ Er überreichte bei dieſen Worten das Telegramm, welches er am Morgen in Kuruſoff's Zimmer gefunden hatte. Hermance ſchlug das Blatt auseinander, aber ſie hatte nur einen Blick darauf geworfen, als ſie unter ihrer Schminke erblaßte. „Wie kommt dies in Ihre Hände?“ fragte ſie. „Der Flüchtling hatte es in der Eile zurückge⸗ laſſen. Ueber die Aufklärung, die mir daraus gewor⸗ den, glaube ich füglich hinweggehen zu können. Sie haben mit einem Diebe, mit einem Einbrecher und Brandleger unter einer Decke geſpielt. Ich erwähne das nur, um Ihnen zu ſagen, Madame, daß ich es unterlaſſe, Sie der Criminaljuſtiz auszuliefern, wie Sie es verdient haben.“ Hermance ſchreckte zuſammen, aber ſie faßte ſich ſogleich wieder. Sie brauchte ja nichts mehr zu be⸗ fürchten, und mit der rückkehrenden Sicherheit ſtente ſich die Entrüſtung des beſchränkten Weibes ein. „Wie?“ rief ſie.„Sie wagen auch noch zu drohen, einer Dame zu drohen? Man ſieht, Sie haben in Ihren deutſchen Wäldern keine Erziehung genoſſen, ſonſt würden Sie ſich nicht benehmen wie ein Holz⸗ fäller. Wie können Sie behaupten, daß ich mit einem Diebe im Einverſtändniſſe war? Wenn ich auch er⸗ rieth, was geſchehen war, ſo hatte ich doch keine Ver⸗ pflichtung, es Ihnen zu verrathen. Dennoch hätte ich es Ihnen geſagt, wenn Sie kein ſolcher Filz geweſen wäven. Mir das Reiſegeld abzuſchlagen— fi done! Abſcheulich! Nicht eine Ader von Großmuth! Ich wollte nach Paris, Sie wollten nicht bezahlen— eh bien, ich ſchwieg und dachte, es ſei gleich, ob ich ſo oder ſo mit Ihrem Gelde veiſe. Abey“, unterbrach ſie ſich,„ich er⸗ innere mich, daß ich Eile habe. Der unſelige Bor nand! Ich wäre ſchon längſt fort und es wäre mir dieſe angenehme Begegnung erſpart geblieben. Sie werden verzeihen, Monſieur“, ſetzte ſie mit einem tiefen ſpöttiſchen Knix hinzu,„daß ich mich entferne und Sie als Herrn des Terrains zurücklaſſe.“ „Solche Eile thut kaum noth“, entgegnete Ger⸗ hard nicht ohne einen Anflug von Ironie.„Sie dürften jedenfalls die erſte am Orte des Rendezvous ſein.“ „Was ſagen Sie? Was wiſſen Sie von Kuru⸗ ſoff? Wo iſt er?“ . 4 — ———‧“ 142 „Das kann ich Ihnen nicht ſagen. Vielleicht todt, vielleicht am Leben, Gott weiß es, ſicherlich aber zur Stunde nicht in Hermance.“ „Wie, Sie wiſſen—“ ſtammelte Hermance. „Daß Sie Iwan Kuruſoff, dem einſtigen Kammer⸗ diener Ihres Entführers, ein Stelldichein gegeben haben, um unter der Obhut Ihres Onkels Fiſcher, des Crou⸗ piers Poninski oder ſonſt einer mythiſchen Perſon weiter nach Paris zu gehen.“ „Ah, le miserable!“ ſtieß Madame de Granier einen wilden Schrei aus. Das ihr zum Kopfe ſtrö⸗ mende Blut wurde ſelbſt durch die dichte Lage Reis⸗ mehl hindurch ſichtbar und ihre kleinen Hände ballten ſich zu vollen runden Fäuſten.„Der Elende, er hat mich verrathen! Was haben Sie ihm dafür bezahlt?“ Gerhard fiel die Frage auf; es war dieſelbe, welche Kuruſoff zuerſt ausgeſprochen hatte. Sie drückte die Meinung aus, welche dieſe beiden durch Niedrigkeit und Verbrechen verbündeten Charaktere von einander hatten. Adrienne war zu einem Stuhl gewankt und hatte ſich halb beſinnungslos auf denſelben ſinken laſſen. „Ich pflege für ſolche Geſtändniſſe nicht zu be⸗ zahlen“, erwiderte Gerhard.„Kuruſoff hat ſie ge⸗ macht, nachdem es uns gelungen war, ihm ſeinen Raub wieder abzujagen und zwar mit Gefahr unſeres Lebens.“ „Ah, hätte er Sie doch getödtet!“ knirſchte Her⸗ mance, und ohne auf den ſchmerzlichen Aufſchrei ihrer Schweſter zu achten, fuhr ſie fort:„Oder ſich ſelber, ehe er zum Verräther wurde, der Nichtswürdige! Das war der Dank für meine Warnung; das war der Dank von ihm, daß er von mir Geld erhielt und daß ich ſein Geheimniß bewahrte. O, er ſoll mir in die Hände fallen, der Schurke!“ Es war ein widerliches Bild, dieſes Weib, das ſich gleich einer Furie geberdete, Gerhard wendete den Blick ab, ſein Auge fiel auf Adrienne. Nichts milderte den tiefen Ernſt in ſeinen Zügen, nur der Ton ſeiner Stimme klang jetzt weniger kalt als traurig. „Ich habe nur noch ein Lebewohl zu ſagen“, ſprach er.„Lebe wohl, Adrienne!“ Von jähem Schreck erfaßt fuhr die Angeredete empor. „Gerhard!“ rief ſie mit einem durchdringenden Jammerlaut und warf ſich ihm an die Bruſt, wo ſie ihr glühendes Antlitz barg. Ein leiſes Beben ging durch die kräftige Mannesgeſtalt, ſeine Augen ſchloſſen ſich einen Moment, dann war Alles wieder feſt an ihm; ſachte, aber mit Entſchiedenheit löſte er die Arme, — ℳ,A —— — 144 die ſeinen Hals umſchlangen, und trat einen Schritt zurück. „Du haſt ſelbſt entſchieden“, ſagte er dumpf.„Ich habe unſere Zukunft in Deine Hand gelegt, Du haſt die Trennung gewählt.“ „Ich? Nimmermehr!“ „Jawohl Du. Die Aufrichtigkeit habe ich zur erſten und Hauptbedingung unſerer Verſöhnung gemacht, Du haſt ſie nicht eingehalten.“ „Was reden Sie da?“ mengte ſich Madame de Granier ein.„Sie wußte gar nichts, wie hätte ſie etwas ſagen ſollen?“ 90 „Verleiten Sie ſie nicht neuerdings zu einer Lüge“, entgegnete Gerhard,„die doch zu nichts führt. Die Sachen liegen klar. Adrienne hat jenen Kuruſoff ſchon in Thun gekannt.“ „Und wenn!“ fuhr Hermance auf.„Sollte ſie etwa ihre Schweſter bloßſtellen und mich verrathen? Was für ein ſonderbares Verlangen, daß man Alles ſagen muß, was man weiß! Man hat ja doch auch ſeine Geheimniſſe. Das ſind merkwürdige Anſichten. Sie thun ja gerade, als ob Sie ein Gott aus Indien wären, der ſich herabläßt zu einer Sterblichen!“ „Ich denke, Madame, Sie verzichten darauf, eine fremde Sache zu führen. Ich habe mit Ihnen weiter 145 nichts zu thun. Du aber, Adrienne, weißt, was ich Dir geſtern ſagte. Ich habe Dich beſchworen, mir die Wahrheit zu geſtehen, und ich habe Dir geglaubt. Du konnteſt nicht meinen, daß in meinen Worten nicht der vollſte, ſchwerſte Ernſt liege. Ich bin heute ſelbſt ge— kommen, um Dir zu zeigen, daß es auch heute keine Laune iſt, was mich ſo handeln läßt, wie ich es zu thun entſchloſſen bin. Nicht um Dir Vorwürfe zu machen, bin ich hier, ſie ſind nur dort am Platze, wo ſie ändern, beſſern ſollen. Zwiſchen uns ſteht Alles un⸗ verbrüchlich feſt, Du haſt entſchieden— lebe wohl!“ Wie eine Verbrecherin, die den Schlag des Richt⸗ ſchwertes erwartet, hatte Adrienne ihr Haupt geſenkt, Thränen liefen über das blaſſe ſchöne Geſicht und die Hände hielt ſie wie zum Gebete gefaltet. „O Gerhard“, flehte ſie,„ich will Alles, Alles ſagen, ich will Dir nichts verſchweigen, jetzt nicht und niemals. Ich wollte Dir ja auch Alles ſagen, nur die Scham, die Furcht, meiner Schweſter zu ſchaden, hielt mich zurück. Du ſelbſt haſt ja geäußert, daß Dir der Verluſt nicht ſehr empfindlich ſei, und nun—“ „Das iſt er auch nicht“, fiel Gerhard, verletzt durch dieſe Anſpielung, ein, die ihm bewies, daß ſeine Auffaſſungsweiſe des Vorgefallenen noch immer nicht begriffen worden ſei.„Weiß Gott, mein ganzes Ver⸗ Byr, Romaden. V. 10 4 3 V 4 4 146 mögen wollte ich geben, wenn ich mir damit den Glauben an Dich zurückkaufen könnte! Ich würde ſchaffen für Dich und keine Arbeit ſcheuen und ich wäre glücklich mit Dir in Armuth und Gedrücktheit. Du aber biſt unwahr geweſen gegen mich, mehr als ein⸗ mal! Auf die Lüge läßt ſich kein Glück bauen.“ „Aber ich will ja Alles, Alles ſagen! Gerhard, ſei wieder gut! „Zu ſpät!“ verſetzte Gerhard mit Bitterkeit. Un⸗ willkürlich hatte er ſich zu lebhafterer Erörterung hin⸗ reißen laſſen, als er anfangs die Abſicht gehabt.„Das Band des Vertrauens zwiſchen uns iſt für immer zer⸗ riſſen. Ohne Vertrauen iſt die Ehe eine Hölle. Ich hätte keine ruhige Stunde mehr im Leben und Du auch nicht. Immer würde ich mich hintergangen wähnen, immer auf Deiner Stirn, in Deinen Augen ein Ge⸗ heimniß zu leſen ſuchen. Jedes Wort, jede Bewegung würde ich mißdeuten. Eine Verſtimmung Deines Or⸗ ganismus würde mich erzittern machen, wie ein Aus⸗ bruch Deiner Zärtlichkeit; in jenem ſähe ich ein Er⸗ kalten, in dieſem vielleicht die Abſicht, mich es nicht merken zu laſſen. Jeder Scherz würde in meiner Phantaſie zum Deckmantel eines Geheimniſſes, jedes effene Wort zur feinen Berechnung. Ich könnte nie mehr an Deine Wahrhaftigkeit glauben, immer ſtände das 147 Geſpenſt der Lüge zwiſchen uns und mit meinem Miß⸗ trauen würde ich Dich wie mich quälen. Das ganze Leben wäre eine fortgeſetzte Furcht vor Täuſchung und meine Liebe gliche in ihren Aeußerungen und in ihren Wirkungen mehr dem Haß als der ſeligſten Empfin⸗ dung des Menſchenherzens. Du und ich, wir können einander kein Glück mehr ſchenken, der Becher, aus dem wir gemeinſam tränken, enthielte Gift!“ „O rede nicht ſo, Gerhard, Du zepreißeſt mir das Herz!“ klagte Adrienne. Sie war wieder auf ihn zu⸗ getreten, ſie hatte ſeine Hände erfaßt, und da er ſie ihr entziehen wollte, hielt ſie dieſelben mit Gewalt feſt. „Du haſt mich geſtraft, aber ich will nichts dagegen ſagen; wenn Du meinſt, ich verdiene es, ſo ſtrafe mich nmoch hävter, züchtige mich, ſchlage mich, tritt mich, aber laß es dann genug ſein. Ich will nicht murren, ich will Alles, Alles hinnehmen, aber verlaſſe mich nur nicht.“ Gerhard ſchüttelte leiſe und langſam den Kopf, ein ſchmerzliches Lächeln lag auf ſeinen Lippen, indeß er ſagte: „Es iſt keine Strafe, die ich über Dich verhänge; was wäre das für eine Strafe, die mich ſo hart trifft wie Dich vielleicht härter“, ſetzte er beinahe unver⸗ Es iſt ein Ver⸗ 10⁰ ſtändlich hinzu. Lauter ſchloß er: / F 4 ———— 148 hängniß, das uns trennt. Mancher vielleicht iſt minder ſtreng als ich, Mancher nähme, was geſchah, nicht ſo ſchwer auf und dächte nicht an die Zukunft, nur um ſein augenblickliches Verlangen zu ſtillen in Deinem Be⸗ ſitze. Es iſt eine unglückliche Fügung, die gerade uns beide zuſammengeführt; vielleicht iſt's Schwerfälligkeit, vielleicht bin ich philiſterhaft, aber wie ich denke, ſo denke ich, zu ändern vermag ich's nicht. Daß Du anders denkſt, iſt es eben, was keine Uebereinſtimmung zwiſchen uns möglich macht. Ich ſehe in der Ehe eine Reihe von Pflichten gegen mein Weib, gegen— meine Kinder. In einer Verbindung mit Dir würde ich ſie nicht erfüllen können. Von Dir zu gehen iſt ein Ge— bot des Verſtandes, ich wäre ein Feigling, wenn ich den Gehorſam verweigerte; ich müßte mich ſelbſt ver— achten!“ Er verſuchte ſeine Hände loszumachen; die Be⸗ wegung erſt weckte Adrienne aus einem traumähnlichen Zuſtande, in dem die Worte unverſtanden an ihrem Ohre vorübergegangen waren. Die ganze Logik war bei ihr verloren, es gab für ſie weder Sinn noch Zu⸗ ſammenhang als in dem einen Gedanken des drohen⸗ den Verluſtes. Aufgeſchreckt aus dieſem dumpfen Schweben zwiſchen Furcht und Hoffnung, klammerte ſie ſich an ihm feſt, ſie ließ ſich zu Boden gleiten, auf 149 den Knieen liegend umſchlang ſie ihn, ein Schluchzen der Verzweiflung kam aus ihrer Bruſt. „Gerhard, Gerhard“, ſchrie ſie auf,„Du kannſt nicht fort, ich laſſe Dich nicht! Thue mit mir, was Du willſt; nimm mich als Deine Magd, wenn ich zu ſchlecht bin für Dein Weib; nimm mich fort! Laß mich nicht untergehen, ich kann ſo nicht mehr leben. Wenn Du mich verſtoßen willſt, ſo tödte mich lieber gleich. Es iſt die Schande, die immer näher ſchleicht, die ihre Hand ſchon auf meine Schulter legt, die mich mit grauſamem Hohn an ſich reißt. Rette mich, Ger⸗ hard, rette mich, oder ich bin verloren!“ Es war ein furchtbarer Moment, der ſchrecklichſte in Gerhard's Leben. Hier zu ſeinen Füßen das jammernde Mädchen mit den flammenden Augen, dem im wilden Schmerz verzerrten Mund, den zerſtört in den Nacken flattern⸗ den Locken, mit der ganzen Kindlichkeit der Formen der Züge und der ganzen Leidenſchaft eines liebeglü henden Weibes, hier die um Rettung jammernde, dem Verderben verfallene Seele, in ſeiner Bruſt ein zuckendes Herz, in ſeinen Adern, die das ſtrotzende Blut zu zerſprengen drohte, das wilde Feuer, ein unendliches Mitleid und Erbarmen in ſeiner Seele und ein blutiger Widerſtreit mit Allem, faſt beſiegt, faſt ¹ 4 4 — —-——————— —— 150 überſtimmt der gellende Warnungsruf des Ver⸗ ſtandes.— Der ganze Kampf war wieder erwacht und von neuem ſollte er ihn nun durchkämpfen. Warum doch hatte er ſich das Uebermenſchliche zugemuthet, warum war er ſelbſt gekommen? Hatte er die Macht der Schön⸗ heit und der Thränen eines Weibes nicht gekannt, hatte er ſie unterſchätzt oder ſeine eigene Kraft dünkel⸗ haft zu hoch angeſchlagen, weil es ihm gelungen war, das eigene Herz zu bezwingen, ſolange dieſes ohne Bundesgenoſſen gegen die Beweisführungen des Ver⸗ ſtandes ſtritt? Nun ward ihm Urſache, ſein Selbſt⸗ vertrauen zu bereuen, die verbündeten Gegner des kalten, ernſten Meiſters drohten übermächtig zu werden. Unentſchloſſen, ſchwankend beugte er ſich lang⸗ ſam nieder, ſeine Zähne hatten ſich in die Lippe ge⸗ graben, daß Blut daraus ſtrömte, ein Beben ging durch ſeinen Körper, als träfen ihn ungeheure elektriſche Schläge, keine Wort brachte er aus der zugeſchnürten Kehle. Da ſank Adrienne aufſchluchzend zuſammen. „Das habe ich doch nicht verdient!“ wimmerte ſie in unſaglicher Bitterkeit, und wie die Sage geht, daß einen Nachtwandler das Anrufen bei ſeinem Namen aus ſeinem Traumleben weckt, ſo waren es dieſe 151 Worte, welche Gerhard aus dem Taumel, der all ſeine Sinne befangen hatte, zurückriſſen. Was hatte er thun wollen? Verzeihen? Er war alſo ſchon ſo weit von der klaren Erkenntniß der Sachlage abgezogen worden, daß er meinte, etwas verzeihen zu können. Nur eine That kann durch die Barmherzigkeit ausgelöſcht werden, nicht das ureigene Weſen eines Charakters. Die Klage, welche Adrienne ausgeſtoßen, hatte ihn wieder zur Be⸗ ſinnung gebracht. Adrienne glaubte einen Fehler be⸗ gangen zu haben, einen kleinen oder großen, jedenfalls keinen unverzeihlichen. Sie beklagte ſich über ſeine Härte, ſie begriff alſo ſeine Handlungsweiſe noch immer ſo wenig als bei ſeinen erſten Worten, ſie würde ſeine Anſchauungen niemals begreifen, ihren Charakter nie⸗ mals ändern, jede Conſequenz deſſelben mußte ihr immer nur wie ein laßlicher Fehler erſcheinen, ſein Schmerz, ſein Trauer wie eine unverdiente Härte. Die Scheidemauer, die ihn von ihr trennte, war unüber⸗ ſteiglich. Entſchiedener als je wußte er, was ihm zu thun oblag. Das Einmengen Hermance's kam ihm noch zu Hülfe, ſeinem Kopf die volle Klarheit, ſeinem Herzen einen ruhigern Schlag zurückzugeben. Die Frau hatte kein Verſtändniß für das, was 152 in dieſen beiden Menſchen vorging. In ihrer niedrigen Denkungsweiſe erſchien ihr ſolche Tragik des Lebens wie eine überſchwängliche Scene, in der ſchauſpieleri⸗ ſches Talent entwickelt wurde, weiter nichts. Es gibt Menſchen, welche die Götter Griechenlands nur in der Caricatur einer Offenbach'ſchen Operette begreifen. Wenn ihnen Apollo ſelbſt in einer Viſion erſchiene, ſie würden von ihm erwarten, daß er einen jener Sa⸗ voyarden⸗Gaſſenhauer, die ſo ſehr ihrem Geſchmacke ent⸗ ſprechen, auf ſeiner goldbeſaiteten Leier begleite, um dann ſchließlich nach dieſen Klängen mit den Muſen den unvermeidlichen Cancan zu tanzen. Madame de Granier nahm das ganze Lieben für ſolch eine bizarre Parodie, jeden Ausbruch eines erſchütternden Ernſtes für eine Verzerrung daraus. Sie urtheilte eben nach ſich ſelbſt, ihre Rathſchläge waren dieſer Anſchauung angemeſſen. „Welche Demüthigung!“ rief ſie ihrer Schweſter zu.„Geziemt ſich ſolche Unterwürfigkeit für eine Dame? Erhebe Dich! Weißt Du nicht, Thörin, daß die Männer nur dann vor uns in den Staub ſinken, wenn wir ſie unſere Macht fühlen laſſen und ſie in Furcht ſchweben, daß ſie aber Tyrannen werden, ſobald ſie ſich ſicher glauben? Hat man je ſo etwas geſehen! Ein Mädchen auf den Knieen vor ihrem Ge— 153 liebten und obendrein ein Mädchen wie Du! Ah, wenn Du ihn noch betrogen hätteſt, wenn er ein Krö⸗ ſus wäre, aber Du biſt es im Gegentheile, die er wie eine Heilige verehren ſollte, ja wie eine Heilige, mein Herr! Iſt ſolche bornirte Treue jemals vorgekommen, die trotz aller Mißhandlung ausharrt, die alle Aner— bietungen mit einer unerhörten Uneigennützigkeit aus⸗ ſchlägt, und zwar für einen Mann, der wohl von ſeinem Reichthum ſpricht, aber kaum noch etwas Nennenswerthes ſeiner Braut geſchenkt hat, während er ſich gegen die Schweſter derſelben wie ein Filz be⸗ nimmt. Stehe auf, Adrienne, werde Dir Deiner Würde bewußt! Glaube mir, auf den Knieen wird dieſer Herr kommen und Dich um ſeine Begnadigung anflehen, und dann werden wir ſehen. Er hat uns beleidigt, an ihm iſt es, uns Satisfaction zu geben.“ Hermance riß ihre Schweſter empor. „Erhebe Dich!“ bat nun auch Gerhard, und Adrienne folgte halb zagend ſeinem Wunſche. Der Blick, den ſie auf ihn richtete, ſprach eine Frage aus, die Gerhard wohl verſtand. Es koſtete ihm Ueber⸗ windung, noch einmal zu reden, doch that er es, weil er nicht wollte, daß ſich eine irrige Vorgusſetzung bei Adrienne einniſte, auf welche eine nachfolgende Ent⸗ täuſchung noch herber treffen mußte.„Du haſt mich —— ——— — 154 um nichts zu bitten“, ſagte er,„ich habe nichts zu ge⸗ währen. Die Stütze, welche ich Dir bieten wollte, wäre zu ſchwach geweſen ohne Deinen eigenen feſten Willen. Iſt er aber unverbrüchlich, dann muß er Dich auch allein den rechten Weg führen, und wäre es der der Armuth und der Entbehrung. Haſt Du die Kraft nicht, ein Leben anzunehmen, wie es Dir Dein Schwager geboten hat, ſo iſt es zu ſpät und jeder andere Verſuch, Dich zu heben, vergebens. Du allein vermagſt es, Dich zu retten. Schenke Gott Dir die Kraft dazu!“ Gerhard's Stimme klang ſo ſanft, ſo erſchütternd feierlich, daß Adrienne in einen neuen Strom von Thränen ausbrach. Ihre Schweſter aber erhob aber⸗ mals die keifende Stimme. „Was denn?“ rief ſie und focht dabei mit ihren Händen vor Gerhard's Geſicht herum, ſodaß ihre langen, ſpitzen Nägel ihn bedrohten.„Glauben Sie, man mache ſich ſo mir nichts dir nichts von Verbindlich⸗ keiten los, die man eingegangen? Voyez donc ce mon- sieur! Ah, das ſind mir ſchöne Capricen. Ich habe da auch noch ein Wort darein zu reden. Ich bin die Schweſter— ich! Mir das Mädchen zuerſt verrückt zu machen, daß es keiner Vernunft mehr Gehör gibt, und dann ſo ohne weiteres„nichts zu gewähren“ und 155 „Leben voll Armuth und Entbehrung“ und„Schenke Gott Dir die Kraft dazu. Voilà des brutalités!“ „Hermance, ich will nicht daß Du ſo ſprichſt“, fiel ihr Adrienne in die Rede. Sie aber kehrte ſich nun gegen die Schweſter. „Tais toi, marmotte!“ ſchalt ſie.„Du wärſt im Stande, dieſen philoſophiſchen Pedanten wirklich einer Grille wegen ſeiner Verpflichtungen zu entlaſſen und ihm noch eine Thräne nachzuweinen. Aber ich bin auch noch da— ich!“ Mitten im Keifen wurde ſie durch den Eintritt der„Tante“ unterbrochen, welche an die Abreiſe mahnte, da das Schiff ſo eben im Hafen einlaufe und es daher höchſte Zeit ſei, um daſſelbe zu erreichen. „Ah, die Reiſe— es iſt nichts damit; ich bleibe. Schaffe den Koffer wieder herein!“ befahl Madame unwirſch. Gerhard hatte ſich inzwiſchen zu Adrienne gewandt. Er bot ihr, einer überwältigenden Regung Folge lei⸗ ſtend, die Hand. „Lebe wohl, Adrienne!“ ſprach er leiſe und weich. „Ich reiſe noch heute. Wir werden uns niemals wieder⸗ ſehen! Gott ſchütze Dich!“ Wie eine Verzweifelte ſtürzte ſie ſich auf ſeine Hand. 156 „Gerhard, Gerhard, gehe nicht fort!“ ſchrie ſie gellend auf. Er aber machte ſeine Hand los und wendete ſich der Thür zu. Da hörte er hinter ſich einen Fall. Die alte Frau eilte raſch herzu, er kehrte ſich um. Auf der Erde lag Adrienne ohne Blut und Leben wie eine Leiche. Die beiden Frauen waren um ſie bemüht. Halb beſtürzt, halb zornig wies Hermance auf ihre Schweſter. „Unmenſch!“ rief ſie ihm vorwurfsvoll und dro⸗ hend zu. Noch einmal beugte ſich Gerhard über die ohn— mächtig hingeſtreckte Geſtalt, noch einmal ſah er in dieſes Antlitz, das, ſelbſt ſo ſtarr und farblos wie jetzt, noch eine wunderbare Schönheit bewahrte. Eine unſag⸗ liche Wehmuth hatte ihn ergriffen. „Arme, arme Adrienne!“ murmelte er leiſe, dann wandte er ſich raſch ab. Ehe ſie erwachte, hatte er das Haus verlaſſen. Ob ſie die brennend heiße Thräne fühlte, die auf ihre Stirn gefallen war? Sechstes Kapitel. Rückzugsgefechte. Der Abend brach herein und das Dämmerlich in Gerhard's Zimmer genügte nur eben noch, die Züge einer Photographie erkennen zu laſſen, welche er in Händen hielt. Er hatte gerade nur einen Moment mit dem Packen ſeines Koffers innegehalten. Tief in Nachſinnen verloren ſtand er da und betrachtete das kleine Bild, das er vor wenigen Tagen erſt von Adrienne erhalten. Eine ſymboliſche Gabe der Braut, die erröthend dabei der Stunde gedenkt, wo ſie ſich ſelbſt im ſeligen Rauſch des Glücks dem geliebten Manne ſchenken darf, war das Bild jetzt herabgeſunken zu einer ſchmerzlichen Mahnung der Vergangenheit. 4 8 1 1 — 4 4 158 „Wirf die Viſitenkarte ins Feuer“, verlangte Streicher, der, eingehüllt in ſeinen Oberrock, den er nur über die Schultern geworfen hatte, in einer Ecke des Sophas ſaß und ſich mit einer ſchlecht brennenden Cigarre abquälte. „Eine Viſitenkarte?“ „Was anders als ſolch ein leeres, bedeutungsloſes Blatt, das ein Herz beim andern abgegeben hat! Wirf es ins Feuer, wenn es Dir nicht noch heiß machen ſoll, oder ſchicke es mit den bekannten drei Buchſtaben in der Ecke zurück: Um Abſchied zu nehmen.“ Nach der Verordnung des Arztes, der Streicher's Wunde ſogleich nach deſſen Ankunft in Montreux un⸗ terſucht und verbunden hatte, ſollte der unbedingter Ruhe bedürftige Patient jetzt eigentlich zu Bette liegen; mit dem Befolgen ärztlicher Anordnungen hatte es aber bei Streicher gute Wege. Nachdem er ein paar Stunden geſchlafen, vermochte ihn nichts mehr auf ſeinem Lager feſtzuhalten, ſowie ihn auch keine mediciniſche Rückſicht zum längern Entbehren ſeiner Cigarre veranlaſſen konnte. Er wußte natürlich Alles beſſer als der Arzt ſelbſt. Bei Gerhard eingetreten, ſchnitt er alle Vorwürfe kurz ab. Er hatte den Freund ſchon beim Packen ge⸗ troffen, doch waren alle Vorbereitungen wieder einge⸗ 159 ſtellt, und als er nach der Urſache der Säumniß fragte, erhielt er zur Antwort, Gerhard könne ihn nicht allein laſſen. Da war Streicher mit ſeinem gewöhnlichen„Lächer⸗ lich!“ aufgefahren und hatte rundheraus erklärt, ſeinet⸗ wegen ſolle Gerhard nicht eine Stunde länger ver⸗ weilen. „Wenn Du nicht ohne mich auf der Stelle ab⸗ reiſt, ſo reiſe ich ſelbſt und dann haſt Du in Deinem Egoismus es verſchuldet, wenn ſich mein ganz leid⸗ licher Zuſtand verſchlimmert.“ Das war die Drohung, mit der Gerhard endlich zur ſofortigen Ausführung ſeines urſprünglichen Plans gezwungen wurde. Er kannte Streicher zu gut, um nicht zu wiſſen, daß es dieſem vollkommen Ernſt ſei. Während er nun die abgebrochene Beſchäftigung eilends fortſetzte, hatte er Worten dem Freundealles Vor⸗ gefallene mitgetheilt, und es war ihm einetraurige Ge⸗ nugthuung, aus deſſen Munde den Ausruf zu hören: „Merkwürdig, ich hätte Dich nicht für ſo reſolut und feſt gehalten!“ Es hatte nicht an einem Verſuche gefehlt, dieſe Feſtigkeit zu erſchüttern. Etwa eine Stunde nach ſeiner Rückkehr aus der Villa war Graf Hilmersdorf zu ihm aufs Zimmer gekommen und hatte mit einigen 5 8 3 V — 4 —₰ —— V 160 diplomatiſchen Wendungen neuerdings ſeine Verlegen⸗ heit aufs Tapet gebracht. „Sie ſind ja nun wieder, wie man hört, im glücklichen Beſitze Ihres Geldes“, hatte er geſchloſſen „Wie wäre es, wenn Sie Ihrer chevaleresken Hand⸗ lungsweiſe die Krone aufſetzten und mir nochmals aus der Klemme hälfen? Mein Alter bezahlt Alles, wenn er ſich auch ein wenig ſperrt; iſt im Grunde ein guter alter Kerl, auf Ehre!“ Er ließ aber ſehr verdrießlich ſeinen etwas defect gewordenen Lackſchuh fahren, mit dem er geliebäugelt hatte, als Gerhard ihm rundheraus erklärte, daß er ſelbſt beim beſten Willen nicht in der Lage ſei, dieſem Anſinnen zu entſprechen, da das zurückerhaltene Geld durchgehends aus Obligationen beſtehe, die er nicht zu verkaufen gedenke, ſein Baarvorrath ſelbſt aber nur ſehr knapp bemeſſen ſei. Da hatte man einen Brief für Gerhard gebracht, auf deſſen Adreſſe er Adriennens Hand erkannte. Es war ihm nicht leicht geworden, ſich zu entſcheiden. Du ſollſt den Brief leſen, wer weiß, was ſie dir noch zu ſagen hat, raunte ihm das Herz zu; der Ver⸗ ſtand ſagte laut und hart: Was kann es ſein, das deinen Entſchluß ändern dürfte? Alles iſt erſchöpft, Du darfſt nicht weich werden! 161 Und Gerhard ſchrieb zuletzt auf den uneröffneten Brief:„Jedes weitere Wort zwiſchen uns iſt zweck⸗ los und kann nur ſchmerzlich ſein.“ Er ſchlug ihn in ein zweites Couvert und ſandte ihn zurück. Jetzt, da er, mit dem Einpacken ſeiner Sachen faſt zu Ende, ſich's nicht verſagen konnte, die Photographie noch einmal zu betrachten, wobei ſich der Sturm der Gefühle deutlich auf ſeinen Zügen leſen ließ, hatte der Freund in leiſer Beſorgniß, einen Rückfall zu erleben, ſeinen Rath ertheilt, mit dem er bis jetzt faſt allzuſehr zurückgehalten hatte. „Fürchte nichts“, erwiderte Gerhard, der ſeinen Hintergedanken verſtand.„Ich bin geſtählt. Aber dies Bild nicht mehr zu betrachten, das kannſt Du nicht fordern von mir. Ich werde wohl nach langen Jahren, wenn ich in dieſe Züge blicke, mich fragen, ob es möglich ſei, daß ſie die Reinheit eines Engels nur lügen konnten, ob es nicht größer und edler geweſen wäre, den Verſuch der Rettung wenigſtens zu wagen, und wenn er mißglückte, mit dem Bewußtſein unter⸗ zugehen, daß man der Menſchlichkeitsidee das höchſte Opfer gebracht.“ „Lächerlich!“ fuhr Streicher heraus.„Dieſe ver⸗ kehrte Humanitätsſchwärmerei! Einem Einzigen ſchreibt Byr, Nomaden. V. 11 — ——— ——— * ———OC———ę———— ——— ——— — —— 162 die Welt ein Erlöſerwerk zu und den hat ſie zum Gott gemacht. Willſt Du Brahma ſpielen der Baja⸗ dere gegenüber? Dir fehlt der Himmel dazu und die Unſterblichkeit. Dein Opfer wäre ein vergebliches ge⸗ blieben und bis an Dein Ende müßte die verachtete Logik als ein ſtrafendes Geſpenſt vor Dir ſtehen.“ Streicher hatte in der Erregung ſchon wieder die ver⸗ ordnete Ruhe vergeſſen und war aufgeſprungen.„Wer ſo angefault iſt“, fuhr er heftig auf und ab ſchreitend fort,„heilt ſich nicht mehr aus. Früher oder ſpäter bricht das Gift aus, das im Stillen weiter und weiter gefreſſen. Früher oder ſpäter hätte ſie, von der die Rede iſt, die Lehren ihrer Schweſter, die verführeriſch in ihren Ohren fortklingen und leiſe und allmälig corrumpiren mußten, zur Ausführung gebracht, Dich und Deine Ehre verrathen. Oder glaubſt Du denn, die Liebe, die ſie für Dich jetzt hegt, wie ich zugeben will, um Deine Eitelkeit nicht zu verletzen, glaubſt Du denn, dieſe Liebe würde niemals erkalten? Ihr ſeid keine Ausnahme in der Welt, und wenn die Zeit ge⸗ kommen wäre, wo ihr Auge ſich zu Zeiten von Dir ab auch wieder der Umgebung zugewendet hätte, was dann? Ich habe Dich nicht beeinflußt und Dich Deine Entſchlüſſe allein faſſen laſſen, weil ich mir nach jenem Streite, der mich von hier forttrieb, zugeſagt hatte, 163 mich nicht mehr in die Sache zu mengen, ſondern nur zu helfen, wo es noth thäte—“ „Und Du haſt Beides redlich gehalten“, fiel ihm hier Gerhard ins Wort. Er legte die Photographie in den Koffer, ließ den Deckel fallen und warf ſich dann mit Ungeſtüm dem Freunde an die Bruſt, ſodaß dieſer unter der unerwarteten Umarmung wankte.„Du, Du meinſt es redlich mit mir, Freund. Du haſt Alles gethan, auch dieſe Kugel von mir abzuwenden, aber ſie hat doch getroffen!“ „Na, Du wirſt Dich daran nicht verbluten“, ver⸗ ſetzte Streicher, der ſich erſt nach einer Weile zu faſſen wußte. Derartige Ueberraſchungen kamen dem ſonder⸗ baren Menſchen ſehr ungelegen. Seit ihrer Jugend hatten ſich die beiden Freunde nicht umarmt, immer war es zum Wiederſehen und Scheiden bei einem trockenen Händedrucke geblieben, und auch diesmal ver⸗ barg Streicher die Rührung unter ſeiner ſpöttiſch grol⸗ lenden Weiſe.„Welcher Egoismus“, brummte er,„ſich derartig auf mich zu ſtürzen, ohne alle Rückſicht auf meine Schwäche. Und dann welche neue Angewöh⸗ nung, die Leute mitten in der Rede zu unterbrechen! Jetzt weiß ich nicht einmal mehr, was ich ſagen wollte.“ 11* —-— ———— A ——— —I 164 „Es iſt ja gleich, die Wirkung iſt dieſelbe“, meinte Gerhard. „Ach lächerlich!“ widerſprach Streicher geärgert. „Wie kann ſie denn dieſelbe ſein? Es iſt durchaus nicht gleich, ob man—“ Aber auch diesmal ſollte er nicht zum Ausſprechen kommen. Man pochte an die Thür. Der Kellner ſchlüpfte mit äußerſt ſchlau ſein ſollender Miene herein und meldete, zwei Damen wünſchten Gerhard zu ſprechen.„Madame de Granier“, deutete er mit hand⸗ greiflicher Feinheit an. Gerhard war betroffen. Sein Antlitz glühte in Ueberraſchung und Unmuth, ſein Auge ſuchte das des Freundes. „Ich habe mir es wohl gedacht“, murmelte dieſer, „nur nicht ſo früh. Führen Sie die Damen auf mein Zimmer“, befahl er dem Kellner, der ſich ſogleich entfernte. „Iſt es möglich?“ brauſte Gerhard auf.„Man ſcheint mich alſo zwingen zu wollen? Gut, ich werde antworten.“ „Nichts da!“ fiel ihm Streicher ruhig ins Wort und in den Arm.„Du haſt gar nichts mehr zu ant⸗ worten. Antworteſt Du diesmal, ſo wirſt Du es immer und immer wieder thun müſſen. Verdirb nicht ſelbſt, 465 was Du mit dem uneröffnet zurückgeſchickten Brief ſo gut begonnen haſt. Es muß feſtſtehen, daß Du un⸗ nahbar hiſt, dann wird man auch daran glauben, daß Du unerreichbar biſt. Deine Geſchäfte ſind in Ord⸗ nung, vom Kapitän haſt Du Abſchied genommen, Dein Koffer iſt gepackt, Deine Rechnung bezahlt, für die Summe, mit der Du unnöthig großmüthigerweiſe dem Wirthe ſeinen Brandſchaden erſetzen willſt, bleibe ich als Pfand zurück, das Du von Genf auslöſen kannſt, es hindert Dich alſo nichts, abzureiſen. Der Zug geht in einer Viertelſtunde.“ „Es wäre eine feige Flucht!“ ſträubte ſich Gerhard. „Lächerlich! Auf dieſe großmüthige Regung zählen ſie eben; lehre mich die Menſchen kennen. Das iſt ein letzter Verſuch, dem ein allerletzter folgt, und ſo fort ad infinitum, ſolange Hoffnung bleibt, zu reüſſiren. Du haſt Dir die Abreiſe vorgenommen, dabei mußt Du bleiben. Läßt Du Dich erſt beſtimmen, Deine Vor⸗ ſätze Andern zu Liebe zu rectificiren, ſchwankſt Du erſt in Einem, ſo fährſt Du direct ins Verderben. Thue, was Du willſt, aber hoffe nicht auf Mitleid, wenn Du wie ein Haſe zu Tode gehetzt wirſt.“ Gerhard ſchwankte noch immer. „Was willſt Du?“ fragte Streicher ſcharf.„Brechen oder Dich ausſöhnen?“ ——A— F ——————y — 166 „Wie kannſt Du fragen? Das Geſchehene iſt un⸗ widerruflich.“ „Dann gehe. Du übſt damit Barmherzigkeit. Eine Wiederholung ſolcher Scenen iſt grauſame Quä⸗ lerei. Laß ein Ende ſein und mir das letzte Wort.“ Die ſchlagende Richtigkeit dieſes letzten Grundes ſiegte. „Es ſei“, entſchied ſich Gerhard, aber leiſe ſetzte er hinzu:„Sei mild!“ „Nach Verdienſt“, entgegnete Streicher noch unter der Thür. Auf ſeine Uhr ſehend, ſchritt er nach ſeinem Zimmer. Sein Eintritt ſchreckte die beiden Schweſtern auf, die ſich jetzt plötzlich, ſtatt dem Erwarteten, einem fremden Manne gegenüberſahen. Streicher's Erſchei⸗ nung, obendrein in der vernachläſſigten Toilette, war durchaus nicht danach angethan, beſonderes Zutrauen zu erwecken. Adrienne ließ vor ſeinem ſcharfen, prü⸗ fenden Blick auch ſofort den Schleier fallen über ihr blaſſes, banges Geſicht und ihre rothgeweinten Augen. Nach dem Räckempfange des Briefes, in welchem ſie um eine nochmalige letzte Unterredung gefleht, hatte ſie ſich ganz der Verzweiflung hingegeben. Ihrer Schweſter war es gelungen, ihr Muth einzuſprechen und ſie zu dem ungewöhnlichen Schritt zu bewegen, 167 deſſen ſie ſich jetzt ſchämte, da ihre Hoffnung auf den ihr als ſo ſicher vorgeſtellten Erfolg zu erbleichen begann. „Darf ich Sie bitten, meine Damen, ſich zu ſetzen“, begann Streicher deutſch,„und mir zu erklären, was Sie hierher führt.“ „Nous cherchons Monsieur Strandau“, wollte Hermance erwidern. Da ihr aber Streicher trocken ins Wort fiel und ſie in beſtimmtem Tone erſuchte, ſich der deutſchen Sprache zu bedienen, da zeigte es ſich, daß dieſe eingefleiſchte Franzöſin derſelben ganz mächtig war und ſie vielleicht nur deshalb zu ſprechen ſcheute, weil ſie ihren ſtark accentuirten Schweizerdialekt nicht zeigen mochte. „Mir ſuechet Herrn Strandau“, begann ſie, ſich von nun an fortwährend des eigenthümlichen Idioms bedienend, das im Munde einer eleganten Dame ſon⸗ derbar genug klingt. „Wenn das heißt, daß Sie die Abſicht haben, ihm perſönlich auf den Leib zu rücken, ſo dürften Sie ihren Verſuch als geſcheitert betrachten. Wenn es Ihnen aber nur darum zu thun iſt, irgend ein Anliegen ihm zu Ohren zu bringen, ſo bitte ich Sie, mich mit Ihrem Vertrauen zu beehren.“ „Wir wollen aber mit ihm ſelbſt ſprechen“, ent⸗ gegnete Hermance trotzig. — ——,————— ☛ 168 „Ihr Wille dürfte zunächſt nicht maßgebend ſein“, ſagte Streicher, ſchloß die Thür ab, nahm den Schlüſſel an ſich und ging langſam an den beiden Schweſern vorüber, um ſich mit dem Rücken an das Geſimſe des Fenſters zu lehnen, das auf die Veranda ging. „Was fällt Ihnen ein, mein Herr, uns einzu⸗ ſperren?“ fuhr Hermance auf, während ihre Schweſter ſich ſchüchtern an ſie drängte.„Wir ſind nicht zu Ihnen gekommen, wir kennen Sie gar nicht!“ „Thut nichts. Das Vergnügen der Bekanntſchaft iſt auch meinerſeits nicht groß. Wenn aber Ihre Sehnſucht, mich zu verlaſſen, ſo mächtig iſt, ſo brauchen Sie nur zu verſprechen, daß Sie ſich ſofort ruhig und beſcheiden aus dem Hauſe entfernen wollen, und die Thür iſt Ihnen geöffnet.“ „Sie haben gar kein Verſprechen von uns zu fordern!“ rief Hermance, ihre Stimme in heftiger Weiſe erhebend.„Sie werden uns aus dem Zimmer laſſen oder ich rufe um Hülfe!“ „Nicht doch“, erwiderte Streicher, der ſich nicht aus ſeiner ſcharf ſpöttiſchen Gelaſſenheit bringen ließ. „Ich würde ihnen das nicht gerathen haben. Ein Skandal verbeſſert Ihre Sache nicht. Mein Freund iſt feſt entſchloſſen, Ihnen nicht Rede zu ſtehen, er war ſogar über dieſen das Maß der Sitte überſchreitenden — 169 Beſuch erbittert. Sie würden alſo nichts eerreichen, wohl aber ſich ſelbſt der Neugierde und Schadenfreude ausſetzen. Wenn es Il Sie doch gefälligſt.“ Die Worte wie die Manier, in der ſie geſprochen jnen Freude macht, bitte, ſchreien worden waren, blieben nicht ohne Wirkung. Adrienne zog die Schweſter am Kleide und zwiſchen beiden ent⸗ ſpann ſich ein eifriges Geflüſter, von welchem Streicher nichts verſtand. Endlich war es Adriennens ſanfte, bittende Stimme, die laut wurde. „Ich will ja gar nichts als ihn noch einmal ſehen. O, ich kann es nicht glauben, daß es ihm Ernſt iſt!“ Streicher's Antwort lautete auffallend mild und höflich, es ſchien, als habe er den ſcharfen Ton nur gegen die entſchloſſene Gegnerin in Bereitſchaft, für die zaghafte Bittſtellerin hingegen ſogar ein gewiſſes Mitgefühl. „Es thut mir leid, mein Fräulein“, ſagte er, „Sie darauf hinweiſen zu müſſen, daß Sie den vollen Ernſt gerade in der Weigerung, Ihnen nochmals zu begegnen, erkennen dürften.“ „Aber es kann ja nicht ſein, es kann nicht ſein!“ klagte Adrienne.„Was habe ich denn ſo Ungeheures verſchuldet?“ —————— —e 1 170 „Darauf zu antworten iſt nicht meine Sache, mein Fräulein. Ich bin nicht Richter in dieſer Angelegen⸗ heit, nur Vertreter der Entſchlüſſe meines Freundes.“ „Sein böſer Geiſt!“ brach nun wieder Hermance los, die ſich nicht mehr zu halten vermochte.„Glauben Sie, wir wüßten nicht, daß Ihre Rathſchläge es ſind, die ihn uns abwendig machen? Sie haben ihn zu Allem beredet, Sie ſind uns feind, vielleicht weil Sie fürchten verdrängt zu werden. Sie möchten wohl ſelbſt von ihm zehren, ihn wohl gar beerben. Reiche Freunde kann man brauchen.“ „Das iſt wohl einer Ihrer Hauptgrundſätze, Ma⸗ dame?“ Streicher ließ ſich nicht aus dem Gleichge⸗ wicht bringen, er verleugnete ganz ſeine Natur. Die dolchartig zugeſpitzte Erwiderung brachte aber Hermance ganz außer ſich. Sie ließ ihrem Temperamente alle Zügel ſchießen und überhäufte Streicher mit einer Reihe von Scheltworten, die mitunter ihren Urſprung von der Gaſſe deutlich genug verriethen. „Ah, mit einem ungebildeten Menſchen, der ſich nicht ſcheut, einer Dame ſolche Böôtiſen zu ſagen“, ſchloß ſie,„läßt ſich gar nicht verkehren.“ Sie wollte noch etwas hinzuſetzen, da aber ſtockte ſie plötzlich und ließ raſch ihren Schleier herab. Strei⸗ cher, aufmerkſam geworden, wendete ſich ſchnell um 11 und konnte eben noch Frau von Rüderich's neugieriges, hämiſch grinſendes Antlitz ſehen, wie es ſich raſch von dem Fenſter zurückzog. Aergerlich über ſeine eigene Vergeßlichkeit ließ er das Rouleau herab. „Wenn Sie ſo fortfahren“, äußerte er,„werden wir bald ein ganz anſehnliches Publikum vor Thür und Fenſter haben und Sie können noch das Ver⸗ gnügen genießen, Ihre Kraftſtellen applaudirt zu hören. „ —— AAe Wenn es Ihnen gleichgültig iſt, meinetwegen brauchen Sie keine Rückſichten zu nehmen. Bitte, geniren Sie ſich nicht.“ Während die beiden Schweſtern neuerdings be⸗ rathſchlagten, ſah er auf die Uhr.„Es iſt doch beſſer, Zeiger zu haben“, dachte er, indem er ſich des Kometen erinnerte,„wenn man nur die Zeit auch damit weiter ſchieben könnte.“ „Ich muß ihn ſehen“, nahm Adrienne wieder das Wort, man hörte ihrer Stimme an, daß ſie von Thrä⸗ nen beinahe erſtickt war.„Ich kann nicht leben ohne ihn.“ „Es iſt die erſte Leidenſchaftlichkeit der Empfin⸗ dung“, ſuchte Streicher zu tröſten.„Sie werden ru⸗ higer fühlen. Wer hätte nicht ſchon Verluſte ertragen gelernt!“ „Ich nicht, ich werde ihn nicht überleben; ich will es nicht!“ 172 Streicher ſtutzte, aber nur einen Moment. So feſt der verhängnißvolle Vorſatz ausgeſprochen war, bis zur Ausführung lag noch eine weite Strecke. Einen Selbſtmord auf das Gewiſſen nehmen, es iſt kein Kleines, wenn man ſich auch ſagen mag, daß man nur durch das Zuſammentreffen der Umſtände, nur bei der krankhaften Ueberreizung des zum Opfer Fal⸗ lenden unſchuldige Urſache geworden. Tiefes Grauen liegt in dem Gedanken, ein Menſchenleben, das in un⸗ ſerer Hand war, nicht gerettet zu haben, und Streicher bebte einen Augenblick davor zurück, dieſen dunkeln Schatten in ſeines Freundes Leben fallen zu laſſen. Und doch, gewagt mußte es werden! Man kann nicht Sklave eines Menſchen werden, weil er im Weige⸗ rungsfalle mit ſeinem Tode droht. Hatte er darum Gerhard zurückgehalten, um ſich jetzt ſelbſt einſchüchtern zu laſſen? Es geht nicht jede Drohung in Erfüllung, am ſeltenſten eine in ſolchem Falle ausgeſprochene, wie es der vorliegende war. „Was bleibt dann einem verführten, verlaſſenen, der Ehre beraubten Weibe übrig“, begann Streicher mit ſtrafendem Ernſt,„wenn Sie einen ſolchen Aus⸗ weg wählen wollen, Sie, die Sie nur durch Ihre falſchen Erwartungen getäuſcht wurden, die Sie nur Ihr ei⸗ genes Verſchulden anzuklagen haben? Sie machen es 173 wie ein Kind, das ſeine Puppe zerſchlagen hat und, weil die Trümmer nicht mehr auf ſein Geheiß ganz werden wollen, ins Waſſer laufen will, um— die Puppe zu ſtrafen. Verzeihen Sie, mein Fräulein, den Vergleich, aber Sie ſtellen Ihren geiſtigen Kräften ſelbſt kein ſonderliches Zeugniß aus..“ Adrienne brach in einen Strom von Thränen aus und warf ſich erſchöpft auf einen Stuhl. Hermance glaubte nun wieder die Sache in ihre Hände nehmen zu müſſen. „Was muß man ſich Alles ſagen laſſen!“ begann ſie in ihrer allen Ebenmaßes entbehrenden Art.„Komm, Adrienne, wir haben mit dieſem groben Menſchen nichts zu thun. Man kann uns nicht halten; öffnen Sie, wir wollen zu Herrn Strandau.“ Streicher horchte auf. Draußen auf dem Gange wurden Schritte von mehreren Männern hörbar, ſie kamen an der Thür vorüber. Er ſah abermals auf ſeine Uhr. Man trug wohl Gerhard's Gepäck fort. „Es iſt vergeblich“, ſagte er,„er reiſt ab.“ „Wir werden ihm nachreiſen. Irgendwo werden wir ihn erreichen.“ „Er wird Sie aber dort ebenſo wenig empfangen.“ „Das wollen wir ſehen!“ drohte Hermance. „Ah, es iſt alſo auf einen Skandal abgeſehen. * ——— ——— — 174 Es iſt gut, das zu wiſſen; aber ich mache Sie auf⸗ merkſam, das iſt das allerſicherſte Mittel, um Ihren Zweck zu verfehlen. Die Stimmung meines Freundes dürfte ſich dadurch nur in eine entſchieden feindliche verwandeln und Sie erreichen gar nichts; oder glauben Sie vielleicht, daß Jemand wider ſeinen Willen zu einer Heirath gezwungen werden kann?“ 5 1 „Er hat ein Eheverſprechen geleiſtet, er darf es nicht brechen.“ „Lächerlich! Wodurch wollen Sie ihn verhindern? Geſetzt, Sie hätten auch eine ſchriftliche Erklärung in Händen und wollten ſich zu einer Klage erniedrigen, die das beſte Mittel iſt, ſelbſt die Sympathien der Richter zu verſcherzen, was gewinnen Sie dabei? Einen Er⸗ ſatz von einigen hundert Franes und den Spott aller Welt.“ „O nein, nein!“ fiel Adrienne ſchluchzend ein. „Wir werden niemals dergleichen unternehmen. Gerhard iſt ſicher. Wenn mein Recht in ſeinem Herzen erloſchen iſt, ſo iſt ja ohnehin Alles für mich verloren.“ Ohne ſich von dieſem Ausruf oder von dem un⸗ muthigen Stampfen der ältern Schweſter irre machen zu laſſen, fuhr Streicher fort: „Sie haben wohl auch kein ſchriftliches Ehever⸗ ſprechen. Uebrigens glaube ich, kann es in Ihrem 475 Intereſſe nicht liegen, an die Gerichte zu appelliren.“ Er betonte dieſe Worte beſonders, ſodaß ſich die tie⸗ fere Bedeutung derſelben nicht verkennen ließ. Ein wenig mürbe geworden, aber noch immer trotzig verſetzte Madame: „Aber wir können uns ſo nicht abfertigen laſſen. Wir haben zu viel verloren.“ „Inwiefern?“ „Das liegt doch klar. Adrienne hat in der Zu⸗ verſicht auf das gegebene Verſprechen verſchiedene An⸗ träge ausgeſchlagen, die man ihr geſtellt, brillante Anträge.“ „Heirathsanträge?“ fragte Streicher, ſcharf die erſten beiden Silben hervorhebend und mit einem Lächeln des Zweifels auf den dünnen Lippen, das ſelbſt eine ſo abgehärtete Natur wie die Hermance's in Verlegen⸗ heit brachte. „Welche immer“, lautete die indiscrete, mehr vom Aerger als von der Vorſicht dictirte Antwort. Streicher's Lächeln wurde noch bezeichnender. „Gut“, ſagte er nickend,„das war zu conſtatiren. Sie meinen alſo, dieſe Anträge ſeien nur im Hinblick auf das Eheverſprechen, nicht ihrer ſelbſt wegen abge⸗ lehnt worden. Das Eingeſtändniß iſt immerhin von moraliſchem Werth und darf meinem Freunde nicht —— — 176 vorenthalten werden. Es wird jeden Selbſtvorwurf beſeitigen und ihm die Probe von der vollen Richtig⸗ keit ſeiner Entſchlüſſe liefern.“ „Ah, Sie haben es darauf abgeſehen, uns mit Spitzfindigkeiten in unſern eigenen Worten zu fangen. Sie ſind ein tückiſcher Menſch!“ rief Madame, mit fuchtelnden Armen Streicher näher rückend, ſodaß dieſer ſich nicht übermäßig wohl fühlte und die Con⸗ ferenz ſehnlichſt beendet wünſchte. „Ich bitte, beruhigen Sie ſich“, ſagte er haſtig. „Was wollen Sie eigentlich? Wenn ich Sie recht verſtanden habe, handelt es ſich von Ihrer Seite um einen Anſpruch auf Entſchädigung.“ Hermance ließ ſogleich von ihren gefährlichen Be⸗ wegungen ab. Ihre Miene wurde ſichtlich freundlicher. „Wenn Ihr Freund Alles erwägt, wird er auch billig ſein“, verſetzte ſie.„Ganz abgeſehen von dem Weh, das meiner Schweſter das Herz bricht, haben wir auch materielle Einbußen erlitten. Wie geſagt, Adrienne hatte die brillanteſten Anträge, bei denen auch auf mich Bedacht genommen war. Ich habe Adrienne ein Jahr lang bei mir gehabt, ſie gekleidet und genährt, ich habe Anſprüche auf einen Erſatz für die Ausgaben. Ihr Freund aber hat uns faſt alle andern Beſuche verſcheucht, er war bei uns wiederholt 44 zu Tiſche und für all das hat er nie an eine Abrech⸗ nung gedacht.“ „Aber“, fiel Streicher ein,„ich weiß beſtimmt, daß gewiſſe Schmuckgegenſtände—“ „Ah, und davon will man noch reden? Damit will man uns bezahlt machen? Ich ſagte es ja immer, Ihr Freund iſt ein Filz!“ rief Madame, von neuem in einen Sturm der Entrüſtung ausbrechend.„Ein Filz, der umſonſt aß und trank und nicht einmal bei jedem Fortgehen unſer Mädchen beſchenkte. Sogar mit dem Trinkgelde hat er geknauſert. Ah, ich könnter eine ganze Rechnung machen. Es gäbe eine ſchöne Summe— wir haben ein gegründetes Recht auf Ent⸗ ſchädigung!“ Streicher nickte und trocken erwiderte er: „Sie haben ſich dieſelbe vorweggenommen. Er erläßt Ihnen die Anzeige wegen Verhehlung der Mit⸗ wiſſenſchaft bei einer gewiſſen criminellen Affaire. So ſind alle quitt.“ „Sie wiſſen?“ ſtammelte Hermance und Adrienne ſprang entſetzt auf. „Jawohl, meine Damen“, antwortete Streicher ſich verbeugend,„und ich rathe Ihnen, nicht zu ſehr auf eine Rückſicht zu pochen, die ſich am Ende doch erſchöpfen könnte. Und ſchwiege mein Freund, ſo Byr, Nomaden. V. 12 ———,, — 178 müßte ich ſprechen. Ich bin Zeuge gewiſſer Ausſagen eines Mannes, Kuruſoff mit Namen, über Documents⸗ fälſchung und dergleichen, die in Ihrem Intereſſe, Madamo, beſſer verſchwiegen bleiben dürften.“ Der Schlag war wohlgezielt und hatte getroffen. Hermance taumelte wie betäubt, ſie mußte ſich an eine Stuhllehne halten, über ihre bleichgewordenen Lippen kam nur ein unverſtändliches Gemurmel und raſch ſenkte ſie den Schleier, um ihre Verwirrung zu ver⸗ bergen. Adrienne dagegen hob den ihrigen, indem ſie lebhaft auf Streicher zutrat. „Was meine Schweſter geſprochen hat“, rief ſie, „iſt nicht meine Anſicht. Ich habe ſie dazu nicht er⸗ mächtigt. Ich verlange nichts, ich würde nicht einmal das Almoſen aufheben, das man mir wie einer Bettel⸗ dirne zuwürfe. Ich bin nicht gekommen, hier um die Ablöſungsſumme für ein gegebenes Wort zu feilſchen; ich erhebe keine Anſprüche, beſitze kein Recht und führe keine Waffe. Nur noch einmal ſehen will ich ihn! Er kann nicht ſo grauſam ſein, mir dies zu verweigern. Führen Sie mich zu ihm!“ Streicher blickte von dem leichenblaſſen ſchönen Geſichte auf ſeine Uhr. Ein Stein ſchien ihm von der Bruſt gefallen, „Es iſt nicht mehr möglich“, ſagte er achſel⸗ 179 zuckend.„Der Zug muß ſo eben den Bahnhof verlaſſen haben.“ Adrienne ſtieß einen unartikulirten Schrei aus und ſchlug die Hände vors Geſicht, ſie wankte dann auf ihre Schweſter zu. „Verloren!“ hauchte ſie leiſe mit bitterem Vor⸗ wurfe.„Durch Dich!“ „Bah, imbécille, hätteſt Du mir gefolgt!“ ver⸗ ſetzte Hermance rauh. Weiter wurde kein Wort geſprochen. Streicher ſchloß die Thür auf, die beiden Schweſtern entfernten ſich ſtumm. Ohne nur noch einen Blick auf ihn zu werfen, huſchten ſie an ihm vorüber. Draußen ſtand Frau von Rüderich und muſterte die Forteilenden durch ihr Lorgnon. Streicher warf, als er ſie erblickte, ärgerlich die Thür zu. „Die alte Schlange vom Nil hätte ich vom Halſe“, ſagte er ſich.„Es iſt ein Glück, daß ich meine Augen noch beſitze; ach, wie richtig habe ich ſie und ihre ge⸗ meinſamen Abſichten beurtheilt, ich kenne die Menſchen! Aber dieſe impertinente, zudringliche Viper von der Elbe, ſollte man ihr nicht die Luſt vertreiben können, Alles zu umringeln und zu begeifern?“ Ein boshaftes Lächeln flog über ſeine Zuge. Mit einigen Schritten war er im Salon, er nahm eine Zeitung 42* 8 ——IA ———— —— —„. 180 und ſetzte ſich ans Feſter. Niemand war anweſend als Frau von Rüderich, die kurz vor ihm erſt einge⸗ treten war, und ihr Gatte, der ſich ebenfalls in ein Journal vertieft hatte. Es war aber beinahe zu finſter, um noch zu leſen. Der Salon, vor wenig Wochen noch um dieſe Stunde Zuſammenkunftsort der Bewohner des Hauſes, war jetzt ungemüthlich und verödet. Frau von Rüderich trat zuerſt unſchlüſſig in die Veranda, dann wieder in das Gemach zurück an die Seite ihres Gatten; nun ſchien ſie aber nicht länger zurückhalten zu können. „Es wird nachgerade unmöglich, länger hier zu bleiben“, hob ſie zu ihrem Manne gewendet an, doch ſo laut, daß Streicher kein Wort entgehen konnte. „Die Romantik der Verhältniſſe nimmt hier allmälig in einem Grade überhand, daß man Gefahr läuft an⸗ zuziehen, wie in einer Rauchkammer.“ „Wie Rauchfleiſch, haha! ja, ganz recht, wie Rauchfleiſch in der Rauchkammer.“ Die günſtige Gelegenheit war, wie Streicher es erwartet hatte, gekommen. Indem er ſich nachläſſig erhob und den beiden Ehegatten näher trat, ſagte er: „Ich hätte gedacht, daß das Feld für Sie, die Sie ihre Stoffe aus dem Leben zu greifen gewohnt 181 ſind, beſondere Ausbeute gewährt. Sie haben ſo ſchöne Gelegenheit, Kapitel um Kapitel der Wirklichkeit ab⸗ zulauſchen.“ Frau von Rüderich beeilte ſich, den Stich durch einen andern zu erwidern. „Es hat nicht Jedermann ſo intereſſante Be⸗ ſuche wie Herr Streicher“, ſagte ſie hämiſch grinſend und beobachtete durch ihr Lorgnon die Wirkung ihrer Worte. Sie ſchien nicht auszubleiben, aber in anderer Art, als vorauszuſetzen war. Streicher's Stirn verfinſterte ſich, er ſenkte, wie von einer ſchweren Laſt niederge⸗ beugt, das Haupt. „Sie ſind eine ſcharfe Beobachterin“, ſagte er. „Ihrem Auge entgeht nichts.“ Frau von Rüderich wußte nicht, wie ſie dieſen Ausruf aufnehmen ſolle, ihr Erſtaunen aber wuchs, als Streicher fortfuhr:„Ich glaube, wenn Sie die Unterredung ſchrieben, die ich jetzt gehabt, die Scene müßte von der größten Wirkung ſein. Es geſchehen oft Dinge, ſie ſcheinen an und für ſich einfach befremdend, wer aber den innern Zuſammenhang findet, für den gewinnt Alles an Bedeutung und In⸗ tereſſe. Was iſt es um einen Beſuch von zwei Damen bei einem Herrn? Der Oberflächliche zuckt höchſtens mit einem lasciven Lächeln die Achſeln, und doch —— ——— 182 welche Tragödie kann ſich in einer halben Stunde ab⸗ ſpielen!“ Die Neugierde der ſchriftſtellernden Dame war aufs höchſte geſpannt. Was ſollten dieſe Andeutungen? War über den ſonſt ſo ſchroffen Mann eine ſchwache Stunde gekommen, in der er ſich vereinſamt fühlte und nach einer vertrauten Mittheilung ſehnte, oder war ihm nur in der Aufregung, die ihn noch durchbebte, ein Wort entſchlüpft, das er für ſich geſagt zu haben, von Niemand verſtanden glaubte? In der Furcht, daß die ſo unverſehens aufge⸗ ſprungene Quelle ſich plötzlich wieder verſchließen könnte, ehe Alles, was ſich in Erfahrung bringen ließ, ausge⸗ ſchöpft war, vergaß Frau von Rüderich den Krieg, der zwiſchen ihr und Streicher erklärt, war und ſchlau bohrte ſie weiter, während ſie zugleich mit überlegenem Lächeln ſpöttiſch die Achſeln zuckte. „Tragödie iſt doch vielleicht zuviel geſagt. Wo wäre der Ausgang, der ſolche Bezeichnung rechtfertigte?“ Sie hatte die Wirkung des Widerſpruchs richtig berechnet. Streicher war gereizt und redete ſich in Eifer. „Wie, es wäre keine Tragödie, wenn zwei Männer, die jahrelange Freundſchaft verbindet, unglücklicherweiſe zu demſelben Weibe in Liebe entbrennen? O, gerade ——— 183 Sie ſollten nicht ſo ſprechen, die ſchon einmal erfahren, wie nahe oft das Spiel der Phantaſie die Größe des Schickſals ſtreift. Es liegt höhere Intuition in dem Geiſte manches Autors, er ſieht vorher, was kommen wird. Wie viel Wahrheit liegt in dem Ausſpruch: Die Ereigniſſe werfen ihren Schatten voraus. O was kann nicht Alles ein verrätheriſches Weib! Die beſten Freunde vermag ſie zu ſcheiden, ihnen den Haß ins Herz zu pflanzen, der Sinn und Augen blendet, ſodaß man eine Fremde, Unbetheiligte für die heuchleriſche Geliebte nimmt! Nicht Jeder iſt wahnſinnig, der raſt.“ „Himmel!“ ſtieß Frau von Rüderich leiſe und verwundert aus,„jener Abend bei der alten Kirche?“ „Und das nennen Sie keine Tragödie?“ fuhr Streicher, ohne darauf zu achten, fort.„Wenn endlich der lange unter der Aſche glimmende Funke doch in Flammen aufſchlägt, der Freund dem Freunde wie einem Todfeind ins Auge blickt und ihnen die Leiden⸗ ſchaft endlich die tödtliche Waffe gegeneinander in die Hand drückt und Blut fließen muß, um die Frage zwiſchen beiden zu entſcheiden, keine Tragödie?“ „Es iſt alſo wahr, was ich hörte, Sie ſind ver⸗ wundet?“ fragte Frau von Rüderich.„Deshalb tra⸗ gen Sie den Rock über der Schulter?“ „Ich? Allerdings“, entgegnete Streicher kalt, fuhr ——— — ———— 4 — 184 aber ſogleich wieder lebhaft fort:„Und wenn beide den Haß gegen das Weib kehren, das ſie entzweite, indem es beide betrog, wenn ſich dann beide von der Unglückſeligen abwenden, zerrüttet in ihrem ganzen Sein— ah, ich brauche Ihnen wohl das Alles nicht weiter auszumalen— ſchweigen wir davon, ſchwei⸗ gen wir!“ „Welcher Einblick, welcher Einblick!“ ſtieß Frau von Rüderich außer ſich hervor.„Und ich hatte vor⸗ ausgeſetzt, Herr Strandau und Sie wären zu gemein⸗ ſamem Zweck—“ Ein ernſt fragender Blick aus Streicher's Auge unterbrach ſie. „Wir ſprachen nur von zwei Freunden“, ſagte er dumpf. „Ich verſtehe. Alſo ich glaubte jene zwei Freunde auf der Jagd nach einem Einbrecher.“ Sie bemühte ſich durch ein feines Lächeln ihr Verſtändniß auszu⸗ drücken und brannte vor Begierde, Alles zu erfahren. „Das macht die Sache nur noch complicirter“, gab Streicher nickend zu. Sie ſcharf fixirend ſetzte er bei:„Können Sie es nicht ahnen?“ „Wie ſollt' ich?“ „Ich dachte es, Sie ſind unvermögend dazu.“ Es klang ſo eigenthümlich, faſt wie Spott, doch der über⸗ 185 raſchend ernſte Ton, den Streicher ſogleich wieder an⸗ ſchlug, verwiſchte den befremdenden Eindruck.„Was würden Sie dazu ſagen“, begann er, ſeine Stimme ge⸗ heimnißvoll dämpfend,„wenn jener Schurke behauptete, im Einverſtändniß mit einer Dame und ihrem Gatten gehandelt zu haben, in deren Geſellſchaft er die meiſte Zeit verbrachte? Verſtehen Sie mich wohl.“ „Wie?“ riefen beide Gatten im höchſten Grade be⸗ ſtürzt aus. Die Sprache ſchien ihnen zu verſagen. „Ich nenne keinen Namen, aber Sie können ſelbſt combiniren, wen er meint. Er beſteht auf ſeiner Ausſage.“ „Unerhörte Frechheit!“ kreiſchte Frau von Rüde⸗ rich auf. „Frech ſind die Schurken alle.“ „Wie? Dieſe Beſchuldigung—“ „Wird leider durch den Eifer um ſo glaubhafter, mit welchem die Vertheidigung des Gauners geführt wurde. Die Art, wie ſeine Abreiſe in Scene geſetzt und die Richtung abſichtlich gefälſcht wurde, iſt eben⸗ falls compromittirend. Am meiſten aber gilt das Ein⸗ geſtändniß des Verbrechers.“ „Ein ganzes Complot!“ ſchrie Frau von Rüde⸗ rich ganz außer ſich.„Eine Verleumdung, eine Ehren⸗ beleidigung, eine abgekartete Sache! Aber man ſoll ———-—j * 186 nicht ungeſtraft Derartiges wagen. Noch gibt es Ge⸗ richte, die Recht ſprechen!“ „Ja, die Recht ſprechen“, gab das Echo wieder. „Die Gerichte“, warf Streicher bedenklich ein, „dürften da im Gegentheil auf Seite des Beſchädigten ſein. Die Inzichten wiegen ſchwer, was läßt ſich da⸗ gegen vorbringen? Großmüthig läßt der Beſchädigte den Betreffenden Zeit, ſich zu flüchten, wenn ſie es aber verſchmähen, ſich in dieſer Weiſe dem Arme der Ge⸗ rechtigkeit zu entziehen, ſo macht er von ſeinem Recht Gebrauch und läßt die Verhaftung vornehmen. Die Verur⸗ theilung iſt nach Ausſage des Mitſchuldigen faſt gewiß.“ „Wie aber kann der Nichtswürdige eine ſolche Ausſage machen?“ warf Frau von Rüderich zitternd und kleinlaut geworden ein.„Es iſt ein Act der Rache, der von anderer Seite ausgeht, der Elende hat ſich durch ein Verſprechen gewinnen laſſen und nun ſollen die Unſchuldigen verdorben werden. O, es iſt eine Nichtswürdigkeit ſondergleichen!“ „Ja, ſondergleichen! Du ſagſt es, liebe Albine.“ „Du wirſt mich vertheidigen“, herrſchte ſie ihrem Gatten zu. „Aber erlaube mir, was läßt ſich da thun, gegen eine Verſchwörung, die ihre Schachzüge ſo berech⸗ net hat?“ ☛☚ 187 Es war eine Scene der Verwirrung und ohn⸗ mächtigen Wuth, die jetzt folgte und der Streicher ganz paſſiv beiwohnte. Die ſteigende Dunkelheit verhüllte das ſatiriſche Lächeln, das alle Muskeln ſeines Ge⸗ ſichts zucken machte. Endlich, als die Aufregung der Beiden ihren Gipfelpunkt erreicht hatte, nahm Streicher den Moment wahr, ihr in draſtiſcher Weiſe ein Ende zu machen. „Aber warum alteriren Sie ſich denn ſo ſehr, meine Gnädige?“ fragte er.„Iſt das immer Ihre Art, zu componiren, das muß ſehr angreifend für die Ner⸗ ven ſein.“ „Was ſagen Sie? Spotten Sie nicht!“ fuhr die Angeſprochene giftig wie eine Schlange auf.„Sie, Strandau und Kuruſoff können unternehmen, was Sie wollen, wir werden ſehen, ob man uns ungeſtraft zu Verbrechern macht!“ „Ja, zu Verbrechern macht.“ „Welches Mißverſtändniß! Wer ſprach von Ihnen?“ „Sie, mein Herr! Machen Sie keine Ausflüchte. Sie haben uns die abſcheulichſten Machinationen auf⸗ gedeckt.“ „Aufgedeckt— jawohl!“ „Allerdings“, erwiderte Streicher in ſeinem un⸗ ſchuldigſten Tone.„Aber wer konnte meinen, Sie — —— —.—— 188 würden es auf ſich beziehen? Ich dachte, es handle ſich um Ihren neuen Roman, und wollte Ihnen behülflich ſein, einige Kapitel zu componiren. Ich glaube, ſie werden wirkſam ſein; der Titel: Wer andern eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein.“ Die darauf folgende Grabesſtille benutzte er, ſich zu entfernen, zum zweiten Male mit dem Lorbeer des Siegers geſchmückt. Siebentes Kapitel. Unter dem Niſtelzweig. Weihnachten, das Feſt der Kleinen, war gekommen. Die Dämmerung des Chriſtabends brach herein, heute noch erleuchtet von vielen tauſend Lichtern zwiſchen den grünen Tannenzweigen, wie in altersgrauer Zeit, wo in der Nacht der Winterſonnenwende in ganz Deutſchland auf allen Kreuzwegen lichtſtrahlende Bäum⸗ chen ſtanden, von unſern heidniſchen Vorfahren auf⸗ gepflanzt, die böſen Geiſter zu verſcheuchen. Das Chriſtenthum hat die alte Sitte beibehalten, verſchönert und geheiligt. An keinem Abende des Jah⸗ res fühlt der Einſame tiefere Sehnſucht nach dem trau⸗ ten Kreiſe der Familie, nach der warmen Stätte einer Heimat, als an dieſem, wo alle, die durch Bande der Liebe und Freundſchaft vereinigt ſind, näher zuſammen⸗ 3 4 V 190 rücken, wo die Menſchen ihre Freude nicht hinaustra⸗ gen in die Allgemeinheit, um aus gemeinſchaftlich ge⸗ fülltem Baſſin dann wieder ihr beſcheidenes Krüglein b verwäſſerten, getrübten Genuſſes zu ſchöpfen. Zu Weihnachten fühlt das Herz, daß es noch von andern Banden umfangen iſt als von denen reinmenſch⸗ licher Nächſtenliebe. Chriſtabend ſondert die Menſch⸗ heit in kleine Gruppen, es iſt ein heimliches Feſt, ein echt patriarchaliſches— das Feſt der Familie, der Hei⸗ mat, eine ſymboliſche Feier des Eigenthums. Und die Nationen, deren Sinn dafür am höchſten entwickelt iſt, halten auch dies Feſt beſonders heilig, ſie begehen es feierlicher als alle andern. Wie bei allen Völkern germaniſchen Stammes iſt dies auch bei den Englän⸗ dern der Fall. Selbſt in der Fremde vergeſſen ſie des Abends nicht. In der Wohnung, welche Mr. Lesley im Höôtel des Bergues zu Genf gemiethet hatte, waren alle Vor⸗ bereitungen getroffen,„christmas“ würdig zu feiern. Das große Zimmer, in welches man Nurreddin nach jenem gefährlichen Sturze gebracht und das man mittlerweile, den nöthig gewordenen Anordnungen ge⸗ 1 mäß, in einen Salon umgeſtaltet hatte, war freundlich decorirt. Guirlanden von Lorbeer und Stechpalmen zierten die Wände. Lizzie ſelbſt hatte die letztern aus 191 dem Walde mit heimgebracht und aufgehängt, denn die alten engliſchen Lieder ſagen:„Der Lorbeer ziemt der Wittwe des Soldaten und dem Dichter, die Eiche dem Starken, die Myrte den Schönen, die Stechpalme aber iſt jedem Herzen in England theuer. Holly“— ſo heißt die Stechpalme—„mit ihren rothen Korallen⸗ beeren zwiſchen den dunkelgrünen, metalliſch glänzenden Blättern iſt die ſchönſte Krone auf dem Haupte des düſtern Winters.“ Im Kamin flammt der gewaltige„christmas log“ und verbreitet wohlthuende Wärme in dem freundlichen Gemache, deſſen Mitte ein ſchöner Chriſtbaum einnimmt, behangen mit hunderterlei Dingen, mit Früchten und Bonbons, lockendem Spielzeug und ſchimmernden Ge⸗ ſchenken. Ein Duft von Tannenharz erfüllt die At⸗ moſphäre und zahlreiche Lichter funkeln zwiſchen den grünen, von ihrer ſchweren Laſt tief herabgezogenen Aeſten. Und vor dem ſtrahlenden Baume ſteht ein ſchöner kranker Knabe, er iſt wie gebannt von dem zauberhaften Anblick, ſein Auge glänzt, er fühlt ſich wie durch Feenhand in ſeine ferne Heimat entrückt und glaubt eine jener märchenhaften Phantaſias zu ſchauen, deren Schimmer zu Zeiten noch ſeine Träume erfüllt. Ueber ſeine ſchmalen blaſſen Lippen ſchwebt ein Lächeln. ———— — ———y— O——V————— 4 1———ÿÿ ☛* 9 —— 192 Und der Vater iſt glücklich bei dem Lächeln ſeines Kindes, das er mit ſchmerzlich ſorgenden Blicken be⸗ trachtet. Und jetzt bewegen ſich leiſe die kleinen Lippen, ein fremdartiger Laut ſchlägt an Mr. Lesley's Ohr, er hat ihn wohl verſtanden. „Die Mutter!“ Ein Schatten geht über ſeine Stirn. Was ſoll die Erinnerung noch? Wird ſie ſich je— mals ganz verſcheuchen laſſen? Wird das Kind jemals der Mutter vergeſſen? Solange Nurreddin, von Mrs. Lesley und ihrer Schweſter abwechſelnd gepflegt, in der Bewußtloſigkeit des Fiebers lag, war kein Wort über ſeine Lippen ge⸗ kommen, das an das Land ſeiner Geburt erinnerte. Seine Phantaſien hefteten ſich immer nur an die Er— lebniſſe in der Gauklertruppe, an die körperlichen Uebun⸗ gen, bei denen er ſich im Traume abquälte, bis ihm der Schweiß wirklich auf der Stirn ſtand. Als aber die Krankheit ſich brach und ſein Bewußtſein zurück⸗ kehrte, da hatte er auch wieder von der todten Mutter und dem Oheim geſprochen, der ihn mit ſich genommen in das kalte fremde Land. Allmälig hatte er ſich auch gewöhnt, den Vater an ſeinem Bette zu ſehen, er hielt ſeine Wärterinnen, an die er ſich zärtlich anſchmiegte, nicht mehr ſcheu ☛——/— — 193 zurück, wenn derſelbe kam, und ſchien nicht mehr, wie anfangs, von Furcht und Widerwillen bei deſſen An⸗ blick erfaßt. Nurreddin ſprach nur wenige Worte eng⸗ liſch, es that ihm wohl, mit Jemand verkehren zu können, der ſeine Sprache verſtand, und bald trat ein freundlicherer Verkehr ein zwiſchen Vater und Sohn. Nurreddin erzählte von ſeiner Mutter, aber ſeine Er⸗ innerung war ſchon verblaßt, die Züge hatten ſich ver⸗ wiſcht, er gedachte nur einer leiſe ſprechenden, hinſchwin⸗ denden Geſtalt, die ihn an der Hand führte, denn ſie war zu ſchwach, ihn auf den Armen zu tragen. Sie hatte ihn die wenigen engliſchen Worte gelehrt, die ſie ſelbſt kannte, die Sprache ſeines Vaters, hatte ſie geſagt, für den er beten müſſe und den ſie ſegnete bis zu ihrem Tode. Es hatte Mr. Lesley eigenthümlich berührt, das Alles zu hören. Es klang wie ein Geiſtergruß aus einer andern Welt. Naëmi hatte ihm alſo nicht ge⸗ zürnt, ein Segen war der letzte Hauch ihrer wunden Bruſt, den nur Maͤlek in ſeinem glühenden Rachedurſt dem Herzen des Kindes zu einem Fluch verkehrte. Nurreddin war nicht als Vermächtniß der Liebe in des Vaters Arme gelegt worden, der Haß hatte das Kind dem Vater zugeführt, dennoch erſchien dies Wiederſehen Mr. Lesley's heftig erregtem Gemüthe wie ein Wunder⸗ Byr, Romaden. V. 13 — A —————— ——-— — — 194 zeichen der Verſöhnung. War denn nicht mit dem Kinde wirklich Verſöhnung, eine Ahnung von Glück und Frieden eingezogen bei ihm? Von Tag zu Tag ſeit jener Stunde war ſeine Bewunderung geſtiegen vor der Seelengröße ſeiner Frau. Er begriff jetzt, wie unrecht er gethan, ſie für kleinlich, für oberflächlich und leichtſinnig zu halten und jahrelang in verbittertem Schweigen neben ihr einherzugehen. Geheiligt erſchien ihm dies Frauen⸗ herz durch ſeine unerſchöpfliche Barmherzigkeit und Liebe, und ſein ſchwerſter Kummer war der Zwei⸗ fel, ob er jemals all ſein Unrecht wieder gut zu machen vermöge. Noch immer war es für ihn ein ſchneidendes Weh, an die Vergangenheit erinnert zu werden, aber es war anderer Art als früher; ein Vorwurf klang jetzt durch, der an die letzten Jahre gemahnte. Im Hinbrüten über eine todte, untergegangene Welt hatte er der Le⸗ benden vergeſſen. Das war der Schatten, der auch jetzt wieder über ſeine Stirn flog. Mary allein hatte ihn bemerkt, ihr Auge hing liebevoll und aufmerkſam an dem ihres Gatten. So⸗ gleich beugte ſie ſich zu Nurreddin herab, der ihre Hand feſthielt und ſich jetzt mit rührender Zärtlichkeit an ſie ſchmiegte. —— 195 „Sterneubaum ſchön“, ſagte er in naiver, ſtam⸗ melnder Weiſe.„Mutter hat geſchickt.“ Mary umſchlang ihn und küßte ſeine Stirn. „Ja, mein Kind“, erwiderte ſie, in ſeine Idee ein⸗ gehend.„Deine Mutter im Himmel hat ihn durch einen Engel geſchickt, aber er iſt nicht blos zum An⸗ ſehen, ich habe die Erlaubniß erhalten und darf Dir herablangen, was Du wünſcheſt.“ „Alles mein?“ fragte der Knabe, und auf die er⸗ haltene Beſtätigung ſchlug er in die Hände.„Ich darf verſchenken“, meinte er, und eins nach dem andern von den ſchönen Dingen mußte ihm die junge Frau reichen und er vertheilte mit glücklichem Geſichte ſeine Gaben an ſeine zweite Mutter, an Lizzie, die er be⸗ ſonders liebte, etwas ſchüchterner auch an Mr. Lesley, an deſſen Schwiegerältern, die ebenfalls anweſend wa⸗ ren, und Gerhard, der ſelbſt den Baum gebracht und die Lichtlein alle angeſteckt hatte. Der Knabe war heiter, aber es leuchtete nicht blos der Glanz der Freude aus ſeinen Augen, es war jenes unbeſchreibliche Schmachten, das mit der durchſichtigen Zartheit des Antlitzes als Zeichen einer kurzen Lebens⸗ dauer gilt. Darauf bezog ſich auch Mr. Lesley's ſchmerzliches Lächeln, als er auf die Bemerkung Reve⸗ rend Wallace's, in England ſei es doch anders, Chriſt⸗ 13* —A ————O——— * *¾ ————— —õ— —— —-— 196 abend müſſe ein verſchneites Haupt tragen, mit einem wehmüthigen Blick auf ſein Kind ein engliſches Sprich⸗ wort citirte: „Grüne Weihnachten, fetter Friedhof.“ Auch Reverend Wallace wurde dadurch ernſt ge⸗ ſtimmt. Er gedachte der jüngſten Vergangenheit; wie nahe hatte man einem Grabe geſtanden! Sein frommes Gemüth dankte dem Herrn, daß er Alles ſo gnädig gefügt und alle den Abend ſo heiter hatte erleben laſſen. Seine einzige Sorge war, daß das arme, ſo zu ſagen durch ein Wunder gefundene Heidenkind ſobald als möglich die Taufe empfange, damit ſeine Seele gerettet werde. Nicht ganz ſo leicht hatte ſich ſeine Frau in das neue Verhältniß gefunden. Ihre Erwartung, einen erhöhten Einfluß auf ihren Schwiegerſohn zu gewinnen, indem ſie ihn den unermeßlichen Werth ihrer Nach⸗ ſicht recht empfinden ließ, ſah ſich getäuſcht. Da Mr. Lesley und ſeine Frau nicht nach Montreux kamen, erachtete Mrs. Wallace es nach einigen Tagen an der Zeit, ſelbſt nach Genf aufzubrechen. Auszugleichen, zu verſöhnen gedachte ſie, ſich damit den Dank Mr. Les⸗ ley's zu verdienen und die Anerkennung ihres Kindes. Aber ſie kam zu ſpät, man hatte ihrer nicht bedurft, Alles war zwar aufs glücklichſte geordnet, aber un⸗ 1 197 verzeihlicherweiſe ohne ihre Beihülfe. Sie zürnte ernſt⸗ lich ihrer Tochter. „Welche Bedingungen hätte ich für Dich heraus⸗ geſchlagen, Du wäreſt unumſchränkte Herrin geworden“, machte ſie ihr zum Vorwurf.„Du wollteſt klüger ſein, gut. Sieh zu, wie Du von nun an allein fertig wirſt“, hatte ſie ſchmollend hinzugeſetzt, war aber vollends be⸗ troffen, als ſich Mary darüber nicht im geringſten troſtlos zeigte, ſondern ihre Emancipation vom mütter⸗ lichen Einfluß kurzweg als eine Thatſache annahm und in„unverzeihlicher Kurzſichtigkeit“ äußerte: „Eine Frau hat ihrem Manne keine Bedingungen vorzuſchreiben. Ich will von nun an meinem Herzen folgen. Durch allzuviel Klugheit und Würde, Mama, wären wir beinahe alle unglücklich geworden.“ Zur Strafe hatte die gekränkte Mutter beſchloſſen, ihre Hand von dem verblendeten Kinde abzuziehen. Es war ihr Ernſt und man ſollte ihn fühlen; zunächſt erklärte ſie, nicht an der Reiſe nach dem Süden Theil nehmen zu können, die Mr. Lesley, Nurreddin's ſtark erſchütterter Geſundheit wegen, vom Arzte angerathen worden war. Mrs. Wallace beſtand darauf, ſchon nächſter Tage nach Deutſchland aufzubrechen; in Heidel⸗ berg ſollte zunächſt das Zelt aufgeſchlagen werden, ſo ſehr auch Reverend Wallace ſeufzte und ſich nach ſeinem ———— 1 —f—— 4 4 4 ——— 198 Old England ſehnte. Vergeblich hatte er bei Tiſche erſt eine Anſpielung gewagt und, als der flammende Plum⸗ pudding, die an dieſem Tage unerlaßliche Feſtſpeiſe, aufgetragen wurde, ſeiner Frau erklärt, Niemand ver⸗ ſtehe ihn doch ſo vortrefflich zu bereiten als ſie— die Schmeichelei ging an ihr vorüber, ohne ihr Herz zu rühren. Sonderbarerweiſe ſchwieg der Partner, auf welchen er gezählt hatte, diesmal ganz. Wie ſehr Lizzie ſonſt für die Heimat geſchwärmt hatte, mit einem Male ſchien ihr nicht das Geringſte daran gelegen, nach Hauſe zurückzukehren. Sie war es ganz zufrieden, nach Heidelberg zu gehen. Sie nahm es ſogar mit ſtaunenswerther Gelaſſenheit hin, als Papa, der ſie nicht begreifen konnte, ſie eine Convertitin, ja, wenn er ſo ſagen dürfe, eine von der Häreſie der Unſtetigkeit Angeſteckte, gewiſſermaßen eine angehende Nomadin nannte. Nurreddin hatte alle beſchenkt, aber auch ſonſt hatte ſich für jeden der Anweſenden eine Gabe gefun⸗ den. Kleinigkeiten für die Herren, größere Geſchenke, meiſt Toilettengegenſtände, für die damen. Mr. Lesley hatte in ſeiner freigebigen Laune des Glücks Alles be⸗ ſorgt. Sogar Abu Seid mit ſeiner Truppe war vor einigen Tagen bei deren Abzuge nicht vergeſſen worden und hatte eine namhafte Summe erhalten. Lesley 199 hätte gern die ganze Welt beſchenkt. Seine Wahl mußte eine glückliche geweſen ſein, denn die Damen waren freudig überraſcht, ſelbſt Mrs. Wallace zeigte ein wenig Sonnenſchein, der durch die tagelang feſt⸗ geſtandenen Gewitterwolken brach. Nachdem man ſich genug gefreut, Alles gezeigt und bewundert hatte und die Lichter allmälig herabgebrannt waren, entfernten ſich die Damen mit ihren Geſchenken, nur die Herren blieben zurück und Nurreddin, der von all ſeinem Spielzeug nichts anrührte und wehmüthig dem Erlöſchen der„Sterne“ auf ſeinem Baum zuſah⸗ Sein Vater war es, der den Kleinen dieſen trau⸗ rigen Betrachtungen entzog. „Der Engel nimmt die Sterne fort, er wird auch den Baum mit ſich nehmen und Alles, Alles“, trauerte Nurreddin. Der Vater tröſtete ihn und ſuchte ihn zu zerſtreuen, „Komm, ich will Dich auf den Arm nehmen“, ſagte er,„Du mußt etwas für mich beſorgen.“ Der Knabe wollte anfangs nicht, er ſträubte ſich und behauptete, er werde wieder fallen, endlich aber gab er doch nach, er ließ ſich emporheben und befeſtigte, wie ihm geheißen wurde, über der Thür, durch welche die Damen verſchwunden waren, einen grünen Buſch, den ſein Vater aus ſeinem Verſtecke hervorgeholt. 1 4 4 b —-· 200 „A merry christmas!“ rief Reverend Wallace, vergnügt in die Hände klatſchend.„The mistletoe— merry christmas!“*) Welche Freude lachte in ſeinen Zügen! Der alte Herr gedachte wohl einer vergangenen Zeit, die mit heiterem Glanze in ſeiner Erinnerung auftauchte, als er dieſes Wahrzeichen altengliſcher Sitte erblickte. Die Miſtel, die alte geheimnißvolle Staude der Druiden, die nicht ſelbſt in der Erde wurzelt, ſondern mit ihren feinen Blättern und den hübſchen weißen Früchten aus den Aeſten der ja gleichfalls heiligen Eiche hervorſprießt, ſpielt zwar nicht mehr in den re⸗ ligiöſen Gebräuchen, wohl aber in den alt überlieferten Sitten Englands eine myſtiſche Rolle. Am Chriſtabend über der Thür, am Plafond oder ſonſt an einem er⸗ höhten Orte befeſtigt, gibt ſie jedem Manne das Recht, die Frau oder das Mädchen zu küſſen, das er unmit⸗ telbar unter dem Zauberſtrauche antrifft, der ſo koſt⸗ bare Schätze erſchließt. Sei es, daß die Damen mit ihren Geſchäften ſchon in Ordnung waren oder hatte ſie Reverend Wallace's Händeklatſchen herbeigezogen, ſie erſchienen plötzlich an der Thür und zwar vor allen nichts ahnend und un⸗ *) Oer Miſtelzweig— fröhliche Weihnacht! 201 befangen die junge Frau, die im Moment, wo ſie die Schwelle überſchritt, auch ſchon einen Kuß von ihrem Gatten erhielt. Reverend Wallace lachte, Nurreddin klatſchte in ſeine kleinen Hände und ſelbſt Gerhard wurde heiter, als er ſah, wie Mrs. Lesley ihrem Manne halb verſchämt, halb ſcherzhaft drohte und doch auch in das allgemeine Lachen einſtimmte, als ſie die Miſtel⸗ ſtaude erblickte. Schon ſtand auch Mrs. Wallace mit fragendem Blicke auf der Schwelle gerade auf dem gefährlichen Punkt. Sie hatte ſich ſogleich orientirt und blieb ganz ruhig ſtehen. „Es iſt eine alte hübſche Sitte“, ſagte ſie, als ſei ſie in Erwartung, daß man auch von ihr das Recht einfordere. „Das iſt es, Nab, meine Liebe“, erwiderte ihr Gatte.„Weißt Du noch, als ich von Clayton⸗Foreſt nach Shaketon⸗Hill kam, um dort die erſten Weihnachten zu verbringen, nachdem ich die Pfarre hatte—“ „Ach, ſchweig, wer ſpricht davon noch!“ „Hm, da war es ſo zu ſagen, gerade ſo und ich glaube es wohl ſagen zu dürfen, ich war ſehr glücklich.“ Er umfaßte ſeine Frau und drückte ihr einen Kuß auf die Wange, die ſie ihm hinhielt.„Iſt ſchon die Er⸗ innerung an die Heimat ſüß, wie angenehm, ja, ich —A ———— —— * 202 glaube damit nicht zu viel zu ſagen, wie vortrefflich wäre es, ganz und gar—“ „Ach, Du geräthſt ſchon wieder—“ wollte ſie ihn unterbrechen, aber auch ſie kam nicht weiter, ein hei— teres Lachen ſchnitt ihr das Wort ab. Lizzie, welche den Scherz gemerkt, hatte den Ver⸗ ſuch gemacht, raſch neben ihrer Mutter durchzuſchlüpfen und ſo dem Zolle zu entgehen, den ihr der myſtiſche Strauch auferlegte, aber ihr Schwager hatte den Flücht⸗ ling ſogleich erſehen und ſuchte ihn in ſeinen Armen aufzufangen. Noch ſchneller aber war Nurreddin ge⸗ weſen; mit einer Gelenkigkeit, die ſein ſchwächliches Ausſehen beinahe Lügen zu ſtrafen ſchien, war er bei Lizzie, hatte ſich an der Lachenden emporgeſchwungen, ihren Hals mit ſeinen Aermchen umfaßt und gab ihr nun Kuß auf Kuß, die ſie munter erwiderte. „Bravo, Nurreddin, bravo!“ rief Mr. Lesley ſei⸗ nem Söhnchen zu. „Ich früher gekommen— weggefangen“, lachte der Kleine. „O nein, mir lag die Abſicht ohnehin fern“, er⸗ widerte ſein Vater mit einem flüchtigen Blick auf den ſich etwas entfernt haltenden Gerhard, deſſen Ernſt nicht einmal die heitere Seene ganz zu verſcheuchen vermochte. — H — Aber Nurreddin ließ das ablehnende Wort nicht gelten. Während er zur Erde glitt und Lizzie liebkoſend an der Hand feſthielt, ſprach er ſchelmiſch einige ara⸗ biſche Worte. Mr. Lesley, der glücklich war, ſein Kind ſo munter zu ſehen, überſetzte das Geſagte. „Der kleine Schelm ruft mir ein orientaliſches Sprichwort zu: Wenn die Katze eine Leber ſieht, die ſie nicht erreichen kann, ſagt ſie: Heute iſt Faſttag.“ Alles ſcherzte und lachte. Man fand das Sprich⸗ wort vortrefflich. „Viel zutreffender“, ſagte Gerhard, als unſer deut⸗ ſches von den zu ſauern Trauben, da der Fuchs doch bekanntlich kein Traubenfreund iſt.“ Dies und jenes wurde vorgebracht, dafür und da⸗ wider, ein lebhaftes Geſpräch hatte ſich entſponnen, bis Reverend Wallace, der heute wie verwandelt ſchien, einige Andeutungen fallen ließ, die ſich auf die Feier des Abends bezogen. „O, es iſt etwas Schönes um alte Gebräuche“, meinte er,„ſie erhalten uns ſo zu ſagen jung und er⸗ wärmen, was man mit Recht behaupten kann, unſer Herz für unſere Vorfahren und unſer Vaterland. Der Patriotismus wurzelt gewiſſermaßen in ihnen, man ſollte darum auch keinen vergeſſen. Auch die Muſik hat ihren Theil daran.“ —B —— —yyyy———— ———· 3 204 „Ich weiß, was Pa meint— die Legende von der ſchönen Braut Jung⸗Lovel's“, rief Lizzie. „Ja, ja; ſinge ſie“, drängte ihre Schweſter. Alle baten; aber ſie müßten mitſingen, bedang ſich Lizzie aus und ſprang an das Pianino, das nahe am Fenſter ſtand. Ihr Schwager hatte es für ſie ge⸗ miethet. Nurreddin hörte der Muſik zu, wie Tönen aus einer fremden Welt, in ſeinen unruhigſten Fieberträu⸗ men hatten ihn die Klänge beſänftigt und ein ſeliges Lächeln auf ſeine Lippen gerufen. Auch jetzt trat er ſogleich ans Inſtrument und kauerte ſich zu Lizzie's Füßen hin. Es war eine ernſte alte Melodie, welche Lizzie anſtimmte, ſie entſprach dem traurigen Texte, den ſie dazu ſang und den bald alle im Chore wiederholten. Die ſchwermüthige Ballade erzählt von einem alten Schloß, in dem Freude und Jubel, Scherz und Spiel war am Hochzeitsabende Jung⸗Lovel's mit der ſchönen Tochter des Lords. Die junge Braut verbarg ſich, ihre Geſpielinnen zu necken, man ſuchte ſie und konnte ſie nicht finden. Und aus dem Spiel wurde Ernſt; Tage, Wochen, Jahre vergingen, verſchwunden blieb die Braut; die unglücklichen Aeltern, der troſtloſe Lovel ſuchten vergebens. Da nach Jahren wurde ein ſchwerer Schrank geöffnet, ein altes Möbel in einem 205 vergeſſenen Winkel des Schloſſes, und als ſich die Thür aufthat, fiel ein Skelett hekaus, um den Schädel noch den Kranz von weißen Roſen— die Braut, welche die hinter ihr ins Schloß gefallene Thür nicht mehr zu öffnen vermocht. Ein ſonderbarer Gebrauch, der gerade dieſe ſchau⸗ rige Ballade wie einen Mißton in die fröhliche Weih⸗ nacht hineinklingen läßt. Alles war nach Beendigung Geſangs ernſt und feierlich geſtimmt, weit mehr als alle Gerhard. Wie ein Grablied hatte ihm die düſtere Melodie geklungen, und als Lizzie aufſtand, ſetzte er ſich, faſt ohne an die Anweſenden zu denken, an das Inſtrument 8 des G und nahm das Motiv wieder auf, indem er es mannig⸗ fach variirte im Murmeln des Sees, im Flüſtern des ſanften Windes, der durch hängende Weiden ſtrich, im Brauſen des wilden Sturms, bis ſich alle die Stimmen in einem majeſtätiſchen langſamen Trauermarſch zu vereinigen ſchienen; man hörte die Klagen der Weinenden, den ſchweren, dröhnenden Hufſchlag der Pferde, das dumpfe Hinabrollen der Erde. Das war nicht Jung⸗Lovel's Geſchichte, die da er⸗ zählt worden war und Gerhard ſo tief ergriff— es war ſeine eigene. So war ſeine Braut verſchwunden, ſo hatte er ſie 1* 2A — ——— ——— —— 206 geſucht und gerufen mit den zärtlichſten Namen, erſt leiſe und lockend, zuletzt mit dem gellenden Aufſchrei eines von Angſt und Verzweiflung gefolterten Herzens. Und die Unſelige, die ſich ſelbſt den Rückweg abgeſchnitten hatte, ſie konnte nicht antworten, vergebens war ihr Rufen, ihr Rütteln, ihr Weinen; geſchieden blieb ſie auf ewig von dem Geliebten. Er vermochte ſie nicht zu retten, ſie war verloren, verloren auf ewig. Wie in der Ballade verwelkte der Kranz von weißen Roſen, der die jugendlich ſchöne Stirn umſchlungen hatte; Blatt um Blatt ſank nieder in Staub und Moder. Alles, was Gerhard in letzter Zeit gelitten, klang in ſeinem Herzen nach und gewann unter ſeinen Händen Ton und Leben. Er ſang ein Lied am Grabe einer Todten. Es war kein leidenſchaftlicher Wehſchrei mehr, der ſeiner Bruſt entfuhr, nur noch ein leiſe verhallen⸗ der Klaggeſang; das Andenken an Adrienne hatte er eingeſargt und begraben. Nicht die Zeit hatte ſeinen Schmerz gemildert, noch trennte ihn erſt eine kurze Friſt von jenen er⸗ ſchütternden Scenen, die ſeiner Abreiſe von Montreux vorausgegangen waren, auch die Ueberzeugung von der eiſernen Nothwendigkeit ſeiner Handlungsweiſe gab ihm nur ſpärlichen Troſt. Das Bewußtſein, nur ſo — 207 das Leben zu erhalten, vermindert nicht im geringſten den Schmerz, den ein Verwundeter beim Abtrennen eines brandigen Gliedes empfindet. Es war aber das Gefühl tiefer Scham und Verbitterung, das ſeinen Stolz wach rüttelte und ihn ſich männlich aufzurichten zwang. Streicher's Brief hatte dieſe Doppelwirkung her⸗ vorgerufen. Mit Feuer und Eiſen hatte derſelbe zu heilen verſucht. Unverhüllt und ungeſchminkt traten die ganze Selbſtſucht und niedere Geſinnungsweiſe, der ganze unbedachte Leichtſinn, der Mangel an geiſtiger Bildung, an ſittlichem Ernſt, an Herzensreinheit und Seelengröße vor Gerhard's Augen, die ſich noch in der letzten Unterredung Streicher's mit den beiden Schweſtern ſo unverfälſcht zu erkennen gegeben hatten. Einen tiefen Blick hatte Streicher dem Freunde eröffnet und dieſer ſchauderte mit Entſetzen vor dem Gedanken zu⸗ rück, wie nahe er daran war, ſich von ſeinem Vertrauen irre führen zu laſſen. Alles ſchrieb Streicher, nur die von Adrienne aus⸗ geſtoßene Drohung hatte er Gerhard nicht mitgetheilt. Ging ſie, woran er aber entſchieden zweifelte, dennoch in Erfüllung, ſo kam die trübe Botſchaft früh genug, wozu ſollte er auch noch dieſe Qual dem wunden Herzen aufbürden. In ſeinem zweiten Briefe, der erſt 3 8 „ —-Aeee 4 208 tags zuvor in Gerhard's Hände gekommen war, that Streicher der Villa und ihrer Bewohnerinen gar nicht Erwähnung mehr; nur Neuigkeiten hatte er dem Freunde erzählt, die ihn zerſtreuen ſollten. Das Ehepaar Rüderich war kurz nach jenem Ge⸗ ſpräch mit Streicher, auf das ſich dieſer ſehr viel zu gute thak, ſang⸗ und klanglos aus Montreux verſchwun⸗ den. Der Boden ſchien für romantiſche Studien un⸗ fruchtbar geworden zu ſein, oder hatte Herr von Rüde⸗ rich, der literariſche Demokrat, das vorliegende Material für die gegenwärtig in Arbeit befindliche Abtheilung ſeines großen Werkes über Speiſe und Trank des Volkes durch ſeine gründlichen Forſchungen in der Weinkarte des Hotels ſchon erſchöpft? Aber auch Graf Hilmersdorf war abgereiſt, aller⸗ dings nicht freiwillig. Eines Tags war unver⸗ ſehens ſein„Alter“ erſchienen, hatte, wie vorausge⸗ ſagt, alle Rechnungen bezahlt, ſein theures Söhnchen aber, das ſehr kleinlaut geworden war, ohne viel Federleſens mit ſich genommen in die Heimat, wo dem Herrn Lieutenant in irgend einem Provinzneſt, fern von der Hauptſtadt, Zeit gegönnt werden ſollte, über die ſchönen Tage unter den Linden und in der ſchmucken Gardeuniform nachzudenken. Blieben, nachdem auch der würdige Pfarrer von T 5 209 Montreux abgereiſt war und man nicht mehr die knochigen Finger ſeiner Frau auf dem Tiſche des Salons Eilmärſche trommeln hörte, nur noch die Dirkſons, die immer wieder nach ihrem lieben Reverend Wallace und der charmanten Mrs. Lesley fragten und Streicher zahlreiche Grüße, beſonders von den Kindern an Miß Lizzie, aufgaben, im Uebrigen aber auch ſchon von Reiſeplänen ſprachen und ſich vorzugsweiſe nach dem herrlichen Sachſen ſehnten, von dem ſie ſo viel Schönes „gehört“ haben wollten. Der Kapitän von Reuſche ſchien ſich diesmal nicht mehr erholen zu wollen. Er verließ ſein Bett nicht mehr und Streicher hörte den Huſten der armen durchſchoſſenen Bruſt bis in ſein Zimmer hinüber. „Nachdem ſomit das Haus zu Monſieur Germain's nicht geringem Mißvergnügen faſt ausgeſtorben iſt“, ſchrieb Streicher zum Schluſſe,„ſo beginne ich mich ſehr unheimlich zu fühlen. Ausgelöſt haſt Du mich durch die Summe, über die ich Dir anliegend die Empfangsbe⸗ ſtätigung des Wirthes ſchicke, es hält mich alſo nichts mehr hier zurück. Du fragſt nach meiner Wunde— lächerlich! Sie iſt faſt geheilt und wird ſich in Genua vollends ſchließen. Ich reiſe nämlich mit dem nächſten Zuge. Du weißt, ich überlege nicht lange und bin immer mobil.“ Byr, Nomaden. V. 14 ——“ —— 210 So war alſo der treue Freund fort, ohne daß ihm Gerhard noch einmal die Hand hätte drücken können. Freilich hatte Streicher noch die Aufforderung erlaſſen, Gerhard möge zu ſeinem eigenen Beſten nicht länger mehr an den Ufern des Sees verweilen, deſſen Wellen⸗ ſchlag für ihn das Gemurmel einer ſchmerzlichen Er⸗ innerung ſei, aber er hatte gleich beigeſetzt:„Obwohl Du Dir denken kannſt, daß es mir ſehr angenehm wäre, wenn Du Dich mir nachzukommen entſchlöſſeſt, bin ich doch überzeugt, daß Du Dich auf etwas Anderes capricirſt. Du bleibſt eben ein eigenſinniger Egoiſt.“ Diesmal war Streicher's Vorausſetzung übereilt geweſen, denn Gerhard ſtand, wiewohl noch ſchwankend, im Begriff, der ergangenen Aufforderung Folge zu leiſten. Auch hier in dem Familienkreis, der ihn ſo freundlich aufgenommen hatte, rüſtete man ja zum Aufbruch; das heutige Feſt war, wenn auch Niemand davon ſprach, ein Abſchiedsfeſt; ſchon in den nächſten Tagen trennte man ſich, die einen zogen fort nach Süden, die andern in den Norden zurück. Wohin ſollte dann er? Einſam zurückzubleiben hier, wenige Meilen von dem Orte, deſſen Namen er nicht einmal nennen hören konnte, ohne daß ein leiſer Schmerz ihn durchzuckte, dafür gab es keinen Anlaß mehr. Wozu ſollte er ſeine Kraft immer wieder auf die Probe ſtellen, wozu rerrueeer die Wohlthat der Entfernung verſchmähen? Wohin aber ſollte er den Compaß richten? Wieder ins Weite, ins Zielloſe hinaus? Seine Träume von häuslichem Glück, von ſtiller Thätigkeit waren zerſtäubt, die Heimat, welche ihm die Liebe zum Eden umzuſchaffen verſprach, lag öde und leer; ihm graute, dahin zurückzukehren, jetzt, wo die Heſpenſter ſeiner Vergangenheit die einzige Geſellſchaft für ihn geweſen wären in jenen verein— ſamten Räumen, die kein neues Leben fröhlich erfüllen ſollte. Und doch war er auch zu weich, zu wund, um allein und ſich ſelbſt genug hinauszuziehen in die Welt, die für ihn kein Intereſſe bot, kein Verſtändniß hatte. Niemals in ſeinem Leben noch hatte er das Bedürfniß nach herzlichem Umgang mit befreundeten Menſchen empfunden wie jetzt, niemals noch ſich ſo ſehr nach Theilnahme, nach Schonung, nach innigerem Anein⸗ anderſchließen, nach einem feſten Ziel und Lebenszweck geſehnt. Er kam ſich vor wie ein Kranker, der einer Stütze bedarf, wie ein Kind, das im Walde verlaſſen weint und nach ſeinen Geſchwiſtern ruft. Und ſo ſchmerzlich zitternd verklangen auch die Töne, die unter ſeinen Fingern aus den Saiten quollen, wie leiſe, leiſe geweinte Thränen. Seit langem hatte er nicht mehr derart geſpielt; wenn er ſich auch ja ein⸗ mal ſo aus tiefſter Seele ausſprach auf dem Klavier, 14* — b 212 das im Salon der Villa ſtand, es hatte Niemand auf ihn gehört. Tanzmuſik, Opernarien hatte man von ihm verlangt, jetzt erſchien ihm dies wie eine tiefbe— deutſame Symbolik. Ein trübes Lächeln umſpielte ſei⸗ nen Mund bei dieſem Gedanken, ſeine Hand ruhte auf den Taſten aus. Die Stimme des Knaben, der ganz knapp an das Pianino gelehnt ſtand, weckte ihn aus ſeinen Träumen. „Schön“, ſagte der Kleine, deſſen Augen wunder⸗ ſam leuchteten,„aber Tante Lizzie ſingen.“ Die Richtung des Blicks wie der Umſtand, daß Nurreddin ſeine Stimme nicht erhob, machten Gerhard aufmerkſam, daß diejenige, zu welcher geſprochen wor⸗ den war, ſich ganz nahe befinden müſſe. Er ſah ſich raſch um. Knapp hinter ihm ſtand Lizzie, ſie hatte ſich leiſe herangeſchlichen wie damals, als er im Salon der Penſion ſpielte und ſie ihn mit kindlicher Unbefangen⸗ heit um ſeinen Unterricht gebeten hatte, der dann ein ſo plötzliches Ende nahm. Sie hielt den Finger an den Mund, Nurreddin zu bedeuten, daß er ſchweigen möge, aber es war ſchon zu ſpät. Gerhard's Auge ruhte auf ihr und noch nie war ihm Lizzie ſo eigenthümlich rei⸗ zend erſchienen, wie jetzt in der anmuthigen Stellung mit den erglühenden Wangen und dem Blick, der ſich unter den Wimpern ſenkte, als ſehe ſie ſich auf einem 213 ſchlimmen Unternehmen ertappt. Es war nicht mehr ganz das muntere, muthwillige Kind, wenn auch den Sonnenſchein dieſes heitern Gemüthes eine vorüber⸗ ziehende Wolke nicht für immer trüben konnte. Gerhard gedachte deſſen, was zwiſchen ihm und Lizzie vorgefallen war. Eine eigentliche Verſöhnung hatte zwiſchen ihnen nicht ſtattgefunden. Wenn ſie auch damals in der Erregung über die glückliche Wieder⸗ vereinigung ihres Schwagers und ihrer Schweſter ſeine Hand gedrückt und ihm herzlich gedankt hatte für ſeine Bemühungen und ſeine Theilnahme, der vorübergehende Moment hatte ſie einander doch nicht näher gebracht; es lag eine Kluft zwiſchen ihnen, aus der ein erſtar⸗ render Hauch emporſtieg, und ſelbſt die für Gerhard ſo entſcheidenden Vorfälle in Morges und Montreux, von denen Lizzie theilweiſe wenigſtens und was die Folgen betraf, Kunde hatte, vermochten die Zurückhaltung, mit der ſie Gerhard begegnet, nicht zu beſeitigen. Manch⸗ mal nur hatte Gerhard in einem Zlicke, der ſich raſch von dem ſeinen abwandte, nachdem er lange unbemerkt auf ihm geruht, tiefes Mitleid, vielleicht auch ein wär⸗ meres Gefühl zu leſen geglaubt. „Ja ja, ſingen Sie, Lizzie, ich will Sie begleiten“, ſagte er jetzt, der tiefen Bewegung nachgebend, in die er ſich hinein gedacht und geſpielt und die ihn weich 214 und verſöhnlich ſtimmte. Er ſtreckte Lizzie die Hand hin.„Es wäre mir das ein Zeichen, daß wir wieder Freunde ſind.“ Die Worte waren nicht geeignet, ihre Verlegenheit zu heben. Sie zauderte einen Moment, legte dann ihr dargebotene Rechte und erwiderte leiſe: „Es bedarf keines Zeichens dafür, aber“, ſetzte ſie hinzu,„ich wollte Sie nicht ſtören. Ich kann nur nicht widerſtehen, wenn ich ſolche Muſik höre. O, ſie war chmales Händchen, das ſich ganz kalt anfühlte, in die 9 8 ‚ h ganz traurig— ſehr traurig.“ „Wie mein Leben“, ſagte er ernſt, aber er richtete ſich mit Gewalt auf, und vom Stuhle aufſtehend, ſetzte er in leichterem Tone hinzu:„Warum wollen Sie nicht ſingen, Lizzie? Ihre Stimme hat an Kraft zugenom⸗ men, Ihr Vortrag an Ausdruck. Schade, wenn wir länger beiſammen blieben, könnten wir die Stunden 4 8 3 wieder aufnehmen.“ Lizzie wechſelte in auffälliger Weiſe die Farbe. Wie müde und im gepreßten Tone ſtellte ſie die Frage, die zugleich ſchon die Antwort enthielt: „Sie haben ſich alſo für eine Richtung entſchieden. Wann reiſen Sie?“ „Ich denke, mit Ihrem Schwager“, äußerte er nachdenklich und zaudernd. Bis jetzt war er unent⸗ 215 ſchloſſen geweſen, nun, wo er ſo plötzlich, faſt ohne ſich Rechenſchaft zu geben, einen Entſchluß ausgeſprochen hatte, bereute er ihn beinahe wieder. „Sie gehen nach Italien?“ „Wohin ſoll ich mich wenden? Dort iſt mein Freund Streicher, dorthin kann ich in Geſellſchaft Mr. Lesley's und Ihrer Schweſter gehen. Ich weiß, ſie ſind mir beide gut und ich bedarf der Güte und eines freundſchaftlichen Wortes von Zeit zu Zeit. Ich bin kein Felſen, der allein ſteht und dem Sturme trotzt, ich will ein Menſch ſein unter Menſchen. Ich komme mir vor wie ein entwurzelter Baum, der mit dem Golfſtrom von Ocean zu Ocean treibt— ein Fremder überall.“ „Und Sie wollen nicht in die Heimat? Das „Kind“ hat doch vielleicht Recht gehabt, als es Ihnen ſagte, daß man in der ganzen Welt wieder dieſelben drückenden Kreiſe finde, daß die Menſchen überall die⸗ ſelben ſeien und jeder größere Gemeinkörper, wie die Einwohnerſchaft der Großſtädte, wie die der Thäler und Landſtriche, ſich wieder in kleine Krähwinkel theile. Dem Einfluß Ihrer Umgebung, der Neugierde, Bosheit und Habſucht Ihrer Mitmenſchen entgehen ſie nirgends, Sie müßten denn raſtlos von Ort zu Ort eilen, überall nur ein Fremder ſein. Sonſt iſt es wohl beſſer in der ——————.—— 216 Heimat, wo man doch ſelbſt auch den Vortheil hat, die Leute zu kennen, mit denen man verkehrt.“ Gerhard fühlte ſich beinahe peinlich berührt von dieſer kleinen Standrede, er konnte zu deutlich die Be⸗ ziehungen entnehmen, die gerade auf ſeine Erlebniſſe zielten. Aber er ſah den Eifer ſeiner kleinen Mentors und wußte die Wärme zu ſchätzen, vielleicht auch gefiel s ihm, daß aus Allem der Wunſch ſprach, ihn ſeinem italieniſchen Reiſeprojecte untreu zu machen. Es rief der Gedanke ſogar ein heiteres Lächeln hervor, das ſein Antlitz erhellte. „Sie haben Recht“, ſagte er halb ernſt, halb ſcherzend.„Penſion Germain war das allertypiſchſte Krähwinkel, aber geſtehen wir's, es hatte doch auch ſein Gutes. Ich wenigſtens habe dort liebe Menſchen gefunden, die niemals nach meiner Heimat gekom⸗ men wären und wohl auch niemals dahin kommen werden.“ „Haben Sie ſchon eine Einladung ergehen laſſen?“ ſcherzte Lizzie, die ſich freute, Gerhard heiter zu ſehen. „Kämen Sie denn? In der That, es würde Ihnen dort gefallen. Wir haben ſchöne Wälder, grüne, trauliche Thäler. Es lebt ſich dort ſo hübſch wie am Rhein, auch gibt es dort recht leidliche Menſchen.“ „Nun, die Probe iſt ſo übel nicht“, erwiderte 217 lachend das fröhliche Kind, das ſeine ganze Unbefan⸗ genheit wiedergewonnen zu haben ſchien. „Und würden Sie kommen, Lizzie, wenn ich eine förmliche Einladung vorbrächte?“ drängte Gerhard. Er ergriff ihre Hand und ſah ihr ſo ſeltſam ins Auge, daß ihre Zunge plötzlich wie gelähmt war und ihr Blick den Boden ſuchte, in raſchen Athemzügen hob und dehnte ſich ihre zarte Bruſt. Sie war froh, jetzt nicht antworten zu müſſen, und ſprang wie ein Reh davon, als ihr Name gerufen wurde. Die Andern hatten von dem Zwiegeſpräch nichts bemerkt, die Muſik ſchon war an ihrem Ohre ziemlich ungewürdigt vorübergegangen. Die alte engliſche Bal⸗ lade klang ihnen weit verſtändlicher, und wenn eins oder das andere dabei auch falſch ſang, ſo genau wurde es nicht genommen. Es kam ja hauptſächlich doch auf die Stimmung an und auf die Anhänglichkeit an die alten theuren Gebräuche. Tief bewegt ſah Gerhard der Enteilenden nach, ſie erſchien ihm wie ein im leichten Spiel des Abendwin⸗ nendes dahinflatterndes Roſenblatt. Ein mächtiges Drängen und Wogen der Gefühle regte ſich in ihm; war es doch, als eröffne ſich ein Ausweg aus der öden Einſamkeit der Kerkernacht, in der er ſein verfehltes Leben vertrauern zu müſſen fürchtete. Eine zweite V 218 Täuſchung im reifen Mannesalter erträgt der Menſch weit ſchwerer als die erſte, unausbleibliche, die den Morgenthau vom ſchwärmeriſchen Jünglingsherzen ſtreift. Hier aber legte ſich eine Hand kühlend auf ſeine brennende Stirn, hier bot ſich ihm ein Herz mit unverfälſchter Neigung, ein Auge lachte ihn an, deſſen offene Kindlichkeit nichts zu verbergen vermochte. Wie eine jener reizenden, zartempfindenden Blumen hatte ſich ihre Seele geſchloſſen, als die Sonne für ſie unterging, freudig und ohne zürnendes Mißtrauen öffnete ſich der Blütenkelch wieder, da das Licht nun zurückzukehren begann, von dem Glück und Leben ausgeht. Gerhard mußte ſich geſtehen, daß er achtlos an einer lieblichen Knospe vorübergegangen, geblendet von der Farbenpracht einer verlockenden tropiſchen Blume, deren narkotiſcher Duft ihn beinahe betäubt hätte. Alles, was er dort vergeblich geſucht, fand er hier bei Lizzie; warum ſollte er ſie nicht lieben können? Ein muthiger Schritt hatte ihn aus unerträglichen Verhältniſſen be⸗ freit, ein zweiter half ihm vielleicht über eine Kluft hinweg, in deren Tiefe ſein Auge nur Oede und Troſtloſigkeit ſah. Die freiwillig übernommene Pflicht mußte ſeine Kraft üben, die Freude an der Entwick⸗ lung dieſes anmuthigen Kindes mit ſeinem hellen Geiſt und reinen Herzen ihn abziehen vom düſtern Brüten 219 über die Vergangenheit. Und gewiß, die Liebe mußte kommen. Er ahnte nicht, daß ſie ſchon leiſe und unvermerkt bei ihm eingezogen war. Ein Herz iſt nie empfängli⸗ cher für eine neue Liebe, als wenn es noch blutet von der gewaltſamen Entwurzelung einer zerſtörten Neigung. Es überträgt Hoffnung und Vertrauen auf die Lebende und dazu geſellt verklärend ſich die Dankbarkeit für den geſpendeten Troſt. Es iſt ein ſchöner Zug der Seele, wenn ſie über eine Enttäuſchung an der Exiſtenz edler Weiblichkeit nicht verzweifelt und immer wieder nach ihr ſucht. Ein ſtarker Charakter greift für einen Ver⸗ luſt ſofort nach Erſatz und überläßt es dem Schwäch⸗ ling, ſich in unfruchtbaren Klagen zu erſchöpfen, die koſtbare Zeit und die ganze Anregungsfülle des Daſeins in unthätiger Selbſtbeſpiegelung zu verzehren. Lizzie war gerufen worden, weil Papa, der heute eine ungewöhnliche Freudigkeit empfand, eine neue An⸗ regung gegeben hatte. „Zwei Dinge fehlen noch zu merry christmas“ hatte er geſagt,„blind man's buff und elder-berry wine*).“ „Nichts ſoll fehlen, Papa“, erwiderte Mr. Lesley ſchmunzelnd,„wir werden Blindekuh ſpielen und in⸗ zwiſchen kommt wohl auch eine Bowle.“ *) Blindekuh und Hollunderbeerwein. V V b 220 Lizzie mußte das Spiel arrangiren. Reverend i Wallace verſchmähte es trotz des mißbilligenden Kopf⸗ d 6 ſchüttelns ſeiner Frau und der zunehmenden Eilfertigkeit ihrer Stricknadeln nicht, ſelbſt mit Theil zu nehmen. Er ließ ſich ſogar zuerſt die Augen verbinden, und es war eine Weile ein fröhliches Haſchen und Lachen im 3 Gemache. ’ Zuletzt kam an Lizzie, die immer geſchickt zu ent⸗ wiſchen gewußt, die Reihe. Gerade weil ſie ſo lange 65 frei geblieben war, wollte man ſie nun auch um ſo V 6 länger herumtaſten laſſen. Alles gab ſich Mühe, ihr zu entgehen. Eben war ſie ganz knapp an Gerhard vorübergekommen, ohne ihn zu berühren, da er ſich etwas in die Thüröffnung zurückgezogen hatte, als Nurreddin ihr nachgeſchlichen kam und ſie neckend an einem ihrer beiden, lang über den Rücken hinabhän⸗ 3 genden blonden Zöpfe zog. Raſch wendete ſie ſich um, 1 den kecken Schalk zu erfaſſen, aber dieſer hatte ſich h. ſchon wieder ihrem Bereiche entzogen. Der Schritt, den V ſie that, brachte ſie auf die Schwelle in Gerhard's un⸗ mittelbarſte Nähe. 1 3„The mistletoe!“ rief Mr. Lesley lachend und von 5 allen Seiten erſcholl es:„The mistletoe, the mistle- 6 toe! 8 Und woran Gerhard ſelbſt nicht gedacht, es fiel 221 ihm jetzt mit einem Male ein. Er blickte in die Höhe, da hing der heilige Zweig und unmittelbar unter dem⸗ ſelben ſtand Lizzie. Sein Arm umſchlang ſie, ſeine Linke löſte die Binde und raſch entſchloſſen küßte er innig und warm die feuchten, ſchwellenden Lippen. Lizzie ſtand wie verſteinert, ſie glühte über und über und mitten im Scherzen und Lachen ringsum fragte Gerhard leiſe: „Sie zürnen mir doch nicht, Lizzie?“ Eine kleine Pauſe verging, dann ſchlug ſie das feuchtgewordene Auge zu ihm auf, es war ein unend⸗ lich liebliches Lächeln, das nun um ihren Mund ſpielte und den raſchen ſchelmiſchen Blick begleitete. „Diesmal waren Sie ja im Recht“, verſetzte ſie. Kein Anderer als Gerhard hatte ſie verſtanden und ſchon war ſie davongehuſcht. Er ſah ihr nach. Da war Alles Natürlichkeit und kerngeſunde Friſche, keine ſchmach⸗ tende Demuth, keine erkünſtelte Sentimentalität, freudi⸗ ges, unverkümmertes Leben. Und wahrlich, wie konnte es nur ſeinem Gedächt⸗ niſſe entſchwinden? Sie hatte ihn daran gemahnt: es war ja nicht der erſte Kuß geweſen. Er ſah ihr nach ſo traumhaft und ſelbſtvergeſſen, daß er erſt gemahnt werden mußte an die Binde, die er in Händen hielt und ſich nun ſelbſt über die Augen legen ſollte. ————⏑——V—V—ᷓ——— ˖——Oͦ˖OO—Oç.·— ⏑———z — —— 222 Aber Mary's Ruf nahm ſie ihm wieder ab. Die junge Frau hatte aus dem mittlerweile herbeigebrachten warmen Wein die Bowle gebraut. Sie ſchöpfte die Gläſer voll. „Nimm, Papa“, ſagte ſie, das zweite darreichend — das erſte hatte natürlich die Mutter erhalten—„er iſt heiß, gut gewürzt und gut gezuckert, wie Du ihn liebſt.“ „Nur ſo bringt der Hollunderbeerwein angenehme Träume“, meinte der alte Herr. Er ſtieß mit ſeinem Schwiegerſohne an.„Komm, Davy, ich möchte träu⸗ men, ich ſei daheim in Clayton⸗Foreſt.“ „Old England for ever!“ rief Mr. Lesley. Er ſtieß mit allen an.„Sie müſſen heirathen, mein alter Freund!“ ſagte er zu Gerhard und dieſer nickte blos. Ringsum klangen die Gläſer aneinander und fröh⸗ liche Sprüche erſchollen. Jeder wünſchte ſich einen Traum. „Und was werden Sie träumen?“ fragte Lizzie Gerhard, der ein wenig abſeits ſtand.„Heiteres muß es ſein, ich kann Niemand ſo traurig ſehen.“ „Soll ich Ihnen morgen meinen Traum erzählen? Aber ich kann es ſchon heute. Ich werde träumen, Sie kämen in meine Heimat, Lizzie, und wir nähmen unſere Lectionen wieder auf.“ Er faßte ihre Hand und hielt ſie feſt, daß ſie ſich nicht ſogleich entziehen konnte. „Auch Sie, Lizzie?“ fragte er. Er glaubte einen leiſen, flüchtigen Druck zu fühlen. Lizzie hatte zu Boden geſehen, jetzt blickte ſie auf. „Wie kann ich meinen Träumen befehlen?“ ant⸗ wortete ſie und zog nun doch ſanft ihr Händchen zurück. „Und wenn Sie es könnten?“ „So würde ich mir den ſchönſten wählen, um nie mehr daraus zu erwachen.“ Sein Blick hielt ihr Auge feſt und ſenkte ſich tief und fragend hinein. Eine leichte Unruhe kam über ſie. „Gute Nacht!“ nickte ſie freundlich.„Morgen er⸗ zählen wir uns, wo wir im Traume waren.“ „Unter dem Miſtelzweig“, ſagte er leiſe, kaum die Lippen bewegend. „Gute Nacht!“ Sie war fort. Wurde das geflüſterte Wort verſtanden? Hatte es ſie verſcheucht? 3 7 ——— 24 —— — ——ÿ—ÿ—;—·—;˖:H—X;,O⏑·—⁊—,„.,, ··——ʃ — — — —— —— Achtes Kapitel. In der Heimat. Ueber ein Jahr war dahingerauſcht. Alle die Träume waren in Erfüllung gegangen und mehr noch, weit mehr. Unweit des Städtchens Blankenburg in einem der reizendſten Thäler des Thüringerlandes liegt nahe an der Schwarza auf einer ſanften Anhöhe, beſchirmt vom mächtigen Buchen⸗ und Tannenwalde, Gerhard's Heimat, das hübſche kleine Haus, in dem er ſeine Jugend verbrachte und das er dann Jahre und Jahre hindurch gemieden wie eine Stätte des Unheils und unheimlicher Erinnerung. In einem traulichen Zimmer dieſes Hauſes ſaßen jetzt zwei Freunde bei einander, die ſich ſeit langen, langen Monaten nicht geſehen. Es war ein geräu⸗ ——————— 452 — 2₰̈π 225 miges Eckgemach. Das eine der beiden Fenſter ſah nach einem Vorſprung des Waldes, deſſen dunkle Tan⸗ nen mit kleinen Eiskryſtallen wie mit Zucker über⸗ ſtreut waren; das andere öffnete einen weiten Ausblick in das Thal und auf das ſchmale Bette des erſtarr⸗ ten Flüßchens. Die weite Schneefläche, glitzernd im Strahle der ſchon zum Niedergang ſich neigenden Ja⸗ nuarſonne, ließ den Aufenthalt im wohlverwahrten Zimmer doppelt angenehm erſcheinen. Hier blühte auf dem dichten Teppich ein ganzer Frühling farbenfriſcher Blumen aus ſchwellendem dunkeln Mooſe und der helle Flackerſchein des offenen Feuers im wärmeſpendenden Ofen erzeugte ein Gefühl der Behaglichkeit, das Gefühl, daheim zu ſein in ſeinen vier Wänden. Es iſt dies ein Geſchenk des nordiſchen Winters, der fröſtelnde Süden kennt es nicht. Man lebt dort mehr außerhalb des Hauſes als in demſelben. Schöne alte Kupferſtiche und Bronzebüſten ſchmück⸗ ten die dunkel tapezirten Wände. Ein Gewehr⸗, ein Bücherſchrank, ein großer, mit allerlei Schriften und Büchern bedeckter Schreibtiſch, die zahlreichen übrigen Möbel aus geſchnitztem Nußbaumholz mit dauerhaften Lederüberzügen, ſowie die zahlreichen Rauchrequiſiten wieſen darauf hin, daß dieſer Raum ſpeciell vom Hausherrn als Wohn⸗ und Arbeitszimmer benutzt wurde. Byr, Nomaden. V. 15 — b b Pq;·——;—— 3——— — — x— 226 Die Mahlzeit war vorüber, auf dem Tiſche vor dem Divan ſtanden unter verſchiedenen, zur Seite ge⸗ räumten Zeitungen und Broſchüren die Taſſen mit dampfendem Kaffee, deſſen Duft ſich mit dem feinen Aroma der Cigarren mengte, welche der Wirth ſeinem Gaſte angeboten hatte. Durch die offene Thür kamen aus einem entfernten Gemache gedämpft und mild die Töne eines Flügels, der weiche Anſchlag verrieth eine Frauenhand. Stumm rauchten die beiden Männer eine Weile und gaben ſich— der eine auf dem Divan, der andere in einem Schaukelſtuhl— dem durch eine ſüße leiſe Ermattung geſteigerten Genuſſe hin. Das Lied verklang leiſe, die Töne erſtarben. „Wann geht morgen der erſte Zug?“ wurde das Schweigen endlich gebrochen. „Wie? Du willſt ſchon wieder fort, nachdem Du knapp vor Tiſche erſt gekommen? Gefällt Dir's nicht bei uns?“ „Lächerlich! Wie ſollte es einem denn nicht ge⸗ fallen!“ fuhr Streicher auf.„Bin ich ein Barbar im Geſchmacke? Nur zu ſehr gefällt mir's, aber das verweichlicht, das erſchlafft, ich fühle es ſchon jetzt und das iſt gefährlich. Da iſt's am beſten, aufzu⸗ brechen.“ „Ja, warum ſollteſt Du Dir aber nicht Muße — — 221 gönnen? Wenn Dir's gefällt, Du könnteſt Dir ja ſelbſt eine Heimat gründen.“ „Du redeſt, wie Du's verſtehſt“, ereiferte ſich Streicher.„Was für Dich taugt, taugt nicht für mich. Schon in unſern Namen liegt der Unterſchied ange⸗ deutet. Strandau— Au am Strande, da liegt ſchon die Bezeichnung des Oertlichen, des Unveränderlichen, des Feſtſtehenden darin. Streicher— ich habe Dir das ſchon früher einmal geſagt, das iſt eigentlich nichts als eine Abkürzung von Landſtreicher, Vagabund, Nomade. Jedem hat das Schickſal deutlich genug die Richtung gegeben, davon kann man nicht ab. Ich hatte Unrecht, Dich in einer Bewegung feſthalten zu wollen, die Deinem Naturell nicht zuſagte. Für Dich das Haus, die Einrichtung, die Wirthſchaft, die Steuer, die Reparaturconti, mit einem Worte die Heimat, für Dich die Frau und der ganze Familienſegen, der gleich⸗ mäßige Wechſel von Arbeit und Erholung, der Com⸗ fort und das Wohlleben des Egoismus; für mich die Freiheit und die ganze offene Welt. Du biſt ſtabil, ich mobil, das iſt der Unterſchied.“ „Wenn Du aber Deine Mobilität ſo fort ſteigerſt, ſo fürchte ich, Du wirſt zuletzt auch noch ein Komet. Heute fragſt Du noch nach dem erſten Frühtrain, in ein paar Jahren reiſeſt Du auch nur noch nachts; 15* — 3 4e 7 — ——— — ——————.j———— 2 2 Q 85 Dein Haar haſt Du wenigſtens ſchon auf jene Länge reducirt, die den Kamm entbehrlich macht. Ich hoffe, Du läßt Dir noch nicht beim Barbier die Zähne putzen?“ „Das Zweckmäßige muß man annehmen, bei wem man es auch ſehen mag. Apropos Komet!“ ſagte Streicher, indem er ſich mit ſeinem Schaukelſtuhl ganz zurücklehnte und eine dichte Wolke von ſich blies. „Haſt Du nichts mehr von Schnetterbeck und den Rü⸗ derichs gehört?“ „Das Blatt iſt eingegangen.“ „Vorausſichtlicher Erfolg eines ſo ſchwunghaften Programms und einer ſo pikanten Mitarbeiterſchaft.“ „Die Zeiten ſcheinen doch beſſer zu werden. In der Literatur wenigſtens gilt das Sprichwort nicht mehr: Das Handwerk hat goldenen Boden.“ „Beſſere Zeiten! Warum nicht gar! Weil Deine Arbeiten über Geſchichte der Muſik ſich Beifall ver⸗ ſchafft haben, iſt es noch lange nicht mit den Schuſtern aus. Der Stiefel dominirt noch immer, meine Theorie hat kein Titelchen ihrer traurigen Berechtigung verloren.“ „Nun gut, wir wollen nicht ſchon in den erſten Stunden unſeres Wiederſehens in Streit gerathen.“ „Lächerlich, als ob das ein Streit wäre!“ brummte Streicher. Er lehnte ſich vor und ſuchte auf dem Tiſche herum.„Haſt Du keinen Aſchenbecher?“ fragte er. —— 4 ee 7 229 „Du einen Aſchenbecher?“ lachte Gerhard ver⸗ wundert auf.„Was gewöhnſt Du Dir für luxuriöſe Bedürfniſſe an? Führſt Du etwa einen ſtändig im Koffer mit Dir? Nimm die Untertaſſe!“ „Ich ſagte Dir ſchon“, verſetzte Streicher ernſt, „das Zweckmäßige muß man annehmen. Ich bin ein⸗ mal gewitzigt worden. Du aber läßt Deine Papiere noch immer in derſelben gefährlichen Unordnung auf ———— —— dem Tiſche herumliegen.“ Ah, jener Brand!“ Ein Schatten flog über Ger⸗ 17 — — hard's Stirn. Streicher beobachtete ihn ſcharf. „Was mag aus dem Schurken Kuruſoff geworden ſein?“ ſagte er.„Man hat nichts mehr gehört von ihm. Ich habe mich aus Neugierde erkundigt.“ „Du warſt in— Montreux?“ hatte Gerhard ſa⸗ gen wollen, aber er brachte das Wort nicht heraus, er ſtockte und wich dem forſchenden Blick des Freun⸗ des aus. ———— „Ja, en passant. Germain hat ein gutes Jahr; ſeine Penſion iſt voll, er that, als kenne er mich nicht, da ich nicht über Nacht blieb. Von allen unſern Be⸗ kannten iſt nur einer da und der liegt auf dem Fried⸗ hofe, der arme Kapitän. Er iſt nicht mehr aufge⸗ ſtanden.“ 1 1 230 „Sage meiner Frau nichts“, fiel Gerhard beſorgt ein.„Sie würde ſich die Schuld geben, weil er da⸗ mals auf ihre Bitte nach dem Friedhofe von Clarens lief, und ſich über ein Ereigniß grämen, das früher oder ſpäter doch kommen mußte. Der Brave verdient eigentlich, daß man ihm aufs Grab ſetze: Gefallen bei Langenſalza. Sein Tod war der eines Helden, nur daß er ihn langſam und peinlich ſtarb.“ „Noch über andere Leute, die wir da kennen lern⸗ ten, kann ich Dir Auskunft geben. Rathe einmal, wen ich im Auguſt in Iſchl traf. Du weißt, ich machte eine Tour durchs Salzkammergut.“ Eine geſpannte Aufmerkſamkeit malte ſich in Gerhard's Zügen, ſie verſchwand aber, als Streicher fortfuhr: „Herrn Markus Glückſtadt mit ſeinem Naſen⸗ klemmer, ſeiner imponirenden Zuverſicht und ſeinen zweideutigen Witzen— ganz der Alte. Er erzählte mir eine merkwürdige Geſchichte, ich habe ſie Dir nicht ge⸗ ſchrieben, weil ſie zu lang iſt und am Ende ein Brief verloren gehen kann. Du erinnerſt Dich des Barons Leſtow und ſeiner ſchönen Frau, bei der Du einmal einſtiegſt, gewiſſermaßen, um Kuruſoff den Weg zu zei⸗ gen. Na, es iſt gut, Du brauchſt nichts zu betheuern. Ich weiß ſchon, wie Alles zuſammenhing. Aber was 231 ich nicht wußte und was auch Dir fremd ſein mag, der miſerable Menſch hat ſie ſchließlich ſchlecht und recht, das heißt, recht eigentlich nicht, an den Banquier verſpielt oder vielmehr verkauft. Wie ich Dir ſage, es war eine hübſche Rente ausbedungen; ob Glückſtadt geſonnen war, ſie lebenslang zu bezahlen, ich weiß es nicht, er behauptet es wenigſtens. Aber gewiß iſt, daß keiner von den beiden Mäklern lange Freude an dem Handel hatte.„Die Weiber ſind unlösbare Räthſel“, rief Glückſtadt einmal über das andere aus und mit ſeinem ſchlauen Schmunzeln ſetzte er hinzu:„Man glaubt oft zu ſein der Oedipus, aber der Schlüſ⸗ ſel, und wenn er auch iſt von Gold, paßt nur ein einzig Mal zu dem Räthſel und nachher kann man drehen und drehen, er ſchließt kein zweites Mal mehr auf.“ Er behauptete aber, ein merkwürdigeres Weib als Baronin Sarſcha ſei ihm in ſeinem ganzen Leben nicht vorgekommen. Zuerſt habe ſie ihn mit Abſcheu behan⸗ delt, dann, als das Geſchäft abgeſchloſſen, habe ſie ſich wie eine Raſende geberdet und wie eine Bachan⸗ tin in ſeine Arme geworfen, ehe er ſich ſelbſt deſſen verſehen. Es war eine leidenſchaftliche Natur und der Banquier behauptete, ſie habe den Schritt nicht aus Liebe zu ihm, ſondern aus Haß gegen ihren Gatten gethan. Er ſei darüber keinen Augenblick in Zweifel 7 — 4en —— — 9-· ———-— — ———— ⁰————— 232 geweſen. Zur vollen Ueberzeugung ſei er aber erſt ge⸗ kommen, als ſich die Baronin, in München angelangt, weigerte, ihm weiter zu folgen. Sie ſelbſt hat ihn bewogen, die nächſte Rate an ihren Gatten, der in⸗ zwiſchen die Scheidungsklage eingereicht hatte, nicht mehr auszuzahlen. Sie ließ ſich durch nichts bewegen, ihr Verhältniß mit dem Banquier fortzuſetzen, nahm nur ein kleines Kapital, das ſie ihrem Kinde zuſchrei⸗ ben ließ, und lebt in Armuth und von Unterrichtsſtun⸗ 1 den, die ſie in franzöſiſcher Sprache und Muſitk ertheilt, noch immer in Iſar-Athen.“ „Ein ſonderbares Weib!“ murmelte Gerhard. „Herr Markus Glückſtadt aber reibt ſich die Hände und ſagt:„Es war kein brillantes Geſchäft, aber ein Cavalier muß auch wiſſen ein Opfer zu bringen für ſeine noblen Paſſionen.“ Es freut ihn nur, daß der Baron ſchließlich geprellt worden iſt. Im Grunde hat's der ehrloſe Patron nicht anders verdient. Der 1 Banquier ſagte mir, daß er jetzt Handlungsreiſender für ein pfälzer Haus in Cigarren geworden, im Som⸗ mer trieb er ſich in den Spielbädern am Rhein her⸗ um. Er trinkt ſich zu Tode, es iſt eine verkommene Exiſtenz. So macht Jeder ſeinen Weg, auch wer ſchein⸗ bar in die Höhe ſteigt, rollt eigentlich dabei oft ab⸗ wärts.“ „Was meinſt Du?“ fragte Gerhard, als Streicher plötzlich, wie ſich beſinnend, inne hielt. Offenbar hatte der Erzähler etwas Anderes im Auge gehabt, wozu der Uebergang führen ſollte, als ihm ein aufſteigendes Be⸗ denken das Wort abſchnitt. „Na, nichts; ich meinte nur ſo“, rief er aus.„Aber Du biſt noch der alte Egoiſt, ich merke ès wohl. Da ſoll ich Dir erzählen und erzählen und Du redeſt kein Wort.“ „Was kann ich Dir mittheilen, was Du nicht ſchon wüßteſt?“ verſetzte Gerhard, der nicht zweifelte, daß ihm der Freund etwas verſchwieg, und davon nicht angenehm berührt war. „Lächerlich! Was weiß ich denn eigentlich? Deine Art des Briefſchreibens, die nur in Empfindungswor⸗ ten, in Ausrufungszeichen und Gedankenſtrichen beſteht, verdient nicht einmal die Bezeichnung ſchriftliche Mit⸗ theilung, denn man erfährt daraus nichts, außer was man zwiſchen den Zeilen lieſt. Was weiß ich denn, denke ein bischen nach, als daß Du nicht nach Genua kamſt, ſondern den Winter in Heidelberg zubrachteſt, was mir ſehr verdächtig, und daß Du Dein Buch ſchriebſt, was mir unglaublich erſchien, bis ich es ſelbſt in Händen hatte. Daß Du nicht nochmals Collegien hören wollteſt, auch zum Salamanderreiben keine ſon⸗ 7 — 4Ane —— 234 derliche Neigung empfinden mochteſt, war mir klar. Auch hat es mich nicht Wunder genommen, als ich vor einem halben Jahre die Anzeige von Deiner vollzoge⸗ nen Heirath erhielt.“ „Es war nicht recht, daß ich Dir die Sache erſt nachträglich mittheilte.“ 8„Nicht recht! Gerade recht, ſo und nicht anders. Was ſollteſt Du denn die Sache auspoſaunen und am Ende— na, kurz und gut, was braucht alle Welt zu wiſſen!“ „Aber Dir, dem Freunde—“ „Lächerlich! Was ſoll der Freund? Seine Rand⸗ gloſſen kommen noch immer früh genug, und was ſoll man ſich ungelegene Dreinmiſcher auf den Hals laden. Jeder ißt ſeine Suppe ſelber aus, drum kocht er ſie auch am beſten ſelber ein.“ „Du warſt aber nicht nimmer ſo abgeneigt, mir culinariſch an die Hand zu gehen“, meinte Gerhard mit ernſtem Lächeln. „Ah, und das machſt Du mir zum Vorwurf!“ rief Streicher und rieb Zündhölzchen um Zündhölzchen in ſeiner Haſt den Kopf ab, ohne eins derſelben oder ſeine Cigarre in Brand zu bringen.„Da ſieht man den ſchändlichen Egoiſten, der ſich auf den Iſolir⸗ ſchemel ſetzen und nicht einmal dem Freunde erlauben möchte, um ſein Glück beſorgt zu ſein. Was ich ge⸗ than habe, war Pflicht und ich thäte ſie, wenn es ſein müßte, noch einmal, daß Du es nur weißt!“ „Ich werde Dir's ewig danken, aber Du ſagteſt ja ſelbſt—“ „Ah bah! Das iſt etwas ganz Anderes.“ Gerhard lächelte. Ohne Streit und Widerſpruch ging's einmal nicht. Streicher bedurfte für ſeine gallige Natur eines Ventils wie die Erde der Vulkane. Solange er grollte und von Zeit zu Zeit Dampf und Flammen ausſpie, war er ſicher vor einer Krankheit. Nach einem Erdbeben aber oder größerem Lavaausbruch gar trat immer längere Zeit Ruhe und Erleichterung ein. „Du haſt mir“, fuhr er ganz gelaſſen fort,„nichts von Deinem Schwager und Deinen Schwiegerältern ge⸗ ſchrieben— wo ſind ſie?“ „Daheim in England. Für meine Schwiegerältern war kein Grund mehr vorhanden, länger in Deutſch⸗ land zu verweilen. Davy hatte ſich emancipirt und ich war von vornherein nicht unter das Joch zu brin⸗ gen. Lizzie trat mir darin wacker bei, wir waren beide gewarnt.“ „Ganz in der Ordnung“, nickte Streicher, dem doch endlich ſeine Cigarre anzuzünden gelang.„Das Gefühl muß bei Weib und Mann klar empfunden ſein, ——————————— ——— —— 4 1 — — 236 daß ſie eine neue Familie bilden. Beſonders die Braut ſoll Vater und Mutter verlaſſen, das iſt richtig, ob⸗ gleich es in der Bibel ſteht, nicht weil. Die Autorität muß eine ungetheilte ſein.“ „Nun ja, ſchon Davy ſagte mir das einmal und ich hatte geſehen, was ſelbſt der allerwohlmeinendſte Einfluß verderben kann. Die Frau ſoll keine andere Stütze, keinen andern Halt haben als den Mann. Am glücklicſſten war darüber mein guter Schwiegervater. Er war wie die Matroſen der engliſchen Flotte ge⸗ preßt worden, ein Nomade auf Befehl. Seit acht Wochen ſind die Lesleys auch daheim. Sie gingen von Genf nach Neapel, Nurreddin's wegen. Mary hatte das Kind ſehr lieb, es ſoll rührend geweſen ſein, wie der Knabe dafür an ihr hing. Das Klima und die Sorgfalt der Aeltern vermochten ihn nicht mehr zu retten. Langſam ſchwand er hin, wie ein in fremde Erde verſetztes Reis war er zuletzt verweikt. Der Schlag war ſo lange vorauszuſehen, daß er den Vater nicht mehr mit voller Wucht traf; Davy iſt getröſtet, er blickt mit unendlicher Zärtlichkeit auf ſeine Frau, die ihm bald einen Erſatz für den Verlorenen verſpricht. Sie verweilten auf der Durchreiſe ein paar Tage hier; wir gingen mit ihnen nach Linney⸗Haugh, wo wir fröhliche Weihnachten verbrachten, alle, die ganze Fa⸗ 237 milie. Davy will zum Frühjahre große Pläne in Aus⸗ führung bringen, er rechnet und ſchafft Maſchinen an und beräth mit den Pachtern, er lebt neu auf in ſei— nem Wirkungskreis und Molly ſteht ihm als fleißige Hausfrau getreulich zur Seite. Was ein Jahr ändert! Ich habe nie ein glücklicheres Paar geſehen als dieſe beiden Menſchen.“ Streicher wiegte ſich nachdenklich in ſeinem Schau⸗ kelſtuhl hin und her. Plötzlich fuhr er ganz trocken mit der Frage heraus: „Und Du— biſt auch Du glücklich?“ Es verging eine Pauſe, ganz kurz in der That, aber doch bemerklich, bis Gerhard antwortete: „Warum ſollte ich es nicht ſein? Was wäre es, das mir dazu fehlte?“ „Wie ſoll ich das wiſſen? Merkwürdiger Menſch!“ „Nun ja“, fuhr Gerhard, der lächeln mußte, fort, „ich glaube nur, daß gerade, was mir beſonders wohl thut, Dir mit Deinen mobilen Gewohnheiten eben nicht ſehr werthvoll erſcheint. Dein ganzes Dichten und Trachten geht nur dahin, Deine Bedürfniſſe ſo zu ver— ringern, daß Du, wenn ein Koffer zu Grunde gereiſt iſt, den neuen immer wieder von etwas kleinerem Um⸗ fange wählen kannſt. Was gilt es Dir, wenn ich Dir ſage, daß mich meine regelmäßige Thätigkeit zerſtreut, 4*n e „ — ᷣℳ ——————-— ————— 238 die Anſtrengung des Geiſtes vom Grübeln ablenkt, daß mich meine Ehe befriedigt, ja beglückt. Meine Frau iſt gut und rein wie ein Kind, ihr Herz iſt von Gold, treu und wahr. Keine Falte iſt darin, die ich nicht kenne. Immer fröhlich flattert ſie durch das Haus und erfüllt es mit Sonnenſchein. Auf meine Arbeiten ſieht ſie mit Stolz und Freude, an meiner Lectüre, an mei⸗ nen muſikaliſchen Uebungen nimmt ſie mit Aufmerk⸗ ſamkeit und Verſtändniß Theil, ſie begleitet mich auf allen Spaziergängen und Ausfahrten und findet doch Zeit, auch die Haushaltung zu leiten und mir die Heimat behaglich zu geſtalten. Sie iſt ſchön, lieb und geſcheidt und ich ſage mir oft, daß ich ein ſolches Weib eigentlich gar nicht verdiene. Ich liebe ſie aus vollem Herzen und verehre ſie wie meinen Schutzengel, denn das, ja das war ſie in der That und ich müßte der undankbarſte Menſch ſein gegen ein Schickſal, das mich ſo reich mit ſeinen Gaben überſchüttet, wenn ich ſagen wollte, daß ich mich nicht glücklich fühle.“ Er hatte ſich in Eifer geſprochen. Sein Auge glühte im Enthuſiasmus des Lebens und ſein Lächeln zeigte aufrichtiges Behagen, wie auch ſein geſundes Ausſehen bewies, daß der Kummer nicht an ihm zehre. Dennoch entging es Streicher nicht, daß ein Schatten auf der Stirn des Freundes lagerte, ſein Auge blickte nicht ſo klar und freudig, wie man es nach der vor⸗ hergegangenen Schilderung erwarten konnte, auch war ſo Manches in der Rede Streicher aufgefallen. Daß Gerhard arbeitete, war gut, aber daß er es that, um ſich zu zerſtreuen, ſeinen Geiſt vom Grübeln abzu⸗ lenken, darin lag ein verrätheriſches Geſtändniß. Streicher wiegte den Kopf unzufrieden hin und her, er ſtieß dichte Rauchwolken von ſich, aus denen ſeine Stimme dann wie die eines unſichtbaren Orakels erklang. „Hm, hm!l gefällſt mir doch nicht. Es iſt nicht Alles, wie es ſein ſoll. Saubere Freundſchaft das, die ſich nur geſchminkt zeigt. Haſt Du trotz Allem ein Haar in der Suppe gefunden? Gewiſſe Schwächen, gewiſſe Eigenheiten? Der Rauch will den Frauen nicht gefallen, die Gardinen leiden darunter. Die Freunde, die auf Beſuch kommen, ſind unbequem. Man iſt froh, wenn ſie wieder gehen. Man wird mir's wohl auch zu verſtehen geben; es iſt beſſer, ich gehe ſelbſt— ich kenne die Menſchen.“ „Diesmal aber fährſt Du irre“, lachte Gerhard auf.„Du ſollſt die Verleumdung auf den Knieen abbitten. Es iſt nur ſchade, daß Lizzie Dir ſo raſch vergeben wird— ſie iſt eine Heilige an Barmherzigkeit.“ Lächerlich! Es werden ganz andere Eigenſchaften —— — — ——— ———————— zur Heiligſprechung gefordert. Vor allem das Wun⸗ derwirken. Und an Dir iſt nicht einmal das allerein⸗ fachſte Wunder der Welt geübt worden; die Liebe nicht vergeſſen gelernt. Sei ſtill, Du haſt durch Du brauchſt mir nichts zu ſagen— ich weiß Alles, kenne die Men⸗ ſchen. Das Geſpenſt der Vergangenheit ſpukt in Dir, und wer Geiſter ſieht am hellen lichten Tage, iſt nicht geſund.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ preßte Gerhard mühſam und leiſe hervor. Er war ſehr bleich geworden und hatte ſich von ſeinem Sitze erhoben. „Was ich damit ſagen will, weißt Du ſo gut als ich. Spiele nicht länger Verſteckens mit mir. Du denkſt noch immer an Adrienne.“ Gerhard zuckte, als hätte der Freund eine wunde Stelle berührt. Er ſchloß die Thür, nachdem er zuvor einen Blick in das äußere Zimmer gethan, und ſchritt dann unruhig, geſenkten Kopfes auf und ab. „Und wenn es ſo iſt“, ſagte er nach einer ge⸗ raumen Weile, während welcher beide ſtumm geblieben waren,„verdiene ich einen Vorwurf? Läßt ſich in ſo kurzer Zeit, läßt ſich überhaupt vergeſſen, was einmal ſo tief ins Leben eingeſchnitten hat? Ich weiß, daß auch Dich eine Erinnerung getreu begleitet, die Du nicht zu verwiſchen vermagſt.“ „ —I 241 „Lächerlich!“ unterbrach ihn Streicher unwillig und heftig.„Wie kannſt Du da einen Vergleich ziehen? Du beſchimpfſt damit Deine todte Schweſter. Schäme Dich!“ „Du haſt mich mißverſtanden. Es kommt nicht auf die Eigenſchaften eines Menſchen an, ob ſein Bild für ewig unſerm Gedächtniß eingeprägt bleibt.“ „Du haſt ſelbſt geſagt, Du wäreſt undankbar ge⸗ gen Dein Schickſal, wenn Du ſagen wollteſt, daß Du nicht glücklich ſeiſt. Wohlan, Du biſt eine undankbare Creatur! Du weißt nicht, wie Du ein ſolches Weib verdienſt, wie das Deine— ich weiß es auch nicht. Solche Glückspilze wie Du werden ſchließlich immer Narren oder Selbſtmörder. Fort und fort Süßigkeiten überfüttern und verderben den Magen. Könnt' ich nach Belieben, ich wollte Dich—“ „Du thuſt mir Unrecht, Freund“, benutzte Ger⸗ hard die kurze Pauſe, um mit wehmüthigem Ernſt ein⸗ zufallen,„und Du verwechſelſt gänzlich meine Empfin⸗ dungen mit denen, die Du bei mir vorausſetzeſt. Ich geſtehe es, ein ſchwerer Druck liegt auf mir. Oft ver⸗ geſſe ich ihn auf Stunden, auf Tage, auf Wochen; ich preiſe mich glücklich und denke nur an die reiche, ſonnige Gegenwart. Da, mitten in der Arbeit, mitten im Schlafe fahre ich auf, ein Grauen erfaßt mich, Byr, Nomaden. V. 16 — —qç— . 1 nichts kann mich davor behüten. In den vollen Klän⸗ gen eines Tonſtücks überfällt es mich, aus dem wirren Knäuel einer politiſchen Frage ſtiert es mich an, ſogar aus den Armen meines Weibes reißt es mich auf, wie wenn eine geſpenſtige Hand mich aus einem Traum wachrüttelte. O, es iſt nicht Liebe, was ich fühle, nicht Sehnſucht nach einem unvergeßlichen Zauberbilde! Du irrſt, Du irrſt, Freund. Ich weiß, daß Lizzie unendlich, unvergleichlich mehr iſt, als mir jene jemals ſein konnte. Ich weiß, daß Lizzie an Geiſt und Herz himmelhoch über ihr ſteht, ja ich weiß, daß ich ohne Lizzie nicht mehr leben könnte, ich liebe ſie, liebe ſie aus voller Seele, aber“, und die tiefe leidenſchaftliche Rührung, die aus ſeinen Worten klang, verwandelte ſich jetzt plötzlich in den Ton ſchmerzlicher Zerknirſchung und Klage,„aber das unüberwindliche Gefühl der Reue vermag nichts zu bannen. Das Geſpenſt, das vor mir auftaucht, iſt der ſeelenpeinigende Vorwurf, eine gute That, die in meiner Hand lag, nicht voll⸗ bracht zu haben. Von Zeit zu Zeit gellt mir's immer wieder in den Ohren: Du haſt die Sinkende nicht gerettet!“ Es kam diesmal kein„Lächerlich!“ dreingefahren. Streicher verhielt ſich ganz ruhig, er fühlte ſich ſelber ergriffen. „Du biſt eben noch nicht ganz heil“, ſagte er dann.„Die Wunde muß tief, ſehr tief gegangen ſein und dem Herzen iſt noch eine Ueberempfindſamkeit zurückgeblieben, die aber fort muß. Das Bewußtſein einer guten That iſt noch nicht ausreichend zum Glück. Der Menſch iſt ſein Glück niemals dem eines andern ſchuldig. Sich an einen Galeerenſklaven ſchmieden zu laſſen, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, ihn zu tröſten und zu beſſern, iſt ſelbſt den größten Humanitäts⸗ ſchwärmern noch nicht eingefallen. Zudem genügt es nicht blos, eine gute That zu wollen; um wirklich dazu zu werden, muß ſie auch vom Erfolg begleitet ſein. Die Deine wäre es nicht geweſen, die angefaulte Frucht iſt nicht mehr zu retten. Das ſind philanthropiſche Täuſchungen!“ „Mit welchem Recht behaupteſt Du das? Du weißt, was aus ihr geworden iſt— rede!“ „Getödtet hat ſie ſich nicht“, erwiderte Streicher trocken. „Wie“, rief Gerhard entſetzt,„ſie hatte das je⸗ mals vor?“ „Nur angedroht. Es iſt lächerlich, ich ließ mich beinahe ſelbſt ins Bockshorn jagen und ich kenne die Menſchen doch. Ich glaubte ein Wagniß zu begehen, daß ich Dir dies verſchwieg, aber ich wollte es für 16* — V den Freund aufs Gewiſſen nehmen. Thor, der ich war! Ehe es zur Ausführung der Drohung kam, be⸗ dachte ſich Mademoiſelle und ging mit Lord Aysmonds nach Nizza. Ich bin ihr dort begegnet. Sie ſchien weder unglücklich noch traurig, ſie iſt kein Weib wie Baronin Sarſcha. Sie trug in den Ballſälen von Monaco ihre Brillanten mit ſehr viel Oſtentation und ihre Lippe wölbte ſich, ſo oft ſie mir begegnete, als wolle ſie ſagen:„Deutſcher Tölpel, man braucht Euch nicht, um zu leben.“ Jetzt ſoll der Baronet mit ſei⸗ ner Taube in Paris ſein, wohin ihnen die alte Schlange vom Nil voranging. Monſieur Germain behauptet, Lord Aysmonds werde zuletzt noch die Thorheit begehen und ſeine Maitreſſe heirathen, um ſie los zu werden, aber Monſieur Germain iſt ſchlecht zu ſprechen auf den Lord, weil er nicht bei ihm, ſondern im Cygne gewohnt. Der— gleichen vergibt er nie.“ Gerhard hatte ganz ſtill zugehört, ſein Antlitz war ſtarr und verrieth nicht, was in ſeinem Innern vor⸗ ging. Wer vermöchte es, dieſem Wogen der Gefühle zu folgen! Eine Röthe, die immer dunkler wurde, be⸗ deckte ſeine erſt noch ſo bleichen Wangen, ſeine Schläfe, ſeine Stirn. Er trat an ſeinen Schreibtiſch, ſchloß eins der obern Fächer auf, nahm ein Blatt Papier heraus, das in einem Couvert ſteckte, und ohne es weiter zu be⸗ h 245 ſehen, warf er es auf das Feuer im Ofen. Ein leich⸗ tes Aufflackern und dann blieb nur noch ein Häuf⸗ chen Aſche, das der Zugwind hob und durch die Eſſe entführte. „Was war's?“ fragte Streicher. „Eine Photographie, die ich mich ſchäme, ſo lange aufbewahrt zu haben.“ Streicher ſagte nichts darauf, aber er dachte:„Aha, die verletzte Eitelkeit— ich bin ein Menſchenkenner!“ An der Thür hatte es leiſe geklopft, ſie öffnete ſich ein wenig, ein lieblicher Frauenkopf blickte herein. „Iſt's erlaubt?“ Und ohne eine Antwort abzu— warten, trat Lizzie ein.„Brr!“ ſchüttelte ſie ſich mit komiſchem Entſetzen.„Dieſer Rauch, man könnte ihn ſchneiden!“ „Aha!“ kam es ganz kurz mit trockenem Lachen von Streicher's Lippen. Die junge Frau ſah noch immer friſch und an⸗ muthig, wie ein heiteres Kind aus, nur ihre Geſtalt hatte ſich mehr gerundet und die breiten Flechten ihres ſchönen blonden Haares lagen jetzt in einer geſchmack⸗ vollen Friſur um ihr Köpfchen geordnet. Ihr fröhliches Auge ruhte zärtlich auf ihrem Gatten, während ſie den großen ſchönen Jagdhund ſtreichelte und zugleich abwehrte, der ſich von ſeiner Decke hinter dem Ofen erhoben hatte und an die gütige Herrin mit täppiſcher Liebkoſung herandrängte. „Streicher hat mir ſo eben mitgetheilt, daß er morgen ſchon wieder fort will“, ſagte Gerhard, und Streicher verbeugte ſich ſtumm vor dem überraſchten Blick, der ſich auf ihn richtete. „Wie? Sie wollen fort?“ rief Lizzie ſich ereifernd. „Davon kann keine Rede ſein Gerhard ſollte ſich ſo lange auf den Beſuch ſeines beſten und älteſten Freundes gefreut haben, um dieſen ſogleich wieder ſcheiden zu ſehen? Nein, nein, davon kann nicht die Rede ſein, wie geſagt. Gerhard hat fleißig gearbeitet und braucht Zerſtreuung und Sie Nimmerraſt ſollten auch von Ihren Streif⸗ zügen ein wenig ausruhen. Sie ſollen ſich's bei uns be⸗ haglich einrichten. Nein, nein, ſprechen Sie kein Wort, ich laſſe Sie nicht fort; Sie müſſen bleiben, wenigſtens bis wir ſelbſt nach Berlin gehen.“ „Feurige Kohlen!“ raunte Gerhard dem Freunde lächelnd ins Ohr. Dieſer aber fragte verwundert, ob er wirklich recht gehört habe, daß das junge Ehepaar an eine Reiſe denke. Er habe geglaubt, Gerhard gedenke ſich hier für ewig zu begraben. „Wir ſind ſchrecklich verkannt, Gerhard“, ſcherzte die junge Frau.„Wer uns nur ſo verleumdet haben 247 mag? Muß man denn nothgedrungen Höhlenbewohner ſein, wenn man nicht Zugvogel iſt? Ohne Heimat wird der Menſch zur Flocke, die der Wind treibt, immer in der Heimat aber zur öden Scholle oder zum zwitſchernden Sperling, der auch nie über den nächſten Zaun kommt. Man muß auch hinaus. Wir wollen ein paar Wochen wieder Theater, Concerte und die Welt ſehen. Dazu aber haben wir noch über vierzehn Tage Zeit— bis dahin verlaſſen Sie uns nicht? Abgemacht?“ Sie ſtreckte ihr Händchen hin, das unter den Blondenmanſchetten noch feiner ausſah. Streicher aber ſchlug nicht ein. Er ſchüttelte düſter den Kopf. „Ich ſehe, daß Sie es gut meinen“, ſagte er und ſein Blick leiſtete Gerhard eine Abbitte,„aber dies Haus — es iſt mir ſo weh hier, ſo enge, Geſtalten tauchen auf aus allen Ecken— es geht nicht, es geht nicht! Viel— leicht ſpäter einmal.“ Gerhard faßte ſeine Hand und drückte ſie innig und warm. „Armer, armer Nomade!“ murmelte er. „Lächerlich!“ brummte der Andere. „Sollte nicht auch ein wenig von dem Bedauern auf Dich fallen?“ griff Lizzie die Aeußerung auf.„Du biſt bewegt, leugne nicht. Haben Dich die Mittheilun⸗ gen Deines Freundes ſo ergriffen? Ich fürchte, ich 248 fürchte, Dein Herz hat die alte nomadiſirende Ge⸗ wohnheit noch nicht ganz abgelegt.“ Als Streicher den Blick voll liebreizender Schel⸗ merei ſah, der den Seufzer begleitete, wußte er, daß es zwiſchen dieſen beiden Menſchen kein Geheimniß gebe. Das freie Auge ſeines Freundes verrieth nichts von verletzter Eitelkeit, nur wiedergefundene Ruhe, das frohe Aufathmen einer entlaſteten Seele glänzte darin. Und ohne auf Streicher's Anweſenheit in die⸗ ſem Moment Rückſicht zu nehmen, wo die gewaltige Bewegung ſeines Innern nach einem Ausdruck rang, umfaßte Gerhard ſein geliebtes Weib, zog es an ſich und drückte einen langen, langen Kuß auf die reine, goldumrahmte Stirn. „Mein Herz iſt Dein, Lizzie, ganz und gar“, klang ſein halberſticktes Jauchzen.„Ich bin in der Heimat, für immer!“ Sie aber lehnte das Köpfchen zurück. In ihrem Auge glänzte eine zerdrückte Thräne, um ihren Mund ſpielte ein wunderholdes Lächeln. Unſaglich innig blickte ſie ihn an und leiſe, ſo leiſe, daß nur das Ohr des Gatten es vernahm, lispelte ſie: „Wir ließen Dich auch nimmer fort!“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig rey Sontrol Shart Green vellow Hed Magenta —2uu