Leihb deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt:.—. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————xN— auf 1 Monat: 5 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 2 7„ 3„=„„—„» 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben .— —.,—— — —— MNomaden. Roman von 4 Robert Byr. Dritter Band. Leipzig, V New-Vork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 1871. Erſtes Kapitel. Zwei Schweſtern. Obwohl Gerhard keine Antwort erwartet hatte, wollte es ihm doch nicht gefallen als nach einigen Stun⸗ den noch immer keine erſchienen war. Er fand das Schwei⸗ gen gleichgültig, befremdend, zuletzt ſogar bezeichnend. Die Mißſtimmung, welche ſich ſeiner infolge der Vor⸗ gänge am Morgen bemächtigt hatte, ſteigerte ſich immer mehr und ließ ihm Alles verzerrt und in weit tiefern Schattirungen erſcheinen, ſodaß er ſich zuletzt ſogar Vorwürfe darüber machte, den Brief geſchrieben und die ganze Angelegenheit gegen Lizzie überhaupt nur erwähnt zu haben. Die menſchenfreundliche Regung, die ihn dazu bewogen, verſchwand und der Egoismus, der ſich bei allen alleinſtehenden, auf ſich ſelbſt ange⸗ wieſenen Naturen ausgeprägter entwickeln muß als in Byr, Nomaden. III. 1 2 Exiſtenzen, die immer unter dem Einfluſſe einer regen Wechſelwirkung ſtehen, machte bei ihm ſeine Gründe geltend. Was hatte ihn, genau genommen, berechtigt, ſich in Angelegenheiten fremder Menſchen einzudrängen? Lizzie hatte es ihm deutlich genug geſagt, er ſich aber nicht irre machen laſſen. Mit einer Störrigkeit hatte er ſich benommen, als ob er irgendwie befugt wäre, Rathſchläge und Warnungen zu ertheilen. Mochten ſie noch ſo gut gemeint ſein, es hatte ſie Niemand ver⸗ langt, und ſo wäre es beſſer geweſen, ſie für ſich zu behalten. Wozu hatte er ſich mit einem boshaften Weibe verfeindet? Wieder nur, um Leute, die ihn eigent⸗ lich nicht das Geringſte angingen, in Schutz zu nehmen. Eine höchſt unpraktiſche Ritterlichkeit, die ſtark an den Helden von La Mancha erinnerte! Das Alles ſagte er ſich ſelber und er begann auch zu reflectiren, daß dieſe Leute gar nicht ſo Unrecht hätten, ſeine unbefugte Ein⸗ miſchung zurückzuweiſen, er ſelbſt machte es ja gerade ſo und zwar ſeinem beſten, älteſten Freunde ſogar. Auch Streicher meinte es offenbar gut und doch hatte er mit ihm nicht in der ſanfteſten Weiſe geſpro⸗ chen, als ſie ſich nach jenem abendlichen Spaziergange, der, ſtatt zu einem Schuldbeweiſe, zu einer ſo glänzen⸗ den Rechtfertigung geführt, wieder getroffen. Er ge⸗ 3 ſtand ſich zu, daß bei aller treuen Abſicht doch Täuſchung mit unterlaufen könne, obwohl er dann wieder ein⸗ warf, daß es immerhin zweierlei ſei, einen Un⸗ ſchuldigen zu verdächtigen, um den Freund von einem drohenden Schritte zurückzuhalten, oder um ihn vor der böſen Nachrede der Welt zu warnen. Im letztern Falle war von Schuld oder Unſchuld keine Rede, die Warnung konnte beachtet oder beiſeite geſchoben werden. Im erſtern Falle dagegen wurde Unruhe, ein falſcher Verdacht erweckt, ja es konnte dadurch ein übereilter Entſchluß hervorgerufen werden, unter dem zwei zu leiden gehabt hätten. Das war Gerhard's Gedankengang und er wünſchte ſich zuletzt Glück, daß nicht ein unglückliches Zuſammen⸗ treffen von Umſtänden, wie dies ja allerdings möglich ſein konnte, Streicher's Behauptungen zu beſtätigen ſchien; wer weiß, ob er dann zur Stunde noch in Montreux geweſen wäre! Sein Leben wäre dann von der Richtung, die es jetzt entſchieden eingeſchlagen hatte, dauernd abgelenkt geblieben, das Glück, das er jetzt mit Sicherheit zu finden hoffte, wie ein äffendes Irrlicht im Sumpfe erloſchen. Wie er ſo an das ſchöne Mädchen dachte, das an den Geſtaden des Leman wie eine Wunderblume für ihn aufgeblüht, ergriff ihn Sehnſucht, das kleine Haus 1* 4 auf der Höhe wiederzuſehen. Hier unten war Nebel und Verſtimmung, dort Sonnenſchein und Troſt für das Gemüth, und unverweilt machte er ſich auf den Weg. Er war überraſcht, als er unweit des Punktes, wo der Fußpfad durch die Weinberge von der Straße ablenkte, ſeinen Freund Streicher in ſo eifrigem Ge⸗ ſpräche mit einem hochaufgeſchoſſenen Burſchen fand, daß die Annäherung erſt bemerkt wurde, als Gerhard ſchon zu ihnen trat. Streicher gab dem Burſchen, deſſen ſich Gerhard als eines Gondelführers erinnerte, Geld mit bezeichnen⸗ der Geberde und der junge Menſch entfernte ſich, indem er das ihm auferlegte Schweigen angelobte. Zugleich auch wendete ſich Streicher um, erkannte den Freund und war zum Theil frappirt, zum Theil aber wie von einem Lichtſchein triumphirender Freude verklärt. „Du ſtrahlſt ja ganz“, begann Gerhard lächelnd. „Sollte am Ende Montreux für Dich doch einen Reiz gewonnen haben, der den Unſtäten feſſelt? Du haſt Geheimniſſe mit Deinem Gondoliere— man möchte den⸗ ken, wir ſeien in Venedig.“ „Man iſt hier wenigſtens nicht ſpröder“, lachte Streicher, und das war bei ihm eine ſo große Selten⸗ heit, daß Gerhard verwundert aufſah; es mußte ſeinem 5 galligen Freunde ſchon ein beſonders erfreuliches Er⸗ eigniß widerfahren ſein. Da Streicher weiter nichts ſagte, ſo wollte ihn Gerhard auch nicht zum Reden nöthigen. „Wie kommt es“, fragte er, das Geſpräch wendend. „daß wir, uns geſtern nur ſehr flüchtig ſahen“? „Daran hab' ich mich in letzter Zeit gewöhnt“, fiel Streicher ſpöttiſch ein. „Aber Du fehlteſt geſtern auch beim Diner.“ „Ich war in Vevay.“ „Zu Fuße?“ „Allerdings; man muß ſparen, wenn man anderer⸗ ſeits große Ausgaben macht.“ „Und wofür?“ „Es gibt in Vevay ſehr hübſche, aber ſehr theure Goldarbeiterläden. Ein Armband wirkt oft Wunder, beſonders wenn hübſche Amethyſte und Rauten dar⸗ auf ſind.“ „Diesmal verſtehe ich Dich wirklich nicht, lieber Freund.“ „Thut nichts, die Zeit wird ſchon kommen“, ent⸗ gegnete Streicher mit einem ſeltſamen Ton und mephiſto⸗ pheliſchem Lächeln.„Du willſt da hinauf, kann ich mir denken! Nun, gleite diesmal nicht wieder aus, das Beinkleid könnte ſonſt an den Knieen durchgeſcheuert 6 ſein, ehe Du noch zur feierlichen Liebeserklärung ge⸗ kommen. Gute Unterhaltung“, rief er noch im Fort⸗ gehen zurück,„und wenn Du ein Penſee ſiehſt, ſag', ich laſſ' es grüßen!“ Was ſollte der ſonderbare Schlußſatz, die ganze eigenthümliche Weiſe überhaupt? Der Freund wurde allmälig recht unangenehm, Gerhard konnte es ſich nicht verhehlen. Alle die guten Eigenſchaften, die in frühern Jahren Streicher's Abſonderlichkeiten erträglich gemacht, ſchwanden immer mehr und mehr und die unverträgliche Seite kehrte ſich nachgerade ſo rauh her⸗ aus, daß von dem Vergnügen, auf das Gerhard beim diesjährigen Beiſammenſein gerechnet, wohl keine Rede war. Der Reichthum an Erlebniſſen, den Streicher ſonſt in Anekdoten zu verwerthen verſtand, ſchien ver⸗ ſiegt, Alles, für was er ſich ſonſt intereſſirte und mit vieler Klarheit auszuſprechen wußte, für ihn nicht mehr vorhanden zu ſein, die Lichtblicke ſeiner Laune, von Jahr zu Jahr ſeltener geworden, waren jetzt ganz und gar in ſchwarzgalliger Mißſtimmung erloſchen und die Reizbarkeit wie der fortwährende Widerſpruch zur Unerträglichkeit geſteigert. An die Stelle eines ange⸗ nehmen Zuſammenlebens war zwiſchen den beiden Freunden unausgeſetzte Reibung getreten und Gerhard geſtand ſich ſeufzend ein, daß das langjährige herzliche Verſtändniß zuletzt vielleicht mit einem unheilbaren Riß und einem ſehr kühlen Abſchied enden werde. Um ſo mehr war es Zeit, ſtatt des Freundes einen andern treuen Gefährten fürs Leben zu gewinnen, der nicht nur Erſatz bieten, der dies ganze Leben zu einem neuen, an Glück, Liebe und innerer Befriedigung rei⸗ chen geſtalten ſollte. In dieſer Stimmung trat er, ohne daß die Magd ihn geſehen hätte, ins Haus und in den Salon. Er hatte ganz vergeſſen, ſich anmelden zu laſſen, ſein Ein⸗ tritt mußte daher überraſchen. Es war offenbar kein Beſuch zu dieſer Stunde erwartet worden. Im Erker lag auf dem blauen Divan ausgeſtreckt Adrienne in die Lectüre eines Buches vertieft, das ſehr intereſſant ſein mußte, denn ſie ließ ſich durch das Geräuſch der Thür nicht ſtören. Ein leichter heller Peignoir um⸗ hüllte ſie, doch ſah ihr feingeformter Arm aus den weiten offenen Aermeln hervor, wie auch ihre Füßchen, in rothen kleinen Pantoffeln ſteckend, ſichtbar waren. Das Haar lag noch ungeordnet in ein Netz gefaßt und ein eigenſinniges Löckchen ſtahl ſich daraus hervor und fiel in weichen Ringeln auf den ſchlanken Hals, wie um deſſen Weiße kokett zu erhöhen. Auf dem Boden, unmittelbar vor dem Divan, ſaß Maxime eifrig beſchäftigt, Nero mit einem Nacht⸗ 8 häubchen zu coiffiren, das er vielleicht ſeiner Tante ge⸗ raubt haben mochte, als es unbemerkt herabfiel. Wer weiß, wie lange Gerhard, von dem bezau⸗ bernden Anblick des ſchönen Mädchens, das wie Dorn⸗ röschen zu ſchlafen ſchien, gefeſſelt, regungslos an der Thür ſtehen geblieben wäre, wenn Nero und Maxime nicht auf ihn aufmerkſam geworden wären. Der Hund knurrte und der Kleine rief mit ſeiner hellen Stimme:„Adrienne, ton monsieur!“ was wie ein Alarmſignal wirkte. Die Leſende fuhr auf, ließ raſch ihr Buch ſinken und glitt mit den Füßen, die ſie verſchämt zu bedecken ſuchte, blitzſchnell auf den Boden herab. Aber als hätte die Ueberraſchung ihre Glieder gelähmt, blieb ſie ſitzen und ſah verwirrt zu dem lächelnd näher Treten⸗ den auf. Gerhard that es leid, die Ruhende aufgeſtört zu haben, er bedauerte, dieſe zierlichen Pantöffelchen nicht mehr zu ſehen, und doch hätte er entzückt die Hand küſſen mögen, welche mit ſo züchtiger Haſt die— ſelben unter den Rockfalten barg. „Was fällt Dir ein?“ ſchalt Adrienne ihren Neffen in franzöſiſcher Sprache.„Man ſagt: Mon⸗ ſieur Strandau.“ Gerhard hörte die Verlegenheit aus dem Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, er erkannte ſie 9 aus der ſteigenden Röthe, als der kleine Naſeweis auf ſeiner Meinung beſtand und behauptete, der Name ſei zu ſchwer, man verſtehe die einfache Bezeichnung beſſer. „Laſſen Sie ihn“, bat er deutſch,„mir gefällt ſie auch gut. Ich darf doch Ihr Ritter ſein, denn ſo muß man es überſetzen.„Ihr Herr“ klingt zu präten⸗ tiös und zu barbariſch.“ Sie antwortete nicht und ließ es geſchehen, daß er ihre Hand faßte. Während er einen Kuß darauf drückte, fiel der Aermel bis zum Ellbogen zurück und ſein entzückter Blick ſchwelgte in der tadellos reinen Form ihres nur von einem ſchönen Goldreif geſchmück⸗ ten Arms, den er zuvor noch nie geſehen. Es währte auch länger, als dies unumgänglich nöthig war, ehe er die ſchmale Hand wieder aus der ſeinen ließ. Adrienne erhob ſich jetzt. „Ich werde meiner Schweſter ſagen, daß Sie hier ſind.“ „Nein, nein“, fiel ihr Gerhard ins Wort, indem er ſie durch einen leiſen Druck der Hand zum Nieder⸗ ſitzen nöthigte;„ich ſollte mittlerweile allein bleiben mit dem Schelm da? Schicken Sie ihn, wenn es durchaus ſein muß. Er mag Nero ein andermal maskiren.“ 10 „Ach Gott, mein Anzug!“ rief Adrienne beſtürzt aus. Es ſchien ihr jetzt erſt einzufallen, daß ſie noch nicht angekleidet ſei, ihre Händchen fuhren nach dem Kopfe, ordneten das Netz, brachten die freiheitsliebende Locke wieder ins Gefängniß und haſchten nach dem Häubchen auf Nero's Kopf, das nun freilich unbrauch⸗ bar geworden war. „Sie könnten keinen reizendern Anzug haben“, be⸗ theuerte Gerhard.„Ich habe Sie noch nie ſo vortheil⸗ haft geſehen; warum wollen Sie ſich eines Coſtüms ſchämen, das mit der morgigen Mode vielleicht ſchon de rigueur iſt, und mir einen Anblick mißgönnen, Adri⸗ enne, den ihr glücklicher, beneidenswerther Friſeur tag⸗ täglich genießt?“ „Das darf er wohl, denn ich bin es ſelbſt.“ „Mit dieſer Fülle des Haares bedürfen Sie frei⸗ lich all der Künſte und Nachhülfen nicht.“ Indeſſen hatte Maxime, einem Winke ſeiner Tante folgend, das Zimmer verlaſſen und Gerhard ſah ſich mit der Geliebten allein, ohne daß aber dadurch der Ton ſeiner Unterhaltung eine Aenderung erlitten hätte. Seit jenem nächtlichen Zuſammentreffen hatte er Adrienne öfter ſchon geſprochen, ohne daß ſie einander eigentlich näher gekommen wären. Gerhard fühlte jenen 441 unwiderſtehlichen Drang noch nicht, der ein längeres Schweigen zur Unmöglichkeit macht und das entſchei⸗ dende Wort wie eine zuckende Flamme von den Lippen reißt. Ein wonniges Behagen durchſtrömte ihn in ihrer Geſellſchaft und er verlangte nicht mehr, als an ihrer Seite zu ſein, mit ihr ſprechen zu dürfen und jedes ihrer Worte, jede Bewegung, jeden Blick zu be⸗ lauſchen und zu deuten, ob es ihm auch gelänge, die Neigung ihres Herzens zu erringen. Ein ſchüchternes Zagen, wie er es in ſeinen Jünglingsjahren gefühlt, hielt ihn zurück, im Sturmſchritte eine Eroberung zu verſuchen, die dauernder ſein ſollte als der kurze Rauſch ſeiner meiſten frühern Erfolge. Es überkam ihn wie ein Schwindel, wenn er in ihre dunkeln, oft wie ſcheu verſchleierten Augen blickte, ehe er ihr aber zu Füßen ſank, riß ihn noch zur rechten Zeit der Zweifel empor. Dies Wunderbild ſollte für ihn— für ihn beſtimmt ſein? Er wagte es kaum zu denken und dann begann wieder mit einer jener Alltagsfragen, die ein flüſ⸗ ſiges Geſpräch über alles Mögliche einleiten, nur über das Eine nicht, was den Betreffenden am meiſten auf dem Herzen liegt. Diesmal aber ſchien das Geplauder, nachdem es allerlei Unbedeutendes berührt, doch eine bedeutſamere Wendung nehmen zu wollen. Adrienne wunderte ſich, 12 daß Maxime noch immer nicht zurückkomme, und Ger⸗ hard bemerkte lachend, er müſſe dem kleinen Schelm nächſtens eine Bonbonnisére mit Chokolade bringen. „Zum Danke dafür“ ſetzte er hinzu,„daß er mich zu Ihrem Ritter geſchlagen.“ „Das iſt kindiſches Geplauder geweſen.“ „In dem aber ein tieferer Sinn liegt. Ich würde ſtolz ſein, wenn Sie mir erlaubten, dieſen Titel wirk⸗ lich zu führen, Adrienne.“ Sie machte eine ablehnende Geberde. „Ich habe Nero, wie Sie wiſſen“, ſagte ſie mit ſcherzhaftem Lächeln, das aber ein ſeltſamer Zug um die Mundwinkel Lügen ſtrafte, als ſie fortfuhr:„und möchte Andern nicht den wirkſamen Schutz entziehen, den ihnen Ihr ritterlicher Arm gewährt.“ „Was wiſſen Sie davon?“ fragte Gerhard ver⸗ wundert. „Man hört Allerlei. Iſt Ihnen nichts von einem Duell bekannt, das beinahe ſtattgefunden hätte?“ Alſo Hilmersdorf hatte auch hier geplaudert! Zum zweiten Male ſollte ſich Gerhard heute über denſelben Punkt rechtfertigen. Er hielt ruhig Adriennens kurzen forſchenden Blick aus. Ein ſonderbares Verhängniß trieb mit ihm ſein Spiel und brachte ihn ohne Grund in Jedermanns Augen mit einer Dame in Verbindung, — 13 von der er ſelbſt keinen Dank für ſeinen bewieſenen Eifer erntete. Mußte ihm ein ſolcher Verdacht bei Adrienne nicht ſchaden? Und doch ließ ſich die ganze Wahrheit nicht geſtehen. „Ja“, ſagte er feſt„ich mußte aber eine Zumu— thung ernſtlich zurückweiſen, die eine Dame boshaft bloßſtellte und für die kein Grund in unſerm wirk⸗ lichen Verhältniſſe vorhanden iſt. Ich habe mich gegen eine Lüge gewehrt, die mich empörte, vielleicht gerade darum“— er ſprach das Folgende mit beſonderem Nach⸗ drucke—„weil ich nicht wollte, daß meinen ganz gewöhn⸗ lichen Beziehungen zu jener Dame irrigerweiſe Ab⸗ ſichten untergeſchoben würden, die ich nicht hege. Das iſt die wahre Urſache, die man Ihnen vielleicht nicht mitgetheilt hat, Adrienne.“ „Wenn es ſo iſt—“ entgegnete ſie zaudernd und ſpielte dabei nachdenklich mit dem Goldreif an ihrem Arme.„Aber wiſſen Sie auch, ob die Betreffende Ihre Handlungsweiſe ſo deutet? Man unterſcheidet oft ſo ſchwer und weiß nicht immer, wie man gewiſſe Zeichen aufzunehmen hat.“ Gerhard verſtand ſie nicht recht. Bezogen ſich ihre Worte auf ſie ſelbſt oder auf Lizzie? War es eine allgemeine Bemerkung oder lag ein ganz ſpe⸗ cieller Sinn darin? Bei dem letztern Gedanken 14 ſchlug ſein Herz höher und er faßte unwillkürlich ihre Hand. „Wie kommen Sie darauf, Adrienne?“ fragte er lebhaft.„Iſt Ihnen in meinem Benehmen etwas un⸗ klar, worüber Sie Zweifel hegen? Sagen Sie, Adrienne, iſt es ſo?“ „Ich fürchte, daß Sie mich und meine Lage miß⸗ kennen“, ſagte ſie leiſe, indem ſie ihm langſam die Hand entzog und ſich halb von ihm abwendete.„Ge⸗ rade heute mußte ich es denken.“ „Aber mein Gott, ich weiß nicht— ich verſichere Ihnen, Adrienne—“ „Laſſen Sie es gut ſein“, unterbrach ſie ihn mit ſchmerzlicher Erregung, die ſie nicht verbergen konnte, „ich habe es Ihnen nicht übel genommen. Aber ich glaubte, Sie wüßten, daß ich nicht gern hier im Hauſe ſei. Um ſo mehr war ich zuvor überraſcht und mußte mich fragen, was Sie bewog— nun ja, Sie ver⸗ ſtehen mich.“ „Ich?“ rief Gerhard im höchſten Grade erſtaunt. „Ich? Kein Wort! Ich ſchwöre es Ihnen!“ „So? Sie wiſſen alſo nichts!“ entgegnete Adrienne in einem Tone, in welchem ſich ganz leiſe Spott und Enttäuſchung ausdrückten. Sie ſenkte den Blick und ihre Zähne drückten ſich in die eingeklemmte Unterlippe. 15 „Nichts als Ihre Verſicherung, daß Sie ſich hier nicht glücklich fühlen, und das iſt ein Bekenntniß, für das ich Sie verehren möchte wie eine Heilige. O Sie glauben nicht, Adrienne, was ich an jenem Abend ge⸗ litten, bis ich Ihnen vor der Gartenthür begegnete, und wie dieſe Begegnung die Nacht meines Gemüthes plötz⸗ lich in ſtrahlend hellen Tag verwandelte! Seitdem glaube ich Ihnen keinen Grund zur Unzufriedenheit oder zum Zweifel gegeben zu haben. Sie können klar in mein Inneres ſehen und darum verſtehe ich nicht, was Sie vorhin meinten. Ich bitte Sie, erklären Sie mir's.“ Es war als ſei Adrienne bereit zu ſprechen, aber ehe ſie ihr Zaudern noch überwunden hatte, war es für diesmal zu ſpät. „Vielleicht ein andermal“, flüſterte ſie raſch, indem ſie ſich gleichzeitig erhob. Ihr feines Ohr hatte den Schritt der Schweſter auf dem Corridore erkannt und beinahe unmittelbar darauf trat Madame de Granier mit Maxime, den ſie an der Hand führte, ein. Sie begrüßte Gerhard beſonders freundlich und lud ihn zum Frühſtück ein, das ſchon im Nebenzimmer aufgetragen ſei. „Aber wie?“ fügte ſie gegen ihre Schweſter hinzu. „Du biſt noch im Deshabillé! Was wird Monſieur Stran⸗ 16 dau von Dir denken! Geh und kleide Dich raſch an, ein Mädchen darf ſich nicht ſo vernachläſſigen; einer kranken Frau ſieht man ein wenig Bequemlichkeit ſchon nach.“ Sie deutete dabei auf ihren Morgenrock aus groß⸗ gepalmtem Kaſchmir, der aber nur ſehr Unerfahrene in der Täuſchung erhalten konnte, als habe Madame nicht ſchon eine Stunde wenigſtens der ſorgſamſten Toilette gewidmet. Gerhard wurde ſo zu einem jener flachen Compli— mente gepreßt, die beinahe unerlaßlich ſind, weil jede Frau ſie gern hört, ſo ſehr ſie dieſelben auch zu ver⸗ ſchmähen vorgibt. Er dachte nicht daran, daß mitt⸗ lerweile ſein Platz an der table d'hôte leer blieb, und ging mit Maxime, wie ihm bedeutet worden, ins Nebenzimmer voran, wo er die Tante ſchon am ge⸗ deckten Tiſche traf. Madame de Granier fand inzwiſchen Zeit, mit ihrer Schweſter einige Worte zu wechſeln. „Sprach er?“ flüſterte ſie ihr leiſe und erwartungs⸗ voll zu, und als Adrienne die Achſeln zuckte, fügte ſie überraſcht hinzu:„Auch heute nicht? Wie? Und ich dachte doch, nach dem Vorausgegangenen—“ „Warum kamſt Du ſo früh?“ „So früh?“ Der Vorwurf ſchien Madame be⸗ ——=—— 17 ſonders zu erzürnen.„Du mußt ſehr ungeſchickt ſein, meine Liebe, wenn Du es in all der Zeit nicht dahin brachteſt— oder er iſt ſchrecklich blöde. Was habt Ihr denn geſprochen? Etwa über Religion?“ Der Spott erhöhte Adriennens Ungeduld und trieb ihr das Blut in die Wangen. „Es gefällt nicht Jedem Dein Lieblingsthema“, er⸗ widerte ſie, nicht mit ihrer gewöhnlichen Sanftmuth. „Ich weiß nicht, wozu Du Dich einmengſt!“ „Ei, ſieh da, willſt du mir Moral predigen? Und was es mich angeht? Ich meine doch, daß ich ſo ziem⸗ lich dabei intereſſirt ſei. Biſt Du etwa nicht in mei— nem Hauſe?“ „Vielleicht nicht lange mehr.“ Madame de Granier wollte in der Hitze proteſtiren, aber Adrienne hatte den Salon ſchon verlaſſen, und ſo verſchluckte jene das Wort, das ihr auf der Lippe ſaß, und nickte darauf befriedigt, als wolle ſie ſich ſagen, es ſei beſſer ſo, man müſſe nicht alle ſeine Gedanken ausſprechen. Ein unſchönes ironiſches Lächeln verzog dabei ihren Mund, der durch den ſtarken Schatten auf der Oberlippe und beſonders über den Winkeln ohne⸗ dies etwas Männliches hatte. Von dieſem Ausdruck überlegener Schlauheit hatte aber ihre Miene nichts bewahrt, als ſie ins Speiſe⸗ Byr, Nomaden. III. 2 zimmer trat und Gerhard aufforderte, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Ihre Züge trugen vielmehr das Gepräge der vollkommenſten Unbefangenheit, und ſo auch ſchien ihr Geſpräch ganz abſichtslos Allerlei zu berühren, worüber Gerhard doch wieder erſtaunt war, denn bald ſchien es ihm des eigentlichen Zuſammen⸗ hangs zu entbehren, bald fand er in dem halb kin⸗ diſchen Geplauder Anſpielungen und Wendungen, die offenbar berechnet waren, auf den Strauch zu ſchlagen „Nehmen Sie doch“, ermunterte ſie ihn, auf eine Schüſſel mit Cotelettes weiſend.„Sie ſind zu ſchüchtern. Man kommt damit bei Tiſche wie in der Liebe zu kurz. Die Liebe iſt wie der Krieg“, fuhr ſie in einem Athem fort.„Man kann langſam belagern oder mit Sturm einnehmen. Das Letztere thut der Franzoſe, indeß der Deutſche oft ſeine Schanzgräben aufwirft und aus der Ferne die Feſtung beſchießt, die vielleicht längſt ſchon die Thore geöffnet hat.“ „Der Deutſche geht aber gern ſicher“, lachte Ger⸗ hard;„es gibt Beiſpiele, daß Stürme abgeſchlagen wurden und ſogar Franzoſen abziehen mußten.“ „Bah!— Sie trinken doch ein Glas Vin de Gla- cier?— Man muß eben ſorgen, daß man im feindlichen Lager ein Einverſtändniß unterhält. Ein kleiner goldener Schlüſſel öffnet zur rechten Zeit die Ausfallspforte— 19 aber“, lenkte ſie leicht ein,„wenn Sie langſam zu eſſen pflegen, es thut nichts, wir haben Zeit, ſchießen Sie mit aller Gemächlichkeit Breſche in dieſe Aalpaſtete. Nur thun Sie mir den Gefallen, dazu ein Glas Cham⸗ pagner zu trinken. Schieben Sie mir den Kelch her und jetzt den Pfropfen, aber ohne Geräuſch, bitte ich. Ich erſchrecke ſonſt zu ſehr.“ Gerhard, der einen Augenblick früher ſehr ernſt geworden war und einen befremdeten Blick auf ſeine Nachbarin warf, unterzog ſich jetzt dem Geſchäfte, das ſie ihm übertragen, zu ihrer vollkommenen Zu⸗ friedenheit. Er ſchenkte die Gläſer voll, auch das des Kleinen, nachdem die ſchwache Mutter den Bitten nicht wider⸗ ſtehen gekonnt. Die alte Tante, die faſt kein Wort ſprach, nippte nur wohlgefällig ſchmunzelnd an ihrem Glaſe, Madame hatte das ihrige dagegen mit einem Zuge geleert. „Vive la Champagne, vive la France!“ rief ſie fröhlich und trällerte ein paar Takte aus einem Offen⸗ bach'ſchen Trinkliede, während ſich Gerhard beeilte, das Glas zum zweiten Male zu füllen.„Ich liebe doch den Champagner über Alles“, fuhr ſie zu plau⸗ dern fort,„das heißt, es muß echter ſein, grand vin, nicht unſere hieſigen Fälſchungen. Wenn ich noch ein 4 ———— F 20 Mädchen wäre, ſo wollte ich keinen Mann, der mir nicht alle Tage Champagner zu trinken gäbe.“ „Scheint Ihnen die Liebe nicht ſüß und aufregend genug?“ konnte ſich Gerhard nicht enthalten, ſpöttiſch hinzuwerfen.„Sollen die Schaumperlen das Glück erſt vollkommen machen?“ „Ach Gott, die Liebe!“ Gerhard wußte nicht, wie er den Ausruf deuten ſollte, aber Madame fuhr, die Augen treuherzig aufſchlagend, fort:„Habe ich nicht Monſieur de Granier geheirathet, den ich vergöttere, ob⸗ wohl ihm ſeine Mittel nicht erlauben, mir mein Lieb⸗ lingsgetränk täglich zu gönnen? Hélas! Wenn ich bei ihm bin, verlange ich nicht danach. Nur um das Gefühl der Trennung und den Todesſchmerz in der Bruſt zu betäuben, trinke ich Champagner. Die Kohlenſäure ſoll zudem für meinen Zuſtand ſehr zu⸗ träglich ſein. Sie ſind grauſam, daß Sie mich daran erinnern.“ „An Ihren Gatten oder an den Tod?“ „Böſewicht!“ Madame wandte ſich ſcheinbar zür⸗ nend ab.„Ihr Männer habt kein Gefühl.— Gehe nachſehen“, ſagte ſie in nicht beſonders ergebenem Tone zur Tante,„wo Adrienne bleibt.“ Die alte Dame erhob ſich unverzüglich, ſodaß Gerhard im Stillen ſeine Bemerkung über eine ſo 21 dienſtfertige Tante machte; ehe ſie jedoch die Thür er⸗ reicht hatte, trat Adrienne in eleganter Toilette von grüner Seide, ſtrahlend von Schönheit ins Zimmer. Um den Hals hielt ein granatrothes Band ein kleines Kreuzchen und ein eben ſolches Band ſchlang ſich um das nur flüchtig aufgeknotete Haar. Das geübteſte Auge hätte keinen Mangel an dem ſo ungemein raſch vollendeten Anzuge entdeckt, und Gerhard, der Alles an der Geliebten bewunderte, freute ſich natürlich auch über dieſe ungewöhnliche Gewandtheit und den durch die Raſchheit nichts einbüßenden Geſchmack, der ſich in Adriennens Erſcheinung zu jeder Zeit kund gab. Der leere Platz an Gerhard's rechter Seite war nun beſetzt. Adrienne verbat ſich den Wein— auch das gefiel Gerhard, gerade um des vorhergegangenen Geſprächs willen; er betrachtete Adrienne mit innigem Blicke, ſie aber wich demſelben laus und richtete ihre Augen auf das Armband, an dem ſie zu ordnen und zu drehen hatte. „Schließt es nicht gut?“ fragte ihre Schweſter. „Es wäre das kein gutes Zeichen. Ich habe Adrienne ſehr zuſprechen müſſen, es anzulegen“, ſetzte ſie mit ei⸗ nem Blicke ſchlauen Einverſtändniſſes auf Gerhard hinzu.„Sie iſt ſehr eigen. Gewiß hat ſie noch nicht gedankt.“ „Gedankt?“ wiederholte Gerhard. „Nun ja, das—“ „Ich bitte Dich, Hermance“, fiel Adrienne ein, „nicht jetzt!“ Ein Blick, den ſie auf Maxime und die Tante warf, erklärte, was ſie meinte. Gerhard aber wußte nicht, was er bei den halben Worten denken ſollte. Er ſah das Armband, das in irgend einer Be⸗ ziehung damit zu ſtehen ſchien, an. Es war ein breiter Goldreif mit hübſchen Steinen darauf. „Es ſteht Ihnen vortrefflich“, ſagte er zu Adrienne, „und erinnert mich an ein ähnliches, das meine Mut⸗ ter trug. Es war altmodiſch, aber Saphir und Topaſe bildeten ein Vergißmeinnicht, wie hier die Amethyſte und Brillanten ein Stiefmütterchen.“ „Penſée“ hatte er franzöſiſch geſagt und mit einem Male ſtockte er. Das Wort rief eine Erinnerung wach. Es fuhr ihm plötzlich ein ſonderbarer Gedanke durch den Kopf. Amethyſte und Rauten, ein Armband hatte Streicher erwähnt, das„Penſée“ in ſo drolliger Wen⸗ dung gebraucht. Sollte das Alles jetzt Bedeutung gewinnen? Aber nein, der Einfall war Thorheit! Solche Zufälligkeiten konnten ja leicht zuſammentreffen. Dergleichen Armbän.der gab es wohl beinahe in jeder Stadt, wo nicht ien jedem Goldarbeiterladen. Streicher und Adrienne— die Zuſammenſtellung war eigentlich 23 zu komiſch; dennoch hatte ihn der ganze Gedankengang ſo ſehr beſchäftigt, daß er die von Madame geſtellte Frage erſt beachtete, als ſie wiederholt wurde. „Nein, meine Mutter achtete den Schmuck nicht beſonders, blos dies eine Stück trug ſie mit Vorliebe“, entgegnete er;„alles Andere blieb unbenutzt liegen und ſollte meiner armen Schweſter gehören.“ „So war alſo ein reicher Familienſchmuck vor⸗ handen?“ „Es mag wohl auch viel Unbedeutendes darunter ſein; ich habe die Dinge gar nicht ſchätzen laſſen.“ „Ah! alſo ſind Sie im Beſitze?“ fiel Madame ein. „Haben Sie noch Brüder?“ Da Gerhard verneinte, fuhr ſie lachend fort:„Es iſt doch eigentlich unverantwort⸗ lich, nicht einmal zu wiſſen, wie viel man beſitzt. Hät⸗ ten Sie eine Frau, die würde den Schmuck ſchon ge⸗ ſchätzt haben.“ „Ich überlaſſe es ihr“, entgegnete Gerhard, ein Lächeln überflog ſeine Züge und ſein Blick flog einen Augenblick zu Adrienne hinüber, die aber vor ſich nie⸗ derſah. Sie erſchien ihm ſo hold, ſo ſchön, ſo rein, daß er vor ihr aufs Knie hätte ſinken mögen, wenn er allein mit ihr geweſen wäre. Er ſchalt ſich Thor; war er denn nicht mit ihr allein geweſen, und wie hatte er die goldene Zeit genützt? Wie ganz anders 24 könnte er dann jetzt neben ihr ſitzen; ihr Auge würde vielleicht nicht mehr das ſeine fliehen, ihr Händchen ſich nicht weigernd auf den Champagnerkelch legen, der zum Verlobungstoaſt geleert worden wäre.⸗ „Sie müſſen aber ſehr reich ſein“, unterbrach Ma⸗ dame ſeinen Gedankengang ſcherzend,„wenn Sie edle Steine ſo gleichgültig liegen laſſen. Sie haben alſo ſehr viel Vermögen?“ „Wenigſtens ſo viel, um meine Frau täglich Cham⸗ pagner trinken zu laſſen“, verſetzte er lachend. Es war ihm nicht entgangen, daß Madame ihn nun ſchon zu wiederholten Malen auszuholen ſuchte, er war aber zu heiter geſtimmt, um dies ungünſtig aufzunehmen, zudem mußte er ja der ältern Schweſter das Recht zugeſtehen, wenn ſie über die Vermögensverhältniſſe eines Werbers um die Hand der jüngern Auskunft zu erhalten ſuchte. Er fand es nur naiv und der Geſchäftsunkenntniß der Frauen entſprechend, daß dieſe Orientirung auf ſo di⸗ rectem Wege verſucht wurde, wo einem Abenteurer alle Gelegenheit geboten geweſen wäre, ſein Schwindeltalent glänzend zu entfalten. Bei ihm war man freilich auf einen ehrlichen Mann getroffen. Er machte eben An⸗ ſtalt, einige ernſtliche Aufklärungen über den Stand ſeines Vermögens zu geben, als Maxime, der dem Fenſter gegenüber ſaß, aufſprang und ausrief: 25 „Der Andere kommt zu Dir, Adrienne. O, ich habe ihn ſehr gern, den Grafen, er hat immer etwas für mich. Ich will auch einmal Graf werden.“ Das trauliche Beiſammenſein war damit geſtört. Ueber und über erröthend erhob ſich Adrienne. „Zu mir kommt er nicht“, ſagte ſie mit einer Haſt, als wolle ſie ſich vertheidigen.„Ich bin für ihn nicht zu Hauſe.“ „Aber mein Gott, ich begreife nicht—“ rief ihre Schweſter aus. „Wenn Du ihn nicht abweiſen läßt, ſo gehe ich lieber auf mein Zimmer.“ Madame ſchüttelte zu Adriennens Worten ärgerlich den Kopf und befahl dann der Tante ziemlich barſch, dem Mädchen einzuſchärfen, daß Niemand zu Hauſe ſei. „Aber ich werde ihm ſagen, daß es nicht wahr iſt“, krähte der Kleine;„er bringt mir gewiß Bonbons mit.“ „Du wirſt ſchweigen!“ herrſchte ihm die Mutter noch immer ärgerlich zu und befahl der Tante, ihn mit ſich aufs Zimmer zu nehmen. Sie erhob ſich dann ſelbſt und ging in den Salon voran, wo ſie ſich ſchein⸗ bar mit einer Tapiſſeriearbeit beſchäftigte. „Ihre Schweſter iſt ungehalten“, bemerkte Ger⸗ hard, der mit Adrienne folgte, leiſe.„Sie hätte ſicherlich den Beſuch gern angenommen.“ „Das konnte ſie, nur wäre ich gegangen.“ „Um den Kleinen Lügen zu ſtrafen?“ „Vielleicht.“ „So darf ich diesmal glauben, es ſei mir zu Liebe geſchehen?“ flüſterte Gerhard, aber wenn er den lauten Jubellaut unterdrückte, ſo ſtrahlte dafür ſein Auge um ſo heller. „Es geſchah um meiner ſelbſt willen“, entgegnete Adrienne zögernd.„Aber Sie haben uns heute Ihr Spiel noch nicht hören laſſen“, fügte ſie hinzu, und Gerhard eilte der Aufforderung Folge zu leiſten. Wie hätte er einen Wunſch von ihr unerfüllt laſſen mögen, zudem noch einen, der ihm ſo willkommen war? Sein Herz, ſein Hoffen, ſeine Freude durfte er in einem Meer von Tönen ausſtrömen, er durfte un⸗ belauſcht ſprechen durch die Vermittelung der Klänge, er durfte Alles ſagen und in den Augen der Geliebten Antwort leſen, ohne daß ihn die Gegenwart eines Dritten daran zu hindern vermochte. Während er aber ſeinen Gefühlen in mächtigen Rhythmen Ausdruck gab und mit jedem Ton einen Akkord in Adriennens Seele wachzurufen glaubte, achtete keine der beiden Schweſtern auf die Muſik. Sie flüſterten eifrig und erregt miteinander. „Laß uns jetzt allein, Hermance“, hatte Adrienne, 27 an den Stickrahmen tretend, ihre ältere Schweſter leiſe gebeten. „Ich habe große Luſt, es nicht zu thun“, verſetzte Madame mißmuthig.„Du verſtehſt es nicht, die Sache beim einen zur Entſcheidung zu bringen und weiſeſt doch den andern ab, von den übrigen gar nicht zu ſprechen. Er iſt zehnmal amüſanter als der dort!“ Sie zeigte mit der Nadel nach dem Klavier. „Aber es dürfte doch hauptſächlich mein Geſchmack in Frage gezogen werden.“ „Felix iſt weit vornehmer und ſein Vater iſt reich.“ „Mich reizt eine Grafenkrone nicht.“ „Du warſt aber doch anfangs nicht ſo ſehr da⸗ gegen?“ „Ich habe Strandau früher nicht gekannt.“ Madame ſchnitt eine Grimaſſe, es war ein cyni⸗ ſches Lächeln, das auf ihren ſchönen Zügen ſpielte. „Ha!“ ſpottete ſie,„willſt Du mich glauben machen, du ſeieſt verliebt? Oder wäre Deine Stunde wirklich ge⸗ kommen? Um ſo beſſer!“ Adrienne wich dem fragenden Blicke aus, ſie ant⸗ wortete nicht; das war kein Geſtändniß und dennoch eins. „Aber ich begreife nicht“, murmelte die Schweſter, „Felix iſt jung, heiter und ein hübſcher Burſche und nimmt es ernſt— ich würde noch einmal überlegen. Er verliert ſein Geld hier wirklich als Grandſeigneur; der dort glaubt vielleicht ſchon viel gethan zu haben, daß er Dir heute das Bracelet zuſchickte, und provocirt noch ſelbſt den Dank, indem er ſein Geſchenk, alſo ſeinen eigenen Geſchmack, ſelbſt lobt. Du zweifelteſt noch, daß er der Geber ſei. Habe ich Dir's nicht gleich geſagt, als der Burſche es am Morgen brachte und keine Zeile dabei war und die Beſchreibung des Ab⸗ ſenders uns irre machte? Sein Freund, der häßliche Menſch, hat's in ſeinem Auftrage geſchickt. Ein ſonder⸗ bar zartes Incognito!“ „Mir gefällt dieſes Feingefühl“, übernahm Adrienne Gerhard's Vertheidigung;„er will keinen Dank.“ „Warum ſpricht er dann ſo viel von der Kleinig⸗ keit und erzählt uns die Geſchichte von dem ähnlichen Armband ſeiner Mutter? O dieſe Sentimentalität! Saphir und Topaſe, wie geſchmacklos: Wer trägt heutzutage noch Topaſe? Der Graf würde nicht heim⸗ lich ſchenken, aber dafür auch mit weit offenen Händen.“ „Vielleicht auch Dir; deshalb biſt Du wohl für ihn ſo eingenommen.“ „Und wenn!“ entgegnete Adriennens Schweſter, durch den bittern Ausfall erhitzt.„Ich nehme doch nur Dein Beſtes wahr, Du unerfahrenes, eigenſinniges Ding, nne ing, 29 das nicht einſieht, wo ſein Vortheil liegt. Wenn es von mir abhinge, ſollteſt Du bald genug das glänzendſte Loos finden. Graf Felix iſt vernarrt in Dein Geſicht und Deine Manieren einer Sainte-n'y-touche. Ich glaube, er wäre zu Allem fähig.“ Adrienne ſchüttelte ablehnend den Kopf. „Aber ſein Vater würde eine ſolche Verbindung niemals zugeben, das geſteht er ſelbſt zu. Er behaup⸗ tet, der alte Graf würde ihn enterben. Selbſt wenn er mir eine Neigung einzuflößen verſtanden hätte, würde ich niemals Anlaß zu ſolchen Familienſcenen geben wollen.“ „Ha, Du Thörin“, lachte Madame de Granier ſchlau,„man arrangirt ſich.“ „Kann ſein“, erwiderte Adrienne, einen kalten, verletzenden Ton annehmend.„Ich ziehe es vor, im Angeſichte aller Welt die Frau eines Mannes zu wer⸗ den, den ich lieben kann und der mich achtet; Andere mögen eine geheime Ehe nach ihrem Geſchmack finden, ich werde mich niemals dazu herbeilaſſen.“ Sie verließ ihre Schweſter, deren Lippen ganz weiß geworden waren und die ſich wüthend geberdete, und blätterte in einem Modejournal, das auf einem kleinen Tiſche am Fenſter lag. Mittlerweile hatte Gerhard immer fortgeſpielt, 30 obwohl er das lebhafte Geflüſter hinter ſeinem Rücken hörte. Er verſtand kein Wort, blickte ſich aber doch um, als das Geplauder endete. Da ſah er Adrienne am Fenſter ſitzen, vertieft, wie es ſchien, in die Betrach⸗ tung werthloſer Illuſtrationen und in eine nichtsſagende Lectüre über Toilettealbernheiten. Für wen hatte er geſpielt, für wen all ſein Ta⸗ lent und ſeine Leidenſchaft aufgeboten? Während er die Seligkeit ſeines Herzens zum Himmel aufjauchzte, die ganze Innigkeit ſeines Gefühls in reichen Akkorden verklingen ließ, den Himmel um Schutz anrief und die ganze neidiſche Hölle bekämpfte, plauderte und las diejenige, zu der er mit dem Herzen ſprach und für die alle die Lieder ohne Worte in momentaner Ekſtaſe componirt worden waren. Sie hatte nichts gehört, nichts verſtanden, nichts empfunden. Vorübergerauſcht war der Tonſchwall an ihrem Ohre wie die triviale Weiſe des erſten beſten Leierkaſtens. Und jetzt, als er plötzlich abbrach und ſich erhob, dieſer ſchale, bedeutungsloſe Applaus, dieſe Bitten, doch fortzufahren, dieſes oberflächliche Lob! Es erſchien ihm mit einem Male, daß er ſchon zu lange da ſei, und er empfahl ſich trotz der liebenswürdigen Proteſtationen. Selbſt das eigenthümlich und bedeutſam geſprochene: „Sie kommen doch bald wieder?“ das Adrienne mit 31 einem ihrer magnetiſchen Blicke begleitete, löſte die Ver⸗ ſtimmung nicht ganz, die auf ſeiner Laune lag. Er ging nicht viel munterer, als er gekommen war. Umſonſt ſchalt er ſich kleinlich und empfindſam, daß er die Unaufmerkſamkeit bei ſeinem Spiel wie ein echter, eitler Künſtler nicht verzeihen konnte, das Unbehagen ließ ſich nicht bannen. Immer wieder fragte er ſich, ob denn keine Täuſchung obwalte, wenn er ſich geliebt glaubte; was war dieſe Gleichgültigkeit für ein Zeichen? Hatte Adrienne überhaupt kein Ge⸗ fühl, kein Verſtändniß für Muſik? Konnte ſie ſolch brauſende, aus dem Herzen ſtrömende Tonflut unem⸗ pfindlich laſſen? Konnte ſie kalt bleiben, wenn er— er ſpielte? Heine's Worte klangen ihm fort und fort in den Ohren:⸗ Und wenn du ſchiltſt und wenn du tobſt, Ich werd' es geduldig leiden; Doch wenn du meine Verſe nicht lobſt, Laſſ' ich mich von dir ſcheiden. Zweites Kapitel. Ein Sonnenſtrahl durch Wolken. Es war eben kein freundlicher Gruß, der Gerhard aus ſeinen Reflexionen riß, als er aus dem Garten auf die Straße trat. Er blickte auf und ſah ſich der langen Geſtalt des Grafen gegenüber. „Ich habe mich alſo nicht geirrt“, ſagte dieſer mit aller Schärfe ſeines vornehmen Jargons.„Ein Iltis ſchleicht in den Taubenſchlag. Schöner Taubenſchlag das übrigens, auf Ehre!“ „Das ſoll wohl ein Witz ſein, der aber mißlungen iſt“, entgegnete Gerhard, die Stirn runzelnd, grüßte und wollte an dem Grafen vorüber. Der aber vertrat ihm den Weg und ſchob ſein Glas ziemlich inſolent ins Auge. — „Nicht ſo raſch“, rief er,„ſo leichten Kaufs ent⸗ kommen Sie mir nicht.“ „Entkommen? Iſt gar nicht meine Abſicht; nur mag ich hier nicht ſtehen bleiben.“ „Ah, Sie wollen keine Zuſchauerinnen haben.“ Der Wink gegen die Villa war verſtändlich genug. Ger⸗ hard nickte. „Wenn es alſo gefällig iſt“, lud er den Grafen ein,„ſo können wir gemeinſam weiter gehen.“ Graf Hilmersdorf folgte der Aufforderung und ſchlug die Straße gegen den Ort ein wie ſein Begleiter, der damit gewiſſermaßen die Führerſchaft auch im Geſpräch übernommen hatte. Der Graf war dadurch etwas aus dem Gleiſe gebracht. Gewohnt, den Ton anzugeben, fand er hier einen Charakter, der ſich nicht einſchüch⸗ tern ließ und ſelber mit ſicherer Hand die Linie zog, die nicht leicht zu überſchreiten war. Unwillkürlich erſchien, was der Graf weiter vorbrachte, wenigſtens in der Form etwas gedämpfter. „Ihnen verdanke ich alſo die Abweiſung, die mei⸗ nem Beſuche zu Theil wurde. Ich blieb abſichtlich, da ich noch im Garten Ihr Spiel vernahm.“ „Auch ohne mir aufzulauern, hätten Sie mich be⸗ reit gefunden, Ihnen meine Anweſenheit in der Villa zuzugeben.“ Byr, Nomaden. III. 2 34 „Ich lauere Niemand auf, mein Herr.“ „Dann entſchuldigen Sie, daß ich den Ausdruck gebrauchte, der mir am paſſendſten ſchien; nehmen Sie aber auch gleichzeitig die Verſicherung hin, daß mir Ihre Beſuche in der Villa vollkommen gleichgültig ſind. Ich nahm nicht den mindeſten Einfluß auf den von Madame de Granier ſelbſt ertheilten Befehl.“ So glatt die Worte geſetzt waren, klangen ſie doch nichts weniger als beſänftigend, die Spitzen fühlten ſich ſcharf genug heraus. Gerhard, ohnehin verſtimmt, war ärgerlich über die Art, wie ihn der junge über⸗ müthige Mann geſtellt hatte, und verhehlte dies nicht, obgleich er ſich innerhalb der geſellſchaftlichen Formen hielt. Der Graf wurde daher auch immer hitziger. „Um ſo ſchlimmer, wenn der Einfluß kein offener war. Ich liebe die Ritter nicht, die mit herabgelaſſe⸗ nem Viſir kämpfen.“ „Ich kämpfe gar nicht mit Ihnen.“ „Sie leugnen alſo doch. Diesmal kann ich Sie überführen. Die hübſche, liebenswürdige Frau dieſes Robinſon Cruſoé hat es mir ſelbſt geſagt, was Sie ihr heute ſchrieben. Sie wollen mich alſo hier und dort verdrängen und an beiden Orten Hahn im Korbe ſein. Wie können Sie es wagen, mir meine Wege ſperren zu wollen?“ 35 Gerhard blieb ſtehen und zwang dadurch auch ſei⸗ nen Gefährten, ſtehen zu bleiben. „Ihre Wege, Herr Graf, gehen mich gar nichts an“, entgegnete er ernſt. „Ich ſollt' es meinen!“ „Wenn Ihr Benehmen aber dazu führt“, ſetzte Gerhard, ohne auf den Ausruf zu achten, die begon⸗ nene Rede fort,„die Gattin meines Freundes zu com⸗ promittiren, ſo darf ich ſie wohl warnen. Hätte ich ein unredliches Spiel vorgehabt, ſo wäre es mir ein Leichtes geweſen, Mr. Lesley aus ſeiner ſcheinbaren Ruhe aufzurütteln und Ihnen an den Hals zu hetzen.“ „O, ich würde mich wehren.“ „Gut, was wäre aber damit erreicht? Sie hätten den Frieden einer Familie geſtört, und wer kann das Schickſal ermeſſen, das über die arme Frau hereinbre⸗ chen mag, eine Frau, die Sie doch nicht lieben— ver⸗ ſtehen wir uns— die Sie nicht ſo lieben, um ſie dauernd zu beglücken, nachdem ſie von Ihnen aus ihrer gegenwärtigen Stellung, zum Spiel vielleicht nur, her⸗ ausgeriſſen worden.“ „Aber will ich denn das?“ „Es ſcheint ſo, Ihr eigenes Betragen bringt auf die Vermuthung und ſelbſt die Unbedachtſamkeit, mit der Mrs. Lesley das Vergnügen an Ihrem Umgange 3* ———-ę— 7. zeigt. Sie ſind zu genau mit den Gebräuchen der Ge⸗ ſellſchaft bekannt und haben gewiß genug Erfahrungen ſelbſt geſammelt, Graf, um mir beizuſtimmen, daß die unbedachte Aeußerung des Wohlgefallens eine Anklage iſt, unter die Mrs. Lesley ſich ſelber ſtellt und der unbedingt eine Verurtheilung folgen muß, wenn die Dame auch ſonſt keine Schuld trägt.“ „Sie trägt keine— auf meine Ehre!“ rief der Graf mit lebhafter Betheuerung aus.„Sie iſt eine Frau, ſo gut und rein, daß ſich gar kein unlauterer Wunſch an ſie wagt. Es kennt und würdigt ſie Nie⸗ mand— ihr eigener Gatte nicht!“ Ein Stein fiel Gerhard von der Bruſt, mit war⸗ mem Zlick ſtreifte ſein Auge den jungen Mann, wie zum Dank für dieſe Worte, mit denen er ſeinem eige— nen Herzen das beſte Zeugniß ausgeſtellt. Eitelkeit und Prahlerei hatten da noch nicht jedes edlere Gefühl über⸗ wuchert. Der wohlwollende Ton, in welchem Gerhard weiter ſprach, drückte ſeine veränderte Stimmung aus. „Wie nun, wenn ich das Vernommene dem Manne mitgetheilt hätte?“ fragte er. „Das wäre ein Schurkenſtreich!“ brauſte der Graf auf. „Ich beging ihn nicht, aber ein Anderer konnte ſo handeln— Frau von Rüderich ſelbſt.“ „O, ich haſſe die Megäre jetzt!“ „That ich mit der Warnung Unrecht?“ Es trat eine kleine Pauſe ein. Gerhard ging weiter und ließ Graf Hilmersdorf, der mit ſich zu kämpfen ſchien, ungeſtört zu einem Abſchluß kommen. „Strandau“, hob der Graf, als ſie einige Schritte gegangen waren, wieder an,„Sie ſind eigentlich ein guter Junge und haben Recht gehabt. Ich möchte Ihnen die Hand geben, aber— geradeheraus— es iſt genug, wenn man ſich mit einem Nebenbuhler nicht den Hals bricht. Das verfluchte Darlehn genirt mich.“ „Betrachten Sie's diplomatiſch als non avenu“, erwiderte Gerhard, der ſich beluſtigt fühlte, mit er— künſteltem Phlegma. „Spaßen Sie nicht“, verſetzte der Graf ganz ernſt⸗ haft.„Ich bin verliebt in Adrienne und war früher wie Sie an Ort und Stelle. Ich habe ältere Rechte.“ „Dergleichen Rechte exiſtiren nicht.“ „Sind Sie Ihrer Sache ſchon ſo gewiß?“ fragte der Graf lauernd.„Haben Sie heute— wie ſage ich doch nur— Verlobung gefeiert? Ich dachte es gleich, daß Sie hier ſeien, als Ihr Platz bei Tiſche leer war, und Kuruſoff beſtätigte mir's.“ „Wie kann der Menſch es wiſſen?“ Der Gefragte zuckte die Achſeln. — —-— „. 1 — „Ich rannte in einem Aerger herauf. Einen Mo⸗ ment lang kam ich auf den Gedanken, Sie fürchteten die Folgen Ihres Briefes und wichen mir aus.“ „Ich danke Ihnen für die gute Meinung“, fiel Gerhard ſarkaſtiſch ein. „Ehrlich, ſind Sie im Reinen mit den Beiden?“ „Sie fragen ſonderbar“, erwiderte Gerhard ein wenig verletzt und mit ſteifer Zurückhaltung;„wenn Sie aber Aufrichtigkeit fordern, nun denn, Adrienne iſt nicht meine Braut.“ Der Graf brach in ein ſcharfklingendes Geläch⸗ ter aus. „Haha!“ rief er,„das glaube ich! Das glaube ich! Aber ich verſtehe, was Sie ſagen wollen. A la bonne heure! Ich habe alſo noch Raum neben Ihnen. Wollen ſehen, wer den Andern verdrängt. Ich führe eine ver⸗ teufelt gute Klinge, aber man ſchlägt ſich nicht mit ſeinem Gläubiger, alſo im Wettlauf— es gilt! Wir haben nicht umſonſt bewieſen, daß wir gute Taktiker ſind— die beſten der Welt! Auch ich bin mit dabei geweſen. Nun paſſen Sie einmal auf, und wenn ich ge⸗ ſiegt habe, zahlen Sie die Kriegskoſten! Abgemacht!“ Gerhard fühlte nicht die mindeſte Luſt, in den ſeltſamen Ton mit einzuſtimmen. Das Geſpräch wurde ihm peinlich, nachdem es dieſe Wendung genommen, n denn er war wohl bereit, mit ſeinem Nebenbuhler um den Preis zu ringen, aber ernſthaft, mit dem Aufgebot aller redlichen Mittel, nicht aber in ſo leichtfertiger, prahleriſcher Weiſe, wie man ſich allenfalls bei der Auction den Preisgewinner vom Rennplatze ſtreitig machen kann, wobei der Gewinner mehr Freude an der Luſtbarkeit des Abjagens als an dem errungenen Siege empfindet. Wenn Graf Hilmersdorf eine Antwort von ſeinem Begleiter erwartet hatte, ſo wurde ſie dieſem durch eine unerwartete Begegnung erſpart. Aus dem Orte kam ihnen eine kleine Gruppe von Damen entgegen. Es war Mrs. Wallace mit ihren beiden Töchtern, zu de⸗ nen ſie mit ihrem unförmlichen runden Hut und ihrer übrigen, mehr praktiſchen als geſchmackvollen Toilette in auffallendem Widerſpruche ſtand. Mrs. Lesley und Lizzie hatten nicht vergeblich einen mehrjährigen Aufent⸗ halt auf dem Continente durchgemacht, ihr Blick hatte ſich in der Beurtheilung des Kleidſamen und Elegan⸗ ten geſchärft, zum großen Vortheile ihrer Erſcheinung, die freilich auch durch die ungefälligſte Ausſtaffirung keine gänzliche Verunſtaltung zu befürchten gehabt hätte.— Das Erkennen war ein gegenſeitiges und die bei⸗ den Herren ſchritten raſcher auf die ihnen Entgegen⸗ d kommenden zu. Mrs. Wallace's Frage, ob ſie ihren Schwiegerſohn nicht geſehen hätten, mußten beide ver⸗ neinend beantworten, und Graf Hilmersdorf bat zu⸗ gleich, da den Damen jeder männliche Schutz fehle, ſich ihnen anſchließen zu dürfen. Gerhard folgte ſeinem Beiſpiele, da er keine Urſache hatte, ſich auf dem Heim⸗ wege beſonders zu beeilen. Es wurden ein paar gleich⸗ gültige Worte gewechſelt und man ſetzte ſich, indem die Damen umkehrten, wieder in Bewegung. Bis jetzt war heller Sonnenſchein auf der Höhe gelegen und nur auf dem See und den niedrigen Ufern ſchlich eine dünne Nebelſchicht mißmuthig hin, die Savoyer⸗Alpen ragten in ihrem prächtigen ſilberglänzenden Kleide ſtolz darüber auf und grüßten freundnachbarlich herüber. Jetzt aber begann ſich aus dem Nebelſchleier, wie unter den Hän⸗ den eines geſchickten Taſchenſpielers, ein Wolkenballen nach dem andern zu entrollen, ein jeder ſchwoll allmä⸗ lig zum dichten weißen Ballon auf, der ſich von ſeinem Ankerplatz ablöſte und leicht emporſtieg, immer wach⸗ ſend, immer aus ſich ſelbſt wieder neue dräuende Flocken gebärend, bis Alles dicht eingehüllt war in das wo— gende undurchſichtige Weißgrau, das die Sonne nicht mehr zu durchdringen vermochte. „In ſolcher feuchten Atmoſphäre iſt das Spazie⸗ rengehen weder geſund noch angenehm, wenn mich der 41 Nebel auch an die Heimat erinnert“, ſagte Mrs. Wallace.„Kehren wir daher zurück.“ „Ach, wär's in die Heimat!“ ſetzte Lizzie mit einem Seufzer hinzu.„Ich glaube, der Nebel iſt weniger dicht, wo man zu Hauſe iſt.“ „Der Nebel, der unſere Seele umhüllt, folgt uns überallhin“, bemerkte Graf Hilmersdorf mit einer zu ſeinen kurz zuvor abgebrochenen Aeußerungen ſtark im Widerſpruche ſtehenden Sentimentalität. Er wandte ſich dabei gegen die junge Frau, an die er ſich anzu— ſchließen Miene machte. Doch plötzlich rief ihn Lizzie an ihre Seite. „Kommen Sie, Graf“, ſcherzte ſie mit gutmüthi⸗ gem Spott,„erzählen Sie mir etwas von Saxon. Von dort iſt's, glaube ich, daß Sie geſtern wieder be⸗ nebelt zurückgekommen ſind.“ „Benebelt!“ proteſtirte der Graf mit ſcherzhafter Indignation.„Ich bitte, ſprechen wir engliſch, damit ſolche boshafte Wortſpiele nicht wieder vorkommen.“ „Dabei wird auch Mama von Ihrer Erzählung profitiren und Sie bekommen eine gute Lehre aus der Hausapotheke gratis.“ Damit war die Ordnung der kleinen Colonne angegeben. Der Graf ging mit Mrs. Wallace und deren jüngerer Tochter voran, während Mrs. Lesley mit Gerhard folgte. Es erſchien dieſem unzweifelhaft, daß Lizzie dieſe Combination abſichtlich herbeigeführt, hatte er ja doch ſchon ſelbſt neben ihr geſtanden, wie der Graf neben der ältern Schweſter. Fraglich blieb es nur, ob Lizzie damit ſeiner Begleitung ausweichen wollte— ſie hatte ihm kein Wort, keinen Zlick ge— gönnt— oder ob ſie damit das Zuſammenſein ihrer Schweſter und des Grafen zu verhindern beabſichtigte. Beinahe ſchien das Letztere der Fall zu ſein. Lizzie war alſo doch nicht ſo ganz verächtlich über ſeine Warnung hinweggegangen, wie ſie ſich am Morgen den Anſchein gegeben; wahrſcheinlich gedachte ſie von nun an auf eigene Fauſt zu manövriren und jeden un⸗ günſtigen Schein von ihrer Schweſter abzulenken. Wie dieſe ſeinen Brief aufgenommen, wußte Ger⸗ hard noch nicht, aber aus dem Umſtand, daß ſie den— ſelben dem Grafen gezeigt, ſchloß er, daß auch ſie ſich nicht vornehm oder auch nur gleichgültig über die Warnung hinweggeſetzt habe. Es mußte ihr doch nicht einerlei ſein, was die Welt von ihr dachte, ſonſt hätte der Graf nicht die Anweiſung empfangen, ſich zurück⸗ haltender zu benehmen, was ihn ja gegen Gerhard ſo ſehr aufbrachte, daß er denſelben ſogar in der Villa aufſuchen wollte. Gerhard ging mit Mrs. Lesley ein paar Schritte hinter den Andern und ſchwieg; er fühlte ſich ihr ge— genüber ein wenig befangen, um ſo mehr, da er ſah, wie ſie mit einer gewiſſen Verlegenheit kämpfte. Schon wollte er, um die Spannung zu heben, eine Bemerkung über das raſche Steigen des Nebels machen, als ſie ſelbſt das Schweigen brach. „Sie haben mir heute geſchrieben“, ſagte ſie ſo leiſe, daß man ihre Worte vorn bei dem ſprudelnden Geplauder des Grafen nicht verſtehen konnte.„Ich glaube, ich muß Ihnen danken.“ „Ich bin froh“, entgegnete Gerhard,„wenn Sie es mir nur nicht verdenken, Madame. Ich fürchtete beinahe, Sie würden über mein unbefugtes Auftreten ungehalten werden.“ „Mich hat nur eins befremdet. Sie ſind ein Freund meines Gatten und haben ſich an mich gewen⸗ det. Weiß er davon?“ ſetzte Mrs. Lesley nach einer kleinen Pauſe fragend hinzu. Gerhard ſah ſie erſtaunt an. „Ich verſtehe“, antwortete er dann.„Sie meinen, ich hätte auf ſeinen Anlaß geſchrieben und es ſei Ihnen alſo die Warnung von ihm ſelbſt zugekommen. Sie irren darin vollkommen, Madame.“ Verwundert nahm er die Veränderung wahr, die in den Zügen ſeiner Begleiterin vorging. Sie ſchien enttäuſcht, ſchmerzlich 5 berührt von ſeinen Worten.„Mrs. Lesley“, ſetzte er fell erläuternd hinzu,„Mr. Lesley iſt, wie ich ihn ſchätze, Eit nicht der Charakter, dergleichen auf ſolchem Umwege M. abzuthun. Hätte er eine ſolche Aeußerung gehört, würde ein er die Ehre ſeiner Frau vertheidigen. Glaubte er aber ſelbſt Grund zur Eiferſucht zu haben— Sie verzeihen, Madame— ſo fürchte ich, wäre eine Kataſtrophe un⸗ l ausbleiblich.“ de Mrs. Lesley lächelte mit ſeltſam traurigherbem d Ausdrucke. B „O, ich fürchte das nicht“, ſagte ſie ſcharf und 1 ſpottend.„Mr. Lesley ſcheint keine Anlage zur Eifer⸗ b ſucht zu haben.“ W „Dann haben Sie niemals einem ſeiner düſtern d Blicke begegnet“, verſetzte Gerhard raſch. Er ſetzte jede e Schonung gegen dieſe Frau beiſeite, die ihm ein Räth⸗ 1 ſel ſchien. Ihre Worte klangen ja wie ein Bedauern. Hatte ſie es alſo darauf angelegt, ihren Mann eifer⸗ d ſüchtig zu machen, oder ſpottete ſie ſcham⸗ und gemüth⸗ los über ihr eheliches Verhältniß, in das ſie damit gleichzeitig vollkommen unzweideutig einen erſchrecken⸗ den Einblick eröffnete? Sie bemerkte nicht einmal Gerhard's Stimmung.( Im gleichen Tone wie früher erwiderte ſie: ———P—P——— „Wenn dem ſo iſt, ſo hat Mr. Lesley wohl zwei⸗ — em 45 fellos Urſache, es bei ſolchen Blicken bewenden zu laſſen. Ein Mann, der ſich ſelbſt ſchuldig fühlt, hat nicht den Muth, ſich zum Richter aufzuwerfen. Ich habe jetzt eine traurige Gewißheit gewonnen.“ Gerhard's Blick ſänftigte ſich mit einem Male, der Himmel ſchien ſich zu klären; das Räthſel war ge⸗ löſt. Die arme junge Frau fühlte ſelbſt die Qualen der Eiferſucht. Ihr Benehmen gegen Graf Hilmers⸗ dorf war eine jener kleinen Komödien, die auf der Bühne ſo heiter anzuſehen ſind, ſo befriedigend ſchlie⸗ ßen, im wirklichen Leben aber meiſt ſpielend die furcht⸗ barſten Folgen heraufbeſchwören, weil kein launiger Dichter Phantaſie und Sinne der Frau wie die Lei⸗ denſchaft des Mannes im Zaum hält, ſondern eine eiſerne Verkettung ſcheinbar unbedeutender Momente zum unerwarteten und übermächtigen Verhängniß wird. Jetzt erſt wünſchte ſich Gerhard von Herzen Glück, daß er durch ſeine Dazwiſchenkunft der Verirrung Gren⸗ zen geſteckt, ehe ſie noch zu unheilbaren Conflicten ge⸗ führt. Eine Frau, die, ſelbſt eiferſüchtig, die Eiferſucht ihres Mannes zu erwecken ſucht, liebt ihn. Was lag zwiſchen den beiden? Was hatte ſich Mr. Lesley zu Schulden kommen laſſen, das ihn ſeiner Frau ent⸗ fremdete? Ein heimliches Verhältniß hatte er wenig⸗ ſtens gegenwärtig nicht, darauf hätte Gerhard ſchwören mögen. Drängte ſich vielleicht die Vergangenheit in die Gegenwart herein, wie manches Wort, das ſeinem traurigen Freunde entfallen, Gerhard ſchon ſchließen hatte laſſen? Nun, der Frau wenigſtens ſollte Ruhe geſchafft werden. „Ich glaube, Madame“, ſagte Gerhard,„daß Sie ſich einem Irrthum hingeben. Das, was Sie anführen, iſt kein triftiger Grund. Es ſind die edelſten Männer, die ſich am längſten beherrſchen.“ „Und ſeine langen Abweſenheiten, ſeine Spazier⸗ gänge in gewiſſer Richtung?“ brach die junge Frau von ihrer Erregung hingeriſſen, jede Zurückhaltung ver⸗ geſſend, zwiſchen Zürnen und Weinen los.„Sie ſind ſein Freund, aber Sie wiſſen nicht Alles! Er hat Ge— heimniſſe vor mir, er verbirgt mir etwas, etwas Furchtbares vielleicht. Aber Sie werden es ihm wie⸗ derſagen?“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie, wenn es Sie er⸗ leichtert“, munterte ſie Gerhard theilnehmend auf.„Ich ſchweige gewiß.“ „Ich glaube, daß Sie es gut mit mir meinen— ich glaube es. Warum hätten Sie ſonſt an mich ge⸗ ſchrieben? Und Sie ſollen nicht ſchlimm von mir denken. Ich habe dem Grafen nie mehr Antheil gezeigt als etwa eine Schweſter. Ich habe gedacht, wenn er in 47 unſerer Geſellſchaft bleibt, wird er von Saxon fern gehalten, ich habe ihm zur Vernunft geredet. Nie könnte ich etwas thun, was meine Selbſtachtung ver⸗ letzen müßte, aber was ich auch thäte, Davy würde es gleichgültig hinnehmen; ſeine Gedanken ſind an⸗ derswo.“ „Sie haben dafür doch keine Beweiſe“, warf Ger⸗ hard zögernd ein. Er mußte ſich ſagen, daß es ſchwer ſei, Jemand gegen eine Anklage zu vertheidigen, die man ſelbſt nicht für unbegründet hält. „Beweiſe? Unſere ganze Ehe iſt ein Beweis da⸗ für“, widerlegte ihn die junge Frau mit herbem Aus⸗ druck und zitternder Stimme.„Seine Zerſtreutheit, ſeine Traurigkeit haben immer mehr zugenommen und zeigen mir, daß er ſich in Feſſeln fühlt, aus denen er ſich befreien möchte.“ „Und ſind Sie nie auf den Gedanken gekommen, es könnte dies nur in dem Gefühl des Unbefriedigt⸗ ſeins wurzeln? Wie, wenn Ihr Gatte, an Selbſtſtän⸗ digkeit gewöhnt, die ihm aufgezwungene Unterordnung in einen größern Familienkreis, die Einmengung An⸗ derer als Feſſel empfände?“ „Aber das iſt ja nicht möglich! Mama ſagt, ge⸗ rade das gäbe Davy Gelegenheit, ſeine rauhen Manie⸗ ren etwas abzuſchleifen, ſich nach aller Welt Sitte zu — ——— 9 „ 8 — Papa iſt ſehr zufrieden in derſelben Lage.“ Ohne Gerhard's feines Lächeln zu beachten, fuhr die junge Frau eifrig fort:„Es geſchah ja Alles ihm zu Liebe. Man thut Alles, ihn zu zerſtreuen. Seines wachſen⸗ den Trübſinns wegen ſind wir endlich hierher in ſüd— lichere Gegenden gezogen, weil wir dachten, das Klima thue ihm nicht gut. Als ich ihn kennen lernte, war er ernſt und traurig, er that mir leid, ich glaubte ihn aufheitern zu können, und es hatte anfangs auch den Anſchein, bald nach der Heirath zeigten ſich aber wie— der Spuren jener eigenthümlichen Stimmung. Ich fragte, ich ſuchte mit Liſt zu erfahren, was ihm ſei, und er wurde nur noch zurückhaltender. Mama rieth zu einer Reiſe. Wir zwangen ihn dazu, denn es ge— ſchah ja zu ſeinem Beſten. Ich habe ihm zu Liebe Alles gethan, aber er erkennt es nicht an.“ „Sie haben wohl gar ihm zu Liebe geheirathet?“ nahm Gerhard mit leiſer Ironie das Wort, als die junge Frau in bitterer Klage ſchloß.„Sie ſtellen ſich ganz und gar auf den Standpunkt des Opfers, und dadurch beurtheilen Sie die Sache falſch. Ich möchte Ihnen einige Worte Ihres Landsmanns Thackeray, den Sie, wie ich bemerkt habe, mit Vorliebe leſen, zu Ge— müthe führen. Irgendwo ſagt er:„Glauben Sie, es formen, indem es ihn gleichzeitig jeder Sorge entzöge. 49 geſchehe Alles dem Manne zu Liebe, daß Sie lieben, und nicht ein bischen Ihnen ſelbſt zu lieb? Meinen Sie, Sie würden trinken, wenn Sie nicht durſtig, oder eſſen, wenn Sie nicht hungrig wären?“ Was immer⸗ hin Sie für ihn gethan zu haben vorgeben, thaten Sie wider ſeinen Willen und dürfen daher nicht auf ſeinen Dank rechnen. Einen Mann wie Mr. Lesley führt man nicht wie einen Knaben. Er fordert das Recht, für ſich ſelbſt zu denken und zu ſorgen. Fügt er ſich in der Gutmüthigkeit ſeines Naturells aber dem Zwange, ſo iſt es dann ganz natürlich, daß er ſich gedrückt fühlen und zuletzt melancholiſch und verbittert werden muß.“ „Sie ſind ein Mann und führen darum ſeine Sache“, fiel hier Mrs. Lesley ein.„Alle Männer halten zuſammen, Mama ſagt es auch. Wenn Sie Alles ſo leicht erklären können, ſo geben Sie mir eine glaubwürdige Urſache für ſeine melancholiſche Stim⸗ mung vor der Heirath an.“ „Wer weiß, wie ſchmerzlich ſeine Erfahrungen in der Vergangenheit waren.“ „O dieſe Vergangenheit, die alle Männer als ein Recht für ſich in Anſpruch nehmen! Eine Frau darf keine gehabt haben, ſo ſoll der Mann wenigſtens die ſeinige zu vergeſſen wiſſen.“ Byr, Nomaden. III. 4 50 Gerhard ſchwieg, der Ausſpruch war frappant. Wie viele Männer hatte er ſchon kennen gelernt, welche mit ihrer Vergangenheit prahlend ihre Frauen zuletzt lüſtern machten, die Verzeihung, die ſie fortwährend üben ſollten, auch einmal für ſich ſelbſt in Anſpruch zu nehmen. Er gelobte ſich im Stillen, ſeine eigenen Erinnerungen am Hochzeitstage zu beſtatten. Nicht heucheln wollte er, nur vergeſſen. „Aber es iſt nicht die Vergangenheit allein“, fuhr Mrs. Lesley nach einer kurzen Pauſe, da ſie keine Ant⸗ wort erhielt, fort.„Können Sie mir ſagen, wo Davy ſo viele Stunden zubringt? Wiſſen Sie, was er auf der Höhe ſucht?“ „Auf der Höhe?“ wiederholte Gerhard zwei⸗ felnd. „Ja, dort! Dieſe Richtung ſchlägt er ein. Mama hat es auch geſehen. Und heute iſt er wieder unmit⸗ telbar nach Tiſche fort, vor Graf Hilmersdorf noch. O, ich wollte nur ſehen, ob ich mich getäuſcht!“ „Wo vermuthen Sie ihn denn eigentlich?“ fragte Gerhard rund heraus. „Es iſt wohl kein Zweifel über gewiſſe Damen, die dort ihre Wohnung aufgeſchlagen haben“, entgeg⸗ nete die junge Frau ſcharf, mit jener Unduldſamkeit, welche honette Frauen gewöhnlich unverhüllt gegen un⸗ 51 klare Exiſtenzen zu äußern pflegen, beſonders wenn es Vertreterinnen ihres eigenen Geſchlechts betrifft.„Ma⸗ dame de Granier—“ wollte ſie fortfahren, aber Ger⸗ hard unterbrach ſie ziemlich unfreundlich. „Darf ich bitten, kein ſo raſches Urtheil auszu⸗ ſprechen. Eins kann ich Ihnen verſichern: Mr. Lesley hat meines Wiſſens gar keinen Verkehr mit jenen Da⸗ men; heute aber, gerade zuvor noch, war er ganz gewiß nicht dort, dafür bürge ich Ihnen, Madame, da ich eben von dort komme.“ Es wäre Gerhard am liebſten geweſen, hinzuſetzen zu dürfen:„von meiner Braut.“ Damit wäre wohl jede Verleumdung kurz abgeſchnitten geweſen, aber noch ſtand ihm nicht das Recht zu, und ſelbſt zu einem guten Zwecke hätte er es nicht mit einer Unwahrheit vorausnehmen mögen. Das Geſpräch hatte damit vorläufig ein Ende erreicht; man war zwiſchen den Häuſern abwärts ge⸗ gangen und begegnete jetzt Dirkſon's Gouvernante mit den Kindern. Bald war auch das Hotel erreicht. Knapp vor dem Thore hielt die Geſellſchaft noch ein⸗ mal ſtill. Graf Hilmersdorf hatte auf eine Geſtalt gezeigt, die im Nebel ſchon deutlich erkennbar aus den Weingärten auf die Straße einbog. „Da kommt er“, ſpottete der Graf.„Sagen Sie 4 † 52 nun ſelbſt, meine Damen, ob Robinſon Cruſoë anders ausgeſehen hat?“ Obzwar Gerhard die Erwiderung gab:„Warum ſagen Sie das Mr. Lesley nicht ſelbſt?“ mußte er doch insgeheim zugeſtehen, daß der Graf nicht ſo ganz Un⸗ recht habe. Die derben, feſten Bergſchuhe, der zottige Rock und der zerdrückte Hut, unter dem des Englän⸗ ders etwas borſtiges Haar hervorſtarrte, mochten vor⸗ trefflich zu den Unbilden des Weges und der Witterung paſſen, ein ſalonfähiges Aeußeres war dies jedenfalls nicht, und man mochte weit eher vermuthen, den Be— wohner einer wüſten Inſel als einer eleganten Penſion am Genferſee vor ſich zu ſehen, wenn man Mr. Lesley's Eigenheit nicht ebenſo gut gelten laſſen wollte wie etwa die des Grafen, in ſeinen zierlichen Lackſtiefelet⸗ ten durch den Moraſt des aufgeweichten Weges zu tänzeln. Es war nur ein bezeichnender Blick und ein ein⸗ ziges Wort, das Mrs. Wallace ihrer ältern Tochter zuwarf, aber eine ganze Rede war darin enthalten, die etwa anfing:„Nun, was habe ich geſagt? Wo kommt er her? Wir haben ihn oben nicht getroffen, aber wir ſehen es hier unten ganz deutlich. Du ſiehſt, mein armes getäuſchtes Kind—“ und in derſelben Weiſe fortfahren mochte. 53 Die junge Frau war zu einer Bildſäule verſteinert, ſie ſchien keiner Bewegung fähig uud ſtarrte ihren Gatten an, ſolange er entfernter war, wendete aber ihr Auge ab, als er ganz nahe herantrat. Graf Hil⸗ mersdorf machte noch die Bemerkung, Mr. Lesley ſcheine über die Begegnung nicht beſonders erfreut, und Gerhard konnte diesmal ſeine innere Zuſtimmung nicht verweigern. Mr. Lesley hatte etwas Verſtörtes in ſeinem Weſen, er blickte finſter vor ſich hin und ſeine Begegnung, als er die Geſellſchaft erblickte, ſah bei— nahe wie Schreck aus. Er grüßte jedoch unbefangen und drückte ſeine Verwunderung aus, daß ſich die Damen in den Nebel herausgewagt hätten. Aber Gerhard ließ ſich nicht täuſchen. Mr. Lesley war ungewöhnlich aufgeregt, und die Bläſſe ſeines Angeſichts wie die Art, in der er, ſteif am Grafen vorüberſchreitend und ſeine Frau auch nicht eines Blickes würdigend, Gerhard's Hand nahm und ſie ſchmerzhaft preßte, beſtätigten nur dieſe An⸗ nahme. „Waren Sie ſchon zu Hauſe?“ fragte er raſch, und als Gerhard verneinte, ſetzte er ebenſo hinzu:„Es iſt gut.“ Auf Gerhard's Frage, was ihm ſei, hatte er nur ein paar ausweichende Worte. „Du biſt nicht wohl, Davy“, ſagte Lizzie nicht 3 ohne Beſorgniß und rieth ihm, zu Mamas draſtiſchen Mitteln Zuflucht zu nehmen, aber er ſchüttelte den Kopf und behauptete, ſich ganz wohl zu befinden und nur ein wenig zu raſch gegangen zu ſein. Die Gouvernante mit den kleinen Dirkſons nahm ihre Promenade wieder auf, trotz des immer ſtärker werdenden Nebels, die Uebrigen aber traten ins Haus. Mr. Lesley fragte den Portier nach dem Briefe, den er ihm übergeben habe. „Wurde auf Mr. Strandau's Zimmer gelegt“, lautete die Antwort;„der Schlüſſel ſteckt. Herr Strei⸗ cher iſt oben.“ Der Portier wendete ſich an Gerhard: „Sie haben befohlen, wenn der Herr in Ihrer Abwe⸗ ſenheit den Schlüſſel verlange—“ „Ganz richtig; ein- für allemal!“ unterbrach ihn Gehrhard, den jetzt eine ganz andere Frage intereſſirte. Er ſah überraſcht Mr. Lesley an.„Sie haben mir geſchrieben?“ fragte er. „Eine unbedeutende Mittheilung. Aber kommen Sie auf Ihr Zimmer, ich nehme den Brief gleich wie⸗ der mit im Vorübergehen. Wir können ja ſprechen darüber.“ Gerhard hielt jedes weitere Wort zurück und verab⸗ ſchiedete ſich von den Damen an der Thür des Salons, dann blieb er vor dem Engländer ſtehen. —,⸗ 55 „Wo in des Himmels Namen kommen Sie denn eigentlich her?“ fragte er.„Vom Nordpol oder von der Wüſte?“ „Vom Friedhofe von Clarens.“ „Aber ſo hätten Sie das doch früher den Da⸗ men geſagt. Jetzt brüten ſie alle wieder über einem Kukuksei.“ „Ich gehe ja oft dahin.“ „Da wäre alſo die Erklärung für die Richtung der zahlreichen Abweſenheiten!“ rief Gerhard faſt mit Humor. „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Nun, wir reden darüber.“ Gerhard faßte Mr. Lesley's Arm und forderte ihn auf, in ſein Zimmer zu treten. Auf dem Sopha ausgeſtreckt lag Streicher, die brennende Cigarre im Munde und in einen Band Homer vertieft, den er immer bei ſich zu führen pflegte. Bei dem Geräuſche, das die Eintretenden verur⸗ ſachten, blickte er auf und erhob ſich dann. Seine Miene verrieth unverkennbar die Mißſtimmung darüber, ſeinen Freund nicht allein zu ſehen, wie er das ſchon ſeit dem Diner erwartet hatte. Sein Zlick glitt muſternd über Gerhard's Antlitz hin und ſuchte in 1 4 — 4 56 deſſen Augen zu leſen. Er ſchien nicht befriedigt von dem Erfolge, denn ſein erſtes Wort war:„Du ſiehſt noch ganz vergnügt dabei aus; ſcheint Dich nicht ange⸗ griffen zu haben.“ „Was ſollte mich denn angreifen?“ verſetzte Ger⸗ hard, dem ſein Freund wie nicht recht bei Sinnen vor⸗ kam.„Setzen Sie ſich, Mr. Lesley“, fügte er hinzu. „Ich will nur meinen Brief.“ „So, iſt der von Ihnen?“ entgegnete Streicher, ein offenes Couvert und ein Schreiben vom Tiſch ent⸗ fernend.„Pardon, daß ich ihn erbrach, ich glaubte im erſten Moment, er ſei für mich, der Tölpel von einem Kellner ſagte nichts.“ Es lief ein ſonderbares Zucken über Mr. Lesley's Antlitz und haſtig ſtreckte er die Hand nach dem Briefe aus. „Wie, Sie haben ihn geleſen?“ ſtieß er haſtig hervor. „Kann ich denn Engliſch? Aber da er einmal an Strandau adreſſirt iſt, ſo ſoll er ihn auch haben, kann dann machen damit, was er will.“ Mr. Lesley's Züge wurden wieder ruhig und ſeine zuckenden Lippen ſchloſſen ſich. Indem Streicher den Brief übergab, nahm er zugleich ſeinen Hut. 34 „Sage mir nur eins“, fragte er Gerhard,„biſt 57 Du geheilt oder nicht?“ Und auf Gerhard's ungedul⸗ diges Achſelzucken ſetzte er hinzu:„Merkwürdig! Alſo nichts bemerkt? Aha, man iſt geſchickt, wie ich ſehe, und weiß ſein Spiel zu verſtecken. Um ſo beſſer, ſo platzt die Bombe erſt am Ziel. Die Koſten ſollen mich nicht gereuen, und gälte es ein ganzes Feuerwerk von Brillanten! Schlafe indeſſen nicht zu ruhig, denke, der Verrath liegt unter Deinem Pfühl von flaumig ſich blähenden Dunen der Eider, einer vielfach gerin⸗ gelten Schlange gleich im blühenden Bette lieblich duf⸗ tender Roſen.“ Gerhard blickte dem forteilenden Freunde verwun⸗ dert nach. Dieſe fieberhafte Heiterkeit, die ſich ſogar in der Caricatur homeriſcher Sprachweiſe gefiel, hatte eine ſolche Schärfe, daß ſich Gerhard ernſtlich beun⸗ ruhigt fühlte und ſicherlich länger mit Erwägungen über den Zuſtand ſeines Freundes beſchäftigt geblieben wäre, wenn nicht Mr. Lesley's Gegenwart ſeine Ge⸗ danken ebenfalls mit ernſter Frage in Anſpruch ge⸗ nommen hätte. „Darf ich Sie um meinen Brief bitten, Stran⸗ dau?“ ſagte Mr. Lesley, kaum daß Streicher das Zimmer verlaſſen hatte. Gerhard hatte noch keinen Blick in das Schreiben gethan, das er offen in Händen hielt. 4 ————— 58 „Liegt Ihnen denn ſo viel daran?“ fragte er, ſeinen Blick feſt auf Mr. Lesley's Augen richtend. „Sie wollten mir eine Mittheilung machen.“ „Die momentan von keiner Bedeutung mehr iſt“, wich der Gefragte aus. „Vielleicht von größerer, als Sie mich glauben machen wollen. Ich ſollte den Brief leſen.“ „Thun Sie's nicht. Ich bin ja hier.“ Gerhard blickte auf das verſtörte Ausſehen ſeines Beſuchs, die eigenthümliche Betonung der letzten Worte machte ihn erſtarren. ef alſo nur leſen ſollen“, ſagte ort betonend, wenn Sie vom Friedhofe von Clarens nicht zurückgekehrt wären?— Da haben Sie Ihren Brief!“ Mr. Lesley ſchob ihn haſtig in die Taſche. Er ſah finſter vor ſich hin, plötzlich flog ein ironiſches Lächeln über ſein Antlitz. „Sie wiſſen“, ſcherzte er,„wir Engländer haben unſere Vorurtheile. Der Nebel beſitzt etwas Verfüh⸗ reriſches.“ „Und Ihre arme Frau?“ mahnte Gerhard vor⸗ wurfsvoll. „Meine Frau?“ Mr. Lesley ſagte dies in ſelt⸗ ſamem Tone und zuckte die Achſeln.„Sie wird frei. „Ich hätte dieſen Bri W er langſam und jedes 59 Es thut mir leid, daß ſie jetzt warten muß, aber ich habe noch etwas zu thun.“ „Sie ſind in einem fürchterlichen Irrthume be⸗ fangen, Mr. Lesley. Ihre Frau würde ſich niemals tröſten über Ihren Tod, ich weiß es!“ „Niemals?“ fragte Mr. Lesley wieder mit dem⸗ ſelben blitzartigen Lächeln, das mehr traurig als ſar⸗ kaſtiſch war.„Darüber war ich klar, als ich nach dem Friedhofe ging. Nicht deshalb bin ich umge⸗ kehrt. Aber ich hatte noch etwas zu thun, das trieb mich zurück.“ Etwas trieb ihn zurück, als er ſchon an der Pforte des Friedhofs ſtand, für ihn ſymboliſch auch die Pforte des Todes. Was konnte dies anders ſein als das Verlangen, ſich noch zuvor an dem Zerſtörer ſeines Glückes zu rächen? Daß Mr. Lesley's Rache nicht ſeine Gattin mittraf, davon war Gerhard nach allen von ihm gehörten Aeußerungen überzeugt. Nur ein ſchmerz⸗ liches Mitleid lebte für ſie in der Bruſt des gekränk⸗ ten Mannes, aber der lange zurückgedrängte Haß gegen Graf Hilmersdorf kam jetzt vielleicht zur Herrſchaft und wendete gegen ihn die ſchon zum Selbſtmord vor⸗ bereitete Waffe. So glaubte ſich Gerhard Alles erklä⸗ ren zu müſſen. In der Abſicht, dieſem Vorhaben mit allen Gründen der Ueberzeugung entgegenzutreten, fragte er, was es deoͤ bliebe. 9 C nn ſei, Lesley noch zu thun Der Gefragte zog unruhig ein Zeitungsblatt aus der Taſche und reichte es Gerhard, eine Stelle bezeich⸗ nend, hin. „Das muß ich noch anſehen“, ſagte er dumpf. Ein ungeheueres Erſtaunen ergriff Gerhard. Die bezeichnete Stelle war die Ankündigung akro— batiſcher Vorſtellungen, die eine momentan noch in Deutſchland weilende Truppe demnächſt in Genf zu geben vorhatte. Der Wahnſinn, der vielleicht ſchon lange in die— ſem ſchwermüthigen Menſchen gekeimt, war alſo zum Ausbruch gekommen! von dieſem ſchrecklichen Gedanken verrathen, als er theilnehmend ſagte: „Lesley, Sie ſind krank; Sie ſollten einen Arzt frugen.“ Gerhard's Blicke mochten etwas Der Engländer ſchüttelte das Haupt. „Nein, nein!“ entgegnete er mit unendlich ſchmerz— lichem Ausdruck in Ton und Miene. verrückt, wie Sie glauben. ſehen und ſprechen. Naëmi von ihnen.“ „Ich bin nicht Ich muß die Beni Rebia Jetzt erſt fiel es Gerhard auf, daß die Akrobaten⸗ Vielleicht erfahre ich etwas über 61 geſellſchaft den Namen eines arabiſchen Volksſtammes führte; es war derſelbe, den Mr. Lesley genannt. Eine Idee des Zuſammenhangs begann ihm zu däm⸗ mern. Er las die Anzeige noch einmal durch, aber nichts fand ſich darin, was ihn mehr errathen ließ, und zu einer directen Frage fühlte er nicht das Recht. Es ſchien, daß die junge Frau demnach doch nicht ſo ganz von ihren Ahnungen getäuſcht worden ſei. Die Arme, und ſie liebte dieſen Mann! „Setzen Sie ſich doch“, ſagte Gerhard drängend. „Sie ſchwanken ja. Nach ſolchen Erregungen—“ Mr. Lesley folgte wie ein Kind dieſer Auffor— derung. „O!“ murmelte er.„Ich fand das Blatt vor Tiſche. Es war wie eine Mahnung. Was ich ſchon längſt als unausweichlich erkannt, drängt nun zum Schluſſe. Glauben Sie nicht, daß ich vor der Aus⸗ führung zurückbebte. Der Tod iſt mir kein Schreck, ſondern ein erſehntes Ziel, aber früher oder ſpäter, was macht's? Und ich fühle eine unüberwindliche Sehnſucht, noch einmal zu fragen, ob mir Jemand Auskunft geben könne. O, die Erinnerung findet ſich nicht immer damit ab, daß das Gewiſſen eine Hand⸗ lung redlich nennt, ſie iſt ſtärker als Urtheil und Verſtand!“ 62 Stöhnend ſank er im Sopha zurück und bedeckte ſich die Augen mit beiden Händen. Es war erſchütternd, den kräftigen Mann ſo er⸗ drückt und gebrochen zu ſehen. Gerhard ging leiſe zur Thür, nahm den Schlüſſel herein und ſchloß von innen ab. Es ſollte wenigſtens kein Unberufener Zeuge dieſer Scene ſein. Drittes Kapitel. Im Duar der Beduinen. „Sie haben mir von Ihrer Vergangenheit er⸗ zählt“, ſagte Mr. Lesley nach einigen Minuten, wäh⸗ rend welcher er ſeiner Gefühle Meiſter zu werden ſuchte. „Ich will Ihnen die meinige erzählen, wenn Sie ſo viel Güte für mich haben, zuzuhören. Es iſt mir ein Bedürfniß, gegen Jemand auf der Welt mich auszu⸗ ſprechen. Die Einſamkeit erdrückt mich.“ Er nahm mit Eifer die von Gerhard dargebotene Hand und preßte ſie, als wolle er damit ſeinen innigen Dank für die freundliche Theilnahme ausdrücken. Dann hob er, nur manchmal, von der Erinnerung überwäl⸗ tigt, ſeine Erzählung unterbrechend, mit lebhaften Wor⸗ ten an: „Es ſind zwölf Jahre, daß ich nach Aden kam, die im abyſſiniſchen Kriege oft genannte engliſche Flot⸗ tenſtation an der Südküſte Arabiens. Ich war ein junger Burſche von ungefähr achtundzwanzig Jahren, hatte trotzdem ſchon Manches geſehen und kam mit dem abenteuerlichen Plan, mich anzuſiedeln und mir ein Vermögen zu machen, denn ich war nicht reich. Mein Vater, ſelbſt ein jüngerer Sohn, lebte von dem Erlös eines Offizierpatents und einer kleinen Rente, auf die ich gegen eine Ablöſungsſumme Verzicht leiſtete, als mein Vater geſtorben war. Meine Mutter verlor ich ſchon in früheſter Jugend, und faſt immer unter frem⸗ den Leuten aufgewachſen, hatte ich einen gewiſſen Selbſt⸗ ſtändigkeitsſinn gewonnen, der den Eindruck von Kraft, ja ſelbſt Herzenshärte machen mochte, ohne daß ich ſelbſt die Vortheile einer ſolchen rauhen Außenſeite auch innerlich genoß. Die Ereigniſſe ſchienen mich kaum zu berühren. Sie ſehen jetzt, wie wenig das wirklich der Fall geweſen. Unter dem trügeriſchen Panzer war es mürbe und jetzt iſt Alles zerbröckelt. tein Vater hatte ſich in Oſtindien ſein unheil⸗ bares Leiden geholt, an dem er hinſiechte, er wollte daſſelbe Schickſal von mir abwenden. Ich ſollte nicht Soldat, ſondern Prieſter werden und mein Leben in Ruhe und leidlichem Wohlſtand genießen. Durch Ein⸗ 65 fluß ſeiner Verwandten hoffte er mir eine Pfründe zu verſchaffen. Ich ſtudirte aber mit Widerwillen. Ru⸗ dern, Boxen, Reiten war mir von jeher lieber als Bücherleſen und ich profitirte in Oxford nicht viel an Gelehrtheit. Ich wäre vielleicht ein guter Soldat ge⸗ worden, denn mein Sinn ſtand auf Abenteuer, Reiſen, Krieg und körperliche Thätigkeit. Am Stillſitzen und vollends an prieſterlicher Beſchäftigung fand ich kein Behagen, es gab daher manchen Zwieſpalt zwiſchen meinem guten Vater und mir. Immer wurde ich mit dem Schlußgrund zur Raiſon gebracht, daß ich kein Ver⸗ mögen habe und alſo unterducken müſſe. Beim Militär hatte ich kein Fortkommen zu erwarten, zur Marine fühlte ich mich ſelbſt nicht hingezogen, für eine Advoca⸗ tur oder dergleichen reichte mein Kopf nicht aus. Kauf⸗ mann oder Techniker, der allenfalls ſeine Thätigkeit einer Fabrik oder einem andern gewinnreichen Unter⸗ nehmen widmen kann, konnte ich nach den ariſtokratiſchen Begriffen meines Vaters, die, wie ich geſtehen will, auch auf mich übergegangen waren, unmöglich werden und ſo lernte ich denn ſchon früh den Mangel an Ver⸗ mögen empfinden und dieſem alles Ungemach zuſchreiben. Als mein Vater todt war und ich eine hübſche kleine Summe in meinen Händen ſah, da überwog mein Naturell das bischen Pietät für den Willen des Byr, Nowaden III. 5 Dahingegangenen, dem nachzukommen ich mir vorge⸗ ſetzt hatte. Ich entſagte meinen Ausſichten auf die Pfründe und der Rente, wie ich Ihnen ſchon ſagte, für ein Linſengericht und ſetzte über den Kanal. Der nächſt ältere Bruder meines Vaters, der eine gute Heirath gemacht hatte und als Friedensrichter auf Linney⸗Haugh ſaß, hatte eine große Zuneigung zu mir und wollte mich für einen ruhigen Lebenswandel und einen geordneten Beruf gewinnen, ich aber ließ mich nicht halten. Ein paar Jahre vergingen mit Reiſen in Europa. Mein kleines Vermögen ſchmolz, ich aber hatte deſſen nicht Acht. Dann ſchiffte ich mich nach Indien ein. Dort hatte mein Vater ſo viele Jahre verbracht, dort batte er ſeine Auszeichnungen gewonnen, dort meinte auch ich mein Glück machen zu müſſen. Ich will über all die Enttäuſchungen hinweggehen, gewonnen hatte ich in Indien nichts als einen Freund, meinen lieben Ned Throwſter, verloren beinahe Alles, ſodaß ich da⸗ hin kam, mich als reuiges Kind an meinen Onkel zu wenden und um Aufnahme in Linney⸗Haugh, ſei es in welcher Eigenſchaft immer, zu bitten. Ich glaube, die Tante war es, die ihren ſchwachen Gatten dahin brachte, mich abzuweiſen und mir noch dazu den Hohn ins Herz zu träufeln: nun ich ein armer Teufel ſei, 67 hätte ich Luſt, gut zu thun; Bettler gäbe es im Kirch⸗ G ſpiele genug zu ernähren. Ich kam über den Stoß hinweg. Ned half mir dabei; er war in ähnlicher Lage wie ich, nur hatte er noch einen Reſt ſeines Beſitzes erhalten. Von ihm ging der Plan aus, einen neuen Verſuch zu machen, der uns heben ſollte. Einem ſeiner Verwandten war es ſo gelungen und uns konnte es auch nicht fehlen, wenn wir gemeinſam und mit Eifer daran gingen. Es galt in Arabien Land zu gewinnen und Plantagen 6 anzulegen. Mit dem trägern Muſelmann ließ ſich leicht rivaliſiren und im Handel mit Kaffee und Gummi, Baumwolle und Gewürzen waren große Gewinnſte zu erzielen. So kamen wir nach Aden. Ned's Verwandter nahm uns nicht' unfreundlich auf. Er ſelbſt war erſt Pflanzer, dann einer der Günſtlinge des Sultans Mohammed Huſſein, bei welchem er in Lahadſch lebte. Dann hatte er in Aden ein Handlungshaus gegründet und war ein ſehr reicher Mann geworden. Mit zahlreicher Familie geſegnet, konnte er für Ned nichts thun, aber er ging uns mit gutem Rath an die Hand. In den Küſtenſtrichen ließ 7 ſich nach ſeiner Angabe nichts mehr machen. Wer raſch gewinnen wollte, mußte auch wagen und im Innern des Landes eine Niederlaſſung ſuchen. Einer ſeiner 5* Söhne war ſelbſt in Damar anſäſſig, ein anderer in Lahadſch. Nach dem erſtern Orte zogen wir, mit Rath⸗ M ſchlägen und Allem, was uns nützen konnte, wohl aus— 1 gerüſtet; von da gingen wir nach einiger Zeit, als ih ſich nichts für unſere Zwecke fand, weiter nach Sana. 5 Auch dort blieben wir nicht, wir hatten von einer Plan⸗ di tage gehört, die in der Nähe von Marib zu verkaufen d ſein ſollte, und zogen es vor, uns in einen geordneten 1 Beſitz einzukaufen, als von unten auf zu beginnen. in Wir hofften ſo unſer Ziel raſcher zu erreichen. Mit ne 3 V einer kleinen Karavane gelangten wir nach Marib und M Al dann zogen wir auf gut Glück weiter in Begleitung einiger Beduinen, die wir zu unſerm Schutz gedungen ſe hatten, bis wir Nirjah erreichten. So heißt das Thal, welches am nordöſtlichen Ab⸗ hange des breiten Gürtels, den der Dſchebl Akhdar zwiſchen dem Meere und der Wüſte bildet, wie ein 8s kleines Paradies in die ſchroffen und kahlen Berge d eingeniſtet liegt und für das nächſte Jahrzehnt von u uns zur Heimat erwählt war. Ich werde den Ein⸗ K druck nie vergeſſen, den ich erhielt, als wir im Son⸗ T nenbrande lechzend über das riſſige Gebirge hinabritten und ſich unſern Blicken zuerſt das ſchon in die leichten g Schatten des Abends gehüllte Thal erſchloß. Hier oben d war die verzehrende Glut, unten die erquickende Kühle, 69 der kahle Fels um uns ſchien die Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne noch immer vertauſendfacht zurückzu⸗ werfen, unten breitete ſich ein meilenweiter grüner Teppich aus, ein kleiner See ſpeiſte den Bach, der die Oaſe durchzog. Unweit davon lagen die niedern Hütten der Hadeſi, die hier angeſiedelt waren, etwas abſeits davon unter Palmen ein einfaches Steinhaus, unſere künftige Wohnung, dicht dabei mehrere aus Erd⸗ reich und Steinen aufgeführte Gebäude, die wohl als Magazine dienen mochten. Von Pflanzungen ließ ſich allerdings nicht viel entdecken, aber Bäume, Durrah⸗ felder und üppiges Strauchwerk zeugten von der Frucht⸗ barkeit des Bodens. Mit einem Herzen voll Muth und Zuverſicht ſtiegen wir völlig hinab. In jenen Gegenden gibt es keine Ddämmerung, und es war mittlerweile Nacht geworden, aber man hatte uns von unten ſchon erkannt, wie auch an unſern Zeichen und unſerm Aufzuge, daß wir als Freunde kamen. Knaben mit brennenden Fackeln kamen uns entgegen und gaben uns das Geleite durch den zauberiſchen Thalgrund und die Gaſſen des Dorfes, wo uns von allen Seiten Gruppen Neugieriger umdrängten, nach der Hütte des Häuptlings. Aali Ben Nabegah war ein würdiger Greis, der uns den Tſchibuk zur Begrüßung reichen ließ und uns 70 ein gravitätiſches„Aferin!“ zumurmelte, als wir ihm unſere Abſicht begreiflich gemacht. Wir wußten we nigſtens, daß dies ſeine Zufriedenheit ausdrückte, und freuten uns darüber, denn die Einwohner ſeines Dorfes ſollten ja unſere Arbeiter werden und Alles hing in Zukunft von unſerm gegenſeitigen guten Einvernehmen ab. Als wir aus der Hütte traten, ſtand der Mond am Himmel und das in den heißen Ländern ſo wun⸗ derbare Licht dieſes Geſtirns ſchien in tauſend und tauſend blitzenden Cascaden über die Felſen herab zu ſprühen und zu rieſeln, um ſich in den See zu ergießen der ſonſt theilweiſe in Dunkel gehüllt, an jenen Stellen in weißen Flammen aufzuwogen ſchien. Unter Lachen und Scherzen tauchten jugendliche Geſtalten in die Fluten und kühlten ihre ſchlanken Glieder. Leiſe mur⸗ melte der Bach, den der Schattenfächer einer Dattel⸗ palme hier und dort zu überbrücken ſchien, und aus dem tiefen lauſchigen Schatten der Erdhütten oder eines duftenden Gebüſches klang die eigenthümlich eintönige Muſik der arabiſchen Laute und der hellklingenden Trommel, in deren wehmüthigen Weiſen, zumal in ſolchen wunderbaren Nächten, ein poetiſcher Zauber liegt. Verzeihen Sie mir, daß ich mich dabei aufhalte, da ich nur das Weſentlichſte erwähnen ſollte, 71 aber es ſind gerade die unwichtigen Details, welche in unſerm Gedächtniß den weiteſten Raum einnehmen, indeß die erſchütterndſten Ereigniſſe nur auf einen Punkt zuſammengedrängt ſind; alle Wonne wie alle Wehmuth der Erinnerung ſprießt aus den Ranken und Arabesken, die ſich weit verzweigt um die Hauptmo⸗ mente des Lebens ſchlingen. Es iſt nicht die Erinne⸗ rung an eine That, die wir vollzogen oder erlitten, ſondern die Erinnerung an einen Zuſtand, welche uns am meiſten ergreift, ſei es nun der eines verlorenen Glücks oder einer überwundenen Verzweiflung. Ich will Ihre Geduld nicht auf die Probe ſtellen, meine Erzählung wird noch lang genug, darum nur in Kurzem, wie man uns zu Mr. Kilburne brachte, der vom Fieber gequält im Blockhauſe lag. Er war froh, Käufer zu finden, da er ſich ſchon entſchloſſen hatte, Alles im Stiche zu laſſen und heimzukehren, wo er zu geneſen hoffte. Der Handel war bald geſchloſſen. Der bisherige Eigenthümer verließ ſchon am andern Tage mit der Bedeckung, die uns hergeleitet, das Thal. Wir übernahmen zwei Aufſeher, von denen wir den einen ſeiner Grauſamkeit und Unterſchleife wegen alsbald entlaſſen mußten. Ueberhaupt waren wir menſchlicher als unſer Vorgänger gegen die Arbeiter, wir ſuchten ſie durch Verſprechungen anzueifern, ſodaß ſie williger und beinahe fleißig wurden. Wir hatten päiſchen Begriffen Manches zu wünſchen übrig ließ, ſo damit bei jenem Volke ein kleines Wunder vollbracht, aber wir ſcheuten ſelbſt keine Arbeit, griffen überall zu und gewannen uns die Anhänglichkeit der Leute 1 durch allerlei Geſchenke. Schon nach der erſten Ernte, die alle unſere Er⸗ b wartungen übertraf, obwohl ſie verhältnißmäßig keine ſehr ergiebige und noch überaus wenig für die Cul⸗ tur gethan worden war, ſchon damals tauſchten i wir für einen Theil unſerer Kaffeebohnen eine Mende jener Kleinigkeiten ein, die bei den halbwilden Völkern des Südens ſo viel Werth haben, und verwendeten ſie zu Belohnungen und Prämien für die emiigſten Arbeiter. Wenn die Arbeitſamkeit nach unſern euro⸗ V hatte das in einer Gegend weniger zu beſagen, wo die Natur ſelbſt ſo überreichlich jede Mühe lohnt und V— der Ausfall an Kraft und Ausdauer beim Einzelnen durch die Menge gedeckt wird. Die Pharaonen haben mit demſelben Volke die Pyramiden gebaut, und was ſelbſt jene nicht zu Ende gebracht, ſucht die Gegenwart wieder mit demſelben Volke zu vollenden— den Kanal von Suez.. L Zwei Jahre vergingen beinahe und Segen ſchien auf unſerm Unternehmen zu ruhen. Unſere Anpflan 73 zungen hatten ſich anſehnlich erweitert, ſelbſt unſer Steinhaus hatte an Umfang und comfortabler Ein⸗ richtung gewonnen, unſer Guthaben bei Ned's Ver⸗ wandtem in Aden wuchs allmälig, Alles ſchien uns günſtig. Kein Naturereigniß hatte uns noch Schaden gethan, keine Seuche Lücken in unſern wachſenden Viehſtand geriſſen; der Stamm Nebajoth, dem unſere Arbeiter angehörten, lebte mit allen andern Stämmen in tiefſtem Frieden, unſere Karavanenſtraße nach Sana war ſicher. Mit jeder Karawane nach der Ernte ging abwechſelnd einer von uns beiden, und nicht ein⸗ mal ein Kameel war uns noch auf der Reiſe ge— fallen, ſo daß wir am Ende ſeine Laſt hätten einbüßen müſſen. Aali Ben Nabegah ſagte:„Allah kibyr: Gott iſt groß und die Fremdlinge ſind ſeine Augäpfel! Es iſt Segen mit ihnen gekommen über unſer Thal. Möge Alles bleiben, wie es iſt, und Scheitan niemals hier einkehren. Hascha meën üssaméen: Gott bewahre uns davor!“ Ned begann damals ſchon den Zeitpunkt zu be⸗ rechnen, wo wir uns in redlich erworbener Unabhängig⸗ keit aus dem Geſchäfte zurückziehen würden, als eine Kataſtrophe über uns hereinbrach, die wir nicht vor— auszuſehen vermochten. Emir Ismail Ben Ghaſi, dem auch Nirjah kriegs⸗ 74 pflichtig war, hatte von unſerm Gedeihen gehört, und ihn gelüſtete, Theil daran zu haben. Gegen uns als Engländer konnte er natürlich nicht vorgehen, ſo hielt er ſich denn an Scheikh Aali Ben Nabegah. Eines Tages erſchien eine Rotte im Thale, die dafür, daß man den friedlichen Bewohnern deſſelben die Kriegs⸗ pflicht erlaſſen, einen Tribut einforderte, der natür⸗ licherweiſe uns traf und den wir denn auch für unſere Arbeiter entrichteten, obwohl die Sache ungerecht genug war, denn man hatte den Scheikh niemals entboten und der bloße Vorwand war deutlich genug zu er⸗ kennen. Die Sitte forderte, die Abgeſandten des Emirs mit echt arabiſcher Gaſtfreundſchaft aufzunehmen, und der Anführer derſelben wurde von uns ſelbſt, obwohl wir dazu nicht verpflichtet waren, in unſer Haus ge⸗ führt, wo ihm Alles zu Gebote ſtand, was wir bieten konnten. Abu Omar, wie ſich der freche Patron mit Stolz nannte, ſchien aber geſonnen, das Gaſtrecht aufs weiteſte auszudehnen. Ned hatte ein Mädchen liebgewonnen, die Tochter des Weibes, das uns die Wirthſchaft führte, und unſe⸗ res Aufſehers. Es war noch ein halbes Kind, und Ned hatte, wie ich glaube, die Abſicht, Mirjam zu ſei⸗ ner Frau zu machen, obwohl er, vielleicht aus falſcher 75 Scham ſich niemals offen darüber gegen mich ausge⸗ ſprochen hatte. Ich war immer, wenn dergleichen er⸗ örtert wurde, gegen Heirathen, wo der eine Theil geiſtig zu weit unter dem andern ſteht, wie es gerade bei Mirjam der Fall war, die bei aller Schönheit und Lieblichkeit doch aller Bildung entbehrte. Wie dem nun ſei, in der Nacht, als wir ſchon zu Bette gegangen waren, weckten uns unterdrückte Schreie. Ned erkannte ſogleich Mirjam's Stimme, bald wurde auch die ihrer Mutter laut, und als wir zu Hülfe kamen, fanden wir das Mädchen, von ihrer Mutter unterſtützt, gegen unſern Gaſt im Kampfe. Omar war zu Mirjam geſchlichen und ſuchte ihr Gewalt anzuthun, die Kleine aber wehrte ſich wie eine wilde Katze. Ein einziger Griff Ned's machte nun dem Ringen ein Ende. Das ſchien dem Erbitterten aber nicht genug, er faßte den Unverſchämten mit ſeinen gewaltigen Armen und warf ihn mit einer tüchtigen Tracht Schläge aus dem Hauſe. Das war nun freilich nach orientaliſchen Be⸗ griffen ein himmelſchreiender Bruch der ſchuldigen Gaſt⸗ freundſchaft. Es währte auch nicht lange, ſo hatte der Miß⸗ handelte ſeine Leute aufgeboten und rückte mit Geſchrei und Drohungen gegen unſer Haus an; das ganze Dorf kam in Alarm. Der Scheikh, der ebenfalls gekommen 76 war und zu uns hielt, ſuchte Alles auszugleichen, brachte es aber damit zu keinem Erfolg; wir machten uns auf einen Kampf gefaßt, und unſer braver Break⸗ ſtone, Mirjam's Vater, war derſelben Anſicht, obwohl er von dem früher Vorgefallenen noch nichts wußte, da er ſich erboten hatte, die Nacht in einem unſerer Magazine zuzubringen, damit für den Gaſt im Hauſe Raum werde. Die beiden Frauen waren zuſammen in eine Hinterſtube gelegt worden. Breakſtone nun, als er uns bedroht glaubte, wollte uns verſtärken, ehe er aber noch die Thür erreicht hatte, fuhr einer der brau⸗ nen Halunken, die Abu Omar mitgebracht hatte, auf ihn los und faßte mit beiden Händen nach ſeiner Kehle, wahrſcheinlich in der Abſicht, ſich unſeres Gehülfen als Geißel zu verſichern; der verſtand indeß die Sache un— recht, er ſchlug mit der Axt, die er in Händen trug, nach dem Angreifer und traf ſo unglücklich, daß dieſer mit einer klaffenden Kopfwunde zu Boden ſtürzte. Das Geheul, das darauf folgte, glich dem Toben einer losgelaſſenen Hölle, wir vermochten Freund und Feind nicht mehr von einander zu unterſcheiden. Das Licht der wenigen Fackeln, die man gebracht hatte, reichte eben nur hin, die Scene noch unheimlicher zu machen und grauenhafte Streiflichter auf die von Auf— regung entſtellten dunkeln Angeſichter zu werfen. Abu 77 Omar und ſeine Gefährten warfen ſich auf Breakſtone und wir wollten ſchon einen Ausfall wagen, um ihn zu befreien oder mit ihm zu fallen, als eine über⸗ raſchende Bewegung unſerer Arbeiter ihn in ihre Mitte brachte. Der alte Scheikh ſelbſt deckte ihn und ſchien entſchloſſen, ihn zu vertheidigen. Abu Omar ſah ein, daß er zu ſchwach war, um gegen die ganze Thalbewohnerſchaft Gewalt wagen zu dürfen; mit den fürchterlichſten Flüchen und Ver⸗ wünſchungen ließ er den Gefallenen aufheben, der in⸗ deſſen kein Lebenszeichen mehr von ſich gab. Dann holten ſie ihre Pferde und ritten noch in der Nacht, mit dem Zorne des Emirs drohend, davon. Der augenblicklichen Gefahr waren wir entronnen und unſern braven Freunden dankten wir den wackern Beiſtand, der einem von uns, vielleicht uns allen das Leben gerettet hatte. Wir vertheilten reichlich Lebens⸗ mittel und andere Geſchenke und es herrſchte große Freude darüber, wie ſich auch Alles ſtolz brüſtete, die frechen Burſchen aus Nirjah vertrieben zu haben. Nie⸗ mand wollte etwas von dem Tribut wiſſen, Alles war wie berauſcht, nur die Aelteſten, unter ihnen Scheikh Aali Ben Nabegah, ſchüttelten das Haupt, ließen den weißen Bart nachdenklich zwiſchen den Fingern hin⸗ durchlaufen und ſprachen ernſt ihr„Bismallah ül 8 — 8 —— 78 rachir ül rachmin: Im Namen Gottes des Allbarmher⸗ zigen und Gerechten“, die Anfangsformel des Gebetes. Auf unſere Darlegung des ganzen Vorgangs hatte der Scheikh nur ein halb tadelndes, halb bedauern⸗ des Kopfſchütteln und zwei gebräuchliche Sprüche, als das letzte Rauchwölkchen kräuſelnd über ſeine Lippen entwichen war.„Aus dem Brunnen des Fürſten trinke kein Waſſer“, ſagte er und:„Wenn der Richter dein Kläger iſt, dann ſei Gott dein Helfer!“ Am andern Tage war es ſchon im Dorfe weit ſtiller, der Taumel war verraucht. Auch Mirjam wurde traurig und weinte, als Ned, in der Meinung, ſie fühle ſich noch ſehr erſchüttert, ihr liebreich zuredete. Sie geſtand endlich, mit ihrer Mutter und den Frauen im Dorfe geſprochen zu haben, alle ſeien jetzt der Meinung der Alten, der Vorfall werde nicht ohne die ſchlimmſten Folgen für Nirjah bleiben. Omar werde wiederkehren und Blutrache nehmen für den Erſchlagenen.„Warum, Herr“, ſagte ſie mit einer Ergebung, die nur der fata⸗ liſtiſche Orient kennt,„warum haſt Du mich nicht gezüchtigt, daß ich Deinem Gaſte Widerſtand leiſtete? Ich bin ſchuld, daß Unheil kommen wird über Dich; hätteſt Du mich hingeworfen, wie man den hungrigen Schakalen ein Stück Fleiſch zuwirft, damit ſie nicht gefährlich werden und ſich zufrieden geben. Ich bin weniger werth als ſolch ein Stück Fleiſch, ich habe meinem Herrn Verderben gebracht!“ Vergeblich war jeder Troſtgrund, das Mädchen blieb bei ſeiner traurigen Selbſtanklage; des ganzen Dorfes hatte ſich eine faſt ſtumpfſinnige Reſignation bemeiſtert. Wir dachten nun ſelbſt an die Gefahr und machten Anſtalten, uns gegen Ueberfälle ſicher zu ſtellen. Unſer Haus war in leidlichem Vertheidigungszuſtande und wir ſahen einem etwaigen Angriffe mit Gefaßt⸗ heit entgegen, aber es verging Tag um Tag, Woche um Woche, ohne daß ſich irgend ein beunruhigendes Zeichen bemerken ließ. Wir fingen an, uns wieder ſicherer zu fühlen, und auch die Einwohner unſeres Thales begannen freier zu athmen, da ein vom Scheikh ausgeſandter Kundſchafter die Nachricht nach Hauſe brachte, daß Emir Ismail Ben Ghaſi, von einem Waha⸗ bitenſtamme angegriffen, auf dem Kriegszuge ſei und ſonach wohl nicht viel Zeit habe, an unſer Thal zu denken. Die Ernte war vorüber, der Kaffee, der unſere Magazine füllte, ſollte wie alljährlich nach Sana ge— bracht werden und mich traf die Reihe, die kleine Ka⸗ ravane zu führen. Wie gewöhnlich kamen wir mit einigen Beduinen, die ein Geſchäft daraus machten, überein, uns bis Maͤrib das Geleite zu geben, wo wir 80 mit einer größern Karavane zuſammenzuſtoßen hoff⸗ ten. Wir hatten nur etwas über eine Tagereiſe dahin und der Weg war immer noch ſicher geweſen. Dies⸗ mal aber hatten wir falſch gerechnet. Als ich Ned's Hand zum Abſchied faßte, dachte ich nicht, ſie ihm zum letzten Male im Leben zu drücken. Der gute Junge hat es am Ende doch noch beſſer getroffen als ich, ich wollte, ich wäre damals an ſeiner Stelle geblieben! Doch vorwärts, damit Sie nicht ungeduldig wer⸗ den bei der Erzählung ſolcher längſtvergangener Dinge, die mir ſelbſt nur mehr wie ein gräßlicher Traum vorſchweben. Unſere Karavane wurde auf der Mittagsraſt überfallen. Die Beduinen, die, wie ich denke, im Ein⸗ verſtändniſſe waren, entflohen, ohne auch nur einen Schuß zu thun. An eine Gegenwehr war gar nicht zu denken; ich zog zwar den Säbel, aber ein Hieb hier — in die Schulter machte ihn unſchädlich und mich zum Gefangenen. Blutend band man mich an einen Steig⸗ bügel und ich mußte ſtundenlang nebenher laufen, bis mir die Sinne vergingen und ich wahrſcheinlich hin⸗ ter einem der Reiter aufs Pferd gelegt wurde. 5 Als ich meine Umgebung wieder erkannte, glaubte ich nicht einmal an mein Erwachen. Eine Hölle ſchien — ſich vor mir aufzuthun. Flammen zuckten aus praſſeln⸗ 81 dem Gebälke empor, gleich Rieſenfackeln loderten bren⸗ nende Palmen auf, um im Nu verkohlt zu verlöſchen, Feuer züngelte über den Boden hin, Gras und Strauch⸗ werk brannte. Dichter Qualm hing in der Luft und ein eigenthümlicher Duft, wie von verbranntem Kaffee, erfüllte dieſelbe. Das war meine erſte Empfindung, und ſonderbarerweiſe, aus ihr entſprang auch meine erſte Vorſtellung. Unſere Magazine mit dem Reſt der Vorräthe ſtanden in Flammen; alles Andere hatte ich momentan vergeſſen, ich meinte in meinem Bett zu liegen, ein Ueberfall mußte ſtattgefunden haben. Raſch ſprang ich empor, aber ich fühlte mich ſo ſchwach, ſo elend, daß es all meines Willens bedurfte, um mich aufrecht zu erhalten. Jetzt aber machte ſich auch die Erinnerung geltend, ich wußte Alles wieder, was vor⸗ gefallen, ja mit grauenhafter Klarheit erkannte ich auch, was im Momente um mich vorging. Das war mein liebes Nirjah, ein Raub der Flammen und der Ver⸗ wüſtung, das fürchterliche Geſchrei, das mein Herz er⸗ beben machte, war der Jammer der armen Mißhandel⸗ ten und Verwundeten, zu dem ſich das Heulen der Hunde, das Gebrüll der ſcheu gewordenen Thiere ge⸗ ſellte, unſer Haus war's, deſſen Dach ſchon eingeſtürzt laß, aus deſſen geſchwärzten Fenſtern der Brand lohte, unheimliche Geſtalten liefen mit geſchwungenen Waffen Byr, Nomaden. III. 6 — —— — 8 1 oder beutebeladen in dem grellen Feuerſchein hin und her, und dort auf den zwei breiten Stufen, die ehemals zur Thür führten, lag, von einer Kugel durch die Bruſt getroffen, unſer braver alter Breakſtone, wie ein heldenmüthiger Hüter des Hauſes in der Verthei⸗ digung gefallen. Ich wollte vorwärts ſtürzen zu der Leiche, eine Hand legte ſich auf meine Schulter mit ſolcher Schwere, daß meine matten Kniee beinahe einbrachen. Ich war gefangen, ohnmächtig vom Blutverluſt hierher geſchleppt, um die Zerſtörung meiner Heimat mit anzuſehen— das konnte der Haß allein erſonnen und ausgeführt haben! Abu Omar hatte Rache geübt, die Brandfackel in das friedlich ſchlummernde Thal geworfen, unſere Anlagen zerſtört, unſer Habe geraubt und ich hatte in⸗ deſſen beſinnungslos und ohne Kraft dagelegen, wäh⸗ rend man meine Zukunft vernichtete, während man vielleicht meinen Freund ermordete. Ich konnte nicht zweifeln, Breakſtone lag da vor mir, Ned war viel⸗ leicht ſchon zu Aſche verbrannt. Es kam inzwiſchen eine neue Bewegung in das furchtbare Schauſpiel: Hörner riefen in dumpfen, lang⸗ gezogenen Tönen und die Berge brachten das Echo wieder, das Geſchrei vermehrte ſich. Ich konnte mir nicht erklären, was es ſei, aber an den Zügen meine 83 beiden Wächter erkannte ich, daß etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes vorgehe, was ſie in Schrecken ſetzte. Krie⸗ ger kamen herbeigelaufen, Schüſſe ſogar fielen, mit einem Male ſtand Abu Omar wildverzerrten Angeſichts vor mir. Er fluchte und rief ſeine Leute, nach ſeinem Pferde verlangte er und befahl zugleich, alle Gefange⸗ nen niederzuſtoßen. Jetzt erblickte er mich und mit einem wilden Auflachen des Hohns faßte er meinen Arm und ſchleppte mich einige Schritte zur Seite, wo ich früher nicht hingeblickt. Es war das Schrecllichſte, was ich je geſehen. Ned lag da mit einem Schuß im Arm, mit auf den Rücken gebundenen Händen und geſpaltenem Schä⸗ del. Ihm zur Seite, den Kopf auf ſeiner Bruſt, ruhte Mirjam, ſie hatte einen Dolch in der Bruſt, deſſen Griff noch ihre eigene erſtarrte Hand umfaßte. Ich kann nicht ſagen, daß ich mein Schickſal ſeg— nete, das mich nicht ohnmächtigen Zeugen jener ergrei⸗ fenden Tragödie hatte werden laſſen, die hier vor ſich gegangen war. In jenem Momente dachte ich nicht, ich empfand nur ein grenzenloſes Entſetzen, das mir ſogar das eigene Geſchick gleichgültig erſcheinen ließ, ich ſah wie durch einen Schleier, ich hörte wie aus weiter, weiter Ferne, als ginge es mich ſelbſt nichts an. Abu Omar zückte ſeinen Dolch nach mir, ich hob 6* 1 1 1 3 b 82 4 nicht einmal die Hand, den drohenden Todesſtoß abzu⸗ wenden.„Du ungläubiger Hund“, rief er, und ſeine Augen ſehe ich jetzt noch vor mir rollen,„haſt Du uns verrathen, ſo ſtirb auch Du!“ Ich empfand den Stoß in die Bruſt, aber nicht wie einen Schmerz; ich war ſo matt, daß ich ſelbſt unter dem Streiche eines Kindes zuſammengeſunken wäre. Ich kann Sie nicht in einer wohlberechneten künſtlichen Spannung erhalten, wie ein Romanſchreiber jetzt thun würde“, fuhr Mr. Lesley mit einem traurig ſpöttiſchen Lächeln fort,„denn Sie ſehen ja, daß ich auch diesmal nicht erlag, ich ſitze hier geſund, wenigſtens was den Körper betrifft, vor Ihnen, meine Wun⸗ den ſind längſt geheilt, die Narben ſieht man noch, aber ſie ſchmerzen nur hier und da einmal bei raſchem Witterungswechſel. Damals aber währte es lange, ehe ich ſo weit war. Ich ſehe es noch, wie ich ein⸗ mal die Augen aufthat und eine Zeltwand von brau⸗ nem Kameelhaar wahrnahm, die ich erſt befühlen mußte, um ſtaunend die Gewißheit zu erlangen, daß ich mich nicht getäuſcht hatte. Mein zweiter Blick fiel auf ein Mädchen, das zu Füßen meines Lagers hockte und mich neugierig betrachtete. Ihr ſchönes mandelförmiges Auge that mir wohl und ihre hellbraunen Züge ſchie— nen mir von einer Schönheit, wie die Sulamith's, von 85⁵ der das hohe Lied ſingt. Ihre Geſtalt dünkte mir, als ſie ſich erhob, die eines ſchlanken, ſcheuen Rehs, ſo zierlich war ihr Wuchs, ſo flüchtig ihre Bewegungen. Leiſe wie der Abendhauch über Roſenblätter, wehte es von ihren Lippen:„Schükür Allah: Gott ſei Dank!“ Ich bin kein Dichter, aber ich verſtehe den Wohllaut eines Liedes, wenn ich ihrer gedenke. Arme, arme — Naëmi! Sie hatte das Zelt verlaſſen, aber bald kam ſie wieder und brachte mir eine Schale voll friſchen Waſſers, den koſtbarſten Trunk in der Wüſte. Ich dankte nicht, ich fragte nicht, eine ſanfte Erſchlaffung hielt mir Körper und Geiſt umfangen, ich ſah nur gern in dies ſchöne Angeſicht. Faſt unmittelbar nach dem Mädchen war ein alter Araber, in ſeinen Haik gehüllt, eingetreten. Er war mit meinem Ausſehen zufrieden, mir galt es gleich; er murmelte allerlei Gebete, unter— ſuchte meine Wunden, und jetzt erſt bekam ich einiges Bewußtſein meines Zuſtandes. Dann wurden die Zelt⸗ wände zurückgeſchlagen. Ich ſah, daß es eine gebirgige Gegend war, in der wir uns befanden. Die grüne Steppe war von felſigen Bergen begrenzt, in den Wadis — ſo heißen die Vertiefungen des Bodens— ſah ich Waſſer in der Sonne glänzen, die Regenzeit mußte alſo erſt kurz vorüber ſein. Ich wunderte mich darüber, 86 denn meine Wunden hatte ich ja bald nach der Ernte empfangen; was war in der Zeit mit mir geſchehen? Aber ich fragte nicht, eine Weile lag ich ſtill, dann ſchlief ich wieder ein. Erſt einige Tage danach erfuhr ich theils von Naëmi, theils von dem alten Araber Nazir el Edriſi, ihrem Vater, den Zuſammenhang, der mir ſpäter vollends ergänzt wurde. Zu den Wahabitenſtämmen, die mit Emir Ismail in Fehde lagen, gehörte auch der Tribus der Beni Rebia, deſſen Scheikh Suhad Ben Abdallah den von Omar ge⸗ führten Kriegern ſchon ſeit einigen Tagen auf der Spur war, als Nirjah ſeiner Rache geopfert wurde. In dem Triumph des geſättigten Haſſes hatte Omar alle Wachſamkeit vergeſſen, um ſo mehr, da er ſich ſo tief im Gebirge vor den Söhnen der Wüſte für voll— kommen geſichert hielt. Der Ueberfall gelang nicht ſo raſch, daß die Gefährten Omar's ſich auf ihren Pferden nicht noch in die Berge retten konnten, wohin ihnen die Beduinen auf den leichten Reitkameelen, den Ma⸗ haras, nicht zu folgen vermochten. Die ganze reiche Beute aber ſiel dafür in ihre Hände und in raſchen Tagemärſchen brachten ſie dieſelbe in Sicherheit, ehe ſie an die Fortſetzung des Kriegs gingen. Die Hadeſi, welche der Mordgier der Goums nicht zum Opfer ge⸗ 87 fallen waren, ließ man zurück, die Mehrzahl hatte ſich ohnehin ſchon während des Ueberfalls mit Kindern und Weibern ins Gebirge geflüchtet. Ich als ein Fremd— ling wurde, da man noch Leben in meinem Kör⸗ per fand, als ein Theil der Beute mit in die Heimat geſchleppt, da man für mich noch ein reiches Löſegeld zu erhalten hoffte. Dieſem Umſtand verdankte ich meine Rettung. Hundert engliſche Meilen weit hatte man mich, ohne daß ich etwas davon wußte, durch die Wüſte al Ahkaf geführt und ich befand mich in einem Duar des Tribus, im Süden von Nedſched, in einem Thale des Djauf Menakib, faſt im Centrum Arabiens. Durch ein Löſegeld konnte ich wieder frei werden, es galt daſſelbe von Ned's Verwandtem in Aden zu erhalten, doch in der Abweſenheit des Scheikhs konnte nichts ge⸗ chehen. El Edriſi konnte keine Summe beſtimmen, er war nur zum Nazir, das iſt als Aufſeher des Duars beſtellt, in welchem die Greiſe, Weiber und Kinder zurückgeblieben waren mit den Heerden, welche dem Tribus gehörten. Ueberdies fühlte ich auch kein Ver⸗ langen fortzukommen. Dem Schmerz um den verlore⸗ nen Freund und die zerſtörten Pläne geſellten ſich als Nachwehen meiner Verwundungen und meines unge⸗ heuern Blutverluſtes eine anhaltende Erſchlaffung, eine 88 mir früher niemals eigen geweſene Entſchlußloſigkeit, an der ich vielleicht heute noch kränkle. Würde ſonſt mein Mund, ſtatt Ihnen dieſe Geſchichte zu erzählen, nicht ſchon geſchloſſen ſein? Dazu kam noch eins, was mich bald mächtiger zurückhielt als alles Andere: meine Neigung zu Naëmi, der ſchlanken Wüſtengazelle. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen eine ausführliche Liebesgeſchichte erzähle, ich weiß, daß Jeden nur ſeine eigene intereſſirt. Ich liebte ſie, ehe ich ſelbſt daran glaubte, mit allem Feuer eines Herzens, das bis dahin von weiblichen Reizen nicht gerührt worden war. Der Zielpunkt der Neugierde für alle Weiber im Duar war ich, doch wußte Naëmi jeden Hohn, jede Beläſtigung von mir abzuwenden Wie eine dienſtbare Magd umgab ſie mich mit tauſend Sorgen, theils als Krankenwärterin, theils als Ge⸗ fährtin widmete ſie mir ihre Zeit; ſie hatte von ihrem Vater, einem Gelehrten unter ſeinen Stammesgenoſſen, die weichere türkiſche Sprache, deren man ſich in den Küſtenſtrichen bedient, erlernt, ich war deren mächtiger als der rauhen Klänge des Arabiſchen und unſer Ge⸗ ſpräch war demnach für unſere Umgebung meiſt unver⸗ ſtändlich. An Naëmi's Hand machte ich den erſten weitern Ausgang, ſie war gewiſſermaßen meine Hüterin und meine Sklavin zugleich. Kaum fünfzehn Jahre alt, 89 glich ſie der aufblühenden Knospe, und in den Tradi⸗ tionen ihres Volkes erzogen, nahm ſie meine Neigung wie eine Ehre hin, die ihr erzeigt wurde, und erwiderte ſie mit unbegrenzter Verehrung und Ergebenheit. Sanft und doch leidenſchaftlich, war ihre Liebe berauſchend ſüß. Das Ende war, daß ich, ſelbſt nach der Rückkehr des Scheikhs Suhad, mich nicht loskaufte, ſondern im Duar blieb. El Edriſi gab mir ſeine Tochter zum Weibe. Er hatte noch zwei Söhne, die mit dem Scheikh aus geweſen. Der älteſte war verheirathet, er hieß Malek und haßte mich von allem Anfang als Fremdling und Giaur. Er verlangte meinen Tod, wenn ich mich nicht loskaufen wollte, aber die Djemnas — der Rath der Aelteſten— gaben el Edriſi's Für⸗ worte nach, ich wurde als eine Art Mittelding von Gaſt und Gefangenem betrachtet, und da ich Salz und Brod gegeſſen hatte, wagte man mir kein Leid anzu⸗ thun, denn der Beduine iſt ſtolz und großmüthig, wie man den Löwen ſchildert, und der Ausdruck ſeines Antlitzes mit den feurigen ſchönen Augen, der kühnen Adlernaſe und dem dichten Barte von tiefer Schwärze lügt nicht; der Beduine iſt ein Gentleman. Sein We⸗ ſen, ſeine Sitten, ſeine Denkungsart ſind adlig, wenn auch ſein eigenthümlich gefahrvolles Leben eine der ganzen ſemitiſchen Volksraſſe angeborene minder edle 90 Eigenſchaft, die Schlauheit, ungewöhnlich ausgebildet hat. Man ließ mich hauptſächlich bleiben, weil Scheikh Suhad und der Marabut ſchon damals heimliche Pläne mit mir hegten. Ich hatte mein Zelt und mein Weib, ich trug Burnus und Haif und man gab mir Waffen und ein Pferd. Ich dachte nicht, was werden ſollte; das unge⸗ bundene Leben in der Wüſte gefiel mir; manchmal träumte ich, ich ſelber ſei ein Beduine, ein Nachkomme Ismatn, des Sohnes der verſtoßenen Hagar. Es waren ſchöne Jahre, die ich da verbrachte— ein Traum! Oft, wenn ich in tiefes Sinnen verſunken bin und es erweckt mich ein fremdartiger Laut, iſt es mir jetzt noch, als riefe man mich zum Ritt in die Wüſte, zur fröhlichen Jagd. Ha, Es war ein ſtolzer Genuß, auf flüchtigem Roſſe oder noch ſchnellerem Mahara über den glühenden Sand hinzujagen, unter jener mächtigen Sonne, in die nur der Falke zu ſehen vermag, wenn ihm die Haube vom Auge gezogen iſt und er ſeine weiten Kreiſe immer höher und höher zieht, bis er nur noch wie ein Punkt am blauen Himmel erſcheint. Es galt den Wettlauf mit der Gazelle und dem Strauße und köſtlich mundete nach ſolcher Jagd das Mahl— eine Hand voll Datteln, von der Palme gebrochen, die uns ihren Schatten ſpendete, ein Schluck Waſſer aus 94 der Quelle, an der wir uns hingelagert hatten und die zu unſerer Erquickung ein kleines Paradies aus un⸗ abſehbarem Sandmeere hervorgezaubert zu haben ſchien. Das war der Tag; der Abend brachte Phantaſias, Turniere und ritterliche Spiele, in denen die Jugend ihre Geſchicklichkeit in Handhabung der Waffen und die Gewandtheit ihres Körpers zeigte; oft auch wurde zum Schein um einen ernſtern Preis gekämpft. Das war ja daſſelbe Volk, das über weite Strecken dreier Welttheile herrſchte, aus Aſien wie ein endloſer Menſchen⸗ ſtrom hervorquellend, den ganzen Norden Afrikas uber⸗ ſchwemmte und von dort nach Spanien überſetzte, deſſen Blüte in die Zeit der Maurenherrſchaft ſiel. Und das Bewußtſein einer großen Vergangenheit iſt beim Araber nicht erloſchen, Erzähler und Dichter mahnen an wichtige Ereigniſſe, an edle Männer und bewahren ſie dem Gedächtniſſe des Volkes. Wenn des Nachts die Sternkaravanen über die Wüſte hinzogen, da ſaß ich im Kreiſe der Männer und ſog den würzigen Duft des Tabaks ein und horchte auf eine Sage, TCauf ein wunderbares Märchen, oder Naëmi hatte ſich im Schatten eines Tamariskenſtrauchs in meinen Arm geſchmiegt, wir tranken den ſüßen Hauch der Nacht, der unſern Augen Kühlung fächelte, und lauſchten einem Liede, das ein begeiſterter Mund der Liebe ſang. Jeder 14 I 92 Tag war ein Bild des Kampfes, jede Nacht ein Wun⸗ dermärchen ſelber aus Tauſendundeiner Nacht. Nicht nur zu Jagden und Phantaſias ritt ich aus, auch den Fehdezügen des Scheikhs habe ich mich ſpäterhin angeſchloſſen, als man mich allmälig als einen zum Stamme Gehörigen betrachten lernte. Sie erſtaunen darüber? Ich hatte Ned zu rächen, den Freund, den mir die Tücke eines Elenden erſchlagen. Die Streife⸗ reien unſeres Stammes galten zumeiſt dem Emir Is⸗ mail und ich war immer der Meinung, einmal jenem Mörder begegnen zu müſſen, der auch mich getödtet zu haben glaubte. Als eine ungemeine Genugthuung ſtellte ich mir vor, ihn einmal zu treffen und ihm wie ein Geſpenſt zu erſcheinen, das eigens aus dem Grabe heraufſteigt, den Todesſtoß zurückzugeben. Es iſt merk⸗ würdig, ich bin Abu Omar nie mehr begegnet, ob⸗ wohl ich in Erfahrung brachte, daß er noch am Leben ſei. Es würde mich zu weit führen, wenn ich Ihnen all unſere Neckereien und ernſtern Kriegszüge erzäh⸗ len wollte. Ich ſtieg dabei immer mehr in der Achtung des ganzen Stammes, einen kleinen Theil allerdings ausgenommen, an deſſen Spitze ſich mein Schwager Malek befand. Sein jüngerer Bruder Hamed hatte ebenſo lebhaft Partei für mich ergriffen, ihre Schweſter liebten beide bis zur Vergötterung. 93 Dem Drängen Malek's gab auch Scheikh Suhad endlich nach; ich war damals ſchon über drei Jahre ſein Gefangener, ſein Gaſt, ich möchte ſagen, ſein Bru⸗ der. Von Anfang an hatte er verſucht, in mir wirk⸗ lich einen Stammesgenoſſen zu gewinnen. Es hatte nicht an Unterredungen zwiſchen uns beiden gefehlt. Die Beni Rebia waren einer jener Wahabitenſtämme, die, nach ihrer Niederlage im zweiten Jahrzehnt dieſes Jahrhunderts und nach der Zerſtörung ihrer Haupt⸗ ſtadt Derrajeh durch Ibrahim Paſcha, verſprengt, von Zeit zu Zeit immer wieder einen Ueberfall, einen Auf⸗ ſtand verſuchten, ohne aber je mehr einen Erfolg wie den anfänglichen zu erreichen, wo dieſer unter Abdal Ben Suhad von Mohamed Ben Wahab geſtifteten Sekte ſogar Mekka, die heilige Stadt, an ſich zu reißen gelang. Ihre Lehre, welche den Koran nur in ſeinen ſani⸗ tären Geſetzen anerkennt, alles Andere aber verwirft, nimmt nur einen Gott als Urheber der Welt, Belohner des Guten und Rächer des Böſen an, iſt ſehr einfach in ihren Grundſätzen, verlangt dem Reichthum zu ent⸗ ſagen und nennt den Propheten Mohammed, gleich Chriſtus, einen von Gott geliebten Menſchen, deſſen Verehrung Verbrechen ſei. Scheikh Suhad war ein Enkel Abdala's, des Emirs 94 von Derrajeh, welcher mit ſeinem Oberprieſter und Schatzmeiſter im Jahre 1818 zu Konſtantinopel ent⸗ hauptet wurde. Er haßte die Türken als ſeine Tod⸗ feinde, aber er liebte auch die Chriſten nicht und ſuchte mich in ſeinem Bekehrungseifer zum Uebertritte zu be⸗ reden.„Was haſt Du Beſſeres aufzuweiſen?“ fragte er mich mehr als einmal.„Weißt Du nicht, daß es bei uns heißt: Thue Gutes, wirf es ins Meer; er⸗ kennen es auch die Fiſche nicht, ſo verſteht es ihr Schöpfer.— Gutes für Gutes iſt wie ein Tauſch, Gutes für Böſes iſt edle Menſchlichkeit, Böſes für Gutes iſt Beſtialität.“ Ich mußte geſtehen, daß in dieſen Sätzen der höchſte Glaube wie die höchſte Moral ausgedrückt ſei, aber ſo wenig ich an meiner r Religion hänge, ſie für eine andere aufzugeben, die mir wieder von Andern feſtgeſetzte Dogmen aufdrängte, dazu war ich nicht zu bewegen. Ich weigerte mich mit Feſtigkeit und daraus ent⸗ ſprang allmälig eine Trübung meines Verhältniſſes, die immer mehr zunahm und durch Malek's Hetzerei endlich zur Kriſis führte. Einige mißlungene Streif⸗ züge des Stammes und meine Weigerung, an einem Theil zu nehmen, bei dem es blos auf die Plünde⸗ rung einer Karavane von Mekkapilgern abgeſehen war, gaben ihm die Handhabe, mich des Verrathes und ge⸗ iiſſes, therei treif⸗ einem ünde⸗ war, nd ge⸗ 95 heimen Einverſtändniſſes mit dem Feinde zu zeihen. Die Anklage, ſo toll ſie klang, fand doch bei einem Theile Glauben oder man fingirte denſelben, um mich auch meinen Freunden verhaßt zu machen.„Dem Ber⸗ gesgipfel fehlt nicht der Nebel— von dem Haupte des Edlen bleibt der Argwohn nicht fern“, ſuchte mich Naëmi zu tröſten und Hamed citirte mir ein anderes Sprichwort:„Der Haſe ſchimpft den Berg, der Berg weiß nichts davon— der Hund bellt, die Karavane zieht vorüber.“ Aber das änderte nichts daran, daß die Stimmung Vegen mich von Tag zu Tag eine drohendere wurde. Man forderte zuletzt laut meinen Uebertritt oder meine Entfernung gegen Löſegeld. Der Scheikh hielt noch am längſten meine Sache. Als die Wogen am höchſten gingen, that er noch einen Schritt, nach ſeiner Anſicht der größte Beweis ſeines Entgegenkommens und ſeines Vertrauens zu mir. Er bot mir ſeine vierzehnjährige Tochter zum Weibe an, wenn ich mich zum Bekenntniß der Wahabiten bekehren wollte. Die Ehre, die er mir anzuthun meinte, war ſo groß, daß eine Weigerung der ſchwerſten Beleidigung gleichkam. Trennung der Ehe iſt bei den Beduinen eine ſo gewöhnliche Sache, daß mein Widerſtreben da⸗ gegen nur als leerer Vorwand galt. Das Weib des 96 Beduinen duldet keine Andere, die ſich mit ihr in das Zelt ihres Gatten theilt, aber ſie fügt ſich ergeben in den Wechſel, welcher die im Islam geſtattete Viel⸗ weiberei erſetzt. Selbſt Naëmi erſchrak mehr, als ſie erfreut war, da ſie den Beweis der Treue vernahm, den ich ihr und meinem Glauben gegeben. Mich dem Stamme zu erhalten, hätte ſie mich vielleicht ſogar lieber in den Armen eines andern Weibes geſehen. Naëmi hatte keine Mutter mehr, die ihr die goldene Regel eingeſchärft hätte, welche jede Braut empfängt, wenn ſie ihr künftiger Gatte in ſein Zelt holt: Sei Sklavin einem Manne, damit er dein Diener ſei. Sei genügſam in Allem, auch in deiner Liebe. Wache unausgeſetzt über Allem, was dein Mann ſehen kann, damit ſein Auge niemals einen Fehler finde; wache über Schlaf und Nahrung, denn Hunger macht heftig und Schlafloſigkeit übellaunig. Begrabe ſeine Heimlichkeiten, doch ſei wie eine Quelle, die ſein ganzes Weſen wiederſpiegelt, ſei heiter mit ihm, und wenn er trauert, trauere. Ziehe ein in euer Zelt in Liebe und Frieden!— Mein Weib war alles das aus der klaren Tiefe ihres eigenen Gemüthes. Nur eines liebte ſie mehr als mich und unſer Kind ſogar: ihre Heimat, die Wüſte. Ich hatte ein Kind!“ ſagte er mit unbeſchreib⸗ 97 lichem Ausdrucke.„Ich habe Weib und Kind verlaſſen!“ Er ſeufzte tief; eine Pauſe trat ein. „Vergeblich waren meine Bitten, mit denen auch Hamed ſogar die ſeinen vereinigte, als er ſah, daß mein Entſchluß feſt blieb. Sie wollte mir nicht folgen in die Ferne, ſie fürchtete vor Froſt zu ſterben in meinem kalten Vaterlande, aber ſelbſt mein Verſprechen, mich in Arabien, ſelbſt in einer der Küſtenſtädte an⸗ zuſiedeln, blieb vergeblich. Es waren furchtbare Kämpfe, ich möchte ſie Ihnen nicht beſchreiben, wenn ich es auch könnte. Laſſen wir's! Malek wollte mich zum Uebertritte und zum Bleiben zwingen, jetzt, da er ſelbſt es ſo weit gebracht; der Schmerz ſeiner Schweſter machte ihn raſend. Da ich mich gegen den Zwang verletzt aufbäumte, war er nahe daran, mich zu ermorden. Hamed allein habe ich es zu danken, daß ich noch lebe. Zu danken? Er hielt den gezückten Dolch zurück. Ich ging von Naëmi und ließ ihr unſer kaum ein Jahr altes Kind. Ein Knabe war's und hieß Nurredin, das iſt: Licht des Glaubens. Die Mutter hatte den Namen ſo gewollt. Man gab mir ſicheres Geleite bis Biſcheh. An einen reichen Kaufmann dort ſollte ich das Löſegeld ſchicken. Scheikh Suhad, nunmehr mein Feind, ſchenkte meinem Worte doch Vertrauen, oder mißverſtand Byr, Nomaden. III. 7 98 ich das edle Geſchenk, das er mir eigentlich mit meiner Freiheit machen wollte— ich weiß es nicht. Eins iſt ſo groß wie das Andere. Ich hielt mein Wort, von Aden aus, wo ich endlich als Todtgeglaubter eintraf und durch mein Erſcheinen Ned's Onkel in großes Erſtaunen ſetzte. Auch hier erfuhr ich Güte und Groß⸗ muth, er wollte mir nicht blos meinen Antheil, ſon⸗ dern die ganze Summe ausbezahlen, die auf mich und Ned gutgeſchrieben war. Auf unſern Landbeſitz that ich natürlich Verzicht. Das Glück ſchien es ſatt zu haben, mir den Rücken zuzukehren. Schon ein Vierteljahr früher war bei Ned's Onkel, der unſern Verkehr mit der Heimat beſorgt hatte, die Nachricht von dem Tode des mei⸗ nigen eingelaufen. Die Tante war ihm vorangegangen; laut vorgefundenen Teſtaments fiel mir Linney⸗Haugh zu. Der gute alte Mann hatte ſeinen Groll gegen mich vergeſſen. Es klingt märchenhaft, wenn ich Ihnen erzähle, welche Ideen mir damals durch den Kopf gingen. Ich traf ſogleich Anſtalten, daß die fälſchliche Nachricht von meinem Tode widerrufen würde. Da kein Todten⸗ ſchein vorlag, konnte ich blos als verſchollen gelten, und ehe die geſetzliche Friſt verſtrich, erhob ich meine Anſprüche in rechtskräftiger Form. Ich wollte Alles 99 in Geld verwandeln, mit der ganzen Summe zurück⸗ kehren und mir dafür vom Stamme Duldung erkaufen, wenn es mir nicht gelang, Naëmi, die durch den Trennungsſchmerz vielleicht nachgiebiger geworden war, zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu bewegen. Ich machte mir in halber Raſerei Vorwürfe, nicht nachdrücklich genug auf meinem Verlangen beſtanden zu haben. Ich wollte ihr mit der Wegnahme des Kindes drohen, ich wollte das Sinnloſeſte begehen— ich unterließ Alles. Die Vernunft war ſtärker als meine Leidenſchaft. Ich erinnerte mich, daß mir das Leben, das ich an⸗ fangs mit ſolchem Genuſſe geführt, ſeit den ſteigenden Anfeindungen lange nicht mehr genügt hatte. Es war eine bewegte Unthätigkeit, weiter nichts, und nur die Liebe zu Naëmi hatte mir den peinlichen Gedanken gemildert, daß ich nichts ſchuf, nichts leiſtete. Ich war nicht zum Nomaden geboren, ich bedurfte der Arbeit, der Heimat, ja auch der Heimat, jetzt wußte ich es ganz klar. Jahrelang in der Welt herumge⸗ trieben, hatte ich das leichtſinnig weggeworfene Gut ſchätzen gelernt, ich ſehnte mich nach der Heimat und ich hatte es nur nicht gefühlt, denn Naémi war ja meine Heimat geweſen. Wie aber, wenn dieſe Liebe einmal erkaltete? So 7* ¹ 4 3 — 100 doch noch immer.“ Frage wich er aus. fragte ich mich, und ich fügte bei: ſie würde, ſie müßte erkalten, wie der Reiz ihres Leibes ſchwindet, wie ihr Auge erliſcht. Ich hatte gegen meinen eigenen Grund⸗ ſatz gefrevelt und ein Weib genommen, das geiſtig unter mir ſtand, dem jede Bildung fehlte. allein genügt nicht, wenn die Schönheit verwelkt. Ein Verhältniß, einzig auf dieſe beiden Factoren gegründet, mag ſich in unſern Ländern, wo dem Manne noch andere Ziele geſetzt ſind, ohne allzu große Laſt hin— ſchleppen, in der Wüſte reicht es nicht aus. Die Um⸗ kehr war eine Unmöglichkeit, ich wußte es und liebte Mr. Lesley machte, in ſeine Erinnerungen ver⸗ ſunken, eine Pauſe und Gerhard fühlte ſich eigenthüm⸗ lich betroffen von den letzten Worten. Wa all ſeine Erlebniſſe gegen jene dieſes Mannes! Unterſchied lag zwiſchen beiden, wie zwiſchen kühlen, ſchattigen Buchenwald, in dem ſein kleines üſte mit ihren ſengenden Blankenburg lag, und der W Sonnenſtrahlen und ihrem verheerenden Samum. Ger⸗ hard bewunderte die Kraft und Klarheit dieſes Mannes bei aller Verzerrtheit ſeiner Schickſale und ſeines ſens und er ſchämte ſich ein wenig— worüber? Der „Den Reſt kennen Sie“, fuhr Mr. Lesley, ſich 101 gewaltſam von ſeinen Gedanken losreißend, fort.„Ich war damals auf der Rückreiſe nach England, als wir uns begegneten. Ich kam nach Linney⸗Haugh und warf mich in die Thätigkeit wie in ein erfriſchendes Bad. Dann lernte ich Molly kennen und fühlte mich im Schooße der Familie warm und wohl. Ich merkte, daß ich als Schwiegerſohn nicht unwillkommen wäre, und glaubte mir mit der Verbindung den Genuß dieſes friedlichen Familienlebens zu ſichern. Anfangs wollte ich mit meiner Braut über meine Vergangenheit ſprechen, doch zauderte ich ſo lange, aus Furcht, es könnte ſie Widerwillen gegen mich erfaſſen, bis ſie meine Frau war. Einmal fiel ein Wort zwiſchen uns, das mir mein Schweigen zum ſchweren Vorwurf machte. Molly ſagte, ſie könnte das Herz ihres Mannes ſelbſt mit einer Nebenbuhlerin, die ſchon im Grabe liege, nicht theilen.„Lieber in Täuſchung als in Zweifeln leben!“ ſetzte ſie hinzu. Ich habe das Wort nicht vergeſſen. Ich wußte nun, daß ich ſchweigen mußte, um ihr Glück nicht zu ſtören, aber der Gedanke, etwas ver⸗ hehlen zu müſſen, machte mich traurig. Molly mochte wohl die Urſache mißkannt haben; ich bin ſpäter erſt auf die Idee gekommen, daß ſie, irregeführt durch einige Worte, die mir entfielen, zu glauben anfing, mein altes Leben ſei es, was mir fehle, die Bewegung, 102 die Ortsveränderung, die mir ſchon zur Gewohnheit geworden. Es war wohl das Ergebniß einer Bera⸗ thung mit ihrer Mutter, daß beſchloſſen wurde, mir Zerſtreuung zu verſchaffen, die ich auf Reiſen finden ſollte. Wie geſagt, dies Alles iſt mir erſt ſpäter klar geworden, denn damals verbarg man die Abſicht ſorg⸗ fältig vor mir. Es hieß, mein Schwiegervater bedürfe eines minder feuchten Klimas, meine Schwiegermutter ſprach auch von Erſparungen, man riß mich mit der liebevollſten Grauſamkeit aus der Mitte meiner Be— ſchäftigungen. Anfangs hieß es, Molly und ich ſollten die Schwiegerältern nur auf das Feſtland begleiten und dann zurückkehren; dann konnte man die alten Leute doch nicht ſofort verlaſſen, hernach wünſchte meine Frau dieſe und jene Stadt zu ſehen, kurz, ein Vorwand folgte dem andern, um unſere Hei imkehr zu verhindern. Man ſuchte mich nicht nach meiner Krank⸗ heit zu heilen, ſondern nach der Vorſtellung, die man ſich davon gemacht, und nach dem Principe, das man, ohne meine eigenen Wünſche zu berückſichtigen, für das beſte hielt. Sie meinten es gut mit mir und quälten mich mit ihrer Fürſorge zu Tode, wie eine thörichte Amme das ſich ſträubende Kind überfüttert. O, Sie glauben es nicht, welche Summe von Erbitterung ſich allmälig in einer Menſchenbruſt an⸗ 103 häufen kann, ohne doch zum Durchbruche zu kommen! Dieſes Familienleben, das mir anfangs ſo wohl ge⸗ than, wurde mir durch all die kleinen Anforderungen, die an mich herantraten und von mir ſtete Selbſtver⸗ leugnung forderten, zur Qual. Die tauſend und tau⸗ ſend Nadelſtiche, die mich heilen, erziehen, ich weiß nicht was aus mir machen ſollten, jedenfalls einen ganz andern Menſchen, als der ich eben bin, fühlten ſich wie jene Fähnchen, welche die Picadores dem Stiere in Rücken und Weichen ſtoßen, bis er wild⸗ ſchäumend keinen Kampf mehr ſcheut und ſich raſend vor Wuth und Schmerz auf den rothen Lappen und in den vorgehaltenen Degen ſtürzt. Mehr als einmal, glauben Sie mir, war ich nahe daran, die Feſſeln zu zerbrechen, ich that es nicht, weil— weil ich den Muth nicht hatte. Lächeln Sie nicht. Molly hat ja ſo viel Eigenſchaften, denen ich meine Anerkennung nicht verſagen kann, aber es fehlt ihr auch viel, wenn ich Vergleiche mit der Vergangenheit anſtelle. Ich war wohl durch Naëmi's unbedingte Ergebenheit verwöhnt und ich mußte viel zurückdenken. Was hatte ich ge⸗ wonnen, welches Ziel hatte mein Leben nun gefunden? Leiſtete ich etwas, was mich ſelbſt befriedigt hätte? Nicht einmal den Schein von Thätigkeit hatte ich, die wenigſtens den Ueberſchuß der Körperkräfte erſchöpfte. ¹ 4 1 — 104 Ich zog nicht mehr aus zu Jagd und Krieg. Ich fand, zurückgekehrt, nicht mehr ein Weib, das ſich meiner Thaten freute, mir mit ſtolzer Liebe ins Auge ſah und mir mein Kind zum Kuſſe darreichte. Ein Nomade bin ich noch, wie ich es früher geweſen, nur damals als flüchtiger Beduine, jetzt als träge, ſchleichende Schnecke! Ich finde kein Verſtändniß und darf es nicht einmal ſuchen, ich fühle die Entfremdung und kann mein Weib nicht einmal halten, denn ich be⸗ greife, daß es den finſtern, rauhen Mann nicht lieben kann, der ſeine Vergangenheit vergeſſen ſoll und in der Gegenwart ein Nichts iſt!“ Es war ein ungeheurer Aufſchrei des Schmerzes und der Verzweiflung, der ſich in dieſen Worten Bahn brach, dennoch wurde ein ganz anderes Gefühl als Nitleid bei Gerhard dadurch erweckt. Das war nicht ſo ſehr die Klage um eine unwiederbringliche Vergan⸗ genheit, wie es anfangs während der Erzählung den Anſchein gehabt, als vielmehr die Verzweiflung an der Gegenwart. Eine Liebe, die ſich das gequälte Herz ſelbſt nicht eingeſtand, hatte jenes Bild aus der Wüſte, ſo hell auch ſeine Farben noch zu leuchten ſchienen, längſt verdrängt. Nur eine Selbſttäuſchung konnte dieſe unbefriedigte Sehnſucht, dieſe mächtige Erregung für Reue halten, ſtatt für das, was ſie wirklich waren: — die Kundgebungen einer zurückgedrängten Liebe und lodernder Eiferſucht. Da lag kein unheilbares Uebel. Wie fügte ſich Alles zuſammen, was Gerhard jetzt von Mr. Lesley und zuvor von ſeiner Frau gehört! Den beiden Men⸗ ſchen war zu helfen und nicht einmal mit allzu großer Mühe, und Gerhard nahm freudig dieſe Miſſion auf ſich. „Und warum“, fragte er nach einer Weile,„hat Sie die Notiz in dieſem Zeitungsblatte ſo ſehr er⸗ ſchüttert? Sie können doch nicht vermuthen, daß Naömi mit der Akrobatengeſellſchaft—“ „Ach nein“, fiel ihm Mr. Lesley abwehrend in die Rede.„Ging ſie nicht mit mir, ſo bringt ſie auch ſonſt nichts dazu, ihr Heimatland zu verlaſſen. Ich glaube überhaupt nicht recht daran, daß ein Beduinenſtamm, ſei's auch nur ein Theil davon, die Wüſte verläßt, um Europa als Gaukler zu durchziehen. Der Beduine iſt viel zu ſtolz, dergleichen ſelbſt um den höchſten in Ausſicht geſtellten Lohn zu unternehmen, wenn ihn auch ſeine ungemeine Gelenkigkeit, die erſtaunliche Kraft und Geſchmeidigkeit ſeiner von Kindheit an ge⸗ übten Muskeln beſonders dazu befähigen würden. Ich las die Notiz, während Graf Hilmersdorf ein leb⸗ haftes heimliches Geſpräch mit meiner Frau hatte. Ich ging, ein Hinderniß für ſie hinwegzuräumen.“ Mr. Lesley hatte den Schluß mit dumpfer Ruhe geſprochen. Es war aus ſeinem Munde keine Phraſe und Gerhard fühlte jene lebhafte Befriedigung, die ein Arzt empfindet, deſſen Diagnoſe durch die eintretenden Symptome beſtätigt wird. Das war unzweifelhaft die Eiferſucht. „Freund“, ſagte Gehard, ſeine Hand ſchwer auf Mr. Lesley's Schulter legend,„ich bin kein Moral⸗ prediger und ſage Ihnen nur, Sie hätten beinahe eine große Thorheit begangen, ſich ſelbſt um ein noch mög⸗ liches Glück betrogen und Ihrer armen Frau, der Sie einen Dienſt zu erweiſen vermeinten, den tiefſten Schmerz zugefügt.“ „Sie wiſſen nicht—“ „Alles, was Sie anführen könnten“, fiel Gerhard ein.„Ihre Frau glich einem Menſchen, der in finſterer Nacht oder mit geblendeten Augen an einem Abgrund hinwandelt. Er weiß nichts davon. Es wurden ihr heute die Augen geöffnet. Sie hat für den Grafen nie ein Intereſſe gefühlt, das ihrer Pflicht als Frau Eintrag thäte.“ Mr. Lesley ſprang leuchtenden Auges auf, aber ſeine bebenden Lippen brachten nur mühſam und leiſe die Worte hervor: „Wer bürgt mir dafür?“ 107 „Ich, mit meiner Ehre.“ Es ſchien eine Frage auf Mr. Lesley's Lippen zu ſchweben, aber er ſprach ſie nicht aus, kopfſchüttelnd und mit herbem Lächeln ließ er ſich wieder auf das Sopha ſinken. „Es ändert doch nichts“, murmelte er.„Zwiſchen uns liegt eine Kluft.“ Es trat eine Pauſe ein, Gerhard ſuchte nach einer Antwort. Da ließ ſich an der Thür ein leiſes Ge⸗ räuſch hören. Es war, als würde ein Schlüſſel mit Vorſicht ins Schloß geſchoben und umzudrehen verſucht, was aber keinen Erfolg hatte. „Warten Sie, ich ſchließe auf“, rief Gerhard, welcher der Meinung war, es ſei das Stubenmädchen, das ſein Bett zu machen komme und ihn nicht zu Hauſe glauben mochte, da kein Schlüſſel ſteckte, denn auch das Geſpräch war ja ganz leiſe geführt worden und zuletzt ganz verſtummt. Er nahm den Schlüſſel vom Tiſche und öffnete die Thür, da keine Antwort kam; nur ein Geräuſch ließ ſich hören, als würde eine andere Thür auf dem Corridore raſch geſchloſſen. Es konnte die gegenüber, es konnte aber vielleicht auch eine andere ſein. Es war ganz finſter geworden und man hatte das Gas auf dem Corridor noch nicht angezündet. 108 Gerhard machte Licht, aber auf dem ganzen Gange war Niemand zu ſehen. Getäuſcht hatte er ſich nicht, das wußte er beſtimmt. Wer ſollte es geweſen ſein, wenn nicht das Stubenmädchen, und warum ſollte dieſes ſich wieder ſo raſch entfernt haben, nachdem er gerufen? Es ließ ſich kein genügender Grund dafür denken, als allenfalls der, daß ihre Gegenwart plötzlich wo anders gewünſcht worden war. Auf die Glocke hatte Gerhard nicht geachtet. Er wollte wieder ſchließen, aber Mr. Lesley hatte ſich erhoben und machte Anſtalt, zu gehen. „Ich bin lange genug hier geweſen“, ſagte er, „und habe mehr geſprochen, als ich vielleicht geſollt. Aber Sie haben mir ja auch Ihre Lebensgeſchichte erzählt. Es iſt eine Erleichterung, die ich noch nie gehabt, und es iſt mir, als wäre ſie wirklich groß“ Er ſeufzte tief auf.„Aber“, fügte er ernſt hinzu, „geben Sie mir Ihr Wort, zu ſchweigen.“ „Ungern!“ verſetzte Gerhard, nahm aber die dar⸗ zereichte Hand.„Doch es ſei, wenn Sie mir ver⸗ ſprechen, nichts— nun, nichts zu unternehmen.“ Er fühlte einen kräftigen, faſt krampfhaften Händedruck. „Bis ich den Gauklertribus geſehen. Ich will wiſſen, ob ſie vom Stamme der Beni Rebia ſind“, murmelte er;„ich glaube es nicht, aber ich will mich ſein, ſollte te er, heſollt. chichte h nie Jroß.“ hinzu, dar⸗ ver⸗ „ Er ruck. will 109 überzeugen. Wie kämen ſie gerade zu dem Namen? Nun, ich werd' es ja ſehen, bis dahin—“ Er ſprach nicht aus und ging. Gerhard aber ſah ihm freudigen Auges nach. „Bis dahin“, ſagte er zu ſich,„wird Alles gut ſein. Zwei Menſchen, die ſich lieben und die ſich pei⸗ nigen, warum ſollten die zum Elend geboren ſein? Die ganze Welt ſoll glücklich werden wie— ja, ja, wie ich!“ Viertes Kapitel. Heimgezahlt! Einer der ſchönſten Punkte am ganzen Genferſee iſt der Platz vor der Kirche von Montreux. Auf ſteilem Kalkfelſen oberhalb der Gemeinde Les Planches, vom eigentlichen Montreux durch eine tief eingeriſſene ro⸗ mantiſche Schlucht getrennt, über welche der kühne Bogen des Pont de Pierre die einzige Verbindung herſtellt, ſteht die alte, noch aus der Zeit Calvin's herrührende Kirche, ein ernſtes Gebäude aus grauem Stein, welchem an der Seite gegen den See hin eine vielbeſuchte Quelle entrieſelt, die früher das Taufbecken ſpeiſte. Unmittelbar dahinter erhebt ſich ſteil die fel⸗ ſige Bergwand des Rigi Vaudois, auf deſſen Höhe die große Penſion Glion liegt, die ihrer gemäßigten Tem⸗ peratur wie der herrlichen Ausſicht wegen im Sommer viele Gäſte findet. ferſee teilem vom d ro⸗ kühne ndung lvin's rauem eine fbecken je fel⸗ he die Tem⸗ zmmer 411 Vor der Kirche iſt ein geräumiger ebener Platz, der in den warmen Monaten von zahlloſen Eidechſen wimmelt, die in den Sonnenſtrahlen träge ſchlummern und die nahenden Menſchen aus ihren klugen ſchwarzen Aeuglein neugierig betrachten, bis ſie ein allzu wuch⸗ tiger Schritt, ein vorwitzig haſchendes Händchen ver⸗ ſcheucht. Alte prächtige Nußbäume und knorrige Weiden beſchatten die Ruhebänke in der ſchönen Jahreszeit, jetzt aber hat die kalte Biſe und der heftige Bornand, der aus den Thälern Savoyens hervorbrauſt, wie jene aus dem froſtigen Nordoſt, auch die letzten falben Blätter von den Aeſten gefegt. Die Eidechſen thun ihren langen Winterſchlaf und von den Gäſten in Montreux kommt nur hin und wieder einer zum Be⸗ ſuche herauf, die wunderbare Ausſicht in ſtiller Ein⸗ ſamkeit zu genießen. So ging auch am zweiten Abende nach der Unter⸗ redung zwiſchen Mr. Lesley und Gerhard ein einſamer Menſch hier unter den entlaubten Bäumen unruhig auf und nieder, blieb dann einmal ſtehen, ſah in die Ferne und murmelte unzufrieden: „Der troſtloſeſte Aufenthalt der Welt! Ebenſo gern mag ich an den Nordpol gehen. Nirgends hat man das Gefühl des Winters ſo wie hier. Was nützt die warme Temperatur, wo ringsherum die himmelhohen 142 Eis- und Schneedecorationen wie undurchdringliche kryſtallene Gefängnißmauern aufgerichtet ſind!“ Streicher hatte mit ſeiner unmuthigen Aeußerung nicht ganz Unrecht. Alle die Berge des Rhonethals, der Dent du Midi, die Diablerets, die Savoyer⸗Berge, Dent d'Oche und Cornet de Biſe, die ganze Berg— lehne bis Lauſanne hin, Alles, ſoweit das Auge ſehen konnte, war in Schnee gehüllt, der Herbſt hatte dem Winter Platz gemacht im Laufe der letzten Wochen, aber für Jeden, der nicht, wie Streicher, ſelbſt mit der Natur haderte, mußte gerade dieſer frappante Gegen⸗ ſatz der weißen, glitzernden Bergwände, der phantaſtiſch in den Himmel hineinragenden Silberhörner mit der balſamiſch milden Luft, den immergrünen Lorbeer⸗ und Myrtenbüſchen, dem klaren, mattblauen See von wunderſamem Reiz ſein. Die Sonne ſank allmälig und ſchien ſich, wie in keuſcher Scham, ehe ſie zur Ruhe ging, in ein Nachtgewand undurchſichtiger Nebel⸗ ſchleier zu hüllen, die beſchneiten Bergſpitzen, die ſo eben noch lodernden Fanalen glichen, erloſchen und ein kühler Luftzug aus Weſten, der die Wellen des Sees kräuſelte, zwang Streicher, ſeinen Rock feſter zuzu⸗ knöpfen. Beinahe ſeit zwei Stunden war er hier wie eine Schildwache auf ihrem Poſten und er begann ſich allmä⸗ cchen, t der egen⸗ aſtiſch t der 113 lig ſehr nach Ablöſung zu ſehnen, aber was er erwar⸗ tete, war immer noch nicht erſchienen, und ſo unter⸗ drückte er denn gewaltſam die Luſt, Alles im Stiche zu laſſen. Jetzt durfte er nicht müde werden und das kleine Opfer ſcheuen, nachdem er der Freundſchaft ſchon weit größere gebracht. So nahe am Ziel der Unge⸗ duld nachzugeben, wäre thörichter Kleinmuth geweſen, zudem galt es ja— und das war Streicher gewiß nicht der am leichteſten wiegende Grund— den Beweis für die Richtigkeit ſeines Urtheils zu liefern und Ger⸗ hard von der Lächerlichkeit eines ſo felſenfeſten Ver⸗ trauens zu überzeugen, wie derſelbe noch am Vormittag den gewichtigſten Inzichten gegenüber feſtgehalten hatte. Die beiden Freunde waren, wie in letzter Zeit gewöhnlich, uneins auf Gerhard's Zimmer geſeſſen und hatten ſich den Rauch ihrer Morgencigarren gegenſeitig ins Geſicht geblaſen, als das Stubenmädchen mit ge⸗ heimnißvoller Miene eintrat, ſich aber ſogleich wieder verlegen zurückzog, da es beide Herren vor ſich ſah. Aber Streicher hatte ſcharfen Auges ſchon ein zierliches Briefchen in der Hand der kleinen Bernerin erblickt und fuhr wie ein Habicht darauf los. „Geben Sie nur her!“ rief er in ſeiner ſcharfen, einſchüchternden Manier. Das Mädchen zögerte ein wenig, warf einen Blick auf Gerhard und ſtotterte, Byr, Nomaden. III 8 114 es dürfe das Billet eigentlich nur ganz allein über⸗ geben, der Schiffer, der es gebracht, habe ſo den Auf⸗ trag erhalten. „Von einem Schiffer? Es iſt richtig! Meine Ahnung hat mich nicht betrogen!“ rief Streicher und nahm kurzweg den Brief, um ihn nach einem Blick auf die Adreſſe triumphirend ſeinem Freunde zu reichen.„Da ſieh einmal“, ſagte er und nickte dem Stubenmädchen, das ſeinen Auftrag beſorgt ſah und froh war, wieder fortzukommen, entlaſſend zu. Gerhard drehte den Brief einige Male herum und fragte dann, was er damit ſlle, der Brief habe ja keine Adreſſe. „Lächerlich! Keine Adreſſe?“ lachte Streicher auf. „Kannſt Du nicht leſen?„A monsieur Str. Pension Germain.“ Ich denke, das iſt deutlich genug, ich heiße doch Streicher? Endlich! Ha! und hier als Siegel eine Taube mit einem Brief im Schnabel— eine Taube, verſtehſt Du? Der Vogel der Venus, einer Venus Paphia! O, ich kenne meine Leute! Nun laß aber einmal ſehen; ich könnte unbeſehen eine Wette auf den Inhalt machen. Na, lies ſelbſt! Ich wußt' es ja!“ rief er mit unſaglichem Spott, als er den Brief er⸗ brochen und haſtig überflogen hatte und reichte ihn ſeinem Freunde hin. sion heiße iegel zwbe, ens aber den 115 Gerhard ſuchte die wenigen Zeilen zu entziffern. Er las: „Si on peut se fier à Votre silence, venez aujourd'hui entre 3 et 4 h. après-midi près de la vieille église, où Vous attendra un coeur, qui ne sait plus combattre Pentrainement irresistible de sa sympathie. Il se rend à discretion et compte sur Vos sentiments chevaleresques.“ „Nun, was ſagſt Du?“ fragte Streicher, der vor Ungeduld gar nicht erwarten konnte, daß Gerhard mit dem Leſen zu Ende komme. „Ich verſtehe kein Wort“, entgegnete dieſer. „Sie ſchreibt zwar eine verflucht kritzliche Hand, aber verſtehen kann man das Zeug deshalb doch. Mademoiſelle Adrienne hat wenigſtens einen klaren Stil, wenn auch franzöſiſche Floskeln natürlich—“ „Was redeſt Du da?“ fiel ihm hier Gerhard ins Wort.„Adrienne? Von welcher Adrienne ſprichſt Du?“ „Nun, ich denke, wir intereſſiren uns beide nur für eine.“ „Wir? Wir? Erlaube mir, Du ſprichſt in höchſt ſonderbaren Wendungen. Für wen ich mich intereſſire, darüber herrſcht kein Zweifel, wie aber Du plötzlich dazu kommſt, ein ſolches Intereſſe vorzugeben, iſt mir ein Räthſel.“ 8* * —modvd— nn— — 116 „Das mit einem Worte gelöſt iſt. Ich intereſſire mich für Dich und ſehe, wie Du in Dein Verderben rennſt; was Wunder, wenn ich den Abgrund ein wenig näher unterſuche, dem Du zutaumelſt! Aber davon begreift Ihr Egoiſten freilich nichts.“ Gerhard trat unwillig einen Schritt zurück. „Ich muß Dich noch einmal erſuchen“, erwiderte er mit verhaltenem Aerger,„von meinen Beziehungen gar nicht oder in minder verletzenden Ausdrücken zu ſprechen. Was ſoll dieſer Brief überhaupt damit zu thun haben?“ „Kurzſichtiger, begreifſt Du nicht, daß ſie ihn an mich geſchrieben?“ Ein verdrießliches Lachen, ein Achſelzucken war die ganze Antwort. „Oho, Du ſcheinſt Deiner Sache ſehr ſicher“, höhnte Streicher.„Nun, laß uns ein wenig Recapi⸗ tulation halten. Das hindert aber hoffentlich nicht, daß ich mir eine neue Cigarre anbrenne.“ Er that, wie er ſagte, und warf das Streichhölzchen ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß wieder auf den Tiſch, ſodaß Gerhard es von den Papieren auf den Boden ſchnellen mußte und ſich, ohnedem ſchon gereizt, verweiſend darüber äußerte. „Lächerlich! Iſt noch nie etwas geſchehen. Nicht einmal ein anderes Zündhölzchen läßt ſich an dem 117 verglimmenden Funken mehr entzünden, viel weniger ſo ſtark gekalktes Papier“, behauptete Streicher und begann dann ſeine Recapitulation, wie er es nannte. „Alſo fürs erſte erinnerſt Du Dich vielleicht meiner Worte, als ich Dir vorgeſtern begegnete; Du warſt im Begriff, den Fußweg durch die Weingärten einzuſchlagen, welchen Matthieu, der pfiffige Burſche, ſo eben herab⸗ gekommen war. Was rief ich Dir da zu?“ „Allerlei delphiſche Orakelſprüche, wenigſtens was die Unverſtändlichkeit betrifft.“ „Die delphiſchen Orakelſprüche waren nicht unver⸗ ſtändlich, ſondern nur zweideutig“, widerſprach Streicher, der über der Hauptſache nie eine Nebenſache überſah. „Schuld derjenigen, welche ſie nicht verſtanden; das kann ich auch Dir ſagen. Ich erzählte Dir ganz aus⸗ drücklich, daß ich in Vevay geweſen und dort ein Arm⸗ band mit Amethyſten und Rauten gekauft habe, um damit zu operiren. Dieſe Steine ſtellen ein Penſée vor; ich ermahnte Dich, darauf zu achten.“ „Ein Penſée? Auf einem Armband, ſagſt Du?“ ſtieß Gerhard überraſcht hervor. „Ahl fällt Dir etwas auf? Aber Du wollteſt ja, als ich Dich nach der Rückkehr fragte, nichts bemerkt haben. Entweder warſt Du blind oder man verbarg es abſichtlich vor Dir.“ 118 „Nein, nein, keins von Beidem; ich habe es ge⸗ ſehen, ſogar genau betrachtet und darüber geſprochen; es gefiel mir ſehr und—“ „Und natürlich band man Dir nicht auf die Naſe, von wo man es bekommen; begreiflich! Aber ſage mir nur, warum ſchwiegſt Du denn darüber? Du hätteſt mir weitere zweihundert Francs erſparen können.“ „Du haſt es geſchickt und es wurde angenommen?“ rief Gerhard ſtarr vor Erſtaunen. „Nun natürlich, wenn Du es doch ſelbſt ſahſt. Es freut mich, daß Du wenigſtens meinen Geſchmack billigſt. Ich habe ſonſt ſelten Studien in Bijouterien gemacht. Kleine Geſchenke erhalten die Freundſchaft, ſagt der Franzoſe, und eingedenk dieſes feinen pſycholo⸗ giſchen Satzes habe ich mit einem Cadeau begonnen und zwar nicht ohne Erfolg, wie Du ſiehſt. Daß man annahm, war bezeichnend genug.“ „Aber Menſch, Menſch, das iſt ja unmöglich!“ „Unmöglich? Was? Daß das Armband ange⸗ nommen wurde? Facta loquuntur! Oder daß ich zweihundert Francs daran wagte, meinen Freund zu kuriren? Ich bin nicht kleinlich, geſtern habe ich den erſten weitere zweihundert nachfolgen laſſen. Die erſten konnten zwecklos verloren ſein; es galt ein neues Billetdoux in jener Sprache, welche gewiſſe Damen den rſten eues imen 419 am beſten verſtehen. Ich bin ein Feind halber Maß⸗ regeln und gebe nicht nach, bevor mein Ziel erreicht iſt. Ich war geſtern wieder in Vevay; ich kaufte dies— mal ein paar hübſche Ohrgehänge und eine Broche in Smaragden; hoffentlich findeſt Du auch ſie geſchmack— voll ausgewählt. Matthieu hat ſie überbracht; es war Niemand zu Hauſe als eine alte Frau, aber man hat ſie angenommen und der Erfolg iſt hier dies duftende Brieflein.“ „Eine Lüge iſt's!“ fuhr Gerhard auf. „Du wirſt beleidigend, aber ich will Dir's in An— betracht der begreiflichen Aufregung verzeihen“, entgeg⸗ nete Streicher mit weit mehr Gelaſſenheit, als er ſonſt zu zeigen gewohnt war.„Da, ſieh her, und wenn Dir die Kritzelpfote jetzt noch nicht verſtändlich iſt, ſo kann wenigſtens ich nichts für eine ſolche bedenklich abneh⸗ mende Urtheilskraft.„Wenn man auf Ihre Discre⸗ tion rechnen darf“— tadelloſer Eingang, gebräuchlich in allen derartigen Fällen—„ſo kommen Sie heute zwiſchen drei und vier Uhr zur alten Kirche“— roman⸗ tiſcher Punkt, gemildert durch die bequeme Stunde, zarte Andeutung, daß es von mir eines dritten gol⸗ denen Schlüſſels bedarf, ehe ich die Thür der Villa offen finde. Man will vorläufig nur unterhandeln, aber man ſitzt auf. Denn mein Zweck iſt jetzt ſchon, —— — vis — 3 120 Sie ein Herz erwarten wird“— ein Herz? Zu viel für he V jedenfalls aber nach der Zuſammenkunft erreicht—„wo 0l dieſen Preis, wahrlich zu viel, aber genau genommen bloße Phraſe—„das dem übermächtigen Zuge der Sym⸗ go pathie nicht länger widerſtehen kann.“ Armband, fo 1 Broche, Ohrringe, Amethyſte, Rauten und Smaragden— g iſt am Ende nicht übel zu nehmen. Du ſiehſt, ich rechne d gar nichts meinen perſönlichen Reizen zu gute.—„Es D ” vertraut ſich Ihnen auf Gnade und Ungnade an“— U alſo Unterwerfung und glänzender Sieg— ich werde jedoch Gnade üben—„und rechnet auf Ihr ritter⸗ liches Gefühl.“ Uebliche Schlußphraſe mit leiſer An⸗ 1 u ſpielung auf neue metalliſche Zuſätze in die elektriſche 1 Batterie, welche beſtimmt ſind, den Zug der Sympathie A ſtets in gleich übermächtiger Strömung zu erhalten. Ich 6 hoffe Dir hiermit alle dunklen Stellen genügend auf⸗ d geklärt zu haben, oder haſt Du gegen meine Lesart U etwas einzuwenden?“ 4 Gerhard ſchien wie aus einem Traume zu er⸗ T wachen. Gänzlich geiſtesabweſend hatte er auf die 6 Schriftzüge geblickt, die, wenn Streicher Recht hatte, zu alle ſeine Hoffnungen mit einem Federſtriche aus⸗ löſchten. 1„Unmöglich, unmöglich!“ beharrte er bei ſeinem d erſten Ausſpruch.„Es muß hier ein Mißverſtändniß 1241 obwalten. Str. kann am Ende ebenſo gut auch Strandau heißen.“ „Hm! das könnte es allerdings“, gab Streicher ganz wider ſeine Gewohnheit zu, fuhr aber ſogleich fort:„Iſt nur eins unwahrſcheinlich: daß man Dich gerade nach der alten Kirche beſtellen ſollte, wo Du doch ſchon ganz ungehinderten Zutritt ins Haus haſt. Das hieße ſich die Sache abſichtlich unbequem machen. Und noch eins: iſt Matthieu Dein oder mein außer⸗ ordentlicher Botſchafter am benachbarten Hofe?“ Gerhard ſtand ſchon an der elektriſchen Klingel und drückte auf den Knopf. Dann ging er ungeduldig auf und ab, Alles erwägend, Alles zuſammenfaſſend, Alles wieder umſtoßend, wobei ihm der Freund, ſeine Cigarre rauchend, ganz ruhig wie ein Arzt zuſah, der den Verlauf einer Kriſis beobachtet, die nach ſeiner Ueberzeugung zur Geneſung führen muß. Das Stubenmädchen zeigte ſich endlich in der Thür, viel zu ſpät für Gerhard's Ungeduld. „Wie heißt der Schiffer, der Ihnen den Brief zur Beſorgung gab?“ fragte er ſie ungewöhnlich barſch. „Es iſt der große Matthieu“, lautete die Antwort des verblüfften Mädchens. „Von wem brachte er den Brief?“ „Das ſagte er nicht.“ „Und Sie haben ſich nicht geirrt? Der Brief war an Niemand anders?“ „Gewiß nicht.“ „Und Sie wiſſen ſonſt nichts davon?“ „Wahrhaftig nicht“, betheuerte das Mädchen, dem man anſah, daß es ſich unbehaglich fühlte. „Es iſt gut, gehen Sie.“ Wieder nahm Gerhard düſtern Blicks ſeinen ſtürmiſchen Spaziergang auf. „Was gedenkſt Du zu thun?“ fragte Streicher nach einer Weile.„Kommſt Du mit zur alten Kirche? Ich ſetze voraus, daß Du ſo weit Herr Deiner ſelbſt biſt, um dem Mädchen keine Scene zu machen. Man ſoll nicht umſonſt auf mein ritterliches Gefühl rechnen. Sie hat Dir, ſoviel ich weiß, noch kein bindendes Wort gegeben und kann alſo nach dem Principe der freien Liebe damit beglücken—“ „Rede nicht!“ fiel Gerhard mit großer Heftigkeit ein.„Was Du von dem Mädchen ſagſt, iſt Blas⸗ phemie!“ „Unſinn!“ brauſte nun auch der Andere auf. „Wenn Du mir meine Bemühungen in dieſer Art dankſt, ſo biſt Du auf dem Punkt, wo Dir wirklich nur eine Wahl bleibt. Bleibe blind und lebe wohl, wenn Du Dich nicht überzeugen laſſen willſt!“ war dem hard eicher rche⸗ ſelbſt Man hnen. wohl, 123 „Ich werde eher an Dir als an Adrienne zweifeln“, entgegnete Gerhard in ſtarker Erregung. „Gut“, ſagte Streicher, ſich erhebend, in dem froſtigen Tone beleidigter Würde,„Du haſt entſchieden. Es bleibt nur noch übrig, Dich zu überzeugen, damit Du Dich ſelber retten kannſt, wenn Du willſt. An unſerm Verhältniß kann Dein Entſchluß wohl nichts mehr ändern, über gewiſſe Punkte kommt ſelbſt der treueſte, ſelbſtloſeſte Freund nicht hinweg.“ Er ging und Gerhard empfand einen ſolchen Sturm der Gefühle, ſo herben Trotz, daß er den Freund gehen ließ und nicht zurückrief. Auch während des Diners war zwiſchen beiden kein Wort gewechſelt worden. Pünktlich nach Angabe des Billets fand ſich Streicher an dem Orte des Ren⸗ dezvous ein. Anfangs hatte er das Ausbleiben der Briefſchreiberin mit der Säumigkeit aller Frauen ent— ſchuldigt und ſich mit Hülfe ſeiner Cigarren ganz leid⸗ lich in die Situation geſchickt, zals aber der Vorrath zur Neige ging und ſelbſt dieſelben Gedanken ſchon zum ſo und ſo vielten Male durchgenommen waren, als ſich der Abend empfindlich machte und die Erwartete immer noch nicht erſcheinen wollte, da begann dem raſtlos auf und ab Wandelnden nachgerade die ohnehin nicht allzu reichlich vorhandene Geduld auszugehen. 124 Endlich ſchien die Prüfung ein Ende zu haben. Eine Geſtalt betrat die Steinbrücke von jenſeits, und Streicher, ſo ſehr er ſich auch gegen dergleichen Ein⸗ drücke gepanzert glaubte und wiewohl er das Aben⸗ teuer nur in aufopfernder Freundſchaft geſucht, fühlte ſein Herz doch ein wenig raſcher ſchlagen. Seine Hand brachte unwillkürlich die Spitzen des Schnurrbarts und den beſenartigen Henriquatre in Ordnung und ſeine Geſtalt richtete ſich höher auf, vielleicht nicht ſo ganz allein, um beſſer ſehen zu können. Das Ende der Cigarre flog hinab über die Felswand, aber im ſelben Augenblick ſchon bedauerte er das vorſchnelle Opfer; die raſch herüberſchreitende Geſtalt war nur die eines Mannes, welcher ſich in einen weiten dunkeln Mantel gehüllt hatte. Unmuthig ſah Streicher hinab in die Tiefe, als könnte er die Cigarre noch zurück— holen, und war ſchon halb und halb entſchloſſen, ſeinen Poſten zu verlaſſen, da er annehmen mußte, daß durch einen unvorhergeſehenen Zwiſchenfall das Rendezvons eine Verzögerung erlitten habe und nun wohl auf einen andern Tag verſchoben ſei, als er plötzlich ein Hüſteln vernahm, das er zu erkennen glaubte. Der Nahende konnte Niemand anders ſein als Kapitän von Reuſche. Was brachte den zu dieſer Stunde hierher? Er hütete ſich ja ſonſt vor jedem 125 Ausgange in der kühlen Abendluft aufs ſorglichſte. Das gab zu denken. Bald aber ward Streicher aller Vermuthungen überhoben, denn der Kapitän kam, ſobald er ihn er⸗ blickt hatte, lebhaft auf ihn zu und fragte ihn mit einer durch den um den Mund gewickelten Shawl ge⸗ dämpften Stimme, wo Strandau ſei. „Der iſt nicht hier.“ „Nicht hier? Nun, das iſt gut, aber hätte ich das gewußt, wäre mir das Einathmen der kalten Luft er⸗ ſpart geblieben.“ Der Kapitän huſtete nach dieſen Worten ſo ſtark und anhaltend, daß kein Zweifel an der tiefen Begründung ſeiner Sorge möglich war. „Sie haben ihn hier nicht geſehen?“ fragte er, als ſeine Bruſt ſich ein wenig beruhigt hatte. „Er iſt gar nicht da geweſen. Ich muß das wiſſen“, bekräftigte Streicher ſeine Ausſage,„da ich ſchon ſeit zwei Stunden hier bin.“ „Aber er iſt doch ſchon um drei Uhr aus dem Hotel fortgegangen.“. Wie ein Blitzſtrahl ſchoß es durch Streicher's Kopf: das alſo war die Verhinderung des Rendezvous, die Urſache ſeines nutzloſen Wartens geweſen. Sein Freund war direct nach der Villa gegangen. Es flammte etwas wie Groll in Streicher's Bruſt auf, 126 obwohl er ſich ſagen mußte, daß nun wahrſcheinlich eine Scene ſtattgefunden habe und ſein Zweck ja doch im Ganzen erreicht ſein dürfte. Aber die geſtörte Zu⸗ ſammenkunft wollte ihm nicht ſo recht gefallen, wenn er ſich auch hundertmal geſagt hatte, daß er dieſelbe doch nicht anders auszubeuten gedenke als zur Heilung ſeines Freundes. „War vielleicht“, ſetzte der Kapitän nachdenklich, mehr für ſich ſelbſt hinzu,„die Ortsangabe in dem Billet nicht recht klar und iſt Strandau anderswohin gegangen, oder hat er die ganze Sache ſofort als My⸗ ſtification erkannt und ſich nicht weiter daran gekehrt?“ „Erlauben Sie, Herr Kapitän, was murmeln Sie da?“ fiel Streicher betroffen ein.„Ortsangabe, Billet, Myſtification— was meinen Sie damit?“ „Nun ja, eigentlich kann ich ja mit Ihnen auch darüber ſprechen. Vielleicht hat Ihnen Ihr Freund ſogar etwas anvertraut. Er hat heute ein Billet er— halten mit einer Beſtellung.“ „Er? Nein, ich! Wie können Sie übrigens wiſſen—* „Sie? Nein, das iſt komiſch!“ Trotz ſeines wie⸗ derkehrenden Huſtens mußte der Kapitän lachen.„Es iſt keiner Seele eingefallen, Ihnen ein Rendezvous zu geben.“ auch eund t er⸗ igens wie⸗ 6s 18 zu T 24 „Erlauben Sie mir“, warf ſich Streicher piquirt in die Bruſt,„Sie ſcheinen im vollkommenen Irrthume zu ſein. Was befugt Sie, daran zu zweifeln, daß ich— und um es kurz zu machen, wenn wir ſchon von einem ſo delicaten Gegenſtande ſprechen, ſo kann ich Ihnen ſagen, daß ich nicht gewöhnt bin, mich Täu⸗ ſchungen hinzugeben.“ „Na, meinetwegen, dann ſind Sie ſich ſelbſt auf— geſeſſen.“ „Wie kommen Sie überhaupt dazu, etwas von dem Brief zu wiſſen?“ fragte Streicher, den die hu⸗ moriſtiſche Art des Kapitäns reizte, in ſehr barſchem Tone. „Ich weiß es aus dem Munde der Dame, welche mich ſchickte, Ihren Freund zu warnen.“ „Eine Dame?“ Die Sache wurde immer räth⸗ ſelhafter. Sollte der Kapitän mit Adrienne geſprochen haben? „Nun ja, Sie können Alles hören, da Sie ja, wie es ſcheint, das Opfer wurden. Miß Lizzie ſchickt mich. Vor einer kleinen Stunde etwa ließ ſie mich aus mei⸗ nem Zimmer in den Salon rufen und nahm mich dort beiſeite. Sie theilte mir mit, daß Frau von Rüderich ſie zu einem kleinen Abendſpaziergang ein⸗ geladen habe. In den Zügen der Dame habe dabei ein 128 eigener lauernder und ſatiriſcher Ausdruck gelegen, der Miß Lizzie um ſo mehr frappiren mußte, als ſie Ur⸗ ſache zu haben glaubt, an Frau von Rüderich's freund⸗ lichen Gefühlen für ſie zu zweifeln. Der Spaziergang ſollte die alte Kirche zum Ziele haben.„Ich hoffe Ihnen dort eine kleine amüſante Ueberraſchung bereiten zu können. Ich nehme meine Stoffe, wie Sie wiſſen, Theure, immer aus dem Salon und von der Straße; ich glaube, wir dürften bei der alten Kirche heute ein netites Kapitel zu meinem neuen Romane finden.“ Das waren die Worte, welche Frau von Rüderich mit ihrem ſüßſauren Lächeln an Miß Lizzie richtete. Ku⸗ ruſoff und der Wiener Banquier, die dabei waren, lachten ganz eigenthümlich und dieſer konnte ſich nicht verſagen, ſeinen Witz zu zeigen.„Diesmal“, meinte er ſchadenfroh,„dürfte Herr Strandau ſeine Meiſterin in der Inſcenirung von Ueberraſchungen gefunden haben. Scharfe Rechtspflege thut noth. Notoriſche Einſteiger muß man feſtlegen.“ Die Baronin Leſtow, die ebenfalls anweſend war, hatte ſich darauf unwillig erhoben, Miß Lizzie aber— nun, Sie kennen ja die Kleine und ihre reſolute Art— hatte Lunte gerochen und wandte ſich an mich.„Die häßliche Eidechſe“, ſagte ſie zu mir,„will mich ärgern und Herrn Stran⸗ dau einen Streich ſpielen. Es ſoll ihr Beides mißlingen.“ 129 der Sie bat mich hierher vorauszueilen und Strandau zu Ur⸗ ſuchen, der allem Anſcheine nach hier ſein müſſe.“ und⸗„Die alte Hexe!“ knirſchte Streicher.’ Zang„Warten Sie, die Sache kommt erſt. Die Kleine hoff ſchien mir neugierig und ich wollte auch Genaueres eiten wiſſen; ſo wendete ich mich denn an Kuruſoff. Der V iſſen, meinte, ich habe die Abſicht, mich dem Spaziergange 1 aße; ebenfalls anzuſchließen, und in ſeinem Eifer, mir den e ein erwarteten Genuß ſchon im voraus auszumalen, ver⸗ Das rieth er mir den ganzen Plan, der zum Theil ſchon mit in Ausführung gebracht worden war. Strandau hatte I Ku⸗ am Morgen ein Billet bekommen, das einer der Schiffer aren, für ihn abgab.“ nicht„Nein, das habe ich bekommen“, fiel Streicher ein. teinte„Sie? Das begreife ich nicht. Es war ausdrück⸗ ſterin lich für Strandau beſtimmt, Frau von Rüderich hatte nden es geſchrieben.“ iſche„Frau von Rüderich?“ rief Streicher wüthend ſtow, aus.„Ah, jetzt begreife ich Alles! Dieſe alte Intri⸗ villi guantin! Wenn ſie den Stoff auf der Straße nicht 1 de findet, ſo verfertigt ſie ſich ihn. Sie ſelbſt ſpielt dann ochen in ihren Büchern die Rolle der geiſtreichen Baronin, hſes⸗ Gräfin oder Wittwe, die alle Fäden in Händen hält ra und am Schluſſe die Schickſale macht. An Strandau gen war der Brief und das einfältige Stubenmädchen Byr, Nomaden. III. 9 meinte, es ſei Alles in Ordnung, als ich denſelben Gerhard in die Hand gab. Und er war es auch, der ſie ſpäter befragte. Warum aber ſchrieb die Hexe nur ein Str. auf die Adreſſe und nicht den ganzen Namen aus?“ „Wahrſcheinlich, um die ganze Angelegenheit ge⸗ heimnißvoller, verlockender zu machen. Kein Name, nur Buchſtaben. Eine ſchöne Unbekannte, die, plötzlich in unwiderſtehlicher Liebe entbrannt, eine Zuſammen⸗ kunft gewährt, das iſt myſteriös genug.“ „Aber abgebraucht; kein Gimpel geht mehr auf den alten Leim“, fuhr Streicher auf. Der Kapitän hüſtelte, diesmal vielleicht weniger dem Reiz im Halſe nachgebend, als um eine ſarkaſtiſche Bemerkung zurückzuhalten und doch anzudeuten. Der beſte Beweis, daß Streicher ihn verſtand, war die Selbſtvertheidigung, die er vorbrachte. „Ohne dieſes merkwürdige Zuſammentreffen von Umſtänden hätte weder Strandau noch ich auch nur eine Minute an einer Myſtification gezweifelt. Das boshafte Weib wäre ganz allein ſelbſt aufgeſeſſen, ſtatt daß ich jetzt die Koſten trage.“ „Warum?“ entgegnete ihm der Kapitän.„Es hat ja Niemand eine Ahnung davon, daß Sie hier in ſüßer Erwartung auf und nieder wandelten. Kein 13¹1 Menſch denkt an Sie und ſo kommt auch Niemand darauf, ſich über Sie luſtig zu machen. Frau von Rüderich begnügte ſich nicht mit den einfachen Mitteln und wollte einen beſonders feinen Kriegsplan aus⸗ führen, daran ſcheitert ſie jetzt, wie vor ihr ſchon mancher ſuperkluge Feldherr. Statt ſofort hierher zu gehen und den ſchmachtenden Seladon zu überraſchen— Sie ſind ja nicht gemeint, ärgern Sie ſich nicht!— alſo ſtatt deſſen ſollte er erſt durch die Erwartung mürbe gemacht werden, und nun war die Abſicht, mit ſinkender Dämmerung hierher zu kommen; wenn ich recht verſtanden habe, ſoll auch eine kleine Komödie zur Hebung des Effectes ſtattfinden: Frau von Rü⸗ derich verſchleiert— verſteht ſich, ſonſt glaubt ihr's Niemand— ſanftes Girren, wahrſcheinlich ein Klat— ſchen in die Hände, kurz, ein wohlarrangirter Theater⸗ coup.“ „Na warte!“ knurrte Streicher.„Bei ſinkender Dämmerung, ſagen Sie, aber es iſt ja gleich ſtichdunkel, da kann wohl die Scene jeden Augenblick losgehen. Gut, ich bin gewappnet. Sehen Sie zu, Kapitän, daß Sie fortkommen. Halt, nicht über die Brücke zurück! Begegnet man Ihnen, ſo wittert man Verrath. Hier hinunter oder hinter die Kirche, wenn Sie vielleicht Zeuge zu ſein wünſchen.“ 9* 6 132 „Der Umweg iſt zu weit, alſo muß ich hinter die Kirche.“ „Noch eins: können Sie mir keine Cigarre geben, um das Warten abzukürzen? Ich bin gänzlich aus⸗ geraucht.“ „Von mir wollen Sie eine Cigarre?“ ſpottete der Kapitän, der noch einmal anhielt.„Meinen Sie, ich könne mir noch einen Rauch vormachen über das Ende aller Dinge? Ich variire Ihren Ausdruck dem— nächſt und habe ausgeraucht.“ Streicher ſpähte nach der Brücke; noch zeigte ſich nichts, aber es wurde ihm jetzt nicht mehr ſchwer zu warten, ſelbſt die Cigarre entbehrte er nicht allzu ſehr. Der Freund muß gerächt werden! ſagte er ſich. Und daß der Freund eigentlich gar nicht der Myſtifi⸗ cirte war, ſondern er ſelber, der nur die ganzen zwei Stunden hier einſam luſtwandeln mußte, daß ſo allerlei Erwartungen noch außer der Abſicht, den Freund zu überzeugen, vereitelt worden waren, das machte die Sache gravirender. Allerlei ging Streicher durch den Kopf. War das Billet von Frau von Rüderich, ſo erwieſen ſich natürlich alle darauf gebauten Combina⸗ tionen als hinfällig. Adrienne hatte nicht geſchrieben, am Ende waren noch neue Opfer zu bringen und wer weiß, was Gerhard, wenn er, wie zu vermuthen ſtand, 133 ſich direct nach der Villa begeben, im Sturm der Auf⸗ regung, im heftigen Hin und Wider von Anklage und Rechtfertigung Alles zu thun im Stande war; das gab nun noch die ernſteſte Frage. So beſchäftigt, hatte Streicher in der allmälig dichter gewordenen Dunkelheit das Nahen mehrerer b Perſonen nicht bemerkt, die ſchattenhaft über die Brücke geſchlichen kamen. Er hatte ſich ſchon, als der Kapitän V ging, an einen Baum gelehnt, mit dem Rücken gegen die Brücke, um ſelbſt nicht ſofort erkannt zu werden, ehe der richtige Moment gekommen war. So blickte er ſinnend hinaus gegen den See, als er plötzlich einen leiſen Tritt auf dem Kieſe und in dem raſchelnden Laube, das hier und da verſtreut lag, zu vernehmen meinte. Er wandte ſich nicht um, gleich darauf hielt Jemand neben ihm, ein leiſe und zagend geflüſtertes »Bon soir!“ ſchien über die bebenden Lippen einer Frau zu kommen, die den Schritt, welchen ſie vielleicht zum erſten Male that, auch ſchon bereute. Streicher aber ließ ſich dadurch nicht irre machen, ebenſo wenig durch den dichten Schleier, der das Geſicht verhüllte, und den dunklen weiten Mantel, der beſtimmt . war, ſelbſt die Formen unkenntlich zu machen. Mit einer raſchen Bewegung hatte er ſich umgewendet und die Geſtalt am Arme gefaßt. 134 „Ha, kommſt Du endlich!“ rief er ſcharf.„So hab' ich denn doch nicht umſonſt gewartet!“ Ein unterdrückter Schrei entfuhr ſeiner Gefangenen und diesmal war's ganz unverkennbar die Stimme der Frau von Rüderich, welche ängſtlich entgegnete: „Vous vous trompez, monsieur! Laissez moi!“ Aber Streicher faßte nur um ſo kräftiger an und ſeine Stimme noch mehr erhebend, gab er ihr den Ton leidenſchaftlicher Wildheit. „Ich mich täuſchen? Hahaha!“ ſtieß er knir⸗ ſchend hervor.„Du biſt's, Verrätherin, wenn auch Dein Spießgeſell, die Nacht, dieſe Züge verhüllt, in deren beſtrickenden Reiz ich, Götzendienſt treibend, mich ſo oft verſenkte. Glaube nicht, daß Deine Zauberkünſte mich noch einmal kirren. Ich weiß Alles, Ungeheuer, Alles! Du haſt Dich hinter meinem Rücken in die Arme eines Andern geworfen, aber ich fing den Brief auf, der für den verrätheriſchen Freund beſtimmt war. Leugne nicht, die Beweiſe ſind in meinen Händen! Ich bin hierher gekommen, Dich zu erwarten und Ge⸗ richt zu halten über Dich!“ Frau von Rüderich, die im Anfang höchlichſt rüberraſcht war, einen Andern zu finden, als ſie er— wartet hatte, konnte ſich einer ängſtlichen Regung nicht erwehren, aber die Neugierde überwog jede Furcht. Sollte ſie hier, ein Spiel verſuchend, wirklich auf ernſte Conflicte geſtoßen ſein und zufällig die Ecke eines Schleiers gelüftet haben, der ein Geheimniß verdeckte? Sie hatte gute Luſt, auch noch tiefer einzudringen. „Oh mon dieu!“ flüſterte ſie leiſe mit verſtellter Stimme. Dieſes widerſtandsloſe Eingeſtehen der Schuld ſchien Streicher's Wuth noch mehr zu entflammen. Gleich einem Raſenden riß er ſie ein paar Schritte vorwärts an den Rand des Platzes und mit dem Aufgebot all ſeiner Stimmmittel declamirte er in ſchauerlichem Pathos: „Sieh hier hinab, Ungetreue! Wer da unten liegt, der fühlt kein Weh im Herzen mehr; der Wurm, der im Verſtande wühlt, iſt mit der Hirnſchale zerſchmettert. Aber ehe ich dieſem elenden Leben ein Ende mache, ſollſt Du ſelbſt noch Deine Lüge büßen, wortbrüchiges Weib, und dieſer Stahl ſoll ſich in Deinem Nattern⸗ blut färben.“ „Ich bin es nicht!“ kreiſchte die Bedrohte, alle Rückſichten vergeſſend, als ſie ſah, wie Streicher mit der Rechten wie zum Stoß ausholte.„Ich bin es nicht— um Gotteswillen, Sie irren ſich!“ „Ha, Lügenzunge!“ knirſchte Streicher,„ich mich irren? Ein jeder Pulsſchlag kündet mir Deine Nähe, 4 ———— 5 7 3 ——, 136 wenn auch der Schleier Deine Züge deckt. Clende, Du haſt nur die Wahl zwiſchen Gift und Dolch!“ „Sie thun mir weh! Laſſen Sie los! Ich bin nicht, die Sie meinen!“ ſchrie Frau von Rüderich. Streicher ſchien außer ſich. „Du lehnſt die Wahl ab, Schlange!“ wetterte er. „Gut denn, ſo ſtirb von meiner Hand! Geh Du voran zur Hölle!“ „Zu Hülfe, zu Hülfe! Ein Raſender! Er mordet mich! Hans, zu Hülfe! Ein Wahnſinniger!“ Sie rang mit Aufbietung aller Kräfte, ihr Leben zu vertheidigen; die eine Hand gelang es ihr frei zu bekommen, ſie lüftete den Schleier; im ſelben Augenblick kamen auch mehrere Geſtalten herbeigeſtürzt, die drohten, ſchrien und fluchten. Es war Herr von Rüderich, Kuruſoff und der Banquier, die jedoch alle drei den Muth nicht hatten, ſich auf Streicher zu ſtürzen und die bedrohte Frau zu retten. Die Gewaltanwendung war aber auch ganz über⸗ flüſſig geworden, denn kaum war der Hülferuf erſchollen und der Schleier zurückgeſchlagen, als Streicher, wie vom Blitze gerührt, losließ, einen Schritt zurücktrat und in höchſter Ueberraſchung ein gedehntes:„Sie, gnädige Frau?“ ſtammelte. Frau von Rüderich klammerte ſich noch immer 1 137 entſettt an den Arm ihres Gatten und ſank, von ihren Kräften verlaſſen, bebend auf eine Bank,; der Mann und die beiden Begleiter waren um ſie be⸗ müht und gaben ſich erſt zufrieden, als Frau von Rüderich die Schwäche ſiegreich bekämpft hatte und ſeufzend bemerkte: „Mein Gott, welch unerwarteter Ausgang!“ „Pardon, gnädige Frau“, entſchuldigte ſich Streicher mit dem Hute in der Hand,„es war ein kleines Mißverſtändniß.“ Er verbeugte ſich und ging. „Ein kleines Mißverſtändniß! Hören Sie's, meine Herren?“ ſtöhnte Frau von Rüderich ſchaudernd.„Wo⸗ bei ich hätte getödtet werden können! Ein Mord ein kleines Mißverſtändniß! Und ſolche gefährliche Indi⸗ viduen gehen frei umher! Ich ſag' es ja, es iſt eine fürchterliche Romantik im Leben; überall, wo man hinblickt, eine Tragödie, überall, wo man hinhorcht, ein Schlangenneſt von Myſterien!“ „Man muß den Menſchen einſperren laſſen“, eiferte Herr von Rüderich,„er iſt ein Verbrecher!“ „Ich glaube kaum“, krächzte Herr von Kuruſoff, „ich halte ihn für einen Verrückten.“ „Und ich“— Herr Markus Glückſtadt brach hier ab und vollendete nur für ſich mit einem ſtillen unſicht⸗ baren Lächeln:„für einen Spaßvogel.“ Fünftes Kapitel. Glück im Spiel— Glück in der Liebe. Was that inzwiſchen Gerhard? Das Geſpräch mit Streicher hatte ihn weit mehr aufgeregt, als er es Wort haben mochte. Sein Glaube ſtand doch nicht ſo felſenfeſt, wie er in ſeiner ritterlichen Weiſe gegen den Freund behauptet hatte, ſelbſt auf die Gefahr hin, dieſen aufs empfindlichſte zu verletzen. Der Zweifel, ſcheinbar beſiegt, hob bald von neuem ſein züngelndes Schlangenhaupt und forderte die Liebe —— zum heftigen Widerſtreite heraus, in welchem ſie aber beinahe zu ermatten drohte. 6 Sein träumeriſches, faſt finſteres Ausſehen fiel ſo⸗ gar Mr. Lesley vor dem Diner auf, wiewohl dieſer mit ſeinen eigenen Angelegenheiten hinreichend beſchäf⸗ tigt war. — „My dear“, ſagte er zu ihm,„ich ſehe ſchon, bald werde ich lachen müſſen, ſonſt gleicht unſere table d'hôte einem Begräbnißeſſen. Ich habe immer gedacht, Sie und Lizzie paßten zuſammen, das müßte ein heiteres, glückliches Paar geben, nun laſſen Sie alle beide die Köpfe hängen. Das paßt zwar wieder, aber höchſtens zu einem Geſpann vor eine Trauerkutſche.“ „Wie kommen Sie auf ſo ſonderbare Ideen?“ fragte Gerhard halb verwundert, halb zerſtreut.„Ihre Schwägerin iſt ein Kind und ich bin— manchmal kommt's mir ſo vor— beinahe ein Greis. Miß Lizzie hat mir ſogar als Muſiklehrer den Abſchied gegeben. Achten Sie einmal auf die feindliche Haltung, die ſie mir gegenüber annimmt. Es thut mir ehrlich leid, weil die Veranlaſſung meinem beſten Willen entſprang, Be⸗ weis dafür, daß ſelbſt— ja ſo!“ unterbrach er ſich, er hatte ſagen wollen:„daß ſelbſt Ihre Frau die Sache anders auffaßte.“ Zu rechter Zeit noch legte er ſich Schweigen auf, denn noch hatte er keine Gelegenheit gefunden, mit der jungen Frau ein ernſteres Zwiege⸗ ſpräch zu halten, nur einige beruhigende Worte hatte er ihr zugeflüſtert, die aber ſo wenig wie die Mr. Lesley gegebenen Verſicherungen ausreichten, die allmälig zwi⸗ ſchen den beiden Gatten ſo weit aufgeriſſene Kluft auszufüllen und zu ebnen. „Soll ich Sie mit Lizzie ausſöhnen?“ erwiderte Mr. Lesley, der zwar Gerhard's plötzliches Innehalten wahrgenommen, aber es für zudringlich gehalten hätte, durch Fragen etwas zu erpreſſen, was man ihm zu verſchweigen für gut fand. „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, ja ich ge⸗ ſtehe aufrichtig, daß es mir ſogar ſehr lieb wäre, aber geben Sie Acht, Sie ſcheitern mit Ihrem Verſuch.“ „Dann müſſen Sie's wirklich noch ärger gemacht haben als letzthin abends, wo Sie um Anderer willen ſie verließen. Ich höre, Sie kommen öfter in die Villa.“ „Wer hat Ihnen davon geſagt?“ entgegnete Ger⸗ hard etwas haſtig.„Wohl dieſelben Beobachter, welche Ihnen ſelbſt wiederholte Beſuche dort zuſchreiben.“ „Mir?“ Mr. Lesley war ſehr verwundert, ein ſchmerzliches Lächeln glitt über ſeine Lippen.„Da muß ich offenbar mit einem meiner Landsleute verwechſelt worden ſein. Ich habe jene beiden Damen noch nie⸗ mals geſprochen.“ „Sie würden gut thun, dies gelegentlich einmal Ihrer Frau und Schwiegermutter zu verſichern.“ „Wie, ein ſolcher Verdacht? Man traut mir alſo auch Schlechtes zu. Nun ja, es iſt begreiflich, aber es wäre unter meiner Würde, mich zu rechtfertigen, 4 wo man mir die Anklage nicht ins Geſicht geſagt. Im Grunde iſt ja Alles eins.“ Gerhard hatte es wie einen Stich gefühlt, als Mr. Lesley den Beſuch bei den Schweſtern wie eine Abſcheulichkeit von ſich wies. War denn der Ruf, in welchem die Villa ſtand, wirklich und mit Recht ein ſo übler? Und war es dann zu verwundern, wenn jener Brief— aber nein, es konnte nicht ſein! Was Don Baſilio von der Verleumdung ſingt, iſt darum nicht weniger tiefe Wahrheit, weil ſie im Libretto einer ko⸗ miſchen Oper ſich findet. Gerhard brach das Ge⸗ ſpräch ab. „Es iſt nicht Alles eins“, ſagte er noch.„Glau— ben Sie mir, Freund, man ſoll keinen falſchen Verdacht gleichgültig auf ſich ruhen laſſen, er iſt wie der Roſt, der weiter frißt, und fühlt man auch ſelber keine Schmer⸗ zen, ein Anderer empfindet ſie vielleicht um ſo tiefer für uns. Thun Sie's Ihrer Frau zu Liebe.“ „Meiner Frau zu Liebe?“ Gerhard hatte ſich ent⸗ fernt und hörte nicht den ſonderbaren Ton, in welchem Mr. Lesley dieſe Worte ſprach; Spott und Schmerz klangen in herzzerreißender Diſſonanz heraus. Bei Tiſche blieb Gerhard ſehr ſchweigſam. Es fiel ihm nicht auf, wie Frau von Rüderich mit Herrn von Kuruſoff und Markus Glückſtadt Blicke des Einver⸗ 142 ſtändniſſes wechſelte und manches anzügliche Wort nach ihrer boshaften, Geiſt affectirenden Weiſe fallen ließ. Baron Leſtow und ſeine Frau nahmen wenig Theil daran, bei beiden zeigte ſich ſchon ſeit jener aufregen⸗ den Nacht eine gewiſſe Verſtimmung, die von Tag zu Tag im Zunehmen ſchien. Der Kapitän war mit Lizzie in irgend einen Gegenſtand vertieft, was dem Mäd⸗ chen den gewünſchten Anlaß bot, dem Gegenüber ſo wenig Aufmerkſamkeit als möglich zu ſchenken. Reve— rend Wallace, ſeine Frau und ältere Tochter aber pfleg⸗ ten niemals an einer allgemeinen Unterhaltuug Theil zu nehmen, und was ſie thaten, wurde von den Dirk⸗ ſons pünktlich nachgeahmt. Graf Hilmersdorf war nicht anweſend. Der Mittagstiſch des Monſieur Germain war ziemlich einſilbig geworden, ja ohne Frau von Rüde⸗ rich's Bemerkungen, ihres Mannes Bekräftigungen und des Banquiers Witze hätte man faſt an den ſprich⸗ wörtlichen Engel glauben können, der recht häufig ſeinen Flug gerade durch den Speiſeſaal nahm. So war es natürlich, daß Gerhard nicht mit heitern Gedanken aufſtand, ſeine Stimmung hatte ſich ſogar verſchlimmert, und das wurde immer är⸗ ger, je mehr ſich die in dem Briefe angegebene Stunde näherte. Einen Augenblick war er im Begriff geweſen, ſich 143 Streicher anzuſchließen, um, wie er ſich einredete, Zeuge zu ſein, wie ſich deſſen Vorausſetzungen als vollkom⸗ men irrig erwieſen, in Wirklichkeit aber in einer eifer⸗ ſüchtigen Regung, deren er ſich unmittelbar darauf wieder ſchämte. Sie kommt ja nicht, ſagte ſein Herz. Sie würde jedenfalls umkehren, ſobald ſie zwei am Platze ſieht, fügte der Zweifel hinzu. Als aber die Uhr auf drei wies, da war das Ergebniß dieſes Kampfes, den Stolz, Glaube und Mißtrauen mit einander kämpften, daß er den Hut tief in die Stirn rückte und die Penſion verließ. Gab er ſich wirklich keine Rechenſchaft oder wollte er ſich keine darüber geben, weshalb er nicht wie ge— wöhnlich den Fußpfad nach der Höhe, ſondern die Straße durch den Ort einſchlug, wo er Jedem begegnen mußte, der ſich von der Villa nach der alten Kirche begeben wollte? Was konnte es ihn intereſſiren, ob dergleichen geſchah, da er ja mit einer Art Fanatismus an der Ueberzeugung feſthielt, Adrienne könne den Brief nicht geſchrieben haben? Aber ſeine Phantaſie mengte ſich ein und ſtellte ihm vor, die Geliebte könnte ja auch am Ende aus Zufall dieſen Weg einſchlagen, wie ſie oft genug, nur von Nero begleitet, nach dem Friedhof von Clarens ging. In ihrer Miene, in ihrem Errö⸗ then konnte er dann ſein Schickſal leſen und ihr die — 144 demüthigende Beſchämung erſparen, von Streicher wirk⸗ lich für diejenige genommen zu werden, die ihm das Stelldichein gegeben. Der Menſch pflegt ja jeden ſeiner Schritte geſchickt zu beſchönigen und weiß ihn, vor ſich ſelbſt wenigſtens, mit unwiderleglicher Logik auf ſeine edlen oder verſtändigen Grundſätze zurückzuführen, ſollte es ſich auch um Mord und Diebſtahl handeln. Mit jedem Schritte fiel ein Stein von ſeiner Bruſt, die beſte Probe, wie er ſich hätte ſagen können, welche Centnerlaſt darauf gelegen. Je weiter er ging, ohne daß die gefürchtete Begegnung ſtattfand, deſto leichter athmete er, aber ſchon ganz nahe an der Villa erfaßte ihn eine neue Qual und Unruhe. Wie, wenn Adrienne den Pont de Pieere früher überſchritten hatte, als er ſelbſt ihren Weg gekreuzt? So kam er mit immer mehr beſchleunigten Schritten am Gitterthore an. Nero und Maxime jagten ſich im Garten. Adrienne hatte ſie alſo heute nicht mitgenommen, das heißt, warf er ſich ein, wenn ſie wirklich ausgegangen war. Und war ſie's, welche furchtbare Bedeutung ließ ſich dieſem ein⸗ fachen Umſtande beilegen! Sie mußte zu Hauſe ſein, ſie mußte es! Mit einem Kopfe, in dem nur das letzte Wort feſt⸗ ſtand, alles Andere im Wirbel durcheinander trieb, trat Gerhard in den Garten ein und Nero ſprang ihm 145 bellend entgegen, der Kleine kam ſeinem Spielgefährten nach und lief lachend auf Gerhard zu. „Du darfſt nicht hinein“, wehrte er in franzöſi⸗ ſcher Sprache dem Beſucher.„Sie ſpielen Karten. Mama hat mich hinausgeſchickt, aber ich weiß es. Ich werde auch Karten ſpielen, wenn ich groß bin und zählen kann.“ Es war alſo wieder Geſellſchaft hier, aber Ger⸗ hard war dies vollkommen gleichgültig, ihn beſchäftigte nur die eine Frage, die er dem Kleinen vorlegte, ob Tante Adrienne zu Hauſe ſei, und als Maxime ſie be⸗ jahte, da war's Gerhard auf einmal, als wäre der Sommer da, und es blühten alle Blumen und ſängen alle Vögel, daß auch er mit einſtimmen müſſe in den allgemeinen Jubel. Er nahm in ſeiner Freude den Knaben auf ſeinen Arm und küßte und herzte ihn, daß der Kleine erſt ſtrampelte und faſt um Hülfe ſchrie, ſich aber ſchnell wieder beruhigte, als ihm ein Sack, ſo groß wie er ſelber, voll Bonbons und Chokolade ver⸗ ſprochen wurde. „Und für Nero bringſt Du Würſte, er mag ſie gern“, wußte der Burſche die günſtige Situation aus— zunutzen. „Auf der Stelle gehe ich und hole Alles“, rief Gerhard, ihn zu Boden ſetzend, und wollte wirklich Byr, Nomaden III. 10 —— . — 4 8 146 gehen. Er war vollkommen befriedigt und glücklich, aber ehe er noch einen Schritt gethan, um ſich zu ent⸗ fernen, fand ſich ſchon wieder ein kleines Häkchen, das ihn zurückhielt. „Aber willſt Du nicht zuvor Tante Adrienne ſehen?“ fragte Maxime gutmüthig.„Ich mache mir nichts daraus, bis abends zu warten. Nero hat auch erſt ſeine Schüſſel erhalten. Willſt Du?“ „Ich mag nicht in den Salon gehen, wenn Ge— ſellſchaft da iſt, mein kleiner Freund.“ „Aber Adrienne iſt nicht dort. Nach dem Dejeu⸗ ner ſprachen der lange Engländer und Graf Felix von den Karten und da ging Adrienne fort. Sie iſt auf ihrem Zimmer; wenn Du willſt, führe ich Dich hin.“ „Ja, darfſt Du denn das?“ fragte Gerhard über⸗ raſcht. „O“, prahlte der kleine Mann,„ich thue es, weil es Spaß macht. Mama iſt im Salon, Tante Lo⸗ lotte ſchläft jetzt wie alle Tage und Margot ſpült in der Küche, Du läuteſt nicht und ſie weiß nicht, daß Du da biſt. Komm nur, komm! Es iſt ja auch mein Zimmer. Sonſt darf zwar Niemand zu uns hinauf, aber Dich hat Adrienne lieb, ich weiß es; ſie hat es zu Mama geſagt.“ Maxime, der keine Ahnung hatte, welchen wunder⸗ 147 b, baren Wohlklang ſein kindiſches Geplauder für Ger⸗ t⸗ hard hatte, faßte dieſen bei der Hand und zog ihn mit a5 ſich. War es recht, daß der erwachſene vernünftige Mann dem thörichten Einfall des argloſen Kindes ne folgte? Er gab ſich darüber keine Rechenſchaft. Die nir Freude nach dem vorangegangenen Sturm, das Glück ch über das ſo eben vernommene beſeligende Geſtändniß, das durch den Kindermund nur noch an Reiz und Ab⸗ ſichtsloſigkeit gewann, machten ihn trunken. Er ſollte die Geliebte ſehen, weiter dachte er nichts. Maxime hatte mit vollkommen richtiger Beurthei⸗ lung der Sachlage prophezeit. Von Niemand aufge⸗ halten kamen ſie ins Haus und die ſchmale Holztreppe 1 hinauf, welche zu dem Bodenraum und dem Giebel⸗ zimmer führte, das Adrienne und ihr Neffe gemeinſam bewohnten. Es klopfte Gerhard doch das Herz, als er an der Thür ſtand, und wäre dieſe von ſeinem kleinen Führer nicht ſo raſch geöffnet worden, vielleicht würde er hier an der Schwelle doch noch umgekehrt ſein. Es dünkte ihm jetzt, als dringe er frevleriſch in ein Heilig— . thum ein. „Sie ſoll ja meine Braut werden!“ Das war der Gedanke, der jedes Zaudern überwand, und ſchon war der entſcheidende Schritt auch gethan. der⸗ 10* 148 „Adrienne, wir bekommen auch einmal Beſuch“, rief Maxime ſtolz und lenkte damit erſt das Auge ſei⸗ ner Tante, die in eifriger Näharbeit am Fenſter ſaß, nach der Thür. Es war ein Moment des Erſtarrens. Adriennens Antlitz ſchien plötzlich in tiefe Glut getaucht, ſie ſprang auf, aber ohne weiter eine Bewegung zu machen, ihre Lippen ſtanden halb geöffnet, aber die Stimme ſchien ihr zu verſagen und Gerhard ſtand vor ihr, beſchämt, verlegen und doch glücklich in ihrem Anſchauen. Er hatte keinen Blick für das niedere Zimmer, deſſen Decke ihm kaum aufrecht zu ſtehen erlaubte, deſſen unendlich einfache, faſt ärmliche Einrichtung in ſo grellem Con⸗ traſte zu dem Luxus des untern Stockwerks ſtand. Ein paar Rohrſtühle, der Nähtiſch, eine alte Kommode, zwei kleine Betten mit weißen, aber ſehr ſchadhaften der Tüchern bedeckt, bildeten das ganze Ameublement der kleinen Stube, die nur durch die ſchöngehaltenen Blu⸗ men, welche das Fenſter anfüllten, ein einigermaßen freundliches Ausſehen erhielt. Adrienne hatte an einer Seidenrobe gearbeitet und trug heute nur ein ganz einfaches braunes Woll⸗ kleid, Gerhard erſchien ſie aber jedesmal, in welchem Anzuge immer ſie vor ihn trat, am ſchönſten. Er be⸗ merkte, ſeine Augen auf die ihren richtend, nicht ein⸗ 149 2 mal, daß ſie außer dem Armbande, das er ſchon letzt⸗ hin geſehen, auch noch die Broche und Ohrgehänge trug, die ihm erſt heute Morgen von Streicher beſchrie⸗ P ben worden waren. nn Endlich riß er ſich aus ſeinem Schweigen los, nn das viel mehr für ſeine Empfindungen als für ſeine br⸗ Weltgewandtheit ſprach, und näherte ſich der Ange⸗ fen beteten. n.„Verzeihen Sie mir, Fräulein Adrienne“, begann b Er er deutſch,„ich habe der Einladung dieſes meines klei⸗ ele nen Freundes nicht widerſtehen können, zürnen Sie lih mir nicht, daß ich Sie hier aufſuche.“ or⸗ Auch Adrienne war es gelungen, ihre Faſſung md. wiederzugewinnen, aber es war nicht der Blick freund⸗ 3 lichen Willkommens, mit dem ſie ihn begrüßte, ſondern der verletzter Würde und zürnender Hoheit. h„Mein Herr“, ſagte ſie, unwillkürlich die Lehne de ihres Stuhls umfaſſend,„Ihr Erſcheinen iſt in der de That ein befremdendes, ich weiß nicht, was Sie ver⸗ hen anlaſſen kann—“ 8„Nur der Wunſch, Sie zu ſehen“, entgegnete Ger⸗ d hard, da ſie ſtockte.„Ich konnte dem günſtigen Zufall Vi nicht widerſtehen, der ſich mir in Maxime's Geſtalt 5 anbot.“ Auch er zauderte unter dem beengenden Ein⸗ he⸗ druck einer falſchen Situation, er verwünſchte im Stillen 150 ſeine leichtſinnige Kühnheit und fand nicht recht Worte, dieſelbe zu entſchuldigen. Das bewirkte bei Adrienne nur eine Steigerung des Stolzes und der Kälte. „Ich bin nicht gewöhnt, hier Beſuche zu empfan— gen“, ſagte ſie,„und ich muß Sie erſuchen, ſich in den Salon hinabzubemühen; wenn Sie es wünſchen, werde ich Ihnen dahin folgen.“ „Aber mein Gott“, brach Gerhard, dem es doch zu viel ſchien, ſo vor die Thür geſetzt zu werden, los, „warum denn dieſe eiſige Förmlichkeit, Adrienne? Sagen Sie, was habe ich Ihnen denn gethan, daß Sie mich wie einen ffrechen Eindringling behandeln? Der bloße Umſtand, daß ich hierher auf Ihr Zimmer kam, genügt doch nicht als Anlaß für ſolche Strafe. Was thut's denn zur Sache, ob ich Sie in dem oder in einem andern Zimmer ſpreche? Am Ende haben ſie alle vier Wände. In den Salon mocht' ich nicht, da ich hörte, daß Beſucher da ſeien, nicht aber auch Sie, Adrienne. Und wenn Sie mich ſchon durchaus fortweiſen aus Ihrem Rayon“, ſchloß er ſcherzend,„ſo ſtütze ich mich auf Maxime's Mitbeſitz dieſes Gemaches und bleibe ſein Gaſt. Tu me donneras un abri, n'est ce pas, mon ami?“˙e Der Kleine verſicherte ihn hochherzig ſeiner Gön⸗ nerſchaft und Gerhard lachte mit ihm, erſchrak aber 151 plötzlich zu Tode, als er Adrienne auf ihren Stuhl ſinken und in Thränen ausbrechen ſah. „Mein Gott, was iſt Ihnen, Adrienne?“ rief er in großer Beſtürzung aus, eilte zu ihr und faßte ihre Hand, die er an ſeine Lippen zog und mit Gewalt feſthielt, als ſie ſich loszumachen ſuchte.„Adrienne, reden Sie!“ drängte er. Es bedurfte aber noch einer wiederholten Auffor⸗ derung, ehe die Schluchzende ihre Thränen ſo weit be⸗ herrſcht hatte, um ein Wort hervorbringen zu können. „O laſſen Sie meine Hand!“ flehte ſie in Zorn und Schmerz, ſodaß er endlich nachgeben mußte, aber er hielt die Lehne des Stuhls feſt, auf welchem ſie ſaß, und blieb über ſie gebeugt; er vermochte ſo ihr abgewendetes Antlitz nicht zu ſehen, aber aus den Zuckungen, die ihren zarten Körper durchliefen, konnte er das unterdrückte Schluchzen, aus dem zitternden, un⸗ ſichern Ton der Stimme, welche trotz aller Anſtrengung nicht feſt wurde, konnte er die ſchmerzliche Aufregung entnehmen, deren Beute das geliebte Mädchen war. Die Worte, die er hörte, waren eine herbe Anklage, die ihm tief in die Seele ſchnitt.„O, es iſt bitter, ſolche Beweiſe der Nichtachtung zu erhalten. Wodurch habe ich ſie verdient? Die Verhältniſſe, die mich umgeben, das Haus, in welchem Sie mich gefunden, haben Sie 152 vielleicht zu falſchen Schlußfolgerungen berechtigt, aber ich habe gehofft, daß es anders ſein ſolle. Iſt es nicht genug, daß ich dieſe Blicke, welche mir weh thun, dieſe zweideutigen Worte, welche mich ſchamroth machen, ertragen muß, ſoll ich auch noch perſönlichen Belei⸗ digungen ausgeſetzt ſein, weil ich arm und gezwungen bin, bei meiner Schweſter zu bleiben? Ich muß es dulden, daß man ſich mir wie einem verworfenen Geſchöpfe naht. O das thut weh!“ „Ums Himmelswillen, Adrienne, was ſprechen Sie!“ fiel Gerhard ihr ins Wort.„Sie ſind außer ſich. Wer würde es wagen, ſich ſo zu benehmen?“ „Sie fragen noch?“ entgegnete ſie unter erneuer⸗ tem Schluchzen.„Was kann Sie veranlaßt haben, ſich in meine Stube zu ſchleichen? Hätte es wer immer gethan, ich wäre entrüſtet geweſen über dieſe Schmach, die kein Ehrenmann einem anſtändigen Mädchen an⸗ thut, aber daß Sie es ſind, das ſchmerzt mich tief. Ich hatte gehofft, von Ihnen richtig beurtheilt zu wer⸗ den, Ihr Benehmen ließ mich das glauben und dieſe Meinung hat mir wohlgethan. Sie waren freundlich und aufmerkſam mit mir und ſprachen ohne jene häß⸗ lichen Anſpielungen, ohne jene leichtfertigen Wendungen, die mir ſo tief in der Seele zuwider ſind; ich habe Sie anders angeſehen als die Uebrigen, weil ich ſtolz 153 darauf war, von Ihnen richtig beurtheilt worden zu ſein, ich habe mich mit dieſem Urtheile geſchmückt und jetzt iſt Alles vorüber. Gerade von Ihnen habe ich das erfahren müſſen!“ Gerhard ſah ſich mit einem Male in den Himmel emporgehoben. Er hörte nicht mehr den tiefgekränkten Ton, jeder Vorwurf klang wie eine Verheißung des höchſten Glückes in ſeinen Ohren. Er hatte alſo nicht Unerreichbares geträumt, nicht die Hoffnungen eines Thoren genährt, wenn er Zeichen keimender Liebe in Adriennens Benehmen zu entdecken wähnte. Dies holde Weſen war ihm gut und freute ſich ſeiner Neigung. Gerade der Unmuth, der Schmerz, den ſie darüber äußerte, ſich verkannt zu ſehen, waren ja ein Geſtänd⸗ niß, das ihn ſelig machte. „Iſt es möglich, mein Urtheil gilt Ihnen mehr als das jedes Andern!“ rief er, den Jubel ſeiner Stimme mühſam zum Flüſtertone dämpfend.„Iſt es möglich? Sagen Sie, ſagen Sie, Adrienne, Sie ſtoßen meine Liebe nicht zurück?“ „Sie irren ſich“, entgegnete Adrienne feſter.„Es handelt ſich nicht darum, was ich empfand, ſondern was ich jetzt fühle. Wir haben uns beide falſch beurtheilt. Ich ſehe, daß ich Unrecht gethan habe, als ich dem Rathe meiner Schweſter folgte; ich hätte es nicht thun 154 und Ihren Boten zurückſchicken ſollen, ſtatt Ihre Ge⸗ ſchenke in unverzeihlicher Schwäche anzunehmen. Sie betrachteten dieſelben als einen Kaufpreis, durch wel⸗ chen Sie das Recht erworben zu haben glaubten, mich zu beleidigen und hier einzudringen. Da nehmen Sie den Schmuck zurück, den ich niemals hätte anlegen ſollen. Er war mir lieb und werth, weil— weil er von einem Manne kam, dem ich mehr zu ſein glaubte und dem ich weniger bin als jede andere meines Geſchlechts.“ Die Kraft und Schärfe der erſten Worte war ge⸗ wichen, mit der ſteigenden Wärme zugleich hatten ſich wieder Thränen eingeſtellt und drohten die Stimme ganz zu erſticken. Mit nervöſer Haſt ſchloß Adrienne das Armband auf und legte es auf den Tiſch, ſie nahm die Broche aus ihrem Kleide und that ſie dazu, dann langte ſie nach dem Ohrgehänge, es loszulö⸗ ſen, daran aber hinderte ſie Gerhard, der plötzlich ihre beiden Hände erfaßte und feſthielt. „Thun Sie das nicht, Adrienne“, ſagte er bewegt. „Tragen Sie den Schmuck immer zum Angedenken an dieſe Stunde, und glauben Sie daß kein unlauterer Ge⸗ danke jemals meine Verehrung für Sie befleckte. Ich hätte niemals gewagt, ein Herz mit Edelſteinen erkaufen zu wollen, gegen das alle Koſtbarkeiten der Welt nur tau— 155 bes Geſtein ſind. Ein ſolches Herz iſt nicht zu erkaufen⸗ es kann dem Glücklichen nur wie ein Geſchenk des Him, mels zufallen und um ſeine Stirne ſtrahlt dann Ster⸗ nenglanz.“ Nicht um eine Welt hätte er das ſüße Mädchen über ihren Irrthum aufklären mögen, den er jetzt voll⸗ kommen begriff. Beſſer, der Schmuck galt auch ferner⸗ hin als ſein Geſchenk und er wurde durch Rückerſtat— tung der Koſten an Streicher wirklich dazu, als daß eine unzarte Auseinanderſetzung zu einer neuen Be⸗ ſchämung führte. Adrienne ſollte vor ihm nicht zu erröthen haben und vor keinem andern Mann. Von ihm, nur von ihm ſollte ſie Geſchenke angenommen haben und auch das nicht einen Augenblick länger be⸗ reuen. Wer weiß, was geſchehen wäre, wenn ihm die Gegenwart des ſehr verwundert dreinſehenden Knaben nicht Selbſtbeherrſchung auferlegt hätte. So begnügte er ſich, Adriennens Hände feſtzuhalten und zu drücken. „Darf ich glauben, Adrienne“, ſprach er ihr leiſe ins Ohr,„daß mir ein ſolches Geſchenk zu Theil würde? Geben Sie mir eine Antwort, welche immer, und ich verlaſſe ſofort dies Gemach.“ Ein ſtarkes Zittern hatte Adrienne erfaßt und Gerhard konnte es an ihren Händen fühlen, ſie ließ den Kopf auf ihre Bruſt herabſinken, ſprach aber kein A 15 Wort, da beugte er ſich noch tiefer herab auf ihr duf⸗ tendes Haar und drängender, weich und warm klang ſeine Stimme. „Soll ich ohne Antwort gehen, als Bettler, oder als der glücklichſte Mann, der das Jawort ſeiner Braut mit ſich nimmt?“ „Es iſt nicht Ernſt“, entgegnete ſie nach einer kurzen Pauſe, während welcher Gerhard ſein Herz ſo laut pochen hörte, als ob ein Hammer auf einen Schrein ſchlüge, zagend und faſt unhörbar. Gerhard aber preßte ihre Hände noch feſter. „Willſt Du noch heute als mein Weib mit in meine Heimat ziehen?“ fragte er feurig. Sein Athem ſchlug wie eine Flamme aus dem Munde und um— wehte den feinen Hals Adriennens, den die zu beiden Seiten herabgeglittenen Locken in ſeiner reizenden Bie⸗ gung freiließen. Jetzt erſt hob ſich ihr Kopf und lehnte ſich lang⸗ ſam zurück, ſodaß das noch in Thränen gebadete Auge ſchmachtend nach Gerhard aufſah, während ein glück⸗ liches Lächeln aus ihren ſchönen Zügen ſtrahlte, ihre gefangenen Hände erwiderten nun auch den Druck und gaben Antwort ſtatt der Lippen, die Gerhard nach einem lauten Jubelruf mit einem verſengenden Kuſſe ſchloß. 157 Er hatte alle Rückſicht auf die Anweſenheit ſeines kleinen Führers vergeſſen. Dieſer aber machte ſich ſo⸗ gleich bemerkbar. „Que fais tu? Je le dirai à maman!“ rief er, an Adriennens Seite ſpringend, und nahm eine ent⸗ ſchiedene Stellung gegen? Gerhard an, die bedrohte Tante ernſtlich zu vertheidigen. Dieſe hatte Mühe, ihren kleinen Ritter zu beruhi⸗ gen, und es gelang ihr nur durch den Hinweis auf Nero, der bei einer wirklichen Gefahr gewiß nicht ſo ruhig dagelegen hätte. „Warum willſt Du ihn nicht zu ſeiner Mutter laſſen?“ fragte Gerhard, der ſich jetzt einen Seſſel heranſchob und wieder nach Adriennens Händen langte. Das Mädchen aber ſchlug den⸗Blick nieder und ſchüttelte mit leiſem Lächeln den Kopf. „Sie wollten ja mit der Antwort gehen. Nein, nein, die Hände ſind ganz roth geworden— ſonſt muß ich Nero zu Hülfe rufen.“. Gerhard betrachtete mit Entzücken die rothen Fin⸗ gerchen, die er in ſeiner Aufregung wirklich mißhan⸗ delt hatte, und bedeckte ſie mit Küſſen. „Jetzt ſoll ich gehen? Das kann Ihr Ernſt nicht ſein, Adrienne“, proteſtirte er lebhaft.„Jetzt, wo ich ja gewiſſermaßen ein Recht habe, hier zu verweilen, 158 und wäre es nur, um mich von der allzu ſtrengen Buße zu erholen, welche Sie mir für mein unbedachtes Ein⸗ dringen auferlegten. O wie ſegne ich jetzt meinen klei⸗ nen Freund! Du ſollſt“, ſetzte er franzöſiſch hinzu, „zum Chriſtbaum ein ganzes Magazin von Suchard in Neufchatel leeren, mein kleiner Neffe.“ „Indeſſen aber kannſt Du dort in der Ecke mit Deinen Soldaten ein wenig ruhig ſpielen“, fügte Adrienne bei, und wieder deutſch ſprechend, fuhr ſie fort:„Ich ſoll alſo das Armband wieder nehmen?“ „Ja ja, Alles und noch viel mehr dazu, mein Engel“, drängte Gerhard und legte das Bracelet ſelbſt um das ſchöne, zierlich geformte Gelenk, womit er aber nicht ſehr raſch zu Stande kam, denn immer wieder machten ſich ſeine Lippen an derſelben Stelle zu ſchaffen. „Ich bin des Schmuckes ſo ungewohnt“, äußerte Adrienne,„ich bin ein armes Mädchen.“ „Wer Augen hat wie Du und ein ſolches Herz“, betheuerte er,„iſt reicher als die mächtigſte Köni⸗ gin.“ Sie ſchüttelte ernſtlächelnd das Haupt. „Es iſt nicht ſo“, erwiderte ſie.„Solange ich im Penſionat war, hatte ich allerdings die Idee, das Beſitzthum ſei nicht von Wichtigkeit; ſeit dem Jahre, 159 daß ich ausgetreten bin, hat ſich meine Anſicht ſtark geändert. Die würdigen Frauen hatten nicht ganz Recht, denn wäre ich nicht arm geweſen, ſo hätte ich mich frei gefühlt zu gehen, wohin ich wollte, wäre dies auch ins Kloſter zurück geweſen.“ „Dann hätte ich Dich ja nicht gefunden.“ Ein Blick, ein Druck der Hand lohnte ihm dies Wort. „Ich wäre aber auch nicht ſo ſehr von Zu— dringlichen verfolgt worden, daß ich ja früher ſelbſt Ihnen mißtraute. O es iſt ſehr verzeihlich, daß ich es that, heute erſt war ich gezwungen, das häß⸗ liche, unverſchämte Geſchwätz eines Gecken mit anzu— hören.“ „Wer unterſtand ſich?“ fuhr Gerhard auf. Adrienne nannte den Grafen Hilmersdorf. Schon tags zuvor war er in der Villa eingekehrt, hatte die Damen jedoch nicht zu Hauſe getroffen, wie ja auch Broche und Ohrgehänge in ihrer Abweſenheit abgege⸗ ben worden waren, da ſie den Nachmittag in Vevay zugebracht hatten, wo ſie auch zur Vorſtellung im Thea⸗ ter blieben. Heute nun hatte ſich der Graf ſchon um die Mittagsſtunde vor dem Dejeuner eingefunden und einen Sturm auf Adrienne verſucht. Er hatte ihr auch eine Caſſette mit Perlen anzubieten gewagt, die ſie aber, 160 wie ſie Gerhard verſicherte, mit großer Entrüſtung von ſich gewieſen habe. „Ich nehme nur von meinem Bräutigam Geſchenke ¹“, hatte ſie erwidert, worauf ihr die Schweſter höh⸗ diſc zurief, ob Strandau etwas vor dem Grafen vor⸗ aus habe. „Ich war beſchämt, in die Erde hätte ich ſinken mögen“, ſetzte Adrienne ſchließlich hinzu;„damals hatte ich ſchon das Gefühl, daß ich nicht richtig gehandelt habe. Bracelet und Ohrgehänge ſchienen mir glühend und brannten mir ins Fleiſch.“ „Und Du haſt ſie doch getragen“, jubelte Ger⸗ hard,„weil Du mich liebteſt, weil Du wußteſt, daß ich Dich zu meinem Weibe verlangen würde!“ Es war wieder nur ein einziger inniger Blick, der Antwort gab, aber er reichte hin, Gerhard in ſeiner Trunkenheit zu erhalten. Er wäre anbetend zu des Mädchens Füßen geſunken, wenn ihn nicht der Ge⸗ danke an Maxime's Gegenwart zurückgehalten hätte. Er ſah ihr in die dunkeln Augen, auf die roſigen Lippen, auf die feinen Fingerſpitzen, er dachte an ſein Glück und hörte nur zerſtreut der weitern Erzählung zu. Was lag ihm an Graf Hilmersdorf? In ſeiner Seligkeit fühlte er faſt ein Bedauern für den unter⸗ legenen Nebenbuhler, der ſo ſicher auf ſeinen Sieg ge⸗ zählt hatte und nun arglos bei den Karten unten ſaß, während der höhere Preis hier oben von einem An⸗ dern gewonnen ward. Zum Frühſtück hatte ſich auch noch Lord Aysmonds eingefunden und, als ſich der Graf gegen ihn über Adriennens Sprödigkeit beklagte, den Schmuck, ohne viel zu reden, genommen und galanterweiſe Madame de Granier übergeben,„zu deren Teint die Perlen vor⸗ trefflich paſſen müßten“. geſchlagen, nach Tiſche eine Partie Ecarté um den Schmuck zu ſpielen, gegen welchen er fünfzig Napoleons⸗ dor einzuſetzen ſich bereit erklärte. Und der Graf war darauf eingegangen; im Eifer des Spiels hatte er daß Adrienne ſich ganz im Stillen der einen Partie waren dann Madame de Granier leiſtete den nicht einmal bemerkt, zurückgezogen. wohl mehr geworden. Herren Geſellſchaft. „Wenn ſie nur bald gingen“, äußerte Gerhard, „damit ich mit Ihrer Schweſter ſprechen kann, Adri⸗ enne.“ „Wozu?“ „Ich muß doch ihre Zuſtimmung verlangen.“ „Sie hat kein Vormundſchaftsrecht über mich.“ „Alſo Ihre Tante.“ Adrienne erröthete und ſah verlegen zu Boden. Byr, Romaden. III. 161 Dem Grafen hatte er vor⸗ 11 162 „Auch dieſe nicht“, ſagte ſie leiſe;„mein Vormund iſt Herr Moſer in Thun, der ſich aber nicht viel um mich kümmert und ſo ziemlich alle Laſten auf Monſieur de Granier abgewälzt hat, welcher ſeit dem Tode meiner Aeltern für mich ſorgt. Er wurde kurz danach mein Schwager— ich war zur Zeit in Lauſanne— und hat mich bis vor einem Jahre dort gelaſſen und die Penſion für mich bezahlt. Meine Aeltern ſtarben lei⸗ der, ohne mir ein eigenes Vermögen zu hinterlaſſen. Mein Vater hieß Schmiedli und war der Pachter eines der erſten Hotels in Thun. Einige Unglücksfälle brach⸗ ten ihn in der Wirthſchaft zurück; als meine Mutter ſtarb, wurde er trübſinnig und überließ den unred⸗ lichen Leuten die Führung des Geſchäfts; zuletzt hat er ſich in den See geſtürzt, da ſeine Verhältniſſe ganz zerrüttet waren. Es war eine traurige, ſchwere Zeit.“ Gerhard wollte zwar die verhältnißmäßige Ruhe, mit der Adrienne von dieſen Angelegenheiten ſprach, nicht ganz gefallen, aber er erwog dann wieder, daß ſchon Jahre darüber hingegangen waren, und daß die Tochter vielleicht aus Pietät verſchwieg, wie wenig dieſer Vater verſtanden hatte, ſich die Liebe ſeiner Kinder zu erwerben. Jetzt gefiel es ihm ſogar, daß Adrienne keine tiefe Rührung heuchelte, und dieſe un⸗ 163 geſchminkte Aufrichtigkeit erſchien ihm als das beſte Zeugniß für Herz und Charakter des Mädchens, das bald ſeine Frau ſein ſollte. Er betheuerte mit feuri⸗ gen Worten, daß er der Geliebten jene Zeit vergeſſen machen werde. Sie ſenkte ein wenig ſchwermüthig den Kopf. „Und werden Sie ſelbſt vergeſſen, in welcher be⸗ ſchränkten Lage, in welchen eigenthümlichen Verhält⸗ niſſen Sie mich gefunden haben?“ fragte ſie ſeufzend. Im ſelben Augenblickte erklärte Maxime, ſeine Bleiſoldaten unwirſch zur Seite ſetzend, es ſei lang⸗ weilig; wenn man nicht ſo ſpreche, daß er's verſtehe, wolle er lieber gar nicht zuhören. Er rief Nero, mit dem er ſich wenigſtens verſtändigen zu können behaup⸗ tete, und lief aus der Stube. Die Beiden waren nun allein und Gerhard benutzte den Moment, Adrienne in ſeinen Arm zu nehmen und an ſeine Bruſt zu ziehen. „Ich werde es nie vergeſſen, niemals!“ ſchwor er ihr unter leidenſchaftlichen Küſſen.„Wunderbilder ſind noch niemals in Paläſten aufgetaucht, Du aber biſt das einzige, an das ich glaube, und wie eine Legende will ich die Erinnerung an Deine Auffindung bewah⸗ ren. Der Heiligenſchein, der Dich umſtrahlt, verwan⸗ delt mir dieſe Kammer in eine hohe prächtige Kirche 11* 164 und mit jedem Kuſſe trinke ich von Deinen Lippen ewi⸗ ges Leben. Du mein Glück, Du mein Heil!“ Hingebend lag ſie an ſeiner Bruſt, ſie ſchien auf⸗ gelöſt in Liebe und ⸗Seligkeit, aber wie ſich beſinnend, löſte ſie ſich ſchon nach wenigen Sekunden aus ſei⸗ nen Armen. In holder Verwirrung drängte ſie ihn von ſich. „Wir dürfen nicht allein bleiben, Gerhard“, ſagte ſie mit einem weichen Lächeln, das um Nachſicht zu bitten ſchien.„Laß uns hinabgehen zu den Andern, oder geh Du!“ Es war ein eigenthümliches Gefühl, das Gerhard bei dieſen Worten beſchlich. Er war ſo glücklich ge⸗ weſen, ſie ohne Zeugen an ſéin Herz ſchließen zu kön⸗ nen, ſein geliebtes Mädchen, ſeine Braut, er rief ſie leiſe jubelnd bei dieſem ſüßen heiligen Namen und ſie konnte im ſelben Augenblick etwas befürchten und an die Gebote des Anſtandes denken! War dies kühle Klugheit oder feine Koketterie? Dieſe Reflexion aber kam nicht zum Durchbruche. Er war ſo entzückt, ſo berauſcht, daß er für Alles, was ſie that, Gründe fand, die ihn zu neuer Bewunderung zwangen und die Glut ſeines Herzens anfachten. So vorſichtig, ſo zart⸗ fühlend mußte ein keuſches, reines Gemüth wie das ihre werden, ſagte er ſich, wenn es, ganz auf ſich allein 165 angewieſen, in ſolcher Umgebung jeden trübenden Hauch von ſich abhalten wollte. Wie ein Engel mit glänzend weißen Schwingen erſchien ſie ihm, und nur die Angſt erfaßte ihn, ſie möchte gleich einer ſolchen Himmels⸗ erſcheiuung vor ſeinen Augen ſich zu den Wolken er⸗ heben oder in Glanz und Duft zerfließen. Darum vermochte er auch nicht zu gehen und ſie zurückzulaſſen. Lieber noch entſchloß er ſich dazu, mit ihr gemeinſam den Salon zu betreten. Als beide Arm in Arm die Treppe hinabgeſtiegen waren, theilte ihnen die verwundert dreinſehende Magd mit, daß Lord Ays⸗ monds das Haus bereits verlaſſen habe. Auf der Schwelle des Salons trafen ſie auf den Grafen, welcher eben im Begriffe war, ſich eilfertig von Ma⸗ dame de Granier zu verabſchieden. „Ach, jetzt erſt kommen Sie, ſpröde Diana!“ rief er Adrienne vorwurfsvoll zu, und Gerhard erſehend, ſetzte er in ungewöhnlich gehobener Laune hinzu:„Sie, Strandau? Ah, ich ſollte Ihnen das Feld zwar nicht räumen, aber es iſt mir nicht bange. Ich habe Glück gehabt und muß die Chance ausbeuten. Seit einem Monat das erſte Glück. Ich muß nach Saxon. Ich habe gewonnen, gratuliren Sie mir, viel ge⸗ wonnen!“ „Ich condolire“, verſetzte Gerhard, ſich mit gut⸗ 166 müthigem Spott verbeugend. Das tolle Herz hüpfte ihm über die Zunge.„Sie haben verloren, Herr Graf.“ „Voilà die Louisdors!“ rief der Graf, zum Be⸗ weiſe ſeine volle Börſe hebend.„ „Und hier— meine Braut.“ ——— Sechstes Ka pitel. Geſchiedene Wege. Erſt ziemlich ſpät am Abende kam Gerhard in die Penſion zurück, er hatte ſich nicht früher loszu⸗ reißen vermocht. Wie viel war nicht mit ſeiner Braut und Madame de Granier, die durchaus keine über⸗ mäßige Freude über die Mittheilung zeigte, zu beſprechen geweſen! Auch fühlte er kein beſonderes Verlangen, all den neugierigen Blicken, den verſchiedenartig ge⸗ meinten Glückwünſchen zu begegnen, die ihn ſicherlich zu Hauſe erwarteten. Nicht einen Moment zweifelte er daran, Graf Hilmersdorf habe die überraſchende Tagesneuigkeit, die ihn ſo ſehr verblüffte, daß er ſprachlos aus der Villa fortgerannt war, ſogleich in Umlauf geſetzt, und ſonderbar erweiſe empfand er unmittelbar nach dem über ſeinen Nebenbuhler ge⸗ feierten Triumph einen merklich ernüchternden Rück⸗ 168 ſchlag, der ihn den errungenen Sieg lange nicht mehr mit derſelben Ueberſchwänglichkeit betrachten ließ. Es ſtellte ſich eine Mahnung jenes unnennbaren Gefühls ein, das Mancher, der ſeinen Hunger geſtillt, noch wie ein Verlangen nach etwas empfindet, was er ſelber nicht zu bezeichnen vermag. Dieſer leiſe, kaum merk⸗ bare Mangel an innerer Befriedigung war auch ſchuld daran, daß Gerhard eine gewiſſe Scheu trug, den Conſequenzen der Veröffentlichung ſeines Verhältniſſes entgegen zu treten. Den Sternen hätte er ſein Glück anfangs zujauchzen mögen und nun würde er es gern vor den Menſchen verhehlt haben. Nur ſeinem Freunde glaubte er Aufrichtigkeit ſchuldig zu ſein, wiewohl er überzeugt war, daß Strei⸗ cher ſo gut wie das ganze Haus ſchon von ſeiner Verlobung unterrichtet ſei. Der Freund hatte ein An⸗ recht, derlei aus des Freundes eigenem Munde zu er⸗ fahren, zudem war ja noch der Schleier zu lüften, der jenes geheimnißvolle Billet und deſſen Abſenderin um⸗ gab. Gerhard mußte ſich daher, da das Souper vor kurzem erſt beendet war, zum Eintritt in den Salon entſchließen, um Streicher, welcher nach der Ausſage des Portiers zu Hauſe war, dort aufzuſuchen. Das allgemeine Schweigen, das ihn empfing, ſchien ihm ſeine Vorausſetzung zu beſtätigen, doch b 169 ſchritt er tapfer in den Saal hinein und begegnete feſten Auges den auf ihn gerichteten Blicken. Er ſah ſich nach allen Seiten um, doch ohne Streicher zu entdecken. Um in die Veranda zu gelangen, wo er ihn vermuthete, mußte er knapp an der Baronin vor⸗ über, welche an dem Zeitungstiſch inmitten des Zim⸗ mers ſtand. Eben als er dies mit leichter Verbeugung verſuchte, hielt ſie ihn an. „Ich gratulire Ihnen, Herr Strandau“, ſagte ſie, „der Streich iſt Ihnen gelungen.“ Gerhard verbeugte ſich, es ſchoß ihm aber dabei das Blut ins Geſicht und er biß ſich auf die Lippe. 1 Das Kreuzfeuer hatte alſo begonnen, aber die Aus⸗ drucksweiſe der Baronin ſchien ihm höchſt ſonderbar, ſodaß er eine Erklärung gefordert hätte, wäre er einem Manne gegenüber geſtanden. „Ein Streich, Baronin, dürfte es wohl nicht ge⸗ nannt werden“, entgegnete er, ſie ſchnitt ihm indeſſen das Wort ab. „Nun denn, immerhin war es eine glänzende Revanche. Der Kapitän hat uns Alles erzählt. Jene Intriguenſpinnerin“, ſchloß ſie mit einem bezeichnenden Blick auf die in der Ecke ſitzende Frau von Rüderich, „iſt außer ſich und ich freue mich mit Ihnen.“ Gerhard dankte, da nichts Anderes zu erwidern 3‿ — — 1 4. —— 170 war, und ging weiter. Die Baronin war alſo von der Partei, die ſich auf ſeine Seite ſtellte. Daß Frau von Rüderich zur entgegengeſetzten gehörte, erſah er aus ihren Blicken und der Art, wie ſie ihrem Gatten Bemerkungen zuflüſterte, die Gerhard mit gutem Grund auf ſich bezog. Wie ſehr wäre er aber erſtaunt ge⸗ weſen, wenn er die Worte vernommen hätte! „Du ſiehſt, ich täuſche mich nie in meinen Vor⸗ ausſetz ungen“, hatte ſie ihrem Gatten zugeziſchelt.„Sie hat ihn ſogleich zurückgehalten und gewarnt. Wenn der verrückte Menſch hier wäre, es gäbe etwas Un⸗ geheueres. Dieſe ruſſiſche Katze ſpielt ihre Karten gut, aber ſie rechnet nicht mit der wahnſinnigen Leiden⸗ ſchaft des Betrogenen. Unbegreiflich iſt die Blindheit des Gatten.“ „Unbegreiflich!“ ſtimmte Herr von Rüderich kopf⸗ nickend bei. „Wir werden noch Allerlei erleben! Wie hätte ich denken können, daß ich in ein ſolches Wespenneſt ſtach!“ „Wie hätte man's denken können!“ Gerhard war unterdeſſen in die Veranda getreten, da er hier aber Niemand fand, kehrte er zurück. Es war ihm faſt lieb, den Salon verlaſſen zu können, ohne Mr. Lesley begegnet zu ſein. Er fühlte ſich be⸗ 171 engt; ſelbſt Lizzie hatte einen ſo auffallend fragenden Blick auf ihn gerichtet, daß er den ſeinen beinahe niederſchlug. Langſam ſtieg er die Treppe in den zweiten Stock hinauf und pochte an Streicher's Thür, gleichzeitig ſeinen Namen nennend, da er ſeines Freun⸗ des Gewohnheit, ſich ſtets vorſichtig einzuſchließen, kannte. Es wurde auch ſogleich aufgethan. Das Zimmer war ſo dicht mit Rauch erfüllt, daß Streicher's Geſtalt faſt nicht erkennbar war. „Du biſt wieder einmal wie Zeus in Wolken ge⸗ hüllt“, begann Gerhard, während ſein Freund die Thür wieder ſorglich abſchloß. „Ich glaubte ſchon, Du kämſt heute gar nicht mehr“, entgegnete dieſer,„und wir haben doch, denke ich, zu ſprechen mit einander.“ „Ich erlaſſe Dir die Gratulation“, kam Gerhard raſch zuvor,„ſie geht Dir doch nicht von Herzen und iſt auch die erſte nicht mehr.“ „So, man hat Dir gratulirt?“ fragte Streicher verwundert, wobei er ſich aber ganz ruhig aufs Sopha ſtreckte. Gerhard ſchloß daraus auf eine verhältniß⸗ mäßig gelaſſene Stimmung und fühlte ſich dadurch ſelbſt erlelchtert. Nicht wenig überraſcht aber war er, als auf ſeine Entgegnung, daß Baronin Leſtow ihn 172 beglückwünſcht und auf Frau von Rüderich's Miß⸗ ſtimmung aufmerkſam gemacht habe, die Antwort er⸗ folgte:„Ha, ich kann mir denken, daß auch Du Deinen Theil wegbekommſt. Ich habe ihr nicht übel mitge⸗ ſpielt!“ „Du? Aber was was hat denn dieſe Frau mit der Sache zu ſchaffen?“ „Ahnungsloſes Gemüth! Niemand anders als ſie iſt die geheimnißvolle Rendezvousertheilerin. Sie ſcheint in Ermangelung anderer literariſcher Erzeug⸗ niſſe einen Briefſteller für Liebende herausgeben zu wollen und will wahrſcheinlich die Wirſamkeit der einzelnen Schriftſtücke zuvor erproben, um ſie den un⸗ beholfenen Gänschen verbürgen zu können, wie die Hexen von ehedem die Wirkung ihrer Liebestränklein.“ „So wäre alſo Alles auf die einfachſte Art ge⸗ löſt. Aber wie konnte dieſes boshafte Weib auf eine ſolche Idee kommen? Das iſt ja die ſchändlichſte Ver⸗ leumdung!“ „War ja kein Name genannt. Ich bekenne mich der falſchen Auslegung in dieſem Falle ſchuldig. Es hat mich ſchon genug geärgert, aber ich habe ihr dafür auch gehörig heimbezahlt. Denken ſoll ſie an mich ihr Leben lang! Nicht einmal das Nachteſſen hat ihr gemundet, und ſie leiſtet ſonſt etwas darin, als 173 hätte ſie einen Theil der Studien ihres Mannes über die Volkskoſt übernommen, auch wenn ſich dieſelbe ſchon in ſehr verfeinertem Stadium befindet. Vieleicht hält ſie mich für wirklich übergeſchnappt— nun, das hat dann auch nichts zu ſagen.“ Streicher erzählte nun Alles, was ſich bei der alten Kirche zugetragen hatte, und ſein ungemein hei⸗ terer Ton wie die komiſche Manier, in welcher er die ſtattgehabte Scene ſchilderte, bewies, wie ſehr ihn die Erinnerung noch beluſtigte. „Ich kann behaupten“, ſchloß er,„daß ich dieſer verkünſtelten Mumie ſogar einen Naturlaut erpreßt habe. Sonſt würde ſie ihren Mann beileibe nicht an⸗ ders als Herr von Rüderich nennen, in der Seelen⸗ angſt rief ſie ihn ganz kurzweg Hans! Man muß eine ſo ſcharfe Beobachtungsgabe haben wie ich, um dies in einem ſolchen Moment zu bemerken, nicht wahr?“ „Ich zweifle nicht“, entgegnete Gerhard, ſtatt auf Streicher's ſelbſtgefällige Frage zu antworten,„daß Du Dir eine Todfeindin gemacht haſt.“ „Als ob mir etwas daran läge! Aber Du ge⸗ fällſt mir. Statt zu danken, daß ich aus Freudſchaft für Dich zuerſt all das Ungemach auf mich nahm und dann Rache übe, ſcheinſt Du mir noch einen Vorwurf machen zu wollen.“ „. ℳ ——— —* - — ——yy—-— —— 174 „Das fällt mir nicht bei, nur meine ich, haſt Du doch nicht aus Freundſchaft die mir zugedachte Rolle übernommen. Du wollteſt eben gar nichts davon wiſſen, daß der Brief auch an einen Andern gerichtet ſein könnte. Was Du erlittſt, dankſt Du alſo der Selbſttäuſchung, was Du thatſt, geſchah für Dich.“ „Da ſieht man den Egoiſten, der ſogar jede Ver⸗ pflichtung von ſich abwälzen möchte!“ rief Streicher unwillig aus.„War es denn ein Wunder, daß ich den Brief für eine Antwort auf meine Geſchenke hielt, und für wen machte ich die, als für Dich?“ „Sage lieber, gegen mich. Doch ich will an⸗ nehmen, ſie ſeien für mich geweſen und daher wirſt Du mir erlauben, Dir die ausgelegte Summe zurück⸗ zuerſtatten. Wie viel bezahlteſt Du?“ „Man bezahlt den Apotheker erſt, wenn der Kranke geheilt oder geſtorben iſt. Biſt Du geheilt?“ „Van allen meinen Zweifeln, wie Dir der Schritt, den ich gethan, beweiſen mag.“ Streicher richtete ſich plötzlich auf. „Was für ein Schritt?“ rief er erſtaunt. „Stelle Dich doch nicht, als ob Du nichts wüßteſt.“ „Aber zum Teufel, ich weiß wirklich nichts! Rede!“ 175 „Hat denn Graf Hilmersdorf nicht geſprochen?“ „Der Graf? Ich habe ihn nicht geſehen. Weiß Gott, wo der iſt; beim Souper war er nicht.“ Gerhard ſchlug ſich an die Stirn. Graf Hilmers⸗ dorf hatte alſo geſchwiegen, wiewohl ſich nicht leicht erklären ließ, aus welcher Urſache. Vergeßlichkeit oder Eile konnte es nicht ſein; ſo ſehr er ſich vielleicht auch dazu halten mußte, zum Zuge zurecht zu kommen, hätte er doch immerhin noch ſo viel Zeit gewinnen können, die Neuigkeit irgend Jemand im Hotel mit⸗ zutheilen. Wäre dies geſchehen, ſo hätte man die Sache ſicherlich beim Souper beſprochen und Streicher würde davon gehört haben. Alles, was Gerhard in den auf ihn gerichteten Blicken vorhin zu leſen geglaubt, war alſo nur ſeine eigene Einbildung geweſen. „Ich begreife jetzt“, ſagte er;„der Streich, zu deſſen Glücken mir die Baronin gratulirte, war jener, den Du Frau von Riüderich geſpielt.“ „Natürlich, wozu ſonſt hätte ſie Dir gratuliren ſollen?“ „Ich dachte, es ſei zu meiner Verlobung“, entgeg⸗ nete Gerhard zaudernd. Der Effect, den dieſe Worte hervorbrachten, war ein ſeltſamer. Streicher lehnte ſich ſpöttiſch lachend zurück und blies dichte Rauchwolken von ſich, erſt auf Ger⸗ 176 hard's Frage, warum er lache, entgegnete er bequem und gutmüthig: „Wenn Du eine ſolche Dummheit wirklich be⸗ gingeſt, dürfte Dir höchſtens condolirt werden. Daß ſich heute die Sache anders, als ich erwartete, ent⸗ wickelt hat, ermächtigt noch nicht zu dem Schluß, es werde auch weiterhin ein poſſenhafter Verlauf und ein gleiches Schlußtableau ſtatthaben, bei dem Du als düpirter Bräutigam figurirſt, zum großen Gelächter des Publikums.“ „Ich habe Dich zu Ende reden laſſen“, erwiderte Gerhard, dem aus Unmuth das Blut ins Geſicht ſtieg, mit mühſam erzwungener Ruhe,„weil ich ſehe, daß Du nicht an meinen Ernſt glaubſt. Solange Du gegen eine Anſicht von mir, gegen einen Plan kämpf⸗ teſt, mußte ich Dein Recht zu Einwürfen gelten laſſen. Einer vollendeten Thatſache gegenüber aber dürfteſt Du wohl beſſer thun, Deine Ausdrücke zu modificiren.“ „Einer vollendeten Thatſache gegenüber— was heißt das?“ rief Streicher, indem er, wie von einer unſichtbaren Gewalt in die Höhe geriſſen, aufſprang und ſich weit über den Tiſch lehnte, um ſeinem Freunde beſſer ins Geſicht ſehen zu können. Gerhard erzählte nun in kurzen Worten die Ge⸗ ſchichte ſeiner Verlobung und fügte zum Schluſſe noch em 177 einmal bei, wie er erwarte, daß ſich Streicher als wahrer Freund beweiſen und mit dem Unabänderlichen verſöhnen werde; das Wort ſei einmal gegeben. „Und deswegen ſoll ich ſtill ſein?“ rief Streicher mit einer Stimme, die man drei Zimmer weit hören mußte. „Lächerlich! Ich laſſe mir das Reden nicht verbieten!“ „Dann mäßige wenigſtens Deine Stimme“, fiel Gerhard ein.„Ich hoffe, Du wünſcheſt nur mich, nicht auch den Zimmernachbar zum Auditorium.“ „Es iſt Niemand hier, das kann ein Tauber hören. Die Leute ſind noch im Salon“, behauptete Streicher, noch mehr gereizt durch die Ermahnung, der er aber doch Folge leiſtete.„Ich will und werde reden und ſollte ich mir die Zunge bis zum Zäpfchen dabei abnutzen und eine Lungenſucht davontragen, wie der Kapitän. Du Egoiſt wirſt es freilich nicht zu ſchätzen wiſſen, aber das ſoll mich nicht irre machen. Eine ſolche Partie darf nun und nimmermehr zu Stande kommen.“ „Warum, wenn ich fragen darf?“ „Die Gründe habe ich Dir oft genug wiederholt. Willſt Du ein Mädchen zur Frau nehmen, das ſich Schmuck ſchenken läßt?“ „Von mir. Hätte ſie anders gedacht, ſo würde ſie ihn zurückgewieſen haben.“ Byr, Nomaden. III. 12 178 „So? Glaubſt Du?“ höhnte Streicher.„Und wer gibt Dir Sicherheit darüber? Was warſt Du denn geſtern und vorgeſtern noch mehr als ich? Welche anſtändige Dame, wenn ſie nicht gerade Künſtlerin iſt, nimmt Präſente von Herren an? Geſtern warſt Du noch nicht Bräutigam, geſtern warſt Du blos ein Herr, von dem man nicht wiſſen konnte, ob er nur überhaupt Luſt habe, es zu werden. Glaubſt Du, daß Deine Mutter ein Geſchenk von Deinem Vater ange⸗ nommen hätte, ehe er mit ihr von ſeiner Liebe ge⸗ ſprochen?“ „Streicher!“ ſagte Gerhard vorwurfsvoll. Er fühlte ſich unangenehm berührt; ſein Herz war aber bereit, den Unterſchied mit triftigen Gründen zu belegen, die hinreichten, Adrienne zu rechtfertigen. „Gut, gut. Ich gehe darüber hinweg, aber dieſer Schlingel von Matthieu ſoll mir noch um ein Trink⸗ geld kommen! Ich werde ihn lehren, ein andermal Poſten ſo zu beſtellen, daß nicht einer für den Andern genommen werden kann. Es wäre ſchon für Dich, mein Junge, unangenehm, wenn ſolch ein Tölpel ſpäterhin zu Deiner Frau käme, wieder mit einer Bot⸗ ſchaft von einem Andern, die ſie von Dir gekommen glaubt. Da könnten allerlei pikante Verwickelungen eintreten, denen man nicht zeitig genug vorbeugen —— 179 kann, um ſo mehr, da die Anlage zu Verwechſelungen ſchon vorhanden zu ſein ſcheint.“ „Wenn Du bei ſolchem Tone verharrſt“, entgeg⸗ nete Gerhard finſter und erhob ſich zum Gehen,„haben wir beide überhaupt nichts mehr miteinander zu ſprechen. Adieu!“ „Nichts da, Du bleibſt“, fiel Streicher ein und hielt den Freund am Arme feſt.„Setze Dich, wir werden ganz ruhig über die Sache ſprechen. Ich will meinen gerechten Unmuth beherrſchen und nur mit Gründen ins Feld ziehen. Sage mir, Du denkſt alſo ernſthaft daran, ein Mädchen zu heirathen, das Du erſt ſeit einigen Wochen vom Sehen kennſt, denn ge⸗ ſprochen haſt Du ja noch nicht viel mit ihr? Ah, ich begreife es jetzt, daß die Mütter recht gut wiſſen, wes⸗ halb ſie ihre heirathsfähigen Töchter auf die großen Menſchenmärkte in den Bädern führen. In der Fremde ſtürzt man ſich mit einer größern Leichtigkeit, beinahe mit Todesverachtung in Verhältniſſe, vor denen man ſich daheim, wo man Jedermann kennen will, ehe man ihn nur grüßt, das ganze Leben hindurch weidlich hüten würde. Zu Hauſe zagt, in der Fremde wagt man. So willſt Du heirathen, ohne daß Dir die Vergangenheit Deiner Braut bekannt iſt. Wirf mir nichts ein; Du glaubſt ſie nur zu kennen und nimmſt 180 als Factum, was man Dir zu erzählen für gut fand. Beſtimmt weißt Du nur eins: daß ſie ſchön iſt. Wie es aber mit ihren übrigen Eigenſchaften, mit Herz und Kopf ausſieht, darüber rweißt Du nichts. Ich will Dir ja zugeſtehen, daß achtzig Procente Ehen ge⸗ ſchloſſen werden, ohne daß der Mann von ſeiner Braut mehr weiß, und hat er's weiter gebracht, ſo kann er höchſtens ſagen: Gut, geiſtreich, aber ohne Wiſſen. Ich will auch nicht einmal leugnen, daß das für eine Frau ein Zeugniß cum laude iſt. Man wird ſelten beſſeres finden, aber wenigſtens kennt man die Familie. Erſtens iſt Raſſe kein Vorurtheil, zweitens kann man von den Aeltern auf die Erziehung der Kinder ſchließen⸗ Du ſagſt, brave Leute haben oft laſterhafte Kinder. Zugegeben, aber in den meiſten Fällen nehmen ſich dieſe braven Leute der Erziehung nicht an oder ſie führen ſie mit der beſten Abſicht nach grundfalſchen Principien durch; das aber läßt ſich ganz gut in Erfahrung bringen. Und nun komme ich zum dritten Punkt. Man heirathet immer und überall die Familie ſeiner Frau mit, darum iſt es am beſten, wenn ſie gar keine hat, und iſt dieſes Ideal unerreichbar, ſo ſoll ſie wenigſtens von der Art ſein, daß man mit ihr keine Laſt, keine Schande auf ſich nimmt.“ „Ich habe nicht gewußt, daß Du ein ſolcher Phi⸗ ſi⸗ 181 liſter biſt“, warf Gerhard mit einem ſpöttiſchen Lächeln ein, dem man es aber anſah, daß es ihm nicht recht von Herzen kam.„Soll ich bei Muhme und Gevatter herumfragen und ſcheu darauf horchen, was die Leute ſagen, damit ich's ihnen nur recht mache? Was geht mich die Familie an? Ich ziehe mit Adrienne fort.“ „Und wer verbürgt Dir, daß die Familie nicht nachgezogen kommt? Du würdeſt kein theures Pferd kaufen, ſo edel es Dir auch ſcheinen mag, Du hätteſt Dich denn zuvor von ſeiner Abſtammung überzeugt, weil Du weißt, daß das Aeußere täuſchen kann, und Du willſt den theuerſten Preis, den man bezahlen kann, Deine Freiheit, für eine Frau geben, deren Familie Du nicht kennſt oder vielmehr nur zu ſehr kennſt. Willſt Du ſie an die Seite Deiner Mutter und Deiner Schweſter ſetzen, wenn auch die beiden ſchon lange todt ſind?“ Streicher hatte ganz anders als gewöhnlich ge⸗ ſprochen, ſeine Worte klangen ernſt und feierlich, ein Gefühl durchbebte ſie, wie es kein Menſch dieſem ewig verdrießlichen, ewig ſatiriſchen, leberkranken Manne zugetraut hätte. Gerhard fühlte ſich ergriffen, aber ſein Wille ſtand feſt, er wollte ſich nicht erweichen, nicht bereden laſſen. Was waren all dieſe Vernunftgründe gegen die leidenſchaftliche Sehnſucht ſeines Herzens! 182 „Was ſollen dieſe ſentimentalen Phraſen“, ſagte er,„für die wir beide zu alt ſind? Was heißt das, aus Rückſicht für die Todten der Lebendigen Schickſal beſtimmen zu wollen? Weder Du noch ich ſind An⸗ hänger einer ſpiritiſtiſchen Sekte und wir wiſſen recht wohl, daß der Menſch nicht von einer Schaar unſicht⸗ barer Controleure ſeiner Handlungen umgeben iſt. Wir leben für uns und nicht für unſere Vorfahren.“ „Aber doch vielleicht auch ein wenig für unſere Nachkommen, oder biſt Du auch einer derjenigen, der die Pflichten der Aeltern gegen die Kinder leugnet? Denjenigen, denen man das Leben gibt, iſt man ein menſchenwürdiges Daſein ſchuldig, wenigſtens hat man zu thun, was in unſerer Macht ſteht, um ihnen ein ſolches zu bereiten. Das Thier folgt ſeinem Triebe und hat alſo auch keine Verpflichtung, der Menſch aber hat ſie, denn die Gründung einer Familie iſt in ſeinem Willen gelegen— er kann es auch ſein laſſen.“ „Meine Kinder werden einſtens ſattſam verſorgt ſein.“ „Geld, Geld!“ „Auch an der Erziehung wird es nicht fehlen, mein Wiſſen und mein Herz werde ich ihnen mitzu⸗ geben ſuchen.“ „Und was gibſt Du ihnen für eine Erinnerung — an ihre Mutter mit?“ fragte Streicher langſam und mit feierlichem Ernſt. In Gerhard loderte die Flamme des Enthuſiasmus auf. „Adrienne iſt eine Heilige“, rief er,„und ihre Kinder— wenn dieſes Glück uns jemals geſchenkt wird— werden ſie verehren wie eine ſolche.“ „Du willſt blind ſein— o daß ich Dir die Augen öffnen könnte!“ murrte Streicher zornig.„Geh, geh und werde Du, womit Du mich zu treffen mein⸗ teſt, ein Philiſter! Verkrieche Dich in ein warmes Neſt und ſitze wie eine brave Henne auf den Ciern, kannſt meinetwegen auch, wie die Indianer, jedesmal die Wochenbettviſiten entgegennehmen an Stelle Deiner Frau. Geh und füge Dich gehorſam unter den ſammt⸗ weichen Pantoffel, der ſchon jetzt über Dir geſchwungen wird. Geh, aber ſage niemals mehr, daß Du ein freier Menſch biſt. Lebe Dich ein in all die tauſenderlei Rückſichten; ſchlage die Augen ſittſam nieder, wenn Dir ein ſchönes Weib begegnet, denn Dein Blick könnte Gefallen verrathen und Eiferſucht erregen; verzichte auf die Anſchaffung eines neuen, koſtbaren Buches, denn Deine Frau braucht eine neue Pelzgarnitur; kämpfe die Luſt nieder, dieſem oder jenem intereſſanten Ereigniß beizuwohnen, man braucht Dich daheim, denn Dein Jüngſtes bekommt Zähne; rechne auf keine Unter⸗ ——— 7 . FS — nehmung, nicht auf die Ausführung Deines Lieblings⸗ plans— Deine Frau bekommt zur Unzeit den Schnupfen; irgend eines Hinderniſſes kannſt Du gewiß ſein! Lerne Dich ſchicken wie ein abſoluter Fürſt, der in eine conſtitutionelle Theilung der Gewalt willigt und zuletzt gar keine Stimme, kaum ein Veto mehr hat. Du biſt jetzt eins und unumſchränkter Herr— zer⸗ hacke Dich in Stücke, ordne Dich freiwillig einer Majo⸗ rität unter, die Du Dir ſelber ſchaffſt. Wachſe an die Scholle an und werde Koralle, die nur in ihrem Ge⸗ häuſe vegetirt und losgeriſſen zu leben aufhört. Du warſt ein freier, ſelbſtſtändiger Menſch— geh und ſtecke Dich in einen Kerker, in dem Dir bald genug der Athem fehlen wird, lege Dich an eine Kette, die Dich wund reibt. Du warſt ein Weltbürger, werde Gemeinderath; der ganze Erdball gehörte Dir, hüte Deine vier Pfähle; Du warſt ein Mann, werde zum Hampelmännchen, das Andere am Schnürchen poſſirlich tanzen laſſen; Du warſt Gebieter, werde Sklave! Dein Wille iſt nur noch Meinung, Deine Freiheit ein Märchen aus verklungenen Tagen und Du biſt ein Selbſtmörder, den ich, wäre ich es im Stande, mit Gewalt von dem Abgrunde zurückreißen möchte, in den er ſich in Raſerei hinabſtürzt. Du ſollſt, Du darfſt die Tollheit nicht begehen!“ 185 Es war ein harter, unbeugſamer Ton, in welchem Gerhard antwortete: „Ich werde thun, was mir beliebt. Ich habe in meinen Entſchlüſſen Niemand zu Rathe zu ziehen und bin Herr meiner Handlungen.“ „Haha! Lächerlich!“ lachte Streicher unheimlich auf.„Sage, Du warſt es— Du warſt es! Was Deine Zukunft iſt, ich habe ſie Dir in einem Spiegel gezeigt und nochmals ſage ich Dir—“ „Halt' ein, ich dürfte zum zweiten Male nicht mehr Geduld genug haben, Deine Schrullen mit an⸗ zuhören. Selbſt die Freundſchaft iſt kein Freibrief, um ſich in ein fremdes Leben ſo einzudrängen, daß dem Andern ſelbſt kein Raum mehr für ſich bleibt. Es hat ſich bei Dir eine Herrſchſucht entwickelt, die uner⸗ träglich wird; können wir nicht mehr in Frieden neben⸗ einander leben, ſo iſt es beſſer, wenn wir unſere Wege trennen. Es thut mir leid, Dir dies ſagen zu müſſen, aber Du ſelbſt läßt mir keine Wahl. Jeder hat das Recht, zu verlangen, daß man ihn ſo nimmt, wie er iſt; convenirt eins dem andern nicht mehr, ſo löſt ſich eben das Band von ſelbſt, denn daß ſich der eine dem tyranniſchen Geſetze des andern gemäß ummodeln ſoll, iſt die Forderung eines Feindes, der um die Herr⸗ ſchaft kämpft, und wäre es ſelbſt unter der Maske der 186 Theilnahme und Freundſchaft. Du willſt nicht mein Genoſſe, Du willſt mein Herr ſein und Deine lebhafte Polemik führt eigentlich die Eiferſucht des in ſeiner Macht bedrohten Gebieters. Ich will es denn doch noch lieber darauf ankommen laſſen, ob jene von Dir prophezeite Epoche kommen wird, wo ich der Sklave meiner Frau und meiner Familie bin, als daß ich mich heute ſchon zu dem eines mit der Welt immer mehr zerfallenden grillenhaften Hypochonders mache. Feſſeln, die ich nicht ſehe und fühle, fürchte ich auch nicht, ſie können mich niemals drücken, Du aber klirrſt zu un⸗ beholfen mit jenen in Deinen Händen, als daß ich ſie mir gutwillig anlegen laſſen ſollte. Man ſieht ihnen die Schwere an. Suche Dir einen andern Knecht!“ Gerhard verließ nach dieſen in großer Aufregung geſprochenen Worten das Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten, aber Streicher hatte gar keine im Sinne, er hielt den ſcheidenden Freund auch nicht zurück. Ge⸗ dankenvoll lehnte er am Tiſche und hatte ſogar ſeine Cigarre vergeſſen. Immer war Gerhard der Gutmü⸗ thige, der Nachgiebige geweſen, tauſend Sonderlich⸗ keiten hatte er lachend oder ſchweigend hingenommen, ſodaß Streicher ſich unwillkürlich daran gewöhnt hatte, ihn wie einen jüngern Bruder, in einer gewiſſen Ab⸗ hängigkeit von ſich zu betrachten. Die ſchließliche Auf⸗ 187 lehnung jetzt, wo es nicht mehr Nebenſächliches, ſondern wichtige Lebensfragen betraf, wirkte ſo ungemein über⸗ raſchend auf Streicher, als hätte er in einem plötzlich vorgehaltenen Spiegel ſein eigenes Antlitz grell be⸗ leuchtet und frazzenhaft verzerrt erblickt. Nicht daß er darob übermäßig erzürnt geweſen wäre— er ſtand und ſann, ob das, was er ſah, Wirklichkeit oder das Er⸗ gebniß eines eigenthümlichen optiſchen Spiels ſei, deſſen Vorgang im Gemüthe ſeines Freundes er ſich zu er⸗ klären ſuchte. Für ihn wie für Gerhard war dieſe Nacht eine ſchlimme. Der Sieg, den Gerhard errungen, hatte für dieſen keine Freude im Gefolge; er ſagte ſich, daß er die ſchärfſten Waffen dazu verwendet habe. Wenn auch, was er geſprochen, vollkommen auf Wahrheit beruhte, hätte es doch in milderer Form gegeben wer⸗ den können; im Grunde hatte Streicher die Vorwürfe verdient, aber ſie waren gerade für ihn, der ſie zum erſten Male hörte und ſich ſeines getreuen Willens be⸗ wußt war, weit verletzender, als ſie aus ſeinem eigenem Munde geweſen wären, wenn ſie Gerhard gegolten hätten. Dieſer war an Streicher's heftige Art gewöhnt, der aber hatte von Gerhard ſeit Jahren kein wirklich unfreundliches Wort vernommen. Dieſe Gedanken verbunden mit der Erinnerung an ſo viele in treuer Freundſchaft verlebte Jahre waren es, welche Gerhard die ganze Nacht nicht recht zum Schlaf kommen ließen. Er gedachte jetzt ſelbſt, obwohl er die Einwirkung der Schatten auf die Handlungs⸗ weiſe der Lebenden unberechtigt genannt, ſeiner Mutter und der einſt von Streicher ſo leidenſchaftlich geliebten Schweſter, und die anerzogene Pietät ward mächtiger in ihm als die klaren Gründe der Vernunft. Nur der Gedanke an Adrienne hielt ihn ab, ſeine ungezügelte Offenheit gegen den Mann, deſſen Freund⸗ ſchaft nun wohl auf immer verſcherzt war, zu bereuen. Kaum daß der Tag anbrach, erhob ſich Gerhard von ſeinem Lager und warf ſich raſch in die Kleider, um einen Schritt zu thun, den vielleicht mancher An⸗ dere, in der Beſorgniß, ſich etwas zu vergeben, unter ſeiner Würde gehalten hätte. Gerhard aber fürchtete nicht der Inconſequenz geziehen zu werden, er ſuchte ſeinen Mannesſtolz nicht im zähen Feſthalten eines in der Erregung ausgeſprochenen Worts, in der Fin⸗ girung einer ſtarren Unerſchütterlichkeit, mit der man ſich oft ſelber weher als Andern thut, ohne beſondere Bewunderung zu ernten. Wer ſich ſelbſt einen Dorn ins Fleiſch drückt, um dabei aller Welt eine lächelnde Miene zeigen zu können, verdient keine Bewunderung, 189 denn entweder fühlt er ohnehin keinen Schmerz oder er bekämpft ihn ſeiner Eitelkeit zu Liebe, und dann kann der Vernünftige höchſtens über den Narren die Achſeln zucken, der ſich den Schmerz ſelber zufügt. So wollte denn Gerhard ſeiner eigenen Unruhe ein Ende machen und die Hand zur Verſöhnung bieten, wenn eine ſolche möglich war, oder doch zum feier⸗ lichen Abſchied, im Falle die differirenden Anſichten eine Trennung unbedingt nöthig machten. Streicher's Zimmer war nicht verſchloſſen, ſchon ein ungewöhnliches Zeichen, das Gerhard befremdete; mehr noch, es war leer. Der Koffer war fort, kein zurückgebliebenes Kleidungsſtück deutete auch nur auf die Abſicht der Rückkehr. Streicher hatte alſo das Haus verlaſſen, er mußte es aber ganz vor kurzem gethan haben, denn das Zimmer war noch mit Rauch gefüllt, auf dem Boden lag ſogar noch ein glimmendes Cigarrenendchen. Raſch eilte Gerhard die beiden Treppen hinab, um beim Portier Nachfrage zu halten. Es war, als höbe ſich ſeine Bruſt freier und höher, als er hier Streicher erblickte, der eben im Begriffe ſtand, ſeine Rechnung zu berichtigen. „Wie? Du willſt fort?“ rief Gerhard. Ein flüchtiger Sonnenſtrahl glitt über Streicher's 190 Züge, aber nichts verrieth ſonſt ſeine Gemüthsbewe⸗ gung, im Gegentheil, der verdrießliche, gallige Ausdruck ſeines Antlitzes kehrte ſogleich wieder. „Guten Morgen!“ ſagte er mürriſch.„In einem Hauſe, wo man ſolche Nächte zubringt, mag bleiben, wer will.“ Verwundert blickte ihn Gerhard an und ſeine Verwunderung ſtieg noch, als er gutmüthig fragend, warum ſich die Abreiſe nicht noch vertagen ließe, zur Antwort erhielt „Weil ich bei Nacht ſchlafen und nicht mit Geiſter⸗ erſcheinungen zu thun haben will.“ Streicher war unberechenbar, aber Gerhard war doch ungemein überraſcht. Wie ganz anders fiel dieſe Begegnung aus, als er ſich dieſelbe vorgeſtellt hatte! Daß ſein Entgegenkommen erkannt war, bezweifelte er nicht, und daß Streicher als Feind aller Sentimentalität jeder rührenden Scene auswich, war ebenfalls voraus⸗ zuſehen geweſen, dieſes Benehmen aber, als ob geſtern Abend gar nichts zwiſchen ihnen vorgefallen wäre, ſchien unnatürlich. Was ließ ſich davon denken? „Geiſt war's vielleicht keiner“, entgegnete Streicher heftig auf eine dahin zielende Frage,„aber vielleicht Spiritus, wie bei der letzten nächtlichen Affaire, die Dir beinahe Deinen guten Ruf gekoſtet hätte, oder ———— — 191 ſonſt ein häßlicher Spuk, der mir den Schlaf ver⸗ ſcheuchte. Das muß man erlebt haben! Kaum bringe ich es nach Mitternacht ſo weit, einzuſchlafen, weckt mich ein unheimliches Wimmern. Es klang ganz ei⸗ genthümlich, bald wie unterdrücktes Schluchzen, bald wie leiſes Stöhnen, bald wie das Winſeln eines jungen Hundes, bald wie das Aechzen einer verdammten Seele, dann wieder wie das Geſchrei eines kleinen Kindes. Da ſchlafe Jemand dabei, beſonders wenn das eine halbe, eine ganze Stunde ſo fort geht. Auf alles Mögliche bin ich verfallen. Erſt dachte ich, es ſei wieder bei Baron Leſtow etwas los, dann dacht' ich, eins der Dirkſon'ſchen Kinder ſei krank, dann wieder, man habe die Wehmutter ins Hotel geholt— freilich konnt' ich mir nicht vorſtellen, zu wem? Ich ſtrengte mich an, nur beiläufig zu entnehmen, woher die Laute kämen. Es war mir, als ſei es unter meinem Fenſter. Die Vermuthung wurde immer ſtärker, endlich entſchloß ich mich, trotz der drohenden Erkältung, das Fenſter zu öffnen. Ich ſah hinaus, nichts war zu ſehen, es regte ſich nichts, kein Laut antwortete mir. Ich ſchloß das Fenſter und ſchlüpfte ins Bett— da, kaum daß ich mich beruhigt habe, geht die Geſchichte von vorn an. Am Ende ſtirbt Jemand im Hotel, dachte ich— es war ſehr unheimlich. Stunden und Stunden dauerte —. ———* 3 —— —. dieſes ſchreckliche Wimmern mit kurzen Unterbrechungen fort, bald heftiger, bald leiſer— erſt um ſechs Uhr nahm es ein Ende. Keine Macht der Welt bringt mich dazu, noch eine Nacht hier zu bleiben.“ War das wirkliches Erlebniß oder nur ein Vor⸗ wand für den raſchen Abſchied? Der Eifer, mit dem er ſprach, ſchloß den letztern Verdacht aus. Che Gerhard noch etwas entgegnet hatte, fiel ſchon der Kellner lebhaft ein: „O, darum dürfen Sie nicht fort, mein Herr! Dieſe ganze Störung kann ich Ihnen ſogleich er⸗ klären. Da ging Alles mit ganz natürlichen Dingen zu. Unſer Koch fuhr geſtern mit ſeinem Sohne, der Küchenjunge iſt, nach Vevay ins Theater. Bei der Rückkehr verſpätete ſich der Kleine, der Vater war ein⸗ geſtiegen und glaubte, der Knabe werde ſogleich kommen, indeſſen ging der Zug ab. Nun denken ſich die Herren die Verzweiflung des kleinen Burſchen. Macht der ſich auf den Weg und geht zu Fuß nach Hauſe, und wie er hier ankommt, fürchtet er ſich vor Schlägen und hat keine Courage, zu läuten, ſondern bleibt die ganze Nacht draußen. Da wird er ſich den windſtillſten Platz ausgeſucht haben.“ „Gerade unter meinem Fenſter— danke ſchönſtens.“ „Der arme Kleine, er hätte ja erfrieren können. 193 Wenn er nur nicht krank wird!“ rief Gerhard mit⸗ leidig aus. „So, ihn bedauerſt Du— und mich?“ „Du lagſt ja im warmen Bette.“ „Lächerlich! Warum iſt der Burſche zu ſpät ge⸗ kommen? Er verſchuldet etwas und ich muß für ihn büßen.“ „Aber ſo etwas wird gewiß nicht wieder vor kommen“, ſuchte der Kellner den Ergrimmten zu be⸗ ruhigen.„Darf ich Ihre Bagage wieder zurückholen laſſen? Herrn Germain wird es gewiß ſehr leid thun. Restez dopc, monsieur!“ „Danke ſchönſtens!“ brach Streicher kurz ab „Zuerſt der Huſter, dann die Mordgeſchichte, jetzt das geſpenſtige Kind— wer weiß, was nächſtens zu er⸗ warten ſteht. Das Repertoire iſt mir zu reichhaltig— ich gehe.“ „Du willſt alſo abreiſen“, fragte Gerhard mit leiſem Vorwurf,„ohne mir noch einmal die Hand zu reichen, mit dem Groll über die in der Hitze gefallenen Worte im Herzen?“ „Sollen wir vielleicht einen Abſchied mit Umar⸗ mungen und Thränen in Scene ſetzen?“ entgegnete Streicher ſarkaſtiſch. „So wirſt Du mir wenigſtens ſchreiben?“ Byr, Nomaden. III. 13 ☚ OQ 194 „Und die Briefe etwa durch Matthieu ſchicken? Nein, ſie könnten in die unrechte Hand kommen; ich will ſie lieber ſelber mündlich herübertragen, der V Weg vom Cygne iſt nicht ſo weit. Und vielleicht hältſt Du's ebenſo, wenn Du etwas mitzutheilen haſt; es wird ſelbſt für einen Egoiſten Deiner Sorte nicht zu weit ſein.“ „Natürlich!“ rief Gerhard, in Aufregung und Freude lachend, als er ſah, daß der Freund, trotz der gekündigten Freundſchaft, ſelber nicht ans Scheiden 1 gedacht hatte.„Das Hotel du Cygne iſt ja nicht aus der Welt gelegen. Alſo, wenn auch nur hundert Schritte weit— glückliche Reiſe, Du unſtäter Geſell!“ Siebentes Kapitel. Das Spielbad Saxon. Nach intereſſanter, kaum zweiſtündiger Fahrt von Montreux, vorüber an den Sumpfniederungen von Ville⸗ neuve, den Salzbergwerken von Bex und der finſtern Abtei von Saint⸗Maurice, vorüber an dem prächtigen Fall der Salenche und der Ruine des alten Savoyer⸗ ſchloſſes oberhalb Martigny, langt der Bahnzug, der Rhonewendung folgend, in Saxon les Bains an. Ein weites großartiges Thal thut ſich auf, von dem langſam dahinrollenden Fluß, der Straße und der Eiſenbahn durchzogen. Majeſtätiſche Bergrücken ſchließen es ein. Am rechten Ufer der Rhone ſind es die kahlen, riſſigen, zerſchrundenen Felſenwände der Dent des Morcles, des Grand Muveran und des Mont des Vants, in deſſen Schooß, von Weingärten umgeben, das freundliche 13* 196 Dorf Fully gebettet iſt. Der ſüdliche Wall, weniger wild als der nördliche, dafür aber durch die hoch hin⸗ anreichenden Tannen und Föhren um ſo düſterer, er⸗ reicht nicht gleich jenem über neuntauſend Fuß, aber bis über achthalbtauſend Fuß ragt, wie ein Rieſenzahn grotesk und ſeltſam aus dem Col de la Croix du Coeur herausſpringend, die Pierre à voir ſteil empor. Ungeheure, auf den Höhen und an den Wänden hinge⸗ lagerte Schneemaſſen ſcheinen dem grünen Thal in der Tiefe Verderben bringen zu wollen, bis die Früh⸗ lingsſonne die drohenden Lauinen wegſchmilzt und als ſchäumende Wildwäſſer hinabbrauſen läßt in den blühenden Garten, zu welchem der Lenz das Rhonethal in wenigen ſonnigen Tagen verwandelt. Ungefähr auf halber Höhe dieſes Bergrückens liegt eine maleriſche Schloßruine, deren alter, ungebrochener Wartthurm trotzig hinabblickt auf die zu beiden Seiten eines Hohlwegs ſteil hinanklimmenden, ſchmuzigen und zerfallenen Häuſer des alten Weilers Gottfrey und die ſo ſtark dagegen contraſtirenden Baulichkeiten des neuen Ortes Saxon unten am Fuße des Berges. Langgeſtreckte, aus Fachwerk wohlfeil und niedrig er⸗ baute Hotels bilden mit dem Stationsgebäude der Eiſen⸗ bahn dieſe junge Anſiedlung, deren Centralpunkt das ſogenannte Caſino iſt. Kur⸗ und Badehaus ſind in 197 ihm vereinigt, doch müſſen die ſaliniſchen Quellen, die hier dem Boden entſpringen, nur den Vorwand abgeben. Der eigentliche Zweck dieſer Anlagen iſt ein ganz anderer, und es iſt nicht ſo ſehr der kranke Leib, welcher hier Heilung ſucht, als vielmehr die mehr oder minder leere Börſe einer Schaar von Abenteurern. Gar ſelten aber wird hier eine ſchwerer. Wie vor grauer Zeit, als hier noch ein ſtahlbewehrtes Rittergeſchlecht den Paß beſetzt hielt, wird auch heute Manchem ſeine Laſt erleichtert, der harmlos ſeines Wegs hier vorüber⸗ zieht. Auf ſchweren Roſſen ritt die Schaar wohlbe waffnet herab von ihrer Burg, um den Wanderer zu werfen und zu plündern, heute kehrt er ſelber bei den modernen Zöllnern ein. Damals der Knappe im Eiſen⸗ hut und ſchwerer Rüſtung, jetzt der Croupier in ſchwarzem Frack und weißer Cravatte; damals das feſte Raub⸗ neſt, aus mächtigen Steinen ſchmucklos aufgebaut, heute das zierliche, kokette, aus Holz errichtete Chalet, das kaum einen rechten Windſtoß auszuhalten fähig ſcheint; damals der eiſerne Zwang, heute die lockende Verſuchung— im Grunde hat ſich nichts geändert, die Sache blieb dieſelbe. Kein Wunder, daß der alte Wartthurm ſo trotzig herunterſieht auf das neue Geſchlecht; es liegt auch ein bischen Neid in dem Trotz, wie ihn das gebrochene, 198 beiſeite geſchobene Alter fühlt bei den Erfolgen der leicht⸗ lebigen, pietätloſen Jugend. Der Alte grollt da oben und hält ſich feſt und aufrecht, als wolle er dem unvorſich⸗ tigen Wanderer unten im Thale wie eine Warnung entgegentreten, die, auf die Vergangenheit weiſend, der Gegenwart den Spiegel vorhält. Der Burgherr unten aber reibt ſich fröhlich die Hände, mit welchen er einſt den Reuigen und Buß⸗ fertigen der Kirche Segen geſpendet, als er noch das Wunder der Meſſe in ſeiner Heimat Italien voll⸗ brachte. Seither erſchien ihm das der Roulette weit erſprießlicher, er vertritt nicht mehr Gott dem Volke gegenüber, ſondern das Volk im Bundesrathe ſſeiner neuen Heimat. Abbate Fama iſt freier Schweizer, Familienvater, Spielbank⸗Unternehmer und Deputirter, fröhlich blickt er hinauf zu dem alten Thurme, nickt und behält Recht. Wir haben keine dumpfen Verließe, in welche wir grauſam unſere Gefangenen werfen, mag er ihm zu Zeiten zurufen; prachtvolle Säle mit reichen Vergoldungen und geſchmackvollen Decorationen nehmen ihn auf, keine Kette feſſelt ihn, nur ſeine Leidenſchaft, er ruht nicht auf kaltem Stein, ſondern ſauf elaſtiſchen Sammtpolſtern, ſein Fuß gleitet nur ſauf glattem Parquet, nicht in Feuchtigkeit und Moder aus. Waſſer 199 verwandelt ſich für ihn in ſchäumenden Süßwein, ſchimmliges Brod in die luculliſchen Erzeugniſſe eines Nebenbuhlers von Chevet und Vefour. Die Nacht des Gefängniſſes iſt durch tauſend Kerzen erhellt, die Stille, in der langſamer Tropfenfall mit unheimlicher Gleich⸗ mäßigkeit tönt, den brillanten Piècen eines concertiren⸗ den Orcheſters gewichen; für die Langeweile finden ſich im Leſeſalon Journale die Fülle, und ſelbſt die Ei— dechſen und Krötchen, welche die Einſamkeit des Kerkers bevölkern, trippeln zierlich auf hohen Sockeln einher ſind in ſchillernde Seide gekleidet und tragen Friſuren nach der letzten Pariſer Mode. Es ſind hübſche zahme Thierchen, die ſich dem Gefangenen ganz ohne Scheu nahen, mit ihm gern die Mahlzeit theilen, und aus ihren dunkeln Augen blitzt verführeriſches Feuer. Sogar die Art, in der wir das Löſegeld zu erpreſſen verſtehen, wird durch das Arrangementsgenie der neuen Zeit ein neues Vergnügen. Unſere Kunſt ruht auf einfachen Principien, es iſt die magiſche Feſſelung des Blickes auf die ſich drehende Glücksſcheibe, deren fliehende Zahlen jedes bethörte hoffnungsvolle tenſchenherz zu erhaſchen meint. Ihr fordertet, wir laden ein. „Messieurs, faites votre jeu!“ klingt weit beſſer als „La bourse ou la vie!“ und dennoch iſt mit dem„Le jeu est fait!“ daſſelbe erreicht als zu deiner Zeit, ——y ————— 5 200 Alter vom Berge, wenn ſich die ungehobelten Patrone Hände und Manſchetten mit Blut beſudelten. Das iſt der Sieg der neuen Zeit— ſie hat weit beſſere Manieren. Und der alte Thurm zerbröckelt oben vor Aerger; die Zeit, wo er Ehrerbietung ertrotzte, iſt vorüber, aber er hofft länger zu ſtehen, trotz Wind und Wetter, als das Emporium zu ſeinen Füßen, das er mit einem einzigen Sturze zertrümmern könnte. Der Volkswille hat das Wahrzeichen der Vergangenheit gebrochen — er wird jenes der Gegenwart gleichfalls wegdecretiren. Zu den Schmetterlingen und Milben, welche immer wieder nach Saxon zurückkehrten, um ſich an den Flam⸗ men über den Spieltiſchen die Flügel zu verſengen, gehörten außer dem Grafen Hilmersdorf, der hier ſeine erſten Sporen verdiente, auch Baron Leſtow und ſeine Frau. Faſt jede Woche zwei⸗, dreimal kamen ſie von Montreux, um bald vor Tiſche, bald abends ihr Glück zu verſuchen, denn in Saxon wird des Tags ſogar zweimal geſpielt, obgleich ſich an manchem Winterabend vielleicht kaum die Koſten herausſchlagen. Es iſt ein deſperates Publikum, das im Durchſchnitt den Winter da verbringt, manch verzweifelter Abenteurer mag da⸗ runter ſein, an zweideutigen Perſönlichkeiten iſt kein Mangel. Leute wie Graf Hilmersdorf und die Leſtows, in deren Begleitung ſtets auch der Banquier erſchien, 201 gehören im Winter trotz aller Reclame in den Zeitungen doch ſchon zu den ſeltenern Gäſten. Am Sonntag nach jener denkwürdigen Nacht, in welcher der wimmernde Küchenjunge Streicher zur Räu⸗ mung des Hotels Germain gezwungen hatte, war das Caſino ungewöhnlich beſucht, und unter den zahlreich zugeſtrömten Gäſten ſchienen ſich beſonders die Be⸗ wohner der kleinen Penſion in Montreux ein Rendez⸗ vous gegeben zu haben, Reuſche natürlich, der das Zimmer hütete, und die Engländer ausgenommen, welche den Feiertag in ſtrenger Ruhe verbrachten. In der Familie eines hochkirchlichen Pfarrers war dies nicht anders denkbar, und die Dirkſons hätten um Alles in der Welt nichts gethan, was Reverend Wallace vielleicht für nicht höchſt anſtändig erklärt haben würde. Frau von Rüderich war da, ſie behauptete Studien machen zu wollen, und ihr Gatte beſtätigte es. Kuruſoff war mit ihnen gekommen, zeigte aber ein eigenthümlich ſcheues und beſcheidenes Benehmen und hielt ſich immer ganz im Hintergrunde des Spielzimmers, im Gegen⸗ ſatze zu Graf Hilmersdorf und den beiden Leſtows, die ſchon vor der Stunde an der Doppelthür geharrt hatten, um ja des nächſten Platzes am Tiſche gewiß zu ſein. Herr Markus Glückſtadt ſaß der Baronin gegenüber, ohne jedoch zu pointiren, nur in langen Zwiſchenräumen that er es, um ſich gewiſſermaßen das Anrecht an ſeinen Platz zu erkaufen, und ſelbſt dann wußte er die Chance ſo geſchickt zu faſſen, daß er meiſt gewann. Er nahm es ganz ruhig, wie den Segen Gottes im Geſchäfte hin und ließ ſich nicht verleiten, mehr zu wagen. Seine Blicke ruhten für gewöhnlich auf den kalten, marmorähnlichen Zügen der Baronin und nur ſelten auf dem entſtellten Angeſicht ihres Ge mahls, der kein Auge für etwas Anderes als die rollende Kugel hatte, die er mit ſeinen Goldſtücken in den geo⸗ metriſch⸗myſteriöſen Figuren, welche dem grünen Tiſch⸗ teppiche eingearbeitet ſind, zu fangen ſuchte. Auch Gerhard war unter den Anweſenden. Er hatte ſeine Braut und deren Schweſter begleitet. Madame de Granier hatte den Wunſch zu dieſem Ausfluge geäußert und Adrienne ſich damit einverſtanden erklärt. Gerhard hätte in ſeinem Glück ſelbſt eine Partie auf den großen Bernhard mitten durch Schnee und Eis gutge⸗ heißen. In ſeinen Augen war zu leſen, was ſonder⸗ barerweiſe noch keine rechte Verbreitung gefunden hatte, daß er Adriennens glücklicher Bräutigam ſei. Schon hatte er brieflich die Einwilligung ihres Vor⸗ munds eingeholt, und bis dieſe anlangte, hoffte er auch ſeine eigenen Papiere zu erhalten, um welche er ſogleich geſchrieben. Wenn Alles geordnet war, ſollte 203 raſch die Hochzeit erfolgen. Keins der beiden hatte Urſache, dieſelbe hinauszuziehen, und auch Madame de Granier ſchien ſich mit dem Sachbeſtande abge⸗ funden zu haben. Sie trippelte eben jetzt, nachdem ſie eine Weile am Spieltiſche zugeſehen, ungeduldig auf Gerhard zu. Ihre Toilette wetteiferte mit den eleganteſten der hier verkehrenden Damen, die ſie jedoch weit an Haltung und vornehmer Kälte übertraf. „Allez donc, mon cher“, rief ſie ihm ſchon auf einige Schritte zu.„Sie dürfen nicht ſpielen, das verſteht ſich— Sie würden keine Chance haben⸗ Aber vertrauen Sie mir Ihr Glück an. Gewinne ich“, ſetzte ſie leiſer und lächelnd hinzu,,„ſo iſt es mein Hochzeitsgeſchenk für Adrienne., Gerhard beeilte ſich dem Wunſche zu entſprechen und ſtellte ſeiner zukünftigen Schwägerin eine anſehn⸗ liche Anzahl Goldſtücke zur Verfügung. Sie ſchien zufrieden und war bald mitten im Spiele. „Und haſt Du nicht auch Luſt, Dein Glück zu ver⸗ ſuchen?“ fragte Gerhard ſeine Braut, mit der er auf einem Sopha in der Nähe eines Fenſters ſaß. „Du wirſt doch nicht eine jener ſorgſamen Hausfrauen ſein, die ihren Mann am Rockſchoß zupfen, wenn er ſich in bedenklich ſcheinende Wagniſſe einläßt?“ ———— 3 7 3—— 204 „Ich habe ja kein Recht“, entgegnete Adrienne mit dem niedergeſchlagenen Blicke der Demuth auf die ſcherzhafte Frage,„Dich wegen der Verwaltung Deiner Mittel zur Verantwortung zu ziehen. Du biſt Herr und Eigenthümer derſelben, Alles, was mir zu Theil wird, iſt ein Geſchenk.“ Gerhard baute darauf, daß keins der Augen am Spieltiſche ſeinem Benehmen Aufmerkſamkeit widmen werde, und zog Adriennens Hand an ſeinen Mund. Er ſchob ein wenig den Aermel des Sammtpaletots zurück, ſodaß Streicher's Penſée zum Vorſchein kam, und küßte den entblößten Arm. Er fühlte ſich gerührt und entzückt zugleich. „Und glaubſt Du“, flüſterte er,„ich würde Freude an meinem Beſitze haben, wenn ich ihn nicht Dir zu Füßen legen könnte? Jeder Genuß, den ich mit Dir theilen oder Dir allein bereiten kann, würde mir ver⸗ leidet, müßte ich immer Deinen Dank darauf hören, als hätte ich Dir ein Almoſen zugeworfen. Nein, Kind, ich will kein wünſcheloſes Weib, das ſich nur fügt und mit Allem vorlieb nimmt. Unſere Heimat iſt ohnehin ein wenig einſam und ſtill, Dein Geſchmack aber ſoll unſer einfaches Haus ſchmücken, Deine Wünſche werden uns tauſend kleine Aufgaben ſchaffen, deren Ausführung uns Beſchäftigung genug geben wird.“ 20⁵ „Wie“, nahm Adrienne, erſtaunt aufblickend, das Wort,„Du denkſt doch nicht daran, in einem kleinen Landſtädtchen Deinen dauernden Aufenthalt zu nehmen, wo man alle dieſe kleinbürgerlichen Rückſichten beobach⸗ ten, ſich gewiſſermaßen in einen Käfig einſchließen ſoll, während man Schwingen an den Schultern hat, die man entfalten könnte?“ „Sorge Dich darum nicht, Herz. Die kleinſtädtiſchen Scheeren ſollen Dir Deine Flügel nicht beſchneiden, meine ſüße Taube! Wir werden ganz abſeits leben von der Stadt, nichts zwingt uns mit den Leu⸗ ten dort, die uns nicht conveniren, in nähere Verbin⸗ dung zu treten. Unſer Haus liegt eine hübſche Strecke außerhalb des Städtchens, es hat ſeinen eigenen Gar⸗ ten, den Wald dahinter, den grünen weiten Wald. Niemand wird unſere Einſamkeit ſtören.“ „Ach Gerhard, ich fürchte mich; ſo einſam und abgeſchieden, da müßte ich immer in tauſend⸗Aengſten ſchweben. Ich bin an ſolche Abſonderung nicht ge⸗ wöhnt, immer, ſolange ich denke, habe ich unter viel Menſchen gelebt, ich hatte zahlreiche Geſpielinnen im Penſionat. Man muß ja das Sprechen ſogar verler⸗ nen, wenn man nie mit Andern zuſammenkommt, und dieſe deutſchen Wälder— da muß es Räuber geben, ich fürchte mich.“ 206 „Närrchen Du“, verſetzte Gerhard lächelnd.„Wir leben ſo ſicher, als man hier lebt, und was die Sprache betrifft, die ſollſt Du mir nicht verlernen, wir wollen koſen und miteinander lernen, wir werden ſicherlich ein paar Leute finden, mit denen ſich ein angenehmer Umgang pflegen läßt, wir werden zu Zeiten mit ihnen zuſammenkommen und Theaterſtücke leſen oder der⸗ gleichen.“ „Warum denn leſen?“ fiel Adrienne ein.„Ich ſehe mir ſie viel lieber an, das iſt weit amüſanter. In Vevay iſt das Theater ſehr hübſch.“ „Aber in Blankenburg wird nicht allzu häufig eine wandernde Schauſpielertruppe einkehren, und die iſt nicht immer im Stande, einen reinen Genuß zu bieten. Wir werden uns ohne Theater behelfen. Wir werden die ſchönſten Stücke leſen, wir werden die beſten Opern im Klavierauszuge ſpielen. Muſik und gute Bücher werden unſere Zeit kürzen, als ob ſie Flügel hätte.“ „Ach Muſik!“ rief Adrienne, ihrer Enttäuſchung unverhohlen Ausdruck gebend.„Ich liebe Muſik nur, wenn ich die Oper auch ſehe und die ſchönen, reichen Toiletten bewundern kann oder wenn ich danach tanzen darf. Auf einem Balle, ja, wenn ein rau⸗ ſchendes Orcheſter hübſche Walzer und Quadrillen ſpielt, dann freue ich mich zuzuhören. Es iſt ſo hübſch, 207 wenn man in großer Toilette iſt, und ich tanze ſehr gern. Wir haben auch im Penſionat jeden Winter zwei Bälle gehabt, ich mußte oft den Herrn machen. Aber in Blankenburg würden vielleicht nicht einmal Bälle ſtattfinden?“ „Wenigſtens kaum ſolche, zu denen ich meine Frau führen möchte“, entgegnete Gerhard ein bischen kurz. O, und an einem ſolchen Ort willſt Du, daß ich leben ſoll!“ beklagte ſich Adrienne lebhaft.„Kein Thea⸗ ter, keine Bälle, kein Umgang mit andern Menſchen, im dichten Wald abgeſchieden wie Einſiedler. Nein, nein, das kann Dein Ernſt nicht ſein. Da müßte man ja ſterben vor Langweile. Was ſoll mir der Gar⸗ ten und der Wald? Solch ein Aufenthalt iſt gut für ein paar Tage oder höchſtens Wochen im Sommer. Ich habe ganz andere Pläne gemacht und Du wirſt ſehen, wie glücklich wir leben werden.“ „So? Laß einmal hören!“ ſagte Gerhard in einem Ton, der ſcherzhaft ſein ſollte, aber doch etwas von der Ueberraſchung durchklingen ließ⸗ welche ſich ſeiner, aber nicht in erfreulicher Weiſe bemächtigt. Adrienne bemerkte im Eifer nichts davon, ihre Augen leuchteten ſo heiter und ihre Stimme klang ſo ſchmeichelnd, daß der ärgſte Brummbär von einem alten Ehemann ſich der Bezauberung nicht ganz hätte entziehen können, wie viel weniger der verliebte Bräutigam, deſſen Verſtand mit dem entzückten Auge und Ohre nicht zu rechten vermochte. „O, wir wollen ein Leben führen, ſo frei und munter wie die Schwalben“, rückte ſie mit ihren Plä⸗ nen zu Gerhard's Beglückung heraus.„Wir bleiben überall znur ſo lange, als es hübſch dort iſt. Zuerſt machen wir unſere Hochzeitsreiſe nach dem Süden, und da jetzt die Alpenpäſſe alle tief verſchneit ſind, ſo gehen wir über Lyon und Marſeille nach Italien und zwar mit ganz kurzem Aufenthalte in Florenz und Rom nach Neapel. Ach, ich muß den feuerſpeienden Veſuv in ſeiner ganzen Pracht ſehen, wenn er Pompeji und Hercules verſchüttet.“ „Herculanum, Herculanum meinſt Du, Kind. Die beiden Städte ſind aber ſchon vor langer, langer Zeit ein Opfer der Eruption geworden, mag etwa acht⸗ zehnhundert Jahre her ſein.“ Adrienne war ſtark erröthet und ſie warf etwas un⸗ muthig das Köpfchen auf die Seite. „Ihr Männer ſeid pedantiſch; man kann doch nicht alle Daten ſo genau im Gedächtniſſe behalten“, hielt ſie Gerhard rechtfertigend entgegen, glitt aber raſch darüber hinweg und blieb von nun an mehr in ausgefahrenem Geleiſe.„Zur Oſterwoche“, ſetzte ſie 209 fort,„wollen wir Rom beſuchen, die Feſtlichkeiten ſollen glänzend ſein, von da gehen wir nach Venedig, das Frühjahr muß dort bezaubernd mild beginnen. Mai⸗ land möchte ich auch ſehen, aber da wird wohl die Zeit zu kurz werden— man läßt es eben auf ein anderes Jahr. Dann gehen wir über Wien vielleicht auf ein paar Wochen nach Blankenburg, Du zeigſt mir das Haus, den Garten und den Wald, und da wollen wir die Zeit ganz nach Deinem Geſchmack ver⸗ leben, Du ſollſt ſehen, wie ich mich unterordne. Wir wollen leſen und Muſik treiben und hübſche Spazier⸗ gänge machen, aber freilich wird die ländliche Idylle nicht ſehr lange dauern können, denn wir müſſen dann nach Oſtende oder ſonſt einem Seebad— man ſoll dort die glänzendſten Toiletten ſehen. Mit halbem Auguſt ziehen wir dann nach Wiesbaden und Baden⸗Baden, nicht wahr, mein lieber, lieber Mann? Es wird Feen⸗ haftes von dort erzählt. Nach der Saiſon können wir dann noch auf einige Wochen hierher oder noch beſſer nach Nizza und im Neujahr treffen wir in Paris ein. Ach Gott, wie freue ich mich auf Paris! Du kannſt Dir keine Vorſtellung machen, Gerhard, und nicht wahr, wir werden alle unſere Winter in Paris ver⸗ bringen? Das wird ganz anders als in Blankenburg ſein!“ Byr, Nomaden. III. 14 — „Ja, allerdings, anders wäre es“, ſagte Gerhard langſam, als ſie geſchloſſen hatte. Es war ihm ſon⸗ derbar bei der Aufzählung der verſchiedenen Stationen in dieſer ſinnreich ausgearbeiteten Reiſeroute zu Muthe geworden. Das ſollte alſo die Ruhe ſein nach einem bewegten Leben! Wo fand denn in dieſem Wirbel von Zerſtreuungen und raſtloſen Kreuz⸗ und Querfahrten das Glück ein ſtilles Plätzchen, in das es ſich traulich einniſten konnte? Er fragte ſich mit etwas zweideu⸗ tigem Humor, ob er eigentlich Ehemann oder Reiſe⸗ marſchall werden ſolle. Das lebhafte Verlangen nach rauſchendem Vergnügen kam ihm ganz unerwartet bei ſeiner Braut. Er hatte ja früher nur wenig geſpro⸗ chen mit ihr, nun, ſeit die gedrückte, zurückhaltende Stimmung allmälig bei ihr wich und ſie ihrer leb⸗ haften Natur keinen Zwang mehr anthat, ſchien die Wirklichkeit ihm in mancherlei Dingen vom Ideale, das er ſich gebildet, abzuweichen. Er hatte ſchon ver⸗ ſchiedene Lücken in ihrer Bildung bemerkt, die er aber in einem zurückgezogenen Beiſammenſein durch gemein⸗ ſame Studien auszufüllen hoffte. Dazu war nun frei⸗ lich ein Nomadenleben, wie ſie es träumte, nicht ſon⸗ derlich geeignet. Sie ſprach zwar immer wieder von ihrer Unterordnung, zeigte dabei aber doch einen ge⸗ wiſſen zähen Willen, der wirkliche Demuth ausſchloß. 211 Auch trat die Aehnlichkeit des Charakters, was Ver⸗ gnügungsſucht und Vorliebe für Toilette betraf, mit jenem der Schweſter immer deutlicher hervor, freilich nicht in ſo abſchreckender Weiſe, daß Gerhard mit ſei⸗ nem liebenden Herzen nicht Entſchuldigungen und Be, ſchönigungen di Fülle gefunden hätte. Das Alles⸗ meinte er, würde anders werden, ſobald ſie erſt ſeine Frau ſei. Er betrachtete Vieles nur als kindiſche Aeußerung, was ihm, hätte er es als Ausfluß der wirklichen Geiſtesrichtung genommen, ernſte Bedenken eingeflößt haben würde. So hatte er ſchon manches Befremdende in den wenigen Tagen hinweggeſcherzt; diesmal war er aber doch ein wenig nachdenklich ge⸗ worden. „Anders wäre es“, hatte er geſagt. Nun ſchlug er aber einen ernſtern, gemüthstiefern Ton an.„Solche Pläne ſind ſehr hübſch, meine theure Adrienne, aber ſie ſind eben nicht immer ausführbar. Ein Einzelner hat ſeinen Koffer bald gepackt, wer aber ein ſolches Leben, wie Du es eben geſchildert, mit der Familie führen wollte, der müßte, abgeſehen von allem Andern, ein fürſt⸗ liches Vermögen beſitzen, um nicht gezwungen zu ſein, nach kurzer Zeit dies Wanderleben mit dem alles Hab und Gut enthaltenden Karren hinter ſich und dem Hut in der Hand als echter Landſtörger fortzuſetzen.“ 14* ———— —— „Biſt Du denn nicht reich? Du ſagteſt doch—“ fiel Adrienne betroffen ein. Gerhard zuckte die Achſeln. „Nicht genug, um ſolche Träume in Erfüllung gehen zu laſſen“, antwortete er.„Wir werden nicht darben, aber was Du vom Leben verlangſt, fürchte ich Dir nicht bieten zu können.“ „Weil Du es nicht willſt“, ſchmollte Adrienne. „Du machſt mir einen ſchmerzlichen Vorwurf.“ „Nein, nein“, änderte Adrienne raſch ihren Ton, „ich habe Dir nicht wehe thun wollen, aber wenn wir uns ein wenig einſchränken, Gerhard, könnten wir ja doch wenigſtens heuer nach Italien und dann jeden Winter nach Paris— ach, nach Paris geht es ganz gewiß; dazu wird es doch reichen, ich will ja auf Alles Andere verzichten!“ „Würde nicht vielleicht ich beſſer thun“, entgegnete Gerhard zögernd und mit tiefem Ernſt,„meinerſeits darauf zu verzichten, Dich in eine Bahn hinüberzu⸗ ziehen, die Deinen Wünſchen ſo wenig zu entſprechen geeignet iſt? Würdeſt Du nicht vieleicht lieber im Hauſe Deiner Schweſter bleiben“, ſetzte er mit gepreß⸗ ter Stimme hinzu,„wenn ich Dir das Glück, wie Du es erwarteſt, nicht bieten könnte?“ Adrienne erröthete lebhaft, ſie blickte ihrem Bräu⸗ 213 tigam ſo fragend ins Auge, als wolle ſie in ſeiner Seele leſen, ob es ihm voller Ernſt ſei. Plötzlich ſchien ſie, von einem peinlichen Gedanken erſchreckt, zu er⸗ beben. „Nein, nein, um keinen Preis!“ flehte ſie und haſchte dabei nach Gerhard's Hand, an der ſie ſich wie Schutz ſuchend feſtklammerte.„Ich will nicht bleiben! Was haſt Du? Es iſt nicht ſchön von Dir, mich ſo zu ſtrafen für meine kindiſchen Worte. Wenn Du auch arm wäreſt, ich würde doch mit Dir gehen, wohin Du willſt. Habe ich denn ſo Arges geſprochen, daß ich eine ſolche Zurechtweiſung von Dir verdiente? Du böſer Menſch, Du willſt mich alſo verlaſſen!“ Gerhard preßte ihr Händchen. Am liebſten wäre er jetzt weit weg, in eine ſtille Einöde gegangen, um das geliebte Mädchen an ſein Herz ziehen zu dürfen. Er war tief gerührt von ſo viel Hingebung und Unter⸗ würfigkeit und es erſchien ihm jetzt wie ein Verbrechen, daß er das harmloſe Geplauder eines glücklichen Ueber⸗ muthes mit ſo herben, prüfenden Worten geſtört. Er nannte ſein Vergehen männliche Brutalität gegen ein naives, weiches Frauengemüth und verſprach ſeiner Braut in lebhafter Reue, ſie dorthin führen zu wollen, wohin ſie verlange. „Nur wenigſtens in den Mond nicht“, bat er ſcherzhaft.„Dort, Liebe, müßten wir erfrieren; übrigens gibt es ja dort ohnehin weder Theater noch Bälle.“ „Hu, und die Menſchen ſollen dort die Köpfe unter dem Arm tragen, da möchte ich nicht hin“, fügte Adrienne bei,„das muß ſchauerlich ſein. Zudem kann man ja gar nicht in den Mond, das weiß ich ganz beſtimmt.“ Gerhard wollte eden, überaus beluſtigt, ſeine Ver⸗ wunderung über die Sicherheit äußern, mit der ſie dieſe Behauptung aufſtellte, als Madame de Granier mit etwas niedergeſchlagener Miene vom Speeltiſche kam. Graf Hilmersdorf folgte ihr und ließ ſich gut⸗ müthig ihre Vorwürfe gefallen. Sie beklagte ſich auch gegen Gerhard über ihr Unglück. „Alles iſt verſpielt“, ſagte ſie,„aber ich war thö⸗ richt, mit Graf Felix zu gehen. Ich hätte gegen ihn pointiren ſollen.“ „A merveille, nun bin ich noch ſchuld“, wehrte ſich der Angegriffene lachend.„Hätten Sie es doch gethan, ich wette, meine Brieftaſche wäre gefüllt. Sie bringen mir Unglück, Hermance. Beſſer darum, ich gab es bei Zeiten auf.“ „Seien Sie liebenswürdiger, Gérard, als dieſes Krokodil. Nur ein paar Louis und ich bringe Ihnen den ganzen Vorſchuß zurück.“ „Nein, ich danke; wozu dem Herzog auch den 215 Mantel nachwerfen?“ entgegnete Gerhard ſcherzhaft. „Wir wollen warten, bis Ihnen Fortuna einmal gün⸗ ſtiger iſt.“ „Aber ich muß doch eine kleine Entſchädigung für meine Mühe haben“, verſetzte Madame ſchmollend wie ein kleines Kind. „Ich dachte, es ſei Ihnen ein Vergnügen“, ſagte Gerhard mit dem ernſthafteſten Pathos.„Gott bewahre mich davor, Ihnen noch einmal eine ſolche Mühe zu bereiten. Wir theilen den Gewinn— Sie erſparen die Mühe, ich das Geld.“ „Li donc! Man glaubt einen Juden ſprechen zu hören.“ Madame wendete ſich verächtlich ab, ſie machte einige Schritte gegen den Tanzſaal, wo ſie auf Kuru⸗ ſoff traf, der ſie grüßte. „Was fällt Ihnen ein“, ſprach ſie ihn in ihrer verdrießlichen Laune ſpöttiſch an,„ſich hier auf dem Schauplatz Ihrer frühern Thätigkeit zu zeigen und mich obendrein zu grüßen? Wenn man Sie erkennt, müßte ich auf die Ehre Ihrer Bekanntſchaft verzichten.“ „Sie ſind heute überaus ſtolz“, entgegnete er und ſeine Augen ſchoſſen giftige Blitze.„Ich glaube nicht, daß man mir die Thür weiſt. Verſuchen wir ein ge⸗ meinſames Engagement hier.“ „Soll ich Abbé Fama holen?“ kicherte ſie boshaft, aber ſie verſtummte ſogleich, als der Ruſſe ganz knapp an ſie herantrat und mit ſeiner tonloſen Stimme ihr zuhauchte: „Thun Sie es und ich erzähle eine Geſchichte von einer Gräfin Orloff, für die mir Herr de Granier ganz ſicher dankbar ſein dürfte.“ Ehe Madame noch etwas erwidert hatte, war der Ruſſe einige Schritte zurückgetreten und folgte zuſam⸗ menzuckend und ängſtliche Blicke um ſich werfend, ob auch Niemand ſonſt ihn gehört habe, dem Rufe der Frau von Rüderich, die am Arm ihres Gatten eben vorüberſchritt. „Wir werden den hübſchen Nachmittag noch be⸗ nutzen“, ſagte ſie,„und nach der Ruine hinaufſteigen. Sie kommen doch auch mit? Ich habe Sie gezwungen, heute mit uns hierher zu fahren, jetzt müſſen Sie ſich in allen Dingen dem Hauptquartiere unterordnen. Ich habe auch Herrn Glückſtadt bewogen, mitzukommen, wenn er ſich losreißen kann.“ „Wenn er ſich losreißen kann, ja, ja!“ meckerte Herr von Rüderich. „Ah, Sie ſpielen gar nicht?“ wandte ſie ſich jetzt an Gerhard, indem ſie zuerſt ihn, dann aber mit unbe⸗ ſchreiblichem Ausdruck Adrienne lorgnettirte, welche 217 eben mit Graf Hilmersdorf ein paar Worte wechſelte. „Sie ſind, wie ich höre, viel angenehmer beſchäftigt.“ „Viel angenehmer, ja ja!“ kam das Echo aus ihres Mannes Munde. „Man darf wohl gratuliren?“ fuhr ſie fort.„Oder müſſen wir warten, bis Sie uns Ihre Braut officiell vorſtellen?“ „Sie mögen es damit ganz nach Belieben halten“, erwiderte Gerhard kühl. Die geiſtreiche Dame wurde davon ſichtlich gereizt und ſpritzte ihr Gift in einem feinen Strahle aus, der nach ihrer Meinung tödtlich ſein ſollte. „Nehmen Sie ſich in Acht, nehmen Sie ſich in Acht!“ warnte ſie grinſend.„Ich würde an Ihrer Stelle nicht ſo ruhig zuſehen, während ein junger Ele⸗ gant Ihrer Braut den Hof macht. Denken Sie daran, wie Sie ſelbſt Ihrem Freunde mitgeſpielt. Sie haben den Wahnſinn eines Mannes auf dem Gewiſſen. Und während eine gewiſſe Dame ihr Vermögen verſpielt, wie ſie zuvor ſchon ihr Herz verlor, bricht vielleicht wo an⸗ ders die Vergeltung über Sie herein.“ „Die Vergeltung herein“, wiederholte Herr von Rüderich mit geheimnißvollem Lachen. Das ſchriftſtellernde Ehepaar ſchritt mit Kuruſoff weiter. Gerhard, der es fürs Beſte gehalten hatte, 218 auf all die feinen myſteriöſen Anſpielungen gar nichts zu antworten, kam erſt nach und nach auf die theil— weiſe Erklärung derſelben. Der Mann, deſſen Wahn⸗ ſinn er auf dem Gewiſſen haben ſollte, war wohl Streicher, die unglückliche ſpielende Dame Baronin Sarſcha. Angeekelt wandte er ſich ab und gegen Graf Hilmersdorf, welchen Adrienne, zu ihrer Schweſter tre⸗ tend, ſtehen gelaſſen hatte. „Immer ungnädig!“ rief der Graf Gerhard zu „Man kann Sie nicht aus dem Sattel heben; es iſt vergebens.“ „Ich würde Ihnen den Verſuch auch nicht mehr rathen, Graf“, entgegnete Gerhard ſcharf. „Teufel, wie Sie dreinfahren! Sie wiſſen ja, ich ſchlage mich mit meinen Gläubigern nicht. Ich habe reſignirt, aber Sie nehmen ja die Sache ſo ernſthaft, als wollten Sie das Mädchen wirklich heirathen.“ „Das will ich auch!“ Unmuth und Erſtaunen miſchten ſich in Gerhard's Ton.„Ich ſagte Ihnen ja doch, daß Adrienne meine Braut iſt.“ Des Grafen Antlitz ward komiſch, ſo ſehr drückte es eine ungeheure Verwunderung aus. „Nun ja“, ſagte er,„aber doch nicht in— in aller Form? Ich war discret genug für einen Neben⸗ buhler, müſſen Sie geſtehen, denn ich erzählte kein Wort 219 aber Sie ſelber ſchlagen es ja an die große Glocke. Kein Wunder, daß man Sie damit aufzieht. Es gibt derartige Verhältniſſe genug in Montreux und am Gen⸗ ferſee, in welchem manche verſchwiegene Villa ſich ſpie⸗ gelt, aber mit ſolcher Nanchalance, das muß ich ſagen, brüskirt nicht bald Jemand die Geſellſchaft, wie Sie.“ Gerhard fühlte den Zorn ſeine Adern ſchwellen, nur mit Mühe hielt er an ſich und beherrſchte er ſeine Stimme ſo weit, daß ſie ruhig und kalt klang. „Sie ſind im Irrthum“, ſagte er, dem Grafen feſt ins Auge blickend.„Es handelt ſich hier um eine vollkommen legitime Verbindung, die das Auge der Welt nicht zu ſcheuen hat.“ „Sie wollen ſie doch nicht wirklich heirathen?“ fragte der Graf haſtig.„Das kann unmöglich Ihre Ab⸗ ſicht ſein.“ „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“ gab Gerhard, ſich ſtolz aufrichtend, zurück. Ganz aus der Haltung gebracht vor Erſtaunen, ſtarrte Graf Hilmersdorf den Sprecher an, es brauchte eine gute Weile, bis er ſich faßte, dann aber wechſelte urplötzlich ſein Benehmen. Mit übergroßer Höflichkeit, aus welcher Gerhard die Ironie herausfühlte, obwohl kein Zug, kein Ton ſie verrieth, verbeugte er ſich und ſagte eiſigkalt:„Ich gratulire“, worauf er ſich entfernte. 220 Mit hochklopfendem Herzen blieb Gerhard zurück. Sein Antlitz war leichenblaß geworden. Er hatte ſich auf eine Beleidigung gefaßt gemacht, der er mit aller Energie entgegenzutreten geſonnen war, ſtatt deſſen war der Gegner dem Schlage ausgewichen, in einer Weiſe jedoch, die keinen Zweifel über ſeine Meinung auf⸗ kommen ließ. Das war alſo das Urtheil, welches ſeine Handlungsweiſe zu erwarten hatte, mußte ſich Gerhard ſagen. Hohnlachende Geſichter grinſten von allen Seiten ihn an, und wo ſeine Hand im Zorne hinſchlagen mochte, da würden ſie zurückweichen und ſein Arm die leere Luft durchfahren. Und das war erſt der Beginn. Welche Kämpfe, welche Aergerniſſe waren für die Zukunft vorherzuſehen! Ende des dritten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. rey Control Chart Green vellow Hed Magenta Grey 2 Grey 3. Grey 4 Black A³ 31 d2 1 8* S 6 73. 8 △