Nobert Bor. Erſter Band.. Gu⸗ her 3 5 ——— b Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Leih- und Ceſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr 1. ſ 2. Lesepreis. Bei Rüclgabe eines geliehenen Buches wird vo jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. ſ — 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summ hinterlegen, w elche bei deſſen Zurülkgabe von mir zurückerſtattet 7 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſil beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7—————— Iauf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Vf 2 Mr. Pf. A. 5. Aus wärtige Sorenken haben für Hin und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſLadenpreis erſetzt Weoden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines gr ößeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichret. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkf ſam gemacht, daß das Weiterverleihen l der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die 0 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Jdö 1———⸗—⸗—-n / e— ——— Erſtes Kapitel. „Upasbaum und Brodfruchtbaum! Aſtrologie und Aſtronomie; wieder die regelmäßige Theilung, der un⸗ ergründliche Zwieſpalt zwiſchen Ahriman und Ormuzd, Upasbaum und Brodfruchtbaum— Gift und Nahrung! Und die innere Spaltung, die ſchon von Chaldäa aus⸗ geht— ſchwere Theilung— ſchwere Regiſtrirung! Mädler, Bode, Arago, Herſchel rechts, aber Maury„La magie et l'astrologie dans l'antiquité et au moyen àge— rechts oder links?— Brodfrucht oder Upas?“ Und die letzten Worte noch einigemal mit immer leiſerem Gemurmel wiederholend, verſank der kleine ver⸗ witterte Mann tiefer und tiefer in ſeine Zweifel. Er paßte ſo recht zu ſeiner Umgebung. Verſtaubte Himmelsgloben von allerlei Größen und aus den ver⸗ Byr, Laroen I. 1 7„ — — 2 —,—— 2 ſchiedenſten Zeitaltern ſtanden auf dem großen Tiſche an der Hauptwand neben der Thür. Die Mitte des Gemaches nahm ein großes Teleſkop auf einem un⸗ förmlichen, in ſeinen Metallbeſtandtheilen verroſteten und mit Grünſpan überzogenen Geſtelle ein, deſſen Einrichtung geſtattete, das Inſtrument im Kreiſe zu bewegen, ſodaß es nach Bedarf gegen eins der drei Fenſter des Thurmzimmers gerichtet werden konnte. Bücher, in Pergament und lederüberzogenes Holz gebunden, ſtanden und lagen in den Fenſterniſchen und auf dem Boden umher, während andere Werke neueren Datums zumeiſt auf einem Geſtelle in der Ecke und auf dem Tiſche Platz gefunden hatten. Die dichte Staubdecke war auch über ſie gebreitet, Spin⸗ nennetze hingen dick und widerlich an dem Regale herunter und die alten Himmelskarten brachen mitten⸗ durch und zerfielen an den Rändern in Moder, wenn ſie von den grauen, unruhigen Fingern aufgehoben, beiſeite geſchoben, wieder herbeigezogen und überein⸗ ander geſtapelt wurden. Staubgrau und unruhig wie die haſtigen Finger war auch das Geſicht des immer eifriger wühlenden Männleins. Ein ſeltſames Zucken ging durch dieſe Züge, deren Spiel kein Bart verdeckte. Bald lächelte der farbloſe Mund, bald grollte er wieder, dann ſpitzte 2 er ſich zu wie zu einem Kuſſe oder ſank höhniſch tief nach der einen Seite, und das ſtand im engſten Zuſam⸗ menhange mit dem unaufhörlichen Runzeln und Glätten der niedern Stirn, wobei die grauen Linien aus der horizontalen in die verticale Richtung überliefen, und mit dem fortwährenden Heben und Senken der dicken dunkeln Brauen, die den kleinen grauen Augen nach⸗ einander den Ausdruck maßloſen Erſtaunens, beifäl⸗ ligen Zwinkerns, ironiſchen Zweifels, grollender Abwei⸗ ſung und ungewiſſen Suchens verliehen. Der Hals ſtreckte ſich, der Kopf neigte ſich, die Hände agirten, die Finger machten allerlei geheimnißvolle Zeichen in der Luft, rieben dieſe und jene Stelle des ewig ruhe⸗ loſen Geſichts oder fuhren durch das ſich ſträubende borſtige, erdgraue Haar und ſtreichelten ſanft die kleine künſtliche Glatze am Hinterhaupte. Die Tonſur war das einzige Kennzeichen des katho⸗ liſchen Prieſters, der ſchmale weiße Hemdkragen über der Seidencravatte erſchien zu wenig charakteriſtiſch und die ſchwarze Gewandung zeigte unter den Staub⸗ flecken kein beſonderes Abzeichen. Sie war von faſt allzugroßer Einfachheit, wie man ſie bei Gelehrten, Denkern, Träumern und dergleichen Menſchen findet, die über einem heftig erregten, zuweilen überſpannten Innenleben ihre nächſte Umgebung, ihr eigenes Aeußeres 1* — * 2 ——— 5 vernachläſſigen. Und etwas der Art, ein Gelehrter, ein Denker oder auch ein Träumer mußte der eifrige Forſcher wohl ſein, der in ſeiner Arbeit ſogar die nahenden Tritte auf den ächzenden Holzſtufen der Wendeltreppe überhörte. „Hipparch— Ptolemäus' Almageſt, darüber herrſcht kein Zweifel“, begann er wieder zu murmeln, indem die unruhigen Finger eine große Mappe aus abgegriffenem geſchürftem Leder auf⸗ und zuſchlugen, bald dieſes, bald jenes Blatt hervorzogen, wieder hin⸗ einſchoben und umlegten und zuletzt eine ſchon nieder⸗ geſchriebene Notiz mit der Zleifeder durchſtrichen— „Feuerbach, Müller, Regiomontanus, Galilei, Alles richtig.“ „Alſo ſchon abgemacht— natürlich unter den Upasbaum! Recht geſchieht ihm! Wie kann ein ver⸗ nünftiger Mann behaupten, die Erde bewege ſich? Blödſinn! Ebenſo gut könnte man ſagen, der Spindel⸗ kopf an der Drechſelbank ſtehe ſtill und der Meiſel bewege ſich. Was wäre dabei aus unſerer Schraube geworden! Da ſehen Sie mal her, Pater Aloiſius.“ Der ſo ſprach, war eben erſt eingetreten und wies eine große Holzſchraube mit ſtarken Gewinden vor. Er überragte den Geiſtlichen um mehr als Kopflänge, war aber ſonſt ebenſo hager wie dieſer. ——õꝛõ˖ͥ—— 5 Das greiſenhafte, bis auf einen kleinen geſtutzten Schurr⸗ bart glattraſirte Geſicht zeigte noch immer wohlgeformte Züge, die nur durch den zahnloſen Mund litten, der geſchloſſen Kinn und Naſe einander zu nahe brachte, geöffnet dagegen, wie eben jetzt, meiſt ein breites ſpöt⸗ tiſches Grinſen ſehen ließ. Auch aus den funkelnden Augen ſprühten Ironie und Sinnlichkeit, ſie waren überhaupt viel jugendlicher geblieben als die etwas vornübergebeugte Geſtalt und die tiefgefurchte, von den zahlloſen Löckchen der pechſchwarzen, ſorglich geklebten und gebrannten Perrücke umkräuſelte Stirn. Schlurfend war der alte Mann zur Thür herein⸗ geglitten, der Pfoſten, den er dabei geſtreift, hatte ein Staubmal auf ſeinem ſaubern blauen Rocke zurückge⸗ laſſen, das er nun mit geſpitzten Fingern ſorgſam von dem feinen Tuche abſchnellte, wobei jedoch ſein blitzen⸗ des Auge boshaft auf des Geiſtlichen ungehaltene Be⸗ wegungen und zürnendes Mienenſpiel lauerte. „Pater? Bin kein Pater!“ proteſtirte derſelbe mit Mund und Händen, indeß ſich ſeine hoch hinaufge⸗ zogenen Haarbüſchel über den Augen raſch ſenkten und die wagerechten Linien blitzſchnell in einen Strahlenmit⸗ telpunkt zuſammenliefen, um von hier aus die Senk⸗ rechte zu ziehen.„Habe es Ihnen ſchon oft genug ge⸗ ſagt; gehöre keiner Kloſtergemeinde an, habe ihr nie 6 angehört. Weltgeiſtliche ſind keine Patres. Laſſen Sie ſich das doch endlich geſagt ſein, Monſieur Flan⸗ dron.“ „Mag ſein, mag ſein. Halte mich aber nach dem Herrn Baron, der nennt Sie—“ „Einmal ſo“, übernahm der Gereizte den Schluß des Satzes, aber das gefiel dem andern nicht, obwohl er vielleicht ganz dieſelben Worte beabſichtigt hatte. „Nein— immer ſo“, widerſprach er, und um den ſich ſchließenden Mund grub ſich ein ſpöttiſcher Zug ein. „Geichviel, Sie wiſſen, Monſieur Flandron— quod licet— Helfen Sie ſich zum Schluſſe.“ „Ihre Sache, Ihre Sache, lieber Freund, das Einhelfen; ich meinestheils helfe lieber—“ „Aus.“ „Nein— gar nicht! Hahaha!“ Monſieur Flandron lachte gedämpft, daß es wie ein Gemecker klang, und rieb vergnügt die langen dür⸗ ren Hände flach aneinander, wobei ſein funkelndes Augenpaar den ſeltſamen Kopfbewegungen ſeines Geg⸗ ners, dem mißbilligenden Lippenſpitzen und den inner⸗ liche Entrüſtung andeutenden Brauenzuckungen deſſelben folgte. „Nur heraus, nur heraus, ſonſt erſticken Sie am Ende daran! Mich trifft doch auch gleich Galilei—“ —— ,. 8 1: 4 ——— „Der Bannfluch?“ „Nein— hahaha!— der Upasbaum.“ „O!“ ſagte der Pater, der kein Pater ſein wollte, gedehnt und faßte ſein Kinn, ſodaß davon eine dicke Staubſchicht auf demſelben zurückblieb,„was Ihre eigene Wahl betrifft, bleibt Ihnen dieſelbe unbenom⸗ men, aber Galilei, o!“ „Nun, Sie werden doch darin von den Entſchei⸗ dungen Ihrer Kirche nicht—“ „Abweichen?“ „Nein— nicht abgehen?“ „Die Wahrheit, Monſieur Flandron, die Wahrheit über Alles!“ Der Geiſtliche ſtand feierlich auf und dicht gerippt ſchoben die pathetiſch gehobenen Augenbrauen eine ſolche Unzahl von Runzeln quer über die ſchmale Stirn, daß es eigentlich unbegreiflich blieb, wo dieſelbe ſo viel überflüſſige Deckhaut dazu hernahm.—„Ich will nicht behaupten“, fuhr er achſelzuckend fort,„daß die Un⸗ fehlbarkeit nicht ſchon ein früheres, an und für ſich der päpſtlichen Würde zuſtehendes Attribut wie jetzt, ſo auch allezeit geweſen, aber gewiſſe Irrthümer— ge⸗ wiſſe Irrthümer— wiſſen Sie, lieber Freund— aller⸗ dings nur vorübergehende Irrthümer, aber immer⸗ hin Irrthümer— kann ich nicht theilen— und vor — 1 1 1 9 ⸗ 3 1 — 8 allem, wer ein Werk in Angriff genommen— das Werk eines ganzen Lebens— ein Werk von ſolcher Wichtigkeit, der muß ſtreng prüfen und ſein Gewiſſen durch nichts beirren laſſen. Verſtehen Sie mich wohl — durch nichts! Die Ueberzeugung muß ſich in Glau⸗ bensſachen unterordnen, aber in Fragen der Wiſſenſchaft — ol Ein Syſtem muß klar und einfach ſein und wahr. Darauf beruht Alles, und wenn es wahr iſt, ſteht es feſt. O! Ein Syſtem!“ Und dabei hob er den Zeigefinger und ſchob ihn dicht vor ſeines Zuhörers Naſe, als ob derſelbe das Syſtem ſei, von deſſen Reinlichkeit und Klarheit dadurch Zeugenſchaft abgelegt werden ſolle, was freilich ein übel gewählter Beweis war. „Glücklich, wer ein ſolches Syſtem—“ „Gefunden.“ „Nein, beſitzt.“ Ein ſeliges Schmunzeln ſpielte um das aſchfarbene Geſicht und wetterleuchtete noch eine Weile in allen Winkeln und Runzeln deſſelben nach. „Allerdings, ich bin überzeugt, es gefunden zu haben, ich glaube es zu beſitzen.“ „Im Upasbaum und der Dattelpalme?“ „Brodbaum, Brodbaum!“ fiel der Pater eifrig be⸗ richtigend ein. „Gratulire, gratulire!“ rief Monſieur Flandron, 9 indem er ſich mit einem ſchon im Ausbruche unter— drückten Lachen die Hände rieb. Er nahm dann ſeine Schraube vom Tiſche wieder auf und machte ſich da⸗ ran, dieſelbe mit einem Fernrohre zu verbinden, das auf der Brüſtung des nach Weſten ſchauenden Fenſters lag. „Artocarpus“, fuhr Pater Aloiſius indeſſen fort, „nicht Palma phoenix. Wohl hätte auch die Dattel⸗ palme als Symbol dienen können, wie Sie nicht un⸗ richtig bemerken, aber im Brodbaum liegt viel tieferer Sinn. Wie alles Uebel und alles Gute aus demſelben Baum ſteigt und im tiefſten Grunde eins iſt— in der Erkenntniß, ſo gehören auch der Brodbaum und der Upas zur ſelben Familie. Antiaris toxicaria iſt gleich⸗ falls eine Artocarpusart, wie auch der Galactodendron, der Kuhbaum. Ich habe auch anfangs geſchwankt, ob ich nicht dieſen dem Upas entgegenſtellen ſolle. Der Saft, der ſo ähnlich der Kuhmilch iſt, daß er ſtatt ihrer getrunken wird, und der Saft, aus welchem das tödt— liche Pfeilgift erzeugt wird. Nahrung und Gift, Leben und Tod, das ſind Gegenſätze auch in geiſtiger Be⸗ ziehung, und Alles, was aus der Erkenntniß wächſt, ordnet ſich denſelben unter.“ „Es paßt vortrefflich“, meinte der andere und fügte die Schraube in ein dreibeiniges Stativ. 10 „Ausgezeichnet! Wie ſollte es auch nicht? Das Sinnen vieler Jahre, endlich die Eingebung eines Augenblicks, auf den die Arbeit eines ganzen Lebens baſirt iſt. Bin aber doch vom Kuhbaum abgegangen, denn es heißt: Der Menſch nährt ſich nicht nur vom Brode— merken Sie wohl! Nicht nur vom Brode, nicht von der Milch, und Brod iſt der gemeinver⸗ ſtändlichere Ausdruck für Nahrung. Nahrung iſt Leben und Worte ſind das geiſtige Leben. Da haben Sie alſo Brod und Gift, Leben und Tod gebend. Und Leben oder Tod empfängt das junge Herz von der Welt, entweder das Brod der Wahrheit oder den Pfeil der Verderbniß, der in das Gift der Lüge getaucht worden. Der Lehrer, der Pädagog muß daher den richtigen Griff thun in das Geſammtreich des Wiſſens und die paſſende Auswahl treffen, und das muß ihm mein Syſtem erleichtern.“ „Sehr tiefſinnig!“ Der Pater ſah auf, ſeine Augen ruhten miß⸗ trauiſch auf dem noch immer mit ſeiner Vorrichtung Beſchäftigten. „Wie meinen Sie das? Sollte vielleicht eine An⸗ ſpielung auf gewiſſe verlorene Jahre meines Lebens—“ „Bewahre!“ fiel Monſieur Flandron grinſend ein, während er dem Fernrohre ſammt der Schraube eine ——õ—ꝭ—ꝭ—ʒ—ʒ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ʒ—ñõ— ··· ra m 11 raſche Drehung nach links und rechts gab.„Ich bezog mich nur auf Ihr Syſtem von dem Brod⸗ und—“ „Upasbaum.“ „Nein— Manzanillobaum.“ „Erlauben Sie, Upasbaum— Upasbaum! Der Manzanillo iſt zwar gleichfalls giftig, aber der Bota⸗ niker zählt die Hippomane unter die Euphorbiaceen und ich habe, wie ſchon erwähnt, meine beſondern Gründe, auf dem Artocarpus zu beſtehen. Die innere Familienverbindung— das myſtiſch Symboliſche. Es muß Sie als ehemaligen Erzieher beſonders intereſſiren, wie ich das Alles entwickle. Wenn Sie einen Blick thun wollen—“ „Gewiß, ſobald ich hier fertig bin. Das Per⸗ ſpectiv iſt weit beſſer als mein Plößl. Man muß durch daſſelbe den ſchärfſten Einblick gewinnen in—“ „Den Sternenhimmel“, ergänzte der Pater. „Nein— oder doch ja“, kicherte der andere und drehte ſich die zuſammengeklebten Spitzen ſeines tief ſchwarzgefärbten Bärtchens verwegen nach aufwärts. „Es gibt Fixſterne, Wandelſterne und—“ „Planeten.“ „Nein, mon cher— Augenſterne, hahaha! Augenſterne.“ Pater Aloiſius hatte ſeine Mappe in der Mitte 12 auseinandergeſchlagen und auf den beiden Blättern zeigte ſich eine wunderliche Zeichnung in doppelter Aus⸗ führung. Es ſah ſich wie ein Stammbaum an, Alles war dicht beſchrieben und in den Aeſten und Ver⸗ zweigungen hingen überall Täfelchen mit Inſchriften oder auch die letzteren erſt erwartend. „Aber das liegt ja Alles ganz nahe, dazu braucht man kein Fernrohr, das heißt, was die Erkenntniß des Syſtems betrifft“, ſagte der Autor deſſelben, der mit geheimnißvoller Feierlichkeit den Zeigefinger, welcher das Syſtem bedeutete, an die Naſe gelegt hatte, wo er dieſelbe entlang einen ſymboliſchen ſtaubigen Ge⸗ dankenſtrich hinterließ.—„Die eine Wurzel haben beide Stämme gemeinſam, die andere reicht rechts beim Brodbaum in den Himmel, links beim Upas in die Hölle und vierfach theilt ſich dieſer wie jener in die Hauptäſte. Die Seelenlehre, rechts in Philoſophie, Metaphyſik und Religion veräſtelt, die ſich wieder in Chriſtianismus und Naturreligion verzweigt, wie links vom Upasbaum in Aberglauben und Unglauben, und weiter in Paganismus, Atheismus u. ſ. w. Fürs zweite das Geiſtesleben mit den verſchiedenen Fächern des Gymnaſial⸗ und Univerſitätsſiudiums, dann das Hand⸗ werk oder, wie ich beſſer ſagen möchte, das Wiſſen der Hände und zuletzt die Daſeinskunde, natürlich ————ÿõ——-— ——— 13 Alles, was zur Exiſtenz, zur leiblichen Wohlfahrt oder zur Schädigung des Körpers gereicht. Sehen Sie, Alles findet ſeinen Platz“, rief er triumphirend, indem er aus den nach rechts gelegenen Abtheilungen eins der zahl⸗ reichen, zwiſchen die beſchriebenen Seiten eingeſchobenen Druckblätter hervorzog.—„Eine Ankündigung der beſten Waldwolljacken und hier zur Linken— dem Gifte des Upasbaumes entſprechend und dem Geiſte der Lüge entquellend— ein Mittel zum Schwarzfärben ergrauter Haare.“ 1 Der Franzoſe ſchoß einen giftigen Blick herüber und murmelte etwas, wovon blos das Wort„enfers“ ver⸗ ſtändlich war, faßte den Pater am Aermel und zog ihn an das Fernrohr, das er nunmehr gegen das Fenſter oorgerückt hatte.—„Laſſen Sie jetzt den Plunder, Pater, und ſchauen Sie einmal durch dieſe Gläſer, die ſind klarer als die Ihrigen und zeigen eine reale Welt.“ „Plunder! Plunder!“ Die Mienen des Syſte⸗ matikers drückten nacheinander Erſtaunen, Entſetzen, Geringſchätzung und gleich wieder tiefſte ſittliche Ent⸗ rüſtung aus, worauf aber der letztere nicht im geringſten achtete, da er die mottenzerfreſſenen Vorhänge, aus denen ſich ein Heer von Spinnen flüchtete, von den Klammern löſte und ſie ſo zuſammenzog, daß nur das Objectivglas des Inſtrumentes zwiſchen ihnen ins Freie —— 3. * —— — 14 ſah, der Pater jedoch, den er, halb mit Gewalt, ſchließ⸗ lich doch an das Ocular poſtirt hatte, hinter denſelben verborgen blieb. „Wir haben ſo ziemlich ein und daſſelbe Auge. Nun, was ſehen Sie?“ „Eine— ein— eine— ja, es muß ein Fenſter⸗ rouleau ſein.“ „Ah! da haben Sie das Ding richtig verrückt. Ich habe es doch tiefer auf das offene Fenſter geſtellt. Warten Sie!“ „Aber Plunder— erlauben Sie mir— Plunder iſt das nicht, womit ich mich befaſſe, was ich mir zur Lebensaufgabe geſetzt. Da könnte man eher die Dinge, womit Sie ſich jetzt beſchäftigen—“ „So!— Und was jetzt?“ Monſieur Flandron hörte gar nicht auf die grollen⸗ den Auseinanderſetzungen, er duckte mit der einen Hand des Paters Schulter, indeß die andere deſſen Kopf ohne viele Umſtände an das Glas ſchob. „Ich glaube, ein Nähkörbchen.“ „Ah!“ „Ja, jetzt ſeh' ich's ganz deutlich. In der That ein vortreffliches Inſtrument.“ „Und jetzt?“ Das Perſpectiv hatte einen Ruck ge⸗ macht. Der Pater hob und ſenkte die Brauen, neigte ——õ——— —— —— 15 den Kopf und zeichnete ſich einen grauen Strich wie die Ahnung eines Schnurrbärtchens an den rechten Mundwinkel. „Ah! o! wieder ein Fenſter“, ſagte er,„und ein Blumenſtock darin, ich meine, es iſt eine Myrte.“ „Tiefer, tiefer im Zimmer! Iſt denn kein weib⸗ liches Weſen da?“ „Weibliches?— Ja, in der That, eine Katze. Sie hat ſich im Abendſtrahle geſonnt; jetzt ſteht ſie auf und macht einen Buckel.“ „Ach was Buckel! Und jetzt?“ „Drehen Sie doch nicht ſo raſch! Nun ja, den Gaſſenladen, einen Zuckerhut, die Wage— einen alten braunen Rock.“ „Hängen Sie ihn an den Kuhmilchbaum.“ „Den Upasbaum, wollen Sie ſagen.“ Und alsfalle ihm jetzt erſt ein, daß man ſich wohl über ihn luſtig mache, erhob ſich der Pater aus ſeiner gebückten Stel⸗ lung und ließ ſeine Miene in allen Regiſtern vernich⸗ tender Mißbilligung ſpielen.„Ich glaube gar“, fuhr er fort,„Sie wollen mich zum Narren haben, Monſieur Flandron. Was ſoll ich mit dem Inſtrumente? Das Judenhaus drüben kenne ich ſchon ganz genau und ſehe es übrigens mit unbewaffnetem Auge ebenſo gut.“ 16 Er theilte dabei die Vorhänge, was der ohnehin zweifelhaften Reinlichkeit ſeiner Hände nicht ſehr zu ſtatten kam, dafür aber dem durch ſeinen Zeigefinger repräſentirten Syſtem ein ungemein ehrwürdiges, mit dem Staube von Jahrhunderten umhülltes Anſehen verlieh, das die Geberde weſentlich unterſtützte, mit der er nach dem„Judenhauſe“ hinwies. Es ſtand ſchräg über dem Dorfplatze und erſchien in der That nicht als ein ſehenswürdiges Gebäude, wenn es auch im Ganzen keinen unfreundlichen Ein— druck machte. Die gelbgetünchte Mauer war von zwei Reihen ſtattlicher Fenſter durchbrochen, deren untere mit verſchiedenen Handelsartikeln gefüllt waren, wie ſie eben in einen Dorfkramladen gehören. Die Thür zu demſelben, an dem einen Ende des Hauſes, ſtand offen, eine zweite am andern Ende war zu und hier ſchloß ſich ein ziemlich ausgedehnter Garten an das Gebäude, der wieder von einer Hecke und den hohen Gebüſchpartien eines Parkes begrenzt war, hinter dem in der Ferne bewaldete Berge aufſtiegen. „Warum nicht lieber nach Hartberg hinüberſchauen?“ meinte der Pater.„Ich glaube, der weiße Punkt dort muß die Kirche ſein und links davon iſt dann das Schloß.“ —————[— 17 „Wie ſagt Ihr Dichter? Warum in die Ferne ſchweifen, ſieh, das Schöne—“ „Liegt ſo nah'.“ „Na, diesmal mögen Sie Recht haben“, grinſte Mon⸗ ſieur Flandron, indem er ſich die Hände rieb und da⸗ bei die Manipulation überſah, mit welcher der Pater das Fernrohr auf dem Geſtelle wendete,„oder viel⸗ mehr Schiller hat Recht, und ſo ſollten Sie das In⸗ ſtrument eigentlich als Nahrohr verwenden. Oder wiſſen Sie mir etwas Schöneres als die ſchöne Judith?“ „O, Judith Tauber?“ wiederholte der Pater, in⸗ dem er raſch auffuhr. Seine Brauen kämpften mit der Mißbilligung, die ſie niederziehen wollte, der Mund vermochte das vergnügte, beifällige Lächeln nicht zu bewältigen, und ſo entſtand ein gewaltiges krampf⸗ haftes Zuſammenziehen und Auseinanderlaufen der Stirnrunzeln, die ein mahnender Strich des Syſtems zwar nicht feſtbannte, aber doch tiefer ſchattirte. End⸗ lich zwang das Gefühl geiſtlicher Würde die Lippen zu einem erwägenden Zuſpitzen, und ſo kamen wie aus einem Gewehrlaufe die Worte:„Ich ſollte doch denken, die Gräfin oder Comteſſe Lilly—“ „Das denken Sie aber nicht, Sie Heuchler!“ fiel der andere kichernd ein.„Zudem ſind die beiden in Hart— ) Byr, Larven. I. 2 18 berg und durch das beſte Fernrohr nicht zu ſehen. Schön Judith aber iſt hier und Dank einer kleinen Indiscretion der Vorhänge bei den intimſten Toilet⸗ ſien tengeheimniſſen zu belauſchen. Hahaha! Was gucken Sie denn? Wäſſert Ihnen der Mund, mon cher der abbé?“ ſel „Sie beurtheilen alle Welt nach ſich ſelbſt, Mon⸗ ſieur Flandron. Sie wiſſen, daß ich lebenslang be⸗ der müht bin, zwiſchen Upas- und Brodfruchtbaum ſtreng ſug zu unterſcheiden.“ ttr „Dieſe Unterſcheidung habe ich mir nie ſauer werden laſſen und mich dennoch wohl dabei befunden“, brüſtete ſich der Franzoſe, der ſeinen Schnurrbart keck aufwirbelte.„A votre aise. Schauen Sie nach Hart⸗ ei berg hinüber, ich ſuche mir die Judith auf. Von meinem d Fenſter aus iſt es immer etwas ſchwierig geweſen ſch und mein Plößl zeigt nicht ſo gut. Aber von hier in iſt der Ausblick überaus günſtig, und die Vorrichtung, d die ich angebracht habe, erlaubt bei feſter Unterlage pe das bequeme Nachrücken. Es war wirklich ein kluger ſc Einfall von Ihnen, die Schlüſſel zum Obſervatorium h zu verlangen, ich hätte gar nicht daran gedacht. Wir ſch könnten uns die Zeit, bis der Baron von der Jagd de zurückgekehrt, gar nicht angenehmer und nützlicher ver⸗ d treiben als mit—“ Co 19 „Aſtronomie?“ „Nein— ſpeciell mit Sternguckerei“, lachte Mon⸗ ſieur Flandron. „Wie ſchön die Kirche von Hartberg daliegt“, meinte der Pater, dem es gelungen war, das Perſpectiv zu ſtellen. „Ach, gehen Sie mir mit Ihrer Kirche“, ſpottete der andere frivol.„Ich will lieber nach der Synagoge ſuchen.“ Und damit machte er ſich ſelbſt an das In⸗ ſtrument, von dem der Pater willig wich. „Was das Nützliche betrifft“, ſagte dieſer,„ſo muß ich es doch noch in Frage ſtellen. Ich habe ſchon eine nützliche Beſchäftigung hier, von der ich mich durch Sie nicht abbringen laſſen ſollte. Ich gedachte heute den Artikel Sternenkunde abzuſchließen, aber es iſt ſchwieriger— weit ſchwieriger, als ich dachte.“ Der ungeheure Bogen der Augenbrauen ſtellte ſymboliſch die nahezu unüberwindliche Schwierigkeit dar.„O, weit ſchwieriger! Aſtronomie und Aſtrologie, das ordnet ſich ſo gut unter, links die Horoſkope, die Himmels⸗ tafeln u. ſ. w., rechts alle die Berechnungen und wiſſen⸗ ſchaftlichen Erörterungen, aber was fängt man mit den Autoribus an?— Upas oder Brodfrucht? Mit den neuen geht's ſchon. Auch mit Galilei ſtehe ich klar; Copernicus ein Stern unter Sternen! Aber da haben 2* 4 1 1 8 6₰ ₰ 7 * —— 7 ——— 20 Sie Cardanus, Tycho de Brahe und vor allen Kepler, den berühmten Johannes Kepler, dem die Gegenwart ein Monument errichtet hat, der Copernicus eigentlich erſt in Ziffern und Zahlen überſetzte, ohne den ſelbſt Newton— kurz, was ſagen Sie zu Kepler? Kann ich ihn in zwei Theile ſchneiden und die aſtronomiſche Hälfte rechts und die aſtrologiſche links für den Upas—“ „Suchen muß man!“ frohlockte Monſieur Flandron. Der Pater wiegte nachdenklich den Kopf. „Suchen? Ja, wo aber? Bei Aſträa etwa? Die unter die Sternbilder verſetzte Göttin der Gerechtig⸗ keit wäre allerdings die Perſon dazu, Beſcheid zu geben, wenn ſie nicht ſelbſt unter die Rubrik Mytho⸗ logie fiele, alſo auf die Seite des Upas.“ „Ah, kommen Sie mir noch einmal mit Ihrem Upas⸗ baum und leugnen Sie mir, daß ſie ſchön iſt, Sie Ketzer! Da ſehen Sie ſich la charmante ſelbſt ein⸗ mal an!“ „Wen? Aſträa?“ „Wäre nicht übel der Name“, ſchmunzelte Monſieur Flandron, indem er ſich die Hände rieb, noch einen Blick durch das Fernrohr warf, das er aus der Ent⸗ fernung mehr in die Nähe nach abwärts gerichtet hatte, und dann den Pater vor das Glas ſchob. & 21 „Ah!“ machie dieſer. Aha! nicht wahr, ah! Jetzt wünſchen Sie ſich ſelber auf ein Viertelſtündchen unter den Upasbaum oder vielmehr in die Heckenroſenlaube am Tannenbos⸗ quet? Iſt doch nicht ſo übel, daß der Jude ſo zähe iſt und ſein Stück Garten nicht an den Baxon ver⸗ kaufen will; wo wäre die durchſichtige Laube? Jetzt ſtünde ein neues Ananashaus an ihrer Stelle, und was ſind alle ſüßen Früchte der Welt gegen die ſchöne Judith! Laſſen Sie jetzt wieder einmal mich an die Reihe, ich möchte doch ſehen, was ſie treibt.“ „Gleich, gleich.“ „Ach, Sie Schäker! Wirkt das Gift ſchon, das alles Lebende einathmet, ſobald es in den Duftkreis des Manzanillobaumes tritt? Nicht wahr, das Inſtrument iſt gut, zum Greifen nahe iſt ſie, oder ſagen wir lieber, — zum Küſſen.“ Der feurige Franzoſe ſtrich vorſichtig ſein Bärt⸗ chen in die Höhe, und war es eine unwillkürliche Re⸗ flerbewegung der Muskeln oder der Ausdruck ernſter Mißbilligung im wechſelnden Mienenſpiel, die Lippen des Paters ſpitzten ſich in auffälliger Weiſe. Bedenklich war es jedenfalls, ein Zeichen vollkommen abſorbirender Beſchäftigung, daß er ohne Widerſpruch, ja ohne es nur zu bemerken, den Manzanillo für den 4 1 3 3 1 8 * 5 —— 22 Upasbaum hingenommen. Immer feſter drückte er ſich an das Inſtrument, als beabſichtige er, ſich daſ⸗ ſelbe in dem Bogen der rechten Augenbraue feſtzu⸗ ſchrauben, immer ſpitzer ſchoben ſich die Lippen vor, bis ſie plötzlich mit einem Laut auseinander fuhren, wie ihn ein großer Fiſch hören läßt, der, um Luft zu ſchnappen, aus dem Waſſer ſchnellt. Gerade ſo war der Pater auch in die Höhe geſchnellt, entſetzt ſtand er da mit heftig zuckenden Mienen und Gliedern und mühſam ſchluckte er mehrere Male, ehe er nur die Worte hervorzuſtammeln vermochte: „Ein— ein— ein Kuß!— Ein Schnurrbart!“ Monſieur Flandron drängte ihn raſch vollends bei⸗ ſeite und legte ſein Auge an das Glas. „Was faſeln Sie von einem Schnurrbart?“ ſpöt⸗ tete er. „Er hat ihr einen Kuß gegeben“, erläuterte der noch immer faſſungsloſe Pater. „NVingtmille diables! Baron Gundaker!“ rief nun auch der zweite Aſtronom, überraſcht von der uner⸗ warteten Entdeckung am Sternenhimmel, aus. „Wie? Der junge Herr?“ fragte Pater Aloiſius, deſſen Beſtürzung womöglich noch wuchs. „Sahen Sie es denn nicht? Worüber ſind Sie denn alſo erſchrocken? Fühlten Sie ſich ſchamhaft be⸗ weg 23 wegt, Zeuge einer ſo ungeiſtlichen Handlung geweſen zu ſein, oder war es die Entrüſtung, zwiſchen ſich und dem Object einer Sünde im Geiſte einen Schnurrbart eingeſchoben zu ſehen?— einen Schnurrbart überhaupt — einen namenloſen Schnurrbart.— O, dieſe Sol⸗ daten!“ Monſieur Flandron ſchüttelte dabei die Fauſt in ohnmächtigem Neid und Grimm gegen das Fenſter, ohne ſein Auge jedoch vom Glas zu bringen.„Da, ſchon wieder! und noch einmal!“ rief er.„Wer weiß, wie lange das Gekoſe ſchon ſo fortgeht! Ja, keuſche Su⸗ ſanne, ſo weit ſind wir alſo! Das Plätzchen iſt ganz vortrefflich gewählt, das Tannenwäldchen auf unſerer Seite, die Laube auf der andern geſtatten eine un⸗ bemerkte Annäherung; die Hecke iſt ganz ſyſtematiſch durchbrochen, ſodaß man nichts bemerkt, er braucht nur die Zweige zurückzubiegen und hat Raum, den ganzen Kopf hindurchzuſtecken. Ei, ei, welche Zärt— lichkeit! Nun, der Herr Baron wird gehörig dazwiſchen⸗ fahren!“ „O Gott!“ jammerte der Pater mit gerungenen Händen.„Hätte ich nur nicht hindurchgeſchaut, hätte ich mich von meiner Arbeit nicht ablocken laſſen! Aber ich habe nichts geſehen als einen Schnurrbart, ich kann nicht beſchwören, wem dieſer Schnurrbart gehört. 14 4 . 1 4 1 —— 2 —— 24 Sie können mich nicht zum Zeugen aufrufen, das er⸗ kläre ich Ihnen, Sie können es nicht.“ „Und wer ſagt Ihnen denn, daß ich's will? Und wollte ich's, ſo können Sie ſich doch nicht entziehen Ich frage aber gar nichts darnach, gehört zu den Cava⸗ lierspaſſionen, ein kleiner Zeitvertreib, une liaison passagère. Wäre auch meine Sache, mais, mon Dieu, die Zeit, die Zeit— wir werden alt, Abbé— da, ſchon wieder eine Umarmung! Ich begreife nur nicht, wo der junge Herr zu ſo charakterloſen Sitten gekommen iſt. Hätte ihm das nie zugetraut, aber wie ſagen die Deutſchen? Stille Waſſer—“ „Gehen tief“, ergänzte der Pater nickend, ſtirnrunzelnd und mit den Fingern telegraphirend. „Nein, das Waſſer geht nicht, cher ami. O, o, o! wer hätte das gedacht! Baron Gundaker, der immer ſo ernſt ſcheint und die Naſe rümpft, wenn ich eine kleine pikante Geſchichte erzähle— nun, mein junger Herr, Sie ſollen diesmal ein wenig auf Kohlen ſtehen! Ach, die Speiſeglocke!“ Eine große Glocke, deren Ton im ganzen Hauſe und auch weit außerhalb deſſelben vernehmbar war, wurde anhaltend geläutet. Pater Aloiſius fuhr wie ein Kreiſel rathlos um ſeine eigene Achſe herum. „Das erſte Zeichen, die Geſellſchaft muß alſo ſto die endi das eine oba⸗ Ich laul 25 ſchon im Parke ſein“, ſtammelte er.„Wie ſchnell doch die Zeit vergangen iſt und ich habe noch nichts be— endigt!“ „Thut nichts! Für die nächſte Zeit erklären wir das Obſervatorium für unſer Hauptquartier. Ich fühle eine beſondere Vocation in mir für aſtronomiſche Be⸗ obachtungen und ſo können Sie auch heraufkommen. Ich werde mich Ihrer annehmen. Ach! in der Upas⸗ laube hat man das Signal ebenfalls vernommen, ſo — noch ein Abſchiedskuß! Ah sapristi! Welches Feuer in dieſen ſchwarzen Augen! Die Jugend hat kein Blut mehr in ſich! Da iſt er fort— ich hätte mich zu meiner Zeit von einem ſolchen Lippenpaare nicht losgeriſſen, bis ich ſie blaß und eiskalt geküßt. Kein Blut in der Jugend— hélas, wenn ſie wüßte!“ Mit einem Seufzer, der die Ergänzung:„und wenn das Alter könnte“, hinzugab, verließ der greiſe Jüngling ſeinen Beobachtungspoſten und ſchlurfte in den weichen Tuchſchuhen, die ihm ſeine Gicht auf— nöthigte, an das Fenſter, das er zu ſchließen begann, als herauftönender Hufſchlag ſeinen noch immer dem Garten zugewandten Blick nach der andern Seite zog. Ueber den Dorfplatz ſprengten zwei Reiterinnen, von einem Diener gefolgt, der ein lediges Pferd an —— . ——— — 4 1 5 54 . F —— 26 der Hand führte. Monſieur Flandron wandte ſich ſo⸗ fort ins Gemach. „Die Herrſchaft von Hartberg!“ rief er mit ge⸗ ſchäftiger Eile.„Ich muß die Damen begrüßen; bringen Sie Alles in Ordnung, Pater, aber kommen Sie nicht zu ſpät zu Tiſche, Sie wiſſen, der Herr 74 Baron— „Kann es nicht leiden“, nahm der Pater mit allen Zeichen der Angſt den Schluß vorweg. „Nein“, grinſte der andere,„ſchickt Sie wieder fort und läßt Sie faſten“, und indem er den Bedrohten ſo noch hülfloſer und linkiſcher gemacht, verließ er das Gemach und eilte, ſo raſch es ihm ſeine Beine ge— ſtatteten, die Treppe hinab. Pater Aloiſius telegraphirte ihm Allerlei nach, wendete ſich rechts, wendete ſich links und trat dann erſt noch vor das Perſpectiv, durch das er einen langen und ſpähenden Blick warf— aber die Laube war leer. Langſam erhob er ſich wieder. „Und eine Jüdin— eine Jüdin! O!“ klagte er dann, die Hände über dem Kopfe ringend und darauf mit ihnen bis zu den Knieen niederfahrend, als ſei er eifrig daran, einen Brunnen auszupumpen.„Eine Jü⸗ din— o!“— Dann ging er zum Tiſche, ſchlug verächt⸗ lich die Mappe zu, die das Werk ſeines ganzen Lebens enthie und ſ neinen ganze 27 enthielt, runzelte die Stirn der Kreuz und Quer, hob und ſenkte die Brauen ganz erſchrecklich, wackelte ver⸗ neinend mit dem Kopfe und ſeufzte wehmüthig leiſe:„Die ganze Welt gehört unter den Upasbaum!“ — — ⸗C——— — ——— ———— 4 h — — — Zweites Kapitel. Das Herrenhaus zu Dreibuchen ſtand an dem großen Platze, an welchem wie im Scheitel eines rech— ten Winkels die beiden Gaſſen zuſammenliefen, aus denen das unſcheinbare Oertchen beſtand. Schloß nannten die Einwohner deſſelben in altgewohnter Ehr⸗ erbietung gegen die ehemalige Grund- und Gerichts⸗ herrſchaft das graue Gebäude, das mit ſeinen zwei Oberſtockwerken und dem an der nördlichen Giebelſeite angebauten unförmlich abgeſtutzten Thurme die andern Häuſer des Dorfes weit überragte und durch die wei⸗ ten ausgebauchten Eiſengitter an den Fenſtern des. Erdgeſchoſſes das Ausſehen abgeſchloſſener Feſtigkeit und ſtädtiſcher Vornehmheit erhielt, wenn es auch ſonſt durch ſeine ſchlichte Bauart der anſpruchsvollen Be⸗ zeichnung nicht ganz entſprach. benu ginn Rech 29 Hinter dem Herrenhauſe lag ein Park und an der Südſeite der Wirthſchaftshof, hinter dem ſich ein wohl⸗ gehaltener großer Küchengarten ausdehnte. Von dem Wirthſchaftshofe führten drei Stufen zum Hofeingange, von welchem ein Corridor der Länge nach durch das ganze Haus bis zu dem unterſten als Vorrathskammer benutzten Thurmgemache lief und gleich in ſeinem Be⸗ ginne die Treppe nach den oberen Stockwerken zur Rechten hatte. Hier im Hofe vor der Hausthür fand Monſieur Flandron, wie er erwartet hatte, die kleine ſo eben heimgekehrte Jagdgeſellſchaft, die im Begriffe, ins Schloß zu treten, mit den gleichzeitig im offenen Hof⸗ thore erſcheinenden Reiterinnen zuſammengetroffen war. „A merveille!“ rief die eine ſofort, als er auf der oberſten Stufe auftauchte, und ſtreckte ihm freund⸗ lich winkend die in zartes graues Wildleder gehüllte Hand entgegen, die er zu ergreifen und an ſeine Lip⸗ pen zu ziehen beeilt war.„Da kommt ja unſer Freund Flandron. Ich glaubte ſchon darauf verzichten zu müſſen, Ihnen heute einen guten Morgen zu wünſchen. Immer fleißig, immer beſchäftigt? Sicherlich gerade von der Drechſelbank? Was ſchafft ſie Neues? Haben Sie auch an meinen Haspel gedacht?“ „Er iſt vollkommen fertig, gnädige Gräfin. Ich 4 4 1 E 1 8 6 4 2 — 30 hoffe, daß er zur Zufriedenheit ausgefallen“, lispelte Flandron in ſeiner liebenswürdigſten und zugleich tief ehrerbietigen Weiſe.„Ich werde mir erlauben, ihn morgen nach Hartberg mitzubringen“ „Aber keinen zu hohen Preis, keinen zu hohen Preis!“ lachte die Gräfin, indem ſie den in tiefer Verbeugung Schmunzelnden mit der indeß aus der Zügelhand geholten Reitgerte halb mahnend grüßte. Dann wieder dem Hausherrn, mit welchem ſie früher geſprochen, zugewendet, fuhr ſie anmuthig lächelnd fort: „Wie freue ich mich, Sie wieder einmal bei mir zu ſehen! Mir erſcheint es eine Ewigkeit ſeit dem letzten Male. Nun iſt ſchon zweimal unſer Tag ausgefallen. In der letzten Woche war ich nicht ganz wohl und in der vorhergehenden hatten wir einige Einkäufe in der Reſidenz zu beſorgen, wie ich Ihnen ſchrieb. Ich komme heute eigens, Sie noch einmal aufs feierlichſte zu mahnen, damit Sie nicht vergeſſen.“ „Deſſen hätte es bei einem ſo getreuen Verehrer nicht erſt bedurft“, ſcherzte ein hoher, etwas ſtarker Jägersmann, der ſich eben auf das vom Reitknecht mitgebrachte Handpferd geſchwungen, indem er ſeine Zügel ordnete. „Oho!“ erwiderte der Baron, der auf der unter⸗ ſten der gold Cre Sie eine nem Nac Nac ſten Treppenſtufe unmittelbar neben dem edlen Pferde der Gräfin ſtand und leiſe ordnend mit der langen goldrothen Mähne deſſelben ſpielte.„Es ſcheint, daß Excellenz mir nicht einmal dieſen Beſuch gönnen, wie Sie mir Ihre eigene Gegenwart entziehen, nachdem ich einen Augenblick gehofft, auch die Frau Gräfin an mei⸗ nem Junggeſellentiſche bewirthen zu dürfen. Schlechte Nachbarſchaft, Excellenz, Eiferſucht und Neid! Schlechte Nachbarſchaft!“ Der hohle Ton, in dem die derb ſcherzhaften Worte vorgebracht worden waren, erſtickte in einem kurzen kollernden Huſten. „Ein andermal, ein andermal! Wir haben es gut, lieber Freund!“ meinte der andere, indem er den ſchö— nen ausdrucksvollen Kopf ein wenig zur Seite warf, als ſuche er damit einen beengenden Druck der Cra⸗ vatte zu beſeitigen.„Für heute war es ſchon mit dem Abholen abgemacht, nur hatte ich allerdings keine Idee, daß mir die angenehme Geſellſchaft meiner ver⸗ ehrungswürdigen Couſine und Irenens auf dem Nach⸗ hauſeritt zu Theil werden würde.“— Er verbeugte ſich dabei leicht und galant gegen die Gräfin.„Zurück muß ich bei Zeiten, da es ſehr möglich iſt, daß im Laufe des heutigen Nachmittags Nachrichten von Se⸗ reniſſimus eintreffen über den beabſichtigten Zeitpunkt 1 4 4 3 * —— — 5 — 32 der Rückkehr von Kreuznach, die ſofort Anordnungen nöthig machen könnten.“ „Ach, Sie wiſſen gar nicht, lieber Baron Werden⸗ berg, in Ihrer glücklichen ſelbſtſtändigen Landeinſamkeit, welch ein geplagter Menſch ſo ein beneideter und ver⸗ leumdeter herzoglicher Hofmarſchall iſt“, lachte die Gräfin mit einem neckenden Seitenblick aus ihren ſchö⸗ nen Augen nach dem Reiter.„Wir wären total ver⸗ nachläſſigt, wenn der Vetter nicht glücklicherweiſe ſehr gewiſſenhaft ſeinen Vormundſchaftspflichten nachkäme. Er läßt, wie Sie ſehen, Lilly thatſächlich nicht aus den Augen“, ſetzte ſie dann ernſter und faſt mit ein wenig Bitterkeit hinzu, und ihre großen Augen verloren den muntern Ausdruck, als ſie dem Hofmarſchall folg⸗ ten, der ſeinen großen Rappen mit ſicherer Hand wen⸗ dete und in leicht ausgeführtem Seitengange auf die zweite Reiterin zutreten ließ, deren jugendlich zarte Geſtalt ein wenig ſchüchtern auf dem unruhigen muthi⸗ gen kleinen Braunen ſaß, deſſen Stampfen und Schar⸗ ren bald in ein unfolgſames Zurücktreten und Heben der Vorhand ausartete, dem die zaghaften Verſuche keinen Einhalt zu thun vermochten. „Laß ihn die Gerte fühlen, Lilly, die Gerte! Und lockerer die Zügel“, mahnte der Hofmarſchall dringend, indem er ſelbſt ſein Pferd einen Satz vorwärts thun ließ und im nächſten Augenblicke ſchon mit ſicherer Fauſt in die Zügel griff.„Die Kinnkette iſt viel zu ſcharf eingelegt! Heinrich!“ Doch ehe der Reitknecht noch vom Pferde war, ſtand ſchon ein junger Mann, der ſich bis jetzt mit dem Förſter abſeits gebalten, vor dem Braunen, hatte die verdrehte Kette ausgehakt, verlängert und correct wieder eingehängt. Nachdem er die Stange prüfend ſachte angedrückt, hob er den Kopf, zog, einen Schritt zurücktretend, den Jägerhut nnd ſagte: „Jetzt ſtrotzt ſie nicht mehr. Die Comteſſe kann ganz ruhig ſein, das Pferd wird nun feſtere Anlehnung nehmen.“ Ein leiſes Neigen des Köpfchens dankte ihm und ein Blick aus den blauen Augen, ſo blau wie der vom Hütchen wehende Schleier. Der überſtandene Schreck färbte das feine Geſichtchen mit einem ſanften Roth und in dieſer Befangenheit und Verwirrung ſah das Mädchen ungemein holdſelig aus. Der Hofmarſchall klopfte den Braunen beruhigend auf den Hals und muſterte freundlich den Helfer in der Noth. „Wie ich ſehe, ſind Sie vollkommener Sportsman und auf jedem Felde zu Hauſe, wo wir uns begegnen. Es ſoll mich freuen, wenn dies öfter geſchieht“, ſagte Byr, Larven. I 3 1 1 1 F — 34 er und grüßte wohlwollend, was der Angeſprochene mit einer tiefen Verbeugung erwiderte, und wandte ſich dann wieder dem Hausherrn zu, der den kleinen Vorfall mit angeſehen, dabei ſuchende Blicke unter ſeinen bu⸗ ſchigen Brauen hervor nach allen Seiten geworfen hatte und nun mit dem Stocke, der ſeine ein wenig gebeugte Geſtalt ſtützte, in kaum verhehltem Unmuthe wiederholt aufſtampfte. „Auf morgen alſo, lieber Nachbar!“ grüßte die Gräfin, dem Baron nochmals die Hand bietend.„Es thut mir leid, daß ich Ihren Neffen nicht geſehen.“ „Der Teufel weiß, wo er ſteckt!“ brummte der Angeredete. „Das wird er uns morgen erklären müſſen. Wir dringen auf ſtrenge Verantwortung, ſagen Sie ihm das, Flandron“, ſcherzte die Gräfin und machte auch gegen die übrigen Herren eine grüßende Handbewegung, indem ſie den Goldfuchs ſchnell mit großer Gewandt⸗ heit herumwarf. „Und Sie bringen uns auch unſern jungen Tizian mit“, erinnerte der Hofmarſchall noch.„Ausreden werden nicht angenommen!“ fügte er halb gegen den Freiherrn, halb gegen den jungen Mann gewendet hinzu, dem er damit zum Abſchied noch einen Beweis ſeines Intereſſes gab. — Auch Comteſſe Lilly verneigte ſich ein wenig, doch, wie es ſchien, ohne einen der Herren einzeln anzublicken, da ihre Aufmerkſamkeit zu ſehr vom Pferde in Anſpruch genommen wurde. Dann ſprengten alle drei davon und der Reitknecht folgte ihnen. Der Hausherr war unter das Thor getreten und ſah den Fortreitenden nach, bis die wehenden Schleier um die Ecke des„Judenhauſes“ verſchwunden waren, vor dem eben eine ländliche Kutſche anhielt, die kurz vorher den Reitern beinahe den Weg verſperrt hatte, ſodaß es einen Augenblick geſchienen, als ob ein Zu⸗ ſammenſtoß ſtattfinden müſſe. Es war Alles gut ab⸗ gelaufen und in der Nähe mochte die Begegnung ſich vielleicht auch weniger gefährlich ausgenommen haben als aus der Entfernung, der Baron aber glaubte nichtsdeſtoweniger gegründeten Anlaß zu haben, ſeinem Mißmuthe Luft zu machen. „Verdammtes Judenpack!“ grollte er.„Muß ei— nem überall im Wege ſtehen. Arrogantes Volk! Ich glaube, der Kerl prätendirt gar noch, der Hofmarſchall mit den Damen ſolle ihm ausweichen!“ „Es iſt aber nicht Tauber; der Wagen iſt fremd“, warf Flandron, der dem Hausherrn gefolgt war, ſcheinbar beſänftigend ein; er wußte recht gut, daß ſein langjähriger Gönner und Freund im Aerger keinen 0„ 3* 1 — 4 121 3 1 3 8 18 1 2 —— 1 — v ———— 36 Widerſpruch ertrug und daß ein ſolcher, ſtatt zu be⸗ ſchwichtigen, ihn nur noch mehr aufreizte. „Ach was! Wird wohl irgendeiner von der Sipp⸗ ſchaft ſein“, rief er denn auch.„Um ſo ſchlimmer! Was haben die Spitzbuben hier zu ſuchen? Der eine zieht den andern her. Johann, die Glocke! Ich wollte, das ganze Hebräergeſindel—“ Was er wollte, blieb unverſtändlich. Das Gemur⸗ mel unter dem dichten überhängenden Schnurrbarte ging in einem Huſtenanfall unter und der heftig auf den Boden geſtoßene Stock allein verrieth, daß es mit dem Ausbruche nicht abgethan war, ſondern im In⸗ nern weitergährte. Es war dies ein eigenthümlicher Stock, auf den ſich der Freiherr bei ſeinem Gange durch den Corridor, den das zweite Glockenſignal zum Mittagstiſch durch⸗ gellte, kräftig ſtützte. Die Krücke war von einem Ham⸗ mer gebildet, wie ihn Geologen benutzen, und ſtatt des Eiſenſchuhs befand ſich ein kleiner Spaten am untern Ende, mit dem ſich der Erdboden, irgendein Maulwurfsloch oder auch der Stand der Feldfrüchte unter dem Schnee, der Knollengewächſe im Ackergrunde recht gut unterſuchen ließ. Man konnte von dem Stock ſchon auf Weſen und Treiben ſeines Trägers ſchließen. Er erfüllte aber auch den Zweck eines Blitzableiters, inde den bein 37 indem er den elektriſchen Funken des leicht auflodern⸗ den Unmuths in die Erde führte, wobei das Geräuſch beim Aufſtoßen große Aehnlichkeit mit dem Klappern des Telegraphenapparates hatte. Zudem war er auch ſonſt kein Luxusartikel für den gealterten, ein wenig ſchwer ſchreitenden Mann. Freiherr Erdmann von Werdenberg auf Dreibu⸗ chen ſtand nahe an den Siebzigen und hatte ſich ſein ganzes Leben lang wenig geſchont. Die urſprünglich kräftige, grobknochige Geſtalt war ausgetrocknet, und trug auch das Haupt noch ſeinen vollen dichten Haar⸗ ſchmuck, das ſtarr und kurz gehalten ſich erſt hin und wieder zu bleichen begann; ließ auch das ſcharfmarkirte, wie aus nachgedunkeltem Holze geſchnitzte Habichtsan⸗ tlitz, das tiefliegende, aber durchbohrend blitzende Auge die Jahre nicht abzählen, ſo gaben doch die eingezo⸗ gene Bruſt, die hohle Stimme, der häufig ſich meldende, zuweilen aber auch anhaltend dumpfe Huſten zu erken— nen, daß die markige Kraft der Mannesjahre, die in dieſem abgehärteten Körper gewohnt haben mochte, dem Greiſenalter bedenklich gewichen war.„Der ſchwarze Baron“ nannten ihn die Leute im Dorfe und darnach auch ſeine Bekannten, dafür bot der in Wind und Wetter tief gebräunte Teint noch immer Anlaß, doch aus dem„wilden Jäger“ und dem„Haſentod“, wie 4 21 4 1 64 8 —₰ —— —— — 5** 38 er ſonſt auch hieß, war trotz der noch immer unge⸗ zähmten Leidenſchaft für die Jagd allmälig mehr ein Heger und Pfleger des Wildſtandes geworden, den er ſonſt beinahe zu vernichten und auszurotten gedroht. Das Eiſen ſeines Spatenſtockes klirrte auf den Flieſen und Joſef, der dies Zeichen wohl kannte, be⸗ eilte ſich, den Lederſtrang der Glocke loszulaſſen und, die Thür öffnend, ſeinem Herrn das Gewehr abzu⸗ nehmen. „Die Suppe auf den Tiſch!“ befahl Baron Erd⸗ mann und trat in das Zimmer, deſſen beide Fenſter wie die Glasthür auf den Garten hinausgingen, deſſen Raſenplätze und Gebüſchpartien noch im unverſengten Grün des Frühherbſtes prangten. Das Gemach war geräumig und hätte mit den einfach weiß getünchten Wänden faſt kahl ausgeſehen, wenn nicht rings herum Glaskäſten mit Waffen, Mi⸗ neralien und andern Sammlungen, die meiſt auf Jagd und Landwirthſchaft Bezug hatten, geſtanden wären, auf denen wieder eine ganze Reihe ausgeſtopf⸗ ter Thiere Platz gefunden hatte. Selbſt von der Decke noch hingen in den Ecken Adler, Falken und Geier mit weit ausgeſpannten Flügeln und beuteluſtig trotzen⸗ dem Gewaff nieder, kaum blieb für den großen dunkel⸗ braunen Altväterofen und das etwa aus derſelben 39 Zeit ſtammende Canapee mit ein paar Tiſchen und Stühlen Raum übrig. Der Baron lehnte ſeinen Stock zu einer ganzen Familie von Stöcken, die allem Anſchein nach von ihm ſelbſt vom nächſten Haſelſtrauch oder Cornelkirſch⸗ baum geſchnitten waren, und ging dann links in ein anſtoßendes kleineres Gemach, das einer Rumpelkam⸗ mer oder Werkſtätte nicht unähnlich ſah, ſchaffte ſich einen Pfad in dem Durcheinander bis zu einer in der Ecke angebrachten Vorrichtung zum Händewaſchen und durchſchritt nach einigen Minuten wieder das Wohn⸗ zimmer, um durch die gegenüberliegende Thür in den Speiſeſaal zu treten. Man kannte zu genau die Gewohnheiten des Haus⸗ herrn und wußte, daß er nach einer Jagd unmittelbar zu Tiſche zu gehen liebte, ohne ſich und ſeinen Gäſten mehr als die allernothwendigſte Zeit zur Toilette zu gönnen; ſo waren denn auch ſchon alle verſammelt bis auf einen, deſſen Abweſenheit des Barons Auge auch ſofort bemerkte. Seine Miene verfinſterte ſich zuſehends „Gewartet wird nicht! Wer zur Stunde nicht da iſt, mag das Nachſehen haben. Setzen wir uns!“ ſagte er in ſeiner barſchen, die Gewohnheit des Befehlens 40 verrathenden Weiſe.„Mag der Henker wiſſen, wo der Burſche feſtgewachſen iſt!“ Monſieur Flandron warf dem Pater, der ganz ſchüchtern an der Thür ſtand, grinſend einen Blick zu, der ſagen wollte:„Wir beide wiſſen es ungefähr“, und der Entdecker des Syſtems vom Upas⸗ und dem Brod⸗ fruchtbaum machte ſeltſame Grimaſſen und verdrehte die Augen, als wenn er, bereits zum erſten Foltergrade verurtheilt, ſeine Standhaftigkeit und Verſchwiegenheit als Blutzeuge zu bewähren hätte. „Habe den Herrn Lieutenant an der Faſanenhege zuletzt geſehen“, meinte der Förſter, ein dem Anſehen nach ernſter, ſtiller Mann, pflichtſchuldigſt bemerken zu müſſen, da ja die Frage— und nur durch eine ſolche war er zum Reden zu bringen— auch an ihn gerich⸗ tet ſein konnte. „Gundaker wird vielleicht Kleider gewechſelt ha⸗ ben“, ſagte der letzte der Anweſenden, derſelbe junge Mann, der Comteſſe Lilly die kleine Hülfe geleiſtet, indem er gleich den andern ſeinen Platz am Tiſche ein⸗ nahm.„Er iſt bei den Erlenbrüchen ſtark ins Moor gerathen.“ „Da müßte er ja im Hauſe ſein und Joſef etwas davon wiſſen“, brummte der Baron, indem ein Blick 41 den Diener ſtreifte, der aber, als hätte er nichts ge— hört, die Suppe zu vertheilen fortfuhr. In dem Momente that ſich die Thür auf und der Gegenſtand der verſchiedenen Vermuthungen er⸗ ſchien auf der Schwelle und beeilte ſich— ſeinen Hut auf ein Seitentiſchchen werfend— den leergebliebenen Stuhl zwiſchen ſeinem Onkel und dem Förſter ein⸗ zunehmen. „So ſo, wo ſteckt man denn?“ murrte der Baron. „Ich dachte Dich vorausgeeilt, uns anzuſagen, ſtatt deſſen hinkſt Du nach. Haſt Dich wohl irgendwo ver⸗ ſchaut?“ Flandron rieb ſich zwiſchen den Knieen die Hände und warf dem Pater, der wie von einer glühenden Zange berührt aufzuckte und dabei den Löffel fallen ließ, einen fauniſchen Blick zu. Das Geräuſch lenkte des Barons Aufmerkſamkeit von dem um eine Antwort verlegenen Neffen ab. „Iſt Ihnen die Suppe zu heiß?“ rief der alte Herr heftig über den Tiſch.„Uebrigens können Sie ſich ein andermal auch reinigen, Pater, wenn Sie bei mir eſſen, verſtanden? Sehen gerade aus, als hätten Sie ſich vor hundert Jahren im Staube gewälzt und ſeither nicht mehr gewaſchen. Verderben einem ganz den Appetit.“ 4 2 2 4 1 — r* — 49 42 Wie die ſehnige dunkelbraune Fauſt mit den ſchwellenden Aderknoten auf das blendendweiße Damaſt⸗ tuch fiel, ſchien ſie nicht übel gewillt, den armen Sün⸗ der ſofort ſelbſt am Kragen zu faſſen und in die nächſte Kufe zu tauchen; kein Wunder, daß der Bedrohte mit allen Zeichen tiefer Kränkung, die er aufs anſchau⸗ lichſte mimiſch darſtellte, ſich erhob und entfernen wollte, woran ihn jedoch ein neuer Schlag auf den Tiſch verhinderte. „Dageblieben, wenn Sie einmal hier ſind ¹“ herrſchte ihm der Hausherr zu. Aber es klang gleich darauf viel milder, als er hinzufügte:„Gilt für ein andermal. Ein Stubenhocker hat nicht das Recht, ſchmuzig zu Tiſche zu gehen, wie ein hungriger Jägersmann, was, Reuter?“ Der Förſter nickte nur und ließ ſich bei der Suppe nicht ſtören. Der Frager bedurfte aber auch keiner Antwort. Der Schlag war gefallen, die Clektricität hatte ſich entladen und die Sonne ſchickte ſchon wieder die erſten Strahlen durch die abziehenden Gewitter⸗ wolken. Flandron fühlte die Stimmung ſogleich und nützte die Gelegenheit zu einem Scherze. „Dann haben wir diesmal eine begründete Ausrede, Herr Baron“, ſagte er.„Ich und Pater Sichel waren auch auf der Jagd.“ 43 „Oho! Habt Ihr Wild geſehen?“ „Ja freilich— durchs Fernrohr!“ Der Pater, dem ein Blick ſeines Peinigers ſchon die Daumenſchrauben anlegte, verſuchte nun durch ſein Minenſpiel eine Beſchwörungsformel auszudrücken. „Das iſt zu denken“, lachte der Baron,„denn näher kommen läßt Euch kein Märzhaſe, er müßte denn ſchlafen, und dann ſtolpert Ihr über ihn weg, ohne ihn erſt noch geſehen zu haben.— Nehmen Sie Senf zu der Forelle, Ulrich! Er macht Eſſig und Oel pikanter.“ Der junge Mann, der Gundaker gegenüber an des Hausherrn rechter Seite ſaß, befolgte den Rath lachend. „Es ſcheint, Herr Baron, Sie wollen ihn keinem von uns erlaſſen, da die Speiſenanzahl ſo ziemlich mit der Anzahl der Tiſchgenoſſen zuſammenfallen dürfte. Immerhin bin ich beſſer daran als der geiſtliche Herr. Die ſcharfe Würze paßt eher zum Fiſch als zur Suppe.“ Der Pater ſpitzte den Mund, als bedrohe er ſei⸗ nen Ritter mit einem Kuß, und ſein mimiſch⸗plaſtiſches Gehaben ſchien die Abſicht ausdrücken zu wollen, ſich aus Dankbarkeit noch ein wenig„im Staub zu wäl⸗ zen“, da es nun doch auf etwas mehr oder weniger nicht mehr ankam. Gundaker wurde dadurch noch 1 4 3 — * —— ——— r 4 — 44 lebhafter zum Lachen gereizt und ſelbſt der Baron blieb nicht ernſthaft. „Bin nun auch verſorgt. Das hat er gut weiter⸗ gegeben. Was, Flandron?“ ſagte er mit einem grol⸗ lenden Lächeln, das mehr in den Augen als um den Mund ſichtbar wurde, und der Aufgerufene grinſte vergnügt und warf einen wohlgefälligen Blick auf ſeinen jungen Nachbar. „Hoffentlich iſt damit der Vorrath verbraucht“, fuhr dieſer heiter fort,„und Niemand mehr in Gefahr. Wir bringen alle vortrefflichen Appetit mit und es bedarf wahrlich keines künſtlichen Reizes mehr.“ Die Worte waren ein wenig keck, doch mit einer gewiſſen liebenswürdig ſorgloſen Munterkeit vorgebracht, und der junge Mann ſchien der Einzige in dieſem Kreiſe, welcher dergleichen wagen durfte. Der Baron nahm den Scherz nicht übel. Barſch und tyranniſch wie er war, gefiel ihm der friſche Muth, ſolange der⸗ ſelbe mit der leichten Gewandtheit des Fleuretfechters ihm gegenübertrat und nicht mit den ſcharfen Schwert⸗ ſchlägen des Ernſtes ripoſtirte oder den ehernen Schild ſtarren Trotzes vornahm. Dieſen Charakterzug hatte der junge Mann mit natürlichem Takte wahrgenom⸗ men und ſo gelang es ihm denn faſt jedesmal, den zuweilen recht ſtachligen väterlichen Freund zu faſſen 45 und zu begütigen, wozu Gundaker wenig Geſchick hatte. Die beiden jungen Leute zeigten ſchon äußerlich die Verſchiedenheit ihres Weſens, und ſo geringfügig die Einzelnheiten auch auf den erſten Blick erſcheinen mochten, im Ganzen ergab ſich doch ein ſofort ins Auge fallender Unterſchied, der zu Ungunſten des Of⸗ fiziers ausfiel. Zeigte jede Bewegung des andern weltmänniſche Gewöhnung und natürliche Grazie, ſo war dagegen in ſeinen Geberden eine gewiſſe linkiſche Unſicherheit, die mit der entſchiedenen Kürze ſeiner Rede und ſelbſt mancher täglich geübten Bewegungen in ſcharfem Gegenſatze ſtand. Hätte man nach Auf⸗ treten und Benehmen urtheilen ſollen, ſo würde man wohl Baron Gundaker für ein Kind des Volkes und Ulrich Waldek für den Ariſtokraten genommen haben. Alles ſtimmte für dieſe Entſcheidung. Der ſorgloſen Schlichtheit der Kleidung entſprach des jungen Frei⸗ herrn körperliche Erſcheinung. Die mittelgroße unter⸗ ſetzte Geſtalt trug einen nicht gerade häßlichen, aber ohne alle Feinheit modellirten Kopf. Das widerſpen⸗ ſtige blonde Haar über der niedern und breiten Stirn, die feſten, faſt harten hellblauen Augen, der ſtarrende Schnurrbart und das kräftige eckige Kinn gaben dem Geſichte etwas Derbes, und die knochigen kurzen Hände 4 4 1 * 3 — —— † 46 mit der gerötheten rauhen Haut verſtärkten dieſen Ein⸗ druck, wie andererſeits die ſchlanken zugeſpitzten weißen Finger, die Alles ſo geſchickt und zierlich anzufaſſen wußten, die elegante, wohlgepflegte Erſcheinung Ulrich Waldek's ergänzten. Größer und vielleicht ſogar um ein Jährchen älter als der etwa in der Mitte der Zwanzig ſtehende Freund, ſah Ulrich doch jünger als derſelbe aus; das machte ſchon die ſchlanke, biegſame Geſtalt, die heitere Zuverſicht, die aus dem warmen braunen Auge glänzte und auf der freien Stirn thronte, um die ſich wellenförmig weiches braunes Haar ringelte. Das zierliche Bärtchen kräuſelte ſich anmuthig um die feingeſchwungene Lippe und in dem ruhigen Ebenmaße der Züge ſpiegelte ſich Frohſinn und Freimuth. Der plumpen, von irgendeinem Dorfſchneider gefertigten Kleidung ſeiner Tiſchgenoſſen gegenüber erſchien ſein Jagdanzug faſt zu geſucht, zu modern, in allen Einzeln⸗ heiten zu ſehr bedacht und auf den Eindruck der Ele⸗ ganz berechnet; hin und wieder brach aber aus ſeinen klaren offenen Augen ein ſo bedeutungsvoller Blick, daß ſelbſt der ſchärfſte Kritiker in ſeinem vorſchnell abgegebenen Urtheil bedenklich wurde, wenn er eben erſt geneigt geweſen, den in ſeiner Kleidung ſo über⸗ aus ſorgfältigen, in ſeinen eleganten Manieren ſo vor⸗ nehm nachläſſigen jungen Mann der Oberflächlichkeit 47 und Geckenhaftigkeit zu zeihen. Doch ſelbſt für das grämliche Auge, das die künſtleriſchen Gedanken, deren leiſe Wolkenſchatten zu Zeiten über die ſonnenhelle Stirn glitten, nicht erkennen wollte, bot Ulrich's Ge⸗ haben ſo viel Jugendfriſche und frohen Lebensmuth, daß die finſtere Mißgunſt daraus verſchwinden mußte. Der Liebling des Hauſes hatte nur nöthig gehabt, nach längerer Abweſenheit wieder in Dreibuchen zu erſcheinen, um ſofort das ungeminderte Maß von Gunſt in allen Herzen wiederzufinden. Selbſt der Ba⸗ ron erwies ſich von da an minder herriſch gegen ſeine Hausgenoſſen, und wenn er, wie eben jetzt, in ſeine mehr äußerlich polternde als innerlich bösartige Ge⸗ wohnheit zurückverfiel, ſo genügte ein dreiſtes Scherz⸗ wort von Ulrich's Lippen, den Wetterſtrahl unſchäd⸗ licher abzulenken, als es ſelbſt der famoſe Spatenkrück⸗ ſtock vermochte. Baron Erdmann zeigte auch diesmal unverhohlen ſeine zurückgekehrte gute Laune, und in einer bei ihm ſehr ſanften Weiſe brachte er zur Sprache, was ſeinen auf der Jagd ohnehin ſchon geweckten Unmuth ſo ſehr geſteigert hatte und unter andern Umſtänden dem Anlaßgeber ſicherlich in einer niederſchmetternden Sturz⸗ flut zugekommen wäre. „Du kannſt Dich bei Deinem Freunde bedanken“, 4 42 3 8 3 —— 48 ſagte er zu ſeinem Neffen,„wenn Dir die Vorwürfe erſpart bleiben. Biſt Dir übrigens ſelbſt im Lichte geſtanden. Warſt nicht da, als man Dich brauchte— ſo iſt ein Anderer für Dich eingetreten.“ „Als Reitknecht oder, wenn es hoch kommt, Stall⸗ meiſter“, ſcherzte Ulrich.„Bei einem ſo reizenden Ama⸗ zönchen aber, wie Comteſſe Lilly, läßt man ſich der⸗ gleichen gefallen. Ich wollte nur, es hätte mehr zu thun gegeben als blos das Einlegen einer Kinnkette, bei dem ich nur das eine Ende der Zügel berührte, die ſie am andern in Händen hielt; ſo eine kleine Lebensrettung oder dergleichen.“ „Immerhin haben Sie den Dank dafür geerntet, den ſich der künftige Hausherr auf Dreibuchen hätte verdienen ſollen, ſchon um der Honneurs willen, für die eines alten Mannes Kräfte nicht immer ausreichen.“ „Aber ich begreife Dich nicht, Onkel“, fiel Gun⸗ daker verwundert ein.„Hat Ulrich ſich dem kleinen Dienſte unterzogen, ſo iſt es gut, ſonſt aber hätte jeder halbwegs geſchickte Reiter die Sache ſelber in Ordnung gebracht oder doch der nächſtbeſte Reitknecht dazu aus⸗ gereicht, wenn ſich das Mädchen nicht zu helfen wußte.“ „Mädchen! Mädchen! Von wem iſt denn die Rede?“ grollte der Baron. „Nun, Comteſſen ſind doch auch Mädchen!“ ent⸗ gegnete Gundaker trocken, und Pater Aloiſius ging aus einer Miene ſtrafender Mißbilligung ſofort in die lächelnden Beifalls über, wobei ſein aufwärts gekehr⸗ tes Auge den Himmel aufzufordern ſchien, huldvoll dreinzuſehen, um aber alsbald wieder mit überwiegen⸗ dem ſchwerem Bedenken den Kopf zu ſchütteln, als der Baron die naturhiſtoriſche Erklärung ſeines Neffen mit einem:„Mädchen ſind Mädchen und Comteſſen ſind Comteſſen“, zu widerlegen für gut fand. „Und unterſcheiden ſich dadurch voneinander“, führte Ulrich mit ſcheinbar ernſter Wichtigkeit weiter aus,„daß erſtere von ſimplen Freiern, letztere aber von épouseurs heimgeführt werden.“ Gundaker ſtieß ein kurzes Lachen aus und wid— mete ſich dann wieder dem Inhalte ſeines Tellers Flandron aber nickte ſeinem Nachbar zu und meinte, die Erklärung ſei in der That feinſinnig. „So wäre es wirklich anſtößig“, fuhr er mit ei⸗ nem ſchlauen Blick, der von unten herauf Baron Gundaker traf, fort,„wenn auf einem Balle der gu⸗ ten Geſellſchaft eine Comteſſe zur andern ſagte: Heute ſind mehrere Freier da, Baron K., Graf N. ꝛc., wäh⸗ rend es ſich höchſt lächerlich machen würde, wollte man erzählen, daß ſo eben bei Tauber drüben ein épouseur vorgefahren ſei.“ Byr, Larven. I. 4 50 „Bei Tauber?“ Baron Gundaker richtete ſich raſch auf und bis über die Stirn ergoß ſich eine flüchtige Röthe. „Was? In dem Wagen?“ fragte der Baron.„Soll die ſchöne Judith heirathen? Wen denn?“ „Ich weiß nichts“, erwiderte Flandron achſel⸗ zuckend.„Ich ſetzte nur ſo den Fall.“ Gundaker athmete auf und bediente ſich aus der ihm eben ſervirten Platte mit einer zweiten ſo unver⸗ hältnißmäßigen Portion, daß er derſelben im Verlaufe des ganzen Mittagstiſches nicht Herr zu werden ver⸗ mocht hätte. „Sei der Kerl, was er will“, öffnete der Baron ſeiner Entrüſtung die Schleußen,„eine geſalzene Tracht Schläge hätte er verdient, ſo mit den Herrſchaften zu caramboliren! Die pfiffigen Spitzbuben wiſſen recht gut, warum ſie uns die Gerichtsbarkeit aus den Hän⸗ den gewunden haben.“ „Aber ſoviel ich weiß, war das ja ſeiner Zeit ein Act des geſetzgebenden Körpers“, wagte Gundaker einzuwenden, damit brachte er jedoch den Alten noch mehr auf. „Rede mir nicht!“ rief er dumpf.„Du als Of⸗ fizier ſollteſt am allerwenigſten ſo ſprechen. Geſetzge⸗ benden Körpers! Wo nahm denn der ſein Recht her 51 zur Geſetzgebung? Die Liberalen haben es gemacht, und wer ſteckt hinter den Herren Liberalen als die Judenpreſſe und das Judengeld? Lehre Du mich mit meinen alten Augen ſehen; ſind immer noch beſſer als die kurzſichtigen Lichter der heutigen Jugend. Mit dem Tauber habe ich mich bis jetzt noch vertragen, war ein anſtändiger Jude, das heißt, ſtahl und raubte nicht, hat auch keinen Kindermord auf der Seele und keine Hoſtienſchändung, betrog auch nur ſachte, daß man's nicht merkte. Aber das Volk wird alle Tage unver⸗ ſchämter. Wagt es, mir ſein Stück Garten zu ver⸗ weigern, und denkt nicht daran, daß er Garten und Haus und Exiſtenz und Alles den Herren von Drei⸗ buchen zu verdanken hat, die es ſeinem Altvater für ein paar kleine Dienſte in Gnaden abgelaſſen haben, damit man nicht um jeden Kram in die Stadt zu fahren brauche und der Seckelmeiſter in der Nähe ſei. Konnte den Nachbar, ſobald er ungelegen war, jeder— zeit wieder zum Teufel jagen, hat ſich aber inzwiſchen feſtgewachſen und dickgefreſſen und läßt ſich jetzt von ſeinem Uebermuthe kitzeln, der Herrſchaft den eigenen Grund und Boden zu verweigern, für den ihm oben— drein eine zehnmal ſo große Summe geboten wird, als er ſeinem Großvater einſt ſelber gekoſtet hat. Wenn das ſo fortgeht, wird noch die ganze Welt ein Palä 4* 4 4 1 5 * 4 — 5 —— 52 ſtina, und wenn ſie ſich alle ſchließlich Adelstitel und Boden gekauft haben, können wir Chriſten zur Abwechs⸗ lung mit dem gelben Tuchfleck herumlaufen. Gottlob, ich brauch's nimmer zu erleben!“ Der Pater hatte während der ungewöhnlich langen Rede bald dem Sprechenden, bald dem Förſter und Ulrich zugenickt, ſeine hochgehobenen Augenbrauen ſollten geſpannte Aufmerkſamkeit ausdrücken und der erhobene Zeigefinger bedeutete diesmal nicht das Sy⸗ ſtem, ſondern das Ausrufungszeichen hinter einem par⸗ lamentariſchen„Hört! hört!“, das er, längſt zur Rolle des Schweigens verwieſen, nur mimiſch laut werden zu laſſen wagte. Es war eine ungewöhnliche Erregung, die Gun⸗ daker heute immer wieder zur Gegenrede trieb. „Ich denke mir“, äußerte er,„daß es wünſchens⸗ werth iſt, wenn dieſes Volk, das nun einmal inmitten unſerer Nation lebt, in derſelben aufzugehen ſtrebt.“ „Das wird lange brauchen!“ meinte Ulrich. „Lange?“ rief der Baron und brach dann in ein unheimliches, im Huſten untergehendes Lachen aus. „Utopiſten, die Ihr ſeid! Lebt erſt ſo viele Jahre als ich und Ihr werdet ſehen, daß von einem Aufgehen gar keine Rede ſein kann, wenn Euch das nicht ſchon Euer Inſtinkt ſagt. Aufzugehen ſtreben! Wer ſtrebt? 53 Fällt ihnen gar nicht ein, am allerwenigſten jetzt, wo ſie ihren Hauſirerkarren einmal ſo weit haben. Ja, vor zwanzig, dreißig Jahren noch war es einzelnen darum zu thun, oder ſie thaten wenigſtens ſo, heute aber denkt nicht der ſchmuzigſte Schacherjude mehr daran. Heute machen ſie die Geſetze und die Geſetze ſie zu Herrſchern. Steht nur ruhig da, die Hände gutmüthig in den Taſchen, und ſeht zu, und es wird gar nicht lange dauern, ſo könnt Ihr dann auch fer⸗ ner das Zuſehen haben. Was iſt denn der ganze Li⸗ beralitätsſchwindel anders als die allmälige Umkeh⸗ rung der Weltordnung? Was oben war, ſoll herunter und, was unten war, obenhinauf kommen. Und es geht, es geht recht ſchön und erbaulich. Die Herren Judenbuben ſind ſchon ganz erſtaunlich hochoben und wir— na, wir haben es gerade ein wenig beſſer als unſere Haſen und Rehe. Das iſt gleich eins für viele Beiſpiele. Die Herren Israeliten lieben es nicht„zu ſpielen mit Schießgewehr“, es könnte losgehen nach rückwärts, beſonders ſeit der Erfindung der Hinterla⸗ der. Na, beiläufig geſagt, mir taugt auch mein alter Doppeldrahtlauf, für den ich mir die Ladung nicht vorſchreiben laſſe, ſondern nach Umſtänden ſelber zu⸗ meſſe, beſſer. Die aber, von denen ich rede, verachten das neuartige Gewehr nicht aus gutem altem Jäger⸗ 4 4 1 3 . 1 * A —y — 5 —— 4 54 brauch, ſondern weil ihnen die Feder lieber iſt und, ſtatt Pulver und Schrot, Tinte und Streuſand, die auch ausreichen bei einem Treiben auf Actien. Da braucht's allerdings kein ordentliches Jagdgeſetz, kein Forſtſchonungsgeſetz und dergleichen. Es iſt Alles eins, wenn auch Alles zerſchoſſen und vernichtet wird. Sie erfinden dann vielleicht eine Art künſtliche Wildzüchtung. Was, Reuter?“— Und nach einem kurzen böſen Lachen, auf das der Förſter nur mit düſterem Kopfnicken ge⸗ antwortet hatte, fuhr er fort:„War früher die ganze Jagd bis an die Wolfsfalle unſer, der günsdorfer Wald gehörte natürlich auch dazu, war ja Günsdorf dreibucheniſch, und ſo ſtieß unſer Gehege mit dem her⸗ zoglichen zuſammen, hier wie dort galt gute Schonung und ſo war's eine Freude. Dann kam die Loslöſung der Gemeinden von den Herrſchaften. Der günsdor⸗ fer Wald wurde zur Pacht ausgeſchrieben mit dem ganzen Gemeindegebiet und den nächſten Gemeinden und dem Herrn Fabrikanten oben am Günsfalle zuge⸗ ſchlagen, weil es hieß, daß er nun einmal Beſitzer des Waldflecks werde, da weder die Domänenverwaltung noch ich die abſeits liegenden und unergiebigen Ge⸗ meindewieſen und Aecker mitpachten wollte. Na, Ihr habt's ja heute geſehen, was daraus geworden! Ein ſchönes Stück Wald iſt als Rauch in die Luft gegangen 55 und zwiſchen meinem und dem Staatsforſt klafft eine Lücke, in der alles Wild—“ „Spurlos verſchwindet“, beeilte ſich der Pater, da eine kleine Pauſe eintrat, nachzuhelfen, worauf er heute ungewöhnlich lange hatte warten müſſen. „Spurlos verſchwindet, ja“, fuhr der Baron fort, „oder vielmehr nicht ſpurlos! Denn alles Wild, das des Waſſers wegen häufig hinüber und herüber wech⸗ ſelt, wandert in die Küche des Fabrikgebäudes oder auf den Markt in die Stadt. So erſpart ſich dieſer Herr Garnmüller das Forſtperſonal und leidet doch keinen Mangel. Ich wollte, ich könnte ihm, ich könnte ihm—“ „Beikommen.“ „Ja, beikommen, beikommen, das iſt das rechte Wort!“ lachte der Baron grimmig und der Pater gab, ſelig, einen ſo wirkſamen Witz ſoufflirt zu haben, das bezeichnende Mienenſpiel hinzu.„So hat der Schurke drei der ſchönſten Böcke, die geſtern beſtätigt wurden, über Nacht oder vielmehr am frühen Morgen, als ſie zur Suhle kamen, weggeputzt. Sagt's ihnen doch, Reuter, was der Liberalismus im Walde iſt. Gedul⸗ deter Holzfrevel und gebilligte Wilddieberei!“ Der kollernde Huſten, der den erregten Worten ein Ende machte, enthob den als Zeugen aufgerufenen Förſter jeder Antwort, was ihm nicht mißfiel. Küche 1 2 ——— —ä † —— 56 und Keller im Herrenhauſe waren berühmt gut, es kam nicht allzuhäufig zu einer Einladung und man durfte ſich— war man einmal da— ſchon wacker dazu halten. „Die Kahlheit des Hanges, wo ich noch von der Knabenzeit her den ſchönen Wald um die Sägen ſte⸗ hen wußte, iſt mir auch unangenehm aufgefallen“, nahm Ulrich das Wort,„aber eben nur, weil die Wirk⸗ lichkeit nicht mehr zur Erinnerung paßte; ſonſt iſt die Stelle doch wunderſchön und im höchſten Grade ma⸗ leriſch.“ „Maleriſch, maleriſch!— Rattenkahl! Schön ma⸗ leriſch!“ „Das iſt doch hyperboliſch, Herr Baron!“ lachte Ulrich.„Wie würden Sie dann erſt die italieniſchen Berge charakteriſiren, wo oft meilenweit alles Gehölz ausgeſchlagen iſt und man weit und breit nichts ſieht als kahlen Fels!“ „Und Banditen“, meinte Gundaker. „Davon habe ich ſehr wenig geſehen. Nicht, daß ich deren Exiſtenz leugnete, es mag dort ebenſo viel oder vielleicht mehr ſchlimmes Volk als anderswo ge⸗ ben, nur war ich ſelbſt nicht ſo begünſtigt, eine ſolche abenteuerliche Begegnung zu erleben, und ich war doch von früh bis ſpät mit meiner Studienmappe auf dem 57 Wege im Sabiner⸗ und Albanergebirge, im Apennin und den Abruzzen, auf der berüchtigten Campagna und am verrufenen Golf von Päſtum.“ „Na, da hätten Sie nicht ſo weit zu ſuchen ge— braucht. Auf dem Quirinal waren Sie ja ſicherlich. Nun, wer meine Beſitzungen gewaltſam nimmt, ohne andern Grund, als weil ihn danach gelüſtet, bei Nacht und Nebel in mein Haus einbricht, hier den Herrn ſpielt und mir freiſtellt, ob ich mit der Thurmkammer oben fürlieb nehmen oder mich weiter trollen will, der— bah! ſprechen wir von etwas Anderem, wenn ich bei Appetit bleiben ſoll. Dem Pater ſcheint er ſchon ver— gangen. Warum eſſen Sie denn nichts?“ Es ſei Freitag, entſchuldigte ſich der ſo zur Verantwortung Gezogene, indem er ſcheu auf den Reh⸗ ziemer wies, von dem ein anſehnliches Stück auf dem Teller des Förſters lag. „Ach was, Freitag! Larifari!“ verſetzte der Baron barſch.„Vielleicht gar Aſchermittwoch, und Sie haben ſich in der Zerſtreutheit nicht die Stirn, ſondern auch die Naſe eingeäſchert. Freitag— Zimperlichkeit! Bin doch auch ein guter katholiſcher Chriſt, aber Faſten iſt ein Unding. Gleichmäßig leben, das iſt die Hauptſache, wenn man geſund bleiben will, dazu gehört auch gleich⸗ mäßige Nahrung, alle Tage das gleiche Quantum Fleiſch.“ 4 4 4 3 5 — 58 Gundaker kam dem hülflos die Achſel und Augen⸗ brauen zuckenden Prügelknaben, auf den ſich alle üble Laune entlud, zu Hülfe. „Als Prieſter muß Herr Sichel doch die Kirchen⸗ gebote halten“, rechtfertigte er ihn. „Aber nicht, wenn er bei einem Jagddiner mit⸗ hält. Verdirbt einem ja den ganzen Appetit, ſolch eine hungrige Büßermiene vor ſich zu ſehen. Bah, ein geſchickter Pfaffe weiß ſich in die Umſtände zu fügen und iſt nie um einen Dispensgrund verlegen. Zucht und Zügel gehören für das gemeine Volk, das ſonſt übermüthig wird. Faſten! Was ihm nicht ein⸗ fällt! An einem Jagdtag gibt's keinen Freitag. Und Sie waren ja auch auf der Jagd, wie ich höre. Na, was haben Sie denn für Wild geſehen? Den Löwen etwa, den Steinbock und ſolches Kalendergethier, was?“ Der Gefragte war ganz glücklich über die wieder⸗ gekehrte gute Laune des Hausherrn, als er plötzlich wieder aus ſeinem ſonnigen Lächeln geriſſen wurde, da Flandron mit einem ſchlauen Augenblinzeln ſcheinbar ganz harmlos begann: „Wir haben ſogar eine ganz neue aſtronomiſche Entdeckung gemacht— einen Doppelſtern.“ „Oho!“ Der aſchgraue Teint des Paters nahm ein dunk⸗ 59 les Erdgrau an. Seine Arme zuckten und jeder Mus⸗ kel in ſeinem Geſicht zitterte und arbeitete. Der Ver⸗ wunderungsruf des Barons ſchien ihn direct zur Be⸗ richterſtattung aufzufordern, und mit einem Schlucken, als habe er das Kirchengebot gebrochen und den zur Strafe wunderbar anſchwellenden Biſſen Fleiſch hinab⸗ zuwürgen, machte er ſich an die Antwort. „Am ſideriſchen— am telluriſchen— die Nebel⸗ flecke und Doppelſterne— am telluriſchen Horizont— der ſideriſche Himmel— mit genauen— mit— mit — ſideriſch— telluriſch—“ „Einen ganz neuen Doppelſtern“, grinſte Flandron, der in dem vergnüglichen, unter dem Tiſch beſorgten Reiben ſeiner Hände durch einen beſchwichtigenden Tritt auf ſeinen empfindlichen Fuß unſanft geſtört worden war und nun ſchon aus Rache die Quälerei weiter trieb.„Ein gewiß noch von keiner Sternwarte beobachtetes— ſozuſagen alſo ein lokales Sternen⸗ paar.“ „Die Parallaxe und Rectaſcenſion— eines Ster⸗ nes“, wollte der Pater in Verzweiflung dociren. „Zweier Sterne, zweier“, fiel der Quäler mit teuf⸗ liſcher Ausdauer ein.„Die ſich gerade erſt zuſammen⸗ gefunden zu haben ſcheinen und nun in gemeinſamer Gravitation umeinander ſchwingen.“ 60 „Gemeinſame Gravitation— in telluriſch ſide⸗ riſch— telluriſchem— Aphelium.“ Die Folter hatte den höchſten Grad erreicht. Der Märtyrer war nahe daran zu erliegen und wäre unter dem mit ſcharfer Neugier auf ihn gerichteten Augen des Barons, der Befremdliches zu wittern ſchien, ſicher⸗ lich aus telluriſch und ſideriſchem Weltkreis nicht mehr herausgerathen, hätte ſich in dieſem Augenblick nicht die Thür geöffnet und drei großen braunen Vorſteh⸗ hunden Einlaß gewährt, die in weiten Sprüngen auf ihren Herrn zukamen, der ſofort ſeinen Stuhl ein we⸗ nig zurückrückte, dann aber neben demſelben in einer Reihe ſchweifwedelnd ſtill hielten. „Haha!“ rief der Baron ihnen zu.„Zurück, Nero! Der junge täppiſche Kerl hält keine Richtung, muß noch militäriſch gedrillt werden. Noch weiter zurück! So!— Paß auf! Da, Pluto!— Da, Diana! Da, Nero!“ Und jedesmal warf er dem Angerufenen einen der Knochen zu, die in einer verdeckten Schüſſel vor ihm geſtanden.„Artige Kinder läßt man zum Deſſert herein. Alte Junggeſellen haben keine andere Familie; was, Reuter?— Paß auf, Pluto, du biſt an der Reihe! Diana war heute ſehr brav, verdient eine beſondere Auszeichnung. Da!— Pfui, Nero!“ Bald hörte man nur noch das Krachen der zer⸗ 61 malmten Knochen zwiſchen den mächtigen Gebiſſen und der Baron wäre ſicherlich auf ſeine Frage zur Ver⸗ zweiflung des in Todesangſt ſich windenden Paters zurückgekommen, wenn nicht Joſef, der die Hunde hereingelaſſen, ſeinem Herrn die bis jetzt gleichgültig überſehene Karte auf dem Präſentirteller dringlicher aufgenöthigt hätte. „Adolf Ehrenſtein“, las der Baron. Er ſann einen Augenblick nach.„So, das wird wohl der Sohn von dem alten Samuel ſein. Was will der? — Ins Wohnzimmer hinüber! Komme gleich.“ Drittes Kapitel. Ungeachtet ſeiner Zuſage beeilte ſich der Hausherr keineswegs, die Tafel aufzuheben. Er blieb ruhig ſitzen, bis jeder die Serviette von ſich gelegt und ſein Glas bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, dann erſt gab er das Zeichen und ging langſam, die Uebrigen zum Folgen nöthigend, in das anſtoßende Gemach, wo der Angemeldete inzwiſchen vollkommen Zeit gehabt, die Waffen, Mineralien und ausgeſtopften Thiere der eingehendſten Muſterung zu unterwerfen. Man dürfte deshalb keinen voreilig ungünſtigen Schluß auf Baron Erdmann's Gaſtfreundſchaft ziehen, dieſelbe ſtand im beſten Rufe, aber bei ſeinen ſcharf ausgeſprochenen Vorurtheilen konnte die abſichtliche Vernachläſſigung nicht wunder nehmen, der Beſucher war eben— ein Jude. 63 Und das hätte er auch ſchwer zu verleugnen ver— mocht, die Natur hatte ihn mit allen charakteriſtiſchen Abzeichen ſeines Stammes aufs freigebigſte, ja ſogar in carikirender Laune bedacht. Unanſehnlicher konnte nicht leicht eine Geſtalt, ſchärfer gezeichnet nicht leicht ein Profil ſein. Das krauſe Wollhaar reichte tief in die gleich dem Kinne plötzlich zurückweichende Stirn und die im Mißverhältniß zur Länge der Figur ſtehen⸗ den endloſen ſchwarzen Cotelettes ließen die ſchmalen, krankhaft grünlichgelben Wangen noch weſenloſer er⸗ ſcheinen. Das einzige Schöne, was der junge Mann beſaß— ſein großes dunkles Auge— war durch das blaſirt tief geſenkte Lid faſt ganz verhüllt, was zugleich vornehm und diplomatiſch ſein ſollte, durch widerwär⸗ tig ſchlaues Zwinkern jedoch zeitweiſe unterbrochen und als erkünſtelt verrathen wurde. Die Kunſt war überhaupt zu Hülfe gerufen, durch eine reiche Ausſtattung den Mängeln der Natur nach— zuhelfen Die elegante dunkle Herbſtkleidung war bis auf die faltenloſen Glacés und die gerippten Lack⸗ ſchuhe herab tadellos. Dabei fehlte nicht der Hinweis auf den Reichthum, der ja in vielen Augen Caliban zum Adonis macht. Ueber die Weſte hing eine goldene Uhrkette, ſchwer wie die eines Schiffsankers, ein Me⸗ daillon daran, faſt ſo groß, um von ſeinem Beſitzer 64 bei drohender Gefahr als Schild verwendet zu werden, und in der Mitte deſſelben blitzte ein Solitär von namhaftem Werthe. Auch den Hemdkragen ſchloß, von der Cravatte wie zufällig ſichtbar gelaſſen, ein Brillantknopf; doch an Bruſttheil und Manſchetten war dieſer Schmuck als zu gewöhnlich verſchmäht. An erſterem trugen die winzigſten, an letzteren die rieſigſten Knöpfe koſtbare Cameen, die den Stolz eines Samm⸗ lers ausgemacht hätten, und daß man ſie nicht über⸗ ſehen könne, dafür ſorgte der tiefe Ausſchnitt in der Weſte und der ſtark verkürzte Aermel hinlänglich. Mit einem matten Lächeln auf den wulſtigen Lip⸗ pen kam Herr Adolf Ehrenſtein dem Eintretenden ent⸗ gegen, den er mit einer achtungsvollen, doch in den Augen des Barons viel zu collegialiſchen Verbeugung begrüßte. „Es thut mir leid, wenn ich im Speiſen geſtört habe“, ergriff er das Wort. Der Baron aber nahm das, was als Entſchuldigung gelten ſollte, faſt wie eine Beleidigung auf. „Keineswegs! Hätten uns auch nicht ſtören laſſen“, fiel er barſch ein.„Würde Sie übrigens eingeladen haben, wird aber nicht koſcher gekocht bei mir, gab Schinken und Schweinebraten.“ Der Beſucher lächelte überlegen und maskirte da⸗ mit geſchickt ſeinen Verdruß. m 65 „O, darüber ſind wir hinaus, Herr Baron“, meinte er. „So? Hinaus? Aber natürlich, der Liberalismus fängt ja bei der Religion an.“ Und der Mann, der ſich auf ſeine Conſequenz ſo viel zu gute that, war nahe daran, wie zuvor den Pater über die Beachtung der die Speiſen betreffenden Religionsvorſchriften, ſo jetzt den Israeliten über die Nichtbeachtung derſelben abzukanzeln. Herr Ehrenſtein kam ihm zuvor, indem er verbindlich dankte und beifügte, er hätte doch am Mahle nicht mehr Theil nehmen können, da er ſchon geſpeiſt habe. „Ich war bei meinem Schwiegerpapa zu Tiſche“, ſchloß er. „Richtig, Sie haben ja eine Tochter Tauber's da drüben“, und ſich plötzlich aufrichtend, fügte der alte Herr mit ſtrafendem Blick hinzu.„Oho! da waren Sie wohl in dem elenden Karren, der zuvor da ange— fahren kam?“ „Eine Miethkutſche aus Hartberg“, erklärte Herr Ehrenſtein mit entſchuldigendem Lächeln und Achſel⸗ zucken.„Man muß ſich beſcheiden.“ „Das thaten Sie aber ins Teufelsnamen nicht, junger Herr! Vor Damen weicht man aus, das ge⸗ bietet die Galanterie, und einen Hofmarſchall fährt Byr, Larven. I. 5 . 8 3* ———— — 4 e 1 5 — 66 man nicht ſo mir nichts dir nichts nieder, das ver⸗ langt ſchon der ſchuldige Reſpekt vor herzoglicher Durchlaucht und höchſtderen Hofe. Achtung vor den Höhergeſtellten, Achtung vor den Aelteren, Erfahreneren, Ausgezeichneten, Achtung und freiwillige Unterwerfung, das iſt die Grundregel der Beſcheidenheit und ſichert hinwieder die Achtung der eigenen Stellung, aber da⸗ von lernt die heutige Jugend nichts.“ „Ich erlaube mir Proteſt zu erheben“, legte ſich Ulrich ins Mittel.„Auch ich zähle mich einigermaßen noch zur heutigen Jugend, und ich kann eidlich ver⸗ ſichern, daß uns in der Schule ſtets der gerade Gegen— ſatz zu Goethe's bekanntem Ausſpruche über die Beſchei⸗ denheit eingebläut wurde. An unſern Erziehern lag es nicht, wenn wir nicht alleſammt Lumpe wurden.“ Es war ja auch nicht ſo gemeint“, beeilte ſich ( 2 1 der Angeklagte, das Mißverſtändniß aufklärend, zu ver⸗ ſichern.„Ich war im Gegentheil höchſt unglücklich über die entſetzliche Ungeſchicklichkeit meines Kutſchers, der obendrein noch von Hartberg war und die Herr⸗ ſchaften doch kennen mußte. Ich habe mich auch tau— ſendmal entſchuldigt und um Verzeihung gebeten und Seine Excellenz waren ſo huldvoll, mir perſönlich zu verſichern, daß kein Unfall paſſirt ſei, auch die Gräfin geruhte aufs gnädigſte zu lächeln. Sie können mir 67 glauben, Herr Baron, ich wäre untröſtlich geweſen, wenn nur die kleinſte Unannehmlichkeit— Dieſe Leute vom Lande ſind unverbeſſerlich leichtſinnige Kut⸗ ſcher, die Mähren meiſt ſo lang eingeſpannt—“ Und nun verlor ſich der junge Mann in eine ſo eingehende Kritik über die Fehler beim Einſchirren und Lenken der Pferde, daß der Baron, ſchon durch Ulrich's Scherz einigermaßen beſänftigt, ſeinen Gaſt mit viel wohl⸗ wollenderen Blicken zu betrachten begann und ihm ſchließlich zwar nicht die ganze knochige Hand, aber doch die Spitzen zweier Finger bot und ihn einlud, da Joſef eben Kaffee und Liqueur herumreichte, ſich beſtens zu bedienen. Auf einen Wink nahm ihm der Diener auch den Hut ab, welchen der ſo ſeltſam em⸗ pfangene Beſucher noch immer in den Händen hielt. „Kommen von Ihrem Papa? Bringen Sie etwas von ihm?“ fragte Baron Erdmann, nachdem er die An⸗ weſenden einander flüchtig vorgeſtellt. Adolf Ehrenſtein verbeugte ſich leicht. „Einestheils“, antwortete er mit ſeinem ver⸗ bindlichſten Lächeln, indem er die Taſſe beiſeite ſetzen wollte. „Was andrerſeits?— Nein, nein“, unterbrach ſich der Baron ſelbſt.„Trinken Sie nur aus. Sie bleiben doch einige Stunden hier? Nun, da haben D* 68 wir ſpäter Zeit; jetzt, nach Tiſche, lieb' ich keine Geſchäfte. Sie ſpielen doch? Dann können Sie unſer vierter Part⸗ ner ſein. Gundaker kennt die Karten nicht. Du lie⸗ ber Himmel, ein Ulanenoffizier und kennt die Karten nicht! Bin begierig, wohin das noch kommen wird. Und der Pater iſt doch ein erbärmlicher Aushülfsmann. Spielte geſtern wieder zweimal Singleton an. Alſo, wenn's gefällig iſt. Flandron, Sie ziehen!“ Ulrich hatte ſich bereits mit dem Ordnen der Karten beſchäftigt, die Joſef ſammt Marken auf den Tiſch vor dem Canapee gelegt. Gundaker, der ſeinen Hut aus dem Speiſezimmer mitgebracht, hatte ſchon das Cigarrenetui in der Hand und war eben im Be⸗ griff, die Glasthür nach dem Garten zu öffnen, als Pater Aloiſius ſich mit ſonderbaren Geſten an ihn herandrückte. „Halt, nur dageblieben, Pater!“ rief der Baron, die Bewegung mißverſtehend, dem vermeinten Flücht⸗ ling zu.„Sie müſſen uns die Rechnung führen und im Nothfall für den einen oder andern eintreten. Nur dageblieben und aufmerkſam zugeſchaut! Können immer noch profitiren, wenn's auch den Anſchein hat, als ob Hopfen und Malz an Ihnen verloren wäre.“ Der Pater war auf den Anruf wie ein auf böſen Wegen Ertappter zuſammengefahren. Sein Verhalten 69 war wirklich nicht danach angethan, einen Verdacht zu zerſtreuen, wenn derſelbe überhaupt vorhanden. Mit räthſelhaft groteskem Mienenſpiel neigte er ſich noch raſch gegen den verwundert aufblickenden Gundaker und raunte ihm geheimnißvoll zu:„Hüten Sie ſich! Es droht Entdeckung!“ und legte dann den ſtaubgrauen Zeigefinger auf die Lippen, die ſich ſo gewaltſam ſpitz⸗ ten, als ſollte die Oeffnung des Mundes zur Bürg— ſchaft unverbrüchlichen Schweigens ganz und für immer verſchwinden. Gundaker, dem eine plötzliche Röthe ins Geſicht geſchoſſen, ſah überraſcht dem forthuſchenden Warner nach, deſſen Blicke und Benehmen zum mindeſten auf die qualvolle Mitwiſſenſchaft an einer furchtbaren catilinariſchen Verſchwörung ſchließen ließen, warf dann entſchloſſen den Kopf in den Nacken und ſchritt feſten Trittes über den Kiesweg fort dem nächſten Berceau zu. „Da, machen Sie ſich nützlich, wie es einem Hauskaplan zuſteht“, ſagte der Baron zum Pater, demſelben das ſchwarze Täfelchen zuſchiebend, und zu Ulrich gewendet fügte er mit einer bezeichnenden Ge⸗ berde vor der Stirn etwas leiſe, doch nicht ſo, daß der, von welchem die Rede war, es nicht gehört hätte, hinzu:„Er iſt wieder völlig—“ Jawohl, der Betreffende hatte die kränkende Be⸗ 4 4 3 3 *. 2 —-— 70 merkung ganz deutlich gehört! Welch bittere Gedanken wälzten ſich ihm durch den Kopf, hinter deſſen Stirn es nicht ganz richtig ſein ſollte. Nicht richtig? Und warum behaupteten das die Menſchen? Weil ſie ihn nicht verſtanden, weil er zu Zeiten anders war als ſie; konnte er etwas dafür? Hatte man ihn nicht von jeher falſch beurtheilt, ihn gekränkt und gedemüthigt, als wenn nicht ſchon das Gefühl tiefſter Demuth von Kindheit an mit ihm groß geworden wäre. Aber freilich, einen Hochmuth hatte er ſich vorzuwerfen, ganz hatte er die Hölle nicht beſiegt in ſeinem Herzen: der Stolz auf ſein Syſtem brach zeitweiſe immer wieder durch und er vermochte nicht, denſelben als wohlge⸗ fälliges Opfer darzubringen vor dem Bilde des Ge⸗ kreuzigten. Das war ſeine Sünde, die der Herr an ihm ſtrafte durch Verfolgung und Kränkung, durch Demüthigung und Herabſetzung aller Art, die er von ſeinen geiſtlichen und weltlichen Vorgeſetzten zu erdul⸗ den hatte. Er ſelbſt gehörte unter den Upasbaum und er ſollte geläuterter erhoben werden, bis er würdig war, im Schatten des Brodfruchtbaums zu ruhen und ſich ſeines Werkes in ſelbſtloſer Freude zur größeren Ehre Gottes zu entäußern. Noch war er nicht vollkommen, noch nahm er nicht wie Hiob die Prüfungen hin und es krümmte ſich der Wurm des Hochmuths in ſeinem 71 Herzen, wenn Jemand, wie ſo eben der Baron, aus dem Umſtande, daß Haß und Mißgunſt gegen das Syſtem den Erfinder deſſelben eine Zeit lang in eine Anſtalt verbannt hatten, wo ſeine geiſtige Klarheit durch das Zuſammenleben mit Unzurechnungsfähigen compromittirt werden ſollte, wenn Jemand aus dieſem Umſtande das Recht herleitete, ſeinen Verſtand in Zwei⸗ fel zu ziehen. Noch fragte er in ſolchen Augenblicken, wie ein geſtörter Geiſt eine ſo große, welterkennende Idee finden und in einem Alles umfaſſenden Syſteme bis in die entfernteſten Zweigtheilungen und Blatt⸗ ſpitzen hinaus durchführen könnte. Noch empörte ſich ſein Stolz, wenn der Baron, pochend auf die Wohl⸗ that, die er dem brod⸗ und obdachlos Umherirrenden durch die Aufnahme als Hausgenoſſen und die Anſtel⸗ lung als Kaplan an dem alten, hinter dem Wirth⸗ ſchaftshofe ſtehenden Kirchlein, das in dem proteſtan⸗ tiſchen, nach Hartberg eingepfarrten Dorfe ganz ver⸗ laſſen geweſen, erwieſen, die Würde des Prieſters, deſſen gottesdienſtlichen Functionen er Sonntags beizuwohnen doch nie unterließ, ſonſt ſo wenig reſpectirte, daß die Stelle eines Hauskaplans eigentlich mit der eines Hausſündenbocks identiſch war. Noch gab es ſolche Regungen, ſtatt daß er ſich der Rolle eines ſolchen Sündenbocks im nacheifernden 4 4 4 1 4 4 1 3 * 1 F —— 72 62 Hinblick auf das Lamm Gottes erfreute. Aber die Zeit mußte kommen, wo er alle dieſe Regungen über⸗ wunden, wo er es ſo weit gebracht hatte, jede Laſt freudig und freiwillig auf ſich zu nehmen in unbe⸗ grenzter Dankbarkeit auch für das ihm erwieſene Böſe, das ſich ihm ja doch durch des Himmels Segen zum Heile wandelte. Der Tag mußte kommen, wo er wür⸗ dig gehalten ward, von der linken Hälfte ſeines Sy⸗ ſtems zur rechten überzutreten, aus dem Tode ins Leben, und das war derſelbe Tag, an dem er das Werk, bis zum Niveau der Gegenwart vollendet, weitergab in der demüthigen Erkenntniß, daß daſſelbe von ihm und jedem Andern weitergehen müſſe unabgeſchloſſen bis an den jüngſten Tag, ſolange die Entwickelung der Menſchheit währe. Und dieſer Zeitpunkt konnte ja nicht mehr fern ſein, wenn nicht er ſelber ihn ſtets wieder hinausrückte durch frevleriſchen Zweifel, wie vorhin im Obſervatorium oben, wo er an den Grund⸗ feſten des Syſtems gerüttelt, indem er alle Welt unter den Upasbaum zu regiſtriren verſucht war, wonach ja der Brodfruchtbaum als überflüſſig— „Sie merken aber gar nicht auf, Pater! Wozu kann man Sie denn brauchen? Faſt haben Sie wieder den letzten Rubber ausgewiſcht, ſtatt den neuen darunter zu ſchreiben.“ 73 Auf ſo energiſche Weiſe aus ſeiner Verſunkenheit in ſich ſelbſt aufgedonnert, riß ihm der dünne Gedanken⸗ faden plötzlich entzwei und der arme verkannte, ſtets einer Miſſethat geziehene Kaplan erging ſich in den lebhafteſten mimiſchen Entſchuldigungen. Diesmal aber nützte es ihm nichts. Baron Erdmann's Auge funkelte ganz unheimlich im Zorne, denn beim Spiele war mit ihm nicht zu ſpaßen, und ſelbſt Flandron murmelte allerlei Vorwürfe vor ſich hin, da nun die ganze Berechnung geſtört war. Zum Glücke ließ ſie ſich mit Hülfe des jungen Finanzmannes wiederherſtellen, deſſen arithmetiſches Gedächtniß nicht wenig Bewunderung hervorrief. „Am beſten, ich ſtreiche die Segel“, ſcherzte Ul⸗ rich;„die Zerſtreutheit unſeres Controleurs hat mich angeſteckt. Ich fühle mich einer ganzen Reihe todes⸗ würdiger Verbrechen gegen die ſchon ſo oft debattirten und nie ergründeten Geſetze des Whiſt ſchuldig, daß ich die reichlich geſpendeten Vorwürfe, Herr Baron, zwar als höchſt gerecht, meine Verluſte darum aber nicht minder betrübend empfinde.“ „Papperlapapp! Kenne die Flauſen. Iſt nur die Sehnſucht nach Ihrem Schätzchen— der Cigarre. Na, meinetwegen; zur Revanche allezeit bereit.“ Der Baron hatte gewonnen, und ſo war der Un⸗ muth raſch verflogen. Ulrich erkannte den günſtigen 5F — 74 Moment, ſich zurückzuziehen, da er dem alten Herrn mit dem Spiel ohnehin nur ein Opfer gebracht, und nahm bei der Gelegenheit als ein barmherziges Werk der Erlöſung auch den Pater mit. Flandron, welcher die Karten verſorgt hatte, ent— fernte ſich ebenfalls. „Noch den Knopf auf den Haspel für die Gräfin“, ſagte er und zog die Thür zur Werkſtatt hinter ſich zu. Der Baron wechſelte mit ſeinem Beſuche noch einige Worte über das Spiel, dann begann er: „Was verſchafft mir—“ Doch da ſtockte er;„die Ehre“ hatte er ſagen wollen, aber Ehre, der Beſuch des Juden? Nein, er war nicht einmal ein„Vergnü⸗ gen“. Auf Dreibuchen machte man keine Zugeſtänd⸗ niſſe.„Was bringen Sie mir, Herr Ehrenſtein?“ be⸗ gann er neuerdings, unbekümmert um die Gedanken⸗ reihe, welche dieſer doppelte Anfang wachrufen mochte, und als er ſah, daß der Gefragte mit einer zweifeln⸗ den Miene ſich umblickte, beruhigte er ihn.„Wir ſind allein. Mein alter Freund und Hausgenoſſe Flandron i*ſt an der Arbeit.“ Das eigenthümliche Schnurren der Drehbank, das ſich jetzt vernehmen ließ, beſtätigte die Angabe.„Kennt übrigens alle meine Verhältniſſe genau. Habe keine Geheimniſſe vor ihm und wir beide 1 75 wohl keins miteinander, wie? Wäre mir lieb, wenn Sie ſich kurz faſſen wollten, denn iſt ſonſt auch meine Stunde, mir ein wenig Zeitvertreib in der Werkſtatt zu machen. Habe heute eine prächtige weiße Amſel geſchoſſen. Seltenes Exemplar! Muß bei Zeiten aus⸗ geweidet werden, ſonſt fallen die Federn aus beim Präpariren.“ „Wie, Sie ſelbſt, Herr Baron, ſind der Künſtler, der alle dieſe Thiere—“ „Ausgeſtopft hat— ja.“ „Ich habe ſie zuvor ſchon bewundert. Die Schön⸗ heit der Exemplare, die Naturwahrheit der Stellungen— man ſieht eine genaue feinſinnige Beobachtung der Eigenthümlichkeiten und Gewohnheiten.“ „Na, mag hingehen“, brummte der Baron ſichtlich geſchmeichelt.„Habe mir das Volk in Feld und Wald durch eine hübſche Reihe von Jahren angeſchaut. Da iſt's keine Kunſt. Sind ein paar Prachtexemplare darunter. Sind aber ſchon die reine Mythe geworden.“ „Freilich, freilich! Die abſcheulichen Jagd⸗ und Forſtgeſetze!“ Der Baron blickte bei dieſem Ausruf lebhaften Bedauerns erſtaunt auf. „So“, ſagte er,„die finden auch Sie abſcheulich?“ „Wie denn nicht? Sie ruiniren ja das edle Waid⸗ 1 1 1 5 —— 76 werk total. Glauben Sie mir, Herr Baron, anch wir Bewohner der Städte wiſſen das zu würdigen, wenn es immer ſchwerer hält, ein gutes Stück Wildpret auf die Tafel zu erhalten. Nein, Spaß beiſeite! Die Jagd iſt ein nobles, ein fürſtliches Vergnügen und ſollte nicht vernachläſſigt werden, ſchon weil ſie den Cavalierſinn nährt, von der Devaſtation der Wäl⸗ der gar nicht zu ſprechen.“ „Oho! Aber in volkswirthſchaftlicher Hinſicht?“ warf der Baron lauernd ein. „Auch in volkswirthſchaftlichem Sinne iſt die Rich⸗ tung der Dinge zu beklagen. Man muß ſich nur einen weiten Blick bewahren. Der echte Cavalierſinn, der leider auszuſterben beginnt—“ „Wie der Steinbock, wie der Steinbock!“ „Ja wahrhaftig!“ fuhr Herr Chrenſtein, an ſeiner dicken Kette ſpielend, fort.„Dieſer echte Cavalierſinn war der volkswirthſchaftlichen Entwickelung keineswegs ſo abhold, als man dies gern darſtellen möchte. Im Gegentheil wird jeder umſichtige Finanzmann zugeben, daß gerade durch ihn der Anſammlung todter Kapita⸗ lien in einer Hand aufs wirkſamſte in einer Zeit vorgebeugt wurde, wo von anderer Seite dieſer Zweck nicht ganz ohne Erfolg angeſtrebt wurde. Die Ach⸗ tung vor andern Bekenntniſſen verhindert mich, näher 77 darauf einzugehen. Sie werden mich verſtehen, Herr von Werdenberg.“ „Hm, hm! Aber zu unſerem Geſchäft.“ Das wollte zuſammen mit dem ſchlau glitzernden Blicke ſagen: „Ganz vernünftige Anſichten, biſt aber doch ein Jude! Möchteſt offenbar von mir etwas herausſchmeicheln, ſollſt mich aber nicht überliſten. Der Dreibuchener iſt der ältere Luchs!“ Ob ſich Herr Ehrenſtein Blick und Weiſe ſo aus⸗ legte oder nicht, davon gab ſich in ſeinem Aeußern nichts kund. Mit weltmänniſcher Bereitwilligkeit, den Geſprächsſtoff zu wechſeln, verneigte er ſich leicht, zog ein elegantes rothjuchtenes Notizbuch hervor und aus demſelben ein feines Blatt Papier, das er ſpielend in der Hand behielt. „Die zehntauſendzweihundert Thaler Hypothekar⸗ ſchuld auf Ramsweiher ſind vorgeſtern eingegangen“, referirte er, ſein Gedächtniß mit einem leichten Blick auf das Blatt unterſtützend.„Auf Ihre Ordre vom 2. d. M. haben wir die deponirten Amerikaner begeben, wofür dreiundzwanzigtauſend Thaler fünf und zwei Drit⸗ tel Silbergroſchen effectuirt wurden, macht zuſammen dreiunddreißigtauſend zweihundert Thaler fünf und zwei Drittel Groſchen, welche die Firma Samuel Ehrenſtein u. Comp. dem Herrn von Werdenberg auf Dreibuchen 78 gut geſchrieben hat, worüber ich hiermit die Beſchei⸗ nigung zu unterbreiten die Ehre habe.“ Während der Baron einen prüfenden Blick in die ausführliche Be⸗ rechnung warf, fuhr er fort:„Hierzu kommt noch der Octobercoupon mit ungefähr viertauſend Thalern, wenn ich nicht irre, und da wir vorausſetzen, daß Sie kaum gewillt ſein dürften, eine ſo namhafte Summe todt liegen zu laſſen, ſo wollte ich nur anfragen, welche Verfügungen Sie zu treffen geruhen.“ „Aber, mein Gott, anlegen, wie ich Ihrem Vater geſchrieben habe! Das verſteht ſich ja von ſelbſt.“ „Allerdings“, meinte Herr Ehrenſtein kopfnickend und ein wenig zaudernd.„Wir haben auch ſchon Ver⸗ ſchiedenes ins Auge gefaßt, wagten es aber, aufrichtig geſtanden, nicht, zu disponiren, ohne nochmals Ihre Inſtructionen, eventuell Ihre Gutheißung einzu⸗ holen.“ „Nun, das iſt doch ſonderbar! Dieſe Bedenken habe ich bei Ihrem Vater nie gefunden.“ „Sie ſind aber bei den gegenwärtigen hohen Cur⸗ ſen nur zu gerechtfertigt und es kann uns wohl nicht zum Vorwurfe gereichen, wenn wir im Intereſſe un⸗ ſerer Clienten vorſichtig zu Werke gehen. Die alten ſogenannten ſicheren Papiere ſtehen ſo hoch, daß ſie aller menſchlichen Berechnung nach im Werthe nicht mehr ſteigen können, wohl aber bei der geringſten Ernüchterung der Börſe zurückgehen dürften.“ „Ja natürlich, die Börſe! Wir hatten unſere Kapitalien ſicher und in Ordnung ohne Börſe. Was haben wir mit der Börſe gewonnen? Zweifel, Unruhe, Gefährdung!“ „Zuweilen auch Gewinn“, ließ Herr Chrenſtein mit einem Lächeln einfließen, das nicht ohne Feinheit war und ſein blaſirtes, wenig anziehendes Geſicht günſtig belebte.„So zum Beiſpiel an dem großen Kauf der öſterreichiſchen Rente vor zwei Jahren, an—“ „Nun ja, man wird eben mit hineingeriſſen“, unterbrach der Baron die weitere Aufzählung. Er war im Grunde mehr in der Theorie als in der Praxis ein Feind der Börſe, unter welcher er hauptſächlich die Juden an derſelben verſtand. Gute Geſchäfte, die er und ſeinesgleichen der Einrichtung dieſes Inſtituts zu danken hatten, regiſtrirte er in ein anderes Fach, und wenn er ſich auch in eigentliche und gewagte Spe⸗ culationen nicht einließ, ſo liebte er das Geld doch viel zu ſehr, um nicht, wo ſie mit hinlänglicher Sicherheit geboten wurden, die höheren Procente den niederen vorzuziehen. Allerdings geſtand er, wie dies beſonders ältere Leute oft thun, die Vermehrung ſeines Beſitzſtandes nicht gern ein und darum war er auch 80 ſeinem Beſucher ſo raſch ins Wort gefallen, als brauch⸗ ten ſelbſt die Wände, zwiſchen denen er lebte, nichts davon zu hören.—„Na, was machen?“ fragte er, nachdem er eine Weile unſchlüſſig vor ſich hingeblickt. „Man könnte wohl mittlerweile deponiren und abwarten.“ „Um ſchmale Intereſſen zu beziehen.“ „Wohl wahr“, gab Herr Ehrenſtein achſelzuckend zu. „Und wer weiß, wie lange man da warten könnte?“ „Allerdings richtig. Und was das Schlimmſte da⸗ bei iſt, wer weiß, welche Chancen man dabei verliert.“ „Alſo, was machen?“ „Ja— man müßte eben von den ſchon aufs Aeußerſte hinaufgetriebenen Werthen abſehen und an⸗ dere ſuchen, die noch eine Zukunft haben.“ „Nichts da, kommen Sie mir damit nicht! Alles Schwindel!“ rief der alte Herr, indem er ſeine braune Hand abwehrend ſchüttelte.„Schwindel durch die Bank alle dieſe neuen Gründungen mit Gott weiß was für ſchönklingenden Namen! Eine Bank auf die andere fundirt und die letzte auf die Luft— ein babyloniſcher Thurm aus Kartenhäuſern! Ein Windſtoß und der ganze Rieſenbau liegt auf einem ganz winzigen Häuf⸗ lein beiſammen.“ 81 „Ich bin vollkommen Ihrer Meinung“, ſtimmte der junge Financier gelaſſen bei.„Die Mehrzahl der neugegründeten Actiengeſellſchaften, vornehmlich der Banken, iſt nicht geſund und ihr Gedeihen iſt auf Suppoſitionen gebaut, die eben— Suppoſitionen ſind; aber, Herr Baron, wir müſſen auch, um gerecht zu ſein, zugeben, daß unter der Maſſe von Seifenblaſen einige reelle Unternehmungen—“ „Gibt keine mehr!“ fiel Herr von Werdenberg heftig ein und ſetzte ſeine Fauſt mit ſolch nachdrück⸗ licher Bekräftigung auf den Tiſch, daß es dröhnte. Jetzt ſchien den jungen Mann die gleichmäßige Ruhe zu verlaſſen, die er bisher bewahrt, und in ſei⸗ nen Mienen gab ſich einige Empfindlichkeit kund. „Da muß ich denn doch— In der That, Herr Baron, Sie ſollten nicht Alles in einen und denſelben Topf werfen“, wandte er, mit wahrnehmbarer Mühe ſich ſelbſt beherrſchend, ein.„Gewiß werden Sie ſich bis jetzt nicht über das Haus Samuel Chrenſtein u. Comp. zu beſchweren gehabt haben, da Sie doch ſo lange ſchon mit demſelben in freundlicher Geſchäfts⸗ verbindung ſtehen, das heißt, die Firma der Ehre Ihres Vertrauens würdigen, eine Ehre, die wir hoch zu ſchätzen wiſſen“, und das unverſtändliche Gemurmel für eine Ehrenerklärung nehmend, fuhr er fort:„Nun Byr, Larven. I. 6 — 84 F — 82 denn, ich zähle mich, wenn auch noch nicht als Theil⸗ haber förmlich in die Firma aufgenommen, doch zu den Mitgliedern des Hauſes und gedenke ganz in deſſen anerkannt reellen Principien zu verharren. Auch habe ich mich bis jetzt aufs ſtrengſte zurückgehalten von Allem, was Verlockendes in dieſer Zeit eines acuten Gründungsfiebers an mich herantrat, um ſo weniger iſt daher wohl auch das Mißtrauen auf mich auszu⸗ dehnen gerechtfertigt, wenn ich endlich nach reiflicher Ueberlegung Anlaß nehme, eine Unternehmung ſelbſt⸗ thätig ins Auge zu faſſen.“ „So, ſo, Sie wollen gründen?“ „Ich habe in der That ein Object—“ „Ins Auge gefaßt“, fiel der Baron höhniſch ein. Sein ganzes Mißtrauen war erwacht.„Wollen Sie mich vielleicht dafür intereſſiren? Bedaure!“ „Intereſſiren wird es Sie jedenfalls“, ſagte Herr Ehrenſtein wieder mit ſeiner früheren Gelaſſenheit. „Es iſt das Etabliſſement im günsdorfer Walde „Am Fall“.“ „Wie, die Fabrik?“ fuhr der Baron auf, daß die träge umherliegenden Hunde aus ihren Jagdträumen erwachten. „Ich bin auf dem Wege dahin. Wie Sie ſich wohl ſelbſt ſchon geſagt haben mögen, Herr von Wer⸗ 83 denberg, hätte unſere geſchäftliche Verhandlung ebenſo gut brieflich geführt werden können, und ich erbot mich nur dazu, weil ich es ſo leicht nebenher abthun konnte, da mich meine eigenen Angelegenheiten ohnedies hier vorüberführten.“ „Die Fabrik alſo! Am Falle? Merkwürdiges Wort⸗ ſpiel! Ominöſer Name— Am Falle. Hat dieſer Herr Garnmüller demnach ſchon abgewirthſchaftet? Sollte mich freuen, ſollte mich freuen! Iſt ſchnell ge⸗ gangen!“ Es lag wirklich ein Ausdruck unheimlicher Schaden⸗ freude in den ſcharfgeſchnittenen Zügen und es war nach den früheren Aeußerungen bei Tiſche am Ende kein Wunder, daß er dem verhaßten Manne alles Un⸗ heil gönnte, wo das Geſchick die Rache für ihn über⸗ nehmen zu wollen ſchien. Herr CEhrenſtein zuckte ſchein⸗ bar mit leiſer Theilnahme die Achſeln. „Wiederholte Strikes zwingen Herrn Garnmüller; er iſt denſelben nicht gewachſen.“ „Bravo, bravo! So iſt's in der Ordnung! Zuerſt nehmen die Fabriken der Landwirthſchaft alle Arbeiter weg und dann müſſen ſie ſelbſt an ihnen zu Grunde gehen, weil ſie dieſelben entnerven und demoraliſiren. Bald findet man keine Hände mehr, die die Hausarbeit verrichten oder den Acker beſtellen wollen, Alles will 6*† 8 — 5* * —— 3 1 6 F —— 84 in die Fabrik laufen, unabhängig ſein, unbeaufſichtigt, liederlich! Den Sonntag hat man da für ſich, natür⸗ lich zum Beten nicht, ſondern zum Verjubeln. Geſpart wird auch nicht, ſoviel hereinkommt, geht hinaus, und bleibt einmal der Lohn aus, verhungert man oder revolu⸗ tionirt. Gibt es aber Arbeit, dann wird geſtrikt und damit ſich ſelbſt das tägliche Brod vertheuert. Ein Knecht im Felde, eine Magd in der Küche oder im Kuhſtall hat Freude an der Arbeit, ſieht, wie's gedeiht, nimmt Antheil daran faſt wie der Herr ſelber, aber Fabrikarbeit? Hat keine Freude daran, kann keine haben, wenn er nichts vor ſich bringt und Tag für Tag in alle Ewigkeit daſſelbe ſchafft. Und wo die Freude fehlt, iſt die Arbeit eine Laſt, die abgeſchüttelt wird ſo bald als thunlich, ſei's mit Liſt oder Gewalt, der ſie auferlegt, ein Bedrücker, ein Tyrann, der gehaßt wird und geſtürzt, wenn's geht.— So iſt's und ſo iſt's geworden! Ein böſer Geiſt ſteckt im Volke von Unluſt, Trägheit, Genußſucht und Widerſetzlichkeit, und wer hat die Hauptſchuld daran? Die—“ Ein Huſtenanfall verſchlang das Verdammungs⸗ urtheil der Fabriken und es bedurfte einiger Zeit, ehe ſich die gereizte Lunge wieder beruhigt hatte. „Leider ſind die Zuſtände wirklich größtentheils ſo, wie Sie dieſelben ſchildern“, nahm der junge Ban⸗ 85 quier, der den Zornmüthigen ſich hatte ausſprechen laſ⸗ ſen, nachdem der Ausbruch vorüber war, das Wort. „Doch läßt ſich wenigſtens einerſeits, da die Dinge einmal ſo weit gediehen ſind, der verderblichen Rich⸗ tung entgegenwirken, den— wie Sie dieſelben ganz richtig kennzeichneten—demoraliſirenden Strikes wenigſtens.“ Der Baron, noch immer nachgrollend, ließ ſich die Umdeutung ſeiner Worte achtlos gefallen und der Sprecher fuhr fort:„Es gehört nur Ausdauer dazu. Zu dieſer Ausdauer aber braucht man zweierlei Dinge: feſten, furchtloſen Charakter—“ „Ja, Charakter, Charakter!“ „Und die nöthigen Mittel, um über die Calami— tät zu reichen. Wer die hat, muß ſchließlich den Sieg erringen, er braucht nur in Geduld zuzuwarten. Das nun vermag Herr Garnmüller nicht. Er mußte Lohn⸗ erhöhungen bewilligen, Kündigungen der Arbeiter ein⸗ treten laſſen und ſieht ſich nun, an der Grenze der Zugeſtändniſſe angelangt und einer augenblicklichen Stockung im Abſatze gegenüber, außer Stande, über die Hinderniſſe hinwegzukommen.“ „Um ſo beſſer, dann geht die ganze Geſchichte ein!“ „Das denn doch nicht. Man kann heutzutage eine im Ganzen auf richtige Calculation gemachte und end⸗ 86 lich doch nun einmal beſtehende Anlage nicht ſo ohne weiteres verfallen laſſen; das darin ſteckende Kapital iſt des Rettungsverſuchs doch wenigſtens werth.“ „Na, ſo retten Sie, retten Sie!“ ſtieß der Baron grimmig hervor. „Ich habe auch den beſten Willen dazu, wenn ich einigermaßen Unterſtützung finde. Ich muß mich vor⸗ erſt nur noch vom Stande der Baulichkeiten überzeu⸗ gen und der Herr Baron könnte mir dann vielleicht einige Winke—“ „Weiß gar nichts! Kann gar nichts ſagen! Küm— mere mich um gar nichts!“ „Ich dachte nur, was den Augenſchein betrifft. Sie müſſen doch öfter in die Gegend kommen, die, wenn ich nicht irre, an Ihre Beſitzungen grenzt.“ Er zog ein zweites Blatt aus ſeinem Taſchenbuche, das er langſam auseinanderſchlug.„Das Etabliſſement Am Fall war, wenn mir recht iſt, ehedem eine Sägemühle, bis vor etwa ſechs Jahren Herr Garnmüller, der da⸗ mals beim Eiſenbahnbau angeſtellt war, in Hartberg die Beſitzerin des günsdorfer Waldes kennen lernte, deren Vater, wie ich glaube, Oekonom und Holzhänd⸗ ler geweſen. Ob Herr Garnmüller mehr Gefallen an dem Walde oder an der Eigenthümerin deſſelben fand, erzählt die Sage nicht, gewiß iſt nur, daß er beide al 87 heirathete, und von da datirt die Umwandlung der Säge in eine Maſchinen⸗ und Werkzeugſabrik, die, wie allgemein verſichert wird, rationell angelegt und raſch eingerichtet worden iſt und nur mit den zu we— nig berückſichtigten lokalen Verhältniſſen zu kämpfen hat. Garnmüller ſoll ganz geſchickt in ſeinem Fache ſein, nur zu ſehr Optimiſt.“ „Kann ſein! Geht mich nichts an. Weiß nur, daß es ihm nicht darauf ankommt, fremdes Wild zu jagen.“ „Wenigſtens fällt er nur ſeine eigenen Bäume.“ „Das fehlt noch!“ brauſte der Baron auf.„Woll⸗ ten ihm bald das Handwerk legen.“ „Ich meine, es iſt ihm ſchon ſo ziemlich gelegt. Die Waſſerkraft ſoll eine ſchöne ſein, aber an Feuerung ſoll's zu mangeln beginnen.“ „Glaub's wohl! Der Wald iſt glücklich ausge— hauen.“ Herr Chrenſtein nickte, als wäre er mit der Ant⸗ wort auf ſeine halb fragend hingeworfene Andeutung vollkommen zufrieden geſtellt. „So bin ich doch gut berichtet“, ſagte er,„und das iſt der letzte Grund des Verkaufs, ſonſt wäre mir derſelbe bei Allem und Allem nicht dringlich genug er⸗ ſchienen. Das Etabliſſement trug, obwohl es die Kin⸗ 1 z 1 5 — F —— 88 derkrankheiten zu überwinden hatte, durchſchnittlich fünf⸗ zehn Procent. Das wäre für den Anfang nicht übel. Aber die Sache ſtellt ſich einfach ſo: Herr Garnmüller hat eben nicht die Mittel, Feuerungsmaterial herbeizu⸗ ſchaffen, nachdem er ſich in ſeinen Vorausſetzungen verrechnet hat, von der herzoglichen Domäne nur auf eine ungenügende Waldparzelle Ausſichten erhielt, von Ihnen—“ „Von mir? Oho! von mir gar nichts! Keinen Buchenzweig! keine Tannennadel!“ lachte der Baron höhniſch auf. Wie ihm vorausgeſagt worden, fühlte er ſich doch intereſſirt und er hütete ſich, die mit Un⸗ willen angehörten Auseinanderſetzungen gänzlich abzu⸗ ſchneiden. „Ich finde es begreiflich“, ſtimmte der junge Fi⸗ nanzmann mit dem Anſchein tiefſter Ueberzeugung bei, „trafen wir doch, wie ich vorher zu bemerken Gelegen⸗ heit hatte, in unſern Anſichten zuſammen. Wozu die Forſte ausroden, wenn man mit leichter Mühe zu Kohlen kommen kann? Nein, Herr von Werdenberg, ich würde mir ein Gewiſſen daraus machen, Ihnen das geringſte Opfer in dieſer Beziehung zuzumuthen.“ „Wie es ſcheint, alſo doch in irgendeiner“, fiel der Baron ſarkaſtiſch ein und ſein aufblitzendes Auge ſagte deutlich genug:„Aha! hab' ich Dich alſo!“ und — 2 89 die Verwirrung, die ſich auf des jungen Mannes Antlitz zeigte, beſtärkte die Vermuthung. Herr Ehrenſtein vergrub ſeine grünlichen Zähne in die wulſtige Unterlippe, ſah eine Weile befangen zu Boden und hob dann wie im raſchen Entſchluſſe des Moments den Zlick, indem er gleichzeitig aufſtand. „Nun ja denn, Herr Baron!“ ſagte er mit ein wenig gepreßter Stimme.„Ihrem durchdringenden Scharfblicke entgeht doch nichts. Ich geſtehe es offen, ich habe auf Sie gezählt.“ „Keinen Heller geb' ich dazu, wenn Sie's denn wiſſen wollen! Keinen Heller!“ brach der alte Herr los, indem er vom Canapee auffuhr und mit beiden Händen auf den Tiſch ſchlug, über den er ſich dann vorlehnte.„Hab' ich's doch kommen ſehen! Sachte, ſachte, ganz vorſichtig angeſchlichen. Aber Ihr ſeid mir noch lange nicht ſchlau genug. Noch lange nicht! — Haha! auf mich gezählt? Nichts wird daraus, das ſage ich Ihnen!— Nichts— wenigſtens was mich betrifft!“ Er hatte energiſch mit dem Habichtskopfe genickt, als fühle er nicht übel Luſt, auf den Urheber dieſer Scene zu ſtoßen, und ging jetzt mit feſten Schritten, die Hände auf den Rücken gelegt, im Zimmer auf und ab, an dem jungen Manne vorüber, der ſichtlich be⸗ ₰ 8 —* 2 3*½ — — — 4 4 5 — 5₰ 1 8 ₰ . —— 90 αν treten am Tiſche ſtehen blieb. Nach einigen Gängen gab er nicht undeutlich zu verſtehen, daß, wenn ſeinen Beſucher keine andere Abſicht hierher geführt, derſelbe den Weg unnöthigerweiſe gemacht habe. „Es thut mir leid— in der That leid!“ ſagte Chrenſtein, nach ſeinem Hute langend.„Doch nichts für ungut. Der Herr Baron erlauben mir wohl wieder vorzuſprechen, wenn ich hin und wieder bei meinen Schwiegereltern einen Beſuch mache. Es wird ſich wohl öfter Gelegenheit dazu ergeben, wenn die Ver⸗ bindung zwiſchen Hartberg und Dreibuchen durch die Eiſenbahn eine bequemere geworden.“ Der Baron horchte auf. „Eiſenbahn?— Von Hartberg nach Dreibuchen?“ „Sie wird wohl nun demnächſt tracirt werden.“ „Oho! Da hab' ich denn doch auch noch ein Wort dreinzureden. Habe noch keine Silbe davon gehört. Wer ſoll ſie denn bauen?“ „Die Geſellſchaft, welche die Fabrik Am Falle erwirbt.“ „Sie ſelbſt alſo? Ei, da haben Sie mir ja ein ganz ſchönes Project ausgeheckt!“ „Ich?“ entgegnete Herr Ehrenſtein, indem er die Achſeln zuckte und den funkelnden Blicken des vor ihm ſtehen Gebliebenen mit einem matten, reſignirten Lächeln in 91 begegnete.„Sie haben mein Project ja ſo eben zu Waſſer gemacht, Herr Baron.“ „Wer denn alſo in Dreiteufelsnamen?“ Der ſo barſch zur Rechenſchaft Gezogene zuckte abermals die Achſeln. „Genaueres kann ich Ihnen nicht mittheilen“, er⸗ widerte er.„Mir iſt nur ſo viel zu Ohren gekommen, daß ein Bankhaus in Berlin, wo jetzt ja die Grün⸗ dungen floriren, ſich ebenfalls der Idee, die günsdor⸗ fer Fabrik für ein Actienunternehmen zu acquiriren, bemächtigt hat, wobei es jedoch hauptſächlich mit dem Plane umgeht, unter dem Vorwande, die Kohlenzufuhr für die Fabrik zu erleichtern, einfach eine an dieſer vorbeiführende Verbindungsbahn zwiſchen den beiden hier einander ſo nahe kommenden Linien, reſpective zwiſchen Hartberg und Liebenau zu bauen, die Drei⸗ buchen der Terrainformation nach natürlich mitberüh⸗ ren müßte.“ „Und den Erdmittelpunkt auch noch! Na, das könnte mir noch fehlen! Eine Eiſenbahn über Drei⸗ buchen— mitten durch mein Territorium, am Ende mitten durch meinen Suppenteller. Nimmermehr, ſo⸗ lange ich auf meinen Beinen ſtehe!— Wiſſen Sie es ſicher?“ „Ganz ſicher. Garnmüller hat mir ſelbſt Einblick 1 1 1 5 — 92 ₰ in einen Brief gewährt. Er ſcheint gleichzeitig mir und jenem Hauſe Offerten gemacht zu haben, vielleicht blos um eine Preſſion auszuüben. Jedenfalls aber wäre es ihm lieber geweſen, mit mir abzuſchließen, als mit Leuten, die vielleicht mit leeren Verſprechun⸗ gen—“ „Und was verlangt dieſer Herr Garnmüller?“ fiel der Freiherr, in welchem ein mächtiger Entſchluß kämpfte, ein. „Fünfundſiebzigtauſend im Ganzen, davon ſind aber wohl dreißigtauſend Hypothekſchulden, die ſtehen bleiben könnten, und mit einem Theile des Reſtes würde er ſicherlich warten.“ „Alſo dreißigtauſend baar? Gut! Ich kaufe die Fabrik und den günsdorfer Wald, das heißt die Stelle, wo er einſt geſtanden.“ „Herr von Werdenberg 12 „Das Geld iſt in Händen Ihrer Firma. Sie ha⸗ ben mich um deſſen Verwendung gefragt. Bezahlen Sie Herrn Garnmüller damit.“ Herr Adolf Chrenſtein war in Wirklichkeit betrof⸗ fen. Die Entſcheidung kam raſch und in anderer Weiſe, als er ſie erwartet. „Aber— wollen Sie denn ſelbſt die Fabrik wei⸗ mir leicht aber ießen, ſchun⸗ ler?“ ſchluß ſind ſtehen Reſtes e die t die e ha⸗ zahlen etrof⸗ derer wei⸗ 93 ter betreiben?“ fragte er, nachdem er ſich ein wenig erholt. „Betreiben?“ lachte der Baron.„Bin ich ein Fabrikant? Ich brauche keine Fabrik, ich brauche keine Eiſenbahn!“ „Und die Baulichkeiten?“ „Mögen verfallen!“ Grimmigen Hohn im dunkeln Geſichte, ſetzte er ſich wieder auf ſeinen Platz, als for⸗ dere er von hier aus das ganze Jahrhundert in die Schranken. „Sie ſind natürlich Herr Ihres Geldes“, nahm der Finanzmann kopfſchüttelnd das Wort.„Aber da Sie uns einmal die Ehre erwieſen, uns mit der Mit⸗ verwaltung Ihres Vermögens zu betrauen, möchte ich mir doch die Einwendung erlauben, daß es ein him⸗ melſchreiendes Unrecht wäre, ein ſolches Kapital nicht nur todt liegen zu laſſen, ſondern— geradezu zu ver⸗ nichten. Ein Unrecht, Herr Baron, das Sie an ſich ſelbſt und an Ihren Erben begehen, an dem Glanz und Reichthum Ihres Namens!“ „ Bahl“ „Ein Unrecht an der Bevölkerung, die nicht ſo raſch andern Verdienſt finden wird, ein Unrecht an den Finanzen des Herzogthums, das nun einmal keins der hochbeſteuerten Induſtrie⸗Etabliſſements gleich⸗ 1 1 —— —— 94 gültig fallen laſſen darf. Ich muß aufrichtig zu Ihnen ſprechen, Herr Baron, auf die Gefahr hin, Ihnen lä⸗ ſtig zu fallen. Und dann, immerhin wäre das ja auch zu bedenken, daß der Gründer dieſer Fabrik in leicht begreiflicher Liebe zu ſeinem Werke auf den Ver⸗ kauf gar nicht eingehen dürfte, wenn er damit den Stillſtand, die Vernichtung deſſelben beſiegelte.“ „Zuvor braucht er nichts zu wiſſen. Iſt die Fa⸗ brik erſt mein, hat er nichts mehr zu ſagen“, murrte der neuerdings unruhig gewordene Freiherr. „Wäre das nicht gewiſſermaßen Hintergehung und eines Cavaliers unwürdig?“ Der Banquier begegnete ruhig und in ausgeprägt ehrerbietiger Haltung dem Zornblick des alten Herrn.„Uebrigens muß ich noch einmal darauf zurückkommen, es wäre jammerſchade, ein Werk, das ſo vortreffliche Chancen für ſich hat, außer Betrieb zu ſetzen.“ „Aber wenn kein Holz mehr da iſt?— Ich brauche keine Eiſenbahn, ein⸗ für allemal!“ „Die iſt auch ganz überflüſſig, zum mindeſten, was Dreibuchen betrifft. Für die Kohlenzufuhr genügt die kleine Flügelbahn von Hartberg nach dem güns⸗ dorfer Walde.“ „Aber auch für die habe ich kein Geld.“ „Der Einzelne kann da allerdings mit ſeinen 95 Mitteln nicht langen. Die Bahn müßte gebaut wer⸗ den, die Waldparzelle von der Domäne gekauft, ſie würde das nöthige Holz zu den Montirungen liefern und wäre alſo inſofern ein koſtbarer Schatz. Zudem ſollen genügende Fonds da ſein, denn nur mit einem tüchtigen Betriebskapital iſt man von den Zeitläuften und vor allem von den Arbeitern unabhängig, denen man den Daumen gehörig aufs Auge halten kann.“ „Wahrlich, das würde dem Volke wohlthun.“ „Das Alles ergibt ſich von ſelbſt bei der Fundi⸗ rung der Unternehmung auf eine Geſellſchaft gemein⸗ ſamer Intereſſenten, unter deren Einfluß und Ober⸗ aufſicht eine tüchtige Leitung die Geſchäfte führt.“ Der Verſucher hielt einen Augenblick inne. Sein zwinkernder Blick fiel ſcharf auf den Baron und ein eigenthümliches Funkeln leuchtete darin auf, als derſelbe ſchwieg. Nun hatte er ihn dort, wo er ihn zu haben gewünſcht, allmälig war man dem Ziele näher ge— rückt und mit einer Umſchreibung war daſſelbe nun feſtgeſtellt, ohne daß der Widerſtrebende noch einmal die Kraft gefunden, ſich dagegen aufzubäumen. Der darauf vorbereitete Finanzmann konnte nun daran gehen, alle Vortheile des Unternehmens ins beſte Licht zu ſetzen und unter genauem Nachweiſe aus ſeinen ſchriftlichen Bemerkungen die Wahrſcheinlichkeitsrech— 14 — 4 1 4 3 5 ——— 96 nung aufzuſtellen, welche ſattſamen Gewinn verhieß und ſelbſt für die ungünſtigſte Conſtellation jede Be⸗ ſorgniß vor empfindlichen Verluſten verſcheuchte. Die Ziffern waren mit großer Geſchickli seit und dabei ſo anſchaulich und klar gruppirt, daß es ſelbſt dem mißtrauiſch prüfenden Auge des alten Herrn nicht ſchwer wurde, einen Ueberblick zu gewinnen, bei dem daſſelbe in ſchon vorwegs befriedigter Habſucht erglänzte. Der Banquier hatte längſt ſeinen Hut wieder weggeſtellt und der Abend brach herein, bis endlich Alles durchge⸗ ſprochen und erwogen war. Man hatte beſchloſſen, am nächſten Tage das Etabliſſement gemeinſam in Augenſchein zu nehmen, und Herr Ehrenſtein hatte das letzte Bedenken durch die Bemerkung beſeitigt, daß man ſicher ſein könne, Garnmüller— mit dem eine Begegung doch ungelegen geweſen wäre— nicht zu Hauſe zu finden, da er mor⸗ gens auf dem Markte in Hartberg zu thun habe. „So fahren wir denn miteinander“, ſagte der Baron ſich erhebend.„Ich erwarte Sie gegen Mittag, wir nehmen einen kleinen Imbiß und brechen dann ſo⸗ fort auf. Ich bin bei der Gräfin Riſoll zu Tiſche ge⸗ laden, man ſpeiſt dort ſehr vornehm und ſpät, indeß ich an meinen alten Gewohnheiten feſthalte. Doch mor⸗ gen fügt ſich das prächtig. Ich kann Sie gleich bis 97 Hartberg bringen und Sie haben immer noch den Abendzug.“ „Ich werde mich pünktlich einfinden.“ „Doch da fällt mir ein, morgen iſt ja Schabbes.“ Das Wort klang wieder in alter Verächtlichkeit, als ob damit geſagt ſein ſollte: Und Du bleibſt doch ein Jude!„Kein Tag zu Geſchäften für Sie.“ „O bitte, Herr von Werdenberg.“ „Richtig, ſind ja darüber hinaus— weit hinaus. Entſchuldigen Sie, daß ich vergaß!“ Und den ſarkaſtiſchen Ton zur jovialen Freundlichkeit mildernd, ſchloß er: „Alſo auf morgen! Gute Nacht, mein Lieber— gute Nacht!“ Er ſtand eine Weile am ſelben Fleck, bis ſich die Thür der Werkſtatt öffnete. „Flandron“, ſagte er und ſtrich ſich dabei von der Stirn übers Geſicht herab,„Ihr Knopf hat lange gebraucht— mich hat man raſcher aufgehaspelt. Aber wenn's ein dummer Streich war— alle Wetter, eine Eiſenbahn ſollen ſie mir nicht mitten durchs Zimmer bauen!“ Byr, Larven. I. 7 —— ¹ 1 4 F — Viertes Kapitel. Die Chriſtenmagd hatte dem Gaſt des Juden⸗ hauſes auf ſein Schellen die Thür geöffnet, auch der Laden war ſchon geſchloſſen geweſen, und über dem nach alter Sitte mit einem buntgeränderten weißen Damaſttuche bedeckten Tiſche brannte bereits die Sab⸗ bathslampe, als Herr Adolf Chrenſtein in das große Wohngemach des Oberſtockes trat. Seine Schwiegereltern, ſeine Schwägerin und der kleine Ladenjunge ſaßen im Kreiſe, nur für ihn war noch ein Platz freigelaſſen. Der Hausvater in ſeinem hellbraunen Sabbathſchlafrocke hatte die heilige Schrift vor ſich und las ein Kapitel aus dem Buche Salomo⸗ nis und ſagte Gebete her, die er erſt beendigte, ehe er des Eingetretenen Gruß mit„Schalem alechem“ er⸗ widerte, denn die nächſte Synagoge war in Hartberg 99 und der Familie nicht an jedem Tage des Herrn, geſchweige denn am Vorabende vergönnt, dieſelbe zu beſuchen; man mußte den Tage im Hauſe andächtig begehen. Der alte Elieſer Tauber war ein frommer Mann und hielt ſtreng an den religiöſen Satzungen feſt. Er verſäumte kein Gebet, er berührte kein Geld am Sabbathe und er opferte den fünften Theil ſeines Er⸗ werbes, wie es geboten war, den Armen. Er war noch nicht„darüber hinaus“. Erſt ſpät zum Heirathen gekommen, war er um manches Jahr älter als ſeine Frau und ſeine Familie war klein geblieben. Nebſt Moſes, dem Sohne, hatte er noch zwei Töchter, Sarah und Judith, die„ſchöne Judith“, die ſein Liebling war und um die er die Hände über den Kopf zuſammengeſchlagen hätte, wenn er gewußt, in welcher Conſtellation ſie heute durch das aſtronomiſche Fernrohr vom Obſervatorium des Schloſſes aus entdeckt worden war. Er hatte aber keine Ahnung davon und er grüßte mit glücklichem Lächeln von Zeit zu Zeit während des Leſens ſeinen Augapfel— ſein Jüngſtes. Auch hatte er wahrlich Urſache glücklich zu ſein, und es war verzeihlich, wenn ſein väterliches Herz ſich bei dem Anblicke der Jung⸗ frau vor Freude geſchwellt fühlte, denn Judith ver⸗ 7* 1 ¹ 1 3 3 3 — 5 —— 100 diente den Beinamen, den man ihr gab, vollkommen. Sie war eine ſtolze, edle, feurige und doch ernſte Schönheit, von ſolcher Schönheit, wie man ſie eben einer Judith, der Heldin von Bethulia, zuſchreibt, nur gemildert durch einen ſanften Zug um den weichen Mund und ein keuſches Senken und Verhüllen des Auges, das voll aufgeſchlagen eine magiſch feſſelnde Gewalt übte. Das ſtarke, einfach geflochtene Haar war kunſtlos um den Kopf gelegt und ebenſo beſcheiden war das braune weißgetupfte Kleid, das ihre volle hohe Geſtalt gerade durch ſeine ſtrenge Einfachheit noch majeſtäti⸗ ſcher erſcheinen ließ. Man ſah, das Mädchen liebte bunten Tand und koſtbares Geſchmeide nicht und trug die goldene Broche am Halſe nur als eine Conceſſion an den Geſchmack der Mutter, die ihr Töchterchen gern mit allem Schmucke herausgeputzt hätte, nach welchem ihr eigenes Herz— obwohl ſie damit ſchon bis auf die dick beringten Finger überladen war— noch ſchmachtete. Judith's Schönheit war kein Erbtheil von der Mutter. Dieſe war klein und unanſehnlich trotz ihrer Ueberfülle; wohl aber hatte der Vater die hohe Geſtalt und das kräftig ſchöne Profil ſeines Stammes, wie es ſich im Gegenſatze und neben ſeiner Entartung durch 101 Jahrtauſende rein erhalten hat. Das immer noch dichte weiße Haar gab ſeiner Erſcheinung etwas wahr⸗ haft Ehrwürdiges. Wie er ſo nach der Begrüßung hoch aufgerichtet ſeinem Schwiegerſohne gegenüberſtand, ſah der letztere noch häßlicher und abgelebter aus. „Du biſt lange ausgeblieben, mein Sohn. Der Sabbath iſt ſchon angebrochen!“ ſagte der Alte freund⸗ lich, aber doch mit leiſe durchdringendem Vorwurfe, dem ſich der davon Getroffene mit gelangweilter Miene und ſeinem beliebten Achſelzucken entzog. „Man kann nicht immer darauf Rückſicht nehmen und muß das Eiſen ſchmieden, ſolange es warm iſt.“ „Soll ich noch leſen ein Kapitel, daß Du Dich kannſt ſammeln?“ fragte der Alte, aber ſeine Frau fiel ihm eifrig ins Wort. „So laß doch, Elieſer! Siehſt Du doch, wie ſehr Adolf iſt angegriffen. Er wird ſein hungrig und durſtig wie unſer Volk in der Wüſte.“ „Ja, ja, laſſen Sie es, Schwiegerpapa“, ſtimmte der junge Herr zu und wandte ſich dann, indem alle Abgeſpanntheit in ſeinen Zügen einem gezwungen lie⸗ benswürdigen Lächeln wich, an Judith:„Meine Schwä⸗ gerin iſt gewiß auch damit einverſtanden, ich wette, ſie iſt ermüdet von der Vorleſung. Wenigſtens ſchie⸗ nen Ihre Gedanken weit, weit abzuſchweifen. Ja, ja, F — 4 102 man hat nicht ungeſtraft ſolche Augen, Schweſterchen! Die feſſeln wie koſtbare Steine jeden Blick und die Beſiegerin muß ſich ſehr in Acht nehmen, daß ſie nicht an ihr zu Verräthern werden. Wer mag wohl ſo glücklich ſein, der Zielpunkt dieſer ins Ferne gerichteten Blicke und Gedanken geweſen zu ſein? Eins weiß ich— König Salomo war's gewiß nicht.“ Das Mädchen trat leicht erröthend einen Schritt zurück, als ſcheue es die Annäherung des galanten Schwagers und deſſen widerliches Lächeln. „Ich will nicht hoffen—“ ſagte der Alte. „Doch, Vater, es iſt wahr“, geſtand das Mädchen freimüthig.„Meine Gedanken waren abgeirrt; Adolf's Beſuch mochte daran ſchuld ſein— ich dachte an die Schweſter.“ „Ach, wie ſchade, daß Sie nicht haben mitgebracht unſer liebes Kind!“ klagte Frau Tauber.„Wie hätt' ich mich gefreut, ſie wiederzuſehen und zu ſpielen mit den Kleinen, die ſchon recht werden ſein gewachſen, ſeit wir ſie haben geſehen zum letzten Mal. Aber Sie werden ſein hungrig und durſtig, nicht wahr, Adolf? Nein, nein, Sie ſollen nicht leiden Hunger und Durſt bei uns im Hauſe, iſt es doch das Vaterhaus Ihrer Frau, unſerer Tochter. Ach, wenn Sie uns doch hät⸗ ten gebracht unſere Tochter ins Vaterhaus!“ 103 „Ich hatte es ihr vorgeſchlagen“, verſetzte Adolf kühl,„aber Frieda wollte nicht. Ich glaube, ihre ge⸗ wöhnliche Migräne oder dergleichen—“ „Ja, ja!“ ſagte der Alte mit trübem Kopfnicken. „Meine Kinder gehen hinaus in die Welt und ſie wollen nicht mehr zurückkehren in das Haus, wo ſie geboren und auferzogen worden. Sie ſchämen ſich der Eltern und wollen nicht einmal tragen den Namen, den vor ihnen getragen ſo viele in Israel, ſie wollen nicht heißen Sarah und Moſes, ſondern nennen ſich Frieda und Edgar. Was haſt Du Dir ausgeſucht für einen feinen, wohlklingenden Namen, Judith, für die Zeit, wann Du gegangen ſein wirſt von uns?“ „Vater!“ ſagte die Gefragte tief erröthend und ſchlug die Augen nieder. „Ja, ja, es wird ſo kommen. Haſt Du ſchon nachgeſchlagen im Kalender, wo die Tage unſeres Volkes ſtehen neben den Tagen der Katholiken, Pro⸗ teſtanten und Griechen? Haſt Du ſchon gefunden etwas Feines, Vornehmes, wie es paßt für ein adeliges Fräulein oder die Tochter von einem gelehrten Profeſſor, der es in den alten Büchern lieſt, wie ſie geheißen haben vor tauſend und tauſend Jahr, die Königinnen und Kaiſerinnen?“ „Was quälſt Du ſie, Vater?“ legte ſich Frau 1 ¹ 3 8 1 3 —— 104 Tauber ins Mittel und auch Judith war bittend her⸗ zugekommen und faßte des Alten Hand. Aus deſſen Augen aber fiel ein rührender Blick voll inniger Liebe auf ſie und langſam ſtrich er mit zärtlicher Liebkoſung über das glänzend ſchwarze Haar. „Quäle ich Dich?“ ſagte er mit milder Trauer im Tone.„Ich will Dich nicht quälen, Judith. Du glaubſt mir, daß ich Dich nicht will quälen? Es thut nur ſo weh, wenn die Kinder ſich wenden von den Eltern, wo es ihnen nicht mehr gefällt daheim.“ „Haſt Du ihnen doch geebnet die Wege in die Welt“, meinte Frau Tauber ihre Kinder entſchuldigen zu müſſen.„Haſt Du doch geſcheut keine Koſten für Bücher und Lehrer und haſt ihnen geſorgt für eine feine Erziehung im Inſtitut. Soll das Alles ſein für unſer Haus in Dreibuchen? Sollen ſie begraben ihre Jugend, ihre Schönheit und ihren Geiſt?“ Noch immer ruhte des Alten Blick auf Judith's Stirn, als ſuche er dort eine Antwort zu leſen, noch immer ſtrich die Hand ſanft und liebkoſend über das Haar, es ſchien faſt, als habe er die Worte ſeiner Frau gar nicht gehört. Leiſe und träumeriſch kam's über ſeine Lippen: „Ja, ja, Dir auch nicht mehr! Dir auch nicht mehr! Es gefällt den Kindern nicht mehr in der Heimat.“ 105 „Kein Wunder übrigens. Sie könnte ein wenig eleganter ſein, ohne jedoch Ihrem Geſchmacke zu nahe treten zu wollen, lieber Schwiegerpapa“, nahm Adolf, der geſchwiegen hatte und den die Scene nachgerade zu langweilen begann, das Wort. Sein Blick ſchweifte mit bezeichnender Verächtlich⸗ keit im Zimmer herum, deſſen Einrichtung allerdings von modernem Luxus weit entfernt war. Die beiden Oelbildniſſe Tauber's und ſeiner Gattin über dem roth und blau geblümten ſeltſam geformten Sopha bildeten offenbar den Hauptſchmuck des Gemaches, wo⸗ bei es jedoch mehr auf die breiten Goldrahmen als auf den zweifelhaften Kunſtwerth der Gemälde ankam. An der andern Längswand, nahe am Fenſter, ſtand ein Flügel, von dem ſich unter der ſorgſam geſchloſſe⸗ nen Tuchdecke jedoch nicht erkennen ließ, ob er neu oder alt war. Im Uebrigen herrſchte eine nicht ge⸗ rade unwohnliche, aber nüchterne Einfachheit, die mit der ins Auge fallenden ſorgſamen Reinlichkeit im Zu⸗ ſammenhange zu ſtehen ſchien. Der alte Jude hatte auf die Bemerkung ſeines Schwiegerſohns nichts ge⸗ ſagt, vielleicht auch ſo wenig darauf geachtet als auf die ſeiner Frau. Mit einem Seufzer hatte er ſich von Judith abgewendet, das große ſchwere Buch vom Tiſche genommen und in einen Schrank weggeſchloſſen, 4 — 4 1 A1 5F —— 106 während die Magd auf der Frau Betreiben die Teller und Beſtecke zurechtgerückt und das Abendeſſen aufge— tragen hatte. 3 Der Gaſt rümpfte zwar über Barches und brau⸗ nen Karpfen die Naſe, ließ ſich aber nach einigem Zieren und Zögern Beides ganz gut ſchmecken wie den funkelnden Rothwein, der ihm zu Ehren heute eigens aus dem Keller geholt worden war. Die Hausfrau glaubte es dabei ſich und dem Gaſte ſchuldig zu ſein, fleißig zum Zugreifen zu nöthigen, wobei ſie nur be— dauerte, nichts Beſſeres für ihn zu haben. „Sie werden ſein hungrig und durſtig, Adolf“, be⸗ gann ſie nun wieder von Zeit zu Zeit.„Eſſen Sie, eſſen Sie, es iſt Ihnen gegönnt vom Herzen! Sie werden freilich nicht mehr gewöhnt ſein an braune Roſinenſauce und lieben ſie wohl feiner und pikanter, aber Tauber will nichts hören von einer neuen Art, zu bereiten die Speiſen.— Iſt der Karpfen zu weich?“ klagte ſie das andere Mal.„Ich habe wollen Ihnen vorſetzen eine Forelle, wie Sie gewiß ſind gewohnt zu ſerviren in den vornehmen Geſellſchaften; aber der Fiſcher hat mich gelaſſen im Stich.“ Und dann ent⸗ ſchuldigte ſie ſich wieder, keinen Kuchen vorgerichtet zu haben, doch ſei der Beſuch ſo unerwartet gekommen und keine Zeit mehr geblieben. 107 Inzwiſchen ging das von Adolf angeſponnene, jedoch nur gegen Judith mit einiger Lebhaftigkeit ge⸗ führte Geſpräch mit kurzen Unterbrechungen fort. „Triſtan und Elſa ſind wohl“, berichtete Judith's Schwager auf eine ihrer Fragen.„Sie gedeihen und haben mir aufgegeben, ihnen die Tante mitzubringen. Beſonders die Kleine phantaſirt fortwährend von Ihnen, Judith, und hat tauſend kleine Geheimniſſe für Sie aufgeſpart. Frieda hat wenig Zeit für die Kinder. Es gibt ſo viele Abhaltungen; ſie beſucht jede populäre Vorleſung, jedes Concert— man muß doch mit der Zeit gehen!— Zuſammenkünfte zu wohlthätigen Zwecken, die Sitzungen der gemeinnützigen Vereine und dann die geſellſchaftlichen Pflichten. Sie wiſſen gar nicht in Ihrer ſtillen Weltabgeſchiedenheit hier, auf wievielerlei Art unſere Zeit in Anſpruch genommen wird. Und iſt man einmal in dem Strom, kann man ſich nicht leicht den Anforderungen entziehen. Die Frauen haben heutzutage gerade ſo ihren Wir⸗ kungskreis wie die Männer, und man muß ihnen zu⸗ geſtehen, daß ſie denſelben auch mit lobenswürdigem Eifer auszufüllen trachten, nur trifft es ſich, daß die Familie dabei wohl zuweilen vernachläſſigt wird— Kinder und Gatte. Und beide wären dankbar, wenn man ſich ihrer in der Vereinſamung ein wenig an⸗ 4 1 5 4 4 1 1 * 108 nehmen würde. Es wäre ein gutes Werk der Verwand⸗ tenliebe.“ Bei den letzten Worten ſuchte ſein zwinkernder Blick die ausweichenden Augen der Nachbarin und wohlgefällig ſpielten ſeine Finger mit dem einen Ende ſeines Bartes. „Gott der Gerechte! Warum ſo viel reden, Adolf? Schicken Sie uns die Kleinen!“ rief Frau Tauber in überwallendem Gefühl.„Sind wir denn nicht die Großeltern? Wir werden gewiß üben das gute Werk von der Verwandtenliebe. Wir wollen ſie hätſcheln und pflegen und alle Tage ſollen ſie haben ein Stück Candiszucker aus dem zweiten Fache und nicht von der Qualität, die ſchon angezogen hat von der Feuch⸗ tigkeit und für gewöhnlich liegt im erſten. Bei uns ſollen Sie nicht ſpüren die Vereinſamung und den Mangel an Familienleben. Schicken Sie ſie heraus!“ „Das geht nun doch wohl nicht an. Schon der Erziehung wegen.“ Der Alte fühlte das Kränkende in der Bemerkung, die durch einen ſpöttiſchen Ton noch verſchärft wurde. Er runzelte die Stirn, wie er ſchon mehrmals während ſeines Schwiegerſohnes Mittheilungen gethan, und ſagte ein wenig ſchroff: „Die Kinder gehören zur Mutter. Ihre erſte 109 Pflicht iſt deren Erziehung, ſolange dieſelben noch ſtehen in ſo jungem Alter.“ „Lieber Schwiegerpapa, das ſind veraltete An⸗ ſichten. Wozu bezahlen wir denn mit theurem Gelde unſere Bonnen und Gouvernanten? Die wollen auch leben und haben ſich eigens dafür vorgebildet. Wenn ich von Vereinſamung und Verwandtenliebe ſprach, ſo habe ich dabei etwas ganz Anderes gemeint uud ich würde für meine Perſon ſchließlich doch zu kurz kommen, wenn ich Ihnen die Kleinen im Frühjahr oder Sommer auf ein paar Wochen auch ſelbſt mit ihrer Gouvernante herausſchickte. Umgekehrt möchte ich von hier ein wenig Verwandtenliebe mitnehmen.“ Wieder ſuchte ſein Blick dem Judith's zu begegnen und ſein häßliches Lächeln ſollte die Worte bedeutungs⸗ voll für ſie machen. Frau Tauber rückte unruhig auf ihrem Stuhle umher, unſchlüſſig ſah ſie bald ihren Mann, bald ihren Schwiegerſohn an. „Es geht doch ſchwer, es geht doch ſchwer“, brachte ſie endlich hervor.„Ich kann doch den Vater nicht allein laſſen.“ „Sei ruhig“, ſagte ihr Gatte bitter,„man verlangt gar nicht nach Dir. Du würdeft ſo ſchlecht paſſen in die vornehmen Salons wie ich.“ 1 3 5 —— 110 „Sie können überzeugt ſein, daß es uns immer freuen wird, Sie zum Beſuche bei uns zu ſehen“, ver⸗ ſicherte Adolf mit nicht übermäßigem Eifer. „Ja, zum Beſuche auf ein paar Stunden, aber nicht lange.“ „Wie kannſt Du ſein verletzend, Vater, und eine Einladung nehmen übel?“ „Laß mich, Mutter! Wenn ich rede, werd' ich wiſſen, was ich rede. Iſt die Einladung geweſen für mich oder für Dich? Nein, ſie iſt geweſen für Judith.“ „In der That, Schwiegerpapa, wie wäre es, wenn Sie dieſelbe ein wenig in Ueberlegung zögen? Es fehlt unſerm Hauſe das friſch belebende Element. Wir wären glücklich, wenn Sie mir die Erlaubniß er⸗ theilten, Ihnen den Sonnenſchein zu entführen, um ihn mit heimzubringen als das ſchönſte Geſchenk, das ich den Meinigen bieten kann. Auch für meine lie⸗ benswürdige Schwägerin ſelbſt wäre meiner Meinung nach dieſe Veränderung keine ganz ungünſtige.“ „Judith?— Judith ſoll fort?“ ſtieß Frau Tau— ber beſtürzt hervor, aber ihr Gatte ließ ſie nicht wei⸗ ter ſprechen, er faßte beruhigend ihren Arm. „Veitel, geh' ſchlafen!“ ſagte er zu dem Laden⸗ jungen, der, Mund und Augen weit offen, den Wun⸗ derdingen zu lauſchen ſchien, dabei aber die Gelegen⸗ 414 heit wahrnahm, wenn er ſich unbeachtet glaubte, die Hand in das Tellerchen mit Roſinen, Nüſſen und Zimmt zu ſtecken, um ſie gefüllt wieder herauszuziehen und mit großer Unbefangenheit unter dem Tiſche ver⸗ ſchwinden zu laſſen. Offenbar hielt er ſich für ertappt, ſo ſchief und bange und ſcheelſehend ſchlich er ſich zum Zimmer hinaus. Judith war blaß geworden. Daß der Vater den Jungen fortſchickte, zeigte deutlich, daß der Vorſchlag nicht einfach abgethan, ſondern einer eingehenderen Verhandlung unterzogen werden ſollte. Was war ſeine Abſicht? Stimmte er zu oder war er dagegen? Sollte ſo plötzlich eine Veränderung an ſie herantreten, auf die ſie nicht vorbereitet war? Was ſonſt konnte ſein feierliches Weſen bedeuten, da eine Ablehnung doch mit ein paar Worten zu geben geweſen wäre? Sie ſollte nicht ſo raſch ihrer Zweifel enthoben werden. „Judith“, ſagte der Vater,„rede, mein Kind, biſt Du ſelbſt gewillt zu verlaſſen Dein Eltern⸗ haus?“ Die Gefragte hob das Auge und hielt die Blicke aus, die auf ſie gerichtet waren, ohne die Zeichen zu beachten, die ihr von der Mutter gegeben wurden. 112 „Ich habe nicht darnach verlangt“, ſagte ſie mit einer wunderbar wohllautenden, in dieſem Momente der Erregung muſtkaliſch vibrirenden Altſtimme. Der Alte ſah ſie noch einen Augenblick prüfend an und nickte dann mehrere Male nacheinander, wobei ein winterliches Lächeln ſeine ſchmalen Lippen um⸗ ſchlich, die Mutter faltete überraſcht und unzufrieden die Hände, was ob der vielen Ringe nicht leicht ging. Adolf lehnte ſich mit ſichtlichem Verdruſſe mit ſeinem Seſſel hintenüber und ſteckte Daumen und Zeigefinger in die Weſtentaſchen. „Aber, liebe Schwägerin“, ſagte er mit gezwun⸗ genem Lächeln,„Sie geben mir da einen völligen Refus und Frieda und ich, wir hatten doch ſo feſt darauf gerechnet.— Nein, nein, ich will mir's an⸗ ders deuten. Sie haben nicht darnach verlangt— gut! aber Sie ſind auch nicht abgeneigt, da ſich die Ge⸗ legenheit von ſelber bietet. Wie ſollten Sie auch? Ihre kindliche Liebe, die ſehr lobenswerth iſt, läßt Sie die Trennung ſchmerzlich empfinden— ſehr lobens⸗ werth, wie geſagt!— aber Sie dürfen Ihr eigenes Intereſſe nicht ganz verkennen oder zum Opfer bringen. Sie müßten kein junges, ſchönes— ja, es muß ge⸗ ſagt ſein!— kein junges, ſchönes, geiſtreiches Mädchen ſein, wenn Sie nicht das Verlangen empfänden, die 3 113 Welt kennen zu lernen und die Ihrem Alter ange⸗ meſſenen Vergnügungen zu genießen. Talente wie die Ihrigen ſind nicht dazu angethan, auf dem Dorfe be⸗ graben zu werden.“ „Begraben zu werden, das ſage ich auch!“ fiel hier die Mutter, die ſich nicht mehr halten konnte, mit lebhaften Geſtikulationen ein.„Vater, haſt Du geſehen eine Thräne, die mir je gelaufen iſt über die Wange, weil ich habe begraben mein Leben hier im Dorf? Haſt Du gehört einen Seufzer, wenn ich hab' müſſen ſtehen im Laden und verkaufen unko⸗ ſchere Waaren an unſere Kunden? Ich hab' gewo⸗ gen gleich, der Herrſchaft wie dem Bauer, und bin's geweſen zufrieden, wenn ich habe gehabt nur Dich und dann Dich und unſere Kinder und dann wieder nur Dich, bis im vorigen Herbſt iſt heimgekommen die Judith. Ich werde ſein auch wieder zufrieden, wenn ſie iſt gegangen, und ich werde wieder nur haben Dich und Du ſollſt ſehen keine Thräne und hören keinen Seufzer. Aber ich bin nicht geweſen wie unſere Töchter, wenn ich auch hab' gefunden Gnade vor Deinen Augen. Ich bin nicht geweſen ſo ſchön und klug und ſo gelehrt und hab' nicht ge⸗ habt die Talenter und die hohe Erziehung im In⸗ ſtitut, die uns hat gekoſtet ſo viel Geld. Ich frage Byr, Larven I. 8 1 1 8 5F —-— 4 4 Dich, iſt ſie nicht ſchön wie Rahel und klug wie Eſther und lieblich wie Ruth? Tanzt ſie nicht wie die thörich⸗ ten Jungfrauen und ſpielt ſie nicht Klavier, was jetzt iſt viel angenehmer als die Harfe vom König David, und ſingt ſie nicht wie Miriam und Deborah? Und das Alles ſoll nur ſein eine Freude für unſer Auge und Ohr, wenn es altert, und für die blöden Bauer— leute im Dorfe? Laß ſie gehen in die Welt, in die ſchöne oder vornehme Welt, daß ſie ſieht Leute und wird wieder geſehen, daß ſie kann tanzen und ſingen und ſpielen und in die pupoleere Vorleſung gehen und ins Theater, überallhin, wo es iſt fein und nobel und wo die Leute werden ſchauen durch die Gläſer und werden ſagen einer zum andern: Sieh, das iſt die Schönſte— die ſchöne Judith vom Elieſer Tauber aus Dreibuchen!“ „Thorheit! erwiderte der Alte, das Haupt wiegend. „Thorheit, Mutter! Soll ich ſie hinausſchicken, damit ſie ſieht, wie ihr Stamm iſt verachtet in der Welt?“ „Aber, lieber Schwiegerpapa, Sie ſprechen da von uralten Zeiten oder von Leuten, die noch aus der ur⸗ alten Zeit übrig geblieben ſind, wie Herr von Werden⸗ berg da drüben. Hepp, hepp! ſchreit man hinter den Juden nur noch in böhmiſchen Dörfern oder rumäni⸗ ſchen Städten her, in der civiliſirten Welt, vor allem 115 in Deutſchlands großen Städten gehören ſie zur Ari⸗ ſtokratie und man ſetzt die Bezeichnung Geld nur voraus, um uns von denen zu unterſcheiden, die Ari⸗ ſtokraten ohne Geld ſind. Sie gehen von Ihren Dorfanſchauungen aus. Das iſt aber ganz anders in der vornehmen Welt. Und in meinen Salons ſehe ich nur die vornehme Welt.“ „Siehſt Du?“ flüſterte die Mutter Judith zu. „Sitz' nur nicht ſo da wie Loth's Weib. Red' zu dem Vater!“ So, in Deinen Salons? Und da ſoll ich ſie hin⸗ ſchicken, damit Jeder ſie ſieht als ein lediges Mädchen und ſie beliebäugelt, beſchwatzt und ſie umfängt im lüſternen Tanz und dann geht und lacht, daß ihm ge⸗ glaubt hat die ſchöne Judith?“ Adolf zuckte ungeduldig die Achſeln. „Es wird nicht lange dabei bleiben“, ſagte er ſpöttiſch lächelnd.„Heutzutage braucht ein ſolches Gold⸗ vöglein nicht zu fürchten, nur zum Spiele zu dienen. Wenn man weiß, was Judith zur Mitgift erhält, hat ſie die Auswahl unter Offizieren und Kammerherren, unter Grafen und Baronen.“ „Ich möchte mir keinen Mann erkaufen“, ſagte Judith ſtolz gehobenen Hauptes. Ihre Mutter agirte aufs lebhafteſte und kam erſt 8* 1 1 — f —— — —— v, 146 vor lauter Erſtaunen und Entzücken gar nicht zum Worte. Endlich aber fand ſie daſſelbe doch. „Aber hörſt Du denn nicht— unter Grafen und Baronen! Wie kannſt Du ſagen, Du möchteſt Dir nicht erkaufen einen Mann? Iſt doch nichts zu haben um⸗ ſonſt auf der Welt, und ſo einer von den ſchönen Offizieren von den Soldaten oder einer von den feinen Hofherren iſt doch auch ſeinen Preis werth, und dann eine Krone mit den Zacken und den Kugeln auf dem Wagenſchlag und in den Ecken an den Sacktüchern und den Servietten! Ich will Dir ſie laſſen ſticken bei dem lahmen Blümchen Reizes in Hartberg, die läßt bei drei großen Kronen immer mit dreingehen eine kleine. Was wirſt Du ſchön ſein als Braut von einem jungen Grafen!“ „Schmach Israel!“ rief der Greis, indem er ſich in tiefer Erregung erhob, die Arme emporſtreckte und die Hände über ſeinem Kopfe ſchüttelte.„In meinem eigenen Hauſe, mein eigenes Weib! Was für Reden muß ich hören über mein Kind? Einem Gojim ſoll ich es geben zum Weibe. Gott über die Welt! Und iſt er vielleicht kein Gojim, weil er iſt ein Baron oder Graf, ein Soldat oder ein Hofmann? Und ſoll ich meine Tochter geben in die Gefahr, daß ſie ſieht ſchlim⸗ mes Beiſpiel und wird abtrünnig dem Glauben ihrer 117 Väter? Wollt' ich doch lieber verlieren ein Auge und die Hand, als daß ich ſollte gezeugt haben ein Kind, das einen Chriſten nimmt zum Manne! Wollt' ich doch lieber verlieren Hab und Gut, als zugeben einen Heller zur Mitgift und wenn ich müßte ſehen verhungern und verderben mein eigenes Kind!“ „Sprich nicht ſo ſchrecklich, Vater!“ ſiel ihm Judith ins Wort; ſie war auf ihn zugeeilt und ſchmiegte ſich flehend an ihn. „Schrecklich? Schrecklich iſt's nur, wenn meine Worte ſollten gehen in Erfüllung. Solange Du Dir nicht biſt bewußt einer Schuld, ſind die Verwünſchungen geſprochen in den Wind und verwehen mit ihm ſpur⸗ los und ohne Bedeutung.“ „Was biſt Du fürchterlich!“ jammerte Frau Tauber. „Iſt mir doch der Schreck gefahren in alle Glieder!“ Der Alte, die mächtige Erſchütterung wahrnehmend, die ſich in Judith's Zügen malte, kehrte vollkommen zu ſeiner ruhigen Weiſe zurück, nur das Zittern ſeiner Stimme verrieth noch den in ſeinem Innern aus⸗ grollenden Sturm. Er ſtrich, wie er das ſo gern that, über Judith's Haar hin und blickte liebevoll auf ſie. „Du biſt ein folgſames, ein gutes Kind“, ſagte er, „Du wirſt nicht verurſachen Gram und Kummer Deinem 1 5F ——— 118 Vater und der Herr wird erfüllen den Segen, den ich gieße über Dein Haupt.“ „Aber jetzt ſetzen Sie ſich nieder, lieber Schwieger⸗ papa“, mahnte Adolf, der dem Auftritte mit unerſchüt⸗ terlicher Kaltblütigkeit beigewohnt hatte, ohne auch nur ſein Spiel mit dem Barte zu unterbrechen.„Die theatraliſche Leiſtung muß Sie ein wenig angeſtrengt haben. Es fehlte nur die Muſik von Halévy dazu, um den Eindruck vollſtändig künſtleriſch zu machen.“ „Ja, ja, es iſt am beſten, Judith ſoll uns machen ein wenig Muſik“, ſagte Frau Tauber eifrig.„Sie kann die Muſik von Meyerbeer und von Mendelsſohn und wird auch kennen die Muſik von Lewy.“ Dabei winkte und zwinkerte die gute Frau ihrem Töchterchen hinter dem Rücken des Vaters zu, als wolle ſie andeuten, es werde ſich ſchon ein Ausweg finden. Judith wollte gehorchen, der Vater aber hielt ihre Hand noch feſt in der ſeinen, obwohl er ſich ſchon geſetzt hatte. „Du haſt nicht verlangt fort, Judith“, ſagte er, „aber Du wirſt gern gehen, wenn die Zeit iſt gekommen, denn es iſt bei Dir wie bei den andern, daß es Dir nicht mehr gefällt in der Heimat.— Du haſt es nicht können leugnen offenen Auges. Laß ſein, ich will Dir nicht machen einen Vorwurf daraus. Du ſollſt gehen hinaus in die Welt, wie Deine Schweſter iſt gegangen vor Dir. Du ſollſt kennen lernen alle die Freuden und Vergnügungen, von denen ſie machen ein ſolches Geſchrei, als hinge daran das Leben, und es werden doch auch alt die Menſchen, ohne geweſen zu ſein dabei. Du ſollſt Alles haben und Alles ge⸗ nießen, aber Du ſollſt nicht hinausgehen allein. Du ſollſt einen Schutz und einen Führer haben, einen Mann aus unſerem Volke, für den ich Dir habe geſorgt. Du ſollſt haben Deinen Willen und hinausgehen, nur eine kleine Weile ſollſt Du noch warten. Ich habe ſchon geſprochen mit Schmelkes, dem Vermittler.— So, jetzt kannſt Du ſingen uns ein luſtiges Lied, wenn es auch iſt wider den Gebrauch. Soll ſich doch freuen das Menſchenherz am Sabbath.“ Ein luſtig Lied! Wenn er geahnt hätte, wie wenig ihr darnach zu Muthe war! Die Farbe ging und kam auf Judith's Wangen, ein Wort lag ihr auf den Lippen, aber ſie hielt es zurück, jetzt, in Gegenwart des Schwagers, aus deſſen Geſicht das ironiſche Lächeln nicht wich, vermochte ſie es nicht zu ſprechen. Sie blieb ſtehen mit kraftlos herabhängenden Armen, den ſchönen Nacken gebeugt und den Kopf auf die Bruſt geſenkt, während des Vaters Aufmerkſamkeit von ihr abgewen⸗ det wurde. 4 4 — 45 —— 120 „Und haſt mir gar nichts geſagt davon!“ beklagte ſich ſeine Frau.„Iſt es recht, zu machen ein Geheim⸗ niß daraus vor der eigenen Mutter?“ „Sagen Sie mir doch, lieber Schwiegerpapa, was brauchen Sie dazu den Schmelkes?“ ließ ſich Adolf ärgerlich vernehmen.„Dergleichen macht ſich doch heutzutage ganz von ſelbſt. Wenn Sie ſchon auf einer altmodiſchen Heirathsvermittlung beſtanden nun, damit konnten wir Ihnen ja auch dienen. Wer ſoll denn der Glückliche ſein, der mir zum Schwager er— koren worden iſt?“ „Werdet's hören ſeiner Zeit.— Geh', ſing' ein Lied!“ Die letzten Worte hatte der Alte wieder zu Judith geſprochen und dieſe folgte mechaniſch dem Wunſche. Sie zog die Decke vom Flügel, ſchlug den Verſchluß zurück und ſetzte ſich an das Inſtrument. Alles das that ſie beinahe, ohne es zu wiſſen; erſt als ihre Finger die Taſten berührten, horchte ſie erſchrocken auf, als ob der Ton ſie aus dem Schlafwandeln wecke. „Ein gutes Inſtrument“, äußerte Adolf. „Hat's doch der Vater kommen laſſen von Leipzig directe“, beeilte ſich Frau Tauber geſchmeichelt zu ver⸗ ſichern.„Steht auf dem Tafelchen Blüthner, ſoll ſein der erſte von den Pianofortemachern. Iſt be⸗ 121 zahlt mit baaren ſechshundert Thalern. Das iſt ein guter, ein freigebiger Mann, wo es gilt ſeine Kinder.“ Noch eine Weile fuhr ſie fort in ihren Anpreiſungen, dann plötzlich einem andern Ideengang folgend, fragte ſie:„Warum trinken Sie nicht, Adolf? Trinken Sie doch! Iſt der Wein nicht gut? Er iſt doch von der beſten Sorte.“ „Ich bin ihn abends nicht gewohnt. Eine Taſſe Thee und eine Cigarre wären mir lieber.“ „Rauchen am Sabbath?“ ſagte der Greis miß⸗ billigend.„Sollſt Du doch kein Feuer anzünden in der heiligen Zeit.“ „Ach was, wenn er doch iſt gewöhnt Thee und Cigarren“, fiel Frau Tauber eifrig ein.„Sollen Sie haben, ſollen Sie haben. Ich will gleich gehen und es ſagen der Magd, daß ſie geht in den Laden, zu holen den Thee und die Cigarren. Der Thee wird freilich nicht ſein ſo fein, wie ihn trinken die Fräuleins in Ihrem Salon und die Grafen und Barone, aber die Köchin aus dem Herrenhauſe kauft immer davon, wenn ſie will ſchwitzen.“ „Und die Cigarre wird von derſelben Sorte ſein“, ſpöttelte Adolf.„Danke, danke, liebe Schwiegermama, Sie ſind zu gütig, ich bin aber eines ſo draſtiſchen Effectes für heute nicht benöthigt. Mit Cigarren habe M 1 4 1 3 5 ——— — 122 ich mich übrigens verſehen und der Wein— iſt ganz gut.— Ah, herrlich!“ Der letzte Ausruf galt den erſten Takten von Rubinſtein's leidenſchaftlich trauriger Compoſition zu Heine's„Aſra“. Judith hatte zu ſingen begonnen. Warum ſie gerade dieſes Lied wählte, ſie wußte es ſelber nicht, es war ihr ſo gekommen, als ſei es dies und kein anderes, das ſie ſingen müſſe, und ihre Stimme, von ſeltener Tiefe, Kraft und Klangfülle, drang überwältigend zum Gemüthe der Zuhörer. Frau Tauber horchte andächtig und mit verzückter Miene, ſie meinte, kein Vorſänger könne es ſchöner, auch ihr Gatte ſenkte das Haupt in der ſtützenden Hand, ob⸗ wohl es kein„luſtiges“ Lied war, dem er lauſchte, nur Adolf behielt noch ſo viel praktiſchen Sinn neben ſeinem Kunſtenthuſiasmus, um ſich ſeiner Cigarre zu erinnern und dieſelbe ſorgſam ringsherum anzubrennen, wonach er ſich aber wieder mit ſeinem Seſſel zurück⸗ lehnte und ganz in äſthetiſchen Genuß verſank. „Ah, und das ſoll Alles für uns verloren ſein!“ murmelte er nur von Zeit zu Zeit.„So viel Empfin⸗ dung, ſo viel Schule, ſo viel Wohllaut! Superb! Wirk⸗ lich magnifique! Ah, ah! Welches Aufſehen hätte das in meinen Salons gemacht!“ Sein Entzücken fand ein plötzliches Ende. Schon 123 war die Sängerin bei den letzten Zeilen angelangt, da begann ihre Stimme zu ſchwanken, zu ſtocken, was Adolf für einen künſtleriſchen Effect zu halten geneigt war. „Und mein Stamm ſind jene Aſra, Welche ſterben, wenn ſie lieben.“ Die Worte blieben unverſtändlich, ein Schluchzen er⸗ ſtickte ſie. Die Begleitung brach mit einer Diſſonanz ab und Judith flüchtete aus dem Zimmer. „Gott der Gerechte! Was hat das Kind?“ jammerte die Mutter und eilte der Verſchwundenen nach, ohne auf den Gatten zu hören, der ihr nachrief, ſie möchte das Mädchen allein laſſen. Auch Adolf ſaß ganz aus dem Concept gebracht da, er wäre mit ſeinem Stuhl beinahe nach rückwärts übergekippt. „Iſt denn Judith auch nervös wie meine Frau?“ ſagte er endlich.„Bei ihrem kräftigen Ausſehen ſollte man das gar nicht erwarten.“ „Das Beſte iſt, ſie bleibt allein“, meinte der Greis. „Sie wird eben ſein ergriffen und bewegt. Hab ich ihr doch mitgetheilt, daß ihr Wunſch geht in Erfüllung. Mög es ihr ſein vergönnt!“ Und dann, wie um die Sache abzuthun, ging er unmittelbar zu einem andern Gegenſtande über.„Wie war's drüben beim Herrn Baron mit dem Geſchäfte? 124 Du haſt mir noch nicht geſagt, iſt es gegangen oder nicht?“ „Bah! warum hätt' es nicht gehen ſollen?“ ver⸗ ſetzte der Gefragte mit überlegenem Spott, indeß er ſich der kaum überſtandenen Gefahr uneingedenk wieder weit zurückſchaukelte.„Er iſt zäh' geweſen, das hab' ich erwartet, und Alles iſt wie vorausgeſehen gekommen. Die Probe ſtimmte zur Rechnung, nur zuletzt hätte er mir beinahe einen Streich geſpielt und es hat Mühe gekoſtet, den Gaul auf der geraden Straße zu er⸗ halten.“ „Er ſchießt das disponible Geld ein?“ „Natürlich, und wir wollen ſchon ſorgen, daß noch mehr nachfolgt. Die klärlich ausgewieſenen fünf⸗ zehn Procent verſchmäht man nicht ſo leicht.“ Die Phyſiognomie des Greiſes hatte jetzt einen ganz andern Ausdruck angenommen. Die patriarcha⸗ liſche Ruhe war verſchwunden und die eben noch ernſten, ein wenig ſchwermüthigen Augen begannen verlangend zu funkeln. „So kann ich auch einſchießen eine Summe“, er⸗ klärte er,„die ich habe für den Augenblick zur freien Verwendung.“ „Gewiß, warum nicht? Wir könnten Sie auch am Syndicat betheiligen, wenn Sie nicht capricirt 125 wären, hier in Ihrer dreibuchener Verborgenheit zu verbleiben. Verlangen Sie Actien, ſoviel Sie wollen, wir verkaufen ſie dann, ſobald ſie ſteigen.“ „Warum ſoll ich ſie verkaufen, wenn ſie mir tragen gute Intereſſen? Will ich ſie doch lieber behalten, damit, wenn ich ſoll ſterben, meine Frau und die Kin⸗ der haben ein bequemes ſicheres Papier.“ „Behalten?“ fuhr Adolf auf ſeinem improviſirten Schaukelſtuhl erſchrocken vor.„Was fällt Ihnen ein, Schwiegerpapa? Wer wird denn heutzutage Papiere behalten!“ „So iſt's faul“, äußerte der Alte ſcharf und miß⸗ trauiſch. Adolf zuckte verlegen die Achſeln. „Faul, faul! Wie man's nimmt. Vorläufig iſt es das ſolideſte Geſchäft von der Welt, würde ich mich ſonſt damit befaſſen? Aber wer kann denn für die Zukunft ſtehen? Da hängt Alles vom techniſchen Di⸗ rector, von Handelsconjuncturen, von dieſem und jenem Zufalle ab. Ich wenigſtens gedenke mich bei Zeiten zurückzuziehen, nachdem es mir gelungen, dem Lande und der Induſtrie ein bedrängtes Etabliſſement zu retten.“ Bei den Schlußworten hatte der junge Financier wieder ſeine volle zuverſichtliche Haltung gefunden, 1 4 41 1 F — 22 —,————— v 6 7 1 126 während der Alte in gleichem Maße ſeine Ruhe verlor. „Kann es faul werden, ſo iſt es faul“, ſagte derſelbe, den ehrwürdigen Kopf hin und her wiegend. „Wir haben gemacht manches ehrliche Geſchäft mitein⸗ ander und ſind geſtanden gut, bis er hat verlangt, ich ſoll ihm abtreten das Stück von meinem Garten, und iſt darauf beſtanden unbilligerweiſ'. Es iſt nicht recht, wenn er ſoll hineintappen ungewarnt in ein faules Geſchäft.“ „Ich muß geſtehen, dieſe Bedenklichkeiten ſind be⸗ leidigend für mich. Iſt es denn nicht genug, daß man Sie am Gewinn betheiligen will, und iſt es nicht natür⸗ lich, daß ich als Schwiegerſohn Sie zurückhalte, wenn möglicherweiſe Verluſte Ihnen, das heißt, zum Theil auch meiner Frau Vermögen drohen? Was haben wir denn für Verpflichtungen gegen einen fremden Menſchen, obendrein gegen einen, der uns ſeine Ver⸗ achtung ſo ungeſchminkt zeigt? Mag er zu Grunde gehen, was geht das uns an?“ Der Alte wiegte noch immer ſein Haupt. „Er hat mir nicht gegeben Anlaß, ihm Böſes zu wünſchen. Es iſt nicht recht, wenn er hineintappt un⸗ gewarnt.“ „Nun, ſo warnen Sie ihn denn!“ ſagte Adolf 427 kalt, indem er ſeinen Seſſel beim Aufſtehen geräuſch⸗ voll zurückſchob, und mit einem böſen höhniſchen Lachen ſetzte er hinzu:„Es bleibt ſich doch gleich, denn Ihre Warnung— wie Sie beide jetzt zueinander ſtehen— wird ihm nur wie ein Act der Mißgunſt erſcheinen, ihn hinterliſtig von einem gebotenen Vortheil zurückzu⸗ halten. Ein ſo ſtarrſinniger Menſch läßt nicht mehr los, wo er einmal zugefaßt. Sie mögen es alſo immerhin verſuchen, aber wenn wir Freunde bleiben ſollen, beſchlafen Sie ſich's zuvor! Gute Nacht!“ 4 — 2 — — —öx 1 1 5F —— Fünftes Kapitel. Kaum eine halbe Stunde Gehens von der kleinen Stadt Hartberg liegt auf dem Südabhange des Berg⸗ zuges die Villa der Gräfin Riſoll. In jenem modern alterthümlichen Stil gebaut, der durch Zuſammen⸗ würfelung von Terraſſen, Balkonen, Erkern und Thürmchen in Blech, Schiefer, Backſtein und braunge⸗ beiztem Zimmerwerk ein zierliches Spielzeug herzu⸗ ſtellen liebt, das äußerlich wenigſtens an die Romantik des Mittelalters gemahnen ſoll, wenn im Innern gleichwohl nichts von dem vollen Comfort der aller— jüngſten Tage fehlen darf, birgt ſie ſich halb und halb in den ſchon recht ſtattlich herangewachſenen Anlagen eines engliſchen Parkes, der keinem neugierigen Auge aus der Nähe einen Blick nach der Villa und deren eigener Umgebung geſtattet, während man von ihr aus 129 über die Gebüſchgruppen und Baumwipfel weg eine entzückende Fernſicht in die breite Thallandſchaft genießt, die im Oſten wohl durch ſcharf hervortretendes ma⸗ leriſches Gebirge begrenzt iſt, dagegen nach Mittag und Abend hin erſt durch weiter zurückliegende ſanfte Berg⸗ züge ihren Abſchluß findet. Die Gräfin lebte hier allein mit ihrer Tochter zu⸗ rückgezogen von der Welt und empfing nur wenig Be⸗ ſuche, am häufigſten noch von ihrem Vetter, dem Grafen Preuningen, der ſich auf ein paar Tage oder Stunden einzufinden pflegte, ſo oft ihm ſeine Stellung am herzoglichen Hofe dieſen kleinen Ausflug von der Reſidenz erlaubte. Dann kam noch Baron Werden⸗ berg, der, wenn kein Hinderniß eintrat, regelmäßig an jedem Sonnabend zum Diner erſchien, mochte es Sommer oder Winter und das Wetter gut oder böſe ſein. Die Dienerſchaft war ſchon ſo gewöhnt, ihn um die beſtimmte Stunde anfahren zu ſehen, daß das Rollen der Räder, noch ehe der alte wohlbekannte Jagd⸗ wagen aus Dreibuchen ſichtbar wurde, ſchon den Schlag an die große Hausglocke hervorrief, der die Ankunft der Gäſte ankündigte und zugleich für den Koch das Zeichen zum Anrichten war, auf deſſen Pünktlich⸗ keit man ſicherer als auf die launenhafte Thurm⸗ uhr von Hartberg zählen durfte. Byr, Larven. I. 9 5F —— 142 130 Auch diesmal lenkte Gundaker, die Zügel ſelber füh⸗ rend, genau zur richtigen Minute auf den großen Kiesplatz ein, welcher zwiſchen der Villa und den hinter Buſchwerk halbverborgenen Oekonomiegebäuden lag. Das wohlgenährte lebhafte Geſpann hielt unter der geſchickten Hand wie feſtgewurzelt an und der ſchon vor der Thür wartende Diener trat herbei, den Schlag zu öffnen, und geleitete, auf des Barons wohlwollende barſchklingende Erkundigung mit einer gewiſſen ehrer⸗ bietigen Vertraulichkeit antwortend, die Ankommenden nach einem im untern Flur unmittelbar neben der Treppe gelegenen Gemache, das dem Baron und ſeinen Begleitern ein- für allemal zugewieſen blieb. Im Winter war es wohl angenehm, ſich nach der Fahrt erſt ein wenig zu erwärmen, und ſelbſt jetzt flackerte ein kleines Feuer im Kamin, denn man kannte des Freiherrn Gewohnheit, ſeine Toilette erſt hier an Ort und Stelle etikettegemäß zu vervollſtändigen. Etikettemäßig— denn derſelbe Mann, der als Haus⸗ herr in Dreibuchen darauf hielt, daß alle Jagdgenoſſen ſich ſofort nach der Heimkehr geſtiefelt und geſpornt zu Tiſche ſetzten, erſchien hier nie anders als im tadel⸗ loſen, obwohl ſchon einem längſt vergangenen Jahr⸗ zehnt angehörigen ſchwarzen Fracke, der aber der 13¹ hagern, ungelenken Geſtalt bei weitem nicht ſo gut ließ als der graue Jagd⸗ und Arbeitsrock. Auch Flandron trug ein ähnliches Kleidungsſtück, nur daß es der Farbe nach blau und mit vergoldeten Knöpfen geſchmückt war; überhaupt hatte er ſich bis auf die hellen Handſchuhe herab nach der neueſten Mode herausſtaffirt. Man ſah, er machte noch An⸗ ſprüche auf die Bezeichnung eines ſchönen Mannes, für welchen er einſt gegolten haben mochte. Ulrich war der einzige— da Gundaker ſeinen Flausrock heute mit der kleidſamen Uniform vertauſcht hatte— der den Anforderungen verfeinerter geſellſchaftlicher Sitte in ſeinem Aeußern nicht entſprach, da er ohne jenes unentbehrliche Salonkleidungsſtück nach Dreibuchen ge⸗ kommen war und daher, wenn er nicht in der Maler⸗ joppe erſcheinen wollte, nur noch ſeinen bequemen leichten Herbſtanzug zur Verfügung hatte. Allerdings grämte er ſich darüber nicht ſtark. „Man hat ja mich eingeladen und nicht meinen Frack“, hatte er lachend jedes Bedenken Flandron's be⸗ ſeitigt.„Genüge ich nicht auch ohne Frack, ſo mag man ſich ein andermal an dem Fracke ohne mich ge⸗ nügen laſſen.“ Indeß ſtand er— während der Baron ſich aus dem mitgebrachten Reiſeſacke bekleidete— am Spiegel, 4 4 8 —— r* —— ÿ—„— — 83 132 ſeinem Barte noch einen letzten glättenden Strich, ſei⸗ nem Haar eine künſtleriſche Lockerung zu geben, was beweiſen konnte, daß ihm der Eindruck, den er zu machen erwartete, doch nicht ſo ganz gleichgültig war, wie er zu verſtehen gab und wie es bei Gundaker, der gedankenvoll zum Fenſter hinausblickte, thatſächlich der Fall war. Das Fenſter ſah gerade nach Süden, in der Richtung, wo in einem Einſchnitte zwiſchen zwei hohen Tannengruppen Dreibuchen lag. Endlich waren alle Vorbereitungen gemacht und die Herren begaben ſich unter Vortritt des Dieners mit einer gewiſſen Feierlichkeit in die Beletage. Sie wurden in dem kleinen und mit anmuthiger Einfachheit aus⸗ geſtatteten Salon vom Hofmarſchall empfangen und faſt gleichzeitig rauſchten die Damen zu einer andern Thür herein, ſodaß die Begrüßung bald eine all⸗ ſeitige wurde, wobei Comteſſe Lilly und ihre Gouver⸗ nante, eine ſchon ältliche, etwas ſteife Engländerin, ſich allerdings etwas mehr zurückhielten. Auch die Damen waren den Gäſten zu Chren in voller Toilette erſchienen, und es gewährte einen hüb⸗ ſchen Anblick, Mutter und Tochter ſo— gleichſam um den Preis der Schönheit und Liebenswürdigkeit wetteifernd— nebeneinander zu ſehen. Gräfin Con⸗ rada war faſt zu jung für die beinahe ganz er⸗ 133 wachſene Tochter. Man mochte ſich wohl ſagen, daß ſie in frühen Jahren geheirathet und daß Comteſſe Lilly über ihr Alter emporgeſchoſſen ſei, dennoch war es nicht leicht, an das Verhältniß zwiſchen beiden zu glauben. Eine jener feſſelnden Erſcheinungen von eben⸗ ſoviel Diſtinction und Grazie, unter deren brünettem blaſſem Teint ein erhöhtes Leben in raſchen warmen Pulsſchlägen zu kreiſen ſcheint, dabei von großer geiſtiger Beweglichkeit und in allen ihren Bewegungen, ja in jedem, ſelbſt dem unbedeutendſten Worte, von bezaubernder Liebenswürdigkeit, hatte die Gräfin den großen Vortheil für ſich, ſofort zu überraſchen und das Intereſſe auch dauernd feſtzuhalten, während ihre Tochter, ein wenig ſcheu und zurückhaltend, neben ihr nur durch die ungemeine Holdſeligkeit und Anmuth Beachtung zu gewinnen vermochte. Noch war nichts an ihr vollendet, die Geſtalt faſt zu zart, wenn auch an den entblößten Schultern und Armen keineswegs eckig, und das häufige, bald ſanfte, bald tiefe Erröthen zeigte, wie ungewohnt und befan⸗ gen ſie ſich noch in Geſellſchaft fühlte. Selbſt das duftige, in Weiß und Roſa geſtreifte Kleid gab nur ein Zeugniß für den Geſchmack und die Sorgfalt ihrer Mutter, die das geliebte Töchterchen gern hübſch ge⸗ kleidet ſah, Beides aber auch der eigenen Toilette zu 1 1 E — 5F — 134 gute kommen ließ. Das dunkelrothe, mit ſchwarzen Spitzen beſetzte Seidenkleid ließ trotz der Tageshelle den vollen Arm und die ſtolze Büſte beinahe in blen⸗ dender Weiße erſcheinen und doch— ein ſolcher Zau⸗ ber liegt in der zarten Jugend— mochte mancher Blick von der ſchönen Roſe zu der noch ſchüchtern ge⸗ ſchloſſenen Knospe hinüberſchweifen. Als befürchte ſie dies auch bei ihrem Couſin, ſo forſchte die Gräfin von Zeit zu Zeit immer wieder flüchtig in ſeinen Zügen. Der Hofmarſchall gab zu dieſer Vermuthung nun allerdings keinen Anlaß; er war ein hübſcher Mann, obwohl man es ihm anſah, daß er ſchon in der zweiten Hälfte der Vierzig ſtand, und ſeine hohe, ohne Steifheit gerade gehaltene, höchſtens ein wenig zu volle Geſtalt hatte in dem Fracke, den auch er heute trug, jedenfalls gewonnen. Man konnte ihm die Gewohnheit anmerken, dies Kleidungsſtück zu tragen, obgleich er auch jetzt von Zeit zu Zeit jene raſche Seitenbewegung mit dem Kopfe machte, die ihm gleichſam den Halskragen bequemer rücken ſollte. Vornehm kühl, doch gewandt und von einnehmen⸗ dem Entgegenkommen, das ſeine ſtolze Würde ein we⸗ nig milderte, unterhielt er ſich mit Gundaker und Ul⸗ rich, der von dem Freiherrn ohne großes Ceremoniel vorgeſtellt worden war, indeß die Gräfin Flandron's 135 Haspel mit dem liebenswürdigſten Lächeln entgegen⸗ nahm. „Sehen Sie doch, wie hübſch, Miß Dart!“ rief ſie die Geſellſchafterin herbei, nachdem Flandron, der heute ganz kriechende Unterwürfigkeit war, den Vor⸗ gang beim Aufſpreizen und Schließen ausführlichſt er⸗ klärt hatte.„Allerliebſt, nicht wahr? Very pretty, very nice! Monſieur Flandron hat ſich in der That unſern vollen Dank verdient. Lilly muß Ihnen zu Weihnachten etwas von der Wolle häkeln, die wir mit Hülfe Ihres Inſtruments aufwinden werden. Wir wollen das zweite Mal beſſer Acht haben, damit es nicht wieder bricht.“ „Gnädigſte Gräfin ſind zu gütig“, verſicherte der alte Franzoſe mit tiefer Verbeugung.„Ich wollte, ich wäre ſo glücklich, jeden Riß und Bruch ſo leicht und dauernd wiederherſtellen zu können.“ Als ſein lauernder Blick dabei aber die plötzliche Veränderung im Geſichte der Gräfin wahrnahm, beeilte er ſich bei⸗ zuſetzen, er werde es ſich zur Ehre anrechnen, für alle Fälle ein zweites Exemplar anzufertigen, das ja unter⸗ deß auch zu Miß Dart's Gebrauch dienen könne. Die Geſellſchafterin dankte, aber die Gräfin über⸗ ließ es ihr, das Geſpräch weiter fortzuſetzen. Wenn 4 4 3 1 1 + 3 3 4 4 5F —— 136 nicht unfreundlich, doch ſichtlich kühl wandte ſie ſich von Flandron ab und Ulrich zu. „Wie ich höre, Herr Waldek, ſind Sie ein Jugendfreund Baron Merolf's“, ſagte ſie, die flüchtige Wolke von der Stirn ſcheuchend, indem ſie ſich ſetzte und einladend mit dem Fächer auf einen Fauteuil in ihrer Nähe wies. Ulrich folgte der Aufforderung. „Ich ſchmeichle mir wenigſtens, es geweſen zu ſein“, ſagte er mit durchblickendem Scherz. „Geweſen zu ſein?“ „Thun Sie ihm nicht den Gefallen, Gräfin“, fiel Gundaker, ſich gleichfalls einen Stuhl nehmend, ein, „jedes ſeiner Worte auf die Wagſchale zu legen. Er ſpielt nur. Ich denke, es iſt noch heute zwiſchen uns Alles beim Alten.“ „Iſt es dem Schwerangeklagten vergönnt, ſeine Ver⸗ theidigung zu führen?“ nahm Ulrich ſcheinbar mit größter Ernſthaftigkeit das Wort.„Sie nicken mir Ge⸗ währung, Frau Gräfin. Ich habe das Wort zur Ver⸗ theidigung und vermöge deſſelben den Beweis der Wahrheit für meine Aeußerung anzutreten. Das ſchöne, unveräußerliche Recht der Freundſchaft beſteht in der bedingungsloſen Theilung alles Guten und Schlimmen und darauf war bis zu einem gewiſſen 43 Zeitpunkt unſer Verhältniß begründet. Wie bei un⸗ ſerem erſten, allerdings nur kurzen Zuſammenſein in den Kinderjahren die Püffe und das Butterbrod, theilten wir ſpäter, da wir uns mit Stolz akade⸗ miſche Bürger des eidgenöſſiſchen Polytechnikums in Zürich nannten, Bücher und Cigarren. Die erſten üblen Nachwehen der letztern ſind eine gemeinſame Er⸗ innerung für uns. Wir hatten zuſammen eine Woh⸗ nung und blieben gemeinſam die Miethe ſchuldig, da wir das Geld hierfür gemeinſam verjubelt hatten. Wir hatten einen Pudel, der uns gemeinſam in die verſchiedenſten Fatalitäten brachte, wir beſaßen zuſam⸗ men ein Boot und ruderten gemeinſam in den See hinaus, bis es unſern vereinten Anſtrengungen gelang, daſſelbe umzukehren, ſodaß der Kiel nach oben ſchwamm und wir aus gemeinſamer Todesgefahr be⸗ freit wurden, indem wir uns gegenſeitig herauszogen.“ „Erlauben Sie,“ fiel hier die Gräfin lachend ein, „mir eine genauere Erklärung dieſer letzten Freundſchafts⸗ that zu erbitten, da ſie doch ein wenig ungewöhn— lich iſt.“ „Ja, erklären läßt es ſich eigentlich nicht, Frau Gräfin. Sie müſſen eben an das Factum glauben. Ohnehin haben Sie mich durch den Zweifel ſchon an der weiteren Aufzählung ſolcher heroiſcher gegenſeitiger 3 4 3 —. 5 138 Aufopferungen eingeſchüchtert. Genug, ich wollte nur nachweiſen, wie zwiſchen uns ehedem Alles, was das Daſein ſchön und werthvoll macht, auf dem Principe Wege vollkommen getrennt haben. Er macht ſie nur ausnahmsweiſe zu Fuß und reitet für gewöhnlich, bei mir findet das umgekehrte Verhältniß ſtatt; er trägt einen Säbel, ich einen Stock; er zieht Wein vor, ich Bier; er trieb fleißig ſein Studium fort, ich habe es gründlich vernachläſſigt; er zog ins Feld und das brachte ihn ins Lazareth, ich war ſo unge⸗ ſchickt, mir zuerſt einer Lappalie wegen eine Wunde zu holen, die es mir unmöglich machte, ins Feld zu ziehen; er ging nach Frankreich, ich nach Italien; er kehrte als Sieger heim, ich—“ „Doch nicht als Beſiegter?“ warf die Gräfin ein. „Nein“, erwiderte Ulrich,„doch was nicht iſt, kann werden.“ Er ſandte dabei der Gräfin einen etwas gecken⸗ haften Blick zu, den ſie jedoch nicht bemerkt zu haben ſchien, und fuhr dann fort:„An und für ſich ſchon Gründe genug, alle Freundſchaftsbande zu löſen. Kommt nun noch eine ſeltſame Verſchloſſenheit und Schüchternheit in Betreff ſeiner Herzensangelegenheiten hinzu, die mein Vertrauen auf das ſchnödeſte uner⸗ widert läßt—“ 13 „Dein Vertrauen!“ unterbrach ihn hier Gundaker. Das nennt er ſein Vertrauen, wenn er mir ſagt, daß ſein Herz aus Langweile zuſammenſchrumpft!“ „Du lieber Himmel, was ſoll denn ein leeres Herz ſonſt thun?“ „Seit jener Verwundung leer?“ fragte die Gräfin mit feinem Scherz.„Ein Duell mit einem Nebenbuhler?“ „Keine Rede“, widerſprach Gundaker,„er hat in München, wo er damals an der Malerſchule war, ein⸗ fach einen Streit gehabt, über Deutſchlands Recht ſich beleidigt zu fühlen, und den Franzoſenfreund tüchtig abgeführt; freilich iſt er dabei ſelbſt auch nicht leer ausgegangen.“ „Ja, ja, ich erinnere mich, es war knapp vor der Kriegserklärung“, bemerkte Graf Preuningen, der ſich gleich den Uebrigen genähert hatte.„Der Fall hat da⸗ mals trotz der allgemeinen Aufregung einiges Aufſehen gemacht, nur war mir der Name entfallen.“ „Alſo erhielten Sie die Wunde für Deutſchlands Sache und gleichſam im Kriege“, lächelte die Gräfin. Ulrich war trotz ſeiner Sicherheit und Gewandtheit bei der Erwähnung der Angelegenheit ein wenig ver— legen geworden und man konnte an ſeiner tiefer ge⸗ rötheten Stirn, an dem feſten Aufeinanderpreſſen ſeiner Lippen erkennen, wie ärgerlich er war, daß †. 8— ͤ 3 “ — e 4 4 — — —— 5* r — F 140 Gundaker ſich durch ſein Zuwinken nicht ſtören laſſen wollte. „Immerhin“, erwiderte er jetzt auf das freundlich geſpendete Wort der Anerkennung,„immerhin nur einer Kinderei wegen und ohne daß es Jemand ge⸗ nützt hätte, denn was lag im Grunde an dem Streite zweier Privatperſonen?“ „Gleichviel“, äußerte der Graf anerkennend,„Ihre Haltung war ſehr ehrenwerth. Es war gleichſam einer jener Vorkämpfe, wie unſere Altvordern ſie zu veranſtalten liebten, um daraus den Ausgang der Schlacht und des ganzen Krieges zu erkennen. Das Orakel traf ſogar buchſtäblich zu: auch wir haben aus tiefer Wunde geblutet, obgleich wir Sieger blieben.“ „Ich ſtelle mir vor“, nahm die Gräfin nach einer kleinen Pauſe wieder das Wort,„Sie müſſen trotz der geſchiedenen Wege und bedenklich entwickelten Gegen⸗ ſätze ſehr erfreut geweſen ſein, Ihren— ehemaligen Freund gerade jetzt hier wiederzufinden. Es trifft ſich ſelten, daß der Herr Lieutenant beurlaubt iſt.“ „Ich bin dem Herrn Baron für die Einladung ſehr dankbar“, ſagte Ulrich. „Sie waren wohl ſchon früher in Dreibuchen?“ 7 144 Ulrich zauderte ein wenig mit der Antwort. Der Baron nahm ſie ihm ab. „Ja, natürlich, von Kindheit auf.“ „Richtig!“ erinnerte ſich der Hofmarſchall.„Hieß nicht ein Förſter von Ihnen Waldek? Es iſt mir ſo.“ „Jawohl“, beſtätigte Baron Werdenberg,„und als er ſtarb, nahm deſſen Schwager, mein ehemaliger Amtmann, ſich Ulrich's an.“ Der, von welchem die Rede war, ſchwieg, er errö⸗ thete ſogar ein wenig, faſt war's, als ſchäme er ſich hier in dieſen Kreiſen ſeiner niederen Abſtammung. Die Gräfin mochte ihm das nachempfinden, denn ſie gab das Zeichen zum Aufbruche; der Kammerdiener hatte ſchon vor einer Weile ſeine Meldung gemacht und die Flügelthüren geöffnet. Sie nahm den Arm ihres„alten Freundes und lieben Gaſtes“ und ging voran, Gundaker, der zögernd zurückſtand, wurde vom Grafen, der ſeinerſeits cordial Ulrich's Arm faßte, aufgefordert, Comteſſe Lilly zu führen— Jugend ge⸗ höre zu Jugend— und zuletzt ſchloß ſich noch Flandron, der ſich Miß Dart in graziös unwiderſtehlicher Weiſe genähert, mit dieſer an, und nachdem man noch einen zweiten kleineren Salon durchwandert, war die Geſell⸗ ſchaft wieder um den ſorgfältig gedeckten, im Glanze ſeines Silbers und der Kryſtalle funkelnden, von einem 4 1 2 4 3 1 F — 142 ſchönen, Blumen tragenden Mittelaufſatz überhöhten Speiſetiſch vereinigt. Das Mahl verging unter heiteren Geſprächen, an denen ſich vor allen die Gräfin, Ulrich und der Hof— marſchall betheiligten, doch gab auch Baron Werden⸗ berg hin und wieder mit dumpfer, polternder, wenn auch durch die Gegenwart der Damen gemilderter Stimme ſein Wort darein. Flandron lispelte meiſt nur mit ſeiner Nachbarin oder ſtimmte der Gräfin zu, Gundaker und Lilly aber ſchienen ganz und gar die Sprache verloren zu haben, beide waren tief in ihre Gedanken verſunken. Es waren meiſt Dinge allgemeiner Natur, die be⸗ ſprochen wurden, die Anweſenheit der Dienerſchaft legte ſchon eine gewiſſe Zurückhaltung auf und ſo wechſelte auch fortwährend der Stoff. Man ſprang von einem Gegenſtande zum andern über. Herr von Werdenberg erwähnte unter anderm der großen Placate, die er auf der Durchfahrt in Hartberg an allen Straßenecken geſehen und mittels welcher ein feſtlicher Ausflug des Arbeiterbildungsvereins auf den nächſten Tag bekannt gegeben wurde. Er ließ ſich weidlich über das Umſichgreifen der Arbeiterverbin⸗ dungen gehen; es war das eins ſeiner Lieblings⸗ themen. en 143 „Was wollen Sie, lieber Freund“, wandte ihm der Hofmarſchall mit leicht erkennbarer Ironie ein,„die Lehre von der Aſſociation iſt nun einmal Tagesſtich⸗ wort; man muß immerhin froh ſein, wenn ein ſo harmloſer Zweck wie Bildung damit erreicht werden ſoll.“ „Erlauben, Excellenz“, ereiferte ſich der Baron, „die Bildung wird auf die Fahne geſchrieben, was ſich aber dahinter verbirgt, iſt ein ganz anderes Liedlein. Wir kennen das. Dergleichen angebliche Zwecke ſind nur der Deckmantel für die leidige Politik, die ſich über⸗ all einzuſchmuggeln weiß. Was braucht ein Arbeiter Bildung? Er braucht Brod und das ſoll er ſich redlich verdienen! Die Bildung kann er andern Leuten überlaſſen.“ „Ich möchte mir einzuwenden erlauben, lieber Onkel, daß Bildung doch eigentlich kein Kaſtenprivile⸗ gium iſt“, nahm nun auch Gundaker das Wort, und gerade weil er ſich bis jetzt ſo ſchweigſam verhalten, lenkte er dadurch die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich, ſodaß es bei ſeiner kurzen und feſten Sprechweiſe noch mehr den Anſchein gewann, als habe er, zum Kampfe bereit, den hingeworfenen Handſchuh aufge⸗ hoben.„Iſt es denn nicht vielmehr des Lobes und der Anerkennung werth, wenn auch die arbeitende Klaſſe 144 das Bedürfniß fühlt, ſich aus der drückenden Stellung eines— nun ja, eines Sklaven zu erheben?“ „Oho, Sklaven! Das iſt ja wieder eins von den Schlagworten.“ „Laſſen Sie ihm daſſelbe, Herr Baron, es thut ja nichts zur Sache“, warf Ulrich ein, diesmal aber ohne ſein vermittelndes Lächeln.„Im Princip mag Gundaker ganz Recht haben, in der Praxis ſtellt ſich die Löſung der ſo häufig aufgeworfenen Frage ganz anders. Bildung iſt ein ſehr dehnbarer Begriff, der Gelehrte wird ihn anders definiren als der Roſinen⸗ händler. Die ſogenannten gebildeten Stände legen ihn anders aus als die Arbeiter⸗Bildungsvereine. Ich ſelbſt will nicht in eine genaue Umgrenzung deſ⸗ ſelben eingehen, nur glaube ich im Rechte zu ſein, wenn ich behaupte, daß ein großer Theil der von Bildung Redenden nie über eine gewiſſe Halb- und Viertelsbildung hinauskam, und man wird zugeben, daß dieſelbe ſchlimmer iſt als die ganz unverkünſtelte Naturrohheit. Wozu kann es aber ein Arbeiter, der eben ſeine Arbeit nicht vernachläſſigt, bringen als höchſtens zu dem niedrigſten Grade des Wiſſens und der Bildung? Und dieſe reicht dann gerade aus, ihm die Arbeit zu verleiden, ihn mit unbefriedigbaren Anſprüchen zu er⸗ füllen, ihn träge und gehäſſig, mit einem Worte für 145 die menſchliche Geſellſchaft ungemein gefährlich zu machen. Oder haben Laſſalle und ſeine Vorgänger und Nach⸗ beter etwas Anderes erreicht, als eine Kriſis anzu⸗ bahnen, die nicht nur Ordnung und Beſitz, ſondern vor allem Andern gerade die wahre Bildung mit Untergang bedroht?“ „Bravo, bravo! Das iſt's, was ich ſagen wollte“, fiel der Baron ein und auch der Hofmarſchall und die Gräfin, ſelbſt Flandron nickten dem Sprecher bei— fällig zu. In Gundaker's Augen begann ein eigenthüm⸗ liches Feuer zu glühen. Lebhafter, als es ſeiner Ge— wohnheit entſprach, warf er ſich in den Wort⸗ kampf. „So wäre denn Jeder an die Stelle gebannt, auf die ihn der Zufall der Geburt geſtellt!“ entgegnete er. „So dürfte denn Keiner emporſehen über ſich, der Arme nicht das Verlangen in ſich tragen nach einem menſchenwürdigen Daſein und der Höhergeſtellte ſich nicht herabneigen, wenn er einem edlen und gleichge⸗ bildeten Geiſt begegnet! Ich muß geſtehen, ich überlaſſe der⸗ lei Anſchauungen denjenigen, die befürchten müſſen, in ihrem bequemen Nichtsthun von eifrigen Kletterern überholt und in ihrer innern Hohlheit entlarvt zu werden. Von ihnen iſt es begreiflich, daß ſie ſich mit Byr, Larven. I 10 46 allen Kräften gegen jede Aenderung in den Herrſchafts⸗ verhältniſſen ſtemmen, von Dir aber nimmt es mich wunder, daß Du auf ihrer Seite ſtehſt, nachdem Du jahrelang unter einem Volke gelebt, in dem es keine Unterſchiede gibt als den des perſönlichen Verdienſtes und das die höchſten Stellen der Regierung Jedwedem zugänglich macht, er mag hervorgegangen ſein aus welcher Schicht immer.“ „Da hat man die Wirthſchaft!“ murrte der Baron. „Hab's meinem Schwager immer geſagt. Aber gerade das Schweizer Polytechnicum mußte es ſein, als ob kein anderes tauge!“ Diesmal war es nur ein einziges Haupt geweſen, das dem Redner Beifall zugenickt. Gundaker aber beachtete das freundliche und zuſtimmende Lächeln ſeiner holden Nachbarin nicht, ſeine Gedanken waren weit von hier, er war ja für ſein eigenes Herz ein⸗ getreten. Ulrich erkannte zwar, daß der Streit für den Kreis, in dem er ſich befand, ſchon zu weit geführt habe und eigentlich der gute Ton das Fallenlaſſen des Gegenſtandes erheiſcht hätte, doch war er ſelbſt ein wenig erbittert durch den Hinweis auf ſeine perſön⸗ liche Stellung, den er in überreizter Empfindlichkeit, wiewohl mit Unrecht, aus Gundaker's Worten heraus⸗ U 147 zufühlen meinte. Er konnte ſich die Erwiderung nicht verſagen. „Hierauf erlaube ich mir dem geehrten Ankläger zu erwidern“, zwang er ſich zu ſcherzhaftem Tone, durch den aber der Ernſt nur um ſo ſchärfer hindurchklang, „daß ich meine verwerflichen Vorurtheile gerade während meines Aufenthalts in einer Demokratie eingeſogen Die Unfähigkeit der Halbbildung zum Regieren iſt mir nie klarer geworden als gerade dort durch einige eclatante Vorkommniſſe. Es heißt, jedes Volk habe die Regierung, welche es verdient. Nun, dann finde ich, daß wir Deutſchen uns über Nichtanerkennung unſerer Verdienſte nicht zu beklagen haben. Was aber den Verdacht betrifft, als würde meine Anſchauung irgendeinem Strebenden die Bahn zu Höherem abſchneiden, ſo glaube ich ihn einfach durch den Umſtand widerlegt, daß noch keinem wirklichen Talente der Weg verlegt war. Es hat immer Män⸗ ner gegeben, die ſich emporgearbeitet, leider nur zu viele, denen es ganz ohne eigenes Verdienſt gelang. Im Uebrigen wird es mir vielleicht verziehen werden, wenn ich es vorziehe, mein Portrait nicht beim An⸗ ſtreicher zu beſtellen, während ich ihm ſeine Staats⸗ gemächer tünche.“ Es wurde gelacht. 8 3 1 5 —— 148 „Man kann Alles übertreiben und ins Lächerliche ziehen“, bemerkte Gundaker. Die Gräfin ſuchte zu vermitteln. „Sind das etwa die getrennten Wege der ehe⸗ maligen Jugendfreunde?“ ſagte ſie ſcherzend.„Wir wollen hoffen, daß ſie um die nächſte Waldecke wieder zuſammenführen.“ „Das heißt, ich müßte mich ſelbſt umgehen“, nahm Ulrich den leichten Ton mit einer Anſpielung auf ſeinen Namen ebenfalls auf.„Gräfin ſtellen mir da eine keineswegs leichte Aufgabe.“ Der Zwiſchenfall war beigelegt und Niemand ſchien, als man ſich vom Tiſche erhob, deſſelben nach zu gedenken, nur Comteſſe Lilly überwand, während ihre Hand leicht auf Gundaker's Arm ruhte, ihre Schüch⸗ ternheit. „Sie haben mir ganz aus der Seele geſprochen, Baron Merolf“, ſagte ſie ein wenig zagend.„Gewiß ſind Sie recht gut gegen Ihre Untergebenen.“ „Ich will mich Ihrer Worte als einer Fürbitte erinnern, Comteſſe, wenn ich nächſte Woche zu meinen Leuten zurückkehre.“ „Schon ſo bald?“ Die leiſe Stimme bebte in unver⸗ kennbarem Bedauern, aber Gundaker hatte nicht Acht auf dieſes Zeichen, in dem ſich die erſte Regung eines 149 bisher unberührten kindlichen Herzens verrieth. Er war im Geiſte ſchon wieder in Dreibuchen. Die Promenade ging diesmal nicht in den Salon zurück, ſondern auf die an den Speiſeſaal ſtoßende Terraſſe, die, vollkommen gedeckt und rings mit Glas— wänden umgeben, den hier in ſchönen Gruppen auf⸗ geſtellten ſüdlichen Pflanzen Schutz gegen die empfind⸗ licher werdende Herbſtluft gewährte, ohne deshalb den reichlichen Zutritt von Licht und den freien Umblick zu verhindern, den man von hier auf das grüne Thal, die nahegelegene kleine Stadt und die fernen Berge genoß. Zwiſchen den üppigen Laubmaſſen des Parkes weitete ſich zu Füßen der Terraſſe ein ſanfter Gras⸗ platz, in deſſen Mitte aus der von zartem Schilf und Schwertlilien umwachſenen Schale ein hoher Waſſer⸗ ſtrahl emporſtieg. Die Paare löſten ſich, Miß Dart füllte die zier— lichen chineſiſchen Täßchen mit duftendem Kaffee, die Gräfin ordnete eine Bandſchleife in ihres Töchterchens Haar, der Hofmarſchall hatte ſich mit ſeinem alten Freunde, der ſchon ſeines Vaters Freund geweſen, in ein leiſe geführtes Geſpräch vertieft. „Denke Dir, Conrada“, ſagte er plötzlich laut, „Herr von Werdenberg iſt eben daran, ſeinen Beſitz zu vergrößern. Das nenne ich ein nachahmenswerthes † —— 4 4 3 3 1 3 150 Beiſpiel nicht alternder Thatkraft. Er hat die Fabrik gekauft im günsdorfer Walde.“ „Nun“, ſetzte der Baron halb grollend, halb lachend hinzu,„wenigſtens ſoll der künftige Fabrikbeſitzer mir meine Rehe nicht mehr vor der Naſe wegſchießen.“ „Das thut er doch, das thut er doch, lieber Werden⸗ berg, und ſogar vor der eigen en“, ſcherzte der Hof⸗ marſchall. „Ach, das iſt doch nicht das maleriſche Am Fall?“ rief die Gräfin.„Weißt du, Lilly, an dem wir im ver⸗ gangenen Jahre einmal vorüberritten.“ „Daſſelbe“, beſtätigte der Baron.„Maleriſch muß es wohl ſein, da es unſer Maler da gezeichnet hat, während wir innen Alles beſahen.“ „O, Sie haben eine Zeichnung angefertigt? wendete die Gräfin ſich an Ulrich.„Und Sie haben ſie vielleicht gar da? Dann bitte, zeigen Sie uns dieſelbe! Wir könnten dabei gleich conſtatiren, ob wir denſelben Ort meinen.“ „Gehen Sie, gehen Sie, Ulrich“, commandirte der Baron.„Machen Sie ſich nicht preciös, holen Sie Ihre Mappe. Von Damen darf man ſich nicht bitten laſſen!“ „Und es iſt doch ſo ſüß“, lachte der junge Maler n 151 und eilte dann, der Aufforderung nachzukommen, in das Erdgeſchoßzimmer hinab. „Was meinſt Du, Conrada“, fragte der Hofmar⸗ ſchall halb im Scherz,„wenn unſer alter Freund Fabri⸗ kant wird, können wir vielleicht auch unter die Actio⸗ näre gehen. Böſes Beiſpiel iſt anſteckend.“ Der Freiherr gab einige allgemeine Andeutungen über ſeinen Plan, wie er Herrn Adolf Ehrenſtein's ſpeculativen Entwurf bereits nannte. Das Mißtrauen hatte vor der eigenen Anſchauung nicht lange Stand gehalten, als er mit Chrenſtein, ſeinem Neffen, dem Verwalter und Förſter, welch letzterer ſich, einer Wei⸗ ſung folgend, Am Falle eingefunden, die Baulich⸗ keiten, Einrichtungen wie die örtliche Gelegenheit beſichtigte. Allerdings war es vorzugsweiſe die letztere, der er hauptſächlich ſein Augenmerk ſchenkte. Im Geiſte hatte er ſchon Liſièren ausgeſteckt, neue An⸗ pflanzungen vorgenommen, die Verbindung zwiſchen ſeinem Walde und dem der Domäne hergeſtellt und die Vortheile ausgerechnet, welche daraus ſeinem Wild⸗ ſtande erwachſen müßten, wobei ſein Förſter begeiſtert mit eingeſtimmt. Leiſe Bedenken des Verwalters wußte Herr Adolf Ehrenſtein geſchickt zu widerlegen, und als nun auch Gundaker, auf deſſen ſonſt wenig beachtete polytechniſche Studien der Onkel in dieſem Falle 3 3 4 5 —— 452 plötzlich Gewicht legte, die Erklärung abgab, daß, ſo⸗ bald nur Kohle vorhanden, das Werk unter gehöriger Leitung wirklich lebensfähig ſei und die Terrainfor⸗ mation ſich zur Anlage einer Zweigbahn nach Hartberg, obwohl nicht ganz ohne Schwierigkeit, eigne, da gab es für den energiſchen Willen des alten Herrn kein Hinderniß mehr. Mit Feuereifer ſtürzte er ſich in die erſt noch aufs gehäſſigſte betrachtete Sache. Einige Bedingungen, die Gundaker noch hervorheben zu müſſen glaubte, wurden unbeachtet zur Seite geſchoben, und als der Baron den gewandten Financier am Bahnhofe abſetzte, war das Geſchäft ſo gut wie abgeſchloſſen. Herr Adolf Ehrenſtein kehrte mit einer weitgehenden Vollmacht in der Taſche, höchſt zufrieden mit dem Er⸗ gebniſſe ſeines Ausflugs, in die Reſidenz zurück. Die Mittheilungen über das nunmehr im Zuge befindliche Unternehmen hatten einige Fragen und Gegenreden veranlaßt, mittlerweile kam Ulrich mit ſeiner Mappe zurück. Er bat um Nachſicht. „Ich muß die Herrſchaften aufmerkſam machen, daß es ſich um keine ausgeführte Zeichnung handelt; es iſt nichts weiter als eine flüchtige Skizze“, ſagte er, indem er das Buch aufgeſchlagen der Gräfin reichte. „Und das nennen Sie eine Skizze? Aber es iſt ja meiſterhaft!“ rief dieſe in unwillkürlicher Bewunde⸗ 153 rung.„Seht doch, ſeht doch! Wie duftig ſogar Ruß und Kohlenſtaub ſein kann!“ „Das wäre nun gerade kein Compliment für die Naturtreue“, lächelte Ulrich.„Am wenigſten in einer Zeit, wo die Realität geradezu die Herrſchaft führt.“ Das Bildchen ſtellte eine maleriſche Keſſelſchlucht dar, wo inmitten eines vielfach getheilten, ſchäumenden Waſſerfalls allerlei Leitungen und Wehre angelegt waren. Im Grunde ſtanden rauchgeſchwärzte Gebäude, vor denen einige rüſtige Geſtalten hantierten und aus deren Schloten mächtige Rauchwolken aufſtiegen, wäh⸗ rend oberhalb derſelben in zufälliger und doch wahr⸗ haft künſtleriſcher Anordnung einige Wohnhäuſer amphitheatraliſch aufſtiegen, bis zu oberſt zwei kleine Sägemühlen auf halber Höhe an der ſteilen Schlucht⸗ wand hingen. Man machte in Künſtlerkreiſen Ulrich bitter den Vorwurf zu großer Weichheit und zu geſuchter Farben⸗ effecte, wogegen ſeiner Zeichnung etwas Kraftloſes, Unklares anhafte. Hier in dieſer Skizze war nichts von alledem zu finden, mit wenigen, aber energiſchen Strichen waren die Umriſſe gegeben und die kräftigſten Effecte herausgearbeitet. War dies vielleicht gerade darum, weil er behauptete, eigentlich kein Landſchafter 3 ——— — 154 zu ſein, und daher ſeinem Stifte ungekünſtelt freien Lauf gelaſſen? Das Blatt fand allgemeinen Beifall. Die Gräfin ließ einen neugierigen Blick zwiſchen die andern Blätter gleiten und nach einem Ausruf freudiger Ueberraſchung erbat ſie ſich die Erlaubniß, auch den Reſt beſehen zu dürfen. „Es iſt eben nicht viel da“, entſchuldigte Ulrich, „Skizzen und Studien und ein paar flüchtige Ent⸗ würfe.“ Das Buch enthielt zumeiſt Motive aus dem römiſchen Volksleben, zwei, drei Anſichten, einige raſche Copien aus Muſeen und leicht hingeworfene Gedanken in Kreide oder mit einer Andeutung von Farbe. Am meiſten gefiel die anmuthige Wiedergabe einer Ra⸗ faeliſchen Freske aus der Farneſina. „Wie wäre es“, ſagte der Graf mit wohlwollen⸗ der Aufmunterung,„wenn Sie es verſuchten, uns einen Entwurf in dieſem Genre, natürlich nach Ihrer Er— findung, vorzulegen? Der Herzog wünſcht einen neuen Vorhang für das Hoftheater. Sie gedenken ja, wie ich höre, vorläufig bei uns zu bleiben und es wäre die Gelegenheit, ſich raſch bekannt zu machen, wenngleich ich zugeben will, daß die Aufgabe vielleicht nicht ganz Ihrem Künſtlerbewußtſein entſpricht.“ 155 Ulrich war ſichtlich freudig überracht. Bei den letzten Worten des Hofmarſchalls lächelte er. „Mein Künſtlerbewußtſein, Excellenz, verbietet mir nur, die Kunſt handwerksmäßig anzufaſſen. Was be⸗ ſtimmt iſt, künſtleriſch zu wirken, bietet auch Raum zu künſtleriſchem Schaffen.“ „Vortrefflich! So fehlt ja nur, daß wir uns ein wenig ins Einvernehmen ſetzen, wobei natürlich auch der gegenwärtige Leiter unſeres Kunſtinſtituts nicht übergangen werden darf.“ „So iſt's recht, Excellenz“, meinte der Freiherr, „ſpannen Sie den Herumſtreicher nur ein wenig ein. Es wird ihm nichts ſchaden!“ Die Gräfin gratulirte im voraus. Die Skizzen brachten das Geſpräch auf Italiens Kunſtſchätze. Ulrich ſprach lebhaft und mit friſchquel⸗ lender Begeiſterung. „Sie ſcheinen Italien ſehr zu lieben?“ bemerkte die Gräfin, als man von der Kunſt auf Land und Leute kam und Ulrich auch dieſe mit warmen Worten malte. „Es ſcheint, es ſcheint, er hat Urſache dazu gehabt“, ſetzte der Baron lachend und huſtend hinzu;„das geht ſo weit, daß er mir ſogar die Banditen wegleugnet.“ „Und doch erzählen die Zeitungen haarſträubende — 1 2 —— 156 Geſchichten von der herrſchenden Unſicherheit“,äußerte der Graf. „Ich will nicht beſtreiten, daß auch ich von ſolchen Fällen gehört“, verſetzte Ulrich,„nur habe ich behauptet, daß ich nie Gelegenheit gefunden, perſönlich dahin zielende Beobachtungen zu machen, eine einzige etwa 3 ausgenommen.“ 1 1„Aha, alſo doch Ausnahmen!“ triumphirte der Baron. „Doch auch in dieſem Fall war es kein eigentlicher Banditenſtreich, ſondern nur die leidenſchaftliche Auf⸗ wallung beleidigten Ehrgefühls, die ſich dann freilich, des Süditalieners feiger Natur entſprechend, zu einem heimlichen Racheact geſtaltete.“ „Ah, ein romantiſches Erlebniß!“ horchte die Gräfin auf. „Sagte ich's nicht? Irgend ein Liebeshandel! Ver⸗ teufelter Junge!“ rief der Baron. „Nein, lieber Onkel, die Sache iſt viel proſaiſcher — nur der Handel um eine Zeche“, lachte Ulrich, und zur Erzählung aufgefordert fuhr er fort:„Die Geſchichte paſſirte eigentlich auch nicht mir, ſondern einem meiner ö Bekannten, einem Grafen Riſoll.“ „Graf Riſoll?“ wiederholte der Hofmarſchall über— raſcht. Erſt nach einer kleinen Pauſe ſetzte er mit 157 wiedergewonnener Ruhe hinzu:„Haben Sie ihn alſo gekannt?“ „Ja, oberflächlich, in Neapel“, verſetzte Ulrich, nicht ohne eine leichte Genugthuung zu verrathen, ſeiner vornehmen Bekanntſchaften erwähnen zu können.„Ich glaube, ein Graf Amadeus Riſoll— vielleicht ein Verwandter?“ fragte er zur Gräfin gewendet, doch ohne in ihrem umwölkten Blick eine Antwort zu leſen.„Er ſchien mir wenigſtens in unſerer Reſidenz ziemlich be⸗ kannt und als Landsmann ſchloß ich mich ihm gern hin und wieder an. Wir machten mehrere Ausflüge gemeinſam, eines Tages auch nach Pozzuoli. Nach⸗ dem wir den Lago d' Averno, die Hundehöhle, die Sol⸗ fatara und den Serapistempel geſehen, traten wir bei einem Wirthe ein, vor der Rückfahrt nach Neapel noch einen kleinen Imbiß zu nehmen. Er ließ viel zu wün⸗ ſchen übrig und unſer Gaſtgeber nützte unſern Leicht⸗ ſinn, den Preis nicht früher durch ein Uebereinkommen geregelt zu haben, auf das unverſchämteſte aus. Der Graf geräth leicht in Eifer, beſonders beim Wein, er war über die Zeche, noch mehr aber über die Frech⸗ heit empört, mit der unſer Wirth auf deren Berichti⸗ gung beſtand, und warf ihm endlich, nachdem ich es ſchon früher gethan, einen Betrag hin, der den Werth des Genoſſenen noch immer überſtieg, nicht aber, ohne 1 5 —— 158 vorher ſeinem Unmuthe in einer Flut von Schelt⸗ worten Luft gemacht zu haben, die der Italiener ſonſt ziemlich unterwürfig hinzunehmen pflegt. In dieſem Falle aber hatten wir es mit einem feinfühlenden Spitzbuben zu thun, oder wirkte die Galle über die verfehlte Prellerei nach, kurz, er erſah den Moment, wo ihm der Graf den Rücken zuwandte, um über die ſteile Treppe hinabzuſteigen, zog ſein großes Küchen⸗ meſſer— denn er war Wirth und Koch in ein und derſelben ſchmuzigen Perſon— und war thatſächlich im Begriffe zuzuſtechen—“ „Und?“ Wie ein heiſerer Laut kam's über die Lippen der Gräfin, die geiſterbleich im Sopha lehnte „Ja, die Ausführung unterblieb“, ergänzte Ulrich lächelnd ſeinen Bericht,„da ich ja daneben ſtand. Sie ſehen, meine Herrſchaften, nicht einmal bei der Gelegen⸗ heit kam es zu einem romantiſchen Schluß. Die Geſchichte hat einen ganz unblutigen Ausgang, Sie dürfen ſich alſo beruhigen.“ Aber was Ulrich geſchmeichelt für den Effect ſeines Erzählertalents gehalten, mußte doch einen andern Grund haben. Die Gräfin hatte ſich erhoben und war an eins der offenen Glasfenſter getreten. Erſt jetzt ſah ſich der junge Mann um und begegnete ſeltſam ernſten Mienen, verlegen zu Boden gerichteten Blicken. 159 Er mußte einen empfindlichen Punkt berührt haben, ſo viel war ihm klar und das machte auch ihn befangen. Der Baron blieb der einzige, der nicht ebenfalls ver⸗ ſtummt war. „Und das ſoll keine Banditengeſchichte ſein!“ polterte er.„Na, möchte mal ſehen, wie Dir im gleichen Falle ein ſolch hinterrücks applicirtes„ſaldirt“ gefiele. Steht nicht immer einer daneben. Ihr hättet den Kerl wenigſtens auf die Polizei nehmen ſollen, auf daß der Criminalfall unterſucht würde.“ „Damit nimmt man's in der Fremde nicht ſo ge⸗ nau“, entgegnete Ulrich. Der Hofmarſchall ging von Pozzuoli auf den Pau⸗ ſilipp über, erwähnte der Zuſtände in Italien zur Zeit ſeines Beſuchs vor Jahren, nannte Capri und Ischia und gab ſich alle Mühe, das Geſpräch in Fluß zu erhalten; aber es lag wie ein Alp auf allen und als eine Erlöſung erſchien ihnen das Telegramm, das der Diener dem Grafen auf einer Silberplatte prä⸗ ſentirte. „Seine Durchlaucht kehrt nächſter Tage heim“, theilte dieſer mit.„Ich werde alſo doch noch heute zur Stadt zurück müſſen.“ Der Wink war verſtändlich und Baron Werden⸗ berg nahm Gelegenheit, ſeinen Aufbruch zu beſchleunigen. 3 3 8 rF ——— 160 Die Gräfin hatte ſich wieder gefaßt; nur ein leiſer Zug des Leids blieb um ihren ſchönen Mund. Sie fand für Jeden ein freundliches Abſchiedswort. Auch der Graf begrüßte alle herzlich. „Ich hoffe, Sie laſſen ſich bald bei mir ſehen, da ſprechen wir dann weiter“, ſagte er noch beſonders zu Ulrich, dem er dabei wohlwollend die Hand bot und damit die Beruhigung gab, daß er, was auch der Ver⸗ ſtoß geweſen ſein mochte, wenigſtens nicht an eine Abſicht⸗ lichkeit glaube. Auch Comteſſe Lilly, die ſich ſchon vor einiger Zeit mit Miß Dart in den Salon begeben, um auf den Wunſch ihres Vormundes ihre Zither zu holen, und demnach Ulrich's Erzählung nicht gehört hatte, kam jetzt zurück, eben noch zu rechter Zeit, ſich den ſcheidenden Gäſten zu empfehlen. „Soll ich Dir jetzt etwas vorſpielen“, Onkel? fragte Lilly, als Baron Werdenberg mit ſeinen Begleitern die Terraſſe verlaſſen hatte.„Ich thue es viel lieber als vor Fremden.„Wenn Du es verlangſt, ſinge ich auch dazu.“ „Ein andermal“, lehnte der Graf freundlich ab, indem er des Mädchens Hand faßte.„Heute wird mir wohl kaum Zeit bleiben. Fühlſt Du Dich ſo heiter, daß Dir zum Singen iſt?“ fragte er dann, in⸗ 161 dem er prüfend in die hellen Kinderaugen ſchaute. „Du haſt Dich alſo amüſirt?“ „Es war ſehr angenehm, Onkel“, lautete die un⸗ befangene Antwort,„und man— man hörte doch auch etwas.“ Erſt bei den letzten Worten ſtockte der friſche Mund und ließ ein Suchen nach einem unver⸗ fänglichen Ausdruck merken. „Dein Nachbar hat ſich wohl ein wenig lebhaft und fremdartig geäußert.“ „O, es war gewiß gut gemeint.“ „Du nimmſt ihn ja ſehr lebhaft in Schutz!“ Der Graf lächelte und zog die Erröthende ſanft an ſich. „Singe, ſinge, mein Vöglein, und freue Dich des Sonnen⸗ ſcheins!“ ſagte er warm und herzlich, küßte ſie auf die Stirn und ſah ihr dann noch mit wohlgefälligem Blicke nach, als ſie ſich wieder entfernte. Die Augen der Gräfin ruhten forſchend auf ihm, ihre Wange war noch blaß, die Stirn umwölkt und der feſtgeſchloſſene Mund ſchmerzlich verzogen. „Sie iſt ein liebes Kind!“ äußerte ſich der Graf, als die Thür geſchloſſen war. Das Kind ihrer Mutter.“ Die Gräfin fühlte aus dem ſchmeichelhaften Beiſatz nur einen Stachel heraus. „Und damit iſt der letzteren ſchon das Urtheil ge⸗ Byr, Larven. I. 11 1 ———. 2* 4 3 8 — 5 —— 162 ſprochen“, verſetzte ſie bitter.„Der Zauber der Jugend ſchmückt mit doppelten Reizen.“ „Conrada!“ gab der Graf mit gedämpfter Stimme ſeiner Verwunderung Ausdruck.„Iſt es möglich, Du biſt eiferſüchtig? Ich fürchte, da hätte ich mehr Ur⸗ ſache, den intereſſanten jungen Maler um die freund⸗ liche Aufmerkſamkeit zu beneiden, mit der Du Dich ihm gewidmet.“ „Der Scherz mißlingt Dir. Oder“, fuhr ſie miß⸗ trauiſch fort,„iſt es mehr als Scherz? Suchſt Du einen Vorwand, die Neckereien mit dem eitlen Elegant gelegent⸗ lich zur eigenen Rechtfertigung in ernſten Vorwurf zu verwandeln?“ „Schon wieder dieſes unſelige Mißtrauen! Wie oft ſoll ich Dir ſagen, nur von Dir hängt es ab, nur von Dir allein, uns beide glücklich zu machen! Werde meine Gattin und Zweifel, Mißtrauen und dies qual⸗ volle Ringen wider die Natur würden ein Ende haben. Dies ewige Entſagen, dies nie geſtillte Lechzen nach Ruhe und ungetrübtem Familienglück, nach einem freien und offenen Bekennen der Neigung unſeres Herzens, nach einem gemeinſamen Hintreten vor alle Welt im berechtigten Stolze, dies fortwährende auf der Hut ſein vor fremden Blicken wie vor dem eigenen Ge⸗ 163 fühle, ich geſtehe es, iſt faſt härter als eine gänzliche Trennung!“ Die Gräfin war ſtarr geworden wie eine Leiche, nur ihre Augen lebten und glühten. „Die Trennung— Du willſt die Trennung? Ich ſah es kommen“, preßte ſie kaum vernehmlich hervor. „Nein, nein, Conrada! Ich will, daß Du mein ſeiſt!“ rief der Graf mit mühſam gedämpfter Stimme, indem er ſeiner Couſine Hand ergriff. Ich will, daß Du endlich einwilligſt, unſere Verlobung bekannt zu geben. Ich will, daß Du den Entſchluß faſſeſt, mit mir vor den Traualtar zu treten!“ Die Gräfin machte ſich los. Krampfhafte Zuckungen machten ihren ſchönen Leib erbeben, ſie ſchlug die Hände aufſtöhnend vors Geſicht. „Kann ich es denn?— Darf ich denn?“ „Du biſt geſetzlich geſchieden. Was hindert Dich?“ „Mein Glaube. Du weißt es.“ „Und iſt Dir das Opfer zu groß, dieſen Glauben, der die Unnatur zum Geſetze macht, um meinetwillen aufzugeben und zu einem vernunftgemäßen Bekennt⸗ niſſe überzutreten?“ Die Frage klang ſcharf und herbe. „O Karl, martere mich nicht!“ flehte die Gräfin, 11* 3 5 — 164 deren Antlitz in Thränen gebadet war. Sie wankte zum Sopha und ließ ſich ächzend auf daſſelbe ſinken. „Iſt es denn nicht ſchon fürchterlich, zu hören, wie nahe die Freiheit, das Glück uns waren und wie ſie doch nur an uns vorübergeſtreift? Und iſt es nicht noch fürchterlicher, daß ſich ein Bedauern darüber in uns regt, ein Bedauern, daß ein Menſch nicht dem drohenden Tode verfiel? O Karl, mir graut vor mir ſelbſt!“ Der Graf bedauerte ſeine Heftigkeit, er war zu der Weinenden herangetreten, beugte ſich zu ihr herab und ſprach mild und innig wie zu einer Kranken. „Du biſt erſchüttert, Conrada. Der Bericht hat Dich unvorbereitet getroffen, ſelbſt der Name ſchon. Ich hätte Dir früher ſagen ſollen, daß Riſoll ſich in der Reſidenz aufhält.“ „Hier?“ ſtieß die Gräfin mit einer Geberde des Schreckens und Widerwillens hervor. „Du haſt ja keinen Grund mehr, ihn zu fürchten. Beruhige Dich. Auch verfolgt er andere Zwecke, wie es ſcheint. Aber bedenke, es iſt hart für mich, der Beweiſe Deiner Liebe entbehren und mir dabei ſagen zu müſſen, daß Du Dich— wenn auch nur durch die Satzungen Deines Glaubens— immer noch an einen 165 andern Mann gebunden wähnſt— an einen andern Mann! Der Gedanke iſt ein vergifteter Pfeil in meinem Herzen— glaube mir, es iſt eine erdrückende Laſt! Nimm ſie von mir, Conrada!“ 2 — — Sechstes Kapitel. Obwohl Baron Werdenberg ſeinen Neffen in den Wagen genöthigt, wo ja jetzt der vierte Platz frei war, hatte es der junge Offizier doch vorgezogen, ſich wieder auf den Bock zu ſchwingen und die Zügel ſelber zu führen. Man bog eben aus dem Parkthore und kam da— bei an einem netten, in Cottageſtil aufgeführten Häus⸗ chen vorbei, das ehedem vielleicht zur Wohnung des Thorwärters oder Gärtners gedient haben mochte, jetzt aber anſehnlich erweitert worden war. Durch einige der Fenſter konnte man Vorhänge aus ſchwerem, ſchön gemuſtertem Stoffe ſehen, vom Wagen aus ſogar einen Blick in das Innere der Zimmer werfen, die— ſoweit ſich dies in dem dunkleren Raum erkennen ließ— einfach, aber mit Geſchmack eingerichtet waren. 167 Ulrich, der trotz des Barons Einladung ſeine Ci⸗ garre mit Rückſicht auf des alten Herrn angegriffene Lunge unangebrannt gelaſſen, ſtellte harmlos die Frage, wen dieſe hübſchen Gemächer beherbergen möchten, und erhielt zur Antwort, es ſei die dem Hofmarſchall reſer— virte Wohnung. „Man ſoll keinen Anlaß zu ſchlimmen Bemerkuu⸗ gen haben“, kicherte Flandron.„Verſtehen Sie, junger Mann? II faut prendre des regards, mon ami! Das werden Sie erſt lernen. In der Jugend kommt es nicht darauf an, ſich und Andere bloßzuſtellen, aber in reiferen Jahren wird man behutſam. Madame la comtesse will ihren Ruf bewahren, für eine geſchiedene Frau überaus ſchwierig, beſonders wenn die böſe Welt ſchon Allerlei munkelt. Und eine ſchöne Frau iſt ſie, das ſcheint Ihnen auch aufgefallen zu ſein; comment? Für wen würden Sie ſich entſcheiden, wenn Sie die Wahl hätten, für Mutter oder Tochter?“ „Unzweifelhaft für die Mutter. Sie iſt ein herr⸗ liches Weib!“ „Ah gourmand!“ ſchmunzelte der Alte, indem er Ulrich wohlgefällig zublinzelte und ihn dabei wieder⸗ holt aufs Knie ſchlug.„Welche Begeiſterung, welches Feuer! Tout comme chez nous, als wir jung waren, natürlich. Sehen Sie ihn einmal, Herr Baron; man rmnnnnͤ —— ³⁴ ——— 4 4 3 2, 4 4 —— — F —— 168 kann ſeine Freude daran haben! Et pourquoi pas? Es gilt den Verſuch. Ha, wenn wir noch jung wären! — Glauben Sie mir, lieber Freund, man kann Alles wagen— Alles! Zu früh? Zu ſpät? Redensarten! Es gilt nur, ſich zum Herrn des Moments zu machen. Man ſagt freilich, Seine Excellenz kämen nicht blos in Vormundſchaftsangelegenheiten ſo oft nach Hartberg, und es iſt wahr, er beſucht madame sa cousine ſehr häufig, und ſelbſt der Umſtand, daß er ſich eine ſeparirte Wohnung eingerichtet, nicht im Schloſſe ſchläft, gerade eine ſo weit getriebene Delicateſſe gibt zu denken.“ „Aber warum heirathen ſie denn nicht?“ „Hélas! Sie iſt Katholikin— von der weſtphä⸗ liſchen Linie der Preuningen— und der Mann lebt. Ca ne va pas! Ja, wenn der Wirth in Pozzuoli Ernſt gemacht hätte!“ „Ich denke, Ihr habt jetzt genug mediſirt“, polterte der Baron dazwiſchen, obgleich er beim Geräuſche des Wagens nur einen Theil des zwiſchen den einander Gegenüberſitzenden leiſe geführten Geſprächs vernommen hatte.„Teufelsjunge Sie, daß Sie auch gerade da mit Ihrer Geſchichte kommen mußten!“ „Ihr Mann alſo?“ ſagte Ulrich erſtaunt.„Aber, verehrter Herr Baron“, fuhr er dann ſich rechtfertigend 169 fort,„Sie vergeſſen, daß ich ja ſeit Jahren der Heimat fern gelebt und in alle dieſe Verhältniſſe uneingeweiht war. Graf Riſoll that gerade dieſer keine Erwäh⸗ nung.“ „Aber wie wunderbar, daß Sie mit dem Grafen Amadeus zuſammengetroffen!“ rief Flandron, in die Hände ſchlagend, als wolle er applaudiren. „Das fügt ſich doch leicht auf Reiſen.“ „Aber gerade Sie und er!— Sie und er! Il y a encore des miracles! Graf Amadeus iſt mein— mein Schüler. Ich war Erzieher bei ſeinem älteren Bruder und ihm. Eine ſchöne Frau, ſeine Mutter! Er gleicht ihr zum Theil. Damals lebten wir noch in Greifenſtein und in der Reſidenz. Das ſchöne Greifenſtein! Alles dahin— dahin!“ Der alte Franzoſe hatte nicht ohne einen gewiſſen Stolz, in den ſich leiſe Wehmuth miſchte, ſeiner frühe⸗ ren Beziehungen gedacht. Er ſchien ſeinem ehemaligen Zöglinge noch warme Theilnahme bewahrt zu haben und großes Intereſſe daran zu nehmen, daß jene Epi⸗ ſode demſelben nicht für immer eine kühle Schlafſtätte an dem Geſtade des ſonnigen Golfs bereitet. „So iſt alſo Comteſſe Lilly die Tochter des Gra⸗ fen Amadeus?“ „Die Tochter, die Tochter.“ 1 4 1 — 5 ——— 170 „Wie kommt es denn aber, daß ſie unter Vor⸗ mundſchaft des Hofmarſchalls ſteht?“ „Hartberg gehört ihr und außerdem noch ein großes Vermögen in Werthpapieren von einer Groß⸗ tante, einer Gräfin Preuningen. Sie hatte den Hof⸗ marſchall zum Teſtamentsvollſtrecker und Curator er⸗ nannt, weil damals ſchon die Scheidung im Zuge war. Voyez les mauvaises langues!“ ſeufzte Flandron.„Mon pauvre Amédée! Wie hat man ihn verleumdet!“ „Nun, locker genug hat er gelebt“, brummte der Baron.„Es war freilich ſchon vorgearbeitet und der Aeltere trieb's auch nicht beſſer, ſolange er lebte; aber es war doch ſtark, auch noch die ganze Mitgift ſeiner Frau, Diamanten und Alles zu verſpielen, nachdem Greifenſtein verjubelt war.“ „Gehörte ja kein Stein mehr ihm, als er es erbte. Mit dem Gelde der Gräfin ſollten die drückendſten Hypotheken eingelöſt werden; er hatte den beſten Wil⸗ len. Aber wer vermag gegen ſein Schickſal zu kämpfen! Au bout on devient fataliste.“. „Ja, ja, man wird Fataliſt und verbummelt. Sehr bequem, beſonders wenn man eine reiche Tochter hat und ſich aus deren Vermögen ein Jahrgehalt auswerfen läßt. Lieber Flandron, Sie haben gerade nicht Ur⸗ ſache— Ihre Penſion iſt auch ausgeblieben, und 171 wenn ich Sie nicht zu mir genommen— na, Sie ken⸗ nen meine Anſicht. Schandgeſchichte vom Anfang bis zum Ende; ſtört mir die ganze Verdauung. Geſcheid⸗ ter, Ihr ſchwatzt anderes Zeug!“ Der Weiſung mußte wenigſtens inſofern nachge⸗ kommen werden, als man den unliebſamen Gegenſtand fallen ließ; die Gedanken mochten das Angeregte weiterſpinnen, zu einem Andern überzugehen mangelte es allen an Luſt, zumeiſt dem mürriſch in ſeiner Ecke lehnenden Freiherrn, der nur zu Zeiten etwas vor ſich hin brummte oder huſtete. Die Fahrt hatte allen lang geſchienen, obwohl Gundaker die muthigen Eiſenſchimmel immer mehr ausgreifen ließ, je näher man dem Ziele kam. Ein feuchter Nebel war aus den Gründen aufgeſtiegen und verſtärkte die raſch hereinbrechende Dämmerung, und der faſt volle Mond ſtieg wie ein ins Unbegrenzte zerfließender feurigrother Erzball am Horizonte auf, als der Wagen im Wirthſchaftshofe von Dreibuchen hielt. Bei des Freiherrn frühzeitiger Schlafensſtunde dachte Niemand nach ſo ſpät eingenommenem Diner an eine Abendmahlzeit. Es waren alle gemeinſam ins Haus getreten und die jungen Leute ſtanden gleich Flandron eben im Begriff, gute Nacht zu ſagen, 172 als der Baron ſeinen Neffen zu folgen aufforderte, da er noch ein paar Worte mit ihm zu reden habe. Verwundert und nicht ohne ein bemerkbares Zei⸗ chen lebhafter Ungeduld gehorchte Gundaker und trat hinter ſeinem Onkel in das Wohnzimmer im Erdgeſchoſſe, wo ſich der letztere ſeines Ueberrocks entledigte und dann den Diener gehen hieß. „Willſt Du vielleicht noch eine Partie Piquet machen, Onkel?“ fragte Gundaker zerſtreut. „Partie Piquet? Partie Piquet? Na, das muß ich ſagen, dazu hätt' ich mir auch nicht gerade Dich ausgeſucht. Oder kennſt Du auch einmal die Karten, he? Aufgewacht! Woran denkſt Du denn?“ Gundaker fuhr wirklich wie aus einem Traume empor. „Ich dachte, Du hätteſt mich vielleicht mit Flan⸗ dron verwechſelt“, brachte er ſtotternd vor. „Verwechſelt! Sehe ich aus wie einer, der nicht weiß, was er will? Dich und Flandron verwechſelt? Dann werde ich wohl demnächſt eine alte Gluckhenne nicht mehr von einem Spießer unterſcheiden können. Oho, junger Herr, ich kenne meine Rechte noch von meiner Linken und meine Freiherrnkrone noch von einer Arbeitermütze auseinander, ich weiß noch, was mir und meinesgleichen Pflicht und Recht iſt, woran ich ——— 173 feſtzuhalten habe und wofür ich einſtehe, was aber andere Leute nicht mehr zu wiſſen ſcheinen— andere Leute, die demagogiſche Reden halten, als ob ſie nicht mit dem Hofmarſchall an einer und derſelben Tafel ſäßen, ſondern als ob ſie irgendwo auf einem Brun⸗ nenrand oder einer andern derartigen Tribüne mitten in einer Volksverſammlung ſtänden und um das wohl⸗ feile Gejohle der blöden Maſſe buhlten. Verſtanden?“ Der Freiherr ſchritt, theils um ſich zu erwärmen, theils weil er das in der Aufregung ſo gewohnt war, mit auf den Rücken gelegten Händen, in denen er eine ſelten benutzte Silberdoſe drehte, von einem Ende zum andern durchs Zimmer, wobei er nur zeitweiſe ſtehen blieb und eine ſcharfe Wendung gegen den Nef⸗ fen hin machte, als wolle er ihn mit ſeinen blitzenden Augen über eine unſichtbare Flinte hin anviſiren, um ihn beim erſten Worte des Widerſpruchs ſofort nieder⸗ zuſchießen. Gundaker kannte dieſe Weiſe, er hütete ſich, den alten Herrn, dem jede zu ſtarke Erregung ſchaden konnte, noch mehr zu reizen, doch vermochte er ſich auch nicht zu einem Unrecht zu bekennen, wo er nur nach ſeiner Ueberzeugung geſprochen. „Ich hätte allerdings daran denken ſollen, in wel⸗ chem Kreiſe ich mich befand“, ſagte er demnach,„und 1 — ——.—. 5 —— 174 gar nicht ſprechen ſollen. Anders könnte ich doch nicht ſprechen.“ „So? Anders nicht? Das iſt alſo Deine Mei⸗ nung? Nun denn, ſo ſage ich Dir auch die meine und die lautet: Schämen ſollſt Du Dich, Du, ein Cavalier, ein Merolf, ein Soldat, ein Offizier! Du darfſt eine ſolche Meinung gar nicht haben!“ „Ich kann Dir verſichern, Onkel, ſie wird von mehr als einem Cavalier und von ſehr vielen Offi⸗ zieren getheilt.“ „Schlimm— ſehr ſchlimm, daß es ſo iſt! Damit Du es weißt, der Ulrich hat tauſendmal vernünftiger geſprochen als Du. Von ihm hätte ich's eher erwartet, demagogiſche Reden zu vernehmen, wäre mir am Ende auch gleichgültig geweſen, von Dir aber iſt's geradezu ein Skandal. Wie heißt Du? Merolf. Weißt Du auch, was das heißt? Im Altdeutſchen Meerwolf von Meer— die See, und von Wolf, das zugleich den Wolf bedeutet und auch den Glänzenden, den Berühm⸗ ten, alſo Meerwolf der auf dem Meere Berühmte, der Krieger, der Führer einer Kriegerſchaar, die ſich einſchiffte, auf den Wogen kämpfte, in fremde Lande einfiel, Ruhm und Sieg erwarb und Beute. Weißt Du nun, wieweit Dein Geſchlecht unter den edlen und berühmten zurückreicht in die Zeit? Wo waren 175 die Ritterlein aus den Kreuzzügen oder den Turnier⸗ büchern zur Zeit, wo ſchon ein Merolf ſeine Rolle ſpielte? Du brauchteſt nicht einmal einen Stammbaum, Dein Name iſt einer, ſo glänzend und rein als irgend⸗ einer. Glaubſt Du, daß ich ſonſt je ja und Amen geſagt hätte, als meine einzige Schweſter Deinem Va⸗ ter folgte? Die Beute war lange verflogen, aber der Name war noch da, ſtolz und unverkümmert, und ſo war es denn recht und ich ſelber legte ihre Hände in⸗ einander ſtatt meines Vaters— Gott hab' ihn ſelig! — der damals im Geiſte ſchon umnachtet war. Ich habe ja und Amen geſagt, weil's ein Merolf war, und heute— war's auch ein Merolf, der Worte ſprach — na, zu denen ich all mein Lebtag nicht ja und Amen ſagen werde.“ „Es thut mir leid, Onkel“, entgegnete Gundaker mit biederer Aufrichtigkeit, die den jungen Mann über ſeine Jahre ernſt und feſt erſcheinen ließ,„wenn ich nicht Deine Zuſtimmung habe. Glaube nicht, daß ich mich ihrer leichtſinnig und gleichgültig entſchlage. Deſſen aber kannſt Du von mir überzeugt ſein, was auch meine ſocialen oder politiſchen Anſichten ſein mögen, eine That, welche die Ehre dieſes Namens verunglimpfen könnte, den ich rein und makellos ererbt, wirſt Du nicht erleben, denn die Ehre dieſes Namens iſt auch die meine.“ 4 5₰ 8 — 5F —— 176 Der Freiherr ſah ſeinen Neffen feſt an, dann nickte er, durch die Erklärung ſchon ein wenig beſänftigt. „Gut“, ſagte er trocken,„möcht's nicht anders denken. Von dem Tag, wo's anders wäre, hätte der letzte Werdenberg mit dem letzten Merolf nichts mehr zu ſchaffen und der letzte Merolf wär' er, hätt' er auch ſoviel Nachkommen wie Sand am Meere— den Schild würf' man ihm zerbrochen nach in die Grube. Setze Dich!“ Und er nahm ſelbſt ſeinen gewöhnlichen Platz in der Ecke des Canapees ein. Nachdem er einen kleinen Huſtenanfall überwunden, fuhr er fort:„Es iſt aber nicht genug, daß die Ehre Deines Namens flecken⸗ los erhalten bleibe, er ſoll auch den alten Glanz wieder haben, Glanz und Anſehen— und der alte Stamm ſoll grünen, blühen und gedeihen.“ „Erlaube, Onkel, daß ich Dir eine Mittheilung mache.“ „Eine Mittheilung?“ rief der Freiherr mit mun⸗ ter aufblitzenden Augen.„Eine Mittheilung in dieſer Beziehung? Haſt alſo wie ein guter Schweißhund die richtige Fährte ſchon aufgenommen, ſobald man Dich nur erſt darauf gebracht? Na, mir ſollt' es recht ſein! Warte, bis ich ausgeredet! Biſt mein Erbe, das weißt Du. Die Werdenbergs verſchwinden mit mir, es ſoll ſo ſein und der im Himmel oben wird wiſſen, warum. Dafür kommt's den Merolfs zu gute. Lange 477 wird's nicht mehr dauern, das weiß ich ſo gut wie ein Arzt. Iſt ſchon recht, laß mich ausreden! Kriegſt einen hübſchen Beſitz und ein ausreichend Stück Geld, aber Dein Name ſoll glänzen wie in alter Zeit, ſoll den alten Glanz noch überſtrahlen; dazu reicht's nicht aus und darum heißt's bedacht ſein, Reichthum zu Reichthum zu thun. Aber der allein thut's auch nicht, ein edles ſchönes Weib gehört noch dazu, damit der Stamm nicht erlöſche. Merolf für alle Zeit! So ſoll es heißen. Sind wir einverſtanden 5 „Zum Theil.“ „Was, zum Theil?“ ſchalt der Greis.„Gefällt Dir's nicht, wie ich die Sache anſchaue? Praktiſch, wie's meinen Jahren angemeſſen. Wirſt's auch ſo machen, biſt Du erſt einmal ſo alt wie ich. In der Jugend frei⸗ lich ſoll's keinen andern Beweggrund geben als die reine Liebesſchwärmerei. Meinetwegen, thu's deshalb oder aus einem andern Grunde. Ich will mich nicht einmal wundern, daß Dir die Kleine ſo raſch gefallen hat; mir gefällt ſie auch. Heute iſt Lilly noch ein Kind, aber in einem Jahre kann ſie Deine Frau ſein, und beſſer eine junge als eine alte!“ „Lilly? Lilly Riſoll? Ich ſoll ſie heirathen?“ Das ungemeſſene Erſtaunen und dieſe Frage dämpften raſch des Freiherrn Heiterkeit. Byr, Larven. I 12 1 4 4 5 3 5 —— 178 „Na, das war's doch, was Du mir mittheilen wollteſt?“ fuhr er barſch heraus.„Du warſt ja einver⸗ ſtanden— zum Theil wenigſtens.“ „Zum Theil bin ich's auch jetzt noch“, ſagte der junge Mann feierlich, indem er ſich, getrieben von der inneren Erregung, erhob.„Ich liebe ein Mädchen, ein edles, ſchönes Mädchen, und beabſichtige es zur Frau zu nehmen, das war's, was ich Dir ſagen wollte, Onkel.“ „Ein Mädchen— ein anderes Mädchen als Lilly?“ Und als Gundaker ſtumm bejahte, fuhr der Freiherr unwirſcher und zugleich mit ſpöttiſchem Unglauben fort: „Alſo haſt Du Dich in Deinen Garniſonen ſchon um⸗ geſehen? Hätt's denken ſollen! Aber ein Mädchen wie Lilly? Eins, das alle ihre Vorzüge in ſich vereinigt und noch liebenswerther ſein ſoll? Oho, da wäre ich neugierig! Muß ich ja doch kennen— dem Namen nach wenigſtens. Heraus damit!“ „Judith“, ſagte Gundaker mit einem tiefen Athem⸗ zuge, dem einzigen Zeichen, daß er ſich der Wichtig— keit und Schwere dieſes Augenblicks wohl bewußt war. Und ſeine ein wenig bebende Stimme feſtigend, wiederholte er:„Judith Tauber.“ Der Alte ſaß, als ob er einen wuchtigen Schlag auf den Scheitel erhalten hätte, der ihn des Bewußt⸗ 179 ſeins und der Sprache beraubt, ſtieren Auges da. Erſt nach einer Weile ſchien ihm das Leben wieder⸗ zukehren, dann aber kochte und arbeitete es auch wild in ihm. Er ſchlug die Fäuſte auf den Tiſch, ſtemmte ſich darauf und hob ſich ſo plötzlich empor. Ein kol⸗ lernder Laut quoll aus ſeiner Kehle, der wie unheim⸗ liches Lachen klang und doch keins war. „Die— die Judendirne?“ rief er dann.„Biſt Du verrückt, Bube?— Die Judith— die Tochter des alten Schacherjuden drüben? Du— die heirathen? Menſch, rede, willſt Du Deinen Spaß mit mir treiben?“ Gundaker verſicherte, daß ihm nie ernſter zu Muthe geweſen. „Du rietheſt mir ſelbſt, ein reiches, edles, ſchönes Mädchen zu nehmen. Das Erſtere gilt mir gleich, ob⸗ wohl es vielleicht ebenfalls zutrifft, die andern Eigen⸗ ſchaften hat Judith gewiß in vollem Maße.“ „Die ein edles Mädchen? Du biſt verrückt!“ „Ich nenne nur den edel, der es in der Geſin⸗ nung iſt.“ „Ha, da guckt der rothe Lappen wieder heraus, die demokratiſche Milch, mit der man Dich im Senner⸗ lande geſäugt. Da wären wir alſo ſchon wieder am Ende mit dem Einverſtandenſein. Frage ſie einmal ſelber, was in hren Augen edel heißt und wieweit 12* 4— ☛ —— ᷣꝛ— 3 1 6₰ „* — 5F — 180 die edle Geſinnung reicht. Bis zur Freiherrnkrone, die das ſchlaue Geſchöpf ſich erliſten möchte. Edle Geſinnung! Haha! Ja, die Geſinnung, adlig zu werden.“ „Onkel, ich dulde keine Herabwürdigung!“ „Und willſt Dich ſelbſt herabwürdigen! Was haſt Du verſprochen? Ich ſoll es nicht erleben, daß Du die Ehre Deines Namens befleckeſt. Nun, alſo habe ich wohl raſch zu ſterben, damit ich's nicht mehr erlebe. Schlag' zu!“ Gundaker ſchwankte nicht, aber des Greiſes Heftig⸗ keit that ihm weh. Gern hätte er ihn beſchwichtigt und ihm ſeine Ehrerbietung gezeigt. „O, ſo prüfen Sie das Mädchen doch einmal ſelbſt, Onkel“, bat er,„und Sie werden dann ſagen müſſen, daß es der höchſten geſellſchaftlichen Stellung nicht unwürdig iſt. Judith hat einen ebenſo hochge⸗ bildeten Geiſt als eine große Seele, und ihr Herz iſt ſo gut und rein, als ſie ſchön iſt.“ „Schön, ja, das iſt ſie. So mache ſie zu Deiner Geliebten, ins Teufelsnamen!“ Mit der Mäßigung war es vorbei. Dieſes Wort trieb auch Gundaker's Blut raſcher nach dem Kopf. „Und das“, ſagte er ſcharf,„ſollte meine Ehre nicht beflecken?“ 181 „Hat noch nie einem Edelmanne zum Schimpfe gereicht und keinem Offizier. Oder weißt Du einen, der Charge und Degen darum verlor?“ „Ich würfe ſie ſelber von mir, wenn ich mich der Schandthat ſchuldig gemacht, ein reines, unſchuldiges Mädchen, das mir unbegrenzt vertraut, zu betrügen, zu einer Metze herabzuwürdigen und dann im Schmuze zu verlaſſen. Schmach über den Elenden, der's ver⸗ mag, und dazu— haſt Du mir ja wohl gerathen.“ „Hinaus, hinaus!“ Die Stimme verſagte dem leidenſchaftlichen alten Manne. Es kam nur ein Röcheln aus der keuchenden Bruſt, aber heftig ſtampfte ſein Fuß die Diele, daß eine Wolke Staub aus den Fu gen aufwirbelte und in dem Tanze der mattbeleuchte⸗ ten Atome auch all das ſeltſame Gethier auf den Schränken und an der Decke zu erwachen und ſich zu regen ſchien. In den Glasſchreinen klirrte es, in dem tiefen Schatten, den ihre Vorhänge warfen, glühten Augen, aus den Ecken des Gemaches erhoben ſich un— heimliche Geſtalten, wie wenn der dumpfe Laut ein Beſchwörungsruf geweſen, mit dem der ergrimmte Alte all die Fratzen vorher zu dämoniſchem Leben erweckt und auf den Frevelnden gehetzt, der ſich ſeinem Zorn entgegenzuſtellen wagte. „Solange ich noch lebe und ein Wort darein zu — 4 4 4 3 8 4 5 — 182 reden habe, ſoll es nicht dazu— ein Merolf und eine Jüdin— nimmermehr! Nimmermehr!“ „Darüber habe ich allein zu entſcheiden“, entgeg⸗ nete Gundaker, den der Verſuch eines ſolch unbefugten Eingriffs noch mehr erbitterte, ſtolz und feſt. Er wandte ſich dabei der Thür zu, mehr ſeinem eigenen Ver⸗ langen denn ſolch beleidigendem Geheiße Folge leiſtend, als des Onkels Zornruf noch einmal ſeine Schritte hemmte. „Und über mein Hab und Gut entſcheide ich! Thu's und Du biſt nicht mehr mein Neffe— nicht mein Erbe!“ Die Drohung war nicht geeignet, ein empörtes Gemüth zu beſänftigen oder den ſtarren Willen abzu⸗ ſchwächen. Kalt und trotzig bot ihr Gundaker die Stirn. „So weiß ich wenigſtens, wonach ich mich zu richten habe“, ſagte er. Die ſtreng geſchloſſenen Lippen öffneten ſich blos auf einen Augenblick, um ſich dann nur um ſo feſter aufeinander zu preſſen. Mit einer kurzen Wendung verließ Gundaker das Zimmer im ſel⸗ ben Augenblicke, als Joſef an ihm vorbei eintrat, ihm mit beſtürzter Miene nachblickte und dann zögernd ſtehen blieb. „Was iſt's? Was gibt's? Wer hat Dich geru⸗ fen?“ herrſchte ihn der Freiherr an. „Ich wollte nur ausrichten, Herr Baron“, ent⸗ gegnete Joſef, unwillkürlich zurückweichend, obwohl die geballten Fäuſte ſeines Herrn glücklicherweiſe unbe⸗ waffnet waren,„daß der Tauber herübergeſchickt, anzufragen, wann es dem Herrn Baron morgen etwa belieben würde, ihn zu empfangen, er hätte eine Sache von Wichtigkeit.“ „Der Jude!— Der Schurke! Er unterſteht ſich? Ich ihn! Mit Hunden laſſe ich ihn aus dem Hauſe jagen, wenn er ſich unterſteht, nur einen Fuß— Mit Hunden, das ſag' ihm! Zu mir, zu mir will er kom⸗ men, der unverſchämte alte Kuppler! Mit Hunden! Marſch, ich brauche Dich nicht!“ Joſef zog ſich eilig zurück und der Freiherr, der die letzten Worte nur noch mühſam und von Huſten erſtickt hervorgebracht hatte, blieb, heftig geſtikulirend, mitten im Zimmer ſtehen, bis kurz darauf Flandron eintrat. „Mein Gott, was haben Sie? Ich wollte noch etwas von der Drehbank holen“, ſagte er, die Neu— gierde, die ihn einzig und allein herbeigezogen, beſchö⸗ nigend.„Mein theurer Gönner und Freund, Sie ſind aufgeregt. Sie ſchaden ſich und wiſſen doch, daß Sie ſich ſchonen ſollen!“ Wäre er aufrichtig geweſen, hätte er hinzufügen müſſen: Und was ſoll aus mir 184 werden? Wenn ich Sie verliere, bin ich ohne Obdach und Brod. Der Freiherr fuchtelte noch immer in der Luft herum, als wolle er Alles zuſammenſäbeln und nieder⸗ ſtechen, was ihm in den Weg komme. „Die Judendirne!“ ſtieß er in höchſter Wuth ſich ſelber fortwährend unterbrechend hervor.„Haben Sie ſchon je ſo etwas gehört, Flandron?— Die Juden— dirne will er— ein Merolf, ein Merolf! Es iſt Wahnſinn! Bei allen Heiligen, er ſoll es nicht, oder— Eine namenloſe Schmach! Und der alte Schuft läßt ſich melden bei mir— iſt auch im Einverſtändniſſe; will— Ah, mit Hunden laſſ ich ihn hetzen! Hab' ich darum geſpart und geſorgt, damit ein Demagoge und eine Judendirne ins Herrenhaus zu Dreibuchen— Eher mag es in Feuer aufgehen und bis auf den letzten Stein verfallen, bis auf den letzten Stein! Die alten Herrenſitze werden zu Ruinen, Flandron, zu Ruinen! Eine Juden—“ Wieder machte ein Huſtenanfall ſeinem Ausbruch ein Ende und diesmal war er ſo heftig, daß Flan⸗ dron in Angſt gerieth und Joſef, der ohnedies im Speiſezimmer ängſtlich horchte, herbeiklingelte. D alten Herrn an und für ſich gebräuntes Geſicht färbte ſich ganz dunkel und auf ſeinem Taſchentuche zeigte es 185 ſich Blut, als er daſſelbe vom Munde nahm Die Anſtrengung hatte ihn ganz erſchöpft und er mußte ſich zu dem Sopha führen laſſen, auf das er gebrochen niederſank. Aber ſein Wille war nicht gebeugt. „Noch nicht, Flandron“, flüſterte er dieſem kaum verſtändlich zu.„Keine Sorge, ich ſterbe noch nicht. Das wäre zu früh. Ich brauche mich noch, brauche mich noch!“ Unterdeſſen war Gundaker, nicht minder aufge⸗ regt, fortgeſtürzt, wenngleich der Sturm ſich bei ihm äußerlich nicht ſo ſehr verrieth. Der jähe Unmuth war aus ſeinen Zügen verſchwunden, aber unerſchütterliche Feſtigkeit blitzte aus ſeinen Augen und ſprach aus jeder ſeiner kurzen, entſchiedenen Bewegungen und im Innern kochte und gährte es gewaltig. So ſehr war er davon benommen, daß er, um die Ecke des Hauſes in den Park ſchreitend, Ulrich's Stimme, die ſeinen Namen rief, vollkommen überhörte und ſeinen Gang raſch gegen das Tannenwäldchen fortſetzte, das zum Theil die Grenze gegen Tauber's Garten bildete. Wo die Bäume am dichteſten ſtanden, bog er ei⸗ nige tief herabhängende Zweige zurück und brach durchs Holz. Er mußte den Weg ſchon mehrmals gegangen ſein, denn es bot ſich ihm kein Hinderniß, die dürren Aeſte waren geknickt. Nach einigen Schritten ſtand er 4 1 5 4 A 5 —— 186 an der Hecke und jenſeits derſelben wölbte ſich dieſelbe Roſen⸗ und Geißblattlaube, durch deren ſtellenweiſe nur ſpärlich überrankte Drahtwand Monſieur Flandron am vorhergegangenen Tage ſeine aſtronomiſche Ent⸗ deckung gemacht. „Judith!“ rief er leiſe, und ſein Name tönte ihm als Antwort zurück. Sie war da, noch ein Augenblick und ſeine ſuchende Hand hatte die ihrige gefunden, ein Arm ſchlang ſich um ſeinen Hals, zwiſchen die klopfenden Herzen ſchob ſich der Dornenhag, aber die Lippen hatten einander gefunden. Es herrſchte nächtiges Dunkel in der Tiefe der Laube. Eins ſah das andere nicht, auch ſprach keins ein Wort, aber in den Küſſen tauſchten ſie hundert Betheuerungen, hundert Eide, und Alles, was die bei⸗ den jungen Herzen ſo eben noch mit Kummer und Bangigkeit erfüllt, war für einen Augenblick vergeſſen und in Glück und Zuverſicht verwandelt. Schon geſtern war dieſe Zuſammenkunft verabre⸗ det worden, aber unter wie andern Umſtänden! Was hatte Alles ſtattgefunden in dem kurzen Zeitraume, ſeitdem ſie ſich zuletzt geſehen! Wenig mehr als ein Tag und eine Nacht waren verfloſſen, und nicht nur das äußere Verhältniß, die ganze innere Welt hatte ſich für beide geändert; fertig und zu Entſchlüſſen ge⸗ 187 reift ſtand in ihnen feſt, was geſtern noch Hoffnungen, Wünſche geweſen, an die Stelle des freiwilligen Zau⸗ derns war das heiße Verlangen, der ernſte Wille ge⸗ treten, dieſelben erfüllt zu ſehen. Geſtern hatte Judith nur zagend die Küſſe hingenommen, unerwidert, heute hing ihr Mund mit leidenſchaftlicher Hingebung an dem ſeinen, heute ſchlang ſich ihr Arm feſt um ſeinen Nacken und preßte ihn ſtürmiſch, als wolle er verhin⸗ dern, daß der Geliebte ihr entriſſen werde. Noch lag das Hinderniß zwiſchen ihnen, das Gundaker ſorgfäl⸗ tig bisher geſchont, damit die Zerſtörung nicht zum Ver⸗ räther ihrer Zuſammenkünfte werde, jetzt fühlte er einen Moment lang die Verſuchung, trotzig in die Dornen zu greifen, wenn ſie ihm auch die Hand zer⸗ fleiſchen ſollten, ſie auseinander zu reißen und mit blutigen Armen ſein Weib zu umfangen für immer. Ein Bedenken hielt ihn zurück. Auch nicht ein Schein von Unehre durfte auf das Mädchen fallen, das ſein Weib werden ſollte. Er hatte geſchworen, ſeine Ehre nicht zu beflecken, und Keiner ſollte das Recht haben, den Mund höhniſch zu verziehen und ach— ſelzuckend zu ſagen:„Eine alltägliche Geſchichte! Sie waren nicht beſſer wie Andere!“ Nein, der Onkel durfte nicht den leiſeſten Anlaß haben, ſeinen Rath für einen berechtigten Schimpf und die Entrüſtung darüber für †— 2 — ☛ᷣ. * 4 1 — 3 1 4 8 — — 5 188 eine leere Tirade zu halten. Ja, er griff in die Dor⸗ nen, doch nur um durch den Schmerz ſeinen Willen zu ſtählen, und faſt mit Heftigkeit riß er ſich von den ſüßen Lippen los. Die Zeit durfte heute nicht in ge⸗ dankenloſem Hinträumen verkoſt werden. „Willſt Du ſchon fort?“ fragte ſie bange. „Nein, nein, meine Seele. Ich habe Dir noch viel zu ſagen.“ „Aber ich werde nicht lange mehr bleiben dürfen. Der Vater wird meine Abweſenheit bemerken, und dann—“ „Einmal muß es doch geſagt ſein.“ „O thu's nicht, thu's nicht, Gundaker! Er wird nie ſeine Einwilligung geben, nie. Erſt geſtern wie⸗ der—“ „Was gab's?“ „Erſt geſtern wieder verſchwor er ſich—“ „Wenn er aber nicht weiß?“ „Nur einem Chriſten ſoll ich nie angehören.“ „Ah, ſiehſt Du!“ brauſte Gundaker auf.„So ſind ſie alle. Der alte Haß ſteckt noch in ihnen. Juden wie Chriſten vergeſſen, daß ſie zuerſt Menſchen ſind, und der Glaube, der ja das Unwichtigſte iſt, ſobald nicht das Gottvertrauen darunter verſtanden wird, ſondern die Anhänglichkeit an dieſe oder jene menſch⸗ 189 lich kleine Darſtellung Gottes— der Glaube gilt ihnen mehr als Herz und Geiſt und Charakter. Was ſchei⸗ det uns?“ „Nichts, nichts, Gundaker!“ verſetzte Judith mit feſtem Tone, wenn auch mit bebender Stimme.„Du weißt ja, daß ich auch mit Dir glaube, wie ich an Dich glaube.“ „Und Du willſt Dich doch nicht dazu bekennen?“ „Sage, wann Du willſt, daß ich es thue. Ich weiß jetzt, daß mein Zögern nichts mehr nützt.“ „Mein Mädchen!“ Mit frohlockendem Stolze zog er die Geliebte an ſeinen Mund.„Deine Willens⸗ kraft wird auf eine harte Probe geſtellt werden. Du mußt mir folgen, auch ohne den Segen Deiner Eltern.“ „O Gundaker, ich ſelbſt habe ſchon daran gedacht.“ „Du? Und geſtern haſt Du noch gezagt!“ „Mein Vater will mich einem andern Manne geben.“ „So wiederholt ſich denn Alles, hier wie dort“, rief Gundaker bitter aus.„Und hier wie dort ſoll der Menſch, was am ſchwerſten wiegt in ſeinem Leben, nicht ſelbſt beſchließen, ſoll eine willenloſe Sache ſein, die ſich von Anderer Launen verſchenken— nein, ver handeln läßt.— Du mußt fort von hier!“ „O Gott, es wird ein furchtbarer Schlag ſein für den Vater, er hat mich ſo innig lieb!“ —— ———— —— 1 5 —— 190 „Und will Dich doch verkaufen? So verſuch's, geſtehe ihm Alles, bitte ihn.— Ah, Du ſchweigſt, Du weißt, daß es vergeblich wäre! Siehſt Du, es gibt keinen andern Weg und der erſte Schritt muß ſofort gethan werden und ohne Zögern. O, warum kann ich Dich nicht auf der Stelle mit mir nehmen! Aber nein, ſie ſollen keinen Stein nach Dir ſchleudern, kein ſcheeler Blick darf Dich treffen, Du mußt dem Neid und der Verleumdung unantaſtbar bleiben.“ Ein Druck der zitternden heißen Hand ſagte ihm mehr, als ihm Worte hätten betheuern können. Wieder zog er in mächtiger Erregung die Geliebte an ſich.„Ich weiß, Du würdeſt mir jedwedes Opfer bringen. Gott ſegne Dich, Gott ſegne Dich!“ ſagte er gerührt.„Aber ich will Dich der Welt mit Stolz als mein Weib zeigen. Du mußt, bis ich Alles zu unſerer Heirath geordnet, ein reſpektables Unterkommen haben. Wenn Du in die Familie Deines Schwagers—“ „O nicht zu ihm— nicht zu ihm!“ fiel Judith lebhaft ein. Der Widerwille, der aus ihrer Stimme klang, ſchüttelte ſie wie Fieberfroſt.„Führe mich, wo⸗ hin Du willſt, nur dorthin nicht. Er wäre im Stande, mich thatſächlich zu verkaufen und zu verrathen. Er iſt falſch bis ins Herz hinein. Trau' ihm nicht, ihm am allerwenigſten!“ 191 „Und mir, mir vertraueſt Du? O Du meine Seele! Immer, immer wieder frag' ich mich, wie ich es denn verdient habe, wie es denn möglich iſt!“ „Weil ich Dich liebe, Gundaker.“ Es klang un⸗ endlich weich und innig, wie die melodiſche tiefe Stimme ſich ein wenig, gleichſam zur feierlichen Bekräftigung des Bekenntniſſes erhob.„Von jenem Tage, wo der Knabe das arme kleine Judenmädchen vor Spott und Bosheit in Schutz nahm. Weil ich Dich liebe, ſolange ich denke!“ „Und ſo lange konnteſt Du ſchweigen?“ Wang' an Wange flüſterten die beiden nach einem langen Kuſſe weiter. Vor dem Eingang des Wäldchens ſtand Ulrich. Er hatte ſein Fenſter geſchloſſen, das über Tag offen geſtanden, als Gundaker unten vorüberſchritt und, ohne auf des Freundes Zuruf zu hören, weiter eilte. Sollte derſelbe ernſtlich zürnen? Denn daß er den Ruf wirklich nicht vernommen haben ſollte, erſchien beinahe unmöglich. Gewiß, er hatte den Wortkampf bei Tiſche in übergroßer Empfindlichkeit als einen ernſten Zwieſpalt aufgenommen, er wollte es jetzt nicht einmal verhehlen, daß er ſich verletzt fühle. Das that Ulrich leid und er faßte kurzweg den Entſchluß, dem Flüchtling nachzueilen. Es lag nicht in ſeinem Cha⸗ “ —— &3 1 1 3 3 5* . 4 G —-— — 3 —— 192 rakter, einer Erklärung auszuweichen und dafür den Groll im Herzen feſtwachſen zu laſſen. War etwas an einer Sache nicht richtig, mußte es ſo oder ſo in Ord— nung gebracht werden, und gerade weil er ſeines Ju⸗ gendgefährten verſchloſſenen Charakter kannte, drängte es ihn, die Verſtimmung nicht zur Verbitterung wer⸗ den zu laſſen. Aber bis er ſeine Cigarre angezündet und Treppe und Hausthür hinter ſich hatte, war der andere längſt verſchwunden So nahm Ulrich denn die Richtung, die er ihn einſchlagen geſehen, und gelangte faſt bis an das Wäldchen, als ihm ein ſeltſames Gemurmel da⸗ raus entgegentönte „Und immer mehr dehnt er ſeine Herrſchaft aus, immer weiter reichen ſeine Aeſte, es muß aber eine mächtige Hand kommen, ſie zu beſchneiden, und verdor⸗ ren muß er vom Wipfel ab— verdorren!“ Es war die Stimme des Paters und einen Au⸗ genblick ſpäter trat derſelbe auch ſchon aus dem tiefen Schatten. Der Nebel hatte ſich verzogen und der Mond, zwiſchen ziehenden Wölkchen ſich verbergend und her⸗ vorbrechend, trieb ein phantaſtiſches Spiel mit flüch⸗ tigen Schatten und fahlen, zitternden Lichtſtrömen, ſo⸗ daß die ſchwarze Geſtalt mit dem aſchgrauen Antlitz in dieſer geiſterhaften Beleuchtung wirklich wie ein 193 Geſpenſterſpuk auftauchte, ins Rieſige zu wachſen und wieder unheimlich zuſammenzuſchrumpfen ſchien. „Sie ſind es, Hochwürden?“ ſagte Ulrich, in ſei⸗ ner muntern Weiſe den Erſchreckten ſpielend.„Glaubte ich doch ſchon, der friedloſe Geiſt eines Gärtners ſei verdammt, in Vollmondnächten zu wandeln und ſeine Schuld abzubüßen, die mit der Wucht von Hunderten verſtümmelter und den Vorurtheilen der Symmetrie geopferter Baumleichen auf ſeinem Gewiſſen laſte.“ „Baumleichen?“ murmelte der Pater, ſeine Augen glänzten eigenthümlich und aus ſeinem weit über den Raſen hin verlängerten Schatten ſtreckten ſich wunder⸗ liche Auswüchſe, die ſofort wieder verſchwanden, je nachdem er mit ſeinen Armen agirte.„Baunleichen! Und ſie liegen dann da ohne Zweig, ohne Aſt, wie fabelhafte Ungeheuer, wie Lindwürmer und Drachen. Das Gift, das Gift iſt eins und daſſelbe im Orga⸗ nismus, das thieriſche wie das vegetabiliſche.“ „Erlauben Sie, geiſtlicher Herr, das iſt noch die Frage, ob ich es nicht lieber mit einem ſanft hinüber befördernden Opium oder Strychnin zu thun habe, als mit der Bosheit meiner geehrten Herren Mitmen⸗ ſchen. Treiben Sie jetzt bei Nacht Botanik? Sie ſchei⸗ nen mit einem ſehr wichtigen Problem beſchäftigt.“ „Mit einem wichtigen Problem? Das wichtigſte, Byr, Larven. I. 13 8 “ 4 3 —4 A „ „ * ———— I. 5F —— 194 das allerwichtigſte!“ Und des Paters Brauen wölbten ſich in hoher Feierlichkeit, indeß die Stirnrunzeln blitz⸗ artig kreuz und quer zuckten.„Es handelt ſich um das Syſtem der Welt. Wie der Baum als Sinnbild alles Organiſchen, wächſt das Gute und Ueble aus den Wurzeln und trägt als Frucht Segen oder Fluch.“ „Und da wollen Sie die Aeſte des einen kürzen, damit der andere mehr Raum, Licht und Luft ge⸗ winne? Eine ſchöne Aufgabe der Horticultur, aber ſchwierig, ſehr ſchwierig. Das Unkraut hat einmal die Eigenſchaft der Ueberwucherung— es verdirbt nicht. Doch was ich Sie fragen wollte, geiſtlicher Herr— ſind Sie auf Ihrem Wege nicht Gundaker begegnet?“ „Auf meinem Wege? Ich war Am Fall. Ein ar⸗ mer kranker Arbeiter hat nach mir verlangt, eins meiner Beichtkinder. Den jungen Herrn? Nein, hab' ihn nicht geſehen. Wo ſoll er ſein?“ „Hier herein iſt er ſicherlich, in das Wäldchen.“ „In das Wäldchen? O! o!“ rief der Pater, in deſſen Geſicht es mächtig arbeitete und der, während ſich ſeine Stimme zum Geflüſter dämpfte, in ſonder⸗ barer Weiſe klein zu werden ſchien.„Die aſtro⸗ nomiſche Beobachtung— im Schatten des Upas⸗ baums. Gefährliches Geheimniß— und es droht Verrath— Verrath! Ich habe ihn gewarnt.“ 9' 195 „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Ulrich ver⸗ wundert, da ihm die zuſammenhangsloſen Sätze keinen Sinn ergaben. Jener neigte ſich näher zu ihm und ſeine Miene zeigte den Ausdruck der Entrüſtung, der Angſt, der Klage und des geheimnißvollſten Vertrauens in raſcher Aufeinanderfolge. „Sehen Sie, links der Upasbaum, rechts der Brodbaum. Jedwede Handlung kann unter den einen ſowohl wie unter den andern gehören, je nach Ur⸗ ſache und Intention oder Folge. Gift oder Nahrung, Leben oder Tod, wer unterſcheidet auf den erſten Blick? Ich ſage nichts, ich fälle kein Urtheil, aber Andere— Andere. Es wird verrathen werden— und ein Geheimniß iſt immer ein Unrecht.— Der ſechste Zweig vom erſten Aſte links— am Upasbaum.“ „Ein Geheimniß? Sie meinen doch nicht, wo er jetzt iſt? Wiſſen Sie darum?“ Der Pater nickte noch immer. Er deutete gegen das Wäldchen.„Unter dem Upasbaum.“ Er wollte noch mehr ſagen über ſein Syſtem, hielt aber erſchreckt inne, da Ulrich Gundaker's Namen laut in die Nacht hinein rief. „Ah, Geiſterbeſchwörungen nützen alſo doch“, lachte der junge Maler, da ſich unmittelbar darauf ein Ge⸗ räuſch wie von geknickten dürren Zweigen vernehmen 13* 4 4 1 — 3* ——— — 2 — 5 ——— 196 ließ. Er ſchritt gegen das Wäldchen hin, da trat auch ſchon der Geſuchte unter dem erſten Baum hervor. „Verſteckſt Du Dich vor mir, oder haſt Du überhaupt eine Tarnkappe, daß der geiſtliche Herr Dich nicht ſah, als er auf dem einzigen vorhandenen Wege durch das Dickicht kam? Du legſt Dich doch als erpichter Jäger nicht gar auf den Anſtand gegen Hauskatzen?“ „Ich dachte, es verlange Jemand nach mir“, ent⸗ gegnete Gundaker auf alle dieſe Fragen. „Nun, ich natürlich. Ich wollte die Friedenspfeife mit Dir rauchen, Du liefſt aber, als hätte ich die Peſt. Dieſen Verdacht kann ich nicht ruhig auf mir ſitzen laſſen. Willſt Du eine gelehrte Disputation, eine Boxerei oder eine Ordalie? Ich bin zu Allem bereit und“, ſchloß Ulrich, auf den Pater weiſend,„die Kirche ſoll Schiedsrichter ſein.“ „Gut, daß ich Euch da finde“, ſagte Gundaker, der offenbar auf die ſcherzhaften Reden gar nicht ge— hört hatte.„An Sie, geiſtlicher Herr, habe ich eine Bitte.“ „Bravo! Das Viſir auf!“ „An mich? Du lieber Himmel, Herr Lieutenant—“ Der Pater drückte mimiſch aus, daß er bereit ſei, wenn es verlangt würde, bis in den Wipfel des Upasbaums hin⸗ aufzuklettern und ſich von da kopfüber herabzuſtürzen. 197 „Sie müſſen eine Taufe übernehmen.“ „Wie, Menſch— Du biſt— Du haſt?— Wären es Vatergefühle, die den ernſten Zug in Deinem Antlitz—“ „Eine Taufe und eine Trauung“, fuhr Gundaker, ohne Ulrich eine Antwort zu geben, dringend fort, „und das in größter Stille und ſobald als möglich. Judith wird ſich bei Ihnen morgen in der Kirche ein⸗ finden, ſie iſt zum Uebertritte bereit. Welche Stunde beſtimmen Sie?“ „Tau— Taufe!— Trauung!“ ſtotterte der ſo plötzlich überfallene Pater, während Ulrich nur einen feinen langgezogenen Pfiff hören ließ.„Aber, Herr Lieutenant, erlauben Sie—“ „Sie dürfen es nicht abſchlagen!“ drang Gundaker in den armen Hauskaplan, der offenbar unter den furchtbaren Grimaſſen die verlorene Stimme wieder⸗ zugewinnen ſuchte. „Der Herr Baron, der Herr Baron! Was würde der Herr Baron ſagen?“ brachte er endlich gewaltſam hervor.„O, er wird furchtbar wüthen, wenn er ent⸗ deckt, was ſich ange— ja angeſponnen. Ich habe Sie gewarnt, Herr Lieutenant. Es gibt Leute, die ein boshaftes Vergnügen daran finden, Alles zu hinter⸗ bringen; ich will keinen Stein aufheben, Gott bewahre, — — 4* —— —— 3 1 5 198 aber Sie müſſen es geſtern ſchon bemerkt haben, wir waren zuweilen nur haarbreit von einer Ent⸗ hüllung.“ „Darüber können Sie ganz ruhig ſein“, verſetzte Gundaker.„Eine Enthüllung iſt nicht mehr—“ „Zu befürchten?“ ergänzte der Pater haſtig. „Nein, ſie hat bereits—“ „Stattgefunden? So iſt es der Heimtücke doch gelungen und den böſen Zuflüſterungen— o mein Gott!“ „Ich habe ſelbſt geſprochen und darnach bleibt mir nichts Anderes übrig, geiſtlicher Herr, als Sie ins Vertrauen zu ziehen und—“ „Aufzufordern?“ fiel der Pater händeringend ein. „Ich kann nicht, ich darf nicht!“ „Wie?“ nahm nun Ulrich in ſeiner leiſen ironiſchen Manier das Wort.„Sie werden aufgefordert, einen Ungläubigen in den Schooß der Kirche zurückzuführen, und Sie weiſen den an der Pforte Harrenden zurück um ſchnöder weltlicher Rückſichten willen? Sie zögern, den Verirrten aus dem unheilvollen Bereiche des Upas⸗ baums in den Schatten des Brodfruchtbaums zu führen? So alſo verleugnen Sie Ihr eigenes Syſtem?“ „NVade retro! Zurück, Verführer“, murmelte der Pater unter feierlichen Geberden.„Verrath üben an dem, der mich kleidet und nährt?— Nimmermehr! O 199 furchtbarer Conflict! Aus denſelben Wurzeln, aus den⸗ ſelben Wurzeln wachſen ſie empor, links der Tod, rechts das Leben! Nichts, nichts will ich gehört haben, ſchwei⸗ gen will ich wie das Grab, aber fordern Sie nicht mehr! Fordern Sie nicht mehr! Ich darf nichts hören!“ Und die beiden Zeigefinger gleichſam als zwei Aeſte des Upas⸗ und Brodbaums in die Ohren bohrend, als gelte es den Kopf in kürzeſter Zeit zu durchlöchern, lief der arme, dem Zwieſpalt ſeines eigenen Syſtems verfallene Grübler über den Raſen weg dem Hauſe zu und fern verhallend hörten die Zurückgebliebenen nur noch einigemal das Wort:„Upas!“ Ulrich's Cigarre mußte ſehr widerſpänſtig ſein, da er ſo eifrig daran ſog, aber nachdem er eine ganze Gewitterwolke von ſich geblaſen, während Gundaker mit verſchränkten Armen noch immer ſtumm daſtand, brach er das Schweigen. „Soſo! Daher alſo, aus dieſer Quelle entſtrömten Deinem ſonſt ſo wortkargen Munde bei Tiſche die be⸗ redten Anklagen gegen die von mir vertheidigten Vor⸗ urtheile. Eine oratio pro domo. Hätte mir's denken ſollen. Aber warum ſagteſt Du nichts? Nur eine kleine Andeutung und ich hätte mein Schwert einge⸗ ſteckt. Wie konnte ich denn ahnen, daß Du ſo hitzig dreingehen würdeſt! Wahrlich, wahrlich, ſage ich Euch, — 4 1 1 F — 4 — 5 —— hütet Euch vor Amor, dem Loſen, er macht aus Läm⸗ mern reißende Thiere!“ „Scherze nicht, Ulrich, ich ertrage es nicht“, fiel Gundaker ein, doch klang es nicht barſch, eher bittend. „Es iſt alſo Ernſt bei Dir, ſchwerer Ernſt?“ entgegnete Ulrich, ſeinen Arm in den des Freundes ſchlingend, der dem gegen das Haus Hinſchreitenden mechaniſch folgte.„Wohl gar eine Kinderliebe, noch aus der Zeit her, wo Du den Ritter der verfolgten Unſchuld ſpielteſt? Weißt Du noch, als wir die großen Bauerjungen durchprügelten, die ſich über die ſchwarze Kleine luſtig machten und ſie nicht mitſpielen laſſen wollten. Ich hatte lange zugeſehen und an nichts ge⸗ dacht, bis Du daherkamſt und dem Unfuge ſteuerteſt; und dann fuhr's auch mir in die Fäuſte und ich mußte Euch den Rückzug decken als getreuer Knappe, während der Prinz die Prinzeſſin an der Hand ſtolz aus dem Kreiſe des höhnenden Kinderplebſes geleitete. Und nun iſt die Saat in die Halme geſchoſſen.— Schön iſt ſie, ich ſah ſie am Tage meiner Ankunft einen Au⸗ genblick am Fenſter. Aber wie haſt Du's nur angeſtellt, Alles ſo raſch zur Entwickelung zu bringen? Du kannſt Sie ja in den Jahren her kaum flüchtig hier und da einmal geſehen haben und nun biſt Du kaum über eine Woche hier—“ 201 „Ich weiß Dir nur zu ſagen, daß wir uns lieben und verlobt haben.“ „Und das haſt Du auch dem Onkel geſagt?“ „Eben zuvor. Er wies mich fort.“ „Hm! Kann mir eine Vorſtellung von dem Ge⸗ witter machen. Aufrichtig geſagt, Gundaker, die Ge⸗ ſchichte will mir nicht recht gefallen. Haſt Du auch Alles erwogen, Dir den Sachverhalt ganz klar gemacht? Weißt Du, was Du zu opfern im Begriffe ſtehſt? Wenn ich nicht irre, ſo iſt Comteſſe Lilly—“ „Thue mir den Gefallen und verſchone mich mit einer Wiederholung deſſen, was ich zu meiner Empörung aus des Onkels Munde hören mußte. Stehe mir lieber bei wie damals, als wir alle drei noch Kin— der waren. Oder ſcheuſt Du jetzt die geballten Fäuſte des höhnenden Plebſes mehr?“ „Es käme darauf an, ob wir noch Seite an Seite fechten können“, meinte Ulrich mit Humor.„Heute hab' ich's ſtark bezweifelt. Aber was willſt Du beginnen, nachdem der Pater ſich geweigert?“ „Meinen erſten Plan ausführen. Er iſt auch der beſſere und nur in einem Augenblick der Uebereilung wollte ich eine plötzliche Thatſache ſchaffen. Wozu die Ueber⸗ ſtürzung? Kein Menſch kann uns hindern, durchzu⸗ führen, was wir ernſtlich wollen. Ruhig und ſicher 1 4 1 * 4 2 † —— 202 mag es geſchehen und Du ſollſt uns Deinen Beiſtand leihen!“ „Und damit einen Bruch am Gaſtrecht begehen und die Freundlichkeit Deines Oheims mit Undank lohnen, indem ich Dir behülflich bin, ſeinen Wünſchen, ſeinem Willen entgegenzutreten“, warf Ulrich ernſt ein. „Weißt Du, was Du verlangſt?“ „Ich weiß es“, verſetzte Gundaker barſch, indem er ſeinen Arm zurückzog.„Du kannſt wählen zwiſchen mir und ihm.“ „Wenn's nur nicht ein ſo ernſtes Ding wie eine Heirath wäre!“ Willſt Du mir auch eine Nichtswürdigkeit zu⸗ muthen?“ fuhr Gundaker auf.„Wähle! Sei mein Freund oder mein Gegner, aber ſpare Dir jedes weitere Wort!“ „Die Frage ſo geſtellt“, entgegnete Ulriich achſel⸗ zuckend,„bleibt wohl keine Wahl. Da meine Hand. Zähle auf mich, zuerſt aber muß ich reden dürfen und meine Vernunftgründe erſchöpft haben. Wenn Du Deiner ſelbſt ſo gewiß biſt, brauchſt Du ja meine Einwürfe nicht zu fürchten. Willſt Du partout ins Waſſer, ſo höre erſt eine Predigt an, zieh' Hemd und Socken aus, es wäre ſchade um die Kleider— und dann, ins Himmelsnamen, ſpring' zu!“ Siebentes Kapitel. In einer Nebenſtraße der Reſidenz, dort, wo die menſchlichen Wohnungen ſchon etwas weiter ausein⸗ anderrücken, um doch ein wenig Sonnenſchein herein⸗ zulaſſen, und ſich ſchon hier und da ein Fleckchen Grün zwiſchen das kahle Mauerwerk einſchieben darf, ſteht ein nettes, grau getünchtes Haus, das zwar nur ein Obergeſchoß hat und der Straße eine verhältnißmäßig ſchmale Fronte zuwendet, dafür aber, vom Nachbar links durch eine hohe Feuermauer geſchieden, in einem langen Hintertracte den ſchmalen Hof entlang läuft, der es vom Nachbar rechts trennt und ganz rückwärts an ein Gärtchen ſtößt, deſſen zierlich mit geſchorenem Buchsbaum eingefaßte Beete für das Nützliche wie für das Angenehme Raum bieten, das heißt, für Kohl und Peterſilie, Möhren und Rettige, aber auch für Gelb⸗ 4 4 4 4 1 — ₰ —— 4 5 —-„· 204 veiglein und Roſen, Lilien und Türkenbund, Aſtern und Georginen, welch letztere noch jetzt in der milden Septemberſonne ihre volle farbengeſprenkelte Blüten⸗ pracht entfalteten. Die nach dem Garten hinausgehenden hohen Fen⸗ ſter des hier an der Rückſeite thurmartig aufgeſetzten oberen Stockwerks waren weit geöffnet, den ſcheiden⸗ den Strahlen Einlaß zu gewähren in das räumliche Gemach, das ſeiner ganzen, ſichtlich erſt vor kurzem begonnenen und noch unvollendeten Ausſtattung nach zum Atelier eines Malers beſtimmt war. Noch herrſchte nicht jene künſtleriſche Unordnung und jene Ueberfül⸗ lung mit Geräthſchaften aller Art, wie man das als charakteriſtiſch für die Umgebung eines Talentes an⸗ zunehmen liebt, noch ſtanden nicht allüberall angefan⸗ gene Bilder umher und das ernſte pompejaniſche Roth der Wände war noch nicht bis zur Decke von Skizzen, Cartons, Gipsabgüſſen, Waffen und Spinneweben be⸗ deckt; dennoch hatte die Muſe hier ſchon ihren Einzug gehalten und die Arbeit dem Raume die Weihe er⸗ theilt. Auf dem Tiſche lagen einige Mappen und die Staffelei trug ein ziemlich weit vorgeſchrittenes Bild, welches das bunte lebensfreudige Feſtgewühl des Jo⸗ hannisabends auf der Piazza di San⸗Giovanni in 205 Laterano darſtellte. Es war eine figuren⸗ und farben reiche Schöpfung, die ſchon jetzt im unfertigen Zuſtande einen anregenden Eindruck machte und auch dem Künſt⸗ ler zur Befriedigung gereichen mußte. Das verrieth der wohlgefällige Blick, mit dem er davor ſtand und, end⸗ lich der Verſuchung nachgebend, noch halb in Reiſe⸗ kleidern, nach dem Pinſel langte, wenigſtens beiläufig in der Luft die Striche zu markiren, die er ſich jetzt ſchon bei gehöriger Muße hinzuſetzen freute. Vorläufig gab's freilich Anderes für Ulrich zu thun, als ſich behaglich in ſeinem Atelier einzuniſten, das man ihm zur Ueberraſchung eigens vor ſeiner Rückkehr aus der Fremde gebaut. Sein Pflegevater hatte ihm damit eine Freude bereitet. Das ganze Haus gehörte demſelben. Als ein Schlagfluß ſeine rechte Seite gelähmt und er ſeiner Stelle in Dreibuchen nicht mehr vorſtehen konnte, hatte ſich Herr Schwemmerich mit ſeiner Frau in die Re— ſidenz zurückgezogen, wo ihm ein paar Freunde und Bekannte lebten und er einen großen Theil ſeiner Er⸗ ſparniſſe und eine ihm in ſpäteren Jahren zugefallene Erbſchaft im Ankaufe des hübſchen Häuschens nieder⸗ gelegt, deſſen Miethertrag nun einen Theil ſeiner Re⸗ venüen ausmachte; denn er ſelbſt begnügte ſich mit ein paar Hinterſtübchen, und erſt ſeit Ulrich ernſtlich . F —-· 206 an die Heimkehr zu denken begonnen, war der Amtmann, wohl zumeiſt auf Andrängen ſeiner Frau, an den klei⸗ nen Umbau gegangen, der, ohne die Einkünfte weſent⸗ lich zu ſchmälern, auch für den jungen Maler Raum ſchaffte. Ehe Ulrich noch Zeit gehabt, ſo recht davon Beſitz zu ergreifen, war die Einladung angelangt, die ihn nach Dreibuchen rief und das Zuſammentreffen mit dem Jugendfreunde in Ausſicht ſtellte. Nun war er, ebenſo unvermuthet, wie ſeine Abreiſe gekommen, auch wieder heimgekehrt, zur keineswegs angenehmen Ueber⸗ raſchung der Mutter, die gerade für den nächſten Tag eine ausgiebige Reinigung der Zimmer angeordnet, welche ihrer Anſicht nach eine kleine Ueberſchwemmung nothwendig hatten, um die Spuren des Auspackens zu verwiſchen, obwohl Ulrich unter ſanftem Proteſt be⸗ hauptete, die neuen Dielen ſähen noch ſo blank ge⸗ ſcheuert wie am erſten Tage aus. Die gute Frau konnte ſich gar nicht darein fin⸗ den, daß Ulrich ſeinen Aufenthalt in Dreibuchen ſo ſehr abgekürzt, ſie erkundigte ſich aufs angelegentlichſte, ob er nicht vielleicht irgendwie einen Verſtoß be⸗ gangen, daß ihn der Freiherr ſo früh entlaſſen, und gerieth immer wieder auf eine neue Vermuthung, welche das Unbegreifliche erklären ſollte, denn ſie hatte 207 wenigſtens auf zwei, drei Wochen gerechnet. Die Sache war nun nicht mehr zu ändern, aber Ulrich konnte ihr zum mindeſten verſprechen, demnächſt wie⸗ der auf einen ganzen Tag wegzubleiben. Den Tag nänlich, welchen er für Gundaker bedurfte. Bis ſpät nach Mitternacht waren die beiden Freunde in Ulrich's Zimmer beiſammengeblieben, und nachdem derſelbe, wie er ſich ausbedungen, alle ſeine Ver⸗ nunftgründe erſchöpft, hatten ſie ſich über einen Plan geeinigt, der auf nichts Anderes als auf eine heimliche Entführung hinauslief, bei welcher obendrein nach Gundaker's ſtrengem Ehrbegriffe, der auch nicht den leiſeſten Schatten auf dem Ruf ſeiner zukünftigen Frau dulden wollte, Ulrich die Hauptrolle wie auch die Sorge für Judith's Unterkunft zufallen ſollte. Sicherer war es jedenfalls, wenn Gundaker, auf den doch ſofort der Verdacht fallen mußte, auch nach dem Verſchwinden ſeiner Geliebten in Dreibuchen blieb. Fürs erſte wurde ſo das Auffinden der Spur des flüchtigen Mädchens erſchwert und dann— ſo calcu⸗ lirte Ulrich, der, einmal für die Sache gewonnen, auch mit beiden Füßen zugleich in den Strom ſprang und alle Regiſter ſeines Compoſitionstalentes für den Freund ſpringen ließ— wand Gundaker's ſcheinbares 4 4 4 4 8* — 5F —— 208 Unbetheiligtſein an der Flucht den Verwandten des Mädchens jede Waffe aus der Hand. Immerhin war es ja möglich, daß ſie ſich im erſten Zornanfall von der Hitze zu einer Verfolgung des Entführers hinreißen ließen, was am Ende gar eine Freiheitsſtrafe und da⸗ mit eine Verzögerung der Trauung für Gundaker zur Folge haben konnte. Dem mußte vorgebeugt werden und ſo fiel von ſelbſt das Arrangement in Ulrich's Hand. Während ſein Freund alſo am nächſten Tage ru⸗ hig in Dreibuchen verblieb, beurlaubte er ſich ſelbſt bei ſeinem Gönner, den er im Bette fand, leidend, reizbar, übellaunig und wenig zum Sprechen geneigt, ſelbſt wenn der am Morgen aus Hartberg herübergeholte Arzt dem Kranken nicht Schweigen und möglichſte Schonung empfohlen hätte. Freilich war damit der Zuſtand des Barons nicht gebeſſert. Jeden Aerger, jede Gemüthsbewegung thunlichſt zu vermeiden, hatte der Doctor gerathen. Als ob das von ihm abhänge, hatte der mürriſche Patient darauf gemeint, da ſolle er die Urſache bei Andern aufſuchen; es ſei mit den Aerzten überhaupt nichts, eine durchlöcherte Lunge ganz machen könnten ſie alle miteinander nicht, und daß ein ſolches Loch nicht in der Ordnung ſei, wiſſe er ſelber auch, dazu brauche er keine gelehrte Facultät. 209 Es bedurfte aller Mühe von ſeiten Flandron's und Joſeſ's, den alten Herrn zum Einnehmen der ver⸗ ordneten Medicinen zu bewegen, von ſeinem Neffen aber wollte er nichts hören. Schon die Mittheilung, daß derſelbe ſich nach ſeinem Zuſtande erkundigt habe, verſetzte ihn außer ſich. „Er kann es nicht erwarten, bis Dreibuchen ſein iſt und er hier ſeinen Einzug hält mit ſeiner— eben⸗ bürtigen Gemahlin“, rief er höhniſch.„Aber wir wol⸗ len ſehen, wollen ſehen!“ ſetzte er unzähligemal wieder⸗ holend hinzu. Er hätte ſich geweigert, Gundaker zu ſehen, auch wenn dieſer Zutritt in der Krankenſtube verlangt hätte, er müßte dies denn als Reumüthiger gethan und mit einem Widerrufe begonnen haben. Das war unmöglich und ſo blieb er denn fern. Dagegen empfing der Baron trotz ſeiner Verſtimmung Ulrich noch immer mit einem warmen Anfluge ſeines väter⸗ lichen Wohlwollens. Bei einem kranken Mann ſei's ein ſchlechter Spaß, meinte er, er könne es der Jugend nicht verdenken, wenn ſie das Spital verlaſſe. „Geh', geh'! Ich halte Dich nicht auf. Wenn ich wohl bin, komm' wieder ¹“ ſagte er, indem er den jun⸗ gen Mann duzte wie einſtmals als Kind. Ulrich fühlte ſich gerührt und war nahe daran, zu bleiben, Alles zu bekennen und um Verzeihung Byr, Larven. I. 14 4 1 5 —— 210 zu bitten, wenn er ſich nicht noch rechtzeitig ſeines Wortes erinnert hätte. Und war er einmal bereit, ſeine Zuſage Gundaker zu halten, dann durfte er auch nicht länger verweilen, ſo gern er dem Kranken noch Geſellſchaft geleiſtet und dieſen durch munteres Geplau⸗ der aufgeheitert, vielleicht auch milder geſtimmt hätte. Ihn ganz zur Nachgiebigkeit zu bekehren, blieb doch eine vergebliche Hoffnung und ſo war es beſſer, die koſt⸗ bare Zeit nicht zu vergeuden. Wenn erſt Gerüchte oder Mittheilungen über die ſtattgehabten Erklärungen im Schloſſe nach dem Judenhauſe hinübergedrungen, wenn am Ende der Baron gar in ſeiner heftigen Weiſe Vorwürfe und Drohungen gegen Judith's Vater rich⸗ tete, ſo ließen ſich die Maßnahmen gar nicht abſehen, durch welche dieſer jede weitere Annäherung der Lie⸗ benden unmöglich zu machen ſuchen werde. Die Mi⸗ nuten mußten benutzt werden. Und das ſagte ſich Ulrich auch jetzt, wo er ſo brn noch bei ſeinem Bilde geblieben wäre, das ihn nach der kurzen Trennung mit allen Reizen einer neuen Arbeit lockte, aber vorläufig— wiederholte er ſich— gab es noch Anderes für ihn zu thun. Die Aufgabe mußte erſt gelöſt werden, ehe er ſich ſelbſt angehörte. So riß er ſich denn los und eilte in das anſtoßende Schlafcabinet, ſeine Toilette zu vollenden. 2414 Als er eine halbe Stunde ſpäter die ſchmale, ei⸗ gens zu ſeinem Atelier führende Treppe hinunterſtieg, fand er auf einem Bänkchen im Hofe ſeine Pflegemut⸗ ter ſitzen. Er wollte mit einem freundlichen Gruße raſch vorüber, ſie fing aber ſeinen Rockſchooß und hielt ihn daran zurück. „So fort willſt Du“, beklagte ſie ſich,„und nicht einmal Rede ſtehen? Du haſt ja noch gar nichts er⸗ zählt von Dreibuchen und dem Herrn Baron und dem jungen Herrn und von dem garſtigen Monſieur Flan⸗ dron und dem lieben geiſtlichen Herrn, und iſt denn der Joſef auch noch da? Es hat gewiß etwas gegeben, daß Du ſo geſchwind wieder hier biſt. Ja, ja, das laß ich mir nicht nehmen!“ Eine der hervorſtechendſten Eigenſchaften der alten Frau war die Neugierde. Sie wußte denn auch Alles, was in ihrem Hauſe, und ſogar, was in der Straße vorging; zu letzterem Zwecke hatte ſie auch darauf ge⸗ drungen, daß ſich ihr Mann eigens ein Zimmer im Vorderhauſe reſervirte, das den Eingang unter dem Thorbogen und ein Parterrefenſter nach der Straße hinaus hatte, an dem ſie allein oder mit ihrem Manne den größten Theil der freien Zeit verbrachte. Die Straße entbehrte nicht allen Lebens. Beſonders an Markttagen kam das Landvolk hier vorüber und Sonn⸗ 14* 1 4 4 1 3 *ν ₰☛—— 2 4 3*† — 83 —— 21 2 tags promenirte mancher ehrſame Bürger durch die⸗ ſelbe ins Freie, ja hin und wieder verirrte ſich ſogar eine Equipage oder doch ein beſcheidener Miethwagen in dieſe Gegend, was denn immer zu den gewagteſten Vermuthungen Anlaß gab. Vor allem aber waren es die weiblichen Dienſtboten, die für Frau Schwemmerich immer eine neue Quelle des Intereſſes waren, ſei es, daß ihr„Putz“ Anlaß zu Klagen über die Zeitläufte oder die männliche Begleitung Anlaß zu ſittlicher Ent⸗ rüſtung gab. Viele aber traten auch im Vorübergehen „auf einen Augenblick“ an das Fenſter heran, an welchem Frau Schwemmerich's in der ganzen Nachbar⸗ ſchaft wohlbekannte und ein wenig gefürchtete Geſtalt thronte, in der ſaloppen Kattun⸗ oder Tuchjacke, je nach der Jahreszeit, und mit der ſeltſamen breiten Stirnbinde aus weißem Linnen, welche die einſt ſchön geweſene Frau als Präſervativ gegen Runzeln alle Vormittage zu tragen pflegte, mit den zunehmenden Jahren aber immer tiefer in den Nachmittag hinein, ja zuweilen bis zum ſinkenden Abend wirken ließ. Dann verlängerte ſich wohl auch gelegentlich der Au genblick wie die ſpitze gelbe Naſe und der ſcharfge⸗ ſchnittene Mund, wenn beſonders intereſſante Mitthei⸗ lungen dem letzteren ein wohlgefälliges Lächeln entlock⸗ ten. Frau Schwemmerich hatte nämlich nicht nur die 213 Mägde der eigenen Hausparteien, ſondern auch die der die⸗ ſogar Nachbarn zu einem kleinen wohlorganiſirten Polizei⸗ dagen dienſt heranzuziehen gewußt, durch den ſie ſich einen tite merkwürdig genauen Einblick in alle Familienverhält⸗ en es niſſe verſchaffte, ſodaß ſie mit einem nicht ungerecht⸗ rerich fertigten Stolze behaupten durfte, von allen großen i 83 und kleinen Vorgängen in der Nachbarſchaft zumeiſt aufte aufs beſte unterrichtet zu ſein. Daß ſie heute— an Ent. einem Sonntage obendrein— ihren Beobachtungspo⸗ ſten noch nicht bezogen, war nur aus dem Drange zu 5 erklären, Ulrich nicht ſo ohne weiteres mit der gan gbar zen Fülle unausgeforſchter Neuigkeiten entſchlüpfen zu fjal laſſen. ,„Ich habe nicht ſo lange auf Dich gewartet“, er⸗ 4 gim klärte ſie,„um mich mit leeren Ausflüchten abſpeiſen zu ſhön laſſen. Ich bin ſchon faſt vergangen vor Ungeduld, 4 all ſo lange haſt Du gebraucht.“ Und damit ſagte ſie die 1 Jder reine Wahrheit. Die fiebernde Neugierde, die aus ihren 3 rin Augen blitzte, hatte ſie in der Zwiſchenzeit ſicherlich lij um ein Decigramm mehr abgezehrt. 1 Au Wohl oder übel mußte Ulrich ſich dazu verſtehen, 1 5 einige allgemeine Auskünfte zu geben, welche aber die* eſte auf Senſationsnachrichten erpichte Dame nicht recht th befriedigen wollten. 5 „Alſo freundlich hat Dich der Baron aufgenom⸗ —————— men?“ inquirirte ſie weiter.„Nur was in der Ordnung iſt! Aber hat er Dir denn gar nichts ge⸗ ſchenkt?“ „Geſchenkt?“ erwiderte Ulrich verwundert.„Wie käme er dazu?“ „Nun, ich meine nur ſo. Er hat's ja in früherer Zeit öfter gethan. Aber er wird wohl immer knau⸗ ſeriger mit den Jahren. So eine ſchöne Uhr oder ein goldeingelegtes Gewehr hätte er Dir doch geben können, oder ein Pferd zum Spazierenreiten.“ „Mutter, Mutter, welche kühne Phantaſien!“ lachte Ulrich auf.„Ich hätte das Pferd wohl in mein Ate⸗ lier einſtellen und etwa mit recht ſaftigem Grasgrün füttern ſollen?“ „Dafür würde ſich ſchon Rath finden. Der junge Herr Baron hat gewiß ein Pferd oder mehrere. Aber natürlich, der ſoll ja Alles bekommen, Dreibuchen und das Vermögen. Ihm wird die Tafel nur ſo gedeckt, während andere—“ Sie unterbrach plötzlich ihren Redeſtrom, der eben noch in ein recht hübſches breites Bett geleitet ſchien, und mit ängſtlicher Haſt flüſterte ſie Ulrich zu, nichts zu verrathen.„Du darfſt dem Alten nichts merken laſſen von dem, was ich geſagt. Um Gotteswillen ſchweige, ſonſt geht's über mich her!— Guten Abend, Alter!“ rief ſie dann mit der 215 unſchuldigſten Miene von der Welt.„Sieh nur, da haben wir ihn ſchon wieder zurück.“ „Hoho! das laß ich mir gefallen! Grüß' Gott, Junge!“ Ulrich, der ſchon vorher mit Verwunderung zuge⸗ hört, den aber die letzten Worte ſeiner Pflegemutter vollends befremdet hatten, ſtand auf, den Alten, der trotz aller Mühſal ziemlich raſch dahergehumpelt kam, zu begrüßen. Herr Schwemmerich zog den linken Fuß wie eine Gliedmaße aus Holz nach ſich und ſein linker Arm hing ſteif und unbrauchbar am Leibe nieder, ſodaß er den Krückſtock erſt mit der Schlinge vorn an den Rockknopf hängen mußte, wenn er zum Gruße den et⸗ was abgeſchabten Hut ziehen oder wie jetzt die geſunde Rechte bieten wollte. In ſeinem altmodiſchen, an Kra⸗ gen, Taſchen und Nähten ziemlich mitgenommenen Rocke ſah er wie ein invalider Soldat aus, doch ließ er ſich über ſeine„widerſpänſtige Hälfte“, wie er behaup⸗ tete, kein graues Haar wachſen, ſo ſehr dies ſeinem Kahlkopf zu gute käme und obwohl durch dieſe fatale Ergänzung ſeiner ſchon von jeher widerſpänſtig gewe⸗ ſenen zweiten Hälfte die dritte annoch gefügige bedenk⸗ lich in die Minorität gerathe. Dieſe dritte— die, wie man ſieht, ihr Späßchen liebte— war denn auch mun⸗ I1. 1 1 1 73 * 5 —— 216 ter wie der Fiſch im Waſſer und die kleinen freund⸗ lichen Augen blitzten aus dem hellrothen zinnoberlackir⸗ ten Geſichte beinahe immer in ſchalkhafter Fröhlichkeit, ſo lange wenigſtens, als ihn eine der beiden wider⸗ ſpänſtigen Hälften ihre Herrſchaft nicht zu ſehr füh⸗ len ließ. Der ehemalige Verwalter auf Dreibuchen hatte nicht jahrzehntelang mit ſeinem Herrn in ſteter Berüh⸗ rung geſtanden, ohne von demſelben allerlei Eigenthüm⸗ lichkeiten, beſonders in der Sprechweiſe anzunehmen, nur ſchwächte ſich bei ihm das Derbkräftige zur Jovi⸗ alität ab. Das nur halb ernſt gemeinte Poltern des Freiherrn wurde bei ihm vollends zur Scherzhaftigkeit, wiewohl ſeine Frau behauptete, daß er in manchen Dingen gar keinen Scherz verſtehe. „Der alte Herr iſt krank“, erläuterte ſie jetzt, „darum iſt Ulrich ſchon zurück.“ „Oho! Wird ſich wieder geärgert haben. War immer leberkrank. Soll's machen wie ich, ſoll's machen wie ich und ſich auf die träge Seite legen“, rief der kleine Mann luſtig, nahm den Hut vom Kopfe, ſchob ihn unter den ſteifen Arm, holte dann ein großes bun⸗ tes Sacktuch hervor und rieb ſich damit lebhaft den Schweiß von der Glatze.„Kümmere mich jetzt nur 21ʃ noch um Angelegenheiten, die mich eigentlich nichts kümmern, und ſtehe mich ſehr gut dabei. Infame Maurer, iſt ein Hauptſpaß, ſie anzuſehen. nichts, ſtehlen den Leuten das Geld aus der Taſche und dem lieben Herrgott den Tag ab. Früher hat's mich geärgert, jetzt iſt's meine Unterhaltung. Habe T 82 hun gar wieder eine Hauptfreude gehabt bei meiner Inſpection.“ „Aber heute iſt ja doch Sonntag!“ warf ſeine Frau ein und rang dabei die Hände.„Da wird doch nicht gearbeitet werden, das iſt ja ein ſündhaftes Treiben!“ „Das ſagen die Spitzbuben von Maurern auch und arbeiten nichts, aber den Lohn ſtecken ſie doch ein. Ein prächtiges Geſindel! Habe ihnen eine halbe Stunde zugeſchaut, draußen beim neuen Gaſometer. Wird ein großartiger Bau, ſoll ſo raſch als möglich vollendet werden, drum nimmt man auch Sonn⸗ und Feiertage dazu. Ja, geſegne es Gott! Da ſtehen ſie und zünden ihre Pfeife an und laſſen ſie wieder aus⸗ gehen und ſtecken ſie wieder an und ſo fort. Blau könnte man ſich ärgern, wenn's einen was anginge — aber es geht einen nichts an, das iſt der Haupt⸗ ſpaß!“ Seit Herr Schwemmerich gezwungen der Ruhe pflegte, konnte er ſich ſeinen beiden Hauptpaſſionen 218 mit voller Muße hingeben. Die eine war das Ver— gnügen am Theaterbeſuch und das Intereſſe an Allem, was das Theater anging. Jetzt hatte er Gelegenheit, die jahrelange Entbehrung reichlich hereinzubringen, und ſo mußte ſchon ein ſehr wichtiges Hinderniß ein⸗ getreten ſein, wenn er mit ſeiner Frau eines Abends in der Vorſtellung fehlte und die beiden rückwärtigen Parterreplätze zum großen Erſtaunen der Nachbarn und Bedienſteten leer blieben. Die andere Beſchäf⸗ tigung, der er ſich mit der ganzen Leidenſchaft eines Liebhabers hingab, war die Inſpicirung ſämmtlicher Neu⸗ und Umbauten in der Reſidenz, die er tagtäglich auf ſeinen Rundgängen mit der gewiſſenhafteſten Pünkt⸗ lichkeit abhielt. Keiner der Baumeiſter hatte ſo genau den Stand der Arbeiten im Gedächtniſſe wie er, auch hatte er ſich ſchon ein ganz reſpectables Urtheil über techniſche Fertigkeiten, Bauführung und Wirkung der einzelnen Motive wie über den Geſammteindruck an⸗ geeignet, ſodaß es ihm nicht verdacht werden konnte, wenn er, obwohl die Unterſchiede des römiſchen, grie⸗ chiſchen, gothiſchen Bauſtils, der Renaiſſance und der modernen olla potrida nur ganz dunkel ahnend, dazu gekommen war, ſich für ein architektoniſches Genie zu halten, das nur leider ſchon in der Kindheit verkannt und gewaltſam erſtickt worden ſei. dazu e zu aunt 219 In Dreibuchen hatte ihm der Baron bei Herſtel⸗ lung von neuen Scheunen, Milchkammern und der⸗ gleichen nie freie Hand gelaſſen, jetzt aber hätte die Paſſion dem Hausbeſitzer leicht gefährlich werden kön⸗ nen, wenn ſie nicht glücklicherweiſe in der gemeinnützi— gen freiwilligen Widmung zur Beaufſichtigung ſämmt⸗ licher Bauſtätten im Umkreiſe der Reſidenz eine un⸗ ſchädliche Ableitung gefunden hätte. Gerade die ge⸗ ſammelten Beobachtungen über die beinahe unüberwind⸗ lichen Hinderniſſe, welche ſich bei Ausführung eines Bauplans dem Arbeitsperſonale in Geſtalt von Ta⸗ bakspfeifen und Doſen und ähnlichen verführeriſchen Geräthſchaften entgegenthürmen, hatten übrigens auch die heilſame Wirkung, daß der erſtickte Architekt nun⸗ mehr freiwillig fortfuhr, ſein Licht unter den Scheffel zu ſtellen. Ein einzige Ausnahme hatte er jüngſt ge— macht— Ulrich's Atelier, und davon ſagte er jetzt: „Wäre mir gerade ſo gegangen wie den Andern, hätte ich's nicht geſchickter angefaßt. In Accord! Alles muß man in Accord geben, das iſt die Zauberformel. Drücken muß man die Leute, ſonſt lachen ſie einen aus. Wozu habe ich den Loder da im Haus, den alten Maurer? habe ich mir geſagt. Sein Sohn iſt ein geſchickter immermann und im Theater angeſtellt, aber ein liederliches Tuch, der bringt nichts nach 5 8 5 —-— 220 Haus. Seine Tochter iſt Wirthſchafterin bei Herrn Knopp—“ „Die braucht Alles für ihren Putz“, fiel Frau Schwemmerich ein.„Und wie hochmüthig ſie iſt! Kaum daß ſie mir eine Antwort gibt, wenn ſie ja einmal kommt. Aber Hochmuth kommt vor dem Fall. Wird ihr gerade ſo gehen wie ihrer Schweſter. Zuerſt lu⸗ ſtig und vornehm und oben hinaus und zuletzt verlaſ⸗ ſen und verkommen, und der arme verwaiſte Wurm, um den ſich Niemand bekümmert, bleibt ſchließlich dem alten kranken Mann auf dem Halſe. Dal erziehen ſie die kleine Anna nicht wieder zum ſelben Metier? Tän⸗ zerin! Du lieber Himmel— Tänzerin!“ Dabei zeigte ſie auf ein ſchönes braunlockiges Mädchen, das vor einer ſtaunenden Kinderſchaar in einer Ecke des Hofes prah⸗ leriſch ihre neu einſtudirten Pas producirte. „Na, das Ding noch zu ernähren, und der Alte war obendrein krank und iſt mir die letzte Halbjahrmiethe ſchuldig“, fuhr Herr Schwemmerich fort.„Da habe ich gedacht, er ſoll ſie mir abverdienen an dem Neu⸗ bau. Aber nichts von Tagelohn, das Material habe ich beigeſtellt, die Arbeit hatte er in Accord, und ſo bin ich bei Heller und Pfennig bezahlt.“ „Das heißt, Du haſt ihm hinterdrein ebenſoviel geſchenkt, als die Miethe betrug.“ In 221 „Das war Remuneration“, fiel der Alte ſeiner Frau in die ein wenig ſpitze Rede.„Aber nachlaſſen? Keinen Kreuzer! Das iſt mein Grundſatz, und nie, nie im Tagelohn!“ „Ja, Du biſt ein furchtbarer Bedrücker! Ich kenne Dich, Vater, Dich und Deine herzloſe Grauſamkeit!“ lachte Ulrich, indem er die geſunde Hand ſchüttelte. „Aha, das heißt, ich empfehle mich“, ſpottete Herr Schwemmerich.„Na, wir halten Dich nicht. Haſt wohl allerlei Gänge?“ „Ja, und im Vorüberkommen will ich auch wieder einmal bei den Muhmen einſprechen.“ „So?“ fragte die Frau und erhob die Naſe ſpü⸗ rend.„Haſt Du dort vielleicht etwas Beſonderes zu thun? Nicht? Dann kannſt Du ja aber auch ein ander⸗ mal gehen? Und wo willſt Du denn ſonſt noch hin?“ „Halte ihn nicht auf“, fuhr ihr Gatte dazwiſchen. „Geh' Du nur, Ulrich, ohne Examen, aber unter an⸗ derm, kommſt Du vielleicht ins Theater?— Tanhäuſer — vortreffliche Aufführung— doch auch ein Ballet drin.“ „Ich begreife nicht, was Du jetzt immer mit dem Ballet haſt?“ „Meine Freude“, kicherte der Alte auf die ungnä⸗ dige Bemerkung ſeiner Frau.„Hätte ich nur meine 8 — 8 * ————— 4* —. ¹ 4 4 ¹ 2 4 3 5 —-— — andere Hälfte, ich wollte Dir Sprünge machen— Sprünge— wie die kleine Anna dort. Aber der⸗ gleichen iſt nichts für der Kinder Ohren. Adieu, Ul⸗ rich, Adieu!“ Das Lachen des alten Mannes hallte noch unter dem Thorbogen wieder, bis wohin die Pflegeeltern Ul⸗ rich begleitet hatten, als dieſer die Thür hinter ſich ſchloß; im nächſten Augenblicke ſah er auch ſchon die Mutter an ihrem Lugaus auftauchen. Er grüßte noch einmal freundlich von jenſeits der Straße und bog dann nach einigen Schritten in das nächſte Seiten⸗ gäßchen ein. Im Vorübergehen wollte er bei den Muhmen ein— ſprechen, hatte er geſagt und war damit der Wahr⸗ heit nur zur Hälfte getreu geblieben. Das Beſte wäre geweſen, er hätte dieſes Beſuchs gar nicht Erwähnung gethan, aber es war ihm ſo unverſehens über die Lippen gekommen, weil er im Geiſte ſchon damit be⸗ ſchäftigt geweſen; denn eigentlich ging er vor allem und nur deshalb aus, das alte Schweſternpaar aufzu⸗ ſuchen. Die Muhmen Löhnemann ſtanden in irgend⸗ einem verwandtſchaftlichen Verhältniſſe zu ſeiner Pflege⸗ mutter und kamen nicht ſehr oft mit dieſer zuſammen, aber Ulrich war von Kindheit auf, ſo oft er in die Stadt mitgenommen wurde, und ſpäter während ſeiner Schulzeit ein gar gern geſehener Gaſt bei den alten Da⸗ men. Sie lebten ſtill und eingezogen und hielten eine Arbeitsſchule für kleine Mädchen, damit ſie ihr bischen Einkommen ſo weit vergrößerten, um davon leben zu können, und auf ſie war Ulrich verfallen, als es ſich um eine Unterkunft für Judith handelte und er bald genug einſah, daß er die Aufnahme der Braut ſeines Jugendfreundes am allerwenigſten ſeinen Pflegeeltern zumuthen dürfe, da dies einer Verletzung des von Schwemmerich gegen ſeinen ehemaligen Herrn noch im⸗ mer gewahrten Ergebenheitsverhältniſſes gleichgekom⸗ men wäre, ganz abgeſehen von der Neugierde und Plauderſucht der Mutter, vor und bei welcher kein Geheimniß ſicher war. Ulrich hatte das Alles überlegt und jetzt auf dem Wege beſtärkte er ſich noch feſter in dem Entſchluſſe, bei Muhme Mina ſein Heil zu verſuchen. Bald ſtand er in einem kleinen Hofe, trat von da, die nur ange⸗ lehnte Thür ſachte aufdrückend, in eine reinliche Küche, welche nur durch ein ganz kleines vergittertes Fenſter Licht erhielt, und ſteckte einen Augenblick ſpäter ſeinen Kopf durch die Thürſpalte in ein ziemlich geräumiges Gemach, aus welchem ihm leiſer Geſang entgegentönte. „Iſt's erlaubt?“ fragte er.„Der kleine Ulrich kommt um Nüſſe betteln.“ T. 5 —— 224 „Sollſt ſie haben, Herzenskind!“ kam ihm ſofort mit dem unverkennbaren Ausdruck freudiger Ueber⸗ raſchung als Antwort zurück. Zugleich erhob ſich die hohe Frauengeſtalt von ihrem Sitze in der Fenſterniſche und kam auf den Eintretenden zu, doch erſt, nachdem ſie der auf dem Sopha ſitzenden und träumeriſch vor ſich hinblickenden Sängerin den Namen Ulrich mit leicht erhobener Stimme ins Ohr gerufen. Der Geſang verſtummte ſofort, ohne daß die Sän⸗ gerin jedoch aufſtand, ſie nickte nur lebhaft und mit einem kindlich heiteren Lächeln, das dem einſt ſicherlich ſchönen Geſichte noch immer freundlich ließ. Dafür faßte die andere Ulrich's Kopf zwiſchen ihre beiden Hände und küßte ihn, beinahe ſo groß wie er, ohne viel Umſtände auf die Stirn. „Mußt Dir's ſchon gefallen laſſen“, ſagte ſie mit tiefer Stimme,„wenn's Dir auch von einer Jüngern lieber wäre.“ „Wo fänd' ich dieſelbe unveränderliche Liebe und Güte? Laß mich nur noch eine Weile Dein treuer Verehrer bleiben, Tante Mina“, entgegnete er, umfing ſie mit ſeinem Arm und küßte ſie herzlich auf die zit⸗ ternden alten Lippen. In ſeiner muntern Stimme hatte ein leiſer Ton der Rührung mitgeklungen, und wie hätte er ſich der— vor leicht te mit ingern ee und treuen umfing die zi⸗ r Tol⸗ 9 de⸗ 225 — ſelben auch erwehren ſollen. Tauchte nicht ſeine ganze Kindheit vor ihm wieder auf, wenn er in dies trau⸗ liche Gemach trat? So wie es jetzt war, hatte er es ſchon vor vielen Jahren gekannt, die beiden kleinen altmodiſchen Portraits zu beiden Seiten des vorhän⸗ genden Spiegels mit den Pfauenfedern dahinter, die geſchweiften und verſchnörkelten Möbel mit dem Ueber⸗ zuge von verſchoſſenem und theilweiſe arg mitgenom⸗ menem gelbem utrechter Sammt, die graue, ſchnurrende Katze unter dem Ofen, das Canarienbauer in der Fenſterniſche und darunter der kleine Nähtiſch mit dem Nadelpolſter, auf dem ein geſticktes Eichkätzchen ſeine poſſirlichen Männchen machte, und noch tiefer der Fußſchemel, der bald Schiff, bald Wagen, bald Locomotive und bald Wiege hatte vorſtellen müſſen, bis endlich der kleine Junge, vom Spiele ermüdet, zu Füßen der Tante darauf eingeſchlummert war, einge⸗ lullt von dem leiſen eintönigen Geſange, der auch da⸗ mals ſchon vom Sopha herübertönte. Ja, Alles war wie damals, ſelbſt die beiden Schweſtern, die dies Gemach, ſolange er denken konnte, bewohnten, waren unverändert dieſelben. Da ſaß Tante Tina mit dem bunten Federſchmuck im Haar und den verblichenen Bandſchleifen am Halſe und an den eingetrockneten Handgelenken, die fleißigen Strick⸗ Byr, Larven. I. 15 . 4 4 4 8 8 r. —— 226 nadeln zwiſchen den Fingern und am Arme den ſchö⸗ nen durchbrochenen Silberkorb mit dem zierlichen Schlöß⸗ chen. Gerade ſo hatte ſie immer dageſeſſen und ſelbſt der Knäuel in dem Silberkörbchen blieb ſich gleich, denn was ſie am Tage abgearbeitet, ebenſo viel wand ſie des Abends wieder auf. Sie that überhaupt manch Wunderliches, ſaß faſt immer an derſelben Stelle und nur zu Zeiten kam eine eigenthümlicher Unruhe über ſie, dann ſprang ſie wohl auf und tanzte, als ob ſie zu einem Balle geladen wäre. Sonſt aber blieb ſie ſanft und ſtill und ſang nur ſo vor ſich hin. Den Kin⸗ dern, die zur Schule kamen, wußte ſie nichts zu zeigen als ihre Strickarbeit, die ſie aber auch, ohne nur da⸗ rauf hinzuſehen, in ſtaunenswerther Weiſe förderte. So harmlos ſie war, ſcheuten ſich die kleinen Kinder doch vor ihr, denn ſie ſprach ſelten und dann meiſt ſelt⸗ ſam abgebrochene Sätze, und die Leute behaupteten, ſie ſei„hinterſinnig“; die Schweſter aber ließ es nicht gelten und ſchob Alles nur auf ihre Taubheit, die das arme Weſen in deſſen eigener Welt iſolire. Eigenthüm⸗ lich war es auch, daß ſie nur die Schweſter vollkom⸗ men gut verſtand, ohne daß dieſe ihre Stimme ſonder⸗ lich zu erheben brauchte. Ueberhaupt war Tante Mina wie eine Mutter gegen ſie; vielleicht ſchrieb ſich das Verhältniß ſchon 220 aus der Jugend her und entſtammte dem ziemlich be⸗ trächtlichen Unterſchied der Jahre, von dem jetzt frei⸗ lich wenig mehr zu bemerken war. Die Aeltere ſchien im Gegentheil bei weitem rüſtiger, ſie ſorgte jetzt in Allem für die arme Hülfloſe, hielt die Schule und be— ſtellte den kleinen Haushalt. Nicht umſonſt war ſie ſo kräftig und hochgewachſen wie ein Mann, der brünette Teint, die feſten Züge und der graue Haarflaum über den Mundwinkeln gaben ihr noch mehr das Anſehen der Entſchiedenheit. Auch die Art, wie ſie die von der weißen Haube nur theilweiſe gedeckten, gebleichten Scheitel glatt um die kluge Stirn zurückgeſtrichen trug, machten den Eindruck ſtrenger Einfachheit und Willens⸗ klarheit; dann wurde aber doch Alles wieder geſänftigt durch die milde, ruhige Gelaſſenheit ihres Weſens und vor allem durch das treue, gute Auge, in das kein Kind blicken konnte, ohne ſofort inniges Zutrauen zu faſſen. Ja, die Kinder hatten ſie ſehr lieb, wenn ſie auch ſpäterhin die mütterliche Freundin allmälig ver⸗ gaßen. Und Ulrich war auch ein Kind, ſo oft er dieſen ſtillen Raum betrat; am liebſten hätte er ſich wieder auf den Schemel geſetzt und den Kopf an ihre Kniee gelehnt und ſich Märchen erzählen laſſen in der Däm⸗ merung, oder er wäre mit ſeiner verknüpften Peitſchen⸗ 15* . 4 4 1 1 23 1 —— . 228 ſchnur zu ihr geflüchtet, der nie die Geduld fehlte, die Knoten zu löſen; auch jetzt galt es ja, ſo eine Ver⸗ wickelung zu löſen, und es mußte ſich wohl in ſeinen Zügen dergleichen ausdrücken. „Es iſt ſchön von Dir, daß Du ſo bald wieder⸗ kommſt“, ſagte die Tante lobend. „So bald nennſt Du das? Es ſind doch vierzehn Tage her.“ „In Deinen Jahren iſt das bald. Da muß man ſchon irgendeine Noth haben.“ Da ſie aber ſah, wie er ein wenig verlegen ward, beugte ſie ſich gegen die Schweſter.„Sieht er nicht prächtig aus?“ fragte ſie. „Die Heimatluft hat ihm gut gethan.“ Tante Tina nickte nur und lächelte. „Es jagt ein Jäger wohlgemuth, Er jagt aus friſchem, freiem Muth, 7 Unter grünen Linden— begann ſie leiſe zu ſingen. „Nun komm' und ſage mir Deine Noth“, meinte Tante Mina und führte den jungen Mann nach ihrer Fenſterniſche, wo ſie ihm einen der verſchnörkelten Polſterſtühle zurecht ſchob, ehe ſie ſich ſelber niederließ. „Wahrhaftig, Du ſiehſt einem auf den Grund der Seele, Tantchen“, ſagte Ulrich halb lachend, indem er das Gefühl der Beſchämung bekämpfte.„Es iſt wirk⸗ 229 lich der nichtswürdigſte Eigennutz, der mich heute zu Dir führt.“ „Thut nichts, thut nichts, Kind; mach's nur ohne alle Einleitung. Wenn man erſt erzählen wollte, wie man den Finger verbrannt hat, käme die Baumwolle zu ſpät.“ Und wie um ihm das Reden zu erleichtern, griff ſie nach ihrem Arbeitskörbchen und that, als habe ſie darin gar emſig etwas zu ſuchen. Es war wunderbar, wie ihm das zu Hülfe kam. „Vorerſt eine Frage“, begann er.„Ihr hattet ja, ſoviel ich weiß, jenſeits der Küche immer ein freies Zimmer. Da lagen meiſt ſchöne Birnen im Stroh oder Nüſſe auf dem Geſtelle.“ „Das Zimmer? Ja, das haben wir noch. Aber die Zeiten werden immer theurer, wir konnten's nicht mehr leer ſtehen laſſen und haben es zum Bewohnen eingerichtet. Vor drei Tagen iſt der Miethsmann fort⸗ gezogen, ich mag aber keinen Zettel ans Thor ſchlagen, das zieht ſo allerlei Leute her.“ „Prächtig! Das fügt ſich ja vortrefflich“, fiel Ul⸗ rich ein.„Ich zauderte ſchon, Dir den Vorſchlag zu machen, nun iſt's ja aber auch Euer Vortheil.“ „So weißt Du alſo einen Miethsmann?“ „Mich ſelber.“ „Du willſt doch nicht von den Eltern weg?“ 1 4 4 1 — 4 8 5* ☛ ͤ ————. —— 5 —-— fragte die Tante verwundert.„Haſt Du Mißhellig⸗ keiten?“ Ulrich beruhigte ſie raſch. „Nicht ich will einziehen“, ſetzte er hinzu.„Cs iſt eine Dame, die ich Euch bringen will und die Ihr unter Euern Schutz wie ins Quartier nehmen ſollt, ein liebes gutes Mädchen.“ „Er ſpreit' den Mantel in das Gras, Bat, daß ſie zu ihm niederſaß, 44 Mit weißem Arm umfangen— ſang die Tante und kicherte dazwiſchen. Es war faſt, als ob ſie Ulrich's Worte verſtanden hätte. Tante Mina hatte plötzlich ihren Arbeitskorb im Stiche gelaſſen, ſie hob den Kopf und richtete ihre Augen mit ernſtem Blick auf Ulrich. „Für ſolche Heimlichkeiten haben wir keine Decke“, ſagte ſie ein wenig ſtreng.„Da mag das Zimmer lieber leer ſtehen.“ Ulrich war ein wenig verlegen, doch ging es nicht ohne Schelmerei ab, daß er den Verdacht, der ihn traf, zurückwies. „Siehſt Du wohl“, ſcherzte er,„daß es zuweilen gut iſt, mit der Einleitung anzufangen? Man kann ſich ſonſt die Finger erſt recht verbrennen. Sei ganz g⸗ 231 ruhig, liebe Tante, ich ſtehe zu der beſagten Dame in gar keiner Beziehung.“ „In gar keiner?“ fragte ſie mißtrauiſch.„Was ſuchſt Du dann eine Wohnung für ſie?“ „Ein Dienſt, den ich meinem Freunde erweiſe, deſſen Braut ſie iſt.“ 3 Und nun erzählte er in allgemeinen Umriſſen den Sachverhalt, doch ohne irgend etwas zu ſagen, was Gundaker oder Judith compromittiren konnte. Soviel mußte genügen, daß die Braut Israelitin ſei und ſich zum Uebertritte in die chriſtliche Kirche vorbereiten wolle, daß ſie ganz zurückgezogen die Zeit zu verbrin— gen beabſichtige, die nöthig ſei, alle Angelegen⸗ heiten in Ordnung zu bringen, und daß ſie gerade des⸗ halb unter den Schutz einer würdigen Dame geſtellt werden ſolle, um das Verhältniß vor jeder falſchen Beurtheilung zu ſichern. Es gelang Ulrich nicht ſo leicht, die Bedenken des alten Fräuleins zu beſiegen, und er mußte ſeine ganze Beredtſamkeit und ein Arſenal von einſchmeichelnden Liebkoſungen aufbieten, um endlich die Erfüllung ſeiner Bitte zugeſagt zu erhalten. Erſt als er nochmals be⸗ theuert, keinen Schritt über die Schwelle zu ſetzen, ſolange Judith im Zimmer ſei, und verſprochen hatte, daß auch der Bräutigam ſeine Beſuche ſo einrichten —— . 5 4 —— werde, um das Mädchen nur in Tante Mina's Gegen⸗ wart zu ſprechen, gab ſie nach, wiewohl ſich immer wieder neue Zweifel bei ihr regen wollten. Doch ließ ihr Ulrich keine Zeit mehr, dieſelben vorzubringen. Er hielt ſie bei ihrer Zuſage feſt und zog ſich eilig zurück. „Zwei Röslein auf der Haiden, In Liebesſchein, in Sonnenſchein, Die zwei ſoll man nicht ſcheiden“ hatte Tante Lina geſungen, als er das Zimmer ver⸗ ließ, und unwillkürlich waren ihm die Schlußnoten im Gedächtniß geblieben und er ſummte ſie noch vor ſich hin, als er aus dem Hausthore trat: „Zwei Röslein auf der Haiden, Die zwei ſoll man nicht ſcheiden, Die zwei ſoll man nicht ſcheiden.“ „Es kommt nur darauf an, welche zwei?“ ließ ſich plötzlich eine ſpöttiſche Stimme neben ihm ver⸗ nehmen. Ein Herr war aus dem Nachbarhauſe getreten, eben als Ulrich daran vorüberſchritt, und ſtand nun an deſſen Seite. Die raſch ſinkende Dämmerung ließ die Geſichtszüge kaum mehr unterſcheiden. Ulrich aber erkannte die Stimme als die des an der herzoglichen Hofbühne angeſtellten Kapellmeiſters Seibold, mit dem n — — er vor kurzem erſt zufällig im Wirthshauſe abends zum erſten Male zuſammengetroffen. „Guten Abend, Maeſtro!“ grüßte er.— „Bin kein italieniſcher Leiermann!“ brummte der andere. „Alſo Meiſterſinger“, lachte Ulrich. „Bleiben Sie mir mit dem Wagner vom Leibe“, entgegnete der ſchwer zu Befriedigende noch ergrimmter. „Kapellmeiſter, Muſikant Seibold, wie Sie wollen. Aber heda, wo haben Sie das alte erotiſche Lied her? Iſt eigentlich ein Duett von Koning. Bekommt man ſelten mehr zu hören.“ „Erotiſch? Das wüßte ich gar nicht.“ „Und ſingen's doch? Thut's aber die ganze Welt — ſingt, ohne zu verſtehen, was ſie ſingt. Ich könnt's beweiſen. Wir wollen ſehen, was dieſe Welt von mei⸗ nem Pfeifer von Helfenſtein ſagt.“ Die beiden hatten inzwiſchen ihren Weg gemeinſam nach den belebteren Theilen der Stadt fortgeſetzt. Der Kapellmeiſter war offenbar in mittheilſamer Laune.„Sie wiſſen noch nicht, Herr Waldek, daß ich eine große Oper in der Arbeit habe“, erzählte er.„Wollen einmal ſehen, wenn ſie zur Aufführung kommt, ob ich dann noch immer den Tanhäuſer dirigiren muß. Lohnarbeit! Lohn⸗ arbeit!“ A ————— 1 4 4 1 5 1 E ——— 5 —— 24 234 „Und werden Sie bald fertig ſein mit der Com⸗ poſition?“ fragte Ulrich, nur um etwas zu erwidern. „Ich— ja, ich wäre ſchon fertig. Aber dieſe Dichter! Dieſe Dichter! Sie glauben gar nicht, wie wir unſere liebe Noth mit ihnen haben. Da ſind Sie hundertmal beſſer daran, Sie hängen von keinem Men⸗ ſchen ab. Die Abhängigkeit iſt's, die die Muſik ernie⸗ drigt. Sie ſollte uns gebieten als unumſchränkte Herr⸗ ſcherin und muß ſich die Abhängigkeit gefallen laſſen. Und dieſe Dichter! Glauben, daß jede Zeile, die ſie geſchrieben, Gold iſt. Als wenn nicht wir ihnen eigent⸗ lich die Ideen gegeben. Das iſt das Einzige, worin Wagner vernünftig iſt. Er braucht keinen Dichter. 6 Ich habe leider keine Zeit, auch das noch zu beſorgen, und jetzt macht mir mein Librettodichter tauſend Schwierigkeiten. Ich ſoll eben eine wichtige Beſpre⸗ chung haben über die Schlußſcene. Such' ich ihn, iſt er nicht zu Hauſe. Und während ich nicht zu Hauſe war, hat er mich aufgeſucht, gerade als hätte er eine Ahnung gehabt. Nun hinterließ er mir eine Beſtellung zum Director. Haben Sie etwas Anderes zu thun? Nicht? Nun, ſo kommen Sie mit.“ „Ich kenne ja den Director gar nicht“, wendete Ulrich ein. Ulrich überlegte. Die Aufforderung des Hofmar⸗ ſchalls fiel ihm ein. Er ſollte ſich mit dem Theater⸗ director ins Einvernehmen ſetzen. Da war ja nun die bequemſte Gelegenheit, deſſen Bekanntſchaft zu machen. „Es wäre mir freilich nicht unlieb“, gab er zu. Der Kapellmeiſter nahm ihn ſofort feſt unter den Arm. „Ohne Umſchweife! Ohne ariſtokratiſche Ziererei! Geradezu, wie's dem Bundſchuh geziemt! Treffen es obendrein gut. Die kleine Irene, friſch aus dem Treib⸗ haus unter all den welken Lilien und Narziſſen. Wol⸗ len einmal ſehen, vielleicht ſingen Sie mit ihr das Duett da capo con amore: Zwei Röslein auf der Haiden. Haha! Hübſches Lied! Zwei Röslein auf der Haiden, Die zwei ſoll man nicht ſcheiden.“ Ende des erſten Bandes. 4 4 1 3 3 5 — ρ 2 ☛ 1 = 3 5 S 8 5 — 2 5 8 d 8 8 8 S 5 8 3 5 8 Verlag von Ernſt Zulius Günther in Leipzig. Das Thurmkätherlein. Roman aus dem Elſaß Auguſt Becker. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 12 Mark Der neue A bäͤlaril. Noman von 1 Zulius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant gehefter. Preis 5 Mark 25 Pf. 4 1 Offene Wunden. 8 Novellen 1 von 4 Zulius Groſſe. · Inhalt: 2 Graziana.— Die neue Hagar.— Lorbeer und Myrte. 3 Bände. 80. Eleg. broch. Preis 7 Mark 50 Pf. —— Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand. Novelle von Edmund Höfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Stephau Lawrence 1 9 Hun. Ro man von 1 Mrs. Edwardes. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 12 Mk. „„ Debenham's Gelübde. Roman von A. B. Edwards. Aus dem Engl. von Anna Wünn. 4 Bände. 3. Geheftet. Preis 4 Mark 50 Pf. Gewonnen— nicht umworben. Roman von James Pahn. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8⁰. Eleg geh. Preis 8 Mark. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Die Türken in München. Herman Schmid. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 6 Mark. Concordia. Eine deutſche Kaiſergeſchichte aus Bayern Herman Schnid. 4 5 Bände. Preis 13 Mark 50 Pf. Verfloſſene Stunden B Novelle S. Junghans. 1 Band. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Mark 25 Pf 5F ——— Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Der Mall unn Nanftunz. Roman Otto Müller. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Der Majoratsherr. Roman aus der Gegenwart von Otto Müller. ö 3 Bände. Eleg. broch. 10 Mk. 50 Pf. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von f. C. Schubert. 1 1 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 10 Mk. 50 Pf. — ———ͤ— — RN 2 Srey Sortrol GShart Green Vellow Heod Magenta