Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnéuécht. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7 3 1 1 5 9— 21 9„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 1 4 — Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzählung von Zulie Burow. Zweite Abtheilung. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1865. Druck von Heinr. Merey in Prag. Erſtes Kapitel. Während dieſer Vorgänge auf der ſtolzen Kaiſer⸗ burg befand ſich Johannes Kepler, der dem entthronten Für⸗ ſten die treue Anhänglichkeit eines dankbaren Herzens be⸗ wahrte, in ſeinem Hauſe, in dem das Glück ebenſo we⸗ nig als dort wohnte. Sein Kind war zur ewigen Ruhe eingegangen; die wahnſinnige Barbara hatte auch nicht durch eine einzige Aeußerung gezeigt, daß ſie von dem Verluſt ihres Töch⸗ terchens eine Ahnung habe. Sie fragte nie, weshalb die ältern Kinder weinten. Ihre älteſte Tochter, aus erſter Ehe, befand ſich ſeit längerer Zeit in Graz im Hauſe der vornehmen Familie Eggenberg und ward dort herzlich geliebt und wohl erzogen. Apollonia war wie immer der gute Engel im Hauſe ihres geliebten Pflegeſohns, und weder Kepler noch die beiden Kinder hatten in ir⸗ gend einem Augenblick die Fürſorge der Hausmutter vermißt. Am Begräbnißmorgen ſeines Lenchens hatte Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 1 2 Kepler die Freude gehabt, einen ſeiner beiden Schul⸗ und Studiengenoſſen, den liebſten derſelben, Beſold, in ſeinem Hauſe zu empfangen. Mit welcher tiefgefühlten Dankbarkeit Apollonia den Mann aufnahm, deſſen Freundſchaft für ihren Sohn ſie wahrſcheinlich ihre Rettung von dem Feuertode dankte, i*ſt zu beſchreiben nicht nothwendig; Beſold war im Auf⸗ trag der würtembergiſchen Juriſtenfacultät nach Prag gekommen, um einige Streitigkeiten derſelben mit der prager Univerſität zu beſeitigen, und dies anfangs ſo ſchwierig ſcheinende Geſchäft gelang dem klugen Mann weit raſcher, als er es ſelbſt erwartet und gehofft hatte. Er hatte ſich dem Leichenzuge, der das Haus ſeines Freundes verließ, aus natürlicher Theilnahme angeſchloſſen, und es konnte wohl nicht fehlen, daß ſich in der Stim⸗ mung, in der der trauernde Vater ſich befand, recht viele ernſte Geſpräche zwiſchen den beiden Jugendgefährten entwickelten. Beide erinnerten ſich mit herzlicher Freude der zu⸗ ſammen verlebten Knabenzeit, des Aufenthalts in Maul⸗ bronn, der alten Lehrer und ihrer Strenge. Auch ihrer Excurſionen ins Fauſtzimmer gedachten ſie, und mit einem tiefen Seufzer fragte Beſold, ob denn Kepler die nachgelaſſenen Papiere ſeines Freundes Johannes Fickler in ſeinen ſpätern Schuljahren nicht geleſen habe. P „Gewiß nicht!“ entgegnete dieſer.„Ich fürchtete da⸗ mals wie jetzt verbotene Forſchungen und hatte, aufrichtig geſagt, in der Prima keine Zeit mehr, daran auch nur zu denken. Ich wollte gut beſtehen im Abgangsexamen, ich wollte um meiner armen Mutter, meines Schweſterchens und hier meiner lieben Apollonia willen recht früh ein glänzendes Kirchenlicht werden, aber eben weil ich wohl nicht aus den rechten Gründen den Weg dazu ſuchte, bin ich nichts Anderes geworden als ein armer Ma⸗ thematikus, der Kalender macht und den Herrn in ſei⸗ nen Werken ſucht. Ich bin nicht weiſe, denn ich bin nicht demüthig genug, meine eigenen Gedanken und ge⸗ ringen Erkenntniſſe denen, die weiſer ſind als ich, unter⸗ zuordnen.“ „Du haſt die Concordienformel nicht unterſchrie⸗ ben?“ „Ich konnte es nicht, ohne zu lügen. Ich kann die, welche anders glauben als ich, nicht verfluchen, denn ich habe alle Menſchen als meine Brüder lieb; ich haſſe ſelbſt den Papſt nicht, obſchon er der Antichriſt iſt; ich habe meinen Vetter, den Jeſuiten Johannes Fickler, mit dankbarer Innigkeit geliebt, und es gibt auf dem weiten Erdboden keinen Menſchen, den ich wegen ſeines Glau⸗ bens verdammen könnte; auch Rabbi Löw, der wackere Jude, iſt mir ein theurer Freund, dem ich mit gerührten Her⸗ 1 ———ÿ 4 zen dankbar bin für das Gute, das ſeine Samari⸗ terbarmherzigkeit einſt an mir, dem kranken Reiſenden, gethan.“ „O edles, treffliches Herz“, rief Beſold und reichte dem Freunde die Hand, in welche Kepler freudig ein— ſchlug,„warum benutzeſt Du denn nicht Deine weiſe Duldſamkeit auch zu Deinem eigenen Glücke und beſſern Fortkommen in der Welt?“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Kepler dagegen. „Ei, Liebſter!“ ſagte der tübinger Oberamtsrath, „wenn Du heute in der Stille, ganz in der Stille nur die Meſſe hörteſt, wäreſt Du, davon bin ich feſt überzeugt, in kurzem ein hoher Beamter am Hofe des Matthias oder des Ferdinand in Steiermark, und wenn Du die Concordienformel unterſchriebeſt, würde man Dich als⸗ bald nach Tübingen zur beſten Profeſſur berufen, die der Univerſitätsſenat zu vergeben hat, und mit tauſend Freuden würde unſer Herzog Deine Berufung beſtätigen. Der edle Herr liebt und ehrt Dich gar ſehr, beſchäftigt ſich viel mit Deinen Schriften und freut ſich des ſchönen Kunſtwerks, das Du ihm geſchenkt haſt. Er, der kluge Herr, nennt Dein Feſthalten an den kleinen Abwei⸗ chungen von den Glaubensregeln, die ſeine klügſten Theo⸗ logen als das rechte Bekenntniß des lutheriſchen Glau⸗ bens unter dem Namen der Concordienformel zuſammenge⸗ — ,— ——— 5 tragen haben, einen Deinen ſeltenen Geiſtesgaben ganz un⸗ angemeſſenen Eigenſinn.“ „Ich würde mich ſelbſt aller Gnade, die Gott der Herr mir erwieſen, für unwürdig halten“, entgegnete Kepler,„wenn ich nur ein Titelchen von dem, was ich für chriſtliche Wahrheit halte, anders ausſpräche, als ich's zu begreifen und zu erkennen fähig bin. Mein Glaube iſt Sache meines Herzens. Ich liebe Gott, den Schöpfer dieſes unausſprechlich ſchönen Weltalls, ich liebe den Er⸗ löſer, der uns lehrte und durch ſein Beiſpiel zeigte, wie der irdiſche ſchwache Menſch eins ſein kann mit Gott, indem er, ſich ſelbſt vergeſſend, ſeine Geſetze be⸗ folgt. Ich beklage diejenigen, von denen mir's ſcheint, daß ſie das erhabenſte Wunder, das die Erde hervorge⸗ bracht, das Chriſtenthum, weniger als ich zu würdigen verſtehen. Ich verdamme Keinen, der die Wahrheit nicht erfaßt hat, aber Beſold, mein herzlieber Jugendfreund, ich würde für jedes Wort der Wahrheit, die ich zu erken⸗ nen gewürdigt war, mit Ruhe, vielleicht mit Freuden ſterben. Um irdiſcher Vortheile willen heucheln und lügen aber würde ich nie. Das halte ich für eine Sünde, ſchwer wie Mord, verächtlich wie Diebſtahl, jedes Men ˖ ſchen unwürdig, am unwürdigſten aber meiner! Was aber haſt Du, alter Freund? Du biſt ja bleich geworden wie der Tod, Du zitterſt und Deine Hände ſind kalt wie Eis!“ 6 „Laß Apollonia mir ein Glas Wein geben“, ent⸗ gegnete der Gaſt ſich ſammelnd, und als das alte Weib⸗ lein mit demſelben zu ihm trat, fragte er ſehr freund⸗ lich:„Nicht wahr, herzliebe Frau Wellinger, es war doch gut, daß ich Euern Proceß führen konnte?“ „Es war ein Wunder, durch welches Gottes Barm⸗ herzigkeit mich von Folterqualen und Feuertod rettete.“ „Und Ihr könnt jetzt noch Eures Sohnes Haus⸗ halt führen, ſeine Kinder zur Frömmigkeit und Gottes⸗ furcht erziehen, ſein krankes Weib warten und ihn ſelbſt durch Eure treue Mutterliebe in ſeinem neuen Leide tröſten und ſtützen!“ „Unter Gottes Beiſtand!“ entgegnete die Greiſin. „Legt Eure gemarterten Hände auf mein Haupt“, flüſterte Beſold,„und ſagt: Gott ſegne Euch!“ Sie that es und hauchte dann noch einen leiſen Kuß auf das Haupt ihres Wohlthäters. Schon am andern Morgen verließ der Oberamts⸗ rath Chriſtoph Beſold Kepler's Haus und das glänzende Prag und kehrte nach Tübingen zurück, ſeinem Freunde verſprechend, ihm bald Nachricht von ſeinen in Schwa⸗ ben lebenden Lieben zugehen laſſen zu wollen. Johannes Kepler aber blieb, unberührt von den ſich jetzt in Prag entwickelnden glänzenden Feſtlichkeiten, arbeitend in ſei⸗ nem ſtillen Hauſe. Unter den Proteſtanten der böhmiſchen Hauptſtadt war lauter Jubel, in den ſelbſt viele von der katholiſchen Partei einſtimmten. Alle erwarteten von dem neuen Könige, deſſen Krönung man zum dreiundzwanzigſten Mai vorbereitete, die Erfüllung ihrer Wünſche. 9 Matthias hätte ein Gott ſein müſſen, um dem, was die Böhmen von ihm erwarteten, Leben geben zu können. Der nun endlich herangekommene Tag ſeiner Krönung war für ganz Prag ein Tag des lauteſten Ju⸗ bels. Es war für den entthronten Rudolf vielleicht eine Kränkung mehr, daß ſein erſter Miniſter, Adam von Dietrichſtein, als Erzbiſchof von Olmütz die Krönung * ſeines hinterliſtigen Bruders im St. Veitsdome über⸗ nehmen mußte, da der Erzbiſchof von Prag ernſt⸗ lich erkrankt und zu jeder kirchlichen Feierlichkeit unfä⸗ hig war. Der Himmel ſelbſt ſchien das Feſt zu begünſtigen, denn ein Maitag, ſo ſchön, als die Natur ihn dem ge⸗ ſegneten Böhmerlande nur je geſchenkt hat, zog ſtrah⸗ lend über dem hundertthürmigen Prag herauf, als der Krönungszug des Erzherzogs Matthias, der bereits die Krone von Ungarn trug, ſich vom altſtädter Rathhauſe aus in Bewegung ſetzte, um dieſem Prinzen nun auch die Krone Böhmens auf das verrätheriſche Haupt zu ſetzen. Als die laute, rauſchende Muſik von der Nepo⸗ 8 muksbrücke aus in dem einſamſten Zimmer, das er am Hradſchin bewohnte, das Ohr des Kaiſers er⸗ reichte, entfernte er ſich eilig und ging auf einem ſtillen, verborgenen Wege nach dem Faſanengarten, wo er in frühern Tagen oft mit Tycho de Brahe, Doctor Dee und andern großen Gelehrten, die er wie ſeine Freunde be⸗ handelt hatte, in heitern und ernſten Geſprächen ge⸗ luſtwandelt und wo Polixena's edle Geſtalt ihm in ſchönen Stunden wie eine Fee aus blühenden Gebüſchen entgegengetreten war. Jetzt flüchtete er hierher vor dem Jubel, mit welchem ſeine treuloſen Unterthanen ſeinen Nachfolger empfingen, ein einſamer, verlaſſener, verra⸗ thener, in tiefſter Seele unglücklicher Mann. Auf und ab gehend in den Wegen, deren Bäume und Gebüſche der Lenz mit ſeinen ſchönſten Blüten ſchmückte, drangen die Orgeltöne, die das Meßopfer begleiteten, in ſeine Seele, als hörte er die Feier ſeines eigenen Begräbniſſes, und der Poſaunen⸗ und Paukenſchall, der bisweilen ſogar die ſüßen Flötentöne der Nachtigallen übertönte, erſchien ihm wie der Ruf zum ewigen Gerichte. Jetzt endlich ward es ſtiller und ſtiller in den Hallen des Do— mes. Die heilige Handlung, die ſeines Bruders Frevel⸗ that die Weihe der Kirche gab, war vorüber. Matthias, der gekrönte König von Böhmen, betrat die ſtolzen Hallen des Hradſchin als ſein ihm zukommendes Eigenthum. Die —.— 9 Großen Böhmens hatten ihm den Huldigungseid gelei⸗ ſtet, und Rudolf, dem einſt ein gleicher Jubel gegolten, kehrte in ſeine Gemächer zurück, ein Geduldeter da, wo vor kurzem noch Niemand ihm das Recht des Herrſchens ſtreitig zu machen gewagt hätte. Ihn hatten alle verlaſſen, alle, die ſich ſonſt zu der Sonne ſeiner kaiſerlichen Gnade drängten. Alle? War er denn ganz allein hier? Lebte Keiner, der ſeiner mit Dankbarkeit gedachte? Ein einſamer Mann in tiefer Trauerkleidung trat dem verrathenen Fürſten unter einem blühenden Baume entgegen, und das Knie vor ihm in tiefſter Ehrfurcht beugend, ſagte Magiſter Johannes Kepler, der ihn an dieſem einſamen Orte aufgeſucht: „Erzeigt mir die hohe Gnade mein kaiſerlicher Herr, mich jetzt für einige Zeit von meiner Amtsarbeit zu entbinden, denn ich bin in meinem großen Vaterſchmerz unfähig, an der Berechnung der Tafeln zu arbeiten. Ich muß meine leidende Seele erheben zu den Harmonien des Weltalls, bis ich in der Betrachtung derſelben Lin⸗ derung des Schmerzes über den Verluſt meines holden Kindes gefunden, das meines Erdenlebens ſchönſte Freude war.“ „Glücklicher Mann!“ ſagte der Kaiſer mit einem Lächeln, das einen tiefen Eindruck auf das trauernde 10 Vaterherz machte.„Ihr habt Kinder, Magiſter Kepler, und der ſchlimmſte Kummer, den ſie Euch machen, iſt, daß ſie ſterben. Mit Freuden habt Ihr ſie bei ihrer Geburt willkommen geheißen in dieſem Erdenthale, und mit Freu⸗ den könnt Ihr jetzt Euerm eigenen Tode entgegenſehen, denn ein Engel Gottes, der Euch liebt, wird Euch will⸗ kommen heißen am Throne des Allerhöchſten. Geht, mein letzter Freund, mein einziger Unterthan noch in dieſem treuloſen Lande, und gedenkt meiner als Eures gnädigen Monarchen.“ Der entthronte Fürſt entfernte ſich ſo ſcheu und eilig aus dem ſonnenhellen Garten, gleich wie ein das Tageslicht ſcheuender Uhu, und als er mit geängſtigten Schritten in ſein einſames Zimmer trat, empfing ihn dort Graf Meggau, der Abgeſandte ſeines Bruders, der ihm den Brief übergab, in welchem Matthias ihm für die echt brüderliche Freundſchaft dankte, womit ſein vielgeliebter Bruder Rudolf ihm die Krone Böhmens ab⸗ getreten, welche länger zu tragen er ſich bei ſeinem vor⸗ gerückten Alter und ſeiner täglich zunehmenden Körper⸗ ſchwäche zu ſchwach gefühlt habe. So war denn nun Erzherzog Matthias auch König von Böhmen, wie er längſt ſchon König von Un⸗ garn geweſen, durch liſtige Beraubung ſeines Bruders, deſſen Schwächen er mit äußerſter Schlauheit zu be⸗ 11 nutzen gewußt, wobei die religiöſen Zwiſtigkeiten im Lande ihm weſentlich gedient hatten. Hätte Rudolf ſich mit Ernſt beſtrebt, die Parteien in ſeinem Lande Ju verſöhnen, und den Proteſtanten freie Religionsübung neben den Katholiken gegeben, die Rechte beider gegen Uebergriffe beſchützend, er hätte alle dieſe Demüthigungen, denen er keinen Widerſtand leiſten konnte, nicht erlebt, denn er beſaß Eigenſchaften, die ihn ſeinem Volke theuer machten und ſeinen Namen ehrenvoll auf die Nachwelt gebracht haben. Er war der Beſchützer der Wiſſenſchaften, die nach langer Er⸗ ſtarrung in ſeinem Zeitalter ihre Fittige wieder zu regen be⸗ gannen. Er war großmüthig und gütig und ſein größtes Verdienſt um die Mit. und Nachwelt jedenfalls der Schutz, den er Kepler gab, der, in ſeinem Vaterland und von ſeinen Glaubensgenoſſen angefochten und ver⸗ ketzert, bei ihm, dem katholiſchen Fürſten, Duldung, Brod und Anerkennung fand, ſelbſt da noch, als der entthronte König von Böhmen, der aber immer noch die eiſerne Krone des deutſchen Reichs trug, ſich nach Wien begab und zuvor noch feſtſetzte, daß Johannes Kepler bis zur Beendigung ſeiner großen Arbeit, der Regulirung der Pruteniſchen Tafeln, als Mathematiker des deutſchen Reichs zu betrachten ſei und als ſolcher ſeinen Gehalt nebſt allen Rückſtänden zu empfangen habe. 12 Während die deutſchen Reichsfürſten auf einem Reichstage, den ſie in Regensburg hielten, einen nutzlo⸗ ſen Lärm erhoben über das ihrem Kaiſer angethane Un⸗ recht, beſtätigte Matthias mit gleißneriſchen Worten den Böhmen alle ihnen von ſeinem vielgeliebten Bruder verliehenen Freiheiten und Rechte. Der tiefgebeugte Rudolf aber zog ſich nach Wien zurück, wo er, von ſchwermüthigen Gedanken geängſtigt, ohne eine eigentliche Krankheit bald nach ſeiner Ankunft im Jahre 1612 verſtarb. Zweites Kapitel. Matthias begab ſich nach dem Tode ſeines beraub⸗ ten Bruders nach Frankfurt und ward von den dort verſammelten Kurfürſten zum Oberhaupte des deutſchen Reichs gewählt. Der herrſchſüchtige Prinz befand ſich nun am Ziele ſeiner Wünſche, und ſeine ſiebenundfünfzig Jahre ſchienen ihm kein Hinderniß, an die Gründung einer Dyna⸗ ſtie zu denken, obgleich er mit Ferdinand von Steiermark ein Abkommen geſchloſſen, das dieſem Prinzen die Nach⸗ folge auf den Thronen, die er ſeinem Bruder geraubt hatte, zuſicherte. So ſchloß Matthias in Wien einen Ehebund mit der jugendlichen Prinzeſſin Anna, einer Schweſter Frdinand's, aber derſelbe blieb kinderlos, und die Anrechte dieſes Fürſten blieben daher für den To⸗ desfall ſeines Oheims unverändert. Der neue Kaiſer, ſich in allen ſeinen Würden ganz geſichert fühlend, dachte nun zunächſt an die Beruhigung ſeiner Länder. Er hatte den Majeſtätsbrief, den die 14 aufrühreriſchen Böhmen ſeinem Bruder Rudolf gewalt⸗ thätig abgerungen, bei ſeiner Thronbeſteigung freiwillig beſtätigt, aber er verlegte ſeine Reſidenz von Prag nach Wien, um den Unruhen in Siebenbürgen von dort aus mehr Aufmerkſamkeit zuwenden zu können. Dieſe Abänderung war den Böhmen keineswegs erwünſcht, und von allen Seiten gingen dem Kaiſer Pe⸗ titionen zu, ſeinen Wohnſitz wieder nach Prag zu verlegen; auch forderten die proteſtantiſchen Böhmen immer wieder die Einberufung eines Landtags zur Feſtſtellung ihrer Rechte, da die katholiſche Prieſterſchaft ſich mehr und mehr Uebergriffe zu Schulden kommen ließ, die mit der den Proteſtanten zugeſicherten vollkommen freien Religionsübung durchaus nicht in Einklang zu bringen waren. Außerdem regte ſich in dem tiefſten Herzen des eze⸗ chiſchen Volksſtamms, der in ſeinem von Bergen um⸗ ſchloſſenen Lande nun ſchon Jahrhunderte lang ſich Kö⸗ nige aus deutſchem Blute erwählt hatte, der Wunſch, ſeine Sprache und Nationalität zu bewahren, und die pro⸗ teſtantiſchen Prädikanten, ſich als Nachfolger des Mär⸗ tyrers Johannes Huß anſehend, klammerten ſich, wie jetzt die katholiſche Prieſterſchaft Polens, an dieſe Volksbe⸗ wegung feſt. Der erſte unter der Regierung des Königs Mat⸗ 15 thias in Böhmen ausgeſchriebene Landtag mußte in Budweis abgehalten werden, weil in Prag zur Zeit die Peſt wüthete. Er war von geringem Erfolge, als aber ein Jahr ſpäter(1615) der König auf den Wunſch der Stände nach Prag kam, wurden alle jene nationalen For⸗ derungen mit vielem Eifer beſprochen und geſetzmäßig feſtgeſetzt, daß die böhmiſche Sprache als allgemeine Landesſprache bei Ehren erhalten werden, daß alle Prediger und Schulmeiſter gehalten ſein ſollten, ſich derſelben bei ihren Vorträgen zu bedienen, daß nur ge⸗ borene Böhmen als Mitglieder in die großen Landes⸗ collegien gewählt werden und daß erſt diejenigen Per⸗ ſonen als geborene Böhmen gelten dürften, deren Groß⸗ ältern bereits im Lande anſäſſig geweſen. Alle dieſe Verordnungen wurden vom Kaiſer Mat⸗ thias bereitwillig beſtätigt; hierauf ſchloß er einen zwan⸗ zigjährigen Waffenſtillſtand mit dem Großherrn, und es ſchien faſt, als ob ſeine Regierung eine für das Reich günſtige und ſegensreiche ſein würde. Die alten Umge⸗ bungen ſeines Bruders kamen bei ſeinen kurzen Anwe⸗ ſenheiten in Prag in keinen Betracht. Fürſtin Polixena gebar auf ihrem Schloſſe zu Raudnitz ihrem ſchönen ju⸗ gendlichen Gemahl kurz hintereinander drei Kinder, die das Glück dieſer Ehe weſentlich erhöhten und das Herz der Mutter ganz erfüllend ſie von der Außen⸗ 16 welt und Allem, was in derſelben vorging, faſt gänzlich abzogen. Johannes Kepler führte zu Prag während dieſer Jahre ein Leben der tiefſten Stille. Die Peſt, welche wie der Würgengel über die Stadt zog, verſchonte ſein Haus, in dem die alte ſanfte Apollonia noch immer wie ein Friedensengel waltete. Barbara's Zuſtand blieb gänz⸗ lich unverändert, die Kinder aber wuchſen allmälig heran und beide, Ludwig und Margarethe, entwickelten ſich zur Freude des Vaters und der Großmutter von Tag zu Tage. Kepler arbeitete mit ſich immer gleichbleibendem Eifer an der Beendigung der Pruteniſchen Tafeln, und dieſe Arbeit, ſo mechaniſch ſie auch war, mußte, da ſie ſeine eigentliche Amtsarbeit war, auch aus allen Kräften ge⸗ fördert werden, denn ſeit der Thronbeſteigung des Mat⸗ thias war die Schuldenlaſt, die der König von Böhmen an den armen Gelehrten zu zahlen hatte, von viertauſend Gul⸗ den auf zwölftauſend angeſchwollen, da weder die böhmiſchen Stände noch die Kaſſen des deutſchen Reichs, als deſſen Aſtronom Kepler ſich eigentlich betrachten mußte, einen Groſchen des Gehalts zahlten, auf welchen er mit ſeiner heranwachſenden Familie angewieſen war. Zum Glück ver⸗ ſtand es Apollonia, mit den geringſten Mitteln Haus zu halten, und ſie hatte die beiden Kinder ſo gewöhnt, daß nie ein Wort der Unzufriedenheit bei ihnen laut wurde, wie ſchlicht auch die Nahrungsmittel ſein mochten, mit denen ſie den jugendlichen Appetit derſelben be⸗ ſchwichtigte. Meiſter Euſebius, der alte Freund der fleißigen Großmutter, wohnte jetzt mit ſeiner durchlauchtigen Herr⸗ ſchaft in Raudnitz. Seine alte Mutter war im Herrn entſchlafen und ſtill auf dem kleinen Gottesacker der proteſtantiſchen Gemeinde daſelbſt begraben worden. Die Fürſtin Polixena fragte nicht, ob die Greiſin die Sterbe⸗ ſakramente von dem Hauskaplan empfangen habe, oder ob der Prädikant aus dem nahen Bilin ſie in ihren letzten Augenblicken getröſtet, aber ſie kam ſelbſt, um von der alten Dienerin Abſchied zu nehmen, und betete knieend am offenen Sarge derſelben. Meiſter Euſebius war aufs tiefſte gerührt von dieſer Frömmigkeit ſeiner katholiſchen Herrin, und es that ſeiner Rührung keinen Eintrag, als ſie ſich von den Knieen erhebend an Stirn und Bruſt bekreuzigte. Seit dem Tode des Paters Fickler herrſchte wieder die freund⸗ lichſte Eintracht zwiſchen der katholiſchen Herrſchaft und ihren proteſtantiſchen Dienern in Raudnitz, und auch an andern Orten in Böhmen, wo das Verhältniß vielleicht ein umgekehrtes war, ſchienen die verſchiedenen Glau⸗ bensparteien in Frieden mit einander zu leben. Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 2 18 „Ihr ſeid in Prag geweſen, Euſebius?“ ſagte nach dem Begräbniß ſeiner Mutter die Fürſtin zu ihrem begünſtigten Diener. „Zu Ew. Durchlaucht Befehl!“ „Habt Ihr die würdige Frau Apollonia beſucht und geht es ihr wohl?“ „Beide Fragen kann ich Ew. Durchlaucht bejahen.“ „Und wie geht's ihrem Pflegeſohn und ſeiner Fa⸗ milie?“ „Durchlaucht, ich habe den Herrn Kepler nicht ſelbſt ſprechen können; der große Gelehrte iſt zu ſehr beſchäf⸗ tigt, aber die würdige Frau Wellinger führte mich in ihr kleines Stübchen, wo ich durch ein kleines Thür⸗ fenſter ihn eine Weile bei ſeiner Arbeit beobachten konnte.“ „Es muß intereſſant ſein, einem ſolchen Mann zuzu⸗ ſehen, wenn er ſich mit Dingen und Verhältniſſen be— ſchäftigt, die weit über den Erdball hinausgehen“, ſagte Polixena mit einer gewiſſen Befangenheit. „Eigentlich war da wohl nicht viel zu ſehen“, meinte der Haushofmeiſter.„Herr Kepler ſtand in einem Haus⸗ rock von grauem Sammet, der aus einem abgetragenen Staatskleide durch die geſchickte und ſparſame Mutter zu dieſem Zwecke hergerichtet worden, denn er war an den Ellenbogen und unter dem Kragen geflickt, an 19 einem Tiſche und ſchrieb ſehr eifrig. Das Zimmer, das gar nicht groß iſt, aber eine ſchöne Ausſicht über die Moldau hat, ſah auch gar nicht anders aus wie jedes andere, gar nicht wie zum Beiſpiel das des Herrn Doctor Dee. Es ſtand nur auf einem Geſtell am Fußboden eine große Kugel in allerlei eiſernen Rei— fen. Frau Apollonia ſagte, es ſei ein Himmelsglobus An der Wand unweit des einen Fenſters hing ein großes hölzernes Dreieck, mit dem rechten Winkel nach oben, an einem Faden in der Schwebe. Das ſei ein wichtiges Inſtrument und ihr Sohn habe es ſich ſelbſt angefertigt, meinte meine alte Freundin. Ein großes Glas mit Waſſer, in das Frau Apollonia etwas Citro⸗ nenſaft gedrückt hatte, ſtand auf dem Tiſch, dem Arbei⸗ tenden ſo recht zur Hand, und er trank von Zeit zu Zeit davon und ſchaute dann mit leuchtenden Augen zum Himmel auf, ſchrieb wieder und lächelte wie ein glückli⸗ ches Kind, und dann ſchrieb er von neuem und faltete ſeine Hände wie zum Gebet. Durchlaucht können mir's glauben, es kommen einem fromme Gedanken, wenn man dem Manne zuſieht, der jetzt noch, wo ſeine dich⸗ ten braunen Locken ſich mit Silberfäden zu durchziehen anfangen, ein Geſicht hat wie ein glückſeliger Knabe. Sein Söhnchen Ludwig ſieht nicht glücklicher, nicht un⸗ ſchuldiger aus als der Vater, aber es gleicht ihm nicht, 2* 20 es gleicht der kranken, elenden Mutter, die trotz aller Pflege immer noch ſo hinträumt und, wie Rabbi Löw mir ſagte, ihren Verſtand ſchwerlich vor ihrem Tode wiederfinden wird.“ „Aber es geht doch dem Magiſter gut, ſein Ge⸗ halt wird ihm doch regelmäßig gezahlt?“ fragte Poli⸗ xena eifrig. „Das glauben Durchlaucht wohl ſelbſt nicht“, ent⸗ gegnete Euſebius.„Welchem von den Gelehrten, die in König Rudolf's Dienſte ſtanden, wird wohl irgend etwas gezahlt von ſeinem Bruder? Die andern haben ſich alle kurz reſolvirt und ſind aus Böhmen fortgegangen, und daran haben ſie ſehr wohl gethan; auch dem würdigen Magiſter ſind Anerbietungen gemacht von der Republik Venedig und von den Medicis in Florenz, aber der rechtſchaffene Mann hält es für ſeine Pflicht, hier erſt ſeine Amtsarbeit zu vollenden, und meint, daß ihm die Zahlung ſeiner Rückſtände von Kaiſer und Reich ſpäter ja doch werden würde. Er weiß freilich nicht, wie ſehr die alte Mutter ſich für ihn abarbeitet, wie knapp ſeine artigen Kinder ſich behelfen.“ „Tragen Sie Sorge, Euſebius, daß der Frau Wel⸗ linger es zu keiner Zeit an Wildpret, Fiſchen, Honig, Butter, guten Gemüſen und Früchten in ihrer Wirth⸗ ſchaft fehle“, ſagte die Fürſtin.„Sie hat ſich in unſern 21 Dienſten vortrefflich benommen und ſolch eine kleine Un⸗ terſtützung wohl verdient.“ „Zu Ew. Durchlaucht allergnädigſtem Befehl!“ ſagte der Haushofmeiſter, von Herzen erfreut über die Erlaub⸗ niß, ſeinen geſchätzten Glaubensgenoſſen ſo große Hülfe angedeihen laſſen zu dürfen. „Ja, ſie iſt gut, ſehr gut und brav unſere gnä⸗ digſte Fürſtin, und komme, was will, in dieſem unruhi⸗ gen Lande, ihre Diener, gleichviel ob Proteſtanten oder Katholiken, würden ſich, wenn ſie es forderte, für ſie in Stücke hacken laſſen“, dachte der wackere Mann, als er hinging, die nöthigen Befehle zu geben, daß der Familie Kepler in Prag von den wranudnitzer Erzeugniſſen alle Wochen zweimal die genannten Dinge zugeſendet würden. Apollonia fühlte bei dem Empfange der ſich immer zur rechten Zeit wieder erneuernden Sendungen, daß der Gott, der die jungen Raben nährt, ihr beiſtehe, und mit gerührtem Herzen dankte ſie dem wackern Euſebius für ſeine Vermittelung bei der Fürſtin. Es grenzte übri⸗ gens wirklich ans Wunderbare, mit wie geringen Geld⸗ mitteln Apollonia den Haushalt ihres gelehrten, vielge⸗ liebten Sohnes bei Ehren erhielt. Sie verſtand es, Klei⸗ der und Wäſche ſo auszubeſſern, daß ſie nie wie geflickte Lumpen ausſahen. Die Zimmer in der nicht allzu be⸗ 22 ſchränkten Wohnung hatten ſtets ein freundliches, behag⸗ liches Ausſehen, und es war den Kindern, der halbbe⸗ wußtloſen Kranken und vor allen dem eifrig arbeitenden Gelehrten wohl und behaglich in denſelben. In ſeiner bittern Armuth, bei dem tiefen Familienleiden, das die Krankheit ſeiner Frau mit ſich brachte, und trotz des tiefen Schmerzes über das Hinſcheiden ſeines geliebten Kindes war Johannes Kepler in dieſer Zeit ſeines Lebens ein glücklicher Mann, denn er fühlte ſich von jener Liebe umgeben, durch die das ſorgende, ſchaffende, geduldig ertragende Frauenherz auf dem Königsthrone und in der kleinſten Hütte ſo recht eigentlich einen geehrten und geliebten Mann zu beglücken weiß und die in der Geſtalt der reinen Mutterliebe auf Erden wahrſcheinlich ihren erhabenſten Ausdruck hat. Es war ſeiner Seele gleich nach dem Tode ſeines Lenchens Bedürfniß geweſen, die Beſchäftigung mit der trockenen Berechnung der Pruteniſchen Tafeln beiſeite zu legen. In dem Gedanken an das unſterbliche, ihm zu an— dern Sternen vorangegangene Ich ſeines Kindes ſchrieb er jenes unſterbliche Werk:„Die Harmonie des Weltalls“, in welchem er zunächſt die Wahrheit des Copernikaniſchen Syſtems auf das anſchaulichſte erwies, ſodann aber auch jenen großen Gedanken ſeines eigenen weltumfaſſen⸗ den Geiſtes niederlegte, der unter dem Namen des dritten — —— ☛ 23 Kepler'ſchen Geſetzes bis zu unſern Tagen zu den Grund⸗ ſteinen aller menſchlichen Erkenntniß der erhabenen Wiſ⸗ ſenſchaft der Aſtronomie gehört. Kepler's Vorſtellung von der Harmonie des Weltalls ließ ihn auch einen Zuſam⸗ menhang ahnen zwiſchen den Umlaufszeiten der Planeten und ihren Entfernungen von der Sonne, und ſein uner⸗ müdlicher Forſchergeiſt entdeckte, daß die Quadrate der Umlaufszeiten ſich wie die Würfel ihrer mittlern Ent⸗ fernung verhalten. Kepler eignete dieſe Schrift dem König Jakob I. von England zu, mit dem Wunſche, daß in ihm die Harmonie der Kirche zuſammenfließen möge. In einer zweiten Schrift:„Epitome astronomiae Co- pernicanae“, legt er ſeine Gedanken über die Firſterne nieder, die er alle für Sonnen, mit eigenen Planetenſy⸗ ſtemen umgeben, hält, und meint, daß unſere Planeten⸗ welt ſich in der Nähe der Milchſtraße befinde. Das Licht, ſagt er dort, fließt nicht aus der Sonne und den Sternen, ſondern entſteht durch deren Umwälzung, denn Kepler ſchloß aus Gründen der Phyſik ſchon auf die Umwälzung der Sonne, ehe Galilei noch mit ſeinem verbeſſerten Fernrohre die Sonnenflecken entdeckt hatte, durch deren regelmäßiges Kommen und Verſchwinden er ſich und Andere überzeugte, daß die Sonne ſich um ihre Achſe drehe. Auch lehrte Kepler in dieſem Buche ſchon, daß die Erde keine vollkommene Kugelgeſtalt habe, und 24 ſprach die Vermuthung aus, daß die andern Sterne des Firmaments bewohnt ſein müßten. Die drei Kepler“ ſchen Geſetze ſind es, die der Engländer Iſaak Newton ſpäter auf eine Einheit reducirte, auf das Geſetz von der allgemeinen Schwere. Alle Himmelskörper ziehen einan⸗ der an, nach dem verkehrten Verhältniß ihrer Entfernun⸗ gen zu einander. Kepler war es, der Licht in die Naturgeſetze brachte, der große Brite iſt nur als ſein Nachfolger zu be— trachten. Verſunken in das Nachdenken über Gottes Größe in ſeinen Werken, waren die mannichfachen Leiden und Kränkungen ſeines Erdenlebens ihm kaum fühlbar. Seine Zeit, ganz erfüllt mit kleinlichen theologiſchen Zänkereien, verſtand ihn nicht, wenn auch einige große Geiſter der⸗ ſelben, wie Galilei, ihn hoch verehrten. Seine Bücher kamen in Rom auf das Verzeichniß der verbotenen Schriften und brachten ihm nur wenig ein. Der Kaiſer zahlte gar nicht, und der größte Ge⸗ lehrte Deutſchlands hätte ſeine Kinder müſſen in Bettler⸗ lumpen hungern ſehen, wenn nicht die alte, einfache Frau, die ihn erzogen, ſein Haus geleitet und als ein helfender Engel den Jammer elender Bettelhaftigkeit von demſelben ferngehalten hätte. Die Pruteniſchen Tafeln waren aber immer noch 25 nicht beendet. Kepler's Freunde mahnten an Beſchleu⸗ nigung dieſer hochwichtigen Arbeit und unter andern ſchrieb ſein Schulkamerad und Studiengenoſſe Bernecker an ihn: „Verzeihe, mein Kepler, wenn ich Dich an die Mög⸗ lichkeit Deines Todes erinnere; meine Stimme iſt die des Publikums, und da Du doch immer ein ſterblicher Menſch biſt, ſo frage ich Dich: wer kann nach Dir dies Dein für die Unſterblichkeit beſtimmtes Werk beenden? Wahrlich, das Jahrhundert, das Dich in Noth läßt, be⸗ deckt ſich mit Schande.“ Hauptſächlich die Unglücksfälle Kaiſer Rudolf's wa⸗ ren es, die die Herausgabe der Tafeln verzögerten; die⸗ ſelben waren das erſte Werk, in welchem alle Berech⸗ nungen nach den wirklichen Bewegungen der Geſtirne gemacht ſind, und mit ihnen beginnt alſo ganz eigentlich eine neue Zeitrechnung. Kepler hatte das Werk endlich wirklich vollkommen beendigt und erhielt darauf ſeine Entlaſſung aus dem Dienſte des Matthias, der ſeine Arbeiten weder beachtet noch bezahlt hatte. Er hatte die Tafeln nach ſeinem kaiſerlichen Freunde Rudolfiniſche genannt und ſie haben den Namen dieſes Fürſten behalten. Kepler, der nun ſeines Dienſtes als kaiſerlicher 26 Aſtronom entlaſſen war, nahm eine Profeſſur in Linz an, die ihm angetragen wurde und bei der er hoffen konnte, ſeine Kinder ernähren und ſein krankes Weib pflegen zu können. Ehe er nach dieſem ſeinen neuen Wohnorte abging, ſah er ſich genöthigt, den Kaiſer Matthias nochmals dringend um Auszahlung ſeiner rückſtändigen, ſich jetzt ſchon auf zwölftauſend Thaler belaufenden Forderung zu erſuchen, beſonders aber um die nothwendigen Geldun⸗ terſtützungen, um den Druck der Rudolfiniſchen Tafeln zu ermöglichen. Doch waren dieſe ſeine ernſtlichen Bemü⸗ hungen, ſein großes Werk endlich der Menſchheit zugänglich zu machen, vollſtändig umſonſt. In ſeinem ſtillen Zimmer ſaß er in trübem Sinnen an dem Fenſter, von welchem er ſo oft den Sternenhimmel ſich in den Fluten der Moldau hatte ſpiegeln ſehen und an welchem er ſo viele Stunden ſeines Lebens zugebracht. Jetzt ſollte er es verlaſſen. Sein Herz war ſeltſam ſchwer bei dieſem Gedanken und er empfand von neuem alle die Ge⸗ fühle, die an dieſem ſtillen Platze ihn jahrelang in bald kühlen, bald glühenden Strömen durchwogt hatten. Er gedachte ſeines verſtorbenen Kindes, deſſen modernde Leiche er hier auf dem Teinkirchhofe zurückließ, und ſeg⸗ nete das Andenken an das holde Weſen. Er gedachte Polixena's und der heißen Schmerzen, die einſt dies Fral hatte wenn Die die nach all, eine mit ihm ug der 27 Frauenbild in ſeiner jugendlichen Männerbruſt erregt hatte. Sie waren erloſchen, wie eine Flamme erliſcht, wenn man ihren Gluten keine neuen Brennſtoffe zuführt. Die Fürſtin von Lobkowitz ſtand vor ſeiner Seele wie die Erinnerung an ein vollendetes Kunſtwerk. Er erkannte nach wie vor die hohen Vorzüge der ſeltenen Frau an, er dankte ihr mit Rührung für alle die Stunden eines rein geiſtigen Glücks, das er in der Unterhaltung mit ihr gefunden, und für alle die Wohlthaten, die ſie ihm und den Seinen erwieſen, aber er mußte ſich ſelbſt zugeſtehen, daß die geiſteskranke Mutter ſeiner Kinder, deren Fehler und Schwächen er ſtets nur allzu genau erkannt und die ſeine Geduld und Selbſtbeherrſchung nur allzuoft auf die Probe geſtellt, ſeinem geläuterten Herzen um Vieles theurer ſei als jenes Ideal ſeiner Jünglings⸗ träume.„Gott ſegne Dich, Polixena!“ betete er mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Augen. Dann führten ſeine durch die weiten Gefilde ſeiner Vergangenheit ſchweifenden Gedanken ihm das Bild ſei⸗ nes freundlichen Beſchützers Johannes Fickler vor die Augen.„Dir iſt wohl!“ ſagte er ſich leiſe.„Du biſt der Wahrheit, die Du hier auf Erden ſchon zu beſitzen glaubteſt, auf einem andern Stern jetzt näher gerückt. Und Du, mein Vater, unglücklicher, raſtloſer Wanderer, haſt Du Ruhe gefunden in einer andern Phaſe Deines 28 Daſeins, oder iſt der Schlaf im Grabe, der Schlaf ohne Traum, in welchem nach Gottes Barmherzig⸗ keit und der Gnade des Erlöſers im ſchlimmſten Falle das Erdendaſein auslaufen muß, Dir zu Theil ge⸗ worden?“ In ſchneller Gedankenfolge trat auch die Erinne⸗ rung an ſeine noch lebende Mutter vor ihn. Er hatte lange, lange Zeit keine Nachricht von ihr und ſeiner Schweſter wie ſeinen beiden Brüdern erhalten.„Auch ſie ſteht dem Grabe jetzt wohl nahe“, ſeufzte er. „Werden wir einander, ſo nahe durch das Blut ver⸗ bunden, noch einmal in dieſem Erdenleben wieder⸗ ſehen? Und wie wird es ſein, wenn wir alle, alle die Bitterkeit des Todes gekoſtet haben? Kann der irdiſche Tod das Ende alles Strebens ſein für den Menſchen⸗ geiſt, der mit Eifer und Treue im Leben die Wahrheit ſuchte? Unmöglich!“ antwortete ſein ahnender Geiſt. „Unmöglich, auch ohne die Verſicherung, die der Erlöſer ſeinen Schülern gibt. In meines Vaters Hauſe ſind viel Wohnungen, ſagte er. Viele, viele, jawohl, alle dieſe goldenen Sterne, die aus ungemeſſenen Fernen uns ihre leuchtenden Grüße ſenden, und alle die dunklen Erdbälle, die ſie auf ihren Reiſen durch die Unendlich⸗ keit des Weltalls begleiten. Die Menſchenſeele in dem kleinen, ſo vielen Gebrechen und Leiden ausgeſetzten Kör⸗ if 29 2 per iſt doch fähig zu ahnen, daß ſie ihnen einſt näher ſein wird. O der Glückſeligkeit, die in der Hoffnung liegt, ſie alle zu ſchauen und die geliebten Vorangegange⸗ nen unter andern, wahrſcheinlich ſchönern Bedingungen des Daſeins, denn Fortſchritt iſt ja das Geſetz alles Erſchaffenen, in Liebe wiederzufinden. Mein Lenchen, mein ſüßes, hier auf der Erde mir entflohenes Kind, wo werd' ich Dich wiederfinden?“ Eine beſeligende Freudigkeit war in Kepler's Seele wie ein lichtes goldiges Gewölk aufgeſtiegen. Er lächelte mit Thränen in den Augen, als Apollonia eintrat und ihm die Nachricht brachte, daß Rabbi Löw da ſei, um ihm und den Seinen vor ihrer Abreiſe Lebewohl zu ſagen. „Euer Angeſicht ſcheint vor Freude zu leuchten, mein verehrter Freund“, ſagte der würdige jüdiſche Arzt, als Kepler ihm bei ſeinem Eintreten voll Herzlichkeit die Hand ſchüttelte;„ſcheint Euch denn der Abſchied von Prag ſo ganz beſonders glückverheißend? Freilich iſt die Stadt voll Aufregung und Unruhe. Kaiſer Mat⸗ thias hält die Verſprechungen nicht, die er den Prote⸗ ſtanten auf den Majeſtätsbrief ſeines gütigen Bruders beſchworen.“ „Inwiefern, mein werther Freund?“ fragte Kep⸗ ler.„Ihr wißt, daß ich ſeit Kaiſer Rudolf's Ableben 30 ſehr wenig von dem Treiben der Parteien hier in Prag weiß.“ „Ja, Eure edle und geläuterte Seele ſteht über den Parteizwiſten, und doch ſeid Ihr ein echter Chriſt und ein gläubiger Proteſtant.“ „So hoffe ich“, entgegnete Kepler mit Beſcheiden⸗ heit,„aber erzählt mir, was von neuem geſchehen iſt das die von allen Theilen ſo heiß erſehnte Ruhe ſtört?“ „Darf ich, der Jude, Euch neben den Thatſachen auch meine Anſichten über dieſelben mittheilen?“ „Ich werde ſie nicht blos mit Aufmerkſamkeit, ſon⸗ dern mit aller Eurer Weisheit gebührenden Achtung an⸗ hören.“ „Es iſt eben nur die Anſicht eines Juden, mein Herr Magiſter, deſſen Väter, ſeit alters gedrückt und geknechtet, Fremde in allen Ländern Europas ſind. Seht, mein würdiger Freund, der blos Geduldete ſoll ſich beſcheiden betragen in einem Hauſe, wo man ihm Schutz und Obdach gibt. Wir, die Juden, zahlen unſere Ab⸗ gaben und Zölle und beſtreben uns, daß man unſer Da⸗ ſein womöglich vergeſſe; je weniger wir uns bemerkbar machen, deſto ſicherer ſitzen wir in den Räumen und en⸗ gen Straßen des Ghetto. Alſo, mein verehrter Herr Magiſter, meint nicht, daß ich, der verrufene, geſcholtene ag 31 Jude, mich und meine Glaubensgenoſſen in eine Kate— gorie ſetzen wolle mit Euch und den Euren; aber Gedul⸗ dete in dieſem Lande Böhmen, deſſen König zugleich deutſcher Kaiſer und Herr der katholiſchen Chriſtenheit iſt, ſind die Proteſtanten auch nur, und wohl ſtünde es ihnen an, ſich beſcheiden zu betragen. Aber ſtatt deſſen ſtreben ſie nur danach, ſich weiter und weiter auszubrei⸗ ten und nicht blos auf den ihnen eingeräumten Rechten zu beſtehen, ſondern ſie nach allen Seiten hin zu ver⸗ größern. Sie haben an vielen Orten neue Kirchen er⸗ baut, neue Prädikanten und Lehrer eingeſetzt, die gar nicht etwa ſtille, beſcheidene Männer, ſondern laute Schreier ſind, die, immerfort auf Andersgläubige ſchel⸗ tend, ihre Predigten und Bibelerklärungen für den einzi⸗ gen Weg zu Gott halten. Wo, wie in Eurem Vaterlande, auch der Fürſt und Herrſcher dem proteſtantiſchen Glau⸗ ben zugethan iſt, mag dieſes allenfalls hingehen, nicht aber hier, wo jedes Schimpfen auf die Katholiken eine direete Beleidigung des Landesherrn iſt. In Braunau und Kloſtergrab haben die Proteſtanten neue Gottes⸗ häuſer erbaut, wozu ſie nach dem Majeſtätsbriefe König Rudolf's, den Matthias beſchworen, wohl berechtigt ſind, aber ſie haben Prädikanten an dieſelben geſetzt, die auf Mönche und Nonnen ſo laut und unrbeſcheiden als möglich geſchimpft und die römiſche Kirche immer wieder und wieder als babyloniſche Hure verſchimpft haben. Da hat ein katholiſcher Prieſter von hohem Range und großer Macht, der Abt zu Braunau, die brau⸗ nauer Kirche ſchließen und der prager Erzbiſchof die in Kloſtergrab zerſtören laſſen. Die proteſtantiſchen Einwohner beider Städte haben ihre Abgeordneten nach Prag an die Reichsſtatthalter geſendet, denen ſie ihre Klagen in aller Beſcheidenheit vorgetragen. Gegenwär⸗ tig bei dieſen Klagen waren der Obriſtburggraf Herr Adam von Sternberg, Herr Diepold von Lobkowitz, ein Vetter des jungen Gemahls der verehrten Frau Fürſtin Polixena, und die beiden von den Proteſtan⸗ ten als Renegaten ſchwer gehaßten Herren Wilhelm von Slawata und Jaroſlav von Martinecz, von denen man ſich erzählt, daß ſie beſonders laut und zornig darauf gedrungen, die Abgeordneten von Braunau und Kloſtergrab ins Gefängniß zu werfen, da Alles, was dort geſchehen, auf Befehl Sr. Majeſtät geſchehen und die, welche ſich darüber beklagten, deshalb als Hochver⸗ räther zu betrachten ſeien. Die wackern Leute aus Braunau und Kloſtergrab wurden alſo in die ſchlimmen Gefängniſſe der Daliborka geführt, allwo ſie noch ſchmachten. Welch ein Lärm ſich ob dieſer Gewaltthat unter den proteſtantiſchen Standesherren erhoben, mögt Ihr Euch im O Sr.) ſtrun geſtel vergr kundi vont orie wele Gro Hert ſchie ande Wefe in d derſ uns und unſe der tete 33 Euch vorſtellen; ſie verſammelten ſich in hellen Haufen im Carolinum, wo ſie laut die Abſchrift des Briefes Sr. Majeſtät forderten, der die Schließung und Zer⸗ ſtörung ihrer Gotteshäuſer beföhle. Er wurde ihnen zu⸗ geſtellt und dadurch nur der Lärm und das Geſchrei vergrößert.„Wir ſind betrogen, man beraubt uns offen⸗ kundig, und Niemand ſchützt unſere Rechte, die uns doch von kaiſerlicher und königlicher Majeſtät zugeſichert und ver— brieft ſind. Wie viel iſt denn ein katholiſcher Eid werth, von welchem jeder Pfaffe den Schwörenden für ſechs böhmiſche Groſchen losſpricht?“ ſchrieen einzelne Haufen, und als Herr von Martinecz in den Höfen des Carolinums er⸗ ſchien und den Tumultuanten in ruhiger Rede ausein⸗ anderſetzte, daß es Sr. Majeſtät des Königs Matthias Befehl ſei, diejenigen für Aufrührer zu erklären, die ſich in den Sälen und Höfen des Carolinums zu Berathungen verſammelten, riefen viele hundert Stimmen:„Wir werden uns auf dem Hradſchin an rechter Stelle verſammeln und gedenken dort diejenigen zu finden, die uns heimtückiſch unſer gutes Recht rauben.“ Es war eine Scene voll wilden Entſetzens, und ich, der ich mich auf Amtswegen in der Nähe befand, flüch⸗ tete in die Gehöfte, wo Fürſt Schwarzenberg ſein neues Schloß erbauen läßt, um mit den auseinandergehenden Volkshaufen, die das Carolinum verließen, nicht zuſam⸗ Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 3 34 menzutreffen, und bin nun hier, Euch, mein werther Freund, ernſtlich zu ermahnen, mit Eurer Familie ſo raſch als möglich dieſen Ort des Aufruhrs, der wahr⸗ ſcheinlich ſehr bald eine Stätte des Blutvergießens und Entſetzens ſein wird, zu verlaſſen.“ „Ich hätte mich wohl noch bei der edlen Fürſtin von Lobkowitz, die mir und meiner Familie in dieſen ſchweren Zeiten ſo viel Gutes erwieſen hat, verabſchieden müſſen“, ſagte Kepler mit ernſter Feſtigkeit. „Sie iſt mit Gemahl und Kinderlein auf ihrem Schloſſe Raudnitz“, entgegnete der Jude.„Die edle Frau ſendet Euch ihre freundſchaftlichen Grüße, und mor⸗ gen mit dem Früheſten wird der Wagen hier vor Eurer Thür ſein, der Euch und all die Eurigen unter ſicherer Bedeckung nach Linz bringen ſoll. Der Gott Abraham's begleite Euch, und dieſe kleine Geldſumme betrachtet, wenn Ihr ſie als Freundesgabe anzunehmen zu ſtolz ſeid, als ein Darlehn, das Ihr dem Juden verzinſen und wiedergeben könnt, ſobald es Euch paſſend iſt.“ Kepler drückte voll dankbarer Rührung die Hand des wackern Mannes, der ſich ihm ſchon ſo oft als wahrer Freund gezeigt hatte, und ſagte:„Habt Dank! Euer Anerbieten kommt mir ſo recht als Hülfe in der Noth. Die kaiſerlichen Kaſſen haben mir auch jetzt wie⸗ der keine Zahlung geleiſtet, und wenn Eure großmüthige 35 Güte meinen Bedürfniſſen nicht jetzt zuvorgekommen wäre, hätte ich Euch oder den wackern Haushofmeiſter meiner fürſtlichen Freundin durchaus noch um ein Dar⸗ lehn bitten müſſen. Wohl mir, daß ich in meinen traurigen Verhältniſſen Freunde habe, die mir helfen können und wollen; ohne dieſes Glück würde ich mich in der allerdrückendſten Armuth und mit meinen Kindern dem Hungertode ſo nahe befinden, als meine arme, kranke Frau dies in frühern Zeiten oft gefürchtet hat.“ „Sicherlich nicht, ſolange Rabbi Löw lebt und über einen böhmiſchen Gulden zu gebieten hat“, ſagte der Jude.„Ihr ſeid ein glücklicher Mann, Herr Magiſter Kepler, denn Ihr beſitzt eine doppelte Schatzkammer, Euer genügſames Herz, das ſich auf Eure wackern Kin— der zu vererben ſcheint, und die ehrerbietige Liebe aller, die Euch kennen. Glaubt mir, Ihr könntet den Ghetto hinauf und hinab an jede Thür klopfen und gewiß ſein, daß man ſich's zur höchſten Ehre ſchätzen würde, Euch jede beliebige Summe vorzuſchießen, trotz der ſchweren Zeiten, die ſeit des guten Kaiſers Rudolf Tode über Prag gekommen ſind.“ „Ja, die Zeiten ſind ſchwer, ſehr ſchwer!“ war Kepler's trübe Antwort;„eine Hand iſt in Böhmen wi⸗ der die andere, und was daraus entſtehen wird, daß Se. 3* 36 Majeſtät Kaiſer Matthias ſo offenkundig die Thaten derer beſchützt, die ſeiner proteſtantiſchen Unterthanen verbriefte Rechte verrathen, mag der Allmächtige wiſſen.“ „Mein geehrter Freund“, ſagte der Jude mit ſeiner gewohnten ſanften Art,„ich weiß, daß ich mit Euch aufrichtig ſprechen kann, Mann gegen Mann, ohne Rückſicht auf unſere verſchiedene Stellung in der Welt, denn Ihr meint, daß auch der verachtete Jude das Recht hat, Euer Freund zu ſein. Wohlan denn, der Kaiſer thut Unrecht, grobes, ſchweres Unrecht, daß er, den die Stimme der Proteſtanten ins Land rief, ihnen nicht aufrichtiger Wort hält. Er ſcheint das Vorhandenſein des Majeſtätsbriefs, der ſeinem Bruder mit Gewalt abgerungen, von ihm aber frei⸗ willig und ganz freundlich unterzeichnet iſt, ganz und gar vergeſſen zu haben, doch hält er jedes für den Katholicismus ſprechende Pactum deſſelben gar wohl in ſeinem Gedächtniß⸗ Die böhmiſchen Proteſtanten ſol⸗ len ruhig und beſcheiden leben, Frieden halten mit den neben ihnen lebenden Katholiken, iſt auch ein Punkt je⸗ nes vielbeſprochenen Inſtruments; das aber haben die Prädikanten in Kloſtergrab und Braunau keineswegs ge⸗ than. Wie einſt in Steiermark haben dieſe geiſtlichen Her⸗ ren durch lautes Schimpfen und ſehr unanſtändige Re⸗ den, die ſie über den Papſt, die katholiſche Kirche, über 37 Mönche und Nonnen geführt, den Zank auch hier ange⸗ fangen. Haben Sie nicht dem Wunſche Kaiſer Rudolf's, den verbeſſerten Kalender nun endlich auch einzuführen, offen und ſehr unartig Trotz geboten? Pfaffen ſind Pfaf⸗ fen, mein werther Freund, in allen Religionen und Con⸗ feſſionen, und kein Kaiſer noch Kanzler ſchadet dem Ge⸗ deihen des Glaubens, zu dem auch Ihr Euch bekennt, Herr Magiſter, ſo ſehr als gerade die, welche ſeine Prie⸗ ſter ſind.“ Erſtaunt ſah Kepler in das ſchöne Greiſengeſicht ihm gegenüber, das ihn trüb und theilnehmend anblickte. „Ihr würdiger Mann“, ſprach der Jude weiter, „müßtet mit Eurem reinen Herzen an der Spitze der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit ſtehen— ich weiß ja, Ihr habt die Gottesgelahrtheit ſtudirt und ſeid ein großes Licht auch in dieſer Wiſſenſchaft— Ihr würdet die erhabenen Ausſprüche Eures Meiſters, der ja doch auch ein Sohn des Volkes war, das ſeine Schüler alle, ohne Unterſchied der Confeſſion, jetzt ſo ſehr verachten, jene ſchönen Worte: „Selig ſind die Friedfertigen, denn ſie werden Gottes Kinder heißen“, und:„Selig ſind die Sanftmüthigen, denn ſie werden das Erdreich beſitzen“, zur Richtſchnur Eurer Handlungen nehmen.“ „Unſere Kirche hat kein ſichtbares Oberhaupt“, ent— gegnete Johannes Kepler mit Milde,„gewiß aber iſt, 38 daß Sanftmuth und Friedfertigkeit die nothwendigſten Tugenden für unſere Zeiten wären.“ „Jetzt nicht, jetzt nicht mehr“, rief der Jude;„die Zeit iſt reif für das Schwert, und es wird kommen! Ströme von Blut werden fließen nicht nur hier in Böh⸗ men, ſondern vor allem auch in den Ländern deutſcher Zunge. Kunſt und Wiſſenſchaft werden auslöſchen im Blute, wie die Lampe erliſcht, auf deren Flämmchen ſich Waſſerſtröme ergießen. Gott ſchütze Euch, mein theurer Freund, und laſſe das Licht der Weisheit, das Ihr an⸗ gezündet, leiſe fortbrennen bis auf beſſere Zeiten, wo nach Euch Männer, großdenkend und edelherzig wie Ihr, ihm neuen Nahrungsſtoff zuführen werden. Dieſe Zeit iſt nicht reif für Euch, weder für die ſanften, geläuterten Ideen Eures Chriſtenthums, noch für die großen An⸗ ſchauungen, mit denen Ihr die Schöpfung Gottes be⸗ trachtet. Nur eins, mein edler Freund, möchte ich Euch zu erkennen geben, bevor wir ſcheiden, das iſt die tiefe, ehrfurchtsvolle Liebe, die ich für Euch empfinde. Ich bin ein Jude; mein Volk, mein Stamm, mein Glaube ſind verachtet von den Chriſten aller Länder. Durch ſchwere Abgaben erkaufen wir uns die Erlaub⸗ niß, hier unter Euch zu wohnen, aber wir ſind trotzdem doch eigentlich ſchutz⸗ und rechtlos. Je weniger wir von uns ſehen laſſen, deſto beſſer für uns; wir verleugnen b V V n n 39 alle unſere beſſern Eigenſchaften vor Euch, nicht blos den Reichthum, der Euren Neid erregt, auch unſere Kenntniſſe, die Ihr ſo leicht für gottlos und zauberiſch zu erklären bereit ſeid. Wir müßten unausſprechlich elend ſein, verhaßt, verachtet, beſchimpft und beraubt, wie wir es in jedem Augenblick von Euch werden, wenn nicht Gott, der den Wind für das geſchorene Lamm ſänftigt, auch unſerem Jammer ein Gegengewicht gegeben hätte, das uns gleichſam bei der Geburt mitgegeben zu ſein ſcheint, obgleich es nichts Anderes iſt als das natürliche Reſultat unſerer Erziehung. Wir halten feſt zu einander und beſonders feſt und heilig ſind bei uns die Familien⸗ bande; durch ihre Heiligkeit eben iſt die Erziehung eines Juden weſentlich eine beſſere, das heißt den Verhältniſſen angemeſſenere, als die der meiſten Chriſtenkinder. Früh lehrt der Vater ſeine Kinder das, was dem Menſchen am nothwendigſten iſt, die Kunſt, ſich das tägliche Brod zu erwerben. Thätigkeit, Frömmigkeit, Familienliebe ſind weſentlich jüdiſche Tugenden. Aber mit dieſen zugleich erwacht in der Bruſt des geknechteten Juden auch ein Stolz, der ihn die Mißhandlungen ſeiner Feinde wie dieſe ſelbſt verachten lehrt. Der Jude, der, um einen böh⸗ miſchen Groſchen zu gewinnen, tauſendmal lügt und ſeine Lügen beſchwört, verachtet den Gojim, mit dem er betrü⸗ geriſch handelt, tauſendmal mehr als dieſer ihn, und je 40 mehr er ſich krümmt und beugt vor ſeinem Gaſt oder Handelsfreund, den er ſtets für ſeinen Todfeind hält, deſto tiefer iſt die Verachtung, die er gegen ihn fühlt. Ich bin keine Ausnahme in meinem Volke, mein Herr Magiſter, und ich ſage Euch jetzt, daß Ihr der einzige Chriſt ſeid, den ich achte und an dem ich Alles, ſelbſt Euer Chriſtenthum, hoch verehre. Es gibt nichts, was ich tiefer verachte als den Firlefanz, den Katholiken und Proteſtanten jetzt ihr Chriſtenthum nennen. Ich halte die elende Buchſtabenklauberei, wegen der ſich die Par⸗ teien ſo wüthend zanken, für die jämmerlichſte Albern⸗ heit, von Pfaffen erfunden, um ihr Regiment zu befeſti— gen, und bin Menſch genug, um über das Elend zu trauern, das dadurch in die Welt gerufen wird, obgleich ich als Jude mich deſſelben freuen ſollte und könnte. Euch aber, Magiſter Johannes Kepler, Euch liebe und ehre ich und möchte ſagen, wenn es nicht zu ſeltſam klänge, daß Euer Chriſtenthum das meine iſt. Lebt wohl und nehmt aus dem Vertrauen ab, mit welchem ich durch dies Geſtändniß Leben und Vermögen in Eure Hand lege, wie hoch ich Euch ehre. Gott ſei mit Euch, und gedenket auch in ſpätern Zeiten des Juden, der Euer Freund war.“ Bei dieſen Worten hatte ſich der Greis zu ſeiner ganzen, die gewöhnliche Mannesgröße bei weitem über⸗ 41 ragenden Höhe emporgerichtet und ſchritt davon nach der Brücke, da er die Abſicht hatte, nach dem Hradſchin zu gehen, wohin eine große, meiſtens bewaffnete Volks⸗ menge ſich ſchon ſtundenlang drängte. Kepler aber ging in das Familienzimmer, wo ſeine beiden Kinder ſich neben der Großmutter Apollonia noch mit den letzten Vorkehrungen für die morgende Reiſe beſchäf⸗ tigten. Eine Reiſe im Beginn des ſiebzehnten Jahrhun⸗ derts war etwas ganz Anderes als heute in der letzten Hälfte des neunzehnten, wo Dampfkraft und Elektricität faſt den Begriff der Ferne aufheben. Der Umzug der Familie Kepler's von Prag nach Linz war für dieſen ſelbſt und jedes Mitglied derſelben außer den beiden Kindern durchaus kein Vergnügen und wurde Apollonia, die ſich ſeit Barbara's Krankheit ganz eigent— lich als die Mutter derſelben betrachtete, doppelt und dreifach erſchwert. Es war ſchon ein beſchwerliches Amt geweſen, der armen, meiſtens in dumpfes Hinbrüten verſunkenen Frau begreiflich zu machen, daß Tiſche, Stühle und alle ſonſti— gen Hausgeräthe von ihrem gewohnten Platze gerückt werden müßten. Das Einpacken der Wäſche und Klei⸗ dungsſtücke machte ſie ganz unruhig; ſie glaubte, daß man ihr all ihr Eigenthum rauben wolle, und verſuchte 42² bald durch flehentliches Bitten, bald durch heftigen Zorn Apollonia, die ſie jetzt wieder für ihre Todfeindin hielt, von dieſem Vorhaben abzubringen. Sie ſchalt laut und in ihrer allerrauheſten Weiſe auf ihren Mann, der noch nie, zu keiner Zeit ihres Beiſammenlebens auch nur den Verſuch gemacht habe, ihr Eigenthum zu beſchützen, und als endlich Kepler ſelbſt erſchien, den Ludwig herbeizu⸗ rufen trotz Apollonia's Verbot für nöthig gefunden hatte, überhäufte ſie ihn mit einer Flut von Schmähungen, denen er wie in den Tagen ihrer Geſundheit Ruhe und Freundlichkeit entgegenſetzte. Apollonia trat von Zeit zu Zeit an ſeine Seite und legte ihre kleine Hand auf ſeine Schulter, gleich⸗ ſam als wolle ſie ihm durch die Berührung der Mut⸗ terhand Muth einflößen, ein Ungemach zu ertragen, von dem ſie meinte, daß es für die geiſtige Kraft eines Mannes faſt zu groß ſei. Gerade aber in der Geduld und Ruhe, mit welcher der große Geiſt Kepler's die kleinlichen und doch ſo peinigenden Leiden ſeines Familienlebens ertrug, bewährte ſich die Erhabenheit ſeines Charakters. Kepler liebte ſeine unglückliche Gattin mit aller der Liebe, die das Chriſtenthum befiehlt und in der wahrlich die höchſte Vollendung jeder menſchlichen Tugend liegt, und der größte Gelehrte, der tiefſte Denker ſeiner Zeit bewährte hier ſeinen Menſchengeiſt als das echte Ebenbild Gottes. ——— 43 Denn es iſt ſicherlich die höchſte Erhabenheit der gött⸗ lichen Vorſicht, daß ſie ſich nicht nur in der Größe und Allmacht des Weltbaus, ſondern auch in der liebevollen Vorſicht für das kleinſte ſeiner Geſchöpfe offenbart, und daß ſie liebend das Glück auch der Thoren im Auge behält, die ſie verleugnen und ſchmähen. Neben ſeiner wahnſinnigen Gattin war Johannes Kepler der echte wahrhafte Chriſt, ein würdiger Nach⸗ folger des Erlöſers, der den Ausſpruch deſſelben durch die That bekräftigte; er fühlte, daß man de— nen mit Milde vergeben muß, die nicht wiſſen, was ſie thun. Auch jetzt gelang es ihm wieder die Scheltende zu beſchwichtigen, und er war erſt kurze Zeit im Zimmer bei den Seinigen, als ein heiteres Geſpräch von Mund zu Mund flog, in welchem die beiden Kinder ihre Träume von den Abenteuern der bevorſtehenden Reiſe und das Bild, das ſie ſich von ihrem künftigen Aufent⸗ haltsorte machten, zur Freude des Vaters der Großmama zum Beſten gaben. „Gott Lob!“ ſagte Kepler,„daß der Kindheit Alles zum Feſte wird; es gibt kein Verhältniß im Leben, dem ſie nicht die heitere Seite abzugewinnen wüßte.“ „Gewiß“, entgegnete Apollonia,„und auch darum 44 iſt der Ausſpruch des Erlöſers ſo ſchön und wahr, daß wir umkehren und wie die Kinder werden müßten, um das Himmelreich zu erwerben.“ Kepler küßte die milde Mutterhand Apollonia's und ging wieder zurück in ſein eigenes kleines Arbeits⸗ zimmer, ſeine Bücher, Manuſcripte und Inſtrumente zu packen. Der Eintritt des Meiſters Euſebius unterbrach ihn bei dieſem Geſchäfte, doch freute ihn dieſe Unter⸗ brechung, denn wie ſo oft ſchon war ihm der wackere Mann der Ueberbringer freundlicher Botſchaft von ſei— ner Herrin geweſen. „Ihre Durchlaucht ſind vor einer Stunde von Raud⸗ nitz hier eingetroffen; der Herr Fürſt haben ſie nicht be⸗ gleiten können, da beſondere Geſchäfte ihn auf dem Land⸗ ſitze feſthielten. Es iſt ein kaiſerlicher Bote in Raudnitz eingetroffen, der wichtige Nachrichten bringt von Sr. Majeſtät, unſerem ungnädigſten König Matthias, der diejenigen Proteſtanten will an den höchſten Galgen hän⸗ gen laſſen, die ſich noch einmal unterſtehen, Verſamm⸗ lungen im Carolinum zu halten. Der neugewählte Böhmenkönig ſcheint in Wien zu vergeſſen, daß er zur Krone dieſes Landes nur gelangte, weil die mit ſeinem Bruder unzufriedenen Stände dieſes Landes den ſchwa— chen Mann abſetzten und ihn, den falſchen Lügner wähl⸗ ten. Es iſt nur gut, daß die Männer Böhmens heute ——— — 45 noch wie in ihrer Urväter Zeit ein Schwert tragen und es zu führen wiſſen.“ „Gott bewahre uns vor Aufruhr und Blutvergießen“, entgegnete der Gelehrte. „So ſage auch ich“, meinte der Haushofmeiſter, „dennoch aber, mein Herr Magiſter, würden wir beide nicht die letzten ſein, wenn es nöthig würde, unſern heiligen Glauben zu ſchützen und unſer gutes altböhmi⸗ ſches Recht zu wahren.“ „Ich bin kein Böhme“, ſagte Kepler gefaßt und ruhig, „ich bin ein deutſcher Mann und will als ſolcher leben und ſterben.“ „Ah, das hatte ich vergeſſen“, rief der Haushof⸗ meiſter,„und noch etwas Hochwichtiges dazu, daß näm⸗ lich Ihre Durchlaucht meine gnädigſte Fürſtin Euch bit⸗ ten läßt, ihr vor Eurer Abreiſe heute noch Lebewohl zu ſagen. Es haben auf ihren Befehl unſere Leute auch den Wagen gepackt, auf dem Eure Familie morgen die Reiſe machen wird; laßt Frau Apollonia gut nachſchauen, was ſie da an Wegzehrung finden wird. Es iſt Wein und Obſt eingepackt, ein Rehziemer, eine gebratene fette Gans, ein Schinken, Weißbrod und Schwarzbrod und noch viele andere gute Dinge zur Nahrung und Er⸗ quickung für Geſunde und Kranke, auch weiche Kiſſen und warme Decken, damit das rauhe Wetter Keinem beſchwer⸗ 46 lich falle. Ihr ſelbſt werdet in den Satteltaſchen Eures Pferdes noch etwas finden, das Euch die Reiſe er⸗ leichtern wird. Da nehmt dieſen kleinen Schlüſſel und öffnet damit die Taſche von gutem Schafleder, die verſchloſſen am Sattelknopf hängen wird, und verbraucht in Geſund⸗ heit, was Euch wahrlich mit gutem Willen gegeben wird.“ Kepler ſtand feſt regungslos vor dem Boten, der ihm ſo in ganz unumwundener Art von Polixena's neuer Großmuth Nachricht brachte. Als aber Euſebius nun ging, um ſeine alte Freundin Frau Apollonia aufzuſuchen, der er von ſeiner durchlauchtigſten Herrin noch Mancherlei aus⸗ zurichten habe, überließ er ſich einem Gefühl, das nichts weniger als angenehm und beglückend war. Wieder hatte Polixena ihn mit Wohlthaten überhäuft! Sein Herz ſchwoll über, daß er dieſelben um der Seinen willen annehmen mußte. Niemand außer Gott konnte die Größe des Opfers erkennen, das Kepler's edelſtolzes Herz ſeiner leidenden Gattin, ſeinen armen Kindern brachte, indem er Wohlthaten, Speiſe und Trank aus der Hand annahm, die mit Küſſen zu bedecken, mit ſüßen Schmeichelworten an ſein pochendes Männerherz zu drücken ſein höchſtes irdiſches Glück geweſen wäre. Mehrere Minuten ging er heftig bewegt im Zimmer auf und nieder, ehe der Sturm widerſtreitender Gefühle in ſeinem Herzen ſich legte. Endlich aber war er mit ſich ſelbſt fertig und fuhr gefaßt in der Arbeit des Einpackens fort. „Ihr werdet mich alle begleiten, Geräthſchaften meiner beſeligenden Arbeiten“, flüſterte er in ſich hinein, „und indem ihr mein Ich auch dort, wo ich jetzt wei⸗ len werde, mit ſo Vielem, was außerhalb der Erde liegt, bekannt macht, werdet ihr mir die Kraft geben, mich ſelbſt über die Kleinlichkeiten zu erheben, die man pomp⸗ haft Glück nennt und die faſt immer auf nichts Ande⸗ res hinlaufen als auf phyſiſchen Genuß. Sie weiß, die erhabene Frau, deren Großmuth und Güte ich auch jetzt wieder ſo lebhaft anerkennen muß, ſie weiß, daß meine Armuth unverſchuldet iſt, daß meine lieben Kinder nicht Noth leiden dürften, wenn der Herr, dem ich diene, der meine Arbeiten zu bezahlen verſprochen, ſo recht⸗ ſchaffen wäre, als es das Geſetz von den Aermſten im Lande fordert. Weil ich keinen andern als himmliſchen Lohn empfing für meine Arbeiten, für die Arbeiten, die ich zur Ehre Gottes und zum Nutzen der Menſchheit ausführte, nur darum bin ich der Bettler, der Wohltha⸗ ten annehmen muß, um ſeinen Kindern das tägliche Brod geben zu können. Verzeih's Gott denen, die mich in ſolche Lage brachten.“ Der Abſchied Kepler's von der Fürſtin war ernſt und ſtreng geregelt von dem Pflichtgefühl der beiden 48 ſeltenen Menſchen. Kein Blick, kein Augenaufſchlag hätte dem aufmerkſamſten Beobachter verrathen können, was in beiden vorging. Und als am nächſten Morgen der Gelehrte das edle Pferd beſtieg, das die Frau, die er mit vergötternder Liebe im Herzen trug, ihm geſchenkt hatte, fühlte er nicht mehr die geſtrige Demüthigung; die reiche Ausſtattung deſſelben, die Geldſumme, die es in ſeine Hände geliefert, und alle ſeinen Kindern geſpende⸗ ten Wohlthaten erſchienen ihm wie Sonnenſtrahlen, wie heilige Gaben von oben, aus Händen kommend, die nur Gutes und Vollkommenes geben können. Während die Familie Kepler's ihre Reiſe mit allen Bequemlichkeiten begann und fortſetzte, die in jener Zeit durch Geldmittel und deren verſtändige Verthei⸗ lung unterwegs zu erreichen waren, bereiteten ſich in dem heftig aufgeregten Prag Begebenheiten vor, die die Weltgeſchichte auf ihren ehernen Tafeln mit blutiger Schrift verzeichnet hat. Kaiſer Matthias hatte den erbitterten Proteſtanten ihre Zuſammenkünfte im Carolinum verboten, und die an denſelben betheiligten proteſtantiſchen Standesherren Böhmens, Männer, durch Reichthum, Muth, Geiſt und große Beredtſamkeit ausgezeichnet, nahmen dies Verbot als die höchſte Beleidigung ihrer Rechte auf. „Wohl“, ſagte Budova,„wir werden des Königs 49 Gebot befolgen und uns da zur Berathſchlagung ver⸗ ſammeln, wo zu erſcheinen wir ein ſo gutes Recht ha⸗ ben als der König ſelbſt.“ In der Morgenſtunde zwiſchen zehn und elf Uhr gingen alſo die proteſtantiſchen Standesherren Schlick, Thurn und Budova und noch viele andere hinauf nach dem Hradſchin, wo die derzeitigen Statthalter des Kö⸗ nigreichs bereits verſammelt waren, um die Antwort entgegenzunehmen, welche die Proteſtanten dem Kö⸗ nige auf ſeinen Zornbrief zu geben für paſſend finden würden. Dieſe Herren gehörten alle zur katholiſchen Partei, die Matthias ſeit ſeiner Thronbeſteigung ganz offen⸗ kundig begünſtigt und mit den höchſten Ehrenämtern des Staates betraut hatte. Beſonders wurden alle diejeni⸗ gen mit Gütern und Chren überhäuft, die, aus prote⸗ ſtantiſchen Familien ſtammend, zum Katholicismus über⸗ getreten waren; auch der junge Fürſt von Lobkowitz, Polixena's Gemahl, würde die Wahl unter den glän⸗ zendſten Stellen in der Verwaltung des Reichs gehabt haben, wenn er ſich nicht auf den Wunſch ſeiner Ge⸗ mahlin, die von ihm forderte, daß er ſich dem Könige, der ſeine Krone durch offene Rebellion gegen ſeinen Bru— der erlangt hatte, nicht anſchließen ſolle, von allen Ge⸗ ſchäften gänzlich zurückgezogen. Er befand ſich daher 4 Burow, Johannes Kepler Zweite Abtheilung. III. 50 auch an dieſem verhängnißvollen Tage nicht in Prag⸗ die Verwaltung ſeiner bedeutenden Güter beſchäftigte ihn, und fern von dem wilden Zwiſte der Parteien fand er im Umgang mit ſeiner Gattin und in der Erziehung ſeiner Kinder ſein Glück und ein reiches Feld zur Uebung ſeiner Kraft und Thätigkeit. Polixena war aber in Prag und ſaß an einem Fen⸗ ſter ihres prächtigen Palaſtes, das in den Hirſchgraben hinabſieht, als ſie das Heranwogen einer ungeheuren Menſchenmaſſe bemerkte, die bewaffnet und heftig auf⸗ geregt ſich in die Pforten der Höfe drängte, welche das Kaiſerſchloß umgaben. Die Fenſter des grünen Saals, in welchem die Statthalter ſaßen, ſind ziemlich hoch, da hier eine Fel⸗ ſenwand den Grundbau der Königsburg trägt, die ſich ziemlich ſteil niederſenkt nach einem Theil des Hirſch⸗ grabens. Die Fürſtin konnte dieſe Gegend überſehen, und die Klänge der lauten Stimmen aus dem grünen Saale berührten von Zeit zu Zeit ihr Ohr. Von den entgegengeſetzten Höfen des Hradſchin herauf ertönten die wilden, lauten Stimmen der dort ſich drängenden bewaffneten Volksmenge. Selbſt Polixena's muthiges Herz fühlte einen Schau⸗ der, als ſie ſich der wüthenden Maſſe ſo nahe ſah und die Ueberzeugung empfangen mußte, daß ſelbſt die feſten 51 Mauern ihres Schloſſes ſie gegen dieſelben nicht ſichern würden, da ſich keine Männer bei ihr befanden, die es gegen einen ſolchen Andrang vertheidigen konnten. Sie betete, aber mehr um Gottes Schutz für die bedrängten Häupter ihres Volkes als für ſich ſelbſt, und als ſie bemerkte, wie die empörte Menge ſich gegen die Thüren des Kaiſerſchloſſes drängte und ſie mit wildem Wuthgeſchrei zerſchlug, ſodaß der Eingang nach den Berathungsſälen ihr offen ſtand, rief ſie die kleine, ihr zu Gebote ſtehende Dienerſchaft zuſammen, an deren Spitze Euſebius vor ſeine Herrin trat. „Durchlaucht“, ſagte der wackere Mann, als die Fürſtin ihn um die Urſache des furchtbaren Tumults fragte,„die Leute da draußen, meine Glaubensbrüder, haben lange ihr gutes Recht mit Beſcheidenheit gefor⸗ dert; jetzt werden ſie verſuchen, was Kraft und Trotz gegen die falſchen Renegaten ausrichten, die ihre beſchei⸗ denen Bitten verhöhnten. Für eine zarte Dame, wie Ew. Gnaden, iſt hier jetzt nicht gut ſein, und es wäre beſſer, wenn Ihre wenigen Diener mit Güte von dieſen Leuten freien Abzug für Euch begehrten. Hat einmal ihr gerechter Zorn den Damm durchbrochen, dann möchte es zu ſpät ſein.“ „Das kann Euer Ernſt nicht ſein, Euſebius“, ent⸗ gegnete die hohe Dame mit Würde.„Hier bin ich in 4* 52 meinem Hauſe, und dort nebenan, wo jetzt der wildeſte Aufruhr tobt, befinden ſich Freunde von mir, und nahe Verwandte meines Gatten ſtehen auf beiden Seiten der Kämpfenden. Welche Partei auch ſiegen möge, immer wird das Haus, das der Obriſtburggraf von Roſenberg ſeiner Wittwe hinterließ, eine Zufluchtsſtätte für ihre Freunde und Verwandten ſein, wenn ſie ſich in Noth befinden. Ihr habt hier auch Schutz gefunden in ſchlimmen Tagen, mein wackerer Diener, und als Eure Glaubensgenoſſen von Haus und Habe vertrieben wurden, habt Ihr hier fried⸗ lich gewohnt, und die katholiſche Herrin hat den prote ſtantiſchen Diener geſchützt und ſeiner Familie Obdach gegeben. Jetzt iſt vielleicht die Zeit, mir dieſe Nachſicht und Duldſamkeit zu vergelten, denn die Menſchenhaufen, die uns dort ſo drohend umgeben, ſind Eure Glaubens⸗ brüder. Ich ſehe den Grafen Schlick und Wilhelm von Raupowa unter ihnen auf und ab gehen und ſie mit ihren Reden zu neuen Wuthausbrüchen anfeuern. Jetzt zeigt mir, daß ich keine Schlange in meinem Buſeun nährte, als ich dem Proteſtanten Schutz angedeihen ließ; wollt Ihr mir beiſtehen, wenn ich ohne Anſehen der Partei denjenigen Schutz und Zuflucht gewähre, die ſich vielleicht in Todesnoth zu mir flüchten?“ „Ich ſtehe zu Euch, meine edle Herrin, in Noth und Tod und werde alle die Bedrängten mit meinem ) 53 Herzblute ſchützen, die die edle Fürſtin Polixena ihres Schutzes würdig hält.“ Der alte Diener war bei dieſen Worten vor ſeiner Herrin auf die Kniee geſunken und hob ſeine Hand zum Gelübde empor. Von draußen aber drang das wilde Geheul der zur äußerſten Wuth aufgeſtachelten Menſchenmaſſe lauter als das Toben der Brandung zu den Beiden herauf. Polixena's edle Stirn ward nicht um einen Ton bleicher bei dieſem gefahrdrohenden Lärm. Aufgerichtet, zart und lieblich, nicht wie eine Bellona, ſondern wie ein Engel des Friedens ſtand ſie in ihrem neben jenem wilden Toſen ſo friedlichen Zimmer und ſagte mit einer Miene, die faſt ein Lächeln genannt werden konnte:„Gott iſt unſer Schutz in dieſer drohenden Gefahr, und wohl uns, daß wir unſere Lieb⸗ ſten und Theuerſten fern von dieſer empörten Stadt in Frieden und Sicherheit wiſſen.“ Nur wenige Schritte entfernt von der hochherzigen Frau tobte in dem grünen Saale des Hradſchin jetzt der wildeſte Streit. Die vier anweſenden Statthalter, Män⸗ ner, denen der feſte Muth aus jedem Geſichtszuge leuch⸗ tete, Adam von Sternberg, Diepold von Lobkowitz. Wil⸗ helm von Slawata und Jaroslav von Martinecz, ſaßen ziemlich in der Mitte des nicht übermäßig großen Saals, und die Herren von Schlick, Fels, Thurn und Raupowa, 54 mit Piſtolen bewaffnet, drängten ſich weniger um den Tiſch, als ſie von der nachſtrömenden Volksmenge ge⸗ drängt wurden. „Was iſt der Wunſch der hier wider Geſetz und Recht eingedrungenen Maſſen?“ ſagte Lobkowitz mit einer Stimme, die das Gebrauſe all jener empörten Men⸗ ſchenſtimmen übertönte. „Gerechtigkeit!“ brüllten fünfzig heiſere Kehlen ihm entgegen;„Rache, Rache an den Renegaten und Ver⸗ räthern!“ ſchrieen andere, während von allen Seiten von den Höfen und Treppen herauf die Rufe:„Nieder mit den Schurken!“ wie das Brüllen hungriger Löwen die armen eingekeilten Männer umdrohten. „Was begehrt Ihr von uns? Was iſt Eure Be⸗ ſchwerde über das Regiment, das Se. Majeſtät Mat⸗ thias, unſer erwählter König, uns übertragen?“ ſagte der Oberſtburggraf Adam von Sternberg. „Friedensſtörer ſeid Ihr alle“, ſchrie der rieſige Utraquiſt Paul von Rziczan.„Wir begehren, daß der Majeſtätsbrief, der uns Glaubensfreiheit zuſichert, ehr⸗ lich gehalten werde!“ Herr Kolon von Fels aber trat, ſo gut ſich dies in ſolchem Gedränge thun ließ, vor den erſten Sprecher und ſagte:„Wir haben nichts gegen den Herrn Obriſt⸗ burggrafen, noch gegen ſeinen edlen Gefährten Herrn 55 Diepold von Lobkowitz; wir ſind trotz ihres ſchlechten, papiſtiſchen, götzendieneriſchen Glaubens mit ihnen zufrie⸗ den, keineswegs aber mit den Heuchlern und Renegaten Slawata und Martinecz.“ „Man werfe ſie aus dem Fenſter!“ ſchrie Wilhelm von Raupowa auf Böhmiſch aus dem Hintergrunde. Nach dieſen verhängnißvollen Worten faßten Schlick und Fels den Obriſtburggrafen und den Großprior von Strahof, Diepold von Lobkowitz, bei den Händen und führten ſie ohne Mißhandlung oder Verletzung in ein kleines, neben dem Ofen des grünen Saals befindliches Kabinet, in welchem ſie eingeſchloſſen wurden. Die beiden Zurückgebliebenen, Slawata und Marti— necz, verſuchten nun der wüthenden, ſie immer dichter von allen Seiten bedrängenden Maſſe Vorſtellungen zu machen; ſie hätten ebenſo gut dem Ausbruch eines Vul⸗ kans mit Worten Einhalt thun können. „Richtet uns nach den Geſetzen, wenn wir etwas verſchuldet haben!“ ſchrie Martinecz mit geſträubtem Haare. Einer aus der Familie der Lobkowitz, der dem prote ſtantiſchen Glauben angehörte, ergriff ihn an beiden Hän⸗ den, andere Anweſenden drängten nach, man hob den Un⸗ glücklichen auf den Armen bis zu der breiten Fenſterbrü⸗ ſtung empor. 56 „Laßt mich beichten, bevor Ihr mich mordet!“ ſchrie der Gemißhandelte, aber ohne darauf zu achten, ſchwang man ihn über das Fenſterbret. Martinecz ſtreckte wie in fflehender Bitte im Falle ſeine beiden Arme weit aus; ſo faßte der wehende Wind ſeinen ſich ausbreiten⸗ den ſchwarzen Atlasmantel und er gelangte ohne Gefährde auf den achtundzwanzig Fuß vom Fenſter entfernten Raſenboden. Nur ſein Rappier hatte ihn, obwohl nicht ſehr bedeutend, verletzt. Slawata's Schickſal war bedeutend ſchlimmer. Er hatte ſich, als man ihn zum Fenſter ſchleppte, mit den Armen feſt in ſeinen Mantel gewickelt und fiel alſo mit der Schwerfälligkeit eines verpackten Ballens aus der bedeutenden Höhe nieder; ſeine Verletzungen waren ſchmerzhaft, und leblos blieb er mehrere Minuten lang liegen, wogegen der Geheimſchreiber Fabrieius Platter, den die Proteſtanten für das dienſtbare Werkzeug dieſer Beiden anſahen, ſich ſogleich vom Boden aufraffen und, im Verſteck der Büſche und Bäume den Hirſchgraben verlaſſend, nach ſeiner Wohnung gehen konnte, von wo er ſofort zum Kaiſer nach Wien aufbrach. Polixena hatte von ihrem Fenſter aus dieſe ſchreck⸗ liche Scene mit anſehen können, aber ſie war nicht die Frau, welcher der Schrecken die Beſinnung raubt, wenn ihre Kräfte zu Hülfeleiſtungen nöthig ſind. Sie 57 zitterte zwar, als ſie die Luftreiſe mit anſah, die den Herrn von Martinecz auf den Raſenteppich des Hirſch⸗ grabens führte, aber ſie rief ſogleich den wackern Euſe⸗ bius und bat ihn, den drei Unglücklichen jede Hülfe an⸗ gedeihen zu laſſen, die Zeit und Umſtände erlaubten. Die beiden als Verfolger ihrer frühern Glaubens⸗ genoſſen ſo übel berüchtigten Herren waren eigentlich wohl diejenigen, denen der wackere Haushofmeiſter am wenigſten geneigt geweſen wäre, Hülfe zu leiſten, doch bedurfte es nur eines Blicks ſeiner ſanften Herrin, um ihn auf das Unchriſtliche ſeiner Gefühle aufmerkſam zu machen. „Thut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen“, flüſterte er vor ſich hin und ſchlich dann, hinter dem Buſchwerk an der Böſchung der Felswand des Hradſchin ſich verbergend, hinab zu dem Platze, den Fabricius Platter ſchon längſt verlaſſen hatte. Nur einer der Ge⸗ mißhandelten lag noch regungs und bewußtlos, aus tiefer Kopfwunde blutend, auf dem weichen maigrünen Raſen, ein feiner, noch gar jugendlicher Herr, jetzt ſchon ſeit einigen Jahren der beglückte Gemahl der ſchönen Lucia von Neuhaus. Nicht zwanzig Schritte von ſeinem Unglücksgefährten entfernt ſaß aufrecht unter einem herrlich blühenden Fliederſtrauche der mindeſtens um zehn Jahre ältere Martinecz und ſuchte ſich vor den 58 Blicken des Haushofmeiſters, den er als eifrigen Pro⸗ teſtanten kannte, zu verbergen. „Meinetwegen ſeid außer Sorge, gnädigſter Herr“, ſagte der wackere Mann;„ich bin Euer Richter nicht und meine Durchlaucht hat mir befohlen, Euch nach Kräften beizuſtehen; ſo verſucht denn mir zu folgen wenn es Euch möglich iſt; den armen Verwundeten hier werde ich wohl tragen können.“ Der ſtattliche, kräftige Mann belud ſich mit der leichenhaften Geſtalt und trug dieſelbe zu der Thür der Kellergewölbe des Roſenberg'ſchen Schloſſes. Martinecz war ihm ziemlich kräftig nachgekommen, und obgleich man aus den Fenſtern des grünen Saals mit wilder Erbitterung nach ihnen ſchoß, ſo hatten ſie doch in den Felſengewölben dieſer Keller wenigſtens für den Augenblick einen ſichern, trockenen und ruhigen Aufenthalt gefunden, und die edle Herrin trat alsbald in eigener Perſon zu ihnen, um ſie ihres Schutzes und ihrer Bereitwilligkeit, ihnen nach Kräften beizuſtehen, mit herzli cher Freundlichkeit zu verſichern. Mit ihren zarten und ge⸗ ſchickten Frauenhänden verband nun Polixena ſelbſt Slawata's heftig blutende Kopfwunde, ordnete die Lager ihrer beiden Gäſte und ſah darauf, daß Euſebius ſie mit labendem Weine und friſchem Waſſer verſorgte. Dann eilte ſie, von einer andern dringenden Pflicht ſt 59 in Anſpruch genommen, hinauf in ein Parterrezimmer, von deſſen Fenſtern ſie die dort verſammelte tobende Menſchenmaſſe überſehen konnte. Lautes Geſchrei empfing ſie, als ſie ſich an einem der Fenſter derſelben zeigte. „Gebt die Schurken heraus, die Ihr bei Euch ver⸗ borgen habt“, tobten und brüllten tauſend heiſere Stimmen. „Sprengt die Thür, reißt die Mauern nieder, die den Renegaten Schutz gewährten“, riefen andere. „Reißt ſie in Stücken, den Hundsfott Martinecz, den Schuft Slawata!“ tönte es dann dazwiſchen. Aber kein unedles Schimpfwort beſchmuzte den Namen der ſanften, muthigen Frau, die ihre ganze Ge⸗ ſtalt am Fenſter dem wüthenden, mit Waffen verſehenen Pöbel preisgab. Endlich, trat Graf Thurn, der ſich unter der wild aufgeregten Menge hin und her bewegt hatte, ſo vor, daß die Fürſtin ihn von ihrem Fenſter aus deutlich er⸗ kennen konnte, und ſagte, mit donnernder Stimme rings um ſich herum Ruhe gebietend, ſobald ſein Wort ſich nur einigermaßen hörbar machen konnte:„Ew. Durch⸗ laucht wollen gnädigſt mir, dem Grafen Thurn, eine Unterredung von einer Viertelſtunde zu geſtatten ge⸗ ruhen.“ Polixena öffnete ruhig den Fenſterflügel, und ihr 60 ſchönes Haupt ein wenig vorbeugend, ſagte ſie:„Die Thür des Hauſes der Fürſtin von Lobkowitz wird augenblicklich geöffnet werden, wenn Graf Thurn auf ſein Wort verſichert, daß nur er allein eintreten wird.“ Der tobende Haufe war ſo ſtill geworden, daß die klare Frauenſtimme wie der Ton einer Glocke über den ganzen Platz hörbar wurde. „Meine wackern Gefährten“, entgegnete der prote⸗ ſtantiſche Edelmann, ſich tief vor der ſchönen und muthi⸗ gen Frau verbeugend,„verſprechen durch ihr Schwei⸗ gen am beſten, daß ſie die Ehrfurcht vor Ew. Durch⸗ laucht Perſon nicht aus den Augen ſetzen werden.“ Eine Minute ſpäter überſchritt der ſtattliche Cava⸗ lier die Schwelle des Hauſes, das ſeinen Todfeinden Schutz und Obdach gab, und ſtand bald darauf Polixena gegenüber, ſeinen harrenden Gefährten ſichtbar im Bo⸗ genfenſter. Seine Miene war ernſt, faſt finſter; was er ſprach, konnte man unten zwar nicht hören, aber ſeine Bewegungen und Mienen ließen erkennen, daß er mit ernſter Forderung in die Frau drang, deren ſeltene Schönheit vielleicht nie ſo leuchtend geſchienen als ge⸗ rade in dieſem verhängnißvollen Moment, wo ſie ihr Leben einſetzte, um das ſchwerbedrohte ihrer Glaubens⸗ genoſſen zu ſchützen und zu retten. Ihre Antworten 61 waren entſchieden, obgleich die Sanftmuth derſelben eben⸗ ſo bewundernswürdig war als ihre Feſtigkeit. „Die Freunde, die ſich von den erfahrenen Mißhand⸗ lungen ſchwer erſchöpft und verletzt unter meinen Schutz geflüchtet haben, Ihnen und Ihrer heftig aufgeregten Umgebung ausliefern, hieße ſie morden, mein Herr Graf“, ſagte die muthige Frau,„und ich wünſche nicht nur jener Leben, ſondern auch Ihr und Ihrer Gefährten Gewiſſen zu bewahren. Sie werden bald alle fühlen, daß ich's gut auch mit Ihnen meine. Ich bin eine für den Augenblick ganz ſchutzloſe Frau, hier vor uns ſte⸗ hen tauſend bewaffnete Männer. Der Riegel meiner Hausthür iſt die einzige Macht, die ich Ihnen allen ent⸗ gegenzuſtellen habe. Sind Sie, Herr Graf, feſt ent⸗ ſchloſſen, jene unſere Mitbürger und Landsleute zum Morde anzuführen, ich kann Sie nicht davon zurückhal⸗ ten, wenn Sie meinen Bitten nicht Gehör geben. Haben die beiden Männer, denen mein Dach jetzt Schutz gibt, geſündigt? Ich weiß es nicht, das aber weiß ich, daß Sie und Ihre Glaubensgenoſſen nicht ihre Richter ſind. Die ſchweren Mißhandlungen, die dieſelben ſchon erlit⸗ ten haben, ſind eine That der Rache, nicht der Gerech⸗ tigkeit, und vor göttlichem und menſchlichem Geſetz iſt die Rache Verbrechen; ich, Polixena von Lobkowit, werde nie meine Einwilligung zu einem ſolchen geben. 62 Wenn die zornige, faſt möchte ich ſagen, blutdürſtige Menge, die ſie jetzt in meinem Hauſe bedroht, die Thü⸗ ren deſſelben ſprengt, wird ſie mich, eine ſchwache, ſchutz⸗ loſe Frau an dem Schmerzenslager meiner Gaſtfreunde finden, denn die ich nicht vertheidigen kann, mit denen bin ich zu ſterben feſt entſchloſſen. Mein und ihr Blut komme dann über Ihr Haupt, Herr Graf von Thurn, denn Sie können die Herzen dieſer Ihrer Glaubensge⸗ noſſen, unter denen ich gar viele Leute erkenne, die mir als rechtſchaffen und edelherzig wohl bekannt ſind, durch die Gewalt Ihrer Beredtſamkeit wie Waſſerbäche leiten! O Herr Graf von Thurn, eine Dame fleht Sie, den böhmiſchen Cavalier, auf den Knieen an, um des Er⸗ löſers willen, zu dem Katholiken und Proteſtanten auf⸗ ſchauen, deſſen erhabenes Walten jede der ſtreitenden Parteien am beſten zu erkennen meint, verhüten Sie Blutvergießen! Auch Ihre eigene Sterbeſtunde wird einſt kommen. Ueben Sie jetzt Großmuth an denen, die Sie für Ihre Feinde halten. Zeigen Sie jetzt, da Sie die Macht dazu haben, daß Ihr Glaube, für den Sie zu ſterben, ja ſogar zu tödten feſt entſchloſſen ſind, Sie die höchſte Erhabenheit des Chriſtenthums lehrt, die Kraft, dem Feinde zu vergeben und Böſes mit Gutem zu ver⸗ gelten. 63 Hier, im Hauſe einer Frau, die Sie einſt zur Zahl Ihrer Freunde rechneten, liegen zwei ſchwer Verletzte, denen der Tod auch ohne das Verbrechen, das noch zu verhindern in Ihrer Macht ſteht, faſt gewiß iſt. Statt die Würger über ſie zu bringen, ſorgen Sie für den Helfer, für den Arzt, der ihre Wunden verbindet, für Schutz ihrer troſtloſen Familien. Noch haben Sie die Macht dazu. O benutzen Sie dieſelbe um meinet⸗— willen, um Ihrer eigenen Edelmannsehre willen, um des Erlöſers willen, der für jene Unglücklichen wie für Sie geſtorben iſt!“ Bei dieſen letzten Worten war die Fürſtin auf die Kniee geſunken, und ihre ſtrömenden Thränen, ihre ge⸗ rungenen Hände gaben ihr ein ſo rührendes Aus⸗ ſehen, daß nicht nur der Graf, ſondern die ganze Schaar, die ſie am Fenſter ſehen konnte, ſich davon ergriffen fühlte. Ohne ihre Worte verſtanden zu haben, wußte doch Jeder, der ſie ſah, warum ſie flehte und weinte, und als Thurn wenige Minuten ſpäter zu der vor kurzem noch ſo wüthenden Menge zurückkehrte, fand er die Stimmung derſelben weſentlich geändert, und der Roſenberg'ſche Palaſt, das Eigenthum der edeln Fürſtin von Lobkowitz, deren Schönheit, Wohlthätigkeit, Edelſinn und Vater⸗ landsliebe bei Katholiken und Proteſtanten bekannt war, 64 wurde als ein Ort betrachtet, der jedem echten Böhmen geheiligt erſcheinen müſſe. So waren denn Martinecz und Slawata gerettet, und der erſte eilte ſo ſehr als möglich, verkleidet ſich aus dem wildbewegten Prag zu entfernen und in Wien, wohin er dem ihm ſchon vorangegangenen Geheimſchrei⸗ ber Fabricius Platter folgte, den Kaiſer Matthias aufzu⸗ ſuchen, dem er die ausführlichſte Anzeige von der Empö⸗ rung ſeiner böhmiſchen Unterthanen machte. Slawata mußte noch lange ſeiner Wunden pflegen und befand ſich unter ſtrenger Bewachung der proteſtantiſchen Partei im Palaſt der Fürſtin; doch war ihm geſtattet worden, einen Wundarzt bei ſich zu empfangen. Drittes Kapitel. Johannes Kepler hatte keine Vorſtellung davon, wie nahe das Ungewitter des Bürgerzwiſtes der Stadt war, die er verließ. Seine Reiſe, zwar nicht, wie in unſern Zeiten, leicht und gemeinſchaftlich, wie der Flug der Zugvögel, war doch ſo angenehm, als Zeit und Verhält⸗ niß es geſtatteten. Die Kinder ſchienen auf dem gro⸗ ßen, ſtoßenden Wagen in ihrem Neſt von Stroh gar fröhlich, ſangen und jubelten über das friſche Grün der Bäume, über die vielen Heckenroſen an den Wegen, über den Geſang der Vögel, über des Vaters ſchönes, wohl⸗ geſchultes Roß, auf dem er ſich ſo ſtattlich ausnahm, wenn ſeine Locken im Winde flatterten. Die anſehnli⸗ chen Portionen von gutem Weißbrod, Braten, Kuchen, die Großmutter Apollonia ihnen von Zeit zu Zeit zu⸗ kommen ließ, waren juſt nicht der kleinſte Grund ihrer Heiterkeit, was aber alle am meiſten beglückte, war die Freundlichkeit, die die kranke Mutter ihnen zeigte. Sie Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 5 66 lächelte und weinte zwar auch wieder, aber kein lautes Wort kam über ihre Lippen. Bisweilen küßte ſie die Hände der Großmutter oder ſtreichelte die Wangen der glücklichen Kinder. Nur wenn man Raſt machte, ſchien ſie wieder unruhig zu werden. Sie klagte dann wohl über Seitenſtechen und Schmerzen im Rücken, aber ſie war und blieb ſanft und freundlich bis zum Tage ihrer An⸗ kunft in Linz, wo ſie ſich mit der Erklärung, ſie fühle ſich ſehr krank, in das ſchnell hergerichtete Bett legte, das ſie auch nicht wieder verließ, denn am dritten Tage ihrer Ankunft in Linz drückte Kepler ihr weinend die Augen zu, nachdem ſie bei völliger Vernunft ihm herzlich Dank geſagt hatte für alle Liebe und Nachſicht, die er ihr erwieſen. „Gott ſegne Dich, Johannes!“ ſagte ſie mit ſchwa⸗ cher, verſagender Stimme; nich gehe Dir voran auf dem Wege, den wir alle gehen müſſen. Ich habe Dich ſehr geliebt, o ſehr, von ganzem Herzen, mein braver, lieber Mann! War ich aber doch unfreundlich gegen Dich, ſo vergib mir's; es war meine Schuldigkeit, das kannſt Du mir glauben. Du könnteſt ein ſchioer reicher Mann ſein, wenn Du Deine großen Gaben auf rechte Art, zum Beſten Deiner Kinder benutzt hätteſt. Die Großen dieſer Welt riſſen ſich nach Deinen Arbeiten und würden ſie mit Gold bezahlt haben; aber Du beſchäftigteſt Dich zu viel 67 mit nutzloſen Dingen, und da wird es Pflicht einer recht⸗ ſchaffenen Frau, den Hausvater zu erinnern, daß er der Brodverdiener ſein muß. Denke an dieſe meine letzten Worte und laß es Deinen armen lieben Kindern, wenn ich todt und dahin ſein werde, an nichts fehlen. Hochmuth kleidet den nicht, der fürs Brod der Seinen zu ſchaffen hat. Dein Vater war ein gemeiner Landsknecht, und Du haſt Dich vor mir einer edlen Abkunft gerühmt; ich ver⸗ zeihe Dir das, weil Du immer ein gutes Herz gehabt haſt. Aber verzeihe auch Du mir, denn wir ſind ja alle ſündige Menſchen. Zieh Deine Kinder in Ehrbarkeit auf, den Ludwig zu einem Geſchäft, das ihn nährt; das Gretchen wird hüſch werden. Gott gebe ihr einen Mann von ſo gutem Gemüth, als Du es warſt, mein Johannes. Wenn Du wieder heiratheſt, ſieh nicht, wie bei mir, auf Schönheit. Auch brauchſt Du nicht auf Geld zu ſehen, wenn Du ſelbſt in Deinem Fache brav arbeiten willſt. Du biſt nun auch der Jüngſte nicht mehr, denk an unſere Kinder und gib ihnen eine Mutter, die ſie zur A. Ordnung und Rechtſchaffenheit anhält. Gott ſegne Euch alle!“ Es war das letzte Wort, das über ihre Lippen ging; ſie begann dann zu röcheln und entſchlief ſanft, in Frieden mit ſich ſelbſt, denn ihre Natur hatte die 5* 68 Fähigkeit nicht, die Größe ihrer Fehler gegen den Gatten, deſſen Seele ihr ein Buch mit ſieben Siegeln geweſen, zu erkennen. Kepler's Thränen an ihrem Sarge waren warm und aufrichtig. Er ſtand ſo hoch, daß er ihre Schwächen zu überſehen und ihre vielen guten Eigenſchaften ſehr wohl zu erkennen fähig war. An ihrer Gruft machte er auch die Bekanntſchaft des Prädikanten ſeines neuen Wohnorts, des Paſtors Hitzler, der ſich, wie ſeine Amtspflicht es forderte, beim Begräbniß in der Familie, die zu ſeiner Seel⸗ ſorge gehörte, eingefunden hatte. Vielleicht mochte auch ein wenig Neugierde dabei im Spiele ſein. Kep⸗ ler's Name war in allen deutſchen Landen und weit über dieſe hinaus hochberühmt und ſeine Schickſale beſonders jedem proteſtantiſchen Geiſtlichen wohlbekannt. Nach den Begriffen der würtemberger Theologen war er nun einmal ein Schismatiker. Hitzler wußte, daß der große Gelehrte einſt danach geſtrebt hatte, die Kanzel zu beſteigen, und daß er ſich ſeinen Ruhm als größter Mathematikus und Sternkundiger ſeiner Zeit nur hatte erwerben können, weil die großen Kirchen⸗ lichter ſeiner Heimat ihn von ſich gewieſen. Es war überdem in ſeinen neuen Wohnort ſchon das böſe Gerücht gedrungen, daß ſeine alte Mutter im 69 ſchlimmen Verdacht der Hexerei ſtünde, und das war genug, einen gewiſſen trüben Schleier um den Ruf der ganzen fremden Familie zu ziehen. Paſtor Hitzler redete den betrubten Wittwer, als er an ſeiner Seite den Kirch⸗ hof verließ, auf welchem ſie Barbara's Leiche zur ewigen Ruhe gebracht hatten, mit ſalbungsvollen Troſtworten an, die Kepler in ſeiner einfachen Weiſe beantwortete. „Ihr habt, mein ſehr geehrter Herr Magiſter, in Eurer heimgegangenen Gattin eine Heilige verloren, die den Kampf mit Welt und Teufel muthig durchge— macht und Euch ein Beiſpiel echter Gottſeligkeit gege⸗ ben hat“, begann er feierlich.„Barbara Kepler war eine brave Frau; ſie hatte ein frommes chriſtliches Herz und ihr Glaube richtete ſich nach dem, was die Kirche, in der ſie getauft worden, als die rechte Norm angenommen. Das iſt echte Weisheit, das iſt wahres Chriſtenthum, mein Herr Hofmathematikus!“ „Bei einer Frau— vielleicht; ich aber halte das für den allerhöchſten Vorzug unſeres heiligen, gereinigten Glaubens, daß er uns berechtigt, dem Spruche des Apo⸗ ſtels zu folgen, der da ſagt: Prüfet Alles und das Beſte behaltet.“ „Sagt er das? Ei, ei, das könnte vielleicht manch ſchwaches Herz zu dem Irrthum verführen, als ob es das Recht hätte, an dem heiligen Worte Gottes, das un⸗ 70 ſere Väter in der Concordienformel in kurzen Sätzen niedergelegt, zu mäkeln und zu deuteln.“ „Ich habe die Concordienformel nicht unterſchrieben“, erklärte Kepler aufrichtig. „Iſt mir, wie ich denke, ſchon vor Jahren zu Ohren gekommen“, antwortete Hitzler und ſetzte hinzu:„Ich meine aber, daß dies Ew. Würden nicht zu Segen und Ehren gereicht.“ „O!“ rief Kepler,„da möchte ich Ew. Hochwürden denn doch widerſprechen; faſt könnte ich des Erzvaters Jo⸗ ſeph Worte, die er zu ſeinen Brüdern ſagte, auf mich anwenden: Ihr gedachtet es übel mit mir zu machen, aber der Herr hat es gut mit mir gemacht.“ „Ja, Ihr ſeid eine Zeit lang ein vornehmer Mann geweſen, Sr. kaiſerlichen Majeſtät zweiter Hofaſtro⸗ log, aber ich denke denn doch nicht, daß die Würde eines ſolchen über der eines Predigers des gereinigten Wortes ſteht.“ „Auch ich denke das nicht“, entgegnete Kepler be⸗ ſcheiden,„dachte auch eigentlich gar nicht an Ehre und Schande vor der Welt, noch an Geld und Gut. Mein einträgliches Amt hat mich arm gelaſſen, da die Zah⸗ lungen meines Gehalts aus den Kaſſen beider Kaiſer und beſonders ſeit der Thronbeſteigung des Matthias ſehr unregelmäßig waren. Ich könnte mir einbilden, — 71 meinen Kindern ein hübſches Vermögen zu hinterlaſſen, denn der Herr der Chriſtenheit ſchuldet mir zwölftauſend Gulden, aber die Zeiten ſind von der Art, daß ich woh Grund habe zu fürchten, dieſe ſchöne Summe werde ebenſo wohl zu Waſſer werden als das Vermögen mei⸗ ner lieben, in Armuth geſtorbenen Barbara. Trotz alle⸗ dem hat mich meine Wiſſenſchaft, wenn auch nicht juſt mein Amt, mit den lieben Meinen dieſe Zeit her ſtets ernährt, da dieſelbe uns Freunde erweckte, die uns ohne Bitten oder Fordern ſtets zu Hülfe kamen, wenn’'s Noth that. Ich denke wenig an die Güter und Ehren dieſer Erde, und daß dies der Fall iſt, daß ich mit aller Wahrheit ſagen kann: ich beſitze Beſſeres, viel Höheres, als dieſer kleine Stern hervorbringt, das danke ich dem Leiden, das ich in meiner Jugend für das Schwerſte hielt, was mich betreffen könne, nämlich meiner Aus⸗ ſchließung vom Predigtamte.“ „Das klingt eben nicht ſehr religiös“, warf Hitzler mit großer Bitterkeit ein. „Und doch iſt es aus meinem Herzen gefloſſen, das Gott ſeit den Kindertagen ſuchte; ich bin ein proteſtan⸗ tiſcher Chriſt und halte es für das höchſte Vorrecht mei⸗ nes Glaubens, daß er mich von den ſtrengen, unver⸗ ſtändlichen Formeln des alten entband. In meiner Wiſ⸗ ſenſchaft finde ich Gott auf einem Wege, der ſicher iſt, wenngleich nicht Jedermann ihn gehen kann. An je⸗ dem Tage meines Lebens danke ich dem Herrn, der mich auf denſelben berufen hat, und wenn die lieben Meinen nicht Noth leiden, ſo halte ich es nur für gött⸗ liche Gerechtigkeit, wenn mir, dem ſo hoch Begnadig— ten, die Erdengüter, nach denen ich nur wenig Verlan⸗ gen trage, nicht eben reichlich zu Theil werden. Gott den Herrn in ſeinen erhabenen Werken erkennen, iſt ein Glück, das man genoſſen haben muß, um es würdigen zu können.“ Er hatte mit großer Lebhaftigkeit geſprochen, und das Feuer ſeiner Rede zauberte auf ſeinem ſchönen Ge⸗ ſichte den Ausdruck hervor, der es von allen andern ſo weſentlich unterſchied, den Ausdruck einer harmloſen Kindlichkeit. Paſtor Hitzler blickte ihn verwundert an.„Ihr habt Euch alſo von dem heiligen Glauben, den Luther, der Mann Gottes, lehrt, losgeſagt?“ fragte er.„Seid Ihr etwa zu den Irrthümern des Zwingli oder Calvin überge⸗ gangen?“ „Da ſei Gott vor“, entgegnete Kepler beinahe eifrig. „Ich gehöre dem chriſtlichen Glauben an, in dem ich erzo⸗ gen worden; wenn ich die Concordienformel nicht unter- ſchrieben, ſo hatte dies nur den einzigen Grund, daß ich die Bekenner abweichender Glaubensformen nicht haſſen 73 kann, noch will; das iſt unchriſtlich nach meiner Mei⸗ nung, denn alle Menſchen zu lieben iſt der Befehl des Erlöſers.“ „Eure große Gelehrtheit läßt Euch doch wohl in der Irre gehen“, ſagte Hitzler ſehr ſcharf;„aber ich bin hier an meinem Hauſe und denke, es möchte ſich für einen Prediger der gereinigten Lehre ſchlecht ſchicken, wenn er mit einem Manne ſich öffentlich zeigtz, der ſo offenkun⸗ dig ausſpricht, daß er ſeinen Weg zu Gott für ſich allein geſucht habe. Das iſt Ausſcheidung von der Ge⸗ meinde!“ Der Mann war zornig und ſprach in gereiztem Tone; wie hätte Kepler's einfaches Herz erkennen kön⸗ nen, daß und wie er ſeine Pfaffeneitelkeit verletzte! Ruhig und gefaßt ging er zu ſeiner Familie, wo er Apollonia traf, die das liebe Gretchen im Spin⸗ nen unterwies und Ludwig lateiniſche Vocabeln über⸗ hörte. Es war ſo gemüthlich und heiter in dem Hauſe, das ſtill geworden war, ſeit Barbara's Keifen, Klagen oder Toben den liebevollen Frieden deſſelben nicht mehr ſtörte. Gerade dadurch aber fühlte Kepler ſein gutes Herz auf ſeltſame Weiſe beſchwert. „Sie war die Mutter meiner Kinder, ſie war krank und hat in geſunden Tagen ihre Pflicht ſtets nach ihrer 74 beſten Erkenntniß gethan; iſt dies der Lohn, den ſie an uns verdient hat, daß wir an ihrem Begräbnißtage nichts Anderes fühlen als Erleichterung?“ dachte er. Doch war es nun einmal ſo, und als Kepler mit Apollonia darüber ſprach, ſagte die verſtändige Groß⸗ mutter:„Mache die Kinder nicht darauf aufmerkſam, daß ſie nicht etwa ein Gefühl erheucheln, zu dem man ihr Herz nicht zwingen kann. Die Zeit wird das Ihrige thun; ſie werden ſich der vielen Güte erinnern, die die dahingeſchiedene Mutter in geſunden Tagen für ſie ge⸗ habt hat, und Du und ich werden ihrem Gedächtniß da⸗ bei zu Hülfe kommen. Mögen ſie nicht wie ich fühlen lernen, wie ſchlimm der Tod einer Mutter für ihr Kind iſt; auch im allergünſtigſten Fall wird die zweite Mutter, die Du ihnen geben mußt, bevor Gott mich zu ſich ruft, ihnen durch das kleinſte Scheltwort, durch das Ver— ſagen irgend eines ihrer Wünſche ins Gedächtniß rufen, daß ſie einſt eine rechte Mutter hatten. Nicht alle Stiefmütter ſind falſch und böſe wie die der armen Prin⸗ zeſſin Schneewittchen, aber alle Menſchen und darum auch alle Kinderherzen ſind geneigt, das Verlorene gegen den Erſatz, der ihnen geworden oder geblieben, zu über⸗ ſchätzen.“ „Und das ſagſt Du, meine geliebte mütterliche Freundin?“ ——2— 75 „Gewiß“, entgegnete Apollonia lächelnd,„denn haſt nicht auch Du, mein Johannes, die arme Pflegerin Dei⸗ ner Kindheit bei weitem überſchätzt, als das Schickſal Dich von ihr trennte?“ „Ich denke nicht“, ſagte Kepler;„doch widerſprichſt Du Dir ſelbſt, denn Du behaupteſt, daß nicht die Ge⸗ burt die Mutter mache, ſondern die Liebe, die ſie dem Kinde erweiſt. Du biſt meine wirkliche Mutter geweſen, obwohl Du mich nicht geboren; könnte da nicht eine Nachfolgerin Barbara's, die Du mir erwählteſt, un⸗ ter Deiner Anleitung meinen Kindern eine Mutter werden?“ „Das wollen wir hoffen und von Gott erbitten“, antwortete die kleine Schwäbin mit feinem Lächeln, denn die unverhohlene Zuſtimmung, die Kepler zu der Noth⸗ wendigkeit ſeiner baldigen Wiederverheirathung gab, ſchien ihr mit der Verſicherung ſeiner Sohnesliebe etwas in Wi⸗ derſpruch zu ſtehen. Sie war ein Weib und beſaß ihren Antheil an jener mütterlichen Eiferſucht, die bei gerin- gern Naturen unſeres Geſchlechts ſo oft bis zum bit⸗ tern Neid der Schwiegermutter gegen die von dem Sohne geliebte Gattin ausartet. Aber ſie war weiſe genug, ihre Hinneigung zu dieſem Fehler ſogleich zu bemerken, und dachte ſchon im nächſten Augenblick daran, welches Mäd⸗ chen für ihren Sohn wohl paſſend und fähig und wür⸗ 76 dig ſein möchte, ſeinen Kindern eine zweite Mutter zu ſein. Die gute Mutter war der Meinung, daß diejenige, mit der ihr würdiger, gelehrter, vortrefflicher Sohn in der Ehe glücklich werden könne, gar viele, einander faſt widerſprechende Eigenſchaften beſitzen müſſe. Daß ſie hübſch ſein müſſe, verſtand ſich ſchon von ſelbſt, etwas Vermögen war dringend nothwendig, Herzensgüte einer Stiefmutter ganz unerlaßlich, Kenntniß und beſter Wille zur Führung des Haushalts beſonders nöthig; aber Kep⸗ ler's Frau mußte doch auch Sinn für ſeine Studien haben und fähig ſein, ſich mit der Zeit ſo viel Kenntniß der Wiſſenſchaften, deren Leuchte er war, zu erwerben, daß ſie ſeine Freundin und Vertraute, ſeine Gefährtin, ja Ge⸗ hülfin in dieſer Beziehung ſein könne. Das war der Punkt, der ſchwer, faſt unerreichbar ſchwer ſchien. Die wackere Apollonia war trotz ihres vorgerückten Alters, ihres großen Verſtandes und all ihrer ſonſtigen Gaben viel zu ſehr Weib, um das Verhältniß der Ge⸗ ſchlechter zu einander vom männlichen Geſichtspunkte aus betrachten zu können. Es iſt überhaupt eine gute Sache in dieſer beſten Welt, daß kein Mann, ſei er äl— ter oder jünger, ſich ſein Weib ſo eigentlich wählt. Zu⸗ fälligkeiten oder beſſer geſagt Schickungen, oft ſo kleinlich erſcheinend, daß Niemand ihren Einfluß bemerkt, führen die Perſonen zuſammen, die den Bund fürs Leben ſchließen und ſich hernach je nach ihrem Charakter mit 2 mehr oder weniger Würde in das Unwiderrufliche fügen. n Herzensgüte auf beiden Seiten wird unter allen Umſtän⸗ ſ den die Verbundenen zum Glücke leiten, denn echte Her⸗ 1 zensgüte läßt den, der ſie beſitzt, die Fehler, die ſeinem 4 Glücke entgegenſtehen, auf ſeiner Seite, in ſeinem eige⸗ - nen Ich ſuchen. le So war Apollonia von dem Tage an, da ſie die „ Bemerkung gemacht, ſie halte es für Unrecht, daß Kepler n ſo früh wieder an eine zweite Verheirathung denke, mit' 1 ſich ſelbſt unzufrieden und ſtrebte ſehr, ihren Fehler gut zu ß machen, indem ſie mit aller Aufmerkſamkeit nach einer A ⸗ Frau für ihren Sohn forſchte. Die Verhältniſſe kamen er ihr dabei zu Hülfe, denn es iſt nicht erſt nach dem drei⸗ ßigjährigen Kriege Mode geworden, daß Nachbarn und en Bekannte ſich um jeden Mann, von dem ſie meinen, er en könne einem Mädchen mit ſeiner Hand eine anſtändige 3 Stellung in der Welt bieten, mit großer Aufmerkſam⸗ te keit und Höflichkeit kümmern. te So war auch Kepler ein Mann von großer Wich⸗ l tigkeit für die kleine Welt, in der er jetzt lebte, und Barbara war noch nicht ein Jahr lang begraben, c als ihm bereits von Nachbarn und Bekannten elf Frauen angetragen waren. Kepler war freundlich ge⸗ 78 nug, die ſcherzhafte Seite dieſer Anträge zu begrei⸗ fen und in ſeinen Briefen an ſeine Freunde, beſon⸗ ders an den wackern Bernecker, der ſeit ihrer Schulzeit mit treuer Liebe und wahrer Verehrung an dem großen Gelehrten hing, geltend zu machen. Kepler hatte außer ſeinen Amtsarbeiten und ſeinen ſtets mit Eifer fortgeſetzten Studien auch für die Stadt Linz Arbeiten übernommen; ſo beſtimmte er unter An⸗ derm die Polhöhe derſelben und hatte noch in mancherlei andern Verhältniſſen mit dem Magiſtrate der Stadt zu thun. Damals ſtand als Bürgermeiſter an der Spitze deſſelben Herr Achaz Lang, ein gar wackerer, rechtſchaf⸗ fener Mann, den Kepler's Perſon und Schickſale mit hoher Achtung erfüllten. Er war nicht mehr jung, und ſeine Frau war es auch nicht; das wackere Paar war nicht mit Kindern geſegnet, doch hatte die Sehnſucht, ihr Haus von Jugend durchleuchten zu laſſen, ſie be⸗ wogen, eine entfernte Verwandte, Suſanne Rettinger, die Tochter eines geſchickten Schreiners in dem Städtchen Effertingen, zu ſich zu nehmen. Sie war ſchön, die holde Erſcheinung, die dem für Schönheit ſo ſehr em⸗ pfänglichen Gelehrten hier entgegentrat. Suſanne war den wackern alten Leuten eine liebevolle, treue Tochter und führte den Haushalt faſt allein, denn die Magd im Hauſe war ebenſo bejahrt als die Herrſchaft, bei der ſie ſeit dem Hochzeitstage derſelben im Dienſte ſtand. Die alte Beate gehörte zu dem Hauſe des linzer Bürger⸗ meiſters ungefähr ebenſo wie die alten rieſengroßen Schränke, die den gewölbten Flur ſchmückten, und ihr Herz enthielt wie dieſe die Schätze derſelben, nicht die an Wäſche und Linnen, die ſie zwar im Kopfe hatte, der Hausfrau durch ihr unverwüſtliches Gedächtniß die Führung eines Verzeichniſſes erſparend, ſondern alle Fa⸗ milienſagen und Chroniken, alle Reime und Geſchichten, die ſich auf die Familie Lang bezogen, lagen, ein unver⸗ wüſtlicher Schatz, in ihrem Herzen. Dieſe alte Familienchronik, ſonſt die beſte, liebevollſte Perſon, die man kennen kann, hatte nun eine gewiſſe eiferſüchtige Abneigung gegen ihre junge hübſche Haus⸗ genoſſin, die ſie nun einmal feſt entſchloſſen war, als ihresgleichen, das heißt als eine Dienerin der ſehr ehren⸗ werthen Familie, zu welcher beide gehörten, zu be⸗ trachten. Frau Apollonia, die mit ihrem Pflegeſohn in dem Hauſe des Bürgermeiſters aus und ein ging, bemerkte an dem jungen Mädchen zuerſt die milde Freund⸗ lichkeit, mit welcher es der alten Beate begegnete. Man hätte nie eine Tochter finden können, die die Launen einer kränkelnden alten Mutter mit größerer Sanftmuth ertragen, als Suschen ſie der alten brum— 80 menden Magd entgegenſetzte. Jede Arbeit, die die verdrießliche Perſon als nicht in ihr Reſſort gehörig zu⸗ rückwies, verrichtete die Haustochter, denn dieſe Stellung hatten die alten Leute ihr gegeben, nicht nur ohne Wi⸗ derſpruch, ſondern ſtets freundlich und munter. Etwa ein halbes Jahr nach Kepler's Ankunft kam Apollonia in einer Morgenſtunde zu der würdigen Frau Lang, um derſelben eine neue Art vortrefflichen Back⸗ werks bereiten zu lehren, das, zugleich wohlſchmeckend und von ſtattlichem Ausſehen, doch eben nicht allzu koſt— ſpielig ſei und außerdem noch den Vorzug habe, ſich lange Zeit, ſogar wochenlang friſch zu erhalten. Apol⸗ lonia hatte zu dieſem Zweck eine Rolle von gutem Lin⸗ denholz mitgebracht, die ſie mit Bindfäden, die ſchon mehr als einmal zu dieſem Zwecke gebraucht worden, dicht bewickelte. Jetzt erſt wurde das Backwerk einge⸗ rührt, die Rolle aber, durch die man einen Bratſpieß geſteckt hatte, ſollte nun vor einem hellen Feuer gedreht und von Apollonia mit dem flüſſigen Teige begoſſen werden. „Dabei wird Sie rothe Backen kriegen, als wäre Sie erſt zwanzig Jahre alt“, ſcherzte die Schwäbin zu der alten Hausmagd. „Das wird mein Tod ſein“, entgegnete dieſe brum⸗ mig,„denn wenn ich meinen alten Kopf ſo zum Feuer wenden ſoll, krieg' ich Krämpfe.“ 81 ie„Ich ſtehe ja dicht neben Ihr am Feuer und bin d auch kein junges Kindlein“, ſagte Apollonia heiter,„und 3 denke davon nicht zu ſterben.“ 5 Suschen, die beim Einrühren wißbegierig zugegen geweſen, ſprang nun vor und ſagte, der alten Beate im auf die Schulter klopfend: du„Geh nur an Dein Spinnrad, liebe Alte, ich bin d⸗ mit dem Feuer gut Freund, habe niemals Kopfkrämpfe nd gehabt und möchte zudem gern ganz genau leenen, ſt wie das Backwerk gemacht wird, deſſen Vortrefflichkeit ſich die liebe Mutter, ſeit ſie es bei der trefflichen Frau ol. Apollonia Kepler geſpeiſt hat, nicht genug rühmen kann.“ n⸗„'s wird auch mit der Hülfe ſolcher ſchönen, ge⸗— on ſchickten, freundlichen Jungfrau beſonders wohl gerathen, en, vortrefflich ſchmecken und ausſehen“, meinte die Mei⸗ h ge⸗ ſterin, indem ſie dem lernbegierigen Mädchen ihre Stel⸗ ieß lung und die Art, wie ſie den Spieß handhaben müſſe, eht zeigte. en. Die alte Köchin ging brummend zu ihrem Spinn⸗ äre rade, und als das Backwerk in äußerſter Vollkommen⸗ zu heit durch folgſames Abwickeln des Bindfadens von der Rolle fertig auf einer Schüſſel ſtand, eilte Suſanne um⸗ ſchäkernd zu der Alten, ihr den hohen, vielzackigen, ruer mit einer Oeffnung verſehenen Baumkuchen zu zeigen und ihr begreiflich zu machen, welch eine Tafelzierde 6 Burow, Joſannes Kepler. Zweite Abtheilung, III. 8² er künftige Woche beim Gaſtmahlan Väterchens Geburts⸗ tage ſein würde, wenn man einen ſchönen Strauß in die Oeffnung ſetze. „Du biſt ſchon ein gutes Kind“, ſagte Beate, denn ſelbſt ihre Grämlichkeit konnte der harmloſen Liebens⸗ würdigkeit nicht widerſtehen,„nur mußt Du endlich einmal lernen, was ſich ſchickt und gehört. Der Herr Bürger⸗ meiſter Achatius Lang iſt Dein Vater nicht, und es ſchickt ſich nimmermehr, daß Du zu mir, der Hausmagd, ſo deſpectirlich von ihm ſprichſt. Du biſt eine Waiſe, das Kind eines armen Handwerkers, und aus Barmherzigkeit nahm deine Gutsherrin, die edle Gräfin von Starhem⸗ berg, ſich Deiner an, als er geſtorben. Weil Du Mancher⸗ lei gelernt haſt, was zu meiner Zeit die Meiſterstöchter nicht lernten, biſt Du noch lange nichts Beſſeres als ich. Mein Vater war wie der Deine ein Schreiner, mein Bruder iſt auch hier in dieſer großen guten Stadt Linz und der Sohn deſſelben, der mich immer Jungfer Muhme nennt, ein ſtudirter Mann, der noch zu allen hohen Ehren kommen kann.“ „Gewiß, gewiß herzliebe Beate“, ſagte ſchmeichelnd das holde Mädchen,„ich wünſche Dir ſolche Ehre und Freude auch von ganzem Herzen, doch wäre es freundli— cher von Dir, wenn Du mir's nicht immer ins Gedächt niß riefeſt, daß ich verwaiſt und nicht das rechte Kind 83 der würdigen Aeltern bin, die mich's durch tauſend Wohl⸗ thaten vergeſſen laſſen, daß ich ihnen nicht durch das Blut angehöre.“ Apollonia hatte dieſem Geſpräch mit großer Auf⸗ merkſamkeit zugehört. Das junge, lernbegierige, ſanfte, heitere Mädchen gefiel ihr unglaublich, und als in der nächſten Woche das große Feſteſſen im Hauſe des Bür⸗ germeiſters ſtattfand, wußte ſie es zu veranſtalten, daß ihr Johannes der Tiſchnachbar Suschen's wurde. Die zwei Menſchen führten während der langen Mahlzeit ein gar lebhaftes Zwiegeſpräch, das, von der Schönheit und Stattlichkeit des Baumkuchens ausgehend, mit einer langen Beſchreibung endete, die Kepler ſeiner Nachbarin von dem Aeußern und der ganzen Perſön⸗ lichkeit des Ritters Tycho de Brahe machte, wobei deſſen ſilberne Naſe nicht vergeſſen wurde. „Ich weiß nicht“, ſagte das junge Mädchen, nach⸗ dem ſie Alles erfahren, was ſie über den hochberühmten Mann zu wiſſen gewünſcht hatte,„ich weiß nicht, ſehr ver⸗ ehrter Herr Magiſter, ob es immer erfreulich iſt, ſehr berühmte Perſonen, von denen alle Welt ſpricht, von Angeſicht kennen zu lernen. Den Herrn Ritter von Brahe möchte ich nun ſchon nicht geſehen haben; ich meine, es müßte mich ein Grauen bei ſeinem Anblick befallen haben; er muß allzu häßlich ausgeſehen haben. Auch als ich Euch 6* 84 zum erſten Mal zu ſehen die Ehre hatte, fühlte ich mich ſo ſonderbar getäuſcht; ich meinte, es könne gar nicht möglich ſein, daß ein ſo hochberühmter Mann ſo jugend⸗ lich, ſo hübſch und gar ſo ſchlicht ausſchauen könne.“ Die Worte waren raſch über die Lippen des ſchö⸗ nen Kindes gegangen, aber es ſchien, als ob im ſelben Moment die Anſtrengung beim Drehen des Baumku⸗ chens ihre Wangen gefärbt hätte; auch hätte man meinen mögen, der große Gelehrte ſei ihr bei derſelben be⸗ hülflich geweſen, denn auch ſeine Wangen flammten und aus ſeinen Augen ſchoß ein Strahl, der dem Abend⸗ ſtern hätte angehören können, dem ſchönen Planeten, dem die Gelehrten den ſüßen Namen der Liebesgöttin gege— ben haben. „Waret Ihr mir gar böſe über die ſchlimme Ent⸗ täuſchung, die Ihr an mir erleben mußtet, edle Jung⸗ frau?“ ſagte Kepler, ſeiner Tiſchnachbarin in die Augen blickend. „Das könnt Ihr wohl nicht mit Wahrheit fragen“, meinte Suschen mit verſchämtem Lächeln. „Und doch möchte ich Eure Antwort lieber hören als die auf die wichtigſte Frage, die ich an den gelehr⸗ teſten Mann in der Welt richten könnte.“ „Es kann aber doch Niemand ſich ſelbſt fragen und antworten“, lächelte ſie ſchelmiſch. d 85 „Ich warte noch immer auf Eure Antwort“, meinte er;„ich hielt Euch für ſo aufrichtig, wie es dem holdſelig⸗ ſten Mädchen auf der Welt zukommt.“ „Können große Gelehrte nicht blos junge, ange⸗ nehme Männer, ſondern auch arge Schmeichler ſein?“ „Ein Mann, der nach Gelehrſamkeit ſtrebt, ſucht und ſagt immer die Wahrheit, und wenn ich Euch vorhin das holdſeligſte Mädchen nannte, ſo will ich dies mit der ge⸗ naueſten Wahrheitsliebe dahin abändern, daß Ihr in mei⸗ nen Augen dies unzweifelhaft ſeid.“ „O, das würde mir genügen“, antwortete ſie ſehr raſch. „Für alle Zeit?“ fragte er zärtlich. Ihr Ja war ſanft und ernſt, und beide überhör⸗ ten, daß man in dieſem Moment die Stühle rückte, und ſahen ſich eine Minute ſpäter allein am Tiſche ſitzen, in⸗ mitten der ſich becomplimentirend umhergehenden Ge⸗ ſellſchaft. Noch am nämlichen Tage ſprach Johannes Kepler mit Apollonia über den Eindruck, den Suſannens Weſen auf ihn gemacht, und daß er es für ein hohes Glück halten würde, wenn Herr Achaz und deſſen würdige Gat⸗ tin einwilligten, ſie ihm zum Weibe zu geben. Apollonia ſegnete gerührt den Sohn ihres Herzens ob dieſer Wahl, welche ſie für die weiſeſte hielt, die er hätte treffen können. „Das Glück gibt Gott den Seinen im Schlafe“, entgeg⸗ 86 nete Kepler erröthend und ſetzte hinzu:„Ich habe ſie ja gar nicht gewählt, ich habe ſie eben lieb gewonnen. Es iſt wie ein Wunder, wie eine Zauberei; kein anderes Weib hat mir das Herz bewegt wie dieſes.“ „Keins?“ fragte Apollonia mit Beziehung. „Keins!“ entgegnete er feſt,„und ich danke Dir, meine Mutter, Du Weiſe, Treue, daß Du mich ver⸗ hinderteſt, einer Herzensverirrung Worte zu geben, die durchs Wort zum Verbrechen geworden wäre. Gott ſegne unſere edle Wohlthäterin, die katholiſche Fürſtin Polixena von Lobkowitz, und ſchütze ſie und alle, die ihr theuer ſind, vor den Unruhen, die in ihrer Heimat mit jedem Tage ſchlimmer werden.“ „Amen!“ ſagte die Mutter und fragte dann eifrig nach den Nachrichten, die er etwa aus Prag empfangen habe. Da holte er einen Brief hervor, in dem Rabbi Löw ihm in hebräiſcher Sprache die Schickſale Slawa— ta's und ſeiner Unglücksgefährten, ſowie auch Polixena's muthige und entſchloſſene Handlungsweiſe mittheilte. Kepler las ſeiner Mutter das Schriftſtück in deutſcher Sprache vor, und wir theilen das, was uns davon noch unbekannt iſt, auch unſern Leſern mit. Es lautet: „So hat denn die großdenkende, liebenswürdige Frau die beiden von der Wuth der proteſtantiſchen Partei ſchwerbedrohten Herren gerettet, denn dem Martinecz ge⸗ 87 lang es, noch am Tage des Unglücks verkleidet, ge⸗ ſchminkt und mit geſchorenem Haupt⸗ und Barthaare Prag zu verlaſſen und zum Kaiſer nach Wien zu eilen, wohin der Geheimſchreiber Fabricius Platter ihm ſchon vorausgegangen. Slawata mußte noch viele Tage das Bett hüten; aber obſchon man den allgemein gehaßten und angefeindeten Mann im Hauſe der Fürſtin ſtreng bewachte, ſo geſtattete man mir doch, ihn als Arzt zu beſuchen, was meine edle Gönnerin mit Dankbarkeit von mir aufnahm. Er hat die Abſicht, ſobald ſeine Her⸗ ſtellung ihm dies möglich macht, nach München zu flüch⸗ ten, wo ſich zur Zeit mehrere anſehnliche böhmiſche Herren von der katholiſchen Partei aufhalten. Vielleicht iſt er ſchon dort.“ Dieſe Stelle war größer als alles Uebrige geſchrieben, und Kepler glaubte daraus entnehmen zu dürfen, daß der gelehrte Rabbi über das Gelingen der Flucht ſeines Patienten ſehr wohl unterrichtet ſei, und ſprach ſich darüber auch gegen Apollonia aus, bevor er weiter las: „Die böhmiſchen Stände, ſehr wohl wiſſend, daß der Kaiſer ihre Gewaltthat nicht gut heißen würde, ſam⸗ melten ſich daher ſchon am dritten Tage nach jener Be⸗ gebenheit im Schloſſe, wählten unter ſich einen Rath von dreißig Männern, die ſie Directoren nannten, und beauftragten ſie mit der Verwaltung aller innern und äußern Staatsangelegenheiten. 88 Der Schloßhauptmann Herr Dionys Czernitz von Chudenitz und die ſämmtlichen Magiſtrate der drei Städte Prags haben ihnen den Eid der Treue geleiſtet. Es wurde dann Alles in Vertheidigungsſtand geſetzt und Truppen im ganzen Lande mit Eifer geworben, zu deren Führer und Obriſten man den Grafen Heinrich Matthias von Thurn beſtellt hat. Zwar iſt an den Kaiſer ſeitdem von den Ständen ſeines Königreichs Böhmen ein Schreiben erlaſſen worden, worin ſie ihre Handlungsweiſe für eine bloße Nothwehr gegen Martinecz und Slawata erklärten, die ſich erkühnt haͤtten, gegen Sr. Majeſtät gegebenes Wort und den die Sicherheit der Proteſtanten feſtſtellenden Majeſtätsbrief den Religionsfrieden in Böhmen zu brechen und ſie, die getreuen Unterthanen Sr. Majeſtät, in Noth zu ſtürzen, dies Schreiben aber hat der König Matthias mit gro⸗ ßem Zorn aufgenommen und ſtreng befohlen, daß die böhmiſchen Proteſtanten alle neugeworbenen Truppen ſofort entlaſſen ſollten, widrigenfalls er ſie als Aufrührer und Rebellen ernſtlich zu ſtrafen beabſichtige. Statt aber dieſem Befehle Folge zu leiſten, haben ſie die beigefügte Drohung nicht beachtet, in den Trup— penwerbungen fortgefahren und ſich nach allen Seiten hin an die Proteſtanten in Mähren, Schleſien und Ungarn, auch an viele deutſchen Fürſten gewendet und dieſelben 89 um alter Bundesgenoſſenſchaft willen um Hülfsvölker und Truppenzuzug gebeten. Die heutigen Böhmen, mein ſehr edler Freund, ſind ein ebenſo tapferes Volk als ihre Väter, die Huſſiten, und es will mir ſcheinen, daß es ihnen auch nicht an Männern fehlen dürfte, die ſich zu Heerführern ebenſo wohl als Procop und Zizka eignen. Jetzt eben befindet ſich wieder ein kaiſerlicher Rath, Herr Euſebius Khun, in den Mauern Prags, der mit den Häuptern der Bewegung, die Se. Majeſtät ſchlecht⸗ hin Aufruhr und Empörung nennt, Unterhandlungen pflegen und ſie zum Niederlegen der Waffen bewegen ſoll; als Antwort iſt von ſeiten der Stände der ernſt⸗ liche Beſchluß gefaßt worden, den Vätern der Geſellſchaft Jeſu den Befehl zu geben, das Königreich Böhmen binnen vierzehn Tagen zu verlaſſen, und man hat ſie mit Todes⸗ ſtrafe bedroht, falls ſie es jemals wieder zu betre⸗ ten wagen würden. Auch ſoll Jeder, der einem dieſer gelehrten Herren Aufenthalt bei ſich gibt, als Feind des Vaterlandes betrachtet und mit den härteſten Strafen heimgeſucht werden. So ſtehen hier die Sachen, mein verehrter Freund, und ich danke jetzt oftmals Gott, daß Ihr mit den lieben Eurigen nicht mehr in den Mauern dieſer wild empörten Stadt weilt. Auch unſere durch⸗ lauchtige Freundin, die Frau Färſtin Polixena von Lob⸗ 90 kowitz, hat Prag verlaſſen und reſidirt gegenwärtig wie⸗ der mit Gemahl und Kindern in Raudnitz, wo ſie ſehr viel Gutes thut, wie überall, wo ſie zu weilen pflegt. Sie hat den Leuten meines Stammes mancherlei Erleichte⸗ rungen auf ihren Gütern gewährt, und bei dem Gotte meiner Väter! wünſchte ich nicht auf dem Beth⸗Chaim hier in Prag zu ruhen, ſo ſuchte ich mir ein Plätzchen auf dem Lande, das unter dem Regiment der edlen Frau ſteht, um als ihr treueſter., dankbarſter Unterthan mein Leben darauf zu beſchließen. Möge der Herr unſer Gott das Eurige noch viele Jahre zum Glücke und zur Chre des Menſchengeſchlechts erhalten. Er ſei mit Euch alle Tage bis an der Welt Ende, und gedenket bisweilen in Freundlichkeit Eures getreuen Freundes und unterthänigen Dieners Löw.“ „Das ſind böſe Zeiten“, ſagte nach der Mitthei⸗ lung dieſes Briefes Apollonia mit einem Seufzer. „Wohl dem Menſchen, der in ſeiner Seele die Ueber⸗ zeugung trägt, daß er der Erde nicht allein angehört“, entgegnete Kepler feſt und heiter.„Schlimmeres als den Tod kann Krieg, Peſt und Aufruhr nicht bringen, und der iſt ja doch das Ende aller Erdenleiden und führt uns, ſo wir uns deſſen würdig gemacht, zum Schauen der ewigen Herrlichkeit.“ 91 Kepler's Töchterchen trat in dieſem Augenblick in das Zimmer des Gelehrten; ſie brachte auf einem blank geſcheuerten Zinnteller ein zierliches, appetitlich duftendes Backwerk und meldete, die liebe Jungfer Suſanne habe es geſchickt, daß die Kinder ſich eine Güte daran thun möchten; wenn aber der Herr Magiſter oder die Frau Apollonia ein wenig davon koſten wollten, würde ſie ſich's zur beſondern Ehre ſchätzen. Kepler lächelte.„Sie iſt gar ein gutes Kind, meine Jungfer Braut“, meinte er;„früh und ſpät denkt ſie daran, was mir oder den Kindern gut thun, angenehm und behaglich ſein möchte.“ „Und ſie nimmt Lehre an“, ſetzte Apollonia ſehr erfreut hinzu.„Da, das iſt ein Gugelhupf; ich habe ſie gelehrt, einen ſolchen ſo zu backen, wie Du es als Knabe, wenn Du von Maulbronn heimkamſt, ſo beſonders gern moch⸗ teſt; ſie fragte mich ſo dringend nach Deinen Lieblings⸗ ſpeiſen, und da fiel mir eben das Backwerk ein, ſo et⸗ was aus alten Zeiten, denn jetzt, glaub' ich, weißt Du oft gar nicht, was Du in den Mund ſteckſt.“ „Aber jetzt werde ich anfangen, auf dieſe Dinge beſſer zu achten“, ſagte der Gelehrte.„Sie iſt ſo jung, faſt ein Kind noch, da muß ich wenigſtens verſuchen, mich der eigenen Jugend ein wenig zu erinnern, damit ich ihr nicht, wie der armen Barbara, Urſache gebe, mit 92 dem Ehemann unzufrieden zu ſein, weil er gar ſo anders iſt als andere Leute.“ „Ein Kind iſt Deine Braut nun eben keineswegs“, entgegnete die Matrone,„ſie iſt im Gegentheil ein gar verſtändig Mädchen, das genau weiß, was Recht iſt und was es will und ſoll. Gewiß, Johannes, ich bin der Meinung, Du habeſt die beſte Wahl getroffen, die Du weit und breit hätteſt treffen können. Höre! Geſtern hatte ſich das Gerücht verbreitet, daß Paſtor Hitzler Dir das heilige Abendmahl verweigert, weil Du bis auf den heutigen Tag—“ „Das Gerücht iſt wahr! Paſtor Hitler iſt freilich ein gar frommer, rechtgläubiger Proteſtant und wird von ſeinem Geſichtspunkte aus wohl Recht haben—“ „Darüber hätteſt Du geſtern Deine Braut mit ihren würdigen Pflegeältern reden hören ſollen“, fiel die Mutter ihm in die Rede;„ſie ſagte unter Anderm: das, was ein Mann wie Du nach reiflichem Nachdenken zu glauben für Recht hielte, müſſe wohl der Wahrheit ſo nahe kommen, als es der Menſchenſeele irgend möglich ſei, und ſie für ihren Theil würde Deinen Glauben, wenn Du ihn ihr erklärteſt, ſogleich zum ihrigen machen, denn glauben heiße für wahr annehmen, was man mit ſeinem Verſtand nicht ganz faſſen und begreifen könne; vom klügſten Mann in der Welt könne man mit Sicher⸗ 93 heit annehmen, daß er die Wahrheit am genaueſten erforſcht habe, und vom beſten, daß er ſie andern am treueſten und deutlichſten mittheilen würde, und da Du ein ſtudirter Theolog wäreſt, ſo müßte man Dich eigentlich zum erſten proteſtantiſchen Geiſtlichen aller deutſchen Lande machen.“ „Sagte ſie das?“ fragte Kepler, und ſein Herz ſchlug in einem Gefühl von Glückſeligkeit, wie er es noch nie empfunden hatte.„O, was an mir iſt, will ich thun, ihrem liebenden, vertrauenden Herzen kein Aer⸗ gerniß zu geben. Gleich nach dem bittern Kummer, den mir Hitzler's Zurückweiſung vom Tiſche des Herrn machte, habe ich nach Tübingen geſchrieben und den großen Theologen jener berühmten Univer⸗ ſität meine Zweifel und Skrupel über jene Sätze der Concordienformel vorgelegt, die ich in mein Glau— bensbekenntniß nicht aufnehmen kann. Ich freue mich Belehrung zu empfangen und will gewiß nicht aus Eigenſinn und Rechthaberei vom allgemeinen Glauben abweichen, aber ich kann nun einmal meine Mitmenſchen anderer Confeſſion nicht haſſen, auch die Reformirten nicht, obſchon ich ihre Lehre von der Prädeſtination für einen Irrthum und der Liebe und Gerechtigkeit Gottes wenig entſprechend halte. Seit ich weiß, daß Suſanne mir ſo feſt und zuberſichtlich vertraut, fühle ich 94 mich ſo glücklich, daß meine Herzensfreundlichkeit durch nichts Aeußerliches erſchüttert werden kann.“ Der Muth und die Geduld des wackern Gelehrten ſollten auch in dieſem Falle wieder eine Prüfung erfahren, der nur ein Herz, ſo echt chriſtlich wie das ſeine, ge⸗ wachſen war. Wenige Tage nach der Feier ſeiner Hochzeit mit der herzigen Suſanne traf die Antwort der würtember⸗ ger Theologen in ſeinem Hauſe ein. Er hatte ſich vor⸗ genommen, ſie in Gemeinſchaft mit ſeiner jungen Frau durchzuleſen, da er gerade hier eine Gelegenheit zu fin— den glaubte, mit ihr, die ihm jetzt ſo eng verbunden war, über die Intereſſen zu ſprechen, die ſeiner Zeit für die wichtigſten der Menſchheit galten. Glaubensfreiheit war das große Loſungswort beim Beginn und Fort⸗ ſchritt des ſiebzehnten Jahrhunderts, und wir Epigo⸗ nen, denen die Wiſſenſchaften Himmel und Hölle über dem Haupt und unter den Füßen weggezogen, können uns abſolut keine Vorſtellung davon machen, mit wel⸗ chem Ernſte, mit welcher Feierlichkeit man damals über Glaubenslehren verhandelte, die in unſern Tagen ſo un⸗ bedeutend für das Heil der Welt und das Behagen je⸗ des Einzelnen ſo nichtsſagend und zwecklos erſcheinen. Suſanne war zum erſten Male nach ihrer Trauung hinüber zu ihren Pflegeältern gegangen, nachdem ſie mit 95 ihrem Gatten den Nachmittagsgottesdienſt beſucht und einer donnernden Rede Hitzler's über Mangel an De⸗ muth der heiligen Kirche gegenüber in den Herzen derer, die ſich weiſe dünkten, nicht ohne Aerger zuge— hört hatte. „Ich hätte aufſtehen und ihm antworten mö⸗ gen“, ſagte die ſchöne junge Frau auf dem Heimwege zu dem Gatten, der ſie mit einem Geſicht voll ſtiller Glückſeligkeit am Arme führte. Er hatte in ſeiner mil⸗ den Demuth die Rede von denen, die ſich weiſe dün⸗ ken und wegen ihrer Ketzereien vor dem Herrn, dem Gott des echten Israel, der die Seinen aus der Wüſte geführt, doch nur Thoren ſind, nicht im geringſten auf ſich bezogen und fragte jetzt ſo recht voll leuchtender Freude:„Und was hätteſt Du ihm denn ſagen wollen, meine liebe Suſanne?“ „Ei, daß die Theologen auch Menſchen ſind, die ſich in dem, was ſie als den rechten Glauben feſtgeſetzt wiſſen wollen, irren können. O ich hätte ihm ein Licht anzünden wollen, denn mit dem rechten Glauben iſt's wie mit den Pflanzen und Kräutern, die Gott wachſen läßt auf Erden. Jedes Land bringt die ſeinen hervor nach Klima und Bodenbeſchaffenheit und ſie ſind für daſſelbe denn auch die beſten und rechten. In der Lombardei, da ſchlingen ſich die Rebengewinde von Zweig zu Zweig 96 und tragen Früchte, ſchwer und ſüß, und daneben wach⸗ ſen die Maulbeerbäume, die gar nicht ſo ſchön aus⸗ ſehen, weil die Seidenraupen ihnen die Blätter abnagen, bis ſie endlich neben den noch lange nicht reifen Früch⸗ ten die länglichen weißen und gelben Cocons tragen; es wachſen weiter hinauf im ſchönen Italien die gol⸗ denen Aepfel der Orangen, die purpurnen Granaten und die grünen Feigen; es reifen hier bei uns die ſüße⸗ ſten Birnen und Zwetſchken; es reift der goldene Weizen, und in kältern Ländern gibt's wieder andere Früchte, wohl zu genießen und von gutem Anſehen; ſie alle ſind gut, kommen von gutem Samen und bringen immer wieder gute Frucht. So iſt es auch mit dem Glau⸗ ben. Jedes Menſchenherz muß ihn aus ſich ſelbſt erzeugen, Gottes Wort in der heiligen Schrift iſt der Same, die Bäume und Pflanzen ſind verſchieden, aber jedes Ein⸗ zelne ſeinem Lande und den Bedürfniſſen der Bewohner angemeſſen. Ich denke nun, im wärmſten beſten Herzen, im hellſten Kopfe muß jedes einzelne Gewächs am be⸗ ſten ſich entwickeln, der weiſeſte Mann und der beſte muß auch den beſten Glauben haben, und hätte Chriſtus der Erlöſer durch ſeine Thaten nicht gezeigt, daß man nach ſeinen Lehren leben kann, wer in der ganzen lieder⸗ lichen, verrotteten Römerwelt würde ſein Kreuz auf ſich genommen haben, ihm nachzufolgen?“ Sie hatte mit ſehr leiſer Stimme, aber mit ſo gro— ßem Eifer geſprochen, daß ihre runden Wangen roſig ſchimmerten. Kepler hatte ihr mit entzückter Verwunderung in die ſchönen leuchtenden Augen geſehen und fragte nun mit leiſem Beben in der Stimme:„Du ſprichſt, lieb' Suschen, als hätteſt Du die Länder mit ihren Pflanzen und Früchten mit eigenen Augen geſehen und mit wei— ſen und ſehr gütigen Männern über den verſchiedenen Glauben der verſchiedenen Menſchen und Völker ge— ſprochen.“ „Ei, und iſt denn Beides nicht auch wirklich der Fall?“ entgegnete die junge Frau.„Habe ich nicht als Ziehkind der ſehr edlen Gräfin Starhemberg in deren Villa an den Ufern des Comerſees geſpielt? Habe ich nicht in Rom die göttliche Muſik gehört, die das Hoch— amt begleitet? Saß ich nicht bei Neapel im Pal— menſchatten und ſammelte die abgefallenen Orangen, neben meiner lieben Pflegemutter hinſpringend, in dem Garten am Meeresufer in Bajä? Und iſt nicht der Bür⸗ germeiſter Herr Achaz Lang, der mich ſeit meinem zwölf⸗ ten Jahre, wo ich von den Pocken ſo ſehr entſtellt wurde, erzog, neben Euch, mein theurer Johannes, vielleicht der weiſeſte Mann in allen deutſchen Landen? Daß er es hier in Linz iſt, will ich ſicher behaupten, denn Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 7 98 er iſt der Einzige, der Euren Werth nach ſeinem ganzen Umfange zu würdigen verſteht.“ Unter dieſem Geſpräch waren ſie nach Hauſe ge⸗ kommen, wo Kepler in Suſannens Abweſenheit den Brief vorfand, ein ſeltſames Document, das uns ſo recht die Ueberzeuguug aufdrängt, wie ſehr ſeit jener Zeit die Menſchheit in Bildung und Humanität fortgeſchritten iſt. Es iſt unſaglich traurig zu bemerken, daß ſchon ſo bald nach der Kirchenverbeſſerung ſich unter denen, die ihr mit Leib und Seele anhingen, ſo viele Strei— tigkeiten um ganz unbedeutende Dogmen erhoben, und daß ſich in der proteſtantiſchen Prieſterſchaft bald ebenſo viel Pfaffenthum zeigte als in der katholiſchen. Freilich hat der wackere Auguſtiner Doctor Martin Luther, indem er den Geiſtlichen die Ehe frei gab und ihnen in dieſem Punkte durch ſeine Verheirathung mit Katha⸗ rina von Bora voranging, einer Menge von Sünden und böſen Mißbräuchen unter den Geiſtlichen ſeiner Confeſ⸗ ſion ein Ende gemacht, aber den Geiſt der Liebe, der allein den wahren Chriſten macht, hat er ihnen nicht einhauchen können. Die Einfachheit des Chriſtenthums, das ſich ganz allein auf Menſchenliebe und Able⸗ gung der Selbſtſucht baſirt, machte es damals wie jetzt den Weltklugen, Ehrgeizigen und Geiſtesſtolzen un⸗ verſtändlich. 99 n Kepler beſaß neben ſeinem großen Geiſte ein einfäl⸗ tiges Herz, und dies machte ihn fähig, wahrhaft chriſt⸗ liche Demuth mit ſo großer Gelehrſamkeit zu verei⸗ m nigen. t Er hatte in ſeinem Briefe nach Tübingen um Lö⸗ e ſung ſeiner Zweifel und Skrupel gebeten; man erlaubte t ſich dieſelben geradezu unnütze und thörichte zu nennen n und ermahnte ihn, ſich in ſeinem Glauben ſchlecht und 1 recht an Gottes Wort, das heißt an die von den wür⸗ 3 temberger Theologen aufgeſetzte Concordienformel zu hal⸗ d ten. Er las dies rauhe Zurechtweiſungsſchreiben ohne d Zorn, und es gelang ihm auch, des Grams, den es n. ihm machte, Herr zu werden, denn ſein junges Weib r. verſtand es, ſein Herz zu echter Lebensfreude zu er⸗ en wecken. I„Wie auch Alles ſein mag in meinem Leben“, ſagte d der Gelehrte mit heiterem Muth, nachdem er ſeinem her⸗ ſ zigen Weibe den Brief mitgetheilt hatte, der ſo dunkle er Wolken auf ſeine Stirn getrieben,„ich bin doch ein glück⸗ ht licher Mann!“ 6„Das biſt Du“, entgegnete die Gattin,„und wirſt ſe es bleiben, bis Du einſt zu höherem Glücke eingehſt, je denn Du findeſt Gott in ſeinen Werken und liebſt ihn n. in den Deinen, die ſeine Vatergüte an Dein Herz ge⸗ legt hat.“ 1 gt h 7 100 „Ein tugendſames Weib“, entgegnete der Gelehrte, ihren friſchen Mund küſſend,„iſt viel edler als köſtliche Perlen. Die Rudolfiniſchen Tafeln, jenes Meiſterwerk Keplers, waren zwar in der Durchrechnung beendigt, aber ſie waren weder gedruckt, noch, wie es Kepler wollte und wünſchte, dem Publikum durch eigenen mündlichen Vor⸗ trag erklärt. Vergebens erſuchte der Gelehrte, ſo oft als ſchicklich und thunlich, den regierenden Kaiſer Matthias um Zahlung der Druckkoſten; Matthias hatte ihn mit dieſen an die Kämmereikaſſen von vier Städten verwie⸗ ſen, aber dieſe zahlten ebenſo wenig als die kaiſerlichen Kaſſen. So ſtockte denn das große Werk wieder, Hinder⸗ niſſe auf Hinderniſſe ſtellten ſich der Wirkſamkeit des großen Mannes entgegen, und während jetzt nach ſeiner Verheirathung mit Suſannen ihm Familienglück Entſchä⸗ digung für viele andere Bitterkeiten ſeines Daſeins zu geben begann, packte ein grauſames Familienleiden ſein warmes Herz von einer andern Seite her mit Geier⸗ krallen. Vor Jahren ſchon hatten ſeine Geſchwiſter und be— ſonders ſeine Schweſter Margarethe Binder ihm Nach⸗ richt gegeben von den üblen Gerüchten, die drohend über dem Haupte ſeiner alten Mutter ſchwebten. Der an das Schlimmſte nur ſchwer glaubende Kepler hatte die Sache 101 für Altweibergewäſch gehalten und den Verſuch, gemacht, diejenigen, die Böſes über die alte Frau verbreitet, und namentlich ihre frühere Freundin, die Wittwe Reinboldt, als Verleumder vor Gericht zu ziehen. Vielleicht hatte er gehofft, daß ſeine Stellung und der Ruf ſeiner Ge⸗ lehrſamkeit ihm dabei helfend zur Seite ſtehen würden. Seit dem Tode ſeines Töchterchens ſtand Kepler wieder in eifriger brieflicher Verbindung mit ſeinem einſtigen Schulgefährten Beſold, deſſen Weſen den ſcharfen Augen Kepler's ſchon bei ſeinem damaligen Aufenthalt in Prag verändert erſchienen war. Daß Apollonia mit tiefer Dankbarkeit an ihrem Lebensretter hing, war bei dem Charakter der würdigen Matrone wohl nur natürlich, und eben durch ſie, die dank⸗ bare Mutter, war die Jugendfreundſchaft der beiden Männer neu gefeſtigt worden. Kepler hatte ſeine zweite Verheirathung ſowohl ihm als Bernecker in heitern, launigen Briefen angezeigt und ſich beſonders auch in Scherzen darüber ergangen, daß man ihm in Linz ſo viele Frauen vorgeſchlagen. Bernecker antwortete bald und ihrer alten Freundſchaft angemeſſen. Beſold's Brief aber blieb über Erwarten lange aus Kepler ſchob dies auf die vielen Unruhen in Deutſchland. Denn nicht nur in Böhmen wütheten die Flammen des Bürgerkriegs, der ganze Weſten Deutſchlands befand ſich 10² durch Bauernaufſtände in Gefahr und alle Herzen waren voll bitterer Sorge um Hab und Gut, um Haus und Hof, ja um Leben und perſönliche Freiheit. Kepler in ſeinem jetzt ſo glücklichen Familienleben und aufs eifrigſte beſchäftigt mit ſeiner edlen Wiſſen⸗ ſchaft, kümmerte ſich weniger als viele andere Menſchen um die Weltläufe. Er vertraute auf Gottes Walten in allen den Dingen, zu deren Aenderung und Verbeſſerung ſein Einſchreiten nichts beitragen konnte, und griff da, wo er es für ſeine Pflicht hielt, muthig und unverzagt auf Gottes Schutz bauend, mit all ſeiner natürlichen That— kraft ein. Der Brief, der nach langem Warten endlich von ſeinem Freunde Beſold in ſeine Hände kam, riß ihn mit Macht empor und bewog ihn, ſich ſogleich von ſeiner Familie zu trennen um allein eine Reiſe nach ſeiner Heimat anzutreten. Der Tod des Kaiſers Matthias hatte das Feuer der Zwietracht in Deutſchland und beſonders auch in Oeſter⸗ reich und Böhmen noch mehr geſchürt, da dieſes letztere Land, feſt entſchloſſen, von ſeinem Wahlrechte den um⸗ faſſendſten Gebrauch zu machen, ſich entſchieden weigerte, dem ſtrengkatholiſchen Ferdinand von Steiermark ſeine Krone zu geben. Es ſchien den größtentheils der proteſtantiſchen Re⸗ 103 ligion ergebenen Landſtänden weit beſſer, ihr Wohl und Wehe einem Fürſten ihres eigenen Glaubens anzuver⸗ trauen, als den Verſprechungen eines Habsburgers und beſonders des von den Jeſuiten erzogenen Ferdinand von Steiermark von neuem Glauben zu ſchenken. Nach Kämpfen und Blutvergießen mancherlei Art, wobei die böhmiſchen Landſtände den berühmten Parteigänger Grafen von Mansfeld mit einem anſehnlichen Heer von Lands— knechten in ihren Sold genommen hatten und Ferdinand in Wien von böhmiſchen Truppen unter dem Grafen Thurn faſt gefangen genommen worden war, wählten ſie zu ihrem Könige den Kurfürſten Friedrich von der Pfalz, der mit ſeiner ſchönen engliſchen Gemahlin in Amberg Hof hielt. In dieſen Zeiten der Unruhe nahm Kepler von ſeinem jungen Weibe Abſchied, um eine lange Reiſe an— zutreten, deren Zweck er nicht einmal ihr anzuvertrauen wagte. Denn eingedenk des furchtbaren Eindrucks, den ſeines unglücklichen und nicht ſehr ehrenhaft erſcheinenden Vaters Perſönlichkeit auf Barbara gemacht hatte, fürch— tete er, der noch ſo jugendlichen und unerfahrenen Su— ſanne Familienverhältniſſe mitzutheilen, die in jener Zeit tiefe Schatten der Unehre auf alle Mitglieder ſeiner Familie warfen. Bei den erſten Nachrichten, welche Kepler über den 104 üblen Leumund ſeiner Mutter erhielt, hatte er, kühn auf⸗ tretend in der feſten Ueberzeugung, daß jene ſchlimmen Gerüchte grobe Lügen und bösliche Verleumdungen ſeien, eine Injurienklage gegen die Wittwe Reinboldt und de⸗ ren Anhang und Verwandtſchaft eingereicht. Vogt Einhorn aber, der bei dieſer Klage nicht we⸗ nig gravirt war, weil die unglückliche Katharina Kepler in ſeiner Gegenwart von ſeinen trunkenen Bekannten arg gemißhandelt worden war, hatte dieſe Klage fort und fort hingeſchleppt. Jahre waren ſo vergangen, und jetzt, wo die überhandnehmenden öffentlichen Unruhen je— dem Richter in Deutſchland freie Hand ließen, die gröbſte Tyrannei in ſeinem kleinen Bereich auszuüben, hatte der rachſüchtige Mann es möglich gemacht, Kerkerhaft über die unglückliche Greiſin zu verhängen, die ſchon ſeit vielen Monaten durch ſeine niedrigen Machinationen aus einer Klägerin zu einer ſchwer Angeklagten gewor⸗ den war. Beſold ſchrieb ſeinem tief ergriffenen Freunde dar⸗ über Vieles und ſehr Ausführliches; der Hauptpunkt ſeines Briefes aber war:„Komm Du ſelbſt, mein Jo⸗ hannes, und verſuche mit allen reichen Mitteln Deines Geiſtes Deine unglückliche Mutter von Folterqualen und dem möglichen, ja wahrſcheinlichen Flammentode zu retten. Meine Macht iſt durch die Hülfe erſchöpft, 105 die ich der würdigen Frau Wellinger konnte angedeihen laſſen. Außerdem bin ich jetzt in dieſem Lande kein ſehr beliebter Mann; man ſchilt auf meinen Umgang mit einigen Vätern der Geſellſchaft Jeſu und hat die Rein⸗ heit meines proteſtantiſchen Glaubens ſtark in Verdacht, und in der That, mein verehrter Jugendfreund, möchte ich lieber ein Mitglied der heiligen Mutterkirche ſein, deren uralte Bräuche ſchon wegen ihres Alters ehrwür⸗ dig ſind, als mitten unter dieſen zankenden, haarſpalten- den Proteſtanten ſtehen, die wie biſſige Hunde wegen eines Knochens ſich gegenſeitig ankläffen wegen eines Buchſtabens in der Luther'ſchen Bibelüberſetzung. Iſt das die Reinigung des Chriſtenthums, die Verbeſſerung der Religion, von der man uns ſo pomphaft vorgeſprochen? O mein Freund, mein Bruder, der Friede wohnt in meinem Herzen nicht, der Glaube, in dem man mich er⸗ zogen, ſcheint mir ein ekles, ſchales Formenweſen, aber Deine Liebe, Du Guter Du Trefflicher, wird und kann mich nicht täuſchen! Komm zu mir, eile, eile; auch Deine unglückliche Mutter bedarf Deiner, aber ſicherlich nicht mehr als Dein leidender Freund Beſold. PS. Erinnerſt Du Dich noch der Fauſtkammer in Maulbronn und der Scripturen Deines Verwandten Johannes Fickler? Haſt Du ſie ſpäter wirklich niemals geleſen? O Glücklicher, der die Frucht vom Baume der 106 Erkenntniß ungepflückt an ihrem Zweige hängen ließ! D. O.“ Kepler las den Brief wieder und wieder. Was hätte er nicht darum gegeben, ihn ſeiner Suſanne mittheilen zu dürfen; doch ſollte ſie mit der Kenntniß des ſchlimm⸗ ſten Leidens, das den getroffen, den ſie ſo innig liebte, verſchont bleiben. Freilich, ſie würde die Unehre, die ſeine Mutter über ihn brachte, nicht als eine den Geliebten beſchmuzende Schmach annehmen, aber den Schmerz über ſeinen ſo grauſamen Kummer wollte, mußte er ihr ſparen, war doch die Trennung an und für ſich ſchon Leids genug für die zarte Frau, die vielleicht in den ihr in kurzem bevorſtehenden Angſtſtun⸗ den ſeiner Nähe würde entbehren müſſen. Freilich, er ließ ihr Apollonia, die treue, weiſe, umſichtige Matrone, aber Apollonia hatte keinem Kinde das Leben gegeben; konnte ſie denn die Leiden ganz beurtheilen und der armen Suſanne zur rechten Zeit mit den rechten Wor⸗ ten den rechten Troſt geben? Das hätte nur der Gatte gekonnt, der Vater des Kindes, dem das geliebte Weib das Leben geben würde. Aber er ſollte ſeiner Mutter zu Hülfe eilen, der Mutter, die einſt um ſein Leben den Kampf gekämpft, der jetzt der Geliebten bevorſtand. O, ein liebendes Männerherz kann die Heiligkeit der ——— 107 Mutterwürde faſſen und begreifen, und das Herz Kep— ler's riß ſich muthig von ſeiner glücklichen Häuslichkeit los, um ſeiner Mutter zu Hülfe zu eilen. Die Reiſe des Gelehrten war in den Gegenden, zu welchen ſein Weg ihn führte, noch ſicher. Die Schaa⸗ ren Buquoi's, Dampierre's und Mansfeld's ſtanden in Böhmen, wo ſie die wüthendſten Kämpfe mit einander ausfochten, bei welchen bald die Proteſtanten, bald die Katholiken den Sieg davontrugen. Sein Weg führte ihn über Landshut und Augs⸗ burg nach Ulm, wo man den berühmten Gelehrten mit großen Ehren empfing. Doch vermied er einen längern Aufenthalt in dieſer Stadt und eilte zunächſt nach Tü⸗ bingen, wo Beſold ihn mit offenen Armen, aber tief be⸗ trübtem Herzen empfing. Die Nachrichten, die der Freund ihm von der Mutter geben konnte, waren ſo troſtlos als möglich. Die Unglückliche befand ſich ſchon ſeit vielen Monaten in hartem Gefängniß. Sie hatte in ganz Leonberg keinen Freund, der ihr aufrichtig wohl wollte; ſelbſt ihr Sohn, der Zinngießer Kepler, ein gut⸗ müthiger, aber äußerſt beſchränkter Mann, glaubte nicht an die Schuldloſigkeit ſeiner heftigen und in allen Stücken wunderlichen Mutter. Auch der Schwieger⸗ ſohn, Pfarrer Binder in Heumaden, ſchien die Mutter ſeiner Frau ſeiner Sohnestheilnahme keineswegs für 108 würdig zu halten. Anfangs, bei der Gefangenſetzung der Bedauernswürdigen, hatte die Tochter Margarethe ihr Eier, gutes Obſt und zuweilen ein Fleiſchgericht durch beſondere Boten und die Vermittlung des Kerkermei⸗ ſters zukommen laſſen; in dem Städtchen aber wußte man, daß dieſe töchterlichen Liebesgaben auf den Be⸗ fehl ihres Gatten hatten unterbleiben müſſen. Noch vor dem Eintritt ihrer Haft hatte Frau Margarethe ihre ſchwerbedrohte Mutter halb mit Gewalt, halb mit Zu⸗ reden hinaus nach Heumaden genommen; nach dem Ge⸗ rede der Stadt hatte ſie die heftig widerſtrebende alte Frau in eine zu dieſem Zweck beſonders eingerichtete große Truhe geſteckt und ſo in ihr ſtilles Pfarrhaus ge⸗ fahren, aber Katharina Kepler war nach wenigen Tagen allein und freiwillig nach Leonberg zurückgekehrt, da ſie den feſten Entſchluß kundgab, nicht weichen noch wanken zu wollen, bis ihre Feinde und Verleumder beſtraft wor⸗ den wären. Margarethe hatte die Mutter auch nur zu ſich ge— nommen, weil der Zinngießer ſie inſtändig gebeten, die— ſelbe ſo bald als möglich von dem Schauplatze ihrer unruhigen Thätigkeit zu entfernen, da Vogt Einhorn, das gefürchtete Oberhaupt der kleinen Stadt, ihm, dem Sohne, aufgegeben, die Mutter anzuhalten, daß ſie den Leuten nicht ſo viel in die Häuſer laufe. 109 Kepler hatte ſeine bedauernswerthe Mutter viele, viele Jahre nicht geſehen, und wie bei allen guten Menſchen hatte die Zeit auch bei ihm ihre Wirkung gethan und einen Schleier über die Fehler geworfen, unter denen er in ſeiner Kindheit und Jugend ſchwer genug zu leiden gehabt. Deutlich erinnerte er ſich dann ihrer ſtattlichen Schönheit, ihrer eifrigen Dienſtwilligkeit, jedem Leidenden zu helfen, ihres Strebens, ſich, wo ſie konnte, Kenntniſſe anzueignen, kurz jeder Eigenthümlich⸗ keit, die ihr, richtig angewendet, zur Chre gereicht hätte, und es ſchien ihm unglaublich, ja unmöglich, wie ſie jetzt von Jedermann gehaßt und verfolgt werden könne. Beſold konnte ihm darüber keine genaue Aufklärung geben. Daß man ſie des gelehrten, berühmten Sohnes wegen be⸗ neide, und die Gelehrſamkeit deſſelben geradezu für Teufelswerk halte, durch der Mutter Hexerei hervorgebracht, kränkte Kepler's Herz noch kaum ſo ſehr, als daß Beſold auf die faſt bis zur Verſtandeszerrüttung ausgeartete Wunderlichkeit anſpielte. „Willſt Du mir geſtatten, mein trefflicher Freund, Dich mit einigen gelehrten Jeſuiten bekannt zu machen“, fragte Beſold den Freund,„die viel über die Schrecklichkeit und Ungerechtigkeit der Hexenproceſſe nachgedacht und ge⸗ ſchrieben haben? Es iſt einer darunter, Pater Spee, ein Jüngling noch an Jahren, aber weiſe und edelherzig, 110 wie es viele Greiſe nicht ſind. Er ſchreibt gegenwärtig über die abſcheulichen Betrügereien des Hexenhammers und der Hexenwage, und dies Buch wird die Welt einen guten Schritt vorwärts führen in der Beurthei⸗ lung dieſer ſchrecklichen Dinge.“ Kepler hatte bei dieſer Erzählung einen ernſten, prü⸗ fenden Blick in das unruhige Auge ſeines Schulkame⸗ raden geworfen und ſagte dann:„Aber biſt Du auch der Feſtigkeit Deines heiligen Glaubens gewiß, daß Du es wagen darfſt, Umgang und Unterhaltung mit den Männern zu pflegen, deren ganze Gelehrſamkeit und Willenskraft darauf ausgeht, den Katholicismus in die Welt zurückzuführen? Ich habe in dieſen letzten Tagen eine Schrift verfaßt zur Vertheidigung unſeres heiligen geläuterten Glaubens, erlaube mir, daß ich Dir dieſelbe zu Deiner Beurtheilung vorlege.“ „Du, Johannes?“ fragte Beſold erſtaunt.„Laß ſie nie drucken, denn Du, den die Proteſtanten verketzern, würdeſt, wenn Dein Name als der des Verfaſſers be⸗ kannt würde, ſchwere Anfechtung von allen Parteien zu erdulden haben.“ „Ich vertheidige, was ich für wahr und recht er⸗ kannt“, meinte Kepler heiter,„die Folgen davon für mein eigen Wohl oder Wehe ſind mir ganz gleichgültig. Du haſt in Deiner Jugend Dich für das Schickſal des 111 ig Appian ſo warm intereſſirt, haſt Du jetzt vernommen, daß s die würdigen Verfaſſer des Buchs„Vom wahren Chriſten⸗ lt thum“, die Magiſter Weigel und Arndt, von allen Seiten i arg verketzert werden, und daß Magiſter Oſiander, unſer alter Lehrer, mehr als hundert Fehler gegen den echten ü- gereinigten Glauben in ihrem Buche gefunden?“ 2„Es ekeln mich alle dieſe kleinen Zänkereien an; 9 ich leſe fleißig die alten Kirchenväter und finde in ihrer du naiven Glaubensfreudigkeit ſehr oft wahren und warmen en Troſt. O wer wie ſie ſeinen Glauben unter Kampf und d der Welt Schwierigkeiten ausſprechen dürfte!“ ie„Das habe ich gekonnt und habe es gethan“, ent⸗ en gegnete Kepler freudig. en„Und vielleicht ſind es eben die Schwierigkeiten, be die Dich, edler, großherziger Mann, am Hofe Rudolſ's den Proteſtantismus ſo feſt halten, ſo ernſt vertheidigen ſe ließen“, meinte Beſold trüb.„Hier in Würtemberg iſt n, es der Glaube, durch den allein man zu Ehrenſtellen und 6 zeitlichem Glücke gelangen kann.“ zu„Nun aber, ich denke doch nicht, daß ein Menſch aus reinem Geiſte des Widerſpruchs von dem Glauben — ſeiner Väter abweichen würde“, entgegnete Kepler faſt ſr im Tone einer Frage. Beſold aber antwortete nicht, ſondern ſtellte dem Freunde einen eben eingetretenen jungen Mann als V 112 Pater Spee vor, denſelben, dem es in ſeinen reifern Jahren gelang, dem Unſinn der Hexenproceſſe durch ſeine Beredtſamkeit ein Ende zu machen. Jetzt ging das Geſpräch auf Kepler's Mutter und ihre großen Leiden über. „Ich kenne die Aermſte nicht“, ſagte der Jeſuit, „aber ich weiß, daß ſie ſicherlich kein grobes Verbrechen begangen hat, wie dies nicht ſelten bei den Perſonen vorkommt, die der Hexerei bezüchtigt am Brandpfahle enden und durch Geheimmittel, die ſie verkaufen, entſetz⸗ lichen Schaden angerichtet und den Tod vieler Perſonen verſchuldet haben. Viel eher würde ich annehmen, daß die Mutter eines ſo würdigen, weiſen Mannes wie Sie, Herr Magiſter, zu jenen ausgezeichneten Frauen gehört, die im Beſitz großer Kenntniſſe, die ſie mit Liebenswür⸗ digkeit und ſeltener Beſcheidenheit verbinden, den Neid und die Aufmerkſamkeit der Schlechten auf ſich ziehen.“ „Es gibt auch ſolche unter den der Hexerei be⸗ züchtigten“, entgegnete Kepler,„und meine liebe Erzieherin Frau Apollonia Wellinger war eine darunter.“ „Lebt die treffliche Frau noch?“ fragte Pater Spee. „Mein Freund hier, Herr Beſold, hat mir von ihr erzählt, und meine Seele freut ſich, daß es demſelben gelungen iſt, das Schlimmſte von ihr fern zu halten.“ „ℳ „Sie iſt in meinem Hauſe zu Linz“, entgegnete 113 Kepler,„die mütterliche Freundin meiner jugendlichen zweiten Gattin, die ſanfte Erzieherin, ſo recht eigentlich die liebevolle Großmutter meiner beiden Kinder erſter Ehe.“ „Gott erhalte Dir die würdige Freundin noch viele Jahre“, ſagte Beſold, ſetzte dann aber mit halb entſchul⸗ digendem Tone hinzu:„Unſeres gelehrten Freundes rechte Mutter hat ihn zwar geboren, aber nicht erzogen, weil ſie ihrem Gatten bald nach der Geburt ihres erſten Kin⸗ des nach Flandern folgte, wo dieſer, ein auffallend ſtatt— licher Mann, von Werbern aufgegriffen, unter Alba's Fah— nen kämpfte.“ „Ah ſo!“ entgegnete Pater Spee gedehnt. „Ihr glaubt alſo, daß dieſer Umſtand ihr Scha— den bringen könnte? Mein Vater Heinrich Kepler war, wie mein Großvater Sebaldus Kepler, ein echter Pro⸗ teſtant.“ „ SDas würde weder ihm noch Eurer unglücklichen Mutter bei irgend einem Proceſſe zum Nachtheile gerei⸗ chen, wenn ich ihr Richter wäre“, entgegnete der Jeſuit mild,„denn jeder gerechte Richter, welchem Glauben er auch angehöre, muß nach den Thaten der zu Richten⸗ den, nicht nach ihrem Glauben urtheilen. Aber Frauen von großer Lebhaftigkeit ſind, wenn ſie nicht hohe Bil⸗ dung und wahre Frömmigkeit beſitzen, bei dem Wahn⸗ ſinn der Hexenproceſſe oft die Beklagenswertheſten. Ihre Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III 8 114 innere Unruhe trieb ſie ſchon zuweilen zur Selbſtanklage, ehe die Folter ihrer Verzweiflung ein ſolches lügneriſches Geſtändniß erpreßte. Eilt, Herr Kepler! Die Angele⸗ genheit Eurer Frau Mutter hat mich immer intereſ⸗ ſirt, und ſolltet Ihr meiner Hülfe bedürfen, ſo werdet Ihr in mir einen Freund finden, ſtets bereit, Euch und der arg Verleumdeten beizuſtehen. In wenigen Minuten muß ich ſelbſt nach Rottenburg zurück; iſt es Euch ge⸗ nehm, ſo begleitet mich bis zu einem Orte auf meinem Wege, wo ich Euch mit Gewißheit ein ordentliches Fuhrwerk bis Leonberg beſorgen kann.“ Mit herzlichem Dank nahm Johannes das Anerbie⸗ ten des liebenswürdigen Jünglings an, und während ihrer Fahrt erzählte er ihm von dem Tode ſeines Or⸗ densbruders Johannes Fickler, auch von dem Heinrich Kepler's und jenem ſeltſamen Amulet, das dieſer von der verworfenen Streicherin empfangen und gläubig bis zu ſeinem blutigen Ende bei ſich getragen habe. Hexen⸗ geſchichten mancherlei Art bildeten dann bis zu ihrer Trennung ihre Unterhaltung, in der Pater Spee ſei⸗ nen Gefährten ernſtlich warnte, bei der Vertheidigung ſeiner Mutter von der Unmöglichkeit der Hexenwerke und der buhleriſchen Verbindung unglücklicher alter Weiblein mit dem Erbfeinde des Menſchengeſchlechts zu ſprechen. —,—— 115 „Ich für mein Theil denke, der Klügſte der Klugen, der Sinnlichſte der Sinnlichen würde ſich zu ſei⸗ nen Schätzchen ſchwerlich die alten, triefäugigen Weiber wählen, die auf der Folter ſolche arge Verleumdungen über ihn und ſich ausſagen.“ Der hübſche junge Mann lächelte bei dieſen Worten in ganz eigenthümlicher Weiſe. Auf den Lippen eines jungen ſchnurrbärtigen Gardeoffiziers unſerer Tage würde dies Lächeln ganz an ſeinem Platze geweſen ſein, den ehrbaren Kepler ſtieß es in eigenthümlicher Weiſe zurück. „Pfui über das Cölibat!“ hätte er faſt laut ausrufen mögen.„Gott ſegne Luther, den Mann Gottes, der unſern Geiſtlichen die Ehe freigegeben und damit den ſchlimmſten Schandfleck in der alten Kirche ausgelöſcht hat“, dachte er in der Tiefe ſeines reinen, redlichen Her⸗ zens, und ſeine Erinnerungen flogen freudig nach Hauſe zu ſeinem lieben, ſchönen, jungen Weibe, zu ſeinen her⸗ anwachſenden Kindern, deren Schönheit, Herzensgüte und gute Geiſtesgaben ihn ſo beglückten, auf die er mit Recht ſo ſtolz war. Als die beiden Reiſegefährten ſich trennten, war der Abſchied von Kepler's Seite bei weitem weniger herzlich, als er es ohne dies ihm ſo mißfällige Lächeln gewe⸗ ſen wäre. In ziemlich ſpäter Abendſtunde kam der Hofmathe⸗ 8* 116 matikus Johannes Kepler in dem Städtchen Leonberg an und eilte ſogleich in das Haus ſeines Bruders, des Zinngießers Chriſtoph Kepler. Sein lautes Klopfen an die Hausthür erregte den heftigſten Schrecken bei allen Familiengliedern. Der Hausherr ging dem ſpäten Gaſt, die Lampe in der Hand tragend, ſelbſt entgegen; ſobald aber das Licht derſelben durch die obere geöffnete Hälfte der Hausthür auf das Angeſicht des vor derſelben ſtehenden Bruders fiel, verwandelte der Schreck ſich in eine mit Stolz gemiſchte ſchüchterne Freude. „Ja, Ihr ſeid's! Ihr ſeid's ohne Zweifel, mein hoch⸗ geehrter Herr Bruder. Niemand in der ganzen weiten Welt hat Augen wie Ihr, und gar wenn Ihr nun lächelt, wie jetzt, ſo iſt's daſſelbe Angeſicht, das uns alle ſo oft verwunderte, wenn Ihr Euch freutet, daß unſere kleine Schweſter Gretchen, die nun eine ſtattliche, vornehme Frau iſt, nicht ſo vornehm freilich als Ihr, der mit Fürſten und Herrn als mit ſeinesgleichen gelebt hat, aber doch eine ſtattliche Frau Pfarrerin— ja, was ich ſagen wollte, mein Herr Bruder, ſo wie jetzt, accurat ſo habt Ihr auch als Knabe gelächelt, wenn Gretchen gut lernte, was Ihr ihr, ſelbſt noch ein Knabe, mit ſo vielem Fleiße beibrachtet.“ „Wackerer Bruder“, ſagte Johannes, dem Wirthe, der unterdeß mit dem Oeffnen der Thür zu Stande ge⸗ 1 05 S. 117 kommen war, feuchten Blickes die Bruderhand rei⸗ chend. Im nächſten Moment lagen beide Brüder wei⸗ nend ſich in den Armen, und ehe noch die wackere, ganz hübſche Hausfrau die Schlafſtätte des werthen Gaſtes bereitet und ihm ein tüchtig Gericht echt ſchwäbiſcher Knöpfle zur Nachtkoſt vorgeſetzt hatte, war aus dem Herzen des einfachen Handwerksmannes jede Spur der Scheu vor dem gelehrten vornehmen Bruder verſchwunden. Als Johannes wohlbehalten in ſeinem thurmhohen, mit weißem Linnen bezogenen Bette lag, mußte er dem Bruder drohen, ihm den Leuchter an den Kopf zu werfen, wie es Chriſtoph ihm oft ſcherzweiſe gethan, wenn er in den Vacanzen zu lange neben dem Bette des Schlaf⸗ trunkenen ſtudirt hatte. „Na denn, ſo ſchlaf unter Gottes Schutz“, ſagte gute Nacht nehmend der Bruder,„und bringe morgen unſerer armen Mutter Troſt und Frieden.“ Katharina Kepler, die unſaglich unglückliche Greiſin, war wenige Tage vor der Ankunft des Sohnes nach Güglingen in einen andern als ihren frühern Kerker zu Leonberg gebracht worden, und zwar zum Theil durch die Unvernunft Chriſtoph Kepler's, der, indem er an den leonberger Magiſtrat, deſſen Obmann, der Vogt Einhorn, der Todfeind der armen Angeklagten war, die Bitte 118 gerichtet, ſie einem andern Richter zu übergeben, ſeiner armen Mutter einen Dienſt zu leiſten glaubte; gewiß iſt, daß er glaubte, es würde der Familie weniger Schande machen, wenn ſeine Mutter die Qualen der Tortur, die Vogt Einhorn ihr bereits zuerkannt, an einem andern Orte erlitte. Johannes eilte nun in der Morgenſtunde eines Septembertags, ſo ſchnell als möglich zu ſeiner armen Mutter zu kommen. Die köſtliche Friſche des ſchönen Herbſtmorgens er⸗ quickte das Herz, das mit der Natur von Jugend auf gelebt hatte, bis in ſeine tiefſten Tiefen. Seine fromme Seele ſuchte Troſt im heißen Gebet, und die Ueberzeu— gung, daß der Allmächtige, der Sonne, Erden und Monde an unſichtbaren Banden auf den ihnen angewie⸗ ſenen Bahnen erhält, auch die Geſchicke der Menſchheit und jedes Einzelnen derſelben liebend regiert und lei⸗ tet, gab ihm Muth und in gewiſſer Weiſe ſogar Freu⸗ digkeit und ſtärkte ſeine Entſchloſſenheit, alles ihm Mögliche zur Rettung ſeiner Mutter zu thun. Er be⸗ trat ihren dunkeln Kerker mit gefalteten Händen und erhobenem Haupte. „Wer iſt da?“ fragte eine Stimme, deren Klang ihm ganz unbekannt war, denn die feuchte Kerkerluft und die bittere, die Bruſt beklemmende Angſt hatten ihr alle 119 frühere Kraft und Stärke geraubt; dumpf und heiſer ſchallte ſie dem eintretenden Sohne entgegen. „Euer Sohn Johannes!“ antwortete er und aller Jammer ſeiner Seele durchzitterte die kurzen Worte. Unterdeſſen hatte ſich auch ſein Auge an die Fin⸗ ſterniß des Kerkers gewöhnt. Er ſah nun das Elend, das er bis dahin ſich nur vorgeſtellt hatte. Katharina Kepler hatte eine ziemlich ſchwere Kette um einen ihrer Füße, vermittelſt welcher ſie an die feuchte Wand ihres Kerkers gefeſſelt war. Sie verſuchte ſich von einem Strohlager, das am Boden lag, emporzu⸗ richten, aber es ſchien ihr nicht möglich zu ſein, und zit⸗ ternd eilte der Sohn zu ihr, ſie zu unterſtützen. Schwer lehnte ſie, als er ſie auf die Füße gebracht, ihr von eisgrauen Locken wild umringeltes Haupt auf die Schul⸗ ter ihres Erſtgeborenen, und ſeine Hand mit ihren beiden eiskalten Händen packend, ſagte ſie: „Gott ſchickte Dich! Gott, den ich in der Tiefe meines Elends ſo lange vergeblich angerufen habe. Mein Sohn! mein Sohn! Ja, es geſchehen noch Wun⸗ der! Daß ich Dich hier ſehe, daß ich meinen müden Kopf auf Deine ſtarke Schulter legen, Dein lockiges Haupt mit meinen Armen umſchlingen kann, das iſt ein Wun⸗ der ſeiner Barmherzigkeit, oder— weh mir!— iſt's ein Anderer, der Dich ſchickt? Er, der ſeit meiner Kinder⸗ 120 zeit nach mir ſchnappt und jagt, den ich auch— der Herr erbarme ſich meiner!— in meiner Verzweiflungsangſt um Hülfe angerufen habe. Johannes, mein Sohn, mein Erſtgeborener, ſprich, o ſprich, ſchickt der böſe Feind Dich? Werde ich's verdienen, daß man meine Glieder mit der Folter zerreißt? Bin ich wirklich, was man mich nennt, eine Unholdin, des Satans verworfene Buhlerin, verworfen zeitlich und ewig?“ Hier verſagten die zitternden Füße der Unglückli⸗ chen jeden Dienſt; zähneklappernd ſank ſie auf das harte Lager, und der Sohn kniete daneben nieder, ihr Haupt mit ſeinen Armen vor der modrigen Feuchtigkeit deſſel⸗ ben ſchützend. „Faßt Euch, meine arme, meine theure, vielgeliebte Mutter“, flüſterte Johannes, und eiskalte Thränen füll⸗ ten ſeine Augen;„Gott hat mich zu Euch geſendet. Auf die Aufforderung Eurer andern Kinder und meines Freundes Beſold bin ich hierher geeilt, und der Allgütige, der mich nicht zu ſpät kommen ließ, wird mir auch die Kraft verleihen, Euch zu ſchützen, zu erretten.“ „Ich kann nicht weinen! Du weißt es ja, Johan⸗ nes“, ſagte die Unglückliche, den Sohn mit ihren thränen⸗ loſen Augen anſtarrend;„ſeit Dein Vater mich um der ſpaniſchen Buhlerin willen verließ, ſind meine Thränen verſiegt, aber die Deinen thun meiner Seele wohl. O mem 121 mein Sohn, mein Sohn, ſo glaubſt Du wenigſtens, der einzige von meinen Kindern, an meine Unſchuld?“ „Ja, meine arme Mutter, wie an Gottes Barm⸗ herzigkeit.“ „Still, ſtill“, flüſterte ſie, ihn unterbrechend,„ſprich nicht aus, was doch wohl eine Lüge iſt; weiß ich doch ſelbſt nicht, wie's damit ſteht. Habe ich nicht ſo oft in jungen Tagen heiß gewünſcht, die Klugheit und Macht der Streicherin zu erringen? Habe ich es nicht vielmals ausgeſprochen, der Apollonia Weſen und Geberden um jeden Preis haben zu wollen, und ſie beide waren, das wußte ich wohl, des Satans liebſte Verbündete, ja, und jetzt, da mir das bittere Waſſer der Trübſal bis an den Hals ſtieg, da habe ich laut geſchrieen: Hilf mir, Satanas, nimm mein unſterblich Theil, aber reiße mich aus dieſen Nöthen! O meine Glieder ſind ſteif geworden in der naſſen Kälte meines Kerkers und mein Herz ver⸗ lechzt in dieſer troſtloſen Einſamkeit! Ich bin nicht un⸗ ſchuldig, ich bin es nicht, darum haben auch meine Kin⸗ der mich verlaſſen und verleugnet, und Du biſt wohl nur ein Spukgebild, nicht mein wirklicher kluger Sohn; der iſt zu vornehm, um an die Mutter auch nur zu denken; wie ſollte er denn vom glänzenden Kaiſerhof hierher kommen in dieſen entſetzlichen Kerker?“ „O ſucht Euch zu faſſen, meine theure unglückliche 122 Mutter!“ flehte der tief ergriffene Sohn.„Iſt es nicht ſelbſt in dieſem tiefen Jammer ein Glück, daß wir bei einander ſein können? Euer lieber Sohn Chriſtoph läßt Euch mit Weib und Kindern von Herzen grüßen, er hofft wie ich, daß die Gnade, in der ich beim Prinzen Fried⸗ rich ſtehe, mir behülflich ſein wird, Eurer Feinde böſe Anſchläge zu vernichten.“ Der ernſten, rührenden Bitte des Sohnes gelang es denn auch endlich, daß der Vogt Aulber die Erlaubniß ertheilte, Katharina Kepler aus dem Gefängniß und in die Stube des Gefangenwärters zu bringen, doch gab man der kranken Frau, deren Kette man im Zimmer an einem Mauerring befeſtigte, noch zwei Wärter zur Be— wachung. Auch bekam Kepler auf ſein dringendes Erſuchen die Erlaubniß, die Vertheidigung ſeiner Mutter ſchriftlich zu führen und ihren Vertheidiger dem Gericht nicht nennen zu dürfen, was ihm geſtattete, die Vertheidigung ſelbſt niederzuſchreiben. Wenn es nichts Andern bedurft hätte, als eines großen Verſtandes und der Federgewandtheit ihres Ver⸗ theidigers, ſo würde die Unglückliche wohl gerettet gewe⸗ ſen ſein, aber mit der Dummheit kämpfen Götter ſelbſt vergebens. Johannes ließ ſich in ſeiner erſten voluminöſen Ver⸗ 123 theidigungsſchrift gar nicht auf einen Beweis der voll⸗ ſtändigen Unſchuld ſeiner Mutter ein, noch weniger auf irgend eine Anſpielung auf die Unmöglichkeit des Ver⸗ brechens, deſſen ſie beſchuldigt war. Der Hexenglauben gehörte nun einmal zu den kirch⸗ lichen Glaubensartikeln jener dunkeln Zeit, und ein pro⸗ teſtantiſcher Prädikant, der Magiſter Johann Burghardt Buck, der ſeit Jahren die unglückliche Frau ſchmählich verfolgt und ſie nicht zum Genuß des heiligen Abend⸗ mahls zugelaſſen hatte, war der wildeſte Eiferer gegen die vermeintliche Zauberei Katharinens. Zuvörderſt bemühte ſich Kepler darzuthun, daß die mehr als ſchrecklichen Geſetze gegen Zauberei im Falle ſeiner unglücklichen Mutter die Anwendung der Folter gegen ſie weder nothwendig noch zuläſſig machten. Auf dieſe geiſtvolle und ganz zur rechten Zeit vor⸗ gebrachte Eingabe des Sohnes erſchien eine Gegenſchrift, und ſo wurde denn endlich nach langem Hin⸗ und Her⸗ ſchreiben, nach haarſträubenden Verhören und Protokolliren, bei dem es unter Anderm einmal heißt:„Die Beklagte erſchien vor Gericht leider mit Beiſtand ihres Herrn Soh⸗ nes, des Mathematikers Johannes Kepler“— die ganze Angelegenheit wegen Zuläſſigkeit der Anwendung der Folter gegen Katharina Kepler dem Univerſitätsſenat von Tübingen vorgelegt. 124 Die unglückliche Greiſin ſollte nun in jenes grauſige Gemach geführt werden, in welchem Apollonia einſt ſo edel und muthig gelitten, um die Mutter ihres Johannes vor dem Jammer zu bewahren, der nun doch in ſei⸗ ner ganzen Schwere über ſie hereingebrochen zu ſein ſchien. Auf dieſem entſetzlichen Gange konnte der treue Sohn ſie freilich nicht begleiten, aber er blieb bis zum letzten Augenblicke bei ihr und redete ihr zu, ſich kein Geſtänd— niß abängſtigen zu laſſen und auf Gott zu vertrauen, der in den ſchrecklichſten Augenblicken der Freund und Beiſtand der Schwachen ſei, die auf ſeine Kraft ver— trauen. „Denke an Apollonia, mein armes Miütterlein, die, um der Wahrheit die Ehre zu geben und Dich, ihre Ju⸗ gendgeſpielin, vor den Anfechtungen dieſer Stunde zu bewahren, die ſchlimmſten Folterqualen ertrug, ſodaß das Band zwiſchen Leib und Seele geriſſen wäre, wenn ſie noch eine Minute länger gewährt hätten. Du warſt ja immer kräftiger als die arme kleine Frau. Denke an ſie und an Deine Kinder, denen Deine Standhaftigkeit Ehre und Anſehen erhalten ſoll. Denke, daß Gott ein Gott der Wahrheit iſt und denen, die für die Wahr⸗ heit leiden, auch in der ſchlimmſten Noth zur Seite ſteht.“ ————— ſelig ker, thätic tung erſchi genw Keple des, ſonn begle Stun empo nur der d achte ermef Sonn erkau⸗ lende ſer der 2 Men löſers Diejenigen amtlichen Perſonen, welche die Unglück⸗ ſelige an den ſchrecklichen Ort führen ſollten, der Hen⸗ ker, der kleine fürchterliche Arzt, der bei deſſen Amts⸗ thätigkeit gegenwärtig zu ſein die ſchreckliche Verpflich⸗ tung hatte, der Vogt Aulber und drei Gerichtsbeiſitzer, erſchienen jetzt an der Schwelle der Thür des Gefan⸗ genwärters, und mit feſtem Schritt folgte Katharina Kepler dieſen Führern in die Nacht des tiefſten Elen⸗ des, das menſchliche Unvernunft für die Menſchheit er⸗ ſonnen. Wir wollen ſie auf dieſem ſchrecklichen Wege nicht begleiten; wir bleiben bei dem Sohne, der in dieſer Stunde, einſam auf den Knieen liegend, Gebete zu Gott emporſchickte, die, gelobt ſei er! außer dem edlen Manne nur Wenige zu beten Gelegenheit gehabt haben. Kepler, der den Wandel der ewigen Sterne erkannt und beob⸗ achtet hatte, der, weit über die Erde hinaus in die un— ermeßlichen Tiefen der Himmel blickend, die zahlloſen Sonnen des Weltalls als die Schaar der Seraphim erkannt hatte, die als Diener des Allerhöchſten ihr ſtrah⸗ lendes Antlitz ſeinem Throne zuwenden, er fühlte in die⸗ ſer entſetzlichen Stunde nichts, nichts als das Elend der Menſchheit und konnte zum erſten Mal in ſeinem Menſchendaſein ermeſſen, daß der Kreuzestod des Er⸗ löſers nicht allein die höchſte menſchliche Qual, ſon— 126 dern auch die höchſte menſchliche Glückſeligkeit enthalten habe. O hätte er dieſen ſchrecklichen Weg für ſeine Mut— ter machen, hätte er die Folterqualen, die in dieſem Moment wohl ihre Nerven zerriſſen, für ſie fühlen und muthig zu ihrer Reinigung ertragen dürfen! Der Flug der Zeit hatte in dieſer Stunde ſeines Lebens für den Sohn aufgehört. Ob Minuten oder Jahre verfloſſen, ſeit er auf ſeinen Knieen liegend den Moment der Erlöſung ſeiner Mutter erwartete, er wußte es nicht, aber er war gekommen! Katharina ſtand neben ihm. Das Collegium in Tübingen hatte der Mutter des größten Gelehrten ſeiner Zeit durch ſein Miſſiv und Erkenntniß die Qualen der Folter erſpart und nur zu⸗ gegeben, daß man die unglückliche Frau aus Rückſicht auf ihr hohes Alter nur mit der Folter bedrohen, ihr die ſchrecklichen Werkzeuge durch den Henker zeigen und erklären laſſen ſolle. Katharina hatte dieſe geiſtige Tor⸗ tur mit Muth und Standhaftigkeit überſtanden, hatte dann knieend Gott den Allgegenwärtigen zum Zeugen ihrer Unſchuld angerufen und mit gerungenen Händen gefleht, daß er ein Zeichen an ihr thun und dadurch der Zeuge ihrer Unſchuld ſein möge. Aber das Wunder ihrer Rettung war ſchon vor ihrem heißen Gebete geſchehen. Der akademiſche Senat ——— 127 hatte höchſt wahrſcheinlich aus Rückſicht auf die hohen Verdienſte ihres Sohnes entſchieden, daß ſie nach dieſer Verſicherung ihrer Unſchuld angeſichts der Marterwerk⸗ zeuge von der Klage freigeſprochen werden ſollte, wenn die Ihrigen wegen der Gerichtskoſten Sicherheit ſtellen könnten. So hatte man die zum Tode erſchöpfte Grei⸗ ſin zu dem harrenden Sohne zurückgeführt. Freilich lag in dieſem Ausſpruch für ſie und ihre Familie keine eigentliche Ehrenrettung, aber doch war er ihr wie eine Erlöſung aus der Hölle erſchienen. Freilich fiel das kleine Vermögen der Familie Kepler in den entſetzlichen Abgrund dieſes Criminalproceſſes, freilich mußte Johannes Kepler, um ſo viel als thunlich von dem geringen Beſitzthum der Familie zu retten, noch Wochen, ja Monate lang von ſeiner Familie und ſeinen Berufsarbeiten fern bleiben, aber Gott erlöſte die Un⸗ glückliche, die ihr Leben lang ſo viele Schmerzen und Demüthigungen erlitten, durch den Tod endlich von al⸗ lem Jammer und Aengſten deſſelben. Ihr Sohn Johan⸗ nes drückte ihr die Augen zu am dreizehnten April 1622, und die Gerichte vertheilten ihren kleinen Nachlaß nach ihrem Gutdünken, wobei man der tiefbetrübten Tochter, welche in dem, was ihr von demſelben zugeſtanden hätte, durch die Machinationen des Vogts Einhorn bedeutend gekürzt wurde, zu verſtehen gab, ſie habe Gott zu dan⸗ 128 ken, daß es mit dem Proceſſe ihrer Mutter einen ſo leidlichen Ausgang genommen. Johannes nahm friedlich und freundlich Abſchied von ſeinen Geſchwiſtern und de⸗ ren Familien und kehrte nach langer, ſchmerzlicher Tren⸗ nung in ſein Haus und zu ſeiner ſehnſüchtig harrenden Familie zurück. Viertes Kapitel. Ach, es hatte ſich viel, gar ſehr viel in dem Hauſe verändert, in welchem er, der heimkehrende Haus⸗ vater, dieſe ganze Zeit her ſo ſchmerzlich vermißt wor⸗ den war! Unter Leiden, die Apollonia für ihr Leben zittern machten, hatte Suſanne einer Tochter das Leben gege⸗ ben, die jetzt ſchon alle die Kunſtſtücke der zarten Kind⸗ heit ausführen konnte, die Väter und Mütter ſtets ſo ſehr bewundern. Zwar Gott Lob! die junge Frau hatte ſich nach überſtandenen Leiden ſehr erholt und blühte jetzt in ihrer ganzen frühern Friſche. Sie hatte die Urſache von ihres Gatten langer Abweſenheit erfah⸗ ren müſſen, da ſie ihr bei den über ihn in Linz umgehen⸗ den Gerüchten, die ihn als einen unglücklichen, von kaiſerlicher Acht verfolgten Flüchtling darſtellten, mehr zum Troſte als zur Beunruhigung gereichen mußte. Was war dem liebenden Herzen der jungen Frau Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 9 130 der Hexenproceß einer ihr von Perſon völlig Unbekann⸗ ten, die in ihrer Vorſtellung gar nicht wie des Ge— liebten Mutter erſchien, gegen ſeine eigene Gefahr und Verfolgung? Für Suſanne war Apollonia eine wahre Mutter, und faſt konnte ſie das Bild des theuren Man⸗ nes nicht von dem ihrer treuen Pflegerin in ihren Angſt⸗ und Leidensſtunden trennen. Auch Margarethe hatte ſich in denſelben, ſoweit es ihre Jugend zuläſſig gemacht, der jungen Mutter als eine töchterliche Freundin be⸗ währt. Ludwig beſuchte fleißig das im Jahre 1608 von den Jeſuiten angelegte Domgymnaſium, das zur Zeit aber unter proteſtantiſchen Obern ſtand, und war ein hoffnungsvoller, fleißiger Schüler. Nur eine Perſon befand ſich unter Kepler's Lieben, bei deren Anblick man alle Hoffnungen. ſoweit ſie ſich auf Irdiſches bezogen, aufgeben mußte, Apollonia. Die Sorgen um das, was fern von ihr die Seele des ge⸗ liebten Sohnes foltern mußte, die Lebhaftigkeit, mit der ihr Geiſt ſich all die grauſamen Scenen ins Ge⸗ dächtniß zurückrief, die ſie einſt ja alle ſelbſt in ihrer gan— zen Gräßlichkeit erlebt, hatten ihren zarten, durch das Leben abgenutzten Körper bis zur äußerſten Hinfälligkeit erſchöpft. Man hörte ſie nie klagen, ſie verweigerte nie ihre Beihülfe zu irgend einer Arbeit des Hauſes, ſie hatte für jedes ihrer Lieben ein tröſtendes Wort und 131 einen freundlichen Blick und konnte trotz ihrer Schwäche mit der kleinen runden Cordula, deren Pathin ſie war, ſo herzlich ſchäkern, tanzen und lachen, wie die junge Mutter ſelbſt oder die luſtige Margarethe, die man ſtets warnen mußte, nicht gar zu wild mit dem Kinde zu ver⸗ fahren; dennoch war die Lebenskraft der alten Frau dem Erlöſchen nahe, und dies konnte Keinem verborgen blei⸗ ben, der in ihre wunderſam ſchimmernden Augen blickte. Sie ſprach nicht häufig vom Tode, aber ſie vermied auch das Geſpräch über den ernſten Freund nicht. Der Tochter Kepler's, die ſie ganz beſonders liebte, hatte ſie längſt alle ihre Anordnungen für den Eintritt ihres To⸗ des und die Vertheilung ihres kleinen Nachlaſſes mitgetheilt. Faſt ſchien es, als hätte ſie nur die Rückkehr Kep⸗ ler's erwartet, um ſich aus den Armen des Sohnes ihrer Wahl von der dunklen Erde fortzuſchwingen in die ſchö⸗ nen Sterngefilde, die ſie dem lauſchenden Kinde ſo oft gezeigt, von denen der weiſe Mann ſpäter der gelehrigen Matrone ſo oft erzählt hatte. Er war noch nicht acht Tage bei den Seinen, als in einer ſtillen Sonntagsnach⸗ mittagsſtunde die Greiſin ſich mit ihrem kleinen Spinn⸗ ſtuhle, der ſie in und aus dem Kerker und ſpäter auf allen Reiſen begleitet hatte, neben dem Lehnſtuhle des theuern Sohnes niederſetzte. „Aber das iſt doch gar zu hübſch, meine liebes Mut⸗ 9* 13² terle“, ſagte der Gelehrte, ihre kleine verſtümmelte Hand in die ſeine faſſend,„daß Du nicht in die Kirche gegan— gen, ſondern fein zu mir in mein Stübchen gekommen biſt, ein wenig Sonntag mit mir zu feiern. Schau auf! Hier iſt mein Manuſcript, was ich in Schwaben begann und beendete. Drei Bücher: Inbegriff des Copernikaniſchen Syſtems. Ich habe ſie dem Prinzen Friedrich von Wür⸗ temberg zugeeignet, aber eigentlich ſollten ſie Dir gehö⸗ ren, denn nur der Gedanke an Dich, die Du bis zur Zerſtörung Deiner armen Hände Dich in der Nacht Deines Kerkers beſchäftigteſt, hat mir in jener ſchreck⸗ lichen Zeit den Muth gegeben, auch eine Arbeit vorzu⸗ nehmen. O und wie gut hat ſie mir gethan! Der Flug meiner Gedanken trug mich, während ich die Gedanken des großen Mannes erläuterte, meiſt fort von der Erde und ihren Leiden, und wenn ich von den Bewohnern ferner Sterne träumte, dann machte mich die Hoffnung, einſt vielleicht auf einem derſelben vereint mit meinen Theuern der Erde in unendlicher Ferne zu gedenken und mich lächelnd des Sternenlichts derſelben, deren Dunkel⸗ heit ich früher ſo oft für undurchdringlich hielt, zu er⸗ freuen, in allen meinen Leiden geradezu glücklich. Auch Tycho, der dieſe Erde zum ruhenden Mittelpunkte des Weltalls machen wollte, glaubt doch, daß auch die an⸗ dern Sterne bewohnt ſind.“ 133 „Alſo Leben überall, Leben und Licht“, flüſterte Apollonia und ihr Blick hing ſtrahlend an den Au— gen des Sohnes; dann ſank ihr Haupt langſam auf ſeine Schulter, ihre Hand fiel aus der ſeinen, und als Kepler zu ihr niederblickte, war der Schritt über die Regenbogenbrücke des Todes ſchon gethan. Das Herz, das ihn ſo treu, ſo unſaglich geliebt hatte, ſchlug nicht mehr, und die Sohneshand drückte zitternd die Au⸗ gen zu, die ſo oft mit ihm emporgeſchaut hatten zum Lichte der ewigen Sterne. Als Suſanne und Margarethe aus der Nachmit⸗ tagspredigt heimkehrten, wo Paſtor Hitzler in Donner⸗ tönen die Schalen ſeines Zorns auf Reformirte, Utra⸗ quiſten, Pikarditen und andere Schismatiker, die die Con⸗ cordienformel nicht unterſchrieben, ausgeſchüttet hatte, fanden ſie den Gatten und Vater knieend neben dem Bette, auf welches er die geliebte Leiche gelegt. Seine Augen waren von Thränen feucht, um ſeinen Mund aber ſchwebte ein ſeliges Lächeln, als er, die theuern Lebenden an ſeine Bruſt drückend, ihnen leiſe, als wolle er die Schlafende nicht ſtören, zuflüſterte:„Wir werden ſie auf einem beſſern Stern wiederfinden!“ Und während hier im ſtillen Frieden des Familien⸗ lebens, von Liebe umgeben, ein ſchönes Herz den Weg zum beſſern Leben einſchlug, kämpften auf unzähligen, 134 mit Blut getränkten Schlachtfeldern Deutſchlands viele Tauſende ihre bittern Todeskämpfe. Der Glaube war das wilde Loſungswort beider Par⸗ teien. Auf den Fahnen Ferdinand's, des vom böhmi⸗ ſchen Throne verdrängten deutſchen Kaiſers, befand ſich das Bild der ſanften Mutter des Welterlöſers, ihr lächelndes Kind in ihren Armen tragend. Maria, das Vorbild holder, ſanfter Weiblichkeit und Mutterliebe, hatte der verblendete Fürſt ſchon beim Regierungsantritt ſei⸗ ner väterlichen Erbſtaaten zum Generaliſſimus ſeiner Heere gemacht, und jetzt mußte ihr Bild voranwehen den blutigen Thaten der blutigen Henker Dampierre, Buquoi, Wallenſtein und Tilly. Die Proteſtanten, die Böhmen voran, welche ſich erkühnt hatten, den Glaubenszwang des Geſchlechts der Habsburger wenigſtens für einige Zeit abzuſchütteln und ſich in dem Kurfürſten Friedrich von der Pfalz einen Kö⸗ nig ihres Glaubens zu erwählen, trugen als ihr Wahr⸗ zeichen auf ihren Fahnen den Kelch. Das Blut des Erlöſers, des edlen Sohnes der ſanften Maria, begehrten ſie bei ihren Liebesmahlen genießen zu dürfen, und in der That, ſie haben Blut genug gehabt in dieſem dreißigjährigen Kriege, der, mit der entſetzlichſten Grauſamkeit ge⸗ führt, Elend ohnegleichen über Deutſchlands Fluren ausgoß. 135 Dreißig Ernten deutſchen Fleißes zerſtampfte dieſer entſetzliche Krieg. Er ſchlug in Trümmer, was deutſche Weisheit und deutſcher Forſchungsgeiſt Jahrhunderte lang gebaut und geſammelt. Er fraß das Brod der Armen und der Reichen und nährte ſeine Glut am Feuer der Hütte und der ſtolzeſten Paläſte. Seine hohläugigen Begleiter, Peſt und Hungersnoth, ſchritten geſpenſtiſch durch die Thore aller deutſchen Städte vom Pregel bis zum Rheine, vom Sund bis zur Donau, und dennoch müſſen wir Epigonen von ihm ſagen: Doch war er gut, war ein Geſchick von Gott! Ja, er war gut, dieſer fürchterliche dreißigjährige Krieg, und die ihr Blut verſpritzten in ſeinen Schlachten, immer in dem tröſtenden, beglückenden Wahn, für ihren Glau⸗ ben, ihren Gott zu fechten, waren, auf welcher Seite ſie auch ſtehen mochten, Märtyrer, die ſich nicht vergebens opferten. Aus ihrem Blute erwuchs der ſchönſte Baum, den die Erde hervorbringen kann. Duldſamkeit iſt ſeine holdſelige Blüte, mächtiger, durch kein zelotiſches Pfaffen⸗ wort gehemmter Forſchergeiſt ſeine göttliche, die Welt verſchönernde Frucht! Schwerlich möchte ohne das wilde Wüthen des dreißigjährigen Kriegs die Locomotive jetzt Deutſchlands Fluren durchſauſen und durch Felstunnel und über gebahnte Bergrücken den deutſchen Künſtler, den deutſchen Dichter in die Gefilde Italiens führen, 136 wo Weisheit, Kunſt und Kraft jetzt nicht mehr die deutſche überragen, ja wo ſelbſt der Segen der Natur weit hinter dem Deutſchlands zurückbleibt. In der römiſchen Campagna hauſt jetzt neben der ziſchenden Natter im Steingetrümmer einer untergegan⸗ genen Civiliſation der als Ziegenhirt verkleidete Bandit mit ſeinen magern Thieren, während die Lüneburger Haide ſich mehr und mehr bevölkernd ein von deutſchem Fleiß geſegneter Boden wird. Siciliens geſegneter Boden verdorrt und die Korn— kammer der alten Welt wird zu einem Aſchenhaufen, während in den Sümpfen der Oder, der Weichſel, der Nogath und der Netze das goldene Korn in reichen Wogen wellt und das blühende Flachsfeld ein lachendes Spiegelbild des blauen Himmels zu ſein ſcheint. Die Naturwiſſenſchaft, die fleißige Tochter der Duldſamkeit, hat ſeit dem dreißigjährigen Kriege dieſe Wunder in unſerer Heimat bewirkt. Er war furchtbar, und nicht dürfte es eine Frau wagen, ſeine Schrecken gebührend zu beſchreiben. Darum übergehe ich auch in dieſen Blättern alle Scenen jenes dreißigjährigen Jammers, die ſich nicht direct auf den Mann beziehen, deſſen Leben, Wirken und Leiden ſeit meiner Jugend mein Herz mit Ehrfurcht erfüllt haben. Friedrich von der Pfalz thronte als von den böhmi⸗ ſchen Ständen erwählter proteſtantiſcher König in den ſtolzen Mauern des Hradſchin, aber nicht alle böhmi⸗ ſchen Standesherren und Ritter hatten ihm gehuldigt oder ſich mit ihren Familien ſeinem ſtolzen Hofhalt ange⸗ ſchloſſen. Vergeblich würde man die edle Fürſtin Polixena unter den Damen geſucht haben, die der engliſchen Eli— ſabeth dienten. Die edle Frau befand ſich in Raudnitz im Kreiſe ihrer heranwachſenden Kinder, und ihr ritterlicher Ge⸗ mahl war fern im Felde; er diente in der Armee Maxi— milian's von Baiern dem Kaiſer Ferdinand II., dem er als böhmiſchem Könige gehuldigt hatte. Eva von Lob— kowitz, ſeine Baſe, war geſtorben; ſie hatte ihren un⸗ glücklichen Vater nur wenige Jahre überlebt, der noch vor dem ihm feindlich geſinnten Kaiſer Rudolf ſein Le⸗ ben in dem Kerker beendet, zu dem die Ungnade die⸗ ſes Fürſten den freimüthigen Mann verdammt hatte. Die Fürſtin Polixena war durch ihre dankbare Die⸗ nerin Apollonia von Kepler's zweiter Heirath und ſeinen Familienleiden benachrichtigt worden. Sie hatte den Antheil einer Freundin auch jetzt noch für den ſeltenen Mann gehabt, der ihr Herz einſt in ſo ganz beſonderer Weiſe beſchäftigte, aber ſie hatte ſich nie erlaubt, über Gefühlen zu brüten, die vor der ſchönen Wirklichkeit ihrer Mutterpflichten zu Schatten 138 geworden waren. Die edle Frau, die wohl als die Stammmutter der jetzigen Fürſten von Lobkowitz zu be⸗ trachten iſt, erlebte noch die Rückkehr Ferdinand's auf den böhmiſchen Thron, und ihr Gatte gehörte zu den Streitern, die in der Schlacht am weißen Berge dem kurzen Königstraum Friedrich's von der Pfalz ein Ende machten. Wahrſcheinlich wäre die Regierung dieſes unglück⸗ lichen Fürſten eine längere geweſen und Böhmens hei⸗ ßes Streben nach Religionsfreiheit unter derſelben zur Gel⸗ tung gekommen, wenn nicht infolge des zelotiſchen Haſſes gegen die reformirte Partei in Deutſchland, als deren Haupt man Friedrich von der Pfalz betrachten mußte, die zu einem Bündniß mit ihm feſt entſchloſſenen, dem Lutherthume zugeneigten deutſchen Fürſten ganz von ihm abgefallen wären, nachdem er in ſeiner Thorheit den Befehl gegeben, in Böhmen alle Bilder und den Altar aus den Kirchen zu entfernen und ſtatt des letz⸗ tern einen Tiſch zur Feier des Nachtmahls aufzu— ſtellen. Eine ſolche Handlung war ausreichend, den Haß aller derer auf ihn zu lenken, welche die Concordien- formel unterzeichnet. Sie überließen ſogleich, im Haſſe viel einiger als in der Liebe, den unglücklichen Fürſten ſeinem Schickſal, und die nächſte Folge ihres Abfalls —— 139 traf ſie ſelbſt, denn Herzog Maximilian von Baiern, von ihrer Einigkeit nicht mehr bedroht, ging mit ſeiner wohl⸗ geſchulten Armee in Eilmärſchen nach Oeſterreich und belagerte das proteſtantiſche Linz, in dem ſich auch Kep⸗ ler mit ſeiner Familie befand. Kaiſer Ferdinand II. hatte eine Gegenreformation angeordnet und mit Strenge befohlen, daß alle Prote⸗ ſtanten zum alten Glauben zurückkehren oder ihrer Gü⸗ ter, Würden und Einkünfte verluſtig ſein und ſeine Lande verlaſſen ſollten, daß alle früher dem katholiſchen Kle⸗ rus gehörigen Häuſer, Güter und ſonſtigen Beſitzthü⸗ mer dieſem zurückgegeben werden und daß kein pro⸗ teſtantiſcher Prädikant mehr die Kanzel beſteigen oder irgend eine kirchliche Handlung ausüben ſollte. Maxi⸗ milian von Baiern, des jetzigen Kaiſers Jugendgefährte und wie er ein Zögling der gelehrten Jeſuiten in In⸗ golſtadt, war das fähige und bereitwillige Werkzeug, deſ⸗ ſen ſich der ſchreckliche Schwärmer zur Ausführung ſei— nes Willens bediente. Er erſchien vor dem ſchönen Linz wie ein furchtba⸗ res Meteor und verbreitete Schrecken in allen Häuſern, in allen Herzen. Kepler hatte ſchon lange etwas dem Aehnliches gefürchtet. Er erkannte die Geſinnung Ferdinand's, der ihm nie ein gnädiger Gebieter geweſen, und war ent— 140 ſchloſſen, ſo bald als möglich mit den Seinen einen Zu⸗ fluchtsort in Gebieten aufzuſuchen, in denen der Herrſcher kein Anhänger des alten Glaubens ſei. Ihn freilich, den von allen Parteien Angefochtenen, würden überall auch wieder neue Anfechtungen aufgeſucht haben, und ſein ganzes Herz hing ſo ſehr, ſo mit allen ſeinen Fa— ſern an Deutſchland. Prinz Julius von Medici, der ſpäter den päpſt⸗ lichen Stuhl beſtieg, hatte gegen Galilei den Wunſch ausgeſprochen, daß die Republik Venedig den gro⸗ ßen deutſchen Gelehrten anſtellen möge. König Jo⸗ kob von England hatte ihm früher ſchon ſehr annehm⸗ bare Anträge gemacht, aber ſein deutſches Herz hielt ihn in Deutſchland. Nicht die wilden Kriegsflammen, die es durchſtürmten, nicht Verkennung, Verketzerung und tauſendfache Vernachläſſigung, die er im Vaterland er⸗ fahren, konnten ihn von demſelben losreißen. Er ertrug mit den Seinen muthig die Belagerung von Linz. Seine Suſanne ſtand ihm dabei kräftig und mit dem echt weiblichen Muth zur Seite, der immer heiter bleibt, ſo viel zu dulden, zu entbehren demſelben auch aufer⸗ legt wird. Der Mangel herrſchte in allen Familien, Feuers⸗ brünſte zerſtörten viele Häuſer der Straßen der Stadt; ſelbſt eine Seuche fing an, die beklagenswerthen Ein⸗ 141 wohner zu decimiren. Von nächtlicher Ruhe, von den ſtillen Freuden gemüthlicher Häuslichkeit war keine Rede mehr, doch alle dieſe Leiden und ſich immer wieder er⸗ neuernden Gemüthserſchütterungen konnten Kepler nicht hindern, an die Möglichkeit zu denken, eine noch in den nächſten Abenden ſtattfindende Mondfinſterniß zu beob⸗ achten. „Es iſt die Erfüllung einer Amtspflicht“, ſagte er zu Suſannen,„die mir als dem Aſtronomen der öſter⸗ reichiſchen Stände obliegt, und wird mir auch mein Gehalt jetzt dafür nicht gezahlt, ſo ſoll mich Noth und Gefahr doch nicht an der Erfüllung derſelben hindern; außerdem, mein liebes Weib, zieht mich auch mein Herz gar mächtig dazu. Solche Begebenheiten in den himm⸗ liſchen Räumen ſind gewiſſermaßen wie Fenſter, die der Herr uns öffnet, einen Blick in ſein Haus zu thun. Niemand weiß, was meinem Menſchenauge gerade bei der jetzigen zu erblicken geſtattet ſein wird und welche Schlüſſe aus dem Geſehenen zu ziehen meine Seele be⸗ rufen iſt.“ „Wo aber, mein lieber Johannes, willſt Du Deine Beobachtungen machen? Welcher Ort iſt ſicher genug, um an ihm Ruhe zu ſolchen Betrachtungen zu finden?“ fragte die Frau. „Ruhe, mein liebes Weib, Ruhe dazu habe ich 142² nun eben überall, es bedarf nur der Oertlichkeit, wo ich die himmliſche Begebenheit gut und deutlich ſehen kann.“ „Und wenn eine feindliche Kugel Dich in Deinen Beobachtungen dabei ſtörte, Dich und Deinen Herrn Strauß?“ meinte Suſanne, und ein ſichtbarer Schauder rann bei dieſer Frage durch ihre Glieder. „Ei, meine Suſanne, wäre eine ſolche nicht vielleicht der raſcheſte Weg, mich zum wahrhaften Schauen zu bringen?“ Sie legte ihre kleine Hand auf ſeine Schulter. „Und Weib und Kind, Johannes?“ „Die ſtehen immer und überall im Schutze des Herrn“, antwortete der Gatte.„Ich bin kein Kriegs⸗ mann, deſſen Handwerk es iſt, den Kugeln die Stirn zu bieten, aber ich bin ein Mann, und kein Mann darf an das Pfeifen der Kugel auch nur denken, wenn es ſeine Pflicht zu erfüllen gilt.“ „Wo aber ſoll der Ort ſein, an dem Du dieſe ge⸗ fährliche Pflicht zu erfüllen gedenkſt?“ „Ja, da wirſt Du Dich wundern, mein Suschen, aber ich weiß, ſchelten wirſt Du mich nicht. Ich werde auf dem Thurm der Domkirche dieſe Nacht zubringen, und außer Strauß wird Paſtor Hitzler, deſſen Erlaubniß ich dieſen guten Platz verdanke, mir beim Obſerviren der Mondfinſterniß behülflich ſein.“ 143 „Hitzler, Dein ärgſter Feind?“ ſagte Suſanne faſt mit einem Schrei.„Der Geiſtliche, der Dich vom Abend⸗ mahle ausſchloß, der böſe Mann, der die ſchlimmen Gerüchte, daß Du in die Acht erklärt ſeiſt, und Anderes mehr ſo eifrig verbreitet hat? Das kann doch wohl Dein Ernſt nicht ſein, lieber Johannes!“ „Ich dächte doch, mein Suschen“, entgegnete Kepler ſanft,„und ich will verſuchen, es Dir begreiflich zu machen. Der Mann hat mir ſehr weh gethan, kein Zweifel daran! Er hätte mir durch ſein hartes Verfahren den größten Schatz meines Lebens, Deinen Beſitz und Deine Liebe, mein Weib rauben können, denn wenige Mädchen außer Dir würden ſich mit dem excommunicirten Manne ver⸗ lobt und ihn geliebt haben. Jetzt iſt er mit uns in glei⸗ cher Bedrängniß, ſein Gehalt wird nicht gezahlt, der Baier vor den Thoren der Stadt lauert nur darauf, ihn en Ketten und Banden zu legen, wenn er hereinkommt, und er hat ſein treues Weib verloren, daß ihn in dieſen Nothzeiten getröſtet haben würde; da bin ich vor zwei Tagen zu ihm gegangen, eine Schnitte von dem guten Schinken, den Du uns gekocht, wohl eingewickelt in mei⸗ ner einen Taſche und in der andern die Flaſche Wein, die Du mir eine Stunde vorher in meinen Schrank ge⸗ ſtellt, damit ich alle Vormittage etwas davon trinken ſolle. Ich trat in ſeine Stube, wo es gar gelehrt aus⸗ 144 ſah unter den vielen theologiſchen Schriften, in denen ſich die Nachfolger Chriſti darum ſtreiten, ob vor ſechzehn⸗ hundert Jahren die Apoſtel Sandalen oder Hackenſchuhe getragen haben. Da ſaß er unter ſeinen Büchern, von denen keins ihm das Herz warm machen kann, ſo ein⸗ ſam und allein und ſah ſo bleich aus und ſo betrübt; er war auch krank, der arme Mann, denn Niemand ſorgte für die Pflege ſeines Leibes. Ich trat nun zu ihm und ſagte:„Paſtor Hitzler, ich komme, Euch um einen Dienſt zu bitten, aber vorher trinkt mit mir ein Glas von dieſem guten Wein, den mein liebes Weib mir gegeben“. Er war roth geworden wie ein Tuch, ich aber ſetzte mich zu ihm an ſeinen einſa⸗ men Tiſch, nahm eins der beſtäubten Gläſer aus ſeinem Schranke, das er ſelber dann reinigte, und wie wir neben einander ſaßen und ich ihm mein Anliegen auseinander— geſetzt hatte, in das er freundlich, aber, wie mir vorkam, mit einiger Beſchämung willigte, ſagte ich, während ich den Wein einſchenkte:„Magiſter Daniel Hitzler, wir ſind beide jetzt in großer Noth, wir ſind beide Schwaben, beide prote⸗ ſtantiſche Chriſten, beide Theologen, wir lieben beide die erhabene Wiſſenſchaft der Sternkunde und wir kennen beide das ſanfte Wort, das der Erlöſer tröſtend zu ſeinen Jüngern ſagte:„Wo zwei zuſammen ſind in mei⸗ nem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“— vergebt 145 mir, wenn ich Euch je beleidigt habe, ſo wie ich Euch von Herzen vergebe, und wenn wir in nächſter Nacht das Werk des Herrn betrachten, der den Schatten unſeres Erdenſterns an der Mondſcheibe vorübergleiten läßt, ſo wollen wir den Schatten, der zwiſchen uns ge⸗ legen, auch vorübergehen laſſen. Darauf leert mit mir ge⸗ meinſchaftlich dies Glas der guten Gottesgabe, die uns jetzt nur ſehr ſelten zu Theil wird und glaubt, daß ich's ehrlich und treu meine und mich von Herzen bemühe, die Lehren des Erlöſers zu befolgen. Er drückte mir die Hand und weinte; der Tod ſeines Weibes hat den armen Mann weich gemacht. Morgen, ſo Gott will, wollen wir die Himmelsbegebenheit gemeinſam in Frie⸗ den und Freundſchaft beobachten.“ Suſanne Kepler drückte ihres Gatten Hand und küßte ſeine Stirn. Sie verſtand ſein großmüthiges, friedfertiges Herz und darum machte ſie ihn in allen Lebenslagen glücklich. Maximilian von Baiern befolgte Ferdinand's ſtrenge Befehle, als er Linz eingenommen, auf das genaueſte; die proteſtantiſchen Geiſtlichen der Stadt befanden ſich bald ohne Brod und Obdach, und Kepler verbarg mit eigener Gefahr ſeinen frühern unduldſamen Wider⸗ ſacher Hitzler in ſeinem Hauſe, bis ſich eine Ge⸗ legenheit fand, ihn aus der Stadt zu entfernen. Er ſelbſt, Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 10 146 der arme ſorgenvolle Familienvater, entbehrte oft das Nothwendigſte und ſpart ſich die Nahrung für den, der ihn ſo ernſtlich gekränkt und beleidigt hatte, vom Munde ab. Kepler's Familie hatte ſich in der zweiten Ehe raſch vermehrt, und ſieben Kinder, die Suſanne ihm in Zeit von kaum acht Jahren geboren, machten ſein Haus zu einem kribbelnden Neſte voll Unruhe. Apollonia's ver⸗ ſtändiges großmütterliches Walten ward von allen, die ſich deſſelben erinnern konnten, oft recht ſchmerzlich ver⸗ mißt, am meiſten wohl von der Tochter Barbara's, der jetzt gar lieblich aufblühenden Margarethe. Es iſt ein ſchweres Loos für ein ſo junges Mäd⸗ chen, die älteſte Schweſter unter ſo viel Kleinen zu ſein. Dies empfand ganz beſonders auch die liebevolle Stief mutter, die zwar nach Kräften das Ihrige that, es dem Kinde ihres Gatten zu erleichtern, die aber ſelbſt unter der Laſt ihrer Arbeit faſt zu erliegen drohte. Da fand ſich aber zu ihr eine Hülfe, die ſie nie zu finden gehofft haben würde. Die alte Beate aus dem Hauſe des Herrn Achaz Lang erbot ſich, zu Frau Kepler zu ziehen und ihr die Sorge für den zahlreichen Kinderſegen tragen zu helfen. Nun war ein Großes gewonnen. Beate war ganz das Weſen, was Frau Suſanne brauchte, und bezeigte der thätigen, muthigen Hausfrau alle Liebe und Achtung, 147 während ſie die ſchwerſten Sorgen von ihren Schultern nahm. Aber ſie hatte ſich auch jetzt, wie in frühern Zeiten, einen Gegenſtand erkoren, auf den ſie die Scha— len ihres oft ſehr unvernünftigen Zorns ausgoß, Mar⸗ garethe Kepler, der der Aufenthalt im Vaterhauſe dadurch ſehr erſchwert wurde. Man iſt ſonſt ſtets der Meinung, daß ruhige, vor allen Störungen geſchützte Muße die unerlaßliche Bedingung für das Gedeihen der Arbeiten großer Denker ſei. Kepler, vielleicht der größte Denker Deutſchlands, beſaß dieſe nie, und ſeine erhabenen Arbeiten waren ſeine Erholung in den Sorgen und ſteten Unruhen ſeines Erdendaſeins. Er war ſeiner zahlreichen Familie ein Vorbild in der Art und Weiſe, wie die unſterbliche Menſchenſeele die kleinlichen Nadelſtiche des Erdendaſeins ertragen kann und ſoll. „Es kann nichts Grauenvolleres geben“, ſagte einſt ein geiſtreicher Freund zu mir,„als, auf dem Boden feſt— gebunden, von Enten todtgetrampelt zu werden“, und faſt unaufhörlich, während ich das Leben Kepler's ſchrieb, iſt mir dieſer ſeltſame Scherz im Gedächtniß geweſen. In einem Familienkreiſe, wo ſieben kleine Kinder in be⸗ ſchränkter Wohnung ihr Weſen treiben, ſtets mit Sor⸗ gen für deren Bedürfniſſe beladen, gänzlich ohne ge⸗ ſichertes Einkommen, in den ſchrecklichen Zeiten des drei⸗ 10* 148 ßigjährigen Kriegs lebend, wäre es ſchier nicht zu ver⸗ wundern geweſen, wenn der Gedanke, ſeinem Leben ein Ende zu machen, in Kepler's Seele aufgeſtiegen wãre. Aber wir ſehen ihn ganz iu Gegentheil ſtets heiter und liebreich, oft ſogar ſcherzhaft im Kreiſe der Seinen. Es zog ſein echt deutſches Herz den Aufenthalt im vom Kriege verheerten Deutſchland dem in jedem andern Lande vor. Er ſchlug die Aufforderung König Jakob's II., nach England zu kommen, ebenſo wie eine Profeſ⸗ ſur aus, die ihm die Univerſität Bologna bot, aber in Linz war jetzt endlich ſeines Bleibens auch nicht mehr. Es war ihm gelungen, von Kaiſer Ferdinand, trotz der Be⸗ drängniſſe, in denen dieſer ſich ſelbſt befand, einen Bei⸗ trag zum Drucke der Rudolfiniſchen Tafeln zu erlangen, und er benutzte die jetzt ziemlich freien Wege, um mit ſeinen Druckerpreſſen und ſeiner zahlreichen Familie nach Ulm überzuſiedeln, denn für ſein liebes Schwaben fühlte er vorzugsweiſe das herzige Gefühl der Heimatsliebe. Von hier aus konnte er ſeinen heißen Wunſch erfüllen und ſeine Verwandten und alten, in Schwaben zerſtreut lebenden Freunde wiederſehen. Von ſeinen frühern Leh⸗ rern waren die meiſten ſchon zum ewigen Frieden ein⸗ gegangen. Der treueſte ſeiner Jugendgefährten, Bernecker, verzögerte ſeine Abreiſe nach Straßburg, um noch einige Tage mit Kepler in traulichem Geſpräch in Stuttgart —üüyͤüͤü— zuzubringen. Durch Bernecker's Vermittlung ward auch der Anſpruch der Tochter Kepler's auf eine Stelle im Stift zu Pforzheim für proteſtantiſche Fräulein aus ad⸗ ligem ſchwäbiſchen Blute feſtgeſtellt, und hocherfreut brachte der Vater ſein lieblich blühendes Gretchen in das Aſyl, wo ſie Gelegenheit finden ſollte, ihr jugend⸗ liches Ich trotz der böſen Zeiten aufs beſte auszubil⸗ den. Freilich kam Margarethe aus einer noch weit beſſern, ja aus der allerbeſten Schule, aus einem Va⸗ terhauſe voll Liebe, Arbeit und Sorge und brachte einen reichen Schatz von Liebenswürdigkeit, der ihr alle Herzen gewann, in das vornehme Fränuleinſtift mit. Sie hatte auf ihrer Reiſe dahin ihre Tante, Frau Margarethe Binder, die ältere Margarethe Kepler, kennen gelernt, und dieſe ſchlichte Frau war ebenſo wohl wie ihr Gatte, Georg Binder, ganz entzückt von der Tochter ihres gelehrten Bruders. Auch in Ulm lebte die Kepler'ſche Familie ſtill und in ärmlichen Verhältniſſen. Der gewiſſenhafte Mann verwen⸗ dete die Summen, die ihm vom Kaiſer geworden, einzig auf den endlichen Druck der Tafeln, deren Erſcheinen von ganz Europa mit Ungeduld erwartet wurde. Der Ertrag ſeiner Arbeiten für den Magiſtrat der Stadt und ein kleines Erbe, das Suſanne nach dem Tode des Herrn Achatius Lang von Linz ausgezahlt erhalten hatte, 150 waren die einzigen Quellen des Einkommens zur Erhal⸗ tung einer ſo zahlreichen Familie. Es erhielt jedoch der Umſtand, daß der Kaiſer dem Gelehrten zwölftauſend Thaler ſchuldete, bei allen Entbehrungen ſeinen Muth aufrecht. Es war dieſe Summe in jenen Zeiten ein großes Ver⸗ mögen, das ſich durch die auflaufenden Zinſen von Jahr zu Jahr vermehrte. „Nach meinem Tode werden die Meinen keine Noth leiden“, war Kepler's Troſt, wenn's wieder einmal ſehr knapp wurde in Börſe und Brodſchrank, und ſein liebes Weib lächelte ihm zu und ſagte ihn tröſtend mit ganz zufriedenem Geſichte:„Beſſer ein Kind in Leinen⸗ kleidern und eine Dame in ſeidenen ſein als umgekehrt“, wenn die Wunden an den Schuhen und Stiefeln der klei⸗ nen Leutchen wieder einmal kaum mehr zu verſtecken waren. Es wäre ſicherlich unwahr, wenn man behaupten wollte, Suſanne und Kepler hätten das Drückende ihrer Armuth nicht gefühlt, beide aber beſaßen jene Hoheit der Seele, die durch Armuth nicht erniedrigt werden kann. Suſanne arbeitete unermüdlich früh und ſpät, die alte Beate war ihre treue Gehülfin dabei, und dem Fleiße beider gelang es, die ſchlimmen Conſequenzen großer Armuth, Lumpen und Schmuz, von dem Kinderhäufchen und dem edlen, immer heitern, freundlichen Hausvater fern zu halten. ———f 2—9— ——,—— 151 Man hätte die noch immer jugendliche und hübſche Frau wirklich im Beſitz zauberiſcher Kräfte halten kön⸗ nen, wenn man die Wunder ſah, die ſie mit Nadel und Zwirn, mit Waſſer und Seife in ihrem Hauſe ver⸗ richtete; nur das Schuhwerk, das ſie nun ein⸗ für alle⸗ mal weder anfertigen noch ausbeſſern konnte, war der Gegenſtand ihrer ſteten beſondern Sorge, aber ſie hatte auch hier eine Art Auskunft gefunden; ſie lehrte die klei— nen Leute auf Holzſchuhen, ohne klapperndes Geräuſch zu machen, wenigſtens im Hauſe gar feſt und niedlich einhergehen, ſodaß die theuern Lederſchuhe für die Schul⸗ und Straßengänge geſpart wurden. Kepler hatte in Ulm außer der Förderung des Drucks ſeiner Tafeln noch mancherlei Anderes gethan, was rüh⸗ mend auf die Nachwelt gekommen iſt. Er hatte unter Anderm die Polhöhe der Stadt gemeſſen und ein Nor⸗ malmaß hergeſtellt, das, in Form eines Keſſels noch heute auf dem Rathhauſe zu Ulm aufgeſtellt, folgende In— ſchrift trägt: Zween Schuh meine Tief, Eine Elle mein Quer; Ein geeichter Eimer macht mich leer; Dann ſind mir vierthalb Zentner blieben; Voll Donau⸗Waſſer wieg' ich ſieben; Doch lieber mich mit Korn eich Und vierundſechzigmal abſtreich, So biſt Du neunzig frei reich. 152 Wenn es der Menſchenſeele zum Troſte gereicht, daß ſie nicht allein Leiden zu ertragen hat, ſo konnte die Familie Kepler ſich deſſelben im höchſten Grade er⸗ freuen. Der dreißigjährige Krieg lag in ſeiner ganzen fürchterlichen Schwere auf Deutſchland. Kaiſer Ferdi⸗ nand II. war Sieger über die aufrühreriſchen Böhmen geworden und das Blut der Anführer derſelben floß in Strömen von den Schaffoten Prags. Auch ein Mit⸗ glied der edlen Familie Polixena's, ein Vetter ihres Gatten, Wilhelm Popel von Lobkowitz, befand ſich unter denen, die Ferdinand mit ſeiner ganzen Strenge zu ſtrafen wohl berechtigt geweſen wäre; doch ward derſelbe nicht getödtet, ſondern zu ewiger Gefangenſchaft auf dem Schloſſe Zbirow verurtheilt, vielleicht infolge der großen Verdienſte, welche die edle Frau ſich um die beiden Männer erworben, die einſt die ganze Heftigkeit des Zorns der proteſtantiſchen Böhmen erfahren hatten, und jetzt, dem Kaiſer als Räthe ſehr nahe ſtehend, wie man ſagte, deſſen Zorn rachſüchtig mehr und mehr auf⸗ ſtachelten. Ferdinand befand ſich in dieſer Zeit des dreißigjährigen Kriegs im Glücke. Maximilian von Baiern und ſein tüchtiger Feldherr Tilly hatten den Widerſtand der öſterreichiſchen und böhmiſchen Prote⸗ ſtanten niedergeſchlagen, und in den nordöſtlichen Pro⸗ vinzen Deutſchlands folgte der Sieg den Fahnen Wal⸗ p.——.—,,——,—— lenſtein's auf dem Fuße. Graf Albrecht von Waldſtein, Sohn einer altböhmiſchen edlen Familie, war mit Fer⸗ dinand II. ſchon in jener Zeit bekannt geworden, als dieſer noch in Prag bei ſeinem Oheim, Kaiſer Ru⸗ dolf II., als ein heiterer Knabe geſpielt hatte, und aus eigener Wahl war er in allem Wechſel der Zeiten dem jungen Fürſten nahe geblieben. Graf Waldſtein war ein Mann von Genie, und eine eiſerne Strenge machte ihn zum Heerführer in jenen Zeiten, wo die Armeen nichts als Haufen von zuſammengelaufenem Geſindel waren, die gegen Handgeld und meiſtens in betrunkenem Muth den Fahneneid geſchworen hatten, beſonders ge⸗ eignet. Albrecht von Waldſtein, in den Chroniken jener Zeit öfter noch Wallenſtein genannt, beſaß in gewiſſer Beziehung eine perſönliche Anhänglichkeit an Ferdinand, deſſen Charakter man nur dann richtig beurtheilen wird, wenn man erwägt, daß er den katholiſchen Glau⸗ ben für den einzig wahren Weg zu Gott und der ewigen Seligkeit hielt, daß er ſich durch Wunder und übernatürliche Zeichen in dieſer Anſicht von Gott ſelbſt beſtätigt und berufen hielt, die Welt von den Schrecken der Ketzerei zu reinigen. Von Jeſuiten erzo⸗ gen, die ihren Grundſatz, daß der gute Zweck die Mittel heilige, geltend machten, hielt er ſelbſt die eiſerne Con⸗ ſequenz, mit der er die Proteſtanten Böhmens ver⸗ 154 folgte und in allen ſeinen Erbſtaaten den Proteſtantis⸗ mus ausrottete, für eine der Menſchheit im Allgemei nen erzeigte große Wohlthat. Sein Beichtvater, der Je⸗ ſuit Lamormain, und die Böhmen Martinecz und Sla⸗ wata beſtärkten ihn in Allem, was ihn dem Proteſtan⸗ tismus feindlich machen mußte, und ſo lieſt denn unſere jetzige Welt mit haarſträubendem Grauſen, welche Tha⸗ ten in jenen finſtern Tagen geſchehen ſind, Gott zu ehren und dem Katholicismus ſein Anſehen wieder zu geben. Der König von Dänemark, der ſich zum Für⸗ ſprecher für die unglücklichen Proteſtanten aufgeworfen und ſogar mit Gewalt der Waffen verſucht hatte, ihnen Beiſtand zu leiſten, war von Wallenſtein geſchlagen und mit ſeinen Truppen aus Mecklenburg vertrieben worden. Dafür hatte Kaiſer Ferdinand ſeinen Feldherrn unter dem Namen Herzog von Friedland in den Fürſten⸗ ſtand erhoben, auch hatte er ihm das eroberte Land verpfändet. Der Herzog von Friedland war ſchon als böhmiſcher Graf von Waldſtein ein außerordentlich reicher Mann und vermehrte ſeine Reichthümer noch durch ſeine Verheirathung, während Kaiſer Ferdinand ihm auch in Schleſien noch bedeutende Beſitzungen und unter andern das Fürſtenthum Sagan übergab. Zu Sagan reſidirte der gewaltige Kriegsfürſt eben zu der Zeit, als Johannes Kepler den Druck der berühm⸗ 155 ten Tafeln endlich beendet hatte. Damit war aber zugleich der Urlaub, den er ſich von den öſterreichi⸗ ſchen Ständen ausgewirkt hatte, abgelaufen, und der Gelehrte hätte ſich alſo genöthigt geſehen, in Ferdinand's Erbſtaaten zurückzukehren, wo eben die Verfolgungen ſeiner Glaubensgenoſſen ihre höchſte Schrecklichkeit er⸗ reicht hatten. Deutſchland zu verlaſſen, obſchon ſich ihm die Gelegenheit dazu auf die ehrenhafteſte Weiſe geboten hatte, würde dem deutſchen Herzen Kepler's allzuſchwer geworden ſein; vielleicht auch fürchtete er, daß die großen Forderungen, die er an den Kaiſer hatte, außerhalb Deutſchlands einzutreiben ihm wahrſcheinlich noch weniger möglich ſein würde. Ernſtlich berieth er ſich daher mit ſeiner Gattin und ſeinen Freunden, wohin ſich zu wenden für ihn wohl rathſam ſein dürfe. Bernecker lud ihn zu ſich nach Straßburg ein, und da Kepler ihm dies abſchlug, weil er beim Eingang dieſer Einladung ſchon anderwei⸗ tige Entſchlüſſe gefaßt hatte, ſo bat der treue Freund dringend, daß der Vater ihm die holde Margarethe, deren Zeit im pforzheimer Stifte mittlerweile abgelau⸗ fen war, übergeben möge. In dieſen liebevollen Vor⸗ ſchlag willigten Vater und Stiefmutter, und ſo kam denn das junge Mädchen in das Haus eines Mannes, der ihrem trefflichen Vater mit zärtlicher Ehrerbietung 156 und unerſchütterlicher Freundestreue anhing. Johannes Kep⸗ ler aber begab ſich mit ſeiner Familie nach Sagan, an den Hof des Fürſten von Friedland. Kaiſer Ferdinand hatte die Zahlung der Schuld an den Gelehrten, deſſen Kräfte ſeit Rudolf's Regierung der Verherrlichung derſelben gewidmet geweſen, auf die Einkünfte des Herzogthums Mecklenburg gewieſen, und Kepler fing an ſich der Hoffnung hinzugeben. ſein Eigen⸗ thum nun endlich zum Beſten ſeiner Familie in ſeine Hände zu bekommen. Er kannte den Grafen Albrecht von Waldſtein aus ſeinen Jugendjahren perſönlich, und einſt hatte die großmüthige Hand deſſelben großen Sorgen, die auf ſeinem Herzen gelegen, ein Ende gemacht. Bis auf den heutigen Tag fühlte ſich der Gelehrte dem Kriegs⸗ helden dafür dankbar und trat ſeine Reiſe nach Sagan mit recht heiterem Herzen an. Es waren im Leben der Kepler'ſchen Familie ſeit dem auch wieder mancherlei Veränderungen vorgegangen Ludwig Kepler, bei deſſen Geburt der Vater einſt ſeine mit Noth auf der Flucht von Graz geretteten Manu⸗ ſcripte und ſelbſtgefertigten Inſtrumente verbrannt hatte, um der leidenden Mutter Wärme zu geben, war Student in Tübingen, und wie oft gedachte bei den Briefen des Sohnes der Vater der eigenen glücklichen Jugendzeit, die er an jenem Orte zugebracht hatte. Ludwig ſtudirte 157 Medicin und hat ſpäter als Arzt in Königsberg in Preußen ruhmvoll gewirkt. Von den ſieben Kindern aus Kepler's zweiter Ehe waren drei geſtorben und nur vier begleiteten daher die Aeltern nach dem neuen Wohnorte. Auf Veranlaſſung des großen Kriegsmannes, zu dem ſie zogen, fanden die Reiſenden ihre Wege geſichert, obgleich die Spuren des verheerenden Kriegs an vielen Orten mit trauriger Deutlichkeit in den rauchenden Trüm⸗ mern der Städte und Dörfer ſichtbar waren. In Sagan angekommen, fühlte Frau Suſanne Kepler ſich ſehr freu⸗ dig überraſcht durch die Vorbereitungen, die ſie zu ihrem und der Ihrigen Empfang mit aller Sorgſamkeit ge⸗ troffen fand. Der Reichthum des Fürſten, mit einer angeborenen Generoſität gepaart, machte es ihm möglich, daß er die Familie des Mannes, deſſen Charakter und Wiſſenſchaft er achtete und ſchätzte, mit all dem Com⸗ fort überrraſchte, der zu jener Zeit für Geld aufzutrei⸗ ben war. Frau Suſanne Kepler hätte kein Weib ſein müſſen, wenn ſie, die ſeit langer Zeit an bittere Armuth Gewöhnte und mit den Laſten derſelben Kämpfende, nicht eine große dankbare Freude gefühlt hätte bei dem Anblick der vie⸗ len Sachen, die nun ihr Eigenthum und zu ihrem Ge⸗ brauch ſein ſollten. 158 In der Küche des hübſchen Wohnhauſes, das die Familie gleich bei ihrer Ankunft in Beſitz nahm, fand ſich Alles, was die ſorgſamſte Hausfrau ſich nur an Ge— räthen für ihre eulinariſchen Kunſtwerke wünſchen konnte, Keſſel und Pfannen, Teller und Schüſſeln, ſilberne Ga beln und Meſſer, Küchenbretchen in aller Größe, höl— zerne Quirle und Kellen, Waſſereimer, Tonnen und Krüge, auch in einem Speiſekämmerchen aufs zierlichſte geordnet allerlei Vorräthe an Mehl, Speck, Butter, Honig, Eiern und andern nothwendigen und zur Bereitung guter Spei⸗ ſen nützlichen Dingen. Die glückliche Frau jubelte, aber ihre Freude vermehrte ſich noch bedeutend, als ſie in dem für ihren Gebrauch beſtimmten Zimmer einen Tiſch vor⸗ fand, deſſen Schiebfächer ganz angefüllt waren mit allen Apparaten zum Nähen und Ausbeſſern, Scheeren, Na⸗ deln und allen Sorten Zwirn und Nähgarn; ſie er⸗ klärte den großen Kriegsfürſten in ihrer Herzensfreude geradezu für den größten Geiſt ſeines Jahrhunderts. „Denn“ ſagteſie mit glücklichem Lächeln,„ſelbſt Du, mein Johannes, der Du doch eigentlich Alles weißt, würdeſt nicht ſo genau und ordentlich Alles angeben können, was für Näh⸗ und Kocharbeit nützlich und nothwendig äſt.“ „Auch mag er das wohl ſelbſt ſo genau nicht wiſ ſen, aber ein fürſtlicher Herr hat Diener, die all ſolche Dinge von ihren Frauen, Schweſtern und Schätzchen ſehr 159 leicht erfahren können. Das Geld, mein Suschen, iſt da immer die Hauptſache, und an dieſem Artikel kann es dem Herrn von Mecklenburg und Sagan wohl nicht fehlen.“ Einen auffallenden Eindruck machten auf die neu⸗ angekommene Familie die vielen Soldaten, die theils in Zelten rings um die Stadt, theils in den Wohn⸗ häuſern derſelben untergebracht waren und ſich überall gar anſtändig und friedlich betrugen. Man hörte von ihnen nichts Anderes als eben an verſchiedenen Stunden des Tages helle, luſtige Muſik, nach deren Klängen die ſtattlichen Truppen einherſchritten und für alle, die ſie ſahen, eine hübſche Augenweide bil⸗ deten.„Aber der Fürſt iſt doch ein großer Geiſt“, ſagter Suſanne Kepler, daß er das Alles ſo ſchön ordentlich und freundlich erhält.“ „Schau hier durch dies Fenſter“, entgegnete ihr Gatte und führte ſie in ein Zimmer, von dem aus ſie die Wälle des Städtchens überſehen konnte, die hier von einem ſandigen Hügel überragt wurden, auf dem ein ſeltſames dreibeiniges Gerüſt ſtand, an deſſen einem weit vorgeſtreckten Arm eine lebloſe Menſchengeſtalt ſich ſchaukelte, deren Haare im Winde flatterten. Schaaren von Raben und Krähen umkreiſten dieſen unheimlichen Gegenſtand, und Suſanne hielt ſich, in den hinterſten 160 Winkel der Stube flüchtend, die Augen mit den Händen zu, um nicht länger ſehen zu müſſen, was ihr das Herz zuſchnürte. „Faſſe Dich, mein liebes Weib“, ſagte der Gelehrte, die reichen Flechten der Zitternden ſtreichelnd.„Nur die furchtbar ſtrenge Mannszucht, welche der große Kriegs⸗ fürſt hält, kann dieſe aus allen Weltenden zuſammengewür⸗ felten Schaaren in Ordnung halten. Hier gilt kein anderes Geſetz als des Friedländers Befehl, und jede Uebertretung oder Nichtbeachtung deſſelben iſt ein Verbrechen, das ſo⸗ gleich mit dem Tode geſtraft wird. An andern Orten, nach gelieferten Schlachten, in eroberten Städten werden die, welche ſich hier ſo ruhig unter die eiſerne Zuchtruthe ihres Herrn ſchmiegen, eine wilde, zügelloſe Rotte; ſein Auge aber, das Zucken ſeiner Lippe, auf der der Tod ſitzt, hält ſie in Ordnung. Aber ſchau hinaus, was iſt das, welch ein eigenthümlicher Zug bewegt ſich da von der Seite den wüſten Galgenberg hinauf? Nein, mein Suschen, gehe lieber raſch hinaus nach Deinem Stüb⸗ chen auf der andern Seite. Das hier iſt ſicherlich kein Anblick für die Augen einer Frau.“ Es war unzweifelhaft, daß ſich auf jener traurigen Höhe eine neue Execution vorbereitete, und die Geſtalt des Delinquenten, dem der Profoß bereits den Soldaten⸗ rock ausgezogen hatte, ragte durch ſeine ungewöhnliche 161 Körperlänge ſichtbar unter dem ihn umringenden Haufen ſeiner Kameraden hervor. Ein junger Cornet, faſt blei⸗ cher als der Verurtheilte ſelbſt, ſaß auf einem ſtattlichen Rappen und ſchien das Unternehmen zu beaufſichtigen⸗ Suſanne hatte, wie ihr ihr Gatte gerathen, das Fenſter und Zimmer verlaſſen und lag, betend für die Seele desjenigen, der jetzt ſo ſchnell und ſchrecklich den ernſten Schritt ins Jenſeits thun ſollte, vor ihrem Bette auf den Knieen. Plötzlich ließ ſich ein lautes Geſchrei hören; man vernahm den Ruf:„Haltet ihn! Haltet ihn auf, den Empörer! Einzelne Schüſſe knallten; man hörte Pferde⸗ getrappel, die Thür von Kepler's Wohnhauſe ward hef⸗ tig aufgeriſſen und einen Moment darauf ſtürzte eine hohe, leichenblaſſe Geſtalt in Hemdsärmeln und mit ver⸗ wildertem Haar in Suſannens Zimmer und ſchrie, ſich der jungen Frau zu Füßen werfend:„Verſteckt mich, rettet mich! Habt Erbarmen mit mir! Ich bin unſchul⸗ dig und ſie wollen mich ſchlachten wie einen wilden Bul⸗ len, dem man die Schlinge über den Kopf wirft!“ Suſanne riegelte die Thür, durch welche der Unglück⸗ liche ſich zu ihr geflüchtet, von innen ab und ihr Gatte, der von der entgegengeſetzten Seite zu ihr eingetreten, ſchob auch vor dieſe den ſchweren, feſten, eiſernen Riegel, und dann erſt fragte er, wer es ſei, der ein Aſyl in ſeinem Hauſe Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 11 162 auf ſo ungeſtüme Weiſe ſuche und welche Noth und Ge⸗ fahr ihm drohe. „Sie haben mich nicht geſehen, oder ſie wollen mich nicht ſehen, meine Kameraden“, ſagte der Entſetzte, indem er vorſichtig durch das Fenſter ſchaute, wo eben der Cornet auf dem Rappen, gefolgt von dem Profoß, den man ſehr gut an dem Strick erkannte, den er über dem Soldatenrock um ſeinen Leib gewickelt trug, vorüberzog. Eine Schaar Soldaten marſchirte mit mi— litäriſcher Feſtigkeit hinter den Beiden her. Schaaren von ſchreienden Knaben folgten ihnen, aus allen Fen⸗ ſtern der Bürgerhäuſer in den Straßen ſchauten er⸗ ſchreckte Frauenköpfe, und ein katholiſcher Geiſtlicher im Meßornat, dem ein das Rauchfaß ſchwingender Knabe vortrat, ging dem jungen Offizier und ſeinem ſchreck⸗ lichen Begleiter, aus der nahen Kirchenthür tretend, mit feſtem Schritt entgegen. „Ihr ſeid der Delinquent, den wir, mein Gehülfe Bartſch und ich, ſo eben ſahen, wie er ſich drüben auf dem Galgenberge dicht am Fuße der Leiter von dem Profoß losriß und mitten durch die Schaar der Soldaten hindurch, von den Schüſſen, die ſie ihm nachfeuerten, nicht berührt, in unglaublich kurzer Zeit hierher ſtürzte?“ fragte Kepler. „Der bin ich“, entgegnete der unheimliche Gaſt, 163 und mit einer ſehr raſchen Bewegung eine Piſtole er⸗ greifend, die über Kepler's Bett hing und geladen zu ſein ſchien, ſetzte er hinzu:„und ich bin jetzt im Beſitz des Mittels, dem ſchimpflichen Galgen zu entgehen und einen ehrlichen Soldatentod zu ſterben, ehe meine Kameraden, die meine Unſchuld ſehr gut kennen, mich von Euch, wenn Ihr mich ausliefern wollt, in Empfang nehmen.“ „Ich bin ein friedlicher Mann und möchte Euch lieber retten als ausliefern, ſelbſt wenn Ihr ein Schul⸗ diger wäret, denn ich weiß ja, der Herr will nicht den Tod des Sünders, ſondern daß er lebe und Buße thue“, ſagte der Gelehrte mit milder Stimme. „Wenn ich Kleider von einem Bürger bekommen könnte, die mir paßten, ſo könnte ich in der Dämme⸗ rung des Abends hinüber in das Gotteshaus, deſſen Aſylrecht ſelbſt der Friedländer nicht brechen wird“, ent⸗ gegnete der Geflüchtete. „Mein Gehülfe Jakob Bartſch wird nicht kleiner ſein als Ihr und Euch ſeine Kleider gern geben, um Eure Rettung möglich zu machen. Wenn Ihr unſchuldig ſeid, ſo fürchte ich ſelbſt des Friedländers Zorn nicht“, ſagte mit aller Ruhe ſeines Charakters Johannes Kepler. „Da ſieht man, daß Ihr ihn nicht kennt“, entgeg— nete jener.„Des Friedländers Zorn iſt ſchrecklich wie der des empörten Meeres, und ich, Hennig Werner, 11* 164 werde ſeiner und dieſer Stunde gedenken, ſolange meine Augen offen ſind. Geſtern hat er, der Mann von Eiſen, den Befehl ergehen laſſen, daß keiner der Soldaten auch nur eines Pfennigs werth von den Bürgern und Bauern hier herum nehmen ſoll. Bei mir hätte es deſſen nicht be— durft, denn ich bin ein Kind dieſer Stadt, in der heute noch faſt alle meine Blutsfreunde wohnen. Ich war heute in der Morgenſtunde bei einem Bruder von mir, der Hof und Garten nur hundert Schritte vom Galgenberg beſitzt und ein wohlhabender Mann iſt.„Höre, Hennig“, ſagte ſeine Tochter zu mir, denn mein Bruder iſt wohl zwanzig Jahre älter als ich und hat eine hübſche Tochter, die er mir zum Weibe geben würde, wenn ich in ſein Gewerbe, er iſt ein Weinhändler, eintreten könnte.—„Höre, Hennig“, ſagte alſo die liebe Marie,„die Mutter hat mir geſtern Abend erlaubt, Dir den ſchönen Gänſebraten zu geben, den wir geſtern anſchnitten, weil der Herr Dekan uns zum Mittagseſſen nicht die Ehre gab, und— da haſt Du ihn.“ Sie reichte mir den fetten Braten; er ſteht jetzt auf dem Galgenberge, und die Raben werden ihn freſſen, weil ſie mich nicht freſſen können. Wie ich nun mit dem Braten in den Händen aus der Gartenthür trete, da reitet er, der Schreckliche, juſt vorbei. „Was haſt Du da, Schurke?“ fragte er mit einer — —, 165 Stirn, ſo finſter wie eine Gewitterwolke auf dem Blocksberge. „Einen ſchönen Gänſebraten“, antwortete ich, mit dem Zeigefinger an der Hoſennaht. „Hängt die Beſtie!“ war ſeine Antwort darauf, und er befiehlt mit einem Augenblinzeln dem Cornet, dem Profoß und den armen Schelmen, die hinter ihm waren, mich fortzubringen. „Er iſt unſchuldig“, ſagte der Cornet, der ein kühner Mann iſt. „So hängt ihn unſchuldig, deſto mehr werden die Schuldigen zittern“, war des Fürchterlichen Antwort. So ward' ich denn weggeſchleppt!'s war ſchier aus mit mir; wie aber der ſchändliche Profoß mir die Kleider abreißt und grinſend den Strick von ſeinem Leibe abwickelt, den er mir um den Hals legen will und mit dem ich ſo die Leiter hinaufklettern ſoll, da packt mich eine fürchterliche Wuth.„Einmal kann ich doch nur ſterben', ſchrei' ich und reiße mich von den Fäuſten des Schinders los; ich renne den Berg hinab durch meines Bruders Garten und Haus, die Vorder⸗ thür iſt nur zwei Schritte von der Euern dort in dem Quergäßchen, und hier bin ich nun. Rettet mich, Herr! Meine Kameraden lechzen nicht nach meinem Blute, und der ſchreckliche Mann, der hier befiehlt, wird bald den 166 einen Unglücklichen vergeſſen haben, deſſen Tod Niemand etwas nützen kann. Rettet mich! Meine alte Mutter, deren jüngſtgeborener Sohn ich bin, wird Euch ſegnen, aber über Euer Haupt komme mein Blut, wenn Ihr mich denen ausliefert, die, von meiner Unſchuld überzeugt, ſchwer genug an das Henkeramt gingen.“ „Ich will thun, was ich kann“, ſagte Kepler mit— leidig.„Fremd, wie ich bin, und von des Kaiſers Majeſtät ſelbſt der Gnade des Friedländers empfohlen, gelingt mir vielleicht, was jedem Andern unmöglich ſein würde. Ich fürchte des ſtolzen Herzogs Zorn nicht, denn er kann mir nichts Schlimmeres anthun als den Tod.“ „Ihr ſeid ein kühner Mann und ein gütiger dazu“, ſagte Hennig Werner, Suſanne aber, die unterdeß das Zimmer verlaſſen, trug auf ihren Armen einen vollſtändigen Anzug von Bartſch herein, beſorgte in ein Nebenkämmerchen Kämme, Waſſer und Seife, und voll⸗ kommen gehüllt in die ſchwarzen Kleider des gelehrten Gehülfen, trat der junge Landsknecht in das Zimmer ſeiner Wohlthäter zurück, wo er bis zur Abendſtunde verſteckt und mit Speiſe und Trank erquickt wurde. Kepler war unterdeß zu dem Propſt, der Kirche gegen⸗ über, gegangen, und mit ſinkender Dämmerung befand der dem Tode Entronnene ſich in der Sicherheit des Aſyls. 167 Es war eigentlich die ſeltſamſte Einführung, die Kepler bei dem Herzog finden konnte, daß er ihm von der Empörung, Flucht und völligen Unſchuld des Lands⸗ knechts Hennig Werner einen ausführlichen Bericht ab— ſtattete. Als er ſeinen Bericht mit den Worten endete: „Ich glaube, daß des Unglücklichen Flucht geglückt iſt“, entgegnete Wallenſtein:„Er iſt alſo davongelaufen? Gut, Herr Magiſter, ſo laſſe man ihn laufen, die Gelegenheit zum Hängen wird ihm ſchwerlich entgehen. Ihr aber ſeid herzlich willkommen bei mir und laßt mich hoffen, daß Ihr mich von Eurer umfaſſenden Gelehrſamkeit einen größern Nutzen ziehen laſſen werdet, als weiland Euern Gebieter, Kaiſer Rudolf II.“ „Durchlaucht!“ entgegnete Kepler,„ich habe Sr. Majeſtät nach meinem beſten Wiſſen und Gewiſſen treu gedient. Die Tafeln ſind trotz der ungünſtigen Um⸗ ſtände, unter denen zu arbeiten ich gezwungen war, fer⸗ tig, ſie ſind zum guten Theil auf meine eigenen Koſten gedruckt, und ich hoffe durch dieſelben dem erlauchten Andenken des Kaiſers, der mich ſeiner Gnade würdigte, keine Schande zu machen. Die Rudolfiniſchen Tafeln werden leben, ſolange die Erde um die Sonne kreiſt, und das Andenken des gelehrten und gütigen Kaiſers bis in die fernſten Zeiten erhalten. Zu Ew. Durch⸗ laucht bin ich von Kaiſer Ferdinand geſendet worden, 168 um endlich durch Dero Großmuth und Huld die Zah⸗ lung zu erhalten, die mir für dieſe Arbeit zugebilligt wurde und auf die ich, da bei mir das Alter naht, als auf die einzige Sicherſtellung für meine Wittwe und Waiſen im Fall meines Todes zu hoffen berech⸗ tigt bin.“ „Gut, gut“, entgegnete Wallenſtein;„es hat den Friedland noch Keiner, der ihm gedient, undankbar oder einen Knicker genannt, aber ich erwarte auch Dienſte von Euch, Dienſte von hoher Wichtigkeit, und rechnet darauf, daß die Zeiten der Sorgen und Noth für Euch und die Eurigen vorüber ſein werden, wenn Ihr dem Wallen— ſtein treu und nach ſeinem Willen dient.“ „Ew. Durchlaucht haben einſt durch die Großmuth, mit der dieſelben einen bloßen Scherz belohnten, auf viele Wochen Sorgen und Kummer vom Haupte eines Familienvaters genommen, der nie aufhören wird, Euch dafür warmen Dank zu zollen.“ „Hab' ich das?“ fragte Wallenſtein mit einem fei⸗ nen Lächeln.„So hatte die Frau Fürſtin von Lobkowitz, damals Obriſtburggräfin von Roſenberg, doch Recht, als ſie mir ſagte, daß es Euch von Nutzen ſein dürfte, wenn ich meine Schuld an Euch bald berichtigte.“ „O Polixena, edle Freundin“, dachte Kepler, und ſein Herz wallte auf in herzlicher Dankbarkeit für die 169 Frau, deren er jetzt nur ſelten, dann aber nie ohne warme Verehrung gedachte. „Dienſte ähnlicher Art, als ich ſie damals von Euch erbat, ſind es eben, die ich heute noch von Euch verlange. Zunächſt ſollt Ihr, großer Sternkundiger, mir die Zeit der nächſten Zuſammenkunft von Mars und Jupiter be⸗ rechnen, die Schlüſſe daraus wollen wir dann, ſo Gott will, nach allen Regeln der edlen Kunſt gemeinſchaft⸗ lich ziehen.“ „Ich bin, ſoweit es dieſe Berechnung betrifft, zu Ew. Durchlaucht Befehl, was aber die Schlüſſe, die dar⸗ aus zu ziehen ſind, anbelangt, ſo muß ich Ew. Hoheit an Dero Aſtrologen, Herrn Battiſt Zeno oder Seni, ver⸗ weiſen; ich bin ein ſchlichter Mathematikus und Natur forſcher und kann und werde mich nie zu Dingen verſte hen, die ich für große Thorheit und ſchädlichen Unſinn halte.“ „Sprecht Ihr alſo geringſchätzig von der höchſten Kunſt und Weisheit, die, in Urzeiten auf den Ebenen Chaldäa's gefunden, den Menſchengeiſt gewiſſermaßen zum Herrn des Schickſals macht, da ſie ihm Einſicht in daſ⸗ ſelbe gibt?“ fragte Wallenſtein. „Durchlaucht“, entgegnete Kepler, ohne vor dem Stirn⸗ runzeln des Fürſten den klaren Blick zu ſenken,„ich will Euch nicht erzürnen, aber ich wäre der Ehre, ein Deutſcher zu ſein, nicht würdig, wenn ich Euch die großen Wahr⸗ 170 heiten, die ich unter Gottes Beiſtand erkannt habe, ver⸗ ſchweigen und vorenthalten wollte. Die Weisheit der Chaldäer iſt eitel Thorheit! Daran kann Niemand zwei⸗ feln, ſeit der große Copernieus den Bewohnern der Erde den Blick in die Regelmäßigkeit des Wandels der ewi— gen Sterne eröffnete; ich am wenigſten, denn Gott hat mich begnadigt, die Bahnen derſelben genau zu erfor ſchen. Wohl wäre es mir möglich, aus feiger Furcht Ew. Gnaden zu verſchweigen, was ich weiß, und Dero Wün⸗ ſchen zu ſchmeicheln durch Anwendung der Regeln jener thörichten Kunſt, durch welche ich mir ſchon einmal Eure Gnade erworben. Damals war ich ein Jüngling; ich bin mir mein Leben lang dieſes Fehlers mit ſchwerem Her⸗ zen bewußt geweſen. Jetzt bin ich ein Mann und will dem Greiſenalter, dem Tode, der in jedem Moment über mich kommen kann, nicht mit der niederdrückenden Ueber zeugung entgegentreten, daſſelbe große Unrecht wieder⸗ holt zu haben.“ „So hatte ich mich denn getäuſcht“, entgegnete der Herzog, unruhig im Zimmer auf und abſchreitend,„wenn ich hoffte, in Euch einen Helfer und Gefährten zu finden bei meinem großen Plane, Deutſchland den Frieden und allen Parteien Freiheit des Glaubens zu geben!“ „Gott ſegne Ew. Gnaden großes Herz“, ſagte Kepler mit leuchtendem Blick.„Gebietet über alle meine Kräfte, — — 161 über mein Leben, ich lege es in Ew. Durchlaucht Hände, aber ich bin ein proteſtantiſcher Chriſt und würde nie nach dem jeſuitiſchen Grundſatz handeln, der eine böſe Handlung erlaubt, wenn ſie zur Förderung des Guten nöthig ſcheint.“ „Aber inwiefern könnte es böſe ſein, wenn Ihr zu meinem Nutzen eine Kunſt ausübtet, deren Regeln Ihr verſteht, wenngleich Ihr die Grundlagen derſelben für falſch haltet?“ fragte der Fürſt. „Weil ich durch die Ausübung derſelben Ew. Durch⸗ laucht möglicherweiſe Veranlaſſung geben könnte, Thaten auszuführen, die, folgenſchwer für die Welt und gemein⸗ ſchädlich, unterblieben wären, wenn nur Ew. Gnaden er⸗ habener Verſtand und großes Herz, nicht die Ausübung meiner thörichten Kunſt Leiter von Dero Handlungen geweſen.“ Friedland warf einen eigenthümlichen Blick auf den in unterthäniger Haltung vor ihm ſtehenden Gelehrten. „Ihr ſeid ein Mann, Magiſter Kepler, obgleich Euer Auge ſanft und faſt ſchüchtern blickt, wie das eines Weibes. Wohlan, ich will Euch in Roſtock eine Profeſſur geben, dorthin geht und verſucht, wie Ihr es möglich machen werdet, zu Eurem Gelde zu kommen.“ „Durchlaucht“, entgegnete der Gelehrte, das Haupt um ein Weniges erhebend,„ich weiß, und Euer eigenes Wort 172 kann mir keinen Zweifel daran einflößen, daß der Herzog von Friedland, der Freund und treueſte Diener ſeines Kaiſers, den Forderungen, die ein ehrlicher Mann an dieſen zu machen hat, zu ihrem Rechte verhelfen wird.“ „Wohlan, wenn Ihr dahin nicht wollt, ſo bleibt bei mir als mein Seeretär und leiht mir bei Arbeiten, denen ich vielleicht in meiner Rauheit nicht gewachſen bin, Eure gewandte Feder.“ Eine Handbewegung des großen Kriegsfürſten benach⸗ richtigte den Gelehrten, daß ſeine Audienz vorüber ſei, und er kehrte zu ſeiner Gattin zurück, der er ſeine Unter⸗ redung mit dem Herzog und die Befreiung des armen Hennig Werner mittheilte, der noch während der Anwe⸗ ſenheit der Kepler'ſchen Familie in Sagan ſeine Hochzeit mit der ſchönen Marie Werner feierte, zu welcher Feſt⸗ lichkeit auch das Kepler'ſche Ehepaar geladen war. Kepler arbeitete als Secretarius und Translateur in Wallenſtein's Kriegskanzlei, berechnete auf Kaiſer Fer⸗ dinand's Befehl die Ephemeriden bis zum Jahre 1637 und für Wallenſtein die Zuſammenkunft des Jupiter und Mars und ſetzte neben dieſen Arbeiten ſeine mathemati⸗ ſchen, phyſikaliſchen und ſonſtigen Studien aufs eifrigſte fort. Unterdeß wütheten die Schrecken des dreißigjähri gen Kriegs in allen Gauen Deutſchlands. Wo Ferdi⸗ nand's Truppen als Sieger einzogen, und das war faſt 173 überall, wo Wallenſtein’s Feldherrntalent ſie leitete, ward das Reſtitutionsedict gegen die Proteſtanten mit eiſerner Strenge zur Geltung gebracht. Viele Hunderte von proteſtantiſchen Geiſtlichen wurden durch daſſelbe obdach⸗ und brodlos und irrten bettelnd mit ihren Familien durch niedergebrannte Dörfer und Städte. Aber auch die Katholiken hatten viel zu leiden; Wal— lenſtein's Heere hauſten in den Ländern der deutſchen Reichsfürſten als einziehende Sieger, und von allen Seiten, namentlich von dem Herzog Maximilian von Baiern, ſeinem Studiengenoſſen, wurde Kaiſer Ferdinand beſtürmt, dem Unweſen der Wallenſteiner ein Ende zu machen. Johannes Kepler hatte unter dem Fürſten mit ſeiner Familie in Frieden gelebt, freilich aber die Zahlung ſeines rückſtändigen Gehalts jetzt ebenſo wenig als früher em⸗ pfangen. Seine älteſte Tochter Margarethe lebte noch im— mer in ſeines Freundes Bernecker Hauſe in Straßburg, und an ihre Heimkehr in den Schooß ihrer Familie konnte in dieſen furchtbaren Kriegszeiten nicht gedacht werden. Der Gehülfe Kepler's, der wackere Bartſch, hing mit einer wahrhaften Sohnesliebe an dem Gelehrten, der ihm nicht nur ein Quell des Wiſſens, ſondern auch das Vor⸗ bild jeder Tugend war. Er gehörte ganz und gar zur 174 Familie und wurde von den Eheleuten nicht anders ge⸗ halten, als es mit dem abweſenden Sohn Ludwig der Fall geweſen wäre. In ſeiner Gegenwart las man laut die Briefe der abweſenden Freunde, Geſchwiſter und Kinder, und er entwarf ſich aus ihnen, unter denen ſich ja auch die eigenen der jugendlichen Margarethe und die ihres Lobes vollen Briefe Bernecker's und der Frau Binder befanden, ein glänzendes Bild der Tochter ſeines väterlichen Freundes, den auch jetzt wieder ein ſchweres Familienunglück betroffen, indem zwei ſeiner Kinder durch eine Seuche dahingerafft plötzlich ſtarben, ſodaß von Suſanna's reichem Kinderſegen nur zwei Töchter übrig blieben, das Herz der Aeltern zu tröſten. Wie ſehr gedachte in dieſen Kummerſtunden Kepler ſeiner lieben, ihm unerreichbaren Margarethe, welchen Troſt würden er und die tief ergriffene Mutter in dem Wiederſehen des ſchönen, heitern Mädchens gefunden ha⸗ ben!„Wenn ich ſie nur paſſend verheirathen und unter dem Schutze eines würdigen Gatten in Deine Vaterarme ſenden könnte“, ſchrieb Bernecker dem geliebten Freunde. Auch dieſen Brief hörte der wackere Bartſch vorleſen und er brachte einen Entſchluß bei ihm zur Reife, der ſchon lange in ſeinem Herzen erwogen war. „Magiſter Kepler, mein väterlicher Freund“, ſagte er, raſch von ſeinem Sitze aufſtehend,„Ihr wißt, ich habe 175 mich um die Stelle des Profeſſors der Mathematik in Straßburg beworben; ich that's, um Eurer Tochter nahe ſein und mich um ihre Gunſt bewerben zu können. Wollt Ihr ſie mir geben und mein wirklicher Vater werden, wenn ich ihr ein genügendes Auskommen werde bieten können?“ „Aber ſie muß Euch doch lieben, und dazu muß ſie Euch kennen lernen“, warf Suſanne eifrig ein. „Ich liebe ſie, ohne ihr Angeſicht geſehen zu haben“, entgegnete Bartſch innig,„und wenn die Pocken jetzt ihre ſchöne weiße Haut, von der die Frau Binder ſo oft in ihren Briefen ſpricht, zerſtören würden, meine Liebe könnte dadurch nicht verringert werden.“ „Margarethe muß ſelbſt entſcheiden“, ſagte Kepler; „mir ſelbſt wäret Ihr, mein lieber Studiengefährte, der liebſte Sohn, den ich mir ausſuchen könnte.“ „Eure Hand darauf, mein theurer Vater!“ rief Bartſch hoch erfreut. Seine Berufung zur ſtraßburger Profeſſur kam we⸗ nige Tage nach dieſer Unterredung in des wackern jun⸗ gen Gelehrten Hände, und von Kepler's und deſſen Gattin Segen begleitet, eilte er mitten durch die Kriegs⸗ unruhen nach Straßburg. Kepler's Brief an Bernecker, in welchem er dieſem das Amt des Vaters bei der wahr⸗ ſcheinlichen Verheirathung ſeines Gretchens überträgt 176 und ſeine Zweifel darüber ausdrückt, ob die Hochzeit, der er doch leider nicht beiwohnen könne, nicht am beſten in Leonberg gefeiert würde, wo er Bürger ſei, iſt ein neuer rührender Beweis der liebevollen Anhänglichkeit des gro⸗ ßen Gelehrten an ſeine Heimat. Bernecker lud Kepler’s Bruder und Schweſter zu des lieben Gretchen's Hoch⸗ zeit, die er mit allen Ehren, welche jene Zeit forderte, in ſeinem Hauſe feierte, und auch der ſtattliche Student Ludwig Kepler fehlte nicht dabei. Der junge Profeſſor Bartſch führte dann ſein ſchö⸗ nes Weib mitten durch das wilde Kriegsgetümmel dem fernen Vater zu. Die Druckerpreſſen des großen Gelehrten mußten in Sagan ſtille ſtehen, da kein Buchdrucker ſich wegen der Kriegsunruhen dorthin wagte. So blieben alſo die Ephemeriden ungedruckt, ſowie auch ſeine kleine Schrift, in welcher er der Gelehrtenwelt verkündete, daß im Jahre 1631 die Venus an der Sonnenſcheibe vorüber⸗ gehen würde, eine Himmelsbegebenheit, die bis dahin noch kein Aſtronom auf der Erde beobachtet habe. Was aber die Jünger der edlen Kunſt Gutenberg's ſich aus⸗ zuführen nicht getrauten, das gelang dem Muthe der wackern Kinder Kepler's. Mitten durch die Armeen Wal⸗ lenſtein's reiſend, kamen Bartſch und ſeine Margarethe in Sagan an. Bartſch hatte ſich wohl gehütet, den altern⸗ 177 den Vater von dieſem überkühnen Unternehmen zu be⸗ nachrichtigen, und ſo war denn dies Wiederſehen ein ganz unerwartetes. Das junge Ehepaar brachte einen ganzen Früh⸗ ling von Glück in das ſtille Aelternhaus, wo noch Trauer wegen des Dahinſcheidens der beiden jüngſten Kinder herrſchte und die ſtete Wehmuth wegen des allgemeinen Unglücks Deutſchlands weſentlich vermehrte. Mit dem Eintritt des jungen Ehepaars ſchien aber der Geiſt der Freude in die Bruſt des Vaters einzuzie⸗ hen. Während Bartſch mit Kepler ſich im eifrigen Ge⸗ ſpräch in die Fernen des Himmels verlor und beide ſich an dem Gedanken ergötzten, welche beſeligende Freude die Beobachtung des Vorüberziehens der Venus vor der Sonnenſcheibe ihnen verurſachen würde, und welche neuen Einblicke in die Natur des der Erde ſo nahen Planeten ſie bei dieſer Gelegenheit vielleicht würden gewinnen kön⸗ nen, ſaß Gretchen bei Suſannen, ſie über die Gewohn⸗ heiten, Anſichten und Lieblingsſpeiſen des von nur wenig ihr gekannten Gatten ausfragend, und immer war es der jungen Frau eine Freude, aus dem Munde der fleißig beobachtenden Mutter zu erfahren, daß der junge Ge⸗ lehrte wirklich und wahrhaftig mancherlei Eigenthümlich⸗ keiten beſäße, die an den ältern, an den wackern, treff⸗ lichen Vater der Familie erinnerten. So verfloſſen trotz Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. III. 12 178 der allgemeinen Noth den Wiedervereinigten einige Wo⸗ chen heitern Glücks. Sie verfloſſen nur zu ſchnell, und Bartſch, in Straßburg an ſein Amt gebunden, mußte mit ſeinem ſchönen Weibe endlich die keineswegs unge⸗ fährliche Rückreiſe antreten. Kepler überwand den Schmerz dieſes Abſchieds mit der Kraft ſeines gottergebenen Heldenmuths und tröſtete ſeine Kinder mit der Hoff nung des Wiederſehens und künftigen Zuſammenlebens in Straßburg, wohin Kepler ſeinen Wohnſitz verlegen wollte, ſobald er von dem, was der Kaiſer ihm ſchul⸗ dete, wenigſtens ſo viel gezahlt erhalten würde, um mit ſeiner jetzt ſo klein gewordenen Familie einigermaßen leben zu können. Der Univerſitätsaufenthalt ſeines Soh⸗ nes Ludwig war bald beendet; Bernecker hatte bei der Beſtreitung der Koſten deſſelben wacker geholfen, wo das kleine Vermögen, das aus Barbara's Nachlaß für ihre Kinder zweiter Ehe übrig geblieben und bei Margarethe Binder und ihrem Gatten deponirt war, nicht hatte aus reichen wollen, und Kepler konnte ſich mit freudigem Herzen ſagen, daß ſein einziger Sohn ihm nur Freude gemacht habe. Wallenſtein, nachdem er noch mehr als einen Ver⸗ ſuch gemacht hatte, ſeinen gelehrten Secretarius und Translateur zu bewegen, ſeinen aſtrologiſchen Grillen dienſtbar zu werden, gab dieſen Gedanken endlich auf, 179 aber mit ihm auch den Mann ſelbſt, der vergebens auf die Erfüllung des kaiſerlichen Befehls harrte, welcher dem Herzog von Friedland auftrug, die Forderungen des kaiſerlichen Mathematikers Magiſter Johannes Kepler mit zwölftauſend Thalern und deren Zinſen aus den Einkünften des Herzogthums Mecklenburg zahlen zu wollen; und wo gab es ein Gericht, bei dem der arme Gelehrte gegen den allmächtigen Kriegsfürſten Klage führen konnte? Was aber wäre dem Muthe Kepler's unmöglich geweſen, wo es galt, das Recht zu vertreten und für die geſicherte Zukunft ſeines Weibes, ſeiner Kleinen zu ſorgen? Wal⸗ lenſtein hatte dem Gelehrten noch einmal die Stelle eines Profeſſors in Roſtock antragen laſſen und der vor dem Kriegsobern zitternde Senat gehorſam den gro⸗ gen Mathematiker zu derſelben erwählt, aber Kepler war nicht der Mann, der, wo er Recht hatte, ſich daſ⸗ ſelbe aus den Händen winden ließ. Was keiner der Fürſten des deutſchen Reichs, was ſelbſt der Kaiſer nicht wagte, das wagte der körperlich ſo zart organiſirte, jetzt überdies ſchon alternde Gelehrte. Er trat dem ſtolzen, faſt allmächtigen Feldherrn entgegen und er⸗ klärte feſt, er werde dieſem Rufe nicht folgen, bevor nicht der Herzog ſelbſt des Kaiſers Genehmigung dazu ausge⸗ wirkt und den Rückſtand bezahlt habe. Solche Sprache war dem Friedländer unbekannt; 180 er, vor dem ganz Deutſchland bebte, konnte dem ſchlich⸗ ten Mann nichts antworten; zahlen wollte er noch we⸗ niger, denn gerade in jener Zeit war ſeine Stellung zu ſeinem Kaiſer, dem er die größten Dienſte geleiſtet, eine geſpannte. Die katholiſchen Reichsfürſten Deutſchlands, deren Länder ſeine Truppen auf ſeinen Befehl ebenſo ausgeſogen und gebrandſchatzt hatten wie die proteſtan⸗ tiſchen, beſonders der eben zum Kurfürſten erhobene Herzog von Baiern, hatten ſchwere Klage beim Kaiſer geführt und von ihm mit großem Ernſt gefordert, den Fürchterlichen, deſſen Schwert wie eine Gottesgeißel über allen deutſchen Ländern hing, ſeiner ſchwer gemiß⸗ brauchten Macht zu entkleiden. In dieſer Noth rief Ferdinand II. einen Fürſtentag in Regensburg zuſammen, und Wallenſtein ſollte ge⸗ halten ſein, ſich vor demſelben zu verantworten. Es war ein Entſchluß, wie ihn nur Kepler's kühnes Herz faſſen konnte, daß er zu dieſem Reichstag reiſen und vor Kaiſer und Reich die Eintreibung ſeiner Schuld zu fördern ſuchen wollte, und was er als Recht, als ſeine Pflicht und für das Beſte ſeiner Familie noth⸗ wendig erkannt hatte, das führte er aus, obgleich man faſt ſagen könnte, daß eine Welt von Hinderniſſen ſich dieſer Reiſe entgegenſtemmte. Suſanne wußte nur zu wohl, daß keine Bitten, 181 keine heißfließenden Frauenthränen etwas über die Wil⸗ lenskraft ihres Gatten vermochten, wenn er zur Erfül⸗ lung einer Pflicht einen feſten Entſchluß gefaßt. Sie drückte daher das ſchwellende Herz in die Bruſt zurück. und ſtatt ihm die Beſchwerde des Abſchieds durch Klagen zu vergrößern, that ſie mit Fraueneifer und Klugheit ihr Möglichſtes zur Erleichterung der Beſchwerden der be⸗ vorſtehenden gefahr und mühevollen Reiſe. Sie mußte zu Pferde gemacht und das Gepäck des Reiſenden danach eingerichtet werden. So ward denn die Reiſe⸗ wäſche auf das für Reinlichkeit und Geſundheit Noth⸗ wendigſte redueirt, denn auf die Wegzehrung mußte bei einer Reiſe, die durch Gegenden gehen ſollte, welche die Schaaren des Friedländers kahl gemacht hatten, die meiſte Rückſicht genommen werden. Da Kepler von Regensburg nicht nach Sagan zu⸗ rückzukehren, ſondern gleich nach Straßburg zu Ber⸗ necker und Bartſch zu gehen beabſichtigte, wohin Su— ſanne mit den beiden Töchtern ihm, ſobald ſich für ſie ein ſicherer Schutz fände, folgen ſollte, ſo nahm er auch ſeine neueſten Manuſcripte und die Verſchreibung über alle an ihn ausſtehenden Schulden mit ſich; das Alles gab mit dem Gewicht ſeiner Perſon ein ſtarkes Gepäck für ſein kräftiges Roß. Muth und ſein feſtes Gottver⸗ trauen waren ſeine einzigen Begleiter auf dem Wege, 182 und wahrlich, ſie thaten ihm noth bei dem, was er ſehen ſollte und was keine Feder der Wahrheit getreu beſchreiben, keine Phantaſie in ſeiner ganzen Schrecklichkeit ſich ausmalen kann. Durch Feuer zerſtörte Dörfer faßten auf beiden Seiten die Wege ein, auf denen ſein kräf⸗ tiges Roß dahinſchritt; Herd und Schornſtein waren gewöhnlich das Einzige, was als trübſeliger Reſt von dem übrig geblieben, was einſt die Wohnung einer fried⸗ lichen Familie geweſen; nirgends fand ſich ein freund liches Obdach für den ermatteten Reiſenden, der, ſein Pferd auf einem halbzerſtampften Felde anpflöckend, in ſeinen Mantel gewickelt, hinter brandgeſchwärzten Mauern eine Zuflucht gegen die Nacht ſuchte. Schaaren von zer⸗ lumpten Kindern, ganze Familien, die ſich ihr Brod zu erbetteln verſuchten, begegneten ihm in der Nähe derje⸗ nigen Orte, die noch nicht vollſtändig vom Feuer zer ſtört waren. Es war eine furchtbare Reiſe, und doch fand an jeder noch erhaltenen Hütte Kepler, wenn er an⸗ klopfte, mitleidige Aufnahme, und mehr als eine Fami⸗ lienmutter theilte ihren letzten Brodreſt mit dem bleichen Reiſenden, der ſo ſanft und ſo traurig ausſah. Mit Sorgfalt alle Orte vermeidend, von denen man ihm ſagte, daß ſie von Truppen beſetzt ſeien, und lieber in der düſterſten Brandſtätte als in der Nähe der wilden Soldaten nächtigend, gelangte er endlich nach — —— 183 vierzehntägiger unſaglicher Anſtrengung an das erſehnte Ziel. Es war das Ziel ſeines Lebens! Die fürchterliche Reiſe hatte den zarten Körper des Gelehrten, das Ent⸗ ſetzliche, was er geſehen und erlebt hatte, ſein weiches Herz aufs äußerſte angegriffen. Kaum angekommen verſuchte er alle Schritte zu thun, die es ihm möglich machen ſollten, ſeine ge— rechten Anſprüche durchzuſetzen, aber dieſe vergeblichen Bemühungen brachten ihn um den letzten Reſt ſeiner Kräfte. Mitten unter ſtockfremden Menſchen, mitten in den berüchtigten Unruhen des tumultuariſchen regensburger Fürſtentags überfiel ihn ein Typhusfieber, das ihm als⸗ bald das Bewußtſein raubte. Aber wie an den Oel⸗ berg die Engel kamen, um den mit der Todesangſt rin⸗ genden Erlöſer zu ſtärken, ſo kamen an das Bett des einſam ſterbenden Mannes, der ſein Leben lang Gott in ſeinen Werken geſucht hatte, die Fieberträume in lichten Engelsgeſtalten und wehten Frieden, den Frieden, der höher iſt als alle menſchliche Vernunft, um die Stirn unter deren edler Wölbung ſo erhabene Gedanken ihre Seraphsflügel gebreitet hatten. Johannes Kepler ſtarb am 15. November 1630 inmitten der Schrecken des dreißig⸗ jährigen Kriegs, fern von ſeinem Weibe, ſeinen Kin⸗ 184 dern und den vielen Freunden, die ihn mit faſt anbeten⸗ der Verehrung liebten. Wer an dieſem Grabe an der Fortdauer des menſch⸗ lichen Seins nach jener Veränderung, die wir Tod nen⸗ nen, zweifeln kann, der muß das ganze Erdendaſein für ein Chaos von Schrecken halten, ausgeſchloſſen von aller Regelung und Gerechtigkeit durch das Walten eines erhabenen Gotteswillens. Kepler's früher Tod, denn er war erſt neunundfünfzig Jahre alt, war ein Tropfen in dem Meere von Blut und Elend des dreißigjährigen Kriegs. Die ſterbliche Hülle dieſes unſterblichen Geiſtes ward auf dem Kirchhofe St.⸗Peter an den Außenwerken der befeſtigten Stadt Regensburg begraben, und lange, ſehr lange gedachten die Deutſchen wenig ſeiner Ver⸗ dienſte. Noch heute ſpricht man in den Schulen der deutſchen Jugend von dem Gravitationsgeſetze des Bri⸗ ten Newton, ohne hinzuzufügen, daß eines Deutſchen, daß Kepler's große Gedanken, ſeine drei Regeln von der Planetenbewegung der feſte Grundbau deſſelben ſind. Durch den Sturm des Herzogs Bernhard von Sachſen⸗ Weimar auf Regensburg im Jahre 1633 wurde Kepler's vergeſſenes Grab von den ſtürzenden Mauern Regens⸗ burgs verſchüttet. Ein katholiſcher Geiſtlicher, Karl von Dalberg, Bi⸗ 185 ſchof von Regensburg, ſuchte die Stätte zwei Jahr⸗ hunderte ſpäter im Jahre 1808 auf und ſetzte ihm ein freundliches Denkmal. Jetzt, in der Zeit, da ich dieſe Erzählung der Schick⸗ ſale des großen, trefflichen, edelherzigen Mannes ſchließe, wird ihm von deutſchen Männern in ſeiner Vaterſtadt Weil ein Ehrendenkmal geſetzt. Möge der Segen einer deutſchen Frau ihnen durch dieſe Blätter zugehen, und wenn es denſelben gelingen ſollte, das Andenken eines der größten Deutſchen, die je den Kampf mit deutſchem Jammer kämpften, ein wenig vom Staube der Vergeſſenheit zu befreien und dem deutſchen Volke zu zeigen, welch ein Recht es hat, ſtolz zu ſein auf den Beſitz des Mannes, den es bis jetzt nur ſo im Vorübergehen aus dem Converſations⸗ Lexikon oder andern Compendien kennen lernte, ſo iſt der Zweck meiner Arbeit erreicht und mit befriedigtem Her⸗ zen ſage ich denjenigen meiner Leſer, die mich bis hier⸗ her begleiteten, Lebewohl! Schlußwort. Der in Romanen eingeführten Ordnung zu genü⸗ gen, erlaube ich mir, dieſen kleinen Nachtrag beizuſetzen, der die Perſonen betrifft, welche auf das Leben Kepler's von größerem oder geringerem Einfluß waren. Beſold, der am 1. Auguſt 1630 zu Heilbronn heimlich katholiſch ge⸗ worden war, lieferte, als 1634 nach der nördlinger Schlacht Schwaben von Oeſterreichern beſetzt ward, die würtemberger Archivalacten aus, ward öͤſterreichiſcher Geheimrath und erntete die Früchte ſeines ſchnöden Verraths in einem angenehmen Leben. Die arme Suſanne überlebte, mit ſchweren Sorgen kämpfend, ihren Gatten noch um mehrere Jahre; auch die edle Polixena, die ein ſehr hohes Alter erreichte, mag ihn in der Stille ihres Herzens betrauert haben. Ludwig Kepler ſtarb in Königsberg als hochgeach⸗ teter Arzt, und mit ſeinem einzigen Sohne, der kinder⸗ los ſtarb, erloſch der Mannesſtamm des großen Aſtro⸗ noömen. 187 Der wackere Bartſch lebte in ſeiner Ehe mit Mar⸗ garethe Kepler nur vier Jahre; er ſtarb an der Peſt, und die junge Wittwe verheirathete ſich ſpäter mit Mar— tin Heller. Rabbi Löw war ſeinem Freunde auf dem Wege ins Jenſeit vorangegangen, dagegen überlebte der wackere Bernecker ihn um viele Jahre, da er noch zur Zeit des Weſtfäliſchen Friedens als ein Juriſt von hohem Rufe genannt wird. En dee. Am 1. December d. J. erſcheint der 1. Band des neuen Jahr⸗ Album. Bibliothek deutſcher Original⸗Romane. 1866.— Sinundzwanzigſter Jahrgang.— 1866. 24 Bände Octavformat von je 12 bis 15 Druckbogen in eleganter Ausſtattung. Das vorgenannte Unternehmen, welches, nach zwauzig⸗ jährigem Beſtehen, gegenwärtig im Begriff ſteht, ſeinen ein⸗ undzwanzigſten Jahrgang zu beginnen, iſt das einzige derar⸗ tige in Deutſchland, das ſich ſo lange zu behaupten vermochte. Viele andere ähnliche, die nach ihm entſtanden, traten ge⸗ räuſchvoll und pomphaft ins Leben. Man wollte das Außeror⸗ dentlichſte, noch nie Dageweſenes leiſten, man wollte Frankreich und England überbieten und den Buchhandel dieſer Länder zu dem beſchämenden Geſtändniſſe treiben, daß er dergleichen nicht aufzuweiſen habe. Doch all dieſe hochfahrenden Pläne ſind ge⸗ ſcheitert, während das„Album“ nicht nur von ſeinen erſten An⸗ fängen an ſich der Gunſt des Publicums in ganz beſonderer Weiſe zu erfreuen hatte, ſondern auch mit jedem Jahrgange in der Achtung deſſelben geſtiegen iſt, wie auch die deutſche Preſſe jederzeit gern Veranlaſſung genommen hat, dem Unternehmen die ihm gebührende Anerkennung zu Theil werden zu laſſen. Auf ſolchen Grundlagen ruhend, war es möglich, daß das „Album“ bei einer zweimaligen Verlagsveränderung nichts an der erworbenen Stellung verlor, weil es feſten Fuß im literari⸗ ſchen Leben unſerer Nation gefaßt und ein Bedürfniß der ge⸗ bildeten Leſewelt geworden iſt. 189 Dieſen hervorragenden Platz in der deutſchen Unterhal⸗ tungsliteratur dem Unternehmen zu erhalten, iſt die beſtändige Sorge der gegenwärtigen Verlagshandlung. Dieſelbe iſt unausgeſetzt darauf bedacht, das„Album“ zu einem ſtattlich dahinziehenden Unterhaltungsſtrome zu machen, in welchem ſich ganze Zeiten und Völker mit dem Zarteſten und Herrlichſten zu⸗ gleich, was ſie beſitzen, anmuthig widerſpiegeln. Erſcheinungen der Geſchichte ſowohl wie freien Erfindungen dichteriſcher Ge⸗ ſtaltungskraft iſt Spielraum darin geboten, ſobald nur das, was uns allen heilig iſt, die Familie und Sitte, nicht davon betroffen wird. Hierüber wird der Herausgeber des„Album“ vorſichtig wachen und einen beſondern Stolz darin ſuchen, das Unterneh⸗ men zu den Hütern deutſcher Häuslichkeit gerechnet zu ſehen. Für eine angenehme Abwechſelung in der Lectüre wird ſtete Sorge getragen werden, und ſoll der Familienroman wie der hiſtoriſche, der heitere wie der ernſte gleiche Berückſichtigung finden. Dem Leben gebührt im Romane vor allem das meiſte Recht. Seinen Verwickelungen, ſeinen Conflicten nach allen Richtungen hin Rechnung zu tragen, wird das„Album“ bei der Auswahl der Werke, welche es bringt, keinen Anſtand neh⸗ men, dabei aber niemals die auch hier gezogenen Grenzen aus dem Auge verlieren. Der Scandal⸗ und Enthüllungsliteratur wird die Ver⸗ lagshandlung zum mindeſten niemals Vorſchub leiſten. Die Er⸗ ſcheinungen im„Album“ ſollen die tauſend Verirrungen, Schwä⸗ chen, Fehler und Laſter des menſchlichen Herzens und der menſch⸗ lichen Geſellſchaft wohl ſchildern, aber nicht um dem Publicum darin eine eigene Art von Reiz, eine gewiſſe kitzelnde und prickelnde Genugthuung zu verſchaffen, ſondern um damit den Gemüthern und den ſocialen Verirrungen der Gegenwart ein mahnendes Spiegelbild entgegenzuhalten. Das„Album“ iſt, wie man aus dieſen Andeutungen er⸗ ſehen wird, kein bunter und zufälliger Zuſammenfluß von er⸗ zählenden Werken, ſondern es iſt, wenn uns dies zu ſagen er⸗ 190 laubt iſt, eine Encyklopädie der Unterhaltung, ein Unternehmen, welches unter einer Redaction von beſtimmten Grundſätzen ſteht und zum Zweck hat, auch ſeinerſeits für Ver⸗ edlung und Hebung des deutſchen Volkes nach beſten Kräften beizutragen. Der neue einundzwanzigſte Jahrgang des„Album“ wird Beiträge von den beſten Namen unſerer gegenwärtigen Unterhaltungsſchriftſteller vereinigen, als: Armand— Ritter Braun von Braunthal(Jean Chatles)— Lucian Herbert— Baron Karl von Keſſel— Adolf Mützelburg— Ferdinand Pflug— Joſef Rank— Ferdinand Stolle— A. von Winterfeld— die wir uns geſtatten in Folgendem dem geehrten Publicum in Kürze charakteriſirend vorzuführen. Von Armand, dem berühmten Verfaſſer von„Bis in die Wildniß“,„An der Indianergrenze“,„Ralph Norwood“, „Der Sprungvom Niagarafall“,„In Mexico“ ec., ein Roman, der ſeinen Schauplatz in Nord⸗ und Südamerika hat und be rufen ſein wird, in der deutſchen Leſewelt Aufſehen zu machen. Von Adolf Mützelburg: Der Held von Garika. Roman aus den Ländern des Kaukaſus. Für dieſen Roman des ſo ſchnell beliebt gewordenen Autors bilden einige Epiſoden des letzten orientaliſchen Kriegs und zwar ſpe⸗ ciell die Ereigniſſe im Süden des Kaukaſus, den geſchichtlichen Hintergrund. Die Schickſale eines jungen, in England erzogenen Ge⸗ orgiers, des Enkels eines frühern Königs, der die günſtigen Zeitum⸗ ſtände benutzen will, ſeinem Vaterlande die Unabhängigkeit wiederzu⸗ geben, und deſſen edle Aufopferung und Begeiſterung an der Schwäche und dem Verrath des Bruders und den Verhältniſſen ſcheitern; die Reiſe eines Engländers, der ſich und ſeine Tochter bei den Kurden und Kaukaſiern in die gefährlichſten Situationen verwickelt ſieht, die Er⸗ lebniſſe mehrerer von Schamyl in Gefangenſchaft gehaltenen Da⸗ men ſind zu einem Ganzen verwebt, deſſen Reichhaltigkeit ſich nicht kurz wiedergeben läßt, das aber um ſo mehr feſſelt, wenn man er⸗ 191 fährt, daß viele dieſer hochromantiſchen Ereigniſſe dem Leben ent⸗ nommen ſind. Ueberdies hat der Verfaſſer die Thatſachen nicht loſe verknüpft, ſondern künſtleriſch derart gruppirt, daß in und an ihnen die Charaktere der handelnden Perſonen ſich folgerecht entwickeln und ihre Herzensangelegenheiten den Leſer ebenſo ſehr intereſſiren wie ihre außergewöhnlichen äußern Schickſale. Der Roman iſt farbenreich und eigenthümlich, wie das Land, in dem er ſpielt. Dem ſchließt ſich ein dreibändiger Roman von Lueian Herbert an, deſſen Titel vorerſt noch Geheimniß iſt und in welchem der be⸗ kannte Verfaſſer der hiſtoriſch⸗biographiſchen Romane„Louis Na⸗ poleon“,„Napoleon III.“„Carlo Alberto“ u. ſ. w. ei⸗ nen Gegenſtand behandeln wird, mit dem ſich die ganze gebildete Welt beſchäftigt. Dann folgt: Aus dem Ceben eines Zunggeſellen. Komiſcher Roman in zwei Bänden von Karl von Keſſel. Der Verfaſſer, welcher zu den beliebteſten deutſchen belletriſti⸗ ſchen Schriftſtellern gehört, hat auch im gegenwärtigen Werke ſein Talent nicht verleugnet. Darf einerſeits ſchon die fließende, jede ſchlep⸗ pende Form vermeidende Schreibart, welche dem Werke durchgängig eigen iſt, als eine gute Empfehlung für dasſelbe gelten, ſo iſt ande⸗ rerſeits auch die Gedankenfriſche und der geſunde Humor, welcher darin herrſcht, ganz dazu geeignet, das Intereſſe des Leſers dem Buche zu⸗ zuwenden. Der Autor hat ſich in ſeiner Arbeit inſofern den beſſern engliſchen Schriftſtellern angeſchloſſen, als er, wie dieſe, die Ereigniſſe, welche er ſchildert, und die Perſonen, die er vorführt, aus dem wirk⸗ lichen Leben herausgreift, wodurch es ihm natürlich möglich wird, ſei⸗ nen Schilderungen einen um ſo größern Reiz der Wahrheit und Treue u verleihen und die Charaktere, mit denen er den Leſer bekannt macht, in ihrer vollen Originalität, im Gewande einer anziehenden Komik, welche gegen Albernheiten und Verkehrtheiteu ohne Scheu die Geißel ſchwingt, darzuſtellen. Dabei hat der Herr Verfaſſer aber auch darauf Bedacht genommen, dem tiefern Gefühl des Leſers in geeigne⸗ ter Weiſe Rechnung zu tragen und den Ernſt und die edlern Empfin⸗ dungen des Herzens da walten zu laſſen, wo die Situation ſolches erfordert. 192 Von Ferdinand Stolle: Von Wien nach YVilagos. Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde aus den Jahren 1848 und 1849. Aus den Sälen einer freiheitſtürmenden Aula, aus den Ge⸗ mächern, wo die Reaction ihre geheimen Fäden ſpinnt, durch wild⸗ bewegtes Leben der öſterreichiſchen Hauptſtadt, durch die blutigen Octo⸗ bertage führt der Verfaſſer den Leſer bis zu den Steppen und Pußzten, wo die Magyaren ihren Heldenkampf kämpfen, durch die von wilden Leidenſchaften durchtobten Lande der Südſlaven bis zu dem ſtillen Thale der bairiſchen Hochalpen, wo die Hauptträger des Romans end⸗ lich den erſehnten Frieden finden. Von Braun von Braunthal(Jean Charles): Skoff und Geiſt. Entſprechend der Aufgabe des ſocialen Romans der Gegen⸗ wart: die wichtigſten Zeit⸗ und Lebensfragen der heutigen Geſellſchaft zu erörtern und zu beantworten, d. h. in theils wirklichen, theils er⸗ fundenen Ereigniſſen und Begebenheiten lebendig darzuſtellen, hat der Verfaſſer des obgenannten Romans eins der wichtigſten Momente im Leben unſerer Tage zur Darſtellung gewählt, nämlich den immer mehr um ſich greifenden Materialismus mit dem ihm folgenden Indifferen⸗ tismus gegenüber nicht allein der poſitiven Religion, ſondern auch dem Göttlichen, der Idealität überhaupt, und hat in einer Reihe von Lebensbildern nach Vorlagen aus der modernen Zeitgeſchichte verſucht zu zeigen, wohin ſolche Strebungen auf Wegen, die vom Pfade des Ewigwahren abſeits ſich hinziehen, nothweudig führen müſſen. Sein Roman umfaßt in drei Büchern die das bezeichnete Mo⸗ ment tragenden Hauptfactoren: die Familie— das Geld— das Staatsleben. Von A. von Winterfeld: Die She-Jabrikanten. Komiſcher Roman. Derſelbe behandelt die ernſte Frage der ſocialen Lebensſtellung der Mädchen und der aus derſelben hervorgehenden leichtſinnigen Soſoùur& Grey Controſ Chart Cyan Green Vellow Hed Magenta * 4 2 8 8 1 1 4 4 16— 4 — Lr 4 4 1 ————