Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von 2 Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 cLeih und eſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines . den angenbt mmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe . hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Tages iſt zu 24 Stun⸗ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 6 f afz Monat pr 1M Pf N.— Ff 6 5. Auswärtige Khonnenten br für Hin⸗ und Zurückſendung e auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene verlorene und z Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ₰ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ß der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen —— — —— der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelh en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben —— ——— 2——— 2 B „* — — — — — 8S der Wahrheit und Phantaſie in Erzählu ngen . Buͤſchenthal. L. 2 Magdeburg bei Ferdinand Rubach, — Vo rwo — Den vereinten Wunſche mehrerer Freunde nachgebend, n der Verfaſſer die nach⸗ ſtehenden Erzaͤhlungen dem Urtheile des Publikums vor. Sie ſind die Erzeugniſſe ſeiner ſtillen Mußeſtunden, deren freund⸗ lichen Zaubereien er um ſo williger ſich hingab, je reichlicher der Erſatz war; den ſie durch wehmuͤthig frohe Erinnerungen, durch das reizende Bild einer geträumten Moglichkeit ihm fuͤr manchen im Gewuͤhl des Lebens verlornen Tag darreichten. Moͤchten daher dieſe Schilderungen recht viele ſolcher Leſer finden, denen es Be⸗ duͤrfniß und Freude iſt, ſich in den Ruhe⸗ ſtunden eines vielleicht oft gequaͤlten Ta⸗ ges in die hier vor ihnen liegende Welt hinauf⸗ oder hinabzuſtimmen, je nachdem ihr politiſcher Standpunkt ihnen das eine oder das andere noͤthig macht. Die Tendenz der vorliegenden Dar⸗ ſtellungen ſpricht ſich in ihrem Titel aus. Sie ſollen die Einbildungskraft des ge⸗ muͤthvollen Leſers auf die milde Graͤnze leiten, wo Wirklichkeit und Moͤglichkeit ſich begegnen, wo das endloſe Gebiet der letzteren in den engen und aͤngſtlichen Kreis der erſtern ſich hinabläßt, um die nuͤchternen Erfahrungen des alltaͤglichen Lebens durch die kuͤhneren Schoͤpfungen einer immer ſchaffenden Ideenwelt zu vergeiſtigen. Der Verfaſſer hat, um der Stimme des Publikums eine aufmunternde Ent⸗ ſcheidung einzuraͤumen, einige der hier * gelieferten Erzaͤhlungen in den geleſenſten deutſchen Zeitſchriften abdrucken laſſen. Wenn die beifällige Aufnahme, deren ſich dieſe einzelnen Stuͤcke zu erfreuen hatten, auch der ganzen Sammlung zu Theil wuͤrde, ſo könnte der Herausgeber hierin nur die ſchmeichelhafteſte Veranlaſſung finden, dem gegenwaͤrtigen erſten Baͤnd⸗ chen ein zweites von gleichem Inhalte und Umfange folgen zu laſſen. Die Einquartirung. — In einer der ſchoͤnſten Gegenden des ſuͤd⸗ lichen Frankreichs liegt in romantiſcher Ab⸗ geſchiedenheit von der uͤbrigen Welt das niedliche Doͤrſchen O... Zuwiſchen buſch⸗ reichen Huͤgeln und einem dichten Oliven⸗ walde verſteckt, ſcheint es unzugaͤnglich je⸗ dem andern, als dem leiſen Tritte des Frie⸗ dens, der ſeine Bewohner ſeit undenklichen Zeiten im Beſitze ungeſtoͤrter Ruhe erhielt. Aber dem tobenden Mars, der, Thronen und Tempel zerſtoͤrend, ganz Europa durch⸗ ſtuͤrmte, blieb auch dies ſtille Aſyl nicht 1 2 verborgen, und wo ſonſt nur die heiligen Oelzweige im Hauche des Abends erſäuſel⸗ ten, da laͤrmten jetzt Trommeln und rau⸗ ſchende Waffen. Ein detachirtes Garderegiment war eingezogen. Ottilie, die Tochter des Paͤch⸗ ters Micheau, ſah neugierig durchs Fenſter, wo die hohen Barenmuͤtzen voruͤberzogen, und dann aͤngſtlich nach der Thuͤr.„Wo der Vater bleiben mag? rief ſie, und blickte nach der Wanduhr. Auf den Mittag wollt' er zuruͤck ſeyn; jetzt iſt es fuͤnf Uhr, und er bleibt noch immer aus!“ Unten im Hauſe erhob ſich ein Geraͤuſch; ſie fuhr zuſammen,„o Gott, rief ſie, wenn wir wie⸗ der Einquartirung bekaͤmen, und er waͤre noch nicht da, ich waͤre des Todes vor Schreck!“— Die Treppe heraufkommend, pocht es an der Thuͤr. Heftiger fuhr ſie zuſammen, und lispelte kaum hoͤrbar: fre e äte 3 Herein!— Ein Offizier, von zwei Gemei⸗ nen begleitet, trat ein.—„Hab ich die Ehre, die Tochter des Hauſes zu ſprechen?“ fragte erſterer, und zeigte auf einen be⸗ jahenden Wink ein Billet de logement vor. Verlegen nach dem Schluͤſſelbunde ſuchend, ging Ottilie hin und her, bis ſie ihn endlich vor ſich auf dem Nachttiſchchen fand. Iſt es Ihnen gefällig? fragte ſie, ſchwebte den Gaͤſten eine Treppe hoͤher voran, und eilte, nachdem ſie aufgeſchloſſen hatte, mit einer ſchnellen Verbeugung wie⸗ der hinab. Aber der Todesſchreck war ohne den Tod voruͤbergegangen; ohne den Leuten ins Geſicht geſehen zu haben, fand ſie doch, daß ſie ganz freundlich ausſahen, und lächelte ſchon halb und halb ihrer vorigen Furcht. Sehr natuͤrlich. Ihr kindliches Gemuͤth war mit dem Schrecken des Krie⸗ 4 ges weit fruͤher, als mit ihm ſelber be⸗ kannt geworden; und ſo ging ihre Angſt, wie vor jedem unbekannten Gegenſtande dieſer Empfindung, ins Ungeheure. Sol⸗ daten und Helden waren ihrer Phantaſie nichts weiter, als Raͤuber und Moͤrder; denn immer haite ſie fuͤr die hoͤhern, po⸗ litiſchen Motive eines Krieges ſo wenig Sinn, wie— manche politiſche Macht; und das Intereſſe, welches bei dieſer die Stelle des Rechts vertritt, ging ihr gaͤnz⸗ lich ab. Sie hatte demnach von dem er⸗ ſten Gruße dieſer Kriegesgaͤſte nichts Gerin⸗ geres, als Zugreifen, Nehmen und Gott weiß, welche andere Mißhandlung erwar⸗ tet. Aber dieſe Kriegsmaͤnner waren ganz friedlich eingetreten und ihr folgſam, wie ihre Laͤmmer nach dem Stalle, ins Ober⸗ ſtuͤbchen gefolgt. Es mußten alſo bis auf ihre Geſichter, die ſie noch nicht geſehen hat nun mit ihr, leich habe 3ch gew wa ftü kere Die ſch fra Ta At not hab 5 hatte, ganz ſcharmante Leute ſeyn; und nun war ſie eben ſo ſchnell und einſeitig mit dem ganzen Soldatenſtande ausgeſoͤhnt. Marie trat ein.„Weißt du— rief ſie ihr, durch ihre Gegenwart noch mehr er⸗ leichtert, entgegen— daß wir Eingqartirung haben? Recht artige, friedfertige Menſchen. Ich habe ihnen die gruͤne Stube ſelbſt an⸗ gewieſen, und mir hat Keiner von ihnen was gethan.“ Marie laͤchelte. Sie hatte fruͤher in der Stadt gedient, und wußte aus gruͤndlicher Erfahrung, was fuͤr wak⸗ kere Maͤnner es unter den Soldaten gaͤbe. Die freundliche Erinnerung wurde bei ihr ſchnell zur lieblichen Ahnung, und beſorgt fragte ſie Ottilien, ob denn im Zimmer der Tapfern auch Alles an Ort und Stelle ſey? „Ach nein! rief dieſe erſchreckt, Alles liegt noch durcheinander, und ich Unbeſonnene habe mich ſelbſt zu entſchuldigen vergeſſen. 6 Gehe, liebe Marie, und ſiehe zu, was ſie bedurfen.“— Marie flog hinauf. Ein neuer Schauer durchrieſelte Otti⸗ g lien, als es die Treppe herunterkam, und der P Offizier, ſchon in einer ſtattlichen Uniform ſtr gekleidet, hereintrat. Madembiſelle— ſprach n er, ſich mit Anſtand verneigend— verzeihen Sie einer Stoͤrung, welche ich eben ſo un⸗ gern veranlaſſe, als Sie ſie erdulden. Ot⸗ tilie, von dem Klange dieſer Stimme getrof⸗ w fen, ſah zu dem Freundlichen auf, und ſchob d in ſteigender Verwirrung einen Stuhl her⸗ bei—„Noch, lispelte ſie, habe ich nichts zu erdulden gehabt, und fuͤrchte dies auch ſh für die Zukunft nicht. Entſchuldigen Sie vielmehr mich, die ſich ſo wenig zuvorkom⸗ oh mend gagen Sie und die Ihrigen benommen 6 hat. Der Vater, den ich mit jedem Augen⸗ oit blicke erwarte, wird die Unerfahrenheit der Tochter zu verguͤten ſuchen.“— Hier iſt t 7 nichts zu verguͤten, erwiederte jener, als Ihre Verlegenheit, welche die reizendſte Un⸗ erfahrenheit ſelbſt entſchuldigt.— Eine Pauſe, in welcher ſie dem Sinne dieſer Worte nachdachte, und ihm dabei mit unbe⸗ ſchreiblicher Anmuth ins Geſicht ſah, unter⸗ brach die ſchuͤchterne Unterhaltung. Ihre Zuͤge— fuhr jener, in ihrem An⸗ blick verſunken, fort— erinnern mich leb⸗ haft an eine Jugendgeſpielin, welche wie⸗ derzufinden der ſehnlichſte Wunſch meines Lebens iſt.— Sie. Und die Erfullung dieſes Wun⸗ ſches raubt Ihnen wol Ihr Stand? Er. Zum Theil; doch muͤßt' ich auch ohne dieſen darauf verzichten, da ich auf ei⸗ nem Durchmarſche in ihrem fruͤhern Wohn⸗ orte mich vergeblich nach ihrem jetzigen er⸗ kundigte. Sie. Ich kann an Ihrem Kummer 8 um ſo inniger Antheil nehmen, da auch ich wi das ungewiſſe Schickſal eines Jugendfreun⸗ mo des betraure. auj Er. Wo er auch ſeyn mag, er lebt de ein ſchoͤnes Leben in dieſer thraͤnenden Er⸗ un innerung. zu Ottilie ergluͤhte. ten 3 Sie. Und wo— darf man ftagen— un lebte fruͤher Ihre Jugendgeſpielin? ih Er. Unweit der Hauptſtadt in Cha⸗ teau⸗Thierry.. Sie. Mein Gott! und ihr Name? ſi Er. Ottilie Micheau. Olivier! rief die Ergluͤhende, und ſank de bewußtlos in des Entzuͤckten Arme, 1 Jean Micheau, der Paͤchter, wohnte d ehemals in Chateau Thierry, wo ein bluͤ⸗ 1 hender Fruchthandel ihn reichlich ernaͤhrte, n und ihm in druͤckenden Zeiten Gelegenheit L zu vielfaltigem Wohlthun gab. Denn er 9 war ein wohlthaͤtigen Mannz der Fluch mancher feiner Handelsgenoſſen haftete nicht auf ſeinem Vermoͤgen. Wenn jene in Zeiten des Ueberfluſſes ihre Kammern verſchloſſen, um ſie in Zeiten der Noth dem Wucher auf⸗ zuthun, oͤffneten die ſeinigen ſich den Bit⸗ ten der Armuth, und nahmen auf, was jene unbarmherzig zuruͤckgewieſen. Dies erwarb ihm die Liebe der Duͤrftigen, den Neid und den Haß der Reichen. Claudine, ſein Weib, war edel ge⸗ ſinnt wie er, und wirkte mildthaͤtig im Kleinen, wie er im Großen. Beide fan⸗ den in gegenſeitiger Lieb' und Treue reich⸗ lichen Lohn und Erſatz fuͤr manchen Scha⸗ den, den fremde Bosheit ihnen zufuͤgte. Aber uͤberſchwenglich ward ihr Gluͤck, als nach einigen Jahren der Kinderloſigkeit Ottilie dem Schooße der Mutter ſich ent⸗ wand. Claudinens Sonnenreize verjuͤngten TO 3 ſich in dem Mondesbilde der Neugebornen, un welche beſtimmt ſchien, die Nacht ihrer g fernen Zukunft zu erleuchten. Dieſer ſahen z die Begluͤckten hoffend entgegen, nicht ah⸗ g nend, daß die Sonne erblaſſen, ehe der g Mond ſich mit Glanz erfuͤllen wuͤrde. di Drei Jahre hatten Plaͤne und Aus⸗ g 2 ſichten die Traͤumenden beſchaͤftigt, als die 6 Wirklichkeit zerſtörend dazwiſchen trat. 4 Lange ſchon hatte der Zunder der Empo⸗ rung in Frankreichs Hauptſtadt geglimmt, als er endlich, vom hoͤlliſchen Partheigeiſt angefacht, in volle Flammen ausbrach.. Die naͤchſten Umgebungen der Entfeſſel⸗ ten wurden ihre erſten Opfer, und Cha⸗ teau Thierry ſah ſich bald von jenen ra⸗ ſenden Schwaͤrmern angefallen, in deren Hand die Fackel der Freiheit brandſtiftend loderte. Ein unſeliger allgemeiner Wahn hatte tauſend Privatleidenſchaften entzuͤgelt, ———— IL und Freiheit und Gleichheit! war das Loſungswort jeder Laſterthat. Was noch kaum durch Gewohnheit und Sitte, durch Religion und Tugend, ein Gegenſtand all⸗ gemeiner Verehrung war, das wurde jetzt die Zielſcheibe des Hohns und wahnſinni⸗ ger Mißhandlung. Da gab es nichts Ehr⸗ wuͤrdiges, nichts Heiliges mehr. Fuͤrſten und Volkslehrer, Verkuͤndiger des Rechts und der Wahrheit, Pfleger des Guten und des Schoͤnen— alles traf der Geifer des Spottes, beſpritzte das Blut eines ſelbſt⸗ mörderiſchen Volkes. Frauen und Jung⸗ frauen wurden in ihren Gemaͤchern, und Prieſter am Altare ihres Gottes geſchaͤndet. „Freiheit und Gleichheit! hort man's ſchallen, Der ruhige Buͤrger greift zur Wehr, Die Straßen fuͤllen ſich, die Hallen, und Wuͤrgerbanden ziehn umher. Da werden Menſchen zu Hyaͤnen 12 li 4 und treiben mit Entſetzen Scherz; ju Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, Zerreißen ſie des Feindes Herz. Richts Heiliges iſt mehr; es löſen. Sich alle Bande frommer Scheu, he Das Gute räumt den Platz dem Boſen im und alle Laſter walten frei.“ his e S Claudine war ein reizendes Weib. x Lange ſchon hatte ihre volle uͤppige Geſtalt d die Luͤſternheit eines Geſchaͤftsverwandten 1 ihres Mannes erregt, der, in der Haupt⸗ ſtadt eingeweiht, alle Kuͤnſte der Ver⸗ ſuchung gegen ſie ſpielen ließ. Aber die ganze Tonleiter der Verfuͤhrung war er⸗ ſchoͤpft und von Claudinens Lippen kein er⸗ wiedernder Laut zu erzwingen. Die leiſe⸗ ren Anſpielungen wurden uͤberhoͤrt und vermeſſene Angriffe mit Wuͤrde und Nach⸗ druck zuruͤckgewieſen. Alle Schlingen und Netze waren zerriſſen, und die geile Begehr⸗ 13 lichkeit des Nachſtellers entbrannte endlich zu ſtillem Ingrimm. Mallot,— ſo hieß der Wolluͤſtling— ſpielte ſeine Rolle als Beſchutzer der Frei⸗ heit mit ungemeinem Erfolge, und ſetzte ſich immer feſter in des Volkes Gunſt. Seines bisherigen Prunks ſich entaͤußernd, ſchien er freiwillig herabzuſteigen zur Klaſſe der Armuth, welche er hoͤher hinaufhob, in⸗ dem er die Schaͤtze der Reichen pluͤnderte und unter jene vertheilte. Seine Gewandt⸗ heit wußte ſich bald des Zugels der Menge zu bemaͤchtigen, und die Gunſt der Obern, deren blindes Werkzeug er war, gab ſei⸗ nen Unternehmungen Anſehn und Nach⸗ druck. Nach einem halben Jahre wurde er zum Volksrepraͤſentanten gewählt, wo⸗ durch er ſich auf ein Mal am Ziele ſeiner Wuͤnſche ſah. Seine Angriffe auf Claudinens Tugend 14 ließen nach, und er ſchien ſie gaͤnzlich aus dem Geſichtskreiſe ſeiner Plaͤne verloren zu haben. Claudine ſelbſt fing an, ſeine fruͤ⸗ here Leidenſchaft fuͤr eine Temperaments⸗ wallung zu halten, welche ſich in dem Blut⸗ ſtrome ſeiner groͤßern Unternehmungen ver⸗ loren hatte. Sie wurde ruhiger und ertrug ſeine bisweilige Gegenwart mit immer mehr Faſſung. Ja, die Merkmale der Ehrfurcht, welche er jetzt bewies, brachten ſie ſogar auf den Gedanken, daß ihr entſchloſſenes Benehmen dem Tyrannen eine unwillkuͤr⸗ liche Achtung abgenoͤthigt habe, welche ſie wenigſtens vor fernern Verſuchen ſchuͤtzen wuͤrde. Ach, wie wenig kannte ſie die Tuͤcke des Laſters, die Unverſoͤhnlichkeit beleidig⸗ ter Sinnenliebe. Der Zeitpunkt war erſchienen, wo in Frankreich am Strahlenhimmel der Aufklaͤ⸗ rung jene Sonnenfinſterniß eintreten ſollte, der Fan mus Lan blut dete lich ten, mn als Pa dieſ 15 welche die Nachwelt theils bezweifeln, theils als einen merkwuͤrdigen Beweis anſehn wird, wie weit die menſchliche Vernunſt ſich verirren koͤnne, wenn ſie ein Mal von der Bahn der Wahrheit ſich entfernt. Der Fanatismus der Religion war dem Fanatis⸗ mus der Aufklaͤrung gewichen; und das Land, welches einſt dem Aberglauben eine blutige Hochzeit gefeiert hatte, feierte jetzt deren hunderte dem Unglauben. Die oͤffent⸗ lichen Lehrer der Religion wurden angehal⸗ ten, ihren Glauben an Gott und Offenba⸗ rung feierlichſt abzuſchwoͤren, und dasjenige als Irrthum zu bereuen, was ſie als Wahrheit verkuͤndigt hatten. Allein wie viele Diener der Kirche auch dieſem empoͤrenden Gebote mit feilem Ge⸗ horſam ftoͤhnten, ſo gab es doch manche, welche ihrer Ueberzeugung Freiheit und Le⸗ ben muthig zum Opfer brachten. Und unter 16 dieſe gehoͤrte der Abbé von St. Pierre, erſter der Geiſtlicher von Chateau Thierry. Als einen kro Prieſter, deſſen Beiſpiel eine Menge Nach⸗ nen ahmer finden mußte, hatte man ihn lange hei auf dem Wege glaͤnzender Verheißungen zur Fen Abtruͤnnigkeit zu verleiten geſucht; aber ver⸗ zu geblich. Man drohete ihm mit Verhaftung ve und Schmachz eben ſo vergeblich. Jetzt Ku . wurde die Drohung in Erfuͤllung gebracht. ſir Er wurde verhaftet, verhoͤrt und ihm, als z immer gefaͤhrlichen Volksverfuͤhrer, der Tod gu durch die Guillotine zuerkannt. Dem Ur⸗ u theile folgte ſchnell die Vollſtreckung. Er von wurde aus ſeinem Gefaͤngniſſe abgeholt und zum Richtplatze hingefuͤhrt. Jetzt aber be⸗ waͤhrte ſich die Liebe der Einwohner fuͤr ei⸗ nen treuen Seelenhirten. Das Volk lief zu⸗ gen ſammen; der Befreiungsentſchluß flog mur⸗ melnd von Mund zu Munde; die geringe vi 1 0 Eskorte des Ungluͤcklichen wurde auseinan⸗ 17 der geſprengt, und der Taumelnde von einer kraͤftigen Hand aus dem Gewuͤhle nach ei⸗ nem Seitengaͤßchen gezogen und in Frei⸗ heit geſetzt. Dieſe Hand gehoͤrte dem biedern Jean Micheau, der, von einer Geſchaͤftsreiſe zuruͤckkehrend, grade uͤber den Marktplatz wegritt, als der Zulauf entſtanden war. Kaum hoͤrt er, wem dieſer gelte, als er ab⸗ ſpringt, ſein Pferd dem Reitknechte uͤber⸗ giebt, und ſich nach dem ehrwuͤrdigen Delin⸗ quenten hindraͤngt, deſſen Retter er ward. Allein ſo raſch dieſe That auch vollbracht und von dem dichten Gewuͤhle gedeckt wurde, ſo entging ſie dennoch einem Spaͤherauge nicht, welches, ihn laͤngſt mit Scheelſucht beglei⸗ tend, die willkommene Botſchaft den zeiti⸗ gen Gewalthabern überbrachte. Eines Abends wollte ſich der ehrliche Paͤchter eben mit ſeinem trauten Weibe und Töchterlein zu Tiſche begeben, als die Haus⸗ 3 18 klinget heftig angezogen wurde. Das auf⸗ wartende Maͤdchen lief hinaus, kam aber noch ſchneller und geiſterbleich zuruͤck. Ihr folgten ein Polizeicommiſſair mit drei Gens⸗ d'armen auf dem Fuße. Mann und Frau entſetzten ſich, und die kleine Ottilie fluͤch⸗ tete weinend in den Schooß der halbohn⸗ maͤchtigen Mutter. Der Polizeiofficiant zeigte einen Verhaftsbefehl vor, und er⸗ ſuchte Micheau, ihm zu folgen. Mit der Strenge dieſer Art Befehle bekannt, machte er auch nicht die geringſte Schwierigkeit, umarmte Weib und Kind, und folgte den Dienern des furchtbaren Gexichts. Unge⸗ achtet in dem Verhaftsbefehle keine Urſache der Verhaftung angegeben war, leuchtete ſie dennoch beiden ſogleich ein. Denn oft, wenn Micheau ſich der gelungenen Segens⸗ that gegen Claudine gefreut hatte, rief dieſe ahnend: Gebe der Himmel, daß ſie Dir nich bur gen 19 nicht zum Fluche gereichen möge! Daher wurde ſie auch jetzt nicht bis zur Betaͤu, bung uͤberraſcht, und behielt Beſinnung⸗ genug, alles, was von baarem Gelde und Koſtbarkeiten im Hauſe war, zuſammen zu raffen und es an einen ſichern Ort zu bringen Eine Maaßregel, die um ſo nöthiger war, da Tages darauf ihr ſaͤmmt⸗ liches mobiles und immobiles Vermoͤgen in Brſchlag genommen und ihr zugleich die Anzeige gemacht wurde, daß ihr Mann bereits nach der Hauptſtadt abge⸗ führt worden ſey. Anch dies uͤberraſchte ſie nicht, und ſie wunderte ſich vielmehr, daß man ihr, als eines angeblich Verdach⸗ tigen Gattin, die Freiheit ließ. Sie be⸗ ſchloß, die Gunſt des Zufalls, wofur ſie jene hielt, ſo ſchnell als moͤglich zu be⸗ nutzen und ihrem Manne nachzueilen. Sie machte ihre Koſtbarkeiten zu Geld, und 20 war ſchon am zweiten Tage auf dem Wege nun zur Hauptſtadt. 1c ihr Hier angekommen, dauerte es lange, nuch bis ſie erfahren konnte, in welches der hun⸗ Er dert Gefängniſſe ihr Gatte abgeliefert wor⸗ Da den, und wer ſeine Richter ſeyen. Durch iſt Geld und raſtloſe Bemuͤhung erfuhr ſie das hab Erſtere, und flog nach dem Gefaͤngniſſe leb hin. Allein die gebetene Unterredung mit und dem Gefangenen wurde mit der Bemetkung daß abgeſchlagen, daß dieſe nur auf die aus⸗ wi druͤckliche Erlaubniß der in Sache der Hoch⸗ verrather niedergeſetzten Specialcommiſſion hat zu erlangen ſey. Sie erkundigte ſich nach den eEie Mitgliedern der Commiſſion, und Mallot ſac wurde ihr als Präſident derſelben brzeichnet. zei Ein Schlag durchzuckte ihre Nerven; ihr cbe furchtbares Schickſal ſtand, vom Blitze be⸗ 1 leuchtet, vor ihr da. Aber ſie ermannte M ſich dennoch, und eilte nach Mallots Woh⸗ 21 nung. Mit anſcheinender Befremdung trat ihr dieſer entgegen, und erkundigte ſich theil⸗ nehmend nach der urſache dieſer gluͤcklichen Erſcheinung. Außer Faſſung ſagte ſie:— Das ungluͤck, welches mich hieher fuͤhrt, iſt Ihnen nur gar zu wohl bekannt! Sie haben—— Er aber unterbrach ſie mit ſo lebhaften Verſicherungen ſeiner Unkunde, und ſpielte den Ueberraſchten ſo natuͤrlich, daß Claudine wirklich dadurch getaͤuſcht wurde und ſich neuen Hoffnungen uͤberließ. Nachdem ſie ihm den Vorfall mitgetheilt hatte, ſagte er:„Madame, ich verſichere Sie nochmals auf Ehre, daß mir die Ur⸗ ſache der Verhaftung Ihres Mannes zur Zeit noch unbekannt iſt. Ich werde mir aber die betreffenden Actenſtuͤcke unverzug⸗ lich vorlegen laſſen und die zweckmäßigſten Masßregeln zu ſeiner Rettung ergreifen. Beruhigen Sie ſich inzwiſchen und beehren mich morgen um dieſe Stunde mit Ihrer Gegenwart, um das Naͤhere zu vernehmen⸗ um Ihnen aber einſtweilen einen Beweis meines guten Willens zu geben, ertheile ich Ihnen hiermit, was ich jedem Andern verſagen wuͤrde.“ Es war die erbetene Ein⸗ laßkarte. Sie empfing ſie mit wirklichem Dankgefuͤhl, und eilte von Hoffnung be⸗ ſlugelt nach dem Kerker ihres Mannes. Die Stene dieſes Wiederſehens war erſchuͤtternd und ihr Effekt von dem Ty⸗ rannen gar wohl berechnet. An dieſem Orte der Schmach und des Entſetzens, in dieſer Geſellſchaft wirklicher Verbrecher und dem Tode der Gerechtigkeit verfallener Opfer— konnte Claudine ihren Mann nicht laſſen, ſo lange es einen Preis fuͤr ſeine Erloͤſung gab. Freilich traͤumte ihr von dem Preiſe nicht, den Mallots Eigenſucht darauf ſetzen wuͤrde. Ihre Unterredung mit ihm hatte ihr Ne ſeit der ———— 23 ihr, wenn auch keine hoͤhere, doch andere Meinung von ihm beigebracht. War doch ſeine Sprache, ſein ganzes Benehmen an⸗ ders! Aus welchen Gruͤnden? Gleichviel!— Der gemeine Emporkoͤmmling muß oft lange den edeln Mann ſpielen, bis er ſich das Recht erwirbt, als Edelmann gemein ſeyn zu duͤrfen. Vielleicht war dieſes gerade bei Mallot der Fall. Vielleicht war ſie ſeinem jetzigen Range zu gering, um ſie anders, als durch eine fuͤrſtliche Großmuth zu de⸗ muͤthigen, und ach! wie gern haͤtte ſie ſei⸗ ner Eitelkeit dieſen Triumph gegoͤnnt! Kaum hatte den folgenden Tag die Stunde geſchlagen, als Claudine wieder vor dem Vielbedeutenden ſtand. Er empfing ſie mit vornehmer Herablaſſung und zugleich mit einer Miene aͤngſtlichen Mitleids, welche die Unwirkſamkeit ſeines Beſtrebens anzu⸗ deuten ſchien. Dieß ergab ſich auch nach 2 einer langen beklemmenden Pauſe aus ſei⸗ nen Worten.„Micheaus Verbrechen, hieß es, ſey nach dem Actenbeweiſe zu groß, und zu offenkundig, um ihn der geſetzlichen Strafe entziehen zu koͤnnen. Er habe der Gerechtigkeit ein Opfer entriſſen, welches ihrer unverletzbaren Majeſtaͤt fallen mußte. Hierdurch habe er, außer der hoͤchſt ſtraͤfli⸗ chen Handlung, einen Geiſt der Empoͤrung ausgeſprochen, der nur durch ein blutiges Suͤhnopfer zu beſchwoͤren ſey.“— Clau⸗ dine ſank in die Knie; er ſprang hinzu, und rief ſie durch kuͤhne, von der Ohnmacht be⸗ guͤnſtigte, Mittel ins Leben zuruͤck. Die Zunge war ihr gelaͤhmt; er aber fuhr fort: „Sie ſehen ſelbſt ein, Madame, wie ent⸗ ſchieden gerecht die Strafe Ihres Mannes, und wie unmoͤglich ſeine Rettung iſt.“— Unmoͤglich! rief ſie, durch dieſes Wort elek⸗ triſirt,— unmoͤglich, Tyrann! auch Dir un er: we ha te 25 unmöglich? Bei Faſſung bleibend; ſprach er:„Auch mir, dem Verkannten! denn welchen Antheil— geſtehen Sie ſelbſt— hatte ich an Ihres Mannes tollkuhner Handlung? Und welchem Kinde wäre die Strafe unbekannt, die auf einer ſolchen Handlung haftet? Jeder Verſuch, ihn die⸗ ſer Strafe zu entziehen, hieße an ſeine Stelle treten; und mit welchem Rechte aber koͤnn⸗ ten Sie mir ein ſolches Opfer zumuthen?— Ein luſterner Blick auf die Ungluckliche er⸗ klaͤrte ihr den Sinn dieſer Frage. Ent⸗ ruſtet ſprach ſie: Ich verſtehe Sie, ver⸗ ſtehe Sie recht gut. Ich hatte den Teufel einen Augenblick verkannt, weil er die Kral⸗ len eingezogen hatte; er ſtreckte ſie aus, und ich erkentie ihn wieder. Das Opfer, von dem ſie ſprachen, betrifft nicht Ihr Leben. Dieſes wurde Ihre Selbſtſucht Keinem, Kei⸗ nem, auch nicht Ihrer— Maitreſſe zum 26 Opfer bringen. Aber auch das Kleinere wol⸗ len Sie der nicht darbringen, deren Tu⸗ gend und Stolz ſich gegen dieſes Unrecht empoͤrt.— Mit dem tiefſten Abſcheu ver⸗ ließ ſie den Beſturzten. Aber weit entfernt, ſeinen Plan durch dieſes Mißlingen aufzugeben, beſchloß er vielmehr, ihn auf's Aeußerſte zu treiben.— Als Claudine einige Stunden ſpaͤter— ſo vieler bedurfte ſie zur Erholung— ihren Gatten beſuchen wollte, wurde ſie von dem Kerkermeiſter mit der Nachricht abgewieſen, daß ein geſchaͤrfter Befehl jeden Umgang mit den Gefangenen bis nach Entſcheidung ihres Prozeſſes unterſage. Thraͤnen, Bitten und beſtechliche Anerbietungen wurden ſtand⸗ haft ausgeſchlagen, und ihr bei wiederhol⸗ ten Verſuchen ſogar mit eigner Verhaftung gedroht.— Jetzt war ihr Schickſal entſchie⸗ den; es lag in der wieder erlangten Kennt⸗ ni he 27 niß vom Tyrannen ausgeſprochen vor ihr da. Ein ſelbſtvernichtender Kampf entſtand in ihrer Seele. Liebe, Tugend und Ver⸗ zweiflung gaͤhrten wechſelsweiſe in ihr auf, und gebaren, geheim bruͤtend, ein Unge⸗ heures. Dieſe Nachtgeburt im Herzen, ſah ſie ruhig dem Todesurtheile des Gatten entgegen, welches auch in einigen Tagen erfolgte. Dann aber eilte ſie in ſeinen Ker⸗ ker, druͤckte den Verzweifelnden mit wahn⸗ ſinniger Begeiſterung an's Herz, und ver⸗ hieß ihm feierlich ſeine Befreiung. Wie ſo, und um welchen Preis? konnte er trotz al⸗ ler Bitten und Beſchwoͤrungen nicht von ihr erfahren. Sie empfahl ihm, ſich um Mitternacht zur Flucht bereit zu halten, zu welcher ſie ſelbſt ihn abholen wuͤrde. Nach dieſen Worten und einer thraͤnenden Umarmung verließ ſie raſch den Kerker. Micheau aber blieb wie ein Traͤumender 28 zuruͤck, nicht wiſſend, ob er mehr vor ih⸗ rem ſcheinbaren Wahnwitz ſich zu furchten, oder ihrem prophetiſchen Ton und Blick zu vertrauen habe. Sinnend und traͤu⸗ mend uͤberraſchte ihn der Abend. Die Glocke auf der hohen Kathedrale ſchlug eben elf, als ein Mann in einen blauen Mantel gehuͤllt, mit ſcheuen Tritten uͤber den Siegesplatz(Place des Victoires) wegſchlich, und den hier und da ſchimmern⸗ den Laternenlichtern ſorgfaͤltig auszuweichen ſchien. Es war Mallot. Eine Einladung Claudinens hatte ihn auf dieſe Stunde nach ihrer in der Vorſtadt belegenen Wohnung beſchieden. Zwar beſtimmte die Einladung keine Urſache; allein ihr kecker Styl uͤber⸗ zeugte ihn, daß ſie wenigſtens zum Theil gewährenden Inhalts ſeyn muͤſſe. Sein intriguenerfahrner Geiſt ahnete ſogleich ei⸗ nen ſchaͤndlichen Triumph uͤber die Ver⸗ 29 zweiflung einer Gattin— und jauchzte⸗ Jetzt aber auf dem Wege— zum Siege— und hinſchreitend uͤber den impoſanten Platz dieſes Namens— uͤberfiel ihn eine innere Scheu, die ſeinen weitausholenden Helden⸗ ſchritt zum furchtſamen Verbrecherstritt ver⸗ kuͤrzte.— In der bezeichneten Wohnung angelangt, empling ihn Jeannette, Clau⸗ dinens tteues Kammermaͤdchen. Sie fuͤhrte ihn eine Treppe hoch in ein Vorzimmer, wies ſchweigend nach der Thuͤr des innern, und verließ ihn mit einem verwerfenden Blicke. Kaum hatte er den Muth anzupo⸗ chen, und als kein„Herein!“ erfolgte, die Thuͤr zu öffnen. Aber was er jetzt erblickte, war nicht geeignet, ſeinen Muth zu bele⸗ ben. Der Saal, in welchen er eintrat, war geräumig, ſchwarz ausgeſchlagen und mit einigen gleichfarbigen Moͤbeln verziert. Vor einem kleinen Hausaltar, auf welchem zwei 30 brennende Wachskerzen und ein Kruzifir 1 ſtanden, lag Claudine ſchwarz gekleidet und vetend auf den Knieen. Die Nähe des Boͤ⸗ ſen ſchreckte ſie auf. Mit Hoheit und Wuͤrde trat ſie dem Ueberraſchten entgegen.„Hal⸗ ten Sie— war ihre Anrede— was Sie hier ſehen, nicht fuͤr ein Gaukelſpiel, wel⸗ ches Ihre Sinne gefangen nehmen ſoll. Es ſoll Sie vielmehr von dem irdiſchſten aller Bande befreien und Ihrem Geiſte, wo möglich, die verlorne Schwungkraft wie⸗ dergeben. Ehrſucht und Sinnlichkeit haben Sie dem Heiligen entfremdet, aber Ihr Gewiſſen ſträͤubt ſich gegen den Hohn, wo⸗ mit Ihr Mund es befleckt. Auf dieſe Vor⸗ ausſetzung iſt mein Verſuch— mein letzter auf Sie— gegruͤndet. Hier im Angeſichte des Allheiligen entſagen Sie einer kleinli⸗ chen Rache, einer niedrigen Begierde, und geben einer armen Wittwe ihren Gatten, ein ſit ne 31 einer Waiſe ihren Vater zuruͤck. Sie be⸗ ſitzen in dieſem Augenblicke die Macht ei⸗ nes Gottes; empfinden Sie die Wolluſt ſei⸗ ner Barmherzigkeit.“— Sie ſank vor ihm auf die Knie; er hob ſie erſchuͤttert auf— „Sollte ich mich aber— fuhr ſie fort— dennoch in Ihnen geirrt haben; koͤnnten Sie lieber ein Teufel, als ein Gott ſeyn wollen: dann verkaufen Sie mir das Leben meines Mannes, und ſchaͤnden den Altar, der Sie ehren wollte.“— Aber der Sil⸗ berblick der Erleuchtung war in Mallots Seele verſchwunden⸗ Nur fuͤr grob ſinn⸗ liche Eindruͤcke empfaͤnglich, kannte er das Hohe und Edle nur von der Buͤhne her, und war gewohnt, es als eine angenehme Illuſion an ſich voruͤberziehen zu laſſen⸗ Der Auftritt mit Claudine erſchien ihm wie die Scene einer Feenoper, und ſie ſelbſt uls ihre lockende Prieſterin. Die ungewohntt 32 feierliche Umgebung machte ſie ihm nach der erſten Ueberraſchung nur reizender, und ſein Ange irrte luſtern auf der halb heiligen, halb uͤppigen Geſtalt. Wir verſchonen unſere Leſer billig mit Mallots in dieſem Sinne ausgeſprochenen Worten und ſeinen noch kuhnern Verſuchen. Claudine überzeugte ſich von der Unumgaͤnglichkeit ihres Opfers, und ſprach im Geiſte der Hingebung und Entruͤſtung:„Sie haben Ihren Zweck er⸗ reicht, und ſtehen Ihrem Ziele nahe. Da⸗ mit aber nicht ich, die ſchaͤndlich Gefallene, auch die ſchaͤndlich Bstrogene werde, ſo ſtel⸗ len Sie, bevor Sie Ihr Opfer wuͤrgen, ei⸗ nen Entlaſſungsbefehl fuͤr meinen Mann aus.“ Dies geſchah, und der Genius ſitt⸗ licher Myſterien wendete ſein Antlitz von der empoͤrendſten Schandthat.— Es war um die erſte Stunde nach Ritternacht, als Micheau's Kerkerthuͤr auf⸗ gi ker ſet biſ ret ſn frei zu 33 ging und ſein Weib, auf den Arm des Ker⸗ kermeiſters geſtutzt, hereinwankte. Als die⸗ ſer ſich zuruͤckgezogen hatte, rief ſie: Du biſt frei! Aber eile weg von hier, und rette Dich und Dein Kind!—„Retten!“ ſprach er verwundert;„retten— da wir frei ſind? Und warum nur mich und un⸗ ſer Kind? Haſt du weniger zu befuͤrchten?“ — Ich— erwiederte ſie— habe in dieſer Welt nichts mehr zu fuͤrchten; vielleicht in einer andern. Doch ſo unbarmherzig wird der nicht ſeyn, der mich. Ihre Stimme vorlor ſich, wie es ſchien, in einem ſchwe⸗ ren Gedanken. Micheau von dieſer dunkeln und abgebrochenen Antwort befremdet, zog ſie— die bis jetzt ſich in dem Schatten eines Pfeilers zuruͤckgezogen hielt— ans Licht, und fuhr entſetzt vor ihrem Anblick zuruͤck. Ihr Geſicht war entſtellt, ihr Auge erloſchen und ihre ſtolze Haltung ein ohn⸗ 3 66 maͤchtiges Schwanken.—„Weib, rief er, was iſt aus Dir geworden? Du ſprichſt und ſiehſt aus wie eine Sterbende; haſt mich befreit, wie eine Heldin, und redeſt von Rettung, wie eine Feige. Und dann Claudine— warum umarmſt Du nicht Deinen dankbaren Gatten?“— Er trat auf ſie zu; ſie wich einen Schritt zuruͤck, und ſah ihn mit ſcheuen Blicken an. Dann aber ſturzte ſie, unter einem Strom hervor⸗ brechender Thraͤnen, auf ihn zu, und ſchloß ihn mit den Worten in die Arme: Ja, ich darf Dich umarmen! Denn ich bin, wenn auch nicht mehr Deine treue Gattin, doch Deine treue Geliebte; und dieſe hat ge⸗ wonnen, was jene verloren hat. Rein darf ich meine Augen vor Gott— Dir und mir aufſchlagen; nur vor der Welt nicht— und dieſe habe ich nicht mehr zu ſcheuen.— „Verſteh ich Dich recht? fragte Micheau pa 35 bebend; mit welcher Unthat haſt Du meine Freiheit erkauft?“— Unthat! rief ſie mit einer heftigen Aufwallung zuruͤckweichend. Doch bald wieder gefaßt, ſprach ſie, in beinahe demuͤthigem Tone: Micheau! ver⸗ damme nicht Deine Claudine! Jeder Vor⸗ wurf, den Du ihr machteſt, wuͤrde einſt eine Zentnerlaſt an Deine Reue heften. Hier aber iſt weder Zeit noch Ort der Erklaͤrung. Unten vor dem Thore erwartet Dich ein Wagen mit unſerer Ottilie und ihrer Waͤr⸗ terin. Eile mit ihnen nach Chateau Thierry, packe unſere Habſeligkeiten zuſammen, und halte Dich zum Abzuge bereit. Wohin? wird Gott Dir durch die Stimme Deiner Claudine offenbaren. Ich muß noch 24 Stunden hier bleiben, um eine Schuld, die ich Deinetwegen gemacht habe, abzutragen. Dann aber eil' ich auf Liebesſchwingen Dir nach.— Dieſe Worte Claudinens waren 36 nicht geeignet, den Gatten zu beruhigen; deſto mehr aber war es ihr Geſicht, das ſich allmaͤhlig zum Madonnenantlitze ver⸗ klaͤrte. Auch ihr Ton war kraftig und ſie⸗ gend, wie einer Gottgeſandten; ihm konnte Micheau nicht widerſtehen. Ueberdieß trat jetzt der Kerkermeiſter ein, und ermahnte an den Aufbruch. Von ihm gefolgt, verließen beide den Kerker, und gingen nach dem Wagen. Hier umarmte Micheau nochmals ſein Weib, ſtieg ein— die Lippen Ottiliens verſchlangen ſeine Thränen. Unter den widerſprechend druͤckendſten Gefuͤhlen kam Micheau in Chateau Thierty an, und traf ſofort Anſtalten, welche Clau⸗ dine ihm empfohlen hatte. Am dritten Tage darauf folgte Jeannette mit den in der Hauptſtadt zuruͤckgelaſſenen Effekten, und haͤndigte ihm einen Brief ihrer Gebieterin ein. Er erbrach ihn zitternd, und las: un eh 37 Mein geliebter Freund, In dem Augenblicke, da Du dieſes Schreiben erhaͤltſt, habe ich die Schuld, die ich Deinetwegen hier gemacht habe, bereits abgetragen, und mein beſſeres Ich eilt auf Schwingen der Liebe Dir nach. Ja, Mi⸗ cheau, Du haſt richtig geahnet. Dein Weib iſt Dir ungetreu worden; doch untreu nur, nicht entehrt. Meine wenigen unſeligen Koͤrperreize hatten den Unhold Mallot ent⸗ flammt. Er riß Dich in's Verderben, um Dich auf meine Koſten der Tugend daraus zu entlaſſen. Er hat ſeinen Zweck er⸗ reicht, und wird den Lohn dafuͤr vor einem hoͤhern Tribunale, als das ſeinige, erhalten. Was ich that, habe ich mit reinem, unbe⸗ fleckten, Gott und Dir ergebenen Sinne gethan. Ich habe einer Waiſe ihren Vater und dem Vaterlande einen treuen Buͤrger erhalten, mich ſelbſt geopfert. Vor Gott und 38 mir, und— mein Herz ſagt mir's— auch vor Dir ſtehe ich gereinigt da. Nicht ſo vor den Augen der Welt. Der Raͤuber meiner Tugend wird mit ſeiner Beute prah⸗ len, und jene hatte ein Recht, die Gruͤnde meiner Handlung zu bezweifeln. Soll mit der Wahrheit der Schein und in beiden die Unverletzbarkeit der Pflicht gerettet wer⸗ den: ſo muß ich dem groͤßern Opfer das kleinere, muß meiner Ehre das Leben nach⸗ ſchicken. Und dieſes wird geſchehen, ſobald ich meine Beichte in die Haͤnde des Prie⸗ ſters niedergelegt und die Gnadenmittel unſerer Kirche werde empfangen haben. Dann tret' ich, mit Gott und der Menſch⸗ heit verſoͤhnt, vor den Thron des Mittlers, der auch dieſen Schritt vor ſeinem und mei⸗ nem Vater vertreten wird.— Dir, mein geliebter Freund, ſage ich hiermit ein Lebe⸗ wohl, wie es die Liebende dem Geliebten 39 wol ſagen darf. Glaubſt Du, wie ich, an Gott und ſeine Barmherzigkeit, dann wirſt Du unſere Trennung keine ewige nennen. Hier konnteſt Du mit Ehren nicht mehr mit mir leben; dort wirſt Du es koͤnnen. Sey alſo ſtandhaft, und ertrage muthig, was nicht zu äͤndern war.— Suche auch nicht, Dich an Mallot zu raͤchen. Vergieb ihm, wie ich ihm vergebe, und wie unſer Heiland vergeben hat denen, ſo Schuld waren an ſeinem Tode. Schenke die Liebe und Sorgfalt, welche Du mir bisher ge⸗ widmet haſt, unſerer Ottilie, und lehre ſie, den Pfad der Tugend wandeln. Der Him⸗ mel verleihe ihr ein ſo gluͤckliches Leben, wie das meinige bei Dir war; doch nie erfahre ſie, wie ihre Mutter geendet habe. Verlaſſe, ſo ſchnell Du kannſt, Chateau Thierry, und ziehe nach O— e zu unſrer Verwandten B:;— Sie wird Dich mit Liebe 40 aufnehmen und unſerer Sttilie Mutter ſeyn. Dort warte ruhigere Zeiten ab, de⸗ ren Morgenroͤthe ich im Geiſte ſchon an⸗ brechen ſehe. Dann— wenn die ungluͤck⸗ lichen Verirrten zur Pflicht und Religion zuruͤckgekehrt ſeyn werden— dann ſtelle Dich wieder dem Vaterlande, und tritt in die Reihen ſeiner Verfechter. Bis dahin aber lebe ſtill und verborgen, damit die Ruchloſigkeit Dich nicht zum zweiten Male ereile und meiner Ottilie auch den Vater raube. Ich empfehle Dich und ſie dem Schutze Gottes und des Heilandes, und bin bis in den Tod Deine Dich zärtlich liebende Claudine. Micheau war nach Durchleſung dieſes Briefes nicht ſo außed ſich, wie mancher unſerer Leſer glauben duͤrfte. Sein durch Angſt und Entſetzen abgeſtumpfter Sinn ver dut ſche wa unt ten Gr Cla cn toi A ſch ri 2h Ge blu ter 41 vermochte weder die Tiefe ſeines Elends zu durchdringen, noch deſſen Umfang zu uͤber⸗ ſchauen. Sein erſter und einziger Gedanke war die etwanige Moͤglichkeit einer Rettung; und, ohne der perſoͤnlichen Gefahr zu ach⸗ ten, jagt er mit Courierpferden nach der Hauptſtadt. Aber er kam zu ſpaͤt! das Graͤßliche war ſchon vollbracht. Man hatte Claudinen den Tag vorher in jenem fruͤher erwaͤhnten Saale, am Fuße des Altares, todt gefunden. Sie war nach dem aͤrztlichen Ausſpruche an Gift verſtorben, und— wahr⸗ ſcheinlich auf Mallots Veranſtaltung— ge⸗ raͤuſchlos, aber ehrlich beerdigt worden. Micheau eilte nach ihrem Grabe, und ſeine Thraͤnen floſſen auf den friſchen Huͤgel. Gern haͤtt' er ihrem Schatten in Mallot ein blutiges Suͤhnopfer gebracht, wenn ihr letz⸗ ter Wille ihm nicht Frieden und Maͤßigung zur Pflicht gemacht haͤtte. Dieſe ehrend, 42 reiſ'te er nach Chateau Thierry zuruͤck, von wo er nach wenigen Tagen, ohne von Je⸗ mand Abſchied zu nehmen, mit den Seini⸗ gen nach O—e aufbrach. Seine Verwandte, die Wittwe B—: empfing ihn mit Herzlich⸗ keit, und theilte ſeinen Schmerz um Clau⸗ dinens Verluſt, deſſen Art und Veranlaſſung ihr jedoch nicht bekannt wurde. Bald nach ſeiner Ankunft trat er einen anſehnlichen Guͤterpacht an, und wirkte hier, wie ehe⸗ mals in Chateau Thierry, wohlthaͤtig im Stillen. An Ottilien hing ſeine ganze Seele, und ſchwerlich wuͤrde er das Geſchaft ihrer Erziehung mit der B—: getheilt haben, wenn nicht ſeine oͤftere Abweſenheit eine muͤtterliche Aufſeherin nothwendig gemacht haͤtte. In einer ſolchen Abweſenheit er⸗ folgte die, im Eingange dieſer Erzählung mitgetheilte, Ankunft Oliviers, zu welchem wir jetzt uns zuruͤck wenden. hei Je che N fün til die 73„— — c—. 43 Ueber Oliviers Abkunft ſchwebte ein ge⸗ heimnißvolles Dunkel. Er war zugleich mit Jeannetten— Claudinens Kammermaͤd⸗ chen und ſeiner angeblichen Muhme— in Micheaus Haus eingetreten, und damals funf Jahre alter, als die zweijaͤhrige Ot⸗ tilie. Zu delikat, um in Jeannetten, welche die guͤltigſten Zeugniſſe bei ſich fuͤhrte, we⸗ gen ihrer fruͤhern Verhaͤltniſſe einzudringen, behandelte man ſie und den Knaben, als ein Paar Ungluͤckliche, deren geheimnißvolles Schickſal ſie nur um ſo intereſſanter machte. Olivier genoß mit Ottilien eine gleiche Er⸗ ziehung, und theilte mit ihr jene harmloſen Freuden der Kindheit, von welchen Goͤthe ſo wahr und ruͤhrend ſingt: Jenes ſuͤße Gedränge der leichteſten irdiſchen Tage, Ach! wer ſchätzt ihn genug dieſen ver⸗ eilenden Werth! 44 Klein erſcheint es nun, doch ach! nicht klein⸗ lich dem Herzen; Macht die Liebe, die Kunſt, jegliches Kleine doch groß. Der uns vorgezeichnete raſche Gang der Erzaͤhlung verſtattet keine Schilderung die⸗ ſer ſchoͤnen Zeit, in Beziehung auf Olivier und Ottilie; aber ſie legte in Beide den Keim einer Neigung, der— unſcheinbar, wie der Punkt im Ei— ein reiches Leben in ſich verſchloß.— Schade, daß ſie von ſo kurzer Dauer war. In ſeinem zwoͤlften Jahre wurde Olivier zu einem Kaufmanne in der Hauptſtadt gethan, um dort die Handlung zu erlernen. Die Trennung der beiden Kinder war wirklich ſchmerzlich, und nie erloſch des Einen Bild im Herzen des Andern. Ein Jahr nachher— im achten Ot⸗ tiliens— ſiel Micheaus Verhaftung vor, un vot jet der hat Au 45 und Jeannette, die ſich eben fo ſchmerzlich von dem Knaben getrennt hatte, dankte jetzt dem Himmel, daß er ihren Liebling dem Jammerhauſe zeitig genug entzogen hatte. Aber als ſie mit ihrer Gebieterin in der Hauptſtadt angelangt, den erſten freien Augenblick benutzte, um ſich perſoͤnlich von des Knaben Wohl zu uͤberzeugen— ach! da war der Knabe ſammt ſeinem Handels⸗ herrn verſchwunden. Wir ubergehen die, in den Stuͤrmen jener Zeit begruͤndeten Mo⸗ tive, welche dieſen wenige Tage vorher zur Flucht gedraͤngt hatten. Jeannette ſank bei der Nachricht zu Boden, und es bedurfte kraͤftiger Mittel, ſie ins Leben zuruͤckzurufen Ihr Schmerz war grenzenlos. Allein der Anblick ihrer noch tiefer gebeugten Gebie⸗ terin und die Hoffnung, daß der Zeik⸗ wechſel ihr ſeinen Raub fruͤher oder ſpäter zuruͤckbringen wuͤrde, verſchaffte ihr nach 46 und nach ihre Faſſung wieder, und ſie lebte mit Ergebung dem Dienſte ihrer geliebten Gebieterin. Als aber Micheau,“ nach dem Tode ſeiner ungluͤcklichen Gattin, Chateau Thierry verließ, und nach O— e zog, konnte ſie ſich nicht entſchließen, die Reiſe mit zu machen. Sie wandte ſich, ſo ſchwet ihr die Trennung von Micheaus fiel, nach der Hauptſtadt, und ging in⸗ demſelben Hauſe in Dienſte, wo Olivier's Herr gewohnt hatte. Hier hoffte ſie der Entdeckungsquelle des Verlornen am nächſten zu ſeyn, und harrte von Tage zu Tage ſeiner Erſcheinung⸗ Aber ach! ſie harrte vergebens. Wochen, Monde und Jahré verſtrichen, ohne daß ihr eine Kunde von dem Erſehnten zukam. Das waren Tage des Kummers und des Trübſals, nur Demjenigen fühlbar, deſſen Herz ſelbſt in vergeblicher Sehnſucht ſich verzehrte. Ihr Leben erloſch allmaͤhlich mit H ein 47 ihrer Hoffnung, und der Todesengel kußte von ihren ſterbenden Lippen den Namen:— Olivier. h Nicheau mochte etwa acht Jahre in O— e gewohnt haben; als eines Tages ein Brief nebſt einem Paket mit der Poſt an ihn einlief. Da ſein jetziger Aufenthalts⸗ ort, ſo viel er wußte, Niemanden in der Entfernung bekannt war, ſo war er bei dem Anblicke ſeiner Adreſſe hoͤchſt uͤberraſcht. Er erbrach Brief und Paket, verſchloß ſich da⸗ mit auf ſein Zimmer, und Niemand erfuhr, woher ſie gekommen, und welches Inhalts ſie waren. Ein Jahr nach dieſem Vorfalle geſchah Olivier's Ankunft. Die Jugendgeſpielen hatten ſich, wie wir wiſſen, bald erkannt, und erwarteten nun mit Ungeduld des Va⸗ ters Ruͤckkunft. Aber ſtatt ſeiner lief ein Briefchen an Ottilien ein, worin Micheau 48 ſeine Tochter von ſeinem Ausbleiben fur die folgende Nacht in Kenntniß ſetzte. Dieſe Rachricht war Beiden hoͤchſt unangenehm, und Ottilie ſchickte zu ihrer Verwandten B— und ließ ſich ihre Anweſenheit bis zu des Vaters Ruͤckkehr ausbitten. Sie er⸗ ſchien, ünd Olivier wurde ihr als Halb⸗ bruder Ottiliens vorgeſtellt. Ihre Gegen⸗ wart hinderte auch keinesweges die raſche Entwickelung der Jugendliebe in den Herzen beider Geſpielen. Sie knuͤpften gleichfalls den Faden ihrer Vertraulichkeit da wieder an, wo er unterbrochen worden; und von der Unſchuld jener Erinnerung beguͤnſtigt, ſtellten die Verhaͤltniſſe ſich leicht und froͤh⸗ lich wieber her. Hlivier mußte erzählen, was er aber nicht ganz zur Befriedigung von OSttiliens Neugier vermochte. Er war einſt von ſeinem Herrn aufgeweckt und ange⸗ wieſen worden, die Kaſſe nebſt andern Koſt⸗ 49 barkeiten ſo ſchleunig als moͤglich einzu⸗ packen und ſich zur Abreiſe anzuſchicken. Ein paar Stunden darauf ſtand eine Extra⸗ poſt vor der Thuͤr, ſein Herr nahm von Weib und Kind einen ſchmerzlichen Abſchied, und ſtieg mit ihm in den Wagen. Schwei⸗ gend ſaßen Beide neben einander, ohne daß jener ein Wort uͤber den Beweggrund oder das Ziel ſeiner Reiſe verlor. Als ſie aber die Graͤnze paſſiren wollten, wurden ſie angehalten, ſcharf eraminirt und nach der naͤchſten Provinzialſtadt zuruͤckgeführt. Hier wurden Beide in verſchiedene Gefäng⸗ niſſe gebracht und jeder einzeln verhoͤrt. Bald darauf wurde Olivier unter ein Regi⸗ ment Linientruppen geſteckt, ohne daß er von dem fernern Schickſale ſeines Herrn etwas erfahren konnte. Seitdem machte er meh⸗ rere Feldzuͤge in Deutſchland mit, hielt ſich tapfer, und erwarb ſich durch eine kuhne 4 50 Heldenthat Kreuz und Ehrendegen. Zu⸗ gleich wurde er als Capitain unter die damalige Kaiſergarde verſetzt, und war mit derſelben vor ſechs Monaten in die Haupt⸗ ſtadt eingezogen. Hier erfuhr er von ſeinem ehemaligen Herrn nur ſo viel, daß dieſer nach zweijaͤhriger Abweſenheit zuruͤckgekehrt und mit ſeiner Familie und den wenigen Truͤmmern ſeines Vermögens, man wußte nicht wohin, abgezogen ſey. Von Jean⸗ netten erfuhr er nichts, und glaubte ſie noch immer in Micheau's Hauſe. Jetzt wurde ſein Regiment nach den mittäglichen Provinzen Frankreichs abgeſchickt, und auf dieſem Marſche war es, wo er unbewußt und unbekannt in Micheau's Haus eintrat. Sttilie fuͤhlte ſich nach der Erkennungs⸗ Scene in dem bluͤhend ſchoͤnen und ſo ehren⸗ voll ausgezeichneten Jugendfreunde ge⸗ ſchmeichelt, und haͤtte ihn außer der B— 51 noch gern der ganzen Welt vorgeſtellt. Er aber freute ſich der holdſeligen Anmuth der Jungfrau, die„herrlich in der Jugend Prangen, wie ein Gebild aus Himmelshoͤhn, mit zuͤchtigen verſchaͤmten Wangen“— vor ihm ſtand. Kaum konnte er ſich auf Augen⸗ blicke von ihrem Anſchauen trennen. Ein bluͤhendes Reich der Hoffnung und der Ah⸗ nung lag aufgeſchloſſen vor ihm da. Sein Mund neigte ſich auf die Lilienhand herab, und ſeine Blicke fanden liebend die ihrigen. Dieſer Abend waͤre der ſchoͤnſte ſeines Le⸗ bens geweſen, haͤtte nicht die Nachricht von Claudinens Tode und dem Ottilien ſelbſt noch unbekannten Schickſale Jeanettens einen Wermuthstropfen in den Freuden⸗ becher getraͤufelt. Aber ſelbſt der Schmerz dient der ſeligen Liebe zur reizenden Folie, und ihre Myrte winkt bedeutſamer im Schatten der Cypreſſe. Die traurende Er⸗ 52 innerung war bald uͤberwunden, und erſt der ſpaͤte Abend trennte die Begluͤckten. Schon zogen die ſchuͤchternen Wuͤnſche der Liebenden in den kecken Traumbildern ihrer Seele voruͤber, als unten im Hauſe ein heftiges Geraͤuſch entſtand und Otti⸗ lien weckte. Sie rief Marien zu, und be⸗ fahl ihr nachzuſehen; und dieſe, welche mit ihrer Gebieterin der Meinung war, es ſey durch Zufall ein Stuͤck Moͤbel umgefallen, eilte hinab. Sie ſah zuerſt in der Wohn⸗ ſtube nach, und fand alles an ſeinem Platze; eben ſo in der Kuͤche. Als ſie ſich aber dem nach hinten gelegenen Zimmer ihres Herrn naͤherte, hoͤrte ſie darin ein Geraͤuſch, wie von Menſchentritten, und dazwiſchen ein leiſes Haͤmmern. Beſtuͤrzt eilte ſie zu⸗ ruck, und ſtattete Ottilen von dem Gehoͤrten Bericht ab. Schnell wurden jetzt Olivier, die Soldaten und die B— geweckt und — 53 von dem Vorfalle unterrichtet. Erſterer nahm ſeine Piſtolen, befahl den Andern Stille, und ſchlich leiſe die Treppe hinunter. Raſch oͤffnete er das von außen nicht ver⸗ ſchloſſene Zimmer Micheau's, und erblickte einen Mann, der mit dem Ruͤcken gegen die Thuͤr vor Micheau's geoͤffnetem Pulte ſtand, und in Papieren wuͤhlte. Auf das Geraͤuſch des Eintretenden drehte der Un⸗ gebetene ſich um, und zeigte ſtatt des Ge⸗ ſichts eine Maske. Was ſuchſt Du hier? donnerte ihn Olivier an. Statt einer Ant⸗ wort zog jener eine Piſtole, und hielt ſie dem Eintretenden entgegen. Dieſer, wel⸗ cher Blut ſchonen wollte, unterlief jenen, und ſtuͤrzte ihn zu Boden. Seine Piſtole ging aber dennoch los und die Kugel dem Fallenden durch die Bruſt. Jetzt ſturzten die Soldaten und hinter ihnen die Frauen herein, und blieben erſchreckt vor dem An⸗ 54 blicke ſtehen. Olivier hatte die Halsbinde abgeriſſen, und war ſchon mit dem Verbande des unglucklichen beſchaͤftigt, unter welchem ein Blutſtrom hervorquoll. Die B— ſandte Marien ſchnell an den Maire ab, um dieſem Auftritte einen obrigkeitlichen Zeu⸗ gen zu verſchaffen. Ottilie ſelbſt lief nach dem Wundarzte des Orts, um ſeine chirur⸗ giſche Huͤlfe in Anſpruch zu nehmen, und die Soldaten faßten den Verwundeten und trugen ihn nach einem von der B— an⸗ gewieſenen Zimmer. Hier auf ein Bett niedergelegt, wollte man ihm die Maske abnehmen; allein er wehrte ſich wie ein Verzweifelnder dagegen. Olivier, welcher das Losgehen des Verbandes beſorgte, ge⸗ bot Einhalt, und wollte die Ankunft des Maire's abwarten. Aber die zuruͤckkehrende Marie hatte dieſen nicht zu Hauſe getroffen, und keiner ſeiner Leute wußte, wo ihr Herr 55 geblieben ſey. Statt ſeiner kam der Adjunkt, und mit ihm zugleich Ottilie und der Wund⸗ arzt. Sowol jener, als dieſer beſtanden darauf, es muͤßte dem Verwundeten die Maske ſogleich abgenommen werden. Beide, nebſt den Soldaten, hielten ihn unbeweg⸗ lich feſt, und Olivier trennte die Maske ab. Marie hielt das Licht uͤber ihn hin, und Allen, außer Olivier und den Soldaten, entfuhr ein Schrei des Entſetzens. Es war der Maire ſelbſt, den ſie vor ſich ſahen. Eine lange, ſtarre Pauſe, waͤhrend welcher der Geſeſſelte ſein ſchaamgluͤhendes Geſicht der Wand zukehrte. Olivier, der nicht begriff, was fuͤr ein Zauber die Ue⸗ brigen laͤhmte, fragte Ottilien, ob ſie den Verbrecher kenne? Ach Gott! lispelte dieſe leiſe, es iſt Herr Grenier, unſer Maire! „Nun, rief Olivier: das heiß ich mir eine wachſame Obrigkeit haben!“— Die Sol⸗ — ——— 56 vaten brachen in ein rohes Gelaͤchter aus, welches die Umſtehenden wieder zu ſich ſelbſt brachte. Der Adjunkt, der mit dem Maire auf keinem freundſchaftlichen Fuße ſtand, gewann zuerſt die Sprache wieder.„Meine Herren und Damen— begann er mit einer Miene, worin die Hoffnung auf den Maires⸗ Charakter ſich deutlich abſpiegelte— dieſer Vorfall iſt bedenklich, hoͤchſt bedenklich. Es thue daher der Herr Chirurgus unverzuͤglich ſeine Schuldigkeit, damit ich die meinige thun koͤnne.“ Jener zog auch ſogleich ſein Bindezeug hervor, unterſuchte die Wunde, die er aͤußerſt gefaͤhrlich fand, und legte einen neuen Verband an. Zugleich befahl er, den Verwundeten bis zum naͤchſten Morgen durchaus ungeſtoͤrt zu laſſen. Alle, außer ihm, verließen hierauf das Zimmer, und die Soldaten bezogen vor der Thuͤr ihren Poſten. Ottilie erſuchte den Adjunkt un Q Pit ſie de th vit I wi 57 um Verſchweigung des Vorgefallenen, bis zu ihres Vaters Ankunft, was jener auch, wegen ſeines pekuniaͤren Verhaltniſſes zu Micheau, angelobte und hielt. Ottilie ſendete an ihren Vater einen Boten ab, und ging dann mit Olivier und der B— in Micheau's Zimmer zuruͤck. Olivier'n fiel des Maires diamantenbeſetzte Piſtole auf. Er unterſuchte ſie, und fand ſie ungeladen.— Dieſe Entdeckung und die dadurch verſtaͤrkte Ueberzeugung, daß es dem Maire um keinen Geld-Diebſtahl zu thun ſeyn mochte, vermehrte bei dem Trium⸗ virate das Befremden. Man unterſuchte den Inhalt des geſprengten Pultes, um dadurch vielleicht einiges Licht in der Sache zu ge⸗ winnen. Das erſte, was ihnen in die Augen ſiel, war ein großes vielfach verſiegeltes Packet, mit der Aufſchrift: Teſtament der Seannette Gilbert. Ottilie that bei dieſem 58 Anblicke einen lauten Schrei, und Olivier ſing an heftig zu zittern. Jetzt erſt fiel es der B— ein, wie unſchicklich es war, Micheau's Geheimniſſe Preis zu geben. Sie machte die Liebenden hierauf aufmerkſam; und die Beſtuͤrzten ſetzten ihrer Bitte, das Zimmer zu verlaſſen, keinen Widerſtand entgegen. Gegen acht Uhr des Morgens kam Mi⸗ cheau zuruͤck. Er erfuhr von Ottilien Oli⸗ vier's Ankunft, des Maire's Diebösverſuch, und den Fund von Jeannettens Teſtament ſo auf ein Mal, daß er ſaͤmmtliche Nach⸗ richten nicht eher begriff, bis ihm die Ge⸗ genſtände ſelbſt unter die Augen kamen. Der erſte war Olivier, dem er freudig uͤber⸗ raſcht die Hand, der zweite und dritte waren der Maire und das Teſtament, uͤber welche er bedenklich das Haupt ſchuͤttelte. Olivier und Ottilie drangen in ihn wegen Jeannet⸗ tens duld gen jedoe ſich! geſte unte Nich gebe eine hri ſp und ſiehe Uhr Kta halb Oit iuß ang 59 tens Schickſal; er aber verwies ſie zur Ge⸗ duld, bis er mit dem Maire unter vier Au⸗ gen geſprochen haben wuͤrde. Dieß konnte jedoch vor Nachmittag nicht geſchehen; da ſich bei letztern ein heftiges Wundfieber ein⸗ geſtellt hatte, welches ihm jede Anſtrengung unterſagte. In der Zwiſchenzeit ordnete Micheau in Gedanken die vorgefallenen Be⸗ gebenheiten, und ſein Weſen gewann dabei eine ernſtliche Feierlichkeit, welche die Ue⸗ brigen immer mehr auf die Entwickelung ſpannte. Auch der Adjunkt wurde gerufen und mit ſeinem Verfahren auf die bevor⸗ ſtehende Unterredung verwieſen. Um vier Uhr Nachmittags wurde Micheau zu dem Kranken gerufen, mit welchem er andert⸗ halb Stunden allein blieb. Dann rief er Olivier und Ottilien, welche den Maire außerſt erſchoͤpft und Vater Micheau heftig angegriffen fanden. Der letztere faßte Beide 60 bei der Hand, und fuͤhrte ſie zu des erſteren Lager.„Kniet hier nieder, ſprach er be⸗ wegt; denn es iſt das Sterbebette eines ſchwer gepruͤften Mannes, der eine jugend⸗ liche Verirrung durch ein reuevolles Leben bußte. Seine letzte Handlung war ſtraͤflich; aber ſie fuͤhrt zu erfreulichen Reſultaten. Sie koſtet dem Verletzer des Eigenthums das Leben; aber ſie giebt auf Augenblicke einem Vater den Sohn, und einem Sohne den Vater wieder. So ſehen wir in einer einzi⸗ gen Handlung die ſtrafende und lohnende Vorſehung vereinigt, und beten ihr Walten im Staube an.“ Eine andachtsvolle Pauſe, in welcher der Kranke ſich im Bette auf⸗ zurichten ſuchte, und die Knieenden erwar⸗ tungsvoll aufblickten.„Ja Olivier— fuhr Micheau fort— der Sterbende iſt Dein Vater. Er ſpricht durch meinen Mund den Segen uͤber Dich, ſeinen Sohn, und uͤber die lich Lage iber zuft Arm Kra Vat So ſce 16t dieſ in! er 61 Ottilie, von nun an ſeine Tochter, aus.“— Der Kranke machte eine Bewegung gegen die Knieenden, welche freudig und ſchmerz⸗ lich erſchuttert, ſo dicht als moͤglich an ſein Lager ruͤckten. Er ſtreckte die Haͤnde ſegnend uber ſie hin, und winkte ihnen dann auf⸗ zuſtehen. Sie erhoben ſich, ſchlangen ihre Arme um ſeinen Nacken, und auf dieſem Kranze kindlicher Liebe entſchlief der bußende Vater. Herr von Orfeuil— dieß iſt der wahre Name des Verſtorbenen— war der juͤngſte Sohn und Stammhalter einer altfranzoͤſi⸗ ſchen Familie dieſes Namens. In ſeinem 16ten Jahre wurde er nach N* auf die Militair⸗Schule geſchickt; und ſtand in dieſer Stadt mit den angeſehnſten Haͤuſern in Verbindung. In einem derſelben lernte er das Kammermaͤdchen einer Graͤfin von F:— kennen, die Tochter des verſtorbe⸗ 62 nen Landgeiſtlichen Gilbert, welche ihre Ge⸗ bieterin an Schoͤnheit und Bildung bei weitem uͤbertraf. Viele der vornehmen Herren umſchwaͤrmten die Grafin, um— Jeannettens Reizen zu huldigen; aber auf keinen machten ſie einen tiefern und bleiben⸗ dern Eindruck als auf den jungen d'Orfeuil. Wenn jene, an leichte Beute gewoͤhnt, die ſchwere Eroberung eines Kammermaͤdchens vald von der Hand ſchlugen, ſo fuhlte dieſer durch den ernſtlichen Widerſtand ſich nur deſto ernſtlicher angezogen. Er bot alles auf, ſie ſeinen Wuͤnſchen geneigt zu machen, und ſie ſchien ſich, gleich Anfangs, nur mit Muͤhe ſeinen Liebkoſungen zu entziehen. In der That auch war ihr Widerſtreben keine ſchlau berechnende Koketterie; ſondern der ſchwere Kampf zwiſchen Neigung und Pflicht. D'Orfeuil ſtand in ihrem Herzen hoͤher als jeder Andere, und mit Recht. Der gen einſ Nat Sie und ſein Gru eine ko ſch ſhe dun and No Sc kein wu 63 Denn außer ſeinen koͤrperlichen und geiſti⸗ gen Vorzuͤgen war er von einem ſanft einſchmeichelnden Weſen, und einer ſeiner Nation und Jugend ſeltenen Feſtigkeit. Sie war ihm daher aus ganzer Seele gut; und hatte Urſache, auch an die Aechtheit ſeiner Neigung zu glauben. Aber ihre Grundſaͤtze verboten ihr, ein Verhaͤltniß mit einem Juͤnglinge einzugehen, der auf eine rechtmaͤßige Weiſe nie der Ihrige werden konnte. Sie kannte die damals noch herr⸗ ſchend geweſenen Vorurtheile des franzoͤſi⸗ ſchen Adels; und mußte bei einer Vezbin⸗ dung mit dem Geliebten auf eine odi die andere Art das Opfer derſelben werden. Noch mehr aber fuͤrchtete ſie einen ſolchen Schritt fuͤr jenen, auf deſſen Koſten ſie keinen Himmel hätte erwerben moͤgen. Dieß wußte d'Orfeuil, und ſeine Neigung fuͤr die Geliebte wuchs dadurch zur zaͤrtlichſten 64 Bewunderung. Er geſtand ihr dieſe, und das Gefuͤhl einer verdienten Huldigung er⸗ warb ihm mehr, als ihm alle Schmeicheleien und Geſchenke haͤtten erringen koͤnnen. Sie geſtand ihm ihre Neigung zugleich mit ihrem aus den umſtaͤnden entſpringenden Vorſatze. Die oͤftern Beſuche der Graͤfin begünſtigten das Zuſammenſeyn der Lieben⸗ den, deren gegenſeitiges Betragen in ſolchen Momenten ſie mit gegenſeitiger Achtung erfullte. Sie verhehlten ſich eben ſo wenig ihre Liebe, als die Gefahr, ſich derſelben hinggben, und— gaben ſich ihr dennoch hin.— D'Orfeuil hatte nur noch eine alte Mutter, welche er nicht durch eine Mißhei⸗ tath kraͤnken wollte. Sobald dieſe zur ewigen Seligkeit eingegangen ſeyn wuͤrde, ſollte fur jedes andere Opfer ſeine zeit⸗ liche beginnen. Dieſer Entſchluß gab dem Verhaͤltniſſe der Liebenden den heiligen Cha⸗ rak ſie Ab die geſ Ret ſold Fu zwe Fol nu hat tett gen D bei war Fra det Loo 65 rakter einer ſtillen Verlobung, und wiegte ſie dadurch in immer groͤßere Sicherheit. Aber die alte Mutter lebte zu lange, und die Geduld der Verlobten wär zu kurz; es geſchah, was Beide nicht gewollt hatten.— Reue und Leid, die gewoͤhnlichen Begleiter ſolcher Uebereilungen, folgten auf dem Fuße; und bald darauf ſchloß ſich die Ver⸗ zweiflung an ſie an. Jeannette fuͤhlte die Folgen der zaͤrtlichen Hingebung und drang nun auf das, was ſie ftuͤherhin verworfen hatte; er ſollte ihre Ehre durch ſeine Hand retten. Dies war aber unter den damgli⸗ gen Umſtaͤnden eine reine Unmoͤglichkkit. D'Orfeuil war noch nicht muͤndig, und haͤtte bei der Einbuße der muͤtterlichen und ver⸗ wandtſchaftlichen Gunſt mit ſeiner jungen Frau betteln muͤſſen. Gern haͤtte die, von der Verzweiflung Getriebene, ſich in dieſes Loos gefuͤgt; er aber ſuchte zu temporiſiren, 5 66 und that ihr einſtweilige Vorſchlaͤge, welche ſie— den einzigen Geſichtspunkt der Eh⸗ renrettung im Auge— nicht annehmen wollte. Hieruber kam es zwiſchen beiden zu Zwiſtigkeiten, und endlich zum Bruch. Da glaubte er von der Sehnſucht zu ge⸗ winnen, was die Liebe nicht vermochte; und nahm unter dem Vorwande der Un⸗ paͤßlichkeit von der Militairſchule einen vier⸗ woͤchentlichen Urlaub. Von Jeannetten nahm er keinen Abſchied, und glaubte hier⸗ durch ihren Starrſinn zu beugenz aber ſtatt ſich zu beugen, brach er. Denn kaum er⸗ fuh dieſe ſeine Entfernung, als ſie M gleichfalls verließ, und ſich nach N. be⸗ gab, wo eine muͤtterliche Verwandte ſich ihrer annahm. Der Grafin hatte ſie ein Schreiben zuruͤckgelaſſen, worin ſie ihres ploͤtzlichen Austritts wegen um Verzeihung vatz jedoch den Aufſchluß daruͤber als ein 67 dem Intereſſe der Graͤfin durchaus fremdes Geheimniß ſich vorbehielt. Ihre Nieder⸗ kunft ging ſtill und gluͤcklich vor ſich, und im Laͤcheln des Knaben Olivier vergaß ſie der Treuloſigkeit des Vaters. Als aber im 7ten Jahre des Knaben die Verwandte ſtarb, ſah ſie ſich genoͤthigt, auf's Neue in fremde Dienſte zu treten. Micheau's Haus in Chateau Thierry wurde ihr von einem Bekannten empfohlen und ſie von dieſem mit Zeugniſſen und Empfehlungen dahin verſehen. Ihre Ankunft und ihr Aufenthalt daſelbſt iſt uns bekannt; wir wenden uns zu dem Briefe und Päcket, welche Micheau in O— e von ihr erhielt. Beide waren kurz vor ihrem Tode, und im Vorgefuͤhle deſſelben geſchrieben. Sie entdeckte im Briefe Olivier's Abkunft, und beſchwor Micheau, ſich mit Behutſamkeit um die Entdeckung von Vater und Sohn 68 zu bemuͤhen. Dem erſten ſollte er im Ent⸗ deckungsfalle das Teſtament, und dem zwei⸗ ten eine beigeſchloſſene Anweiſung einhaͤn⸗ digen, ohne ihn, wenn der Vater noch nicht entdeckt waͤre, deſſen Namen zu nennen. Micheau gab im Stillen ſich alle moͤgliche Muͤhe; aber ſie mußte, wie aus dem Mit⸗ getheilten und Folgenden hervorgeht, ver⸗ gebens bleiben. Als d'Orfeuil nach M.. zuruͤckkam und Jeannettens Flucht erfuhr, war er außer ſich. Sein Betragen gegen dieſe erſchien ihm jetzt in dem von Unmuth und Leichtſinn verruͤckt geweſenen Geſichtspunkte. Jean⸗ nettens Flucht erſchien ihm als eine heroi⸗ ſche Handlung und er ſich ſelbſt als ein gemeiner Verbrecher. Die Neigung fuͤr die Geliebte erwachte mit doppelter Gewalt, und die Sorge um ihr Schickſal wuchs zur Verzweiflung. Er gab ſich heimlich alle mi ten zu gtl und eta ſc reis Nu do er un zur ein. die bor gef nl Un 69 moͤgliche Muͤhe, ihren Aufenthalt zu erfah⸗ ren, aber Alles blieb fruchtlos. Er wuͤrde zu ihrer Entdeckung auch oͤffentliche Schritte gethan haben, wenn er dieſe nicht dem Rufe und Wohle der Geliebten als nachtheilig erachtet haͤtte. In dieſer Lage befand er ſich 3 Jahre, als die Revolution in Frank⸗ reich ausbrach, und er ſeine Mutter verlor. Nunmehr Herr ſeines Vermoͤgens und von dem herrſchenden Zeitgeiſte beguͤnſtigt, ſetzte er ſeine Beſtrebungen nachdruͤcklich fort; und lud Jeannetten in oͤffentlichen Blattern zur Bekanntmachung ihres Aufenthaltortes ein. Ein ungluͤcklicher Zufall wollte, daß dieſe Aufforderung gerade demjenigen ver⸗ borgen blieb, bei welchem ſie am meiſten gefruchtet hätte. Reue und getaͤuſchte Hoff⸗ nung nagten nun an Koͤrper und Seele des Ungluͤcklichen. Seine Umgebungen wurden ihm verhaßt, und ſeine zerruͤttete Geſundheit 70 drang auf den Gebrauch eines Heilbades. Die befragten Aerzte ſchlugen ihm ein Bad in der Naͤhe von O— e vor, worein er um ſo lieber willigte, je weiter dieſer Ort von ſeinen Beſitzungen entfernt war. Er verkaufte dieſe, und vertauſchte ſeinen Na⸗ men gegen den eines Buͤrgers Grenier. Dann reiſ'te er nach ſeiner Beſtimmung mit dem Vorſatze ab, ſein uͤbriges Leben auf Reiſen zuzubringen. Jeannette mußte ſeiner Meinung nach todt ſeyn; und ſo wollte er auch auf Erden keine bleibende Heimath mehr haben. Der Gebrauch des Bades ſtellte ſeinen koͤrperlichen Zuſtand bald wieder her; aber ſeinen Geiſt hielt eine dauernde Schwermuth umfangen. Das dem Badeorte nahe gelegene O—e, wohin er oͤfters kleine Exkurſionen machte, ſagte ſeinem Schwermuthsſinne ungemein zu. Er gab daher ſeinen Reiſeplan auf, und be⸗ ſ 71 ſchloß, ſich in dieſem romantiſch abgeſchie⸗ denen Doͤrfchen anzuſiedeln. Die Einrich⸗ tung war ſchnell getroffen, und er unter den friedſamen Einwohnern bald einhei⸗ miſch. Um dieſe Zeit war es, als Jean⸗ nette von der Hauptſtadt aus zum erſten Mal ſeit ihrer Trennung an ihn ſchrieb. Die Angſt um ihren verlornen Sohn hatte ihren gekraͤnkten Stolz beſiegt, und der Brief enthielt die ruhrendſten Beſchwoͤrun⸗ gen, ſeinen Einfluß fur die Entdeckung des Verſchwundenen aufzubieten. Da ſie aber von der Veraͤnderung ſeines Aufenthaltes nichts wußte, ſo kam ihr an den fruͤhern Wohnort adreſſirter Brief mit der Nachricht zuruͤck, daß der in der Adreſſe Bezeichnete ſeit mehreren Jahren verſchwunden ſey, und Niemand um ſeinen jetzigen Aufenthalt wiſſe. So verhinderte der Zufall abermals eine Annaͤherung zwiſchen Vater und Mut⸗ 72 ter; und die letztere ging hoffnungslos zu Grabe. Er aber wurde von der Liebe der Einwohner einſtimmig zum Maire gewählt, was er, als eine Gelegenheit Gutes zu ſtiften, willig annahm. Von nun an war ſein Leben zwiſchen Berufsgeſchaͤften und der Erinnerung an Jeannetten getheilt, die er als eine abgeſchiedene Heilige verehrte. Die Furien der Reue hatten ſich zwar zu⸗ ruͤckgezogen; ließen ihn aber niemals ganz aus der Schlinge. Bei ihren Anfaͤllen war ſein Zuſtand graͤßlich, und es dauerte immer einige Tage, ehe ſein lauter Schmerz zur ſtillen Wehmuth uͤberging. Mit Vater Micheau ſtand d'Orfeuil auf beſonders freundſchaftlichem Fuße, und ſchaͤtzte in ihm den Biedermann. Beſon⸗ ders zog ihn der Truͤbſinn an, der jenen ſeit dem Verluſte ſeiner Gattin nimmer verlaſſen hatte. Die aͤhnliche Stimmung, nic me I 8 . 73 . aus ähnlicher Quelle entſprungen, erzeugte zwiſchen Beiden eine ſtillſchweigende Har⸗ monie, der es nur an Worten fehlte. Jener wollte ſein Ungluͤck, Dieſer ſein Verbrechen nicht geſtehen; und dieſe Zuruͤckhaltung machte, daß Keiner je erfuhr, wie gut der Andere ihm ſey.— Eines Tages beſuchte d'Orfeuil den Pächter in einer Amtsange⸗ legenheit. Dieſer ſaß gerade vor dem Pult, und wuͤhlte in Papieren. Er hieß den Maire niederſitzen, und bat um eine augen⸗ blickliche Entſchuldigung, die ihm jener gern zugeſtand. Aber im Aufwuͤhlen der Pa⸗ piere kam jenes verhaͤngnißvolle Packet zum Vorſchein, welches—„Jeannettens Teſta ment,“ als Aufſchrift fuͤhrte. Der Maire, welcher ſeitwaͤrts hinter Micheau ſaß, warf zufaͤllig einen Blick dahin, und that einen lauten Schrei. Micheau ſprang auf, und fand jenen ohnmaͤchtig auf den Stuhl hin⸗ 74 geſunken. Er rief ſchnell nach den Seini⸗ gen, und der Ungluͤckliche wurde zu ſich ſelbſt und nach Hauſe gebracht. Waͤre d'Orfeuil im erſten Augenblicke der Sprache maͤchtig geweſen, dann hätte er ohne Zweifel dem Beſitzer des Teſtaments alles geſtanden. Jetzt aber trat die alte Scheu vor dem Bekenntniſſe eines Ver⸗ brechens dazwiſchen, und verſchloß ihm den Mund. Von ſelbſt aber konnte Micheau um ſo weniger auf die Spur gerathen, da das Teſtament eben ſo ſchnell, als es zum Vorſchein gekommen war, ſich wieder ver⸗ ſchoben hatte. Er glaubte daher der Ver⸗ ſicherung des Kranken, daß ein altes krampf⸗ haftes Uebel ihn befallen habe; und bot Alles zu ſeiner Erleichterung auf.— D'Or⸗ feuil aber ſann Tag und Nacht darauf, wie er jenes Teſtament ſich auf eine heimliche Weiſe verſchaffen koͤnne; und dieß konnte ni ge ße kl he 60 nicht anders, als in Micheaus Abweſenheit geſchehen. Dann wollte er, um ein grö⸗ ßeres Verbrechen zu ſuͤhnen, gern das kleinere eines Diebſtahls begehn. Als da⸗ her Micheau einige Monate ſpaͤter ihn um die Mitbeſchauung eines in der Nachbar⸗ ſchaft zum Verkauf ausgeſetzten Grund⸗ ſtuͤcks erſuchte, fand er ſich hierzu um ſo geneigter, da er von dieſer Gelegenheit das Gelingen ſeines Planes hoffte. Er reiſ'te mit ihm dahin, rieth Micheau zum Ankauf des in der That ſchoͤnen Grundſtuͤcks; wußte jedoch die Verhandlung daruͤber ſo in die Laͤnge zu ziehen, daß dieſer ſich entſchlie⸗ ßen mußte, die Nacht in dem Verhand⸗ lungsorte zuruͤckzubleiben. Er ſelbſt ent⸗ ſchuldigte ſich mit Amtsgeſchaften, und reiſ'te nach O— e zuruͤck. Es war bereits Mitternacht, als er daſelbſt ankam, wes⸗ halb er auch von der vorgefallenen Ein⸗ 76 quartirung nichts erfuhr. Jetzt ſchien es ihm ein Leichtes, durch ein wenig ver⸗ wahrtes Fenſter des Paͤchters einzuſteigen de und ſich vermittelſt eines Brecheiſens des 4 gewuͤnſchten Packets zu bemächtigen. Eine 7 Maske ſollte bei einem etwanigen weiblichen 2 Ueberfalle ſein Geſicht verbergen, und eine t ungeladene Piſtole die Wehrloſen abſchrek⸗ ken. Unſere Leſer wiſſen, durch welches 2 Ereigniß ſein Plan vereitelt wurde. 8 Lange bildeten die Umarmenden mit dem Todten eine ſtarre Gruppe, als Mi⸗ cheau's Wort ſie ins Leben zuruͤckrief. Er 5 faßte Olivier bei der Hand, und ſprach: Du„ 6 haſt Deinen Vater ſpät und auf kurze Zeit u kennen gelernt. Die Umſtaͤnde, unter wel⸗ 8 chen dieß geſchah, ſcheinen ihn wenig zu ehren; aber ſie ſcheinen es nur. Laß uns das Teſtament Deiner Mutter nebſt dem w ſeinigen erbrechen— und Deine kindliche 55 Liebe wird dieſer Huͤlle weinend zum Grabe folgen.„O! rief Olivier, ich ſelbſt bin der Verkurzer dieſes Lebens, und, wenn auch unſchuldig, der Moͤrder meines Vaters“— Nicht doch, verſetzte Micheau, ihn hat nicht Deine, ſondern die Hand der Nemeſis ge⸗ troffen, welche ein furchtbares Beiſpiel ihrer gleichmeſſenden Gerechtigkeit geben wollte. Vor Gott biſt Du ſchuldlos, des Vaters Segen hat Dich losgeſprochen, und keine menſchliche Lippe kann die zungenloſe That verklagen.— Olvier warf ſich uͤber das La⸗ ger hin, und kuͤßte weinend den Mund des Erblaßten. Dann zog er eine Scheere hervor, und ſchnitt ihm eine Locke ab, die er in den Buſen ſteckte.„Welches auch Dein Verhalt⸗ niß zu mir geweſen ſeyn mag— ſprach er— dieſe Todtenlocke ſoll nur der Tod wieder mir entreißen.“— Tief geruͤhrt gin⸗ gen ſie hinunter in Micheau's Zimmer. 73 Nachdem Micheau Olivier'n die Ge⸗ ſchichte ſeiner Eltern nach des Verſtorbenen Ausſage mitgetheilt hatte, wurden der Ad⸗ junkt nebſt zwei Munizipal⸗Beamten geru⸗ ſen und Jeannettens Teſtament in ihrer Gegenwart eroͤffnet. Es enthielt ihre Ver⸗ zeihung fuͤr d'Orfeuil und ihre Bitte, dem Sohne ſeine Rechte einzuraͤumen, wenn die Vorſehung beide am Leben erhalten und ſie dereinſt vereinigen ſollte. Die Ortsbe⸗ hoͤrde unterſuchte ſogleich Olivier'n, und traf ſaͤmmtliche Merkmale bei ihm an. Hier⸗ auf wurde nach des Verſtorbenen Wohnung gegangen und aus ſeinem Pulte ein Packet gezogen, in welchem ſich, wie er Micheau geſagt hatte, ſein Teſtament befand. Die⸗ ſes enthielt ein reuevolles Bekenntniß ſei⸗ nes Vergehens gegen Jeannette Gilbert, und die Verfuͤgung, ihr oder ihrem Kinde ſeinen Namen und ſein Vermoͤgen zu uͤber⸗ 79 tragen, wenn die eine oder das andere der Behoͤrde bekannt werden ſollte. Dabei lag ein Verzeichniß ſeines Beſitzthums, welches außer dem kleinen Grundſtuͤcke in einer be⸗ deutenden Summe baaren Geldes, in Wech⸗ ſelbriefen und Schuldverſchreibungen von unermeßlichem Werthe beſtand. Nachdem Alles unterſucht, und das Haus abgeſchloſ⸗ ſen und mit dem Mairie-Siegel belegt war, wurde das Ereigniß der oberſten De⸗ partemental⸗Behoͤrde angezeigt. Am Tage darauf wurden die Anſtalten zur Beerdi⸗ gung des Maire's getroffen, deſſen Tod ſeine Mitbuͤrger in ungeheuchelte Trauer verſetzte. Selbſt der Adjunkt ſehnte ſich aufrichtig mit dem Todten aus, deſſen be⸗ kannt gewordener Stand ihn mit einem ungeheuren Reſpekt erfuͤllte. Der Leichen⸗ zug war einfach und ruͤhrend. Das Braut⸗ paar vergaß ſeines Gluͤcks in dem Schmerze 80 des Verluſtes; und nur die nachvruͤcklichen Troſtgruͤnde des ehrwuͤrdigen Paſtors miſch⸗ ten lindernde Tropfen in den Kelch ſei⸗ ner Thraͤnen. Schon nach einigen Tagen langte aus der Hauptſtadt des Departements eine Un⸗ terſuchungs⸗Kommiſſion an, welche nach Anſicht der Teſtamente und uͤbrigen Akten⸗ ſtuͤcke den jungen Olivier als Herrn von Orfeuil anerkannte, und ihn in den Beſitz des vaͤterlichen Nachlaſſes einſetzte. Zu⸗ gleich wurde ihm(auf Micheau's Antrag) als einzigen Erben ſeines Stammes, von der Miniſterial-Behoͤrde ſein Abſchied nebſt tinem Oberſt⸗Diplom zugefertigt. Bald darauf wurde auch die Vermaͤhlung voll⸗ zogen, und der fromme Leichenredner wurde der Verkuͤndiger eines dauernden Segens. Serena. —— Sin rh. Auf einem Meierhofe unweit Siena im Toskaniſchen lebte Roſa, die Tochter eines bemittelten Paͤchters. Sie war jung, ſchoͤn und von lebhaftem italieniſchen Blute. Einſt kehrte der Marcheſe di Romano, ein benachbarter Edelmann, der mit dem Gutsherrn im nahen Forſte gejagt, und durch Zufall ſich von demſelben getrennt hatte, bei dem Paͤchter ein, um ſich mit einem Trunke Milch zu erfriſchen. Dieſer 6 82 unbedeutende Zufall hatte— wie oft in der Welt— die bedeutendſten Folgen. Der Marcheſe ſah und entbrannte fuͤr Roſa; ihr— „Ihr lacht in die Augen das ſtattliche Schloß, Ihr lacht in das Herzchen der Junker zu Roß, Im funkelnden Jägergeſchmeide;“ und— wer kennt nicht Buͤrgers Ballade von der ungluͤcklichen Pfarrers-Tochter von Taubenhain? Doch die Wendung, welche die Geſchichte nahm, war verſchieden. Jene Roſette brachte ihr Kind, und durch daſſelbe auch ſich ums Leben; dieſe wurde zwar auch von ihrem Vater gemißhandelt und verſtoßen, hatte aber ſich und ihr Kind zu lieb, um beider Leben mir nichts dir nichts in den Wind zu ſchlagen⸗ Der Marcheſe machte eine Reiſe, ohne daß Jemand wußte, wohin; ſie ging nach Valenza im Mailaͤndiſchen, zu einer gut⸗ 83 herzigen Verwandten, wo ſie aͤußerſt lieb⸗ reich aufgenommen und von einem Maͤd⸗ chen entbunden wurde. Einige Zeit nach⸗ her trat ſie unter dem angenommenen Na⸗ men Paoli bei einer dortigen Herrſchaft in Dienſte, und ernährte dadurch ſich und ihr Kind, welches bei der Verwandten blieb.— Dieſes Kind zeigte— wie ge⸗ wohnlich Kinder ſeines Urſprungs— die vortrefflichſten Koͤrper- und Geiſtes⸗An⸗ lagen; und waͤr' es uns ums Malen zu thun, ſo haͤtten wir hier die ſchicklichſte Gelegenheit dazu. Wir begnuͤgen uns aber mit der Bemerkung, daß dieſes Kind mit ſeinem Heranwachſen— ganz gegen Lage und Erziehung— immer mehr Spuren von Ambition und Ehrliebe zeigte. Und ſo ge⸗ ſchah es, daß es, von den Geſpielen oft wegen ſeiner Vaterloſigkeit aufgezogen, im zehnten Jahre, ohne Vorwiſſen der Mut⸗ 84 zer und Pflegmutter, Valenza verließ. Um es nun nicht aus den Augen zu laſſen, wollen wir uns auf eine Zeit von den guten Frauen trennen und unſere junge Freun⸗ din auf ihrer Pilgrimſchaft begleiten. Waͤre ſie die Tochter eines reichen Hau⸗ ſes geweſen, man haͤtte ſie auf allen Straßen und Wegen aufſuchen laſſen, und bei ihren nicht eilfertigen Schritten eingeholt und zuruͤckgebracht. So aber war ſie die Toch⸗ ter einer armen Frau, die keine Boten be⸗ zahlen konnte, und von deren Schmerz kein Reicher Notiz nahm. Serena— ſo hieß unſer Fluͤchtling— ging alſo ganz ge⸗ mächlich bor ſich hin, weder an die Unbil⸗ ligkeit, noch an die Unbequemlichkeit einer ſolchen Reiſe denkenb. Sie war ſich keiner andern Abſicht bewußt, als den Kraͤnkun⸗ gen ihrer Geſpielen zu entgehen, und dachte nicht an die Folgen, die es nebenbei noch 85 haben koͤnne. So iſt es mit der Unſchuld, im Kleinen wie im Großen. Erſt als ſich gegen Abend der Hunger bei ihr einſtellte und ihre zarten Fuͤßchen wund gegangen waren, fiel es ihr ein, in dem eben erreich⸗ ten Staͤdtchen einzukehren und ein Nacht⸗ quartier aufzuſuchen. Vor einer Schenke traf ſie eine Verſammlung junger luſtiger Perſonen, die unter Singen und Spielen ihr Abendbrodt verzehrten. Es waren Sa⸗ voyarden mit einem Murmelthiere. Ohne Umſtaͤnde trat ſie auf ſie zu, und forderte ihnen ein Stuͤckchen Brodt ab. Die Kinder ſahen ſie an, und fragten ſie, woher ſie käme. Sie nannte ihren Wohnort, und nun erkundigte man ſich auch um die Ur⸗ ſache ihrer Reiſe; ſie erzaͤhlte dieſe ganz naiv und einfach. Alles lachte; nur ein Knabe von etwa 12 bis 13 Jahren war darunter, dem bei ihrer Erzahlung die Thrä⸗ 36 nen in's Auge traten. Er reichte ihr ſein Butterbrodt, und bat ſie errothend, die Reiſe mitzumachen. Kannſt Du denn auch ſingen? fragte ein ſchnippiſches Mädchen. „Ach ja“ war die Antwort. Man ließ ſie probiren; ſie beſtand ehrenvoll und war von nun an— zur hoͤchſten Freude des Kna⸗ ben Carlo— als Mitglied der kleinen Kuͤnſt⸗ lergeſellſchaft aufgenommen. Man blieb in der Schenke uͤber Nacht, und ſetzte den naͤchſten Morgen die Reiſe nach Nieder⸗ italien fort. Serena ſang und bettelte mit den Kindern, und ſchien mit ihrem Zu⸗ ſtande ziemlich zuftieden. Nur zuweilen, wenn ſie durch eine, der ihrigen aͤhnliche, Gegend kamen, wandelte ſie eine tiefe Weh⸗ muth an, die ſich in Thraͤnen aufloͤſte. Dann erzäͤhlte ſie ihrem treuen Genoſſen von ihrer Mutter und Pflegmutter, und der Reue, die ſie fühle, dieſelben verlaſſen —— 2 — 37 zu haben. Carlo ſuchte ſie dann zu troſten⸗ was ihm auch meiſtens durch die Dazwi⸗ ſchenkunft zerſtreuender Gegenſtände gelang⸗ In dieſer Lebensweiſe war ſie drei Jahre älter geworden, und ihre Reize hatten ſich bereits ſo entwickelt, daß ihre Geſell⸗ ſchaft ſie laut— die ſchoͤne Serene nannte; Carlo aber im Stillen ein Gefuͤhl nährte, das ihn zu verzehren drohte. Sie ſah es, und eine dunkle Ahnung ſeines Zuſtandes ließ ſie fuͤr ſeine Anhaͤnglichkeit und öftere Aufopferungen doppelt dankbar ſeyn. Sie zeichnete ihn vor allen Andern aus, und war, wenn er mit Thränen von einer mög⸗ lichen Trennung ſprach, nicht wie er hin⸗ geriſſen, aber aͤußerſt geruhrt. Und eine ſolche Pruͤfung follte bald erfolgen! Einſt kamen ſie an einer Villa unweit Neapel vorbei. Eine zahlreiche Geſellſchaft war auf dem Altane verſammelt, unter welchem 38 unſere Karavane ſogleich Poſto faßte. Se⸗ rena, die waͤhrend ihrer Wanderung die Mandoline gelernt hatte, ſpielte und ſang: „Was wanderſt du, Mägblein, Und irrſt umher? Was ſeufzet dein Buſen So bang und ſchwer?“ Mein Buſen iſt oͤde, mein Herz iſt leer, Drum ſeufz' ich ſo bange, drum ſeufz' ich ſo ſchwer, Daß mein ſich die Menſchheit erbarme, „Und willſt du nicht kehren, Mägdelein mein, Zur zärtlichen Mutter, Zum Vater dein?“ Nicht hab' ich den Vater, die Mutter mehrz Ich wandre verlaſſen und einſam umher, Bei Reichen die einzige Arme. „So komme denn Mägdlein Und kehre ein; Hier harrt das Erbarmen, Das Mitleid dein.“ ze———.— 89 Es gießt in den Kelch dir den Tropfen der Luſt; Es hegt dich und pflegt dich an fuͤhlender Bruſt, und ſchließt dich in liebende Arme. Ein einſtimmiges„Braviſſimo!“ er⸗ ſchallte vom Altane herab, und Graf Mon⸗ techini, der Hert des Hauſes, winkte ihr hinauf. Die Geſellſchaft war in das Al⸗ tanzimmer zuruͤckgegangen, und als Serena eintrat, eben ſo ſehr uͤber die Harmonie ihrer Reize, als vorher ihres Geſanges er⸗ ſtaunt. Die Augen der Herren blieben— wie weiland die Sonne Joſua— in ihren Kreiſen ſtehen, und die Damen ſahen nach dem Spiegel, um von ihm in dieſer Ge⸗ fahr das Diplom ihrer Schoͤnheit gleich⸗ ſam noch ein Mal beſtaͤtigen zu laſſen. Nur der Graf, ein hochbejahrter Greis und wirklicher Kunſtfreund, ließ ſich mit dem Maͤdchen in ein Geſpraͤch ein. Er. Wo biſt Du her, Kleine? 90 Sie. Aus Valenza, gnaͤdiger Herr. Er. Haſt Du noch Eltern? Sie. Eine Mutter. Er. Iſt Dein Vater todt? Sie. Ich habe keinen Vater. Dieſe Worte ſprach ſie mit ſo ruhren⸗ dem Tone und Blicke, daß ſie dem edeln Montechini in die Seele drangen; nur die Damen zeigten einen kleinen Zug von Schaden⸗ oder vielleicht auch nur Entſcha⸗ digungs⸗Freude. Jener fuhr fort: „Wie nennſt Du Dich denn mein Kind? Sie. Serena, gnaͤdiger Herr. Er. Hätteſt Du wol Luſt, bei mir zu bleiben und Deine Stimme etwas kunſt⸗ mäßiger auszubilden? Ich habe in Neapel eine kleine Kapelle, welche Dir jetzt eben ſo ſehr, als Du einſt ihr, nuͤtzlich werden kann. Biſt Du's zufrieden. 91 Sie. Ach ja, wenn— wenn Dabei ſah ſie ſo verlegen uͤber den Al⸗ tan weg, daß man deutlich merkte, die ei⸗ gentliche Antwort muͤſſe über demſelben vraußen liegen. Er. Willſt Du dieſen Vorſchlag viel⸗ keicht erſt mit Deiner Geſellſchaft uberlegen? Thu es, und bring uns Antwort. Serena verbeugte ſich, und flog hin⸗ ab. Die illuſtern Damen warfen ſich Blicke zu, die wenigſtens etwas Satyriſches ha⸗ ben ſollten. Da war keine einzige, die es dem Grafen verziehen hatte, ſchon ſo hoch im Alter, und ſomit uͤber die Schußweite gewohnlicher Verleumdungspfeile hinaus zu ſeyn. Gern hätte man ſich ungewoͤhnlicher bedient; allein von dieſer Art waren in dem ſonſt reichen Arſenal der Damen keine zu finden. Jede lächelte demnach, als ob ſie deren ins Geheim haͤtte, und war vor der 92 Hand mit dieſer Kriegsliſt vergnügt.— Mit den Herren hingegen verhielt es ſich ganz anders. Da war kein einziger, der des Grafen Einfall nicht allerliebſt gefunden hatte.„Eine herrliche Acquiſition!“ rief der Eine, vielleicht mit dem Gegenzuſatze: fur mich.—„Welche Stimme?“ rief ein Anderer„welche Grazie in Bewegung und Haltung!“—„Ganz fuͤr das königliche Theater geſchaffen!“ rief ein Dritter, und mochte dabei an ſeine in dieſem Felde ge⸗ aͤrnteten Lorbeern denken.— Da ſchlugen die Damen, welche, ſaͤmmtlich Feinde alles uͤbertriebenen Lobes, an die Altanthuͤr ge⸗ treten waren, ein lautes Gelaͤchter auf. Man ſprang hinzu, und ſah— eine ruh⸗ rende Scene. Carlo lag auf den Knien vor Serena. Seine Gebehrden druͤckten einen tobenden Schmerz aus; die ihrigen eine ſanfte Wehmuth. Er war das Bild der — 53 Verzweiflung; ſie des tiefen Mitgefühls. Montechini ahnete den Zuſtand des Ungluͤck⸗ lichen, und ging hinab, ihm anzukuͤndigen, daß auch Er in ſeine Dienſte treten koͤnne. Das hieß Oel in eine ſterbende Lampe gie⸗ ßen. Nun war er ein Bild des Entzuͤckens und ſie der ſanften Freude,— Die ganze kleine Geſellſchaft wurde bewirthet und be⸗ ſchenkt, und ſchied nicht ohne Thränen von den zwei verlornen Mitgliedern. Abends ſpät kehrte man nach Neapel zuruͤck, wo Carlo unter die Diener des Grafen aufgenommen wurde, Serenen aber einige Zimmer angewieſen wurden. Der Graf, welcher frau- und kinderlos war, nahm ſich vor, das Madchen als ſeine Toch⸗ ter anzuſehn und zu behandeln, und nach dieſem richtete ſich bald das Betragen aller Hausgenoſſen und Freunde. Schuhmacher, Schneider und Putzmacherin kamen, um 94 ſie mit allem zu verſorgen, was ihrem Ein⸗ tritte in einen der glaͤnzendſten Zirkel Nea⸗ pels rechtfertigen konnte, deſſen Zierde ſie in kurzer Zeit wurde. Mit der Kultur ihres Aeußern veredelte ſich zugleich ihr Inneres; und der Glanz, der ſie umſchimmerte, ſchien ihrer hohen idealen Geſtalt nichts Neues geſchenkt, ſondern das Alte wiedergegeben zu haben. In den Konzerten, welche der Graf oft gab, ſpielte ſie eine Hauptrolle. Ihre Stimme hatte ſie durch die Kunſt mehr ausgebildet, und erfuͤllte Jeden, der ſie hoͤrte, mit ſuͤßen Regungen. Vergebens aber bewarben ſich hundert Herten um ihre Gunſt; ſie ſchien noch keine andere Har⸗ monie, als die der Saiten zu kennen, und ſchlug jedes Anerbieten mit Beſcheidenheit und Anmuth aus. Carlo gluhte im Stillen fur ſie fort, ſie betrug ſich fuͤr ihn edel und herablaſſend; doch ließen die entfernteren 95 Verhaͤltniſſe es nie mehr zu vertrauten Mo⸗ menten zwiſchen ihnen kommen. Einſt gab Montechini ein glaͤnzendes Soupé. Unter den Gaͤſten befand ſich ein Freund deſſelben, der Oberſte und Baron von Seethal. Er war ſchon ein etwas aͤlt⸗ licher Mann von noch nicht verbleichter Schoͤnheit, deſſen natuͤrliche Lebhaftigkeit aber von einem ſtill genährten Grame gemil⸗ dert zu werden ſchien. Dieſer kam neben Serena zu ſitzen. Sie ſchien ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu feſſeln, und er ihr nicht gleichguͤltig zu ſeyn. Seine Anmerkungen hatten nichts von dem faden Witze gewohn⸗ licher Unterhaltungen, ſondern waren die immer treffenden Pfeile einer geuͤbten Er⸗ fahrung. Ihr Geiſt neigte ſich zu ihm hin, und einen leiſen Widerwillen ihres Herzens hielt ſie fuͤr eine Folge des Abſtandes zwi⸗ ſchen ihren und ſeinen Jahren. Er ſetzte 96 ſeine Beſuche haͤufiger fort, behandelte ſie mit immer größerer Auszeichnung, ohne daß es jedoch zu einer lauten Erklärung kam⸗ Einige Wochen ſpäter trat Montechin in ihr Zimmer.„Meine Tochter, hub er an, der Baron Seethal hat eine Neigung fur Dich gefaßt, die er wegen des zweifel⸗ haften Erſolgs Dir nicht ſelbſt bekennen will, und daher mich zu ſeinem Fuͤrſprecher waͤhlt. Er beſitzt reiche Guͤter in Grau⸗ bundten, iſt ein braver und kluger Mann, und ſeit einigen Jahren mein Freund. Er hrachte eine lange Zeit auf Reiſen zu; hat, wie er mir ſagte, viel Ungluͤck erlitten, und möchte nun ſein Gluck in einer dauerhaften Herzensverbindung gründen. Du ſeyſt die Erſte, die ihm zu einer ſolchen zuſagte; und wenn Du keine Abneigung gegen ihn fühlſt, ſoll es mich freuen, Deiner Wohlfahrt die Krone aufſetzen zu können.“ Ueber und 97 uͤber gluͤhend ſtand das Maͤdchen da, und der Graf, der es bemerkte, fuhr fort:„Um Dich aber in einer ſo wichtigen Sache nicht zu uͤbereilen, nimm Dir einige Tage Zeit.“ Hiermit kuͤßte er ſie auf die Stirn, und verließ das Zimmer. In einer ſolchen Lage hatte ſich Se⸗ rena noch nie befunden. Einig mit ſich ſelbſt, war ſie es bisher mit der ganzen Welt. Nun entſtand in ihrem Innern ein Streit, und dieſer ſchien ſich allen ihren Umgebungen mitzutheilen. Sie fuͤhlte in ſich keine entſcheidende Stimme. Denn wenn es ihr von einer Seite wehe that, den Grafen, den ſie als ihren Vater verehrte und liebte, zu verlaſſen, ſo hatte von der andern das Neue und der Gedanke an Ei⸗ genthum und Selbſtaͤndigkeit fur ſie einen deſto groͤßern Reiz. Die ernſte und ſtille Anhaͤnglichkeit des hochgeſchaͤtzten Mannes 7 98 zog ſie anz ein gewiſſes, ihr ſelbſt nicht ganz erklaͤrbares Etwas hielt ſie zuruͤck. Es bedurfte alſo einer dritten Vorſtellung, die zwiſchen Beiden den Ausſchlag gab; und dieſe fand ſich in dem Gedanken an ihre Mutter und Pflegmutter. Schon lange hatte ſie gewuͤnſcht, dieſe von ihrem Gluͤcke zu unterrichten und daran Theil nehmen zu laſſen. Um es aber im eigentlichſten Sinne zu koͤnnen, mußten Beide auf dem Schau⸗ platze ihres Gluͤcks ſelbſt erſcheinen; und dies durfte ſie dem Grafen aus Delikateſſe nicht zumuthen. Nun bot ſich ihr ein edler Mann an, der mit ihrer Hand zugleich ihre Mutter als die ſeinige anerkannte und die Verbindlichkeit ubernahm, fuͤr das Gluͤck der Familie zu ſorgen.— Zu dieſem geſellte ſich ein zweiter Gedanke: den Wohlthaten ihres großmuͤthigen Beſchutzers ein Ziel zu ſetzen, und ſich ihm in der Erfullung ſeines 9 geaͤußerten Wunſches dankbar zu zeigen.— Als daher dieſer nach einigen Tagen ſie nach ihrem Entſchluſſe befragte, fiel der⸗ ſelbe zum Vortheil des Barons aus, welcher nun perſoͤnlich erſchien, um die Verſicherung ſeines Gluͤcks aus dem Munde der Geliebten zu empfangen. Der Graf gab Serenen eine Mitgift, deren ſich keine wirkliche Toch⸗ ter von ihm haͤtte ſchaͤmen duͤrfen, und die Vermaͤhlung wurde ſtill und geraͤuſchlos auf einer entfernten Villa begangen.— Der Abſchied zwiſchen Serenen und dem Grafen war aͤußerſt ruͤhrend; es war der Abſchied zwiſchen Vater und Tochter, von den zaͤrt⸗ lichſten Herzen gefeiert. Carlo zerfloß in verſchwiegenen Thraͤnen. Nun ging es auf des Barons Guͤter in Graubuͤndten, wo alles zu einem feier⸗ lichen Empfange der gnaͤdigen Herrſchaft vorbereitet war. Da indeſſen Scenen dieſer 100 Art ſchon oft genug beſchrieben worden ſind, ſo uͤberlaſſen wir ſie dem Einbildungsver⸗ moͤgen jedes Leſers, und eilen zu einem Hauptknoten dieſer Geſchichte. Es waren jetzt vier Wochen nach der Vermaͤhlung, und oft ſchon hatte ſeitdem die junge Ba⸗ roneſſe mit ihrem Gatten von dem Augen⸗ blicke geſprochen, da ſie ihre Mutter uͤber⸗ raſchen und abholen wuͤrden. Dieſer ſchien zwar auch ſich deſſen zu freuen, den Augen⸗ blick aber doch lieber verſchieben, als beſchleu⸗ nigen zu wollen. Sie fuͤhlte ſich dadurch gekraͤnkt, und nahm ſich vor, ihn nicht mehr daran zu erinnern; dem Grafen Mon⸗ techini aber deſſen Betragen zu melden, und ſich ſeinen Rath deshalb zu erbitten. Wie Unrecht that ſie dem Zaͤrtlichen! In vierzehn Tagen war ihr Geburtsfeſt; an dieſem wollte er ſie mit der Erſcheinung ihrer Mutter uͤberraſchen. Er ſandte einen — 101 verſchwiegenen Diener mit einem Wagen nach Valenza, um in dem von ſeiner Ge⸗ mahlin oft bezeichneten Hauſe die Wittwe Paoli und ihre Anverwandte abzuholen. Beide Frauen lebten noch immer in denſelben Verhaͤltniſſen; nur daß die Mut⸗ ter durch den ploͤtzlichen Verluſt ihrer Toch⸗ ter viel gelitten und vor der Zeit gealtert hatte. So oft ſie an einem Sonn⸗ oder Feſttage aus dem herrſchaftlichen Hauſe ab⸗ kommen konnte, begab ſie ſich zu ihrer Freundin, um in der Unterhaltung von der fruh Verlornen eine ſchmerzliche Wolluſt zu genießen. In eine ſolche verloren, ſaßen Beide eben zuſammen, als eine prächtige Karoſſe vor dem Hauſe anfuhr und der abſpringende Bediente, nach der Erkundi⸗ gung ihrer Namen, einen Brief mit der Aufſchrift„an die Wittwe Paoli“ uͤber⸗ reichte. Der Brief war von dem Baron 102 mit verſtellter Hand geſchrieben, und lau⸗ tete alſo: Meine zaͤrtlich geliebte Mutter, Fuͤr jahrelangen Kummer, den Ihnen die Trennung von Ihrem einzigen Kinde gemacht hat, will die Vorſehung Sie durch ein unverhofftes Wiederſehen entſchädigen. Ich lebe an der Seite eines liebenden Gat⸗ ten, des Barons Seethal, welcher vor Ver⸗ langen brennt, das Gluͤck ſeiner unbekann⸗ ten Mutter und der Pflegmutter ſeiner Serena zu gruͤnden. Wir ſenden Ihnen einen Wagen und vertrauten Diener, der Sie in die Arme fuͤhren wird Ihrer mit ungeduld harrenden Tochter Serena. N. S. Beikommender Kleibungs⸗ ſtuͤcke bedienen Sie ſich, um in unſerer Landes⸗Tracht bei uns zu erſcheinen. 103 Man denke ſich den freudigen Schrek⸗ ken der beiden Frauen! Der Mutter drohte eine Ohnmacht, und die beſtuͤrzte Ver⸗ wandte gaffte bald den Brief, bald den ſtatt⸗ lichen Livreebedienten und bald die reiche Garderobe an. Endlich aber ging die ſtarre Pauſe in eine jubelnde Thätigkeit uͤber. Man eilte, putzte ſich heraus, ſo viel die Eile es zuließ, man ſuchte mit der groͤßten Unordnung alles in Ordnung zu bringen. Vor der Abreiſe ging die Dame Paoli noch ein Mal zu ihrer bisherigen Herrſchaft, die, faſt mehr als ſie ſelbſt erſtaunt, der neuen Herrſchaft alle möglichen Gluͤckwuͤnſche mit auf den Weg gab. Nun ſchloß man das Haus ab, ſtieg ein, und die Karoſſe rollte uͤber das Pflaſter weg. Serena's Geburtstag erſchien. Von der Anhoͤhe, auf welcher das Schloß lag, donnerten ſechs kleine Feldſtuͤcke ins Thal Wagen, und lag in den Armen ihrer Mutter. 10½ hinab, und von unten herauf zog unter Sang und Klang mit Trommeln und wal⸗ lenden Fahnen die muntere Dorfjugend, um das Geburtsfeſt der, unter ihnen be⸗ reits durch manche ſchoͤne Handlung beliebt gewordenen, jungen gnaͤdigen Frau nach Möglichkeit zu feiern. Gegen 9 Uhr er⸗ ſchienen auch die Vaͤter des Dorfes und an ihrer Spitze der ehrwuͤrdige Geiſtliche, Gluͤck wuͤnſchend der reizenden Gebieterin, welche uͤberraſcht und geruͤhrt in ihrer Mitte ſtand. Jetzt war alles in froher Thaͤtig⸗ keit, alles belebt von Freude und Hoffnung; da ſprengte den breiten Schloßweg herauf der Wagen des Barons. Serena ſah ihn fragend an, und er ſchloß ſie in die Arme mit dem Ausruf: Deine Mutter! Erroͤthend wegen des Unrechts, das ſie ihm gethan hatte, wand ſie ſich los, ſprang an den 105 Eine ſtumme Scene des Entzuͤckens! Der Baron hatte ſich zuruͤckgezogen, um die erſten vertraulichen Ergießungen zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter nicht zu ſtoren. Dieſe druͤckte bald jene, bald die uͤber und uͤber erſtaunte Pflegmutter ans Herz, und gab Beiden eine Skizze ihres gegenwaͤrti⸗ gen Gluͤcks. Jene waren in Freude und Verwunderung verloren, und konnten die Wege Gottes nicht genug preiſen. Da trat der Baron herein, und ging mit ausgebrei⸗ teten Armen auf ſeine Mutter zu. Sie bewegte ſich ihm entgegen, ſank aber mit einem lauten Schrei auf das Sopha zuruͤck, und er taumelte, wie vom Blitze geruͤhrt, einige Schritte hinter ſich. Er erkannte— Roſa und ſie— den Marcheſe di Romano! Schmerz und Entzuͤcken ſind zwei Ex⸗ treme, die im Leben nur gar zu oft in einander uͤberſpringen. Beide ſind Grenz⸗ 106 punkte zwiſchen der Vernunft und dem Schickfale, auf welchen, wenn ſie ſich feind⸗ rich beruͤhren, die erſtere immer den Kuͤrze⸗ ren zicht. Da wir aber als Urſache dieſer Erſcheinung weder einen blinden Zufall, noch mit Zoroaſter zwei ſich einander ent⸗ gegen wirkende Dämonen annehmen, ſo muͤſſen wir darin den bedeutenden Wink einer guͤtigen Vorſehung erkennen. Dieſe, die den Menſchen auf ſo manche Spur einer außer ihm herrſchenden Ordnung der Dinge hinweiſt, ſcheint ihn beſonders da aufmerk⸗ ſam machen zu wollen, wo er am meiſten in Gefahr ſteht, eine taͤuſchende Zuverſicht zu ſeiner eigenen Allmacht zu faſſen. Da er dieſe nicht wirklich, ſondern bloß in ſei⸗ ner Einbildung beſitzt, ſo kann es nicht fehlen, daß er— auch ohne jene ſcheinbar außernaturlichen Ereigniſſe— im Kampfe mit der organiſchen Natur, derſelben er⸗ ——— 107 liegen muß. Dieſe Niederlage, zu ſelten um eine Regel, und zu oft, um eine bloße Ausnahme zu bilden, wuͤrde ihn irre an ſich ſelbſt und an dem Etwas außer ihm machen. Es bedurfte alſo eines oͤftern Winks, der auf das Mangelhafte aller menſchlichen Combinationen hindeutet, und den Thron einer hoͤhern Macht feſter im Gemuͤthe des Glaͤubigen begruͤndet. Da nun der Einfluß dieſer Macht nicht nur unſere vereinten Freuden, ſondern auch den ſchnuͤrenden Knoten des Schmerzes auf eine wunderbare Weiſe loͤſ't, ſo entſteht aus dem richtigen Verhältniſſe von Furcht und Hoff⸗ nung das einer Gottheit gebuͤhrende Ver⸗ trauen, und dieſes muß an Staͤrke gewin⸗ nen, je mehr wir im Laufe der Zeiten er⸗ kennen, daß auf verheerenden Lavaſtroͤmen neue Paradieſe aufbluͤhen. Nur wer kein Auge fur dieſe Beobachtung hat, iſt wahrhaft 108 ungluͤcklich, und nur ein ſolcher Ungluckli⸗ cher wird verzweifeln. Und dies war der Fall bei unſerer Schmerzens⸗Gruppe. Ihr deckte tiefe Nacht die Blicke, und Welt und Vor⸗ ſehung ſchien ihr hinabgeſturzt in den Stru⸗ del eines finſtern Chaos.— Noch immer auf dem Sopha hingeſtreckt, hielt Roſa ihre be⸗ jammernswuͤrdige Tochter feſt umklammert, als wollte ſie dieſelbe vor den Flammen der Hoͤlle ſchuͤtzen, und die Verwandte, welche das Entſetzliche nur erſt halb ahnete, war mit Beiden beſchaͤftigt. Der Baron hatte des Dorfes Bewohnern andeuten laſſen, ſich zuruckzubegeben, eine Kammerfrau der Ba⸗ roneſſe in das Zimmer geſandt und ſich dann in ſein Kabinett verſchloſſen. Eine aͤngſtliche Todtenſtille ruht uͤber dem Hauſe— wir be⸗ nutzen dieſelbe, um den Leſer in ein paar Worten mit dem bisherigen Schickſale des Barons bekannt zu machen. 109 Sein Vater, Ludwig von Seethal, war ein reicher Guͤterbeſitzer in Graubuͤndten, und der Gemahl einer jungen, reizenden Bernerin. An einem Schlagfluſſe geſtorben, hinterließ er der jungen Wittwe ein ſehr bedeutendes Vermoͤgen und den kleinen Moritz, der in die oͤkonomiſchen Fußſtapfen ſeines Vaters treten ſollte. Aber der bald darauf ausgebrochene Krieg und ein in deſſen Folge eingetretenes Ereigniß gab ihm eine andere Beſtimmung. An der Spitze eines italieniſchen Infanterie-Regiments ruͤckte in den Ort, wo die junge Frau von Seethal wohnte, der Major Fernandino Marcheſe di Romano ein, und lernte jene nach einigen Tagen in Geſellſchaften kennen. Seine ſchon etwas vorgeruͤckten Jahre hin⸗ derten ihn nicht, fuͤr die Reize der Liebens⸗ wuͤrdigen empfaͤnglich zu ſeyn und ihr nach beendigtem Feldzuge ſeine Hand anzubieten. 110 Durch ſein unermeßliches Vermoͤgen und den Gedanken, ihrem unmuͤndigen Sohne einen Vater zu geben, ließ ſie ſich bereden, aus einer deutſchen Baronin eine italieniſche Marcheſin zu werden. Die Folge recht⸗ fertigte ihren Schritt. Sie fand in dem Major den zaͤrtlichſten Gatten, wie Moritz den zaͤrtlichſten Vater. Und als endlich auch ihn der Tod uͤbereilte, ſetzte er den Sohn unter der Bedingung zum einzigen Erben ein, daß derſelbe den Namen und Rang ſeines Pflegers annehme und dadurch beide auf Erden erhalte. Dies geſchah, und der neue Marcheſe wuchs heran zur Freude ſeiner Mutter und Aller, die ihn kannten. Nach einigen Jahren aber bezahlte auch die Marcheſin den Tribut der Natur, und der reiche Juͤngling ſtand allein in der Welt, ſich ſelbſt und dem Zufalle uberlaſſen. Fruͤhe Genuͤſſe der Liebe verleideten ihm jede ernſt⸗ ha de ſe IIT hafte Verbindung. Die nach ihm ausge⸗ worfenen Heiraths-Angeln wurden vermie⸗ den, und er aus dem anziehenden Gegen⸗ ſtande allgemeiner Bewerbung ein Gegen⸗ ſtand der Schmaͤhung und Perſiflage. Er ſchraͤnkte daher ſeinen Umgang mehr auf das maͤnnliche Geſchlecht und den anſpruchs⸗ loſern Theil des weiblichen ein, und wid⸗ mete den groͤßten Theil ſeiner Reiſen den Wiſſenſchaften und der Jagd. Auf eine ſolche Art beging er das leichtſinnige Ver⸗ brechen mit Roſa, welches ernſthaftere Fol— gen, als jedes fruͤhere, fuͤr ihn hatte. Sein Gewiſſen zu betaͤuben, hatte er bald nach Roſas Verfuͤhrung eine Reiſe nach Frankreichs Hauptſtadt gemacht. Hier gelang es ihm zwar Anfangs, die innere Eumenide durch aͤußere Sirenengeſaͤnge ein⸗ zuſchlaͤfern; allein ihr Erwachen war deſto ſchrecklicher. Wie den Oreſt, jagte ſie ihn 112 von Land zu Land, und er fuͤhlte, daß ſie ihn nur an dem Tempel verlaſſen wuͤrde. Er kehrte in ſeine Heimath zuruͤck, erkun⸗ digte ſich bei Roſas Vater ſelbſt um ihren Aufenthalt, erhielt aber von dem nichts, als Verwuͤnſchungen. In der That war dieſem, von Schmerz und Reue Niederge⸗ beugten, das fernere Schickſal des Maͤd⸗ chens eben ſo unbekannt, als ihm ſelbſt. Beide beredeten ſich gern, ſie ſey todt. Da jener indeſſen manchen ſtummen und lauten Vorwurf ſeiner That erfahren mußte, verkaufte er ſeine Guͤter, und bezog in Graubuͤndten jene ſeiner Mutter, deren fruͤheren Namen und Rang er aus leicht zu errathenden Gruͤnden mit dem ſeinigen vertauſchte. Aber auch hier wurd' es ihm zu enge. Er trat in die Dienſte eines deut⸗ ſchen Fuͤrſten, und avancirte durch ſeine verzweiflungsvolle Tapferkeit bis zum Ober⸗ 113 ſten. Nach Beendigung des Krieges kehrte er auf ſeine Guͤter zuruͤck, und lebte daſelbſt in eine duͤſtere Einſamkeit vergraben, die er erſt nach mehreren Jahren verließ, um eine noͤthige Geſchaͤftsreiſe nach Neapel zu machen. Hier wurde er bei dem Grafen Montechini eingefuͤhrt, und erwarb ſich nach und nach durch einen ſtrengen Lebenswan⸗ del deſſen Freundſchaft. Hier lernte er Serenen kennen, welche der Graf ihm, aus Schonung gegen dieſelbe, als die Tochter einer verwittweten Offiziersfrau Paoli vor⸗ ſtellte, ohne den Jammer zu ahnen, der aus dieſer Quelle reiner Humanitaͤt ent⸗ ſpringen ſollte. Wie groß war ſeine Beſtuͤrzung, als er jetzt durch einen Eilboten auf das Drin⸗ gendſte vor den Baron geladen wurde, und bei ſeiner Ankunft der bodenloſeſte Abgrund des Elends vor ihm geoͤffnet ſtand! An 8 114 dem Schloſſe, uͤber welchem noch immer die Stille eines Kirchhofes bruͤtete, harrte ſeiner ein Bedienter, der ihn ſtumm zu dem Herrn in's Kabinett fuͤhrte. Dieſer ſank dem Eintretenden an die Bruſt, und Ver⸗ zweiflung ſtarrte aus jeder ſeiner Muskeln. „Ich wollte dem Freunde“ ſprach er in hohlem murmelnden Tone„einen Fehltrit meiner Jugend verſchweigen; nun macht ihn die raͤchende Vorſicht mit lauter brandmar⸗ kender Schande bekannt. Hören und er⸗ ſtarren Sie: Serenens Mutter iſt hierz dieſe war einſt meine Geliebte, und jene iſt meine Tochter!“ Wie vom Donner des Weltgerichts getroffen, taumelte der Graf zuruͤck. Jener fuhr fort:„Doch Sie, der unſchuldige Mitſtifter meines Ungluͤcks, wer⸗ den mir es auch tragen helfen.“— Recht, Kreuzbruder!“ rief der Graf, indem er ihn krampfhaft bei der Hand faßte,„ich muß 115 tragen helfen; denn wer hieß mich aus Serenens zweideutiger Geburt ein Geheim⸗ niß machen? Ich wollte nach Menſchenart das Gluͤck zweier Leute gruͤnden, und es iſt billig, daß ich den Segen mitgenieße.“ Der Edle wird eben ſo unwillig, wenn ihm der Plan einer ſchoͤnen Handlung, wie der Gewinnſuͤchtige, wenn ihm der Plan einer Finanzſpekulation fehlſchlaͤgt. Beide machen ihre Rechnung ohne das Schickſal, und ſind entruͤſtet, wenn das Facit anders ausfällt, als ſie ſich vorgeſtellt hatten. Wenn aber dieſer ſeinen geizigen Groll im Buſen bewahrt, ſucht ihn jener, ſobald die erſte Aufwallung voruͤber iſt, los zu werden. Die edle Abſicht einer mißlungenen Hand⸗ lung gleicht der ſchoͤnen Seele einer verkruͤp⸗ pelten Geburt. Das entſtellende Aeußere kann vor dem Auge der Wahrheit das In⸗ nere nicht entſtellen.— Dies war der Fall 116 des Grafen. Nach dem erſten heftigen Schmerze ſuchte er ſich und den Baron wieder aufzurichten; dieſer aber war taub fur jede Vorſtellung, und bat ihn bloß, der huͤlfloſen Frauen ſich anzunehmen. Dieſe gingen zu Leichengeſtalten ent⸗ ſtellt in einem ſchwarzen Saale auf und ab, als der Graf eintrat. Serena flog ihm an den Hals, und jetzt zum erſten Male machte ein Thraͤnenſtrom ihrem gepreßten Herzen Luft. Die Mutter bedeckte, ſobald ſie einen Fremden eintreten ſah, ihr Geſicht, und trat mit ihrer heftig weinenden Freundin in ein Seitenzimmer.„Serena, hub der Graf an, ich bin bereits von Deiner und der Geſchichte Deiner ungluͤcklichen Mutter un⸗ terrichtet. Ich bin die unſchuldige Urſache Eures Elendes; aber Du wirſt mich nicht verdammen.“ O, mein Vater! mein Va⸗ ter! rief Serena haͤnderingend.„Sprich, 117 fuhr jener fort, was kann ich, nachdem ich Euch ſo elend gemacht habe, noch fur Euch thun?“ Uns in ein Kloſter bringen, ſtam⸗ melte Serena. Und dies geſchah, beide Frauen ſahen den Baron nicht wieder. Er nahm von ihnen einen ruͤhrenden ſchriftlichen Abſchied fur dieſe Welt, und ſie ließen ihm durch den Grafen ihre Verzeihung entbieten. Von dieſem begleitet, fuhren Mutter und Tochter nach Neapel in das Urſelinerkloſter, wo er ihre Aufnahme ſogleich beſorgte, und unter heißen Thraͤnen von ihnen ſchied. „Nuch dort, ſprach Serena, indem ſie die Augen gen Himmel aufſchlug, auch dort werde ich Sie Vater nennen.“ Die Kloſter⸗ pforte ſchlug zu, und verſchloß die Reue und Buße auf immer. Der Baron lebte noch wenige Jahre ein Leben der Zerknir⸗ ſchung, und Carlo, der mit dem Grafen II18 auf des Barons Schloß gekommen und aus ununterbrochener Anhaͤnglichkeit an Sere⸗ nen bei ihm geblieben war, druͤckte dem Ungluͤcklichen die Augen zu. Serenens Pflegmutter war— reich, aber nicht gluͤcklich in ihre Heimath zu⸗ ruͤckgekehrt. Liebe und Wahnſinn. Eine Erzaͤhlung. Herr Braunfels war ein reicher Kaufmann in M. im B— ſchen. Ohne Sorgen, von ſeinen Freunden geſchätzt, von ſeiner Frau geliebt, fehlte ihm, um vollig gluͤcklich zu ſeyn, nichts, als ein Kind, das, ſterblich wie er, ihm ſeine Unſterblichkeit auf Erden zuſichern ſollte. Seine Gattin, Sophie Braunfels, war die ſchoͤnſte Frau in M. von vollem uppigen Wuchſe, blendend weißer, mit Roſen unter⸗ 120 miſchter Farbe und von dem einnehmend⸗ ſten Betragen. Ging ſie uͤber die Straße, ſo gafften ihr alle Augen und Brillen nach und entgegen; und indem ſie gemuſtert wurde, ſchien es nicht anders, als ob ſie eine Muſterung uͤber Jung und Alt in M. hielte. Sie war von nicht ſehr bemittelten Eltern, hatte aber deſſenungeachtet, als ein⸗ ziges Kind, eine mehr als gemeine Bildung erhalten; und wurde, dieſer und ihrer Schoͤnheit wegen, von ihrem Manne ge⸗ wählt. Jede Woche ein Mal war, ab⸗ wechſelnd in ihrem und den befreundeten Haͤuſern, Kraͤnzchen, und da war der gute Braunfels immer entzuͤckt, die prima donna ſeines Herzens auch die prima donna der Geſellſchaften ſpielen zu ſehen. Zwar ent⸗ ging es ihm nicht, daß ſeine Frau hier ſowol, als auf Baͤllen und Konzerten, mehr Anbeter fand, als fur die ſtrengſte Tugend „—— —„— — 121 noͤthig iſt; allein Eiferſucht lag nicht in ſeinem Karakter, und dann theilte ſie ja die empfangenen Huldigungen auf's ebr⸗ lichſte mit ſeiner Eigenliebe. Er hatte ſie nicht aus eigentlicher warmer Liebe, ſondern aus einem hohen Grade von Wohlgefallen geheirathet; deswegen fand ſich immer ſein Geſchmack mehr geſchmeichelt, als ſeine Neigung verletzt.—„Fiekchen“ ſagte er oft treuherzig beim Nachhauſegehen aus einer Geſellſchaft,„haſt Du auch bemerkt, was fuͤr verliebte Blicke die Herren N. N. Dir wieder zugeworfen haben? Ha! ha! uͤber die Gecken!“ Und er hatte Recht. Dieſe Herren waren wirklich Gecken, und fuͤr Sophiens Tugend von ihnen gar nichts zu fuͤrchten. Denn war ſie gleich in ihren Mann wenig, und vielleicht noch weniger“ als er in ſie, verliebt, ſo hatte ſie doch zu viele Bildung und dankbare Anhaͤnglichkeit 122 an ihn, um bei ſolchen Maͤnnern Gefahr zu lauſen. Selbſt ihre ziemlich maͤßige Eitelkeit ſtand ihr bei. Von Jugend auf an Hofmachen und Maͤnnergalanterien ge⸗ wöhnt, waren ihr die gewoͤhnlichen weder neu, noch bedeutend genug, um ſie nur mit einem Blicke zu lohnen. Ihr Geſchmack, durch ſublime Dichter und Romane gebil⸗ det, fand dies alles zu ſchaal und leer, und ſie wäre, auch bei noch geringerer Nei⸗ gung zu ihrem Manne, lieber eine treue Frau geblieben, als für ſolchen Preis eine Treuloſe geworden. Kurz, von dem Klein⸗ geſchutz der Liebe war fuͤr ſie durchaus nichts zu beſorgen, und das ſchwerere hatte ſie bisher aus Muth⸗ oder Geſchickloſigkeit der Belagerer noch nicht auszuhalten gehabt. Jetzt aber ſollte ſie eine, fuͤr ihre Nei⸗ gung und Grundſätze allzugefährliche, Probe beſtehn.— An der Spitze eines ſchönen — r23 Dragonerregiments ruͤckte in M. ein junger Oberſt ein, deſſen bluͤhendes Aeußere beim erſten Anblicke ein Mittelbild zwiſchen Mars und Adonis ankuͤndigte. Braunfelſens Haus ſtand nicht weit vom Thore, durch welches das Regiment einritt, und er mit ſeiner Gattin am Fenſter, um eine neugierige Re⸗ vue zu halten. Jetzt kam unſer Krieger vor dem Hauſe vorbei, und ein— Funke ſchlug zuͤndend in ſein und Sophiens Herz⸗ Sie wechſelte die Farbe, und er ließ den Zuͤgel des muthigen Englaͤnders ſinken, der einen Seitenſprung machte, und gleich darauf, von einem raſchen Zuͤgelgriff gefeſ⸗ ſelt, ſich baͤumte und ſeinen kraͤftigen Rei⸗ ter in ſtolzer Hoͤhe zeigte. Beide hatten ſich in dieſem Momente angeſchaut fuͤr im⸗ mer, und das Fortruͤcken der Truppen war ihnen wie eine Trennung jahrelanger Ver⸗ bindung. Alles auf der Straße ſtroͤmte der 124 ſchoͤnen Reiterei nach; Sophie und ihr Mann gingen vom Fenſter, wie ſich leicht denken laͤßt, mit ſehr verſchiedenen Empfin⸗ dungen. Er begab ſich an ſein Geſchaͤft, und Re auf ihr Zimmer, welches ſie erſt zur Mittagsſtunde wieder verließ.— Sie mochten eine Viertelſtunde zu Tiſche geſeſſen haben, als an die Thuͤr gepocht wurde, und auf ein herein! der junge Oberſt nebſt einigen Bedienten, die ſein Gepäck trugen, hereintraten. Er verbeugte ſich beim An⸗ blicke Sophiens uͤberraſcht und verlegen, und ſie konnte ſich zu einer Gegenverbeu⸗ gung kaum auf den Fuͤßen halten.„Sie verzeihen, hub er endlich an, das Geraͤuſch, mit welchem ich unangemeldet bei Ihnen eintrete. Die Stadt iſt voller Truppen, und ein freundlicher Genius gab mir ein Billet de logement an Ihr Haus. Ich werde indeſſen ſo wenig beſchwerlich fallen⸗ 125 als mein Poſten es immer zulaͤßt.“ So⸗ phie verſtummte, Braunfels aber war hoͤf⸗ lich und zuvorkommend, und nahm ſogleich die Bedienten des neuen Gaſtes mit ſich, um ihnen Zimmer fuͤr ihren Herrn anzu⸗ weiſen. Sophie und der Oberſt blieben allein, und das ganze Gewicht einer fol⸗ genreichen Zukunft ſchien in dieſem Augen⸗ blicke auf Beiden zu laſten. Wir wollen inzwiſchen unſern Mann etwas naͤher ken⸗ nen lernen. Guſtav von Wellheim war der einzige Sohn eines altgraͤflichen und reichen Hau⸗ ſes in der Hauptſtadt. Fruͤhzeitige Neigung und die damaligen Zeitumſtaͤnde wieſen ihm die Militärſtraße als Lebensweg und den Lorbeer als Ziel ſeiner Vollendung an. Der Liebling des Vaters, welcher eine hohe Stelle bei der Regierung bekleidete, und der Mutter Abgott, wurde alles aufgeboten, 126 was ſein kunftiges Gluck begruͤnden konnte. Noch in zartem Alter kam er in eine Ka⸗ dettenſchule, in der er ſich nützliche und ſchoͤne Kenntniſſe erwarb. Als Unteroffizier ward er im I8ten Jahre angeſtellt, wo ihn ein ausgezeichnetes Wiſſen und Verhalten ſchnell befoͤrderte. Wir haben ihn in ſeinem 24ſten als Oberſten getroffen.— Aber nicht nur in der Kriegs-, auch in der Liebestak⸗ tik war er bereits ſehr erfahren. Beſuche im vaͤterlichen Hauſe und Kantonnirungen in den Gegenden vieler andern Städte ver⸗ ſchafften ihm fruͤhe genug Gelegenheit, die⸗ ſelbe zu uͤben. Der ſchoͤne Juͤngling in ei⸗ ner praͤchtigen Uniform, vertraut mit der Welt und ihrem feinſten Tone, mußte in den Frauenzirkeln allenthalben und beſon⸗ ders da— Eroberungen machen, wo man das geſittete Betragen eines Feindes ver⸗ goͤttert und ihm jede negative Tugend für 127 eine poſitive anrechnet. Ein warmes Herz, verbunden mit einer bluͤhenden Einbildungs⸗ kraft, hatte ihn auch in der Schule der Sen⸗ timentalitaͤt eingeweiht, welche dem glaͤn⸗ zenden Sterne ſeines Verdienſtes eine rei⸗ zende Einfaſſung und ihm ſelbſt eine Dop⸗ pelſchneide gegen das ſchoͤne Geſchlecht in die Hände gab. Seine Meinung von ſich ſtand indeſſen auf der Grenze des beſchei⸗ denſten Bewußtſeyns. Bisher nur mit leichten Avantuͤren be⸗ ſchaͤftigt, war immer ſeine Fantaſie, nie ſein Herz in Anſpruch genommen worden. Jetzt, dem herrlichen Weibe gegenuͤber, ſchloß ſich dieſes, wie durch einen elektri⸗ ſchen Schlag, ploͤtzlich auf, indeß ſein gan⸗ zes bisheriges Leben ſich eben ſo ſchnell fuͤr ihn verſchloß. Von allen fruͤhern Verhält⸗ niſſen abgeriſſen, ſtand er in neuen da, und keine Erfahrung hatte eine Regel fuͤr 128 ſein jetziges Betragen. Die wahre Liebe hat einen eigenen Maßſtab, der mit keinem andern in Verhaͤltniß zu bringen iſt, dem nichts anpaſſen will, als ſie ſelbſt. Hätte er Sophien nicht als Weib eines Andern getroffen, er wuͤrde ihr im erſten Augen⸗ blicke Herz und Hand redlich zugedacht ha⸗ ben; ſo aber nahm er ſich nicht gerade vor, ſie zu feſſeln, aber doch auch nicht, ſie frei zu laſſen.— Er hatte neben ihr auf einem Sopha Platz genommen, und ſprach— was man immer ſpricht, wenn man nichts ſprechen will oder kann— vom Wetter und der ſchönen Ausſicht. Zum Gluͤcke beider kam der Mann zuruͤck, und ließ ſich mit dem Oberſten in ein Geſpraͤch uͤber Politik ein, womit ſich deſſen Beſuch fuͤr heute endigte. „Das iſt ein ganz charmanter Mann, der Oberſt!“ ſagte Braunfels beim Schla⸗ — —⁵ 129 fengehen zu ſeiner Frau, die ein verlegenes: O ja, ſtammelte.„Man ſieht es aber,“ fuhr er fort,„daß der Umgang mit Mili⸗ taͤrperſonen Dir was Fremdes iſt; denn— nimm mir's nicht uͤbel, mein Kind— Du ſtandeſt bei ſeinem heutigen Beſuche ziem⸗ lich einfältig da, und es würde mir Leid thun, wenn der Herr keine andere Meinung, als ſeine jetzige, von Dir bekommen ſollte.“ Sophie ſchuͤtzte gehabtes Kopfweh vor, und haͤtte, wenn ſie Kopfbrechen fuͤr Kopfweh gebrauchte, volle Wahrheit geſprochen. Die Nacht brachte ſie ſo zu, wie ſie jede zum erſten Mal, und noch dazu ungluͤcklich Ver⸗ liebte zubringt; welches alles im Woͤrter⸗ buche der Liebe, Artikel: Wachen, Seufzen, Weinen, Fuͤrchten, Hoffen u. a. umſtänd⸗ lich nachzuſchlagen iſt.— Den Morgen darauf kam Wellheim, ſich nach dem Be⸗ finden ſeiner Wirthsleute zu erkundigen, 9 130 und fand Madame Braunfels in einem Ne⸗ gligee, worin ihre Reize gar nicht negligirt waren. Sie war geſpraͤchiger, als geſtern, und man ſah ihr an, wie gehorſam ſie dem Winke ihres Mannes zu ſeyn ſtrebte. Dieſer war auch mit allem, was ſie ſprach, ſehr zufrieden, Wellheim aber— als ein ſeiner Kenner— noch mehr mit dem, was ſie nicht ſprach. Auf den Mittag wurde er eingeladen, was er unter vielen Ver⸗ bindlichkeiten annahm, und ſich empfahl. Mit lautem Herzpochen ſah Sophie der Mittagsſtunde entgegen; ſie kam heran, und mit ihr der Liebling ihrer Seele. Er hatte ſeinen Platz neben ihr, und uͤber Tiſche Gelegenheit, die feinſte Urbanitaͤt und ein ihm eigenes Betragen gegen Damen zu entwickeln. Sie zeigte die volle Grazie ihres Geſchlechts, von der Zartheit der er⸗ ſten Liebe erhoͤht. Oft beruͤhrten ſich ihre 131 Armez und waͤre Braunfels mehr Kenner, oder mißtrauiſcher geweſen, er wuͤrde aus dem gleichzeitigen Erroͤthen beider Manches geſchloſſen haben, was zu ſeiner Ruhe nichts beigetragen hätte. So aber ritt er ganz unbefangen ſein Steckenpferd, die Politik, und wollte in den zerſtreuten Antworten des Gaſtes manchen beſtätigenden Wink uͤber ſeine Vermuthungen fuͤr die Zukunft finden.— Nach dem Kaffee ging man all⸗ ſeitig zufrieden aus einander. Wellheim hatte ſein Logis bei Braun⸗ fels auf unbeſtimmte Zeit. Sein Regiment hatte in der letzten Schlacht gelitten, und lag hier im Depot, ſich zu ergaͤnzen. Er ſpeiſ'te gewoͤhnlich mit mehreren ſeiner Waf⸗ fenfreunde im erſten Gaſthauſe der Stadt; doch war er woͤchentlich ein Mal bei ſeinen Hausleuten zu Gaſte, und brachte faſt je⸗ den Abend bei ihnen zu, was ſich Braun⸗ 132 fels zur Ehre und ſeine Gattin zum Gluͤck ſchaͤzte. Auch die Kränzchen beſuchte er haͤufig, und war ein Gegenſtand der all⸗ gemeinen Weiber-Anbetung. Sophie ſah es, und war entzuͤckt. Ohne noch ein Ge⸗ ſtaͤndniß ſeiner Liebe, noch weniger ſeiner Treue zu haben, war ſie durch manche ſtumme Beweiſe derſelben doch ſo ſicher, daß ſie vor keinem Verluſte zitterte; und die Huldigungen der Damen gegen ihren Liebling waren fuͤr ſie eben ſo viele Trium⸗ phe ihres Geſchmacks, als Trophaͤen ihres Sieges. Immer hoͤher zwiſchen ihm und ihr ſtieg die Freundſchaft, unter deren Schutzbatterien man die Schußbatterien der Liebe in ungeſtoͤrter Ruhe aufwerfen konnte. Braunfels, weit entfernt, ſie zu un⸗ terbrechen, half vielmehr an den erſtern treulich mitarbeiten. Der Graf ſchien ihm— außer der wirklichen Achtung gegen ſeine Perſon und ſeinen Rang— ein Ableiter fuͤr manches Kriegsungemach, das unter ſo kriti⸗ ſchen Umſtaͤnden ſein Haus treffen konnte. Auch ſeine Politik fand bei demſelben ihre Rechnung. Ein Oberſt war fuͤr ihn ein Mann, der nothwendig mehr, als andere, vom Kriege wiſſen mußte, weil er ihn mit fuhren half; und er ſah mit Vergnuͤgen, wie — durch einige Zufaͤlle accreditirt— ſeine Kaſino⸗ und Boͤrſen⸗Orakel in merkliches Anſehen geriethen. Wem konnte er dies an⸗ ders zu danken haben, als ſeiner muthmaß⸗ lichen Quelle, dem Oberſten? Zwar gab es in dieſen Verſammlungen manchen Schalk, der, wenn jener zufaͤlliger Weiſe den Na⸗ men ſeiner Excellenz nannte, ſich nach der Stirn fuhr; allein dies bemerkte der Arg⸗ loſe nicht, oder ſchrieb es einem ſtraͤflichen Mißtrauen in ſeiner Politik zu. Madame Braunfels hatte mit Well⸗ 134 heim auch ihre Politik, die ſich aber von jeder andern dadurch unterſchied, daß beide politiſirenden Machte einen und denſelben Zweck hatten. Was dieſer Zank eigentlich ſey, hatten ſie ſelbſt ſich noch nie erklaͤrt. So viel war gewiß, daß er mehr in einem Vorruͤcken, als in einem Ruͤckzuge beſtand. Beide ſahen in lieblicher Ferne ein ſchim⸗ merndes Etwas, nach welchem ſie ſich ma⸗ giſch hingezogen fuͤhlten. Fragte ſich Well⸗ heim; Könnteſt du dieſes Weib je verfuh⸗ ren? ſo erſchrak er bei dem bloßen Gedan⸗ ken; eben ſo Sophie bei der Frage: Koͤnn⸗ teſt du je dich verfuͤhren laſſen? Ob es aber uͤberhaupt erlaubt ſey, unter dieſen Ver⸗ haͤltniſſen ſich zu lieben, vor dieſer Unter⸗ ſuchung hatten beide einen natuͤrlichen Wi⸗ derwillen. Man lebte bei und mit einan⸗ der, und fuͤrchtete keine unreinen Folgen, weil man ſich keines unreinen Vorſatzes be⸗ 135 wußt war. So verſtrichen drei bis vier Mo⸗ nate, in welchen das eigene und gegenſeitige Vertrauen immer hoͤher ſtieg, und die Si⸗ chern eben dadurch dem Falle naͤher brachte. Das neue Jahr kam heran, und bei ſeinem Eintritte ſchien Sophiens Schutzgeiſt ſich zu ſtraͤuben gegen das Schickſal, deſſen Opfer ſie werden ſollte.— Braunfels gab ein praͤchtiges Abendeſſen, u mehrere Hausfreunde, der Oberſt un einige Offi⸗ ziere ſeines Regiments geladen waren. Die ausgeſuchteſten Gerichte ſchmuͤckten die Ta⸗ fel; koͤſtliche Rhein- und Champagnerweine kreiſeten umher in vollen Bechern, die, von der Freude kredenzt, Freude und Wonne uͤberſchaͤumten in die geoffneten Herzen der Gaͤſte. Die Unterhaltung war ungemein vielſeitig und munter, frei und ungezwun⸗ gen. Auch Sophie und Wellheim, welche wie gewoͤhnlich neben einander ſaßen, fan⸗ ——————— — 136 den ihre Rechnung. Unbemerkter konnten ſie ſich anſchauen, unbelauſchter ſich ſpre⸗ chen, bis die feierliche Mitternachtsſtunde an den Aufbruch mahnte. Von dem Stadt⸗ thurme herab toͤnten die verhaͤngnißvollen Zwoͤlfe, Schuͤſſe fielen, und auf den Stra⸗ ßen erhob ſich der blinde Jubel der Gtuͤck⸗ wuͤnſchenden. Der Oberſt und die Offi⸗ giere eilten, den Feſtungs⸗Commandanten zu einem Nachtballe abzuholen, und auch die uͤbrige Geſellſchaft empfahl ſich. Sophie hatte einen ſchweren Traum. Sie ging, ſo kam es ihr vor, durch eine oͤde Steppe, ohne zu wiſſen, wie ſie dahin gekommen ſey. Freudenlos lag es vor ihr in ausgeſtorbener Leere, von keinem freund⸗ lichen Strahle erleuchtet, von keiner freund⸗ lichen Stimme durchtoͤnt. Aengſtlich ſpähte ſie um ſich nach einem Fuͤhrer, der ſie leiten moͤchte aus dieſer einfoͤrmigen Wuͤſte; 137 da ziſcht es auf zu ihren Fuͤßen, und ein holder Juͤngling, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, ſteht vor ihren Blicken. Wer biſt du Wunderbarer? fragte ihn die Er⸗ ſchrockene.„Ich bin,“ verſetzte jener„ein Genius, der deinen Wunſch erfuͤllen und dich leiten ſoll aus dieſer Einoͤde in para⸗ dieſiſche Gefilde.“— Mißtrauiſch ſchauete ſie ihm ins Geſicht; aber die ſchoͤnen offnen Züuge des Himmliſchen beſiegten bald jeden Zweifel, und ſie folgte gläubig dem Fuͤhrer. Hundert Schritte mochten ſie zuruͤckgelegt haben, als ein tobender Strom vor ihnen hinrauſchte, uͤber welchen ein ſchmaler, kaum Fuß breiter Steg fuͤhrte. Jenſeits lag ſchim⸗ mernd in Gold und Marmor ein Pallaſt in einer bezaubernden Gegend.„Hier muͤſ⸗ ſen wir hinüber, ſprach der Fuͤhrer,„jener Pallaſt iſt das erſte Ziel unſerer Wallfahrt.“ Ihr grauete vor Strom und Steg, noch 138 mehr aber vor der Leere hinter ihr, und zitternd, ſich feſt an ihren Fuhrer ſchließend, ſchritt ſie hinuͤber. Jetzt ſtanden ſie vor dem verſchloſſenen Pallaſte, und der Jung⸗ ling griff in den Köcher, aus welchem, in Geſtalt eines Pfeiles, ein Schluͤſſel hervor⸗ ragte. Er verſuchte ihn an mehreren Pfor⸗ ten, aber, o Schrecken! nirgends wollte er paſſen. Der Juͤngling erblaßte und rief: „Ich habe den rechten Schluͤſſel verfehlt und muß eilen, ihn zu holen.— Harre hier; ein Flug, und ich bin wieder bei dir.“— Er flog hin, und ſie ließ ſich, bebend an allen Gliedern, auf einen Raſen nieder. Da öffneten ſich ihr gegenuͤber alle Fenſter des Pallaſtes, aus deren jedem eine Schaar ſchlangenkoͤpfiger Ungeheuer ſie angrinſ'te und in ein Hohngelaͤchter der Hölle ausbrach. Wie vom Donner geruͤhrt, fuhr ſie auf, und— war erwacht. 139 Unter dem Fenſter ihres Schlafkabinets, welches auf den Garten ging, erhob ſich eine rauſchende Feldmuſik und entriß ſie den Eindrucken dieſes ſchreckenden Traumes. Es war eine Neujahrs⸗Galanterie des Ober⸗ ſten, der ſich von nun an deutlicher be⸗ muͤhte, Sophien ſeine auszeichnende Auf⸗ merkſamkeit zu beweiſen. Braunfels er⸗ hielt durch ſeine Vermittelung einige Re⸗ gimentslieferungen, und war in dieſen An⸗ gelegenheiten öfters abweſend. Ohne ſeine Abweſenheit auf eine ſeiner Ehre nachthei⸗ lige Weiſe zu nutzen, kamen doch beide Liebende dadurch ſich immer naͤher, und es fehlte nur noch an einem Geſtaändniſſe deſ⸗ ſen, was ſchon lange war. Aber auch dieſes ſollte in kurzem erfolgen. Von einer Diviſion der königlichen Truppen, hieß es, war ein großer Sieg erfochten worden, und dem lieben Gott, 140 der— aͤhnlich manchen Großen— ſich oft fuͤr etwas muß danken laſſen, wovon er nichts weiß, wurde auch jetzt die Hoͤflichkeit eines allgemeinen Feſtes und eines feierlichen Te Deum laudamus erwieſen. Ganz M. war in freudigem Aufruhr. Kirchengange, Baͤlle und Gaſtereien ſuchten ſich einander den Rang abzulaufen, und dieſe Gelegen⸗ heit erſah auch Wellheim, einen Beweis ſeiner Erkenntlichkeit gegen das Braun⸗ fels ſche Haus abzulegen. Herr und Madame Braunfels nebſt einigen intimen Hausfreun⸗ den, männlichen und weiblichen Geſchlechts, wurden von ihm auf eine Luſtparthie ein⸗ geladen. Hierzu war ein prächtiges Land⸗ haus erſehen, welches ein Freund des Gra⸗ fen eine Meile von M. beſaß, und dieſem fuͤr den beſtimmten Tag zu ſeiner Verfuͤ⸗ gung uͤberließ. Gegen Mittag fuhr die Geſellſchaft dahin ab, und vor dem Thore — 141 geſellten ſich zu ihnen acht gleichfalls ein⸗ geladene Offiziere, welche zu beiden Seiten der Wagen ritten. So ging es im Galopp nach dem Landſitze hin, wo alles feſtlich vorbereitet war. Die Beſchreibung davon wollen wir indeſſen den deſkriptiven Herren uͤberlaſſen, deren Staͤrke in dieſem Fache beruhet. Nach einer kleinen Promenade in den naͤchſten Umgebungen des Landhauſes ging es zur Tafel. Ueppiger Luxus und raffini⸗ render Geſchmack boten ſich bei dieſem Mahle die Haͤnde, und man muß geſtehen, die Gäſte genoſſen ganz im Geiſte des Wir⸗ thes. Ernſt und Scherz, Verſtand und Laune, belebten die Unterhaltung, und jeder fand Gelegenheit, ſich in ſeinem vortheil— haften Lichte zu zeigen. Nur Sophie, die Gefeierte, war einſylbig und zerſtreut; was aber Wellheim nicht zu bemerken ſchien, 142 um der Andern Aufmerkſamkeit nicht auf ſie zu lenken. Er verwickelte bald Dieſe, bald Jene in ein Geſpraͤch, und Sophie, die ſeine Anſtrengung erkannte, dankte es ihm mit geruͤhrtem Herzen. Wie froh war ſie, als einer der Gaͤſte das Signal zum Aufſtehen gab, und einen Gang in den Garten vorſchlug. In der That war dieſer Garten voll wildromantiſcher Parthien, ganz fur ihre Stimmung geſchaffen. Das Un⸗ regelmaͤßige und Außerordentliche in der Natur ſchließt ſich harmoniſch an die gleiche Beſchaffenheit unſerer Seele, und erſcheint wie eine dunkle Rechtfertigung ihres Zu⸗ ſtandes. Sie erkennt, daß das Alltaͤgliche nicht das einzig Mögliche und nicht das einzig Wahre ſey, und ſchoͤpft aus dieſer Eriſtenz außer ihr Hoffnung fuͤr die ana⸗ logen Erſcheinungen in ihrem Innern.— So war es bei Sophien, die, ſich ſelber 143 fremd, gern in das Fremde eintrat. Am Arme Wellheims und in Geſellſchaft der Andern, ging ſie ſinnend daher, bis ſie langſamer, als Jene, hinter denſelben zu⸗ ruͤckblieb. Die tiefe Dunkelheit eines Bo⸗ genganges brachte ſie ploͤtzlich zu ſich ſelbſt. Sie ſahe Wellheim ernſt in's Auge, und ſprach: Wir verlieren uns hier auf einem ein⸗ ſamen und duͤſtern Pfade, Herr von Well⸗ heim; gebe Gott, daß er kein Sinnbild unſeres Lebenspfades werde! Wellheim(betroffen). Wie verſte⸗ hen Sie das, meine Freundin? Sophie. Die Deutung iſt ziemlich klar, und ich muͤßte mich ſehr irren, wenn ich ſie Ihnen noch zu geben haͤtte. Ja, Well⸗ heim, ich fuͤhle es, die gemeine Weiber⸗ delikateſſe wuͤrde hier ſchweigen; ich aber, von einer groͤßern beſeelt, will ſprechen, was 144 ich damit zoͤgernd vielleicht zu ſpaͤt thun wuͤrde.— Nennen Sie es Eitelkeit, wenn ich Ihre auszeichnende Aufmerkſamkeit ge⸗ gen mich uͤber der Linie der Freundſchaft zu erblicken glaube, nennen Sie es unzart, wenn ich Ihnen geſtehe, die meinige gegen Sie auf eben demſelben Punkte zu fuͤhlen: es iſt, und dieſe Gewißheit ſetzt mich uͤber jede Furcht vor dem Scheine bei Ihnen hinweg. Ware ich, was dieſer Schein an⸗ kundigt: ich haͤtte ſie ruhig fortgehen laſſen, und meinen Triumph in Ihrem Geſtänd⸗ niſſe abgewartet. Ich komme Ihnen aber zuvor, und frage Sie: wohin ſoll unſer ge⸗ genſeitiges Betragen uns fuͤhren? Wellheim. Wie, meine Theure, hatte ſich in meinem Benehmen gegen Sie je was geaͤußert, das die ſtrengſte Tugend beſorgt machen koͤnnte? Sophie. Nein; wenigſtens nicht für ir 145 die Tugend, die Sie vielleicht einzig ſo nennen. Aber glauben Sie mir, Wellheim, wir ſtehen auf dem Punkte, uns dahin zu verlieren, wo meine und Ihre Tugend ihr Grab finden wuͤrden. Jedes Gefuͤhl, das ich durch Sie meinem Manne entzoͤge, waͤre ein Diebſtahl, und von jedem waͤren Sie vielleicht der ſträflichere Schuldner. Wellheim(mit der vollſten Zaͤrt⸗ lichkeit). Und iſt es nicht eben dieſe heilige Sorge, dieſe leiſe Scheu vor der Moͤglich⸗ keit eines Vergehens, die Sie jedem Manne anbetungswuͤrdig machen muß? Iſt nicht..⸗ Sophie(ihn unterbrechend). Das iſt es, was ich gefurchtet habe. Das iſt die Blendlaterne, welche die Suͤnde ſo lange uns entgegen haͤlt, bis wir, von dem gefaͤhrlichen Schimmer gelockt, ihr ſo nahe kommen, daß ſie mit dem Arme uns umſchlingen kann. In ſeiner irdiſchen Ge⸗ 10 146 ſtalt waͤre manches Weib dem Manne un⸗ verletzlich; er ſucht es aber zu vergottern, um ſeine eigene Wuͤnſche fuͤr uͤberirdiſch zu halten, und es um ſo eher in's Verderben zichen zu koͤnnen.— Ich bitte Sie, Well⸗ heim, ſehen Sie in mir nichts, als eine etwas mehr als gewoͤhnliche Frau, und den geheiligten Beſitz Ihres, wie meines Freundes. Auch ich werde es thun, und (indem ihr Thraͤnen entfallen) ſollte mein Herz auch daruͤber brechen. Wellheim. Ja, edle, herrliche Seele! Gluͤhend, wie Du mich, liebe ich Dich. Ich laͤugne es nicht: laͤngſt habe ich den Strahl Deiner, wie meiner Liebe erkannt; aber Der werde fuͤr mich ein Wetterſtrahl, der je eine unedle Flamme in mir entzuͤndet. Mit heißer Inbrunſt kuͤßte er ſie auf die Stirn, und zog die Folgende zur Ge⸗ ſellſchaft zuruͤck. 147 Dieſe fanden ſie um einen Tiſch ge⸗ lagert, worauf der Kaffee in Schalen und der Wein in Glaͤſern perlte. Dieſem Zeit⸗ vertreibe, und einem andern, der Offiziere mit den Damen, mochten ſie es zu ver⸗ danken haben, daß ihr laͤngeres Ausbleiben, auch ſogar den Letztern, nicht aufgefallen war. Braunfels, der etwas uͤber die Ge⸗ wohnheit getrunken hatte, trat ſeiner Frau mit einem Glaſe in der Hand entgegen. „Fiekchen, Du lebeſt! Gelt, Schaͤtzchen, das war einmal ein Tag? Und dieſer Garten ſo recht, wie Du immer einen ge⸗ wuͤnſcht hatteſt; wo ſich's nach Herzens⸗ luſt fantaſiren laͤßt, wie Du das Ding nennſt. Das dankeſt Du aber alles Sr. Erzellenz, unſerm Grafen. Habe ich Dir nicht immer geſagt, daß er ein ganz char⸗ manter Mann ſey?“— Der Graf wandte ſich ab, Sophie ſah ihren Mann mit einem 348 ganz eigenen wehmuͤthigen Blicke an, und verlor ſich zu ein Paar Freundinnen, die in einiger Entfernung ſpatzierten. Die Sterne ſtanden am Himmel, als man zur Stadt zuruͤckkehrte. Wellheims Schwur war in dem Au⸗ genblicke, wo er ihn Sophien geleiſtet hatte, ernſt und redlich. Die Groͤße des Weibes, welches vor ihm ſtand, und eine dunkle Ahnung deſſen, was er an ihr hätte thun koͤnnen, erzeugten in ſeiner Seele ein Mit⸗ leid, das ſich zu jedem Opfer entſchloſſen fichlte. Sophie, durch dieſen Schwur be⸗ ruhigt, ſah ſeine und ihre Neigung zu et⸗ was Hoͤherem geadelt, welches, abgeſchloſſen von jedem Gemeinen, wie eine ſelige Inſel in dem Meere ihrer Empfindungen ruhte. Sie ſetzten ihren Umgang auf eine freie und ungezwungene Weiſe fort.— Aber ein ſolcher Weg gleicht dem ungebahnten 149 Fußpfade, der, uͤber die allgemeine Straß⸗ ſich erhebend, an einem ſteilen Abhange hinfuͤhrt. Nur ein beſtandiges Aufmerken und Anſtrengen kann darauf erhalten. Ein augenblickliches Vergeſſen, und der Fuß gleitet ab, und fuͤhlt ſich auf der gebahnten Heerſtraße.— So war es mit unſern Lie⸗ benden. Jedes glaubte, in dem ausgeſpro⸗ chenen Willen das Seinige gethan zu ha⸗ ben, ohne an die ewige, ſich immer be⸗ wußte Fortſetzung deſſelben denken zu duͤr⸗ fen. Und ſo geſchah es denn, daß ſie nach einigen Umkreiſungen bald wieder auf dem⸗ ſelben Punkte ſtanden, wovon ſie ausgegan⸗ gen waren. Wellheim hatte zugleich mit ſeinem Schwure den ſchuͤchternſten Gedan⸗ ken ſeiner Seele ausgeſprochen; er hatte einen Kuß auf die Stirn der Geliebten gedruͤckt— und ſomit war die erſte und bedeutendſte Barriere der Liebe uͤberſchritten. 150 Sophie hatte ſein Geſtaͤndniß angehoͤrt, ſeinen Kuß geduldet: damit war auch bei ihr eine Schranke eingeſtuͤrzt, die oft nur in dem Zweifelhaften eines Erfolgs beſteht. Der Ruͤcken war von beiden Seiten gedeckt, und das Avanciren dadurch ungemein er⸗ leichtert, und dies geſchah, indeß Beide noch immer in ihren Standquartieren zu ſtehen glaubten. Zehn Mal am Tage ſagten ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, wie theuer ſie ſich ſeyen, zehn Mal empfanden ſie dies Gluͤck, ohne es ſich ſelbſt zu geſtehen. Oft las er ihr einen ſchoͤn geſchriebenen Roman vor, und ergriff bei einer ruͤhrenden Stelle ihre Hand, oder druckte dieſelbe in der Be⸗ geiſterung wol gar an ſein Herz. Ihr ſtan⸗ den dann die Augen voll Waſſer, und in⸗ dem ſie ſich vom Schickſale der Helden er⸗ griffen glaubten, brachten ſie ein Wonne⸗ oder Thraͤnen⸗Opfer ihrer Liebe. 15* Bei einer von Braunfelſens oͤftern Abweſenheiten wurde Sophie krank. Eine Erkaͤltung, verbunden mit den beſtaͤndigen Eraltationen ihres Geiſtes, zog ihr ein Nervenſieber zu. Anfangs ſchien es nicht ſehr bedeutend, gewann aber mit ſeiner Dauer einen hoͤhern Grad von Gefährlich⸗ keit. Mit derſelben ſtieg Wellheims Angſt, und das eingeſchloſſene Feuer ſeiner Liebe brach in vollen Flammen aus. Oft, wenn kein fremder Beſuch da und die Wärterin hinaus gegangen war, warf er ſich uͤber die Bewußtloſe hin, und bedeckte den ſie⸗ berheißen Mund mit Küſſen. Kehrte ihr Bewußtſeyn zuruͤck, dann ſaß er, die Augen voll Thränen, vor ihrem Lager, und hielt zitternd ihre Hand in die ſeinige gepreßt. Sophie bemerkte ſeine Leiden, ſah ihn mit einem matten ſchmerz- und liebeſchweren Blicke an, und ſeufzte, lieber Wellheim!— 152 „Sophie!“ rief er dann halb außer ſich, „ſtirb nicht, oder Dein Guſtav ſtirbt mit Dir!“ Wenig fehlte, und er waͤre krank, kraͤnker, als ſie ſelbſt geworden. Nur die gewaltſamſte Anſtrengung, der Geliebten einen zärtlichen Pfleger zu erhalten, hielt ihn aufrecht. Seine Freunde erſchraken uͤber ſein Ausſehen, und die wahre Urſache blieb nicht ganz unvermuthet. Selbſt Braunfel⸗ ſen, welcher jetzt zuruͤckkehrte, und von Schrecken uͤber ſeine Frau erfullt wurde, fiel die abgefallene Geſtalt des Grafen auf, wozu eine traurige Familiennachricht den Vorwand hergeben mußte.— Allmaͤhlig aber erholte ſich Sophie wieder, und in Wellheims Buſen kehrte neues Leben zu⸗ ruͤck. Mit ſeiner Freude war er indeſſen behutſamer, als mit ſeinem Schmerze, und entging dadurch dem gewiſſen Verrathe ſei⸗ nes Herzens.— Dieſe Krankheit verband 153 die Liebenden noch enger, und Theilnahme und Dankbarkeit vollendeten, was Neigung angefangen hatte. Zur voͤlligen Herſtellung ihrer Geſund⸗ heit wurden Sophien Bäder und die reinere Landluft angerathen. Sie waͤhlte einen drei Meilen entfernten Kurplatz mit aͤußerſt romantiſchen Umgebungen. Ihr Mann be⸗ gleitete ſie dahin, und beſuchte ſie in Well⸗ heims Geſellſchaſt woͤchentlich ein Mal. In Abweſenheit Beider hatte ſie Muße genug, ſich mit der Erinſerung an Letztern zu beſchäftigen, und erſt die Trennung von ihm machte ihr die Unentbehrlichkeit ſeiner Naͤhe klar. Allenthalben vermißte ſie ihn, und ihr Leben kam ihr wie ein Bruchſtuͤck vor, deſſen ſchoͤnere Ergaͤnzung fehlte. Stundenlang ſaß ſie auf der Anhoͤhe, welche die Landſtraße nach M. uͤberſchaute, oder an einer Kaskade, die vom hohen Felſen 154 ————— herabſtuͤrzte, und war verloren in dem Ge⸗ n danken an ihn. Jedes Plaͤtzchen, uͤber das hi ſeine ſchoͤne Beredſamkeit ſich ergoſſen hatte, il war ihr heilig, denn es war eine Mahnung an ihre Dankbarkeit.„Ja, ſprach ſie oft, v ich muß ihn lieben, den Mann, der mir zu⸗ ſ gethan iſt mit der vollen Kraft ſeiner männ⸗ lichen Seele, und doch zu beſcheiden, einen z Preis zu fordern. Er liebt hoffnungslos, 1 ſo lohne ihm die Marter meines Herzens, 6 der ich mich freiwillig fur ihn uͤbergebe.“— Solche Schwaͤrmereien ſpannten ihre ohne⸗ . hin noch reizbaren Nerven immer hoͤher, 1 und bereiteten dieſelbe auf einen Auftritt vor, welcher der letzte ihres glücklichen Le bens ſeyn ſollte. Eines Tages erhielt Graf Wellheim eine Staffette vom Hofe mit der Weiſung, N ſich ſo ſchnell als moͤglich dahin zu begeben, und ſeine Verfuͤgungen auf eine dreimo⸗ im n9, en 155 natliche Abweſenheit zu treffen. Er erſchrak hieruber ſehr, und erſuchte Braunfelſen, ihn zu ſeiner Frau zu begleiten, um von derſelben Abſchied zu nehmen. Braunfels war aber gerade von einem Geſchäfte ge⸗ feſſelt, und bat ihn, die kleine Reiſe allein zu machen und Sophien in ſeinem Namen zu gruͤßen. Wellheim ritt des andern Tages nach dem Fruͤhſtuͤck weg, und kam gegen Mittag in dem Badeorte an. Sophie ſaß eben wieder auf jener Anhoͤhe, und es ſiel ihr, als ſie ihn allein ankommen ſah, wie ein Stein auf's Herz. Sie hielt dies fuͤr eine Beſorgniß wegen ihres Mannes, flog hinab, und glaubte ſich beruhigt, als ſie die Urſache ſeines Ausbleibens erfuhr. Nun ſiel ihr Wellheims Niedergeſchlagenheit auf, er hatte aber ſich vorgenommen, die Nach⸗ richt ſeiner Abreiſe ſo lange als moͤglich zu verſchieben, und ſie war zu diskret, um 156 in ihn zu bringen. Mittags ſpeiſ'te man an der Wirthötaſel, und gleich nach Tiſche wurde eine Spatzierfahrt nach einem Berg⸗ ſchloſſe unternommen, welches, halb Ruine, burch eine Sage der Vorzeit beruͤhmt war. Hier ſollte ehemals, wie jener Gleichen, ein Ritter als Gatte zweier gluͤcklichen Frauen gelebt haben, was in der That eine Merkwuͤrdigkeit iſt. Die dunkle Be⸗ ziehung, welche in dieſer Wallfahrt lag, hätte unſere Liebenden aufmerkſam machen können, wäre ihre Deutung nicht vom Schleier des Fatums verhuͤllt geweſen.— Auf dem Schloſſe war alles ſtill und leer, nur ein greiſer Verwalter kam ihnen freund⸗ lich entgegen, und war ſo geſpraͤchig uber die alten Geſchichten deſſelben, daß man ihn ſelbſt fuͤr einen Ueberreſt jener Zeiten hätte halten ſollen. Er fuͤhrte die Fremden in ein verfallenes Zimmer, welches das Schlaf⸗ wmah ſche ⸗ ine, wan hen, chen That Be⸗ lag, ſheh vom leen Und⸗ uͤbet ihn ätte in laf⸗ 167 gemach des Ritters und ſeiner Frauen ſollte geweſen ſeyn. Beide wurden nachdenkend, und gingen ſchweigend in den ziemlich ver⸗ wilderten Garten. In einer Laube nahmen ſie Platz, und hier begann ein Geſprach: Sophie. Rein, Wellheim, laͤnger halte ich es nicht aus. Dir iſt ein Un⸗ gluͤck, oder wenigſtens etwas ſehr Unange⸗ nehmes widerfahren. Darf ich um Mit⸗ theilung bitten? Mein geaͤngſtetes Herz dringt mir dieſe neugierige Forderung ab. Wellheim. Ja wol, Sophie, iſt mir ein Ungluͤck widerfahren, und doch muß ich wuͤnſchen, daß es Dir nicht weniger nahe, als mir, gehen moͤge.— Ich muß auf drei Monate nach der Reſidenz, und morgen ſchon abreiſen! Sophie erblaßte und drohte umzuſin ken; Wellheim ſchloß ſie in ſeine Arme, und druͤckte ſie an den Buſen— Wellheim. Ich zögerte lange mit dieſer Entdeckung; endlich aber mußte ſie heraus. O, Sophie, wie werde ich leben koͤnnen ohne Dich! Sophie. Mein zerfleiſchtes Herz geht mit Dir, Guſtav; Du wirſt nicht allein ſeyn. Ich aber werde vergehen vor Schmerz. Beide weinten heftig. Wellheim. Laß uns einander nicht erweichen, Sophie; Deine Geſundheit for⸗ dert Faſſung. Die drei Monate werden langſam, aber ſie werden verſtreichen, und wir uns gluͤcklicher wiederſehen. Sophie war keiner Sprache mächtig. Wankend folgte ſie, auf Wellheim geſtuͤtzt, an den Wagen, und ließ ſich mechaniſch von ihm hineinheben. Halb bewußtlos lag ſie an ſeiner hochpochenden Bruſt, von ſeinen Armen umſchlungen. Es war ſpät, als ſie zuruͤckkamen; ein Glas ſtärkenden Rhein⸗ nicht for⸗ erden und htig⸗ tütz, on g ſie einen s ſe hein⸗ 159 weins brachte ihre entſchwundenen Lebens⸗ geiſter zuruͤck. In Weſten war die Sonne hinabge⸗ ſunken; nur leichte Purpurſtreiſen flamm⸗ ten, wie Spuren eines ſchoͤnen Lebens, noch am Horizont. Eine tiefe Ruhe herrſchte in der Luft, und aus den Gebuͤſchen tönten wetteifernd Nachtigallen ihr liebefloͤtendes Abendlied. Das Heer der Sterne zog auf wie ein feiernder Chor am dunkeln Ge⸗ woͤlbe, und die verjuͤngte Luna trat mit zarter Schuͤchternheit aus Silberwoͤlkchen hervor. Ein Hauch der Liebe wehte durch die Stille. Da ging Wellheim mit Sophien am Saume des Pappelwäldchens hin, dem ein⸗ ſamen Waſſerfalle zu.— Sie wollten den Genuß dieſes Tages in ſeine laͤngſte Dauer ausdehnen.— Hatte ſich aber jener, um die Geliebte bei Faſſung erhalten, bisher 160 Standhaftigkeit errungen, ſo verließ ihn dieſe jetzt, dem Momente des Scheidens ſo nahe; und er ſank von der kuͤnſtlichen Hoͤhe ſeines Muthes herab in die boden⸗ loſeſte Verzweiflung. Er warf, als ſie bei der Kaskade angekommen waren, ſich hin, und riß die ſtumme Dulderin, wie im Wahnſinn, zu ſich ins Gras.„Guſtav!“ rief ſie erſchreckt,„Du biſt außer Dir!“ „Du ſollteſt mich auftichten, und beugſt mich darnieder!“ Wellheim.„Kann ich anders? Gott weiß, ich habe gekaͤmpft und gerungen, ſo weit meine Kraft ging; weiter geht ſie nicht. Du biſt das erſte Weib, das tief in meine Seele griff, das den Zweck mei⸗ nes Daſeyns mir begreiflich machte. Und dieſer Zweck ſollte ſo ganz verfehlt ſeyn! Ich ſollte keine Spur mit mir hinwegnehmen aus dem Himmel, der Dich umgiebt!“ ihn ens chen den⸗ bei hin w ugſt ott ſo ſie tief mei⸗ Und eynl me 167 Sophie. Und was könnte Deine, ſelbſt ungluͤckliche Sophie Dir geben? Wel⸗ chen Troſt ſoll ſie Dir reichen, die ſelbſt troſtlos iſt! Wellheim. Die Ueberzeugung, daß ich ewig leben werde in Dir, daß Du nicht vergeſſen werdeſt der Stunden, da ich fuͤr Dich litt namenloſe Qualen, und vor Dir verging in meiner Liebe. Sophie. unglucklicher! und dieſe Ueberzeugung ſoll ich Dir erſt geben? Iſt meine eigne Vernichtung Dir nicht Buͤrge Deines ewigen Lebens in mir? Wellheim. Das Wort iſt vergaͤng⸗ lich, wie der Gedanke, und die Erinnerung an ſie noch vergaͤnglicher. Ein Pfand ver⸗ langt die getrennte Liebe, woran ſie ſich labe in den Stunden troſtloſer Einſamkeit, ein Bild, das ihr vergegenwärtige den ge⸗ träͤumten Beſitz⸗ 17 162 Sophie. Und bin ich nicht ſelber dieſes Pfand, nicht ſelber das Bild Deiner, wie meiner Liebe? Wellheim. Das biſt Du, aber ein kaltes Bild, keine gluͤhende Erinnerung knuͤpft ſich daran feſt. Nie habe ich Leben geſaugt aus Deinem ſchoͤnen Munde, nie geruht an dem Herzen, darin alle meine Hoffnungen und Seligkeiten ruhen. Wehe mir! ich kenne nur die Leiden, nicht das Gluͤck der Liebe! Er preßte ſie ungeſtuͤm an ſich, und bedeckte ihren Mund mit wuͤthenden Kuͤſ⸗ ſen. Der Waſſerfall rauſchte in den Schall ſeiner Kuͤſſe, ein warmes wolluͤſtiges Luͤft⸗ chen ſpielte ſchmeichelnd um ſie her, und in der Nähe verhallten die hinſterbenden Laute einer Nachtigall. Ueber das Pappelwaͤldchen heruͤber zit⸗ terte der dumpfe Klang einer Kloſterglocke, lber net, und üſ⸗ hall ft⸗ und den 163 und weckte die Betaͤubten auz ihrem Zau⸗ berſchlummer. Sophie richtete ſich auf und ſprach mit einem Tone, welcher zwiſchen Ernſt und Wehmuth ſchwebte:„Moͤgen die Truͤmmer meiner Tugend die Stuͤtzen Deines Gluͤckes werden; gern will ich dann verloren haben, was kein Gott mir wieder⸗ geben kann.“— Mit der Beredſamkeit eines Gluͤcklichen ſuchte Wellheim ſie über ihr Opfer zu beruhigen; ſie aber ging ſtumm und in ſich verſenkt neben ihm in ihre Wohnung zuruͤck. An der Thuͤr ſagte ſie: „Erſpare mir, im Glanze der keuſchen Lich⸗ tesflamme vor Dir zu ſtehen. Geleit' Dich Gott und ſchuͤtze Dich vor Reue!“ Er hatte den Muth nicht, einzutreten, ſchloß ſie weinend an's Herz, und ſtammelte ihr ein Lebewohl. Als die geliebte Erſcheinung ſeinen Blicken entſchwunden war, ließ er ſich ſein Pferd vorfuͤhren, und flog in be⸗ 164 „ täubter Trunkenheit nach der Stadt. Es war Mitternacht, als er daſelbſt anlangte. Morgens darauf beſuchte ihn Braun⸗ fels auf ſeinem Zimmer. Er empfing den⸗ ſelben, wie ſehr er ſich auch zuſammennahm, nicht ohne ſichtbare Verlegenheit. Wie be⸗ ſindet ſich meine Frau? fragte Braunfels haſtig.„Sehr wohl, und läßt ſie ſchoͤn⸗ ſtens gruͤßen; mich aber treffen Sie in eini⸗ ger Verſtimmung und Zerſtreuung. Meine Abreiſe iſt auf dieſen Nachmittag feſtgeſetzt, und ich habe noch Vieles in Ordnung zu bringen.“— Der gute Braunfels lud ihn auf den Mittag als zum Abſchiedsmahle ein, er aber ſchlug es unter dem Vorwande dringender Geſchaͤfte aus. Um zwei Uhr Nachmit⸗ tags reiſ'te er in Begleitung eines Dieners ab.— Sein Logis, fuͤr welches er Miethe zahlte, behielt er ſich bis zur Ruͤckkunft vor. 165 Sophie hatte eine peinliche Nacht. Be⸗ gluͤckte Liebe und verletzte Pflicht ſtanden ſich in ihrer Seele feindlich gegenuͤber, und machten ſich dieſelbe wechſelsweiſe als ihren Kampfplatz ſtreitig. Sie hatte ein unſtraͤf⸗ liches Bewußtſeyn, den Stolz eines unbe⸗ fleckten Weibes, hingegeben und ſich den Vorwuͤrfen ihres Gewiſſens bloßgeſtellt. Sie konnte nicht mehr mit jener Zufriedenheit um ſich herblicken, welche allein aus der ungetrubten Seelenruhe fließt.— Dafuͤr aber hatte ſie ſich einem Geliebten verbun⸗ den, ohne welchen— das fuͤhlte ſie tief— jedes andere Gluͤck fuͤr ſie ein Unding war. Ohne jenen Augenblick fuͤr ſich ſelbſt in Rechnung zu bringen, mußte ſie ihn deſto hoͤher in Hinſicht Wellheims anſchlagen. Er hatte ſie lange rein und abſichtslos geliebt. Er, welcher ſo viele Anſpruͤche auf Lebens⸗ freuden hatte, dem ſie unter ſo mancher⸗ 166 lei verfuͤhreriſchen Geſtalten entgegengekom⸗ men waren, verwarf ſie alle, um bei der Geliebten zu entbehren. Aus allen Geſell⸗ ſchaften, aus allen Verhaͤltniſſen verbannt, mit welchen ſie nicht in der engſten Be⸗ ziehung ſtand, ſchloß er ſich einzig an die Einzige an, und fuͤhlte durch einen Blick ſich entſchaͤdigt. Theilnahme und Dank⸗ barkeit, und endlich ein unvorgeſehener Zu⸗ fall brachten ihn dahin, wo er nie plan⸗ maͤßig hinzukommen hoffen durfte. Konnte ſie den Heißgeliebten hinziehen laſſen in der unendlichen Qual ſeines Herzens, ein Raub der verzehrendſten aller Leidenſchaften? Ver⸗ gab er, vergab ſie ſich etwas durch das, was nur vorausſetzungsweiſe herabwuͤrdigt?— Die Sophie nach dem Falle, ſehen wir, philoſophirte ganz anders, als jene vor dem Falle, dies iſt aber der Gang un⸗ ſerer Pſeudo⸗Vernunft. Die Menſchen ſind 167 geborne Alliirte der Tugend, und geben ihr — als einer allgemein reſpektiven Macht— ihre Gedanken, Empfindungen und Hand⸗ lungen in Sold, unterſtuͤtzen auch dieſe— wenn ſie angegriffen werden— als ihre Truppen, mit Nachdruck. Erhebt ſich aber bei ihnen ein Privatintereſſe, oder haben ſie gar aus Uebereilung etwas gethan, was jener Tugend⸗Souveränität zuwiderlaͤuft, dann berufen ſie in aller Eile ihre Huͤlfs⸗ truppen zuruͤck, und bilden daraus eine formliche Oppoſitions⸗Armee, die das eben ſo nachdruͤcklich beſtreitet, was ſie vorher vertheidigt hatte. Dies war auch der Fall bei Sophien, welcher eine glaͤnzende Zu⸗ kunft noch uberdies mit neuen Verſtarkun⸗ gen ſchmeichelte. Sie war nicht ruhig, aber ſie wollte es ſeyn, und nahm ſich feſt vor, es zu ſcheinen. In dieſem Geiſte begeg⸗ nete ſie ihrem Manne, als er ſie zu An⸗ 168 fang der naͤchſten Woche beſuchte. Ihr Benehmen gegen ihn war nicht aͤngſtlich; es nahm nur, um ſich keine materielle Schuld zur Laſt kommen zu laſſen, eine groͤßere Aufmerkſamkeit an. Tief erſchuͤttert wurde aber ihre Stand⸗ haftigkeit, als ſie nach einigen Wochen die Folgen jenes Vergeſſens ſpuͤrte. Gott! welche ſchreckliche Empfindung lag fuͤr ſie in einer Entdeckung, die ſie noch vor kurzem zur gluͤcklichſten der Frauen gemacht haben wuͤrde! Wie ſollte ſie mit dieſer Nachricht ihrem Manne entgegentreten, der mit der⸗ ſelben Entzuͤcken in ihren Mienen ſuchen, und bleiches Entſetzen darin finden mußte. Jetzt hatte ſie ihm nicht mehr bloß zu ver⸗ ſchweigen, ſie mußte ihn betruͤgen; mußte ihm in ihrer Schuld eine Freude verkaufen, und in jeder Aufwallung derſelben ihre Verdammniß erblicken. Jetzt war es kein fen, ihre eiy 169 ideales Vergehen mehr, daruͤber ein ſtepti⸗ ſches Gewiſſen ſich wegſetzen konnte; es ſtand da wirklich in der Wirklichkeit, mit der ganzen Laſt einer unendlichen Folge⸗ kette. Dieſe Betrachtung wuͤrde ſie voͤllig niedergedruckt haben, hätte ihr die mitleidige Freundin aller Ungluͤcklichen, die Hoffnung⸗ nicht auch dies Mal tragen helfen. Der Gedanke an Wellheim, an die Freude, die er bei dieſer Nachricht empfinden wuͤrdez die eigentlichſte Erfuͤllung ſeines Wunſches ein Pfand ihrer Liebe zu erhalten— gab ihr Muth und Kraft, vor ihrem Manne zu erſcheinen und ihn mit ihrer Lage be⸗ kannt zu machen. Wie ein Unſinniget ſprang dieſer im Zimmer umher, und druckte ſein Fiekchen mit ſtuͤrmiſcher Wonne ans Herz. Die Schamgluth ihrer Wangen hielt er fuͤr das Morgenroth ihres Gluͤcks, und ihr Leben für das Leben der Hoffnung⸗ 170 Ach! ſie wankte nur noch auf einer Stuͤtze, die bald unter ihr brechen ſollte. Wellheims Sendung war an einen fremden Hof gerichtet, welcher fuͤr das In⸗ tereſſe des ſeinigen gewonnen werden ſollte. Seines Vaters Einfluß wußte ihm den Poſten eines außerordentlichen Botſchafters zu verſchaffen, um durch den gluͤcklichen Erfolg— den er etwas voreilig voraus⸗ ſetzte— dem Oberſten neue Anſpruͤche auf Befoͤrderungen zu erwerben. Sein Weg fuͤhrte nach der Reſidenz, woſelbſt er ſein Freditiv erhielt, und— von den Lehren des Vaters und den Hoffnungen der Mut⸗ ter begleitet— ſeine Reiſe weiter fort⸗ ſetzte.— Sophiens Bild wich nicht aus ſeiner Seele. Er empfand den ganzen Werth ihres Opfers, und die Reue, die es ihr koſten mochte, haͤtte beinahe eine eben ſo ſtarke bei ihm erzeugt. Um wel⸗ ein 171 chen Preis haͤtte er es nicht zuruͤckgekauft, ſo angenehm ihn die Erinnerung daran auch beſchaͤftigte! Wie verlangte ihn nach der erſten Nachricht von ihr! Er ſchrieb, ſo⸗ bald er an ſeiner Beſtimmung eingetroffen war, an Braunfels, und erkundigte ſich mit ſo viel Wärme, als der Anſtand er⸗ laubte, nach deſſen Frau. An ſie beſonders wagte er nicht zu ſchreiben, weil er erſtens ihr den Brief durch einen Dritten haͤtte zu⸗ ſtellen, und ihr Ruf dadurch gefaͤhrdet wer⸗ den muͤſſen, und zweitens, weil das Nicht⸗ beruͤhren eines gewiſſen Punktes fuͤr ſie eben ſo unangenehm, als das Beruͤhren ge⸗ weſen wäre. Es dauerte lange, bis er von Braunfels Antwort erhielt und mit derſel⸗ ben zugleich die Nachricht von Sophiens Schwangerſchaft. Man denke ſich den Ein⸗ druck, den dieſe auf ihn machen mußte! Sophie ſelbſt hatte, wie es ſchien, mit zit⸗ 172 ternder Hand einen Gruß beigelegt, den er hundert Mal an die Lippen druͤckte.„Ja“ rief er begeiſtert,„jetzt, du Herrliche, biſt du mein; die Natur ſelbſt hat auf unſern Bund ihr heiliges Siegel gedruͤckt.“ Er war außer ſich vor Freude. Aber mit ſeinen Unterhandlungen bei Hofe ging es nicht nach Wunſch. Schwie⸗ rigkeiten ohne Zahl wurden ihm entgegen⸗ geſetzt, und ließen einen unguͤnſtigen Er⸗ folg ahnen. Von Woche zu Woche, von Monat zu Monat verlaͤngerte ſich ſein Au⸗ fenthalt, ohne daß er in ſeinen Negozia⸗ tionen um einen Schritt vorgeruͤckt waͤre. Die Ungeduld, ſeine Geliehte wieder zu ſehen, dehnte ihm die Wochen zu Monaten und die Monate zu Jahren aus. Der laue indirekte Briefwechſel mit ihr war ihm ge⸗ ringe Entſchädigung. Da erhielt er von ſeinem Hofe den ploͤtzlichen Befehl, ſeine Vell ſelbe Abſe ſein uße daril in d Verhandlungen abzubrechen und ſich an den⸗ ſelben zuruͤckzubegeben. So ſehr er in der Abſchiedsaudienz bei dem dor igen Fuͤrſten ſein Bedauern uͤber dieſe Unterbrechung zu dußern ſuchte, hatte er Muͤhe, die Freude daruͤber zu verbergen. Bei ſeiner Ruͤckkunft in der Hauptſtadt uͤbergab er dem Mini⸗ ſterium eine umſtaͤndliche Relation ſeines Geſchaͤftes, erhielt von dem Monarchen eine Belobung ſeines, obgleich mißlungenen, Eifers; zugleich aber auch die Weiſung, ſich zu ſeinem Regimente zu verfuͤgen und mit demſelben binnen acht Tagen M. zu ver⸗ laſſen. Der Krieg hatte inzwiſchen eine unguͤnſtige Wendung genommen, und man glaubte ſein Kriegertalent im Felde noͤthiger, als ſein politiſches im Kabinet zu haben. Das hieß heilen und verwunden zugleich. Er ſollte Sophien wiederſehen, um ſie auf's Neue und eine noch unbeſtimmtere Zeit zu 174 verlaſſen. Indeſſen wurde der entferntete Schmerz durch die naͤhere Freude verdrängt, und er flog nach M.— Man denke ſich dieſes Wiederſehen! Braunfels war nicht zu Hauſe, und Sophie ſtand, als er un⸗ angepocht eintrat, vor dem Sopha be⸗ ſchaͤftigt, den Ruͤcken der Thuͤr zugewandt. Er ſchlang raſch beide Arme um ſie, und rief jubelnd ihren Namen aus. Wenig fehlte, und ſie wäre in ſeinen Armen ge⸗ blieben. Die unmaͤßige Freude macht, wie der unmaͤßige Schmerz, unbeſonnen. Erſt jetzt ſah er ſeine Uebereilung ein; er wollte überraſchen und haͤtte beinahe getoͤdtet. Sie erholte ſich aber bald wieder, und— hier lege ich die Feder nieder; eine geſchick⸗ tere, als die meinige, mag dieſe Scene vollenden. Es muß ein eigenes Gefuͤhl ſeyn— Gott im abſoluten, den Souveraͤnen der Er 175 Erde im bedingten Sinne zuſtaͤndig— die unbefangene Freude eines Menſchen anzu⸗ ſehen, deſſen trauriges Schickſal entwickelt vor ihrem Blicke und hingegeben in ihre Macht, daliegt. Ich moͤchte bei einem ſolchen Geheimniſſe um alles in der Welt nicht Vertrauter eines Fuͤrſten ſeyn. Bei der Vorſehung freilich, welche, uͤber den zeitlichen Schmerz hinwegſchauend, die er⸗ freuliche Frucht jedes Scheinboͤſen erblickt, mag auch das daraus entſpringende Mit⸗ gefuͤhl modiſicirt oder gar aufgehoben wer⸗ den. Keine Kataſtrophe iſt fuͤr ſie die letzte, und die Empfindung, welche eine unendliche Folgenkette des Guten und Boͤ⸗ ſen begleiten mag, iſt eben ſo wenig, als die Unendlichkeit ihres Gegenſtandes, zu er⸗ meſſen. Bei dem Menſchen aber, fuͤr den das ſcheinbar letzte Uebel auch ein abſolu⸗ tes iſt, muß die Einſicht in daſſelbe äu⸗ 176 ßerſt eindruͤckend ſeyn⸗ Der alte Piecolo⸗ mini ſagt zu ſeinem Sohne(in Schillers Wallenſtein): ——vin ich deiner Faſſung auch gewiß? Wirſt du's vermoͤgen, ruhigen Geſichts, Vor dieſen Mann zu treten, wenn ich dir Sein ganz Geſchick nun anvertrauet habe? Der Dichter, als Repraͤſentant des Fatums, muß in ſolchen Fällen eine ge⸗ wiſſe Wehmuth empfinden, oder er iſt kein Dichter. Wellheim hatte Sophien behutſamer, als bei ſeiner Erſcheinung auf den nahen Abſchied vorbereitet, und verſicherte ihr, nach einigen Monaten wieder zuruck zu ſeyn. Sie erblaßte aber dennoch bei dieſer Nach⸗ richt; eine tiefe Ahnung durchſchauerte ihr Weſen. Braunfels trat ein, umarmte den Angekommenen herzlich, und war, als er die Kuͤrze ſeines Beſuchs erfuhr, empfind⸗ ſar ach ſet Ne — 177 ſam geruͤhrt. Jener mußte verſprechen, die acht Tage ſeines Aufenthalts ihr unausge⸗ ſetzter Gaſt zu ſeyn, was er willig that. Man genoß ſich in jeder Hinſicht, und die Scheideſtunde war da, ehe man ſich's ver⸗ ſah. Es war eine traurige Stunde! Des Grafen Regiment ſtand in Reihen aufge⸗ ſtellt, und ſchimmernd im Glanze der Waf⸗ fen vor dem Hauſe; er ritt muſternd hin⸗ durch, und theilte Befehle an die Offiziere aus. Dann ſaß er ab, und eilte in das Haus. Brauufels druͤckte ihn ans Herz, und Sophie, ihrer nicht mehr mächtig, hielt ihn, heftig weinend, einige Minuten umklammert. Er kuͤßte ſie halb betaͤubt auf den Mund, und hatte kaum Muth, ſich loszureißen. Das Wiehern und Stampfen der Roſſe brachte ihn zu ſich, er flog hin⸗ aus, und ſaß zu Pferde. Ein ſchmetternder Kommandoruf, ein vielſtimmiger Trompe⸗ 12 178 tenſtoß, und das Regiment flog zum Thore hinaus. Sophie fuͤhlte ſich ſo angegriffen, daß ſie das Bett huͤten mußte. Ihr Benehmen bei Wellheims Abſchied, und deſſen Ein⸗ fluß auf ihren ſonſt ſtarken Koͤrper, machten Braunfels aufmerkſam. Und in der That mußte der Argloſeſte es werden. Solche Folge mußte eine bedeutende Urſache, ſolch ein Wogenſturz der Empfindung eine weiter entlegene Quelle haben. Dieſe Anhaͤng⸗ lichkeit konnte nicht von heute und nicht von geſtern herruͤhren. Er ſann nach, und es fiel ihm wie Schuppen von den Augenz er theilte ſeine traurige Entdeckung einer Freundin ſeiner Frau mit, deren Bitten, ſich an dieſen Abgrund nicht zu wagen, ihn mehr vor- als ruͤckwaͤrts trieben. Der Argwohn iſt wie ein Schneeballz er waͤchſt auf ſeinem Laufe. Tauſend un⸗ ſchul Zeite den ſen heili und ſhe nut und ged unt gerſ deut und df Br Jet von on daß in⸗ ten hat ſche ch ter 179 ſchuldige Kleinigkeiten aus den fruͤhern Zeiten von Wellheims Bekanntſchaft wur⸗ den zu Erheblichkeiten, und machten ihm deſſen Verſtaͤndniß mit ſeiner Frau klar. Sein Verdacht wagte ſich bis vor den heiligen Vorhang der ehelichen Myſterien, und blieb hier voll graͤßlicher Zweifel ſtehen.— Sophie ſah in deſſen Betragen nur zu deutlich den Zuſtand ſeines Innern, und fuͤhlte ſich dadurch vollends zu Boden gedruͤckt. Sie wurde kraͤnker und kraͤnker, und glich im achten Monate ihrer Schwan⸗ gerſchaft nur noch einem Gerippe. Alles deutete bei ihr auf die hoͤchſte Geiſtes⸗ und Koͤrperzerruttung. Eines Tages, als ſie eben mit dem duͤſtern Braunfels allein war, brachte der Brieftraͤger einen ſchwarzgeſiegelten Brief. Jener erbrach ihn, und las laut die Worte von— Wellheims Vater. Dieſer meldete 180 den Tod ſeines tapfern Sohnes im erſten Treffen, und erſuchte um deſſen zuruͤckge⸗ laſſene Effecten und Papiere. Braunfels erſchrak, und Sophie ſtuͤrzte mit einem lauten Schrei zu Boden. Es dauerte lange, bis man ſie wieder zu ſich ſelbſt bringen konnte; eine Stunde darauf folgte ihre Entbindung von einem todten Knaben.— Ein hitziges Fieber ſtellte ſich ein, welches ihren graͤßlichen Seelenzuſtand deutlich aus⸗ ſprach und die Umſtehenden init Schauder erfuͤllte. Sie ſchen einzig mit Wellheim beſchäftigt, und rief ihn in den klaͤglichſten Ausdruͤcken zuruͤck. Oft rang ſie verzweif⸗ lungsvoll die Haͤnde, und ſchrie jammernd. „Guſtav! unſer Kind! Braunfels bringt es um!“ Braunfels verließ ſcham- und zorn⸗ gluͤhend das Zimmer. Kein Beſuch, außer dem Arzte, wurde angenommen; ſie war der Waͤrterin allein uberlaſſen. Man zwei⸗ rſten cge⸗ nfels inem unge, ngen ihre b ches aus⸗ uder heim hſten weif⸗ ernd. 9t es zorn⸗ ußer wir wei⸗ 181 felte an ihrem Aufkommen; aber ihre kräf⸗ tige Natur erholte ſich wieder, um ſchreck⸗ licher zu erliegen. Ihr war es, da ihre Beſonnenheit zu⸗ ruͤckkehrte, als ſey alles um ſie her eine hohle Leere, in welcher ſie als einſamer Schatten umherſchwebte. Alles, was ihr theuer war, lag unerreichbar von ihr ent⸗ fernt; nur ein luftiges Traumband hielt ſie damit zuſammen. Ihr Geiſt rang ver⸗ gebliche Kämpfe, den Gebilden der Erin⸗ nerung Geſtalt und Wirklichkeit zu geben; und gelang es ihm zuweilen, den Schleier der Fantaſie zu zerreißen, ſo ſtuͤrzte ſie vor dem Anblicke des fuͤrchterlich Wahren zuſammen, um auf's Neue in ihren dum⸗ pfen Zuſtand zuruͤckzuſinken. Ihr kam es vor, als ſey ſie von ihrem Manne durch alle Ewigkeiten her verſtoßen geweſen, und kein Wunſch, ſich zu ihm zu erheben, regte 182 ſich in dem kraftloſen Herzen. Jeder Hoff⸗ nungsſchimmer erſtarb in ſeiner bodenloſen Tiefe, in welche kein Strahl jener fruhen, täuſchenden Sophismen fiel. Die Moglich⸗ keit der Suͤnde war aus ihrem ausgeſtor⸗ benen moraliſchen Daſeyn verſchwunden, und die Reue hatte ihren dunkeln Beſitz darin genommen. Ihr Koͤrper gewann durch die Kunſt des Arztes an Kraft, und mit ihm zugleich die Furien ihres Gewiſ⸗ ſens an Staͤrke. Jeder Pulsſchlag war ein Schritt naͤher zum Wahnſinne, welcher nach einigen Wochen ſich wirklich einſtellte. Alle Mittel, die man zu ihrer Heilung aufbot, waren vergebens. Ihre Stunde war gekommen, die unterirdiſchen Maͤchte riefen ſie hinab, das Opfer fuͤhlte ſich dem Opfer nachgezogen. An einem Abend, da Braunfels aus⸗ gegangen war, und die Waͤrterin ſie auf iht ſin ung unde ſchte dem us⸗ auf 183 einen Augenblick verlaſſen hatte, ſchlich ſie ſich aus dem Zimmer, und im Dunkel der hereinbrechenden Nacht aus dem nahen Stadtthore. Ihr Weg ging nach jenem Badeplatze, nach jenem ungluͤcklichen Waſ⸗ ſerfalle, welcher in den Wiegenſchlummer ihrer Tugend gerauſcht hatte. Der Wahn⸗ ſinn beflugelte ihre Schritte, nach Mitter⸗ nacht befand ſie ſich an der Stelle. Alles war wieder wie damals; die Nachtigall ſchlug aus dem nahen Gebuͤſche, daſſelbe Luftchen ſchien hier zu wehen, und der Mond ihrem entſetzlichen Vorſatze zu leuch⸗ ten. Sie blickte in der Gegend umher, ſah nach den Sternen auf, und die ganze Ge⸗ walt einer ſchaudernden Erinnerung faßte die Unſelige.„Guſtav! mein Kind! ich komme zu euch!“ ſchrie ſie in einem herz⸗ zerreißenden Tone— und die Wellen tru⸗ gen ihre ungluͤckliche Beute davon. 184 Als die Waͤrterin ins Zimmer zuruck⸗ kam und Sophien nicht darin fand, erregte ſie im ganzen Hauſe Laͤrm. Braunfels kam eben zuruͤck, und hoͤrte den Vorfall mit Schrecken. Eine Ahnung des Entſetzlichen ſtieg in ihm aufz aber Niemand hatte die Entwichene geſehen, und keine wahrſchein⸗ liche Spur ihres Weges war vorhanden. Die Anzeige eines Fiſchers machte am drit⸗ ten Morgen den vergeblichen Nachſuchungen ein Ende. Braunfels war tief erſchuͤttert, und folgte weinend der einſam beſtatteten Leiche.—— Ein Schleier falle uber ſei⸗ nen Schmerz. Der Findling. In geringer Entfernung von Copenhagen, der Hauptſtadt Daniens, liegt von der Heerſtraße ab das Doͤrflein P., verſteckt in dem Schatten eines Eichenwaldes. In dieſem Doͤrflein aber wohnte vor viele Jahren ein Bauer, Namens Byrſen, mit ſeinem Weibe; gluͤcklich durch die Liebe und zufrieden durch den Ertrag taͤglicher Arbeit. Eines nur ſchmerzte ſie tief: das Ausblei⸗ ben des Eheſegens, den ihnen der Herr nach vieljahriger Verheirathung noch im⸗ mer verſagte. Still, wie Hanna, flehte 186 die Frau zum Herrn: daß er ihr ſchenken moͤge des Leibes Frucht; und doppelt, wie der Mann der Propheten⸗Mutter, liebte Byrſen ſein Weib ob dieſer ſchmerzlichen Entbehrung. Und ſieh: es gedacht' ihrer endlich der Herr, und gewaͤhrte ihre inbruͤn⸗ ſtige Bitte; denn als Beide ſchon weit vor⸗ geruͤckt waren im Alter und jegliche Hoff⸗ nung ſchier verſchwunden ſchien, fuͤhlte das Weib ſich ploͤtzlich ſchwanger, und genas eines Soͤhnleins. Und es freuten die Eltern ſich ſein uͤber die Maßen, und liebten es wie den Apfel ihres Auges. Das Soͤhn⸗ lein aber war lieblich anzuſchauen, wie der junge Mond, und guckte aus zwei großen blauen Augen gar vertraulich und fromm in die Welt. Und es freute ſich des Knaͤb⸗ leins, wer es ſah, und pries gluͤcklich die Eltern, welche der Herr bedacht hatte in ihrem Alter. Sie ſ elbſt wußten ihrer Freude 187 kein Ziel zu finden, und arbeiteten nun mit doppeltem Fleiße, auf daß es dem Lieblinge ihres Herzens an nichts fehle und er der⸗ einſt ein Angedenken behalte ihrer Liebe. Um aber in ihrer Arbeit fuͤr den Knaben nicht durch ihn geſtoͤrt zu werden, nahmen ſie ihm ein junges Maͤgdlein, das ſeiner warten ſollte den Tag uͤber und ihn pfle⸗ gen mit Liebe. Und das Maͤgdlein erfullte den Dienſt mit gewiſſenhafter Treue, und gewann den Knaben lieb, wie ihren eigenen Bruder. Sie taͤndelt' und ſcherzte mit ihm, trug ihn ſtundenlang hinaus ins Freie und erzaͤhlte ihm Maͤhrchen und alte Sagen. Das Knaͤblein aber, obgleich erſt anderthalb Jahr alt, horchte auf, als ob es die Worte begriffe, und lächelte dabei gar klug und verſtaͤndig. Und es geſchah an einem heißen Au⸗ guſt⸗Nachmittage, daß das Maͤgdlein mit 188 dem Knaben hinaus ging nach der Heer⸗ ſtraße, welche fuͤhrt gen Daniens Haupt⸗ ſtadt. Und dicht an der Heerſtraße ſtand ein Ziehbrunnen auf dem Felde, da pflegten die Hirten des Abends zu traͤnken ihre Heerden. Jetzt aber war alles einſam auf dem Felde, und das Maägdlein ſetzte ſich nieder mit dem Knaben unter den Schat⸗ ten des Baumes, der da ſtand neben dem Brunnen. Und als ſie eine Weile da ge⸗ ſeſſen hatte, ſpielend mit dem Knaben, da kam die Heerſtraße entlang ein Mann mit Baͤren, Affen und andern ſeltſamen Thie⸗ ren. Da es aber nicht ſchien, als ob er an dem Brunnen voruͤber ziehen, ſondern als ob er ablenken wolle auf einen Seiten⸗ weg, ſo ward die Neugierde des Mägdleins rege, und es geluͤſtete ſie gar ſehr, die ſelt⸗ ſamen Thiere in der Naͤhe zu ſchauen. Und um ihren Pflegling keiner Gefahr aus⸗ 189 zuſetzen und vielleicht auch um ſchneller von dannen zu kommen, ſetzte ſie Jenen in den trocknen Eimer des Ziehbrunnens, welcher herauf gezogen war und feſt ſtand auf dem Gemaͤuer des Brunnens. Alſo vermeinte ſie das Kind gar wohl geborgen und ging in der Einfalt ihres Herzens von dannen, ſich noch manchmal umſchauend nach dem Kinde. Als ſie aber gekommen war zu dem Thiertreiber und Jenes nicht mehr er⸗ ſchauen konnte, da regte ſich das Knablein in dem Eimer und geberdete ſich ſo heſtig, daß der Eimer abglitt und hinunter ſank in den Brunnen. Zum Heile des Kindes aber ſtand das Waſſer im Brunnen nicht hoch, alſo daß Jenes zwar naß, aber nicht ertraͤnket wurde. Es begab ſich aber, daß im ſelbigen Augenblicke ein vornehmer ſchwediſcher Graf mit ſeinem Weibe voruͤber fuhr und ſchreien 190 hoͤrte das Kindlein. Abſteigen mußte ſo⸗ gleich der Diener und ſich umſchauen nach dem Schreienden. Als der nun nachging dem Schalle, da ward er gar bald des Kind⸗ leins gewahr, das da heraufſchrie aus dem Brunnen. Und als er empor gewunden hatte den Eimer und den Knaben heraus⸗ genommen an die friſche Luft, da ſtiegen auch der Graf und die Graͤfin aus dem Wagen, und betrachteten geruͤhrt das lieb⸗ liche Kindlein. Es hoͤrte aber alsbald auf zu ſchreien, laͤchelte freundlich aus den großen blauen Augen, und ſtreckte die Aerm⸗ chen ſehnlich aus nach der Gräfin. Dieſe nahm es ſofort auf ihren Arm, kuͤßt' es drei Mal auf die Stirne, und trug es ſelber nach dem Wagen. Hier wurde ſogleich hervorgeſucht reines Linnen, das Kindlein hineingelegt und ſanft zugedeckt mit einem Tuche der Grafin. Und als man ſich allent⸗ 197 halben vergeblich umgeſehen in der Gegend, ob Einer vorhanden ſey, der Aufſchluß ge⸗ ben koͤnne uͤber den Findling; da meinte der Graf und die Gräfin: es muͤſſe eine herzloſe Mutter die Frucht ihres Leibes von ſich gethan haben in boͤslicher Abſicht. Dieſemnach beſchloſſen ſie denn, das huͤlf⸗ loſe Geſchoͤpf mit ſich zu nehmen und es zu retten vom Verderben. Und es geſchah alſo.— Als aber unter Weges die Graͤfin gar zaͤrtlich koſ'te mit dem Kindlein und ihr die Thraͤnen dabei uͤber die Wangen herab liefen, da fragte ſie ihr Gemahl: Was weinſt Du, Liebe? Und was nimmſt Du Dir ſo ſehr zu Herzen?— Sie aber ant⸗ wortete und ſprach:„mein lieber Herr und Gemahl! ich weine uͤber dieſes Kindlein, und nehme mir ſein Loos gar ſehr zu Herzen. Ach, warum mußte der Herr uns ſeinen Segen verſagen und ihn ſchenken 19 an Eine, die ihn ſo ſchnoͤde zuruͤckweiſet!“— Aber der Graf verwies ihr dieſe harte Rede, und ſtrafte ihren Murrſinn.„Wie, ſprach er, Du willſt Dich auflehnen wider Gott und tadeln ſeine Fuͤgung? Ihn, deſſen Thun nur Liebe iſt und der gerecht iſt in al' ſeinen Wegen! Ja, giebt er Dir nicht in dieſem Augenblicke einen Beweis ſeiner Gnade, indem er dieſes huͤlfloſe Kindlein durch Dich dem Untergange entziehet und es legt an Deinen kinderloſen Buſen! Ver⸗ ſtehe doch nur ſeinen Wink und danke ihm mit Thraͤnen.“— Alſo redete der Graf, und ſeine Gemahlin ſchamte ſich und beugte ihr Antlitz erroͤthend nieder auf das laͤchelnde Kindlein.„Ja, ſprach ſie zu demſelbigen, Gott hat mir in Dir einen reichen Erſatz geſendet fuͤr meine bisherige Entbehrung. Du ſollſt fortan unſer Sohn und wir wol⸗ len ſeyn Deine zaͤrtlichen Eltern, die Dich 193 pflegen mit Liebe. Darob ſey Lob dem Herrn und geprieſen ſein Name!“— Alſo ſprechend druͤckte ſie bald ihren Gemahl bald das Kindlein ans Herz, und der Graf herzte Beide wieder und gelobte zu ſeyn ein Vater dem Knaben.— Alſo ſetzten ſie fort ihre Reiſe nach Daniens Hauptſtadt, woſelbſt ſie ihre Geſchaͤfte in Eil abthaten und dann mit reichem Gemuͤthe ruͤckkehrten nach Schweden, ihrer Heimath. Als aber Byrſens Dienſtmaͤgdlein zu⸗ ruͤckkehrte von den Thieren und in der Ferne den Eimer nicht erblickte, da fing ſie an mit beklommenem Herzen zu laufen nach dem Brunnen. Und als ſie den Eimer herauf⸗ gewunden hatte und ihr Kindlein nicht da⸗ rinnen fand, da ſchrie und jammerte ſie gar ſehr und meinte, das Kind muͤſſe um⸗ gekommen ſeyn im Waſſer des Brunnens. Und ſie getraute ſich nicht, nach Hauſe zu 13 194 gehen ohne das Kind, und lief in der Angſt ihres Herzens davon, ohne zu wiſſen, wohin ſie wolle, noch ſolle. Und ſie lief einige Tage irre umher im Felde, litt Hun⸗ ger und Durſt, und entbehrte des erquicken⸗ den Schlafes. Da begegnet' ihr endlich am dritten Tage ein Mann aus ihrem Dorfe, der erſchrak, als er das Mägdlein abge⸗ zehrt fand von Hunger und Durſt, und ſich badend in Thraͤnen. Drum redet' er Troſt ihr zu und meinte, es habe wol ein Bekannter von Byrſen gefunden das Kind⸗ lein in dem Eimer und es zuruͤckgebracht den Eltern. Und das Maͤgdlein glaubte ſeinen Worten, und ließ ſich zuruͤckbringen nach dem Dorfe. Hier aber wartete ihrer neuer Jammer, denn es fielen uͤber ſie her die Eltern des Kindleins, und verlangten gar ungeſtuͤm zu wiſſen, wo ſie gelaſſen habe den Knaben.— Als ſie hierauf die ſen, ſcht gen hrer her ſten ſſen 195 Geſchichte einfaͤltiglich und treu erzaͤhlte, da geberdeten ſich die Leute gar wuͤthig, und mißhandelten ſie in Worten und Tha⸗ ten. Sie aber ließ ſich alles gefallen in Demuth, und weinte nicht wegen ihrer Schmerzen, ſondern wegen des Verluſtes des holdſeligen Kindleins. Und es ging hierauf Vater Byrſen mit einigen Nach⸗ barn hinaus zum Brunnen, ſchoͤpften daraus alles Waſſer, und gruben nach, ob ſie faͤn⸗ den das Kindlein. Es war aber deſſen keine Spur, alſo daß der Vater ausrief: ein boͤſes Thier hat mein Söhnlein zerriſſen!— Die Mutter aber weinte ſtill, und meinte, ein Engel des Herrn habe das Knäblein hinweggenommen und es hinaufgetragen zum Himmel. Und der glaͤubige Vater ſtimmte endlich in den frommen Sinn ſeines Weibes, und rief mit ihr:„der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, —————— ——————— 196 gelobt ſey der Name des Herrn!“— Des armen Maͤgdleins aber bemaͤchtigte ſich die Obrigkeit des Ortes und ließ ſie bringen vor die Gerichte der Hauptſtadt; hier wurde ſie peinlich verhoͤrt, und als ſie ſtandhaft bei ihrer Ausſage verblieb, ward ſie ver⸗ urtheilt zur lebenswierigen Zwangsarbeit, denn ſie war dringend als Moͤrderin ver⸗ dächtig, ohne jedoch des Mordes uͤberfuͤhrt zu ſeyn. Umſonſt war fur ſie die Fürbitte der ungluͤcklichen Eltern; ſie wurde abge⸗ fuhrt nach dem Zwanghauſe. Sie aber trug ihr Schickſal mit Geduld und from⸗ mer Ethebung.—„Denn ſprach ſie, wenn ich auch nicht die Moͤrderin bin des Kindes, ſo bin ich doch Schuld an ſeinem Tode, und ſein Blut muß kommen uͤber mich!“— Und alles Volk, das um ſie her ſtand, war geruͤhrt ob dieſen Worten und ſah ſie ſcheiden mit Thraͤnen. eit, ſtte bge⸗ aber en des, und and, hſe Dem Knaben erging es indeß gar freu⸗ dig und lieb, denn der Herr gab ihm Wohl⸗ gefallen in den Augen ſeiner Pflege⸗Eltern. Er wurde, weil man nicht wußte, ob er getauft war oder nicht, nochmals getauft, und ihm gegeben der Name Karl. Und er ward von Tage zu Tage ſchoͤner und holdſeliger, und zeigte viel Klugheit in Al⸗ lem, was er unternahm. Drob freuten ſich die Eltern herzinniglich, und ſahen ihn her⸗ anwachſen mit Luſt. und als der Knabe zum Juͤngling reifte, da nahmen ſie ihm der Lehrer viele, und ließen ihn lernen jegliche Wiſſenſchaft und Kunſt, welche ziemte ſeinem Alter und jetzigem Rang. Und er begriff Alles gar leicht, und machte ſo ſchnelle Fortſchritte, daß ſich daran ergoͤtzten Eltern und Leh⸗ rer.— Von ſeiner Herkunft wußte er ſo viel, daß er nicht von ſeinen Pflege⸗Eltern⸗ 198 aber doch nicht, von wannen er ſonſt ſtamme. Denn daß er ein elternloſer Findling ſey, hatte man ihm gefliſſentlich verſchwiegen, auf daß er ſich nicht graͤmete uͤber die Dun⸗ kelheit ſeiner Abkunft. Und erkennend die Liebe und Guͤte ſeiner Pflege⸗Eltern, be⸗ trug er ſich gegen ſelbige gar dankbarlich, und ſuchte ihnen zu verſuͤßen ihre Tage. Und Jeder, der ihn und ſein Thun kannte, pries gluͤcklich die Eltern, daß ſie angenom⸗ men einen ſo dankbaren Sohn. Und die Liebe und Bewunderung der Leute knuͤpfte das Band zwiſchen dem Sohne und den Eitern hoch feſter, und machte, daß ſie an ihm hingen mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Als aber der Juͤngling alt geworden war achtzehn Jahre, da erkrankte ploͤtzlich der alte Graf, und er ſpuͤrte, daß heran⸗ nahe ſein Ende. Da ließ er alsbald Karl pfte den ich tan⸗ ſerl 199 vor ſein Lager kommen, und ſprach alſo zu ihm;„Siehe, es iſt die Zeit gekommen, da ich ſterben ſoll und mich niederlegen in die Gruft meiner Väter. Mit mir aber ſtuͤrbe ihr Stamm aus, und der Skoͤlden er⸗ lauchter Name verſtiebete mit meiner Aſche. Dafur aber wollte Gott der Herr mich be⸗ wahren, und gab mir deßhalb Dich, mei⸗ nen herzliebſten Pflegeſohn, auf daß Du erhalten moͤgeſt meinen Namen und fort⸗ pflanzen den Ruhm meiner Vaͤter. Und ſo ſetz' ich Dich denn hiemit ein zu mei⸗ nem rechtmaͤßigen Sohn und Erben, und gebe Dir die Befugniß, Dich hinfuͤhro zu nennen und zu ſchreiben nach mir: Graf Karl Sköld, mit all meinen Titeln und erblichen Wuͤrden. Das Vermögen, wel⸗ ches ich Dir hinterlaſſe, wird Dich in den Stand ſetzen, gemäß zu leben Deinem Range und zu uͤben Werke der Tugend 200 und Barmherzigkeit. Verſprich mir, Kark, nicht zu weichen von dem Pfade, welchen Du ſo ruͤhmlich betreten, und feſt zu hal⸗ ten an den Pflichten der Tugend und der gritterlichen Ehre. Verſprich mir, ein treuer Sohn zu bleiben Deiner lieben frommen Mutter, die ſo Vieles fuͤr Dich gethan und Dich liebet wie den Apfel ihres Auges. Verſprich, ihr zu gehorſamen als ein treuer Sohn und zu pflegen ihr wuͤrdiges Alter. Verſprich mir, ein Vater zu ſeyn Deiner kuͤnftigen Unterthanen, ſie nach Kraͤften zu unterſtuͤtzen und Recht und Sitte unter den⸗ ſelbigen zu erhalten. Verſprich mir endlich, Dir auszuſuchen eine edle Tochter dieſes oder eines andern Landes und ſie zu neh⸗ men zu Deinem Weibe. Denn nur ſo vermagſt Du wuͤrdig fortzupflanzen meinen Stamm und zu erhalten den Ruhm mei⸗ ner Vaͤter. Deine liebe Mutter wird Dir hi u rl, hen al⸗ der Uer ſen 201 hierin, wie in andern Dingen, mit Rath und That beiſtehen; folg' ihr, und es wird Dir wohl ergehen, jetzt und einſt in der Ewigkeit— Amen!“— Alſo ſprach der ſterbenbe Graf Sköld, daß dem Juͤngling die Thraͤnen herabliefen von den Wangen und er nicht vermochte zu reden.„Ich verſpreche!“ rief er ſtammelnd, und ſank ſchluchzend nieder auf die Hand des wuͤr⸗ digen Vaters. In dieſem Augenblicke trat die Gräfin herein, und umarmte bitterlich weinend ihren Gatten. Der aber wies laͤ⸗ chelnd nach dem knieenden Sohn hin, und ſprach: Dieſer wird Dich troͤſten in Dei⸗ ner Betruͤbniß!“— Und die Graͤfin kniete nieder neben Karl, am Lager des Kranken, welcher ſeine Haͤnde ſegnend uͤber Beide ausſtreckte. Als jene aber geendigt hatten ihre Herzensgebete, und nun ihr Antlitz aufhuben nach dem Sterbenden— ſiehe, — 202 da war ſeine Seele dahin, denn der Herr hatte ſie zu ſich genommen. Und als da bekannt wurde des edlen Grafen Tod, da war große Trauer im Lande; und gar innige bei ſeinen Unter⸗ thanen, die er gehalten wie Kinder, und die ihn liebten gleich einem Vater. Nie⸗ mand aber weinte mehr und aufrichtiger, als die Frau Gräfin und Karl, ob ihm gleich durch des Grafen Tod ein großes Vermögen zugefallen und er geworden war zum reichen Manne.— Darum liebte ihn auch die Graͤfin wie ihren leiblichen Sohn, und war gar ſehr bekummert ob ſeinem fernern Schickſale, abſonderlich aber, ob er eine Frau finden wuͤrde, die da paſſe zu ihm und ihrem Hauſe. Sie unternahm deßhalb mit ihm viele Reiſen in und außer Landes, auf daß er ſich umſchaue unter den Tochtern der Edlen. Aber unter Allen, hen dlen tet⸗ und NRie⸗ iget, ihm ßes war ihn ohn, nem ber zu ahm ußet nter len 203 die er bisher geſehen, war keine, von der er haͤtte ſagen moͤgen:„An dieſer hab' ich Wohlgefallen gefunden, mit dieſer moͤcht' ich zubringen all' meine Tage!“— Darob war die Graͤfin gar traurig und war ſchier beſorgt, es moͤchte ihm nimmer gelingen, zu finden ein Weib nach ſeinem Herzen. Ihr ſelber hatte ſchon manche ſchöne Maid in und außer Landes wohl behaget; die⸗ weil ſie aber ihrem Sohne nicht gefielen, ſchwieg auch ſie ſtill, um keinen Zwang anzuthun ſeiner Neigung. Und es geſchah zu ſelbiger Zeit, daß die Graͤfin mit ihrem Sohne in der er⸗ wähnten Abſicht eine Reiſe nach Daniens Hauptſtadt unternahm. Es war im Mo⸗ nat November und Alles ſchon winterlich anzuſchauen. Die Wieſen waren abgema⸗ het, die Baume entlaubt, die Luft ſtill und kalt, und die Seen und Baͤche ſetzten 204 hie und da ſchon Eis an. Die Straße aber führte an jenem Brunnen voruͤber, darinnen einſt Karl von der Graäͤfin und ihrem Gemahl war gefunden worden. Und als jetzt der Wagen zum zweiten Male hielt an dieſer Stelle, da knieten ein Greis und eine Greiſin vor dem Brunnen, und jeg⸗ liches hielt vor ſich ein Buch, daraus es zu beten ſchien mit Innbrunſt. Die Graͤ⸗ fin, die deß anſichtig ward, ließ den Wa⸗ gen halten, ſtieg mit Karl aus, und naͤherte ſich leiſe den Knieenden; dieſe aber ſchienen ſelbige nicht zu gewahren, und fuhren un⸗ geſtoͤrt fort in ihrer Andacht. Erſt als dieſe geendigt war, erhuben ſie ihre Augen, und waren verwundert uber die Fremdlinge, die ſie mit Neugierde zu betrachten ſchie⸗ nen.— Dies war wirklich der Fall bei Karl, der Gräfin aber ſchlug das Herz hoch in dem Buſen, denn ihr ahnete, wer die uße ber, Und hielt und leg⸗ rä⸗ 205 Eltern ſeyen und welch ein heiliges Ge⸗ werbe ſie trieben dahier. Sie redete alſo zu ihnen: Den Herrn zum Gruß, Ihr lieben Leute! Was iſt das fuͤr ein ſelt⸗ ſames Gebet, was Ihr hier betet vor ei⸗ nem Brunnen?— Und es ſprach nun der Bauer:„Wohl fuͤhlen wir, daß Euch ſelt⸗ ſam vorkommen muͤſſe unſer Beten hier vor dem Brunnen, doch glaubet nicht, daß wir bethoͤrt ſeyen oder gar Abgoͤtterei trei⸗ ben, nein, wir haben aus großem Kum⸗ mer und Traurigkeit hier gebetet. Denn wiſſet, uns iſt vor achtzehn Jahren in dieſem Brunnen ein Kindlein verloren ge⸗ gangen, welches der Herr zu ſich genom⸗ men hat in ſeinen Himmel, und ſeit ſelbi⸗ ger Zeit gehen wir alltäglich an dieſen Brunnen, und bitten zu dem Geiſte unſers ſeligen Kindleins, daß es ein Wort fuͤr. uns einlegen moͤge bei dem barmherzigen 206 Gott wegen unſrer Noth und großen Drangſals.“— Als der Bauer ſo redete, liefen der Graͤfin die Thraͤnen uͤber die Wangen, und auch in Karl fing an ſich zu regen ein gar ſeltſamliches Gefuͤhl, und es war ihm ſchier, als muͤſſe er dem Greiſe um den Hals fallen und ihn kuͤſſen mit Inbrunſt. Die Graͤfin, die dies mit Ruͤh⸗ rung bemerkte, wandte ſich zur Frau des Landmannes fragend:„Wie ſteht es denn jetzt mit Euch, liebe Frau, und was iſt Euer Anliegen?“— Und das Weib ver⸗ neigte ſich tief und ſprach:„Unſer fuͤrnehm⸗ ſtes Anliegen iſt, die baldige Vereinigung mit unſerm Soͤhnlein, welches uns doppelt werth geweſen, weil es unſer einziges und ein Kind war des Alters. Dann aber bitten wir auch zu Gott, daß er erhalten wolle unſere Herrſchaft, die gnädige Frau Baro⸗ nin, die all' ihren Unterthanen ſo wohl wil ſig tha z09 ich To nic wil ßen enn ung tten olle arb⸗ vo)l 207 will, und beſonders Nachſicht hat mit unſerer Schwaͤche. Ihre Guͤte aber und die haͤu⸗ figen unbezahlten Anlehen an ihre Unter⸗ thanen haben ihr ſelbſt Schulden zuge⸗ zogen und große Noth. Beſonders verfolgt ſie ein harter Glaͤubiger, dieweil ſie ihm nicht will geben ihr einziges holdſeliges Toͤchterlein zum Weibe. Und wenn ihr nicht bald Huͤlfe vom Himmel kommt, ſo muß ſie dort unſer Dorf nebſt noch andern Guͤtern verkaufen, um zu befriedigen den hartherzigen Mann; dann aber verlieren wir an ihr eine gar zaͤrtliche Mutter, und ſie an uns getreue Kinder.“— Der Grä⸗ fin drangen dieſe Worte gar ſehr zu Her⸗ zen, und auch dem Karl wollt' es faſt vor⸗ kommen, als hab' er nie eine ſo ruͤhrende Klage vernommen, als die Klage dieſer Al⸗ ten. Und als die Grafin eine Weile nach⸗ geſonnen, ſprach ſie zu den Leuten: ich 208 rede mit ihr, auf daß ich Euch mit Got⸗ tes Hulfe von Eurer Sorge befreie und Freude bringe die Fulle.“— Und es ſchrit⸗ ten die Vien ins Dorf nach dem Schloſſe der Baronin, indeß der Wagen langſam hinter ihnen her fuhr. Am Eingange ins Schloß ſagte die Gräfin zu den Alten, ſo ſie begleiteten:„Ihr Lieben, gehabt Euch wohl, bald ſprechen wir uns wieder!“ worauf dieſe ſich ehrerbietigſt verneigten und von dannen gingen.— Die Baronin aber, eine Wittwe, war der wackeren Frauen eine, und mit Anmuth und Leutſeligkeit empfing ſie die Fremden. Und ihr ſieben⸗ zehnjaͤhriges Tochterlein Mathilde that des⸗ gleichen, und war dienſtfertig um die Grä⸗ ſin her, nach Farl aber ſandte ſie nur ſchuͤchterne Blicke, und erſchrak, wenn ſie die ſeinigen auf ihrem Wege fand. Die beiden Frauen wurden gar bald vertraut, Got und chrit loſſe gſam e ins ſo Euch der!“ und aber, ralen ligket ichen⸗ t des⸗ Gri⸗ e nur mn ſi nt, 909 und thaten gegen einander wie vieljaͤhrige Bekannte. Die Gaͤſte mußten da bleiben zu Tiſche, wo das Geſpraͤch noch offener und treuherziger wurde. Karl und Ma⸗ thilde aber ſchauten einander an, wie Sonn' und Mond, und ſchienen faſt ſo wenig, wie dieſe, ſich um das Thun der Uebrigen zu bekuͤmmèrn. Deß freuten ſich ins Geheim beide Muͤtter, und jegliche dachte bei ſich: „Gieb Acht! der Herr laͤßt endlich gluͤcken deine Wuͤnſche!“— Und als die Tafel auf⸗ gehoben, begehrte die Graͤfin ein Stuͤndchen allein zu ſeyn mit der Frau Baronin, und es geſchah alſo. Nun ſprach jene traut und frei uͤber die Abſicht ihrer Reiſe und ihres Beſuches, und wie ſie meinte, daß beide Abſichten hier zugleich erreicht werden koͤnn⸗ ten, wenn die Baronin ſich entſchließen wollte, das zum Verkauf ausſtehende Gut ihr, und das holdſelige Töochterlein ihrem 14 210 Sohne abzutreten.„Denn, ſprach ſie, ſo Ihr Euer Gut Schulden halber verkaufet, werdet Ihr dabei uͤbel fahren, und was 1 ubrig bleibt, wird nothig ſeyn, Euer Toch⸗ terlein nach Wuͤrden auszuſtatten, fur welche ſich jedoch ein Eheherr um ſo ſchwe⸗ rer ſinden duͤrfte, je mehr Euer Ruf als reiche Frau durch den Gutsverkauf ſinken muß. Hienach iſt es noch die Frage, ob Euer kuͤnftiger Eidam von der Art ſeyn wird, daß Ihr bei ihm leben und ſterben möget. Steht Euch aber mein Kärl an, ſo tretet Ihr mir ab Euer Gut, zu wel⸗ chem Preiſe Ihr ſelber wollet, ich gebe ſelbiges meinem Sohne als Mahlſchatz mit⸗ und wir bleiben Beide wohnen bei unſern Kindern.“— Dieſen Vorſchlag ließ ſich gar gern gefallen die Baronin, und hatte deß auch gegen die Gräfin kein Hehl.— „Zwar, fuhr dieſe fort, hat die Sache ——— — ſo et, was für we⸗ als nken ob ſeyn ben 21T noch ein Huͤklein; doch fuͤr zu klug ſeh' ich an ſowol Euch, als Euer Toͤchterlein, als daß Ihr daran ſolltet Anſtoß neh⸗ men.“—„Und das wäre?“ fragte die Baronin aͤngſtlich.—„Daß mein Karl nicht eigentlich mein Sohn, ſondern der Sohn iſt ehrlicher Landleute, den ich in ſeiner fruͤheſten Kindheit zu mir genommen und den mein ſeliger Herr Gemahl auf dem Todbette ernannt hat zum Erben ſei⸗ nes Namens und ſeiner Guͤter. Auch iſt er in allen ritterlichen Tugenden und Ge⸗ ſchicklichkeiten gar wohl erfahren, und nimmt es an Edelſinn und Tapferkeit mit Jegli⸗ chem auf, der ſich mit ihm meſſen moͤchte. Ich ſelbſt aber ernenn' ihn zum Erben meiner Guͤter und Beſitzungen, ſobald Ihr ihm Euer Toͤchterlein gebt zum Weibo.“— Und ob nun gleich die Frau Baronin nicht wenig bedaͤchtig ward uber die niedere Her⸗ 212 kunft Karls, ſo wollte ſie dennoch nicht gern entſagen ſo großem Vortheile, zumal in ihrer jetzigen Lage. Sie verwies daher die ganze Sache an ihr Toͤchterlein, wohl wiſſend, daß dieſe noch weniger Umſtand an der Geburt des ſchoͤnen Juͤnglings machen wuͤnde, denn ſie. Und in der That hatte die reizende Mathilde ſolches Wohlgefallen gefunden an dem ſchoͤnen und geiſtreichen Juͤnglinge, daß ſie ihm die niedere Her⸗ kunft gern uͤberſah. War er doch nach der Gräfin Wort ehrlicher Leute Sohn, und jetzt der vornehme Graf Skold, Erbherr vieler Guͤter und Herrſchaften.— Als nun auch Karl erklaͤrt hatte, daß Mathilde das einzige Fraͤulein ſey, welches er je zu ehe⸗ lichen wuͤnſche, ſo wurde nicht lange ge⸗ faͤumt mit der Verlobung. Die Untertha⸗ nen aber, welche hoͤrten, daß die Baronin das Gut nun nicht verlaſſen und der kuͤnf⸗ 213 tige Beſitzer der Gemahl ihrer jungen Herrſchaft ſeyn wuͤrde, freuten ſich deſſen uͤber die Maßen und ſchickten den alten, Vater Byrſen mit noch einigen Abgeord⸗ neten, um Gluͤck zu wuͤnſchen der gnaͤdi⸗ gen Frau Baronin und dem jungen Braut⸗ paar; ganz beſonders aber ſtatteten ſie ihren Gluͤckwunſch ab bei der/Frau Graͤfin Skoͤld, welche Bhrſen dies Heil verkundet, und es ſö ſchnell vollbracht hatte. Die Gräfin aber ſagte ihm bedeutend, daß dieſes nicht das einziſs Heil ſey, was ihm widerfahre; es werdernoch weit mehr und groͤßeres fuͤr ihn geſchehen. Er aber begriff ihre Worte nicht, dankte nachdenklich, und ging mit den Abgkordneten von dannen. Der Verlobung des jungen folgte alsbald die Vermaͤhlung. Hiezu aber wurden auf Verlangen der Graͤfin keine vornehmen Adelsleute, ſondern lediglich der —————— 214 Herr Pfarrer und ſaͤmmtliche Gutsbauern zuſammt ihren Weibern gebeten. Dafuͤr war auch die Freude deſto inniger und die Theilnahme auf allen Geſichtern leſerlich. Beſonders freuten ſich Byrſen und ſein Weib, die, wie ſie ahneten, durch ihre Erzählung von der Baronin Lage es zu dem jetzigen Zuſtande der Dinge gebracht hatten.— Beide Alten wurden gleichfalls, auf Erſuchen der Graͤfin, als Fuͤhrer des Braͤutigams erkieſet, und thaten, als es zur Kirche ging, recht vornehm. Auch an der Tafel erhielten ſie Ehrenplätze, indem Byrſen zur Rechten des Braͤutigams und ſeine Frau zur Linken der Braut zu ſitzen kam. Darob wunderten ſie ſich nun gar ſehr, und wußten nicht, wie ſie kaͤmen zu ſo viel Ehre und Herrlichkeit. Sie machten auch Anfangs viele Einwendungen, bis der Methbecher umherging, und ihnen Muth —————— 215 und Selbſtvertrauen einfloͤßte. Noch mehr aber that das Benehmen Karls, den die Wehmuth, nicht Vater noch Mutter mehr zu haben, in dieſem feierlichen Augenblicke gar ſehr uͤbermannte, alſo daß er oft un⸗ willkuͤhrlich nach der Hand ſeines ehrwuͤr⸗ digen Nachbars griff und ſie druͤckte. Und als nun alle Uebrigen in voller Freude waren und dem Brautpaare wacker zutran⸗ ken, da ging die Graͤfin bei den älteſten Gäſten umher, ließ ſich von ſelbigen ihre Haͤnde zeigen, um, wie ſie ſagte, als eine der Chiromantie Befliſſene, Jeglichem aus den Flachen und Linien der Hand ſein kunftiges Schickſal zu weiſſagen. Wie ſie nun Vielen verkuͤndet hatte etwas Ange⸗ nehmes, trat ſie auch zu Byrſen und ſei⸗ nem Weibe; dieſe hielten laͤchelnd ihre Haͤnde hin, und erwarteten gleichfalls eine ſcherzende Prophezeiung. Aber die Gräfin, —————————— 216 mit ernſter Miene, ſprach ſtarr auf Beider Haͤnde ſchauend, mit lang gedehnten Wor⸗ ten:„Byrſen! Byrſen! Euer todtgeglaub⸗ tes Soͤhnlein lebt noch!“— Und beide El⸗ tern fuhren zuſammen und riefen: Ach, gnaͤ⸗ digſte Frau, ſcherzet doch nicht ſo grauſam mit Eurer Magd und Eurem Knechte!— Sie aber ſprach noch ernſter fort:„Fuͤr⸗ wahr, ich ſcherze nicht; es lebet Euer Soͤhnlein, und wird Euch wieder gegeben werden mit ſiebenfachen Freuden!“— Und es verſtummeten die Eltern bei dieſen Wor⸗ ten und konnten nicht mehr ſprechen. Auch die uͤbrigen Landleute ſtanden von ihren Sitzen auf, und verſammelten ſich neugierig um die Rednerin und das halb erſtarrte Paar. Dem jungen Grafen Skoͤld aber wallte das Herz auf, und er verwies der Mutter in einem faſt unwilligen Tone ihren grauſamen Scherz. Als aber dieſe nun 217 Alle genugſam vorbereitet ſah auf die Kunde, ſprach ſie mit erhabener Stimme: „Furwahr, ich wiederhol' es, daß ich nicht ſcherze. Euer Kind, Vater und Mut⸗ ter Byrſen, lebet noch, und wird Euch durch mich zuruͤckgegeben!“— Jetzt ſah Alles auf die Gräfin, wie auf eine wirk⸗ liche Prophetin und ein ſeltſamer Schauer uberfiel Karl; die beiden Alten aber ſanken ihr zu Fußen, und ſagten:„Wenn Euer Mund, wie wir nun glauben muͤſſen, die Wahrheit ſpricht, o, ſo gebet uns wieder unſer Soͤhnlein, auf daß unſere greiſen Häupter mit Freuden in die Grube fah⸗ ren.“— Und die Graͤfin hob mit Ruͤhrung die Alten auf, und ſprach:„Jetzt iſt das Knien an Eurem Sohne!— Knie hin, Karl, zu Deiner Eltern Füßen, und bitt' um ihren Segen an dem heutigen Tage!“— und Karl, dem eine innere Stimme die 218 Werte der Graͤfin beſtaͤtigte, kniete nieder vor dem greiſen Paare, und bat ſo flehent⸗ lich um deſſen Segen, daß alle die Um⸗ ſtehenden in Thraͤnen zerfloſſen und Keines vermochte zu ſprechen. Selbſt die Frau Baronin und Mathilde, welche um das Vorhaben der Graͤfin gewußt hatten, waren ſo erſchuttert, daß ſie nichts hervorzubrin⸗ gen vermochten. Als nun aber auch Ma⸗ thilde neben ihrem jungen Ehegemahl nie⸗ derkniete und die Hand des verſteinten Paares erfaßte und um Segen flehte, da erwachte dieſes aus ſeiner Betaͤubung, fiel Karl um den Hals, nannte ihn bald Sohn, bald gnädigen Herrn, bald Du, bald Ihr, und wußte ſich in ſeiner großen Freude gar nicht zu benehmen. Auch mit Ma⸗ thilde verfuhr es alſo, und man hatte alle Muͤhe, das verzuͤckte Gemuͤth der Alten wieder zur Ruhe zu bringen.— Und um 219 auch die uebrigen aufzuklaͤren uͤber vas Wunder, ſo ſich vor ihren Augen begeben hatte, erzaͤhlte die Frau Graͤfin Skoͤld die Geſchichte Karls, wie ſie Anfangs ihn ſelbſt und endlich auch ſeine Eltern gefunden habe. Nun gab es der Gluͤckwuͤnſche viel an Byr⸗ ſen und ſein Weib; aber dieſe hoͤrten nicht, denn ihre Seele hing noch immer an ihrem Sohne und dem Wunder, welches der Herr fur ſie gethan hatte. Erſt nach vielen Wo⸗ chen, als die ſtuͤrmiſchen Wogen der Freude ſich geebnet hatten und ſie zur klaren Ein⸗ ſicht ihrer Lage gekommen waren, da gab der Bauer Byrſen all' ſeinen Nachbaren ein Gaſtmahl, welchem ſein Sohn, deſſen Gemahlin nebſt Mutter und Schwieger⸗ mutter beiwohnten. Hier kniete er und ſein Weib vor der Graͤfin und der Baronin nieder, und dankten ihnen fuͤr all' die Liebe und Barmherzigkeit, ſo ſie an ihrem Sohn 20 2 2 geubt. Ihre Schwiegertochter, Mathilde, aber ſchloſſen ſie in die Arme, und küßten ſie mit ſchuchterner Zaͤrtlichkeit. Umſonſt hingegen war alles Bitten der Graͤfin, der Baronin, Mathildens und ſelbſt ihres Soh⸗ nes, daß ſie zu ihnen hinaufziehen moͤchten ins herrſchaftliche Schloß; ſie blieben de⸗ muͤthiglich in ihrer Huͤtte, und befeſtigten dadurch die Liebe und Achtung all' ihrer Nachbaren. Aber in ſtiller Huͤtte verkehr⸗ ten ſie oft laͤchelnd ihren ehemaligen Wahl⸗ ſpruch, daß er jetzt alſo lautete:„Der Herr hat genommen, der Herr hat gege⸗ ben, gelobt ſey der Name des Herrn!“ Kaum aber war Alles wieder ruͤckge⸗ kehrt zur Ordnung und Ruhe, als Byrſen und ſein Weib ſich auf den Weg machten nach Daniens Hauptſtadt, um gbzuholen das Maͤgdlein, ſo das goͤttliche Werkzeug geweſen zum Glücke vieler Menſchen. Und 221 als ſie in det Hauptſtadt anlangten und den dortigen Gerichten ein eigenhaͤndiges Schrei⸗ ben Desjenigen vorzeigten, wegen deſſen vermeintlichen Ermordung das Maägdiein zur Zuchthausſtrafe war verurtheilt worden, da wurde alsbald der Befehl zu ihrer Frei⸗ laſſung gegeben, und Byrſen ſelbſt mit ſeinem Weibe brachten ſelbigen zu ihr. Aber ſtatt des kindiſchen Maͤgdleins trat daher eine ſchoͤn geſtaltete, ſittige Jung⸗ frau, die weder ihre ehemalige Herrſchaft erkannte, noch von ſelbiger erkannt wurde. Als aber der Aufſeher der Zuͤchtlinge ihren Namen nannte, da war es gar ruͤhrend anzuſchauen, wie beide Alten ihr um den Hals fielen, und die ſprachloſe Jungfrau nicht glauben wollte an die Erſcheinung⸗ Erſt als ihr Alles kund gethan worden, wie der goͤttliche Wille es gefuͤgt habe, daß durch ſie ſich viel Herrliches ereigne und 222 ihr kindiſcher Vorwitz zum Heil vieler Men⸗ ſchen gereiche, beſonders ihres geliebten Pfleglings, erſt dann ging ihr Herz auf, und ergoß ſich in andächtige Worte und freudige Thraͤnen.— Aber bei dem Allen verließ ſie ungern ein Haus, deſſen Ober⸗ Aufſeher, ein ſchoͤner junger Mann, ihr Herz gewonnen hatte durch Liebe zu ihr, und durch milde Behandlung, ſo er(wie ſie wohl wußte um ihrentwillen) ihren Leidensgefaͤhrten hatte angedeihen laſſen. Sie geſtand ſolches offenherzig ihren elter⸗ lichen Freunden, und auch der junge Mann erſuchte dieſe, ihm diejenige freiwillig zu⸗ rückzulaſſen, die ihres beſcheidenen Werthes wegen nie einen Zwang bei ihm empfun⸗ den habe. Nun, da ihr Ruf eben ſo flek⸗ kenlos geworden, als ſie ſelbſt es immer geweſen, woll' er ſie nehmen zum Weibe und ihr im Wohlthun Tage der Freude ve di ſo lie ſei Ji 223 verſchaffen. Dieſer Erklaͤrung freuten ſich die Alten nun gar ſehr; aber die Braut ſollt' ihnen dennoch folgen, um ihren ge⸗ liebten Pflegling zu ſehen und ſich zu freuen ſeines Gluͤckes. Dies ließ ſich ſowohl die Jungfrau, als ihr Geliebter gern gefallen, und ſie folgte den Alten nach ihrem Dorfe. Hier wurde ſie mit Lieb' und Freuden em⸗ pfangen, und der junge Graf mit ſeiner lieblichen Gemahlin begegneten ihr als der Schöpferin ihres Gluͤckes. Die Grafin⸗ Mutter und die Baronin uͤberhaͤuften ſel⸗ bige mit Gaben; und die Bauern des Dor⸗ fes konnten ſich nicht genugſam drob ver⸗ wundern, daß aus dem kleinen Mägdlein eine ſo gar ſtattliche Jungfrau geworden ſey.— Nachdem ſie jedoch einige Tage im Kreiſe dieſer guten Menſchen verweilt, reiſ'te ſie in einem Wagen des Grafen nach Da— niens Hauptſtadt zuruͤck, woſelbſt ſie bald 224 darauf mit ihrem Geliebten vor dem Al⸗ tare verbunden wurde. Die Trauung ge⸗ ſchah in Gegenwart der Byrſen⸗ und Sköldſchen Familie, und eine reiche Aus⸗ ſtattung von Seiten der letzteren erfreute das neue Paar.— Ihre Ehe war gar ſehr gluͤcklich, an Nachkommen ſegenreich und wohlthätig fuͤr die ungluͤcklichen, welche der Obhut ihres Mannes anvertraut wa⸗ ren. Manche zitternde Thraͤne zollte ihr Dank, und manches ſtumme Gebet fur ſie flog gen Himmel. Verfolgung und Liebe. Eine wahre Begebenheit Der Teufel hat, wie bekannt, einen eignen Geſchmack in der Muſik. Er liebt nicht me⸗ lodiſche, harmoniſch klingende Inſtrumente, ſondern den hoͤlliſchen Scharivari, der aus widrigen Klappermaſchinen, ſchreienden Diſ⸗ ſonanzen fuͤr ihn ſich in die koͤſtlichſte Har⸗ monie aufloͤſ't. Dieſe Sage bezeichnet, wie ſo manche andere, einen tiefen Sinn; denn ihres Gewandes entkleidet, ſteht ſie ver⸗ wirklicht da bei jedem Erdenteufel, bei je⸗ 15 226 dem Tyrannen. Die Saat des Boͤſen und der Zwietracht zwiſchen den Thronbe⸗ ſitzern ausſtreuend, weiß er unter denſelben eine Disharmonie zu bewirken, die fuͤr ihn ſich in die wohlthuendſte Harmonie aufloͤſit. Beiſpiele hiervon liefert uns die Geſchichte aller Zeiten; das der neueſten lebt im Rache⸗ gedaͤchtniß jedes Deutſchen. Die Gluͤcksſonne ſtand eben in dem Scheitelpunkte des Tyrannen, als von We⸗ ſten her ein Wölkchen aufſtieg, welches ſie fur immer zu verfinſtern drohte. Es war Herr O., ein hollaͤndiſcher Privat⸗Gelehr⸗ ter, der, ein denkender Staatsmann, und in die Verhaͤltniſſe ſeiner Zeit tiefer, als mancher Diplomatiker von Profeſſion, ein⸗ geweiht, ſeine Anſichten hieruͤber in einem fuͤr die Zukunft beſtimmten Manuſcripte niedergelegt hatte. Auf einer Reiſe durch Deutſchland begriffen, wurde er in der — als 0 — 1 10 Reſidenzſtadt D. mit einem franzoͤſiſchen Emiſſaͤr bekannt, mit welchem er, ohne ihn als ſolchen zu erkennen, bald auf einen freundſchaftlichen Fuß zu ſtehen kam. Des feinen vielgewandten Mannes Anſichten ſag⸗ ten den ſeinigen in ſo hohem Grade zu, daß er, die Stimme ſeines Schutzgeiſtes uberhoͤrend, ihm mehrere Stellen aus ſei⸗ nem Manuſcripte vorlas. Die treue Dar⸗ ſtellung der damaligen Zeitverhaͤltniſſe, die lichtvolle Auseinanderſetzung der Staats⸗ intereſſen Europa's uͤberhaupt, und jedes Monarchen ins Beſondere, die gruͤndliche Nachweiſung der Mittel, wodurch dem Ver⸗ derbens⸗Plan des Tyrannen zu begegnen ſey, und die kuͤhne eindringende Sprache, welche in jeder der vorgeleſenen Stellen herrſchte; dies Alles ſetzte den ſclaviſchen Zuhoͤrer in ſolche Verlegenheit, daß er während dieſer Lekture mehrmals die Farbe 228 wechſelte und die Angſt uͤber das Gehoͤrte ihm blutroth ins Geſicht trat. Umſonſt ſtrebte er, ſich Faſſung zu erringen; ihr Verluſt entging ſogar dem eifrigen Vorleſer nicht. Er ſchaute plotzlich auf den Grund des Ueberraſchten, brach ab, und lenkte das Geſpräch auf nicht politiſche Gegen⸗ ſtaͤnde. Umſonſt ſuchte der Emiſſär— bei einem Glaſe Wein wieder zur Faſſung ge⸗ langt— das Rad der Unterhaltung zuruͤck⸗ zudrehen; allein jener wußt' es auf alle mögliche Weiſe zu vereiteln. Noch weniger gelang es ihm, unter den ungemeſſenſten Lobeserhebungen der gehoͤrten Bruchſtuͤcke ſich die Nittheilung des Ganzen zu er⸗ ſchmeicheln. Die Stunde der Verblendung war voruͤber; der entzauberte OH. ſah in dem ſcheinbar Gleichgeſinnten den Verrä⸗ ther, und beſchloß auf ſeiner Huth zu ſeyn. Ergrimmt uͤber die Umkehr des Ge⸗ 229 lockten auf halbem Wege wollte der Spaͤher ſeine Beute mit Gewalt ins Garn trei⸗ ben. Er zeigte Mann und Werk ſofort bei dem F— ſchen Geſandten in D. an, welcher aber in einem ſo befreundeten Lande nichts Gewaltſames unternehmen konnte, noch wollte, und ſich mit einem ſchleunigen Bericht an den F— ſchen Polizeiminiſter begnuͤgte. Hieruͤber gingen 12 bis 14 Tage verloren, und O. hatte Zeit, ſich nach ſeinem verdaͤchtigen Freunde näher zu erkundigen. Was er erfuhr, war nicht geeignet, ihn zu beruhigen. Ja ein Wink von unbekannter Hand rieth ihm, ſein Manuſcript zu vernich⸗ ten und D. auf der Stelle unter fremdem Namen zu verlaſſen. Als daher nach 12 Ta⸗ gen ein geheimer Verhaftsbefehl des Polizei⸗ miniſters gegen ihn einlief, war er ver⸗ ſchwunden, und weder von ihm, noch von ſeinem Werke eine Spur aufzufinden⸗ 230 Vergebens waren alle F— ſchen Poli⸗ zeikunſte, des Verſchwundenen habhaft zu werden; er war wie in die Erde verſunken. Der Emiſſar trug als Lohn ſeiner Nach⸗ laſſigkeit die Entlaſſung aus ſeinem ehren⸗ vollen Amte nebſt einer derben Zuͤchtigung davon. Und ſo wuͤrde das Ganze ohne Folge geblieben ſeyn, wäre der ungluͤckliche O., die Stimme des Warnungsengels zum zweiten Mal uͤberhoͤrend, nicht von ſelbſt ins Verderben geeilt. Die Richtung ſeiner literariſchen Reiſe fuͤhrte den Unvorſichtigen nach P., der Hoͤhle des gereizten Loöwen. Er aber glaubte, dies um ſo eher wagen zu duͤrfen, da er unter dem angenommenen fremden Namen auftrat, und von dem gefaͤhrlichen Manu⸗ ſcript nichts mehr in Haͤnden hatte. An⸗ fangs ging auch Alles nach Wunſch. Kein Menſch, außer ſeinen Bekannten, ſchien A 231 Notiz von ihm zu nehmen, und er huͤtete ſich wohl, ſeine Meinungen und Anſichten irgend lautbar werden zu laſſen. Einzig ſeinen literariſchen Zweck im Auge, ſchien er ſich um nichts anderes zu bekuͤmmern, und eilte jenen ſo ſchnell als moͤglich zu erreichen. Aber ſchon war er dem Ziele nahe und mit dem Gedanken an die Ab⸗ reiſe beſchaͤftigt, als ſein früherer Daͤmon feindlich dazwiſchen trat. Als O. zwei Tage vor der beſtimmten Abreiſe ſpaͤt uber die Straße ging, begeg⸗ net' er Jemandem, dem ſein Anblick auf⸗ zufallen ſchien, und der gewiß auch ihm aufgefallen waͤre, wenn er ihn bei der tie⸗ ſen Dämmerung erkannt haͤtte. So aber ging er achtlos an ſeinem Schickſale vor⸗ uͤber, welches ihm bedeutend an dem Ein⸗ gange in die eliſeiſchen Felder entgegentrat. Als aber die Glocke eben Mitternacht ſchlug, ——————— 232 trat dieſelbe Figur abermals vor ihm hin, und ein ſie begleitender Polizei⸗Commiſſaͤr nebſt Wache hieß ihn geraͤuſchlos aus ſei⸗ nem Bette ſteigen und ihm folgen. O. er⸗ kannte in der dunkeln Geſtalt jenen Emiſ⸗ ſar aus D., und ein Schauer der Ewigkeit flog durch ſeine Seele. In einem jener beruͤchtigten unterirdi⸗ ſchen Gefaͤngniſſe angekommen, ſah' er ſo⸗ gleich ein, daß man ihn erkannt habe, und welchen Gang ſein Prozeß nehmen wuͤrde. Denn dieſe Gefäͤngniſſe waren nur fuͤr hoͤchſt ſtrafwuͤrdige und gefaͤhrliche Verbre⸗ cher beſtimmt. Er wurde auch gleich des andern Tages vor eine geheime Commiſſion geſtellt, und mit ſeinem Anklaͤger confron⸗ tirt. Umſonſt war das Verleugnen ſeines Namens, wie ſeines ehemaligen Aufenthalts in D. Binnen wenigen Wochen waren uberfuͤhrende Beweiſe da, vor welchen er 233 verſtummen und der Wahrheit die Ehre ge⸗ ben mußte. Nun wurde nach jenem Werke gefragt, welches man vergeblich unter ſeinen Papieren geſucht hatte. Er ſagte die Wahr⸗ heit, er habe es vernichtet. Natuͤrlicher Weiſe fand er hierin keinen Glauben, und wurde auf die geheime Folter gebracht. Allein er konnte nichts anders bekennen, und fiel bald darauf als heimliches Opfer der unbegreiflichen Gerechtigkeit Gottes. Aber mit dem Tode des Ungluͤcklichen war die Unterſuchung wegen ſeines Werkes noch nicht zu Ende. Man hielt ſich uͤber⸗ zeugt, es muͤſſe noch irgendwo erxiſtiren, und war bemuͤht auf dem Wege geheimer Nachforſchung, die Bekannt- und Freund⸗ ſchaften des Verfaſſers auszumitteln. Als Reſultat ergab ſich, daß der letzte Aufent⸗ halt deſſelben, vor ſeiner Reiſe nach P., bei ſeinem vertrauteſten Freunde zu 234 P—g im Koͤnigreich B., geweſen. Hier alſo, oder nirgends, mußte das gefährliche Manuſcript geblieben ſeyn. Wie aber ſollte man ſeiner habhaft werden? Gewalt war in dieſem unabhaͤngigen Staate nicht an⸗ wendbar, und jeder andere Weg um ſo ſchwieriger, da der Freund des Verewigten auf ſeinem Landhauſe unweit P—g in unzugaͤnglicher Einſamkeit lebte. Ihn da⸗ ſelbſt beſchleichen zu laſſen, war bei der unkunde uͤber den eigentlichen Verſteck der gewuͤnſchten Schrift unrathſam, weil bei einem mißlungenen Verſuche jede fernere Hoffnung verſchwinden mußte. Aber der damaligen F— ſchen Polizei war nichts unmoglich. Sie ſchlich ſich in die Herzen, wie in die Zimmer ihrer Opfer, und ſo gelang es ihr auch, ſich bei O's. Freunde einen Weg nach beiden zu bahnen. Ferdinand v. L. war ein junger und L ier der 235 reicher Privatedelmann in P—g. Seine unabhaͤngigkeit hatte ihn fruͤh in den Stand geſetzt, Reiſen durch die merkwuͤrdigſten Länder Europa's zu unternehmen, und auf einer derſelben lernte er den geiſtreichen O. in Holland kennen. Ein langer und ver⸗ trauter Umgang knuͤpfte zwiſchen beiden ein enges Freundſchaftsband, und keiner hatte in der Folge vor der Andern ein Geheim⸗ niß. So gleichartig ſie indeſſen durch ihre Faͤhigkeiten und den raſtloſen Schwung ih⸗ res Geiſtes waren, fo verſchieden waren ſie in ihren Neigungen und Trieben. H. fuͤhlte einen unwiderſtehlichen Drang, die Ge⸗ ſchichte der Menſchen zu erforſchen, und ihre geſelligen Verhältniſſe zu zergliedern; Ferdinand v. L. warf ſich mit Leidenſchaft der Natur in die Arme, welche auf ſeinen mannigfaltigen Reiſen immer mehr Reize für ihn gewann. Von dieſen in ſeine Vater⸗ 236 ſtadt zuruͤckgekommen, ſiedelte er ſich in einem romantiſchen Thale unweit derſelben an, und lebte in ſtiller Eingezogenheit der Muſe und— der Grazie. Denn ſein ge⸗ fuͤhlvolles Herz war fuͤr die lebendige Na⸗ tur noch weit empfaͤnglicher, als fuͤr die todte, und bald hatte er ſich eine ausge⸗ zeichnete Schoͤnheit zur Lebensgefaͤhrtin er⸗ koren. Mit dieſer lebte er, von zwei lieb⸗ lichen Kindern umgeben, vier ſelige Jahre hindurch. Da raubte ihm die Geburt eines dritten die zaͤrtliche Gattin, und an ihrem Erſatze verzweifelnd, zog er ſich mit ſeinen Kleinen voͤllig in die Einſamkeit zuruͤck, wo er diefen und der Wiſſenſchaft lebte. Die Neigung fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht war in ſeinem Buſen keinesweges erſtorben; vielmehr pochte ſie bei feinem der Entbeh⸗ rung entwoͤhntem Temperamente oft ge⸗ nug an. Allein ſie ſtand unter der höhein es 237 Kritik einer aͤſthhetiſch gebildeten Empfin⸗ dung, welcher keine der ihn umgebenden Frauen und Maͤdchen zuſagte. Fuͤr den geiſtloſen Genuß williger Schoͤnen ſtand er zu hoch, und eine innere Hoffnungsſtimme vertroͤſtete ihn auf die Zukunft. Dieſe trieb ihn manchmal nach der Hauptſtadt, wo er Schauſpiele, Baͤlle und Koncerte beſuchte. Aber unter all' den glaͤnzenden Erſcheinun⸗ gen begegnete ihm Keine, die ihn mit dem vollen Seelen⸗Ackorde angeſprochen hätte, und ſo blieb ihm der Umgang mit ſeinem Ideale immer der liebſte. Die Neigung fuͤr die lebendige Naturſchönheit mochte ſich inzwiſchen bei dem freimuͤthigen Ferdinand laut genug geaͤußert haben, um von der fernhin horchenden F— ſchen Polizei vernommen zu werden. Und auf dieſe verwundbare Stelle ſeines Herzens gruͤndete ſie den 238 Plan, ihm und ſeinem Geheimniſſe bei⸗ zukommen. Ungefaͤhr ein Jahr nach O's Hinrich⸗ tung in P. ließ ſich in Ferdinand's Nach⸗ barſchaft eine Dame nieder, welche an Schoͤnheit und Grazie alles uͤbertraf, was die Hauptſtadt je Merkwuͤrdiges geſehen hatte. Der Ruf gab ſie für eine geflüͤch⸗ tete Franzoͤſin aus, welche politiſcher Verhaͤltniſſe wegen ihr Vaterland meiden mußte, und ſich mit einem unermeßlichen Vermögen in dieſer romantiſchen Gegend angekauft habe. Sie bewohnte eins der prächtigſten Landhaͤuſer in der Umgegend von P— g, und ſchien nicht Luſt zu haben, mit dieſer Hauptſtadt in irgend einen ge⸗ ſelligen Verkehr zu treten. Alle Verſuche, welche von den vornehmſten Bewohnern der letztern in dieſer Hinſicht angeſtellt wurden, ſchlugen fehl, und es ſchien ſtren⸗ —„—— c— 239 ger Grundſatz oder Eigenſinn der Geheim⸗ nißvollen— ein Geheimniß bleiben zu wollen. Ihre Dienerſchaft war praͤchtig, aber nicht zahlreich, und beſtand aus lauter bejahrten Perſonen. Mit einem derſelben — einem geuͤbten Jaͤger— jagte ſie oͤfters in dem zu ihrem Gute gehoͤrigen Forſte, und dieſe Zerſtreuung war die einzige, wo⸗ durch ſie die Einfoͤrmigkeit ihres Lebens ſchien unterbrechen zu wollen. Ferdinand ſah oft ſie voruͤberreiten, und Haltung und Goͤtteranſtand dieſer Amazone feſſelte ihn in den Stunden, wo ſie zur Jagd auszu⸗ reiten pflegte, ans Fenſter. Die myſtiſche Huͤlle der Herrlichen zog ihn gleichfalls an, und bald wußt' er nicht mehr, ob ihn mehr die Sympathie oder die Neugierde zu ihr hinziehe. Sie aber maß ihn zuweilen mit einem ſtolzen Junoblick, und ſchien weiter keine Notiz von ihm zu nehmen. Dies 240 kraͤnkte ſeine Eitelkeit nicht wenig. Er nahm ſich feſt vor, ihre— Aufmerkſamkeit zu erzwingen, und jeder mißlungene Ver⸗ ſuch gab ſeinem Vorſatze einen hoͤhern Schwung. Einſt fuhr er an einem ſchoͤnen Sep⸗ temberabend von einem Beſuche in der Stadt nach ſeinem Landſitze zuruͤck. Er befahl dem Kutſcher zu zufahren, denn— dies war die Stunde, da die ſchoͤne Ama⸗ zone vorbei zu reiten pflegte. Und ſieh da, ſie kam wirklich daher, aber nicht geritten, ſondern zu Fuße, hinkend, und den ſchnau⸗ benden Englaͤnder am Zuͤgel fuͤhrend. Un⸗ ter ſolchen Umſtaͤnden glaubte Ferdinand nicht ſtillſchweigend voruͤberfahren zu duͤr⸗ fen. Er ließ raſch anhalten, ſprang aus dem Wagen, und erkundigte ſich theilneh⸗ mend nach dem Zuſtande der, wie es ſchien, verwundeten Jagdgottin. Sie er⸗ ———, e——„ zc ma⸗ h de, itten, nal nänd 241 zaͤhlte hierauf mit mehr als ſtoiſcher Gleich⸗ guͤltigkeit, wie ihr vierbeiniger Liebling ſcheu geworden, mit ihr durchgegangen ſey, und ſie ſo unartig von ſeiner, als unge⸗ ſchickt von ihrer Seite abgeſetzt habe. Durch eine Verrenkung des linken Fußes haͤtte ſie ohne Beiſtand nicht wieder auf⸗ zuſitzen vermocht, ihr Begleiter aber ſey zu Folge ihres forcirten Marſches zuruͤck⸗ geblieben und ſie daher genoͤthigt, die Galanterie ihres unbekannten Theilnehmers fuͤr dieſen Beiſtand in Anſpruch zu nehmen. Dabei klopfte ſie den ſchlanken Hals ihres Lieblings mit einer Holdſeligkeit, welche den Ridiſchen Ferdinand beinahe an die Pflichk dieſes Augenblicks haͤtte vergeſſen laſſen. Sein zuvorkommender Bedienter erinnert' ihn daran, und ſie hoben die ſchoͤne Buͤrde gemeinſchaftlich, und ſo vor ſichtig als moͤglich, in den Wagen. Der 16 242 unartige Englaͤnder wurde zur Strafe hin⸗ ten angebunden, und mußte den von dem Herrn anbefohlnen, langſamen Schritt des Wagens halten. Und ſo ſaß denn Ferdinand auf ein Mal an der Seite eines Weibes, deſſen Bekanntſchaft er ſo lange vergeblich nach⸗ geſtrebt und deſſen Naͤhe(ein ſeltner Fall!) mehr Zauber, als alle fruͤhere Sehnſucht fuͤr ihn hatte; eine Gunſt des Zufalls, welche der Gluͤckliche belobte und beklagte, da er der einzige Gewinner, ſie, die Be⸗ gluͤckende aber, offenbar, und im doppelten Sinne die Verlierende ſey. Der Balſam⸗ ſtrom dieſer, in franzoͤſiſcher Sprack aus⸗ ſtroͤmenden, Galanterien floß bei der Ge⸗ ſchmeichelten weder in's Waſſer, noch in's Feuer. Sie blieb ſich ziemlich gleich, nur daß der Wagen und der leiſe Fußſchmerz die Juno zur Charis milderte, und den hin⸗ dem des f ein eſſen nach⸗ alll) ſucht falls, lagte, Be⸗ elten ſam⸗ gus⸗ Ge⸗ in' nut e 243 ſchuͤchternen Ferdinand zu der Bitte er⸗ muthigte, den kommenden Morgen ſich nach ihrem Befinden erkundigen zu duͤrfen. Ein Wunſch, der ihm bei der eben auferleg⸗ ten Verbindlichkeit nicht wohl verſagt wer⸗ den konnte. Die elfte Stunde des nächſten Tages ſah unſern Freund ſo geſchmackvoll, als möglich, gekleidet nach dem Landhauſe der Graͤfin d'Argenteuil(ſo hatte ſie ſich ihm geſtern genannt) fahren. Er fand die noch immer Leidende auf einen Sopha hinge⸗ ſtreckt, und war, wo moͤglich, noch uͤber⸗ raſchter, als bei ihrem erſten Anblicke. Des martigliſchen Coſtums entaußert, hatte die holdſeligſte Weiblichkeit von ihrem ganzen Weſen Beſitz genommen, und ſprach ruh⸗ rend aus der weichern Stimme und Ge⸗ baͤhrde. Ihre Geſtalt hatte nichts an der Form, und dennoch ungemein viel an In⸗ 244 tereſſe gewonnen. Ihr heutiges Gewand verbarg und verrieth mehr, als das geſtrige — und ihre hochgluͤhende Wange ſchien die Wirkung dieſes Verraths mit dem Be⸗ troffenen zu theilen. Ein langſam gehobe⸗ ner Blick und eine leichte Bewegung der Hand nach einem Stuhle wies ihm ſeinen Platz ihr gegenuͤber an. Aber fuͤr das heutige Weib war keines der geſtern ein⸗ ſtudirten Worte paſſend, und ſeine Befan⸗ genheit zu groß, um gleich neue aufzuſin⸗ den. Mit franzöſiſcher Artigkeit kam ſie ihm zuvor, und erklaͤrte ſich als ſeine dop⸗ pelte Schuldnerin, die ihm geſtern Huͤlfe und heute Theilnahme zu verdankenghabe. Dies loͤſ'te ſeine Zunge, die ſich nn in wohlthuende Worte uͤber das Gluͤck ergoß, welches er in der geruͤhmten Schuldigkeit gefunden habe und zu finden fortfahren wuͤrde, wenn ihre Guͤte ihm erlauben wollte, — wand ſtige ſchien Be⸗ hobe⸗ der inen in goß eit hren i 245 die Erinnerung daran durch den Reiz ihres Anblicks zuweilen auffriſchen zu duͤrfen. Sie aber verſtand ſo ſchmeichelnd auf das ihrem Rufe gefaͤhrliche téte à téte mit einem ſo liebenswuͤrdigen Manne hinzudeu⸗ ten, daß er nicht wußte, ob er ſich uͤber dieſe Abweiſung graͤmen oder freuen ſollte. Er erbat ſich die Erlaubniß, ſie zuweilen auf die Jagd begleiten zu duͤrfen, was ſie ihm nach kurzem Bedenken zugeſtand. Alle Muͤhe, die ſich Ferdinand zu Folge dieſer letzten Beguͤnſtigung gab, etwas Nä⸗ heres uͤber die Verhältniſſe der Grafin zu erfahren, blieb fruchtlos. Ihr Wohlwollen und Vertrauen ſchien taͤglich gegen ihn zu⸗ zunehmen, aber uber dieſen Punkt glitt ſie, bald ernſt, bald ſcherzend hinweg. Sie nannte ihre Abgeſchiedenheit von der Welt eine Laune, eine Grille, und ſchien nicht unzufrieden damit, wenn Ferdinand es 246 nicht glaubte. Denn ſie bemerkte gar wohl, wie er ſich dadurch mehr angezogen, als abgeſtoßen und in dem Gedanken ge⸗ ſchmeichelt fuͤhle, im Gegenſtande ſeiner Anbetung zugleich einen Gegenſtand politi— ſcher Wichtigkeit zu verehren. In der That ſtieg Ferdinand's Leidenſchaft von Tage zu Tage, und verſchmaͤhte jede Vor⸗ ſicht, die eine ſo raͤthſelhafte Erſcheinung ihm auferlegte. Er verhehlte ſich das thoͤ⸗ richte ſeines Beginnens nicht; war aber den⸗ noch zu ohnmaͤchtig, ſeine hintobende Lei⸗ denſchaft durch den Zuͤgel der Vernunft zu⸗ ruͤckzuhalten. Er fuͤhlte, daß er der Graͤfin nichts weniger, als gleichguͤltig ſey, und beſchloß, ſeinen Sieg ſo weit als möglich zu verfolgen. In der That war er der Gräfin theu⸗ rer, als ſie ſich ſelbſt geſtehen mochte, theu⸗ rer, als er bei ihrem vorhabenden Plane gen zogen, en ge⸗ ſeiner politi der von Vor inung r den⸗ e bei⸗ ft zu⸗ räſin „und öglich fheu⸗ thel⸗ Mane A 247 ihr werden durfte. Denn wer unter unſern Leſern haͤtte in dieſer Dame nicht bereits ein Werkzeug der F— ſchen Polizei erkannt, wodurch ſie den empfaͤnglichen Ferdinand zu kirren und ſeinem Geheimniſſe beizu⸗ kommen ſtrebte? Die angebliche Graͤfin — Stephanie d'Argenteuil— war wirklich von hohem Stande und einer ausgezeich⸗ neten Erziehung. Aber der Drang der Verhaͤltniſſe zwang ſie zu einem jener Ge⸗ ſchoͤpfe herab, deren ſich der Staat, wie Domingos Kirche, zu hoͤhern Zwecken glaubt bedienen zu durfen. Wo jeder koͤr⸗ perliche Zwang fruchtlos oder unanwendbar zu ſeyn ſcheint, werden dieſe moraliſchen Blutigel angelegt, um mit dem Herzblut des Opfers ſeine geheimſten Regungen an ſich zu ſaugen; ein Hoͤllenplan, den ſchon oft der ſchaͤndlichſte Triumph gekroͤnt hat. Und dieſe Beſtimmung war auch dem Fraͤu⸗ 248 lein d'Argenteuil zugedacht. Ihre Schoͤn⸗ heit, Bildung und politiſche Weihe ließ Alles von ihr erwarten, und Ferdinands Herz um ſo weniger Wiberſtand befurchten, als ihre glanzreiche Umgebung zugleich ſeine Fantaſie beſtechen mußte. Dies Alles hatte ſeine Richtigkeit. Nur Eins wurde dabei vergeſſen— daß das Fräulein auch ein Herz habe, und das ſiegreichſte ſeinen Be⸗ ſieger finde. Und wirklich hatte ſie den ihrigen in dem Gegenſtande ihrer Aufgabe gefunden, der durch ſeine offene Hingabe alle ihre Ränke zerſtoͤrte. Ihr Verſtand handelte im Geiſte fremder Politik, aber ihr Herz leitete bereits eine andere auf eigene Rechnung ein— welcher ſogar jener nicht ganz abgeneigt ſchien. Denn dem druͤckenden Einfluſſe ihrer Obern ent⸗ hoben, und in einem Staate lebend, wo ihr Gewalt nichté anzuhaben vermochte, lag hön⸗ liß ands ſten, ſeine atte abei ein Be⸗ 249 in ihrer Herzenspolitik gar nichts Ungereim⸗ tes. Im Schooße der offenen reinen Na⸗ tur, und im Umgange mit einem eben ſo offenen und reinen Weſen, erhob ihr Ge⸗ muͤth ſich aus ſeiner langen Verſunkenheit, und ſtrebte der Veredlung entgegen. Der Geiſt ihres angebornen Adels, des Ruhms ihrer Ahnen, erwachte, und zeigte ihr in ihrer bisherigen Beſtimmung eine tiefe Ent⸗ wurdigung. Von der andern Seite zeigt' er ihr in dem Gegenſtande ihrer geheimen Neigung das Mittel, zur Tugend und Ehre zuruͤck zu gelangen, und wie ſchnell ent⸗ ſchließt ſich das Herz zu dieſen, weiß es zugleich das Gluͤck in ihrer Schaale! Schon war die Anfangs geſteckte Graͤnzlinie von Ferdinand's Revier durch⸗ brochen, ſchon war es ihm vergoͤnnt, auch außer demſelben zu— jagen. Die Ruͤck⸗ ſicht auf den Ruf wurde immer hoͤhern 250 nachgeſetzt, welche jenen wieder herſtellen mußte, wenn es mit Ferdinand's Werbung Ernſt war. Und hieruber ließ ſein Beneh⸗ men keinen Zweifel uͤbrig. Die taͤglichen Jagduͤbungen in Geſellſchaft des ſchönen Weibes regten ſeine Sinnlichkeit eben ſo ſehr auf, als die unverbruͤchliche Dezenz im Kreiſe der Laren ihren Ausbruch ver⸗ hinderte. Verlangen und Entbehrung, Liebe und Bewunderung, ſchlangen ſich in die Diamantenkette ihrer Reize, und feſſelten daſſelbe unauflöslich an die holde Beſitzerin. Zu ihrem Beſitze aber ſchien kein anderer Weg uͤbrig, als der am Altare vorbei, und Ferdinand— ſchlug ihn ein. Seine an⸗ fänglich leiſen Werbungen wurden ohne Wi⸗ derwillen, die lautern mit Wohlwollen, die begehrlichen aber mit Indignation auf⸗ genommen. Er gefiel ſeiner Diana unaus⸗ ſprechlich, aber der dichteſte Forſt, und die elen bung eneh⸗ ichen önen ſo zenz iebe die lten erin. eter und an⸗ Wi⸗ len, uf⸗ us 251 verſchwiegenſte Nacht vermochte nicht, ihn zu ihrem Endymion zu erheben. Ob aus Politik oder neuerworbenen Grundſaͤtzen? laſſen wir dahingeſtellt ſeyn; hinreichend fur ihn, um ihn zu dem ehrbarſten der Liebesanträge zu vermoͤgen. In den Zirkeln der Hauptſtadt war dieſer Antrag bereits genehmigt, und beide förmlich als Brautpaar proklamirt. Die Klugen wollten das gleich Anfangs gemerkt haben, und einige Baſen und Vettern ſo⸗ gar den merkwürdigen umſtand wiſſen, daß Ferdinand v. L. die ſchoͤne Franzoͤſin auf einer früͤhern Reiſe kennen gelernt, und ſich ſchon damals mit ihr verſprochen habe. Dieſer Nachricht zu Folge wurde Frau v⸗ L. im Grabe, und ihre Kinder bei leben⸗ digem Leibe beklagt, welchen in der marti⸗ aliſchen Amazone die aͤrgſte aller Stief⸗ mütter zuwachſen muͤſſe. Nichts deſto we⸗ 252 niger konnte man kaum den Augenblick er⸗ warten, da die ſtolze Schoͤne mit dem Neueſten und Geſchmackvollſten aus der Pariſer Modequelle unter ihnen auftreten, und ſich, im Sinne des lieberalern Ge⸗ mahls, ihren Zirkeln anſchließen wuͤrde. So weit aber war die Sache noch nicht herangediehen, und ſo eben der ſchwierig⸗ ſten aller Schwierigkeiten ausgeſetzt. Klugheit, Liebe und erwachtes Rechts⸗ gefuͤhl verboten dem Fraͤulein d'Argenteuil, ihre Taͤuſchung bis jenſeit des Altares fortzuſetzen. Denn welche Fruͤchte konnte ſie von einem ſolchen, wenn auch von Fer⸗ dinand freiwillig eingegangenen, Buͤndniſſe erwarten? Der Zweck ihres Herzens ging dann zugleich mit dem ihrer Sendung ver⸗ loren, und ſie einem gewiſſen Abgrund ent⸗ gegen. Eine offene Entdeckung war gleich⸗ falls für Beide gefaͤhrlich, und ihrem Stolze cht 253 mehr als demuͤthigend. Der ſicherſte Weg zu Gunſten ihres politiſchen Zweckes blieb die bedingende Gunſt eines Augenblicks, wodurch ſie die gefaͤhrlichen Papiere an ſich bringen, aber zugleich der Tugend, wie dem Gluͤcke, auf ewig entſagen mußte! Eine traurige Wahl, und ſchwierig genug, den Kluͤgſten an ihrer Entſcheidung verzagen zu laſſen. Sie aber beſchloß, das Aeußerſte zu wagen, und in dem Verſoͤhnungsfeſt der Tugend zugleich den Triumph ihrer Liebe und— Allmacht zu feiern, oder allen zugleich mit ihrem Leben zu entſagen. Der Zufall beguͤnſtigte ihr Vorhaben. Laͤngſt ſchon hatte Ferdinand in ſie gedrungen, ihn ein Mal mit ihrem Beſuche in ſeinem ſtillen Aſyle zu erfreuen. Die Geſetze des Anſtandes und der Schicklich⸗ keit widerſtanden ſeinen Bitten. Jetzt aber, da der Ruf ſie ohnehin„fuͤr ſeine Braut 254 erklärte, und ihr Wunſch ſich mehr und mehr dem ſeinigen entgegen neigte, wurde detſolbe auf einen der nächſten Tage zuge⸗ ſtanden. Ferdinand jauchzte laut auf, und ließ Alles, wie zum Empfange einer Koͤ⸗ nigin, in Stand ſetzen. Ihr Einzug war feierlich und ruͤhrend. Ferdinand empfing ſie in den Zimmern ſeiner verſtorbenen Gemahlin, in deren Lob er lebhaft, wie immer; aber jetzt mit weicher Wehmuth ſich ergoß. Das Gefuͤhl eines gluͤcklich ge⸗ weſenen Gatten ſtroͤmte über ſeine Lippen, und ſprach lebhaft zu Gunſten ſeines dabei ausgeſprochenen Wunſches, das Verlorne in dem reizenden Gaſte wieder zu erringen. Stephanie ſaß auf dem Arbeitsſtuhle der Verewigten, ein Umſtand, worauf er ſie mit bewegender Stimme aufmerkſam machte⸗ Da traten ſeine zwei Kleinen herein, und überreichten ihr mit holder Unbefangenheit und urde uge⸗ und Kö⸗ war ſing enen wie muth E en, dabei orne ngen det emit 255 einen Blumenſtrauß, und— eine Bitt⸗ ſchrift, welche ſie in kindlichen Ausdruͤcken erſuchte, die Frau ihres guten Vaters, und ihre zweite, liebliche Mutter werden zu wollen. Jetzt konnte Stephanie ſich nicht mehr halten. Sie druͤckte die kleinen Engel an ihre wallende Bruſt, und heiße Thränen ſtuͤrzten unaufhaltſam auf ſie nieder. Ferdinand ſchloß die Ueberwältigte in ſeine Arme, und fragte mit zitternder Stimme: Wirſt Du die Bitten dieſer Mutterloſen erhoͤren? Wirſt Du, Stepha⸗ nie?—— Sie aber wand ſich aus ſeinen Armen los, wollte ſprechen und vermochte nicht.„Morgen— ſtammelte ſie— ſoll Dir meine Antwort werden; ach! moͤchte ſie Dir meinen Beſitz wuͤnſchenswerth er⸗ halten!“ Mit dieſen Worten verließ ſie ihn und die nochmals gekuͤßten Kleinen, und ijhr raſcher Poſtzug trug ſie dahin. 256 An den Dornen der Ungeduld bluͤhte Ferdinanden die Roſe der ſchoͤnſten Erwar⸗ tung. Nichts war ihm von ihren Worten geblieben, als das: Morgen! und der Ton des Ausgeſprochenen litt keinen Zweifel uͤber das, was es bringen wuͤrde. Kaum war der naͤchſte Tag angebrochen, als er das hoͤchſte Erkerſtuͤbchen ſeines Hauſes nach der Seite hin bezog, welche die Ausſicht nach dem Landhauſe der Geliebten be⸗ herrſchte. Um 8 Uhr ritt er dem Boten entgegen; ſchaͤmte ſich, als er in der Naͤhe ihres Hauſes alles ſo ſtill und leer fand, ritt unmuthig zuruͤck, um— ſeine Warte auf's Neue zu beſteigen. Gegen Mittag endiich erhob ſich der Staub eines Schnell⸗ reiters— er war es, der Jäger ſeiner Geliebten. Mit zwei Saͤtzen war Ferdi⸗ nand die Treppe herab, der inhaltreiche Brief in ſeinen, und ein reiches Trinkgeld in ein jau yfn des zeic füc Bei mit eig un Ei Se den 66 ne au D 257. in des Botſchafters Haͤnden. Er ſchloß ſich ein, las, erſtarrte, weinte, lächelt' und jauchzte. Dieſer Stufengang ſeiner Em⸗ pfindung mag dem Leſer in Ermangelung des Briefes die Spuren des Inhalts be⸗ zeichnen, welchen wir zum Ueberfluß in fluͤchtigen Umriſſen hier andeuten wollen.— Bei dem Gluͤcke ihrer fruͤheſten Kindheit mit ruͤhrender Wehmuth verweilend, ging ſie mit Wahrheit und Kuͤrze zu den Er⸗ eigniſſen uͤber, welche ſie ihrem politiſchen und ſittlichen Adel zu entſagen zwangen. Eine getreue Schilderung ihres damaligen Seelenzuſtandes bewies, wie wenig ſie von dem letztern eingebuͤßt habe, und wie ſchwer es ihr namentlich ſeit dem Augenblicke ſei⸗ ner perſoͤnlichen Bekanntſchaft geworden ſey, auf die Intrigue mit ihm ſelbſt einzugehen. Den uͤberzeugendſten Beweis hiervon lege ſie in dem Selbſtbekenntniß ihrer Schmach 17 258 und der Enthuͤllung ihres Planes nieder. Bei ihm ſteh' es nun, jene von ihr abzu⸗ waͤlzen und(im Fall er das wichtige Ma⸗ nuſcript wirklich beſaͤße) ihr zur Erfuͤllung eines von ihr geleiſteten heiligen Eides zu verhelſen. Was das erſtere betraͤfe, ſo fuhle ſie bei dem druͤckendſten Bewußtſeyn ihrer verlornen Wuͤrde dennoch die troſtende Ue⸗ berzeugung in ſich, jene auf dem Wege der Selbſterkenntniß und aufrichtigen Strebens wieder erlangen zu können. Zur Vergel⸗ tung des zweiten Dienſtes aber beſitze ſie in Vorausſetzung der ſeinigen das reichſte Nittel in ihrer Liebe, deren Ueberfluß je⸗ den anderweitigen Mangel werde zü ver⸗ guͤten ſuchen. Ihm ſelbſt koͤnne, im Fall er es beſitze, an dem gewiß hinreichend be⸗ kannten Manuſcripte wenig mehr gelegen ſeyn; indeß es ſie nicht nur eines fuͤrchter⸗ chen Eides entbinde, ſondern zugleich in Ste bist ein zu unt hein wid 259 Stand ſetze, ihm mit demjenigen, was ſie bisher nur bedingungsweiſe beſeſſen, als eine ſeines Ranges wuͤrdige Braut entgegen zu treten. Ihr achter alter Adel endlich und das fuͤr die Welt fortdauernde Ge⸗ heimniß duͤrfte hinreichen, jedes der Liebe widerſprechende Vorurtheil zum Schweigen zu bringen. Es ſtehe daher bei ihm, über ihr Schickſal, wie uͤber ihr Leben, zu be⸗ ſtimmen, welches ohne ihn als werthlos fuͤr ſie verloren ſey.— Das von Thraͤnen der Wehmuth per⸗ lende, vom Diamantenblitz des Witzes ſchim⸗ mernde und im Roſenlicht der Liebe bluͤ⸗ hende Schreiben konnte ſeine Wirkung auf Ferdinand nicht verfehlen. Mehr aber, als Alles, that „ihrer Schoͤnheit ruͤhrende Gewalt“ welche jede Bedenklichkeit in ihm beſiegte und den ruckſichtsvollen Zweifler raſch in 260 einen ſeligen Gläubigen umwandelte. Die Liebe entſuͤndigt, wie der Glaube, und beide gehören dem Himmel an. Ferdinand war wirklich im Beſitz des viel beſprochenen Manuſcripts. Der ver⸗ ewigte O. hatte ihn bei ſeinem letzten Be⸗ ſuche eine Abſchrift davon nehmen laſſen, und es vor dem Todesgerichte verſchwiegen, um ihn nicht fruchtlos unangenehmen Fol⸗ gen auszuſetzen. Ihm ſelbſt aber war, als einem weniger eifrigen Politiker, weniger an dem Manuſcripte gelegen, und gern ſchlug er es fuͤr ein ſo ungewoͤhnliches Ho⸗ norar los. Schon den naͤchſten Vormittag wandert' es zu Stephanien mit einem zaͤrt⸗ lichen Sendſchreiben, welchem er ſelbſt des Nachmittags folgte. Der geſtrigen Mitthei⸗ lung mit keiner Sylbe erwaͤhnend, begeg⸗ net' er ihr, wie fruͤher, mit der ſchuͤchternen Delikateſſe eines Liebhabers und Verehrers Fu rei vo ſic tre we me de ab Re de 261 „Und er küßt die bolden Wangen, und ſie fuͤhlt der Liebe Strahl; und das Maͤdchen ſteht gefangen, Weinend in der Reue Qual; Sinkt zu ſeinen Fuͤßen nieder, Nicht um Wolluſt, noch Gewinnſt; Ach! und die gelenken Glieder, Sie verſagen allen Dienſt.“ Die Aufrichtigkeit ihrer Reue, wie die Fuͤlle ihrer Schoͤnheit und Liebe beherzigend, reichte Ferdinand bald darauf Stephanien vor dem Altare die Hand. Sie ſelbſt fuhlt ſich noch heute in der Pflichterfullung einer treuen Gattin und zärtlichen Mutter gluͤck⸗ lich. Geehrt und bewundert tritt ſie zu⸗ weilen an der Seite ihres beneideten Ge⸗ mahls in den glaͤnzendſten Zirkeln der Hauptſtadt auf; indeß ſie den groͤßten Theil des Jahres bald auf ihrem, bald auf ſei⸗ nem Landſitze zubringen. Jeden 26. Juli aber(am Jahrestage ihrer Verbindung) 262 wallfahrten ſie Hand in Hand in den Schat⸗ ten eines Zypreſſenhains, in deſſen Mitte auf einem marmornen Denkmale die Buͤſte des verewigten O. prangt, der, ohne es zu ahnen, in ſeinem Märtyrertode fuͤr die Wahrheit zugleich als Opferlamm ihrer Liebe gefallen iſt. hat: itte üſte zu die hret Der Triumph des Gewiſſens⸗ Eine wahre Begebenheit. — Venus liebt den Mars, und auf dem Schauplatze verheerender Kriege ſpielten von jeher die intereſſanteſten Scenen der Liebe. Doch trug ein ſolches Spiel mei⸗ ſtens den Charakter des aufgeregten Zeit⸗ geiſtes; war kuhn und abenteuerlich, ſchnell und reich an uͤberraſchendem Wechſel. Als in dem Befreiungskriege von 1813 das Hauptquartier der franzoͤſiſchen großen Armee in D.. ſtand, hatte ein Staabs⸗ 264 offizier das ſeinige bei einem reichen Kauf⸗ manne aufgeſchlagen, wo es ihm auf die Dauer beſſer gefiel, als dem großen Ta⸗ geshelden in dem ſeinigen. Frei von den blutdurſtigen Leidenſchaften des Eroberers, kannte er keine andere, als eine zaͤrtliche, wuͤnſchte er keine Eroberung, als die ſei⸗ ner Emilie. In ihrem Herzen hatt' er ſie ſchon erobert, man war uͤber die Ka⸗ pitulationspunkte einig; es fehlte nichts, als die Auslieferung, woruͤber ihr Vater, als zeitiger Feſtungs⸗Kommandant, zu be⸗ ſtimmen hatte. Vater Bertrand war ein aufgeklar⸗ ter Patriot, der es redlich mit dem deut⸗ ſchen Vaterlande meinte, ohne deshalb un⸗ gerecht gegen fremdes Verdienſt zu ſeyn. Er haßte im Feinde den Feind des allge⸗ meinen Wohls, nicht aber den Franzoſen, am allerwenigſten den Einzelnen, von dem 265 er eines Beſſern uͤberfuͤhrt war. Sein Standpunkt als Kaufmann gab ihm Gele⸗ genheit zu vielfaͤltigem Verkehr mit Obern und Gemeinen, und die⸗Ueberzeugung von Tugend und Edelmuth in der Bruſt man⸗ ches unfreiwilligen Feindes. Empoͤrt, wie er, von der Gewaltthätigkeit ihres Herr⸗ ſchers, und verabſcheuend die Zwecke un⸗ begraͤnzter Ruhmſucht, mußten ſie den Be⸗ griffen der Ehre und Vaterlandsliebe ge⸗ maͤß ſich dennoch zu Mitteln hergeben. Vor Allen aber ſchien Major d'Horville, ſein Hausgenoſſe, eine ehrende Ausnahme von der Regel ſeiner Landsleute zu machen. Alles, was er that und ſprach, athmete Beſonnenheit, Gleichmuth und Feſtigkeit, und ſein weltbuͤrgerlicher Sinn war frei von dem duͤnkelvollen Nationalſtolze der noch nicht Gedemuͤthigten. Groß und be⸗ ruͤhmt geworden durch den Krieg, mit Wun⸗ 266 den, Wuͤrden und Ehrenzeichen geſchmuͤckt, beſeufzte er oft die blutigen Veranlaſſun⸗ gen, bei welchen ſie ihm geworden. Von der Unrechtmaͤßigkeit derſelben uͤberzeugt, hätt' er gern den Lorbeer gegen den Oel⸗ zweig vertauſcht, und am allerliebſten ge⸗ gen den Myrtenzweig aus der Hand der reizenden Geliebten. Emilie war, als ſie Ferdinand von Horville kennen lernte, 17 Jahre alt, und verband mit einer Hebengeſtalt den Verſtand Minervens und den Liebreiz einer Charis. Das natur⸗ und kunſtreiche D bot Quellen genug zu ihrer Bildung an, und die Liebe und der Reichthum der El⸗ tern ließ keine unbenutzt. Mit einem ſchwaͤr⸗ meriſchen Kunſtſinne verband ſie das fuͤh⸗ lendſte Gemüth, mit der tiefſten Empfin⸗ dung das ausgezeichnetſte Wiſſen. Außer den haͤuslichen Arbeiten, wozu die wirth⸗ on lt, en net 267 liche Mutter ſie fleißig anhielt, kannte fie die Geographie, Geſchichts- und Natur⸗ kunde, und ſprach gelaͤufig mehrere Spra⸗ chen. Die Kenntniß der franzoſiſchen be⸗ gunſtigte die Liebe fuͤr und von d'Horville, und gab der ſtummen eine Sprache. Kaum waren ſie 14 Tage mit einander bekannt, da ward ihre gegenſeitige Beſtimmung ih⸗ nen klar, und jedes fuͤhlte die Bedingung ſeines fernern Daſeyns in der Neigung des Andern. Raſch, wie Emiliens Gefuͤhle ent⸗ ſtanden, gab ſie ihnen Worte, und die Küͤnſte der Koketterie verſchmähend, geſtand ſie dem Beſiegten freimüthig ſeinen Sieg. Aber nicht allein ihm, auch ihren Eltern geſtand ſie ihn. An unbedingte Offenheit gegen die Zaͤrtlichen gewöhnt, fand ſie keine urſache, ihnen ihre erſten ſeligen Gefuͤhle zu verſchweigen, und jene keinen Grund, ſie zu mißbilligen. D'Horville war, wie 268 ſie wußten, ein beguterter Baron aus der Provence, war jung, ſchoͤn, hochgebildet und von den liebenswuͤrdigſten Eigenſchaf⸗ ten. Als ſie ſich daher nach einem laͤngern umgange auch von der Rechtſchaffenheit ſeines Charakters uͤberzeugt hielten, geſtan⸗ den ſie ihm durch Emilie die Erlaubniß zu, um ihren Beſitz anhalten zu duͤrfen. Emi⸗ lie flog mit dieſer begluͤckenden Nachricht auf ſein Zimmer. Aber das Heil dieſer Verkundigung wirkte nicht ſo, wie ſie erwartet hatte, denn d'Horville— war ſchon verheirathet. Kon⸗ venienz und vaͤterliche Drohung hatten dem kaum I8jaͤhrigen Juͤnglinge ein Weſen auf⸗ gedrungen, das in phyſiſcher und geiſtiger Hinſicht ſein Gegentheil war. Ich kann ſie nicht lieben, und werde bei ihr hoͤchſt ungluͤcklich ſeyn! ſprach er zu ſeinem Va⸗ ter, als ihm dieſe Parthie vorgeſchiagen 269 wurde.„Thut nichts, verſetzte jener. Deine Liebe iſt eine Chimaͤre, und das Gluͤck wird ſich ohne ſie einfinden. Thereſe iſt vom alteſten Adel des Landes und Erbin einer halben Million. Sie muß Dich gluͤcklich machen, und wirſt Du es nicht, ſo ver⸗ dienſt Du ſie als Zuͤchtigung!“— An blin⸗ den Gehorſam gewoͤhnt, verſtummte der Juͤngling. Leiſe kaͤmpfte ſein empoͤrtes Ge⸗ fuͤhl gegen die widrige Verbindung; da kam ſie, die ihn unter ihrem Herzen getragen, an zaͤrtlichem Buſen genaͤhrt hatte. Was des Vaters Drohung begonnen, vollendeten ihre ruͤhrenden Bitten, und des Juͤnglings Hoff⸗ nung ging unter in einer Thraͤne der Mutter. Aber da, wo Dornen geſaͤet werden, kann keine Roſe aufbluͤhen, und aus ent⸗ gegengeſetzten Stimmungen keine Harmo⸗ nie hervorgehen. Unmuth und Hader, Kum⸗ mer und Thraͤnen waren die Fruͤchte dieſer 270 unſeligen Verbindung, und eine frühe Siechheit der Gattin der einzige Hoffnungs⸗ ſtrahl des Gefeſſelten. Zwei Kinder, unter ſolchem Unſtern geboren, vermochten nicht, die weit Getrennten zu vereinigen; und der Segen des Ehebettes ſchien hier nur ſeinen Fluch vereinigen zu wollen. Da ſtarb plötzlich am Schlage d'Horvilles Va⸗ ter, ihm folgte die Mutter, und Ferdinand frei athmend dem Ruf' ins Feld. Im Drange der Ereigniſſe, im Gewühle der Schlachten, im Hochgefuͤhl des Siegs und der Ehre gewann er neuen Lebensmuth, und die Vergangenheit lag wie eine trube Wolke hinter ihm. Seine Gattin wußt' er geborgen, und von ſeinem Leben gaben ihr regelmaͤßige Schlachtberichte die erfor⸗ derliche Kunde. So war es ihm in der Gegenwart leicht, und fuͤr die Zukunft ließ er den waltenden Zeitgenius ſorgen. 271 In Emiliens Bekanntſchaft glaub't er einen Wink des Letztern zu erkennen. „Dieſe iſt fuͤr dich geſchaffen!“ gab er ſich ſelbſt das Wort, als er das ſchoͤne, holdſelige Maͤdchen zum erſten Male ſah und hoͤrte. Er verglich ſie mit Thereſen. Wie dieſe ein Bild des graͤmelnden, hin⸗ welkenden Todes, ſchien jene ein Herold der Freude und des Lebens.„Moͤchten doch beide— wuͤnſcht' er ins Geheim— bald ihren Sinnbildern entſprechen! Moͤchte Thereſe ihre fuͤr ſie und mich beſchwerliche Laufbahn, die ſich ohnehin dem Ziele ent⸗ gegenneigt, endigen, und moͤchte dieſe An⸗ muthige die Pforten eines neuen Daſeyns vor mir aufſchließen, voll Blumen und duftender Lebensfruͤchte. Sie nur kann meiner Beſtimmung mich entgegenfuͤhren, ein gluͤckliches und begluͤckendes Weſen zu werden. Bei Thereſen bin ich weder das 272 Eine, noch das Andere; die Quelle meiner Jugend zerrinnt in dem trocknen Sande der ihrigen!“— Emiliens Pinneigen zu ihm wiegte ihn immer tiefer in ſuͤße Hoff⸗ nungstraͤume, und er vergaß, was er den Pflichten der Wirklichkeit ſchuldig war. Als Ferdinand zu Felde zog, begleitet' ihn Duval, ein alter Kammerdiener von Thereſens Vater, den er ſeiner Tochter als einen anhaͤnglichen und vertrauten Diener mitgegeben hatte. Bald aber ge⸗ wann dieſer den jungen Gemahl ſeiner Gebieterin lieber, als ſie, welche ſich von der Freundlichkeit und Milde des erſtern in tiefen Schatten verſetzt ſah⸗ Bei den wenig verheimlichten Zwiſtigkeiten der Herr⸗ ſchaft neigt' er ſich in Folge dieſer Vor⸗ liebe gwoͤhnlich auf die Seite des Herrn, und hielt der Baroneſſe kraft verjahrter Rechte nicht ſelten eine Strafpredigt. Aus 273 dieſer Stellung gegen beide iſt es leicht be⸗ greiflich, daß ihn Ferdinand bei Eroͤffnung des Feldzuges eben ſo gern mit ſich nahm, als Thereſe ihn gehen ließ. Und in der That fanden beide hierbei ihre Rechnung. Denn wie er auch ſeinem Herrn wohlwollte, und wie wenig ihm die Gebieterin am Her⸗ zen zu liegen ſchien, ſo nahm er doch, wo ihr ein entſchiedenes Unrecht geſchah, ſie in Schutz, und vertrat ſie mit der Gewalt unbeſtechlicher Redlichkeit. Niemals aber hatte ſich dieſe in ſo vollem Lichte gezeigt, wie jetzt, wo das Gewiſſen Ferdinand's im⸗ mer tiefer einzuſchlummern drohte, und die Pflicht einer kraͤftigen Stimme bedurfte, es aufzuwecken. An das galante Weſen ſei⸗ ner Landsleute gewohnt, achtete Duval Anfangs wenig auf das Benehmen ſeines Herrn gegen die reizende Haustochter in D... Als er aber dieſen Umgang immer 18 274 vertrauter und die Briefe an Thereſen im⸗ mer ſeltener werden ſah; als ihm endlich Ferdinand ſeine Wuͤnſche und Hoffnungen offenherzig geſtand, da erwachte in dem redlichen Diener die alte Anhaͤnglichkeit an Thereſe, und er ſprach zu ſeinem Herrn nachdruͤckliche und verſtändige Worte: das geheiligte Recht einer Gattin, Rang, Adel und was noch ſonſt zu Gunſten dieſer und zur Abgunſt der Nebenbuhlerin gereichen konnte— Alles wurde von ihm ins vollſte Licht geſetzt und Ferdinand's Vorhaben da⸗ bei nicht eben guͤnſtig beleuchtet. Der Frei⸗ muth des Dieners regte den Herrn auf eine höchſt empfindliche Weiſe an. So ernſt, ſo in die Wirklichkeit eingreifend hatt' er ſich ſein Verhaͤltniß zu Emilien noch nie ge⸗ dacht. Ihm war es bis jetzt wie ein freund⸗ liches Intermezzo in dem Trauerſpiele ſei⸗ nes Lebens, wie das Morgenroth eines ich gen dem tin errn eines 275 kuͤnftigen, wie der ſelige Brautſtand zweier Engel erſchienen. Er hätte nicht Schuld an dem Tode ſeiner Gattin ſeyn moͤgen, aber er hoffte ihn von der Hand des Schickſalsz an Thereſens Verklaͤrung ſollte ſich Emi⸗ liens Brautfackel entzuͤnden. Anders erſchien ihm dies Verhaͤltniß jetzt in dem Munde ſeines Dieners. Der Nachtwandler hoͤrte ſich beim Namen genannt, und ſturzte von der Schwindelhoͤhe ſeiner Seligkeit herab. Aber eben hierin hatt' es der ehrliche Du⸗ val verſehen. Er hatte, wie mancher Straf⸗ prediger, die Hoͤlle zu ſchwarz gemalt, und dadurch bei ſeinem Zuhoͤrer den Glauben an ihre Exiſtenz verſcherzt. Das Gemaͤlde, welches er von Ferdinand's jetzigem Ver⸗ haltniß zu Emilien entwarf, war ein Nacht⸗ ſtuͤck, ein Fratzengeſicht und zu keiner be⸗ lehrenden Vergleichung mit dem fruͤhern geeignet. Ja, im Eifer von Thereſens Ver⸗ 276 theidigung hatt' er ſich an Emilien vergrif⸗ fen und ſie mit harten Namen belegt. Er glaubte naͤmlich, ſie wiſſe um Ferdinand's Ehe, welches aber der Fall nicht war. Die⸗ ſer Angriff auf Emiliens Tugend verletzte den Liebenden tief, und er entließ murrend den Diener. Nach dieſem Auftritte war es, als Emilie mit der elterlichen Erlaubniß, um ſie anhalten zu duͤrfen, bei ihm eintrat. Der Antrag erſchuͤttert' ihn. Was er noch kaum als Vermuthung in Duval's Munde ſo uͤbel aufgenommen hatte, war zur Wirk⸗ lichkeit geworden, und die unſchuldige, lie⸗ bevolle Zaͤrtlichkeit erſchien ihm wie eine verſchmitzte Erbſchleicherin. Ein Vorſatz, den er ſich kaum dunkel gedacht hatte, wurde hier keck ausgeſprochen, und ſchien erſt dadurch den Charakter eines Verbre⸗ chens anzunehmen. Statt Emilien zu dan⸗ nds Die⸗ etze end als rat. noch nde irk⸗ lie⸗ eine ſit, tte, hien br⸗ dan 277 ken, ſchaudert' er vor ihr zuruͤck, ohne zu bedenken, daß er ſie ſo weit gebracht habe, daß nur das, was er wußte, ihren Antrag zum Verbrechen mache. In ſolchen Wi⸗ derſpruch mit ſich ſelbſt kann der Menſch durch ſich ſelbſt gerathen, und vor feinen eignen Gedanken in fremdem Mund' er⸗ ſchrecken. Emilie, die eine begeiſterte Auf⸗ nahme ihrer Bothſchaft erwartet und einen Beſtuͤrzten gefunden hatte, glaubt', es ſey ihm irgend ein Unfall zugeſtoßen. Sie au⸗ ßerte dieſe Vermuthung, und ſtrich ihm da⸗ bei zaͤrtlich die Wangen. Die Unbefangen⸗ heit der Unſchuldigen ruͤhrt' und demuthigt' ihn zugleich. Er hatte nicht den Muth, ihr ſein Inneres zu entdecken, und ſie— „lindert' ihm geſchaͤftig geheuchelte Leiden.“ Niemand mochte jetzt das Sprichwort: „Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben“ tiefer empfinden, als Ferdinand. Der ihm auf⸗ 278 gedrungene Vorwand konnte ſeine Erklaͤ⸗ rung gegen Emiliens Eltern um einen, al— lenfalls um zwei Tage verſchieben. Aber geſchehen mußte ſie, wenn nicht eine von ihrer Seite erfolgen ſollte, die ihm jetzt weher, als jemals, gethan haben wuͤrde. Er kam nach gerade zur Beſinnung, daß er allein dieſen Moment herbeigefuͤhrt habe, daß ein fruͤheres offenherziges Geſtändniß ihn und die Geliebte der ſchweren Verle⸗ genheit entzogen hätte; allein dieſe Betrach⸗ tung kam zu ſpat. Jetzt galt es, durch ein Bekenntniß den Schein eines feigen Betruͤgers auf ſich zu laden, oder durch eine oͤffentliche Werbung um Emilien die Rolle des entſchloſſenen zu Ende zu ſpielen. Beides war ihm gleich unmöglich. Gegen jenes empörte ſich ſein Stolz, ge⸗ gen dieſe ſeine Grundſaͤtze; er ſtand wie Herkules am Scheidewege. Nach langem e 279 Nachſinnen beſchloß er, ſich gegen Emi⸗ liens Eltern dahin zu erklären, daß er, um die Geliebte nicht in das zweifelhafte Schickſal eines Soldaten zu verflechten, bei dem Kriegsminiſter um ſeinen Abſchied nachſuchen wolle, der ihm zufolge ſeiner Verdienſte und Wunden nicht verſagt wer⸗ den könne.— Waͤhrend dieſer Zeit aber wollte er zugleich ſeine Scheidung von The⸗ reſen betreiben und dann feierlich um Emi⸗ lien anhalten. Seine Erklärung wurde hoͤchſt freundlich aufgenommen. Emilie war wie im Himmel; ihn aber bettete ſein Gewiſſen auf Dornen und dem Vorgefuͤhle der Reue. Waͤhrend des ſtillen Hergangs dieſer Herzens⸗Angelegenheit war die oͤffentliche ihrer großen Entwickelung naͤher geruͤckt. Die Reſidenzſtadt D. welche ſo lange eine Zeugin der vergänglichen Größe eines 280 fremden Herrſchers geweſen, ſah ſich plötz⸗ lich von den Verbuͤndeten eingeſchloſſen. Sie, die fruͤher nur glaͤnzende Paraden und Scheintreffen angeſehen hatte, fuͤhlte ſich jetzt von dem furchtbaren Ernſt des Krieges bedrängt. Statt der Leuchtkugeln kuͤnſtlicher Feuerwerke flogen jetzt zuͤndende Bomben in ihre Mauern, und dem Don⸗ ner folgte Verheerung und ſchreiende Weh⸗ klage. Aber ſie ließ es nicht an Gegen⸗ wehr fehlen. Das Beſatzungskorps wagte manchen muthigen Ausfall, und that dem angreifenden Theile mancherlei Abbruch. Alles war in gaͤhrendem Aufruhr. Furcht und Angſt wechſelte mit der Hoffnung, und aus dem Aſchenhaufen zertruͤmmerter Pallaͤſte erhob ſich langſam der Phoͤnir deutſcher Freiheit. Von den Belagerten wurde ein nacht⸗ licher Ausfall beſchloſſen und dem Major 281 die Ausfuͤhrung uͤbertragen. Emilie erblich, ihre Eltern erſchraken, als ſie es vernah⸗ men. Aber noch war ſeine Entlaſſung nicht da, Pflicht und Ehre geboten, er mußte gehorchen. Des Maͤdchens Angſt kannte keine Graͤnze, und ihre Thraͤnen kein Maaß. Bald ſiel ſie dem Geliebten um den Hals, vald auf die Knie, den Himmel um ſeine Rettung flehend. Tief ruͤhrte Ferdinanden dieſe ſchwaͤrmeriſche Anhänglichkeit, und doch konnt' er ſich ihr nicht mit offenem Herzen hingeben. Ihm fehlte ihr freies Gewiſſen, und jede Hoffnung ſchien ihm eine Gotteslaͤſterung. Emilie und die El⸗ tern ſchrieben ſein zerſtreutes Benehmen dem kritiſchen Auftrage zu. Nur Duval, der den Heldenmuth ſeines Herrn kannte, wußte die Urſache ſeines jetzigen Klein⸗ muthös richtig zu beurtheilen, und beſchloß, ſie zu nutzen. 282 Der Abend brach heran. Duͤſter, wie die Daͤmmerung, war die Stille auf den Straßen und in den Haͤuſern. Eine bange Erwartung der Dinge, die da kommen wuͤrden, beklemmte den Athem der Beäng⸗ ſtigten, und trieb ihre Wuͤnſche in leiſen Gebeten auf die Lippen. D'Horville hatte ſich mit Duval auf ſeinem Zimmer ver⸗ ſchloſſen, der in einer Ecke den Säbel ſei⸗ nes Herrn putzte und von Zeit zu Zeit be⸗ truͤbte Blicke auf ihn warf. Es kam zum Geſpraͤch: D'Horville. Du ſcheinſt bekum⸗ mert; iſt Dir ein Scharmuͤtzel mit dem Feinde ſo was Neues? Duval. Der Herr Major halten zu Gnaben— ein ſolches Scharmuͤtzel iſt mir was Neues. D'Horville. Wie ſo? Duval. Ich meine ein Scharmuͤtzel, 283 wo der Feind einen Alliirten an Ihrem Gewiſſen hat. D'Horville. Du willſt mich wol aͤngſtigen, Duval? Ich verzeihe dieſen Verſuch Deinem Alter; doch laſſ' ihn den letzten ſeyn! Duval. Nur wenn er die erwuͤnſch⸗ ten Folgen hat, Herr Major. Ich mache Ihnen ja kein Gaukelſpiel vor. Sie ge⸗ hen wirklich in den Kampf, und, wie Sie ſelbſt ſagen, in einen gefährlichen. Ein Kampf aber iſt ein Gottesgericht, vor dem nur der Gerechte beſtehen kann Fuͤhlen Sie ſich als einen ſolchen? D'Horville. Duval! Duval! Du erlaubſt Dir viel. Duval. Nur ſo viel, als ich vor Gott, meinem Gewiſſen und meiner Liebe fuͤr Sie verantworten kann.(Aufſtehend) Herr Major! ich habe 40 Jahre lang ehr⸗ 284 lich bei Ihren gnädigen Schwiegereltern gedient. Als Sie Fräulein Thereſen heim⸗ fuhrten, gab mich ihr gnädiger Herr Papa ihr in der Abſicht mit, daß ſie in mir ei⸗ nen treuen und redlichen Diener haben ſollte. Nun ſah ich zwar bald ein, daß die junge gnädige Frau keine Frau fuͤr Sie ſey; aber ſie iſt es doch einmal, und ſo lange ſie lebt, duͤrfen Sie keine Andere beſitzen. Sie koͤnnen ſich von ihr ſcheiden laſſen; aber als katholiſcher Chriſt duͤrfen Sie dennoch nicht wieder heirathen, bis es dem Himmel gefällt, jene von Ihrer Seite abzurufen. Und dann— was ſollte aus Ihren unſchuldigen Kindern werden? Mamſell Emilie, ich will es glauben, iſt ein rechtſchaffenes Mädchen; wuͤrde aber ſie, die Buͤrgerstochter, ſich zur Mutter Ihrer hochgebornen Kinder ſchicken? Wurden Sie ſie dadurch nicht an ihrem Erbtheil, —— 285 wenigſtens um das Eingebrachte Ihrer gnä⸗ digen Frau, verkuͤrzen? Ich bin nur ein einfaltiger Menſch; ſo viel aber ſeh' ich wohl ein. Sie muͤßten, wenn Sie dieſen Schritt thun wollten, aufhoͤren, ein katho⸗ liſcher Chriſt, ein Edelmann, ein zärtlicher Vater und ein dankbarer Gatte zu ſeyn. Denn Dankbarkeit ſind Sie Ihrer Frau Gemahlin ſchuldig. Sie iſt ſeltſam und wunderlich; aber ſie liebt Sie wirklich, und traͤgt vielleicht um Ihrentwillen den Tod im Herzen. Warten Sie wenigſtens die⸗ ſen ab, und thun Sie dann— was Sie nicht laſſen koͤnnen. D'Horville. Es iſt zu ſpät, Du⸗ val. Hier kann ich, ohne meine Ehre zu kompromittiren, nicht mehr zuruͤck, und dort iſt das Scheidungsgeſuch ſchon ein⸗ gereicht. Duval(erſchreckend). Nun denn, 286 ſo erbarme ſich Gott Ihres armen Weibes und Ihrer Seele. Jenes wird der Schlag und Sie„(auf die Knie ſinkend) Herr Major! Sehen Sie mich alten Mann vor Ihnen auf den Knieen, und laſſen Sie ſich im Namen Ihres ungluͤcklichen Weibes, Ihrer ungluͤcklichen Kinder und im Namen aller Heiligen erbitten. Was auch geſche⸗ hen ſey, noch iſt es nicht zu ſpaͤt. Schik⸗ ken Sie mich als Kourier nach Ihrer Hei⸗ math, mit der Vollmacht, die Scheidungs⸗ klage zuruͤckzunehmen. Ich will Tag und Nacht reiten, und Gott wird meine alten Knochen um der guten Sache willen ſtaͤr⸗ ken. Gern will ich, wenn ich das Ziel er⸗ reicht habe, mich in die Gruft meiner Vaͤ⸗ ter niederlegen; nur laſſen Sie mich's mit dem Segen und nicht mit dem Fluch Ih⸗ res Namens thun! D'Horville(ihn aufhebend). 287 Deine Vorſtellung ruͤhrt mich, ich will es nicht leugnen. Schon um Deinetwillen konnt' ich einen Schritt zuruͤckthun. Was aber wurd' er mir helfen? Die Verſchmaͤ⸗ hete wuͤrd' ihn nicht anerkennen und ich mich ſchimpflich zuruͤckgewieſen ſehen. Duval. Dafuͤr, beſter gnaͤdiger Herr, laſſen Sie mich ſorgen. Ich weiß am be⸗ ſten, wie ſehr Ihre Frau Gemahlin Sie liebt, und ein liebendes Weib thut Alles, wenn ſie die Liebe des Mannes dadurch zu erringen weiß. Ich will Ihre Sache fuͤh⸗ ren, und die gnaͤdige Frau wird in dieſer kurzen Verirrung die Gelegenheit ſegnen, Sie auf eine großmuͤthige Weiſe verbinden zu koͤnnen. D'Horville. Und Emilie? Die ſich mit argloſem Vertrauen mir hingegeben— der ich Gluͤck und Ruhe zugleich mit dem Glauben an die Menſchheit rauben würde? 238 Aus der Feindſeligen Hand ſollt' ich den Dolch nehmen und ihn dem Engel in die Bruſt ſenken? Duval(nach einer Pauſe). Hert Major— Sie kennen mich, und wiſſen, daß ich nicht gern zu einem Betruge rathe; aber um Ihres Seelenheils willen will ich es thun. Der Himmel wird Sie dieſe Nacht Ihres rechtſchaffenen Entſchluſſes wegen in ſeinen Schutz nehmen; Mamſell Emilie aber ſoll Sie als einen Todten be⸗ weinen und die Menſchheit in ihrem ſchoͤ⸗ nen Opfer ehren. D'Horville. Nit dieſer groben Taͤu⸗ ſchung glaubſt Du bei ihr durchzukommen? Duval. Warum ſollte ſie nicht glau⸗ ben, was ſo leicht moglich iſt? Erſt ver⸗ mißt ſie Sie einige Tage— dann meldet die Todtenliſte Ihren Maͤrtyrertod fuͤr's Vaterland— ſie gehet von der Unruhe ie er e ill iſe ſes ſell 289 zur Trauer, von der Trauer zur Bewun⸗ derung und von dieſer zur ſchwaͤrmeriſchen Vergoͤtterung uͤber. Auf ſolche Weiſe ret⸗ ten Sie ſich Pflicht und Ehre, der Gattin ihren Gatten, und der Liebenden den Glau⸗ ben und die zärtliche Erinnerung an den Geliebten. Die Wahrheiten der Religion und der Moral ſteigen bei den meiſten Menſchen in Augenblicken der Gefahr im Preiſe. Auch Ferdinanden fand Duvals Vorſtellung nach⸗ giebiger als ſonſt, und er ermannte ſich zu, einem raſchen Entſchluſſe. Duval eilte zum General mit einem Billete, welches dieſen mit d'Horville's Wuͤnſchen bekannt machte. Nur noch ein Mal— als er bei hereinbre⸗ chender Nacht vor Emilien trat, und dieſe ihn unter den zärtlichſten Liebkoſungen und Thranen beſchwor, ſein ihr geweihtes Le⸗ ben nicht allzugroßer Gefahr auszuſetzen— 19 290 drohete ſein Vorſatz mit dem Herzen zu brechen. Eine eintretende Ordonnanz gab ihm ſeine Faſſung wieder. Sie rief ihn ſchleunigſt zum General ab, und es mußte raſch geſchieden werden. Emilie fiel ihm um den Hals, er druͤckte ſie mit dem Ge⸗ fuͤhle des Abſchiedes und der Selbſtvor⸗ wuͤrfe ans Herz, umarmte eben ſo die argloſen Eltern, und ſprengte davon. Die Segenswuͤnſche der Getaͤuſchten n dem Ungluͤcklichen. Bei dem Generale, der ſein Freund und Goͤnner war, fand er nebſt dem Oberſt⸗Patent den nachgeſuchten Abſchied. Dieſem zufolge wollte der Kommandeur ihm⸗ die zugedachte Heldenrolle erlaſſen, er aber ſchlug es aus, und der Angriffsplan wurde verabredet. Mit dem Abſchiede in der Taſche ſollt' er, wenn er dem Tode und der Ge⸗ fangenſchaft entginge, nach ſeiner Heimath gb ihn fte ihn Ge⸗ 0r Die dem und dem iede ihn abet urde ſche n 291 reiſen. Ein Gleiches, nur ſchneller, ſollte der ehrliche Duval thun. Der Ausfall geſchah, und wurde von d'Horville mit eben ſo vieler Klugheit, als Tapferkeit, geleitet. Der Vortheil neigte ſich auf die Seite der Belagerten. Die Belagerungslinie wurde durchbrochen, und d'Horville ſah ſich mit Duval bald jenſeits derſelben. Aber erſterer war ſtark verwun⸗ det, und mußte in der nächſten Garniſons⸗ ſtadt Halt machen. Duval eilte mit Kou⸗ rierpferden voran. Die Helden jener Nacht zogen, als kaum der Morgen grauete, mit klingendem Spiele in die Stadt zuruͤck. Emilie, welche kein Auge geſchloſſen hatte, lag voll ängſt⸗ licher Erwartung im Fenſter, und glaubte in jedem Federbuſche den Major zu er⸗ blicken. Ein Reiter ſprengte heran. Es war d'Horville's Reitknecht, der ſich mit ſicht⸗ 292 barer Unruhe nach ſeinem Herrn erkundigte⸗ „Sie fragen mich? rief Emilie erblaſ⸗ ſend— Ungluͤcklicher! Wo haben ſie ihn denn gelaſſen oder verlaſſen?“ da erzählte er, wie er ſeinen Herrn in dem Gewuͤhle des Treffens habe vom Pferde ſinken, aber — nach ſeiner Meinung— bald darauf ſich wieder aufraffen geſehen. Da er jedoch nachher trotz alles Aufſuchens ihn nicht wieder habe zu Geſicht bekommen koͤnnen, ſo waͤre ihm nichts uͤbrig geblieben, als allein zuruͤck zu kehren und Jenen in ſei⸗ nem Quartiere anzutreffen oder abzuwar⸗ ten.— Emiliens Unruhe ſtieg zur hoͤchſten Beklemmung. Sie warf ſich ihrem Vater ſchluchzend in die Arme, und beſchwur ihn, naͤhere Erkundigungen einzuziehen. Aber auch dieſe lauteten nicht troͤſtlicher. Alles war voll von dem Lobe des Anfuͤhrers, alles hatte ihn als Helden fechten, einige ihn laſ⸗ ihn hlte hle ber auf och icht en, als ſei⸗ dr⸗ ſen ater h, her lles les ipt 293 ſinken, aber Keiner ihn wieder in den Rei⸗ hen der Seinigen geſehen. Emiliens Bu⸗ ſen zog ſich krampfhaft zuſammen. Der Vater ſuchte ſie zu beruhigen. Wol moͤg⸗ lich, ſprach er, daß der Tapfere verwundet worden. Da inzwiſchen Niemand etwas von ſeinem Tode weiß, ſo iſt wahrſchein⸗ lich, daß er entweder ſich ſelbſt gerettet, oder im ſchlimmſten Falle vom Feinde mit⸗ genommen worden ſey⸗ In beiden Faͤllen iſt er Dir unverloren. Aber ſchon der dritte Morgen ſtrafte des Vaters Hoffnung Luͤgen, denn mit ihm erſchien die Todtenliſte, und d'Hor⸗ ville's Name an ihrer Spitze. Emilie lauerte dem Zeitungsträger auf, und das ungluckliche Blatt fiel zuerſt in ihre Haͤnde. Sie ſank zuſammen. Das Blatt krampf⸗ haft zwiſchen die Finger gepreßt, fand man ſie ohnmaͤchtig auf der Thuͤrſchwelle. 294 D'Horville's Gemahlin war die Toch⸗ ter eines der angeſehenſten und reichſten Haͤuſer in Frankreich. Von fuͤnf Geſchwi⸗ ſtern die älteſte, war ſie, als ſie den jun⸗ gen Gemahl erhielt, laͤngſt über die Bluͤte⸗ zeit der Mädchen weg, und ſowol durch dieſen Umſtand, als durch ihre Mißgeſtalt und Kraͤnklichkeit mit dem Leben zerfallen. Der Beſitz des bildſchoͤnen Ferdinands, den ſie wirklich liebte, wuͤrde ſie damit ausge⸗ ſoͤhnt haben, haͤtte ſie die Kunſt, ihn zu behandeln, verſtanden. Aber durch Natur und Erfahrung zum Argwohn geſtimmt, konnte ſie, wie der Geizige, ihres Reich⸗ thums nicht froh werden; die Furcht vor dem Verluſte raubte ihr den Genuß des Beſitzers. In jedem huͤbſchen Frauenauge ſah ſie eine Angel, in jedem Buſentuche ein Netz fuͤr die Tugend ihres Mannes. Solcher Verdacht fuͤhrte Szenen entwuͤr⸗ vor uge uche vut“ 295 digender Kraͤnkungen, ſolche Kraͤnkungen noch niedrigere Verſoͤhnungsauftritte herbei. Das eheliche Surrogat der Liebe, Achtung und Freundſchaft, ging verloren, und jede Heimlichkeit ſah ſich ſpottelnder Beurthei⸗ lung preisgegeben. Ihre Kraͤnklichkeit ging dadurch bald zur entſchiedenen Abzehrung uͤber, und ſtimmte ſie immer reizbarer.— Nit Ferdinand's Auszuge in's Feld änderte ſich dieſe Lage. Die peinlichen Veranlaſſun⸗ gen zur Eiferſucht hoͤrten auf, und er trat bei ihr in die vollen Rechte ſeines Werthes und ihrer Liebe zuruck. Die Kälte ſeiner Briefe kraͤnkte ſie wenig, da ſie die Ur⸗ ſache mehr in den Krieges⸗, als in an⸗ derweitigen Herzens⸗Verhältniſſen ſuchte. Sehr uberraſchend und ſchmerzlich war ihr daher Ferdinand's Antrag auf Scheidung, der ihr zwar ſo ſchonend, als möglich, bei⸗ gebracht wurde, aber dennoch eine beinahe 296 tödtliche Folge fuͤr ſie hatte. Sie ahnete ſogleich die wahre Veranlaſſung, und ihre Verwandten ſuchten ſie darin zu beſtätigen, um in ihrem Herzen mit Ferdinand's Werthe den Schmerz um ſeinen Verluſt zu untergraben. Dies wollte aber nicht gelingen, und ſie blieb in einer ſehr be⸗ denklichen Lage. Da traf eines Tages der ehrliche Duval ein, und ließ ſich, nachdem er von ihrem Zuſtande unterrichtet war, ſogleich zur Ba⸗ roneſſe fuͤhren. Sie empfing ihn mit Angſt und Freude. Er uͤberreichte ſeine Vollmacht, und erklaͤrte Ferdinand's Scheidungsge⸗ ſuch fuͤr eine Folge der Beſchaͤmung, wo⸗ rein ihn eine augenblickliche Verirrung mit einem D.„ Buͤrgermaͤdchen geſtuͤrzt habe. „Dieſes, gnadige Frau— beſchloß er ſei⸗ nen Vortrag— nahm ſich der gnaädige Herr ſo zu Herzen, daß er ſich nicht mehr —— 297 getrauete, unter Euer Gnaden Augen zu treten. Und um ſich nun den Auftritt der Beſchaͤmung, oder gar der Verſtoßung, zu erſparen, gerieth er auf den deſperaten Ein⸗ fall der Scheidung. Ich erfuhr dieſen Schritt und ſeine uUrſache erſt, als er ſchon geſchehen war. Der Hert Major halten zu Gnaden, ſprach ich, das iſt ein recht dummer Streich. Die gnaͤdige Frau haben Sie ſo lieb, und ſind ſo großmuͤthig, daß ſie Ihnen den kleinen Verſtoß gegen das ſechſte Gebot gewiß wuͤrden verziehen haben. Ja, noch jetzt ubernehm' ich es, Ihre Sache zu fuͤhren, und Sie bei der gnädigen Frau zu entſchuldigen. Sie ſoll Ihnen jeden Vorwurf erlaſſen, und Sie nach wie vor lieb haben. Alles, auch den letzten dummen Streich, ſoll ſie vergeſſen, wenn Sie ihn nur in Zukunft wieder gut machen wollen. Da ſiel mir der gnädige Herr um den Hals, nannte mich ſeinen lieben engliſchen Duval, und eine halbe Stunde darauf ſaß ich mit dieſer Vollmacht zu Pferde.“— Der treuherzige Ton, mit welchem der wahrheitliebende Duval dies Mal log, verſchaffte ſeiner Ausfage bei Thereſen den gewuͤnſchten Glauben, und ihrem geſchwaͤchten Körper einige Erholung. Sie raffte ſich zuſammen, und machte die feierlichſten Anſtalten zum Empfange ihres Mannes; feſt entſchloſſen, ihn durch keinen Vorwurf zu kraͤnken, wenn er das Geſche⸗ hene in der Folge wuͤrde zu verguͤten ſuchen.— Und dies geſchah, denn als ſechs Wochen ſpaͤter d'Horville anlangte, wurde er von ſeiner Gemahlin mit offnen Armen empfangen und denſelben Abend mit einem laͤndlichen Feſte uberraſcht, wel⸗ ches ihm keinen Zweifel uber die Aufrich⸗ tigkeit ihrer Verſoͤhnung uͤbrig ließ. Dies nen be acht mit dies bei und ung. die hres inen ten 299 rührte ihn ſo ſehr, daß er ſie ſortan mit der hoͤchſten Schonung und Delikateſſe be⸗ handelte, welcher ſie in gleichem Maaße zu entſprechen ſuchte. Der Gedanke an Emilien ſtieg zwar noch oft genug in ihm auf, aber er wußte ihn durch das lebhafte Pflichtgefuͤhl und durch die Beſchäftigung mit ſeinen Söhnen zu unterdrücken, deren Erziehung er ſich mit ganzer Seele hingab. Sie gediehen auch ganz nach ſeinem Wun⸗ ſche; der Frohſinn und die Liberalität des Vaters ſchienen ihr angebornes Erbtheil. Sein Verhaͤltniß zu Thereſen hätte man jetzt ein gluͤckliches nennen koͤnnen, wenn ihre immer ſchwächere Geſundheit und haͤu⸗ figen Nervenzufaͤlle es nicht geſtort hätten. Aber je ſchwaͤcher ſie wurde, deſto mehr nahm ihre Zärtlichkeit fuͤr Ferdinand zu, und er naͤſſ'te oft mit dankbaren Thraͤnen das Schmerzenskuͤſſen der Kranken. 300 Emilie war in eine hitzige Krankheit verfallen, während welcher ſie den Todten in rührenden Toͤnen zuruͤckrief. Als ſſie, unterſtutzt von ihrer kraͤftigen Natur und einer ſorgſamen Pflege, endlich wieder ge⸗ nas, blieb eine Schwermuth zuruͤck, die wie ein dunkler Schatten die Sonne ihres Lebens verhuͤllte. Ohne Kraft, ſich zu einer freudigen Vorſtellung zu erheben, war das Grab des Gefallenen ihre einzige Zu⸗ flucht. Denn als ſie kaum geneſen war, mußte Ferdinand's Reitknecht ihr die Stelle zeigen, wo er ſeinen Herrn ſinken ſehen, und eben dort erhob ſich ein friſcher Huͤ⸗ gel, noch von keinem Denkmale geſchmuͤckt. Sie wollte ihn ſchmuͤcken. Lag ja unter ihm die Bundeslade ihrer Liebe, und die Huͤlle deſſen, der in beſſern Regionen ihrer harrte. Taͤglich wallfahrte ſie nach dem Huͤgel, bepflanzte ihn mit Roſen und 3y⸗ eit ten ſi, u⸗ at, , o⸗ kt. er ie et 301 preſſen, und hielt die welkenden friſch durch ihre Thränen. Allem uͤbrigen abgeſtorben, war dieſe Wallfahrt das einzige wichtige Geſchäft ihres Lebens, von welchem ſie weder Hitze noch Sturm und Regen abzu⸗ halten vermochte. Ihre Eltern ſahen ſie verbluͤhen, und gingen, ſie aufzuheitern, mit ihr ins Reich ihrer Traͤume ein. Heim⸗ lich aber verwuͤnſchten ſie das Schickſal, welches dieſe Schale des Jammers uͤber ſie ausgegoſſen hatte. Der Donner des Krieges war ſeit Jahren verſtummt, und manche ſeiner blu⸗ tigen Spuren erloſchen; neue Saaten der Hoffnung wogten auf den Graͤbern der Gefallenen, und deutſche Freiheit erhob ihr Siegespanier, wo franzöſiſche Tyrannei gewuͤthet hatte— da wallfahrte Emilie noch immer, einem Schatten ähnlich, zur Gruft des Geliebten, ein Gegenſtand des 302 Erbarmens fuͤr Jeden, der des Weges vor⸗ beikam. Einſt kniete ſie gegen Abend vor dem Huͤgel, den ſie eben mit Thränen und friſchen Blumen bekraͤnzt hatte. Die unterſinkende Sonne beleuchtete mit ihrem Scheideſtrahl das Antlitz der halb Verklaͤr⸗ ten, die, in den Gedanken des Wiederſehens verloren, ihre Sehnſucht in einem ſtillen Gebete aushauchte. Wunderbar fuͤhlte ſie ſich heute ermuthigt, frohe Ahnungen ſchie⸗ nen ſie zu beleben, ſuͤße Stimmen ſie zu umfluͤſtern— ſie dankt dem Schoͤpfer fuͤr dieſes Vorgefuͤhl der Seligkeit. Geſtaͤrkt will ſie ſich jetzt erheben— da hoͤrt ſie von einer laͤngſt verklungenen Stimme ſich genannt, und fuͤhlt mit noch nicht vergeſ⸗ ſener Zaͤrtlichkeit ſich umſchlungen. Den Kopf ruͤckwaͤrts gewendet, blickt ſie auf— es iſt Ferdinand, der ſie in den Armen haͤlt. Ein Schrei des Entſetzens und Ent⸗ en 303 zuͤckens entfaͤhrt ihren Lippen; Ferdinand's Kuͤſſe wecken die Ohnmaͤchtige. Thereſe war nicht mehr. Ihr gedruͤck⸗ tes Leben war immer mehr und mehr in ſich zuſammengeſunken; der Hauch der Freude vermocht' es nicht mehr zu entfalten. Die Sonne von Ferdinand's Liebe konnte die halb Erſtarrte nur umſtrahlen, nicht mehr erwärmen. Dankbar fuͤr ſeine zärt⸗ liche Behandlung in den letzten Jahren, entſchlief ſie in ſeinen Armen, die mit herzlicher Wehmuth ſie umſchloſſen⸗ Ihr letzter Wille ſetzte ihn als Erben ihres Ver⸗ moͤgens ein, und empfahl ihm die fernere Bildung ihrer Kinder. Eine glänzende Be⸗ erdigung ehrte der Hingeſchiedenen Manen, und eine ruͤhrende Grabſchrift ihr Denkmal. Sodann reiſ'te er mit ſeinen Soͤhnen nach ver Hauptſtadt, woſelbſt er ſie einem der beruͤhmteſten Inſtitute anvertraute. 3 4 So lange Thereſe gelebt hatte, wollte Ferdinond nichts von dem fernern Schick⸗ ſale Emiliens wiſſen, und wich ſorgfältig jeder Gelegenheit aus, die ihm daruͤber Licht geben konnte. Jetzt, zwei Monate nach Thereſens Hintritt, als er die Kinder verſorgt und ſich wieder einige Zerſtreuung gegönnt hatte— jetzt zog er, fuͤrchtend und hoffend die erſte Erkundigung uͤber die noch immer Geliebte ein. Was er erfuhr, entflammte ſeine Liebe zur Begeiſterung, ſeine Hoffnung zur freudigſten Zuverſicht. Schnell waren ſeine haͤuslichen Angelegen⸗ heiten in Ordnung gebracht, und er mit dem ehrlichen Duval auf dem Wege nach D. Die eingezogne Nachricht uber die Lebensweiſe Emiliens fuͤhrte ihn nach ſeinem eignen Grabe, wo er ihr als ein Engel der Auferſtehung erſchien. Jauchzend führte Emilie den Aufer⸗ lte ltig ber tate ber ung end die hr, n9 cht. en⸗ mit ach die en gel 305 ſtandenen bei den Eltern ein, welche der Schrecken auf einige Sekunden der Sprache beraubte. Dann gingen auch ſie zum Jubel uͤber, umarmten den verloren Geglaubten, und baten ungeſtüm um die Geſchichte ſei⸗ nes Todes, wie ſeiner Auferſtehung. Der ſtrengſten Wahrheit gemaß theilt' er ſie ihnen mit. Die Eltern runzelten oft die Stirn, und blickten Emilien mit erinne⸗ rungsvoller Wehmuth an. Sie ſelbſt aber lobte des Geliebten Entſagungsmuth, und feierte den Triumph ſeines ſiegenden Ge⸗ wiſſens. Aller uberſtandener Leiden ver⸗ geſſend, ſchloß ſie ihn in die Arme, und fuͤhlt noch jetzt ſich von den Seinigen um⸗ ſchloſſen⸗ Ferdinand's Soͤhne lieben in ihr die zaͤrtlichſte Mutter und der reichbelohnte Duval die freundlichſte Gebieterin Der Geiſterbrief. Euphroſine kniete am Sterbebette ihrer Schweſter, Roſalie; ein Engel zu den Fuͤ⸗ ßen einer Verklaͤrten. Ihr Schluchzen durch⸗ bebte die lautloſe Stille des Zimmers, und die Nachtlampe neigte ſich ihrem Erloͤſchen entgegen. Da richtete die Kranke ſich im Bette auf, und zog die Weinende an ihr Herz.„Warum weinſt Du, Geliebte, ſprach ſie lispelnd, da die Lebensmuͤde eingeht zur Ruhe? Die Hand des Schickſals lag ſchwer auf mir, mich feſſelte an dieſe Welt nichts, als Du und meine Kinder; werde dieſer 307 unglucklichen Mutter, wie Du mir Schwe⸗ ſter warſt, und ich ſcheide freudig von hin⸗ nen. Euphroſine hob den Thränenblick ſtarr zur Schweſter.„Ja, fuhr dieſe fort,„ich kenne ganz das Opfer, das ich von Dir fordere. Du aber haſt von mir an ſeinem Altare bluten gelernt; die kleinen Waiſen wuͤrden den Martertod ſterben.“ Staͤrker hter ſchluchzte jene, und hob die Finger ſchwö⸗ Fi⸗ rend gen Himmel. Roſaliens Gatte trat ch⸗ herein, und wollte dem Bette ſich naͤhern. und Da flackerte die Nachtlampe hoch auf, der chen Bebende blieb wie eingewurzelt ſtehen, und im die Verklärte lag entſeelt in der Schweſter iht Armen. rch Tomaſino war ſchon hoch in Jahren, zur als er um Roſalien gefreiet hatte. Was wer ihn zu ihr hinzog, war weder Liebe, noch htö, Freundſchaft, ſondern Wolluſt, angefacht ieſt von den Reizen der Unſchuld. Ein Strahl 308 aus ihrem Himmel hatt' in ſeiner Bruſt eine Hoͤlle entzuͤndet. Wie mehrere ihrer ungluͤcklichen Nitſchweſtern, wurde ſie ein Opfer des Eigennutzes und der Convenienz⸗ Tomaſino war reich und angeſehen, und ſie wurde von einem hartherzigen Vater an ihn verkauft. Sieben Marterjahre verlebte ſie an ſeiner Seite, der ganzen Willkuͤhr ſeiner Rohheit und Laune preisgegeben⸗ Sie duldete, wie eine Heilige, und ſuchte ſich an der Liebe ihrer Schweſter und zweier holden Engelsknaben aufrecht zu erhalten. Allein die Laſt war zu ſchwer, und das zarte Baͤumchen knickte in ſeiner Bluthe. Euphroſine, die juͤngere, uͤbertraf an Schönheit und Reiz ſelbſt ihre Schweſter, und ſah ſich ſchon bei den Lebzeiten jener den Nachſtellungen Tomaſino's ausgeſetzt⸗ Roſalie wußte darum, ſuchte die Tugend⸗ hafte zu beruhigen, und weinte im Stillen⸗ uſt net ein nz ſie an bte ühr ben. chte Nier ten. das f au ſer ener ſetz. end⸗ len 309 „Vielleicht, ſprach ſie bei ſich ſelbſt, geht einſt aus dieſer ungluͤckſeligen Leidenſchaft das Gluͤck meiner Kinder auf, vielleicht entfaltet dieſe Trauerblüthe eine freudige Frucht auf meinem nahen Grabe.“ Dieſe Hoffnung ſprach ſich auf der Sterbenden Lippe als Wunſch aus, welchem Euphroſine ein ſchwärmeriſches Dafeyn opferte. Aber Tomaſino, der Greis, war nicht edler, als Tomaſino, der Mann. Seine Sinnlichkeit fuͤhlte ſich bald in den uner⸗ ſchoͤpflichen Reizen ſeiner jungen Gattin erſchoͤpft, und Ohnmacht und Ueberdruß des Tyrannen ſtuͤrzten die Bejammerns⸗ werthe in eine bodenloſe Tiefe. War Ro⸗ ſalie in dumpfer Finſterniß dahingewandelt, ohne je das Licht erkannt zu haben, ſo mußte dieſe zum großeren Ungluͤck ein Goͤtterſtrahl der Liebe ihre Nacht erleuchten, um ſie finſterer zuruckzulaſſen. 310 Eines Tages ſaß Euphroſine auf dem Sopha, mit dem Anzuge eines von Ro⸗ ſaliens, nun ihrer Kinder, beſchaͤftigt. Des Knaben ſuͤßer Anblick ward zur ſchwaͤrme⸗ riſchen Erinnerung an ſeine Mutter, und ihre Thraͤnen fuͤgten ſich zur Perlenbruͤcke hinuͤber zur Vollendeten. In Wehmuth aufgeloͤſ't, druͤckte ſie den kleinen Amor an's Herz, und von ihren Lippen bebte der Name: Roſalie! Es wurde an die Thuͤre gepocht, und ſie vernahm es nicht. Die Thuͤr ging auf, und herein trat ein junger Mann, der, unbemerkt von Kind und der Mutter, auf der Gruppe ſchweigend ver⸗ weilte. Jetzt blickte der kleine Emil auf, und rief erſchreckt: Mutter! ein Mann! Die Erroͤthende ſah auf, trocknete haſtig ihre Thraͤnen, und fragte verlegen nach des Fremden Anliegen. Verzeihen Sie, ſprach dieſer, daß ich ohne mein Verſchul⸗ — 311 den eine ſo ruͤhrende Seene unterbreche. Ich pochte an, und.. meine ſchleunigſte Entfernung ſoll...— Keinesweges, ver⸗ ſetzte die Gefaßte, belieben Sie ſich viel⸗ mehr niederzulaſſen und mir den Gegen⸗ ſtand Ihres Beſuches mitzutheilen.„Die⸗ ſen, erwiederte der Fremde, wird dies Schreiben Ihnen rroͤffnen.“— Es war die Empfehlung eines angeſehenen Handlungs⸗ hauſes an ihren Mann. Der Vorzeiger wurde darin als ein vornehmer Reiſender, der ſich einige Wochen in T. aufzuhalten gedenke, Tomaſino's Dienſtgefäͤlligkeit auf's Dringendſte empfohlen. Euphroſine las das Schreiben fluͤchtig und erroͤthend durch, und gab es dann mit den Worten zuruͤck: Sie werden meinen Mann, wenn Sie ſich bemuͤhen wollen, auf ſeinem Comptoir treffen. Stumm verbeugend entfernte ſich der Fremde. 312 Der Ritter von Sancta Cruzza— fo hieß unſer Reiſender— war aus einer der angeſehenſten Familien Spaniens. Ein⸗ ziger Sohn ſeiner Eltern, waren auf deſ⸗ ſen Erziehung und Bildung bedeutende Summen, und zwar mit dem ſeltenſten Erfolge verwendet worden. Mit Empfeh⸗ lungen und Wechſeln reich verſehen, hatte er ſeit drei Jahren ſein Vaterland, Frank⸗ reich und Deutſchland bereiſ't, und traf jetzt in T., einer Graͤnzſtadt Ikaliens, ein, wo wir ihn eben ſein Empfehlungsſchreiben haben abgeben ſehen. Tomaſino empfing den Ritter mit aller Devotion eines Buͤrgerlichen, deſſen ge⸗ ſchmeicheltem Stolze ein hoher Adeliger empfohlen wird. Noch an demſelben Tage erfuhren deſſen Freunde, Nachbarn, Be⸗ kannte und Unbekannte mit bedeutender Miene die Ankunft eines ſpaniſchen 3¹3 Grand's, der in einer geheimen Miſſion Eu⸗ ropa durchreiſe, und an das Tomaſinoſche Haus empfohlen ſey. Bei den Stadtho⸗ noratioren liefen Einladungskarten für den naͤchſten Tag auf ein Diner umher, und Euphroſine hatte zum erſten Male den Auf⸗ trag, kein Geld zu ſchonen, um dieſes ſo glaͤnzend, als moͤglich, zu veranſtalten. Der Mittag und die Gäſte erſchienen. Don Antonio hatte ſeinen Sitz neben der ſchoͤnen Wirthin. Jeden, und beſonders die anweſenden Damen auf das Verbind⸗ lichſte unterhaltend, beobachtete er gegen jene eine Art Nichtunterhaltung, welche auf das Verſchiedenartigſte gedeutet und beurtheilt wurde. Die ſchoͤnen Damen fan⸗ den darin den Triumph ihres Reizes; die Haͤßlichen den doppelten, ihrer Erhebung und der Demuͤthigung der„Eingebildeten 3 Tomaſino verzweifelte beinahe uͤber den 314 verungluͤckten Eindruck der„Empfindſamen“ auf den hohen Gaſt; ſie ſelbſt aber war— aus dieſen ganz entgegengeſetzten Gruͤn⸗ den— ſehr unruhig und verlegen. Neid und Eitelkeit ſehen ſcharf, aber ſie ſehen bloß; indeß ein, durch langes Leiden und den erſten Pulsſchlag der Liebe angereg⸗ tes, Gemuͤth fuͤhlt— und mit ſeiner Er⸗ kenntniß weiter und tiefer reicht, als die erſtern. Daher konnte es Euphroſinen nicht entgehen, wie aͤngſtlich der Ritter jede kurze Pauſe benutzte, um einen pruͤfenden Blick auf ihren Mann und dann einen wehmuͤ⸗ thigen auf ſie zu werfen; wie zaͤrtlich und bebend jedes fluͤchtige Wort an ſie klang, und wie ſehr er ihre ängſtlichen Beobach⸗ tungen der Andern theile.— Jetzt war die Tafel zu Ende, man ſchied unter ge⸗ genſeitigen Complimenten auseinander, und Euphroſine fluͤchtete auf ihr Zimmer, um ng, at nd n 3¹5 die erſten ſuͤßen Thränen ihres Lebens auszuſtroͤmen. Antonio war im fuͤnf und zwanzig⸗ ſten Jahre, und verband mit dem ſpaniſch⸗ feurigem Temperamente, der bilderreichſten Fantaſie und dem leis und tief fuͤhlenden Gemuͤth einen pruͤfenden Verſtand und ausdauernden Willen. Unter der Aufſicht eines aufgeklaͤrten Erziehers erwachſen, durch die klaſſiſche Literatur und Kunſtproducte aller Nationen gebildet, hatte jede dieſer Seelenkraͤfte den gehoͤrigen Grad von Schwung und Feſtigkeit erhalten, und alle ſtanden unter einander im ſchoͤnſten Ver⸗ haltniſſe. Nichts war bei ihm vorherrſchend, als die Religioſität, welche oft, die Hoͤhen der Begeiſterung überfliegend, in ſchwär⸗ meriſchen Aberglauben ſich verlor. In allem Andern war er Kosmopolit, in dieſem allein war er Spanier. Aber auch hier nur im 316 edelſten Sinne. Fern von Bekehrungs⸗ und Verfolgungsſucht drang er ſeine Grundſätze und Anſichten Niemanden auf; er fluͤchtete vielmehr mit dem Ideal alles Hohen und Schoͤnen eiferſuͤchtig in ſein Inneres. Nur vor Raphaels, Correggios und Guido Renis Zauberſchoͤpfungen ſchloß ſich dieſes auf, und dann flog ſein Gebet, wie auf Seraphs Fluͤgeln, gen Himmel. Noch hatte er nicht geliebt; denn noch war ihm unter den Gebilden der Natur keines begegnet, das jenem der Kunſt und ſeiner Fantaſie entſprochen haͤtte. Jetzt— an einem Tage, da er Euphroſinen unbe⸗ merkt uͤberraſchte— jetzt zum erſten Male ſchlug ſeine Stunde. Dieſe jugendlich rei⸗ zende Mutter, hingebeugt mit dem Blicke der Liebe und der Thraͤnen uͤber den ſchoͤnen Knaben— warlich, dieſe konnte ihre Wir⸗ kung nicht verfehlen. Eine ſolche Madonna ch 37 doloroſa hatte noch kein Pinſel hetvorge⸗ zaubert; hier ſah die hoͤchſte Kunſt von der ſchoͤnſten Natur ſich übertroffen. Ach; er haͤtte hinſinken moͤgen zu ihren Fußen, und aufbeben zu ihr, wie er noch vor keinem Gnadenbilde gebetet hatte. Er hätte... aber ſie war Tomaſino's Gattin, und jede Ergießung vor ihr waͤre Frevel geweſen gegen Diejenige, deren Urbild er in ihr verehrte. Er raffte all' ſeine Kraäͤfte zu⸗ ſammen, und betrug ſich ſo gefaßt, wie wir ihn geſehen haben⸗ In Tomaſino ſelbſt fand ſein Kenner⸗ blick ſogleich denjenigen, der er wirklich war, und ein Schauder durchlief ihn bei der Vorſtellung des unſeligſten Verhält⸗ niſſes. Wir haben ihn bei der Tafel mit Euphroſinens Augen betrachtet, und mit ihr auf dem Grunde ſeiner Seele geleſen. Dieſe war auf ihr Zimmer geflüͤchtet. 3¹8 Auch ſie hatte ein dunkies Bild hoher idealiſcher Maͤnnlichkeit in ihrer Seele ge⸗ tragen, deſſen Zuͤge aber bei ihrer gaͤnz⸗ lichen Abgeſchiedenheit von der Natur⸗ und Kunſt⸗Welt zu keiner ſolchen Deutlich⸗ keit, wie bei Antonio, gelangt waren. Jetzt, da dieſer ihr unbemerkt, wie ein Ueberir⸗ diſcher, erſchienen war; da er vor ihr ſtand in der vollendetſten männlichen Schoͤnheit, und ihr in's Auge ſah mit dem ſchwaͤr⸗ meriſch⸗ſuͤßen Ernſt; da ſie den zaͤrtlichen nie vernommenen Klang ſeiner Stimme hoͤrte, da ertoͤnten auf ein Mal, wie aus langem Schlummer, alle Seiten ihres Her⸗ zens, und jeder toͤnte: Er iſt's! Die Scene, bei welcher er ſie uͤberraſcht hatte, machte ihn im erſten Augenblicke zum Ver⸗ trauten ihre Lage und ihres Gefuͤhls, und bahnte dieſem einen weit kuͤrzern Weg, als er ſonſt genommen haben wuͤrde. Die 3¹9 Folgen dieſes erſten Eindrucks weniger, als er, der Erfahrne, uͤberſchauend, war ſie ſchneller, als er, wieder gefaßt, und ſah nach ſeinem Abſchiede mit ruhigem Verlangen dem nächſten Tage entgegen, welcher den Herrlichen zum zweiten Male ihr zufuͤh⸗ ren ſollte. Nun aber, da ſie an ſeiner Seite ſaß, und ein dunkles, doch ſicheres Gefuͤhl, ihr ſagte, was ſie ihm ſey: nun fing ſie an, die Folgen dieſes gegenſei⸗ tigen Verhaͤltniſſes zu uͤberdenken, und ſchauderte vor Schmerz und Wonne zuſam⸗ men.— Da lag ſie hingeſtreckt vor dem Bilde der Hochgebenedeiten, dankend und flehend wegen des gefahrvollen Gluͤcks, das ihr ward; das wie ein praͤchtiger Ko⸗ met aufgegangen war, am Horizont ihres Lebens.„Laß gnadenreiche Mutter— ſo flehte ſie— es leuchtend, aber nicht verderbend an mir voruͤber gehen; laß es 320 ſeine freundlichen Strahlen werfen in die Nacht meines Daſeyns, aber nie, mein ewiges Heil verzehrend, es entzuͤnden.“— Ein tiefer Schauer durchbebte ihr Inneres, und der Engel der Gewährung 6 ernſt laͤchelnd auf ſie nieder. Vier Wochen waren ſeit Antoniod's An⸗ kunft in T. verſtrichen. Seine bekannte Kunſtliebhaberei machte deſſen Aufenthalt an einem, in dieſer Hinſicht ſo reichhaltigen, Orte Jedermann unverdächtig. Dieſem umſtand kam die gebrauchte Vorſicht zu Huͤlfe, daß er außer Tomaſino's Haus mehrere andere beſuchte, und ſo den allen⸗ falſigen Argwohn irre leitete. Unter dieſen Haͤuſern war beſonders eins, des Grafen Alleſſandro, deſſen Tochter, Seraphine, eine vertraute Freundin Euphroſinens war. An⸗ tonio's Beſuche bei dem Grafen wurden von Jedermann auf Rechnung dieſer Freundin 321 geſchrieben. Nur ſie ſelbſt und Euphroſine hatten hieruͤber, wie leicht begreiflich, eine andere Anſicht. Dieſe fuͤhlte richtig, und jene beſcheiden genug, um in Antonio's haͤufigen Erſcheinungen etwas anders, als einen indirecten Umgang mit Euphroſinen, zu erkennen. Dieſer Umgang war aber keinesweges ein verabredeter, und hatte nichts von dem Gehäſſigen eines ſolchen. Noch ſchwebte die Weihe ihres Bundes mit heiligem Verſtummen über den Liebenden, und kein Geſtändniß hatte bis jetzt das zarte Ge⸗ heimniß entheiligt. Die wahre Liebe gleicht dem gebannten Geiſte im Maͤhr⸗ chen, der ſeinem Beſchwörer nur ſo lange unterthan iſt, als das rein kryſtallene Ge⸗ faß ihn umgiebt. ———„Einmal entlaſſen Des Himmels Winkel, ihrem ſichern Aufenthalt, 2T 322 Gehort ſie jenen tuͤckiſchen Mächten an, Die keines Menſchen Kunſt vertraulich macht.“ Beide Herrlichen ſahen, ſprachen und liebten ſich bis zur Anbetung, ohne jedoch eine andere Buͤrgſchaft, als die der eignen Empfindung, dafuͤr zu haben. Jedes fuͤhlte des Himmels Tiefe in ſeiner Bruſt, ohne ihn, wie den Himmel uͤber ſich, zu begreifen. So ſtrichen Tage, Wochen, Monde und endlich ein Jahr dahin, als ploͤtzlich die äußeren Verhältniſſe ſich aͤnderten, und den Liebenden eine harte Pruͤfung bereiteten. Graf Aleſſandro war ein Neuadeliger und, wie die meiſten ſeines Standes, an⸗ ſpruchsvoll und eitel. Was Wunder alſo, baß unter denjenigen, welche Antonio's Beſuche in ſeinem Hauſe auf eine Nei⸗ gung zur Tochter deuteten, er der erſte war! Und wie ſehr mußte der neuadelige T. ner Stolz durch die Ausſicht, auf 33 eine Verbindung mit dem altkaſtiliſchen ſich geſchmeichelt fuͤhlen. Keine Schmei⸗ chelei, kein Aufwand wurde geſpart, um die Schlinge, welche ſeinem Beduͤnken nach die Tochter bereits um den Ritter geworfen hatt, feſter zuzuziehen, und mit heißer Ungeduld ſah er der Nachricht dieſes koſt⸗ baren Fangs entgegen. Als dieſe zu lange zögerte, ſprach er mit Seraphinen ſelbſt, deren ſchamhafte Gluth ihn in ſeiner Hoff⸗ nung mehr beſtaͤrkte, als ſie ihn davon haͤtte abbringen ſollen. Dieſe geſteigerte Hoffnung ſteigerte aber zugleich ſeine Un⸗ geduld, und veranlaßte ihn zu einigen ſehr unzweideutigen Anſpielungen gegen den Ritter ſelbſt, der, wie aus den Wolken ge⸗ fallen, gleich Seraphinen verſtummte. Als dieſer aber nun eine geraume Zeit ſeine Beſuche ausſetzte, und bei dem erſten, auf des Grafen dringende Einladung erfolgten, 324 in ſeinem Stillſchweigen beharrte: da regte ſich in Aleſſandro's Bruſt die beleidigte Eitelkeit, und machte ſich in den gemeinſten Ausdrucken Luft. Antonio mied nun deſſen Haus aufs Neue, und zwar mit dem feſten Vorſatze, es nie wieder zu betreten. Was aber ſeine Lage bis zur Verzweiflung trieb, war eine mit dieſem gleichzeitig eingetre⸗ tene Spannung mit Tomaſino, deſſen Un⸗ willen er ſich durch eine fluͤchtige Nach⸗ läſſigkeit in oͤffentlicher Geſellſchaft zuge⸗ zogen hatte. Dieſer Zufall von außen griff tuk⸗ kiſch in den inneren Frieden dreier See⸗ len, und bereitete denſelben eine nie ge⸗ ahnete Zukunft.— Des Vaters unvor⸗ ſichtige Aeußerungen warfen in Sera⸗ phinens Herz einen Brand, der um ſo ſchneller um ſich griff, je mehr ſie den⸗ ſelben zu erſticken ſtrebte. So wenig ſie 325 bisher auf die ſtumme Möglichkeit geachtet hatte, ſo ſehr merkte ſie jetzt auf die ausgeſprochene. Bisher war der unter⸗ druͤckte Wunſch ein Opfer, das ſie dem Gluͤcke zweier Liebenden brachte; jetzt von Antonio ausgeſchlagen, war er ein Zwang, gegen welchen ihr Stolz ſich empoͤrte. Bisher gereichte ihre Entſagung den Lie⸗ benden zum Vortheil; jetzt bei dem ganz⸗ lich unterbrochenen Umgange beiber, war ſie fruchtlos. Was jenen noch ubrig blieb, ver⸗ lor ſich immer mehr in die luftige Geſtalt einer Chimare, gegen welche es immer ſchwerer fiel, eine glaͤnzende Wirklich⸗ keit zum Opfer zu bringen. Sie fuͤhlte in ſich den Werth und die Moͤglichkeit, An⸗ tonio's Gluͤck zu ſchaffen, wenn Euphro⸗ ſinens Geiſterliebe ihr nicht geſpenſtiſch im Wege ſtaͤnde. Solchen Betrachtungen er⸗ liegend, wuͤrde ihr Verhältniß zu dieſer 326 ſich geaͤndert haben, wenn nicht gegenſei⸗ tige Zartheit es erhalten hätte. Antonio litt zwiefach. Die gewalt⸗ ſame Verbannung von Euphroſinen beugte ihn nieder, und ließ ihn die freiwillige von Seraphinen deſto ſchmerzlicher em⸗ pfinden. Wie wohlthätig waͤre jetzt der vertraute Umgang mit der Vertrauten ſei⸗ ner Geliebten fuͤr ihn geweſcn. Wie reich haͤtten ſolche Unterhaltungen fuͤr ihn ſeyn muͤſſen, an Klag' und Troſt, und theil⸗ nehmender Vermittlung. Daß ſich Sera⸗ phine zu letzterer gern wuͤrde hergegeben haben, bezweifelte er keinen Augenblick; da er den Einfall einer Verbindung zwiſchen ihr und ihm einzig auf Rechnung des Vaters ſchrieb. Sie aber— ſie wußte ja um ſeine Liebe zu Euphroſinen;— in der That wuͤrde der Schwaͤrmer Seraphinen gehaßt haben, haͤtte er gewußt, in welche 327 liebende Verhaͤltniſſe ſie in dieſem Augen⸗ blicke ſich mit ihm zuſammen dachte. Wochen und Monde verſtrichen, ohne daß er Geliebte und Freundin irgend an⸗ ders zu ſehen bekam, als beim Ein- und Ausgang der Kirche. Aber die tiefe Blaͤſſe auf dem Antlitze der erſtern erfuͤllte ihn mit ſolcher Angſt, daß er einen gewagten Schritt gethan haben wuͤrde, haͤtte nicht das Schickſal einen leichtern ausgemittelt. Graf Aleſſandro war auf einige Wochen verreiſ't. Kaum hatte Antonio dieſe Nach⸗ richt erfahren, als er zur hoͤchſten Ueber⸗ raſchung Seraphinens in ihr Zimmer ſturzte, und ſie mit haſtiger Angſt um Nachricht von Euphroſinen beſchwor. Sie iſt nicht ganz wohl, ſagte jene mit einer Verlegen⸗ heit, welche mehr ihrer eigenen Situation, als der bedenklichen Lage ihrer Freundin galt. Antonio aber ſetzte ſie frommglaͤubig 3²8 auf Rechnung der letztern, und mit ſeinem Kummer wuchs ſeine Theilnahme an der theilnehmenden Freundin. Er gab ihr dies mit Haͤndedruck und Worten zu erkennen. Seraphinens Thraͤnen ſtroͤmten, und er kuͤßte eine dieſer Perlen von dem ſchoͤnen Arme weg, auf den ſie gefallen war. Nur das Einzige wollte ihn befremden, daß die Freundin ihm auf mehrere indircete An⸗ fragen nichts von Euphroſinens Aeuße⸗ rungen über ihn mittheilen zu wollen ſchien. Er entſchuldigte ſie aber im Herzen mit einem in dieſer Hinſicht muthmaßlichen Verbote der Geliebten. Die wahre Urſache aber war weit einfacher. Euphroſine hatte die zunehmende Neigung der Freundin ge⸗ gen den Freund nur gar zu ſehr gemerkt und ſorgfaͤltig jedes Wort vermieden, wel— ches Oel in eine hoffnungsloſe Flamme gie⸗ ßen konnte.— Beim Abſchiede bat An⸗ 3²) tonio um die Erlaubniß, wieder kommen zu dürfen, was Seraphinens Liebe— ob⸗ gleich das Unſchickliche fuͤhlend— ihm zo⸗ gernd zugeſtand. Aber die Gewiß heit, daß dieſe Liebe eine hoffnungsloſe ſey, litt in Euphroſinens Herzen einige Erſchuͤtterung, als ſie aus der Freundin Munde zwar den jedesmaligen Beſuch Antonio's, niemals aber den In⸗ halt ſeiner Geſpraͤche erfuhr. Und doch war dieſer kein anderer, als— die Geliebte. Nur wenn die Seufzer oder Thraͤnen der oft ſehr zweideutig angeregten Freundin ſtrömten, erhielt dieſe einen dankbaren Blick oder Händedruck. So ſelten aber ſolche waren, ſo ſorgfältig hielt die immer ſchwaͤrmeriſcher liebende Seraphine ſie zu⸗ ſammen, und flocht die goldenen Fäden in das Spinngewebe ihrer Hoffnung. Dieſes heimliche Gewebe vermehrte ihr ſträfliches 330 Bewußtſeyn gegen die Freundin, und war die Grundurſache ihres Schweigens. Sich ſelber freilich gab ſie eine ganz andere an. Sie wollte die nun gaͤnzlich hoffnungsloſe Neigung beider Theile nicht durch gegen⸗ ſeitige Mittheilungen nahren. Dieſe Ur⸗ ſache vermuthet' und ehrte auch Euphro⸗ ſine, und nur zuweilen regte ſich in ihr der Zweifel, ob Seraphinens Schweigen nicht vielmehr Antonio's Erkalten als deſſen zunehmende Waͤrme bedeckte. Aber grade in ſolchen Momenten war es, wo ſich die Heldengroße des Weibes offenbarte. Weit entfernt, Seraphinen(im vorausge⸗ ſetzten Falle dieſe gluͤckliche Nebenbuhlerin) anzufeinden, ſchloß ſie ſich an dieſelbe mit immer größerer Herzlichkeit an, feſt ent⸗ ſchloſſen, wenn ihre Vermuthung ſich be⸗ ſtatigt faͤnde, alles zur Vereinigung der Liebenden beizutragen. Nur die Furcht, der Freundin im Verneinungsfalle wehe zu thun, hielt ſie ab, bei Seraphinen grade anzufragen, und dann die ſchleunigſten Mittel zu dieſem Zwecke zu ergreifen⸗ Das Zartgofühl gebot ihr einen langſa⸗ mern Entdeckungsweg.— Aber eben dieſe Zweifel, und dieſe ſtill großmuͤthigen Auf⸗ opferungen, griffen das ſchwache Gebaͤude ihrer Geſundheit immer mehr an, und drohten mit einer nahen Zerſtoͤrung. Einſt beſuchte Antonio ſeine Freundin in einer ſehr aufgeregten Stimmung. Er brachte einen neu erſchienenen Roman mit, welcher eine hoffnungsloſe Liebe zum Ge⸗ genſtande hatte. Mit hinreißendem Gefuͤhl las er ihr einige Scenen daraus vor, und aus verſchiedenen Quellen entſprungen, ver⸗ einigten ſich ihre Thraͤnen in einen Strom. Seraphine fuͤhlte ſich zu erſchuͤttert, um weiter zuzuhoren, und beſchwor den Freund, 33* einzuhalten. Dieſer druͤckte ſie, ſich ſelbſt vergeſſend, an's Herz, preßte auf den ſchöͤnen Mund einige gluͤhende Kuͤſſe, und verließ trunken die Berauſchte. Als Euphroſine den naͤchſten Tag die Freundin beſuchte, da ſiegte in dieſer die edlere Natur, und ſie vermochte nicht laͤn⸗ ger, ſich zu verſtellen gegen das Weib, deſ⸗ ſen unbefangene Gegenwart ſie zu Boden druͤckte. Mit zagendem Schritte betrat ſie Anfangs den Weg der Erklaͤrung, welchen ſie dann, von der entgegenkommenden Freundin ermuntert, muthvoll vollendete. Beide verſchloſſen ſich auf Seraphinens Fabinet, welches ſie erſt nach anderthalb Stunden wieder verließen. Wie ſehr in⸗ zwiſchen dieſe Unterhaltung Euphroſinen angegriffen haben mochte— bewies, als ſie heraustrat, ihr wahrhaft leichenblaſſes Geſicht und ſchwankender Gang.— Eben 333 wollte ſie, von Seraphinen unterſtützt, aus dem Zimmer nach ihrem Wagen wanken, als Antonio eintrat. Euphroſinens Ge⸗ ſicht und Haltung erblicken, und ſie mit einem Schrei der Liebe und des Schrek⸗ kens in die Arme ſchließen, war das Werk einer Sekunde. Allein ihr brechendes Auge wehrte den Ungeſtuͤmen ab, und ſie wurde bewußtlos in den Wagen gehoben. An⸗ tonio ſturzte wie im Wahnſinn nach ſei⸗ ner Wohnung⸗ Es durfte ſchwer zu entſcheiden ſeyn, welchen dieſer drei Anweſenden der Blitz eines ſolchen Zuſammentreffens am tiefſten verwundet hatte; ob ſich gleich die Folgen am ſchnellſten und traurigſten bei Euphro⸗ ſinen zeigten. Kaum zu Hauſe angelangt, mußte ſie zu Bette gebracht werden, wel⸗ ches ſie— ſo wollt' es das Schickſal— lebend nicht wieder verlaſſen ſollte. Der 334 letzte Sturm hatte ihr ſchwaches Lebens⸗ flaͤmmchen zu heftig angeweht, um es nicht voͤllig auszuloͤſchen. Nur noch einige Mal flackerte es, einen magiſchen Glanz verbreitend, auf, um dann auf immer zu verſinken. Seraphine wich nicht vom Lager der Kranken. Sie glaubte Urſache zu haben, ſich durch ihre neuliche Entdeckung fuͤr die Moͤrderin ihrer Freundin anzuſehen, und badete das Kiſſen der Sterbenden mit Thraͤnen der heißeſten Neue. Dieſe aber ſuchte nicht nur ſie zu beruhigen und zu troͤſten, ſie wollte auch, ehe ſie die Erde verließ, das ewige Buͤndniß ihrer naͤchſt verwandteſten Weſen ſtiften. Sie ſandte daher, als Seraphine, vom langen Nacht⸗ wachen erſchoͤpft, eingeſchlummert war, zu Antonio, und ließ ihn dringend zu ſich ein⸗ laden. Dieſer flog herbei. Als er die 335 Thuͤr oͤffnete, erwachte Seraphine, und Euphroſine richtete ſich im Bette auf. „Jetzt wird er der Deinige“— lispelte ſie der Freundin zu, und reichte ihre Hand Antonio entgegen. Dies aber war die letzte Anſtrengung ihrer phyſiſchen Kraſt — ſie ſank zuruͤck, und jener hielt eine Todtenhand in der ſeinigen. So wollt' es die Vorſehung. Lebend ſollte ſie die Weihe dieſes Bundes nicht vollziehen, dieß war der Verklaͤrten vorbehalten. Als Antonio nach jenem ungluͤcklichen Zuſammentreffen mit Euphroſinen in ſeine Wohnung zuruͤckgekommen war, warf er ſich nieder vor dem Bilde des Gekreuzigten, und gelobte auf's Neue Lieb und Treue der Angebeteten, welche, wie ſein Gefuͤhl ihm richtig ſagte, fuͤr ihn dem Tode ent⸗ gegen welkte. Nichts ſollte trennen das unſichtbare Band zwiſchen ihm und ihr, 335 und ſein ſehnlichſter Wunſch war, gleich⸗ zeitige Auflöſung mit der Geliebten. Die⸗ ſem aber widerſetzte ſich ſeine ſtärkere Na⸗ tur, und er mußte leben, um Euphroſi⸗ nens Tod zu beweinen. Während ihrer Krankheit hatte er ſich bei Seraphinen nur ſchriftlich nach dem Zuſtande der Geliebten erkundigt, denn eine dunkle Stimme mochte ihm ſagen, daß ſeine Beſuche bei jener— ſo unſchuldig ſie auch waren— dennoch ein Vergehen ſeyn duͤrften gegen dieſe. Seraphine fuͤgte ſich nach dem, was wir von ihrem damaligen Seelenzuſtande wiſſen, gern in eine Entbehrung, welche ihr ein Sühnopfer ſchien für den an der Freun⸗ din begangenen Verrath Tomaſino, welcher ſeine Gattin im Leben wenig geehrt hatte, ſuchte dieſes nach ihrem Tode zu thun. Er ließ— ſich adeln, und erwarb dadurch das Recht, 337 ſich in einer ſtark beſuchten Kirche eine Familiengruft errichten zu laſſen. Euphro⸗ ſine war das Opfer, welches ſie einweihte, und ihr Leichenbegängniß ſo pomphaft und praͤchtig, als möglich.— An dieſem ſtillen, von den uͤbrigen bald vergeſſenen Orte wandelte oft Antonio in den einſamſten Stunden des Tages und der Nacht, und hatte dort einen unſichtbaren Verkehr mit der unſichtbaren Geliebten. Dieſer war eine Wohlthat fur ſeine kranke Seele, und oft kehrte er mit geſtaͤrktem Leben zuruͤck aus des Todes ſtiller Behauſung. Seraphine litt und trauerte noch lange um die abgeſchiedene Freundin. Aber weniger ſchwaͤrmeriſch, als Antonio, ſuchte ſie nicht den Schleier der Schwermuth immer dichter um ſich zu ziehen, ſondern ſchlug ihn allmaͤhlig auf gegen das lachende Blau des Himmels. Seine Strahlen um⸗ 22 338 ſpielten ſie freundlich, und drangen bele⸗ bend in die erkrankte Bruſt. Jetzt aber war es, wo ſie der Theilnahme eines ver⸗ trauten Weſens bedurfte, welches den Ruͤckblick in die Vergangenheit, wie die Ausſicht in die Zukunft, mit ihr theilte. Und nach wem konnte ſie ſehnlicher ſich umſchauen, als nach Antonio, der ſo ſchmerz⸗ und wonnevoll in beide verwebt war?— Sie erfuhr nun deſſen ſtille und ſchwaͤrmeriſche Lebensweiſe, und eine hei⸗ lige Scheu hielt ſie zuruͤck, ihn hinzuziehn in den minder heiligen Kreis ihres Lebens. Als ſie aber einſt Antonio auf der Straße begegnete, und ſeine abgehaͤrmte Geſtalt gewahrte, da traten die Thraͤnen des rein⸗ ſten Mitleids ihr ins Auge. Von nun an hielt ſie es fuͤr Pflicht, den Niederge⸗ beugten aufzurichten und zu retten von dem nahen Grabe, welchem er entgegen⸗ 339 wankte. Bei ihrem Vater wußte ſie es leicht dahin zu bringen, daß er den Ritter auf eine verbindliche Weiſe wieder einlud, und dieſer, welcher gleichfalls das Beduͤrf⸗ niß der Mittheilung fuͤhlte, ergriff gern die dargebotene Gelegenheit. Seraphine— obwol nicht voͤllig gleich⸗ geſtimmt mit Antonio— hatte weiblichen Takt genug, mit demſelben von ſeinem Standpunkte auszugehen und ihn eben dadurch nach dem ihrigen hinzuleiten. Gern und natürlich ſtimmte ſie mit ihm die wilden Toͤne der Verzweiflung an, die zur Schwermuth uͤbergehend endlich ſich auflöſ'ten in das leiſere Saͤuſeln der Weh⸗ muth. Dieſe Begleitung ſeiner ſchoͤnſten Gefuͤhle machte ihm bald die ſchoͤne Be— gleiterin ſo werth, daß ihr Umgang ihm zum hoͤchſten Bedürfniß wurde. Der Text von Seraphinens Unterhaltungen war noch 340 immer Euphroſine, aber ſchon konnte es ihr nicht mehr entgehen, wie gern er auf der Lippe verweilte, uͤber welche die Worte dieſes Tertes ſtroͤmten. Nur er ſelbſt war hieruber noch ohne irgend ein deutliches Bewußtſeyn, was Seraphine gern der aufklaͤrenden Zukunft uͤberließ. Sie be⸗ gleitet' ihn auf ſeinen einſamen Spazier⸗ gaͤngen und Kirchenbeſuchen, und jeder brachte ſie ſeinem Herzen naͤher. Graf Aleſſandro, von ſeiner Tochter nach ihrer Weiſe unterrichtet, freute ſich der neuaufbluͤhenden Hoffnung, und ſuchte deren Reife ſo viel als moͤglich zu befor⸗ dern. Durch das fruͤhere Mißlingen ge⸗ warnt, ging er dies Mal behutſamer zu Werke, oder handelte vielmehr ganz nach Seraphinens Eingebung. Antonio— jetzt zwiſchen der Todten und Lebendigen ge⸗ theilt— machte ihm ſeine Rolle nicht 34 ſchwer, und wuͤrde ſelbſt einen kleinen Verſtoß gegen die väterliche Delikateſſe weniger kritiſch, als ehemals, geruͤgt haben. Ja, als er einſt in Gegenwart des Grafen ſich uͤber eine Krankheit verkuͤndigende Un⸗ behaglichkeit beklagte, war es dieſem ein Leichtes, ihn zur Annahme einiger Zimmer in ſeiner Wohnung zu bereden, wodurch ihm eine treuere und ſorgfältigere Pflege zugeſichert wurde. Und in der That trat dieſer Fall in Kurzem ein. Antonio wurde krank, und Seraphine hatte die traurige Gelegenheit, jenem als ſolche zu erſcheinen, die ſie wirklich war. Am Lager des Kran⸗ ken offenbarte ihre Zärtlichkeit ſich aus duͤſterer Tiefe, und manche ihrer Thraͤnen wurde von ihm als lindernder Balſam aufgefangen. Selten, und wo es der ſtrengſte Anſtand gebot, wich ſie von ſei⸗ nem Lager, und mehr ihrer unausgeſetzten 342 Sorgfalt, als der Kunſt des Arztes, ver⸗ dankte er die Schritte zur naͤhern Gene⸗ ſung. Aber auch bei diefen begleitete ihn ſein zaͤrtlicher Schutzgeiſt, und wußte— was viel ſagen wollte— ihm die Gene⸗ ſung theuer zu machen. Ja, es ſchien ſeine innere Anſicht der Verhältniſſe ſich voͤllig geaͤndert zu haben. Euphroſine er⸗ ſchien ihm wie ein liebender Schatten im magiſchen Dunkel der Ferne; indeß Sera⸗ phine von Lebensreiz und Fuͤll' umfloſ⸗ ſen, neben ihm ſtand, voll anziehender Kraft und lockender Freude. Er ſelbſt verhehlte ſich ſeine Verwandlung nicht, und wuͤrde ſie Seraphinen offen geſtan⸗ den haben, haätte nicht eine ſchwaärme⸗ riſche Treue ſeiner fruͤher geleiſteten Ge⸗ lubde ihn zuruͤckgehalten. Der Kampf mit der Empfindung war geendigt; es galt nur noch der Pflicht, und auch die⸗ 343 ſer ſollte auf eine wunderbare Weiſe ge⸗ ſchlichtet werden. Bald nach ſeiner Geneſung wollte Antonio Euphroſinens Grabmal beſuchen. Eine innere Stimme ſagte ihm, daß er jetzt nicht mehr, wie ehemals, zu einer ſolchen Wallfahrt geeignet ſey. Wie ſollt' er ſich ergießen vor der unſichtbaren Geliebten, er, der die ſichtbare ſo lebendig im Herzen trug? Welche uͤberirdiſche Wuͤnſche und Hoffnungen ſollte er aͤußern, der ſo irdi⸗ ſche in ſeinem Buſen naͤhrte? Und doch fuhlte er ſo unwiderſtehlich ſich hingezogen zur Ruheſtaͤtte derjenigen, die ſein Schoͤn⸗ ſtes und Höchſtes umfaßt hatte; deren Geiſt ihm ſpäter in wunderbar lieblichen Viſio⸗ nen erſchienen war. Die ſchwaͤrmeriſche Na⸗ tur dieſes Kampfes, von einer ſpaniſch⸗ religiöſen Fantaſie genaͤhrt, mußte einen noch ſchwaͤrmeriſcheren Entſchluß gebären⸗ 344 Die Thurmglocke der Caͤcilien⸗Kirche ſchlug eben die Stunde vor Mitternacht; dieſelbe Glocke, dieſelbe Stunde, welche ihn ſo oft nach jener Kirche gerufen hatten. Der dumpfe Klang erging wie eine Geiſter⸗ mahnung an ſeine Seele. In wilder Be⸗ geiſterung riß er ein zuſammengefaltetes Papier aus dem Schreibpulte, und verließ haſtig das in Schlummer begrabene Haus. Er trat in die Kirche, alles war duͤ⸗ ſter und ſtill; die Lampe des Altars warf ſparſame Strahlen von ſich, und das tiefe Schweigen, das von demſelben auszugehen ſchien, bebte erſchuͤttert von den Tritten des Nahenden. Die Bilder beruͤhmter Maͤnner und Frauen an den hohen Waͤnden ſchie⸗ nen ihm ernſten Schweigens ſein langes Ausbleiben vorzuwerfen. Den Schluͤſſel zu dem wohlbekannten Gewoͤlbe hervor⸗ ziehend, wankte er nach demſelben hin, 345 und ſtieg die ſchauerlichen Stufen hinab. und niederkniend vor dem ſtill beleuchteten Sarge, wähnt' er Euphroſinens Geſtalt zu ſchauen, Euphroſinens Stimme zu hoͤ⸗ ren. Er wollte den Mund oͤffnen, um, wie ſonſt, den Geiſt der Geliebten anzu⸗ reden— allein er vermocht' es nicht; ein unbegreifliches Verſtummen ſiegelte ſeine Lippen. Da griff er in den Buſen, zog das gefaltete Papier hervor, legt' es von tauſend Schauern ergriffen auf den Sarg nieder, und verließ haſtig Gewoͤlb' und Kirche. Dieſes Blatt enthielt— laͤchle, wer nie einen Schwaͤrmer dieſer Art gekannt hat;— eine förmliche Beichte ſeiner Liebe zu Seraphinen, und der Umſtaͤnde, unter welchen ſie entſtanden war. Billigte die Verklärte ſeine Neigung, ſo wollte er den näͤchſten Abend an eben dieſer Stelle(denn 346 was waͤre Geiſtern unmoͤglich!) ihre Schrift⸗ zuge ſinden, die ihre Genehmigung enthal⸗ ten ſollten. Denn eine bloße Erſcheinung, meint, er, duͤrfte leicht in weniger ge⸗ weihten Augenblicken einem beaͤngſtigenden Zweifel in ihm erliegen. Nur ihre wohl⸗ bekannte Schrift wuͤrde ihm eine dauernde Gewaͤhrleiſtung ihres Beifalls ſeyn. Fänd' er dieſe nicht, ſo gelob' er eine feierliche, ewige Entſagung, und wolle nie eine Ver⸗ vindung ſchließen, welche des ſchoͤnſten aller Seegen entbehrte. um ſich waͤhrend der erwartungs⸗ vollen Zeit ſeinen Hausgenoſſen nicht zei⸗ gen, und namentlich Seraphinen ſeinen geſpannten Zuſtand nicht verrathen zu duͤr⸗ fen, ritt er gegen vier Uhr des kommenden Morgens— es war im Juni— aus. Sein Weg ging nach einem ſtillen ländli⸗ chen Aufenthalte, welcher ihm am meiſten 347 zur beſchaulichen Vorbereitung auf ein Orakel geeignet ſchien, das— es mochte ausfallen wie es wolle— von den wich⸗ tigſten Folgen fuͤr ſeine Zukunft blieb. Nichts gleicht der aͤngſtlichen Ungeduld, mit welcher er dem Ablaufe dieſes Tages entgegen ſah. Der Mond ſtand voll, mit beruhigender Klarheit am Himmel, als er zuruͤckritt, und kaum in der Stadt ange⸗ langt, toͤnte vom Dome die elſte Stunde⸗ Da ſtieg er ab, und ubergab ſein Pferd dem begleitenden Diener mit dem Bemer⸗ ken, daß er noch einen kurzen Beſuch ab⸗ zuſtatten habe. Dann eilt' er mit pochen⸗ dem Herzen zur Kirche, um das naͤchtliche Orakel zu vernehmen. Auf dem Deckel des wohlbekannten Sarges fand er— ſchame ſich, wer vor⸗ hin gelächelt hat,— einen Brief, an deſſen Aeußerm er ſogleich Euphroſinens Schrift 348 und Siegel erkannte. Schnell, und doch behutſam, erbrach er das viel bedeutende Schreiben, und man denke ſich ſeine freu⸗ dig⸗zitternde Ueberraſchung bei folgendem Inhalte: Mein Antonio! So darf ich jetzt vor Deinem und meinem Herzen, wie vor Deinem und meinem Gott Dich nennen. Jede irdiſche Verbindung zwiſchen uns iſt aufgehoben, und der Geiſt darf nun dem Geiſte muthig geſtehen, was nur dem Koͤrper ein Ver⸗ brechen waͤre. Ja, Du warſt mir Alles, das Erſte, Einzige und Hoͤchſte meines Lebens. Was ich Dir war? O, das wußt' ich, ohne daß Dur mir es ſagteſt; fuͤhlt' es ſchmerz- und wonnevoll durch mein ganzes Weſen zittern, das nur durch Dich athmete, dacht' und fuͤhlte. Doch ſo — ich ſah es voraus— konnt' es nicht och nde 349 bleiben. Dies Verhaͤltniß war zu zart, um von der Zeit eherner Beruͤhrung nicht zu zerbrechen, es mußte einem andern menſch⸗ lichen weichen. Du liebſt meine Freun⸗ din Seraphine, und mein Geiſt beugt ſich ſegnend herab auf Euren ſchoͤnen Bund. Ihm iſt die Eiferſucht fremd, welche nur irdiſche Naturen beherrſcht, und gern ent⸗ löſet er Dich eines Geluͤbd's, durch welches Dein ſchwaͤrmeriſcher Edelſinn ſich gebun⸗ den wähnen duͤrfte. Reiche Seraphinen die Hand, und mache ſie ſo gluͤcklich, wie nur Du ein Weib machen kannſt. Mir wirſt Du in den duftigen Regionen der Entfer⸗ nung das bleiben, was Du bisher mir warſt, und ſegnend wird mein Andenken Euch beide umſchweben. Dies das innige, letzte Wort von Deiner Euphroſine 35⁰ Wen unter unſern Leſern die Natur mit einer nur einigermaßen lebhaften Phan⸗ taſie beſchenkt hat, der mache ſich eine Vor⸗ ſtellung von Antonio's Empfindungen, als er dieſen Brief durchleſen hatte. Seine erſte und hoͤchſte Freude war— ſein be⸗ ſtaͤtigter Glaube an eine Verbindung zwi⸗ ſchen der Geiſter- und Koͤrperwelt; gegen welchen jedoch— ſo iſt der Menſch bei jeder Erfuͤllung einer kuͤhnen Erwartung— erſt jetzt furchtende Zweifel ſich zu regen be⸗ gannen. Tauſend Mal ſah' er mit dem kritiſchen Blicke eines Rezenſenten die Schriftzuͤge an, ob ſie wahrhaft und wirk⸗ lich Euphroſinens ſeyen. Aber bei Gott! ſie waren es, der verwegenſte Zweifel mußt' es eingeſtehn. Nun uͤberließ er ſich ganz der Ausſicht, welche ſein Doppelverhaͤltniß zu Himmel und Erbe ihm eroͤffnete. Er hatte die Freuden der einen gewonnen⸗ ſtut an or⸗ als eine wi⸗ gen bei — be⸗ dem die irk⸗ ott! ußt an tniß Er nen, 6——— 35¹ ohne der Seligkeit des andern entſagen zu duͤrfen. Welches von allen gluͤcklichen Erdenkindern konnte ſich hierin mit ihm vergleichen? Noch ein Mal fiel er mit der Anbetung eines Seligen vor der Bun⸗ deslade ſeiner Liebe nieder, und flog dann, gleichſam von der innern Begeiſterung ge⸗ tragen, nach ſeiner Wohnung. Ein zweites Staunen ergriff ihn, als er auf Seraphinens Zimmer zu dieſer un⸗ gewoͤhnlichen Stunde noch Licht erblickte. War es doch, als ob ſein Geiſterverkehr auch ſie, deſſen Gegenſtand, wach erhalten hätte! Was Wunder, daß er ſich ange⸗ trieben fuͤhlte, ſie auf der Stelle mit deſſen Reſultate zu uͤberraſchen! Er pochte an, und oͤffnete, als kein Herein! erfolgte, ſchuͤchtern die Thuͤr. Eben erhob ſich Se⸗ raphine von knieender Andacht vor einem Cruzifir, und dieſe Situation gab ihm 35⁵ ſeinen vollen eigenthuͤmlichen Schwung. Er flog auf ſie zu, preßte ſie mit Unge⸗ ſtum an ſein Herz, und rief: Du biſt mein! Ueberraſcht ſah Seraphine den Ue⸗ berraſchenden an, und entzog ſich ſtraͤubend ſeiner Umarmung. Er aber ließ ſich da⸗ durch nicht abſchrecken, und ſagte mit Zu⸗ verſicht: Ich weiß, Du liebeſt mich, Se⸗ raphine, und Gott weiß, ich liebe auch Dich. Ein wunderbares Verhältniß hat bis jetzt meine Zunge gefeſſelt, ein noch wunderbareres jetzt hat ſie geloͤſ't. Werde die meinige, und ich will Dich gluͤcklich machen mit der ganzen Kraft eines lieben⸗ den Herzens! Wir verſchonen den Leſer mit dem Verfolg dieſer Unterredung, und theilen ihm dafuͤr den Erfolg mit. Den naͤchſten Abend war bei dem Grafen Aleſſandro eine glaͤnzende Ver⸗ ſammlung, in welcher feierlich Seraphine —— eſer dem er⸗ hine 353 als die Braut des Ritters von Santa Cruzza vorgeſtellt wurde: eine Neuigkeit, die Niemanden uͤberraſchte. Bei den Herren und Damen dieſes Zirkels war dieſe Ver⸗ bindung laͤngſt abgeſchloſſen, und ſie waren ihrer Sache weit fruͤher, als die Liebenden ſelbſt, gewiß. Inzwiſchen that man doch uͤberraſcht, und uͤberhaͤufte den Grafen mit Komplimenten, wie ſie nur einem ſolchen Grafen gefallen konnten. Die Verlobten ſelbſt gaben wenig darauf Acht. Ungern entſchließt ſich der Erzaͤhler zu einem Aufſchluß uͤber den letzten Theil die⸗ ſer Geſchichte, der ein nachtheiliges Licht auf die zweite Heldin derſelben werfen könnte. Allein zur Steuer der Wahrheit, und um nicht ſelbſt in den Ruf eines Vi⸗ ſionaͤrs zu kommen, muß er folgenden Ju⸗ ſammenhang der Begebenheit nachliefern. Unſere Leſer werden ſich noch einer 23 354 geheimen Unterredung zwiſchen Euphroſinen und Seraphinen im Kabinette dieſer letz⸗ tern erinnern. Dabei weiß man bereits, daß dieſe ihre unbezwingliche Neigung fuͤr Antonio jener entdeckt, und ſie auch von ihrer diesfalſigen Hoffnung unterrichtet hatte. Seit dem aber erfuhren wir noch, daß die großherzige Euphroſine, von der Lage ihrer Freundin geruͤhrt, und das Un⸗ natuͤrliche in der Freundin Verhaͤltniß zu Antonio uͤberſchauend, an dieſen einen Brief ſchrieb, welchen wir, wie er ſelbſt, erſt in dem Grabgewoͤlbe der Cäcilienkirche zu leſen bekamen. Zwar hatte Euphroſine ihre Freundin um die ſchleunigſte Beför⸗ derung deſſelben beſchworen, allein die unſeligen Folgen des gleich darauf geſche⸗ henen Zuſammentreffens Euphroſinens mit dem Ritter hatten die Beſitzerin des Brie⸗ fes, moraliſch und politiſch, von deſſen roſinen er lez⸗ berits, ng fir ſch von rrichtet noch, on der as Un⸗ niß zu einen ſelbſt, nrirche hroſine Beför⸗ in die geſche⸗ ns mit Brie⸗ deſſen 355 Beſtellung abgehalten. Auch die folgenden Momente, bis zu Antonio's erneuerter An⸗ naͤherung, waren keinesweges hiezu geeig⸗ net. Bei einem Schwärmer, wie er, mußte ſie Alles verlieren, wenn ihm ihre fruͤhern Abſichten auf ihn bekannt wurden. Es mußte demnach ein Zufall abgewartet wer⸗ den, welcher ſich auch ſo erwuͤnſcht, als moͤglich, einſtellte. Seraphine, welche ihren Liebling auch ungeſehen von ihm niemals aus den Augen ließ, wurde deſſen naͤcht⸗ lichen Austritt aus dem Hauſe gewahr, als er bald nach ſeiner Geneſung die Caͤ⸗ tilienkirche beſuchte. Eine ſorgliche Ahnung ergriff ſie, und trieb ſie ihm auf dem Fuße nach. Sie ſtand hinter einem Kirch⸗ ſtuhle verborgen, während er ſich in dem Grabgewoͤlbe befand. Sein haſtig beſtuͤrz⸗ tes Weſen, als er heraustrat, erſchreckte ſie, und mit dem Muthe beſorgter Liebe 355 ſtieg ſie jetzt ſelbſt in das offen gelaſſene Gewoͤlbe hinab, um zu unterſuchen, was ſich darin begeben haben mochte. Wie groß war ihr Staunen, als ſie auf dem Sarge ein aufgeſchlagenes Blatt erblickte und den unerhoͤrten Inhalt deſſelben las! Bald aber wich das Erſtaunen der hoffen⸗ den Freude. Antonio's ſchwaͤrmeriſches Ge⸗ luͤbde, alles auf die Be⸗ und Nichtbeant⸗ wortung ſeines Blattes ankommen zu laſ⸗ ſen, gab ihr mit der Furcht vor dem Verluſte zugleich das Mittel ſeines Be⸗ ſitzes in die Haͤnde. Sie durfte nur den Schwaͤrmer nach ſeiner Weiſe behandeln, um ſeinen, ihren und den Wunſch der Verklaͤrten zu erfuͤllen. Was haͤtte ſie demnach abhalten ſollen, das vorgefundene Blatt wegzunehmen, und des andern Ta⸗ ges Euphroſinens Brief dafuͤr hinzulegen? Wurd' er doch zu ſeinem jetzigen Zwecke aſene was Vie f dem blicte s! oſſen⸗ Ge⸗ beant⸗ u laſ⸗ dem Be⸗ den ndeln, h der te ſi ndene nTa⸗ egen? zwece 357 geſchrieben, und bisher nur von ſchuchter⸗ ner Delikateſſe zuruͤckgehalten! Freilich blieb es der Form nach immer eine Tau⸗ ſchung, aber keinesweges dem Weſen nach. und gluͤcklich, wenn es keine andern, als ſolche, und noch dazu ſo wohlthaͤtige, in der Welt gaͤbe! Daß Antonio am zwei⸗ ten jener verhaͤngnißvollen Abende Se⸗ raphinen noch wach gefunden hätte— daruͤber verwundern wir uns nun auch weniger, da wir leicht begreifen, wie Furcht und Erwartung ſie wach erhalten mußten. Ja, beinahe fuͤrchten wir, daß, nach dem ertheilten Aufſchluß, dieſe Ge⸗ ſchichte aus Mangel an Verwunderung bei mancher Erſcheinungen fuͤrchtenden und liebenden Leſerin ihr ganzes früheres In⸗ tereſſe verloren habe. Auch Seraphine ſchien dieſe Furcht, in Ruͤckſicht Anto⸗ nio's, mit uns zu theilen. Denn nie— 358 ſelbſt nach vielen Jahren ihrer gluͤck⸗ lichen Ehe— gab ſie ihm den unſern Leſern anvertrauten Aufſchluß uͤber— ſeine Geſchichte. Bei F. Rubach in Magdeburg ſind folgende Buͤcher im Jahre 1819 erſchienen: Albina. Gemälde aus dem Gebiete des Lebens und der Dichtung. 8. 1 Rthlr. 18 Gr. Eber's, Carl Friedr., die Brieftaſche, o. Fresko⸗ Gemälde aus dem Leben gegriffen. Launigen, ſatyriſchen und ſentimentalen Inhalts. 8. Ricolai, Carl, Roſenlaunen.(Fleine Erzäh⸗ lungen). 8. 1 Rthlr. 6 Gr. Büſchenthal, L. M., Gebilde der Wahrheit und Phantaſie.(Kleine Erzählungen). 8⸗ Ida von Athen. Aus dem Engl. der Miß S. Owenſon, von Leopold von Wedel. 2 Bdch. 3. Ferner: Plattdeutſche Gedichte. Von einem altmaͤrkiſchen Landmanne. 2 Bdch. à 16 Gr. brochirt. 3. Veilchen. Von Caroline Behrends. 8.⸗ Verſuch einer Theorie der Schwere und einer Elementartheorie der Welt. 8. 1 Rthlr. Vorſchriften zur Erlernung der Schreibekunſt. 16 Blätter. Steindruck. 9 Gr. Wilberg, A. H., Methodiſch bearbeitete und mit hinreichenden uebungsaufgaben verſehene An⸗ leitung zum Kopf⸗ und Tafelrechnen. Ir Thl.: Anſchauungslehre der Zahlverhältniſſe, mit Kopfrechnen verbunden. 2r Thl.: Tafelrech⸗ nen, mit ſyſtematiſcher Anordnung der Jun⸗ kerſchen Exempeltafeln. 8. Beide Bände Liweh, E. F, Neues Syſtem der poppelten Buchhaltung. Zweite ganz umgearbeitete und vermehrte Auflage. 4. Fein Schreibpapier. 2 Rthlr. 12 Gr. Lucas, Friedrich., Des Naturdichters Gedichte. Herausgegeben von Fr. Wadzeck. Zweite Auf⸗ lage. 12. broch. 12 Gr. Hellwitz, L. L., Die Organiſation der Israeliten in Deutſchland. 8. broch. 12 Gr. Jugend⸗Erholungen. Anleitung zu nützlichen und unterhaltenden Beſchäftigungen in den Frei⸗ ſunden. Deutſchlands Söhnen und Toͤchtern gewidmet. Im Verein mit mehreren Schrift⸗ ſtellern, Erziehern und Jugendfreunden her⸗ ausgegeben von F. A. Winkelmann und L. Wagner. gr. 8. Mit Kupfern und Muſtikbeilagen. Hahnzog, A. H., Lehrbuch der Militair⸗Geogra⸗ phie von Europa Eine Grundlage bei dem unterricht in deutſchen Kriegsſchulen. 2 Bde. 8. ur Band. Deutſchland. 1 Rthlr. In Kurzem erſcheint: Euclidis Elementorum sex libros priores enm undecimo et duodecimo graece separatim in usum Gymnasiorum edidit J. G. G. Meide. 8. maj. —— —— —— Olour& Grey Control Chart Cyan Sreen Nellow ⸗