— —— 2 —** Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines delehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekaunte Perſonen müſſen, bei Entg gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:„ 7 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 2— „ 3 4 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der gltſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. .Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſondens darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——--—— Hiſtoriſche Erzählung von Julie Burow. Zweite Abtheilung. Erſter Band. Keipzig, Ernſt Julius Günther. 1865. Druck von Heinr. Mercy in Prag. An die geehrten Leſer ſtatt einer Vorrede. —— Indem ich dem Publikum Deutſchlands dieſes Buch übergebe, halte ich es für nothwendig, zu ſagen, daß ſeit der Zeit, da ich das Leben Johannes Kepler's zu ſchreiben begann, Jahre ſchwerer Leiden über mein Herz gegangen ſind. Ich habe am Sarge meines Gatten ge⸗ weint, und mir ſelbſt hat der Tod ſehr nahe geſtanden. Jetzt bin ich wieder geneſen und trete vor meine geehr⸗ ten Leſer mit ſorgendem Herzen, da ich fürchte, daß dieſelben das Intereſſe für meinen Helden einigermaßen verloren haben könnten. Möge Alexander von Humboldt's Brief die Kraft haben, es neu zu erwecken. Auch er, der große Gelehrte, der humane, edelher⸗ zige Greis, iſt nun ſchon eingegangen zum ewigen Licht! Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. A Ich gedenke ſeiner mit Ehrfurcht und freue mich der Güte und Nachſicht, mit der er den Beginn der Arbeit beurtheilte, von welcher ich hier meinen Leſern den Schluß übergebe. Möge das gütige Wort, das der große Mann über dieſen Theil meines Werkes ſagte, ein prophetiſches ſein und das edle deutſche Publikum den dramatiſchen Theil des Lebens Johannes Kepler's mit Güte aufnehmen. Dulie Pfannenſchmidt-Burow. Alexander von Humboldt an Frau Julie Pfannenſchmidt-Zurow. Ich komme, in tiefe Scham gehüllt, und weiß nicht, wie ich den verſpäteten Ausdruck meines Dankes vor Ihnen, verehrte Frau, rechtfertigen ſoll. Ein langes Unwohlſein, das im neunundachtzigſten Uralter doppelt ſchwächt, und die bewegte Zeit, deren Feſten in meiner Lage ich mich nicht entziehen konnte, haben meine ſo ausgedehnte Correſpondenz in eine Verwirrung gebracht, die mich in die Gefahr ſetzt, da vielleicht als gefühllos zu erſcheinen, wo man mir unaufgefordert mit ſo an⸗ muthiger Wärme entgegengekommen iſt. Der Abſcheu, den ich von jeher vor einem Secretär gehabt, weil er a* mir alle Freiheit des individuellen innern Lebens nimmt meinen Freunden gegenüber, weil ja dietirte Briefe, die der letzten Jahre von Goethe nicht ausgenommen, eine gletſcherartige Nüchternheit haben, hat mich öfter als Andere in die Lage geſetzt, um Nachſicht flehen zu müſſen. Das thue ich denn jetzt vertrauensvoll vor Ihnen, da Sie, meine edle, geiſtvolle Freundin, mich durch Ihr Wohlwollen zu dem Stolze veranlaſſen, zu glauben, daß charakteriſtiſche wenige Worte, in eigene un⸗ leſerliche Hieroglyphenſchrift verhüllt, in gekrümmte und eckige Zeilen zuſammengedrängt, Ihnen lieber als fremde Schrift ſind. Arago pflegte von meinen Briefen zu ſagen, man leſe ſie leicht, wenn man, wie beim Rech— nen, ausſtreiche, was man eben entziffert habe. Auf ſo langem diſſolutoriſchen Umwege gelange ich ——————————: — endlich zu dem ſchönen Werke, das Sie mir ſo liebevoll zugeeignet und von dem Sie ſo wahr ſagen, daß es das Werk eines Frauenherzens iſt, von ehrfurchtsvoller Liebe geſchaffen, daß es den ſeltenen, geiſtiger Freiheit treu ſich opfernden Mann und zugleich die Zeit darſtellt, in der er ſo Großes und ſo Dauerndes gewirkt. Sie haben Ihre Aufgabe glücklich gelöſt, weil Sie tief durchdrungen waren von dem, was den Charakter Ihres Helden bil⸗ dete, weil Sie, unſerer Sprache mächtig, im Forſchen den Situationen Leben einzuhauchen gewußt haben. Ich habe jedes der anmuthigen Bändchen geleſen und nichts aufzufinden gewußt, was Miß Karoline Herſchel würde getadelt haben. Anziehend in der Erzählung war mir die Häuslichkeit Meiſter Guldenmann's und Apollonia's im erſten Bande, der erſte Verkehr zwiſchen Kepler und Mäſtlin im zweiten Bande, ja, das ganze ſech⸗ zehnte Kapitel im letzten Bande. Geiſter haben mir jetzt Ihre Bändchen abgeliehen, und wie wäre zu zwei⸗ feln, daß die Fortſetzung, welche den dramatiſchen trau⸗ rigen Theil enthält, Ihnen nicht ebenſo(ich ſage nicht beſſer) gelingen werde! Möge dieſer warme Ausdruck meines Dankes und meiner Anerkennung Ihres Talents Ihnen Freude machen. Ich beklage, den Genuß entbehrt zu haben, Sie und Ihre Frau Tochter in meinen Mauern zu begrüßen. Berlin, 22. März 1858. Mit innigſter Verehrung Ihr gehorſamſter und erkenntlichſter A. v. Humboldt. bair ſchä — Bneignung an Herrn Ch. Gruner, königl. würtembergiſcher Ober⸗Amts⸗Reviſor, Ritter des kaiſerl. öſter⸗ reich. Franz⸗Joſeph⸗, des königl. preußiſchen Kronen⸗ und des königl. bairiſchen Verdienſtordens, Mitglied mehrerer gelehrten Vereine, Ge ſchäftsführer beim Comité des Kepler⸗Denkmals, Chrenbürger der Stadt Weil. Ich grüße Dich, der Du aus gleicher Ferne Emporgeblickt, wie ich, zu jenem Sterne, Der ſtrahlend über Deutſchlands Nacht einſt ſtand. Dich, Kepler's Freund, kann ich den meinen nennen, Du wirſt die Regungen der Seele kennen, Die ſich mit Kepler's edlem Sein verband. Er war mein Stern ſeit meinen Kindertagen, Wo oft ich ähnlich Leid wie er getragen, Wo ich ſein hohes Streben früh erkannt. In Dir hab' ich ein Menſchenherz gefunden, Dem ohne Schaun ſich meines treu verbunden. In Kepler, Theurer, ſind wir wahlverwandt! Julie Pfannenſchmidt⸗Burow. hinal feierl des auch deſſe Der Erſtes Kapitel. In einem der Zimmer des Hradſchin, deſſen Fenſter hinab nach dem Hirſchgraben ſehen, ſaß am Tage nach dem feierlichen Begräbniß eines berühmten Hofaſtronomen, des Ritter Tycho de Brahe, Kaiſer Rudolf II., zur Zeit auch gekrönter König von Böhmen, in einem Lehnſtuhle, deſſen Rücklehne er dem großen Fenſter zugewendet hatte. Der Herr der Chriſtenheit ſah bleich und übermüdet aus, ſeine von Natur ſchönen Augen erſchienen wie von Nacht⸗ wachen oder Weinen geröthet. Er war allein und un⸗ beſchäftigt, obgleich auf einem kleinen Tiſche vor ſeinem Sitze mancherlei Geräthe zum Zeichnen mit farbigen Stiften zuſammengeſchoben lagen und ein beſpanntes Reißbret ſo an den Stuhl gelehnt neben ihm ſtand, daß die etwa darauf befindliche Zeichnung verdeckt wurde. Der Kaiſer athmete ſchwer und ſeine breite Bruſt hob von Zeit zu Zeit ein lautes Stöhnen. Niemand war außer ihm in dem ſchönen Raume Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 1 2 zugegen und der Riegel an der kunſtreich geſchnitzten Bogenthür war vorgeſchoben. Nachdem der Monarch den Verſuch gemacht, ſein mattes Haupt an die weichen Kiſſen drückend ein wenig zu ſchlummern, erhob er ſich plötzlich und zog an einem im Bereich ſeiner Hände befindlichen Schellenzuge, öffnete eilig den Thürriegel und ließ einen Mann eintreten, der ſich in der nächſten Nähe befunden haben mußte. Es war ein großer dürrer Menſch, deſſen ganzes Aeußeres auf den erſten Blick ſeine Abſtammung aus jüdiſchem Blute wahrſcheinlich machte. „Wie war das Begräbniß Tycho's?“ fragte der Kaiſer ſchnell, ohne auf die tiefe ehrerbietige Verbeugung ſeines vertrauten Dieners zu achten. „Nach Ew. Majeſtät Befehl ſo prachtvoll und ehrenhaft als des großen Gelehrten würdig“, entgegnete Lang, denn es war dieſer mit allem Rechte verrufene und allgemein gehaßte Kammerdiener des Kaiſers, der dem Monarchen hier gegenüber ſtand. Auf eine Niemand bekannte Weiſe hatte dieſer äußerſt ſchlechte, gewiſſenloſe Menſch es verſtanden, ſich des von Natur argwöhniſchen Rudolf Vertrauen zu erwerben. „Erzähle mir von dem Begräbniß Tycho's“, ſagte der Kaiſer mit trübem Blick.„Wir haben einen treuen Diener an ihm verloren, deſſen umfangreiche Gelehr⸗ ſam kön und gnete ufene der mand enloſe iſchen ſagte treuen elehr⸗ ſamkeit keiner ſeiner Gefährten uns wird erſetzen können.“ „Mein hoher und gnädiger Herr“, flüſterte Lang, „es ſind durch Eure Großmuth und eigene Gelehrſamkeit ſo viele große Gelehrte an dieſen Hof gezogen, daß Ew. Majeſtät wohl nicht beſorgen dürfen, das Wiſſen dieſes einen gerade beſonders zu vermiſſen. Da iſt zunächſt der gelehrte Engländer Dee, der den Lauf und die Be⸗ deutung der Geſtirne ebenſo zu beobachten und zu er⸗ klären weiß, als es der Däne nur immer konnte.“ „Steht er aber nicht im Solde meines Bruders Mat' thias, und wird er uns daher nicht zu Handlungen zu bewegen verſuchen, die unſerm Ruhm, ja vielleicht un— ſerm Leben und unſerer kaiſerlichen Macht nachtheilig ſind?“ entgegnet Rudolf, und die Hand an die bleiche Stirn legend, ſetzte er mit tiefer Schwermuth hinzu:„O, es iſt ſchrecklich für einen Menſchen, zur ewigen Einſam— keit von dem ehernen Schickſal verdammt zu ſein. Ich bin ein großer Kaiſer; ich erhielt von Gott mehr noch als die Krone auf meinem Haupte, ich erhielt Talent und Liebe für Kunſt und Wiſſenſchaft, aber das beſte Glück des Menſchen, das einzige, was des Sklaven Le⸗ benslaſt verſüßt und auch dem Kaiſer auf dem Throne unentbehrlich iſt, ward mir verſagt. Ich darf nicht die heiligen Bande knüpfen, die meinen erhabenen Vater 14 —õ—— 4 zum glücklichſten Manne der Chriſtenheit machten, wenn ich nicht einem Geſchlecht, vatermörderiſch wie das des Oedipus, das Leben geben wollte. Alſo ſteht es geſchrie⸗ ben in den ewigen Sternen, deren goldene Lettern Nie⸗ mand beſſer zu entziffern verſtand als er, der ihnen jetzt wohl näher ſein mag als wir, die wir vielleicht noch lange auf Erden und im Gewühle irdiſcher Leidenſchaften weilen müſſen.“ „Erhabener Herr“, entgegnete der Kammerdiener mit heuchleriſcher Theilnahme,„laßt Euch nicht beirren durch die Worte eines Mannes, deſſen Mund jetzt für ewig verſtummt iſt und deſſen Hand, wer weiß es, viel⸗ leicht auch gefüllt ward durch das Gold Eures Bruders, der ſicherlich das meiſte Intereſſe daran hat, Euch ohne legitime Leibeserben ſterben zu ſehen. Wißt Ihr es nicht, daß Herrn von Brahe's Tochter vermählt wurde mit einem Verwandten des Cardinals Khleſl, der der klügſte Rathgeber des Prinzen Matthias iſt? Fragt Doctor Dee, den weiſen Engländer, ob dem nicht alſo ſei.“ „Beſchmuze nicht das Andenken eines Mannes, der weit erhaben war über jeden Verdacht, mit dem Du und Deinesgleichen noch ſeine Leiche kränken möchten. Ich wäre nicht werth, die Weiſſagungen des unſterblichen Tycho aus ſeinem Munde empfangen zu haben, wollte ich jetzt, nun er mir entriſſen iſt, unehrerbietige Zweifel in den Charakter des großen Weiſen ſetzen.“ „Dieſer Däne war ein großer Menſchengeiſt, das beſtätigen ſelbſt ſeine Feinde“, ſagte Lang. „Still! Unwiſſender, ſtill! Nenne ſeinen Namen nicht mit Deinen unreinen Lippen, ſondern verlaß uns jetzt, wir wollen arbeiten und, wie es dem Kaiſer ziemt, unſere Zeit nützlich hinbringen. Wohl uns, daß Gott uns die Kraft verliehen, das Schöne nicht nur zu erken⸗ nen und zu ehren, ſondern auch mit unſern kaiſerlichen Händen ſelbſt zu ſchaffen.“ Er bückte ſich bei dieſen Worten und hob, ohne die Hülfe ſeines Dieners zu beanſpruchen, das Reißbret auf den Tiſch, wo dann das Licht aus dem Fenſter, dem er den Rücken kehrte, ſogleich voll auf die bunte, nicht ohne Geſchick entworfene Zeichnung fiel. „Polixena!“ ſagte er, das bald vollendete Bild der ſchönen Frau betrachtend,„o Polixena, warum iſt es mir nicht vergönnt, nach Deiner Hand zu ſtreben, mit der ich alles Erdenglück gewinnen würde, Erdenglück, ſchöner, als es ſonſt am Fuße der Throne zu finden iſt? Du, ſo ſchön als tugendhaft, ſo weiſe als gut, ſo fromm und fern von dem Streben dieſer entarteten Zeit, feſt im heiligen Glauben, der der Weisheit Anfang ſein und in alle Ewigkeit bleiben wird!“ 6 Er blieb einige Minuten ſchweigend ſitzen, gleich⸗ ſam verloren im Anſchauen des Bildes der Dame, die nun ſchon ſeit Wochen und Monden ſein wankelmüthiges Herz erfüllte. Plötzlich aus ſeiner Träumerei auffahrend, ſah der Kaiſer, daß Lang noch immer an ſeinem alten Platze ſtand, und fuhr den vertrauten Diener mit großer Heftigkeit an:„Was willſſt Du noch hier, neugieriger Lump? Warum beſpähſt Du die Gedanken Deines Herrn? Biſt Du auch einer von denen, die es wagen, an den Prinzen Matthias zu berichten, daß Rudolf, ſeines Namens der Zweite, ſein älterer Bruder und kaiſerlicher Gebieter, kranken Geiſtes und unfähig iſt, die Krone Böhmens und des heiligen römiſchen Reichs auf ſeinem Haupte zu tragen?“ „Herr, das glaubt Ihr nicht von dem Diener, den Ihr aus dem Staube der Niedrigkeit erhoben und in die nächſte Nähe Eurer geheiligten Perſon gezogen habt“, rief Lang mit gut geheuchelter Entrüſtung.„Ich blieb in Eurer Nähe, weil ich Euch noch etwas mitzutheilen habe, wovon ich glaubte, daß es Euer kaiſerlich Herz erfreuen würde. Die Frau Obriſtburggräfin von Roſenberg befindet ſich ſchon ſeit länger als einer Viertelſtunde in dem Saale, wo das heidniſche Götterbild aufgeſtellt iſt, das, wie ſie ſagte, zu dem Nachlaſſe ihres verſtorbenen Schwiegervaters gehört hat. Sie iſt begleitet von der kleinen alten Frau in ſchwäbiſcher Haube, und bei ihnen iſt ein hübſches Knäbchen, das jene Alte Großmutter nennt und, wie ich weiß, ein Kind iſt von dem gelehrten Schwaben, den der Ritter von Brahe als ſeinen Fa⸗ mulus neben ſich arbeiten ließ. Wenn es alſo Ew. Majeſtät genehm wäre—“ „Ich gehe hinüber“, fiel der Kaiſer eifrig ein und ließ ſich von ſeinem Kammerdiener beim Anlegen eines ſtattlichen Sammtgewandes helfen, mit welchem er den unſcheinbaren Rock, der bis dahin loſe um ſeine Schultern gehangen hatte, eilig vertauſchte. Es war nur ſehr ſelten, daß irgend etwas, was es auch ſein mochte, dem ſchlaffen Weſen Rudolf's den Impuls zu der klein⸗ ſten raſchen Handlung gab, und das tückiſche und ſchlaue Auge Lang's blickte von der Seite verwundert auf ſeinen Herrn, während ein Laut über die ſchmalen Lippen floh, der vielleicht einige Verwandtſchaft mit dem Pfeifen eines gezähmten Fuchſes hatte. Dann folgte er dem raſch voranſchreitenden Kaiſer durch die vielfachen Cor⸗ ridore der großartigen Burg, blieb aber, als Rudolf mit eiligen Schritten in jenen Saal trat, wo man vor wenigen Wochen die Statue aufgeſtellt hatte, deren Be⸗ ſitz der armen Apollonia ſo großes Elend gebracht, in einem kleinen, aber hochgewölbten Nebengemache ſtehen und legte, nachdem er ſich durch einen ſchnellen Umblick 8 überzeugt hatte, daß er ſich allein im Zimmer befinde, ſein Ohr an eine Stelle der Wand, die er vorher, mit dem Finger an derſelben hinfahrend, aufgeſucht hatte. „Ahl!“ flüſterte er dann leiſe in ſich hinein.„Die Schwäbin ſpricht, ich kann ihre Worte nur wie ein leiſes Gemurmel vernehmen. Jetzt, ha, das iſt die Stimme der Obriſtburggräfin, der Ton iſt ebenſo deutlich als ſüß. Wahrlich, es iſt dies Weib geradezu ein Meiſterſtück der Schöpfung, da iſt nichts unvollkommen, nichts! Was ſie nur will? Sie bittet, das kann man ſchon am Tone ihrer Rede vernehmen, und ihre Bitte iſt ſo eindringlich.“ Ein ſchriller Pfiff berührte in dieſem Augenblick das Ohr des Lauſchers; es war der Ton des ſilbernen Pfeifchens, mit dem der Kaiſer ihn, wenn er ſich nicht in ſeinen innern Privatgemächern befand, herbeizurufen pflegte, und als Lang eilig über die Schwelle des Anti⸗ kenſaals trat, rief der Kaiſer ihm zu: „Ruft ſogleich den Magiſter Kepler; er ſoll hier⸗ her kommen, wir wollen ihn augenblicklich ſprechen.“ Der Kammerdiener entfernte ſich mit allen Zeichen der Eile und des dienſtfertigen Eifers, aber als er durch die Gänge der Hofburg ſchritt, malten ſich Aerger und Ver⸗ druß in ſeinen ſonſt ſtets mit dem Ausdruck der Unterthänig⸗ keit, wie eine Giftpille mit Schaumgold belegten Zügen. „Der fehlte noch, der Narr der Ehrlichkeit, der ſeine Gelehrſamkeit weder zu ſeinem Nutzen, noch zu ſeiner Feinde Schaden verwenden will, und er muß wiſſen, daß man ihn hierher berufen will, denn da ſteht er, und das iſt ſicherlich kein unvorbereiteter Zufall, denn wann pflegt der Magiſter Kepler zu dieſer Tagesſtunde in den Höfen des Hradſchin herumzulungern?“ In der That, es war Johannes Kepler, der in ſeinem ſtattlichſten braunen Sammtwams, angethan mit gefaltetem Ringkragen, das Barett in der Hand und den Degen an der Seite, neben der Erzſtatue des heiligen Georg, des Dra⸗ chenbezwingers, ſtand, die das Volk bei dem Gedränge während der Feierlichkeiten der Krönung Rudolf's zum Könige von Böhmen von ihrem Piedeſtal geriſſen hatte und die vor nicht langer Zeit erſt wieder erneuert und aufgerichtet über dem Brunnen ſtand, deſſen Waſſer leiſe rieſelnd unter ihr in ein Marmorbecken fließt. Magiſter Kepler lehnte an dem Fußgeſtell der Figur, und die großen glänzenden Augen des Gelehrten ruhten nachdenk⸗ lich auf dem dornengekrönten Chriſtuskopfe, der in Moſaik gearbeitet, an dieſer Stelle die Mauer des St.⸗ Veitsdomes ſchmückt. Er war in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken und achtete einen Augenblick nicht auf die Ankunft des kaiſerlichen Dieners, bis dieſer ihn endlich, mit ge—⸗ zogenem Hute vor ihm ſtehend, anredete. „Wollet mich entſchuldigen, Herr Magiſter“, ſagte 10 er mit einer demüthigen Haltung, die er ſonſt dem Ge⸗ lehrten gegenüber keineswegs gezeigt hatte,„aber ich ſtöre Eure weiſen Betrachtungen nur auf Befehl Sr. Majeſtät. Der Kaiſer erwartet Euch im großen Antikenſaale, und in ſeiner Geſellſchaft findet Ihr dort auch die Frau Obriſt⸗ burggräfin.“— Ueber Kepler's Geſicht, das immer noch trotz ſeiner vielfachen Sorgen und ſeiner großen Gelehrſamkeit einen eigenthümlichen Ausdruck heiterer Jugendlichkeit beſaß, flog bei dieſen Worten eine ſchnelle Röthe, wie ſie ſonſt nur gewöhnlich bei jungen Mädchen vorzukommen pflegt. „Meint Ihr, Herr Lang“, fragte er mit merklich bewegter Stimme,„daß Se. Majeſtät meine Anweſen⸗ heit im Antikenſaale befohlen?“ „Ich bin von dort zu Euch geſendet und muß es als einen ganz beſonders glücklichen Zufall erachten, daß ich Euch hier treffe und nicht erſt in Eurer Wohnung aufſuchen darf.“ „Mein Hierſein iſt wohl kein Zufall“, entgegnete der ſtets aufrichtige Schwabe,„wenngleich ich kaum erwartete, daß der Kaiſer mich ſo raſch ſchon vor ſich be⸗ rufen würde; ſeid ſo freundlich, mich auf dem nächſten Wege vor Sr. Majeſtät Angeſicht zu führen.“ Wenige Minuten darauf überſchritt die ſchlanke Ge⸗ ſtalt Kepler's die Schwelle des prächtigen Saales, in welche ſeine neue ſelben derſe ſerlich die als gegen ſtuhl von Man grof düge han kem den Gla die 11 welchem Kaiſer Rudolf, auf einem Polſterſtuhle ſitzend, ſeine Augen von Zeit zu Zeit abwechſelnd bald auf die neue herrliche Statue, bald auf die nicht weit von der⸗ ſelben in einem Fenſterbogen ruhende ſchöne Geberin derſelben richtete. Vielleicht konnte man in allen Reichen, die der kai⸗ ſerliche Rudolf beherrſchte, nicht zwei Menſchen auffinden, die einen ſchlagendern Contraſt zu einander bildeten als die beiden, die ſich in dieſem Momente Aug in Auge gegenüberſtanden; aber es war nicht die ſalopp im Lehn⸗ ſtuhle ruhende Geſtalt des Kaiſers, die jenen Ausdruck von Hoheit und Würde an ſich zeigte, welche Dichter und Maler den Großen der Erde zuzuſchreiben pflegen. Kaiſer Rudolf war dem Maße nach wirklich ein großer Mann, von breitem Schulterbau, ſtarken Geſichts⸗ zügen und wohl ausgebildeten Gliedern, während Jo— hannes Kepler wenig über Mittelgröße und von ſchlan⸗ kem, faſt weiblich feinem Gliederbau erſchien. Aber aus den dunklen Augen des jungen Aſtronomen ſtrahlte ein Glanz, der zu verkünden ſchien, daß dieſelben bis in die Tiefen der Himmel blicken und Gottes Herrlichkeit in ſeinen Werken erſchauen konnten. Beide Männer beugten ihre Herzen vor der Frau, in deren Geſellſchaft ſie ſich in dieſem Momente befan⸗ den, und wendeten ihre Blicke, faſt ohne es zu wollen, 12 nach ihr hin, die ſchön, vielleicht ſchöner noch als das Venusbild an ihrer Seite, für beide ein Gefühl tief⸗ ſter, ehrerbietigſter Theilnahme in ihrem reinen und edlen Frauenherzen trug. „Magiſter Kepler“, begann Rudolf nach einem mo⸗ mentanen Schweigen und nachdem er die ehrfurchtsvolle Verbeugung des Mathematikers durch eine gnädige Hand⸗ bewegung erwidert hatte,„hier Eure huldvolle Gönne⸗ rin, die hochgeborene Frau Obriſtburggräfin von Roſen⸗ berg, hat mir geſagt, daß Ihr den Wunſch und den Muth habt, an den Platz des leider zu früh geſtorbe⸗ nen großen, wirklich erhabenen Gelehrten, des däniſchen Edelmanns und Ritters Herrn Tycho von Brahe in unſern Dienſt treten zu wollen. Wir ſelbſt wiſſen es ſowohl durch den Mund des edlen Tycho, der Euch je⸗ der Zeit volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, als auch durch unſern wackern jüdiſchen Arzt Rabbi Azael Löw, den Herr von Brahe ungeachtet ſeiner ſchlechten, ver⸗ werflichen Abſtammung und Religion mit ſeiner Freund⸗ ſchaft beehrte, daß Eure Gelehrſamkeit Euch zu einer ſolchen ausgezeichneten Stellung wohl befähigt. Auch wol⸗ len wir es nicht in Anſchlag bringen, daß Ihr, wie leider viele ſonſt erleuchtete Männer unſerer ſchlim⸗ men Zeit, ein Ketzer ſeid; wir hoffen, daß das Gute in Euch zum Durchbruche kommen und Ihr zur rechten Zeit große Augen Wun nach an d vor d hatte, ſeine wir mehr du eſ fen Vrah ſame ſchwa 13 mit Gottes Hülfe zum allein wahren Glauben zurückkehren werdet, und ſind geneigt, auf Vorbitten dieſer Dame Euch die Stelle unſeres Hofmathematikers und Aſtronomen, die vor Euch der Ritter von Brahe eingenommen, von dieſem Augenblick an zu verleihen.“ Ein ſichtbares Zittern flog bei dieſen Worten des Kaiſers durch die edle Geſtalt des Gelehrten; wieder be⸗ deckten ſich ſeine Wangen mit Flammenröthe und ein paar große Thränen drängten ſich in ſeine Augen, als in dieſem Augenblick Ludwig, ſein Knäbchen, das, auf Polixena's Wunſch, die Großmutter Apollonia bei dieſem Gange nach dem Antikenſaale begleitet und bis dahin ſchweigend an der Hand derſelben von dem großen Porzellanofen vor des Kaiſers und des Vaters Blicken verſteckt geſtanden hatte, jubelnd auf ihn zuſtürzte und, mit lauter Freude ſeine Hand faſſend, zu ihm ſagte:„O Vaterle, jetzt ſind wir glücklich, ganz glücklich. Nun kann die Mutter nicht mehr ſagen, daß wir zu arm ſind, um alle Tage Fleiſch zu eſſen, und daß wir keine Kleider mit ſeidenen Puf⸗ fen tragen könnten, wie die Kinder des Herrn von Brahe.“ Des Kaiſers Augen richteten ſich mit einem ſelt⸗ ſamen Ausdruck auf die Gruppe, die Kepler mit ſeinem ſchwatzenden Kinde bildete. „Ihr habt den Knaben wohl ſehr lieb und fragt 14 nicht viel danach, ob er Euch zu einem dankbaren und gehorſamen Sohn erwächſt, denn Ihr habt nicht zu fürch⸗ ten, daß er Euch einſt nach dem Leben trachte, da Ihr ihm keine Krone zu hinterlaſſen habt“, ſagte der Kaiſer. „Ew. kaiſerlicher Herr Vater hinterließ ſechs dankbare und gehorſame Söhne und ſtarb von ihnen und allen ſeinen Unterthanen geſegnet und tief betrauert, nachdem er es noch erlebt hatte, daß die Stände dieſes geſegneten Böhmerlandes die edle Krone deſſelben auf das Haupt ſeines Nachfolgers, auf Ew. Majeſtät eigenes geheiligtes Haupt geſetzt hatten.“ „Ja, mein Vater war ein glücklicher Mann“, ſagte Kaiſer Rudolf mit einem Seufzer, den man faſt ein Stöhnen nennen konnte,„und Ihr ſeid es auch, Magiſter Johannes.“ Dann aber blickte er in das ſchöne errö⸗ thende Antlitz Polixenens und ſetzte hinzu:„Aber glücklicher als alle andern wird der Mann ſein, der Euch einſt ſein nennen darf, Polixena! Wehe mir, daß ich dieſem höch⸗ ſten Erdenglücke entſagen muß!“ In Kepler's Bruſt wühlte ein Etwas, das dem Ge⸗ fühle brennender Eiferſucht nur allzu ähnlich ſah. Die⸗ ſer Mann durfte begehrend ſeine Augen zu dem Weſen emporheben, das er über alle andern Weiber wie einen der himmliſchen Sterne, die er ſo ſehr liebte, ſo gern beobachtete und an deren Verwandtſchaft mit der Erde 15 er ahnend glaubte, erhaben wußte. Zwar war es der Kai⸗ ſer, der Herr der Chriſtenheit, aber es war doch ein Mann, und der jugendliche Gelehrte fühlte heißen Schmerz ſein Ich durchzucken bei der ſich ihm aufdrängenden Ueberzeugung, daß die erhabene Frau vielleicht die ein— zige auf Erden ſei, die das Herz Rudolf's von Habs⸗ burg voll beglücken und mit Weisheit zum Guten len⸗ ken könne. Eiſige Schweißtropfen ſammelten ſich auf Kepler's wachsbleicher Stirn, aber während ſein Mannesherz zuckend blutete, erkämpfte die Liebe zur Wahrheit und Gerechtig⸗ keit in ihm ihren ſchönſten Sieg. „Majeſtät“, ſagte er mit Feſtigkeit und Milde, dem Kaiſer einen Schritt näher tretend,„mein erhabener und gütiger Herr, geſtattet dem geringſten Eurer Die⸗ ner, Euch einen Irrthum zu nehmen, der als ein weſent— liches Hinderniß Eurem Glücke entgegenſteht.“ Der Kaiſer blickte mit tiefernſten Augen in Kepler's Geſicht, und dieſer, keine weitere Aufforderung zum Spre— chen erwartend, ſagte feſt: „Ihr geſtattet, hoher Herr, den Weiſſagungen Eurer Aſtrologen einen Einfluß auf Eure Entſchlüſſe, den Jeder, der Euch wahrhaft treu liebt, wohl einen unglücklichen nennen muß. Welchen Einfluß auch die himmliſchen Heerſchaaren auf Leben und Gedeihen der Erde haben 16 mögen und müſſen, der, welchen die Aſtrologie ihnen gibt, kann es nicht ſein, unn indem man Euch, hoher Herr, von der Abſchließung einer beglückenden Ehe zurück⸗ ſchreckte durch Weiſſagungen, die ſich auf himmliſche Zeichen begründen ſollen, begünſtigte man die frevelhaf⸗ ten Wünſche derjenigen, die, ſo Ihr ohne Kinder ſtürbet, ein Recht auf Eure Kronen beanſpruchen dürften.“ „Kepler“, entgegnete der Kaiſer ohne Zorn,„warum ſchmäht Ihr eine Wiſſenſchaft, die Ihr mit ſo großem Erfolge ſelbſt übt, und verunglimpft Männer, die wohl und gewiß unſer Vertrauen verdienen, da ſie uns vor Elend und ſchwerem Kummer zu bewahren ſtreben?“ „Gottes Allmacht bewahre Ew. Majeſtät Herz vor allen Leiden durch ſeine Gnade; menſchlicher Weisheit und Viſſenſchaft iſt dieſe Kraft verſagt.“ „Und dies Wort ſoll Eure Antrittsrede ſein beim Beginn Eures Dienſtes als Hofaſtrolog?“ fragte Rudolf ſcharf. „Ich muß ja dieſes Amt mit übernehmen“, ent⸗ gegnete der Gelehrte trübe,„wenn ich als Tycho de Bra⸗ he's Nachfolger mir die Möglichkeit ſichern will, mit Weib und Kind zu leben, ſeine vollkommenen Inſtrumente zu meinen eignen Beobachtungen zu gebrauchen und ſeinen Nachlaß von fleißigen Beobachtungen, der allein ſchon des Verſtorbenen hohe Gelehrſamkeit beweiſt, zu benutzen. Im B den N bringe kenntr ebnen in El mite allen mir ſtung 17 Im Beſitze dieſer Schätze hoffe ich etwas zu leiſten, das den Namen Ew. glorreichen Majeſtät auf die Nachwelt bringen und den Weg zur Wahrheit und ſichtbaren Er⸗ kenntniß der Größe des Allmächtigen ſpätern Zeiten ebnen und ſichern ſoll.“ „Nun fürwahr, Ihr ſeid nicht juſt ängſtlich beſcheiden in Euren Anſichten über Euch ſelbſt“, ſagte der Kaiſer mit einem gnädigen Lächeln.„Da wir aber einmal von allen Euern Hoffnungen und Ausſichten ſprechen, ſo ſagt mir gleich, welchen Gehalt verlangt Ihr für Eure Lei⸗ ſtungen? Denn daß Ihr das beanſpruchen werdet, was ich dem großen Tycho zahlte, kann wohl nicht möglich ſein.“ „Herr“, entgegnete der Mathematiker, dem das heiße Blut bei dieſen Worten des Kaiſers hauptſächlich darum ins Geſicht ſchoß, weil ſie ihm in Gegenwart Polixena's geſagt wurden, vor der er ſchwach genug war, ſich ſei⸗ ner Armuth zu ſchämen,„mein kaiſerlicher Herr und Gebieter! Ich verlange von Ew. Majeſtät nicht mehr, als ich zur anſtändigen Unterhaltung meiner Familie nothwendig gebrauche. Wenn Ihr die Gnade habt, mir fünfzehnhundert Gulden Gehalt auszuſetzen, ſo hoffe ich, daß ich, aller drückenden Sorgen für Herbeiſchaffung des täglichen Brodes entledigt, mich mit fröhlichem Herzen im Dienſte Ew. Majeſtät der Wahrheit und Wiſſen⸗ ſchaft werde hingeben können.“ Burow Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 2 18 „Gut“, ſagte Rudolf gnädig,„thut Eure Pflicht, Magiſter Johannes Kepler, und vollendet jetzt mit Eifer die Pruteniſchen Tafeln, welche das Einfallen des heili— gen Oſterfeſtes berechnen und feſtſtellen. Wir hoffen, daß endlich dieſe zähen und eigenſinnigen proteſtantiſchen Prä⸗ dicanten auch aufhören werden, ſich der Einführung un⸗ ſeres Kalenders zu widerſetzen; nur ihrer großen Unver⸗ nunft iſt ein ſolches Verfahren möglich, aber die Zeit wird kommen, wo die heilige Kirche wieder in deut⸗ ſchen Landen allein herrſcht, und mit ihr wird der Trotz gegen die Wahrheit und den Willen des Kaiſers aufhö⸗ ren. Derjenige meiner Nachfolger, der dieſe hartköpfi⸗ gen, eigenwilligen Deutſchen endlich in Wahrheit und Vernunft einig macht, wird wirklich? Herr ſein in Europa.“ Johannes Kepler blickte bei dieſen Worten des Kaiſers in Polixenens ſchönes Angeſicht, das, von einem leuchten⸗ den Lächeln übergoſſen, liebevolle Uebereinſtimmung mit ihrem kaiſerlichen Verehrer auszudrücken ſchien. Dem armen Mathematiker war's im Herzen wund und wehe, aber die raſche Annäherung ſeines freundlichen Knaben, der heiter zu ihm ſagte:„Nun aber komm, lieb Väterle, komm und bringe der Mutter die Nachricht, daß Du nun gewiß und wahrhaftig in Herrn Tycho's Poſten getreten biſt“, rief ihn aus in ſchmerzhaften Träumen wach. Ehrerbietig für ihre Vermittlung dankend, empfahl 19 er ſich der Dame, die er nur als ſeine erhabeue, groß— müthige Beſchützerin verehren wollte und durfte, und ging in ſein Haus zu ſeiner Gattin, der er die Nachricht von der Feſtſtellung und Verbeſſerung ſeiner Verhältniſſe mittheilte. Frau Barbara Kepler empfing dieſelbe mit ſtolzer Freude, die indeß ſehr gemäßigt wurde durch die Nach⸗ richt, daß Kepler's Eintreten an Tycho's Platz ihm keines⸗ wegs deſſen Gehalt von fünftauſend Gulden, noch auch die ſtattliche Wohnung, die derſelbe inne gehabt, ſichere. Sie ſchalt laut über des Kaiſers Knickerei und Un⸗ freundlichkeit gegen ihren gelehrten Gatten, und bevor noch Johannes es verſucht hatte, das häusliche Unwetter zu beſchwichtigen, wendete es ſich, wie das häufig zu ge— ſchehen pflegt, gegen ſein eigenes Haupt. „Aber daran biſt Du ſelbſt ſchuld“, ſagte ſie ärger⸗ lich,„Niemand als Du ſelbſt! Wir können und werden niemals auf einen grünen Zweig kommen, denn Du würdeſt, wenn es einmal Gold regnete, den Hut nicht abnehmen, um es für die Deinen aufzufangen, weil es Dir unrecht und unſchicklich vorkäme, ihn mit der untern Seite nach oben zu wenden. Du haſt gewiß wieder dem kaiſerlichen Herrn nicht aus den Sternen weiſſagen wollen, welche große und geheimnißvolle Kunſt Du doch ſo viel beſſer verſtehſt, als alle die andern Gelehrten an dieſem 2* 20 Hofe. Du könnteſt der erſte, der vornehmſte und reichſte von allen ſein, wenn Du den ſeltſamen Kram, mit dem Du eigentlich Deine Zeit hinbringſt, an den Nagel hingſt und Dich mit der Wiſſenſchaft beſchäftigteſt, für welche die Großen dieſer Welt das Gold mit vollen Händen ausſtreuen. Hat Dir Fürſt Albrecht von Wald⸗ ſtein nicht Geld über Geld geboten, wenn Du noch ein— mal in den Sternen ſein Schickſal leſen wollteſt? Sprich, Mann, was hilft Dir Tycho's Titel als Hofaſtronom kaiſerlicher Majeſtät?“ „Barbara, mein Weib“ entgegnete Kepler, mit ſeinem milden Blicke der ſchönen Frau in die zornſprühenden Augen ſehend,„wollte Gott, ich könnte Dir begreiflich machen, welch eine Glückſeligkeit es für mich iſt, den Nach⸗ laß Tycho's und ſeine ſchönen und vollkommenen Inſtru⸗ mente und Werkzeuge benutzen zu dürfen. Verzeih Du mir, daß ich auf Geldlohn nicht ſo geſehen und gedrun⸗ gen habe, als es vielleicht meine Pflicht als Gatte einer an Wohlſtand und Wohlhabenheit gewöhnten Frau ge⸗ weſen wäre. Jene Werkzeuge ſind für mich die Schlüſſel zu den Wundern der Schöpfung, in denen meine ahnende und ſtaunende Seele die Allmacht und Weisheit Gottes erkennen und anbeten kann.“ „Ja, ſo biſt Du nun, Johannes, und man kann Dich weder zur Vernunft bringen, noch eben auch rechtſchaffen mit einem Frau Pfleg lixene der e 21 mit Dir zanken, wunderlicher Menſch!“ ſagte die vor einem Augenblick noch ganz entrüſtete Hausfrau gerade, als Frau Apollonia Wellinger in das Familienzimmer ihres Pflegeſohnes trat, den kleinen Ludwig, den ſie auf Po⸗ lirenens Wunſch heute Morgen abgeholt hatte, um ihn der edlen Dame vorzuſtellen, ſeiner Mutter zurückbringend. „Nun, worüber wünſchten Sier eigentlich mit mei⸗ nem Sohne zu zanken?“ fragte die alte Frau mit der ganzen ihr natürlichen Freundlichkeit. Aber der harmloſe und wohlgemeinte Scherz war zur ungeeigneten Stunde über ihre Lippen geflohen. Barbara's Augen flammten und ſie blickte, aufs äußerſte erzürnt, auf das ſchlichte alte Weiblein, das ſich anmaßte, ihren Gatten„Mein Sohn!“ oder„Mein Johannes!“ zu nennen, während ſie doch wußte, daß daſſelbe an Stand und Verhältniſſen weit unter dem von adligen Aeltern geborenen Gelehrten ſtehen mußte. „Darum habt Ihr Euch wohl am allerwenigſten zu kümmern, Frau Apollonia Wellingerin“, ſagte ſie mit großer Schärfe und ſetzte dann mit ihrem ſtolzeſten Tone hinzu:„Wenn Ihr jetzt auch durch meines Eheherrn Vermittlung die Kammerfrau oder Schließerin einer vornehmen Dame ſeid, ſo berechtigt Euch das noch lange nicht, eine Edelfrau von meinemRange wie Eueres⸗ gleichen zu behandeln; die Verwandtſchaft zwiſchen Euch 1 22 und Keplers iſt ſo weit entfernt, daß Ihr wohlthä⸗ tet, ſie nicht ſo unbeſcheiden geltend zu machen, bis wir Euch etwa dazu ermunterten. Komm, Ludwig, Deine Mutter wird Dir ein wenig Eſſen geben nach Deinem weiten Spaziergange.“ Kepler's Geſicht hatte ſich bei dieſen Worten ſeines Weibes mit einer brennenden Schamröthe bedeckt, und einer ununterdrückbaren Wallung des Zornes nachgebend, trat er der hochmüthigen Barbara mit einem Schritt entgegen, der ſeine eigene ſtattliche Perſon zwiſchen die beiden Frauen ſtellte. 8 „Du weißt nicht, was Du ſprichſt, Barbara“, ſagte er heftig,„und wie Du nicht fähig biſt, den großen und edlen Charakter der Frau zu würdigen, die mir in Wahrheit Mutter geweſen iſt, ſo weißt Du auch die Liebe und Ehrfurcht nicht zu erkennen, die mich an ſie, meine Erzieherin, an ſie, meine älteſte und treueſte Freundin, knüpft. Kommt, Muhme Loni, meine theure Wohlthäterin, meine geliebte Mutter, kommt und er⸗ zählt mir, auf welche Weiſe Ihr die ſehr edle Polixena für meine Anſtellung an Tycho's Platz zu intereſſiren und mir alſo geneigt zu machen gewußt habt, daß ſie ſich beim Kaiſer für mich verwendete.“ Apollonia, durch deren zarte und durch namenloſe Leiden geſchwächte Glieder noch immer ein leiſes Zit⸗ d 8* tern bebte, wendete ihre ſanften Augen auf Barbara und ſagte ohne Zorn und Stolz:„Ich denke, geehrte Frau von Kepler, daß Ihr es nicht mehr für zudringliche An— maßung halten werdet, wenn ich Euern Mann, der mich ſo liebevoll Mutter heißt, auch Sohn nenne; daß ich ihn als meinen Sohn liebe, kann Euch nicht kränken und verdrießen, und ich hoffe zu Gott, daß es meinem aufrichti⸗ gen Bemühen, mir Eure Freundſchaft und Achtung zu er— werben, mit der Zeit gelingen wird, daß Ihr mich wie eine Tochter ihre Mutter liebt und mir ſelbſt das Recht geben werdet, Euch Tochter zu nennen. Laßt Euch jetzt von Eurem Ludwig erzählen, welche Ehre des Kaiſers Majeſtät dem Sohne ſeines Vaters erwieſen, obſchon die alte ſchwäbiſche Bürgerfrau von dem Kinde in Gegenwart des hohen Herrn fort und fort Großmutter Loni genannt wurde.“ „Du haſt den Kaiſer geſehen, Ludwig 2“ fragte Bar⸗ bara, deren natürliche Herzensgüte ſie befähigte, die edle Freundlichkeit, die in Apollonia's Worten lag, zu erken⸗ nen und die ſich bei derſelben der eigenen Heftigkeit von Herzen zu ſchämen begann. Apollonia, die ein ungeſchultes Frauenherz erkennen und mit Milde zu beurtheilen verſtand, ſagte, bevor ſie zu Polixenens Palaſt zurückkehrte, zu ihrem Johannes, in deſſen Arbeitsſtube ſie eine Viertelſtunde geſeſſen hatte: 24 „Lerne Deine Frau richtig beurtheilen und Du wirſt bei den meiſten Fehlgriffen, die ſie ſich zu Schul⸗ den kommen läßt, weil ſie noch nicht verſteht, die Re⸗ gungen eines jugendlich heftigen Temperaments zu zü⸗ geln, einen Grund finden, den Du ſtets dankbar anzuer⸗ kennen verpflichtet biſt, ihre tiefe Liebe zu Dir und die hohe Verehrung, die Dein Charakter und Deine Gelehr⸗ ſamkeit ihr eingeflößt haben.“ „Mutter“, entgegnete Kepler, ihre Hand ergreifend, die auf der Lehne des Stuhles ruhte, der ſonſt dem arbeitenden Gelehrten zum Sitz zu dienen pflegte,„herz⸗ liebe Mutter, laß mich das größte Weh meines Lebens in Dein treues Herz ausſchütten und verkenne mich nicht, wenn daſſelbe ein Schuldbekenntniß iſt.“ Die Mutterhand ſtrich über die reichen Locken des jungen Mannes, ſo weich und liebevoll wie vor Jahren über die des Knaben. Dennoch ſagte Apollonia mit Nachdruck:„Sprich nicht, mein Sohn! Reden iſt bisweilen Silber, Schwei⸗ gen immer Gold. Es taugt niemals, wenn eine dritte Perſon, und wäre ſie auch wirklich eine Mutter, zu ge⸗ naue Einſicht in die Verhältniſſe eines Ehepaares hat. Glaube mir aber, was ich Dir ſage: Barbara liebt Dich gar herzlich und Du haſt Dir dieſe Liebe erworben. Halte feſt, halte fort und fort feſt in dem, was Du Deinem Weibe gegenüber fuͤr Deine Pllicht erkannt 25 haſt. Du ſchwurſt ihr vor dem Altare, ſie zu lieben in böſen und guten, in geſunden und kranken Tagen, und biſt als Chriſt dieſen Schwur zu halten verpflichtet.“ „Aber, Mutter“, ſagte der Gelehrte, der ſich bei dieſer Unterredung auf den Boden neben der Matrone hingelegt und, den Kopf auf ihr Knie ſtützend, eine Stel⸗ lung eingenommen hatte, wie ſie der Knabe Johannes einſt ſo gern neben der jugendlichen Frau ſuchte,„aber, herzliebe Mutter, die Gefühle eines Menſchenherzens ſind wie Welle und Wind; wir können ſie nicht ändern nach unſerem Vorſatze.“ „Meinſt Du?“ fragte die alte Frau.„Dann iſt alſo auch das Gebot des Erlöſers, das große Gebot, das die Chriſten aller Confeſſionen für das höchſte des Chriſten⸗ thums halten: Liebet Eure Feinde, ein widerſinniges.“ „Fern ſei es von mir, einen ſolchen Gedanken in meiner Seele aufkommen zu laſſen, aber die heilige Schrift gibt auch die Erklärung für die Möglichkeit der Erfül⸗ lung dieſes Gebotes, indem ſie in der nächſten Zeile hinzuſetzt: Segnet, die Euch fluchen, bittet für die, ſo Euch beleidigen und verfolgen! Das ſind Handlungen, die von uns gefordert werden; wir können ſie ausführen, während unſer Herz ſich in dem Schmerze und der Bit⸗ terkeit des Haſſes krümmt. Das Gefühl der Liebe aber, das wie der warme Südwind das Eis ſchmilzt und alle 26 Knospen erblühen läßt, kommt nicht auf unſern Ruf, kommt ſo wenig wie der Wind auf den ernſteſten Befehl des feſteſten Menſchenwillens. Die Urſachen, die den warmen Wind und die warme Liebe erwachen laſſen, müſſen in der Natur ſelbſt liegen.“ Apollonia's liebevolles, verſtändnißinniges Mutter⸗ antlitz beugte ſich über den Sohn ihres Herzens, der ſeine bleiche Stirn in die Falten ihres Gewandes ver⸗ barg, während das krampfhafte Zucken ſeines Herzens ſeine Bruſt durchſchütterte und ſogar ſeine Schultern erbeben ließ. „Sei ein Mann, mein Johannes“, ſagte die zarte Frau;„jetzt ſei ein Mann, mein theurer und geliebter Sohn, Du, der von Jugend an Wahrheit und Weisheit zum Ziele ſeines irdiſchen Strebens erwählte. Ein Wort mehr wäre jetzt Gift für Dich. Schweige, wie ich zu ſchweigen feſt entſchloſſen bin, und gehe hin und handle nach dem Gebote des Erlöſers, das nicht die Liebe in warme, weiche Gefühle, ſondern in kräftige, weiſe und großmü⸗ thige Handlungen ſetzt. Gehe, mein Sohn Johannes, und werde in jeder Stunde Deines Lebens mehr und mehr ein Sohn des Vaters im Himmel, der ſeine Sonne aufgehen und den Regen niederſinken läßt über Gute und Böſe, über Gerechte und Ungerechte.“ Sie richtete ſich bei dieſen Worten von ihrem Sitze empe dem ſchw ihr alls denn Lud Kind und geſ gan⸗ den ſagt den mei von Aof nah Ban on imn 27 empor und verließ das Zimmer, ohne das Geſicht nach dem umzuwenden, der, als die Thür ſich hinter der kleinen ſchwächlichen Geſtalt ſchloß, mit thränenſchweren Augen ihr nachblickte. Frau Barbara kam ihr mit freundlichem Geſichte aus dem Wohnzimmer entgegen; ſie war ſehr heiter, denn ſie hatte ein genaues Examen mit dem kleinen Ludwig angeſtellt und aus dem Munde des aufgeweckten Kindes jede Gnadenäußerung des Kaiſers über Kepler und jedes Wort der Verehrung, das Polixena über ihn geſprochen, erfahren. „Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen ſchon von ganzem Herzen, meine liebe Frau Wellingerin, daß Sie den Ludwig der erhabenen Dame zugeführt haben“, ſagte die lebhafte Frau mit großer Freundlichkeit.„Fin⸗ den Sie es auch, was alle Leute hier finden, ſelbſt mein Johannes, daß wir, die Frau Obriſtburggräfin von Roſenberg und ich, einander ſo ähnlich ſehen?“ Apollonia bezwang das tiefe Gefühl, das ſeit dem Abſchied von Johannes in ihrem Herzen wogte, und nahm ſich zuſammen, um eine Antwort zu geben, die Barbara erfreuen könne; aber dieſe ließ es nicht dazu kommen, ſondern plauderte eifrig weiter:„Ich meine immer, dieſe ſo ſchöne Dame wird doch wohl die Ge⸗ mahlin des Kaiſers werden. Sie iſt aus vornehmem ſpa⸗ 28 niſchen Blute. Johannes hat mir's ſelbſt geſagt, daß ihre Frau Mutter die nahe Verwandte eines Vicekö⸗ nigs von Peru und Prinzeſſin von Mendoza, Gräfin von Lara, eine vertraute Freundin Ihrer Majeſtät, der Frau Mutter unſeres Kaiſers, der höchſtſeligen Kaiſerin Marie, war. Die Dame, das heißt die Gräfin Polixena, iſt dem Johannes gar gnädig geſinnt, und wenn des Kaiſers Majeſtät ſie wirklich zu ſich auf den Thron er⸗ hebt, was ſie doch wohl verdient, da ſie ſo tugendhaft als ſchön iſt, dann iſt für uns geſorgt, dann wird mein Johannes alle die Ehren empfangen, die er ver⸗ dient, und ich, nun ich denke, ich werde als ſeine Frau an dieſem Hofe eine andere Rolle zu ſpielen verſtehen, als die Bauermagd, die Tycho uns als ſeine Gattin herbrachte. Der ſchönen Kaiſerin zum Verwechſeln ähn⸗ lich!“ fügte ſie hinzu, einen wohlgefälligen Blick auf das ſeidene Gewand werfend, das ihre ſchlanken Glieder in ſchönen Falten umrauſchte. Barbara Kepler fühlte ſich durch die ſtattgefundene Standeserhöhung ihres Gatten und durch die Beendi⸗ gung der Sorgen um die täglichen Lebensbedürfniſſe ihrer Familie vollſtändig beglückt; dies erkannte Apollo⸗ nia, aber es erfreute ſie nur halb, weil es ihr aufs deutlichſte zeigte, wie wenig dieſe Frau das Herz ihres Gatten kannte. Daß Barbara nicht fähig ſei, an dem 29 wiſſenſchaftlichen Streben des großen Mannes Theil zunehmen, wunderte die erfahrene Matrone nicht, und ſie konnte dies ihr auch nicht als Mangel an Liebe anrechnen.„Es gehört bei einer Frau immer eine hö⸗ here Geiſtesrichtung dazu, die Erhabenheit einer Wiſſen⸗ ſchaft zu beurtheilen, deren praktiſcher Nutzen ihrem Erkenntnißvermögen unzugänglich iſt“, dachte die würdige mütterliche Freundin;„aber daß ihr Frauenherz keine Vorſtellung davon hat, welche Schätze des Gefühls in dem Herzen ihres Gatten verborgen liegen, das iſt ſehr traurig. Armer Johannes! Der Strom deiner Liebe hat bis jetzt eingedämmt gelegen, weh' dir und uns allen, wenn er ungebändigt hervorbrechend das Thal überflutet, in dem bisher deinem friedlichen Fa⸗ milienleben ein weiches Neſt gebaut worden war.“ Von den Kindern Abſchied nehmend, begab ſie ſich, das Herz voll Trauer, in den ſtolzen Palaſt ihrer ſchönen Gebieterin. Polixena war nicht allein, dies theilte ihr der Kammerdiener des verſtorbenen Obriſt⸗ burggrafen von Roſenberg ſogleich bei ihrem Eintritt in die glänzende Halle voll ſeltſamer Heimlichkeit mit. „Geht nicht zu unſerer Gnädigſten, werthe Frau Wellinger“, flüſterte er der freundlichen Schwäbin zu, „jetzt nicht; kommt vorerſt ein bischen in meine Stube, wo meine Mutter uns Mittagbrod aufgehoben hat, 30 denn ich habe auf Euch gewartet, daß ich's Euch nur gleich ſage. Zwar ſie, die gnädige Gräfin, wünſcht Euch zu ſprechen, ſo bald als möglich, wie ſie ſagte, aber jetzt iſt es nicht möglich, gar nicht! Glaubt mir das und geht um Eures Seelenheils willen dem aus dem Wege, der jetzt unſere junge ſchöne Herrin mit ſeiner glatten Zunge bearbeitet und ſie ſicherlich noch endlich ins ſchlimmſte Verderben hineinſchwatzen wird.“ „Wen meint Ihr, Meiſter Euſebius?“ fragte Apol— lonia mit einiger Verwunderung über die ſeltſame Ver⸗ traulichkeit des ſonſt ſo zurückhaltenden Dieners; doch trat ſie mit ihm in das Zimmer, deſſen Thür er ihr höflich öffnete und in welchem eine ſteinalte Frau fleißig ſpinnend ſie willkommen hieß.— „Da, Mutter“, ſagte der auch nicht mehr jugend⸗ liche Diener zu derſelben,„da bringe ich Euch die Frau Apollonia Wellingerin, und wir wollen hoffen, daß Eure Bekanntſchaft nicht nur Euch, ſondern auch derjenigen zu gute kommen ſoll, der wir alle mit Freuden dienen und die, obgleich uns eigentlich fremd in Blut und Glauben, uns doch ſtets eine liebreiche Herrin war.“ Die Greiſin erhob ihr mattes Auge zu der um viele Jahre jüngern Apollonia empor und ſagte herz⸗ lich:„Setzt Euch zu mir, werthe Frau, mein Herz ver⸗ langt mit Euch zu ſprechen, denn in dieſem Hauſe haben wir wir ich b mich fuint Spr gend Well von gare Sch⸗ erzo ter! 31 wir und beſonders auch ich keine Gefährten, mit denen wir offen und redlich verkehren können. Seht mich an, ich bin jetzt achtzig Jahre alt und Niemand lebt mehr, der mich gekannt hat, als ich in meiner Heimat ein junges flinkes Mädchen war, und auch Ihr werdet es meiner Sprache nicht anhören, daß ich mit Euch aus einer Ge⸗ gend ſtamme.“ „Meine Mutter iſt eine Schwäbin wie Ihr, Frau Wellinger“, beſtätigte Euſebius.„Sie iſt in der Gegend von Elmendingen zu Hauſe, hieß in ihrer Jugend Mar⸗ garetha Beilmann und war die einzige Tochter eines alten Schulmeiſters. Auch ihr Bruder wurde zu dieſem Amte erzogen und war oder iſt vielleicht noch ein gar gelehr⸗ ter und würdiger Mann. Als mein Vater aus Spanien zurückkehrte, wo— hin er ſeinen Herrn, den ſehr edlen Herrn Vater un⸗ ſeres verſtorbenen Herrn Obriſtburggrafen von Roſen⸗ berg, begleitet hatte, der mit vielen andern edlen Herren zu dem erwählten Könige von Böhmen, dem jungen Prin⸗ zen Maximilian, an den Hof König Philipp's gereiſt war, wurde der edle Herr von Banditen überfallen, und trotz der tapfern Gegenwehr ſeines kleinen Gefolges würde er den Strauchdieben erlegen ſein ohne die Hülfe eines tapfern Schwaben, der, wie ſich jetzt ergeben hat, Euer Bluts— freund und naher Verwandter war und dem er wichtige 32 Geheimniſſe anvertraute. Mein Vater war in dem Ge⸗ fechte mit den Strolchen ſchwer verwundet worden und fand Aufnahme und Pflege in dem Hauſe des wackern ſchwäbiſchen Schulmeiſters, und da er dort längere Zeit ſeiner Wunden pflegen mußte, ſo verliebte und verlobte er ſich mit der Tochter des wackern Mannes, was er um ſo eher konnte, als er, aus einer huſſitiſchen Familie ſtammend, wie ſeine Braut der proteſtantiſchen Kirche zugethan war. Daß auch unſer Herr zu derſelben über⸗ getreten, war wohl Niemand vielleicht als ihm, ſeinem vertrauteſten Diener, bekannt und blieb wie der eigent— liche Grund dieſes Uebertritts, der Wunſch, ſeine erſte legitime Che, aus welcher ſeine beiden Söhne Wilhelm und Peter Wock von Roſenberg entſprungen waren, trennen zu laſſen, bis zu ſeinem Tode, verſchwiegen. Der älteſte dieſer Söhne hatte vier Frauen, von denen unſere gegenwärtige ſchöne Gebieterin die letzte war. Sein Bruder und Nachfolger aber hat ſeinen Glauben, in dem er, dem Vater folgte, nie verleugnet; er iſt heute noch einer der vornehmſten Herren, die in dieſem geſegneten Lande an der Spitze der proteſtantiſchen Partei ſtehen, und das iſt um ſo edler und ehrenhafter von ihm, als er die Gattin und Wittwe ſeines Bruders von Herzen liebt und ſie von neuem zur Herrin ſeiner Güter machen würde, wenn ſie es wollte. Wir, die wir nach dem Wil⸗ len u edlen ſter, laſtes Wot hinte ſehr ſchwe heit ten nenr mat edle myſt in d tigen im len unſeres verſtorbenen Gebieters im Dienſte der ſehr edlen Wittwe deſſelben geblieben, ich als Haushofmei⸗ ſter, meine Mutter als oberſte Schließerin dieſes Pa⸗ laſtes, den wie auch das Schloß Raudnitz Herrn Peter Wock's Großmuth ſeiner Wittwe als Witthum und Erbe hinterlaſſen, würden eine ſolche Verbindung nur für ſehr wünſchenswerth halten. Leider aber wird dieſelbe ſchwerlich zu Stande kommen. Einer, der von ihrer Kind⸗ heit an Macht über ihre Seele hat, einer jener Gefähr⸗ ten des Beelzebub, die ſich Väter der Geſellſchaft Jeſu nennen, widerſetzt ſich dem aus aller Macht. Warum, kann man wohl ſehen. Herr Wilhelm von Roſenberg würde die edle Polipena als ſeine Gattin gewiß nicht am Hofe dieſes myſtiſchen Einflüſſen unterworfenen Kaiſers laſſen, wo ſie in den Augen der Menge vielleicht von einem zweideu⸗ tigen Schein umgeben iſt. Er, der ſie ſeit ſeiner Jugend im tiefſten Herzen getragen und der nur vor den An⸗ ſprüchen ſeines höher geſtellten älteſten Bruders zurück⸗ trat, würde es nicht dulden, daß man ſie zum Werk⸗ zeuge einer ſchlimmen Politik, zur Aufhetzerin des ſchwa⸗ chen Kaiſers gegen ſeine eigenen Glaubensgenoſſen herab⸗ würdigt, ſie, die ein ſo edles, gutes Herz hat und überall mit gleicher Milde, wie die liebe Sonne, Gutes thut. O, hat ſie ſich nicht auch Eurer angenommen? Iſt ſie nicht des würdigen Magiſter Kepler Schützerin? 9 Aurow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 3 N 1 34 Hat ſie es uns jemals fühlen laſſen, daß wir ihr unſeres Glaubens wegen zuwider ſind?— Das edle Geſchlecht der Roſenberge wird ausſter⸗ ben, wenn Gräfin Polixena ſich nicht entſchließt, die Gat⸗ tin ſeines letzten Vertreters, denn das iſt Herr Wilhelm jetzt, zu werden. O Frau Apollonia Wellingerin, Ihr ſeid auch Proteſtantin und wir alle ſehen es, wie großen Ein⸗ fluß Ihr auf unſere ſchöne jugendliche Gebieterin habt, wendet ihn an, den böslichen Machinationen dieſes Jeſui⸗ ten, dieſes abſcheulichen Pater Johannes entgegen zu wirken, die zum Unglück unſerer Herrin führen, ſelbſt wenn Kaiſer Rudolf ſie zu ſich auf den böhmiſchen Thron erhöbe, und die— unmöglich iſt das Schlimmſte leider niemals— die größte Familie Böhmens noch kurz vor ihrem Erlöſchen in tiefe Schmach ſtürzen könnte.“ Der wackere Mann blickte mit dem Ausdruck eines tiefen und echten Schmerzes in das feine Geſicht ſeiner verwunderten Zuhörerin: „Sprecht Ihr von einer Schmach, mit der des Kai⸗ ſers Leidenſchaft der edeln Polixena zu nahe treten könnte?“ fragte Apollonia und ſetzte, ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten, hinzu:„Die Furcht ſcheint mir wohl unbegründet, denn nie würde eine Frau von ſo reinen Geſinnungen als ſie ſich einem Manne ergeben, der ihr 35 keine Liebe eingeflößt, wäre er auch der größte Monarch auf dem weiten Erdball.“ „Ihr ſeid Proteſtantin, Frau Wellinger“, rief Meiſter Euſebius mit Eifer,„und Ihr wißt nicht, wozu dieſer abſcheuliche Fickler die edle Frau bringen könnte, deren Herz Wachs iſt in ſeinen Händen. Die Rettung, Erhe⸗ bung und Ausbreitung der katholiſchen Kirche iſt der Zweck ſeines Lebens; er würde für dieſen Zweck ſein eigenes Ich ohne Zögern zum Opfer bringen, was wird ihm da die Ehre einer Frau ſein, die durch keine Bande des Blutes an ihn geknüpft iſt?“ „Kennt Ihr den Pater Johannes genauer, um ſo beſtimmt über ihn urtheilen zu können?“ fragte Apollonia. „Ob ich ihn kenne, ihn, den abſcheulichen Rene⸗ gaten? Lebte er nicht als ganz junger Mann im Hauſe des ältern Wilhelm von Roſenberg, wo er als Biblio⸗ thekar und Secretär arbeitete, und fand von dort Zutritt in der großen Familie der Frau von Pernſtein, wo er Polixena, das engelhafte Kind, und die ſchöne Eva von Lobkowitz unterrichtete? Er ſchwor ſeinen Glauben ab und war bald ein arger Feind ſeiner frühern Glaubens⸗ genoſſen. Er war es, an den Frau von Pernſtein ſich wen⸗ dete, als der ältere Herr von Roſenberg, ohne Ahnung davon, daß ſein Bruder nach dem Herzen und der Hand Po⸗ lixenens ſtrebte, ſich um ſie bewarb. Es lag der ſtolzen 3*¾ 36 ſpaniſchen Dame, die damals ſchon vierzehn Kinder zu ver⸗ ſorgen hatte, ſehr viel daran, ſich durch die Verheirathung ihrer Tochter den Einfluß zu ſichern, den ſie ſeit dem Regierungsantritt Rudolf's verloren, und der Jeſuit wußte das noch ſehr junge Kind zur Abſchließung jener Ehe zu beſtimmen, die ihren Jahren ſo wenig angemeſſen war. Ich weiß, daß er dabei die mögliche Bekehrung ihres künftigen Schwagers als einen Beweggrund zu einer Handlung benutzte, die von ihrer Seite doch wohl nur ein Opfer war. O, er iſt klug, ſo wie Gott Lob! wohl nur wenige ſeines verfluchten Ordens, und er würde ſich nicht ſchämen, die Wittwe, die er als Kind an einen Greis verkuppeln half, zur Buhlerin des Kaiſers zu ma⸗ chen, könnte er dadurch nur den Scheiterhaufen des Jo⸗ hannes Huß errichten für alle proteſtantiſchen Böhmen und Deutſche.“ Der Mann war bei dieſen Worten ganz außer ſich, und Apollonia fühlte wohl, daß es nur wie das Sprengen eines Waſſertropfens in eine wildzüngelnde Flamme wirken würde, wenn ſie es verſuchte, über den ſchwer Geſcholtenen einige begütigende Worte zu ſagen. Sie berührte daher ihre Bekanntſchaft mit dem ge⸗ lehrten Jeſuiten gar nicht und meinte nur, daß eine Ver⸗ mählung Polixenens mit dem Kaiſer für das Roſen⸗ berg'ſche Geſchlecht doch wohl eine große Ehre und daß 37 dieſe ſelbſt auch auf dem Throne eine große, gütig den⸗ kende Frau ſein würde, die ihren Einfluß auf das Haupt Böhmens nicht zur Schürung der Flammen zwiſchen den verſchiedenen Religionsparteien des Landes, ſon⸗ dern zur Löſchung derſelben gebrauchen würde. „Das würde ſie, ja, das würde ſie!“ rief Euſebius mit Bitterkeit.„Und um den Frieden zur Gewißheit zu machen, würden die Patres von der Geſellſchaft Jeſu die Proteſtanten alle foltern, rädern und verbrennen laſ⸗ ſen. Was wollen ſie denn anders als Frieden? Ein Hirt ſoll ſein und eine Heerde, der Hirt aber iſt die heilige Verbrüderung, die der heilige Ignaz von Loyola ſtiftete. Nein, Frau Apollonia, ſprecht mir nicht vom Frieden mit dem Gezücht der Schlangen, wenn ich Euch für eine treue Proteſtantin halten ſoll. Ein Schwert iſt das Nö⸗ thigſte, was dem Anhänger des gereinigten Glaubens gereicht werden muß. Wir wollen uns nach dem Bei⸗ ſpiele unſerer Väter, der Huſſiten und Utraquiſten, die heilige Glaubensfreiheit erkämpfen, und ich denke und hoffe, daß Euer edler und weiſer Pflegeſohn Magiſter Kepler nicht der letzte ſein wird, der, auf die Seite der Wahrheit tretend, ihr zum Siege verhelfen wird. Zu⸗ erſt aber nieder mit dieſem falſchen, heuchleriſchen, Gott läſternden Jeſuiten! Nieder mit dieſem Pater Jo⸗ hannes, der das Herz unſerer edlen Frau, das ohne ihn 38 längſt den rechten Weg gefunden hätte, immer wieder und wieder vergiftet. Helft uns, Frau Apollonia. Wenn Gräfin Polixena die Gattin Herrn Wilhelm's des Soh⸗ nes wird, ſo iſt das ganze Haus der Roſenberg auf der Seite des wahren Glaubens, wenn ſie nur den Einflüſ⸗ ſen dieſes Jeſuiten zur rechten Zeit entzogen werden kann, und dazu könnt und werdet Ihr beitragen.“ „Ich weiß nicht, was Ihr von mir erwartet oder verlangt“, ſagte die alte Frau mit ſanfter Einfachheit, „aber ich werde und kann nie etwas thun, was wider meine Anſicht von Recht iſt, ſelbſt dann nicht, wenn ich die Sache des Proteſtantismus damit fördern könnte.“ Zweites Kapitel. Faſt in derſelben Minute, als dieſes Geſpräch in dem kleinen Zimmer des Haushofmeiſters ſtattfand, ſaß in der geräumigen, ſtattlichen Halle des Roſenberg'ſchen Palaſtes die jugendlich ſchöne Herrin deſſelben neben dem vielgeſchmähten Pater Johannes. Polipena hatte ihre ſchöne Hand voll tiefen Ver⸗ trauens auf den leiſe bebenden Arm ihres Lehrers und Freundes gelegt und ſah ihm liebevoll in die dunklen, ſchmerzerfüllten Augen, die er in jedem Moment auf einen andern Gegenſtand zu richten ſich bemühte, um nur dem Blick des Weſens zu entfliehen, nach dem alle Fibern und Nerven ſeines ganzen Seins ihn gewaltſam hinzogen. „Ich kann Ihren Brief unmöglich recht verſtanden haben, mein lieber und verehrter Freund“, ſagte ſie mit zitternder Stimme,„und ich mag und will auf denſelben nicht zurückkommen, weil ihn zu beſprechen nicht wohl möglich iſt. Erzählen Sie mir daher ſtatt aller Erörte⸗ rungen Ihrer ſeltſamen Zeilen von Ihrem edlen und trefflichen Schüler, der die Sache der heiligen Kirche mit ſo feſter Kraft führt und auch in allen Beziehungen ſie zu führen ſo würdig iſt.“ „Ach“, entgegnete der Jeſuit,„unſer noch ſo jugend⸗ liche Erzherzog hat freilich ſchon Großes geleiſtet, aber er bedarf jetzt auch der Unterſtützung durch des Kaiſers Majeſtät, deſſen Kraft mit jedem Jahre ſeiner Regie⸗ rung zu ſchwinden ſcheint, aufgerieben von Aerger und Kummer über das Familienelend, das der älteſte ſeiner erlauchten Brüder ſeinem Herzen zufügt.“ „Ich weiß nicht, Pater Johannes“, ſagte Polixena, und ihre ſchönen Augen blickten trübe,„ob die Urſache des ſchweren Bruderzwiſtes wohl nicht zunächſt in des Kaiſers Argwohn gegen Matthias zu ſuchen iſt. Warum unterzeichnete er den Frieden nicht, den Matthias mit Amurad geſchloſſen, und gab ſo von neuem Ungarn den Waffen der Heiden preis?“ „Um Gott, Polixena“, rief der Jeſuit, die Hand mit ängſtlicher Geberde zum Himmel erhebend,„um Gott, meine theure Schülerin und Freundin, mir wird bei Euern Worten bange. Wie, hat nicht Kaiſer Rudolf in ſeiner Herzensgüte Alles gethan, was möglich iſt, und ſicherlich mehr, als ſeinem eigenen Intereſſe und ſonderlich ——4—— 41 dem Intereſſe der Kirche frommt, um die Wünſche ſeines re⸗ gierſüchtigen Bruders zu befriedigen und ſo mit ihm in Frieden zu bleiben? O Polixena, es muß jeder gute Katholik zu Gott flehen und alle Kräfte ſeiner Seele und ſeines Leibes aufbieten, um dem kinderloſen Rudolf die Frei⸗ heit zu ſichern, daß er den frommen und der Kirche treu ergebenen Ferdinand von Steiermark als ſeinen Nachfolger beſtätigen laſſe, nicht nur von den Fürſten deutſcher Nation, ſondern auch von den böhmiſchen und ungariſchen Ständen. Er, nur er allein, der begei⸗ ſterte Jüngling, hat die Kraft, das Gift der Ketzerei aus⸗ zurotten und von neuem die Einheit des Glaubens in den Reichen herzuſtellen, die zu regieren er durch Gottes Willen berufen iſt und welchen Beruf er durch ein Wunder, deſſen die Jungfrau ihn gewürdigt, beſtätigt hat. Ferdinand allein kann in dieſen Zeiten, wo die Ketzerei ihre tauſend verſchiedenartig geſtalteten Köpfe an allen Enden der Welt emporſtreckt, die Zügel der Regierung führen, denn nur er allein hat von allen den Nachkommen des großen Grafen von Habsburg den gläubigen Sinn und das warme Herz, das einſt ſeinen Ahn zum Haupte der Chriſtenheit machte. Matthias ko⸗ kettirt mit den Proteſtanten, um ſich ihre kräftigen Arme zu ſichern, wenn er es früher oder ſpäter für zeitgemäß halten wird, mit Rudolf ſelbſt oder mit deſſen Nachfolgern um die Kronen zu kämpfen, die dieſer jetzt noch auf ſeinem Haupte trägt und nach denen er mit wilder Gier in jedem Augenblick zu ſchnappen be⸗ reit iſt.“ „Aber“, entgegnete Polixena mit Milde,„aber, theurer Freund, wäre die Duldſamkeit nicht eine Tu⸗ gend, die zuerſt und vor allem die Seele deſſen ſchmücken müßte, der jetzt die Welt in Frieden regieren wollte?“ „Duldſamkeit!“ ſagte der Jeſuit, faſt mit einem Schrei, ſo laut und ſo verzweifelnd tönte das Wort von ſeinen ſchöngeformten Lippen,„Duldſamkeit, Gräfin! Und dies Wort ſprechen Sie, Sie, meine Schülerin und theuerſte Freundin, aus, in Gegenwart eines der Männer, die ihr Leben mit allen ſeinen Freuden und Hoffnungen, die alle ihre Kräfte, all ihr Wollen dahingegeben, um der katholiſchen Kirche, das heißt dem durch tauſend Wun⸗ der beſtätigten Worte Gottes, in dem das Heil der Welt und die ewige Seligkeit jedes Einzelnen liegt, von neuem zum Siege über die ſündige, abtrünnige Menſch⸗ heit zu verhelfen! Sprechen Sie von Duldſamkeit gegen Wolf und Tiger, von Duldſamkeit gegen das im Strome lauernde Krokodil, von Duldſamkeit gegen die auf Sturmesflügeln daherbrauſende Flamme, ſie alle zerſtören nur irdiſches Leben und irdiſche Güter, aber nicht von Duldſamkeit gegen den falſchen Glauben, der Gott 43 und ſeinen ewigen Sohn und die gebenedeite Jungfrau beleidigt und die befangene Menſchenſeele untauglich und unfähig macht für die aus Chriſti Blut fließende ewige Seligkeit. Nein, nein, Polixena, ſehen Sie um ſich mit offenen Augen. Erſt ſeit die thörichten, von Lucifer ſelbſt mit falſchem Stolze auf ihre Weis⸗ heit und Tugend geſchlagene Menſchheit es wagte, an den Lehrſätzen der heiligen Kirche zu mäkeln, iſt wie durch neuen Sündenfall neues Elend über die Welt ge⸗ kommen, das Elend, das die Empörung über die Menſchheit gebracht. Demuth und Gehorſam, die ſchön⸗ ſten, die recht eigentlichen Tugenden des Chriſtenthums, ſind entflohen. Sie leugnen, dieſe Thoren, die Unfehl⸗ barkeit des Nachfolgers Petri auf ſeinem erhabenen Stuhle zu Rom, aber jeder Prädikant auf ſeiner düſtern Kanzel hält ſeine Meinung für unfehlbar und verdammt Jeden, der es wagt, über ſeine Lehren hinaus oder ne⸗ ben denſelben hinwegzudenken. Gedankenfreiheit, Glau⸗ bensfreiheit, Kirchenfreiheit, wo wären ſie weniger zu finden, als in jenen Landen, wo die thörichten Regenten, lüſtern nach den reichen Beſitzthümern des Klerus, den Proteſtantismus zugelaſſen haben! Und die Proteſtan⸗ ten unter einander, wie wild und wüthend ſtreiten ſie über die Erklärung jedes Wortes, das ſie aus ihrer Bi⸗ bel herausleſen! 44 Streit und Unfriede aller Orten, Friede nur im Schooß der heiligen Mutter Kirche. Und in dieſe zu— rück kann die Menſchheit nicht durch einen weltklugen Vernünftler, ſondern nur durch ein gottbegeiſtertes Herz geführt werden. Darum, Gräfin, darf der Nach⸗ folger Rudolf's nicht Matthias, er muß Ferdinand ſein, und es iſt ſchon ein Eingriff in die geheiligten Rechte unſeres Prinzen, daß Matthias ſich hat zum Könige von Ungarn wählen laſſen und daß der ſchwache Rudolf dieſe Wahl beſtätigte. Welche Mittel hat dieſer welt⸗ kluge Khleſl, der ſich Biſchof ſchelten läßt, nicht ange⸗ wendet, um dies Reſultat zu erzielen! Wie hat er die⸗ ſen ungariſchen Magnaten geſchmeichelt mit Glaubens⸗ freiheit, die ihnen Matthias beſtätigen würde! Hat er ſich nicht ſogar herbeigelaſſen, dem türkiſchen Sultan Frie⸗ den mit Ungarn und die Abtretung der edlen Städte Agram und Belgrad an den Erbfeind der Chriſtenheit zu verſprechen und die geſegneten Häupter böhmiſcher Edlen als Geißeln in die Hände der Ungläubigen zu geben? Iſt nicht der edle Herr von Trezka in Belgrad mit Ketten beladen den Märtyrertod geſtorben, während es ſeinem Leidensgefährten Kinsky durch Gottes Bei⸗ ſtand nach gefahrvoller Flucht gelang, in ſein böhmi⸗ ſches Vaterland zurückzukehren? Wir ſtehen vor großen Entſcheidungen, die nur 45 durch das Schwert errungen werden können. Der Pro⸗ teſtantismus muß niedergetreten werden, und Ferdinand, der in ſeinem kleinen Lande als Jüngling mit dieſer Hydra fertig geworden, iſt der Mann dazu, ihn auch in den andern Reichen, die ihm als Rudolf's Erben zu⸗ fallen werden, zu bezwingen. Gräfin, meine theure Schülerin, o Polixena, laſſen Sie, die Sie trotz Ihrer Jugend und Ihres Geſchlechts ſtets eine treue Kämpfe⸗ rin waren für die Sache Gottes und der heiligen Kirche, mich nicht fürchten, daß Sie lau geworden ſind, denn das Wort Duldung iſt eben nur ein Synonym für das Wort Lauheit. Um des Wohles der Welt willen, ſeien Sie ſtreng gegen das, was das Elend von Tauſen⸗ den ausmacht, wenn es an Einzelnen geduldet wird. Es ſind auch in Ihrem Haushalte, unter Ihrer eigenen Dienerſchaft noch viele heimliche Proteſtanten, wackere Leute vielleicht ſonſt, alte Diener auch, noch ſtammend aus den Zeiten Ihres Schwiegervaters— machen Sie Ernſt mit dieſen und fordern Sie ſtreng ihre Rückkehr in den Schooß der Kirche. Welches Leid geſchieht ihnen dadurch, wenn ſie nicht mehr den Kelch mit der Hoſtie zugleich empfangen? Wird ihnen dadurch doch nichts von dem Blute des Erlöſers entzogen. Man ſoll den gemeinen Mann nicht in ſeinem Eigenſinn beſtärken, da Dienen und Gehorchen einmal ſein Beruf iſt! Der Pro⸗ 46 teſtantismus iſt die Rebellion, und darum iſt wohl der Heiland unter Martern am Kreuze gerade für die Ar⸗ men und Geringen geſtorben, damit ſie lernen ihr Kreuz auf ſich nehmen und ihm demüthig und freiwillig nach⸗ folgen.“ Polixena erhob ſich von ihrem Seſſel, ihre Stirn war mit kalten Schweißtropfen bedeckt und ſie trockneke dieſelbe, während ſie eine Thräne verbarg, die leiſe unter ihrer Wimper hervorrann.„Ich kann Euch nicht ver⸗ ſtehen, Pater Johannes“, ſagte ſie dann langſam und mit der ganzen ruhigen Würde ihres Weſens,„und ich kann auch nicht dem Fluge Eurer Gedanken fol⸗ gen. Eins aber weiß ich und werde auch nie daran zweifeln: Ihr ſtrebt, das Erhabenſte zu fördern, und ſtets war ich bereit, Euren hohen Abſichten meine gerin⸗ gen Kräfte zu Gebote zu ſtellen. Ich habe mich als Kind auf Euern Rath an einen Greis vermählt und bin ihm mit Bekämpfung meines widerſtrebenden Herzens eine unterthänige Gattin geweſen; ich habe ſelbſt, einen Theil meines Rufes opfernd, als tröſtende Freundin neben die⸗ ſem kranken Kaiſer geſtanden, deſſen Argwohn, durch die von ſeinen Feinden theuer bezahlten Prophezeiungen ſtets rege erhalten, ihn elend macht; ich habe die Menſch⸗ heit auf ihren höchſten Stufen oft niedriger als am Bettelſtabe, Euch ſtets als den am höchſten denkenden Mann 47 erkannt; aber welche Zwecke ich auch damit erreichen könnte, ich, Eure Schülerin Polixena von Pernſtein, werde nie ehrlos werden, weder als das Liebchen eines Kaiſers, noch als Herrin von treuen Dienern, denen ich beim Tode meines Gatten Schutz ihres Glaubens und ihrer ganzen Stellung in meinem Hauſe verſprochen habe. Falle Euer Fluch, falle der Fluch Eures Ordens und der Fluch der katholiſchen Chriſtenheit, ja, wenn das mög⸗ lich ſein kann, der Fluch Gottes auf mein armes Haupt, ich thue nur das, was mein eigen Gewiſſen und Ehr— gefühl für das Rechte erkennt!“ Mit einer Geberde, die wie das Flammen eines Meteors auf den vor ihr Ste⸗ henden wirkte, durchſchritt ſie den ganzen Raum der Halle und verſchwand den Blicken des Jeſuiten durch die in ihr Kabinet führende Bogenthür. Pater Johannes aber war, einem unviderſtehli⸗ chen Gefühle folgend, auf die Kniee geſunken, ſein blei⸗ ches, edles Geſicht ſchien zur Bildſäule erſtarrt, bis er es plötzlich auf den Boden niederbeugte und ſeine heißen Thränen ungehindert auf die bunten Blumen des Teppichs niederrieſeln ließ.„Verachtet, verachtet von ihr!“ rief er endlich und rang leidenſchaftlich die Hände.„O Polixena! O meine Göttin, mein Kind! Du höchſtes, du einzi⸗ ges Herz, für das ich Liebe empfand, könnte ich dich ſehen laſſen, was ich gelitten habe, was ich leide in 48 jedem Moment meines Lebens! O Gott, Herr der Welt, am Kreuz geſtorbener Erlöſer, haſt du ein Leid ge⸗ fühlt, das dem meinen gleichkommt? Mit Dornen ge⸗ krönt, blutig gegeißelt, von einem, von dem ſchwächſten deiner Schüler verrathen und ſelbſt von dem ſtärkſten derſelben in den Augenblicken der Angſt verleugnet, bliebſt du doch einig mit dir ſelbſt, du wußteſt, daß du in jedem Moment deiner Leiden den Willen deß thateſt, der dich geſandt hatte. O tröſte mich in meiner Angſt, ſage mir, daß ich dir nachfolgte, indem ich, der Verach⸗ tung des edelſten Weibes Trotz bietend, ihr ſtolzes We⸗ ſen zu ehrloſen Handlungen beredete, um die Ausbrei⸗ tung des Glaubens an dich zu fördern, gehorchend, ohne zu prüfen, den Befehlen derer, denen ich mich um deinet⸗ willen unterwarf. Gehorſam ohne Prüfung oder die Prü— fung und in ihrem Gefolge das Schweifen in der Irre, das Hinausſchwanken in die Wildniß der Ketzerei, das iſt nun einmal die Wahl, die meinem Herzen geworden. Die Liebe zu ihr, zu Polixena, zu dem Weſen, das mein Herz faſſen und würdigen konnte, trieb mich auf den Pfad, den ich recht und in Treuem zu wandeln ge⸗ ſtrebt habe, und jetzt hat dieſer Pfad mich dahin geführt, ſie zu beleidigen und von ihrer verdienten Verachtung getroffen zu werden. O Leben, Menſchenleben, welche furchtbaren Räthſel birgſt du in deinen Tiefen auch 49 für den, der das einzig Rechte mit voller Seele ergrif⸗ fen!“ Ein Geräuſch im Zimmer machte ihn darauf auf⸗ merkſam, daß er nicht mehr allein ſei, und ſich ohne Haſt aus ſeiner demüthigen Stellung aufrichtend, blickten ſeine getrübten Augen in das Angeſicht eines Mannes, der ihm ſeit langer Zeit nicht begegnet war und für den er trotz ihrer Glaubensverſchiedenheit doch ſtets Achtung empfunden hatte. Magiſter Johannes Kepler ſtand am Eingang der Halle, in deren weitem Raum ſein klares, nußbraunes Auge irgend etwas zu ſuchen ſchien, bis es auf ſeinen wohlwollenden Feind fiel, der ſich mit einer Art von Schamgefühl aus ſeiner zerknirſchten Stellung aufgerichtet hatte und, raſch Herr ſeiner Gefühle werdend, ihm mit freundlichem Blicke entgegentrat. „Sie alſo finde ich hier, mein edler Verwandter und Wohlthäter!“ rief der proteſtantiſche Gelehrte, den ſeine Glaubensgenoſſen als Schismatiker und Abtrünni⸗ gen verurtheilt, indem er dem mit ſich ſelbſt zerfallenen Jeſuiten mit wahrer Freude die Hand entgegenſtreckte. „O, ich freue mich des Wiederſehens, das mir Gelegenheit gibt, Ihnen noch einmal Dank zu ſagen für alle die Wohlthaten, die Sie mir erzeigt.“ „Ich fürchtete von Euch mit minderer Freundlichkeit begrüßt zu werden, mein geehrter Magiſter“, entgegnete der Jeſuit, der ſeinem Heezen keinen Zwang anthun Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 4 durfte, um Kepler's Entgegenkommen liebreich und achtungs⸗ voll zu erwidern,„denn ich bin leider nicht im Stande geweſen, die Stände der Steiermark zur Zahlung des Euch als zur Zeit noch in Grätz angeſtellten Profeſſors zuſtändigen Gehaltes zu bewegen. Es iſt eben in allen deutſchen Landen große Unruhe und Zwiſt zwiſchen den vielen leider verſchiede⸗ nen Glaubensparteien, und da nach dem Willen unſeres durchlauchtigſten Erzherzogs jetzt wenig Proteſtanten ſowohl von Adel als aus den andern Ständen zu be⸗ deutenden und wirkſamen Aemtern berufen werden, ſo iſt Euch, dem proteſtantiſchen Profeſſor, jetzt nicht die Zahlung Eures Euch in andern Verhältniſſen zugeſicher⸗ ten Gehaltes überwieſen worden, obſchon kaiſerliche Majeſtät ſich ſelbſt darum verwendet. Es ſind ſchlimme Zeiten; die proteſtantiſchen Landſtände Böhmens unter⸗ graben hier in der Reſidenz ſelbſt gefliſſentlich und mit vielem Erfolg das Anſehen des höchſten Herrn der Chri⸗ ſtenheit, und ſo dürfen ſie und ihre Anhänger ſich denn auch nicht wundern, wenn ſie es ohne Geltung finden, wo zu ihrem eigenen Vortheil das Gegentheil von Nutzen wäre.“ „Ich beklage mich nicht um das Leid, was ich mit vielen Andern theile; es iſt etwas ſo Göttliches um die Wahrheit, daß der kein ganzer Menſch ſein müßte, der nicht freudig die Laſten auf ſich nähme, die ihn infolge ihrer Bekenntniß treffen. Zudem ſtehe ich ja auch ———,———. 51 ſeit Herrn Tycho's Tode im Solde des Kaiſers und eigentliche Noth bleibt wohl den lieben Meinen fern; denn wenn ich auch nicht zu den dreiſten Mahnern ge⸗ höre, die Alles, was ſie von Sr. Majeſtät zu fordern haben, zu rechter Zeit und in der rechten Weiſe einzu⸗ treiben wiſſen, ſo verſteht es doch meine treffliche Haus⸗ frau, mit dem, was ich erlangen kann, ſich ſo einzurich⸗ ten, daß wir mit unſerem Häufchen Kinder leben kön⸗ nen. Was mir im Augenblick nicht gezahlt wird, bleibt in kaiſerlichen Händen und wird meinen Kleinen zu gute kommen, wenn ſie es einſt vielleicht noch viel nöthiger bedürfen als gegenwärtig, wo eine gar ſo wackere Mutter für ſie ſorgt und ſpart.“ „Ihr ſeid ein glücklicher Mann, Magiſter Kepler!“ entgegnete der Jeſuit.„Im Beſitz eines ſchönen Weibes, umgeben von Kindern, die Euch unzweifelhaft einſt noch Ehre machen werden, könnt Ihr dem wilden Getreibe dieſer unſeligen Zeiten mit Ruhe aus Eurem Studir⸗ zimmer zuſehen, ohne Euch darum zu kümmern, welchen Weg dieſe Welt läuft, wenn nur Eure Berechnungen über die Bahnen der himmliſchen Sterne ſtimmen und Eure Prophezeiungen—“ „Ich hoffe nicht, mein ſehr edler Verwandter“, fiel Kepler jenem ins Wort,„daß mein Glück von der Art iſt, wie Ihr es bezeichnet. Wie die Meinigen, für 4* 52 deren Glück und Auskommen zu ſorgen meine nächſte heilige Erdenpflicht iſt, die ich unter manchen ſchweren Kämpfen ſtets zu erfüllen geſtrebt, verſorgt ſind, ſo bin ich freilich für mein Theil durch Gottes beſondere Gnade unabhängig von den Dingen dieſer Welt und finde mein Glück in der Betrachtung der Werke Gottes, die mir in jedem Augenblick meines Forſchens die Erhabenheit des Herrn näher und deutlicher offenbaren. Zu Euch kann ich über dies mein höchſtes Glück ſprechen, denn Ihr wißt, was ich meine, wenn ich ſage, daß bei der Betrachtung der Sternenbahnen die Geſetzmäßigkeit des ganzen Weltalls mir als die heilige Verſiche⸗ rung entgegentritt, daß der Menſch, das Kind der Erde, nur durch geſetzmäßiges Handeln ſich in Ueberein⸗ ſtimmung mit dem höchſten Geiſte ſetzen kann. Es ſtrömt mir aus dem Lichte der Sterne, die aus unaus⸗ ſprechbaren Fernen uns leuchten, die Ueberzeugung ent⸗ gegen, daß das Licht unſerer Thaten, der Rechtſchaffen⸗ heit, der aufopfernden, ſelbſtvergeſſenden Liebe, erhellend und erfreuend auch auf das Weltganze und in Zeiten und Fernen wirken wird, von denen wir ſelbſt noch keine Anſchauung haben. O Pater Johannes, verzeiht mir, aber mein Herz iſt voll von Rührung und Glück bei dem Gedanken an den Gott, der mir ſeine Werke offenbart, und meine Augen werden naß in dem Ge⸗ 53 fühle der ſeligen Freude, weil ich gewürdigt bin, ihn zu ſehen, zu finden und mit Gewißheit zu erken⸗ nen, wie groß der Herr mein Gott iſt, den Chriſti Mund uns Vater nennen lehrt.“ Johannes Fickler ſenkte die Augen vor dem begeiſter⸗ ten Blick des ſonſt ſo einfachen und ruhigen Mannes, aber auf ſeinen Lippen ſchwebte die Frage, ob der begeiſterte Sprecher denn ſtets ruhigen Herzens, nie in ſich ſelbſt zwieſpältig, nie hingeriſſen von irdiſchen Wünſchen ſei. Doch ſchwieg er, ſein Stand und ſein Gelübde hatten ihn jene tiefe Zurückhaltung gelehrt, die der Kluge in irdiſchen Angelegenheiten ſelten oder nie zu bereuen hat. Als aber in Kepler's Herzen ſich die hochgehenden Wel⸗ len des Gefühls gelegt zu haben ſchienen, legte der Je⸗ ſuit leiſe die Hand auf Kepler's Schulter und fragte mild:„Und ſo glaubt Ihr denn, unglücklicher, ver⸗ blendeter Mann, daß Euer Weg der einzige richtige zu Gott ſei?“ „Das habe ich nie geglaubt und niemals ausge⸗ ſprochen, mein edler Verwandter“, entgegnete Kepler mit ruhigem Ernſt.„Er iſt nur für mich ſelbſt, für meine eigene ſchwache Menſchennatur der richtigſte und erfüllt mich mit Glückſeligkeit, die mich in vielen Stunden alles Erdenleides und beſonders aller irdiſchen Bedürfniſſe mei⸗ nes eigenen irdiſchen Leibes vergeſſen läßt, und das iſt, 54 obſchon mein ſchönſtes Glück, doch noch der ſchlimmſte meiner Fehler. Glücklich ſeid Ihr zu preiſen, Pater Jo⸗ hannes, denn an Euch hängen keine der irdiſchen Laſten, die Euch als theure Pflichten gegen Weib und Kind⸗ lein von den Betrachtungen des Göttlichen abziehen; was für mich bisweilen ſogar zu einer Pflichtvergeſſenheit werden kann, iſt Euch ſtets Pflicht und Beruf. Jetzt freilich, wo mein Studium meinen Kindern Brod gibt, iſt dies weit ſeltener der Fall, und ich fange auch an zu hoffen, daß meine gute Barbara an meiner Seite Einiges von dem Glücke und der Herzensbefriedigung findet, die ich ihr zu ſchaffen vor dem Altare gelobt habe. Sie erfreut ſich meiner geachteten Stellung an dieſem Kai⸗ ſerhofe und der Auszeichnungen, die mir von ſo man⸗ chem Hochgeſtellten zu Theil werden, und iſt jetzt bei⸗ nahe ſtolz auf den Mann, zu dem ſie ſich herabgelaſſen, weil ſeine jugendliche Geſtalt einſt ihren Augen wohl⸗ gefiel.“ „Ihr liebt Euer ſchönes Weib?“ fragte Fickler haſtig, faſt mit Uebereilung. „Recht von Herzen“, entgegnete Kepler einfach; „ich liebe ſie nach meiner Pflicht ſo ſehr, daß ich ohne Zorn Nachſicht üben kann gegen ihre Schwächen und meine widerſtrebende Natur zu zwingen weiß, Achtung zu tragen für ihre rechtmäßigen und billigen Anforde⸗ — ☛— F 55 rungen und aufrichtige Dankbarkeit zu fühlen für ihre treue Hausfrau⸗ und Mutterſorge.“* „uUnd habt Ihr nie ein anderes Weib mit andern Gefühlen in anderer und höherer Weiſe geliebt?“ fragte der Jeſuit, ohne, verſenkt in ſeine eignen Gedanken und Gefühle, auf die Rückſichtsloſigkeit dieſer Frage zu achten. Kepler's edles Geſicht überzog ſich plötzlich mit einer tiefen brennenden Röthe; ſein Herz pochte heftig und er mußte Minuten vergehen laſſen, bis er ſich zu einer Ant— wort fähig fühlte. Dann ſagte er ſehr feſt:„Ich denke, daß ich Eure Frage wohl mit Nein beantworten kann, obwohl ich ſicherlich das Recht hätte, dieſelbe ganz und gar übergehen zu dürfen. Nein, ich liebe keine andere Frau als die, welche zu lieben meine vor Gott beſchwo⸗ rene Pflicht iſt. Wohl iſt auf meinem Lebenswege mir ein Frauenbild erſchienen, erhaben, ſchön und glänzend wie der ſchönſte Stern am Himmel, deſſen leuchtende Bahn mit ſtillem Entzücken zu bewundern eine der ſchönſten Seligkeiten meines Lebens iſt und immer blei⸗ ben wird. Aber es wäre eine Entheiligung, wenn ich das Wort Liebe mit dem Gedanken an ſie vereinen würde. Ich müßte ebenſo wohl ſagen, daß ich das glän⸗ zende Geſtirn des Morgenſterns oder die gebenedeite Mutter des Erlöſers, als daß ich ſie liebe, die mir ſo fern ſteht als der Stern und die Heilige, und zu der ich doch mit Aug' und Herz emporzuſchauen mir geſtatte.“ Pater Johannes hatte ſich bei dieſen Worten Kep⸗ ler's von ſeinem Sitze erhoben und wandte, an das Bo⸗ genfenſter des Saales tretend, dem Sprecher den Rücken zu. Er wußte es, ſein zitterndes Herz ſagte es ihm mit aller Gewißheit, welchen Namen das Sternbild ſeines jungen Verwandten führte, und er, deſſen Haar ſchon Silberfäden durchzogen, wußte, welche Macht ein Gefühl ſolcher Art in Kepler's Herzen gewinnen konnte. Aber er ſchwieg, und nur ein einziger Gedanke wogte durch ſeine leidende Seele:„Auch er, auch er! Und er könnte das Herz dieſes ſtolzen und edlen Weibes ent⸗ flammen. Wehe mir, tauſendfach wehe mir, wenn die Stunde käme, wo ich das Geſtändniß, daß ſie ihn liebt, vielleicht von ihren eigenen Lippen hören müßte. Aber dieſe Liebe iſt, ſelbſt wenn ſie erwidert würde, für ſie wie für ihn doch nur ein neu in beider Leben tretendes bitteres Leid.“ Er hatte die Arme über einander geſchla⸗ gen und hörte, ſeinen eigenen Gedanken ganz und gar hingegeben, nicht mehr auf das, was Kepler weiter ſprach, doch bald zuckte es wie eine Flamme über ſein edles Angeſicht.„Nein, nein“, dachte er,„dieſe Liebe iſt für dieſe beiden Menſchen kein eigentliches Leiden, ſie wird bei beiden nur zur Erhöhung ihrer beſten, edelſten Be⸗ ſtrebungen führen.“ „Ihr ſeid ein glücklicher Mann, Magiſter Kepler“, ſagte er dann, die Hand auf die Schulter ſeines Verwand⸗ ten legend,„denn Gefühle, wie Ihr ſie ſchildert, kann nur die Menſchenbruſt in ſich fühlen und pflegen, deren Streben nach den höchſten Zielen der Menſchheit bereits entwickelt iſt. Mögen ſie Euch zum Höchſten leiten, zum wahren einzigen Glauben, der doch endlich das allerhöchſte Ziel menſchlicher Weisheit und Wiſſenſchaft iſt auf die⸗ ſer armen dunklen Erde. Gebt mir Eure Hand, Johan⸗ nes, und wie wir beide einen Namen führen, ſo werden wir beide auch endlich zu einem Ziele gelangen, zur Er⸗ kenntniß der Wahrheit, wie ſehr verſchieden unſere Wege dahin auch ſein mögen.“ Die beiden Männer trennten ſich und der Jeſuit eilte in das Innere der ſtolzen Kaiſerburg, wo er um dieſe Zeit ein Geſpräch mit dem kränkelnden und von Tage zu Tage mehr in die wunderlichſten Schrullen ver⸗ fallenden Kaiſer haben ſollte. Drittes Kapitel. Es war nachmittags fünf Uhr, und Kaiſer Rudolf hatte ſo eben ſein Bett verlaſſen, das er ſelten vor dem an— brechenden Morgen zu beſteigen pflegte, da er die Nächte gewöhnlich in ſeinen großen Marſtällen zubrachte, wo er ſich vor den erträumten Verräthereien ſeiner Brüder und beſonders des älteſten derſelben ſicherer glaubte. Rudolf von Habsburg, der zweite deutſche Kaiſer dieſes Na⸗ mens, war ein ſehr unglücklicher Mann. Schon in der Kindheit durch ſeine Erziehung am ſpaniſchen Hofe Phi⸗ lipp's II. argwöhniſch geworden, hatte dieſe unglück⸗ liche Geiſtesrichtung mit jedem Jahre ſeines Lebens zugenommen und ſich durch die Prophezeiungen ſeiner Aſtrologen faſt bis zum Wahnſinn geſteigert. Wie alle Nachkommen jenes ſtolzen und edlen Grafen Rudolf von Habsburg, der zu ſeiner Zeit auf den deutſchen Kaiſerthron hauptſächlich durch den Einfluß des Klerus erhoben ward, war er eifriger Anhänger der katholiſchen Kirche und 59 wies als ſolcher die Verlockungen, die die neuen Glau⸗ benslehre den Fürſten Deutſchlands in der Beſitznahme der Kirchen⸗ und Kloſtergüter entgegenhielt, mit Entſchie⸗ denheit von ſich. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es wenigſtens bei ſo manchem der früh zum Proteſtantis⸗ mus bekehrten Herren nicht einzig und allein die begei⸗ ſterte Ueberzeugung von der Wahrheit der neuen Lehren war, die ſie zu Schützern derſelben machte; ganz ge⸗ wiß iſt dagegen, daß die treuen Anhänger und Schützer der Rechte des Papſtes und der Prieſterſchaft weniger eigennützig handeln mußten, denn der Klerus hatte da⸗ mals durch die offenen Anklagen und Enthüllungen des muthigen Auguſtiners Martin Luther einen großen Theil ſeiner Macht verloren. Wäre die Regierung Rudolf's II. in eine fried⸗ liche Zeit gefallen und hätte er auch in ſeinem Hauſe Frieden und Freude beſeſſen, er wäre höchſt wahrſchein⸗ lich ein Fürſt von großem Ruhme geweſen. Er ehrte Kunſt und Wiſſenſchaft, war friedliebend und großmüthig, hatte hohe Achtung vor den Gelehrten, die er an ſeinem Hofe verſammelte, und war trotz ſeiner ſtrengen Reli⸗ gionsmeinungen fähig, hohe Eigenſchaften des Geiſtes und Charakters auch bei Andersgläubigen zu erkennen und zu ſchätzen. Seine Zuneigung zu dem gelehrten Ju⸗ den Rabbi Löw, wegen ſeiner großen Geſtalt der hohe Rabbi von den Zeitgenoſſen genannt, und die Freund⸗ lichkeit, die er dem ſchwäbiſchen Proteſtanten Kepler ſtets erwieſen, geben davon den ſicherſten Beweis. Aber er war nicht der Mann, in einer Zeit wie die ſeinige den Zügel der Regierung mit weiſer und feſter Hand zu führen. Katholik durch Geburt und Erziehung, fühlte er ſich berufen, den Glauben, den er für den einzig wahren hielt, aufrecht zu erhalten; aber es gehörte eine größere Kraft als die ſeine dazu, den Strebungen des Zeitgeiſtes ſiegreich entgegenzutreten. Ganz Deutſchland, ja gewiſſermaßen ganz Europa befand ſich in wilder gährender Bewegung. Glaubensfrei⸗ heit war das große Schlagwort der Zeit, einer Zeit, in welcher das Verhältniß der Menſchheit zu Gott in ganz anderer Weiſe als heutzutage Gegenſtand des Nach⸗ denkens und des Herzensintereſſes der Menſchheit war. Damals glaubte man noch, und er, der hauptſächlich dieſe in die wildeſten Kriege ausartenden Streitigkeiten durch ſeine Worte angefacht, Doctor Martin Luther, war ein glaubenstreuer, glaubensfeſter, ſtarkmüthiger, aufrichtiger und wahrheitliebender, echt deutſcher Mann, der ſein eigenes Ich, ſein Leben, ſeine zeitliche Ehre mit edlem Enthuſiasmus dem entgegenwarf, was er für ſchlecht und dem Chriſtenthume, an dem Niemand mehr als er mit Verehrung und Treue hing, zuwider hielt: die Sittenlo⸗ ſole ſter wack dave wie Me ten 61 ſigkeit des mit jedem Jahrhundert mehr entarteten Prie⸗ ſterſtandes. Schwerlich hatte weder er noch irgend einer ſeiner wackern Freunde und treuen Mitkämpfer eine Vorſtellung davon, welche Folgen ihr Thun nach ſich ziehen würde und wie wenig ihre Kraft ausreichen dürfte, um die Flut des Menſchengedankens, dem ſie das Einſtrömen in die Bau⸗ ten der Staatsweisheit geſtatteten, zu dämmen und zu⸗ rückzuhalten; ſie ſtürzte unaufhaltſam wie jede entfeſſelte Naturkraft hervor, begrub in ihrem wilden Schwalle Alles, was unſern Vorfahren groß und heilig ſchien, und wird, noch heute und bis in alle Zeiten fortſtrömend, vielleicht alle Tempel und Paläſte in ihrem Schoße begraben, aber, ſo wagen wir zu hoffen, endlich auch die glück⸗ lichen Inſeln auftauchen laſſen, nach denen das Menſchen⸗ geſchlecht auf allen Länderkarten bis jetzt vergeblich ſuchte und ſucht, jenes ſchöne Land, auf dem Freiheit, Weis⸗ heit, Kunſt, Wiſſenſchaft und Herzensfreudigkeit blühen und grünen und dem wir heute trotz Duldung und freier Religionsübung, doch wohl noch um Weniges näher ge⸗ kommen als unſere Urväter, die für dieſe Güter kämpften und ſtarben, aber zu Kampf und Tod begeiſtert wurden durch die Ueberzeugung, daß ſie ſich durch ihren Glauben, jeder durch den ſeinigen, im Beſitze des höchſten Gu⸗ tes befänden. Kaiſer Rudolf II., obwohl den Willen in ſich tragend, ſich dem reißenden Strome der Volksmei⸗ nung entgegen zu ſtemmen, hatte nicht die Kraft dazu, und nicht nur deshalb, ſondern auch beſonders wegen der Urſachen, die ihn ſeiner Kraft mehr und mehr be⸗ raubten, war er ein unglücklicher Mann. Sein älteſter, nach ihm geborener Bruder, Erzherzog Matthias, ſtrebte mit allen Mitteln danach, ſein Erbe zu werden, wie es in ſeinem Geburtsrechte gelegen hätte; doch war ſeine Hoffnung dazu nicht groß, denn er wußte ſehr wohl, daß ſein kaiſerlicher Bruder ihn nicht liebte, während eine wirkliche Zuneigung ihn zu ſeinem Neffen, den jun⸗ gen Erzherzog Ferdinand von Steiermark zog, der als Knabe eine Zeit lang an ſeinem Hof und unter ſeinen Augen erzogen worden war und deſſen feſtes Auftreten, verbunden mit einem religiöſen, ſchwärmeriſchen Enthu⸗ ſiasmus, dem Kaiſer gerade die paſſenden Eigenſchaften ſchienen, den Proteſtantismus mit Kraft niederzuhalten und zu unterdrücken. In ſeinem eigenen kleinen Lande war dies dem jungen Fürſten in ziemlich kurzer Zeit und mit ziemlich wenigem Geräuſch auch bereits geglückt. Eine Verbrüderung von Männern, deren Namen man bis auf den heutigen Tag mit Furcht nennt,, die Je⸗ ſuiten, hatte ihn dabei unterſtützt, und einer derſelben, der erſte Lehrer und jetzige Staatsſecretär des jungen 63 Erzherzogs, Pater Johannes Fickler, war durch den Kammerdiener des Kaiſers, den berüchtigten Philipp Lang, dieſem ſo eben gemeldet worden. „Schick' ihn fort, ſchick ihn heim zu der Frau Erzherzogin Maria, den Fuchs, der mit ſeinem Feinde und Widerſacher, dem Biſchof und klugen Rathgeber meines liebevollen Bruders Matthias, nur darin einig iſt, daß ſie beide auf meinen Tod warten und ihn mit ei— nem Gläschen italieniſchen Waſſers befördern möchten, wenn ich ſie mir ſo nahe kommen ließe, daß ſie es eigen— händig in meine Frühchocolade gießen könnten. Ich mag und will ihn nicht ſehen; er iſt mir wider⸗ wärtig, trotz ſeines Geſichtes, das die Gräfin Polixena ein ſo ſchönes nannte, wie es nur je einem Paulus oder Jakobus das Vertrauen der Heiden erweckt hätte. Ich mag dieſen Menſchen nun einmal nicht, ja ich fürchte ſeine Augen, die wie Aurikeln ausſehen, in denen ein Tro⸗ pfen Morgenthau im Sonnenglanz funkelt, wenn das Heil der Kirche ſein großes Herz bewegt. Ja, ſo ſagte ſie, die ſchöne Frau, und das war auch ihre wahrhafte Meinung, denn ſie ſagt nie, was ſie nicht denkt und fühlt, und würde ſicherlich eher ſterben, als ſich das Leben durch eine Lüge retten“, ſprach der Kaiſer, auf ſeinen gewiſſenloſen Vertrauten blickend, der eben, vor ſeinem Herrn knieend, ihm die Schleifen ſeiner puffigen Beinkleider am Knie zuneſtelte. 64 Lang hob ſeine dunklen Augen, deren Blick er auf or eine den meiſten Menſchen unmögliche Weiſe in ſei⸗ ger ner Gewalt hatte, mit einem faſt einfältigen Ausdruck F zu dem Kaiſer empor und ſagte:„Ja, ja, die Frau nit Gräfin iſt ſo ſchön und brav, als ſie wahrheitliebend er) ’ und die getreueſte, ergebenſte Unterthanin Ew. Maje⸗ zn ſtät iſt; aber ſo wenig ſie jemals eine Lüge ſagen möchte, d um ihr Leben zu retten, ſo gewiß würde ſie auch die bei einem Weibe noch weit größere Kraft und Weisheit ſte haben, jede Wahrheit zu verſchweigen, die ſie zu ver⸗ ni 1 ſchweigen verſprochen hat oder zu verſchweigen für nützlich d und nöthig hielte.“ „Welch eine Anklage gegen die edle Frau ſoll die— he V ſer Lobrede folgen, Schurke?“ ſagte der Kaiſer in Lang's Geſicht von oben herabblickend. „Keine, Majeſtät, o gar keine“, entgegnete dieſer n 1 ſehr eifrig.„Ich denke nur, die Frau Gräfin wiſſen ſo gut wie ich, der ich nur zehn Minuten an der Thür ge⸗ lauſcht, die wichtige Nachricht, welche Pater Fickler von ſei⸗ nem fürſtlichen Herrn an Ew. Majeſtät zu überbringen V und nur Ew. allerhöchſten Perſon mitzutheilen hat.“ 9 „So ſprich, Menſch, und theile uns mit, was Dir auf den giftigen Lippen ſitzt, gleichviel nun, ob es Gutes ſei oder Böſes.“ „O mein hoher Gebieter, es iſt Gutes, nur Gutes, 65 ſonſt würde der treueſte Ihrer Diener ſchwerlich ſo ruhi⸗ gen Herzens und freudigen Blickes zu Ew. Majeſtät Füßen liegen. Aber, mein Kaiſer, verrathet Euern Knecht nicht, denn glaubt mir, dieſer große Diplomat, dieſer erzherzogliche Staatsſecretär würde den Philipp Lang zerdrücken wie ein Stahlhandſchuh die zudringliche Wespe, die ſich auf ihn zu ſetzen wagte.“ „Bah, ſchwerlich, wenn Du unter meinem Schutze ſtehſt“, entgegnete der Kaiſer.„Aber nun ſprich! Ich will hören, was Pater Johannes ſeiner Schülerin gegen den Befehl ſeines Herrn—“ „Der auch ſein Schüler iſt“, ſchob Lang mit Frech⸗ heit ein. „Anzuvertrauen wagte“, ergänzte der Kaiſer, der an die Art dieſes Dieners ſeit Jahren gewöhnt und über ſeine Unverſchämtheit, die er für rückſichtsloſe Offenheit hielt, nie erzürnt war. Lang zögerte nun auch nicht mehr, doch ſchlich vorher noch an den Thürvorhang, deſſen ſchwere Da⸗ maſtfalten er erhob, um ſich zu überzeugen, daß kein Lauſcher in ſeiner Nähe ſei, und als er nun zu dem Kaiſer zurückgeſchlichen, fuhr er in ſeinen Ankleidedienſten, die ihm abermaliges Niederknieen nothwendig machten, ganz eifrig fort, weshalb er ſeine Worte auch im Flüſter⸗ ton zu des Kaiſers Ohr gelangen laſſen konnte Joh . 2 Burow, Jo annes Kepler Zweite Abtheilung. 1 5 6³ „Des Erzherzogs Ferdinand Bruder, der ſiebzehnjäh⸗ rige Biſchof Leopold von Paſſau, wünſcht ſeine Prä⸗ latenhand auch nach einem guten weltlichen Beſitzthum auszuſtrecken, und da der Herzog von Jülich das Zeit- liche geſegnet, auf deſſen Erbe er als ſein Vetter und Neffe ein Anrecht zu haben glaubt, ſo wirbt er Sol— daten auf allen Straßen ſeines Bisthums, um ſeinen Mitbewerbern die Spitze bieten zu können. Doch iſt Erzherzog Ferdinand, Ew. Majeſtät getreueſter Neffe und Nachfolger, erbötig, dieſe Truppen oder doch einen großen Theil derſelben hierher nach unſerem geſegneten Prag unter der Leitung ihres Anführers und Oberſten, des Franzoſen Ramé zu ſenden. Ew. Majeſtät er⸗ hielten durch dieſe Leute gleichſam ein Schwert, das Sie ſowohl gegen Dero liebevollen Bruder Matthias, der ſich bereits König von Ungarn nennt, als auch gegen die getreuen Böhmen, die ſo große Luſt zeigen, jenen noch bei Ew. Majeſtät Leben zu ihrem Könige zu machen, gebrauchen können.“ Des Kaiſers faſt immer matter Blick ſchien von einem plötzlichen Lichtſtrahle aufzublitzen. „Das iſt die Nachricht, die Pater Johannes uns bringt? Und Du haſt dieſelbe bei ſeinem Zwiegeſpräche mit der Gräfin Polixena erlauſcht?“ fragte er mit be⸗ wegter Stimme.„Eile, Menſch, rufe den Jeſuiten her 67 und auch den Grafen Adam von Dietrichſtein; wir können, ſo ſehr wir auch König von Böhmen ſind, den Einmarſch fremder Truppen in dieſes unſer Königreich ohne die Zuſtimmung unſeres Staatskanzlers nicht ge⸗ nehmigen.“ Philipp Lang entfernte ſich eiligſt und brauchte nicht weit zu gehen, um den ſteiermärkiſchen Send⸗ boten aufzuſuchen, denn der Jeſuit ſaß einſam und in tiefe Gedanken verſenkt in einem der Gemächer der Kai⸗ ſerburg, die zu der ſchönen Wohnung des kaiſerlichen Leibdieners gehörten und mit dem feinſten Luxus jener Zeit ausgeſtattet waren. Pater Johannes Fickler war noch immer ein Mann von ſeltener Körperſchönheit, dem ſeine Bläſſe und Ha⸗ gerkeit und ſelbſt die kleine Tonſur auf ſeinem von dunklen Locken umwogten Haupte, unter die ſich die Silberfäden der vorrückenden Jahre zwar ſichtbar, aber nicht allzu häufig miſchten, keinen Abbruch thun konnten. Er blieb ruhig mit übereinander geſchlagenen Armen auf dem Lehnſtuhl, den er im Fenſterbogen eingenom⸗ men, ſitzen und heftete nur ſeine braunen, wunderbar ſanften Augen mit fragendem Ausdruck auf den ein⸗ tretenden, von aller Welt gefürchteten Hausherrn. Philipp Lang ſenkte ſeine ſchlauen Augen, bevor er ſeine Antwort auf dieſe ungeſprochene Frage gab. 68 „Ich habe Euch gut gedient, Herr Staatsſecretär“, ſagte er mit einem ziemlich unterthänigen Tone,„und erwarte nun von Euch herzliche und aufrichtige Dank⸗ barkeit, da ja doch wohl in nicht zu ferner Zeit Euer Schutz mir nöthig und nützlich ſein dürfte. Gott erhalte Kaiſer Rudolf, aber er wird alle Tage ſchwächer, und der Entſchluß, den er mir in Eurer Angelegenheit aus⸗ ſprach, zeigt wieder einmal, wie wenig Kraft er zum Regieren dieſer unbändigen, aufrühreriſchen Lande hat. Ich ſoll nämlich nicht nur Euch, ſondern auch den Car⸗ dinal zu ihm bringen, ihn, der immer und bei allen Gelegenheiten von den Rechten dieſer böhmiſchen Stände ſpricht. Was ſoll der hier? Was wird er ſagen zu dieſen Verhandlungen, zu dem Einrücken dieſer Solda⸗ teska, die in Prag nichts Anderes zu thun hat, als des Kaiſers Macht endlich zur Wirklichkeit zu erheben?“ „Meldet mich bei Sr Majeſtät, Herr Lang“, war die einzige Antwort, welche der Jeſuit auf dieſe raſchen und eifrigen Fragen zu geben ſich herbeiließ. Der Kammerdiener dagegen ſagte entſchieden:„Nein, Pater Johannes, da ich Euren Auftrag an der Sa⸗ lonthür der Frau von Roſenberg nur durch Horchen erfahren, ſo muß ich Euch dort auch holen und kann in dieſen vier bis ſechs Minuten nicht von da zurückgekehrt ſein, wie klein auch die Entfernung von dieſer Dame 69 bis zu Sr. Majeſtät immer ſein mag. Bleibt ſitzen, Herr Staatsſecretär, und erwartet die Ankunft Sr. Ex- cellenz und Eminenz des Herrn Staatskanzlers Adam von Dietrichſtein, des treueſten Rathgebers Sr. Majeſtät.“ „Sei es!“ entgegnete Pater Johannes mit anſchei⸗ nender Ruhe und nahm von neuem ſeinen bequemen Sitz ein, bis der abgeſendete Lang, langſam zurückkeh⸗ rend, ihn durch eine Handbewegung veranlaßte, ihm durch die Hallen und Corridore des Palaſtes nach dem Kabi⸗ net des Kaiſers zu folgen, wo er den würdigen Cardi⸗ nal von Dietrichſtein bereits anweſend fand. „Welche Nachricht ſendet mir mein erlauchter Neffe durch Euch, mein werther Herr Fickler?“ fragte der Kaiſer, als der Jeſuit, der Majeſtät gegenüber die Rechte des Geiſtlichen in Anſpruch nehmend, das Zeichen des Kreuzes über ihn gemacht hatte. „Majeſtät“, entgegnete jener mit tiefſter Ehrerbie⸗ tung,„mein Gebieter, trotz ſeiner Jugend reich an Ein⸗ ſicht und ein treuer Sohn der heiligen Kirche, bittet um die Erlaubniß, einen Theil der von ſeinem Bruder, dem durchlauchtigen Herrn Biſchof von Paſſau geworbenen, unter dem Befehl des Oberſten Ramé ſtehenden Trup⸗ pen hierher in die böhmiſchen Lande entſenden und zu Ew. Majeſtät Verfügung ſtellen zu dürfen, damit ſie zur Hand ſind, wenn Erzherzog Matthias, derzeit bereits 70 durch Ew. Majeſtät Gnade König von Ungarn, ſich ge⸗ lüſten laſſen ſollte, mit ſeinem ſtets auf dem Kriegsfuß befindlichen und gegen den Türken gerüſteten Heere eine Schwenkung hierher nach dem unruhigen und von religiöſen Wirren zerriſſenen Böhmerlande zu machen, woſelbſt er auf den Beiſtand der Proteſtanten, deren Schutzbrief durch Ew. Majeſtät noch nicht beſtätigt worden, ſicherlich rechnen könne.“ Adam von Dietrichſtein, ein ſtattlicher Greis mit ſilberweißem Haar und feſten Zügen, erhob ſich bei die⸗ ſem Vortrage von ſeinem Sitze an der Seite ſeines Herrn und entgegnete mit ernſter Würde:„Es iſt kaum nöthig, dieſe Anfrage den böhmiſchen Ständen vorzutra⸗ gen, ohne deren Zuſtimmung kein fremdes Kriegsvolk die Grenzen dieſes Landes überſchreiten darf. Kein ge⸗ treuer Böhme würde eine ſolche Zuſtimmung geben, und auch ich muß dieſelbe als Kanzler dieſes Reichs nach meiner Pflicht verweigern, obgleich ich wohl einſehe, daß die Lage Sr. Majeſtät, den Eingriffen ſeines erlauchten Bruders gegenüber, ihm den Schutz einer Militärmacht wünſchenswerth und nothwendig erſcheinen laſſen muß.“ Rudolf ſenkte ſein Haupt mit einem trüben Blick auf den Jeſuiten, der jetzt mit großem Eifer entgegnete: „Auch die heilige Kirche bedarf in dieſem Lande, das von Proteſtanten, Utraquiſten, Huſſiten und hun⸗ 471 derterlei andern Ketzern und Schismatikern wimmelt, eines Schutzes, der direct unter dem Befehle Sr. Ma⸗ jeſtät, eines ihrer treueſten Söhne, ſtehen müßte. Mehr als die Hälfte der Böhmen lauert nur auf die Gelegen⸗ heit, von ihrem rechtmäßigen Herrn abzufallen und ſich, ſeinem rebelliſchen Bruder huldigend, ſeine Erlaubniß zur Ausübung ihrer ketzeriſchen Greuel zu erkaufen. Dem bedrohten Kaiſer muß eine Macht zur Seite ſtehen, die ſein Recht ſchützt und ſeinen edlen Willlen, die heilige Kirche aufrecht zu erhalten, ſichert. Herr Cardinal von Dietrichſtein, auch Ihr ſeid ein Prieſter, helft mir des Kaiſers Rechte gegen dieſe böhmiſchen Aufrührer und gegen ſeinen rebelliſchen Bruder ſicher ſtellen.“ „König Rudolf beſtätigte, wie er es bei Uebernahme der Krone Böhmens verſprochen, den Majeſtätsbrief, den Kaiſer Maximilian, ſein erhabener Vater, den Proteſtan⸗ ten gegeben, und das tapfere Volk der Böhmen wird ſeinen erwählten Fürſten mit Leib und Blut ſchützen ge⸗ gen den Prätendenten Matthias, der erſt dann zum Re⸗ bellen wird, wenn ſein Bruder die Bedingungen erfüllt hat, welche die Böhmen ihm bei der Uebergabe ihrer Krone ſtellten“, ſagte Dietrichſtein. „Er trägt ſie jetzt und iſt factiſch König von Böh⸗ men, und ein Rebell iſt Jeder, der die Hand nach ſei⸗ nem Eigenthum ausſtreckt!“ rief Fickler. „Darüber wollen wir nicht ſtreiten“, entgegnete Dietrichſtein mit Würde,„ich bin der treueſte Diener Sr. Majeſtät und würde gern mein Leben für ſeine Krone und ſein Recht hingeben, und darum gebe ich ihm den beſten, mit meinem Gewiſſen vereinbaren Rath, dieſes Recht zu ſichern.“ „Und das ſagt Ihr, der Kirchenfürſt?“ „Das ſage ich, ein deutſcher Edelmann, katholiſcher Prieſter und Staatskanzler Böhmens“, war die ruhige und entſchiedene Antwort,„denn da ſei Gott für, daß ich die Feinde meines Bekenntniſſes ſollte zu dem Irrthum verleiten, die heilige Mutterkirche billige Wortbruch und Doppelzüngigkeit. Recht muß in jedem Glaubensbe⸗ kenntniß Recht bleiben, und ein Königswort muß ebenſo wohl wie jedes andere Manneswort gehalten werden.“ „Es iſt genug“, ſagte Kaiſer Rudolf, ſich mit glü⸗ hender Stirn von ſeinem Sitze erhebend.„Ihr ſeid beide entlaſſen, meine Herren, und Ihr, Herr Staatsſecre⸗ tär Johannes Fickler, erzählt meinem vielgeliebten Nef⸗ fen, was Ihr hier gehört und geſehen habt. Ich bitte noch, daß Ihr heute Abend auf eine Stunde mit der Frau Gräfin von Roſenberg und dem edlen Herrn von Slavata Euch in meinem Privatzimmer bei mir einfin⸗ det; ich wünſchte noch Euch meiner Gnade perſönlich zu verſichern, da ich weit davon entfernt bin, meines Nef⸗ 73 fen treues Meinen und Eure Vermittlung dabei an⸗ ders als in Gnaden zu erkennen.“ Die beiden Herren zogen ſich mit einer Kniebeugung, die auch der Jeſuit diesmal nicht zu unterlaſſen wagte, aus des Kaiſers Gegenwart zurück. Philipp Lang aber trat ungerufen in das Zimmer ſeines Herrn, der mit ge⸗ ſenktem Haupte und dem Ausdruck der höchſten Er⸗ ſchöpfung auf ſeinen Sitz niedergeſunken war und mi⸗ nutenlang in trübem Schweigen vor ſich hinſtarrte. Vier Monate nach dieſer Audienz erfüllte ganz Prag die beängſtigende Nachricht, daß das wilde und verrufene paſſauer Kriegsvolk ſich in hellen Haufen und unter gräßlichen Exceſſen der böhmiſchen Grenze nähere. Auch in der Stube des wackern Haushofmeiſters Euſe bius war von dieſer Angelegenheit die Rede, und Frau Apollonia Wellinger, die mit ihrer Spindel ſich in der Abenddämmerung bisweilen dort einzufinden pflegte, hörte mit ziemlicher Sorge den Erzählungen zu, die ihr wackrer Glaubensgenoſſe ihr und ſeiner alten Mutter als Stadtklatſch referirte.„Es ſoll ein rohes, ein ganz entſetzliches Soldatenvolk ſein, dieſe Paſſauer, in aller Herren Länder geworben. Nicht etwa nur junge liederliche Burſche, die im Uebermuth zu Hauſe nicht gut thun wollen und im Grunde doch nicht viel Schlimmeres ſind als gottloſe Knaben, die, der Ruthe entlaufen, ſich unter ein härteres Zuchtinſtrument bege⸗ ben. Es ſind größtentheils alte, wenigſtens reife Kerle, Deſerteurs von den Fahnen des Matthias oder ſelbſt von denen des Großtürken, Ungarn, die unter dem Boeskai gefochten, ſelbſt viele, die noch unter Alba's Fahnen in den Niederlanden das Geſchäft der Menſchenſchinderei üben gelernt haben. Es ſollen viele unter denſelben ſich hieb- und ſtichfeſt zu machen wiſſen, ſodaß man dieſes Teufelswerk ſchon anfängt nach ihnen die Paſſauer Kunſt zu nennen. Wie Heuſchrecken ziehen ſie heran und laſſen, wie dieſe, zerſtörte Felder und Wieſen hin⸗ ter ſich; aber die Landplage, der ſie in dieſer Art gleichen, iſt viel, viel geringer, denn ſie zerſtören nicht blos, was ſie verzehren, ſie ſengen und brennen Alles nieder, was auf ihrem Wege liegt, martern die unglücklichen Bewohner der Dörfer und Wei⸗ ler, bis ſie ihnen das Verſteck ihres Geldes und ihrer Werthſachen zeigen, ſchänden Frauen und Jung⸗ frauen und ſchonen nicht des Kindes in der Wiege. Solange die Welt ſteht, hat man nicht von Unthaten gehört, wie dieſe Paſſauer ſie verüben, und mit jedem Tage wälzt dieſe teufliſche Rotte ſich immer näher zu uns heran. Hört, theure Frau Wellinger, was mir ein wür⸗ diger Freund und Glaubensgenoſſe, der Doctor Hitzler aus Linz, Seelſorger unſerer Gemeinde daſelbſt, geſchrie⸗ 75 ben hat:„Geſtern, als am 10. Januar, iſt das paſſauer Kriegsvolk, eine gar grauſame, gottloſe Rotte, hier vor unſere Stadt gerückt und hat dieſelbe wie zur Belage⸗ rung umſchloſſen. Da nun aber die Bürgerſchaft nicht im Stande war, ſie mit Ernſt und Nachdruck zu ver⸗ theidigen, da hier, wie überall faſt, die Katholiken ſich mit den wahren Gläubigen nicht unter eine Fahne ſchaa⸗ ren wollten, ſo ſchloſſen die Stände mit dem entſetzlichen Volke einen Vertrag. Die Linzer geſtatteten, daß das fremde Kriegsvolk in kleinen Haufen am 13. über die Brücke ziehen und ohne Verzug ſich zertheilen und Stadt und Land verlaſſen ſollte. Ramé und die andern Be— fehlshaber verbürgten ſich für einen billigen Erſatz des Schadens, den ihre Kriegsvölker verurſacht; Commiſſare von der Bürgerſchaft ſollten an der Brücke den Soldaten diejenigen Pferde und Wagen nehmen, die ſie als ge⸗ raubtes Gut erkennen würden. Die Anführer, Freiherr von Pölting und Herr Karl de Rundel, ſollten als Gei⸗ ßeln zurück in der Stadt bleiben und die Bürger⸗ ſchaft unter dieſen Bedingungen die Truppen ruhig zie⸗ hen laſſen und Menſchen und Vieh mit den benöthigten Lebensmitteln verſehen. Alle die Truppenführer hatten dieſen Vertrag unterſchrieben. Am 12. abends aber riß das aufgehende Eis der Donau ein Joch der Brücke und in der folgenden noch drei andere mit ſich fort, und ſo erließen die Stände den eiligen Befehl, daß die Truppen in Schiffen trotz des dauernden Eisgangs ins Mühl⸗ viertel übergeſetzt werden ſollten, was auch am 13. und 14. Januar ausgeführt wurde; es waren 9000 Fußſol⸗ daten und 1000 Reiter. Ramé erwartete ihre Ankunft in Urfa, wo auch ſpäter die, welche er in Lembach zurück⸗ gelaſſen, um ihm den Rücken zu decken, zu ihm ſtießen. Die Truppen theilten ſich nun und der eine Zug ging durch den Haſelgraben über Helmonſed bis Leonfelden an der böhmiſchen Grenze, während der andere ſich über Gallneukirchen und Neumarkt an die Umgebungen von Freiſtadt oder donauabwärts über Steiereck und Maut⸗ hauſen nach Schwertberg und Clam wendete. So wer⸗ det Ihr, mein werther Herr Eunſebius, dieſe Wüthriche vielleicht auch bald in Eurer Nähe haben; welchen Un⸗ fug ſie in der ſchönen Kaiſerſtadt ausüben werden, kann Niemand vorher wiſſen. Sie verſchonen Niemand, rau⸗ ben Proteſtanten und Katholiken Geld und Gut, ohne nach dem Glaubensbekenntniß zu fragen, obſchon ſie nach ihren Reden den Kaiſer Rudolf gegen ſeine proteſtan⸗ tiſchen Unterthanen und gegen ſeines Bruders, des Kö⸗ nigs von Ungarn, Anmaßungen auf dem böhmiſchen Thron ſchützen wollen und ſich Krieger der katholiſchen Kirche nennen. Ja, das ſind ſie, Krieger des Beelzebub und der babyloniſchen Hure, die noch immer auf dem päpſtlichen Stuhle zu Rom ſitzt und den Kaiſer gegen ſeine Unterthanen aufhetzt, eine Saat ſäend, aus der Blut und Thränen erwachſen wird und muß! Waffnet Euch, theurer Bruder Euſebius, gürtet Eure Lenden mit dem Schwerte, nehmt Euern Pilgerſtab in Eure Hände und verlaßt mit Eurer Mutter das gottverfluchte Haus des Weibes, deſſen ſogenannte ſanfte Güte nichts Anderes iſt als der Köder, den ſie Euch hinwirft, Euch von neuem in des Satans Netze zu locken. Ihr ſeid mir werth, Herr Euſebius, ein theures Schaf aus meiner Heerde, darum komme ich als treuer Hirte, als Warner und Mahner und ſage Euch, was meines Amtes iſt. Ver⸗ laßt den Ort der Verſuchung, die Fleiſchtöpfe Aegyptens, die für Euch dargeſtellt ſind durch das ſtolze Haus der Gräfin Polixena von Roſenberg, die doch wohl nichts Anderes iſt als die Meiſter Euſebius unterbrach das Vorleſen dieſes Schreibens, das er vorher wohl nicht ganz beendigt ge⸗ habt hatte, ſpukte aus und ließ ein lautes Pfui! über ſeine vor Entrüſtung zuckenden Lippen gehen. Dann wen⸗ dete er ſich an Apollonia und ſagte ſehr entrüſtet:„Das iſt der Dank, den unſere edle Herrin für alles Gute erhält, das ſie unſern Glaubensgenoſſen ſchon ſeit Jahren thut. O dieſe Pfaffen! Gleichviel, ob ſie ſich Prädikanten oder Dom⸗ und Chorherren nennen laſſen, 78 ſie taugen alle nichts und ſind ein freches aufhetze⸗ riſches Geſindel. Er hat gut reden: ich ſoll mein Gewand ſchürzen und meinen Pilgerſtab ergreifen. Er, das weiß ich, würde mir, wenn ich vor ſeinem Hauſe bettelte, keinen Tro⸗ pfen Waſſer, kein Lager im Stalle für meine fünfund⸗ achtzigjährige Mutter geben, und er verleumdet mit fre⸗ cher Stirn die edle Frau, die recht, wie es der Erlöſer befiehlt, ihren Freunden wie ihren Feinden viel Gutes thut in Chriſti Namen. O Frau Wellinger, auch Euch thut ſie Gutes, und Euer Pflegeſohn, der treffliche Magiſter Kepler, verdankt ihr ſein Amt am Hofe und ſie ſteht in Verhandlungen ſeinetwegen mit den unverſchämten Erben des Brahe, die ihr viel Geld koſten, damit der gelehrte Nachlaß des ſtolzen Dänen in die Hände ſei⸗ nes Nachfolgers unverkürzt abgeliefert werde. Thut auch Ihr Alles, um ſolche Verleumdungen zu bekämpfen. Wir, ihre nächſten vertrauten Diener, kennen ihren reinen Lebenswandel am beſten und ſind verpflichtet um unſerer eigenen Ehre willen, die Ehre der hohen Dame, der wir dienen, aufrecht zu erhalten. Glaubt Ihr, Frau Wellingerin, des Kaiſers Majeſtät würde die erhabene Dame ſo ehren, wie er es in Wirklichkeit thut, wenn ſie ſich herbeigelaſſen, ſein Feinsliebchen zu ſein? Pfui! und abermals Pfui über dieſen Hitzler, wäre er auch zehnmal ein Prediger des reinen Evangeliums. Kai⸗ 79 ſer Rudolf iſt ein deutſcher Mann und würde es nicht wagen, wie der franzöſiſche Heinrich eine Frau von zweifel⸗ haften Sitten zur erſten Dame ſeines Hofes zu machen; obgleich er ein unverheiratheter Mann iſt, ſo hat er doch ſeinen Liebſchaften wenigſtens immer einen Schleier um⸗ gehängt und die Perſonen, na, Sie verſtehen mich ſchon, Frau Apollonia, da gelaſſen, wohin ſie gehören, in der Dunkelheit. O unſer ſeliger Herr, der edle Obriſt⸗ burggraf von Roſenberg, drehte ſich im Grabe um, wüßte er, daß man ſeine Wittwe, die Frau, die er rein wie eine Blüte auf den Chrenplatz an ſeiner Seite erhob, alſo verleumdet.“ „Beruhigt Euer treues Herz, geehrter Meiſter Euſe⸗ bius. Niemand kann wohl in die Augen unſerer Herrin blicken, Niemand ihr ſtilles, thätiges, frommes Leben, ihre Treue gegen ihre Freunde, ihre Großmuth gegen ihre Feinde beobachten und ſie im Verdacht eines un⸗ ſittlichen Lebenswandels haben; aber es iſt Menſchenart, an das Böſe ihrer Mitmenſchen leichter als an ihre Tu⸗ gend zu glauben. Scheltet den Paſtor Hitzler daher nicht zu ſehr, ſondern belehrt ihn in Euerem nächſten Briefe recht genau über den Charakter unſerer Gebieterin“, ent⸗ gegnete Apollonia mild und freundlich,„und theilt ihm auch beſonders mit, wie ſehr wohlthätig und großmü⸗ thig ſie iſt und, obgleich ſelbſt dem alten Glauben anhän⸗ 80⁰ gend, auch uns, die treuen Bekenner des neuen, ſchützt und unterſtützt.“ „O Ihr wißt noch nicht einmal, in welchem Grade ſie das thut, aber ich will es Euch mittheilen“, ſagte Euſebius.„Hört, als vor ſieben Jahren Wenzel von Budowa, der proteſtantiſche Standesherr, in kaiſerliche Un⸗ gnade gefallen und arg verfolgt war, hat ſie, Polixena, die junge katholiſche Wittwe, die ergebene Freundin kaiſer⸗ licher Majeſtät, den Verfehmten auf ihrem Gute Raudnitz verborgen und alles Mögliche gethan, Verſöhnung und Vergebung herbeizuführen zwiſchen dem Kaiſer und ſei⸗ nem mißliebigen Unterthan. Und wie nimmt ſie ſich der edlen Eva von Lobkowitz an, deren Vater noch jetzt in einem unbekannten Gefängniß ſchmachtet! Sie iſt neben dem Kaiſer wie ein Engel des Friedens und der Ver⸗ ſöhnung.“ „Möge der Herr ſie ſchützen und ſie in der Ehe mit einem ihrer würdigen Mann Vergeltung finden laſſen für alles Gute, was ſie in ihrem jungen Leben bereits gethan, und möge ihr ſchönes Herz nie die Schmerzen unbefriedigter Sehnſucht kennen lernen“, ſagte Apollonia, mit gefalteten Händen zu dem winterlichen Himmel em⸗ porblickend, der trüb in die Bogenfenſter des Zimmers ſchaute. „Amen!“ flüſterte die ſteinalte Frau, und das Ge 81 bet ihrer Diener, obgleich ſie ſie ſelbſt für irrgläubig hielt, wie jene ihre hochverehrte Herrin, würde Polixe⸗ nens Herz gewiß erfreut und gerührt haben, wenn ſie Zeugin deſſelben geweſen wäre. Sie ſaß aber zu der Zeit, als es aus den dankba⸗ ren Herzen der ſchlichten Leute zu Gott emporſtieg, ein⸗ ſam in dem einfachſten Zimmer ihres ſtolzen Palaſtes, ſtützte ihr Haupt mit ihrer ſchönen Linken und beſchäf tigte ſich mit ihren trüben Gedanken. „Vergib mir, mein Gott und Herr!“ flüſterte ſie, nur dem Allwiſſenden vernehmbar,„vergib mir und laſſe die Folgen des Rathes, den ich meinem kaiſerlichen Herrn zu geben oder vielmehr bei ihm zu unterſtützen wagte, nicht zu ſchreckensvoll auf mein unglückliches Vaterland fallen. Dieſe Berichte über die Greuelthaten einer zucht⸗ loſen Soldateska auf ihrem Wege hierher, wo ſie zur Unterſtützung der Macht Rudolf's wirklich nothwendig ſind, treffen mein Herz wie die Poſaunen des jüngſten Gerichts. Wohl hatte mein Freund und Jugendlehrer Recht, wenn er ſagte, daß der Sturz Rudolf's unvermeid⸗ lich und unaufſchiebbar ſei, wenn er nicht eine ihm ganz ergebene, nur ſeinen Befehlen allein untergeordnete Mi⸗ litärmacht in ſeiner Nähe habe, und freilich iſt Rudolf trotz ſeines nicht gar zu kräftigen Charakters die beſte Stuͤße der heiiigen Firche und wird es in zehnfacher Burow, Johannes Kep Abtheilu 1. 6 Weiſe, wenn man ihm die Möglichkeit ſichert, ſeinen Neffen Ferdinand zu ſeinem Nachfolger einzuſetzen. Der Jüngling entwickelt jetzt ſchon eiſerne Willenskraft und ſein Glaube iſt— wie Pater Johannes weiß— uner⸗ ſchütterlich und durch ein Wunder gefeſtigt. Dieſes Wunder aber, bewirkt durch meinen zufälligen Eintritt in die Kreuzgänge des Veitsdoms, ſcheint mir trotz der Erklärung meines frommen und gelehrten Freundes, daß Wunder ebenſo wohl geſchehen durch die Bewegungen und Veränderungen im Gefühle des menſchlichen Herzens als durch die Wandlungen der Naturgeſetze, nicht ausrei⸗ chend zu ſein, um uns allen den Willen Gottes ſo zu erwei⸗ ſen, daß es uns zu Thaten ermuthigen könne, die unſere ſchlichte Vernunft uns als das Gegentheil des göttlichen Willens, als unrechtſchaffen und gemeinſchädlich erkennen läßt. Der erwählte König von Böhmen darf ohne Billi⸗ gung ſeiner Stände keine fremden Soldaten in ſein Land ziehen, und die Stände Böhmens begünſtigen zum Theil den proteſtantiſchen Glauben, verlangen von ihrem Herrn die endliche Verleihung des Majeſtätsbriefes, der ſie in ihren Rechten ſchützt. O, und ich, die Wittwe eines edlen Böhmen, habe meinen Einfluß auf des Kaiſers Geiſt und Herz ſchnöde gemißbraucht. Wird das Blut, das dieſe paſſauer Rotte in Strömen vergießt, werden die Seufzer ihrer Opfer, ihre Flüche, ihre Thränen auf chen anen illi⸗ and heil errn in dlen Feiſt das rden auf 83 mein ſchuldiges Haupt fallen? O Gott, Gott, er— barme Dich meiner Schwäche! Ich kann den Platz nicht ausfüllen, an dem ich mich früher ſo ſtolz fühlte, wenn es mir gelang, meinen kaiſerlichen Freund zu Thaten zu bewegen, die mir Thaten echter Menſchenliebe, Thaten der Weisheit, der Großmuth und Barmherzigkeit ſchie⸗ nen. Laß Deine Strafen auf mich, auf mein Haupt allein fallen, wenn ich nicht mehr das willenloſe Werk⸗ zeug bin, das Deine berufene Magd ſein ſollte und wollte; Du allein weißt, was mir die Kraft zu dieſem erhabenen Ziele geraubt, was mir Zweifel eingeflößt hat an dem Lehrer, deſſen Stimme ich bis vor kurzem für den eigentlichen Ausfluß Deiner Befehle genommen habe. Du ſiehſt in mein Herz, himmliſcher Vater, und Du, gebenedeite Jungfrau, fromme, reine, ſelige, die bei der ſchwierigſten Aufforderung, die an Dein Frauenherz geſtellt ward, keine andere Antwort hatte, als:„Ich bin des Herrn Magd, mir geſchehe nach ſeinem Willen!' nimm jetzt das Opfer an, das ich Dir hier mit zerknirſch⸗ tem Herzen gelobe. Wenn es thörichte, ſchwache, ſchuld⸗ volle Liebe iſt, die ich zu dem Manne fühle, deſſen Rath⸗ ſchläge und Anſichten ſo oft, ja faſt immer mit denen meiner ſchwachen weiblichen Vernunft zuſammenfallen, deſſen Weisheit und Wiſſenſchaft mir die höchſte auf Erden zu ſein ſcheint, deſſen edle Schönheit mich, wie ein 6* 84 Stern durch Wolken, durch alle die kleinlichen, oft wü— ſten Erſcheinungen aller andern mich umgebenden Men⸗ ſchen anſtrahlt, ſo vergib mir, o vergib mir und nimm zur Sühne dieſer Schuld das heilige Gelübde an, das ich an Deinem und Deines Sohnes Altar hier niederlege.“ Sie war bei dieſen aus tiefſter, inbrünſtigſter Seele ge⸗ floſſenen Worten von ihrem Sitze aufgeſprungen und warf ſich mit gerungenen Händen vor einem kleinen Al⸗ tare nieder, auf dem ein ſchönes Crucifix von Marmor zwiſchen den Geſtalten des Jüngers Johannes und der heiligen Jungfrau zwiſchen immer brennenden Kerzen und Vaſen mit künſtlichen Blumen ſtand, und die Hände zu dieſen Bildern emporhebend, ſprach ſie mit langſa⸗ mer, aber feſter Stimme:„Zur Buße der ſchuldigen Liebe, die, wie ich wohl fühle, mein thöricht Frauenherz erfüllt, gelobe ich Dir, o Göttliche, dem erſten Manne, der um meinetwillen zum wahren Glauben zurückkehrt, wenn Stand und Verhältniſſe, wenn ſeine und meine Verwandten es billigen, eine treue, ergebene Hausfrau zu werden. So geſchehe es, ſo wahr mir Gott helfe!“ Sie erhob ſich von ihren Knieen, ihre Augen ſtrahl⸗ ten in leuchtendem Glanze und ihre reine Stirn ſchien von einer Glorie umfloſſen. „Keine irdiſche Leidenſchaft ſoll Macht gewinnen über meine unſterbliche Seele“, flüſterte ſie darauf leiſe. „Es iſt ohne meinen Willen, ja faſt ohne mein Wiſſen das tiefe, glühende Gefühl für den Mann, der mir durch Stand und Glauben fern ſein muß und den Weib und Kinder ewig von mir trennen, gekeimt und erwachſen, aber es ſoll nie, nie in meiner Seele zu bewußtem, ſün⸗ digem Willen werden.“ So wenig vielleicht die Frauen und Jungfrauen unſerer Tage es wiſſen und würdigen können und ſo leicht ſie geneigt ſein dürften, dies Gebet für ſehr ſeltſam zu halten, ſo floß es doch aus einem aufrichtig frommen Herzen und hatte daher auch die Wirkung, Troſt und Beruhigung in daſſelbe zu gießen.„Gott ſegne ſein Weib und ſeine Kinder“, flüſterte Polixena dann noch„und führe ihn auf den Weg zum wahren Glauben. Wie ich durch ihn erkennen lernte, daß Tugend, Recht⸗ ſchaffenheit und Weisheit nicht abſolut nur an das rechte Glaubensbekenntniß geknüpft ſind, ſo lernt er vielleicht durch mich, daß die Schwachen und Hinfälligen Stab und Stütze finden in den Gnadenmitteln der heiligen Kirche, und daß ſogar ein in ſündige Liebe verſinkendes Weib durch ſie ſich aufrichten kann zur Tugend und Gerechtigkeit.“ Viertes Kapitel. Der Gegenſtand, der dieſe heißen Gebete und Ge⸗ lübde veranlaßt hatte, Magiſter Johannes Kepler, ſaß zur nämlichen Stunde in ſeinem ſchlichten Arbeitszimmer und rechnete mit Anſtrengung. Er beſchäftigte ſich mit der Ausführung der Pruteniſchen Tafeln, ſeiner eigent⸗ lichen, ihm von Kaiſer Rudolf aufgetragenen Amtsar⸗ beit, und es gehörte die ganze eiſerne Geduld, die ganze pflichtgetreue Ausdauer des wackern, noch ſo ju— gendlichen Gelehrten dazu, um bei dieſer Arbeit nicht zu ermüden. Seine ſchwierigen Rechnungen wurden nicht ſelten geſtört durch den lärmenden Eintritt eines ſeiner Kinder oder durch die ſchallende Stimme Barbara's, die aus der nahen Küche zu ihm herüberdrang, und leider machte ſolche Unterbrechung ſehr oft die noch nicht ganz vollendete Arbeit von Stunden unnütz. Endlich ſtand Johannes von ſeinem Sitze auf und ging mit unruhigen Schritten in ſeiner Stube auf und ab.„Sie 87 hatte Recht, meine gute Mutter Apollonia, ſolchen thörichten und ſündigen Gefühlen Worte zu geben iſt der erſte Schritt zur Geſtaltung verbrecheriſcher Wünſche“, murmelte er leiſe vor ſich hin.„Was habe ich, Ma⸗ giſter Johannes Kepler von Leonberg, Hofaſtronom Kaiſer Rudolf's, für ein Recht, den Namen der hochſtehenden Frau über meine Lippen gleiten zu laſſen? Welche Gründe kann ich, der Ehemann einer rechtſchaffenen Frau, die mir treu ergeben iſt, anführen, um mich vor mir ſelbſt zu rechtfertigen wegen eines Gefühls, das ebenſo heiß als unberechtigt, ebenſo ſündig als hoff⸗ nungslos iſt? Muß ich mich ſelbſt mehr für geiſtes⸗ ſchwach als für verbrecheriſch oder umgekehrt hal⸗ ten, und iſt das Aufflammen ſolcher thörichten Gedan⸗ ken wohl das Beiſpiel, was ich meinen Söhnen hin⸗ ſichtlich der Liebe und Ehrfurcht, die ich ihrer Mutter ſchulde, zu geben verpflichtet bin? Sagt nicht der Apo⸗ ſtel: Augenluſt gebiert die Sünde, die Sünde aber gebiert den Tod? O wie oft habe ich bei den Er⸗ zählungen meiner armen Mutter meinen Vater ſo hart und bitter getadelt und es für ſchier unmöglich gehalten, in ähnliche Verſuchungen wie er verſtrickt wer⸗ den zu können. O weh mir! Ihm, dem Beklagenswer⸗ then, legte eine verſchmitzte Buhlerin Netze, ich aber, viel ſchlimmer als er, beflecke mit unerlaubter Leiden⸗ 88 ſchaft ein Weib, ſo rein, daß man es faſt heilig nennen könnte. Er war ein unbeſchäftigter Mann, und Müßig⸗ gang iſt zu allen Zeiten des Teufels Ruhebank geweſen. Ich aber, den Gott eines Einblicks in die Größe ſeiner Werke gewürdigt hat, laſſe meine Gedanken bei den Worten und Werken eines Weibes weilen, das nicht das meine, nicht meines Standes, noch meines Glaubens iſt. Solange die Noth mich drückte, ſolange meine Gedanken nur durch den Hunger und die Bläſſe von Weib und Kindern von Gottes Größe abgewendet wurden, waren ſie feſter auf dieſelbe gerich⸗ tet als jetzt, da durch ihre Vermittlung mir alles Leibliche nicht nur, ſondern auch die ſo ſehr gewünſch— ten Mittel, meine Studien zu erhöhen und zu verbeſſern, zu Theil geworden. O ich bin des Glückes nicht wür⸗ dig, weil ich nicht fähig bin, es zu genießen, und wie hoch ſteht mein armes ungelehrtes Weib über mir, das in jeder Stunde Gott und der erhabenen Frau dankt, die uns die jetzige gute Zeit bereitet hat. Wie, und ich nenne dieſe Zeit eine gute, die mit ſolcher Schwere auf den proteſtantiſchen Glauben drückt? Entſetzlich lauten die Nachrichten über das heranzie⸗ hende paſſauiſche Kriegsvolk, die von den Grenzen Böh⸗ mens zu uns gelangen; an jedem Tage können dieſe zü⸗ gelloſen Rotten auch bei uns einziehen, und dann wehe 89 den Bürgern, ihren Weibern und Töchtern, wehe viel⸗ leicht auch Kaiſer Rudolf, meinem gütigen Herrn, denn in dem Kampf, der zwiſchen den ſtolzen Bürgern Prags und den von ihm herbeigerufenen Räubern mit Noth⸗ wendigkeit ausbrechen muß, wird ſeine kaiſerliche Ehre, vielleicht ſogar ſein Leben und ſeine Krone gefährdet ſein.“ In dieſem Augenblick hörte er das leiſe Klopfen, mit welchem ſeine mütterliche Freundin Apollonia ihre Gegenwart an ſeiner Thür bemerklich zu machen pflegte, und gleich darauf befand ſie ſich ihm gegenüber. „Was ſchaut Ihr mich ſo ſeltſam an, meine herz⸗ liebe Mutter?“ fragte Kepler ſie in ſeinem freundlich⸗ ſten Tone. „Ich habe Dir viel zu erzählen, Johannes“, entgeg⸗ nete die Alte.„Vor wenigen Stunden iſt ein Eilbote von Beraun angekommen, der die Nachricht gebracht, daß auch die Paſſauer ſich bereits eingeniſtet und die arme Stadt dort durch ſchnöde Liſt zum Schauplatz ihrer Un⸗ thaten gemacht haben. Ramse hatte ſich mit einem Theil ſeiner Raubthiere ſo nahe als möglich bei dem Thore der unglücklichen Stadt in den Hinterhalt gelegt. Zwei große Wagen voll Offiziere in mancherlei Verkleidun⸗ gen als harmloſe Reiſende kamen nun und quartierten ſich noch ſpät abends in dem erſten Gaſthofe ein, wo ſie als luſtige Brüder ſchlemmten und tranken, ihre Wa⸗ gen zur Abreiſe auf eine ſehr frühe Tagesſtunde vor ihre Thür beſtellend. Der Tag war auch noch nicht angebro · chen, als ſie, ihre Fahrzeuge beſteigend, nach dem Thore eilten, wo der eine juſt über dem Joch der Brücke, der andere unter dem Fallgatter des Thores halten blieb. Auf ein Signal, das die Böſewichter gaben, ſtürzten die verſteckten Soldaten herbei, mordeten die wenigen Stadt⸗ wachen und drängten ſich bald in hellen Haufen über die nicht aufgezogene Brücke und durch das offene Thor. Was in der Stadt geſchehen, iſt nur eine Wiederholung der Scheußlichkeiten, die dieſe Mörder und Mordbrenner überall verüben. Meine edle Gräfin hörte die Berichte mit gerunge⸗ nen Händen und eilte dann gleich hinweg zum Kaiſer, die Majeſtät durch die Beredtſamkeit ihres Mundes zu beſtimmen, daß ſogleich der ernſtliche Befehl nach Be⸗ raun gebracht werde, dieſe fremden Söldlinge ſich als⸗ bald über die böhmiſche Grenze zurückziehen zu laſſen. Es ſind auch bereits mehrere Reiſige mit Sr. Majeſtät eigenhändigem Schreiben an Ramé, den Grafen Althan und die andern Führer dieſer Rotte abgeritten, und es dürfte ſomit noch nicht zum Aergſten kommen, und die Stadt Prag vielleicht vom Einfall dieſer frechen Räu⸗ ber verſchont bleiben.“ 91 „Das walte Gott!“ ſagte Barbara Kepler, die eben in das Zimmer ihres Gatten getreten war und die Erzäh⸗ lung der Frau Wellinger angehört hatte. Kepler's Gattin war, obgleich einige Jahre älter als der berühmte Gelehrte, eine noch immer ſehr ſchöne Frau, deren äußere Erſcheinung durch ihre ſtattliche Kleidung gehoben wurde. Sie hatte vier Kinder, von de⸗ nen das älteſte, ein Mädchen, aus ihrer erſten Ehe ſtammend, von dem Gelehrten kaum weniger als ſeine eigenen geliebt wurde. Auch jetzt ſtanden ihr neue Mut⸗ terfreuden in nächſter Nähe bevor, und ihr Gatte führte ſie mit Sorgfalt in einen der Seſſel und bat ſie freund⸗ lich, der Furcht und dem Schrecken keine Macht über ſich einräumen zu wollen. „Es iſt ein Brief für Dich gekommen, lieber Jo⸗ hannes“, ſagte ſie, ihm denſelben mit freundlichen Blicken hinreichend.„Sonſt würde ich ſchwerlich um dieſe Stunde bei Dir einzutreten gewagt haben, da Du bei der Arbeit nicht geſtört werden magſt.“ „Ich arbeitete ſchon nicht mehr, als Mutter Apollonia mich durch ihren Beſuch erfreute; mir iſt heute etwas paſſirt, was ſonſt eben nicht in meiner Art liegt; ich war zur Arbeit nicht aufgelegt. Aber dieſer Brief, meine liebe Frau, wird mich wieder heiter und arbeits⸗ luſtig machen; er kommt aus der lieben Heimat, wie 92 mir ſcheint, aus dem Hauſe meines Schweſterleins, der Predigersfrau in Heumaden.“ „Nun, ich ſollte denken, daß die Briefe aus Schwaben Dir noch ſelten Glück und Freude gebracht haben“, ſagte Barbara bitter. „Die Briefe immer, als Erinnerungen an Freunde und Verwandte, wenn auch nicht immer die Nachrichten, die ſie enthielten, denn die Heimat, wie lieb und theuer ſie dem Herzen auch ſei, iſt auch ein Land der Unvoll⸗ kommenheit, und das vollkommene Glück, der ewige unwandelbare Frieden kann nur von Gott kommen, bei welchem keine Veränderung iſt, noch Wechſel von Licht und Finſterniß.“ Er hatte bei dieſen Worten den Seidenfaden ge⸗ löſt, der das anſehnliche Briefpaquet verſchloſſen hielt, und ließ ſeine Augen über die enggeſchriebenen Zeilen gleiten. Apollonia und Barbara blickten aufmerkſam zu ihm empor und beide gewahrten, daß der freudige Aus⸗ druck allmälig aus ſeinen Zügen wich und endlich Lei⸗ chenbläſſe ſeine Stirn bedeckte. Er legte den Brief weg, legte beide Hände über die Augen und ſagte dann mit dem Tone unendlicher, tiefſter Betrübniß:„O, das iſt hart!“ „Was iſt geſchehen? Was haſt Du?“ fragten beide Frauen im gleichen Moment. „Leſt!“ antwortete Kepler dumpf;„lies Du laut, herzliebe Mutter“, ſetzte er hinzu, Apollonien den Brief hinreichend. Die alte Frau ſah nach Frauenweiſe zu⸗ nächſt nach der Unterſchrift und überzeugte ſich, daß der verhängnißvolle Brief von dem Schwager Kepler's, Pa⸗ ſtor Binder in Heumaden, geſchrieben ſei, aber ſchon die wenigen Worte, welche ſie beim Umſchlagen der Blätter zu leſen die Möglichkeit gefunden, ließen ihre Wangen erbleichen und ſie begann das Leſen mit hörbar zittern⸗ der Stimme: „Mein vortrefflicher und hochgelehrter Herr Schwager! In der großen Sorge, die unſer Haus erfüllt, wende ich mich auf den Rath meiner Hausfrau an Euch, ob Eure berühmte Weisheit und Viſſenſchaft Hülfe fin⸗ den könne in der großen Noth und Unehre, die über uns alle gefallen iſt, wie der brechende Fels über die an ſeinem Fuße erbaute Hütte. Das Schreckliche, was ſo lange drohend über un— ſern Häuptern hing, iſt hereingebrochen. Die Mutter meines lieben, frommen Weibes, Katharina Kepler, iſt als Hexe angeklagt und bereits von dem Gericht zu Leonberg in den Thurm abgeführt worden. Mein Herr Schwager, die alte ſchwer bezüchtigte Frau iſt mei⸗ nes braven Weibes leibliche Mutter, und mir ſtünde es daher am allerwenigſten an, wollte ich an ihre ſchwere Schuld glauben. Leider aber hat ſie ſo Vieles gethan, was ſelbſt in meinem Herzen den ſchrecklichen Gedanken i erregt, daß ſie ſeit manchem Jahre bereits mit Gott, 4 ihrem Herrn, und dem gebenedeiten Heiland nicht ſo 11 wohl ſteht, als es einer wahren Chriſtin, die im heili⸗ 1 gen gereinigten Glauben erzogen und nach der Concor⸗ dienformel getauft iſt, wohl zuſtände; auch kann ich— ſelbſt, als evangeliſcher Geiſtlicher, mich der Furcht nicht 3 entſchlagen, daß die unruhige Frau nur ſtets zu geneigt war, ſich in einen Bund mit dem Feinde der Menſch⸗ heit einzulaſſen. Zunächſt iſt da zu betrachten ihre Erziehung bei der Streicherin, einer Unholdin, die ſchon vor Jahren V ihr Recht am Brandpfahl erlitten, ihre Reiſen in allerlei 1 ferne, fremde Länder, wo Niemand wiſſen oder ver⸗ muthen kann, welche Bekanntſchaften ſie unter verruch⸗ tem Soldatenvolk gemacht haben kann. Auch ihre Be⸗ kanntſchaft, die Apollonia Wellingerin, hat ja wegen Hexereien vor dem hochnothpeinlichen Gericht geſtanden, aber trotz der Martern, die ſie hat aushalten müſſen, nichts auf dieſe ihre Freundin ausgeſagt, was wohl Je⸗ dermann befremden muß; denn kann das mit Gottes Kraft geſchehen, daß ein alt Weiblein, klein und fein, ſolchen Martern Widerſtand leiſte, ohne das Wort auszuſpre⸗ chen, wodurch es von jeglicher Pein loskäme? 95 Aber das iſt noch nicht Alles, was gegen die unglückliche verirrte Frau vorliegt, und muß ich Euch zu⸗ nächſt darauf aufmerkſam machen, daß ſie, die, wie Ihr wohl wißt und auch meinem armen Weibe gar wohl bekannt iſt, Tränklein von allerlei Art in allerlei Bechern aufſtellend, vielen Leuten Mittel zur Stillung ihrer Uebel gibt, die meiſt allen, die davon genießen, neue Schmerzen, große Unruhe, Schwären und Verkrümmun⸗ gen verurſachen. Es ſind ſchon viele, viele Jahre her, ſeit ſie in ihrem Wohnort Leonberg dergleichen Unwe⸗ ſen treibt, wie von ſehr vielen Leuten eidlich gegen ſie ausgeſagt wird. Das Schrecklichſte von ſolchen Aus⸗ ſagen gegen ſie ſcheint mir Folgendes, und ihr eigener Mund hat es als wahr beſtätigt: Als ſie im Jahre des Herrn 1601 ſich auf dem Gottesacker befand, wil⸗ lens, auf das Grab eines geſtorbenen Kindleins, ihres Sohnes Chriſtoph Kepler, des Zinngießers, ein Kreuz⸗ lein zu ſetzen, ſah ſie den Todtengräber ganz nahe bei dem Grabe ihres Vaters, des Gaſtwirths Guldenmann, ein neues Grab graben und trat ganz dreiſt, als gälte es eine gute, richtige Sache, zu dem Manne hin, fordernd, er ſolle ihr den Schädel ihres Vaters ausgraben und verabreichen, aus dem ſie ein Trinkgefäß für Euch, ihren Sohn, den großen Mathematikus, vermittelſt einer ſil⸗ bernen Einfaſſung wolle machen laſſen. Sie fügte hinzu, es ſei das Trinken aus den Schädeln ihrer Vorfahren Sitte bei gelehrten und großen Männern, und ein ſchöner Gebrauch, ſich an die Vergänglichkeit aller irdiſchen Dinge und an die Sterblichkeit aller Menſchen zu erinnern. Der Mann war über ſolches Anſinnen, das den Todten ihre Ruhe ſtöre, gar erſtaunt und entrüſtet, wußte der zudringlichen Rede der Keplerin nur dadurch Einhalt zu thun, daß er ihr auseinanderſetzte, wie er dergleichen nicht thun könne ohne vorherige Anzeige beim Magiſtrat. Hierauf erſt ließ ſie von ihrem Willen ab, den jeder Chriſt doch wohl einen heilloſen nennen muß. Treiben nicht alle Hexen und böſen Zauberer Unfug mit Menſchengebeinen? Werden nicht von den Händen der an den Galgen gehängten Diebe ſchändliche Leuchter ge⸗ macht? Gebrauchen ſie die über Kreuz gelegten Schenkelkno⸗ chen, die ſie an der Kirchenthür liegen laſſen, nicht zu ſchäd⸗ lichen Fallen? Ihr wißt es, mein gelehrter Herr Schwa⸗ ger, und beſſer, wie ich es weiß, welch ſchändlicher Zauber ge⸗ trieben wird mit den Beinlein ungetaufter Kinder, und Niemand kann wohl zweifeln, daß die von Gott abge⸗ fallene Frau, die leider meines armen Weibes Mutter iſt, Aehnliches mit dem Schädel ihres eigenen Vaters im Sinne gehabt habe. Aber weiter, ich muß Euch noch Vieles von den Thaten der Unſeligen erzählen, damit Ihr ſelber 97 erwägen könnet, ob Ihr für Eure Sohnespflicht haltet, Eure Weisheit und Macht anzuwenden, um ſie vor dem Flammentode zu retten, oder ob's Euch als frommgläu⸗ bigem Chriſten nicht beſſer erſcheint, daß ihr Leib durch kurze Flammenpein verderbe, als daß ihr unſterblicher Theil in den ewigen Pfuhl geworfen werde. Es iſt da die Ehefrau des Zieglers Leibbrand, die ſah ſie in öffentlicher Badſtube ſich den Fuß verbinden, der einen geringen Schwär hatte; dreiſt ging ſie zu der fremden Frau heran, befühlte und betrachtete den Scha⸗ den und ſagte, es ſei ein Rothlaufen, das ſie ihr zu heilen bereit ſei. Sie ſchickte ihr alsbald auch ein gelbes Stücklein, feſt wie ein Stein anzufühlen, das, in Waſ⸗ ſer aufgelöſt, eine nützliche Salbe abgeben ſollte, nach deren Gebrauch das Uebel alsbald verſchwinden werde. Die Salbe ward aber mit nichten zu Stande ge⸗ bracht, und als die Zieglerin ſich den Fuß mit dem Waſ⸗ ſer wuſch, ward der Fuß ſchlimmer und ſchlimmer, ſo⸗ daß jetzt nach Jahren die geplagte Frau wohl keinen Zweifel daran hegen konnte, wie die Keplerin ſie mit ihrem Stein behext habe. Es iſt, ſeit mein Gretchen nicht mehr in ihrem Hauſe iſt, wo es ihr leider jederzeit ſchlimm genug ergan⸗ gen, der Schulmeiſter Beutelſpacher geweſen, der noch, wie Euch wohlbewußt ſein wird, Euer Kamerad in der Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I.( 98 Schule des alten Beilmann war, welcher ihr die Briefe Ew. Würden und ihrer andern abweſenden, um Bieles min⸗ der gelehrten Kinder, ſowie ſie ankamen, vorgeleſen hat; er that dies aus guter Freundſchaft und großer Verehrung gegen Euch, den einſtigen guten Spielgefähr⸗ ten, der eine ſo hohe Würde bei kaiſerlicher Majeſtät beklei⸗ det. Er arbeitete auch manchmal in der Keplerin Baum⸗ garten und mußte dann immer zur Herzſtärkung von den verſchiedenen Getränken der ſchlimmen Frau genießen. Er iſt danach mit der Zeit am Leibe verdorrt, kann ſeine Füße kaum vor einander ſetzen, und auch die orme Taglöhnerin, die für ſie arbeitete, zehrte aus und ſtarb. Bei ihrem ſteten Herumlaufen von Haus zu Haus trat ſie ein bei ihrem Schneider Daniel Schmidt, deſſen Kindlein an der engliſchen Krankheit darniederliegt, kniete an deſſen Bettlein hin und ſprach einen Se⸗ gen über daſſelbe, worauf es nach wenigen Tagen ſtarb. Als Euer Bruder Heinrich ohne ſein liederlich Weib aus dem Lande Italia, wo daſſelbe geſtorben, zu⸗ rückgekehrt war, machte die Mutter dem ſchlimmen Sohn große Vorwürfe, daß er den heiligen, rechten Glauben verlaſſen habe und zu dem katholiſchen Götzen⸗ dienſt übergegangen ſei zur Schande und Unehre ſeiner Familie und zum Verluſte ſeiner eigenen ewigen Selig⸗ keit. Der rüde Menſch gab ihr gar ſchlimme Antwort, . llich zu- men hten gen⸗ iner elig⸗ pott, 99 und als ſie ihm ſagte, wie ſie nicht geſonnen ſei, ihn ſo wie wohl ſonſt zu füttern und zu mäſten, lief er in den Stall und ſtach ihr gutes Maſtkalb nieder. Er rannte dann auch in der Stadt umher und klagte, daß ſeine Mutter ihn hungern laſſe.„Ei“, ſagte die Bäckerin zu ihm,„heute werdet Ihr's gut haben, denn Eure Mutter hat einen ſchönen Kalbsbraten in unſern Ofen geſetzt.“ „Den ſoll der Teufel mit ihr freſſen“, ſagte der ſchlimme Sohn alsbald, ſo wenigſtens hat er ſelber meiner Frau erzählt; in der Stadt aber wird geſprochen, er ſelbſt habe es ausgeſprengt, ſeine Mutter ſei keine rechte Frau, was ſo viel bedeutet als eine Hexe, und habe das Kalb zu Tode geritten, weshalb er ihr auch geſagt, ſie möge es nur mit ihrem Teufel verzehren. Da iſt nun auch die Frau des Glaſers Reinbold; ſie iſt eine ganz ſchmucke Frau, die Schwägerin des Förſters Reinhold, der lange Zeit ein guter Freund des Heinrich Kepler, Eures Vaters war; ſie war lange Zeit auch eine gute Freundin der Katharina, und ſie beſuchten einander, tractirten einander mit Wein und Kuchen und mögen wohl oft den guten Leumund ihrer Bekannten und Nachbaren zerſtört haben. Einmal ſaßen die beiden Weiblein bei einander im Hauſe der Katha⸗ rina, die der guten Freundin ihr ganzes Herz ausge⸗ ſchüttet und ihr erzählt hatte von Mann und Kindern, 7 von der Muhme Streicherin, von Euch, mein Herr Schwager, und wie große Gelehrſamkeit durch Euch in ihrer Familie ſei. Die Reinboldin trank einen guten Wein dazu, die Keplerin aber hatte einen eigenen verdeck⸗ ten Krug neben ſich ſtehen, aus welchem jene endlich zu koſten verſuchte, den ſie aber an Geſchmack bitterer als Galle fand. Sie iſt die Schweſter des Leibbarbiers Sr. Durch⸗ laucht, unſeres Prinzen Achilles von Württemberg, des Herrn, der ſich für gar gelehrt und für einen großen Arzt hält, welche Meinung auch ſeine getreue Schweſter mit ihm theilt, die ſehr ſtolz iſt auf dieſen ihren Bruder, weil er, wie ſie meint, zum Hofſtaat des Herrn Prinzen ge⸗ hört. Nun iſt aber die Glaſerin ſchon ſeit langer Zeit krank an Mutterbeſchwerden und die Arzneien ihres Bruders machen ihr Uebel eher ſchlimmer als beſſer. Seitdem ſie nun von dem bittern Trank ihrer vormali⸗ gen Freundin gekoſtet, ſchiebt ſie auf dieſen die Schuld ihrer Leiden, die allerdings mehr und mehr zunehmen, ſodaß die unglückliche Frau vor Schmerzen nicht ſelten wie raſend iſt. Die Keplerin, die, wie die meiſten unbe⸗ ſchäftigten Frauensperſonen, ſich viel um die Schickſale und den Lebenswandel ihrer Mitmenſchen kümmert, hat geſagt, daß ihre alte Bekannte, die Urſula Reinbold, zu Anſpach als junge Wittwe Umgang mit einem Apothe⸗ kergeſellen gehabt habe, der ihr, um mögliche Folgen 101 deſſelben zu verhüten, einen Trank gegeben, der alſo zer⸗ ſtörend auf ſie gewirkt; es würde daher auch mit ihr niemalen beſſer werden, möge ſie Mittel gebrauchen, welche ſie immer wolle. Chriſtoph Kepler, der Zinngie⸗ ßer, der immer ein ordentlicher Bürgersmann geweſen iſt und gar ſehr erboſt war über die böſen Nachreden, welche beſonders auch durch der Reinboldin Geträtſch in der Stadt im Schwange war, ſtellte dieſe einſt dar— über zur Rede und warf ihr ihren eigenen ſchlechten Le⸗ benswandel, durch den ſie ſich ihr Elend zugezogen, mit groben Worten vor. Wie erboſt dieſe Frau dadurch wurde, kann man ſich leichtlich vorſtellen, und ſie ſuchte nach Gelegenheit, ſich zu rächen. Die Urſula Reinbold ſetzte ſich nun vor ihre Haus⸗ thür, erzählte den Vorübergehenden, daß ihr die Keplerin einen Zaubertrank gegeben, der ihr unerträgliche Schmerzen verurſacht, und fragte, ob auch Andere von ihr zu leiden gehabt hätten. Da kamen denn alle die vorher erzählten Dinge in der ganzen Stadt in Umlauf, auch noch gar viele andere, die zu erzählen hier zu weitläufig ſein würde. Jedermann hielt ſich von Eurer Mutter Schuld überzeugt, wies ihr, wenn ſie ſich ſehen ließ, die Thür und ſchob alle Unglücksfälle, die vorkamen, einzig und allein auf ihre Hexereien. vornehme Perſonen ſind feſt von der Schuld der Ka⸗ tharina Kepler überzeugt, wozu der Umſtand, daß ihr älteſter Sohn zu ſo hohen Ehren bei kaiſerlicher Ma⸗ jeſtät gekommen, nicht wenig beiträgt. Wenn ich nun auch kaum an ihre gänzliche Unſchuld glauben kann, ſo ſteht es mir als ihrem Tochtermann doch auch nicht zu, ſie ohne Hülfe zu laſſen, da ihre Schuld noch keines⸗ wegs erwieſen iſt, und meine Frau Margarethe, Eure einzige Schweſter, die einen guten Verſtand und ein treff⸗ liches Herz hat, iſt trotz der vielen Leiden, die ſie im Hauſe ihrer Mutter und durch deren Härte und Unver⸗ ſtändigkeit auszuſtehen gehabt hat, von der Unſchuld der⸗ ſelben in dieſen Angelegenheiten vollkommen und gänz⸗ lich überzeugt und hofft, daß Ihr, mein vielgeehrter Herr Schwager, den Willen und die Macht haben werdet, die Unſelige, die Euch geboren, zu erretten und, geliebt's Gott, auch ihre Ehre herzuſtellen. Es iſt für mich, einen Prediger des gereinigten Evangelii, nichts Kleines, eine Schwiegermutter zu haben, die ſolcher ungottſeligen Verbrechen angeſchuldigt wird, und fange ich an zu fürch⸗ ten, daß ich aus Furcht, in Unehren bei meiner Ge⸗ meinde zu fallen, meine eigene Ueberzeugung von ihrer Schuld nicht deutlich genug hervorgehoben habe. Möge der Herr mir dieſe ſchwere Sünde vergeben, ich habe Es iſt ein großes Gerede in der Stadt, und ſelbſt ſelbſt Ka. ß ihr Ma⸗ nun n, ſo ht zu, eines⸗ Eure treff⸗ im inver⸗ der⸗ gänz⸗ Herr t die lebt' einen eine ligen fürch⸗ Ge⸗ ihrer Möge habe 103 gethan, was meiner Schwäche möglich war, indem ich das, was mir und ihr am meiſten ſchaden muß, am Anfange und das, was ſie doch vielleicht entlaſten kann, am Schluſſe dieſes Briefes geſagt habe. Der Herr, der der wahre Gott iſt, nehme Euch in ſeinen Schutz, erhalte und ſtärke Euch im echten evangeliſchen Glauben und laſſe Euch, wenn auch nach irdiſchem Leid, doch mit ſeiner berufenen Gemeinde zur ewigen Selig⸗ keit eingehen. Euer getreuer Schwager Georg Binder, evangeliſcher Pfarrer zu Heumaden.“ Apollonia faltete den Brief zuſammen und ſah jetzt, daß noch ein zweiter darin enthalten ſei.„Der iſt vom Gretelchen“, ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer; „o wie mag die arme junge Frau leiden, deren Herz doppelt gedrückt wird von der Furcht vor dem Schick⸗ ſal ihrer Mutter und der vor der ſtolzen Härte des Gatten, der es für ſeine Pflicht hält, an die Schuld derſelben zu glauben. Soll ich auch dieſen Brief laut leſen, oder möchteſt Du ihn nicht erſt für Dich durch⸗ ſehen?“ „Leſt ihn, o leſt Ihr ihn meine geliebte Mutter“, flü⸗ ſterte Kepler, die Augen wieder mit der Hand bedeckend,„ich kann es nicht, mein Herz zittert in meiner Bruſt, gedenke ich der Angſt und Verzweiflung der armen alten Frau, die in der höchſten Lebensnoth Niemand zum Schutz und Troſt neben ſich hat.“ „Ja“, ſagte Apollonia,„es konnte die Verzweiflung mich nicht übermannen, als man mich aus meinem Hauſe in den Kerker führte. Mein Matthias zweifelte nicht an mir, und ich wußte, daß auch Du, mein Sohn, von mei⸗ ner Schuldloſigkeit ſo feſt wie von der Deiner eigenen Mutter überzeugt warſt, denn Du biſt von der Unmög⸗ lichkeit ſolcher Verbrechen, wie ſie die Hexenrichter unſerer Tage träumen, kraft Deiner hohen Gelehrſamkeit und Kenntniß aller natürlichen Dinge durchdrungen.“ „Ich weiß, daß Du jedes Verbrechens unfähig biſt, meine theure Freundin, ich glaube an die Unſchuld mei⸗ ner armen Mutter, aber noch nie habe ich an der Mög⸗ lichkeit gezweifelt, daß ſchuldige Menſchen zu einer unſe⸗ ligen Verbindung mit dem Geiſte der Finſterniß verführt worden ſind. Hunderte und Tauſende ſind in Feuerpein geſtorben; ſoll ich denken, daß es Gott zulaſſen könnte, daß ſie unſchuldig ſterben, oder habt Ihr mir nicht ſelbſt geſagt, daß unſere elende Muhme Streicherin den ſchreck⸗ lichſten Tod verdient habe?“ Frau Wellinger blickte ihrem Sohn mit einem ge⸗ wiſſen fragenden Ausdruck in die Augen; da jedoch Frau Bar⸗ bara Kepler unruhig ſagte:„Aber was enthält denn der Brief von meines Mannes Schweſter, die doch am beſten 105 wiſſen muß, was zur Rechtfertigung ihrer Mutter wird dienen können?“ ſo faltete Apollonia den Brief auseinan⸗ der und las: „Mein theuerſter, vielgeliebter Bruder Johannes! Das ſind ſchwere Zeiten und alle Tage wird's ſchlim⸗ mer in dieſer Welt; kaum weiß ich, was ich Dir ſchrei⸗ ben ſoll, denn mein Mann hat mir befohlen, alles das getreulich zu berichten, was zur Rechtfertigung unſerer Mutter dienen kann, da ich, ihre Tochter, dazu verpflich⸗ tet ſei, ihr Leben zu erretten, ſelbſt wenn ſie ſchuldig wäre. Ach, Bruder Johannes, ich weiß von ihrer Unſchuld gar wenig, denn als kleines Kind habe ich oft gehört, daß ſie ſich gleich dem Teufel ergeben möchte, wenn ſie ihn nur aufzuſuchen verſtände. Sie hat auch in meiner Gegenwart mehr als einmal geſagt, daß ſie Rang und Reichthum, Macht und alle Güter dieſer Welt, vor allem aber die Liebenswürdigkeit, womit unſere kleine Baſe Apollonia Menſchen und Thiere behexe, mit ihrer unſterb⸗ lichen Seele bezahlen möchte. Aber leider liebt wohl Nie⸗ mand dieſe unglückliche Frau ſo recht von Herzensgrund, kaum wohl ihre Kinder, die alle mehr oder weniger durch ihre übergroße Heftigkeit, ihre Unruhe und ihr fahriges Weſen gelitten haben, ich wohl am meiſten, denn ich bin am längſten unter ihren Händen geweſen, und hätte ich nicht Dich gehabt, mein geliebter Bruder, ſo wäre 106 ich wohl ſchlecht geworden. Deine Briefe aber und das Beiſpiel der lieben Baſe Apollonia, das Du mir immer ſo ſchön aufzuſtellen gewußt, haben mich auf dem Wege zum Guten erhalten, bis ich nach Gottes Willen hier⸗ her kam in das Haus meines wackern Georg, der ein trefflicher Mann iſt und mich gar ſo herzlich liebt, wie unſere Mutter wohl nie iſt von unſerem Vater geliebt worden. Ach, ſie thut mir ſo leid, ſo unausſprechlich leid, die unglückſelige Frau, die mit dem Opfer ihrer unſterblichen Seele ſich die Liebe nicht hat erkau⸗ fen können, die mir ſo ganz von ſelbſt zugefallen iſt, die Liebe von Mann und Kindern. Sie iſt, Gott ſei's geklagt, eine ſchlimme Frau, aber hexen kann ſie nicht, vielleicht daß ſie es möchte; niemals iſt ihr der böſe Feind erſchienen, wie oft ſie ihn auch an Kreuzwe⸗ gen gerufen; niemals ſind nach dem Gebrauch ihrer Tränklein Menſchen und Vieh geneſen; und das Sprüch⸗ lein, mit dem ſie immer allerlei Krankheiten heilen wollte, aber niemalen auch nur einer erſtarrten Fliege geholfen hat, iſt ein unſchuldig Gebet, in dem nicht Sa⸗ tans, ſondern des Herrgotts Hülfe angerufen wird; ich will es Dir hier gleich herſchreiben, damit Du mit an⸗ dern gelehrten Leuten prüfen kannſt, ob etwa Böſes da⸗ mit verbunden ſein könne; es lautet alſo: ) das nmer Wege hier⸗ ein wie eliebt hlich pfer rkau⸗ iſt ſei's ſie der zwe⸗ 107 Bis mir Gott willkommen Sonn' und Sonnentag Kommſt daher geritten; Da ſteht ein Menſch, der läßt Dich bitten, Gott Vater, Sohn und heil'ger Geiſt und die heilige Dreifaltigkeit, Gib dieſem Menſchen Blut nund Fleiſch, Auch gute Geſundheit. Mein guter Mann, der doch auch ein gelehrter Herr iſt und von ſolchen Dingen Alles verſteht, was einem Diener der evangeliſchen Kirche zukommt, ſagt, es ſei ein ganz unſchuldig, ja heiliges Gebetlein und würde eine mit dem Teufel verbundene Unholdin es gar nicht ſo in richtiger Reihenfolge herſagen können. O ſie iſt gar ſo ſehr unglücklich, unſere Mutter, die nun ſchon alt iſt und der auf der Welt nichts hat glücken wollen. Mit ihren Aeltern hat ſie ſich erzürnt, um ihren Mann zu heirathen, der verließ ſie um eines andern Weibes willen. Sie ließ ihr erſtgeborenes Kindlein in fremden Händen und ging ihm nach in die weite Welt, und als er endlich mit ihr zurückkehrte, brachte er erſt ihr Ver⸗ mögen durch und ging dann von neuem in die weite Welt. Sie hat vier Kinder geboren, denen es allen ziemlich gut geht, denn ſelbſt Heinrich der Thunichtgut hat von ſei⸗ ner Frau ein Vermögen geerbt, das ihn zu einem ange⸗ ſehenen Mann machen würde, wenn er nicht ſo liederlich, 108 ein Herumtreiber und Trunkenbold wäre; keiner aber von uns allen hat die Mutter ſo lieb, als es ein Mut—⸗ terherz ſich wünſchen kann und ſoll, und von ihren Nach⸗ barn und Gefreundeten gibt's nicht einen, der was auf ſie hält. Sie hat oft dieſen und jenen beſchenkt und kei⸗ ner findet ſich jetzt, der für ſie aufträte und ſie verthei⸗ digte; alle Welt weiſt ihr die Thür, wenn ſie ins Haus tritt, und wendet ihr den Rücken auf der Gaſſe. Es iſt zum Erbarmen! Denke aber nur nicht, als ob wir nicht unſere Schuldigkeit als Kinder an ihr thun wollten. Mein Mann hat ſich ſchon erboten, ſie in unſer Haus zu nehmen, wenn ihr der Aufenthalt in Leonberg allzu peinlich würde. Aber ſie will nicht fort, ſie hat die Reinboldin verklagt als arge Verleumderin, und obgleich die ganze Stadt ſie Hexe und Unholdin ſchilt, ſo ſagt ſie, ſie wolle Jeden bis vor des Kaiſers Thron bringen, der ein übles Wort von ihr redete, nennt den Leibbar⸗ bier des Herrn Prinzen Achilles, den Bruder der Rein⸗ boldin, Herrn Kräutlein, einen erbärmlichen Dummkopf, Quackſalber und Giftmiſcher, den Herrn Untervogt Lu⸗ ther Einhorn einen beſtechlichen und ungetreuen Richter und verfeindet ſich alle Menſchen mehr und mehr. Es ſteht gar ſchlimm mit ihr, und ich weine Tag und Nacht, wenn ich wieder von neuem höre, wie man die unglück⸗ liche Frau kränkt und mißhandelt. Wie das noch enden 109 wird! In Leonberg kann ſie nicht bleiben, wenn wir ſie vor den ſchlimmſten Verfolgungen ſichern wollen. Der Bruder Chriſtoph iſt ſo verzagt über all das Elend und die Kränkungen, die ſie erfährt, und die ihn doch immer mittreffen, daß er neulich ſagte, er möchte, wenn es nur irgend anginge, die Stadt mit Weib und Kind verlaſſen. Jetzt iſt ihr eine neue Schmach an⸗ gethan. Prinz Achilles war im Auguſtmonat zur Jagd in Leonberg und hatte auch den Bruder der Rein⸗ boldin, den Kräutlein mit. Es war von dem Herrn ein Eſſen ausgerichtet, wozu er allerlei Honoratioren der Stadt geladen hatte. Da war auch Luther Einhorn, der Untervogt, und der Gerichtsbeiſitzer Fricke, der auch zum Anhange der Reinbold'ſchen Familie gehört, die über⸗ haupt hier eine anſehnliche iſt, da der Sohn des För⸗ ſters Reinbold, welcher in frühern Zeiten unſeres Vaters Kamerad und Dein gar guter Freund war, jetzt hier fürſtlicher Forſtmeiſter und ein anſehnlicher Mann iſt. Der Fricke hatte vor nicht gar langer Zeit unſerem armen Mütterlein in ſchwerem Gewitter auf offenem Felde begegnet; ſie war dort ganz gewiß auf guten Wegen gegangen, denn ſie hatte einem armen kranken Weibe ein bischen Wein gebracht und eilte nun auf dem näch⸗ ſten Wege nach der Stadt zurück. „Frau Keplerin“, rief der Fricke ihr entgegen,„was hat ſie denn in ſolchem Wetter draußen zu thun?“ Die Mutter, alle Tage durch den Verdacht, daß ſie hexen und das Wetter brauen könne, ſchlimm geärgert, rief ihm hinwiederum zu:„Solche Worte kann ich Euch wohl wett machen.“ Sie meinte, daß auch in ſeiner Fa⸗ milie zwei alte Weiblein als Hexen in der Stadt ver⸗ ſchrieen ſeien. Der Fricke aber erzählte beim Gelage des Prinzen, ſie habe gedroht, ihm an Leib und Leben Schaden anzuthun, und er auch alsbald Schmer⸗ zen an ſeinem Fuße empfunden, die er auch behalten, bis er am verwichenen Sonntage von der Emporkirche herab das böſe Weib habe unter ſich ſtehen ſehen und dreimal vor ſich hingemurmelt habe:„Katharinchen, hilf mir um des dreieinigen Gottes willen!“ worauf der Schmerz verſchwunden ſei. Das war nun Waſſer auf des Kräutleins Mühle. „Hat ſie Euch helfen müſſen, Herr Gerichtsbeiſitzer, ſoll ſie es auch meiner armen Schweſter thun, der gegen ihre ſchandbaren Hexenkünſte keine ordentlichen Mittel geſchickter und verſtändiger Aerzte, die nur mit Got⸗ tes Beiſtand kuriren, helfen können.“ „Da haben wirs“, ſchrie der Vogt Einhorn;„das iſt ja ein vollkommener Beweis ihrer böſen Künſte; ſie hat zu zaubern gedroht, hat durch ihre Hexerei wirklich aß ſie rgert, Cuch 111 einem ehrbaren Mann geſchadet und den erſten Zauber endlich durch den zweiten gelöſt. Pfui über das ſchänd⸗ liche Weib!“ Als das Gelage nun beendet und die Theilnehmer alle wohl bezecht waren, begab ſich der Barbier mit dem Vogt, die unterdeſſen Brüderſchaft gemacht, in die Vogtei. Dahin wurde nun auch unſere arme Mutter und die Reinboldin berufen. Der Kräutlein beſchwor jene im Namen Gottes, das Elend, das ſie über ſeine Schwe⸗ ſter gebracht, von ihr zu nehmen, und erlaubte ſich dann Mißhandlungen gegen die urnbeſchützte Greiſin, indem er ſie gegen die Reinboldin hinſtieß, dreimal hinter einan⸗ ander, was auch die Löſung eines Zaubers ſoll bewir⸗ ken können. Der Vogt ſchwur auch, daß der Gegenzauber, ſo⸗ fern er wirkſam würde, nicht an ihr ſolle geahndet werden. O Bruder Johannes, und ſie iſt bald ſiebzig Jahre alt. Vergebens ſchwur ſie, daß ſie keine böſen Künſte üben könne, und bat Gott und ſeinen Sohn um Beiſtand und Er⸗ rettung von den Händen ihrer Feinde und ſagte, daß es teufliſch ſei, was man von ihr fordere, man ſolle ſie vor Gericht bringen, wenn man glaube, etwas an ihr zu ſuchen zu haben. Vogt Einhorn drohte ſie gleich in den Thurm ſtecken zu laſſen, und der Barbier zog ſein Seitengewehr und wollte ſie niederſtechen; hätte es auch vielleicht ausgeführt, wenn der Vogt ihn nicht vor der 112 Gewaltthat gewarnt und endlich nach ſtundenlangen Oualen die halbtodte alte Frau nach Hauſe entlaſſen hätte. Dies, lieber Bruder, war doch allzuviel, und ſo hat denn mein braver Mann ſich entſchloſſen, auf alle Ge⸗ fahr hin die Reinboldiſchen zu verklagen, wobei es aber auch nicht fehlen konnte, daß der ſchlimmen Thaten des Vogts und Barbiers Erwähnung geſchehen mußte. Was nun geſchehen wird, ſteht in Gottes Hand, doch iſt es wohl meine Pflicht, Dich, mein theuerſter Bruder, von Allem in Kenntniß zu ſetzen. Gott behüte und beſchütze Dich mit all den lieben Deinen, und thue Du bald etwas, das uns allen hier Frieden und Ruhe verſchafft. Mein guter Mann hat mir verſprochen, die Mutter, wenn ſie es will, zu uns nach Heumaden zu nehmen; ſie möchte aber Leonberg nicht verlaſſen, weil ſie meint, ihre Feinde könnten das als feige Flucht, vielleicht gar als Einge⸗ ſtändniß ihrer Schuld anſehen. Gott erbarme ſich ihrer und unſer aller. Dieſes betet Deine vielgetreue Schweſter Margarethe Binder.“ Apollonia legte auch dieſen Brief aus ihren Hän⸗ den und Johannes ergriff ihn, um ihn noch einmal für ſich allein zu leſen. „Das ſind ja ſchändliche Nichtswürdigkeiten“, ſagte er endlich mit ſichtbarem Zorne,„die man ſich gegen eine 113 unglückliche Frau erlaubt; aber ſchutzlos ſoll ſie nicht bleiben, ſolange ich lebe, und ich hoffe zu Gott dem All⸗ mächtigen, daß ein Wort von mir, jetzt mit allem Ernſte geſprochen, ihr Ruhe verſchaffen wird. Denn ſie iſt un⸗ ſchuldig an dem Verbrechen der Zauberei, ſo wahr mir Gott helfe!“ „Das iſt ſie, mein Sohn“, ſagte Apollonia mit tiefem Ernſte,„wie ich es bin, wie die unglückſelige Streicherin es an dieſem Verbrechen ganz gewiß war, wie alle die unzähligen Opfer es waren, die am Brandpfahle ihr Leben ausgehaucht. Eine ſpätere Zeit wird dies erkennen und mit Entſetzen auf unſere Tage zurückblicken. Deſſenungeachtet ſei vorſichtig, Johannes. Du greifſt in ein Wespenneſt, wenn Du über Thaten klagſt, bei denen die Richter die Mitangeklagten ſind.“ „Aber, Johannes, um Gotteswillen“, ſagte Frau Bar⸗ bara, ihre Hände gefaltet zu ihrem Gatten emporhe— bend,„was iſt denn das? Biſt Du nicht der älteſte Sohn eines Edelmanns? Und iſt denn Deine Mutter nicht eine anſehnliche, geachtete Frau in Leonberg? Meine Gedanken verwirren ſich und eine grauſame Furcht geht durch mein Herz, die Furcht, daß Du mich ſchnöde be— logen.“ „Da ſei Gott für!“ entgegnete der Gelehrte.„Es iſt Alles wahr, was meine Papiere, die ich Dir ja vor Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 8 ———ʒÿ———————— 114 unſerer Trauung gab, ausſagen, aber meine unglückliche Mutter iſt in arge Leiden und Verlegenheiten gekommen, und ob mein Vater noch lebt oder todt iſt, iſt mir bis heute unbekannt.“ Frau Barbara begab ſich in großer Aufregung aus dem Zimmer ihres Gatten und traf nahe an deſſen Thür einen Diener der Frau Gräfin Polixena, der ihm eine Botſchaft überbrachte, die ihn und auch die Frau Wellinger zu dieſer Dame berief. Fünftes Kapitel. Ganz Prag war in Sorge und Aufruhr wegen des verruchten paſſauer Kriegsvolks, das trotz des kaiſerlichen Befehls die Grenze Böhmens überſchritten hatte und das man daher in jedem Augenblick auch in der unbe⸗ ſchützten Hauptſtadt erwarten konnte. Die Katholiken zitterten vor dieſen Horden nicht minder als die Pro⸗ teſtanten, und man flüſterte ſich von allen Seiten leiſe und immer lauter zu, daß Kaiſer Rudolf geiſtesſchwach und der Regierung unfähig ſei, und daß es daher nöthig würde, ſeinen nächſtälteſten Bruder, den Prinzen Mat⸗ thias, der ſich von dem ſchwachen Rudolf bereits die Krone Ungarns erzwungen hatte, auch zum Könige von Böhmen zu wählen. Der Bruderzwiſt zwiſchen dieſen Beiden war nicht das kleinſte Leiden, was auf den un— glücklichen deutſchen Landen lag. Kaiſer Rudolf, entſchie⸗ dener und offener Feind des in allen ſeinen Reichen täg⸗ lich wachſenden Proteſtantismus, gab eben dadurch ſeinem 8*½ 116 Bruder eine ſcharfe Waffe gegen ſich in die Hand, die jener, obgleich keineswegs ein wirklicher Freund der neuen Glaubenspartei, vortrefflich und mit Erfolg gegen ſeinen Bruder und Kaiſer zu brauchen verſtand. Prinz Matthias, derzeit König von Ungarn, zweiter Sohn Kaiſer Maximilian's, war, wie alle Prinzen aus dem Geſchlechte Habsburg, Katholik mit ganzer Ueber⸗ zeugung und ſein treueſter Rathgeber und erſter Miniſter, wie Adam von Dietrichſtein, ein katholiſcher Prie⸗ ſter, der Cardinal Khleſl. Beide Fürſtenbrüder waren unvermählt und konnten daher nicht erwarten, die Kronen, die ſich auf Rudolf's Haupt geſammelt hatten und nach denen Matthias ſeine Hände ausſtreckte, in direc⸗ ter Linie zu vererben. Dieſer Umſtand ſtellte Mat⸗ thias und ſeinem Rathgeber Khleſl die Möglichkeit in Ausſicht, daß bei richtigem Betriebe der Angelegenheit auch Ferdinand von Steiermark ſeine Einwilligung zur Entfernung ſeines Oheims und Wohlthäters Rudolf ge⸗ ben würde, wenn Matthias ihm ſeinerſeits ver⸗ ſpräche, dem um vieles Jüngern die Nachfolge auf die Throne aller der Länder, die er ſeinem Bruder abrang, nach ſeinem eigenen Tode zu ſichern und während ſeiner Regierung die katholiſche Kirche in all ſeinen Erblan⸗ den kräftig zu ſchützen. Den proteſtantiſchen Ständen Böhmens, mit denen der ſchlaue Khleſl in ſteter Verbindung h die neuen einen veiter maus leber⸗ niſter, Prie⸗ varen onen, und diree⸗ Mat⸗ it in enheit g züt fj ge⸗ ber⸗ f die rang, ſeiner blan⸗ nnden. dung 117 ſtand, ſicherte er dagegen Religionsfreiheit zu, wenn ſie ſich von dem Zwange, den Rudolſ's Regierung ihnen auferlegte, befreien würden, und verſprach ihnen den vollen Beiſtand ſeines kriegsgeübten ungariſchen Heeres gegen das herannahende paſſauer Volk, verſuchte es aber dabei, dem Kaiſer die Bewegungen ſeiner bedeutenden Truppen⸗ corps als eine ihm nöthig und nütlich ſcheinende De⸗ monſtration gegen eben dieſe rebelliſchen böhmiſchen Unterthanen vorzuſtellen, wobei er dem ängſtlichen, von den Prophezeiungen ſeiner Sterndeuter eingeſchüchterten Rudolf fort und fort mit heuchleriſchen Worten die Verſicherung ſeiner brüderlichen Treue und Ergeben⸗ heit gab. Rudolf, trotz aller Unruhe in ſeiner bedrohten Hauptſtadt immer noch in ſeinem Palaſte auf dem Hradſchin für ſeine beſſern, wohlmeinenden Räthe abge⸗ ſperrt und nur denen zugänglich, denen Philipp Lang, ſein verrätheriſcher Diener, den Zutritt geſtatten wollte, wußte wenig von dem, was in ſeinem Lande und ſeiner nächſten Umgebung vorging. Gräfin Polixena, von Haus aus das Werkzeug der Jeſuiten in Ingolſtadt, die tief ergebene Freundin der Erzherzogin Maria von Steiermark, hatte in einem der Augenblicke, wo ihr edles Herz und ihr feiner Verſtand über den ihr anerzogenen Gehorſam gegen die Jeſuiten 118 ſiegten, ihren kaiſerlichen Freund dazu bewogen, dem Ober⸗ ſten Rame und deſſen Unterbefehlshaber über das paſ⸗ ſauer Kriegsvolk, dem Grafen Althan, den Befehl, die Grenze Böhmens nicht zu überſchreiten, zuzuſenden. Doch dadurch hatte ſie die Verwirrung des Augenblicks viel⸗ leicht noch rathloſer, jedenfalls des Kaiſers eigene Stel⸗ lung noch ſchlimmer, als ſie war, gemacht. Denn durch jenen Befehl, welchen die wilden Anführer des von ihm ſelbſt geworbenen und ſpäter von ihm zu ſeinem Schutze nach Böhmen gerufenen Heeres nicht zu reſpec⸗ tiren ſogleich beſchloſſen, hatte er ſeine Macht über dieſe Männer aus den Händen gegeben. Anfangs hatte Rudolf die Abſicht gehabt, den jungen Prinzen Leopold von Steiermark, derzeit Biſchof von Paſſau, an die Spitze jenes Kriegsvolks zu ſtellen und Alles anzuwen⸗ den, was Kriegsgewalt vermöge, um die fort und fort aufſäſſigen böhmiſchen Proteſtanten, namentlich auch in Prag, zu Gehorſam und Ruhe zu bringen. Prinz Mat⸗ thias, ſeine Hände begehrlich nach allen Kronen ſeines Bruders ausſtreckend, brachte dies vor die Ohren der böhmiſchen Stände mit dem Zuſatz, es ſei Prinz Leo⸗ pold willens und durch den Kaiſer dazu ermächtigt, Prag durch die heranrückenden Paſſauer beſchießen zu laſſen. In der Stadt herrſchte daher eine unglaubliche Aufre⸗ gung, und der tiefe innere Zwieſpalt zwiſchen den Ka⸗ 119 tholiken und Proteſtanten machte alle durchgreifenden und ernſthaften Vertheidigungsanſtalten unmöglich. In allen dieſen wilden, äußern Unruhen hatten die Briefe ſeines Schwagers und ſeiner Schweſter den Hofaſtronomen Kaiſer Rudolf's, den Proteſtanten Johan⸗ nes Kepler getroffen; daß auch ſein Männerherz einen ſchweren innern Kampf in ſeinen tiefſten Tiefen zu käm⸗ pfen hatte, wußte nur er allein, denn auch ſeine müt⸗ terliche Freundin Apollonia kannte durchaus nicht die ganze Größe deſſelben. Er hatte in all' dieſen Sorgen, Schmerzen und Zerwürfniſſen nur einen Troſt, eine ein⸗ zige, jedoch für ihn ausreichende Stütze— ſeine erhabene Wiſſenſchaft! Für ſeine Seele war ſie ein vollſtändiges Verbindungsmittel mit Gott und die Leiterin zu ihm, dem Quell des ewig Guten, des Geſetzmäßigen und vollkommen Schönen, das Kepler in den ewigen Wer· ken des Schöpfers, die er mit Menſchenaugen beobach⸗ tete, mehr und mehr ſeiner reinen menſchlichen Vernunft zum Verſtändniß brachte. Sein fleißiger Vorgänger Tycho de Brahe hatte ihm durch zwanzigjährige Beobachtungen des Plane⸗ ten Mars die Gewißheit verſchafft, daß die Bahn dieſes nächſten Nachbars unſerer Erde nicht, wie Coper⸗ nicus es von den Planetenbahnen vermuthete, ein Kreis, ſondern eine Ellipſe ſei, in deren einem Brennpunkte ſich 120 das Centralgeſtirn unſeres Planetenſyſtems, die Sonne, befinde. Er hatte den vernünftigen Einwand Tycho's, daß, wenn die Erde wie die andern Planeten ihre Bahn um die Sonne beſchriebe, die Stellung der andern Sterne, die Gelehrte und Laien wegen ihrer ſtets unveränderten Stellung am Himmel Finſterne nennen, im Laufe eines halben Jahrs für uns Erdenbewoh⸗ ner äußerſt veränderte Stellungen gegen einander an⸗ nehmen müßten, dahin berichtigt, daß ſelbſt die große Axe der elliptiſchen Erdbahn in den unendlichen Him⸗ melsräumen gegen dieſe nur als ein untheilbarer Punkt betrachtet werden müſſe. Niemand hatte bis dahin das Rieſenhafte dieſes Gedankens ganz erfaßt, der heut— zutage zwar durch die menſchliche Vernunft als Wahr⸗ heit erkannt iſt, den aber auch jetzt kein menſchli⸗ cher Geiſt ſich zur Vorſtellung bringen kann. Kep⸗ ler's erhabener Geiſt, dem großen Weltgeiſt mehr verwandt als jeder andere Menſchengeiſt vor ihm, ſchiffte muthig und ſchwindelfrei auf dem uferloſen Meere der Unendlichkeit. Für ihn war die kleine Erde nur ein winzig Tröpfchen deſſelben, und dennoch gehörte ſein edles Menſchenherz ihr durch Liebe ganz und gar an und mußte alle Leiden, die ihr kleines Rund wie Wolken umſegeln, wie Stürme umbrauſen, empfinden und überwinden. 1 121 Die Sorge um das tägliche Brod und die ehren⸗ hafte Exiſtenz ſeiner zahlreichen Familie lag ſelbſt in ſeinen jetzigen Tagen noch ſchwer genug auf ſei⸗ ner Seele, wenngleich der Gehalt von zweitauſend Gulden, der ihm vom Kaiſer zugeſichert war, bei Bar⸗ bara's Haushaltungstalent und anerkennenswerther Spar⸗ ſamkeit ſehr wohl ausgereicht hätte, wenn er vollkom· men regelmäßig gezahlt worden wäre. Dies war aber auch nach Tycho's Tode nicht immer der Fall. Zwar waren die Rückſtände noch nicht zu großen Summen angewachſen, aber Frau Barbara konnte ſich doch nie mit Sicherheit darauf verlaſſen, daß ihres Gatten wohl⸗ erworbene Einkünfte zur rechten Zeit einliefen; zwar war in ſolchen Verlegenheiten, die für eine Hausfrau ſehr peinlich ſind, Apollonia ſtets willig und ohne Bitten er⸗ bötig, die nothwendigen Summen vorzuſchießen— Frau Wellinger hatte durch Vermittlung ihres Lebensretters noch einen kleinen Theil ihres Vermögens aus dem Schiffbruch des Hexenproceſſes geborgen; auch erhielt ſie von Frau von Roſenberg einen beſtimmten Gehalt, der ſie aber eigentlich zu gar keinen Dienſten verpflichtete und ihr genug Zeit ließ, Hemoͤchen, Strümpfe und Lätz⸗ chen für die Kinder ihres Johannes anzufertigen und ihrer frühern Feindin Barbara eine recht liebevolle mütterliche Stütze zu ſein— aber der ſtolzen Frau von Kepler, der an Reichthum gewöhnten Verwandten des reichen Eggenberg'ſchen Geſchlechts, waren ſolche Aus⸗ hülfen doch immer recht peinlich, und ſie ſchalt, wenn auch jetzt nicht mehr laut, doch noch in der unruhi⸗ gen Tiefe ihres Frauenherzens auf ihren Mann, der. ganz anders wie andere Männer, und niemals ein rech⸗ ter Brodverdiener für die Seinen ſei. In ſeiner ganzen Bekanntſchaft war wohl Niemand weniger als Barbara dazu geeignet, die erhabenen Strebungen und ungeheu⸗ ren Erfolge Kepler's zu begreifen; was gingen ſie, die mit allen ihren Gedanken und Gefühlen im Irdiſchen wurzelte, die Sterne des Himmels, die Regelmäßigkeit ihrer Bahnen und die Größe der Schöpfung an! Barbara's Religion war der trockene Proteſtantis⸗ mus ihres Zeitalters, und ihre Unduldſamkeit ging mit ihrer eigenen Strenggläubigkeit natürlicherweiſe Hand in Hand. Es gab aber eine andere Frau, die, obgleich nicht eines Glaubens mit Kepler, ein inniges Verſtändniß für die Erhabenheit ſeines Strebens und Forſchens hatte, Polixena von Roſenberg. Die alte Proteſtantin Apol⸗ lonia, durch ihre ſeltſame Erziehung und ihre trüben Erfahrungen wohl geeignet, einer Dame von Polixena's Bildung zur Seite zu ſtehen, war ihr viel weniger eine Dienerin als eine mütterliche Freundin, was bei dieſer 123 um ſo leichter möglich wurde, als ihr natürliches Takt⸗ gefühl ſie nie Verhältniſſe und Standesunterſchiede aus den Augen ſetzen ließ. Im Haushalt der Gräfin war Frau Apollonia Wellinger eine ſehr geachtete Perſönlichkeit, aber ſie war auch bei andern als ihren evangeliſchen Mitdienern ſehr beliebt, und ſelbſt des Kaiſers Majeſtät hatte ſich ſchon mehr als einmal zu einem Geſpräche mit der hübſchen alten Schwäbin herabgelaſſen. Eine hübſche alte Frau war Apollonia, das ließ ſich nicht beſtreiten, und wer ſie jung gekannt, müßte ſich gewundert haben, denn offenbar war ſie im Alter viel hübſcher, als man das in frühern Jahren hätte erwarten können. Die pein⸗ liche Sauberkeit ihres Anzugs gab ſogar ihrem Körper eine gewiſſe Friſche, der die vielen kleinen Fältchen ihres Geſichts und das täglich mehr ſichtbar werdende Ergrauen ihres Haares keinen Abbruch thun konnten. Der Ausdruck von Güte und Intelligenz, der ihre Augen und ihren feinen Mund erhellte und gleichſam verklärte, ſchien mit den zu— nehmenden Jahren ſich immer noch zu erhöhen, und es war wirklich merkwürdig, wie die Kinder und die Haus⸗ thiere, mit denen ſie in Berührung kam, an ihr hingen. Gräfin Polixena hatte zu der alten Frau faſt ein töchterliches Zutrauen, und Apollonia, der die Vor⸗ ſehung das Mutterglück verſagt hatte, liebte die vor⸗ nehme Dame, der ſie diente, mit wahrer Mutterzärt⸗ lichkeit. Inmitten der Unruhe, die in den Mauern des ſchönen Prag herrſchte, war das Haus der Gräfin Po⸗ lixena eine Stätte des Friedens für mehr als ein Men⸗ ſchenherz, und geiſtvolle Perſonen fanden in demſelben, welcher Religion oder politiſchen Partei ſie auch ange⸗ hören mochten, Erholung von den Wirren des Lebens, die mit jedem Tage ſchlimmer zu werden ſchienen. Der Erſte, dem es hier oft wohl und heiter zu Muthe wurde, war Kaiſer Rudolf ſelbſt, der kinder⸗ und freund⸗ loſe Mann, auf deſſen gebeugtes Haupt das Schickſal ſo viele Kronen geſammelt hatte, die jetzt allmälig eine nach der andern von demſelben hinabzugleiten ſchienen. Im Hauſe Polixena's fand der Fürſt die Schönheit der Hausfrau, die ihn mehr noch als jene ſeiner ſchön— ſten Statue freudig erregte; er fand in dem Geiſte und Gemüthe der ſchönen Frau bewußtes Eingehen in ſeine Gedanken und wirkliche warm gefühlte Theilnahme an ſeinen Leiden. Rudolf II. war nicht der wahnſinnige oder ſchwach⸗ ſinnige Mann, für den ſein Nachfolger ihn gehal⸗ ten wiſſen wollte; er war ſogar ein tiefer Denker, aber or⸗ t. ger 125 das ſtete, ihn in keinem Moment verlaſſende Bewußtſein ſeiner Würde als Herr der Chriſtenheit, verbunden mit der von Aſtrologen und ſchlimmen Räthen genährten Furcht vor dem Neid und Verrath ſeiner Brüder, warf eine Art von Schleier über ſeine Geiſtesgaben. Er ſtand als Menſch und Gelehrter nicht über ſei— ner Zeit und war katholiſcher Chriſt durch Erziehung und Herzensgefühl. In Polixena's Seele fand er Ver— ſtändniß für ſein Gefühl, das ihn in jedem Nichtkatholi⸗ ken einen namenlos Unglücklichen, weil auf ewig Verlo⸗ renen erkennen ließ, und jene loyale Treue der Thron⸗ vaſallen, die die Handlungen ihres Lehnsherrn auch da billigte und unterſtützte, wo ſie nicht das Wohl aller Un⸗ terthanen, ſondern nur die feſtere Begründung des eige⸗ nen Wohlſeins bezweckte. Der Kaiſer und ſeine Freun⸗ din waren darin einverſtanden, daß der Proteſtantismus als ein ſchauderhafter Weg ins ewige Verderben dem Volke verſchloſſen werden müſſe, während ſie den ein zelnen Proteſtanten, wenn er ſonſt Vorzüge beſaß, ſchätz⸗ ten, achteten und ſeine Dienſte benutzten und be⸗ lohnten. So war auch Johannes Kepler bei Kaiſer Rudolf wohlgelitten und traf mit ihm nicht ſelten in Polixena's Gemächern zuſammen. Leider iſt es heute noch ſo wahr als vor dem Be⸗ 126 ginn des dreißigjährigen Krieges, daß die BViſſenſchaft des großen Schwaben nur für wenige beſonders begabte Menſchengeiſter große Anziehungskraft hat. Es ſind, um ſich als Laie gern mit der Aſtrono⸗ mie zu beſchäftigen, zwei Anlagen im menſchlichen Geiſte nothwendig, die ſich ſcheinbar ganz entgegengeſetzt ſind: eine lebhafte Phantaſie und Verſtändniß für Mathema⸗ tik, und unzweifelhaft ſind dieſe ſelten in einem Men⸗ ſchen vereinigt. Kaiſer Rudolf war nun freilich nicht der feine Kopf, in dem eine ſolche Vereinigung ſtattfinden kann, aber ſeine Lage, die ſtete Sorge, in der ſein Herz ſich befand, dem gefürchteten Verrath ſeines Bruders Matthias und dem ſtets mehr und mehr wachſenden Aufruhre ſeiner Unterthanen gegenüber, ließ ihn in der Stiefſchweſter der erhabenen Sternkunde, in der Aſtro⸗ logie, eine tröſtende und berathende Freundin ſuchen. Vergebens that Kepler ſein Möglichſtes, den Kaiſer auf den Mangel an jedem Zuſammenhange der Sternenbah⸗ nen in ihren unendlichen Fernen mit den Schickſalen der Menſchen in ihrem kleinen flüchtigen Erdenleben aufmerkſam zu machen. Rudolf ſah in den kleinen Himmelslichtern nicht die Weltkörper, unſerem Wohnorte durch gleiche Geſetze der Bewegung verſchwiſtert, gleichſam die Glie⸗ der einer Familie, die unter der Herrſchaft der erhabe⸗ nen Sonne ſtehen; ihm, dem Kaiſer, dem Herrn der 127 Chriſtenheit, waren ſie leuchtende Pünktchen, ans Firma ment geſetzt, um in den Linien, die ſie dort in Jahren, Stunden oder Jahrhunderten beſchrieben, ihm Auskunft zu geben über die Schickſale, die ſein kaiſerliches Leben verdunkeln oder erhellen könnten. Nur zwei Frauenherzen waren fähig, die erhabene Freude ahnend zu begreifen, die Kepler empfand, als er, auf Tycho's Beobachtungen geſtützt, mit Genauigkeit die Bahn der Planeten um das Centralgeſtirn berechnet: Po lixena und Apollonia. Wie ſeltſam auch es klingen mag, ſo iſt es darum doch nicht minder wahr, daß Frauenſeelen fähiger ſind als oft die Seelen der bedeutendſten Männer, die Er⸗ habenheit der großen Ordnung des Weltalls zu begrei⸗ fen. Es iſt der Frauennatur eigen, Ordnung und Geſetz⸗ mäßigkeit im eigenen kleinen Kreiſe anzuſtreben, und ſie wiſſen, daß Ordnung und Geſetzmäßigkeit nicht blos das Haus, daß ſie auch den Staat, ja das Weltall re⸗ gieren müſſen. Es hat ein Mann, ein tiefdenkender Mann, ein großer, unſerer ſpäten Zeit angehörender Phi⸗ loſoph, Hegel, es ausgeſprochen, daß das Weltſyſtem Tycho's, das unſere Erde zum Mittelpunkte des Alls macht, dem menſchlichen Verſtande angemeſſener und na⸗ türlicher ſei als das Copernikaniſche, in dem die unge⸗ heure Erde, unſer für uns unüberſehbarer Wohnſitz, zu 128 einem um die Sonne mit andern Gefährten ſchwingen⸗ den Punkte wird, und wahrlich, der Mann hätte Recht, ſobald er ſtatt des Wortes„menſchlichen“ das Wort „männlichen“ geſetzt hätte. Der Mann iſt gewohnt, ſein eigenes Ich als den Mittelpunkt der Welt anzuſehen, anders dagegen iſt dies bei dem Frauengemüthe. Das Weib fühlt ſeine Abhängigkeit, ſeine Unterordnung ſehr früh und empfindet Freude an derſelben, jene ſanfte, demüthige Glückſeligkeit, ſich als ein Untergeordnetes neben einem Höhern zu fühlen, das der Grundton echt weiblicher Liebe iſt. Auch die beiden im Alter und Stand ſo verſchie⸗ denen Freundinnen Kepler's verſtanden daher ſeine großen Gedanken; wie ſie ſich ſelbſt geiſtig ihm, dem erhabenen Geiſte, ſo untergeordnet, ſo mit unveränderlichen Banden an ſein erhabenes Ich gefeſſelt fühlten, ſo fühlten ſie ahnend auch die Unterordnung jener geringern Sterne unter das Centralgeſtirn und die im Ganzen unveränderliche Feſ⸗ ſelung derſelben an jenen ihren leuchtenden Führer. Kepler war weit öfter im Hauſe der Gräfin Roſen⸗ berg als irgend einer der ihr an Stand und Glauben gleichſtehenden Herren von Rudolf's Räthen, den Herrn von Slawata vielleicht ausgenommen, den ein tiefes Herzensintereſſe in die Gemächer der ſchönen Dame zog. Unter den jungen Damen, die mit der jungen, vor⸗ 129 nehmen und reichen Wittwe in näherer Freundſchafts⸗ verbindung ſtanden, befand ſich auch Lucia, die ſchöne Tochter Adam's von Neuhaus, der, ſeit der ältere Popel von Lobkowitz in Ungnade gefallen war, faſt alle Ehren⸗ ämter dieſes unglücklichen, faſt verſchollenen Mannes be⸗ kleidete. Die ſchöne, kaum ſiebzehnjährige Lucia aber war der Stern, der des Slawata ſtolzes Herz mit aller Kraft an ſich gezogen hatte. Wilhelm von Slawata war der Sohn des böhmi⸗ ſchen Edelmanns Adam von Slawata und einer Baro⸗ nin von Kurzbein. Die ganze Familie gehörte der pro⸗ teſtantiſchen Religion an, auch Wilhelm war in der⸗ ſelben erzogen, und zwar war ihre Abtrennung von der allgemeinen Kirche um viele Jahre älter als die Con⸗ cordienformel. Die Slawatas waren Pikarditen, eine Sekte der Nachfolger des böhmiſchen Reformators Jo⸗ hannes Huß, und ſie hatten noch von frühern Zeiten her das Recht, auf ihren großen Beſitzungen Kirchen für ihren Glauben zu bauen und denſelben Geiſtliche nach eigener Wahl zu geben. Wilhelm von Slawata war ein Mann von hohem Geiſte, den er auf großen Reiſen viel⸗ fach zu bilden Gelegenheit geſucht und gefunden hatte. Böhmens Geſchichtſchreiber ſeiner Zeit erwähnen ſeiner vielfach als eines Mannes von ſeltenen Gaben und Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 9 130 Fähigkeiten, und wenn an den geſelligen Abenden der Gräfin von Roſenberg ſein Herz nicht durch die Gegen⸗ wart der reizenden Lucia gefeſſelt war, unterhielt er ſich ganz beſonders gern mit Kepler, deſſen reiche Phantaſie und Gelehrſamkeit ihm imponirte und in ſeinem Herzen ein lebhaftes Intereſſe für den Schwaben erweckte, der nur um wenige Jahre ihm an Alter überlegen war. Auch Kepler fand Genuß in der Unterhaltung mit dem vornehmen Böhmen, und ſein Herz nahm ein war⸗ mes Intereſſe an der Neigung deſſelben zu Lucia von Neuhaus, der Tochter einer ſtreng katholiſchen Familie. Gräfin Polixena hätte kein Weib ſein müſſen, wenn ſie dieſes Intereſſe nicht getheilt hätte, und es war nicht ſelten, daß die drei Perſonen, Kepler, Slawata und Polixena, in den Gemächern der letztern von dieſer Angelegenheit plauderten. Auch in den ſchlimmſten Zeiten, wo, wie damals, Noth und Leid an alle Thüren pochen, iſt die Liebe ein gern geſehener Gaſt, dem man freundlich die Fenſter öffnet, und die Griechen waren ſinnig wie immer, in— dem ſie Amor als ein ſchalkhaftes, geflügeltes Kind darſtellten; wer ſpielt nicht gern mit einem holden Kinde, drückt es liebkoſend in ſeine Arme und küßt ihm zärtlich die holden Augen zu? Polixena liebte das ſchöne Mädchen, das Herrn von 131 Slawata's Herz ſich zur Gattin auserkoren, mit jener ſanften Zärtlichkeit, die der ältern Schönheit der jüngern gegenüber ſo ſchön ſteht und der erſtern gewiſſermaßen die Würde der Mitterlichkeit verleiht, ohne ihrem jugendlichen Reiz den mindeſten Abbruch zu thun. Vor den Thoren Prags ſtand das paſſauer Volk, und Prinz Matthias hatte in einem doppelzüngigen Schreiben ſich erboten, ſeinem kaiſerlichen Bruder gegen dieſe wilden, geſetzloſen Schaaren mit ſeinen gegen die Türken in Ungarn ſtehenden Truppen zu Hülfe zu eilen. Es war noch rauhes Winterwetter; in den Gaſſen des alten bergigen Prag tobte der Sturm, und der eiskalte Regen ſchlug an die Fenſter von Kepler'’s ſtiller Studirſtube, als ein Gefühl faſt wie ein jäher Schmerz den Gelehrten aus ſeinen Meditationen auf⸗ ſchreckte. Frau Barbara war ziemlich leiſe bei ihm ein⸗ getreten und hatte mit hausmütterlicher Vorſorge die Hofkleider ihres Gatten, Beinkleider und Schaube von braunem Sammt mit Puffen von weißem Atlas, ſowie auch ſein ſchönes braunes Sammtbarett mit wehender weißer Feder auf einem naheſtehenden Stuhle für ſei⸗ nen Gebrauch zurecht gelegt und ſagte dann mit lauter Stimme:„Es iſt Zeit, Johannes.“ „Ich danke Dir herzlich“, entgegnete der Gelehrte. „Verſpäte Dich nicht, Johannes, und bring' der 9* 13² Frau Gräfin die ſchönſten Empfehlungen von Deiner Hausfrau“, ſetzte ſie noch in der Thür hinzu. Kepler erhob ſich ſogleich von ſeinem Stuhle und ging ein paarmal in dem zwar nicht ſehr großen, aber doch ganz freundlichen Zimmer auf und nieder.„Sie iſt gut und brav, meine Hausfrau“, murmelte er leiſe für ſich hin,„ſie gibt mir keine Gelegenheit, mit ihr un⸗ zufrieden zu ſein— was iſt's denn, das mir das Herz ſo ſchwer macht, ſo mit bangem Weh erfüllt, wenn ich doch keinen, auch nicht den geringſten Grund habe, mich unglücklich zu fühlen? V O der Thorheit, der ſchweren Sünde des Men⸗ ſchenherzens!“ ſetzte er in Gedanken hinzu, indem er das Geſchäft des Ankleidens möglichſt beſchleunigte; „das iſt der Uebermuth des Glücklichen, der mich ſta⸗ chelt, nach den Sternen zu greifen, welche zu ſchauen und zu beobachten das einzig mögliche Glück dieſes Er⸗ denlebens iſt.“ Er ſtellte ſich, jetzt vollſtändig und ſtattlich geklei⸗ det, ſtramm in der Mitte des Zimmers aufrecht, eine edelſchöne Männergeſtalt in der vollen Blüte des Le⸗ bens, das ſchöne Haupt dicht umwallt von dem vollen braunen Lockenhaare, das die weiße Denkerſtirn unbe⸗ deckt ließ; ſeine Augen, die ſo klar in die Tiefen der Himmel zu blicken verſtanden, waren zu der gewölbten Decke emporgerichtet und glänzten in einem wunderba⸗ ren Lichte.„Auf, auf!“ ſagte er faſt hörbar und ge⸗ wiß gehört von dem, an den die Worte gerichtet wa⸗ ren, von dem Allgegenwärtigen, Allmächtigen, der das Weltall in ſeinen ewigen Bahnen erhält durch Kräfte und Geſetze von edelſter Einfachheit und dem kleinen, im Schmerze der Sehnſucht klopfenden Menſchenherzen im rechten Augenblick durch ebenſo einfache Mittel die Anſtöße gibt, die es in den ebenfalls ewigen Bahnen der Rechtſchaffenheit und Tugend weiter führen können— „auf! Ich will, ja ich will dieſe weichen Gefühle überwin⸗ den. Ich will mich aufraffen aus dieſer ſchwermüthi⸗ gen Sehnſucht, ich will den Stern, der glänzend am Himmel weines Erdenlebens aufgegangen iſt, betrach⸗ ten, ohne ihn zu begehren. Apollonia, meine Freun⸗ din, meine echte, wahre Mutter, ich danke Dir, daß Du das Wort, das der Sünde Thür und Thor öffnet, hinderteſt, über die Lippen zu gehen. Ich will, was ich ſoll, ruhig fortſchreiten auf geſetzlichen Bahnen und um keine Linie breit von dem Pfade weichen, über den hinaus es nur Unheil und Zerſtörung, Untergang, Wel⸗ tenuntergang geben kann.“ Es war ein Gebet, das in dieſem Augenblick die Seele des ernſten Mannes bewegt hatte, und es hatte ſeine natürliche, heiligende Wirkung. 134 Eine halbe Stunde ſpäter, denn Kepler hielt ſich, ehe er ſein Haus verließ, noch minutenlang, Abſchied nehmend, bei Weib und Kindern auf, ſtand er in den ſtattlichen Gemächern der Gräfin Roſenberg. „Tretet näher, Johannes“, rief die hohe Dame ihm entgegen,„tretet näher und helft mir einen alten Freund feſthalten, der mich freundſchaftlich beſuchte und nun da⸗ vonlaufen will, als er hört, daß noch andere wackere Leute dieſen Abend mit uns zubringen werden.“ Kepler blickte auf und ſah mit Freude und Ueber⸗ raſchung in die ſtolzen und edlen Züge ſeines einſtigen Gaſtfreundes Rabbi Löw, der in ſeiner ganzen ſtattli⸗ chen Höhe neben dem Seſſel ſtand, an dem Polixena's ſchöne Geſtalt lehnte. „Friede ſei mit Euch!“ ſagte der Jude, ihm die ſchlanke Hand bietend, in welche Kepler mit herzlicher Freude die ſeinige legte. „Wenn Niemand als Ihr, mein vielgeehrter Herr Magiſter, an dieſem Abende in den Hallen der gnädi⸗ gen Gräfin weilen würde, ſo könnte ein armer Jude es freilich wagen, ſein Angeſicht hier auch noch ſehen zu laſſen“, ſagte der Rabbi in ſeinem gewöhnlichen demü⸗ thigen Tone.„Ich erlaubte mir der Frau Gräfin vor einer halben Stunde eine wichtige Nachricht zu bringen und war ſehr beglückt, daß ſie mir dafür freundliche 135 Worte ſagte, aber wie darf ich mich unterſtehen, mich hier ſehen zu laſſen unter den vornehmen Leuten, die den Juden nicht beſſer achten als den Schmuz an ihren Schuhen? Ihr freilich, Herr Magiſter, habt auch, ſeit Ihr Hofaſtronom Sr. Majeſtät geworden, zuweilen mein Haus mit Eurem Beſuche beehrt, wie es auch Herr von Brahe that, und darum kann ich mich unterſtehen zu bleiben, wo Ihr weilt, wenn Ihr es mir nicht anders befehlt.“ „Ihr ſeid ein ſtolzer Mann, trotz dem demüthigen Klang Eurer Rede, mein würdiger Rabbi“, ſagte Kepler. „Ich bin ein Jüd“, entgegnete dieſer,„und ſchäme mich der Abſtammung von meinen Vätern und ihres uralten Glaubens nicht, füge mich aber in Alles, was von dieſen Verhältniſſen in unſern Zeiten unzertrenn⸗ lich iſt. Doch möchte ich es vermeiden, die Vorur⸗ theile Andersgläubiger gegen mein Volk durch ein dreiſtes und zuverſichtliches Benehmen aufzuſtacheln und zu erhöhen. Es geziemt mir, dem Fremdling, mich den Sitten und dem Herkommen meiner Schutzherren zu fü⸗ gen und ihnen durch die meinen keinen Anſtoß zu ge⸗ ben, aber es geziemt mir auch, mitten unter ihnen an den Sitten und dem Glauben meiner Väter feſtzuhalten. Handelt Ihr anders, vielgeehrter Herr Magiſter? Prüfet Euch ſelbſt dieſerhalb genau, und ich will Euer Beiſpiel zu befolgen trachten, denn ich zweifle nicht, daß Ihr all Euer Thun und Laſſen nach Eurem Gewiſſen regelt und mit aller Eurer Klugheit geziemend überlegt.“ Johannes Kepler fühlte, daß das Blut ihm bei die— ſen Worten ſeines ältern Freundes verrätheriſch ins Geſicht ſtieg. „Ich beſitze keine ſehr große weltliche Klugheit, mein ſehr geehrter Freund“, ſagte er nicht ganz unbefangen, „und handle leider nur zu oft noch nach den augenblick⸗ lichen Anregungen des Gefühls.“ „Aber alle Eure Gefühle“, entgegnete der Jude mit achtungsvoller Freundlichkeit,„werden von Eurem Ge⸗ wiſſen geregelt. Die Welt ſagt: von Eurer Ehre; was aber iſt echte Ehre anders als ſtrengſte Regelung unſerer Handlungen im Größten und Kleinſten nach den von uns ſelbſt begriffenen und erkannten Sittengeſetzen? Die geheimſte Uebertretung derſelben beleidigt unſere Selbſt— achtung ebenſo ſehr als die öffentlichſte, und nur in den verſchiedenen Graden und Richtungen der Ausbildung unſeres Rechtsgefühles liegt auch die Verſchiedenheit un⸗ ſerer Anſichten von Ehre und Schande.“ Die beiden Männer hatten während dieſes kurzen Geſprächs hinter der ſchweren Sammtdraperie eines Bo⸗ genfenſters geſtanden, indeß die Gräfin einem neu hinzu⸗ gekommenen Gaſte, dem Herrn Wilhelm von Slawata, entgegengetreten war. 137 „Ich kann Euch nicht ſo ganz und vollſtändig ver⸗ ſtehen, mein trefflicher Gaſtfreund, beliebt, Eure Meinung mir näher zu erörtern“, ſagte Kepler, indem er die Ver⸗ beugung Slawata's, der die ſchlanke Geſtalt des Hof⸗ aſtronomen jetzt erſt gewahrte, mit Höklichkeit erwiderte. „Geſtattet mir meine Behauptung durch ein Beiſpiel zu erläutern, mein werther Herr und Freund“, ſagte Löw;„Euch gegenüber fühle ich das Zutrauen und Selbſt⸗ gefühl, das Ehrenmänner im Geſpräch untereinander ha⸗ ben müſſen, wenn ihr Verkehr zu Freundſchaft werden ſoll. Ihr könnt in mir den Juden vergeſſen, und das iſt mehr, als ich von allen andern Gelehrten dieſes Kai⸗ ſerhofs, der ſo reich iſt an großen Geiſtern als der winterliche Nachthimmel an Sternen, behaupten oder erwarten möchte. Seht, Magiſter Kepler, hier ſteht ein vornehmer Mann uns gegenüber, der junge Herr von Slawata, eine ritterliche Geſtalt, ein denkender Kopf, der Sohn eines edlen Geſchlechts; aber wie ſchön, vornehm und reich, wie gelehrt und durch Reiſen gebildet er auch ſein mag, ich, der verachtete Jude, meine, daß ihm die rechte und wahre Ehre fehlt. Er iſt ein Renegat. Vorgeſtern hat er, der Sohn einer Pikarditenfamilie, Meſſe gehört in der Kirche Maria⸗Schnee. Er hat ſich dadurch den Weg zu den höchſten Aemtern und Würden an dieſem Kaiſerhofe eröffnet; er macht ſich den Weg frei zu der Hand des ſchönen Fräulein Lucia von Neuhaus, aber um ſeine Ehre hat er ſich gebracht. Seid Ihr nicht dieſer Meinung auch, Magiſter Kepler?“ Das Wort ſeines jüdiſchen Gaſtfreundes traf die Seele Kepler's in eigenthümlicher Weiſe. Er wußte, daß Herr Adam von Neuhaus den Werbungen Slawata's um ſeine Tochter Lucia nur unter der Bedingung ſei⸗ nes Rücktritts zum Katholicismus Gehör geben zu wollen erklärt hatte, und er wußte auch aus Apollonia's Munde, daß die Gräfin von Roſenberg das Gelübde gethan hatte, ihre Hand nur an einen Mann zu vergeben, der um ihretwillen ſeinem proteſtantiſchen Bekenntniß entſagte. Wie ein Blitz in eine nachtdunkle Landſchaft, ſo leuchtete der Gedanke, welch eine Verſuchung zum Ueber⸗ tritt dies Gelübde für ihn möglicherweiſe hätte ſein können, wenn er frei wäre, in ſeine Seele.„Renegat!“ flüſterte er mit zuſammengepreßten Lippen vor ſich hin. Schauder und Schwindel überkam ihn. O, es gab alſo einen Preis, für den er, Johannes Kepler, ſeine Hoff⸗ nung auf ewige Seligkeit, ſeine heilige Achtung vor der Ehrwürdigkeit der Wahrheit hätte verkaufen können! Er hörte nicht mehr auf die leiſe geſprochenen leb⸗ haften Worte des Rabbi; er ſah auf die edle Geſtalt Polixena's, ſo ähnlich der ſeines abweſenden Weibes, 139 und hörte in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens die Worte des Apoſtels:„Die Sünde aber, wenn ſie empfangen hat, gebiert ſie den Tod.“ Rabbi Löw hatte wohl bemerkt, welchen tiefen Ein⸗ druck ſeine Worte auf Kepler gemacht hatten. „Ihr habt verſtanden, was ich meinte, mein verehr⸗ ter Freund“, flüſterte er, ſeine ſchlanke Hand leicht auf des Gelehrten Schulter legend.„Nur er ſelbſt, der lächelnde Mann dort, weiß allein, ob ſein Uebertritt eine ehren⸗ werthe oder ſchändliche Handlung iſt. Wenn er die Wahrheit und alleinige Gerechtigkeit des alten Glaubens mit ſeinem Menſchengeiſt erfaßt hat, dann war das laute, durch ſeinen Uebertritt ausgeſprochene Bekenntniß derſel⸗ ben eine ehrenhafte Handlung, denn für die Wahrheit kämpfen, leiden, ſterben iſt immer ehrenwerth; darüber ſind Katholik und Proteſtant, Chriſt und Jude zu allen Zeiten einig geweſen; ſie ſuchen nur die Wahrheit auf verſchiedenen Wegen, die Ehre liegt aber nur im Aus⸗ harren auf dem, den jeder von uns unter der Leitung ſeiner Väter als den rechten erkannt hat.“ Der Jude ſchüttelte bei dieſen Worten zum Ab⸗ ſchiede Kepler's Hand und entfernte ſich, hinter den Vor⸗ hängen ſich leiſe durchwindend, nach der nächſten, zum Ausgange des Saals führenden Thür. Kepler ſah ihm lange nach, dann richtete er ſeine edle Geſtalt feſt empor und verſuchte es, ſeine Gedanken auf ſein Haus, auf Weib und Kind, vor allem aber in ſeine ſchwäbiſche Heimat, auf ſeine ferne, verlaſſene Mut⸗ ter zu richten. In der Geſellſchaft ſprach man hauptſächlich von dem nahe bevorſtehenden Einzuge des verrufenen paſſauer Kriegsvolks, und die loyalen Herren vom Hofe Kaiſer Rudolf's bemühten ſich, das gute Recht des Kaiſers zur Herberufung dieſer ſeltſamen Schützer ſeiner Macht zu erweiſen. Polixena nahm an dieſem Geſpräche wenig oder gar keinen Antheil; ſie ſaß mit der blonden Eva von Lobkowitz und der ſchönen Lucia von Neuhaus in einem der Fenſterbogen und die Damen plauderten über die Gemälde, welche der Kaiſer unlängſt von ſeinem Hofma⸗ ler hatte anfertigen laſſen, und beſonders von den Kupfer⸗ ſtichen des berühmten Sedler, die die verſchiedenen An⸗ ſichten des Hradſchin bis auf unſere ſpäte Zeit aufbe⸗ wahrt haben. „Mein Vater ſagte geſtern noch, die Regierung unſe⸗ res glorreichen Königs Rudolf ſei die größte Zeit in der Geſchichte Böhmens. Des Kaiſers Majeſtät bleibt feſt gegen die Uebergriffe und Anforderungen der Pro⸗ teſtanten; er beſtätigt ihnen den Majeſtätsbrief nicht, obgleich ſein Herr Vater dies gethan hat, und einer nach dem andern der großen Herren oder ihrer Söhne, 141 die früher Ketzer waren und auf ihren Gütern das Gift der Ketzerei durch von ihnen angeſtellte Prädikanten verbreiten ließen, wird durch richtige Maßregeln in den Schooß der heiligen Kirche zurückgeführt. Es wird ruhig und heiter im Lande, und Künſte und Biſſenſchaften blühen.“ Es war die ſchöne Lucia von Neuhaus, die dieſe Worte mit geläufiger Zunge und einem Blick auf den in ihrer Nähe ſtehenden Slawata ausſprach.„Des Kaiſers Majeſtät“, ſetzte ſie mit ihrem ſüßeſten Lächeln hinzu,„hat auch geruht, das gewichtige Amt eines Burg⸗ grafen der Veſte Karlſtein dem proteſtantiſchen Grafen von Thurn abzunehmen, und wird ſpäterhin nicht unter⸗ laſſen, es in Hände zu legen, die durch Handlungen der Treue und des Ghriſtlichen Gehorſams dargethan, daß ſie einer ſolchen Ehre, eines ſo hohen Vertrauens würdig ſind. Se. Majeſtät haben das geſtern ſelbſt gegen meinen Herrn Vater ausgeſprochen, denn ſie ge⸗ ruhten, ihn gleich nach der Meſſe durch den Vertrauten den Philipp Lang, in die große Reitbahn zu ſich ent⸗ bieten zu laſſen.“ Das Lächeln des ſchönen Mädchens gegen ihren Verehrer wurde dabei wahrhaft verklärt, denn nichts verklärt weibliche Schönheit wohl ſo ſehr als hoffende Liebe. Die blonde Eva von Lobkowitz blickte düſter durch das Bogenfenſter zu dem ſternenloſen Winterhimmel; ihr junges Erdendaſein war trotz ihrer vornehmen Ge⸗ burt und des großen Reichthums ihrer Familie ſeit Jahren troſt und freudenlos. Der Aufenthalt ihres theuren Vaters, der bei Kaiſer Rudolf in Ungnade ge⸗ fallen, weil er mit Ernſt gefordert, daß der hohe Adel Böhmens nicht von dem Rathe und der Regierung des Landes ausgeſchloſſen ſein ſollte, war immer noch ein ihr ſelbſt dem Namen nach unbekannter Kerker in einem der Erblande Sr. allerchriſtlichſten Majeſtät. „Horch, was iſt das?“ fragte hier einer der anwe⸗ ſenden Herren, die an einem andern Tiſch von jenen Damen etwas entfernt ſaßen. Der Laut, der von der Straße dumpf in das Gemach drang, war das Blaſen einer Trompete. „Das ſind die Signale der Paſſauer, die man aus ihrem Lager unfern des Laurenziberges bis hierher ver⸗ nehmen kann“, entgegnete Herr Adam von Neuhaus, und ein allgemeines Schweigen lagerte ſich minutenlang über die Geſellſchaft. Polixena war todtenbleich geworden, nicht aus Furcht vor dem Hereinbrechen einer Gefahr, ſondern aus tiefſter Sorge wegen des Unrechts ihres kaiſerlichen Freundes, der dieſe Truppen ohne Zuſtimmung der böhmiſchen Stände in das Land zu ziehen erlaubt hatte. „Alle guten Katholiken, alle treuen Anhänger Kai⸗ 143 ſer Rudolf's II., ſind ſicher vor den Truppen, die der Graf von Althan, ein echter Böhme, unter der Fahne Laurentius Ramé's, des tapfern Franzoſen und guten Chriſten, commandirt“, ſagte einer der anweſen⸗ den Herren, der Staatsrath von Martinecz, der ſich in dieſem Moment, den gefüllten Kryſtallpokal erhebend, in ſei⸗ ner ſtattlichen Größe von ſeinem Seſſel aufrichtete.„Meine Herren und Damen, dieſer Trunk gilt unſerm legitimen Herrſcher, Sr. Majeſtät Kaiſer Rudolf II., dem erwählten Könige von Böhmen.“ Man verbeugte ſich unter Gläſer⸗ klang, und Johannes Kepler, dem Proteſtanten, regte ſich im Herzen ein bitteres Gefühl, als nach dieſem Toaſt Wil⸗ helm von Slawata auf das Gedeihen der katholiſchen Kirche und die Unterdrückung aller Ketzer und Empörer ſein Glas leerte. Wie ſehr wünſchte der Gelehrte, die Säle der Gräfin entweder mit Rabbi Löw verlaſſen oder noch lieber heute gar nicht betreten zu haben. Etwas Aehnliches war vor dem heutigen Tage ihm hier nicht begegnet; der feine Takt Polipena's hatte den Geſprächen ſtets zur rechten Zeit eine Wendung zu geben gewußt, die den durch alle Herzen ſtrömenden Parteihaß niederhalten mußte. Heute, jetzt aber war ihr das fehlgeſchlagen. Die Gräfin fühlte ſich leidend und ſehnte ſich nach der Einſamkeit und Ruhe des kleinen Zimmers, in welchem ſie in dieſem Moment 144 die alte Schwäbin beſchäftigt wußte, ihre Ruheſtätte für die kommende Nacht herzurichten. O Ruhe, Ruhe! Wie ſehnte Polixena's Herz ſich nach dieſem Labſal! Sie war ſo jung noch, die ſchöne geiſtvolle Frau, die Güter des Lebens waren ihr in über⸗ reichem Maße zugefloſſen; ſie hatte ſich ſo ernſt und feſt bemüht, durch keine Handlung, durch keinen bewuß⸗ ten Gedanken ſelbſt die Ruhe ihrer Seele aufzuſcheu⸗ chen, die, wie jede Religionspartei lehrt, nur das beſeligende Eigenthum eines reinen Gewiſſens iſt. Und doch war ſie unglücklich, doch zog ein tiefes, brennen⸗ des Weh durch ihr Herz, das ſie in jedem Moment ihres Lebens fühlte. Loyal erzogen, wie es einer Toch⸗ ter der höchſten Familien ziemt, war ſie wirklich eine treue, aufrichtige Verehrerin des unglücklichen Mannes, der auf dem Throne ihres Vaterlandes ſaß, ohne es zu verſtehen, den Geiſt ſeiner Zeit zu lenken und zu be⸗ herrſchen. Einſt hatte Kaiſer Rudolf den Wunſch ge⸗ hegt, daß ſie als ſeine Gattin den Thron Böhmens mit ihm theilen ſolle, doch hatten die Prophezeiungen ſei⸗ ner Sterndeuter, von denen er freilich nicht ahnte, daß ſie den Beſtechungen ſeines Bruders entfloſſen, ihn auch von der Abſchließung dieſer Ehe, wie jeder andern, zu⸗ rückgehalten. Er fürchtete die rebelliſchen Kinder, die nach den Ausſagen der Sterne ihn entthronen und töd⸗ 145 ten würden. Er blieb ein einſamer Mann, aber ſein Herz empfand Dankbarkeit gegen die ſchöne und ſitten⸗ reine Frau, die ihm jeden Beweis loyaler Treue und echter weiblicher Freundſchaft gab, der ſich mit weiblicher Ehre und Sitte verträgt. Wäre Polixena von Roſenberg nicht von den Rathſchlägen der Jeſuiten beeinflußt ge⸗ weſen, die immer nur darauf hinzielten, dem Prinzen Ferdinand von Steiermark die Nachfolge zu ſichern, ſo würde ihr großes Herz und ihr feiner Verſtand ſie zur vortrefflichſten Rathgeberin für einen Fürſten gemacht haben, deſſen Charakter keineswegs bösartig, ſondern nur den Einflüſſen ſeiner Umgebung zugänglich war. Die Furcht vor dem Verrath ſeiner Vaſallen und den Mörderdolchen ſeines Bruders brachte den armen Mann auf eine betrübende Weiſe unter die Botmäßig⸗ keit ſeines Leibdieners; dieſen durch Wohlthaten, reiche Geſchenke und freundliche Worte an ſich zu feſſeln, ward dem armen Kaiſer allmälig zur hauptſächlichſten Lebens⸗ aufgabe, und ſelbſt Polixena's Freundſchaft konnte ihn von dieſer Manie nicht abziehen. Philipp Lang, Rudolf's vertrauter Kammerdiener, war der Schrecken von ganz Böhmen; keiner der Freunde, keiner der getreuen Räthe konnte zu des Kaiſers Perſon gelangen, ohne die ſchamloſe Geldſucht, den niedrigen Ehrgeiz dieſes Schurken zu befriedigen; ja ſeiiſt für Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 146 Polixena, die zwar die theure und geehrte Freundin Rudolf's, aber keineswegs ſein Liebchen war, blieb des Kaiſers Angeſicht tagelang unſichtbar, wenn das im In⸗ tereſſe jenes Schurken lag. So war auch an dem eben beſprochenen Abende die Gräfin längere Zeit nicht zu einer Beſprechung mit ihrem kaiſerlichen Freunde gekommen, und der nahe Schall der paſſauer Trompeten ſchnitt ihr ins Herz; denn ge⸗ rade der Umſtand, daß Rudolf den Abzug jener rohen Truppen aus ſeinen böhmiſchen Erblanden auf ihren Rath geboten hatte und daß dieſe ſich nun doch in näch⸗ ſter Nähe der Hauptſtadt befanden, ließ ſie für Prote⸗ ſtanten und Katholiken, ja vielleicht für des Kaiſers Per⸗ ſon ſelbſt das Allerſchlimmſte befürchten. Doch waren es nicht dieſe Sorgen allein, die der großdenkenden Frau das Herz bis zum Zerſpringen voll und ſchwer machten. Polixena kannte durch Apollonia's Vermittlung Kepler's Familienverhältniſſe aufs genaueſte, und hatte ſeine pecuniäre Lage ſo ſehr zu erleichtern gewußt, als dies unter den obwaltenden Umſtänden möglich war; ſie wußte auch jetzt von dem Elende, das ihm durch den über dem Haupte ſeiner Mutter ſchwebenden Verdacht der Hexerei die Seele zerriß.„Armer Johannes, armer theurer Freund!“ flüſterte eine weiche Stimme in ihrem reinen Frauenherzen. 147 Polixena, obgleich in den höchſten Verhältniſſen le⸗ bend, wußte, leider wußte ſie es aus eigener trüber Erfahrung, was der Verdacht der Ehrloſggkeit bei einem ehrenhaften Menſchen zu bedeuten habe, und wel⸗ cher Verdacht war in jenen finſtern Zeiten, die jetzt Gott Lob vorüber ſind, entſetzlicher als der, welcher über dem greiſen Haupte ſchwebte, das Johannes Kep⸗ ler als das Haupt ſeiner Mutter zu ehren und zu lie⸗ ben verpflichtet war; welche Sorgen mußten ſein Herz foltern bei dem ſo natürlichen Wunſche, ſeiner Mutter zu Hülfe zu kommen! Die Gräfin hatte vergeblich alle Mühe angewendet, ſich beim Kaiſer Zutritt zu ver⸗ ſchaffen und es zu vermitteln, daß er ſeinem Hof⸗ aſtronomen Zeit und Geld zu einer Reiſe in ſeine Hei⸗ mat gewähre. Es war ihr nicht gelungen, und mit trau⸗ rigen Augen ſah ſie mehr als einmal hinüber zu dem Mann, der ihrem Herzen theurer wie jeder ihrer an⸗ dern Freunde und dem ſie nicht einmal in ſeinem jetzigen neuen Leiden ein Troſtwort zu ſagen im Stande war. Denn es war nur zu leicht möglich, daß ſie ihn durch ein ſolches, das ihm die Gewißheit gab, der entehrende Verdacht, der über einem Gliede ſeiner Fa⸗- milie ſchwebte, ſei ihr bereits bekannt, nur noch mehr kränkte und betrübte. Kepler hatte an dieſem Abende überhaupt noch erſt 10* 148 wenige Worte mit der Gräfin geſprochen. Er war auf ihr ausdrückliches Erſuchen heute in ihren Sälen er⸗ ſchienen, und ſie hatte die Abſicht gehabt, ihn mit ihrer Freundin Frau von Lobkowitz zuſammenzubringen, die dem gelehrten Schwaben immer noch für den Ritter⸗ dienſt, den er ihr erzeigt, dankbar war; auch hoffte die Gräfin noch auf die Anweſenheit ihres einſtigen Lehrers Pater Johannes Fickler, der ihr gemeldet, daß er im Dienſte des Erzherzogs Ferdinand eine Sendung nach Prag an des Kaiſers Majeſtät empfangen habe und ſich herzlich freuen würde, dort neben andern alten Freunden auch ſeinen Verwandten, den gelehrten Aſtro⸗ nomen Johannes Kepler wiederzuſehen. Polixena fühlte ſich tief ermüdet; noch nie war es ihr ſo ſchwer als heute geworden, die Pflichten der auf⸗ merkſamen Wirthin zu erfüllen, und Kepler's Augen täuſchten ſich nicht, indem ſie bemerkten, daß das Ge⸗ fühl der Abſpannung ſich in den Zügen der ſchönen Frau auszudrücken begann. Mehrere Damen hatten unterdeß die Zahl der an⸗ weſenden Gäſte vermehrt, und das Geſpräch ward na⸗ türlich immer weniger allgemein. Man theilte ſich in einzelne Gruppen und plauderte nach Herzensluſt, als plötzlich, von allen laut bewillkommt, die edle Geſtalt Johannes Fickler's am Eingang des Saals erſchien. 149 Die Gräfin ging ihm freudig entgegen. Er war nicht allein, wie dies bei den Brüdern der Geſellſchaft Jeſu überhaupt nur ſehr ſelten der Fall iſt; ſein Be⸗ gleiter, der gelehrte Aſtronom Pater Cyſetus, ſuchte und fand ſogleich den Magiſter Kepler im Kreiſe der Anwe⸗ ſenden und machte es möglich, ſich demſelben alsbald anzuſchließen.„Wie ich mich freue, Euch wiederzuſehen, mein theurer, verehrter Freund“, ſagte der Jeſuit, ſeine hagern Hände dem ſich tief verbeugenden Schwaben ent⸗ gegenſtreckend.„Ihr habt die Welt von Euch reden ge⸗ macht und Euern Namen den unſterblichen beigeſellt. Eure beiden Geſetze von der Planetenbewegung erweitern, befeſtigen und klären das Syſtem des großen Copernicus und machen ſeine der Größe Gottes und der menſchlichen Vernunft gleich angemeſſene Lehre zur berechenbaren, mit allen Erſcheinungen am Sternenhimmel genau übereinſtim⸗ menden Gewißheit. Ihr habt der ſtaunenden Welt Großes, Unerhörtes gegeben, das Größte vielleicht, was der menſch⸗ liche Geiſt bis jetzt auffand: den Schlüſſel zu den Wun⸗ dern des Weltenbaus.“ „Ich danke Euch, o, ich danke Euch aus tiefſter Seele“, antwortete Kepler;„Eure Worte fallen erquickend wie Thau in meine durſtige Seele, aber, geehrter Freund und Mitarbeiter auf dem Felde der erhabenen Wiſſen⸗ ſchaft der Himmelskunde, wenn mir auch nach Gottes 150 Willen das Glück dieſer großen Entdeckung zu Theil ge⸗ worden iſt, das Verdienſt und daher auch die Ehre der⸗ ſelben gehört zweifellos meinem trefflichen Vorgänger Tycho de Brahe.“ „Wie?“ fragte Cyſetus mit ſichtbarem Erſtaunen. „Ihm, der das Copernikaniſche Syſtem verwarf und ſeine eigenen kleinlichen Träume und Gedanken an deſſen Stelle zu ſetzen verſuchte, wolltet Ihr die Ehre Eurer großen Entdeckungen zuweiſen? Das hört auf, Beſchei⸗ denheit zu ſein, Herr Magiſter!“ „Und doch iſt es nur einfache Gerechtigkeit. Tycho de Brahe war zwar nicht der tiefſte Denker, aber ſicher⸗ lich der fleißigſte Beobachter; er war ſich ſeines Fleißes, ſeiner Ausdauer, ſeiner großen Mühen wohl bewußt und forderte daher mit Recht die gebührende Ehre von der Welt. Um dieſe zu erlangen, erdachte er ſein Weltſy⸗ ſtem, das mit der kleinlichen Kenntniß früherer Jahrhun⸗ derte, mit den Anſichten und täglichen Erfahrungen der Menſchenmenge und mit dem Wortlaut der heiligen Schrift mehr als das Copernikaniſche übereinzuſtimmen ſcheint. Aber er ſelbſt hat durch ſeine treue Beobachtung eines einzelnen Weltkörpers, des Planeten Mars, das Syſtem ſeiner Eitelkeit zu Schanden gemacht; die Marsbahn iſt eine Ellipſe, das laſſen ſeine eigenen Be⸗ obachtungen erkennen, und alle andern Planetenbahnen 151 ſind es auch, denn die Geſetze Gottes zeigen ſich in der Natur von der erhabenſten Einfachheit und gründen ſich überall auf Nothwendigkeit.“ Bei dieſen Worten, die Kepler in der Erregung ſei⸗ nes Herzens mit etwas erhöhter Stimme geſprochen hatte, war Eva von Lobkowitz den beiden Sprechern ſo nahe getreten, daß ſie leiſe ihre ſchöne Hand auf Kepler's Arm legen konnte, der aufſchreckend in das Antlitz der trauernden Dame blickte. „Verzeiht mir, mein werther Freund, die Dreiſtig— keit, mit der ich die Geſpräche ſo großer Geiſter zu unter⸗ brechen wage, ich bin aber eigentlich dazu von meiner theuern Freundin Frau von Roſenberg beauftragt wor⸗ den. Sie wünſcht, daß Ihr, Herr Magiſter, recht bald Gelegenheit nehmt, die beiden Geſetze, mit denen Ihr die Wahrheit des Copernikaniſchen Syſtems erläutert und berichtigt habt, den hier anweſenden Damen verſtänd⸗ lich machen ſollt.“ Pater Cyſetus ſah der Sprecherin ziemlich verwundert in das hübſche blaſſe Angeſicht und ſagte dann:„Dieſer Aufgabe würde ich wenigſtens mich nicht gewachſen fühlen, mein gnädigſtes Fräulein; auch fürchte ich ſehr, daß der anweſende Damenkreis wenig Unterhaltung an einer derartigen Erklärung finden dürfte, geſetzt auch, daß der gelehrte Magiſter Kepler die große Gabe der Beredtſamkeit hätte, das in Rede 152 Stehende für Damenohren ganz genau verſtändlich zu machen.“ Eva von Lobkowitz lächelte dem ältlichen Herrn, der dieſe wenig ſchmeichelhaften Worte ausſprach, mit einem Aufluge der Schalkhaftigkeit ihrer glücklichern Jahre zu und ſagte:„Ich bin hier blos Geſandtin einer höhern Macht, die Botin der ſchönen, klugen, ja, wie man ſagt, faſt gelehrten Herrin dieſes Hauſes, Frau von Roſenberg. Die dankbare Schülerin des ehr⸗ würdigen Pater Johannes Fickler meint, daß von allen anweſenden Damen keiner die unerlaßlichſten Vorkennt⸗ niſſe fehlen würden, die Erklärung der Geſetze zu ver⸗ ſtehen, die Se. Majeſtät der Kaiſer Wunder menſchlicher Erkenntniß und Wiſſenſchaft genannt und deren Wahr⸗ heit der gelehrie Profeſſor Galileo Galilei in Padua durch ſeine Erfindung des großen Sehrohrs, deſſen Con⸗ ſtruction ihm der hier anweſende Hofaſtronom Herr Johannes von Kepler auch angegeben hat, beſtätigt, durch den Augenſchein beſtätigt geſehen habe.“ „Auch davon habt Ihr ſchon gehört, edles Fräulein?“ fragte Pater Cyſetus mit ſehr freundlichem, faſt väterli⸗ chem Tone.„In der That, die Damen am Hofe zu Prag verdienen den Ruf der mit Gelehrſamkeit und hoher Bildung vereinigten Schönheit, den ſie weit und breit genießen.“ — —x 153 „Eigentlich iſt es freilich nur die edle Gräfin von Roſenberg, der die Damen Prags dieſen Ruf verdanken“, lächelte Eva,„und in der That iſt Polixena eine Frau, deren Namen man einſt dem einer Aspaſia an die Seite ſetzen wird.“ Kepler zuckte bei dieſer Rede ſichtbar zuſammen und erklärte ſich dann bereitwillig, den Befehlen der Frau Gräfin und des edlen Fräuleins nach beſten Kräf⸗ ten gehorſam zu ſein. Mit leichtem Schritte trat er zu dem Tiſch der Damen, wo Frau von Roſenberg ihm bereits neben ihrem eigenen Sitze Platz gemacht hatte, und verſuchte gar nicht erſt eine Entſchuldigung über die Unſchmack⸗ haftigkeit ſeines Themas vor den Zuhörerinnen auszu⸗ drücken. Frau von Roſenberg ſchaute nachdenkend in die braunen Augen ihres gelehrten und in dieſem Mo⸗ mente offenbar nicht wenig verlegenen Freundes. Kep⸗ ler's Stirn war tief erbleicht, und die Hand, die er auf die Marmorplatte des Tiſches legte, zitterte ſichtbar. „Soll ich Ihnen, meine Damen“, ſagte er ernſthaft, „durch trockene mathematiſche Figuren erläutern, was nur darum ſo groß, ſo erhaben iſt, weil es den Beweis lie⸗ fert, daß nach Gottes allmächtigem Willen die Sterne ihre Bahnen nach feſtſtehenden Geſetzen in unſtörbarer Regelmäßigkeit wandeln, und daß in der Natur Kräfte exi⸗ 154 ſtiren müſſen, die von Stern zu Stern durchs ganze Weltall wirkend die heilige Ordnung der Natur erhalten? Werden Sie Theil daran zu nehmen im Stande ſein, wenn ich Ihnen auseinanderſetze, daß die mathematiſchen Linien, die ich Ihnen hier auf eine Schiefertafel zeich⸗ nen kann, in den ungemeſſenen Fernen, wo die Plane⸗ ten ſich bewegen, eine tiefe, ungeheure Bedeutung an⸗ nehmen? Verzeihen Sie mir, wenn ich das nicht kann! Es ſcheint mir der Frauenſeele angemeſſener zu ſein, ſich mit der Gewißheit zu begnügen, daß Gottes Wille die Heere der Sterne an dem Bande ſeiner Allmacht durch die Himmelsräume führt und daß die Geſetzmä⸗ ßigkeit der Schöpfung eben wie ihre Schönheit uns Er⸗ denbewohnern kund wird durch das Auge, dieſen kleinen Spiegel, der aber fähig iſt, in ſich die Unermeßlichkeit des Weltalls in ihrer ganzen erhabenen Schönheit auf⸗ zunehmen.“ Der Gelehrte richtete ſich nach dieſen Worten von dem Seſſel, den er eingenommen, wieder empor. Jede Spur von Befangenheit war aus ſeinem edlen Antlitz verſchwunden, ein hohes Selbſtbewußtſein, das von dem Ausdruck echter Beſcheidenheit gemildert und verklärt erſchien, wie etwa das Licht der Morgenſonne verklärt iſt durch die leichten Wölkchen, die in kurzer Zeit als erfriſchende Thautröpfchen zur dürſtenden Erde 155 niederſinken, von der ſie emporgeſtiegen ſind, lag in ſei⸗ nen Zügen, zu denen die Anweſenden wie zu denen ei⸗ nes Götterbildes jetzt emporblickten. Polixena war von einem ſichtbaren Zittern ergrif⸗ fen. Sie ſtreckte ihre Hand zu ihm empor, ſie wollte ihm zurufen:„Verzeihen Sie die Unüberlegtheit meiner Anforderung!“ aber die Zunge verſagte ihr, ſie ſtützte ſich feſt und feſter an den Seſſel, auf dem ſie neben Kepler geſeſſen hatte, und plötzlich fühlte ſie ſich wanken und lag, von tiefer Schwäche angewandelt, einen Mo⸗ ment lang bewußtlos in den Armen des faſt aufrecht ſtehenden Mannes. Faſt im Moment dieſes ſeltſamen und die Geſell⸗ ſchaft beunruhigenden Ereigniſſes war Apollonia einge⸗ treten, ihrer gütigen Herrin und Wohlthäterin Hülfe zu leiſten; doch bedurfte es für Kepler nicht des bedeutungs⸗ vollen Blickes ihrer Mutteraugen, um ihn zum vollen Bewußtſein des Moments zu bringen. Der gewiegteſte Weltmann hätte ſeine Ruhe nicht feſter behalten können in dem Kreiſe der ihn umgebenden vornehmen Beobachter, als der junge ſchwäbiſche Magiſter, der die ſchöne Geſtalt der Frau, die das Ideal ſeines Herzens war, ohne nur mit der Wimper zu zucken, in die Arme der Dienerin legte, die allein wußte, was ſich wahrſcheinlich im Herzen ihres geliebten Sohnes regte. 156 Und doch erkannte Apollonia die Regungen in Kep⸗ ler's Herzen nicht mit der ihr ſonſt eigenen Sicherheit; ſie konnte es nicht, keine Frau hätte es gekonnt, denn keine Frau weiß, welche Macht die Erhabenheit der Wiſ⸗ ſenſchaft auf das nach ihren höchſten Höhen ſtrebende Männerherz ausübt. Johannes Kepler, deſſen ſtill, aber mächtig ſich ent⸗ wickelnder Leidenſchaft für Polixena ſeine Familienver⸗ hältniſſe und ſein ernſtes Pflichtgefühl keinen Damm hatte entgegenſtellen können, der vor kurzem noch einen Moment gefühlt hatte, daß es möglich geweſen wäre, ſein religiöſes Bekenntniß, für das er ſo viel gelitten, der Ausſicht auf die Möglichkeit ihres Beſitzes zu opfern, der, neben ihr in heißer Leidenſchaft entbrennend, die über ſeinem Familienkreiſe als drohende Wolke hängende Schande hatte außer Acht laſſen können, der die Ge⸗ fahr, die über der Stadt, ſeiner Familie und ſeinen Glau⸗ bensgenoſſen ſchwebte, kaum beachtet hatte, verließ das Haus Polixena's als ein von ſchwerer Krankheit Geneſender. Zerſtreut war in ſeiner lichten Seele das wilde Gewölke der Leidenſchaft, Frau von Roſenberg war ihm von dieſem Tage nichts Anderes mehr, als die Er⸗ ſcheinung, die dem knabenhaften Jüngling einſt auf dem rebenumrankten Balkon in Tübingen gezeigt, welche Bedeu⸗ tung Frauenſchönheit für des Mannes Herz haben kann. Sechstes Kapitel. Während Johannes Kepler ſein Leben in Prag in tauſendfachen Sorgen und Kämpfen hinbrachte und da⸗ neben den trüben Zeiten, die am politiſchen Himmel Deutſchlands emporzogen, nicht ohne große Unruhe entgegenſah, war ſeine Familie in Schwaben in der ſteten feſten Ueberzeugung, daß das Glück ihn wie keinen andern Erdgeborenen in ſeinen goldenen Armen trage. War er doch ein vornehmer, hochgeehrter Mann am kaiſerlichen Hofe, hatte eine reiche und ſchöne Frau, die ungeheure Summe von 2000 Gulden jährlichem Gehalt und einen Ruhm, der ſelbſt bis in die kleinen Städtchen Schwabens ſeinen Weg gefunden. Denn Domine Mäſt⸗ lin in Weil der Stadt, der einſt die verurtheilte Strei⸗ cherin zum Scheiterhaufen begleitet und die Apollonia Wellinger in ihrem ſtillen Hauſe in Magſtatt aufgeſucht hatte, der ſtrenge Bruder von Kepler's Lehrer in Tü⸗ 158 bingen, deſſen Lippen dem Jünglinge einſt die großen Lehren des Copernicus zugeflüſtert hatten, erzählte im Kreiſe ſeiner Bekannten ſehr oft von dem großen Mann, der aus ſeiner Heimat, ſeiner Gemeinde ſtamme und von ihm gewiß das Bad der heiligen Taufe empfangen haben würde, wenn ſeine Mutter ihn nicht um mehrere Wochen zu früh beim Beſuch im Hauſe von Verwandten zur Welt gebracht hätte. Das Leben in den drei kleinen Städtchen, die bis auf den heutigen Tag darauf An⸗ ſpruch machen, den größten Gelehrten, den edelſten Menſchengeiſt ſeiner Zeit den Ihrigen zu nennen, war ſeit Kepler's Geburt und den Tagen, da man ſeine arme, halb wahnſinnige Mutter der Hexerei beſchuldigte, wenig verändert, wenn es gleich in der Na⸗ tur der Sache liegt, daß die einzelnen Menſchen an ſich die Veränderung erfahren, die wir alle, alle ohne Unter⸗ ſchied, im kurzen Lauf der Jahre erfahren müſſen. Die Knaben waren Männer, die jungen Mädchen Matronen, die Männer und Frauen Greiſe und Greiſinnen gewor⸗ den. Domine Mäſtlin war ein gar alter Herr, hielt ſich aber noch aufrecht und wacker, und ſeine Predigten wa⸗ ren ebenſo lang und ebenſo eifrig als ſonſt, da ſeine Stimme noch lauter als jetzt durch die Hallen der Kirche donnerte.„Eifern iſt gut, wenn man für die Sache Got⸗ tes eifert!“ war der apoſtoliſche Wahlſpruch des würdi⸗ 159 gen Herrn, dem es im Grunde genommen doch recht lieb war, daß der Apollonia Wellingerin, die zu ihrer Zeit gar ein ſanftes und hübſches Weiblein geweſen, die Buhlſchaft mit Satanas nicht hatte erwieſen werden kön⸗ nen und der durch ſeinen Bruder ein wenig davon be⸗ nachrichtigt war, daß die Angeklagte von damals ſich in der Nähe des hochvornehmen, aus Weil ſtammenden Hof⸗ aſtronomen Kaiſer Rudolf's Johannes Kepler, in der Reſi⸗ denzſtadt Prag befinde. Domine Mäſtlin erinnerte ſich des quäſtionirten Kepler noch aus der Zeit, da derſelbe der erklärte Lieblings⸗ ſchüler des Magiſter Beilmann und ein gewecktes und beſcheidenes Bürſchchen geweſen war, denn Domine Mäſt⸗ lin war mit Beilmann gut bekannt geweſen und hatte ihn als Lehrer immer hochgeſchätzt, wenngleich er ein⸗ geſehen, daß deſſen Lauheit gegen das gereinigte Evan⸗ gelium ihn nicht zu einem Kirchenpfeiler, wie er ſelbſt es geworden war, eigne. Beilmann ſchlief lange ſchon den ewigen Schlaf; er hatte noch die große Freude gehabt, den raſch aufwach⸗ ſenden Ruhm ſeines einſtigen hochgeliebten Schülers zu erleben, und Johannes Kepler hatte es nicht unterlaſſen, jedes ſeiner in der gelehrten Welt ſo großes Aufſehen machenden Bücher dem Mann zu überſenden, der in ſei⸗ ner Seele den Grund zu dem Streben gelegt hatte, das 160 ihn mit heiligem Eifer trieb, die Größe ſeines Schö⸗ pfers in der Schöpfung zu ſuchen. Chriſtoph Kepler war Zinngießer in Leonberg, ein geſchickter, ehrbarer und in ſeiner Heimat wohlberufener Handwerker, ſehr ſtolz auf ſeinen vornehmen Bruder, den Mathematikus, und nicht weniger auf ſein Schweſterlein, die Frau Pfarre⸗ rin Margarethe Binder in Heumaden. Heinrich Kepler war, wie ſein Vater, lange Zeit mit ſeinem ausländiſchen Weibe verſchollen geweſen, hatte ſich aber unlängſt ohne daſſelbe in der Heimat wieder eingefunden und im großen Unfrieden mit ſeiner Mutter in deren Hauſe eingerichtet. Katharina Kepler war ſehr alt geworden, aber noch ebenſo unruhig, ebenſo ſtörriſch und ebenſo unglück⸗ lich als in den Jahren ihrer Jugend und Schönheit, und dieſe Eigenſchaften waren es denn auch geweſen, welche die unglückliche Frau in die ſeltſamen Zerwürf⸗ niſſe gebracht hatten, von denen ihre Kinder und Freunde ihrem Sohne Johannes Kepler, deſſen Stellung am kaiſer⸗ lichen Hofe ſie für faſt allmächtig hielten, geſchrieben hatten. Das Leid und die Schande ſeiner Mutter war eine große Laſt mehr, die das Schickſal den vielfachen Er⸗ denlaſten, die auf Kepler's Herzen lagen, hinzufügte. Kepler hatte von ſeiner Kindheit an mitten unter den dogmatiſchen Streitigkeiten ſeines Zeitalters gelebt, er hatte unter denſelben ſelbſt mannichfach gelitten und 161 ihm befreundete Herzen darunter leiden ſehen. Er hatte aber auch unter allen Glaubensparteien Menſchen gefun⸗ den, die er ehren und lieben mußte, nicht nur weil ſie ihm Gutes gethan, ſondern weil ſie das Gute mit voll⸗ kommenem Ernſt und aus echter Frömmigkeit gethan hatten. Er konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Freunde und Schützer, die gelehrten Jeſuiten, ebenſo zu ehren als ſeinen alten Lehrer, den ſtrengen Proteſtanten Oſiander, und in Rabbi Löw, dem trefflichen prager Juden, er⸗ kannte ſeine Seele ja auch ein echtes Kind Gottes, wie auch in dem trefflichen Apian, der, wie Kepler ſelbſt, ſich geweigert hatte, die Concordienformel zu unterſchreiben. Daß der Glaube eines Menſchen, der ihm ja faſt immer durch Geburt und andere zufällige Umſtände ſeines Lebens überkommt, nicht der Maßſtab ſeines moraliſchen Werthes ſei, hatte Kepler der Proteſtant längſt mit Klarheit erkannt. Und dennoch fehlte ſei— ner großen Seele nicht das ſo echt menſchliche Sehnen nach einer innigſten Vereinigung mit Gott, der für ſein weiches Menſchenherz nicht der ſtrenge Jehovah der Juden war, deſſen Zürnen über die Sündhaftigkeit ſei⸗ ner eigenen mangelhaften Geſchöpfe das blutige, grau⸗ ſame Opfer eines edlen Schuldloſen verſöhnen mußte. Seinem weichen, liebreichen Menſchenherzen lächelte Gott, die erhabene Weltſeele, liebevoll aus jedem Sonnen⸗ Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 11 162 ſtrahl, groß und allmächtig aus jedem lichten Sterne entgegen. Die Geſetze, die das Weltall in ſeinen Bah⸗ nen erhalten, ſuchen, war für ihn Gottes Wille, und in der Kenntniß der Regelmäßigkeit, Geſetzmä⸗ ßigkeit und Schönheit des Weltalls erkannte er den Geiſt der Welt, den erhabenen Gottesgeiſt, der durch alle ſeine Geſetze das Beſtehen und Wohlbefinden des großen Weltganzen und jedes kleinſten Einzelweſens bezweckt. Gott in der Natur zu ſuchen und zu finden war ſeine Religion, und er war in derſelben der Vor⸗ gänger vieler großen Menſchenherzen und als ſolcher auch der Märtyrer derſelben. Die Religion jedes Menſchen ſoll ſeine Stütze und ſein Stab ſein in den Drangſalen des Erdenlebens; ſie ſoll ihn muthig machen zur Erfüllung ſeiner Pflichten, feſt gegen die Verſuchungen der Leidenſchaften, getreu auch in den kleinlichen Pflichtanforderungen, die die Ver⸗ hältniſſe an ihn machen, und dieſen Stab und dieſe Stütze fand Kepler's große Seele nicht in dem engen, kalten Buchſtabenglauben des Proteſtantismus ſeiner Zeit, in dem er geboren und erzogen worden war, ſondern vollſtändig in der erhabenen Wiſſenſchaft, der er ſein Leben hingab. Als Polixena von Roſenberg die Erkennt⸗ niß, die er mit Anſtrengung all ſeiner Kräfte als eine große heilige Wahrheit aufgefunden, zum Unterhaltungs⸗ 163 gegenſtand eines Kreiſes vornehmer Damen zu machen wünſchte, ſank ſie plötzlich vor ſeiner Seele herab von dem erhabenen Standpunkte, auf den er ſelbſt ſie geho⸗ ben. Sie war nicht mehr die großdenkende Freundin, geſchaffen und befähigt, mit ihm die unendlichen Hallen des Weltalls zu betrachten und ſtaunend und ſelig anzu⸗ beten. Sie war ein Weib, ſchön und gut, vielleicht ſo⸗ gar ihm wahrhaft ergeben, aber eben dieſe Ergebenheit konnte für ihn und ſie ſelbſt eine Verſuchung zu niedri⸗ ger Treuloſigkeit, ein Irrweg zu ehrloſem Pflichtvergeſſen werden. Jetzt erſt verſtand Kepler ſeine mütterliche Freun⸗ din Apollonia vollkommen, und ſein Herz dankte ihr mit tiefer Rührung, daß ſie ihm die Demüthigung erſparte, ein Gefühl vor menſchlichen Ohren auszuſprechen, das unerlaubt und unrein ward eben ſchon durch das bloße Wort. Der Gelehrte verließ die Säle der Frau, die ſein Männerherz noch vor Stunden wie eine Gottheit anbe⸗ tete, mit der feſten Ueberzeugung, daß es ihm ſchädlich ſei, ihre Nähe allzuſehr zu ſuchen, daß vielmehr die Pflicht gegen ſein Weib von ihm fordere, die ſtolze Dame, die eine Kaiſerin hätte ſein können, zu meiden, weil man kein fremdes Weib anblicken ſoll mit dem Gefühle des Begehrens. Durch die ſchmuzigen Straßen ſchreitend, die ſeine 11˙ 164 kleine bürgerliche Wohnung von dem glänzenden Roſen⸗ berg'ſchen Palaſt ſchieden, in welchem er ſo viele Stun⸗ den eines träumeriſchen Glücks genoſſen, gedachte er faſt unaufhörlich ſeines armen verſchollenen Vaters, deſ⸗ ſen Schuld gegen ſeine arme Mutter ihm ſtets ſo groß, ſo unſühnbar erſchienen war. Was hatte Heinrich Kepler denn mehr gethan, als die begehrlichen Männeraugen zu einem ſchönen Weibe erhoben, als er lange ſchon einem andern eheliche Treue und Liebe, Treue in Noth und Tod, Treue in geſunden und kranken Tagen, Treue in Glück und Leid geſchwo⸗ ren hatte? Die Straßen des nächtlichen Prag waren noch ſtill und friedlich; einzelne Wächter, zu den Aufgeboten ge⸗ hörig, die Polixena's Schwager, der proteſtantiſche Herr von Roſenberg, gegen das Andrängen des paſſauer Kriegsvolks geworben hatte, durchſchritten ſie lautlos, und manches Haupt, deſſen Sturmhaube ein bekanntes Geſicht deckte, neigte ſich grüßend vor dem ſtillen Ge⸗ lehrten, den man in Prag als aufrichtigen Proteſtanten und dennoch redlichen Diener des ſchwachen und bei kei⸗ ner Partei ſeiner Unterthanen geehrten oder geliebten Kaiſers kannte. Kepler's Wohnung war dem Kaiſerpalaſt nicht all— zu fern, auch nicht ſehr weit von dem ſtolzen Hauſe, das 165 Tycho de Brahe einſt als kaiſerliches Geſchenk beſeſſen hatte. Nur aus einem der niedern Fenſter, aus dem des Schlafzimmers ſeiner lieben Kinder, blickte Licht in die dunkle Gaſſe hinaus, aber auch das war für den heim⸗ kehrenden Hausvater eine ungewohnte Erſcheinung. Sonſt lag um dieſe Zeit Alles im tiefen Schlafe. Wenn er leiſe den Bart ſeines Schlüſſels in das Schlüſſelloch ſteckte, hörte ihn Niemand, und er ging auf ſein Zimmer, ohne zu ſtören oder geſtört zu werden. Kepler war abends von Hauſe oft abweſend, nicht eben in Geſellſchaft, denn er beſuchte keine andere als die der Gräfin von Roſenberg, doch war er bisweilen auf des Kaiſers ausdrücklichen Befehl bei Rudolf's aſtrologiſchen Forſchungen anweſend und arbeitete zu andern Zeiten auf Tycho's Sternwarte, wo er die ſchönen, von dieſem Gelehrten nachgelaſſenen Inſtrumente allein anzuwenden das Recht hatte und auch deſſen ſonſtigen gelehrten Nachlaß benutzen durfte. Es war das für ihn von großem Nutzen, hatte ihm aber auch viele Kämpfe und Streitigkeiten mit Tycho's unge lehrten und ungroßmüthigen Erben gekoſtet. Der ſtre⸗ benden Seele des unermüdlichen Forſchers war jedoch nichts zu ſchwer, wo es galt, die heiligen Räthſel im Buche der Natur zu entziffern, und ſelbſt die Demüthigungen der ſtolzen Nachkommenſchaft ſeines ſtolzen Vorgängers nahm er ohne Zorn und Empfindlichkeit hin, nur eins 166 feſt im Auge behaltend, daß Tycho's getreue vieljährige Beobachtungen der Marsbahn ihm, der dieſelben vom richtigen Standpunkte aus betrachtete, und Tycho’s ſchöne Inſtrumente ihm und ſeinen Beſtrebungen zur Erforſchung der Geſetze des Weltſyſtems und durch ihn der Menſch⸗ heit von nnberechenbarem Nutzen ſein mußten. Als Johannes ſeine Blicke von dem Fenſter ab⸗ wendete, hinter dem das Licht brannte, das ihm von der wahrſcheinlichen Krankheit eines ſeiner Kinder erzählte, richteten dieſelben ſich unwillkürlich nach dem dunklen Punkte am Winterhimmel, den er als die Sternwarte kannte, wo ſeinem treuen Forſchen jene beiden großen Naturwahrheiten klar geworden, die die Welt jetzt unter dem Namen der beiden erſten Kepler'ſchen Geſetze kennt, und dabei erfüllte ein Gefühl ſein ganzes Ich, das Menſchenworte ſchwerlich auszuſprechen vermögen, ein Gefühl der Freude, ſo beſeligend, daß man ſie faſt übermenſchlich hätte nennen mögen. Glühenden Ant— litzes trat er ein in ſein kleines Haus, das der ſtolze Däne als das armſelige Neſt eines Bettlers verachtet haben würde, aber wie wenig dachte Kepler jetzt an den Stolz und die Anmaßungen ſeines Vorgängers. Von ſeinem kleinen Zimmer hinüberſchauend nach dem ſtatt⸗ lichen Palaſt des Dahingeſchiedenen, faltete er die Hände und flüſterte leiſe:„Ich danke Dir, Tycho, o wie danke — 167 ich dir, und wie beklage ich dich, armer irrender Men⸗ ſchengeiſt! Dein edler Fleiß nicht allein, auch ſelbſt deine Schwäche, die Eitelkeit, die dich an einem klein⸗ lichen Syſtem feſthalten ließ, weil es ein Syſtem dei⸗ ner eigenen Erfindung war, hat mir das erhabene Glück geſichert, das Geſetz zu erforſchen, nach dem die Plane⸗ ten und ihre zahlreichen jüngern Geſchwiſter, die Kome⸗ ten, ſich in den unendlichen Himmelsräumen bewegen. O nichts iſt es, daß man einſt meinen Namen neben dem des erhabenen Copernicus nennen wird, bis die Himmel veralten werden wie ein Kleid; was mich ſo reich und freudig macht, iſt einzig die Ueberzeugung, daß die Wahrheit einen Zipfel ihres Schleiers vor mei⸗ nen ſtaunenden Menſchenaugen lüftete. Aber ſo gewiß Gott lebt und mich gewürdigt hat, einen Blick in das Heiligthum ſeiner Schöpfung zu werfen, ſo gewiß ſoll auch deiner gedacht werden, Tycho de Brahe, fleißi⸗ ger Forſcher im Buche der Natur, treuer Leſer ſeiner heiligen Schriften. Habe Dank, Tycho, habe Dank!“ Ein glänzendes Licht zuckte in dieſem Augenblick in der Nähe von Tycho's Palaſt über die dunklen Himmels räume und ſchien ſekundenlang die dunklen Wolken des winterlichen Nachthimmels zu theilen— ein Meteor von glänzender Schönheit.„Das war dieſſeits des Gewöl⸗ kes, kein aus unendlichen Fernen zu uns herüberſtrah⸗ 168 lender Stern“, flüſterte Kepler, der ernſte Beobachter der Naturerſcheinungen.„Das war ein Gebilde, der Erde angehörig, zu der es wieder zurückgekehrt iſt.“ Er hatte ſich bei dieſen Worten von ſeinen Knieen erhoben und lehnte ſich, die Rauheit der Winternacht nicht in Anſchlag bringend, weit aus dem geöffneten Fenſter. Weit ab, auf der Seite des Laurenzibergs, war der Himmel geröthet und Flammen zuckten vom Horizont empor. „Dort lagern die Paſſauer, ein Dorf ſteht, keine Meile von Prag, in lichten Flammen. Gott ſei den friedlichen Landleuten gnädig, die ſich jetzt in den Hän⸗ den jener Mordbrenner und Unholde befinden. Aber ich will zu den Meinen gehen, zu meinen Kindern und meinem armen Weibe, deſſen Herz gewiß von Angſt er⸗ füllt iſt vor dem Unheile, das jetzt auch unſere ſtille und friedliche Heimat bedroht und ſie in kurzem viel⸗ leicht in einen Aſchen- und Schutthaufen verwandeln wird.“ In der nächſten Minute befand Kepler ſich in der Schlafſtube ſeiner Kinder, wo auch Barbara ſich für dieſe Nacht hatte ihr Bett aufſchlagen laſſen. Sie ſaß in demſelben aufrecht, und war verſtört und erſchrocken, ſowohl durch die glänzende Himmels⸗ erſcheinung als auch durch die Feuerzeichen am Hori⸗ 169 zonte, die von ihrem Bette aus deutlich durch das Fen⸗ ſter zu erblicken waren. „Unſere kleine Magdalene iſt krank, Johannes, recht ſehr krank, und ich war ſchon recht in Angſt ihretwegen und hätte am liebſten einen Boten nach Dir geſendet, oder auch nach der klugen Großmutter Apollonia, die für Alles, Fieber und Reißen, für Zahnweh und Bauch⸗ grimmen ſo gute Mittel hat“, ſagte Barbara ſehr eilig. „Schau' Dir nur das Kind an, Johannes, und Gott wolle geben, daß Hülfe nicht zu ſpät kommt.“ An das reinliche Bettchen ſeines fiebernden Kindes tretend, konnte Kepler ſich allerdings nicht darüber täu⸗ ſchen, daß das kleine Weſen ſehr krank ſei. „Lege Du Dich jetzt ruhig nieder, meine liebe Bar⸗ bara“, ſagte er, ſeinem Weibe freundlich die Hand rei⸗ chend.„Du weißt, daß mir das Nachtwachen nicht ſchwer fällt, da es zu meinem Lebensberufe gehört, Du aber wirſt ſchon müde ſein und biſt überhaupt noch ange⸗ griffen von Deinem Wochenbette. Gott erhalte uns allen Deine Kraft und Geſundheit, Du aber vernachläſ⸗ ſige nicht, ſie nach beſter Möglichkeit zu ſchonen.“ „Ja, dazu iſt gerade auch alle Möglichkeit vorhan— den“, entgegnete Barbara.„Eine große Wirthſchaft, die beſorgt werden muß mit einer böhmiſchen Magd, fünf Kinder, darunter jetzt wieder ein Säugling und 170 das vorjüngſte krank. Der Ludwig und das Marga⸗ rethlein gehen zur Schule und müſſen um acht Uhr ſchon fertig gewaſchen und angezogen ſein, und mein eigen Töchterlein, kaum neun Jahre alt, ſoll dabei ihnen helfen. O's iſt ihr, dem adligen Fräulein, nicht an der Wiege geſungen, daß ſie ſchon in der Kinderzeit wird ſchwer arbeiten und ihren Stiefgeſchwiſtern aufwarten müſſen.“ „Beruhige Dich, meine arme Barbara“, ſagte Kepler, die Hand ſeiner Frau ſtreichelnd.„Ich weiß, Du arbei⸗ teſt für uns alle und erziehſt unſere Kinder gut, ſie eben—⸗ falls an Thätigkeit und Arbeit gewöhnend; ich ſage, unſere Kinder, denn ich habe gegen Deine Tochter erſter Ehe ſtets ein aufrichtiges Vatergefühl gehegt und wüßte keinen Unterſchied in meinem Herzen zwiſchen ihr und ihren jüngern Geſchwiſtern.“ Barbara zuckte mit einem häßlichen Ausdruck ihres ſchönen Geſichts die Achſel.„Gut für die, welche das glauben“, ſagte ſie recht bitter. Die Nachtwache, Kepler's ſpäte Heimkehr und die Angſt um das kranke Kind hatten ſie wieder einmal verdrießlich gemacht, und die ſanfte Freundlichkeit und ruhige Würde ihres Gatten übten kaum einen beſchwichtigenden Einfluß auf ihr ver⸗ ſtimmtes Gemüth. Barbara Kepler gehörte zu den Perſonen, die ſich 171 ihrer Vorzüge in jedem Augenblick voll bewußt und bereit ſind, ſie ihren Umgebungen als Verdienſte vorzu⸗ zählen. Sie war in der That eine ſparſame, thätige Haus⸗ frau; ſie war ſehr hübſch, aus guter Familie und ſelbſt jetzt nach vielen Verluſten, die ſie in Steiermark erlitten, nicht ohne Vermögen. Wenn ſie aber dieſes Alles ihrem ſtets liebreichen Gatten als ihr großes Verdienſt auf⸗ zählte, ſo unterließ ſie andererſeits nicht, ihm die Un⸗ glücksfälle, welche ſie betroffen, das unregelmäßige Ein⸗ gehen ſeiner Einkünfte, die häufige Kränklichkeit der Kinder, ja ſelbſt die ängſtliche und unruhvolle Zeit, in der ſie lebten, als Folgen ſeiner Fehler vorzurechnen. Kepler war an dieſe ſonderbare, wenngleich nicht eben ſeltene Art ſeiner Frau ſchon gewöhnt und die unverwüſtliche Freundlichkeit und milde Ruhe, die er ihr entgegenſetzte, hatten ihren Grund erſtlich in der tiefen, faſt unerſchöpfli⸗ chen Güte ſeines Charakters, dann aber auch in dem ihm ſtets gegenwärtigen Bewußtſein, daß er die Mutter ſeiner Kinder wirklich nicht ſo liebte, wie er nach ſeiner Anſicht von den Pflichten der Ehe ſie hätte lieben ſollen und können, wenn ſie eben anders oder, wie er ſich ſcham⸗ voll anklagte, eine Andere geweſen wäre. Es waren noch nicht viele Stunden verfloſſen, ſeit er dieſe Andere auch als ein Weib mit weiblichen Feh⸗ lern und Schwächen erkannt und ſich ſelbſt das ſtille Ge⸗ 172 lübde geleiſtet hatte, dem Weibe, welchem er Treue gelobt, nicht nur die freundlichſte Nachſicht zu gewähren, ſondern auch jeden ohne Heuchelei möglichen Liebesbeweis zu geben. „Jetzt iſt die Zeit, dies Gelübde zu halten“, flü— ſterte die Stimme ſeines edlen Herzens ihm zu. „Komm, Barbara, mein liebes, müdes Weib“, ſagte er, und ſeine Stimme war ſo mild und zärtlich, daß ſie wie Sonnenlicht in das Herz der Hörerin fiel,„lege Dich jetzt nieder, hier, wo ich auch Deinen Schlaf neben dem unſeres kranken Kindes bewachen kann. Morgen mit dem Früheſten gehe ich hinab in den Ghetto zu Rabbi Löw und bringe ihn hierher, daß er unſerer Magdalene ſeine ärztliche Hülfe ſpende.“ Er hatte bei dieſen Worten ſie zärtlich auf die weiße Stirne geküßt, und als er ſich von ihr abwenden wollte, um an das Bett des Kindes zu gehen, fühlte er, daß ſie ſchluch⸗ zend die Arme um ſeine Schultern ſchlang und, ſein Haupt zu ihren Lippen niederziehend, ſeine Augen zärtlich küßte.„Was haſt Du? Warum weinſt Du, mein liebes Weib?“ fragte er mit der ganzen zarten Milde ſeines Weſens. „O Johannes, mein herzlieber Mann, ich habe nur das Eine, aber das iſt mir ſchwerer als alles Andere, die Gewißheit, daß ich Deiner nicht werth bin, und daß ich dies auch nie geweſen bin, noch werden 173 kann. Ich habe das Gefühl in meinem Herzen oft, mehr als einmal wenigſtens ſchon gehabt. Du biſt ſo gut und liebſt mich immer, immer mit treuem, redlichem Herzen, und was ich auch thun mag, Deine Liebe bleibt immer dieſelbe. Jetzt war ich ſo ärgerlich wieder; ich ſchalt in meinem Herzen auf Dich und blieb eben nur munter, um Dir böſe Worte zu ſagen, weil Du unter den vornehmen Leuten geweſen biſt, während ich hier bei den Kindern verweilen mußte. Du aber dachteſt bei Deiner Heimkehr an nichts Anderes als an meine Ruhe und Bequemlichkeit. Du nannteſt meine Tochter ſo liebevoll Dein Kind und ſagteſt, daß Du keinen Unterſchied zwiſchen ihr und Deinen eigenen Kindern machteſt. Du ſiehſt auch in der ſtolzen Damengeſell⸗ ſchaft, wo ſie Dich alle wie ein Wunder anſtaunen, weil Du der größte Gelehrte in der Welt biſt, nach keiner der ſtolzen Schönheiten, die Dir ſchmeicheln, und denkſt nur an die arme Barbara, Dein treues Weib, zu Hauſe. Mit Deinen gelehrten Schriften haſt Du für mich den Ofen warm gemacht, als unſer Ludwig gebo⸗ ren wurde. O, ich weiß es wohl, und das Herz thut mir weh, wenn ich bedenke, wie wenig werth ich der gro⸗ ßen Liebe bin, die Du für mich in Deinem edlen Her⸗ zen trägſt.“ In der ernſten Männerſeele des Gelehrten regte 174 ſich bei dieſen Worten ſeines ſchlichten Weibes ein tie⸗ fes Gefühl des Mitleids mit ihr und der Scham vor den ihr ſo unbekannten Empfindungen ſeines eigenen Her⸗ zens. Es war ihm nicht möglich, die aufrichtigen Liebko⸗ ſungen Barbara's zu erwidern.„Beruhige Dich, mein Weib, Du biſt krank“, war Alles, was er ihr zuflüſtern konnte. Er hätte einen Tropfen ſeines heißeſten Herzblutes darum gegeben, wenn er ihr, ihr ſelbſt, der Betheiligten, hätte geſtehen dürfen, daß falſche Regungen faſt von Beginn ihrer Ehe ſich in ihm geregt hätten, daß ſie, ſein Weib, die Mutter ſeiner Kinder, nicht einen Moment lang das Ideal ſeines Lebens geweſen und daß er das nicht wie eine Schuld der Fehler ihres Charakters, ſondern wie ein Vergehen, von ſeinem eigenen Willen bedingt, mit Reue und Schmerz fühle. Wohl wußte er, daß ſeiner Frau gegenüber er ſich eine ſolche Herzenserleichterung nicht geſtatten dürfe, und Alles, was er zur eigenen Be⸗ friedigung thun konnte, beſtand darin, daß er ſich das Gelübde leiſtete, in jedem Moment ſeines künftigen Le⸗ bens auf ſeiner Hut zu ſein, daß nie eine Gefühlsver⸗ irrung mehr, welcher Art ſie auch ſein möge, in ſeinem Herzen Platz finde. „Kein irdiſches Weib kann Gegenſtand meiner Liebe ſein“, ſagte er ſich ſelbſt,„nur mit der göttlichen Urania ſoll die Mutter meiner Kinder mein Herz theilen. Alle 175 Sorgen meines Lebens, alle irdiſchen Gefühle meines Männerherzens, jede Wallung meines Blutes ſoll mei— nen Kindern gehören und deren ſchöner, liebevoller Mutter, und ſelbſt bei den Beſtrebungen und Erfolgen in meiner erhabenen Wiſſenſchaft will ich mich bemühen, es nie aus den Augen zu laſſen, daß ſie nicht nur die volle Glück⸗ ſeligkeit meines Geiſtes, ſondern auch das Mittel ſein muß, meinen Kindern und meinem Weibe das tägliche Brod und jede ihnen erwünſchte Lebensfreude zu errin⸗ gen und zu ſichern.“ Barbara hatte ſich, während dieſe Gedanken das Herz ihres Gatten erfüllten, wie ein Kind in ſeinen Armen in den Schlaf geweint und er ſuchte ſie auf die Kiſſen niederzulegen, ohne den Schlummer von ihren Wimpern zu ſcheuchen.„Schlaf wohl und träume ſüß“, dachte der Gatte, als ihm das gelungen war,„ich will, während ich unſer krankes Kind bewache, keinem Gedan⸗ ken an Irdiſches mehr Raum geben, ſondern nur mich beſchäftigen mit den ewigen Bahnen der ewigen Sterne, die der Erde ſo fern, von ihr nach menſchlicher Erkennt⸗ niß ſo unendlich verſchieden und doch ihre Geſchwiſter im unermeßlichen Weltraume ſind.“ Als nach dieſer Nacht der Morgen des winter⸗ lichen Tages dämmerte, war es Kepler's erſte Sorge, nach dem Ghetto zu eilen und Rabbi Löw's Hülfe für 176 ſein krankes Kind herbeizuſchaffen. Er verließ, ohne zu frühſtücken, ſein Haus, weil er Barbara, die tief und feſt ſchlief, nicht wecken wollte. Er war an ſolche kleine Extravaganzen gewöhnt und würde ſehr oft zu eſſen und zu trinken vergeſſen haben, wenn ihn Barbara nicht aus ſeinen Arbeiten ge— weckt und bisweilen mit nichts weniger als freundlichen Worten an die Pflicht, für ſeinen eigenen Leib zu ſor⸗ gen, erinnert hätte.„Es mag wohl gut für mich ſein, daß gerade dieſe Frau die Gefährtin meines Lebens iſt; wie ſie von meinen Beſtrebungen und Arbeiten, verſtehe ich nichts von den Dingen dieſer Welt, die ihr Zweck und Vergnügen ſind. Meine Anlagen und Neigungen zwingen mich dieſelben gering anzuſchlagen, und ich blö— der Thor ſchätzte mein Weib nicht nach Würden, weil ich ſie nicht verſtand; ſie aber, um wie viel beſſer und beſcheidener als ich, hat, obſchon ſie mich auch nicht zu verſtehen fähig war, die Liebe, das erhabenſte Heiligthum der Menſchennatur, in ihrem treuen Herzen bewahrt. Ich ſoll ſie lieben, ich will ſie lieben und ich werde ſie lieben, ſie iſt mein Weib, mir von Gott übergeben, und es iſt eine Thorheit, eines Mannes unwürdig, die Ge⸗ danken herumſchweifen zu laſſen auf den Körper⸗ oder Seelenreizen eines Weibes, von welchem Schickſal und Verhältniſſe ihn unwiderruflich trennen! Armer Vater, 177 arme Mutter! Euer Beiſpiel ſoll meinem Leben zur Lehre dienen; ich will lieben, wo Gott es gebietet, denn jedes Gottesgebot muß für die Menſchenſeele zu er⸗ füllen möglich ſein. Es iſt der erhabene Vorzug des freien Menſchenwillens vor der Natur, daß er ſein Wollen mit Bewußtſein vereinen muß, mit Gottes Willen, der fich ihm in den Moralgeſetzen ausſpricht, während die Na⸗ tur ohne Willensanſtrengung im größten Weltkörper und im kleinſten Stäubchen einer Blüte den Geſetzen folgen muß, die ſie in ihren Bahnen erhalten. Die Erde kann nicht aus ihrer Bahn um die Sonne weichen, kann nicht den Mond loslaſſen von dem Bande, das ihn an ſie knüpft. Mich hält keine phyſiſche Macht in den Ban— den des Geſetzes, aber ich erkenne es als Gottes Wil⸗ len und werde es erfüllen, weil ich ein Menſch bin, nach Gottes Bilde erſchaffen und durch Chriſti Blut er⸗ löſt. Die Neigung zum Böſen, wie ſie ſich auch ver⸗ hüllen möge in den Dunſtſchleier zärtlicher und vereh⸗ render Gefühle gegen ein anderes Menſchweſen, iſt Teu⸗ felswerk, und ich will und werde ihr widerſtehen.“ Unter dieſen Gedanken war Johannes Kepler in die Nähe der Behauſung ſeines würdigen Gaſtfreundes gekommen und ſtand an dem Pförtchen des Platzes, der ſchon damals durch hohes Alter ehrwürdig und ſeltſam, einſam und abgeſchieden war, obgleich von allen Seiten Burow, Johannes Kepler. Zweite Abtheilung. I. 12 8 17 hohe, von jüdiſchen Familien bewohnte Häuſer ihn um⸗ gaben. Der Gelehrte trat in die niedrige Pforte und befand ſich einſam in früher Wegesſtunde auf Beth Chaim, dem alten Gottesacker der prager Judenſchaft. Die niedrigen Eibenbäume ſtreckten ihre wie Wurzeln ausſehenden Zweige noch kahl in die trübe winterliche Luft, aber die ſchwärzlichen Knospen an ihren Spitzen waren ſchon geſchwellt von dem Safte, den der nahende Lenz geheimnißvoll zu ihnen emportrieb. Kepler ging mit ernſtem Schritte den Gang hinauf, an deſſen Ende ſpäter der wackere Mann begraben ſein wollte, deſſen Beiſtand und Hülfe er jetzt in Anſpruch zu nehmen kam. „Heimat der Fremden! Ruheſtätte der Gehetzten und Verfolgten!“ dachte er und betrachtete mit tiefem Intereſſe die hebräiſchen Inſchriften auf den weißen Steinen, von denen mehr als eine damals ſchon den Beſchauer in längſt verfloſſene Jahrhunderte zurückführte. „Da ruht ihr nun alle, friedlich und ohne Harm, die ihr doch gelitten habt, ſo ſchwer, ſo ſchmerzlich wie ich, ja wahrſcheinlich ſchwerer noch und ſchmerzlicher, denn in eurer Seele war nicht der ſüße, milde Troſt des Chriſtenthums, die ſelige, heilige Gewißheit, daß das Blut des Erlöſers für euch vergoſſen ward. Fandet ihr auch ohne dieſe, die jetzt ſo beruhigend in meiner 179 Seele liegt, die Hoffnung, euch aufzuraffen von dem Verderben der ſchwachen, ſündigen Menſchennatur? Schwach, ja wohl ſchwach und thöricht, und am ſchwäch⸗ ſten und thörichtſten dann, wenn man ſich am ſicher⸗ ſten dünkt. War nicht der tiefe, glühende Herzenszug, der mich faſt ohne Widerſtreben zu einem Weibe zog, das ich aller großen Gedanken meines Männergeiſtes, aller weichen Gefühle meines Menſchenherzens für ſo würdig hielt, etwas anderes als das Hingeben an ein Gefühl, das den Menſchen ganz und gar an die Erde feſſelt? Fort damit, fort für immer. Meine irdiſchen Pflichten gebieten mir das treue Ausharren an der Seite meines einfachen Weibes, ſogar das liebevolle Aufgeben meiner höchſten Strebungen auf den Pfaden der Biſeenſchaft, wenn es ihr Glück und das Glück unſerer Kinder, ihren Fortſchritt auf dem Wege zu Gott gilt. Und ich konnte mich ſelbſt ſo mißverſtehen, mir das begehrende Anſchauen eines Weibes zu geſtatten, weil ich glaubte, daß nicht nur ihre Schönheit, ſondern vor allem auch ihre edle Theil⸗ nahme an meinen wiſſenſchaftlichen Strebungen mich zu ihr zog! O der Thorheit, der knabenhaften Thorheit, der Sünde, der ſchweren Sünde; denn erklärt nicht Martin Luther, daß ein Jeglicher ſein Gemahl lieben und ehren und züchtig leben ſoll in Gedanken, Worten und Werken? Glücklicher als mein armer verlorener Vater, ſehe ich 12* 180 mich auf dem Weg zum Abgrunde, da ich noch die Kraft der Umkehr in mir fühle, und umkehren will ich, um⸗ kehren in dieſem Moment! Barbara, mein Weib, Mut⸗ ter meiner lieben Kleinen, nicht umſonſt ſollſt du wie einſt meine Mutter auf den Gatten und Vater mit bangendem Herzen warten, bald bin ich bei euch und bringe mit mir die Hülfe und den Beiſtand, den ich euch zu ſuchen ausgegangen.“ Mit feſtem Schritte verließ der Gelehrte den ſtillen, ſeltſamen Platz und befand ſich bald in Rabbi Löw's Hauſe, dem wunderlichen Diener gegenüber, den ſeine Glaubensgenoſſen und viele Andere mit ihnen gar nicht für ein Weſen menſchlicher Art, ſondern für ein durch des weiſen Mannes Kunſt belebtes Thongebilde hielten. Der arme Bezalel erkannte in dem Fremden, dem er die Thür ſeines Herrn geöffnet, eine der wenigen Perſonen, denen er die Zuneigung ſeines einfältigen Her⸗ zens geſchenkt hatte. Mit einem hörbaren Freudenruf ergriff er Kepler's Rockſaum und drückte ihn an ſeine Lippen, wobei er das Wort:„Willkommen!“ das ihm ziemlich ſchwer ward, mit großer Deutlichkeit ausſprach. „Kann ich Deinen Herrn ſehen, jetzt gleich ſehen?“ fragte Kepler, den ungeſchickten Kopf des Cretins wie den eines gutartigen Hundes mit der Hand ſtreichelnd. Bezalel antwortete durch ſein eifrigſtes und freund⸗ 181 lichſtes Nicken und führte dann voraustretend den Will⸗ kommenen in das Zimmer, wo dieſer einſt Pflege und Gaſtfreundſchaft von Herrn und Diener in ſo reichem Maße genoſſen hatte Hier ſaß in ſeiner gewöhnlichen Kleidung der ehr⸗ würdige Jude, eifrig mit dem Betrachten der Gebäude und Schlöſſer des Hradſchin beſchäftigt, die Sedler, der berühmte Künſtler, in Kupfer geſtochen, eine Kunſt, die damals noch ziemlich neu war. Er ſtreckte, ſich freundlich von ſeinem Sitze erhebend, dem eintretenden Gaſte über den Marmortiſch, auf dem die Bilder lagen, die Hand entgegen.„Seid mir gegrüßt, mein theurer junger Freund“, ſagte er mit faſt zärtli⸗ chem Tone.„Welcher gute Wind hat Euch aus den Zim · mern der gelehrten Herren und vornehmen Damen des Hradſchin in den Ghetto zu Eurem alten jüdiſchen Freunde und Diener geführt?“ Es war allerdings nicht zu häufig, daß Kepler Zeit gefunden hatte, den alten, von ihm hochverehrten Mann zu beſuchen, und daher antwortete er ihm mit der Offen⸗ heit, die ihm in allen Dingen eigen war:„Ich bedarf Eurer, werther Freund, denn mein Kind iſt krank, und ich weiß, daß Ihr die Wiſſenſchaft der Heilkunde mehr als jeder andere Mann in dieſem großen Prag verſteht. Aber wenn mich jetzt auch nicht die Freundesſehnſucht, 182 ſondern meine Familiennoth zu Euch geführt, mein wacke⸗ rer Freund, ſo fühle ich doch jetzt echte Herzensbefriedi⸗ gung, Euch zu ſehen, und wenn ich Euch bitte, kommt gleich, jetzt gleich mit mir in mein Haus, ſo wünſche ich dies nicht blos um meines Kindes, um meines harrenden Weibes, ſondern auch recht ſehr um der hohen Freude willen, dieſen weiten Weg mit Euch zu machen und mit Euch über all die mancherlei Dinge zu ſprechen, die mein Herz erfüllen und in denen ich gern Eure Anſichten und Gedanken erfahren möchte.“ „Ich komme mit Euch, werther Magiſter, und hoffe, daß es mir gelingen ſoll, Eurem Kindlein Hülfe, min⸗ deſtens Erleichterung zu bringen“, ſagte der wackere Jude, und nach kaum einer Viertelſtunde befanden ſich die bei— den Männer, deren gegenſeitige Freundſchaft durch die Verſchiedenheit der Jahre und des Glaubensbekenntniſſes nicht beſchränkt und verringert wurde, nebeneinander auf dem Wege nach Kepler's Wohnung. „Gott hat Euch hoch begnadigt, mein edler jun—⸗ ger Freund, daß er Euch einen Blick in die heiligen Geheimniſſe ſeines Weltbaus hat thun laſſen“, begann der Jude die Unterredung beim Gehen. „Ihr ſagt die Wahrheit, es iſt eine Gnade des höchſten Weltſchöpfers“, entgegnete der Mathematiker. „Aber Eure reine und ſtrebende Seele iſt derſelben 183 vor allen andern Menſchen unſerer Zeit auch würdig und fähig geweſen, und erſtaunt und hocherfreut ſehen Eure Mitſtrebenden auf der Bahn zur Weisheit auf die Er⸗ weiterung und Klarheit, die Ihr in die Gedanken des edlen Copernicus durch die Auffindung der beiden Natur⸗ wahrheiten, die man heute ſchon nach Eurem Namen benennt, gebracht habt. Jetzt, nachdem es bekannt iſt, daß die Bahnen der Planeten nicht Kreiſe, ſondern Ellip⸗ ſen ſind, in deren einem Brennpunkte die Sonne liegt, ſtimmen die Berechnungen, die man von ihnen macht, nicht blos auf die Stunde, ſondern auf die Sekunde, zumal Ihr erkannt und erwieſen habt, daß die Bewe⸗ gung des Planeten in der Sonnennähe raſcher als in der Sonnenferne und zwar um ſo viel raſcher oder lang⸗ ſamer iſt, als die Nähe des Planeten von dem Central⸗ geſtirne zu oder abnimmt. Es iſt dies gar ein ſchönes Ding und iſt ſelbſt Ungelehrten an der mathematiſchen Figur der Ellipſe zu zeigen und zu erklären.“ „Meint Ihr?“ ſagte Kepler, durch deſſen Herz jetzt der Gedanke an Polixena wie ein glühender Dolchſtoß flammte. „Gewiß!“ entgegnete der Rabbi.„Habe ich doch ſchon vor Tagen meiner Frau und Tochter das vorgezeichnet, und es war leicht und ward ihnen augenſcheinlich. Ich habe meinen Frauenzimmern, die zwar ganz verſtändig, 184 aber gar nicht gelehrt ſind, zuerſt gezeigt, was eine Ellipſe iſt und wie man eine ſolche mit Leichtigkeit herſtellt, in⸗ dem man einen Faden von ziemlicher Länge mit den Enden an zwei Punkten feſtlegt und dann einen Stift mit demſelben ſo herumführt, daß der Faden beſtändig ſtraff erhalten wird, die beiden Punkte, welche den Faden halten, ihnen als die Brennpunkte bezeichnend, in deren einem die Sonne ſteht. Die Linie, welche der Stift zeichnet, iſt nun als die Planetenbahn anzuſehen und bildet eine Ellipſe. Dann aber zeichnete ich ihnen auch die radii vectores, von dem Punkte aus, der die Sonne bezeichnet, machte ſie darauf aufmerkſam, daß dieſe nicht wie beim Kreiſe ſtets gleich lang, ſondern von ſehr verſchiedener Länge ſeien, und erzählte von dem ſchönen Wunder, daß die Sonne ihre Begleiter gleichſam wie an einem Bande um ſich herumführe, ſo zwar, daß das Stückchen Bahn, das dieſelben zurücklegen, und der radius vector zu⸗ ſammen an jedem Tage im Jahre gleich lang ſeien, ſodaß alſo da, wo der Planet der Sonne am fernſten, das Stück der Bahn am kürzeſten, wo er ihr am nächſten, daſſelbe ſo viel länger als der radius vector kürzer ſei. Daraus erwies ich ihnen denn nun auch Euer zweites ſchöne Geſetz, daß die Dreiecke, welche bei der ellip⸗ tiſchen Bahnbewegung der Planeten aus der Bahn⸗ fläche derſelben ſo zu ſagen geſchnitten werden, wie ſehr — —— — — 185 auch ihre tägliche Form verſchieden ſein mag, doch ſtets einen gleichen Flächeninhalt haben. O es iſt etwas gar Schönes um die Mathematik! Meine Frauenzimmer haben ſich wie Kinder gefreut, als ich ihnen das Alles begreiflich machte. Ich will's auch Eurer ſchönen Frau, wenn Ihr wollt, heute noch zeigen, wenn ſie, wie die meine, ei⸗ niges Vergnügen am Nachdenken und Beobachten findet.“ Kepler ſchwieg. Ihm war zu Muthe, als hätte er ſich gröblich verſündigt an der edlen Frau, deren heller Verſtand ſie der warmen Theilnahme an den großen Problemen ſeiner Wiſſenſchaft ebenſo fähig machte, als die alte Gattin und die ſchöne, jugendliche Tochter ſeines jüdiſchen Freundes. „Auch ihr that ich Unrecht, ſchweres Unrecht“, ſagte er beinahe laut; ſein erwachtes Pflichtgefühl ſetzte aber entſchieden hinzu, daß er dieſes Unrecht ihr niemals ausſprechen oder abbitten dürfe.„Denn ich will meinem Weibe gegenüber, das durch mich ſchon ſo viel gelitten hat, auf der Bahn des Rechts und der Rechtſchaffenheit bleiben. Ich habe keine Verpflichtungen gegen die Freun⸗ din Kaiſer Rudolf's, die vornehme Gräfin von Roſen⸗ berg, tauſend heilige Pflichten aber gegen mein mir vertrauendes Weib, die Mutter meiner Kinder, und ich will unter Gottes Beiſtand das Gebot halten, das mir be⸗ fiehlt, mein Weib zu ehren und zu lieben.“ 186 „Und welche Nachrichten habt Ihr aus Schwaben von Euren Verwandten, Mutter und Geſchwiſtern in Eurer lieben, herzigen Heimat?“ Wie ein Träumender fuhr der Gelehrte bei dieſer Frage ſeines alten Freundes empor, und indem er ſich bemühte, ſie mit Umſicht und Aufrichtigkeit zu beant⸗ worten, fühlte ſein Herz die Erleichterung von einer ſei⸗ ner ſchwerſten Sorgen und Qualen. Niemand als dem Juden, dem würdigen, treffli⸗ chen Freunde, hätte er die ſchrecklichen Verhältniſſe aus⸗ einanderſetzen können, die von dieſer Seite her ſein Herz beſchwerten. Ihm, der als Jude die Vorurtheile und den craſſen Aberglauben ſeines Zeitalters nur zu genau kannte, durfte er es nicht erklären, warum und auf welche Weiſe alle dieſe Anfechtungen über die arme alte Frau gekom⸗ men waren, deren raſtloſer Geiſt und liebebedürftiges Herz durch Mangel an Erziehung und Leitung in ge⸗ wiſſer Weiſe verwildert waren. „Armer Mann“, ſagte der gelehrte Jude mit herz⸗ lichem Mitleid,„ſo habt auch Ihr mit den Eurigen zu leiden von dem Geiſte des Aberglaubens und der Un⸗ duldſamkeit dieſer traurigen Zeiten. Was aber habt Ihr gethan, um Eurer geängſtigten Mutter beizuſtehen?“ „Was zur Rettung ihrer Ehre nothwendig, ja un⸗ 187 erlaßlich iſt; ich habe diejenigen, die, zum Theil auf Ver⸗ anlaſſung des übermüthigen Prinzen, meine arme, ſchuld⸗ loſe und bis zu den Klatſchereien der Reinbold'ſchen Fa⸗ milie unbeſcholtene Mutter ſo ſchwer beleidigt, bei dem Magiſtrate zu Leonberg verklagt.“ Rabbi Löw ſah dem tiefempörten Freunde mit nicht geringem Erſtaunen in das offene, edle Antlitz. „Da habt Ihr wohl vergeſſen, was eine Beſchuldi⸗ gung der Hexerei, wie erlogen und widerſinnig ſie auch ſei, für die arme alte Frau für Folgen haben kann?“ „Ich habe ihr auch geſchrieben, daß ſie, ſobald es nur die Sicherheit der Wege erlaubt, hierher nach Prag ſich in mein Haus und unter meinen perſönlichen Schutz begeben ſoll.“ „Magiſter Kepler, mein theurer und hochgeehrter Freund, verzeiht mir, daß ich's offen ſage, Ihr habt in dieſer Angelegenheit zwar wie ein guter Sohn, aber mit nichten wie ein welterfahrener Mann gehandelt. Laßt mich Euch zuerſt darauf aufmerkſam machen, daß der Vogt Einhorn der perſönliche Feind Eurer Mutter und zugleich das Haupt des leonbergiſchen Magiſtrats iſt. Er hat in ſeinem Hauſe, in der Vogtei, wohin er ſie ſelbſt hat rufen laſſen, die gröblichen Beleidigungen ge⸗ duldet, die der Barbier Kräutlein Eurer armen Mutter angethan; er, das Haupt der Stadt, wo die Unglückliche 188 lebt, glaubt an die Wahrheit des unmöglichen Verbre⸗ chens, deſſen man ſie anklagt; er haßt ſie, und an das Ge⸗ richt, dem er vorſteht, habt Ihr Euch mit Eurer Klage wegen ihr angethaner Beleidigungen gewendet; könnt Ihr ſelbſt, werther Freund, dieſen Weg für den richtigen zum Schutze Eurer armen Mutter halten?“ Kepler antwortete einige Minuten keine Silbe. Dann ſagte er endlich mit einem ſchmerzlichen Seufzer: „Aber ſie iſt ſchuldlos; darf man denn ungeſtraft ein ſchuld⸗ und ſchutzloſes Weib verleumden und mißhan⸗ deln?“ „Ihr ſeid kein Jude, das hört man an Euren Worten“, ſagte der Rabbi.„Habt Ihr denn nie an die Verfolgungen meines armen Volkes gedacht, das auf Be⸗ ſchuldigungen, ebenſo unwahr und widerſinnig als die der Zauberei und Hexerei, ſo oft den Mishandlungen des brutalen Pöbels preisgegeben wurde? Blut in Strömen iſt in den Straßen dieſer Stadt gefloſſen, weil der Wahnſinn irgend eines Thoren oder Böſe⸗ wichts geſagt hat, ein Chriſtenkind ſei im Ghetto ver⸗ loren gegangen und von uns armen Juden geſchlachtet worden, weil wir— pfui über die ekelhafte Idee!— Chriſtenblut zur Anrichtung unſeres Oſterbrodes brauch⸗ ten. Der Gehaßte und Verachtete iſt immer auch ein Unterdrückter, und je wahnſinniger und unmöglicher die — — 189 Anſchuldigung eines Verbrechens iſt, deſto leichter iſt der Pöbel geneigt, auf die Wahrheit deſſelben zu ſchwören. Glaubt mir, mein theurer junger Freund, Eure Mutter ſchwebt in einer weit größern Gefahr, als nur in der, ihren rechtlichen Namen durch üble Nachrede zu verlieren. Schützt ſie ſobald als möglich und thunlich vor dieſer; ſie iſt alt, hülflos und wunderlich, ihr Loos kann ein ſchauderhaftes werden, und ſie iſt ſchwerlich den gräß⸗ lichen Conſequenzen einer Anklage, wie ſie über ihrem Haupte ſchwebt, ſo gewachſen, wie es Apollonia Wel⸗ linger war, die wackere Frau, die jetzt unter dem erhabenen Schutze der edlen Gräfin von Roſenberg ſteht.“ „Ich hoffe aber doch mit Zuverſicht“, ſagte Kepler, „daß ſie, bevor man ſie des Verbrechens anklagt, deſſen man ſie jetzt verleumderiſch beſchuldigt, Schutz und Zu⸗ flucht bei ihren Kindern ſuchen wird. Ihr Schwiegerſohn iſt ein Prediger des gereinigten Evangeliums, und meine Stellung hier am Hofe meines Kaiſers iſt auch wohl von der Art, daß meine Mutter an meiner Seite vollkommen Schutz gegen den verleumderiſchen Wahn⸗ ſinn in ihrer Heimat finden wird.“ „Der Herr, der Gott Iſraels, ſei ihr und Euer Beiſtand, mein theurer Freund“, ſagte Rabbi Löw.„Jetzt aber führt mich zunächſt an das Lager Eures kranken 190 Töchterleins, damit ich ſehe, wodurch die Leiden der Kleinen gelindert werden möchten.“ Das Magdalenlein ſchlief jenen feſten, bewußtloſen Schlaf, wie ihn die Natur ſchwer fiebernden Kindern ſo oft verleiht. Das Kind war ſterbenskrank, doch fühlte es ſeine Leiden nicht eigentlich. Großmutter Appollonia war ſeit der frühen Mor⸗ genſtunde bei ihr und hatte darauf geſehen, daß auch Barbara ſich wieder niedergelegt hatte, um der Ruhe zu pflegen, die ihr ſehr nöthig ſchien. Der gelehrte Jude fand dieſe Anordnung vortrefflich, verordnete küh⸗ lendes Getränk für Mutter und Kind, empfahl Kepler, ſich durch Speiſe und ein gutes Glas Wein zu ſtärken, und bat Apollonia, das Haus der Krankheit nicht eher zu verlaſſen, als bis er wieder vorgeſprochen und neue Ver ordnungen getroffen haben würde. Johannes küßte mit zitternden Lippen die glühenden Stirnen von Weib und Kind und zog ſich dann in ſein ſtilles Arbeitszimmer zurück, den Ort, wo ihm, was auch immer ſein Herz bedrücken mochte, ſtets wieder Friede und Freudig keit wurde bei ſeinen edlen und erhabenen Arbeiten. Ende des erſten Bandes —= 4 4— 5 n—* ————————