— S. S * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme öns Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: für Wuchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz! des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam hemicr. daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben „ 4 Schmidt. W. NUew-Vork, L. — , 8 — 5 — 5 S 5 ½ r5d Ernſt Julius Günther. Erſtes Kapitel. Viel Lärm unm nichts. Noch in derſelben Nacht ereignete ſich ein Vorfall ſeltſamer Art, durch den das ganze Hotel in Auf⸗ regung verſetzt wurde. Obwohl Gerhard frühzeitig zu Bett gegangen, konnte er doch lange kein Auge ſchließen; immer wieder dieſelben Bilder gaukelte die Phantaſie ihm vor, ſo oft er ſie auch zu verſcheuchen bemüht war, und eine lange Reihe von Gedanken knüpfte ſich daran, bis dieſe end⸗ lich wirtſlt zerflattern begannen. Da riß ihn nahe an Mitternacht ein Geräuſch aus dem Halbſchlummer auf. Es war eine rufende Stimme und das Geklirre eines Fenſters. Sein erſter Gedanke galt Mr. Lesley. Im Zu⸗ ſammenhange mit den kaum erſt verblaßten Bildern glaubte er nur, es müſſe etwas geſchehen ſein, was Byr, Nomaden. II. 1 —õ— 8 8 5 —— ——òõ⏑½— 2 5 3 1 2 ſich auf die ſonderbare Scene im Salon bezog, deren tiefer Eindruck auf den ernſten, verſchloſſenen Mann ihm nicht entgangen war. Raſch fuhr er auf, ohne ſich erſt über das, was zu thun ſei, Rechenſchaft zu geben. Jetzt ertönte von neuem deutlich vernehmbarer Hülferuf. Es war eine weibliche Stimme, die, wie Gerhard nun nicht mehr zweifelte, von der Veranda kam. Er ließ ſich kaum Zeit, die allernöthigſten Klei⸗ dungsſtücke überzuwerfen, öffnete das Fenſter und war mit einem Sprunge in der Veranda, die nur ein Lichtſtrahl aus jenem Fenſter erhellte, welches auf der entgegengeſetzten Seite des Salons dem ſeinen ent⸗ ſprach. Eine Scheibe war zertrümmert, der eine Flü⸗ gel außerdem geöffnet, und unausgeſetzt drangen jetzt gellende Hülfeſchreie aus jenem Zimmer, das, wie Ger⸗ hard wußte, von dem Ehepaare Leſtow bewohnt wurde. Im Nu war Gerhard am andern Ende der Veranda und, ohne ſich lange zu bedenken, auch ſchon in dem Zimmer, das nur von einer einzigen flackernden Kerze Licht erhielt. Soviel er auf den erſten Blick überſehen konnte, lag der Baron in dem einen Bette wie todt, das andere war leer, ein kleines Kinderbett befand ſich daneben, die Baronin aber ſtand mit 8 3 46 bloßen Füßen, aufgelöſtem Haar und faſt ganz ent⸗ kleidet vor der nach dem Corridor gehenden Thür, an der ſie mit blutigen Händen rüttelte und pochte. „Ouvrez, ouvrez done! Zu Hülfe, zu Hülfe! Il se meurt!“ kreiſchte ſie dabei vor Schreck und Entſetzen außer ſich. Gerhard, der einen Moment lang an einen räube⸗ riſchen Einbruch dachte, ſah ſich vergeblich nach etwas um, was darauf hingedeutet hätte; er ſelbſt war der einzige Eindringling hier, einem Mörder aber, der durch das Fenſter geflüchtet wäre, hätte er doch be⸗ gegnen müſſen. Doch blieb ihm nicht viel Zeit zur Erwägung, denn die Baronin hatte kaum ſeine Frage, was es gebe, gehört, als ſie die Thür verließ und händeringend auf ihn zuſtürzte. „O helfen Sie! Mon Henri! II se meurt!“ rief ſie und umklammerte ſeine Arme, während ſie ihn gegen das Bett zerrte.„Mon Henri, mon pauvre Henri!“ Gerhard erſchrak vor den von Furcht und Ent⸗ ſetzen entſtellten Zügen der ſonſt ſo ſchönen Frau. Ihre Augen quollen weit aus dem Kopfe, das Antlitz war bleich und verzerrt, wie das einer Gorgone aus pariſchem Marmor, und die zuckenden Lippen bläulich gefärbt. Er folgte ohne Zögern an da s Bett, auf 1* 4 4 welchem der Baron regungslos lag, erkannte aber an dem kurzen, röchelnden Athemzug ſogleich, daß derſelbe keine Leiche ſei. So faßte er ihn denn am Arme und ſchüttelte ihn leiſe, indem er ihn beim Namen rief. Es war ihm, als zuckten die Augenlider des Gerufenen, aber Antwort erhielt er keine, ebenſo wenig als die noch immer jammernde Baronin, die bald das Haupt, bald die Arme ihres Gatten betaſtete und am Bette in die Kniee geſunken war. Als ſie ſah, daß Alles vergeblich blieb, flog ſie neuerdings hülferufend an die Thür, vor der außen im Corridore ſchon verſchiedene Stimmen laut wur— den. Es wurde gepocht und der Verſuch gemacht, die Thür zu öffnen, Monſieur Germain verlangte Einlaß., Gerhard gab endlich ſein erfolgloſes Bemühen bei Baron Leſtow auf und fragte die Baronin, warum ſie nicht ſelbſt öffne. „Es iſt nicht möglich, es iſt geſchloſſen— er hat's gethan.“ Gerhard ſah nun ſelber nach, der Schlüſſel ſteckte und ließ ſich ganz leicht drehen. Die aller Geiſtes⸗ gegenwart beraubte Frau hatte nicht an den Riegel gedacht, welcher vorgeſchoben war. Die Thür ſtand nun offen und die meiſten aus ihrer Ruhe geſtörten männlichen Bewohner des Hotels drängten herein ———— 92 5 und ſahen ſich mit Erſtaunen Gerhard gegenüber, während die Baronin ſchon wieder mit gerungenen Händen über das Bett gebeugt auf den Knieen lag. Die Situation war eine ſonderbare, und aus den verſchiedenen Ausrufungen und Zlicken, die ihm galten, erſah Gerhard, daß er der Gegenſtand eines eigen⸗ thümlichen Verdachtes ſei, den die Umſtände leicht gegen ihn erwecken konnten. Er fand es daher noth⸗ wendig, vor allem in wenigen Worten ſeine Anweſen⸗ heit zu erklären und auf den Zuſtand des Barons aufmerkſam zu machen. Dabei fiel ihm erſt die überaus mangelhafte Toilette der armen geängſtigten Frau auf und er nahm raſch ein großes Tuch von einem Stuhle und legte es ihr über die entblößten Schultern. Inſtinctiv zog ſie es über der Bruſt zu⸗ ſammen, ſie dachte jetzt ſicherlich an keine Forderung der Convenienz. In ſolchen Momenten, wo der Menſch ausſchließlich von einem Gedanken beherrſcht iſt, fallen alle anerzogenen Rückſichten weg und es bleibt nur die unverfälſchte Natur, die, von der Tra⸗ gik des Moments mit fortgeriſſen, für die kleinlichen, künſtlich ausgeklügelten Begriffe von Sitte und Moral kein Verſtändniß mehr hat. Es ſchien die Eingedrungenen eine eigenthümliche Scheu in dem von dem Bette entfernteſten Winkel ge⸗ — 8 8 1* 1 14 6 bannt zu halten, nicht gerade als könnte eine An⸗ näherung Gefahr bringen, aber die meiſten wurden von jenem unerklärlichen Grauen erfaßt, das an Ge⸗ ſpenſterfurcht grenzt und ſo Viele von Leichen und Sterbenden zurückſchreckt. Jedes plötzliche, ungewöhn⸗ liche Ereigniß, das ſich nicht ſofort erklären läßt, iſt beſonders bei Nacht und für den raſch aus dem Schlafe Geriſſenen unheimlich. Es war darum auch kein Wunder, daß Herr Markus Glückſtadt, der am lauteſten:„Mord! Einbruch! Greift ihn!“ geſchrien hatte, obwohl er nicht die geringſte Luſt zeigte, ſich perſönlich an Gerhard's Feſtnehmung zu betheiligen, nun zuhinterſt an der Wand Poſto faßte und von da aus neugierig Herrn von Kuruſoff über die Schul⸗ ter lugte, der mit der Nachtmütze ſtatt der Perrücke auf dem kahlen Schädel und ſonſt noch in ſonder⸗ barem Aufzuge erſchienen war. Kapitän Reuſche und Mr. Lesley waren die ein— zigen, die ohne Zaudern an das Bett herantraten und den Baron unterſuchten, während der Wirth ſelbſt raſch nach dem Arzte eilte. Gerhard ſuchte die Ba⸗ ronin auszuforſchen. Er brachte ſie auch endlich zu einer verſtändlichen, wenngleich unzuſammenhängenden Mittheilung. „Ich habe ſchon geſchlafen— er hat mich wach ——õ—— 7 gerüttelt. O ich war ſo erſchreckt, er war furchtbar! Er hat geſagt:„Es iſt nichts mit dem Leben, ich werde ſterben. Du allein könnteſt mich retten.“ Dann iſt er hingefallen und hat ſich nicht mehr gerührt. O Henri— o mein Henri— ich will ja Alles thun“, wimmerte ſie wieder, indem ſie ihr Antlitz in die Bett⸗ decke vergrub,„Alles— lebe, lebe!“ Zum Ueberfluſſe, um die Scene noch peinlicher zu machen, fing auch das Kleine, welches von dem Lärm erwacht war, jetzt zu ſchreien und zu weinen an. Gerhard hieß dieſen Zwiſchenfall jedoch willkom⸗ men, er ſuchte bei der Baronin, um ſie nur wenigſtens vom Bette wegzubringen, das Muttergefühl zu er⸗ wecken, und das gelang ihm auch inſoweit, daß ſie ſich zunächſt dem Kinde widmete, bis endlich, ganz ver⸗ ſtört, die in einem andern Zimmer untergebrachte Bonne erſchien. Die Mutter, die ihre Kleine nicht einmal bei Nacht von ihrer Seite laſſen wollte, jetzt aber kaum deren Weinen beachtete und jedenfalls nicht ſehr geeignet war, ſie zu beruhigen, ſchien kaum zu bemerken, daß man ihr das Kind aus den Armen nahm, und eilte mit gefalteten Händen wieder zu ihrem Gatten, der noch immer kein Zeichen des Bewußtſeins von ſich gab. Der Kapitän, der, ſo plötzlich aus der Bettwärme 3 8 geriſſen, furchtbar huſtete und Mr. Lesley hatten unter⸗ deſſen den Baron beobachtet und ihre Meinungen ausgetauſcht. „Sieht nicht aus wie ein Sterbender“, ſagte der Kapitän lakoniſch;„habe mehr als einen in meinem Leben geſehen.“ Mr. Lesley nickte, deutete mit der Fingerſpitze gegen Herz und Stirn des Barons und bemerkte leiſe: „Weder Schlaf noch Ohnmacht.“ „Könnte höchſtens Epilepſie ſein“, nahm der Ka⸗ pitän wieder das Wort. Mr. Lesley ſchüttelte nur ungläubig den Kopf und griff nach einem vollen Glaſe Waſſer, das auf dem Nachttiſchchen ſtand. Er netzte die Finger und ſpritzte einige Tropfen mit aller Gelaſſenheit, wie zum Spiel, dem Röchelnden ins Geſicht. Ein Zucken ging durch alle Züge, aber was Mr. Lesley vielleicht ge⸗ hofft, geſchah nicht. Die Augen blieben geſchloſſen der Baron machte nur eine Bewegung mit dem ganzen Körper, wobei ſeine geſchloſſene Fauſt gegen die Wand ſchlug und dort liegen blieb, das Antlitz ſich aber ab⸗ wendete, ſodaß ſich die Züge nicht mehr ſo klar be— obachten ließen, obwohl das Zimmer ganz hell erleuch— tet war, da faſt Jeder Licht mit gebracht hatte. Die troſtloſe Frau ſtand jetzt wieder vor dem 9 Bette und ſah mit peinlicher Frage bald Mr. Lesley, bald dem Kapitän in die Augen. „Wird er leben? Hat er ſich nicht vergiftet? O Gott, er hat ſich vergiftet! O Henri, warum haſt Du das gethan!“ jammerte ſie und umſchlang den nun wieder Regungsloſen mit beiden Armen. „Von Gift iſt keine Rede“, ſprach ihr Mr. Lesley zu„es könnte nur ein ſtarkes Opiat ſein. Haſchiſch⸗ und Opiumraucher habe ich allenfalls in ſolchem Zu⸗ ſtande geſehen, obwohl—“ Er ſtockte, und erſt als Gerhard ihn beiſeite nahm, erklärte er, was er früher verſchwiegen: er halte Alles für eine bloße Komödie, verbunden mit einer ſtarken Exaltation. „Wozu aber? Was ſoll ſie für einen Zweck haben?“ „Darüber kann ich keine Auskunft geben“, ant⸗ wortete Mr. Lesley achſelzuckend.„Aber vorgekommen iſt mir dergleichen mehr als einmal. Es erinnert mich an die halb natürliche, halb erkünſtelte Ekſtaſe und den Schlaf der tanzenden Derwiſche. Da ſehen Sie übrigens— wenigſtens eine theilweiſe Erklärung.“ Er deutete dabei auf die Erde, wo unmittelbar neben dem Sopha in einer Eiswanne zwei dem An⸗ ſcheine nach geleerte Champagnerflaſchen lagen. Mochte nun Herr Markus Glückſtadt in der Er⸗ 10 klärung, daß man hier keinen Sterbenden, geſchweige denn eine Leiche vor ſich habe, Ermuthigung gefunden haben, oder trieb ihn die lebhafte Theilnahme für das ganz in Schmerz aufgelöſte Weib an, er näherte ſich jetzt ebenfalls dem Bette und rückte mit fauniſchem Schmunzeln ſeine Klemmbrille zurecht, um die nur nachläſſig verhüllten Reize der jungen Frau beſſer mit den lüſternen Augen verſchlingen zu können. Wie be⸗ ruhigend ſtrich er dann leiſe über ihren zwar etwas hagern, aber hübſch geformten Arm, der auf dem ver⸗ ſchobenen Kopfpolſter ruhte. „Was wird's ſein?“ ſagte er dabei.„Sie müſſen ſich nicht ſo ſehr alteriren, Baronin. Wir bringen ihn ſchon wieder in die Höhe!“ Die Angeſprochene zuckte bei dieſen Worten wie unter der Berührung heftig zuſammen und ſprang zornig auf. Die Farbe war ihr mit einem Male wiedergekehrt. „Ha! Sie ſind ſchuld an Allem!“ kreiſchte ſie, ohne auf ihre Umgebung zu achten, flammenden Blickes. „Sie allein! Henri iſt gut, aber Sie haben uns ver⸗ folgt. Sie ſind hart, boshaft und unverſchämt. Ich will Sie nicht ſehen— Sie haben Henri getödtet!“ „Was meinen Sie!“ rief der Banquier mit ver⸗ legenem Lächeln, indem er wie zur Abwehr die Hände hob.„Was glauben Sie! Die Sache hat Sie ange⸗ 11 griffen, ſchöne Baronin. Ich bin zwar glücklich, daß ich Sie ſo darf bewundern in Ihrem ganzen ver⸗ führeriſchen Zauber, aber herbeigeführt habe ich die Gelegenheit nicht. Nein gewiß, herbeigeführt habe ich nichts, wenn ich ſonſt auch nicht übel combinire. Diesmal aber war ich nicht in der Contremine, glauben Sie mir. Ich bedaure ſehr, aber womit kann ich helfen?“ „Spott auch noch! O ich könnte Sie morden! Verlaſſen Sie das Gemach!“ wüthete die Baronin in ohnmächtigem Zorn, der ſie in Schluchzen ausbrechen machte.„Gehen Sie— ich haſſe Sie!“ „Aber erlauben Sie, Baronin, was kann ich dafür, wenn Sie beide das ſchöne Geld verſpielen? Ich habe ſchon genug—“ Der Banquier kam in ſeiner etwas indiscreten Rede nicht weiter, denn Gerhard legte ihm ziemlich unſanft ſeine Hand auf die Schulter und bedeutete ihn, es dürfte wohl angezeigt ſein, wenn er dem Wunſche der Baronin Folge leiſten und ihr Zimmer räumen wollte. Herr Glückſtadt zeigte dazu zwar nicht viel Luſt und machte Miene, ſich ereifern zu wollen, ließ ſich aber zuletzt von Gerhard's finſterem Blick und einem ver⸗ ſtärkten Druck ſeiner Hand doch beſtimmen, das eigene Schlafgemach aufzuſuchen, nicht aber ohne zuvor noch einen Pfeil zu verſenden. ——————— — 4 „Herren“, ſagte er ſpitzig,„die um dieſe Stunde und unter ſolchen gravirenden Umſtänden bei jungen hübſchen Frauen eingeſchloſſen gefunden werden, indeß der Gemahl, wenn nicht Gift, doch einen Schlaftrunk bekommen hat, ſollten weniger herausfordernd den Ritter ihrer Dame ſpielen, man könnte ſonſt verſucht ſein—“ „Wozu?“ fiel ihm Gerhard, indem er drohend näher trat, in die Rede. „Glück zu wünſchen, daß die Betreffenden mit dem bloßen Schreck vor einem Criminalfall davonkommen.“ Die Thür ſchloß ſich hierauf hinter dem Hinaus— gehuſchten ſo plötzlich, daß man daraus den Eifer des Banquiers, ſich in Sicherheit zu bringen, entnehmen konnte. Als Gerhard, der ihm nachwollte, die Thür wieder öffnete, ſtand er nicht dem Verleumder, ſondern unmittelbar einer grotesken Geſtalt in Unterrock, ge⸗ blümter Nachtjacke und unbeſchreiblicher Schlafhaube gegenüber. Nur mühſam gelang es ihm, aus dem über und über mit einer Paſta dick belegten Antlitz die Züge von Mademoiſelle Aglaë zu erkennen, wäh⸗ rend er ſich von ihr feſtgehalten und mit Fragen über⸗ häuft ſah, die infolge der heftig zitternden Lippen und der verſagenden Zunge faſt unverſtändlich klangen. „Iſt Feuer? Wo iſt Feuer? Retten Sie uns! 13 Brennt es im Hauſe?“ Und ſo ging es, natürlich fran⸗ zöſiſch, fort.„Meine Schweſter hat vor Schreck Krämpfe bekommen. Es brennt doch nicht ſchon hier?“ Während Gerhard den Banquier unverfolgt ließ und ſich bemühte, das von Fieberfroſt geſchüttelte alte Mädchen zu beruhigen, that ſich die Thür weiter auf und Mademoiſelle ſah in das Zimmer, vor allem Andern aber, ehe ſie noch die Gruppen und deren Be⸗ deutung entziffern konnte, ſprang ihr Herr von Kuru⸗ ſoff, welcher der Thür zunächſt ſtand, in die Augen; jetzt hatte auch er ſie erblickt und machte eine Bewegung der Ueberraſchung, er faßte unwillkürlich ſeinen Schlaf⸗ rock zuſammen, wie um ſalonfähiger zu erſcheinen. Seine Bemühungen waren jedoch überflüſſig, denn Mademoiſelle Aglaé kreiſchte auf, als ob ſie einen Geiſt geſehen hätte, ſchlug die Arme keuſch um ihre Bruſt, wo das geblümte Kamiſol ohnehin nichts mehr zum Verdecken ließ, und lief verſchämt, als habe ſie gleich einer keuſchen Suſanne den reinen Dufthauch ihrer überraſchten Unſchuld zu retten, davon und die Treppe ins obere Stockwerk empor. Die komiſche Epiſode hatte einigermaßen den Ein⸗ druck verwiſcht, welchen des Banquiers inſolentes Be⸗ nehmen auf Gerhard gemacht, und er ließ es nun dabei bewenden, den tückiſchen Feigling mit der Furcht allein —— 14 zu ſtrafen, die er ſicherlich vor der Rache des boshaft Angegriffenen empfand. Im Uebrigen blieb die Situation ſo ziemlich die⸗ ſelbe. Die Baronin weinte und beſchwor„ihren theu⸗ ren Henri“ immer wieder von neuem, doch nur ein Lebenszeichen von ſich zu geben. Die kleine Olga, durch den Anblick der vielen fremden Menſchen beun⸗ ruhigt, ſchrie noch immer, die Anweſenden theilten ſich murmelnd ihre Vermuthungen mit und blieben aus Neugierde, obwohl keiner mehr einen Verſuch machte, den Baron zu ſich zu bringen, bis endlich der von Monſieur Germain geholte Arzt erſchien und, ohne auf Jemand zu achten, mit wichtiger Miene dem Kranken⸗ bette zuſchritt. „Hier liegt kein Vergiftungsfall vor“, entſchied er nach einer Weile und Mr. Lesley nickte zuſtimmend, bot Gerhard gute Nacht und entfernte ſich mit dem Kapitän, der den ſchönen Schlaf bedauerte, welcher nun doch ſchon unterbrochen ſei. Der Arzt befragte die Baronin nach allem Vor⸗ gefallenen, wobei ſie auch diesmal wieder dieſelben un⸗ zulänglichen Angaben machte. Der Wirth erklärte dabei leiſe, der Baron habe ſchon bei Tiſche ſtark ge⸗ trunken und ſich ſpäter noch zwei Flaſchen grand mousseux auf das Zimmer beſtellt. Der Arzt nickte 15 mit ſehr nachdenklicher Miene und beſchloß dann einen Aderlaß zu appliciren, um das erhitzte Blut abzuleiten. Er verſchrieb zugleich eine beruhigende Medicin, die einer der Kellner in der Apotheke bereiten laſſen ſollte. Da ſich der Doctor anſchickte, die kleine Operation vorzunehmen, hatte es beinahe den Anſchein, als wolle ſich der Kranke aus ſeiner Bewußtloſigkeit erholen und ſo die Blutentziehung überflüſſig machen, aber die Na⸗ tur oder, wie Gerhard zu glauben anfing, er ſelbſt mußte ſich wieder anders beſonnen haben und der Arzt vollendete ſeine Vorbereitungen. Was deſſen wiederholte Erklärung, der Kranke bedürfe der unbe⸗ dingten Ruhe, nicht zu Stande gebracht, das bewirkte die Scheu, Blut zu ſehen. Das Zimmer leerte ſich raſch und die Kleine beruhigte ſich auf dem Arme ihrer Wärterin, ſobald die vielen Leute fort waren. Jetzt gelang es Gerhard auch, die Baronin zu vermögen, ſich ſelbſt ein wenig Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Es begann ſich bei ihr eine gewiſſe Ab⸗ ſpannung geltend zu machen und fröſtelnd und ver⸗ legen hüllte ſie ſich dichter in das Umhängetuch und warf, in einen Fauteuil zurückgeſunken, die Bettdecke über ihre Füße. Mit Grauen betrachtete ſie ihre blu⸗ tigen Hände und tauchte ſie in das vorgehaltene Waſch⸗ becken. Sie waren an mehreren Stellen zerſchnitten, 1 was wohl geſchehen ſein mochte, als ſie beim Auf— reißen des einen Fenſterflügels in der Erregung die Scheibe zertrümmerte. „Ich ſehe aus, als wäre ich eine Mörderin“, ſagte ſie ſchaudernd.„Ach, es wäre vielleicht beſſer, ich hätte mich getödtet“, fügte ſie ganz leiſe mit furchtbar ge⸗ preßter Stimme hinzu, und Gerhard, der die Worte gehört hatte, erſchrak über den ergreifenden Ausdruck der Verzweiflung, der in den kurzen Worten, im Tone der Stimme, in dem ſtarren Blick des tiefeingeſunkenen Auges lag. Die Wärterin brachte ihr das Kind und der Schmerz löſte ſich in convulſiviſchem Schluchzen. „Olga, meine arme, arme Olga, was ſoll aus Dir werden!“ flüſterte ſie und beugte ſich jammernd über das ‚hold lächelnde kleine Weſen, deſſen Augen der Schlaf ſchon wieder zu ſchließen begann.„O ma pauvre petite fille, mon pauvre ange, que Dieu te bénisse!“ Gerhard leiſtete dem Doctor in Ermangelung eines Gehülfen bereitwillig Aſſiſtenz und entfernte ſich erſt, als der Arm wieder verbunden, der Arzt, den Gebrauch des verordneten Mittels und nochmals ab⸗ ſolute Ruhe empfehlend, ſelbſt gegangen war und die Baronin, durch ſeine Verſicherung, bis zum Morgen werde Alles vorüber ſein, beruhigt, erklärt hatte, mit ——y—— 46 der Bonne gemeinſam wachen zu wollen, da ſie doch nicht an Schlaf denken könne. Sie hatte ſich ſogar ſchon ſo weit gefaßt, um den Herrren mit kurzen Worten ihren Dank auszuſprechen. Gerhard traf auf dem Corridor den Beſitzer der Pen⸗ ſion und den Arzt. „Es iſt gar keine Gefahr mehr“, ſagte dieſer, „wenn ich auch nicht ſagen will, daß ohne mein Zu⸗ thun der Zuſtand nicht gefährlich hätte werden können. Derartige Congeſtionen haben mitunter einen bedauer⸗ lichen Ausgang, wenn man nicht rechtzeitig zu Hülfe kommt. Es war ſehr gut, daß man mich ſogleich rufen ließ, ſo iſt dem Schlimmſten vorgebeugt.“ Monſieur Germain hörte mit großer Andacht zu, während Gerhard die Wichtigthuerei ſkeptiſch auf das richtige Maß zurückführte und ſich nur in dem von Mr. Lesley ausgeſprochenen Verdachte noch mehr be⸗ ſtärkt ſah. Da fiel ihm, als er eben gute Nacht ſagte ein, daß ja ſein Zimmer verſperrt ſei und der Schlüſſel von innen ſtecke, ſodaß er, um wieder hineinzukom⸗ men, denſelben Weg, auf welchem er es verlaſſen, auch zurück einſchlagen müſſe. „Richtig, richtig“, bemerkte Monſieur Germain, dem er mittheilte, was ihm eingefallen;„aber das kann ganz ohne Anſtand geſchehen, ich habe ſelbſt den Salon, Byr, Nomaden. II. 2 A F 18 der ſonſt über Nacht geſchloſſen iſt, geöffnet, als ich, durch die Hülferufe geweckt, die Thür der Baronin zu fand. Ich dachte ſogleich an das Fenſter, aber es wurde unnöthig, da mittlerweile die Thür ſich öffnete. Ah, Monſieur“, fügte er hinzu,„Sie wiſſen nicht, wie leid mir die Störung der nächtlichen Ruhe meiner Gäſte thut, aber was läßt ſich da machen? Ich habe keine Schuld. Man kann nicht immer wiſſen, was für Leute man aufnimmt. Sie kommen, ſie gehen, ſie ſchreiben dies und jenes ins Fremdenbuch— was will man thun? Il y a des accidents—“ Gerhard ließ den achſelzuckenden Wirth ſeine eif⸗ rigen Entſchuldigungen dem Doctor weiter vorbringen und trat in den Salon, den er raſchen Schritts durch— maß. Sonderbarerweiſe war auch die Thür nach der Veranda offen, was, wie er ſich deutlich zu erinnern glaubte, zuvor nicht der Fall geweſen, als er daran vor⸗ über kam. Noch mehr erſtaunt aber war er, als er, in die Veranda hinaustretend, Herrn von Kuruſoff begegnete, den er beim Scheine des dem Wirthe abge⸗ nommenen Lichtes ſogleich erkannte und der ihm, wie zur Unzeit überraſcht, aus dem dunkeln Theile der Veranda, von der Seite, wo Gerhard's Zimmer lag, entgegengehuſcht kam. Ah, Sie ſind verwundert, Herr Strandau“, 71— —— 19 ſagte der Ruſſe, indem er ſeine Verlegenheit zu bemei⸗ ſtern und ſeinem Auge einen feſten Blick zu geben ſuchte,„nicht wahr, ſind verwundert, mich hier zu ſehen? Ich wollte mir nur die Gelegenheit näher be⸗ trachten, ich glaubte nämlich noch immer, es könne dem ganzen Vorfall ein anderer Zuſammenhang zu Grunde liegen.“ „Ein anderer?“ „Nun ja, ein anderer, als den die Baronin anzu⸗ geben beliebt, wenn ich auch nicht gerade Herrn von Glückſtadt beiſtimmen will.“ „O ſehr verbunden“, verſetzte Gerhard kühl. „Nein, nein, obwohl,— hehe!— ſolch jungen hübſchen Herren nie recht zu trauen iſt. Man war auch einmal jung. Aber ich ſagte ſchon, nichts da! Ich unterſuchte nur die Veranda, ob nicht vielleicht ein offenes Fenſter, eine gebrochene Scheibe— Sie verſtehen mich— es könnte ja auch von außen—“ „Sie werden wahrſcheinlich nichts gefunden haben?“ „Nein, nichts Beſonderes, woraus ſich ſchließen ließe, aber ich will deshalb doch nichts geſagt haben— durchaus nichts! Ach die goldene Jugend! Die Sache nahm einen ſehr guten Verlauf— einen ſehr guten! Die Gelegenheit iſt freilich ſehr verlockend.“ 2* 2 1 1 20 Gerhard bezwang nur mühſam ſeinen wachſenden Unmuth. „Mein Herr“, ſagte er ſehr ſcharf,„ich verbitte mir derartige Vermuthungen und Anſpielungen, die ich ſonſt auf das ernſtlichſte zurückzuweiſen und zum Schweigen zu bringen mich veranlaßt ſähe!“ Der Ruſſe ſtellte ſogleich ſein cyniſches Lächeln ein und ſuchte um Gerhard herumzukommen, was ihm dieſer erleichterte. „Ich menge mich ja in nichts“, hauchte er ver⸗ ſöhnend,„in gar nichts— fällt mir nicht ein.“ „Da thun Sie am beſten daran, wenigſtens was meine Angelegenheiten betrifft; ſonſt mögen Sie thun, was Sie wollen.“ Ohne das heiſere„Gute Nacht!“ zu erwidern, durch⸗ ſchritt Gerhard die Veranda, ſtieg in ſein Zimmer und ſchloß das Fenſter wieder hinter ſich. Erſt als er ſchon lange zu Bette lag, ohne daß der ver⸗ ſcheuchte Schlaf ſich wieder einſtellen wollte, erſchien ihm beim wiederholten Durchdenken des Erlebten der Umſtand ſonderbar, daß Herr von Kuruſoff, der, nach dem Geräuſch ſeiner Thür zu ſchließen, ebenfalls ſchon lange wieder in ſein Zimmer zurückgekehrt war, ſeine angeblichen Unterſuchungen auffallenderweiſe ohne Licht angeſtellt hatte; übrigens, dachte Gerhard, konnte ja 21 die Kerze auch durch einen Zufall ausgelöſcht ſein. Er bemühte ſich nicht länger, das Befremdende in dem Benehmen des Ruſſen zu erklären, und der Schlaf ver⸗ wiſchte zuletzt vollends den Eindruck des Ungewöhn⸗ lichen. Am andern Morgen war das ganze Hotel mit der Erörterung der nächtlichen Ereigniſſe beſchäftigt. Man verſuchte auf die verſchiedenſte Weiſe den räthſel⸗ haften Vorfall zu deuten. Am ſpäteſten vielleicht erfuhr Gerhard etwas über die Verſionen, als ihn Streicher's Klopfen aus ſeinen weit in den Tag bineingeſponne⸗ nen Träumen riß. „Langſchlafen, das kommt vom Nachtſchwärmen“, rief der Eintretende ſogleich.„Was Teufel machſt Du für Geſchichten?“ „Ich?“ fragte Gerhard erſtaunt.„Was meinſt Du?“ „Nun, ſolche Abenteuer gehen ſchon über das Er⸗ laubte. Das ganze Haus zu alarmiren!“ „Ach geh, laß den Scherz. Wo warſt denn aber Du eigentlich heute Nacht? Ich ſah Dich nicht.“ „Das glaube ich. Auf meinem Zimmer. Und Du hätteſt am beſten gethan, auf dem Deinen zu bleiben.“ „So? Und ich ſollte mich alſo um nichts kümmern, wenn ich Hülferufe höre, wenn Raub, Mord, Feuer ——— —— — —— —— 4 22 oder ſonſt ein Unglücksfall anzunehmen iſt? Ich be⸗ greife Dich nicht, wie man bei ſolcher Gelegenheit ruhig auf ſeinem Zimmer bleiben kann.“ „Da ſieht man die Cgoiſten, die Andern nicht einmal Ruhe gönnen. Habe ich mich hier als Haus⸗ knecht verdungen, um kecke Eindringlinge hinauszu⸗ werfen, Epileptiſchen Hülfe zu leiſten oder Feuer zu löſchen? Solange es nicht mich angeht, geht's mich auch nichts an, und hätteſt Du ſo gedacht wie ich, ſo würde Mademoiſelle Aglaé Dich nicht drüben im Salon einen Libertin, einen homme terrible nennen und das Haus zu verlaſſen drohen, wo man den Da⸗ men ins Fenſter ſteigt. Und ſie hat Recht, wenn ſie auch das Letztere eben nicht ſehr zu befürchten haben dürfte. Der Henker mag in einem Hauſe bleiben, wo ſolche Spectakel ſtattfinden. Ich muß geſtehen, ich will auch fort. Aus der Huſternachbarſchaft entwiſche ich glücklich und in der erſten Nacht, wo ich wieder ein⸗ mal vernünftig ſchlafen zu können hoffe, geht's an einem andern Ende los. Ich habe es ſatt und ſetze voraus, Du gehſt mit, all den fragenden Blicken und verſteckten Anſpielungen aus dem Wege zu kommen.“ „Gerade darum würde ich bleiben, wenn ich auch ſonſt Luſt hätte aufzubrechen. Selbſt wenn ich nicht wüßte, daß Du übertreibſt, ſelbſt wenn dieſer thörichte 23 Verdacht, den nur zwei ſo verdorbene, bornirte Men⸗ ſchen wie Glückſtadt und Kuruſoff verbreiten konnten—“ „Ach, laſſe mir Kuruſoff, das iſt ein ganz anſtän⸗ diger Mann“, fiel Streicher ein;„ich verſtehe mich auf Menſchen und Charaktere.“ Gerhard zuckte die Achſeln und fuhr ohne Unter⸗ brechung fort: „Selbſt wenn dieſen thörichten Verdacht auch noch Andere hegen würden, ſelbſt dann müßte ich dieſen verrückten Anſchuldigungen die Stirn bieten. Ihnen aus dem Wege gehen, wäre feige Flucht und hieße ſich ſelber ſchuldig bekennen. Ich werde bleiben und dadurch den beſten Gegenbeweis führen, im Nothfall mir aber Achtung zu erzwingen wiſſen.“ „Lächerlich! Wie kann man die erzwingen! Nichts kannſt Du, als höchſtens die Zungen zum Schwei⸗ gen bringen, ſolange ſie Dein Ohr in der Nähe wit⸗ tern. Wer einmal Luſt hat, an einer vorgefaßten Meinung feſtzuhalten, den bringt kein Gegenbeweis davon ab, mag er ſo ſubtil oder ſo derb ſein, als er will. Willſt Du krakeelen? Dich in eine Reihe von Unannehmlichkeiten ſtürzen und am Ende mich, als Deinen Freund, mit hineinziehen? Danke ſchönſtens! Ich begreife Dich nicht mehr; was ſoll denn dieſes 24 obſtinate Feſtſitzen an einem Orte? Ich verſtehe noch eher den dummen Spießbürger, dem der Wind das Dach davongeblaſen hat, den alle ſeine Mitbürger über die Achſel anſehen, daß er in dumpfem Trotze ſitzen bleibt, wo er ſitzt, und ſich dabei im Stillen das Herz abgrämt, daß er zuerſt Spott, dann Katzenmuſiken, zuletzt vielleicht ſogar Prügel und Proceſſe hinnehmen muß, ohne etwas dagegen thun zu können— Alles nur darum, weil er vielleicht ſein Haus blau bemalte, den Dachſtuhl nicht in gebräuchlicher Art aufſetzte oder ſich dabei überraſchen ließ, wie er der Nachbarin einen zärtlichen Kuß gab. Wenn der in ſeiner Beſchränkt⸗ heit ſich feſtgewachſen meint und außerhalb der Stadt⸗ mauern den Athem zu verlieren fürchtet und darum lieber in ſtumpfſinniger Duldung ausharrt, bis die andern Beſtien müde geworden ſind oder endlich Mit⸗ leid mit ihrem Opfer fühlen, wofür er ihnen dann noch in dankbarem Jubel um den Hals fällt und von Vergeltung, muthiger Ausdauer, Charakterfeſtigkeit, Läuterung, Durchdringen und dergleichen faſelt— das kann ich, wie geſagt, faſſen. Es ſoll ja Beiſpiele ge⸗ geben haben, daß dumme Hunde auf dem Grabe ihres Herrn verhungerten, indeß um die nächſte Ecke ein Wurſtladen ſtand, was die geſchmeichelte Menſchheit Treue nannte. Aber daß ein Menſch wie Du aus 25 unbegreiflicher Halsſtarrigkeit mitten in einem Wespen⸗ neſt ſitzen bleiben will, das flößt mir nicht Achtung ein, ſondern löſcht ſie aus. Die Welt iſt groß und weit und hat viele Millionen Menſchen. Wem's an einem Ort zu eng iſt, der kann an einen andern gehen, wer die zwanzig Phyſiognomien im Hotel Germain ſatt hat, kann ſich hundert Millionen andere beſehen und darunter Auswahl treffen. Wer hier nichts gilt, wird wo anders vielleicht König. Bleibe zurück, du ſchnödes Volk und freue dich deines eingebildeten Er⸗ folgs, den einen verdrängt zu haben, wie die Sper⸗ linge die Nachtigall; ſie ſchwingt ſich, wenn der Herbſt kommt, in die Lüfte und zieht fort, wo ihr herrlicher Sang die wonnigen Nächte des Südens durchhallt und ſie den berauſchenden Duft der Roſenwälder athmet. Ihr bleibt zurück im Streite um ein halb verſchneites Düngerhäufchen, nichts weiter als feiſte, neidiſche, frie⸗ rende Spatzen!“ „Ausgezeichnet!“ rief Gerhard lachend.„Dort liegt Bleiſtift und Papier, benutze Deine gehobene po⸗ lemiſche Stimmung zu einem poetiſchen Erguß: Sper⸗ lingsvolk und Nachtigall.“ „Ich will's ein andermal ſchreiben“, verſetzte Strei⸗ cher allen Ernſtes,„jetzt aber iſt mein Zweck vollkom⸗ men erreicht, wenn ich das Bewußtſein der Freizügig⸗ —— ———— keit, das bei Dir entſchlummert ſcheint, wieder wach gerufen habe. Ah, dieſes ewige Herz“, fuhr er heftig fort, als Gerhard den Kopf ſchüttelte;„ich denke, es hat Dir doch ſchon Streiche genug geſpielt und diesmal fliegſt Du nicht wie eine Nachtigall davon, ſondern läßt Dich fangen wie ein—“ Ein raſches Klopfen und die aufgehende Thür verhinderten die Vollendung des nicht ſehr ſchmeichel⸗ haften Vergleichs. Graf Hilmersdorf ſtürmte herein und warf ſich ohne weiteres aufs Sopha. „Merkwürdige Dinge gehen vor, während ich nicht zu Hauſe bin“, rief er ſcherzhaft.„Bon jour, messieurs! Schade, daß ich nicht hier war, vielleicht hätte ſich das ganze Aufſehen verhindern laſſen. Leſtow läßt Ihnen danken, Herr— Herr von Strandau.“ „Er iſt alſo bei Beſinnung?“ entgegnete Gerhard etwas ſteif. „Vollkommen; war gerade bei ihm. Wie geſagt, er läßt Ihnen danken für die Hülfe, die Sie ſeiner Frau geleiſtet. Auch die Baronin hat mir aufgetragen, Ihnen ihre lebhafte Erkenntlichkeit auszudrücken. Sie iſt noch ganz angegriffen, die Arme, als wenn“, ſetzte er lachend hinzu und blinzelte dabei mit dem Auge, das nicht vom Glaſe verdeckt war,„als wenn die Leute Recht hätten, die da behaupten wollen, Sie 27 ſeien wohl ſchon einige Zeit vor dem Hülfeſchreien und Pochen zu Hülfe geeilt.“ „Herr Lieutenant, ich muß Sie für dieſe Worte verantwortlich—“ „Mais, mon dieu“, fiel der Graf raſch ein,„ich ſage das ja nicht, fällt mir nicht ein. Andere urtheilen nach dem Anſchein und immer peſſimiſtiſch; Madame de Granier, ich wette darauf, würde es auch glauben, aber ich bin nicht ſo kurzſichtig.“ „Ich meine, der Dank des Barons iſt Beweis genug“, ſchaltete Streicher ein. Der Graf ſchwenkte ſein Glas an der Schnur um den Zeigefinger. „Beweis?“ ſagte er ſkeptiſch.„Unter Cavalieren macht man dergleichen in der Stille ab— es wäre ſehr thöricht, ſich vor der Welt eine Blöße zu geben und eine Dame zu compromittiren. Aber wie geſagt, ich bedarf keines Beweiſes“, ſetzte er raſch hinzu, als er ſah, daß Gerhard ungeduldig wurde.„Ich ſehe die Sache ganz einfach an. Die Leſtows haben geſtern Mittag ſtark geſpielt— ich war Zeuge— und perma⸗ nent verloren. Vielleicht ſind ſie in der Klemme, der Jude will nicht helfen, ein kleiner ehelicher Streit, etwas zu viel— Sie verſtehen mich“— er machte die Geſte des Trinkens—,kurz, man kann ſich das Alles vor⸗ 28 ſtellen; etwa noch wirklich eine gewiſſe Dispoſition— und der Accident iſt fertig. Sie ſehen, ich ſtehe auf dem vernünftigen Standpunkt, Herr von Strandau.“ „Sie haben mich ſchon wiederholt mit von ange⸗ ſprochen“, glaubte Gerhard einwerfen zu müſſen;„ich muß Ihnen bemerken—“ „O wozu! Laſſen Sie mich, es geht mir ſo beſſer von der Zunge. Alle anſtändigen Leute ſind ja von Adel oder verdienen ihn zum wenigſten.“ „Dieſe Anſicht iſt eine lächerliche“, fiel Streicher ein. „Sie meinen, Herr Streicher?“ entgegnete der Graf, das Glas wieder ins Auge drückend und mit ſo ſtarker Betonung des Namens und des Wortes Herr, daß das Wegbleiben des„von“ auffallend war. Streicher bemerkte es ſehr genau und war im Begriffe aufzufahren, beſann ſich aber eines Beſſern und verließ geräuſchvoll das Zimmer. Der Graf erhobz ſich nun auch; er mochte ahnen, daß Gerhard ſeine Anweſenheit nicht beſonders ange⸗ nehm ſei, und empfahl ſich höflich, indem er noch ver⸗ ſicherte, er werde ſobald als möglich zu Madame de Granier eilen und ſie beſchwichtigen. „Denn ſie wird zweifelsohne außer ſich ſein, wenn ſie die Vorfälle der letzten Nacht hört. Sie glaubt ſicher an Ihre Untreue. Man weiß nicht, ſoll 29 man Sie beneiden oder bemitleiden, Sie glücklicher Mann.“ „Aber Sie irren, Graf, vollkommen“, verſetzte Gerhard ernſt.„Madame de Granier empfindet wohl für mich ebenſo wenig Intereſſe als ich für ſie.“ „Vortrefflich! Leugnen Sie nur immer und in allen Fällen. Ich begreife, daß die Damen Sie ver⸗ göttern. Nur geleugnet— haha! nur geleugnet!“ Fort war er und Gerhard blieb in Unmuth zurück. War es denn hier ſein Schickſal, immer und immer wieder verkannt zu werden und dem Unglauben zu begegnen? Streicher hatte doch beinahe Recht. Aber zum Fliehen war noch immer Zeit, erſt mußte die Schlacht entſchieden ſein, noch hatte er ſie nicht ver⸗ loren und Sieg war doch ſchöner als Flucht. Sieg? Was war der Preis deſſelben? Er mochte ſich ſelbſt keine Antwort geben. Zweites Kapitel. Schloß Chillon. Von kräftigem Ruderſchlag getrieben flog ein Kahn über den See hin. Gerhard und Mr. Lesley halfen ſelbſt mit gewandter Hand dem Schiffer und es gelang ihnen, das vorangefahrene größere Boot noch zu errei⸗ chen, ehe es am Landungsplatze von Chillon ange⸗ legt hatte. Der Leman wogt an Chillons Wällen; Wohl tauſend Fuß hinab umfaſſen Und drängen ſich die Waſſermaſſen, So tief hinunter ſank das Blei Von Chillous weißer Felsbaſtei, Die Flut auf Fluten rings umquellen. Heute aber lag der Spiegel des Sees ruhig, nur die leiſen Wellen, die das eintauchende Ruder erweckte, — — 31 oder die, vom ſcharfen Kiel durchſchnitten, ſich hinter dem Steuer wieder vereinigten, zogen immer weitere, flachere Kreiſe, bis jeder Tropfen ſeine Ruhe wiederge⸗ funden. Faſt freundlich ragte das alte Felſenneſt in den ſtillen, klaren Spätherbſttag herein, und die blitzend vom Waſſer zurückgeworfenen Sonnenſtrahlen erfüllten die Luft mit jener angenehmen Wärme, die den Kran⸗ ken wohlthuend belebt und ſelbſt dem Geſunden in ſo vorgerückter Jahreszeit wie ein Labetrunk erſcheint, der ihn das Entſchwinden des Sommers, den Wechſel der Jahreszeiten, die Flüchtigkeit des Lebens ſogar vergeſſen läßt. Wie auf den Wink einer Fee hatte über Nacht der anhaltende Regen aufgehört, ſelbſt Nebel und Wolken ſchienen Lizzie gehorſam, die jetzt eben mit ihren An⸗ gehörigen, dem Grafen und Herrn von Kuruſoff aus dem größern Boot ans Land ſtieg und ſich tags zu⸗ vor, als ſie Gerhard zu dieſem Ausfluge aufforderte, ausdrücklich ſchönes Wetter zur Verherrlichung ihres Namensfeſtes angeordnet hatte. Gerhard hatte zwar gerade für denſelben Nach⸗ mittag einen Beſuch in der Villa auf der Höhe beab⸗ ſichtigt, aber er nahm die Einladung hin wie ein Zweifelnder, der ſich in abergläubiſcher Regung vom Zufalle das Loos werfen läßt. Zudem wäre ein Aus⸗ 32 weichen mehr als unfreundlich geweſen, da das herzige Mädchen ihm nicht nur immer mit großer Liebens⸗ würdigkeit begegnete, ſondern auch am Morgen nach jener unruhigen Nacht ſo ziemlich die einzige Dame war, welche offen erklärte, an jene vom Banquier und dem Ruſſen ausgeſprengten Gerüchte nicht zu glauben, ja denſelben ſogar mit ſo viel Eifer und Entſchiedenheit entgegentrat, daß die beiden Fräulein Brocat ſich per⸗ ſönlich beleidigt fühlten. Die Zurechtweiſung hatte allerdings auch vorzugsweiſe ihnen gegolten und ſie machten es Herrn von Kurrſoff jetzt zur Ehrenpflicht, ſeinen Umgang mit den Engländern abzubrechen und ihnen offen beizupflichten, was er jedoch durch aller⸗ lei Winkelzüge hinauszuſchieben wußte. Er fühlte ſich durchaus nicht behaglich, ſo hart zur Wahl gedrängt zu ſein. Sollte er eine Hoffnung aufgeben, wo ihm auf der andern Seite die Erfüllung noch nicht gewiß war? Bis jetzt zeigte ſeine Bewerbung allerdings bei Lizzie weniger Ausſicht auf Erfolg, dagegen hatten die beiden Damen von Oron la ville ſchon einmal auf gewiſſe Papiere und Beweistitel angeſpielt, und es war alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß die ſpießbürger⸗ liche Vorſicht und der altjüngferliche Eigenſinn von dieſer Herrn von Kuruſoff ziemlich unangenehmen Vor⸗ bedingung ſchwerlich abgehen würden. 9 33 Zwiſchen die beiden Chancen geſtellt, wünſchte er ſich erſt zu vergewiſſern, ehe er die Entſcheidung traf; er hatte ſeine Hoffnung auf dieſen Ausflug geſetzt, der ihm Gelegenheit bringen ſollte, Lizzie's Anſicht kennen zu lernen, bevor er ſich entſchloß, die minder ſüße Frucht zu pflücken, und es war ihm gelungen, ſich ſo geſchickt der kleinen Geſellſchaft anzuſchließen, daß die Fräulein Brocat keine Ahnung davon hatten, wie er ſich ihrem Verbote zum Trotze eben im feindlichen Lager befinde. Dies aber war ſo ziemlich die einzige zu Tage tretende Folge, welche ſich aus dem räthſelhaften Er⸗ eigniſſe jener Nacht ergab. Da Gerhard nicht Miene machte, neue Anſchuldigungen geduldig hinnehmen zu wollen, ſo wagte ſich auch keine mehr an ihn heran. Der Banquier wich ihm wohlweislich aus, und der offene Dank, den der Baron und die Baronin ihm entgegen⸗ trugen, ohne daß auch nur das kleinſte Anzeichen die weitern Vermuthungen beſtätigt hätte, ließ jeden Ver⸗ dacht von ſelbſt ſchweigen, wo ihn nicht Beſchränktheit oder Bosheit feſthielt. Als die zuerſt gelandete Geſellſchaft das zweite Boot ſo raſch heranſchießen ſah, blieb ſie in Erwar⸗ tung ſtehen. Gerhard ſchwenkte den Hut zum Gruß und war eben im Begriffe, ans Land zu ſpringen, Byr, Nomaden. II. 3 34 als Lizzie's kleiner Fuß der Spitze des Kahns einen Stoß gab, ſodaß dieſer wieder vom Ufer trieb. „Sie brauchen nicht mehr zu kommen“, rief ſie dabei ſchmollend, aber was ſie gewiß nicht beabſichtigt hatte, wäre beinahe geſchehen. Gerhard, der ſchon auf der Sitzbank ſtand, verlor durch die Schwankung des Schiffchens das Gleichge⸗ wicht und war nahe daran, ins Waſſer zu ſtürzen. Mit ebenſo viel Geiſtesgegenwart aber als Elaſticität ſchnellte er ſich noch rechtzeitig ab und erreichte in un⸗ gewöhnlichem Weitſprunge den Rand des Ufers, wo er jedoch ausgleitend auf ein Knie fiel. Das kindiſche Mädchen lachte laut auf; trotz des Verweiſes von Vater und Mutter konnte es nicht um— hin, Gerhard's etwas forcirte Bewegungen komiſch zu finden, vielleicht auch löſte ſich blos der plötzliche Schreck in dieſer übertriebenen Heiterkeit, die einen weniger Gutmüthigen hätte verletzen müſſen. „Sehen Sie“, rief die Uebermüthige, die in ihrer blonden Locken Fülle, welche heute ausnahmsweiſe ihr Köpfchen umwallte, ſelbſt wie eine zweite Sonne ſtrahlte, „ſo muß Alles auch wider Willen der Königin des Tages huldigen.“ „Nicht ohne ſehr gewagten Kunſtgriff von ihrer Seite“, entgegnete Gerhard ſich erhebend. — 35 „O pfui!“ ſchmollte Lizzie.„Ich gebrauche keine Kunſtgriffe, ſagen Sie lieber geradezu Ungeſchicklichkeit und ich will dafür ſowie für das Zuſpätkommen den Fußfall als amende honorable gelten laſſen und groß⸗ müthig beide Unarten verzeihen.“ „Wie liebenswürdig, ſelbſt wo die Gnade nicht verdient iſt“, hauchte Herr von Kuruſoff in Ekſtaſe. „Wenn Sie wollen, Herr von Kuruſoff, Sie kön⸗ nen ſie um denſelben Preis haben“, ſcherzte Lizzie. „Machen Sie den gleichen Sprung.“ „Und wenn ich hineinfalle?“ fragte der Ruſſe er⸗ wartungsvoll. „Dann ſind Sie naß.“ „Sie Grauſame! Uebrigens bin ich mir keines Vergehens bewußt, das Sie zu verzeihen hätten.“ „Ich meine, auch bei Strandau hätteſt Du eher Verzeihung zu erbitten, als zu gewähren“, bemerkte Mr. Lesley, der mittlerweile ebenfalls das Boot verlaſſen hatte, leiſe, doch ſo, daß es die Zunächſtſtehenden hören konnten, in engliſcher Sprache, und ſeine Schwägerin ſchwieg auf dieſe Zurechtweiſung erröthend ſtill. Die Geſellſchaft hatte ſich nach dem Schloſſe auf den Weg gemacht und Graf Hilmersdorf bot Mrs. Lesley den Arm, der angenommen wurde; der Pfarrer und ſeine Frau folgten. Herr von Kuruſoff bot ſich 3* —— 36 Miß Lizzie zum Cavalier an, dieſe aber trieb ihn und ihren Schwager voraus. „Die beiden Herren müſſen zuſammengehen“, be⸗ fahl ſie;„Alles muß mir heute gehorſamen, ſonſt ver⸗ finſtern wir uns— ich und Baſe Sonne. Gehen Sie nur voraus, meine Herren, ich habe eine muſikaliſche Conſultation mit unſerm Maéſtro.“ Gerhard fügte ſich wie die andern Beiden, obwohl er keine Ahnung hatte, was ſeine übermüthige Schüle⸗ rin im Schilde führe. Es war heute Vormittag ſchon die zweite Lection von ihm ertheilt worden und er hatte gefunden, daß ſie wirklich ſehr viel Anlage zum Ge⸗ ſang beſitze, nur ſchmetterte ſie Alles viel zu hell und unmodulirt, wie eine fröhliche Lerche in die Welt hin⸗ aus. Die Stimme fügte ſich noch nicht genügend der bedingten Empfindung. Darüber hatte er ganz aufrich⸗ tig geſprochen und er glaubte, es ſolle jetzt vielleicht abermals die Rede darauf kommen; aber kaum war Mr. Lesley mit dem Ruſſen ſo weit voraus, daß ſie anneh⸗ men konnte, nicht mehr gehört zu werden, ſo ſtreckte ſie ihrem Begleiter die Hand hin. „Herr Strandau, nicht wahr, Sie ſind mir nicht böſe?“ ſagte ſie ſtockend und dann doch wieder haſtig, als läge ihr daran, es ſchnell heraus zu haben. Aller Uebermuth war verſchwunden, die Stimme klang ſo ehrlich und offen, daß die Reue deutlich herauszufüh⸗ len war. Gerhard nahm überraſcht die kleine Hand und legte ſie dann in ſeinen Arm. „Thorheit, Miß Lizzie“, ſagte er freundlich.„Kom⸗ men Sie, wir bleiben zu weit ab. Aber wiſſen möchte ich doch“, fügte er hinzu,„wodurch ich die Mißhand⸗ lung verdient habe.“ „Ah!“ entgegnete ſie raſch mit ſchelmiſchem Lä⸗ cheln in den großen leuchtenden Augen,„das haben Sie ſchon. Weshalb ſind Sie ſo lange ausgeblieben, daß ich glauben mußte, Sie hätten meine Einladung vergeſſen?“ „So? Dafür mußte ich büßen? Ich hatte mit Ihrem Schwager verabredet, ein eigenes Boot zu nehmen.“ „Ich weiß ſchon, unſere Geſpräche langweilen Sie.“ „Nicht doch, da thun Sie mir Unrecht, aber Mr. Lesley und ich finden Freude am Rudern. Ihr Schwager hat den in Oxford betriebenen Sport nicht vergeſſen und ich haſſe die Unthätigkeit in einem Kahne, es iſt mir, als ſollte ich mich von einem Pferde tra⸗ gen laſſen, das ein Anderer lenkt; es iſt ein angeneh⸗ mes Gefühl, ſolch unmittelbaren Erfolg des Kraftauf⸗ wandes zu empfinden, mit jedem Druck des Arms das 38 Element zu bezwingen und wie ein Pfeil vorwärts zu fliegen.“ „Ah, Ihr Herren ſeid ſtolz, wenn Ihr mit Ge⸗ walt etwas durchſetzen könnt und Eurer Kraft kundig werdet. Ihr möchtet alle Halbgötter oder zum min⸗ deſten kleine Tyrannen ſein.“ „Möglich, möglich!“ lächelte Gerhard,„ich will über dieſe Auffaſſung nicht mit Ihnen rechten. Alſo jetzt haben Sie den Grund, warum wir nicht auf Ihr Schiff kamen; wir verſpäteten uns überdies noch ein wenig beim Cigarreneinkauf.“ „Ich glaube, daß das wenigſtens von Davy eine abſichtliche Verſpätung war. Ich verſtehe ihn nicht, er iſt ſehr böſe.“ „Ihr Schwager böſe?“ erwiderte Gerhard leb⸗ haft.„Sagen Sie traurig, verwundet, Miß.“ „Wer iſt ſchuld? Er ſelbſt.“ Gerhard ſchüttelte den Kopf, fand es aber nicht am Platze, ſeine Anſicht hierüber auszuſprechen. Viel⸗ leicht hatte das junge Mädchen noch keine Ahnung, wie unſtatthaft das Benehmen ihrer Schweſter war, was ſollte er den noch ſo klaren Spiegel durch einen böſen Hauch trüben! Er begnügte ſich zu bemerken, daß ſie beide im Grunde ja doch nicht zu ſpät gekom⸗ men ſeien und das größere Schiff gewiß noch früher eingeholt hätten, würden ſich deſſen Ruderer nicht ab⸗ ſichtlich und aus Ehrgeiz ſo ſehr angeſtrengt haben, um ſich vom kleinen Kahne den Vorrang nicht ablaufen zu laſſen. „Es war eine hübſche Regatta.“ „Ja, als wir Sie erkannten, war es ſchon gut—“ „Schon gut?“ fragte Gerhard erſtaunt, als die Kleine ſtockte. „Natürlich! Ich glaubte, Sie kämen nicht mehr.“ „Aber ich pflege Verſprechen immer zu halten; thun Sie es nicht, daß Ihnen der Bruch einer Zuſage ſo natürlich erſcheint?“ Lizzie war leicht erröthet; haſtig, wie um ſich zu rechtfertigen, rief ſie:„Herr von Kuruſoff behauptete, Sie wären nach der Höhe— wiſſen Sie, und das machte mich ſehr zornig.“ Gerhard hörte verwundert auf dieſe naive Aeuße⸗ rung des freimüthigen Kindes und grübelte über die Urſache dieſer Antipathie, aus welcher ſie zu entſprin⸗ gen ſchien. Sich ſelbſt für den Gegenſtand einer eifer⸗ ſüchtigen Regung zu halten, fiel ihm nicht bei. Er hielt ſich bei allem Selbſtbewußtſein nicht für das Ideal eines ſiebzehnjährigen Mädchens, dem er im Ganzen ſelbſt nicht viel mehr Beachtung geſchenkt als einem liebli⸗ chen Kinde, mit dem man ſcherzt und deſſen Launen 6 8 8 8 N 40 man erträgt, weil man eben noch keinen Ernſt bei ihm vorausſetzt. Er glaubte auf der rechten Spur zu ſein, als Lizzie nach einer Pauſe fortfuhr:„Und ich glaubte, Davy ſei auch mit, und er ſoll nicht hingehen, das ge— hört nicht für ihn. Lord Aysmonds iſt dort und Davy ſoll nicht ſein, wo Lord Aysmonds hingeht, der von ſeiner Frau getrennt lebt und einen üblen Ruf hat. Die arme Mary grämt ſich ſehr und Sie ſollten Davy zureden, daß er nicht hingehe. Ich hab' es nicht geglaubt von ihm, aber—“ „Warum ſtocken Sie? Sagt's vielleicht auch Herr von Kuruſoff oder der Graf? Wenn das iſt, ſo mö⸗ gen ſich dieſe Herren in Acht nehmen mit ihren Lügen. Ich ſehe zwar nicht ein, warum Ihr Schwager nicht ein Haus beſuchen ſoll, in welchem ich nichts Anſtößi⸗ gem begegnete, aber wenn es Sie zu beruhigen vermag, ſo kann ich Ihnen ſagen, daß er meines Wiſſens noch niemals bei Madame de Granier war.“ „Ich werde Kuruſoff den Aerger büßen laſſen, den er mir verurſachte“, drohte Lizzie und zog ihre Hand aus Gerhard's Arm, da die Geſellſchaft im Schloſſe an— gekommen war. Gerhard mußte viel an die Mr. Lesley betreffende Aeußerung denken. Sollte derſelbe am Ende auch ihn täuſchen und in der Villa Zutritt haben. Doch warum 41 würde er das leugnen? Was wäre Böſes daran gewe⸗ ſen, wenn der in ſeiner Familie keinen Platz mehr Fin⸗ dende andern Umgang aufgeſucht hätte? Gerhard fühlte ſich peinlich berührt. Sollte er nun doch, was er ſich ſo lange zu glauben geſträubt, für eine That⸗ ſache annehmen und den zweifelhaften Ruf, in welchem die Villa auf der Höhe ſtand, für berechtigt halten? Lord Aysmonds, von ſeiner Frau getrennt, ſonſt auch in übler Nachrede, ging da aus und ein; war ihm denn Madame de Granier, je öfter er ſich die Einzeln⸗ heiten ſeines Beſuchs in Erinnerung rief, nicht zum mindeſten ſonderbar erſchienen? Hatte am Ende Mr. Lesley ſelbſt kein ganz reines Gewiſſen und darum die gegründetſte Urſache, ſoweit gehende Nachſicht zu üben, wie er es zu Gerhard's großem Erſtaunen gegen ſeine Frau that, deren Umgang mit Graf Hilmersdorf ſicht⸗ lich an Vertrautheit keinen Abbruch erlitten hatte? Umſonſt hatte Gerhard nach jener Schuhgeſchichte das Aergſte befürchtet, Mr. Lesley hatte nichts gethan. Er hatte weder mit dem Grafen noch mit ſeiner Frau eine Erklärung gehabt, denn beide verkehrten nach wie vor vertraulich miteinander. Der Graf brachte ungeſcheut vor aller Welt ſeine Huldigungen dar und die junge Frau lehnte ſie wenigſtens nicht ab und hielt ihn nicht in allzu ſtrengen Schranken. 64 42 Aber dann ſtieß Gerhard all dieſe unwürdigen Verdächtigungen wieder von ſich, er dachte an Strei⸗ cher. War dieſe enghherzige Atmoſphäre des kleinen Krähwinkel mitten in dem gleich einer großen Stadt bevölkerten und durch den Zuſammenfluß der verſchie⸗ denartigſten Menſchen und Nationen fortwährend be⸗ lebten Complexe von Ortſchaften, in deſſen Einwohner⸗ ſchaft der ſtete Wechſel eine friſche, anregende Strömung erhält, war dieſe kleinſtädtiſche Klatſchſchlucht, dieſe Freude an übler Nachrede epidemiſch, daß jetzt auch er ſich ſo ohne weiteres geneigt fühlte, das Böſe zu glau⸗ ben und Andern zu mißtrauen, er, der doch eben erſt ſelber die Erfahrung gemacht, wie nichts als ein eigen⸗ thümliches Zuſammentreffen von Umſtänden dazu ge⸗ höre, von der Schelſucht ungehört verdammt zu wer⸗ den, wenn die Anklage auch noch ſo unwahrſcheinlich klang? Unter ſolchen Gedanken ſah Gerhard wenig von den waffengefüllten, alterthümlichen Sälen des düſtern Schloſſes, das zum Theil auch heute noch als Gefäng⸗ niß verwendet wird, wenn auch die humanere Zeit den Gefangenen heutzutage nicht mehr die urſprünglich zu Kerkern hergerichteten Räume anweiſt und den Sträf⸗ ling für die Entziehung der Freiheit ſoviel als mög⸗ lich dadurch ſchadlos hält, daß ſeine Exiſtenz innerhalb 43 der Mauern im Ganzen eine beſſere iſt, als viele ſeiner armen Mitmenſchen außerhalb derſelben zu genießen in der Lage ſind. Der ehemalige unterſeeiſche Kerker wird nur noch als Curioſum gezeigt und die Beſucher können da mit Grauen Bonnivard's gedenken, jenes überzeugungstreuen Gefangenen von Chillon, der für ſeinen Glauben ſechs Jahre in der Tiefe verbringen mußte und dem Lord Byron ein herrliches Monument in wohlklingenden Verſen geſetzt. Auch Lizzie, die bis jetzt lachend und plaudernd an Herrn von Kuruſoff's Seite gegangen und in wahr⸗ haft übermüthiger Laune ſchien, wurde hier unten in den düſtern, kaum von einem Streifen Tageslicht däm⸗ merig erhellten Felſengewölben ernſt und erinnerte ſich jenes Gedichts ihres genialen Landsmannes, das eins der wenigen war, deren Lectüre ihr bis jetzt erlaubt geweſen. „Chillon! thy prison is a holy place!“*) rief ſie, als aber ihre Stimme vielfach gebrochen unheimlich dumpf verhallte, da murmelte ſie leiſer, von ſcheuem Gefühl erfaßt: „There are seven pillars of Gothic mould, In Chillon's dungeons deep and old, *) Chillon, dein Gefängniß iſt ein heiliger Raum. —-—, There are seven columns massy and gray, Dim with a dull imprison'd ray, A sunbeam which hath lost its way, And through the crevice and the cleft Af the thick wall is fallen and left: Creeping o'er the floor so damp, Like a marsh's meteor lamp: And in each pillar there is a ring, V And in each ring there is a chain.“*) Mr. Lesley fiel da ſchwermüthig ein: „That iron is a cankering thing, For in these limbs its teeth remain, With marks that will not wear away.“**) *) Sieben gothiſche Pfeiler ſtehn wie Rieſen In Chillons alten Thurmverließen, Sieben graue Säulen, matt erhellt Von einem Schein, der, aus der Welt Verirrt, in ew'ge Haft hier fällt! Die Sonne hat ihn hergeſandt Durch einen Spalt der Mauerwand, Nun wankt er am Boden trüb und feucht, Sowie im Moor ein Lichtlein ſchleicht. In jedem Pfeiler ſteckt ein Ring, In jedem Ring hängt eine Kette. **) Dies Eiſen iſt ein freſſend Ding, Grub ſeinen Zahn in meine Glieder Mit Narben, die nie mehr vergehn. 45 Ein leiſer Schrei unterbrach ihn. Seine Gattin hatte ihn ausgeſtoßen. Sie behauptete danach, eine Eidechſe ſei ihr über den Fuß geſchlüpft, aber es war wohl ein anderer Schreck, der ihr Herz ſtocken gemacht. Mr. Lesley hatte ſo dumpf, ſo unendlich ſchmerzlich geſprochen, als fühle er tief das Einſchneiden dieſer eiſernen Ringe und als ſei er ſelbſt der Gefangene von Chillon, der in der ewigen Dämmerung, halb des Au⸗ genlichts beraubt, raſtlos zwiſchen den ſchweren Pfei⸗ lern der Kreuz und Quere dahinirre und nur immer die Plätze vermeide, wo er ſeine Brüder ſterben ſah und wo ihre verſcharrten Leichen moderten. „Wir wollen wieder hinaufgehen, meinſt Du nicht auch, Nab, meine Theure?“ gab der Pfarrer ſeiner Empfindung Ausdruck.„Der Menſch iſt für das Tages⸗ licht geſchaffen und in der Tiefe fühlt ſich, wie ich wohl behaupten kann, die Seele ſelbſt eingekerkert.“ „Es iſt auch nicht geſund für Deine Gicht“, ſtimmte Mrs. Wallace mit wackerer Unterdrückung des unheim⸗ lichen Gefühls, das ſie beſchlichen, hinzu. „Iſt's aber auch ein Wunder, wenn man hier ſchreckhaft wird?“ bemerkte der Graf.„Es bedarf nicht erſt einer ſo unheimlichen Declamation. Ich denke, Mr. Lesley muß ein Bauchredner ſein. Ein merkwür⸗ diges Echo, überhaupt ein Ort, an dem nicht viel 46 zu fehen iſt. Sogar für einen Stall würde er mir nicht ſehr gefallen. Die Pferde bekämen alle Augen⸗ leiden. Das Schloß iſt nicht für eine Kaſerne gut.“ „Zu einer Küche ließe ſich das Souterrain allen⸗ falls verwenden“, ſprach nun auch Herr von Kuruſoff ſeine Meinung aus;„man könnte es mit Gas er⸗ leuchten. Glauben Sie nicht auch, Miß Lizzie?“ „Gas im Kerker von Chillon? Welche Blasphemie!“ entgegnete dieſe.„Es iſt ſo viel ſchöner im Dunkeln, man kann ſo hübſch Verſtecken ſpielen. Fangen Sie mich einmal! Huſch!“ Schon war ſie hinter dem nächſten Pfeiler verſchwunden, wie ein neckender Schatten. „Und wenn ich Sie erhaſche, was dann?“ ſtrich es heiſer zwiſchen den Säulen durch. „Huſch, huſch!“ Nur Mr. Lesley blieb mit Gerhard in Betrach⸗ tungen verſunken zurück. Er ſtand an derſelben Säule, an welcher, der Sage nach, Bonnivard angeſchloſſen ge⸗ weſen und vor welcher er im kurzgefeſſelten Auf- und Niederwandeln den Boden tief ausgetreten. „Whit marks that will not wear away“, mur⸗ melte Mr. Lesley nach einer Weile wieder.„So we⸗ nig, als dieſe Spuren verwiſchbar ſind, die der weiche Fuß des Gefangenen in das harte Geſtein gedrückt und die noch nach Jahrhunderten Zeugniß geben von dem Schmerz und dem Elend eines armen Mannes, den die Willkür gefangen hielt, der Freiheit und des Lichts beraubte. Das Herz bewahrt auch ſolche Spuren; wehe, wenn es ſolche mit ſich tragen muß!“ „Doch nicht die Erinnerung an einen Gefangenen, an einen Märtyrer? Kann das Herz ein Kerker ſein?“ „Wer weiß! Man iſt Kerkermeiſter und Häftling zugleich. That iron is a cankering thing. Die Erin⸗ nerung, dieſe unſichtbare Kette, ſchließt ſich freſſend um den Leib und man kann nicht weiter, als ſie ſpannt, und iſt gezwungen, immer wieder umzukehren, immer fort und fort auf und ab zu wandeln auf demſelben ſchmalen Fleck, und es gibt da kein Entrinnen, keine andere Befreiung als die eine, welche zwar nicht die Feſſeln löſt, aber dafür die Muskeln, die von ihnen umſchloſſen werden.“ Das war nun ſchon zum zweiten Male, daß Mr. Lesley binnen wenigen Tagen auf daſſelbe Thema zu ſprechen kam. Hätte ihn Lizzie hören können! So ſpricht offenbar kein Mann, der das Leben in der materiellſten Geſtalt ſucht und zur Sühne für ſeine eigenen Aus— ſchweifungen Nachſicht zu üben gezwungen iſt. Ger⸗ hard ſchüttelte den Kopf. „Warum aber“, fragte er diesmal geradezu und nicht mehr wie damals auf dem Kirchhofe ablenkend, 48 „warum aber kehren Sie ſich ſo trübe von der Gegen⸗ wart ab, mein Freund? Hat ſie Ihnen nichts zu bie⸗ ten? Verſuchen Sie's nur einmal in ihr zu leben und ſie zu einem angenehmen Daſein zu geſtalten. Was fehlt Ihnen zu einer freundlichen Häuslichkeit? Sie haben eine ſchöne, liebenswürdige Frau—“ „Meine Frau?“ ſagte Mr. Lesley mit unbeſchreib⸗ licher Betonung, da Gerhard abſichtlich ſtockte.„O ja, meine Frau iſt ſchön und liebenswürdig. Ich finde es — und Andere finden es auch.“ Es war ein bitterer Ausfall, in welchem ſich aber aller Mißmuth des gekränkten Ehegatten erſchöpft zu haben ſchien, denn ſtatt, wie Gerhard beinahe erwartet hatte, jetzt loszubrechen und ſich in einer heftigen eifer⸗ ſüchtigen Anklage Luft zu machen, nickte er ſchwermüthig und fuhr fort: „Es muß wohl an mir liegen, daß ich mich nicht glücklich fühle; vielleicht träume ich manchmal zu leb⸗ haft und glaube, wenn ich mich wie Sultan Myzir in den Euphrat werfe, wie er auch wieder in meinem Kiosk aufzutauchen, und es ſind dann ſtatt ſieben Jahre nur ſieben Sekunden vergangen. Sie kennen das Mährchen aus den Krk Viziry nicht?“ Gerhard verneinte, ihm ſchien es ſonderbar, wie Mr. Lesley mit einem Male auf eine ſolche Reminis⸗ 49 cenz aus ſeiner Vergangenheit kam. Dabei aber war ſeine Theilnahme ſo lebhaft erregt, daß er gar nicht daran dachte, wie die Geſellſchaft ſie nachgerade ver⸗ miſſen werde. Er ſtand neben Mr. Lesley, der ſich mit verſchränkten Armen an den Pfeiler gelehnt hatte und mit auffallender Bedrückung ſeines ganzen Weſens fortfuhr:„Sie fragen mich, Strandau, was mir zu einer freundlichen Häuslichkeit fehle. Ich antworke zh⸗ nen, dieſe ſelbſt und Alles, was ſie ausmacht. Ziehe ich nicht immer noch umher, am Abend mein Zelt auf— ſchlagend, wo ich gerade bin? Habe ich eine Familie oder bin ich nicht vielmehr nur der Theil einer andern? Was mir zu einem angenehmen Daſein fehlt? Arbeit, Thätigkeit, das Bewußtſein der Nützlichkeit inmitten meiner Mitmenſchen, das Gefühl der abgeſchloſſenen Exiſtenz, die ich auszufüllen und einem Lebenszweck gemäß zu geſtalten vermag, ſodaß keine Lücke bleibt, in welche ſich Zweifel und Unmuth einſchleichen können. Mir fehlt daſſelbe, was Ihnen mangelt, nur daß ich mir deſſen bewußt bin, ohne es ändern zu können, Sie dagegen es nur in undeutlichen Stimmungen fühlen und in der glücklichen Lage ſind, die Aenderung nach freiem Ermeſſen eintreten zu laſſen, ſobald ſich Ihnen das Bedürfniß klar und mit unwiderleglichem An⸗ ſpruch entgegenſtellt.“ Byr, Nomaden. II. 4 50 „Ich weiß, Sie haben mir ſchon einmal gerathen, mein Leben mit dem eines geliebten andern Weſens zu verbinden. Aber ich möchte Sie wie damals fragen, und glauben Sie mir, es liegt in dieſer Frage weder Spott noch Zudringlichkeit, warum finden Sie ſelbſt in der Ehe keine Befriedigung?“ „Ich höre Theilnahme aus dieſer Frage, nichts Anderes“, verſicherte Mr. Lesley„und ich will ſie Ihnen darum auch aufrichtig beantworten. Für das Glück der Ehe iſt Hauptbedingung ein vollſtändiges Sichverſtehen, Eingehen in den Charakter und die Stimmungen des Andern, gegenſeitiges Vertrauen, ſonſt ſind die Gatten nicht Blutsfreunde im Leben und Sterben.“ „Aber iſt denn die Liebe nicht die leidenſchaftliche Vereinigung zweier für einander beſtimmten Seelen? Gehen durch ſie nicht beide in einander auf? Ich we⸗ nigſtens kann mir nicht denken, wie man ohne Liebe heirathet.“ Mr. Lesley ſchüttelte zu dieſem lebhaften Einwurf leiſe den Kopf. „Sie ſind eine dichteriſche Natur, Strandau“, ent⸗ gegnete er,„aber denken Sie zurück, haben Sie denn im Leben nur einmal geliebt oder zu lieben geglaubt? Ich glaube nicht an die Prädeſtination zweier Seelen 51 für einander, es läuft viel Täuſchung mit unter, und das der Seele zugeſchriebene Verlangen iſt meiſt nichts als ein rein materieller Wunſch, den der befangene Verſtand billigt. Die Ehe ſoll mehr ſein; wenn ſie nicht die höchſte Blüte der Freundſchaft iſt, iſt ſie nur eine Vereinbarung zum gemeinſamen Lebensge⸗ nuſſe und ein jedes zählt bei divergirender Anſicht als berechtigtes Einzelnes, jedes bringt dem andern jedes Opfer, wenn auch nur im Stillen, in Rechnung, jedes betrachtet das andere nur als ein Mittel zur Vervoll⸗ ſtändigung des eigenen Lebenskreiſes; was ſie gegen⸗ ſeitig austauſchen, iſt bequeme Höflichkeit, höchſtens ge⸗ fallſüchtige Schmeichelei, nicht aber das Herz. Nur ein gemeinſames Ziel der Thätigkeit kann wirklich gemein⸗ ſame Freude gewähren. Auf einen Zweck müſſen ſich alle Beſtrebungen concentriren. Die Heimat, die Fa⸗ milie, das iſt's allein, was zwei Menſchen feſt an einander kitten kann, was ihnen das Bewußtſein der Zuſammengehörigkeit gibt, ſonſt iſt es ein loſes Ne⸗ beneinandergehen, ein zufälliges Beiſammenbleiben in dem großen treibenden Strome, ein bedeutungsloſer Name für ein bedeutungsloſes Daſein, der löcherige Deckmantel für die Vergeudung der Thatkraft und Zeit, mit einem Worte: des Lebens. Wenn ich das wollte, wozu hätte ich mich vor ſechs Jahren losgeriſſen von 4* —/ ⁴—— — 52 einer mir theuer gewordenen Welt, wozu hätte ich die Bürde der Erinnerung muthig auf mich genommen? Ich that es, weil ich die Unzulänglichkeit jenes Da⸗ ſeins erkannte, weil ich mich ſelbſt aus jenem trägen Hindämmern herausreißen mußte, um nicht darin für immer zu verſinken. Was fragte ich dabei, ob alle Nerven auch von dieſer Operation tödtlich ſchmerzten und bluteten!“ „Und Sie bereuen es jetzt?“ „Nein, nein, aber ich habe nichts, was mich die Vergangenheit vergeſſen macht, ich habe Niemand, der ſie mir tragen hilft, ich habe nicht erreicht, was ich gehofft, ich bin wie der Arme, der ſeinen Einſatz verſpielt und nichts dafür gewonnen hat.“ Es lag ein erſchütternder Schmerz, eine herzein⸗ ſchnürende Troſtloſigkeit und Entmuthigung in dieſen Worten. Gerhard fühlte ſich tief ergriffen, wiewohl ihm noch Manches unverſtändlich ſchien. Warum aber, fragte er ſich ſelbſt, warum that Mr. Lesley nichts, um dieſen unleidlichen Zuſtand zu ändern? Der befremdende Einblick in dieſe Ehe erklärte noch immer nicht das Aufgeben aller Hoffnung. Freilich, wer konnte wiſſen, wie viele Verſuche ſchon mißglückt ſein mochten! „Und Ihre Frau?“ fragte Gerhard. 53 „Meine Frau?“ entgegnete Mr. Lesley wie das erſte Mal, nur ohne jenen Ausdruck bittern Hohns. „Sie will mich nicht verſtehen, wenn ich an die Heim⸗ kehr mahne; ſie würde mich noch weniger verſtehen, wenn ich Troſt und Kraft bei ihr ſuchen wollte. Meine Vergangenheit würde ſie lachen oder zürnen machen, mein Vertrauen—“ Er kam nicht dazu, den Gedanken zu beenden; in der kleinen Pauſe, die er machte, war es Gerhard, als höre er undeutlich ſeinen Namen rufen, die Stimme ſchien Lizzie anzugehören und der Ton klang ängſtlich; zugleich machte ſich von der Treppe, die aus dem Ge— fängniſſe emporführt, ein Geräuſch vernehmbar. Eben wollte er ſeinem Gefährten die Vermuthung mittheilen, daß man oben ihr langes Zurückbleiben bemerkt habe und nach ihnen ſehe, als abermals ein Angſtruf er⸗ tönte und Gerhard veranlaßte, der Bedrohten oder doch Erſchrockenen mit raſchen Sätzen zu Hülfe zu eilen. Es war in der That Lizzie, wie er vermuthet hatte, die in merkwürdiger Eile, faſt gleichzeitig mit ihm, am Fuße der dunklen verfallenen Treppe anlangte. Er kam nur gerade noch zur rechten Zeit, um das Mäd⸗ chen in ſeinen Armen aufzufangen, als es die letzten Stufen mehr unwillkürlich hinab ſtürzte als ſprang. Lizzie war in ungemeiner Aufregung. Sie ſchmiegte ſich wie ein ſcheues, flüchtendes Kind, das ſeinen Ver⸗ folger fürchtet, an ihn und er fühlte, wie ſie ſchwankte. „O der Abſcheuliche! Schützen Sie mich!“ ſtieß ſie mit ſtockendem Athem kaum verſtändlich hervor. „Miß Lizzie, was iſt geſchehen?“ fragte er beſorgt, ſie aber gab keine Antwort, nur ein Stöhnen, leiſe wie ein Seufzer, kam von ihren Lippen und Gerhard mußte ſie ſtärker ſtützen, denn er empfand, wie ſie in ſeinen Armen ſchwerer wurde. Ihr Köpfchen ſank zurück und ſein an die Dun⸗ kelheit gewöhntes Auge erkannte an den geſchloſſenen Lidern und der tiefen Bläſſe, welche ihr Antlitz über⸗ zog, daß ihr die Sinne zu ſchwinden begannen. Das eben noch ſo heftig pochende Herz ſchien mit einem Male ſtill zu ſtehen und auch ihn überkam der Schreck, den er jedoch mit männlicher Kraft bemeiſterte. Was konnte ihr am Ende auch zugeſtoßen ſein? Vielleicht eine Spinne, eine Kröte, vor der Lizzie, wie viele Mädchen, einen thörichten, jedoch unüberwindlichen Abſcheu empfin⸗ den mochte, oder ein Ausgleiten auf den brüchigen, aus⸗ getretenen Stufen. Er ſuchte das erſchrockene Kind zu beruhigen. Sanfte Worte murmelnd, fuhr er mit einer Hand leiſe und liebkoſend über das Haar und die bleiche Stirn, drückte einen Kuß auf dieſe und rief die Kleine ermunternd beim Namen. 55 Als hätte die liebkoſende Berührung die entſchlum⸗ merten Lebensgeiſter geweckt, fuhr ſie zuſammen, eine heiße Blutwelle jagte über das eben noch ſo farbloſe Antlitz und noch immer mit geſchloſſenen Augen rich⸗ tete ſie ſich auf und machte ſich von der Umſchlingung ſeines Arms frei. Gerhard ließ es geſchehen, es ward ihm plötzlich wunderlich zu Muthe, als habe er etwas gethan, was eigentlich nicht ſein hätte ſollen. So un⸗ ſchuldig und natürlich die Regung geweſen, die ſeine Lippen mit Lizzie's Stirn in Berührung gebracht, jetzt erſchien ihm der Kuß wie ein Raub, eine Entweihung, er war ungehalten gegen ſich ſelbſt und ſchämte ſich, daß er ſo völlig gedankenlos ſich hatte hinreißen laſſen, und war es auch nur gegen ein Kind, das Schutz ſu— chend zu ihm geflohen und deſſen Vertrauen mißbraucht zu haben er ſich nun mit wohl zu weit getriebenem Feingefühl zum Vorwurf machte. Er erröthete vor Unmuth und ſtand verlegen wie ein ertappter Schuljunge, der verdienten Strafrede ge⸗ wärtig. Lizzie aber ſagte kein Wort. Drittes Kapitel. Barcarola. Die ganze Scene war das Ereigniß einiger Au⸗ genblicke. Jetzt kam auch Mr. Lesley herbei und machte dem peinlichen Schweigen ein Ende. Auf ſein Be⸗ fragen erklärte Lizzie, blos gekommen zu ſein, um die beiden Herren zu rufen, da die Andern bereits das Schloß verlaſſen hätten und an die Heimfahrt dächten. „Aber Du ſchrieſt ja auf?“ „In der That, Sie erſchraken vor— „Vor einer Eidechſe“, fiel Lizzie Gerhard raſch ins Wort,„vor weiter nichts als einer Eidechſe, die aus der Mauer ſchlüpfte und über mich wohl gerade ſo erſchrocken ſein mag, wie ich über ſie.“ Lachend ſchüttelte ſie die Locken, aber die Heiter⸗ 2 57 ⁴◻ keit ſchien Gerhard etwas erkünſtelt, der Muthwille nicht ſo friſch und anſteckend wie ſonſt. Selbſt Mr. Lesley, ſo ſehr er auch noch mit dem zuvor Beſproche⸗ nen beſchäftigt ſein mochte, mußte dies bemerken, denn ſah ſeine Schwägerin fragend an. „Dein Lachen kommt nicht von Herzen. Iſt et⸗ was geſchehen? Du ſprangſt ſo haſtig herab“, ſagte er. „Ein bischen übereilt, ja, das iſt ſo mein Feh⸗ ler, weißt Du, Davy. Ich glitt aus. Ich hatte eine Stufe überſehen oder ich weiß nicht, wie's geſchah. Ich glaubte, ich würde fallen, und war ſo erſchrocken. Und dann fühlte ich einen Schmerz im Knöchel, daß mir ſchwarz wurde vor den Augen. Ich glaube, mir ver⸗ gingen die Sinne.“ „Wie, Miß Lizzie, einen Schmerz im Knöchel?“ „Ja, ich habe mir wohl den Fuß vertreten“, entgegnete ſie, ohne den Frager anzuſehen,„aber es iſt ſchon beſſer; ich will verſuchen zu gehen, wir laſſen ſchon zu lange warten auf uns.“ Sie machte einen Schritt, hinkte aber dabei ſtark und mußte ſtehen bleiben. Gerhard beeilte ſich ihr zu Hülfe zu kommen und bot ihr den Arm, den ſie aber ausſchlug. „Ich danke“, ſagte ſie nicht unfreundlich, aber be⸗ ſtimmt,„Davy wird mir helfen. Bitte, gehen Sie * ————õy 58 voraus und ſagen Sie, daß wir ſofort nachkommen und daß es nichts auf ſich hat, ich ſei nur ein klein wenig Invalide. Und jagen Sie beim Hinaufgehen alle Eidechſen fort, ich bitte— ich mag das garſtige Ge⸗ thier nicht.“ Es blieb Gerhard nichts Anderes übrig, als der Weiſung Folge zu leiſten. Er ſuchte ſich klar zu wer⸗ den, ob ihn Lizzie, die mit Recht beleidigt ſein konnte, damit abſichtlich verbanne, oder ob ſie die Wahrheit ſprach, die Sinne ihr wirklich vergangen waren und er ſich alſo ganz unnöthige Sorgen machte, da ſie den Kuß vielleicht gar nicht gefühlt. Es taugte ihm, das Letztere als wahrſcheinlich anzunehmen, und er ſagte ſich, daß er mit Unrecht dem Unwillen zugeſchrieben, was nur die natürliche Bewegung beim Erwachen aus flüchtiger Ohnmacht geweſen. Ehe er noch die Geſellſchaft erreicht, traf er auf Herrn von Kuruſoff, der ihn zu erwarten ſchien und ihm mit der Frage entgegentrat, wo Miß Lizzie ſo lange bleibe. Die kleine Hexe habe ihn im Haſchen zum Nar⸗ ren gehabt und ganz außer Athem geſetzt. „Ich verſichere Ihnen, das iſt ein kleiner Kobold, zu allen Bosheiten fähig; hat ſie nichts geſagt?“ Gerhard ſah den Ruſſen verwundert an. „Was ſoll ſie geſagt haben?“ 59 „Warum kommt ſie nicht?“ Gerhard theilte ihm und gleich darauf auch den Andern, die das Schiff ſchon beſtiegen hatten, mit, was geſchehen war. Alle waren ſehr erſchrocken und Mrs. Lesley wollte ſogleich entgegen, der Graf erbot ſich, Lizzie auf den Armen hierher zu tragen, und Mrs. Wallace ergoß ſich in einem Schwall von Vorwürfen, die ſie vorläufig an ihren Gatten adreſſirte. Er war eigentlich ſchuld an dem Unfall, denn ſie hätte ohne⸗ hin nicht nach dem düſtern Chillon gewollt und nur nachgegeben, weil er in ſeiner kurzſichtigen Liebe, die nichts abſchlagen könne, dem verwöhnten Töchterchen zu Willen geweſen ſei und ſich für den Ausflug er— klärt habe. Auch ſie wollte ans Land. Zum Glücke kam jetzt die kleine Unvorſichtige, wie Mr. Wallace ſie nannte, ſelbſt daher. Ihr Schwager hatte den Arm um ihren Leib geſchlungen und führte ſie ſorg⸗ ſam, während ſie ſich feſt auszuſchreiten bemühte und dabei den Schmerz wacker verbiß. Ein Lächeln um⸗ ſpielte ihren Mund und nur der Umſtand, daß die Farbe wieder ganz aus ihren Zügen gewichen war, ließ erkennen, wieviel es ſie koſtete, den Ausdruck der Heiterkeit auf ihnen feſtzuhalten. Von allen Seiten mit Beweiſen des Mitleids und auch liebreichen Vorwürfen überhäuft, nahm ſie Alles 60 ſcherzhaft hin, und nur des Vaters Hand faßte und ſtreichelte ſie, indem ſie dem alten Herrn mit unaus⸗ ſprechlich anmuthigem Blick in die Augen ſah und da⸗ bei ſchelmiſch und zugleich gerührt bat, er möchte ihr nicht böſe ſein. „Du weißt ja, ich bin Dein wilder Junge, Pa“, fügte ſie hinzu,„und es iſt ganz recht, daß ich eine kleine Lehre erhielt. Mama ſagt es auch und ich habe jetzt ein paar Tage Zeit, ſie mir zu Herzen zu nehmen, wenn ich nicht mit Dirkſons kleiner Edith tanzen kann. Vielleicht hält die Beſſerung auch danach noch an.“ Ihre Schweſter ſprach von kaltem Waſſer, aber Miß Lizzie wehrte ab; ſie bedürfe nichts als Ruhe und die fände ſie im Boote am allerbeſten. Endlich hatten ſich alle ſo weit beruhigt, daß man an die Abfahrt denken konnte. Für Lizzie wurde aus den vorhandenen Plaids ein bequemer Sitz zurecht ge⸗ macht, ſodaß ſie behauptete, das ſei die angenehmſte Fahrt, die ſie noch auf dem See gemacht, und jetzt erſt habe ſie das Gefühl einer wirklichen Königin des 1 Tages, wenn ſie auch die Einbildungskraft ſtark zu Hülfe nehmen müſſe, um die Plaids in Panther⸗ und Leopardenfelle, in Sammtkiſſen und Purpurdecken zu verwandeln. zu und zu 61 Gerhard erbot ſich, im Gefühle, daß er etwas gut zu machen habe, in dem kleinen Kahne raſch vor⸗ an zu rudern, um einen Wagen an die Landungsſtelle von Montreux zu beſtellen, da die Leidende doch un⸗ möglich zu Fuß bis ins Hotel gehen könne und des Grafen Vorſchlag, ſo dankenswerth auch ſonſt der Antrag ſei, doch mehr Aufſehen, als zu wünſchen, er⸗ regen dürfte. „Nichts davon“, erwiderte Lizzie lachend;„weder Davy noch Sie dürfen ſich diesmal abſondern; ich gebiete unbedingt und will nicht, daß Sie egoiſtiſch für ſich ſelbſt bleiben. Wenn Sie durchaus ſo gern rudern, thun Sie es hier, damit wir raſcher von der Stelle kommen, und Davy muß etwas zu meiner Er⸗ heiterung beitragen. Zerſtreuung iſt die beſte Medi⸗ ein pflegte unſer Hausarzt im Inſtitut, der alte Doctor Neſtelbaum, zu ſagen. Kommen Sie alſo nur hier herein, umſomehr“, ſchloß ſie plötzlich ernſter werdend, „da Ihren Kahn Herr von Kuruſoff nöthig hat, um zu zeigen, daß er nicht zu viel ſagte, als er ſich vermaß, drei Minuten nach uns abzuſtoßen, trotzdem aber unſer Boot zu überholen und noch zehn Minuten vor uns in Montreux zu landen.“ „Wie? Ich?“ ſtotterte der Ruſſe, der eben im Be⸗ griff geſtanden, das große Boot zu beſteigen. Er be⸗ 4 V 4 gegnete einem Blicke Lizzie's und zog verlegen den Fuß zurück. Graf Hilmersdorf ſchien ein ungemeines Ver⸗ gnügen über die Idee der Wettfahrt zu empfinden. „Wie, Kuruſoff, Sie ſind ein ſo vorzüglicher Ruderer und verbergen Ihre glänzenden Eigenſchaften ſo geſchickt, daß ich geſchworen hätte, Sie verſtänden von der Kunſt nichts?“ rief er lachend.„Denken Sie ſich, meine Herrſchaften, dieſe Hinterliſt! Letzthin, als ich ihn aufforderte, mit mir in den See hinauszurudern, um den Abend zu genießen, nahm er das Ruder ver⸗ kehrt in die Hand, auf Ehre! verkehrt, wir wären ge⸗ radezu rückwärts gefahren. Iſt das nicht köſtlich? Und als wir in die Wellen des Dampfſchiffes kamen, klam⸗ merte er ſich wie eine echte Landratte an den Seiten⸗ bord, daß ich glaubte vor Lachen zu Grunde gehen zu müſſen, wahrhaftig! Und nun ſehen Sie einmal den Schlauen! Es iſt nur gut, daß er mich nicht fing. Hätte ich mich vielleicht zu einer Wette überreden laſſen, ich wäre ſchändlich geprellt. Hören Sie, Herr von Kuruſoff, das mach' ich Ihnen wett!“ Der Ruſſe hatte inzwiſchen Zeit gehabt, ſich zu faſſen. „Ich will das Möglichſte thun“, ſagte er, ſich in Lizzie's Ausſpruch fügend.„Da kann ich ja den Wagen beſorgen.“ en 63 Während die allgemeine Zuſtimmung erfolgte, fand der Graf Gelegenheit, Mrs. Lesley zuzuflüſtern, wie er ſehr gern auf die Anweſenheit Robinſon Cru⸗ ſos's auch bei der Heimfahrt verzichtet hätte. „Ich dachte mir es ſo ſüß, zu plaudern“, fügte er hinzu,„beſonders wenn die Schatten der Dämme⸗ rung—“ „Man plaudert in größerem Kreiſe weit ange⸗ nehmer“, fertigte ihn die junge Frau ab und Graf Hilmersdorf antwortete mit einem affectirten Seufzer, der ihr ein Lächeln entlockte, ſo komiſch machte er ſich zu der Zärtlichkeit, mit der er ſeinen Lackſtiefel liebkoſte. Auch Gerhard hatte Zeit gefunden, ſeine Re⸗ flexionen anzuſtellen. Aus der Art, wie ihn Lizzie in das große Boot herüberrief, glaubte er mit einem er⸗ leichternden Athemzug entnehmen zu dürfen, daß ſeine „kleine Zerſtreutheit“ wirklich nicht bemerkt worden ſei; er hatte ſich ohne Noth Sorgen gemacht, die„ver⸗ führeriſche“ Bewußtloſigkeit hatte alſo doch„Gott Lob“ lange genug angedauert.„Das Verbrechen war ſo gut wie ungeſchehen.“ Andererſeits aber fiel ihm die Behandlung, welche Kuruſoff zu Theil wurde, auf und gab ihm viel zu denken. War am Ende der Ruſſe jener Abſcheuliche, — — ———— —ᷣ——— 64 gegen welchen ſein Schutz angerufen worden war? Was war geſchehen? Gerhard faßte das Ruder und legte ſich mit Eifer ein. Bei ſolcher Arbeit war er füglich des Sprechens enthoben und konnte ungeſtört ſeinen Ge⸗ danken nachhängen. Einigemal war es ihm, als ſtreife ihn ein ſchadenfroher Blitz aus Lizzie's ſchel— miſchen Augen, die ſich daran zu ergötzen ſchienen, wie er gehorſam ſeine Verurtheilung zur Galeerenſtrafe hin⸗ genommen, aber raſch glitt der Blick wieder weiter und er konnte ebenſo gut dem Ruſſen gelten, deſſen Ruderer ſo eben abſtieß, da der Graf, welcher bis jetzt mit der Uhr in der Hand, wie er ſich ſportsmäßig ausdrückte, geſtartet hatte, das Zeichen gab. Die drei Minuten waren vorüber. Herrn von Kuruſoff's Vermeſſenheit aber hatte ſich raſch genug bloßgeſtellt. All ſeine linkiſchen und ängſtlichen Bewegungen hatten nur den Erfolg, daß ſich auch der Schiffer in ſeiner Arbeit geſtört ſah, nicht vom Flecke kam und endlich ganz ernſtlich un⸗ willig wurde, weil die lächerliche Rolle, welche ſein Fahrgaſt ſpielte, auch ihn mit zur Zielſcheibe der all⸗ gemeinen Heiterkeit machte. „Blamirt! Scheußlich blamirt!“ rief Graf Hilmers⸗ dorf einmal über das andere.„Aber ſehen Sie denn nicht, Kuruſoff, der Schlingel, Ihr Schiffer, iſt gegen 65 Sie im Bunde— ſchmählich beſtochen. Er arbeitet contra, da vermag freilich all Ihre Geſchicklichkeit nichts. Ihre Mannſchaft empört ſich, Herr Admiral! Recht ſo, das war vortrefflich! Noch einmal ſo und Sie ſind ganz herum auf Villeneuve zu. Ich ſagte es ja, mit dem Steuer voraus, das iſt Ihre Force.“ So ging es unter allgemeinem Gelächter, an dem nur Lizzie, trotz der komiſchen Situation, keinen An⸗ theil nahm, eine ganze Weile fort. Auch die beiden Ruderer, die Gerhard halfen, riefen ihre ſpöttiſchen Rathſchläge hinüber, bis endlich Mr. Lesley die Bemerkung machte, auf ſolche Weiſe amüſire man ſich zwar, aber Lizzie werde keinen Wagen am Landungs⸗ platze finden. Man legte bei. Herr von Kuruſoff hatte es zuletzt aufgegeben, ſelbſt an ſeinem Fortkommen mit⸗ zuwirken, und der gekränkte Schiffer legte nun mit Macht ſeine Riemen ein, um zu zeigen, woran bis jetzt die Schuld gelegen. „Laſſen wir ſie voraus“, bat Lizzie.„Es iſt ja beſſer, wenn wir ſpäter ankommen, und ich bleibe gern noch etwas länger auf dem Waſſer, es iſt ſo hübſch, wenn der Kahn ganz ohne Ruderſchlag nur leiſe dahinrinnt. Herr Strandau braucht ſich nun nicht mehr ſo anzuſtrengen. Unſer Ehrgeiz iſt be⸗ Byr, Nomaden. II. 66 friedigt. Es wäre viel ſchöner, Sie hätten daran ge⸗ dacht, eine Mandoline mitzunehmen, ſtatt das Ruder zu handhaben.“ „Das Ruder hat auch ſeine Muſik“, erwiderte Gerhard;„das rhythmiſche Plätſchern wäre eine ganz hhübſche Begleitung zu einer ſchönen Menſchenſtimme. Wäre der Schmerz nicht zu groß, ich würde Miß Lizzie bitten, etwas zu ſingen.“ „Ja, ja, ein Lied“, flehte der Graf. „Es wäre hübſch— ein Lied“, meinte auch Mr. Lesley. „Aber der Fuß“, warf Mrs. Wallace ein. „O der ſchmerzt nicht in ſo ruhiger Lage“, wider⸗ ſprach Lizzie,„und wenn mein Meiſter mich ſogar durch eine Schmeichelei beſticht und meine Stimme lobt, ſo muß ich ſchon nachgeben, aber es wird nicht ſehr laut werden. Alſo bitte, plätſchern Sie ein wenig, Herr Strandau.“ „Sie ſang:„Mein Herz iſt im Hochland.“ Ihre Stimme klang leiſe und anmuthig, aber man merkte doch, daß es ihr Mühe koſte, zu ſingen. Freilich ge⸗ wann dadurch das ſehnſuchtsvolle Lied einen beſon⸗ dern Reiz, es war wie die Klage eines fern von der Heimat müde und erſchöpft niedergeſunkenen Kindes, deſſen Herz bricht wie die erlöſchende Stimme. 67 Mr. Lesley horchte athemlos, es traten ihm zwei, große Thränen in die Augen, die aber nur Gerhard allein die braunen Wangen herabrollen ſah. Auch dieſer hatte aufmerkſam gelauſcht, wenn auch mehr mit dem Ohre als mit dem Herzen. „Das war eigentlich nursgeſummt“, ſagte er, nach⸗ dem der Geſang geſchloſſen war und alle Beifall ge⸗ ſpendet hatten, mit dem Ernſte des Lehrers,„aber was der Ton einbüßte, hat der Ausdruck gewonnen. Es war heute Gefühl in Ihrer Stimme— halten Sie den Vortrag feſt.“ Lizzie warf unmuthig die feine Oberlippe auf ihre Schläfe rötheten ſich ein wenig. „Ich glaube“, ſagte ſie ärgerlich,„Herr Stran⸗ dau wünſchte im Intereſſe meiner muſikaliſchen Aus⸗ bildung, daß ich mir alle Tage den Fuß verſtauchte. Ein ſehr zweifelhaftes Mitleid; als ob ich ſonſt kein Gefühl hätte! Ich mag's nur nicht in den Geſang egen, wenn ich im Salon ſitze und die ganze Penſion zuhört.“ Gerhard mußte unwillkürlich lachen; das war wieder der drollige Unmuth des altklugen Kindes, das ihm ſchon wiederholt ſo überaus ernſthaft ins Ge wiſſen geredet. Jetzt erſt empfand er, daß es mit dem Kuſſe, über den er ſich noch immer Vorwürfe ge⸗ 5* 1 —;⸗’’:ö-—, — — 68 macht, in der That nichts auf ſich habe— ein Hauch, der verweht war, ſo bedeutungslos, daß Gerhard nicht übel Luſt empfand, ihn vor allen zu wiederholen. Zum Glück fiel ihm ein, daß die Andern doch viel⸗ leicht nicht ſeiner Meinung ſein möchten. Der muntern Stimmung gab er auf andere Weiſe Ausdruck, er ſang ſelbſt. Voll und weithin tönte ſein Lied— eine Bar⸗ carole; er hatte keine ungewöhnliche Stimme, wußte aber damit vortrefflich hauszuhalten und ſie ſo zu be— herrſchen, daß ſie äußerſt angenehm klang. „Noch eins“, bat Lizzie leuchtenden Auges, als er aber ſcherzend hinwarf:„Eins um eins“, da wendete ſie ſich ſchmollend ab.„Ich ſinge beute nicht mehr; ich mag mich nicht mit erborgten Federn ſchmücken und verzichte auf ein künſtliches Gefühl. Davy, trage Du auch etwas bei, erzähle ein Märchen aus dem Orient, es iſt ſo hübſch dazu.“ Es war wirklich ſüß und lauſchig, die Luft un⸗ gewöhnlich mild, obwohl die Sonne ſchon über dem Jura verglühte; langſam ſchwamm der Kahn, nur von leichten Ruderſchlägen getrieben, und ſtill zogen die Ufer vorüber. „Es ſei, weil Du mir ſo in die Seele geſungen“, erklärte ſich Mr. Lesley bereit.„Ich habe gegen Sie — 69 früher einer Erzählung Erwähnung gethan, Strandau“, fuhr er fort.„Sie werden mich beſſer verſtehen, wenn Sie dieſelbe gehört. Sie iſt aus den Krk Viziry, das heißt den vierzig Vezieren— einem Märchen⸗ cyklus wie der von Tauſendundeine Nacht. Ich habe ihn zwar nie geleſen, aber dieſe und andere Geſchichten daraus wieder und wieder gehört, wenn ich nach einem Ritt durch die brennende Wüſte abends an der ſüßen Quelle unter Palmen lagerte und die erquickende Nacht⸗ luft durch die langen Blätter ſtrich, der eintönigen Erzählung eine leiſe geheimnißvolle Begleitung. Rings lauſchten die aufmerkſamen dunklen Geſichter aus dem weißen Burnus hervor und nur aus der Ferne— doch das gehört nicht hierher“, unterbrach er ſich bei⸗ nahe heftig. „Sie werden ganz poetiſch“, bemerkte Mrs. Wal⸗ lace ſpitz, und daſſelbe mochte ihre ältere Tochter denken, ſie gab wenigſtens keine Antwort auf eine witzige Bemerkung, die der Graf ihr ins Ohr flüſterte. Viel⸗ leicht ſogar hatte ſie dieſelbe nicht einmal ver⸗ nommen. Lizzie drängte ihren Schwager, und nachdem er eine Cigarette in Brand geſetzt, die er ſich inzwiſchen gerollt, begann er ſeine Erzählung. „Sultan Myzir war ein mächtiger Herrſcher, aber 70 er war ein jähzorniger Mann und rauchte den Tſchi⸗ buk des Zweifels, um zur Aſche der Gewißheit zu ge⸗ langen. Eines Tages berief er einen großen Divan ein. Alle Weiſen und Gelehrten waren da erſchienen und es wurden Stellen des Koran beſprochen, welche der Sultan für unwahrſcheinlich erklärte. Vor allem jene Erzählung von der Himmelfahrt des Propheten, worüber berichtet wird, daß Allah den Propheten be⸗ rief, als dieſer eben im Begriffe war, ſich eine Taſſe vollzuſchenken, und ihm ſieben Himmel, die Hölle, das Paradies zeigte, überdies aber die ganz anſehnliche Zahl von neunzigtauſend Anreden hielt. Bei ſeiner Rückkehr ſoll nun der Prophet nicht nur ſein Lager noch warm, ſondern auch die Taſſe noch nicht über⸗ füllt, die Kanne nicht geleert gefunden haben, ſodaß ihm noch Zeit blieb, dieſe zurückzuhalten. „Hören Sie, das iſt aufgeſchnitten“, fiel hier Graf Hilmersdorf ein. „Das ſagte der Sultan auch; Sie ſehen, daß Sie mit Ihrer Meinung nicht allein daſtehen als zweifeln⸗ der Giaur. Auch der rechtgläubige Sultan behauptete, die Angaben des Koran ſeien unbegreiflich. Eine Taſſe werde ſo raſch voll, daß es überhaupt ſchwer ſei, die Kanne zurückzuhalten, ehe jene gefüllt ſei, geſchweige denn erſt in ſolch winzigem Zeitraum die ſieben Himmel, er 71 Hölle und Paradies, von welchen jedes fünfhundert Jahre Ausdehnung beſitze und ebenſo weit vom andern entfernt ſei, zu durchreiſen und obendrein noch neunzig⸗ tauſend Anreden mit anzuhören.“ „Müſſen jedenfalls ſtenographiſch gehalten worden ſein“, fiel der Graf abermals ein.„Außerdem wollte ich Sie fragen, hat er bei der Reiſe durch die Himmel und das Paradies auch die Peris Revue paſſiren laſſen oder am Ende gar eine Ehrenwache von himm⸗ liſchen Huris zur Begleitung—“ „Aber, Graf Hilmersdorf“, unterbrach ihn Lizzie ungehalten,„wenn Sie Davy immer unterbre⸗ chen, müſſen Sie die Geſchichte ſelbſt zu Ende er⸗ zählen.“ „Das Erzählertalent des Grafen durchaus nicht in Zweifel gezogen“, machte nun auch Mr. Wallace ſeine Meinung geltend,„glaube ich doch mit einigem Recht behaupten zu können, daß die Geſchichte dann wohl eine andere würde.“ Der Graf lehnte überhaupt jedes Erzählen ab und verſprach ſich ruhig zu verhalten, und ſo konnte Mr. Lesley denn fortfahren. „Allah kibyr!“ ſagten die Weiſen,„Gott iſt groß!“ und ſie bemühten ſich die Möglichkeit aus Gottes Allmacht zu erweiſen. ——— — 72 „Und bei Gott iſt auch wirklich Alles möglich“, glaubte Mr. Wallace noch einmal einſchalten zu müſſen. „Ich darf das wohl ſagen, ſelbſt die Zuſammendrän⸗ gung der räumlich ausgedehnteſten Handlungen in ein Minimum von Zeit.“ „Aber Pa, jetzt unterbrichſt wieder Du die Ge⸗ ſchichte! Ich verbiete Davy, ſich noch einmal unter⸗ brechen zu laſſen. Fahre fort!“ „Wallah thaib! Wohl geſprochen; ganz auto⸗ kratiſch, mir die Verantwortung zuzuſchieben. Uebrigens ich will ſehen“, meinte Mr. Lesley ſarkaſtiſch und fuhr dann, nachdem er einen Schluck Rauch genommen, fort:„Es gelang den Weiſen nicht, den Sultan zu überzeugen, ſie brachten ihn nur in Wuth und er jagte ſie höchſt ungnädig davon. Da war aber noch ein großer Heiliger und Prophet, Scheikh Schehabed⸗ din, der eilende Stern des Glaubens geheißen, der im Geruche der Wunderthätigkeit ſtand; der hörte von der Ungläubigkeit des Sultans und beſchloß ihn zu bekehren. Er fand ihn, wie er ſich vor der er⸗ drückenden Mittagshitze in einen kühlen Kiosk zurück⸗ gezogen hatte, und alſo nicht eben in der günſtigſten Verfaſſung zu einer religiöſen Erörterung. Auch gab ſich der Scheikh lange vergeblich Mühe, bis er ſich endlich zur thatſächlichen Ueberzeugung anſchickte.“ 73 8 „Aha! ein Stückchen à la prestidigitateur“, flocht der Graf, ſein Verſprechen vergeſſend, ein. „Er bat den Sultan, die vier Fenſter des Kiosks ſchließen zu laſſen. Nach einiger Zeit öffnete er den Laden des Fenſters, welches nach den Höhen ging. Sie zeigten ſich bedeckt mit feindlichen Reitern, welche im vollen Lauf der Pferde gegen die Stadt anrückten. Der Sultan ſprang auf und griff kampfluſtig nach ſeinem Schwerte und der Scheikh hatte Mühe, ihn ſo lange zu beruhigen, bis er das Fenſter geſchloſſen und wieder geöffnet hatte. Kein Feind war mehr zu ſehen, die Gegend friedlich wie zuvor. Der Sultan war er⸗ ſtaunt. Scheikh Schehabeddin aber führte ihn an das zweite Fenſter, das gegen Kahirah ſah. Als der Laden aufgeſtoßen wurde, erblickte der Sultan mit Entſetzen die Stadt in vollem Brande. Die Flammen ſchlugen wild empor und beleckten das Gewölbe des Himmels. Auch hier genügte ein einfaches Schließen und Wieder⸗ öffnen des Ladens, die Erſcheinung verſchwinden zu machen. Aus dem dritten Fenſter ſah der Sultan den Nil zum Meere angeſchwollen, ſeine mächtigen Wogen bis an den Kiosk heranwälzen, aus dem vierten die Wüſte in einen Blumengarten und dichtbelaubten Hain verwandelt, und jedesmal war die Täuſchung wieder fort, wenn ſich das Fenſter zum zweiten Male aufthat. 1 ———ꝛ— 74 Selbſt die letzte Veränderung, die wunderbarſte von allen, die der Sultan gern feſtgehalten hätte, ver⸗ mochte ihn nicht zu überzeugen. Handelte es ſich ja doch in der Koranſtelle nicht blos um eine Vorſpiegelung und Augentäuſchung. Da ließ ſich der Scheikh von ſeinem Bekehrungseifer hinreißen, einen letzten Ver⸗ ſuch zu machen. Eine Badekufe wurde mitten in den Kiosk geſtellt und gefüllt, und der Scheikh erſuchte den Sultan, ſich zu entkleiden und in Gegenwart der als Zeugen anweſenden Veziere hineinzuſteigen.“ „Die Hofchargen werden aber doch Allerhöchſtdem⸗ ſelben den Rücken zugekehrt haben?“ fragte der Graf. ohne daß er jedoch darauf eine andere Antwort be⸗ kommen hätte als einen zurechtweiſenden Blick von Mrs. Lesley. „Der Sultan that, wie ihm geheißen“, erzählte Mr. Lesley weiter.„Kaum aber hatte er auf den Wunſch des Scheikhs auch den Kopf untergetaucht, ſo fühlte er ſich von wilden Wogen erfaßt, fortgetragen und emporgehoben. Es war ein mächtiger Strom, in dem er trieb, und nur mit Aufgebot aller Kräfte ent⸗ ging er der Gefahr des Ertrinkens und es gelang ihm, ſich an das wilde, mit dichtem Wald bedeckte Ufer zu retten. Die augenblickliche Freude aber wurde bald durch den Schreck verdrängt, als er ſich in wildfremder, 75 anſcheinend unbewohnter Gegend ſah. Er lief längs des Ufers hin, es zeigte ſich kein Schiff, kein Weg, die Stunden vergingen und ſeine Kräfte ließen nach, der Hunger machte ſich fühlbar. Lange Zeit irrte er ſo troſtlos in der Wildniß umher, bis er endlich, als er ſchon verzweifeln wollte, auf einen Menſchen ſtieß. Es war ein alter Holzhauer, mit dem er ſich nur ſchwer verſtändigen konnte und der ihm ſagte, daß dieſer Strom der Euphrat ſei. Der Alte führte ihn in ſeine Hütte; er hatte eine einzige Tochter, die den Sultan dort empfing und vor ſeinen Augen Gefallen fand. Aber Sultan Myzir war nun arm, er konnte nicht daran denken, den Rückweg zu finden. Es vergingen Tage und Wochen und der Holzhauer rieth ihm, daſ⸗ ſelbe Gewerbe zu ergreifen, das auch ihn ſelbſt er⸗ nährte. Der Sultan folgte endlich dieſem Rathe.“ „Holzhauer?“ rief der Graf lebhaft.„Na, hören Sie, das iſt unwürdig für einen Sultan. Man muß zu rechter Zeit zu ſterben verſtehen— noblesse oblige!“ Von allen Seiten wurde er zum Schweigen ge⸗ rufen. Die Erzählung hatte Intereſſe erweckt und man wollte den Ausgang kennen. So führte ſie denn Mr. Lesley zu Ende. „Sieben Jahre blieb der Sultan in dieſer Gegend. 76 Er war Holzhauer geworden, hatte des Alten Tochter geheirathet, ſelbſt Kinder erhalten und mit großem Elend und unſaglicher Noth gekämpft. Sein Schwieger⸗ vater forderte hundert Rückſichten von ihm, ſein Weib vergällte ihm das Leben und überhäufte ihn mit Spott, wenn er von ſeiner glänzenden Vergangenheit träumte, ſeine Kinder bereiteten ihm Kummer und ſein Körper wie ſein Geiſt ſank immer mehr zuſammen unter der unerträglichen Laſt ſeines Daſeins. Er war einſam in mitten ſeiner Familie.“ Der Erzähler ſetzte diesmal von ſelbſt aus und es ſprach Niemand. Der Ton der letzten Sätze war ſo ernſt geworden, daß ein ſchwerer Nachdruck auf dem Geſagten lag, und ein Jeder mochte merken, daß ſich hinter dem Märchen noch ein tieferer Gedanke barg. Erſt nach einer Weile ſchloß Mr. Lesley ſeine Ge⸗ ſchichte. „Eines Tages hielt der Erdrückte all die Anſtren⸗ gung, das Elend, den Seelenſchmerz, das Verhältniß zu ſeinem Weibe und was da noch zuſammenkam, nicht mehr aus; er ging an das Ufer des Euphrat und ſtürzte ſich in der Abſicht, ſeinem Leben ein Ende zu machen, gerade an derſelben Stelle hinein, wo er vor ſieben Jahren aus des Stromes haſtiger Flut aufge⸗ taucht war. Vt Und in denſelben Momente hob Sultan Myzir den Kopf aus dem Waſſer, das ſeine Badekufe füllte, blickte die Umgebung ſtier und verwildert an und erzählte, als ſeine momentan gelähmte Zunge die Sprache wiedergefunden, in haſtigen Worten all ſeine ſchweren Erlebniſſe. Als nun aber der Scheikh unter Beiſtimmung der Anweſenden ihm verſicherte, daß er ſeinen Kopf kaum ſieben Sekunden unter dem Waſſer gehabt, wurde er gegen den Urheber der ausgeſtandenen Qualen ſo wüthend, daß er nach ſeinem Säbel ſprang und nach dem Scheikh hieb. Dieſer aber hatte ſich wohlweislich in Luft aufgelöſt und war verſchwunden.“ „Ah, der Spitzbube!“ rief der Graf, als Mr. Lesley, der ſich durch die zuletzt häufig gewordenen Ausrufe des Erſtaunens nicht hatte beirren laſſen, nun endlich ſchloß.„Ich finde es begreiflich, daß man gegen einen ſolchen Hokuspokusmacher wüthend wird und geneigt iſt, ihm das Handwerk für immer zu legen.“ „Es kommt darauf an“, erwiderte Mr. Lesley. „Manche wären glücklich, wenn eines Zauberers Wun⸗ derkraft eine Reihe ihrer Lebensjahre in ebenſo viel Sekunden zuſammendrängte und ſie wie aus einem ſchweren Traum erwachen könnten.“ Nur Gerhard verſtand, daß Mr. Lesley ſich ſelber dabei meinte. 78 „Und iſt die hübſche Geſchichte damit zu Ende?“ fragte Lizzie bedauernd. „Für mich iſt ſie's hier“, entgegnete ihr Schwager. „Das Uebrige ſoll nur ein Beweis für die Falſchheit des Weibes ſein, welche die vierzig Veziere durch Bei— ſpiele zu erweiſen bemüht ſind, während die Sultanin durch Gegenerzählungen, die Falſchheit der Männer ausführt und damit ſich ſelbſt und ihr bedrohtes Kind vertheidigt. Sultan Myzir, erzählt der Vezier weiter ſchwur einen fürchterlichen Eid, nicht eher raſten zu wollen, als bis er dem Scheikh mit eigener Hand den Kopf abgeſchlagen, was ihm auch endlich nach ver ſchiedenen vergeblichen Verſuchen mit Hülfe eines Deli⸗ lahverrathes gelingt, der nur, den mohammedaniſchen Religionsſatzungen gemäß ein wenig variirt iſt. Seine eigene Favorite lieferte den Scheikh aus, deſſen Haupt unter dem Schwerte des Sultans fiel. Scheikh Scheha⸗ beddin hat daher auch den Zunamen: Der Geköpfte erhalten.“ „Das iſt gar kein hübſches Ende“, meinte Lizzie. „Der Zaubermann hatte ja nur die beſte Abſicht und der Sultan muß ein ganz roher Mann geweſen ſein, daß er ſich für ſieben Sekunden ſo furchtbar grauſam rächte.“ „Du vergißt, Lizzie, daß es für ihn ſieben lange e?“ 79 Jahre waren, die er durchleiden mußte und die viel ſchwerer zu ertragen ſind als ein kurzer Moment des Todes. Hatte ja der Sultan alle Qualen durchge⸗ macht, bis zum Entſchluſſe des Selbſtmordes.“ Gerhard ſah, wie Mr. Lesley immer wieder mit dieſem Gedanken ſpielte, wie mit einem ſcharf geſchlif⸗ fenen Meſſer. Er war daher froh, die Erörterungen, die ſich von allen Seiten anſpannen, mit der Bemer⸗ kung abſchneiden zu können, daß er auf dem Landungs⸗ platze, dem man nun ſchon ganz nahe gekommen war, ekinen Wagen bemerke. Herr von Kuruſoff ſchien keinen gefunden oder vergeſſen zu haben, was in dem Boote einen kleinen Aufſtand hervorrief. Der Graf meinte gar, es ſähe dem Ruſſen ähnlich, ſich in dieſer Weiſe für die er⸗ littene Blamage zu rächen, darin ſei er nicht beſſer als Sultan Myzir. Die Geſellſchaft verließ das Boot, wobei es ſich zeigte, daß Lizzie viel ſchwerer ging als in Chillon. Nach lebhaften Debatten wurde beſchloſſen, daß ſie mit Gerhard und ihrem Schwager zurückbleiben ſollte, während ihre Aeltern, Mrs. Lesley und der Graf vor⸗ aus gehen und den Wagen ſchicken wollten. Lizzie ſelbſt hatte auf dies Arrangement gedrungen, da ſie die Andern nicht zurückhalten wollte, beſonders ihren 80 Vater nicht, dem die kalte feuchte Luft des herein⸗ brechenden Abends leicht ſchädlich werden konnte. Gerhard hatte ſie allerdings nicht zu ihrem Schutze gewählt, er erbot ſich ſelbſt und ließ ſich auf der Ruhebank an ihrer Seite nieder, lediglich in der Ab⸗ ſicht, ſie über den Vorfall in Chillon, der ihm, je länger er darüber nachdachte, immer ſonderbarer er⸗ ſchien, auszuholen. Mr. Lesley machte es ihm leicht, er rollte ſich eine friſche Cigarette und ging langſam am Waſſerauf und ab. „Ich will mich in meinen Plaid und Geduld wickeln“, ſcherzte Lizzie.„Wiſſen Sie nicht auch eine Geſchichte, Herr Strandau, um die Zeit zu kürzen? Aber ſie muß ſehr gut ausgehen, ſonſt will ich ſie lieber nicht hören.“ „Mir fällt eben keine bei. Aber ich weiß, Miß Lizzie, daß Sie in der Lage ſind, mir eine wahre Begebenheit mitzutheilen.“ „O— ich?“ „Ja, die ſich heute Nachmittag zugetragen. Es iſt noch nicht ſo lange her, daß Sie dieſelbe vergeſſen hätten. Ich täuſche mich ſchwerlich, wenn ich Herrn von Kuruſoff's Verbannung auf das kleine Schiff mit Ihrem Ausruf im Kerker in Verbindung bringe. War nicht er der Abſcheuliche?“ 8¹1 „Reden Sie nicht ſo laut, ich bitte“, fiel ihm Lizzie ängſtlich ins Wort,„mein Schwager könnte Sie hören und ich will nicht, daß er meinetwegen einen Streit provocirt, wie er gewiß thun würde. Er iſt hitzig— ich kenne ihn.“ „Es wäre alſo doch Urſache zu einem Streit vorhanden?“ fragte Gerhard leiſe, indem er ſich näher zu ſeiner Nachbarin herabbeugte.„Man hat Sie beleidigt?“ „Hul wie Sie ſelber jetzt dreinſehen. Nun gut, da Sie ſchon ſo viel wiſſen— aber Sie müſſen mir ver⸗ ſprechen, Davy kein Wort davon zu ſagen, kein Wort! Gut. Ich ſage es Ihnen nur, damit Sie dafür ſorgen, daß der Abſcheuliche— er iſt es wirklich— bei Tiſche nicht mehr neben mich zu ſitzen kommt. Denken Sie, der häßliche Menſch muß meinen Scherz für Ernſt genom⸗ men haben; er wollte mich wirklich haſchen.“ „Sie riefen's ihm ja zu.“ „Aber muß er denn jedes Wort für Ernſt nehmen, der beſchränkte Menſch? Er erzählte mir auch allerlei Thorheiten.“ „Sie hätten früher enden ſollen, Lizzie, und ſeine Thorheiten nicht anhören.“ „Aber es amüſirte mich.“ „Dann ſind Sie eben zum Theil ſelbſt ſchuld. Byr, Nomaden. II. 1 — 82 Ich muß Ihnen ſagen, daß ihn Ihr Benehmen aller⸗ dings ermuthigen konnte.“ „So, jetzt muß ich von Ihnen auch noch Vor⸗ würfe hören! Ich erzähle Ihnen gar nichts!“ „Sie ſollten vielmehr erkennen, daß ich es wirk⸗ lich gut mit Ihnen meine, wie ein Bruder.“ „Iſt's wahr?“ Und da Gerhard ganz ernſthaft nickte, fuhr ſie raſch fort:„So hören Sie alſo. Mag ich kindiſch geweſen ſein, dazu aber habe ich ihm keinen Anlaß gegeben, daß er mir auch wieder nachfolgte, als ich Sie und Davy holen ging, und mich oben auf dem Treppenabſatze plötzlich umfing, wo ich gar nicht mehr daran dachte und wir ſchon ganz ruhig bei den Aeltern geſtanden hatten, und nun behauptete, er habe mich gehaſcht und er wolle einen Kuß. Ich litt es nicht; ich werde mich doch von einem ſo häßlichen Menſchen nicht küſſen laſſen, ich würde ſicherlich krank davon werden. Da krächzte er, ich müſſe ſeine Frau werden, ich wiſſe ja ſchon längſt, wie ſehr er mich liebe, und ich weiß nicht was noch Alles. Dabei wollte er mich mit Gewalt küſſen— iſt das nicht abſcheu⸗ lich? Ich fürchtete mich vor ihm wie vor einer Schlange und lief die Treppe hinunter, bis ich in der Dunkelheit die Stufe überſah.“ „Und da riefen Sie mich zum Schutze an. Das 83 war gut von Ihnen, Lizzie, ich danke Ihnen für das Vertrauen.“ „Es kam mir ſo auf die Zunge, ich weiß nicht wie, will's aber nicht mehr thun“, entgegnete ſie, und nach einer kleinen, halb verlegenen, halb ſchelmi⸗ ſchen Pauſe fügte ſie ſpöttiſch hinzu:„Man kann da aus dem Regen in die Traufe gerathen.“ Gerhard konnte nicht mehr bemerken, ob ſie dabei erröthete, da es ſchon dunkelte und ſie überdies das Antlitz wegwandte, er ſelbſt aber fühlte, wie ihm das Blut heftig ins Geſicht ſtrömte. Er hatte alſo doch nicht unbemerkt geſündigt und die kindliche Offenheit plauderte jetzt aus, was ein minder naives Mädchen vielleicht ſtrengſtens verſchwiegen hätte. Zugleich aber ſah er, daß ihm ſein Vergehen auch ſchon wieder ver⸗ geben war, und es gelang ihm raſch, ſich ſeine Schuld ſelber wegzuleugnen. Er hatte ſich Lizzie’s Bruder ge⸗ nannt, gewiß, ſie ſelber ſah ihn dafür an, was war da ein Kuß Anderes als ein Zeichen wohlwollender Zärtlichkeit? Er war über dieſe vortreffliche, über Alles hin⸗ weghelfende Erklärung ſo erfreut, daß er faſt un⸗ willkürlich Lizzie's Händchen ergriff und herzlich drückte; einen Bruder ſollte das holde Kind in ihm haben für immer, auf deſſen redliche, herzliche Freund⸗ 6* 84 ſchaft es zählen konnte, und er wollte das ſofort be⸗ weiſen. Aber ehe er zum Reden kam, zuckte er auf und zog raſch, wie auf unrechter That überraſcht, die Hand zurück Es waren noch einzelne Spaziergänger in der Allee und auf dem Damm; in eben dem Augenblicke ſchritt Madame de Granier mit ihrer Schweſter und ihrem Söhnlein knapp an der Bank vorüber und Gerhard glaubte den Blick zu fühlen, mit dem ihn beide Damen ſtreiften. Er erhob ſich und grüßte, aber zu ſpät; entweder hatten ſie ſeinen Gruß wirklich nicht bemerkt oder abſichtlich nicht erwidert. Er blieb unſchlüſſig ſtehen. „Warum ſchließen Sie ſich nicht an?“ hörte er jetzt Lizzie's Stimme fragen, und der ſeltſame Ton der⸗ ſelben fiel ihm nicht auf.„Man wird Sie vielleicht ver⸗ miſſen und glauben, Sie hätten mit Vorſatz nicht gegrüßt, ſolange es Zeit war, um nicht erkannt zu werden.“ „Es iſt wahr man könnte“— Er ſtockte, es flog ihm durch den Kopf, Adrienne oder ihre Schweſter könnten am Ende glauben, es ſei ihm unangenehm ge⸗ weſen, in ſo vertrauter Unterhaltung mit einem hüb⸗ ſchen Mädchen getroffen zu werden, und mehr dahinter vermuthen. Er wollte jeden Schein vermeiden, jedem ungerechten Urtheile vorbeugen. Der Gedanke, daß 85⁵ auf Lizzie ein häßlicher Verdacht fallen könnte, that ihm ebenſo weh als der, ſich von Adrienne ver⸗ kannt zu ſehen. Er mußte mit den Damen ſprechen und das auf der Stelle. „Was könnte man?“ fragte Lizzie. „Falſche Schlüſſe ziehen. Glauben Sie nicht, daß ich—“ Lizzie hüllte ſich feſter in ihren Shawl. „Gehen Sie nur“, ſagte ſie kühl und unfreund⸗ lich.„Davy bleibt bei mir— ich bedarf Ihrer nicht. Laſſen Sie ſich nicht zurückhalten.“ Gerhard achtete auch diesmal nicht auf den Ton der Worte. Er war ſchon auf dem Wege, die Damen einzuholen, deren weiße Baſchliks weit durch das Dunkel leuchteten. Viertes Kapitel. Diplomatie in Waffen. Die Vorangehenden waren bald erreicht. Es dünkte Gerhard, als hätten ſie, ſobald ſeine Schritte vernehmbar wurden, die ihrigen abſichtlich gemäßigt, was allerdings nicht recht zu dem Erſtaunen ſtimmte, mit welchem Madame de Granier ſeinen Gruß ent⸗ gegenzunehmen für gut fand. „Comment? Vous, monsieur Strandau?“ rief ſie aus und fuhr in derſelben Sprache fort:„Ich bin ganz überraſcht. Ich war der Ueberzeugung, Sie hätten uns längſt vergeſſen.“ Der Vorwurf war nicht ſo ganz ungerecht; dem Anſchein nach hatte ſich Gerhard eine nicht zu recht⸗ fertigende Nachläſſigkeit zu Schulden kommen laſſen. Er geſtand ſich, daß auch Adrienne ſo von ihm denken 87 müſſe. Aber wenn ſie in ſeine Seele hätte blicken können, wie anders wäre da ſein Thun erſchienen. Vergeſſen ſollte er ſie haben? Und doch hatte er tags⸗ über und einen Theil der Nacht hindurch keinen andern Gedanken als ſie. Gerade weil er zu viel an ſie dachte, weil er die Gefahr erkannte, ſein Herz ganz und gar zu verlieren, hatte er ſich fern gehalten, um nicht unverſehens zu einem tollen Streiche hingeriſſen zu werden. Jenen eigenthümlichen Widerſpruch der Gefühle, der alternde Junggeſellen ſo ſchwer zu einer Entſcheidung kommen läßt, empfand auch er. Der Wunſch, ſeinem einſamen, unſtäten Leben ein Ende zu machen, kämpfte mit der eigenthümlichen Scheu vor einem Lande, deſſen Schönheiten er nur vom Hören⸗ ſagen kannte, deſſen unwirthbare Einöden aber ihm noch aus der eigenen Jugend getreulich vor der Seele ſtanden und das ihm von gar Vielen als eine Falle geſchildert wurde, in die man viel leichter hineinge⸗ langt, als man wieder aus ihr herauskommt. Wog das eingetauſchte Glück die geopferte Freiheit auf? Wer hatte Recht? Streicher mit ſeiner Theorie des Alleinſtehens, bei der er nie recht zum Genuſſe des zfdr eſenen Glückes kam, oder Mr. Lesley, der die Ehe anrieth, wiewohl er in derſelben ebenfalls nicht glücklich ſchien? Soweit aber war er ſich doch —.— ——— 88 klar geworden, daß er mit Adrienne nicht ſo ſpielen könne, wie er es mit manchem ſchönen Weibe un⸗ geſtraft gethan. Der Eindruck, den dies Mädchen ſchon bei der erſten Begegnung auf ihn gemacht, war ſo lebendig, ſo tief geweſen, die Anziehungskraft, die blos ihr Aeußeres— das Innere kannte er ja noch gar nicht— auf ihn ausübte, war ſo mächtig, daß er ſich geſtehen mußte, er habe nur die Wahl, ihr fern zu bleiben oder ſich ihr mit gebundenen Händen zu Füßen zu werfen. Ein weiterer Verkehr mußte die glühend⸗ ſte Leidenſchaft in ſeinem Herzen entfachen, und ſelbſt wenn er denn alle Rückſichten beiſeite ſetzte, war er dann auch gewiß, dies Herz zu gewinnen, in welchem ſich vielleicht ſchon längſt ein Anderer, Früher⸗ gekommener eingebürgert hatte? Und er, der Tag für Tag das kleine Häuschen aus der Ferne betrachtete und den Weg dahin ein⸗ ſchlug, um nach den erſten Schritten aufgeregt wieder umzukehren, er ſollte ſie vergeſſen haben? Man machte ihm den Vorwurf und er konnte nicht einmal eine Rechtfertigung verſuchen, da ja die Angabe der Gründe einer Erklärung gleichgekommen wäre. Er entſchuldigte ſich nur mit einem kleinen Un⸗ wohlſein und dem üblen Wetter, das ihn ans Hotel gefeſſelt habe. 89 „Blos das üble Wetter?“ entgegnete Madame ſpöttiſch.„Dieſer arme Teufel von einem Regen. Man ſollte meinen, es wären Pfeile oder Feuerbrände ge⸗ weſen, gegen welche es kein Parapluie gibt und die auf dem Wege zu uns jedem neuen Hute Verderben drohen. Allez! Man weiß, daß ſich die Herren nur feſſeln laſſen, wenn Sie wollen. Es gibt allerlei Ur⸗ ſachen.“ „Ich wüßte wirklich keine.“ „Nicht? Schämen Sie ſich vor Maxime. Er kennt ſchon das Gebot: Du ſollſt nicht lügen, und befolgt es ſogar auch zeitweiſe. Geben Sie kein ſchlechtes Beiſpiel. Er hat Sie gerade früher dort auf jener Bank ſitzen ſehen. Hielt Sie dort auch das üble Wetter gefeſſelt?“ Es war alſo richtig, man hatte ihn bemerkt und, wie er vorausgeſetzt, falſche Schlüſſe gezogen. Warum ihm das aber unlieb war, Lizzie's oder ſeiner ſelbſt wegen, das geſtand er nicht einmal ſich ſelber ein. Die Art ſeiner Antwort ließ es jedoch errathen. „Mich hielt dort gar nichts gefeſſelt, ſonſt wäre ich wohl geblieben. Der Umſtand, daß ich mich Ihnen anſchloß, beweiſt genügend, wo ich mich mehr hinge⸗ zogen fühle. Sagen Sie mir, Mademoiſelle Adrienne, hegen Sie darüber einen Zweifel?“ 90 Der Schein einer Gaslaterne, an welcher ſie eben vorüberkamen, geſtattete ihm, der Angeredeten ins Angeſicht zu ſehen; ihre Schönheit wirkte berauſchend auf ihn. Die feinen, leiſe gerötheten Züge, das dunkle Haar traten aus der weißen Kapuze überaus vortheil⸗ haft heraus und die ganze Geſtalt gewann einen ro⸗ mantiſch⸗ phantaſtiſchen Reiz. Gerhard ſuchte diesmal auch ihr Auge nicht vergebens, mit flüchtigem und doch tiefem Blick, aus dem eine Frage ſprach, begegnete es dem ſeinen. „Was zöge Sie zu uns?“ erwiderte ſie leiſe, aber mit einem deutlichen Ausdruck des Leidens, der Gerhard nicht entgehen konnte und ihn bis ins Herz erbeben machte.„Sie hätten uns auch nicht folgen ſollen.“ „Nachdem Sie doch für gut fanden, uns zu ver⸗ leugnen“, ſetzte ihre Schweſter hinzu. „Das hätte ich gethan?“ ereiferte ſich Gerhard. „Wie ſehr Sie mir Unrecht thun! Ich grüßte nur zu ſpät, weil ich Sie früher nicht erkannte.“ „Sie waren zu ſehr in eine intereſſante Unter⸗ haltung vertieft.“ „Auch das nicht. Miß Wallace hatte das Un⸗ glück, ſich den Fuß zu verletzen, man ließ mich und ihren Schwager, der ein paar Schritte von uns ſtand, 91 bei ihr zurück, bis der Wagen käme, ſie zu holen. Wir ſprachen über eine Angelegenheit, die hauptſäch⸗ lich Miß Wallace, mich aber, eigentlich nur ganz wenig intereſſirte.“ „Gar nicht“, hatte er ſagen wollen, als ihm mit einem Male der Kuß ins Gedächtniß kam und er ſtockend ſeinem Wahrheitsdrange eine Conceſſion machte, die freilich dürftig ausfiel. „Und Sie haben Mademoiſelle verlaſſen? Das war nicht galant von Ihnen“, ſagte Madame de Granier. „Denken Sie ebenfalls ſo, Mademoiſelle Adrienne? Hätte ich wirklich bleiben ſollen?“ „Wenn Sie es verſprochen hatten“, lautete die Antwort, die Gerhard nicht erwartet haben mochte; er biß ſich auf die Lippe und ſchwieg. Madame fand es an der Zeit, dem Spaziergang ein Ziel zu ſetzen. Es war langweilig. Die letzten Spaziergänger, mit denen ſie hier und dort einen Gruß gewechſelt, hatten ſich verloren und Maxime wünſchte heimzukehren. „Mama, es iſt gar Niemand mehr hier“, meinte der Kleine.„Du liebſt ja die Promenaden nicht, wo man keinem Menſchen begegnet. Ich habe Hunger.“ 92 „Schweige, kleiner Schwätzer“, gebot Mama und ſetzte erklärend hinzu:„Wir können umkehren; es iſt wirklich ſchon ſpät, aber mir thut die Abendluft ſo gut.“ „Die Abendluft in dieſer Jahreszeit für Bruſt⸗ kranke?“ platzte Gerhard, dem der Gedanke zu komiſch erſchien, ein wenig reſpektwidrig heraus.„Aber das iſt ja Gift!“ „IHlélas! was verſtehen Sie von Medicin?“ ent⸗ gegnete Madame ärgerlich.„Sie haben es ſelbſt ge⸗ ſagt. Ihr Männer wißt nie, was Ihr wollt.“ Gerhard gab ſich keine Mühe, über den logiſchen Zuſammenhang dieſer Rede nachzugrübeln. Er mußte der Sprecherin ja wenigſtens, was den letzten Satz betraf, in Beziehung auf ſich ſelbſt Recht geben. Wußte er denn eigentlich ſo recht, was er wollte? Im Moment jetzt glaubte er es zu wiſſen, Adriennens Gleich⸗ gültigkeit hatte ihn gereizt, und am liebſten hätte er ihr einen Vorwurf daraus gemacht, aber doch zögerte er, ein zu bedeutungsvolles Wort auszuſprechen; ein unennbares Gefühl hielt ihn zurück. Er erzählte von Chillon, um etwas zu ſagen; eine Weile hörten ihm ſeine Begleiterinnen ruhig zu, dann fiel ihm Madame plötzlich in die Rede. „Sie waren mit Mr. Lesley und ſeiner Familie a und es iſt üft ſo Bruſt⸗ omiſch r das “ ent⸗ 'ſt ge⸗ giſchen mußte n Satz Wußte 2 Im Gleich⸗ hätte er zögerte ſen; ein ſagen; ahig zu⸗ Famili 93 dort“, warf ſie anſcheinend ohne Intereſſe hin.„Sie ſind viel mit ihnen zuſammen?“ „Wie ſich das durch unſer Zuſammenleben in der Penſion von ſelbſt ergibt“, entgegnete Gerhard arg⸗ los.„Ich liebe Mr. Lesley.“ „Und intereſſiren ſich für ſeine kleine Schwä⸗ gerin?“ „Das kann ich mit gutem Gewiſſen verneinen“, widerſprach er eifrig, indem er ſich vorzugsweiſe wie betheuernd an Adrienne wendete, neben welcher er herging.„Muß ich wiederholen, was ich ſchon früher geſagt?“ Seine Frage klang wie ein Vorwurf, Adriennens Antwort darauf wie ein ſcharfer Ausfall. „Soviel ich weiß“, ſagte ſie,„ſind Sie ſonſt nicht darauf angewieſen, Muſikſtunden zu geben, oder unterrichten Sie alle Damen Ihrer Penſion zum Zeit⸗ vertreibe?“ War's möglich! Irgend Jemand, wahrſcheinlich Graf Hilmersdorf, hatte von den Lectionen erzählt, die Lizzie von ihm empfing und dieſe wurden nun ſo ge⸗ deutet. Wäre das wirklich eine eiferſüchtige Regung, die Adrienne ſo ſprechen machte? Gerhard wagte es kaum zu hoffen, er hätte jubeln und er hätte lachen mögen. 94 „Nein, das wäre zu viel“, rief er ſcherzend,„aber eine Stunde habe ich ſchon noch frei, und wenn Sie, Mademoiſelle, mir die Ehre erweiſen wollten, zu ver⸗ langen, daß ich dieſelbe Ihnen widmen ſolle, ich würde mit tauſend Freuden bereit ſein. Singen Sie oder ſpielen Sie blos?“ Was Adrienne, die von dieſer Antwort nicht ſehr befriedigt ſchien, erwiderte, verſtand er nicht, da ihm mit einem Male einfiel, daß ſie ja ſchon an der Bank vorübergekommen, auf welcher er früher mit Lizzie geſeſſen. Kein Menſch war mehr da und heiß fiel's ihm aufs Herz, daß er ſeinen Schützling verlaſſen, daß mittlerweile der Wagen angelangt ſei und Lizzie entführt habe, ehe er zu ihr zurückgekehrt. Was mochte das Mädchen von ihm denken? Zum mindeſten war ſein Benehmen kein aufmerkſames zu nennen. Nun aber kam doch jede Reflexion zu ſpät und ſo war es am Ende beſſer. Die beiden Damen, die er begleitete, jetzt zu verlaſſen, wäre unmittelbar nach den vorhergegangenen Fragen und Bemerkun gen noch unpaſſender geweſen. Was er vermeiden wollte, hätte er dadurch erſt recht herbeigeführt und dabei nicht einmal ſeinen eigenen Wünſchen genug gethan. Er durfte jetzt wenigſtens dieſen folgen und die Damen weiter begleiten. 95 Madame de Granier hatte den angeregten Gegen⸗ ſtand aufgegriffen. Sie ſprach von Muſik, ſchwärmte von Verdi und Meyerbeer und ließ es ſich nicht nehmen, Gerhard noch immer für einen berühmten, incognito reiſenden Virtuoſen zu halten, ſo ſehr ſich dieſer auch dagegen wehrte. Es gab ein ziemlich leb⸗ haftes Geſpräch, an welchem ſich auch Adrienne mit einigen Bemerkungen betheiligte, aus welchen Gerhard zu ſeiner Ueberraſchung erſah, daß ihre muſikaliſche Bildung jedenfalls keine erhebliche war. Er hatte aber gleich wieder einen Troſt bei der Hand. Gerade das war ja angenehm, bewies er ſich; es ſei niemals wünſchenswerth, wenn Frau und Mann in denſelben Dingen excellirten, das gäbe Urſache zur Eiferſucht. Mann und Frau?„Er erſchrak ſchon nicht mehr ſo ſehr, als ihm die Bezeichnung auffiel; ſein Ohr ge⸗ wöhnte ſich daran. Allmälig waren ſie ſo bis in die Nähe des Hotels Germain gekommen. Adrienne ſchlug vor, den Weg abzuſchneiden, aber ihre Schweſter meinte, der Pfad durch die Weinberge müſſe noch kothig ſein. „Wir bleiben auf der Straße“, entſchied ſie. „Monſieur Strandau begleitet uns vielleicht und nimmt eine Taſſe Thee bei uns.“ „Soviel Sie wollen. Sie ſind zu gütig, Ma⸗ 2 ——————, 96 dame“, ſagte Gerhard ſcherzend zu. Man hätte ihm in dieſem Momente keine größere Freude bereiten können. Er ſollte einen ganzen Abend an Adriennens Seite ſein, im muntern Geplauder bei einer gemüth⸗ lichen Taſſe Thee; welch reizendere Ausſicht konnte ſich ihm eröffnen! Es fiel ihm nur auf, daß Adrienne über ſein raſches Annehmen durchaus nicht ſo entzückt ſchien wie er über die Einladung; ſie machte ſogar eine ganz auffallende Bewegung und brachte den Einwand vor, Monſieur Strandau habe vielleicht ſchon ein anderes Engagement für den Abend, das er nur aus über⸗ triebener Höflichkeit zu brechen bereit ſei. Er ſtockte unwillkürlich in ſeinen Verſicherungen des Gegentheils, als er den Blick bemerkte, den ſie ihm zuwarf, und jetzt erinnerte er ſich plötzlich auch, daß ſie ihm ja bei ſeinem Beſuche geſagt, ſie erſcheine des Abends niemals im Salon, wenn Geſellſchaft da ſei. Aber von Geſellſchaft war ja keine Rede geweſen, Madame hatte ihn nur zu einer Taſſe Thee aufge⸗ fordert, warum ſollte Adrienne dabei nicht gegenwärtig ſein? Oder gab es ein anderes Hinderniß? Vielleicht auch täuſchte er ſich nur und das Mädchen wollte ihm blos zeigen, daß es über ſein langes Wegbleiben noch immer ſchmolle— o der Gedanke war ſo ſüß!— und gerade dann mußte er ja beweiſen, daß ihn kein ihm iten tens üth⸗ ſich lber hien ganz vor, eres ber⸗ ngen ſie auch, heine a ſei. eſen, ufge⸗ ärtig leicht vollte feiben 97 Hinderniß abhalten könne, wenn es gelte, einen Abend in der Geliebten Nähe zuzubringen. Sie waren am Hotel vorbeigekommen und ſchritten längs des Stationsgebäudes der Eiſenbahn hin, als Gerhard's Gedankenzug mit einem Male eine andere Richtung nahm. Im hellen Lichte der Gaslaternen deutlich erkennbar, kamen ihnen die Bergſtraße herab die beiden Fräulein Brocat entgegen, in deren Begleitung ſich Herr von Kuruſoff befand. Er hatte, ſo laut es ſeine heiſere Stimme zuließ, geſchwatzt und brach jetzt plötzlich ab, als er Gerhard mit ſeinen Begleiterinnen erkannte. Er ſchien über die Begegnung in großer Verlegenheit, die ſich noch ſteigerte, als ihm Maxime freundlich„Bon soir!“ zurief. Vergebens hatte er ſich, wie um Raum zu geben, zurückgehalten und den beiden Fräulein den Vortritt gelaſſen, ſie hatten mit ihren auf⸗ merkſamen Luchsaugen doch bemerkt, wie er zum Gruße den Hut zog. „Sie kennen dieſen Herrn?“ war das Erſte was Gerhard ſeine Begleiterinnen fragte, ſobald ſie an den Andern vorüber waren. „Ja, vom Sehen“, verſetzte Madame kühl und gebot ihrem Söhnlein ziemlich unſanft zu ſchweigen, als das kleine Plappermaul mit der Anmerkung heraus⸗ fuhr: Byr, Nomaden II. 98 „Er hat mir das letzte Mal eine große Bonbonnieère verſprochen. Wenn er nur bald kommt!“ Warum hatte Madame de Granier die Bekanntſchaft mit dem Ruſſen verleugnet, die doch nach des Kleinen Ausruf zweifelsohne beſtand? Warum hatte Herr von Kuruſoff ſelbſt dieſelbe geleugnet? Das war ſeltſam, aber Gerhard blieb jetzt keine Zeit, darüber nachzu⸗ ſinnen. Die Begegnung hatte ihm mit einem Schlage das Ereigniß von Chillon und Lizzie's Bitte ins Ge⸗ dächtniß gerufen, die er ſo ernſtlich zu erfüllen ver⸗ ſprochen wie ein getreuer Bruder. Mußte er nicht bei Zeiten vorbeugen, daß der Unverſchämte beim Nacht⸗ eſſen nicht mehr an Lizzie's Seite zu ſitzen komme? Und nun war es ſchon ſo ſpät, daſſelbe mußte ſogleich be— ginnen und er hatte in unverzeihlicher Vergeßlichkeit die Einladung zum Thee angenommen. Es war nicht ſchön, nicht ritterlich von ihm, wenn er ſein Verſprechen nicht hielt und das arme Kind zu den körperlichen Schmer⸗ zen auch noch die Qual erdulden ſollte, den Menſchen, der ihm auf der Welt am widerlichſten ſein mußte, die ganze Zeit über an ſeiner Seite zu ſehen. Da blieb keine Wahl. Gerhard entſchuldigte ſich kurz mit einer Partie Ecarté, die er dem Kapitän zu⸗ geſagt haben wollte, und kehrte ſich nicht an Madame de Granier's ungläubiges und pikirtes Lächeln. Er überwand 99 r ſogar den peinlichen Gedanken, Adrienne nun am Ende P noch neue Urſache zur Unzufriedenheit gegeben zu haben, dt verſprach im Laufe des nächſten Tages zu kommen nen und empfahl ſich ſo eilig, daß er das auffallend freund⸗ von liche„Gute Nacht!“ welches ihm Adrienne zuflüſterte mn. und das ihm ein Troſt geweſen wäre, gar nicht hörte. du Schleunigſt ſchritt er dem Hotel zu und ging ge⸗ age radeswegs in den Speiſeſaal. Er athmete leichter, als Ge⸗ er vernahm, daß das Zeichen zum Souper erſt gegeben er⸗ werden ſolle; nun ließ ſich noch Alles arrangiren. Er 15 bei fand nur Kapitän Reuſche im Saale und wendete ſich ht⸗ vorerſt an ihn mit der ohne alle Begründung vorge⸗ und brachten Bitte, auf Miß Lizzie's Wunſch von nun an be⸗ mit ſeinem Nachbar den Platz zu wechſeln. die„Das kann mir nur angenehm ſein“, meinte der ön, Kapitän hüſtelnd in ſeiner kauſtiſchen Weiſe.„Als 1 icht Sieg will ich's gerade nicht verzeichnen, wenn's mir er auch für den Andern eine Niederlage ſcheint; ſollte, wie en, bei Langenſalza, wo ich ſchon eine Kugel her habe, der 1 gte, Dritte profitiren?“ Er ſah Gerhard ſo an, als halte er dieſen für den Dritten. ſich„Allerdings, Miß Lizzie wird den größten Vor⸗ zu theil aus dem Tauſche ziehen.“ de„O, das klingt ja äußerſt ſchmeichelhaft für mich, nd nur legt es mir eine ernſthafte Verpflichtung auf, mehr 7* 7 100 lür meiner Nachbarin Unterhaltung als für meine eigene Sorge zu tragen.“ „Das iſt gar nicht nöthig. Ah!“ unterbrach ſich Gerhard, als er den Ruſſen eintreten ſah.„Es fügt ſich gut, daß noch Alles leer iſt, ſo erledigt ſich die Sache raſcher. Erlauben Sie, mein Herr“, ſprach er Herrn von Kuruſoff an, der ſich ſuchend umſah,„darf ich auf ein Wort bitten?“ „Haben Sie die Fräulein Brocat nicht geſehen?“ fragte der Ruſſe.„Ich glaubte ſie hier zu finden; ſie traten doch zuvor hier ein.“ „Wollen Sie Ihre Aufmerkſamkeit jetzt gefälligſt mir leihen“, drängte Gerhard mit ſo ernſter Miene und ſcharfem Ton, daß der Angeredete überraſcht aufſah. „Ich ſtehe zu Dienſten. Was wollen Sie von mir?“ „Nichts, als Ihnen mittheilen, daß Herr von Reuſche ſo freundlich war, den Plaatzwechſel bei Tiſche einzugehen. Sie haben ſich alſo bei ihm zu bedanken.“ „Was für einen Platzwechſel? Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr! Ich denke nicht daran, meinen Platz zu wechſeln.“ „Sie werden es gleichwohl thun.“ „Ich wüßte nicht warum?“ eine en?” ſie ligſ tiene nſcht von von iſche ken.“ iicht, h zu 101 „O, das wiſſen Sie nicht? Ich denke, Sie haben ſich heute ſo benommen, daß Miß Lizzie—“ „Wollen wir ein wenig zur Seite treten“, unter⸗ brach ihn Herr von Kuruſoff, da ſo eben die Dirkſons eintraten. Er gewann Zeit, während er ſich mit Ger⸗ hard und dem Kapitän an die Verandathür zurückzog, ſeine Verlegenheit zu bemeiſtern.„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, begann er nun.„Daß Miß Wallace keinen Wagen fand, als ihr Boot landete, dafür kann ich nichts. Ich war im Cygne, die Pferde waren fort auf dem Bahnhofe, in Clarens, ich weiß nicht wo; ich hinterließ wenigſtens Ordre, einen Wagen zu beſorgen. Ich konnte mich damit nicht länger aufhalten, da ich Mes⸗ demoiſelles Brocat zufällig traf und zu begleiten hatte.“ Gerhard hatte dieſe Entſchuldigung ungeduldig mit angehört. „Es handelt ſich nicht darum“, fiel er jetzt ein, „ſondern ob Sie Ihren Platz wechſeln wollen oder nicht. Miß Lizzie wünſcht Sie nicht mehr zum Nachbar zu haben.“ „Das kann mir wohl gleichgültig ſein“, warf ſich der Ruſſe in die Bruſt.„Wir ſitzen an öffentlicher Wirthstafel, wo man ſich die Nachbarn nicht ausſucht, ſondern mit jenen vorlieb zu nehmen hat, die uns der Zufall zutheilt.“ 102 „Das mag gewöhnlich der Fall ſein, hier aber findet eine Ausnahme ſtatt.“ „Ich erkenne keine an.“ „Aber, lieber Herr von Kuruſoff, was liegt daran?“ wollte der Kapitän vermitteln, der Ruſſe jedoch ließ ſich von Gerhard's bisher bewahrter Ruhe täuſchen und glaubte ihn durch ein hitziges, auffahrendes Weſen ein⸗ ſchüchtern zu können. „Eine ſolche Zumuthung iſt überhaupt eine Be⸗ leidigung, und wenn Miß Wallace mir ſie ſtellen will, weshalb thut ſie es nicht ſelbſt?“ „Weil ſie eben mich damit beauftragt hat, um mit Ihnen nicht mehr ſprechen zu müſſen.“ „Was habe ich gethan, daß man ſich gegen mich ſolche Beleidigungen erlauben kann?“ „Sie waren unverſchämt, mein Herr!“ „Mein Herr!“ krähte Herr von Kuruſoff mit dem ganzen Aufgebot ſeiner Stimmmittel und ſeine Augen glühten in unheimlich grünem Lichte. „Das waren Sie, und da Sie es ſo weit treiben, ſo mag Kapitän von Reuſche hierüber urtheilen. Die⸗ ſer Herr erlaubte ſich, Miß Wallace ſeine Hand an⸗ zubieten.“ „Das wird von den Damen ſonſt eben nicht als Unverſchämtheit betrachtet“, kicherte der Ruſſe zornig. 103 aber„Sie haben Sie aber auch mit Gewalt zu küſſen verſucht, ſodaß ſie flüchtete und ſich dabei den Fuß vertrat. Sie ſehen, ich weiß Alles“ n?⸗„Es ſcheint eben“, bemerkte der Ruſſe bosbaft, ließ„daß Sie vollkommen im Vertrauen dieſer Dame ſind. und Sie Glücklicher, man gewährt Ihnen den Kuß wohl ein⸗ willig, den man mir verwehrt.“ Diesmal war es Gerhard, der hocherglühend„Mein Be⸗ Herr!“ rief und nicht übel Luſt zeigte, ſich in der wil, Hitze ein wenig weiter gehen zu laſſen, als es einem gebildeten Manne geziemt. um Der Kapitän beruhigte und veranlaßte ihn, da ſich der Saal allmälig füllte, leiſer zu ſprechen, des nich Ruſſen gedämpftes Organ war ohnedem weniger ver⸗ V rätheriſch. Gerhard mäßigte ſich zwar, warf aber doch noch die Worte hin:„Sie werden mir für dieſe dem nichtswürdige Verleumdung Rechenſchaft geben. Jetzt nur ſo viel, wollen Sie den Platz tauſchen?“ b ugen „Ich laſſe mich nicht zwingen!“ Der Ruſſe wandte ben, ſich ab. Die⸗„Gut!“ murmelte Gerhard und fand noch Zeit, alr⸗ obwohl eben Graf Hilmersdorf auf ſie zutrat, dem Kapitän zuzuflüſtern, er möchte die Sache in die Hand b nehmen und Herr von Kuruſoff ſeine Herausforderung 1 überbringen. 104 Der Entſchluß war vielleicht übereilt, aber Ger⸗ hard meinte, daß ihm nichts Anderes übrig bleibe. Wäre er bei ruhigem Blute geweſen, ſo hätte er ſich geſagt, daß gerade ein ſolches Verfahren geeignet ſei, dem boshaften, aufs Gerathewohl gethanen Ausfall des Ruſſen eine tiefere Bedeutung zu geben. So aber fühlte er ſich getroffen und in der Aufwallung darüber ge⸗ brach ihm die bedächtige Ueberlegung. Zu Aerger und Verlegenheit geſellte ſich noch der Verdruß, ſein Ver⸗ ſprechen Lizzie nicht gehalten zu haben. Was mußte ſie von ihm denken, wenn ſie jetzt eintrat und den Platz neben dem Ihrigen von jenem Zudringlichen beſetzt fand? Es war ſehr unangenehm und Gerhard befand ſich in einer Stimmung, daß er ſich am liebſten auf der Stelle duellirt hätte, nur um den Platz für die Zeit der Abendtafel frei zu machen. Er empfand eine wirkliche Erleichterung, als er jetzt den Pfarrer und deſſen Schwiegerſohn allein ein⸗ treten ſah, obgleich er eine Verſchlimmerung in Lizzie's Befinden vorausſetzen mußte, die ihr herunterzukom⸗ men verbot. „Nein, es iſt nicht ſo ſchlimm“, beruhigte ihn Mr. Lesley,„aber meine Schwiegermutter iſt ſehr ängſtlich. Lizzie muß kaltes Waſſer auflegen und die beiden Frauen leiſten ihr Geſellſchaft. Es iſt übrigens für die 105 Jer⸗ kleine Heuſchrecke ganz gut, wenn ſie ein paar Tage eibe. nicht überall herumhüpfen kann.“ ſich Man ſetzte ſich. Gerhard bemerkte mit Befremden, ſi. daß auch Freund Streicher nicht bei Tiſche erſchien. des Mit dem Rücken gegen die Veranda ſitzend, fiel es ihm hlte jedoch nicht auf, daß nach einer Weile die beiden ge⸗ Schweſtern aus Oron la ville von dorther in den Saal und traten. Mit Beſtürzung hatte es dagegen Herr von Ver⸗ Kuruſoff wahrgenommen. Die Freude an dem ſo tapfer 1 ſie behaupteten Sitze hielt nicht vor, als er die Ueberzeu⸗ Glatz gung gewann, daß das ganze bedeutſame Geſpräch ſett zweifelsohne von den beiden Fräulein mit angehört and worden war. Auch Gerhard machte bald genug die. auf Bemerkung, da die beiden Damen ihre Entrüſtung gar Zeit nicht verbargen. Er pflegte ſonſt nicht auf ihr Geſpräch G zu achten und hatte ſich auch ſelbſt in keins mehr mit er ihnen eingelaſſen ſeit jenem Abend, wo ihm ſo huld⸗ 1 ein⸗ voll die Abnahme zweier Sperrſitze zu ſeinem Concerte ies verheißen worden war; diesmal aber ſprachen ſie ab⸗ om⸗ ſichtlich ſo laut zur Erzieherin der kleinen Dirkſons, daß er unwillkürlich davon Notiz nehmen mußte. lr.„Sie begreifen“, hörte er Fräulein Henriette ſagen,— ſch.„wie ich nicht zugeben kann, daß meine Schweſter noch den länger hier bleibt. Für mich wäre es am Ende gleich⸗ gültig, ich bin über die Jahre hinaus, aber Aglasé iſt 106 noch in dem Alter, wo ſolche Beiſpiele gefährlich wirken.“ „Ich bitte Dich, Henriette“, fiel die jüngere Schwe⸗ ſter ein,„Du trauſt mir ſo wenig Grundſätze zu, als andere Frauen beſitzen. Gott ſei gedankt, ich weiß, was ich mir ſchuldig bin, man iſt in Oron la ville noch nicht ſo verderbt wie anderwärts.“ „Ich wollte Dir nicht nahe treten, mein Kind, und theile Deinen Unmuth“, nahm wieder die Andere das Wort,„aber Du mußt ſelbſt eingeſtehen, daß es ſich für ein Mädchen Deines Alters nicht geziemt, in einem Hauſe zu bleiben, wo ungeſcheut Frauen ihre Geliebten zum Fenſter hereinlaſſen, wo allerlei räthſelhafte Dinge vorfallen, wo es Mädchen gibt, die mit koketten Ma⸗ nieren die Männer verlocken und ihren Chrenpflichten ungetreu machen, wo dieſe Männer Küſſe mit Gewalt rauben und doppelzüngig zweien zugleich den Kopf verdrehen möchten.“ „O, wenigſtens mir hat man nicht den Kopf ver⸗ dreht“, brüſtete ſich Mademoiſelle Aglaé, indem ſie einen vernichtenden Blick über die Tafel weg dem Schuldigen zuwarf.„Ich habe die eleganteſten und hübſcheſten Männer ſeufzen laſſen, ohne ſie zu erhören.“ „In Oron la ville?“ fügte der Kapitän in ſo harmloſer Frage hinzu, daß ein leiſes, kaum verhalte— ährlich Schwe⸗ be zu, weiß, ville d, und re das es ſich einem liebten Dinge NMa⸗ lichten zewalt Kopf fver⸗ in ſi dem 1 Und ören.“ in ſo halte⸗ 107 nes Lachen um den ganzen Tiſch lief und die beiden Fräulein mit indignirter Miene verſtummten. Noch ehe das Mahl beendet war, erhoben ſie ſich und Herr von Ku⸗ ruſoff folgte ihnen, ſobald auch die Andern ihre Stühle rückten. Gerhard wollte Mr. Lesley eben fragen, was er zu beginnen gedenke, als ſich Graf Hilmersdorf in ſeiner nonchalanten Weiſe bei ihm einlud.“ „Kann man eine Cigarre auf Ihrem Zimmer rauchen, Herr von Strandau? Sie laſſen doch auch ein Glas Punſch dazu kommen“, ſagte er ohne alle Umſtände. Gerhard konnte nicht ausweichen, Mr. Lesley aber ſchlug es aus, mitzukommen. „Was ſagen Sie zu der köſtlichen Effronterie dieſer beiden Landpomeranzen?“ begann der Graf, als ſie auf Gerhard's Zimmer angekommen waren, ſich be⸗ quem ins Sopha werfend, wobei er die Beine auf einen Stuhl ſtreckte und mit ſeinen Füßen liebäugelte. „Den einen Paſſus verſtand ich nicht, es muß etwas mit Kuruſoff vorgefallen ſein, er war roth wie ein Puter. Sollte er? Aber nein, dazu iſt Mademoiſelle Aglaé nicht verführeriſch genug. Die andere Anſpielung dagegen war mit Händen zu greifen. Gut, daß die Leſtows nicht dabei waren, das hätte Händel gegeben. Ich wunderte mich, daß Sie's ſo ruhig hinnahmen, 108 aber im Grunde hatten Sie Recht. Man kann ſich mit Frauenzimmern doch nicht ſchießen. Vortreffliche Cigarre das— wo beziehen Sie ſie her? Na, wie geſagt, gut, daß Leſtows nicht da waren. Er iſt ohnedem furchtbar gereizt, Alles bringt ihn in die Hitze; heute gab er gar keine Antwort, als ich fragte, ob er nach Saxon gehe. Muß ſehr ſtark in Verluſt ſein, der arme Teufel! Wie bezahlen Sie die Cigarre? Ich habe eine aufge⸗ trieben, ſo ziemlich die gleiche Sorte obwohl dieſe mil⸗ der iſt, ich bezahle dreihundert Francs fürs Tauſend. Nun denken Sie ſich einmal, wie ich mit weniger als tauſend Thaler den Monat auskommen ſoll. Mein Alter iſt nicht bei Sinnen, er vergißt ganz, daß er auch ein⸗ mal jung war.“ „Sie ſpielen eben auch.“ „Ach was ſpielen! Man verliert, man gewinnt, das gleicht ſich aus, man muß nur die Geduld nicht verlieren. Ausdauer, und man bekommt Alles wieder herein. Der Eine ſagt, mit der Farbe muß man gehen, ich aber ſage, feſt muß man halten. Die Chance kommt immer wieder herum. Na alſo, kann ich da fort? Mein Alter will, ich ſoll einrücken, doch da müßt' ich ja das ganze Geld im Stiche laſſen; daraus kann abſolut nichts werden. Aber der Alte will mich kurz an die Leine neh⸗ men und das wird wenigſtens für den Augenblick fatal.“ ch mit igarre , gut, ſchtbar er gar gehe. reufel! aufge⸗ ſe mil⸗ uſend. er als Alter h ein⸗ vinnt, nicht vieder gehen, tommt Mein a das nichts eneh⸗ atal. 109 Ungefähr in dieſem Stile ging es eine geraume Weile fort; Gerhard nippte hin und wieder von ſeinem Punſche und verſuchte zum Zeitvertreibe den Rauch ſeiner Cigarre ſo einzuſchlürfen, wie er es bei Mr. Lesley geſehen. Das Geſpräch langweilte ihn, und als es der Graf auf das Haus der Madame de Granier brachte lenkte er raſch wieder von dieſem Stoffe ab; es berührte ihn peinlich, ſeinen Nebenbuhler ſo offen von ſeiner Neigung erzählen und ein Lob Adriennens aus deſſen Munde zu hören, wie man allenfalls von einem ſchönen Pferde ſpricht, das man gern acquiriren möchte. Graf Hilmersdorf beharrte auch nicht darauf, die⸗ ſen Gegenſtand weiter zu verhandeln. Es lag ihm offen⸗ bar etwas Anderes im Sinne und ſchließlich brachte er es auch mit einer geſchickten Wendung vor, die jeden⸗ falls zeigte, daß er ſich nicht zum erſten Male im gleichen Falle befinde. Es war kein verlegenes Lächeln, keine ängſtliche Erwartung in ſeinen Mienen, als er Ger⸗ hard nahe legte, daß ihm momentan mit einem klei⸗ nen Vorſchuß von einigen hundert Francs ſehr ge⸗ dient wäre. Es war ſchwer, das Anſinnen zurückzuweiſen. Gerhard ſagte ſich zwar, daß er ſchwerlich wieder zu ſeinem Gelde gelangen dürfte, wenn er nicht den ihm wenig zuſagenden Weg zu des Grafen Vater einſchlagen 110 wolle, aber im Ganzen mochte er den jungen Sauſe⸗ wind nicht übel leiden, obwohl er in ihm ſeinen Neben⸗ buhler ſah; er hatte ihm auch die Einführung bei Ma⸗ dame de Granier zu danken und überdies war Ger⸗ hard einer jener Charaktere, die, von Geldangelegen⸗ heiten immer unangenehm berührt, ſich durch einen ge— wiſſen vornehmen Zug verpflichtet glauben, Hülfe zu leiſten, wo man ſolche von ihnen verlangt. Er würde befürchtet haben, für ungefällig, ängſtlich oder klein⸗ herzig gehalten zu werden, wenn er ſeine offene Börſe einem ſo unumwunden ausgedrückten Verlangen nicht augenblicklich zur Dispoſition geſtellt hätte. Für den Borger war er es, der ſich verlegen fühlte. Er zog die Tiſchlade heraus, in der ſein Porte⸗ feuille lag, und öffnete dieſes, um fünfhundert Francs in Banknoten herauszuſuchen. Che er ſie noch abgezählt, wurde an die Thür geklopft und Gerhard dachte nicht daran, die Lade zu ſchließen, als Kapitän von Reuſche mit Herrn von Kuruſoff eintrat, ſo wenig war er ge⸗ rade auf dieſen Beſuch vorbereitet. Er hatte nicht ge⸗ zweifelt, daß der Ruſſe ſeine Herausforderung anneh⸗ men werde, und nur Nachricht von ſeinem Bevollmäch⸗ tigten erwartet, nun kam er ſelber. Es war das ein ganz ungewöhnliches Verfahren in Ehrenſachen, um ſo unbegreiflicher, da es der Kapitän gutzuheißen ſchien. vürde klein⸗ Börſe nicht rden m ſo hien. 144 Graf Hilmersdorf ſprang unmuthig auf; die Störung konnte nicht mehr zur Unzeit kommen. „Aha, die Herren haben den Punſch gewittert“, ſcherzte er gezwungen. „Sie haben ihn doch nicht für uns beſtellt“, ver— ſetzte der Kapitän anzüglich,„oder trinken Sie ihn auch für uns aus? Die Annexionen ſind jetzt in der Mode.“ „Dem Sieger geziemt Großmuth“, lächelte der Graf ſelbſtbewußt, ließ ſich nieder und liebkoſte ſeinen Stiefel. Der Kapitän hatte eine Entgegnung auf der Zunge, hielt aber das bittere Wort zurück, er war ja nicht in ſeiner eigenen Angelegenheit hier. „Gut, daß wir Sie hier finden, Herr Lieutenant“, ſagte er,„Sie können gleich als zweiter Zeuge fungiren.“ „Schlägt man ſich?“ Der Graf warf dabei einen neugierigen Blick auf den Ruſſen, der eine keineswegs ſtolze Haltung bewahrte. „Nein, es handelt ſich nur um eine Erklärung, zu welcher ſich Herr von Kuruſoff bereit fand.“ „In der That“, nahm der Ruſſe vortretend das Wort, während ſeine Augen unwillkürlich einen Augen⸗ blick lang auf dem geöffneten Portefeuille, den darch liegenden Banknoten und Obligationen hafteten,„in habe mich beſonnen, Herr Strandau. Es thut mir leid, 112 daß ich mich von der Hitze hinreißen ließ und auf Ihren Wunſch nicht ſofort einging. Es hatte übrigens ohnedem nichts auf ſich und ich erkläre mich ausdrück⸗ lich bereit, meinen Platz am Tiſche von morgen an mit Kapitän von Reuſche zu tauſchen. Ich glaube, daß das Mißverſtändniß jetzt beigelegt ſein dürfte.“ „Teufel, Herr von Kuruſoff“, rief der Graf neu— gierig,„was iſt denn das? Haben Sie eine ſchlechte Manier zu eſſen oder greifen Sie zu tief in die Schüſſel und nehmen Ihrem Nachfolger die beſten Biſſen weg?“ Es lag nicht im Intereſſe des Gefragten, den ganzen Sachverhalt auseinanderzuſetzen und doch mußte er wenigſtens ein theilweiſes Geſtändniß ablegen. „Es iſt nichts weiter, ja, nichts weiter“, erklärte er ſtockend,„als daß ich die üble Gewohnheit habe— ja, ich bin ſehr unruhig mit den Füßen unter dem Tiſche und habe Miß Wallace ſchon wiederholt an den Hühneraugen unſanft berührt.“ „Das iſt komiſch“, lachte der Graf,„aber fein, überaus fein! Sie ſind ein geriebener Burſche, hören Sie, Kuruſoff, aber dieſe Art der Recognoscirung iſt doch nicht überall angewendet.“ „Sie ſind ganz im Irrthum, Graf, ich verſichere. Reiner Zufall, und ich bin untröſtlich darüber, es thut ad auf vrigens Sdrück⸗ en an e, daß f neu⸗ clechte ſchüſſel Biſſen 1, den mußte rklärte abe— r dem lt an fein, hören ng iſt ichere. 5 thut 113 mir ſehr leid, Miß Wallace Urſache zum Unwillen ge⸗ geben zu haben.“ „Sie werden das ihr ſelbſt erklären“, ſagte Ger⸗ hard mit ruhiger Feſtigkeit. „Ihr ſelbſt? Das war nicht im Abkommen“, warf der Ruſſe ein, indem er den Kapitän fragend anſah. Dieſer legte ſich denn auch ins Mittel. „In der That, Herr Strandau, Sie könnten zu⸗ frieden ſein; man hat Ihnen abgebeten und damit iſt Alles ausgeglichen, ſollte ich denken.“ „Nicht doch“, entgegnete Gerhard, indem er ſich gegen den Kapitän höflich verbeugte, ohne jedoch ſeinen Ton zu ändern.„Ich weiß von einem Abkommen nichts. Für meinen Theil bin ich vollkommen befriedigt. Jene beleidigende Aeußerung aber, die Herr von Kuruſoff fallen zu laſſen beliebte, ſtatt auf das geſtellte Anſinnen einzugehen, betraf Miß Wallace hauptſächlich und es gehört ſich daher, daß ſie ihr abgebeten werde, um ſo mehr, als die Beleidigung auch noch andere Zeugen hatte, wenn ich mich nicht täuſche. Sie verſtehen mich, mein Herr. Sie werden gut thun, die Sache noch im Laufe des morgigen Vormittags ins Reine zu bringen.“ „Unter einer Bedingung“, entgegnete der Ruſſe, dem eine glückliche Idee gekommen ſchien.„Sie müſſen ſich herbeilaſſen, für mich Zeugenſchaft bei Mademoiſoll Bor, Nomaden. II. 114 Brocat abzulegen. Die Fräulein wollen mich nicht anhören, ſie behaupten, genug verſtanden zu haben, ihre Bildung ſei nicht ſo vernachläſſigt, daß ſie nicht mehrere Sprachen verſtänden, wenn auch die Beſchei⸗ denheit ihnen dieſelben zu ſprechen verbiete. Es liegt mir ſehr daran, ich geſtehe es, ihnen zu beweiſen, daß ſie falſch gehört haben.“ „Ich ſoll alſo lügen? Sie täuſchen ſich. Ich nehme keine Bedingung an.“ „Dann füge auch ich mich nicht!“ Gerhard trat, wie wenn er das Geſpräch zu be⸗ endigen wünſche, einen Schritt zurück. „Wie Sie wollen“, erwiderte er trocken.„So ſchießen wir uns alſo morgen.“ Der Trotz, mit dem ſich Herr von Kuruſoff ge⸗ wappnet, ſchmolz bei dem unheimlichen Blitz der Piſtolen⸗ ſchüſſe, die er im Geiſte ſchon abfeuern ſah. Er blickte ein paar Augenblicke unſicher umher, dann aber ſiegte ſein Selbſterhaltungstrieb. Es fuhr aber ein giftiger Strahl aus ſeinen Augen, als er Gerhard krächzend die Abſchiedsworte zuwarf:„Gut denn, mein Herr, Sie ſollen Ihren Willen haben!“ nach welchen er, ohne eine Erwiderung abzuwarten, grollend das Zimmer verließ. Gerhard dankte dem Kapitän, indem er ihm herz⸗ off ge⸗ ſſtolen⸗ blickte ſiegte ziftiger ächzend Herr, ohue immer n her⸗ 115 lich die Hand drückte. Der Graf machte eine verächt⸗ liche Geberde gegen den Verſchwundenen. „Feige Canaille!“ rief er.„Mit dem Kerl iſt nicht mehr umzugehen.“ „Er ſcheute das Duell“, äußerte der Kapitän, ſich an Gerhard wendend,„und kroch augenblicklich zu Kreuze. Ich vermittelte alſo und daher das Abkom⸗ men, von dem er ſprach. Ich glaubte eben auch Ihnen einen Gefallen zu erweiſen, wenn ich Alles ſo arran⸗ girte. Im Grunde iſt ja die ganze Veranlaſſung, beſon⸗ ders hier, wo man ſich gegenſeitig nicht einmal genau kennt, nicht groß genug, ſich darum die Hälſe zu brechen, ſelbſt wenn das Duell nicht ſchon an und für ſich eine Thorheit wäre.“ „Herr Kamerad“, fuhr der Graf auf,„dieſe Aeuße⸗ rung iſt für einen Offizier und Edelmann—“ „Ereifern Sie ſich nicht“, fiel ihm der Kapitän ins Wort,„ich habe mich im Duell geſchlagen und in der Schlacht, war Alles Spaß! Ich habe nur einen unüberwindlichen Gegner kennen gelernt“— er blinzelte eigenthümlich humoriſtiſch, als er ſah, wie ſich der Lieutenant in die Bruſt warf, und ſetzte kurz hinzu: „meinen Huſten. Ich wüßte eine weit civiliſirtere und edlere Kampfart als das gegenwärtig gebräuchliche Duell: den Gegner zu übertreffen ſuchen.“ 8* 0 116 „Ich glaube aber doch—“ widerſprach der Lieutenant. „Glauben Sie, was Sie wollen, Herr Kamerad, mein Huſten verlangt ins Bett und da nützt kein Beſſerwiſſen. Gute Nacht!“ Gerhard fühlte beinahe eine Anwandlung von Lächeln, obwohl er ſich ſonſt nicht eben heiter geſtimmt fühlte. Der Graf nahm ſich aber in ſeiner Entrüſtung ſehr komiſch aus. „Was ſagen Sie zu ſolchen Grundſätzen, Herr von Strandau?“ rief er indignirt.„Iſt das die Denkungs⸗ weiſe eines Mannes von Adel?“ „Ich kann darüber nicht urtheilen“, entgegnete Gerhard achſelzuckend.„Bin ſchon von Geburt an nicht in der Lage geweſen, mir eine ſolche Denkungsweiſe anzueignen.“ „O, das Genie iſt ein Adelsbrief“, widerlegte ihn der Graf mit jovialer Herablaſſung, die Gerhard doch einigermaßen verdroß. Er wandte ſich daher dem Tiſche zu und zählte die Banknoten. „Ich escomptire die Schmeichelei“, ſagte er, um dem Grafen zu zeigen, daß er nicht der Mann ſei, der ſich von derartigen Phraſen ſo geehrt fühle, um darüber die eigentliche Abſicht zu verkennen. Indem er das Päckchen zuſammenſchlug und in ein Briefcouvert ſteckte, 117 das er mit höflicher Geberde dem Grafen hinhielt, fügte er noch hinzu:„Es iſt mir angenehm, Ihnen gefällig ſein zu können, darf ich Sie dagegen auch um einen Gefallen bitten?“ „Mit tauſend Freuden! Gebieten Sie über mich, Herr von Strandau! Was ſoll ich thun?“ „Mich nicht mehr Herr von Strandau nennen, ſonſt gar nichts.“ „Sonderbar“, ſtieß der Graf erſtaunt hervor, in⸗ dem er das Päckchen in die Taſche ſchob,„wirklich großartig ſonderbar! Nun, wie Sie wollen, ſage ich wie Herr von Kuruſoff. Apropos, doch ritterlich geweſen, ſich für eine Dame ſchlagen zu wollen, das muß ich Ihnen ſagen, aber ein andermal; ich will Sie nicht länger ſtören. Sie erlauben, ich nehme mir noch eine Cigarre auf den Weg mit. Gute Nacht!“ Und er rannte davon, als brenne der Boden un⸗ ter ſeinen ſchönen kleinen Füßen. Fünftes Kapitel. Notturno. Gerhard blieb nicht lange allein. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, das Vorgefallene noch einmal zu überdenken und ſich des leichten, unblutigen Siegs, den er über Herrn von Kuruſoff errungen, zu freuen, als Streicher zur Thür hereinſtürmte und ſich in ebendie⸗ ſelbe Ecke des Sophas warf, welche der Graf kurz zuvor verlaſſen. ¹ „Da bin ich, gib mir eine Cigarre, hab' mir ſie redlich verdient“, ſagte er, und als ihn Gerhard fragte, wo er denn geſteckt habe und warum er nicht zum Abendeſſen gekommen ſei, rief er:„Hat ſich was mit dem Abendeſſen! Es kann auch Wichtigeres zu thun geben, als ſich den Magen mit allerlei künſtlich verdorbenen Nahrungsmitteln anzufüllen, daß man der 119 ſchweren Verdauung wegen ſeinen Nachtſchlaf einbüßt. Ich habe für Dich gehandelt, war für Dich auf der Lauer. Reſultate, ſage ich Dir, Reſultate! Ob ich ein Menſchenkenner bin!“ „So laß hören.“ „Ich werde doch zuerſt noch die Cigarre in Brand ſetzen dürfen? Du glaubſt, Deine Ungeduld müßte immer zuerſt befriedigt werden. Trage doch erſt den Bedürfniſſen Anderer Rechnung.“ „Gut, zünde Deine Cigarre an, ich kann auch warten.“ „Das iſt nicht wahr!“ fiel Streicher inmitten ſei⸗ ner Bemühungen ein, indem er nach jedem heftig her⸗ vorgeſtoßenen Satze wieder einen Zug that.„Du darfſt nicht warten, ſollſt nicht warten! Auf der Stelle mußt Du hin und Dir die Ueberzeugung mit eigenen Augen holen, damit Du ſiehſt, welchen thörichten Streich zu begehen Du im Begriffe ſtehſt.“. „Welcher wäre denn das 2ℳ „Als ob ich es nicht wüßte! Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand ſteckt und meint, man ſehe ihn nicht! In die Schlinge gehſt Du, die Dir die liſtigen Franzöſinnen ſtellen, ich merkte es gleich den erſten Abend. Ich kenne die Menſchen und Dich am aller⸗ genaueſten.“ 120 Gerhard fühlte ſich unangenehm berührt und lehnte die eigenthümliche Theilnahme ſeines Freundes, die ihm läſtig wurde, in einem Tone ab, der nicht freundlicher klang als die Worte. „Ach, es würde nicht ſchaden, wenn Du Dich we⸗ niger um mich bekümmerteſt.“ „So?“ fuhr Streicher auf.„Alſo das iſt der Dank! Während ich auf das Abendeſſen verzichte, meinen hungrigen Magen knurren laſſe und mir in der kalten Nachtluft einen tüchtigen Schnupfen hole, Alles, um Dir einen Dienſt zu erweiſen, beklagſt Du Dich, daß ich mich in Deine Angelegenheiten menge, und ich muß das ruhig hinnehmen.“ „Thuſt Du es denn?“ „Nein, und ich habe ein gutes Recht dazu, das alte Recht der Freundſchaft. Ich habe Dich ſchon ein⸗ mal auf den rechten Weg zurückgebracht, als ich Dich damals ſuchen und heimholen mußte, ich werde es jetzt wieder thun und ſelbſt wenn es gegen Deinen Willen geſchehen müßte. Der rechte Freund kehrt ſich nicht an die Verblendung, und ſo wenig damals der Junge wußte, was er angefangen hätte, wenn ich nicht ge⸗ kommen wäre, ebenſo wirſt Du noch einmal froh ſein, daß ich mich auch jetzt nicht abhalten laſſe, mich um Dich zu bekümmern.“ inte ihm 121 Die Erinnerung an die Jugendjahre ſtimmte Ger⸗ hard milder gegen die Wunderlichkeiten ſeines alten Freundes, er bot ihm herzlich die Hand hin und ent⸗ ſchuldigte ſich. „Ich weiß ja, daß Du es gut meinſt“, ſchloß er, und wenn Du mir alſo etwas vorzuwerfen haſt, ſo ſchieße getroſt los. Ich will feſthalten, wie Tell's Bube.“ Das aber hatte gerade den entgegengeſetzten Er⸗ folg. Streicher ſchüttelte den Kopf und ſchlürfte den Reſt Punſch aus, welchen Gerhard in ſeinem Glaſe zurückgelaſſen hatte. „Du haſt eigentlich Recht“, entgegnete er mit trüb⸗ ſeliger Klage, wie er ſie ſonſt ſelten anzuſtimmen pflegte, denn ſelbſt gegen die Verrücktheit der Welt hielt er nur donnernde Philippiken. Mit einem Papier, das er vom Tiſche nahm, trocknete er ſich dabei den feucht gewordenen Knebelbart.„Vollkommen Recht! Was geht im Grunde ein Menſch den andern an! Jeder ſoll für ſich ſein und ſich an nichts ketten. Frei wie der Vogel in der Luft, das iſt die einzig volle Genugthuung bie— tende Exiſtenz. Ich habe keine Berechtigung, mich in Dein Vertrauen einzudrängen, wenn Du eine Schutz⸗ mauer um Dich aufrichten willſt. Ich merke es, ſeit⸗ dem wir hier ſind, daß Du Deine Wege gehen willſſt. 122 Meine Wünſche gelten Dir nichts, ſonſt wären wir längſt weiter gewandert.“ „Aber, lieber Freund, wie Du ſprichſt! Was ver⸗ anlaßt uns denn weiter zu gehen? Nach Italien mag ich heuer nicht wieder, die großen Städte reizen mich nicht, ich will ein wenig ausruhen und Deine Befürch⸗ tungen haben ſich ja auch nicht erfüllt. Das nächt⸗ liche Abenteuer iſt ſchon wieder vergeſſen und das bis⸗ chen Verleumdung hat wenigſtens mir nicht weh gethan.“ „Das iſt's nicht. Siehſt Du, wie Du hinter dem Berge hältſt? Du biſt nicht aufrichtig. Ich will Dir ſagen, welcher Meinung ich bin. Dich halten andere Feſſeln hier gefangen. Herr von Kurufoff iſt derſelben Anſicht.“ „Von dem alſo haſt Du Deine Weisheit?“ erwi⸗ derte Gerhard ausweichend.„Gut, daß Du mich darauf bringſt. Nun ſollſt Du einmal erfahren, wie Dich Deine Menſchenkenntniß im Stiche gelaſſen.“ „Da bin ich doch ungemein begierig“, ſpöttelte Streicher. So erzählte ihm denn Gerhard, nicht ohne eine gewiſſe Genugthuung, den rechthaberiſchen Freund über⸗ führen zu können, mit einiger Reſerve die Ereigniſſe dieſes Nachmittags und Abends, da er auf Streicher's Verſchwiegenheit rechnen konnte. Von dem Kuſſe, den er ſelbſt gegeben, war natürlich keine Rede. Streicher hörte aufmerkſam zu und verweilte noch im Nachſinnen, als die Mittheilung ſchon zu Ende war. Seine Augen hoben ſich plötzlich von der immer länger werdenden Cigarrenaſche und bohrten ſich völlig in Gerhard's Augen ſein. „Merkwürdig!“ ſagte er dann.„Man könnte bei⸗ nahe irre werden, wenn man nicht ſo viel Menſchen⸗ kenntniß beſäße.“ „Wie ſo?“ fragte Gerhard verwundert. „Was haſt Du gethan, als Dir in der Affaire Leſtow von ſeiten des Banquiers und des Ruſſen Dinge zugemuthet wurden, die beinahe unter die Rubrik Ver⸗ brechen zählen? Nichts.“ „Was hätte ich thun ſollen? Die Sache war mir im Grunde gleichgültig.“ „Ganz recht. Alſo die Sache war Dir gleich⸗ gültig, obwohl die Ehre einer Frau arg genug com⸗ promittirt ſchien. Heute aber forderſt Du Kuruſoff, weil er andeutet, daß Du vielleicht glücklicher als er ſeieſt, eine Andeutung, die ein Mädchen eigentlich gar nicht bloßſtellt. Warum ſoll es ſich nicht küſſen laſſen? Oho, Du wirſt roth! Schlußſatz: Die Baronin iſt Dir gleichgültig, Miß Lizzie aber nicht.“ 124 „Thorheit!“ rief Gerhard, der ſich ungewöhnlich betroffen fühlte. Es ließ ſich dem Freunde ſcharfer Verſtand und, wenigſtens was Gerhard anbelangte, eine ziemlich zutreffende Kenntniß der Seelenvorgänge nicht abſprechen. Dieſer mußte anerkennen, daß ſein ungleiches Verfahren in den angeführten beiden Fällen wirklich auffallend und nicht recht zu rechtfertigen ſei, aber ſich ſelber erklärte er es damit, daß er ſich ge⸗ wiſſermaßen gegen Lizzie in der Schuld fühlte und eben darum jede Hindeutung darauf als eine wirkliche Beleidigung empfand. Die Ehre der Baronin zu ſchützen, ſagte er ſich, ſei Sache ihres Gatten, während das beleidigte Mädchen ohne allen Schutz war. Ger⸗ hard vergaß in ſeinem Raiſonnement ſowohl Lizzie's Vater als auch Mr. Lesley, und er wollte eben in ähnlicher Art den Beweis gegen Streicher führen, als dieſer trocken einfiel: „Laß gut ſein! Ich habe nur geſagt, ich würde ſo ſchließen, wenn ich es nicht beſſer wüßte. Aber ich habe Dich vom erſten Tage an nicht mehr aus den Augen verloren, ich habe Deinen Gemüthszuſtand ſtu⸗ dirt und ich weiß ſo gut Deine Gedanken, als dächte ich ſie ſelber. Im Anfang war ich ärgerlich über Dich, ich hatte die Abſicht, mich in nichts zu mengen, ich wollte ſogar fort, aber mir wurde denn doch bange 125 um Dich. Ihr verzärtelten Menſchen braucht immer einen, der für Euch ſorgt und denkt; ſo habe ich mich denn entſchloſſen, über Dich zu wachen. Habe es mit Schmerz geſehen, wie das Ding in Dir herumwühlte und immer tiefer und tiefer fraß. Da hilft nichts als Feuer. Schön iſt das Frauenzimmer, ſo recht ein ge⸗ fallener Engel, ein Lucifer—“ „Willſt Du nicht Deine Ausdrücke etwas mäßigen?“ „Lächerlich! Mäßigen! Du gibſt alſo zu, daß Du weißt, von wem die Rede iſt, das hätten wir ein⸗ mal ſchon gewonnen. Gilt's alſo nur den Beweis der Wahrheit anzutreten; eine Injurie iſt nur eine Injurie, ſolange ſie unbegründet iſt. Setze Deinen Hut auf und komm mit.“ „Wohin?“ „Auf die Höhe, wohin ſonſt?“ „Und was ſoll ich dort?“ fragte Gerhard mit von Moment zu Moment wachſendem Erſtaunen. „Zuſehen. Iſt Blocksbergfährt heute, wollen auch mit dabei ſein, da fällt die Maske und man erkennt junge und alte Hexen.“ „Du biſt von Sinnen!“ „Wollen ſehen. Komm vor allem; unterwegs kann ich Dir die Ouvertüre vorſpielen, oben hörſt Du dann das Champagnerlied. Du wirſt vernünftig ſein und 126 nicht als ſteinerner Gaſt hineintrappen, ſondern um einen Gran weiſer geworden fein leiſe heimſchleichen, einpacken und morgen auf und davon fahren. Komm!“ Obwohl Gerhard nicht recht begriff, was ſein Freund vorhabe, fühlte er ſich doch von einer beäng⸗ ſtigenden Unruhe ergriffen und folgte ſeiner Auffor⸗ derung. Erſt im Freien ſprach er wieder und drängte Streicher, ſich ausführlicher zu erklären. Nach allerlei Kreuz- und Querſprüngen gerieth dieſer endlich ins Fahrwaſſer und ſprach deutlich und ohne weitere Umſchweife. „Weißt Du es denn noch immer nicht? Ich habe doch verſtändlich genug geredet. Alſo in kurzen Worten, wie der Schulmeiſter zum Michel: daß es mit dieſen Damen in der kleinen Villa oben nicht ganz in der Ordnung ſei, wußte ich auf den erſten Blick und ſagte Dir's auch, aber Du läßt Dich immer noch durch den Schein blenden, biſt ein zu enthuſiaſtiſcher Charakter. Ich habe ſeit den letzten Tagen das Haus umſpäht. Es gehen viele Leute aus und ein zu allerlei Stunden.“ „Wenn Du weiter nichts weißt“, ſchalt Gerhard ſtehen bleibend,„hätteſt Du mich in Ruhe laſſen kön⸗ nen. Das weiß ich. Warum ſoll Madame de Gra⸗ nier keine Beſuche empfangen?“ „Lächerlich! Auf die Sorte kommt es an.“ um chen, in“ ſein üng⸗ ffor⸗ ngte rieth und habe rten, ieſen der ſagte 127 „Nun gut, ich war ja auch darunter.“ „Ich fange an zu bemerken“ rief Streicher ärger⸗ lich,„daß Du mit den Jahren ein Dickkopf wirſt. Iſt es etwa auch in Ordnung, daß man abends oben zu⸗ ſammenſchleicht, ſingt, muſicirt und um hohes Geld ſpielt, dabei Champagner trinkt, den Frau von Gra⸗ nier credenzt, und Thee nippt, den ihr holdes Schweſter⸗ lein ſervirt?“ „Unmöglich!“ fuhr hier Gerhard wie von einem Schlage getroffen auf. „Dann habe ich wohl Nebelbilder geſehen oder Hallucinationen gehabt. Kennſt Du dieſe Eigenſchaft an mir?“ entgegnete Streicher höhniſch.„Unmöglich? Weil's Dir nicht gefällt? Verſuch's, vielleicht brauchſt Du einmal auch nicht zu ſterben, wenn's Dir etwa unangenehm iſt.“ „Wenn das wahr wäre!“ brach Gerhard plötzlich heftig los, unterbrach ſich aber ſogleich und ſetzte im Tone des Zweifels hinzu:„Wie kannſt Du es geſehen haben? Du müßteſt im Garten geweſen und zum Fen⸗ ſter hinaufgeklettert ſein, wenn Du nicht dabei warſt im Hauſe ſelber.“ „Ich hab's gemacht, wie Du ſagteſt.“ „Das willſt Du mir weis machen. Es iſt ein großer Hund im Hauſe—“ 128 „Den man jedenfalls heute Nacht eingeſperrt hat, damit er die Gäſte nicht beläſtige. Geſtern und vor⸗ geſtern ſchlug er laut an, als ich nur in die Nähe des Gartens kam.“. „Nein, nein, ich glaub' es doch nicht, Du haſt falſch geſehen. Zum wenigſten“, fügte Gerhard ſtockend hinzu,„was das Eine betrifft.“ „Ich habe geſprochen, ſieh ſelber zu!“ erwiderte Streicher kurz. Von Minute zu Minute hatte ſich Gerhard's Un⸗ ruhe geſteigert. War es möglich, ſollte er ſich getäuſcht haben? War er wirklich im Begriff, in ein Netz zu gehen, und hatte ihn ſein Gefühl diesmal ebenſo irre geführt, wie damals bei ſeiner erſten Liebe, die ſo häß⸗ lich proſaiſch geendigt? Er ſprach jetzt ſelbſt nicht mehr, ein Druck preßte ihm die Kehle zuſammen, nur raſtlos ſchritt er aus, als gelte es, einen Flüchtling einzuholen, oder als fürchte er zu ſpät zu kommen. Er mußte ſich mit eigenen Augen überzeugen; nicht daß er mehr ge⸗ zweifelt, hätte, er wußte, daß Streicher's Ausſagen un⸗ bedingt Glauben beizumeſſen war, wenn nicht eine Selbſttäuſchung ihn befangen hielt. Das aber ſchien hier nicht gut möglich; er hegte auch keinen Zweifel, mit bitterer Empfindung hatte er ihn bewältigt, aber es war ihm, als müßte ſolch ein Anblick ſtählend für ihn ſein aufs ganze Leben. Mit einem Rucke hatte ſich das Bild verändert und er betrachtete Alles in einem andern Lichte. Seine Begegnungen, ſein erſter Beſuch, die auffallenden Sonderbarkeiten im Benehmen der beiden Frauen, ſogar jede Redewendung, jede Ein⸗ zelnheit erhielt eine dämoniſche Bedeutung, jetzt, wo er ſich dieſelben ins Gedächtniß zurückrief. Freilich, wie ließ ſich wieder der ſonderbare Contraſt erklären, der in den Aufforderungen der ältern Schweſter und in dem verlegenen Widerſpruch der jüngern lag? War dies nur feine, wohlberechnete Koketterie geweſen? Es ſchien unbegreiflich, ein Weſen wie Adrienne ſollte deſſen fähig ſein? Aber freilich, es mußte ſo ſein, nach dem, was Streicher geſehen, es war ſo und er wollte es nun mit eigenen Augen ſchauen und ſich ſelber dann verhöhnen, wenn ſein Herz jemals wieder eine Regung verſpüren ſollte— dies thörichte, lächerliche Herz! Er ging immer raſcher auf dem ſchmalen Fußpfad zwiſchen den Weinbergen, deſſen aufgeweichter, ſchlüpf⸗ riger Boden unter ſeinen Sohlen wich. Nur noch die letzte Terraſſe war zu erſteigen, als er plötzlich aus⸗ glitt und aufs Knie fiel. „Ein Omen“, ſagte er ſpöttiſch, während er ſich wieder aufraffte. „Ohne ſpecielle Bedeutung“, erwiderte Streicher. Byr, Nomaden. II. 9 — 130 „Du gedenkſt ja doch keinen unwillkürlichen Fußfall zu thun, ſonſt freilich liefeſt Du Gefahr, Dich zu beſchmuzen. Dein Beinkleid allein leidet diesmal dar⸗ unter.“ „Was mache ich jetzt? In dem Aufzuge kann ich unmöglich in die Geſellſchaft treten.“ „Wer redet überhaupt davon? Biſt Du verrückt? Alſo Du wollteſt eintreten mit der Miene eines Rä⸗ chers, den Heuchlern die Maske herunterreißen und dergleichen, eine Bußpredigt halten, eine große Scene aufführen, wie etwa auf dem Theater, und Dich dabei der Gefahr ausſetzen, als Irregewordener wieder hinaus⸗ expedirt zu werden? Alſo das wollteſt Du? Händel anfangen mit Leuten, die Dich eigentlich gar nichts angehen und Dir nichts gethan haben? Nun iſt' erſt gut, daß die Hoſe ihr Veto einlegt.“ „Was ich thun wollte, weiß ich nicht“, murmelte Gerhard,„aber es iſt einerlei. Narr bin ich noch keiner, wie Du vorauszuſetzen ſcheinſt, nur hätte ich es gern auch Andern bewieſen, daß man mich mit Un⸗ recht dafür hielt.“ „Das kannſt Du am beſten, indem Du Dich ver⸗ nünftig aufführſt.“ Gerhard ſchwieg. Bald hatten ſie die Straße er⸗ reicht und ſtanden vor der Hecke, die den kleinen Gar⸗ 131 ten umgab. Das Gitterhor war nur angelehnt. Nichts regte ſich, als ſie eintraten, kein Hund ſchlug an, nur der Kies knirſchte unter ihren Füßen und der Mond, der hell am Himmel ſtand, warf ihre Schatten vor ſie her. Die Fenſter des kleinen Hauſes waren alle dunkel, ſie mußten mit innern Läden geſchloſſen ſein; nur aus dem Erkerfenſter, das zum Salon gehörte, ſtrahlte Licht, hier war nur ein Rouleaux herabgelaſſen. An dieſes Fenſter führte Streicher, der die Leitung über⸗ nommen hatte, den Freund; er fühlte, wie deſſen kalte Hand zitterte. Keiner ſprach ein Wort, aber Streicher bedeutete Gerhard, auf einen umgeſtürzten leeren Kübel zu ſteigen, den er ſchon bei ſeiner frühern Expedition im Garten gefunden und auf eine gleichfalls herbeige⸗ holte Bank geſtellt hatte. Gerhard folgte raſch der Aufforderung und konnte nun ganz bequem in den Salon ſehen, da das Rouleaux eine handbreite Spalte unten freiließ. Er war ge⸗ faßt auf das, was ſeine Augen nun erſchauten, den⸗ noch fühlte er ſich überraſcht. In der Mitte des hellerleuchteten Salons ſaßen und ſtanden mehrere Herren um einen Tiſch im Kreiſe, und obwohl ein Theil davon dem Fenſter den Rücken zugekehrt hatte, konnte Gerhard doch aus den Geberden erkennen, daß hier pointirt wurde. Die Karte zur 9* f„ 132 Rechten ſah er fallen, obwohl er den Banquier nicht zu erkennen vermochte, dagegen erſah er Lord Ays⸗ monds' ſcharfes Profil ganz deutlich. Graf Hilmers⸗ dorf kehrte ihm vollends das volle Antlitz zu. Hier⸗ her hatte es alſo den Grafen eilends gezogen, nachdem er ſeine traurig leere Börſe glücklich wieder ausgefüt⸗ tert hatte. Von der Sorge, wie die entlehnten fünf⸗ hundert Francs wieder zurückgezahlt werden ſollten, ließ ſich wenigſtens nichts in ſeinen Zügen erkennen. Aber Gerhard hielt ſich nicht lange mit Reflexionen über den Leichtſinn des jungen Mannes auf; es war ihm jetzt vollkommen gleichgültig, ob die fünfhundert Francs überhaupt jemals zurückbezahlt oder im ſelben Moment auf eine Karte verſpielt wurden. Sein Auge ſuchte nur mit Haſt und Schärfe nach der einen Ge⸗ ſtalt, die er dennoch zu finden fürchtete. Er konnte ſie nirgends erblicken. Die Dame, welche am Pianino ſaß und die Romanze des Paris aus Offenbach's„Schö⸗ ner Helena“ ſpielte, war nicht Adrienne. Gerhard kannte dieſes tief ausgeſchnittene Kleid aus gelber ſchwerer Seide und den vollen, mattweißen Nacken, den ſie ihm zukehrte, an dieſen üppigen Oberarmen war ſein Blick ſchon einmal unwillkürlich hängen ge⸗ blieben, als er im verführeriſchen Halbdunkel eine ärzt⸗ liche Diagnoſe ſtellen ſollte, die ſeiner Ruhe leicht ge⸗ nicht Ahs⸗ ners⸗ Hier⸗ hdem ſefüt⸗ fünf⸗ lten, ten. fonen war ndert elben Auge Ge⸗ te ſie anino Schö⸗ rhard gelber acken, ermen n ge⸗ ärzt⸗ ſt ge⸗ 133 fährlich hätte werden können. Wie deutlich ſchwebte ihm jetzt jene Scene vor, wie ganz anders definirte er ſich dieſelbe! Es war, als ſeien ihm mit einem Male die blöden Augen geöffnet worden. Weiter abſeits ſtand ein gedeckter Tiſch; Kryſtall, Porzellan, die Ueberreſte eines Mahles deuteten darauf hin, daß er nicht lange erſt verlaſſen worden war. Dort ſtand ebenfalls eine weibliche Geſtalt, aber auch das war Adrienne nicht. Gerhard's Gedanken waren ſo ſehr auf einen Punkt concentrirt, daß er erſt nach einer Weile die ältliche Frau erkannte, welche ihm Madame de Granier als ihre Tante vorgeſtellt hatte, Sie war mit einer Theekanne beſchäftigt und brachte die Taſſe, nachdem ſie gefüllt war, dem jungen Grafen der ſie aber mit einem luſtigen Witzwort, wie ſich aus ſeiner Miene erkennen ließ, ablehnte. Nirgends, wohin auch Gerhard ſah, konnte er eine Spur von der Geſuchten entdecken. Er hielt ſein Auge lange an die Scheibe gedrückt; was ihm ſchon Gewiß⸗ heit geweſen, wurde wieder Gegenſtand des Zweifels, er begann zu hoffen; wer weiß, ob ſich ſein Freund nicht dennoch getäuſcht hatte. Alles, was er anſah, mochte Wirklichkeit ſein und dennoch konnte Adrienne die Wahrheit geſagt haben. „Sie iſt nicht da“, verſetzte er, als Streicher 134 ihn mit einem ungeduldigen„Nun?“ am Rockſchoß zupfte. „Wer?“ „Die jüngere Schweſter.“ „Ah, jetzt weiß man's doch, alſo die iſt's“, brummte Streicher.„Aber da war ſie, ſie bereitete den Thee.“ „Das thut die Tante“, entgegnete Gerhard leiſe. „Teufel auch Tante, ſteig' herab!“ Faſt mit Gewalt zerrte er den Freund herab, um an ſeiner Stelle ſelber den Beobachtungspoſten einzu⸗ nehmen. „Iſt nicht möglich!“ murmelte er, wiſchte das Glas ab und ſah wieder hindurch, bis er nach einer längern Weile verdutzt ausrief:„Meiner Seel', eine Alte iſt's. Aber ich hätte doch geſchworen, daß ich die jüngere Schweſter geſehen habe. Im Grunde, was thut's?“ ſetzte er herabſpringend hinzu.„Die Tante kann ja ihre Nichte abgelöſt haben, bis wieder ein neuer Wechſel in den Functionen eintritt. Es kommt nur darauf an, ſich hier auf dem Lugaus mit ein bischen Geduld dauernd niederzulaſſen. Die Abkühlung wird Dir auch gut thun, wenn Du da eine Weile ſtehen bleibſt, und bis morgen biſt Du dann hoffentlich heil und geſund.“ ſchoß einer eine h die was kann reuer nur schen wird tehen heil 135 „Wie, Du willſt mich jetzt verlaſſen?“ fragte Ger⸗ hard verwundert. „Brauchſt Du mich etwa? Da ſieht man den Egoiſten. Habe nichts zu Nacht gegeſſen, bin ganz ausgefroren und ſoll hier bleiben zur Geſellſchaft, da⸗ mit doch einer da iſt, wenn Du die Ueberzeugung end⸗ lich gewonnen, der zuhört, mit welchem Pathos Du Sonne, Mond und Sterne zum Zeugen Deines Rache⸗ ſchwurs aufrufſt. Mach' Du das ganz mit Dir ſelber und den bewußten Himmelskörpern ab. Ich ſehne mich nach einer Cotelette. Aber ſchwören möchte ich doch, daß ich ſie, gerade ſie geſehen habe!“ Den Schluß brummte er ſchon im Fortgehen und Gerhard dachte einen Augenblick, ob er ſich nicht an⸗ ſchließen ſollte. Aber eher hätte er das Häuschen ſelbſt von der Stelle gerückt, als ſich von dem Platze los⸗ geriſſen. Was hatte er denn ſchon erkundet, welche Gewißheit erlangt? Es währte nicht lange, ſo ſtand er wieder oben und blickte eifrig durchs Fenſter, ohne ſich auch nur den leiſeſten Vorwurf über ſein Lauſcheramt zu machen. Die Scene im Salon war noch immer dieſelbe, keine neue Perſon hinzugekommen außer der Magd, welche einige Schüſſeln wegräumte. Graf Hilmersdorf hatte jetzt den Spieltiſch verlaſſen, er trat ehen mit 136 zwei gefüllten Champagnergläſern an's Pianino und reichte das eine Madame de Granier, indem er hinter ihr ſtehen blieb. Sie brach ihr Spiel ab, lehnte ſich zurück und nahm das Glas, mit dem ſie über ihrer Schulter an das des Grafen ſtieß; ein ſchmachtender Blick traf ihn dabei, indem ſie den Kopf halb wendete. Es wechſelten beide einige Worte, worauf der Graf wieder zum Spieltiſche trat, ohne ſich aber diesmal zu betheiligen, ſo hitzig es hier auch herzu⸗ gehen ſchien. Madame ſtellte den geleerten Kelch auf das In⸗ ſtrument und ſpielte eine andere jener trivialen Me⸗ lodien, welche Offenbach ſo populär gemacht haben. Nachdem ſie geendigt hatte, erhob ſie ſich, trat an den Spieltiſch und pointirte einmal, dann wechſelte ſie ein paar Worte mit der Tante und unmittelbar darauf ſchritt ſie gegen den Erker, ſodaß Gerhard zurückfuhr und meinte, geſehen worden zu ſein. Ehe er aber ſei⸗ nen Standpunkt noch verlaſſen hatte, ſah er ihre weiße, runde Hand an den Schnüren neſteln, welche den breiten Vorhang zurückhielten. Dieſer rauſchte mit einem Male zuſammen und in dem kleinen, vom Salon getrennten traulichen Gemache war es Nacht. Gerhard verließ ſeinen Beobachtungspoſten. Da ſtand er, die Bruſt voll Zweifel und den Kopf voll heiß durcheinander ſchwirrender Gedanken. Hatte ſein Herz Recht, welches für Adrienne ſprach und den Augen⸗ ſchein als Zeugen aufrief, oder hatte Streicher Recht⸗ wenn er auf ſeiner Ausſage beharrte und die momen⸗ tane Sachlage nicht als Gegenbeweis gelten laſſen wollte? Welchen Grund hatte er, an die Aufrichtig— keit und Reinheit Adriennens zu glauben, nachdem er über den Charakter ihrer Schweſter kaum mehr in Un⸗ gewißheit ſein konnte und das kleine Haus als eine jener verborgenen Privatſpielhöllen kennen gelernt hatte, in welchen Abenteurer und reiche Fremdlinge manch heitern Abend verlebten, ohne um den Preis zu mark⸗ ten, welchen ſie für das Vergnügen weniger Stunden zu bezahlen hatten? Gerhard ſchalt ſich ſelber thöricht und kurzſichtig; er fragte, wo er ſeine Erfahrung gelaſſen habe, und kam ſich mit einem Male ungemein klug und kühl vor. Was war es denn eigentlich auch, was er ver⸗ loren hatte? Eine Illuſion, nicht mehr. Ein Traum⸗ bild war beim Erwachen verſchwunden, wer hätte ſich ſchon länger darum gegrämt, als bis er die Augen in friſchem Waſſer genetzt! Von einer Nei⸗ gung konnte ja da gar keine Rede ſein, wo kaum einige Worte gewechſelt worden waren. Wozu quälte er ſich mit Fragen, die ſich nicht beantworten 138 ließen? Was lag auch an der Antwort; ob ſo oder ſo, es ging ihn nichts mehr an. Vorbei! Die Verſuchung war überwunden, gefeſtigt ging er hervor aus der Brandung und was er verloren, geſtaltete ſich ihm zum dauernden Gewinn. Er ſollte nicht raſten auf einem verlockenden Punkte, nichts hatte Beſtand in der flüchtigen Welt des Augenblicks. Vorbei! Trotz dieſer weiſen Standrede, die er ſich hielt, umfing ihn doch ein unerklärliches Gefühl und ſchien ihn an die Stelle zu feſſeln, nur langſam ging er fort und blickte faſt bei jedem Schritte zurück, als ſollte ſich das dunkel gewordene Fenſter doch noch einmal erhellen und ihm Einblick gewähren. Aber dieſer leiſe genährte Wunſch, den er ſich nicht einmal eingeſtand, ging nicht in Erfüllung, immer größer wurde die Ent⸗ fernung, die ſich zwiſchen ihm und das Haus legte und jetzt hatte er den Garten verlaſſen und das Gitter hin⸗ ter ſich zugezogen. Sinnend blieb er ſtehen. Er war der Meinung geweſen, Alles hinter ſich geworfen und abgethan zu haben, und jetzt blitzte doch der Gedanke wieder in ihm auf, es wäre beſſer zurückzukehren. Ins Haus ſelbſt ſollte er eintreten, in den Salon; Madame hatte ihn ja eingeladen und ſein Erſcheinen konnte keine Ver⸗ wunderung hervorrufen. Dort konnte er mit Ruhe er⸗ 139 ſo, warten, ob Adrienne nur auf Momente die Geſell⸗ ung ſchaft verlaſſen und wieder dahin zurückkommen werde, der dort konnte er erfahren, ob ſie überhaupt, wie Streicher bm behauptete, dageweſen ſei. auf Hin und her überlegend ging er langſam an der der Hecke hin in der Richtung, die nach dem Friedhofe von Clarens führte. Er war noch zu keinem Entſchluſſe ge⸗ elt, kommen, als er ein unterdrücktes Knurren vernahm ien und aufblickend eine Frauengeſtalt mit rüſtigem Schritt et auf ſich zukommen ſah, an deren Seite gedrängt ein llte großer Hund einherlief. nal Gerhard fühlte, wie ihm das Blut zum Herzen eiſe ſchoß, eine Ahnung wuchs rieſenſchnell zur Gewißheit nd, in ihm empor, er glaubte die Geſtalt zu erkennen. Er nt⸗ vertrat ihr, alles Andere vergeſſend, den Weg. und„Sie Adrienne? Sie?“ rief er mit einem Tone, in⸗ in deſſen Zittern ſich Ueberraſchung, Glück, Jubel ver⸗— riethen. 1 ng„Still, Nero!“ beruhigte Adrienne den diesmal zu ſtärker knurrenden Hund, welchem ſie die Hand be⸗ m ſchwichtigend auf den großen Kopf legte. Sie brachte 4 bſt kein anderes Wort hervor und Gerhard ſchrieb dies 5 dem Schreck und Erſtaunen zu, die ſich bei dem hellen Mondlichte deutlich in ihren Zügen leſen ließen, ſo⸗ weit dieſe nicht von dem ſchwarzen Capuchon beſchattet 140 waren, der das Köpfchen gegen die empfindliche Nacht⸗ kühle ſchützte. „O, ich bin glücklich, Ihnen hier zu begegnen“, nahm nun Gerhard nach kurzer Pauſe wieder das Wort. Er gab ſich nicht Rechenſchaft davon, wie ſon⸗ derbar ſein plötzliches Auftauchen und ſeine Ausrufe erſcheinen mußten. Die Angeredete aber war davon mit Recht befremdet. „Was ſoll das, mein Herr?“ fragte ſie ſcharf. Sie trat einen Schritt zurück, aber noch immer hielt ihre Hand den ſich unruhig vordrängenden Hund feſt. „Fürchten Sie nichts, mein Fräulein“, erwiderte Gerhard, der erſt durch dieſe Bewegung zur Beſinnung und zur Erkenntniß der Lage gebracht wurde.„Ich habe Sie nicht erwartet, denn ich konnte ja nicht vor⸗ ausſetzen, Ihnen hier zu begegnen. Wenn ich meiner Freude Ausdruck gab, ſo hat dies eben eine viel tiefere Bedeutung. O, ich möchte Ihnen zu Füßen ſinken und Ihnen ein ſchweres Unrecht abbitten!“ „Dazu wäre hier wohl kaum der geeignete Ort“, ſagte Adrienne mit ſichtbarer Erleichterung,„und auch die Zeit iſt nicht am beſten gewählt. Wollen wir wei⸗ ter gehen. Sie ſind wohl im Begriffe, der Einladung meiner Schweſter zu folgen, da iſt unſer Weg wenigſtens bis zur Hausthür derſelbe.“ 141 Es ſprach ſich in ihren Worten etwas wie Ent⸗ täuſchung und Mißvergnügen aus, das Gerhard nicht entging und ihn mit neuer Wonne erfüllte. „Sie wollen alſo den Salon nicht mehr betreten?“ fragte er. „Ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, daß ich bei den Abendgeſellſchaften meiner Schweſter nicht erſcheine. Ich benutze die Gelegenheit, wie Sie ſehen, um noch ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen.“ „Und Sie fürchten ſich nicht, ſo allein des Nachts auszugehen, mein Fräulein?“ „Ich habe einen treuen Wächter bei mir. Auf dieſen Beſchützer kann ich mich verlaſſen.“ Sie ſtreichelte Nero und kraute ſeine Ohren, wobei ſich der ſchöne Hund, als hätte er den Lobſpruch verſtanden, näher an ſeine Gebieterin ſchmiegte.„Aber laſſen Sie uns jetzt gehen“, fügte ſie hinzu.„Sie werden ſonſt zu ſpät kommen.“ Da ſie ihren Weg fortſetzte, ſchloß Gerhard ſich ihr an. Es war ihm eine eigenthümlich berückende Em⸗ pfindung, ſo in ſtiller Nacht an ihrer Seite zu wan— deln, und er hätte gewünſcht, daß die kurze Strecke bis zum Gitterthore kein Ende nähme. Was lag ihm Alles auf der Zunge, wie gern hätte er ausgeſprochen, was ſein Inneres ſo ſtürmiſch bewegte, und doch brachte er 142 nichts hervor als die Verſicherung, er gedenke durchaus nicht bei Madame de Granier einzutreten, er ſei gar nicht in dieſer Abſicht hierher gekommen. „Nicht? Und was alſo hat Sie heraufgeführt?“ „O, ein häßliches Gefühl und doch ſo natürlich, das Mißtrauen. Schelten Sie mich nicht, Fräulein Adrienne, Sie könnten es nicht mit ſchärfern Geißel⸗ hieben thun, als ich ohnedem empfinde.“ „Das Mißtrauen?“ fragte das Mädchen leiſe und ſtockend. Gerhard aber meinte blos Erſtaunen und Ent⸗ rüſtung zu hören. „Fordern Sie von mir keine nähere Erklärung“, flehte er.„Ihre reine Seele ſoll kein Hauch trüben. Vergeben Sie mir wie die Barmherzigkeit, die auch nicht nach der Schuld, nur nach der Reue fragt. Seien Sie mild und gütig wie ein Engel und laſſen Sie mich Ihnen gleiche Verehrung weihen, wie ſie der Fromme dieſen Boten des Himmels widmet.“ Sie ſtanden jetzt beide an dem Thore in der Hecke ſtill. Adrienne hielt das Gitter, ſie zögerte noch, es zu ſchließen, als fiele auch ihr der Abſchied ſchwer, ſo⸗ lange noch etwas ungeſagt blieb, was ſie erwarten oder auf dem Herzen haben mochte. Die Pauſe dauerte un⸗ gewöhnlich lange, endlich brach ſie ſelbſt das Schweigen. „Hat man Ihnen alſo Verleumdungen erzählt?“ ul⸗ 143 &◻‿ ſagte ſie in einem Tone, worin ſchon gleichzeitig die Beantwortung der Frage lag.„Aber warum“, fuhr ſie fort, da Gerhard bedeutſam ſchwieg,„warum haben Sie dann nicht den einfachſten Weg, ſich zu überzeugen, eingeſchlagen, warum haben Sie meiner Schweſter Ein⸗ ladung abgelehnt?“ „Weil mich, um aufrichtig zu ſein, eine wichtige Aufgabe rief, die zu löſen war und die ich anfänglich ganz vergeſſen hatte, bis ſie mir ein Zufall ins Ge⸗ dächtniß zurückrief.“ Wieder trat eine kleine Pauſe ein. Dann wandte. ſich Adrienne zum Gehen. Leiſe und enttäuſcht flüſterte ſie:„Und ich hatte geglaubt— mir zu Liebe.“ Die bittere Regung hatte ihr die Worte wider Willen entriſſen. Das Thor fiel zu und ſie entfernte ſich raſch. „Adrienne!“ rief Gerhard außer ſich ihr nach, aber nur ein Hauch kam zurück, ein kaum hörbares „Gute Nacht!“ und der flüchtige Schritt verlor ſich gegen das Haus. Mit einer Kraft hielt Gerhard die hölzernen Stäbe des Gitters umfaßt, als wolle er ſie zerbrechen. Sollte er nach? Sollte er die Davoneilende zu erreichen ſuchen? Alle Fibern ſeines Körpers waren angeſpannt, aber nach kurzem Zwieſpalt bezwang er das Verlangen. 144 Was hatte er erreicht, wenn er Adrienne auch noch ereilte? In welche Lage brachte er das Mädchen, wenn einer der Gäſte gerade jetzt das Haus verließ und ihn bei ihr im Garten fand? Was auch bedurfte er mehr, um ſich glücklich zu fühlen? Er hatte ſeinem Herzen keinen Zwang mehr anzuthun, nun war ja Alles erklärt. Was lag daran, welcher Art die Zuſammenkünfte bei Madame de Granier waren? Adrienne hatte die Wahr⸗ heit geſprochen, ſie nahm keinen Theil daran, Streicher hatte ſich getäuſcht; ſelbſt die Abweſenheit des Hundes zeugte für das holde Mädchen, mit welchem er eben ſchon damals das Haus verlaſſen hatte, als Streicher zum erſten Male unbehelligt in den Garten dringen konnte. So erklärte ſich Alles. Noch eine Weile ſchritt Gerhard längs der Hecke auf und nieder, bis ſich das kleine Fenſter im Giebel erleuchtete und er zwiſchen den Blumen einen Schatten zu erkennen meinte, dem er in glücklichem Herzen ein inniges„Gute Nacht!“ zur Antwort rief. „Schlaf' wohl, Du Holde, Reine!“ Alles war ja gut. Die Bekehrung war Streicher mißglückt. Jetzt erſt wußte ſein Freund, daß er liebe. noch denn ihn tehr, tzen lärt. bei ahr⸗ icher ndes eben icher ngen Hecke iebel atten ein war erſt Sechstes Kapitel. Literariſche Wanderraupen. Die Phyſiognomie des Salons, in welchem ſich die Bewohner der Penſion Germain beinahe allabendlich zu verſammeln pflegten, hatte ſich im Laufe einiger Tage etwas verändert. Der Ecktiſch, auf welchem Made⸗ moiſelle Aglaë ihre Patience zu legen gewohnt war, ſtand leer, die beiden Fräulein waren wirklich, nachdem ſie jenes Geſpräch zwiſchen Gerhard und Herrn von Kuru⸗ ſoff belauſcht, unerbittlich geblieben und in der vollen Höhe ihrer Entrüſtung am andern Morgen abgereiſt Der Ruſſe hatte nun auch die Ausſicht auf das alterthümliche, eben in der Säuberung begriffene Haus zu Oron la ville verloren, das ihm als ſicherer Rück⸗ zug gegolten haben mochte, wenn ſein Verſuch bei der hübſchen Tochter des wohlhabenden engliſchen Pfarrers Byr, Nomaden. II. 10 146 mißlang. Durch eine einzige Uebereilung ſah er ſich nun um beide Chancen zugleich gebracht und ſein Groll wendete ſich gegen Gerhard, dem er zu Zeiten die bos⸗ hafteſten Blicke zuwarf, wenn er ſonſt auch eine ge⸗ wiſſe kriechende Freundlichkeit gegen ihn zur Schau trug. So unangenehm Gerhard die Annäherung dieſes Menſchen war, der ihm von Tag zu Tag widerwärtiger erſchien, mußte er ſie doch dulden. Herr von Kuru⸗ ſoff hatte ſich vollkommen ſeinem Anſinnen gefügt und Miß Lizzie, zwar nicht an jenem vorausbeſtimmten Vormittag, aber das erſte Mal, als ſie wieder im Salon erſchien, um Verzeihung gebeten. Es war dies auch nicht in Gegenwart der Zeugen geſchehen, da Gerhard dieſe Bedingung ſelbſt fallen ließ, um Lizzie die Situation minder peinlich zu machen. Das Mädchen hatte übrigens ſelbſt auf die Genug⸗ thuung verzichtet und ſtolz und kalt, wie man es bei dem fröhlichen Kinde kaum für möglich gehalten hätte, alle Entſchuldigungen kurz abgeſchnitten, mit denen Herr von Kuruſoff ſein Benehmen in Chillon auf Scherz und Unüberlegtheit zurückzuführen bemüht war. Lizzie hatte Gerhard für die Art, wie er ſich zu ihrem Pala⸗ din aufgeworfen, nicht einmal Dank gewußt. Die Lücke, welche die Abreiſe der Fräulein Brocat in der kleinen Geſellſchaft hinterließ und die im Grunde 147 ich nur für den enttäuſchten Freier fühlbar war, blieb Broll nicht lange offen. Es ließ ſich nicht leicht ein auf⸗ bos⸗ fallenderer Gegenſatz zu den ſo plötzlich abgezogenen ge⸗ Vertreterinnen des Spießbürgerthums denken als der hau Erſatz, der einige Tage ſpäter für ſie anlangte und zu ſeſes Monſieur Germain's großer Genugthuung das leerge⸗ iiger wordene Zimmer im zweiten Stockwerke bezog und ſich uru⸗ hier ſogleich häuslich einrichtete. und f Mit großen und ſehr leſerlichen Buchſtaben hatte nten der Herr ins Fremdenbuch eingetragen: Hans von 2 alon Rüderich, Literat, 56 Jahre, mit Gemahlin: Albine von Rüderich. Die Zahl der Jahre war bei ihr nicht ugen ausgefüllt, wie auch die übrigen Rubriken leer gelaſſen ließ, waren, bis auf die eine, aus welcher ſich erſehen ließ, ſchen. daß ſie zunächſt von Elberfeld kamen. nug⸗ Das neuangekommene Chepaar brachte eine kleine bei Revolution in der Penſion hervor, oder vielmehr war 2 ätte, die Dame, deren Alter galanterweiſe anzugeben ver⸗ enen geſſen worden, allein Urheberin derſelben. Nicht cherz etwa, wie man glauben könnte, durch ihre Schönheit; iizie davon war längſt die letzte Spur vom Grimme der galg⸗ Zeit rauh hinweggeriſſen. Die große, hagere Ge⸗ ſtalt, in auffallende Farben gekleidet, verrieth in ihren ocat eckigen Bewegungen gar wenig Grazie, das ausgetrock⸗ 1 unde nete, gelbe, geierartige Geſicht mit den kleinen, zwin⸗ 19* 148 kernden Aeuglein trug beinahe fortwährend ein unan⸗ genehmes, boshaftes Grinſen, das es beim Fuchs in der Fabel entlehnt zu haben ſchien. So mochte allen— falls Meiſter Reineke lächeln, da er aus ſicherem Verſteck den Bären in der Baumſpalte ſtecken und von tüchtigen Bauerknitteln bearbeitet ſah. Um die Stirn kräuſelten ſich gar neckiſch dünne ſchwarze Löckchen, deren krauſes trockenes Haar einen Stich ins Röthliche hatte; darüber war ein unter dem Kinn geſchlungnes ſchwarzes Spitzentuch nicht ohne Koketterie geworfen. Das einzige wirklich Schöne an der Erſcheinung war die feine ariſtokratiſche Hand, deren ſorgſam langgehaltene Nägel vortrefflich zu dem übrigen Eindruck ſtimmten. Daß dieſe Hand ſchön war, wußte Frau von Rüderich zweifelsohne ſehr gut, denn ſie führte dieſelbe fleißig ins Gefecht, indem ſie faſt beſtändig ein Lorgnon vor die Augen hielt, unbekümmert darum, ob es auch die Leute nicht genire, in dieſer Weiſe gemuſtert zu werden. Durch ihre äußere Erſcheinung alſo, ſo frappirend dieſelbe auch war, konnte die Dame nicht leicht mehr eine Aufregung in der Männerwelt und, da ihre Toilette weder überaus pikant noch prachtvoll war, auch nicht unter den Frauen hervorrufen. Ihr Weſen und die Art ihres Auftretens aber waren dazu angethan, überall, wo ſie hinkam, Aufmerkſamkeit zu erregen. Dabei nan⸗ in len⸗ erem von tirn hen, liche gnes rfen. den. rend nehr lette nicht 149 liebte ſie es, laut zu ſprechen, ſich über Alles zu moquiren und ihre geiſtreichen Bemerkungen auch allen Uebrigen zukommen zu laſſen, da ihr die Bewunderung ihres Gatten nicht mehr ſo ſehr zu genügen ſchien wie in der holden Zeit der erſten Liebe. Der gute Mann war mit einziger Ausnahme ſeiner leuchtenden Naſe in Allem ihr Schatten, ja er trug ſogar den Titel für ihre Thätigkeit und nannte ſich Literat, obwohl ſeiner Werke nur überaus wenige waren, indeß ſie, wie Strandau ſeinen Hausgenoſſen mitzu⸗ theilen wußte, unter dem Autornamen Fritz Almhof bei den fleißigen Abonnenten der Leihbibliotheken eines nicht unbedeutenden Renommées genoß. Wenn Gerhard dieſe poſitive Nachricht über Frau von Rüderich geben konnte, ſo vermochte ſie hingegen den Irrthum in Betreff ſeines Incognitos, den vielleicht noch immer einer oder der andere hegte, mit Sicher⸗ heit zu beheben. Gerhard Strandau war nach ihrem Ausſpruch, wenn nicht Gerhard Strandau, doch gewiß weder Rubinſtein noch Bülow oder ein anderer be⸗ kannter Virtuoſe. Sie und ihr Zuſtimmung nickender Gatte kannten jeden Virtuoſen, jeden Compoſiteur, jeden Schriftſteller, jeden Künſtler, jeden Journaliſten, jeden hervorragenden Mann, jede merkwürdige Frau, ſogar jedes Wunderkind, das in den letzten dreißig 150 Jahren an irgend einem Punkt Europas aufgetaucht war, nicht nur beim Namen, ſondern auch von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht. Wen hätten ſie nicht geſehen, wen nicht geſprochen— denn ſie rühmten ſich, alle europäiſchen Sprachen zu kennen— wo waren ſie nicht geweſen, was gab es überhaupt, worüber ſie nicht Auskunft zu ertheilen erbötig geweſen wären! Sie kannten und wußten Alles, ſtanden mit aller Welt in Correſpondenz und waren überall zu Hauſe, weil ſie es im Grunde nirgends waren. Wenn aber auch Gerhard keine Celebrität war, ſo hatte Frau von Rüderich ihn doch in Affection ge⸗ nommen, vielleicht ſogar gerade, weil er keine war, denn die Celebritäten ließen ſich nicht ſo leicht in einen Hof um ſie ſchaaren, wie ſie es gern ſah, die pochten ſelbſt auf ihre Stellung und wollten umworben ſein. Gerhard hatte keinen Grund, das freundliche Entgegen⸗ kommen zurückzuweiſen, er zeigte ſich wirklich ſo liebens⸗ würdig, die Zerſtreutheit, welche ihn während der letzten Tage beherrſcht hatte, zu überwinden und ſich in Ge⸗ ſpräche über Dinge einzulaſſen, die ihn vollkommen gleichgültig ließen. Streicher war nicht ſo gutmüthig, er entzog ſich ſogar in etwas rüder Weiſe dem Einfluſſe dieſer Frau, die ein ſolches Ausweichen wie eine ſtrafbare Deſertion 151 aufnahm. Dagegen war Herr Markus Glückſtadt, wenn ihm ſeine Bewerbung um die Gunſt der Baronin eine Stunde freiließ, einer der aufmerkſamſten Ver⸗ ehrer des literariſchen Sterns, dem er folgte wie einer der Könige des Morgenlandes. „Ich bin doch auch ſchöngeiſtig gebildet“, ſagte er zum Kapitän, der ſich immer etwas abſeits hielt,„und ſchwärme für Literatur, beſonders für dramatiſche, wenn die Wolter die Titelrolle ſpielt, aber wenn man ſo beſchäftigt iſt wie ich, kann man leider nicht viel thun für die Poeſie. Ich kaufe aber zu Weihnachten immer einen ſchönen Band Gedichte, ich kann Ihnen verſichern, Herr Kapitän, das Neueſte und Theuerſte, zum Geſchenk für meine Couſine.“ „Zu Weihnachten?“ fragte der Kapitän ſcheinbar ſehr verwundert.„Ihre Couſine feiert alſo dies chriſt⸗ liche Feſt? Das allein beweiſt ſchon die poetiſche Sin⸗ nigkeit ihres Gemüthes.“ Auch Kuruſoff und Graf Hilmersdorf hatte Frau von Rüderich in ihren Kreis gezogen. Der letztere er⸗ freute ſich ihrer beſondern Protection, die der leicht⸗ ſinnige junge Mann mit großem Gleichmuthe hinnahm, als wenn es ſich von ſelbſt verſtände, daß er der ver⸗ hätſchelte Liebling aller Welt ſei, ohne ſich um die Gunſt beſonders zu bemühen. Frau von Rüderich überſah 152 das nachläſſige Benehmen bei dem jungen Grafen, ſie hatte eine kleine Schwäche für Militär und Ariſtokratie, zu welch letzterer ſie ſich ſelber zählte und für welche ſie ſchrieb, indeß ihr Gemahl in ſeinen ſpärlichen Werken ſich als eifriger Demokrat gab, was übrigens den holden Frieden des Ehepaares auch nicht im entfernteſten ſtörte. „Mein Gott, das iſt die Arbeit“, äußerte ſie eines Tages gegen Strandau, der, über Principien ſprechend, ſeine Verwunderung ausgedrückt hatte, daß ſich die beiden Autoren im Grunde ja feindlich gegenüber ſtänden. „Die Arbeit iſt eine Nothwendigkeit der Zeit, ein Schlag⸗ wort unſeres Jahrzehnts, gut; man arbeitet aus tauſend und einem Grund, aber die wahrhaft vornehme Natur nimmt niemals die Abzeichen derArbeit mit in den Salon. Man ſtreift die Bluſe ab und wäſcht die Hände. Ich habe niemals jene Schriftſtellerinnen leiden können, die zum Beiſpiel wie die B. immer Tintenflecke an den Fingern haben oder ihre Toilette vernachläſſigen. Was hat die Arbeit mit unſern Principien gemein? Man kann Baumwolle weben und doch ſelbſt nur Linnen tragen und ein vortrefflicher Jäger ſein, ohne Geſchmack am Wild zu finden. Daß die Arbeit Ab⸗ nehmer findet, darauf kommt es an.“ „Ich dächte doch, daß der Künſtler und Schrift⸗ 153 ſteller vor allem ſich ſelber genugthun muß“, meinte Gerhard.„Beſonders der Schriftſteller hat ja doch immer die Abſicht, das Publikum auf ſeine Seite zu ziehen und auf ſeine ganze Zeit einzuwirken.“ „Oallerdings“— ſie lachte dabei in ihrer hämiſchen Weiſe—„aber im Ganzen kommt es doch darauf an, daß man ſein Publikum kennt und ihm das bietet, wonach es verlangt. Das Pikante hat den größten Leſerkreis und pikant iſt es ſchon, wenn Frau und Mann verſchiedene Principien vertheidigen. Die Welt legt ſich da gleichſam auf die Lauer und obendrein gilt der Ausſpruch ſolcher Schriftſteller jeder Partei für viel nachdrücklicher, weil es ihnen als Verdienſt angerechnet wird, ſich nicht durch die reinmenſchlichen Verhältniſſe beirren zu laſſen. Herr von Rüderich hat darum mit meiner vollen Zuſtimmung und mit gutem Grunde ſich zu den Gegnern meiner Anſichten geſchlagen.“ „Eine Zwickmühle iſt beſſer als eine einfache“, be⸗ merkte Streicher, der diesmal in der Nähe ſtand und halb auf das Geſpräch hörte, halb die Zeitung durch⸗ flog, die er in Händen hielt. Für Frau von Rüderich war dieſe trockene, un⸗ umwundene Manier noch etwas Neues, ſie fuhr wie von einer Feder geſchnellt auf und es ſchien, als wenn 154 ſie mit ihrem Geierſchnabel nach dem kecken Spötter hacken wollte. Der aber ließ ſich nicht irre machen. „Sie haben ganz Recht, gnädige Frau“, fuhr er mit dem Anſcheine des tiefſten Ernſtes fort.„Es freut mich, daß ich einmal einem aufgeklärten Autor gegen⸗ überſtehe. Ich habe auch nie begriffen, worauf ſich Künſtler und Schriftſteller ſo beſonders viel einbilden. Ganz Recht haben Sie, gnädige Frau. Nichts weiter ſind ſie als Arbeiter ums Brot, wie der Schuſter auch. Ja, der Schuſter. Auch der arbeitet fürs Bedürfniß, wird gelobt für einen genialen Stiefel; fragen Sie nur Graf Hilmersdorf, gelobt wird er ſicherlich, wenn auch nicht immer bezahlt, und er verliert ſeine Kunden, wenn er nach eigener Idee, ohne der Mode zu folgen und ohne die Hühneraugen zu ſchonen, reformiren will, oder gar die Unverſchämtheit hat, ſeinen verdienten Lohn zu verlangen, anſtatt ſich an dem beſcheidenen Glücke genügen zu laſſen, überhaupt für ſo elegante Leute ar⸗ beiten zu dürfen. Daß der eine mit Pech und Leder, der andere mit Tinte und Papier hantiert, macht natürlich keinen Unterſchied. Die Menſchheit will Bü⸗ cher leſen, wie ſie heutzutage Schuhe braucht; billig vor allem, elegant, modern, bequem und zur Befrie⸗ digung der eigenen Eitelkeit. Und nicht wahr, meine Gnädige, im Grunde hat ſie auch das Recht zu ver⸗ ötter en. r er freut egen⸗ ſich lden. eiter auch. fniß, nur auch venn und oder Lohn lücke ar⸗ und nacht Bü⸗ illi frie⸗ eine ver⸗ 155 langen, wie die Arbeit geliefert ſein muß, die ſie be⸗ zahlt? Iſt auch demnach ganz in der Ordnung, daß das Publikum die Bücher nur leiht und nicht kauft. Fürs erſte ſind deren viel zu viel und dann hört ja das Bedürfniß nach einer beſtimmten Lectüre auf, ſobald es befriedigt iſt, und es iſt gerade, als ob man Stiefel kaufte, um ſie blos einmal zu tragen und dann in den Schrank zu ſtellen. Da iſt es noch vortheilhafter, bar⸗ fuß zu gehen. Am beſten iſt, es thun ſich zwei Schuſter zuſammen und ſie ſorgen jeder in ſeiner Specialität für verſchiedenes Bedürfniß. Da kann's nicht fehlen, der eine macht die feinen Lackſchuhe für den Salon, der andere den ſchweren Juchtenſtiefel fürs Volk. Das iſt praktiſch!“ Gerhard mußte innerlich mehr als über den bit⸗ tern Sarkasmus ſeines Freundes über die halb miß⸗ trauiſche, halb aus dem Gleichgewichte gebrachte Miene der perſiflirten Schriftſtellerin lachen, die nicht recht wußte, wie ſie ſich Streicher gegenüber verhalten ſolle. „Sie würden nicht ſo ſprechen, wenn Sie ſelbſt Schriftſteller wären“, ſagte ſie. „Und den erhabenen Beruf deſſelben in ſich fühlen würden“, bemerkte Herr von Rüderich, der während Streicher's Standrede an die Gruppe herangetreten war. Er ſah nicht, wie Gerhard mit ſeinem Freunde 156 bei dieſen Worten einen raſchen Blick wechſelte, in welchem der Funke des Scherzes und der Satire glomm. „Der Schriftſteller“, fuhr Herr von Rüderich mit Pathos fort,„iſt von jeher der Träger des Geiſtes und Wiſſens geweſen und iſt auch heutzutage noch das einflußreichſte Glied der Geſellſchaft. Jedes Ur⸗ theil geht vom Schriftſteller aus und Alles hängt von ihm ab, er beherrſcht die öffentliche Meinung und führt ſie nach ſeinem Gutdünken. Wenn Sie wüßten, Ver⸗ ehrteſter, wie viele junge unbekannte Talente wir allein pouſſirt haben!“ „In der That“, fiel ſeine Frau ein,„es iſt uns eine Kleinigkeit, einen Namen bekannt zu machen. Wir correſpondiren für alle Blätter, die Reclame thut da Alles. Wer hübſch artig iſt, für den ſtrengt man ſich auch einmal an. Ich könnte Ihnen allerlei Namen nennen, die ſozuſagen eigentlich von uns geſchaffen wurden.“ „So, ſo“, murmelte Streicher.„Ja, die ſind auch danach. Iſt eine ganz ſonderbare, die Literaturgeſchichte der Gegenwart!“ Er legte die Zeitung weg und ſchickte ſich an zu gehen. Da ihn Frau von Rüderich fragte, wohin er wolle, entgegnete er:„Nachdenken darüber bei einer Cigarre und mir dabei vorſtellen, wie all die Namen auch wieder in Rauch aufgehen.“ 157 e, in„Ein drolliger Menſch“, meinte Frau von Rüderich, lomm. indem ſie die hagern Achſeln zuckte und ihre häßlichen h nit Zähne zeigte.„Iſt er nicht etwas— wie?“ Sie zeiſte deutete dabei mit ihrem Lorgnon auf die Stirn, und hdas als Gerhard ihr mit unterdrücktem Lachen verſicherte, Ur⸗ daß ſein Freund, wenn auch ein wenig originell, doch t von im ungeſtörten Vollbeſitze ſeiner Geiſteskräfte ſei, er⸗ führt widerte ſie, dies möge der Fall ſein, aber zum wenig⸗ Ver⸗ ſten verrathe er nicht viel Erziehung. Gegen Damen allein ſcheine er ſich nicht benehmen zu können. „Er ſtellt die Damen eben auf gleiche Stufe mit uns den Männern“, entſchuldigte Gerhard den Freund, Wir„und glaubt Ihnen wahrſcheinlich damit ein Compli⸗ it da ment zu machen, indem er die Emancipation praktiſch n ſich zur Geltung bringt.“ damen„Da muß er meine Schriften nicht geleſen haben“, haffen fiel Frau von Rüderich ein,„oder ſie mit denen mei⸗ nes Mannes verwechſeln. Herr von Rüderich ſchreibt auch dafür, das fällt in die demokratiſche, Alles nivellirende bichte Abtheilung der Gleichberechtigung. Ich gehe da nicht licte gemeinſam mit meinen lieben Colleginnen, ich überlaſſe ragte das Fanny Lewald, Louiſe Otto und Eliſe Schmidt. rüber Kennen Sie dieſe Damen? Ach, es iſt wirklich ko⸗ die miſch, ſage ich Ihnen. Frauen, die mit Leib und Seele Frauen ſind, die nicht einmal an ihrer Toilette ein 158 Bändchen miſſen möchten und doch für Gleichberechti⸗ gung ſchreiben! Ich geſtehe wenigſtens aufrichtig, ich möchte meine weiblichen Vorrechte, deren ich mir ſehr gut bewußt bin, nicht aufopfern. Als wir zuletzt in Dresden waren— aber das iſt eine Geſchichte, die Ihnen Herr von Rüderich erzählen muß, oder noch beſſer, Sie leſen Sie erſt in meinem Buche, das ich ſo eben ſchreibe, ich habe eine ganz nette Epiſode da⸗ raus gemacht. Sie werden die Züge ſogleich erkennen. Es iſt auch eine wirkliche Begebenheit die Grundlage des Romans. Sie haben doch vom verſtorbenen Grafen Orloff gehört? Ich meine den Diplomaten. Nicht? Ach freilich, die Geſchichte iſt ja ſo allgemein bekannt. Wir lernten den Grafen in Paris kennen.— Ach, Sie gehen auch?“ unterbrach ſie ſich, als Herr von Kuru— ſoff ſich erhob. Der Ruſſe entſchuldigte ſich mit ſeiner Gewohnheit des Rauchens, er ſah ein wenig verlegen dabei aus, und als er den Salon verlaſſen hatte, wendete ſich Frau von Rüderich an ihren Gatten. „Sag', kommt Dir Herr von Kuruſoff nicht auch ſo bekannt vor? Es iſt eine Aehnlichkeit, aber ich zer⸗ breche mir ganz vergeblich den Kopf.“ „Dann thu' ich es jedenfalls noch viel vergeblicher, liebe Albine“, lächelte er. rechti⸗ 3, ich ſehr tzt in „ die noch as ich e da⸗ ennen. dlage rafen 2 Ach Wir Sie Kuru⸗ inheit aus, e ſich auch h zer⸗ icher, 159 „Glaubſt Du? Nun, das iſt doch charmant, nicht wahr?“ rief ſie Gerhard zum Zeugen an.„Herr von Rüderich plaidirt nur für die Gleichſtellung der Frauen, ohne ſo ungalant zu ſein, die theoretiſche Schmeichelei in eine praktiſche Unzukömmlichkeit zu verwandeln. Ja, ich entſinne mich wirklich nicht, an wen mich der Ruſſe erinnert; kein Wunder, wenn man ſo viel Leute kennt! Vielleicht fällt mir's noch ein. Man macht ſo viele Bekanntſchaften, man ſieht, hört und erlebt ſoviel, daß man am Ende wirklich des Reiſens überdrüſſig werden könnte. Allerdings iſt man immer Sklave der Aufgaben, die man ſich geſtellt.“ „Doch nicht das Reiſen?“ fragte Gerhard ver⸗ wundert. „Als Selbſtzweck nicht, aber als Mittel zum Zwecke, zur Schriftſtellerei.“ „Zur Schriftſtellerei? Ich denke, Goethe, der noch am meiſten in der Welt herumkam, ſah außer Mittel⸗ deutſchland nur die Champagne und Italien, Schiller und Uhland blieben ganz—“ „Goethe, Schiller, Uhland! Haha, wie kindlich naiv!“ kicherte Frau von Rüderich.„Was wollen Sie heutzutage mit dieſen Namen? Wir müſſen ganz anders ſchaffen, weit pikanter, mehr nach der Natur. Wer immer in ſeinem Neſte ſitzt, dem fehlt die Anregung. 160 Andere Werke, die auf Sammlerfleiß beruhen, fordern abſolut die Anweſenheit an Ort und Stelle.“ „Das fordern ſie allerdings“, beſtätigte Herr von Rüderich mit großer Wichtigkeit.„Ich ſammle eben Daten zur Geſchichte des Weins— aber nicht wahr, Sie ſchweigen darüber gegen Jedermann? Nun ſehen Sie, zu dieſem Zweck mußte ich jetzt hierher an den Genferſee. Bei Glion, wie Sie vielleicht wiſſen, hier oberhalb Montreux wurde der erſte waadtländiſche Wein gebaut, die Culturgrenze iſt jetzt ein wenig tiefer herabgerückt und die alle zehn Jahre wiederkehrenden Winzerfeſte im benachbarten Vivis deuten darauf hin, daß gerade hier ein Centralpunkt für die Geſchichte des Weins zu ſuchen iſt. Wenn Ihnen irgend etwas von Bedeutung aufſtößt, würden Sie mich ſehr ver⸗ binden, wenn Sie mich aufmerkſam machten. Sprich⸗ wörter, Gedichte, hiſtoriſche Anekdoten, darauf bezüg⸗ liche Gebräuche, Alles iſt mir dienlich. Sie kennen doch mein Werk„Die Geſchichte der Wurſt? Es hat, wie ich wohl ſagen kann, einiges Aufſehen gemacht und Sie werden ſtaunen, wenn ich Ihnen ſage, wo mir die erſte Idee dazu gekommen iſt. Im Bratwurſtglöcklein zu Nürnberg. Sie waren gewiß ſchon einmal dort, in dem kleinen, wie ein Schwalbenneſt an die Laurenzi⸗ kapelle angeklebten Häuschen, wo man an engen Tiſchen eern 161 die hiſtoriſch gewordenen drei Würſtchen, die auf dem Roſte in der räucherigen Küche geſchmort worden, zu dem delicateſten Sauerkraute verzehrt. Sie haben auch ſicherlich dort des elfjährigen Archim von Winter⸗ feld launiges Gedicht geleſen. Nun, bei der Lectüre dieſes Blattes, beim Dufte der echtdeutſchen Gerichte ſtieg mir vor zehn Jahren die Idee auf, eine Geſchichte der Volkskoſt zu ſchreiben, eine der jetzigen Zeit angemeſſene materielle Verklärung der Demokratie, deren derbbiedern, auf hiſtoriſchen Grundlagen beruhenden Bedürfniſſen der jetzige Luxus des aufgeſpeicherten Kapitals ſo craß entgegenſteht. Ich begann damals mit der Wurſt, dieſem Wahrzeichen, möchte ich ſagen, der Demokratie, die ja auch dahin ſtrebt, die kleingewiegte, wohlgemengte Menſchheit in das gleiche ſchlichte Kleid zu füllen, und der beſte Beweis, wie ſehr dieſe Anſchauung eigentlich ſchon jetzt Allgemeingut geworden und in ihrer Durch⸗ führung nur noch eine Frage der Zeit iſt, der beſte Beweis wird eben durch die Wurſt geliefert, die von der Mahnerin an die Guillotine und rothe Republik, von der kräftigen wilden Blutwurſt an, durch alle ge⸗ ſellſchaftlichen Schattirungen hinauf bis zur plutokrati⸗ ſchen Trüffelwurſt und dem ariſtokratiſchen gefüllten Wildſchweinskopf in allen Schichten Lob und Aner⸗ kennung findet.“ Byr, Nomaden. II. 41 162 „Beſonders die Charakteriſtik iſt Dir gelungen“, äußerte Frau von Rüderich, die während der Erklärung aufmerkſam die übrigen Anweſenden belorgnettirt hatte, mit anerkennendem Tone. „Ja, beſonders die Charakteriſtik, wie meine Frau ſagt. Ich glaube das ohne unbeſcheiden zu ſein, behaupten zu dürfen. Ich habe mich aber auch vor den eingehendſten Studien nicht geſcheut und durch die V ihrer vorzüglichen Wurſtfabrikation wegen berühmten Städte mich ſozuſagen förmlich durchgefreſſen.“ „Im Geſpräch, mein Lieber“, fiel ſeine Frau hier ein,„darfſt Du Dich der demokratiſchen Ausdrücke ent⸗ ſchlagen.“ b „Du haſt ganz Recht, mein Engel, es war nur die Kraft und Anſchaulichkeit des Bildes, die mich verlockte⸗ Faſt gleichzeitig“, fuhr ergegen Gerhardgewendet fort,„be⸗ gann ich die Geſchichte des Brodes, der eigentlichen Grund⸗ lage der demokratiſchen Koſt, aber das Brod macht mir viel mehr Schwierigkeiten und ich bin lange noch nicht ſo weit, das Buch zu ſchließen; auch habe ich mich noch nicht endgültig entſchloſſen, ob ich das Brod eng abge⸗ grenzt oder auch in ſeinen Ausartungen zu Kuchen und Zuckerbäckerei oder vielleicht blos bis zu Kaffee⸗ und Theebrod ausgedehnt behandeln ſoll. Brod und Wein aber hat uns der Heiland als gemeinſames Symbol 163 für den Kern ſeiner Lehre, die ſchöne Brüderlichkeit, hinterlaſſen. Mit dem Wein eröffne ich alſo jetzt den Reigen der Getränke.“ „Und Sie opfern ſich wohl auch hier in Ihrem hohen Zwecke und laſſen dem fleißigen Sammeln das eingehendſte kritiſche Selbſtſtudium zur Seite gehen?“ Herr von Rüderich that, als verſtände er Ger⸗ hard's muntere Anſpielung auf ſeine verrätheriſch glühende Naſe nicht, er fuhr ernſthaft in ſeiner Aus⸗ einanderſetzung fort.„Es iſt eine ſchwierige Aufgabe, aber ich hoffe ſie mit Gottes Hülfe zu löſen. Der Genius des Volkes wird mich ſtärken, denn es iſt noch eine weite Strecke zurückzulegen; um das ganze Werk ab⸗ zuſchließen, gehört zu den beiden Hauptnahrungsmitteln auch die Trias der demokratiſchen Getränke, zu Wein noch Bier und Branntwein.“ „Und Waſſer rechnen Sie nicht dazu?“ „Waſſer? Ja, Waſſer, ſehen Sie, iſt eigentlich das Getränk der Pflanzen und Thiere und von den höher entwickelten Geſchöpfen eigentlich nur den Kranken zu empfehlen, ich kann es ebenſo wenig mit in die Volks⸗ koſt zählen wie Milch oder Kaffee oder dergleichen, die vorzugsweiſe für Kinder gehören oder doch verfeinerte Neuerungen ſind. Man muß auch ein gewiſſes Syſtem einhalten. Ich kann mich nur mit geiſtigen Getränken 11* . * 1 8 — 164 befaſſen und ſelbſt da werde ich wohl die Arbeit theilen und was das Bier betrifft, meinem Sohne übertragen müſſen, wenn er es einmal ſo weit bringt, das Inſti— tut verlaſſen und die Univerſität beziehen zu können.“ „Ich glaube, daß er Ihnen dann dieſen Theil recht gern abnehmen wird.“ „O ja“, ſtimmte Frau von Rüderich zu,„Häns— chen hat ein recht liebevolles, kindliches Gemüth.“ „Mit dem Branntwein hingegen“, ſchloß ihr Mann, „hoffe ich ſelbſt noch fertig zu werden.“ „Sie haben ſich da ein großes Ziel geſteckt; es wird ein überaus verdienſtliches Werk, das eine tief⸗ empfundene Lücke auszufüllen beſtimmt iſt“, bemerkte Gerhard mit ſo viel Ernſt, als er feſtzuhalten im Stande war, und der geſchmeichelte Autor verbeugteſich beſcheiden. „O ich bitte“, ſagte er ſanft;„meine Abſicht iſt nur, anzuregen und der Phyſiologie neue Pfade zu zeigen. Bucle's Geſchichte der Civiliſation ſcheint mir bei weitem nicht zureichend. Mein Sohn kann einſt weiter bauen auf dem gerodeten Felde.“ „Ich fürchte“, meinte ſeine Frau,„Hänschen wird ſich am Ende zu viel mit dem praktiſchen Theil der Aufgabe beſchäftigen. Der Burſche hat unglaubliche Anlagen zu tollen Streichen, und nur ſeine kindliche Anhänglichkeit an uns konnte ihn etwas im Zaum äns⸗ ann, 165 halten. Darum wäre es mir auch lieber, wir hätten ihn bei uns; aber bei unſerm etwas unſtäten Leben hat es doch mit dem Schulbeſuche ſeine Schwierigkeiten, und er iſt in ganz guten Händen, ſodaß wir beruhigt, ſein können. Freilich wäre es bei weitem angenehmer, wir könnten bei ihm ſein. Sie glauben nicht, was das Mutterherz durch die ſtete Trennung zu leiden hat.“ Gerhard mußte unwillkürlich an Madame de Gra⸗ nier's ebenſo große Sehnſucht nach ihrem Gatten denken. „Aber ließe es ſich“, ſagte er,„wenn Sie, wie ich nicht zweifle, wirklich ſo ſehr leiden, denn nicht einrichten, daß Sie—“ „Uns irgendwo niederlaſſen? Wo denken Sie hin!“ fiel Frau von Rüderich, beluſtigt von Gerhard's Kurz⸗ ſichtigkeit, ein.„Sie haben ja gerade gehört, welche Aufgabe Herrn von Rüdeerich in ſteter Bewegung er⸗ hält, und ich richte mir die Sache danach ein. Ein Autor, der ſich zur Aufgabe gemacht hat, das reale Leben zu ſchildern, muß immer wieder neue Anſchauungen gewinnen, neue Züge ſammeln, Erlebniſſe verarbeiten.“ „Aha“, meinte Gerhard,„Ihr Herr Gemahl be⸗ diente ſich früher eines etwas vulgären Bildes. Sie arbeiten ſich ähnlich aufnehmend und verdauend durch die verſchiedenen Orte Ihres Aufenthalts und ſammeln Situationen.“ 166 Frau von Rüderich richtete zuerſt ihr Lorgnon auf ihn und prüfte ſeine naiv⸗ unſchuldige Miene ſcharf, bevor ſie befriedigt von dem Ergebniſſe ihrer Forſchung ihre Antwort gab. „Nun, mit Reſerve“, gab ſie zu,„iſt etwas an dem Vergleiche. Ich leugne nicht, daß ich gern den Griff ins volle Menſchenleben thue, dadurch haben alle meine Arbeiten einen Ton von Wahrheit und lebendiger Treue und amüſiren, wie ſelbſt meine Feinde zugeben müſſen. Sehen Sie ſich einmal ein halb Dutzend deutſcher Schriftſteller an, ich will keine Namen nennen, aber ſehen Sie ſich einmal an, wie ſie ſich ab⸗ mühen, daß man überall in ihren Büchern die Spuren des Schweißes findet, der ihnen an der Stirn ſteht, wie ſie keuchen unter der Laſt ihrer Aufgabe, als hätten ſie Eiſen zu ſchmieden, wie das Alles ſchwerfällig und ermüdend iſt, ſodaß das Leſen ſelber zur Arbeit wird, und dabei hier die Gewundenheit, dort die künſtliche Glätte des Stils, überall aber dieſelben Figuren, un— natürliche Situationen, viel zu ernſthafte Auffaſſung. Ich könnte Ihnen gleich ſagen, wie dieſer und jener arbeitet, alle unſere erſten Autoren, kenne ſie alle und ebenſo ihre Art und Weiſe, aber da Sie nicht zu uns gehören, intereſſiren Sie auch die Couliſſengeheimniſſe nicht. Nur ſo viel: wer wirklich Geiſt hat, kann ſich 167 die Sache viel leichter machen; das Publikum, ach Gott, das liebe Publikum, das merkt nichts und ſpricht nach, was man ihm vorſpricht. Tüchtig Reclame, das iſt die Hauptſache.“ „Den Meiſten muß freilich das Ragout gelobt werden, damit es ihnen munde“, meinte Gerhard mit ernſthaftem Kopfnicken. „Na alſo, ſehen Siel Ich mühe mich niemals ab einen Stoff zu erfinden. Mein Gott, die ſich ſov ie darauf zu gute thun, ſchöpfen auch nicht aus dem Nichts. Steckt mehr als einer der eitlen Herrn hinter ſeinen eigenen Helden, hehe! Wenigſtens ſchmeicheln ſie ſich, ihnen zu gleichen und in ähnlichen Abenteuern dieſelben Heldenthaten zu verrichten. Sie ſind faſt alle Träumer und nehmen das Leben von der Schatten⸗ ſeite. Ich nehme es dagegen, wie es iſt, unterhalte mich damit, die hunderterlei Komödien mit gutem und ſchlechtem Ausgang ringsum anzuſehen, und finde ſo überall meinen Stoff, der dadurch nur noch an Lebens⸗ treue gewinnt, daß ich ihm die Lokalfarbe laſſe.“ „Die Beobachtungsgabe iſt allerdings unſchätzbar man lobt aber doch am Dichter auch die Intuition“, erlaubte ſich Gerhard einzuwerfen. „Na, die kommt ganz von ſelbſt“, kicherte ſie.„Nur erſt zugeſehen, die geiſtige Anſchauung entwickelt ſich 168 dann ganz zuverläſſig. Blicken Sie einmal da hinüber, entwickelt ſich dadrüben nicht ein allerliebſter kleiner Roman? Graf Felix iſt wie geſchaffen zu einem Helden und Libertin, wie ihn die Frauen in Büchern und in der Wirklichkeit am meiſten lieben, und die kleine Eng⸗ länderin ſcheint in dieſer Hinſicht keine Ausnahme zu machen. Robinſon Cruſoé, wie ihn Graf Felix nennt, prä⸗ parirtmir einſtweilen ein wirkſames Schlußkapitel. Hehe!“ Sie lachte hämiſch und hielt ihr Lorgnon auf die Gruppe der Damen gerichtet, der ſich, wie in der letzten Zeit faſt beſtändig, Graf Hilmersdorf angeſchloſſen hatte. Gerhard empfand dieſen Ausfall wie eine Be⸗ leidigung, die ihm ſelbſt angethan worden, aber wie konnte er hier Partei nehmen! Mrs. Lesley gab wirklich Veranlaſſung genug zu allerlei Gedanken. Er ſelbſt glaubte ſie auf einem abſchüſſigen Wege und eine Kataſtrophe unausbleiblich, wenn ihn auch das ruhige Antlitz, welches die Frau ſeines Freundes zumeiſt trug, andererſeits wieder mit Zweifeln erfüllte. Jedenfalls mußte er zugeſtehen, daß Frau von Rüderich ihre boshafte Bemerkung einigermaßen mit Recht gethan, wenn auch hauptſächlich ein Act der Rache gegen die Frauen überhaupt damit beabſichtigt war, die ſich etwas auffällig von ihr zurückzogen. Sofort hatte ſie ſich alle zu Gegnerinnen gemacht, weil ſie gleich vom An— 169 fang das Haus beherrſchen und gewiſſermaßen den Ton angeben wollte. Sie war weit entfernt, ſich merken zu laſſen, wie ſehr ſie dieſe feindſelige Zurückhaltung ärgerte, rächte ſich aber dafür bei jeder Gelegenheit durch ſcharfe Witze oder boshafte Andeutungen, wie eben jetzt eine gefallen war. Gerhard begnügte ſich zu bemerken, daß für dies⸗ mal ihr Roman wohl ungeſchrieben bleiben dürfte. „Meinen Sie?“ erwiderte ſie raſch und mit einem ſpöttiſchen Blick auf ihn.„Dann haben Sie vielleicht ſelbſt die Güte, mir für neuen Stoff zu ſorgen. Das erſte romantiſche Kapitel dürfte vielleicht den Titel: Ein Nachtſtück oder: Durchs Fenſter führen.“ Alſo auch davon hatte die Stoffjägerin ſchon ge⸗ hört und am Ende ihre Notizen darüber gemacht, wie ihr Gatte über den waadtländer Champagner, der ihm beſonders zu behagen ſchien. Gerhard war dieſer prickelnden, ſpitzen Converſation, deren Koſten er durch Zuhören tragen mußte, überdrüſſig, er machte Miene, ſich zu verabſchieden. „O, zur Cigarre“, ſpöttelte ſie,„natürlich zur Ci⸗ garre! Was wäret Ihr Männer von heutzutage ohne Eure Cigarre? Ohne Cigarre hätten wir noch den Salon; ſelbſt eine Recamier würde heutzutage ſammt ihrem berühmten Salon der Cigarre weichen müſſen.“ 170 „Nicht doch“, erwiderte Gerhard, um nicht ſo brüsk zu gehen, noch,„die Cigarre könnte ja ſalon⸗ fähig werden.“ „Fi donc! und aus dem Salon eine Fuhrmanns⸗ herberge.“ „Gleichviel, er würde beſtehen; nicht die Cigarre, ſondern die Zeitung, behaupte ich, hat den Salon ge⸗ tödtet.“ „Die Zeitung? Das wäre mir intereſſant“, fiel Herr von Rüderich ein;„ich halte die Zeitung für eine demokratiſche Inſtitution. Die Verallgemeinerung des Wiſſens—“ „Iſt eben keine Förderung des ariſtokratiſchen Salons“, ſchnitt ihm ſeine Frau kurz das Wort ab. „Das begreift ſich. Zur Zeit, wo keine Zeitungen exi⸗ ſtirten, kamen die Leute zuſammen, um zu plaudern, ſich Bonmots mitzutheilen und das Neueſte zu hören und zu ventiliren, wie es mit einem modernen parlamen⸗ tariſchen Ausdrucke heißt. Sie ſehen, Herr Strandau, ich gehe auf Ihre Ideen ein.“ Gerhard verbeugte ſich. „Heutzutage aber“, ſetzte er mit leichter Satire fort,„bedarf man des Zuſammenkommens zu ſolchem Zwecke nicht mehr. Die Zeitungen beſorgen Alles und zwar viel raſcher und zugleich vielſeitiger. Dem Manne bleibt nach ſeinen Arbeiten kaum noch die Zeit, all das Neue und Intereſſante aus den Zeitungen in ſich aufzunehmen, wozu ſoll er noch die verſchiedenen Un⸗ bequemlichkeiten des Salons riskiren? Es ſind auch nur die Damen, welche man den Untergang des Sa⸗ lons beklagen hört, die Männer ſind mit der Neuerung ganz zufrieden.“ „Denn die Zeitung enthebt ſie des Selbſtdenkens und der ſo beſchwerlichen Mittheilung durch die Zunge“, fiel Frau von Rüderich hämiſch lachend aus.„Witz und Geiſt ſitzen jetzt ſchon nur noch in der Cigarre, mit deren Rauch ſie verflüchtigen, und die kommende Generation wird ein Geſchlecht von Taubſtummen ſein.“ „Wofür Sie in Ihrem nächſten Buche gefälligſt nicht mich verantwortlich machen wollen“, erwiderte Gerhard mit dem Tone ausgeſuchter Höflichkeit und einer tiefen Verbeugung, nach der er ſich entfernte. Noch während er ging, hörte er das boshafte Kichern, und offenbar waren die Worte, welche Frau von Rüde⸗ rich an ihren Gatten richtete:„Herr Strandau iſt zu Zeiten witzig“, noch für ſein Ohr beſtimmt. Sie ließen ihn aber völlig kalt, ihm ging ein anderer Gedanke im Kopfe herum. Wohin ſollte noch führen, was ſelbſt dieſes zudringliche Lorgnon ſchon bemerkt hatte? War wirklich ein Roman in der Entwickelung? Mr. Lesley 172 that ihm leid und er nahm ſich vor, ihn zu warnen. Statt auf ihn, ſtieß er aber zunächſt auf Streicher. „Bis jetzt warſt Du bei der Viper?“ hielt dieſer ihn an.„Ich bewundere Deine Geduld. Mir macht jedes ihrer Worte Nervenweh. Wenn ſie ſpricht, iſt es, als hagle es aus ihrem Munde und die Worte ſeien Schloßenkörner, die praſſelnd niederfallen; geräth ſie aber in Affect, ſo hat es gerade den Anſchein, als ſpucke ſie maſſenweiſe Stecknadeln aus. Sie iſt eine alte Hexe, und wenn die Italiener nicht ganz Unrecht haben, ſitzt in ihren Augen der böſe Blick.“ „So arg iſt's doch wohl nicht. Das ſind nur Wanderraupen; wo ſie durchkommen, iſt Alles in un⸗ glaublicher Schnelligkeit kahl gefreſſen.“ „Auch Glück und Ruhe der Menſchen, denen ſie begegnen. Nimm Dich in Acht, ſie thut Dir Uebles an.“ „Und warum nicht ebenſo Dir?“ „Lächerlich! Ich ſpieße ſie wie eine Kröte an und ſchmore ſie am langſamen Feuer, oder fange ſie wie einen Skorpion, um das Vergnügen zu haben, daß ſie ſich ſelbſt den Tod gibt.“ „Dann thue es bald, ehe ſie noch Andern Unheil zugefügt hat. Aber Du irrſt vielleicht in Deinen Mitteln und in der Tragweite Deiner Pläne“, ſetzte Gerhard lachend hinzu,„wie es jüngſt geſchehen. Nimm 173 Dich in Acht, daß Du nicht wie bei n theil erzielſt.“ „Triumphire nur!“ entgegnete Str verdrießlich geworden und ſich aus dem zu Griffe des Freundes losreißend.„Quem dere vult, dementat. Mit Blindheit biſt geſchlagen!“ Siebentes Kapitel. Diſſonanzen. beine Zögerung hatte genügt, Gerhard von ſatze abzubringen. Er überlegte und fand, immerhin ein Wagniß ſei, den Ehemann ehmen ſeiner Gattin aufmerkſam zu machen er bemerkte Mr. Lesley, was bei ſeinen Augen kaum wahrſcheinlich war, wirklich em Verhältniſſe, das ſich zwiſchen ſeiner af Hilmersdorf anzuſpinnen ſchien, und eine Grauſamkeit, ihm den Staar zu er ſah des Grafen ſchlecht verhehlte Be⸗ d die faſt zu weit gehende Duldung, dieſelben geübt wurde, ebenſo gut wie was gab dann einem Dritten das Recht, in, den gekränkten Ehemann aufzuſtacheln 175 und ihm gleichſam Vorſchriften zu machen, oder ihm doch Gründe für ſein Schweigen abzuverlangen, die er vielleicht zu geben nicht bereit war? Andererſeits aber fühlte Gerhard doch ſo lebhaftes Intereſſe, ſo warme Theilnahme für den traurigen, ſchwerleidenden Mann, daß er über die Sachlage nicht mit jener weltläufigen Gleichgültigkeit hinwegkonnte, die achſelzuckend an Elend und Noth, an allem Jam⸗ mer des Lebens vorübertänzelt oder doch ſchon Lob ernten will, wenn ſie, die Dinge ernſter nehmend, mit verhülltem Antlitze ſcheu vorüberhuſcht und das Miß⸗ gefühl geſtörter eigener Behaglichkeit, die Beängſtigung des erſchrockenen feigen Herzens ſich als verdienſtliches Mitleid anzurechnen geneigt iſt. Die Empfindung, daß etwas geſchehen müſſe, um das drohende Verhängniß abzuwenden, verließ Gerhard nicht. Zuletzt kam er auf ein Mittel, das zwar nicht ſicher zum Ziele führen mußte, ihm aber doch das einzig mögliche ſchien, wenn es ſich im Grunde auch ebenſo wenig rechtfertigen ließ wie eine directe Erwähnung der heiklen Angelegen⸗ heit gegen Mr. Lesley ſelbſt. Immerhin erſchien es Gerhard ein Anderes, die Schweſter als den Gatten der ſelbſtvergeſſenen Frau zu warnen. Wo dem Manne keine Wahl mehr als die Strafe gegen eins oder beide blieb, konnte die 5½ 8 176 Schweſter noch vorbauen, mahnen, bitten. Hier konn⸗ ten Worte noch ausgleichen, dort blos noch eine ver⸗ zweifelte That. Gerhard wählte den nächſten Morgen nach jenem Geſpräche mit Frau von Rüderich zu einer Unter⸗ redung, welche ihm der Umſtand crleichterte, daß Lizzie ihre Lectionen bei ihm wieder aufgenommen hatte. Die Unterbrechung hatte nur ein paar Tage gedauert, obwohl es faſt den Anſchein gewann, als ſchütze Lizzie die unbedeutende Verletzung ihres Fußes mit Abſicht vor, um die Stunden, welche ſie ſelbſt erbeten und mit ſo viel Eifer begonnen hatte, nicht wieder aufnehmen zu müſſen. Es war nicht mehr dieſelbe friſche Heiter⸗ keit im Weſen des jungen Mädchens, nicht mehr die⸗ ſelbe rückhaltsloſe Vertraulichkeit, ſelbſt der Lerneifer war erkaltet und es blieb nur, wenn man ſo ſagen darf, ein todter Fleiß. Ein Schatten ſchien ſich über dieſes frohe Gemüth gelagert zu haben, den ſelbſt Ger⸗ hard bemerken mußte, ſo ſehr er auch ſeit jener nächt⸗ lichen Begegnung mit all ſeinen Wünſchen und Ge⸗ danken fortwährend bei Adrienne, der ſchönen Heili⸗ gen war, wie er ſie vergötternd nannte. Sein Umgang mit Mr. Lesley und der Pfarrers⸗ familie überhaupt hatte durch ſeine wiederholten Be⸗ ſuche in der Villa und die langen Stunden, welche er 177 in träumeriſcher Einſamkeit zu verbringen liebte, ſehr gelitten, die Morgenſtunden am Klavier hielt er aber doch mit großer Pünktlichkeit ein. Er fühlte keine Be⸗ ſchwerde in der einmal übernommenen Verpflichtung, ſie gewährte ihm ſogar in der ungeſtörten Hingebung an die Muſik einen Genuß, den er vielleicht gerade darum in Geſellſchaft der beiden Schweſtern auf der Höhe weniger entbehrte, weil er ihm ja zu anderer Stunde täglich zu Theil und gemeinſchaftlich gewürdigt wurde. Indem Gerhard Lizzie's Geſchmack zu reini⸗ gen und heranzubilden bemüht war und ſich ihrer ſchö⸗ nen Gaben erfreute, füllte ſie ihm unbewußt eine Lücke aus und trug dazu bei, das Bild der Geliebten tadel⸗ los erſcheinen zu laſſen. Das Wohlbehagen, das aus voller Befriedigung entſpringt, glaubte er allein Adrienne zu danken, und ſo mußte die Roſe ſelbſt die Lilie ſchmücken helfen, indem ſie der ſtolzen Schönheit auch noch ihren Duft lieh. Jetzt, da Gerhard wieder neben ſeiner Schülerin ſaß und wenigſtens für die nächſte Stunde zu ſo früher Zeit auf völlige Ungeſtörtheit rechnen konnte, nahm er die Gelegenheit wahr, ſein Herz zu erleichtern und Lizzie's zierlichen Händchen die Löſung des, wie er fürchtete, ſchon zu feſt geſchürzten Knotens zu über⸗ tragen. Byr, Nomaden. II. 12 178 Sie hatte geſungen— Schumann's Frühlingslied— und als ſie endigte, ſaß Gerhard ſo tief in Gedanken verſunken und ſo ſehr mit der ſchwierigen Einleitung deſſen, was er ſagen wollte, beſchäftigt, daß er nicht einmal merkte, wie der Geſang aufgehört. Stumm ſaß er da, und Lizzie, die vielleicht auf ein Wort der Aufmunterung oder auch des Tadels aus ſeinem Munde gewartet haben mochte, ſah verwundert auf ihren Leh⸗ rer, biß ſich dann die kleinen Zähne in die Unterlippe, die nicht tiefer gefärbt war als das in Unmuth errö⸗ thete Geſichtchen, und trat kurzweg an die Glasthür, durch welche ſie hinaus in die Veranda blickte, als ſei dort ganz Ungewöhnliches zu ſehen. Jetzt erſt fiel Gerhard ihr Betragen und ſeine eigene Zerſtreutheit auf. „Warum gehen Sie fort?“ fragte er.„Sie ha⸗ hen heute ſehr gut geſungen, wollen wir noch ein Lied verſuchen?“ „Nein, ich will nicht mehr“, entgegnete Lizzie, ohne ſich umzuwenden und ſo ziemlich im Tone eines un⸗ artigen Kindes.„Ich habe auch nicht gut, ſondern ſchlecht geſungen.“ Gerhard mußte lächeln. „Wollen Sie das beſſer wiſſen als ich?“ fragte er, ſich erhebend. ied— anken eitung nicht tumm tt der Runde Leh⸗ blippe, erro⸗ sthür, als ſei ſeine ie ha⸗ n Lied ,ohne es un⸗ ondern 179 „Ja, denn es iſt ſchon viel, wenn Sie nur wiſſen, daß ich überhaupt geſungen habe. Sie haben gar nicht aufgemerkt.“ „Wenn ich Ihnen das auch zugeſtehe, weiß ich doch, daß Sie gut geſungen haben. Einen Fehler hätte ich gewiß nicht überhört. Sie kennen mich als ſtren⸗ gen Meiſter, ich bin darin unnachſichtig, jede Unrich⸗ tigkeit verletzt mein Ohr.“ „Ich werde es nicht mehr in Gefahr bringen.“ Bis jetzt hatte Gerhard den Zwiſchenfall ſcherzhaft genommen. Die letzten Worte aber ſchienen ſchon mehr als einen kindiſchen Aerger zu verrathen. Lizzie fühlte ſich alſo wirklich verletzt durch ſeine Zerſtreutheut oder durch irgend etwas Anderes, worüber er ſich nicht klar war. Langſam näherte er ſich ihr. Entweder hörte ſie ſeinen Schritt auf dem weichen Teppiche nicht, oder ſie wollte ihn nicht hören. Das Letztere meinte Gerhard, denn er glaubte zu bemerken, wie ſie immer eine Bewegung machte, als wolle ſie ſich umwenden, es aber dennoch unterließ. „Was haben Sie, Lizzie?“ fragte er, als er un⸗ mittelbar hinter ihr ſtand, in freundlichem Tone. Daß ſie gar kein Zeichen der Ueberraſchung von ſich gab, überzeugte ihn, daß ſeine frühere Annahme richtig ge⸗ weſen. Es war doch ein ſonderbares Benehmen des 42* 180 Mädchens. Er hätte es wie ein Kind an einem der langen Zöpfe nehmen mögen, in die das volle blonde Haar heute geflochten war und die weit über das hellblau und graue Kleid herunterfielen. Dann erſchien ihm Lizzie doch wieder über die Jahre hinaus, wo ſolcher Scherz noch erlaubt geweſen wäre, wenn auch ihre Antwort dieſen Eindruck nicht beſonders zu verſtärken geeignet war. „Ich habe nichts. Mir gefällt's nur, hinauszu⸗ ſehen“, ſagte ſie. „So!“ entgegnete Gerhard ein wenig kauſtiſch. „Und darf ich wiſſen, welches Fenſter des Kiosks dies iſt? Was erblickt Sultan Myzir? Die feindlichen Reiter wohl nicht, von der brennenden Stadt oder der drohenden Ueberſchwemmung müßte ich doch auch etwas bemerken. Vielleicht iſt's die Verwandlung der Wüſte in einen blühenden Hain?“ Lizzie lachte nicht, wie er erwartet hatte. „Sie vergeſſen“, ſagte ſie ernſthaft,„der Sultan ſah immer zweimal durchs ſelbe Fenſter. Es könnte auch die Verwüſtung der blühenden Gärten ſein, der wirkliche Zuſtand ohne allen Zauber—“ Sie ſtockte und Gerhard ſah an ihrem Halſe und den kleinen Ohren, wie ihr das Blut ins Geſicht ſchoß, dann wendete ſie ſich plötzlich um. 181 „Ach, ich habe es nicht gern, wenn Jemand ſo nahe hinter mir ſteht“, rief ſie;„es iſt gerade, als athme man mir die Luft weg.“ „Verzeihen Sie!“ ſprach Gerhard ein wenig ver⸗ letzt und trat einen Schritt zurück.„Es ſoll nicht mehr geſchehen und wäre auch diesmal unterblieben, wenn Sie die Gewogenheit gehabt hätten, mir im Sprechen das Geſicht zuzuwenden.“ Es ſchoß ihm mit einem Male der Gedanke durch den Kopf, Lizzie fürchte vielleicht eine Wiederholung jener Scene im Gefängniſſe von Chillon, und das ließ ihn einen kältern Ton anſchla⸗ gen, als die Lage wohl eigentlich gebot. Sie ſollte wiſſen, daß ſie von ihm nichts zu befürchten habe. Was einmal halb gedankenlos in einem unbewachten Augenblicke geſchehen, konnte ſich nicht mehr wieder⸗ holen. „War es eine Unart von mir“, verſetzte Lizzie in ähnlichem Tone,„ſo ſind wir quitt. Ich ſah Sie nicht an, Sie hörten zuvor nicht auf mich.“ „Nun gut, erlauben Sie mir, Miß Lizzie, daß ich mich gegen dieſen Vorwurf rechtfertige.“ „Es iſt kein Vorwurf und die Rechtfertigung in⸗ tereſſirt mich nicht“, entgegnete ſie achſelzuckend. Sie ging langſam gegen den Tiſch, auf welchem die Jour⸗ nale lagen, und blätterte während des ganzen folgen⸗ 182 1 den Geſprächs in einer illuſtrirten Zeitſchrift, deren Holzſchnitte aufmerkſam zu betrachten ſie ſich den An⸗ ſchein gab. „Wie Sie wollen“, nahm Gerhard, abermals in den kalten Ton zurückfallend, das Wort.„Dann mögen Sie aber die Gefälligkeit haben, mich einige Augen⸗ blicke anzuhören, und zwar wo möglich aufmerkſamer, als ſich mit einer gleichzeitigen Bilderſchau verträgt.“ „Ich wüßte nicht“, verſetzte ſie trotzig,„daß ich mir hierüber Vorſchriften machen zu laſſen hätte. Unſere Stunde iſt, glaube ich, beendigt; ich wenigſtens ſehe ſie dafür an.“ „Laſſen Sie den kindiſchen Aerger, Lizzie.“ „Ich bin kein Kind!“ widerſprach die Kleine, die, um das Weinen und den Verdruß zu bewältigen, die Zähne feſt aufeinander biß. „Sie haben Gelegenheit, es zu beweiſen. Es iſt eine ernſte Angelegenheit, über die ich Sie ſprechen möchte und die mich beſchäftigte, während Sie ſangen, eine Angelegenheit, die Sie ſelbſt nahe betrifft, näher im Grunde als mich.“ Lizzie's verwunderte Augen be⸗ gegneten ihm jetzt voll, wie um Aufklärung fragend. „Ich bin Mr. Lesley's Freund und als ſolcher“, fuhr Gerhard fort,„wende ich mich lieber an Sie, Miß Lizzie, als an ihn ſelbſt, weil das Letztere Folgen nach 183 ſich ziehen könnte, welche ich nicht zu berechnen vermag. Ich kann nicht ermeſſen, bis wohin ein Mann gehen mag, der ſeine Ehre gefährdet glaubt. Ich ſage nur gefährdet, denn ich bin weit davon entfernt, zu den⸗ ken, daß Mrs. Lesley ſich ſſo weit vergeſſen könnte, Graf Hilmersdorf mehr zu begünſtigen, als eben ein angenehmer Geſellſchafter zu verdienen ſcheint.“ „Das iſt häßlich, was Sie da reden. Schweigen Sie!“ fuhr Lizzie plötzlich hoch erglühend auf. Ihre Worte waren heftig, als wenn man ihr ſelbſt die gröbſte Beleidigung angethan hätte.„Ich werde es von Nie⸗ mand dulden, daß er meine Schweſter verunglimpft, die gewiß keinem Menſchen Urſache zur Klage gibt, am allerwenigſten Ihnen, mein Herr.“ „Sie mißverſtehen mich“, entgegnete Gerhard, der Lizzie's Entrüſtung wohl verſtand und Gefallen daran finden mußte.„Von einer Klage kann gar nicht die Rede ſein. Ich hätte gewünſcht, daß Sie in mir nur den treuen Warner erkennen.“ „Vor einer Gefahr warnen, die nicht beſteht, nicht beſtehen kann, iſt zum mindeſten überflüſſig, in dieſem ſpeciellen Falle aber geradezu eine Beleidigung.“ Es war jetzt nichts mehr von dem kindiſchen Mäd⸗ chen in Lizzie's Erſcheinung, ſogar die holde Röthe der verletten Scham war wieder gewichen. Sie hatte 184 ſich ſtolz aufgerichtet, ihr graues Auge ſchien an Größe und dunkler Färbung gewonnen zu haben und blitzte muthig und kampfbereit Gerhard entgegen, der das freiwillig übernommene Amt jetzt ziemlich ſchwer fand. Ich hätte einige Präludien vorausſchicken ſollen“, ſagte er,„oder wenigſtens anders beginnen, ich ſehe es ſchon. Sie wollen von mir durchaus einen feind⸗ lichen Angriff vorausſetzen, obwohl ich meines Wiſſens Ihnen noch keine Veranlaſſung dazu gab. Sie ſind ein junges Mädchen, Miß Lizzie, ich bin ein Mann, der manches Jahr, manche Erfahrung hinter ſich hat. Was Ihnen noch unerhört erſcheint, habe ich vielleicht ſchon mehr als einmal mit eigenen Augen geſehen. Ich kenne die Gefahren, die eine Frau bedrohen, und wenn ich warne, meine ich es ſicher ehrlich. An eine Beleidigung denke ich nicht. Auch bin nicht ich es, der ein Urtheil über das Benehmen Ihrer Schweſter oder auch nur die geringſte ihrem Rufe nachtheilige Vermuthung ausſpricht. Ich wollte nur ſagen, daß es vielleicht doch gut wäre, jedes Wort, jede Bewegung, jedes Lächeln ſorgſamer zu überwachen, damit nicht Leute wie Frau von Rüderich Veranlaſſung erhalten, allerlei Combinationen zu machen und ihnen offen Aus⸗ druck zu verleihen.“ 185 „O dieſe abſcheuliche Frau!“ rief Lizzie, indem ſie grimmig die kleine Fauſt ballte.„Was will ſie? Ich kann ſie nicht ausſtehen, und wenn ſie ſich ſolche Dinge erlaubt, werde ich's Davy ſagen, daß er ſie zur Rede ſtellt und ſich mit ihrem Manne ſchlägt.“ „Und was glauben Sie, daß dabei gewonnen wäre? Halten Sie diesmal Erörterungen mehr am Platze als unlängſt, wo Sie Ihres Schwagers Ein⸗ mengung nur darum vermieden wünſchten, damit Ihre Mutter nichts erführe und Ihnen eine kleine Straf⸗ predigt erſpart bleibe? Ich fürchte, daß die Folgen dies⸗ mal weit ernſter wären. Das Benehmen Ihrer Schweſter, ich muß es mit Bedauern geſtehen, war nicht immer ſo, daß jede Verleumdung dadurch ausgeſchloſſen wäre. Erinnern Sie ſich nur ſelbſt einmal an jenen Abend, wo Graf Hilmersdorf in ihrem Schuh tanzte. Würden Sie Ihren Schuh hergegeben haben?“ „Warum nicht, wenn es mir beliebte?“ „Nun wohl, Sie ſprechen im Trotze. Aber auch, wenn Sie's thäten, hätte das gar keine Conſequenz. Man würde ſagen: Sie ſind ein Kind. Ja gewiß, empören Sie ſich immerhin, das würde man ſagen: ein liebes, herziges, unüberlegtes Kind. Aber Ihre Schweſter iſt nicht in gleicher Lage. Sie iſt Frau und damit hat ſie gewiſſe Pflichten übernommen, gewiſſe 1 b 45 8 — 186 Rückſichten zu beobachten, die ſie ihrem Manne ſchul⸗ dig iſt.“ „Und hat der Mann keine zu beobachten?“ fiel Lizzie raſch ein.„Wenn er ſeiner Frau Veranlaſſung gibt, ungehalten zu ſein—“ „So berechtigt das ſie keineswegs, ſich auf ſolche Weiſe Revanche zu nehmen. Uebrigens ſind das Ver⸗ hältniſſe, in die ich keinen Einblick habe und auch kei⸗ nen verlange. Ich will mich ja nicht zum Schieds⸗ richter aufwerfen, ſondern nur warnen, ſelbſt nicht warnen vor einem Irrthum— ſchon das wäre Ver⸗ meſſenheit— blos vor übler Nachrede. Für eine Frau iſt es nicht genug, rein zu ſein, ſie muß es auch ſchei⸗ nen. Werden Sie die Güte haben, Miß Lizzie, dieſe Warnung Ihrer Schweſter mitzutheilen?“ Lizzie ſchüttelte erregt den Kopf. „Warnen Sie Molly ſelber“, ſagte ſie ſcharf.„Ich habe ihr nichts vorzuwerfen und wüßte wahrlich nicht, wie ich das Wort hervorbringen ſollte, ohne meine Schweſter unverſöhnlich zu erzürnen. Es iſt abſcheu⸗ lich, ſolche Zumuthungen zu machen. Ich ſehe dieſe häßliche Frau nie mehr an. O, ich habe mir Schrift⸗ ſteller immer ganz anders vorgeſtellt— von jetzt an werde ich nicht halb ſo gern mehr leſen.“ „Wollen Sie auch keine Taſte mehr berühren, weil 187 der Erbauer des Inſtruments vielleicht ein Trunken⸗ bold war? Doch noch einmal— ich bitte Sie inſtändigſt, mit Ihrer Schweſter zu ſprechen. Ich habe noch nicht drei Dutzend Worte mit ihr gewechſelt, es würde mir ſehr ſchwer, mit ihr darüber zu verhandeln, und doch weiß ich mit Beſtimmtheit, daß ſie, was ich that, als einen wichtigen Dienſt annehmen wird.“ „Eben darum gehen Sie ſelbſt“, verſetzte Lizzie herb.„Sie werfen ſich ja nicht ungern zum Verthei⸗ diger auf.“ „Miß Lizzie!“ unterbrach ſie Gerhard ſtolz. Sie ſchlug vor ſeinem Blick die Augen nieder, erhob ſie jedoch ſogleich und hielt ſie mit Anſtrengung auf die ſeinen geheftet, um zu zeigen, daß ſie ſich nicht ein— ſchüchtern laſſe. „Sie haben es ungebeten gethan“, ſagte ſie mit einer Haſt, als ob ſie fürchte, die Worte wieder zu— rücknehmen zu müſſen, ehe ſie geſprochen waren.„Ich habe Sie nur erſucht, mir eine andere Nachbarſchaft bei Tiſch zu beſorgen, Sie haben ſtatt deſſen alle Welt alarmirt. Es gibt Menſchen, die nicht ohne Geräuſch gehen oder etwas anfaſſen können.“ „Es thut mir leid, wenn ich zu dieſen gehöre. Ich habe gethan, was ich konnte. Wenn Sie aber meinen, daß ſich Menſchen ſo leicht beiſeite ſetzen 188 laſſen wie Stühle, ſo beweiſt das nur, daß Ihnen das Glück beſchieden war, im Leben noch keine unan⸗ genehmen Erfahrungen gemacht zu haben. Sie hätten es leicht übler treffen können. Nicht Jeder hätte ſich ſo leicht gefügt wie Herr von Kuruſoff.“ „Möglich, dann aber hätte ich mich ſelbſt von ſeiner Nähe zu befreien gewußt, keinesfalls wäre erſt eine Forderung nöthig geweſen. Ganz abgeſehen von dem Aufſehen, das ein Duell erregen mußte, hätten Sie bedenken ſollen, welche Empfindungen mir daraus erwachſen wären, wenn ich mir ſagen mußte, daß ich durch meine unbedachte Bitte Ihr Leben oder wenig⸗ ſtens Ihre Geſundheit einer Gefahr ausgeſetzt. Glauben Sie denn, daß mir darüber irgend ein Gefühl eitlen Triumphs hinweggeholfen hätte?“ Lizzie's Blick hatte ſich wieder auf die Illuſtratio⸗ nen geſenkt. Verwirrung und Entrüſtung miſchten ſich in ihren Worten in ſo reizender Weiſe, daß ſich Gerhard unwillkürlich geſtand, ein ebenſo intereſſantes als hüb⸗ ſches Mädchen vor ſich zu haben, das, halb Kind, halb Jungfrau, gerade in der friſchen Unmittelbarkeit ihrer Empfindungen und deren überraſchenden Uebergängen zur Aeußerung einen nicht gewöhnlichen Eindruck machte. Zurückgehalten durch eine gewiſſe, bei aller Natürlichkeit und Lebhaftigkeit ſich dennoch geltend ma⸗ —— 189 chende Würde, fühlte er ſich doch wieder zu herzlicher, wahrhaft brüderlicher Vertraulichkeit hingezogen, wenn ihre offene Weiſe ſeine Lachluſt wachrief oder im Ge⸗ gentheile ſein Gemüth bewegte. Das Letztere war jetzt der Fall; er empfand wohl⸗ thuend durch den zürnenden Ton ihrer Worte die ei⸗ gentliche Quelle und fühlte ſich durch die unwillkürlich verrathene Theilnahme zu Dank verpflichtet. „Es iſt lieb von Ihnen, Lizzie“, ſagte er,„daß Sie gerade mir Ihre Beſorgniß zuwenden, wo die Ge⸗ fahr für meinen Gegner zum mindeſten die gleiche war, Sie ſich alſo nicht auf eine allgemein humane Regung berufen können. Sie ſpenden damit Balſam für die vorangegangenen Vorwürfe. Ich habe auf das Eine ebenſo wenig gerechnet wie auf das Andere, denn wie konnte ich ahnen, daß Sie von der Art der Unter⸗ handlungen etwas erfuhren, durch welche das gewünſchte Reſultat erreicht wurde!“ „Wenn Sie den Vorgang geheim halten wollten, durften Sie Graf Hilmersdorf nicht ins Vertrauen ziehen.“ „Das habe ich auch nicht gethan und es iſt ſo⸗ gar eine Unzukömmlichkeit, daß er aus der Schule ge⸗ plaudert hat.“ „Schön! Und ich ſollte alſo gar nicht erfahren, ——————— 190 wenn man, ich weiß nicht welche Gewaltthaten vor⸗ hat, um mir Unannehmlichkeiten zu bereiten.“ „Unannehmlichkeiten? Ihnen?“ „Denken Sie denn, es ſei mir ein Vergnügen geweſen, die Entſchuldigungen und Abbitten dieſes Men⸗ ſchen mit anhören zu müſſen? Ich hatte Sie gebeten, ihn zu delogiren, um nicht mehr zum Verkehr mit ihm gezwungen zu ſein, und nun ſchicken Sie ihn eigens zu mir und legen mir auf, ſeine widerlichen Unwahr⸗ heiten für baare Münze anzunehmen und ihm wenig⸗ ſtens ſcheinbar Glauben zu ſchenken. Ich haſſe die Lüge und Verſtellung und danke es denjenigen nicht, die mich dazu zwingen. Ich habe die Abbitte nicht gewünſcht, noch weniger verlangt, ſie hat mich verletzt und Dank ernten Sie keinen dafür.“ „Ich habe nicht darauf gezählt“, erwiderte Ger⸗ hard kühl auf die flammende Rede.„Ich wollte mir aus der Abbitte kein beſonderes Verdienſt ma⸗ chen, ich konnte ſie Ihnen nur nicht erſparen; das iſt Alles.“ „Und warum nicht?“ „Richtig, das konnte Ihnen Graf Hilmersdorf nicht ſagen, weil er es ſelbſt nicht wußte. Es mag Ihnen genügen, daß der Ruſſe Anſchuldigungen fallen ließ, die mit dem größten Ernſt zurückgewieſen werden 191 mußten, wenn ich durch meine Unſicherheit der Ver⸗ leumdung nicht ſelber Breſche öffnen wollte.“ „Und reichte es nicht aus, wenn Sie ihn zur Rede ſtellten?“ „Sie waren die Beleidigte. Ich durfte die Bos⸗ heit ruhig hinnehmen, für mich lag höchſtens eine Schmeichelei darin. Ließ ich es aber hingehen, ſo hätte ich damit ein Zugeſtändniß gemacht.“ „Was ſagte er?“ fragte Lizzie ſcharf. Gerhard aber zuckte ſtatt jeder Antwort nur leiſe die Achſeln. Die Bewegung ſagte ihr genug, ſie wandte ihren Blick raſch ab. Die reizendſte Verwirrung malte ſich auf ihrem Geſichtchen. Ihre Finger blätterten nervös in dem Journale. „Darf ich jetzt hoffen“, fragte Gerhard nach einer kleinen Weile,„daß Sie mir die Unannehmlichkeit, welche Ihnen die Abbitte bereitet, wenigſtens vergeben?“ „Sie hätten die Veranlaſſung vermeiden können“, brachte ſie haſtig mit gepreßter Stimme hervor und wandte ſich zugleich mit raſchen Schritten der Thür zu. Noch ehe ſie dieſelbe erreichte, war Gerhard an ihrer Seite. 3 „O bitte, gehen Sie nicht ſo“, ſagte er, die Hand vorſtreckend, um Lizzie am Oeffnen der Thür zu hin⸗ dern.„Ich kann es nicht haben, daß Sie böſe ſind. —— Laſſen Sie uns die Stunden wieder aufnehmen, die Muſik wird Ihre Erregung ſänftigen. Ich will Ihnen alle möglichen Fehler zugeſtehen, deren Sie mich an⸗ klagen wollen. Kommen Sie, ſingen Sie noch ein wenig.“ „Ich will nicht! Ich habe es Ihnen ſchon geſagt.“ „Nun gut, alſo morgen“, erwiderte Gerhard zu⸗ rücktretend. Die ſchroffe Zurückweiſung ſeiner gutmü⸗ thig dargebotenen Hand hatte ihn verletzt. Er dachte: „Laß ſie, ſie iſt doch ein verzogenes Kind!“ Dennoch erſtaunte er, als er zur Antwort erhielt:„Nein, auch morgen nicht. Ich will Sie Ihrer koſtbaren Zeit nicht berauben. Sie haben dieſelbe vielleicht talentvollern, dankbarern Schülerinnen entzogen. Ihren Auftrag kann ich, wie geſagt, nicht übernehmen, ich möchte Sie nur bitten, ſich hier nicht abermals zu weit hinreißen zu laſſen. Graf Hilmersdorf würde vielleicht weniger nach⸗ giebig und ein Duell in dieſem Falle wohl keine Ehren⸗ rettung ſein. Meine Schweſter und ich, wir verzichten auf Ihren Schutz und Ihren Degen. Bewahren Sie denſelben für Fälle, die wichtiger ſind, und fir d Damen, die Ihnen näher ſtehen.“ Gerhard war von dieſen Worten einigermaßen be⸗ troffen und bemerkte nicht, wie Lizzie ihre Augen ſchloß, um eine Thräne zu zerdrücken, die ihr die Erregung, 493 der Verdruß wider Willen erpreßt hatten. Die Hin⸗ deutung war klar genug, ſodaß Gerhard nicht zweifeln konnte, worauf ſie zielte. Er empfand eine lebbafte Beſchämung, denn die Erinnerung an jenen Abend tauchte in ihm auf, wo er, ſo raſch aus ſeiner kurz zuvor an⸗ genommenen Beſchützerrolle fallend, Lizzie verlaſſen hatte, um ſich Adrienne und ihrer Schweſter anzuſchließen. Hatte Lizzie nicht eigentlich Recht, ſeinen Schutz zu⸗ rückzuweiſen? Er ſuchte verſöhnlich ihre Hand zu faſſen, ſie aber entzog ihm dieſelbe raſch, er konnte nicht entſcheiden, ob aus Widerwillen, oder blos weil ſich im ſelben Momente die Thür öffnete, an der ſie ſtanden, und Frau von Rüderich auf der Schwelle erſchien. „O, o, mille pardons, wenn ich geſtört habe!“ rief die ſo unerwartet Hinzugekommene und ſetzte, ihr Lorgnon an die Augen führend, mit widerlichem Lä⸗ cheln hinzu:„Ich kann mich ja wieder entfernen, wenn mein Erſcheinen etwa unangenehm iſt.“ Die überall Romanſtoff witternde Schriftſtellerin hatte ſogleich ihre Schlüſſe gezogen, zu welchen ſie aller⸗ dings die Gruppe, welche ſie antraf, Gerhard's erregte Miene, das raſch die Farbe wechſelnde Antlitz Lizzie's und ihr noch thränenfeuchtes Auge zu berechtigen ſchien. Auch ein Beobachter, der ſich weniger auf ſeinen Scharf⸗ Byr, Nomaden. II. 13 A2— 194 blick zu gute gethan, hätte, von der Situation getäuſcht, an eine ſtattgehabte Liebesſcene geglaubt. Die beiden Betheiligten hatten das richtige Gefühl davon, was eben nicht geeignet war, ihre Befangenheit zu vermin⸗ dern. Gerhard fand zuerſt das Wort. „Nicht doch“, ſagte er, raſch eine Ausflucht ergrei⸗ fend.„Wenn Sie vielleicht bei dem Fräulein bleiben wollten, bis ich ein Glas Waſſer gebracht. Miß Lizzie fühlt ſich unwohl.“ „Ah, eine Nervenverſtimmung“, bemerkte Frau von Rüderich.„Gehen Sie nur raſch. Ich kenne das.“ Lizzie aber machte eine abwehrende Bewegung. „Ich kann ſelbſt gehen“, ſagte ſie, durch einen Blick andeutend, daß ſie nur warte, bis Frau von Rüderich ihr Raum gegeben. Dieſe trat nun aller— dings über die Schwelle, doch blieb ſie vor der Thür ſtehen. „Ach, meine Liebe“, widerſprach ſie,„Sie kön⸗ nen doch nicht in dieſer Aufregung fort und über den Corridor? Wenn man Sie ſähe! Kommen Sie, er⸗ holen Sie ſich erſt. Die Muſik greift ſo ſehr an, ich kenne das.“ Sie kicherte dabei in ihrer gewöhnlichen Weiſe, die ihr das Ausſehen eines weiblichen Fauns gab. Dann machte ſie eine Bewegung, als wolle ſie Lizzie beſänftigend die Wange ſtreicheln; das Mädchen 195 aber bog ſich mit einer Geberde des Abſcheus zur Seite und ſchlüpfte haſtig zur freigewordenen Thür hinaus. „Ah, die kleine Eidechſe!“ nahm darauf Frau von Rüderich wieder das Wort.„Ich habe Sie ſtark im Verdacht, Strandau, daß Sie die Kleine zu zähmen verſuchten. Hehe! Darum ſchienen Sie geſtern ſo un⸗ gehalten, als ich meine Bemerkungen über die ältere Schweſter machte. Ich habe es ganz gut bemerkt. Es war klug von Ihnen und dem Grafen Felix, daß Sie ſich ſo hübſch theilten. Sagte ich nicht, Sie würden mir ein Kapitel für meinen nächſten Roman liefern? Hehe, nun hätten wir ſogar ſchon das zweite: Eine Muſikſtunde.“ „So dürfte Ihr Roman ſchließlich doch aus lau⸗ ter ſelbſterfundenen Kapiteln beſtehen“, entgegnete Ger⸗ hard, der den Redefluß nicht früher zu unterbrechen vermochte, in trockenem Tone.„Sie ſind, wie ich mir zu bemerken erlaube, im vollkommenſten Irrthum.“ „Natürlich, natürlich, Beſter! Darüber ſind wir einig. Ein muſikaliſcher Streit, wie das ſo vorkommt, zwiſchen Meiſter und Schülerin. Ich hörte von Ihren Morgenlectionen, und da ich eine große Freundin von Muſik bin, kam ich auf die Idee, einmal zuzuhören. Ich kam zur unrechten Zeit, wie es ſcheint. Eine Con 13* 196 troverſe, ein allzu ſtrenges Urtheil über den Anſatz, eine ſpitze Bemerkung über das Portamento, Auflehnung gegen die Auffaſſung des Meiſters, wie das Alles ſo zu kommen pflegt, nicht wahr? „Sie ſpotten mit Unrecht“, entgegnete Gerhard ärgerlich.„Es war in der That ein ernſter Wort⸗ wechſel.“ „So? Vielleicht eine kleine Eiferſuchtsſcene?“ warf Frau von Rüderich lauernd mit halbem Lächeln hin. Gerhard fühlte ſich von dieſer Bemerkung ſonder⸗ bar betroffen, ſchob aber den Gedanken unwillig und beſchämt darüber, daß er ihn auch nur einen Augen⸗ blick zu hegen vermocht, ſogleich beiſeite. „Miß Lizzie hat mir die Lectionen gekündigt“, ſagte er. „Sie Ihnen? Sonderbar— hehe! Und darüber ſind Sie aus rein künſtleriſchen Urſachen troſtlos? Vor⸗ trefflich! Da kann ich Ihnen einen Ausweg angeben. Setzen Sie die Stunden mit mir fort. Ich liebe, wie geſagt, die Muſik ſehr und ſinge auch, wie man mir verſichert, nicht ganz ſchlecht. Herr von Rüderich macht mir ſogar jetzt noch Complimente über meine Stimme. Ihr muſtkaliſches Intereſſe wird, wie ich hoffe, nicht zu kurz kommen.“ — 197 Gerhard ſah ſich einigermaßen in der Klemme. Es iſt doch ſchwer, einer Dame zu ſagen, daß man ſie unausſtehlich findet, und ſelbſt wenn man es übers Herz brächte, würde ſie's nicht glauben, ſondern der Aeußerung ganz andere Motive unterſchieben als das einfache wirklich vorhandene Gefühl. Mit dieſer Frau ſich ans Klavier ſetzen, eher hätte er die Muſik auf ewig verſchworen und lieber taub werden mögen, als den Geſang dieſer Stimme mit anhören, die vielleicht nicht übel war, obgleich er ſich das nach dem ge⸗ wöhnlichen Redeton nicht recht vorzuſtellen vermochte. Andererſeits ſah Gerhard ganz gut, daß eine Wei⸗ gerung nur ihrem Spott und ihrer Verleum⸗ dung die Schleußen öffnen müſſe. Indeß er noch ſchwankte, enthob ihn Frau von Riüdderich ſelbſt jeder Antwort. „Ich will Sie nicht auf eine ſo harte Probe ſtellen“, fuhr ſie hämiſch lachend fort und ſah ihm ganz aus der Nähe durchs Lorgnon ins Auge.„Ich begreife, daß ſolche Muſikſtunden nicht anders als für gutes Honorar gegeben werden, und ich wäre wohl kaum im Stande, daſſelbe zu leiſten. Dazu gehören achtzehn Jahre und ein ſüßer, ſchwellender Mund— zum Sin— gen natürlich.“ „Ich wiederhole Ihnen, gnädige Frau“, fiel Ger⸗ 198 hard empört ein,„daß Sie ſich im vollſtändigſten Irr⸗ thum befinden!“ „Im Irrthum, ich? Mein lieber Strandau, geben Sie ſich keine Mühe, ich weiß, was ich weiß. Ich ſehen ſo klar in Ihren Gedanken wie in denen der beiden Schweſtern und in denen des Grafen. Ein Mädchen, das mit einem Liebhaber ſchmollt, ein junger Mann, der nicht übermäßig gewiſſenhaft iſt und ſich eine Roſe für ſein Knopfloch bricht, wo er ſie findet, eine Frau, die ihren Mann zur Rolle des Königs Menelaus ver⸗ urtheilt— ich kenne das.“ „Auch das Letztere? Fürwahr, Sie überraſchen mich durch dies Geſtändniß“, fuhr nun Gerhard ſeinerſeits mit beißendem Sarkasmus heraus. Das Geſicht der würdigen Dame verlängerte ſich auf einmal ungemein und mit einem Ton, der einen Eisberg zwiſchen ſie und Gerhard zu ſchieben ſchien, fragte ſie:„Wie mei⸗ nen Sie das, mein Herr?“ „Nun“, lenkte Gerhard, der weit genug gegangen zu ſein glaubte, ein,„ich denke, daß eine Dame eben nicht Alles kennen darf. Gewiſſe Dinge müſſen ihr fremd bleiben und ich denke, dazu gehören wohl auch we⸗ nigſtens die beiden letzten von Ihnen erwähnten In⸗ dividualitäten. Sie werden zugeben, daß Ihr Urtheil Sie zuweilen täuſchen kann; ſie müſſen dies gerade in 199 dieſem ſpeciellen Fall zugeben, denn Sie glauben nur Alles zu kennen, wirklich Alles zu kennen, dürfen Sie ſich ſelber nicht zumuthen.“ Gerhard hatte ſehr nachdrücklich und beſonders im Schlußſatze ſcharf pointirt geſprochen. Frau von Rü⸗ derich, die, während er redete, den Mund hochmüthig eingekniffen hatte, warf den Kopf zurück. „Sie vergeſſen“, verſetzte ſie ſelbſtbewußt,„daß wir Autoren kein Geſchlecht haben.“ Wäre Gerhard nicht ſo mißſtimmt geweſen, er hätte lachen müſſen, ſo aber verbeugte er ſich nur tief. „Darauf, Madame“, ſagte er glatt,„hat ſchon Napoleon geantwortet, übrigens werden nicht alle Schriftſtellerinnen in Coppet ruhen.“ Welchen Effect dieſe Worte machten, konnte er nicht mehr wahrnehmen, da er den Salon verließ und ſich auf ſein Zimmer begab. Es kam ihm ſonderbar vor, daß er nun ſchon zum zweiten Male zum Verthei⸗ diger Lizzie's geworden war, ohne daß er ſich doch um dieſe Aufgabe eigens beworben hätte. Das Schickſal ſchien ihn einmal necken zu wollen und ſchob ihm wieder und wieder den Degen in die Hand, auf deſſen Schutz Lizzie doch ſo kränkend verzichtet hatte. Durfte er aber auf die Worte eines launenhaften Kindes achten? So wenig er zu Verdächtigungen ſchweigen konnte, die leicht zu weit führenden Eifer nicht mißverſtehen. 200 Lizzie verunglimpften, eben ſo wenig mochte er, pge⸗ ſchreckt von ihrer heftigen Zurückweiſung, mit gleich⸗ gültigem Achſelzucken einen Entſchluß zurücknehmen, den er wohl erwogen und mehr zur Beruhigung ſeines Freundſchaftsgefühls gegen Lesley 1 Rückſicht auf die ihm ferner ſtehenden Frauen gefaßk.* Eine mündliche Beſprechung mit Mrs. Lesley ſchien ihm nicht ganz leicht herbeizuführen, außer vor allen Leuten, die dann auch das plötzliche Erröthen und viel⸗ leicht noch manch anderes verdächtigende Zeichen ſehen und deuten würden, wenn er der jungen Frau ſeine Warnung zuflüſterte. Wenn ſie unſchuldig war wie ein Engel, mußten ihr Scham und Entrüſtung über ſolche Anſchuldigung das Blut ins Antlitz treiben. Wie ſollte er zudem mit der Einkleidung deſſen, was er ſagen wollte, zu Stande kommen, da es ihm ſchon bei der Schweſter ſo ſchlecht geglückt war? Er beſchloß zu ſchreiben; es wurde ihm auch das nicht leicht, bis er endlich Alles in wenige Worte zuſammendrängte und auf jeden Commentar Verzicht leiſtete. Das Billet, in engliſcher Sprache abgefaßt, lautete ins Deutſche überſetzt: „Madame! Möchten Sie meine gute Abſicht und meinen viel⸗ — 4 201 Im Intereſſe Ihrer ſelbſt wie Ihres Gatten halte ich es für Pflicht, Sie davon zu verſtändigen, daß eine böswillige Verleumdung es gewagt, Ihren Ramen mit dem des Grafen Hilmersdorf in ehrenrüh⸗ e Verbindung zu bringen. Der ſichere Takt und das Fängefühl, die jeder Dame von Geiſt und Bil⸗ dung eigen zu ſein pflegen, werden Sie gewiß das Richtige erkennen laſſen, dieſe Stimmen zum Schwei⸗ gen zu bringen oder ihnen doch Anlaß zum erneuten Lautwerden zu nehmen, ehe noch ein Schatten die Ruhe Ihres Gatten trübt.“ Nach einigem Zögern unterzeichnete er mit ſeinem vollen Namen. Er wollte nicht als hämiſcher anony⸗ mer Warner erſcheinen, zudem hätte ja Lizzie ſein In⸗ cognito leicht aufdecken können. Er ſiegelte und über⸗ gab das Billet dem Stubenmädchen zur Beſtellung. Ende des zweiten Bandes. Druck von R. Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — ręy Corurol Shart Green vellow Hed Magenta