— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 vfeadh ne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ———A 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 7 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 9 beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 dr 1 Mk.— Pf. 4 „ 3 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ lund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Immer Ddieſe Fahrläſſigkeiten!“ So fragte ein etwas verwittert ausſehender, nicht mehr ganz junger Mann den Portier des Bahnhofs von Lauſanne, und die zwar noch höfliche, aber unge⸗ duldige Antwort:„Je vous dis encore une fois que le signal a été donné,“ verrieth, daß die Frage ſchon einigemal wiederholt worden war. Derjenige, welcher ſie geſtellt, ſchien nur halb be⸗ friedigt und that wieder einen Blick auf die ziemlich große, altväteriſche, goldene Cylinderuhr, die er an einer Kette aus Menſchenhaaren um den Hals trug. Byr, Nomaden. I. 1 —— ——— Er zeigte eine nervöſe Unruhe und ſchritt raſch auf dem Perron hin, der ſich ſchon anſehnlich mit Reiſenden gefüllt hatte, welche gleich ihm den Zug zu erwarten ſchienen und ſich mit Schachteln und Handſäcken zu thun machten. Ein leiſes ironiſches Lächeln hob ſeinen rechten Mundwinkel und mit dieſem die Spitze ſeines rothen Schnurrbartes, als er an einer Familie vorüberſchritt, deren fünf jüngere Glieder mit ſogenanntem Handge⸗ päck wie Maulthiere beladen waren, während die dicke Mama einen Rieſenkorb mit prachtvollen Weintrauben ſchleppte, von denen ſie immer wieder eine Beere naſchte. Der ſpöttiſche Beobachter zuckte die hagern Schultern und murmelte etwas zwiſchen den ſchadhaften Zähnen, was beinahe wie„Packeſel!“ klang. Ob nun die wür— dige traubeneſſende Dame etwas davon gehört oder den Sinn blos errathen hatte, ſie maß den Betreffenden mit keineswegs günſtigen Augen und erwiderte inner⸗ lich ſeine Bemerkung wahrſcheinlich mit einer nicht viel ſchmeichelhaftern. Seine Erſcheinung konnte in der That zu allerlei Vermuthungen über ſeinen Charakter Anlaß geben. Der unmoderne flaſchengrüne, etwas abgeſchabte Rock, der Hemdkragen, der von ſeiner tadelloſen Weiße und Glätte ſchon ein wenig eingebüßt hatte, die derben gefetteten 3 Schuhe und der von Schweiß und Regen arg zugerichtete Hut zeigten von einer cyniſchen Gleichgültigkeit gegen das 1 Aeußere. Das ſchmale Geſicht trug eine ſtark gallige Färbung, deren Reiz durch das helle Roth des Haares und Bartes nicht ſonderlich gewann. Der letztere zog ſich um Mund und Kinn und endete unter dieſem wie ein breit abgeſchnittener Reisbeſen. Das Intereſ⸗ ſanteſte an dem Manne waren die Augen, deren tief⸗ grüne Pupille zu Zeiten ſehr groß und leuchtend er⸗ ſchien; ihr Blick verrieth ſcharfen Verſtand, wiewohl er ein wenig unruhig umherfuhr und gleich den eckigen und haſtigen Bewegungen ſeiner langen Arme und der ebenſo geformten, ſonnverbrannten Hände auf eine gewiſſe vertrackte Eigenthümlichkeit des Weſens ſchließen ließ. Der Beſitzer dieſes im Ganzen wenig einnehmenden Aeußern ſtreifte mit einem ſarkaſtiſchen Blicke eine Gruppe rührender Gattenliebe am Ende des Perrons; es war beinahe etwas wie Schadenfreude in ſeinen Zügen über den nur mit Mühe verhehlten Schmerz in dem bleichen Antlitz des Mannes, den Frau und Knäb⸗ p lein weinend umſchlungen hielten im Bangen des Ab⸗ ſchieds. Der rothe Schnurrbart zuckte wieder, und ſich gewiſſermaßen mit innerer Befriedigung über ſein Alleinſtehen in die Bruſt werfend, ſchritt der Hagere 1* weiter, zog gleich darauf wieder die Uhr und wollte eben neuerdings auf den Portier zutreten, als die Glocke angeſchlagen wurde. Lebhafte Bewegung kam auf das Zeichen in alle Gruppen. Die Wartenden ſprangen von ihren Sitzen, griffen nach ihrem Gepäcke, drängten hierhin, dorthin durcheinander, die meiſten dem Zuge entgegen, der lang⸗ ſam in die Halle hereinfuhr, als kämen ſie ſo früher an ihre Plätze, während der eigenſinnige Maſchiniſt doch wie zum Hohne die Waggons an den Ungeduldigen vorüberführte und dieſe nun wieder zur Umkehr zwang. Auch der Rothbärtige befand ſich unter den letztern; er ſchien aber nicht ſo ſehr Eile mit dem Einſteigen zu haben, ſein Blick lief vielmehr muſternd an den Coupefenſtern hin, unzufrieden darüber, keinem bekann⸗ ten Geſicht zu begegnen. Der Zug hielt endlich.„Lausanne! Dix minutes d'arrêt!« gellte es wenigſtens ein halb Dutzendmal aus dem Munde der Conducteure, die Thüren flogen ſchallend auf und das Gedränge der Aus⸗ und Einſteigenden ver⸗ hinderte auf einige Minuten jeden Ueberblick. Eine Wolke des Unmuths hatte ſich auf dem galligen Antlitz des in ſeiner Erwartung Getäuſchten geſammelt, die nur von einem Zlitze der Augen erleuchtet, nicht aber eigentlich aufgehellt wurde, als ſich plötzlich durch —————— — 5 das Gewühl eine Hand hindurchſtreckte und eine den Lärm übertönende Stimme lauten Gruß bot. „Grüß' Gott, grüß' Gott, Streicher! Schön, daß Du hier biſt! Das iſt recht!“ Der Angerufene antwortete nicht, ſondern ſtreckte nur halb die linke Hand, die einen derben Stock hielt, entgegen; es waren eigentlich nur zwei Finger, die der ſo eben Angekommene erhielt. In der Rechten wies er demſelben die Uhr hin. „Schon fünf Uhr!“ ſagte er, nicht froſtig, aber unmuthig.„Neunzehn Minuten Verſpätung!“ „Ja, dafür kann ich doch nichts!“ lachte der Andere, indem er noch immer kräftig die zwei Finger ſchüttelte.„Stecke immerhin Deinen altehrwürdigen Chronometer ein, wer weiß, ob—“ „Meine Uhr geht ganz genau, ſie iſt alt, aber beſſer als Deine neue.“ Die Unterbrechung war wieder in demſelben ſchar⸗ fen, unmuthigen Tone gegeben, der aber durchaus keine Störung in der guten Laune des Ankömmlings hervor⸗ brachte. „Richtig, richtig— Vergebung! Ich wollte Deine Uhr durchaus nicht beleidigen oder ihre ſchöne Regel⸗ mäßigkeit in Zweifel ziehen. Aber jetzt bitte ich Dich, lieber Zacharias, nimm dieſe Taſche.“ Abermals ſchnitt eine verdrießliche Unterbrechung die heitere Rede ab. „Wie oft ſoll ich Dir denn ſagen, Gerhard, daß ich nicht ſo genannt ſein will? Dieſe Rückſicht könnteſt Du doch für mich haben, aber ſo ſeid Ihr Cgoiſten.“ Statt aller Antwort erſcholl hierauf zuerſt ein helles, wohllautendes Lachen, das die Wolke auf dem Antlitz des Sprechers bedeutend verdichtete, und erſt als dieſer die Bemerkung fallen ließ, er fände ſolch un⸗ motivirtes Gelächter nicht ſonderlich geiſtreich, erwiderte der Zurechtgewieſene, ſich bezwingend: „An Wunderlichkeit wenigſtens haſt Du im letzten Jahre nicht abgenommen. Aber wer kann alle Deine Eigenheiten auch behalten? Du rufſt mich ja ebenfalls beim Taufnamen. Kann ich dafür, daß Dir der Deine nicht gefällt?“ „Bequeme Ausrede das ewige„Kann ich da⸗ für?““ „Ach mein Gott, fange doch nicht gleich wieder zu zanken an! Iſt das Dein ganzer Willkommsgruß? Sage mir jetzt, wo ich mein Gepäck in Empfang nehmen kann.“ „Wozu?“ „Nun, damit ich es aufs Dampfboot bringen laſſe.“ 4 — 7 „Aufs Dampfboot? Warum nicht gar! Was iſt das wieder für ein Einfall? Ich habe ein Retour⸗ billet.“ „Was liegt daran?“ „Was daran liegt?“ ereiferte ſich Streicher, wie er denn ſeinem Wunſche gemäß genannt ſein mag.„Was daran liegt? Ich glaube doch, daß man das Geld nicht ſo zum Fenſter hinauswirft. Mehr als einen Franc!“ „Aber, lieber Freund, ſei doch nicht ſo kleinlich eines Francs wegen. Du fährſt mit mir und die Aus⸗ lage iſt natürlich meine Sache.“ „Als ob es darum weniger zum Fenſter hinausge⸗ worfen wäre!“ murrte Streicher, ſchon ein wenig be⸗ ruhigt.„Aber Ihr wißt nicht, was Geld iſt. Der Be⸗ ſitz erzeugt Egoismus. Man kann nicht Alles kaufen. Wenn Du mir wenigſtens eine Andeutung gegeben hätteſt, daß Du zu Schiffe—“ „Wie kann man denn Alles ſo beſtimmt voraus⸗ ſagen!“ fiel ihm der Freund ins Wort.„Du biſt ja ſelbſt ein Feind alles Sichbindens. Gäbe es ſchlecht Wetter, wie in den letzten Tagen, ſo wäre natürlich die Bahn viel angenehmer. So aber iſt der wunder⸗ vollſte Herbſtabend, der See entzückend blau, wie ich von der Höhe ſah, die Berge ſind klar wie ſelten im Som⸗ mer, und ich ſollte im Coupé eingeſchloſſen bleiben, in⸗ deß, wie ich eben im Waggon hörte, noch ein Schiff nach Montreux geht; das wäre ja Sünde gegen die heilige Natur! Da, halte! Wenn ich nur wüßte, wo das Gepäck— Was ſchreit dort der Alte immerfort? Ah, ich ahne es:„Par ici, messieurs, le débit de baga⸗ ge!“ Ein komiſcher Schäker, wie unverſtändlich er das brüllt. Allons! Ich bin ſogleich zurück.“ „Aber ſoll ich denn bei dem Nachtſacke Schild⸗ wache ſtehen?“ rief Streicher dem Enteilenden nach. Dieſer aber hörte nicht mehr, noch weniger natür⸗ lich das in den Bart gebrummte„Egoiſten!“ dem dann eine Betrachtung über das Ausſehen des Freundes folgte, die mit der genugthuenden Wendung ſchloß: „Geld iſt Geſundheit, ſagt Ovid. Egoiſten ſehen immer gut aus, weil ſie alle Emotionen von ſich fern halten.“ Nach dieſer Definition, die Streicher dem Aeu⸗ ßern nach wenigſtens von allem Egoismus frei ſprach, mußte ſein Freund Gerhard allerdings dieſem„conſer⸗ virenden Laſter“ ſehr ergeben ſein. Obwohl ſchon über die erſte Jugend hinaus, zeigte die ſchlanke und kräf⸗ tige Geſtalt noch die volle Claſticität des ſchönſten Alters. Das volle dunkelbraune Haar und den gleich⸗ farbigen dunkeln Vollbart, der nur an der Unterlippe auffallend heller war, durchzog noch nicht ein einziger —e 4 8— —————————yy ͦͦ 9 Silberfaden. Die kräftig edlen Züge waren etwas bleich, aber das machte nicht den Eindruck der Kränk⸗ lichkeit, ſondern nur der Senſitivität einer empfänglichen Natur. Die moderne Reiſekleidung deutete wie der elegante Nachtſack aus dunkelgrünem Leder freilich auf die Gewohnheit hin, der eigenen Perſon eine gewiſſe Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Dazu ſtimmten auch die feinen, tadelloſen Handſchuhe; wer aber die Ungezwun⸗ genheit der Bewegungen, die Gleichgültigkeit gegen die in Unordnung gerathene, überhaupt ungekünſtelte Friſur, die Achtloſigkeit, mit welcher die hübſche Ledertaſche auf den ſchmuzigen Fußboden gelegt wurde, prüfend zuſammenhielt, mußte die Ueberzeugung gewinnen, daß dieſe Gewohnheit eine eigentlich unbewußte, ſchon in der Erziehung gelegene war, die aus der Unbeſchränkt⸗ heit der Mittel von ſelbſt entſpringt, wenn der ange⸗ borene Sinn für das Schöne nicht immer mit der Sorge zu kämpfen und jede Ausgabe dem Bedürfniß abzuzwingen hat. Das unfreiwillige Wächteramt, das Streicher auf⸗ erlegt war, nahm ihn nicht lange in Anſpruch, denn ſchon nach wenigen Minuten kehrte ſein Freund mit einem Träger zurück, dem der Nachtſack ſammt dem Ge⸗ päckſchein übergeben wurde. Streicher ließ ſeinen Arm nehmen, und plaudernd ſchritten beide hinab gegen den 10 Landungsplatz von Ouchy. wo ſie, ſo ziemlich die Einzigen, das eben anlegende Dampfboot, den„Leman“, betraten. Es befanden ſich auch nur wenige Paſſagiere da⸗ rauf. Die Jahreszeit war für den großen Touriſtenzug doch ſchon ein wenig zu weit vorgerückt. In's Geſpräch vertieft, dachten die beiden Neuangekommenen nicht daran, ihre Mitpaſſagiere einer beſondern Muſterung zu unterziehen. Seit einem Jahre hatten ſie ſich nicht mehr geſehen, dies und jenes wurde erwähnt, der Ver⸗ abredung gedacht, die ſie hier endlich wieder zuſammen⸗ führte, und Streicher erzählte, wie er ſchon am Abend zuvor in Montreux angelangt und ſofort auch für Ger⸗ hard ein Zimmer neben dem ſeinigen beſtellt habe. „Das war gut gethan!“ meinte Streicher's Freund, heiter mit dem Kopfe nickend.„Sie ſind doch bequem und für den Winter eingerichtet?“ „Wer denkt denn an den Winter? Jetzt iſt erſt Herbſt“, rief der Gefragte verwundert aus, erhielt aber keine Antwort, da ſo eben zwei Träger auf dem Schiffe erſchienen, jeder mit einem ziemlich umfangrei⸗ chen Koffer und außerdem noch mit einer Reiſetaſche beladen. Streicher warf eigenthümlich unfreundliche Blicke auf das anſehnliche Gepäck, für welches ſein Freund Platz anwies, und äußerte, nachdem dieſer die 3* 2* 4— ☛‿ —————————„Q 11 Träger abgelohnt hatte, mit unverhohlener Ironie ſeine Verwunderung über ſolche vorſorgliche Reiſevorberei⸗ tungen. „Das iſt ja doch nicht viel, nur was ich noth⸗ wendig brauche“, lautete die Antwort. „Nothwendig? Sehr dehnbarer Begriff, wie ich merke. Der Menſch ſoll frei ſein und mobil. Was nicht in einen Koffer geht, iſt Ueberfluß, der die freie Bewegung hindert.“ Gerhard, wie er der Kürze wegen genannt ſein mag, zuckte die Achſeln. „Ich bin nicht wie Du Bias der all das Seine bei ſich trägt“, ſagte er halb ſcherzhaft, halb unge⸗ duldig und legte dabei ſeinen Ueberrock auf einen Klapp⸗ ſtuhl, der vor der Kajüte des Kapitäns ſtand.„Zu⸗ dem muß man ſich für einen Winteraufenthalt doch anders vorſehen als zu einer Spritzfahrt während der Pfingſtfeiertage.“ „So— ich verſtehe, hm!— oder nein, ich verſtehe eigentlich nicht. Was ſollen dieſe wiederholten Anſpielungen? Willſt Du Dich etwa wie ein Murmel⸗ thier einwühlen und eine Schlafhaube über die Ohren ziehen?“ Gerhard lächelte, aber ſein Antlitz nahm ſogleich einen ernſten Ausdruck an. Er zog den Hut ab und —— ga 12 ſtrich ſich mit dem Taſchentuche über die breite, feſtgewölbte Stirn, auf der die Gewohnheit des Nachdenkens zu leſen war. Wie ein Schatten der Ermüdung glitt es über die blaſſen Züge, die dadurch jedoch nur an Be⸗ deutung gewannen. Selbſt das Auge ſenkte ſich abge⸗ ſpannt und ſchweifte dann, ohne ein Einzelnes zu er⸗ faſſen, über den See hin, den Horizont entlang, bis es endlich träumeriſch an den leiſe verſchleierten Spitzen der fernen Montblancgruppe haften blieb. Man erkannte jetzt, daß der Unterſchied der Jahre zwiſchen den beiden Männern wirklich kein großer war. Hatte der eine das dreißigſte überſchritten, ſo war der andere gewiß noch nicht über das fünfunddreißigſte hinaus. Freilich war Streicher eine jener Erſcheinungen, die zehn, ja fünfzehn Jahre ſpäter noch immer ebenſo ausſehen, die nicht zu altern ſcheinen, weil ſie niemals recht jung geweſen. Es war, als ginge ein leiſer Seufzer über Ger⸗ hard's Lippen.„Siehſt Du“, ſagte er,„manchmal denk ich mir, das Stillſitzen müßte doch auch nicht übel ſein. Ahasverus wird das Wandern wohl auch ſchon ſatt haben.“ „Weil er dazu gezwungen iſt. Nur der frei⸗ willige Entſchluß befriedigt. Aber ich merke es, Du kommſt aus dieſen deutſchen Wäldern, wo jeder Tan⸗ 13 nenbaum Trägheit ausſchwitzt und jede Buche zu un⸗ thätigem Hindämmern einladet. Die Heimat hat's dem deutſchen Jüngling angethan! Was bliebſt Du nicht hinter dem Kachelofen ſitzen? Hätteſt fein ehrſam noch⸗ mals auf die Brautſchau gehen ſollen— nicht weit her— eine ehrliche Blankenburgerin. Wärſt ein treff⸗ licher Hausvater geworden. Die wilden muſikaliſchen Träume, die weltenſtürmenden Compoſitionen könnteſt Du in Wiegenlieder transponiren, und beim entzücken⸗ den Geſchrei Deines durſtigen Erſtgeborenen käme Dir ſicherlich Anregung zur dankenswerthen Förderung des Schul⸗ und Kirchenliedes.“ „Drolliger Menſch!“ verſetzte Gerhard lächelnd. „Hätte ich daheim bleiben wollen, ich wäre nicht hier. Mein Haus iſt vermiethet und ich hielt mich nur etwa vierzehn Tage in Blankenburg auf. Daß mir unſer liebes Thüringen recht ſehr gefiel, in der That recht ſehr, und daß ich recht lebhaft der vergangenen Tage gedenken mußte, ich leugne es gar nicht.“ „Und wohl auch der ſchönen Emilie?“ „Ach laß die, Freund! Ich wollte, ich hätte ſie nicht wieder geſprochen.“ „Wieder geſprochen! Stößt ſie noch mit der Zunge an die Zähne? Ihr einziger Fehler.“ „Auch den hat ſie ſich abgewöhnt“, ſeufzte Gerhard mit ſchelmiſchem, doch auch elegiſchem Lächeln. „Sie mußte eben— ſie hat keine Zähne mehr.“ „Keine Zähne! Emilie keine Zähne? Sie waren doch ihr größter Schatz!“ „Laß, laß dieſen Schatz, Freund! Es iſt wie mit allen Schätzen und Schätzchen, die mit der Zeit kamen und gingen, erwähnen wir ihrer nicht mehr. Man wird alt.“ Streicher machte wieder einen plötzlichen Ruck, als wolle er ſeine ſchmale Bruſt hervordrängen und ſeinen Kopf noch um einen halben Fuß emporſchne llen. „Alt wird, wer an der Scholle anwächſt, die einſt auf ſein Grab gewälzt werden ſoll“, rief er, mit Emphaſe ſeinen Bart ſtreichend.„Jung bleibt, wer die Eindrücke ſich friſch erhält und durch raſchen Wechſel vor dem Erblaſſen bewahrt. Was ſind Jahre?“ „Ich erlaſſe Dir großmüthig die geiſtreiche Auseinanderſetzung“, fiel Gerhard hier ins Wort. „Was Jahre ſind, brauche ich nicht erſt zu wiſſen, fange ich doch ſchon an, ſie zu fühlen. Die unzweifel⸗ hafteſte ihrer Eigenſchaften iſt die erſchreckliche Kürze, die in einer geometriſchen Progreſſion zuzunehmen ſcheint.“ „Ob ich's nicht ſage, die Hypochondrie ent⸗ 15 wickelt ſich mit dem Stillſitzen. Du mußt Dir wieder mehr Bewegung machen.“ „Gern, nur laß mich vorerſt ein wenig in unſerm Winterquartier einwohnen Willſt Du nicht eine Cigarre? Ganz gute Londres!“ Aber Streicher achtete nicht auf das geöffnete Etui und die warme Anempfehlung. Heftig focht er mit den Händen in der Luft herum, und als ſein Freund auf ſeinen überraſchten Ausruf erklärte, er ſehe Mon⸗ treux nicht nur für das vorläufige Reiſeziel, ſondern für den Ruhepunkt an, wo er den ganzen Winter zu verbringen gedenke, da ſchien der ſchwache Geduldfaden vollends zerriſſen und der Unmuth dieſer leicht gereiz— ten galligen Natur ergoß ſich in breitem Strome. „Ich denke, Du biſt nicht bei Sinnen!“ brach er los. Winterquartier! Winterquartierejetzt im Herbſte! Welche Zumuthung! Wie kann man ſich denn für einen Ort entſchließen, ehe man noch das Für und Wider gehörig geprüft hat? Man muß doch erſt ſehen, was ein ſolcher Ort zu bieten vermag. Schon in ſchlechtern geweſen, meinſt Du, o ich ſehe Dir's an den Augen ab, doch iſt das ein vernünftiger Grund, ſich hierher zu ſetzen in dies einſame Neſt?“ „Aber gerade im Winter gibt es da eine Menge Menſchen“, ſuchte Gerhard einzuwerfen. „Als ob es mir um Menſchen zu thun wäre! Aber natürlich, wenn Du nur Deine Unterhaltung findeſt, dann iſt es gleichgültig, ob ich all den langweiligen, bornirten Alltagsgeſichtern gegenüber meinen Appetit einbüße oder dem rauhen Winter aus dem Rhonethal einen Rheumatismus verdanke, den ich nicht mehr aus den Gliedern bringe.“ „Montreux wird ja eigens ſeines milden Klimas wegen aufgeſucht.“ „Lächerlich!“ fuhr Streicher, der ſich durch dieſen neuen Einwurf nicht irre machen ließ, eifrig fort. „Deshalb kann es doch kalte Winde aus dem Rhone⸗ thal geben. Gletſcherwinde müſſen kalt ſein und dann um ſo ſchlimmer, wenn ſie unmittelbar auf unerträg⸗ liche Wärme kommen. Raſcher Temperaturwechſel iſt ſtets ſchädlich. Zudem greift dieſe abſcheuliche Brut⸗ ofenwärme meine Kopfnerven an. Aber darnach fragſt Du nicht. Egoiſten denken immer nur an ſich ſelber.“ „Höre, lieber Freund“, entgegnete Gerhard ernſt⸗ lich erzürnt,„komm mir nicht immer mit dem Egois⸗ mus, wenn wir uns vertragen ſollen. Jeder Menſch hat ſein Loth davon— ich gewiß kein größeres als Du.“ „So! Darf ich bitten, in welcher Hinſicht habe ich denn ſchon meiner Selbſtſucht die Zügel ſchließen laſſen? ——— 14 Ich ſehe, Du beginnſt mit Vorwürfen, wir vertragen uns jetzt ſchon nicht mehr und alſo beſſer, wenn wir als⸗ bald wieder auseinandergehen. Ich habe mich umſonſt auf dieſes Wiederſehen gefreut. Wozu ich thörichter Kerl aus reiner Gefühlsduſelei Dir auch noch entgegen⸗ kommen mußte?“ „Du thateſt es auch nur, um deſto eher wieder zum Streite zu kommen“, entgegnete Gerhard lachend, aber doch mit einem zärtlichen Blick auf den grollen⸗ den Freund, der deutlich ausdrückte, daß der Ausruf nicht, die wahre Meinung bezeichne.„Um aber zu Ende zu kommen— ich gehe ja ſchon mit, wohin Du willſt, es iſt mir gar nichts an Montreux gelegen. Da, wenn Du ſchon ſchelten mußt, nimm eine Cigarre und thue ihr ſo viel Schimpf und Schande an, als Du willſt, ich werde nicht empfindlich ſein.“ Streicher brummte noch immer fort, nahm ſich aber eine von den angebotenen Londres und vergaß beinahe ſie anzuzünden, als ihn der Freund auf zwei Damen aufmerkſam machte, um derentwillen man die ſchon eingezogene Brücke noch einmal ans Land ſchob. Es waren ſelbſt hier, wo das ganze Jahr hindurch Reiſende aus allen Weltgegenden und in allen möglichen Coſtümen ab und zu ſtrömen, auffallende Erſcheinungen. Byr, Nomaden. I. 2 — — — Nicht nur die ungewöhnlich eleganten Toiletten, auch⸗ die Schönheit der beiden Geſtalten mußte Jedermanns Aufmerkſamkeit erregen. Vollkommen von gleicher Größe, ſchienen beide Schweſtern zu ſein. Die Aeltere, etwa in der Mitte der Zwanzig, trug ihre volle üppige Geſtalt mit viel Aplomb, ſie hatte herriſche, beinahe zu gewagte Bewegungen, zu denen ihr rundes ſtolzes Antlitz ſehr gut ſtimmte. Ein paar dunkle, herausfor⸗ dernde Augen ſchoſſen Flammenblicke nach allen Seiten. Sie trug ein bizarres Kleid von ſchwarzem und karmoi⸗ ſinthem Seidenzeug, einen winzigen Strohhut, der vor⸗ trefflich zu dem ſchwarzen aufgethürmten Haar paßte, und führte ein wunderhübſches Knäblein von etwa fünf Jahren an der Hand, das in einen ruſſiſchen Phan⸗ taſieanzug von den gleichen Farben gekleidet war. Ihre vielleicht neunzehnjährige Begleiterin ſah ihr in gewiſſen Zügen ähnlich, auch das Haar war ſchwarz, doch trug ſie es nur in einem Knoten aufgeſchlungen und mit den tiefnächtig glänzenden Enden rückwärts weit über das grüntaffetne Kleid herabwallend, das die ungemein ſchlanke Taille umſchloß. Das Mädchen hatte ein weit zurückhaltenderes, beinahe ſchüchternes Be⸗ nehmen, auch das reizende Oval ihres ſanft gerötheten Geſichts gemahnte an eine erſchreckte Suſanne, wenn man ihre Schweſter einer Judith oder Delila verglei⸗ 19 chen wollte, wie dies Streicher nach der erſten Ueber⸗ raſchung ſofort that. „Ach wie kannſt Du denn gleich ſo ein Urtheil fällen!“ wies ihn Gerhard zurecht.„Du willſt ja ſelbſt, daß man zuerſt prüfe.“ „Ich gebe ſehr viel auf den erſten Eindruck“, wider⸗ ſprach Streicher. „Und weshalb gefällt Dir die Dame nicht?“ „Das habe ich gar nicht geſagt. Im Gegen⸗ theil, mir gefällt ſie recht gut, wenn auch ihre Haare zu maſſenhaft, um nicht gekauft, ihre Augenbrauen zu ſchön gebogen und dicht ſind, um nicht gemalt zu ſein, wenn auch das Feuer dieſes Auges aus dem Tuſchpinſel und dieſe intereſſante Bläſſe aus der Pu⸗ derquaſte ſtammt.“ „Du witterſt wohl auch auf meinem Geſichte Reispulver?“ „Lächerlich! Dergleichen unterſcheide ich auf hun⸗ dert Schritte. Ich denke hinreichende Studien darin gemacht zu haben. Haſt Du Dich nicht oft genug über⸗ zeugt, daß Du zu gut von den Frauen dachteſt? Solchen Erſcheinungen begegnet man in Fülle im Bois de Bou⸗ logne. Nimm Alles nur in Allem—“ „Schon gut— ich gebe ſie Dir in Gottes Namen preis. Die Jüngere aber iſt eine vollendete Schönheit, — —— 20 das wirſt Du doch nicht leugnen. Sieh nur dies zierliche Füßchen, dieſes ſüße ſcheue Auge! Leugneſt Du?“ „Keineswegs, wenn ſie auch das zierliche Füß⸗ chen zu ſehr zeigt und das Auge vielleicht nicht ſo lange ſcheu geſenkt bliebe, ſtünden die langen ſchwar⸗ zen Wimpern nicht ſo reizend und intereſſant. Geh mir mit den Frauen!“ „Ah, Du biſt ein Barbar!“ fuhr Gerhard mit komiſcher Entrüſtung auf, indem er eine dichte Rauchwolke von ſich blies und die Aſche in die Wogen ſtreifte, welche von den endlich in Bewegung geſetzten Radſchaufeln aufgepeitſcht wurden.„Der Luftzug ſcheint den Schönen unangenehm“, fuhr er fort;„es erhebt ſich in der That eine leichte Briſe. Schade, wenn ſie deshalb in die Kabine hinabgingen.“ Die Damen aber, welche ſchon von Anfang an wähleriſch nach einem Platze herumgeſehen, wendeten ſich nicht der Kabinentreppe zu, ſondern kamen ganz knapp an den beiden in der Nähe des Schornſteins ſtehenden Herren vorüber, ſodaß Gerhard unwillkür⸗ lich mit höflicher Bewegung einen Schritt zurücktrat, obwohl Raum genug vorhanden war. Es ſchien gar nicht beachtet zu werden, denn die Jüngere, welche er jetzt in der Nähe mit ſchärfern Blicken muſterte, blickte wieder zu Boden, die Aeltere, wie eine Fürſtin dahin⸗ 21 ſchreitend, ſah gerade vor ſich hin, als gäbe es für ſie Niemand auf dem Schiffe, der ihrer Aufmerkſamkeit werth ſei, und wendete im Gegentheile höchſt ungnädig das Anlitz ab, als ihr eine Rauchwolke von Streicher recht eigentlich unter die Naſe geblaſen ward. Mit ein paar franzöſiſchen Worten wies ſie das Knäblein an, den Klappſtuhl, welchen der Kleine von ihrem frühern Platze mitgenommen, gerade neben jenen zu ſtellen, auf dem Gerhard's Ueberrock lag. Mit einer geſchickten Wendung fegte ſie dieſen wie zufällig herab auf den Boden, indem ſie ſich ſetzte, und bot mit einer ganz gleichgültigen Handbewegung den auf dieſe Weiſe leer gewordenen Sitz ihrer Begleiterin an, während ſie den Knaben zärtlich an ſich heranzog. „Ah, das iſt ſtark!“ ſtieß Streicher, der den ganzen Vorgang beobachtet hatte, mit einer neuen Rauchwolke hervor. Selbſt Gerhard war überraſcht und wußte nicht recht, ob er lachen oder ſich ärgern ſolle, doch ehe er noch einen Schritt gemacht, hatte ſchon die jüngere Dame den Rock wieder aufgehoben und zurück auf ſeine Stelle gelegt. Im gleichen Moment beinahe war auch ſchon Gerhard herzugeſprungen und ſtreckte die Hand nach dem Mißhandelten und ſo glänzend wieder zu Ehren Gebrachten aus. Aber die Retterin des Rockes legte ihre ſchmale Hand in hellbraunem, faltenloſem Glacé auf denſelben, einen Moment lang hob ſie die Lider, ein kurzer, aber ganz eigenthümlich wirkender Blick fiel auf den jungen Mann und leiſe proteſtirte ſie: „Non, non! Laissez donc, monsieur!“ Der Erfolg war natürlich ein entgegengeſetzter, der Rock mußte zum zweiten Male den Platz räumen, und der ältern Dame, welche jetzt erſt den Sachverhalt zu be⸗ merken ſchien, entgegenkommendes und von einem be⸗ redten Lächeln begleitetes:„Ah, excusez, monsieur— c'était votre place, tant que je vois“— glich nur mehr den Victoriaſalven von den Wällen eines mit Sturm genommenen Forts. Mit der nicht ganz wahrheitsgetreuen Behauptung, daß er auf die Sitze keinen Anſpruch erheben würde, ſelbſt wenn es den Damen nicht gefiele, dieſelben ein⸗ zunehmen, und der wiederholten Bitte, ſich nicht ſtören zu laſſen, zog ſich Gerhard zurück und trat, durch das freundlich dankende Kopfnicken vollkommen verſöhnt, wieder zu ſeinem Freunde, der die ganze Scene mit ſeinem gewöhnlichen ſarkaſtiſchen Lächeln mit angeſehen hatte. „Die Unverſchämtheit ſiegt überall“, brummte er er dem Zurückkehrenden nun entgegen.„Ich wäre nicht ſo abgezogen.“ 23 „Nun, was hätteſt Du denn gemacht?“ verſetzte Gerhard, indem er ſeines Freundes Arm nahm und ihn gegen das Steuerruder hin führte.„Schöne Frauen ſind überhaupt niemals unverſchämt. Sie nehmen nur ihr Herrſcherrecht in Anſpruch.“ „Lächerlich! Ein Recht von heute auf morgen und nicht einmal durch ein suftrage universel geheiligt! Unſere Stimmen wenigſtens ſind getheilt. Oder willſt Du am Ende gar eins von Gottes Gnaden anerkennen? Was iſt Schönheit?“ „Ein vergänglich Gut, die Schminke der Natur, eine angenehme Irritation unſerer Netzhaut undſo weiter. Du ſiehſt, ich habe alle Deine Anſichten über dieſen Gegen⸗ ſtand behalten, die Du nur gewonnen, indem Du der Weſenheit durch eingehende Studien am Gegenſtande ſelbſt auf den Grund zu dringen getrachtet. Aber von Allem abgeſehen, kann nicht Jeder von ſolcher hage— buchenen Unhöflichkeit gegen das ſchwächere Geſchlecht ſein wie Du.“ „Schwächeres Geſchlecht?“ wiederholte Strei⸗ cher, der bei der früher gefallenen Anſpielung auf ſein nicht ſo ganz unempfängliches Herz ſeine ganz leiſe er⸗ röthenden Züge in eine dichte Rauchwolke gehüllt hatte. „Iſt das ein Beweis von Schwäche, wenn ſie, dieſe ſchwachen Frauen, der Ueberzeugung leben, daß jede —— Laune, die ihnen durch den ſchwachen Kopf geht, Ver⸗ wirklichung finden muß, jedes Wort ihres ſchwachen Mundes zum Befehl wird für—“ Diesmal kam er in ſeiner Auseinanderſetzung nicht weiter. Ein Herr hatte ſich den Beiden genähert und vertrat ihnen geradezu den Weg. „Herr Strandau, wie ich glaube“, ſagte er halb zweifelhaft und ohne den Hut nur zu rücken. Gerhard überflog die große, unterſetzte Geſtalt und that nureinen ſcharfen Blick in das ernſte, ein wenig grob, aber durchaus nicht unſchön geſchnittene Geſicht und die träumeriſchen Augen, die feſt auf ihn ſahen, dann rief er, wie von einem Blitz der Erinnerung durchzuckt: „Ah, Mr. Lesley— iſt's nicht ſo? Ich glaubte Sie in England.“ Der alſo Angeſprochene kämpfte einen Seufzer nieder, dann flog wie Sonnenſchein ein freudiges, treu⸗ herziges Lächeln über das melancholiſche Anlitz des etwa vierzigjährigen Mannes und herzlich ſtreckte er Gerhard beide Hände hin. „O, J am very glad to find You here!“ rief er einmal über das andere. Gerhard ſtellte ſeinen Freund und dieſem Mr. Lesley vor. „Wir lernten uns vor vier Jahren in Trieſt ken⸗ 25 nen“, ſetzte er erläuternd hinzu.„Ich war damals auf der Rückreiſe von Venedig.“ „Und ich kam aus dem Orient“, fuhr Mr. Les⸗ ley ſeinerſeits fort.„Ich hatte viel Tabak bei mir, kannte die eigenthümlichen Freihafengeſetze nicht, wollie erſt in Trieſt verzollen— Herr Strandau behütete mich vor einer großen Unannehmlichkeit. Ich muß ihm ſehr dankbar ſein.“ Der Engländer ſprach ziemlich fließend, wiewohl mit einem leichten Accent deutſch, vermied es aber taktvoll, ſich ſeiner Mutterſprache in Anweſenheit Strei⸗ cher's zu bedienen, von dem er infolge der deutſchen Vorſtellung wohl annahm, daß er derſelben nicht mäch⸗ tig ſei. Offenbar wollte er auf jenen Fall, wo ein freundlicher Rath ihn verpflichtet hatte, nochmals ein⸗ gehender zurückkommen, aber Gerhard ſchnitt kurz ab und ſo blieb es denn bei einem erneuten kräftigen Händeſchütteln. „Ich freue mich ungemein, Sie zu ſehen“, ver⸗ ſicherte Mr. Lesley.„Ich werde Sie mit Ihrer Zu⸗ ſtimmung vorſtellen meiner Familie. Sie werden mir das nicht abſchlagen.“ „Gewiß nicht, ich werde mich ſehr freuen. Sie ſind alſo, wenn ich recht verſtehe, mittlerweile glücklich in den Hafen der Ehe eingelaufen.“ ————— — 26 „Das bin ich“, verſetzte der Engländer ziemlich kurz und mit einer nichts weniger als heitern Miene. „Aber ich frage gar nicht. Sie kommen doch nach Montreux? Ich vermuthe ſo, denn ich habe geſtern beim Diner ſchon die Ehre gehabt, Ihren Freund an der Tafel zu ſehen. Wir wohnen im ſelben Hauſe— Hotel Germain.“. Gerhard konnte bei den letzten Worten ſeine Ueberraſchung nicht unterdrücken. Verwundert ſah er ſeinen Freund an und warf die Frage hin: „Nicht im Hotel de Cygne? Im Reiſehandbuch ſteht es doch als das erſte bezeichnet. Ich dachte, Du hätteſt dort uns eingemiethet.“ Streicher ſchien ſchon wieder die kräftige Abwehr eines feindlichen Angriffs für nöthig zu erachten. „Ich habe keine Luſt, für Marmor und Vergol⸗ dungen zu bezahlen“, fuhr er auf.„Ich haſſe alle dieſe Hotels erſter Klaſſe, wo man zu Tiſche geht, wie ein Prieſter zur Meſſe, umwedelt von Weihrauch⸗ fäſſer ſchwingenden Miniſtranten im ſchwarzen Fracke, wo man ſchläft wie ein Bettler und Rechnungen erhält wie ein Fürſt.“ „O fürchten Sie nichts!“ miſchte ſich Mr. Lesley gutmüthig ein.„Sie ſind im Hotel Germain ——,y,—— 27 auch recht gut untergebracht. Klein, aber bequem und fehr achtbare Leute.“ „Wenigſtens kehren ſie als neue Beſen gut“, murrte Streicher und wendete ſich dann nach der andern Seite, ohne Rückſicht darauf zu nehmen, daß er durch dieſe Bewegung ziemlich deutlich verrieth, wie ihm die neue Bekanntſchaft, kein beſonderes Intereſſe einzuflößen vermöge. Der Engländer nahm davon aber keine Notiz, hatte er doch Streicher jedenfalls nur Gerhard's wegen artig behandelt. Mit dem freundlichſten Lächeln, das alle ſeine Zähne zeigte, verſicherte er dieſem, wie er den alten Bekannten eigentlich ſofort erkannt, nur nicht ganz ſicher geweſen ſei, obwohl deſſen vortreffliches Ausſehen ſich im Grunde gar nicht verändert habe. „Nur mein Gedächtniß iſt nicht mehr ganz ver⸗ laßlich“, bemerkte er entſchuldigend mit einem Seuf⸗ zer.„Ich fühle, daß ich älter werde, und die Aufre⸗ gungen und Anſtrengungen meines frühern Lebens machen ſich jetzt bemerkbar.“ „Nun, dafür haben Sie jetzt Ruhe“, ſagte Ger⸗ hard, indem, er ſich an der Seite des Engländers in der Nähe des Steuers niederließ.„Wenn man eine Familie, eine Heimat hat, kann man ſich von allen Mühen und Strapazen erholen und behäbig der Ruhe pflegen.“ Mr. Lesley ſah gerade vor ſich, über den See hin⸗ weg; ſein Anlitz trug den Ausdruck ſo tiefer Trauer, daß Gerhard eine lebhafte Regung der Theilnahme empfand. „Heimat? Ruhe?“ kam es von den unmerk⸗ bar zitternden Lippen in einem ſo weichen Ton, daß durch ihn die Herbheit der Worte gemildert wurde. „Ach ja, Heimat, Ruhe, das wäre ſchön, aber man kann das nicht immer haben, wenn man möchte.“ „Aber wenn ich Sie damals recht verſtanden habe, ſo war ja die Sehnſucht danach der eigentliche Zweck Ihrer Rückkehr nach Europa. Sie wollten die Ver⸗ gangenheit vergeſſen und ausruhen in einer erquicken⸗ den Thätigkeit als Landwirth auf dem Gute, das Sie geerbt. Das waren doch Ihre Pläne?“ „Ja, ja, das waren ſie allerdings. Ich hatte mir das ſehr ſchön vorgeſtellt. Linney⸗Haugh liegt ſo hübſch zwiſchen grünen Hügeln, mit weiten alten Wäl⸗ dern, ein breiter Fluß— aber“, unterbrach er ſich plötzlich, indem er ſich ſichtlich Gewalt anthat,„es macht am Ende nichts. Hier iſt es auch ſchön, ſehr ſchön ſogar. Sehen Sie, dort ſieht man ſchon Vevey und die Spitze des Kirchthurms glänzt in der Abend⸗ ſonne, wie in Linney⸗Haugh, und das Waſſer iſt viel breiter, viel großartiger.“ 29 Gerhard merkte wohl, daß es ſeinem alten Bekann⸗ ten nicht recht von Herzen ging, fühlte aber, daß er kein Recht habe, weiter in ihn zu dringen. Er ſtimmte den bewundernden Worten bei und es war in der That nicht nöthig, daß er ſich dazu erſt Zwang anthat. So oft er dieſe herrliche Natur auf ſeinen Streifzügen auch ſchon geſehen, ſie erſchien ihm jedesmal wieder neu und entzückend. Das Dampfſchiff hatte inzwiſchen eine ziemliche Strecke zurückgelegt. Rauſchend durchfurchte der Kiel die ſchäumenden Wellen, und wie die ungeheuern Fittige der ſtolz dahinziehenden Rieſenmöve blitzten im See zwei Streifen, deren weitabſtehende Enden ſich in der Ferne verloren, wo violette und orangelichter als Reflex der wunderbaren, gegen den Zenith zu erblaſ⸗ ſenden Färbung des Horizontes ſpielten. Das reizende Ouchy iſt lange ſchon zurückgewichen, das maleriſche Lauſanne darüber, mit ſeiner ſtolz über das Städtchen hinausragenden Kathedrale, dem Symbol der Herrſchergewalt, grüßt nur noch aus weiter Ferne herüber. Lutry, Cully ſind vorübergezogen, und an grüne Rebgelände des Ryfthals hingebaut, zeigt ſich ſchon ganz nahe das heitere Vivis, dahinter die Berge des Waadtlandes, die, weiterhin zum Mont Sonchaud und Mont Cau anſchwellend, eine Thronſtufe bilden für die ſtolzen Spitzen der Rochers de Naye und die mächtige Dent de Jaman. Gegenüber im Süden ſchrofft ſich die ſteile, düſtere Wand der granitenen Wiege des ſchönen Leman, der riſſige, baumloſe Wall der Savoyer-Alpen, nur an ſeinem Fuße von dunklen Wäldern umfangen, jäh und wild ab. Der leichte Abenddunſt, der aus dem See emporſteigt, hängt ſich ſchon an den Fuß der Gebirge und verhüllt wie ein geheimnißvoller Schleier den zauberiſch ſchönen Winkel, den die zuſammenrückenden Gebirgsketten am Oſtende des Sees um die Mündung der Rhone bilden, ein Theater für himmelſtürmende Titanen, Couliſſen und Verſatzſtücke aus mächtigen, an die Gletſchergrenze hin⸗ anreichenden Bergen, alle überragend, wie ein König ſeine Vaſallen, die gewaltige Dent de Midi. Leiſe kräuſelt der ſanfte Rébat die Oberfläche des Sees, daß die bunten Lichtſtreiſen zittern, wie im Er⸗ löſchen hinzucken und wieder aufflackern, leuchtender als eben zuvor; immer ſchmäler und ſchmäler wird der goldene Saum der Berge, der Fels färbt ſich, nachdem ihn die Sonne verlaſſen, blau, dann tiefviolett, Rebe und Wald erſt grün, dann allmälig dunkler, faſt ſchwarz. Der Abend ſinkt milde und höſend herein über dies lieb⸗ liche Fleckchen der Erde. Zweites Kapitel. Penſion Germain. Vevay, La Tour de Peilz, Clarens verſchwanden in dem dichter werdenden Schatten; es war ungefähr ſieben Uhr, und das Dampfboot wendete, um an der Landungs⸗ ſtelle vor Montreux anzulegen. Streicher kam ungeduldig heran, den Freund, der ſich mit Mr. Lesley über aller⸗ lei Kreuz⸗ und Querfahrten unterhielt, die er ſeit jenem Zuſammentreffen auf dem Lloyddampfer zwiſchen Venedig und Trieſt unternommen, zum Aufbruch zu mahnen. Gerhard folgte dem Rathe, indem er noch einen bedauernden Blick nach den beiden Damen hinüber⸗ warf, die er während der anderthalbſtündigen Fahrt mehr als einmal zum Ziele ſeiner Betrachtung genom⸗ men und über““ ſchon allerlei Muthma⸗ 3 1 ßungen angeſtellt. Zu ſeiner Ueberraſchung erhoben ſie ſich jetzt ebenfalls, und er begegnete einem Blicke der ältern, in dem er eine gewiſſe Befriedigung über die Gemeinſamkeit des Reiſeziels zu leſen glaubte; ver⸗ gebens aber ſuchte er auch einen aus den beſtändig abgewendeten oder niedergeſchlagenen Augen der jüngern zu erhaſchen. Mr. Lesley lenkte ſeine Aufmerk— ſamkeit jetzt nach dem Ufer, wo unter zahlreichen Neu— gierigen auch eine Gruppe von Damen die Ankunft des Schiffes zu erwarten ſchien. „Ah, ſehen Sie, meine Frau“, ſagte er, nach dieſer Gruppe deutend, ohne daß er jedoch die Ge⸗ nannte beſonders bezeichnet hätte.„Sie erwartet ſchon ungeduldig die Stickereien, welche ich ihr aus Genf mitbringe. Es thut mir leid, daß ich einen ihrer Wünſche nicht erfüllen konnte; mit Toiletteartikeln iſt es immer ſchwierig.“ „Bah, die Freude des Wiederſehens wird über die kleine Enttäuſchung hinweghelfen“, ſcherzte Gerhard. „Glauben Sie?“ Mehr erwiderte Mr. Lesley nicht, aber der eigen⸗ thümliche Ton des halben Zweifels gewährte einen tiefen Einblick in die Art des ehelichen Verhältniſſes, in welchem er, wie es ſchien, wenig Ruhe, vielleicht noch weniger Glück gefunden. s Schiff lag feſt, 33 55 die Brücke fiel ans Land, und den Knaben vor ſich her ſchiebend, betraten die beiden mit auffallender Ele⸗ ganz gekleideten Damen dieſelbe vor allen übrigen Paſſagieren. Gerhard, der ihnen mit den Augen folgte, ſah, wie ſich ein großer junger Mann mit ſehr langem blonden Backenbarte von der Geſellſchaft einiger Herren losmachte und den Damen mit höflich abge⸗ zogenem Hute näherte, nachdem er noch zuvor ſein Glas ein wenig geziert ins Auge gedrückt. Mr. Lesley hatte einen kleinen Koffer und einige Cartons an ſich genommen und verließ jetzt, dicht gefolgt von Streicher, ebenfalls das Schiff, nur Gerhard blieb noch zurück, da er erſt für die Beförderung ſeines Gepãcks Sorge tragen mußte. Als er dann ans Land ſtieg, hatte er ſowohl die Damen als Mr. Lesley in dem Gedränge aus den Augen verloren und mußte froh ſein, wenigſtens auf Streicher zu treffen, der ſeinen Spazierſtock ſchlenkernd an einer der hohen Pappeln lehnte, welche längs des Sees eine ſchöne Allee bilden. Er ſah aus, als gehe ihn eigentlich weder Gerhard noch ſonſt wer an, und empfing den Freund mit einem biſſigen Ausfall.„Dieſe widerlichen Modepuppen, dieſes Papageiengekreiſche!“ brummte er.„Kein Ca⸗ pitol, aber Gänſe genug!“ „Ich weißenicht, was Du haſt“, erwiderte Byr, Nomaden. I. T ſie 3 Gerhard ärgerlich;„ich finde es charmant hier- Wenn Dich das Treiben ſo anwidert, ſo hätteſt Du, anſtatt es ingrimmig zu betrachten, mir ein wenig behülflich ſein oder wenigſtens einen Träger ſenden. können.“ „Das fehlte noch! Sehe Jeder, wo er bleibe. Ihr Egoiſten wollt immer, daß Andere für Euch ſorgen. Weshalb reiſeſt Du mit einem Separatlaſttrain! Ich brauche Niemand. Meinen Koffer kann ich allein fort⸗ bringen. Aber wahrſcheinlich hätte ich Deinen Reiſe⸗ marſchall abgeben ſollen, damit Dir Zeit würde, den aufgeputzten Zierpuppen nachzurennen.“ „Höre“, entgegnete Gerhard, der ſich durch die gewohnte Weiſe des Freundes nicht ſo leicht ver— ſtimmen ließ, wieder heiter,„wie wär's, wenn ich Dir die Abſicht ſelbſt zuſchöbe? Sieht Dir nicht ſehr gleich, willſt Du vielleicht ſagen, aber verdächtig war Dein blitzſchnelles Ausreißen ganz unleugbar. Geſtehe!“ Streicher machte nur eine unwillige Bewegung mit dem Kopfe und forderte zum Weitergehen auf. Gerhard wendete zwar ein, er müſſe doch zuvor noch Mr. Lesley aufſuchen, das aber redete ihm der Freund mit der Bemerkung aus, daß hier eigentlich doch nicht der rechte Ort ſei, ſich der Familie des Engländers vorſtellen zu laſſen. 35 „Dieſe Engländer glauben, Alles ſei für ſie auf der Welt, die Schweiz eigens für ſie aus Kalk und Granit gegoſſen, die Hotels eigens für ſie eingerichtet, alle andern Menſchen eigens für ſie geboren. Ein jeder von ihnen iſt„der Fürſt von Thoren, zum Herrſchen auserkoren, wir Andern ſind erſchienen, ihn fürſtlich zu bedienen“.“ „Deine Uebertreibung paßt wenigſtens auf meinen alten Reiſebekannten durchaus nicht. Wärſt Du nicht ſo voreingenommen, Du müßteſt das ſelber zugeben Er iſt gewiß der inoffenſivſte Menſch, den Du geſehen, und wenn ihm die Kraft nicht zu Zeiten aus den ehrlichen Augen leuchtete und die Erfahrung nicht auf ſeiner Stirn eingegraben ſtünde, man müßte ihn für ein Kind an Güte und Willenloſigkeit halten. Aber Du haſt Recht, hier iſt nicht der Ort und der richtige Zeitpunkt, ſich vorſtellen zu laſſen. Es iſt ohnedem ſchon ſo dunkel, daß ich gar nicht einmal ſehen würde, weſſen Bekanntſchaft ich mache. Komm, führe mich nach dem Hotel, ich fühle nachgerade auch ein menſch⸗ lich Regen. Seit Mittag habe ich nichts mehr genoſſen.“ Sie ſchritten nun raſch aus, doch waren ſie kaum erſt eine Strecke weit gekommen, als ſie eine Geſellſchaft einholten, in der ſie alsbald die beiden Damen mit 3* 36 dem hübſchen Knäblein erkannten, welche in Begleitung des großen jungen Mannes langſam vor ihnen hergingen. Sie ſchienen ſehr heiter zu ſein, die Aeltere lachte laut und Gerhard vernahm, wie der junge Mann, der an ihrer Seite ſchritt, ſich beklagte. „Iſt das lächerlich?“ fragte er franzöſiſch, ſein Accent jedoch verrieth entſchieden den Deutſchen. „Ich frage Sie, Madame, iſt das lächerlich? Sie wiſſen ſelbſt nicht, wie grauſam Sie ſind. Verſchwinden, ohne ein Wort zu ſagen! Grauſam fürwahr!“ Der Weg machte jetzt eine Biegung und theilte ſich zu gleicher Zeit. Die Damen ſchwenkten in einen Fuß⸗ pfad zur Linken ein, während Streicher ſeinen Freund beinahe mit Gewalt nach rechts zog. Sie konnten nur noch einige franzöſiſche Worte hören, welche die ein wenig kreiſchende Stimme der grauſam genannten Dame deutlich vernehmbar machte. „Nun aber Friede, Herr Graf, da wir wieder hier ſind. Sie ſtürzen ſich nicht in den See. Abbé Fama wäre troſtlos.“ Was weiter geſprochen wurde, ließ ſich nicht mehr verſtehen, doch war es Gerhard noch, als hätte die jüngere Dame den Kopf gewendet und nach ihm zu⸗ rückgeſehen. Er zog den Hut und jetzt— war es am Ende nicht blos eine Täuſchung in der zunehmenden 37 Dunkelheit?— jetzt hatte ſie ganz leiſe, wie zum Danke, grüßend genickt. „Grüßeſt Du die Sterne, die ſchon langſam auf⸗ flimmern?“ ſpöttelte Streicher, indem er den Freund noch feſter unter den Arm faßte und dabei längere Schritte machte. „Ach nein, die, welche verſchwinden“, ſeufzte Gerhard ſcherzend.„Aber warum“, fragte er dann,„reißeſt Du mich ſo ſtürmiſch mit fort auf dieſer ſternenloſen Bahn? Dorthin— denke ich— dorthin, Geliebter, laß uns ziehn! Ich fühle ſo einen geheimnißvollen Zug nach jener Seite, eine lebhafte Wißbegierde, die mich auf Entdeckungszüge treibt, ſo ein gewiſſes Verlangen—“ „Nach einem wohlgebratenen Beefſteak“, fiel Streicher kauſtiſch ein.„Du haſt es mir ja vorhin ſelbſt geſtanden, alſo entſcheide Dich. Hier liegt das Hotel mit Küche und Keller, dort die Einöde, in welche Dich ein Irrlicht lockt. Folge Deinem Schickſale, aber mache es kurz, denn der Menſch ſoll wiſſen, was er will, und ausführen, was er ſich vorgenommen. Ener⸗ gieloſe Leute ſind mir gräßlich.“ „Wohlan, zeigen wir Energie! Das Beefſteak ruft, womit ich jedoch nicht Dich gemeint haben will, und die Trompete ſchmettert, was ſchon eher Dich angehen kann. Hinan alſo zu den Fleiſchtöpfen Aegyptens und fort mit allen weſenloſen Gebilden der Phantaſie! Wir leben in einem Zeitalter des Realis⸗ mus, und man ſoll immer an der Spitze ſeiner Zeit einherſchreiten. Du wirſt mit mir zufrieden ſein!“ Der heitere Ton, den Gerhard nun anſchlug, ſchien ſeinem Freunde abermals nicht ſonderlich zu behagen, ſodaß es beinahe ausſah, als wäre es über⸗ haupt ſchwer, ihm etwas recht zu machen. Schweigend ſchritt er aus und nach wenigen Minuten war das Hotel erreicht, das unweit des Bahnhofs liegt. Gerhard bemerkte mit Vergnügen, daß Mr. Lesley augenſcheinlich nicht zu viel verſprochen hatte, als er den Beſorgniſſen entgegentrat, welche Streicher's Wahl zu erregen begann. Es wäre eben nicht das erſte Mal geweſen, daß Streicher ſich mehr von ſeinem Wider⸗ ſpruchsgeiſte, der ſich auch gegen die Reiſehandbücher kehrte, und von momentaner Sparſamkeit als von der Rückſicht auf Comfort bei der Entſcheidung für das oder jenes Hotel leiten ließ. Obwohl nicht unempfind— lich gegen die Annehmlichkeiten eines wohlgehaltenen Hauſes, kehrte er doch gern den Stoiker heraus und Gerhard hatte wiederholt der Freundſchaft ein Opfer brin⸗ gen müſſen. Diesmal aber war die Sache nicht ſo arg. Das Haus, wiewohl nicht groß und nur aus 39 Holz gebaut, ſchien doch allen Anſprüchen zu genügen. Das Schlüſſelbret wies zwar nur fünfundzwanzig Nummern auf, aber dafür ließ ſich hoffen, daß es um ſo ruhiger ſei. Laufteppiche lagen auf den Treppen und Gängen, die, wie der Zimmerkellner, der Ger⸗ hard und noch mehr den hagern Streicher für hektiſch halten mochte, eifrig verſicherte, bei tieferer Tempe⸗ ratur mittels Luftheizung erwärmt werden ſollten; Alles bis ins entfernteſte Winkelchen war reinlich und ſauber und das Zimmer, das man dem Neuangekommenen im obern Stockwerke anwies, ſo ziemlich geräumig und freundlich eingerichtet. Das eine Fenſter ging nach einem kleinen Garten, das andere auf eine glasgedeckte Veranda hinaus. „Das iſt etwas unangenehm“, äußerte Ger⸗ hard.„Man kann mir da hereinſehen. Haben Sie kein anderes Zimmer frei?“ Der Kellner verneinte; das Haus ſei überfüllt. Uebrigens, meinte er, könne man ja das Rouleau her⸗ unterlaſſen, das Gemach empfange noch Licht genug durch das zweite Fenſter, das eine reizende Ausſicht gewähre. Streicher ſtimmte bei. Gerhard gab ſich zufrieden. Er fragte den Freund nach deſſen Stube. „Ich hatte gedacht, wir wohnten Thür an Thür.“ 40 „Das iſt auch der Fall“, verſetzte Streicher. „Deiner Thür gegenüber iſt die meine. Ich wohne enger als Du.“ „So? Warum haſt Du Dir denn nicht dieſes Zimmer genommen, wenn es Dir ſo ſehr gefällt?“ „Sonderbare Frage! Ich danke für ein Zimmer, wo man bei Nacht einſteigen, mich berauben oder mir gar den Hals abſchneiden kann; ſo weit geht meine Freundſchaft nicht.“ „Hel aber doch ſo weit, mich all dieſen Fährlichkeiten auszuſetzen. Wie edelmüthig, wie aufopfernd! Dank Euch, Zacharias, es ſoll Euch nie vergeſſen werden!“ Streicher drehte ſich mürriſch um, der Spott ge⸗ fiel ihm nicht, vielleicht noch weniger das Bewußtſein, Anlaß dazu gegeben zu haben. Er that ſehr aufgebracht gegen Gerhard. Mit einem heftig gebrummten: „Am Ende ſollte man ſich noch für andere Leute umbringen laſſen. Schändliche Egoiſten!“ ſchoß er zur Thür hinaus. Gerhard ſah ihm mit einem Lächeln nach, das nicht die geringſte Ueberraſchung verrieth. Er empfand weit lebhafter den Humor der Situationz, da er den eigentlichen Grundcharakter ſeines wunderlichen Freun⸗ des viel zu gut kannte, um durch ſolch einen Ausbruch noch enttäuſcht oder verletzt zu werden. 41 Als ſein Gepäck angekommen war und er ſich um— gekleidet hatte, klopfte er an Streicher's Thür, da er deſſen Gewohnheit, ſich ſtets einzuſchließen, kannte. Sie gingen miteinander in den auf demſelben Corridor liegenden Salon, der mit ſeinem weichen Teppiche, den hübſchen zahlreichen Möbeln, dem Pianino, über das Gerhard alsbald prüfend ſeine Finger gleiten ließ, einen ele⸗ ganten und traulichen Eindruck machte. Es war Nie⸗ mand anweſend als zwei ältliche Damen, von denen die eine eifrig Patience legte, während die andere eben⸗ ſo eifrig in einem nach dem Einbande zu ſchließen aus der Leihbibliothek ſtammenden Buche las. Beide erhoben nur einen Moment lang den Zlick, die Ein⸗ tretenden zu muſtern, ohne ihre Beſchäftigung darum zu unterbrechen. Zwei Herren gingen draußen in der Veranda auf und ab, derſelben, die vor Gerhard's Zimmer und längs der ganzen Fronte des Hauſes hinlief. Hin und wieder unterbrach ein Huſten das Geplauder der Promenirenden, da ſie aber bei den erſten Tönen des Klaviers unter die Thür traten, ſo entfernte ſich Gerhard von dem Inſtrumente, das er beinahe unwillkürlich und wie liebkoſend berührt hatte. Er war in der Hoffnung hier eingetreten, Mr. Lesley anzutreffen und ſich von ihm noch vor dem Souper, das um acht Uhr ſervirt werden ſollte, ſeiner 42 Familie vorſtellen zu laſſen, aber die Zeit verrann und ſchon gab die Tiſchglocke das Zeichen, als der Erwartete endlich allein in den Salon trat und zwar mit allen Anzeichen übler Laune in den ſchlichten, einer Ver⸗ ſtellung unfähigen Zügen. „Ah, da ſind Sie!“ begrüßte er die beiden Freunde, wobei er ſich jedoch vorzugsweiſe an Gerhard wendete.„Ich habe Sie am Landungsplatze über⸗ all geſucht— Sie waren wie verſchwunden. Aber Sie ſind doch nicht abſichtlich ausgewichen? Das würde mich kränken, indeed!“ Er beruhigte ſich bald bei der lebhaften Gegen⸗ verſicherung und bedauerte nur, daß ſeine Damen noch nicht fertig ſeien.„Das geſchieht ſo zuweilen, daran muß man ſich als Ehemann gewöhnen“, fügte er hinzu.„Kommen Sie, wir wollen Monſieur Germain nicht warten laſſen. Gehen wir in den Speiſeſaal hinab. Ich werdeſehen, daß wir nebeneinander zu ſitzen kommen.“ Der Speiſeſaal befindet ſich unterhalb des Salons zu ebener Erde und vor demſelben läuft ebenfalls, wie oben, eine gedeckte Glasgallerie hin. Es hatten ſich ſchon mehrere Gäſte verſammelt und die Neuankommen⸗ den wurden durch eine höfliche Verbeugung des Be⸗ ſitzers der Penſion begrüßt. Monſieur Germain, ein feiner, eleganter Mann mit ſchwarzem Vollbarte, war 43 lange in England geweſen und liebte, gleich ſeiner Frau die, wie er, in der Schweiz geboren, engliſche Sitte und die Gäſte, die aus dem ſtolzen Albion zu ihm kamen. Um ſo untröſtlicher geberdete er ſich, daß er heute nicht mehr in der Lage war, Mr. Lesley's Wunſch zu erfüllen und die Anordnung der Plätze an der table d'höte, die zum Theile ſchon beſetzt waren, zu ändern. Für den nächſten Mittagstiſch verſprach er alles Mögliche, heute aber mußte ſich Mr. Lesley mit Bedauern von den beiden Freunden trennen die als Zuletztgekommene unten die Reihe ſchließen ſollten. Es war keine große Geſellſchaft, die ſich verſam⸗ melt hatte. Außer den beiden Damen aus dem Salon waren noch die zwei Herren, welche in der Veranda promenirt hatten, am Tiſche. Der eine ſah lungen⸗ ſüchtig aus, huſtete oft, war ſeiner Ausſprache nach Han⸗ noveraner und wurde Kapitän angeſprochen; der andere, den man Herr von Kuruſoff nannte, ſchien ſein Sprach⸗ organ gänzlich eingebüßt zu haben, ſeine Worte waren nur gehaucht. Ein ältliches Ehepaar, das Herr und Frau Dirkſon angeredet wurde, mit einer fran⸗ zöſiſchen Gouvernante neben ihren drei Töchterchen von zehn bis dreizehn Jahren, ſprach viel von Amerika, ihrem Vaterlande, in einem Dialekte, der lebhaft an das ſchöne„Perne“ erinnerte. Neben Gerhard waren 44 drei Plätze leer geblieben; zwei davon nahm jetzt ein junges Paar ein, das von allen Anweſenden mit freund⸗ lichen Grüßen empfangen wurde. Herr von Kuruſoff hatte ſich ſogar erhoben und ſeine Freude mimiſch mit der an die Bruſt gepreſſten Serviette ausgedrückt.) Es waren zwei diſtinguirte Erſcheinungen, beide groß und faſt etwas zu ſchlank, aber von ſtolzer Hal⸗ tung und markirten Zügen, der Mann etwa ſechsund⸗ dreißig Jahre alt, die Frau ungefähr um zehn Jahre jünger, beide ſehr geſchmackvoll, obwohl einfach gekleidet. In ſeinem Antlitz lag etwas Hartes, Abſtoßendes, die Leidenſchaft hatte tiefe Falten um die Mundwinkel eingegraben, die der braune, ungewöhnlich lange Schnurr⸗ bart nicht ganz zu verdecken vermochte. Die Dame war brünett, faſt ohne allen Anhauch von Farbe und hatte einen eigenthümlich ſchmachtenden Blick, der nicht recht mit der etwas ſcharfen Naſe und dem ein wenig zu breiten Munde harmonirte, deſſen ſchmale Lippen ſie oft zwiſchen die blinkenden kleinen Zähne zu nehmen pflegte. Dicht hinter den Beiden trat, wie ein Diener des Paares, ein Mann in den Saal, den Gerhard für einen walachiſchen Bojaren oder dergleichen zu nehmen geneigt war, bis ihm Streicher zuraunte, dies ſei Herr Markus Glückſtadt, deſſen näherer Bekanntſchaft er 45 ſchon geſtern gewürdigt worden. Markus Glück⸗ ſtadt, der Vertreter eines großen Bankhauſes in Wien, wie Streicher erklärend hinzuſetzte, war nicht auf— fallend gekleidet bis auf die goldene Uhrkette mit Ringen wie an Sträflingsfeſſeln und einem Medaillon von der Größe eines Hühnereies. Von mittlerer Größe und was man in den beſten Jahren nennt, machte er im Ganzen keinen angenehmen Eindruck, wenn auch außer dem dickwelligen rabenſchwarzen Haar und dem ungeheuern gleichfarbigen Backenbarte, der den Schnurr⸗ bart noch karger erſcheinen ließ, der orientaliſche Typus in dem ſchlauen Geſichte nicht beſonders ausgeſprochen war Herr Markus Glückſtadt nahm an der Seite der jüngſten Miß Dirkſon Platz, ſchräg gegenüber der ſchönen jungen Frau, von der er kein Auge verwandte und für die er hauptſächlich ſein Converſationstalent entfaltete, ohne deshalb gegen die Uebrigen beſonders zurückhaltend zu ſein. Im Gegentheile fragte er, kaum daß er faß, ſchon Streicher, wie er den Tag zuge⸗ bracht, und Gerhard, ob er Montreux ſchon kenne, wann er angekommen, wo er ſich zuletzt aufgehalten, was er vom Wetter denke, und noch Allerlei, worüber ihm freilich nicht immer genügende Auskunft wurde, was ihn aber nicht genirte. Seine Aufmerkſamkeit wurde jedoch abgelenkt, als —— —— — 8 46 der Kellner das Gedeck von dem zwiſchen Gerhard und der hübſchen jungen Frau leergebliebenen Platze nahm. „So kommt alſo Graf Hilmersdorf heute Abend nicht?“ fragte er. Die junge Frau wendete ſich mit einer möglichſt gleichgültigen Miene ebenfalls nach dem Kellner um. „Vielleicht in Saxon?“ warf ſie leicht hin. Der Kellner in ſeiner dieſem Stande angeborenen ritterlichen Galanterie ignorirte die erſte Frage voll⸗ kommen, um ſich ganz der Dame zu widmen, und beeilte ſich, zu verſichern, daß Graf Hilmersdorf keineswegs in Saxon ſei, aber ſchon früher anzudeuten beliebt habe, daß er ſchwerlich zum Souper erſcheinen werde. „Da wird der Platz neben Ihnen leer, Baronin“, rief Herr Markus Glückſtadt, indem er ſeine Augen mit einem in Schildkrot gefaßten Binocle be⸗ waffnete, das er auf die Naſe klemmte.„Darf ich mir denſelben anmaßen?“ Die Angeſprochene lächelte etwas boshaft. „Anmaßungen werde ich niemals dulden“ ſagte ſie, und ihre Sprache klang hart, wie Polen oder Ruſſen deutſch zu ſprechen pflegen, wie man es aber aus dem Munde einer ſchönen Frau gern hört. „Uebrigens ſchämen Sie ſich, hinter dem Rücken des Abweſenden wollen Sie Vortheil ziehen.“ 47 „Sarſcha hat Recht“, fügte ihr Gatte bei und ſeine Worte klangen noch viel ſarkaſtiſcher.„Sie ſpe⸗ culiren ſogar hier auf das Ausbleiben Anderer.“ „Beſſer als auf das Herauskommen von Zéro“, verſetzte der Angegriffene prompt. Der Pfeil mußte getroffen haben, denn der Baron hatte einen Moment flüchtigen Erröthens. Der Redner ſchien mit dieſer Wirkung zufrieden, er nahm das Glas von den Augen und wendete ſich der Platte zu, die ihm eben ſervirt wurde. Dann aber, als beſänne er ſich und mache, um den Handel nicht ſo kurzweg abzubrechen, noch ein Angebot, drehte er abermals den Kopf und rief bittend: „Darf ich, ſchöne Baronin?“ Dieſe aber zuckte ganz leiſe die Schultern und kehrte ſich ein wenig gegen Gerhard, den ſie mit ei⸗ nem Blicke, deſſen Kühle jede Mißdeutung ihrer Auf⸗ forderung und jede daraus gefolgerte allzu vertrau⸗ liche Annäherung im voraus abſchneiden ſollte, ein— lud, den freigewordenen Raum zur größern Bequem⸗ lichkeit zu benutzen, was Gerhard mit höflichem Dank, aber ohne großes Empreſſement annahm. Der ihm ertheilte Vorzug erſchien ihm nicht beſonders ſchmei⸗ chelhaft. „Ich bin der Riegel, den man jenem Andern drüben vorſchiebt“, flüſterte er Streicher zu.„Sieyſt 48 Du, hätteſt Du diesmal Deinem Grundſatze ge⸗ getreu nicht mir Deinen Platz abgetreten, jetzt würde Dir dies Glück lächeln. Aber ich vermuthe, Du haſt wieder einmal in reiner Selbſtaufopferung gehandelt und mich des Grafen angenehme Nachbarſchaft ge⸗ nießen laſſen wollen. Du rechneteſt ſicherlich nicht auf ſeine Abweſenheit.“ Streicher ſchwieg und vertiefte ſich in ſeinen Teller. Unterdeſſen hatte ſich überall am Tiſche lebhafte Converſation in verſchiedenen Sprachen entſponnen, daß es durcheinander klang, als ſollte nicht ſoupirt, ſondern die Liquidation des Thurmbaues von Babel vorge⸗ nommen werden. Die Dirkſons ſprachen mit Mr. Les⸗ ley am obern Ende der Tafel engliſch, die beiden alten Damen und die Gouvernante mit ihren Kleinen fran⸗ zöſiſch, Herr von Kuruſoff hauchte der Baronin ſogar ein ruſſiſches Wort des Verſtändniſſes zu, wiederholte ſeine Bemerkung aber, dem hüſtelnden Kapitän zu Liebe, deutſch. „Sind Sie nicht auch der Meinung?“ rief er, um ſich in dem Stimmengewirr verſtändlich zu machen, mit aller Macht ſeiner Lunge, die es aber nicht über ein heiſeres Kreiſchen brachte.„Man braucht nicht nach Saxon zu gehen, um zu verſpielen.“ 49 „Meinen Sie?“ warf der Baron aufmerkfam ein. Der Kapitän nickte. „Graf Hilmersdorf hat zu viel Glück in der Liebe, um nicht Unglück im Spiele zu haben“, ſagte er müde lächelnd,„oder wenn Sie wollen, auch um⸗ gekehrt.“ „O das mag ſein“, warf die Baronin hin, indem ſie die Mundwinkel verächtlich herabzog. „Solche Verluſte ſind oft nur eine andere Form für Bezahlung.“ „Sie ſagen Bezahlung, göttliche Baronin“, nahm der Banquier eifrig das Wort, das ihm im Ohre klang, auf.„Das iſt ein grauſamer Ausdruck; hätten ſie noch geſagt: Liebeslohn!“ Er lachte dabei fröh— lich auf, als wäre ſein Witz ebenſo unſchuldig als decent. Der Baron ſchüttelte den Kopf, er nahm die Par⸗ tei des Abweſenden, aber in einer etwas gering⸗ ſchätzigen Weiſe. „Ich glaube nicht, was die Herren über Hil⸗ mersdorf mediſiren. Ins Netz ginge er wohl, wenn man es nach ihm auswürfe, aber die Sache iſt nicht wahrſcheinlich. Man ſpricht viel und Hilmersdorf am allermeiſten und weit mehr, als er beſchwören könnte. Lehren Sie mich den Flunkerer kennen!“ Byr, Nomaden. I. 1 50 „Flunkern— das gebe ich zu“, nickte der Kapitän;„er iſt nicht umſonſt bei der Garde.“ „Aber Sie werden doch keine Lanze brechen für die Damen auf der Höhe?“ keuchte und kicherte Herr von Kuruſoff. Das Geſpräch, auf welches Gerhard nur halb hin— gehorcht hatte, wurde hier durch den Eintritt neuer Ankömmlinge unterbrochen, die von den Dirkſons und Kuruſoff ebenfalls begrüßt wurden. Mr. Lesley ſtand auf und ſein entſchuldigender Blick, der Gerhard traf, erſetzte vorläufig gewiſſermaßen die Vorſtellung. Es war eine Gruppe von drei Damen, der ein alter Herr folgte und welche die freigelaſſenen Plätze am obern Ende des Tiſches beſetzte. Die älteſte der Damen, welche die Präſidentſchaft übernahm, war eine kleine lebhafte Matrone, deren ſchmales, ſcharfgeſchnitte⸗ nes Antlitz von glattgeſtrichenen röthlichblonden Schei⸗ teln eingerahmt war, in die einzelne Silberſtreifen eingewebt ſchienen. Die Haube, die ſie trug, war mehr pompös als geſchmackvoll und mit breiten gelben Bändern geputzt. Der alte Herr an ihrer Seite mußte, nach Gerhard's Schätzung, ihr Gatte und Mr. Lesley's Schwiegervater ſein. Bei aller Wohlbeleibt⸗ heit machte er doch mit ſeinem feinen, glattraſirten Ge⸗ ſichte, den weißen Seitenlocken an dem glänzend kahlen. 51 Scheitel und dem vornehm gelaſſenen Benehmen einen äußerſt ehrwürdigen Eindruck, der ihm ſogleich Gerhard's Zuneigung gewann, ohne daß er ihn noch geſprochen hatte. Die Töchter des würdigen alten Ehepaars, die den beiden Herren gegenüber zur Linken der Mutter ihre Plätze nahmen, ſodaß die jüngere neben Herrn von Kuruſoff zu ſitzen kam, waren einander ſehr ähnlich in Größe und Geſtalt, ſogar in der zierlichen gewählten Toilette von blau und weißer Farbenzuſammenſtellung, der aus den hübſchen Zügen ſprechende Charakter aber ſchien ſehr verſchieden. Mrs. Lesley bot ein Ab⸗ bild ihrer Mutter, wie eben zweiundzwanzig und fünf⸗ zig Jahre ähnlich ſein können. Der ſorgſam glatte Scheitel des hellbraunen Haares und die ernſten blauen Augen deuteten auf Genauigkeit und eine gewiſſe Wil⸗ lenskraft, die leicht in herrſchſüchtige Strenge ausartet, wenn die Jahre einmal den wohlthuenden Schmelz jugendlicher Anſchmiegſamkeit hinweggehaucht haben. Heute ſchien noch eine beſondere Wolke auf dieſer hüb⸗ ſchen, nur ein wenig zu ſchmalen und zu hohen Stirn zu lagern. Um ſo leuchtender ſtrahlte das holde Antlitz von Mrs. Lesley's jüngerer Schweſter, die noch ganz Kind war, die blonden Haare lebhaft aus der ſonnenhellen Stirn ſtrich, die großen grauen Augen 4* 52 munter hier⸗ und dorthin ſchweifen ließ und ganz un⸗ verhohlen über Herrn von Kuruſoffs unverſtändliche Huldigungen lachte, die er ihr über den Tiſch hin zu⸗ hauchte. Gerhard konnte bemerken, daß er der Gegenſtand ihrer vollkommen ungeſcheuten Beobachtung war. Offen⸗ bar hatten ihres Schwagers Mittheilungen die kleine Neugierde erregt, und ſie verbarg dieſelbe ebenſo wenig, als ſie wahrſcheinlich gewöhnt war, ihren ſonſtigen Regungen und Einfällen irgend Gewalt anzuthun. Gerhard mußte unwillkürlich lächeln über die unge⸗ trübte Lebensfreude, die aus dem zarten Antlitz des lieblichen Kindes ſtrahlte, und auch jene friſchen halb— geöffneten Lippen kräuſelte ein Lächeln, als ſich jetzt ihre Blicke begegneten, als ſeien beide ſchon uralte Be⸗ kannte; es fehlte nur, daß das Köpfchen noch einen Gruß herübernickte, um den Eindruck zu vervoll⸗ ſtändigen, als hätte Gerhard hier unvermuthet ein artiges Schweſterchen gefunden, das er ſeit der Zeit nicht mehr geſehen, wo es ihm, auf ſeinen Knieen ge⸗ ſchaukelt, mit den winzigen Fingern den Bart ge⸗ zauſt. Das Geſpräch an der Tafel hatte eine andere Wendung genommen. Man erzählte ſich gegenſeitig von den Ausflügen und Spaziergängen, die man nach⸗ 53 mittags unternommen hatte, äußerte Anſichten über dieſen oder jenen Ausſichtspunkt, beſtritt Meinungen über verſchiedene Perſönlichkeiten, deren Namen Ger⸗ hard ebenſo fremd klangen wie der des Grafen Hil⸗ mersdorf, von dem zuerſt in ſo anſpielungsreicher Weiſe die Rede war, und da Streicher während der ganzen Mahlzeit kein Wort ſprach und ſelbſt die ver⸗ ſchiedenen Verſuche des Banquiers, ihn zum Reden zu bringen, erfolglos abprallten, ſo forderte ihn Gerhard auf, das Deſſert nicht erſt abzuwa rten. „Laß uns gehen“, flüſterte er ihm zu.„Ich verſtehe von der ganzen Klatſcherei kein Wort und langweile mich.“ Streicher folgte diesmal ohne Einwendung; ehe ſie aber noch den Saal verlaſſen hatten, kam Mr. Lesley ihnen nach und fragte, wohin ſie wollten. „Wenn(Sie nur einen Augenblick verweilen möchten im Salon oben— ich würde Sie vorſtellen meiner Familie“, bat er, und Gerhard verzichtete vor der Hand auf ſeine Cigarre, nach der er ſich ge⸗ ſehnt, und bewog auch Streicher dazu, ſich dem Geſetze der Höflichkeit zu fügen, wiewohl derſelbe ſich ſehr ungehalten darüber äußerte, daß man immer von ihm Opfer fordere und, wenn die Damen pünktlich geweſen wären, er ſich jetzt nicht zum Warten gezwungen ſähe. 54 Verdrießlich warf er ſich in einen Fauteuil, wäh⸗ rend ſein Freund am Pianino Platz nahm und ſeine Finger einigemal über das gutgeſtimmte Inſtrument gleiten ließ. „Da haſt Du das Vergnügen an der table d'hôte“, äußerte Streicher.„Ich ſage ja immer, man ſoll nach der Karte eſſen, um nicht ſoviel Zeit und gute Laune zu verlieren.“ „Gute Laune— Du?“ fragte Gerhard ironiſch. „Unter Anderm“, fuhr er fort,„wer iſt dieſer wohl⸗ verleumdete Graf Hilmersdorf, deſſen vorausſichliche Nachbarſchaft Du mir heute ſo großmüthig abzutreten gedachteſt?“ „Du haſt ihn ja heute ſchon geſehen; derſelbe lange Junker, der die beiden Magnete vom Dampf⸗ ſchiffe begleitete, welche Dich ebenfalls ſo unwiderſteh⸗ lich anzogen.“ „Wie? Derſelbe?“ rief Gerhard, indem er ſich wie von einer Feder geſchnellt auf dem Taburet herum⸗ wendete.„Du weißt alſo doch, wer jene Damen ſind!“ „Sehr logiſch geſchloſſen, das muß man ſagen! Weil ich meinen Tiſchnachbar kenne, muß ich auch wiſſen, wer die Damen ſind, die er begleitet. Be⸗ ſonders achtungsvoll wurde ihrer übrigens heute Abend nicht gedacht.“ 55 „Ich gebe Dir die Logik zurück. Woher ſchließeſt Du, daß ſich dieſe halben Andeutungen, aus denen übri⸗ gens nicht viel zu entnehmen war, gerade auf ſie bezogen?“ „Das ſagt mir der Inſtinkt, der iſt oft mehr werth als Logik. Ich kenne die Menſchen.“ „Natürlich, was kein Verſtand der Verſtändigen ſieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.“ „Lächerlich! Wozu der Eifer?“ Gerhard gab keine Antwort auf den Spott; er vertiefte ſich in ſeine Gedanken und die Töne, die er wachrief, gaben denſelben Ausdruck. Es war ein Widerſtreit der Empfindungen, bald weich und ſehn⸗ ſüchtig, bald wildbrauſend wie die ſtürmiſche Bran⸗ dung, bald ein zierliches, halbſpöttiſches Getändel—eine Inſpiration des Augenblicks, eine Réverie aus dem Stegreif. Selbſt Streicher war gefeſſelt durch die Ge⸗ walt der Compoſition und das meiſterhafte Spiel, das jetzt mit einigen kurzen Schlußakkorden abbrach, als die beiden alten Damen, die ſchon früher die Be⸗ ſatzung des Salons gebildet hatten, an der Thür er⸗ ſchienen. Während ſie an dem Gcktiſchchen ſich nieder⸗ ließen und ihre Beſchäftigung wieder aufnahmen, er⸗ hob ſich Gerhard und nahm eins der umherliegenden Zeitungsblätter zur Hand. ——— — —— 56 Die ganze Tiſchgeſellſchaft verſammelte ſich all— mälig wieder hier, mit Ausnahme der Familie Dirk⸗ ſon und des Kapitäns. Herr Markus Glückſtadt hatte, die ihm angethane Beleidigung großmüthig vergebend, jetzt endlich den erſehnten Platz an der Seite der Ba⸗ ronin erobert. Herr von Kuruſoff widmete ſich da⸗ gegen ganz Mr. Lesley's junger Schwägerin, die um einige Schritte hinter ihrer Familie zurückgeblieben war. Nun endlich kam Mr. Lesley dazu, ſeinen alten Bekannten und deſſen Freund vorzuſtellen. Er that dies mit einiger Förmlichkeit, beſonders als er die ein⸗ zelnen Glieder ſeiner Familie nannte. „Hier meine Schwiegermutter; mein Schwieger⸗ vater, the reverend Mr. Wallace von Clayton⸗ Foreſt; Mary, meine Frau; meine Schwägerin Miß Lizzie.“ Gerhard verbeugte ſich der Reihe nach wie Streicher, was entſchieden die Lachluſt der zuletzt Genannten reizte, ſodaß ihr ein verweiſender Blick von ſeiten der Mutter zu Theil wurde, woran ſich aber der kleine Frohſinn nicht zu kehren ſchien. Mittlerweile wandte ſich Mr. Wallace an Ger⸗ hard, dem er einige Worte ſchuldig zu ſein glaubte. „Sie ſind, wie ich wohl ſagen kann, ein alter 57 Bekannter von Davy“, ſagte er ſehr vorſichtig, ohne jedoch der Schwierigkeiten, welche die deutſche Ausſprache ſeiner Zunge bot, ganz Meiſter werden zu können.„Sehr glückliche Begegnung!— Schon ſeit geſtern hier, wenn ich nichtirre“, ſetzte er gegen Streicher gewendet hinzu. Mrs. Wallace hatte ſich mit ihrer ältern Tochter auf ein kleines Sopha placirt, nachdem ſie einige be⸗ willkommnende Silben hatte fallen laſſen, und zog einen Strumpf hervor, an welchem ſie ebenſo eifrig ſtrickte, als Mrs. Lesley bemüht war, eine angefangene Tapiſſeriearbeit zu fördern. Mr. Lesley machte den Vermittler zwiſchen ſeinem Schwiegervater und Streicher, der ſich eingehend über England und die hochkirchlichen Verhältniſſe aus⸗ ließ, als ob er wirklich über dem Kanal geweſen wäre, wobei der ehrwürdige Pfarrherr von Clayton⸗ Foreſt Veranlaſſung fand, verſchiedene Irrthümer in ſeiner höflich vorſichtigen Weiſe zu berichtigen und dadurch Streicher zum lebhaften Widerſpruche zu reizen. Herr von Kuruſoff war gleich bei Beginn der Vorſtellung von Lizzie's Seite gewichen und zu den beiden alten Fräuleins in der Ecke übergeſiedelt, wo er die eben begonnene Patience durch ſeinen Rathſchlag weſentlich entwickeln half. Gerhard war ſonach gewiſſermaßen inmitten der ————- , — 58 Geſellſchaft mit Miß Wallace allein gelaſſen. War er aber vielleicht in Verlegenheit, ein Geſpräch anzuknüpfen, das muntere Mädchen befreite ihn raſch daraus. „Ich ſah Sie ſchon auf dem Dampfſchiffe an⸗ kommen“, begann die Plaudrerin in ganz reinem, fließendem Deutſch, das Gerhard erſtaunen machte. „Davy ſtand neben Ihnen. Sie ſind mit ihm in frühe⸗ rer Zeit gereiſt, da werden Sie wohl Allerlei zu erzählen wiſſen. Bitte, bitte darum— er iſt verſchwiegen wie ein Fiſch und redet niemals über ſeine Reiſen. Er ſagt immer, er ſei müde— achl! und ich begreife das.“ „Sind Sie denn ſchon ſo viel gereiſt?“ fragte Gerhard, den der ganz ernſthafte Seufzer beluſtigte, ein wenig ironiſch. „Gewiß! Seitdem ich das Inſtitut verlaſſen habe, in einem fort.“ „Und iſt das ſchon ſo lange? „Ah, Sie glauben, daß ich noch ein ganz kleines Mädchen ſei;“ das iſt kein gelungenes Compliment für den Anfang. Herr von Kuruſoff wird ſich mit Ihnen ſchlagen; das wird er— lachen Sie nur!“ Aus dem komiſchen Ton erkünſtelter Entrüſtung zur ſchlichten Mittheilung übergehend, fuhr Miß Lizzie dann fort: „Seit zwei Jahren, wo Pa und Ma mit Davy 59 und Molly an den Rhein kamen, mich abzuholen, wandern wir in einem fort. Iſt das nicht lange?“ „Ich wandere bald ſeit zehn Jahren.“ „Wie kann man das aushalten? Ich wäre ſo gern in unſerm lieben Clayton⸗Foreſt.“ Wie wenn ſie ſich plötzlich auf einen ſchlagenden Beweis beſonnen hätte, ſetzte ſie raſch hinzu:„Haben Sie keine Heimat?“ „Ich könnte mit dem bekannten Studentenliede antworten: Wo es uns gut geht, dort iſt unſere Hei⸗ mat“, verſetzte Gerhard, dem die Unterhaltung mit dem naiven Kinde behagte,„aber ich habe allerdings noch eine beſondere Heimat, ein Vaterhaus, wenn Sie wollen.“ „Und es gefällt Ihnen dort nicht am beſten?“ Sie ſchlug dabei die ſchneeigen Händchen verwun⸗ dert zuſammen.„Krank ſind Sie doch auch nicht, wie Mama von Papa behauptet. Ich begreife die vielen Leute nicht, die nicht zu Hauſe bleiben wollen. Was finden Sie in der Fremde?“ „Belehrung, Unterhaltung, Anregung, Erquickung. große Erinnerungen, intereſſante Einblicke in Sitten und Gebräuche, das Gefühl der Freiheit, eine ſchöne Na⸗ tur. Durch das Reiſen nähern ſich die Menſchen und Völker einander, der Verkehr wird gehoben, Wohlſtand verbreitet, aus öden Stätten ein cultivirtes, geſegnetes Land geſchaffen.“ 60 „Durch Reiſen?“ fragte Miß Lizzie, die mit großem Ernſt, deſſen man ſie kaum fähig gehalten hätte, aufmerkſam zugehört hatte, und ihr Auge wie der Ton ihrer Stimme drückten Zweifel aus. „Gefällt Ihnen Montreux?“ fragte Gerhard ſtatt jeder Antwort entgegen. „Es iſt allerliebſt, wenn mir auch Clayton⸗Foreſt tauſendmal lieber wäre.“ „Gut. Ich habe es ſeit drei Jahren nicht mehr geſehen, denn heute war's ſchon zu finſter, als ich an⸗ kam, aber es muß ſeitdem ganz unverhältnißmäßig zu⸗ genommen haben, ſoviel ich hörte und las, und was werden drei, fünf, zehn Jahre weiter für Veränderungen hervorbringen! Montreux iſt heute nur das Frag⸗ ment einer großen Zukunftsſtadt von Villen und Land⸗ häuſern, die in anmuthigen Gärten längs einer weit ausgedehnten Strecke des nördlichen Seeufers zerſtreut liegen. Es iſt, möchte ich ſagen, vor der Hand der Plan ausgeſteckt. Leſen Sie den„Gefangenen von Chillon“, Sie werden einzelne Stellen aus der„Neuen Heloiſe“ herausſuchen dürfen, und ſtellen Sie dann Vergleiche an. Zur Zeit Rouſſeau's, ja noch zur Zeit Lord Byron's war hier eine Wildniß, ein dichter Wald, in dem nur ein paar aus armſeligen, hinfälligen Hütten beſtehende Dörfer verkümmerten; jetzt iſt die Wildniß gerodet, Gär⸗ 61 ten und Spaziergänge ſind dafür angelegt, die armen Dorfſchaften ſind reich geworden, der Boden iſt im Werthe ſo geſtiegen, daß das Verbreiternleiner Straße um einige Schuh dreimalhunderttauſend Franken koſtet, die den Grundeigenthümern zu gute kommen, die ver⸗ einzelten Gemeinden haben ſich vereinigt, Clarens, Vernex⸗Montreux, Chernex, Collonges, Teritet, Vey⸗ taux, Chillon ſind ein einziger großer Ort, der eigentlich bis Vevay hinaufreicht, das einſt dazu gehören wird und ſchon jetzt aus ſeinem Gaſometer die ganze Zukunftsweltſtadt mit Licht ſpeiſt. An Stelle der hinfälligen Hütten ſind liebliche Villen, ſtolze Pa⸗ läſte aus dem Boden gewachſen: die zahlloſen Penſionen, in denen heute ſchon vierzigtauſend Menſchen alljähr⸗ lich überwintern— eine Zahl, die ſich verzehnfachen wird, denn die Menſchen werden hierher pilgern wie ins gelobte Land, wo Milch und Honig fließt und Jeder die Hände in den Schooß legen kann. Der Arme aber wird hier Arbeit und guten Lohn finden. Und wodurch iſt dieſe gewaltige Veränderung vor ſich ge⸗ gangen? Glauben Sie noch, daß ich zuvor, als ich die Wirkungen des Reiſens beſprach, zu viel ſagte?“ „Vortrefflich, was Sie da geſagt“, ſtimmte Mrs. Wallace vom Sopha her bei. Sie hatte während Gerhard's Rede mit den magern Fingern immer ſchneller 62 und ſchneller auf den Tiſch getrommelt und nahm jetzt ihre Arbeit wieder auf. Auch Lizzie hatte aufmerkſam zugehört und das Gehörte hatte ihr zu denken gegeben; ſie hielt das V Köpfchen noch immer ſinnend geſenkt, aber der feurige, V V eindringliche Redefluß hatte offenbar ihr geſundes Ur⸗ theil nicht ſo ganz zu beſtechen vermocht, daß ſie ſich auf Gnade und Ungnade ergeben hätte. Der Zuſam⸗ menhang war ihr über das glänzend erwieſene Einzelne nicht verloren gegangen. Schalkhaft lächelnd hob ſie das Antlitz. „Aber Montreux iſt auch eine Heimat“, ſagte ſie,„eine Heimat der Kranken; es iſt auch nicht überall ſo ſchön wie hier und dergleichen Verän⸗ derungen ſind ſelten. Und was den Wohlſtand be⸗ trifft, ſo wird der nicht in die Fremde getragen, ohne daß er dafür der Heimat entzogen würde. Dem Nutzen ſteht alſo ein Schaden gegenüber.“ „Du verſtehſt davon gar nichts“, ſchnitt Mrs. Wallace, indem ſie ſich auffallend ungehalten der eng⸗ liſchen Sprache bediente, kurz ab.“ Das Töchterchen hatte aber ſeine ganze kindliche Naivetät wiedergefunden und rief ein wenig raſch heraus: „O, Mama will nichts hören von Nutzen und Schaden. Sie behauptet, ein Pfund in England gibt 63 zwanzig in Frankreich, und ich ſage ihr doch, daß man in Frankreich nicht mehr nach Livres rechnet.“ „Lizzie!“ mahnte die Schweſter, ohne von ihrer Stickerei aufzuſehen; der Erfolg war aber nur, daß Miß Lizzie lachend erwiderte: „Iſt's etwa nicht wahr? Du denkft ja ſelber ſo, Molly, geſteh' es nur.“ Das fand Mrs. Wallace natürlich nicht ſehr an— genehm, und um jeder etwa noch weiter gehenden Er⸗ öffnung zuvorzukommen, erhob ſie ſich mit ſteifer Hal⸗ tung, um ſich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Auch Mrs. Lesley folgte dieſem Zeichen. „Wie? Du willſt auch ſchon gehen?“ fragte ihr Gatte überraſcht. „Du ſiehſt“, war die kurze Erwiderung, wie die Frage in engliſcher Sprache gegeben. Mr. Lesley ſchoß das Blut nach dem Kopfe. „Es wäre vielleicht noch beſſer, gar nicht mehr her⸗ unterzukommen“, äußerte er, wie es Gerhard ſchien, mit mehr Bitterkeit, als die Sache eigentlich rechtfertigte, ſo⸗ daß die Wangen der jungen Frau ſich lebhaft färbten Man ſagte ſich kurz gute Nacht und die beiden Freunde traten hinaus in die Veranda, um dort am offenen Fenſter die köſtliche Abendluft einzuathmen und die lange verſchobene Cigarre zu rauchen. Drittes Kapitel. Im Schooße der Familie. Das Schweigen, in das ſich Mrs. Wallace mit verletzter Würde gehüllt, wurde erſt gebrochen, als die ganze Familie in ihrem Wohnzimmer angekommen war, das zugleich Miß Lizzie als Schlafgemach dienen mußte. Es lag eine unheimliche Schwüle über allen, von welcher nur Se. Ehrwürden nichts zu ahnen ſchien, da ihn der Aufbruch ſeiner Frau ganz unerwartet aus ſeinen Erörterungen mit Streicher geriſſen. Offen und heiter war auch Lizzie's Antlitz, der kleine Miſſethäter ſchien wenigſtens keine Angſt vor dem Ausbruche des drohenden Gewitters zu haben. Mr. Lesley trat ans Fenſter und ſah mit ge⸗ kreuzten Armen in die Nacht hinaus, die andern vier hatten ſich an den Tiſch geſetzt, von welchem Papa Wallace eine Nummer der Times aufnahm, mit der 65 er vor Tiſche nicht ganz zu Ende gekommen war. Mrs. Wallace ſtrickte eifrig; es war, als habe ſie ſich zur Aufgabe gemacht, in aller Eile erſt eine gewiſſe An⸗ zahl von Gängen fertig zu bringen, die ihr noch mehr auf dem Herzen lagen als Alles, was ihr Urſache zur Unzufriedenheit gegeben hatte. „Unter Anderm, Nab“, begann Mr. Wallace neu⸗ gierig,„weshalb gingen wir denn ſo bald? Ich unter⸗ hielt mich ganz gut. Mr. Streicher ſcheint ein ſehr unterrichteter Mann, wenn auch, wie ich wohl ſagen darf, nicht in allen Angaben ganz zuverläſſig.“ Der Pfarrer bediente ſich natürlich ſeiner Mutter⸗ ſprache, in welcher auch das Geſpräch weiter geführt wurde. „So! Sehr angenehm für Dich“, warf Mrs. Wallace ſcheinbar höchſt gleichgültig hin. Nun wendete ſich aber ihr Schwiegerſohn plötz⸗ lich um und nahm ſeinerſeits die unbeantwortet fallen gelaſſene Frage des Pfarrers auf. „In der That, auch ich möchte wiſſen“, ſagte er, „was dieſen frühzeitigen Rückzug veranlaßt hat.“ Mrs. Wallace zuckte die Achſeln, ein ſpöttiſch ſchar⸗ fes Lächeln verzog ihren Mund. „Taktloſigkeiten“, erwiderte ſie kurz, ohne aufzu⸗ blicken. Byr, Nomaden. I 66 „Und konnteſt Du mir kein Wort ſagen, Molly?“ fragte Mr. Lesley ſeine Frau, die, ſtatt zu antworten, ihr dunkel erglühendes Antlitz nur noch tiefer auf ihren Stramin herabſenkte, als falle ihr die richtige Zu⸗ ſammenſtellung der Schattirung beſonders ſchwer. Die Mutter übernahm für ſie die Erwiderung. „Molly hat nach der heutigen Probe wohl nicht vorausſetzen können, daß Mr. Lesley ſich übermäßig um die Anſichten und Wünſche ſeiner Gattin kümmert. Die Tochter fand es in der Ordnung, ſich gleichzeitig mit der Mutter zurückzuziehen, und rechnete wohl kaum darauf, daß unſer Verſchwinden von Ihnen beachtet würde.“ „Das iſt wahrlich ſtark!“ rief Mr. Lesley unmu⸗ thig aus.„Eines Hutes wegen, den ich nicht nach Ge⸗ ſchmack finden konnte, alſo, ſagen wir, einer Caprice wegen ſolche Kränkung herauszukehren, iſt doch unwür⸗ dig einer Frau. Der ganze Fall iſt all der ſpitzen Anſpielungen gar nicht werth, die ich ſchon darüber hören mußte. Man könnte wirklich in Verſuchung gerathen, ein Wort des gerechten Verdruſſes laut wer⸗ den zu laſſen, ohne es in der Hitze erſt abzuwägen.“ „Ich glaube, Sie ſind dieſer Verſuchung ſchon er⸗ legen“, bemerkte Mrs. Wallace. „Aber ich begreife wirklich nicht, Nab, meine 67 Theure, wie man ſich über dergleichen, ich glaube wohl ſagen zu können, dergleichen Kleinigkeiten ſo er⸗ eifern kann, wie mir ſcheinen will, daß Du thuſt, meine Liebe.“ Mrs. Wallace ſchien ihre Aufgabe im Stricken vollendet zu haben, oder ſchwand der letzte ſpärliche Reſt von Geduld, den ſie ſich bewahrt, gänzlich, ſie hob mit einem Male den Kopf und trommelte mit ihren knöchernen Fingern einen Sturmmarſch auf dem Tiſche. „Du wirſt erlauben“, fertigte ſie ihren Gatten in ſchneidendem Tone ab,„daß ich mir über die größere oder geringere Wichtigkeit gewiſſer Dinge mein eigenes Urtheil bilde.“ Ehrwürden fügte ſich in Sanftmuth dem dominirenden Einfluſſe, der eine fünfundzwanzigjährige Ehe zu der friedlichſten in der Welt gemacht, weil er es vrtunden, jeden Widerſpruch zu beſiegen, ehe er noch eigentlich recht laut geworden. Lizzie aber, die eine innige Zuneigung an ihren Vater feſſelte, konnte ſolche Unterdrückung, wie ſie es nannte, niemals mit anſehen, ohne einer raſchen Wallung nachzugeben. Auch diesmal ſtellte ſie ſich muthig in die Kampfreihe mit einer köſtlichen Miſchung von leichtſinnigem Ueber⸗ muth und ritterlichem Trotz in ihrem Weſen, das der 5* 68 Mutter mehr imponirte, als ſie es vor ſich ſelber Wort haben wollte. „Mutter, laß Deinen Zorn nur gegen mich aus rief das Mädchen mit gezwungenem Lächeln.„Ich weiß doch, daß ich wieder etwas Dummes gethan haben muß. Je früher das Gewitter über meinem ſchuldigen Haupte losbricht, deſto weniger gefährlich wird es ſein; mir iſt's viel lieber, wenn es direct ein⸗ ſchlägt, als wenn der Blitz auf Umwegen zu mir kommt, ſodaß ich das ganze Zickzack ſehen kann. Eigentlich iſt's doch nichts, als daß ich wieder einmal die Wahr⸗ heit geſagt. In der Schule heißt's immer: Du ſollſt nicht lügen! und in der Welt: Du ſollſt die Wahrheit nicht ſagen!“ Mrs. Wallace hatte dem Töchterlein trommelnd zugehört, jetzt unterbrach ſie die Selbſtanklage und 1‿q Vertheidigung zugleich enthaltende Rede. „Zwiſchen Lügen und taktvollem Sprechen iſt ein gewaltiger Unterſchied, welchen Miß Weisheit wahrzunehmen und einzuhalten im Grunde alt genug wäre. Man plaudert nicht Alles aus, was man weiß oder auch nur zu wiſſen glaubt, weil man dadurch ſich und Andere vor der Welt lächerlich macht.“ „O, nicht nur zu wiſſen glaube!“ griff Lizzie dasjenige auf, worin ihr eine Beleidigung zu liegen 69 ſchien.„Ich ſage nur, was ich ganz gewiß weiß. Mama hat oft genug wiederholt, daß wir der Erſpar⸗ niß wegen auf dem Continente reiſen, warum ſollte ich das nicht ſagen? Ich glaube doch nicht, daß man ſich deſſen zu ſchämen hat, ſonſt ſollten wir es lieber nichtthun.“ „Du thörichtes Kind!“ rief Mrs. Wallace, der dieſe ſcharfe Logik das Blut in die Wangen trieb, ſodaß ſie im Eifer an den ſtrohgelben Bändern zupfte, was ihre Haube ganz aus der Lage brachte.„Thörich⸗ tes Kind, wer ſagt Dir, daß dies der alleinige Grund iſt? Du weißt, daß Papa das Klima in England nicht vertragen kann, vornehmlich die Nebel; weißt Du, was Nebel ſind, wenn man das Podagra hat?“ „Gott Lob nein, Ma. Aber Davy hat doch nicht das abſcheuliche Podagra und Molly auch nicht, und ich könnte mit beiden in Linney⸗Haugh in unſerm lieben Derbyſhire bleiben. Warum willſt Du, daßwwirmitziehen?“ „So, du häßliches Kind! Vater und Mutter zu ehren iſt ein heiliger Gebot, als nicht zu lügen. Sollen wir etwa allein hier unter fremden Leuten wohnen? Selbſtſüchtiges Kind! Du haſt ein gefühlloſes Herz. Kinder gehören zu den Aeltern.“ „Aber ich glaube wirklich, Nab, meine Theure“, mengte ſich Se. Ehrwürden, die Times momentan ſenkend, mild ein,„meine Schmerzen würden mir 70 ganz gut erlauben, nach Clayton⸗Foreſt zurückzukehren, beſonders wenn ich den Vicar behielte. Ich würde mich dann wohl recht pflegen können.“ „So! Den Hülfsprediger auch noch beibehalten, natürlich!“ höhnte ſeine Frau,„damit wir am Ende wie dieſe Familien in den deutſchen oder ſchweizer Pfarrhäuſern unſern Unterhalt aus dem Verkaufe ſelbſtgezüchteten Geflügels und ſelbſtgebauten Gemüſes gewinnen müßten.“ Jetzt warf auch Mr. Lesley ein Wort ein. „Aber ich ſollte denken, mit tauſend Pfund des Jahres wäre auszukommen, und wenn nicht, nun, dann iſt ja Linney⸗Haugh nicht ſoweit von Clayton⸗Foreſt. Ich ſtelle mich darin auf Lizzie's Seite, wenn ich auch beiſtimmen muß, daß ſie ihre Kinderſchuhe zu lange nicht ablegt und obendrein noch der Einbildung lebt, daß ſie unfehlbar und jede ihrer zahlreichen Naivetäten eine wunderbar geiſtreiche Kundgebung ſei.“ „Schwager“, fuhr Miß Lizzie, deren zarte Wangen ſich wie die Stirn dunkelroth gefärbt hatten, grollend auf,„ich will keinen Partner, der mich hinterrücks ſelbſt anfällt. Es iſt Feindſchaft zwiſchen uns!“ „Ich habe Dich nicht hinterrücks angefallen, ſondern Dir ins Angeſicht einfach und ehrlich meine Meinung 71 geſagt. Aber ich hätte wiſſen ſollen, daß Frauen keinen Tadel ertragen.“ „Wenn Du das weißt, wäre es delicater geweſen nicht vor aller Welt gegen Deine eigene Frau einen ſolchen auszuſprechen.“ Es war dies das erſte Wort, das Mrs. Lesley bis jetzt geſprochen, und ſo ruhig und leiſe es auch vorgebracht wurde, klang der Vorwurf nur um ſo empfindlicher heraus. Mr. Lesley ſtand überraſcht und kaute an ſeiner Unterlippe. Seine Schwieger⸗ mutter ließ es dabei aber nicht bewenden, ſie ſpitzte den Pfeil noch nachträglich zu. „Man wird ſich an dem Auftritt im Salon recht ergötzt haben“, fügte ſie bei. „Und was ſoll ich ſchon wieder gethan haben?“ fragte der Angeklagte herbe. „Ich erinnere mich wirklich nicht, wenn ich ſo ſagen ſoll, etwas bemerkt zu haben“, wagte es Mr. Wallace, ſich auf die Seite ſeines Schwieger⸗ ſohns zu ſtellen. Miß Lizzie warf kampfluſtig und triumphirend das Köpfchen zurück. Ihre großen grauen Augen leuchteten in Luſt und Schelmerei. „Voilà! Hätteſt Du mich nicht in das Lager Dei⸗ ner Gegner getrieben! Chrliche Feindſchaft! Ich bin * 72 Zeuge, unliebenswürdiger Herr Schwager, daß Du auch gein unliebenswürdiger Gatte warſt. Oder hältſt Du die ſpitze Frage, ob es nicht beſſer geweſen wäre, gar nicht in den Salon hinunterzukommen, etwa für eine ge⸗ wandte Phraſe ritterlicher Galanterie?“ „Es war in der That taktlos“, fügte die Schwiegermutter bei,„aber ich will annehmen, daß Sie ſich in einem Zuſtand beſonderer Reizbar⸗ keit befinden. Ich glaube, Sie ſind unwohl. Sie ſollten mehr auf Ihre Geſundheit achten, irgend einen Arzt fragen, oder wollen Sie Cremortartari aus meiner Apotheke nehmen? Sie müſſen wieder einen Gallener⸗ guß gehabt haben, man ſieht es Ihnen an, Davy.“ Dieſe anſcheinende Beſorgniß wirkte aber auf den mit einer entſchuldigenden Krankheit Bedachten nicht wie auf Don Baſilio. Mr. Lesley fühlte ſich davon nur um ſo mehr gereizt; er kannte dieſen Winkelzug ſeiner Schwiegermutter, jeden Ausbruch des Mißmuths ſeiner angegriffenen Geſundheit zuzuſchreiben und ſich dagegen ſelbſt unwohl zu erklären, wenn ihren apodictiſch geäußerten Wünſchen nicht ohne weiteres Folge ge⸗ geben wurde. „Ja, ja“, rief er in herbem Tone,„etwas muß krank ſein. Entweder meine Zunge, auf der ſich das einfachſte und natürlichſte Wort in eine Beleidigung 73 verkehrt, o der die Ohren, welche überall eine Kränkung hören, wo keine beabſichtigt iſt, oder endlich—“. „Nun, nur heraus“, ſagte ſeine Frau ſchmerz⸗ lich, als er ſtockte und Mrs. Wallace nur heftig trom⸗ melnd ihrem Schwiegerſohn herausfordernd in die Augen ſah, erſtaunt über das Außergewöhnliche, Ueber⸗ raſchende, was da kommen ſollte.„Was iſt denn das Dritte, das möglicherweiſe krank iſt?“ fuhr die junge Frau fort.„Thue Dir keinen Zwang an! Vielleicht das Herz, das frei ſein möchte und ſich ge— bunden fühlt?“ Mr. Lesley wechſelte raſch die Farbe, das Zucken ſeiner Finger verrieth eine heftige Bewegung ſeines Innern. Er that ſich aber Zwang an, ſo ſehr er konnte. „Nun, wenn es denn geſagt ſein muß“, ſtieß er zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen her⸗ vor,„ich glaube, daß unſer ganzes Verhältniß krank iſt. Nein, ich glaube es nicht blos, ich empfinde es ganz deutlich, daß ich mich in einer ſchiefen Lage befinde.“ „Und darf man fragen, inwiefern?“ richtete ſich Mrs. Wallace auf.„Wollen Sie damit veel⸗ leicht ſagen, daß Sie ſich in der Verbindung mit un⸗ ſerer Tochter nicht glücklich fühlen und daß wir etwa 74 beigetragen hätten, Sie zu dieſer Verbindung zu be⸗ wegen, Mr. Lesley?“ „Mir fiel nie ein, dergleichen zu äußern.“ „Aber Sie denken es vielleicht“, entgegnete Mrs. Wallace, die einem Vermittlungsverſuch ihres wie auf Nadeln ſitzenden Gatten gar keine Beachtung ſchenkte. Ihr Schwiegerſohn ſtampfte unwirſch den Boden „Sie wiſſen recht gut, was ich denke und ſagen wollte“, verſetzte er.„Warum will man mir Ge⸗ danken anſchuldigen, die ich nicht hege? Ich muß geſtehen, daß ich deſſen überdrüſſig bin, ſowie ich nicht nach England zurückkehrte um das Nomadenleben von neuem zu beginnen. Wenn ich Gefallen daran gefunden hätte, wäre ich geblieben, wo ich war.“ „Du bedauerſt es wohl?“ warf ſeine Frau, die immer raſcher und raſcher ſtickte, hin und fachte den Brand, der ſowohl in ihrem wie im Intereſſe ihres Gatten beſſer gelöſcht geweſen wäre, damit nur noch höher an. „Es wäre wahrlich kein Wunder, wenn ich's zu Zeiten thäte“, verſetzte der gekränkte Mann zu haſtig, um zuvor ſeine Worte zu überlegen.„War ich früher Nomade aus freiem Willen— als ein Fürſt, ſo bin ich es jetzt als ein Sklave.“ 75 Er wendete ſich kurz um und verließ im Zorne das Gemach. Ein Tropfen fiel auf die bunte Wolle der Stickerei, und es war natürlich, daß die junge ſchmerzlich erregte Frau die Arbeit ſehr nahe an ihre Augen bringen mußte, um durch das Flimmern der Thränen hindurch die Stiche zu erkennen. Mrs. Wallace war unter dem Eindruck, den die Worte ihres ſonſt ſo fügſamen Schwiegerſohns hinterlaſſen, wie verſteinert. Noch niemals hatte Mr. Lesley ſo deutlich und unum⸗ wunden geſprochen. „Unerhört“, murmelte ſie, als Lizzie mit der er⸗ ſtaunten Bemerkung, daß ihr Schwager wirklich und wahrhaftig fort ſei, den Bann gebrochen hatte.„Un⸗ erhört! Eine ſolche Sprache zu führen, wie ein Ankläger, wo eine Entſchuldigung, eine Abbitte allein die Rückſichtsloſigkeit hätte gut machen können. Man ſieht, die Verwilderung der Sitten iſt niemals ganz auszurotten.“ Mr. Wallace hatte die Zeitung auf ſeine Kniee fallen laſſen und ſah unſchlüſſig auf ſeine Finger, mit denen er unruhig ſpielte; jetzt aber hob er entſchloſſen das feine ariſtokratiſche Antlitz, in deſſen Zügen ſich leb⸗ hafte Mißbilligung ausſprach. „Ihr habt es ihm aber auch zu arg gemacht“, 76 ſagte Se. Ehrwürden ſtreng, wie er ſich's vorgenommen; „ja gewiß, man kann, ich glaube wohl, ſagen, zu arg gemacht. Es muß ſich ja aller männliche Stolz gewiſſermaßen empören dagegen, von Frauen derartig, wie, man kann wohl behaupten, ein Schuljunge abge⸗ kanzelt zu werden. Glaubſt Du nicht ſelbſt, Nab, mein Theure?“ Mr. Wallace hatte ſich zu einer ſo ungewöhnlich ſcharfen Behauptung hinreißen laſſen, daß nicht nur ſeine Frau, ſondern auch er ſelbſt darüber erſtaunt, ja ſogar betroffen war, da Mrs. Abigail Wallace durchaus nicht geſonnen ſchien, ſeiner Schlußappellation bei⸗ ſtimmend Gehör zu geben. „Die Männer halten alle zuſammen“, erwiderte ſie im Gegentheil und fuhr dann in beſonders theil— nehmendem Tone fort:„Aber daß Du, lieber James, Dich ſo heftig zu Davy's Partei ſchlägſt, überzeugt mich davon, daß Du heute ungewöhnlich aufgeregt biſt. Ich habe es ſchon zuvor befürchtet, es iſt gewiß wieder ein Anfall im Anzuge, Du biſt dann immer etwas leiden⸗ ſchaftlich, und es iſt dies um ſo betrübender, als der Arzt Dir doch jede Gemüthserregung eindringlichſt wider⸗ rathen hat. Du mußt Dein Temperament mehr beherr⸗ ſchen lernen. Wir leiden alle darunter, denn was würde aus uns, wenn Du uns verlaſſen ſollteſt! Du 77 mußt Dich für uns erhalten, James— es iſt Deine Pflicht, als Gatte, Vater und Chriſt. Das Beſte iſt, Du gehſt zu Bette. Du mußt Dich ſchonen, und wenn nicht für Dich— ich weiß es, Du biſt ſo leichtſinnig, wenn es Deiner Geſundheit gilt— ſo für uns— denke an Deine Familiel“ „Ja, ja, wie Du meinſt, Nab“, entgegnete Mr. Wallace, der ſeine Hand gerührt ſeiner Vorſicht, wie er ſie zeitweiſe nannte, über den Tiſch hinreichte. „Du glaubſt alſo, ein Anfall? Ich fühle mich zwar ganz wohl, wie ich wohl behaupten kann—“ „Und vor drei Wochen, wo Du Dich ebenfalls ſo wohl fühlteſt—“ „Allerdings, das war mir ganz entfallen. Nun ja, ich will zu Bette.“ „Aber, Mama“, intervenirte Miß Lizzie für ihren Vater,„weshalb ſchickſt Du denn Papa zu Bett, wenn er doch wohl iſt?“ „Schicken!“ wiederholte Mrs. Wallace im ungehal⸗ tenen Ton des Verweiſes. „Gewiß, Kind“, fiel ihr Mann raſch ein, wobei er die ſchöne weiße Hand, die ſeine jüngere Tochter lieb⸗ koſend gefaßt hielt, frei machte und damit ihr lockiges Haar ſtrich,„vom Schicken iſt keine Rede. Die Mutter meint es gut mit mir, ich habe ſeit fünfundzwanzig 78 Jahren Zeit gehabt, mich davon zu überzeugen. Es iſt nicht zu viel behauptet, wenn ich dies ſage. Ich glaube ſelbſt, es wird mir gut thun, wenn ich mich früher zurückziehe. Ihr habt vielleicht auch Mancherlei zu be⸗ ſprechen, was mich, denke ich, nur in der Lectüre ſtören könnte.“ Der alte Herr ſagte gute Nacht und es war wirklich ein Blick unerkünſtelter Zärtlichkeit, der ihm aus den Augen ſeiner Gattin folgte, als er das Zimmer verließ. Der flüchtige Sonnenſtrahl war aber ſogleich wieder verſcheucht, als Miß Lizzie in ihrer über⸗ ſprudelnden Natürlichkeit und mit ein wenig Bosheit bemerkte, Papa ſei ein Muſter von einem Ehemann, ſie wünſche ſich auch einmal einen ſolchen. „Du hätteſt den Deinen beſſer erziehen ſollen, Molly“, ſchloß ſie.„Du biſt ſchuld, wenn er gegen ſeine Frau und, was noch mehr ſagen will, gegen ſeine liebenswürdige Schwägerin unartig iſt.“ „Er hat Dir nicht zu viel geſagt“, erwiderte die junge Frau,„es war Alles wohlverdient.“ Miß Lizzie ſchlug mit komiſcher Entrüſtung ihre Händchen zuſammen. „Alſo auch Du nimmſt gegen mich Partei? Nun wohl, dann war auch Alles redlich verdient, was er Dir geſagt— ich unterſchreibe Alles— Alles!“ 79 „Kannſt Du denn nie ernſthaft ſein?“ verwies ſie die Mutter.„Es iſt nicht nur unverdient, es iſt himmelſchreiend, was er uns geſagt, und kann nicht mit einem Scherze abgethan werden. So ſpricht kein ehrerbietiger Sohn mit ſeiner Schwiegermutter, kein Mann, der ſeine Frau liebt, mit dieſer.“ „Davy hat es anders gemeint— er war ge⸗ reizt“, entſchuldigte die junge Frau den Angeklagten, dem ſie doch kurz zuvor ſelbſt Vorwürfe gemacht. Aber jetzt war er nicht anweſend und die Angriffe gegen ihn erſchienen ihr wie gegen ſie ſelbſt gerichtet. Mrs. Wallace verdroß ſichtlich der Widerſpruch ihrer Tochter. „Was gereizt! Ein gebildeter Mann darf ſich gegen Frauen nie ſo weit gehen laſſen. Solche Reden, wie er führte, ein ſolches Betragen, wie er zeigte, ſind nicht gentlemanlike.“ „Ich finde ihn unchevaleresque“, fügte Lizzie hin⸗ zu. Die junge Frau hob das erröthende Antlitz. „Davy hat den edelſten und achtunggebietendſten Charakter“, entgegnete ſie feſt;„ich möchte den ſehen, der ihn irgend einer Gemeinheit zeihen könnte. Er iſt redlich, gut und wohlthätig, und wenn er weniger leichtfüßig iſt als Graf Hilmersdorf und weniger Schönredner als Herr von Kuruſoff oder ſonſt 80 einer von Deinen Anbetern, von denen ich unter uns geſagt keinen möchte, ſo iſt er dafür um ſo zuver⸗ läſſiger, erfahrener und ehrenhafter.“ „Graf Hilmersdorf leichtfüßig— zugegeben, aber Herr von Kuruſoff ein Schönredner? Das iſt Ver⸗ leumdung, Schweſter. Ein Schönredner ohne Stimme! Uebrigens Revanche pour Pavie! Möchteſt Du meine Anbeter nicht, ich mag dafür keinen ſolchen Inbegriff aller edlen Eigenſchaften, der aus übertriebener Wahrhaf⸗ tigkeit eines Tages nicht anſtände, mir zugeſtehen, daß er es zeitweiſe bedauert, mein Sklave zu ſein. Meine Sklaven müſſen alle entzückt von ihrem Looſe ſein und vor allem darf mein einſtiger Cheſklave niemals an ſeiner goldenen Kette rütteln.“. Mrs. Lesley ſtreifte ihre Schweſter mit einem Blicke, als wenn ſie ſagen wollte:„Kindiſches Ding!“ „Lizzie ſchwatzt wie ein Papagei“, ergänzte die Mutter den beredten Blick, wendete ſich aber ſogleich wieder gegen ihre ältere Tochter.„Ich muß ihr aber inſofern beiſtimmen, als ich einen Mann nie⸗ mals und unter keiner Bedingung von der Pflicht der Höflichkeit losſprechen kann. Wer ſeiner Frau roh zu begegnen vermag, achtet ſie nicht, und das iſt ſchlim⸗ mer, als wenn er ihr ſeine Neigung entzieht.“ „Aber Davy iſt mir ja gar nicht roh begegnet“, 81 widerſprach die junge Frau, die kaum mehr ihre Thränen zurückzuhalten vermochte. „Wie? Du willſt ihn am Ende noch vertheidigen? Ich glaube doch auch zu wiſſen, was ſich gehört. Sein heutiger Ausbruch ſteht nicht einmal vereinzelt da, wenn er auch weiter ging als jemals zuvor. O mein Kind, ich habe es mit Schmerzen wachſen ſehen und Dolche drehen ſich in meinem Herzen um, während ich Dir ſage, daß ich nicht mehr zweifeln kann, wie Davy Dich von Tag zu Tag mehr vernachläſſigt. Ich will nichts geſagt haben und das Mißtrauen in Dir nicht wach⸗ rufen, aber ich kann kaum mehr zweifeln, daß Dich Dein Mann nicht mehr liebt, wenigſtens nicht wie ehedem.“ „Mutter!“ rief die junge Frau todtenbleich vor Schreck,„wie kannſt Du das ſagen! Was weißt Du?“ „Mein armes Kind, ich hätte gewünſcht, daß Dich niemals ein ſo herber Schlag träfe. Aber der heutige Abend hat mich vollkommen klar ſehen gemacht. Er iſt gleichgültig gegen Dich, wenn nicht noch Schlimmeres.“ Die junge Frau hatte ſich indeß wieder gefaßt, und die Aufregung des Schrecks, die ihr das Blut zum Herzen getrieben, jagte es jetzt in um ſo lebhaftern Wellen durch die Adern zurück. Ihr huͤbſehes Antlitz Byr, Nomaden. I. „bielt, keine Hinderniſſe entgegenſetzte und, da ich ſah, bekam wieder Farbe, die Augen erhöhten Glanz, und mit Heftigkeit ſetzte ſie ſich zur Wehr, in ihrem Gatten zugleich den eigenen gefährdeten unerſetzbaren Beſitz vertheidigend. „Das iſt nicht wahr!“ rief ſie weit reſoluter, als ihr ſtilles Weſen hätte vorausſetzen laſſen.„Davy liebt mich, er iſt nicht gleichgültig gegen mich, und was Du unter dem Schlimmern meinſt, kann ich ganz und gar nicht verſtehen. Es iſt nicht recht, Nutter, daß Du Davy zu verdächtigen und mich gegen ihn einzunehmen ſuchſt. Du haſt es zugegeben, daß ich ſeine Frau wurde, ja noch mehr, ich kann ſagen, Du haſt ihm unſer Haus angenehm gemacht, als er in unſere Nachbarſchaft zurückkehrte, Du haſt meinen Eigen⸗ ſchaften mehr Lob vor ihm ertheilt, als ſie verdienten, Du haſt ihm den Weg geebnet und das Sprechen er⸗ leichtert und mir jeden Zweifel aus der Seele geredet, bis wir Mann und Frau wurden. Warum haſt Du mich damals nicht gewarnt und zwiſchen Davy und mich Deinen Willen geſtellt?“ „Du undankbares Kind!“ brauſte Mrs. Wal⸗ lace auf.„Habe ich Vorwürfe dafür verdient, daß ich beſorgt war, Dein Glück zu gründen? Weil ich den Bewerbungen eines Mannes, den ich für anſtändig 83 daß er Dir gefiel, keine tyranniſche Mutter ſpielen wollte, weil ich vielleicht, aus Liebe zu Dir, kurzſichtig nachgab— meinetwegen ſage, aus zu großer Beſorgniß, Du könnteſt in unſerm abgeſchiedenen Clayton⸗Foreſt am Ende gar keinen Mann mehr finden, in einer Zeit, wo die Heirathsluſt der jungen Herren ſo rapid abzu⸗ nehmen droht, daß die Ehe bald ein Ausnahmezu⸗ ſtand ſein wird— darum ſoll ich nun den Vorwurf hören, als hätte ich gar entgegenkommende Schritte ge⸗ macht, denn das willſt Du doch ſagen, oder als hätte ich Dich zur Heirath gezwungen oder doch überredet, nachdem der Vogel glücklich in mein Netz gerathen war?“ „Ach, Mama“, rief Lizzie beluſtigt,„wann wird denn die Zeit gekommen ſein, daß Du für mich auch Netze ſtellſt? Aber bitte, ſieh Dich beſſer vor als das letzte Mal, ſonſt zerreiße ich heimlich eine Maſche und laſſe den Uhu davonflattern.“ Weder ihre Mutter noch Schweſter waren in der Stimmung, auf dieſe übermüthigen Scherze ein— zugehen. „Wie dem ſei“, ſagte die letztere feſt,„nachdem wir einmal verheirathet ſind, iſt es Unrecht, den Samen der Zwietracht zwiſchen uns zu ſtreuen und meinen Mann, den ich verehren und hochachten ſoll, wie ich 6* — ——— ———— 84 es verſprochen, in meinen Augen herunterſetzen zuwollen. Das heißt das Glück, das Du ſtiften wollteſt, unter⸗ graben, und wer es auch ſei, der ſo handeln wollte, ich müßte ihn abweiſen, von Dir aber, Mutter, hätte ich das niemals erfahren ſollen!“ „So“ ſtieß die Matrone ſcharf hervor, wo⸗ bei ſich hinter ihrer Gereiztheit die Scham verbergen mußte, die ſie nicht ganz zu überwinden vermochte. „Ich bin jetzt des Beſſern belehrt. Aber, thörichtes Kind, ich wache jetzt eben auch über Dein Glück.“ „Darüber muß derjenige wachen, dem Du es an⸗ zuvertrauen für gut fandeſt. Wodurch haben ſich Deine Anſichten über Davy ſo geändert, der doch, wie Du ſelbſt zugibſt, Dir hochwillkommen ſchien, um mich vor der Gefahr zu retten, ein altes Mädchen zu werden?“ Mrs. Wallace hing ſich, wie dies vieler Frauen Art iſt, den Zuſammenhang überſehend, an den letzten Satz, der ſie zugleich am meiſten irritirte, ohne ſich an den Widerſpruch ihrer eigenen Worte zu kehren. „Nun, gar ſo arg war die Gefahr und gar ſo hoch⸗ willkommen der Retter denn doch nicht. Was iſt denn Davy, was ſind denn dieſe Lesleys Beſonderes? Linney⸗Haugh iſt noch lange kein Windſor⸗Caſtle. Dein Vater iſt ein jüngerer Sohn, aber die Wallaces 85 ſind mit Wilhelm dem Eroberer eingewandert und die Shaketons, von denen Ihr miütterlicherſeits ſtammt, waren lange die Erſten in der Grafſchaft.“ „Vor zweihundert Jahren“, ſchaltete Lizzie ein. „Du aber warſt das hübſcheſte Mädchen im gan⸗ zen Kirchſpiel— die Shaketons waren immer ihrer Schönheit wegen berühmt und geſucht. Ich kann alſo wohl einigermaßen mit Recht behaupten, wie Dein Vater zu ſagen pflegt, daß Du nicht eigens auf Mr. Lesley gewartet haſt, und es wäre an ihm, ſich des Vertrauens würdig zu zeigen, das man in ihn ge⸗ ſetzt. Ich will gar nichts ſagen, daß Du Deinen Gatten vertheidigſt, wenn ich auch gegen die Mutter überflüſſig finde, was gegen die Welt geboten iſt, aber ich ſehe mit Bedauern, daß Du Deine Augen abſichtlich gegen Thatſachen und Dein Herz gegen wohlgemeinte mütter⸗ liche Rathſchläge verſchließeſt. Mr. Lesley, ſage ich, hätte alle Urſache, ſich glücklich zu ſchätzen. Er ſteht nicht mehr in erſter Jugend und müßte ſich beeifern, Deine Neigung friſch zu erhalten, und die Jahre, die er zu viel hat, durch ſein Benehmen, durch ſeine zarten Bemühungen zu verwiſchen trachten. Statt deſſen ver⸗ nachläſſigt er Dich— ja, er thut es auffällig, geſtehe es nur zu, Du armes Kind. Du kannſt nicht leugnen, daß er ſich ſehr verändert hat. Siehſt Du, Du errötheſt! An⸗ worte ſelbſt, iſt nicht eine große Veränderung mit ihm vorgegangen?“ „Er iſt wohl etwas anders, aber—“ lispelte die junge Frau befangen und ſtockte dann. „Nun ſiehſt Du“, fiel ihr Mrs. Wallace ins Wort.„O, das Mutterauge blickt ſcharf! Ja, ja, er hat ſich verändert— er iſt kälter und wortkarger geworden, düſter und reizbar, er meidet Dich— ja, er meidet Dich, ſo weit iſt es gekommen, und was ſoll die ſchwere Traurigkeit, die er nicht verbergen kann? Ich ſage, es iſt nur der Deckmantel, unter dem er nichts Gutes brütet— nichts Gutes, Kind! Er hat ſich ſelbſt verrathen vorhin, das Wort iſt ihm entſchlüpft, aber es enthüllt ſeine Seele. Du kannſt meiner Erfahrung glauben— er ſinnt nichts Gutes, Kind.“ Die Sprecherin hatte ihre Hand liebkoſend auf Molly's braune Flechten gelegt, die mit graziöſer Ein⸗ fachheit um den Kopf geſchlungen waren, und ihre Stimme hatte den Ausdruck wirklicher Rührung und Beſorgniß angenommen, ſodaß die arme gequälte junge Frau die Hand ihrer Mutter zitternd zwiſchen die ihren nahm und ganz verſtört zu der Unheilverkün⸗ derin emporblickte. „O Mutter, Du biſt grauſam“, klagte ſie.„Wenn Du etwas weißt, warum ſprichſt Du nicht gerade 87 und offen? Warum ſo tropfenweiſe mein Vertrauen vergiften? Was iſt vorgefallen? Was fürchteſt Du, Mutter?“ „Fürchten— viel, wenn auch bis jetzt noch nichts vorgefallen iſt, wobei man Deinen Mann faſſen könnte. Dann iſt es aber auch ſchon zu ſpät. Man muß vor⸗ ſichtig ſein. Es gibt hier ſo viele zweifelhafte Exiſtenzen. Gefällt Dir zum Beiſpiel dieſe Baronin Leſtow?“ „Die Baronin?“ wiederholte Molly erſtaunt und geängſtigt.„Aber Davy hat noch gar nicht mit ihr ge⸗ ſprochen.“ „Ich meine auch nicht die Baronin, nur als Bei⸗ ſpiel führte ich ſie an für kokette Frauen, deren Abſichten man nicht auf den Grund ſehen kann, oder vielmehr, man kann ſehr gut auf den Grund ſehen, wenn man mehr Erfahrung hat als Du, mein Kind. Es geht etwas vor mit Deinem Manne, das iſt ſicher, und Du mußt ihm zeigen, daß Du nicht blind für ſeine Verir⸗ rungen biſt, das mußt Du.“ „Höre, Mama“, mengte ſich da Lizzie herzhaft ein,„das“ kann ich von Davy nicht glauben. Er iſt ein Bär und iſt ungezogen mit ſeiner Schwägerin, wie mit ſeiner Frau, aber daß er dieſe hintergehen ſollte, iſt durchaus nicht anzunehmen. Davy macht ſich nicht ſoviel aus einem hübſchen Frauenzimmer, 88 er hat mich nicht ein einziges Mal geküßt, ſeit Ihr mich aus der Penſion abgeholt, und da wäre doch nichts Böſes dabei geweſen. Ich hätte ihm auch nicht den Kuß verweigert, wenn ich ihn gleich ſonſt nicht beſonders leiden mag— er riecht mir zu ſehr nach Tabak.“ „Du brauchſt ihn auch gar nicht zu küſſen“, ſchmollte die junge Frau, deren Anlage zur Eiferſucht die Mutter uicht erſt zu ſchüren nöthig gehabt hätte. „Wir verzichten auf Deine Erfahrungen und Refle⸗ rionen“, wies dieſe ihre jüngere Tochter in die Schranken,„und Du, Molly, mein Kind, glaube mir, die Männer ſind launenhaft und unbeſtändig— nicht daß ich gegen Deinen Vater jemals Urſache zur Klage gehabt hätte, aber die Männer im Allgemeinen. Man muß ihnen die Gelegenheit abſchneiden oder, wenn dies nicht möglich, ſich mit Stolz waffnen und den Abtrünni⸗ gen zeigen, daß man ſie verachtet.“ Das raſche Wallen ihres Buſens verrieth die große Aufregung, in der ſich die junge Frau befand. Glaube, Vertrauen, Zweifel, Schmerz kämpften mit⸗ einander, ohne daß eine dieſer Regungen den Sieg errungen hätte. Die feinen Fingerchen drückten und zerrten krampfhaft an dem Stramin und der bunten Wolle, die ſich in einen unentwirrbaren Knäuel ver⸗ wickelte. 89 „Aber, Mutter“, brach die von ſo verſchiedenen Gefühlen Gemarterte endlich los,„es iſt ja noch gar kein Beweis da, daß Davy ein— ein Abtrünniger wäre.“ „Nein, Beweis dafür iſt noch keiner vorhanden“, entgegnete Mrs. Wallace, die Tochter trotz deren un⸗ willkürlichen Widerſtrebens an ſich ziehend,„noch iſt nichts gewiß, aber der Stolz muß ſchon jetzt Deine Waffe werden. Du mußt Deinem Manne zeigen, daß nicht Du es biſt, die um ſeine Gunſt wirbt. An ihm iſt es, ſich die Deine zu erhalten, er muß wiſſen, daß Du Dir Deiner Würde und ſeiner Pflichten bewußt biſt, er muß nach einem Sonnenblick aus Deinen Augen, nach einem Lächeln von Deinem Munde trachten, er muß zur Erkenntniß kommen, daß er ſich auf einem Abwege — wir wollen annehmen, erſt am Beginne deſſelben — befindet, er muß umkehren und Dich zu verſöhnen ſuchen, das muß er! Nur ſo kann vielleicht noch Alles gut werden.“ „Nun, wenn er auch, wie ich feſt überzeugt bin, an keinen Abweg denkt“, rief Lizzie lachend,„ſo verdient er doch ſeiner übrigen abſcheulichen Ver⸗ brechen wegen, daß man ihm die Hölle ein bischen heiß macht. Ein wenig Fegefeuer zum mindeſten kann kei⸗ nesfalls ſchaden.“ 90 „Aber, Mutter“, warf die junge Frau nochmals zagend ein,„wenn ich ihn liebevoll bäte— eer iſt ſo empfänglich für jedes freundliche Wort; wer weiß, was ihn drückt; er gibt vielleicht gern eine genügende Erklärung.“ „An die nur unerfahrene Kinder glauben“, ver⸗ vollſtändigte Mrs. Wallace den Satz. Sichtbar ver⸗ letzt lehnte ſie ſich im Sopha zurück und begann mit merkwürdiger Raſchheit zu ſtricken. Es lag etwas kühl Ablehnendes in ihren kurz hingeworfenen Worten: „Thue, was Du wilſſt; gerathen habe ich Dir; zwingen kann ich Dich nicht, Du biſt Deine eigene Herrin und alt genug; ich waſche meine Hände.“ Die junge Frau erhob ſich; aus ihren Augen ſtrahlte Zuverſicht, die zuletzt doch Siegerin geblieben. „Ich kann nicht glauben, daß Davy mich hinter⸗ geht— ich kann es nicht!“ rief ſie mit aller Kraft der Ueberzeugung. „Recht ſo! Ich auch nicht, Schweſter!“ jubelte Lizzie.„Vergib mir, was ich Ungeſchicktes geſagt.“ Sie faßte Molly's Hand und dieſe ſchlang den Arm um der Schweſter Nacken und küßte ſie mit Lei⸗ denſchaft auf die Stirn, um gleich darauf in einen Strom von Thränen auszubrechen. Die Gemüthsbewegung war zu heftig geweſen, der edle weibliche Stolz, der te 91 die junge Frau ſo lange aufrecht erhalten und ihr Muth zur Vertheidigung ihres Gatten eingeflößt, ſchmolz nach dem ſo mühſam errungenen Sieg dahin und die feine mädchenhafte Geſtalt erbebte unter den erſchüttern⸗ den Stößen eines convulſiviſchen Schluchzens, das Liz⸗ zie's liebevolles Zureden erſt zu ſtillen vermochte, als die Mutter das Zimmer ſchon lange verlaſſen hatte. ——— —— Viertes Kapitel. Phyſiognomiſche Studien. Kurz nachdem die Familie des engliſchen Pfarrers den Salon verlaſſen hatte, geſellte ſich Herr von Kuru⸗ ſoff zu den beiden Freunden, die am offenen Fenſter der Veranda behaglich ihre Cigarren rauchten. Die Behaglichkeit äußerte ſich bei Streicher allerdings eigen⸗ thümlich, wenn man überhaupt annehmen will, daß es für ihn einen Zuſtand gab, der dieſen Namen ver⸗ diente. Fortwährend biß und drehte er an ſeiner Ci⸗ garre, die alle Augenblicke neu angezündet werden mußte und trotzdem viel raſcher ihrem Ende zubrannte als die eines andern mit Genuß verfahrenden Rauchers. Herr von Kuruſoff bat mit großer Anſtrengung ſeines unhörbaren Organs, ſich den Herren vorſtellen zu dürfen, und fügte ſogleich hinzu, daß er eigentlich 93 als ein Abgeſandter der Baronin erſcheine, Herrn Strandau um ein kleines Privatconcert zu erſuchen. Gerhard war von dieſer Zumuthung ſehr über⸗ raſcht, aber Herr von Kuruſoff beeilte ſich, jeder Ein⸗ wendung zuvorzukommen.„O leugnen Sie nicht“, hauchte er mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Lebhaftig⸗ keit,„leugnen Sie nicht, wir haben Ihr ausgezeich⸗ netes Spiel bis in den Speiſeſaal hinab gehört.“ „In der That, ich dachte nicht daran, daß man das Inſtrument im ganzen Hauſe höre, ich werde da⸗ rauf in Zukunft Rückſicht nehmen“, wollte ſich Gerhard entſchuldigen. „Nicht doch, nicht doch! Sie haben ſich jetzt ſchon verrathen. Das Haus hat hölzerne Wände und dieſe haben natürlich noch feinere Ohren, als ſonſt das deutſche Sprichwort ihnen beilegt. Es wäre ſchade, wenn Sie uns den Genuß entziehen wollten. Denn ein wirklicher Genuß war es, den wir vorhin hatten, darüber waren alle einig; ſelbſt Miß Lizzie, unſere kleine Nachtigall, wie ich ſie nenne, horchte ganz ent⸗ zückt und geſtand, ihren Meiſter gefunden zu haben.“ „O bitte—“ „Durchaus keine Schmeichelei, Herr Strandau. Herr Strandau? Hehe! ein ganz hübſches Incognito, aber zu durchſichtig, viel zu durchſichtig.“ 94 „Sie meinen?“ „Virtuoſen lieben es nicht, die neugierigen Augen der Menge überall auf ſich gerichtet zu ſehen, ſie reiſen wie Fürſten. Ich begreife das, aber ganz unter uns, ſo en petit comité— ah! Sie müſſen ſich ſchon darein fügen, mein lieber Maeſtro— Miß Lizzie hat endlich auf mein Andringen mir insgeheim zugeben müſſen, daß wir es eigentlich mit einer Celebrität zu thun hätten, die es aus Beſcheidenheit vorgezogen hat, den Namen Strandau ins Fremdenbuch einzutragen, und Miß Lizzie hat uns nur aus Rückſicht gegen ihren Schwager den wirklichen Namen verſchwiegen.“ Gerhard ſah verwundert ſeinen Freund an, er wußte nicht recht, ob er über den übermüthigen Streich des Mädchens lachen oder ſich darüber ärgern ſollte, daß er ſo der Gegenſtand eines grundloſen Gerüchts ge⸗ worden, das ebenſo ſehr geeignet war, ſeine Ruhe zu ſtören, als es ſeine Eitelkeit verletzte. Dieſelben Leute, die ihn jetzt mit einer gewiſſen neugierigen Verehrung be⸗ trachteten und ſein Spiel unvergleichlich fanden, ſolange ſie ihn für eine berühmte Perſönlichkeit hielten, zuckten wahrſcheinlich über ihn und ſein Talent hochmüthig die Achſeln, ſobald die Myſtification ein Ende nahm. Beinahe hätte er Luſt empfunden, die ihm aufgedrun⸗ gene Rolle eine Zeit lang zu ſpielen, aber ſein ehrlicher te 95 Sinn verwarf jede Maske, ſo ſehr ihm dieſelbe auch gedient hätte, ſich über das leichtgläubige, urtheilsloſe Publikum luſtig zu machen. Als daher Herr von Kuruſoff weiter in ihn drang und gern gewußt hätte, ob er es mit Jaell, Thalberg, Bülow oder Rubinſtein zu thun habe, lehnte Gerhard ernſtlich ab. „Wenn hier Jemand gegenwärtig wäre“, ſagte er,„der dieſe Künſtler kennt, ſo würde eine Ver wechſelung unmöglich ſein; übrigens kann Ihnen Mr. Lesley und noch beſſer hier mein Freund, Doctor Streicher, Zeugniß ablegen, daß ich niemals als Vir⸗ tuoſe gereiſt bin und ſeit meiner Geburt immer Stran⸗ dau geheißen habe, wie Sie ganz richtig im Fremden buche zu leſen die ſchmeichelhafte Aufmerkſamkeit für mich hatten.“ „Ah, ich ſehe, Sie wollen Herr Strandau bleiben— eh bien!“ erwiderte Herr von Kuruſoff mit einer höfllichen, jedoch zurückhaltenden Verbeugung „Was aber Ihren Ausfall gegen meine Neugierde be⸗ trifft, ſo muß ich denſelben zurückweiſen. Kapitän von Reuſche hat die Gewohnheit, das Fremdenbuch täglich durchzuſehen, von ihm erfuhr ich den von Ihnen eingeſchriebenen Namen.“ „Ich begreife nicht, wie man ſo viel Intereſſe an einem Durchreiſenden nehmen kann“, brummte 96 Streicher.„Was kümmert es mich, wer mit mir zu Tiſche ſitzt, wenn ich nur nicht verkürzt und beläſtigt werde.“ „Sie werden erlauben, daß man auch anderer Mei⸗ ung ſein kann. Ich zum Beiſpiel liebe es ſehr, zu wiſſen, mit wem ich an einem Tiſche ſitze. Es gibt Fälle, wo man ſich lieber gar nicht an denſelben ſetzt, wenn die Geſellſchaft keine convenable iſt. Wir leben hier in einer Penſion, alſo gewiſſermaßen in einem ge⸗ meinſchaftlichen Zuhauſe, und es iſt ganz hübſch, wenn man ſich gegenſeitig kennt und nicht ſtumm an einander vorübergeht.“ „Das thun gewiſſe Leute mit allem Geſchwätz doch“, murrte Streicher, ohne Gerhard's abmahnen⸗ den Blick zu beachten. Zum Glücke verſtand ihn der Ruſſe nicht. „Es iſt natürlich“, fuhr dieſer fort,„daß jede neue Erſcheinung in einem ſo kleinen Kreiſe auf⸗ fällt und daß ſich ſogleich Combinationen an ſie knüpfen, ob die Geſellſchaft an ihrem Zuwachs einen Gewinn zu erwarten hat, oder nicht. Haben Sie nie längere Zeit in einer Penſion gelebt?“ Die Frage galt Gerhard und er beantwortete ſie ver⸗ neinend. Er war auf ſeinen Reiſen, wo erlänger zu bleiben gedachte, immer in Privatwohnungen abgeſtiegen. 97 „Alſo nicht! Nun, ich glaube, Sie werden es gar nicht ſo übel finden. Man hat zwar nicht viel zu thun und der Müßiggang ſoll der Anfang aller Laſter ſein, aber daran gewöhnt man ſich. Die Bewohner einer Penſion bilden gewiſſermaßen eine Familie, in der ja auch nicht immer alle Elemente ſtimmen, aber dafür fehlt in dieſer der Zu⸗ und Abfluß, der hier dagegen immer eine friſche Strömung erhält. Die Verhältniſſe ſind nicht ſo ſtarr und eng, daß ſie wirklich unange⸗ nehm werden könnten, man kann doch immer aus⸗ weichen.“ „Ich will es wenigſtens verſuchen“, meinte Streicher. Herr von Kuruſoff ſah ihn verwundert an, es kam ihn nicht in den Sinn, daß dieſer Vorſatz auf ihn ſelbſt zielen könnte. „Das wird, hoffe ich, gar nicht nöthig ſein“, erwiderte er.„Sie werden kaum Veranlaſſung dazu finden, wenigſtens wie die Geſellſchaft hier jetzt zu⸗ ſammengeſetzt iſt. Man kann wirklich zufrieden ſein, glauben Sie mir, ich komme ſchon ſeit Jahren hier⸗ her. Erlauben Sie, daß ich Sie ein wenig bekannt mache.“ „Ich werde Sie ſpäter darum erſuchen“, lehnte Gerhard das Empreſſement des Ruſſen höflich ab. Byr, Nomaden. I. 7 98 „Ich gar nicht“, ſetzte Streicher halb unver⸗ ſtändlich hinzu. „Wie Sie wollen, wie Sie wollen! Das hindert aber nicht, daß ich Ihnen die Leute wenigſtens nenne, par distance natürlich. Es wird Ihnen nicht unan⸗ nehm ſein, Masſtro.“ „Ich glaube Ihnen ſchon erklärt zu haben—“ „Ganz richtig; mille pardons!“ beſchwichtigte Herr von Kuruſoff Gerhard, der gegen den Titel mit froſtiger Miene Proteſt einlegte.„Alſo Sie wünſchen unſere Hausgenoſſen kennen zu lernen; ich bin gern bereit, Sie zu orientiren. Da haben Sie vor allen die liebenswürdigen Wallaces und Lesleys, wie Sie wiſſen. Da kann ich mir alſo jede erklärende Notiz füglich erſparen; im Gegentheile dürfte ich vielleicht gelegentlich von Ihnen mir einen kleinen Gegendienſt erbitten, keine Indiscretion natürlich, nur einige Details. Alſo nicht wahr, wir kommen darauf zurück? C'est convenu; ich habe keine Eile. Dann iſt Baron Leſtow und ſeine reizende Frau, meine Landsmännin, denn ich bin ein Ruſſe, obgleich ſtolz darauf, meine Bildung eine deutſche zu nennen. Ich war überhaupt lange in Deutſchland, theils in Miſſionen, ſtheils freiwillig— doch das gehört nicht hierher. Baronin Leſtow nennt ſich gern eine Polin, es iſt rtt 99 aber blos Koketterie, denn ſie iſt, wenn ich nicht irre, die Tochter eines Regierungsbeamten, der eine Zeit lang in Warſchau angeſtellt war, wo er auch ein armes adliges Fräulein heirathete, wenn die Chronik recht berichtet. Baronin Sarſcha iſt nichtsdeſtoweniger eine der eleganteſten Damen, die ein vortreffliches Franzöſiſch ſpricht und daher auch überaus geeignet war, ihre Zöglinge zu glänzenden Weltdamen zu er⸗ ziehen. Baron Leſtow ſoll ſie nämlich bei ſeinen Ver⸗ wandten, die er beſucht und die, ich weiß nicht wie, nach Litauen verſchlagen wurden, in einer ähnlichen untergeordneten Stellung gefunden haben. Gefunden, geliebt und geheirathet, Alles train de vitesse.“ „Wenn es Sie anſtrengt“, bemerkte Gerhard in einer Pauſe, die der keuchende Athem nothwendig machte,„ſo würde ich Sie bitten, nicht fortzu⸗ fahren.“ Herr von Kuruſoff beachtete aber den in dieſen Worten liegenden Wink ebenſo wenig als die vorher⸗ gegangenen. Ihm war es undenkbar, daß es Jemand geben ſollte, der an ſolch kleiner Chronik kein Intereſſe finde. „Baron Leſtow“, fuhr er fort,„hatte früher ein ganz hübſches Vermögen, aber— mein Gott, le jeu!— es iſt fort wie ſein Gut in Mecklenburg, 7* 100 ſo ſagt man wenigſtens. Sonſt ein ganz anſtändiger Mann. Ich fürchte, ſeine arme Kleine, die mit einer Art Kindermädchen, das gar nicht übel iſt, en paren- these geſagt, nur manchmal herunterkommt, dürft⸗ einſt keine glänzende Erbſchaft machen, wenn ſie nicht am Ende Herr Markus Glückſtadt noch adoptirt. Haha! Warum nicht? Es heißt, er ſtehe auf dem Punkte, den eiſernen Kronorden zu bekommen und Baron zu werden. Er iſt Hauptgründer einer Verſicherungsbank und es bleibt darum unentſchieden, ob er im Intereſſe der Bank oder in ſeinem eigenen hier iſt und ob ſeine Aufmerkſamkeit mehr dem Baron, der ſein Leben auf ein hohe Summe verſichert haben ſoll, oder der Baro⸗ nin gilt, welche während ihres halbjährigen Aufent⸗ halts in Wien das Herz des zukünftigen Freiherrn erobert hat. Baronin Sarſcha ſpielt aber nicht nur mit Herzen, ſondern ebenſo gern, wie ihr Mann, an der Roulette, und Herr Markus Glückſtadt genießt verbürgtermaßen wenigſtens die eine Gunſt, ſein Geld von Zeit zu Zeit durch ihre anbetungswürdigen Hände in die des Croupiers wandern zu ſehen. Etwas Börſenmanieren bei Herrn Glückſtadt, in Ganzen aber anſtändig. Ueberhaupt angenehme Leute, und unſere Geſellſchaft hat durch ihre Ankunft vor acht Tagen entſchiedenen Aufſchwung genommen. Sie ſollten der 101 Baronin doch den Gefallen thun und ein klein wenig ſpielen, nur ein einziges Stück! Sehen Sie durchs Fenſter, ſie hat ſchon wiederholt hierher geblickt. Ich fürchte, ſie wird ungeduldig.“ Gerhard blies lächelnd den Rauch über ſeine Ci⸗ garre hinweg. „Das würde mir leid thun“, ſagte er,„weil ich, heute wenigſtens, dieſe Stimmung nicht mehr bannen könnte.“ „Ah, Sie ſind launenhaft und karg mit Ihren Gaben, wie alle großen Künſtler. Soit! Ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und mein angefange⸗ nes Recit zu Ende führen. Da iſt ferner die Familie Dirkſon mit den drei unerzogenen Kindern, die ihrer Gouvernante genug Sorge machen. Ich halte Herrn Harry Dirkſon für einen ganz gewöhnlichen Hein⸗ rich, der mit ſeiner ſächſiſchen Strumpfwirkerei in Amerika gute Geſchäfte machte. Jetzt ſitzt er und ſeine Frau in der Wolle und läſſt ſich wohlgeſchehen. Mrs. Dirkſon war zweifelsohne Gaſthofsköchin in Pirna oder Chemnitz, denn ſie kritiſirt alle Speiſen, die auf den Tiſch kommen, obwohl man ſagen kann, man ißt vortrefflich hier bei Madame Germain. Keine Fleiſch⸗ galloſchen, keine Deſſertpetrefacten. Wahrhaft vorzüg⸗ lich, wie Sie bald bemerken werden, wenn auch ein 102 wenig zu ſehr engliſch— zu viel Sojas, Mixed⸗Pickles und dergleichen. Aber das iſt ja jetzt in der Schweiz über⸗ all ſo, die Engländer geben den Ton an und Miſtreß Dirkſon glaubt es als Pſeudo⸗Amerikanerin ebenfalls thun zu können. Uebrigens ganz anſtändige Leute dieſe Dirkſons. Die beiden Damen dort in der Ecke haben Sie wohl bemerkt? Zwei Schweſtern: Mademoi⸗ ſelles Aglas und Henriette Brocat— trés distin- guées! Dann iſt noch Kapitän von Reuſche, ehemals in der hannoveriſchen Armee, der eine Kugel bei Langenſalza in die Bruſt erhielt. Er wurde zwar geheilt, aber ſeine Geſundheit ſcheint zerſtört. Er iſt mein liebenswürdiger Tiſchnachbar und nur ſein Organ iſt, wie Sie vielleicht bemerkt haben, etwas unange⸗ nehm; er muß immer huſten und iſt ſchwerverſtänd⸗ lich; ſonſt ſehr anſtändig. Und ſo wäre unſer Kreis ge⸗ ſchloſſen, fehlt nur noch Graf Hilmersdorf, und— hehe! — der fehlt heute wirklich. Preußiſcher Gardelieutenant, ſehr anſtändige Familie, wie Sie vielleicht wiſſen werden, aber grenzenloſer jugendlicher Leichtſinn. Momen⸗ tan wahrſcheinlich in reizender Damengeſellſchaft. Ah, es iſt kein Wunder, wenn man den Aufenthalt hier deliciös findet. Wie oft langweilt man ſich nicht zu Hauſe, indeß man hier ganz amüſante Abenteuer er⸗ leben kann— ich verſichere, meine Herren, ganz amü⸗ 103 ſante. Sie werden das ſelbſt erleben, wenn Sie nur einige Zeit hier ſind. Hehe, ganz amüſante!“ Herr von Kuruſoff meckerte ein klein wenig und taſtete dahei an ſeiner braunen Perrücke vorſichtig he⸗ rum, ob ſie noch gut ſitze, dann ſtrich er ſeinen brand⸗ ſchwarz gefärbten mächtigen Schnurrbart und blinzelte mit den ſchlauen Augen, für ſeinen Hintergedanken verſtändnißvolles Eingehen ſuchend, Gerhard zu. Dieſer hatte es längſt aufgegeben, das ausdauernde ſtimm⸗ loſe Lispeln zu unterbrechen, wiewohl er einmal nahe daran war, laut aufzulachen, als des Ruſſen ſpitze Zunge ſich über das Organ des lungenſüchtigen Kapi⸗ täns aufhielt. Bei der Erwähnung des Grafen Hil⸗ mersdorf ſchoß ihm ein Gedanke durch den Kopf Wie, wenn er dieſe lebendige Chronik des Ortes nach den beiden Damen fragte, welche der Lieutenant be⸗ gleitet? Da konnte er am ſchnellſten Auskunft er⸗ langen, ſehr genaue, wie das fauniſche Lächeln offenbar andeutete. Aber er hielt an ſich. War es Widerwille, ſein Intereſſe an den beiden Unbekannten zu verrathen, oder ein gewiſſes Unbehagen bei dem Ge⸗ danken, Dinge zu erfahren, die geeignet waren, das ſchöne Bild zu trüben, das ſeine Seele mit überraſchender Treue feſthielt, er ſchwieg und ließ Herrn von Kuruſoff Zeit, Athem zum letzten Schachzuge zu ſam⸗ 404 meln. Der Ruſſe mochte den Moment gekommen glauben, wo er für all ſeine Mittheilungen ſeinerſeits ein Goldkorn eintauſchen dürfe, und kam mit der ſchon vom Anfang an vorbereiteten Frage hervor, ob die beiden Familien Wallace und Lesley ſchon lange von England abweſend ſeien. „Ich glaube etwas von drei, vier Jahren ge⸗ hört zu haben“, fuhr er fort und warf dann gleich⸗ ſam nebenbei hin:„Mr. Wallace hat wohl noch ein größeres eigenes Vermögen neben ſeinen Einkünf⸗ ten, ſonſt würde ein mit ſolchen Unkoſten verbundener Aufenthalt auf dem Continent— denn ſie leben ſehr anſtändig, ſehr comfortable!— doch wohl unmöglich ſein. Pfarrer, das heißt wirkliche Pfarrer gehen nicht der Erſparniß wegen, wie Miß Lizzie ſcherzhaft anzudeu⸗ ten beliebte, auf Reiſen. Meinen Sie nicht auch?“ Er hatte vergeblich hingehorcht, denn Gerhard merkte ſogleich die Abſicht. Außerdem hätte derſelbe auch beim beſten Willen die erwartete Auskunft nicht zu geben vermocht, da ihm die Verhältniſſe des Pfarrers gänzlich unbekannt waren. „O ich verſtehe“, hauchte Herr von Kuruſoff kopfnickend,„die feinſte Discretion, obwohl bei mir nichts zu befürchten wäre. Ich bin ſehr verſchwiegen und weiß gewiſſe delicate Angelegenheiten zu be⸗ 1 105 wahren. Sie könnten mir alſo ohne weiteres einige Andeutungen zukommen laſſen. Es bliebe entre nous und ich würde ſehr dankbar ſein. Man erweiſt oft mit einem einzigen Wort eine große Gefälligkeit. Sie ſehen, ich bin aufrichtig, und Sie ſollen ſich nicht zu beklagen haben, wenn Sie mir eine Richtſchnur geben.“ Gerhard hatte mit wachſendem Erſtaunen zugehört Das Lispeln des Ruſſen konnte nicht leiſer werden, aber es wurde geheimnißvoller, zudringlicher. Was wollte der Mann? Weshalb lag ihm ſo viel daran, über die Verhältniſſe der Familie Wallace genauer unterrichtet zu ſein? Inwiefern konnte eine Andeutung darüber zur Richtſchnur ſeiner Handlungen werden? Und ſchließlich, wer war dieſer Ruſſe mit ſeinen ungewöhn⸗ lich umgänglichen Manieren, ſeiner Mediſance und nie⸗ drigdenkenden Zudringlichkeit? Von all den vornehmen Ruſſen, denen Gerhard im Leben ſchon begegnet war, mochten ſie mitunter auch weit ungebildeter erſcheinen, hatte doch keiner ein ähnliches Benehmen wie dieſer Herr von Kuruſoff gezeigt. Gerhard fühlte ſich abge⸗ ſtoßen und dieſe Empfindung machte ſich auch äußer⸗ lich in einer kalten Zurückhaltung geltend, wie ſie ihm, der ſo weit herumgekommen war, ſo viele Bekannt⸗ ſchaften angeknüpft, mit aller Welt flüchtig verkehrt 106 hatte, ſonſt nicht eigen war. Er wünſchte ſich des zu⸗ dringlichen Fragers zu entledigen und Mr. Lesley kam ihm glücklicherweiſe zu Hülfe. „Sie würden am beſten thun, Mr. Wallace's Schwiegerſohn ſelbſt zu fragen“, ſagte er, indem er auf den eben Eingetretenen deutete, der mit ſuchen⸗ dem Blicke raſch den Salon durchſchritt und gleich darauf in die Veranda heraustrat. Herr von Kuruſoff machte eine Bewegung der Ueberraſchung, ſonſt aber deutete kein Zeichen darauf hin, daß er die kurze Abfertigung etwa übel genom⸗ men habe. Im Gegentheile verzerrte ſich ſein Mund zu einem erkünſtelten Lächeln, als er erwiderte: „Ah, Herr— Herr Strandau, Sie haben Recht, der Moment iſt nicht der günſtigſte. Im Grunde liegt aber auch gar nichts daran. Ich weiß ſelbſt nicht, warum ich mich ſo ſehr intereſſirte, aber mir gefällt die Familie beſonders. Bitte, vergeſſen Sie meine Fragen.— Ah, Mr. Lesley“, wandte er ſich dem Näherkommenden zu,„hübſch, ſehr hübſch von Ihnen; noch einmal am ſelben Abend! Ihre Damen ſind doch ganz wohl? Ich wäre untröſtlich, wenn ihr frühes Verſchwinden heuteeinen ernſtlichern Grund hätte.“ „Ich danke, ſie ſind wohl“, verſicherte Mr. Lesley gemeſſen. 107 „A merveille! ich bin beruhigt. Dann iſt es aber nicht ſehr hübſch, uns ihre Gegenwart ſo zeitig zu ent⸗ ziehen. Doch mit Damen läßt ſich da nicht rechten, ebenſo wenig wie mit der Sonne, wenn ſie ſich hinter Wolken verſteckt.“ Nach dieſem geſchmackloſen Ver⸗ gleich fragte Herr von Kuruſoff Gerhard noch ein⸗ mal, ob er durchaus nicht zu bewegen ſei, dem Wunſche der Baronin nachzukommen, und als Ger⸗ hard nun mit einer etwas ſteifen Verbeugung aber⸗ mals ablehnte, entfernte er ſich mit einem unter ver⸗ bindlichen Lächeln gehauchten:„Ich laſſe die Herren in der beſten Geſellſchaft. Ich würde gern bleiben, aber die Damen, erwarten mich. Sie verzeihen!“ „Alles meinetwegen, nur nicht den unverſchämten Mißbrauch der Geduld“, brummte ihm Streicher ziem— lich vernehmlich nach.„Aber ſage mir“, kehrte er dann ſeinen Vorwurf gegen Gerhard,„was haſt Du dem fatalen Menſchen nicht ſchon lange den Weg ge⸗ wieſen, der für ſolche ſpionirende Bohrwürmer der angezeigteſte iſt? Du biſt immer noch nicht gewitzigt.“ „Soll man denn mit gar Niemand mehr um— gehen? Ich bin kein Trappiſt. Warum ſoll man die Menſchen nicht reden laſſen? Zuhören iſt oft nicht ſo übel. Wollten wir beide mit Niemand mehr verkehren als miteinander, ſo thäten wir am Ende beſſer, uns 108 daheim in irgend einer comfortablen Höhle zu ver⸗ graben.“ „Das wäre das Schlimmſte nicht, was man könnte thun“, bemerkte Mr. Lesley, indem er in die Taſche griff, ein hübſches Tabaksetui hervorholte und ſich eine Cigarette zu drehen begann;„ich zähle entſchieden zu den Troglodyten.“ „Kein Wunder, wenn Ihnen dann wie dem Maul⸗ wurf oder dem Adelsberger Höhlenolm die nutzloſen Seh⸗ organe allmälig ganz abhanden kommen, oder Sie zur Koralle werden, die blöde ihr Polypendaſein friſtet.“ „O, man kann um ſich ſchauen und in ſich hin⸗ ein“, entgegnete Mr. Lesley gelaſſen auf Strei⸗ cher's Angriff,„und vielleicht mit mehr Nutzen und Erfolg, als wenn man in einem fort wechſelt ſeinen Standpunkt. Wenn man ſich nicht Ruhe läßt zum Betrachten, ziehen die Bilder wie in einem Panorama vorüber und man behält nichts.“ „Wenn Sie von gedächtnißſchwachen Leuten reden, zugegeben. Mein Gedächtniß iſt vortrefflich und die einander folgenden Eindrücke verwiſchen ſich bei mir nicht, ſie ergänzen ſich. Gerade wo einer zu lange haften bleibt, iſt Gefahr vorhanden, daß er alle andern beeinträchtigt und Einſeitigkeit hervorruft.“ „Mag ſein, aber die Einſeitigkeit regt meiſt zur 109 Thätigkeit an und iſt darum nützlicher für die Ge⸗ ſammtheit als eine gewöhnlich unfruchtbare Vielſei⸗ tigkeit.“ „Lächerlich!“ brauſte Streicher, der ſich getroffen fühlte, auf.„Vielſeitigkeit iſt noch nicht Oberfläch⸗ lichkeit, dagegen ſinkt einſeitige Thätigkeit zum Handwerk herunter.“ Mr. Lesley war den Lieblingsausruf Streicher's noch nicht gewohnt und nahm ihn nicht ſo gleichgültig hin, wie Gerhard zu thun pflegte. Er runzelte die Stirn, ließ das Zündhölzchen, das er eben angerieben, erlöſchen, ohne ſeine Cigarette in Brand geſetzt zu haben, und erwiderte mit ernſtem Nachdruck: „Eine ruhige, von einem großen Theil der Men⸗ ſchen angenommene Anſicht kann wohl irrig ſein, lächerlich aber iſt eher diejenige, welche jede wider⸗ ſprechende kurzweg verurtheilt. Ich glaube, mein Herr⸗ daß es gibt viele Dinge, über welche man ganz ver, ſchieden darf denken, ohne deshalb lächerlich zu werden.“ „Ja, wenn Sie nicht Deutſch verſtehen!“ verſetzte Streicher, ärgerlich die Achſeln zuckend. „Du vergißt Dich!“ warf Gerhard ein, ohne daß er gehört wurde. „O ja“, ſagte Mr. Lesley ernſt,„ich verſtehe vollkommen Deutſch, wenn ich es auch ſchlecht ſpreche.“ 110 „Nun, wenigſtens ſcheinen wir uns nicht verſtän⸗ digen zu können. Vielleicht ein andermal!“ Und damit eilte Streicher, ohne ſich von ſeinem Freunde zurückhalten zu laſſen, fort. Gerhard war ſehr ungehalten über ſolch brüske Art und Weiſe und äußerte ſich in dieſem Sinne, als Mr. Lesley höflich bedauerte, Gerhard's Geſellſchafter abſichtslos vertrieben zu haben. „Er iſt ein eigener Kauz“, ſetzte Gerhard ent⸗ ſchuldigend hinzu,„und ſcheint in ſeinen Sonder⸗ barkeiten noch von Jahr zu Jahr weiter zu gehen. Er hat die paar Worte von Ihnen vollkommen ver⸗ dient, ich will ihn gar nicht in Schutz nehmen; wir ſelbſt zanken uns jedesmal, wenn wir zuſammentref⸗ fen, bis er in ähnlicher Weiſe wie eben jetzt auf und davon geht und ich ihn wieder monatelang nicht ſehe. Nichtsdeſtoweniger iſt er mir doch ein lieber Freund und, ich kann ſagen, mit mehr Zuneigung er⸗ geben, als er ſonſt einem Menſchen auf Erden beweiſt. Wir ſtammen aus derſelben Gegend, ſogar aus dem⸗ ſelben Städtchen, wo ſein Vater ein ſehr geachteter Geſchäftsmann war, der kurz vor ſeinem Tode ohne ſeine Schuld den größten Theil ſeines Vermögens ver⸗ lor. Wir waren als Knaben Spiel⸗ und Schulkame⸗ raden, obwohl er einige Jahre älter iſt als ich, 441 aber er hatte eine merkwürdige Zuneigung zu meiner Schweſter, die ungefähr in ſeinem Alter war, und da dieſe mich wieder ſehr lieb hatte, ſo übertrug er einen Theil ſeiner kindiſchen Aufmerkſamkeiten auf mich. Das Univerſitätsleben brachte uns wieder zuſammen und ſchied uns zugleich, denn ich war, was man einen flotten Burſchen nennt, indeß er ſich immer mehr zurückhielt und, als meine arme Schweſter Bertha am Nervenfieber geſtorben war, ganz und gar zum Ein⸗ ſiedler wurde. Er ſetzte ſogar die Studien aus, machte ſpäter, als er doch promovirt hatte— er iſt Doctor der Philoſophie— die Reſte ſeines Vermögens flüſ⸗ ſig und zigeunert ſeitdem unſtät in Europa umher, bald hier, bald dort ſein Zelt aufſchlagend, und ſetzt ſich dabei in immer größern Conflict zur übrigen Menſchheit.“ „Nun, er hat eben auch ſein Theil zu tragen“, ſagte Mr. Lesley düſter, nachdem er in orientaliſcher Manier einen Schluck Rauch genommen, der jetzt wäh⸗ rend des Sprechens allmälig in kleinen Ringelchen und Wölkchen wieder aus Mund und Naſe kam.„Es ſcheint, Keiner iſt frei, Keiner!“ „Was iſt Ihnen?“ fragte Gerhard verwundert. „Sie ſehen aufgeregt aus. Ich habe zwar nicht das Recht zu fragen—“ ſetzte er ſtockend hinzu. 112 „Doch, doch, es thut mir wohl, Theilnahme zu finden. Sie wiſſen nicht, wie man ſich einſam fühlen kann.“ Mr. Lesley ergriff Gerhard's Hand und drückte ſie wie in einem Schraubſtock.„Sehen Sie“, fuhr er lebhaft fort,„ich bin eigentlich träge und gut, aber wenn mich fremde Herrſchſucht verletzt, regt ſich in mir der Widerſpruchsgeiſt und das Unabhängigkeitsgefühl in dem Maße, daß ich mich empöre und ſelbſt herrſchſüchtig werde. Aber laſſen wir das jetzt“, unterbrach er ſich, indem er gleich⸗ zeitig in die engliſche Sprache überſprang,„ich bin jetzt zu erregt; wenn man erzählt, ſoll man es mit kaltem Blute thun, damit man Niemand ein Unrecht zufügt, nicht Andern, nicht dadurch ſich ſelbſt.“ Gerhard war eine viel zu rückſichtsvolle und feinfühlende Natur, um weiter in Mr. Lesley zu dringen, obwohl derſelbe ihm durch ſeine ſchlichte Männlichkeit ſchon bei der erſten Begegnung ein leben⸗ diges Intereſſe eingeflößt hatte, das ſich jetzt raſch zu innigerer Theilnahme ſteigerte. Das hatte er ſchon durch die kurze Erzählung aus ſeiner und Streicher's Jugendzeit bewieſen, denn er war ſonſt keiner jener mit⸗ theilſamen, überſprudelnden Menſchen, die mit Jemand nicht fünf Minuten zuſammen ſein können, ohne ihre ſämmtlichen Geheimniſſe darzulegen. 413 Um Mr. Lesley ſelbſt den Uebergang zu erleich⸗ tern, kam er auf den Ruſſen zurück, der ihm in demſelben Maße zuwider war, als der gutmüthige, traurig ernſte Engländer ihn anzog. „Was iſt dieſer Herr von Kuruſoff für ein Menſch?“ fragte er und deutete in den Salon, wo der Be⸗ zeichnete mittlerweile wieder in der Ecke bei den zwei Fräulein Brocat Platz gefunden hatte, über deren Perſonalbeſchreibung er in ſeinen ſonſt ziemlich ein⸗ gehenden boshaften Mittheilungen mit einigermaßen verdächtiger Flüchtigkeit hingeſchlüpft war. „Ich weiß nichts von ihm. Er erzählt von ſeinen Gütern, ich weiß nicht, in welchem Gouvernement, ſeinen Paß habe ich nicht geſehen. Er iſt ſehr auf⸗ merkſam gegen die Damen und dieſe haben ihn, glaube ich, gern. Auch Lizzie protegirt ihn, obwohl ſie ſich im Grunde über ihn nur luſtig macht. Wir fanden ihn ſchon hier, als wir kamen.“ Während Mr. Lesley ſo mittheilte, was er wußte, und Gerhard überlegte, ob es angemeſſen ſei, eine Warnung auszuſprechen oder gar die ſonderbar zu⸗ dringlichen Fragen zu wiederholen, welche der Ruſſe an ihn geſtellt, erhob ſich im Salon ein Geräuſch. Derſelbe große und überaus ſchlanke junge Mann, den Gerhard ſchon am Landungsplatze und ihnier mit den Byr, Nomaden. I. 114 beiden unbekannten Damen geſehen, war eingetreten und Herr von Kuruſoff ihm mit unverſtändlicher Be⸗ grüßung entgegengeeilt. „Guten Abend, Kuruſoff! Ah, Leſtow! Habe die Ehre, Baronin— bon soir!“ rief der Eingetretene mit großer Nonchalance, indem er leicht mit dem Kopfe oder der Hand grüßte. Das alſo war Graf Hilmersdorf. Gerhard unter⸗ warf ihn, näher an den Eingang tretend, einer raſchen Prüfung, die aber ſeinem geübten Auge, das gewöhnt war, mannichfaltige Leute ſchnell und richtig zu be⸗ urtheilen, vollkommen genügte. Der Graf war höchſtens dreiundzwanzig Jahre alt, hoch aufgeſchoſſen und von jener eigenthümlichen Eleganz, die von Jugend auf in vornehmer Geſell⸗ ſchaft eingeſogen und ſpäter in beinahe nicht mehr zweideutigen Kreiſen ſeltſam ausgebildet wird, die aber bei allen jenen, welche ſich dieſelbe ankünſteln wollen, ganz richtig als Arroganz bezeichnet wird. Das Un⸗ willkürliche findet eben immer einen mehr oder weni⸗ ger milden Spruch, während das Abſichtliche verletzt und abſtößt. Es mußte beſonders Damen ſchwer fallen, dem Grafen ernſtlich zu zürnen, er hatte ein viel zu hübſches Geſicht, ſo wohlfriſirtes Haar, ein ſo nettes blondes Schnurrbärtchen und vor allem einen 115 ſo zierlichen Fuß, der mit beſonderer Kunſt beſchuht war. Selbſt die vollkommen elegante Manier, in der er das an breitem Bande herabhängende Glas ins Auge klemmte, fallen ließ und ſpielend wieder ergriff, konnte, wie die ſichtlich gute Meinung, die er von ſich ſelbſt hatte, und ſonſt noch eine oder die andere Schwäche kaum Tadel, höchſtens ein Lächeln erwecken. „Ah, mademoiselle Aglaé“, rief er jetzt, einen Augenblick an den Ecktiſch herantretend, ſcherzhaft aus, Vous rae tirez les cartes, n'est-ce pas? Moi, je n'aime pas la patience!“. Er lachte über ſein Wort⸗ ſpiel und wendete ſich, ohne eine Antwort abzuwarten, der Baronin zu.„Verabſchieden Sie doch Ihre alte Garde, Baronin, die junge erbittet ſich die Gnade, den Ehrenpoſten bei Ihnen zu beziehen.“ Damit rollte er ohne weiteres einen Fauteuil zwiſchen die Baronin und den Banquier, der mit Baron Leſtow eine Schach⸗ partie geſpielt hatte, warf ſich mit der Miene eines Erſchöpften in denſelben und hob ſeinen linken Fuß, ihn mit Blick und Hand liebkoſend, auf das rechte Knie. Gerhard zog ſich lächelnd zurück, ſeine Muſte⸗ rung war beendet. Doch konnte er noch hören, wie Herr Glückſtadt, ſchlagfertig mit der Zunge, den Vergleich des Lieutenants aufnahm und die Bemerkung hin⸗ warf: 8⸗ 116 „Wer ſo erſchöpft von der Parade kommt, ſollte nicht ſogleich wieder einen Poſten beziehen. Das gibt eine ſchlechte Wache.“ „Die Fenſterparaden gehören nicht zum ſchweren Dienſt“, nahm Baron Leſtow ſpöttiſch das Wort. „Ich und Fenſterparaden!“ ereiferte ſich der Lieutenant.„Sie irren, Baron; ich bleibe niemals vor dem Fenſter oder der Thür ſtehen, ich pflege immer einzutreten,, n' importe qu'il coute.“ „Natürlich, es bezahlt's ja doch Ihr Vater“, fiel der Banquier ironiſch ein. „O, ſo war es nicht gemeint.“ Gerhard hatte nicht mehr gehört, aber es genügte, ihm die beiden Damen in Erinnerung zu bringen, auf die heute ſchon wiederholt in ſolchen Anſpielungen die Rede gekommen war. Er wollte wiſſen, wer ſie waren, und fragte Mr. Lesley darum. „Die Damen, die heute mit uns fuhren?“ er⸗ widerte dieſer, der nicht auf das Geſpräch im Salon gehorcht hatte, ſondern währenddeſſen in ſeine eigenen Gedanken verſunken blieb.„Ja, da kann ich Ihnen wieder nichts ſagen als den Namen. Der Mann der ältern heißt, glaube ich, de Granier und ſoll in Grenoble wohnen; man ſagt, ſie hätte früher in geheimer Ehe ge⸗ lebt mit einem Grafen oder dergleichen. Das Mädchen iſt 117 ihre Schweſter und wird, wenn ich nicht irre, Adri⸗ enne genannt— die ſchöne Adrienne. Sie bewohnen beide eine kleine Villa auf der Höhe zwiſchen den Wein⸗ bergen. Das iſt Alles, was ich weiß; ich habe ſie erſt ein paarmal geſehen und würde ſie vielleicht gar nicht bemerkt haben, wenn ſie nicht den ſchönen Knaben bei ſich hätten.“ Mr. Lesley ſeufzte bei den letzten Worten tief auf, als wenn ein ſchwerer Gedanke ſeine Seele be⸗ drücke. Gerhard fiel dies auf, aber er brachte dieſen Seufzer in Verbindung mit dem Ausbruche des unter— drückten Aergers von zuvor; er ſelbſt war zu zerſtreut, um etwas zu erwidern. Noch eine Weile gingen die Beiden in der Veranda meiſt ſchweigend auf und ab, bis Mr. Lesley noch eine zweite Cigarette geraucht hatte, dann fragte jeder nach dem Plane des andern für den morgigen Tag, ohne aber zu einem endgül⸗ tigen Beſchluß zu kommen; zultzt durchſchritten ſie noch gemeinſam den Salon, wobei Gerhard auch nicht eines Blickes von Baronin Sarſcha, die wegen Nicht⸗ erfüllung ihres Wunſches zürnte, dagegen eines ziem⸗ lich inſolenten von ſeiten des Lieutenants gewürdigt wurde, dem Kuruſoff ein paar Worte zugeflüſtert hatte. Gerhard kehrte ſich an das Eine ſo wenig als 118 an das Andere und bot, auf dem Corridore angekom⸗ men, Mr. Lesley herzlich gute Nacht, worauf er, be⸗ vor er in ſein Zimmer trat, noch einmal, jedoch verge⸗ bens an die Thür ſeines erzürnten Freundes pochte. Mr. Lesley ſtieg die Treppe in das zweite Stock⸗ werk empor und kam gerade zurecht, als ſich die Thür ſeines Zimmers, das dem ſeiner Schwiegermutter auf dem Corridor gegenüber gelegen war, von innen öff⸗ nete und ſeine Frau in einem reizenden Negligé auf die Schwelle trat. Sie ſchien erſchrocken, als wäre ſie auf unrechten Wegen ertappt, faßte ſich jedoch raſch wieder und nahm jene verſchloſſene, ſtolze Miene an, die zürnenden Frauen niemals mehr zu Gebote ſteht, als wenn ſie ſich nicht ſo ganz ſicher in ihrem Rechte fühlen, das ſie doch nicht aufzugeben entſchloſſen ſind. Genau in dieſem Falle befand ſich Mrs. Lesley ihrem Manne gegenüber, den ſie zuvor noch mit ſoviel Muth und Entſchiedenheit wieder alle Angriffe vertheidigt hatte, nun aber mit echt weiblicher Schwäche abſichtlich zu verletzen im Be⸗ griffe ſtand, um ſich ſo gewiſſermaßen für die durch⸗ gemachte Aufregung zu revanchiren und einen Theil ihrer Verſtimmung auf ihn abzuladen, als wenn durch ſolche Theilung eine Abnahme derſelben zu erzwecken wäre. 119 „Wo willſt Du hin, Molly?“ fragte Mr. Les⸗ ley mild, obwohl nicht ohne Verwunderung. Der Ton war geeignet, eine Verſöhnung mit oder ohne gegen⸗ ſeitige Erklärung anzubahnen. Die Angeredete fühlte ſich bewegt, aber das Schwanken dauerte nur einen Augenblick. Was die Mutter von weiblichem Stolz und dergleichen geſprochen, klang nun, wenn gleich kurz zu⸗ vor noch bekämpft, doch nach und trug ſeine Früchte Vielleicht wollte auch eine Thräne ins Auge der jungen Frau treten und die Bemühung, ſie um jeden Preis zurückzuhalten, verlieh ihrem Blicke eine beſonders er⸗ ſtarrende Kälte. Mit Gewalt richtete ſie ſich empor. „Ich werde bei Lizzie ſchlafen“, ſagte ſie mit gleich⸗ wohl bebender Stimme. „Weshalb? Iſt ſie krank? Ich begreife Dich nicht, Molly“, entgegnete Mr. Lesley, deſſen Erſtaunen wuchs und der zu befürchten anfing, die unheimliche Bläſſe ihrer Wangen könnte am Ende ein Zeichen ihrer eigenen Erkrankung ſein. Aber auch die Beſorgniß, die ſich in ſeinen Blicken malte, vermochte die junge befangene Frau nicht von ihrem Plane abzubringen; ſie fürchtete der Schweſter Svott, der ſie denſelben ſchon mitgetheilt hatte; ſie mußte das Begonnene durchführen und ſollte es ihr eine ſchlafloſe, reuevolle Nacht koſten. „Du willſt kein Sklave ſein“, ſagte ſie, und 120 diesmal war es ihr gelungen, ihrer Stimme mehr Feſtigkeit zu geben,„und ich keine Sklavin. Da Du die perſönliche Freiheit ſo zu ſchätzen weißt, wirſt Du wohl die meine nicht beſchränken. Willſt Du mir wohl Raum geben?“ Mr. Lesley war ſtarr und düſter geworden. Er kannte den Einfluß ſeiner Schwiegermutter, hätte aber nicht geglaubt, daß derſelbe die Dinge ſo weit treiben würde. Stolz trat er beiſeite, aber ſein Auge blickte unſaglich traurig. Wenn ſeine Frau den Blick geſehen hätte! Sie blickte jedoch zu Boden und ſchritt mit einer Würde an ihm vorüber, die ihr ſelbſt eine große Befriedi⸗ gung gewährte. Kaum aber hatte ſie die Schwelle überſchritten, verließ ſie ihre ſo mühſam aufrecht er⸗ haltene Kraft, ſie fühlte keinen Stolz mehr, keine Ent rüſtung, kein erkältendes Nachzürnen, Alles war weg⸗ gewiſcht, aber umkehren? Nein, das hätte ſie um Alles in der Welt nicht gethan. Ihr Gang verlor an Haltung, ſie beſchleunigte den Schritt, zuletzt huſchte ſie, wie von der Angſt gejagt, über den Corridor hin und in das haſtig geöffnete Zimmer ihrer Schweſter. Die Thür flog zu und der Riegel vor, als ob die Flüchtige die Verfol⸗ gung ihres Gatten fürchte. Hätte er ſie verfolgen ſollen? Horchte vielleicht ht ein hochklopfendes Herz hinter dieſer verſchloſſenen Thür, ob er nicht doch noch käme, mit leiſem Klopfen Einlaß zu fordern? Hoffte ein thörichtes Kind noch immer, daß ſich Ernſt in Spiel zurückverwandeln könne? Kein Schritt, kein Taſten am Schloſſe, kein Laut — Alles blieb ſtill. In ſeinem Zimmer ſchritt Mr. Lesley raſtlos auf und nieder, ſeine Arme waren feſt verſchränkt, auf ſeinen Lippen lag ein ſchmerz⸗ liches Lächeln und auf ſeiner Stirn die Schwermuth eines lebensſatten Ahasverus. 4 1 Fünftes Kapitel. Unter Cypreſſen. Gewiß einer der hübſcheſten und intereſſanteſten Punkte am Genferſee iſt der Friedhof von Clarens. Etwa zehn Minuten von dem reizenden Oertchen iſt er auf einer der vom See aufſteigenden Terraſſen angelegt, eine Baumoaſe inmitten der faſt unabſehbaren Reben⸗ gelände, ein ſtiller, ſchattiger Garten für die Todten, rings umſchloſſen von den grünen Laubgängen, in denen, vom Feuer der Sonne gezeitigt, das Symbol des Lebens und des rollenden Blutes, der Kraft und Freude ſpendende goldige Wein reift. Düſtere, ehrwürdige Cypreſſen und hellgrüne Hänge⸗ weiden, in deren langen Zweigen noch jetzt, in ſo ſpäter Jahreszeit, ein milder Lufthauch ſpielt, beſchat⸗ ten die ſtolzen Marmormonumente wie die einfachen Grabkreuze, die ſich hier ohne Rangunterſchied an ein⸗ ander reihen. Eine kleine Kirche ragt über die Hügel, die Kreuze und Steine und über das Laubdach hinaus, unter dem da und dort eine Bank ſteht für die Lebenden, welche von Zeit zu Zeit hier herauf⸗ kommen, den zu Staub Gewordenen einen kurzen Be⸗ ſuch abzuſtatten. Auf einem dieſer Ruheplätze ſaß am Tage nach ſeiner Ankunft in Montreux Gerhard mit Mr. Lesley. Die Traube war zwar ſchon gekeltert, der Jubel hei⸗ terer Winzerinnen, den das Echo verdoppelt, verdrei⸗ facht über die ſtillen Schläfer hinwegführt, verhallt, aber die Landſchaft hatte noch all ihren ſommerlichen Reiz bewahrt, kaum hier und dort war in der grünen Blätterfülle eine gelbliche oder herbſtbraune Schattirung bemerkbar, und war das Blau des Himmels und des Sees auch ein wenig blaſſer geworden, ſo hatte dafür Luft und Waſſer an Durchſichtigkeit gewonnen. Klar und deutlich, wie ſcharf geſchnittene koſtbare Cameen, hoben ſich die ſchönen Bergformen vom Hintergrunde ab, über St.⸗Gingolph gegenüber ragte die mächtige Dent d'Oche ſtolz bis in die Wolken, die ſich wie zu einem Rendezvous um den Gipfel zuſammenzogen. Der ſchwarze Rauchwimpel, den ein auf ſavoyiſcher Seite gegen Evian hinziehendes Dampfboot hinter ſich 124 ließ, zerflatterte langſam. Da und dort blitzte ein weißes Segel auf dem Waſſer wie eine ruhende Möve, und am Ufer hin zerſtreut lagen dicht bei einander die friedlichen Ortſchaften und die dazwiſchen im Grünen verſtreuten freundlichen Landhäuſer, in deren Fenſtern ſich die langſam zu Rüſte gehende Sonne ſpiegelte. Von Zeit zu Zeit unterbrachen die beiden Männer ihr Geſpräch und ſahen nachdenklich und ſchweigſam in die ſchöne Natur hinaus, wie um ſich zu erholen und zu erheitern von den ernſten Blicken, die beide in ihr eigenes vergangenes Leben und jeder in die Seele des andern gethan. Es hatte ſich ſo gefügt, daß beide hier an der einſamen Stelle ſich wärmer und aufrichtiger gegen einander ausgeſprochen hatten, als ſonſt vielleicht lang⸗ jährige Freunde thun. Es iſt mit der Sympathie zwiſchen zwei Menſchen oft wie mit zwei polaren Drähten, die nur einander nahe gebracht zu werden brauchen, damit der elektriſche Funke von einem zum andern überſpringt. Das Gefühl der Vereinſamung übernimmt es, die Menſchen einander zu nähern, be⸗ ſonders wenn eine gewiſſe Grundſtimmung des Cha⸗ rakters ihnen gemeinſam iſt. Mr. Lesley hatte nach der durchwachten Nacht 125 trübe Vormittagsſtunden verbracht, Gerhard war in anderer Weiſe verſtimmt, wenn auch keine ſo ſchweren Gedanken den Schlaf von ſeinem Lager verſcheuchten. Er würde es ſelbſt kaum haben ſagen können, in welchem Zuſammenhange die unruhig durcheinander wimmelnden Bilder ſtanden, die ihn ſo lange nach Mitternacht noch wach erhielten. Aus dem erquickenden Morgenſchlummer hatte ihn Streicher aufgepoltert. Der Streit vom vorhergegan⸗ genen Abend war von ihm nicht vergeſſen. Mr. Lesley kam in ſeiner Kritik übel weg, aber hauptſächlich be⸗ ſchäftigte ihn die Erinnerung an die ebenfalls ſchlecht verbrachte Nacht. „Es iſt abſcheulich!“ kam er immer wieder darauf zurück, indem er mit Gerhard das Frühſtück zu ſich nahm.„Darauf ſollte der Penſionsbeſitzer vorbereiten. Was nützt es, daß man in dieſem Etabliſſement allen Comfort des Lebens zu einem Preiſe hat, um den ſich ihn ein feſtgeſeſſener Philiſter niemals verſchaffen kann, wenn ich Nacht für Nacht aus meinem Schlafe geſtört werden ſoll? Dieſer Kapitän ſcheint keine Lunge, ſondern abwechſelnd eine Orgelpfeife und eine Zug⸗ poſaune an deren Stelle zu haben, auf denen er bald keucht, bald Huſtenſtöße zum Beſten gibt. Ein ſolches Concert kann nur ein Stocktauber aushalten. Mich CQO—B—C——— —, — ————— 8— . 7 126 aber bringt es in Verzweiflung, immer wieder, wenn ich vor Ermüdung einzunicken im Begriffe bin, grau⸗ ſam aus meiner Ruhe geriſſen zu werden. Sage mir, haſt Du einen leichten Schlaf?“ „Nein, ich ſchlafe ziemlich feſt, wenn mich Mor⸗ pheus einmal in ſeine Arme genommen hat“, erwiderte Gerhard ein wenig verwundert;„das haſt Du, glaube ich, ſo eben erfahren, als Du die ſchmerzhafte Operation des Aufweckens an mir vollzogſt. Aber warum?“ „Schnarchſt Du vielleicht auch?“ „Wie kann ich das wiſſen!“ rief Gerhard, der unwillkürlich lachen mußte. „Es iſt nur, weil Schnarcher gewöhnlich noch tie⸗ fern Schlaf haben und ſich durch Geräuſche nicht ſtören laſſen. Es wäre das beſonders vortheilhaft für Dich, wenn Du ſo freundlich biſt, Zimmer mit mir zu tauſchen.“ „Ich mit Dir? Ah, außerordentlich verbunden! Weil Dir die Nachbarſchaft Deines Zimmers nicht convenirt, ſoll ich daſſelbe beziehen. Gut— ich bin gern zu einer Gefälligkeit bereit, aber was nützt das, mein Zimmer hat Dir ja geſtern ebenſo wenig zu⸗ geſagt.“ „Ja geſtern! In der vorigen Nacht war's nicht ſo ſchlimm. Von zwei Uebeln wählt man das kleinere.“ 127 „So, und heute dünkt Dich die Gefahr, einer Be⸗ raubung oder gar Ermordung ausgeſetzt zu ſein, das kleinere? Aber ich könnte nicht ruhig ſein, wenn ich ich Dich in ſolcher Lage wüßte.“ „Lächerlich! Wo kommt denn in einem bewohnten Hauſe dergleichen vor? Wer ſteigt denn in einer Penſion zum Fenſter ein?“ Gerhard warf nun die Maske der Beſorgniß ab und beluſtigt, wie er ſich fühlte, entgegnete er doch feſt: „Der Meinung bin ich allerdings auch ohne Deine Verſicherung und Du haſt alſo nur Deine eigene Furcht vor ſolchen Möglichkeiten lächerlich gefunden, denn ich habe, wie Du ſiehſt, ungeſcheut mein Geld hier ein⸗ geſchloſſen und es iſt ziemlich viel, denn es befinden ſich auch einige Obligationen darunter, die ich mir in Frankfurt umgetauſcht und leichtſinnigerweiſe noch nicht deponirt habe. Ein Stoff zum Zanken für Dich.“ Er hatte bei dieſen Worten die Schublade des Tiſches aufgezogen und deutete auf eine Mappe, die der auf dem Tiſche liegenden und zum Schreiben ge⸗ öffneten ziemlich ähnlich ſah. Die Lade wieder zu— ſchiebend, fuhr er fort:„Was aber Deinen Wunſch betrifft, lieber Freund, ſo werde ich ihn diesmal nicht erfüllen, denn ganz abgeſehen von der Unbequemlichkeit — ———— —— 4* 128 des Umziehens, gönne ich Dir, aufrichtig geſagt, Deine Wahl, die Du mit gewohnter Umſicht zu Deinem Vortheil und mit Hintanſetzung des meinigen zu treffen gedachteſt, vollkommen und aus ganzem Herzen.“ „So, das iſt die Freundſchaft!“ rief Streicher entrüſtet aus, und nun entſpann ſich eine lebhafte Discuſſion, die nur darum in keinen hitzigen Streit ausartete, weil Streicher doch ſo etwas wie Gewiſſens⸗ biſſe empfinden mochte. Dafür aber kam er ſchließlich zu dem Reſultate, es ſei das Einfachſte, Montreux zu verlaſſen, wenn er kein anderes Zimmer erhalten könne. Das ſei jedenfalls auch das zweckmäßigſte Mittel, Gerhard's im letzten Jahre ſtark gewachſene Anlage zur Trägheit zu bekämpfen, die ſich in dem Widerwillen gegen die Unbequemlichkeiten eines Um zugs deutlich kundgegeben habe. Gerhard wollte davon nichts wiſſen. Er wünſche doch erſt Zeit zum Umſehen zu gewinnen. Es freue ihn, Mr. Lesley gefunden zu haben, kurz, vor der Hand denke er noch nicht an die Weiterreiſe, worauf Streicher im höchſten Unmuthe mit einer Verwünſchung aller Egoiſten und mit Zurücklaſſung eines noch glimmen⸗ den Cigarrenendes, das er unwirſch auf den Schreib⸗ tiſch mitten unter die Papiere geworfen, zur Thür hinausfuhr. 129+ Gerhard hatte Mühe, die Papiere vor dem An⸗ brennen zu bewahren, ſchüttelte ſeufzend den Kopf über des Freundes Unachtſamkeit und ſeinen zunehmen⸗ den Groll gegen Alles, was ſich ſeinem Kopfe nicht fügte, ſchrieb dann einen Geſchäftsbrief an ſeinen Ad⸗ vocaten, ſchlenderte ein wenig durch die Gaſſen von Montreux und verbrachte ſo den Vormittag, ohne daß er Streicher wiederſah. Beim Diner, das um ein Uhr ſervirt wurde, hatte ſich nur ein kleiner Kreis zuſammengefunden. Baron Leſtow und ſeine Frau, Graf Hilmersdorf und Herr Glückſtadt waren, wie Herr von Kuruſoff bei Tiſche zu erzählen wußte, einer Verabredung vom vorigen Abend zufolge nach Saxon gefahren, um dort zu ſpielen. Edith, die kleinſte von den hoffnungsvollen Sprößlingen der Dirkſons, hatte ein Unwohlſein, über deſſen Urſachen ſehr ausführlich debattirt wurde, und die Gouvernante war bei der Patientin auf dem Zim⸗ mer geblieben. Ein Reiſender, der dafür hinzugekom⸗ men war, ſchien ſeine Suada bei den verſchiedenen Geſchäftsleuten, die er im Laufe der Morgenſtunden ſchon beſucht, gänzlich erſchöpft zu haben und entfernte ſich, ehe das Mahl noch ganz zu Ende war. Mr. Wal⸗ lace ſprach überhaupt nicht viel, ſeine Frau war heute überaus gemeſſen; Mrs. Lesley war ſehr blaß,⸗ ſah Byr, Nomaden. I. 130 nicht vom Teller auf und ſchmollte, denn ihr Mann hatte ſie nicht um Vergebung gebeten, ja nicht einmal zu einer erneuerten Erklärung gedrängt, was ihr den Beweis grenzenloſer Gleichgültigkeit lieferte, und Streicher, der ſich ſonſt ſchon ziemlich einſilbig verhielt, ſchmollte ebenfalls. Die Stimmung war eine recht harmoniſche, und wäre nicht des Kapitäns mitunter ſogar geiſtreiche Converſation und Miß Lizzie's heiteres Lachen geweſen, obwohl ſelbſt das unter der allgemeinen Dämpfung mitzuleiden ſchien, ſo hätte Gerhard beinahe auf die Idee kommen können, Streicher habe am Ende mit ſeinen Abreiſeprojecten doch nicht ſo ganz Unrecht. Herr von Kuruſoff theilte ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen Mr. Wallace's jüngerer Tochter und Fräulein Aglaë Brocat, entſchied ſich aber ganz für die letztere, als Miß Lizzie nach Tiſche mit den beiden kleinen Dirkſons in der Veranda Federball ſpielte und Ger⸗ hard lachend aufforderte, mit von der Partie zu ſein. Streicher murmelte etwas von„kindiſch werden, Altersſchwäche, Erſchlaffung der geiſtigen Spannkraft“ und verließ das Haus, als er ſah, daß ſein Freund wirklich der Einladung Folge leiſtete und mit den Mädchen um die Wette die kleinen Federkronen durch die Luft trieb. Gerhard ſelbſt fand dieſe Art des 131 Zeitvertreibs nach ein paar Schlägen etwas zu jugend⸗ lich für ſeine wohlgezählten dreißig Jahre und be⸗ nutzte den Moment, wo ihm die Kleinen eine glän⸗ zende Niederlage bereitet hatten, um zu der Sieger Ergötzen und Lizzie's unverhohlenem Verdruſſe einen ſchimpflichen Rückzug anzutreten. „Es iſt ſchade, daß man nicht mehr ſo recht Kind ſein kann“, ſagte er zu Mr. Lesley engliſch. „Die Unbefangenheit fehlt; man ſteht immer als Kri⸗ tiker hinter ſeinem eigenen Rücken.“ „Beſſer noch, als wenn die Schatten Anderer vor uns auftauchen, wie Macbeth ſie auf ſeinem eigenen Sitze ſah“, entgegnete Mr. Lesley ſchwermüthig. „Sie ſcheuchen uns von unſerm Platze an der Tafel der Freude und des Genuſſes und wir ſtehen einſam in der Welt.“ Gerhard ſah überraſcht auf. Dieſe Worte waren doch zu ſchwerwiegend für eine blos ſchönredneriſche Betrachtung oder einen bedauernden Seufzer, wie er ſelbſt zuvor einen ausgeſtoßen. Ein dunkler Gedanke rauſchte ihm durch den Kopf mit dem Flügelſchlage eines ſcheuen Nachtvogels: trug dieſer Mann an der zehrenden Erinnerung eines Verbrechens? Aber nein, dieſen ernſten, ruhigen Mann mit dem ſchlichten, milden Weſen, das keiner Verſtellung fähig 9* 13²2 war und gerade darum manchmal ſogar ungefügig erſchien, konnte ſelbſt die Aufwallung niemals zu einer Handlung hingeriſſen haben, die im gewöhnlichen Sinne vor dem Geſetze als ſtraffällig galt. Ein ſolches Temperament empfindet in der Regel keine Leiden⸗ ſchaft oder bleibt unter jeder Bedingung Herr der⸗ ſelben. Höchſtens ein Unglück konnte es ſein, an dem ſich der von Vorwürfen Gequälte vielleicht die Schuld beimaß, aber ſelbſt darin war am Ende nur die ſo vielen ſeiner Landsleute eigene Naturanlage der Me⸗ lancholie thätig. Gerhard verwarf jedes mißtrauiſche Nachgrübeln und gab ſich rückhaltslos dem ſympathiſchen Einfluß hin, welcher ihn zu Mr. Lesley hinzog. Es bedurfte nur einer Aufforderung deſſelben, um Gerhard zu einem Spaziergange zu bewegen. Reiſeerinnerungen lieferten den Stoff zu einem Ge⸗ ſpräche, das beide intereſſirte. Manches Land hatte der eine wie der andere durchwandert; den euro⸗ päiſchen Orient, Aegypten, Paläſtina, den Libanon, Italien kannten ſie beide und tauſchten und berichtig⸗ tigten ihre Eindrücke über dies und jenes; in England und Schottland war Gerhard faſt mehr zu Hauſe als Mr. Lesley ſelbſt, dagegen hatte dieſer in den letzten Jahren faſt unausgeſetzt in Deutſchland gelebt, und wenn Gerhard mit Entzücken vom ſüdlichen Frankreich, von Spanien und Norwegen ſprach, welch letzteres er wie Schweden bis zum hohen Norden durchwandert hatte, ſo wußte Mr. Lesley dafür allerlei intereſſante Mittheilungen über Arabien und Indien zu machen, wo er einen längern Abſchnitt ſeines Lebens zugebracht hatte. Es war ein eigener Reiz in den Bildern, die er von jenen merkwürdigen Länderſtrichen und den Sitten und Gebräuchen ihrer Bewohner entwarf. Man hörte es der ſchwungvollern Sprache, den lebhaftern Worten an, wie friſch das Gedächtniß noch alle jene Eindrücke bewahrt hatte, faſt als wäre auch das Herz mit an der Erinnerung betheiligt. Die Farben waren noch unverblaßt, die Töne ſelbſt lebten im Ohre wie⸗ ver auf und es lag eine gewiſſe ſchmerzliche Befrie⸗ digung in dem Eifer, mit welchem Mr. Lesley einzelne fremdklingende Worte ſogar zwei⸗, dreimal wiederholte, als beabſichtige er die allmälig ſteifer gewordene Zunge an ihnen wieder zu ſchmeidigen. Sein Auge leuchtete, als ſei die Vergangenheit wieder lebendig geworden, es war faſt, als blähten ſich ſogar ſeine feinen Nüſtern, den balſamiſchen Luftzug einzuathmen, der von der erſehnten Oaſe durch die Wüſte herüberſtrich, die der dicht in ſeinen weißen Burnus gehüllte Reiter auf ſeinem flüchtigen Renner durchjagte. Mr. Lesley erzählte von Tigerjagden, denen er beigewohnt, von Karavanenzügen, die er mitgemacht, von Ueberfällen, bei denen er gefochten, um ſich gegen die räuberiſchen Feinde ſeines Lebens zu erwehren, dann aber brach er plötzlich ab, ein dichter Schleier ſchien ſich über ſein Auge zu ſenken, ihr Glanz erloſch raſcher, als er ſich entzündet, graue Schatten legten ſich in ſeine tief einfallenden Züge und die bleierne Melancholie nahm ihren Sitz wieder auf der durch⸗ furchten Stirn. Sein Ausſehen hatte in einer Se⸗ kunde um viele Jahre gealtert. So waren ſie allmälig, ohne daß Gerhard beſon⸗ ders auf den Weg geachtet hätte, durch Clarens ge⸗ kommen und ſtanden endlich zwiſchen den Grabſteinen auf der Höhe. Gerhard ſah jetzt, daß ſein Begleiter ihn abſichtlich hierher geführt, denn er deutete mit einer unbeſchreiblichen Handbewegung auf die Inſchriften einiger prachtvollen Monumente. „Ob ſo für ein Weilchen verewigt“, ſagte er dabei herbe,„oder begraben vom Samum unter glühenden Sand— für den, der darunter liegt, iſt's Nacht. Oder glauben Sie an einen zweiten Tag, wo uns für Recht oder Unrecht nochmals eine Exiſtenz zugemeſſen wird?“ Gerhard zuckte die Achſeln, ſein Lächeln gab eine genügende Antwort, doch ſprach er nichts; warum 135 ſollte er Jemand verletzen, der vielleicht anderer An⸗ ſicht war? Die geſtellte Frage war nach ſeiner Meinung eine derjenigen, über die ein jeder Menſch in ſich ſelbſt klar zu werden ſuchen muß. Ihm ſchien ſelbſt das Facit, das ein Jeder zu Stande brachte, ziemlich gleichgültig; die Hauptſache war, daß eben Jeder darin volle Befriedigung finde und nicht zu ſehr von ſeinen Menſchenpflichten dadurch abgelenkt werde. Mr. Lesley wartete auch keine andere Antwort ab, er gab ſie ſelber. „Ich kann es nicht denken“, fuhr er fort;„es wäre mehr als Ungerechtigkeit, die Qualen zu erneuern, die ſchon im Leben eine allzu lange Strafe ſind. Ein Fortleben ohne Erinnerung iſt kein Fortleben, das Ich nicht mehr Ich, ein Fortleben mit Erinnerung, mag dieſe ſein wie immer, eine Hölle, entweder der Scham, der Reue oder des Bedauerns und der Sehnſucht nach dem Verlorenen, jedes Wiederbegegnen ohne Verweilen ein ſcheues Vorüberhaſten, mit Ver⸗ weilen, mit fortwährendem Beiſammenſein eine Folter. Wer hat ſo weiter gelebt, daß er dem Vater wieder frei ins Auge ſehen kann? Wer möchte mit allen, die er einſt geliebt, zugleich wieder zuſammen⸗ treffen? Wer weiß keinen einzigen Fleck in ſeinem Thun und Denken, daß es ihm gleich wäre, daſſelbe 4 4 ⁵ 8 7 136 vor allen aufgedeckt zu ſehen? Was wäre das für eine Vereinigung, in der ſich alle mehr oder minder gegenſeitig verachten oder die geſellſchaftlichen Um⸗ gangsformen dieſer Erde in erhöhtem Maße weiter heucheln müßten? Pfui! das Jenſeits iſt die Erfindung eines Blödſinnigen. Ruhe iſt das Ende, Ruhe die Sühne für Alles und das Ziel für Jeden. Ruhe iſt die große Barmherzigkeit Gottes, das Auslöſchen der Wunſch der Weiſen.“ „Ach, es braucht nur ſo gar lange, bis man weiſe wird“, ſeufzte Gerhard, der mit ernſtem Sinnen zugehört hatte, halb in der Abſicht, dem Geſpräche eine heitere Wendung zu geben.„Wenigſtens wünſcht man dieſes Auslöſchen noch recht weit hinausgerückt. Das Leben hat ganz hübſche Seiten, nur ſchade, daß es uns gerade nicht immer dieſe zukehrt, es ließe ſich ſonſt ſchon ein Compromiß ſchließen, ſelbſt mit einer verjüngten Wiederaufnahme nach angemeſſener Pauſe.“ Der humoriſtiſche Ton blieb nicht ohne Wirkung auf Mr. Lesley, er ſchüttelte ſtumm den Kopf, als aber Gerhard fortfuhr und die Bemerkung hinzufügte: „Ich weiß nicht, ob Sie von dem deutſchen Phi⸗ loſophen Schopenhauer wiſſen, aber zur Abwendung des Willens vom Leben gelangt man in der Regel erſt nach einem ganzen Lebensalter der mißglückten 137 Zuwendung“, nahm er wieder das Wort zur Be⸗ kämpfung dieſes Ausſpruchs. „Ich bin doch nicht der Meinung“, ſagte er ernſt, aber ſchon in einem minder wuchtigen Tone,„daß es bei einem Jeden einer ſolchen Jahrzehnte und Jahrzehnte langen Kette von Enttäuſchungen bedarf. Ich ſtelle es mir als keinen ſchweren Entſchluß vor, die letzte Hoffnung mit ſich ſelber zu begraben. Was verheißt uns das Leben noch, wenn das Schiff ſchei⸗ tert, in welchem man ſeine letzten Sparpfennige ange⸗ legt, wenn der letzte Verſuch, dem Reſt des Lebens noch einen Sonnenblick des Glückes zu entlocken, miß⸗ lingt? Was iſt es weiter? Ein Ende aller Aufregungen. Wäre es denn ſo ſchlimm, hier zu liegen?“ Er deu⸗ tete wieder auf die Gräber ringsum und ein ſeltſames Lächeln, das Gerhard erſchreckte, glitt um ſeinen Mund.„Man befände ſich in guter Geſellſchaft; leſen Sie doch die Namen; die feinſten Leute von Europa ſind hierher gekommen, um ſich hier einſcharren zu laſſen.“ „Da ſchieben Sie ihnen wohl ganz falſche Inten⸗ tionen unter. Ich bin überzeugt, daß alle dieſe Leute gerade in entgegengeſetzter Abſicht hierher, als zu einem Geſundbrunnen, gepilgert kamen. Es hat wohl keiner dieſe abſolute Ruhe geſucht, und ich hoffe, mein lieber 138 Freund— ich darf Sie in Anſehung unſerer alten Bekanntſchaft wohl ſo nennen— daß auch Sie noch nicht ſo ganz mit dem Leben abgeſchloſſen haben, um dieſelbe ſchon jetzt auf der Stelle zu erwünſchen. Gehen Sie, das ſind ſchwarze Gedanken, die ſich nur in Verſen hübſch machen, weil ſie dann doch Niemand für echt hält. Iſt dieſer Blick nicht ſchön?“ fragte er, indem er ſich unter einer Cypreſſe niederließ und mit der Hand hinausdeutete auf die Landſchaft, den See und die Berge.„Und wäre es nur um dieſen An—⸗ blick, es wäre ſchade, ihn nicht mehr genießen zu kön⸗ nen. Was haben die da unten noch von der feinen Geſellſchaft und von der reizenden Umgebung? Sie ſelbſt ſagen ja, hier oder in der Sahara, für die Todten iſt Nacht. Wir Deutſche haben ein altes Lied, ſogar ein veraltetes, es iſt aber doch ſo übel nicht. Es beginnt: Freut Euch des Lebens, Weil noch das Lämpchen glüht“. „O, Sie ſtehen auf der Sonnenhöhe des Lebens!“ verſetzte Mr. Lesley müde lächelnd. „Manchmal denke ich doch ſchon recht lebhaft an den Abend. Ich habe manches ungewöhnliche Ereigniß— hinter mir, meine Jahre waren bewegter, als ſie ſonſt zu ſein pflegen, wenn ich im Ganzen auch nicht, was 139 man ein abenteuerndes Leben nennt, geführt. Wenn es Sie nicht langweilt, will ich Ihnen mit ein paar Worten einen Abriß meiner Geſchichte geben.“ „Sie gewähren mir damit eine große Gunſt, Herr Strandau, weil Sie mir damit beweiſen, daß ich Ihnen des Vertrauens würdig erſcheine. Ich habe Sie ſchon, als ich Sie zuerſt ſah, lieb gewonnen.“ Er ſchüttelte Gerhard herzlich de Hand, es lag etwas Rührendes in ſeinen Worten, noch mehr in dem Ton ſeiner Stimme, was Gerhard vollkommen gewann. „Nun alſo“, hob dieſer an,„wie ich Ihnen ſchon geſtern ſagte, bin ich in einem der freundlichſten Thäler des hübſchen Thüringerwaldes geboren. Meine Jugend war eine ungemein glückliche; geliebt von meinem Vater und meiner ältern Schweſter, behütet von den zärtlichen Augen der beſten aller Mütter, wuchs ich auf. Meine Aeltern hatten ein hübſches Haus mit einem großen Garten außerhalb der Stadt an einer waldigen Berglehne. Ich ſog das Gefühl für Naturſchönheit und beinahe unbeſchränkte Freiheit in vollen Zügen ein. Mein Vater war ein geſuchter Arzt und brachte nur wenige Stunden des Tages zu Hauſe zu. Meiner Mutter blieb unſere Erziehung faſt ganz überlaſſen, und ich müßte ſie nicht ſo hoch ver⸗ ehren, als ich es thue, wenn ich nicht ſagen würde, 140 daß ſie ſich dieſer Aufgabe mit einer bei Frauen ſel⸗ tenen Umſicht und Sorgfalt unterzog. So lehrte ſie uns die Anfangsgründe, brachte meiner Schweſter alle weiblichen Arbeiten bei und leitete beſonders den Muſikunterricht ſelbſt, denn ſie war eine ausgezeichnete Meiſterin auf dem Flügel wie im Geſange. Ich habe nie eine ergreifendere und ſüßere Stimme gehört als die ihre, obwohl ſie niemals von großer Kraft war und ſpäter, da ſich das wohl von jeher in ihr ſchlum⸗ mernde Uebel immer mehr entwickelte, nur noch dem zarten Tone einer rein und wirklich virtuos behandel⸗ ten Flöte glich. Meine arme Mutter ſtarb an einem Bruſtleiden und vielleicht raſcher, als unbedingt nöthig war, da ſie ſich mit einer beinahe an Hartnäckigkeit grenzenden Conſequenz weigerte, nach dem Süden zu gehen, wie ihr mein Vater dringend anempfohlen hatte. Kein Bitten konnte ſie bewegen, die Heimat 1 zu verlaſſen, an der ſie mit der Innigkeit hing, die man den Schweizern zuzuſchreiben pflegt. Zulletzt mußte ſie dieſelbe doch verlaſſen, die Arme!“ Gerhard hielt einen Augenblick, von der Erinnerung überwältigt, inne; nach einer Pauſe fuhr er fort: „Verzeihen Sie, daß ich bei ſolch anſcheinenden Geringfügigkeiten, die alle Welt erlebt haben mag, ſo lange verweile, aber ſie haben einen Einfluß auf ——C—— — 141 meinen Charakter, auf meinen ganzen Lebensgang geübt, der ſich heute noch fühlbar macht. Mein Freund Streicher mag immerhin Recht haben, daß meine gute Mutter mich verzärtelte. Ich glaube es ſelbſt, ſonſt hätte mich wohl nicht alles ſpäter Erlebte ſo ſehr ange⸗ griffen. Wie ſoll ich all jener Scenen erwähnen, ohne eines Todten allzu bitter zu gedenken? Es mag Ihnen genügen, daß ich ſage, mein Vater faßte eine Neigung zu einer andern Frau niedrigen Standes, die ſo über alle Vernunft hinauswuchs, daß er ſeinen unbeſcholtenen Namen, das Glück ſeiner Familie, Alles in die Schanze ſchlug und es endlich nach furchtbaren Auftritten zu einer Scheidung brachte, um jene Frau als Gattin in ſein Haus zu führen. Hinausgeſtoßen aus der Hei⸗ mat, ſiechte meine Mutter nun raſch ihrem Grabe zu; während der Krankheit pflegte ſie meine Schweſter, die mit ihr gezogen war, indeß ich, gegen meinen feſt ausgeſprochenen Willen, trotz allen Sträubens beim Vater bleiben mußte. Ich ſah meine Mutter nur noch von Zeit zu Zeit, es waren Augenblicke der Weihe, aber auch des tiefſten Schmerzes. Die Frau, welche meine Mutter verdrängt hatte, flüſterte meinem Vater ein, ich würde dort gegen ihn aufgehetzt, und ich mußte mich zuletzt nur verſtohlen zu der Mutter ſchleichen, die mir das Leben gegeben und meine Seele 142 b gemacht hatte. Laſſen Sie mich darüber hinweggehen. 4 k den mein Vater nach mir ausgeſchickt, wiedergefun⸗ nichts zu hoffen hätte, für alles Schöne und Edle erweckt und empfänglich Ich war nicht einmal an ihrem Todtenbette, weinte auch nicht, als ich die Nachricht empfing und den Segen, den ihr letzter Hauch noch meiner Schweſter für mich aufgegeben. Ich weinte nicht, aber ich lief vom Hauſe weg— in die weite, weite Welt, wie ich damals meinte. Drei Tage darauf hatte mich Streicher, den und mit guten Worten und Gewalt heimgebracht. Ich war damals ſehr erbittert gegen ihn und ſah ihn eine Zeit lang ebenſo wenig als meine Schweſter, die bei der Tante geblieben war. Ich wurde da ein recht wilder, trotziger Burſche und ging mit Freuden nach der Univerſität, als die Zeit kam. Zwei Jahre lang 1 kehrte ich nicht nach Hauſe zurück und verbrachte die 1„..—.. 2 5 Ferien, da ich immer wenigſtens hinreichende Wechſel hatte, anderswo mit luſtigen Commilitonen. mich ein Brief meiner Tante heim. Daß meine Schweſter ſchon früher geſtorben, geſtern bereits mitgetheilt, jetzt drohte auch meinem Vater der Tod, der Schlag hatte ihn gerührt. Erſte, womit mich die Stiefmutter empfing, war die boshafte Nachricht, daß ich außer einem kleinen Legat das ganze Vermögen ſei ihr habe ich Ihnen 143 und ihren beiden Kindern verſchrieben, die ſie in⸗ zwiſchen meinem Vater geboren hatte. Ich blieb doch, denn mein Vater erholte ſich. Er war zur Hälfte gelähmt und ſchwachſinnig geworden und erhielt ſeine geiſtige Kraft nie mehr zurück, aber eine andere merkwürdige Veränderung war noch mit ihm vorge⸗ gangen: er empfand eine an Abſcheu grenzende Ab⸗ neigung vor ſeiner zweiten Frau; ſelbſt deren Kinder mochte er nicht mehr, indeß eine Zärtlichkeit für mich in ihm erwacht war, wie ich deren früher niemals theilhaftig geweſen. Es war eine eigene, ich möchte ſagen inſtinctive Reue, wozu auch noch das ſcheue Gefühl eines mißhandelten Geſchöpfes gegen ſeinen Peiniger kam, denn ſeine Frau war böſen Gemüthes und verletzte ihn abſichtlich täglich mit tauſend Stichen; ſogar an der Nahrung wurde ihm Abbruch gethan. Endlich brachte ſie es doch dahin, daß ich wieder die Univerſität bezog; ich that es mit ſchwerem Herzen, denn ich ließ ein Mädchen in Blankenburg zurück, das ich mit der ganzen poetiſchen Innigkeit einer erſten Neigung liebte. Wir verſprachen uns, wie üblich, ewige Treue und correſpondirten, als aber ein halbes Jahr ſpäter mein Bater ſtarb und das Teſtament er⸗ öffnet wurde, fand ich die Thür geſchloſſen und ein kleines einſilbiges Briefchen unterrichtete mich, daß 144 bei ſo bewandten Umſtänden die Aeltern niemals in unſere Verbindung willigen würden und ſie als ge⸗ horſame Tochter das Verſprechen habe ablegen müſſen, jeden Verkehr mit mir abzubrechen, da er doch zu nichts führe. Sie hat ſpäter einen Andern gehei⸗ rathet, iſt, was man glücklich nennt, und ich habe ſie erſt ganz vor kurzem wiedergeſehen, ohne irgend eine Gemüthsbewegung zu empfinden, als höchſtens eine dankbare gegen das gütige Schickſal oder, wenn Sie wollen, die weiſe Vorſehung, deren Wege unerforſch⸗ lich ſind, zin dieſem beſondern Falle aber überaus zweckmäßig waren. Damals aber war ich außer mir und rannte abermals, vielleicht in einem Anfall von Nachahmungsſucht dem Beiſpiele Streicher's folgend, das mir unendlich poetiſch erſchien, in die Welt hinaus, nur diesmal mit etwas mehr Planmäßigkeit als fünf Jahre früher. Ich lebte einige Zeit ſehr eingeſchränkt, denn meine Mittel waren knapp, aber das Teſtament war nicht ſo ganz zu meinen Ungun⸗ ſten verfaßt. Im Falle des frühern Ablebens meiner Stiefmutter und ihrer beiden Kinder war ich der Univerſalerbe. Weder jene Frau noch zich dachten daran, daß dieſe Klauſel jemals zum Vollzug kommen ſollte. Ich war verbannt, heimatlos— ein No⸗ made. Vier Jahre nach dem Tode meines Vaters 1 n B‿ν 145 wendete ſich das Blatt, meine Stiefgeſchwiſter ſtarben raſch nach einander am Scharlach und ihre Mutter folgte ihnen ins Grab. Das Haus, das meine gute Mutter ſo ſehr geliebt, in dem ich geboren wurde, war wieder mein, aber ich fühlte mich fremd in der Heimat, ſie hatte alle Reize für mich verloren.“ „Ich begreife das“, nickte Mr. Lesley verſtänd⸗ nißvoll, als Gerhard ein wenig innehielt. „Dann iſt es überflüſſig, daß ich Ihnen erſt auseinanderſetze, wie ich dies Haus mit allen ſeinen Erinnerungen ſogar haßte. Alle Wunden brachen auf, als ich es ſah, ich ſtieg lieber im Gaſthauſe ab und floh ſchon am nächſten Tage meine Vaterſtadt wieder, als ſei das kleine anmuthige Städtchen ein Peſtpfuhl. Ich hatte auch keine Luſt zum Stillſitzen. Eine eigent⸗ liche Lebensaufgabe beſaß ich nicht infolge meiner zerſplitterten Jugend, am Reiſen hatte ich Geſchmack gewonnen und dachte mir es ganz und gar unver⸗ gleichlich, da mir jetzt die Mittel geworden waren, es mit aller Bequemlichkeit ganz nach meinen Wünſchen zu thun. So zigeunerte ich denn weiter, bald hier, bald dort, wie ſich eben die Verhältniſſe anknüpften, eine längere Zeit verweilend. Was ich in der Zeit noch erlebt, iſt mannichfach, aber theils nicht zur Mittheilung geeignet, theils weniger tief in mein Byr, Nomaden. I. 10 146 Leben eingreifend. Ich habe viel geſehen, allerlei Er⸗ fahrungen geſammelt, wenig gethan und nichts ge⸗ leiſtee. Das iſt mein offenes Glaubensbekenntniß. Ich halte die bloße Empfänglichkeit gegenüber den Eindrücken der Außenwelt noch für kein Verdienſt, die innere Verarbeitung dieſer Eindrücke nur für eine Beſchäftigung, die uns ſelbſt ganz allein zu gute kommt, und das unfruchtbare Hingeben an irgend eine Kunſt oder Liebhaberei noch für keine menſchenwürdige Thätigkeit, aber was hilft es, der Muth und die Energie zu irgend einem nutzbaren Unternehmen ſind mir verloren gegangen, wenn ich ſie jemals beſeſſen, ohne daß mir dieſe Unthätigkeit eigentlich noch Genuß gewaährt. Die Freude am raſtloſen Herumziehen, am ewigen Lernen durch eigene Anſchauung hat ſich ver⸗ flüchtigt, ohne daß mich deshalb der Gedanke an die Heimat lockte. Selbſt der ewigen Enttäuſchungen und Aufregungen, welche ſich im Gefolge aller intimern Verhältniſſe einzuſtellen pflegen, bin ich müde, ohne deshalb mein Blut ſchon greiſenhaft ſchleichen zu fühlen. Ich bin unzufrieden mit mir und doch nicht im Stande, es zu beſſern; ich bin krank und weiß nicht, was mir fehlt, ein drolliger, aber doch kein behaglicher, im Gegentheile ein Zuſtand, der oft die ſchönſten Stunden vergällt, wie ja gerade jetzt.“ 147 Den letzten Satz hatte Gerhard mit einem An⸗ lauf zur Selbſtironie geſprochen und beim Schlußwort raffte er ſich vollends aus ſeiner träumeriſchen Stim⸗ mung empor und deutete wieder auf das ſchöne land⸗ ſchaftliche Bild, das ſich vor ihnen ausbreitete. Mr. Lesley aber blickte nicht auf. Nachdenklich hielt er den Kopf geſenkt, als wiederhole er ſich alles Gehörte und denke weiter aus, was nur angedeutet geblieben. „Sie ſollten heirathen“, ſagte er nach einer Weile, nicht etwa wie man ein Univerſalmittel anpreiſt, ſondern wie man nach tiefer allſeitiger Erwägung einen wohlgemeinten Rath ertheilt. Gerhard machte eine Bewegung, als wolle er lachen, warf einen Blick voll Humor auf ſeinen Nach⸗ bar, aber der ſpöttiſche Ausdruck ſchwand, als er deſſen Ernſt ſah; das Auge glitt ſinnend zu Boden und endlich erwiderte er: „Heirathen? Ich habe ſelbſt ſchon daran gedacht; aber die Rechte finden!“ Mr. Lesley nickte ſchwermüthig. Die Rechte finden, das war es. Er ſagte nichts und folgte der Aufforderung Gerhard's. Sie ſtanden auf und wandten ſich, den Friedhof verlaſſend, auf dem über die Höhe hinziehenden Wege Montreux zu, um nicht wieder über 10* 148 Clarens zurückkehren zu müſſen. Nach einer Weile kam Gerhard wieder auf den Schlußpunkt des Geſprächs. „Warum“, fragte er,„glauben Sie, daß ich hei⸗ rathen ſollte? Selbſt wenn ich eine richtige Wahl träfe, wäre der Erfolg unzweifelhaft? Sind Sie glücklich?“ „Sie können es zweifellos werden“, entgegnete Mr. Lesley, der allzu directen Frage ausweichend. „Bringen Sie Ihr volles Herz mit und es wird Ihnen gewiß wieder ein volles werden. Sie ſind noch jung, Sie können auch noch ſuchen. Sie brauchen es nicht einmal zu ängſtlich zu thun, denn jede Indi⸗ vidualität wird ſich, wenn wirkliche Liebe die Herzen verbindet, Ihnen anſchmiegen, wie ſie auch umformend auf Sie einwirkt; dazu bedarf es nur, nicht ganz fehl zu greifen. Eins nur möchte ich Ihnen rathen.“ „Das wäre?“ „Wenn Sie heirathen, bleiben Sie niemals in der Nähe Ihrer Schwiegermutter; der Einfluß einer jeden iſt vom Uebel, der guten wie der böſen. Ein Drache läßt ſich wenigſtens ohne viel Umſtände vor die Thür ſetzen, was aber beginnen mit einer, die es gut zu meinen glaubt und doch in einem fort den völligen Einklang ſtört? Wehe gar, wenn ſie dabei herrſchſüchtig und gewöhnt iſt, ihren Willen immer befolgt zu ſehen! Glauben Sie mir, der Mann 149 muß ſeine eigene Familie gründen, um nicht in der ſeiner Frau aufzugehen.“ Gerhard hatte nicht Zeit, über dieſe ſo ohne alle Veranlaſſung hingeworfene Warnung zu erſtaunen und deren Zuſammenhang mit den Verhältniſſen, in welchen Mr. Lesley lebte, zu ergründen, denn eben ſenkte ſich der Weg in eine kleine Mulde und aus der Tiefe kam ihnen die ſchöne Unbekannte entgegen, die ihm als die Schweſter von Madame de Granier bezeichnet worden. Sie war auch diesmal mit ebenſo viel Eleganz als Geſchmack gekleidet und führte ihren kleinen Neffen an der Hand. Auch ſie erblickte im nämlichen Augen⸗ blicke die beiden Herren, da ſie von dieſen erkannt wurde. Täuſchte ſich Gerhard, als er zu bemerken glaubte, daß dieſe ſanft gerötheten Wangen ſich höher färbten? Er fühlte ſich eigenthümlich befangen, wie⸗ der ſagte er ſich, daß er ſelten eine ſo vollendete Schönheit geſehen, und faſt wäre er, im Anſchauen verſunken, ſteif und grußlos vorübergegangen, als ihm noch im letzten Moment einfiel, den Hut zu ziehen und ſo, indem er an ihr Gedächtniß betreffs der geſtrigen Begegnung appellirte, ſein unhöfliches Anſtarren wie⸗ der gut zu machen. Sie neigte dankend den Kopf und auch heute ſchlug ſie dabei das ſchmachtende Auge ein wenig auf⸗ 150 Gerhard glaubte noch nie einen graziöſern Gruß em⸗ pfangen zu haben; er blieb unwillkürlich nach einigen Schritten ſtehen und wendete ſich um, der lieblichen Erſcheinung nachzuſehen. Der Knabe drängte ſich an das Mädchen heran und Gerhard hätte ſchwören mögen, er theile der Tante mit, daß das derſelbe Mann geweſen, den ſie tags zuvor auf dem Dampf⸗ ſchiffe geſehen, denn ſie nickte. Jetzt bemerkte er plötz⸗ lich, daß nur zwei Schritte von ihm ein Handſchuh auf dem Boden lag, blitzſchnell bückte er ſich danach und eilte der Eigenthümerin nach. Hatte dieſe ihren Verluſt eben jetzt bemerkt oder die ſchleunigen Schritte gehört, ſie kehrte nun ebenfalls um und zeigte einige Ueberraſchung. Gern hätte Gerhard den Handſchuh ſelbſt überreicht, aber der kleine Junge kam mit lautem Rufen ihm entgegen⸗ gerannt und nahm ihm den Handſchuh ab, was nicht gut zu wehren war. So mußte er ſich denn begnü⸗ gen, noch einmal den Hut zu ziehen, das Mädchen nickte wiederholt ihren verbindlichſten Dank und dabei blieb es, denn Tante und Neffe ſetzten nach dieſer kleinen Epiſode ihren Spaziergang wieder fort. Gerhard aber hätte am liebſten den hübſchen Knaben dafür geſtraft, daß er ihn ſo grauſam artig um den Finderlohn gebracht. Sechstes Kapitel. La petite maison. Es war beſchloſſen, Gerhard wollte Fräulein Adri⸗ enne, die jüngere Schweſter von Madame de Granier, näher kennen lernen und ſich nicht mehr an zufälligen Begegnungen genügen laſſen. Am dritten Tage nach jenem zweiten Zuſammentreffen auf der Rückkehr vom Friedhofe zu Clarens befand er ſich auf dem Wege nach dem kleinen Hauſe auf der Höhe, das die beiden Schwe⸗ ſtern bewohnten. Er war ſich durchaus nicht ganz klar über die Abſichten, welche er damit verband, er lebte ſogar der feſten Ueberzeugung, daß es nicht die Liebe ſei, von der er ſich dahin gezogen fühlte; lieben konnte man nach ſeiner Ueberzeugung doch erſt ein Weſen, das man ſchon näher kennen gelernt, für Bilder aber, und ————————————— ———V—— Q—Q— 152 wären es ſelbſt die ſchönſten lebenden, mochte man allenfalls eine rege Bewunderung empfinden, der es nicht zu verargen war, wenn ſie größere Annäherung an den entzückenden Gegenſtand und hinreichende Muße verlangte, demſelben ihre Huldigung darzubringen. Am liebſten nannte Gerhard ſeinen dahinzielenden Wunſch Neugierde. Er erklärte Streicher, es liege ihm ungemein viel daran, ſeine Menſchenkenntniß zu bereichern und zu ſehen, ob ein ſo reizendes Geſchöpf von der Natur blos zur Hülle gewöhnlicher Eigenſchaf⸗ ten des Geiſtes und Herzens geſchaffen ſein könne. Er wies alle Einwände ſeines Freundes beinahe mit Ent⸗ rüſtung von ſich, obwohl ihm dieſer haarklein darlegte, daß der verlorene Handſchuh ein ganz trivialer Kunſt⸗ griff ſei, wie er zur Herbeiführung näherer Bekantſchaft ſchon von mancher Kokette gebraucht worden wäre. Die Beiden hatten ihre Rollen faſt vertauſcht, denn diesmal war es Gerhard, der ſeine Anſicht mit ungerechtfertig⸗ ter Lebhaftigkeit verfocht und dem Skepticismus ſeine Ueberzeugung entgegenſtellte, daß der betreffenden Dame gar nichts an ſeiner Bekanntſchaft gelegen ſei, weil ſie ſonſt dieſelbe nicht durch die Entgegenſendung des Knäb⸗ leins vereitelt hätte, was den klarſten Gegenbeweis für den vollkommenen Mangel jeder geheimen Abſicht⸗ lichkeit und berechnenden Koketterie liefere. 153 Es handelte ſich nur darum, die geeignete Perſön⸗ lichkeit zu finden, welche ſeine Einführung übernehmen ſollte, nachdem er, durch den Widerſpruch Streicher's mißſtimmt und durch deſſen höhniſche Bemerkungen noch mehr gereizt, endlich den feſten Entſchluß gefaßt hatte, mit dem er anfangs nur wie mit einer Mög⸗ lichkeit geſpielt. Herr von Kuruſoff war Gerhard nicht beſonders ſympathiſch erſchienen, dennoch wendete er ſich nach be⸗ ſeitigtem Bedenken an ihn, wiewohl nicht mit dem ge⸗ hofften Erfolg. Bewahrte der Ruſſe unter ſeinen glatten Manieren noch Rancüne für die kühle Abweiſung, die ihm zu Theil geworden, oder war ſeine Ausrede wirk— lich begründet, er behauptete mit Madame de Granier nicht genügend bekannt zu ſein, um ihr eine neue Be⸗ kanntſchaft zuzuführen, und Gerhard mußte ſich wenig⸗ ſtens anſtellen, als ob er dieſer Verſicherung vollen Glauben beimeſſe, da Herr von Kuruſoff doch die Freundlichkeit hatte, ihn mit Graf Hilmersdorf bekannt zu machen, der, wie er andeutete, die ihm zugedacht ge⸗ weſene Miſſion mit Vergnügen übernehmen werde. Der Lieutenant that, als habe er bis jetzt Ger⸗ hard gar nicht bemerkt und als ſei dieſer erſt bei der gegenſeitigen Vorſtellung urplötzlich aus einer Verſen⸗ kung aufgetaucht; er befliß ſich einer überaus froſtigen 154 Höflichkeit, die aber doch Gerhard weit beſſer gefiel als die Anſchmiegſamkeit des Ruſſen, und verſprach zu⸗ letzt, den Beſuch einſtweilen bei den Damen ankündigen zu wollen, natürlich ohne daß er irgend eine Zuſage über die zu erwartende Entſcheidung machen könne. Aber ſchon am nächſten Tage brachte er dieſelbe: Madame de Granier ſehe dem ſchmeichelhaften Be⸗ ſuche in den Nachmittagsſtunden entgegen. Das„ſchmei⸗ chelhaften“ überzeugte Gerhard, daß Herrn von Kuru⸗ ſoff's Vermuthung und Miß Lizzie's ſcherzhafte Zu⸗ ſtimmung durch ſeine ausdrückliche Verſicherung nicht im geringſten erſchüttert worden und auch der Lieute⸗ nant offenbar den Beſuch irgend eines incognito reiſen⸗ den Virtuoſen angekündigt habe. Der Irrthum war ihm ſehr unangenehm, aber er konnte ſich bei den Damen doch nicht mit ſeiner Legitimationskarte in der Hand einführen, wenn er auch im Hotel demnächſt eine ähnliche Beweisführung für ſeine Identität anzu⸗ treten gedachte. Kapitän von Reuſche, der in der Nähe ſtand, als Graf Hilmersdorf ſeine Mittheilung machte— man war knapp vor Tiſche— kam hüſtelnd auf Ger⸗ hard zu und äußerte mit wohlmeinendem Scherz ſein Befremden über die Willfährigkeit, mit der ſein„geehr⸗ ter Herr Kamerad“ einem Nebenbuhler an die Hand gehe. 8b — 155 „Entweder“, ſpöttelte er,„haben Sie keine Wünſche oder keine Hoffnung mehr.“ „Der Menſch verliert Beides, wie ich mir ſagen ließ, bis zum Tode nicht“, erwiderte der Lieutenant gewandt, aber mit deutlich ausgeprägtem Wohlgefallen an ſeinem eigenen Geiſte. „Aber zu Zeiten die Mittel“, fiel Herr von Kuru⸗ ſoff ein,„ſeine Wünſche zu befriedigen und ſeine Hoff⸗ nungen wirkſam zu unterſtützen.“ Der Lieutenant zuckte über dieſen Ausfall die Achſeln. „Wer wird immer an ſolche Lappalien denken“, ſagte er,„wenn es höhere Zwecke gilt.“ „Vortrefflich!“ rief jetzt Streicher, der ſich bisher unmuthig ſtumm verhalten, aus.„Ihre Grundſätze werden bei Strandau Anklang finden; auch ihm iſt Geld Lappalie, er knickert nicht. Ich wünſche den beſten Erfolg in den höhern Zwecken!“ Man lachte, Graf Hilmersdorf lauter und aus⸗ gelaſſener als die Andern, nur Gerhard fühlte ſich un⸗ angenehm berührt. „Sage mir Deine Bemerkungen unter vier Augen!“ flüſterte er dem Freunde vorwurfsvoll zu.„Wie kommt hier überhaupt auf Geld die Rede?“ „Weil Du gehörig tief in die Taſche greifen wirſt“, 156 erwiderte der Unerbittliche trocken,„oder Andere werden es für Dich thun, was auf das Gleiche hin⸗ auskommt. Denke an mich, ich bin ein Menſchen⸗ kenner!“ Graf Hilmersdorf führte Gerhard einige Stunden ſpäter nicht den zwiſchen den Weingärten hinanſtei⸗ genden Fußpfad, welchen er vier Tage früher mit den von Lauſanne kommenden Damen gegangen war, ſondern er ſchlug die durch den Ort führende Berg⸗ ſtraße ein, die ſich nach einer weiten Widerkehre in jener Richtung gegen den Friedhof von Clarens fort⸗ ſetzt. Gerhard kannte dieſen Weg ſchon, auch das Häuschen, in welchem die Schweſtern wohnten, hatte ihm neulich Mr. Lesley auf der Heimkehr im Vorüber⸗ kommen gezeigt, von den Abſichten aber, die ihn heute hierher führten, wußte der letztere nichts. Gerhard hatte ſie ihm aus einem unbeſtimmten Gefühle der Scham verſchwiegen. Warum gerade dem Einen? Gerade Mr. Lesley? Er vermochte es ſelbſt nicht zu ſagen. „Sie wiſſen doch“, hatte der Graf für nöthig befunden, ſeinen Begleiter im Dahinſchreiten zu unter⸗ richten,„daß die beiden Damen mit einer alten soi-disant Tante allein wohnen? Hermance— das iſt Madame de Granier oder, wie ſie ſich, einer gewiſſen dunkeln erſten Ehe zu CEhren, gern nennen läßt, Ma- —— 157 dame la comtesse— bedauert, wie Sie hören werden, nichts lebhafter als das Mißgeſchick, nicht beſtändig an der Seite ihres Gatten leben zu können, aber ge⸗ wiſſe Rückſichten, gewiſſe Umſtände— enfin, c'est tou- jours la même chose. Ihretwegen würde ich niemals den Weg hier herauf bis auf die Höhe machen. Ich bin zwar ein ausgezeichneter Bergſteiger und nehme meine fünftauſend Fuß mit Leichtigkeit in drei Stunden, aber, wie geſagt, nicht einmal hier herauf— wäre mir zu beſchwerlich, auf Ehre! wenn ich mich nicht für Adrienne intereſſirte. Sehr liebes Mädchen, die lautere Unſchuld, man kommt bei ihr nicht von der Stelle— aber das unter uns— wir werden einander nicht ins Gehege kommen.“ Gerhard wußte nicht recht, was er antworten ſollte. Er war überraſcht. Was meinte Graf Hilmersdorf? Sollten ſeine Worte eine Warnung ſein, ihm nicht die Bahn zu kreuzen, oder waren ſie wirklich ein Ausfluß des Vertrauens und gab er ſich der Meinung hin, Ger⸗ hard verlange blos die Bekanntſchaft der jungen Stroh⸗ wittwe, etwa in irgend einer unlautern Abſicht zu machen? Er erwog, ob es auch redlich ſei, die Ge⸗ fälligkeit eines Andern dahin zu mißbrauchen, um ihm zum Dank für ſeine Einführung in einen Kreis eben dort den Rang abzulaufen. Und wer weiß, ob er reüſ⸗ 158 ſirte; nach allen Andeutungen, die gefallen waren, mußte der Graf ſeinen Vortheil recht gut wahrgenom⸗ men haben, was auch immer ſeine in etwas eigenem Jargon gehaltene Verſicherung in Abrede ſtellen mochte. Gerhard erſchrak, als er ſich auf dieſem Gedanken er⸗ tappte. War es wirklich ſchon ſo weit gekommen, daß er ernſtlich beunruhigt war, ein Nebenbuhler könnte ihm zuvorgekommen ſein? Zuerſt wollte er nur ein Bild näher betrachten, dann den Menſchen kennen ler⸗ nen, nun fragte er ſchon, ob auch das Herz noch frei ſei. Die Schleier der abſichtlichen Selbſttäuſchung ſanken raſch einer nach dem andern und er ſah klar in ſein Inneres hinein. Eben als er zu dem Reſultat gelangt war, die we⸗ nigſtens theilweiſe Offenheit als eine Ehrenpflicht gegen den vertrauensvollen Grafen anzuſehen, grüßte dieſer einen großen Mann in mittlern Jahren, von ſehr ver⸗ lebtem Ausſehen, ſonſt aber vornehmer Erſcheinung, der ihnen entgegenkam. „Guten Tag, Mylord“, rief der Graf franzöſiſch. „Woher?“ „Von dort, wo man nicht zu Hauſe iſt“, er⸗ widerte der Angerufene verdrießlich und ſchlenderte weiter in den Ort hinab. Der Graf war ſehr beluſtigt. Kaum daß ſie außer 159 Hörweite waren, theilte er Gerhard mit, dies ſei Lord Aysmonds, auch einer der gewöhnlichen Beſucher von Madame de Granier geweſen. „Iſt übrigens liebenswürdig von ihr“, ſetzte er hinzu,„Mylord abzuweiſen, um uns ungeſtört zu em— pfangen, da ſie es einmal verſprochen hat. L müſſen es ihr ſchon beſonders Dank wiſſen.“ „Sicherlich“, verſetzte Gerhard, der allerdings nicht recht einſehen konnte, was es ihn genirt hätte, wenn Lord Aysmonds oder ſonſt noch Jemand wäh⸗ rend ſeines Beſuchs gegenwärtig geweſen wäre, und warum er für die Abweiſung des Madame de Gra⸗ nier wahrſcheinlich nicht ſehr angenehmen Lords noch beſonders dankbar ſein ſolle. Darüber war aber der richtige Moment für die Erklärung, welche er vorgehabt, verflogen und zum zweiten Male pflegen ſolche edelmüthige Regungen ſelten mehr mit derſelben zwingenden Gewalt wiederzukehren. Gerhard faßte im Gegentheile den Entſchluß, wenigſtens bei dieſem erſten Beſuche noch die Rolle eines kühlen Betrachters und Prüfers beizubehalten, die er ſich vor⸗ geſchrieben hatte, und ſich zu keiner Unüberlegtheit hin⸗ reißen zu laſſen. Eine ſolche wäre es ja auch im Grunde geweſen, wenn er ſich ſchon voreilig als Be— werber um eines Mädchens Gunſt gegeben hätte, die 160 ihm bei näherer Bekanntſchaft vielleicht nicht einmal mehr wünſchenswerth erſchien. Er lächelte jetzt über⸗ legen auf ſich ſelbſt herab. War er nicht eiferſüchtig geweſen, ehe er eigentlich noch liebte? Er fühlte ſeine ganze Ruhe und Selbſtbeherrſchung wiederkehten, als das Ziel ſeiner Wanderung vor ihm auftauchte. Außerhalb des Orts, eine Strecke weit längs der Weinbergterraſſen hin, lag ein kleiner Garten, von der Straße durch eine dichte Liguſterhecke getrennt. Hier, zwiſchen Granat⸗ und Feigenbäumen, Jasmin⸗ und Lorbeerbüſchen, ſtand ein winziges, überaus zierliches Häuschen, zwar urſprünglich nur eine Winzerhütte, aber durch den Anbau zweier Erkerthürmchen und hübſchen Anſtrich zu einer reizenden Wohnung umgeſtaltet. Auf unebenem Boden erbaut, war das einzige Geſchoß vorn heraus ſo hoch gelegen, daß auch der größte Mann nicht in die Fenſter zu blicken vermochte. Nur ein Giebel mit einem einzigen Fenſter, das auf einen kleinen Holzbalkon herausführte, war dem Häuschen aufgeſetzt. Graf Hilmersdorf ſchien hier ſehr bekannt, denn die Magd, welche auf ſein Anläuten erſchien, knixte mit freundlichem Lächeln in dem alten, verkniffenen Ge⸗ ſicht und wies die Herren nach der nächſten Thür in dem ſchmalen Corridor, der das ganze Häuschen in zwei 161 Theile ſchied. Gerhard hatte bis jetzt ein wenig ge— fürchtet, daß am Ende auch für ſie die Thür verſchloſ⸗ ſen bleiben könnte trotz all der ſtolzen Zuverſicht ſeines Begleiters. Dieſer aber war ſeiner Sache gewiß. Mit Selbſtbewußtſein trat er ein. „Madame“, begann er ſogleich in geläufigem Franzöſiſch,„Sie ſehen hier Herrn Strandau— ich glaube, das iſt der Name?“ wendete er ſich ein wenig inſolent gegen den Vorgeſtellten um, fuhr aber gleich wieder fort:„welcher Ihnen auf den Knieen für die liebenswürdige Erlaubniß zu danken kommt, Ihre rei⸗ zenden Hände küſſen zu dürfen. Allons, ſtrecken Sie ihm dieſelben doch entgegen!“ Gerhard war betroffen von dieſer eigenthümlichen, halb überſchwänglichen, halb burſchikoſen Redeweiſe, als er aber ſah, daß ſie ganz gut aufgenommen wurde, hielt er ſie der längern Bekanntſchaft, ſelbſt dem gra⸗ ziöſen Uebermuth der Sprache zu gute. Madame de Granier, die in einer für ihren Teint und ihre Reize überaus günſtigen, tief ausgeſchnittenen gelben Seiden⸗ robe auf einer Art von Ruhedivan ſaß, that wirklich, wie ihr geheißen wurde, mit einem freundlichen Lächeln des Willkomms. „Es freut mich“, ſagte ſie ebenfalls franzöſiſch, in welcher Sprache die Converſation auch hinfort ge⸗ Byr, Nomaden. I. 11 162 führt wurde,„daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen zu danken. Ich habe Ihre Freundlichkeit auf dem Dampfboote nicht vergeſſen.— Hier meine Tante und meine Schweſter Adrienne, die Sie ebenfalls ſchon geſehen haben. Setzen Sie ſich.“ Gerhard verſpürte einen warmen Druck der hüb⸗ ſchen vollen Hand, welche er geküßt und die ihn nun auf einen Fauteuil in der Nähe niederzog, ſodaß er kaum vor der alten würdig ausſehenden Dame und vor Adrienne ſeine Verbeugung machen konnte. Die Tante ſtrickte, das Fräulein hatte ein Buch in der Hand und ihr zu Füßen ſaß, mit allerlei Spielzeug beſchäftigt, ihr kleiner Neffe, deſſen dunkle Locken ſie durch ihre feinen Finger laufen ließ. Gerhard hoffte vergeblich, einen Blick von ihr zu erhaſchen, ſie ſah während der Vorſtellung zu Boden und horchte dann auf die Begrüßung, welche ihr Graf Hilmersdorf galant zuflüſterte. „Es war charmant von Ihnen, Hermance“, wen⸗ dete dieſer ſich jedoch gleich wieder an Madame,„den lan— gen Lord Aysmonds fortzuſchicken. Ich gönne es dem langweiligen Beefſteak, und noch mehr würde es mich freuen, wenn er es wüßte, daß wir indeſſen hier im Pa⸗ radieſe ſind.“ O, Sie ſind ein ſchadenfroher Menſch, Graf 7—;O 163 Felix“, lachte Madame,„und man verzieht Sie durch zu viel Nachſicht. Sie werden von Tag zu Tag ein⸗ gebildeter und ungezogener.“ „Ich wünſchte nur, auch Mademoiſelle Adrienne übte dieſe Nachſicht gegen mich, deren Sie ſich rühmen, aber ſie iſt ſtreng und unerbittlich.“ „Sie hat Recht, Ihnen nicht zu viel zu trauen.“ Gerhard hätte den ſcherzhaften Ausfall gern aufs nachdrücklichſte beſtätigt, aber Adrienne kam ihm mit der Verſicherung zuvor, daß den Männern überhaupt nicht viel Glauben beizumeſſen ſei, am allerwenigſten ſo jungen und leichtſinnigen, wie der Graf. Während dieſer nun ſeine Vertheidigung führte und bewies, daß er ebenſo geſetzt als ungemein alt ſei, wobei freilich ein gewiſſes ſiegreiches Lächeln, mit dem er ſein Schnurrbärtchen ſtrich, den Schalk verrieth, hatte ſich die alte Tante ganz in der Stille erhoben und den Salon verlaſſen, und ehe noch das Wortge⸗ plänkel beendigt war, drängte ſich auch der kleine Knabe an Adrienne heran und rief mit ſeiner hellen Kinder⸗ ſtimme:„Komm, komm, es iſt Beſuch hier, da müſſen wir auch gehen, Mama iſt ſonſt böſe.“ Der Graf lachte im Stillen. Adrienne erröthete lebhaft, indem ſie aufſtand, und auch Madame, die ei— nige Worte mit Gerhard gewechſelt hatte, ſchien ein 41* 164 wenig verlegen über die naive Rede des kleinen Verrä⸗ thers. Sie faßte ſich aber ſogleich. „Wahrhaftig, Kinder gehören nicht in die Geſell— ſchaft Großer“, ſagte ſie.„Auch iſt Maxime heute noch gar nicht ſpazieren geweſen und er iſt ſo liſtig, der kleine Spitzbube, daß er jeden Anlaß zu benutzen weiß, an das entbehrte Vergnügen zu mahnen. Du könnteſt ihn wirklich ins Freie führen, Adrienne, ich komme dann ſpäter nach.“ „O Madame“, beeilte ſich Gerhard zu verſi⸗ chern,„ich möchte Sie durchaus nicht von Ihrer Promenade zurückhalten. Wenn Sie erlauben, komme ich ein andermal.“ „Aber Sie ſtören nicht— nicht im geringſten. △ 1. A. Ich würde es Ihnen ſagen.“ s„Ah, das iſt ungerecht von Ihnen, Hermance“, 1 fiel der Graf ſcherzhaft ein.„Sie verbannen Ihre 1 Schweſter, dieſem kleinen Taugenichts zu Liebe. Da muß ein Ausgleich ſtattfinden. Ich laſſe Ihnen Herrn von Strandau und ſchließe mich Mademoiſelle Adrienne an, damit Maxime ſeinen Willen hat.“ „O, ich gehe gar nicht gern“, widerſprach der Kleine weinerlich,„ich bliebe viel lieber hier bei den freundlichen Herren, die kommen. Aber Mama ſchickt mich immer fort.“ 165 Der Kleine war wirklich ein enfant terrible, wie Graf Hilmersdorf ihn lachend nannte. „Allez, allez donc!“ drohte Madame.„Ah, Du kleine Plaudertaſche, ich werde Dir keine Makronen mehr geben, und ich weiß doch, Du liebſt ſie ſo ſehr. Dieſe Kinder ſind wahrhaftig die gefährlichſten Spione, ſie ſehen Alles, ſie hören Alles und wiederholen Alles.“ Gerhard verbeugte ſich vor Adrienne, die mit Ma⸗ rime und vom Grafen gefolgt das Zimmer verließ Es regte ſich wieder etwas wie Eiferſucht in ihm; am liebſten hätte er eigentlich den Platz getauſcht und wäre mitgegangen, aber Graf Hilmersdorf hatte ihn ſo ge⸗ ſchickt angebunden und es wäre doch eine beleidigende Unhöflichkeit geweſen, wenn er ſchon beim erſten Be⸗ ſuche Madame de Granier, von der er wirklich liebens⸗ würdig empfangen worden war, ſo ohne weiteres ver⸗ laſſen hätte. Frauen verzeihen niemals eine ſo un⸗ verhohlene Gleichkültigkeit, ſagte er ſich; wollte er weiter— hin Zutritt in dem kleinen Häuschen behalten, ſo mußte er der Dame vom Hauſe einige Aufmerkſamkeit erweiſen. Sie konnte dieſelbe, mußte er ſich geſtehen, wohl auch erwarten, war ſie doch eine ſchöne, elegante Frau, beſonders wenn ſie nicht durch die Gegenwart ihrer jüngern Schweſter verlor. Und ſelbſt im Vergleich —— 166 mit dieſer mochte ihr mancher Geſchmack vielleicht den Vorzug geben. Sie gewann in eigenthümlicher Maße durch die Toilette, die Lichtdämpfung und die Umgebung, welche Gerhard, der bis jetzt nur Augen für Adrienne gehabt hatte, nun endlich zu muſtern Gelegenheit fand. Der Salon war von mittlerer Größe und bot mehr Raum, als man der ehemaligen Winzerhütte zu getraut hätte. Es war für eine kleine Geſellſchaft Platz darin, ſich zu bewegen, und doch nicht ſo viel, um das Gefühl des gemüthlichen Beiſammenſeins aufzuheben. In der einen Ecke öffnete ſich zwiſchen blauen Gar⸗ dinen, die in reichen Falten herabfielen, dem einen der beiden außen angebrachten Thürmchen entſprechend, ein kleiner Erker, der eine ſehr hübſche Ausſicht nach dem See bieten mußte. Jetzt aber waren, wie an den übrigen Fenſtern, die grünen Jalouſien geſchloſſen, um das grelle Tageslicht abzuhalten. Ein breiter Divan füllte beinahe den ganzen Erker aus, der ſo halbver⸗ ſteckt hinter den Vorhängen, ein ſaudibigee Plätzchen, zum ſüßen Ruhen und Träumen einlud. Die Einrich⸗ tung des Salons war überhaupt geſchmack hooll. Zahl⸗ reiche Möbel in dem wieder modern gewordenen Stil des erſten Kaiſerreichs beengten beinahe etwas den Raum, ein zierliches Pianino ſtand in einer Niſche und n 167 die hübſchen Tapeten harmonirten vortrefflich mit den in gleicher Art ſilberweiß geſtreiften Ueberzügen der Fauteuils, Stühle und Sophas aus hellblauem, zart geblümtem Seidenzeug. Madame de Granier war mit Rückſicht auf die Farbenwahl vortrefflich gekleidet. Der gelbe Stoff ihrer Robe lag in ſchweren Falten, wie von der Hand eines Malers geordnet, auf dem zart contraſtirenden Blau, von dem ſich die üppige Büſte in ſchönen Wellenlinien abhob. Die im Gemache herrſchende Dämmerung kam der Toilette zu Hülfe, ſelbſt Streicher hätte mit ſeinem ſcharfen kritiſchen Auge nicht erkannt, was an dieſem reizenden Weibe Kunſt, was Natur, ſo ſammtartig weich erſchien der Teint dieſer ſchön gerundeten Schultern dieſes der Mode gemäß tief entblößten Nackens und des faſt zu vollen Armes, der nur durch ein ſchmales Band durchſichtiger weißer Spitzen von der Schulter getrennt ſchien. Selbſt die ſtolzen, herausfordernden Augen hatten in dem geheimnißvollen Halbdunkel noch an verzehrendem Feuer gewonnen. Ihr Glutblick war lange auf Gerhard gerichtet, als dieſer wieder an ihrer Seite Platz genommen hatte, ſodaß er ſich, eigen— thümlich befangen, geſtehen mußte, Madame de Gra⸗ nier ſei ein ſchönes, verführeriſches Weib, das in frühern Jahren, wo er zu den körperlichen noch nicht die gei⸗ 168 ſtigen Reize geſucht, der Ruhe ſeines damals noch ent⸗ zündbarern Herzens leicht gefährlich hätte werden können. Jetzt allerdings fühlte er ſich gegen jede derartige Verſuchung gefeit, er war ſogar weit davon entfernt, der Dame, mit der er ſich nun allein befand, auch nur eine jener banalen Schmeicheleien zu ſagen, die als bloße Artigkeit gelten und von den meiſten vielumwor⸗ benen verwöhnten Schönheiten nicht nur als Tribut hingenommen, ſondern auch eingefordert werden. Natürlich hatte Gerhard all dieſe Bemerkungen nicht in ungeſtörtem, ſchweigſamem Umherblicken gemacht, er mußte hin und wieder eine Frage beantworten, wie⸗ wohl ihm die lebhafte, plauderſüchtige Weiſe, in der Madame das Geſpräch führte, dann wieder Zeit für ſeine nebenher laufenden Gedanken ließ. Die Converſation ging über das Gewöhnliche nicht hinaus. Gegend, Reiſen, Klima, ſogar das Wetter wurde abgehandelt, zuletzt kam Paris an die Reihe, das für Madame de Granier der Zielpunkt aller Wünſche ſchien. Die Sehnſucht, die ſich in ſolch begeiſterten Worten, in ſolch ſchmerzlichem Bedauern kund gab, mußte nachgerade eine unwiderſtehliche ſein, wie ſie Gerhard bei einer Frau, die doch in angenehmer Um⸗ gebung lebte und ihre Familie hatte, nicht recht begreif— lich fand. Ein Anderes wäre es geweſen, hätte ſie zu — 169 der großen Zahl jener vergnügungslüſternen Frauen. jener thörichten, beſchränkten Mädchen gehört, die in der großen Metropole des Luxus und des Genuſſes kurz⸗ ſichtigerweiſe nur den Glückstopf erblicken, aus dem ihnen zweifelsohne ein brillantes Loos fallen muß, wenn ſie es nur erſt ſo weit gebracht, den keken Griff hin⸗ ein thun zu können. G Gerhard ſprach einige Worte in dieſem Sinne, ie⸗ gleich er ſeine Verwunderung nicht ſo geradezu aus⸗ drückte. Dennoch ſah ihn Madame ihrerſeits erſtaunt an, ſie nahm jedoch ſogleich den Faden auf. „Mon dieu!“ ſeufzte ſie und ihre Augen ſchie— nen ſich dabei etwas zu verſchleiern,„vielleicht iſt mein Verlangen wirklich nichts Anderes als die Unzu⸗ friedenheit mit meiner gegenwärtigen Exiſtenz. Ich habe nie etwas Schöneres gekannt als das ſtille Fa⸗ milienleben. Ich bin dafür geſchaffen, aber die Ver⸗ hältniſſe geſtatten mir nicht, meiner Neigung gemäß zu leben. Es iſt hart genug, daß ich die Heimat und das Beiſammenſein mit meinem Gatten entbehren muß. O, ich liebe ihn ſo ſehr, den guten Mann! Monſieur de Granier iſt der liebenswürdigſte, der aufmerkſamſte Gefährte, den man ſich denken kann, und ich trage die momentane Trennung ſchwer genug.“ Sie ſeufzte abermals und lehnte ſich in einer —— 170 äußerſt maleriſchen Stellung zurück, welche die üppige Fülle ihres Armes, auf den ſie ihren Kopf ſtützte, und die zierliche Rundung des mit einem Grübchen geſchmück⸗ ten Ellbogens vortrefflich zur Geltung brachte. Dabei ftel ein ſchmachtender Blick, welcher dem entfernten, ge⸗ liebten Gatten zugedacht war, zufällig auf Gerhard, der vber mit aufrichtigem Bedauern fragte, warum dieſe gnaiſome Trennung denn überhaupt ſtattfinden müſſe. „Warum? Sie wiſſen das nicht? Ah, warum kommt man wohl hierher nach Montreux? Es war ein harter Entſchluß, zu dem wir uns aufraffen mußten. Monſieur de Granier, der ſein Kind ſo ſehr liebt, hatte nur die Wahl, ſich von ihm zu trennen oder es langſam dahinſiechen zu ſehen, von Tag zu Tag ſchwächlicher, hinfälliger, bis er vielleicht eines Morgens ſich mit brennenden, thränenleeren Augen über die kleine Leiche gebeugt und vergebens abgemüht hätte, ſie wieder ins Leben zu rufen. O laſſen Sie mich nicht daran den⸗ ken, es iſt eine grauſame Vorſtellung für eine Mutter!“ Sie drückte ihr feines Spitzentuch, dem ein ſtarkes Parfüm entſtrömte, an die Augen und Gerhard fühlte Mitleid mit dem Schmerz, wenn derſelbe ſich auch etwas ſchauſpielerhaft äußerte. Er gab der armen Mutter alle möglichen Verſicherungen über das blühende Aus⸗ ſehen des Kleinen und erſchöpfte ſich in Anführung von 171 Beiſpielen, wo ſich ebenfalls die angegriffene Geſund⸗ heit vollkommen wieder befeſtigt hatte. „Sie geben mir einen großen Troſt“, ließ ſich die ſchöne Frau endlich beruhigen und faßte zum Danke dafür Gerhard's Hand, die ſie warm drückte und in der Vertraulichkeit der Mittheilung gedankenlos behielt. „Mein Gemahl konnte nicht mit, ſeine Geſchäfte feſſeln ihn an Grenoble, ſeine Advocatie raubt ihm die ganze Zeit. O, er iſt ſo gut, er reibt ſich auf für ſeine Familie, und ich möchte ihm gern ſo wenig als möglich koſten. Wir leben ſehr eingeſchränkt.“ Gerhard warf unwillkürlich einen Blick auf die ziemlich koſtſpielige Einrichtung dieſes„eingeſchränkten Lebens“. Aber es gibt viele ſo unpraktiſche Frauen, die mit ihren kleinen Händen verſchwenderiſch große Summen für Nichtigkeiten ausſtreuen, indeß ſie zu darben vermeinen, weil ſie ſich hin und wieder einen unerfüllbaren Wunſch verſagen. „Ich würde mich nicht beklagen“, fuhr Madame fort, indem ſie Gerhard zum Zeichen ihres Dankgefühls abermals die Hand drückte,„wenn ich nicht der Ueberzeugung wäre, bei Ihnen, ſo fremd wir einander noch ſind, eine wirklich freundſchaftliche Theilnahme ge⸗ funden zu haben. Der herzliche Ton Ihrer Stimme kann nicht täuſchen. Sie haben mich wunderbar ge⸗ —————ÿ—ÿ—ꝛ—’—:::——— SASX N NAIA9N 172 tröſtet; mein Maxime, mein einziger geliebter Sohn wird alſo ſeinem Vater erhalten bleiben, er wird ihm ein Erſatz ſein für die Mutter. Sie ſtaunen? Sie ſehen mich fragend an? Ja, es iſt nicht nur Maxime, deſſen Zuſtand den Aufenthalt in dieſem heilſamen, wun⸗ derwirkenden Klima nöthig macht. Ich fürchte, Sie er⸗ ſchrecken. Wohlan, ich habe die gegründete Vermuthung, ſelbſt poitrinär zu ſein.“ „Sie— bruſtkrank?“ ſtieß Gerhard unwillkürlich heraus, während ſein ſtaunender Blick über die vollen Hügel hinglitt, die ſich im Wellenſchlage einer ungewöhnlichen Aufregung hoben und ſenkten und einem Plaſtiker zu Modellen der Geſundheit, ſtrotzender Kraft und unerſchöpflichen Reichthums für die Geſtalt einer Mutter Cybele oder einer Ceres hätten dienen können. „Glauben Sie nicht?“ verſetzte Madame ſchwer⸗ müthig und doch mit einem Aufleuchten der Hoffnung in ihren hu„Horchen Sie doch her, hören Sie?“ Sie ſchlug mit den Spitzen der Finger gegen ihre Bruſt 2. X. C wie ſie es bel ähnlichen Unterſuchungen durch Percuſ⸗ ſion vieldacht/ geſehen hatte und machte Gerhard auf den Ton aufmefkſam.„Hören Sie, wie dumpf— aber ſie müſſen Ihr Ohr näher anlegen. Ich huſte auch zuweilen Gewiß, Sie haben ärztliche Kenntniſſe, ich 8 N„ V 3 173 erkannte es vorhin aus Ihren Worten über Maxime. Sie müſſen mich conſultiren, ich habe Vertrauen zu Ihnen.“ Obwohl ein leiſer Zug ihrer Hand ihn zu der ge⸗ nauern Auscultation aufzufordern ſchien, leiſtete Gerhard doch nicht Folge. Er mußte lächeln, wenn er daran dachte, wie ſeltſam das Heilmittel war, das ſich dieſe eingebildete Kranke in ihrer Unſchuld ausgedacht. Pa⸗ ris, die Hölle aller Lungenſüchtigen, war die Quelle, aus der ſie Geſundheit trinken, das kräftigende Bad, aus dem ſie geſtärkt emportauchen wollte. „Kindiſches Frauenvolk!“ dachte er, laut aber lehnte er jede Appellation an ſeine pathologiſchen Er⸗ fahrungen ab.„Sie übertreiben meine Einſicht in ſolche Dinge, Madame“, ſcherzte er.„Es ſcheint, ich habe das Schickſal, verkannt zu werden, man muthet mir Allerlei zu: vor ein paar Tagen ein Concert, heute eine Diagnoſe— Beides für mich ungewöhnliche Leiſtungen.“ Madame de Granier ſah Gerhard mit einem Blick an, in welchem er Ueberraſchung zu leſen glaubte. Sie ließ ſeine Hand fahren, die ſie bis jetzt feſtgehalten, und warf ein wenig die Oberlippe auf. „Ah, Sie ſind ein echter Deutſcher“, rief ſie ärgerlich.„Sie könnten eine Frau vor Ihren Augen ruhig ſterben laſſen, ohne ihr zu Hülfe zu kommen.“ 174 „Ich proteſtire, das kann ich nicht, aber Ma⸗ dame hat eine vortreffliche Conſtitution, um die Mancher ſie beneiden könnte.“ „Was wißt Ihr Männer davon? Wenn Sie keine ärztlichen Kenntniſſe beſitzen, wie können Sie das beurtheilen? Ich bin krank, ich bin angegriffen, meine Bruſt iſt leidend, ich fühle mich ſchwach und verein⸗ ſamt— ich muß das wiſſen. Ja, vereinſamt und verlaſſen, ich habe keine Stütze und keinen Halt, o, und ich bin ſo ſchwach! Wir Frauen können uns nicht vertheidigen, wir ſind Sklavinnen unſerer Nerven und es iſt abſcheulich, wenn man uns daraus einen Vorwurf macht.“ „Gewiß, gewiß, Madame“, beeilte ſich Gerhard beizuſtimmen, indem er gleichzeitig aufſtand. Er fürch⸗ tete wirklich einen unrechten Moment zu ſeinem erſten Beſuche gewählt zu haben, die ſchöne Frau erſchien ihm ein wenig gereizt und aufgeregt. Das Durcheinander ihrer Rede, in welchem er mit dem beſten Willen nicht viel Logik zu finden vermochte, erweckte in ihm den Gedanken, daß er durch irgend ein unbedachtes Wort, vielleicht ſelbſt durch ſeine Heiterkeit, mit welcher er ihre Klagen aufgenommen, Madame de Granier belei⸗ digt habe. Es that ihm ſehr leid, aber was ließ ſich im Momente Beſſeres thun, als ſchleunig aufzubrechen — 175 und dadurch wenigſtens den guten Willen zu bezeugen, die in ihrer Einbildung leidende Kranke nicht länger durch ſeine Anweſenheit zu beläſtigen.„Ich muß mir einen Vorwurf daraus machen“, ſagte er entſchuldigend, „ſo lange geblieben zu ſein. Vielleicht darf ich bald wiederkommen und mich nach Ihrer Geſundheit er⸗ kundigen.“ Madame war voll Befremdung ebenfalls aufge⸗ ſtanden. Sie ſchien etwas ſagen zu wollen, unterdrückte es aber. Ueber ihr Antlitz flog eine ſeltſame Verän⸗ derung, kühl und vornehm neigte ſie den Kopf und mit freundlicher Höflichkeit gab ſie die verlangte Erlaubniß. „Es wird mich freuen“, ſagte ſie.„Wahr⸗ ſcheinlich kommen Sie lieber des Abends, wenn Ge⸗ ſellſchaft da iſt. Sie finden einen angenehmen kleinen Cirkel— auf Wiederſehen!“ „Sie muß doch nicht recht wohl ſein“, dachte Gerhard im Gehen.„Der raſche Wechſel der Stimmun⸗ gen— eigenthümlich! Bruſtkrank? Nein, das nicht. Sie hat eine Lunge wie ein Preisboxer, würde mein Freund Lesley ſagen— aber die Nerven, vielleicht ſo— gar Kopfnerven— fatales Uebel!“ Er ſchüttelte den Kopf, aber auch die alte Magd, die ihm das Hausthor geöffnet hatte und wahrſchein⸗ lich nicht jene Beachtung gefunden, welche zu erwarten 176 ſie ſich berechtigt glaubte, ſchüttelte den ihren hinter ihm her. Davon ſah er natürlich nichts, doch ſelbſt wenn er's geſehen hätte, würde es ihm nicht aufge⸗ fallen ſein, da ſeine ganze Aufmerkſamkeit einer Laube unweit der Gitterthür in der Hecke zugewendet war, vor welcher der kleine Maxime mit einem großen b ſchönen Hund der Bernhardiner Raſſe ſpielte. Von dem Knaben ſchloß Gerhard auf die An⸗ weſenheit Adriennens, und wieder fühlte er einen Pfeil der Eiferſucht, die ihm zuflüſterte, das Fräulein habe es vorgezogen, mit Graf Hilmersdorf in der ver⸗ ſchwiegenen Laube zu verweilen, ſtatt den projectirten das Mädchen von dem Buche auf, worin es eben geleſen. Ueberraſchung malte ſich auch in Adriennens Blicken. „Wie“, fragte ſie,„Sie gehen ſchon?“ „Warum ſind Sie darüber erſtaunt, Mademoi⸗ ſelle? Wenn Sie mir geſtatten wollen, noch ein wenig hier bei Ihnen zu verweilen, werde ich mit meinem — 3.. Spaziergang zu machen. Es gewährte ihm ein grau⸗ ſames Vergnügen, dieſes téte-A-téte zu ſtören, wie 5 3 3 erſtaunte er aber, als er vor der Laube ſtand und Niemand darin erblickte, als Mademoiſelle Adrienne 6 allein. Der Hund knurrte bei ſeiner Annäherung, und da der Kleine denſelben zur Ruhe herrſchte, blickte 1 heutigen Beſuche vollkommen zufrieden ſein. Aber wie kommt's? Iſt Graf Hilmersdorf nicht hier? Ich war der Meinung, Sie gingen gern mit ihm.“ Adrienne erröthete noch tiefer, als dies beim erſten Aufblick von ihrem Buche ſchon geſchehen. Ihre zarten ſchlanken Finger ſpielten übereifrig mit dem ſeidenen Leſezeichen. „Sprechen Sie vor dem Kleinen lieber deutſch“, bat ſie ſelbſt in dieſer Sprache,„er merkt ſich ſonſt Alles.“ Gerhard kam im erſten Augenblicke gar nicht zur Erwiderung, ſo groß war ſeine Verwunderung, die eine der beiden Franzöſinnen fließend deutſch ſprechen zu hören und obendrein ein Deutſch, deſſen gemilderter Dialekt ihn keine Sekunde daran zweifeln ließ, daß er hier eine Schweizerin aus einem deutſchen Canton vor ſich habe. Wozu alſo das franzöſiſche Idiom, deſſen ſich die Schweſter fortwährend ſo bedient hatte, als ſei ihr jeder deutſche Laut fremd? War es blos Affecta⸗ tion oder abſichtliche Komödie? Wozu aber? Das fragte er immer wieder und vergaß darüber, was er eigentlich ſprechen wollte. Er bemerkte jetzt auch, daß das Buch gothiſch gedruckt war und ſtreckte in der Zerſtreuung die Hand danach aus. „Darf ich ſehen, was Sie leſen, Fräulein?“ fragte Byr, Nomaden. I. 12 178 er, aber Adrienne zog daſſelbe mit einer Haſt zurück, als ſei ein Geheimniß darin enthalten; ſie ſchlug es zu und ſchob es ſchnell in die Taſche. „Es kann Sie nicht intereſſiren“, erwiderte ſie ver⸗ legen.„Werden Sie lange in Montreux bleiben?“ fügte ſie dann hinzu. „Je nachdem— vielleicht— ich hoffe es. Wenn ich von der Einladung Ihrer Frau Schweſter oft Ge⸗ brauch machen darf.“ „Sie hat Sie alſo eingeladen?“ „Sie war ſo freundlich. Zu den Abendgeſellſchaften.“ „Ah!“ „Wenn ich hoffen darf, Sie, mein Fräulein, öfter dabei zu ſehen—“ Gerhard ſprach nicht aus, ſeine Augen ſagten den Reſt. „Ich komme niemals dazu“, verſetzte ſie zurückhal⸗ tend, und Gerhard war es auch nicht vergönnt, nach dem Warum zu fragen, da in dieſem Momente Ma— dame de Granier's Stimme vom Hauſe her Adriennens Namen rief. „Meine Schweſter verlangt nach mir“, entſchul⸗ digte ſich die Gerufene und verließ mit zierlichen Schrit⸗ ten die Laube, indem ſie ſich mit einem verlegenen Lächeln, das ihr nach Gerhard's Meinung überaus reizend ſtand, verabſchiedete. 179 „Sie kommt nie zu den Abendgeſellſchaften“, de⸗ battirte Gerhard mit ſich ſelbſt, während er den abwärts führenden Fußſteig zwiſchen den Weingärten einſchlug. „Aber was mache dann ich dort? Wozu ſtürze ich mich denn in Geſellſchaft, als um ſie zu ſehen? Warum aber kommt ſie nicht? Es iſt doch ſonſt keine Urſache? Madame de Granier ſcheint mir bis auf kleine nervöſe Stimmungen, mit Herrn von Kuruſoff zu ſprechen, ſehr anſtändig. Ich begreife nicht, was man gegen die beiden Damen hat. Adrienne iſt die verkörperte Unſchuld und Mädchenhaftigkeit. Aber ſo ſind die Men⸗ ſchen! Jedem haben ſie Böſes nachzuſagen, wo keine Veranlaſſung dazu iſt, wird erfunden; je unverſchäm⸗ ter, deſto beſſer. Und das nennen ſie dann Esprit.“ Er war noch in ſeinen Erwägungen vertieft, als er, an dem Stationsgebäude der Eiſenbahn vorüber⸗ kommend, angerufen wurde. Er ſah auf, Graf Hil⸗ mersdorf ſtand vor ihm und verſenkte eben ein Fahr⸗ billet in ſeiner Cigarrentaſche, während ſich hohe Ueber⸗ raſchung in ſeinen Zügen malte. „Iſt's möglich? Sie ſind ſchon gegangen?“ rief er.„Was iſt's denn?“ „Merkwürdig“, entgegnete Gerhard,„ſchon zum zweiten Male dieſelbe Frage. Wie lange hätte ich denn bleiben ſollen?“ 12* 180 „Nun freilich“, lachte der Graf,„das iſt Ihre Sache.“ „Ich hätte mit weit beſſerem Rechte Sie fragen können, weshalb Sie ſchon fort ſind. Bei Ihnen war's nicht, wie bei mir, der erſte Beſuch, den man doch füglich nicht länger ausdehnen kann.“ „Ha!“ rief der Graf verwundert,„eigenthümliche Anſicht! Aber freilich, der Eine geht raſch und ſtür⸗ miſch, der Andere fein ſachte zu, der Geſchmack iſt nicht gleich.“ Er zuckte lachend die Achſeln und fuhr dann ärgerlich fort:„Das Mädel war heute des Teufels; ich weiß nicht, was die Laune ſo verdarb, ſchickte mich kurzweg fort. Nun, was ſollte ich thun? Stören wollte ich Sie nicht, ſo ging ich denn.“ 4„Mich ſtören? Aber Sie hätten mich ja durchaus 1 nicht geſtört— ich verſichere— die Converſation ſtockte ſogar bedenklich.“ 1„Ja, ja, das glaube ich! Und nun werden Sie mir noch beweiſen wollen, daß Sie nicht lieber allein waren! Gehen Sie, wozu entre nous die Heuchelei?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ah, Sie nehmen es ernſtlich, wie ich ſehe. Ganz, wie Sie wollen, Verehrteſter. Ha, da kommt der Zugl Fahren Sie nicht mit? Aber nein, Sie trafen es beſſer, das hieße zu viel wagen. Ich dagegen ——V—V—V—————— 181 war heute total unglücklich; wenn ich jemals nutzen. Adieu, ich fahre nach Saxon. Die Leſtows ſind auch dort mit ihrem Banquier. Wünſchen Sie mir kein Glück— das ſchadet! A demain!“ Siebentes Kapitel. Im gemeinſchaftlichen Salon. Das regneriſche Wetter, das plötzlich nach milder Herbſtzeit eingetreten war, hielt die Bewohner der Penſion mehrere Tage ins Haus gebannt. Der Salon, ſonſt nur der Zuſammenkunftsort vor und nach den Mahlzeiten, war jetzt zu allen Tagesſtunden gefüllt und die Geſelligkeit ſchien entſchieden gewonnen zu haben, ſeit die durch den Zufall zuſammengewürfelten Hausgenoſſen mehr auf einander angewieſen waren. Gerhard, wiewohl von andern Gedanken ſo ſehr eingenommen, daß Streicher, über ſeine Zerſtreutheit aufgebracht, nichts mit ihm zu thun haben wollte, hatte doch Gelegenheit gefunden, allerlei Beobachtungen zu machen. Die Bemühungen des Wiener Banquiers um die Gunſt der ſchönen Ruſſin und die Ausdauer, mit der ſich Herr von Kuruſoff bald Miß Lizzie und 183 bald dem ebenſo ausdauernd Patience legenden Fräu⸗ lein Aglas Brocat widmete, ſtanden in der kleinen Colonie nicht mehr ſo vereinzelt da. Graf Hilmersdorf ſchien mit ſeinem leicht entzündlichen Herzen, deſſen Glut auch für zwei Idole der Anbetung zu gleicher Zeit hin⸗ reichte, an Mrs. Lesley Gefallen gefunden zu haben. Kapitän von Reuſche ſtellte die Behauptung auf, ein Gardelieutenant ſei überhaupt jeder Dame ſeine Huldigungen zu widmen bereit, die ſich geneigt zeige, dieſelben anzunehmen, und finde natürlicherweiſe eine jede überaus geiſtreich und einer ſchwärmeriſchen An⸗ betung würdig, die einmal ihr Intereſſe an ihm ver⸗ rathen habe. Dies mußte wohl in den letzten Tagen der hübſchen jungen Frau widerfahren ſein; ob abſicht⸗ lich oder abſichtslos, vermochte Gerhard allerdings nicht zu unterſcheiden, da er ja nichts über die Vorgänge in der Familie des Reverend Mr. Wallace wußte. Daß aber nicht ihm allein die ſo raſch geſtiegene Vertraulichkeit zwiſchen dem Grafen und Mrs. Lesley auffiel, erſah Gerhard aus dem Benehmen des Gatten der letztern deutlich genug. Die Schwermuth und Menſchenſcheu Mr. Lesley's hatten ſich womöglich noch geſteigert und er wich ſelbſt Gerhard auffällig aus; dabei herrſchte eine ſo eiſige Temperatur in dem Benehmen der beiden Gatten 184 gegeneinander, daß Gerhard von ſelbſt auf die Ver⸗ muthung kam, es müßten unangenehme Auftritte zwiſchen beiden ſtattgefunden haben. Das war nun allerdings nicht der Fall, aber die an jenem Abend faſt nur in übermüthigem Spiel und übertriebener Em⸗ pfindſamkeit aufgeriſſene Kluft hatte ſich ſeither durch die einer Verſöhnung widerſtrebenden Einflüſſe nur er⸗ weitert. Die junge Frau ſuchte ihren Schmerz und ihre Gereiztheit hinter der Maske des Frohſinns, hinter einem koketten Spiel zu verbergen, mit dem ſie vielleicht ihren unbeugſamen, nach ihrer Anſicht im Unrecht reuelos verharrenden Gatten zu ſtrafen ge⸗ dachte, wie dies mit mehr oder weniger Glück, aller⸗ dings auch mit dem traurigſten Mißerfolg ſchon von mehr als einer Frau verſucht wurde. Wie Mr. Lesley ſchien auch Baron Leſtow von der übelſten Stimmung befallen, die ſich freilich nicht wie bei jenem in einer Mitleid erweckenden Traurig⸗ keit, ſondern mehr in wechſelnden Launen, unwirſchem Benehmen, mitunter in heftigen Worten kundgab. In dieſer allgemeinen Regenfärbung ſtrahlte nur Miß Lizzie wie eine ewig heitere Sonne, die überall Wärme und erhöhtes Leben hervorruft, wohin ihr erquickendes Licht fällt. Sie ſpielte mit Mr. Dirkſon's Kindern und hörte ihnen, der Gouvernante zur Erleichterung, 185 franzöſiſche Vocabeln ab. Sie ſpielte mit Mr. Dirk⸗ ſon Schach, mit ſeiner Frau Dame, mit ihrem Vater Ecarté und mit Mademoiſelle Aglaë Patience. Ihrer Mutter half ſie Garn abwinden für die endloſe An⸗ zahl Strümpfe, welche dieſe ſtrickte, die Schweſter ſuchte ſie durch ihr Geplauder zu erheitern, den Huldigungen Herrn von Kuruſoff's hielt ſie mit munterem Lachen Stand und allen Uebrigen wußte ſie bald eine kleine Gefälligkeit zu erweiſen, bald durch ihr heiteres Weſen über eine gähnende Pauſe hinwegzuhelfen. Eines Nachmittags, als nichts recht anſchlagen wollte und ſelbſt ihre liebenswürdige Macht zu ſcheitern drohte, wendete ſie ſich an Gerhard mit der Frage, ob ihm kein„vernünftiger“ Einfall käme, das ſchon zum Fenſter hereinnickende Geſpenſt der Langweile zu be⸗ ſchwören. „Warum nicht?“ erwiderte der Gefragte, der ſo eben einige Worte mit Mr. Wallace gewechſelt hatte. „Machen Sie ein wenig Muſik. Soviel ich ge⸗ hört habe, ſind Sie Künſtlerin und beſitzen eine ſchöne Singſtimme. Ich hätte Sie überhaupt ſchon gern ein⸗ mal gehört.“ „Wirklich? Davon habe ich noch nichts gemerkt“, betheuerte Lizzie mit halb ſchalkhaftem Erſtaunen, indem ſie ihre ſchönen großen Kinderaugen weit öffnete. ———— 186 Mit feinem Lächeln ſetzte ſie hinzu:„Wenn die Nachtigall ſchlägt, muß der Hänfling ſchweigen. Ich habe ſeit dem Tage nach Ihrer Ankunft keine Taſte mehr berührt, aus Furcht, man möchte Vergleiche an⸗ ſtellen. Ich mag nicht behüflich ſein, auf meine Koſten anderer Leute Triumphe zu vergrößern.“ „Damit verrathen Sie, daß Sie die Muſik nicht genug lieben, um ſie für ſich allein zu treiben. Ihr eben gebrauchtes Bild, Miß Lizzie, war falſch, wie dies mit Schmeicheleien meiſt der Fall zu ſein pflegt. Der Hänfling verſtummt keineswegs aus falſcher Scham, ſondern ſingt munter drauf los, ſolange es ihn ſel— ber freut.“ „Gut, die Zurechtweiſung habe ich verdient“, geſtand das Mädchen mit einem ſchalkhaften Knix zu; „aber nun geben Sie mir ſelber ein gutes Bei— ſpiel, Maéſtro, wie Sie Herr von Kuruſoff zu nennen beliebt. Wenn auch nicht Ihren Namen, ſo halten Sie doch Ihr Talent incognito. Ich bin überzeugt, es müßte Sie hier und da freuen, zu ſpielen, Sie lieben alſo die Muſik doch ſelbſt auch nicht genug, um ſie vor Andern zu treiben. Wozu dieſe vornehme, kokette Zurückhaltung?“ Gerhard war heiter angeregt, die kindlich offene und doch dabei köſtlich altkluge Weiſe der kleinen Per⸗ 187 ſon, die ſich mit ſoviel liebenswürdiger Schelmerei miſchte, unterhielt ihn; dabei mußte er ſich doch ſagen, daß ein Körnchen Wahrheit in der von ihr geſchickt auf ihn ſelbſt zurück gewälzten Zurechtweiſung lag. „Ich will mir's auf der Stelle zu Herzen nehmen“, ſagte er,„wenn Sie mir verſprechen, weder zu applaudiren, noch mir die gute Laune durch Lob⸗ ſprüche zu verderben. Man meint ſie in ſolchen Fällen ſchuldig zu ſein und ich habe nur aus Scheu davor, nicht aus virtuoſenhafter Koketterie bis jetzt auf mein Lieblingsvergnügen verzichtet.“ Er ſetzte ſich an das Inſtrument und begann nach einigen Akkorden das Lachduett aus den„Luſtigen Weibern von Windſor“, das ausgezeichnet zu ſeiner gegenwärtigen Stimmung paßte und wie eine Fort⸗ ſetzung ſeines eben geführten Geſprächs erſchien. Bald aber ging er, das Thema variirend in eine andere Spielweiſe über, aus dem Getändel wurde Ernſt, ein größeres Motiv trat bewältigend hervor und immer kehrte der muſikaliſche Gedankenflug wieder dazu zu⸗ rück, als ob der brauſende Sturm, welcher das Ton⸗ meer aufwühlte, ſich dem mächtigen Herrſcherworte des Gebieters gehorſam fügen müſſe. Er ſchloß bald und ungeſtümer Applaus von Herrn von Kuruſoff's Händen, in den auch Mr. Wallace und ſeine ältere 188 Tochter gemäßigter mit einſtimmten, ſo wie verſchiedene „Brillant! Wundervoll! Meiſterhaft!“ ſollten den Spieler für die kleine Production belohnen. „Da haben Sie's“, ſtieß Gerhard unwillig her⸗ vor, indem er ſich gegen Lizzie umwendete.„O, nicht klatſchen, nicht klatſchen“, rief er lebhaft,„was haben Sie verſprochen?“ Miß Lizzie ſtand hinter ihm; ihr hübſches Ge— ſichtchen war, wie es infolge einer großen Anſtrengung oder überaus concentrirter Aufmerkſamkeit bei Kin⸗ dern ſtattzufinden pflegt, über und über in Purpur ge⸗ taucht, ſogar der roſige Mund war geöffnet und ließ die kleinen hübſchen Zähne ſehen, und die Hände hielt ſie erhoben, als wäre ſie wirklich im Begriffe geſtan⸗ den, ihrer Zuſage ungetreu zu werden. Sie erſchrak, als ſei ſie bei einem üblen Vorhaben ertappt, und fuhr raſch mit den Händchen hinter den Rücken. „Nein, nein“, rief ſie,„ich thue nichts, ich ſage nichts— aber bitten darf ich doch? fügte ſie leiſer und zaudernd hinzu. „Um was, mein Fräulein?“ „Um eine kleine halbe Stunde täglich vormit⸗ tags, wenn Sie ſonſt nichts zu thun haben.“ Gerhard lächelte. „Das iſt eine Umgehung“, ſagte er, mit dem le T 189 Finger drohend„eine verblümte Einkleidung für das vermeinte Compliment.“ „Nein, es iſt mein Ernſt“, entgegnete Lizzie, indem ſie die Hand betheuernd auf die Bruſt legte. „Ich möchte dabei auch immer ein wenig ſpielen und Sie ſollen mich corrigiren.“ „Ah, Sie engagiren mich alſo als Lehrer! Wohl⸗ an, aber ich bin ſtreng.“ „Nachſicht möchte ich gar keine— ich will lernen.“ Lizzie ſagte dies mit einem unverbrüchlichen Ernſt, der ihr ſehr komiſch ſtand und Gerhard doch gefiel. Herr von Kuruſoff war herangetreten, er gab ſich das Anſehen, vor Entzücken ganz außer ſich zu ſein. „Endlich, endlich ſind Sie doch aus dem Wolken⸗ ſchleier herausgetreten“, hauchte er.„Es war un⸗ vergleichlich, und Ihnen, Miß Lizzie, verdanken wir eigentlich den Genuß. O erlauben Sie mir, Herr— Herr Strandau— köſtlich fürwahr!— Herr Stran⸗ dau, darf ich Sie zu Mademoiſelle Aglas führen? Sie iſt gleichfalls entzückt.“ „Und hat auch nicht geklatſcht“, ſchaltete Lizzie ein, als müßte ihr Fürwort beſtimmend ſein. Gerhard ging gutmüthig mit und ließ ſich die Vorſtellung und ſogar die ziemlich trivialen Lobſprüche gefallen, welche die beiden alten Fräulein ihm ſpende⸗ 190 ten. Lizzie war gefolgt und an ſeiner Seite geblie⸗ ben, als habe ſie das Amt, ihn zu bevormunden und feſtzuhalten, wenn er etwa ungezogenerweiſe auszu⸗ brechen gedenke. „Monſieur waren noch nicht in Oron?“ fuhr Mademoiſelle Aglaé, ihre Patience, ganz vergeſſend, in ihrer Mutterſprache fort.„Sie ſollten da einmal ein Concert geben. Ich meine Oron la ville, nicht Oron le chatel; dort herrſcht noch kein ſo geläuterter Ge⸗ ſchmack. Aber Oron la ville hat doch ſchon an fünf⸗ hundert Einwohner und wir haben auch Concerte, o ja! Erſt im letzten Winter producirte ſich der berühmte Ga— wie hieß er doch gleich— ich glaube Galimé.“ „Gallimatthias“, half Lizzie aus und lachte wie ein Spitzbube. „Nein, ich hab's— Gerimé auf dem Piſton à Cornet. Nicht wahr, es iſt charmant, das ſüße kleine Inſtrument?“ „O gewiß, ich liebe das Klappenpoſthorn ganz außerordentlich“, entgegnete Gerhard, den Lizzie's kleine Bosheit beluſtigt hatte. „Ah, ich wußte es wohl— ganz Oron la ville war entzückt. Es wäre ſehr hübſch von Ihnen, zu kommen. Wir nehmen erſte Plätze— nicht wahr, Henriette?“ 191 „Sehr gütig!“ „O nicht doch, man weiß, was man ſeinem Stande und einem ſolchen Talente ſchuldig iſt. Sie kommen alſo? Die Herren Künſtler ſind ja immer auf Reiſen. Ich freilich könnte mich zu einem ſolchen Leben ſchwer entſchließen. Monſieur Randonet zieht auch immer umher, er hat ein großes Carrouſel und einen Schieß⸗ ſtand auf Zimmergewehre, ſeine Frau war ſogar in Holland und bäckt vortreffliche Waffeln, aber wenn ſie von einer Reiſe nach Hauſe kommen, ſagt die arme Frau immer, wie ſie ſich freue, daß der Feldzug— ſo ſagt ſie— beendet ſei. Sie bliebe ſehr gern in Oron la ville und ich begreife das, es iſt dort wirk⸗ lich ſehr hübſch, ſehr angenehm und man hat ſeine Ge— ſellſchaft.“ Gerhard mußte an ſich halten, um nicht zu lachen, um ſo mehr, als er hörte, wie Herr von Kuruſoff ſeiner Sehnſucht, dieſes herrliche Städtchen kennen zu lernen, Ausdruck verlieh, wofür ihn ein dankbarer Blick des Fräuleins belohnte. Um doch etwas zu ſagen, fragte Gerhard, wie es die Damen über das Herz gebracht hätten, dennoch ihre ſo ſehr geliebte Hei⸗ mat zu verlaſſen. Mademoiſelle Henriette nahm nun das Wort. Sie erzählte eine ziemlich ausführliche Geſchichte von der Nothwendigkeit, das Haus, das ſie beſäßen, ein wenig auffriſchen zu laſſen und der Reparatur zu unterziehen. „Die Unruhe der Handwerksleute, der Geruch des Terpentins, all die kleinen Unannehmlichkeiten“, ſchloß ſie,„man weicht ihnen am liebſten aus. Und dann iſt man ja doch ſchon aus ſeiner Ruhe geriſſen. Lieber einige Wochen ganz außer dem Hauſe zubringen, obwohl es hart genug fällt, daran zu denken, daß keine Aufſicht da iſt und die Arbeitsleute uns um den Tagelohn betrügen. Aber Aglaé iſt noch ſo jung, man muß ihr doch auch ein kleines Vergnügen machen, ſie in die Welt bringen. Sie begreifen, man hat Pflichten gegen ſeine jüngern Geſchwiſter, an denen man Mutterſtelle vertritt. Aglaé iſt ſo eigen, ſie hat ſchon ſo viele Bewerber abgewieſen—“ „O Henriette, ich bitte Dich— Du weißt, was die Karten diesmal ſagen“, unterbrach Mademoiſelle Aglaë mit verſchämtem Lächeln, das dem nahezu fünf⸗ zigjährigen Geſichte überaus grotesk ſtand. Es bot ſich Gerhard eine günſtige Gelegenheit, ſein Lächeln zu verbergen, das ihn überkam, wenn er ſich das Gehörte dahin ergänzte, daß wahrſcheinlich ſchon ſeit einer Reihe von Jahren die ſo wichtige Reparatur des Hauſes zu Oron la ville der Vorwand für die kleinen Ausflüge und Villegiaturen der beiden jungfräulichen Schweſtern abgeben müſſe, von denen die eine in edler pg———-—-——— 193 Reſignation nur noch daran dachte, der jüngern das Glück der Che zu gewinnen. Der Hinweis auf die geheimen Prophezeiungen der Patience verrieth eine ganze Serie von ernſtlichen Verhandlungen, angeregten Erwartungen und getäuſchten Hoffnungen. Darum alſo der leidenſchaftliche Blick, den Herr von Kuruſoff dem reifen Mädchen zuſandte, das ſo gut wußte, was ſie ihrem Stande und wahrſcheinlich auch ihrem Ver⸗ mögen ſchuldig ſei, und deshalb ſchon zwei Plätze für das zu gebende Concert ſubſcribirte. Der günſtige Zufall, daß Gerhard's Lächeln unbe⸗ merkt blieb, war der Eintritt des Ehepaares Leſtow, dem Graf Hilmersdorf und wie gewöhnlich Herr Mar⸗ kus Glückſtadt auf der Ferſe folgten. Herr von Kuruſoff eilte ihnen, nachdem er Made⸗ moiſelle Aglaë noch raſch ein paar bedeutungsvolle Worte zugeflüſtert, entgegen. „Schon zurück? Schon zurück?“ rief er mit allem Aufgebot ſeiner Stimme der Baronin zu.„Das iſt eine Ueberraſchung; ich dachte, Sie würden über Nacht in Saxon bleiben.“ „Saxon iſt ein abſcheuliches Neſt“, brummte Ba⸗ ron Leſtow, der erſchreckend düſter drein ſah, was noch mehr auffiel, als er dabei ein Lächeln erzwingen wollte. Byr, Nomaden. I. 13 194 „Habe ich es nicht ſchon lange geſagt?“ bemerkte der Banquier kichernd, indem er ſeine beim Eintritt von der Wärme beſchlagenen Augengläſer abwiſchte und dann wieder auf die Naſe zwängte.„Ich gehe zehn⸗ mal lieber mit Oeſterreichern in die Hauſſe, das iſt ein beſſeres Geſchäft. Aber Sie und Graf Hilmersdorf wollen ſich einmal cavalièrement ruiniren.“ „Das geht doch hoffentlich Sie nichts an“, fiel der Graf kühl ein, indem er ſein Glas vornehm ins Auge drückte.„Haben Sie Wechſel von mir?“ „Müßte proteſtiren.“ „Mein Herr!“ fuhr der Graf auf, aber die Ba⸗ ronin, der offenbar daran lag, jeder Scene vorzubeugen, fiel ſcherzend ein: „Graf Hilmersdorf verdient heute eine Belobung. Werden Sie glauben, Herr von Kuruſoff, daß er gar nicht geſpielt hat? Sie hätten ihn ſehen ſollen, wie er heldenmüthig zuſah, ohne zu pointiren.“ „Wirklich?“ flüſterte der Ruſſe.„Ich bin überraſcht, daß auch Sie ſchon zurückgekehrt ſind.“ Der Graf zuckte die Achſeln. „Mußte einen neuen Ueberrock probiren, den mir der Kerl von einem Schneider heute zu brin⸗ gen verſprach. Nichts Beſonderes für zweihundert Francs.“ „Wie? Zweihundert? Dafür kann man ja ein gan⸗ zes Haus haben.“ „Das Haus Glückſtadt?“ fiel der Graf dem Ban⸗ quier ſcharf in die Rede. „Mich geht's nichts an, wenn Sie verſchwenden wollen.“ „Der Meinung bin ich auch“, verſetzte der Graf von oben herunter. Der Banquier wendete ſich ärger⸗ lich ab und nahm eine Zeitung vom Tiſche. „Aber zweihundert Francs, das iſt, ſoviel ich ver⸗ ſtehe, wirklich enorm“, bemerkte die Baronin. „Mein Gott, das kümmert ja mich nichts, beſte Baronin“, verſetzte der Graf gelangweilt;„das geht meinen Alten an. Dem werden die Rechnungen zu⸗ geſchickt— der ſoll ſie bezahlen.“ „Wie nobel!“ kicherte der Banquier halb unver⸗ ſtändlich in ſeine Zeitung hinein, ohne ſich umzukehren. „Kann nur Freude haben, der Alte.“ Die Baronin ging ein paar Schritte ihrer Bonne entgegen, die ſo eben mit dem Kleinen auf dem Arme in den Salon trat. „Ah, da kommt Olga; komm, mein Freund, und küſſe die Kleine“, rief die Baronin ihrem Gatten zu, doch als dieſer nur mit dem Kopfe nickte, beſchäftigte ſie ſich um ſo angelegentlicher mit dem hübſchen Kinde, 13* das der Mutter lallend die Aermchen entgegenſtreckte. „Iſt klein Sarſcha ſpazieren geweſen? Oh la chere petite, elle a les mains toutes gelées.“— Graf Hilmersdorf hatte ſich indeſſen einen Stuhl an Mrs. Lesley's Seite gezogen, deren Gatte in der Veranda auf und ab ging. Sie warf zuerſt einen Blick nach dieſem, und als ſie bemerkte, daß er gar nicht auf ſie achte, erwiderte ſie des Grafen Gruß ziemlich gleichgültig. „Ach, ſchönſte der Frauen“, flüſterte der junge Geck geziert„haben Sie mich erwartet? Sie ſehen, ich habe mein Verſprechen gehalten und nicht geſpielt.“* „Ihr eigener Vortheil“, entgegnete die junge Frau, die ihre Stickerei nicht außer Acht ließ. „Ich bin eigens ſo früh zurückgekommen.“ „Des Rockes wegen.“ „Und darum Ihre Kälte? Konnte ich vor aller 1 Welt eingeſtehen, welcher Engel mich auf den Pfad der Tugend zurückführt? Wie, wenn es Robinſon Cruſoé gehört hätte?“ „Weshalb nennen Sie meinen Mann immer ſo?“ fragte Mrs. Lesley ungehalten. „Mein Gott, ſeiner Barſchheit, ſeines Benehmens, 3 ſeiner Kleidung wegen, die nur für eine wüſte Inſel taugen.“ — 197 „Er trägt freilich keine Röcke für zweihundert Francs.“ „Wenn Sie mir daraus einen Vorwurf machen, holde Göttin der Vernunft, ſo will ich mich auch da⸗ rin beſſern. Ich trage nur noch härene Kutten von nun an und breite den ſo raſch berühmt gewordenen Rock unter Ihre Füße, wie Eſſex ſeinen Mantel unter jene der jungfräulichen Königin Beß.“ Während Graf Hilmersdorf, ſeinen feingeformten Fuß in der Hand, bemüht war, die Gattin„Robin⸗ ſon Cruſoé's“ mit einer gebildeten Converſation zu be⸗ glücken, war Gerhard längſt in ein ernſthaftes Geſpräch mit Lizzie verflochten; er ſprach engliſch, was die bei⸗ den Fräulein Brocat nicht verſtanden. „Nun, Miß Lizzie“, hatte er geſagt,„was meinen Sie? Scheint es Ihnen nicht, daß die beiden acht⸗ baren Damen den beſten Beleg für meine letzthin aus⸗ geſprochene Behauptung lieferten? Ich denke, denen hätte ein bischen reiſen nicht geſchadet. Ihre Vater⸗ ſtadt iſt ihnen die Welt, ihre fünfhundert Mitbürger die Menſchheit, und ihr Muſcheldaſein umſchließt Alles, was ihnen bedeutungsvoll und wiſſenswerth erſcheint.“ „Ei, wie undankbar!“ ſcherzte das Mädchen. „Muſcheldaſein! Solcher Spott für die erſten zwei Gönnerinnen, die Ihnen ſchon Plätze abgenommen zu Ihrem großen Concert in— doch ich will lieber die Stadt 198 nicht nennen, damit die Damen auf Ihren Hochmuth nicht aufmerkſam werden. Wie ſchade, daß Sie nicht auch die Klappentrompete blaſen, Sie würden vielleicht eines größern Erfolgs gewiß ſein.“ „Halt, mit Scherzen weichen Sie mir nicht aus. Geſtehen Sie nur ein, daß dieſes Feſtkleben an der Scholle, dieſe Brutanſtalt für lächerliche verzopfte Klein⸗ ſtädterei, die ſich ſelbſt in den Großſtädten bis vor kurzem breit machte, endlich aufhören mußte, wenn die ganze Menſchheit nicht ſich ſelbſt zur Caricatur werden ſollte. Man reißt die Mauern und Wälle um die Städte nieder, um Licht und Luft einzulaſſen, man kann ſich nicht mehr in ſeinen Pfählen einſchließen, es gibt keine Einſiedler mehr. Das Vorurtheil, daß der Menſch trotz der mangelnden Exiſtenzbedingungen ſich nicht von der Stelle rühren ſolle, hat ein Ende. Das Daſein iſt die Hauptſache, wie und wo kommt erſt nachher. Wa⸗ rum ſoll der Menſch nicht dem Beiſpiele der Zugvögel oder der Nomaden folgen? Die Welt hat ja noch Platz genug, um nach friſchen Weideplätzen umzuſiedeln, wenn die alten erſchöpft ſind, um den wechſelnden Jahres⸗ zeiten und dem individuellen Organismus gemäß bald den Norden, bald den Süden aufzuſuchen. Ich bin überzeugt, in hundert Jahren exiſtiren wohlorganiſirte, den jetzigen Vergnügungsfahrten verhältnißmäßig ent⸗ ſprechende Auswanderungszüge im Herbſt und Früh⸗ ling und der größte Theil der Menſchheit lebt der Be⸗ quemlichkeit halber in rieſigen Penſionen, die, den Mit⸗ teln und Bedürfniſſen ihrer jeweiligen Bewohner an⸗ gemeſſen, bis dahin wie die Pilze aus der Erde ſchie⸗ ßen werden. Die Penſion von heute iſt nur der Ueber⸗ gang zu dem berühmten Phalanſteére der ſocialen Uto⸗ piſten. Wir werden Alles nach Maßgabe unſerer Lei⸗ ſtung oder Einzahlung gemeinſam haben. Die Frauen beſonders werden daraus Vortheil ziehen, ſie werden ihre Zeit nicht mehr in Haushaltungsgeſchäften zer⸗ ſplittern, ſondern Muße für ihre Ausbildung finden, mit der ſie bei ihrem bekannten Scharfſinn viel raſcher zu Stande kommen und den Männern, wie ſie es ſchon lange anſtreben, volle Concurenz bieten können. Die Penſion iſt die Grundbedingung, die Brutſtätte der Frauenemancipation. Sind Sie damit nicht zufrieden? Ich will Ihnen noch mehr—“ „Halt!“ fiel Lizzie ein,„auch Sie entkommen mir diesmal nicht mit Scherz.“ „Ich würde mir keinen erlauben.“ „Nun wird gar Spott daraus. Nein, Sie dürfen nicht aufſtehen. Kommen Sie daher und bleiben Sie ſchön folgſam ſitzen. Ich muß ernſtlich mit Ihnen reden. Sie thun mir leid.“ —— „Ach, Miß, Lizzie ſehr verbunden“, lachte Gerhard, indem er der Aufforderung gehorchte und ſich mit humoriſtiſcher Geberde anſchickte, die„ernſtliche Rede“ ſeiner kleinen Bußpredigerin anzuhören.„Ich bin bereit, aber machen Sie's gnädig; bedenken Sie, ich bin ein zu langjähriger und verhärteter Sünder, um noch Aus⸗ ſicht auf Bekehrung zu gewähren.“ „O ich habe Erfahrungen“, ſagte ſie, und das klang ſo komiſch aus dem kleinen Mund, deſſen Beſitzerin die Kinderſchuhe noch nicht abgelegt zu haben ſchien, daß Gerhard nochmals in ein Lachen ausbrach, das ſehr reſpektwidrig klang. Lizzie aber verlor ihren Ernſt nicht, nur ihre Wangen färbten ſich ein wenig höher, als ſie fortfuhr:„Mein Schwager mag doch immer— hin als ein Beiſpiel der Umkehr gelten. Was Sie, Herr Strandau, mir als Fortſchritt vorführen wollen, iſt doch nichts Anderes als ein Rückfall der Menſch⸗ heit in die alten uncivilſirten Gewohnheiten, wenn es auch für den erſten Blick den entgegengeſetzten Anſchein hat. Ihr eigener Vergleich gibt dies zu, oder erſchei⸗ nen Ihnen die Zugvögel und Nomaden etwa als höher entwickelte Weſen? Bildung und Cultur entwickelten ſich erſt bei den anſäſſigen Stämmen, die Freude an der Heimat verlockt den Menſchen, ſie auszuſchmücken, ——j,“ 201 die Freude am Beſitz, ihn nach jeder Richtung zu er⸗ weitern.“ „Darum eben betrachtet der moderne Menſch die ganze Welt als ſeine Heimat und freut ſich dieſes Beſitzes.“ „Dieſes Gefühl kann man auch haben, wenn man zuweilen ein wenig aus ſeinen vier Pfählen hin— ausguckt, man braucht darum nicht bald hier, bald dort ſein Zelt aufzuſchlagen. Man kann doch nicht von der ganzen Erde perſönlich Beſitz ergreifen, man thut es geiſtig. Das Nomadiſiren zerſtört jede geregelte Thä⸗ tigkeit, weil ſie fortwährend Unterbrechungen erleidet, ſogar der Geiſt wird ein Nomade— er weidet nur immer, ſchafft aber nicht.“ Gerhard ſah das Mädchen verwundert an, er hatte dem kleinen Kopfe wirklich noch keine ſo ernſten Gedanken, dem kindlichen Sinn noch keine ſo ſtrenge Logik zugetraut. Iſt dieſe letztere ja doch ſelbſt für gereifte und gebildete Frauen häufig nur ein ſteiniger Pfad, von dem jedes zu pflückende Blümchen, jede ſeit— wärts gelegene grüne Matte, jeder lockende Schatten unwiderſtehlich rechts und links abzulenken reizt. Gerhard lachte nicht mehr nahm aber die Erwide⸗ rung dennoch leicht. „Wie können Sie mir aber einen Vorwurf machen, Miß Lizzie?“ ſagte er.„Sie ſind ja ſelbſt eine kleine Nomadin oder, wenn Sie lieber wollen, ein zier⸗ licher Schmetterling, der hier- und dorthin faattert, nippt, wo ein Blumenkelch ſich öffnet, raſtet, wenn die Flügelchen ein wenig ermatten, weiter fliegt, wenn ein Lufthauch zum muntern Spiel einladet, und ſich munter im Sonnenſchein des Lebens badet, ohne das Bedürf⸗ niß zu fühlen, an irgend ein unvergängliches Mo⸗ nument der Thätigkeit, das doch der nächſte Regen⸗ tropfen ſchon hinwegwüſche, die koſtbare Zeit zu ver⸗ ſchwenden.“ „Wenn Sie Recht haben“, entgegnete Lizzie ſehr eifrig,„ſo thue ichnes nicht freiwillig. Nennen Sie mir eine Aufgabe. Das Leben eines Mädchens iſt überhaupt ein zweckloſes, man will ja gar nicht, daß wir mehr thun, als von allen Ergebniſſen der Wiſſen⸗ ſchaft ein bischen naſchen.“ „Und mit Recht“, fiel Gerhard ein.„Der Farben⸗ zauber würde ſonſt abgeſtreift, der graziöſe Schmetter⸗ ling zur brummenden, emſigen Biene, die nicht nur jeden Angreifer, oft auch den Harmloſen mit ihrem Giftſtachel anfällt. Ach, bleiben Sie ein Schmetter⸗ ling, Miß Lizzie!“ „Ich ſage Ihnen dagegen, Herr Strandau, Sie ſollen Biene werden. Was bei einem Mädchen 203 nicht viel zu ſagen hat, iſt beim Manne eine Schande. Ja, das iſt es.“ „Ah, Miß Biene, was hab' ich Ihnen gethan?“ „Ich meine es nur gut mit Ihnen; gewiß, das thue ich“, verſetzte Lizzie mit der wichtig ernſten Miene eines väterlich geſinnten Präceptors.„Ein Nomade iſt ein Müßiggänger. Der Mann aber ſoll etwas ſchaffen, ſoll mit eingreifen in ſeine Zeit, ſonſt verdient er keine Achtung.“ „Dieſer Ausſpruch iſt etwas ſtark. Es würde mich aber zu weit führen, wenn ich beweiſen ſollte, daß der Menſch ſchon durch ſein Daſein allein wirkt und durch die Behauptung dieſes Daſeins ſeine Stelle ausfüllt, er möge ſonſt noch etwas leiſten oder nicht. Was die Menſchen Thätigkeit nennen, iſt meiſt nur ein Hinbringen der Zeit oder ein Austauſch von Kräf⸗ ten zum Zwecke des Daſeins. Mir erſcheint das Sam⸗ meln mannichfacher Eindrücke, das Auffaſſen und geiſtige Verarbeiten derſelben, mit einem Wort die univerſelle Vervollſtändigung unſeres Wiſſens, die Klärung unſerer Geſammtanſchauung als eine weit würdigere Aufgabe des Lebens als die meiſten ſogenannten zum Handwerk herabſinkenden Beſchäftigungen, als— um in der wie⸗ derholt gebrauchten Metapher zu bleiben— die An⸗ ſäſſigmachung des Gedankens. Aber“, ſchloß Ger⸗ 204 hard entſchuldigend,„ich habe vielleicht zu abſtract ge⸗ ſprochen?“ „Das heißt, ich bin vielleicht zu beſchränkt, es zu verſtehen, meinen Sie. Soviel kann ich Ihnen aber doch darauf ſagen, daß es Ihnen keinen Schaden, wohl aber Andern Nutzen brächte, wenn Sie dieſe geklärte Geſammtanſchauung auch Andern zugänglich machten. Haben Sie Honig, laſſen Sie auch Andere davon koſten, Sie behalten immer noch genug für ſich.“ „Und wie ſoll ich das? Ich kann doch nicht Je⸗ dermann mit Gewalt einen Löffel voll davon eingeben?“ „Nein! Sie ſcherzen ſchon wieder; ich bin böſe. Haben Sie Ihr muſikaliſches Talent auch nur für ſich?“ „Sie meinen alſo, ich ſolle Wohlthätigkeitscon⸗ certe geben?“ „Wer ſpricht davon! Schreiben Sie! Legen Sie der Welt Ihre Erfahrungen, die Sie auf Ihren Reiſen geſammelt, vor. Arbeiten Sie an einer Geſchichte der Muſik oder ſuchen Sie äſthetiſche Fragen zu entſcheiden, die Grenzen und Ziele der Kunſt feſtzuſtellen. Com⸗ poniren Sie und laſſen Sie auch Andere die muſika⸗ liſchen Schwingungen nachempfinden, die durch Ihre Seele ziehen.“ Sie ſah mit leuchtendem Blick zu ihm auf, er aber heftete die Augen nachdenklich an den Boden. Nach —— — —, — ————ÿ—ͤͤ 205 einer kleinen Pauſe hob er den Kopf und es war dies⸗ mal kein Spott in ſeinem Lächeln „Lection gegen Lection“, ſagte er.„Morgen be⸗ ginnen wir am Klavier— ich habe die erſte heute ſchon empfangen. Wir wollen beide in unſerm Eifer nicht erlahmen, da haben wir ja dann ſchon beide, zunächſt wenigſtens, eine erſprießliche Thätigkeit.“ Er ſtand dabei auf und Lizzie folgte ſeinem Bei⸗ ſpiele, was Herrn von Kuruſoff, der dem langen Ver⸗ kehr der Beiden mit ſteigendem Mißbehagen zugeſehen hatte, zu der Frage bewog, ob Miß Lizzie, da das Wetter ſich aufzuhellen beginne, vielleicht einen Spa— ziergang vorhabe. „Comment, Herr von Kuruſoff“, fiel Mademoiſelle Aglaé raſch ein,„Sie wollen jetzt gehen, wo ſo wich⸗ tige Fragen auf dem Spiele ſtehen? Der Coeurkönig muß noch kommen.“ „Ja gewiß, gewiß, Mademoiſelle“, verſetzte der Ruſſe mit einem flammenden Blick, applaudirte jedoch gleich darauf, da die Baronin ſich ans Pianino ſetzte. Sie ſpielte zum Entzücken ihres kleinen Mädchens, das jubelnd in die Händchen ſchlug, eine Polka Ma⸗ zurka von Chopin mit vieler Geläufigkeit. Lizzie ſah ein wenig befangen zu Gerhard auf, der einen Moment lang aufmerkſam hinhorchte. „Sie ſpielt brillant“, bemerkte ſie ſchüchtern. „Allerdings, wie man eben ſpielt, um zu brilliren.“ Gerhard ging lächelnd auf die Veranda hinaus zu Kr. Lesley und Lizzie ſah ihm mit aufgehelltem Auge nach, als hätte der Tadel ſie angenehm berührt. Sie gab auch gar keine Antwort, als Herr von Kuruſoff ſie fragte, ob ſie zu tanzen wünſche, und hörte fort⸗ hüpfend auch nicht mehr, wie Mademoiſelle Aglaé ihren abſchweifenden Verehrer abermals zu ſeiner Pflicht bei der Patience zurückrief. Gleich darauf wirbelte Lizzie abwechſelnd mit den kleinen Dirkſons um den Zeitungstiſch in der Mitte. Das Geſpräch zwiſchen Graf Hilmersdorf und Mrs. Lesley war unterdeſſen allgemeiner geworden. Es war die Rede vom Charakter und von der Kunſt, denſelben aus der Handſchrift, ja ſogar aus den Glied⸗ maßen, aus der Form der Hand und des Fußes zu erkennen. Der Graf ſtreichelte wohlgefällig ſeinen ele⸗ ganten kleinen Lackſchuh. Mrs. Dirkſon, die neben Mrs. Wallace auf dem Sopha ſaß und etwas Ange⸗ nehmes ſagen wollte, lobte nach ihrer Weiſe Graf Hilmersdorf. „Sie müſſen einen ſehr zarten Charakter haben. Alle Leute mit kleinen Füßen haben einen zarten Cha⸗ 11 rakter und Sie haben höchſtens Nummer— ——— —õ⸗;—— 207 Sie ſchwieg plötzlich ſtill, denn ihr Gatte hatte ſie empfindlich auf das Hühnerauge getreten und warf ihr einen warnenden Blick zu. Der Graf lächelte. „Ich weiß zwar nicht, welche Nummer“, ſagte er, ſich ſelbſtbewußt zurücklehnend,„aber ich glaube in jeden Damenſchuh hineinzukommen, ſelbſt in Ihren, Mrs. Lesley.“ „O, das iſt denn doch ein vermeſſenes Unter⸗ fangen“, meinte Mr. Dirkſon, und ſeine Gattin, welche von dieſem Vorſchlag ſehr erheitert war, bot ſogleich ihren Schuh zur Probe an. Der Graf lehnte jedoch ab. „Nein, da wäre ja kein Verdienſt dabei. Ich habe ausdrücklich Mrs. Lesley genannt. Nein, nein, Sie dürfen ſich jetzt nicht mehr weigern, Mrs. Lesley, meine Ehre ſteht auf dem Spiel.“ Unter Lachen und Widerſpruch drängte man die noch zögernde junge Frau, bis ſie endlich erröthend nachgab und, als hätte ihr erſt ein Blick nach der Veranda Nuth und Trotz eingeflößt, den kleinen Schuh, den ſie leicht abgeſtreift, unter dem Saum des Kleides her⸗ vorſtieß. Der Graf jubelte. Mit afeectirter Bewegung drückte er den Seidenſchuh an die Lippen, im Nu hatte er ſich des Lackſtiefels entledigt und zwängte nun den 208 Fuß mit aller Mühe in den Damenſchuh, was ihm endlich auch zum großen Vergnügen der erwachſenen und kleinen Kinder gelang. Mr. Lesley war mit Gerhard in die Thür ge⸗ treten. Das Gelächter und laute Durcheinander⸗ reden hatte ſie dahin gelockt. Sie ſahen überraſcht den Vorgang mit an. Die Baronin hatte eine Polka angeſchlagen, und gefolgt und umhüpft von den kleinen Dirkſon'ſchen Mädchen, tanzte der Graf mit graziöſen Pas durch den Saal, gewiſſermaßen im Triumph an dem düſter blickenden Mr. Lesley vorbei, bis er den Schuh ver⸗ lor und nun im rothen Strumpfe wieder zurücklief. Den Schuh hielt er dabei mit lächerlicher Geziertheit ans Herz gedrückt und bot ihn dann, indem er ſich auf ein Knie niederließ, der Beſitzerin dar. „Eigentlich ſollte ich ihn für immer als Helmzier tragen“, flüſterte er, aber die Worte wurden des allge⸗ meinen Applauſes und Gejubels wegen kaum gehört. Mrs. Lesley glühte über und über. Raſch kam das Füßchen hinter der Robe hervor und ſchlüpfte pfeilgeſchwind in den bereit gehaltenen Schuh, der nun für immer verſchwand. „Sie müſſen ihn hübſch ausgedehnt haben!“—„Mrs. Lesley wird ihn verlieren!“ Dergleichen Scherze wur⸗ den hörbar, gegen die ſich der Graf wacker vertheidigte, nur Mrs. Wallace ſaß ſtill und ſtrickte ſehr ſchnell, während ihr Mann kopfſchüttelnd die Zeitung auf⸗ nahm. Gerhard hatte ſtarr vor Erſtaunen die ganze Scene geſehen. Er wußte nicht, was er denken ſollte, die Engländerinnen waren ihm ja ſonſt als beſonders ſpröde und gegen alles Anſtößige überaus empfindlich be⸗ kannt. Wohin hatte ſich diesmal das Feingefühl der jungen Frau verirrt? Was mußte ihr Gatte empfinden? Mr. Lesley war kreidebleich und ſeine farbloſen Lippen bewegten ſich zitternd, als wiederholten ſie das gewohnte:„Shocking!“ das gerade er ſonſt ſelten ge— nug anwendete. Seine Augenbrauen ſtießen über der tiefen Furche beinahe zuſammen in eins und Gerhard fürchtete jeden Augenblick einen Ausbruch zu erleben. „Alſo daher die tiefe Schwermuth des armen Mannes“, dachte er,„dies das unerträgliche Herze⸗ leid? Was muß es ihn koſten, ſich zu beherrſchen!“ Er erſchrak beinahe, als er ſich von dem ange⸗ redet hörte, mit deſſen Loos er ſich ſo eben noch leb⸗ haft beſchäftigt hatte. „O, Sie lachen nicht“, ſagte dieſer, ohne die feſt aufeinander gepreßten Zähne zu öffnen,„Sie lachen nicht— Sie ſind ein edler, großmüthiger Cha⸗ Byr, Nomaden. I. 14 —— ——— 210 rakter, Strandau. Ich danke Ihnen!“ Er ergriff Ger⸗ hard's Hand, ſchüttelte ſie, und ehe dieſer noch eine Antwort gefunden, durchſchritt er langſam den Salon, ohne ſeine Frau, die ſchüchtern und verſtohlen einen Blick nach ihm warf, auch nur anzuſehen. Erſt nach einiger Zeit zerſtreuten Nachſinnens fiel es Gerhard auf, daß auch der Graf den Salon ver⸗ laſſen hatte, und blitzartig fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, es möchte nun wohl noch ein neuer Auf⸗ tritt minder ſcherzhafter Natur zwiſchen den Beiden ſtatt⸗ haben. Er folgte einem innern Antrieb und eilte, als handle es ſich, Schreckliches zu verhindern, auf den Corridor hinaus. Niemand war da. Gerhard ſtieg die Treppe hinab, am Thore fand er Mr. Germain ſelbſt und fragte dieſen nach den beiden Herren. „Hélas!“ erwiderte der Franzoſe mit ausdrucks⸗ voller, ein wenig theatraliſcher Geberde,„wo ſollte Graf Ilmedor“— ſo nannte er ihn conſequent—„ſein? Auf dem Wege nach Saxon. Er ging ſo eben nach dem Bahnhofe hinüber. Um acht Uhr beginnt das zweite Spiel.“ „Und Mr. Lesley?“ „Vielleicht auf ſeinem Zimmer. Hier vorber kam er nicht, alſo iſt er nicht ausgegangen.“ Beruhigter ſchritt Gerhard wieder die Treppe em⸗ por, und da er ſich nicht danach geſtimmt fühlte, in den Salon zurückzukehren, ging er auf ſein Zimmer. Die Thür zu Streicher ſtand weit offen und er ſah dieſen mitten im Gemache, eben im Begriffe, den großen ſchwarzen Lederkoffer zu ſchließen, der Streicher's ganzen Comfort enthielt, indeß der Hausknecht ſchon auf denſelben wartete. Gerhard trat überraſcht ein. „Wie? Du willſt fort?“ fragte er. „So, Du biſt's“, erwiderte der Freund, zog den Schlüſſel ab und ertheilte dem Hausknecht mimiſch ſeine Weiſung.„Ja, wie Du ſiehſt, wenigſtens aus dieſem Zimmer. Der Teufel hält es hier aus. Die ganze Nacht das Gehuſte und Geröchel, als ſäße man in Raupach's„Der Müller und ſein Kind“. Was hat der Menſch, wenn er ſogar im Schlafe geſtört wird?“ „Aber wohin willſt Du denn?“ „Herr von Kuruſoff fühlt Erbarmen mit meinem Jammer— er hat mir einen Tauſch angetragen. Ein ganz charmanter Menſch!“ „Wie? Er mißfiel Dir ja ſo ſehr und nun gehſt Du Verbindlichkeiten gegen ihn ein?“ „Mir? Dir hat er mißfallen, nicht mir. Ich bin Menſchenkenner und laſſe mich nicht vom erſten Eindrup 14* 212 irre machen. Ich finde ihn ſehr anſtändig, wie ſein eigener Ausdruck lautet.“ „Nun gut, aber mir iſt er nicht ſehr angenehm und nun ſoll ich ihn zum läſtigen Nachbar haben.“ „Aha!“ höhnte Streicher,„da verräth ſich der Egoiſt wieder einmal, der meint, Alles müſſe ſich nach ihm richten. Soll ich etwa ſchlafloſe Nächte zubringen, damit Du keinen unangenehmen Nachbar haſt?“ „Nein“, verſetzte Gerhard ruhig,„aber es thut mir leid, Dich nicht hier zu haben, um mit Dir hin und wieder ein paar Worte zu plaudern. Wozu haben wir uns denn hier ein Stelldichein gegeben, wenn wir uns doch nicht nach Herzensluſt ſehen und ſprechen können?“ „Lächerlich! Als wenn Dir darum ſo ſehr zu thun wäre! Wer weicht dem andern in letzter Zeit aus?“ „Du biſt immer ſo kurz angebunden, ſo ſchlechter Laune.“ „O ich bitte, faſſe Dich kurz und gib Dir keine Mühe mit Anklagen, die Dich rein waſchen ſollen. Ich weiß recht gut, woran ich mich zu halten habe. Seit⸗ dem Du Beſuche auf der Höhe machſt, biſt Du ſehr zurückhaltend geworden und verleugneſt Deine alten Freunde. Man erfährt dergleichen, wenn auch D ſelb er ſchweigſt.“ „Du wollteſt mich ja nicht anhören.“ uU 213 „Nein“, fuhr Streicher heftig heraus,„ich will es auch jetzt nicht. Was geht's mich an, wo Du kle⸗ ben bleibſt? Iß die Suppe nur ſelber aus! Meinet⸗ wegen kannſt Du auch in das Hänflingneſt hinein hei⸗ rathen und einer von den beneidenswerthen Che⸗ männern werden. Wünſche viel Glück!“ Gerhard ſah ihm kopfſchüttelnd nach, aber die letzten Worten klangen doch in ſeinem Ohre fort. Einer von den glücklichen, beneidenswerthen Ehe⸗ männern! Gehörte Mr. Lesley auch dazu? Sollte er einſt dieſem gleichen, ähnliche Scenen zu erleben, ähnliche Gemüthsbewegungen niederzukämpfen haben? Wäre die Ehe Jedem ein Gefängniß, in dem es nur Kerker⸗ meiſter oder ihrer Freiheit Beraubte gibt? Ach, was befaßte er ſich eigentlich mit Reflexionen über die Ehell Er gedachte ja gar nicht zu heirathen. Streicher, der große Menſchenkenner, wußte doch nicht etwa beſſer als er ſelbſt um ſeine Abſichten. Und Mr. Lesley, der ihm ſonderbarerweiſe anrieth, was ihm ſelber ſo ſchlecht anſchlug! Es waren doch ſeltſame Rathgeber und die Kleine, Miß Lizzie, die auch wieder ein Anderes für ihn ausfindig gemacht hatte— Jeder beſchäftigte ſich mit ſeinem Schickſale, eer ſelber hätte nur zu gehorchen. Ob auch Adrienne ſo dachte? Und wenn 1 V„Einer von den beneidenswerthen Ehemännern“, 214 ihm von dorther Gefahr drohte, war ſie wirklich ſo groß? Sollte er zurückweichen, fliehen oder in Gottes Namen dem treibenden Strome ſich und ſeine Zukunft überlaſſen? tönte es leiſe äffend nach.„Viel Glück!“ Ende des erſten Bandes. — Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. rey Sorurol Chart Vellow Hed Magenta