„. — 3 eihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen⸗ müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Mer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Robert VByr. Vierter Band. Uew-Vork, Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1871. L. W. Schmidt. 6 Erſtes Kapitel. Im alten Raubſchloß. Zwiſchen den ſchmuzigen, häßlichen, echt italieniſchen Häuſern des Weilers klomm eine kleine Geſellſchaft den Hohlweg zu der Ruine hinan, deren Thurm allein noch erhalten iſt und von einer Zeit erzählt, wo eiſen⸗ beſchirmte Männer auf eiſengepanzerten Roſſen lang⸗ ſam denſelben Thalweg zogen, auf dem jetzt das eiſerne Dampfroß mit ſeiner Laſt ſcheinbar ſo mühelos dahin⸗ haſtet. Zwei Führer mit ihren Pferden ſchritten voran. Der Banquier und Baronin Sarſcha hatten ſich beritten gemacht, die Andern folgten zu Fuße nach. Frau von Rüderich hatte ihr Mann und Herr von Kuruſoff als Byr, Nomaden IV. Begleitung nicht genügt, auch Graf Hilmersdorf, mit dem ſie halb und halb wieder Freundſchaft geſchloſſen, Banquier Glückſtadt und das Ehepaar Leſtow waren von ihr aufgefordert worden. Sie ignorirte dabei gänzlich die Spannung, welche zwiſchen ihr und der Baronin beſtand. Dieſe freilich zeigte ſich nicht ſehr entgegenkommend, aber Glückſtadt und der Graf ſpra⸗ chen dem Baron ſo lange zu, die Partie mitzumachen, bis er ſich halb willenlos mit ſeiner Frau anſchloß. Er hatte ſehr ſtark verloren und ſein Spiel end⸗ lich, ehe die Schlußſtunde noch geſchlagen, eingeſtellt. Er ſah finſter, beinahe drohend vor ſich hin und ſchien um zwanzig Jahre gealtert. Sein Geiſt war abweſend, er wußte vielleicht gar nicht, wohin er mitging, um, wie Frau von Rüderich ſagte, die ſchönen Stunden des Nachmittags noch mit hiſtoriſchen Erinnerungen auszufüllen. Man konnte immer noch früh genug zurück ſein, um vor Beginn der abendlichen Spielſtunden zu diniren. Selbſt dieſe Zuſicherung ſchien Baron Leſtow gar nicht zu berühren, er hatte ſie vielleicht nicht ein mal gehört. Seine Frau war ebenfalls im Verluſte geweſen, auch ſie ſah blaß und angegriffen aus und der Ban quier, welcher dies ihrer leidenden Bruſt zuſchrieb, hatte ſie gedrängt, ſich in der friſchen Bergluft ein 3 wenig zu erholen, dabei jedoch der Ermüdung des Gehens nicht auszuſetzen. Er hatte als galanter Be⸗ gleiter für die Pferde geſorgt und war nun ſtolz, un⸗ mittelbar hinter ihr herzureiten und ſeine vortreffliche Haltung zu zeigen, mit der er ſogar im Prater eben⸗ bürtig zu erſcheinen ſich ſchmeichelte. Die Geſellſchaft war nicht beſonders geſprächig. Hilmersdoͤrf, der mit ſeinen Füßen bei jedem Schritte kokettirte und den Weg ſeinen feinen Schuhen nicht ganz entſprechend fand, war der einzige, der hin und wieder eine Bemerkung zum Beſten gab. Selbſt Frau von Rüderich hatte vom Steigen den Athem verloren und Kuruſoff war heute ungemein ſchweigſam, übrigens hätte man ihn ja auch nicht verſtanden. Die kleine Karavane hatte nicht das Anſehen, als befinde ſie ſich auf einer Vergnügungstour, ſie blieb auch ziemlich kleinlaut, als die Ruine endlich er⸗ reicht war und man an der Stelle des ehemaligen Schloßhofs das Lager aufſchlug. „Ich wandle ſo gern auf den Spuren unſerer wackern Vorfahren“, äußerte Frau von Rüderich gegen Baronin Sarſcha, indem ſie that, als kenne ſie deren Stammbaum nicht.„Iſt Ihnen nicht auch ganz an— ders zu Muthe, wenn Sie auf ſolchem hiſtoriſchen Bo⸗ den ſtehen und von dem kühn in den Felſen gebauten 1* 54 I Horſt hinabblicken auf die Landſtriche, welche einſt ein ſtarker Adel beherrſchte?“ „Er iſt gebrochen, wie der in meinem armen Vaterlande“, verſetzte die Baronin mit elegiſchem Tone. „Ah, das iſt aber doch zweierlei— erlauben Sie mir!“ fiel der Graf ein.„Dort ſiegte Ordnung und Fürſtenmacht von Gottes Gnaden, hier ein aufſtän⸗ diſches Bauernvolk, das bis heute nicht gezüchtigt iſt, die Republik, der Feuerbrand in Europa, die glimmende Lunte, die heute noch nach jedem offenen Pulverfaſſe zuckt, wie damals, als Preußens Flagge verrätheriſch von den Zinnen Neuenburgs geriſſen wurde. In Po⸗ len iſt es die beſiegte, hier die ſiegende Revolution; hoffentlich wird auch für ſie einmal die Zeit kommen.“ „Bei uns zu ſiegen!“ fügte die Baronin mit Pa⸗ thos bei. Graf Hilmersdorf zuckte mit hochmüthigem Lächeln die Achſeln und fragte Kuruſoff, ob er nichts zu ſagen habe. „Gegen Damen?“ erwiderte dieſer mit diploma⸗ tiſcher Miene. „Indeſſen ſind die Adlerhorſte hier wie dort Rui⸗ nen“, nahm der Banquier das Wort und rieb ſich dabei vergnügt die Hände, womit er jedoch ſogleich inne⸗ hielt, als Frau von Rüderich mit Indignation ausrief: 5 „Es ſcheint ja gar, Sie freuen ſich darüber? Sind Sie denn ein Anhänger des rohen Pöbels, daß es Ihnen Vergnügen macht, die Schutzſtätten der feudalen Macht und Größe zerbröckeln zu ſehen? Mit den Burgen des Adels fällt Alles in Trümmer: Religion, Treue und Loyalität.“ „Aber die Steine“, entſchuldigte ſich der Banquier und deutete dabei auf die rings umherliegenden Mauer⸗ reſte,„ſind prächtig zu verwenden zu einem Neubau Es kann nun einmal nicht Alles beim Alten bleiben und neue Häuſer ſtehen oft gerade ſo feſt wie die alten, wenn eine geſunde Geſchäftsgebarung dabei iſt. Der Eine muß fallen, damit der Andere ſteigt, und Neubau iſt vonnöthen in der Ringſtraße, in der Geſellſchaft und im Staate.“ „Ah!“ entgegnete Frau von Rüderich, ihre Lorg⸗ nette vors Auge nehmend, um dem Banquier, dem dabei nicht ganz wohl zu Muthe wurde, vornehm zu fixiren, „Sie gehören alſo zu jenen Neuerern, die aus der Welt eine Börſe, aus dem Salon einen Gerichtsſaal machen möchten und der Meinung ſind, die Menſch⸗ heit ſolle ſich in Zukunft ganz unterwürfig von Finanz⸗ männern und Advocaten regieren laſſen. Es gilt einen Sturm auf alle Ritter⸗ und Königsburgen, aber ich denke, Sie täuſchen ſich, mein Herr; wenn man uns 7 6 auch die Heimat zerſtört, unſern Namen kann man uns nicht nehmen. Man mag uns durch Kniffe und Ränke aus unſern Schlöſſern vertreiben, unſere adlige Geſinnung raubt man uns doch nicht. Herr von Rü⸗ derich könnte Ihnen eine Geſchichte erzählen, wie man um Haus und Hof kommt.“ „Ja, ich könnte eine Geſchichte erzählen“, nickte der aufgerufene Zeuge beiſtimmend. „Die könnten Andere auch erzählen— was meinen Sie, Leſtow?“ weckte Graf Hilmersdorf den Träumen⸗ den, der aber den freundſchaftlich nach ihm geführten Hieb nicht merkte.„Die Sache geht ganz natürlich zu“, fuhr er lachend fort.„Herr Glückſtadt ſagt ja ſelbſt, man braucht die Steine der gebrochenen Ritter⸗ burg, um daraus den prächtigen Palaſt zu bauen, in dem ſich Ahasverus endlich zur Ruhe ſetzen will.“ „Und die Vertriebenen ſollen wandern für ihn“, murmelte Baron Leſtow ſo grimmig, als zähle er ſich ſelbſt zu den Unſtäten, welche der ſeines endloſen Wan⸗ derns überdrüſſige ewige Jude hinausgetrieben, um ſich an ihrem Herde niederzulaſſen. „Ich bin erſtaunt“, äußerte Frau von Rüderich ſpitz.„Nach verſchiedenen Beiſpielen gerade aus Ihrer Clique, Verehrteſter, hätte ich Sie nicht für einen Feind des Adels gehalten. Ein Herr von Glückſtadt „— würde ſchwerlich ſolch demokratiſchen Tendenzen hul⸗ digen.“ „Demokratiſche Tendenzen, meine Theure“, wollte Herr von Rüderich einmal ſelbſtſtändig beginnen, aber ſeine Frau fiel raſch und entſchieden ein: „Gehören ins Buch!“ „Gehören ins Buch, ja, ja, ganz richtig“, be⸗ quemte er ſich auf der Stelle ihrer Meinung mit ſchlauem Kichern an. „Herr Glückſtadt arbeitet eben in der Contremine“, glaubte nun auch der Ruſſe beifügen zu müſſen. So von allen Seiten in die Schraube genommen, fühlte ſich der Banquier nicht eben in der angenehm⸗ ſten Lage, er rieb die Gläſer ſeines Klemmers, als hätten ſie alle Durchſichtigkeit verloren, und dabei gab er ſich große Mühe zu beweiſen, wie falſch man ihn beurtheilt habe. „Gott ſoll mich bewahren!“ rief er eifrig.„Ich bin kein Feind des Adels, im Gegentheil, ich achte den Adel ſehr hoch; ganz richtig, die Zierde der Nation iſt er und es iſt ganz in der Ordnung, daß die her⸗ vorragendſten Menſchen im Staate vom Adel ſind. Wie können Sie ſagen, ich ſei ein Feind von Adel und Orden? Würde ich mich doch ſelbſt glücklich ſchätzen, wenn ich eins oder das andere beſäße. Nicht aus r— 1 8. ———— 8 Eitelkeit— Gott bewahre! Nur weil ich dann ſagen könnte: Da ſeht her, ich bin ein ausgezeichneter Mann.“ „Ein Mann von Verdienſt“, ſchaltete Graf Hil⸗ mersdorf ein. „Ja, ein Mann, der ſich's ſauer verdient hat und ſeinem Stande Ehre macht, nicht nur was das Ein⸗ kommen betrifft, ſondern auch die noble Handlungs⸗ weiſe. Glauben Sie mir, meine Herrſchaften, es gibt keinen größern Verehrer des Adels als mich, und um Ihnen das zu beweiſen, ſollen Sie alle mit mir anſtoßen auf das Wohl und Gedeihen des hohen Adels.“ Und zur Verwunderung der Uebrigen brachte er aus einem Sacke, der auf ſeinem Pferde gelegen, einige Flaſchen jenes herrlichen Weins von Coquempey, der in der Umgebung von Martigny wächſt, ſchon den Römern bekannt war und in den unmittelbar unter⸗ halb der Gletſcher angelegten Kellern durch jahrelanges Lagern zu dem berühmten Getränk reift, das unter dem Namen vin de glacier alles Traubenblut der Erde an Feuer übertrifft. Der vorſorgliche Wirth der Geſellſchaft hatte auch für Gläſer geſorgt und die Stimmung ſchlug ſchnell zu ſeinen Gunſten um. Graf Hilmersdorf behauptete, er ſei doch ein ganz guter Junge, und Alles ſtieß — mit ihm an, nur Baronin Sarſcha nicht. Sie ſchlug ſogar das Glas aus, welches er ihr reichte. „Warum weigern Sie ſich mit mir zu trinken?“ flüſterte er ihr zu.„Sie werden von Tag zu Tag hartherziger gegen mich. Es wäre kein Wunder, wenn ich auch einmal hartherzig würde.“ „Sie drohen und wollen doch dabei auf das Wohl des Adels trinken?“ entgegnete ſie mit ſcharfem Hohne. „Warum ſoll ich nicht trinken darauf? Aber es iſt ſchon genug, daß ich bezahle den Wein, ſollte ich denken, ich mag nicht auch noch bezahlen das Wohl. Für den Wein nennt mich doch der Graf noch einen guten Jungen, für das Wohl haben Sie mich noch immer nicht gut genannt, Sie wollen nicht einmal an⸗ ſtoßen darauf.“ Die Baronin antwortete nichts, ſie nippte nur ein wenig und Herr Glückſtadt wendete ſich mit einem tückiſchen und doch bewundernden Blick von ihr ab. Es wurde getrunken und bald waren die Flaſchen leer. Die Stimmung war eine heiterere, beſonders bei Graf Hilmersdorf, der nun auf allerlei tolle Einfälle kam. Die Ausſicht, behauptete er, müſſe von der Zinne des Wartthurms eine weit ſchönere ſein als von unten, man könne da über alle Baumwipfel hinwegſehen. Er beredete Baron Leſtow und den Ruſſen, die Beſteigung — mit zu verſuchen, die Damen, welche er ebenfalls auf— forderte, zogen es gleich Herrn von Rüderich vor, unten zu bleiben. Auch der Banquier zeigte keine Luſt,. ſich zwiſchen das bröckelnde Geröll zu wagen, als aber die drei oben erſchienen und der Graf ihm jubelnd zurief, ob er nicht verſuchen wolle, zu Pferde nachzu⸗ kommen, da ſeine Beine wahrſcheinlich dem Unter⸗ nehmen nicht gewachſen ſeien, war ſeine Eigenliebe aufgeſtachelt und er ging daran, den Beweis zu liefern, daß er daſſelbe zu leiſten im Stande ſei, was Andere konnten. Es war gerade kein übermäßiges Aufgebot von Umſicht und Kraft nöthig, um die zerfallenen, theilweiſe ziemlich ungangbaren Stufen hinanzuklimmen, denn überall war mit Holz oder geſchichteten Steinen nachgeholfen; dennoch triumphirte der Banquier nicht wenig, als er keuchend auf der Höhe anlangte. Graf Hilmersdorf empfing ihn mit Jubel, faßte ihn ſogleich unter den Arm und wollte ihn etwas gewaltſam vor⸗ wärts an den Rand der Plattform führen, aber Glück⸗ ſtadt ſträubte ſich aus Leibeskräften gegen dies An⸗ ſinnen. Mit aller Gewalt hielt er ſich an der Stange feſt, die in der Mitte ein paar Klafter hoch aufragte und die Beſtimmung hatte, bei Feſtlichkeiten eine Flagge zu tragen, und proteſtirte kreiſchend gegen das Zureden des Grafen. 11 „Nein, nein, laſſen Sie mich hier, ich bin zu ſchwindlig“, rief er.„Da fkönnen nur Katzen herum⸗ klettern. Es iſt ja kein ordentliches Geländer mehr da, und wenn Jemand da hinunterſtürzte, er würde es ſicherlich nicht mehr fühlen, daß er Arme und Beine gebrochen. Nichts, nichts, ich bleibe hier.“ Im Grunde hatte der um ſein Leben ſo Beſorgte nicht ganz Unrecht. Die Bruſtwehr war nur noch an einzelnen Stellen vorhanden und ſelbſt da ſchienen die Steine nicht mehr allzufeſt aufeinander zu liegen. Wind und Wetter hatten den Mörtel allmälig aus den Fugen gefreſſen und die Zeit die Steine geblättert und mürbe gemacht. Der Fuß des Wartthurms aber ſteht auf Felsgrund, der hier in beträchtlicher Tiefe ſenkrecht abfällt. Hilmersdorf, von dem Scherz höchlich befriedigt und von dem genoſſenen Feuerwein ein wenig über⸗ müthig gemacht, ſprang mit der Leichtigkeit eines Tur⸗ ners von Fach die zerfallene Treppe hinab, um einen andern Streich, der ihm durch den Kopf gefahren war, in Scene zu ſetzen. Leſtow, der auf der Plattform zurückgeblieben war, ſchien von eigenthümlichen Gedan⸗ ken erfüllt und ein ſchadenfrohes Lächeln blitzte in ſeinen finſtern Zügen auf, während ſein Blick den ängſtlichen Bewegungen des Banquiers folgte, der, an —— 3— die Stange geklammert, nur allmälig ſich beruhigte und ein etwas zuverſichtlicheres Ausſehen gewann. Zuletzt wurde er ſogar ſo kühn, ſeinen Halt zu ver⸗ laſſen und ſich vorſichtigen Schrittes an die Bruſtwehr vorzuwagen, welche auf der Seite gegen den ehemaligen Schloßhof noch am beſten erhalten war. Er zog ſein Schnupftuch und winkte damit hinab, ohne dabei aber auch den Blick zu ſenken, da er dann vom Schwindel befallen zu werden fürchtete. „Ich grüße Sie von der Höhe, meine Damen“, rief er triumphirend. Die Antwort aber, die herauf⸗ ſcholl, hatte er nicht erwartet. „Grüßen Sie die Sonne von uns, Sie müſſen ſie noch ſehen, da Sie in einem Glorienſchein ſtehen. Ha, man erlebt doch noch Wunder! Und wenn Sie fertig ſind, kommen Sie uns gelegentlich nach. Auf Wiederſehen!“ Graf Hilmersdorf hatte ſo gerufen, Herr und Frau von Rüderich lachten, und der Banquier, welcher ſich ermannend nun endlich doch einen ſcheuen Blick hinabwarf, ſah mit Schreck und Verdruß, wie ſich der Graf auf ſein Pferd geſchwungen hatte und nun an der Baronin Seite, die ebenfalls das ihrige beſtiegen, ſo eilig, als die Mähren anzutreiben waren, in den Hohlweg einlenkte. Auch das literariſche Ehepaar war ——y———y——— 13 ſchon aufgebrochen, Kuruſoff eilte eben mit großer Ge⸗ lenkigkeit die Treppe hinab, um ſich anzuſchließen, und es gewährte Glückſtadt keinen geringen Troſt, daß man ihn wenigſtens doch nicht ganz allein gelaſſen hatte und Baron Leſtow bei ihm ausharrte. Das Umkehren, das unumgänglich nöthig war, wenn er die Treppe gewinnen wollte, war keine Kleinigkeit, aber er voll— brachte es mit Heldenmuth. „Nun ſoll ich zu Fuße gehen“, ſchalt er,„und ich ſpüre jeden Stein durch meine dünnen Sohlen und die Steine ſind hier ſo ſpitzig, faſt wie Frau von Rüderich's Zunge. Iſt doch ein toller Streich vom Grafen. Aber kommen Sie, lieber Baron, wir ver⸗ ſpäten uns ſonſt zu ſehr.“ „Ich habe keine Eile“, entgegnete der Baron und blieb ruhig vor Herrn Glückſtadt ſtehen, dem er da⸗ durch den Weg zur Treppe vertrat. „Nun, wie Sie wollen, aber laſſen Sie wenig⸗ ſtens mich—“ „Einen Moment noch, ich habe Einiges mit Ihnen zu beſprechen.“ Der Banquier ſah betroffen auf. Die Worte klangen ſo ernſt und unheimlich und es wurde ihm gar nicht recht wohl dabei. Erſt jetzt bemerkte er die finſtere, entſchloſſene Miene ſeines Gegenübers und fühlte ——— 1 4 1 f 1 4 4 4 1 A 7 ¹ 1 6 1 14 ſich von einer unbeſtimmten Furcht ergriffen. Was hatte der Baron vor, was wollte er ſagen und warum gerade hier an dieſem gefährlichen Orte? „Wiſſen Sie was? Sprechen wir unten weiter“, ſchlug Glückſtadt geſchmeidig vor. Aber Baron Leſtow regte ſich nicht, ſein Blick funkelte düſter und ſein gan⸗ zes Weſen zeigte, daß er geſonnen ſei, die vom Zufall geſchaffene Situation feſtzuhalten und zu ſeinem Nutzen auszubeuten. Man ſteht nicht vergeblich Tag für Tag den Chancen der Roulette gegenüber, es bildet ſich endlich eine verzweiflungsvolle Waghalſigkeit heraus, die ebenſo bereit iſt, mit dem Leben ſelbſt zu ſpielen, wie mit den Mitteln zur Erhaltung der Exiſtenz. „Wir ſind hier vor jedem Lauſcher ſicher“, ſagte er, mit einem leiſen Zug von Ironie den Banquier darauf aufmerkſam machend, daß ſie hier oben völlig iſolirt ſeien.„Herr von Kuruſoff verläßt ſo eben den Thurm, es wird uns alſo Niemand ſtören.“ „Ich laſſe mich aber recht gern ſtören. Was könn⸗ ten wir denn für Geheimniſſe haben?“ „Ein Cavalier iſt nicht gewohnt, von ſeinen Ver⸗ mögensverhältniſſen auf offener Börſe zu ſprechen.“ „Wer verlangt das? Uebrigens kenne ich Ihre Vermögensverhältniſſe.“ Der Baron nickte mit dem Kopfe. 15 „So wiſſen Sie alſo, daß ich ruinirt bin“, ſagte er. „Ruinirt wie die ſteinerne Stiege dieſes Thurms. Aber laſſen Sie mich nur erſt hinunterkommen. Bei Gott, ich habe doch in meinem ganzen Leben nicht ge⸗ dacht, daß ich einmal wünſchen würde, herunterzu⸗ kommen!“ Er lachte über ſeinen Einfall, es war aber nur eine Grimaſſe, die ſogleich erloſch, als der Baron kei⸗ nen Zug ſeiner finſtern Miene veränderte und ſogar barſch erwiderte: „Laſſen Sie Ihre nutzloſen Verſuche! Sie kom⸗ men hier nicht hinab, ehe wir miteinander im Klaren ſind. Oder wollen Sie ſich den Weg vielleicht mit Gewalt erzwingen? Wollen Sie etwa ringen?“ „Gott ſoll mich bewahren! Ringen!“ kreiſchte der Banquier auf.„Aber ich werde ſchreien. Was iſt das für ein Zwang, mit dem Sie mich hier feſthalten? Machen Sie ein Ende mit dem Scherz oder ich rufe!“ „Das würde ich Ihnen nicht gerathen haben. Fürs erſte würde man Ihren Ruf nur für einen Scherz halten, und wenn auch Jemand käme— wäh⸗ rend ſo viel Zeit vergeht, kann ſich leicht ein unange⸗ nehmer Zufall ereignen. Wenn Sie ſich zu ſehr alte⸗ riren, könnte Sie am Ende der Schwindel erfaſſen.“ „Es iſt ſchon gut, reden Sie nicht vom Schwindel, — V 16 reden Sie ſonſt, was Sie wollen, aber machen Sie's nur kurz!“ fiel der Banquier ein.„Womit kann ich Ihnen dienen?“ „Darüber dürften Sie kaum im Zweifel ſein, Verehrteſter. Ich habe heute mein letztes Geld ver⸗ ſpielt. Borgen Sie mir fünftauſend Gulden auf Schuldverſchreibung und Cavaliersehrenwort.“ „Cavaliersehrenwort? Was mache ich damit? Und mit der Schuldverſchreibung kann ich mir an⸗ zünden meine Cigarre, wie mit der andern, die Sie mir ſchon früher ausſtellten. Was zucken Sie die Achſeln? Hab' ich auch nur die Intereſſen geſehen von den fünftauſend Gulden Kapital, die ich Ihnen in zwei Raten geliehen? Ich hätte damit das brillanteſte Geſchäft gemacht, ſtatt daß ich Ihnen bin nachgefahren mitten im Winter durch die ganze Schweiz, zu einer Zeit, wo man Schnee und Eis ganz bequem auch ander⸗ wärts finden kann, ſodaß man ſich nicht hinaufbe⸗ mühen muß zu den Gletſchern.“ „Ich habe Sie nicht aufgefordert, mir zu folgen.“ „Nein, das iſt wahr, ich ſelber bin ſo thöricht geweſen, dem kälteſten Gletſcher von der Welt nachzu⸗ reiſen— Ihrer Frau Gemahlin.“ Ein höhniſches Lächeln kräuſelte die Lippen des Barons. 6 — 17 „Sie ſind ſehr offenherzig“, erwiderte er.„Nun, ich kann Ihnen dafür in gleicher Weiſe ſagen, daß Sie ſich in meiner Langmuth für Ihre Forderung be⸗ zahlt gemacht.“ „Wie können Sie ſagen: bezahlt gemacht?“ fuhr Glückſtadt auf.„Ich habe nicht einmal die Intereſſen herausgeſchlagen. Langmuth? Was ſoll das heißen? Sie werden doch nicht glauben, daß ich Ihnen fünf— tauſend Gulden geliehen habe für die bloße Ehre, Ihr Gläubiger zu ſein? Da kann ich Grafen und Fürſten finden, ſoviel ich will. Für nichts iſt nichts und ich gebe keinen Groſchen mehr.“ „Auch nicht, wenn ich Ihnen Alles binnen we⸗ nigen Tagen zurückzuzahlen verſpreche? Ich werde, ich muß endlich gewinnen!“ „Das ſagen Sie immer.“ „Aber haben Sie denn nicht ſelbſt bemerkt, wie die Farbe im ſelben Momente wechſelte, als ich nicht mehr ſetzen konnte, und wie conſtant Roth blieb? Es kommt nur darauf an, genug Geld zu haben, um nicht vorzeitig aufhören zu müſſen. Wer ausdauert, muß ſelbſt zuletzt die Bank ſprengen.“ Der Baron hatte mit ungewöhnlichem Eifer ge⸗ ſprochen. Die Leidenſchaft des Spiels hatte ſein gan⸗ zes Denken abſorbirt. Seine Hände zuckten, als griffen Byr, Pomaden. IV. 2 18 ſie nach dem rollenden Golde, um es der Harke des Croupiers zu entreißen. Er drängte jetzt den Banquier, ihm die verlangte Summe vorzuſtrecken, aber der wollte davon nichts wiſſen. „Ich gebe nicht einen Heller mehr!“ rief er. „Ich ſage Ihnen aber, daß ich zu Grunde ge⸗ richtet bin.“ „Was geht das mich an? Thun Sie, was Sie wollen, aber laſſen Sie mich jetzt hinunter.“ „Halt!“ ſtieß der Baron zwiſchen den Zähnen hervor und ſetzte dann dumpf, aber mit großem Nach⸗ druck hinzu!„In dieſem Falle verläßt nur einer lebend dieſen Thurm.“ „Was ſoll das heißen?“ ſchrie der Banquier auf, in einem Ton, der Muth beweiſen ſollte, von der Bläſſe des Geſichts aber Lügen geſtraft ward.„Wollen Sie mich glauben machen, es ſei Ihnen Ernſt mit ſolcher Drohung? Man bringt die Leute heutzutage nicht um ſo mir nichts dir nichts. Ich werde ſchreien, daß man mir zu Hülfe kommt.“ „Sie käme zu ſpät“, verſetzte der Baron, ohne ſich vom Platze zu rühren, mit haarſträubender Gelaſſen heit. „Herr Baron, was fällt Ihnen ein? Sie ſind ein viel zu gebildeter Mann zu ſolch ſchlimmem Scherz.“ Der Banquier ſprach mit einer fieberhaften Schnelligkeit ——ööööͤͤEͤöͤöͤͤͤ“ 19 und ſah ſich dabei troſtlos nach allen Seiten um. Die Sonne war untergegangen, unten im Thale lag ſchon tiefe Dämmerung und dichte Nebelſtreifen hingen ſich hier und dort an die Wipfel. Der Wald lag einſam und öde rings umher, keine menſchliche Seele ſchien in der Nähe zu ſein. Ein namenloſes Grauen erfaßte Glückſtadt's Herz, ein kalter Schauer rieſelte über ſeinen Rücken und ſein Haar ſträubte ſich. Kein Zweifel, er befand ſich vollkommen in der Gewalt dieſes Mannes, der ſo furchtbar drohend vor ihm ſtand und zu Allem fähig ſchien. Was war das für eine unglückſelige Partie, die ſo harmlos begonnen und nun eine ſo fürchterliche Wendung genommen! War der Baron berauſcht? Hatte er zu viel von dem Weine getrunken, den Glückſtadt geſpendet zu haben ſich nun zum Vor⸗ wurfe machte? Oder war es ein eiſerner Entſchluß, dem er hier ins Auge ſah, und machte die Verzweiflung aus dem Baron einen Banditen? Der Gedanke war furchtbar; Todesangſt ſchüttelte des Banquiers Glieder, kalter Schweiß brach aus allen Poren und bedeckte ſeine Stirn. Er zwang ſich zu einem Lachen, vor dem er ſelbſt erſchrak; regungslos wie eine Statue ſtand der ſchreckliche Menſch vor ihm, der vor den ſchwim⸗ menden Augen zu wachſen ſchien bis zur Größe eines rieſigen Geſpenſtes. Es war eine grauenhafte Pauſe. — Der Baron brach ſie endlich. „Gut“, ſagte er,„es geſchehe, wie Sie wollen. Sie ſollen ſehen, daß es mir Ernſt iſt.“ Gleichzeitig machte er eine Bewegung und that einen Schritt. Der Banquier, außer ſich vor Angſt, ſtieß einen Schrei aus. Es war ihm, als fühle er ſchon jetzt alles Feſte unter ſich weichen, ringsum nichts, das entſetzliche Nichts. Sein ganzes Vermögen war er in dieſem Moment zu bieten bereit, aber die Zunge verſagte ihm den Dienſt, er ſah nur, daß Raum vor ihm wurde, daß die Flaggenſtange frei war, und mit einem Satze, wie ihn nur ein Menſch macht, der dem geöffneten Rachen des Todes entrinnen will, war er dort, hatte ſie mit beiden Armen umſchlungen und glitt, einer Ohnmacht nahe, an ihr nieder auf die Kniee. Die Furcht aber ließ ihn die Augen nicht ſchließen. Jetzt erſt ſah er das räthſelhafte Beginnen des Barons. Mit einigen raſchen Schritten war dieſer über die Plattform auf jene Seite getreten, die gegen den Abgrund ſah, und dort ſtand er in einer großen Breſche der Bruſtwehr, ganz am äußerſten Rande draußen. Der Banquier glaubte die Steine unter ſeinen Füßen weichen zu ſehen, ein raſender Schwindel erfaßte ihn, es war ihm, als ſtünde er ſelbſt dort draußen, Alles 21 drehte ſich in tollem Wirbel um ihn, und indem er ſich noch feſter an die Stange klammerte, kreiſchte er: „Gerechter Gott, um Alles in der Welt, was machen Sie dort? Kommen Sie herein!“ „Was halten Sie mich zurück?“ entgegnete Baron Leſtow und lehnte ſich mit verſchränkten Armen gegen das Mauerwerk hinter ihm, ohne daß er aber nur um die Breite eines Fußes weiter herausgekommen wäre. „Sie haben es in Händen, mich vom Tode zu erretten. Wollen Sie nichts thun, ſo laſſen Sie mich in die Tiefe ſtürzen.“ Es war ein verwunderter Ausruf des Banquiers, der darauf Antwort gab. „Sie? Sie wollen ſich ſelber umbringen? Ja, aber warum haben Sie das nicht gleich geſagt?“ Bei dieſen Worten ließ ſich Herr Glückſtadt ganz ſachte vollends niedergleiten, und ſo knapp neben der Stange ſitzend, die er wenigſtens noch mit dem rechten Arm umklammert hielt, ſtellte ſich das Gefühl der Sicherheit wieder bei ihm ein und ſein Muth wuchs mit jeder Sekunde. „Was haben Sie ſonſt gedacht?“ fragte der Baron. „O nichts, nichts!“ erwiderte Glückſtadt raſch, da er fürchtete, es könnten noch nachträglich gefährliche Gedanken in dem zum Aeußerſten getriebenen Manne 5 1 22 erwachen.„Aber wozu greifen Sie denn zu ſo ver⸗ zweifeltem Auswege?“ „Ich ſehe keinen andern vor mir. Wenn ich mich tödte, erhält wenigſtens meine Frau die Verſicherung.“ „Selbſtmord ausgenommen.“ „Auch das noch! Aber meinen Ruin mag ich nicht überleben.“ Nach dem Ton, in welchem dies gemurmelt war, nach dem Ausdruck wilder Entſchloſſenheit in den Zü— gen des Barons, nach dem glühenden, ſtieren Blick deſ⸗ ſelben konnte der Banquier nicht zweifeln, daß hier vor ihm keine Komödie aufgeführt werde und das Spiel wirklich auf Leben und Tod ſtehe, aber er war nicht der Mann, ſich leicht verblüffen zu laſſen, wenn es nicht ſeine eigene Haut galt. Mitleid und Rührung hatten bei ihm keinen Einfluß auf Geſchäftsangelegen⸗ heiten. Seine Stimme wurde immer ruhiger und nahm zuletzt ſogar wieder jenen witzelnden Ton an, der ihm gewöhnlich eigen war. „Es thut mir leid“, ſagte er,„aber was kann ich dafür, zwenn Sie ſo veraltete Anſichten haben? Wennaman heutzutage nicht bezahlen kann, bleibt man aus und fängt ineu an, aber man thut ſich kein Leids an.“ „Krämerſeele!“ fuhr der Baron auf.„Was ver⸗ f 23 ſtehen Sie, wie ein Cavalier handelt! Wenn Sie nicht helfen wollen, ſo ſpotten Sie wenigſtens nicht, ſonſt könnte ich verſucht werden, den Weg in Geſellſchaft zu machen!“ „Allmächtiger! Bleiben Sie mir vom Leibe! Sprin⸗ gen Sie in Gottesnamen hinunter, aber warten Sie gefälligſt, bis ich auf der Treppe bin.“ „Du bleibſt!“ donnerte der Baron dem erſchrocken Zuſammenfahrenden zu; mit böſem Lächeln fügte er bei:„Ihr Gewiſſen regt ſich alſo nicht einmal; Sie könnten einen Menſchen ruhig lumpiger fünftauſend Gulden wegen ſterben ſehen und ſeine Familie der bitterſten Noth preisgeben?“ „Was wollen Sie mit meinem Gewiſſen? Mein Gewiſſen würde mir ſagen: Häng' dich auf, Markus, wenn du ſo dumm biſt, dein Geld wegzugeben, um Andere am Leben zu erhalten! Sterben muß ein Jeder, ob früher oder ſpäter, es geſchieht doch, und mein Geld wäre umſonſt hinausgeworfen. Was kann ich für Ihren Tod? Meinetwegen können Sie leben hundert Jahre, wenn Sie aber ſterben wollen, ſo machen Sie ſich keinen Kummer; für die Familie will ich ſchon Sorge tragen, von Noth ſoll keine Rede ſein.“ „Elender Wucherer! Sie ſind in großem Irrthum. Sie wären wohl froh, wenn ich ſelbſt Ihnen aus dem 24 Wege ginge, damit Sie freies Spiel hätten, aber Sie täuſchen ſich über die Tragweite meiner That. Wenn man meinen zerſchmetterten Leichnam da unten findet, werden alle Finger auf Sie weiſen als den Mörder.“ Der Banquier wiegte lächelnd den Kopf. „Iſt mir nicht bange. Wer wird glauben, daß ich Sie ermordet habe?“ erwiderte er.„Umgekehrt, ja, aber was ſoll Markus Glückſtadt ſuchen bei ſeinem Schuldner, dem Baron Leſtow? Wenn's weiter nichts iſt, ſpringen Sie nur zu.“ „Eins haben Sie kluger Rechner doch vergeſſen“, rief Baron Leſtow mit teufliſchem Hohne.„Man wird Sie keines Raubes anklagen, aber eines Mordes, um den Gatten des Weibes aus dem Wege zu räumen, das Sie mit Ihren Anträgen verfolgen. Man wird ſagen, daß wir beide allein hier oben waren, daß ein Streit zwiſchen uns ſtattfand, daß Sie der empörte Gatte zur Rede ſtellte, Sie vielleicht ſogar angriff, man wird vielleicht nur auf einen Todtſchlag erkennen, aber die geſetzlichen Folgen werden Sie treffen und das, das wird die Rache des Todten ſein!“ Mit einer raſchen Wendung hatte ſich der Baron bei den letzten Worten umgekehrt; es war dunkel ge⸗ worden, und wie ein Wahnſinniger ſtand er draußen, den Oberleib weit vor⸗ und hinausgebeugt, daß nur ——————— noch ein Lufthauch nöthig ſchien, den verwegen mit dem Tode Spielenden in die Tiefe zu ſchleudern. Der Banquier war kreidebleich geworden, ſein Ge⸗ hirn kreiſte und mit heiſerem Aufſchrei warf er ſich, ob⸗ wohl er feſt ſaß, nach der entgegengeſetzten Seite, als könne er mitgeriſſen werden von dem Hinabſtürzenden, nach dem er mit der Linken, wie um ihn zurückzuziehen, in die Luft griff. „Gott, gerechter!“ zeterte er,„thun Sie's nicht, thun Sie's nicht— ich bezahle ja Alles— kommen Sie herein!“ Langſam, als koſte es ihm Mühe, ſich den ver⸗ lockend ausgeſtreckten Armen des Todes zu entreißen, trat Baron Leſtow einen Schritt zurück auf die Platt⸗ form und wendete ſich wieder dem Banquier zu. „Jetzt kommen Sie aber hinunter“, drängte dieſer. „Ich habe immer geſagt, ich will nichts zu thun haben mit alten Ruinen— iſt nichts damit, Frau von Rüderich mag ſagen, was ſie will— ich bin für die Neubauten.“ „Sie verpflichten ſich alſo—“ „Nichts“, fiel Glückſtadt dem Baron in die Rede. „Hier oben rede ich kein Wort weiter. Kommen Sie hinunter, unten läßt ſich vernünftig ein Geſchäft ma⸗ chen. Na, wenn ich Ihnen ſage, ich bin zu Allem be⸗ reit, aber ich gebe keinen Kreuzer, wenn Sie mir nicht 26 hinunterhelfen. So iſt's, jetzt haben Sie ſo lange ge⸗ macht, bis es ſtockfinſter in dem alten Gemäuer iſt. Geben Sie nur Acht und brechen Sie ſich ums Him⸗ melswillen nicht das Genick. Allmächtiger Gott, wenn ich ſollte die Scherereien vor Gericht haben!“ Der Baron ſchwieg. Er ſchien mehr erſchüttert, als er zeigen wollte. Wer ſieht in eine Menſchenſeele und ermißt, wieweit bei ſolchen verzweifelten Cha⸗ raktern die künſtliche Exaltation reicht und von wo ab ſie ein gewaltiges Verhängniß mit ſich reißt? Der Banquier hatte Wachskerzchen in der Taſche und mit Hülfe des Lichts kamen beide endlich ohne Unfall unten am Fuße des Thurms an. Glückſtadt athmete hoch auf, er wurde ſehr vergnügt und ge⸗ ſprächig, während ſein Begleiter völlig ſtumm blieb. Gemeinſam traten ſie den Rückweg an. „Sie ſind ein Hitzkopf, Baron“, hob der Banquier nach einer Weile, während welcher er über die Un⸗ ebenheiten des Weges geklagt, an.„Wer macht denn gleich ſolchen Spectakel einiger tauſend Gulden wegen?“ „Sie geben mir dieſelben alſo?“ Der Banquier wurde immer jovialer, eine kühne Speculation war ihm aufgeſchoſſen. Er nahm ſogar den Arm deſſelben Mannes, von deſſen Hand er nicht lange zuvor das Aergſte gefürchtet hatte. O 27 „Sehen Sie“, ſagte er mit dem wohlwollendſten Tone,„wenn ich ſie Ihnen nun auch gebe, was iſt die Folge? Sie ſpielen— freilich hoffen Sie zu gewinnen, aber wenn das Gegentheil eintritt, nehmen wir ein⸗ mal an, dann fängt die Miſére eben wieder von neuem an. Sagen Sie mir, was ſoll auch ein Mann wie Sie, ein Cavalier, mit fünftauſend Gulden? Wie weit wollen Sie denn damit reichen, Sie, der Sie an ein un⸗ beſchränktes Leben gewöhnt ſind?“ Der Baron ſtammelte nur einige unverſtändliche Worte. Hatte er alſo die Gelegenheit ungenutzt vorübergehen laſſen? Hatte er zu früh nachgegeben, ehe er feſte Garantien dafür in der Hand fühlte, daß der Banquier ſein Verſprechen halten werde? Wozu der ganze Aufwand von Emotionen, wenn er am Schluß doch ſo thöricht war, ſich vom Mitleid für den Geäng⸗ ſtigten übermannen zu laſſen? Wenn der Gepreßte nun ſeinerſeits den Moment wahrnahm, zu entſchlüpfen, was dann? Glückſtadt nahm des Barons Murmeln wie ein Ge⸗ ſtändniß kopfnickend hin. „Ich weiß etwas Beſſeres für Sie“, fuhr er mit einer gewiſſen Bonhommie fort.„Hören Sie mich, Wer⸗ theſter! Alle dieſe halben Mittel nützen nichts, Ihnen — A . 1 V 28 muß gründlich geholfen werden. Was ſagen Sie zu einer Rente von zweitauſend Gulden jährlich? Könnten Sie leben?“ Der Baron traute ſeinen Ohren nicht. War das Perſiflage oder ein wirklicher Antrag? Hatte der Banquier vielleicht eine jener Unternehmungen vor, an deren Spitze pro forma wenigſtens mit Vorliebe alte, vornehm klingende Namen geſetzt werden? Beſaß er alſo in ſeinem adligen Wappen noch immer ein Kapital, das nun von dem Geldmanne escomptirt werden ſollte? Zweitauſend Gulden? Ob man mit zweitauſend Gulden leben könne? „Das heißt Sie allein“, meinte der Banquier freundlich.„Sie allein werden allenfalls damit aus⸗ kommen. Aber Sie müſſen ſich in Ihren Berech⸗ nungen nicht allzu ſanguiniſch gehen laſſen. Mit Familie können Sie nicht ausreichen, das iſt gewiß; da müßten Sie ſchon einen Ausweg finden.“ „O wir würden uns einſchränken.“ „Erlauben Sie mir, wenn Sie das könnten, ſo hätten Sie's ebenſo gut vom Anfang an thun können und ſtünden heute nicht auf dem Punkt, wo die Paſſiva alle Activa überſteigen. Glauben Sie mir, Sie brau⸗ chen die Summe für ſich allein, allenfalls können Sie noch ein Koſtgeld für Ihr Kind davon bezahlen, aber 29 Sie können den Anſprüchen Ihrer Frau damit nicht gerecht werden. Ich weiß, was das heißt, eine Frau erhalten, wenn ich auch Gott Lob nicht verheirathet bin. Die Liebe zur Kunſt iſt mir ſchon theuer genug zu ſtehen gekommen. Und Sie können nicht verlangen, daß ſich Ihre Frau Gemahlin auch einſchränken ſoll. Gott, was iſt das für ein Weib! Die Baronin iſt eine Schönheit, die braucht Schmuck, Kleider, Brillan⸗ ten, die muß eine Equipage haben und in einer großen Stadt wohnen. Das ſchafft man Alles nicht mit zwei⸗ tauſend Gulden. Sie würden damit beide Noth lei⸗ den— es iſt beſſer, Sie nehmen die zweitauſend Gulden für ſich allein.“ „Und meine Frau?“ fragte der Baron befremdet. „Nun, wenn ich ſchon mit zweitauſend Gulden die Sorge für Sie übernehme, warum ſoll ich ſie nicht auch übernehmen für die Baronin?“ „Infam!“ fuhr der Baron heraus. Glückſtadt ſchien davon nicht ſonderlich berührt. „Was ſchreien Sie denn ſo?“ erwiderte er eifrig. „Wenn ich vorhin auf dem Thurm oben hätte ſchreien wollen, ich hätte mehr Recht dazu gehabt. Sie haben mir nichts geboten als Ihr eigenes Leben zum Kauf. Was mach' ich damit? Ich ſchlage Ihnen ein ehrliches Geſchäft vor, und ſagen Sie ſelbſt, ob die Waare — 7 3— unter Brüdern ſo viel werth iſt? Ich bezahle den Preis als Liebhaber dafür.“ „Es iſt eine Nichtswürdigkeit, die Sie von mir verlangen, und Sie ſollen mir Rede ſtehen!“ „Mein Gott, ja, ich ſtehe ja Rede, aber Sie wol⸗ len ſie nicht ſtehen laſſen. Was verlange ich denn von Ihnen? Nichts, als daß Sie ſich zu meinen Gunſten von Ihrer Frau trennen, und dafür bezahle ich Ihnen die Rente. Thun Sie's nicht, ſo trete ich als Ihr Gläubiger auf. Von Liebe iſt bei Ihnen längſt keine Rede mehr, das machen Sie mir nicht weis, ſonſt hätten Sie es nicht geduldet ſo ruhig, daß ich mich Ihnen anſchloß. Meine Geſinnung haben Sie gekannt, da Sie allmälig fünftauſend Gulden von mir borgten. Für dumm haben Sie mich wohl nie gehalten— was thun Sie alſo jetzt, als ob Sie den eigentlichen Grund meiner Freundſchaft nicht gekannt hätten?“ „Und Sie könnten Ihr Wort brechen, das Sie mir auf dem Thurme gaben?“ Das war ſchon nicht mehr der Ton leidenſchaftlicher Entrüſtung, es klang vielmehr wie ein verzagter Vorwurf. Der Banquier nahm ſeinen Vortheil wahr. „Haben Sie's ſchriftlich?“ fragte er und ſetzte dann mit Beſtimmtheit hinzu:„Da vorn höre ich unſere Geſellſchaft. Man ſcheint doch Angſt um uns ———˖O—C—C——————— 31 bekommen zu haben. Ueberlegen Sie ſich's— entweder die Rente oder keinen Kreuzer!“ „Und würden Sie mir von der Rente eine Ab⸗ ſchlagsſumme geben“, flüſterte der Baron raſch,„da⸗ mit ich heute noch ſpielen kann?“ „Das läßt ſich hören“, entgegnete Glückſtadt ſchmunzelnd.„Zweihundert Francs Handgeld bei Ab⸗ faſſung des Contractes.“ „Und wenn ich gewinne, iſt Alles rückgängig?“ „Das wäre ein Geſchäft auf Differenzen, aber es ſei, ich ziehe doch auf Ultimo.“ Zweites Kapitel. Ein Herz verkauft. Heftiger Sturm tobte und Mitternacht war vor⸗ über, als die Baronin am Arme ihres Gemahls die ſchmale Holztreppe emporſtieg, die zum obern Stock⸗ werke des Hotels à la Pierre à voir hinaufführte. Das Gaſthaus iſt nicht das vornehmſte in Saxon und gegenüber dem Bahnhofe gelegen; es beſteht aus einem langgeſtreckten Gebäude, deſſen Wände aus dünnem Fachwerke, nur dem Bedürfniſſe des Moments ent⸗ ſprechend, auch nicht auf die Dauer errichtet ſind, wie in der Vorausahnung, daß plötzlich über Nacht einmal die ganze Spielhölle ſammt allen Dependenzen, die aus derſelben Quelle ihre Exiſtenz friſten, durch einen Bundesbeſchluß von den Ufern der Rhone weggefegt ſein könnte. Breterwände theilen dieſe Baracken in —————— 33 zahlreiche Zimmer, aber im Winter ſtehen die meiſten von ihnen leer und unheimliche Stille herrſcht in den weitläufigen Häuſern. Es läßt ſich kaum denken, wo all die zweifelhaften und unheimlichen Geſtalten den Tag verbringen, welche in der Regel erſt mit ſinkender Nacht zur Eröffnungsſtunde des Abendſpiels aus ihren Schlupfwinkeln wie lichtſcheue Brut herausgeflattert kommen, um den grünen goldbeſäten Tiſch gierigen Auges zu umkreiſen. Das Spiel war geendigt. Baron Leſtow und ſeine Frau hatten das Glück nicht freundlicher gefunden als am Mittage und kehrten jetzt matt und erſchöpft von der ſtundenlangen Aufregung aus dem Caſino zurück. Unmittelbar hinter ihnen ſtieg der Banquier die Treppe hinan. Sie waren allein, denn Gerhard war mit ſeinen beiden Damen ſchon abends nach Montreux zurückgekehrt, die eleganten Gäſte bewohnten meiſt Abbé Fama's vornehme Penſion, Herr von Kuruſoff und das literariſche Ehepaar aber hatten ein zweites Hotel, ebenfalls à Pierre à voir benannt, das der Ruſſe mit auffallendem Eifer anpries, bezogen. Oben auf dem Corridore öffnete die alte Frau, welche mit dem Lichte voranſchritt, zuerſt dem Banquier ſein hart an der Treppe gelegenes Zimmer. Es war daſſelbe, welches er jedesmal bewohnte, ſo oft er Byr, Vomaden. IV. 3 mit Leſtows die Nacht hier zugebracht hatte. Sie trat hinein und zündete ihm das Licht an. Die Flamme flackerte, durch alle Fugen drang der Wind ein, der an den Wänden rüttelte. „Gute Nacht, Baronin“, ſagte Herr Glückſtadt mittlerweile. Die Baronin war wie ihr Mann ſtehen geblieben, um auf die Frau zu warten; ſie wandte ſich um und war eben im Begriffe, ihre Hand mit einigem Widerſtreben in die des Banquiers zu legen, als er hinzuſetzte:„Dürfte ich doch heute ſchon mein Zimmer an den Baron abtreten!“ Befremdet zog die Baronin ihre Hand zurück und maß ſtolzen Auges wie einen von Sinnen Gekomme⸗ nen den Mann, deſſen lüſterne Blicke ſie wie Flammen umzüngelten. „Herr Glückſtadt ſcheint den berauſchenden Weinen des Rhonethals zu viel Geſchmack abgewonnen zu haben“, ſagte ſie kalt und forderte ihren Gatten auf, weiter zu gehen. Der Banquier aber fiel raſch ein: „Wenn ich berauſcht bin, danke ich es nur Ihnen, und doch ſind Sie ſo grauſam, mir Ihre Hand zu entziehen, dieſe zierliche Hand, die ſo wenig Glück im Spiele und doch ſo viel Glück zu verſchenken hat.“ Er ſeufzte tief.„Nicht einmal ein Almoſen ſchenken Sie dem Bettler, aber ich werde ſelig ſein— heute noch 35 im Traume, nur heute noch— und morgen—“ Er brach mit entzücktem Lächeln ab und warf der Baronin eine Kußhand zu. Die Baronin war über dieſe Dreiſtigkeit wie er⸗ ſtarrt, und als ſie ihre Stimme wiedergewann und ent⸗ rüſtet ein„Unverſchämt!“ ausrief, war derjenige, den es treffen ſollte, bereits in ſeinem Zimmer verſchwunden. Sie ſah auf ihren Mann, der ſeinen Blick ſtumm und als habe er nichts gehört und bemerkt, zu Boden ge⸗ richtet hielt. Eine heiße Blutwelle ſchoß ihr in das gewöhnlich blaſſe Antlitz, und die kleinen Zähne feſt in ihre Lippe preſſend, ſchritt ſie raſch voran nach dem Gemache, das ſie mit ihrem Manne gemeinſam be⸗ wohnte. Sie trat ans Fenſter, deſſen Scheiben unter dem Anprall des Sturms unheimlich ſtöhnten, als ob ſie hinausſehen wolle, und ſprach kein Wort. Dann legte ſie haſtig Hut, Muff und Pelzkragen ab und endlich auch den ſchwarzen Sammtmantel, der ihre elegante Geſtalt überaus vortheilhaft kleidete. Erſt als die alte Frau ſich zurückgezogen hatte, wandte ſie ſich plötzlich ihrem Manne zu und ſtellte ihn mit heftigen Worten zur Rede, ob er kein Herz im Leibe habe. „Wie weit ſoll das noch gehen?“ rief ſie.„Die Verpflichtungen, in denen Du zu jenem Menſchen 3* 36 ſtehſt, können doch nicht ſo weit reichen, daß ſie Deinen Arm ſogar lähmen, wenn es eine Deinem Weibe, Deiner eigenen Ehre angethane Beleidigung zu rächen gilt? Ich weiß, was ich gethan hätte, wäre ich ein Mann; wie einen Hund hätte ich den Frechen gezüch⸗ tigt und mit ſeinem Blute müßte er mir's bezahlen. Aber Du— Du biſt kein Mann, ſonſt hätteſt Du nicht dabei geſtanden wie eine blutloſe Wachspuppe!“ „Du biſt empört“, antwortete er, an ſeinem Schnurrbart kauend,„über Dinge, die keine Bedeutung haben.“ „Keine Bedeutung? Wo fängt für Dich die Be⸗ deutung an?“ entgegnete ſie mit bitterem Hohne.„Als ſich der zudringliche Menſch zuerſt nahte und ich mich von ſeiner Gegenwart unangenehm berührt fühlte, da bateſt Du mich, duldſamer zu ſein gegen einen Mann, der Dir nützlich ſein konnte. Als er dreiſter wurde und Tag für Tag erſchien, beruhigteſt Du mich, es würde nur kurze Zeit noch dauern, bis unſere Abreiſe dieſen Beſuchen ein Ziel ſtecke. Da plötzlich ſchloß er ſich uns an; vergebens habe ich Dir meinen Wider⸗ willen gegen dieſe Geſellſchaft erklärt— Du zuckteſt die Achſeln und behaupteteſt, ihm nicht wehren zu können, mit uns im gleichen Coupé zu fahren, mit uns im gleichen Gaſthof zu wohnen, und als ich Dir 37 von ſeinen Blicken und ſeinen Redensarten ſprach, da hieß es, dergleichen ſei nicht ernſt zu nehmen; ein takt⸗ loſer, ungebildeter Mann vermöge nicht ſo genau zu unterſcheiden, wo die Grenze ſei, welche die feine Sitte weit enger und ängſtlicher ziehe, als dem Naturmenſchen eigentlich verſtändlich. Ich ſollte nicht ſo ſtrenge Rück⸗ ſichten verlangen, ſondern ſie vielmehr nehmen, einem Gläubiger müſſe man ſchon etwas zu gute halten. Ich gab nach, gab immer nach und beherrſchte mein widerſprechendes Gefühl, ich ſchwieg ſogar, als mir der Menſch von ſeiner Liebe zu ſprechen anfing. Ich wollte Dir nicht wieder unangenehme Stunden bereiten, ich wollte nicht wieder kleinſtädtiſcher Prüderie beſchul⸗ digt werden, nur was mein Pflichtgefühl gebot, that ich und zog mich ernſter zurück, indem ich bemüht war, jede Gelegenheit zu vermeiden, wo er mir von ſeinen Empfindungen ſprechen konnte, jedes Geſpräch abzu⸗ ſchneiden, wenn es eine verfängliche Wendung nahm. Was war die Folge? Er beklagte ſich bei Dir über mich und Du warfſt mir meine Unfreundlichkeit vor, Du gabſt mir Unrecht und wollteſt mich zwingen, eine Kokette zu werden.“ „Als ob Euch Weibern das ſo ſchwer würde“, entgegnete Baron Leſtow, der bis jetzt ſtumm zugehört hatte und dabei hin und her getreten war wie ein — y wildes Thier im Käfige, ſcheu und doch zugleich trotzig dabei. Jetzt wendete er ſich dem Kamin zu, nahm vor demſelben Platz und ſchürte in der Aſche, unter welcher noch ein paar Kohlen glimmten. „Ich habe Dir niemals zu einer ſolchen Bemer⸗ kung Anlaß gegeben“, vertheidigte ſich die Baronin, deren Unmuth allmälig in Kälte überging,„ich habe es nie nöthig gefunden oder auch nur der Mühe werth, nach einem Manne Netze auszuwerfen.“ „Außer nach mir.“ „Heinrich!“ „Was ſoll dieſer theatraliſche Ton? Die Zeit ſchärft die Augen, wenigſtens was das Erkennen der Motive betrifft. Ich täuſche mich längſt nicht mehr über die Kurzſichtigkeit, mit der ich damals in die Falle ging. Wie ein Thor habe ich gehandelt, alle Einreden, alle Warnungen meiner Verwandten in den Wind geſchlagen und einen Schritt gethan, der mir zum Verderben gereichen mußte. Aber ich ließ mich bethören von Deinen Mienen, von Deinen Blicken, von Deinen Worten, Dein Erröthen lockte mich an, Deine Hingebung feſſelte mich und ich war geködert.“ „Das, das machſt Du mir zum Vorwurfe?“ ver⸗ ſetzte die Baronin, die ſich am Tiſche halten mußte, herbe.„Meine ganze Sünde alſo iſt, daß ich Dich —————— 20 9 geliebt habe und Deinen Worten nicht widerſtehen konnte. Was einſt von mir als eine Gnade erbettelt wurde, das iſt jetzt mein Verbrechen— meine Liebe!“ Der Baron ſtieß in die Kohlen, daß ſie funken⸗ ſprühend zerfielen. Der Wind kam heulend durch den Schlot und wirbelte die Aſche auf. „Sage, Dein Chrgeiz. Du wollteſt Baronin Leſtow werden“, entgegnete er ſcharf.„Mein Wappen⸗ ſchild wollteſt du, der Mann war Dir gleichgültig. Jeder Andere galt Dir ebenſo viel.“ „Habe ich jemals einem Andern auch nur die geringſte Gunſtbezeigung erwieſen? Wann haſt Du mich nach Art anderer Frauen mit den Männern, in deren Geſellſchaft ich kam, ſcherzen und ſpielen und ſpielend meinen Ruf gefährden ſehen? Ich war ſtolz darauf, Deine Frau zu heißen, und kein anderer Mann kann ſich rühmen, jemals von mir mit andern als mit gleichgültigen Augen angeſehen worden zu ſein.“ „Weil Dein Ziel erreicht war und Du Deine Stellung zu gefährden fürchteteſt. Aus der armen Gouvernante, die man als Aſchenbrödel behandelte, war eine Baronin geworden, das abgetragene Kleidchen hatte ſich in eine Seidenrobe verwandelt, ſtatt uner⸗ zogenen Kindern Stunden zu geben, hatte man Zeit, die große Dame zu ſpielen. Das waren Errungen⸗ —— 40 ſchaften, die gewahrt werden mußten, das beſte Mittel dazu war eine tadelloſe Treue, mehr aber war ſie nicht.“ „Mehr alſo war ſie nicht?“ wiederholte die ge⸗ quälte Frau mit beinahe tonloſer Stimme. Die Thrä⸗ nen ſchoſſen ihr in die Augen und rannen langſam über ihre Wangen, nur mit ungeheurer Anſtrengung konnte ſie ein aus der Bruſt heraufſteigendes Schluchzen unterdrücken.„Verſtellung, feine Berechnung war Alles, was ich that“, klagte ſie.„Auch das Erröthen war künſtlich hervorgebracht, das Glück, mit dem ich Deine Küſſe trank, und die Seligkeit, mit der ich mich in Deine Arme ſchmiegte, war Heuchelei, die Sorge, womit ich Deine Geſundheit bewachte, nur Furcht, den Ernährer zu verlieren, der Wunſch, Dich heiter zu ſehen, nur ein eigennütziges Verlangen; es iſt Alles ſchlecht, was ich that, und Lüge, was ich ſagte, ich habe Dich ja niemals, niemals geliebt!“ Der Baron war während dieſes Ausbruchs eines tiefen, ungeheuchelten Schmerzes immer unruhiger ge⸗ worden, und immer emiſiger ſchürend, beugte er ſich über die erlöſchende Flamme herab. Was ſollte jetzt noch dieſe Erinnerung an eine verſpielte Vergangenheit, die Appellation an ſein Herz? Wenn auch vielleicht der letzte Funke noch nicht darin erloſchen war, er durfte nicht mehr zur Flamme aufſchlagen und ihn 41 irre machen auf dem Wege, den er ſich ſelber vorge⸗ zeichnet hatte, weil er den Muth nicht in ſich fühlte, einen andern kümmerlichen zu wandeln, auf dem aber wenigſtens ſeine Ehre nicht Schaden gelitten hätte. Allmälig war er ſo weit gelangt. Das verhängniß⸗ volle Papier, das er vor Jahren ſammt demjenigen, der es ihm vorzulegen gewagt, in Stücke geriſſen hätte, war unterſchrieben und das Handgeld, das er em— pfangen, hatte die Roulette bereits verſchlungen. Leben oder Tod, das war ſeiner Anſicht nach die einzige Alternative, die vor ihm lag, wozu ſollte nun all das Aufgebot von Sentimentalität, die ihm nur die Aus— führung ſeines Entſchluſſes ſchwer machte, nicht die Wall, dieſe war ſchon getroffen. Um die Einleitung war er verlegen geweſen. Wie jeder Feigling den entſcheidenden Schritt hinaus⸗ ſchiebt und ſo lange als möglich abſichtlich nicht an ihn denkt, ja ſich ſelbſt ſogar einen Unglauben auf⸗ ſchwatzt, den er nicht mehr hegen kann, ſo hatte auch Baron Leſtow noch dieſe eine letzte Nacht, die ihm der Gläubiger gewährt, mit geſchloſſenen Augen dahingehen laſſen wollen, ohne an den Morgen zu denken. Im letzten Augenblicke war ja noch immer Zeit zum Sprechen. Nun war ein Zwiſchenfall eingetreten, die Erklärung war näher gerückt und der Verdruß über 42 die unerwartet verfrühte Auseinanderſetzung trug nur noch bei, den Entſchluß eines entſchiedenen Vorgehens zu beſtärken. Was ſollte die rührende Scene, wo von der Härte ſeine Zukunft abhing! Wie einen Angriff auf ſeine Exiſtenz ſah er dieſen Verſuch, ſein Herz zu erweichen, an. „Laß dieſe Tiraden!“ ſchnitt er den Aufſchrei einer tödtlich getroffenen Bruſt gefühllos ab.„Es hängt gar nichts davon ab, was wir für einander empfanden. Wir haben jenen Schritt, der uns ver⸗ band, nicht nochmals zu thun, ſondern das Facit dar⸗ aus zu ziehen, und das iſt: er wäre beſſer niemals ge⸗ ſchehen. Was mir ſchon damals noththat, war eine Verbeſſerung meiner Finanzen. Ich hätte damals die Wahl gehabt. Es gibt genug ſchöne, gebildete, reiche Mädchen, und wenn ich ſchon Standesrückſichten ohne⸗ hin nicht nahm, ſo hätte ich die ſchönſte Terne ziehen können. Die wichtigſte Nummer fehlte Dir— das Vermögen. Ich hätte eine reiche Frau gebraucht, Du warſt mein Ruin.“ „Dein Ruin war das Spiel“, verſetzte die Ba⸗ ronin, die inzwiſchen ihre Thränen getrocknet hatte, mit zurückgewonnener Beherrſchung.„Das iſt die Flamme, die an Dir zehrt und der Alles nach und nach zum Opfer fiel.“ Der Baron ſchlug ein kurzes höhniſches Lachen auf. „Schön, daß Du mir ins Gemüth redeſt, nur fällt Dir das etwas ſpät ein und Dein Beiſpiel iſt jedenfalls auch nicht das beſte. Du ſpielſt ja ſelbſt mit Leidenſchaft. Ich kann behaupten, Du haſt es weiter gebracht als ich ſelbſt; das Lob darf man Dir nicht verſagen, daß Du biſt, was man eine vollendet ſchöne Spielerin nennt.“ „Und wer hat mich dazu gemacht? Von wem erhielt ich die erſte Anleitung? Die Langeweile trieb mich an, Deiner wiederholten Aufforderung Folge zu leiſten; was ſollte ich Stunden und Stunden lang, die Du am Spieltiſche verbrachteſt, machen? So war ich Dir doch nahe, Du hatteſt zudem den Aberglauben, ich müſſe Dir Glück bringen, und daß dies anfänglich ſcheinbar der Fall war, flößte mir ein gewiſſes Inter⸗ eſſe ein, das ich früher nicht empfand. Später kamen—“ „Die Verluſte. Du ſpielteſt aber weiter.“ „Weil ich das Glück doch noch zu erhaſchen hoffte, weil ich meinte, ich müßte Dir das Verlorene zurück⸗ gewinnen, ja ſelbſt, weil ich durch das Contreſpiel Deine Verluſte zu paralyſiren dachte.“ „Und dergleichen Urſachen mehr, welche ganz die⸗ ſelben auch bei mir ſind“, ſchloß der Baron mit kaltem Spott, der wie Ingrimm klang.„Dabei aber kamen die Schulden. Mein Vermögen iſt verloren und ohne Mittel zum Einſatz werde ich es auch nie mehr zurück— gewinnen. Ich wüßte nicht, wer ſich bereit fände, mir dieſe Mittel zu gewähren; der Einzige, von dem ich es erwarten könnte, iſt vielleicht Markus Glückſtadt.“ „Und deshalb“, fiel die Baronin mit unſaglicher Bitterkeit ein,„deshalb ſollte ich der Angelhaken wer⸗ den, den Du auswarfſt, ſag' es nur. Wozu jetzt die falſche Scham? Du hatteſt den letzten Reſt des echten Gefühls ſchon abgeſtreift, als Du mir in jener Nacht, die ich nie vergeſſen werde, die Mittheilung machteſt, daß Dein letzter Franc verſpielt ſei und Dein Freund, ſo nannteſt Du ihn ſelbſt, von keinem Vorſchuſſe mehr wiſſen wolle. Glaubſt Du, die Erinnerung an jene Scene, wo Du, halb trunken von dem zur Betäubung im Uebermaß genoſſenen Weine, mich wegen meines abweiſenden Benehmens gegen den Zudringlichen mit Vorwürfen überhäufteſt und mir zuſprachſt, wenigſtens einige Freundlichkeit zu heucheln, einige bedeutungsloſe Zugeſtändniſſe zu machen, mich ſcheinbar gefügiger zu zeigen, kurz und gut, die Künſte der Koketterie aufzu— bieten, um dem verliebten Thoren noch mehr Geld her⸗ auszupreſſen, glaubſt Du, daß dieſe Erinnerung jemals aus meinem Gedächtniſſe gelöſcht werden könne? Blicke ſollte ich ruhig ertragen, die mir eine Schmach ſchienen, 45 Worte lächelnd anhören, die mich beſudelten, Hoff⸗ nungen nähren, deren Erfüllung mich zum verworfenſten Weibe machen müßte. Das verlangteſt Du, mein Gatte, von mir! O, meine Seele war empört, ich hätte Dich im ſelben Augenblicke tödten können, ſo meinte ich Dich zu haſſen. Ich habe Dich von mir geſtoßen, denn jede Berührung von Deiner Hand dünkte mir ein aufgedrücktes Brandmal. Und doch habe ich Dich mehr geliebt als Alles auf der Welt, denn als Du dann fluchend den letzten Schluck thatſt und wie ein Sterbender auf Dein Lager ſankſt, da war aller Groll vergeſſen, nur für mich ſelbſt hatte ich noch heiße Vorwürfe. Ich habe in der Verzweiflung Alles gelobt, um Dich ins Leben zurückzurufen, ich habe geweint und zu Dir gebetet, wie zu Gott. Ich habe die Wunden nicht gefühlt an meiner Hand und die Kälte nicht in meinen Gliedern, ich ſchlürfte den Tropfen, den Du im Glaſe gelaſſen, weil ich meinte, es ſei Gift. Eins nur wußte ich, daß, wenn Du ſtürbeſt, ich Dich nicht überleben wollte. Mein armes Kind war vergeſſen, wie Gott im Himmel; ich dachte nur an Dich!“ „So ſehr, daß Du an Dich ſelbſt und Deine ſonderbare Toilette nicht einmal dachteſt, als Dein Zeterſchreien das ganze Haus zum Zeugen einer Fa⸗ milienſcene herbeigerufen.“ ——— 41 46 „Einer Familienſcene? Sage: einer Theaterſcene“, begegnete die ſtolz aufgerichtete Frau dem Vorwurf mit verächtlichem Ausdruck.„Was fragte ich in ſolcher V Minute nach äußern Rückſichten? Wo es einen Ster⸗ benden zu retten gilt, macht man nicht erſt Toilette, ehe man um Hülfe ruft. Aber freilich, Du warſt ja kein Sterbender, nur ein mittelmäßiger Schauſpieler, der allein die von Liebe und Angſt geblendeten Augen eines Weibes zu täuſchen vermochte, nicht aber den alten Blick der ruhigen Beobachter und des Arztes. Zum zweiten Male würde es Dir auch bei mir nicht ſ mehr gelingen. Ich habe Dich geliebt und war in jenem fürchterlichen Moment zu jedem Opfer bereit, das Dich ins Leben zurückrufen konnte, Du aber ließeſt mich im Jammer, in Verzweiflung und regteſt Dich nicht. Du haſt nicht nur eine erbärmliche Komödie mit mir ge⸗ ſpielt, Du warſt auch grauſam und herzlos! Ich liebte Dich, jene Nacht aber hat Vieles zwiſchen uns geändert. Was ich für Dich empfinde, bleibt beſſer ungeſagt!“ An den Fenſtern rüttelte der Föhn; die eiſernen Fenſterhaken, die er klirrend gegen die Mauer ſchlug, das Aechzen eines halb losgeriſſenen Flügels bildeten eine ſeltſame Muſik. Von Zeit zu Zeit fiel klatſchend ein Ziegel vom Dache und zerbrach in Stücke. Baronin Sarſcha hatte ſich geſetzt und begann faſt mechaniſch die breiten Flechten ihrer ſchönen Haare aufzulöſen. Für ſie hatte der Aufruhr der Elemente nichts Er⸗ ſchreckendes, er ſtimmte zu der wilden Brandung ihres Blutes, dem nur eine mächtige Selbſtbeherrſchung den Damm künſtlicher Kälte entgegenſetzte. Ihr Gatte hatte ſich noch immer nicht umge— wendet. Empfand er Scham, als ihm aus dem vor⸗ gehaltenen Spiegel ſo jammervolle Züge entgegen⸗ ſtarrten? Er zeigte ſie wenigſtens nicht. Aus ſeinen Worten klang die tückiſche Befriedigung, Wunden mit Wunden, Gift mit Gift vergelten zu können. „Dein aufrichtiges Geſtändniß“, ſagte er,„erleich⸗ tert meine Auseinanderſetzung. Du liebſt mich nicht mehr, um ſo beſſer. Es wird Dir alſo nicht ſchwer fallen, die Sachen zu nehmen, wie ſie ſind. Eine Trennung kann Dir nur erwünſcht kommen.“ „Eine Trennung?“ Die Baronin unterbrach die Beſchäftigung ihrer Hände; es war ihr trotz der ſo eben gegebenen Verſicherung, als ſollte ihr Herz ſtille ſtehen.„Was haſt Du vor, Heinrich?“ „Was zu unſerm beiderſeitigen Vortheil gereicht“, entgegnete er, und als wolle er ſeiner Entſchloſſenheit noch mehr Ausdruck geben, legte er das Schüreiſen hin, ſtand auf und lehnte ſich mit dem Rücken gegen den Kamin.„Ein weiteres Zuſammenleben iſt für 48 uns beide nach den vorhergegangenen Erklärungen keinesfalls erſprießlich. Wir haben geheirathet, weil wir uns liebten oder doch zu lieben glaubten— Du ſiehſt, ich bin ſo galant, Deine Behauptungen nicht weiter anzufechten. Die Illuſionen ſind nun vorüber und ſomit entfällt jeder Grund zum Fortbeſtand un⸗ ſerer Ehe.“ Es war, als hätte eine tödtliche Kälte die Ba⸗ ronin zur Statue erſtarrt. „Entfällt jeder Grund—“ wiederholte ſie faſt tonlos. „Und was ſoll weiter geſchehen?“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu.„Du wirſt jetzt jene reiche Frau ſuchen, welche Du brauchſt. Du wirſt Dich wieder verhei⸗ rathen— und ich?“ „Du dürfteſt jedenfalls am beſten thun, ebenfalls eine neue Verbindung einzugehen.“ „Und wenn ich nun nicht einwillige? Ich bin ka⸗ tholiſch.“ „Das alſo iſt's“, entgegnete der Baron mit bru⸗ talem Lachen.„Du möchteſt mich ebenfalls gekettet wiſſen, weil Deine Religion Dir keine zweite Ehe er⸗ laubt? Uneigennützigkeit iſt Dein Fehler nicht. Doch dafür kann geſorgt werden. Mein Name bleibt Dir ja, an meiner Perſon iſt Dir nach Deiner eigenen Er⸗ klärung nichts mehr gelegen. Es gilt alſo nur, Dir 49 eine annehmbare Exiſtenz zu bereiten. Ich habe daran gedacht. Sie wird eine glänzende ſein, indeß Dir von meiner Seite nur ein Leben voll Elend und Entbeh⸗ rungen oder ein verzweiflungsvoller gewaltſamer Tod bevorſteht. Du wirſt daher vernünftig ſein und das Angebotene nicht von Dir weiſen.“ „Was ſoll's? Sprich es aus!“ ſtieß ſie mit flie⸗ gendem Athem hervor. „Es finden ſich immer Leute von Geſchmack für das Pikante, Ungewöhnliche. Du weißt, daß Deine Reize einen Verehrer gefunden, der ſo bezaubert von ihnen iſt, daß er Dir mit freigebiger Hand eine Zu⸗ fluͤcht bietet.“ „Heinrich!“ kreiſchte ſie und fuhr entſetzt von ihrem Stuhle auf.„Du wagſt es, mich auch noch durch Hohn in den Schlamm zu treten!“ „Nur keine Phraſe!“ fiel er barſch ein.„Sie iſt für unſere Verhältniſſe ein Luxus. Mit unſern Herzen haben wir abgerechnet, geben wir alſo der Vernunft Gehör. In meinen Worten lag kein Hohn, nur eine einfache Anweiſung.“ Die Baronin biß auf ihre Lippe, bis Blut kam, um ſich wenigſtens zur äußerlichen Ruhe zu zwingen. Im Grunde— was hatte ſie auch Neues gehört, auf das ſie nicht ſchon halb und halb gefaßt geweſen wäre? Byr, Nomaden. IV. 4 50 Seit jener Nacht in der Penſion Germain hatte ſie ſich keiner Täuſchung mehr hingegeben. Es mußte eben ſo kommen, früher oder ſpäter. „Dein Rath“, ſagte ſie mit ſo viel Kälte, als ihr zu zeigen möglich war,„Dein Rath iſt ein Schlag, den Du Dir ſelbſt noch zum Abſchiede ins Angeſicht gibſt. Ich werde ihn nicht befolgen“, fuhr ſie ſtolz fort.„Sollen wir uns trennen und biſt Du außer Stande, Sorge für unſere Exiſtenz zu tragen, ſo werde ich auch darauf verzichten und mit meinen Händen mich und mein Kind ernähren.“ „Wie? Das Kind bleibt bei mir“, warf der Ba⸗ ron überraſcht ein. „Bei Dir? Biſt Du die Mutter? Was willſt Du thun für den armen Wurm? Ihn fremden Händen überlaſſen, während Du am Spieltiſche ſitzeſt, ihn ver⸗ geſſen, vielleicht verhungern laſſen? Es iſt mein Kind, es trägt meinen Namen aus der Taufe, die ein Prieſter meines Glaubens vollzog. Mein Kind laſſe ich nicht von mir.“ Ungeduldig zuckte der Baron die Achſeln. „Meinetwegen!“ erwiderte er.„Ich fühle ohnehin keinen Beruf zum Erzieher. Mache es aus mit Glück— ſtadt, mag er auch das Kind erhalten, mir kann es gleich ſein.“ 51 „So ſpricht ein Vater! Es ſcheint, Du willſt Dich aller Rechte entäußern wie Deiner Pflichten!“ rief die Baronin höhnend aus, aber ihre Worte wurden hef⸗ tiger, als ſie fortfuhr:„Ich aber brauche keinen zweiten Vater für mein Kind. Ich will nichts von dieſem Menſchen, ſage ich. Noch habe ich in Deinem Umgang nicht alle meine Selbſtachtung eingebüßt, noch bin ich nicht verworfen genug, um eines ſolchen Mannes Beute zu werden. Vielleicht, wenn mich das Clend und der Jammer gebeugt, wird es für mich zu ſpät ſein, wenn ich auch den Preis der Schmach für meine verſiegende Exiſtenz bezahlen wollte, vielleicht werde ich dann mit dem Neide und der Gier des Verhungernden zurück⸗ denken an die Hand, die ſich mir jetzt entgegenſtreckt, aber lieber will ich in Noth und Elend zu Grunde gehen, als ſie jetzt annehmen, lieber will ich mich zu Tode arbeiten für mein Kind, lieber für das arme vaterloſe Ding betteln von Haus zu Haus!“ Der Baron machte eine heftige Bewegung. „Schändliche Egoiſtin!“ ſagte er rauh.„Du willſt auch mein Elend. Wie eine Wahnſinnige ſtößt Du die hülfreiche Hand weg. Rechneſt Du auf ein Wunder für uns?“ Sprachlos ſtarrte die Baronin ihren Gatten an. Ihre Augen öffneten ſich weit, als wollten die Pupillen 4* 52 aus den Höhlen hervortreten. Ein unbeſchreibliches Zucken verzerrte blitzartig ihre bleichen Züge und ihre Hände faßten krampfhaft in die Luft, als wollten ſie ſich an etwas Unſichtbares anklammern. Ziſchend kam es über ihre blutende Lippe: „Verkauft! Verkauft!“ Es war ein entſetzlich unheimliches Lachen, das ſelbſt der furchtbare Windſtoß, der in dieſem Augen⸗ blicke das ganze Haus zuſammenzurütteln ſchien, nicht zu übertönen vermochte. Eine grauenhafte Ruhe kam danach über das in ſeinem Innerſten vernichtete Weib. „Was bezahlt man Dir für Deine Frau, Menſchen⸗ händler?“ fragte ſie; jedes Wort fiel wie ein glühender Tropfen Blei auf ihres Gatten Bruſt. So gemüthsroh er auch war, ſo ſehr die Leidenſchaften ſeine Seele ausgebrannt, daß nur der rückſichtsloſeſte Egoismus noch zu Worte kam und endlich, auf die Spitze geſtellt, ſelbſt das Ungeheuerlichſte wie ein Alltägliches ins Werk ſetzte, dennoch fühlte dieſer Mann ohne Ehre, ohne Scham, ohne Herz ſich von dem Anblick, den ſeine Frau bot, erſchüttert. Es überkam ihn wie eine Ahnung des fürchterlichen Unrechts, deſſen er ſich gegen ſie ſchuldig gemacht, wie eine Erinnerung an die Zeit, in der er um die Liebe des unſchuldigen Mädchens geworben und ihm ein Schickſal verſprochen hatte, mit 53 dem das ſpäter zur Erfüllung gekommene auch nicht e die geringſte Aehnlichkeit bewahrte. Die Schwäche d dieſes erbärmlichen Charakters, der nicht einmal den Anſchein der Feſtigkeit zu wahren wußte, trat jetzt in einem verunglückten Entſchuldigungsverſuch hervor. „Du zürnſt“, ſagte er, indem er ſeine eherne Stirn beugte,„und doch, Gott weiß es, konnte ich nicht anders.“ V „Lüge nicht!“ unterbrach ihn ſeine Frau, als ſtieße ſie mit einem ſcharfen Dolche zu. „Ich ſchwöre Dir, es iſt die Wahrheit!“ Mit wenigen Worten erzählte er den Vorgang auf dem Thurme der Ruine.„Ich habe nur zum Schein in Glückſtadt's Vorſchlag eingewilligt“, fuhr er fort.„Ich ging mit ihm und unterzeichnete den Contract unter der ausdrücklichen Bedingung, daß derſelbe ungültig ſein ſollte, wenn ich ihm die zweihundert Francs ſowie die vorgeſtreckten fünftauſend Gulden rückzuerſtatten vermöge. Ich war gewiß, zu gewinnen, es konnte nicht fehlſchlagen! Hätte ich anders gedacht, nichts würde mich dazu bewogen haben, jemals eine derartige Ver⸗ bindlichkeit einzugehen. Nur um den Vorſchuß zum Spiel zu erhalten, that ich es. Du ſahſt, ich gewann auch anfangs, ich wagte größere Summen, Alles ſtand auf dem Spiele, da warſt Du es ſelbſt, die .—— — Pq—q;—, 54 mich überredete, die Farbe nach ſo langer Suite zu ändern—“ „Ich erlaſſe Dir die Recapitulation des Spiels“, fiel ſie ihm ins Wort.„Verſpielt— verkauft! Eins oder Beides— es iſt einerlei! Und wie, wenn ich die Waare nicht ſein will?“ „So bin ich verloren!“ murmelte der Baron dumpf vor ſich hin. „Elender!“ knirſchte die Baronin mit den Zähnen, das ganze wildleidenſchaftliche Naturell ihrer ſlawiſchen Abſtammung kam zum Ausbruche.„Verſpielt, ver⸗ kauft! Das Opfer ſoll ich ſein für Deine Exiſtenz! Schon einmal habe ich Dich vom Tode gerettet und ſo, ſo bezahlſt Du mich!“ Mit geſchäftigen Fingern ſuchte ſie das Kleid an ihrem Halſe aufzuneſteln, und als ſie in der Aufregung nicht raſch genug von der Stelle kam, da faßte ſie mit beiden Händen die los— geknöpften Enden des Kleides und mit einem Ruck voll wilder Energie war das Kleid aufgeriſſen, die Knöpfe kollerten zu Boden und auf der entblößten Bruſt, ein wenig zur Rechten, wurde eine blutrothe kurze Linie ſichtbar.„Kennſt Du dieſe Narbe?“ rief die Baronin in ungeheurer Leidenſchaft ihrem Gatten zu.„Kennſt Du ſie? Ich habe nie mit einem Worte nur ihrer Erwähnung gethan, ſeit ich die Wunde empfing. Es ——— 55 war der arme Sohn eines unterdrückten Volkes, der das Meſſer zückte nach dem Verführer ſeiner Braut. Als politiſch verdächtig hatte man ihn beiſeite ge⸗ bracht, um während der Zeit ihm das Liebſte zu rau⸗ ben, mehr mit Gewalt als durch Verlockungen. Der Arme wollte Rache nehmen an dem Mörder ſeines Glücks; ich habe mich dazwiſchengeworfen und den tödtlichen Streich aufgefangen in meiner eigenen Bruſt. Verflucht der Tag, an dem ich es that! Wäre heute dieſes Meſſer in meiner eigenen Hand, beim Allmäch⸗ tigen, ich zückte es ſelbſt, den Streich zu führen, der damals Dir gegolten!“ „Sarſcha!“ rief der Baron ergriffen. „Nenne mich nicht ſo!“ herrſchte ihm das haß⸗ entflammte Weib zu.„Das war der Name der Liebe, der Name, dem ich Wahnwitzige mit Entzücken lauſchte. Ich habe Alles gewußt, das ganze Bubenſtück war mir bekannt, als ich mein Leben für das Deine bot, ich habe geſchwiegen, damit die Röthe der Scham nicht auf Deine Stirne trete. Ich habe geſchwiegen und habe gelächelt und tauſend Tode wäre ich für Dich geſtorben— und ich hätte Dich nicht geliebt? Du biſt mehr als verworfen, Du biſt gemein und erbärm⸗ lich, denn Du haſt nicht einmal den Muth Deiner That, Du ſchiebſt mir die Lüge zu, um es zu recht⸗ ———— O— 2 —y 56 fertigen, daß Du mich für ſchnödes Geld verrathen und verkauft!“ Gewaltig wie eine Furie des Haſſes ſtand ſie da. Die aufgelöſten Haare umflatterten wild das bleiche, ſchöne und doch ſchrecklich verzerrte Gorgonenhaupt, das zerriſſene Gewand fiel zurück und enthüllte ſchön⸗ gemeißelte Schultern, einen ſchlanken, graziöſen Hals und zarte, faſt mädchenhafte, blendendweiße Brüſte, an deren einer ſich wie eine friſche Wunde das blutig⸗ rothe Mal hinzog. Jetzt und jetzt war es, als müſſe ein Blutstropfen heraustreten und langſam hinabrollen über die marmorne Büſte; aus den weitgeöffneten Augen aber ſchoſſen Blitze, die wie fliegendes Feuer Vernichtung brachten und doch alle Sinne, ſelbſt das zeaſhe Verlangen im Herzen des Spielers in Brand etzten. Flammen umzuckten dieſe Geſtalt, das furchtbar 1 Weib war wunderbar ſchön in ſeinem lodernden Zorne. Unwillkürlich trat der Gatte vorwärts und hob die Hände wie beſchwörend auf. Der Anblick war erbärmlich und widerwärtig. „Sarſcha“, ſtammelte er,„Du haſt Recht. Du ſollſt nicht von mir in dieſer Stimmung gehen. Bis morgen kann ſich vielleicht noch ein Ausweg finden. Bis morgen—“ 57 4„Wird ein Wunder geſchehen, meinſt Du?“ fiel ſie hohnlachend ein, ihre Zähne waren dabei feſt auf⸗ a. einandergebiſſen und traten zwiſchen den zurückweichen⸗ 6, den Lippen wie die eines blutlechzenden Raubthiers 3 hervor.„Bis morgen iſt noch eine Nacht, ehe Du ſ mich dem Käufer hinwirfſt und bis dahin— ſoll ich 6 noch Dein Weib ſein? Schurke!“ 6,„Sarſcha!“ flehte er und ſchlang ſeinen Arm um * ihren Leib, aber mit ungeheurer Kraft riß ſie ſich los ſe und ſtieß ihn zurück. Namenloſer Abſcheu ſprach aus m ihren Zügen. In ihren Augen glühte der Wahnſinn n und entſetzlich, wie das heiſere Toben der Raſerei, V r gellte ihr Aufſchrei:„Umarme mich nicht! Berühre mich nicht! Ich gehöre einem Andern! Willkommen die Schande! Untertauchen will ich in ihr, damit ſie r von dieſem elenden Leib den Makel Deiner ekelhaften Berührung waſche. Willkommen die Schande! Sie iſt ein reinigendes Bad für ein Weib, das in Deinen b Armen gelegen! Schmach— Schmach über mich! Ich r verfluche Dich!“ In wildem Raſen ſtürzte ſie aus dem Zimmer. „Sarſcha, Sarſcha!“ tönte es ihr nach, aber der Ruf verhallte ungehört unter dem entfeſſelten Toſen des Sturms, der, begünſtigt durch das Oeffnen der Thür, das ſchlechtgeſchloſſene Fenſter mit furchtbarer 58 Gewalt aufriß und gegen die Wand ſchleuderte, daß es klirrend in Stücke brach. Das Licht war erloſchen und in der tiefen Finſterniß wand ſich ächzend ein Verdammter auf den Knieen, den Schreck und Entſetzen zur Erde geſchleudert hatten. Drittes Kapitel. Der Schleier reißt. An den folgenden Tagen hatte man in der kleinen Penſion zu Montreux reichlichen Geſprächsſtoff. Die Abreiſe einiger Bewohner hatte in ſehr un⸗ gewöhnlicher Weiſe ſtattgefunden. Am Montag Morgen mit dem erſten Zuge war Baronin Sarſcha von Saxon zurückgekommen, aber blos in Begleitung des Banquiers. Sie war bleich und niedergeſchlagen; der Kapitän hatte einige Worte mit ihr gewechſelt, aber er behauptete, ganz unpaſſende, verwirrte Antworten erhalten zu haben. Sie hüllte ſich dicht in ihren Pelz ein; ein leichter Fieberfroſt ſchien ſie zu ſchütteln und ihre Zähne ſchlugen wiederholt zuſammen. Dirk⸗ ſon's Gouvernante ſagte aus, daß die Baronin am frühen Morgen in das Zimmer gekommen ſei, welches —ꝛ 60 die Bonne mit ihrem kleinen Kinde unmittelbar neben ihrem eigenen Schlafgemach bewohnte. Deutlich habe man das heftige Schluchzen hören können, das beinahe kein Ende nehmen wollte. Es wurde ſodann bei der Baronin eilig gepackt, auch Banquier Glückſtadt machte ſich reiſefertig. Er bezahlte ſonderbarerweiſe außer ſeiner eigenen auch die Rechnung des Barons, deſſen Effecten jedoch zurück⸗ blieben. Die Baronin hatte ſich hierauf mit ihrer Bonne und der Kleinen in Geſellſchaft des Banquiers nach dem Bahnhofe begeben, ohne ſich von irgend Je⸗ mand in der Penſion zu verabſchieden. Der Train, mit dem ſie in der Richtung von Lauſanne weiter fuhren, brachte das literariſche Raupenpaar, Graf Hil⸗ mersdorf und Herrn von Kuruſoff aus Saxon. Die Abreiſenden begegneten ihnen zwar, jedoch hatte Ba⸗ ronin Sarſcha einen dichten Schleier vors Geſicht ge⸗ zogen und beeilte ſich, in das Coupé zu ſteigen, nur der Banquier blieb einen Augenblick ſtehen und wechſelte ein paar Worte mit den Angekommenen. Er ſprach von einer wichtigen Reiſe im Intereſſe ſeines Hauſes und von Depeſchen, bedauerte, einen ſo angenehmen Geſellſchaftskreis verlaſſen zu müſſen, und empfahl ſich. Das Glockenzeichen rief, der Aufenthalt, nur nach Mi⸗ nuten berechnet, war zu Ende und der Bangier hatte 61 Noth, ſeinen Platz zu erreichen; nur noch zwei be⸗ 11 deutungsvolle Worte hatte er mit dem Grafen ge⸗ be wechſelt. nhe Auf die Frage des letztern:„Fahren Leſtows nach Vevay? Da haben Sie wenigſtens ein Stück weit an⸗ c genehme Reiſegeſellſchaft“, hatte Glückſtadt noch aus r dem Waggonfenſter mit ſchlauem Augenblinzeln und d triumphirendem Lächeln zurückgerufen:„Weiter, weiter! ück⸗ Sehr angenehm und preiswürdig— ſehr preiswürdig! 1 il Ich liebe die Wildkatzen— Sie nicht? Beſuchen Sie ers mich einmal in Wien!“ b Je⸗ Das Letzte war kaum mehr vernehmbar, denn der in, Zug brauſte ſchon davon, aber auch die ganz deutlich ü gehörten Worte waren unverſtändlich und blieben dem i⸗ Grafen zunächſt wenigſtens ein Räthſel. Er glaubte die Baron Leſtow nur überſehen zu haben und war ganz ga⸗ überraſcht, als er demſelben tags darauf auf der ge⸗ Treppe des Hotels begegnete. Der Baron trug einen ur Reiſeſack und war offenbar im Begriffe, eilig und un⸗ elte beachtet aus dem Hauſe zu kommen. Er war von der ach Begegnung ſichtlich nicht angenehm berührt, verhielt ſich ſſes ſehr ſchweigſam und wich allen Fragen aus. nen„Quälen Sie mich nicht!“ brach er endlich mit ich. grimmigen Blicken los, als Graf Hilmersdorf der Ba⸗ ronin Erwähnung that.„Erinnern Sie mich nicht an 62 mein Schickſal, ich trage ſchwer genug daran. Wenn Sie mich nicht beleidigen wollen, reden Sie mir nie mehr von der Unwürdigen.“ Graf Hilmersdorf erklärte ſich hierauf ſogleich be⸗ reit, für eine etwaige unabſichtliche Beleidigung jede gebräuchliche Satisfaction, zu geben. Baron Leſtow aber war abwehrend davongeeilt. Der Zug, den er noch zu erreichen trachtete, ging in der Richtung von Saxon. Nun war die Schlußfolgerung leicht. So un⸗ glaublich die Sache auch ſchien, es konnte nicht mehr daran gezweifelt werden, daß Baronin Sarſcha mit dem Banquier entflohen ſei. Alle Schmach wurde auf das Haupt des pflichtvergeſſenen Weibes gehäuft. Frau von Rüderich geberdete ſich wie ein weiblicher Rada⸗ manth und war um ſo ſchärfer in ihrem Urtheil, als ſie nicht einmal die Genugthuung hatte, ſagen zu können, daß ſie das Geſchehene vorausgeahnt. Sie war im Gegentheile an ſich ſelbſt irre geworden, da ihre Vorausſetzung, die Entflohene habe zu Gerhard und Streicher oder doch wenigſtens zu letzterem in einem ſträflichen Verhältniſſe geſtanden, durch das Benehmen der beiden Freunde gänzlich unbegründet erſchien. Die Mittheilung von der eigenthümlichen Löſung der Spieler⸗ ehe hatte dieſelben zwar überraſcht, von einem tiefern 63 Ergriffenſein war aber bei keinem von beiden etwas zu merken geweſen, wiewohl Frau von Rüderich nicht ohne Geſchicklichkeit einen kleinen Theatercoup in Scene geſetzt und den Effect mit aller Wißbegierde eines ſcharfen Auges beobachtet hatte. Sie begnügte ſich jetzt nicht mehr, die Baronin zu verdammen, das ganze Füllhorn ihrer Verachtung leerte ſie über das Andenken des Banquiers. Sie hatte ihn zu ihren Getreuen gezählt, ſelbſt ihre kleinen Neckereien und Wortwechſel, wie jener bei der Ruine, waren nur harmloſe Scherze und Beweiſe ihrer Sym⸗ pathie geweſen, und nun hatte er ſo Unerhörtes voll⸗ bracht und war ſogar davongegangen, ohne auch nur, wie es einem geſitteten Menſchen geziemte, Abſchied von ihr zu nehmen. Infolge dieſer unverzeihlichen Rückſichtsloſigkeit neigte ſich allmälig die Wagſchale beinahe zu Gunſten der Baronin, wenigſtens wurden mildernde Umſtände geltend gemacht, was der Ver⸗ theidigerin jedoch einen entſchiedenen Widerſpruch von ſeiten der Herren— ihren eigenen Gatten diesmal nicht ausgenommen— zuzog. Keiner von den Herren konnte begreifen, wie eine ſchöne junge Frau ſich ſo weit verirren mochte, Glückſtadt, den jetzt alle ſehr gewöhnlich, unangenehm, ja widerwärtig fanden, dem eleganten Baron vorzuziehen, der zudem ihr Gatte war. —2.“ 7 „Vielleicht gerade, weil er ihr Gatte iſt“, bemerkte der Kapitän mit ſeinem trockenen Hüſteln. Graf Hilmersdorf war der einzige, dem eine bei⸗ läufige Ahnung des wirklichen Sachverhalts aufdäm⸗ merte, als er Baron Leſtow wiederholt in Saxon am Spieltiſche traf, fortwährend im Verluſte und doch fortwährend neue Summen einſetzend, deren Urſprnng dem Grafen ein ſehr zweideutiger ſcheinen mußte, wenn er ſich dabei der indiscreten Abſchiedsworte des Ban⸗ quiers erinnerte. Aber faſt noch mehr Bewegung, wenn auch öffent⸗ lich weniger darüber geredet wurde, erregte, zum min⸗ deſten bei einem Theile der Hausgenoſſen, die nun all⸗ gemein bekannt gewordene Verlobung Gerhard's, der ſeine Zeit meiſt auf der Villa bei ſeiner Braut zu⸗ brachte. Es war auffallend und er ſelbſt mußte es trotz ſeiner begreiflichen Zerſtreutheit bemerken, wie ſehr ſich Mrs. Wallace und ihre beiden Töchter von ihm zurück⸗ zogen. Miß Lizzie erſchien den erſten Tag ſogar mit unzweifelhaft rothgeweinten Augen an der table d'hôte, ſie ſah ihn manchmal, wenn ſie ſeinem Blicke nicht zu begegnen fürchtete, ernſt und traurig an, ihr Muth⸗ wille war wie weggehaucht, doch auch der kindiſche Trotz, den ſie Gerhard gezeigt, war nun verſchwunden, 65 ſie wich jedem Zuſammentreffen mit ihm aus. Aber auch ihre Schweſter würdigte ihn keines Blickes mehr, die Beziehungen, die ſie einen Moment lang einander näher bringen zu wollen ſchienen, waren abgebrochen und Gerhard ſah ſich außer Stande, zu Gunſten Mr. Lesley's zu wirken, wie er ſich es vorgenommen hatte. Sogar der ſchon geübte gute Einfluß war theilweiſe zerſtört, denn Mrs. Wallace hatte ihrer Tochter gezeigt, wie wenig gerade Gerhard geeignet ſei, derſelben eine Beruhigung über das geheimnißvolle Betragen ihres Gatten zu geben. Die beiden Männer ſteckten nach ihrer Ueberzeugung unter einer Decke. Was ließ ſich von einem Manne erwarten, für welchen der Bräu⸗ tigam einer dieſer Damen Partei nahm? Aber alle dieſe Zeichen, die Unfreundlichkeit oder Befangenheit, mit der man ihm begegnete, all die ſelt⸗ ſamen Blicke, ja ſelbſt die ſpitzen Worte und Anſpie⸗ lungen, die ihm von Zeit zu Zeit durch die freundliche Aufmerkſamkeit der Frau von Rüderich zukamen, ver⸗ mochten Gerhard nicht zu erſchüttern oder zu beugen; er wurde nur nach und nach in immer gereiztere Stimmung verſetzt und ſein charaktervoller Ausruf, er handle iicht für die Welt, ſondern für ſich allein, wurde zuletzt ein Schlachtruf, mit dem er gegen die ganze Welt in Kampf zu treten bereit war. Er ſah Byr, Nomaden. IV. 5 ——-—yy 66 ſich iſolirt und fing an, in dieſer Stellung Trotz zu bieten, ohne daß er ſich darüber Rechenſchaft ablegte, wie nur er allein die Folgen davon empfand. Streicher, der ſeit ſeiner Ueberſiedelung in den Cygne faſt gar nicht mehr mit ſeinem Freunde zu⸗ ſammenkam, ſchien ſich gerade über den bezüglichen Gegenſtand infolge des ſtattgehabten Streites ein unverbrüchliches Schweigen auferlegt zu haben, und was bei ihm beſonders wunderbar genannt werden konnte und Zeugniß gab von dem unverwiſchbaren Eindruck, den jener Wortwechſel hinterlaſſen, er hielt dieſes Schweigen, ja er ſprang abſichtlich, als wäre er taub oder vollkommen gleichgültig geworden, auf einen andern Gegenſtand über, ſobald Gerhard ſeines Verhältniſſes zu Adrienne nur Erwähnung that. Ein eigenthümlich ſteifes, ſpöttiſches und doch wieder familiäres Verhalten beobachtete Graf Hilmers⸗ dorf gegen Gerhard, der nur zu gut fühlte, wie ſich der überaus ſelbſtzufriedene junge Mann über ihn luſtig machte, ohne doch den richtigen Moment finden zu können, demſelben dafür eine empfindliche Lection zu ertheilen. Nicht einmal an den häufigen Beſuchen in der Villa konnte er ihn hindern, er mußte zufrieden ſein, daß ſeine Braut dem Grafen auswich, denn Ma⸗ dame de Granier ſchien keineswegs geneigt, ihre Ge⸗ 67 ſellſchaft der ziemlich einförmigen Unterhaltung mit ihrem zukünftigen, nicht allzu liebenswürdigen Schwager zu opfern. Mit Herrn von Kuruſoff, der ſeit der Abreiſe der Leſtows deren früheres Zimmer bezogen hatte und darüber beinahe die Gunſt der Frau von Rüderich verlor, weil ſie ſelbſt, freilich ſpäter, auf denſelben Gedanken kam und nun vergeblich ein kleines Opfer von ſeiner Galanterie erwartet hatte, ſtand Gerhard überhaupt in keiner Verbindung mehr. Er war froh, den widerwärtigen Schwätzer aus ſeiner Nachbarſchaft zu verlieren; er hatte ihn immer im Verdachte des Horchens und Spionirens gehabt, ſeit er ihn damals, während Mr. Lesley ſeine Lebensgeſchichte erzählte, beinahe an der Thür ertappte. Auch ſpäter einmal hatte ſich ein abgebrochener Schlüſſelbart in ſeinem Schloſſe gefunden und Gerhard konnte ſich niemals des Verdachtes ganz erwehren, daß ſein Nachbar dabei die Hand im Spiele gehabt. Seitdem ſchloß er auch all ſeine Briefe, die bisher immer offen auf dem Tiſche gelegen, ſorgfältig ein. Weit ſchmerzlicher empfand Gerhard die Kälte, mit der Kapitän von Reuſche an ihm vorüberging, ſeit er denſelben kurz und ſcharf abgewieſen, weil er, zweifelsohne in guter Abſicht, aber mit nicht ſehr 5* 68 rückſichtsvollen Wendungen, auf die Bewohnerinnen der Villa zu ſprechen kam. Es that Gerhard unendlich leid, ihn zurückſtoßen zu müſſen. Er hatte ſein ſtilles, geiſtvolles, redliches Weſen achten, ſeinen männlichen Muth, der ſich weit großartiger als in der Todes⸗ verachtung auf dem Schlachtfelde in der heitern, hu⸗ moriſtiſchen Ruhe eigte⸗ mit der er ſeinem unaus⸗ 7 weichlich nahe bevorſtehenden Ende atanrenſah, d bewun⸗ dern gelernt, er nte auch den Dank nicht d welchen er dem wackern Manne 8 die Luneun ſchuldete, welche allerdings nur Streicher zu gute gekommen, doch ihm gegolten;— Eindrängen in feſte Entſchlüſſe aber, die ſeinem ganzen Leben Geſtalt geben ſollten, konnte Gerhard dem Fremden nicht ge⸗ ſtatten, wo er es dem eigenen beſten Freunde ſo ent⸗ ſchieden verwehrt. So blieb Gerhard nur noch au Mr. Lesley angewieſen, freilich nigen Stunden, welche er in Mr. Lesley ſtand durch ſein trauriges faſt menſchenſcheues Weſen ſelbſt iſolirt da unter den Bewohnern des Hauſes, war er ja beinahe ein Aus⸗ geſtoßener in ſeiner eigenen Familie geworden. So blieben ihm die meiſten Vorgänge, von welchen alle Andern ſprachen, fremd, und erſt mehrere Tage, nach⸗ —r den Umgang mit ährend der we⸗ ion verbrachte. es, abgeſchloſſenes, 69 dem Gerhard mit ſeiner Braut Saxon beſucht, erfuhr er vom Kapitän die Wendung, welche Gerhard's Schick⸗ ſal genommen hatte. „O, ol und Sie haben mir nichts davon geſagt?“ wendete er ſich nach der Abendtafel vorwurfsvoll an Gerhard, der darüber erröthete.„Kommen Sie, Stran⸗ dau, bleiben wir hier unten in der Veranda, mein Rauchen genirt die Damen weniger als oben und ich möchte mit Ihnen reden. Hier belauſcht uns Niemand.“ Gerhard folgte dieſer Aufforderung nur zögernd; er war in der letzten Zeit ſo vielfach verletzt worden, daß er ſich ſelbſt gegen dies ehrliche Gemüth verſchloß, indem er vorwandte, Mr. Lesley habe mit ſeinen ei⸗ genen Angelegenheiten zu ſehr zu thun, um ſich für fremdes Glück oder Leid zu intereſſiren. Wäre es noch ein Leid geweſen! Schmerz wiegt Schmerz auf und tröſtet, Glück aber vertieft noch durch den Vergleich den Abgrund des Wehs und miſcht Bitterkeit in die Trauer. Gerhard fühlte ſich jedoch trotz dieſer Erklärung nicht ganz gerechtfertigt. Es war nicht die freie, leuchtende Stirn der Offenheit, mit der er Rede ſtand, als Mr. Lesley ihn nochmals um die Richtigkeit des Vernom⸗ menen befragte und mit einer Zartheit, die faſt rüh⸗ rend von ſeinem finſtern, rauhen Weſen abſtach, den empfindlichen Punkt berührte. 70 „O mein alter Freund“, ſagte er nach einigen Hin⸗ und Widerreden,„ich fürchte, Sie haben nicht gut gethan, ſich zu binden.“ Es war Ungeduld und ein unangenehm bitteres Gefühl, ſich ſchon wieder gehofmeiſtert zu ſehen, zugleich, was Gerhard zur Antwort drängte. „Haben nicht Sie ſelbſt mir wiederholt gerathen, mich zu verheirathen?“ „O ja, das war mein Rath.“ „Nun alſo, ich habe ihn befolgt, warum der Tadel?“ „Ich tadle nicht Sie, ſondern diejenigen, welche Ihr Vertrauen mißbrauchen. Ja, das thut man, weil man Ihnen nicht alle Umſtände darlegt, wie ſie ſind.“ „Sie ſind im Irrthum, Mr. Lesley, ich wüßte nicht, was mir verſchwiegen würde.“ „Sie kennen alſo den Ruf, in welchem Madame de Granier ſteht?“ „Meine Braut ſelbſt hat mir nie ein Hehl daraus gemacht.“ „Und ſie bleibt dennoch in dieſem Hauſe?“ „Sind denn auch Sie ſo engherzig, nicht an Un⸗ ſchuld und Reinheit inmitten zweideutiger Verhältniſſe zu glauben?“ vertheidigte Gerhard warm das geliebte Mädchen.„Gerade dieſe wunderbare Kraft des Cha⸗ aus Un⸗ tiſſe ebte 71 rakters, dieſe diamantene Klarheit des Gemüths, die ihre Spiegelglätte nicht wie unedles Geſtein durch Ritze und Makel in der Berührung mit dem Gemeinen einbüßt, gerade dieſe triumphirende wahre Unſchuld des Herzens, die nicht in werthloſer Unwiſſenheit und Unverſuchtheit beſteht, gerade dieſe ſeltenen Eigenſchaften ſind es, die mir dieſes Weſen unendlich theuer machen. Ich habe einen Schatz gefunden, und weil er in ſchmu⸗ ziger Erde liegt, ſollte ich ihn nicht heben? Gerade von Ihnen, von Ihnen vor allen, hätte ich eine ge⸗ rechte Würdigung erwartet. Haben Sie doch ſelbſt die Erfahrung gemacht, daß man die koſtbarſten Perlen nicht immer in den Schauläden der Juweliere findet.“ „Gut, Sie wollen ſagen, ich habe mich getäuſcht“, nahm Mr. Lesley das Wort,„und Sie haben Recht, Vorausſetzungen können trügen. Ich muß demnach annehmen, daß Sie wenigſtens anſcheinend alle Ga⸗ rantien für Ihr Glück gefunden haben. Daß Ihre Braut ſehr ſchön iſt, weiß ich. Sie iſt wohl auch ſehr gebildet und auf gleichem geiſtigen Niveau mit Ihnen?“ Gerhard erröthete leicht unter dem ernſt forſchenden Blick der traurigen Augen ſeines Freundes, er gedachte ſo manches geographiſchen und geſchichtlichen Verſtoßes. „Sie iſt im Penſionat erzogen worden“, erwiderte er lebhafter, als nöthig war, wenn er nicht gewiſſer⸗ 72 maßen eine Vertheidigung führen wollte.„Uebrigens iſt ſie noch jung, das Fehlende läßt ſich nachholen.“ „Frauen lernen nur in der Jugend mit Ernſt, wenn ſie müſſen“, ſagte Mr. Lesley ganz allgemein, doch empfand es Gerhard wie eine perſönliche Bemer⸗ kung.„Später“, fuhr er fort,„ſpielen und naſchen ſie in der Regel nur. Aber Ihre Braut zeigt wohl einen lebhaften Bildungstrieb, Sie werden das zu be⸗ urtheilen verſtehen. Man kann das ja aus Kleinig⸗ keiten erkennen, ob einer Braut geiſtige Vergnügungen höher ſtehen als die materiellen, ob ſie Toilette oder Wiſſen mehr ſchätzt. Ihre Braut hat wohl auch ähn⸗ liche Neigungen wie Sie, die gleiche Vorliebe für die Muſik, oder halten Sie eine gewiſſe Uebereinſtim⸗ mung nicht für nothwendig?“ „Adrienne liebt das Theater, die Oper— ihr Gehör wird ſich bilden.“ Gerhard ſagte es zaudernd. „Wenn Sie viel zuſammen ſind und keine Zer⸗ ſtreuungen ſtörend einwirken, geht das allerdings. Ihre Braut iſt alſo für Stille und Zurückgezogenheit, ſie hat Sinn für die Heimat, für ein trauliches Fami⸗ lienleben? Wenn das der Fall iſt, winkt Ihnen ein Glück, das mir verſagt blieb. Sie werden nicht gleich mir ein Nomade wider Willen werden, der Ruhe erſt am Ziel— unter dem Raſen findet.“ 73 Gerhard fühlte die Sonde, aber Alles war ſo ernſt und wohlmeinend, ſo traurig geſprochen, daß die Be⸗ rührung an Peinlichkeit verlor, wiewohl ihm das Blut wieder und wieder in die Wange ſtieg. Wieviel hätte er darum gegeben, wenn er nur auf eine Frage ſtolz und freudig hätte Antwort geben können! Immer ausweichen zu müſſen, immer mit Wünſchen und Hoff⸗ nungen zu vertröſten, wo eine berechtigte Erwartung erfüllt ſein ſollte, das empfand er wie eine Demüthi⸗ gung. Er focht, ohne einen Angreifer gegen ſich zu haben, und bemerkte nicht, daß er es ſelber war, gegen den er ſich vertheidigte. „Und wenn auch nicht alle Neigungen und Lebens⸗ anſichten der Gatten mit einander ſtimmen“, entgeg⸗ nete er eifrig,„geſtehen Sie denn der Liebe keine aus⸗ gleichende Macht zu? Glauben Sie nicht, daß ein Herz, das ſich voll und ohne Rückhalt gibt, auch Opfer bringen könne?“ Gerhard dachte dabei an ſeine Unter⸗ redung im Spielſaale von Saxon zurück.„Meine Braut betrachtet mich als ihren Befreier, in ihre Liebe miſcht ſich ein rührender Zug von Dankbarkeit, ſoviel weiß ich, daß ſie bereit iſt, jedes Opfer zu bringen und ſich mir in Allem unterzuordnen.“ „Und Sie nehmen das an?“ — ———õ 74 „Ich werde ebenfalls Opfer bringen“, betheuerte Gerhard in lebhafter Erregung. Mr. Lesley legte ihm die Hand auf die Schulter und blieb ſtehen. „Mein alter Freund“, ſagte er düſter,„das iſt ein koſtbares Actienunternehmen, das immer und immer wieder neue Einzahlungen fordert und aus dieſem Ein⸗ kommen die Tantièmen bezahlt. Wenn der Mann ſich einmal aufs Opferbringen einläßt, ſo iſt er bei ſeiner plumpen Ehrlichkeit gewöhnlich der übervortheilte Ge⸗ ſchäftstheillaber. Sein ganzes Vermögen beſteht aus lauter uneinbringbaren Forderungen.“ „Das iſt aber bei mir nicht der Fall“, wollte Gerhard faſt haſtig widerſprechen, als ein Name an ſein Ohr ſchlug, der ihn ſofort verſtummen machte. Er war mit Mr. Lesley an der Thür ſtehen geblieben, die ins Speiſezimmer führte, wo man mit Abräumen der Tafel beſchäftigt war. Auch der Beſitzer der Pen⸗ ſion befand ſich in dem Zimmer und grüßte jetzt einen eben eingetretenen Herrn, über deſſen Erſcheinen er ver⸗ wundert ſchien und den er Monſieur de Granier nannte. Gerhard horchte überraſcht auf. Der Fremde, ein Mann von einigen dreißig Jahren, hatte das Aus⸗ ſehen eines echten Franzoſen aus den ſüdlichern Gegen⸗ den: die kleine ſchlanke Geſtalt, den olivengrünen Teint, Er ben, men 75 das ſchwarze, beinahe wollige Haar, das tief in die Stirn hereinreichte und den dunkeln, zierlich gepflegten Schnurr⸗ und Knebelbart, welcher der Erſcheinung etwas entſchloſſen Militäriſches gab. „Haben Sie ein Zimmer für mich, Monſieur Ger⸗ main?“ fragte er in ſeiner Mutterſprache.„Ich möchte die Nacht hier verbringen.“ Der Wirth verbeugte ſich. „Natürlich“, ſagte er,„aber wie, Monſieur de Granier, wollen Sie denn nicht bei Madame wohnen?“ „Worüber ſind Sie erſtaunt?“ entgegnete der Fremde unwirſch.„Sie wiſſen, daß ich mich von Ma⸗ dame getrennt habe. Ich will mein Kind ſehen, des⸗ halb bin ich gekommen. Maxime ſoll mit mir gehen. Haben Sie die Güte, mir mein Zimmer zu zeigen.“ Der Beſitzer der Penſion verließ in der That mit ihm den Saal. Das war zweifelsohne Adriennens Schwager, ſagte ſich Gerhard und ließ ſein Geſpräch mit Mr. Lesley unbeendigt. Der Mann hatte ihm nicht beſonders gefallen; die rückſichtsloſe Art, mit der er über ſein Verhältniß zu ſeiner Frau ſprach, ließ auf kein beſonderes Zartgefühl ſchließen, eher auf eine jener galligen Naturen, welche mehr für den Haß als für die Liebe geſchaffen ſcheinen. Gerhard empfand keine große Neigung, ſich dieſem Manne näher anzu⸗ ſchließen, aber er ſah ein, daß es an ihm war, die Bekanntſchaft ſeines künftigen Schwagers zu ſuchen. Die Erinnerung an das, was Adrienne von ihr er⸗ erzählt hatte, hob den erſten ungünſtigen Eindruck etwas auf und er beſchloß dem Ankömmling ſogleich ſeine Karte zu ſchicken. In dieſer Abſicht verließ er den Speiſeſaal und ſandte einen Kellner vorauf. Im obern Corridore be⸗ gegnete er Monſieur Germain, der ſeine Vorausſetzung beſtätigte. Monſieur de Granier hatte, nach deſſen flüchtiger Mittheilung, früher immer einige Wochen mit ſeiner Frau auf der Villa zugebracht, die er ſchon ſeit Jahren ge⸗ miethet, aber bereits im vorigen Sommer ſei er nicht mehr erſchienen. „Ich halte Monſieur de Granier für ſehr eiferſüch⸗ tig“, ſetzte der Wirth noch hinzu und Gerhard verſtand den Wink,„und es wäre vielleicht gut, Madame von ſeiner Ankunft zu unterrichten.“ Da Gerhard nichts darauf bemerkte, ſchwieg auch der Wirth. Indeſſen kam der Kellner zurück und mel⸗ dete, daß Monſieur de Granier ſich freuen werde, Herrn Strandau zu ſehen. Man hatte den Advocaten in Kuruſoff's leergewordenem Zimmer untergebracht, und Gerhard, der alſo ſein Nachbar war, fand ihn mit — 77 den Händen auf dem Rücken gegen den Ofen gelehnt, den man ſo eben erſt von außen zu heizen begann. Die Begrüßung war eine ziemlich kühle. Monſieur de Granier bat Gerhard Platz zu nehmen, ſetzte ſich ſelbſt aber nicht und war im Ganzen bei aller Artigkeit formlos und wahrnehmbar mißtrauiſch. „Es freut mich“, begann Gerhard nach den erſten Wechſelreden,„daß ſich mir die günſtige Gelegenheit bietet, Sie noch kennen zu lernen, ehe ich ſelbſt nach Grenoble komme. Unſer Reiſeplan—“ „Ja, ich habe gehört“, unterbrach ihn der Advocat, indem ſeine dunkeln kleinen Augen Gerhard mit ſtechen⸗ den Blicken muſterten,„Sie wollen meine Schwägerin heirathen.“ „Wir hätten Ihnen geſchrieben— „Ich habe nichts zu ſagen in der ganzen Ange⸗ legenheit“, fiel er abermals ein.„Adrienne hängt 2 nicht von mir ab.“ „Sie hat Ihnen aber doch viel zu verdanken und ſich Ihnen ſtets untergeordnet.“ „Mir?“ Monſieur de Granier lachte höhniſch auf. „O, da muß ein Irrthum walten. Daß ich ihren Platz im Penſionat bezahlte, war natürlich, ſie hatte keinen Sous mehr. Von Unterordnung aber habe ich niemals etwas bemerkt, ſonſt wäre ſie nicht hier.“ n— 7 78 „Wie ſo?“ „Sie wiſſen nicht? Ah, es ſcheint, man hat Sie in ziemlicher Unklarheit gelaſſen. Sie wiſſen doch, daß ich von meiner Frau getrennt lebe?“ „Das—“ Gerhard zauderte, denn eigentlich geſagt hatte man es ihm nie—„das— ja, das iſt mir aller⸗ dings bekannt.“ „Das heißt, Sie haben es von andern Leuten erfahren. Wiſſen Sie auch die Urſache?“ Gerhard wurde verlegen, die Antwort auf dieſe Frage wurde ihm ſehr ſchwer und er begriff nicht, wie man dieſelbe ihm ſtellen konnte. Für Monſieur de Granier ſchien es keine delicaten Gegenſtände auf der Welt zu geben. Er fuhr auch, ohne eine Erwiderung zu erwarten, fort: „Eh bien! Sie denken: Streitigkeiten, wie ſie unter Eheleuten vorkommen, Charakterdivergenzen— im Grunde haben Sie Recht. Es war nichts als eine Divergenz unſerer Neigungen. Ich bin kein Freund des Militärs, Madame ſchwärmt dafür, das iſt Alles. Sie fand einen Kapitän der Jäger charmant, der mir abſcheulich erſchien, wir konnten uns darüber nicht einigen, da jedes von uns feſt auf ſeiner Meinung beſtand. Ich verhehlte meinen Widerwillen dem Herrn Kapitän ſelbſt nicht. Madame ſuchte ihn für dieſe die in daß eſagt aller⸗ euten dieſe nicht, uur de f der erung ie ſie — im eine reund Alles. rmir nicht nung Herrn 79 Mißachtung ihrerſeits zu entſchädigen. Sie hatte ein zu gutes Herz.“ Der ſarkaſtiſche Ton, in welchem der Advocat bis jetzt geſprochen, ſchlug plötzlich in den nachdrücklichſten Ernſt um.„Zeitig genug für meine Ehre machte ich dieſem Streit ein Ende. Infolge eines Rencontre mußte ich auf einige Zeit eine Reiſe unternehmen und der Kapitän wurde nach ſeiner Her⸗ ſtellung nach Algerien verſetzt. Madame hatte ſich hier⸗ her zurückgezogen. Was ſeither zu meinen Ohren drang, hat uns vollkommen geſchieden. Madame führt eine Lebensweiſe, die es mir zur Pflicht macht, ihr meinen Sohn nicht länger zu überlaſſen. Sein Cha⸗ rakter könnte dabei Schaden nehmen.“ „Wie? Sie wollen Maxime mit ſich nehmen?“ „Es iſt hohe Zeit“, entgegnete Monſieur de Granier ſcharf.„Ich mußte das Kind anfangs bei der Mutter laſſen. Es war krank und ſchwächlich, ich ſelbſt war auf der Flucht. Welche Erziehung konnte ich einem Kinde unter fünf Jahren geben! Ich begnügte mich, den Knaben von Zeit zu Zeit, bald in Lauſanne, bald in Genf, zu ſehen und hatte ſeiner Mutter eine Rente für ihn angewieſen. Jetzt aber muß ein Ende gemacht werden. Maxime iſt groß genug, um in eine Anſtalt zu kommen, wo man für ihn Sorge tragen wird und ich ihn in meiner Nähe habe. Er muß dem ſchlimmen 80 Einfluß zeitig genug entzogen werden, ehe ſeine Seele vergiftet iſt.“ „In dieſer Beziehung wenigſtens“, meinte Ger⸗ hard,„kann ich Sie wohl beruhigen, mein Herr. Des Kindes Gemüth und Herz iſt völlig unverdorben. Ma⸗ dame de Granier erzieht ihn ſorgfältig. Maxime iſt beinahe fortwährend unter der Obhut ihrer Schweſter oder ihrer Tante.“ „Ihrer Tante?“ ſchlug der Advocat ein höhniſches Lachen auf.„Wer iſt das, ihre Tante? Jenes alte Weib vielleicht, das bei ihr Kammerfrauendienſte ver⸗ richtet und zugleich als Anſtands⸗ und Ehrendame enga⸗ girt iſt? Sie wollen doch nicht, daß ich im Ernſt an dieſe Dame glauben ſoll, unter deren Schutz man ſich ſtellt, um einen bequemen Deckmantel zu haben?“ Gerhard war betroffen. Man hatte ihn alſo nur zum Beſten gehabt und die ganze Scene, die vor ihm geſpielt worden war, dem Theater entlehnt. Daß auch Adrienne ihn nicht aufgeklärt, war zum Min⸗ deſten ſonderbar. Er gedachte ihrer Verlegenheit, ſo oft von der Tante die Rede war, es konnte alſo nicht die Rede davon ſein, daß ſie von ihrer Schweſter ſelbſt in einer Täuſchung erhalten wurde, und dennoch hatte ſie geſchwiegen. Was ſollte er davon denken? „Eine Tante“, fuhr Monſieur de Granier indeſſen Ger⸗ (Das Des Ma⸗ Mäͤ⸗ e iſt veſter veſter nnoch ken? deſſen 81 leidenſchaftlich fort,„eine Tante wie jener Onkel, der Madame begleitete, als ich die Ehre hatte, ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen. Graf Orloff war krank in Gre⸗ noble angekommen, und als er tags darauf verſchied, ward mir der Auftrag von der Behörde, ſeinen Nach⸗ laß aufzunehmen, der auffallend gering war, ſodaß Madame bald genug in eine überaus beſchränkte Lage kam, in der ſie ihre Zuflucht zu mir nahm. Madame mußte ſelbſt wiſſen, daß ihre Anſprüche nichtig waren, da ihrer Ehe die Sanction des Kaiſers fehlte, aber es war ſo wenigſtens mein Mitleid in Anſpruch genom⸗ men. Madame lebte damals mit ihrem Onkel, wie ſie ihn nannte, ſehr zurückgezogen und beſcheiden und ich ging in die Falle. Der Onkel aber verſchwand eines Tages und hat ſich nie mehr gezeigt. O, Ma⸗ dame iſt nicht verlegen um achtungswerthe Verwandte, und bei Gott, hätte ich nicht den vom griechiſchen Prieſter in Stuttgart ausgeſtellten Trauſchein in Hän⸗ den gehabt, ich würde denken, Madame habe auch ihre geheime Ehe fingirt und ihr Gatte ſei höchſtens eine Marionette geweſen.“ Dieſen haſtig und unzuſammenhängend gegebenen Enthüllungen folgte Gerhard mit Staunen. Es war dies das Erſte, was er von der Vergangenheit ſeiner zukünftigen Schwägerin erfuhr. Jedenfalls war es 6 Byr, Nomaden. IV. 82 keine ganz gewöhnliche geweſen. Seine Ueberraſchung malte ſich in ſeinen Mienen, ſodaß der Advocat ait tiſch ausrief: „Es ſcheint, man hat Sie nicht ſehr tief in Fa⸗ miliengeheimniſſe eingeweiht.“ „Ich habe es auch nicht verlangt“, entgegnete Gerhard ein wenig gereizt. „Ich verſtehe, Sie halten mich für einen Schwätzer“, gab der Advocat, ſeine grimmige Miene wieder an⸗ nehmend, zurück.„Aber erſtens gibt es nichts geheim zu halten, wo die ganze Welt klar ſieht, fürs zweite ſind Sie ja bald ein Familienglied. Sie werden ſich nicht wundern, mein Herr, wenn nach dem Geſagten unſer Verhältniß zu einander kein beſonders intimes werden ſollte. Nur die Gerichtsverhandlungen und die Journale halten mich von einer völligen Auflöſung dieſer Ehe zurück. Sie werden aber begreifen, daß ich unter ſolchen Umſtänden mein Kind, deſſen Urtheil und Auffaſſungsvermögen ſich mit den Jahren ent⸗ wickelt, nicht mehr in dieſer Umgebung laſſen kann. Weder die Obhut dieſer Tante, noch jene der Schwe⸗ ſter meiner Frau geben eine genügende Garantie.“ „Mein Herr, mäßigen Sie ſich!“ fuhr Gerhard auf.„Was können Sie gegen Adrienne haben?“ „Nicht das Geringſte“, verſetzte Monſieur de Granier agten imes und ſung daß rtheil ent⸗ kann. chwe⸗ hard anier — 83 herbe.„Im Gegentheile, ich bedaure ſie. Es iſt ſchade um das Mädchen. Uebrigens iſt das Ihre Sache, mein Herr. Sie ſind der Bräutigam und mich geht es nichts an, wie Sie ſich abfinden. Vielleicht gefällt Ihnen die Schule, in der ſie bei ihrer Schweſter ge⸗ weſen. Leicht angefaulte Früchte ſollen die ſüßeſten—“ „Nicht weiter, mein Herr!“ fiel ihm Gerhard drohend ins Wort, und das Funkeln ſeiner Augen ließ es dem Advocaten gerathen erſcheinen, ſeinen giftigen Spott abzubrechen.„Nicht weiter! Sprechen Sie von Ihrer Frau nach Belieben, gegen meine Braut aber zähmen Sie Ihre Zunge. Die beiden Schweſtern haben nichts mit einander gemein. Adrienne wird binnen kurzem dieſes Haus verlaſſen, in das ſie unbegreif⸗ licherweiſe von Ihnen eingeführt wurde und aus dem ihr ſelbſt die Rückkehr ins Kloſter eine Erlöſung gedäucht hätte.“ „Ins Kloſter!“ rief Monſieur de Granier und brach in ein höhniſches Lachen aus.„Halten Sie ein, mein Herr! Sie ſcheinen ſich in einem ſo großen Irrthum zu befinden, daß wir beſſer thun, unſer Geſpräch ab⸗ zubrechen. Ich will Ihnen nur noch ſagen, daß ich Adrienne aus dem Penſionate nahm, um ſie bei mei⸗ ner Schweſter, welche ſelbſt eine Mädchenſchule hält, als Lehrerin unterzubringen. Sie bat mich jedoch, 6* zuerſt ihre Schweſter beſuchen zu dürfen, und ehe ich ſie noch von Lauſanne abholte, war ſie hier. Nach einigen Wochen ſchrieb ich, ſie bat aber um Verlängerung; vor ſechs Monaten habe ich ihr noch einmal die Wahl geſtellt zwiſchen einem mühſamen, aber ehrlichen Be⸗ ruf und dem Leben bei ihrer Schweſter— ich meinte es gut mit ihr.“ „Und Adrienne?“ ſtieß Gerhard keuchend hervor. „Blieb, wie Sie ja geſehen. Es muß ihr doch nicht ſo übel gefallen haben. In die Schule, ins Klo⸗ ſter ging ſie nicht. Zur Hochzeit, das iſt freilich ein Anderes.“ Gerhard war vernichtet. Sein Herz ſchlug nicht, ſein Athem ſtockte und glühende Funken hüpften vor einen Augen in einer plötzlichen Finſterniß, er fühlte ſich unendlich elend und keines Wortes mächtig. Wie ein Trunkener taumelte er hinaus und dann lehnte er wie beſinnungslos an ſeinem Thürpfoſten, bis das Stubenmädchen kam und ihm erſchrocken aufſchloß. Erſt als ſie den Arzt holen wollte, faßte er ſich ſo weit, um ihr dies zu unterſagen. Er wollte allein ſein. „Ich will zu ihr!“ ſtieß er heiſer hervor. Sie ſollte Rede ſtehen. Die Engelsmaske wollte er ihr vom Geſichte reißen. Eine wilde Glut durchſtrömte ſeine Adern, es war ihm, als könnte er die Heuchlerin 8⁵ mit eigenen Händen ermorden. Belogen war er wor⸗ 1— den, auf das abſcheulichſte getäuſcht, und er, er, der — ein halbes Lebensalter hinter ſich hatte, er hatte ſich täuſchen laſſen von einem Paar frommer Augen und einem unſchuldigen Kinderlächeln! In auflohendem Zorne preßte er die Fauſt gegen die Stirn und wandte ſich raſch der Thür zu; ehe er ſie aber erreicht hatte, kehrte er wieder um, langſam ging er bis zum Sopha und ließ ſich auf daſſelbe niederſinken. Zwei große, ſchwere Thränen liefen die bleichen Wangen herab in den Schnurrbart und leiſe klagte er: „Sie blieb, ſie blieb! Arme, arme Adrienne!“ Viertes Kapitel. 1”. Kriſen. Werd' ich zum Augenblicke ſagen: Verweile doch! Du biſt ſo ſchön! Dann magſt Du mich in Feſſeln ſchlagen, Dann will ich gern zu Grunde gehn! Der ewig unruhige, ewig verlangende Geiſt hat oft genug mit Fauſt dies drängende, unerſättliche Wort geſprochen und immer konnte Mephiſtopheles, ſeiner 1 Beute ſicher, auf dieſe Rodomontade hin, den Pact ſchließen. Nur der moderne Dichter hat im Mitgefühle des Alterns die Rettung des raſtlos ringenden Fauſt⸗ gebildes verſucht. In der alten Dichtung, die noch keine metaphyſiſche Speculation kannte, führt Fauſt zur Hölle. Den unſterblichen Göttern allein iſt der Augen⸗ 87 blick nicht mehr als ein Augenblick— ein Nichts. Dem Menſchen iſt der Moment ein Bruchtheil des Lebens, das ſich in den Augenblicken tropfenweis verblutet. Das höchſte Leid wie die höchſte Luſt ſind in die Per⸗ len des Augenblicks gebannt, es gibt keinen Menſchen, der ſie alle mit gleichem verſchwenderiſchen Uebermuthe verſtreut; ſelbſt der am ruheloſeſten dahinhaſtet, mit Geiſt und Sinnen nach ewig Neuem lechzend, den Schmerz zu überholen, das Glück zu ſteigern wähnt, ſelbſt er wird früher oder ſpäter an einem Punkt an⸗ langen, wo er aufzuckend im Schreck vor dem Kom⸗ menden zurückbebt und den Augenblick feſthalten möchte, deſſen Werth er vielleicht erſt im Scheiden erkennt und den er vergeblich verweilen heißt. Der Schmerz um die verfloſſene, die Reue um die vergeudete Minute, dies ſind ſchon die Klauen, die Mephiſto mit triumphi⸗ rendem Hohn in unſer Herz ſchlägt, das unſtät wie ein Nomade von Empfindung zu Empfindung, vom Erkennen zum Scheiden, vom Abſchied zum Willkommen flüchtig dahineilt. Ein Tag kommt doch, wo jedes ſich mit ſchmerz⸗ lichem Krampf zuſammenzieht und das heftige Pochen ein Aufſchrei iſt, der Halt gebieten möchtegjedem Körn⸗ lein Sand, das niederrinnt, wo es all ſeine Faſern wie ausgeworfene Nothanker anklammern möchte am 88 Grunde, um feſtzuhalten an der Stelle, oder ſich ſtrom⸗ aufwärts zurückzuwinden. Es iſt ein ſchrecklicher Kampf, der ſich entſpinnt— ein vergeblicher! Die Anker faſſen nicht mehr, die Taue reißen, das Schiff treibt vorwärts und der Augenblick liegt für ewig dahinten. Einen ſolchen Kampf rang Gerhard durch. Eine fürchterliche Nacht lag hinter ihm, während welcher kein Schlaf in ſeine Augen gekommen war, bis zum Morgen, wo der ermüdete Körper auf kurze Stunden ſein Recht forderte und ſich dafür die qualvollen Ge⸗ danken und Bilder in um ſo wildern Fieberträumen fortſpannen, ſodaß ſogar das Erwachen zum vollen Bewußtſein eine Erleichterung war. Alles, was Strei⸗ cher und Lesley in treuer, wohlmeinender Freundſchaft zu ihm geſprochen und was er mit ſolch leidenſchaft⸗ lichem Eifer beſtritten hatte, er mußte es ſich immer und immer wiederholen, um ſein ſchwaches Herz zu unterſtützen, wenn es ſchwankte und bereit war, das ſtrenge Urtheil zurückzunehmen, das ſein Verſtand auf Monſieur de Granier's Mittheilungen hin gefällt hatte. In der Aufregung, die ſich durch die langen Stun⸗ den der ſchlimmen Nacht noch geſteigert hatte, faßte er den Entſchluß, ſeinem Verhältniſſe ein Ende zu machen; 89 er zweifelte keinen Augenblick an der Richtigkeit deſſen, was er über Adrienne von ihrem Schwager erfahren. Der Mann ſah nicht danach aus, als kämen über ſeine Lippen Lügen, die ja obendrein in dieſem Falle keinen abſehbaren Zweck gehabt hätten. Gerhard ſagte ſich zwar, daß man Niemand ungehört verurtheilen dürfe, aber zur Vertheidigung wollte er der Angeſchul⸗ digten ja Zeit laſſen, obwohl er überzeugt war, daß es für ſie keine günſtige Beweisführung geben könne, nur ſollte dieſer Proceß ſchriftlich durchgeführt werden. Für eine perſönliche Begegnung traute er ſich nicht genug Kraft zu. Er fürchtete die Einwirkung ſo vieler Reize auf ſeine Ruhe, auf ſein Urtheil und für den Fall, daß er das letztere mit übermenſchlicher Anſtrengnng ſich klar erhalten hätte, die Steigerung des Schmer⸗ zes beim Abſchiede bis zur Unerträglichkeit. Erſt nach wiederholten Verſuchen glaubte er den rechten Ton gefunden zu haben. Der Brief lautete: „Adrienne! Nur wenn Du eine Ahnung von den Leiden hätteſt, die Du mir bereitet, würdeſt Du auch die Größe der Liebe ermeſſen können, die ich für Dich gefühlt. O, daß ich ſo grauſam aus meinem Traum überirdi⸗ ſcher Glückſeligkeit geriſſen werden ſollte! Warum warſt Du nicht offen gegen mich? Meine Worte wer⸗ 90 den Dir klar ſein, wenn ich Dir ſage, daß ein Zu⸗ fall— nein, es war das Geſchick, das mich geſtern mit Deinem Schwager zuſammenführte, das Geſchick, das mir zu rechter Zeit die Augen öffnete, und doch, — ich weiß nicht einmal, ob ich ihm dafür dankbar bin. Nun, da ich aber ſehe, kann ich die Thatſachen auch nicht abſichtlich mehr ignoriren. Du haſt mir die Unwahrheit geſagt. Nicht ge⸗ zwungen, freiwillig biſt Du im Hauſe Deiner Schwe⸗ ſter geblieben. Die Wahl ſtand Dir frei, Du aber haſt es vorgezogen, von dem Champagnerkelch der Freude, den Du nicht geleert haben willſt, wenigſtens den mouſſirenden Schaum zu ſchlürfen. Du biſt ge⸗ blieben und die heiße Sehnſucht, fortzukommen aus jenem Hauſe, war nur eine Vorſpiegelung, mit der Du mein Mitleid, meine Achtung gewinnen wollteſt. Waren ſolche Kunſtgriffe nöthig? Du haſt mir weh, unendlich weh gethan! Wer auf Erden hatte wohl mehr Recht auf Offenheit als ich Dir gegenüber? Ich glaube, Alles, Alles hätte ich Dir verzeihen können, aber daß Du un⸗ wahr geweſen biſt, das iſt etwas, worüber ich mich nicht hinwegzuſetzen vermag, denn bei jedem Deiner Worte, Deiner Blicke, Deiner Schwüre würde der 91 furchtbarſte Zweifel mir an der Seele zehren und immer wieder die Frage aufwerfen: Was iſt Wahrheit — was Lüge? Ich weiß es, keine Rechtfertigung kann es für Dich geben, ich habe die ganze Nacht für Dich nach einer geſucht. O, ich glaube, vom Himmel ſelbſt würde ich ſie herabholen, wenn ein Engel ſie für Dich über⸗ nehmen wollte. Es wäre mir ja nur mein eigenes Glück zum zweiten Male geſchenkt. Verzichten, verzich⸗ ten! Das Wort ſpricht ſich ſo leicht— die That vollzieht ſich ſo ſchwer! Rede, rede, ich beſchwöre Dich darum, ſage, es ſei Alles nur ein böſer Traum, beweiſe mir das Ge⸗ gentheil von dem, was man Dir aufgebürdet— oder nein nein, bleibe ſtill, ſprich kein Wort und ſchreibe keins, damit nicht eine neue Unwahrheit dieſe wunder⸗ baren Lippen entſtelle und vergifte! Bleibe ſtill und bleibe wahr. Der Himmel leih' uns beiden Kraft!— Lebewohl!“ Faſt hätte er auch dieſen Brief zerriſſen, er ſchämte ſich, ſo weich geworden zu ſein. Hart und unerbittlich, wie der Getäuſchte das Recht hat, hätte er ſchreiben ſollen, dann wieder ſagte er ſich: kalt und kurz, das wäre ſeinem Stolze angemeſſen geweſen, das hätte ſeiner Würde entſprochen, beißender Sarkasmus ihn 92 gerächt. Aber mußte ihm nicht ſelbſt auch der Zuruf gelten: Bleibe wahr! Und der wahre Ausdruck ſeiner Stimmung lag offen und unverfälſcht in den Worten ſeines Schreibens. Eine leiſe Hoffnung, die er ſich ſelbſt nicht eingeſtand, ſprach aus ihnen, es könne doch noch, wie durch ein Wunder, Alles gut werden. Das Lebewohl war vielleicht keins für ewig. Den Brief gab Gerhard beim Portier zur Be⸗ ſorgung ab und dann ging er mit raſchen Schritten die Straße hinan, durch den Ort, über den Pont de Pierre und ſtieg hinter der alten Kirche den Weg, der nach Glion führt, empor. Er eilte ſich, als gälte es in einer Wette den Gipfel als erſter zu erreichen oder einer Schaar von Verfolgern zu entrinnen. Seine Gedanken aber blieben nicht zurück. Bald bog er von der Straße ab und ſtundenlang kletterte er auf den unwegſamſten Waldſteigen durch die Berge, ohne der Hinderniſſe auch nur zu achten. Je mehr er ſich an⸗ ſtrengte, deſto freier ſchien ſeine Bruſt zu athmen, je mühſamer er emporklomm, deſto heller wurde es vor ſeinen Augen. Nicht nur die Nebel ſanken, mit dem goldenen Sonnenlicht umſtrahlte ihn auch innere Klar⸗ heit, und in dem Maße, als ſein Auge wieder Theil nahm an der Außenwelt und Bäume, Felsblöcke, das Moos und den elaſtiſchen Nadelteppich zu Füßen erkannte, wie 9 die fernen, aus dem Nebel gleichwie in eine fremde Welt heraufragenden Berge und ihre ſilbernen Kuppen, in demſelben Maße legte ſich ſeine Aufregung und eine erquickende Ruhe kam über ihn. Er ſchalt ſich einen Feigling, daß er die perſönliche Begegnung geflohen; warum ſcheute er ſich, der Geliebten— ja, er liebte ſie noch, darüber war kein Zweifel— Auge in Auge gegenüber zu ſtehen? War eine Erklärung denn wirk⸗ lich ganz und gar unmöglich, und wenn auch, konnte ein Vergehen, das ja vielleicht nur begangen war, um ſeine Achtung, ſeine Liebe nicht zu verlieren, durch nichts mehr geſühnt werden? Der Schmerz, den er gefühlt, verminderte ſich mit der Heftigkeit der gegen Adrienne geſchleuderten Ankla⸗ gen, jetzt erſt empfand er, wie ſehr ſie alle auf ihn ſelbſt zurückgefallen waren, wie jeder Schlag ſein eige⸗ nes Herz getroffen. Er wollte hinunter, ſehen, ob kein Brief von Adrienne mittlerweile genügende Antwort gebracht. So wie ſo wollte er dann ſelbſt zu ihr. Er kam über den Platz bei der alten Kirche und gedachte jenes Brie⸗ fes, der ihn hierher beſtellt, jener Inzichten, die Streicher als ſo unbezweifelbar hingeſtellt, und wie er damals das Mißtrauen bekämpft und daran recht gethan hatte. Auf bloße Vermuthungen hin hatte er damals Adrienne 94 nicht verurtheilt, wo er ſie ja eigentlich noch nicht kannte und nur wie ein Fremder mit ihr verkehrte, und jetzt war er bereit, ſeine Braut zu verlaſſen, ohne ſie gehört zu haben. Freilich diesmal waren es wohl keine Vermuthungen mehr, aber durfte er ein Mädchen, deſſen Herz ſich ihm geſchenkt hatte, durfte er es ver⸗ dammen einer einzigen Lüge wegen? War verzeihen und erretten nicht größer und herrlicher als verurtheilen und ſtrafen? Vor allem Andern drängte es ihn, den Freund aufzuſuchen und ſich gegen ihn voll und ehrlich auszu— ſprechen. Er war gefaßt auf alle die Einwürfe, die er hören ſollte, er wollte ſie ſiegreich widerlegen, ſich im Bekämpfen ſelbſt kräftigen und entweder Zuſtim⸗ mung erringen oder doch die Gründe ſeiner Handlungs⸗ weiſe darlegen, um nicht mißverſtanden zu werden. Streicher war nicht zu Hauſe. Der Portier ſollte ihm ſagen, daß Gerhard ihn geſucht habe. Raſchen Schrittes wendete ſich dieſer nun der Penſion Ger⸗ main zu. Man übergab ihm ſogleich einen Brief, der für ihn unterdeſſen angekommen war. Eine feine zier⸗ liche Hand blickte ihm von der Adreſſe entgegen; ſein Herz ſchlug heftig; der Brief konnte von Niemand an⸗ ders ſein als von Adrienne und enthielt eine Antwort, vielleicht ſogar eine wirkſame Vertheidigung gegen die n 95 erhobene Beſchuldigung. Er brannte vor Ungeduld, dieſe Zeilen zu leſen. Adrienne hatte nicht geſchwiegen, war ſie ſich alſo ihres Rechts bewußt? Welche Demü⸗ thigung für ihn, wenn er nun ſelbſt des Zweifels und Wankelmuths angeklagt, für ſeinen Frevel an der Geliebten Abbitte leiſten mußte! Und doch jubelte er bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit. Wie gern wollte er ſich jeder Sühne unterziehen, um nur die Beleidigte wieder zu verſöhnen. Er war jetzt, im Umſchwung der Gefühle, nahe daran, ſich ſelber auf das härteſte zu verurtheilen. So ſtieg er die Treppe hinan, um ſobald als möglich, ungeſtört auf ſeinem Zimmer, den Brief er⸗ brechen zu können. Auf der oberſten Stufe aber trat ihm unverſehens ein Mann entgegen, den er augen⸗ blicklich ganz vergeſſen hatte. Es war Monſieur de Gra⸗ nier, einen Reiſeſack in der einen, ſeinen Sohn an der andern Hand. Der Kleine machte ein trübſeliges Geſicht und ſeine Augen verriethen, daß er geweint hatte. „Ah, bon jour, Monsieur Strandau“, grüßte der Advocat, als er Gerhard's anſichtig wurde, und fuhr in derſelben Sprache fort:„Wie haben Sie geſchlafen? Ich hoffe, gut auf unſere geſtrige Unterredung. Wenig⸗ ſtens haben Sie einen ganz vernünftigen Entſchluß ge⸗ faßt. Ich mache Ihnen meine Gratulation dazu.“ 96 „Wie? Sie wiſſen?“ rief Gerhard überraſcht. „Mußte ich ja doch den ganzen Anlauf aushalten. Ihr Brief war kein üblér Vorläufer für mich. Ich traf die Damen in ungeheurer Aufregung und es war gut, daß ich als Blitzableiter kam, ich glaube, ſie wären ſonſt handgemein geworden.“ „Mama war ſehr böſe und hat Adrienne geſtoßen“, ſchalt Maxime ein, als wolle er daraus Gerhard einen Vorwurf machen.„Du hielteſt nicht Wort, ſagte ſie. Mir haſt Du auch die Bonbons noch immer nicht ge⸗ bracht und auch das Schaukelpferd nicht, aber ich ſchenke es Dir. Papa hat mir ein lebendes kleines Pferd verſprochen, ich wäre ſonſt gar nicht mit ihm gegangen.“ „Voilà, das iſt Offenherzigkeit“, lachte der wenig geſchmeichelte Papa ironiſch.„Aber Sie haben nun gehört, wie man über Sie da oben denkt. Eine machte der andern Vorwürfe. Adrienne hätte mich beinahe gedauert, denn Madame ſcheint nicht geſonnen, einen nutzloſen Koſtgänger zu erhalten, nachdem ich die Ali⸗ mentation auf ein Minimum herabgedrückt. Sie wird einen ſchweren Stand haben, da man, wie ich bemerkte, auf Ihr Vermögen gerechnet hatte. Ah, es war ein ſehr amüſanter Anblick, dieſe Anfälle von Zorn und Wuth, dieſes höhniſche Auflachen, dieſer beißende Spott 97 von der einen Seite, während die Kleine halb ver⸗ zweifelt ſchluchzte. Und über mich fiel man von bei⸗ den Seiten her— ich ſollte das Unglück der einen wie der andern verſchulden. Es war überaus komiſch.“ Gerhard's Stirn hatte ſich immer mehr verfinſtert, jetzt vermochte er ſeinen Unmuth nicht mehr zurückzu⸗ halten. „Und Sie können darüber noch lachen?“ rief er laut und mit unverhohlener Verachtung.„Sie müſſen ebenſo wenig Ehrgefühl als Herz haben, um da noch ſpotten zu können.“ In des Advocaten Antlitz ging eine plötzliche und merkwürdige Veränderung vor. Das hämiſche, einen tiefen Groll verrathende Lächeln war blitzſchnell von den ſchmalen Lippen verſchwunden, eine tiefe Röthe verdrängte momentan die Olivenfarbe und die kleinen Augen wurden ſo ſtechend, als ob ſie Gerhard durch⸗ bohren wollten. Der kleine Mann trat heftig einen Schritt auf Gerhard zu, mäßigte ſich aber mit einer gewaltigen Anſtrengung, die man an ſeinen erbleichen⸗ den und zuckenden Lippen erkennen konnte. Er warf den Kopf ſtolz in den Nacken und mit Selbſtbeherr⸗ ſchung und einem Ausdruck, der nichts mehr von der komödienartigen Fratzenhaftigkeit hatte, ja ſogar an Hoheit ſtreifte, erwiderte er: Byr, Nomaden. IV. 98 „Ich habe Ihnen uneigennützig einen Dienſt er⸗ wieſen und Sie beleidigen mich dafür. Das iſt der Lauf der Welt. Ah, ich habe gelernt, Beleidigungen zu ertragen, es geht ſo lange, bis das Maß ſich füllt, bis dahin aber lache ich. Man mag froh ſein, daß ich lache und es lächerlich finde, wenn die Menſchen Andere zur Verantwortung ziehen möchten für ein Schickſal, das ſie ſich ſelbſt bereitet haben. Spotten Sie, ſpotten Sie ſelbſt, Monſieur Strandau! Glauben Sie mir, es iſt das einzige Mittel, um nicht ein Mörder oder ein Wahnſinniger zu werden. Mit dieſem Rath erweiſe ich Ihnen den zweiten Dienſt, aber beleidigen Sie mich nicht nochmals dafür, ich dürfte ſonſt nicht mehr lachen!“ In demſelben Augenblicke öffnete ſich die nächſte Thür im Corridor und Herr von Kuruſoff erſchien, von dem lauten Wortwechſel angelockt, auf der Schwelle ſeines Zimmers. Gleichzeitig wendete ſich der Advocat, durch das Geräuſch der aufgehenden Thür aufmerk⸗ ſam gemacht, um, er ſtieß einen dumpfen Laut der Ueberraſchung aus, ließ Maxime und ſeine Reiſetaſche los und ſtand mit einigen überaus raſchen Schritten vor dem Ruſſen, deſſen Geſicht, wie Gerhard deutlich wahrnehmen konnte, in ſeinen bleichgewordenen Zügen heftigen Schreck verrieth. „Herr Fiſcher! Endlich begegne ich Ihnen!“ rief 99 der Advocat.„Jetzt werden Sie mir auch ſagen, wes⸗ halb Sie ſo raſch und unter ſo eigenthümlichen Um⸗ ſtänden verſchwunden ſind. Der Trauſchein meiner Frau—“ „Mein Herr“, unterbrach Kuruſoff, der ſich mitt⸗ lerweile gefaßt hatte, den Sprecher,„Sie ſind im Irrthum. Ich heiße nicht Fiſcher und habe überhaupt nicht die Ehre Ihrer Bekanntſchaft.“ Es war ein eigenthümlich gebrochenes Franzöſiſch, deſſen ſich der Ruſſe bediente, was auffallen mußte, da er ſich ſonſt in dieſer Sprache ſehr geläufig aus⸗ zudrücken verſtand. „O, o, Sie führen mich nicht irre“, entgegnete Monſieur de Granier, deſſen ſcharfer Blick ſein Gegen⸗ über wie einen Verbrecher muſterte und bis in die Seele zu dringen ſchien.„Weder die Veränderung an Ihrem Barte, noch die Mühe, welche Sie ſich offenbar geben, Ihre Ausſprache zu verderben und Ihre Stimme zu dämpfen, vermag mich zu täuſchen. Sie werden mir Rede ſtehen. Thun Sie es nur laut und mit Ihrer natürlichen Stimme.“ Kuruſoff gab ſich das Anſehen, als fühle er ſich beleidigt. „Ich muß Sie erſuchen, mein Herr“, ſagte er, ſeine tonloſe Stimme ſo ſehr, als er konnte, ſteigernd, daß einzelne Töne wie ein häßliches Gekrähe hörbar wurden,„ſich einen andern Zielpunkt für Ihren Witz zu wählen. Es zeigt von ſchlechter Lebensart, ſich e Leiden luſtig zu machen. Das ganze über organiſch J Haus kann Ihnen ſagen und Herr Strandau wird es mir bezeugen, daß ich leider zu keiner Stunde in der Lage bin, anders zu ſprechen als jetzt, und was meinen Namen betrifft, ſo können Ihnen meine Papiere— „Deshalb ſind Sie doch der Onkel meiner Frau“, fiel der Advocat hitzig ein,„oder wenigſtens derjenige, der ſich dafür ausgab. Ihren Namen können Sie ge⸗ wechſelt, Ihre Stimme eingebüßt und Ihre Papiere gefälſcht haben. Meinem Auge aber machen Sie kein 74 Blendwerk vor.“ „Ich muß annehmen, daß Sie ein Wahnſinniger ſind“, erwiderte Kuruſoff mit einer vornehmen Ent⸗ rüſtung, die Gerhard beinahe wieder an ſeiner Schluß⸗ folgerung, die ihn auf Monſieur de Granier's Seite ſtellte, irre machte. Daß Kuruſoff, nachdem er auf alle Anklagen nur den Vorwurf der gekränkten Citelkeit gehabt, doch wieder ſeine Identität feſtzuſtellen nöthig fand, war verrätheriſch genug geweſen. Daß er aber jetzt durch das raſche Zurücktreten in ſein Zimmer und das Zuwerfen der Thür das Geſpräch kurzweg ab⸗ ſchnitt, konnte ſowohl wirklicher Unwille als auch ein 101 unüberlegter Rückzug ſein, der ihn zwar momentan ſicher ſtellte, aber weitere Begegnungen, wenn der Ad⸗ vocat auf ſeiner Anſicht beharrte, nicht abſchnitt. Monſieur de Granier machte eine Bewegung, als gedenke er dem Verſchwundenen zu folgen, plötzlich aber ſchlug er wieder ſein höhniſches Gelächter auf. „Laſſen wir den Spitzbuben“, ſagte er.„Mir kann es jetzt ganz gleich ſein, wer dieſer Onkel iſt. Madame mag das nach Belieben halten, und für Sie“, wendete er ſich an Gerhard,„dürfte das Feſtſtellen des Verwandtſchaftsgrades wohl ebenfalls kein Intereſſe mehr haben. Im Falle Sie aber doch zu Delila zu⸗ rückkehren, können Sie ſich ſelbſt in aller Muße mit dieſer delicaten Aufgabe befaſſen. Ich hole für Nie⸗ mand die Kaſtanien aus dem Feuer, verbrennen Sie ſich immerhin ſelbſt die Pfote, wenn Sie mir nicht glauben. Adieu!“ Er hob ſeinen Sack auf, ergriff Maxime's Hand und ſchritt die Treppe hinab. Gerhard hörte nur noch, wie der Kleine den Vater fragte, von welcher Farbe das Pferd ſein werde, das ihm beſtimmt ſei, und Mon⸗ ſieur de Granier ſpöttiſch lachend erwiderte:„Braun, wie alle Schulbänke.“ Die doppelte, höchſt ſonderbare Begegnung hatte Gerhard in Erſtaunen und Nachdenken verſetzt. Am 102 meiſten fühlte er ſich geneigt, Monſieur de Granier mit Kuruſoff für wahnſinnig oder doch für überſpannt und abſonderlich zu erklären. Es wollte ihm aber nicht recht gelingen, den von ſeinem eigenen Verſtande dage⸗ gen erhobenen Widerſpruch ganz zu beſeitigen. Der Ge⸗ danke an das, was der Advocat von der Stimmung beider Schweſtern erzählt hatte, brachte ihm auch das Schreiben wieder in Erinnerung, welches er beinahe vergeſſen hatte. Er eilte auf ſein Zimmer, den Brief zu eröffnen. Derſelbe war nicht lang und erſichtlich in großer Aufregung hingeworfen, Schrift und Stili⸗ ſirung waren bezeichnend. Er lautete: „Mein Herr!„Ich kann meinen Augen nicht trauen, und ich verſtehe die Beſchuldigungen ganz und gar nicht, die Sie gegen mich erheben. Es kann nur eine böswillige Verleumdung ſein, die That⸗ ſachen verkehrt und aus kleinen Unterlaſſungen viel⸗ leicht Verbrechen macht. Sie haben derſelben in einer Weiſe Glauben geſchenkt und Partei gegen mich ge⸗ nommen, daß ich die Ueberzeugung erhalten habe, Sie haben mich nie geliebt.“ Hier ſchien die Schrei⸗ berin plötzlich die Faſſung und künſtliche Gelaſſenheit gänzlich verlaſſen zu haben, denn mit haſtigen Buch⸗ ſtaben, die hier und da von einer Thräne verlöſcht waren, fuhr ſie fort:„Nein, nein, Sie haben mich 103 nie geliebt, ſonſt könnte kein ſolches Mißverſtändniß ſtattfinden. Es iſt nichts weiter als ein Mißver⸗ ſtändniß. Ich weiß mich keiner Lüge gegen Sie ſchuldig, aber ich habe es ja geſagt, Sie verachten mich, weil ich ein armes Mädchen bin. Der Schein iſt wider mich und die Täuſchung hat nicht lange vor⸗ gehalten. Wäre ich reich und unabhängig, man würde mich nicht alles Ueblen fähig halten, ſo aber muß ich Alles dulden. Ich ſehe, wie wenig Ihr Vertrauen zu mir feſtſteht. Sie haben ſich übereilt, Sie wol⸗ len ſich zurückziehen, der Vorwand kommt Ihnen ge⸗ legen. O thun Sie, was Ihnen Ihr Verſtand ein⸗ gibt, ich verlange keine Gründe, keinen Vorwand. Ich bin die Blume, die man am Wege findet, ſich bricht und dann achtlos wegwirft; an die koſtbare Camellie wagt kein Finger zu rühren, damit auch kein Blatt herabfalle. Ich bin eben in keinem Treibhauſe aufgewachſen. Ich war nur gut zum Spiel.“ Hier wechſelte abermals der Ton, als habe die Schreiberin der Schreck befallen, ihre Worte könnten am Ende buchſtäblich genommen werden.„O, ich will es nicht glauben, daß Du nur mit mir geſpielt haſt, Gerhard, es wäre zu grauſam. Eine Kleinigkeit kann uns ja nicht trennen. Komme und ich will Dir verzeihen, es wird ſich Alles aufklären. Komme ſogleich, mir 104 fehlt der Athem, bis Du da biſt, jede Minute werde ich zählen! Adrienne.“ Es waren eigenthümlich wechſelnde Gefühle, mit denen Gerhard dieſe ohne Abſatz fortlaufenden Zeilen las, welche dennoch ſo deutlich die drei verſchiedenen Stimmungen erkennen ließen, aus denen ſie gefloſſen. Er fühlte ſich beinahe verletzt von der Ruhe, mit der zuerſt Alles geleugnet wurde, und von dem ſcharfen, pikirten Tone, der im zweiten Theile herrſchte. Wie mußte diejenige denken, die ihm ſo unedle Motive unterſchob und immer wieder auf den Beſitz zurückkam, als ob der dem Charakter eines Menſchen mehr Werth verleihen könnte. War es möglich, die Worte, welche aus ſeinem tiefverwundeten Herzen wie warmes rothes Blut gefloſſen waren, ſo zu mißdeuten? Und wieder das Leugnen, dem dann endlich zum Schluſſe doch noch ein Geſtändniß folgte. Warum nicht offen und auf⸗ richtig? Warum auch da wieder Winkelzüge? Eine Kleinigkeit nannte ſie die Urſache zu ſeinem herben Wehe, innerlich vielleicht eine kleine Nothlüge, und begriff nicht einmal die ganze Schwere ihrer Schuld, den ganzen Umfang der ſich daran knüpfenden Conſe⸗ quenzen. Sie wollte ihm vergeben. Die Verſicherung war ſo naiv, daß ſie Gerhard beinahe ein Lächeln 10⁵ abgerungen hätte, wäre er nicht ſo ernſt und verſtimmt geweſen. Freilich war dieſer Schluß doch wieder das Aufzucken eines wahren, ungekünſtelten Gefühls. Man las die Angſt vor dem drohenden Verluſt, an dem man nicht glauben wollte und deſſen Senſenſchnitt doch plötzlich ſcharf empfunden wurde, man las ſie aus jedem Buchſtaben und Gerhard wußte doch, daß er wirklich und wahrhaftig geliebt ſei. Ein Verſtändniß ging ihm auf für das Erlöſungswort, mit dem der milde Geiſt der Verſöhnung ſelbſt einer Maria Mag⸗ dalena Troſt ſpendete. Auch er fühlte ſich nicht uner⸗ bittlich genug, der Liebe die Vergebung zu verweigern. Und wer raſch gibt, gibt ja doppelt, ſagte er ſich, doch war er noch nicht entſchloſſen, ſofort nach der Villa zu gehen. Er las den Brief abermals. Ehe er damit zu Ende gekommen, pochte es an ſeine Thür und das Stubenmädchen trat ein. Es war von Mrs. Lesley geſchickt und brachte die Bitte, Gerhard möchte ſich auf einen Augenblick zu ihr ver⸗ fügen. Die Damen, fügte ſie hinzu, ſeien in Mr. Lesley's Zimmer und ſehr unruhig. Es fiel Gerhard ſogleich ſchwer aufs Herz, daß etwas geſchehen ſein müſſe, und dies Gefühl verſtärkte ſich noch, als er auf ſeine Frage erfuhr, Mr. Lesley ſei nicht zu Hauſe. Was konnten die Damen von ihm 8 106 wollen? Seit mehreren Tagen hatte er kein Wort mehr mit ihnen gewechſelt und nun ließen ſie ihn ſo eilig zu ſich beſcheiden. Er war raſch im obern Stock— werke; ſobald er geklopft hatte, öffnete ſich die Thür von innen, ein Beweis, wie ungeduldig er erwartet wurde. Mrs. Lesley mit ihrer Schweſter waren allein anweſend, in beider Mienen gab ſich eine große Auf⸗ regung zu erkennen, doch hatte Lizzie mehr ihre Ruhe und Gedankenklarheit bewahrt als Mrs. Lesley, die mit einem naſſen Tuch in der Hand und rothgeweinten Augen unmittelbar an der Thür ſtand und den Ein⸗ tretenden ſogleich mit Fragen überſchüttete. „O, endlich, endlich! Haben Sie ihn nicht geſehen?“ rief ſie.„Wir ſahen Sie vom Cygne herüberkommen und ſind gleich hierher in Davy's Zimmer gegangen, um Sie zu erwarten. Iſt er fort? Sagen Sie mir es kurz. O ich habe ſchon ſo viel gelitten!“ „Madame“, entgegnete Gerhard in engliſcher Sprache, wie er gefragt worden war,„Sie ſehen mich ſelbſt überraſcht. Ich habe Mr. Lesley ſeit geſtern Abend nicht mehr geſehen. Darf ich Sie bitten, mir zu ſagen, welcher Art Ihre eigenen Vermuthungen ſind und wodurch ſie hervorgerufen wurden?“ „O, Mama ſagt, Davy ſei fort mit jener Frau. Sie kennen dieſelbe ja auch. Sagen Sie mir, iſt es möglich?“ 107 Gerhard ſchüttelte mit unwillkürlich herbem Lächeln den Kopf. „Ich habe Ihnen ſchon einmal meine Meinung darüber geſagt. Zudem kann ich Sie in dieſer Hin⸗ ſicht vollkommen beruhigen. Madame de Granier iſt in der Villa und hatte bis ganz vor kurzem, wie ich ſicher weiß, ihren Gatten zu Beſuch— er reiſt ſo eben erſt ab.“ Mrs. Lesley ſank auf das Sopha und brach in einen Strom von Thränen aus. „Ich habe nie gezweifelt und Du ja auch nicht“, ſprach Lizzie ihrer Schweſter mit einer Herzlichkeit und Theilnahme zu, die das ſonſt ſo muntere, übermüthige oder ſtolz zurückhaltende Mädchen Gerhard in neuem Licht erſcheinen ließ. Es war aber jetzt nicht Zeit, ſich über gemachte Beobachtungen in Reflexionen zu ergehen.5 „Ihr Gemahl war niemals in der Villa, deſſen kann ich Sie verſichern; ſeine Gänge nach jener Rich⸗ tung galten immer dem Friedhof von Clarens.“ „Sie ſagten es mir“, erinnerte ſich die junge Frau.„Kapitän von Reuſche iſt dorthin gegangen. Lizzie hat ihn gebeten. Aber was, was ſoll er dort machen?“ „Mr. Lesley war in letzter Zeit ſehr düſter ge⸗ — ——— ſtimmt“, glaubte Gerhard vorbereitend andeuten zu müſſen, da ihn einen Moment lang die Furcht über⸗ kam, das Schreckliche möchte geſchehen ſein.„Ich fürchte, ſeine Melancholie iſt in eine Art fixe Idee ausgeartet.“ Mary ſtieß einen Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung aus. „Er iſt todt, er iſt todt!“ jammerte ſie, und Lizzie hatte große Mühe, ſie nur einigermaßen zu beruhigen. „Daran glaube ich nicht“, ſagte Gerhard, der über die Wirkung ſeiner Worte nun ſelbſt erſchrak. Wie hatte er denken können, daß ſeine vorbereitende Einleitung als die Beſtätigung ſchon gehegter Befürch⸗ tungen aufgenommen würde, von deren Vorhandenſein bei Mrs. Lesley er gar keine Ahnung hatte. Jetzt ſprach er keinen banalen Troſt, ſondern ſeine volle Ueberzeugung aus.„Mr. Lesley war geſtern Abend noch ungewöhnlich munter, nicht wie am Vorabend eines Selbſtmordes. Er war eigens nach Tiſche zurück⸗ geblieben, um ſich mit meinen Angelegenheiten zu be⸗ ſchäftigen.“ „Mama meinte“, fiel die junge Frau, die auf⸗ merkſam geworden war und ihre Thränen zu ſtillen ſuchte, ein,„er hätte ſich mit Ihnen beſprochen— be⸗ ſprochen, um gemeinſam—“ Sie ſtockte, offenbar in Verlegenheit, wie ſie den Schluß ausſprechen ſolle. 109 „Wie irrig!“ rief Gerhard unwillig aus.„Ihre Mutter, eine ſo achtenswerthe Dame ſie ſein mag, beurtheilt doch Alles ganz falſch. Sie haben ſehr un⸗ recht gethan, Madame, ſich in Allem und Jedem ihrem Rathe unterzuordnen. So viel kann ich Ihnen ſagen, daß gerade Mrs. Wallace's Einfluß einen großen An⸗ theil an den Entſchlüſſen Mr. Lesley's trägt.“ „Alſo doch Entſchlüſſe! Was für Entſchlüſſe? Was iſt es, was man Mama zuwälzen will, die es mit ihm wie mit uns allen ſo gut gemeint?“ „Davon ſpäter ein ernſtes Wort, Madame“, er⸗ widerte Gerhard;„jetzt bitte ich vor allem mir zu ſagen, was eigentlich geſchehen iſt, was Sie auf ſolche furcht⸗ bare Vermuthungen führt. Das iſt die Hauptſache.“ „Davy iſt geſtern Abend nicht zum Thee gekom⸗ men“, erzählte die junge Frau haſtig.„Ich ging ihn zu holen, aber er entſchuldigte ſich, er fühle ſich nicht ganz wohl. Es war dies öfter vorgekommen in der letzten Zeit, aber auch heute kam er nicht zum Früh⸗ ſtück und er iſt bis jetzt nicht zurückgekehrt.“ „Wann ging er fort?“ „Ich weiß es nicht.“ „Sie wiſſen doch, ob er die Nacht noch hier ver— brachte?“ „Nein“, ſagte die junge Frau, den Blick nieder⸗ ſchlagend und mit tiefer Glut auf Stirn und Wangen. Zaudernd und leiſe ſetzte ſie hinzu:„Ich ſchlafe bei Lizzie.“ Gerhard hatte von dieſer freiwilligen Trennung der Gatten nichts gewußt, jetzt ſah er erſt, wie tief der Riß ſchon zwiſchen beiden ging. „Aber“, meinte er,„wenn Ihr Gatte früh fort⸗ ging, ſo iſt das ja von keiner Bedeutung. Noch iſt es nicht Mittag. Ein Spaziergang kann leicht ein paar Stunden dauern. Zudem wiederhole ich, es fiel mir nichts Ungewöhnliches an ihm auf.“ „O doch“, unterbrach ihn Mrs. Lesley, und der Purpur, der ihre reizenden Züge bedeckte, ſchien ſich noch dunkler, noch glühender zu färben.„Davy war nicht wie immer. Ich war geſtern Abend an der Thür ſtehen geblieben, als ich ihn rief, er ſtand auf und ſchloß ſie hinter mir, während er mir ſagte, daß ihn ſein Kopf ſchmerze, dann legte er plötzlich den Arm um mich, ſodaß ich erſchrak, und gab mir einen Kuß auf die Stirn.„Denke nicht ſchlecht von mir!“ ſagte er, und es klang ſo traurig— ſo traurig. Ich aber weiß nicht, was mir war, ich habe mich losge⸗ riſſen und lief fort. O, es war ſo traurig!“ Die junge Frau, die mit der lieblichen Zurück⸗ haltung und der Scheu eines Mädchens geſprochen 111 hatte, brach neuerdings in Thränen aus und Gerhard mußte ihre Schweſter bitten, ihm noch Alles mitzutheilen, was Licht geben könne, vielleicht daß er dann im Stande ſei, eine genügende Aufklärung zu finden. Lizzie hielt die Augen ängſtlich und erwartungs⸗ voll auf ihn gerichtet, ſie ſchien von ihm Alles zu er⸗ warten. Die Zurückhaltung der letzten Zeit hatte ſie abgelegt und ihr eigenes Geſchick über dem der gelieb⸗ ten Schweſter vergeſſen. Sie ſprach kurz und klar, das Wichtigſte hervorhebend. „Da heute Davy auch nicht zum Frühſtück kam, wollte ich ihm eine Taſſe Thee aufs Zimmer bringen. Ich dachte, er ſei noch unwohl. Aber die Thür war zu, das Stubenmädchen kam herbei und ſagte, er ſei wohl ſchon früh ausgegangen, der Schlüſſel hänge beim Portier, dieſer aber habe geſchlafen und mein Schwa⸗ ger ihn nicht geweckt, als er das Haus verließ. Das Mädchen hatte im Zimmer ſchon aufgeräumt und bei dieſer Gelegenheit einen Brief an Molly gefunden, den ſie mir nun übergab. Es war das Alles ſehr befrem⸗ dend. Wir erbrachen ſogleich das Couvert, nur ein Schlüſſel lag darin, keine Zeile war dabei geſchrieben. Molly erkannte den Schlüſſel ſofort als zu der Kom⸗ mode gehörig, wo auch ſie noch einen Theil ihrer Klei⸗ dungsſtücke aufbewahrt hatte. Es war uns allen 112 unheimlich, aber wir redeten uns ſelbſt ein, es handle ſich um eine Grille Davy's, um einen längern Spa⸗ ziergang, während deſſen er die Kommode nicht offen laſſen und doch auch für Molly nicht verſperren wollte. Nur Mama ſprach ſo abſcheulich. Endlich gingen wir doch beide hierher, ein Kleid zu ſuchen, aber eigentlich aus Neugierde und Unruhe. Es war nichts Unge⸗ wöhnliches zu finden. Zufällig kam mir im Herum⸗ kramen Davy's Kofferſchlüſſel in die Hand, der bei ſei⸗ nen Röcken lag. Nun habe ich eine Indiscretion began⸗ gen— ich weiß nicht, was mich dazu antrieb. Ich ſchloß den Koffer auf und da, zu unterſt, fand ich dies Paquet.“ Sie hob ein Tuch vom Tiſche und darunter ſah Gerhard einige Papiere in ein Couvert geſchlagen, auf welchem mit großen Lettern geſchrieben ſtand:„Nach meinem Tode erſt zu öffnen.“ Lizzie hob das Paquet auf und wendete es um, ſodaß Gerhard ſehen konnte, wie das Siegel erbrochen war; dabei deutete ſie mit einer Geberde des Schuldbekennt⸗ niſſes, die in jeder andern Situation komiſch gewirkt hätte, auf ſich ſelbſt. „Ein aufklärender Brief?“ fragte Gerhard. „Die Abſchrift eines Teſtaments, durch welches er Molly Alles vermacht, einige darauf bezügliche Ver⸗ „ fügungen, ſonſt nichts.“ 113 „O, ich will nichts, ich will nichts!“ klagte die unglückliche junge Frau.„Davy ſoll leben und zurück⸗ kehren!“ Gerhard ſtand mit verſchränkten Armen, ſein Auge war feſt auf das verhängnißvolle Papier gerichtet, als ob er ſich die Schrift zu leſen bemühe, in Wirklichkeit aber faßte er nur alle Umſtände knapp zuſammen. Das Reſultat war nicht ſchwer zu finden. „Ich glaube ein Mittel zu kennen für Beides“, ſagte er dann und hob dabei lebhaft den Kopf;„es liegt in Ihrer Hand, Madame.“ „Nennen Sie es, nennen Sie es“, beſchwor ſie ihn; auch Lizzie trat mit flehend gefalteten Händen einen Schritt näher. „Holen Sie ihn ſelbſt zurück vom Rande des Grabes.“ „Sie glauben, er lebt noch— er lebt?“ „Ich bin überzeugt davon, aber es iſt die höchſte Zeit, daß wir uns auf den Weg machen, um zurecht zu kommen“, erwiderte Gerhard, und indem er auf ſeine Uhr ſah, ſetzte er drängend hinzu:„Nehmen Sie raſch das Nöthige, noch haben wir einige Minuten, ehe der Zug abgeht. Während Sie ſich raſch vorbe⸗ reiten, will ich mich nur noch vergewiſſern.“ Er war ſchon an der Thür, als ihn noch Mrs. Byr, Nomaden. IV. 8 114 Lesley's Frage zurückhielt, wohin ſie denn eigentlich wollten. „Nach Genf, wohin Ihr Gatte zweifelsohne mit dem erſten Zuge reiſte.“ „Nach Genf?“ „Fragen Sie nicht“, fiel ihr Gerhard ins Wort, „ſonſt iſt der günſtige Moment verloren. Alle Erklä⸗ rungen will ich Ihnen während der Fahrt geben. Eilen Sie, ich werde Sie unten erwarten. Zögern Sie nicht, in Ihrer Hand liegt Leben oder Tod.“ Der tiefe Ernſt, mit dem er geſprochen, ließ keinen Zweifel an der furchtbaren Gewißheit aufkommen. Die beiden Schweſtern nahmen ſich kaum Zeit, ihre Aeltern von ihrem Vorhaben zu unterrichten. Mrs. Wallace war außer ſich, ſie wollte, trotz ihres ernſt⸗ lichen Unwohlſeins, ſelbſt mit, aber abgeſehen von dem Zeitverluſt, verlangte die junge Frau nicht die Beglei⸗ tung ihrer Mutter; es war das erſte Mal, daß ſie ſich ihr offen widerſetzte. Auch Papas Begleitung wurde ausgeſchlagen, er ſollte bei der Mutter bleiben. „Es iſt unerhört!“ jammerte dieſe.„Eine Frau, die ihrem Manne nachläuft! Shocking!“ Aber die junge, in allen Tropfen ihres Blutes fieberhaft aufgeregte Frau kehrte ſich nicht an dieſe Ausrufe und nahm ſich kaum Zeit, Hut und Pelz 115 überzuwerfen. Lizzie mußte für Alles Sorge tragen. Auf dem untern Corridor begegnete ihnen ſchon Ger⸗ hard, der ſo eben dem Portier eine Karte mit der Wei⸗ ſung übergab, ſie auf die Villa zu ſchicken. Als er tief ergriffen von Theilnahme und dem lebhafteſten Wunſche, hülfreich einzugreifen, die Schwe⸗ ſtern verlaſſen hatte, war er in den Salon hinabgeeilt und hatte nach dem dort aufliegenden Genfer Blatte vom vorhergegangenen Tage geſucht. Seine Voraus⸗ ſetzung traf ein. In einer Notiz war die Ankunft der arabiſchen Akrobatengeſellſchaft angezeigt und für den nächſten Tag, alſo für den heutigen, die erſte Vor⸗ ſtellung der Beni Rebia auf dem großen Theater pomp⸗ haft genug angekündigt. Mr. Lesley war ganz in der Stille dahin abgereiſt, das zurückgelaſſene Teſtament, die Uebergabe des Schlüſſels an ſeine Frau bewieſen ſeine Abſicht, nicht mehr zurückzukehren. Er hatte wohl darauf gerechnet, daß man den Zuſammenhang erſt ſpäter errathen würde, wenn er ſchon die feſt bei ſich beſchloſſene That vollzogen hatte. Vielleicht auch beab⸗ ſichtigte er, Gerhard von ſeinem Vorhaben zu unter⸗ richten, als ſeine Unterredung am vorhergehenden Abend durch die Ankunft Monſieur de Granier's ſo plötzlich geſtört wurde. Gerhard geſtand ſich, daß er ſelbſt durch ſein raſches Verſchwinden einen Erguß 8* 116 des Vertrauens abgeſchnitten habe. Er machte ſich Vorwürfe, daß er ſich ganz von ſeinen eigenen Ange⸗ legenheiten hatte abſorbiren laſſen und kein Auge, kein Intereſſe für die Aufregung des Mannes mehr beſaß, der ſich mit ſo ſeltener Freundſchaft an ihn angeſchloſ⸗ ſen. Wodurch hatte er ſich des ihm gewordenen Ver⸗ trauens würdig gezeigt, womit der Kataſtrophe vor⸗ zubeugen und eine Verſtändigung zwiſchen den beiden Gatten anzubahnen geſucht? Es war eine ſehr geringe Beruhigung, daß er ſich auf das Verſprechen berufen konnte, das ſeine Zunge band. Auch dies Wort war jetzt gelöſt, Gerhard mußte ſich durch Mr. Lesley's Handlungsweiſe des Schweigens entbunden halten: Derſelbe hatte nur zugeſagt, nichts zu unternehmen, bis er den Gauklertribus geſehen. Aber wer konnte wiſſen, ob anch nur ein Zwiſchenraum zwiſchen der gewonnenen Ueberzeugung und der Ausführung des düſtern Vorhabens blieb, groß genug, um ein rettendes Wort in denſelben einzuſchieben.? Kein Augenblick durfte verloren werden. Es er⸗ ſchien Gerhard als eine heilige Pflicht, mit Beiſeite⸗ ſetzung ſeiner eigenen Intereſſen raſch und thatkräftig zu handeln. Wohl kam ihm Adriennens Brief wieder in Erinnerung, wohl wußte er, daß ſie ſein Kommen ſehnſüchtig als ein Friedenszeichen erwartete und ſein 417 Ausbleiben mißdeuten werde, aber da war keine Wahl, ein paar Thränen mehr oder weniger, ein paar Stun⸗ den der Qual und bangen Erwartung konnten nicht in die Wagſchale fallen, wo der furchtbarſte Lebensernſt mit tragiſchem Ausgange drohte. Das Schickſal hatte ihm eine ungeheure Verantwortung aufgebürdet. Ein Menſchenleben war vielleicht in ſeine Hand gegeben und das Glück zweier Herzen. Für Adrienne erübrigte er kaum noch den Augen⸗ blick, um auf eine Karte das Verſprechen zu ſchreiben, daß er morgen kommen wolle. Zu einem Brief war keine Zeit mehr. Faſt laufend erreichten die Drei den Bahnhof, ſchon brauſte der Zug heran. Ohne ſich mit dem An⸗ kauf von Billets aufzuhalten, drängte Gerhard Mrs. Lesley zu einer der geöffneten Thüren, da ſtieg knapp vor ihnen Monſieur de Granier mit ſeinem Knaben ein. Gerhard riß die ſich ſeinem Schutze Anvertrauende faſt mit Gewalt hinweg und half ihr in ein anderes Coupé, nicht um eine Welt wollte er mit dem Manne zuſammenfahren, der einen ſo unheimlichen Einfluß auf ihn gewonnen hatte. Er war der jungen Frau gefolgt, ſchon ſchlugen die Conducteure die Thüren zu, da ſtieg auch noch Lizzie ein und legte ihre kleine Taſche ruhig in das Netz. ———— —— 118 „Wie, Miß Lizzie?“ rief Gerhard erſtaunt.„Der Zug ſetzt ſich in Bewegung.“ Die Angerufene nickte gelaſſen mit dem Kopfe. „Ich fahre auch mit“, ſagte ſie„und habe an das Geld gedacht.“ 1 Jetzt erſt erinnerte ſich Gerhard, daß er nur, was er im Portemonnaie bei ſich trug, mitgenommen hatte, aber ſeine Gedanken wurden ſogleich wieder abgelenkt. Eine bekannte Stimme, ein widerliches Lachen ſchlug an ſein Ohr, er blickte auf den Perron hinaus und erkannte Frau von Rüderich am Arme ihres Gemahls, die ihrer neugierigen Gewohnheit gemäß zu dem Zuge —— auf den Bahnhof gekommen war, um Ankommende und Abreiſende und durch die Scheiben ſelbſt die Durchpaſſirenden zu muſtern, Stoff für ihren kleinen Klatſch und Figuren für ihren Roman zu ſammeln. I Ilü Der Zug fuhr ſchon, aber Gerhard vernahm noch, wie ſie mit abſichtlich erhobener Stimme und unter boshaftem Kichern die Bemerkung machte: „Es ſcheint, man ſetzt wieder eine Entführung in Scene. Sie kommen förmlich in die Mode.“ „In die Mode“, wiederholte ihr allezeit getreues Echo. Gerhard ſchloß das Fenſter, die Damen hatten zum Glücke nichts gehört. Fünftes Kapitel. Unter Gauklern. So glänzend ſich Genf gegen den See zu moder⸗ niſirt hat, das Innere der Stadt trägt noch immer die ſtrenge, faſt düſtere Phyſiognomie des alten prote⸗ ſtantiſchen Rom, aus dem Calvin's ascetiſche An⸗ ſchauung und energiſche Kraft ſelbſt den Anſchein von Lebensfreudigkeit verbannte. Die hellen ſtolzen Paläſte des Quai du Montblanc und des Grand Quai, vor denen üppige Gärten des Sees Ufer begrenzen, bilden einen überraſchenden Con⸗ traſt zu dem grauen, unheimlichen Gemäuer, das auf und nieder kletternd oft ſo nahe zuſammenrückt, als ob es den Sonnenſtrahlen jeden Eingang verwehren wolle. Schwarze, phantaſtiſch gebrochene Schornſteine ragen darüber hinaus, wie vor Angſt und Schrecken zum 120 Himmel emporgeſtreckte Arme; man kann ſie heute noch angeloht denken von dem Feuerſchein eines Scheiter⸗ haufens, der ſich in den eilenden Wellen der Rhone ſpiegelt. Derſelbe See, an deſſen reizenden Ufern der Genius des Einſiedlers von Ferney, des Titanen zu Clarens und der geiſtreichen Korinna von Coppet ſeine ſchönſten Werke ſchuf, derſelbe See hat auch das ſchmerzhafte Ende Servet's geſehen, des kühnen Mär⸗ tyrers der Vernunft. Keine Stadt konnte ſich beſſer für ein Monument Rouſſeau's, des düſtern, menſchen⸗ feindlichen Philoſophen, eignen als Genf, ſeine Hei⸗ mat, in deſſen finſtern, ſteilen Gaſſen ſein ſtrenger Geiſt ſich wohl hätte fühlen können, die aber nur Zeu⸗ gen warxen, wie bei ſeinen Lebzeiten Henkershand ſeine größten Werke dem Feuer übergab. So ändern ſich die Zeiten; ein Jahrhundert ſpäter erinnert ein großartiges Erzbild an den ſchlichten Genfer Bürger. Seine eigenen Kinder trug er einſt lieblos zur Cröche, und wie im ironiſchen Scherz der Weltgeſchichte kom⸗ men heute die Schaaren der Kleinen tagtäglich nach der Inſel, die ſeinen Namen führt, und treiben harm⸗ los jubelnd zu Füßen ſeiner Statue ihre kindlichen Spiele. Der Fremdenverkehr beſchränkt ſich zumeiſt auf die neuen Quartiere und Anlagen; es hat ſich ein eigener 421 Stadttheil von Hotels und Penſionen gebildet, das prächtige, elegante Duar der modernen Nomaden, die hier ab und zu ſtrömen, tage⸗, wochen⸗, höchſtens mo⸗ natelang verweilen und Luft, Licht und Ausblick wie ihr rechtmäßiges Eigenthum den feſtangeſeſſenen, ſtreng⸗ bürgerlichen Genfer Familien vorwegnehmen, die in das Innere der Stadt zuſammengedrängt ſind. Nur hin und wieder hat ſich auch hier ein obſcures, wenig be⸗ ſuchtes, altes Gaſthaus erhalten oder eine neue Penſion, aber gewiß nur für arme Studenten und Handlungs⸗ diener, aufgethan. Nach ſolch einem alten, von keinem Reiſehandbuche genannten Gaſthofe in einer jener winkligen Gaſſen, die von den Rues Baſſes zu der Kirche St.⸗Germain und der Promenade de la Treille emporführen, hatte man Mr. Lesley gewieſen, als er ſich bei ſeiner An⸗ kunft nach dem Abſteigequartier der arabiſchen Gaukler⸗ geſellſchaft erkundigt hatte. Mr. Lesley war, wie Gerhard ganz richtig ge⸗ folgert hatte, nach Genf gegangen, um ſich dort per⸗ ſönlich zu überzeugen, inwieweit der Name jenes Stammes, dem er gewiſſermaßen ſelbſt eine Zeit lang angehört hatte, mißbraucht werde, oder ob ihm eine merkwürdige Verkettung der Schickſale doch wirklich Nachrichten aus dem fernen Oriente bringe. 122 Sein Entſchluß war gefaßt, und da er Gerhard keine Nachricht hinterlaſſen, auch ſonſt ſein Verſchwin⸗ den in ziemlich unauffälliger Weiſe ins Werk geſetzt hatte, ſo fürchtete er nicht, durch irgend eine Störung in der Durchführung deſſelben gehindert zu werden. Anfangs von großer Haſt getrieben, die ſich wäh⸗ rend der Fahrt von Minute zu Minute bis zur Uner⸗ träglichkeit geſteigert hatte, ſtand er nun zögernd vor dem bezeichneten Hauſe und war nahe daran, nicht einzutreten und, ohne ſich dieſen Leuten zu nähern, erſt abends bei der Vorſtellung die Phyſiognomien derſelben zu prüfen. Wie er jetzt, knapp vor dem Zuſammen⸗ treffen, wieder feſt überzeugt war, hatte er nur eine Enttäuſchung zu erwarten. Es war undenkbar, daß ein Theil des Stammes der Beni Rebia Europa als Akrobatengeſellſchaft durchzog. Blos der Gedanke, wozu er dann auch nur einen Moment noch zauderte, mit Allem endgültig abzuſchließen, warum er dann noch bis zum Abende die leiſe Ungewißheit tragen ſollte, bewog ihn einzutreten. Die Araber, hieß es auf ſeine Frage, ſeien eben im Theater zu einer Probe, wenn er aber zufrieden damit ſei, einen einzigen zu ſehen, ſo könne ſeine Neu⸗ gierde befriedigt werden. Einer mit einem böſen Arm ſei zu Hauſe geblieben und oben in dem Zimmer, in 123 welchem alle gemeinſame Unterkunft gefunden hatten. Die Frauen ſeien auch da. Die Wirthsleute zuckten die Achſeln, ſie ſchienen Mr. Lesley für einen jener zahlreichen Engländer an⸗ zuſehen, an deren ungereimte Einfälle ſich die Schwei⸗ zer mehr als andere Nationen gewöhnt haben, weil ſie es vortheilhaft finden, ſich dieſelben gut bezahlen zu laſſen. Ein ſolches Intereſſe für die ſchmuzige Ge— ſellſchaft, die man ja mit aller Bequemlichkeit abends im Theater zu ſehen bekam, konnte offenbar nur einer von den verrückten Beefſteaks empfinden, der ſich etwas drauf zu gute that, in Allem originell zu ſein. Der Anweiſung folgend, ſtieg Mr. Lesley eine morſche, finſtere Treppe ins obere Stockwerk hinan. Auf einem unreinlichen Vorplatz angekommen, ſcholl ihm, ehe er ſich noch für eine der Thüren entſchieden hatte, ſchon Weinen und Schelten entgegen, die Thür ihm gegenüber that ſich plötzlich auf, ein kleines, kaum vier⸗ jähriges Mädchen ſtürzte in Thränen heraus, um ſich durch die Flucht der ſtrafenden Hand eines Weibes von etwa dreißig Jahren zu entziehen, das in ſeinen hagern, gelblichen Zügen die Spuren tiefer Verkommen⸗ heit trug. Der Anzug des Weibes zeigte eine ſonder⸗ bare Vereinigung von Prunk und Nachläſſigkeit, Ko⸗ ketterie und Schmuz. — ——— 124 Während die Frau das Mädchen noch mit einer Flut fremdklingender Schimpfworte überſchüttete und drohend die geballten Fäuſte erhob, warf Mr. Lesley einen Blick durch die offen gebliebene Thür. Er ſah ein großes Gemach, das früher vielleicht als Tanzſaal gedient haben mochte. Durch geſpannte Stricke, an denen buntgeflickte Tücher herabhingen, und einige andere Vorrichtungen, die Aehnlichkeit mit ſpaniſchen Wänden hatten, war das Gemach vielfach in kleinere Zellen ge⸗ theilt. Strohſäcke lagen auf der Erde, hin und wieder ſtand ein Stuhl, in der Mitte ein Tiſch, an dem ſo eben ein junges Mädchen in ziemlich unbefangener Kleidung mit dem Plätten von Garderobeſtücken beſchäftigt war. Ein anderes, doch konnte es ebenſo gut eine junge Frau ſein, ſtand am Fenſter vor einem kleinen Spiegel und ordnete ihre Friſur mit Hülfe einiger defect ausſehenden Kämme und Bürſten, eines Pommadentiegels, den eine erfinderiſche Hand aus einer leeren Sardinenbüchſe hergeſtellt hatte, und eines Glaſes mit Waſſer. Kinder balgten ſich auf dem Boden; die leiſe Bewegung der ſpaniſchen Wand, das plötzlich über einer andern auf⸗ tauchende Kleidungsſtück von unenträthſelbarer Form verriethen, daß auch der Hintergrund noch belebt war. Ein unbeſchreiblich widerlicher Dunſt ſchlug Mr. Lesley dabei aus der geöffneten Thür entgegen. Er 125 machte unwillkürlich einen Schritt zurück und wäre die Treppe vielleicht unverrichteter Sache wieder hinabge⸗ ſtiegen, da hatte ihn jedoch ſchon die ſcheltende Frau erblickt, mäßigte plötzlich ihre Stimme und machte dem zweifelhaft Daſtehenden einen zierlichen Knix, indem ſie mit wenig anmuthsvollem Lächeln und in gebroche— nem Franzöſiſch, aus welchem Lesley die Italienerin herauszuhören glaubte, die Bemerkung fallen ließ, daß die Kinder alle ſo unfolgſam ſeien, wenn man ſie nicht ſtreng halte. Faſt gleichzeitig trat ein ſchmächtiger junger Mann aus einer Seitenthür. Er trug einen langen, kaftan⸗ ähnlichen Rock und ſein linker Arm hing in der Binde. In der Rechten hielt er eine kurze türkiſche Pfeife, aus der er ſo eben einen Zug gethan haben mußte, denn eine dichte Rauchwolke entſtrömte ſeinem Munde, als er dieſen zum Sprechen öffnete. „Becca, Becca!“ drohte er der Frau.„Lo dirè a Giuseppe.“ „Sieh doch, Tölpel“, erwiderte ſie ihm in dem⸗ ſelben Jargon wie zuvor,„ein Herr!“ Jetzt erſt bemerkte der Zuletztgekommene Lesley und wollte ſich raſch zurückziehen, doch dieſer hielt ihn zurück. Der Mann mit dem Arm in der Binde war offenbar derjenige, von welchem man ihm unten ge⸗ 126 ſprochen, aber auf den erſten Blick hatte Lesley geſehen, daß er hier keinen Araber, am wenigſten einen von dem Stamme Scheikh Suhad's vor ſich habe. Ein bit⸗ teres Lächeln kräuſelte ſeine Lippen— er hatte es ja vorausgeſehen und ein an ſich thörichter Glaube hatte ihn geäfft. „Sie ſind alſo vom Stamme der Beni Rebia?“ wendete er ſich mit verächtlichem Spott an den jungen Mann und bediente ſich, da er italieniſch nicht ſprach, des Franzöſiſchen, das ja auch die Frau rade⸗ brechte. Dem Gefragten ſchien es aber nicht beſonders ge⸗ läufig zu ſein. Er begnügte ſich, einigemal groß⸗ ſprecheriſch und mit theatraliſcher Haltung zu wieder⸗ holen: „Oui, beni Rebia, beni Rebia— je suis Achmet.“ Mr. Lesley zuckte ungeduldig die Achſeln. Er be⸗ diente ſich jetzt abſichtlich des Arabiſchen. „Wer iſt Dein Vater? Ich kenne alle Beni Rebia, ich habe Dich nie geſehen.“ Die tiefen Gutturaltöne machten einen eigenthüm⸗ lichen Eindruck auf den jungen Mann, er wiederholte nur immer:„Beni Rebia“ und: Achmet“, wobei er auf ſich zeigte und dabei mit der Rechten, in welcher er den Tſchibuk hielt, jene ſtereotype Handbewegung machte, mit 427 welcher Künſtler aus dem Circus dem Publikum ge— wiſſermaßen graziös ein„Hier bin ich, das leiſte ich“ andeuten. Die Antwort blieb auch dieſelbe, als Lesley ſeine Frage türkiſch wiederholte, die Worte gingen offenbar unverſtanden an Achmet's Ohr vorüber, obwohl ſeine ſteigende Verlegenheit deutlich bewies, daß er wenigſtens eine Ahnung davon hatte, in welcher Sprache er angeredet worden war. Nun aber nahm Mr. Lesley ſeine Zuflucht zu einem Idiome, das den jungen Menſchen förmlich elek⸗ triſirte und ihn plötzlich aus der ſelbſtgefälligen zierlichen dritten Poſition in eine gar demüthige Stellung zu⸗ ſammenknicken ließ. Es war die von den Miſchvölkern des Orients, von all den Abenteurern, Händlern und Schiffleuten allgemein kgeſprochene ſogenannte lingua franca, in welcher er zornig rief: „Lüge nicht, Elender! Du haſt die Wüſte in Deinem Leben nicht geſehen. Für ehrliche Auskunft hätteſt Du ein Goldſtück erhalten, ſo mußt Du froh ſein, daß Du die Schläge nicht bekommſt, die Du ver⸗ dient haſt!“ Ein kräftiger Fluch beſchloß den Ausruf, und hatte noch etwas gefehlt, ſo gab dieſer dem An— gedonnerten die volle Ueberzeugung, daß er es mit einem Eingeweihten zu thun habe. Sogar der wenig ſchmeichelhafte Titel, der ihm ſchließlich noch ertheilt worden war, trug dazu bei, ihn zu einer gewiſſen ver⸗ trauensvollen Ergebenheit anzuſpornen. Er erbot ſich, natürlich im Hinblick auf das ver⸗ heißene Goldſtück, alle mögliche Auskunft treu und auf⸗ richtig zu ertheilen, geſtand auf der Stelle ein, ſich eine falſche Abſtammung angemaßt zu haben, und nöthigte Mr. Lesley, da ſich die neugierige Becca ſo wenig als ihr hoffnungsvolles Töchterchen, das, den ſchmuzigen Finger im Munde, herangeſchlichen kam, vertreiben ließ⸗ in das Zimmer, aus welchem er ſelber zuvor getreten. Es war kleiner als der Ballſaal, ſonſt aber von ähn⸗ lichem Ausſehen. Nur die ſpaniſchen Wände fehlten; drüben war augenſcheinlich der Familienraum, während die hier auf der Erde liegenden Strohſäcke, die herum⸗ hängenden ſchmuzigen Kleider den Garcons der Ge⸗ 3 ſellſchaft anzugehören ſchienen. Mr. Lesley ſchlug den ihm angebotenen Sitz aus, er ſtützte ſeinen Arm auf die Querſtange eines zur Uebung von der Decke herabhängenden ſogenannten ſchwebenden Trapezes und legte ſeine Fragen kurz und bündig vor. „Wie kommt Ihr dazu, als Araber aufzutreten?“ „Es ſind wirklich viele Araber unter uns, Herr“, lautete die Antwort. „Ja, Fellahs, Gaukler und Schlangenfreſſer von 129 Kairo vielleicht, aber keine Söhne der Wüſte, am aller⸗ wenigſten Wahabiten. Auf welche Art kamt Ihr zu dem Namen der Beni Rebia? Wodurch ſeid Ihr auf den Gedanken gekommeu, gerade dieſen Euch beizulegen? Ich wette, es iſt keiner jenes Stammes unter Euch.“ „Doch, Herr“, entgegnete der junge Menſch, indem er die Hand mit dem Tſchibuk betheuernd an die Bruſt drückte und dazu feierlich den Kopf ſchüttelte, was, entgegen dem abendländiſchen Gebrauche, im Oriente die Bejahung bedeutet.„Doch, Herr! Abu Mä⸗ lek ſelbſt, der uns führte, war ein Ben Rebia, nach ihm haben wir uns genannt. „Wie? Malek? Doch nicht Maͤlek Ben Edriſi?“ Und auf ein Achſelzucken, das ihm zu verſtehen gab, daß darüber keine Auskunft zu erhalten ſei, fragte Mr. Lesley dringend, wo er den Genannten finden könne. „Nirgends mehr, Herr, er liegt im Grabe. In der Stadt, wo wir zuletzt waren, Baſel nennen ſie die Leute, haben wir ihn beſtattet. Seitdem führt uns Abu Seid, der früher unſer Kaſſirer war.“ „Und jener Maͤlek“, fragte Mr. Lesley nachdenk⸗ lich,„war er allein, hatte er Niemand mit ſich, kein Weib, keine Begleiter?“ Ein Gedanke war ihm durch den Kopf geſchoſſen, ſo unglaublich, daß er ihn beinahe lächelnd beiſeite ſchob, doch vermochte er ſich nicht Byr, Nomadeun IV. 9 130 von ihm loszuringen. Immer wieder ſtand Naëmi vor ihm, Naëmi in all ihren jugendlichen Reizen, und dann gedachte er wieder der verwittweten Italienerin, die er kurz zuvor auf dem Flur geſehen, er gedachte des großen Saales und ſeiner Einrichtung, der Frauen⸗ zimmer und Kinder, die ſich in demſelben befunden, und er mußte ſchaudern, wenn er ſich die ſchlanke Ga⸗ zelle in dieſer Umgebung, unter dieſen Menſchen vor⸗ ſtellte. Wenn ſie ſo eines Tages vor ihn treten ſollte, verblüht, verſunken und verkommen— das Bild war grauenhaft, und eine Erleichterung war es ihm zu hören, daß Maͤlek nur einen Knaben bei ſich gehabt. Er athmete tief auf. Noch hatte er ja gar keine Urſache zu der Annahme, der verſtorbene Führer der Truppe ſei gerade jener Maͤlek, der Sohn des alten Nazirs, ſein feindlicher Schwager, geweſen. „Hatte er eine Narbe vom rechten Auge zum Munde?“ fragte er. „Die hatte Abu Maͤlek und eine ſchräge über die Stirn. Das Läppchen am linken Ohre fehlte ihm ganz.“ Das Eine ſtimmte, das Andere nicht. Die zuerſt bezeichnete Wunde hatte Naëmi's Bruder in demſelben Kampfe gegen Emir Ismail erhalten, der Mr. Lesley aus Omar's Gewalt befreit hatte, von den weitern 21 ſm. 131 wußte Mr. Lesley nichts, doch konnte ſie ſich der kühne Krieger ja in einem der ſpätern Fehdezüge geholt haben. Aus den Ausſagen des jungen Menſchen, der nicht lange erſt bei der Truppe war, ließ ſich keine be⸗ ſtimmte Folgerung ziehen. Die Nachforſchungen ſchienen keinen beſondern Erfolg zu verſprechen, doch mochte Mr. Lesley ſie auch nicht einſtellen. Der junge Mann wußte offenbar nichts mehr zu ſagen, er verwies in Allem auf Seid, beanſpruchte aber am Ende doch ſein Bakſchiſch, als hätte er die wichtigſten Auskünfte gegeben. Mr. Lesley reichte ihm das verſprochene Goldſtück und verließ das Gemach, vor welchem ihn alle Weiber und Kinder, die ſich mittlerweile auf dem Flur angeſam⸗ melt, erwarteten. Er vertheilte raſch noch einige Münze und eilte ſchaudernd und angewidert aus dem Zigeuner⸗ lager fort. Was hatte er nun eigentlich erfahren, welchen Zweck erreicht? Der Todte konnte nicht mehr ſprechen, und wenn es auch der richtige Mälek, wenn es auch Naëmi’'s Bruder war. Darüber höchſtens konnte er von dem jetzigen Führer der Truppe Sicherheit erlan⸗ gen, weiter aber mochte auch der nichts wiſſen. So im Zweifel, ob er weitere Erkundigungen ein⸗ ziehen oder es als erfolglos aufgeben ſollte, durchſchritt er die Straßen. Der phantaſtiſche Schimmer, den jede 13³3² Erſcheinung in der Ferne hat, die zuverläſſige Wahr⸗ ſcheinlichkeit des Erfolgs, die jedes Vorhaben in der Entfernung gleichwie im Traume umgibt, wo auch das Allerungewöhnlichſte ganz natürlich erſcheint, war erloſchen und die ernüchterte Anſchauung der Dinge machte ſich geltend. Skeptiſche Ruhe trat an die Stelle der Ueberreizung. Der Punkt, auf den ſich alle Ge⸗ danken wie im Focus concentrirt hatten, zerfloß und Alles ringsumher trat wieder in kalter Wirklichkeit hervor, wie ſcharfe Riffe aus dem ebbenden Meere, an denen das ſteuerloſe Schiff zerſchellen muß. Dennoch trieb ein unerklärliches Etwas Mr. Lesley zu weitern Nachforſchungen. Als er ſich aber entſchloß und ſeine Schritte dem auf der Place Neuve, unweit des botaniſchen Gartens gelegenen Theater zuwendete, war daſſelbe ſchon geſchloſſen, die Probe beendigt, und erſt abends ſollten die Araber wiederkommen, um in den langen Zwiſchenacten ihre Vorſtellungen zu geben. Mr. Lesley hätte nun in den nahegelegenen Gaſt⸗ hof zurückkehren können, aber ein unüberwindlicher Ab⸗ ſcheu hielt ihn davon zurück, ſich nochmals in jene ungelüfteten ſchmuzigen Räume zu wagen, deren eigen⸗ thümlichen Geruch von Hadern und Pommade, ver⸗ branntem Fett und ſtarker Ausdünſtung er noch immer deutlich zu empfinden meinte. 133 So verſchob er denn ſeine Abſicht. Es waren nur noch einige Stunden bis zum Beginn der Vor⸗ ſtellung. Sie ſchlichen ihm mit unerträglicher Langſam⸗ keit dahin. Mehr um die Zeit zu verbringen, als um einem innern Bedürfniß zu genügen, begann er in einem Kaffeehauſe, wo er ſich Tinte und Papier geben ließ, einen Brief an Gerhard und einen an ſeine Frau. In dem erſten ſagte er nur ein kurzes Lebewohl und legte dem Freunde nochmals ſeine Bedenken gegen deſſen Heirathsproject ans Herz. In dem zweiten wollte er ebenſo kurz und mit freundlichen Worten Abſchied nehmen und auf ſein Teſtament hinweiſen, das der Wittwe die volle Freiheit gab, nach ihrer Neigung zu wählen, aber im Schreiben wurde es anders Rührung und Schmerz überkamen ihn, Satz reihte ſich an Satz und eine unendlich wehmuthsvolle Klage ent⸗ rang ſich ſeiner tiefbewegten Seele. Es waren keine Vorwürfe, die er ſeiner Frau machte, aber die ganze Vergangenheit ihrer Ehe beſchwor er noch einmal herauf, von ſeinen Wünſchen, ſeiner Sehnſucht, ſeinen Hoffnungen ſprach er, von dem leiſen ſchrittweiſen Aufgeben derſelben, von dem beengenden Gefühl, das ſich um ſeine Bruſt gelegt und ihm allmälig den Athem raubte, von der Unerträglichkeit ſeines Verhält⸗ niſſes, das ihm den Schooß einer Familie zum Kerker 134 verwandelte, und endlich auch von der ſchmerzlichen Entdeckung, die er gemacht zu haben glaubte. Nicht im Tone der Anklage war der Zurückhaltung der jun⸗ gen Frau und ihrer ſich Andern zuwendenden Neigung gedacht, nur die Thräne der Reſignation ſtand im Auge des Schreibenden, der Schluß war ein Seufzer um einen verblaßten Traum, ein Segenswunſch für die Zukunft, in der ſein Bild nur noch wie der bleiche Schatten der Erinnerung, verſöhnt und verſöhnend, jezuweilen auftauchen mochte. Mr. Lesley war kein Mann der Feder, aber ſein Herz ſprach; der Brief war weit länger geworden, als er gewollt, auch der leiſe Seufzer der Entſagung klang darin vielleicht rührender und weicher, als der durch ſo mancherlei Erlebniſſe geſtählte Mann ſonſt ſeinen Gefühlen Ausdruck zu geben gewohnt war. Er ſchämte ſich beinahe, dieſer Regung nachgegeben zu haben, einmal im Leben aber, vor dem letzten Schritte, durfte er ja doch ſagen, was er empfand. Der Stolz hatte keine Macht mehr in dieſer Stunde des Scheidens. Es war Abend geworden. Mr. Lesley erwachte aus ſeinen Gedanken. Er ſchloß die beiden Briefe und ſteckte ſie zu ſich, dann machte er ſich auf den Weg zum Theater. Noch hatte die Vorſtellung nicht begonnen. Ein 135 zahlreiches Publikum drängte zur Kaſſe; den Arabern war ein glänzender Ruf vorangegangen und ein ſo zahlreiches Erſcheinen der Wüſtenſöhne war ſchon an und für ſich intereſſant. Mr. Lesley aber begab ſich an die rückwärtige Thür, die für das Theaterperſonal beſtimmt war, um hier die Ankunft der Künſtler zu erwarten. Es währte nicht lange, ſo kamen dieſelben von der Promenade de la Treille her, mehrere Gruppen von Männern und jungen Leuten, auch Kinder waren darunter, doch trugen die an ihrem geflochtenen Haar kenntlichen kleinen Mädchen ebenſo wie die Uebrigen den rothen Tarbuſch und den kleidſamen Anzug aus dunkelblauem Tuch, der faſt bei allen durch hohe ruſ⸗ ſiſche Stiefel vervollſtändigt wurde. Einzelne Geſtalten waren auch dichter eingehüllt. Voran ſchritt ein Mann von etwa vierzig Jahren, deſſen Antlitz unzweifelhaft den arabiſchen Typus in den broncefarbigen Zügen trug, ſein Kinn umfloß ein dichterer Bart, als die meiſten übrigen Köpfe aufzuweiſen hatten. Sein Haupt war geſchoren und die Geſtalt, ſoviel man unter den Falten des mehrfach umgewickelten Plaids erkennen konnte, ſchlank und elaſtiſch. Sein ganzes Auftreten verrieth den Häuptling der Truppe. An der Hand führte er einen Knaben von kaum ſechs Jahren, deſſen Anblick Mr. Lesley ſehr frappirte.. 136 Er hatte ſich unter eine Gaslaterne geſtellt, um die Paſſirenden genauer prüfen zu können, und der helle Lichtſchein fiel dem Kleinen voll ins feine, ein wenig träumeriſche Antlitz. Die helle Farbe deſſelben, die Länge und Glätte des braunen Haares ließen kaum auf eine zſüdliche Abſtammung ſchließen. Das große dunkle Auge allein gemahnte Mr. Lesley an eine Erſcheinung längſt entſchwundener Tage, an einen Blick, der ihm unvergeßlich geblieben war. Der Mann, welcher das Kind führte, blieb an der Thür ſtehen und ließ die Gruppen an ſich vorüber eintreten, als überwache er Zahl und Ordnung. Mr. Lesley konnte nicht daran zweifeln, daß er hier den ehemaligen Kaſſirer vor ſich habe, der ſeit dem Tode Malek's, wie Achmet erzählte, die Leitung der Geſell⸗ ſchaft übernommen hatte. Faſt waren ſämmtliche Mitglieder, theilweiſe in ſehr heftigen Debatten, theilweiſe ſchweigſam und mür⸗ riſch, in dem Gebäude verſchwunden, als Mr. Lesley vortrat und in arabiſcher Sprache grüßte. Verwundert ſah der Araber auf; er antwortete nicht und mochte glauben, daß man ſich einen Scherz mit ihm erlaube. „Du biſt Abu Seid“, fuhr Mr. Lesley in der⸗ ſelben Sprache fort;„ich will mit Dir reden.“ „Thue es, Herr“, entgegnete der Angeſprochene in 137 einer Miſchung von Arabiſch und Türkiſch, wie man es an der Weſtküſte Arabiens und unter den wilden Stämmen Aegyptens zu hören bekommt. Es war Unter⸗ würfigkeit in dem Tone des Mannes, ſein Blick aber zeigte Ueberraſchung und Mißtrauen. „Höre!“ rief der Kleine an ſeiner Hand mit ju⸗ belndem Erſtaunen.„Die Stimme klingt über das weite Meer herüber und heute ſah ich einen Strauß und ein Kameel. Sind wir der Sonne wieder näher, Chodſchia*)? Führe uns in die Wüſte, Malek iſt uns vorangegangen.“ Abu Seid befahl dem Knaben Schweigen. „Geh, Nurreddin, und kleide Dich um“, ſetzte er hinzu und der Knabe ſprang folgſam davon. Es war ein mächtiges Erbeben, das Mr. Lesley faßte, als des Kindes Name an ſein Ohr ſchlug. Nur⸗ reddin— Nurreddin! Er wagte es nicht zu denken, ſein Haupt ſchwindelte. Lag ein Zufall in dieſem Namen, oder hatte er mehr zu bedeuten? Der andere Namen Malek dazu. Was ſchloß die ſonderbare Fügung für ihn ein? Einſt hatte er einen Sohn in ſeine Arme geſchloſſen und Licht des Glaubens, Nurreddin hatte ihn die fromme Mutter genannt. Was war und was *) Vetter, Lehrer. Eine vertrauliche Anrede⸗ 138 war nicht? Stand er jetzt vor der greifbaren Löſung ſeiner eigenen, in die Gegenwart ſo verhängnißvoll hereinragenden Vergangenheit, oder war Alles nur ein Trugſpiel ſeiner üppigen Phantaſie? „Nurreddin?“ preßte er endlich zwiſchen den zuckenden Lippen hervor.„Der Sohn Nasëmi's, der Schweſter Malek's Ben Edriſi?“ „Wie, Herr, Du weißt?“ ſtieß der Araber, an den nun die Reihe des Erſtaunens kam, überraſcht hervor. „Aber nein, Du lügſt“, brauſte Mr. Lesley auf. „Wie käme ein Krieger der Wüſte unter Euch, ein Beni Rebia! Malek ein Gaukler— es iſt Lüge und Erfindung!“ Abu Seid nickte bedächtig, um zu verneinen. „Du irrſt, Herr“, ſagte er und ſeine Blicke ſchie⸗ nen dabei eifrig in den Zügen ſeines Gegenübers zu forſchen.„Malek kam mit uns über das Meer, weil ihn der Haß trieb. Allah kibyr! Er hat ſeinen Durſt nach Rache mit hinübergenommen, ungeſtillt und bren⸗ nend, wie den lechzenden Gaumen der Pilger in der Wüſte, den der Sand bedeckt— und Du, Herr, lebſt. Der Tod iſt ein ſchwarzes Kameel, das vor jeder Thür niederkniet.“ „Was redeſt Du?“ „Wallah seil nebbi— Bei Gott und den Pro⸗ 139 pheten— die Wahrheit! Du biſt derſelbe Herr, der heute ſchon einen von uns ausgeforſcht. Er nahm Dein Goldſtück— der Hund flieht vor dem Fleiſche nicht — aber er wußte Dir nichts zu ſagen. Abu Maͤlek hat nur mit einem Einzigen geredet, ein Einziger war würdig, in ſeine Seele zu blicken, einem Einzigen hat er ſeiner Schweſter Sohn hinterlaſſen, ein Einziger war werth, an ſeine Stelle zu treten, ein Einziger weiß Alles. Ich ſage nicht mehr.“ Mr. Lesley war lebhaft ergriffen. Er kannte übrigens zu gut den orientaliſchen Charakter, als daß ihn dieſe eigenthümliche Miſchung von Großſprecherei und heuchleriſcher Demuth in Abu Seid's Weſen befrem⸗ det hätte. Er begriff ſehr wohl, daß derſelbe ſein Wiſ⸗ ſen nur herausſtrich, um es für einen gehörigen Preis zu verkaufen. „Rede, und Du ſollſt mit mir zufrieden ſein“, drängte er.„Für jede Mittheilung will ich Dich be⸗ lohnen.“ Der Araber neigte ſich mit ſchlauem Blick. „Würde Alles gegeben, was man verſpricht“, er⸗ widerte er,„es gäbe keine Bettler mehr; ſie wären alle Sultane.“ Es war deutlich zu ſehen, daß aus dem Manne nichts herauszubekommen war, wenn ihm nicht jedes Wort Nicht umſonſt hatte gerade er das Amt des Kaſſirers geführt. Mr. Lesley hatte keine bedeutende Summe bei ſich. Er war in der Meinung abgereiſt, des Geldes nicht mehr zu im voraus mit Gold aufgewogen wurde. bedürfen; jetzt hätte er gern ein ganzes Vermögen ge⸗ boten, um den Habgierigen zum Sprechen zu bringen. Er langte in die Taſche und zog ſeine Börſe hervor. „Das iſt Alles“, ſagte er,„was ich bei mir habe, aber ich will es morgen verdoppeln, verdreifachen, wenn Du mir die Wahrheit ſagſt.“ Abu Seid nahm das Portemonnaie und forderte Mr. Lesley auf, mit ihm einzutreten. Er ſtieg eine kurze Treppe hinan und hielt auf einem kleinen Vor⸗ platze, der zu der Bühne und den Garderoberäumen führte. Hier, beim Schein einer Lampe, nahm er eine ſorgſame Prüfung des empfangenen Geldes vor, und als er unter den Silbermünzen auch eine hübſche Anzahl von Zwanzigfrancsſtücken entdeckte, nahm ſein Geſicht eine freundliche Miene an und ſein Weſen wurde vertraulicher und unterwürfiger, ohne doch etwas von der eigenthümlichen Würde einzubüßen. „Gott Lob“, ſagte er,„daß Du nicht um einen Mond früher gekommen biſt. Du wäreſt Mälek begeg⸗ net und ſein Meſſer war geſchliffen für Dich.“ „Für mich?“ fragte Mr. Lesley betroffen. „Du biſt doch der Ingliſhman, der bei den Beni Rebia Gaſtfreundſchaft genoß und ſie dafür verrieth?“ Was hätte es jetzt genützt, dieſe Verleumdung mit Entrüſtung von ſich zu weiſen. Es war nicht die Zeit zu langwierigen Erörterungen und zudem auch wohl gleichgültig, was Abu Seid von Mr. Lesley dachte, der darum lieber ſchwieg und nur bei jedem Worte mehr die Ueberzeugung gewann, daß das Unwahr⸗ ſcheinlichſte Wirklichkeit geworden war und er hier einer Wendung gegenüberſtand, die er nie erwartet, nicht einmal im Traume vorausgeſehen hatte. Aller Zweifel mußte ſchwinden, als der Araber ihn bei dem Namen anſprach, den man ihm im Duar Scheikh Su⸗ had's gegeben. „Abu David“, fuhr der ehemalige Kaſſirer der Gauklertruppe fort,„der Bruder Deines Weibes hat Dir den Tod geſchworen, aber ſein Schwur iſt begraben mit ihm. Iſt Dir etwas beſchieden, es kommt ſelbſt aus Yemen, iſt Dir etwas nicht beſchieden, ſo fällt es Dir aus dem Munde. Maͤlek hat, ſeit einem Jahre faſt, Dich geſucht, bis die kalte Luft des Nordens ſein Blut vergiftete und ſeinen Kopf verwirrte, daß er bald in der Saharah, bald im Eiſe lag und Worte ſprach, die Keiner verſtehen konnte. Jetzt iſt er im Paradieſe und das Fatum führt Dich hierher. Allah kibyr!“ „Wie aber kam er zu Euch? Das iſt's, was ich noch immer nicht faſſen kann.“ Abu Seid zeigte ſich beleidigt, daß Mr. Lesley ſo verächtlich von der Truppe ſprach, die jetzt unter ſeiner eigenen Führung ſtand. Aus ſeiner Erzählung ging hervor, daß ein abenteuernder Italiener etwa vor Jahresfriſt, nachdem er mit ſeiner Geſellſchaft von Kunſtreitern und Akrobaten, die er nach Aegypten ge⸗ bracht, ein großartiges Fiasco gemacht und beinahe zu Grunde gegangen war, den Plan gefaßt hatte, ein neues Unternehmen zu gründen, mit welchem er auf die Neugierde des ſchauluſtigen Europa ſpeculirte. Er warb, was ihm nur halbwegs zu ſeinem Vor⸗ haben tauglich ſchien, junge, gelenkige Fellahs, arabiſche Gaukler und eine Schaar jener Abenteurer, die den Orient unſicher machen und eigentlich gar keiner Nation mehr angehören. Um ſeine Truppe zu completiren, durchzog er ſogar die Küſtenſtädte Arabiens am rothen Meere, es war ihm natürlich darum zu thun, echte arabiſche Phyſiognomien für ſeine Truppe zu gewinnen, um ihr den richtigen Typus zu geben. Von einem ſolchen Ausflug kam Signora Tracabelli mit Maälek und Nurreddin nach Kairo zurück. Der verſprengte Wahabitenſtamm, den Scheikh Suhad ſo oft zum Siege geführt hatte, war auch nach Mr. Lesley's Ausſtoßung nicht glücklich in ſeinen kriegeriſchen Unternehmungen geweſen. Emir Ismail hatte ihm in wiederholten Fehdezügen große Verluſte beigebracht, zu⸗ letzt war es ihm ſogar gelungen, während der Tribus eine Razzia gegen einen andern Stamm unternahm, das Duar zu überfallen, wobei ſich Weiber und Kinder nur mit Mühe retteten, alles Vieh aber fortgetrieben, alles Beſitzthum erbeutet, die Zelte ſogar ein Raub der Flammen wurden. Die zurückkehrenden Krieger fanden ſich arm und faſt ohne Nahrung, denn die Goums des Emirs hatten nicht einmal der Palmen ge⸗ ſchont, alle Bäume niedergebrannt und ſelbſt die Brunnen verſchüttet. Ein Act der Verzweiflung war es, daß Scheikh Suhad mit ſeinem Rathe beſchloß, um raſch wieder in Beſitz von Geld und Gut zu gelangen, einen feindlichen Ueberfall auf eine Karavane von Mekkapilgern aus⸗ zuführen. Die Wahabiten, einſt ſogar eine Zeit lang Herren der heiligen Stadt, hatten wiederholt dergleichen Raubzüge unternommen, ſodaß ſich die Pforte zu den ernſteſten Maßregeln gegen dieſe wilden Stämme ge⸗ zwungen geſehen hatte. Die gänzliche Ausrottung der⸗ ſelben konnte allein den Räubereien ein Ziel ſetzen. 144 Scheikh Suhad's Ueberfall gelang zwar, aber gerade das war Urſache ſeines Untergangs wie des ſeines Tribus. Die aufgebotene Truppenmacht operirte ſo zweckmäßig, daß die in einen Hinterhalt gelockten Be⸗ duinen gänzlich aufgerieben wurden. Scheikh Suhad ſelbſt und die meiſten ſeiner Getreuen büßten mit dem Tode. Mehrere geriethen in Gefangenſchaft, nur einigen wenigen gelang es, zu entkommen. Unter dieſen befand ſich Maälek. „Er war finſter und herriſch“, ſchloß Abu Seid, „aber er genoß Anſehen bei uns, weil er ſich immer ”. zurückhielt. Wir waren Freunde und er verſprach mich zu unterſtützen, als ich ihm zeigte, wie wir über⸗ vortheilt wurden. Wir empörten uns und jagten Signor Tracabelli, der uns unſern Antheil nicht aus⸗ zahlte, fort, als wir in Neapel waren, aber nicht ich wurde zum Häuptling gewählt, wie Malek es mir zugeſagt, ſondern er ſelbſt. Er wußte es ſchon zu machen. Mit dem Freunde iß, trinke, aber mache kein Geſchäft.“ „Wie aber kam er zu dem Knaben?“ fragte Mr. Lesley, der ſtaunend zugehört hatte, als der Araber mit den Worten ſichtlichen Unwillens gegen den Todten geſchloſſen hatte, deſſen Freundſchaft beſeſſen zu haben er ſich doch erſt kurz zuvor ſo großſprecheriſch gerühmt. de 145 Abu Seid war neidiſch, vielleicht hätte er ſonſt, trotz des gebotenen Goldes, ſeine Mittheilungen für ſich be⸗ halten. Es gefiel ihm, daß der Todte ſein Racheziel nicht erreicht hatte. „Du fragſt, Herr“, erwiderte er,„als ob Du nicht denken könnteſt, wie er ſich nach dem Duar durchge⸗ ſchlichen und Nurreddin geholt.“ „Warum gerade dieſen? Er hatte, ſoviel ich weiß, eigene Kinder.“ „Habe ich Dir nicht geſagt, daß Alles zerſtört und vernichtet wurde? Nur Einzelne ſind gerettet worden.“ Mr. Lesley's Bruſt hatte ſich krampfhaft zuſammen⸗ geſchnürt, ſeine bebenden Lippen öffneten ſich mehr⸗ mals, ehe er die Frage hervorbrachte, welche ſchon die ganze Zeit her auf ſeiner Zunge lag und die auszu— ſprechen er doch eine unerklärliche Scheu trug. „Und Nasmi“, ſagte er endlich,„Malek's Schweſter, war ſie bei ihm? Iſt ſie noch bei Euch?“ Sein Auge hing an des Arabers Mund, als ſollte aus demſelben ſein Todesurtheil fallen. „Allah kerim— Gott iſt barmherzig!“ verſetzte Abu Seid langſam und mit einer heuchleriſchen Feierlichkeit. „Sie war nicht bei Mälek, aber ſie iſt jetzt bei ihm.“ Todt! Naémi todt! gellte es Mr. Lesley in die Ohren, als ob es ihm von Hunderten zugerufen werde. Byr, Nomaden. IV. 10 146 Seine Lippen aber regten ſich nicht, es ſchien, als habe er die Stimme verloren. Er mußte ſich an die Wand lehnen und doch erfüllte ein eigenthümliches Gefühl der Ruhe ſein Herz. Es war nicht der deutlich geformte Gedanke, aber doch die Empfindung: beſſer im Grabe, als ein ſolches Wiederſehen, beſſer körper⸗ lich todt, als moraliſch geſunken, vernichtet! Er ge⸗ dachte des Tanzſaals, den er vor einigen Stunden geſehen, und die Wüſte erſchien ihm wie ein ſtiller, erhabener Friedhof. Das Bild ſeiner Erinnerung war rein und makellos erhalten in magiſcher Verklärung. Er hatte das Glockenzeichen überhört, als aber Abu Seid demſelben Folge leiſten und ſich entfernen wollte, hielt er ihn zurück. „Bleibe, bleibe!“ rief er.„Du haſt mir noch nicht geſagt, was Maͤlek unter Euch ſuchte. Er hätte mir ja mein Kind auf kürzerem Wege bringen können.“ „Nurreddin Dir bringen? Du haſt mich alſo nicht verſtanden, Herr?“ verſetzte der Araber, als zweifle er an der Faſſungskraft des Andern.„Rache hat er an der Leiche der Schweſter dem Manne geſchworen, der ſie verließ. Rache trieb ihn auf Deine Spur. Du ſagſt, er hätte Dich raſcher finden können. Jage die Gazelle und den Strauß, wenn Du kein Pferd und 147 kein ſchnellfüßiges Mahara haſt und die Spur in die Wüſte führt. Euer Land hier iſt groß und es leben viele Menſchen darin, und es wachſen keine Datteln, die der Hungrige pflücken könnte, und die Sonne ſcheint matt, der Burnus genügt nicht zur Bekleidung. Das Lager der Nacht mußt bezahlt werden, wie der Sitz in dem ſchnellrollenden Wagen; dazu gehört Geld, viel Geld. Ich weiß das, denn ich muß Rechnung führen für alle. Signor Tracabelli's Zunge aber war geſchmeidig und ſcharf wie eine Klinge aus Da⸗ mascus und ſüß wie Honig der Biene, wenn er überreden wollte. Malek vertraute ihm und ging mit. Er wußte nicht, wie ſchwer es ſei, einen Menſchen zu finden, wo die Menſchen ſo dicht bei einander wohnen. Er hat überall nach Dir gefragt und wir hielten uns drei Monde in England auf. Wir ſind vom Süden nach dem Norden durch die Inſel gezogen und wieder zurück, und Beni Rebia nannte er uns und ließ es auf alle Blätter ſchreiben, um Dir die nahende Rache zu verkünden, wenn eins Dir in die Hände fiel. Den Feind warnt man nicht, dachte ich, aber ich ſagte nichts, denn Maͤlek war ſtolz, er wollte, daß Du wiſſeſt, daß er gekommen, Blutrache zu nehmen an Dir.“ „Blutrache an mir?“ rief Mr. Lesley ſchmerzlich bewegt.„Wäre Naëmi mir gefolgt! Könnte ich ihr 10* das Leben zurückgeben! Ach, warum hat mich ſein Dolch nicht getroffen!“ „Er hat ihn ſeiner Schweſter Sohn vererbt“, mur⸗ melte Abu Seid mit einem ſonderbaren Blick voll Liſt und Schadenfreude. „Nurreddin!“ rief Mr. Lesley aus. Sein Herz ſetzte die Schläge aus vor Grauen und Entſetzen. Jetzt erſt begriff er das dämoniſche Weſen des Verſtorbenen ganz, der den Knaben mit ſich geſchleppt und deſſen unſchuldiges Gemüth mit Haß vergiftet hatte, um noch ſterbend dem Kinde den rächenden Dolch in die Hand zu drücken gegen den eigenen Vater, ein Vermächtniß für jene Zeit, wo das ſchwache Händchen kräftig genug geworden, die Klinge zu führen, wo das Saatkorn des Haſſes in der jungen Seele zur vollen Reife auf⸗ gegangen ſei. Das war die wilde Glut des Orients, die phantaſtiſche, für civiliſirte Begriffe unverſtändliche An⸗ ſchauungsweiſe des Wüſtenſohnes, deſſen heftigſte Lei⸗ denſchaft der Haß, dem Blutrache die heiligſte aller Pflichten iſt. Ein neues Glockenzeichen mahnte Abu Seid drin⸗ gender, ſich zur Vorſtellung zu rüſten. Er machte Mr. Lesley begreiflich, daß er jetzt nicht länger Rede ſtehen könne, da er ſich umkleiden müſſe. Er wollte ſich zu⸗ zurückziehen, aber Mr. Lesley folgte ihm halb und halb ſein nur⸗ Liſt Herz Jetzt enen eſſen noch Hand htniß genug tkorn 149 mit Gewalt, er verlangte Nurreddin zu ſehen. Ver⸗ geblich war des Arabers Vertröſtung bis zum Schluß der Vorſtellung, Mr. Lesley ließ ſich nicht abweiſen und drängte in die Garderobe, die man der Truppe zum Umkleiden angewieſen hatte. Faſt alle waren mit ihrer Bühnentoilette ſchon fertig. Mr. Lesley's Auge kannte unter den Kleinen ſogleich Nurreddin heraus, der in ſeiner weißen Kleidung ungewöhnlich zart und hübſch ausſah. Ohne das Aufſehen, das ſein Eintritt hervorge⸗ bracht, zu beachten, ſchritt er direct auf den Knaben los, den er mit getheilten Empfindungen betrachtete. Das alſo war ſein Kind, dem man Haß gegen ihn eingeimpft und für das er zu ſorgen verpflichtet war, das Kind, das Naëmi ihm geboren hatte, das Malek zur Rache auferzog. Ein Gruß, eine Drohung zu gleicher Zeit. Aus dieſen dunkeln, ſchmachtenden Augen leuchtete ein Segensſtrahl, auf dieſen trotzig gekräuſelten kleinen Lippen lag ein ſchlummernder Fluch. „Nurreddin“, ſprach Mr. Lesley den Knaben an, „willſt Du mit mir gehen?“ Der Kleine horchte hoch auf, als er von einem Fremden in europäiſcher Kleidung die Laute ſeiner Mutterſprache vernahm. 150 „Willſt Du mich zurückführen“, entgegnete er munter,„in die Wüſte, wo die Sonne leuchtet und kein Schnee fällt? Hier iſt es kalt!“ Er ſchüttelte ſich vor Froſt in dem leichten Gewande. „Dein Vater wird ſorgen, daß Du nicht mehr frierſt“, entgegnete Mr. Lesley gerührt,„komm mit ihm. Meine Liebe wird die Sonne ſein und Dich wärmen.“ Er ſtreckte die Hände nach dem Knaben aus, dieſer aber ſtieß ſie ungeberdig zurück. Eine merkwür⸗ dige Veränderung ging in ſeinem Antlitze vor. „Du mein Vater?“ rief er.„Maͤlek ſagt, ich müſſe Dich tödten, wenn ich groß ſei— Du habeſt den böſen Blick. Geh, geh, ſieh mich nicht an.“ Der Knabe hörte auf kein Zureden, er zeterte, als Mr. Lesley nochmals nach ihm faſſen wollte; faſt alle Anweſenden hatten ſich in einen Kreis gedrängt und ſchienen nicht übel Luſt zu haben, ſich gegen den Fremdling zu wenden, obwohl ſie größtentheils weder ihn noch den Kleinen verſtanden. Dazu kam, daß man die Geſell⸗ ſchaft auf die Bühne rief; eine große Confuſion ent⸗ ſtand, in dem Durcheinanderſchreien war es Mr. Lesley nicht mehr möglich, ſich verſtändlich zu machen. Er ſelbſt verſtand nur einzelne Worte. „Das iſt der Ingliſhman“, hieß es,„nach welchem 451 heute Nachmittag jener Mann fragte.“—„Er iſt ver⸗ rückt“, riefen wieder Andere.„Er hat Achmet beſchenkt, er ſoll uns auch beſchenken.“ Mr. Lesley hörte Alles wie im Traume, er ach⸗ tete nicht auf die bettelnd ausgeſtreckten Hände, er be⸗ merkte kaum, wie die ganze Truppe von Abu Seid'’s Scheltworten fortgetrieben wurde. In ſeinem Herzen war Bitterkeit und ein Tropfen Gift, das wie Feuer um ſich fraß. Das war Naëmi's Kind— ſein eigenes Kind! Welch ein Wiederſehen! Aber Alles, was bisher ſeine Gedanken erfüllt hatte, war wie ausgelöſcht. In dieſem Momente dachte er nur daran, was für den Knaben geſchehen müſſe. Unmittelbar nach Beendigung der Vorſtellung wollte er an die Ausführung ſchreiten. Sein Leben hatte von nun an eine Aufgabe, einen Zweck. Sechstes Kapitel. Nurreddin. Das erſte Stück war beendigt, Alles ſah geſpannt dem Erſcheinen der Araber entgegen. Da drängte ſich Mr. Lesley vom Eingange her durch das gefüllte Parquet. Seine hohe Geſtalt, ſein Ungeſtüm, ſeine düſtere Miene waren geeignet, Auf⸗ ſehen zu erregen, ſo ſehr man auch ſonſt das rückſichts⸗ loſe, gewaltthätige Benehmen der Engländer in einer Stadt gewohnt war, wo vielleicht alljährlich tauſend Söhne dieſer Nation den Herbſt und beſonders das Frühjahr verbringen, die zahlreichen Reiſenden unge⸗ rechnet, die nur einige Stunden oder Tage in Genf verweilen. Aber Mr. Lesley hatte jetzt nicht die Stimmung, ſich um das Urtheil Anderer zu bekümmern, ſein ganzes 153 Streben ging dahin, den Sitz zu erreichen, auf welchen er nur mit Mühe ein Anrecht erworben hatte. Erſt als er an der Kaſſe ſtand, war ihm beige⸗ fallen, daß er ſein ſämmtliches Geld weggegeben habe. Für den nächſten Tag war ihm nicht bange, er konnte ſeinen Banquier aufſuchen, aber momentan beſaß er nicht ſo viel, einen Platz, wäre es auch auf der Gallerie geweſen, zu bezahlen. Zudem waren alle Sitze ver⸗ geben und Mr. Lesley war nahe daran, umkehren zu müſſen, hätte nicht einer der Billeteure ſich gefunden, der vielleicht in kluger Vorahnung einen Sitz der erſten Bank zurückbehalten hatte. Der Beſteller war, wie die Ausrede lautete, ausgeblieben und Mr. Lesley gab ſeine goldene Uhr zum Pfand für das Blllet. Nirgends hatte ſein Erſcheinen eine größere Be⸗ wegung hervorgebracht als in der Fremdenloge, zu der er aber, ganz von einem einzigen Gedanken er⸗ griffen, keinen Blick emporwarf. Er wäre gewiß nicht wenig betroffen geweſen, in den beiden Damen, welche ſich jetzt mit einem Male, ſo unbekümmert um die ge⸗ bräuchliche Haltung, weit über die Brüſtung vorbeugten und dann mit allen Zeichen einer lebhaften Gemüths⸗ bewegung zurückfuhren, ſeine Frau und Schwägerin zu erkennen, die ſich darauf lebhaft und leiſe mit dem hinter ihnen befindlichen Gerhard beſprachen. 154 Mrs. Lesley's bleiche Züge, die nur einen Augen⸗ biick lang wie von einem Roſaſchleier verhüllt wurden, und der fieberhafte Glanz ihres eingeſunkenen Auges hätten Mr. Lesley verrathen müſſen, wieviel die arme Frau ſeit ſeinem Verſchwinden von Angſt und Sorge gelitten. Sie hatte dieſelben anfangs mannhaft be⸗ herrſcht und ſelbſt Gerhard's Erzählung während der Fahrt mit einer anſcheinenden Ruhe angehört, welche dieſen in Verwunderung ſetzte. Während Lizzie ſich ſehr aufgeregt zeigte und hundert Fragen that, war die ältere Schweſter in ein tiefes Schweigen verſunken, hatte ſich in ihren Sitz zurückgelehnt und den Schleier herabgelaſſen, ſodaß ihre Züge ſich jeder Beobachtung entzogen. Vielleicht entſtellte Bitterkeit und Entrüſtung ſie, vielleicht ein unendliches Weh, vielleicht rannen ſchwere Thränen über die blaſſen Wangen— kein Auge enthüllte das Geheimniß des Kampfes, den ſie mit dem eigenen Herzen rang, nicht einmal ein Seufzer war zu erlauſchen. Mrs. Lesley blieb ſtumm, ſelbſt auf alle Aeuße⸗ rungen Lizzie's, die ſich weder in die romantiſche Vor⸗ geſchichte ihres Schwagers, noch in deſſen faſt ſchon Spleen zu nennende Schwermuth hineinzufinden ver⸗ mochte. Zum Glücke befand ſich ſonſt Niemand in dem Coupé und Jedes konnte ſich ungeſtört ſeinen Ein⸗ 1 e 155 drücken überlaſſen. Welche ſie nun auch immer für die junge Frau ſein mochten, ſie ſchien bei der Ankunft in Genf mit ſich ſelber ins Reine gekommen zu ſein. Ihr ſtets mehr innerliches Gefühlsleben ließ ihre Entſchlüſſe nicht ſo deutlich an den Tag treten, daß Gerhard über die Zukunft der beiden Ehegatten vollkommen beruhigt hätte ſein können, doch glaubte er das Beſte hoffen zu dürfen, da Mrs. Lesley, ſonſt ſo ſehr an kindliche Unterordnung gewöhnt, diesmal nur gleichgültig, faſt ungeduldig die Achſeln zuckte, wenn Lizzie der Mutter gedachte und des Eindrucks, den dieſelbe von all den Mittheilungen empfangen würde. Ein Schatten des Unmuths ſchien über ihre Züge zu gehen, als Gerhard beiläufig die Frage ſtellte, was die Damen zu beginnen gedächten, während er ſeine Nachforſchungen aufnahm. Warten, bis Davy gefunden ſei, war die Antwort, und die junge Frau ſelbſt drängte, kaum im Hotel angekommen, daß Gerhard ſofort die nächſten Schritte thue. So hatte er denn einen Commiſſionär damit be⸗ auftragt, in ſämmtlichen Hotels das Fremdenbuch nach den heute Angekommenen zu durchſuchen, während er ſelbſt den gleichen Weg einſchlug, den Mr. Lesley ſchon um die Mittagsſtunde genommen hatte. Bald war das Abſteigequartier der Araber erfragt und Gerhard ſah ſich plötzlich inmitten des Zigeunerlagers, wo eben die Mahlzeit beendigt und der ganze Trupp anweſend war, wodurch zwar das Maleriſche, aber nicht in gleichem Maße auch das äſthetiſche Moment des An⸗ blicks gewann. Auf dieſen Beſuch hatten ſich die Bemerkungen der Araber bezogen, die Mr. Lesley unbeachtet an ſeinem Ohre vorübergehen ließ. Gerhard hatte mit Abu Seid geſprochen und ſeine Vermuthung beſtätigt geſehen, aber er hatte ihm aufgetragen, zu ſchweigen und, wenn Mr. Lesley wiederkomme, ihn davon be⸗ nachrichtigen zu laſſen. Der Name war dem ſchlauen Araber ſogleich aufgefallen, oft genug hatte er ihn von ſeines Vorgängers Lippen vernommen, er wurde vor⸗ ſichtig und ſchwieg, als Gerhard allerlei Nachforſchungen über die Beni Rebia anzuſtellen begann. Der Mangel an Sprachkenntniß, den Abu Seid vorſchützte, mußte den Fragen ein Ziel ſetzen. Der Araber war ſo auf die Begegnung mit Mr. Lesley vorbereitet, Gerhard aber mit dem Erfolge ſeiner Excurſion zufrieden. Er wußte, daß der Geſuchte ſich hier befand und bis jetzt kaum noch einen unwiderruflichen Schritt gethan. Er wußte, daß derſelbe von ſeiten des jungen Menſchen keine genügende Auskunft erhalten hatte und an Abu Seid verwieſen worden war, und konnte ſo mit einiger 457 Sicherheit den Calcül aufſtellen, daß der geeignetſte Ort, dem Flüchtling zu begegnen, das Theater ſei. Gerhard nahm demnach für ſich und die Damen Billets; der Beginn der Vorſtellung war nicht mehr ſo fern. Die Nachrichten, welche er der jungen Frau brachte, ſchienen dieſe zu beleben und mit Hoffnung zu erfüllen. Lange vor Anfang der Ouvertüre hatte ſie ſchon ihren Platz in der Loge eingenommen, ſie ſaß da, wie auf einem Luginsland, jeder Eintretende wurde, wenn auch noch ſo flüchtig, gemuſtert. Je mehr ſich der Zuſchauer⸗ raum füllte, deſto erwartungsvoller pochten die Herzen oben in der Fremdenloge. Die zuverſichtliche Hoffnung machte endlich infolge der fortdauernden Enttäuſchung einer nervöſen Gereiztheit Platz, die wiederholt der jungen Frau Thränen in die Augen brachte, deren ihr aber durch muthiges Aufraffen immer wieder Herr zu werden gelang. Endlich begann die Muſik, die Ouvertüre ſchloß, der Vorhang ging in die Höhe und noch immer war der Erwartete nicht erſchienen. Ein peinliches Gefühl bemächtigte ſich nun auch Gerhard's. Vielleicht ſaßen ſie da, unaufmerkſame Zeugen eines gleichgültigen Spectakels, während ſich gleichzeitig an einem andern Orte eine Scene von ungleich grö⸗ ßerer Wichtigkeit für ſie abſpielte. Es war wie ein Act des Frevels, hier nutzlos und wenn auch nur äu⸗ 158 ßerlich, doch in der Sphäre des Vergnügens die koſt⸗ baren Stunden zu verbringen, die vielleicht nicht mehr zurückzukaufen waren. Gerhard machte ſich Mangel an Erfindungsgeiſt und Eifer zum Vorwurfe, ein jeder jweifelnde, unruhige Blick, den ihm von Zeit zu Zeit die beiden Schweſtern zuwarfen, ſchien ihm daſſelbe zu ſagen, und doch, was konnte er thun, was half es, wenn er in die ſinkende Nacht hinausſtürzte und die menſchenleeren Straßen nach einem Phantome durch⸗ jagte, das ungreifbar, unerreichbar blieb. Seine Auf⸗ regung ſtieg von Minute zu Minute, er wollte in den Gaſthof zurück, vielleicht daß mittlerweile Nachricht von den Arabern dort eingelangt war, er wollte zu dieſen ſelbſt auf die Bühne; Abu Seid konnte ja doch in⸗ zwiſchen etwas in Erfahrung gebracht haben. Der Vorhang war gefallen, ohne daß eine der drei Perſonen in der Loge auch nur in den allgemein⸗ ſten Umriſſen den Inhalt des Stückes anzugeben im Stande geweſen wäre. Man hatte gelacht und applau⸗ dirt, wie das dumpfe Brauſen einer fernen Brandung ſchlug es an ihr Ohr. Es fehlte ihnen ſogar das Wort in der gepreßten Kehle, um noch flüſternd, wie im Anfange, zu berathen. Da, als Gerhard eben im Begriffe war, Mrs. Lesley ſeine Abſicht mitzutheilen, und ſie lebhaft dagegen proteſtirte, hier in der bangen 159 Verlaſſenheit zurückzubleiben, während er auf Kund⸗ ſchaft ausging, da, als er ſich eben der falſchen Be⸗ rechnung anklagen wollte, machte beide Lizzie aufmerk⸗ ſam auf eine Bewegung im Parterre und faſt wäre der jungen Frau ein Schrei der Ueberraſchung ent⸗ fahren. Ihr Antlitz wechſelte raſch die Farbe, ſie mußte ſich in ihrem Sitze zurücklehnen, Alles ſchwamm ihr vor den Augen; die Aufregung, das mächtige Ein⸗ ſtürmen der Gefühle raubte ihr beinahe die Beſinnung. Mr. Lesley, deſſen Eintritt die Bewegung hervor⸗ gerufen, hatte inzwiſchen ſeinen Platz in der vorderſten Bank unmittelbar hinter dem Orcheſter erreicht. Er ſaß, wenn aber die drei ihm ſo nahe ſtehenden Per⸗ ſonen in der Loge oben gefürchtet hatten, von ihm vorzeitig erkannt zu werden, ſo konnten ſie ſich bald wieder beruhigen, denn ſein Auge ſchweifte nicht im Saale umher, es war feſt auf den Vorhang gerichtet, der bis jetzt die Bühne noch ſchloß. Gerhard hielt mit ſeinen beiden Begleiterinnen eine kurze Berathung. Jetzt im Momente den Flüch⸗ tigen aufzuſuchen und anzuſprechen, mußte von Auf⸗ ſehen begleitet ſein und die Neugierde des Publikums erregen. Der Geſuchte war ja nun da und konnte nicht ſo leicht wieder entfliehen, beſonders wenn er keine Ahnung von der Anweſenheit ſeiner theil⸗ 160 nahmevollen Verfolger hatte. Man konnte ihn im Auge behalten, faſt jede ſeiner Mienen bewachen und bei der drängenden Fülle des Publikums war mit Sicherheit anzunehmen, daß Gerhard, der nun wieder Vertrauen in ſein Combinationstalent gewann, weit früher den Eingang erreichen mußte, als Mr. Lesley, ob ſich dieſer nun erſt am Ende der Vorſtellung oder noch vor demſelben entfernte. Hatte aber Gerhard erſt einmal die Hand auf ſeine Schulter gelegt, ſo glaubte er auch dafür einſtehen zu können, daß er ihn ſicher und ungefährdet zu den Damen zurückbringe. Jetzt, wo ſich die erdrückende Angſt von den Herzen gewälzt, zeigte Lizzie die volle Elaſticität ihres Gemüthes, ſie ward heiter, Augen und Ohren ſchienen ihr durch einen Zauberſpruch mit einem Male geöffnet, ſelbſt die Zunge wurde beweglich, ſie flüſterte der ſchweigſamen Schweſter ihre Bemerkungen über das Publikum, über die Nachbarn zu und gewann Antheil an den bevor⸗ ſtehenden Productionen. Es war wie ein kleiner Rauſch über ſie gekommen, wie ihn Jeder empfindet, der, aus großer Furcht befreit, plötzlich mit einer Pendelſchwin⸗ gung faſt ebenſo weit nach der entgegengeſetzten Richtung über den normalen Herzſchlag hinaus gehoben wird. Anders war es bei Mrs. Lesley. Ein tiefer Ernſt hatte ſich ihrer bemächtigt; aus der faſt unerträglich 161 gewordenen Unruhe entwickelte ſich durch den heftigen Umſchlag nicht das Alles verſöhnende Glücksgefühl, nur eine ſchwere Trauer erfüllte ihre Seele und die qualvolle Empfindung der Eiferſucht wurde lebendig. Jetzt, da die Sorge um das Leben ihres Gatten ge⸗ wichen war, trat der Schmerz um deſſen verlorenes Herz in den Vordergrund. Sie wiederholte ſich im Stillen Wort für Wort die Erzählung Gerhard's, Alles, was er gemildert hatte, verſchärfte ſie ſelbſtquä⸗ leriſch. Aus Angſt war Bitterkeit geworden und dieſe wurde ſogar noch durch das Nachgefühl des vorher Ausgeſtandenen verſtärkt, wofür ihr gekränktes Herz die Verantwortung dem ungetreuen Gatten aufbürdete, ungetreu, wenn auch nur im Gedanken an die unver⸗ geßliche Vergangenheit. Der Zwiſchenact war verſtrichen, die Muſik gab das Zeichen zum Beginn des Auftretens der Araber. Bei den wildrauſchenden Klängen des Marche marocquaine Mahmudieh hob ſich der Vorhang. Der Anblick war ungewöhnlich, überraſchend. Ungefähr dreißig junge Männer und Knaben füllten, maleriſch im Halbkreiſe gruppirt, den Hintergrund der Bühne. Alle waren überaus leicht und weiß gekleidet, nur hin und wieder waren an Bluſe und Beinkleid rothe Verzierungen angebracht, die Arme waren bis zum Byr, Nomaden. IV. 141 162 Ellbogen, die Beine von den Knieen ab entblößt und die braune Hautfarbe der meiſt hagern, aber ungemein ſehnigen Glieder wie der mitunter recht charakteriſtiſchen Angeſichter wurde durch die helle Farbe der Kleidung wohl nicht ohne Abſicht grell hervorgehoben. Die fanatiſchen Rhythmen ſtimmten vortrefflich zu dem ganzen fremdartigen Aufzuge, zu den orientaliſchen Phyſiognomien. Bei den Schlußakkorden des Marſches. warf ſich die ganze Gruppe plötzlich, wie von einer gemeinſamen Verzückung erfaßt, zur Erde, und liegend, ſitzend, auf den Hacken kauernd, in allen denkbaren Stellungen, bildeten die gelenkigen Geſtalten neue Gruppirungen. In demſelben Momente kam aus den Seitencou⸗ liſſen wie ein weißer Ball über die Köpfe der übrigen hinweg eine einzelne Geſtalt in mächtigem Sprunge auf die Bühne und hielt genau in der Mitte des Halb⸗ kreiſes, graziös auf ein Knie niedergelaſſen. Es war Abu Seid, gekleidet wie alle andern, nur durch ein ſchmales Stirnband als Anführer ge⸗ kennzeichnet; er ſchwang eine arabiſche Trommel in der Rechten und auf dies Zeichen brach ein eigen⸗ thümliches, ungemein fremdartiges und doch geord⸗ netes Schreien, Plappern und Gurgeln los, in dem ſich die hellſten Töne mit den tiefſten Kehllauten zu 163 einem phantaſtiſchen Chaos vermählten. Die Worte dieſes arabiſchen Gebetes waren ſo ziemlich die ein⸗ zigen, welche der größte Theil der Geſellſchaft von der Sprache der Beduinen kannte. Sie waren aber vor⸗ trefflich eingelernt, und der Effect, ein verblüffender für den Anfang, war geſchickt nicht bis zu jener Grenze ausgedehnt, wo die darauf folgende Heiterkeit ſchon in Ermüdung überzugehen beginnt. Die Stimmung des Publikums war jetzt gerade die richtige für die nun folgenden Kunſtſtücke. Mit einem Schlag auf das Tamburin war die religiöſe Ceremonie beendigt, die Gruppe erhob ſich, und indem die Kleinſten mit Radſchlagen begannen und die Erwachſenen ſich nach und nach mit raſch auf⸗ einander folgenden Saltomortales dazugeſellten, glich die Bühne bald dem verrufenen Schauplatze in der nun bald ein Jahrhundert auf den Bretern ſpukenden Teufelsmühle am Wienerberg. Gleich einem halben Schock toll gewordener Mehlſäcke, die ſich, in raſen⸗ der Haſt durcheinander wimmelnd, überſchlugen und überpurzelten, drehten und wirbelten ſich die weißen, bald zuſammengezogenen, bald ausgeſpreizten Geſtalten phantaſtiſch auf dem Bühnenraume umher. Der An⸗ blick war ebenſo ſehr Gefallen als Heiterkeit erregend Das Kunſtſtück konnte man in jedem Circus, bei jeder 11* 164 Zigeunerbande, ja auf jeder Dorfwieſe ſehen, aber die Gelenkigkeit der Einzelnen war ungeheuer geſteigert, die Raſchheit der Bewegungen ſtaunenswerth und vor allem das Arrangement geſchickt und überraſchend. Die Muſik fiel ein, und als der barocke Veitstanz einige Minuten gedauert hatte, nahm die Geſellſchaft einzeln und gruppenweiſe andere Productionen auf. Das Publikum war von den erſtaunlichen Kraft⸗ und Gelenkigkeitsproben ungemein befriedigt. Niemals trat eine Pauſe ein, denn ſtets wurde eine Gruppe von der andern abgelöſt und jede ſchien die vorhergehende in immer neuen überraſchenden Kunſtſtücken zu überbieten. Selbſt Lizzie vergaß über dem Intereſſe den ei⸗ gentlichen Zweck ihres Hierſeins, ja ſogar die bis jetzt gewahrte Zurückhaltung gegen Gerhard, und in ihrer kindlichen Bewunderung dem Bedürfniß nach Mit⸗ theilung nachgebend, wendete ſie ſich zu Gerhard um und machte dieſen auf Einzelnheiten aufmerkſam, da ihre Schweſter, blos mit ihren Gedanken und der Be⸗ obachtung Mr. Lesley's beſchäftigt, ihr kein Gehör gab. „Sehen Sie doch, wie furchtbar gewagt und le⸗ bensgefährlich!“ flüſterte Lizzie, indem ſie ſich vor Schreck an die Brüſtung klammerte, als ſei ſie es ſelbſt, die von der Spitze dieſer ſich eben blitzſchnell löſenden Menſchenpyramide kopfüber herabgleiten müſſe, um in 165 demſelben Augenblicke auch ſchon wieder auf den Füßen zu ſtehen, wie jener Knirps, der eben jetzt ſo aalgleich zu Boden geſchlüpft war.„Sie ſind ſehr gewandt“, fuhr ſie fort, indeß ſich eine neue, noch gewagtere Gruppe aufbaute,„ſehr gelenkig, aber glauben Sie, daß es echte Araber ſind? Es ſind zwar viele von den gelben, ſpitzigen Phyſiognomien mit den dünnen ſchwarzen Bartanfängen um Kinn und Mund unter ihnen und der Anführer ſcheint mir ein echtes Geſicht der Wüſte, aber ſehen Sie dort zur Seite die beiden— es ſind wohl Mädchen mit ihren aufgebundenen Zöpfen, dann den vortrefflichen Springer, der dort eben zurückgeht, das ſind gewiß keine Araber. Auch die drei Knaben da vorn an der Couliſſe. Sehen Sie doch den mitt⸗ lern; iſt es nicht ein wunderhübſches Kind? Was ſie wohl haben?“ Gerhard folgte ihrem Blicke und konnte jetzt deut⸗ lich bemerken, wie die drei Kleinen die Köpfe zuſam⸗ menſteckten und der mittlere— es war Nurreddin— hinab ins Parterre deutete, indem er den beiden andern mit ſchwer enträthſelbarer Miene, in der ſich Furcht, Abſcheu, Groll ausſprachen, einige Worte zuflüſterte. Eine unklare Ahnung ſtieg in Gerhard auf, es war ihm, als ſei Blick und Geberde des Kleinen auf Mr. Lesley gerichtet, und was er bis jetzt als märchenhaft beiſeite geſchoben, gewann für ibn Geſtalt und Mög— lichkeit. Abu Seid war jetzt an die Kindergruppe heran⸗ getreten, ſeine Lippen bewegten ſich, aber das Publi⸗ kum konnte das vorwurfsvolle, aneifernde Wort nicht hören, das die Klänge der Muſik verſchlangen. Ein leichter Schlag, wie im Scherz und doch vielleicht em⸗ pfindlich von den knochigen Fingern, war der Mah⸗ nung beigefügt. Die Knaben ſprangen auf die Gruppe zu, die ſich eben formte und kletterten, von Hand zu Hand gereicht, blitzſchnell empor. Ein einziger kräftiger Mann, nach Farbe und Geſichtsſchnitt zu urtheilen, ein Aethiopier, trug die unge⸗ heure Laſt, die ſich ihm aufgebürdet hatte. Zwei ſeiner Gefährten, die ſich gegen ſeine Schenkel ſtützten, hatte er am Gürtel gefaßt, zwei andere ſtanden auf ſeiner Schulter und boten die ihre einem dritten, der wieder gleich dem unterſten zwei Knaben an den Gürteln hielt. Oben auf ſeinem Kopf ſtand der dritte— Nurreddin. Die Händchen hatte er balancirend ausgeſtreckt, doch auf ſeinen Lippen zeigte ſich nicht das halb er⸗ zwungene, halb triumphirende Lächeln des Künſtler⸗ ſtolzes. Sein Köpfchen verſchwand beinahe zwiſchen den Soffiten, aber ſein dunkles Auge war wie gebannt hinabgerichtet auf Mr. Lesley, der, wie ſeine Frau und — 167 Gerhard, durch ein Gemurmel im Parterre aufmerkſam gemacht, jetzt ſahen, ſich, ohne an ſeine Umgebung zu denken, langſam und in athemloſer Spannung erhoben hatte und ſtarren Blicks hinaufſah zu dem Kinde, das in ſo furchtbarer Höhe mit der Kühnheit einer Gemſe ſtand, während die geringſte falſche Bewegung des unterhalb Befindlichen es im Gleichgewicht ſtören und den gefährlichſten Sturz herbeiführen konnte. Das Gemurmel, das Mr. Lesley galt und von den hinter ihm Sitzenden, denen er die Ausſicht raubte, ausging, hatte die in der Gruppe beſchäftigten Künſtler geſtört und ihre Aufmerkſamkeit abgezogen, eine gewiſſe Unruhe wurde bemerkbar. Blitzſchnell und faſt gleichzeitg, wie bis jetzt noch immer, löſte ſich auch diesmal die Gruppe. Aber ein Aufſchrei von hundert und hundert Lippen gellte durch das Haus. Faſt im ſelben Moment, als der auf den Schul⸗ tern der beiden andern ſtehende Mann die am Gürtel gehaltenen Knaben an den beiden untern Männern wie an Tauen hinabgleiten ließ und blitzſchnell nach Nurred⸗ din's Armen faßte, hatte dieſer ſich vorgebeugt— es war nur einen Moment zu früh, aber hinreichend, um den Mann ſelbſt aus dem Gleichgewichte zu bringen. Beide umſchlangen im Sturze die unter ihnen Befind⸗ lichen, aber es gelang ihnen nicht mehr, ſich aufzuhalten. 168 Abu Seid und einige Andere waren herzugeſprungen, die Männer vermochten ſich mit ihrer Hülfe auf den Füßen zu erhalten, die beiden Knaben, die zuerſt herab⸗ kamen, hatte man glücklich aufgefangen, Nurreddin aber war flach herabgeſtürzt und lag regungslos auf der Bühne. Eine ungemeine Aufregung herrſchte im Publikum, alle Zungen ſchienen mit einem Male entfeſſelt, auf der Bühne ſelbſt war man beſtürzt, der Vorhang fiel und die Bewegung im Zuſchauerraum beruhigte ſich erſt, als nach einiger Zeit ein Schauſpieler an die Rampe trat und die Verſicherung gab, daß der Knabe aus der Betäubung erwacht ſei und außer dem Schrecken nur einige Contuſionen am linken Unterarm davonge⸗ tragen habe, von denen er hoffentlich bald geneſen ſein werde. Indeß das leicht in ſeiner Stimmung wechſelnde Publikum dieſen nicht beſonders gewiſſenhaften Ver⸗ ſicherungen rauſchenden Beifall ſpendete und Bouquets, Orangen, Bonbonnièren für den armen Kleinen auf die Bühne flogen, lag dieſer auf einem Tiſche in der Garderobe, wo man aus Kleidungsſtücken ein Lager improviſirt hatte. Mr. Lesley, der ſich ſofort nach dem Unfall mit ſeinen kräftigen Fäuſten und Ellbogen einen Weg durch ———-:— 169 die Menge gebahnt hatte, ſtand ſprachlos und in furch⸗ barer Erregung neben ſeinem Kinde, das die Augen nur aufgeſchlagen hatte, um ſie nach einem heftigen Blutſturz wieder zu ſchließen. Der Theaterarzt war beſchäftigt, den im Ellbogen verſtauchten Arm, an dem von Sekunde zu Sekunde die Geſchwulſt zunahm, ein⸗ zurichten und zu verbinden. Ringsum drängten ſich die Akrobaten und erörterten in ihrer lauten, heftigen Weiſe den Fall, die Schuld von einem zum andern ſchiebend und ſich doch zuletzt dahin einigend, daß Nie⸗ mand als der Engländer durch ſein Aufſtehen die erſte und Haupturſache der„Blamage“ ſei. Für dieſe Leute war der ſchreckliche Unfall eigentlich nicht mehr als das. Die beiden Knaben, die mit in derſelben Gruppe ge arbeitet hatten, wie der Kunſtausdruck heißt, wieder holten in dem abſcheulichen Idiom der lingua franca, der große Mann habe den böſen Blick— Nurreddin habe es ihnen ſelbſt geſagt. Den böſen Blick— für ſein eigenes Kind! Hatten die Kinder denn nicht Recht? War er dem Knaben nicht zum Unheil geworden? Warum hatte er ſein Kind, uachdem er es gefunden, auch nur eine Minute länger in den Händen dieſer Gaukler gelaſſen? Wie hatte er zugeben können, daß es nur noch ein Die Worte trafen wie Dolchſtiche Lesley's Herz. 170 einziges Mal in dieſen lebensgefährlichen Uebungen mitwirke? Hatte er denn keine Liebe, keine Sorge für dieſes Kind empfunden, das die Liebe ihm geſchenkt, der Haß zum zweiten Male in ſeine Arme geführt? Alles übertönend ſchlugen dieſe Fragen wieder und wieder wie aus dem Gebrauſe eines Waſſerfalls an ſein Ohr. Sogar ſterben hatte er wollen, während er ein Kind beſaß, für das ihn eine heilige Pflicht zu leben gebot! Bittere Selbſtvorwürfe zerriſſen ſeine Bruſt. Da legte ſich eine Hand auf ſeine Schulter. „Armer Freund!“ ſprach Gerhard's Stimme.„Wir müſſen den Knaben fort und in ein ordentliches Bett bringen.“ Mr. Lesley nickte. Er war nicht verwundert, Gerhard hier zu ſehen. Er erſtaunte über nichts. Es war, als hätten ihm die Ereigniſſe der letzten Stunden alle Fähigkeit dazu genommen. Das Ungewöhnlichſte, Außerordentlichſte war geſchehen, was konnte danach noch überraſchend ſein? Gerhard's Anweſenheit verſtand ſich ganz von ſelbſt. Auf die Frage, wo er abgeſtiegen ſei, zuckte er die Achſeln und nahm ohne weiteres an, als Gerhard ihn aufforderte, mit in ſeinen Gaſthof zu kommen. Der Vater nahte ſich ſeinem Kinde und hüllte es in ſeinen Ueberrock, deſſen er ſich entledigt hatte. Zwei 471 Briefe fielen dabei zur Erde, die Gerhard aufhob; mit Recht, der eine war ja an ihn ſelbſt adreſſirt. Der Arzt empfahl Vorſicht. Jetzt trat auch Abu Seid heran. „Herr, was willſt Du mit Nurreddin?“ fragte er arabiſch. „Mein Kind mit mir nehmen“, entgegnete Mr. Lesley barſch. „Das kann ich ich nicht zugeben. Der Knabe gehört zur Truppe. Er muß bei uns bleiben.“ Ein Blutſtrahl ſchoß in Mr. Lesley's bleiches Geſicht, ſeine Augen funkelten drohend, ſodaß der Araber unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. „Ihr wollt ihn alſo vollends tödten?“ rief Nur⸗ reddin's Vater heftig.„Wer will mir mein Recht ſtreitig machen?“ „Du kannſt es nicht beweiſen, Herr“, erwiderte Abu Seid ſchlau.„Er gehört zu uns, er hält zu uns. Wir haben ihn erzogen und ernährt. Indem er bei unſern Vorſtellungen mitwirkt, trägt er einen Theil ſeiner Schuld an uns alle ab. Das Gericht muß uns Recht geben.“ „Darauf mag es ankommen.“ „So heißt es auch bei Euch hier“, ſagte Abu Seid bitter,„wie überall: Hoffe auf eine Thräne aus des — Todten Auge eher, auf ein Almoſen vom Imam hoffe nicht!“ „Komme morgen und Du ſollſt haben, was Du beanſpruchen kannſt. Tauſend Francs, zwei⸗, dreitau⸗ ſend Francs. Jetzt aber gib Raum!“ „Wohl geſprochen“, ſagte Abu Seid auf dieſe unwirſch hervorgeſtoßenen Worte, indem er gefügig bei⸗ ſeite trat und ſich in knechtiſcher Unterwürfigkeit mit gekreuzten Armen verbeugte. Er jagte die herandrän⸗ genden Mitglieder ſeiner Geſellſchaft zurück und Mr. Lesley konnte mit dem bewußtloſen Knaben die Gar⸗ derobe verlaſſen. Er trug ihn mit der zärtlichſten Sorgſamkeit die Treppe hinab in den Wagen, den Gerhard herbeige⸗ rufen, und bemerkte nicht einmal, daß dieſer an den Schlag eines zweiten Wagens trat, einen der beiden Briefe hineinreichte und haſtig einige Worte ſprach, worauf derſelbe im raſcheſten Tempo davonrollte. Gerhard nahm nun bei Mr. Lesley Platz. Lang⸗— ſam, um das ohnmächtige Kind nicht zu erſchüttern, ſetzte ſich der Wagen in Bewegung. Eine geraume Weile wurde nichts geſprochen. Als ſie ſchon den größten Theil des Weges zurückgelegt hatten, fragte Mr. Lesley: „Wie kommen Sie hierher?“ — 173 „Im Auftrag Ihrer Frau“, antwortete Gerhard. „Ol“ ſtöhnte Mr. Lesley,„ſie weiß alſo. Warum haben Sie geſprochen? Es war nicht recht, nun iſt Alles vorüber!“ Er verſank darauf wieder in Schweigen, auch Ger⸗ hard entgegnete nichts auf den Vorwurf. So kamen ſie endlich an. Wieder trug Mr. Lesley den Knaben in ſeinen Armen die Treppe hinauf. Gerhard gab Befehl, einen renommirten Arzt zu rufen, und führte den Freund in ein Zimmer, das er ſogleich durch eine Verbindungsthür wieder verließ. Nurreddin wurde zu Bette gebracht, die neugie⸗ rigen Dienſtleute, die ſich allerlei zu ſchaffen machten, verließen nun allmälig das Gemach. Jetzt war Mr. Lesley mit ſeinem Kinde allein. Er ſaß am Bette und beugte ſich über den Kleinen, um auf die Athem⸗ züge zu lauſchen, jeden Zug des leichenblaſſen Geſicht⸗ chens durchforſchte er nach einer Aehnlichkeit mit dem Bilde der Todten. Eines Muttermals erinnerte er ſich knapp unterhalb des Halſes. Mit vorſichtiger Haſt öffnete er das blutige Hemde und ſchlug es auseinander; da war das Muttermal, aber noch ein zweites Kenn⸗ zeichen wurde er da gewahr. Ein ſchmaler goldener Ring mit orientaliſchen Schriftzeichen hing dem Kinde an einer ſtarken Schnur aus Pferdehaaren um den 174 Hals. Den Ring hatte er vor Jahren zum Zeichen der innigen Verbindung Naémi an den Finger geſchoben, ein Heiligthum war der Ring ihr geweſen und ihr Kind hatte ſie unter den Schutz dieſes Talismans ge⸗ ſtellt. Sie wenigſtens hatte ihn nicht gehaßt. Das Rauſchen eines Kleides weckte Mr. Lesley aus ſeinen Gedanken. Er ſah auf, ſeine Frau ſtand da; ſie war aus dem nächſten Zimmer getreten, deſſen Thür ein wenig geöffnet blieb. Mrs. Lesley war ſehr bleich und ihre blutloſe Lippe feſt geſchloſſen. „Mary!“ ſtieß er dumpf hervor. Diesmal war die Ueberraſchung doch zu mächtig.„Mary, Du hier?“ „Laß mich an das Lager“, ſagte ſie mit leiſer, ruhiger Stimme, deren leichtes Beben allein die An⸗ ſtrengung verrieth, die es ihr koſtete, ihre Aufregung zu bemeiſtern,„Krankenpflege iſt Frauenſache.“ Sie trat näher, Mr. Lesley aber räumte nicht den Platz, faſt mit dem funkelnden Blick eines Raub⸗ thiers, das ſein Junges vertheidigt, beugte er ſich über das Bett, indem er ſich gleichzeitig erhob. „Biſt Du im Auftrage Deiner Mutter hier?“ rief er herbe und gereizt.„Folgſt Du ihren Weiſungen? Lange genug habt Ihr mich umſponnen gehalten und mich von dem getrennt, wonach mein Herz rief. Ich — 475 weiche keinen Schritt— Ihr werdet mich nicht von dieſem Bette locken!“ Die Geſtalt der jungen Frau ſchien ſich unter dieſen Anſchuldigungen höher aufzurichten, ihr Auge ſtrenger und ſtolzer zu blicken, ein Zug von Bitterkeit legte ſich um ihren Mund. „Wer von uns beiden verdient den Vorwurf, unrecht gegen den andern gehandelt zu haben?“ ent⸗ gegnete ſie.„Was ich that, ich glaubte es zu Deinem Beſten zu thun. Ich bin nicht der Meinung, daß man ſich von ſeinen Pflichten durch ein Teſtament loskauft.“ „Mary!“ rief Mr. Lesley betroffen. „Warum haſt Du geſchwiegen?“ fuhr ſie in leb⸗ hafter Erregung fort, ihrem Herzen Luft zu machen. „Drückten Dich die Feſſeln, ich habe ſie Dir nicht ge⸗ ſchmiedet. Ein Wort von Dir und Du warſt frei. Du hängſt an Deiner Vergangenheit— kehre zu ihr zurück!“ Auf dieſe mit edler Hoheit, wiewohl nicht ohne Leidenſchaft geſprochenen Worte machte Mr. Lesley eine heftig abwehrende Bewegung. „Ich habe es gewußt, daß Du ſo ſprechen würdeſt, darum ſchwieg ich.“ „Das Leben der Täuſchung iſt zu Ende. Du haſt Dein Kind gefunden.“ “ 176 Mr. Lesley nickte. „Es iſt mein Sohn“, ſagte er. „Und ſeine Mutter?“ Die Frage war haſtig und gepreßt hervorgeſtoßen trotz der Gewalt, die ſich die junge Frau anthat. Eine dunkle Röthe trat ihr dabei ins Antlitz. „Sie iſt todt“, gab Mr. Lesley ernſt zur Antwort. ger vermöchte den Eindruck dieſer kurzen drei Worte zu ſchildern, wer der mächtigen Seelenregung zu folgen, welche die ſich in ihren Rechten von einer Nebenbuhlerin gekränkt glaubende Frau tief erfaßte! Auch ſie hatte in ihren Gedanken dem Gatten Unrecht gethan, ihn vorzeitig angeklagt und mußte nun in der Tiefe ihres Herzens Abbitte leiſten. Was hatte ihr Alles ſein Brief enthüllt! Jetzt, wo der Froſt in ihrer Bruſt vor der zurückkehrenden Wärme ſchmolz, war auch ihr Urtheil milder. Im Ton ihrer Stimme, in ihrem Blick lag Vergebung. „Davy“, ſagte ſie,„wir vergeſſen das kranke Kind. Soviel mir Gerhard mittheilte, empfahl der Arzt, kaltes Waſſer anzuwenden.“ Sie goß Waſſer in ein Becken und tauchte Hand⸗ tücher darein. Man brachte jetzt auch Eis und Mr. Lesley ließ es geſchehen, daß ſeine Frau die naſſen Tücher und Stücke Eis auf Nurreddin's kranken Arm 47 und ſeine Stirn legte. Sie nahm den Platz ein, den er ſelbſt früher inne gehabt. Etwas Merkwürdiges ging in ihm vor, eine gewaltige Erſchütterung hatte ſich ſeiner bemächtigt. Man hatte ſie wieder allein gelaſſen, da ſchlug Nurreddin endlich unter der Einwirkung der Kälte die Augen auf. Sein erſter Blick fiel auf die junge Frau; ihr lieb⸗ liches Antlitz mußte ihm gefallen haben, denn er lächelte. Unwillkürlich, ohne daran zu denken, daß er der Sprache vielleicht nicht mächtig ſei, redete ſie zu ihm. „Mein armer kleiner Liebling! Wie fühlſt Du Dich? Haſt Du Schmerzen?“ Ihr Organ klang weich und wohllautend, das Mitgefühl ſprach aus ihren Augen. Nurreddin ließ ihr die Rechte, die ſie in ihre Hände genommen hatte und ſtreichelte. Die Frage hatte er verſtanden. „Im Paradieſe“, ſtammelte er in dem gebrochenen — Engliſch, das er von ſeiner Mutter, die ſelbſt nur wenig Worte kannte, erlernt.„Malek— Mutter!“ Jetzt beugte ſich auch Mr. Lesley über das Kind, aber ſein Anblick rief augenſcheinlich die ganze Erin⸗ nerung in Nurreddin wach, ſein Auge glänzte fieberhaft. m Von Schreck erfaßt, ſuchte er zu fliehen und ſich zu m verbergen, die Bewegung verurſachte ihm heftigen Byr, Nomaden. IV. 12 178 Schmerz in dem verbundenen Arme. Er wehrte mit der Rechten heftig ab, als drohe ihm eine neue Gefahr von ſeinem Vater. „Fort, fort!“ rief er in arabiſcher Sprache.„Das böſe Auge, das böſe Auge! Was willſt Du von mir? Du willſt mich tödten!“ Und als Mr. Lesley ſich ſchmerzlich berührt zurückzog, um die Erregung nicht noch zu ſteigern, faßte der Kleine, wie unter ihren Schutz flüchtend, die Hand der jungen Frau, und ſich der Sprache bedienend, von der er wußte, daß ſie die⸗ ſelbe verſtand, flehte er in rührenden Lauten:„Gut, lieb mit Nurreddin. Bleib'— nicht böſes Auge. O ſchöne Mutter ſein 35 Mrs. Lesley ſtreichelte ihn zärtlich, ſie richtete die Decke, ſie legte das Eis zurecht, ſie beugte ſich auf das Kind und küßte ihm die Wange, auf der eine Thräne zurückblieb. „Ja, mein armes Kind“, ſagte ſie leiſe und un— endlich weich,„ich will Deine Mutter ſein.“ „Mary!“ ſtieß Mr. Lesley mit bebender Stimme hervor. Seine Hände hatten ſich auf der Bruſt ge⸗ faltet, die ſich unter mächtigen Athemzügen hob und ſenkte. Das Weib, an deſſen Seite er jahrelang ſtumm einhergegangen war, weil er es ſolcher Seelengröße nicht für fähig gehalten, das er durch ſeinen Tod be⸗ — 179 freien und, wie ein Kind mit Spielzeug, mit ſeinem Vermögen tröſten und beglücken wollte, wuchs jetzt vor ſeinen Augen himmelan. Der Engel, der in dieſem Frauenherzen ſchlummerte, war erwacht, die Segens⸗ ſtrahlen der Milde verklärten ihre Züge und leuchteten in ihnen auf, wie das Licht eines neuen Tages, den Mr. Lesley verheißungsvoll anbrechen ſah. „Mary, Mary!“ wiederholte er mit rauher Stimme, über welche er alle Herrſchaft verloren hatte.„Weißt Du auch, was Du thuſt? Wie wird Deine Mutter darüber urtheilen?“ Es war ein zugleich trauriges und ſeliges Lächeln, ein Lächeln der Verſchämtheit und der Kraft, das in ihren Zügen ſpielte, ein kurzer Blick, der ſich wie Vergebung heiſchend und gewährend zu ſeinen Augen erhob und dann raſch zu Boden ſenkte, als ſie die ſchmale, vom Eiſe ſanft geröthete Hand dem Gatten hinſtreckte und leiſe dabei ſagte: „Ich habe geſchworen, meinem Manne zu folgen. Führe uns in die Heimat, Davy.“ Es war erſchütternd anzuſehen, wie es in dem ſtarken Manne arbeitete. Er, deſſen Aeußeres und deſſen Weſen ſo rauh und zeitweiſe beinahe ungeſchlacht zu nennen war, brach unter dem gewaltigen Sturm ſeiner Gefühle wie eine gefällte Eiche zuſammen. Ein ein⸗ 42* 180 ziges herzergreifendes Schluchzen entrang ſich ſeiner Bruſt, die jahrelang das Leid verſchloſſen in ſich ge— Wie einer, dem auf dem Schaffot die Be⸗ tragen. fen wird, lag er auf den Knieen und gnadigung zugeru barg das Antlitz in dem Schooß ſeines Weibes. Und ſonderbar, anch der Knabe zeigte jetzt chmiegte ſich inniger an die ſchöne keine Frucht, er ſ Thräne nieder⸗ Frau, aus deren Augen Thräne um rann auf die in ſeligem Schmerze lächelnden Lippen. Im Nebenzimmer aber hatte Lizzie, ihre eigenen Gefühle vergeſſend, Gerhard's Hände gefaßt und drückte ſie kräftig und warm. „Sie haben es recht gemacht, Dank, Dank!“ ſagte ſie.„Gott Lob, es iſt noch Alles gut geworden. Der Herr ſelber hat Alles zu Ende geführt; durch Leiden zur Verſöhnung!“ Siebentes Kapitel. Alle Welt in Alarm. Am andern Morgen erwartete Gerhard bei ſeiner Rückkehr nach Montreux eine ſonderbare Ueberraſchung. Er hatte frühzeitig Genf verlaſſen, ſein Amt war dort zu Ende. Die beiden Damen bedurften ſeiner nicht mehr als Begleiter, er fühlte ſich vollkommen überflüſſig und ſein Herz drängte ihn zur Rückreiſe. War er bis jetzt mit Zurückſetzung ſeiner eigenen In⸗ tereſſen Andern dienſtbar geweſen, ſo hatte er nun wohl das Recht, auch wieder an ſich und die ernſten Angelegenheiten zu denken, deren Löſung einen ſo un⸗ erwarteten Aufſchub erlitten hatte. Mr. Lesley, der für ſeine Rührung und Dankbar⸗ keit dem Freunde gegenüber keine Worte fand und deſſen feſter, zuckender Händedruck Alles ſagen mußte, — 5 — ſuchte Gerhard nicht mehr zurückzuhalten, er bat ihn vielmehr ſelbſt, ſeinen Schwiegerältern Nachricht von der Lage der Dinge zu überbringen. Nurreddin war nach ſeinem Erwachen neuerdings in kurze Bewußt⸗ loſigkeit verfallen, dann aber hatte ſich bei ihm ein heftiges Fieber eingeſtellt, ſodaß der endlich angelangte Arzt den Transport des kranken Knaben vorläufig für eine Unmöglichkeit erklärte. Beide Schweſtern theilten ſich in die Pflege, die zum Theile auch dem durch ſo viele Erſchütterungen ſehr angegriffenen Vater des Kin⸗ des zu gute kam. So war zunächſt an eine Rückkehr nach Montreux nicht zu denken. Gerhard hatte ſich anheiſchig gemacht, Mr. Wallace und ſeine Frau zu beruhigen, was ihm wenigſtens bei der ehrenwerthen Dame im Hinblick auf die ſtattge⸗ fundene Entwicklung keine ſo ganz leichte Aufgabe ſchien; auch wollte er für Nachſendung der nöthigen Effecten Sorge tragen. Dann aber, ſo dachte er, ſollte ihn kein Zögern länger zurückhalten, nach der Villa zu eilen und das geliebte Mädchen vergebend an die Bruſt zu ſchließen. Er gedachte der Scene dieſer Nacht am Bette des kranken Kindes; da, als ſich die beiden ge⸗ trennten Gatten, Alles, was,ſie ſich zum Vorwurf machen konnten, vergeſſend, wiedergefunden hatten, da war der Entſchluß vollkommen in ihm gereift, ſich über 183 alle Bedenklichkeiten einer vielleicht zu ſtrengen An— ſchauungsweiſe hinwegzuſetzen und im liebevollen Ver⸗ zeihen das einen Augenblick lang verloren gegebene Glück wiederzugewinnen. Nur die allernöthigſte Zeit zum Umkleiden und zur Ausführung ſeiner Aufträge wollte er ſich gönnen. Als er aber die Penſion betrat, ſah er an der Auf⸗ regung, die hier herrſchte, ſogleich, daß während ſeiner Abweſenheit etwas Ungewöhnliches vorgefallen ſei. Ein Wagen mit einem großen Waſſerfaß ſtand vor der Thür, Handwerker und Arbeitsleute gingen aus und ein, man hörte laute Zurufe in dem ſonſt ſo ſtillen Hauſe. Die betroffene Miene des Portiers, als er Gerhard erblickte, war ein Zeichen mehr. Statt Ger⸗ hard dienſtfertig wie gewöhnlich den Schlüſſel zu rei⸗ chen, wendete er ſich in den Corridor und rief laut nach Monſieur Germain. „Monsieur, un accident!“ wendete er ſich dann ge⸗ gen Gerhard und in derſelben Sprache fortfahrend, ſetzte er hinzu:„O, wenn Sie nur wenigſtens hier geweſen wären, dieſer andere Herr hätte dann nicht auf Sie gewartet und das Unheil wäre noch bei Zeiten entdeckt und verhütet worden.“ Gerhard, der betroffen aufhorchte, hatte noch nicht Zeit gehabt zu fragen, was denn eigentlich geſchehen — ——y ſei, als auch ſchon Monſieur Germain herbeikam und ſich an der Spalte einer Thür das neugierig erſchreckte Geſicht ſeiner Ehehälfte zeigte, als ſei Gerhard plötzlich eine merkwürdige Perſon geworden. „Ah, quel accident!“ fing der Beſitzer der Penſion genau ſo wie früher der Portier an, was eben nicht geeignet war, Gerhard's Unruhe zu vermindern.„Wir haben alles Mögliche gethan, aber mein Gott, ſolche Unvorſichtigkeit— es iſt unerhört!“ Erſt nach einigen Ausrufen und vielfach unter⸗ brochen von den raſch nach einander eintreffenden Kellnern und Stubenmädchen, die alle wieder ihre Meinung abgeben zu müſſen glaubten und auf ohrbe⸗ täubende Art durcheinander riefen, kam Monſieur Ger⸗ main zur Mittheilung deſſen, was geſchehen war. Es hatte in der Nacht gebrannt und zwar in Gerhard's Zimmer, ein Theil der Einrichtung war vom Feuer verzehrt worden, ehe man demſelben Einhalt thun konnte. Kapitän von Reuſche hatte zuerſt, etwa um die zweite Morgenſtunde, den Brand entdeckt. Der ihn zum Huſten reizende Rauch war ihm aufgefallen. Anfangs hatte er geglaubt, ein Holzſtoß ſei in ſeinem Ofen angegangen und vielleicht die Klappe geſchloſſen. Alsbald aber hatte er ſich überzeugt, daß der Rauch vom Corridore durch die Thür eindringe; er war hin⸗ 185 ausgetreten und ſah nun, daß er aus Gerhard's Zim⸗ mer kam. Nun hatte er ſogleich Lärm gemacht. Bald genug waren alle Bewohner des Hauſes auf den Beinen, der Ruf: Feuer! ſcheuchte jeden aus dem Schlafe. Da der Schlüſſel nicht ſogleich bei der Hand war, ſprengte man die Thür ein. Qualm und Flam men ſchlugen den Eintretenden entgegen, ſodaß man das Zimmer ſogleich wieder verlaſſen mußte. Nun wurde Waſſer herbeigebracht; ſchon nach den erſten Strömen, die man in die Flamme gegoſſen, zeigte es ſich, daß der Brand noch keine allzu großen Fortſchritte gemacht hatte. Es gelang, das Feuer zu beſchränken und deſſelben endlich ganz Herr zu werden, ohne daß man nöthig hatte, Hülfe herbeizurufen und den Ort zu alarmiren. Eine kleine Feuerſpritze vom Bahnhofe hatte genügt. „Ah, der Schreck, der furchtbare Schreck! Das ganze Haus hätte ein Raub der Flammen werden kön⸗ nen und ich bin nur mit einem Drittel verſichert“, jammerte Mr. Germain.„Aber ich werde von heute an die Prämie erhöhen. Welchen Schaden hätte ich haben können! Zum Glück ſind nur ein paar Stühle, deh Tiſch, das Sopha, der Teppich und ein Theil der Parquets verbrannt. Der Waſchtiſch iſt wohl auch nicht mehr zu brauchen.“ 186 „Wie? Der Tiſch, ſagten Sie— und meine Sa⸗ chen?“ rief Gerhard, in deſſen blaß gewordenen Zügen ſich Beſtürzung malte. „O, Alles gerettet“, yieß es von allen Seiten. „Monſieurs Koffer ſind unverletzt und der Schrank mit den Kleidern hat auch keinen Schaden gelitten, nur das Holz iſt geſprungen von der Hitze.“ „Und der Tiſch, der Tiſch?“ fragte Gerhard wie⸗ derholt mit einer Haſt, daß Monſieur Germain befremdet aufblickte und ſchon zu fürchten begann, ſein Gaſt ſei von dem nachträglichen Schreck ein wenig angegriffen. „Der Tiſch, ja, das iſt freilich ein Verluſt“, ent⸗ gegnete er achſelzuckend;„ich habe ihn erſt im verfloſſe⸗ nen Jahre machen laſſen. Aber die Parquets, der Tep⸗ pich, das Sopha, das macht weit mehr, dazu die Tape⸗ ten und die Deckenmalerei, Alles von Rauch geſchwärzt und jetzt auch noch vom Waſſer durchweicht. Ich ſoll aber für Alles entſchädigt werden, verſpricht man mir; im Grunde iſt es das Wenigſte, was dieſer Unvor⸗ ſichtige thun kann.“ „Wer, wer?“ „Nun, Monſieur Streicher, der die Schuld an Allem trägt.“ „Streicher? Streicher?“ wiederholte Gerhard, der ſich wie wirr im Kopfe fühlte und nun den Namen an 187 mit dem Gehörten nicht in Zuſammenhang zu bringen vermochte. Aber ehe er dieſen noch fand, kreuzte wie⸗ der ein anderer Gedanke ſeinen Kopf, und ſich aus dem Kreiſe Bahn ſchaffend, eilte er die Treppe hinan, um an Ort und Stelle mit eigenen Augen zu ſehen. Schon der Corridor des mittlern Stockwerks hatte ein wüſtes Ausſehen, eine Handſpritze ſtand noch immer da, der Rauch hatte die Wände geſchwärzt und ein ſtarker Brandgeruch machte ſich bemerkbar. Das Zimmer ſelbſt bot ein Bild der Zerſtörung. Geſchwärz⸗ tes Waſſer lief auf dem Boden umher und hatte große Flecken an den Tapeten hervorgebracht, eine dicke Schicht Ruß überzog den Plafond, der faſt ganz ver⸗ kohlte Teppich lag aufgerollt in einer Ecke, in einer andern waren Kohlen, Aſche und die Reſte des verbrann⸗ ten Geräthes zuſammengekehrt. Der thätige Beſitzer der Penſion war ſogleich daran gegangen, die Spuren zu verwiſchen und den Schaden auszubeſſern. Ein Tapeziererjunge wiſchte die Wand ab, ein anderer ſchnitt Tapeten zu, während der Gehülfe eines Malers Farben für die Decke miſchte, die ein Maurer abzu⸗ kratzen bemüht war. Tiſchler nahmen die Maße für das zu ergänzende Stück des Fußbodens. Gerhard ſtand eigenthümlich bewegt auf der Schwelle. Hier hatte er geſtern noch gewohnt, heute war Alles ver⸗ 188 wüſtet, kaum noch ein Theil ſeiner Effecten gerettet. Unwillkürlich gedachte er ſeiner Unterredung mit Mon⸗ ſieur de Granier. So hatte ihn dieſe wie ein Brand aus ſeiner Ruhe aufgeſtört, ein gut Theil ſeines Froh⸗ ſinns, ſeiner glücklichen Unbefangenheit hatte er dabei eingebüßt und nur mit Mühe das Vertrauen auf die Zukunft gerettet. „Und der Tiſch?“ fragte er, nachdem er eine Weile dieſes Bild der Zerſtörung und erneuernder Thätigkeit angeſehen hatte, den Hotelbeſitzer, der ihm hierher gefolgt war.„Der Tiſch war nicht mehr zu retten?“ „NVoilà, das iſt Alles“, deutete der Gefragte auf den Schutthaufen in der Ecke.„Aber weshalb fragen Sie?“ ſetzte er hinzu.„Hatten Sie vielleicht etwas darin aufbewahrt?“ „Blos mein Geld“, verſetzte Gerhard mit einem Anflug von herber Ironie. Auf die weitern Fragen gab er keine Antwort. Er hörte die Reden Monſieur Germain's mit Achſelzucken an. Was half jetzt der Vorwurf, daß er nicht das Geld, wie dies bei größern Summen immer die Vor⸗ ſicht gebiete, dem Wirthe anvertraut habe? Was nützten die Ausrufe deſſelben, daß der Verurſacher des Scha⸗ dens denſelben auch zu decken habe? Gerhard war auf ——— 189 den Schutthaufen zu getreten und begann in demſelben mit einer aufgegriffenen Holzleiſte zu bohren und zu ſtochern, als müßte er doch noch eine Spur des von der gefräßigen Flamme verzehrten Schatzes finden. Ge⸗ ſchmolzene Stahlfedern aus dem Sopha, Scherben des Schreibzeugs, Metallklumpen, in denen ſich kaum ehemalige Leuchter erkennen ließen, lagen da, darunter auch das Schloß des Schreibtiſches. Halb in Gedanken nahm es Gerhard auf. Eben als er es zur Seite legen wollte, ſtürmte Streicher herein. Man hatte ihm ſchon Gerhard's Rückkehr mitgetheilt. „Freund, Freund“, rief er,„es iſt furchtbar, ſo ohne Willen und Abſicht Brandſtifter zu werden. Aber ich begreife nicht, ich begreife nicht!— Monſieur Ger⸗ main“, wandte er ſich an dieſen,„da bin ich. Ich habe meinen Koffer gepackt und ihn herüberbringen laſſen. Legen Sie Beſchlag auf mich und ihn, bis ich Ihnen den Schaden erſetzt habe. Laſſen Sie den Koffer auf ein Zimmer bringen.“ „Hier hinüber?“ fragte der Wirth und deutete auf die Thür vis-à-“is. „Nein, nein“, widerſprach Streicher,„da ziehe ich nicht wieder ein, das Feld meiner criminellen Thätig⸗ keit immer vor Augen— nein, und nebenan der huſtende Kapitän!“ 190 „So werde ich Ihren Koffer einſtweilen in Mon⸗ ſieur Strandau's Zimmer bringen laſſen, bis Herrn von Kuruſoff's Zimmer leer wird. Er reiſt noch heute Vormittag ab.“ Streicher nickte beiſtimmend. „Nun mußt Du mich auch auf dem Halſe haben“, ſchalt er in ſeiner gewöhnlichen Weiſe,„da Du ein⸗ mal ſchuld biſt, daß ich wieder hierher zurückkehre in das alte Quartier, wie ein echter Philiſter, der noch nach zwanzig Jahren in ſeine alte Stammkneipe geht. Was mußteſt Du mich auch beſtellen und dann bis ſpät in die Nacht hinein warten laſſen! Es ge⸗ ſchieht Dir ganz recht, wenn Du auch ein wenig mit darunter leideſt.“ „Ich dächte, ich wäre genug in Mitleidenſchaft gezogen“, verſetzte Gerhard mit Nachdruck. „Da ſieht man den Egoiſten“, brauſte Streicher auf,„weil Du in ein anderes Zimmer überſiedeln mußt, denn ſoviel ich weiß, iſt weder Deinen Kleidern noch Deinem Koffer etwas zugeſtoßen. Aber komm, was ſtöberſt Du noch in dem Unrath, der mich theuer genug zu ſtehen kommt? Was iſt das für ein Schloß?“ „Das meines Schreibtiſches, in welchem ich meine Papiere verwahrte.“ „Deine Papiere?“ ſtutzte Streicher.„Aber die lagen ja auf dem Tiſche. Du wirſt doch nichts Werthvolles — Am Ende war Dein Taufſchein in der Scheblade?“ Streicher's Antlitz zeigte jetzt eine ſolche peinliche Auge fixirte Gerhard ſo ängſtlich, daß Aerger und Unwillen ſchwinden fühlte Unruhe, ſein dieſer ſeinen und in einer Anwandlung großmüthigen Zartſinns über den erlittenen Verluſt ganz zu ſchweigen beſchloß. Erſetzt konnte er ihm doch nicht werden, was ſollte er alſo dem Freunde, der ſich ſelbſt zu der Urheberſchaft des Brandes bekannte, noch neue Vorwürfe machen? Er ſuchte durch ein paar gleichgültige Worte denſel⸗ ben zu beruhigen und forderte ihn auf, mit nach dem das man ihnen angewieſen Zimmer zu hatte. 2 kommen, Das kann man mitnehmen“, ſagte Streicher und griff nach dem Schloſſe, welches Gerhard eben wieder auf den Schutthaufen zurückwerfen wollte.„Das iſt ganz gut zu brauchen. Bezahlen muß ich es ja doch, alſo ſehe ich nicht ein— 74 „Ich habe den Befehl ſchon ertheilt“, ſagte Monſiuer Germain zurückkehrend. „Sie finden beide Koffer, meine Herren, auf dem Zimmer, welches der Banquier aus Wien bewohnte. Wenn Sie etwa noch eine be— deutendere Summe bei ſich haben, ſo bitte ich Sie, dieſelbe in meine Hände zu legen. Man kann nicht für unvorhergeſehene Fälle ſtehen. Eine feuerfeſte Kaſſe 192 iſt immer beſſer als eine Tiſchlade. Sie haben die Erfahrung gemacht.“ „Wie? Was? Das Geld?“ rief Streicher in der⸗ ſelben Sprache, deren ſich der Wirth bedient hatte, ſeinen ſchlauen Wink anzubringen, um, gewitzigt durch manche Erfahrung, eine gewiſſe Sicherſtellung für ſeine Zeche zu gewinnen. „Wiſſen Sie denn nicht?“ beſtätigte Monſieur Ger⸗ main.„Monſieur Strandau ſagt, es ſei mit verbrannt.“ Gerhard bemerkte gar wohl die beleidigend miß⸗ trauiſche Wendung, ſie konnte ihn aber nicht ſo un⸗ muthig ſtimmen als die Ueberzeugung, daß nun ſein früherer Verſuch, den Verluſt zu verheimlichen, durch die zu täppiſche Mittheilung ſcheitern gemacht wurde. Streicher aber geſchah das faſt Unmögliche— er wurde blaß. Seine Augen richteten einen Blick des namen⸗ loſeſten Schrecks auf Gerhard, und indem er dieſen mit einem faſt ſchmerzhaften Griff feſt am Arme faßte, keuchte er in einem Tone, den ſich Gerhard nicht er⸗ innerte, jemals gehört zu haben: „Das Geld war noch im Tiſch? Rede, Menſch, rede!“ „Nun ja“, entgegnete Gerhard zögernd,„es war noch da. Es war leichtſinnig von mir.“ — Streicher's Weſen ſchlug mit einem Male um; die Hände preßte er zuſammen und hohe Zornesröthe färbte ſein Geſicht. „Leichtſinnig? Leichtſinnig? Lächerlich!“ ſchrie er und lachte dabei mit den kurzen, ſcharfen Lauten einer ohnmächtigen Wuth.„Leichtſinnig? Sage: wahn⸗ ſinnig, böswillig, heimtückiſch! So handelt kein Menſch mit geſundem Menſchenverſtand. Das iſt ein Act der Phreneſie!“ Gerhard war erſtaunt, ja verblüfft über die Flut ſo heftiger Vorwürfe von einem Menſchen, dem eigent⸗ lich er ſie zu machen berechtigt geweſen wäre. Er war gewohnt, Streicher immer anders als alle Welt zu finden, immer ſo, wie man es im Grunde nicht er⸗ warten konnte, diesmal ging es aber doch zu weit, und als Streicher in ſeinem Ausbruche fortfuhr, fiel ihm endlich Gerhard ziemlich ſcharf in die Rede: „Daß man beim Schaden auch den Spott hat, weiß ich, Vorwürfe aber verbitte ich mir.“ „So? Das iſt der Egoismus“, wüthete Streicher weiter,„dem es nicht genehm iſt, die Wahrheit zu hören. Alſo ich ſoll nicht einmal meine Meinung aus⸗ ſprechen dürfen, ſoll ſchweigen wie ein getreuer, ſteuer⸗ erdrückter Unterthan, nachdem Du mich durch Deinen unverantwortlichen Leichtſinn— gut, nennen wir das Byr, Nomaden. IV. 13 194 Ding bei dem ſchmeichelhaften Namen, den Du ihm ſelbſt zu geben beliebteſt— nachdem Du mich alſo durch Deinen Leichtſinn in dieſe charmante Lage gebracht?“ „Ich Dich?“ Streicher achtete gar nicht auf dieſe Frage. „Wie viel iſt's, das Dir verbrannte?“ rief er barſch. „Nun, zehntauſend Thaler.“ „Zehntauſend Thaler!“ kreiſchte Streicher auf. „Mein ganzes Vermögen reicht nicht, und das ſoll blos Leichtſinn geweſen ſein? Zehntauſend Thaler in Papieren bei ſich zu führen, und ich wette darauf, daß ſie nicht einmal notirt waren, um ſie amortiſiren laſſen zu können.“ „Doch, in dem Portefeuille, worin ſie lagen.“ „In dem Portefeuille!“ Abermals lachte Streicher unheimlich auf. Hohn und Zorn miſchten ſich in ſeiner Stimme.„Natürlich in dem Portefeuille, damit Alles zugleich verbrennt, verloren geht oder geſtohlen wird. Und das iſt bloßer Leichtſinn? Zehntauſend Thaler in der nächſten beſten Tiſchlade aufbewahren, in einem Zimmer, zu dem Alles Zutritt hat, in einer Lade, die nicht einmal zugeſchloſſen iſt— bloßer Leichtſinn?“ „Zugeſchloſſen war“, warf Gerhard unmuthig ein.„Ich hatte den Schlüſſel bei mir.“ c. „Lächerlich! Nicht einmal das weißt Du, ob Du zugeſchloſſen haſt oder nicht. Da, ſieh Dir einmal das Schloß an. Wenn der Riegel zurückgeſchoben iſt, pflegt ein Schloß offen zu ſein, oder hat vielleicht das Feuer aufgeſchloſſen?“ Die Bemerkung war richtig und es ſchien Gerhard unbegreiflich, daß ſie ihm nicht früher ſelbſt eingefallen. Aber wie reimte ſich der Umſtand mit ſeiner vollkommen klaren Erinnerung zuſammen? Kurz vor ſeiner Abreiſe hatte er tags zuvor noch einige Banknoten aus ſeinem Portefeuille genommen; ſollte er ſich täuſchen und in der großen Eile und Zerſtreut⸗ heit abzuſchließen vergeſſen haben? Er hatte aber doch die Gewohnheit, den Schlüſſel vor dem Abziehen immer erſt umzudrehen. „Ich glaube mich ganz deutlich zu erinnern, die Lade wie das Portefeuille zugeſchloſſen zu haben“, mur⸗ melte er;„was hätte es ſonſt für einen Sinn gehabt, daß ich den Schlüſſel zu mir ſteckte?“ „Ja, darüber magſt Du Dir ſelbſt Antwort geben, und wenn Du es nicht kannſt, ſo iſt das ein Beweis für mich. Unter Curatel ſtellen ſollte man Dich! Du haſt das Portefeuille ebenſo wenig zugeſchloſſen, ich möchte einen Eid darauf ablegen. Suche nur einmal das Schloß.“ 43* —ꝛ—ꝛ—ꝛxxxxõ— 196 „Ja, das iſt eben ſonderbar“, verſetzte Gerhard, der ſchon alle Reſte zu wiederholten Malen durchſtöbert, „daß ich es nicht finde, ſo wenig als die Beſchläge der Mappe, die aus Stahl waren.“ „Hier, dieſe—“ rief Streicher, ein kleines Schlöß⸗ chen und einen Eckbeſchlag aufhebend. „Dieſe ſind von der Schreibmappe, die andere hatte ein rundes Schloß und hohe Knöpfe an den Beſchlägen, die zum Deſſin der Perlenſtickerei paßten. Nirgends auch nur eine Spur.“ „Da hat man's“, ſtieß Streicher wüthend aus, ohne zu bemerken, daß inzwiſchen auch Frau von Rü⸗ derich und ihr Gatte an der Schwelle erſchienen waren. „Nicht genug am Brandleger, auch zum Diebe werde ich noch!“ „Aber, Streicher—“ ſuchte Gerhard ihn zu be⸗ ſchwichtigen. „Nichts da! Ich will Deine Freundſchaftsbezei⸗ gungen nicht. Diesmal iſt's zu viel. Nicht nur der ungeheure Schadenerſatz, auch noch der Makel an der Ehre, und das Alles verdank' ich Dir. Bravo, bravo! Die Schlußfolgerung iſt ganz einfach: zuerſt habe ich das Portefeuille eingeſteckt und dann Feuer angelegt, der Galgenvogel iſt fertig. Fehlt nur, daß Du Dir noch zum Zeitvertreib oder aus unglücklicher Liebe den e Hals abgeſchnitten hätteſt, damit ich auch noch als Mörder daſtehe. Vorläufig wenigſtens Dieb und Mordbrenner.“ „Die Indicien ſind allerdings gravirend“, ſagte Frau von Rüderich zu ihrem Gatten, doch ſo, daß es auch die Uebrigen verſtehen konnten. Wie alle in der Nacht alarmirten Bewohner des Hauſes hatte ſie keinen ruhigen Schlaf mehr gefunden. Sie verließ ihr Zimmer früher als gewöhnlich und war hierher gekommen, um örtliche Studien auf der Brandſtätte zu machen, die in einer Epiſode ihres Romans, wie ſie raſch beſchloſſen hatte, Verwendung finden ſollten. Nun kam ſie zufällig gerade zu der intereſſanten Scene zurecht und ſie benutzte im Be⸗ wußtſein ihrer weiblichen Unantaſtbarkeit die ſich vor⸗ trefflich bietende Gelegenheit zu dem boshaften Ausfall gegen Streicher, den ſie für verrückt erklärte und gleich⸗ wohl im Stillen bitter haßte. Der giftige Skorpionenſtich brachte Gerhard mehr auf als denjenigen, der davon getroffen wurde, und ſein Unwille ſtieg aufs Höchſte, als Herr von Rüderiche mit ſeinem gewöhnlichen bornirten Lächeln das Wort „gravirend“ wiederholte. „Es iſt ſonſt nicht gewöhnlich“, ſagte Gerhard, vor das Ehepaar hintretend,„daß man ein Echo zur — 9---—-—/— 198 Verantwortung zieht; es ſpricht ja nur blöde nach, was man ihm vorſagt. In gewiſſen Fällen aber finden Ausnahmen ſtatt, mein Herr; man hält ſich für feige, heimtückiſche Verleumdungen an den Mann; die Sitte verbietet, die eigentliche Ehrabſchneiderin zu züchtigen.“ Die letzten Worte hatte Gerhard mit gehobener Stimme und in ſcharfem Tone geſprochen, ſodaß Herr von Riüderich erſchrocken zurücktrat und ſtot⸗ ternd einige Entſchuldigungen vorbrachte; umſonſt ziſchte ſeine Frau. „Herr von Rüderich wird für die Beleidigung einer Dame einſtehen!“ Das arme, zwiſchen zwei Feuer gebrachte Echo zeigte nicht die geringſte Luſt dazu, und Streicher machte der Scene kurz ein Ende, indem er ſeinen Freund am Arme faßte und mit ſich fortzog. „Ich habe Dich nicht zum Advocaten angenommen, meinen Proceß zu führen“, rief er dabei.„Komm mit, wir haben miteinander zu reden.“ „Gleich und gleich geſellt ſich gern“, kicherte ihnen Frau von Rüderich boshaft nach.„Es gibt auch abgekartete Scenen, in denen Verluſte fingirt werden.“ Herr von Rüderich hütete ſich diesmal wohl, ſein Echoamt auszuüben. Gerhard zuckte, er wollte umkehren, aber Streicher hielt ihn feſt. mmmmn———— — — alte Hexe.“ „Recht hat ſie“, brummte er,„ganz Recht, die „Wie kannſt Du ſo etwas ſagen!“ widerſprach Gerhard und äußerte, als ſie auf ihrem Zimmer an⸗ gekommen waren, ſeinen ganzen Unwillen. „Recht hat ſie“, beſtand Streicher mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Hartnäckigkeit auf ſeiner Anſicht;„die Um⸗ ſtände ſind gravirend, und wenn Du Dich noch auf meine Seite ſtellſt, für Dich ebenſo ſehr als für mich. Was fällt Dir übrigens ein, meine Partei zu nehmen?“ „Sonderbare Frage! Ich werde mich doch nicht gegen Dich ſtellen!“ „Aber Du mußt das thun“, perorirte Streicher hitzig.„Du mußt naturgemäß handeln. Was ſollen dieſe lächerlichen Vorurtheile von Freundſchaft? Sie dürfen Dich nicht abhalten, das Recht zu ſuchen und dort anzuerkennen, wo Du es findeſt. Du biſt im Verluſte, ich habe ihn verurſacht, Du mußt mich zur Haftung verhalten.“ „Am Ende wohl gar proceſſiren?“ rief Gerhard lächelnd. „Im Grunde ſollteſt Du das auch, es wäre nur in der Ordnung, ich verdiene die Strafe. Wenn Dir aber der Schadenerſatz gewährleiſtet iſt, ſo kannſt 2 ———— Du allerdings darauf verzichten und ich will nicht darauf beſtehen.“ So wenig Gerhard zum Lachen geſtimmt war, die neue Abſonderlichkeit ſeines Freundes kam ihm doch komiſch vor. „Ich glaube es“, verſetzte er launig,„wenn ich Dich, den Nomaden par excellence, einſperren ließe, wäre Dir wenig gedient.“ „Keinen Scherz! Die Sache iſt zu ernſt und zu wichtig. Das Einſperren würde zu nichts dienen und bis zur Höhe meines Vermögens hafte ich, für den Reſt bleibe ich Dein Schuldner; ich werde arbeiten, ich werde Dich mit meinen Honoraren befriedigen bis auf den letzten Kreuzer.“ „Was fällt Dir ein?“ „Was Recht und Ordnung iſt.“ „Du biſt nicht bei Sinnen. Zwiſchen uns kann eine ſolche Frage nimmermehr aufgeworfen werden.“ Streicher erzürnte ſich von neuem. „Wie, Du willſt alfo, daß ein Schatten auf meiner Ehre bleibe?“ rief er.„Du willſt, daß ich ſchweigend ein Ziſcheln, wie von dieſer alten Viper, hinnehmen und keine andere Ausflucht haben ſoll, als mich in die Erde hinein zu ſchämen? Rückſichtsloſer Egoiſt Du! Man ſoll alſo mit Fingern auf mich weiſen und mir 201 nachſagen, ich hätte zuerſt die Lade ſauber ausgeräuntt, dann ein kleines Feuerwerk hergerichtet und zuletzt eine ſchlechte Komödie geſpielt, um mir ſchließlich vom Freunde Alles ſchenken zu laſſen, Geld, Proeeß, Urtheil und Strafe? Das Alles ſoll ich über mich ergehen laſſen, nur damit Du Dich Deines großmüthigen Freund⸗ ſchaftsgefühls erfreuen kannſt und keine Alteration erleideſt. Oho, daraus wird nichts! Beim Kreuzer mußt Du abbezahlt werden, beim Kreuzer, und müßte ich ihn aus der Erde graben mit meinen Nägeln, die freilich nicht ſo ſpitz und ſchön gepflegt ſind wie die Deinen.“ In der That, dergleichen war dem originellen Menſchen zuzutrauen, und Gerhard fühlte wirklich etwas wie Gewiſſensbiſſe, wenn er dachte, in welche Lage ſein Freund durch ſeine Schuld mit verſetzt war. Durch ſeine Schuld? Aber hatte denn Streicher wirk⸗ lich gar keine? Wie war denn das Feuer überhaupt entſtanden? Streicher konnte es doch unmöglich zu ſeinem Vergnügen angezündet haben. Er geſtand nur immer ein, die Urſache geweſen zu ſein, das ſchien ausgemachte Sache, aber noch Niemand hatte Gerhard bis jetzt von der Art des Entſtehens geſprochen und er ſelbſt, beſtürzt über die Thatſache, auch nicht dar nach gefragt. 202 Er that es jetzt. „Wie es gekommen iſt?“ entgegnete Streicher in ſeiner barſchen Weiſe, die aber im Lauf der Mittheilung ſich bedeutend milderte.„Darüber herrſcht freilich kein Zweifel, Alles iſt ſo einfach wie möglich, aber unerhört iſt's doch, mir wenigſtens noch nie paſſirt. Als ich heim kam— ich war geſtern Mittag in Teritet— hieß es, Du ſeieſt da geweſen und habeſt mich geſucht. Ich kam und hörte, daß Du Knall und Fall davon⸗ gereiſt ſeieſt. Kuruſoff ſagte mir's, der hatte es von der alten Viper; ich dachte, Du wärſt in Vevay oder Lauſanne. Nachmittags kam ein Brief von Paul Schnetterbeck— Du mußt ihn kennen, wir ſahen ihn freilich ſeit der Univerſität nicht mehr, er redigirt ein Journal für Kunſt und Literatur in Mainz. Weiß Gott, von wem er hörte, daß wir hier ſeien, er will uns wiederſehen, literariſche Verbindungen anknüpfen— was weiß ich! Den Brief wollte ich dir mittheilen. Der Mann kommt heute. Ich ſetzte mich abends auf Dein Zimmer und wollte Dich erwarten, denn auf dem Bahnhofe war's zu kalt, in den Salon mochte ich der Viper wegen nicht, ſo ſaß ich hier, rauchte und las im Homer noch lange über den letzten Zug hinaus, bis ich es gewiß hatte, daß Du nicht zurückgekommen ſeieſt; dann ging ich— war 4— wohl ſchon elf Uhr vorüber. Nun, und heute früh erzählt man mir, daß es gebrannt hat.“ „Haſt Du das Licht brennen laſſen?“ „Nein, ich blies es aus.“ „Nun, wie kannſt Du dann behaupten, daß Du die Urſache warſt? Da iſt ja gar nichts erwieſen.“ „Lächerlich! Wie kann man ſo kurzſichtig ſein? Der unglückſelige Cigarrenſtummel muß es gethan haben, nichts iſt klarer.“ „Den Du unvorſichtigerweiſe unter die Papiere warfſt. Ich verſtehe. Aber, Freund“, begann nun Gerhard kopfſchüttelnd,„war das nicht auch von Dir leichtſinnig? Wie oft habe ich Dich gewarnt, ermahnt, dieſe Gewohnheit zu laſſen. Mußte ich nicht vor kurzem noch einſchreiten? Aber ſo mußte es kommen!“ „Unſinn!““ brach Streicher los.„Ganz und gar nicht mußte es ſo kommen. Das Allerunwahrſchein⸗ lichſte iſt es, was geſchehen konnte. Faſt zwanzig Jahre rauche ich Cigarren, noch niemals hat dergleichen ſtatt⸗ gefunden. Wo haſt Du ſchon gehört, daß das aus⸗ glimmende Ende einer Cigarre modernes glattes Pa⸗ pier ſo mir nichts dir nichts in Brand ſteckte? Und daß das Zeug ſtundenlang fortglimmt, bis es endlich in Flammen aufſchägt?“ „Gut, dann iſt alſo die Urſache anderswo zu ſuchen.“ 1————————.——— —— 204 „Anderswo? Du willſt auch noch Unſchuldige ins Verderben bringen?“ verharrte Streicher beim Widerſpruche, der beinahe erheiternd auf Gerhard wirkte.„Das ſieht Dir ganz gleich. Aus Parteilich— keit für mich würdeſt Du wohl die Schuld noch Andern zuwälzen. Liegt nicht ſchon genug auf meinen Schul⸗ tern? Niemand kam nach mir mehr in Dein Zimmer. Das Stubenmädchen ſchlief mit der Köchin, das Alibi iſt da. Der Portier beſchwört, daß der Schlüſſel nicht mehr vom Haken kam, nachdem ich ihn beim Fortgehen wieder hingehängt. Es iſt erwieſen, mein Cigarren⸗ ſtummel war der zündende Funke und ich— ich un⸗ glückſeliger Menſch habe das Zimmer, ergo das Haus in Brand geſteckt, ich habe das ganze Unheil ange⸗ richtet, das noch weit größer hätte werden können, ich habe Dich oder vielmehr mich um das Geld ge⸗ bracht, aber auch ich war nichts als das Spielzeug des Fatums. Wer leugnet noch das Schickſal, dem wir macht⸗ und willenlos gegenüber ſtehen? Die Alten hatten Recht, wie immer, mit ihren Schickſalstragö⸗ dien. Oedipus bin ich.“ „Ich denke, ſo arg iſt's doch nicht. Von dem glimmenden Cigarrenende bis zum Beil des Oedipus iſt noch ein gut Stück Wegs.“ „Durchaus nicht. Warum habe ich noch nie meine eigenen Papiere in Brand geſteckt, die ganz werthlos ſind, warum gerade einen Tiſch, der tückiſcherweiſe die Stelle einer feuerfeſten Kaſſe vertritt?“ So klagte Streicher eine ganze Weile, ohne daß es Gerhard gelang, ihn zu beſchwichtigen. Je mehr ſich dieſer Mühe gab, deſto eifriger redete ſich der ſelt— ſame, widerſpruchsvolle Menſch in einen ſtörriſchen Un⸗ muth gegen ſein Schickſal und ſich ſelbſt hinein. Das Gerechtigkeitsgefühl war in ihm ſo ſtark, daß er nicht einmal eine Entſchuldigung für ſich annahm, wiewohl er auch keine Anſchuldigung unerwidert ließ. Er hatte eben für Alles und zu jeder Zeit Gründe und Gegen⸗ gründe, die ſich beinahe immer aufwogen. Selbſt Sympathie und Antipathie hinderten ſeinen Rechtsſinn nicht, gleichſam wie ein Zünglein in der Wage zu ſchwanken, bis endlich Ruhe und Entſcheidung eintrat. Am Schluſſe ſeiner Vergleiche und Klagen ſchien er endlich etwas gefunden zu haben, was ihn tröſtete. „In Einem bin ich allerdings beſſer dran als Oedipus“, meinte er,„ich habe weder meine Mutter Jokaſte noch überhaupt ein Weib geheirathet.“ „Nun alſo“, ſtimmte Gerhard, der froh war, daß man endlich über das nicht mehr zu Aendernde hin⸗ auskam, bei,„da haſt Du ja den allertriftigſten Grund, Dich ſchließlich noch zu beglückwünſchen.“ 206 „Findeſt Du?“ fragte Streicher überraſcht, dann ſetzte er lauernd hinzu:„Du biſt alſo jetzt ſelbſt der Meinung, daß das Heirathen beſſer unterbleibt?“ „Bei Dir ja, da Du nun einmal dagegen biſt.“ „Aber warum nicht auch bei Dir? Ein Gutes iſt doch in jedem Uebel zu finden, ſo auch in dem Unheil dieſer Nacht. Du haſt jetzt die beſte Gelegenheit, Deine Braut auf die Probe zu ſtellen, und kannſt ſagen, Du ſeieſt verarmt.“ „Ich hätte Dich nicht für ſo romantiſch gehalten“, entgegnete Gerhard lächelnd und kopfſchüttelnd.„Der⸗ gleichen Prüfungen ſind mit den Ritterromanen und gewiſſen Rührdramen veraltet.“ „Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Wenn nur die Wirkung zutrifft, das Mittel mag veraltet oder mit dem neueſten Erfindungspatent privilegirt ſein. Auf den Erfolg kommt es an.“ „Und was ſoll der Deiner klugen Goldwage ſein?“ fragte Gerhard etwas kühl. „Es wird ſich zeigen, ob die Gewogene nicht zu leicht befunden wird, ob Du auch ohne Beigabe Deines Vermögens noch dieſelbe Bereitwilligkeit findeſt, Dein Schickſal zu theilen.“ „Und was weiter?“ „Und was weiter? Es wird ja dann eine Ver⸗ —.—y—ꝑ-U-⸗ 207 bindung, die Dich doch nicht glücklich machen kann, ohne Dein Zuthun und von der andern Seite gelöſt und Du biſt wieder frei.“ „Das mag ich aber nicht ſein!“ verſetzte Gerhard lebhaft und energiſch.„Was willſt Du mir beweiſen? Glaubſt Du, ich ſei wirklich, einen Moment nur, ſo thöricht geweſen, ſeit meine Jugenderfahrungen hinter mir liegen, zu glauben, es ſollte ſich ein Weib für mich ganz unabhängig von meinen Verhältniſſen intereſſiren, das heißt, für mich in der Abſtraction? Was ſind das für überſpannte Grillen? Der Menſch iſt ſo viel werth, als er bietet; ſein Stand, ſein Vermögen, ſeine Stel⸗ lung, ſein Geiſt, ſein Wiſſen, ſein Benehmen, ſeine Erſcheinung, das Alles gehört zuſammen, um ſeinen Werth zu beſtimmen.“ „Das iſt nicht der reale Werth.“ „Natürlich“, ſpöttelte Gerhard,„der ſteckt im ab⸗ ſtracten Ich. Auf die Probe ſoll ich die Liebe ſtellen, ob ſie mir bleibt, wenn ich als Bettler erſcheine, dann muß auch noch das Aeußerliche abgeſtreift werden, die wahre Liebe muß auch dem Ausſätzigen noch bleiben, und zuletzt, um das abſtracteſte Ich herzuſtellen, gibt man ſich auch noch als Dummkopf, als Ausbund aller Laſter, als den Inbegriff aller Gemeinheit, und die Liebe, die dann noch aushält, das muß wohl 208 fürchte nur, es hält's keine 8 die wahre ſein? Ich aus.“ Gerhard hatte vielleicht ſchärfer geſprochen, als der Anlaß dazu rechtfertigte, aber er war gereizt durch dieſes unaufhörliche Eingreifen in ſeine Entſchlüſſe, zudem hatte er den ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt noch zu kurze Zeit erſt hinter ſich, als daß nicht eine gewiſſe Empfindlichkeit zurückgeblieben wäre, wie einem er⸗ krankten Nervenſyſtem jeder Schall, jeder Lichtſtrayl, jede Berührung zum körperlichen Schmerze wird. Aus Streicher's kurzem:„Uebertreiben heißt nicht beweiſen“ und dem darauf folgenden Verſtummen, aus ſeinem Achſelzucken erſah Gerhard, daß der Freund neuerdings einen Streit herbeizuführen fürchte und deshalb den Gegenſtand lieber fallen zu laſſen beab⸗ ſichtige; ſo fragte er denn, indem er ſich umzukleiden begann, wann denn eigentlich die Kunde von dem Brande Streicher zu Ohren gekommen ſei. „Erſt am Morgen. Du kannſt Dir meinen Schreck vorſtellen“, erwiderte dieſer kleinlaut,„als ich mit dem Frühſtück ein Billet von Monſieur Germain erhielt, worin er mir freiſtellte, den Schaden zu erſetzen oder verklagt zu werden.“ „Aber wie kam es denn, daß man ſogleich Dir die Sache zuſchob?“ ——— — „Das hat Kuruſoff gethan. Iſt ein kluger Kauz, dieſer Ruſſe, der ſogleich Alles combinirte. Er war ſehr thätig beim Löſchen— jetzt geht er fort. Sonderbar, aber begreiflich; wer möchte in einem Hauſe bleiben, wo es zu allen andern Störungen auch noch des Nachts zu brennen pflegt, wenn auch nur zuweilen! Alles aus Holz, man könnte in der beſten Manier während des Schlafs geſchmort werden.“ „Und doch biſt Du wieder hier eingezogen.“ „Muß ich denn nicht? Ich bin hier gewiſſermaßen in freiwilliger Schuldhaft.“ „Es wird ſich Alles arrangiren laſſen.“ „Arrangiren?“ Streicher lachte höhniſch.„Lächer⸗ lich! Von meinem Standpunkt gibt's nur ein Déran⸗ gement.— Aber von etwas Anderem. Wo warſt Du indeſſen?“ 8 „Du erinnerſt mich zu rechter Zeit an eine über⸗ nommene Pflicht“, entgegnete Gerhard.„Du haſt Recht, ich bin ein Egoiſt. Ich vergeſſe über meinen Angelegenheiten ganz die Anderer. Armer Mr. Wallace, arme Frau, wie werden ſie dieſe Nacht verbracht haben!“ Ende des vierten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗ Leipzig. Byr, Nomaden. IV. 14 ———.-—ͤ—— Neue Romane aus dem Engliſchen. Verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Collins, Armadale. 6 Bände..... Thlr. 4— do. Ein tiefes Geheimniß. 3 Bände. Thlr. 2— Edwards, Barbara. 4 Bäande..... Thlr. 2 20 John Halifax. 2 Bände....... Thlr. 2 20 Ein edles Leben. Von der Verfaſſerin von„John Hali⸗ fart. 2 Bände..... Thlr. 1 10 Leben um Leben. Von der Verfaſſerin von„John Hali⸗ far 3 Bände....... Thlr. 2 15 Eiu muthiges Weib. Von der Verfaſſerin von„John Halifax.“ 3 Bände...... Thlr. 2 15 Saunders, Hirell. 3 Bände...... Thlr 2 15 Wood, Georg Canterbury's Teſtament 4 Bände. Thlr. 3— do. Der Schatten von Aſhlydyat. 6 Bände. Thlr. 4— do. Die Channings. 4 Bände.. Thlr. 2 20 do. Drangſale einer Frau. 5 Bände. Thlr. 3 10 do. Eaſt Lynne. 4 Bände..... Thlr. 2 20 8 rey Gortrol Chart Green vellow Hed Magenta —