9 0 9 Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, V Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ¹ 1 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 St den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ¹ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 04———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mi. Pf. 3 7 3„S 5%— 7 6 7 5. Auswärtige Abonnenten haben fuͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der K Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ¹ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 1 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſf ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——-——Ve 4. 9 Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzählung von Zulie Burow. Zweite Abtheilung. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1865. Drack von Heinr. Mercy in Prag. Erſtes Kapitel. In einer Morgenſtunde des nächſten Tages, in einer ſolchen aber, die von allen andern Bewohnern Prags noch Nacht genannt wurde, denn es hatte eben zwei Uhr nach Mitternacht geſchlagen, ſaß Kaiſer Rudolf in dem ſeltſamen, wüſten Saale, den er ſein Arbeitsgemach zu nennen beliebt hatte, mit großem Eifer vor einem Zei⸗ chenbrete. Eine Bronzelampe von großer Schönheit, Ge⸗ ſchenk des ältern Herrn von Roſenberg und von dieſem einſt dem Kaiſer Max aus dem Orient mitgebracht, ſtand auf ſeinem Arbeitstiſche, und nur von ihrem Lichte war. das große Zimmer zweifelhaft erhellt, denn draußen lag noch die Winternacht unheimlich und düſter auf den feuch⸗ ten Straßen der Hauptſtadt. Der Kaiſer hatte über ſeine wie immer höchſt nach— läſſig angelegte Kleidung einen koſtbaren Pelz geworfen, deſſen Futter aus Amerika von jenem vielgenann⸗ ten Vetter der Gräfin Polixena, Herrn Gonſalvo de Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 1 2 Mendoza, mitgebracht und von erſterer dem Kaiſer zu Fü— ßen gelegt worden war. Das düſtere Lampenlicht war der Beſchäftigung des Fürſten, der beim eifrigen Zeichnen ſehr oft die vor ihm auf dem Tiſche liegenden vielfarbigen Stifte wechſelte, keineswegs günſtig, und ſo ſchob er zuletzt das Zeichen⸗ bret von ſeinen Knieen, ſtellte es verdrießlich gegen die Wand und murmelte vor ſich hin:„Es geht nicht; auch das geht nun einmal nicht! Es wird mir kein Erfolg in Allem, was ich thue oder zu thun verſuche. Kaiſer Ru⸗ dolf iſt der ärmſte, der beklagenswertheſte Mann in allen ſeinen Reichen.“ Er ſtützte den Kopf in ſeine Hand und ſchaute mit ſchwermüthigem Ausdruck ins trübe Licht der Lampe. „Licht, Licht, das iſt's, was ich bedarf, was ich ver⸗ gebens ſuche und nie zur rechten Zeit finden kann. Alle andern Menſchen haben zu ihrer Arbeit den Sonnenſchein; wenn ich arbeiten muß, iſt er auf der entgegengeſetzten Hälfte der Erde. Wohl ſagte König Philipp, mein ſtolzer Oheim, die Sonne gehe in ſei⸗ nem Reich nicht unter, in meinem mag ſie wohl nicht aufgehen. Ich bin verdammt, die höchſten Schätze der Erde für immer zu entbehren. Licht und Liebe! Im Lichte lauern die von mei⸗ nem entſetzlichen Bruder gedungenen Mörderdolche auf ℳ mein derL riſche ſchrec ich C und! ſo o nann. ſerli riſche Abge ben rucht uuner den trotz zeich ſers, treue räth riſch Wch Her 3 mein zuckendes Menſchenherz, und wollt' ich die Blüte der Liebe pflücken, würden rebelliſche Söhne, verräthe⸗ riſche Vatermörder mein Daſein enden. Schrecklich, o ſchrecklich! Und doch, doch, Gott, Herr der Welt, bin ich Dein treuer Diener! Ich ſchütze Deine heilige Kirche und vernichte die Ketzer, welche dieſelbe bedrohen. Mein Herr Vater, Kaiſer Max, deſſen Name noch ſo oft mit einer Dankbarkeit vor meinen Ohren ge⸗ nannt wird, die ein Spott und Schimpf für mein kai⸗ ſerliches Wirken iſt, wählte den Frieden mit ſeinen ketze⸗ riſchen Unterthanen; er beſtätigte den von Deiner Kirche Abgefallenen die ſchändliche Freiheit, dem heiligen Glau⸗ ben an Dich in ihren Kirchen und Bethäuſern durch ver⸗ ruchte Ketzereien zu ſpotten. Ich halte feſt an Dir, ſtehe unerſchütterlich mit Deiner Kirche; der Majeſtätsbrief, den dieſe Abtrünnigen zum Schutze ihrer Irrthümer er⸗ trotzen wollen, iſt nicht unterzeichnet, wird nicht unter⸗ zeichnet werden, und dennoch, Gott, Du Herr des Kai⸗ ſers, welcher der Herr der Welt iſt, ſchlägſt Du Deinen treueſten Sohn mit der Geißel der Untreue, die ver⸗ rätheriſche Unterthanen, verrätheriſche Freunde, verräthe⸗ riſche Geſchwiſter und Verwandte gegen ihn ſchwingen. Weh mir, weh mir, wenn das Deine Gerechtigkeit iſt, Herr des Himmels und der Erde!“ Er lehnte von neuem ſein müdes Haupt in ſeine 1* 4 Hand und verſank ſchweigend in ſeine düſtern Gedan— ken. Dann plötzlich aufſpringend, pfiff er auf dem ſil⸗ bernen Pfeifchen, mit dem er ſeinen Leibdiener Philipp Lang herbeizurufen pflegte; doch nicht dieſer erſchien auf den Ruf, ſondern ein anderer, um viele Jahre jüngerer Mann mit freundlichen Zügen, Lang's Nachfolger in ſeinem Amte, Hans Jakob König, trat bei dem Kai⸗ ſer ein. Rudolf ſah ihn an, als ob er träume und rief dann faſt grollend:„Wo iſt Lang? Wer biſt Du? Und was willſt Du hier?“ „Majeſtät!“ entgegnete der alſo Angeredete ängſt. lich,„ich bin Ew. Gnaden getreuer Diener Jakob Kö⸗ nig, und es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß Philipp Lang ſchon ſeit Monaten im Gefängniß ſitzt wegen ſchwerer Betrügereien und anderer groben Verbrechen.“ „Ja, ja!“ ſagte der Kaiſer, ſeine Hand mit einer Geberde, als wolle er ſich dadurch das Nachdenken er leichtern, auf ſeine bleiche Stirn legend. „Ja, er hat mich auch betrogen, und wie betrogen! der Schuft, den ich mit Gnade überhäufte, deſſen Schutz und Stütze ich war. Er hat mich betrogen, nicht nur um die vielen Tauſende, die er in meinem Dienſte zuſam mengerafft— was iſt Gold und Silber? Elender Staubl er hat mich auch betrogen um das Glück der Liebe, das auch! die I frau, ſie ſe haben ſelbſt mir nicht, von nem nand mir folge beſto Heire ihrer Fich Nach wit auch Lieb — 5 auch mir, dem armen Kaiſer, hätte lächeln können. Er hat die Bilder vertauſcht von mehr als einer fürſtlichen Jung⸗ frau, die ich hätte lieben können, wenn ich gewußt hätte, ſie ſei ſchön und gut. Dieſe Aſtrologen und Sterndeuter haben mich auch betrogen mit ihren Prophezeiungen; ſelbſt Polixena hat mich betrogen, als ſie ſich weigerte, mir anzugehören als mein Eheweib. Sie weigerte ſich nicht, weil ſie mich ſo liebte, daß ſie nicht als Mutter von Rebellen die Prophezeiungen der Sterne zu mei⸗ nem Unheil beſtätigen wollte, nein, weil dieſer Ferdi— nand von Steiermark, deſſen Treue und Ergebenheit ich mir dadurch, daß ich ihn zu meinem Erben und Nach⸗ folger erklärte, ſie beſtochen, durch Gold und Edelſteine beſtochen hatte, damit ſie ſeinen Ausſichten durch eine Heirath nicht entgegentreten ſolle. Falſchheit, Lüge, Tücke rings um mich her! Es lügen die Menſchen, es lügen die Sterne, es lügen auch die Verheißungen Gottes, denn ſeine Prieſter und die Ver⸗ kündiger ſeiner Lehren ſind auch Menſchen und nur mit ihrem eigenen Vortheil beſchäftigt. Wo iſt Johannes Fickler, dieſer kluge Abgeſandte meines edlen Vetters und Nachfolgers Ferdinand, der uns jetzt verließ, jetzt, wo wir ſeiner Treue und ſeines Beiſtands bedürfen? Denn auch der Kaiſer, der Herr der Chriſtenheit, bedarf der Liebe und Treue derer, die er liebt. 6 O mich liebt Keiner, Keiner! Nicht das Weib, das ich verehrend liebte, noch der Diener, den ich mit Wohl⸗ thaten überhäuft hatte, ſie alle, alle dieſe elenden Men⸗ ſchen ſind wie die Panther, Tiger und Hyänen meines Thiergartens, die die von ihren Wärtern ihnen ge⸗ reichte Nahrung alle Tage im Jahre freſſen, aber nicht nur dieſe Wärter, ſondern auch mich, ihren Herrn, in Stücke reißen würden, ſobald ſie einen von uns mit ihren greulichen Tatzen ergreifen und zu ſich ziehen könnten. O, es iſt fürchterlich, es iſt namenlos ſchrecklich, die einzige Menſchenſeele zu ſein unter den wilden Beſtien, Tigern Schlangen, Wölfen und Krokodilen, die dieſen erbärmlichen Erdball bewohnen.“ Das Weſen des unglücklichen Kaiſers hatte etwas Wildes, Verwirrtes, und als er ſeine hellblauen Augen emporrichtete zu dem ſich langſam erhellenden Winter⸗ himmel, waren ſie von Thränen verglaſt, die, plötzlich fließend, wie Regentropfen auf die Marmorplatte des vor ihm ſtehenden Tiſches fielen. „Und ich bin der treueſte Sohn der Kirche“, rief er dann mit heftiger Geberde,„ich will und werde Deinen heiligen katholiſchen Glauben erhalten in meinen Landen! Wirſt auch Du mich betrügen, Gott und Herr, König der Könige? Ich will Dich herausfordern, Mann gegen Mann, obgleich ich, wenn auch der Kaiſer und rechtmäßige Be⸗ 7 herrſcher dieſer Lande, doch nur ein Menſch bin Dir gegenüber, dem allmächtigen Herrn des Himmels und der Erde.. Da, jenſeits des Weißen Berges, liegen die Sol⸗ daten, die ich, der Kaiſer, geworben, um hier in Böhmen meine ketzeriſchen Unterthanen zu zwingen, daß ſie zu Deiner heiligen Kirche zurückkehren; da liegen ſie, die dieſe Böhmen brandſchatzen ſollen, bis ſie den Be⸗ fehlen ihres Gottes und ihres Kaiſers ſich fügen. Sie liegen ohne Sold, wie die hungernden Hyänen. Aber er, der ihr Anführer ſein ſollte, der Bruder deſſen, dem ich ſterbend die Welt hinterlaſſen wollte, der Knabe Leopold von Paſſau wagt es nicht, ſich an ihre Spitze zu ſtellen und hat gemeinſchaftliche Sache gemacht mit meinem Todfeinde Matthias, der dieſen ketzeriſchen Böhmen ver⸗ ſprochen, ſie in ihrem falſchen Glauben zu ſchützen. Sie ſind in Wien zuſammen geweſen, die Fürſten meines Hauſes ſowohl als die kleinen Regenten deutſcher Lande; auch Ferdinand und Matthias ſind darunter ge⸗ weſen und haben ſich geeinigt über das Erbe, das ſie mir entreißen wollen, und der jüngere Rebell hat erklärt, es dem ältern bis zu ſeinem Tode laſſen zu wollen, wenn es ihm dann nur zu Theil werden ſolle. Sie haben alle beſchloſſen, mich, deſſen Handlungen von Wahn⸗ ſinn und Geiſtesſchwäche zeugen, der mir von Gott ver⸗ 8 liehenen Kronen zu berauben, die Forderungen meiner proteſtantiſchen Unterthanen wegen Beſtätigung des Ma⸗ jeſtätsbriefes zu unterſtützen und durch Verrath an ihrem Gott und ihrem Kaiſer untereinander zum Frieden zu kommen. O, und das kann Ferdinand thun, den ich geliebt wie ein Vater ſein Kind! Das könnte Gott zulaſſen, deſſen rechter Arm ich war in meinen Landen! Pfui, pfui über die Welt, Fluch dem Glauben, der mich verräth! Fluch der Liebe, die ſich mir ent⸗ zogen! Fluch dem Vertrauen, das mich betrog und belog!“ Der Kaiſer war bei dieſen letzten, in wilder Wuth geſprochenen Worten von ſeinem Stuhle aufgeſprungen und leidenſchaftlich im Zimmer auf und ab gegangen, die Hände bald zum Himmel emporhebend, bald vor ſich her ringend. Sein ganzes Gebahren war von der Art, daß der immer noch im Zimmer ſtehende Kammerdiener ſich von Furcht und Entſetzen ergriffen fühlte. Nach einer Weile ſchien die wilde Aufregung des Kaiſers ſich zu legen. Der Kammerdiener hatte ſich leiſe hinweggeſchlichen, um nicht fernerhin Zeuge von Scenen zu ſein, deren Kenntniß dem einfachen Diener hätte Schaden bringen können, doch ein neues Pfeifen ſeines Herrn rief ihn in deſſen Nähe zurück. Johar die e det ſ ( verſtö geheil unhei Weib meine Unga gange dann des d kämp Schl nicht. alten 9 Der Kaiſer ſaß wieder an ſeinem Zeichenbret. „Welche Stunde haben wir?“ fragte er mit ziemlicher Ruhe. „Bald ſechs Uhr“, entgegnete der Gefragte. „Gut! Es ſoll ein Bote geſendet werden an Pater Johannes Fickler und ſeinen Begleiter Cyſetus; ich will die ehrwürdigen Herren ſprechen, ſobald ſie angeklei⸗ det ſind.“ Der Kammerdiener verneigte ſich und verſchwand. „Ich glaube“, flüſterte Kaiſer Rudolf leiſe und mit verſtörtem Blicke,„ich glaube, daß man des Kaiſers geheiligte Perſon allein und unbewacht läßt in dieſen unheimlichen Räumen; ein ſich hier einſchleichendes Weib könnte, ihr Schnürband um meinen Hals legend, meinen liebevollen Bruder Matthias, den König von Ungarn, alsbald auch zum Könige von Böhmen machen.“ Er ſchauderte.„O wie garſtig iſt dieſe Ueber⸗ gangszeit vom Nachtdunkel zum Tageslichte“, ſagte er dann;„ſcheint's doch, als ob die Geiſter der Nacht und des Tages mit eiskalten Armen ringend gegen einander kämpften. Glücklich alle, die dieſe täglichen Kämpfe im Schlafe vergeſſen! Ich gehöre zu dieſen Glücklichen nicht.“ Und wieder verſank der unglückliche Fürſt in ſeine alten ſchmerzlichen Gedanken. 10 In den Höfen des Hradſchin begann indeß das Leben des neuen Tages ſich allmälig zu regen. Wachen wurden an verſchiedenen Thüren abgelöſt und die ab und zu gehenden Mannſchaften wechſelten flüſternd das Loſungswort. Einige Leibpferde des Kaiſers, ſchöne Thiere von edelſter Zucht, auf welchen der Monarch ſonſt bei dunkler Nacht ſeine Reitübungen in den großen, zum Theil unterirdiſchen Marſtällen vorzunehmen pflegte, wurden von den Stallknechten in den großen Höfen auf und ab geführt. Aus dem nahen Hirſchgraben ertönten die Stimmen der wilden Thiere. Die Lich⸗ ter in den Zellen der Alchymiſten hörten auf, hell aus den ſchießſchartenartigen Fenſtern zu leuchten, dagegen kräu⸗ ſelte bläulicher Rauch ſich aus ihren kleinen Schorn⸗ ſteinen. Einzelne Beter gingen durch den Eingang des Do⸗ mes und verloren ſich in den langen Bogengängen deſ⸗ ſelben, zwiſchen den verſchiedenen Denkmalen, mit denen derſelbe ſchon damals geſchmückt war. Ein ſchlanker, jugendlicher Prieſter im Meßornate trat, von ſeinem Mi⸗ niſtranten gefolgt, vor einen Seitenaltar, und die ſchwel⸗ lenden Töne der Orgel fingen an, durch das hohe Got⸗ teshaus zu erbrauſen. Vor den Stufen des Hochaltars, denen er ſich durch einen Seitengang genähert, warf in dieſem Momente ſich eine feine, ſchlanke Männergeſtalt — 11 auf die Kniee und ein Menſchenantlitz von edelſter Schön⸗ heit beugte ſich tief, immer tiefer zu Boden, ſo tief end⸗ lich, daß es auf dem kalten Marmor der Stiegen lie⸗ gen blieb. Es war Johannes Fickler, der ſein mit ſchwerſtem Leid belaſtetes Herz hierher trug. Der Jeſuit erſchien in dieſer demüthigen Stellung einer Leiche viel ähnlicher als einem lebenden Menſchen. Seine blaſſen, abgemagerten Hände zitterten heftig und die kleine Tonſur auf ſeinem Schädel glänzte inmitten ſeiner ſchönen, dunklen, jedoch bereits ergrauenden Locken wie Silber. „Herr, erbarme Dich meiner!“ flüſterte er dreimal vor ſich hin, und ſein Gebet kam ſicherlich aus der Tiefe ſeines zerſchlagenen Herzens. Er ſchien für nichts Aufmerkſamkeit zu haben und das Gebet jede Nerven⸗ faſer ſeines Ichs in Anſpruch zu nehmen. Er mochte faſt eine Viertelſtunde ſo gelegen haben, als eine leichte Hand ſich auf ſeine Schulter ſenkte und eine tiefe Stimme dicht neben ihm in ſein Ohr flüſterte: „Wenn Ihr Eure Andacht beendet habt und mit Euern Gedanken und Gefühlen zur Erde zurückgekehrt ſeid, mein geehrter Herr Confrater, ſo ſammelt Euch, wenn ich bitten darf, denn des Kaiſers Majeſtät haben uns zu ſich berufen laſſen.“ Es war Pater Cyſetus, der Ge⸗ 12 fährte Fickler's, der die Andacht deſſelben auf dieſe Weiſe unterbrochen hatte. Es lag ein ſolches Beſpähen der Gedanken und Handlungen ſeines jeweiligen Reiſegeſell⸗ ſchafters in den Regeln des Ordens, zu welchem jene bei⸗- den Männer gehörten. Johannes Fickler richtete ſich da⸗ her empor und blickte ſo ziemlich gefaßt um ſich her, um, wenn dies irgend möglich ſei, die tiefe Zerſchlagen⸗ heit ſeines Herzens vor den ihn beobachtenden Augen zu verſchleiern, dann fragte er ſo ruhig als möglich:„Und wißt Ihr, mein geehrter Herr Confrater, was eigentlich Se. kaiſerliche Majeſtät uns zu befehlen haben werden?“ Cyſetus legte mit einer ziemlich beſorgten Geberde zwei Finger ſeiner rechten Hand auf ſeine ſchmalen Lip⸗ pen.„Der Zweck unſerer Anweſenheit in Wien iſt, wie ich fürchte, dem Kaiſer nicht unbekannt geblieben; auf welche Weiſe er denſelben aber errathen oder erfahren haben kann, mein geehrter Freund und Ordensbruder, iſt mir gänzlich unbekannt geblieben. Es iſt Euch ja wie mir ſchon ſeit längerer Zeit bekannt, daß Frau Polixena von Roſenberg nicht mehr wie ſonſt zu den Vertrauten unſeres heiligen Ordens gezählt werden darf, und es wäre daher geradezu gegen Euch eine Anſchuldigung des Verraths, wenn ich die Frage an Euch zu ſtellen mir erlaubte, ob etwa jene Dame von Euch ins Vertrauen gezogen worden ſei.“ entge ſönli jede einen nicht die) oder mir' nicht einen gend 13 „Das iſt auch ſicherlich nicht der Fall geweſen“, entgegnete Johannes,„denn ich kenne der Gräfin per⸗ ſönliche Ergebenheit gegen den Kaiſer und weiß, daß ſie jede Annäherung unſeres Erzherzogs an Matthias für einen Hochverrath halten würde.“ „Sie iſt es auch geweſen, dieſe ſchöne, aber durchaus nicht lenkſame Frau, welche dem Kaiſer den Befehl an die Paſſauer, nicht in Böhmen einzurücken, abgetrotzt oder abgeſchmeichelt hat“, ſagte Pater Cyſetus,„und glaubt mir's, mein Herr Confrater, ſie, deren Gehorſam wir nicht mehr zu zwingen verſtehen, befindet ſich jetzt unter einem der Ketzerei und dem Proteſtantismus ſich zunei⸗ genden Einfluß.“ „Wie wäre das möglich, bei ihr, die, von ſpani⸗ ſchen Aeltern ſtammend, von mir in höchſter Glaubens⸗ freudigkeit erzogen ward?“ fragte Johannes Fickler, ſeine bleiche Stirn niederſenkend. „Es ſind Proteſtanten in ihrem Hauſe, welche ſchon Jahre lang unter ihrem perſönlichen Schutze ſtehen.“ „Alles Diener, Schützlinge ihres verſtorbenen Gemahls und ihr ſo zu ſagen teſtamentariſch von dieſem über⸗ geben.“ „Sie hat eine ſchwäbiſche proteſtantiſche Kammer⸗ frau, eine Matrone von würdigem Benehmen, Eure nahe Verwandte, Pater Johannes!“ 14 „Nun, ich bin ſowohl als Schwabe wie als Pro⸗ teſtant geboren und leugne es auch jetzt nicht, daß ich meine Baſe Apollonia Wellinger trotz ihrer religiöſen Irrthümer ehre und achte, aber ich glaube wohl, daß ich dem heiligen Orden, dem ich angehöre, ſo viel Beweiſe meiner reinen Geſinnung gegeben habe, daß der Ver⸗ dacht einer Untreue gegen ſeine heiligen Zwecke mich nicht treffen kann.“ „Dennoch ſteht die Thatſache feſt, daß Se. Maje⸗ ſtät von unſeres jungen Erzherzogs Verbindungen mit Matthias, dem Könige von Ungarn, benachrichtigt iſt und daß das paſſauer Kriegsvolk ſeit vielen Tagen unthätig in der Nähe Prags liegt. Löſt mir dieſe Probleme, Pa⸗ ter Johannes Fickler; auf alle Fälle aber bereitet Euch darauf vor, mich eilig in das Kabinet des Kaiſers zu begleiten, wo unſer, wie ich glaube, Herr Adam von Dietrichſtein wartet, Rudolf's treueſter und dem Golde und der Ueberredung ſeines feindlichen Bruders unzu— gänglichſter Rath.“ „Ich ſtehe zu Eurem Befehle!“ entgegnete Johannes Fickler, und nach wenigen Minuten entfernten beide Je⸗ ſuiten ſich, das herrliche Gewölbe des St.⸗Veitsdoms durch zwei verſchiedene Ausgänge verlaſſend. Einige Minuten ſpäter ſtanden beide, in ihre dunkle, einfache Ordenstracht gekleidet, in einem der kleinern ——————— Säle ſer ſei dem nigſten Böhm gelang geheue dem) Aſtrol wiſch Furch dolfs mit ſ Wege ſchen verru du ſch 6 5 Gema deſſel in al Prag jener Nach Fürſt 15 Säle des Hradſchin, wo der ſo wenig zugängliche Kai— ſer ſeine Audienzen zu ertheilen pflegte. Jetzt freilich, nach dem Sturze des verrufenen Philipp Lang, war es we⸗ nigſtens nicht mehr für die edlen und vornehmen Herren Böhmens unmöglich, vor das Auge ihres Monarchen zu gelangen, ohne dem Drachen, der ihn bewachte, die un⸗ geheuerſten Geldopfer zu bringen. Nur die Furcht vor dem Mörderdolche ſeines Bruders Matthias, von den Aſtrologen immer noch genährt, war es, die trennend zwiſchen dem Volke und ſeinem Fürſten lag, aber dieſe Furcht war zur Zeit ganz beſonders mächtig in Ru— dolf's verdüſterter Seele, da er wußte, daß Matthias mit ſeinem in Ungarn ſtationirten Heere ſich auf dem Wege nach Prag befand, um auf Erſuchen der böhmi⸗ ſchen Stände die Hauptſtadt vor dem Andringen des verruchten und ſo ſehr gefürchteten paſſauer Kriegsvolks zu ſchützen. Als die beiden gelehrten Jeſuiten das keaiſerliche Gemach betraten, ſaß Rudolf in dem hohen Bogenfenſter deſſelben und ſchaute hinab auf das ſich zu ſeinen Füßen in aller Herrlichkeit eines Wintermorgens ausbreitende Prag; ſein Blick war trübe und um ſeine Lippen ſchwebte jener traurige Zug der bitterſten Unzufriedenheit, den die Nachwelt noch jetzt auf jedem Bilde des unglücklichen Fürſten bemerken kann. 16 „Sie kommen, wie Ihre Creditive Uns ſagen, von meinem treu ergebenen Vetter, dem Erzherzog Ferdinand? Wir ſind voll Verlangen, zu erfahren, was dieſer Unſer von Uns ſo hoch begünſtigter Blutsfreund Uns zu melden haben dürfte“, ſagte der Kaiſer. „Majeſtät!“ entgegnete Johannes Fickler mit einer Verbeugung, die einer Kniebeugung ſo ähnlich war, als ſich dies mit ſeinem geiſtlichen Stande vereinigen ließ, „wir bringen von unſerem Herrn, dem regierenden Erzher⸗ zog Ferdinand von Steiermark, die ergebenen Verſicherun⸗ gen ſeiner Dankbarkeit und Treue und die unterthänige Bitte, daß Ew. Majeſtät geruhen wolle, ſich Ihres dank⸗ baren Neffen auch fernerhin in Gnaden zu erinnern.“ Des Kaiſers Blick wurde bei dieſen Verſicherungen der Boten des liebſten ſeiner Blutsverwandten in ſelt⸗ ſamer Weiſe glühend, wie etwa der Blick des Schakals, ehe er ſich auf ſeine Beute ſtürzt. „Und eine ſolche Botſchaft wagt Ihr in dieſem Au⸗ genblick an mich auszurichten, Ihr Väter der Geſell⸗ ſchaft Jeſu, die Ihr Euch die feſteſten Stützen der heili— gen Kirche und unſeres ebenſo heiligen Throns nennt und die Ihr faſt in dieſer Stunde von Wien zurückkehrt, wo die verrätheriſchen Fürſten deutſchen Reichs mit meinem verrätheriſchen Bruder Matthias unterhandelt haben, um mir die Kronen vom Haupte zu reißen? Und; mir ſtück bens Ober tritt des) zume wich nand gewe dem hoff wenn Thro Voll es i und ſollt 17 Und Ferdinand, den ich liebte wie einen Sohn, da Gott mir einen ſolchen verſagte, hat eingewilligt in dies Buben⸗ ſtück, er, der bis daher wirklich der Schützer des Glau⸗ bens war und es nach meinem kaiſerlichen Willen als Oberhaupt des heiligen römiſchen Reiches nach meinem Hin⸗ tritt bleiben ſollte, wenn ſchon die Habſucht und Herrſchgier des Matthias, der mich zwang, ihn zum König von Ungarn zu machen und ihm die Nachfolge auch in Böhmen zu ſichern, mich hinderte, alle meine Kronen ihm, dem getreuen Ferdi⸗ nand, nach meinem Tode zu hinterlaſſen, wie ich es einſt gewollt und ihm verſprochen habe! Er liebäugelt mit dem Matthias, der den Proteſtantismus ſchützt, und hofft, das Erbe meiner Brüder von ihm zu erhalten, wenn er jetzt mich mit ſeinem ungariſchen Heere vom Throne geſtoßen haben wird. Dort ſteht mein paſſauer Volk! Wo iſt der junge Fürſt, mein Vetter Leopold, der es in die Straßen dieſer rebelliſchen Hauptſtadt führen und mit ihm die aufſäſſigen Proteſtanten züchtigen ſollte?“ „Majeſtät,“ entgegnete Fickler mit der ganzen Milde ſeines Weſens,„wollen zu bedenken geruhen, daß der eigene Befehl dieſe tapfern Truppen aus Böhmen und beſonders auch von Ihrer Hauptſtadt fern hält. Die Befehlshaber, Obriſt Laurentius von Ramé an der Spitze, wollen nicht als Rebellen gegen Ew. Majeſtät 2 Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II— 18 ausdrücklichen Willen hier einrücken und warten auf die Zahlung der rückſtändigen Löhnungen mit einer Manns⸗ zucht, die ihnen wirklich zur Ehre gereichen muß, zumal den wackern, kriegsgeübten Männern nicht unbekannt iſt, daß die proteſtantiſchen Standesherren Böhmens ſich ihrerſeits ernſtlich rüſten, ihnen Widerſtand zu leiſten. Da iſt das Haupt der Roſenberge, Graf Zawiſch auf Kommotau, der ſchon ein tüchtiges Heer geworben hat, es den Paſſauern entgegenzuſtellen, und neben ihm ſteht Herr Zdenko Popel von Lobkowitz, beide tapfere, kriegs⸗ geübte Ritter, feſt entſchloſſen, dem paſſauer Volke ent⸗ gegenzutreten. Das wird ſchweres Blutvergießen geben, und Ew. Majeſtät treuen Freunde zittern alle vor dem, was unfehlbar in einiger, ja ſogar in ſehr kurzer Zeit kommen wird und muß.“ „Was muß und was wird kommen, mein gelehrter Herr?“ fragte Rudolf, den Jeſuiten mit dem Ausdruck des bitterſten Hohns einige Sekunden lang fixirend und ſeine unſtäten Augen dann vor dem Ausdruck der ruhigen Feſtigkeit in des Paters Blicken niederſchlagend. „Mein kaiſerlicher Herr und Gebieter“, ſagte der Jeſuit mit ruhiger Würde,„es iſt Ihnen ſehr wohl be⸗ kannt, daß die Bedingungen, unter denen die Krone Böh⸗ mens auf Ew. Gnaden glorreiches Haupt geſetzt war, von Ihrer Seite nicht erfüllt worden ſind. Ew. Maje⸗ — ——õ——ʒ———— 2 2.....—— ſtät hal Bruder mit d welche Türken ben un geworfe Ew. M nigreich Herrn brief freien endlich Eblan ſtigen zwinge in die Paſſau verwei des Be ben de Majeſ guten, Heere, terſaſſe 19 ſtät haben den Frieden nicht beſtätigt, den Dero ſiegreicher Bruder Erzherzog Matthias, zur Zeit König von Ungarn, b mit den Türken unterhandelte; die böhmiſchen Herren, welche als Geißeln bei Abſchluß dieſes Friedens den Türken übergeben worden, ſind zum Theil dort geſtor⸗ ben und verdorben, und ihre Familien haben einen Haß b geworfen auf den von ihnen erwählten König. Ferner haben Ew. Majeſtät den proteſtantiſchen Standesherren dieſes Kö⸗ nigreichs den ihnen von Ew. Majeſtät in Gott ruhendem b Herrn Vater, dem Kaiſer Maximilian, gegebenen Majeſtäts⸗ brief, der ihnen das Recht freier Religionsübungen und der freien Wahl ihrer Prädikanten ſicherte, nicht beſtätigt. Dann endlich haben Ew. Majeſtät das paſſauer Volk in ihre Erblande berufen, um mit deſſen Hülfe die widerſpen⸗ ſtigen Standesherren zur Ruhe und zum Gehorſam zu zwingen, ſpäter aber befohlen, daß dies Heer nicht in die böhmiſchen Lande einrücken ſolle, auch den Paſſauern die Zahlung der ihnen zuſtehenden Löhnung verweigert und ſo dieſe Truppen auf die Plünderung des Bauers und Bürgers gleichſam angewieſen. So ha⸗ ben denn die böhmiſchen Stände ſich zum Theil an Ew. Majeſtät glorreichen Bruder gewendet, der mit einem guten, wohlgeſchulten Heere in Ungarn ſteht, mit einem Heere, in dem auch viele edle Böhmen mit ihren Hin⸗ terſaſſen dienen, und haben dieſen Fürſten zum Theil um 20 Schutz gegen das eingedrungene fremde Kriegsvolk, zum Theil aber auch um Schutz gegen die von Ew. Maje⸗ ſtät ausgehenden widerſprechenden Befehle und um Si⸗ cherſtellung ihrer Rechte gegen Ew. Majeſtät wechſelnde Launen gebeten. Andere große böhmiſche Herren zum Beiſpiel Herr Zawiſch von Roſenberg auf Kommotau und deſſen guter Freund und Verbündeter Herr Zdenko Popel Adalbert von Lobkowitz, beide großen Familien angehö⸗ rig und leider von der heiligen Kirche abgefallen, haben ſich nur an den Theil von Ew. Majeſtät Befehl gehal⸗ ten, der zu ihrem eigenen Willen paßt, und ein Heer ge⸗ worben, das bereit ſteht, das paſſauer Kriegsvolk, ge⸗ worben zur Unterſtützung von Ew. Majeſtät Anſehen und zum Schutze der heiligen Kirche, ſowie zur Unter⸗ drückung der überhandnehmenden Ketzerei, aus den Mar⸗ ken Böhmens zu verjagen. Es iſt dies, wie Ew. Ma⸗ jeſtät ſelbſt einſehen müſſen, ein Zuſtand der Dinge, der aller Vernunft und allem Rechtsgefühl widerſtreitet, und ſo haben auf den Ruf des Erzherzog Matthias, Eures erlauchten Herrn Bruders, ſich die Fürſten deutſchen Reichs in Wien verſammelt, um ein Uebereinkommen zu treffen, auf welche Weiſe ſolchem Nothſtande ein Ende zu machen möglich ſei. Daß auch der Erzherzog Ferdi⸗ nand, Ew. Majeſtät erlauchter und liebevoller Neffe, ſich dabei hat betheiligen müſſen, iſt nicht zu bezweifeln.“ mit der rei eigen erwä Weiſ der Gott ner brün die feſte röm trage bene ware Ma ſanf von 21 „Nein, ganz und gar nicht!“ entgegnete der Kaiſer mit einer Art von Lachen. „Erzherzog Ferdinand, die feſte, jugendliche Stütze der heiligen Kirche in dieſen ſchlimmen Zeiten der Ketze⸗ rei und des Unglaubens, durch Ew. Majeſtät höchſt⸗ eigene Willensmeinung zu Dero Erben und Nachfolger erwählt, muß dieſe Ausſicht auf jede Gott wohlgefällige Weiſe zu befeſtigen ſuchen.“ Der Kaiſer nickte höhniſch. „Er allein, in deſſen reinem, jugendlichem Herzen der Glaube als heilige Flamme lodert, der die heilige Gottesmutter in begeiſterter Liebe zur Anführerin ſei⸗ ner Heerſchaaren ernannte und ſie, die Gebenedeite, in⸗ brünſtig verehrt, er allein iſt fähig, in den Kämpfen, die der verderbten Welt bevorſtehen, auszuharren mit feſtem Muthe. Ferdinand muß die Krone des heiligen römiſchen Reichs ſowohl als alle die andern Kronen tragen, die nach dem Ableben von Ew. Majeſtät erha⸗ benem Vater Maximilian auf Dero Haupt vereinigt waren. Dazu mußte der junge Fürſt ſich mit König Matthias, dem natürlichen Nachfolger Ew. Majeſtät—“ Der Kaiſer ſchnitt bei dieſem Worte die glatte, ſanfte Rede des Jeſuiten durch einen Fauſtſchlag ab, von welchem die Marmorplatte des vor ihm ſtehen⸗ den Tiſches erdröhnte.„Kein Wort mehr, heuchle⸗ 22 riſcher Schuft, nicht ein einziges aus Eurem Munde ſoll mein Ohr beflecken, oder ich reiße mit dieſer mei⸗ ner kaiſerlichen Hand Euch die lügneriſche Zunge aus. Verrathen, von allen verrathen, die ich geliebt und denen ich Gutes erwieſen habe, ſtehe ich hier, ein elen⸗ der, einſamer Mann, und Du wagſt es, mir zu ſagen, daß der Verrath des Letzten, auf deſſen Treue ich rech⸗ nete, ein der Kirche geleiſteter Dienſt war? O Fluch Dir! Fluch der Kirche! Fluch dem Pfaffengezücht! Fluch allem Menſchenglück, das mir verſagt blieb, der Liebe zu Weib und Kind, der Hoffnung auf Treue und Dankbarkeit! Fluch dem zürnenden ſchrecklichen Gott, deſſen Diener Krieg, Peſt und Elend das Weltall zer⸗ rütten und der uns Menſchen ahnen läßt, daß dieſe ſchaurigen Engel ihre Flammenſchwerter nicht nur über dieſer kleinen Erde, ſondern auch über andern Welten ſchwingen.“ Er ſchlug mit einer entſetzlichen Geberde die Hände vor ſeine Augen und ſank dann, plötzlich ausgleitend, mit ſchäumenden Lippen auf den Stuhl, von dem er ſich in ſeinem wilden Zorne emporgeriſſen hatte. Pater Cyſetus blickte ihm eine Weile entſetzt in das zuckende Angeſicht und ſagte dann: „So bedürfen wir alſo keines weitern Zeugniſſes von dem überhandnehmenden Wahnſinne dieſes unglückli⸗ 23 chen Mannes. Mag Prinz Matthias den Thron Böh⸗ mens und die deutſche Kaiſerkrone beanſpruchen und empfangen; er hat wohl ein gutes Recht dazu, und unſer junger Erzherzog behält als Nachfolger des Kaiſers Mat⸗ thias ebenſo große Ausſichten, wie er ſie jetzt als Ru⸗ dolf's Nachfolger hat.“ Johannes Fickler hatte, hinter dem Lehnſtuhle des Kaiſers ſtehend, ihm mit zitternden Händen den Bei⸗ ſtand geleiſtet, welchen ſein Zuſtand unbedingt zu erfor⸗ dern ſchien. Als jetzt aber Alles in dem Saale des Hradſchin, wo die Drei beiſammen waren, in Schwei⸗ gen verſank, das nur von dem Stöhnen des Kaiſers und ſeinen keuchenden Athemzügen unterbrochen wurde, hörte man von außerhalb das wilde Gebrüll eines dort verſammelten Volkshaufens, und mit erſchrockener Ge⸗ berde machte Cyſetus ſeinen Gefährten auf den Ein⸗ tritt eines Mannes aufmerkſam, der bis dahin offenbar nicht zugegen geweſen. Es war der Cardinal Adam von Dietrichſtein, erſter Miniſter und treueſter Diener Kaiſer Rudolf's, auf deſſen Ehre und Rechtſchaffenheit kein Schatten eines Vorwurfs ruhte. „Um Gotteswillen, meine Herren“, ſagte der Mini⸗ ſter,„was iſt mit Sr. Majeſtät vorgefallen? Nie war des Kaiſers Geſundheit und Kraft für ſein eigenes Wohl 24 nothwendiger als im gegenwärtigen Augenblick. Die Paſſauer ſind in die Mauern Prags eingerückt und ein furchtbares Gemetzel findet in den Straßen ſtatt. Die prager Bürger ſind geſchaart unter der Anführung des Grafen Zawiſch von Roſenberg, zu dem ſich auch der junge Popel Adalbert von Lobkowitz geſellt hat; ſie haben Schaaren ihrer Hinterſaſſen, ſo viele, daß man ſie ein Heer nennen kann, hierher geführt, die von den auf⸗ rühreriſchen Bürgern mit lautem Jubel begrüßt worden ſind; wir befinden uns inmitten zweier zügelloſer Heerhaufen, und Se. Majeſtät muß ſich wenigſtens ſo weit erholen, um erklären zu können, wen er ſelbſt als Freund be⸗ trachtet haben will. Die Paſſauer brüllen als ihre Loſung:„Kaiſer Rudolf und die heilige Kirche!“ während die Schaaren Roſenberg's auf ihren Fahnen den Kelch führen und laut rufen:„Heil Matthias, dem erwählten Könige von Böhmen!““ „Das iſt der Erzherzog ſeit faſt zwei Jahren“, ſagte Johannes Fickler,„und es iſt nicht Rebellion, ihn ſo zu nennen. Seit der Unterhandlung in Dubecz, in der Ihr ſelbſt, Herr von Dietrichſtein, von katholiſcher Seite mit den Herren von Waldſtein, mit Jaroſlav Bor⸗ zita von Martinecz und von proteſtantiſcher mit Wenzel von Budova, Joachim Schlick, Wratislav von Mitrowitz und Adam Örzan Euch erklärtet, den Erzherzog Matthias ——————— 25 nach Rudolf's Ableben zu deſſen Nachfolger annehmen zu wollen, kann man ihm den Titel eines erwählten Königs von Böhmen nicht mehr ſtreitig machen; was könnte der kranke Kaiſer in dieſem Momente thun, um den wilden Aufruhr in der Stadt zu dämpfen?“ „Sich zeigen!“ entgegnete Dietrichſtein mit Nach⸗ druck,„und ſogleich inmitten ſeiner tobenden Unterthanen die Erklärung ausſprechen, daß er dem proteſtantiſchen Theil derſelben alle Freiheiten ihres Glaubens wie zu ſeines Vaters Zeiten beſtätigen will, daß er die Rechte ſeines Bruders auf ſeine Nachfolge zu achten und nicht anzutaſten geſonnen ſei, und daß es ihm ſelbſt um den Frieden zwiſchen ſeinen Unterthanen, welchem Glauben ſie auch angehören, zu thun ſei.“ „Unmöglich“, ſagte Pater Cyſetus mit Bitterkeit. „Der Kaiſer iſt nicht in der Verfaſſung, ſich zwiſchen die ſtreitenden Parteien zu werfen. Er kann ſich nicht für das Heer erklären, an deſſen Spitze Laurentius Ramé ſteht, denn er hat demſelben vor nicht allzu langer Zeit den Befehl zukommen laſſen, die böhmiſche Grenze nicht zu betreten. Auch iſt den Leuten die Zah⸗ lung ihres Soldes verweigert worden. Noch weniger aber könnte er den proteſtantiſchen Herren, die auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite ſtehen, die Ehre ſeiner Gegenwart zu Theil werden laſſen, ja, dieſe würden ihn wahrſcheinlich 26 in ihrer Mitte gar nicht dulden wollen. Denn obgleich er bei dem letzten Aufruhr der Utraquiſten den Rebellen Glaubensfreiheit verſprochen und den Majeſtätsbrief Kai⸗ ſer Maximilian's ihnen in gewiſſer Weiſe beſtätigt hat, ſo iſt ihnen doch nie eins ſeiner Verſprechen gehalten worden. Es haben auch die katholiſchen Reichsräthe, die Herren von Martinecz und Slawata und der Karzlei⸗ ſchreiber Johann Menzel das Document jenes Maje— ſtätsbriefes niemals unterzeichnet, und noch heute halten die proteſtantiſchen Herren Böhmens ebenſo wie ihre Unterthanen und Hinterſaſſen den gegenwärtigen Kaiſer Rudolf II. für ihren erbittertſten Feind. Es thut noth, daß ein anderer Zuſtand in dieſem unruhigen Lande her⸗ beigeführt werde. Kaiſer Rudolf iſt offenbar krank, ſeiner Sinne in vielen Augenblicken nicht mächtig, und es iſt nothwendig, daß eine kräftigere Hand die Zügel der Regie⸗ rung ergreift. Darüber ſind auch bei ihrer jetzigen Zuſam⸗ menkunft in Wien die deutſchen Reichsfürſten einig gewor⸗ den. Unſer ſehr edler Herr Erzherzog Ferdinand von Steiermark iſt wohl noch zu jung, um dieſe Aufgabe in ſeine eigene Hand zu nehmen; auch widerſtrebt es dem edlen Herzen des Jünglings, die Kronen, die ihm als Erbe zufallen ſollten, dem lebenden Verwandten und Wohlthäter vom Haupte zu reißen. Prinz Matthias iſt als zweiter Sohn Maximilian's der natürliche Nachfol⸗ 27 ger Rudolf's, und Ferdinand beſcheidet ſich, auf das ihm von Rudolf verheißene Erbe bis zu dem ſeligen Hin⸗ tritt ſeines Oheims Matthias zu warten, wenn dieſer ſich mit Rudolf über Abtretung ſeiner Kronen einigt. Dies Sr. Majeſtät und Ew. Gnaden, dem erſten Miniſter, mitzutheilen, iſt der eigentliche Zweck unſerer Sendung ge⸗ weſen. Möge aus unſeres edlen Prinzen beſcheidener Zu⸗ rückhaltung und treuer Ergebenheit für ſeinen edlen und erhabenen Vetter Frieden und Segen und vor allem auch die Rückkehr der vielen verirrten Unterthanen in den Schooß der heiligen Kirche hervorgehen.“ Während dieſer langen, ernſten Rede hatte ſich Rudolf's Körperzuſtand um nichts gebeſſert; röchelnd, mit geballten Händen, mit ſchäumenden Lippen und feſtgeſchloſſenen Augen lag der unglückliche Fürſt immer noch in ſeinem Lehnſtuhle, und Johannes Fickler machte darauf aufmerk⸗ ſam, daß die Herbeirufung eines der kaiſerlichen Leib⸗ ärzte zur unerlaßlichen Pflicht geworden ſei. „Man ſoll ſogleich den Doctor Dee und auch den vom Kaiſer ſo hochgeſchätzten Rabbi Löw hierher be⸗ ſcheiden“, ſagte Adam von Dietrichſtein zu dem herbei⸗ gerufenen Kammerdiener;„ich ſelbſt werde mit dieſen bei⸗ den Herren Se. Majeſtät keinen Augenblick verlaſſen, bis die Aerzte angelangt ſind; auch wäre es vielleicht wünſchens⸗ werth, wenn die edle Gräfin von Roſenberg, deren Stimme 28 ſtets einen heilſamen Einfluß auf des Kaiſers Gemüth auch in den heftigſten Zornesaufregungen zu haben pflegt, ſich hierher bemühen wollte.“ „Halten Sie das für unumgänglich nothwendig?“ fragte Johannes Fickler. „Ja!“ antwortete Dietrichſtein kurz und feſt. Unterdeß währte der wilde Kampf in den Straßen der Stadt ununterbrochen fort. Das paſſauer Kriegsvolk, unter Anführung des Obriſten Laurentius von Ramé und ſeiner Unterbefehlshaber, der Grafen von Sulz und Althan, befand ſich anfangs entſchieden im Vortheil. Die prager Bürger aber fochten für Haus und Herd, ſie beſchützten mit ihren blutenden Leibern die Ehre ihrer Weiber und Töchter, und der Graf von Roſenberg war ein tüchtiger Führer. Dennoch gelang es ihren Anſtrengungen nicht, die wilde Soldateska ganz aus der Stadt zu verdrängen. Die Boten des Miniſters von Dietrichſtein nahmen ihren Weg vom Hradſchin nicht über die Moldaubrücke, auf welcher ein wildes Kampfgetümmel hin und her wogte, doch gelang es dem umſichtigſten derſelben, auf dem kleinen Boote eines Fiſchers über die Moldau zu kommen, und er hoffte es möglich machen zu können, auf dieſem Wege den gelehrten Juden in die Gemächer des Kaiſers zu führen. Auch gelang dies Wagſtück über alles Erwarten, 29 und die Sonne des winterlichen Tages fing eben an ſich zu neigen, als in dem Gemach des noch immer bewußt⸗ loſen Kaiſers der Rabbi dem Cardinal von Dietrichſtein und dem berühmten Engländer Doctor Dee gegenüber⸗ ſtand. Auch die ſchöne Gräfin Polixena ging, begleitet von ihrer ſchwäbiſchen Kammerfrau, von Zeit zu Zeit in dem Zimmer ab und zu. In ihren klaren, edlen Zügen ſtand der Ausdruck bittern Kummers ſo deutlich ge— ſchrieben, daß wohl Niemand an der aufrichtigen Erge⸗ benheit der edlen Dame gegen den Monarchen zweifeln konnte. Zweites Kapitel. Auf den Straßen Prags wogte indeß immer noch der wildeſte Kampf, und die Kugeln der Paſſauer flogen nicht minder häufig als die der Vertheidiger in die Fenſter der Paläſte und Bürgerhäuſer, in denen die Frauen und Kinder in den verſteckteſten Winkeln, in Kellergewölben und verborgenen und dicht gemauerten Waſchküchen zu⸗ ſammengekauert hockten und von Zeit zu Zeit durch lautes Jammern ihre Furcht an den Tag legten. Auch in dem Hauſe, das Johannes Kepler in jener ver⸗ hängnißvollen Zeit mit ſeiner Familie bewohnte, herrſchten Verwirrung und Schrecken in ihrer ſchlimmſten Geſtalt. Frau Barbara war mit ihren fünf Kindern in die feſt⸗ gemauerte Küche geflüchtet, und die hübſchen Kleinen kauerten wie ein Volk Rebhühner hinter den dicken, rauchgeſchwärzten Mauern des Schornſteins, bei jedem neuen Schuß die blonden Köpfchen im Schooße der Mutter oder eins an des andern Schultern bergend. 31 „Was das nur wieder zu bedeuten haben wird, das viele Schießen und Schreien“, ſagte der Aelteſte, Lud⸗ wig, endlich mit ziemlicher Ruhe;„kämpfen denn da ſchon wieder Katholiſche und Proteſtanten gegen einander? Und wird nun nicht endlich der liebe Gott einmal kom⸗ men und den armen Proteſtanten, die ihn ja doch auf die allein richtige Art anbeten, helfen, daß ſie dieſe Ka⸗ tholiken, Jeſuiten und den Kaiſer ſelbſt, der dem ganzen Lärm immer noch kein Ende macht, fortjagen?“ „Schweig, dummes Kind!“ ſagte die bleiche Mut⸗ ter, die ihr kleinſtes, vor wenig Wochen geborenes Mäd⸗ chen mit dem Ausdrucke höchſter Angſt in ihren Armen wiegte;„davon verſtehen Kinder nichts und müſſen daher gar nicht mitreden. Wo nur der Vater bleibt! Du lie⸗ ber Gott, erbarme Dich meiner und dieſer armen ver⸗ laſſenen Kinder! O, es iſt ein herbes Loos, in ſolchen Nöthen den Mann und Hausherrn nicht um ſich zu haben!“ Sie ſagte dies mit lautem Jammern und bemerkte dabei nicht, daß der ſo ſchmerzlich Vermißte bereits eingetreten war und ſein Barett und ſeinen Mantel ab⸗ gelegt hatte. „Seid ruhig und ohne Sorgen, meine Lieben“, ſagte Johannes Kepler, ſeine beiden Hände nach Weib und Kind ausſtreckend.„Ihr habt nichts mehr zu fürchten; der Kampf 32 in den Straßen iſt durch Unterhandlungen zwiſchen dem edlen Grafen von Roſenberg und dem Feldobriſten Lau⸗ rentius Ramé beendigt. Die Paſſauer verlaſſen ohne weitern Kampf die Stadt, werden auch die Städte Be⸗ raun, Budweis und Tabor räumen, da die Stände ihnen durch Herrn von Roſenberg die Verſicherung gegeben haben, das Anſehen Sr. Majeſtät zu ſchützen, ihren eige⸗ nen Rückzug nicht zu beunruhigen und ſie vor den Tho⸗ ren der Stadt mit Lebensmitteln zu verſorgen. Der Ver⸗ trag iſt abgeſchloſſen; es ſind Boten in das Schloß zum Kaiſer geſendet worden, und ſchon werden die Wagen mit den Lebensmitteln gepackt, die dem gefürchteten Kriegsvolk entgegengehen oder nachgeſchickt werden ſollen.“ In der That war das Getümmel in den Straßen verſtummt; man hörte auch keinen Schuß mehr fallen und in den Häuſern kamen die Bewohner, wieder dreiſt wer⸗ dend wie die Mäuſe, wenn des Nachbars große Katze nach Hauſe geſchickt worden iſt, aus ihren Verſtecken her⸗ vor und begaben ſich an ihre gewöhnlichen Geſchäſte. Auch Frau Barbara Kepler verließ mit ihren Kin⸗ dern den Winkel, in welchem ſie gehockt hatten. Sie war bleich und ſah nicht wenig geängſtigt aus, als ihr Gatte ſie in den Lehnſtuhl an ihrem Fenſter zurückführte, den ſie vor Stunden mit ihrem Säugling im Arme beim Beginn des Straßenkampfes verlaſſen hatte, um ſich in 33 einen Winkel zu flüchten, wo ſie vor den Kugeln ſicherer zu ſein hoffte. „Du biſt kränker geworden, mein armes Weib“, ſagte Johannes, indem er ihr theilnehmend den Kopf in die Höhe hob.„Doch ſollteſt Du an dergleichen Scenen in dieſer unruhigen und von Parteizwiſten nur zu oft heimgeſuchten Stadt ſchon einigermaßen gewöhnt ſein.“ Barbara ſeufzte tief auf.„Ach, wären wir nie in dies Land gekommen“, ſagte ſie bitter.„Es iſt hier ſchreck⸗ lich; das Blut fließt wie Waſſer in den Straßen und eine Hand iſt wider die andere in allen Dingen. Ach, und Du, Johannes, biſt nie bei den Deinen, wenn wir Deiner am meiſten bedürfen. Wo warſt Du denn jetzt während aller dieſer entſetzlichen Stunden?“ „Wo ich hingehörte, mein liebes Weib“, entgegnete der Gelehrte ſanftmüthig,„in den Schaaren der Bürger, die, angeführt von einem wackern Edelmann und Krieger, Haus und Herd, Weib und Kinder, ja, wie ich wohl ſagen kann, die heilige Glaubensfreiheit gegen die zügel⸗ loſen Söldlinge vertheidigten, die gegen des Kaiſers Befehl ſich räuberiſch in unſere Thore gedrängt hatten.“ Barbara's Bläſſe war bei dieſen Worten ihres Gatten noch tiefer geworden. Sie ſchlug mit ſeltſamem Ausdruck ihre Hände über das Geſicht und ſagte dumpf: „Gekämpft haſt Du gegen dieſe Paſſauer? Und derhkiſt Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 34 Du nicht an uns, an dieſe fünf verlaſſenen Kleinen, die ohne Dich hier im fremden Lande Hungers ſterben müßten, an mich, die ich hier keinen Freund, keinen Verwandten habe? O Johannes, Johannes, wie haſt Du mir das anthun können!“ „Meine gute Barbara“, ſagte Kepler mit herzlicher Freundlichkeit,„bin ich in dieſen unruhvollen Zeiten nicht wie jeder andere Bürger verpflichtet, Haus und Herd zu be⸗ ſchützen gegen dieſe Eindringlinge, bin ich als Proteſtant nicht doppelt dazu verpflichtet, da ſie offenkundig die Abſicht an den Tag legen, unſern Glauben mit Feuer und Schwert auszurotten, und habe ich nicht um ſo mehr ein Recht, mich ihnen entgegenzuſtellen, als mein Kaiſer, deſſen Diener und Beamteter ich bin, ihnen den Eintritt in ſein Land unterſagt hat?“ „Still!“ ſagte Barbara, ihre Hände über ihrem kleinen Säugling faltend,„ſprich ſolche Worte nicht aus, um Gotteswillen nicht, Johannes. Du biſt ein grund⸗ gelehrter Mann, aber Deine Gelehrſamkeit weiß beſſer Beſcheid im Himmel als auf Erden. Es geht Dir darin, wie Deinem Herrn, dem Kaiſer, der in den Sternen forſcht nach ſeinen noch ungeborenen Feinden und Widerſachern und ſich dabei von dem aufwärts gerichteten Haupte durch die Hände ſeines Bruders Matthias eine Krone nach der andern abnehmen läßt. 35 Sie betrügen ihn alle, den armen Mann, der jetzt noch König von Böhmen heißt, und dieſe ſchöne Polixena am meiſten. Sie, die Falſche, hat ihn dazu gebracht, dem Kriegsvolke, welches zu ſeinem Beiſtand und ſeiner Hülfe geworben wurde, den Befehl zu geben, nicht in das Böhmerland einzudringen. Sie will es dem Matthias dadurch ganz leicht machen, dem Fürſten, der ſie trotz all ihrer Intriguen nicht zu ſeiner Gemahlin erhoben, das Regiment aus den Händen zu winden.“ „Barbara!“ ſagte Kepler mit ungewöhnlicher Strenge in Ton und Blick,„verurtheile nicht mit liebloſer Zunge eine Frau, die uns nur Gutes erwieſen hat und deren Geiſt und ſonſtigen hohen Werth man genauer kennen muß, um ſie überhaupt beurtheilen zu können.“ „Hat ſie Dich auch behext, Johannes?“ fragte Bar⸗ bara mit ſeltſamem Blick.„Es iſt kein Mann, kein einziger, der ihr in den Weg tritt, dem ſie's mit ihrem Zauber nicht gegen ihre Künſte, und habe nie eine Untreue von Dir für möglich gehalten.“ „Und darin haſt Du Dich auch nicht geirrt, mein Weib“, entgegnete Kepler,„und nie ſollſt Du Grund haben, Dein Vertrauen zu mir zu bereuen. Es gibt eine Macht im Herzen des Mannes, die dem ſchlimmſten Liebeszauber zu widerſtehen fähig iſt, und ich würde ſie 36 anwenden, wenn die Schönheit, der Geiſt und die Liebens⸗ würdigkeit einer Frau mir in irgend einem Augenblick meines Lebens unwiderſtehlich erſcheinen ſollten; bei mir liegt ſie in der ernſten, heiligenden Beſchäftigung mit meiner erhabenen Viſſenſchaft. Was aber in aller Welt hat jetzt Deinen Zorn erregt gegen die Dame, die Du bis dahin geehrt und geſchätzt haſt, wie ſie's durch ihre Gnade und Güte gegen uns ſo ſehr ver dient hat?“ „Ich will ihre Gnade gar nicht“, ſagte Barbara mit zornigem Ausdruck.„Ich bedarf ihrer Gnade auch nicht. Ich bin wie ſie aus adligem Geſchlecht, wie ſie die Gattin eines Edelmanns von guter Geburt, bin ſchön wie ſie, und ginge die Welt ihren ruhigen Gang und hätte dieſer Ferdinand von Steiermark nicht meine Güter eingezogen, weil wir unſerem heiligen Glauben treu geblieben, ſo wäre ich auch reich wie ſie. Schau her, Johannes, es iſt ein Brief an mich gekommen aus der Heimat, Rabbi Löw hat ihn mir geſendet; das alte Fräulein Veneta von Eggenberg iſt geſtorben und hat uns all ihre fahrende Habe vermacht, aber der Erzherzog hat durch ſeinen Rath ihre Güter eingezogen und ſie den Vätern der Geſell⸗ ſchaft Jeſu übergeben. So ſind wir denn trotz dieſes reichen Erbes arm wie jemals und werden es auch bleiben, bis Du einmal von Deiner großen Kunſt und Wiſſen⸗ 37 ſchaft Gebrauch machſt und Dich von Fürſten und Köni⸗ gen nach Verdienſt bezahlen läßt.“ Sie war bei dieſen Worten aufgeſtanden und ſchritt langſam im Zimmer hin und her, immer noch ihr kleines Mägdlein in ihren Armen wiegend. Kepler verſuchte ſie auf jede Weiſe durch liebreiche Worte zu beruhigen, aber ſie war allzu ſehr verſtört durch den Kriegslärm und die Aufregung, welche die Nachricht aus der Heimat ihr verurſacht; ſie war zu⸗ dem noch durchaus nicht als eine von ihrem letzten Wo⸗ chenbett vollkommen Geneſene zu betrachten; war doch ihr Säugling noch keine drei Wochen alt, und wie vie⸗ les hatte während dieſer Epoche ſchwer und ſtörend auf ihr Gemüth eingewirkt. Draußen in den Straßen von Prag herrſchte in der Stunde, da Kepler in ſeinem ſtillen Hauſe ſein aufgereg⸗ tes Weib beruhigte, der wildeſte Aufruhr. Das ſo lange gefürchtete paſſauer Kriegsvolk war zurückgeſchlagen und zwar ohne die Beihülfe des Ungarn⸗ königs, des verrätheriſchen Matthias, der, ſein Verlan⸗ gen nach der Krone Böhmens heuchleriſch mit dem Vor⸗ geben maskirend, ſeinem ältern Bruder, Kaiſer Rudolf, ſowohl gegen dieſe Söldlinge als auch gegen ſeine auf⸗ rühreriſchen Unterthanen zu Hülfe zu kommen, in Eil⸗ märſchen heranzog, nachdem er ſich in Wien mit den 38 deutſchen Fürſten darüber geeinigt hatte, daß Rudolf's Geiſtesſchwäche ihn zum Regieren unfähig mache. Mit den proteſtantiſchen Ständen Böhmens hatte Matthias ſchon ſeit längerer Zeit Unterhandlungen gepflogen, die denſelben die Freiheit ihrer Religionsübungen, wie zur Zeit ſeines Vaters Maximilian, vom Augenblick ſeines Regierungsantritts an zuſicherten. Ganz Böhmen be⸗ fand ſich in Gährung, denn es waren von den Be⸗ amten Rudolf's, der den Majeſtätsbrief, in welchem ſein Vater dieſen ihre Rechte und Freiheiten zugeſi⸗ chert, noch immer nicht unterſchrieben hatte, mannichfache Gewaltthaten gegen die lutheriſchen Prädikanten und gegen proteſtantiſche Altäre und Gotteshäuſer verübt worden. Nicht daß die Proteſtanten bei allen dieſen ſie betreffen⸗ den Leiden ganz unſchuldig geweſen wären, es ging Schlag um Schlag; die abgeſetzten Prädikanten hatten ſich meiſt erlaubt, die Echtheit ihres Glaubens und ihrer Gottesfurcht durch wüthendes Schimpfen auf den Papſt, den ſie den Antichriſt, und die römiſch⸗katholiſche Kirche, die ſie die babyloniſche Hure nannten, an den Tag zu legen. Der eigenſinnige Rudolf beſtätigte den Maje⸗ ſtätsbrief nicht. Matthias ſchürte die Glut des Par⸗ teizwiſtes, und die Geſellſchaft Jeſu hatte ihren Einfluß zu einer Ausſöhnung dieſes Fürſten mit dem für den katholiſchen Glauben ſchwärmenden Ferdinand von Steier⸗ 39 mark benutzt, den Rudolf zu dem eigentlichen Erben ſeiner Kronen und Reiche beſtimmt hatte. Jetzt, wo die lange, düſtere Angſt vor dem Einrücken der Paſſauer beſeitigt war, wo verſtändige Männer mit den Anfüh⸗ rern dieſer Soldateska wegen ihres gänzlichen Abzugs aus Böhmen unterhandelten, erhoben ſich die Hoffnun⸗ gen der Proteſtanten auf Religionsfreiheit, die Hoffnun⸗ gen aller Parteien auf endliche Ruhe in dem wild em⸗ pörten Lande von neuem. Der Majeſtätsbrief, der die Religionsfreiheit aller Parteien ſichern ſollte, war für Böhmen eine Beſtätigung des innern Friedens, und wieder verſammelten ſich die böhmiſchen Standesherren und beſonders die, welche an der Spitze der proteſtantiſchen Partei ſtanden, um dem Kaiſer abzutrotzen, was von ihm zu erbitten ihnen nicht gelungen war. Auf inſtändiges Bitten der Gräfin Polixena be⸗ fand ſich der Kaiſer mit ſeinen treueſten Räthen in dem Ständeſaale. Der würdige, treue Freund und Miniſter des unglücklichen Fürſten, Cardinal Adam von Dietrich⸗ ſtein, die Herren von Slawata und von Martinecz, der erſtere zur Zeit Burggraf auf dem Karlſtein und als ſol⸗ cher Bewahrer der böhmiſchen Reichskleinodien, Adam von Waldſtein und noch viele Andere waren in ſeiner nächſten Nähe⸗ An der Spitze der proteſtantiſchen Partei ſtand 3 1 40 Herr Wenzel von Budova, der Graf von Schlick, Graf Roſenberg, der tapfere Anführer im Kampfe gegen die Paſſauer, der Herr von Lobkowitz und noch viele andere große und edle Herren Böhmens. Eine große Volks⸗ menge begleitete dieſe ihre Vertreter nach dem Hradſchin hinauf, und man konnte das Geſchrei derſelben und ihr wüſtes Getümmel bis hinauf in den Saal ſchallen hören, wo Kaiſer Rudolf, von Krankheit geſchwächt, bleich und matt zwiſchen ſeinen Räthen ſaß. Die Sitzung begann mit den gewöhnlichen Feier⸗ lichkeiten; Graf Schlick und Wenzel von Budova hatten das Wort und trugen dem Kaiſer die ernſten, dringen⸗ den Wünſche der Proteſtanten ſeines Reichs vor. Es waren fünfzehn Artikel, von denen die wichtigſten ſich zunächſt auf die Freiheit bezogen, das Abendmahl in beiderlei Geſtalt nehmen zu dürfen; auch wurden die Verträge der Baſeler Kirchenverſammlung für richtig er⸗ klärt, nach welchen die Utraquiſten außer der Freiheit, das Abendmahl in beiderlei Geſtalt zu genießen, alle Satzun⸗ gen und Gebräuche der römiſchkatholiſchen Kirche hat⸗ ten beibehalten müſſen. Kein Herr ſollte ſeine Untertha⸗ nen zur Annahme einer Religion zwingen dürfen. Nie⸗ mals ſollte eine Religionspartei die andere durch Haß und Spott kränken und verfolgen. Dann ſollten würdige Männer zu Vertheidigern(Defenſores) der Utraquiſten 41 und der prager Akademie eingeſetzt werden. Einem Jeden wird erlaubt ſein, auf ſeinem Grund und Boden Kirchen ſeines Bekenntniſſes zu erbauen. Es ſolle kein Ausländer in Prag weder eine Prä⸗ latur noch ein hohes politiſches Amt bekleiden, und es dürfen in wichtigen Reichsangelegenheiten nur geborene Böhmen zu Rathe ſitzen. Den Vätern der Geſellſchaft Jeſu wird nicht mehr ge⸗ ſtattet, ohne Erlaubniß der drei Stände Böhmens in b dieſem Lande Güter anzukaufen. Der königliche Procurator muß Ritter und ein geborener Böhme ſein. Ungewöhnliche Befehle, welche wider die Gerecht⸗ ſame des Königreichs und wider die Freiheit der Stände laufen, ſollen nicht befolgt werden; auch ſoll man genau beſtimmen, was Hochverrath ſei und wie weit er ſich erſtrecke. Als dieſe Artikel von Wenzel von Budova und dem Grafen Schlick mit aller Achtung vor des Kaiſers per⸗ ſönlicher Gegenwart laut verleſen waren, fanden ſie den b Beifall faſt aller anweſenden böhmiſchen Standesherren und wurden von denſelben ſogleich unterſchrieben; nur zwei weigerten ſich deſſen mit allem Ernſte, die Herren von Martinecz und Slawata, beide als Proteſtanten ge⸗ boren, aber zur katholiſchen Kirche übergetreten. Ihre Weigerung erregte den furchtbarſten Lärm in 42 dem großen lebhaften Menſchenkreiſe, ein Geſchrei, das hinabſchallte bis zu der unter den Fenſtern des Hrad⸗ ſchin verſammelten Menſchenmaſſe. Der Kaiſer allein ſaß bleich und ſchweigend in dem ihn wild umwogenden Getümmel, und nur bisweilen ſchaute ſein hellblaues, leer blickendes Auge nach dem Fen⸗ ſter, von dem einzelne Worte zu ihm emporſchallten. „Was will man von mir? Was ſoll ich thun?“ fragte er von Zeit zu Zeit. „Will Ew. Majeſtät jetzt auf das Verlangen Ihrer Unterthanen eingehen, den Majeſtätsbrief beſtätigen, den Proteſtanten Religionsfreiheit und dem Böhmerlande den Frieden geben?“ ſagte Herr Adam von Dietrichſtein mit Nachdruck, indem er leiſe hinzuſetzte:„So nur kann Ew. Majeſtät die Krone Böhmens gegen die Anmaßungen des Prinzen Matthias ſichern.“ „Ich will, gewiß, ich will!“ entgegnete der ſchwache Kaiſer mit ſichtbarer Haſt, und die Feder aus Dietrich⸗ ſtein's Hand nehmend, unterſchrieb er den ſo lange ver⸗ weigerten Majeſtätsbrief mit einem kräftigen Zuge. Kaum war dies geſchehen, als ſich die Nachricht davon vom Hradſchin hinab durch die ganze Stadt ver⸗ breitete und dort einen Jubel erregte, wie man ihn am geſtrigen Tage nicht für möglich gehalten hätte. In allen Straßen tönte der Ruf„Vivat Rudolfus!“ aus tauſend 43 Kehlen. Bärtige Männer fielen bei demſelben ſich in die Arme, Kinder drängten ſich um ihre gerührten und ent⸗ zückten Mütter, Greiſe mit weißem Haar hoben ihre Enkel auf ihre Arme, ihnen mit froher Miene verkün⸗ dend, daß der heilige, gereinigte Glaube, auf den ſie ge⸗ tauft worden, jetzt in kaiſerlichen Landen wieder frei ſei und daß mit dieſem, einem höchſten, langerſehnten Gute, eine beſſere Zeit kommen würde über die entzweite Welt. „Vivat Rudolfus!“ riefen die ſchlanken Jünglinge, de⸗ nen man es an Tracht und Geberden wohl anſehen konnte, daß ſie Schüler jener berühmten Anſtalt waren, an welcher vor hundert Jahren Johannes Huß gewirkt hatte, an deſſen Scheiterhaufen ſich jener grauſame Krieg entzündet, an deſſen Wunden Böhmen und ein großer Theil der Länder deutſcher Zunge noch bluteten. „Glaubensfreiheit!“ jubelten die Schaaren der wacke⸗ ren Handwerker, die mit ihren Arbeitsgeräthen auf der Schulter jetzt in der Mittagszeit an ihren häuslichen Herd eilten, und„Vivat Rudolfus!“ brüllten auch jene unzähligen Müßiggänger, die ſich damals, wie jetzt, ar⸗ beitslos und zwecklos in den Straßen jeder großen Stadt umhertrieben. Es war ein Tag lauten, einſtimmigen Jubels, und man hätte meinen ſollen, daß ganz Prag dem proteſtan⸗ tiſchen Glauben anhänge und daß ſich unter dem Scep⸗ 4 ter Rudolf's II. eine katholiſche Partei nie dort befun⸗ den habe. Der Kaiſer ſelbſt ſchien dieſe allgemeine Glückſe⸗ ligkeit zu theilen. Er trat häufig an das Fenſter, an welchem ſich einige Jahre ſpäter eine andere ſehr ſchreck⸗ liche Scene durch die Wuth und den Jähzorn der jetzt durch ſeine Gnade ſo hoch beglückten Religionspartei ereignen ſollte, und grüßte das unten verſammelte Volk, das ihn mit immer neuem, nicht enden wollendem Jubel empfing und ein„Vivat Rudolfus!“ an das andere reihte, ſodaß es wie Donnergerolle bis über das Weichbild der Stadt hinaus tönte, wo die Abgeſandten des prager Magiſtrats den Führern des aus der Stadt gedrängten paſſauer Kriegsvolks das Verſprechen erneuerten, das abziehende Heer gegen Bezahlung mit allen nothwendi⸗ gen Lebensbedürfniſſen verſorgen zu wollen. Es waren zu dieſem Zweck auch bereits alle nöthigen Veranſtaltun⸗ gen getroffen worden. Wagen an Wagen, mit Heu und Hafer, mit fertig gebackenem Brod, Schinken, Wein⸗, Bier⸗ und Branntweinfäſſern beladen, zogen in langen Reihen aus den Stadtthoren und wurden von den dazu vom Obriſt Laurentius Ramé auserwählten Offizieren ſei⸗ ner Truppen in Empfang genommen. Es ſchien ein gro⸗ ßer Markt und ein allgemeiner Freudentag für Bürger und Soldaten zu ſein. 45 Das Heer des Obriſten Ramé war wie faſt alle Soldaten jener Zeit eine aus allen Nationen nicht nur Deutſchlands, ſondern des halben Europa zuſammen⸗ gelaufene Bande, eine Maſſe, die der Botmäßigkeit eines kühnen Glücksſoldaten durch die ſtrengen Geſetze der Kriegszucht unterwürfig gemacht worden war. Auch auf ſie paßten genau jene Worte Schiller's: Nun, und wer merkt uns das nun an, Daß wir aus Süden und aus Norden Zuſammengeſchneit und geblaſen worden? Sehn wir nicht aus wie aus einem Spahn? Stehn wir nicht gegen den Feind geſchloſſen, Recht wie zuſammengeleimt und gegoſſen? Greifen wir nicht wie ein Mühlwerk flink In einander auf Wort und Wink? Rame ſelbſt, von Geburt ein Franzoſe, beſaß in hohem Grade jenes Organiſationstalent, das freilich mit nachſichtsloſer Strenge, ja eigentlich mit unbarmherziger Härte gepaart ſein mußte, um in jenen Zeiten die wilden zuſammengewürfelten Schaaren von ungerathenen Söh⸗ nen, zu Grunde gerichteten Bauern, liederlich gewordenen fahrenden Schülern, deſertirten Soldaten, bankrotten Krä⸗ mern und Hauſirern zu einer Armee umzuſchaffen, die ihre Arme auf Befehl ihres Anführers an jeden Fürſten verkaufte, der dem Anführer eine Geldſumme bot, die ihn in den Stand ſetzte, ihnen knappen Sold zu bezah⸗ len und für ſeine Perſon ein zügelloſes Leben in wildem 46 Saus und Braus zu führen. Ich kann über die Art und Weiſe dieſer Söldlinge, die neben unſern heutigen, aus den Kindern unſeres Landes, aus unſern Söhnen und Brüdern beſtehenden Kriegern nichts Anderes ſind als freche, mit Erlaubniß des Landesfürſten mordende Räu⸗ ber, nichts Paſſenderes und Beſſeres ſagen, als was Schil⸗ ler in„Wallenſtein's Lager“ ihnen über ſich ſelbſt in den Mund legt. Auch für das ſchwer verrufene paſſauer Volk paßte jedes dieſer ſchrecklichen Worte genau, obgleich Lauren⸗ tius Rams vielleicht in keiner Beziehung dem großen Feldherrn an die Seite zu ſetzen iſt, den unſer großer Dichter uns in ſeinem unſterblichen Drama mit Meiſter hand gezeichnet. Ramsê hatte ſich, halb von den prager Bürgern unter dem Grafen Roſenberg beſiegt, halb infolge mit ihm gepflo⸗ gener Unterhandlungen aus dem Weichbilde der Stadt zurückgezogen und lagerte am Fuße des Zizkaberges, der ſchon zur Huſſitenzeit viel Blut hatte fließen ſehen, um die Proviſionen in Empfang zu nehmen, deren Men⸗ ſchen und Thiere dringend bedürftig waren. Ein luſtiges Gewühl herrſchte dort, und es hatte nichts Auffallendes, daß auch Perſonen in bürgerlicher Kleidung in demſelben in tiefen Geſprächen mit den einzelnen Offizieren des gefürchteten Parteigängers zu 1 n u erblicken waren. Auch Geiſtliche befanden ſich in dem Feldlager, doch hatten ſie nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit jenem originellen Kapuziner, der ſeine Strafpredigt über das Treiben im Lager und den Charakter des be⸗ rühmten Feldherrn ſo unerſchrocken inmitten ſeiner Trup⸗ pen laut werden läßt. Es waren zwei Männer von hoher Geſtalt, beide über die Jugend hinaus, jedoch noch von ſtattlichem Anſehen; der eine, fein gekleidet, von auffal⸗ lend ſchönem Angeſicht und der Tournüre, die man ſich nur in der beſten Geſellſchaft erwerben kann, unſer alter Bekannter Pater Johannes Fickler, ſein Begleiter der berühmte Aſtronom Cyſetus, der ihm zu der Reiſe nach Prag mehr noch von den Obern ſeines Ordens als von ſeinem jugendlichen Gebieter Erzherzog Ferdinand beigegeben worden war. Ihre Reiſe hatte zum Zweck, den Kaiſer Rudolf auf die beſte Weiſe von dem Ueber⸗ einkommen zu benachrichtigen, das jener und viele andere Fürſten des Reichs in Wien mit Matthias getroffen und das dieſen Prinzen halb und halb autoriſirte, ſeinen kaiſerlichen Bruder vom Throne zu ſtoßen, weil er durch mancherlei widerſinnige Handlungen Zweifel an ſeiner geiſtigen Geſundheit erregt habe. Die beiden Väter von der Geſellſchaft Jeſu hatten gleich nach der Ertheilung des Majeſtätsbriefes und mitten unter dem lauten Volksjubel die Thore Prags 48 verlaſſen und waren auf Umwegen zu Rame geeilt, mit dem ſie eine geheime Unterredung gehabt, deren ein⸗ zelne Punkte wohl nie Jemand anders als den Obern des Ordens der Geſellſchaft Jeſu bekannt geworden iſt. Als nach einigen Stunden Johannes Fickler im Zimmer Polixena's neben ſeiner frühern Schülerin ſtand, um Abſchied von ihr zu nehmen, da er noch am näm⸗ lichen Abende Prag zu verlaſſen im Begriff ſtand, war ſein Angeſicht von einer erſchreckenden Bläſſe. Kalte Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner hohen Stirn, die er von Zeit zu Zeit mit ſeinem Tuche abtrocknete, und die Nägel ſeiner ſchlanken Finger ſchimmerten bläulich wie die eines Fieberkranken. „Was fehlt Euch, mein theurer, mein älteſter Freund?“ fragte die Gräfin mit ihrer gewohnten liebe⸗ vollen Theilnahme. „Fragt mich nicht“, entgegnete der Jeſuit,„aber betet für mich, meine geliebte Schülerin. Betet, daß der Herr der Welt, der nach ſeiner Weisheit überall die Kraft ſeiner Geſchöpfe nach der Laſt einrichtet, die ſein Wille ihnen auferlegt, mir endlich die Laſt, die ich trage, von den Schultern nehme und mich durch den Tod er⸗ löſe von einem Daſein, das mir länger zu tragen zu ſchwer, o allzu ſchwer wird!“ Polixena legte theilnehmend ihre Hand auf ſeine 49 Schulter, die ſich unter dem feinen Tuche ſeiner Ordens⸗ kleidung wie die Schulter eines zu anatomiſchen Zwecken präparirten Skeletts anfühlte. „Ihr ſeid krank, mein Vater, Ihr ſeid ſehr krank!“ ſagte die Gräfin beſorgt,„und es erſcheint mir heilige Pflicht, Euch nicht von hier fortzulaſſen, bis Euer Zuſtand ſich gebeſſert hat.“ „Mit nichten, meine Freundin“, entgegnete Fickler, „meines Bleibens iſt hier keinen Augenblick länger. Mein Reiſegefährte wartet ſchon auf mich im Hauſe unſeres beiderſeitigen Freundes, des Magiſters Kepler, mit welchem er noch Einiges in Betreff ihrer Wiſſenſchaft zu beſpre⸗ chen hat. Wir haben ſtets gehofft, daß es Euch gelingen würde, dieſen ſeltenen Mann in den Schooß der heiligen Kirche zurückzuführen. Wie betrübend iſt es, daß der tiefſte Denker unſeres Jahrhunderts, der zugleich ein braver und hochherziger Mann iſt, durch grobe Ketzereibefleckt ſein muß!“ „Ich würde mein Herzblut hingeben, ſeine Seele vom ewigen Verderben zu retten“, entgegnete die Gräfin mit ſchnell aufflammender Glut auf ihren Wangen. Pater Johannes ſeufzte tief und bat dann die Dame, von der er ſich verabſchiedete, um die Erlaubniß, ſeine Verwandte, ihre alte Dienerin Frau Apollonia Wellinger auf einige Augenblicke ſprechen zu dürfen, gab der Gräfin ſeinen Segen und entfernte ſich, begleitet Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 4 50 von einem herzlichen:„Auf Wiederſehen, Pater Johannes, auf baldiges Wiederſehen in alter Freundſchaft!“ das Polixena mit inniger Freundlichkeit ausſprach, wie von dem Hauche eines Sommerlüftchens hinaus in die win⸗ terlich rauhe Nacht begleitet, die auf den Höfen des ſtolzen Hradſchin ihm entgegenwehte. Er hatte ſeine Abſicht, mit ſeiner alten Freundin und Verwandten noch vor dem Scheiden ein Geſpräch zu haben, im Weh dieſes Abſchieds vergeſſen. Als er durch das Eingangsthor der rieſigen Kaiſer⸗ burg ſchritt, ſchlug auf der Domuhr ſo eben die Stunde, zu welcher dieſelbe auf Befehl Kaiſer Rudolf's ſchon ſeit Jah⸗ ren geſchloſſen wurde, und nur durch Anwendung größter Eile gelangte er in die Straße, die ihn nach der ſteil abſchüſſigen Spornergaſſe und von dieſer über die Moldaubrücke nach der Straße führte, wo unfern der Kirche Maria⸗Schnee Kepler's einfache Wohnung lag. Eine tiefe Stille herrſchte in den dunklen Gaſſen; eine ruhige Nacht ſchien dem verfloſſenen Freudentage folgen zu wollen. Nur vor den Wachthäuſern, die der Graf von Roſenberg noch immer vorſichtig beſetzt hielt, brannten noch Pechpfannen mit ihrem rothen unheim⸗ lichen Glanz, und die einzelnen Wachtpoſten gingen, die Hellebarde auf der Schulter, mit gleichförmigen Schritten auf und nieder. 51 Die Nacht war trübe und mondlos; aus Kepler's Hauſe aber drang das Licht einer Lampe freundlich auf die düſtere Straße. Hier ſaßen die beiden Aſtronomen Kepler und Ch⸗ ſetus in tiefſtem Geſpräche bei einander. Es galt den beiden Geſetzen der Planetenbewegungen, die Kepler unlängſt ſeinen gelehrten Freunden und unter andern auch dem berühmten Profeſſor Galileo Galilei in Padua bekannt gemacht hatte. In fliegenden Worten und mit ſchlagenden Pulſen hatte Kepler, für den es keine Ermüdung gab, wenn ſeine Wiſſenſchaft ihn be⸗ geiſterte, wohl eine Stunde lang geſprochen, Cyſetus hatte ſeinen Reden mit Entzücken zugehört. Unter den Vätern der Geſellſchaft Jeſu befanden ſich im Be⸗ ginn des ſiebzehnten Jahrhunderts viele Männer von großer Gelehrſamkeit, und Franz Cyſetus war unfehlbar einer derſelben. Ehe Pater Johannes die Ruhe des Hauſes, in welches er zu treten beabſichtigte, durch Anwendung des an der Thür befindlichen Klopfers unterbrach, blieb er noch eine Zeit lang auf der Straße ſtehen und ſchaute ſpähend rings um ſich. Er ſchien etwas Außergewöhnli⸗ ches zu erwarten, aber die ganze Straße lag in tiefer nächtlicher Ruhe. „Dort oben“ flüſterte er leiſe vor ſich hin,„ſitzt mein 4* Gefährte und vertieft ſich in den Wandel der Sterne, die er nur als goldene Punkte am fernen Himmelsraum kennt, und er weiß ſo gut wie ich, daß in jeder Minute hier unten in den Straßen der Stadt ein Sturm los⸗ brechen muß, ſchlimmer als alle, die jemals nach Gottes Willen zwiſchen Himmel und Erde getobt haben. Er weiß, daß bald die Flammen mit glühenden Zungen an den Mauern lecken werden, wo jetzt viele, ſo viele tauſend Schläfer in Geſundheit dem künftigen Morgen entgegen⸗ zuträumen hoffen. Er weiß, der Mann, der ſich jetzt darüber belehren läßt, ob die Bahn der Erde um die in unmeßbarer Ferne flammende Sonne ein Kreis iſt oder eine Ellipſe, wie viele der Schläfer hier rings um⸗ her, lange bevor noch das leuchtende Tagesgeſtirn im Oſten emporſteigen wird, als Leichen mit offenen, zum Himmel ſtarrenden Augen an dieſem Boden liegen und ſeine eiſigen Steine mit ihrem Blute röthen werden, und er weiß auch, daß unſere Einwirkung dem beſieg⸗ ten Feinde von neuem die Thoͤre der jetzt friedlichen Stadt öffnete. Er weiß es und kann die Erinnerung daran aus ſeinem Gedächtniß verbannen! Weh mir! Ich kann das nicht, ich fühle die ſchweren Thaten, zu denen der Orden mich gebraucht, immer wieder als meine eigenen auf meinem Herzen und Gewiſſen laſten und kann die Ruhe nicht finden, die ich als ge— 53 horſames Werkzeug der Verbindung, der ich angehöre, haben müßte und die ich bei meinem Eintritt in dieſelbe mit glühender Sehnſucht ſuchte. Weh mir, o dreimal weh mir, dem Unglücklichſten unter den Unglücklichen! Aber horch, was iſt das? Die Würgengel nahen, ſie find da und mit ihnen das Entſetzen.“ Mit eiligen Schrit⸗ ten verließ er die Hausthür Kepler's und eilte nach der Moldaubrücke an einen Platz unfern der Haſenburg, wo er den ehus der in tiefſter Stille in die Stadt geſchli⸗ chenen Paſſauer ſich ſammeln und ordnen ſehen konnte. n dort von den kriegsgeübten Freiſchärlern auf⸗ geſtellter Wachtpoſten faßte den Lauſcher, um ihn am Schreien zu verhindern, bei der Bruſt, und ehe er noch den Verſuch machen konnte, ſich aus den Armen des kräftigen Mannes loszureißen, ſchmetterte der Morgen⸗ ſtern deſſelben auf ſein Haupt herab, das, nur von der ſchwarzen Mütze, die zu ſeiner Ordenskleidung gehörte, beſchützt, dem gräßlichen Schlage keinen Widerſtand lei⸗ ſten konnte. Ohne Bewußtſein ſank Pater Johannes Fickler, der Lehrer Erzherzog Ferdinand's und der edlen, großher⸗ zigen Polixena, der langjährige Beſchützer Kepler's, laut⸗ los nieder, und das aus ſeiner Kopfwunde fließende Blut miſchte ſich leiſe weiterrieſelnd mit dem eiſigen Stra⸗ ßenkoth. 54 Der paſſauer Soldat, der in dieſer ſchrecklichen Nacht das erſte Blut in den Straßen des überrumpelten und verrathenen Prag vergoſſen hatte, wendete ſich von dem zu ſeinen Füßen zuſammengeſunkenen Körper ohne Schauder ab und trat mit aller Ruhe zu einer ganz in ſeiner Nähe ſtehenden Gruppe von Perſonen, die zwar an ihren Soldatenmänteln und Kopfbedeckungen keine Aus⸗ zeichnung hatten, doch aber durch Haltung und Stellung verriethen, daß ſie zu den Befehlshabern der in die Stadt gerückten Truppen gehören mochten. „Ihr ſeid's, Heinrich?“ ſagte einer der Offiziere, in⸗ dem er mit leichtem Schritt dem Manne entgegentrat. „Was wollt Ihr? Iſt etwas vorgefallen?“ „Mein Obriſt“, entgegnete der Mann,„'s wird unruhig in den Straßen; unſere Leute ſind bei einander, wir ſind dem Waſſerthore hier ganz nahe und könnten vielleicht ohne Schwertſchlag uns zum Herrn der Brücke machen, wenn Ihr den Befehl dazu geben wolltet.“ „Iſt noch unthunlich“, antwortete Laurentius Ramé; „ich muß hier noch einen Boten abwarten, der unſere Freunde in der Stadt an mich abſchicken wollten. Aber halt, was iſt das hier?“ fragte er mit bemerkbarer Unruhe, da er im Vorwärtsgehen mit ſeinem Fuße an den Körper des Jeſuiten ſtieß, der ein leiſes, ſchmerzli⸗ ches Stöhnen hören ließ. 55 „Eine Leiche“, entgegnete der, den ſein Obriſt Hein⸗ rich genannt hatte,„ein zudringlicher Nachtſchwärmer, der, ohne die Loſung zu haben, hier umherſpähte und dem ich meinen Morgenſtern ein wenig zu koſten gab; er wird unſere Wege hier nicht mehr verrathen, mein Obriſt!“ Laurentius Rame hatte ſich niedergebeugt, und mit ſeiner Hand das kleine, ſteife, um den Kopf enge, am obern Rande etwas weitere Barett aufhebend und daſ⸗ ſelbe mit ſeltſamen Blicken betrachtend, ſagte er finſter: „Du biſt immer allzu ſchnell, wo's gilt, Blut fließen zu laſſen, Heinrich. Dieſer Mann war jedenfalls ein Freund, wahrſcheinlich ſogar der Bote, den die Herren Patres, die uns geſtern früh dieſen Ueberfall anriethen und vermittelt haben, uns an dieſen Platz ſenden woll⸗ ten. Er trug das Kopfzeug ihres Ordens, ſcheint aber Gott Lob noch am Leben zu ſein.“ Dann ſich zu dem ſchwer und ſchmerzlich Stöhnenden niederbückend, ſagte der wilde Parteiführer:„Wie iſt Euch, ehrwürdiger Bruder, und kann von unſerer Seite etwas für Euch gethan werden?“ Der Sterbende antwortete nur mit der Nennung eines Namens.„Kepler, Johannes Kepler“, ſtöhnte er laut. „Wollt Ihr dahin gebracht werden, ſo werde ich den Befehl dazu geben“, ſagte Ramé mit ruhigem Ernſte. „Noch regt ſich nichts in der in tiefen Schlaf verſunke⸗ nen Stadt, die. uunaen am Thor ſind vollſtändig über rumpelt und ohne Gegenwehr niedergemacht worden, und wenn wir noch die Brücke beſetzen können, iſt die reiche Stadt unſer Eigenthum. Gebt Eure Hellebarde dem Manne, den ich zu Eurer Ablöſung herſenden werde, und tragt dieſen Verwundeten in das Haus, das er Euch bezeichnen wird. Die Kraft dazu habt Ihr, wie ich weiß, Heinrich!“ Obriſt Ramsè entfernte ſich raſchen Schrittes und der abgelöſte Soldat hob die leichte Geſtalt des Ver⸗ wundeten ohne große Anſtrengung auf ſeine Schultern und trug dieſelbe nach deſſen leiſe geflüſterten Anweiſun—⸗ gen nach dem Hauſe Kepler's, aus deſſen Fenſter noch immer das Lampenlicht auf die öde Straße herabſchim merte, ein Beweis, daß die beiden gelehrten Aſtrono⸗ men ihr Geſpräch noch immer nicht beendet hatten. In der That ſaßen die beiden, in Glauben und Anſichten ſehr verſchiedenen, aber durch ihre edle Wiſ⸗ ſenſchaft in Freundſchaft vereinten Männer ſich noch im lebhaften Geſpräch mit leuchtenden Blicken gegenüber. Vor ihnen, auf Kepler's Arbeitstiſche, lagen mehrere, mit Ellipſen verſchiedener Art vollgezeichnete Pergament⸗ blätter. In jeder derſelben war einer ihrer Trennpunkte mit jenen feinen Strichelchen umgeben, durch welche Aſtronomen und Phyſiker damals wie heute die Sonne zu bezeichnen pflegen, und die radii vectores, von dieſem.Punkte nach allen Seiten hin ausgehend, theilten die Peripherie bald in zwölf, bald in noch mehrere größere und kleinere Bogen. Kepler hatte ſein ſchönes, noch ſo jugendlich erſchei nendes Angeſicht in die Hand geſtützt und ſagte, ſeinem Gefährten voll ins Auge blickend: „Ihr irrt Euch, werther Herr; nicht mir, ſondern meinem großen Vorgänger Tycho de Brahe müßten die Ehren dieſer großen und ſchönen Entdeckung zu Theil werden, das iſt meine Anſicht und ich habe ſie auch ſchon Sr. Majeſtät, meinem gnädigen Kaiſer, ſo unver⸗ hohlen wie jetzt Euch ausgeſprochen. Tycho's zwanzig jährige, ununterbrochen mit höchſtem Fleiß und äußer⸗ ſter Genauigkeit fortgeſetzte Beobachtungen der Mars⸗ bahn zeigten an derſelben die Ellipſe ſo deutlich, daß ein Laie ſie in ſeinen ſchönen Aufzeichnungen und Kar⸗ ten hätte herausfinden müſſen; daß er ſelbſt nicht, wie ich, aus derſelben den natürlichen Schluß auf die Bahn aller andern Planeten machte, lag nur an dem Irrthum, mit welchem ſeine Eitelkeit, die ſein falſches und kleinli⸗ ches Syſtem in der Gelehrtenwelt zur Geltung bringen wollte, ſeinen ſonſt ſo klaren Geiſt umdunkelte. Tycho de Brahe würde der größte Aſtronom aller Zeiten geworden 58 ſein, wenn nicht ſein thörichter Vorſatz, den gerechten Ruhm des Copernicus zu überſtrahlen, ihn von den be⸗ ſchränkten Anſichten ſeiner Zeitgenoſſen abhängig gemacht hätte. Sein großer Geiſt hätte ſich wohl emporſchwingen können zu dem Gedanken, daß die Erde nur ein unſchein⸗ bares Pünktchen iſt im Weltall, ein Tröpfchen nur im Ocean der Sterne, den Gottes Wille aus der Fülle ſei⸗ nes allmächtigen Seins hervorſtrömen ließ, aber der ſonſt mit den größten Eigenſchaften begabte Mann nahm die Gedanken ſeiner Zeitgenoſſen, nicht die Größe des Herrn zur Richtſchnur ſeines Strebens; er wollte nicht wie Copernicus Gottes Gedanken erforſchen, ſondern ein ſei⸗ nen Mitmenſchen gefallendes populäres Syſtem er⸗ denken. Sein Ruhm, nicht die Erkenntniß der Wahr⸗ heit, war das Endziel ſeines Strebens, darum blie⸗ ben ſeine Augen verſchloſſen vor der Wahrheit, die ſein Fleiß, die Genauigkeit und Ausdauer, mit denen er zwan⸗ zig Jahre lang ſeine Beobachtungen anſtellte, ihm deut⸗ lich, ſelbſt fuür mein ſchwächeres Auge erkennbar, heraus⸗ ſtellten. Mit der Gewißheit, daß die Marsbahn eine El⸗ lipſe ſei, an deren einem Brennpunkt die Sonne ſteht, mußte ſich, wenn er ſich nicht beſtrebt hätte, ſein von ihm erfundenes kleinliches Weltſyſtem dem Copernicani⸗ ſchen gegenüber zur Geltung zu bringen, wenigſtens ſo⸗ gleich die Vermuthung einſtellen, daß auch die Erde und —— 2 59 die übrigen unſichtbaren Wandelſterne eine ähnliche Linie um das Centralgeſtirn beſchreiben. So würde er den Ruhm des Copernicus überflügelt haben.“ „Aber, mein Herr und Freund“, ſagte Pater Cyſe⸗ tus, dem eifrigen Sprecher mit Theilnahme in die Au⸗ gen blickend,„ſcheint es Euch nicht wie mir, daß die Kreisbahn der Planeten vollkommener und gleichſam dem Gedanken des Weltſchöpfers würdiger ſei?“ „Mit nichten“, entgegnete Kepler;„eine größere Mannichfaltigkeit der Erſcheinungen entwickelt ſich bei der Ellipſe, bei gleicher Regelmäßigkeit derſelben. Der kürzere radius vector bei der Sonnennähe unſeres und jedes Planeten bedingt ein raſcheres Vorwärtsbewegen deſſelben in gleichen Zeiträumen, und zwar iſt der Bogen, den der Planet auf ſeiner Bahn beſchreibt, genau ſo viel länger in der Sonnennähe, als der radius vector in derſelben kürzer iſt. So führt die Sonne ihre Planeten gleichſam wie eine Mutter ihre Kindlein am Gängel⸗ bande, wie die Hirtin ihr Lieblingslamm an einer Schnur um ſich herum. Die Länge des radius vector und die Länge der Bahn, die die Erde zurücklegt, zuſammen blei⸗ ben in jedem Monate, an jedem Tage, in jeder Stunde und Sekunde untereinander gleich, und daraus folgt, daß auch die in gleichen Zeiträumen zurückgelegten Flä⸗ chenräume ſich jahraus jahrein gleich bleiben, welch 60 eine Mannichfaltigkeit der Geſtaltungen die von der Erd⸗ bahn und dem radius vector in jedem gleichen Zeit⸗ raum aus geſchnittenen Dreiecke auch unter einander bil⸗ den. Aber halt, was iſt das? Wel ſch ein Lärm beunruhigt die Stadt in dieſer ſpäten Nachtſtunde?“ ſagte Kepler ſich ſelbſt unterbrechend. Man hatte ſo eben mit großer Heftigkeit an die Thür der ſtillen Wohnung des Gelehrten gepocht; doch war es nicht dies Pochen geweſen, was die Unterhaltung der beiden eifrig ſprechenden und nachdenkenden Perſonen unterbrochen. Von der Stadt tönten der laute Lärm vieler Menſchenſtimmen, Flüche und wildes Geſchrei, auch Gewehrſalven und Kampfgetümmel der mannichfaltig— ſten Art in das ſtille Zimmer herüber. „Die Paſſauer ſind wieder in der Stadt“, ſagte Pater Cyſetus.„Aber was will man hier bei Ihnen, Ma⸗ giſter Kepler? Hören Sie nicht, daß man an der Thür Sie beim Namen ruft und Einlaß und Schutz von Ihnen begehrt? Ich werde Sie begleiten, wenn Sie Ihre Thür zu öffnen gehen, und ich denke, daß mein Ordenskleid ausreichen wird, Mißhandlungen und Plünderung von Ihnen und den Ihrigen fern zu halten.“ Als die beiden Männer den Flur und die durch Schlöſſer und Riegel geſchützte Hausthür erreicht hat⸗ ten, war eben auch Frau Barbara Kepler aus ihrem 61 Schlafzimmer herbeigeeilt, um nach der Urſache der Störung des nächtlichen Friedens zu forſchen. Sie war im leichten Nachtgewande und ſchien ſehr geängſtigt und verſtört zu ſein. „Oeffnet, öffnet, Ihr drinnen, im Namen des drei⸗ einigen Gottes“, rief eine rauhe Stimme.„Obriſt Lau⸗ rentius Ramé, der die Stadt genommen, verſpricht dem Hauſe, das dem Sterbenden, der bei mir iſt, Aufnahme gewährt, ſeinen Schutz.“ „Oeffnet“, flehte dann wieder eine zweite Perſon, „und gönnt einem, der Euch ſtets herzliches Wohlwollen erwieſen, ein Plätzchen zum ruhigen Sterben.“ Ohne ſich lange zu beſinnen, öffnete Kepler die feſtverwahrt Thür, und im Augenblick, daß ſie ſich auf⸗ that, drängte ſich ein großer Mann durch die Oeffnung, der in ſeinen mächtigen Armen die kraftloſe, zum Tode er⸗ bleichte Geſtalt des Jeſuitenpaters Johannes Fickler trug. „Verſchließt das Haus ſorgfältig, ſichert Alles vor dem Eindringen des Schwarms, der uns wahrſcheinlich gleich folgen wird“, ſagte der Träger mit einer gewiſſen Freundlichkeit, die ſeltſam mit ſeinem rauhen und wil⸗ den Weſen contraſtirte, und ſich an Barbara beſonders wendend, ſetzte er hinzu:„Eilt, wenn Ihr des Herrn Johannes Kepler Hausfrau ſeid, und gebt dem Schwer⸗ verwundeten ein Lager und einen Trunk Waſſer.“ 62 Alle beeilten ſich, dem Leidenden jeden möglichen Beiſtand zu leiſten, und nach wenigen Minuten befand ſich Pater Johannes auf einem reinlichen Lager, wo ſein Ordensbruder ſeine blutende, klaffende Wunde unterſuchte und verband, da einige Kenntniß der Heilkunde unter den Mitgliedern der Geſellſchaft Jeſu keine Seltenheit und in den damaligen Zeiten eigentlich auch jedem Ge⸗ bildeten nützlich und nothwendig war. Frau Barbara ſchien von dem Vorfalle aufs äu— ßerſte erſchüttert zu ſein. „Was iſt geſchehen? Was gibt's draußen? Warum bringt man den verwundeten Pater in unſer proteſtanti⸗ ſches Haus?“ fragte ſie einmal über das andere unter Händeringen und Schluchzen; Niemand aber ſchien die geringſte Zeit zur Beantwortung ihrer Fragen finden zu können, denn nicht nur der Zuſtand des Leidenden, ſon⸗ dern auch der mehr und mehr zunehmende Lärm auf den Straßen nahm die Aufmerkſamkeit der drei Män⸗ ner vollſtändig in Anſpruch. Nur der alte rohe Soldat ſchien einiges Mitleid mit dem Zuſtande der geängſtigten Frau zu fühlen. Er redete ihr hin und wie⸗ der freundlich zu, ſich zu faſſen, meinte, ſie ſolle ſich nicht fürchten, denn er ſei durch den Herrn Obriſten Ramo befehligt, das Haus zu ſchützen, in welchem die beiden Herren Patres ſich bis zu ihrer Abreiſe in Prag aufhal⸗ ———— 63 ten würden, und er würde ſein Möglichſtes thun, um alle Unbilden, die der Einfall ſeiner Kameraden in der Stadt herbeiführen könne, von ihrem Hauſe, ihrer Fa⸗ milie und ihr ſelbſt fern zu halten. Unterdeß ertönten die Sturmglocken von den Thür⸗ men der Stadt, Schaaren bewaffneter Bürger eilten zu den Sammelplätzen, welche Graf Roſenberg ihnen für den möglichen Ueberfall der Paſſauer ſchon am Tage des Rückzugs derſelben angegeben hatte. Auch Kepler wollte ſich waffuen, aber nicht nur Barbara's verzweifeltes Ge⸗ ſchrei, ſondern auch die ernſten Bitten und Vorſtellun⸗ gen des Paters Cyſetus und ein gewiſſer feſter Wider⸗ ſtand des alten paſſauer Kriegsmanns machten ihm das unmöglich. „Bleibt, wo Ihr ſeid, Herr Magiſter“, ſagte der ſelt⸗ ſame Greis. Jeder mit den Waffen in der Hand gefun⸗ dene Bürger von Prag wird von den Leuten des Ramé als Empörer gegen Se. Majeſtät ſogleich gehängt. Seid ruhig, Euer Haus, das jetzt dieſe beiden Herren aufge⸗ nommen hat, wird nicht als das eines Proteſtanten be⸗ handelt werden und Euern einzelnen Arm wird der Graf von Roſenberg ſchwerlich vermiſſen, wenn er es wagt, gegen kaiſerlichen Befehl ſich auf einen Kampf mit den kriegsgewohnten Paſſauern mitten in den Straßen der Stadt einzulaſſen.“ 64 „Bleibt“, ſagte auch Pater Cyſetus,„bleibt in den Mauern Eures Hauſes, bei Weib und Kind, denen Eure Nähe in dieſen Stunden großer Angſt ſo ſehr nothwen⸗ dig iſt. Das paſſauer Volk iſt nicht ohne kaiſerliche Ein⸗ willigung inmitten Prags; ſchlimme Zeiten ſtehen den Proteſtanten Böhmens bevor, und nur der Ruhige kann vielleicht noch auf Schonung hoffen. Bleibt und ſorgt mit mir für den Unglücklichen, der wahrſcheinlich nur noch wenige Stunden zu leben hat und der Euer Verwandter iſt und trotz Eures verſchiedenen Glaubens in allen Le⸗ benslagen Euer Freund war.“ „Euer Verwandter?“ fragte der alte Soldat, den Verwundeten mit ſonderbaren Blicken betrachtend.„Ja, ja, es iſt der Johannes Fickler aus Blaubeuern, der Vetter der Renata Streicherin, der vor zwanzig Jahren katholiſch wurde und den ſein Verhängniß hier in Prag treffen mußte, wo er den Glauben ſeiner Väter abſchwor.“ „Aber wer ſeid Ihr denn, alter Mann?“ fragte Jo⸗ hannes Kepler, der, mit der Partiſane in der Hand neben Cyſetus ſtehend, immer wieder den Verſuch machen wollte, hinaus zu den ſich zum Widerſtande gegen die Eingedrungenen ſchaarenden Bürgern zu gelangen. In dieſem Augenblick drängten ſich trotz des Wider⸗ ſtandes der Mutter die beiden älteſten Kinder Kepler's, Ludwig und Margarethe, in das Zimmer⸗ 65 Die Kleinen kamen friſch und roſig, barfuß und mit keiner andern Hülle als ihren weißen Hemdchen bekleidet, aus ihren warmen Bettchen und drängten ſich an den Vater, ihn mit der Bitte:„Bleib bei uns, geh nicht hin⸗ aus in den Lärm und das Schießen, wo ſchon der Mann, der hier in Deinem Bette liegt, faſt zu Tode gekommen iſt“, eifrig und liebevoll beſtürmend. „Bleibt“, ſagte der alte Paſſauer noch einmal, mit einem tiefen und trüben Ernſt,„verlaßt Eure Kleinen nicht, die Eurer bedürfen, denn des Himmels Fluch folgt dem Vater, der ſeine Kinder verläßt. Bleibt, Johannes Kepler, und gebt einem mit dieſem Fluͤche Beladenen Eure Verzeihung.“ Er hatte bei dieſen Worten ſeine Hand, die rauh, geſchwärzt und mit Blut befleckt war, dem Mathematiker, der ſich mit dem ganzen Ausdruck ſeiner Vaterliebe über ſeine Kleinen gebeugt hatte, ent⸗ gegengeſtreckt, Kepler aber hatte, nur mit der Beruhigung der Kinder beſchäftigt, dieſe Bewegung nicht bemerkt. „Sieh, Vater“, ſagte der kleine Ludwig,„der alte Mann will etwas von Dir.“ „Wollt Ihr mir verzeihen um des unſchuldigen Kindes willen, das, ohne mich zu kennen, für mich bittet?“ ſagte der Greis noch einmal, als Kepler ſein Angeſicht jetzt zu ihm erhob. Dieſer ſchlug ohne weitere Frage jetzt in die ihm ge⸗ Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 5 66 botene Hand und ſah dann mit großem Erſtaunen, daß die mächtige Geſtalt des grauhaarigen Mannes bei der Berührung ihrer Hände wie von einem Blitz getroffen erſt zuſammenzuckte und dann in die Kniee ſank, indem er mit einem Ton, der aus einer gebrochenen Seele zu kommen ſchien, die Worte:„Mein Sohn!“ rief. Pater Cyſetus ſprang dem Niederſinkenden mit Eifer und Umſicht zu Hülfe; dieſer aber richtete ſich ſchnell empor, wehrte den Jeſuiten von ſich ab und ſagte ener⸗ giſch:„Nach einem verlorenen, in Sünde und Laſter und darum auch in der Tiefe des Elends hingebrachten Leben gibt mir Gott Gelegenheit, meinen Sohn, den ich als ungeborenes Kind um einer Buhlerin willen verließ, als Mann von Ehre, treu dem Glauben ſeiner Väter, ſehen zu dürfen. Gib mir Deine Hand, Johannes Kepler, daß ſie mich aufrichte aus der Schmach der Erniedrigung, mit der belaſtet ich hier zu Deinen Füßen kniee.“ Der Gelehrte trat dicht zu dem alten Landsknecht hin, legte ſeine Arme um den Nacken deſſelben und hob ihn vom Boden empor. Frau Barbara und die beiden Kinder ſtanden zitternd neben dieſer erſchüttern⸗ den Scene, während Pater Cyſetus ſich, auf den Athem des Verwundeten horchend, über das Lager deſſelben beugte.„Magiſter Kepler“, hauchte dieſer mit kaum hörbarer Stimme,„gebt mir Eure Hand, damit ich Ab⸗ ſchied von Euch nehme.“ Kepler trat, indem er den ſo plötzlich wiedergefun⸗ denen Vater ſanft nach ſich zog, zu ſeinem vielfachen Wohlthäter, der in ſeinem Hauſe ſein thätiges und ſchmerzvolles Leben beſchließen ſollte. „Sucht Gott, wie Ihr bis jetzt gethan, immer wie⸗ der in ſeinen Werken und verkündet ſeinen Preis durch Euern gerechten Wandel“, flüſterte der ſterbende Jeſuit, indem er ſeinen brechenden Blick auf das ſchöne Antlitz des Mannes heftete, der in ſeinem hohen Geiſte und einfachen Herzen jene echte Frömmigkeit bewahrt hatte, die in jeder Religionsform die Menſchenſeele beglückt und tröſtet und ſicherlich von keiner einzelnen ausgeſchloſ⸗ ſen, aber auch auf keine einzelne beſchränkt iſt. „Habt Dank, Pater Johannes, für all das Gute, das Ihr trotz unſeres verſchiedenen Glaubens mir und den Meinigen gethan habt, und möge der Herr der Welt Euch durch den Tod zu der ewigen Seligkeit eingehen laſſen, die der Menſchengeiſt, der ihn auf Erden ſuchte, in ſeinem Anſchauen finden wird.“ „Amen!“ flüſterte der Sterbende, und das ſchwer verletzte und noch mehr durch Sorgen, Kummer und Reue beſchwerte Haupt ſank in die Kiſſen zurück, um ſich nicht mehr zu erheben. 5* 68 Auf einen Wink des Paters Cyſetus beugten die Anweſenden neben dem blutigen Lager die Kniee, und der kleine Ludwig Kepler, der, eins ſeiner Händchen ſeinem geliebten Vater, das andere ſeinem noch ganz unbekannten Großvater überlaſſend, zwiſchen beiden kniete, betete mit ſeinem Kinderſtimmchen, ohne zu ſtottern oder ſich zu unterbrechen, das Vaterunſer. Es war eine kleine, aus den mannichfachſten Beſtand⸗ theilen zuſammengeſetzte Gemeinde, die ſich an dieſem Sterbebette vereinte, aber alle, von dem alten Lands⸗ knecht herab bis zum unmündigen Kinde, waren von gleich tiefer Andacht durchdrungen, und während durch die Stadt der wildeſte Kampf der verſchiedenen Reli⸗ gionsparteien tobte, breitete der Frieden der Ewigkeit ſeinen heiligen Schleier über das blaſſe Antlitz des Ent⸗ ſchlafenen. Drittes Kapitel. Die wilde Nacht, in welcher das paſſauer Kriegs⸗ volk in Prag eingebrochen, war vorübergegangen. Dem lautloſen Einſchleichen der Räuber war ein wüthender Straßenkampf derſelben mit den prager Bürgern unter der Oberleitung des Grafen von Roſenberg und mehre⸗ rer andern proteſtantiſchen Edeln gefolgt, der zwar die Eindringlinge nicht aus der Stadt getrieben, aber doch viele Häuſer und Plätze vor ihrem Wüthen geſchützt hatte. 3 Es war den Bürgern gelungen, das Brückenthor, das zur Altſtadt führte, zu ſchließen. Auf der großen Moldaubrücke waͤren ganze Haufen der rüden Solda⸗ teska getödtet worden, und als der Tag am Himmel erſchien, lagen ihre verſtümmelten Leichen dort, unter⸗ miſcht mit den Leichen von prager Bürgern, die in ihren Häuſern von ihren Weibern und Kindern vergebens zu⸗ rückerwartet wurden. Alle Furien ſchienen in dieſen 70 ſchrecklichen Stunden auf die unglückliche Stadt losgelaſſen zu ſein, denn jetzt, als infolge des tapfern Wider⸗ ſtandes der Bürger die Paſſauer faſt wie Beſiegte ſich auf Befehl ihrer Anführer in feſten Stellungen ſam⸗ melten, während die Zerſtreuten und Verſprengten in den Klöſtern und Gotteshäuſern Aſyle ſuchten, bemäch⸗ tigte ſich der wildeſte Grimm der Bewohner Prags, der vorzüglich gegen jene Zufluchtsſtätten ihrer Feinde ſeine Richtung nahm. Man rief ſich zu, daß die Mönche im Kloſter zu Emaus viele Paſſauer verſteckt hielten, und dorthin ſtrömte nun die ergrimmte Schaar der niedrigſten Pöbelhor— den; denn die beſſern Bürger hatten ſich, ſobald als die Ruhe nur einigermaßen wiederhergeſtellt war, in ihre Wohnungen und zu ihren geängſtigten Familien zurück⸗ gezogen. In den Klöſtern verübten die Vertheidiger der Stadt in ihrem proteſtantiſchen Eifer jetzt vielfache Ex⸗ ceſſe. Paſſauer Soldaten wurden aus ihrem Verſteck im Kloſter Emaus hervorgeriſſen und grauſam ermordet, aber nicht dieſe allein, ſondern auch drei der Chorherren des Stifts traf ein gleiches Schickſal. Auf dem Wyſche⸗ hrad wurden die Häuſer der Domherren geplündert und ein gleiches Schickſal traf die Pfründner bei Maria⸗ Schnee; wilde Verwirrung herrſchte an allen Orten und 71 ernſte Trauer um ein vermißtes Familienglied faſt in jedem Hauſe. In dieſen Scenen des Schreckens bewahrten jedoch die Anführer des paſſauer Volks ihre Haltung, und an der Spitze derjenigen ſeiner Truppen, die ſich auf den Sammelplätzen eingefunden, marſchirte Laurentius Ramé, ohne von ſeiten der Prager einen geregelten Wider⸗ ſtand zu finden, hinauf nach dem Hradſchin, wo ſie un⸗ ter dem Jubelrufe„Vivat Rudolfus!“ dem Kaiſer den Eid der Treue leiſteten. Einen Augenblick lang ſchien das untreue und wan⸗ kelmüthige Herz dieſes unglücklichen und irrenden Für⸗ ſten ſich dem jubelnden Gefühle eines Siegs über ſeine rebelliſchen Unterthanen erfreuen zu wollen; er ließ ſich unter den verſammelten Anführern der Truppen ſehen, empfing mit Lächeln ihre Huldigungen und fragte mit Theilnahme nach den beiden Jeſuitenpatres, deren Schick⸗ ſal indeß für den Augenblick Niemand bekannt ſchien. Als ihm gemeldet wurde, daß die Brückenthore noch immer geſperrt ſeien, daß viele Truppen ſich in der Alt⸗ ſtadt unter dem Befehle Roſenberg's und anderer pro⸗ teſtantiſcher Standesherren ſammelten und daß die Stände Böhmens feſt entſchloſſen ſeien, ſich allen Ernſtes den Paſſauern, obgleich ſie dem Kaiſer öffentlich gehuldigt hatten, zu widerſetzen, ließ er in Eile einen Rath zu⸗ 72 ſammenberufen und ſandte diejenigen ſeiner katholiſchen Räthe, die er für die treueſten und umſichtigſten hielt, hinunter nach dem altſtädtiſchen Rathhauſe, wo die pro⸗ teſtantiſchen Anführer ſich ſeit dem Morgen verſammelt hatten. Unter dieſen Abgeordneten befanden ſich viele kühne und entſchloſſene Männer, unter andern auch Wil⸗ helm von Slawata, ſeit längerer Zeit von den Proteſtan⸗ ten ſehr gehaßt. Die Abgeordneten des Kaiſers forderten, daß die zur Vertheidigung der Stadt zuſammengezogenen Kriegs⸗ mannſchaften ſich, wenn ſie nicht als Rebellen behandelt ſein wollten, ſogleich mit den Paſſauern, die Sr. Majeſtät bereits gehuldigt, vereinigen, ihr ſchweres Ge⸗ ſchütz denſelben ausliefern und ihnen die Brückenthore öffnen ſollten. Die Antwort von ſeiten der Proteſtanten war, daß ſie ſich unmöglich mit Truppen vereinigen könnten, die im Lande ſchon ſo viel Schaden angerichtet, ſich der Stadt zum Theil mit Gewalt, zum Theil durch Ver⸗ rath noch in dieſer Nacht bemächtigt und in allen Stücken als Feinde gezeigt hätten. Sie wären vielmehr feſt ent⸗ ſchloſſen, dieſe fremden Truppen durch alle ihnen zu Gebote ſtehenden Mittel aus dem Lande zu vertreiben, und würden ihnen deshalb auch weder die Brückenthore öffnen, noch weit weniger ihr Geſchütz überliefern. 73 Auf dieſe Antwort übergab der Kaiſer den paſſauer Obriſten Sulz und Althan fünf ſchwere Geſchütze, die von dieſen ſo aufgepflanzt wurden, daß ſie die ſchöne Altſtadt hätten in Grund und Boden ſchießen können, worauf die verſammelten Stände beſchloſſen, nach Wien eine Botſchaft an Matthias zu ſenden und ihn zu erſu⸗ chen, mit ſeinem Heere ſogleich nach Böhmen zu ihrem Beiſtande herbeizueilen. Die Appellation ſeiner Unterthanen an ſeinen ge⸗ haßten Bruder war jederzeit für Rudolf's Uebermuth ein ſchwerer Schlag, beſonders aber jetzt, wo er die Hülfe der Truppen, die er doch eigentlich in den Ländern ſeiner Neffen Ferdinand und Leopold und zum Widerſtand gegen jenen, ſehr gegen den Willen der ge⸗ ſammten böhmiſchen Stände hatte werben laſſen, offenkundig benutzt hatte. Er wollte um jeden Preis Frieden machen mit ſeinen rebelliſchen Unterthanen. Seine Räthe fingen von neuem zu unterhandeln an. Der Kaiſer erklärte in Gegenwart von zwanzig paſſauer „Kriegsbedienten“, die Truppen der prager Altſtadt mu⸗ ſtern zu wollen, die ihm ſodann den Eid der Treue ſchwören und durch endliche Oeffnung der Brückenthore die Communication zwiſchen den verſchiedenen Stadtthei⸗ len herſtellen ſollten; auch ſolle man den aufrühreriſchen Pöbel aus Prag verweiſen und den Paſſauern freies 74 Geleit ſichern, daß ſie unbehindert Prag verlaſſen könnten. Dabei fand der Kaiſer es für gut, den Herren von Roſenberg, von Lobkowitz und allen Andern, die die Vertheidigung Prags geleitet, ſeinen Dank zu ſagen und ſie der Fortdauer ſeiner kaiſerlichen Gnade zu ver⸗ ſichern. Was die Stände antworteten, war für die Verhält⸗ niſſe gemäßigt und verſtändig genug. Sie willigten zu⸗ nächſt darein, daß ihre Truppen in Gegenwart der paſ⸗ ſauer Offiziere dem Kaiſer den Eid der Treue lei⸗ ſten ſollten, erklärten aber die Oeffnung der Thore nicht eher für möglich, als bis die fremden Truppen drei Meilen von der Stadt entfernt wären. Auch wür⸗ den ſie den Paſſauern kein Geleit zum Abzuge geben, da dieſe ohne ihr Geleit und ſehr gegen ihren Willen die böhmiſchen Lande betreten hätten. Rudolf war über dieſe Antwort entrüſtet. Nicht ſeine empörten Unterthanen fürchtete er, mit einigen Zu⸗ geſtändniſſen hinſichtlich freier Religionsübung glaubte er das Volk, mit einigen Gnadenbezeugungen die Vornehmen immer noch beruhigen und ſich geneigt machen zu kön⸗ nen. Das Herbeiſtrömen einer Menge waffenfähiger Männer aus Böhmen und Mähren, auch aus dem na⸗ hen, ebenfalls von religiöſen Unruhen zerriſſenen Schle⸗ ſien hielt er für eine vorübergehende Demonſtration, da dieſe zu Fuß und zu Roß herbeiſtrömenden Schaaren nur die Inſchrift„Contra Ramé“ auf ihren Fahnen und Feldzeichen trugen. Matthias, ſein feindlicher Bru⸗ der, war das Schreckgeſpenſt, das er allein fürchten zu dür⸗ fen glaubte. Er wünſchte deshalb dringend eine Unterredung mit den beiden Jeſuiten, den Abgeordneten ſeines Neffen Ferdinand, doch ſchienen dieſe mehrere Tage wie verſchwun⸗ den, und er glaubte, ſie ſeien abgereiſt, bis am dritten Tage nach jener grauſigen Nacht Gräfin Polixena ihren kai⸗ ſerlichen Freund benachrichtigte, daß einer der Geſuchten, der würdige Pater Cyſetus, ſich im Hauſe des Magiſters Kepler befände, woſelbſt ihre Kammerfrau, die Schwä⸗ bin Apollonia, ihn geſehen. „Das iſt der Mann, deſſen ich bedarf“, frohlockte der Kaiſer, und bald darauf betrat der eilig Herbeige⸗ rufene das Zimmer der Frau von Roſenberg, wohin er t durch Apollonia gerufen worden war. Die Gräfin war allein, als er erſchien, und ein tiefes Weh bemächtigte ſich ihrer Seele, als fie er⸗ n fuhr, daß und auf welche Weiſe der Mann geſtorben ſei, den ſie ſeit ihrer Kindheit für ihren treueſten Freund gehalten. er„Und Herr Johannes Kepler lebt und iſt in dieſen 9. rauhen Zeiten der Welt und ſeiner Familie erhalten?“ fragte ſie dann raſch. 76 „Er lebt“, entgegnete Cyſetus,„zum Heil der Wiſſenſchaft, deren glänzendſtes Licht er iſt, und hat ſich in dieſen Tagen um mich und meinen dahingeſchie⸗ denen Freund ſo große Verdienſte erworben, daß wir wohl die Verpflichtung hätten, ihm auf die eine oder die andere Weiſe unſere Dankbarkeit zu bezeigen. Magiſter Kepler iſt ein merkwürdiger, ich glaube ſagen zu müſſen, ein wahrhaft wunderbarer Mann, und wohl hoffe ich, daß er endlich in den Schooß unſerer heiligen Kirche zurückkehren wird. Stets zum Frieden rathend, ſtets nicht blos die Rechte und Wünſche ſeiner eigenen Partei, ſondern auch die der Gegner in Anſchlag bringend, wo es zu rathen oder zu handeln gilt, ſcheint er nichts vor Augen zu haben, als was die Gerechtigkeit verlangt. Er rief dem Pöbelhaufen, der das Kloſter von Emaus ſtürmte, zu, der Chorherren zu ſchonen, und daß die ſchönen Gebäude nicht durch die raſenden Mordbrenner ein Raub der Flammen geworden, iſt ihm allein als Verdienſt anzurechnen. Unter ſeinem Dache habe nicht nur ich, ſondern hat auch die Leiche meines Freundes Schutz gefunden, denn der wüthende Pöbel verlangte unſere Auslieferung unter den entſetzlichſten Drohungen. Da man auf irgend eine Weiſe in Erfahrung gebracht, oder da es ſich das empörte Volk wenigſtens einbildete, daß wir die Einlaſſung der paſſauer Truppen auf den Be⸗ 77 fehl des Kaiſers vermittelt und denſelben auch ſpäter noch Sr. Majeſtät Inſtructionen überbracht hätten, ſo wäre ſelbſt die ſtille Leiche meines Freundes, der von der Hand eines paſſauer Soldaten gefallen war, vor den rohe⸗ ſten Mißhandlungen nicht geſichert geweſen; mich, den Leben⸗ den, aber hätten dieſe Wütheriche unfehlbar in Stücke geriſ⸗ ſen, obſchon der Tod des Paters Fickler von der Hand eines paſſauer Soldaten doch den Beweis hätte führen müſſen, daß keine Verbindung zwiſchen uns und jenen ſtattgefunden.“ „Mein würdiger Herr und Freund“, entgegnete die Gräfin mit leichenblaſſen Wangen,„Sie ſind hier im Hauſe der Schülerin Ihres zu Gott gegangenen Freundes, der vieljährigen Vertrauten und Rathgeberin Kaiſer Rudolf's. Es iſt jetzt, wie die Angelegen⸗ heiten ſtehen, weiſe, daß Sie jede Verbindung Sr. Majeſtät mit dem paſſauer Kriegsvolk in Abrede ſtellen, und ſelbſt in dieſen verſchwiegenen Wänden würde kein Hauch meines Mundes das Gegentheil be⸗ haupten. Se. Majeſtät erachten es für dringend noth⸗ wendig, und ich fühle die Richtigkeit dieſer Maßregel, ſich mit ſeinen Ständen dauernd und ernſthaft zu ver⸗ ſöhnen, und ich ſoll das Mittel ſein, mindeſtens einen der gefürchteten Anführer des Heeres, das den Paſſauern ſo großen Schaden gethan, zu einem treu ergebenen Diener meines Kaiſers zu machen.“ In dieſem Augenblick erhob Frau Apollonia Wel⸗ linger die Gardine der Thür, die zu dem Vorzimmer führte, und meldete mit ihrer ſanften, klaren Stimme,— daß Se. Majeſtät ſo eben im Begriff ſei, den Palaſt V der Frau Gräfin zu betreten. Polixena fuhr wie von einer Feder geſchnellt von ihrem Seſſel empor und befand ſich gleich darauf an den Stufen der Freitreppe ihres Schloſſes, die der Kaiſer ſo eben zu betreten im Begriff war. Mit einer Geberde, die ſeines ritterlichen Vaters nicht unwürdig geweſen wäre, reichte der Monarch ſeinen Arm der ſchönen und geiſtvollen Frau, auf deren Treue er zu allen Zeiten mit gleicher Sicherheit rechnen konnte. Als beide ſich im Zimmer befanden, winkte der Kaiſer auch dem anweſenden Jeſuiten, Platz zu neh⸗ men, und ließ ſich von dieſem dann zunächſt die nä⸗ hern Umſtände von dem Tode Johannes Fickler's er⸗ zählen. „Wir haben einen klugen Rathgeber, vielleicht ſogar einen treuen Freund an dem Manne verloren“, ſagte er mit leiſem, trübem Kopfſchütteln;„werdet Ihr, Herr Cy⸗ ſetus, im Stande ſein, ſeinen Platz würdig auszufüllen, auch beſonders jetzt in der zarten Angelegenheit, in wel⸗ cher Wir Eurer bedürfen?“ „Ich darf meinen guten Vorſätzen keine Worte geben“, entgegnete der Jeſuit mit Würde,„denn es iſt Ew. Ma⸗ jeſtät wohl bewußt, daß die Mitglieder unſeres heiligen Ordens Leib und Leben in den Angelegenheiten, die zur Ehre der Kirche dienen, hinzugeben jederzeit verpflichtet und durch den Orden ſelbſt wohlgeſchult und vorberei⸗ tet ſind.“ „Wohl denn, zur Ehre der heiligen Kirche, mein Herr Pater!“ ſagte der Kaiſer mit Nachdruck.„Un⸗ ter den Anführern jener Heerhaufen, die ſich Solda⸗ ten der proteſtantiſchen Kirche Böhmens nennen, befinden ſich mehrere, die ſeit Jahren ſchon mit allem Eifer um die Hand dieſer edlen und mit Gütern reich geſeg⸗ neten Dame, der Wittwe Unſeres in Gott ruhenden Freun⸗ des, des Obriſtburggrafen von Roſenberg, Gräfin Poli⸗ xena von Roſenberg, aus dem edlen Geſchlechte der Grafen von Pernſtein ſtammend, in allen Ehren wer⸗ ben. Frau Polixena iſt nun kraft eines Gelübdes, das ſie der allerheiligſten Mutter des Erlöſers gethan, ge⸗ ſonnen und verpflichtet, denjenigen der Herren, die gegen dieſe verruchten Paſſauer gekämpft, mit ihrer Hand und Perſon zu beglücken, der, von ſeinen Ketze⸗ reien laſſend, zur heiligen Mutterkirche zurückkehrt. Wir, ihr Freund und Oberlehnsherr, geben zu dieſem gott⸗ ſeligen Entſchluß Unſere kaiſerliche Einwilligung und 80 erklären auf der Hochzeit des alſo verbundenen Paares Gaſt und Brautführer ſein zu wollen. Dieſe Unſere Willensmeinung denjenigen mitzutheilen und zwar in einer Weiſe, wie es ſich für Unſere kaiſerliche Gnade und die Ehre der hohen Dame ſchickt, beauftragen wir Euch, Pater Cyſetus, und erwarten in möglichſt kurzer Zeit die Erklärung der Bewerber durch Euern Mund.“ Der Jeſuit verbeugte ſich mit tiefer Ehrerbietung; es war ein Auftrag, deſſen ſichere und zuverläſſige Aus- führung ihm, das fühlte er wohl, auch Ehre bei den Obern ſeines Ordens bringen würde; doch konnte er nicht umhin, vor dem Kaiſer und der Gräfin es auszu⸗ ſprechen, wie er der Anſicht ſei, daß die Gaben ſeines in Gott ruhenden Ordensbruders dieſen zur Ausführung dieſes Auftrags beſſer als ihn ſelbſt befähigt haben möchten. Eine Stunde ſpäter befand ſich die Gräfin wieder allein in ihrem ſtolzen Palaſte, dem Erbe ihres erſten großmüthigen Gatten. Sie ſah bleich und müde aus; das Bedürfniß ſich mitzutheilen, lag ſchwer auf ihrem Frau⸗ enherzen. Bitter fühlte ſie den Verluſt des Freundes, der ſeit ihren Kinderjahren der Vertraute ihrer Gedanken geweſen war, an deſſen wohlwollende Aufrichtigkeit ſie in allen Lebenslagen geglaubt hatte und von deſſen plötz⸗ lichem und gewaltſamem Tode ſie ſo eben die traurige Gewißheit erhalten hatte. 81 Den Kopf in die Hand geſtützt, ließ die ſchöne und vornehme Dame ihren Thränen freien Lauf und fand in dem Strömen derſelben die ſüßeſte Erleichterung des Herzens. Polixena von Roſenberg war eine der ältern Schwe⸗ ſtern aus ihrem ſehr vornehmen, aber mit neunzehn Töchtern geſegneten Hauſe. Ihre Mutter, die ſehr edle Gräfin von Pernſtein, war Ehrendame und die vertraute Freundin der Kaiſerin Maria, der geliebten Gemahlin des Kaiſers Max, geweſen, die im Laufe einer in ſeltener Weiſe glücklichen Ehe ihren Gatten mit ſechs hoffnungsvollen Söhnen beſchenkt hatte. Die Kinder beider Frauen hat— ten ſchon in den früheſten Lebensjahren mit einander ge⸗ ſpielt, und es iſt unzweifelhaft, daß die kleine Polixena von Pernſtein ſchon die Knabenliebe des jungen Erz⸗ herzogs Rudolf geweſen war. Frau von Pernſtein, eine Spanierin von hoher Ge⸗ burt, war über ihren reichen Töchterſegen gerade nicht übermäßig entzückt und kannte kein eifrigeres Streben, als jedes der ſchönen Mädchen, die wie ein Blütenkranz ihr Haus ſchmückten, durch Verheirathung mit einem reichen, ſtandesmäßigen Gatten in eine Stellung zu ver⸗ ſetzen, die der ganzen Familie zur Ehre gereichte. Alle Töchter der Pernſteins waren gut unterrichtet, ſtreng in Ehre und Sittſamkeit erzogen und von der Natur mit Burow Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 6 82²2 großer Schönheit ausgeſtattet. Früh hatte man ſie ge— lehrt, daß die Töchter der Großen dieſer Welt nicht das Recht hätten, bei der Wahl ihrer Gatten auf die Stimme des Herzens zu hören und daß ihnen ſelbſt das Recht nicht zuſtände, ihre Hand Bewerbern zu verweigern, deren Vermögen, Adel und Glauben den Anſprüchen ihrer Aeltern genügten. Die zarte, liebliche Geſpielin des künftigen Kaiſers wurde von ihrer vorſichtigen Mutter am ſtrengſten be⸗ wacht, wenn ſich auch in ihrem kindlichen Herzen keine Leidenſchaft für den um mehrere Jahre ältern Spielge⸗ fährten entwickelte. Polixena war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als ſie ſich mit dem ſechsundvierzigjährigen Obriſt⸗ burggrafen von Roſenberg, deſſen vierte Gattin ſie wer⸗ den ſollte, mit Bewilligung aller Betheiligten verlobte. Prinz Rudolf, der erwählte Nachfolger ſeines kaiſer⸗ lichen Vaters, ſchien mit der Abſchließung dieſer nach bürgerlichen Begriffen ſo ungleichen Ehe keineswegs un— zufrieden zu ſein, und die junge Gräfin von Roſenberg blieb auch nach ſeiner Thronbeſteigung am Himmel der Schönheiten ſeines Hofs der glänzendſte Stern. Der Gatte, der das ſchöne junge Geſchöpf während der kurzen Dauer ihrer Ehe täglich mehr lieben und achten gelernt hatte, ſtellte ihre Verhältniſſe für den mög— lichen Fall ſeines Todes ſo feſt, daß ſie als achtzehnjährige Wittwe nicht nur die ſchönſte, ſondern auch die reichſte unter den vornehmen Damen des hohen böhmiſchen Adels war, als deren vornehmſte ſie als die Wittwe Ro⸗ ſenberg's unzweifelhaft angeſehen werden mußte. Kaiſer Rudolf, damals auch noch in der Blüte ſeines Lebens ſtehend, hatte es nicht unter ſeiner Würde gehalten, ihr den Platz an ſeiner Seite anzubieten, aber Polixena's Freundſchaft für den Jugendfreund und loyale Treue gegen den von mancherlei Verräthereien umgebenen Fürſten waren groß genug, ſie ſolch glänzendes Anerbieten ehrerbietig ablehnen zu laſſen. Sie ſelbſt machte den durch die Prophezeiungen ſeiner Sterndeuter einge⸗ ſchüchterten Fürſten auf die Nothwendigkeit aufmerkſam, ſeine Regierung durch eine andere, allen Standesanſprü⸗ chen genügende Vermählung zu befeſtigen. „Es iſt nicht der gleiche Fall“, ſagte die edle Dame, „wenn Ew. Majeſtät die Wittwe eines Roſenberg auf den böhmiſchen Thron zu erheben geruhen wollten, als wenn ein Roſenberg einſt die Wittwe eines böhmiſchen Königs zur Gemahlin nahm. Zudem haben ſich die Zei⸗ ten und Verhältniſſe Böhmens ſehr geändert. Rückſich⸗ ten auf Böhmens Glück müſſen ſelbſt bei der Wahl einer Gattin Ew. Majeſtät königliches Herz zunächſt leiten, und Polixena, die Freundin Ihrer Kindheit, wird in allen Zeiten ihres Lebens Ew. Majeſtät und deren erhabener 6* 84 Gemahlin treueſte Unterthanin und zärtlichſte Freundin bleiben.“ Als die Dame, die jetzt weinend in der Ein⸗ ſamkeit ihres Zimmers ſaß, dieſen Ausſpruch that, war der Mann, den ſie beweinte, ſchon ihr Lehrer, Freund und Rathgeber; aber die großherzige Frau hatte von zwei Umſtänden in ſeinem wahren Leben keine Vorſtellung; zunächſt von der tiefen verzehrenden Leidenſchaft, die er, den ſie für ihren aufrichtigſten Freund hielt, für ſie im Buſen trug, dann aber auch davon, daß ſie durch ihn zum Werkzeug und zwar zum willenloſen Werkzeug jener mächtigen Congregation gemacht werden ſollte, de— ren geheimnißvolles Wirken noch heute in der Welt ge⸗ fürchtet wird. Polixena vertraute ihrem Lehrer Johannes Fickler als einem Mann von hoher Ehre, von aufrichtigſter Frömmigkeit und als demjenigen, der ihr junges Herz zu jeder Zeit ſchnell und ganz verſtanden hatte, aber ſie war, obgleich durch Geburt und Erziehung fromme Ka⸗ tholikin, doch viel zu ſelbſtſtändig, als daß ſie ſich hätte einem Rath fügen ſollen, der ihren geläuterten Begriffen von Frauen⸗ und Standesehre ſchnurſtracks widerſprach. Wie hätte ſie auch, die die Hand des Kaiſers aus Lo⸗ yalität nicht annahm, in eine ſchmachvolle Verbindung mit ihm treten können? Seit jener Zeit hatte ihre Ge⸗ fühlswelt überdies eine Veränderung erlitten, von wel⸗ cher ihr ſtolzes Herz ſich noch vor wenigen Jahren nichts hätte träumen laſſen. Es war ihr auf ihrem Lebens⸗ wege ein Mann begegnet, der ihr als die Verkörperung edelſter, vollendetſter Männlichkeit die Perle des echten Frauenglücks in ſeiner Hand zu halten ſchien. Die ſchöne, ſtolze, gefeierte Gräfin hatte ſchon beim erſten Anblick des Jünglings Kepler gefühlt, daß in deſ⸗ ſen klaren Blicken für ſie ein ganzer Himmel aufgeſchloſ⸗ ſen ſei, und ſo war ſie, die vornehme Dame, jahrelang mit tiefſtem Intereſſe dem Ruhme gefolgt, den jener ſchlichte Fremde ſich mit jedem Jahre mehr in einer ihr zwar fremdartigen, aber für ihren Geiſt durchaus nicht ganz verſchloſſenen Sphäre erwarb. Die Zeit vor dem Beginn des dreißigjährigen Kriegs war abſtractem Nachdenken durchaus nicht ungünſtig. Jedermann, faſt ohne Unterſchied des Standes, beſchäf⸗ tigte ſich mit den theologiſchen Wiſſenſchaften, und die feinen Unterſchiede zwiſchen den Lehren Zwingli's, Cal⸗ vin's, Wicleff's, Luther's, der Albigenſer und Lollhar⸗ den, die heutzutage wohl nur gelehrte Theologen ge⸗ nau anzugeben wiſſen, waren Gegenſtände des Geſprächs in jedem bürgerlichen Familienkreiſe. Aber auch in anderer Richtung war der Funke ernſten Nachdenkens in alle Herzen geworfen worden. Das 86 Copernikaniſche Syſtem hatte nicht blos bei den Fachge⸗ lehrten großes Aufſehen erregt, ſondern überall, bei Ge⸗ lehrten und Ungelehrten, eine Art freudiger Ueberraſchung hervorgebracht; man fühlte ſich gewiſſermaßen ſtolz, das täglich Geſehene, Unbegreifliche, das große Wunder, das wir mit dem Namen Natur bezeichnen, in ſo einfa⸗ cher, ſo paſſender, ſo leicht verſtändlicher Weiſe erklä⸗ ren zu können. Die Mütter erzählten den horchenden Kindern von dem ſich umwälzenden Erdball; doch nicht unter den Laien, die die einfache Wahrheit der neuen großen Lehre leicht einſahen, ſondern unter den Gelehrten entſpannen ſich wilde Streitigkeiten, indem dieſe das augenſcheinlich erkennbar Wahre mit gewiſſen Ausſprüchen der Bibel in Einklang zu ſetzen ſuchten, die ſie nun einmal für buchſtäbliche Wahrheit gehalten wiſſen wollten. Unſere heutige Zeit macht dem Katholicismus ſehr mit Unrecht den Vorwurf, ſich der Copernikaniſchen Lehre entgegengeſetzt zu haben. Der große Mann, den wir mit Stolz unſern Landsmann nennen können, war ſelbſt ka⸗ tholiſcher Geiſtlicher, und zwar Domherr zu Frauenburg in Preußen. Gerade die proteſtantiſchen Geiſtlichen wa⸗ ren es, die mit zelotiſchem Eifer ſich einer Lehre wi⸗ derſetzten, die den Lehren der Bibel geradezu wi⸗ derſprach. — 87 Durch ihren verehrten Lehrer Pater Johannes Fickler hatte Polixena zuerſt von der Weisheit und Gelehrſamkeit des jungen würtembergiſchen Magiſters ſprechen hören. Der Jeſuit war es auch geweſen, der ſeine wißbegierige Schülerin auf die ſchlichten und ſo treffenden Aeußerungen ſeines jungen Verwandten aufmerkſam gemacht hatte, daß die Bibel kein Lehrbuch der Naturwiſſenſchaften, deren Standpunkt ſich mit jedem Jahr der fortſchreitenden Erkenntniß ändert, ſondern das der ewigen Wahrheiten, der Moral und Gottesverehrung ſei. Dieſe Aeußerungen fanden einen tiefen Anklang im Herzen der wiſſensdur⸗ ſtigen Frau, und wenn in Wort oder Brief der Jeſuit ſeine Schülerin auf einen neuen Ausſpruch ſeines geſchätzten Verwandten aufmerkſam gemacht hatte, was ziemlich oft geſchah, und er ihre Vermittelung für die Anſtellung deſſelben am kaiſerlichen Hofe in Anſpruch nahm, wenn er die ſanfte Duldſamkeit des edlen Denkers vor ihr und ſich ſelbſt als Geneigtheit zu ſeinem Rücktritt in die katho⸗ liſche Kirche erklärte, wenn Tycho de Brahe, Kaiſer Ru⸗ dolf und ihr alter jüdiſcher Freund Rabbi Löw die große Gelehrſamkeit des noch ſo jugendlichen Mannes prieſen und die harten Prüfungen ſeines Lebens bedauerten, ſah Polixena ſtets das ſchöne, beſcheidene Jünglingsantlitz mit dem entflohenen Vogel in der Hand in der Wein⸗ laube zu Stuttgart vor den Augen ihres Geiſtes, bis * 88 ſie ihn als reifern Mann in Prag wiederſah und Gelegenheit fand, ihm ſo viel Gutes zu erweiſen, als nöthig iſt, eine edle Frauenſeele auch ohne alles Uebrige für einen Mann zu intereſſiren. Denn es bleibt eine in alle Ewigkeit beſtehende Wahrheit, daß die Liebe eines großherzi⸗ gen Weibes durch nichts ſo raſch und leicht genährt wird, als durch die freundlichen Sorgen für das Wohl des Geliebten. Daß Polixena in der alten würdigen Erzieherin Kepler's eine Frau fand, die wie nie eine andere vor oder nach ihr ſie zu würdigen und zu verſtehen fähig war, knüpfte ein neues und ſchönes Band zwiſchen der vornehmſten Dame an Rudolf's Hofe und dem armen Hofaſtrologen, dem der Kaiſer die Arbeit, die ihn ernährte, die Berechnung der Pruteniſchen Tafeln, nur darum anvertraute, um ſeine große Gelehrſamkeit zu Zwecken zu benutzen, die nach der Anſicht Kepler's nicht ſowohl ſündlich als unſag— bar thöricht waren. Uebrigens galt Kepler bei ſeinen Zeitgenoſſen für den größten Aſtrologen der Gegen⸗ wart. Die Weiſſagungen in ſeinen Kalendern, von ſeinem ſcharfen Verſtande und ſeiner geſunden Urtheilskraft eingegeben, trafen ſehr oft zu, aber er hatte ſie nicht ſowohl aus den Conſtellationen der Planeten berech⸗ net, als aus den in der Gegenwart oder Vergan⸗ genheit bekannten Urſachen gefolgert. Seine meteo⸗ rologiſchen Kenntniſſe dankte er großentheils ſeiner Erziehung in und mit der Natur. Apollonia's und des alten Magiſters Beilmann Wetterkunde waren nicht unbedeutend geweſen, und beide hatten ihre ein⸗ fachen Regeln auf ihren Schüler vererbt. Phyſik war außerdem ein Lieblingsſtudium Kepler's, und ſeine opti⸗ ſchen Erfindungen und Beobachtungen haben noch bis auf den heutigen Tag, bei dem ſo unendlich erhöhten Standpunkte aller Naturwiſſenſchaften, ihren Werth und ihre Geltung behalten. Gräfin Polixena, die bedeutendſte Frau ihres Zeitalters, war, wenn auch nicht ganz und gar befähigt, den großen Geiſt dieſes Mannes zu ver⸗ ſtehen, doch in mannichfachen Beziehungen ſeiner würdig; denn ſtand ſie ihm im Forſchen nach der Wahrheit als Wiſſenſchaft auch ſehr nach, ſo war doch ihr Streben, das Rechte zu üben, in ſeiner ernſten Kräftigkeit dem ſeinigen gleich, wie ganz verſchieden auch die Pflichten⸗ kreiſe ſein mochten, in welchen jede dieſer Menſchenſee⸗ len zu wirken von Gott berufen war. An einer einzigen Stelle trafen beider Pflichten zuſammen oder berührten ſich wenigſtens. Beide waren treue Diener, ja ſogar auf⸗ richtige Freunde des von allen Seiten verrathenen Kaiſers und von Herzen bereit, ihm jedes Opfer zu bringen, das ſich mit Ehre und Pflicht vereinen ließ. Nach dem Abzuge des paſſauer Kriegsvolks, deſſen ſchwere Exceſſe von allen ſeinen Unterthanen dem Kaiſer 90 zugeſchrieben wurden, hielt es alſo Polixena für ihre Pflicht, ihr Gelübde zu halten und demjenigen der proteſtantiſchen Standesherren Böhmens ihre Hand und ihr großes Vermögen zu übergeben, der ihr durch ſeinen Rücktritt zum Katholicismus den Beweis liefern würde, daß er dem Matthias gegenüber, der ſich das Anſehen eines Schützers des Proteſtantismus gab, die loyale Treue gegen Rudolf bewahren würde. Die Dame wußte ſehr wohl, daß ſich unter denen, die gegen die Paſſauer gekämpft hatten, beſonders zwei befanden, die ſich ſeit Jahren darum bemüht hatten, ihre Hand zu errin⸗ gen, beide Repräſentanten großer böhmiſcher Familien, beide ihr durch Rang und Vermögen vollſtändig eben⸗ bürtig, beide auch im Aeußern wohlgeeignet, als Gatten der ſchönſten Frau ihrer Zeit würdig zur Seite zu ſtehen. Der um viele Jahre jüngere Bruder ihres erſten Ge⸗ mahls, der letzte des ſtolzen Hauſes Roſenberg, war der eine, der andere Zdenko Adalbert Popel von Lob⸗ kowitz, Vetter der ſchönen Eva, deren Vater damals noch immer in einem unbekannten Kerker ſchmachtete oder bereits in demſelben geſtorben war. Beiden konnte die Dame Achtung und Vertrauen, obſchon keine eigentliche Liebe in die Ehe zubringen, beide aber hätten das Gefühl, das ſie für einen tief unter ihrem Stande ſtehenden, verheiratheten Mann 91 4 hegte, für nichts gehalten, nicht einmal für eine vorüber⸗ 1 gehende Laune! Ein Schooßhündchen, der hübſche Pa⸗ d pagai, den Kepler einſt der Gräfin wiedergegeben, würden n ihnen etwa ebenſo gefährlich für das Herz Polixena’s 1 erſchienen ſein, als der würtembergiſche Magiſter, der n für Geld allerhand berechnete, was am Himmel vor⸗ e gehen ſollte, und für Bürger und Bauern Kalender machte. Kepler ſelbſt, deſſen erhabene Seele ſein Zeitalter üt ebenſo wenig als die Höhe ſeines Wiſſens zu würdigen verſtand, befand ſich eben zu jener Zeit in einer ſehr 3 traurigen Lebenslage. Der Kampf mit den kleinlichen, niederdrückenden n Sorgen ums tägliche Brod war ihm etwas Bekanntes 1 und Gewohntes. Er hatte es gelernt, inmitten der be⸗ d. ſchränkteſten Verhältniſſe, die ihm durch die Art und ar Weiſe ſeiner Gattin keineswegs erleichtert wurden, ſeine 1 Gedanken auf die erhabenen Gegenſtände ſeiner Berufs⸗ 6 ſtudien zu richten. Man erzählt von dem großen Iſaak te Newton, ſeinem Nachfolger, daß er ſtets daran habe erin⸗ nert werden müſſen, daß die Eſſenszeit gekommen ſei, und daß ſeine Umgebung ihn mit Leichtigkeit dahin brachte, zu glauben, er habe ſeine Mahlzeit bereits eingenommen; ähnlich und doch auch wie anders war dies in Kepler's Lebensverhältniſſen! Seine eigenen Bedürf⸗ 9² niſſe würden von ihm ſelbſt wohl nie als etwas Drückendes empfunden ſein, aber fünf kleine Kinder, von denen das jüngſte noch an der Mutterbruſt lag, erwarteten ihr Alles aus ſeinen Vaterhänden, und Barbara erinnerte ihn ſtets, gleichviel, ob zur rechten oder zur unrechten Zeit, an das, was nothwendig wurde. Ach, und er liebte ſeine Kinder mit ſo großer Innigkeit! Ihre Bedürfniſſe konnte ſein warmes Vaterherz nicht für etwas Geringes halten, und die Kla⸗ gen ſeines Weibes über Sorge und Mangel fraßen dop— pelt und dreifach an ſeinem Herzen. Nach dem Einfalle des paſſauer Kriegsvolks hatte der Kaiſer keinem ſeiner Hofbedienten die geringſte Zah⸗ lung geleiſtet; auch Kepler befand ſich mit ſeiner Fami⸗ lie deshalb wieder in tiefer Noth. Pater Cyſetus hatte dafür geſorgt, daß die Leiche ſeines Gefährten aus dem proteſtantiſchen Hauſe ent⸗ fernt, nach dem Kloſter zu Emaus gebracht und dort nach katholiſchem Ritus begraben wurde. Kepler betrauerte den Jeſuiten als einen dahingeſchiedenen Freund und Verwandten, ohne an der Verſchiedenheit des Glaubens Anſtoß zu nehmen. Der alte Landsknecht aber, der ſich für den längſt verſchollenen Vater Kepler's ausgegeben, hatte in der Nacht des wilden Straßenkampfes die geängſtigte Fa⸗ 93 milie wieder verlaſſen und bis zur Entſcheidung des Gefech⸗ tes war nichts von ihm gehört worden. Als jedoch am fol⸗ genden Morgen in der Stadt wieder Ruhe zu herrſchen be⸗ gann, als die empörten Bürger das eingeſchloſſene und halb beſiegte Kriegsvolk nach allen Richtungen hin mit wildeſter Wuth verfolgten, fand Kepler eine mit Blut bedeckte Geſtalt zuſammengekauert in einem dunklen Win⸗ kel ſeines Hausflurs, die Geſtalt deſſen, der ſich wenige Stunden vorher ſeinen Vater genannt hatte. „Wie kommt Ihr hierher?“ fragte der Gelehrte mit einem jähen Schreck. „Ich will hier ſterben!“ antwortete der Blutende. „Ein Sohn wird ſeinem Vater das Fleckchen nicht ver⸗ ſagen, um in Ruhe ſterben zu können.“ „Ihr ſeid verwundet?“ fragte der Hausherr. Der Alte richtete ſich, einen Fluch murmelnd, unter heftigen Schmerzen empor, riß mit einer zuckenden Hand⸗ bewegung eine Schnur entzwei, die um ſeinen Hals be⸗ feſtigt geweſen, und warf ein kleines Päckchen, welches er an derſelben getragen, weit von ſich. „Der Teufel hat mir gelogen!“ rief er dabei wild, ſank dann aber ſogleich wieder heftig wimmernd zuſammen. Der geſtern noch trotz ſeiner Jahre ſo rieſenſtarke Mann erlag den wilden Schmerzen einer Schußwunde, die ihm die Eingeweide zerriſſen. 94 „Es iſt aus mit mir“, jammerte er mit verzwei⸗ feltem Tone,„ganz aus, und der Teufel fordert meine Seele, weil er weiß, daß ich jetzt anfangen würde, ſei⸗ ner Macht durch ein beſſeres Leben Trotz zu bieten.“ Wer auch der Unglückliche ſein mochte, und obgleich er zu einer Bande unbarmherziger Feinde gehörte, das ſanfte Herz Johannes Kepler's fühlte tiefes Mitleid mit ſeinen Leiden. Nachdem er ihm mit eigener Hand ein möglichſt bequemes Lager da, wo er zuſammengeſunken war, hergerichtet hatte, beſorgte er ihm einen friſchen Trunk, den jener mit Begierde zu ſich nahm, verband mit eigener Hand ſo gut als möglich ſeine Wunde und verſuchte ihn durch ſanftes Zureden zu beruhigen. Bei dieſer Sama⸗ riterbeſchäftigung traf ihn Barbara, die beim Anblick des Paſſauers entſetzt zurückprallte und mit aller Entſchie⸗ denheit und Bitterkeit ihres Weſens verlangte, daß das Entſetzliche aus ihren Augen entfernt und der ſterbende Feind ſofort auf die Straße geworfen werde. Johannes Kepler widerſetzte ſich dem Willen ſeiner Frau, den er für die höchſte Grauſamkeit hielt, mit ſei— ner ernſten Sanftmuth, die immer da, wo er ſie in ihrem Zuſammenleben anzuwenden für recht und noth⸗ wendig gehalten, den Sieg davongetragen hatte; dies⸗ mal aber ſtieß er auf einen Widerſtand, der nicht weniger 95 grauenerregend war als der Gegenſtand, der den trau⸗ rigen Zwiſt des Ehepaars herbeigeführt hatte. Barbara verfiel in Krämpfe, die ſo heftig waren, daß ſie die Be⸗ ſorgniß ihres Gatten im höchſten Grade erregen mußten. So ſtand denn Kepler Minuten, Viertelſtunden lang ohne Hülfe und Beiſtand zwiſchen dem jammern— den, wahrſcheinlich ſterbenden Mann, der ſich für ſeinen Vater ausgab und dem zuckenden, ſchluchzenden Weibe, der Mutter ſeiner Kinder, die ihm noch vor wenigen Wochen eins geboren hatte. Er mußte es als ein Glück anſehen, daß dieſe endlich das Bewußtſein verlor, ſo⸗ daß er ſie von dem Ort entfernen konnte, wo der Ge— genſtand ihrer wilden Aufregung beſtändig vor ihren Augen lag. Als er, nachdem er ſie in ihr Bett gelegt und den kleinen verſtändigen Ludwig als Hüter der kranken Mut— ter zurückgelaſſen hatte, zu dem Unglücklichen zurück⸗ kehrte, deſſen letzte Momente heranzunahen ſchienen und der ihm möglicherweiſe das Leben gegeben haben konnte, hatte das wilde Gebahren ſeines Weibes und deſſen ent— ſchiedene Weigerung, ſo großes Elend lindern zu wollen, einen gar ſonderbaren Eindruck auf den Verwundeten ge⸗ macht. Er lag, ohne einen Laut der Klage oder einen Fluch auszuſtoßen, zuſammengekrümmt auf dem Lager, das Kepler's Barmherzigkeit ihm bereitet hatte, und ſtreckte die⸗ 96 ſem, als er ſich ihm nahte, ſeine bleiche, zitternde, fieber⸗ heiße Hand entgegen. „Du haſt auch einen Drachen zum Weibe“, flüſterte er mit gebrochener Stimme,„und harrſt in Züchten und Ehren bei dem böſen Weibe aus. Du biſt beſſer, mein Johannes, als es Dein gottloſer Vater war, und wirſt dafür von Gott geſegnet ſein, denn er läßt es den Gu⸗ ten wohlergehen.“ Dann machte er ein Zeichen, Johannes möge ſein Ohr zu ſeinem Munde neigen, und flüſterte in daſſelbe:„Auf meiner Bruſt wirſt Du einen Säckel fin⸗ den, das Alles enthält, was ich bei meinen Kreuz⸗ und Querzügen in aller Herren Ländern erbeutet und zuſam⸗ mengeſcharrt. Es ſoll Dein Erbe ſein und Gott ſegne es Dir und Deinen Kindern. Es iſt mir nicht vergönnt, Dich zu ſegnen, denn ich habe die Gnade Gottes verſcherzt und einen Bund mit dem böſen Feinde geſchloſſen; ich darf mich nicht, wenn auch nur wenige Tage, an Dir und Deinen holdſeligen Kindern erfreuen. In der Welt heißt es jetzt, Deine böſe Mutter, die mein Leben zu Galle machte und mich dem Teufel in den Rachen jagte, ſei eine Hexe und würde wie die verfluchte Streicherin am Brandpfahle enden müſſen. Ihr geſchieht ſchon recht daran, denn wahrlich, ſie hat den Tod verdient. Ein bö⸗ ſes Weib kann auch einen beſſern Mann, als ich es war, ins Verderben bringen.“ Dann jammerte er wieder: 97 „Trinken, trinken! Laß mich trinken, mein Johannes, und bete fleißig für Deinen Vater, der als ein verfluchter Sünder ſterben muß.“ „Seid Ihr alſo wirklich Heinrich Kepler, der Sohn des Sebaldus Kepler von Weil der Stadt?“ fragte Jo⸗ hannes mit bebender Stimme. „Der bin ich“, entgegnete der Verwundete mit Feſtig⸗ keit,„und wenn Ihr der Hofmathematikus Kaiſer Rudolf's, der große Gelehrte, von dem man ſo viel ſpricht und deſſen Weisheit die Großen dieſer Welt ſo laut preiſen, der Sohn des verlaufenen Heinrich Kepler aus Weil ſeid, ſo bin ich ganz gewiß Euer Vater. Aber wärt Ihr das auch nicht, Ihr habt chriſtliche Barmherzigkeit geübt an einem Sün⸗ der, der als Euer Feind und der Feind Eures Glaubens Euer Haus betrat; ſeid tauſendmal dafür geſegnet! Mein Johannes war auch ein Kind ſo gut und klug, daß ich in den wenigen glücklichen Stunden meines Lebens wohl gehofft habe, es würde ein rechter Mann aus ihm werden.“ Wieder unterbrachen Schmerzen und Zuckungen die Worte des Sterbenden, Johannes Kepler aber, hingeriſſen von dem Gefühl des Mitleids und ſanfter Vergebung, beugte ſich über ſeine blaſſe Stirn und hauchte einen warmen Sohneskuß auf dieſelbe, während heiße Thränen ſeinen Augen entquollen. „Mein Sohn weint auf mich, mein reiner Sohn Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 7 98 wäſcht mit ſeiner Vergebungsthräne meine ſchweren Sünden ab von dem befleckten Haupte ſeines Vaters 10 ſagte der Unglückliche mit einer rührenden Sanftmuth⸗ „O, mir wird wohl! Gib mir noch einmal Deine Hand, Johannes, und bete, daß der Segen eines ſterbenden Sünders Deinen ſchuldloſen Kindern nach ihrer Unſchuld, nicht nach ihres Großvaters Verbrechen angerechnet werde, und nimm das, was dort liegt, und laß mich, ehe meine Augen ſich ſchließen, ſehen, welch hölliſcher Zauber bis dahin mein Leben erhalten hat!“ „Laßt das, mein Vater!“ ſagte der Gelehrte, lieb⸗ reich den Schweiß von dem Antlitz des Sterbenden trocknend.„Da, trinkt noch einen Schluck Waſſer, und dann wollen wir im gemeinſamen Gebet Eure Seele der Gnade Gottes übergeben, der das Blut ſeines Sohnes hat fließen laſſen, die Sünder ſelig zu machen.“ „Meinſt Du, Johannes“, fragte der Alte ſchüchtern, „daß auch einem ſo verruchten Schelm wie mir kann ver⸗ geben werden? O, ich möchte Dir beichten, daß Du mich freiſprechen könnteſt von meinen Sünden und Ueber⸗ tretungen!“ „Sterbt Ihr, mein Vater, im feſten Glauben, daß Jeſus Chriſtus ſein Blut vergoſſen hat für alle Sünder, wie ſchwer ihre Uebertretungen auch geweſen?“ fragte Johannes mit ſanftem Troſtwort. „Iale „Glaubt Ihr, daß der Menſchenſohn aus reiner Liebe und aus Barmherzigkeit mit dem Elende der Sün— der all die unermeßlichen Qualen ſeines Leidens und Sterbens auf ſich genommen, damit ſie ſich der Hoffnung getröſten können, daß Gottes Zorn ver— ſöhnt und ſeiner Gerechtigkeit durch ſein Blut genug gethan ſei?“ „Jal“ „Bereut Ihr von Herzen Eure Miſſethaten und fühlt Ihr, daß Ihr, falls es Gott gefiele, Euer Leben zu verlängern, dieſelben gewiß nicht wieder begehen würdet?“ „Ja, mit dem Beiſtande meines guten Sohnes würde ich ein neuer Menſch werden!“ „Vergebt Ihr denen, die Euch beleidigt ha⸗ ben, ſo aufrichtig, als Ihr wünſcht, daß Euch Gott ver⸗ gebe?“ Der Seentende ügett ein wenig, dann aber ant— wortete er feſt:„Ja, ich vergebe der Katharina, die ich ja auch oft gekränkt und beleidigt hatte, ehe ſie mich von Haus und Hof in Elend und Verzweiflung und endlich in den bittern Tod jagte!“ „Amen!“ hauchte Johannes, der an dem Lager ſeines unglücklichen Vaters auf die Kniee geſunken war. Dann 7* 100 betete er mit lauter Stimme und andächtig zum Himmel gerichteten Augen das Vaterunſer. Der Sterbende be⸗ V tete lautlos mit; er hielt die Hand ſeines frommen Sohnes in der ſeinigen, und dieſer fühlte das allmälige Erſchlaffen ihrer Muskeln und die leiſe ein⸗ tretende Todeskälte derſelben in dem Momente, als an der geſchloſſenen Hausthür durch zweimaliges leiſes Kratzen ein Zeichen gegeben wurde, daß ein zur Familie oder doch zu deren intimſten Freunden Gehörender Ein⸗ laß begehre. Kepler, der ſehr wohl wußte, daß nur Apollonia das Zeichen kannte, öffnete der bewährten Freundin, die auch jetzt wieder, wie ſchon oft in ſeinem Leben, ihm ſo ganz zur rechten Zeit zu Hülfe zu kommen ſchien. Es war wirklich die alte Schwäbin, die zum er⸗ ſten Male ſeit der Schreckensnacht ſich von ihrer jungen Herrin entfernt hatte, um nach ihrem Sohne und deſſen Familie zu ſehen. Der Tod hatte mit ſeiner eiſigen Hand faſt zärtlich die rauhen Züge des wilden Landsknechts berührt. Das kalte Angeſicht lag ruhig lächelnd da und zeigte in die⸗ ſer Ruhe die Aehnlichkeit mit dem einſt hübſchen Hein⸗ rich Kepler, den Apollonia in ihrer Jugend wohl gekannt und oft bemitleidet, wenn auch wohl noch öfter hart getadelt hatte. 101 „Gott hat Dir eine große Gnade zu Theil wer⸗ den laſſen“, ſagte ſie ſanft;„Du haſt Deinem verirr⸗ 1 1 ten Vater die Augen zugedrückt. Gebe ihm der Herr 3 Vergebung und den ewigen Frieden!“ „Amen!“ ſetzte Kepler leiſe hinzu, ohne darauf zu m achten, daß ſeine alte Freundin ſich niedergebeugt und 8 die Schnur und das kleine Päckchen, das der Geſtorbene e von ſich geworfen, aufgehoben hatte. 3 Sie betrachtete die eigenthümlich geflochtene Schnur mit nachdenkenden Blicken, und es ſchien, als ob beim 3 Anblick derſelben die Thränen ſich unaufhaltſam ihr in 6 ie die Augen drängten. ſo Das hat der Geſtorbene gehabt?“ fragte ſie 6' dann leiſe. -r. Der Sohn bejahte. a„Solche Schnüre habe ich als kleines Kind viele, en ja wohl viele hundert Ellen flechten müſſen“, ſagte ſie dann wehmüthig.„O wie mich dieſer leichte Faden an ich meine ſchwere Vergangenheit erinnert, die jetzt ſo V 96 lange ſchon hinter mir liegt! Mit ſolchen Schnüren e knüpfte die ſchlimme Frau, die mich erzog, ihre Amu⸗ in. lete und Schutzzettel denen um, die thöricht genug It. waren, ihre Betrügereien mit ſchwerem Gelde zu be⸗ ja zahlen.“ „Ihr ſprecht, meine Mutter, als ob Ihr das ver⸗ 10² ruchte Thun der Renata Streicherin für nichts Anderes hieltet, als für eine Täuſchung, die ſie ſich gegen Leicht⸗ gläubige erlaubte; war denn ſie, die als Hexe am Brand⸗ pfahle ſtarb, nicht unendlich ſchlimmerer Verbrechen als der Betrügerei ſchuldig?“ „Sie war eine ſchwere Verbrecherin und der ent— ſetzliche Tod, den die Unvernunft ihrer Richter ihr an⸗ that, war durch ſchwere Thaten wohlverdient“, entgeg⸗ nete Apollonia mit Würde.„Auch der Unglückliche, der hier ſich zum ewigen Schlafe niedergelegt, kann ſein verfehltes Leben größtentheils ihren abſcheulichen Ma— chinationen zuſchreiben; aber, mein Sohn, Dir, der mein Leben ſo genau kennt, Dir, der mich mit Sohnestreue ehrt und liebt, kann ich, die ich ſchon einmal Kerkerhaft und Folterqualen überſtanden habe, ruhig ausſprechen, daß ich Alles, was man ihre Hexenkünſte nannte, ſo gut und vielleicht noch beſſer— denn ich bin von Natur geſchickter und anſtelliger wie ſie— verrichten kann. Sie hatte recht ſchöne Kenntniſſe, aber ihr eigener Ver⸗ ſtand und die Aufmerkſamkeit, mit welcher ſie Natur und Menſchen beobachtete, nicht teufliſche Hülfe, haben ihr die⸗ ſelben gegeben. Weißt Du doch auch aus dem Safte guter Kräuter geſunde Tränke zu brauen, und Rabbi Löw, der ge⸗ lehrte, fromme Jude, hat Dich noch manches Andere gelehrt. Aber ſie braute auch entſetzliche, die Sinne und das Blut — —— 103 aufregende oder raſch alle Kräfte des Körpers einſchläfernde Gifte gleichfalls ohne Hülfe übernatürlicher Weſen, die ſie bald als Liebestränke, bald als Schlaftrunk ver⸗ kaufte und die, o wie oft, in zu großem Maße angewendet, Raſerei, Lähmungen und ſchmerzhaften Tod herbeiführten. Sie war keine Buhlerin des Teufels, den ſie in leiblicher Geſtalt ſo wenig geſehen hat als ich, als die frömmſte Heilige des römiſchen Kalenders, oder als Katharina von Bora, die wackere Hausfrau des Mannes, der als der Verbeſſerer unſeres Glaubens ſich mehr als einmal dem Flammentode ausſetzte. Es ſcheint mir ſeltſam, daß Du, mein Sohn, der die ein⸗ fachen Naturgeſetze gefunden, nach denen die fernen Planeten ihre unveränderlichen Bahnen am Himmelsge⸗ wölbe gehen, Du, der ſo ſanft und ernſtlich den Kampf gegen die Verſuchungen in der eigenen Menſchenbruſt gekämpft und beſtanden, noch eine directe Einwirkung eines ſichtbaren Teufels für wirklich beſtehend annimmſt. Haſt Du vor kürzerer Zeit wieder Nachrichten gehabt über die Anfechtungen, mit denen man in unſerer Hei⸗ mat Deine arme Mutter quält? Du haſt keine Vor⸗ ſtellung davon, wie ſehr der Gedanke an ihr mögliches Schickſal mich beunruhigt.“ „Aber ſie iſt keine Hexe, und den Verleumdungen, mit denen man ihre und folglich auch meine Ehre be⸗ 104 fleckt bin ich ernſthaft entgegengetreten“, rief Kepler eifrig⸗ Apollonia ſtrich bei dieſen Worten mit einer ganz mütterlichen Geberde dem großen Gelehrten über die hohe Denkerſtirn, indem ſie ſeufzend flüſterte: „O Thor, befangen in den Vorurtheilen einer finſtern Zeit. Sie iſt keine Hexe, gewiß iſt ſie es nicht, aber ſie iſt eine gefürchtete und gehaßte alte Frau, ſchutzlos, ſelbſt ohne den Schutz gewöhnlicher Klugheit. Auch ich war keine Hexe und ertrug doch die Leiden der Folter, und eine Hexe war auch die Streicherin nicht mehr als ich. Schau her, hier kann ich Dir den Beweis in die Hand legen, welcher Art die Hexereien waren, die man der geldgierigen Betrügerin am meiſten zur Laſt legte. Dieſes beſchmuzte, mit Blut und Schweiß befleckte Stück Papier iſt ein von ihr unter angeblichen Hexereien angefertigtes Amulet, das den Träger deſſelben hieb⸗ und ſchußfeſt machen ſollte.“ Die kleine ſanfte Frau hatte bei dieſen Worten das feſt zuſammengefaltete Ding ergriffen, das Heinrich Kepler an der einſt von ihr ſelbſt angefertigten Schnur viele Jahre um den Hals getragen hatte. Mit geſchickter Hand legte ſie es auseinander, denn ſie wußte ſehr wohl, wie die Streicherin dieſe Amulete, die ſie ſich zehnfach mit Gold aufwiegen ließ, zu falten pflegte. Sie ſtrich dann —n — 105 das kleine Stück vergilbten Papiers mit dem Hand⸗ ballen glatt und reichte es Kepler, der es mit ernſter Miene zu leſen verſuchte. Nur wenige Worte in deut— ſcher Sprache waren darauf geſchrieben, doch ſchien es dem Gelehrten unmöglich, ſie zu leſen, bis er endlich nach mehrmaligem Anſetzen nichts Anderes herausbrachte als die mit mehreren Ausrufungszeichen verſchärfte An⸗ rede:„Hundsfott, wehr’ Dich!!!“ deren Befolgung im Schlachtgewühle allerdings das beſte Mittel ſein dürfte, unverwundet zu bleiben. „Und man nennt ſolches Mittel, ſich hieb⸗ und ſchußfeſt zu machen, die paſſauer Kunſt?“ ſagte Kepler, und keine Spur eines Lächelns lag auf dem ſchönen Geſichte des in ſo ſeltſamer Weiſe Belehrten. „Nun, dies rohe, aber tüchtige Kriegsvolk befolgte die Regel der alten als Hexe verbrannten Baſe Strei⸗ cherin und hat ſich einen ehrenhaften Kriegerruf dadurch erworben“, ſagte Apollonia mit einem feinen Lächeln, das auch noch dem faltigen Geſicht der Matrone ſchön genug ſtand, um der Anſchuldigung, die man einſt der blühenden jungen Frau gemacht hatte, daß ſie durch daſſelbe alle Herzen bezaubern könne, eine gewiſſe Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu geben. „Aber nun, mein Sohn“, ſetzte ſie, jede Spur deſ⸗ 106 ſelben in ihrem Geſicht auslöſchend, hinzu,„wo iſt Deine Frau, wie geht ihr's? Hat Dein armer Vater ſeine hol⸗ den Enkel geſehen und geſegnet?“ Kepler gab ihr Antwort auf ihre theilnehmenden Fragen, und Apollonia eilte, um den kleinen Ludwig bei der Mutter abzulöſen. — Viertes Kapitel. Barbara Kepler lag ſehr krank auf dem Bette, wo⸗ hin ihr Gatte ſie getragen, und ihr Ludwig, der verſtän⸗ dige Knabe, der es ſich ſtets zur Gewiſſensſache machte, ſeinem herzlieben Papa ein frommes, gehorſames Kind zu ſein, ſaß ganz ſtill und aufmerkſam daneben und be⸗ trachtete die Holzſchnitte in ſeinem Katechismus oder lernte von Zeite zu Zeit ein„Was heißt das?“ zu den hei⸗ ligen zehn Geboten. Es ward dem lebhaften Knaben nicht gerade ganz leicht, ſich ſo ruhig zu verhalten, und ſeine Augen leuchteten daher freudig auf beim Eintritt ſeiner beſten Freundin, der lieben Großmutter Apollonia. Die alte Frau lobte mit freundlichen Worten das gute Verhalten des kleinen Krankenwärters, fragte nach dem Befinden der Mutter, und horchte mit gro⸗ ßer Aufmerkſamkeit auf die etwas ſeltſam klingenden Berichte darüber. Die Mutter war ſehr böſe geweſen, ſo böſe wie ſonſt nie; ſie hatte dem Kleinen, als er ihr in 108 beſtem Willen ein Glas Waſſer, das der Vater zu die⸗ ſem Zweck ihm ins Zimmer geſetzt, zum Trinken gebo⸗ ten, ſo heftig aus der Hand geſchlagen, daß die Flüſſig⸗ keit über die Bettdecke geſtrömt und das Glas zu Bo⸗ den fallend in Scherben zerſplittert war. Dann hatte ſie mehrmals ſehr laut geſchrien, darauf ein Meſſer ver⸗ langt, weil ſie den kleinen Säugling ſchlachten müſſe, und, da Ludwig erklärt, daß er ihr zu dieſem Zwecke kein Meſſer bringen könne und wolle, den Knaben hef⸗ tig an den Haaren gezauſt und war endlich ſichtlich er⸗ mattet wieder ins Bett gegangen, wo ſie noch mit weit offenen Augen um ſich ſtierend da lag und den Kopf mit ſchon lange fortgeſetzter gleichmäßiger Bewegung von einer Seite auf die andere wälzte. Apollonia war ſehr erſchrocken über das, was ſie hörte und ſah. Mit liebevoller Freundlichkeit redete ſie zu der Kranken, die ihr aber nicht das geringſte Zeichen von Verſtändniß, keine Antwort auf irgend eine ihrer Fragen gab. „Wann hat das kleine Schweſterchen zuletzt bei der Mutter getrunken?“ fragte ſie endlich den Knaben. Dieſer wußte es nicht genau, konnte aber mit Ge⸗ wißheit angeben, daß es, ſolange die Mutter hier unter ſeiner Aufſicht gelegen, nicht geſchehen ſei. Apollonia eilte nun zu dem kleinen Kinde, das in 109 der Wiege nur wenige Schritte von Kepler's Arbeitstiſche ſchlief. Das arme Geſchöpfchen war krank und durſtig und nahm das mit etwas Milch gemiſchte Fenchelwaſſer, das die Großmama ihm in einem Fläſchchen bot, mit gro⸗ ßer Begierde an. Dann trug ſie es zur Mutter, hoffend, daß der Anblick des hülfloſen Geſchöpfes günſtig auf Barbara wirken dürfte; dem kleinen Ludwig aber gab ſie den Auftrag, den Vater zu bitten, er möge ſo raſch als möglich Rabbi Löw, den Freund des Hauſes, erſuchen, ſich der kranken Mutter anzunehmen. Ohne Apollonia's Ankunft wäre im Hauſe Kepler's, trotz ſeiner Bemühungen, den Bedürfniſſen des Kinder⸗ häufchens Genüge zu leiſten, wohl eine ſchlimme Ver⸗ wirrung geweſen. Im Hausflur lag immer noch auf dem blutigen Strohlager die Leiche des alten paſſauer Landsknechts. Der kleine Säugling und das dreijährige reizende Len⸗ chen, Kepler's Lieblingstöchterchen, waren ſehr krank und Barbara's Zuſtand wurde mit jeder Stunde beſorgniß⸗ erregender. Rabbi Löw konnte wenig oder gar keinen Troſt geben und bat ſeinen jugendlichen Freund nur, auch dieſer Prüfung mit echtem Muthe Stand zu halten. In der Stadt herrſchten ſchwere Seuchen; die barm— herzigen Brüder zogen durch die Straßen, die im nächt⸗ 110 lichen Kampfe Gefallenen zu begraben und die noch athmenden Verwundeten ſo viel als möglich zur Pflege und Abwartung in die Klöſter und Siechhäuſer zu ſchaffen. Es waren Zuſtände, die man mit Recht als das traurige Vorſpiel jenes entſetzlichen Jammers betrachten konnte, den ein dreißigjähriger blutiger Krieg von da ab über Deutſchland brachte.. Zwei Männer ſchienen indeß von all den Verwir⸗ rungen, die um ſie her tobten, nicht allzu ſchwer berührt zu werden, Kaiſer Rudolf auf dem ſtolzen Hradſchin und Johannes Kepler in ſeinem einſamen, von Tod und Krankheit heimgeſuchten Hauſe. Den Kaiſer beſchäftigte jetzt früh und ſpät nur eine Angelegenheit, die Vermählungsfeierlichkeiten der Grä⸗ fin Polixena. Der Schwager dieſer letztern, der Graf von Roſenberg, hatte nicht die Abſicht, ſich die Hand der ſchönen Frau, die einſt das Ideal ſeiner Jugend⸗ träume geweſen, durch eine Handlung zu erwerben, die er von ſeinem Standpunkte aus für Felonie halten mußte. Er gehörte zu den zwar gemäßigten, aber ſehr ge⸗ achteten Führern der Proteſtanten, war jedoch, obgleich⸗ noch befreundet mit Thurn und Schlick, bei weitem an⸗ ſpruchsloſer und ruhiger als dieſe Männer, die man ſtets da, wo es lauter Hader und offene Empörung gab, 111 als die wildeſten Schreier in den empörten Haufen fand. Der junge Zdenko Adalbert Popel von Lobkowitz war aber zum angenommenen Bewerber der ſchönen Gräfin geworden, ſeit er wenige Tage nach dem Kampfe mit den Paſſauern öffentlich im St.⸗Veitsdome mit ſeinen anſehnlichſten Hausbeamten der Meſſe beige⸗ wohnt hatte.— Seit dieſem Moment war es Rudolf's größte Sorge, daß die zweite Vermählung ſeiner Freundin mit keinem geringern Glanz als ihre erſte gefeiert werde. Während Erzherzog Matthias ſich in Eilmärſchen der Stadt Prag näherte, die er als in Verbindung mit den Paſſauern und in Aufruhr gegen ſeinen kaiſerlichen Bruder in ſeinen Reſcripten darzuſtellen liebte, gab der Kaiſer Anweiſungen auf in ſeinem Schatze nicht vorhan⸗ dene Summen, mittels welcher bei der Hochzeitsfeier Po⸗ lixena's das Volk auf den Straßen von Prag mit Bra⸗ ten und Wein bewirthet werden ſollte. Er beſtimmte ſo und ſo viel tauſend Gulden, die der kaiſerliche Almo⸗ ſenier an Klöſter und milde Stiftungen vertheilen, an⸗ dere, die in kleinen Münzen unter das den Zug um— drängende Volk geworfen werden ſollten. Er rechnete die Zahl der geladenen Gäſte zuſammen und war ſehr ſorgfältig in der Auswahl derjenigen, denen eine ſolche 112 Ehre zu Theil werden ſollte; er kümmerte ſich ſo⸗ gar um die Gewänder und Spitzen und die Edelſteine der Brautkrone und des Halsgeſchmeides, welche die edle Dame an dieſem ihrem Chrentage ſchmücken ſollten. Daß ſein Todfeind heranzog und ſeine Abſichten gegen den ſchwachen Bruder unter offenbar erlogenen, jedes Halts entbehrenden, Freundſchaftsverſicherungen verſteckte, ſchien den verblendeten Monarchen gar nicht zu kümmern. Von Kepler, ſeinem Aſtrologen, forderte er vor allem die Stellung der Nativität der beiden ſeine Sorge und kaiſerliche Aufmerkſamkeit jetzt ganz allein in Anſpruch nehmenden Verlobten, und er nahm es dem geplagten Gelehrten ſehr übel, daß er ſeine häuslichen Leiden und bedrängten Verhältniſſe als Vorwand angab, ſeinen kai⸗ ſerlichen Herrn um Entbindung von dieſer Arbeit zu bitten. Johannes Kepler, früh und ſpät an den Bettchen ſeiner kranken Kinder ſitzend, von bittern Sorgen um die nöthigſten Lebensbedürfniſſe gequält, da ſein Gehalt nicht gezahlt wurde, weil die kaiſerlichen Kaſſen ſich we— gen der Hochzeitsfeierlichkeiten der Gräfin in gänzlich erſchöpftem Zuſtande befanden, mußte ſein Herz und all ſein Denken jetzt beſonders auf den traurigen Zu⸗ 113 ⸗ ſtand ſeines Weibes richten. Apollonia und Rabbi Löw ne waren in dem tiefen Elende, das mitten in dem allge⸗ die meinen Leid der Zeit ſich noch beſonders auf Haus und en Herz des armen Gelehrten geworfen hatte, zwar ſeine treuen Freunde und Rathgeber, aber beide konnten ſich en ihm nicht ſo hingeben, als ſeine Verhältniſſe es drin⸗ en, gend nothwendig machten. en Apollonia's Kräfte wurden in den Unruhen, die die cht Hochzeit ihrer großmüthigen Herrin mit ſich brachten, aufs äußerſte in Anſpruch genommen, und Rabbi Löw em beſuchte zwar die drei Kranken in Kepler's Hauſe täglich, und aber er konnte in der Hauptſache ſeinem Freunde über uch das Befinden derſelben keine Beruhigung geben. Die ten kleine geduldige Magdalene litt an dem bösartigen 1 und Fieber, das in den Mauern Prags unzählige Menſchen kai⸗ darniedergeworfen hatte. Das kleinſte Kind verſchmach⸗ u tete mehr und mehr, weil Barbara die Nahrung für daſſelbe verloren hatte, die ſich, wie der gelehrte Arzt be⸗ chen hauptete, infolge von Gemüthsaufregungen an die Ge⸗ un hirngänge der Leidenden gezogen hatte und die Geiſtes⸗ helt zerrüttung hervorbrachte, die ſich an jedem Tage mehr we⸗ und ſchrecklicher bei der Unglücklichen bemerkbar machte; Jich die Nahrung, die Kepler's Vaterhand dem Würm— und chen reichte, gab ihm kein Gedeihen. Es ſcheint, als ob zu es ein Naturgeſetz ſei, daß alle hochbegabten Menſchen Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 8 114 ihre Kräfte in ganz beſonders ſchweren Kämpfen mit dem Schickſal üben und entwickeln müſſen. Auch Kepler's große Seele, die geſchaffen ſchien, eine heilige, faſt übermenſchliche Befriedigung in der Betrach⸗ tung der Natur, in der Erkenntniß der Erhabenheit des höchſten Weltgeiſtes durch die Erkenntniß der Schönheit, Zweckmäßigkeit und Geſetzmäßigkeit ſeiner Werke zu fin⸗ den, dem es die Herrſchaft, die er über ſich ſelbſt hatte, leicht machte, ſich über das Elend der Erde hoch zu erheben. Kepler mußte ſich durch das ſchönſte und heiligſte Er⸗ denband, durch ſein Familienleben, durch ſeine tiefge⸗ fühlte Vaterliebe und durch die Rückſichten, die er ſei⸗ nem Weibe, der Mutter ſeiner Kinder, ſchuldig zu ſein überzeugt war, von dem Glück, das er ſo ganz zu genießen fähig war, zurückgehalten ſehen. Ar⸗ muth und Hunger hätte er für ſich ſelbſt nicht nur ohne Zagen und Murren, ſondern mit Heiterkeit, oft vielleicht ſogar, ohne ihr Nagen zu fühlen, ertragen kön⸗ nen; aber die Leiden ſeiner kranken Kinder, das wahn⸗ ſinnige Jammern des Weibes, dem er ſeinen Schutz vor Gott verſprochen hatte, ſie legten ihm Feſſeln um die beſchwingte, zu Gott aufſtrebende Seele. Sein kleiner lieber Ludwig war in den Nöthen, die jetzt auf den armen Vater einſtürmten, ſein treueſter Beiſtand. Der alte paſſauer Landsknecht war noch nicht begraben und ſtill und kalt lag die Leiche des verirr⸗ ten Vaters im Hauſe des frommen, rechtſchaffenen Sohnes. Das Gleichniß vom verlorenen Sohne, das uns der Erlöſer in ſo einfach rührender Weiſe erzählt, wird ſich auf Erden tauſendmal wiederholt auffinden laſſen und liegt tief begründet in der menſchlichen Natur. Es gibt nicht viele Väter, die ihrem aus Elend und Verzweiflung heimkehrenden Sohn die Thür des Vaterhauſes verſchließen würden; denn muß ſich nicht jeder Vater ſagen, daß er die Verirrungen ſeines Kindes auf die eine oder die andere Weiſe mitverſchuldet habe, indem er das Gemüth deſſel— ben, da es noch weich und bildungsfähig war, nicht auf die rechten Wege leitete? Hier hatte der Sohn, der in jeder Beziehung ſchuld⸗ loſe Sohn dem ſündigen Vater vergeben, einem Vater, dem er nichts zu verdanken hatte als eben nur das Leben, einem Vater, der ſich bis zum letzten Augenblick ſchwer an ihm verſündigt hatte, denn ſein Eindringen in den geängſtigten Familienkreis des proteſtantiſchen und in allen Ehren lebenden Mannes mußte, das konnte dem alten Landsknecht nicht unbekannt ſein, einen Flecken auf den Ruf deſſelben werfen. Auch war Barbara, das wußte Kepler ſehr wohl, durch dies Eindringen in ihrem noch ſo der Schonung bedürftigen Zuſtande bis zum Tode er⸗ 8* 116 ſchreckt worden; dennoch war keine Bitterkeit gegen den unglücklichen Vater in des Sohnes Bruſt zurückgeblieben. Es waren nun drei ſchreckliche Tage vergangen ſeit Heinrich Kepler's ſchmerzvollem Tode, und es ward zur dringenden Pflicht, die Leiche endlich der Erde zu über⸗ geben. Wie dringend auch Kepler wünſchte, ſie nach pro⸗ teſtantiſchem Ritus und in Begleitung eines Geiſtlichen dieſer Confeſſion beſtatten zu laſſen, es fand ſich dazu in der wild aufgeregten, jeden Tag von neuen Emeuten durchtobten Stadt keine Gelegenheit. Apollonia hatte es über ſich genommen, einen Sarg für die irdiſchen Reſte ihres Jugendbekannten herbeizu⸗ ſchaffen, und dies war ihr auch nach vieler Mühe durch die Vermittelung des wackern Meiſters Euſebius, des Haus⸗ hofmeiſters der Gräfin, gelungen. Als die Leiche von dieſem würdigen Mann und von dem tief bewegten Sohn in ihre letzte Ruheſtätte gelegt ward, erinnerte die anweſende Apollonia, daß man jedenfalls verpflichtet ſei nachzuſehen, ob der Ver⸗ ſtorbene noch irgend etwas bei ſich habe, das den Ueber⸗ lebenden als Zeichen der Identität ſeiner Perſon dienen könne. Auch Johannes Kepler erinnerte ſich, daß der Todte ihm mitgetheilt, er wolle ſeinen Kindern das Gold hinterlaſſen, das er als ſein Beſitzthum auf ſeiner Bruſt trage. So fanden denn die Nachſuchenden außer mehre⸗ 117 ren Goldſtücken von franzöſiſchem, holländiſchem und deutſchem Gepräge in einem dicht verbundenen ſeidenen Beutel, den Kepler als eine Kinderarbeit ſeiner Schweſter Margarethe erkannte, auch den Trauring mit dem Namen ſeiner Mutter und dem Datum des Hochzeitstags und ein kleines Kreuz von Bronze, das er, das kleine Johan⸗ nesle ſeines Vaters, einſt als Kind von dem Oheim Guldenmann empfangen und dem Vater auf deſſen Bitten geſchenkt hatte. Ein Gefühl unſaglicher Wehmuth und ttiefſter Rührung ging durch Kepler's weiche Seele, als er dieſe untrüglichen Zeichen vorfand, daß der Unglück⸗ liche, den man hier begraben wollte, wirklich ſein Vater geweſen und daß er mitten in den wildeſten Verirrungen ſeines Lebens Erinnerungszeichen an die ver⸗ laſſenen Seinigen bei ſich getragen und in Ehren gehal⸗ ten hatte. An dem ſtillen Grabe auf dem Kirchhof, der zur Teinkirche gehört, ſegnete der Sohn den verirrten Vater und weihte ſeine letzte Ruheſtätte mit ſeinen Thränen zur ewigen Ruhe ein. Es gibt einen ſchönen Spruch, der ſich im Leben guter Menſchen wieder und wieder bewährt. Er heißt:„De⸗ nen, die Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen.“ Die rührende Wahrheit deſſelben zu erweiſen, könnte 118 jeder Leidenstag aus dem Leben Kepler's dienen. Nicht ſeine hohe Gelehrſamkeit, nicht ſein Ruhm und ſeine ſeltenen Naturgaben erſcheinen dem ſchlichten Frauen⸗ herzen, aus welchem dieſes Buch gefloſſen, ſo werth, daß gerade unſere Zeit an den längſt Dahingeſchiedenen erin⸗ nert werde, aber ſeine Gelehrſamkeit war eben nichts Anderes als ſein frommes Suchen und Forſchen nach Gott in der Natur. Ihn ſuchen, finden und lieben war das hohe Glück ſeines ſonſt ſo armen Erdenlebens, und ſo ward eben ſein ganzes Leben zur Beſtätigung jenes ſo tröſtenden Spruchs. Zwiſchen Glauben und Wiſſenſchaft herrſcht ein Jahrtauſende alter Streit, und wohl hat unſer Humboldt ein wahres Wort geſagt, als er behaup⸗ tete, die Aſtronomie habe dem Glauben den Himmel V über dem Haupte und die Geologie ihm die Hölle unter b den Füßen weggezogen. Welchen Standpunkt aber auch die Naturwiſſen⸗ ſchaften in der Geſchichte des menſchlichen Fortſchritts einnahmen und in künftigen Jahrhunderten einnehmen werden, immer kann und wird derſelbe nur der Stütz⸗ und Schwerpunkt der echten Religioſität ſein und nie dieſelbe in ihren Grundfeſten unterwühlen. Nicht der Glaube an einen materiellen Himmels⸗ ſaal oder Garten jenſeits des Sternengewölbes oder der an einen materiellen Höllenpfuhl in unbekannten Welt⸗ 119 regionen unterhalb einer feſtſtehenden Erde ſind die Grundfeſten der Religion; ihr eigentlicher und eigenſter Stützpunkt iſt die in jedem Menſchenherzen wurzelnde Gewißheit, daß das Gute, die Fortentwickelung der Schöpfung als Weltganzen zur höhern Vollkommenheit, als unwiderrufliches Geſetz Gottes in jede Menſchen⸗ bruſt, in jede Sternenbahn, in die Richtung jeder Achſe der ſich um die Sonne wälzenden Weltkörper geſchrieben iſt; und dieſe Gewißheit wird der Forſcher nach den Kräften der Natur auch noch nach Jahrtauſenden in der⸗ ſelben finden. Wenn auf der kleinen, dunklen, in einem Winkel des Alls kreiſenden Erde ein unvollkommenes Geſchlecht von Geſchöpfen wohnt, das die Sehnſucht nach Vervollkommnung neben den ſinnlichen Trieben, die ihm zu ſeiner Erhaltung und zur Erhaltung ſeiner Gattung ins Leben mitgegeben wurden, in ſeiner Bruſt als wahren warmen Naturtrieb fühlt, und das nun eben durch die beiden in ſeinem Ich waltenden, anſcheinend ſich widerſprechenden Richtungen in Leid und Unruhe, in Zerwürfniſſe mit ſich ſelbſt und in eine Furcht gegen Gott gerieth, die ihm die Tugend zur Pflicht und die Sinnenluſt ſo ſüß gemacht hat, ſo ward dieſem ſchwa⸗ chen Geſchlecht durch das Chriſtenthum und durch die Wiſſenſchaft die nothwendige Vermittelung gegeben. Denn das Chriſtenthum zeigt uns am Beiſpiele des 120 Erlöſers, daß das Streben der Menſchenſeele nach höch⸗ ſter Vervollkommnung in ſich ſelbſt ein Glück, eine Befrie⸗ digung enthält, die eigentlich der menſchlichen Natur weit angemeſſener iſt, als das blos ſinnliche Behagen, das wir mit den weit niedriger ſtehenden Bewohnern unſeres Sterns theilen und nie in einem höhern Grade als ſie empfinden können. Der am Kreuze ſterbende Welterlöſer zeigte uns inmitten ſeiner Qualen und Schmerzen, daß die menſchliche Natur weſentlich ver⸗ ſchieden von der thieriſchen, von den elementaren Ein⸗ flüſſen, die auf den Körper wirken und uns ſo an unſern Wohnplatz die Erde feſſeln, unabhängig ſei, oder es we⸗ nigſtens durch Uebung desjenigen, was wir Tugend nennen, werden könne. Wie uns die Tugend, die wir üben können, den Beweis gibt, daß wir weit über das Thier erhabene, daß wir geiſtige Weſen ſind, ſo gibt uns dieſe Gewißheit auch wieder die Ueberzeugung, daß wir, die wir als Erdenbewohner nicht über der Grund⸗ urſache der Schöpfung und Erhaltung des Weltganzen ſtehen können, auch in jener ſelbſt einen Geiſt zu ver⸗ ehren und zu lieben haben. Unſer Auge, das uns in die Tiefen der Himmel ſchauen und mit Hülfe unſerer Vernunft die Bahnen der fernſten, duftarti⸗ gen Kometen, der kleinen Jupitersmonde und jener kleinen, mit unſern feinſten Inſtrumenten nicht mehr —— — meßbaren Planeten, die ihre Bahnen zwiſchen der Mars⸗ und Jupitersbahn um den Centralkörper ſchlingen, be⸗ rechnen läßt, zeigt uns freilich bei den ſchärfſten Beob⸗ achtungen der Natur nicht Gott ſelbſt, körperlich, per⸗ ſönlich, wie unſere Zeit es nennt, aber es zeigt uns, daß Geſetzmäßigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit, Schön⸗ heit, daß die Sicherung für Erhaltung des Weltganzen und jedes einzelnen Theils Grundbedingungen der Schöpfung ſind. Zeigt uns alles dies aber die Wiſſenſchaft, ſo tritt ſie nicht in Widerſpruch mit der Religion, die uns Gott als einen Vater lieben und als unſer höchſtes Vorbild betrachten lehrt. Du ſollſt Gott lieben von ganzem Her⸗ zen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüth, iſt das höchſte Gebot des jetzt von Unvernunft und Mißver⸗ ſtändniß angefochtenen Chriſtenthums, und: Darum ſollt ihr vollkommen ſein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen iſt, ein neben jenem ſtehendes. Nie wird und kann die Erkenntniß der Natur an dieſen er⸗ habenen Lehren etwas ändern, und nie können dieſelben von jener beſtritten oder angefochten werden. ⸗ Erkenntniß der Natur iſt Erkenntniß Gottes durch ſeine Werke. Gebietet uns nun das Chriſtenthum, dem Ewigen, dem Vollkommenen nachzuſtreben, und fühlen wir bei der Erkenntniß ſeiner Erhabenheit und unſerer 122 Schwäche eine natürliche Furcht, zittern wir vor den Folgen unſeres Thuns, das die geſetzmäßige Vervoll⸗ kommnung des Weltalls durch ſeine ſchlimmen Wirkun— gen auf uns und andere einzelne Theile deſſelben ſtö⸗ rend zu unterbrechen ſcheint, ſo gibt uns auch da das Chriſtenthum wieder ſeinen ſchönen Troſt. Die Ver⸗ vollkommnung unſerer Mitmenſchen können wir durch unſer Thun ſchwerlich hindern, denn das Beiſpiel des Er⸗ löſers zeigt uns, daß die höchſte menſchliche Vollkom⸗ menheit bei allen Unvollkommenheiten des Erdendaſeins erreicht und nur gerade in dieſer unvollkommenen Welt erſtrebt und errungen werden kann. Nur der mit Dor⸗ nen gekrönte, von Geißelhieben blutende, unter ſeinem Kreuze zuſammenſinkende Chriſtus, der, als ſeine Mör⸗ der die Nägel durch ſein zuckendes Fleiſch ſchlugen, be⸗ ten konnte:„Vater, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ nur er, der im Moment der bitterſten Todesqual betete:„In Deine Hände befehle ich meinen Geiſt!“ und ſterbend die ſelige Freude empfinden konnte, die ſein Ausruf:„Es iſt vollbracht!“ in rührender Ein⸗ fachheit verkündigt, nur er iſt das deutliche Bild der vollkommenen, über alle Knechtſchaft erhabenen Freiheit des Menſchengeiſtes, die die Erde und ſeine ihr ge⸗ hörenden Sinne ihm auferlegen. Und er iſt auch für jeden einzelnen bereuenden ſündigen Menſchen der Freund, der ihm Vergebung ver⸗ ſichert und dem gröbſten Verbrecher Muth zuſpricht, ſich aufzuraffen aus dem wilden Elende der Verzweiflung an ſich ſelbſt. Ruft nicht jeder unter der Dornenkrone des Gekreuzigten hervorrieſelnde Blutstropfen dem nie⸗ drigſten Wüſtling, der auf dem Siechbett bei den ſelbſt⸗ verſchuldeten Körperleiden jammert, zu: Ich litt ohne eigene Schuld wie du und konnte es in Geduld und Freudigkeit ertragen, habe Muth! Ruft ſein ſanftes Wort:„Kommt her alle, die ihr mühſelig ſeid und bela⸗ den“, auch dem wüſteſten Mörder in ſeiner Verzweiflungs⸗ angſt vor der Strafe in Zeit und Ewigkeit zu: Ich litt und ſtarb in Qualen, damit du und alle, die wie du leiden, an die Verſöhnung mit Gott glauben und den Muth zu einem neuen reinen Kampf mit den Leiden und Bedürf⸗ niſſen der Erde ohne Zittern beginnen können? Ich bitte meine geneigten Leſer, die mir im Leben meines Helden, meines hochverehrten Kepler, bis hierher gefolgt ſind, um Verzeihung für dieſe lange Abſchwei⸗ fung von der Erzählung ſeiner Geſchichte. Auch Kepler war Naturforſcher und war, wie es im Geiſte ſeiner Zeit lag, obgleich Proteſtant, doch ein frommer, gläu⸗ biger Chriſt, aber er war in den proteſtantiſchen Formen ſeines Chriſtenthums fern von allem zelotiſchen Eifer, duldſam gegen alle, die ſich an keine engen Formen 124 halten konnten, oder ſich an andere als die ihm vor⸗ gelegten zu halten gewöhnt hatten. Er ſuchte als Aſtro⸗ nom in den Geſetzen, die er in den Himmelsbahnen er⸗ kannte, die ewige Zweckmäßigkeit, die Schönheit, die ewige Vernunft, den Gott, den er ahnte. Seine große Seele verſuchte im Weltall die Gedanken des Weltſchöpfers, die ſie zu ahnen fähig war, mit Sicherheit zu erkennen und beſtätigt zu finden. Die Leiden der Erde, die er in ihrer ganzen Schwere zu tragen hatte, konnten ihn freilich an dieſen heiligen Beſchäftigungen bisweilen hindern, aber dieſe Beſchäftigungen ſelbſt, in denen er ſeine höchſte Freude fand, durften ihn niemals hindern, das zu thun, was er für noch höher als die Erkenntniß Gottes, was er als ſeine Pflicht, das heißt den Be⸗ fehl Gottes an ihn ſelbſt erkannte. Dieſe ſeine Erdenpflichten waren für ſeine edle und hohe Natur außerordentlich ſchwer. Im Beginn ſeiner Ehe hatte er mit vielem Ernſte daran gearbeitet, die Frau, der er Liebe und Treue gelobt, in ihrer Weiſe glücklich zu machen, und dabei hatte er ſich in der Selbſtüberwindung mit dem Ernſt eines Märtyrers üben müſſen. Aber indem er um Barbara's willen auf ſeine Kleidung, ſeine Manieren, auf ſeine Sprache und ſein Betragen achten lernte, um der Tochter aus höherem Stande, der Wittwe eines vornehmen Mannes, die jetzt ſein Weib war, vor der Welt keine Schande zu machen, hatte er, der Sohn Heinrich und Katharina Kepler's, die eine Wirthſchaft in einem ſchwäbiſchen Dorfe geführt, ſich die Manieren angeeignet, die ihn befähigten, am Hofe Kaiſer Rudolf's zu erſcheinen, ohne irgendwie einen Anſtoß zu geben. Schwere Sorgen waren es, die ihn in ſpätern Zeiten zwangen, auf die Erbärmlichkeiten des täglichen Broderwerbs ſehr oft zurückzukommen, wenn ſeine Seele ſich eben auf Seraphsfittigen in jene Regionen emporgeſchwun⸗ gen, wo der Erdball mit Fürſten und Kaiſern, mit hungernden Bettlern und jammernden Kindern nichts iſt als ein unſcheinbares Tröpfchen im Ocean des Welt⸗ alls, und wo die ſelbſtleuchtenden Sonnen dem frommen Herzen des Beobachters der Natur als die Seraphim erſcheinen, die ihre vom Strahl des Ewigen erhellten Antlitze lächelnd niederbeugen zu ihren dunklen Beglei⸗ tern. Wenn Kepler aus dieſen erhabenen Regionen her⸗ abgerufen wurde durch die Stimme ſeines Weibes, die ihn an die Bedürfniſſe ihrer Kinder und ihre eigenen faſt mit Härte erinnerte, ſo lernte er die Fittige ſeines Geiſtes ſchnell zuſammenfalten, um ſie, ſobald er ſeiner Erdenpflicht genügt hatte, ebenſo ſchnell wieder aus⸗ zubreiten. Seine eigentliche Amtsarbeit, die Berechnung der Pruteniſchen Tafeln, beſtand in ſehr wenig ergötzli⸗ 126 chem Rechnen, auf das er jedoch die allergrößte Auf— merkſamkeit verwenden mußte. Die kleinſte Störung, die von den Seinen ſo wenig vermieden wurde, machte es nicht ſelten nothwendig, daß er die Arbeit eines Ta⸗ ges, ſelbſt einer Woche von neuem beginnen und gänz⸗ lich wiederholen mußte, aber dadurch gewann er auch die ungeheure Sicherheit in dieſen Arbeiten. Seine Beſtal⸗ lung bei Kaiſer Rudolf verpflichtete ihn freilich, außer zu je⸗ nen ſich auf die Bewegungen der Weltkörper gründenden Zeitrechnungen, auch noch zu aſtrologiſchen Arbeiten, de⸗ ren Nichtigkeit ſeinem großen Geiſte längſt eingeleuchtet hatte und zu denen er ſich doch nicht ſelten bequemen mußte, um ſeinen lieben Kleinen Brod und einige Lebensfreuden in einer Zeit zu ſchaffen, wo alle Erwerbsquellen zu ver⸗ ſiegen begannen, wo Noth und Elend mit Geiersflügeln über Deutſchlands Gauen heranzogen, und es machte den großen Gelehrten demüthig, daß er der Thorheit dienen mußte, wie ſehr er ſie auch unter ſich ſah. „Denen, die Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen.“ Johannes ‚Kepler an dem Kranken⸗ bette ſeiner Kinder, neben ſeiner im Wahnſinn tobenden Frau dürfte vielleicht ein erhabeneres Bild echter Men⸗ ſchengröße ſein, als der Auffinder jener drei nach ihm benannten Geſetze unſeres Planetenſyſtems, welche erſt die Lehre des Copernicus zu einer Gewißheit machten, dem großen Newton den Weg wieſen und die Gelehr⸗ ten der heutigen Zeit in den Stand ſetzen, ihre Berech⸗ nungen der Himmelserſcheinungen ſo einzurichten, daß ſie ein Fernrohr heute ſtellen, in ſeiner Stellung befeſtigen und dann mit mathematiſcher Gewißheit ſagen können, in welchem Jahre, Tage, Stunde, Minute und Sekunde ein beſtimmter Stern in dem Sehfelde jenes Inſtruments in ſeiner gegenwärtigen Stellung ſichtbar werden müſſe. Nicht Copernicus iſt es, der die erhabene Wiſſenſchaft der Himmelskunde auf ihre jetzige Höhe geleitet hat, denn das Copernikaniſche Syſtem wäre ohne Kepler's genaue Beſtim⸗ mungen der Bewegungen der Himmelskörper nichts Anderes, als das Oeffnen eines Thores, durch das der bis dahin einge⸗ ſperrte Menſchengeiſt einen unbeſtimmten und unge⸗ nauen Ueberblick in eine herrliche Gegend erhält; Kepler wies die Wege in jene Gegend und zeigte uns mit Deutlichkeit ihr)e erhabenen Schönheiten. Ja, denen, die Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen. Kepler, neben ſeinem wahnſinnigen Weibe, neben ſeinem ſich im Fieber verzehrenden Lieblingskinde, er, der trotz ſeines großen Geiſtes, trotz ſeiner wohlerkannten Gatten⸗ pflichten der Schwäche erlegen war und einer tiefen, hoffnungsloſen Liebe zu einem ſchönen und edlen Weibe Raum gegeben hatte, vergaß des ſchmerzlich ſüßen Traums, den er zu träumen ſich geſtattet hatte. Die 128 Erſcheinung Polixena's, die wie eine Fee, wie ein Göt⸗ terbild in ſein Leben getreten war, gewann nicht die Macht, dämoniſch auf ihn zu wirken. Das Ideal ſeiner Jugend ward auch nicht zum Götzenbilde, vor dem er ſeine großen Lebensaufgaben als Opfer ſchlachtete. Wie ein ſchönes Wolkengebilde hatte es über ſeiner Jugend geſchwebt, und in ihm entwickelte ſich jetzt in der ſchwer⸗ ſten Zeit ſeines Männerlebens das Wunder des in der Pracht ſeiner Farben ſtrahlenden Regenbogens, jedem Schauenden die Verſicherung gebend, daß trotz der ſtrö⸗ menden Wolken doch die Sonne in ihrer ganzen Pracht ſich am Himmel befindet. Fünftes Kapitel. Die Hochzeit der Gräfin von Roſenberg ward von Kaiſer Rudolf gefeiert; die ſchweren Gewitter, die mit jeder Stunde drohender am Himmel des böhmiſchen Kö⸗ nigreichs und ganz Deutſchlands emporzogen, zeigten auch nicht den geringſten Einfluß auf den Herrn der Chriſten⸗ heit, der zur Zeit noch böhmiſcher König und deutſcher Kaiſer war. Johannes Fickler, der Freund und geiſtliche Berather Polixena's, ſchlief in ſeinem ſtillen Grabe ſanft nach dem ſchweren Traum ſeines Lebens voll Sehnſucht und Selbſtverleugnung, und Pater Cyſetus, ſein Gefährte bei der delicaten Sendung, die Rudolf verkünden ſollte, daß ſein Neffe und erwählter Nachfolger ſeinen Frieden geſchloſſen mit ſeinem natürlichen Nachfolger, den er wohl mit Unrecht für ſeinen Todfeind hielt, war nach Graz zurückgekehrt. Rudolf ſchien nicht mehr daran zu denken, daß die deutſchen Fürſten ihn bei ihrer Zuſammenkunft in Wien Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 9 13⁰ auf Matthias Wunſch und mit Ferdinand's Zuſtimmung für zu ſchwach und zur Regierung unfähig erklärt hatten. Die Unruhen in Prag, ſeiner eigenen Reſidenz, beach⸗ tete er nicht. Das laute Murren eines Volkes, welches jetzt ſchon ein Jahrhundert lang Glaubensfreiheit begehrte und den Tod des erſten Apoſtels der böhmiſchen Geiſtesfreiheit, des Magiſters Johannes Huß, durch einen vieljährigen Krieg mit Feuer und Schwert an dem ganzen katholi⸗ ſchen Deutſchland gerächt hatte, ſchien dem in ſchwe⸗ rem Irrthum befangenen Kaiſer der Aufmerkſamkeit gar nicht werth zu ſein. Freilich beſaß Rudolf nicht das Mittel, womit die Fürſten ſpäterer Jahrhunderte ihre bittenden, murrenden und revoltirenden Völker niederhielten. Er hatte kein ſtehendes Heer, und das, was er an deſſen Stelle als Mittel zur Befeſtigung ſeiner Macht ins Land gerufen, das paſſauer Kriegsvolk, war von den Böhmen unter Anführung und Uebereinſtimmung mit den erwählten Ver⸗ tretern ihres Landes geſchlagen worden. Obriſt Rame, der franzöſiſche Parteigänger, jedenfalls auch einer jener Kriegsknechte, die Jahrhunderte lang im franzöſiſchen Intereſſe mit Feuer und Schwert dahin wirkten, die Macht Deutſchlands zu lähmen, die Zwietracht in ſeinem Innern zu hellen Flammen zu ſchüren und in den hei⸗ ligen Boden des Landes, das Wiſſenſchaft und Kunſt faſt ohne Pflege ſeiner Fürſten aus ſeiner eigenen Kraft erzeugte, die Drachenzähne des Kadmus zu ſäen, aus de⸗ nen die Kämpfer für Parteizwiſte erwuchſen, die das edelſte Land Europas, ſein eigentliches Herz, Deut⸗ ſchland, nie einig, alſo auch nie groß werden ließen. — Laurentius Ramsè befand ſich bei der Vermählung Polixena's mit dem edlen jugendlichen Grafen Zdenko Adalbert Popel von Lobkowitz, der vor wenigen Tagen ihm im Kampfe auf den Straßen Prags tapfer gegenübergeſtanden, noch immer in der kaiſerlichen Re⸗ ſidenz. Die Proteſtanten hatten aus der ſchwer beunruhigten Stadt eine Geſandtſchaft an den Erzherzog Matthias ab⸗ gehen laſſen, welche das Heranrücken deſſelben mit ſei⸗ ner bedeutenden Armee ſo viel als möglich be⸗ ſchleunigen ſollte, und obgleich dieſe Geſandtſchaft den Erzherzog um Hülfe für die Prager gegen des Kaiſers unerträgliche Eigenmächtigkeiten anflehte, ſo hielt Mat⸗ thias es auf den Rath ſeines ſchlauen Miniſters, des Cardinals Khleſl, doch für gut, dem Kaiſer gegenüber die Rolle eines loyalen Unterthanen und hülfreichen Bru⸗ ders bis zu dem Augenblick zu ſpielen, wo er die Krone von ſeinem Haupt auf das eigene ſetzen konnte. Ehe indeß ein Mann von den Truppen des Matthias 9* 13² Prag erreicht hatte, hielten die Paſſauer es für ge⸗ rathen, ſich gänzlich aus Prag zu entfernen. Die dorthin aus allen Gegenden Böhmens, ſowie aus Schleſien und Mähren herbeigeſtrömten ſtreitbaren Männer, welche ſich ſchon durch ihre Fahnen und Feld⸗ zeichen als Feinde dieſer Eindringlinge erwieſen, wa⸗ ren alle voll Rachſucht gegen die wilden Parteigänger, die beim Durchzuge durch ihre Städte und Dörfer die ſcheußlichſten Greuelthaten verübt hatten. So eilte denn Rameé, die Stadt zu verlaſſen, und s iſt eine Thatſache, daß Kaiſer Rudolf die flüchtenden Freibeuter mit Geſchütz und Munition verſorgen ließ. Nur wenige Meilen von Prag, bei dem Dorfe — Hluboſitz, wurde das paſſauer Volk indeß von den prager Bürgern und ihren ländlichen Bundesgenoſ⸗ ſen eingeholt und in einem blutigen Gefechte geſchlagen. Zwar waren Ramé's Truppen geſchulte, an das Kriegs⸗ handwerk gewöhnte Soldaten, von denen jeder einzelne ſchon in allen Himmelsſtrichen gefochten und Handgeld von den Herren der verſchiedenſten Länder genommen hatte, und die prager Bürger konnten ſich mit denſelben nicht vergleichen, aber ſie waren, wie jeder Mann in jener Zeit, in Führung der Waffen geübt, fochten für ihr Recht, das ſie durch kaiſerliche Verſicherung noch vor kurzer Zeit befeſtigt geglaubt hatten, und ſie erran⸗ gen einen Sieg und brachten eine Anzahl Gefangener in die Mauern Prags, unter denen ſich auch einer der höhern Anführer des paſſauer Volks befand. Dieſer Mann, Obriſt Tenn oder, wie Andere ſchrei⸗ ben, Denknagel, war ein Verwandter des Schwiegerſohns von Tycho de Brahe, der ſich im Gefolge des Car— dinals Khleſl am Hofe des Erzherzogs Matthias, Königs von Ungarn, befand. Das empörte Volk von Prag ſetzte ihn in harte Gefangenſchaft und verſuchte durch ihn zu erfahren, zu welchem Zwecke Kaiſer Rudolf die Paſſauer herberufen habe; ſeine Ausſagen mußten aber erſt durch die Fol⸗ ter erpreßt werden. Er ſagte, daß der Erzherzog Ferdi⸗ nand von Steiermark und deſſen Bruder, der jugendliche Biſchof von Paſſau, die Böhmen für Empörer und im Begriff, den Kaiſer Rudolf vom Throne zu ſtür⸗ zen, erklärt hätten, daß deshalb das paſſauer Kriegsvolk den Befehl gehabt hätte, Se. Majeſtät bei Dero Ueber⸗ ſiedelung von Prag nach Paſſau zu beſchützen, den Kö⸗ nig Matthias ernſtlich zu bekriegen, ihm womöglich das Leben zu nehmen und ſodann alle Ketzer in Prag und ganz Böhmen mit Feuer und Schwert auszurotten, und nannte die beiden Standesherren Martinecz und Slawata als entſchiedenſte Feinde des neuen Glaubens. Moehr als dieſer Ausſagen bedurfte es nicht, um 134 die Prager in die höchſte Wuth und Aufregung zu ver⸗ ſetzen. Während Kaiſer Rudolf die Ho zeit ſeiner Jugend⸗ freundin mit der Luſt eines harmloſen Knaben feierte, ihren ſchönen Gemahl zum Beweiſe ſeiner Gnade in den Fürſtenſtand erhob und mit dem armen gelehrten Jo⸗ hannes Kepler eine lange Unterredung hatte über die Ent⸗ deckungen, die dieſer über die Planetenbewegungen gemacht, rückten achttauſend Mann von den ungariſchen Trup⸗ pen des Königs Matthias in Prag ein, und dieſer ſelbſt, der ſich in Iglau in Mähren aufhielt, empfing eine Ge⸗ ſandtſchaft der böhmiſchen Stände, an deren Spitze ſich ein Graf Kinsky befand und die dem Nahenden die Verſicherung ihrer Ergebenheit zu Füßen legen, aber auch verlangen ſollte, daß Matthias den von den Paſſauern jetzt noch bedrückten Städten Hulfstruppen ſchicken und es möglich machen ſollte, ihnen aus den Kriegskaſſen jener Entſchädigung zu verſchaffen. Wer übrigens in jenen verhängnißvollen Tagen Gelegenheit hatte, den Kaiſer Rudolf von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, würde wohl ſchwerlich errathen ha— ben, daß dieſer Fürſt großen Grund hatte, um Thron und Leben beſorgt zu ſein. Als Johannes Kepler an dem Krankenbett ſeines Magdalenchens den Nuf erhielt, vor Sr. Majeſtät zu erſcheinen und derſelben die Ergebniſſe ſeiner Arbeiten ſeit dem Tode Tycho's de Brahe vorzulegen, mußte er ſich erſt gmmeln, um an die Möglichkeit und Wirklich⸗ keit ſolchen Befehls zu glauben. Es war wohl das letzte Zucken ſeines Herzens, als er inne ward, daß er Polixena, jetzt Fürſtin von Lob⸗ kowitz, in des Kaiſers Gegenwart wiederſehen ſollte. Tief aufathmend warf er ſich vor dem Bettchen ſeines ſterbenden Lieblings auf die Kniee nieder. Der Säugling war ſchon am Tage vorher verſchieden, und Barbara's Krankheit hatte ſich nicht im mindeſten verändert, das heißt, man mußte die unglückliche Frau körperlich für ganz geſund halten, aber das Licht ihrer Vernunft war nach Rabbi Löw's und des gelehrten Engländers Doctor Dee Anſicht, der vor ſeiner ſchnellen Abreiſe von Prag die Familie Kepler's noch einmal beſucht hatte, völlig erloſchen. Zwar hatte der Rabbi ſeinem Freunde mit allem Ernſte die Möglichkeit einer völligen Wiederherſtellung der unglücklichen Frau verſichert, aber dieſe Hoffnung war immer zweifelhaft und lag in nebliger Ferne. Für die Gegenwart drückten Centnerlaſten von Sorgen auf die Seele des armen Gelehrten, der bei ſeinen Amtsgeſchäf⸗ ten, bei der ſchwierigen Vertheilung deſſen, was er erwarb und was ihm ſo ſchlecht gezahlt wurde, auch an 136 die Mahlzeiten ſeiner Kinder, an ihre Kleider und an die Pflege und Wartung ſeiner Kranken zu denken hatte. Die Vermählung Polixena's hatte daher auf ſein gequältes Herz etwa den Eindruck gemacht, wie das Nie⸗ derſinken eines glänzenden Sterns, der unter der Be⸗ obachtung ſeines Auges unter dem Horizont verſchwindet. Er ſah denſelben aus dem nächtlichen Dunkel ſeines Daſeins noch, ohne zu fühlen, daß dieſes durch das Ver⸗ ſchwinden deſſelben noch tiefer, noch intenſiver werde. Als Kaiſer Rudolf inmitten aller Wirren der Zeit, die ihn, wie das Netz einer Spinne eine goldſchimmernde Fliege, umſchlangen, ſeinen Hofaſtrologen vor ſich be⸗ ſchied, um mündlich von ihm etwas über die ſchönen Entdeckungen zu hören, die Kepler freilich ſchon faſt zwei Jahre früher in einem Buche bekannt gemacht hatte, welches er die neue Aſtronomie benannt und ſeinem kai⸗ ſerlichen Herrn zugeeignet hatte, war der Gelehrte nicht wenig erſtaunt, ja eigentlich ſehr erſchrocken, denn er konnte ſich nicht verbergen, daß dieſe Aufforderung gewiſſermaßen ein Gruß ſei, den die Fürſtin von Lobko⸗ witz ihm ſende. Auch hatte er ſich nicht geirrt, denn er traf ſie in den Gemächern des Kaiſers, die ſie wie mit Licht zu erfüllen ſchien. Die Fürſtin begrüßte den Gelehrten mit gewohnter — Huld, und auch der Kaiſer empfing ihn gnädig und lenkte das Geſpräch ſogleich auf Kepler's ihm zugeeignete neue Aſtronomie. „Aber ſagt mir, Magiſter Kepler, iſt es nicht ſeltſam und eigentlich etwas wunderlich von Euch, daß Ihr Eure Entdeckungen dem Herrn von Brahe ſo zu ſagen in die Schuhe ſchiebt? Wohl war der gelehrte Däne ein großer Mann, aber Entdeckungen, die die Wahrheit des Copernikaniſchen Syſtems beſtäti⸗ gen, ergänzen und erklären, kann man ihm, dem Wider⸗ ſacher des Copernicus, doch nicht zuſchreiben, ja hätte er ſie gemacht, das heißt, am Himmel aufgefunden, nimmer würde er ſie der Welt mitgetheilt haben, denn die Wahr⸗ heit ſeines eignen Sonnenſyſtems zu erweiſen war der Zweck ſeines Studiums und ſeines ganzen Lebens.“ „Mein kaiſerlicher Herr“, entgegnete Kepler mit beſcheidener Würde,„das iſt ja eben die Gotteskraft der Wahrheit, daß nicht nur ihre Freunde, ſondern auch ihre Gegner ſie beſtätigen müſſen. Tycho de Brahe, der große, obgleich aus menſchlicher Eitelkeit irrende Geiſt, iſt jetzt wohl längſt eingetreten in Regionen der Schöpfung, wo er die Wahrheiten, deren Daſein Copernicus ahnte, zu ſehen und zu erkennen fähig iſt, und hat, wie wir als Chriſten glauben und hoffen, das zukünftige Leben einen Zuſammenhang mit unſerem jetzigen Daſein auf Erden, 138 ſo muß er ſelige Freude empfinden bei dem Gedanken, daß ſein Fleiß, ſeine Ausdauer, ſeine ſo ſcharfe Beobach⸗ tungsgabe mir, ſeinem ſchlichten Nachfolger, die ſchöne Gelegenheit gaben, die dem Copernicus noch verſchleierte tiefe Wahrheit zu finden, vermittelſt welcher künftige Zeiten den Geſetzen Gottes in der Natur immer genauer und deutlicher auf die Spur kommen werden. Tycho hat durch ſeine Beobachtungen des Planeten Mars wirklich die Möglichkeit gegeben, das Copernikaniſche Syſtem zu überflügeln. Ehre ſei ihm, und mir vor allen geziemt es, ſie ſeinem Andenken darzubringen.“ „Ihr ſeid ein braver Mann, Magiſter Johannes Kepler“, ſagte der Kaiſer, ſeinem Aſtrologen huldvoll die Hand bietend.„Kommt näher und erzählt mir noch mehr von den himmliſchen Heerſchaaren, von denen Ihr ſo gut zu reden wißt. Zweierlei nur iſt ſchade bei Euch, daß Ihr ein ſo eingefleiſchter Ketzer und daß Ihr ſo eigen⸗ ſinnig ſeid, Eure ſchönen Kenntniſſe nicht zum Nutzen Eurer Nebenmenſchen verwenden zu wollen.“ „Majeſtät“, entgegnete Kepler mit milder Demuth, „über die Wahrheiten des Glaubens können nie zwei Men⸗ ſchen mit einander ſtreiten, die in verſchiedenem Glauben geboren und aufgewachſen ſind. Würdet Ihr mich nicht für einen Rebellen halten, wenn ich meinem Kaiſer ge⸗ genüber, deſſen treueſter Unterthan ich doch zu ſein hoffe, meinen Glauben für den reinern, für einen offenbar ver⸗ beſſerten erklärte? Ich thue dies nicht, mein erhabener Gebieter, aber nicht aus Furcht vor Eurem Zorne unterlaſſe ich es, ſondern aus demſelben Grunde, aus dem ich die Bekannt⸗ machung der zwei von mir entdeckten Geſetze der Pla⸗ netenbewegung viele Wochen und Monden unterließ; ich wollte die Berechnungen prüfen, wollte zuſehen, ob und wie ſie mit den Naturerſcheinungen übereinſtimmten. Mein Kaiſer, die heilige Schrift ſagt:„An ihren Früchten ſollt Ihr ſie erkennen.“ Auch der Glaube eines Menſchen muß erprobt werden. Ew. Majeſtät kann den Proteſtantismus ausrotten, denn Ihre Macht reicht aus, alle Bekenner deſſelben in Ihren Landen zu tödten, die Wahrheit ihres Glaubens iſt dadurch jedoch keineswegs widerlegt. Aber gebt Euern Unterthanen allen, um was ſie ſo glühend bitten, freie Religionsübung, geſtattet allen, Gott in ihrer eigenen Weiſe anzubeten, und prüfet dann, welches die treueſten Bürger, die beſten Familienväter, die brav⸗ ſten Leute ſind. Ich ſage nicht, daß es die Proteſtanten ſein werden— Gott bewahre mich vor ſo unbedachtſamer Behauptung!— aber wenn Ihr ſie nicht ſchlechter findet als Eure katholiſchen Unterthanen, ſo wird Euch die Ueberzeugung werden, daß auch jene Glaubensform ihre Berechtigung hat, da ſie wie ihre ältere Schweſter das Menſchenherz im Kummer tröſten und im Kampf mit 140 den Leidenſchaften ſtärken kann, und Ihr werdet der Welt den Frieden, Euch ſelbſt aber die Gelegenheit gegeben ha⸗ ben, die verſchiedenen Glaubenswahrheiten zu prüfen.“ „Iſt das auch Eure Anſicht, Polixena?“ fragte der Kaiſer, mit tiefem Ernſt in das ſchöne Antlitz blickend. „Nein!“ entgegnete die Gräfin feſt und ſcharf.„Die Wahrheit kann nicht zweierlei Art, ſie kann nur eine ſein.“ Kepler ſchaute die Sprechende mit trübem Ernſte an. „Die Wahrheit!“ ſagte er dann mit traurigem Tone. „Habt Ihr ſie in Eurer Hand? Hat ſie irgend ein zwi⸗ ſchen Himmel und Erde lebendes Weſen in der ſeinigen? Irrend ſucht jeder von uns ſie auf dem weiten, dornigen Wege des Erdenlebens; der Glaube iſt ſie ja nicht ſelbſt, ſonſt wäre er nicht Glaube, ſondern Wiſſen! Welcher Glaube der kürzere, der geradere Weg zur Wahrheit ſei, das werden wir nicht eher erfahren als vor dem Throne des Allerhöchſten, der die Wahrheit iſt und das Leben. Fürſtin Polixena, Stern am Himmel meiner Jugend, auf Wiederſehen dort! Ich muß zu meinen kranken Kindern!“ Der Kaiſer hatte dem Aſtronomen mit leiſer Hand⸗ bewegung ein Zeichen gegeben, daß er entlaſſen ſei, und die Fürſtin blickte mit verſchleiertem Auge und beben⸗ dem Herzen ihm noch minutenlang nach, als er das Zimmer verlaſſen hatte. „Es iſt ein armer, unglücklicher Mann, doch Muth hat er wahrhaftig!“ ſagte Rudolf nach Kepler's Ent⸗ fernung.„Ich kann immer nur wiederholen: ſchade, daß er ein Ketzer iſt!“ „Hat der Magiſter ein krankes Kind?“ fragte Po⸗ lixena mitleidig. „Ja, und ſeine Frau hat ſchon ſeit Wochen den Verſtand verloren, und die ganze Sorge um Haus und Kinder liegt auf ihm. Er iſt wirklich ein armer Schelm, und noch dazu fehlt's ihm gewiß auch wieder ſehr an Gelde, denn ob er jetzt etwas aus unſern zerrütteten Kaſſen ge⸗ zahlt bekommt, weiß ich zwar nicht, denn er pflegt von ſeinen Nöthen eben kein groß Geſchrei zu machen, aber ich kann's kaum glauben.“ Die Fürſtin ſchlug die Hände mit einer ſchmerz⸗ lichen Bewegung vor die Augen. „Und ſeine Pflegemutter, die einzige treue Freundin, die der Arme hier im fremden Lande hat, habe ich bei mir behalten und es als einen Beweis ihrer Treue und Dankbarkeit gegen mich gefordert, daß ſie in dieſer ver⸗ hängnißvollen Zeit in meiner Nähe bleibe!“ „Ei nun“, entgegnete der Kaiſer lächelnd,„er wird ſich ſchon auch ohne ſie einrichten, wenn ſie Euch noch länger nothwendig iſt. Er hat gar Vielerlei ſchon durch⸗ machen müſſen in ſeinem Leben und iſt doch eigentlich 142 immer nur ein Mann aus dem Volke, der an Arbeit und Sorge gewöhnt ſein muß.“ Noch am nämlichen Abend, als Kepler in ſeinem öden Hauſe beſchäftigt war, ſeine geſunden Kleinen mit einem einfachen Nachteſſen, ſein armes krankes Magda⸗ lenchen mit einem kühlen Trunke zu verſehen, erfreute das Klopfen Apollonia's an ſeine Hausthür ſein ermat⸗ tetes Herz, und als er zu öffnen eilte, fand er die müt⸗ terliche Freundin von einem Diener der Fürſtin beglei⸗ tet, der all ihr Gepäck in das Haus des Sohnes trug, bei dem zu bleiben ihr ihre Herrin zur Pflicht gemacht hatte. Stärkungsmittel und kleine Erfriſchungen, Wein und Obſtſäfte waren dem Manne für die Kranken im Hauſe mitgegeben worden, und Apollonia befand ſich auch im Beſitz hinreichender Geldmittel, um die ſchwerſten augenblicklichen Sorgen von der Seele Kepler's nehmen zu können. Ein Mutterherz und eine hülfreiche Mutter⸗ hand im Hauſe, wo Leid und Krankheit ihren Sitz auf⸗ geſchlagen, iſt wie der Regenbogen nach langem Gewitter, der verkündet, daß nun bald Frieden werden wird zwiſchen Himmel und Erde. Zu derſelben Stunde, als ihre geſ in das Haus Kepler's wie ein guter Gen ſtete ſich die Fürſtin zu einer Reiſe nach ihrem ſchönen Wittwenſitze Raudnitz, den ſie als ein Erbe ihres erſten chätzte Dienerin ius eintrat, rü⸗ —2—.——— ———— am Ufer der Elbe und noch in einer Gegend, wo die Bergreihe, die man jetzt unter dem Namen der ſächſi⸗ ſchen Schweiz kennt, ſich nicht in die Ebene verliert, machte ihr daſſelbe beſonders werth. Der neue Herr dieſes ſchönen Schloſſes, Fürſt Adal⸗ bert von Lobkowitz, war bereits vorausgeeilt, ſeine heiß⸗ geliebte junge Gattin daſelbſt zu empfangen. Kaiſer Rudolf hatte, um ſeine Jugendfreundin zu überraſchen, ſein wohlgetroffenes, von Sedler gemaltes Bild bereits in das für Polixena beſtimmte Zimmer bringen laſſen. Alles und alle ſchienen zuſammenwirken zu wollen, das Leben derjenigen zu verſchönern, die frei⸗ lich nur allein wußte, daß auch in ihrem Herzen der Schmerz wohne, jener ernſte Gaſt, der in jedem Men⸗ ſchenherzen ſeinen Sitz aufſchlagen muß, der den Erden⸗ bürger am Eingang ins Leben empfängt und ihn beglei⸗ tet bis zum Grabe. Die Fürſtin Polixena war eine von den ſtattlichen Schönheiten, denen Putz und Schmuck ſo wohl ſtehen und deren Reiz nicht eigentlich durch ein beſcheidenes Haus⸗ kleid erhöht werden kann. Sie war müde, denn ſie hatte den Weg von Prag nach Raudnitz zu Pferde zurückgelegt, und trotz des ſanften Ganges ihres ſchneeweißen Zelters fühlte ſie ſich von dieſer Reiſeart einigermaßen angegriffen. Gemahls beſaß. Die ſchöne Lage des Schloſſes, nahe 144 Mit Hülfe einer jugendlichen Dienerin, die ſie er⸗ wählt hatte, ihr Apollonia ſo gut als möglich zu erſetzen, hatte ſie ihr Reiſegewand von utrechter Sammet abgelegt, und ein weites, faltiges, weiches Kleid hing nur loſe um ihre ſtattliche Geſtalt. Die braunen rei⸗ chen Locken und Flechten waren vom Reithute zerdrückt und vom Winde auf der Reiſe in Verwirrung gebracht; ihre zarten Füße, von den Gemslederſchuhen befreit, ſteckten in mit Pelz gefütterten Pantoffeln, und ermattet hielt ſie ihre Hände im Schooße gefaltet. „Jetzt wird ſie ihm die Laſten abgenommen haben, die ſeine Seele erdrücken mußten“, ſagte ſie leiſe vor ſich hin.„Gelobt ſei Gott! O muß denn ſo viel Elend in einem Menſchenleben zuſammentreffen, und kann es denn möglich ſein, daß ein Männerherz ihm Widerſtand zu leiſten fähig iſt? O mein Geiſt verfinſtert ſich, denke ich an das Haus, wo er, deſſen ganzes Sein zum Himmel emporſtrebt, durch den Wahnſinn ſei⸗ nes armen Weibes an die kleinlicſſten Sorgen und das niederdrückendſte Elend der Erde gefeſſelt iſt! Und ich kann nichts für ihn thun, werde es auch nicht können, ſolange das Leben währt, und ſelbſt jen⸗ ſeits des Grabes ſind wir getrennt, getrennt für Zeit und Ewigkeit! O, und wie ſoll der Unglückliche ſein ferneres Erdenleben ertragen in der Ehe mit einer Frau, die ihn, als ſie noch geſund war, ſo wenig zu verſtehen und zu beglücken fähig war! Zwar meint Doctor Dee, daß ihr Erdendaſein nur von kurzer Dauer ſein könnte, doch Rabbi Löw hofft ihre baldige Geneſung. Hofft? Er fürchtet ihre baldige Geneſung, ſollte ich ſagen, denn für den Mann, deſſen Frau ſie geworden, wäre es wohl beſſer, wenn ſie ſtürbe und ihm die Freiheit einer zweiten Wahl ließe.“ Die hohe Dame war mit gefalteten Händen vor dem Crucifix auf ihrem Betpulte in die Kniee geſunken. „Gib ihm, dem edlen, herrlichen Mann, noch in ſpä⸗ tern Jahren das Glück einer liebevollen, verſtändniß⸗ innigen Ehe“, flehte ſie aus tiefſtem Herzen,„und führe ihn durch dieſelbe zum wahren Glauben und ſo zur ewi⸗ gen Seligkeit. So gewiß ich meinem edlen Gatten ein treues, gehorſames, herzliches Weib ſein und ihn zu aller Zeit durch meine freundliche Demuth auf dem rechten Wege erhalten will, ſo gewiß, mein Herr und Gott, gib ihm Lebensglück durch ein edles, ihn treu liebendes Weib. Er traf eine falſche Wahl, weil die äußere Aehnlichkeit ſeines Weibes mit mir ihn täuſchte; laß es mir gelingen, gebenedeite Mutter des Erlöſers, Du, die Du mein Herz kennſt, für ihn ein Weib zu erziehen, mir ähnlich in Herz und Seele, aber beſſer, ſeiner würdiger als ich, und gib, Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 10 146 daß ich auch als Gattin eines andern Mannes ſeiner Liebe und Ehrerbietung würdig bleibe.“ Sie richtete ſich empor, ordnete ihre Gewänder und trat ihrem jugendlichen Gatten entgegen, der nach ſeinem ritterlichen Aeußern wohl werth ſchien, ein höheres Ge⸗ fühl als das der Pflichttreue im Herzen ſeiner angebe⸗ teten Gattin zu erregen. Fürſtin Polixena war um einige Jahre älter, als ihr zweiter Gemahl, und dies war in dem Augenblick, wo ſie jetzt nebeneinander ſtanden, einigermaßen er⸗ kennbar. Das Haupt Zdenko Adalbert's, von dichten dun⸗ kelblonden kurzen Locken umringelt, erſchien ganz eigent⸗ lich als das eines Jünglings; ſeine ſchwarzen, blitzenden Augen ruhten mit dem Ausdruck ſeligen Entzückens auf der ermüdeten Geſtalt, und ſie leiſe an ſeine Bruſt ziehend, flüſterte er:„Die Reiſe hat Euch angegriffen, Polixena, meine Geliebte, endlich, endlich mein Weib! Ich hab' Euch ſchwer errungen, aber jetzt ſeid Ihr mein, und Himmel und Erde ſollen mir die Geliebte nicht mehr entreißen.“ Die Fürſtin blickte ihm ſanft in die ſchönen, leuch⸗ tenden Augen, ſo ſanft, daß die Glut in ſeinem Herzen dahinſchmolz. Nicht in lodernden Küſſen ward es ihm möglich, ſein Gefühl für ſie auszudrücken, ſondern ———.— leiſe zog ihn die Fülle deſſelben nieder, und zu ihren Füßen knieend ſagte er:„O Polixena, ich frage Euch nicht, ob Ihr mich liebt, wie ich Euch liebe, Euch, auf die das Auge des Kaiſers mit Ehrfurcht blickte; welcher geringere Mann könnte hoffen, Eurer Liebe werth zu ſein, aber ich frage Euch, wollt Ihr meine Liebe Euch gefallen laſſen, meine Ritterdienſte annehmen und mir die Seligkeit gewähren, zu hoffen, daß Ihr Euch endlich auch demjenigen zuneigen werdet, der Euch liebte, der Euch vergötterte von dem Augenblick an, da er zu fühlen, zu denken, ſich zu erinnern fähig war?“ Die Fürſtin legte ihre Hand auf ſein Haupt, wo ſie die reichen Locken faſt. verbargen. „Ihr ſeid mein Gemahl“, ſagte ſie,„und als ſolchem werde ich Euch all meine Gedanken und Ge⸗ fühle, alle Kräfte meiner Seele weihen und mich glücklich ſchätzen, Euch zeitliches Glück gegeben zu haben.“ „Die Seligkeit der Erde“, flüſterte er glühend, „ich habe ſie neben Euch.“ Apollonia waltete jetzt in Kepler's Hauſe und der Genius des Glückes ſchien, wie immer, ſo auch hier lä⸗ chelnd neben ihr herzuſchreiten. Sobald ſie ſich von 10* 148 Zuſtande des ganzen Haushalts genau überzeugt hatte, richtete ſie zunächſt ihr Augenmerk auf Barba⸗ ra's Zuſtand und hatte bald ſo viel Autorität über die leidende Frau gewonnen, daß ſie ſie in ihren wil⸗ deſten Paroxysmen zufrieden ſprechen und mit ſanften Worten oder auch durch leiſes Streicheln mit ihren wei⸗ chen Händen beruhigen konnte. Selbſt ihre Blicke ge⸗ wannen bald Macht über die Wahnſinnige; ſobald die kleine, blaſſe Großmama der Tobenden ruhig und freund⸗ lich in die blitzenden Augen ſah, ward ſie erſt ſchüch— tern, dann ſtill und endlich ruhig und lenkſam wie ein artiges Kind. Daß die Kinder ihre ſorgſame Pflege und Abwar⸗ tung hatten, daß dem Hausherrn, der jetzt wieder mit Ernſt an ſeine Hauptarbeit, die Berechnung der Pruteni⸗ ſchen Tafeln, ging, nichts zu ſeiner Ruhe, Pflege und Bequemlichkeit abging, braucht nicht erſt erwähnt zu werden. Aber die alte, milde Frau bereitete nicht blos Glück in dem Hauſe ihres Sohnes, ſie genoß es auch, genoß es in dem Grade, daß ſie es als eine ausrei— chende Entſchädigung für alle Leiden ihres frühern Le⸗ bens betrachtete. Selbſt am Bette der kleinen, langſam dahinſchwin⸗ denden Magdalene wußte Herzgroßmütterlein dem Glücke — ——— 2—————— eine Stätte zu bereiten. Nach dem Tode des unruhi⸗ gen Säuglings war Kepler's Haus ſo friedlich und ſtill wie der Vorplatz einer Kirche; es war, was jedes Haus einer glücklichen Familie ſein ſoll, ein friedlicher Vor⸗ platz der Ewigkeit, deren Seligkeit ja auch in nichts Anderem beſtehen kann, als in Liebe und dem heeili⸗ gen Frieden, der der nach der Erkenntniß Gottes ſtreben⸗ den Menſchenſeele ſo nothwendig iſt. Das holde Kind, der Liebling ſeines Vaters, litt an einem Zehrfieber, das im langſamen, aber unaufhaltbaren Fortſchritt alle Kräfte des zarten Körpers untergrub. Apollonia ſagte, wenn ſie mit ihrem Johannes über Lenchens Zuſtand ſprach, er ſei dem der Raupenpuppe vergleichbar, in der ſich, unſichtbar für die Außenwelt, die mächtigen Flü⸗ gel, die großen, weitſehenden Augen entwickeln, die aus der armen, verachteten, kriechenden Raupe das vollendete Geſchöpf, den Schmetterling machen. Ruhe ſchien das einzige Bedürfniß zu ſein, deſſen die kleine Kranke ſich bewußt war, und ſie ward ihr gegeben. Das Bettchen Lenchens ſtand an einer mit grüner Tapete bedeckten Wand und war ſo geſetzt, daß die Kranke nicht das Köpfchen zu erheben nöthig hatte, um draußen den Himmel und unter ſeinem Gewölbe den Spiegel des Moldauſtroms zu ſehen. Die aufſteigenden Höhen des mächtigen Hradſchin ſchloſſen das Landſchaftsbild, 150 deſſengleichen man allein in dem herrlichen Prag finden dürfte, zu dem Ganzen ab, deſſen Krone die Thürme und Zinnen des St.⸗Veitsdoms bildeten. Mit ſolcher Ausſicht vor Augen, lag Kepler's kranker Liebling in dem Bettchen, das großmütterliche Fürſorge ſo weiß und weich wie die Bruſt des Schwans gemacht hatte. Ranken von Epheu und Immergrün, die Apollonia in Blumenſcherben zu ziehen verſtand, waren im Bereiche der kleinen, blaſſen Kinderhand, die bisweilen leiſe die glänzend grünen Blätter wie liebkoſend berührte, und auf einem kleinen Tiſch zu Häupten des Lagers fehlte es nie an einer von den Erquickungen, nach denen fie⸗ bernde Lippen ſich hin und wieder durſtig ſehnen. Die Bettgewänder von blendend weißem indiſchen Muſſelin hatte Fürſtin Polixena aus ihren Vorräthen und von ihren Kammerfrauen anfertigen laſſen, aber ihre Koſtbarkeit wäre nicht nothwendig geweſen, damit ſie dem kranken Kinde unter der lieben Großmutter Pflege ſein engelhaftes Ausſehen erhielten. Magdalenchen mußte freilich manches Stündchen einſam zubringen, wenn Bru⸗ der Ludwig in der Schule und Großmama von wirth⸗ ſchaftlichen Beſchäftigungen oder den Anforderungen der kranken Barbara in Anſpruch genommen ward. Denn Großmutter hatte es dem ſanften, klugen Kinde ſehr bald begreiflich gemacht, daß der Vater zu ihrer Geſell⸗ ſchaft und Pflege nicht von ſeinen Arbeiten abgerufen werden dürfe. Sie war in ihrer Einſamkeit ſtill und ge⸗ duldig, aber ein leuchtendes Lächeln flog über die zarten, bleichen Züge, wenn einer ihrer Lieben, Bruder Ludwig, die Großmutter oder gar der liebe Vater zu ihr ein⸗ trat. Beſchäftigen konnte ſich die kleine Kranke mit nichts; das Grün der Gewächſe neben ihrem Lager, der freie, weite Ausblick in die Landſchaft, auf den Dom und vor allem auf den Himmel, von dem abends die goldenen Sterne ſo grüßend zu der Tochter Kepler's hereinſahen, gaben ihr freundliche Gedanken in die junge, der Erde aber kaum mehr angehörende Seele, die die Furcht vor den dunklen Schrecken des Todes nicht in ihr aufkom⸗ men ließen und ſelbſt ihre Fieberträume ſchön und lichtvoll ſein ließen. Fühlte ſie ſich wohl genug dazu, ſo waren die Mär⸗ chen, die Apollonia ihr auf ihr Bitten erzählte, und das, was Kepler an ihrem Bett bisweilen von den Sternen mittheilte, der Goldgrund, auf dem ſich ihre Fieberphan⸗ taſien in zarten, farbigen Bildern entwickelten. Barbara verließ ſelten ihre Stube, fragte nie nach der kleinen Kranken und war faſt immer beſchäftigt mit klei⸗ nen bunten Stickereien, die zwar keinen Nutzen ſchaff⸗ ten, aber ihr die Zeit kürzten und ihrer kranken Seele 1⁵² ein gewiſſes Gefühl der Befriedigung ſchafften, denn ſie wähnte durch dieſelben Geld zu erwerben, und die Groß⸗ mutter erhielt ſie gern in dieſem Glauben. Bisweilen, obgleich nur ſelten, verfiel ſie auf länger oder kürzer noch in lautes, wildes Toben, aber Apollonia's Blick wirkte ſtets beſchwichtigend auf ſie, und bald lernte auch Johannes Kepler ſeine Macht durch ſanftes Zureden, lei⸗ ſes Streicheln oder feſtes Anblicken auf die Arme aus⸗ üben. Es ging ihr ſo wohl, als dies in ihrem Zuſtand nur immer möglich war. Rabbi Löw ſowohl als Doc⸗ tor Dee hatten gemeint, daß die Möglichkeit, ihre gei⸗ ſtige Geſundheit wiederzuerlangen, jedenfalls eintreten könne, wenn ſie von neuem Mutter würde, außerdem müßte man ſie als rettungslos betrachten. So waren die Zuſtände in Kepler's Hauſe. Die ſchlimmen Geldſorgen trafen jetzt niemals ſeine Seele, denn Apollonia wußte das geringe Erbe Heinrich Kepler's, das Wenige, was von Barbara's Vermögen noch in die Haus⸗ kaſſe floß, und die unregelmäßigen Einzahlungen von dem Gehalte des Aſtronomen aus den erſchöpften kaiſerlichen Kaſſen aufs beſte einzutheilen, und an dem Bettchen, auf welchem ſein ſüßes Kind ſich zum Engel entfaltete, fand der Gelehrte eine Stelle, wo die Blumen aus dem Him⸗ melsgarten, Liebe und Verſtändniß, in all ihrer ſüßen Schönheit ihn umdufteten. Dort exiſtirten wilde Strei⸗ tigkeiten nicht, die im Namen der Religion die Stadt Prag nicht nur, ſondern Böhmen und das deutſche Reich zerſpalteten. Dort herrſchte der heilige Frieden des ech⸗ ten Chriſtenthums, den Kepler, der Prieſter am Altare der Natur, wo er Gott ſuchte und fand, in ſeiner edlen Seele trug. Kelch oder Meſſe waren hier nicht Brand⸗ fackeln, die die Welt entzündeten, ſie waren heilige Sym⸗ bole, die von Niemand entweiht werden durften, weil ſie eben als die Zeichen des Höchſten von vielen Men⸗ ſchenherzen angenommen wurden, und zu ehren, was ſeinen Menſchenbrüdern heilig erſchien, war in Kepler's edler Seele eine Pflicht, ein rein menſchlicher Beruf. Wenn der Abend leiſe niederſank und die Leuchten der ewigen Sterne aus ihren unberechenbaren Fernen ſich in den flüſternden Gewäſſern der Moldau ſpiegelten, trat Kepler oft und gern an das Bett ſeines Kindes, das in dieſer Stunde meiſt immer wach und von beſon⸗ derer Lebhaftigkeit war, die der Vater freudig für ein hoffnungsreiches Zeichen rückkehrender Kraft hielt, die aber die erfahrene Großmutter ſehr wohl als bei Ner⸗ venkranken natürliche leichte Abendfieber erkannte. Mit liebevoller Theilnahme nahm der Vater den Sitz am Kopfende des Bettchens ein und hielt Magdalenens hei⸗ ßes Händchen zwiſchen den ſeinen. Am Himmel funkelte in ſeinem höchſten Glanze 154 Jupiter, deſſen von Galilei entdeckte vier Monde eine neue Beſtätigung der großen Entdeckungen des deutſchen Gelehrten waren, der ſich hier neben ſeinem kranken Kinde und der liebevollen Pflegerin ſeiner eigenen Kind⸗ heit als eine Menſchenſeele zeigte, die des edlen For⸗ ſchens und großen Wiſſens gar nicht bedurft hätte, um der Liebe Gottes und ſeiner Mitmenſchen vollſtändig werth zu ſein. „Erzähle Du mir ein Märchen, lieb Väterle!“ ſagte das kranke Kind, einen leiſen Kuß auf Kepler's Hand hauchend.„Die Großmutter wollte mir, als Du ein— trateſt, eins erzählen, aber ſie meinte, als ſie Deine Stimme hörte, ihre Geſchichten wären nicht für Dich zum Zuhören, dazu wäreſt Du zu weiſe und zu gelehrt.“ „Da ſcherzt die liebe Großmutter nur“, entgegnete Kepler;„ſie weiß ja, daß ich, wenn ich wirklich weiſe und gelehrt geworden bin, es doch eigentlich ihren Ge⸗ ſchichten zu danken habe“; und ſich an die treue Freun⸗ din wendend, ſagte er:„Wollt Ihr mir, Großmutter Apollonia, noch einmal die Geſchichte von der Regenbo⸗ genbrücke erzählen, mit der Ihr mich als Kind immer beſchwichtigen konntet, wenn ich gefallen war oder mich in irgend einer Weiſe nach ungeſchickter Knaben Art ver⸗ letzt hatte?“ „Aber da müſſen Ludwig und Margarethe auch hereingerufen werden“, ſagte Lenchen mit ungewöhnlichem Eifer.„Sie haben ſchon lange die Geſchichte von der Regenbogenbrücke hören wollen.“ Man willfahrte ihr mit Freuden, und als die ältern Geſchwiſter auf kleinen Seſſeln am Bette Platz genom⸗ men, begann Apollonia zu erzählen. Als ſie geendet, küßte Kepler, während ſeine Kleinen ernſt dreinſchauten, die mütterliche Hand, an der er noch immer die Wund⸗ male erkennen konnte, die von der Folter herrührten, welche ſie einſt ertragen, um ſeine Mutter, ihre Jugend⸗ gefährtin, nicht ähnlichen Qualen preiszugeben. Die kleine Kranke hatte kurz vor dem Schluſſe der Erzählung ihre Händchen aus denen des Vaters und der Großmutter gezogen; jetzt lagen ſie gefaltet auf der ſchneeweißen Bettdecke; ſie hielt eine Roſe, die Kepler bei ſeinem Eintritt auf ihr Lager gelegt, zwiſchen ihren zarten Fingerchen, und die zunehmende Mondesſichel goß ſilberne Lichtſtrahlen auf das holdſelig lächelnde Kinderantlitz. „Die Engel ſpielen mit unſerm Lenchen“, ſagte mit leiſem Tone der ältere verſtändige Bruder;„ſchau nur, lieb' Großmütterle, wie ſchön ſie im Schlafe lächelt.“ Apollonia beugte ſich nieder, hauchte leiſe einen Kuß auf des Kindes bleiche Stirn und ſagte dann, am Bett⸗ Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 11 156 chen niederknieend, mit erſtickter Stimme:„Betet für ſie, ſie iſt jetzt ein Engel geworden.“ Kepler griff nach dem Händchen ſeines Lieblings und die Eiſeskälte deſſelben ließ ihn erſchauern. Apollo⸗ nia war auf die Kniee geſunken und ſchloß mit einem Kuß die Augen des entſchlafenen Kindes. Der tiefbe⸗ trübte Vater aber zog die beiden ihm gebliebenen in ſeine Arme und flüſterte, nach dem von tauſend Sternen geſchmückten Himmel deutend, ihnen zu:„Auf einer andern dieſer ſchönen Gotteswelten werden wir unſer Lenchen wiederfinden; es iſt früher als wir berufen worden, ihre Herrlichkeit zu ſehen.“ Sechstes Kapitel. Die ſtolzen Hallen des kaiſerlichen Hradſchin ſtrahl⸗ ten in dem Glanze von tauſend Wachskerzen, die ihr Licht weit hinaus durch die Fenſter fallen ließen und ſich in den Wellen der Moldau ſpiegelten. Es war ein feenhafter Anblick; das Licht aber, das die prächti⸗ gen Gemächer erhellte, fiel nicht in das dunkle, getrübte Gemüth des Herrn dieſer Herrlichkeit. Kaiſer Rudolf II., ſtattlich wie zu einem Bankett geſchmückt, ging ein⸗ ſam und mit düſtern Blicken in dem antiken Saale auf und nieder und blieb bisweilen einige Momente vor der Venus ſtehen, die Polixena ihm geſchenkt hatte. „Marmor, Marmor“, ſagte er halblaut, ſeine kräftige Hand auf den zarten Buſen der Antike le⸗ gend„In dieſer Bruſt ſchlägt kein Herz, kein Strahl der Liebe fällt aus dieſen ſteinernen Augen. Der ärmſte Bauer, der im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brod auf dem ſteinigen Acker am wilden Wege baut, hat ein 158 Weib, das liebevoll ihm daheim die Nahrung bereitet und ſie fröhlich mit ihm und ſeinen Kindern theilt, mit ſeinen Kindern, die bald ſeine Stütze ſein werden und in jedem Augenblick ihres Lebens ſeine Freude ſind. Ich, der Kaiſer, würde Mörderdolche in den Augen meiner Söhne blitzen ſehen, ſchon wenn die Wehemutter ſie zu⸗ erſt in meine Vaterarme legte. Blitzen ſie nicht auch aus den Augen meines unerſättlichen Bruders mir dro⸗ hend entgegen? Und neben mir kein Menſchenherz, das ſich liebend an das meine legen möchte!“ Er drückte beide Hände mit einer unbeſchreiblich ſchmerzlichen Ge⸗ berde auf daſſelbe und ſagte dann, mit feuchten Augen zum Himmel ſchauend:„Und ſelbſt in den Sternen, die ſo tröſtend auf das ganze Geſchlecht der Erdgeborenen niederblicken, ſteht für mich, den armen Kaiſer, geſchrieben: Mord, Mord und Verrath! Weh mir, tauſendfach weh mir! Und doch bin ich der Herr der Chriſtenheit, der treueſte Sohn und Schützer der Kirche Gottes auf Erden.“ Er ballte die Fauſt und ſtreckte ſie zum Himmel empor.„Ich kann fordern, daß mein Thron feſtſtehe, weil ich nie gelitten habe, daß der Thron Gottes in meinen Landen wankte. Ich habe mit geharniſchter Hand in das Wespenneſt der Ketzerei gegriffen, ich habe ſie mit Feuer und Schwert ausgerottet und dem furchtbaren Gott, der nur eine Ehre auf Erden fordert, zum Opfer gebracht, was meinem Menſchenherzen lieb und theuer war! Hab' ich das? Hab' ich es wirklich? Polixena, Du biſt das Weib des Mannes, den Deine Schönheit in die Kirche Gottes zurückgeführt. Das war ein Opfer, dem Herrn gebracht! Aber ich habe doch den Majeſtäts⸗ brief unterſchrieben, den dieſe ketzeriſchen, aufrühreriſchen Böhmen von mir forderten, die ich hätte müſſen nieder⸗ ſchießen, wie der franzöſiſche Karl es that, ohne andere Veranlaſſung als ſeinen königlichen Willen, die Heiligkeit des Glaubens nicht länger antaſten zu laſſen. War ich denn nicht der Kaiſer? Hätte ich nicht ſterben müſſen in meinem kaiſerlichen Beruf? O, ſie wären in den Staub geſunken vor dem wahren Gott und dem wahren Kaiſer, wenn ich ſie meine Macht hätte fühlen laſſen! Warum that ich es nicht? Und warum bereue ich jetzt die Ver⸗ gangenheit?“ Wieder ſtand er vor der Marmorſtatue und betrachtete ſie mit flammenden Augen.„Ja, du biſt ſchön, heidniſches Götzenbild, o wie ſchön! Und ich würde dich an⸗ beten, glühender als den furchtbaren Gott, der ſeinen ein⸗ geborenen Sohn am Kreuze ſterben ließ, aber ich fürchte ihn, ich fürchte, ich, der Kaiſer, der Herr der Chriſtenheit! Weh mir! Die Furcht iſt das ſchrecklichſte aller Erdenübel, und auch die kaiſerliche Majeſtät kann die arme Menſchenbruſt nicht frei erhalten von dieſer ſchrecklichen Tyrannin.“ Heftig und mit Anſtrengung 160 ſchritt der kranke Monarch in ſeinem prächtigen Ge⸗ mache auf und nieder.„Jetzt iſt er längſt in Czaslau, der Geſandte, den ich ihm aus Furcht entgegengeſchickt, ihm, dem Matthias, dem Verräther, der mit bruder⸗ mörderiſchen Abſichten hierher eilt, um die Krone, die Gott mir gegeben, von meinem geheiligten Haupte zu reißen. O, ich fürchte ihn, ich fürchte ihn mehr, als ich ſagen oder denken kann! Weh dem, deſſen Leben die Furcht vergiftet, das bleiche, ſchaurige Geſpenſt, das Gift träufelt in jeden Labungskelch, das Dornen ſtreut auf das weichſte Kiſſen und ſelbſt den Becher der Wolluſt durch das Eintauchen ſeines eklen Fingers ſchal macht und den Lippen widerwärtig! Armer Rudolf, armer Kaiſer, deſſen Schlaf die Furcht ſtörte, dem ſie Speiſe und Trank vergiftete, dem ſie das beſte Glück, das Glück des Gatten und Vaters, aus den ſo heiß danach verlangenden Händen riß! O daß der Tod mich endlich von dieſem entſetzlichen Geſpenſt befreite Im Sarge droht auch dem Kaiſer kein Verrath mehr! Und gibt es denn Frieden im Sarge, ſanften Schlummer nach den Mühen und Aengſten des Erdenlebens? Kommt nicht nach dem Tode das Gericht? Wehe, wehel Sind die Schrecken des Todes nicht ſchlimmer noch als die Schrecken des Lebens? Hal wer iſt da?“ Der unglückliche Mann, der ſo viele Kronen auf ſeinem gebeugten Haupte trug, war heftig zuſammengefahren beim Eintritt eines der wache⸗ haltenden Trabanten, welcher, am Eingang ſtehen blei⸗ bend, beim Ausrufe des Kaiſers mit lauter, eintöniger Stimme meldete, daß Se. Gnaden der Herr Graf Adam von Waldſtein Einlaß begehrend vor Sr. Ma⸗ jeſtät Gemach ſtände. „Er ſoll eintreten, augenblicklich!“ rief der Kaiſer, und nach wenig Momenten ſtand der greiſe Vater jenes Mannes, der einige Jahre ſpäter die Welt mit ſeinem Kriegerruhm erfüllte, vor dem Kaiſer. „Was bringt Ihr mir von meinem liebreichen Bru⸗ der, dem erſten meiner getreuen Unterthanen?“ fragte Rudolf mit ſichtbarem Hohne in ſeinen Geſichtszügen. „Se. Gnaden, Ew. Majeſtät erzherzoglicher Bruder, des Königs von Ungarn Majeſtät, laſſen ihrem gelieb⸗ ten Bruder und Kaiſer die Verſicherung ihrer tiefſten Ergebenheit durch mich pflichtſchuldigſt zu Füßen legen.“ „Schon gut, ſchon gut, alter Adam!“ fiel der Kaiſer ſeinem Diener mit einem gewiſſen Humor ins Wort, der ihm angeboren und ſelbſt durch ſeine mönchiſche Er⸗ ziehung niemals ganz ausgerottet worden war;„wir kennen die Ergebenheit unſeres Bruders Matthias, des gekrönten Königs von Ungarn und erwählten Königs von Böhmen. Was aber ſagte er, da er unſern Brief geleſen?“ 162 „Cardinal Khleſl, ſein Rathgeber und erſter Miniſter, war bei ihm, als er mir, Eurem Boten, Zutritt zu ſeiner Perſon gewährte. Dem ſchlauen Prälaten gab er das Handſchreiben Ew. Majeſtät und ſagte:„Lies vor, Khleſl, was mein gnädiger kaiſerlicher Bruder uns mitzutheilen hat, bevor wir ihn in ſeiner Reſidenz beſuchen, um ihn vor dem Andrängen ſeiner rebelliſchen Unterthanen zu ſchützen.“ Der falſche Pfaffe las, und als er an Ew. Ma⸗ jeſtät treugemeinte Worte kam:„Mein Bruder, ver⸗ traut Euch nicht ſo völlig dieſen falſchen und unbeſtän⸗ digen Böhmen an, wie Ihr es zu thun entſchloſſen zu ſein ſcheint“, da erhob Matthias ſich von ſeinem Sitze, und als Khleſl weiter las:„Nehmt wenigſtens, wenn Ihr nach Prag zu kommen feſt entſchloſſen ſeid, Eure Woh⸗ nung in meinem Schloſſe, woſelbſt ich Euern Beſuch in brüderlicher Freundſchaft erwarten werde“, winkte Matthias dem Cardinal mit der Hand, daß er ſchweigen möge, und ſagte zu mir gewendet:„Ihr ſeid ja auch ein Böhme, Herr von Waldſtein, und ſo meldet Ihr am beſten meinem kaiſerlichen Bruder, daß ich den Böhmen mein Heil und Glück bereits anvertraut habe, und da ſie mich mit ſo innigen Bitten nach Prag zu kommen einge⸗ laden haben und mit ſo vielem Verlangen erwarten, ſo will ich auch ganz gewiß die mir von den böhmi⸗ ſchen Ständen in der Altſtadt bereitete Wohnung be⸗ kiehen. Ihr ſeid entlaſſen, Herr Adam von Wald— ſtein!“ So bin ich denn zurückgekehrt, um Ew. Maje⸗ ſtät alsbald zu melden, daß die hier auf dem Hradſchin zum Empfang Sr. Majeſtät des Königs von Ungarn getroffenen Vorkehrungen unnütz geweſen ſind; morgen trifft derſelbe in Prag ein und ein glänzender Empfang wird bereits von den Ständen vorbereitet.“ „Gut!“ ſagte der Kaiſer;„ich muß den Muth finden, zuzuſehen, wie der Dolch geſchliffen wird, Strich für Strich, den dieſer tückiſche Verräther in meine wehrloſe Bruſt zu bohren einmal unwiderruflich entſchloſſen iſt. Sei es ſo! Ich befehle, daß auch Ihr, Herr Adam von Waldſtein, bei dem ſtattlichen Empfange des gekrönten Königs von Ungarn, meines erwählten Nachfolgers, zu⸗ gegen ſein und ihn in unſerer kaiſerlichen Reſidenz will⸗ kommen heißen ſollt.“ Herr von Waldſtein machte ſeine Abſchiedsverbeugung, und der Blick, mit welchem er die matte und gebrochene Geſtalt des Kaiſers anſchaute, war voll tiefer Theilnahme. Kaum aber hatte der böhmiſche Edelmann das Zim- mer verlaſſen, als Rudolf ſich mit ſtolzem Anſtande hoch emporrichtete, ſeinem kaiſerlichen Vater Max in dieſem Moment mehr als je in ſeinem vorherigen Leben ähn⸗ lich ſehend. „Nun wohl, ich werde ſterben; es kann mir ja nichts 164 Schlimmeres begegnen als der Tod! Mögen ſie mich tödten, mag der Sohn meiner Mutter mit brudermör⸗ deriſcher Fauſt ſelbſt den Stahl in dieſe unbeſchützte Bruſt bohren! Ich werde vor den Thron des Allerhöchſten tre⸗ ten mit der Gewißheit, daß ich ſeine heilige Kirche be⸗ ſchützt und nicht leichtſinnigerweiſe das Blut meiner Un⸗ terthanen vergoſſen habe. Auch der Kaiſer iſt nur ein Mann, und kein Mann kann mehr als einmal ſterben für ſeinen Glauben und ſeine Pflichten.“ Es war ein lichter Frühlingsmorgen, einige Tage nach dem Abende, an welchem die kleine Magdalene Kep⸗ ler beim Glanze der ihr aus den Fenſtern des Hradſchin entgegenſtrahlenden Fenſter eingeſchlafen war, um in einem andern Lichte als dem, welches die Erde erhellt, zu er⸗ wachen. Auf dem altſtädter Ringe wogte eine bedeu⸗ tende Menſchenmenge auf und ab, meiſtens aus Perſo⸗ nen der geringern Stände beſtehend. Die Fenſter aller Gebäude des ſchönen Platzes waren mit Teppichen ge⸗ ſchmückt, und grüne Gewinde, aus zartem Birkenlaube und den dunklen Zweigen der immergrünen Nadelhöl⸗ zer geflochten, ſchlangen ſich von einem zum andern längs aller Facaden. Fahnen mit den Farben Böhmens wehten von vielen Giebeln und beſonders erſchien das ehrwürdige Rathhaus im ſtattlichſten Feſtſchmuck. Lautes Jubelgeſchrei belebte von Zeit zu Zeit die promenirende 165 Menge, man ſchien ein großes Freudenfeſt zu feiern, und es machte einen eigenthümlich düſtern Eindruck, als etwa in der zehnten Stunde des Vormittags ein Leichenzug ſich ſtill und ohne fahnentragende Prieſter und Weih⸗ rauchfäſſer ſchwingende Chorknaben langſam zwiſchen der fröhlichen Menge dahinbewegte. Der Sarg von Eichenholz, ohne glänzende Schilder und bunte Dra⸗ perien, verſchwand faſt unter den Kränzen von Veil⸗ chen, Immergrün und den zarten Blümchen, die man im deutſchen Norden Schneeglöckchen nennt. Vier Männer in der ernſten Tracht proteſtantiſcher Leichenträger trugen die kleine Bahre, welcher Johannes Kepler, ſeinen Lud wig an der Hand führend, zunächſt folgte. Meiſter Euſe⸗ bius, der proteſtantiſche Diener Polixena's, mit ſeinem kräftigen Arme die blaſſe Großmutter ſtützend, ging dicht hinter ihm, und ein ſchlanker Mann in des Gelehrten Alter, deſſen braune Haare aber an den Schläfen ſich ſchon leicht mit Grau zu färben begannen, machte mit Mar⸗ garethe Kepler den Beſchluß des kleinen Zugs, dem die freu dig aufgeregte Menge, mit der natürlichen Ehrfurcht vor dem ernſten Schauſpiele des Todes die Hüte ziehend, Raum gab. Kepler's Augen waren vom Weinen matt und doch lag in denſelben ein Ausdruck, den man faſt hätte freu⸗ dig nennen können. 166 Auf dem gar nicht umfangreichen Platze neben der Teinkirche war das kleine Grab gegraben, in welches man jetzt die Leiche des holden Weſens verſenkte, an dem Kepler's Vaterherz mit ſo inniger Liebe gehangen. Der Abſchiedsblick aber, den er auf die Kränze von Frühlingsblumen warf, die den Deckel des Sarges ganz überdeckten, bevor er mit ſeiner zitternden Hand die erſte Erde auf denſelben warf, weilte kaum einen Mo⸗ ment lang in der düſtern Gruft und erhob ſich dann zu dem blauen Frühlingshimmel, an welchem nur einige ſilberne Wölkchen von wunderbarem Lichte ſchimmernd dahinſchifften. Als die wenigen bei der einfachen Feier⸗ lichkeit Anweſenden leiſe das Vaterunſer gebetet hatten, nahm Apollonia den Arm ihres Sohnes und verließ mit ihm zuletzt den Gottesacker. Meiſter Euſebius und der Fremde nahmen in dem Menſchengedränge, das ſie zurückkehrend wieder durchſchreiten mußten, ſich der beiden Kinder an, die ihrer Thränen immer noch nicht Herr werden konnten und ohne den Schutz dieſer Freunde jetzt wirklich hätten in Gefahr gerathen können, denn der altſtädter Ring war zu einem wogenden Meer von Menſchen geworden, deren Feſtgewänder und freude⸗ ſtrahlende Blicke einen ſeltſamen Contraſt zu dem kleinen Trauerzuge bildeten, der mit langſamen Schritten nach dem Hauſe zurückkehrte, das jetzt leer geworden war, 167 weil man ſie hinausgetragen. Sie! Niemand nannte den Namen des kleinen Kindes, das zum Engel geworden in der ewigen Heimat alle die erwarten würde, die es in ſeiner Menſchengeſtalt ſo ſehr geliebt hatte.„Du haſt nie ein Kind begraben?“ flüſterte Johannes der Matrone zu, die ſich kaum fühlbar auf ſeinen Arm ſtützte. „Ich habe ja nie eins geboren!“ entgegnete ſie mit einem Seufzer.„Der Herr, der jedem Erdenbürger die Laſt, die er auflegt, nach der Kraft, die er verliehen, be⸗ mißt, hat mir die Mutter, die noch lebte, zu einer Zeit genommen, wo ich die Größe meines Verluſtes nicht zu begreifen fähig war, und als mein braver Matthias von mir ging, hatte ich Grund, des Herrn Barmherzigkeit zu preiſen, der ihm Ruhe bereitete und ihn das Elend nicht ſchauen ließ, in dem mein Herz erſchauerte.“ „So haſt Du alſo, meine theure Mutter, die feſte, unerſchütterliche Ueberzeugung, daß der erhabene Geiſt des Weltalls die Schickſale der Menſchen beſtimmt, nicht wie die Bahnen der Weltkörper, nach ewigen, un⸗ abänderlichen Geſetzen, ſondern wie etwa ein Vater die Schickſale ſeiner Kinder beſtimmen würde, in mitleidsvollem Erbarmen, das vom Herzchen des ſchlafenden Kleinen ſelbſt das eigene Händchen weghebt, deſſen leichte Wucht doch den Athem des Schlummernden behindern könnte?“ 168 „O Johannes, mein geliebter Sohn“, entgegnete die Matrone, den begeiſterungsvollen Blick ihrer klaren Augen zu den ſeinigen emporrichtend,„was iſt denn Gott, deſſen Sein Du ſo eifrig ſuchſt und ſo ſicher findeſt in ſeinen Werken, wenn er nicht die Seele des Weltalls, die belebende Kraft des großen Weltganzen iſt, von dem wir entweder nur immer einen unendlich kleinen Theil ſehen können oder, wenn wir das Ganze zu ſehen uns beſtreben, dies als ein unendlich verkleiner⸗ tes in den Spiegel unſeres Auges aufnehmen müſſen? Gott, das Ich der Welt, fühlſt Du nicht, daß es Dein Ich iſt, was regierend, wollend auch die Spitze Deines Fingers bewegt, was die Thräne rollen läßt aus Deinem Menſchenauge? Du liebſt Dein Kind, Du liebſt es, ob es Dir auch hier auf Erden entriſſen iſt, Du haſt es treu bewahrt und gepflegt in jeder Stunde ſeines kurzen Lebens— biſt Du denn mehr als der All⸗ mächtige? Biſt Du unabhängig von der Seele des Weltalls, deſſen kleinſtes Atom Du doch nur biſt? Würde Dein kleiner Finger ſich regen und bewegen können, wenn die Kraft der Bewegung nicht in Deinem Ich läge? Und würde Dein Ich das Weſen lieben können, das von Deinem Ich ausgegangen, doch jetzt der Erde entrückt iſt, wenn nicht die Weltſeele die Liebe wäre, die Liebe, die, durch alle Sonnen, alle Erden verbreitet, 169 es auch dem Atom Deiner Menſchenſeele möglich macht, zu lieben, fort und fort zu lieben, nicht den Staub Dei— nes Kindes, der dort in dem kleinen Sarge alle edlen Wandlungen durchmacht, bis er als die Blüte eines Grashalms wieder zum Sonnenlichte emporblickt, nein, das Ich des kleinen Weſens, das, obſchon unzweifelhaft ein Theil Deines eigenen Ichs, möglicherweiſe doch jetzt ſchon der Erde nicht mehr angehört?“ Kepler hatte mit glänzendem Blick auf Apollonia's Worte gehört und ſagte dann, leiſe die kleine, weiche Mutterhand drückend, die matt auf ſeinem Arme lag: „Gott, ja Gott iſt die Liebe, und darum iſt Liebe ein ewiges Geſetz in allen Welten, die durch die unend— lichen Räume des Alls ihre ſtillen Bahnen wallen, ſtill für das Ohr des Menſchen auf Erden, harmoniſcher Wohllaut vielleicht für höhere Geiſter, die fähig ſind, denſelben durchs unendliche All ertönen zu hören. Mein Lenchen, mein ſüßes Kind, tönt er Dir vielleicht ſchon als ein: Heilig, heilig, heilig iſt der Herr! entgegen?“ Sie waren während dieſes Zwiegeſprächs an Kep⸗ ler's Wohnung angekommen, wo man während des Lei⸗ chenzugs die kranke Barbara unter der Obhut einer barmherzigen Schweſter zurückgelaſſen hatte, denn da⸗ mals ſchon und während aller Religionszwiſte übten dieſe edlen Jungfrauen ihre Chriſtenpflichten ohne Rück⸗ 170 ſicht auf den Glauben derjenigen, die ihrer Hülfe be⸗ dürftig waren. Als die Familie mit den beiden Freunden Kepler in das gewöhnliche Wohnzimmer gefolgt war, ſaß Barbara neben der barmherzigen Schweſter, die, bereits hochbejahrt, der Kranken mit ruhiger Würde erzählte, wie in der Stadt große Feſtlichkeiten vorbereitet wür⸗ den zum Empfang des Erzherzogs Matthias, der jeden Augenblick eintreffen könne auf dem altſtädter Rath⸗ hauſe, wo man ſchon vor mehreren Tagen Zimmer zu des Fürſten Reſidenz hergerichtet und äußerſt koſtbar ausgeſchmückt habe. Kepler heftete ſeine Augen voll ſtiller Trauer auf ſein unglückliches Weib und ſagte dann zu Meiſter Eu⸗ ſebius, der eben im Begriff ſtand, von ſeiner Freun⸗ din Apollonia Abſchied zu nehmen:„Alſo der An⸗ kunft des Matthias galt der laute Jubel dieſer falſchen Böhmen?“ „Ja!“ entgegnete der Haushofmeiſter und ſetzte mit einem Seufzer hinzu:„Meine durchlauchtigſte Für⸗ ſtin iſt ſehr betrübt und ſchon ſeit mehreren Stunden auf dem Hradſchin mit ihrem edlen Gemahle anweſend, Sr. Majeſtät dem Kaiſer Rudolf, den Gott erhalten möge, die Beweiſe ihrer Treue und Ehrfurcht zu Füßen zu legen.“ — 28=8 Hn—ͤ S— —2 g dei jed fu 171 „Das ſieht der erhabenen Frau ähnlich, dem verrathenen und verlaſſenen Kaiſer einen ſichtbaren Beweis ihrer Treue zu geben, und ſie zeigt mir, was zu thun auch meine Pflicht iſt. Ich habe jetzt nicht das Recht, mich der Trauer um mein ſüßes Kind hinzugeben, ich darf mich nicht des Geſprächs mit dem Jugendfreunde getröſten. Ich verlaſſe Dich, Beſold, der Du gerade in einer ſo ſchweren Stunde in mein Haus getreten biſt; bleibe hier bei meiner herzlieben Mutter, bis ich in der Kaiſer⸗ burg mir über meines Fürſten Geſundheitszuſtand und Willensmeinung Belehrung verſchafft habe. Kö⸗ nig Rudolf war mein Wohlthäter, mein Beſchützer, und mein Blut und Leben muß ihm gehören, ſolange er lebt und meine Glaubensgenoſſen nicht verfolgt und angreift.“ Der wackere Gelehrte nahm nun auch noch Abſchied von Meiſter Euſebius und befand ſich in wenigen Minu— ten vor dem Angeſichte Rudolf's, der ſchon vor längerer Zeit den Befehl gegeben hatte, ſeinen Hofaſtronomen zu jeder Tagesſtunde vor ſich zu laſſen. Der in den letzten Tagen ſehr gealterte Kaiſer ſaß in einem Lehnſtuhle und ein freundliches Lächeln flog über ſeine matten Züge, als Kepler mit tiefer Ehr⸗ furcht vor ihm niederkniete. Der junge Fürſt von Lobkowitz ſtand in ſtolzer, 2 urow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. II. 12 „ Joh 9 8 172 ritterlicher Haltung neben dem Monarchen und ein edles Feuer ſprühte aus ſeinen Augen, als er auf den knieen⸗ den Kepler blickend mit feſtem Tone ſagte:„Nein, Ew. Majeſtät ſind nicht verlaſſen und ich bin nicht der einzige treue Unterthan, der jetzt zu dem erhabenen Throne eilt; dieſer Mann, dieſer große Gelehrte iſt Pro⸗ teſtant, aber ſein Glaube iſt kein Hinderniß ſeiner Treue. Mein kaiſerlicher Herr, erwählter König meines theuern Vaterlandes, zeigt Euch Euern Böhmen und es wird Euch alsbald klar werden, daß viele, ſehr viele denken wie er und ich. Kein Glaubensbekenntniß iſt der Treue feindlich; zeigt Euch den Bewohnern Prags und bald wird eine Schaar tapferer Männer um Euch verſammelt ſein, feſt entſchloſſen, Blut und Leben an die Behauptung Eures Rechts zu ſetzen.“ „Eine Deputation der böhmiſchen Stände“, meldete der eingetretene Kämmerling,„bittet um die Gnade, bei Sr. Majeſtät vorgelaſſen zu werden.“ Der Kaiſer ſchaute unruhig mit ſeltſam verſtörtem Blick im Zimmer umher und fragte dann mit unſicherer Stimme:„Wer ſind die Leute und welche der Herren befinden ſich an ihrer Spitze?“ „Herr Wenzel von Budova iſt der Führer des Zugs und verlangt ein perſönliches Zwiegeſpräch mit Ew. Majeſtät“, entgegnete der Kämmerling. 173 „Man laſſe ihn eintreten, aber nur ihn allein!“ war des Kaiſers Beſcheid, der ſich jetzt plötzlich in ſeiner ſtattlichen Größe von ſeinem Seſſel erhob und mit hoch⸗ getragenem Haupte auf den eintretenden Abgeſandten der meuteriſchen Böhmen blickte. Wenzel von Budova, einer der Hauptführer der böhmiſchen Proteſtanten, war ein ſtattlicher Mann mit kühnem Blick, den er einen Moment lang mit verächtli⸗ chem Ausdruck auf dem Fürſten von Lobkowitz weilen ließ, welcher auf ſein Schwert geſtützt zur linken Seite des Kaiſers ſtand. „Was iſt Euer Begehr, Herr von Budova?“ fragte der Kaiſer mit tiefer, ruhiger Stimme. „Ich erſcheine hier vor Ew. Majeſtät Augen, um im Namen und Auftrag der drei Stände Böhmens Ew. Majeſtät zu bitten, einen Landtag auf den nahen zweiten April ausſchreiben zu wollen, zugleich aber habe ich den Auftrag, Ew. Majeſtät zu melden, daß die böhmi⸗ ſchen Stände feſt entſchloſſen ſind, wenn Ew. Majeſtät ſolches von Ihrer Seite nicht thun wollen, auch ohne dieſes Ausſchreiben aus eigener Macht ſich an dem ge⸗ nannten Tage zum Landtag zu verſammeln, um endlich dem ſo lange ſchwer geplagten Lande Frieden und die heilige Religionsfreiheit zu geben.“ Der alternde Kaiſer hatte ſich bei dieſen unehrerbie⸗ 12²* 174 tigen Worten auf ſeinen Stuhl niedergelaſſen. Seine Blicke ſchweiften unruhig durch das Zimmer und blieben auf der edlen Geſtalt Kepler's haften, der mit geſenkten Augen und die Hand auf die Bruſt gelegt daſtand, ein Bild ſanfter Reſignation, während der Fürſt von Lobko⸗ witz dem Herrn von Budova wüthende Blicke zuſchleu⸗ derte und den Schwertgriff mit der rechten Hand krampfhaft umklammert hielt. In der Bruſt des Mannes, der in dieſem Moment noch König von Böhmen und deutſcher Kaiſer war, wog⸗ ten ſeltſame Gefühle auf und ab, Gefühle, in genaueſtem Zuſammenhang ſtehend mit den Gedanken, die Kepler's ruhige Geſtalt in ſeinem Geiſte erwachen ließ. „Dieſer Mann“, ſagte der Kaiſer zu ſich ſelbſt, „berechnet die Bahnen der Weltkörper, deren Boden nie ein Erdgeborener berühren und betreten kann, er zieht Schlüſſe nach ſeinen Beobachtungen über die Nähe und Ferne von der Sonne auf die Art und Natur der Weſen, die ſie bewohnen können, und denkt an die Möglichkeit, ſich mit denſelben auf irgend eine Weiſe in Verbindung zu ſetzen, und da ſteht er, von der Erde nicht ſo viel Eigenthum beſitzend, als die Sohle ſeines Fußes be⸗ deckt, Gatte eines wahnſinnigen Weibes, in Trauer um ein verlorenes geliebtes Kind und voll tiefer Sorgen um das irdiſche Forikommen ſeiner noch lebenden 175 Kleinen; da ſteht er, und ſeine ſchönen Züge ſind ſo voll tiefen, ſanften Friedens, ſein Lächeln iſt glückſelig, wie das eines von den Engeln träumenden Kindes. Das iſt die Macht der Wiſſenſchaft, das iſt die Weisheit, von der die größten Menſchen aller Nationen des Alter⸗ thums ſchon lange, lange vor der Geburt des Welterlö⸗ ſers ſprachen, das iſt das einzige der Menſchenſeele erreichbare Glück. Es haben die Kronen, die mein Vater mir vererbte, meine arme Menſchenſtirn wund gedrückt, und Blut iſt gefloſſen jedesmal, wenn man mir wieder eine vom Haupte riß. Jetzt kein Blut, keins mehr! Nicht ein einziger Tropfen in allen meinen Reichen ſoll noch fließen, damit Rudolf von Habsburg noch eine kurze Zeit länger die Krone dieſes undankbaren Böh⸗ merlandes auf ſeiner ſchweißtriefenden Stirn fühle. Mag Matthias, mein Todfeind, aufheben, was ich wegwerfe, ich will ihm den Brudermord erſparen, den die Sterne — aber ſollte es denn wahr ſein, daß ihre Conſtellationen keinen Einfluß haben auf die Thaten und Schick ſale der Erdbewohner? Gleichviel, ich ſelbſt will mich über ſie ſtellen, und ich kann es!“ Mit einer hoheitsvollen Handbewegung winkte er dem ſtolzen Budova Schweigen zu und ſagte dann: „Ich will mich den böhmiſchen Ständen nicht unterordnen, ich, Euer erwählter und gekrönter König, aber ich will, 176 und ſagt das denen, die Euch geſendet haben, die Krone Eures rebelliſchen Landes auch nicht länger auf meinem geſalbten kaiſerlichen Haupte tragen. Krönt meinen Bruder Matthias noch jetzt, während ich lebe, damit bei meinem Tode ſie nicht zum Zankapfel werde und neues Blutvergießen errege unter den Fürſten des deutſchen Reichs. Geht, Ihr ſeid entlaſſen!“ Kaum hatte der erſchrockene Abgeſandte ſich ent⸗ fernt, als die Fürſtin Polixena in das Zimmer trat. Ihr ſchönes Angeſicht war von heißen Thränen überſtrömt, als ſie ſich, die gefalteten Hände emporhebend, vor Rudolf niederwarf. 4 „Was habt Ihr gethan, was habt Ihr gethan, mein kaiſerlicher Freund!“ rief ſie unter lautem Schluchzen. „Was recht war, Polixena!“ entgegnete Rudolf mit Hoheit.„Erkennt, daß ich den Frieden dieſes Lan⸗ des ſchützen, die Hand des Matthias vom Bruderblute rein erhalten und mich ſelbſt von einer Laſt befreien will, die meinen Schultern zu ſchwer wird. Tretet näher, Ma⸗ giſter Johannes Kepler, und ſagt dieſer Dame, was Ihr, das weiß ich, längſt erkannt habt, daß dieſe Erde, ein Staubkorn im Weltall, viel zu klein ſei, um ſich ihres Beſitzes wegen zu ſtreiten, da die unſterbliche Seele des Menſchen, Eure eigene Seele, ſchlichter, frommer Mann, ſich weit über dieſelbe emporſchwingend andere Sterne aufſuchen kann, die der Sonne näher und ſchöner ſind als dieſer kleine dunkle Ball, der nur einen armſeligen Mond zum Gefährten auf ſeiner Bahn hat. Was iſt mir Böhmens Krone? O es iſt ein erhabenes, ein bedeutungsvolles Zeichen, daß die Krone des deutſchen Kaiſers ein gekrümmter Nagel vom Kreuze unſeres aller⸗ heiligſten Erlöſers iſt. Es hat mein erhabener Vorfahr, der fünfte Karl, in deſſen Reiche die Sonne nicht unter⸗ ging, alle auf ſeinem Haupte vereinigten Kronen abge⸗ legt am Fuße des Kreuzes und ſein kaiſerliches Leben in der Stille eines Kloſters beſchloſſen. Seid eine glück⸗ liche Gattin, Polixena, und bewahrt in Eurer edlen Seele das Andenken Eures kaiſerlichen Freundes, der in keinem Moment ſeines Lebens der Krone Eures Vater⸗ landes unwürdig war. Ihr aber, Magiſter Kepler, fürchtet nicht, daß Ihr das Brod für Eure Kinder verlieren ſollt, wenn ich dies treuloſe Land, in das ich Euch zog, nun verlaſſen werde. Man ſoll Euch als des Reiches Mathematikus beſolden, und kann ich auch meinem Nach⸗ folger das Intereſſe, die heilige Liebe, die Gott für Wiſ⸗ ſenſchaft und Kunſt in meine Bruſt legte, nicht einhau chen, ſo will ich bei meiner kaiſerlichen Ehre dafür ſor⸗ gen, daß der einzige Gelehrte, der mir treu blieb, als mich Alles verließ, wenigſtens vor Hunger und Elend geſchützt bleibe.“ 177 178 Johannes Kepler hatte, zu den Füßen des Kaiſers knieend, mit aufrichtiger Treue die Hand des Monar⸗ chen an ſeine Lippen gezogen, und eine warme Thräne, die auf dieſelbe aus den Augen fiel, die in die Tiefen des Himmels ſo oft ſchon mit ſeligem Entzücken geſchaut hatten, war Zeuge, daß er das rein menſchliche Gefühl in der Bruſt des verrathenen Monarchen zu erkennen und dankbar zu würdigen wußte. Während dieſes Vorgangs in dem Saale auf dem Hradſchin ward die Volksmenge vor dem altſtädter Rathhauſe immer dichter und glänzender, bis endlich in der ſtattlichſten Staatscarroſſe, die ſein kaiſerlicher Bru⸗ der ihm durch ſeinen frühern Abgeſandten, Adam von Waldſtein, entgegengeſchickt hatte, Erzherzog Mat⸗ thias erſchien, ſein Abſteigequartier hier im Mittelpunkte der Altſtadt Prags zu nehmen, um, wie er meinte, da⸗ durch den Böhmen einen Beweis ſeines uneingeſchränkten Vertrauens zu geben. Erzherzog Matthias, der zweite Sohn des von ſei⸗ nen Unterthanen ſo heißgeliebten Kaiſers Max, war nur wenige Jahre jünger als Rudolf und zur Zeit auch noch unvermählt. Er ſaß, ein ſehr ſtattlicher Herr noch, dem man ſeine ſiebenundfünfzig Jahre nicht anſehen konnte, neben ſeinem Rathgeber und erſten Miniſter, dem Car⸗ dinal Khleſl, der in den prächtigen Gewändern, zu denen 4 ———,—., 179 ſeine geiſtliche Würde ihn berechtigte, den hohen Kirchen⸗ fürſten darum nicht weniger ſtattlich repräſentirte, weil er nicht, wie Rudolf's Freund und Miniſter, der Cardinal von Dietrichſtein, aus einer vornehmen Familie ſtammte. Khleſl war der Sohn eines armen Mannes, und nur ſein großer Verſtand und ſeine Gabe, die Zeitumſtände zu nützen, hatten ihm das Vertrauen des ehrbegierigen, regierſüchtigen Fürſten erworben, dem er bei allen ſeinen Plänen eine feſte Stütze geweſen war. Es möchte ſchwer zu entſcheiden ſein, welcher der beiden Männer, die ſo ſtolz und heiter auf die Volks⸗ menge niederblickten, einen größern Triumph beim lau⸗ ten Zujauchzen derſelben in ſeinem Herzen fühlte, beide aber verſtanden es wohl, ihren Geſichtsausdruck ſo zu beherrſchen, daß er, den beſondern Umſtänden ihres Ein⸗ zugs angemeſſen, nicht den triumphirenden Jubel zeigte, der ſie bewegte. An der Freitreppe des Rathhauſes ſtanden viele der vornehmſten böhmiſchen Standesherren, beſonders die der pro teſtantiſchen Partei angehörenden, mit ent⸗ blößten Häuptern, und die Federn der Hüte, die ſie in ihren Händen hielten, fegten faſt den Boden, als ſie ſich vor dem Erzherzog verbeugten, der, von Khleſl und dem Grafen Adam von Waldſtein gefolgt, mit raſchem Schritt die wenigen Stufen der Freitreppe des alter⸗ 180 thümlichen Gebäudes hinanſtieg. Lautes Jauchzen aus tauſend Kehlen ſchallte ihm nach und bewillkommnete ihn jedesmal, wenn er ſeine ſtattliche Geſtalt am Fen⸗ ſter zeigte. „Wir werden ſicher ſchlafen in der Hauptſtadt unſerer treuen Böhmen“, ſagte Matthias zu ſeinem Vertrauten Khleſl, als die edlen Herren, die bei ſeinem Empfang ge⸗ genwärtig geweſen, ſich entfernt hatten. „Das dürfen wir hoffen“, entgegnete der Cardinal,„ja wir dürfen deſſen ſogar ganz gewiß ſein, da zwölfhundert Mann von Ew. Majeſtät kriegsgeübten ungariſchen Trup⸗ pen in Prag ſtehen und die Wachtpoſten hier vor un⸗ ſern Schlafzimmern von dieſen Ew. Majeſtät, die die⸗ ſelben gegen die Türken ſiegreich führte, ganz ergebenen Männern doppelt beſetzt ſind.“ „Ich verlaſſe mich mehr noch auf die Treue des böh⸗ miſchen Volkes“, ſagte Matthias ruhig. „Aber böhmiſche Treue iſt verrufen, wie puniſche es einſt war“, meinte Khleſl und ſetzte mit leiſem Tone hinzu: „Mein hoher Fürſt, König von Ungarn und jetzt auch wohl bereits König von Böhmen, traut einem Volke nie, das abfallen kann von der Treue gegen Gott! Dieſes Böhmen iſt am früheſten der Herd der Ketzerei geweſen, und was meint Ihr, würden ſie Euch auch Treue bewei⸗ ſen, wenn Ihr wie Euer Bruder Rudolf auf ihr 181 Geſchrei nach Religionsfreiheit ihnen keine Antwort gäbet?“ „Aber ich will ihre billigen Wünſche erfüllen und ich werde es“, rief der Erzherzog mit einer gewiſſen Hef⸗ tigkeit. „Dann werdet Ihr Eurer königlichen Macht die beſte, die natürlichſte ihrer Stützen, die geiſtliche, entziehen. Ein ſtarkes, wohlorganiſirtes Heer kann andern Regenten vielleicht ihre Macht ſichern, nicht denen aber, welche einen Völkerkreis regieren, der, aus einer Menge der ver⸗ ſchiedenſten Nationalitäten beſtehend, nicht einmal durch das lockere Band einer gemeinſamen Sprache verei⸗ nigt iſt. Nur der gemeinſame Glaube kann Eure Völker verbinden, der katholiſche Glaube, deſſen Hei— ligthümer nicht in den Eigenthümlichkeiten eines ein⸗ zelnen Volkes wurzeln. Die lateiniſche Sprache, die ur⸗ alte, in welcher der Apoſtel Paulus an die Römer ſchrieb, iſt diejenige, in der die katholiſchen Prieſter heute noch den Magyaren, den Czechen, den Wenden in den fernen Marken, den Slavoniern, Walachen, den Serben und Krainern den Segen ertheilen und die von allen unverſtandenen Worte ſind und bleiben das Band, das ſie mit ihrem Gott und ihrem Fürſten in feſtem Vereine hält. Glaubensfreiheit, das iſt ein Wort, hinter dem ſich nichts birgt als der natürliche Hang jedes einzelnen 182 Menſchen, ſich gegen Zucht und Ordnung aufzulehnen. Luther's Reformation iſt nur das Signal, die Lärmtrom⸗ pete, die die Völker zur Empörung gegen ihre Herren aufruft. Möge ſie durch die Weisheit der Prieſter und Fürſten bald zum Schweigen gebracht werden.“ „Aber haben dieſe Böhmen mich nicht einzig und allein in ihr Land gerufen, um unter meiner Regierung die Glaubensfreiheit zu erhalten, nach der ſie nun ſchon ſo lange ſtreben?“ „Gebt Ihnen, mein königlicher Herr, was beſſer iſt als Glaubensfreiheit, gebt Ihnen Glaubensfrieden, ohne den weder Euer noch irgend ein weltlich Regiment beſtehen kann. Empfing Euer großer Ahnherr Rudolf Graf von Habsburg nicht ſeiner Frömmigkeit wegen die deutſche Kaiſerkrone? Haltet feſt an der Kirche, und die Kirche wird wiederum zu Euch halten!“ Der Cardinal ſtand bei dieſen in höchſter Ekſtaſe geſprochenen Worten mitten im Zimmer. Wie ein Blut⸗ ſtrom wallte ſein purpurfarbiges Gewand um ſeine hagere Geſtalt, und von den dunklen Augen, die in ihrem gan— zen Glanze auf den Erzherzog geheftet waren, ſchienen zwei Feuerſtröme auszugehen. Wie ein Blitz zuckte durch die Seele des treuloſen Erzherzogs der Gedanke, daß es nicht ein Genius des Friedens ſei, der hier vor ihm ſtehe; er fühlte ſogar 183 etwas wie Reue wegen ſeiner Treuloſigkeit gegen ſei⸗ nen ältern Bruder, der ihm ſtets nur Gutes erwieſen hatte, in ſeinem Herzen, aber er unterdrückte ſchnell dieſe weichen Regungen und ſagte, von ſeinem Seſſel aufſtehend:„Gute Nacht, Khleſl! Es iſt ſpät geworden und wir beide müſſen morgen bereit ſein, dieſen Böhmen Rede zu ſtehen über Alles was, ſie uns fragen zu haben.“ So ſchliefen denn die beiden Brüder, die einſt unter einem Mutterherzen dem Leben entgegengeträumt und deren erſtes Bewußtſein ihnen die Möglichkeit, Kronen zu tragen, vorgeführt hatte, an den entfernten Enden des ſtolzen Prag ein, Matthias mit dem Bewußtſein, den ältern Bruder, deſſen Vorrechte ſtets ſeinen Neid erregt, durch ſeine Klugheit beſiegt zu haben, Rudolf mit dem, daß der eherne Wille des Schickſals, das in den Sternen ihm vorausgeſagt war, nun wohl in Erfüllung zu gehen im Begriff ſei, und feſt entſchloſſen, den mörderiſchen Abſichten ſeines Bruders durch gänz⸗ liche Reſignation noch womöglich aus dem Wege zu gehen. Als der Morgen des zweiten April erſchien, an dem die böhmiſchen Stände ſich nach ihrem Willen in dem Saale des Hradſchin einfanden, in dem ſeit Jahrhunderten ſchon ihre oft unruhigen Berathungen ge⸗ 184 halten worden waren, wurde zuerſt von dem beredten Wenzel von Budova verkündigt, daß Kaiſer Ru⸗ dolf entſchloſſen ſei, auf den Wunſch ſeiner Untertha⸗ nen die Krone Böhmens, die zu tragen ihm in dieſen unruhigen Zeiten zu ſchwer werde, niederzulegen. Am folgenden Tage berief Matthias die böhmi⸗ ſchen Standesherren zu ſich in das altſtädter Rathhaus, wo er ſie aufs huldreichſte empfing. Er ſchüttelte jedem der Eintretenden, gleichviel ob Katholik oder Proteſtant, die Hand und ſagte dann: „Ihr habt mich nach Prag berufen, hier bin ich nun, ſehr edle Herren. Was iſt Euer Anliegen an mich? Erlaubt mir, Euch gleich meines guten Willens, Euch zu dienen, von Herzen zu verſichern.“ „Unſer Anliegen, erhabener König von Ungarn, ha⸗ ben wir in dieſem Schreiben niedergelegt“, antwortete der abermals zum Sprecher erwählte Wenzel von Bu⸗ dova;„es iſt von uns allen, ohne Unterſchied des Glau⸗ bens, unterſchrieben.“ Matthias ſah nach den Unterſchriften und fand die des Obriſtburggrafen von Slawata, des Herrn von Martinecz und noch mehrerer anderer katholiſcher Herren, die friedlich neben Schlick, Thurn, Budova und andern Proteſtanten unterzeichnet hatten. Das Schreiben ſelbſt enthielt an ihn die Bitte, die Verwaltung Böhmens in 185 Gnaden übernehmen zu wollen, da Se. Majeſtät Ru⸗ dolf II. wegen ſeiner mit jedem Jahre zunehmenden Schwäche derſelben ſich nicht mehr gewachſen fühle. Zugleich erſuchten ihn die getreuen Böhmen, daß er ſeine ungariſchen Truppen alsbald mit denen der böhmiſchen Stände vereinigen und das noch immer in einigen Ge⸗ genden des Königreichs weilende paſſauer Volk mit die⸗ ſen vereinten Truppen aus dem Lande treiben möge. „Zugeſtanden!“ entgegnete Matthias, deſſen Geſicht von Entzücken leuchtete, und es war ſein erſter Befehl, daß ein Theil ſeiner ungariſchen Truppen, vereint mit allen den Böhmen und Mähren, die ſich unter dem Befehl des Herrn von Roſenberg und anderer böh⸗ miſcher Proteſtanten in Prag befanden, gegen Budweis und Prachatitz vorrücken ſollte, wo die Reſte des Ra⸗ mé'ſchen Kriegsvolkes noch immer ihr entſetzliches Weſen trieben. Nach dem Abmarſche dieſer Truppen war Matthias, der von ſeinem ungariſchen Militär noch achttauſend Soldaten in Prag zu ſeinem Befehle behielt, factiſch Herr der böhmiſchen Hauptſtadt und forderte nun auch, als König von Böhmen gekrönt zu werden. Die Stände ſetzten den Tag zu dieſer großen Feier⸗ lichkeit auf den dreiundzwanzigſten März feſt. Während dieſer Zeit lebte Kaiſer Rudolf in alter 186 Weiſe auf dem Hradſchin fort; beide Brüder ſchienen von einander keine Notiz zu nehmen. Da Polixena mit ihrem jugendlichen Gemahle nach ihrem Schloſſe Raudnitz zurückgekehrt war, ſo war des Kaiſers Leben faſt das eines Einſiedlers in den prächtigen Hallen des Hradſchin, und er nahm in jenen traurigen Tagen nur die allerein⸗ fachſten Speiſen, beſonders in der Schale hartgeſottene Eier zu ſich, weil die krankhafte Angſt, daß Matthias ihm nach dem Leben trachte, wieder in ſeinem Herzen überhand nahm. Sein einziges Getränk war Waſſer aus dem im Hofe des Hradſchin rieſelnden Brunnen, das einer der Diener ihm holen und nach ſtarkem Um⸗ rühren zur Hälfte in des Kaiſers Gegenwart ſelbſt trinken mußte. So vergingen dem unglücklichen Mann die Frühlingstage, von deren Schönheit er nichts genoß, da er ſie meiſtens im dicht verhängten und feſt verſchloſſe⸗ nen Schlafgemach zubrachte. Nachts ging er in die unter der Erde liegenden Marſtälle und machte dort in ge⸗ wohnter Weiſe ſeine Reitübungen. Zuweilen promenirte er auch einſam oder von einem einzelnen Diener be⸗ gleitet in den grünenden, jetzt auch mit zarten Blüten geſchmückten Gängen des Hirſchparks, wo er dann vor den Thierzwingern ſtehen bleibend die ſtolzen gefangenen Geſchöpfe mit trüben Augen betrachtete. Auch an den Sternenhimmel heftete der Unglückliche nicht ſelten ſeine 187 Blicke, als wollte er fragen:„Was habt ihr mir jetzt noch mitzutheilen, ihr ſüßen Lichter, in deren Funkeln die Gelehrten meines Kaiſerhofs einſt das ganze Elend meines Lebens laſen?“ So verging dem einſamen Kaiſer Tag für Tag, bis endlich zu Anfang des Monats Mai eine neue De⸗ putation der böhmiſchen Stände um Audienz bei ihm anſuchen ließ. Adam von Waldſtein, Wenzel von Budova und die Grafen Schlick und Kinsky waren die Vorſtände derſel⸗ ben und der Letztgenannte überreichte knieend mit den Geberden der tiefſten Unterthänigkeit dem Monarchen eine Bittſchrift. Rudolf öffnete und durchlas dieſelbe und ſein gelb— liches Geſicht färbte ſich mit der Flammenröthe des bit · terſten Zorns. 1 „Und das wagt Ihr mir zu bieten, treuloſe, herz— loſe Böhmen?“ ſchrie er in wilder Aufregung;„mir, der ſchon bei Lebzeiten meines kaiſerlichen Vaters Euer er wählter König war?“ „Ew. Majeſtät haben freiwillig auf die böhmiſche Königskrone Verzicht geleiſtet“, entgegnete Wenzel von Budova mit Würde,„und ſo ſind wir in unſerem Recht, wenn wir die unterthänige Bitte an Ew Gnaden richten uns des Ew. Majeſtät geleiſteten Eides der Treue zu ent⸗ Burow, Johannes Kepler Zweite Abtheilung. II. 13 188 binden. Das Reich Böhmen muß einen Regenten haben; die Stände ſind einig in der Wahl Eures durchlauchtigſten Bruders, denn der Böhmen Herz hängt treu an den Söhnen des hochherzigen Königs Max, der uns Glau⸗ bensfreiheit und Frieden in kaiſerlicher Huld gegeben. Vielleicht wird Dero Herr Bruder, Erzherzog Matthias, der nach Ew. Majeſtät ſeligem Hintritt der natürliche Erbe dieſes großen Königreichs und aller der Länder wäre, deren Kronen jetzt Euer Haupt ſchmücken, in die geſeg⸗ neten Fußtapfen ſeines Vaters treten und den Böhmen—“* „Was wollt Ihr Abtrünnige und Verräther?“ ſchrie der Kaiſer mit dem Fuße ſtampfend. „Niemand kann zweien Herren dienen“, antwortete Budova gefaßt.„Entlaßt uns des Eides der Treue, be⸗ jaht unſere dahin gehende Bitte, die letzte, mit der ſich Böhmens Stände an Ew. Majeſtät Gnade wenden, und gebt uns dadurch die Freiheit, Euerm Herrn Bruder die Krone unſeres Landes, die Ihr von Euch geworfen, in Treue und Unterthänigkeit darbringen zu dürfen.“ Rudolf's Züge waren von Wuth verzerrt, ſein Mund ſchäumte und ſeine Augen waren mit Blut unterlaufen. „Ich will nicht! Ich werde nicht durch meine eigene Unterſchrift das heuchleriſche Poſſenſpiel ſanctioniren, das dieſer Matthias mit mir, ſeinem Kaiſer, treibt!“ ſchrie der unglückliche Fürſt mit heiſerer Stimme, und die Fe⸗ 189 der, welche Wenzel von Budova mit unterthänigem Blicke zur Unterſchrift hinhielt, aus deſſen Hand reißend, warf er dieſelbe zu Boden und ſtampfte mit ſeinem Abſatz den Kiel entzwei. Budova hob ſie wieder auf und tauchte ſie, ohne ihren Zuſtand zu beachten, von neuem in das goldene Tintenfaß. Jetzt behielt ſie Rudolf in der zittern⸗ den Hand. Schwarze Tintenflecken verunzierten bereits den Boden des Zimmers, die Tiſchplatte und das Blatt, das zum Unterſchreiben vorgelegt war.„Fluch Euch, Fluch dem ehr⸗ und treuvergeſſenen Matthias, Fluch dieſem ganzen treuloſen Lande!“ ſagte er mit ſchrecklicher Stimme, doch verſuchte er ſeinen Namen unter das Document zu ſetzen, das die Böhmen ihrer Treue gegen ihn entbinden ſollte. Schwarze Tintenſtröme floſſen die Schrift be⸗ ſchmuzend aus der zum Schreiben ganz untauglich ge⸗ wordenen Feder, doch nahmen die anweſenden Standes⸗ herren dieſe Flecke für die Unterſchrift des verrathenen Fürſten und entfernten ſich, nachdem Wenzel von Bu⸗ dova, der das ſchmuzige Document trug, dem Kaiſer mit falſcher Freundlichkeit für die Abtretungsurkunde ge⸗ dankt hatte. Als Rudolf ſich wieder allein ſah, warf er ſich in einen Lehnſtuhl, und die noch immer mit Tinte gefüllte Feder mit den Zähnen zerreißend, befleckte er Bart und Wange. In dieſem Zuſtande fanden ihn ſeine Die⸗ 13* 190 ner, die ihren in Krämpfen zuckenden Herrn entkleide⸗ ten und auf ſein einſames Lager trugen, wo ſich der Schlaf auf ſeine heißen Augenlider ſenkte, ein Schlaf, den kein liebendes Auge einer Gattin oder eines Kindes bewachte. Ende des zweiten Bandes. 1 Colour& Grey Control Chart Qrae. Green Vellow- Hed Magenta f 2—— -—