— he 65 Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſi von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 . ceih und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſe jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ( hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuräckerfiattet) wird. * 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* beträgt für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher auf 1 Monat 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 5 Pf. 2 Mk. Pf. 3 8 Auswärtige honnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver, Sucter auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ₰ Schadenersatz. 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Fuͤr meine Dorette.(Im Auguſt 1779.).... Der große Mann.(Im September 1779.) . untreue uͤber Alles.(Im Septbr. 177964) Des Pforrers Tochter von Taubenhain.(Im Auguſt 1781.)... Himmel und Erde.(Im Jan. 1782.) An Molly.(Sonſt: An Aronide'n.)(Im Aug 1782.). ². 4 Der kluge Held.(Im Aug. 1782.) 5 10. 11. Molly's Abſchied.(1782.). 12 Prometheus.(78.)... 4 13. Die Kuh.„.. 4 ².. 1h. Der Kaiſer und der Abt.(Vermuthlich 178 f.) 15 Volker's Schwanenlied.(Vermuthlich 1784.) 16 Die Eine.(Vielleicht 178 4.) 5 17. Ueberall Molly und Liebe.(Vielleicht 1784.) 18. Täuſchung. Vielleicht 1784.) 19 Fuͤr Sie mein Eins und Alles.(Vielleicht 20. 178.). 2 3 Die unvergleichliche. Gielleicht 1734.) 5 Buͤrgers Gedichte II. B⸗ 8 Seite 16 18 20 21 Seite 21. Naturrecht.(Vielleicht 1784.)„* 3 59 22. Der wilde Jäger.(Vermuthlich 1735.) 3 60 23. Das hohe Lied von der Einzigen, im Geiſt und Herzen empfangen am Altare der Vermaͤhlung. (Wahrſcheinlich 1785.) 3 6 69. zl. Verluſt.(Vermuthlich 1786.). 2 83 25. Trauerſtille.(Vermuthlich 1786.)„ 8 h 26. Auf die Morgenroͤthe.(Vermuthlich 1786.) 85 b 27. Liebe ohne Heimath(Vermuthlich 1786.). 85 5 28. Die Schatzgräber.(Vermuthlich 1786.) S 86 5 29 Troſt.(Vermuthlich 1786.) 4 87 30. Mannstrotz.(Vermuthlich 1787.).. 33 5 31. Mittel gegen den Hochmuth der 5 (Vermuthlich 1787.) 88 3a. An Amalie'n. Auf ein Snim Bilatt. (Vermuthlich 1787.)„. 3. 38 6 33. Lied.(Vermuthlich 1737.)... 90 5 3u. Geſang am heiligen Vorabend des funfzigjäh⸗ rigen Jubelfeſtes der Georgia Auguſta.(Im September 1787.... 91— 35. Ode. De inßzigithrigen Jubelfeyer per Ge⸗ orgia Auguſta am 17. Septbr. 1787. gewid⸗ met von mehrern zu Göͤttingen Studirenden. 97 36 Auf das Adeln der 1786). 5 100 35. Gute Werke.(Bermuthlich 753.) 100 38. Das Lied von Treue.(Vermuthlich 1738.) 100 39. Prolog zu Sprickmann's Eulalia auf einem —————— Privat⸗Theater... 3. 109 ko. An die blinde Virtuoſin, Mlle. Paradies. 112 ka. An die Bienen.. 3.. 112 kz. An F. M. Als ſie nach ketten ging. 2 113 † 6 k3. An Auguſt Wilhelm Schlegel.. 115 3 bu. Das Bluͤmchen Wunderhold. k 116 u5. Graf Walter. Nach dem Alt⸗ Engländiſcen · 119 u6. Vorgefuͤhl der Geſundheit. An Heinrich Chri⸗ ſtian Boie.(Die letzten Gedichte,(Nume⸗ ro 39— u6,) erſchienen zuerſt in der zweyten 7. 18. k9. 60. 51. 52. 53. bl. 55. 56. 57. 58. 59. ßo. 61. 62. 63. 6. 65. 66. 67. 68. 69. 70. 71. 72. 73. Inhalt. Ausgabe der Buͤrgeriſchen Gedichte(789.) und ſind wahrſcheinlich nicht lange vorher ge⸗ ſchrieben oder doch vollendet worden.). An den Apollo. Zur Vermaͤhlung meines Freundes, des Herrn Doctors Althof mit der Demoiſelle Kuchel.(Am 17. Mai 1789.). Hummel„Lied.(1789)„ 6 Veit Ehrenwort.(790.). Eliſe an Buͤrger. u739. Umgearb. 1790.). An Eliſe, uͤber die umarbeitung des voranſte⸗ henden Liedes.(1790.).. An Eliſe.(1790.). 2 Todtenopfer den Manen Joh. Dav. Michaelis dargebracht von ſeinen Verehrern.(Im Au⸗ guſt 1791.). 6... Der Entfernten. 1. Sonett.(1789).. Der Entfernten. 2. Sonett.(1739.).. Gebeth der Weihe.(1790.) Heloiſe an Abelard. Frei nach Pope'n. a Die Tode.(1792.).. Sinnenliebe.(792.). Straflied bei'm ſchlechten we e Gallier.(792.).. 5 Die Bitte.(1792.). 8 Reitz Schönheit. G792.). 1 Heute Kir, worgen dir. S. Lied.(1792.).... Der wohlgeſinnte iebhaber.(1792.). 5 Die Erſcheinung.(1792.)„ 3. 5 An das Herz.(17920)...* Die Koͤnigin von Golkonde. Nach Buufflers Proſe.(793.). 3 5 2 Sinnesänderung.(1793)„ ² Freiheit.(1793.) ²... Entſchuldigung.(1793.). 2 4 8 Problem.(1793.)..... Feldjager⸗Lied.(79 4.). 3 Seite 128 130 13 135 133 1 11 112 S h Nachtraͤge zum 1, und 2. Theile. 1. An die Leyer.(1766.) 8. 8 2. An ein Maienluͤftchen.(Im Mai 1769.). Stutzertaͤndelei.(Im Auguſt 1769.). An Amalchen. Ueber einen geraubten Kuß. Nach dem Catull. G769.)„ Mein Ampr.(176„). An M. W., als ſie mir einen h ent (1771.) An Themire'n. Traveſtirt Fü i (Im Fruͤhjahr 1773.)..... Die Menagerie der Goͤtter.(Im Sommer 1774.)...... Prognoſticon.(Im September 1778.) An den Klatrigen.(Im September 1778.). Fortunen's Pranger.(Im September 1778.) .* 2. Die Hexe, die ich meine. Parodie.(1778.) „Fragment.(1778.). 3 3 Der Pfiff.(Im April 1779.) 8 8. Geſpräch bei'm Ball.(Im Julius 1779.). Auf einen literariſchen Haͤndelſucher.(Im Auguſt 1779.). 2 Geweihtes Angebinde zu Luiſe ns getnjin (Vielleicht 1779.) 4 Ein Casus anatomicus.(86 e Herr von Gaͤnſewitz zum Kammerdiener.(1780.) Neuſeelaͤndiſches Se(IFEm Julius 1781.).. Verwunderung dh die aei Fertigen.(Im Julius 1752.). Woher ich auf andere Sipontn komme. (Im Julius 1782). 3 An Stentor. unter der Prehist(Im Au⸗ guſt 1782.).. 6 Der arme Dichter.(Im Auguſt 1782.). 25. Der Edelmann und der Bauer.(Im Auguſt 1782)**.* e —— 5 — S n Seite 26. Hans Grobian von Dummbart. Ein Epilog zum Muſen⸗Almanach.(Im Auguſt 1782.) 258 27. Heilige Verſicherung.(Im Auguſt 1782.). 261 28. Auf einen Erz⸗Cujon.(1733.). 261 29. Gaͤnſegeſchrei und Gäͤnſekiele.(783.) 261 30. Die beiden Mahler.(1783.). 262 31. Aufgegebene Liebeserklaͤrung an Sophie n. Nach vorgeſchriebenen Endreimen.(Am 21. November 17384.). 262 32. Als Eliſe ſich ohne Lebewohl hatte. (Am 22. November 178.). 3 2 26 33. Schnick und Schnack.(178 4.).. 265 3. Einladung.(1784.)„. 5 266 35. Der dunkele Dichter.(17 3) 266 36. Der verſetzte Himmel.(Vielleicht. 267 37. An die Nimphe zu Meinberg.(Am 2k. Ju⸗ lius 1785.) 3. 268 38. Kritik betreffend(1785.)„„ 266 39. Ode. An Seine koͤnigliche Hoheit, Friedrich, Herzog von York und Fuͤrſt-Biſchof von Os⸗ nabruͤck, u. w. Bei Hoͤchſtdero Anweſenheit in Goͤtringen uͤberreicht von den daſelbſt Stu⸗ direnden.(Am 18. September 1736.). 269 ko. Frage.(1786.). 5 6 5 3 271 k1. vesiß.(1786.)„*. 271 ka. Adler Lort(1786.)„. 3 272 k3. Vollkommener Ernſt.(1786.)... 272 ku. Als das Obige fuͤr Verſuͤndigung erklaͤrt wurder(1786.).. 5 273 us. An einen Sittenkrittler.(1786.) 3. 273 u6. Advocaten Pralerei.(1786.).. 273 u7. An die Splitterrichter.(786.).. 274 u8. Stumpf. 6786.) 2 1. 27 ½ u9. Aruſper und Profeſſor.(1786.).. 27 ½ 50 Die Antiquare.(1737.). 6. 275 51. Hum! Nach dem Franzoͤſiſchen.(1787.). 275 52. Bettelſtolz.(1787.). 5 276 53. Auf ein eigenes Johann Ballhorms „„ S ha6 Seite bl. Ein Kindelein, ſo loͤbelich ect.(1787.)„ 277 55. Gloſſe.(1737.)..... 277 56. Auf einen Heuſchrecken-Prediger.(1787.). 277 57. Auf mehr, als Einen.(737.). 278 58. Europa und der Friede.(1737.). 2 278 59. Gedanke an der Marſchalls-Tafel.(1737.) 279 60. Bullius.(17383.).. 279 61. Hochzeit⸗Carmen.(1788.).. 279 62. Vogelſcheu.(1788.).. 280 63. Entſchuldigung.(1733.) 6 280 6u. Schminklappe(1738.) 2 281 65. Werth des Chriſtenthums.(1783.). 231 66. Fragment eines wahrhaften Geſpraͤchs.(6788.) 232 67. Recept.(1788.)„ 3 5 283 68. Fuͤrbitte eines an's peinliche Kreuz der Ver⸗ legenheit genagelten Herausgebers eines Mu⸗ ſen⸗Almanachs.(1733).. 69. An Madame B., geb. M.(Am 29. Julius 1789.). 3 3 6 28 ½ vo. Die Eſel und die Rachtigaren.(1789.). 285 71. Luͤckenbuͤßer.(789).... 285 80 72. Das Wappen.(1789.) 6 6 286 73. Der Maulwurf und der Gäͤrtner... 286 y Keine Witwe!. 2 287 75. Liebesſchwur(Die letzten Gedichte, me⸗ 3 ro 73— 75,) erſchienen zuerſt in der zweiten Ausgabe von Buͤrger's Gedichten, 1789, und ſind vermuthlich kurz vorher entſtanden.). 237 76. Die Aſpiranten und der Dichter.(790.)4½6 288 77. Warnung an Buͤrger. Aus Italien. 239 78. Elieſe'ns Antwort.(1790.). 3 290 79. Meiſter⸗Katechismus.(Wahr i 0 0 8o. Prolog.(Wahrſcheinlich 1790.). 292 . 31. Vorrede zu einer neuen Ausgabe von Gedich⸗ . ten, die aber nicht vorgedruckt werden ſoll. (17920)...... 29½ 32. Das Magnetengebirge.(1792.). 295 8( Fnhalt Seite gu. Die Bruͤderſchaft.(1792.) 206 35. Unmuth. 6792.).... 296 36. Vorſchlag zur Guͤte.(1792.). 297 37. An Fulvia. Als es hieß, ſie habe eine Par⸗ tie gefunden.(1792.). 297 88. Ueber Antikritiken.(1792.).. 297 39. Auf einen Gewiſſen, nicht leicht zu Errathen⸗ den. Nach dem Ruſſiſchen. G792.) 298 90 Einfall bei'm Erſatze.(1792.).. 5 293 91. An Herrn Schuft.(1792.) 299 92. Fragment eines dreizehnten kleinen Prophe⸗ ten Eſchechirach am tödten Meer. Aus dem Däniſchen.(1792.).. 299 93. Unterſchied.(1792.). 9u. Ein kleiner Schlag in's Auge.(17920). 300 95. Der Vogel urſelbſt, ſeine Recenſenten und . 300 der Genius.(792.) 301 96. Karl der Große, als Dichter. Aus dem Pie⸗ monteſiſchen.(1792.)(7 /,. 309 97 ueber die Dichterregel: u⸗ ſ. w.(1792.). 309 98. Auf einen Zeitſchriftſteller, der wider Men⸗ ſchenrecht, Freiheit, Aufklärung, große und edle Menſchen, ꝛc. ꝛc. ꝛc. kopf⸗ herz⸗ und geſchmacklos ſchrieb.(1792). 310 99. Rime et Raison. An die Klaͤffer.(1792.) 314 100. Der Scherzer. An Grimaſſen-Macher und Macherinnen. G792.)„... 31 ½ 101. Unterſchied.(1793.).. 5. 3¹146 102. Entſagung der Politik.(793.). 315 103. Verſtaͤndigung.(1793.)... 315 1ok. Abſchied auf ewig von Sr. Wohlweisheit, dem Herrn Peter Hecht, genannt Krittel⸗ wicht, wie auch der ganzen hohen Krittel— wichtiſchen Familie zu““, zu“*, zu“*, u ſ w ſ w. u ſ⸗ w(1793) 316 105. Unter zwei uebeln lieber das kleinſte. 0793.) 2 3 5 106. An R.(17914.). 317 FSnh 1 Anhang zu den Gedichten. 2. Bd. Impromptu von Buͤrger, da er von De⸗ moiſelle K. in Weiſenfels in einer Geſell⸗ ſchaft aufgefordert ward, zur Ausloͤſung ſeines Pfandes der Liebe ein Liedchen zu Seite 107. Räthſel.(1794.).. 317 Aufloͤſung: Das Bett. 108. Troſt eines Betrogenen.(Vermuthlich 1794.) 317 109. Der Sprung...... 318 110. Klage um Karthon. Von Oſſian.. 319 111. Mittel wider die Agrypnie... 320 112. Rommel's Antwort an die Sanfte. Nach vor⸗ geſchriebenen Endreimen..... 321 113. Der empfindſame Ehemann.... 323 114. Das Lockengeſchenk.. 5 5 323 215. Das Lockengeſchenk.(Die letzten ſieben Ge⸗ dichte,(Numero 109 115,) wurden aus des Verfaſſers Nachlaſſe zuerſt in den Mu⸗ ſen⸗Almanachen fuͤr die Jahre 1795, 1797, 1798, 1799, 1800 und 1801 bekannt ge⸗ macht. Die Zeit ihrer Entſtehung läßt ſich nicht näher beſtimmen. Numero 109. iſt unſtreitig eines der älteſten Buͤrgeriſchen Gedichte.) 3 9 ⸗. 32 5 367 Elegie aen — uber dac Qau. aro ar ia* — — 3 weyter Theil. ne ——— — D Darf Eine Ach, Ihren Bricht Un de Dent U Solle Mahr Du er J, Noch Und Aber E e e Als Molly ſich losreiſſen wollte⸗ D ich noch ein Woͤrtchen lallen?— Darf vor deinem Angeſicht Eine Thräne mir entfallen?— Ach, ſie durfte freylich nicht! Ihren Ausbruch abzuwehren, Brächte mehr fuͤr dich Gewinnſt, Um den Kampf nicht zu erſchweren, Den du gegen mich beginnſt. Und, o Gott! darf ich ihn tadeln? Sollte nicht mein ſchoͤnſtes Lied Mehr den edeln Kampf noch adeln, Ob er gleich in's Grab mich zieht 2 Ja, das find' ich recht und billig! Noch iſt mein Gewiſſen wach, Und mein beßres Selbſt iſt willig; Aber ſeine Kraft iſt ſchwach. Denn wie ſoll, wie kann ich's zähmen, Dieſes hochempoͤrte Herz? Wie den letzten Troſt ihm nehmen, Auszuſchreyen ſeinen Schmerz? Schreyen, aus muß ich ihn ſchreyen! Herr, mein Gott, du wirſt es mir, Du auch, Molly, wirſt verzeihen! Denn zu ſchrecklich tobt er hier. Ha, er tobet mit der Hoͤlle, Mit der ganzen Hoͤlle Wuth! Höchſte Gluth iſt ſeine Quelle, Und ſein Ausſtrom hoͤchſte Gluth! Gott und Gottes Kreaturen Ruf ich laut zu Zeugen an: Ob's von irrdiſchen Naturen Eine ſtumm verſchmerzen kann!— Roſicht, wie die Morgenſtunde, Freundlich, wie ein Paradies, Wort und Kuß auf ihrem Munde,— O kein Nektar iſt ſo ſuͤß!— War ein Mädchen mir gewogen... Wie? Gewogen nur?— Fuͤrwahr, Ihre tauſend Schwuͤre logen, Wenn ich nicht ihr Abgott war. Und ſie ſollte luͤgen koͤnnen? Lügen nur ein einzig Wort? Nein! In Flammen will ich brennen, Zeitlich hier und ewig dort, Buͤrgers Gedichte. Oe Pi An Pe P t — £ = 7 S Buͤrgers Gedichte. Der Verdammniß ganz zum Raube Will ich ſeyn, wofern ich nicht An das kleinſte Woͤrtchen glaube, Welches dieſer Engel ſpricht. Und ein Engel ſonder gleichen, Wenn die Erde Engel hat, Iſt ſie! Weichen muß ihr, weichen, Was hier Gott erſchaffen hat!— O ich weiß wohl, was ich ſage! Deutlich, wie mir See und Land Hoch um Mittag liegt zu Tage, So wird das von mir erkannt. Ruͤmpften tauſend auch die Naſen: „Deine Sinne taͤuſchen dich! Große Liebe macht dich raſen!—“ O ihr Tauſend ſeyd nicht Ich! Ich, ich weiß es, was ich ſage! Denn ich weiß es, was ſie iſt, Was ſie wiegt auf rechter Wage, Was nach rechtem Maß ſie mißt. Andre moͤgen Andre loben, Und zu Engeln ſie erhoͤhn! Mir, von unten auf bis oben, Duͤnkt, wie Sie, nicht Eine ſchön. Wie von außen, ſo von innen, Duͤnkt auch nuͤchtern meinem Sinn Sie der hoͤchſten Koͤniginnen Aller Anmuth Koͤnigin. — Buͤrgers Gedichte. Bettelarm iſt, ſie zu ſchildern, Aller Sprachen Ueberfluß. Zwiſchen tauſend ſchönen Bildern Wuͤhlt umſonſt mein Genius. Sprach' ich auch mit Engelzungen Und in Himmelsmelodie, Dennoch, dennoch unbeſungen, Wie ſie werth iſt, bliebe ſie.— Eine folche iſt es! Eine, Die kein Name nennen kann! Die zu vollem Herzvereine Mich ſo innig lieb gewann, Daß ihr ſeligſter Gedanke, Den ſie dachte, wie den Stab Rund herum des Weinſtocks Ranke, Tag und Nacht nur mich umgab. Welch ein Sehnen, welch ein Schmachten, Wann ſie mich nicht ſah und fand! Welch ein wonniges Betrachten, Wo ich ging und ſaß und ſtand! Welch ein Saͤuſeln, welch ein Wehen, Wann ſie koſend mich umfing, Und mit ſuͤßem Liebeflehen Bruͤnſtig mir am Halſe hing!— Alles, Alles das, wie ſelig, O wie ſelig fuͤhlt' ich das! Fuͤhlt' es ſo, daß ich allmaͤhlig Alles außer ihr vergaß; — Und Ni Vi 2 0 25 — — Buͤrgers Gedichte. Und nun ward, in ihr zu leben, Mir ſo innig zur Natur, Wie, in Licht und Luft zu weben, Jeder Erden⸗Kreatur. Stolz konnt' ich vor Zeiten waͤhnen, Hoch ſey ich mit Kraft erfullt, Auch das Geiſtigſte mit Toͤnen Zu verwandeln in ein Bild. Doch lebendig darzuſtellen Das, was ſie und ich gefuͤhlt, Fuͤhl' ich jetzt mich, wie zum ſchnellen Reigen ſich der Lahme fuͤhlt. Es iſt Geiſt, ſo raſch befluͤgelt, Wie der Specereyen Geiſt, Der, hermetiſch auch verſiegelt, Sich aus ſeinem Kerker reißt. Welche Macht kann ihn bezähmen? Welche Macht durch Ton und Wort Feſſeln und gefangen nehmen?— Leicht, wie Aether, ſchluͤpft er fort.— Nun,— o waͤr' ich nie geboren, Oder ſchwaͤnd' in Nichts dahin!— Was ſie war, iſt mir verloren, Da, was ich ihr war, noch bin. Sie waͤhnt' ſich's von Gott geheißen, Trotz Verblutung oder Schmerz, Von dem meinigen zu reißen Ihr ihm einverwachſ'nes Herz. Buͤrgers Gedichte. Raſch, mit Ernſt und Kraft zu ringen, Hat ſie nun ſich aufgerafft, Und den Heldenkampf vollbringen Will ihr Ernſt und ihre Kraft. Wird ſie in dem Kampf erliegen? Wird ſie, oder wird ſie nicht? „Sterben, rief ſie, oder ſiegen, Heißen Tugend mich und Pflicht.“ Ach, ich weiß dem keinen Tadel, Ob es gleich das Herz mir bricht, Was ſo ruͤhmlich fuͤr den Adel Ihrer ſchoͤnen Seele ſpricht! Denn, o Gott, in Chriſtenlanden Auf der Erde weit und breit, Iſt ja kein Altar vorhanden, Welcher unſre Liebe weiht. Wie in Kerkernacht, belaſtet, Wie von Ketten, centnerſchwer, Stohnet nun mein Geiſt und taſtet Ohne Rath und That umher. Nirgends iſt ein Spalt nur offen Fuͤr der Hoffnung Labeſchein; Und auch Wuͤnſchen oder Hoffen Scheint Verbrechen gar zu ſeyn. Ich erſtarre, ich verſtumme, In Verzweiflung tief verſenkt, Wenn mein Herz die Leidenſumme Dieſer Liebe uͤberdenkt. Buͤrgers Gedichte. 11 Nichts, ach nichts weiß ich zu ſagen, Im Bewufßtſeyn dieſer Schuld, Nichts zu murren, nichts zu klagen? Dennoch mangelt mir Geduld! Wie wird mir ſo herzlich bange, Wie ſo heiß und wieder kalt, Wann in dieſem Sturm und Drange Keuchend meine Seele wallt! Ach! das Ende macht mich zittern, Wie den Schiffer in der Nacht Der Tumult von Ungewittern Vor dem Abgrund zittern macht. Herr, mein Gott, wie ſoll es werden? Herr, mein Gott, erleuchte mich! Iſt wohl irgend wo auf Erden Rettung noch und Heil fuͤr mich? Heil auch dann, wann ich erfahre, Daß ſie ganz von mir befreyt, Einem Andern am Altare Sich mit Leib und Seele weiht? Werd' ich, o mein Gott und Racher, Ohn' in dieſen Höllenwehn Der Verzweiflung zum Verbrecher Mich zu wuͤthen, werd' ich's ſehn: Wie der Mann bey Kerzenſcheine Sie zum Brautgemache winkt, Und in meinem Freudenweine Sich zum frohſten Gotte trinkt?— Buͤrgerß Gedichte. Freylich, freylich fuͤhlt, was billig Und gerecht iſt, noch mein Sinn, Und das beßre Selbſt iſt willig: Doch des Herzens Kraft iſt hin! Weh mir! Alle Eingeweide Preßt der baͤngſten Ahndung Krampf! O ich armer Mann, wie meide Ich den fuͤrchterlichſten Kampf?— Biſt du nun verloren? Rettet Keine Macht dich mehr fuͤr mich? Molly, meine Molly, kettet Mich kein Segensſpruch an dich? O ſo ſprich, zu welchem Ziele Schleudert mich ein ſolcher Sturm? Dient denn Gott ein Menſch zum Spiele, Wie des Buben Hand der Wurm?— Nimmermehr! Dieß nur zu waͤhnen, Waͤre Hochverrath an ihm. Ruͤhre denn dich meiner Thraͤnen, Meines Jammers Ungeſtuͤmm? O es keimt, wie lang' es waͤhre, Doch vielleicht uns noch Gewinnſt, Wenn ich dir den Kampf erſchwere, Den du gegen mich beginnſt. War denn dieſe Flammenliebe Freyer Willkuͤhr heimgeſtellt? Nein! Den Samen ſolcher Liebe Streut Natur ins Herzensfeld. = 3c) 785=— — „c„——„— 7—„ — Buͤrgers Gedichte. 13 Unaustilgbar keimen dieſe, Sproſſen dicht von ſelbſt empor, Wie im Thal und auf der Wieſe Kraut und Blume, Gras und Rohr, Sinnig ſitz' ich oft und frage, Und erwag' es herzlich treu, Auf des beſten Wiſſens Wage: Ob„Uns lieben“ Suͤnde ſey? Dann erkenn' ich zwar und finde Krankheit, ſchwer und unheilbar; Aber Suͤnde, Liebchen, Suͤnde Fand ich nie, daß Krankheit war. O ich moͤchte ſelbſt geneſen! Doch durch welche Arzeney? Oft gedacht und oft geleſen Hab' ich viel und mancherley; Aerzte, Prieſter, Weiſ' und Thoren Hab' ich oft um Rath gefragt: Doch mein Forſchen war verloren; Keiner hat's mir angeſagt. O ſo laß es denn gewaͤhren, Da Geneſung nicht gelingt! Laß uns lieber Krankheit naͤhren, Eh' uns gar das Grab verſchlingt!— Suche nicht den Strom zu hemmen, Der ſo lang' ſein Bett nur fullt, Bis er zornig vor den Daͤmmen Zum Vertilgungsmeer entſchwillt. 14 Buͤrgers Gedichte. Freyer Strom ſey meine Liebe, Wo ich freyer Schiffer bin! Harmlos wallen ſeine Triebe Wog' an Woge dann dahin. Laß in ſeiner Kraft ihn brauſen! Wenn kein Damm ihn unterbricht, Muͤſſe dir davor nicht grauſen! Denn verheeren wird er nicht. Auf des Stromes Hoͤhe pranget Eine Inſel, anmuthsvoll, Wo der Schiffer hin verlanget, Aber ach! nicht landen ſoll. Auf der ſchönen Inſel thronet Seines Herzens Koͤnigin. Bey der ſuͤßen Holdin wohnet Dennoch immerdar ſein Sinn. Häͤnget gleich ſein Schiff an Banden Strenger Pflichten, die er ehrt; Wird ihm gleich dort anzulanden, MWolly, ſelbſt von dir verwehrt: O ſo laß ihn nur umfahren Seines Paradieſes Rand, Und es ſeine Obhut wahren Gegen fremde Räuberhand. Selbſt, o Holdin,— kannſt es glauben, Was dir Mund und Herz verſpricht!— Selbſt das Paradies berauben Und verheeren wird er nicht. W Nu M Ab Fen Un Hi „— S S — —„— Buͤrgers Gedichte. 15 Keine Beere will er pfluͤcken, Wie ſo lockend ſie auch gluͤht, Nicht ein Bluͤmchen nur zerknicken, Das in dieſem Eden bluht. Hinſchaun ſoll ihn nur ergetzen, Wann ſein Schiff herum ſich dreht, Nur der ſuͤße Duft ihn letzen, Den der Weſt vom Ufer weht. Aber ganz von hinnen ſcheiden, Fern von deinem Angeſicht Und der Heimath ſeiner Freuden, Heiß', o Konigin, ihn nicht. Mld 6 5 Ao, koͤnnt' ich Molly kaufen Fuͤr Gold und Edelſtein: Mir ſollten große Haufen Fuͤr ſie wie Kieſel ſeyn. Man ruͤhmt wohl viel vom Golde, Was ich nicht laͤugnen kann: Doch ohne ſie, die Holde, Wie haͤtt' ich Luſt daran? Ja, wenn ich Allgebieter Von ganz Europa waͤr', Ich gäb' Europens Guͤter Fuͤr ſie mit Freuden her, Bedingte nur dieß Eine Fuͤr ſie und mich noch aus: Im kleinſten Fruchtbaum⸗Haine Das kleinſte Gaͤrtnerhaus. Mein liebes Leben enden Darf nur der Herr der Welt. Doch duͤrft' ich es verſpenden, So wie mein Gut und Geld, So gaͤb' ich gern, ich ſchwoͤre, Fuͤr jeden Tag ein Jahr, Da ſie mein eigen waͤre, Mein eigen ganz und gar. An die kalten Vernuͤnftler. Jo habe was Liebes, das hab' ich zu lieb; Was kann ich, was kann ich dafuͤr? Drum ſind mir die kalten Vernuͤnftler nicht hold; Doch ſpinn' ich ja leider nicht Seide noch Gold, Ich ſpinne nur Herzeleid mir. Buͤrgers Gedichte. Po Au Do * 2 S V Be W N Buͤrgers Gedichte. 17 Auch mich hat was Liebes im Herzen zu lieb; Was kann es fuͤr's liebende Herz? Auch ihm ſind die kalten Vernuͤnftler nicht hold: Doch ſpinnt es ja leider nicht Seide noch Gold, Es ſpinnt ſich nur Elend und Schmerz. Wir ſeufzen und ſehnen, wir ſchmachten uns nach, Wir ſehnen und ſeufzen uns krank. Die kalten Vernuͤnftler verargen uns das, Sie reden, ſie thun uns bald dieß und bald das, Und ſchmieden uns Feſſel und Zwang. Wenn ihr fuͤr die Leiden der Liebe was könnt, Vernuͤnftler, ſo gönnen wir's euch. Wenn wir es nicht können, ſo irt' es euch nicht! Wir können, ach leider! wir konnen es nicht, Nicht fuͤr das Mogoliſche Reich! Wir irren und quaͤlen euch Andre ja nicht; Wir quaͤlen ja uns nur allein. Drum, kalte Vernuͤnftler, wir bitten euch ſehr, Drum laßt uns gewaͤhren, und quaͤlt uns nicht mehr. O laßt uns gewähren allein! Was draͤnget ihr euch um die Kranken herum, Und ſcheltet und ſchnarchet ſie an? Von Schelten und Schnarchen geneſen ſie nicht, Man liebet ja Tugend, man übet ja Pflicht; Doch keiner thut mehr, als er kann. Buͤrgers Gedichte 1I. B. B Buͤrgers Gedichte. Die Sonne, ſie leuchtet; ſie ſchattet die Nacht; Hinab will der Bach, nicht hinan; Der Sommerwind trocknet; der Regen macht naß; Das Feuer verbrennet.— Wie hindert ihr das? O laßt es gewähren, wie's kann! Es hungert den Hunger, es duͤrſtet den Durſt; Sie ſterben von Nahrung entfernt. Naturgang wendet kein Aber und Wenn.— O kalte Vernuͤnftler, wie zwinget ihr's denn, Daß Liebe zu lieben verlernt? Muttertaͤndeleii. Fuͤr meine Dorette. So mir doch mein ſchoͤnes Kind, Mit den goldnen Zottel⸗Lockchen, Blauen Augen, rothen Baͤckchen; Leutchen, habt ihr auch ſo eins?— Leutchen, nein ihr habet keins! G e . Le L Buͤrgers Gedichte. Seht mir doch mein ſuͤßes Kind! Fetter als ein fettes Schneckchen, Suͤßer, als ein Zuckerweckchen! Leutchen, habt ihr auch ſo eins?— Leutchen, nein ihr habet keins! Seht mir doch mein holdes Kind! Nicht zu muͤrriſch, nicht zu waͤhlig! Immer freundlich, immer froͤhlich! Leutchen, habt ihr auch ſo eins?— Leutchen, nein ihr habet keins! Seht mir doch mein frommes Kind! Keine bitterböſe Sieben Wuͤrd' ihr Muͤtterchen ſo lieben. Leutchen, moͤchtet ihr ſo eins?— O ihr kriegt gewiß nicht meins! Komm' einmahl ein Kaufmann her! Hundert tauſend blanke Thaler, Alles Gold der Erd' zahl' er! O, er kriegt gewiß nicht meins!— Kauf' er ſich wo anders eins! B 2 Buͤrgers Gedichte. De 9 5 n F E. iſt ein Ding, das mich verdreußt, Wenn Schwindel- oder Schmeichelgeiſt Gemeines Maß fuͤr großes preißt. Du, Geiſt der Wahrheit, ſag' es an: Wer iſt, wer iſt ein großer Mann? Der Ruhmverſchwendung Acht und Bann! Der, dem die Gottheit Sinn beſchert, Der Größe, Bild, Verhalt und Werth, Und aller Weſen Kraft ihm lehrt; Deß weit umfaſſender Verſtand, Wie einen Ball die hohle Hand, 6 Ein ganzes Welt⸗Syſtem umſpannt; Der weiß, was Großes hie und da, Zu allen Zeiten, fern und nah', Und wo, und wann, und wie geſchahz Der Mann, der die Natur vertraut, Gleich wie ein Brautigam die Braut, In ganzer Schönheit nackend ſchaut; Und warm an Ihres Buſens Gluth, Vermogen ſtets und Heldenmuth Und Lieb' und Leben ſaugend, ruht; Und nun, was je ein Erdenmann Fuͤr Menſchenheil gekonnt und kann, Wofern er will, desgleichen kann; — pe) cee — Buͤrgers Gedichte. 21 Dabei in ſeiner Zeit und Welt, Wo ſein Beruf ihn hingeſtellt, Durch That der Kunſt die Wage halt; Der iſt ein Mann, und der iſt groß! Doch ringt ſich aus der Menſchheit Schooß Jahrhundert lang kaum einer los. Untreue uͤber Alles. Jo lauſchte mit Molly tief zwiſchen dem Korn, umduftet vom bluͤhenden Hagebutt-Dorn. Wir hatten's ſo heimlich, ſo ſtill und bequem, Und koſeten traulich von Dieſem und Dem. Wir hatten's ſo heimlich, ſo ſtill und bequem; Kein Seelchen vernahm was von Dieſem und Dem; Faſt achteten unſer die Luͤftchen nicht mehr: Die ſpielten mit Blumen und Halmen umher Wir herzten, wir druͤckten, wie innig, wie warm! Und wiegten uns, eia popeia im Arm. Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins, So reihten wir Kuͤſſe zu Kuͤſſen in eins. Buͤrgers Gedichte. und zwiſchen die Trauben von Kuͤſſen hin ſchlang Sich, ähnlich den Reben, Geſpräch und Geſang. Kein Weinſtock auf Erden verdienet den Ruf Von dieſem, den Liebe bei'm Hagedorn ſchuf. „O Molly, ſo ſprach ich, ſo ſang ich zu ihr, Lieb Liebchen, was kuͤſſeſt, was liebſt du an mir? Sprich, iſt es nur Leibes- und Liebesgeſtalt? Sprich! Oder das Herz, das im Buſen mir wallt?“— „O Lieber, ſo ſprach ſie, ſo ſang ſie zu mir, O Theurer, was ſollt' ich nicht lieben an dir? Biſt ſuß mir an Leibes- und Liebesgeſtalt, Doch theurer durch's Herz, das im Buſen dir wallt.— „Lieb Liebchen, was thaͤteſt du, haͤtte dir Noth Das Eine fuͤr's Andre zu miſſen gedroht? Sprich! Bliebe mein liebendes Herz dein Ge⸗ winn? Sprich! Gäbſt du fuͤr Treue das Uebrige hin?“— „Ein goldener Becher giebt lieblichen Schein; Doch ſuͤßeres Laſal gewaͤhret der Wein. Ach, bliebe der labende Wein mein Gewinn, So gaͤb' ich den goldenen Becher wohl hin.“— — =— e Buͤrgers Gedichte. 23 „O Molly, lieb Liebchen, wie waͤr' es beſtellt, Durchſtrichen noch uͤppige Feen die Welt, Die Schoönſte der Schoͤnſten entbrennte zu mir, und legte mir Schlingen, und raubte mich dir; und fuͤhrte mich auf ihr bezaubertes Schloß, Und ließe nicht eher mich ledig und los, Als bis ich in Liebe mich zu ihr geſellt; Wie wär' es um deine Verzeihung beſtellt?“— „Ach! Fragteſt du vor der ſo ſchmählichen That Dein aͤngſtlich bekuͤmmertes Maͤdchen um Rathz So rieth ich: Bedenke mein Kleinod mein Gluͤck! Komm nimmer mir, oder mit Treue zuruͤck!“— „Wie, wenn ſie nun ſpraͤche: Komm buhle mit mir! Sonſt koſtet's dir Jugend und Schoͤnheit dafuͤr. Zum häͤßlichſten Zwerge verſchafft dich mein Wort; Dann ſchickt mit dem Korb auch dein Mädchen dich fort.“— „O Lieber, das glaube der Truͤgerin nicht! Entſtelle ſie dich und dein holdes Geſicht! Erfulle ſie Alles, was Boͤſes ſie droht! So hat es ja doch mit dem Korbe nicht Noth““— 1 Buͤrgers Gedichte. „Wie, wenn ſie nun ſpraͤche: Komm, buhle mit mir! Sonſt werde zur Schlange dein Maͤdchen dafuͤr! O Molly, lieb Liebchen, was rietheſt du nun? Was ſollt' ich wohl wählen, was ſollt' ich wohl thun?“— „O Lieber, du ſtellſt mich zu aͤngſtlicher Wahl! Leicht wäre mir zwar ber Bezauberung Qual: Doch jetzt bin ich ſuͤß dir, wie Honig und Wein: Dann wuͤrd ich ein Scheuel und Gräuel dir ſeyn.“— „Doch ſetze: Du nuͤrdeſt kein Graͤuel darum; Ich truͤge dich ſorglich im Buſen herum: Da hörteſt du immer, bei Nacht und bei Tag, Fuͤr dich nur des Herzens entzuͤckenden Schlag; Und immer noch bliebe dein zärtlicher Kuß Dem durſtigen Munde des Himmels Genuß: O Molly, lieb Liebchen, was rietheſt du nun? Was ſollt' ich wohl waͤhlen, was ſollt' ich wohl thun?“— „O Lieber, o Suͤßer, dann weißt du die Wahl. Was haͤtt' ich fur Sorge, was haäͤtt' ich fuͤr Qual? Dann huͤlle mich lieber die Schlangenhaut ein, Als daß mir mein Trauter ſoll ungetreu ſeyn!“— 7 2 („ 38 278 „„7) — Buͤrgers Gedichte. 25 „Doch, wenn ſie nun ſpraͤche: Komm, buhle mit mir! Sonſt werde zur Rache des Todes dafuͤr! O Molly, lieb Liebchen, was rietheſt du nun? Was ſollt' ich wohl wählen, was ſollt' ich wohl thun?“— „Geliebter, du ſtellſt mich zur ſchrecklichſten Wahl: Zur Rechten iſt Jammer, zur Linken iſt Qual. Bewahre mich Gott vor ſo aͤngſtlicher Noth! Denn was ich auch wähle, ſo waͤhl' ich mir Tod. Doch,— wenn er zur Rechten und Linken mir droht, So waͤhl' ich doch lieber den ſuͤßeren Tod. D Theurer, ſo ſtirb dann, und bleibe nur mein! Bald folget dir Molly, und holet dich ein. Dann iſt es geſchehen, dann ſind wir entflohn; Dann kroͤnet die Treue unſterblicher Lohn. So ſtirb dann, o Suͤßer, und bleibe nur mein! Bald holet dein Mädchen im Himmel dich ein.“— Wir ſchwiegen und druͤckten, wie innig, wie warm! Und wiegten uns, eia popeia! im Arm. Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins, So reihten wir Kuͤſſe zu Kuͤſſen in eins. Buͤrgers Gedichte. Wir ſchwankten, berauſcht von der Liebe Ge⸗ fuͤhl, Und kuͤßten der herrlichen Trauben noch viel. Dann ſchwuren wir herzlich, bei Ja und bei Nein, Im Leben und Tode getreu uns zu ſeyn. Des Pfarrers Tochter von Taubenhain. No Garten des Pfarrers von Taubenhain Geht's irre bei Nacht in der Laube. Da fluͤſtert und ſtöhnt's ſo aͤngſtiglich; Da raſſelt, da flattert und ſträubet es ſich, Wie gegen den Falken die Taube. Es ſchleicht ein Flaͤmmchen am Unkenteich, Das flimmert und flammert ſo traurig⸗ Da iſt ein Plätzchen, da wächſt kein Gras; Das wird vom Thau und vom Regen nicht naß; Da wehen die Luͤftchen ſo ſchaurig.— Des Pfarrers Tochter von Taubenhain War ſchuldlos, wie ein Taͤubchen. Das Maͤdel war jung, war lieblich und fein, Viel ritten der Freier nach Taubenhain, Und wuͤnſchten Roſetten zum Weibchen.— —„ en— Buͤrgers Gedichte. 27 Von druͤben heruͤber, von druͤben herab, Dort jenſeits des Baches vom Huͤgel, Blinkt ſtattlich ein Schloß auf das Doͤrfchen im Thal, Die Mauern wie Silber, die Daͤcher wie Stahl, Die Fenſter wie brennende Spiegel. Da trieb es der Junker von Falkenſtein, In Huͤll' und in Fuͤll' und in Freude. Dem Juͤngferchen lacht' in die Augen das Schloß, Ihm lacht in das Herzchen der Junker zu Roß, Im funkelnden Jägergeſchmeide.— Er ſchrieb ihr ein Briefchen auf Se Umraͤndelt mit goldenen Kanten. Er ſchickt' ihr ſein Bildniß, ſo lachend und hold, Verſteckt in ein Herzchen von Perlen und Gold; Dabei war ein Ring mit Demanten.— „Laß du ſie und fahlen und gehn! Laß du ſie ſich werben zu Schanden! Roſettchen, dir iſt wohl was Beſſers beſchert. Ich achte des ſtattlichſten Ritters dich werth, Beliehen mit Leuten und Landen. Ich hab' ein gut Woͤrtchen zu koſen mit dir; Das muß ich dir heimlich vertrauen⸗ Drauf haͤtt' ich gern heimlich erwuͤnſchten Beſcheid⸗ Lieb Mädel, um Mitternacht bin ich nicht weits Sey wacker und laß dir nicht grauen. 28 Buͤrgers Gedichte. Heut Mitternacht horch auf den Wachtelgeſang, Im Weitzenfeld hinter dem Garten. Ein Nachtigallmännchen wird locken die Braut, Mit lieblichem tief aufflötenden Laut; Sey wacker und laß mich nicht warten!“— Er kam in Mantel und Kappe vermummt, Er kam um die Mitternachtsſtunde. Er ſchlich, umguͤrtet mit Waffen und Wehr, So leiſe, ſo loſe, wie Nebel, einher, Und ſtillte mit Brocken die Hunde. Er ſchlug der Wachtel hell gellenden Schlag, Im Weitzenfeld hinter dem Garten. Dann lockte das Nachtigallmännchen die Braut, Mit lieblichem tief aufflötenden Laut; Und Roͤschen, ach!— ließ ihn nicht warten.— Er wußte ſein Wörtchen ſo traulich und ſuß In Ohr und in Herz ihr zu girren!— Ach, Liebender Glaube iſt willig und zahm! Er ſparte kein Locken, die ſchuchterne Scham Zu ſeinem Geluͤſte zu kirren. Er ſchwur ſich bei Allem, was heilig und hehr, Auf ewig zu ihrem Getreuen. Und als ſie ſich ſträubte, und als er ſie zog, Vermaß er ſich theuer, vermaß er ſich hoch: „Lieb Mädel, es ſoll dich nicht reuen!“ 7 27 28 7 —„— 7) — —„— dc Buͤrgers Gedichte. 29 Er zog ſie zur Laube, ſo duͤſter und ſtill, Von blähenden Bohnen umduͤftet. Da pocht ihr das Herzchen; da ſchwoll ihr die Bruſt; Da wurde vom gluͤhenden Hauche der Luſt Die Unſchuld zu Tode vergiftet.—— Bald, als auf duftendem Bohnenbeet Die roͤthlichen Blumen verbluͤhten, Da wurde dem Maͤdel ſo uͤbel und weh: Da bleichten die roſichten Wangen zu Schnee; Die funkelnden Augen vergluͤhten. Und als die Schote nun allgemach Sich dehnt' in die Breit' und Länge; Als Erdbeer' und Kirſche ſich roͤthet' und ſchwoll; Da wurde dem Mädel das Bruͤſtchen zu voll, Das ſeidene Roͤckchen zu enge. Und als die Sichel zu Felde ging, Hub's an ſich zu regen und ſtrecken. Und als der Herbſtwind uͤber die Flur, Und uͤber die Stoppel des Habers fuhr, Da konnte ſie's nicht mehr verſtecken. Der Vater ein harter und zorniger Mann, Schalt laut die arme Roſette: „Haſt du dir erbuhlt fuͤr die Wiege das Kind, So hebe dich mir aus den Augen geſchwind', Und ſchaff' auch den Mann dir in's Bette!“— 30 Buͤrgers Gedichte. Er ſchlang ihr fliegendes Haar um die Fauſt; Er hieb ſie mit knotigen Riemen. Er hieb, das ſchallte ſo ſchrecklich und laut! Er hieb ihr die ſammtene Lilienhaut Voll ſchwellender blutiger Striemen. Er ſtieß ſie hinaus in der finſterſten Nacht Bei eiſigem Regen und Winden. Sie klimmte am dornigen Felſen empor, Und tappte ſich fort bis an Falkenſtein's Thor, Dem Liebſten ihr Leid zu verkuͤnden.— „HO weh mir, daß du mich zur Mutter gemacht, Bevor du mich machteſt zum Weibe! Sieh her! Sieh her! Mit Jammer und Hohn Trag' ich dafuͤr nun den ſchmerzlichen Lohü An meinem zerſchlagenen Leibe!“ Sie warf ſich. bitterlich ſchluchzend an's Herz; Sie bath, ſie beſchwur ihn mit Zaͤhren: „O mach es nun gut, was du uͤbel gemacht! Biſt du es, der ſo mich in Schande gebracht, So bring auch mich wieder zu Ehren!“ „Arm Naͤrrchen, verſetzt er, das thut mir ja leid! Wir wollen's am Alten ſchon raͤchen. Erſt gib dich zufrieden und harre bei mir! Ich will dich ſchon hegen und pflegen allhier. Dann wollen wir's ferner beſprechen.“— It „ R St Y Un O D S 8S S — 1 Buͤrgers Gedichte. 31 „Ach, hier iſt kein Saͤumen, kein Pflegen, noch Ruhn! Das bringt mich nicht wieder zu Ehren. Haſt du einſt treulich geſchworen der Braut, So laß auch an Gottes Altare nun laut Vor Prieſter und Zeugen es hören!“— „Ha, Naͤrrchen, ſo hab ich es nimmer gemeynt! Wie kann ich zum Weibe dich nehmen? Ich bin ja entſproſſen aus adligem Blut, Nur Gleiches zu Gleichem geſellet ſich gut; Sonſt muͤßte mein Stamm ſich ja ſchämen. A Lieb Naͤrrchen, ich halte dir's, wie ich's ge⸗ meynt: Mein Liebchen ſollſt immerdar bleiben. Und wenn dir mein wackerer Jaͤger gefällt, So laſſ' ich mir's koſten ein gutes Stuͤck Geld. Dann koͤnnen wir's ferner noch treiben.“— „Daß Gott dich!— du ſchaͤndlicher buͤbiſcher Mann!— Daß Gott dich zur Hoͤlle verdamme!— Entehr' ich als Gattin dein adliges Blut, Warum denn, o Boͤſewicht, war ich einſt gut; Fuͤr deine unehrliche Flamme?— Buͤrgers Gedichte. So geh' denn und nimm dir ein adliges Weib;— Das Blaͤttchen ſoll ſchrecklich ſich wenden! Gott ſiehet und höret und richtet uns recht. So muͤſſe dereinſt dein niedrigſter Knecht Das adlige Bette dir ſchaͤnden!— Dann fuͤhle Verräther, dann fuͤhle wie's thut, An Ehr' und an Gluͤck zu verzweifeln! Dann ſtoß, an die Mauer die ſchaͤndliche Stirn, und jag' eine Kugel dir fluchend durch's Hirn! Dann, Teufel, dann fahre zu Teufeln!“— Sie riß ſich zuſammen, ſie raffte ſich auf, Sie rannte verzweifelnd von, hinnen, Mit blutigen Fuͤßen, durch Diſtel und Dorn, Durch Moor und Geröhricht, vor Jammer und Zorn Zerruttet an allen fuͤnf Sinnen. * „Wohin nun, wohin, o barmhrziger Gott, Wohin nun auf Erden mich wenden?“,— Sie rannte verzweifelnd an Ehr' und n Gluͤck, Und kam in den Garten der Heimath zuruͤck, Ihr klaͤgliches Leben zu enden⸗ Sie taumelt', an Haͤnden und Fuͤßen verklomt, Sie kroch zur unſeligen Laube; Und jach durchzuckte ſie Weh auf Weh, Auf aͤrmlichem Lager beſtreuet mit Schnee, Von Reißig und raſſelndem Laube. 2 2 2 2 7 c)„S Buͤrgers Gedichte. 33 Es wand ihr ein Kuaͤblein ſich weinend vom Schooß, Bei wildem unſaͤglichem Schmerze. Und als das Knaͤbchen geboren war, Da riß ſie die ſilberne Nadel vom Haar, Und ſtieß ſie dem Knaben ins Herze. Erſt, als ſie vollendet die blutige That, Mußt', ach! ihr Wahnſinn ſich enden. Kalt wehten Entſetzen und Krauſen ſie an.— „O Jeſu, mein Heiland, was hab ich gethan?“ Sie wand ſich den Baſt von den Haͤnden. Sie kratzte mit blutigen Naͤgeln ein Grab, Am ſchilfigen Unkengeſtade. „Da ruh' du, mein Armes, da tuh nun in Gott, Geborgen auf immer vor Elend und Spott!— Mich hacken die Raben vom Rade!“—— Das iſt das Flaͤmmchen am Unkenteich; Das flimmert und flammert ſo traurig. Das iſt das Plätzchen, da wäͤchſt kein Gras; Das wird vom Thau und vom Regen nicht naß; Da wehen die Luͤftchen ſo ſchaurig! Hoch hinter dem Garten vom Rabenſtein Hoch uͤber dem Steine vom Rade Blickt, hohl und duͤſter, ein Schaͤdel herab, Das iſt ihr Schaͤdel, der blicket auf's Grab, Drei Spannen lang an dem Geſtade. Buͤrgers Gedichte II. B. C 3⁴ Buͤrgers Gedichte. Allnaͤchtlich herunter vom Rabenſtein, Allnaͤchtlich herunter vom Rade Huſcht bleich und molkicht ein Schattengeſicht, Will löſchen das Flaͤmmchen, und kann es doch nicht, Und wimmert am Unkengeſtade. Himmel und Erde. Mn dem Himmel quillt die Fuͤlle. Der vollkommnen Seligkeit. Ich auch, waͤr' es Gottes Wille, Traͤnke gern aus dieſer Fuͤlle Labſal fuͤr der Erde Leid; Fuͤr das Leid, das meiner Tage Schoͤne Roſenfarbe bleicht, Das ich tief im Buſen trage, Das ich Arzt und Prieſter klage, Welches keinem Balſam weicht. Längſt ſind uͤber Thal und Huͤgel Alle Freuden mir entflohn. Lahm ſind meiner Hoffnung Fluͤgel, Rauher Hinderniſſe Hugel Sprechen ſelbſt den Wuͤnſchen Hohn.— —— —„—„„ Buͤrgers Gedichte. 3 S Dennoch ſetzt' ich auch auf Erden S Gern noch fort den Pilgerſtab. Sollte Molly mir nur werden, Truͤg' ich aller Welt Beſchwerden Noch den laͤngſten Pfad hinab. O Molly, welcher Talisman Hilft alle Herzen dir gewinnen? Zwar kennen ihn die Huldgöttinnen, Allein ſie geben ihn nicht an.* Kaäm' uns Homer zuruͤck in's Leben, Und fuͤhlte dieſen Drang und Zug; Er wuͤrd' ihn Schuld dem Guͤrtel geben, Den Venus um den Buſen trug. Weißt du, was er davon geſungen? Darein war alle Zauberei Der Liebe, Lächeln, Schmeichelei Und ſanfter Taubenſinn verſchlungen; War Witz verwebt, von Guͤt' erzeugt, Und, ah! das ſuͤße Huldgekoſe, Das, gleich dem milden Oel der Roſe, Sogar des Weiſen Herz beſchleicht. C 2 36 Buͤrgers Gedichte. Nicht Jugendreiz, der bald verbluhet, Es iſt die ewige Magie Des Guͤrtels, den dir Venus lieh, Der ſo die Herzen an ſich ziehet! Und noch im Herbſte werden die Fuͤr dich, wie jetzt im Lenze, lodern, Und ſehnend Lieb' um Liebe lodern: Denn Huldgoͤttinnen altern nie. Der kluge Held. Ta⸗ vor der Schlacht geraͤth ein junger Held In allerlei bedenkliche Bewegung; Nimmt dieß und das in ernſte Ueberlegung und bringt heraus: Dein Bischen Löhnungsgeld und Lumpenruhm, mein guter König, Reitzt wahrlich Unſereinen wenig, Daß er dafuͤr im Mordgemetzel fällt!— Als er kaum fertig iſt mit Gruͤbeln, Lauft er zum Chef:„Sie werden's nicht verubeln, Daß ich, zu meinem bitterſten Verdruß, Gerade jetzt um Urlaub bitten muß. R Buͤrgers Gedichte. 37 Denn ach! mein Vater liegt an Todtesenden nie⸗ der, So ſchreibt man mir; ich ſeh' ihn ſonſt nicht wie⸗ der; Und ihn verlangt nach mir und meinem letzten Gruß; O goͤnnen Sie mir ſeinen Abſchiedskuß!“— „Sehr wohl! verſetzt der Chef, und lächelt vor ſich nieder; Reiſ' hurtig ab, mein Sohn! Denn nach der Bi⸗ bel muß Dein Vater nach Gebuͤhr von dir geehret werden, Auf daß dir's wohl ergeh', und du lang' leb'ſt auf Erden.“ Molly's Abſchied. Lo. wohl, du Mann der Luſt und Schmer⸗ zen! Mann der Liebe, meines Lebens Stab! Gott mit dir, Geliebter! Tief zu Herzen Halle dir mein Segensruf hinab! 38 Buͤrgers Gedichte. Zum Gedaͤchtniß bieth' ich dir, ſtatt Goldes,— Was iſt Gold und goldeswerther Tand?— Bieth' ich lieber, was dein Auge Holdes, Was dein Herz an Molly Liebes fand. Nimm, du ſuͤßer Schmeichler, von den Locken, Die du oft zerwuͤhlteſt und verſchobſt, Wann du uͤber Flachs an Pallas Rocken, Ueber Gold und Seide ſie erhobſt. Vom Geſicht, der Mahlſtatt deiner Koͤſſe, Nimm, ſo lang' ich ferne von dir bin, Halb zum mindeſten im Schattenriſſe, Fuͤr die Phantaſie die Abſchrift hin! Meiner Augen Denkmal ſey dieß blaue Kraͤnzchen flehender Vergißmeinnicht, Oft beträufelt von der Wehmuth Thaue, Der hervor durch ſie vom Herzen bricht! Dieſe Schleife, welche deinem Triebe Oft des Buſens Heiligthum verſchloß, Hegt die Kraft des Hauches meiner Liebe, Der hinein mit tauſend Kuͤſſen floß. * Mann der Liebe! Mann der Luſt und Schmerzen! Du, fuͤr den ich alles that und litt, Nimm von Allem! Nimm von meinem Herzen,— Doch,— du nimmſt ja ſelbſt das Ganze mit! E W V P Buͤrgers Gedichte. 39 Prometheus. hatte kaum herab in Erdennacht Den Quell des Lichts, der Waärm' und alles Lebens, Das Feuer, vom Olymp gebracht; Sieh, da verbrannte ſich,— denn Warnen war vergebens,— Manch dummes Juͤngelchen die Fauſt aus Unbedacht. Mein Gott! Was fuͤr Geſchrei erhuben Nicht da ſo manches dummen Buben Erzdummer Papa, Erzdumme Mama, Erzdumme Leibs- und Seelen-Amme! Welch Gaͤnſegeſchnatter die Kleriſei, Welch Truthahnsgekoller die Polizei! Iſt's weiſe, daß man dich verdamme, Gebenedeite Gottesflamme, Allfreie Denk⸗ und Druckerei? Buͤrgers Gedichte. i 5 ⸗ Fa. Magdalis weint' auf ihr letztes Stuͤck Brod. Sie konnt' es vor Kummer nicht eſſen. Ach, Witwen bekuͤmmert oft groͤßere Noth, Als gluͤckliche Menſchen ermeſſen. „Wie tief ich auf immer geſchlagen nun bin! Was hab' ich, biſt du erſt verzehret?“— Denn, Jammer! ihr Eins und ihr Alles war hin, Die Kuh, die bisher ſie ernähret.— Heim kamen mit lieblichem Schellengetoͤn Die Andern, geſaͤttigt in Fuͤlle. Vor Magdalis Pforte blieb keine mehr ſtehn, Und rief ihr mit ſanftem Gebruͤlle. Wie Kindlein, welche der naͤhrenden Bruſt Der Mutter ſich ſollen entwoͤhnen, So klagte ſie Abend und Nacht den Verluſt, Und loͤſchte ihr Lämpchen mit Thränen. Sie ſank auf ihr aͤrmliches Lager dahin, In hoffnungsloſem Verzagen, Verwirrt und zerruͤttet an jeglichem Sinn, An jeglichem Gliede zerſchlagen. —.—————————— (7 38 —— —„ ₰ Buͤrgers Gedichte. 41 Doch ſtarkte kein Schlaf ſie von Abend bis fruh. Schwer abgemuͤdet, im Schwalle Von aͤngſtlichen Träumen, erſchuͤtterten ſie Die Schlaͤge der Glockenuhr alle. Fruͤh that ihr des Hirtenhornes Getön Ihr Elend von neuem zu wiſſen. „O wehe! Nun hab' ich nichts aufzuſtehn!“— So ſchluchzte ſie nieder in's Kiſſen. Sonſt weckte des Hornes Geſchmetter ihr Herz, Den Vater der Guͤte zu preiſen. Jetzt zurnet' und hadert' entgegen ihr Schmerz Dem Pfleger der Witwen und Waiſen. Und horch! Auf Ohr und auf Herz, wie ein Stein Fiel's ihr, mit droͤhnendem Schalle. Ihr rieſelt' ein Schauer durch Mark und Gebein: Es duͤnkt' ihr wie Bruͤllen im Stalle. „O Himmel! Verzeihe mir jegliche Schuld, Und ahnde nicht meine Verbrechen!“ Sie waͤhnt', es erhuͤbe ſich Geiſtertumult, Ihr ſträfliches Zagen zu raͤchen. Buͤrgers Gedichte. Kaum aber hatte vom ſchrecklichen Ton Sich mäͤhlich der Nachhall verloren, So drang ihr noch lauter und deutlicher ſchon Das Bruͤllen vom Stalle zu Ohren. „Barmherziger Himmel, erbarme dich mein, Und halte den Böſen in Banden!“ Tief barg ſie das Haupt in die Kiſſen hinein, Daß Hoͤren und Sehen ihr ſchwanden. Hier ſchlug ihr, indem ſie im Schweiße zer⸗ quoll, Das bebende Herz, wie ein Hammer; Und drittes noch lauteres Bruͤllen erſcholl, Als wär's vor dem Bett in der Kammer. Nun ſprang ſie mit wildem Entſetzen heraus; Stieß auf die Laden der Zelle; Schon ſtrahlte der Morgen; der Daͤmmerung Graus Wich ſeiner erfreulichen Helle. Und als ſie mit heiligem Kreuz ſich verſehn: „Gott helfe mir gnaͤdiglich, amen!“ Da wagte ſie's zitternd zum Stalle zu gehn, In Gottes allmaͤchtigem Namen. Un — S 7— c Buͤrgers Gedichte. ¹3 D Wunder! Hier kehrte die herrlichſte Kuh, So glatt und ſo blank, wie ein Spiegel, Die Stirne mit ſilbernem Sternchen ihr zu. Vor Staunen entſank ihr der Riegel. Dort fuͤllte die Krippe friſch duftender Klee, Und Heu den Stall, ſie zu naͤhren; Hier leuchtet' ein Eimerchen, weiß wie der Schnee, Die ſtrotzenden Euter zu leeren. Sie trug ein zierlich beſchriebenes Blatt Um Stirn und Hoͤrner gewunden: „Zum Troſte der guten Frau Mägdalis hat N. N. hierher mich gebunden.“— Gott hatt' es ihm gnaͤdig verliehen, die Nocth Des Armen ſo wohl zu ermeſſen. Gott hatt' ihm verliehen ein Stuͤcklein Brod, Das konnt' er allein nicht eſſen.— Mir daͤucht, ich wäre von Gott erſehn, Was gut und was ſchoͤn iſt, zu preiſen: Daher beſing' ich, was gut iſt und ſchoͤn, In ſchlicht einfaͤltigen Weiſen. Buͤrgers Gedichte. „So, ſchwur mir ein Maurer, ſo iſt es ge⸗ ſchehn!“ Allein er verboth mir den Nahmen. Gott laſſ' es dem Edeln doch wohl ergehn! Das beth' ich herzinniglich, amen! Der Kaiſer und der Abt. J⸗ will euch erzählen ein Mährchen, gar ſchnurrig, Es war'mahl ein Kaiſer; der Kaiſer war kurrig; Auch war'mahl ein Abt, ein gar ſtattlicher Herr; Nur Schade! ſein Schaͤfer war kluͤger, als er. Dem Kaiſer ward's ſauer in Hitz' und in Kälte: Oft ſchlief er bepanzert im Kriegesgezelte; Oft hatt' er kaum Waſſer zu Schwarzbrod und Wurſt; Und oͤfter noch litt' er gar Hunger und Durſt. Das Pfäfflein, das wußte ſich beſſer zu hegen, Und weidlich am Tiſch und im Bette zu pflegen. Wie Vollmond glaͤnzte ſein feiſtes Geſicht, Drei Maͤnner umſpannten den Schmerbauch ihm nicht. —— —— ———— Un „ 2 2 —2 8 4 — 7c 20 Buͤrgers Gedichte. 45 Drob ſuchte der Kaiſer am Pfaäfflein oft Hader. Einſt ritt er, mie reiſigem Kriegesgeſchwader, In brennender Hitze des Sommers vorbei. Das Pfäfflein ſpazierte vor ſeiner Abtei. „Ha, dachte der Kaiſer, zur gluͤcklichen Stunde!“ Und gruͤßte das Pfäfflein mit hoͤhniſchem Munde: „Knecht Gottes, wie geht's dir? Mir daͤucht wohl ganz recht, Das Bethen und Faſten bekomme nicht ſchlecht. Doch deucht mir daneben, euch plage viel Weile. Ihr dankt mir's wohl, wenn ich euch Arbeit er⸗ theile, Man ruͤhmet, ihr waͤret der pfiffigſte Mann, Ihr hoͤret das Graͤschen faſt wachſen, ſagt man. So geb' ich denn euern zwei tuͤchtigen Backen Zur Kurzweil drei artige Nuͤſſe zu knacken. Drei Monden von nun an beſtimm' ich zur Zeit. Dann will ich auf dieſe drei Fragen Beſcheid. Zum erſten: Wann hoch ich, im fuͤrſtlichen Rathe, Zu Throne mich zeige im Kaiſer⸗Ornate, Dann ſollt' ihr mir ſagen, ein treuer Wardein, Wie viel ich wohl werth bis zum Heller mag ſeyn? 46 Buͤrgers Gedichte, Zum zweyten ſollt ihr mir berechnen und ſa⸗ gen: Wie bald ich zu Roſſe die Welt mag umjagen? Und keine Minute zu wenig und viel! Ich weiß, der Beſcheid darauf iſt euch nur Spiel. Zum dritten noch ſollſt du, o Preis der Praͤ⸗ laten, Auf's Haͤrchen mir meine Gedanken errathen. Die will ich dann treulich bekennen: allein Es ſoll auch kein Titelchen Wahres dran ſeyn.„ Und koͤnnt' ihr mir dieſe drei Fragen nicht löſen, So ſeyd ihr die laͤngſte Zeit Abt hier geweſen; So laſſ' ich euch fuͤhren zu Eſel durch's Land, Verkehrt, ſtatt des Zaumes, den Schwanz in der n Hand.“— Drauf trabte der Kaiſer mit Lachen von hinnen. Das Pfafflein zerriß und zerſpliß ſich mit Sinnen. Kein armer Verbrecher fuͤhlt mehr Schwulität, Der vor hochnothpeinlichem Halsgericht ſteht. Er ſchickte nach ein, zwei, drei, vier Un'verſ'⸗ taͤten, Er fragte bei ein, zwei, drei, vier Facultäten, Er zahlte Gebuͤhren und Sportuln vollauf: Doch loͤſte kein Doctor die Fragen ihm auf. 2 — ⸗ er Buͤrgers Gedichte. 47 Schnell wuchſen, bei herzlichem Zagen und Pochen, Die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen, Die Wochen zu Monden; ſchon kam der Termin! Ihm ward's vor den Augen bald gelb und bald grun. Nun ſucht' er, ein bleicher hohlwangiger Wer⸗ ther, In Waͤldern und Feldern die einſamſten Oerter. Da traf ihn, auf ſelten betretener Bahn, Hans Bendix, ſein Schaͤfer, am Felſenhang an. „Herr Abt, ſprach Hans Bendix, was moͤgt ihr euch grämen? Ihr ſchwindet ja wahrlich dahin, wie ein Sche⸗ men. Maria und Joſeph! Wie hotzelt ihr ein! Mein Sirchen! Es muß euch was angethan ſeyn. „Ach, guter Hans Bendir, ſo muß ſich's wohl ſchicken. Der Kaiſer will gern mir am Zeuge was flicken, Und hat mir drei NRuͤſſ' auf die Zähne gepackt, Die ſchwerlich Beelzebub ſelber wohl knackt. ————— Buͤrgers Gedichte. Zum erſten: Wann hoch er, im fuͤrſtlichen Rathe, Zu Throne ſich zeiget, im Kaiſer⸗Ornate, Dann ſoll ich ihm ſagen, ein treuer Wardein, Wie viel er wohl werth bis zum Heller mag ſeyn? Zum zweiten ſoll ich ihm berechnen und ſa⸗ gen: Wie bald er zu Roſſe die Welt mag umjagen? Um keine Minute zu wenig und viel! Er meynt, der Beſcheid darauf waͤre nur Spiel. Zum dritten, ich aͤrmſter von allen Prälaten, Soll ich ihm gar ſeine Gedanken errathen; Die will er mir treulich bekennen: allein Es ſoll auch kein Titelchen Wahres dran ſeyn. Und kann ich ihm dieſe drei Fragen nicht loͤſen, So bin ich die laͤngſte Zeit Abt hier geweſen; So laͤßt er mich fuͤhren zu Eſel durch's Land, Verkehrt, ſtatt des Zaumes den Schwanz in der Hand.“ „Nichts weiter? erwiedert Hans Bendir mit Lachen, Herr, gebt euch zufrieden, das will ich ſchon machen. Nur borgt mir eur Kaͤppchen, eur Kreuzchen und Kleid; So will ich ſchon geben den rechten Beſcheid. Ver⸗ 18 5 78 nd Buͤrgers Gedichte. 49 Verſteh' ich gleich nichts von Lateiniſchen Brok⸗ ken, So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken. Was ihr euch, Gelehrte, fuͤr Geld nicht er⸗ werbt, Das hab' ich von meiner Frau Mutter geerbt.“ Da ſprang, wie ein Boͤcklein, der Abt vor Be⸗ hagen. Mit Kaͤppchen und Kreuzchen, mit Mankel und Kra⸗ gen, Ward ſtattlich Hanns Bendix zum Abte geſchmuͤckt, Und hurtig zum Kaiſer nach Hofe geſchickt. Hier thronte der Kaiſer im fuͤrſtlichen Rathe, Hoch prangt' er, mit Zepte end Kron', im Ornate: „Nun ſaat mir, Herr Abt, als ein treuer Wardein, Wie viel ich itzt werth bis zum Heller mag ſeyn?“— „Fuͤr dreyßig Reichsgulden ward Chriſtus ver⸗ ſchachert; Drum gaͤb' ich, ſo ſehr ihr auch pochet und prachert, Fuͤr euch keinen Deut mehr, als zwanzig und neun, Denn einen muͤßt ihr doch wohl minder werth ſeyn.“ Buͤrgers Gedichte II, B. D Buͤrgers Gedichte. „Hum, ſagte der Kaiſer, der Grund läßt ſich hoͤren, Und mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren. Nie haͤtt' ich, bey meiner hochfurſtlichen Ehr', Geglaubet, daß ſo ſpottwohlfeil ich waͤr'“ Nun aber ſollſt du mir berechnen und ſagen: Wie bald ich zu Roſſe die Welt mag umjagen? Um keine Minute zu wenig und viel! Iſt dir der Beſcheid darauf auch nur ein Spiel?“— „Herr, wenn mit der Sonn' ihr fruͤh ſattelt und reitet, Und ſtets ſie in einerley Tempo begleitet, So ſetz' ich mein Kreuz und mein Käppchen daran, In zwey Mahl zwoͤlf Stunden iſt Alles ge⸗ than.“— „Ha, lachte der Kaiſer, vortrefflicher Haber! Ihr futtert die Pferde mit Wenn und mit Aber. Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht, Hat ſicher aus Haͤckerling Gold jſchon gemacht. (— „ —„c Buͤrgers Gedichte. 5 Nun aber zum dritten, nun nimm dich zuſam⸗ men! Sonſt muß ich dich dennoch zum Eſel verdammen. Was denk' ich, das falſch iſt? Das bringe her⸗ aus! Nur bleib mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!“— „Ihr denket, ich ſey der Herr Abt von St. Gallen.—“ „Ganz recht! und das kann von der Wahrheit nicht fallen.“— „Sein Diener, Herr Kaiſer! Euch truͤget eur Sinn: Denn wißt, daß ich Bendir, ſein Schaͤfer nur bin.“— „Was Henker! Du biſt nicht der Abt von St. Gallen? Rief hurtig, als waͤr' er vom Himmel gefallen, Der Kaiſer mit frohem Erſtaunen darein; Wohlan denn, ſo ſollſt du von nun an es ſeyn! Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe Dein Vorfahr beſteige den Eſel und trabe! Und lerne fortan erſt quid Juris verſtehn! Denn wenn man will ernten, ſo muß man auch ſin.“ D 2 Buͤrgers Gedichte. „Mit Gunſten, Herr Kaiſer! Das laßt nur huͤbſch bleiben! Ich kann ja nicht leſen, noch rechnen und ſchreiben; Auch weiß ich kein ſterbendes Woͤrtchen Latein. Was Haͤnschen verſaͤumet, hohlt Hans nicht mehr ein.“ „Ach, guter Hans Bendir, das iſt ja recht Schade! Erbitte demnach dir ein' andere Gnade! Sehr hat mich ergetzet dein luſtiger Schwank: Drum ſoll dich auch wieder ergetzen mein Dank.“ „Herr Kaiſer, groß hab' ich ſo eben nichts noͤ⸗ thig: Doch ſeyd ihr im Ernſt mir zu Gnaden erboͤ⸗ thig, So will ich mir bitten zum ehrlichen Lohn, Fuͤr meinen hochwuͤrdigen Herren Pardon.“— „Ha bravo! Du traͤgſt, wie ich merke, Ge⸗ ſelle, Das Herz, wie den Kopf, auf der richtigſten Stelle. Drum ſey der Pardon ihm in Gnaden gewährt, Und obenein dir ein Panis⸗Brief beſchert: f— —„— — 7) — S — c— Buͤrgers Gedichte. 53 „Wir laſſen dem Abt von St. Gallen entbieten: Hans Bendir ſoll ihm nicht die Schafe mehr huͤten. Der Abt ſoll ſein pflegen, nach unſerm Gebot, Umſonſt, bis an ſeinen ſanftſeligen Tod.“ Volker's Schwanenlied. Son ſchlug die Lieb' aus mir ſo helle, Wie eine Nachtigall am Quelle. Nun hat ſie meine Kunſt geirrt, Daß jeder Laut zum Seufzer wird. O Liebe, wunderſuͤßes Weſen, Wovon die Kranken oft geneſen, Ja Todte ſchier vom Grab erſtehn, Mich draͤngeſt du, in's Grab zu gehn!— Im Buſen hegt' ich dich ſo lange, Wie jener die erſtarrte Schlange. Dem Buſen, der ihr Leben bot, Gab e zum Lohne Schmerz und Tod. Buͤrgers Gedichte. Nun, ſuͤße Moͤrderin des Lebens, O Molly, laß nur nicht vergebens Mein Flehn, mein letztes Flehen ſeyn! Vergiß nicht, ach, vergiß nicht mein! Auf meiner Gruft, wo ich verweſe, Will ich daß ſanftes Mitleid leſe: „Wie Volker, liebt' und litt kein Mann: Der Hoffnungsloſe ſtarb daran.“— Fritz Stolberg, Harfner, der vor Allen Mir ſtets von Herzen wohl gefallen, Mann, der voll Gotteskraft und Geiſt So herzlich Tugend liebt, als preist! Dir, Freund, vermach' ich Kranz' und Leyer, Doch nur geweiht zu Molly's Feyer. Der Name Molly ſey verwebt In jedes Lied, das ihr entſchwebt! Es gilt der Herrlichſten von Allen, Die unter Gottes Sonne wallen, Die Volker, der verlorne Mann, Vom Schickſal nicht erſeufzen kann. Nun ſey, o Gott, dem Armen gnaͤdig! Laß aller Schuld ihn los und ledig! Laß nie in andern Flammen ihn, Als Flammen ſeiner Liebe gluͤhn! Buͤrgers Gediehte. Sie ine. Sonett. No ſelten huͤpft, dem Finken gleich im Haine, Der Flatterſinn mir keck vor's Angeſicht: „Warum, o Thor, warum iſt denn nur Eine Dein einziges, dein ewiges Gedicht? Ha! glaubſt du denn, weil dieſe dir gebricht, Daß Liebe dich mit Keiner mehr vereine? Der Gram um ſie beflort dein Augenlicht; Und freylich glaͤnzt durch dieſen Flor dir Keine. Die Welt iſt groß, und in der großen Welt Bluͤhn ſchoͤn und ſuͤß viel Maͤdchen noch und Frauen. Du kannſt dich ja in manches Herz noch bauen.“ Ach, Alles wahr! Vom Rhein an bis zum Belt Bluͤht Reiz genug auf allen deutſchen Auen. Was hilft es mir, dem Molly nur gefaͤllt? Buͤrgers Gedichte. Ueberall Molly und Liebe. Sonett. Fn die Nacht der Tannen oder Eichen, In der ſtummen Heimlichkeit Gebiet, Das der Lebensfrohe ſchauernd flieht, Such' ich oft der Ruhe nach zu ſchleichen. Könnt' ich nur aus aller Weſen Reichen, Wo der Sinn noch etwas hoͤrt und ſieht, Das den Muͤden an die Arbeit zieht, Bis hinein in's leere Nichts entweichen! Denn ſo allgeheim iſt kein Revier, Keine Kluft iſt irgendwo ſo öde, Daß nicht Liebe mich auch da befehde; Daß die Allverfolgerin mit mir Nicht von Molly und von Molly rede, Oder, wann ſie ſchweiget,— ich mit ihr. Tauſchung. Sonett. U. von ihr das Herz nut zü entwoͤhnen, Der es ſich zu ſtetem Grame weiht, Forſchet durch die ganze Wirklichkeit, Ach umſonſt! mein Sinn nach allem Schoͤnen. 7 2— Buͤrgers Gedichte. 57 Dann erſchafft, bewegt durch langes Sehnen, Phantaſie aus Stoff, den Herzchen leiht, Ihm ein Bild voll Himmelslieblichkeit. Dieſem will es nun ſtatt Molly frohnen. Bruͤnſtig wird das neue Bild gekuͤßt; Alle Huld wird froh ihm zugetheilet; Herzchen glaubt von Molly ſich geheilet. O des Wahns von allzu kurzer Friſt! Denn es zeigt ſich, wenn Betrachtung weilet, Daß das Bild leibhaftig— Molly iſt. Fuͤr Sie mein Eins und Alles. Sonett. Nu zum Fuͤrſten hat mich das Geſchick, Nicht zum Grafen, noch zum Herrn geboren, Und fuͤrwahr nicht hellerswerth verloren Hat an mich das goldbeſchwerte Gluͤck. Guͤnſtig hat auch keines Weſſiers Blick Mich im Staat zu hoher Wuͤrd' erkoren. Alles ſtoßt, wie gegen mich verſchworen, Jeden Wunſch mir unerhoͤrt zuruͤck. Wie wunderſuͤß die Lippe ſpricht und lächelt. 58 Buͤrgers Gedichte. Von der Wieg' an bis zu meinem Grabe Iſt ein wohl erſungnes Lorberreis Meine Ehr' und meine ganze Habe. Dennoch auch dieß Eine, ſo ich weiß, Spendet' ich mit Luſt zur Opfergabe, Wär', o Molly, dein Beſitz der Preis. Die unvergleichliche. Sonett. W Ideal aus Engelsphantaſie Hat der Natur als Muſter vorgeſchwebet, Als ſie die Huͤll' um einen Geiſt gewebet, Den ſie herab vom dritten Himmel lieh? O Goͤtterwerk! Mit welcher Harmonie Hier Geiſt in Leib und Leib in Geiſt verſchwebet! An Allem, was hienieden Schoͤnes lebet, Vernahm mein Sinn ſo reinen Einklang nie. Der, welchem noch der Adel ihrer Mienen Der Himmel nie in ihrem Aug' erſchienen, Entweiht vielleicht mein hohes Lied durch Scherz. Der kannte nie der Liebe Luſt und Schmerz, Der nie erfuhr, wie ſuͤß ihr Athem faͤchelt, 3 S e — — Buͤrgers Gedichte. 59 Naturrecht. Sonett. V Blum' und Frucht, ſo die Natur erſchafft, Darf ich zur Luſt, wie zum Beduͤrfniß pfluͤcken. Ich darf getroſt nach allem Schoͤnen blicken, Und athmen darf ich jeder Wuͤrze Kraft. Ich darf die Traub', ich darf der Biene Saft, Des Schafes Milch in meine Schale druͤcken. Mir frohnt der Stier; mir beut das Roß den Ruͤcken; Der Seidenwurm ſpinnt Atlas mir und Taft. Es darf das Lied der holden Nachtigallen Mich, hingeſtreckt auf Flaumen oder Moos, Wohl in den Schlaf, wohl aus dem Schlafe hallen. Was wehrt es denn mir Menſchenſatzung, bloß Aus blödem Wahn, in Molly's Wonneſchooß, Von Lieb' und Luſt bezwungen, hinzufallen? Buͤrgers Gedichte. Der wilde Jäger D. Wild⸗ und Rheingraf ſtieß in's Horn: „Halloh, halloh zu Fuß und Roß!“ Sein Hengſt erhob ſich wiehernd vorn; Laut raſſelnd ſtuͤrzt ihm nach der Troß; Laut klifft' und klafft' es, frey vom Koppel, Durch Korn und Dorn, durch Heid' und Stoppel. Vom Strahl der Sonntagsfruͤhe war Des hohen Domes Kuppel blank. Zum Hochamt rufte dumpf und klar Der Glocken ernſter Feyerklang. Fern toͤnten lieblich die Geſaͤnge Der andachtsvollen Chriſtenmenge. Riſchraſch quer uͤber'n Kreuzweg ging's, Mit Horridoh und Huſſaſa. Sieh da! Sieh da, kam rechts und links Ein Reiter hier, ein Reiter da! Des Rechten Roß war Silbersblinken, Ein Feuerfarbner trug den Linken. Wer waren Reiter links und rechts? Ich ahnd' es wohl, doch weiß ich's nicht. Lichthehr erſchien der Reiter rechts, Mit mildem Fruͤhlingsangeſicht. Graß, dunkelgelb der linke Ritter, Schoß Blitz vom Aug', wie Ungewitter. Fie Pe Laß Unt Buͤrgers Gedichte. 61 „Willkommen hier, zu rechter Friſt, Willkommen zu der edeln Jagd! Auf Erden und im Himmel iſt Kein Spiel, das lieblicher behagt.“— Er rief's, ſchlug laut ſich an die Huͤfte, Und ſchwang den Hut hoch in die Luͤfte. „Schlecht ſtimmet deines Hornes Klang, Sprach der zur Rechten ſanften Muths, Zu Feyerglock' und Chorgeſang. Kehr' um! Erjagſt dir heut nichts Guts. Laß dich den guten Engel warnen, Und nicht vom Boͤſen dich umgarnen.“ „Jagt zu, jagt zu, mein edler Herr! Fiel raſch der linke Ritter drein. Was Glockenklang? Was Chorgeplärr? Die Jagdluſt mag euch baß erfreun! Laßt mich, was fuͤrſtiich iſt, euch lehren, Und euch von Jenem nicht bethoͤren!“— „Ha! Wohlgeſprochen, linker Mann! Du biſt ein Held nach meinem Sinn. Wer nicht des Weidwerks pflegen kann, Der ſcher' an's Paternoſter hin! Mag's, frommer Narr, dich baß verdrießen, So will ich meine Luſt doch buͤßen!“ bꝛ Buͤrgers Gedichte. Und hurre hurre vorwaͤrts ging's, Feld ein und aus, Berg ab und an. Stets ritten Reiter rechts und links Zu beyden Seiten neben an. Auf ſprang ein weißer Hirſch von ferne, Mit ſechzehnzackigem Gehoͤrne. Und lauter ſtieß der Graf in's Horn; Und raſcher flog's zu Fuß und Roß; Und ſieh! bald hinten und bald vorn Stuͤrzt' Einer todt dahin vom Troß. „Laß ſtuͤrzen! Laß zur Hölle ſturzen! Das darf nicht Fuͤrſtenluſt verwuͤrzen.“ Das Wild duckt ſich in's Aehrenfeld, Und hofft da ſichern Aufenthalt. Sieh da! Ein armer Landmann ſtellt Sich dar in kläglicher Geſtalt. „Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen! Verſchont den ſauren Schweiß des Armen!“ Der rechte Ritter ſprengt heran, Und warnt den Grafen ſanft und gut. Doch baß hetzt ihn der linke Mann Zu ſchadenfrohem Frevelmuth. Der Graf verſchmaͤht des Rechten Warnen, Und laͤßt vom Linken ſich umgarnen. He Zu hn Fi Ge Er Un St Un Di De Buͤrgers Gedichte. 63 „Hinweg, du Hund! ſchnaubt furchterlich Der Graf den armen Pfluger an. Sonſt hetz' ich ſelbſt, bey'm Teufel! dich. Halloh, Geſellen, drauf und dran! Zum Zeichen, daß ich wahr geſchworen, Knallt ihm die Peitſche um die Ohren!“ Geſagt, gethan! Der Wildgraf ſchwang Sich uber'n Hagen raſch voran, Und hinterher, bey Knall und Klang, Der Troß mit Hund und Roß und Mann; Und Hund und Mann und Roß zerſtampfte Die Halmen, daß der Acker dampfte. Vom nahen Lärm empor geſcheucht, Feld ein und aus, Berg ab und an Geſprengt, verfolgt, doch unerreicht, Ereilt das Wild des Angers Plan; Und miſcht ſich, da verſchont zu werden, Schlau mitten zwiſchen zahme Heerden. Doch hin und her, durch Flur und Wald, Und her und hin, durch Wald und Flur, Verfolgen und erwittern bald Die raſchen Hunde ſeine Spur Der Hirt, voll Angſt fur ſeine Heerde, Wirft vor dem Grafen ſich zur Erde 64 Buͤrgers Gedichte. „Erbarmen, Herr, Erbarmen! Laßt Mein armes ſtilles Vieh in Ruh'! Bedenket, lieber Herr, hier graſ't So mancher armen Wittwe Kuh. Ihr Eins und Alles ſpart der Armen! Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!“ Der rechte Ritter ſprengt heran, Und warnt den Grafen ſanft und gut. Doch baß hetzt ihn der linke Mann Zu ſchadenfrohem Frevelmuth. Der Graf verſchmaͤht des Rechten Warnen, und laͤßt vom Linken ſich umgarnen. „Verwegner Hund, der du mir wehrſt! Ha, daß du deiner beſten Kuh Selbſt um- und angewachſen waͤrſt, Und jede Vettel noch dazu! So ſollt' es baß mein Herz ergetzen, Euch ſtracks in's Himmelreich zu hetzen. Halloh, Geſellen, drauf und dran! Jo! Doho! Huſſaſa!“— Und jeder Hund fiel wuͤthend an, Was er zunächſt vor ſich erſah. Bluttriefend ſank der Hirt zur Erde, Bluttriefend Stuck fuͤr Stuͤck die Heerde. Dem — 2— 2 — 18 „c — 20 —— 2— Buͤrgers Gedichte. 65 Dem Mordgewuͤhl entrafft ſich kaum Das Wild mit immer ſchwaͤcherm Lauf. Mit Blut beſprengt, bedeckt mit Schaum, Nimmt jetzt des Waldes Nacht es auf. Tief birgt ſich's in des Waldes Mitte, In eines Klausners Gotteshuͤtte. Riſch ohne Raſt mit Peitſchenknall, Mit Porridoh und Huſſaſa, Und Kliff und Klaff und Hoͤrnerſchall, Verfolgt's der wilde Schwarm auch da. Entgegen tritt mit ſanfter Bitte Der fromme Klausner vor die Hutte. „Laß ab, laß ab von dieſer Spur! Entweihe Gottes Freiſtatt nicht! Zum Himmel achzt die Kreatur Und heiſcht von Gott dein Strafgericht. Zum letzten Mahle laß dich warnen, Sonſt wird Verderben dich umgarnen!“ Der Rechte ſprengt beſorgt heran, Und warnt den Grafen ſanft und gut. Doch baß hetzt ihn der linke Mann Zu ſchadenfrohem Frevelmuth. Und wehe! Trotz des Rechten Warnen, Läßt er vom Linken ſich umgarnen! Buͤrgers Gedichte 1I. B. E 66 Buͤrgers Gedichte. „Verderben hin, Verderben her! Das, ruft er, macht mir wenig Graus. Und wenn's im dritten Himmel waͤr', So acht' ich's keine Fledermaus. Mag's Gott und dich, du Narr, verdrießen; So will ich meine Luſt doch buͤßen!“ ——— Er ſchwingt die Peitſche, ſtößt in's Horn f„Halloh, Geſellen, drauf und dran! Hui, ſchwinden Mann und Huͤtte vorn, 1 Und hinten ſchwinden Roß und Mannz Und Knall und Schall und Jagdgebrulle Verſchlingt auf Ein Mahl Todtenſtille. —— Erſchrocken blickt der Graf umher; Er ſtoßt in's Horn, es tönet nicht; Er ruft, und hoͤrt ſich ſelbſt nicht mehr; Der Schwung der Peitſche ſauſet nicht; Er ſpornt ſein Roß in beide Seiten, Und kann nicht vor⸗ nicht ruͤckwärts reiten — Drauf wird es duͤſter um ihn her, Und immer duͤſtrer, wie ein Grab. Dumpf rauſcht es, wie ein fernes Meer. Hoch uber ſeinem Haupt herab Ruft furchtbar, mit Gewittergrimme, Dieß urthel eine Donnerſtimme: „ Buͤrgers Gebichte. 69 Das hohe Lied von der in Geiſt und Herzen empfangen am Altare der Vermaͤhlung. Se tu avessi ornamenti, quant' hai voglia, Potresti arditamente Uscir del bosco, e gir infra la gene. PRTRARCA. Hi von meiner Auserwaͤhlten, Hoͤret an mein ſchoͤnſtes Lied! Ha, ein Lied des Neubeſeelten Von der ſuͤßen Anvermaͤhlten, Die ihm endlich Gott beſchied! Wie aus hoffnungsloſen Banden, Wie aus Nacht und Moderduft Einer tiefen Kerkergruft, Fuͤhlt er froh ſich auferſtanden Zu des Fruhlings Licht und Luft. 70 Buͤrgers Gedichte. Diademe Purpur⸗Zonen, „Wemant⸗Ringe hab' ich nicht:„ Wätte gleich, ihr voll zu lohnen, Schmuck, erkauft fuͤr Millionen, Ein genuͤgendes Gewicht. Was ich habe, will ich geben. Ihren Namen, den mein Lied, Lange zu verrathen mied,„ Will ich in ein Licht erheben, Welches keine Nacht umzieht.“ Schweig' o Chor der Nachtigallen! Mir nur lauſche jedes Ohr! Murmelbach, hoͤr' auf zu wallen! Winde, laßt die Fluͤgel fallen, Raſſelt nicht durch Laub und Rohr! Halt' in jedem Elemente, Halt' in Garten, Hain und Flur Jeden Laut, der irgend nur Meine Feier ſtoͤren könnte, Halt' den Odem an, Natur! Glorreich, wie des Aethers Bogen, Weich gefiedert, wie der Schwan, Auf des Wohllauts Silberwogen Majeſtätiſch fortgezogen, Wall', o Lied, des Ruhmes Bahn! Denn hinab bis zu den Tagen, Die der letzte Hauch erlebt, Der von Deutſcher Lippe ſchwebt, Sollſt du deren Adel tragen, Welche mich zum Gott erhebt. ( 18 278 c2 (5 7c 7— — —— —„c„— =— — —— Buͤrgers Gedichte. 71 Jubelvoll auch offenbaren Sollſt du deſſen Göttermuth, Der entruͤckt nun den Gefahren Wie ulyß nach zwanzig Jahren, In der Wuͤnſche Heimath ruht. Sturm und Woge ſind entſchlafen, Die durch Zonen, kalt und feucht, Duͤrr' und gluͤhend, ihn geſcheucht. Seines Wonnelandes Hafen Hat der Dulder nun erreicht. Seine Staͤrke war geſunken; Lechzend hing die Zung' am Gaum; Alles Oehl war ausgetrunken, Und des Lebens letzter Funken Glimmt' am duͤrren Dochte kaum. Da zerriß die Wolkenhuͤlle, Wie durch Zauberwort und Schlag. Heiter lacht' ein blauer Tag Auf die ſchoͤne Segensfuͤlle, Welche duftend vor ihm laz. Wonne weht von Thal und Huͤgel, Weht von Flur und Wieſenplay, Weht vom glatten Waſſerſpiegel, Wonne weht mit weichem Fluͤgel Des Piloten Wangen an; Wonne, deren Vollgenuſſe Kein tyranniſches Verboth Hinterher mit Seelennoth, Oder Sturm und Regenguſſe Strafender Gewitter droht. 72 Vuͤrgers Gedichte. Nah' in dieſem Luſtgefilde, Allen ſeinen Wuͤnſchen nah', Waltet mit des Himmels Milde, Nach der Gottheit Ebenbilde, Adonid ⸗Urania. Froh hat ſie ihn aufgenommen In der Labungsregion, Ihn, des Kummers muͤden Sohn, Froh mit lieblichem Willkommen In Aödons Floͤtenton. Ach, in ihren Feenarmen Nun zu ruhen, ohne Schuld; An dem Buſen zu erwarmen, An dem Buſen voll Erbarmen, Voller Liebe, Treu' und Huld: Das iſt ſuͤßer, als der Kette, Suͤßer, als der Geierpein An Prometheus rauhem Stein, Auf der Ruhe Flaumenbette Durch ein Wort entruͤckt zu ſeyn. Iſt es wahr, was mir begegnet? Oder Traum, der mich bethoͤrt, Wie er oft den Armen ſegnet, Und ihm goldne Berge regnet, Die ein Hahnenruf zerſchrt? Darf ich's glauben, daß die Eine, Die ſich ſelbſt in mir vergißt, Den Vermaͤhlungskuß mir kuͤßt! Daß die Herrliche die Meine Ganz vor Welt und Himmel iſt? Buͤrgers Gedichte. 73 Hohe Namen zu erkieſen, Ziemt dir wohl, o Lautenſpiel! Nie wird die zu hoch geprieſen, Die ſo herrlich ſich erwieſen, Herrlich ohne Maaß und Ziel: Daß ſie, Trotz dem Hohngeſchreie, Trotz der Hoffnung Untergang, Gegen Sturm und Wogendrang Mir gehalten Lieb' und Treue, Mehr als hundert Monden lang. Und warum, warum gehalten? Hatt' ich etwa Kroͤſus Thron, Kroͤſus Schaͤtze zu verwalten? Prangt' ich unter Mannsgeſtalten Herrlich, wie Latone'ns Sohn? War ich Herzog großer Geiſter, Strahlend in dem Kranz von Licht, Den die Hand der Fama flicht? War ich holder Kuͤnſte Meiſter?— Ach, das Alles war ich nicht! Zwar,— ich haͤtt' in Juͤnglingstagen, Mit begluͤckter Liebe Kraft Lenkend meinen Kaͤmpferwagen, Hundert mit Geſang geſchlagen, Tauſende mit Wiſſenſchaft. Doch des Herzens Loos, zu darben, Und der Gram, der mich verzehrt, Hatten Trieb und Kraft zerſtört. Meiner Palmen Keime ſtarben, Eines mildern Lenzes werth. 24 Buͤrgers Gedichte. Sie, mit aller Goͤtter Gnaden Hoch an Seel' und Leib geſchmuͤckt, Schön und werth, Alcibiaden Zur Umarmung einzuladen, Hätt' ein Beßrer leicht begluͤckt. Sie vor ihren Schweſtern allen Haͤtte Hymen's Huld umſchwebt, Und ein Leben ihr gewebt, Wie es in Kronion's Hallen Hebe mit Alciden lebt. Dennoch, ohne je zu wanken, Wo auch Liebe ſinken läßt, Hielt ſie an dem armen Kranken, So mit Wuͤnſchen und Gedanken, Wie mit ihren Armen feſt. Liebend voller Kuͤmmerniſſe, Daß der Eumeniden Schar, Die um ihn gelagert war, Nicht in Höͤllengluth ihn riſſe, Both ſie ſich zum Schirme dar.— Macht in meiner Schuld, o Saiten, Ihrer Tugend Adel kund! Wahrheit knuͤpfe, des geweihten Lautenſchlaͤgers Hand zu leiten, Mit Gerechtigkeit den Bund! Manche Tugend mag er miſſen: Aber du, Gerechtigkeit, Warſt ihm heilig jederzeit. Nein! mit Willen und mit Wiſſen Hat er nimmer dich entweiht. — d 8S c2 7 — 8 7 — e„— Buͤrgers Gedichte. Ruf' es laut aus voller Seele: Schuldlos war ihr Herz und Blut! Welches Ziel die Ruͤge wähle, O ſo trifft ſie meine Fehle, Fehle meiner Liebeswuth! Geißle mich des Hartſinns Tadel! Woͤlke ſich ob meiner Schuld Selbſt die Stirne milder Huld! Buͤß' ich nur fuͤr ihren Adel, O, ſo buͤß' ich mit Geduld. Ach, ſie ſtrebte ſich zu ſchirmen, Strebte,— das iſt Gott bewußt! Doch was konnte ſie den Stuͤrmen Meiner Lieb' entgegen thuͤrmen, Was den Flammen meiner Bruſt? Nur in Pluton's grauſen Landen Haͤtten mit der Bruſt von Erz, Taub fuͤr Luſt und taub fuͤr Schmerz, Unholdinnen widerſtanden: Nicht der Holdin weiches Herz. Ungluͤcksſohn, warum entflammte Deinen Buſen ſolche Gluth? Sprich, woher, woher ſie ſtammte? Welches Daͤmons Macht verdammte, Frevler, dich zu dieſer Wuth?— Eitle Frage! Nimm, Geſunder, Nimm mein Herz und meinen Sinn Ohne dieſes Fieber hin! Staune dann noch ob dem Wunder, Wie ich dieſer war und bin. — O 76 Buͤrgers Gedichte. Nimm mein Auge hin und ſchaue, Schau' in ihres Auges Licht! Ah, das klare, himmelblaue, Das ſo heilig ſein: Vertraue Meinem Himmelsſinne! ſpricht. Sieh die Bluͤthe dieſer Wange! Luſt verheißend winke dir Dieſer Lippe Frucht, wie mir! Und dein heißer Durſt verlange Nie gelabt zu ſeyn von ihr! Sieh, o Bloder, auf und nieder, Sieh mit meinem Sinn den Bau Und den Einklang ihrer Elieder! Wende dann das Auge wieder! Sprich: Ich ſah nur eine Frau! Sieh das Leben und das Weben Dieſer Graziengeſtalt, Sieh es ruhig an und kalt! Fuͤhle nicht das Wonnebeben Vor der Anmuth Allgewalt! Hat die Milde der Kamoͤnen Guͤtig dir ein Ohr verliehn, Aufgethan den Zaubertönen, Die in's Freudenmeer des Schoͤnen Seelen aus den Buſen ziehn: O ſo neig' es ihrer Stimme! Und es iſt um dich gethan; Deine Seele faßt ein Wahn, Daß ſie in der Fluth verglimme, Wie ein Funk' im Ozean. 7 S 8 † — — 2— Buͤrgers Gedichte. 77 Nahe dich dem Taumelkreiſe, Wo ihr Liebesodem weht; Wo ihr warmes Leben leiſe, Nach Magnetenſtromes Weiſe, Dir an Leib und Seele geht; Wo die letzten der Gedanken, Wo in Ein Gefuͤhl hinein Sich verſchmelzen Dein und Mein,— Ha, aus dieſen Zauberſchranken Rette dich und bleibe dein!— Doch!— dein Auge blickt bedenklich; Und ich ahnde, was es ſchilt. Irrdiſch nennt es und vergaͤnglich, Was mit Luſt ſo uͤberſchwenglich Nur der Sinne Hunger ſtillt.— Wohl!— Verachtend mag es ſchelten, Was aus Erde ſich erhebt, Und zur Erde wieder ſtrebt. Nur der Himmelsgeiſt ſoll gelten, Der den Erdenſtoff belebt. Ach, nur Ein, nur Ein Mahl ſtrahle Ihn, der mich nicht faſſen kann, Weſen aus dem Goͤtterſaale, Nur von fern und Ein Mahl ſtrahle Dieſen kalten Tadler an!— Lebensgeiſt, von Gott gehauchet, Odem, Wärme, Licht zu Rath, Kraft zu jeder Edelthat, Selig, was in dich ſich tauchet, Frommer Wuͤnſche Labehad! 78 Buͤrgers Gedichte⸗ Schmeichelfluth der Vorgefuͤhle Hoher Goͤtterluſt ſchon hier Wallet oft, bei Froſt und Schwuͤle Wie mit Waͤrme, ſo mit Kuͤhle, Lieblich um den Buſen mir. Fuͤhlet wohl ein Gottesſeher, Wann ſein Seelenaug' entzuͤckt In die beſſern Welten blickt, Fuͤhlt er ſeinen Buſen hoͤher, Unausſprechlicher begluͤckt? O der Wahrheit, o der Guͤte, Rein wie Perlen, echt wie Gold! O der Sittenanmuth! Bluͤthe Je im weiblichen Gemuͤthe Jeder Tugend Reitz ſo hold?— Hinter ſanfter Huͤgel Schirme, Wo die Purpurbeere reift, Und der Liebe Nektar traͤuft, Hat kein Fittich boͤſer Stuͤrme Dieß Elyſium beſtreift. Da vergiftet nichts die Luͤfte, Nichts den Sonnenſchein und Thau, Nichts die Blum' und ihre Duͤfte; Da ſind keine Moͤrdergruͤfte; Da beſchleicht kein Tod die Au'; Da beruͤckt dich keine Schlange, Zwiſchen Moos und Klee verſteckt, Da umſchwirrt dich kein Inſekt, Keins, das deiner Bruſt und Wange Ruh' und Heiterkeit entneckt. B —2 e — 18 25 Buͤrgers Gedichte. Alle deine Wuͤnſche brechen Ihre Fruͤchte hier in Ruh'; Milch und Honig fließt in Baͤchen; Töne wie vom Himmel ſprechen Labſal dir und Segen zu.— Doch wein Lied fuͤhlt ſich verlaſſen In ſo hoher Region, Lange weigern ſich ihm ſchon, Das Unſaͤgliché zu faſſen, Bild, Gedanke, Wort und Ton.— Er, dem ſie die Goͤtter ſchufen Zur Genoſſin ſeiner Zeit, Iſt vor aller Welt berufen Zu erobern alle Stufen Hoͤchſter Erdenſeligkeit. Ihm gedeihn des Gluͤckes Saaten; Seinem Wunſch iſt jedes Heil, Ehre, Macht und Reichthum feil! Denn zu Tauſend Wunderthaten Wird Vermoͤgen ihm zu Theil. Durch den Balſam ihres Kuſſes Hoͤhnt das Leben Sarg und Grab. Stark im Segen des Genuſſes Gibt's der Fluth des Zeitenfluſſes Keine ſeiner Bluͤthen ab. Roſicht hebt es ſich und golden, Wie des Morgens lichtes Haupt, Seiner Jugend nie beraubt, Aus dem Bette dieſer Holden, Mit verjuͤngtem Schmuck umlaubt. 9 80 Buͤrgers Gedichte. Erd' und Himmel! Eine ſolche Sollt' ich nicht mein eigen ſehn? S ueber Nattern weg und Molche, S Mitten hin durch Pfeil' und Dolche E Konnt' ich ſtuͤrmend nach ihr gehn. 1 Mit der Stimme der Empoͤrung 1 Konnt' ich furchtbar: Sie iſt mein! 1 Gegen alle Maͤchte ſchrein; 1 Tempel lieber der Zerſtorung, 8 L f Eh' ich ihrer mißte, weihn.— 6 Ihrer Liebe Nektar miſſen, Hieß in duͤrren Wuͤſtenein 3 Einſam mich verlaſſen wiſſen, und den Tod erſchmachten muͤſſen, In des Durſtes heißer Pein.— Laͤßt die Strebekraft ſich daͤmpfen, e Wenn wir dann, ſo weit wir ſehn, Nur noch Einen Quell erſpaͤhn? Gilt was anders, als erkampfen, 2 Oder kämpfend untergehn? Herr des Schickſals, deine Hände 3 Wandten meinen Untergang! Nun hat alle Fehd' ein Ende. 2 Dich, o neue Sonnenwende, u Gruͤßet jubelnd mein Gefang. L 3 Hymen, den ich benedeie,„ Der du mich der langen Laſt S 1 Endlich nun entladen haſt, 8 Habe Dank fuͤr deine Weihe! 6 A Sey willkommen, Himmelsgaſt! Buͤrgers Gedichte. 3¹ Sey willkommen, Fackelſchwinger! Sey gegruͤßt im Freuden⸗Chor, Schuldverſoͤhner, Grambezwinger! Sey geſegnet, Wiederbringer Aller Huld, die ich verlor!— Ach, von Gott und Welt vergeben Und vergeſſen werd' ich ſehn Alles, was nicht recht geſchehn, Wann im ſchönſten neuen Leben Gott und Welt mich wandeln ſehn. Schaͤnde nun nicht mehr die Blume Meiner Freuden, niedre Schmach! Schleiche, bis zum Heiligthume Frommer Unſchuld, nicht dem Ruhme Meiner Auserwählten nach! Stirb nunmehr, verworfne Schlange! Laͤngſt vecheerteſt du genug! Ihres Retters Adlerflug Rauſcht heran im Woffenklange Deſſen, der den Python ſchlug. Schwing', o Lied, als Ehrenfahne Deinen Fittich um ihr Haupt! Und erſtatt' auf lichtem Plane, Was ihr mit dem Drachenzahne Poͤbellaͤſterung geraubt. Spat, wann dieſ' im Staubgewimmel Laͤngſt des Unwerths Buße zahlt, Strahl' in dieß Panier gemahlt, Adonide, wie am Himmel Dort die Halmenjungfrau ſtrahlt! Buͤrgers Gedichte 11. B. F 82 Buͤrgers Gedichte. Erdentoͤchter, unbeſungen, Roher Faunen Spiel und Scherz, Seht, mit ſolchen Huldigungen Lohnt die theuern Opferungen Des gerechten Saͤngers Herz! Offenbar und groß auf Erden, Hoch und hehr zu jeder Friſt, Wie die Sonn' am Himmel iſt, Heißt er's vor den Edeln werden, Was ihm ſeine Holdin iſt.— Lange hatt' ich mich geſehnet; Lange hatt' ein ſtummer Drang Meinen Buſen ausgedehnet. Endlich haſt du ſie gekroͤnet Meine Sehnſucht, o Geſang! Ach! dieß bange ſuͤße Druͤcken Moacht vielleicht ihr Segensſtand Nur der jungen Frau bekannt. Trägt ſie ſo nicht vom Entzucken Der Vermaͤhlungsnacht das Pfand? Ah, nun biſt du mir geboren, Schoͤn, ein geiſtiger Adon! Tanzet nun, in Luſt verloren, Ihr der Liebe goldne Horen, Tanzt um meinen ſchoͤnſten Sohn! Segnet ihn, ihr Pierinnen! Laß, o ſuͤße Melodie, Laß ihn, Schweſter Harmonie, Jedes Ohr und Herz gewinnen, Jede Goͤtterphantaſie! 27) — () c) — ₰— 7c) 3 Buͤrgers Gedichte. 83 Nimm, o Sohn, das Meiſterſiegel Der Vollendung an die Stirn! Ewig, meiner Seele Spiegel, Ewig ſtrahlen dir die Flugel, Wie Uraniens Geſtirn! Schweb', o Liebling, nun hinnieder, Schweb', in deiner Herrlichkeit Stolz hinab den Strom der Zeit! Keiner wird von nun an wieder Deiner Töne Pomp geweiht. Verluſt. Sonett. n getreuer Huldigungen, Dem ich mehr als hundert Monden lang, Tag und Nacht, wie gegen Sturm und Drang Der Pilot dem Hafen, nachgerungen! Becher, allgenug fuͤr Goͤtterzungen, Goldnes Kleinod, bis zum Ueberſchwang Stuͤndlich neuerfullt mit Labetrank, O wie bald hat dich das Grab verſchlungen! Nektarkelch, du wareſt ſuͤß genug, Einen Strom des Lebens zu verſußen, Sollt' er auch durch Weltenalter fließen. F 2 Buͤrgers Gedichte. Wehe mir! Seitdem du ſchwandeſt, trug Bitterkeit mir jeder Tag im Munde, Honig trägt nur meine Todesſtunde. Przz er ſotiel le Sonett. O wie oͤde, ſonder Freudenſchall, Schweigen nun Palläſte mir, wie Huͤtten, Flur und Hain, ſo munter einſt durchſchritten, Und der Wonneſitz am Waſſerfall! Todeshauch verwehte deinen Hall, Melodie der Liebesred' und Bitten, Welche mir in Ohr und Seele glitten, Wie der Flötenton der Nachtigall. Leere Hoffnung! nach der Abendrothe! Meines Lebens einſt im Ulmenhain Suͤß in Schlaf durch dich gelullt zu ſeyn! Aber nun, o milde Liebesflöte, Wecke mich bey'm letzten Morgenſchein Lieblich, ſtatt der ſchmetternden Trompete. . A D D 2 7c) 1 Buͤrgers Gedichte. 85 Auf die Morgenroͤthe. Sonett. W ann die goldne Fruͤhe, neu geboren, Am Olymp mein matter Blick erſchaut, Dann erblaſſ' ich, wein' und ſeufze laut: Dort im Glanze wohnt, die ich verloren! Grauer Tithon! du empfaͤngſt Auroren Froh auf's neu, ſo bald der Abend thaut; Aber ich umarm' erſt meine Braut An des Schattenlandes ſchwarzen Thoren. Tithon! Deines Alters Dämmerung Mildert mit dem Strahl der Roſenſtirne Deine Gattin, ewig ſchoͤn und jung: Aber mir erloſchen die Geſtirne, Sank der Tag in oͤde Finſterniß, Als ſich Molly dieſer Welt entriß. Liebe ohne Heimath. Sonett. M. Liebe, lange wie die Taube Von dem Falken hin und her geſcheucht, Waͤhnte froh, ſie hab' ihr Neſt erreicht In den Zweigen einer Götterlaube. 86 Buͤrgers Gedichte. Armes Taͤubchen! Hart getäuſchter Glaube! Herbes Schickſal, dem kein andres gleicht! Ihre Heimath, kaum dem Blick gezeigt, Wurde ſchnell dem Wetterſtrahl zum Raube. Ach, nun irrt ſie wieder hin und her! Zwiſchen Erd' und Himmel ſchwebt die Arme, Sonder Ziel fuͤr ihres Flugs Beſchwer. Denn ein Herz, das ihrer ſich erbarme, Wo ſie noch einmal, wie einſt, erwarme, Schlägt fuͤr ſie auf Erden nirgends mehr. Die Schatzgräber. — En Winzer, der am Tode lag, Rief ſeine Kinder an und ſprach: „In unſerm Weinberg liegt ein Schatz; Grabt nur darnach!“—„An welchem Platz?“— Schrie Alles laut den Vater an. „Grabt nur!“.. O weh! da ſtarb der Mann. Kaum war der Alte beygeſchafft, So grub man nach aus Leibeskraft. Mit Hacke, Karſt und Spaten ward Der Weinberg um und um geſcharrt. 7 7 — — 7 „)— „c Buͤrgers Gedichte. Da war kein Kloß, der ruhig blieb; Man warf die Erde gar durch's Sieb, Und zog die Harken kreuz und quer Nach jedem Steinchen hin und her. Allein da ward kein Schatz verſpuͤrt, und Jeder hielt ſich angefuͤhrt. Doch kaum erſchien das naͤchſte Jahr, So nahm man mit Erſtaunen wahr, Daß jede Rebe dreyfach trug. Da wurden erſt die Soͤhne klug, Und gruben nun Jahr ein Jahr aus Des Schatzes immer mehr heraus. r 9 ſt. Won dich die Laͤſterzunge ſticht, So laß dir dieß zum Troſte ſagen: Die ſchlechtſten Fruͤchte ſind es nicht, Woran die Weſpen nagen. 87 Buͤrgers Gedichte. Mannstrotz. S. lang ein edler Biedermann Mit Einem Glied ſein Brod verdienen kann, So lange ſchaͤm' er ſich, nach Gnadenbrod zu lungern! Doch thut ihm endlich keins mehr gut: So hab' er Stolz genug und Muth, Sich aus der Welt hinaus zu hungern. —————— Nittel gegen den Hochmuth der Großen. W Klagen hoͤr' ich oft erheben Vom Hochmuth, den der Große ubt. Der Großen Hochmuth wird ſich geben, Wenyn unſre Kriecherey ſich giebt. An Amalien. Auf ein Stammbuchs⸗Blatt. Sin, wie du, o Holdin, bluͤht der Garten, Den des Dichters Phantaſie dir ſchafft. Sein als Gaͤrtner treu und hold zu warten, Sehnet ſich des Herzens ganze Kraft. 2 9) — 78 27) — n Buͤrgers Gedichte. 89 Hundert Wuͤnſche, Kinder, all' entſproſſen Dieſem Herzen, ſchwaͤrmen froh hinaus, Und durchziehn die Felder unverdroſſen, Blumen auszuſpaͤhn zum Buſenſtrauß. Jeder Schoͤnſten, ſo die Zeiten ſchenken, Jeder Blume reiner Lebensluſt Spaͤhn ſie nach, zum holden Angedenken, Welches bluͤh' und duft' an deiner Bruſt. Iſt dieß nur der kleinſten Kraft empfaͤnglich, Die das Herz hinein zu ſegnen ſtrebt, O ſo weiß ich, daß es unvergaͤnglich, Unvergänglich dir am Buſen lebt; Daß es bluͤhn und duften wird ſo lange, Als dein ſuͤßer Athem druͤber weht, Als noch Leben deiner Roſenwange, Deiner Purpurlippe Glanz erhoͤht, Als dein blaues Auge dieſes Blickes Allgewalt bey Himmelsmilde traͤgt, Und dein Herz,— o welchem Sohn des Gluͤckes?— Hier auf Erden Lieb' und Leben ſchlaͤgt. Buͤrgers Gedichte. S ipp. D. mit dem Fruͤhlingsangeſichte, Du ſchoͤnes blondes Himmelskind, An deiner Anmuth Roſenlichte Sieht ſich mein Auge noch halb blind! Nach etwas durſt' ich lang' im Stillen; Nach Einem Labekuß von dir. Den gib mir nur mit gutem Willen, Sonſt nehm' ich raſch ihn ſelber mir! Und ſollte dich der Raub verdrießen, So geb' ich gern den Augenblick, Die Schuld des Frevels abzubuͤßen, Ihn hundertfaͤltig dir zuruͤck. — Buͤrgers Gedichte 91 Geſang am heiligen Vorabend des fuͤnfzigjaͤhrigen Jubelfeſtes der Georgia Auguſta. Monn, o feſtlicher Tag, Morgen entſchwebe Herrlich und hehr der Nacht! Komm in Titan's Strahlenkranze, Komm im blauen Aethermantel, In des Urlichts reinſtem Glanze. So entſteige der Grotte der Nacht Unter dem Meer! So entſchwebe dem Wogentanze Herrlich und hehr, Hehr und herrlich in Braͤutigamspracht“ Es harret dein, Voll Lieb' und Luſt, Die hohe Jubelkoͤnigin. Vor braͤutlichem Entzuͤcken Huͤpft ihr die Bruſt. Sie harret dein, Mit wonneglaͤnzenden Wangen und Blicken, Georgia Auguſta harret dein! Als ſie vor fuͤnfzig ruhmbeſtrahlten Jahren, Ein ſchoͤnes Kind, Ein wunderſchoͤnes Goͤtterkind, Geboren war,.* 97 Buͤrgers Gedichte. Da brachten ſie in dieſes Tempels Halle, Vor Gottes Hochaltar, Ihr großer Vater und die Hochberuͤhmten alle, Die ihrer Kindheit Pfleger waren, Dem Segenſpender dar, Und auf der Andacht Fluͤgel ſchwang Sich himmelan ihr flehender Geſang. Herr, erfulle ſie mit Weisheit, Adle ſie, o Herr, durch Schoͤnheit, Ruͤſte ſie mit Heldenſtaͤrke, Fuͤr den großen Gang zum Ziele Strahlender Vollkommenheit! Denn der Geiſt gedeiht durch Weisheit, Und das Herz gedeiht durch Schoönheit, Dieſer Einklang rauſcht in Staͤrke; Dieſer Adel fuͤhrt zum Ziele Dauernder Gluckſeligkeit. Und als das Lied der frommen Schaar Das Lied der heißen Inbrunſt, Hinauf geſungen war, Da wallte Gottes Flamme, Sanft wallte von des Gebers Thron Des herzlichen Gebetes Lohn, Die Flamme, die noch nie verloſch, Des Segens Flamm' herab auf den Altar. O Flamme, die vom Himmel ſank, Entlodre hoch und weh' umher! Umher, umher! Entzuͤnde jedes Herz umher 2 S e —— 28 25 1 — 7c)(* — — 2 D L Buͤrgers Gedichte. 93 Zu heißem Dank! Dem Geber zu unausſprechlichem Dank! Der konigliche Hereſcher auf dem Thron Von Albion Trat väterlich herzu, und gab Ihr reichlich mildes Oehl zur Nahrung. Wetteifernd trat herzu die Schaar Der Pfleger und der Prieſter am Altar, Der ſie zu heiliger, zu ewiger Bewahrung Von Gott und König anbefohlen war, Und huͤthet' ihrer gegen jegliche Gefahr, Hinweg zu löſchen, oder ſich zu truͤben: So gegen den wild ſtuͤrmenden Orkan Des Krieges, als des Neides leiſe Peſt. Gleich jener in der Veſta Heiligthume, Erhielt getreue, rege Wachſamkeit Die heilge Lohe rein und ſchoͤn Und hoch vom Anbeginn bis heut. Himmelslohn euch, große Seelen, In der Ruhe Heiligthum! Ewig Heil euch, ewig Friede! Hier anf Erden tön' im Lirde Nun und immerdar eur Ruhm! Erwärmt von Gottes Segensflamme wuchs, Muͤnchhauſen, du Unſterblicher, Wuchs deine Tochter ſchnell und hoch heran. Des Ruhmes ſtarker Adlerfittich trug Laut rauſchend ihren Namen 94 Buͤrgers Gedichte. Rund um den Erdball uͤber Meer und Land; De Und ſeiner edlern Voͤlker Soͤhne kamen N Bey Tauſenden zur Huldigung. un Viel theilte ſie von ihres Reichthums Fuͤlle, 5 Und viel von ihres Adels Hoheit, Viel Muth und Kraft zu Thaten,— So war es in der Weihe ihr verliehn,— 1 Zum Heil der Voͤlker mit. Selig, ſelig, himmelſelig Iſt das hocherhabne Amt, Auszuſpenden, gleich der Sonne, Durch den großen Raum der Welten, In's Unendliche des Geiſtes Lebensnahrung, Licht und Kraft! O wie hoch und herrlich ſtrahlet Des Triumphes Majeſtät, Wann der Held des Geiſtes Chaos Und des Chaos Ungeheuer, 2 Brut der Barbarey, beſteht, 1 Und zum Rechte ſeines Adels* Den gepreßten Geiſt erhoͤht! 1 Georgia Auguſta, ſchoͤn und ſtark, Voll Lebensgeiſt und Mark,. Mit Athenäens Ruͤſtung angethan, Ging tadellos bis heut der Ehre Bahn, Und ſtritt des Ruhmes Streit Mit ungeſchwäͤchter raſcher Tapferkeit. Nun ſteht ſie, lehnt ſich ruhend auf den Speer, Und darf,— das zeuge du, Gerechtigkeit!— Getroſt zuruͤck auf ihre Thaten ſchauen. Buͤrgers Gedichte. 95 Des Kampfes Richter nehmen mild und ſchmeichelnd Nun zur Erholung ihr die Waffen ab, Und kleiden ſie in feſtliches Gewand, Fuͤr ihren erſten Jubelfeyertag. Triumph! Des Tages Ehrenkönigin Erhebt ihr Haupt! Sie traͤgt ihr hohes Goͤtterhaupt, Sie traͤgt's mit Laub und Blumen, Laut rauſchend, Suͤß duftend, Suͤß duftend mit lieblichen Blumen, Laut rauſchend mit Laube des Ruhms umlaubt! Wer aber fuͤhrt den ſchönen Sohn der Zeit, Wer fuͤhrt herauf von Oſten Den hellen Ehrentag, Den lauten Wonnebringer? Wer fuͤhrt der ſchoͤnen Jubelbraut Den Jubelbraͤutigam nun zu? Wer weihet zur Unſterblichkeit ſie ein?— Wer ſonſt, als ihres großen Vaters Geiſt Und ihrer heimgewallten Pfleger Geiſter, Die jetzt, von Gott dazu erſehn, Ihr unſichtbare Lebenswächter ſind? Hebe dich himmelan, Weihegeſang Hoch in die Heimath der ſeligen Schaar! Zeuch der großen Heimgewallten Geiſter zum Feſte der Tochter herab! 96 Buͤrgers Gedichte. Schwebe herunter, wir rufen dich laut, Schwebe vom Himmel, unſterbliche Schaar! Freue dich der Ruhmbegraͤnzten, Hoch in der Bluͤthe der Schonheit und Kraft! Fuͤhrt, ihr Verklärten, in Bräutigamspracht Fuͤhret den Freudenerwecker ihr zu! Strömt auf ihre Kraft und Schoͤnheit Segen der ewigen Jugend herab!— Merkt auf! Sie haben's vernommen, Die ſchutzenden Geiſter! Sie kommen! Sie fuͤhren den glaͤnzenden Bräutigam an! Schon wehet der heilige Schauer voran. Schaut auf! Die Himmliſchen ſteigen, Ein feyerlich ſchwebender Reigen, Ein tönender, Seelen entzuͤckender Chor Auf purpurnen Wolken in Oſten empor. Schlagt hoch, ihr lodernden Flammen Der Herzen und Lieder, zuſammen! Fuhrt, Orgel und Pauke, mit feſtlichem Klang Entgegen des frohen Willkommens Geſang! — 2 i 20 Buͤrgers Gedichte. 97 der fuͤnfzigjaͤhrigen Jubelfeier der Georgia Auguſta, am 17. Sept. 1787. gewidmet von mehrern zu Goͤttingen Studirenden. 5 Enn der du das All geſtaltet, Zu deiner Herrlichkeit Pallaſt, Und in ein Lichtgewand, aus Finſterniß entfaltet, Dein Werk gekleidet haſt! Du haſt im Raum, wo deine Sonne lodert, Um ein Central-Ziel aller Kraft, Zu dem erhabnen Tanz die Sphären aufgefordert, Der nimmermehr erſchlafft! Es ſchwebt mit ihm, an Harmonien⸗Banden, Der hohe Welt⸗Choral dahin, Von dem Pythagoras und Newton viel verſtanden, Und Kepler's tiefer Sinn. Buͤrgers Gedichte II. B. G Buͤrgers Gedichte. Im Geiſtesall, wo Form des Raums verſchwin det, Wo dumpf der Sinn des Zeitſtroms Fall Nur noch vernimmt, haſt du weit groößer dich ver⸗ kuͤndet, Als in dem Sinnenall. Da lodern hoch, mit wunderbarem Glanze, Die Sonnen Wahr und Gut und Schön, Und die,— ſo willſt du es,— ſich in vereintem Tanze Des Geiſtes Kuͤnſte drehn. Vereinigung erſehnen die drey Flammen Durch wechſelsweiſen Zug und Drang. Auch hier rauſcht die Muſik der Sphaͤren laut zu⸗ ſammen In Einen Chorgeſang; Und rauſchet fort, von Einem Strom gezogen, Vom Strome der Vollkommenheit. Ein Niagara ſtuͤrzt der ſeine lichten Wogen In's Meer der Seligkeit.— Georgia, die auch Geſang und Reigen Erhabner Geiſteskuͤnſte fuͤhrt, Tritt heut vor deinen Thron, ihr Haupt vor dir zu neigen, Dem Anbetung gebuͤhrt. Ze — — Nc „c— —„ win ver⸗ ntem gen, it zu Buͤrgers Gedichte. 99 Gefiel bisher dir hochſtem Chorageten Ihr Einklang mit dem großen Chor Der Schöpſung, ſo vernimm, was ihre Söhne be⸗ ten, O Herr, mit mildem Ohr! Geſegn' ihr heut im Jubelfeyer-Kleide Den Wunſch, den jede Bruſt ihr weiht, Und bis zu Götterkraft den Lebenswein der Freude, Den ihr Georg ihr beut! Hoch aufgefriſcht von dieſes Tages Wonnen, Und deiner Segenskräͤfte voll, Erhalte ſich ihr Schwung um die drey Geiſtesſonnen, Um die ſie ſchweben ſoll! Nie muͤſſe ſie des Rhythmus Kunſt verlernen, Die Glied an Glied in's Ganze fuͤgt! So fliege ſie den Flug mit ihren Folgeſternen, Den alles Leben fliegt! Und werde ſtets zum Ziele fortgezogen, Das nur der Gottgeweihte ſieht, Wohin mit Oceans⸗Gewalt der Kräfte Wogen Die Kraft der Krafte zieht! G 2 Buͤrgers Gedichte. Auf das Adeln der Gelehrten. M einem Adelsbrief muß nie der äͤchte Sohn Minervens und Apolls begnadigt heißen ſollen. Denn edel ſind der Goͤtter Soͤhne ſchon, Die muß kein Fuͤrſt erſt adeln wollen! Gnt e W An Glauben und Vertraun, mein guter Muſen⸗ ſohn, Scheint's dir wohl nicht zu fehlen, wie ich merke: Doch wiſſe du, Apolls Religion Schenkt dir die Glaubenspflicht, und dringt auf Füts Werke.„ Das Lied von Treue. W⸗ gern treu eigen ſein Liebchen hat, Den necken Stadt Und Hof mit gar mancherley Sorgen. () S 1k— — 2000 hn uſen⸗ Buͤrgers Gedichte. 101 Der Marſchall von Holm, den das Necken verdroß, Hielt kluͤglich deswegen auf ländlichem Schloß Seitweges ſein Liebchen verborgen. Der Marſchall achtet' es nicht Beſchwer, Oft hin und her Bey Nacht und bey Nebel zu jagen. Er ritt, wann die Haͤhne das Morgenlied kraͤhn, Um wieder am Dienſte des Hofes zu ſtehn, Zur Stunde der lungernden Magen. Der Marſchall jagte voll Liebesdrang Das Feld entlang, Vom Hauche der Schatten befeuchtet. „Hui, tummle dich, Senner! Verſaͤume kein Nu! Und bring' mich zum Neſichen der Wolluſt und Ruh'! Eh' heller der Morgen uns leuchtet!“ Er ſah ſein Schloͤßchen bald nicht mehr fern, Und wie den Stern Des Morgens das Fenſterglas flimmern. „Geduld noch, o Sonne, du weckendes Licht, Erwecke mein ſchlummerndes Liebchen noch nicht! Hoͤr' auf, ihr ins Fenſter zu ſchimmern!“ Er kam zum ſchattenden Park am Schloß, Und band ſein Roß An eine der duftenden Linden. 102 Buͤrgers Gedichte. Er ſchlich zu dem heimlichen Pförtchen hinein, Und waͤhnt' im dämmernden Kaͤmmerlein Suͤß traͤumend ſein Liebchen zu finden. — S Doch als er leiſe vor's Bettchen kam, O weh! da nahm 1 Der Schrecken ihm alle fuͤnf Sinnen. Die Kammer war öde, das Bette war kalt,— „O weh! Wer ſtahl mir mit Raͤubergewalt 1 So ſchändlich mein Kleinod von hinnen?“— 1 Der Marſchall ffuͤrmte mit raſchem Lauf 1 Treppab, treppauf, Und ſtuͤrmte von Jimmer zu Limmer. Er rufte; kein Seelchen erwiederte drauf.— Doch endlich ertoͤnte tief unten herauf Vom Kellergewoͤlb' ein Gewimmer. Das war des ehrlichen Schloßvogts Ton. Aus Schuld entflohn War alle ſein falſches Geſinde. „O Henne, wer hat dich herunter gezerrt? Wer hat ſo vermeſſen hier ein dich geſperrt? Wer? Sag' mir geſchwinde, geſchwinde!“— „ „O Herr, die ſchaͤndlichſte Frevelthat Iſt durch Verrath Dem Junker vom Steine gelungen. Er raubte das Fraͤulein bey ſicherer Ruh', Und eure zwey wackeren Hunde dazu Sind mit dem Verraͤther entſprungen.“ Buͤrgers Gedichte. 103 Das dröhnt dem Marſchall durch Mark und Bein, Wie Wetterſchein Entlodert ſein Sarras der Scheide. Vom Donner des Fluches erſchallet das Schloß, Er ſtuͤrmet im Wirbel der Rache zu Roß, Und ſprenget hinaus auf die Heide. Ein Streif im Thaue durch Heid' und Wald Verraͤth ihm bald, Nach wannen die Fluͤchtling' entſchwanden. „Nun ſtrecke, mein Senner, nun ſtrecke dich aus, Nur dieß Mahl, ein einzig Mal halt' nur noch aus Und laß mich nicht werden zu Schanden! Halloh! Als ging es zur Welt hinaus, Greif' aus, greif aus! Dieß Letzte noch laß uns gelingen! Dann ſollſt du fuͤr immer auf ſchwellender Streu, Bey goldenem Hafer, bey duftendem Heu Dein Leben in Ruhe verbringen.“ Lang ſtreckt der Senner ſich aus und fleucht. Den Nachtthau ſtricht Die Sohle des Reiters vom Graſe. Der Stachel der Ferſe, der Schrecken des Rufs Verdoppeln den Donner⸗Galoppſchlag des Hufs, Verdoppeln die Stuͤrme der Naſe.— 104 Buͤrgers Gedichte. Sieh da! Am Rande vom Horizont Scheint hell beſonnt Ein Buͤſchel vom Reiher zu ſchimmern. Kaum ſprengt er den Ruͤcken des Huͤgels hinan, So ſpringen ihn ſeine zwey Doggen ſchon an, Mit freudigem Heulen und Wimmern. „Verruchter Raͤuber, halt' an, halt' an, Und ſteh' dem Mann, An dem du Verdammniß erfrevelt! Verſchlänge doch ſtracks dich ihr gluͤhender Schlund! Und muͤßteſt du ewig da flackern, o Hund, Vom Zeh bis zum Wirbel beſchwefelt!“ Der Herr vom Steine war in der Bruſt Sich Muths bewußt, Und Kraft in dem Arme von Eiſen. Er drehte den Nacken, er wandte ſein Roß, Die Bruſt, die die trotzige Rede verdroß, Dem wilden Verfolger zu weiſen. Der Herr vom Steine zog muthig blank, Und raſſelnd ſprang So Dieſer, wie Jener, vom Pferde. Wie Wetter erhebt ſich der grimmigſte Kampf, Das Stampfen der Kaͤmpfer zermalmet zu Dampf Den Sand und die Schollen der Erde. — 7S 0 2 — d Buͤrgers Gedichte. 105 Sie hauen und hauen mit Tiegerwuth, Bis Schweiß und Blut Die Panzer und Helme bethauen. Doch Keiner vermag, ſo gewaltig er ringt, So hoch er das Schwerdt und ſo ſauſend er's ſchwingt, Den Gegner zu Boden zu hauen. Doch als wohl Beyden es allgemach An Kraft gebrach, Da keuchte der Junker vom Steine: „Herr Marſchall! gefiel es, ſo moͤchten wir hier Ein Weilchen erſt ruhen, und trautet ihr mir, So ſpraͤch' ich ein Wort, wie ich's meyne.“ Der Marſchall, ſenkend ſein blankes Schwert, Haͤlt an und hoͤrt Die Rede des Junkers vom Steine: „Herr Marſchall, was haun wir das Leder uns wund? Weit beſſer bekaͤm uns ein friedlicher Bund, Der braͤcht' uns auf Ein Mahl in's Reine. Wir haun, als hackten wir Fleiſch zur Bank, Und keinen Dank Hat doch wohl der blutige Sieger. Laßt waͤhlen das Fraͤulein nach eigenem Sinn, Und wen ſie erwaͤhlet, der nehme ſie hin! Bey'm Himmel, das iſt ja viel kluͤger!“ 106 Buͤrgers Gedichte. Das ſtand dem Marſchall nicht uͤbel an. „Ich bin der Mann!— So dacht' er bey ſich,— den ſie wählet. Wann hab' ich nicht Liebes gethan und geſagt? Wann hat's ihr an Allem, was Frauen behagt, So lang ich ihr diene, gefehlet? Ach, waͤhnt er zärtlich, ſie laßt mich nie! Zu tief hat ſie Den Becher der Liebe gekoſtet!“— O Maͤnner der Treue, jetzt warn ich euch laut: Zu feſt nicht auf's Biedermanns⸗Woͤrtchen gebaut, Daß aͤltere Liebe nicht roſtet! Das Weib zu Roſſe vernahm ſehr gern Den Bund von fern, Und waͤhlte vor Freuden nicht lange. Kaum hatten die Kämpfer ſich zu ihr gewandt, So gab ſie dem Junker vom Steine die Hand. O pfuil die verrätheriſche Schlange! O pfui! Wie zog ſie mit leichtem Sinn Dahin, dahin, Von keinem Gewiſſen beſchamet! Verſteinert blieb Holm an der Stelle zuruͤck, Mit bebenden Lippen, mit ſtarrendem Blick, Als haͤtt' ihn der Donner gelaͤhmet. — e— — F Buͤrgers Gedichte. 107 Allmählig taumelt' er matt und blaß Dahin in's Gras, Zu ſeinen geliebten zwey Hunden. Die alten Gefaͤhrten, von treuerem Sinn, Umſchnoberten traulich ihm Lippen und Kinn, Und leckten das Blut von den Wunden. Das bracht' in ſeinen umflorten Blick Den Tag zuruͤck, Und Lebensgefuͤhl in die Glieder. In Thränen verſchlich ſich allmaͤhlig ſein Schmerz, Er druͤckte die guten Getreuen an's Herz, Wie leibliche liebende Bruͤder. Geſtärkt am Herzen durch Hundetreu, Erſtand er neu, Und wacker, von hinnen zu reiten. Kaum hatt' er den Fuß in den Buͤgel geſetzt, Und vorwaͤrts die Doggen zu Felde gehetzt, So hoͤrt' er ſich rufen von weiten. Und ſieh! auf ſeinem beſchaͤumten Roß, Schier athemlos, Ereilt' ihn der Junker vom Steine. „Herr Marſchall, ein Weilchen nur haltet noch an! Wir haben der Sache kein Gnuͤge gethan; Ein Umſtand iſt noch nicht in's Reine. 108 Buͤrgers Gedichte. Die Dame, der ich mich eigen gab, Läßt nimmer ab,. Nach euern zwey Hunden zu ſtreben. Sie legt mir auch dieſe zu fordern zur Pflicht; Drum muß ich, gewährt ihr in Guͤte ſie nicht, Drob kaͤmpfen auf Tod und auf Leben.“— Der Marſchall ruͤhret nicht an ſein Schwert, Steht kalt und hoͤrt Die Muthung des Junkers vom Steine. „Herr Junker, was haun wir das Leder uns wund? Weit beſſer bekommt uns ein friedlicher Bund, Der bringt uns auf Ein Mahl in's Reine. Wir haun, als hackten wir Fleiſch zur Bank, Und keinen Dank Hat doch wohl der blutige Sieger. Laßt wählen die Koͤther nach eigenem Sinn, Und wen ſie erwaͤhlen, der nehme ſie hin! Bey'm Himmel! das iſt ja viel kluͤger.“ Der Herr vom Steine verſchmerzt den Stich, Und waͤhnt in ſich: Es ſoll mir wohl dennoch gelingen! Er locket, er ſchnalzet mit Zung' und mit Hand, Und hoffet bey Schnalzen und Locken ſein Band Bequem um die Haͤlſe zu ſchlingen. — (6 U nd? Buͤrgers Gedichte. 109 Er ſchnalzt und klopfet wohl ſanft auf's Knie, Lockt freundlich ſie Durch alle gefaͤlligen Toͤne. Er weiſet vergebens ſein Zuckerbrod vor. Sie weichen, und ſpringen am Marſchall empor, Und weiſen dem Junker die Zähne. Prolog zu Sprickmanns Eulalia auf einem Privat⸗Theater. De Edle, die ihr hier verſammelt ſeyd, Darf auch des Schauſpiels Muſe den Kryſtall, Worin ſie Alles, was vom Anbeginn Der Erde unter Sonn' und Mond geſchah, Lebendig darſtellt, darf die Muſe wohl Den Zauberſpiegel, duͤſtrer Scenen voll, Euch vor das Antlitz halten, daß vor Schreck Die Knie' euch wanken, daß von bitterm Schmerz Die Buſen ſchwellen und von Thraͤnen euch Die Augen uͤbergehn?— Ergetztet ihr Nicht lieber euch am lächerlichen Tand Der Thorheit? Oder an dem heitern Gluͤck, Womit am Schluß des drolligen Romans Die Lieb' ein leicht genecktes Paar belohnt?— —— 110 Buͤrgers Gedichte. Vielleicht! Vielleicht behagt es euch auch wohl, Ein ſchoͤnes, keuſches, liebetreues Weib, Umlagert von der ſchnoͤden Wolluſt Brut, In einen ſauern Kampf verſtrickt zu ſehn. Ihr naähmet Theil an ihrer Angſt und Noth Ihr zittertet und weintet bald mit ihr; Bald zoget ihr, mit raſcherm Odemzug, Den Muth zu uͤberwinden, mit ihr ein. Doch muͤßt' auch dann am Ende Heil und Sieg Die Brut zerſchmettern, und den Kranz, Den ſchoͤnen Kranz um ihre Scheitel ziehn, Woran ihr Recht bewaährte Tugend hat; Doch muͤßt' auch dann des Friedens ſanfte Ruh Die Wunden heilen, die der Kampf ihr ſchlug; Und nicht das arme, keuſche, treue Weib Ihr Heil,— o Gott, ihr eines letztes Heil!— Gezwungen ſeyn zu ſuchen— in der Gruft!— Wohl iſt's ein edles, herrliches Gefuͤhl, Das ſolche Wuͤnſch' in euern Herzen zeugt. Allein auf Erden kaͤmpft nicht immerdar Die Tugend, wie der Edle wuͤnſcht. Ach oft Iſt nichts Geringers, als das Leben ſelbſt Das Loſegeld fuͤr den erhabnen Sieg. Der Lorberzweig, nach dem ſie blutend rang, Flicht ſich zur Todtenkron' auf ihren Sarg.— Doch dann auch mag's euch frommen, dieſen Kampf Den blutigen, den Todeskampf zu ſehn; Zu Buͤrgers Gedichte. 111 Zu ſehen, wie von allen Seiten her Die Buͤberey mit Netzen ſie umſtellt; Zu ſehn, wie nirgends eine Freyſtatt ihr, Als unter ihr das Grab nur, offen ſteht; Und, ach! zu ſehn, wie ſie hinunter ſturzt. Und ihre Himmelsperle mit ſich nimmt.— Mag das Entſetzen doch euch dann bey'm Haar Ergreifen und zerſchuͤtteln! Mag doch Schmerz Durch eure Buſen fahren, wie ein Schwert! Und moͤgen eure Augen doch in Fluth, In heißer Thraͤnenfluth des Mitleids gluͤhn!— Wird's euch doch frommen zur Bewunderung, Zu hoher heiliger Bewunderung Der Heldin, welche Blut fuͤr Tugend gab. Gedeihn wird's euch vielleicht zu gleichem Muth; Zu Zorn und Abſcheu gegen Bubenſtuͤck Und Tyranney. Zur Weisheit muß es euch Gedeihen, daß der Tugend Kranz nicht ſtets Auf Erden bluͤht. Zur Warnung, daß ihr nie Euch gegen Den empören ſollt, der tief In des geheimen Heiligthumes Nacht Die richterliche Wage hält, und oft Der Tugend Schmerz, und oft dem Laſter Luſt, Zwar unbegreiflich, aber doch gerecht Und weiſe, in den Schoos herunter wägt. wohl dieſen Buͤrgers Gedichte. An die blinde Virtuoſin, Mlle. Paradies. Schickſal werde nicht geſcholten! Zwar raubt's dir Phoͤbus goldnen Strahl Doch hat dir dieſen tauſend Mahl Sein goldnes Saitenſpiel vergolten. Aen die Bienen. Wu ihr wiſſen, holde Bienen, Die ihr ſuͤße Beute liebt, Wo es mehr, als hier im Gruͤnen, Honigreiche Blumen giebt? Statt die tauſend auszunippen, Die euch Florens Milde beut, Saugt aus Amaryllis Lippen Aller tauſend Suͤßigkeit. Florens ſchoͤne Kinder roͤthet Nur der Fruͤhlingsſonne Licht: Amaryllis Blumen toͤdtet Auch der ſtrenge Winter nicht. Kurze Labung nur gewäͤhret, Was die Tochter Florens beut: Aber kein Genuß verzehret Amaryllis Suͤßigkeit. Eins, Buͤrgers Gedichte. Eins, nur Eins ſey euch geklaget! Eh' ihr auf dieß Purpurroth Eure ſeidnen Fluͤgel waget, Hoͤrt, ihr Lieben, was euch droht! Ach, ein heißer Kuß hat neulich Die Gefahr mir kund gemacht. Nehmt die Fluͤgel, warn' ich treulich, Ja vor dieſer Gluth in Acht! An F. M. uls ſie nach London ging. Wan auf vaͤterlichen Auen Ein verkuͤmmerter Poet, Koͤnnt' er dir ein Huͤttchen bauen, Wie es vor dem Geiſt ihm ſteht; c ßos e In der Huͤtt' ein frohes Stuͤbchen, Groß genug fuͤr Weib und Mann, Und zwei Maͤdchen, oder Buͤbchen, Die Gott leicht beſcheren kannz In der Stub' ein Speiſetiſchchen, Täglich biethend Wein und Brod, Auch wohl Braͤtchen, oder Fiſchchen, Unverſalzt durch Schuldennoth; Buͤrgers Gedichte II. B. H 113 Buͤrgers Gedichte. Neben an zur Gartenſeite Ein vertrautes Kaͤmmerlein, Drinn' ein Bett, an Laͤng' und Breite Fuͤr ein Pärchen nicht zu klein, Wo du gern hinein dich betteſt, Wo du ruheſt weich und warm, Mit dem Mann, den du gern haͤtteſt, Feſt verſchlungen Arm in Arm; Könnte das, mein gutes Maͤdchen, Ein verarmter Leiermann, Der nur auf dieß Spinnefaͤdchen Wunſchkorallen reihen kann: Heut noch braͤcht' er froh den Schläſſel Dir zur Stub und Kaͤmmerlein, Fuͤhrte dich zu Krug und Schuͤſſel, Spraͤche:„Bleib', denn dieß iſt dein!“ „Bleib'! wuͤrd' er in's Ohr dir raunen, Hier iſt gut und beſſer ſeyn, Als ſich mit des Hofes Launen Zu St. James herum kaſtei'n.“— Aber, ach! durch Sturm und Regen Muß er fort dich wandern ſehn; Nichts känn er, als Gottes Segen Zum Begleiter dir erflehn. ₰„— 7 — Buͤrgers Gedichte. 115 An Auguſt Wilhelm Schlegel. Sonett. Kan der Laute, die ich ruͤhmlich ſchlug, Kraft der Zweige, die mein Haupt umwinden, Darf ich dir ein hohes Wort verkuͤnden, Das ich laͤngſt in meinem Buſen trug. Junger Aar! Dein königlicher Flug Wird den Druck der Wolken uͤborwinden, Wird die Bahn zum Sonnentempel finden, Oder Phoͤbus Wort in mir iſt Lug. Schoͤn und laut iſt deines Fittichs Tönen, Wie das Erz, das zu Dodona klang, Und ſein Schweben leicht, wis Sphärengang. Dich zum Dienſt des Sonnengotts zu kroͤnen Hieit' ich nicht den eignen Kranz zu werth; Doch— dir iſt ein beſſerer beſchert. Buͤrgers Gedichte. Das Bluͤmchen Wunderhold. — E⸗ bluͤht ein Bluͤmchen irgend wo In einem ſtillen Thal. Das ſchmeichelt Aug' und Herz ſo frob, Wie Abendſonnen-Strahl. Das iſt viel köſtlicher, als Gold, Als Perl' und Diamant. Drum wird es„Bluͤmchen Wunderhold“ Mit gutem Fug genannt. Wohl ſaͤnge ſich ein langes Lied Von meines Bluͤmchens Kraft: Wie es am Leib und am Gemuͤth So hohe Wunder ſchafft. Was kein geheimes Elirir Dir ſonſt gewaͤhren kann, Das leiſtet traun! mein Bluͤmchen dir, Man ſaͤh' es ihm nicht an. Wer Wunderhold im Buſen hegt, Wird wie ein Engel ſchon; Das hab' ich, inniglich bewegt, An Mann und Weib geſehn. An Mann und Weib, alt oder jung, Zieht's wie ein Talisman, Der ſchoͤnſten Seelen Huldigung Unwiderſtehlich an. Buͤrgers Gedichte. 117 Auf ſteifem Hals ein Strotzerhaupt, Das uͤber alle Höhen Weit, weit hinaus zu ragen glaubt, Laͤßt doch gewiß nicht ſchoͤn. Wenn irgend nun ein Rang, wenn Gold Zu ſteif den Hals dir gab, So ſchmeidigt ihn mein Wunderhold, Und biegt dein Haupt herab. Es webet uͤber dein Geſicht Der Anmuth Roſenflor; Und zieht des Auges grellem Licht Die Wimper mildernd vor. Es theilt der Floͤte weichen Klang Des Schreiers Kehle mit, Und wandelt in Zephyrengang Des Stuͤrmers Poltertritt. Der Laute gleicht des Menſchenherz, Zu Sang und Klang gebaut, Doch ſpielen ſie oft Luſt und Schmerz Zu ſtuͤrmiſch und zu laut: Der Schmerz, wann Ehre, Macht und Gold Vor deinen Wuͤnſchen fliehn, Und Luſt, wann ſie in deinen Sold Mit Siegeskraͤnzen ziehn. O wie dann Wunderhold das Herz So mild und lieblich ſtimmt! Wie allgefaͤllig Ernſt und Scherz In ſeinem Zauber ſchwimmt! 118 Buͤrgers Gedichte. Wie man alsdann nichts thut und ſpricht, Drob Jemand zuͤrnen kann! Das macht, man trotzt und ſtrotzet nicht, Und drängt ſich nicht voran. O wie man dann ſo wohlgemuth, So friedlich lebt und webt! Wie um das Lager, wo man ruht, Der Schlaf ſo ſegnend ſchwebt! Denn Wunderhold hält alles fern, Was giftig beißt und ſticht; Und ſtäch' ein Molch auch noch ſo gern, So kann und kann er nicht. Ich ſing', o Lieber, glaub es mir, Nichts aus der Fabelwelt, Wenn gleich ein ſolches Wunder dir Faſt hart zu glauben fällt. Mein Lied iſt nur ein Wiederſchein Der Himmelslieblichkeit, Die Wunderhold auf Groß und Klein In Thun und Weſen ſtreut. Ach! haͤtteſt du nur die gekannt, Die einſt mein Kleinod war,— Der Tod entriß ſie meiner Hand Hart hinter'm Traualtar— Dann wuͤrdeſt du es gulſverſihn Was Wunderhold vermag, Und in das Licht der Wahrheit ſehn, Wie in den hellen Tag. Buͤrgers Gedichte. Wohl hundert Mahl verdankt' ich ihr Des Bluͤmchens Segensflor. Sanft ſchob ſie's in den Buſen mir Zuruͤck, wann ich's verlor. Jetzt rafft ein Geiſt der Ungeduld Es oft mir aus der Bruſt. Erſt wann ich buͤße meine Schuld, Bereu' ich den Verluſt. O, was des Bluͤmchens Wunderkraft Am Leib und am Gemuͤth Ihr, meiner Holdin, einſt verſchafft, Faßt nicht das laͤngſte Lied!— Weil's mehr, als Seide, Perl und Gold, Der Schoͤnheit Zier verleiht, So nenn' ich's,„Bluͤmchen Wunderhold.“ Sonſt heißt's— Beſcheidenheit. Graf Walterr. Nach dem Alt⸗Englaͤndiſchen. Ge Walter rief am Marſtallsthor: „Knapp, ſchwaͤmm' und kaͤmm' mein Roß!“ Da trat ihn an die ſchoͤnſte Maid, Die je ein Graf genoß. 119 Buͤrgers Gedichte. „Gott gruͤße dich, Graf Walter, ſchoͤnt Sieh her, ſieh meinen Schurz! Mein goldner Gurt war ſonſt ſo lang, Nun iſt er mir zu kurz. Mein Leib trägt deiner Liebe Frucht, Sie pocht, ſie will nicht ruhn. Mein ſeidnes Roͤckchen, ſonſt ſo weit, Zu eng iſt mir es nun.“— „O Maid, gehoͤrt mir, wie du ſagſt, Gehoͤrt das Kindlein mein, So ſoll all all mein rothes Gold, Dafuͤr dein eigen ſeyn. O Maid, gehört mir, wie du ſchwoͤrſt, Gehort das Kindlein mein, So ſoll mein Land und Leut' und Burg Dein und des Kindleins ſeyn.“— „O Graf, was iſt fuͤr Lieb' und Treu' All all dein rothes Gold? All all dein Land und Leut' und Burg Iſt mir ein ſchnoͤder Sold. Ein Liebesblick aus deinem Aug', So himmelblau und hold, Gilt mir, und waͤr' es noch ſo diel, Fuͤr all dein rothes Gold. Buͤrgers Gedichte. 121 Ein Liebeskuß von deinem Mund, So purpurroth und ſuͤß, Gilt mir fuͤr Land und Leut' und Burg, Und wär's ein Paradies.“— „O Maid, fruͤh morgen trab' ich weit Zu Gaſt nach Weißenſtein, Und mit mir muß die ſchoͤnſte Maid, Wohl auf, wohl ab am Rhein.“— „Trabſt du zu Gaſt nach Weißenſtein, So weit ſchon morgen fruͤh; So laß, o Graf, mich mit dir gehn, Es iſt mir kleine Muͤh' Bin ich ſchon nicht die ſchonſte Maid, Wohl auf, wohl ab am Rhein; So kleid' ich mich in Bubentracht, Dein Leibburſch dort zu ſeyn.“— „O Maid, willſt du mein Leibhurſch ſeyn, Und heißen Er ſtatt Sie; So kuͤrz' dein ſeidnes Roͤcklein dir Halb zollbreit uͤber'm Knie. So kuͤrz' dein goldnes Härlein dir Halb zollbreit uͤber'm Aug'! Dann magſt du wohl mein Leibburſch ſeynz Denn alſo iſt es Brauch.“— ——.—— Buͤrgers Gedichte. Beiher lief ſie den ganzen Tag, Beiher im Sonnenſtrahl; Doch ſprach er nie ſo hold ein Wort: Nun, Liebchen, reit' einmahl! Sie lief durch Haid⸗ und Pfriemenkraut, Lief barfuß neben an; Doch ſprach er nie ſo hold ein Wort: O Liebchen, ſchuh dich an!— „Gemach, gemach, du trauter Graf! Was jagſt du ſo geſchwind'? Ach, meinen armen armen Leib Zerſprengt mir ſonſt dein Kind.“— „Ho, Maid, ſiehſt du das Waſſer dort, Dem Bruͤck' und Steg gebricht?“— „O Gott, Graf Walter, ſchone mein! Denn ſchwimmen kann ich nicht.“— Er kam zum Strand, er ſetzt' hinein, Hinein bis an das Kinn.— „Nun ſteh' mir Gott im Himmel bei! Sonſt iſt dein Kind dahin.“— Sie rudert wohl mit Arm und Bein, Hält hoch empor ihr Kinn. Graf Walter'n pochte hoch das Herz; Doch folgt' er ſeinem Sinn. Buͤrgers Gedichte Und als er uͤber'm Waſſer war, Rief er ſie an ſein Knie: „Komm her, o Maid, und ſieh, was dort, Was fern dort funkelt, ſieh! Siehſt du wohl funkeln dort ein Schloß, Im Abendſtrahl wie Gold? Zwoͤlf ſchoͤne Jungfraun ſpielen dort, Die Schoͤnſte iſt mir hold. Siehſt du wohl funkeln dort das Schloß, Aus weißem Stein erbaut? Zwoͤlf ſchoͤne Jungfraun tanzen dort. Die Schoͤnſt' iſt meine Braut.“— „Wohl funkeln ſeh' ich dort ein Schloß, Im Abendſtrahl wie Gold. Gott ſegne, Gott behuͤte dich, Sammt deinem Liebchen hold! Wohl funkeln ſeh' ich dort das Schloß, Aus weißem Stein erbaut. Gott ſegne, Gott behuͤte dich, Sammt deiner ſchoͤnen Braut!“— Sie kamen wohl zum blanken Schloß, Wie Gold im Abendſtrahl, Zum Schloß, erbaut aus weißem Stein, Mit ſtattlichem Portal. 124 Buͤrgers Gedichte. Sie ſahn wohl die zwoͤlf Jungfraun ſchön, Sie ſpielten luſtig Ball. Die zwoͤlf Mahl ſchöner war, als ſie, Zog ſtill ihr Roß zu Stall. Sie ſahn wohl die zwolf Jungfraun ſchönz S tanzten froh um's Schloß. Die zwoͤlf Mahl ſchoͤner war, als ſie, 8 9 ſtill zur Weid' ihr Roß. Des Grafen Schweſter wundersvoll, Gar wundersvoll ſprach ſie: „Ha, welch ein Leibburſch! Nein, ſo ſchon War nie ein Leibburſch! Nie! Ha, ſchoͤner als ein Leibburſch je Des hoͤchſten Herrn gepflegt! Nur daß ſein Leib, ſo voll und rund, So hoch den Guͤrtel trägt! Mir daͤucht, wie meiner Mutter Kind, Lieb' ich ihn zart und rein. Duͤrft' ich, ſo raͤumt' ich wohl zu Nacht Gemach und Bett ihm ein.“— „Dem Buͤrſchchen, rief Herr Walter ſtolz, Das lief durch Koth und Moor, Ziemt nicht der Herrin Schlafgemach, Ihr Bett nicht von Drapd'or. Buͤrgers Gedichte Ein Buͤrſchchen, das den ganzen Tag Durch Koth lief und durch Moor, Speiſt wohl ſein Nachtbrod von der Fauſt Und ſinkt am Heerd auf's Ohr.“— Nach Veſpermahl und Gratias Ging Jedermann zur Ruh' Da rief Graf Walter:„Hier, mein Burſch! Was ich dir ſag', das thu'! Hinab, geh flugs hinab zur Stadt, Geh' alle Gaſſen durch! Die ſchönſte Maid, die du erſiehſt, Beſcheide flugs zur Burg! Die ſchoͤnſte Maid die du erſiehſt, All ſaͤuberlich und nett, Von Fuß zu Haupt, von Haupt zu Fuß, Die wirb mir fuͤr mein Bett!“— Und flugs ging ſie hinab zur Stadt, Ging alle Gaſſen durch. Die ſchoͤnſte Maid, die ſie erſah, Beſchied ſie flugs zur Burg Die ſchoͤnſte Maid, die ſie erſah, All ſäuberlich und nett, Von Fuß zu Hauh von Haupt zu Fuß, Die warb ſie ihm fuͤr's Bett.— 126 Buͤrgers Gedichte. „Nun laß, o Graf, am Bettfuß nur Mich ruhn bis an den Tag! Im ganzen Schloß iſt ſonſt kein Platz, Woſelbſt ich raſten mag.“— Auf ſeinen Wink am Bettfuß ſank Die ſchoͤnſte Maid dahin, Und ruhte bis zum Morgengrau Mit ſtillem frommen Sinn.— „Halloh! Halloh! Es toͤnet bald Des Hirten Dorfſchalmei. Auf, fauler Leibburſch! Gib dem Roß, Gib Haber ihm und Heu! Burſch, goldnen Haber gib dem Roß, Und friſches gruͤnes Heu! Damit es raſch und wohlgemuth Mich heimzutragen ſey.“— Sie ſank wohl an die Kripp' im Stall; Ihr Leib war ihr ſo ſchwer. Sie kruͤmmte ſich auf rauhem Stroh Und wimmert', o wie ſehr! Da fuhr die alte Graͤfin auf, Erweckt vom Klageſchall: „Auf, auf, Sohn Walter, auf und ſieh! Was aͤchzt in deinem Stall? —— Buͤrgers Gedichte. 127 In deinem Stalle hauſt ein Geiſt, Und ſtohnt in Nacht und Wind. Es ſtöhnet, als gebaͤre dort Ein Weiblein jetzt ihr Kind.“— Hui ſprang Graf Walter auf und griff Zum Haken an der Wand, Und warf um ſeinen weißen Leib Das ſeidne Nachtgewand. Und als er vor die Stallthuͤr trat, Lauſcht er gar ſtill davor. Das Ach und Weh der ſchoͤnſten Maid Schlug klaͤglich an ſein Ohr. Sie ſang:„Suſu, lullull mein Kind! Mich jammert deine Noth. Suſu, lullull, ſuſu, lieb lieb! O weine dich nicht todt! Sammt deinem Vater ſchreibe Gott Dich in ſein Segensbuch! Werd' ihm und dir ein Purpurkleid, Und mir ein Leichentuch!“— „O nun, o nun, ſuͤß ſuͤße Maid, Suͤß ſuͤße Maid, halt' ein! Mein Buſen iſt ja nicht von Eis Und nicht von Marmelſtein. ———— 128 Buͤrgers Gedichte. O nun, o nun, ſuͤß ſuͤße Maid, Suͤß ſuͤße Maid, halt' ein! Es ſoll ja Tauf' und Hochzeit nun In Einer Stunde ſeyn.“— Vorgefuͤhl der Geſundheit. An Heinrich Chriſtian Boie⸗ — Pinſchet ihr mit euerm Wechſeltanze, Du, o Wunſch, und du, o Hoffnung, mich? Oder naht im Purpurnelken-Kranze Frohen Trittes die Geſundheit ſich? Will ſie von dem Daͤmon mich erloͤſen, Welcher meine Kraft gefangen nahm? Soll ich wiederum zu dem geneſen, Der ich der Natur vom Buſen kam? Laß mich dir mein Vorgefuͤhl verkuͤnden, Boie, alter, trauter Herzensfreund! Wonniglich wirſt du es mit empfinden, Wenn der Dulder feſſellos erſcheint; Wann er mit der angebornen Staͤrke Jugendlich Apollon's Bogen ſpannt, Oder ruͤſtig zu Athene'ns Werke Unter der Aegide ſich ermannt. Buͤrgers Gedichte. 129 Ha, dein Freund, einſt mehr als halb verloren, Keck verhoͤhnt von ſchnödem Uebermuth, War zum lahmen Schwaͤchling nicht geboren; Ihn durchfloß kein traͤges feiges Blut. Das bezeugen ihm des Pindus Wuͤrden, Die er in der Ohnmacht noch erwarb, Und die Kraft, die unter allen Buͤrden Nicht in zwanzig Jahren ganz erſtarb. Heil ihm! Leichter fuͤhlt er ſchon die Glieder; Und der Genius, der in ihm ſtrebt, Schuͤttelt freyer, ſtärker das Gefieder, Das dem ſchweren Nebel ihn enthebt. Erde, dich mit allen deinen Bergen, Allem laſtenden Metall darin, Allen Rieſen drauf und allen Zwergen, Haucht er bald, wie Flaum, vor ſich dahin. Edle Rache beut er dann der Schande, Die er uͤber ſein Verſchulden trug, Seit der Hypochonder dumpfe Bande Um die rein geſtimmten Nerven ſchlug, Wann es heller um der Wahrheit Seher, Waͤrmer um der Schoͤnheit Pfleger tagt, Und er glorreich eines Hauptes hoher Als zehntauſend Alltagsmenſchen ragt. Mag es Rieſe dann und Drache wagen, Gegen ihn zum Kampf heran zu gehn! Mag das Gluͤck ihn auf den Armen tragen, Oder Er auf eignen Fuͤßen ſtehn! Buͤrgers Gedichte 1I. B. J 130 Buͤrgers Gedichte. Neu geruͤſtet mit den Goͤtterwaffen, Die er mit geſtaͤhltem Arme fuͤhrt, Wird er ſich nach Heldenrecht verſchaffen, Was ſein Wunſch bedarf und ihm gebuͤhrt.— Herr des Lebens, willſt du mich erhalten, O ſo gieb nur Eins,— Geſundheit mir! Dankend will ich dir die Haͤnde falten, Aber bitten weiter nichts von dir. Kuͤhn durch Klippen, Strudel, Ungeheuer Lenk' ich, allgenugſam mir, alsdann Auf des Lebens Ocean mein Steuer. Selbſt ſein Gott iſt ein geſunder Mann. An den Apollo. Zur Vermaͤhlung meines Freundes, des Herrn Doctors Althof, mit der Demoiſelle Kuchel. Am 17. May 1739. Ge der goldnen Leyer, gib, daß heut Meiner Bruſt ein ſchones Lied entſchalle, Das durch Wahrheit und durch Herzlichkeit Deinen edeln Enkeln wohlgefalle! Alles, was uns deine Gottheit gab, Hat ein Recht an unſern Huldigungen; Und der Menſchenhelfer Aeſkulap Iſt aus deiner Vaterkraft entſprungen.. octots Burgers Gedichte. 131 Du vertrauteſt ihm die Wiſſenſchaft, Die dein hoher, heller Geiſt erfunden, Aller irdiſchen Naturen Kraft Zu dem Heil der Menſchen auszukunden. Deine hochgebenedeyte Kunſt Ward den Hippokraten und Galenen. Dieſe achtet deiner Muſen Gunſt Werth, vor tauſend Wiſſern, zu bekronen. Wohl geruͤſtet geißelt ihre Hand Unſers Leibes Furien von dannen. Darum ſind ſie auch mit uns verwandt, Deren Lieder Seelengeier bannen. Unter Allen, die vom Anbeginn Sich zu deinem Göͤtterſtamm bekannten, Blicken wir mit bruͤderlichem Sinn Ehrend auf die edeln Mitverwandten. Sie auch, großer Ahnherr, ſind noch nicht Von uns abgefallen und entartet. Plunderweisheit hat ihr Angeſicht Nicht alſo berußt und lang bebartet, So ſie nicht des reinern Sinns beraubt, So noch nicht entwohnt von deinem Schoͤnen: Daß ſie duͤnkelhaft dein goldnes Haupt, Deine glatten Jugendreize hoͤhnen. Ihrer Beſten viele lockten gern Selbſt aus deinen Saiten ſuͤße Klänge, Herrlich ſtrahlt, ein großer ſchoͤner Stern, Haller, durch unſterbliche Geſaͤnge. 132 Buͤrgers Gedichte. O ich koͤnnt' ein langes Feyerlied Von den groͤßten deiner Enkel ſingen, Die mit Flammeneifer ſich bemuͤht, Deines Kranzes Ehren zu erringen. Tauſend nennte leicht noch mein Geſang, Tauſend derer, ſo die Leyer ehrten, Und auf ihren ſegenreichen Klang Mit des Herzens ſtummer Wonne hoͤrten. Drum erleuchtet ſie auch die Vernunft; Darum adelt ſie auch deine Gnade: Suͤßer traͤuft in keiner Baͤrtlerzunft Lipp' und Kiel vom Honigſeim der Suade. Einer aber bliebe nicht mit Recht Heut in deines Saͤngers Bruſt verſchloſſen. Einen Mann, aus Aeſkulaps Geſchlecht, So zur Ehre, wie zum Gluͤck entſproſſen, Einen, derer, welche hoch und kuͤhn Zu des Harfners Freunden ſich bekennen, Dieſen Einen, Vater, laß mich ihn Laut aus meines Herzens Fuͤlle nennen. Daß du mild' ihn ſegneſt, nenn' ich dir Meines Althofs lieben theuern Namen. Dieſer ruͤhmt ſich bruͤderlich mit mir, Geiſterfuͤrſt, aus deinem Goͤtterſamen. Mir entgegen wallt ſein Bruderherz, Mir im Trauer- wie im Freudenkleide. Balſam gießt er oft mir in den Schmerz, Wuͤrze ſtreuet er in meine Freude. Buͤrgers Gedichte. 133 Sieh, der Freundliche bekraͤnzet heut Mit der Liebe Myrte ſeine Haare. Wunſch und Ahndung hoher Seligkeit Tanzen vor ihm hin zum Weih⸗Altare. Ihn begleitet eine ſuͤße Braut, Die ſein Herz vor Allen auserkoren. Ihre ſtummſten Blicke ſagen laut, Er, nur er, ſey ihr auch angeboren. Liebe, Treu' und holde Sittlichkeit Gehn als Fuͤhrerinnen ihr zur Seite. Alle Tugenden der Haͤuslichkeit Geben ſeiner Trauten das Geleite. Frommer Wille nimmt voran den Flug; Ihn begleitet Kraft mit vollem Köcher. Gott und Goͤttin aus dem ganzen Zug Zeigen blinkend ihm der Freude Becher.— Hymen, Phoͤbus, ſtammet auch von dir: Auf! gebiete deinem ſchoͤnſten Sohne, Daß er dieſen wackern Bruder mir Mit der Fuͤlle ſeines Segens lohne! Ihn, der wie ein Held mit Schwert und Speer, Tauſend Erdenleiden niederſtreitet! Wer verdient der Freude Becher mehr, Als der Mann, der Andern ihn bereitet? ——— Buͤrgers Gedichte. Hummel⸗Lied. D. Buben ſind den Hummeln gleich: Ihr Maͤgdlein moͤgt euch huͤten! Sie ſchwaͤrmen durch des Lenzes Reich, Um Blumen und um Bluͤthen. Sie irren her, ſie ſchwirren hin, Mit Sehnen und mit Stoͤhnen, Und koͤnnen ihren Leckerſinn Des Honigs nicht entwohnen. Die Unſchuld iſt dem Honig gleich. Die Hummeln nahn ſich leiſe. Ihr Honigbluͤmlein, huͤtet euch Vor ihrer loſen Weiſe. Sie tippen hie, ſie nippen da, Erſt mit den Saugerſpitzen, Bis ſie, ſo ſchnell ſich ſpricht ein Ja, Im Honigkelche ſitzen. Die Maͤgdlein ſind den Blumen gleich. In ihren Fruͤhlingstagen. Sie bluͤhn geſunder, wenn ſie reich Des Honigs Fuͤlle tragen. Zertummelt da, zerhummelt hie, Wird jede krank ſich fuͤhlen. Drum, ſuͤße Bluͤmlein, laßt euch nie Den Honigkelch zerwuͤhlen! —— Buͤrgers Gedichte. 135 Veit Ehrenwort. V Ehrenwort ging an den Beeten In ſeinem Garten, Hand am Kinn, Betrachtend her, betrachtend hin. Auf Ein Mahl rief er ganz betreten: „Potz ſapperment! Wo kommen von den Beeten Die Schoten mir und Wurzeln hin? Das geht nicht zu mit rechten Dingen. Dieb uͤber Dieb! Ey, wenn wir dich doch fingen!“ Den nächſten Abend ſtellt er ſich Ins Lambertsnuß⸗Gebuͤſch zur Lauer; und, ſieh! bald naht mit leiſem Schlich, Durch einen Spalt der Gartenmauer, Die Nachbarin Roſette ſich; Ein Weib, ſo jung, ſo ſchoͤn und ſäuberlich, Daß ſelbſt der leckerſte der Praſſer Es ſchmauſen moͤcht aus Salz und Waſſer. „Ey, ey!— rief Meiſter Ehrenwort, Als er bey'm Fittich ſie erwiſchte und innen wurde, was er ſiſchte, Wobey ein Troͤpfchen Huld ſofort Sich unter ſeine Galle miſchte,— Ey, ey! Woher an dieſem Ort? Wie? Schaͤmt ſie ſich denn nicht, Roſette?— Wenn ich nicht Mitleid mit ihr hätte, —————— 136 Buͤrgers Gedichte. So— haͤtt' ich wohl ein Zuchthaus dort,— Und drin zur Zuͤchtigung ein Bette, Worauf ich Sie,— mit Einem Wort, Worauf ich ſo dich wurzeln wollte, Daß dir das Aeuglein brechen ſollte. Fuͤr dieß Mahl laſſ' ich noch dich fort. Doch huͤte dich, vernaſchtes Maͤuschen! Sonſt,— ſiehſt du dort das Gartenhaͤuschen 2.. Ein Wort, ein Mann! Ein Mann, ein Wort!“ Ob vor der That, ob vor dem Haͤuschen, Das weiß ich nicht, kurz, ſehr verſchaͤmt, An Zung' und Lippe halb gelaͤhmt, Enttrippelt das ertappte Maͤuschen. Veit Ehrenwort bleibt da, und graͤmt Sich hinterdrein, daß er ſich ſo bezahmt, Und nicht ſchon heut den Straf⸗Act unternommen: Denn morgen wird ſie ſchwerlich wieder kommen. „Ey, nimmermehr wird das geſchehn!“— So? meynt ihr das? Wir wollen ſehn! Veit Ehrenwort, den naͤchſten Abend Mehr an Erinnerung, als Hoffnung ſich erlabend, Denkt: Wozu hilft das Wacheſtehn? Und will ſchon aus dem Garten gehn: Sieh da, kommt wieder, wie gepfiffen, Das Maͤuschen an, und— wird ergriffen end, Buͤrgers Gedichte. 137 „Ein Wort, ein Mann! Ein Mann, ein Wort!“ Ruft Veit mit feſt entſchloßner Stimme; Und Trotz Gewinde, Trotz Gekruͤmme, Geht's marſch! in's kleine Zuchthaus fort. Hier wird ihr Veit, das koͤnnt ihr denken, Den Zuchtwillkommen nicht mehr ſchenken. Wer haͤtt' es nicht, wie Veit, gemacht? Allein wer haͤtt' auch wohl gedacht, Roſette wuͤrde gehn und klagen: „Veit Ehrenwort hat jene Nacht Mich— mit Gewalt... in Schimpf gebracht.“— „Wie kam denn das? hoͤr' ich hier fragen; Hm! Erſt ſich liefern, dann doch klagen!“ Ey nun! Man hatte nicht bedacht, g Veit wuͤrde jetzt in wenig Tagen, Wie er auch that, den Spaß der Nacht Vor aller Welt zu Markte tragen. „Das hat auch Veit nicht gut gemacht! Hoͤr' ich die Rechtsgelahrten ſagen. Wenn's nach der Carolina geht, Und nicht Stuprata fur ihn fleht, So koſtet's Veiten Kopf und Kragen.“— Wir wollen ſehn!— Bey gutem Muth Weiß Veit den ganzen Fall ſo gut Den Herren Richtern aufzuklären; Weiß buͤndig ſtets, durch Schluß auf Schluß 138 Buͤrgers Gedichte— So ſeine Unſchuld zu bewähren, Daß Frau Roſette ſchweigen muß. „Und Veite—“ Kommt los mit allen Ehren. Hilf Himmel, welch ein Gaudium!— Allein die Nachbarinnen alle Ereiferten ſich ob dem Falle, Und ſtahlen,— weiß nicht recht, warum? Ob angereizt von böſer Galle? Ob von dem Speck der Mauſefalle?— Kurz, ſtahlen Nacht ſuͤr Nacht den ganzen Garten leer, Und Veit behielt kein Haͤlmchen mehr. Eliſe an Buͤrger. O Buͤrger, Buͤrger, edler Mann, Der Lieder ſingt, wie Keiner kann, Vom Rhein an bis zum Belt, Vergebens berg' ich das Gefuͤhl, Das mir bey deinem Harfenſpiel Den Buſen ſchwellt! Mein Auge ſah von dir ſonſt nichts, Als nur die Abſchrift des Geſichts, Und dennoch— lieb' ich dich! Denn deine Seele, fromm und gut, Und deiner Lieder Kraft und Muth Entzuͤckten mich. n ler, Buͤrgers Gedichte. So fullt im ganzen Muſenhain Von allen Saͤngern, groß und klein, Noch keiner mir die Bruſt. Sie wogt' empor, wie Fluth der See; Es kaͤmpften ſturmend Luſt und Weh, Und Weh und Luſt. An Wonnen, wie an Thraͤnen reich, Rief ich, wie oft: O herzen gleich Und kuͤſſen möcht' ich dich!— So wechſelte, wie dein Geſang, In mir der Hochgefuhle Drang, Dem Alles wich. O Buͤrger, Buͤrger, ſuͤßer Mann, Der Ohr und Herz bezaubern kann Mit Schmeichel-Wort und Sinn, Mein Loblied ehrt dich freylich nicht: Doch hore, was mein Herz dir ſpricht, Und wer ich bin! In Schwaben bluͤht am Neckarſtrand Ein ſchoͤnes ſegenreiches Land, Das mich an's Licht gebar: Ein Land, worin ſeit grauer Zeit Die alte Deutſche Redlichkeit Zu Hauſe war. Da wuchs ich wohlbehalten auf, Und meines reinen Lebens Lauf Maß zwanzig Mal das Jahr. 139 140 Buͤrgers Gedichte. Zum Grabe ſank mein Vater fruͤh,— Kaum ließ mir noch der Himmel die, Die mich gebar. Schon wankend an des Grabes Rand, Ergriff ſie des Erbarmers Hand, Und gab ſie mir zuruͤck. Sie bildete mit weiſer Muͤh', Was Gutes mir Natur verlieh,* ½ Zu meinem Gluͤck. Bey heitern Geiſt, bey frohem Puth Ward mir ein Herz, das fromm und gut* Vor Gott zu ſeyn begehrt. Nur edler Liebe huldigt's frey, Und was es liebt, das liebt es treu Und haͤlt es werth. Mein Leib,— er zeigt vielleicht dem Blick Kein Stuͤmper-und kein Meiſterſtuͤck Der bildenden Natur. Ich bin nicht arm, und bin nicht reich; Mein Stand haͤlt, meinen Guͤtern gleich, Die Mittelſpur. Die bin ich, die! Und— liebe dich! Im ſchönen Stuttgard findſt du mich, Du trauter Wittwersmann! Umſchlaͤnge wohl nach langem Harm Ein liebevolles Weib dein Arm, So komm heran! Buͤrgers Gedichte. 141 Denn träten tauſend Freyer her, Und boͤten Saͤcke Goldes ſchwer, Und du begehrteſt mein: Dir weigert' ich nicht Herz noch Hand; Selbſt um mein liebes Vaterland Tauſcht' ich dich ein. „„ „ Stcht Schwaben⸗ Lieb und Treu dir an, F komm, Geliebter, komm heran, Und wirb,— o wirb um mich!— Nimm oder nimm mich nicht, ſo iſt Und bleibt mein Lied zu jeder Friſt: Dich lieb' ich, dich! N E hi ſ6 uͤber die umarbeitung des voranſtehenden Liedes⸗ D neues Lied, mehr gnuͤgt es Geiſt und Ohr, Als das, wodurch ich einſt mein Herz an dich verlor, Und meine Kunſt,— ſie läͤchelt dieſen Toͤnen: Doch meine Liebe laͤchelt jenen. Sprich, welches Laͤcheln zichſt du vor? Buͤrgers Gedichte. Aen Elliſe. W ſingt mir dort aus Myrtenhecken, Im Von der liebevollen Braut? Mein Herz vernimmt mit ſuͤßem Schrecken, Den unerhoͤrten Schmeichellaut. O Stimme, willſt du mich nur necken, Und lachend den Betrug entdecken, So bald das eitle Herz dir traut? Es ſingt: Ich bin ein Schwabenmaͤdchen; Und wirbt um mich gar unbeſehn. O ihr Poeten und Poetchen, Wem iſt ein Gleiches noch geſchehn? Das iſt fuͤrwahr das ſchönſte Faͤdchen, So mir auf goldnem Spinneraͤdchen Die Parzen in mein Leben drehn! O Schwabenmaͤdchen, lieblich ſchallen Zwar deine Töne mir in's Ohr: Doch auch dem Auge zu gefallen, Tritt nun aus deiner Nacht hervor! Denn, ach! die Liebesgoͤtter wallen Zu meinem Herzen, wie zu Allen, Durch's Auge lieber, als durch's Ohr. Und zeigt, die Sehnſucht zu erfreuen, Die Ferne mir dich Selbſt nicht klar: So mache deine Schmeicheleyen Durch dieſer Bitt' Erfuͤllung wahr: „ R — Buͤrgers Gedichte. 143 Laß, ohn' ein Mißgeſchick zu ſcheuen, Dich von der Wahrheit konterfeyen, Und ſtelle ganz dein Bild mir dar! Du ſollſt nicht hoch in Schoͤnheit prangen: Denn ich bin ſelbſt nicht jung und ſchoͤn. Das aber darf ich wohl verlangen: Mein Auge muß mit Luſt dich ſehn. Auf! Zwingt kein Fehl dich zu erbangen, So nimm am Tage mich gefangen! Und dann,— was ſeyn ſoll, muß geſchehn. Todtenopfer, den Manen Johann David Michaelish dargebracht von ſeinen Verehrern im Auguſt 1791. Mu Schwermuth Klagen oder Thraͤnen Ziemen nicht zum Todtenopfer Denen, Deren Lob durch Raum und Zeit erſchallt. Die ſind Spende nur dem Erdenſohne, Deſſen Nahme mit dem letzten Tone Seiner Sterbeglocke ſchon verhallt. Jene Starken aus dem ſchwachen Haufen, Wann ſie glorreich ihre Bahn durchlaufen, In der Kraft, die ihnen Gott verlieh, 144 Buͤrgers Gedichte. Sinken bey dem Klange hoher Lieder In die Kuͤhlung der Cypreſſe nieder; um ſie weinet nicht die Elegie. Denn die Geiſter hoher Weiſen ſchweben Nicht, in Nacht ſich huͤllend, aus dem Leben In die Wohnung der Vergeſſenheit. Ihre Weisheit waltet fort hier oben; Ihrer Weisheit Goͤtterwerke loben Die Entſchwebten bis in Ewigkeit. Schmerz entpreßt vor Hades Thor den Scharen Derer, welchen ſie einſt theuer waren, Keinen troſtbegehrenden Geſang. Nur der Hochverehrung ſuͤße Schauer Fuͤllen ihre Herzen, ſtatt der Trauer; Ihre Lippen ſtroͤmen Preis und Dank: Preis und Dank fuͤr ehrenwerthe Thaten: Preis und Dank fuͤr das, was ſie gerathen, Was ſie wohl geordnet, wohl beſtellt; Fuͤr die Fackel, die ſie hoch gehalten, Die des Irrthums Chaos zu Geſtalten Wandelloſer Wahrheit aufgehellt. Stets in dieſem Lichte fortzuwandeln, Stets darin zu lehren und zu handeln, Schwoͤrt zum Dank die andachtsvolle Schaar. Dir auch, Michaelis, großer Lehrer, Bringen feyernd deine Hochverehrer Dieſes hoͤhre Todtenopfer dar. ————— Der Entfernten. charen Buͤrgers Gedichte. 145 Der. Emt fnermt eln. 4. S We tit O. wie ſoll ich Kunde zu ihr bringen, Kunde dieſer ruheloſen Pein, Von der Holden ſo getrennt zu ſeyn, Da Gefahren lauernd mich umringen? Huͤll' ich, der Entfernten ſie zu ſingen, In den Flor der Heimlichkeit mich ein: Ach! ſo achtet ſie wohl ſchwerlich mein; Und vergebens muß mein Lied verklingen. Doch, getroſt! Zerriß nicht, als ſie ſchied, Laut ihr Schwur die Pauſe ſtummer Schmerzen; „Mann, du wohneſt ewig mir im Herzen!“— Dieſem Herzen braucheſt du, o Lied, Des Verhuͤllten Nahmen nicht zu nennen: An der Stimme wird es ihn erkennen⸗ Buͤrgers Gedichte II. B. K Der Entfernt'en. S D mein Heil, mein Leben, meine Suͤßes Weſen, von des Himmels Macht Darum, duͤnkt mir, nur hervorgebracht, Daß dich Liebe ganz mir anvermähle! Welcher meiner todteswerthen Fehle Bannte mich in dieſen Sclavenſchacht, Wo ich fern von dir in oder Nacht, Ohne Licht und Waͤrme mich zerquale? O, warum entbehret mein Geſicht Jenen Strahl aus deinem Himmelsauge, Den ich duͤrftig nur im Geiſte ſauge? — Und die Lippe, welche ſingt und ſpricht, Daß ich kaum ihr nachzulallen tauge, O, warum erquickt ſie mich denn nicht? Seele! — Buͤrgers Gedichte. 447 Gebeth der Weihe⸗ Gaun des Dichtergeſangs und der edleren Rede der Menſchen, Herrliche, die mein Volk nie jener Tempel gewuͤr⸗ digt, Welche den hoͤhern Geiſt des Griechen, des Roͤ⸗ mers, des Britten Und des Galliers, Zeit und Raum durchſtrahlend, verkuͤnden, Siehe, wir Wenigen baun, von deinem Odem be⸗ geiſtert, Ruͤhrend das goldene Spiel, das Thebens Mauern erbaut hat, Aber bewaffnet auch mit dem Schwert und dem Bo⸗ gen Apollon's, Beides, zu locken die Edeln und fern zu verſcheu⸗ chen den Pöbel, Goͤttin, wir baun dir ein Haus, zwar klein, wie ein Huͤttchen des Weinbergs, Dennoch nur dir allein und deinem Dienſte ge⸗ heiligt. Denn uns enget den Raum das Gewuͤhl der Wechs⸗ ler und Kramer, Und der Kaͤrrner, die uns aus jeglicher Zone der Erde Struppigen Plunders viel zukarren, der uns nicht Noch thut; 63 S— 148 Buͤrgers Gedichte. Enget ein zahlloſer Troß der Schnabel aufſperrenden Neugier, Und der Sammler von Lumpen, aus denen nimmer ein Blatt wird, Und von Flocken und Fäden, die Keiner verſpinnt und verwebet; Engt ein gefauſteter Schwarm Betrunkener, welcher zur Pflege Aller Laternen um Kirch', um Schloß, um Rath⸗ haus und Marktplatz Hoch berufen ſich wähnt, allein das leuchtende Flämmlein Bald mit Geſtank auslöſcht,— ein ſuͤßer Geruch dem Deſpoten!— Bald zum Brand, erwuͤnſcht fuͤr Mord und Pluͤn⸗ derung, anfacht. Göttin des Dichtergeſangs und der edleren Rede des Menſchen, Die du mit Wohlthat begannſt, als Menſchenleben erwachte, Und fort wohlthun wirſt, bis Alles im Grabe ver⸗ ſtummt iſt, Die du den Saͤugling traͤnkſt aus wuͤrzeduftendem Buſen, Dann als bluͤhende Braut den feurigen Juͤngling umarmeſt, Drauf, ein geſegnetes Weib, der Kraft des ruͤſti⸗ gen Mannes Kinder des ewigen Ruhms gebierſt, voll Leben und Odem, ſi W c5 Buͤrgers Gedichte. 149 petrende 5 Endlich mit Milde den Greis, wie der Strahl der herbſtlichen Sonne lü. 3 g Die entladene Rebe, noch hegſt, und pflegſt und 0, e onſnt erwaͤrmeſt, verſpir.. Walterin, die du warſt und biſt mit dem Beſſern, ſ und ſeyn wirſt, wicht Sen uns Wenigen hold, und gib uns Kraft und Gedeihen! m Rath⸗ Narktylatz euchtende Ginc Heldiſe an Abelard. E Frei nach Pope'n. d Plin⸗ H ht Vier im Schauer tiefer Todtenſtille, en Rede Wo die Himmelstochter Andacht wohnt, Und Melancholie in ſchwarzer Huͤlle henlebn Sinnig mit geſenktem Haupte thront, Was will hier entflammter Triebe Hader abe ve⸗ In der gottgeweihten Jungfrau Bruſt? Warum gluͤht ihr noch in jeder Ader Ruͤckerinnerung entflohner Luſt?— Immer noch zu Liebe hingeriſſen, Immer noch durch dich, mein Abelarb, Muß ich den geliebten Namen kuͤſſen, Welcher mir ſo unvergeßlich ward. ftendem zungling es rüſit Theurer Ungluͤcksnahme, werde nimmer hen und Von verſtummter Lippe mehr gehört! Birg dich da in's Dunkel, wo noch immer 150 B uͤrger Gedichte. Liebe gegen Andacht ſich empoͤrt! Schreib' ihn nicht!— Doch, ach! was hilft mein Wehren?— Raſche Hand, du ſchriebſt ihn ja ſchon hin!— Löſcht ihn wieder aus, ihr meine Zähren, Und entſuͤndigt die Verraͤtherin!— Ah! die Arme, die vor Schuld erbanget, Schluchzt und weint umſonſt, umſonſt ihr Ach: Was gebieteriſch das Herz verlanget, Schreibt die Hand nur allzuwillig nach. Mitleidsloſe Mauern, zwiſchen denen Sich die Buße langſam ſelbſt entſeelt! Parte Quadern, oft benetzt von Thraͤnen, Und von wunden Knieen ausgehöhlt! Felſengrotten, tief in Dorn verborgen! Heilgenblenden, wo die ganze Nacht Chriſtus Braut mit ihren frommen Sorgen Zu Gebethen und Geſängen wacht! Bilder ſelbſt, die ihr bei uns ſo kläglich Weinen lernt! Mit euch in Harmonie Ward ich kalt zwar, ſtumm und unbeweglich: Doch zu Stein vergaß ich noch mich nie. Nimmer herrſcht da unumſchraͤnkt der Himmel, Wo ſich Abelard nicht bannen laͤßt. Stets geneigt zu Aufruhr und Getuͤmmel, Haͤlt Natur des Herzens Hälfte feſt. Weder Faſten mit Gebet vereinet, Noch die Thraͤnen, welche Nacht und Tag Lange Jahre ſchon mein Auge weinet, Hemmen ſeines Pulſes wilden Schlag. ilft mein n— 16 Buͤrgers Gedichte. 151 Kaum entfalt' ich deinen Brief mit Beben, So durchbohrt das Herz mir, wie ein Schwert, Jener Nahme, traurig meinem Leben, Dennoch ewig meiner Seele werth; Jener Nahme, meines Friedens Klippe, Abgeſtorbner Freude Monument, Den der Buͤßerin verbluͤhte Lippe Nimmer ohne Thraͤn' und Seufzer nennt.— Auch den meinen beb' ich zu erblicken: ueberall ziehn Kraͤnkung oder Schmach, Ueberall des Schickſals boͤſe Tuͤcken Ihm, wie Schatten ihren Koͤrpern, nach. Meine Seufzer finden keine Weile; Eine Zähre draͤngt die andre fort: Denn ein Schwert, ein Schwert iſt jede Zeile, Und ein Stachel iſt ein jedes Wort. Schnell aus freier goldner Fruͤhlingshelle, Wo mich warmer Liebeshauch umgab, Schlang mein Leben eine Kloſterzelle, Kalt und duͤſter, wie die Gruft, hinab. Hier verloſch die Lohe meiner Triebe Vor des finſtern Kirchenwahnes Hauch; Und die beſten, Ehrbegier und Liebe, Hier zerfloſſen ſie in eiteln Rauch⸗ Dennoch ſchreib', Geliebter meiner Seele, Schreib' mir Alles, Alles ohne Scheu, Daß mein Schmerz dem deinen ſich vermaͤhle, Daß ich deiner Seufzer Echo ſey! Dieſe Macht entzogen ja der Armen 152 Buͤrgers Gedichte. Ihr Geſchick und ihre Feinde nie. Koͤnnte wohl, entneigter dem Erbarmen, Abelard ihr mehr entziehn, als ſie? Noch ſind ſie mein eigen, dieſe Zähren: Wozu ſpart' ich ſonſt die Zaͤhren noch? Wollt' ich ſie der Liebe nicht gewaͤhren, So entpreßte ſie mir Buße doch. Meiner matten Augen letzte Kräfte Sehnen ſich von nun an, ſpät und fruh, Nach dem Einen ſeligen Geſchaͤfte: Leſen nur und weinen wollen ſie. Theile dann dein Weh mit meinem Herzen! Weichre mir ſie nicht, die bittre Luſt!— Theilen?— O zu wenig!— Deine Schmerzen Alle, alle ſchuͤtt' in meine Bruſt!— Traun, ein Gott war's, welcher Schrift und Siegel Fuͤr ein armes Liebespaar erfand; Fuͤr das Mädchen hinter Schloß und Riegel, Fuͤr den Juͤngling, weit von ihr verbannt. Briefe leben, athmen warm, und ſagen Muthig, was das bange Herz gebeut. Was die Lippen kaum zu ſtammeln wagen, Das geſtehn ſie ohne Schuͤchternheit, Daß im Gram ſich Herz an Herz erhole, Herz von Herz getrennt durch Land und Meer, Tragen ſie vom Indus bis zum Pole Dienſtbar auch den Seufzer hin und her. — zen! tzen t und Buͤrgers Gedichte. 153 Mann, du weißt, wie ſchuldlos ich entbrannte, Als, beſorgt vor jungfraͤulicher Scham, Deine Liebe, die ſich Freundſchaft nannte, Leiſe mich zu uͤberfluͤgeln kam. Nicht als Einen von der Erde Soͤhnen, Nein, als Erſten aus der Engel Schaar, Als das Urbild des Unendlichſchoͤnen Stellte dich die Phantaſie mir dar. Suͤßes Lächeln, daß der Sieg nicht fehle, Milderte des Glanzes Flammenſpiel, Der nun ſchmeichelnd mir in Aug' und Seele, Wie ein Tag des Paradieſes, fiel. Arglos blickt' ich in die ſanfte Klarheit, Arglos lauſchte dir mein offnes Ohr; Doppelt wahr kam jedes Wort der Wahrheit Mir auf deiner Honiglippe vor. Wer die Lehre ſolcher Lippen hoͤret, O der glaubt, von jedem Zweifel frei! Nur zu bald ward ich durch ſie belehret, Daß die Liebe keine Suͤnde ſey. Wiederkehrend aus des Himmels Hoͤhen In der Erdenwonnen Region, Wuͤnſcht' ich keinen Gott in dem zu ſehen, Den ich liebt' als holden Erdenſohn. Wirr' und daͤmmernd, wie ein Traumgewimmel, Schwebte fern der Engel Luſt mir vor; Und ich gönnte Heiligen den Himmel, Den ich gern um Abelard verlor. Buͤrgers Gedichte. O wie oft zur Sklaverei der Ehe Durch den Spruch geſtrenger Zucht verdammt, Rief ich uͤber jede Satzung Wehe, Welche nicht von freier Liebe ſtammt. Freie Liebe bebet vor den Schlingen Feſſelnder Vertraͤge ſcheu zuruͤck. Schnell entfaltet ſie die leichten Schwingen, Und entflieht im erſten Augenblick. Immer folge der vermaͤhlten Dame Reichthum, Pomp und hoher Ehrenſtand; Hehr und unbeſcholten ſey ihr Nahme: Gegen Liebe welch ein leerer Tand! Den Betrognen, die der heilgen Liebe Nicht um ihretwillen nur ſich weihn, Haucht ſie rächend ungeſtume Triebe Zur verdienten Seelenmarter ein. Werfe ſich der ganzen Welt Gebiether Huldigend zu meinen Fuͤßen hin: Stolz verſchmaͤh' ich ihn und alle Guͤter, Wenn ich nur des Liebſten Holdin bin. 3 Fällt dir ſonſt ein Nahme, mich zu zieren, Freier, ſuͤßer noch, als Holdin, ein: O ſo laß, Geliebter, mich ihn fuͤhren, Laß mich dir, was er bedeutet, ſeyn! Welch ein ſelig Loos, wann Seel' und Seele . Sich einander ziehn durch eigne Kraft, Und, nur folgſam der Natur Befehle, Liebe Freiheit, Freiheit Liebe ſchafft! Allbeſitzend immer, allbeſeſſen —— Buͤrgers Gedichte. 155 Labet Eins am Andern ſich alsdann. Keine der Begierden darbt vergeſſen, Die ſich nicht in Fuͤlle weiden kann. Der Gedank' erahndet den Gedanken, Ehe noch die Lipp' ihn offenbart; Kaum entſchluͤpft der Wunſch des Herzens Schran⸗ ken, Als ſich ſchon Erfuͤllung mit ihm paart. Bild der Seligkeit! Wenn auch hienieden Keine Welterfahrung ſonſt dir glich: Uns war deine Wirklichkeit beſchiedens Selig waren Abelard und ich.— Weh mir! Welch ein Wechſel jener Scenen Was fuͤr Grauel plötzlich mir ſo nah'!— Horch, des Hochgeliebten Todesſtöhnen! Nackt, gebunden, blutend liegt er da!— Ha, wo war ich mit der Retterſtimme? Mit der hohen dolchbewehrten Hand?— Ach! ich haͤtte des Verfolgers grimie Frevelthat vielleicht noch abgewandt. „Halt', Barbar, mit der entblößten Schneide, Halt' mit dem verruchten Vorſatz ein! Ruͤgſt du Schuld, ſo tragen wir ſie Beide, Beider muͤſſ' alſo die Strafe ſeyn!“— Ach, ich kann nicht mehr!— Von Scham be⸗ fangen Und von Wuth, erſtickt in mir das Wort. Redet, Fluth der Augen, Gluth der Wangen, Redet ihr, ſtatt meiner Lippe fort!— Buͤrgers Gedichte. Kannſt du, Theurer, kannſt du ihn vergeſſen, Jenen feierlichen Trauertag, Jenen Altar, zu den Fuͤßen deſſen Jegliches von uns ein Opfer lag, Jene Thränen, da ſo hoch und theuer Warme Jugend ſich der Welt entſchwur, Jenen Kuß, geweiht dem keuſchen Schleier, Aber, ach! von kalter Lippe nur? Rund umher erbebte Gottes Tempel; Jede Kerze ſank in Daämmerung; Staunend ſah der Himmel dieß Exempel Unbegreiflicher Eroberung. Als wir drauf zum Hochaltare gingen, O, wie ſchlug das volle Herz in mirz Heloiſen's Aug' und Seele hingen Nicht am Kreuze, hingen nur an dir. Liebe, ſtatt der Gnade, deine Liebe War das Herzgeſchrei der Schwäͤrmerin. Ach! Wenn dieſe nicht ihr uͤbrig bliebe, So wär' Alles, Alles fuͤr ſie hin. Komm denn, Liebſter, komm mit Blick und Stimme! Lindre mir den wilden Seelenſchmerz! Stimm' und Blick entzogſt du ja dem Grimme Deines Schickſals fuͤr mein armes Herz. Laß mein Haupt an deinem Buſen lauſchen! Laß, indem dein Arm mich feſt umſchließt, In dem ſuͤßen Gifte mich berauſchen, Welches dir von Aug' und Lippe fließt! Komm, o komm, du meines Lebens Leben! . Buͤrgers Gedichte. 157 Alle meine Wuͤnſche rufen dich; Gib mir Alles, was du noch kannſt geben; Und was nicht— ertraumen laß es mich!— Himmel, nein! Genuß, wie dieſer, werde Selbſt durch deine Huͤlfe mir zum Spott! Zeige mir den Himmel ſtatt der Erde! Abelard verſchwinde mir vor Gott! Komm und hilf!— Ach, mindeſtens bedenke, Was der guten Herde noch gebuͤhrt, Die du zwiſchen Wald und Felſenbaͤnke Hier auf neue Weide hergefuͤhrt! Du haſt dieſe Freiſtatt aufgerichtet, Der ſo manches zarte Lämmchen ſchon Sich vor Wolf und Tiger zugefluͤchtet, Welche draußen ſeiner Unſchuld drohn. Deiner Großmuth Gaben nur bedecket, Statt erſchlichnen Gutes dieſes Dach. Ihrem väterlichen Erbe ſtrecket Keine Weiſe hier die Hände nach. Hier belud das ſterbende Verbrechen, Zagend vor dem nahen Strafgericht, Den erzuͤrnten Himmel zu beſtechen, Den Altar mit Gold und Silber nicht. Dieſe ſchlichten ungeſchmuckten Hallen, Die beſcheidne Frömmigkeit erhob, Tönen nicht von Ach und Weh, erſchallen Ganz allein von ihres Schoͤpfers Lob. In dieß Haus, vom Lärm der Welt geſchieden, In dem Dom, von Epheu gruͤn bedach't, 158 Buͤrgers Gedichte. Rund umkraͤnzt mit ſchlanken Pyramiden, Und in ſeiner hohen Wolbung Nacht, Wo hinein durch ſchmale truͤbe Fenſter, Wie ein ſtilles hehres Mondenlicht In der Wanderſtunde der Geſpenſter, Selbſt der ſonnenhellſte Mittag bricht, Stroͤmte Wonne ſonſt aus deinen Blicken, Und ſchuf hohen lichten Tag umher: Doch von jenem himmliſchen Entzucken Strahlt kein Auge, gluͤht kein Antlitz mehr. Truͤbe Blicke, blaß gehaͤrmte Wangen Schlaffe Haͤupter rund umher geſtehn Ohne Worte täglich das Verlangen, Ihren Hirten wieder hier zu ſehn. O, ſo komm denn! Heitre das Betrubte! Komm, mein Vater, Bruder, Gatte, Freund! Tochter, Schweſter, Gattin und Geliebte, Alles, Alles fleht in mir vereint.— Nicht des Felſen Stirn im Fichtenkranze, Die ſich rauſchend in die Wolken hebt, Noch des Huͤgels Ruͤcken, der vom Tanze Froher Laͤmmerherden lebt und webt; Nicht der Waldſtrom, der vom hohen Gletſcher Donnernd uͤber Felſenſtufen faͤllt; Noch der Grottenquell, der mit Geplaͤtſcher Tag und Nacht das Echo wach erhält; Nicht des Fruͤhlings Winde, welche ſaͤuſelnd Durch das Laub der Wieſenpappel wehn, Roch des Teiches Wellen, die ſich kraͤuſelnd — Buͤrgers Gedichte. 159 Um den Fluͤgelſchlag des Schwanes drehn; Nichts von allem Großen, allem Schoͤnen Spricht ein Troſtwort meinem Kummer zu; Nicht mit ihren beſten Wiegentönen Lullt Natur den Wuͤtherich zur Ruh'. Wie im Kreuzgang uͤber Leichenſteinen, So ſchwebt uͤberall Melancholie. Ueber Gärten, Wieſen, Feldern, Hainen, Ueber Thal und Huͤgel ſchwebet ſie. Aechzend deckt ſie mit dem Trauerflore Alle Schimmer, alle Farben zu. Weh thut jeder Frohlant ihrem Ohre; Todtenſtille heiſcht ſie nur und Ruh'. Tief ſtimmt ſie herab die höchſten Tone: Tief herab der Glock' und Oegel Klang, Tief und bis zu dumpfem Grabgeſtöhne Silberhellen Feld- und Waldgeſang. Dennoch muß ich hier nun ewig weilen, Ewig zwiſchen Gott und dir mein Herz Peinlich in der bangen Oede theilen. Nur der Tod bricht endlich meinen Schmerz. Und auch dann zerfaͤllt mein Staub hier zwiſchen Ausgeloͤſchter Herzen Aſchenreſt; Bis ihn, frei zum deinen ihn zu miſchen, Die Natur den Winden uberlaͤßt. Ha! Verworfne, die ſo hoch vermeſſen An der Hand den Brautring Gottes traͤgt, 160 Buͤrgers Gedichte. Doch im Herzen, gott- und ehrvergeſſen, Eines Mannes Bild und Liebe hegt!— Hilf mir, Himmel, wider meine Fehle!— Doch,— was preßte dieſen Ruf mir aus? Hauchte Frömmigkeit aus tiefer Seele, Oder ſtieß Verzweiflung ihn heraus? Hier noch, wo ihr Haupt in dichten Schleier Kalte Keuſchheit birgt, noch hier ſogar Finden fuͤr ihr ſcheltenswerthes Feuer Lieb' und Wolluſt Tempel und Altar. Buͤßen ſollt' ich zwiſchen dieſen Mauern: Doch vergebens winket mir die Pflicht. Den Geliebten kann ich wohl betrauern, Aber das Vergehn der Liebe nicht. Immer blick' ich's an, und immer lodert Hoch das Herz bei ſeinem Anblick mir; Kaum bereut es alte Luſt, ſo fodert Neue ſchon die ſtraͤfliche Begier. Bald erheb' ich himmelan die Hände, Und beweine laut, was ich verbrach; Bald, wann ich nach dir die Seele wende, Sprech ich aller Unſchuld Hohn und Schmach. Von dem Schweren, was die Liebe lernet, Bleibt vergeſſen ſtets die ſchwerſte Kunſt. Wenn ſie das Vergehn auch von ſich fernet, So begleitet's doch ihr Blick mit Gunſt. Haßt das Weib die Suͤnde wohl von Herzen, Das von Herzen ſo den Suͤnder liebt? Weiß ich, ob mir Buße dieſe Schmerzen, Oder Liebe ſie zu fuͤhlen gibt?— Hartes —„— c„ —„— *— —%oc pz— e„—) e„— Buͤrgers Gedichte. 161 Hartes Werk, die Leidenſchaft zu daͤmpfen, Fuͤr ein PHerz, ſo hoch wie meins entbrannt! O wie oft muß Haß mit Liebe kämpfen, Eh' der Friede Larm und Aufruhr bannt! O wie oft wird nicht das Herz indeſſen Hoffen, zagen, wuͤnſchen, ſtreben, ruhn, Schmachten und verſchmaͤhn,— nur nicht ver⸗ geſſen! Alles ſonſt erleidem⸗ Allesethun!— Doch, wann ſein der Himmel ſich bemeiſtert, Dann— ha! bie es dann nicht bloß geruͤhrt, Nein entzuͤckt; belebt nicht, nein! begeiſtert Sein erhabnes Heldenwerk vollfuͤhrt!— Komm, o komm, und hilf den Kampf mir wa⸗ gen! Hilf beſiegen die Natur in mir! Hilf mir meiner Liebe, hilf entſagen Meinem Leben, meinem Selbſt— und dir! Eile, wein Geliebter, und vermähle Deine Braut mit Gott! Denn Gott allein Kann nach Abelard von ihrer Seele Letzter, einziger Gebiether ſeyn. O wie ſelig, ſelig unermeſſen Iſt der reinen Gottverlobten Loos! Weltvergeſſend, und von Welt vergeſſen, Bettet ſie ſich in der Ruhe Schooß. Kein Gebeth von ihr bleibt unerhoͤret, Weil ſie ſtets in Gottgenuͤgſamkeit Jeden eiteln Erdenwunſch ſich wehret. Buͤrgers Gedichte II. B. L 162 Buͤrgers Gedichte. Fleiß und Muße theilen ihre Zeit. Sie kann ſchlafen, wachen, laͤcheln, weinen, Bethen, ſingen, wie es ihr gefällt. Friedlich muͤſſen Triebe ſich vereinen, Die der Geiſt im Gleichgewicht erhäͤlt. Was ſie weint, das weinet ſie mit Wonne; Was ſie ſeufzt, das wehet himmelan. Gleich dem Strahl der milden Abendſonne Lacht der Gnade holdes Bcht ſie⸗an. Engel, im Geleite goldner Träume, Schweben ſaͤuſelnd uͤber ihrer Ruh'? Engel, ſanft bewegend Edens Baͤume, Fächeln ihr der Bluͤthen Duͤfte zu. Sie zur Braut ſich zartlich zu bedingen, Reicht den Ring der Braͤutigam ihr dar. Weiße Jungfraun, Hand in Hand, umſchlingen Unter Brautgeſaͤngen den Altar. Aufgelöst vom Klange zarter Saiten, Mild umſchimmert von des Himmels Strahl, Waͤhnt ſie, wie ein Baͤchlein, hinzugleiten In das ewig helle Wonnethal. Ha! In ſolche Paradiesgefilde Traͤumt ſich meine irre Seele nie. Ehrenloſe, ſträfliche Gebilde, Reger Wolluſt Brut, umſchwarmen ſie. Wann in Nächten, darbend an Genuͤge, Phantaſie erſetzt, was Wuth geraubt, Das Gewiſſen ſchlaͤft, und ohne Ruͤge Schnoͤder Ueppigkeit ihr Spiel erlaubt: —— — — — e„„— ——— Buͤrgers Gedichte. 163 Dann entſchluͤpft ſie ihren Schranken, ſtuͤrzet Wonneduͤrſtend ſich an deine Bruſt, Und die Mitgeſpielin, Suͤnde, wuͤrzet Hoher, feuriger den Kelch der Luſt. Höllengeiſter, die bei Tage ſchliefen, Spornen raſcher der Begierde Lauf; Ruͤhren bis in ſeine tiefſten Tiefen Jeden Quell der Lieb' und Wolluſt auf. Ha! Dann blick' und lechz' ich mit Entzucken Jede Blume deiner Schoͤnheit an, Und umkette rund bis in den Ruͤcken Mit den Armen den erträumten Mann. Ich erwach'— aus Arm, aus Aug' und Ohre Schluͤpft das Traumbild, liebeleer wie du. Schnell verziſcht es, gleich dem Meteore: Seinen Schimmer deckt der Nachtflor zu. Weit erſtreck' ich dann die leeren Arme, Raſch verfolgt es mein erwachter Blick; Laut ruf' ich ihm nach in wildem Harme: Doch umſonſt! Es kehrt mir nicht zuruͤck. Schmachtend ſinkt des muͤden Hauptes Schwere Ruͤckwaäͤrts auf den Pfuͤhl zu neuem Traum: „Komm zuruͤck, du holder Taumel! Gaͤhre Wieder auf, du ſuͤßer Nektarſchaum!“— Nichts!— Mir duͤnkt, nun wandern wir zu⸗ ſammen Durch die Schauer öder Wuͤſtenei, Und bejammern, daß von unſern Flammen Nirgends, nirgends mehr Erlöſung ſey. Abgemattet von des Tages Schwuͤle, L2 164 Buͤrgers Gedichte. Von der Wanderung durch Dorn und Moor Suchen wir und finden keine Kuͤhle, Schwere Dämpfe ſteigen grau empor, Und benehmen unſerm muͤden Gange, Gleich den Duͤnſten einer Todtengruft, Zwiſchen fuͤrchterlichem Ueberhange Hoher Felſenmaſſen, Licht und Luft. Jach erhebſt du dich von meiner Seite, Schwebeſt bis zur Wolkendeck' empor, Winkſt mir zu aus der erhabnen Weite, Und verbirgſt dich in der Daͤmmerung Flor. Donnerklang und Sturm- und Stromgebrauſe Schreckt mich wach; doch werd' ich deß nicht froh: Denn ich find' in meiner oͤden Klauſe Alles Elend, dem ich kaum entfloh. Anders hat zu deinem Lebenstheile Guͤtig ſtrenge das Geſchick gewählt, Und das Herz dir gegen alle Pfeile, So des Schmerzens, wie der Luſt geſtählt Seinen gleichen ſanften Schlag befluͤgelt Nie ein raſches, wild entflammtes Blut. Deines Geiſtes ſtille Großmacht zugelt Die Begier, und wehrt der Ueberfluth. Ruhiger lag nicht in ſeinen Tiefen, Als noch angefeſſelt der Orkan Und die Kraͤfte der Bewegung ſchliefen, Ruhiger lag nicht der Ocean; Sanfter ſchlummert aus der Welt Getuͤmmel cht Buͤrgers Gedichte. 165 Nicht der Gottverſoͤhnte ſich in's Grab; Milder leuchtet nicht der offne Himmel In ſein halb gebrochnes Aug' herab. Sey mir dann, ſey nochmahls her entbothen! Denn was fuͤrchteſt du mein Angeſicht? Komm, o Abelard! denn unter Todten Zuͤndet ja der Liebe Fackel nicht. Kalt verſagt Natur dich ſuͤßem Scherze; Gott verdammt, was heiße Liebe ſchwärmt; Ach! Sie lodert gleich der Todtenkerze, Die kein Leben in die Urne waͤrmt. Was fuͤr herzentweihende Gebilde Stellen ſich mir allenthalben dar! Ich mag bethend wandeln im Gefilde, Ich mag knieend bethen am Altar. Unter meiner Sehnſucht Hauch verdunkelt Und verzehrt mein Morgenlaͤmpchen ſich; Hell an jeder Bethkoralle funkelt Eine Thraͤne, hingeweint fuͤr dich; Allenthalben ſtiehlt mit leiſem Gange Zwiſchen Gott und mich dein Bild ſich hin; Dich vernimmt in jedem Chorgeſange Das getaͤuſchte Ohr der Schwaͤrmerin. Wann vom Altar bis zum Tempelbogen Blau die ſuͤße Weihrauchwolke ſchwebt, Und ſich, ſteigend mit den Orgelwogen, Himmelan die fromme Seel' erhebt: Dann zerſtoͤrt auf Ein Mahl der Gedanken 166 Buͤrgers Gedichte. Fluͤchtigſter an dich des Feſtes Glanz; Alles ſeh' ich durch einander wanken, Prieſter, Kerze, Rauchfaß und Monſtranzz Fuͤhle tief in einem Feuermeere Meine Seele brennend untergehn, Waͤhrend deß in Flammen die Altaͤre Und umher die Engel zitternd ſtehn.— Jetzt, da ich der Reue Dolch empfinde, Da aus mir die Tugend wieder weint, Da ich bethend mich im Staube winde, Da mein Herz ein Gnadenſtrahl beſcheint, Jetzt komm an, dein Herrenrecht zu pflegen! Schwinge deines Reizes Zauberſtab! Setze dich des Himmels Macht entgegen! Streit' ihm muthig deine Sclavin ab! Komm! Ein fuͤßer Blick von dir vernichte Jeden Wunſch der Frommigkeit in mir! Tritt zu Boden meiner Buße Fruͤchte! Alle Macht der Gnade weiche dir! Uebereile meine Segensſtunde, Reiſſe mich, ſchon nahe meinem Gluck, Reiſſe, mit dem Hoͤllengeiſt im Bunde, Noch aus Gottes Armen mich zuruͤck!— Nein, entfleuch! O fleuch zur fernſten Ferne! Laß, wie Pol und Pol, uns nimmer nahn! Steige Berg auf Berg bis an die Sterne, Rolle zwiſchen uns ein Ocean! — c— — Buͤrgers Gedichte. 167 Komm nicht, ſchreib' nicht, denk' mein nicht, und trage Nun und nimmer wieder Leid um mich! Jeden Schwur erlaſſ' ich dir; entſage Jede Ruͤckerinnerung an dich. Fleuch, verwirf und haſſe Heloiſe'n!— Aber du, ihr einſt ſo wonnevoll, Sey hiermit zum letzten Mahl geprieſen, Holdes Bild! Und nun,— leb' ewig wohl!— Hehre Gnade! Goͤttlich ſchoͤne Tugend! Segenvolle Weltvergeſſenheit! Hoffnung, Himmelskind im Schmuck der Ju⸗ gend! Glaube, Spender hoher Seligkeit! Sprecht nun, all' ihr hoch willkommnen Gaͤſte, Freundlich meiner offnen Seele zu! Schenket zu dem nahen Jubelfeſte Meinem Feierabend ſanfte Ruh'! Sieh, o ſieh hier an des Todes Schwelle Heloiſe'n traurend ausgeſtreckt, Wo ihr Leib vielleicht die Ruheſtelle Einer gleichen Dulderin bedeckt! Mehr als Luft iſt, was mit ſanftem Schauer Oft ſie anweht, leiſe ſie umſtoͤhnt; Mehr als Echo, was von jener Mauer Murmelnd ihre Klagen wiedertönt. Wach, gleich wie ihr Blick das duͤſtergelbe, Matte Kerzenlicht, ſo wach vernahm Juͤngſt ihr Ohr den Ruf, der vom Gewoͤlbe 168 Buͤrgers Gedichte. Hohl und dumpf herauf gewandelt kam: „Komm, ſo ſagt' es oder ſchien's zu ſagen, Komm von hinnen, arme Schweſter, komm! Hier iſt Ziel und Ruheſtatt der Klagen. Die dich ruft, war ſchwach, wie du, und fromm! Vormahls bebte, weinte, ſeufzte, flehte, Litt ſie, ach! um Liebe, gleich wie du. Gott vernahm der frommen Angſt Gebethe, Und geheiligt gieng ſie ein zur Ruh'. Ah, wie ſanft und ſuͤß iſt hier der Schlummer! Wie ſo ſtill iſt Alles rund umher! Ausgewimmert hat allhier der Kummer, Und die Liebe ſeufzt und weint nicht mehr. Höllenangſt ob ihrer Menſchheit Schwaͤchen Folgt hieher der frommen Einfalt nicht; Menſchenhaͤrte darf den Fehl nicht raͤchen, Dem ein milder Gott Verzeihung ſpricht.“ Ha, ich komm', ich komme! Seht mich fertig, Eure Roſenlauben zu beziehn! Seyd mit Himmeispalmen mein gewaͤrtig, Und mit ewig bluͤhendem Jasmin! Mich verlangt, in Ruhe da zu weilen, Wo die reinen milden Luͤfte wehn, Wo der Liebe Flammenwunden heilen, Und in Luſt die Schmerzen uͤbergehn.— Jetzo komm, mein Abelard, und leiſte Liebreich mir die letzte Trauerpflicht! — „ „—„— S„d 1 — —„ — —— und nich Buͤrgers Gedichte. 169 Ebne ſanft dem muͤden Pilgergeiſte Seinen Uebergang aus Nacht in Licht! Sieh das Brechen meiner truͤben Augen, Sieh das Beben meiner Lippen an! Neige dich, den letzten Hauch zu ſaugen, Und im Fluge meinen Geiſt zu fahn!— Nein, ach nein!— Im heiligen Talare, Still erbebend, wie der Eſpe Blatt, Mit geweihter Kerze vom Altare Nahe dich zu meiner Lagerſtatt! Folge meinem irren Augenſterne Mit dem Kreuz, und reich' es mir zum Kuß! So auf Ein Mahl lehre mich, und lerne Du von mir auch, wie man ſterben muß!— Ah! Nun magſt du, tief in Schaun verſunken, Schuldlos vor der einſt ſo Theuern ſtehn; Magſt verbluͤhn des Auges letzten Funken, Und verbluͤhn der Wange Roſen ſehn! Stehn, bis keiner ihrer Lebensgeiſter, Selbſt der kleinſte ſich nicht weiter regt, Bis ihr Herz fuͤr ſeinen großen Meiſter, Seinen Abelard auch nicht mehr ſchlaͤgt.— Tod, o Tod, du Redner ohne Gleichen Vor dem Liebenden, der ſonſt nichts hoͤrt, Wie erſchuͤtternd, ſelbſt durch ſtumme Zeichen, Predigſt du, was ihn fuͤr Staub bethoͤrt!— Wann nun auch die ſchönſte der Geſtalten, Die mein Blick ſo luͤſtern oft umirrt Unter Lebensmuͤh' und Zeit veralten, „ 170 Buͤrgers Gedichte. 3 Und erſchlafft zuſammen ſinken wird: Dann verwandle ſich in Hochentzuͤcken 5 Alle deine Herzbeklommenheit! Weit vor deinen aufgeklärten Blicken Oeffne ſich des Himmels Herrlichkeit! Eine lichte Wolke ſteige nieder, und, umringt von froher Engel Chor, Schwebe bei dem Klange ſuͤßer Lieder* Deine Seel in's Paradies empor! Ruf' ihr dort der Heiligen und Frommen 3 Ganze Schaar, die ſich entgegen draͤngt, 6 So voll Liebe, ſo voll Luſt willkommen, 4 Als dich Heloiſe'ns Arm umfaͤngt! Beider Aſche decke nun Ein Huͤgel, 6 Beider Nahmen werd' Ein Stein geweiht! ² Glorreich trage deines Ruhmes Fluͤgel L Meine Liebe zur Unſterblichkeit! Fuͤgt ſich's dann in ſpäter Nachwelt Tagen, Wann am Herzen mir kein Wurm mehr frißt,. Und von meinen Seufzern, meinen Klagen 5 Längſt der letzte Laut verſchollen iſt, Daß ein Ungefaͤhr nach ſeiner Weiſe 8 Fuͤr ein trautes Paar den Plan erdenkt, e Und die Schritte ſeiner Pilgerreiſe 9 Nach dem ſtillen Paraclete lenkt: O, ſo tret' es wehmuthsvoll und ſchweigend An den alten grauen Marmelſtein! Haupt zu Haupte ſanft hinuͤber neigend, e Schluͤrf' es Eins des Andern Thraͤnen ein! e Buͤrgers Gedichte. 171 Aufgeſchuͤttert von des Mitleids Triebe Hinterlaſſ' es bethend unſer Grab: „Segn' uns Gott mit einer frohern Liebe, Als das Schickſal dieſen Armen gab!“ In der Feierſtunde, wann der Choͤre Lautes Hoſianna hier ertoͤnt, Oder wann ihr banges Miſerere Knieend eine Schaar von Buͤßern ſtöhnt; Mitten dann im Pomp der Hekatombe, Frommer Seufzer, die gen Himmel wehn, Muͤſſe noch auf unſte Katakombe Seitwaͤrts manches Auge niederſehn! Selbſt der Andacht muͤſſ' in höchſter Sphaͤre Ein Gedanke noch an uns entfliehn, Und, die ihn begleiten wird, die Zäͤhre Werde gern im Himmel ihr verziehn! Wenn das Gluͤck nicht meinen Nachruhm neidet, So erhebt ein Sänger ſich vielleicht, Der an einer Seelenwunde leidet, Die der meinigen an Tiefe gleicht; Der umſonſt, umſonſt durch lange Jahre Seiner Hochgeliebten nachgeweint, Bis ihn noch mit ihr,— doch vor der Bahre!— Das Geſchick minutenlang vereint; Der nun unter Klagemelodieen, Fern von treuer Gegenliebe Kuß, Schmachtend in das Land der Phantaſieen Seine liebſten Wuͤnſche ſenden muß: — —— ——— 172 Buͤrgers Gedichte. Dieſer mach' in preislichem Gedichte, Wohlgeſtimmt dazu an Herz und Mund, Unſre thränenlockende Geſchichte, Meinem Schatten noch zum Labſal, kund! Bei dem Liede mein- und ſeiner Schmerzen Werde jedes Hoͤrers Bruſt erregt! Denn nur der beweget leicht die Herzen, Welchem ſelbſt ein Herz im Buſen ſchlaͤgt Die o d ½ — Wir Tugend, Menſchenrecht und Menſchen⸗ freiheit ſterben, Iſt hoͤchſt erhabner Muth, iſt Welterloͤſer-Tod: Denn nur die goͤttlichſten der Heldenmenſchen faͤr⸗ ben Dafuͤr den Panzerrock mit ihrem Herzblut roth. Am hoͤchſten ragt an ihm die große Todes⸗ weihe Fuͤr ſein verwandtes Volk, ſein Vaterland hinan. Drei hundert Sparter ziehn in dieſer Helden⸗ reihe Durch's Thor der Ewigkeit den Uebrigen voran. — chen⸗ für⸗ des⸗ lden⸗ Buͤrgers Gedichte. 173 So groß iſt auch der Tod fuͤr einen guten Fuͤrſten, Mit Zepter, Wag' und Schwert in tugendhafter Hand. Wohl mag der Edeln Muth nach ſolchem Tode duͤrſten: Denn es iſt Tod zugleich fuͤr Volk und Vater⸗ land. Der Tod fuͤr Freund und Kind, und fuͤr die ſuͤße Holde Iſt, wenn nicht immer groß, doch ruͤhrend ſtets und ſchoͤn. Denn es iſt Todesgang, den, nicht erkauft mit Golde, Im Drange des Gefuͤhls nur edle Menſchen gehn. Fuͤr blanke Majeſtät, und weiter nichts, ver⸗ bluten, Wer das fuͤr groß, fuͤr ſchoͤn und ruͤhrend haͤlt, der irrt. Denn das iſt Hundemuth, der eingepeitſcht mit Ruthen und eingefuttert mit des Hofmahls Brocken wird. Sich fuͤr Tyrannen gar hinab zur Höoͤlle halgen, 174 Buͤrgers Gedichte. Das iſt ein Tod, der nur der Hölle wohl gefällt 3 Wo ſolch ein Held erliegt, da werde Rad und Galgen Fuͤr Straßenräuber und fuͤr Mörder aufgeſtellt! Sn enliebe E in Honigvoͤglein, weich und zart, Iſt leichte Sinnenliebe. Von Schmetterlings- und Bienenart 3 Sind ihre Nährungstriebe. 2 Nur fuͤr den Lenz hat die Natur Dieß Flatterkind geboren. Im Lenze lebt und webt ſie nur, 2 Gehegt, gepflegt von Flore'n. 2 Kaum duͤrfteſt du im Sommer ihr Das Leben noch erhalten. Doch unter'n Haͤnden wird ſie dir Gewiß im Herbſt erkalten. E Autumnus volles Segenshorn Wirſt du umſonſt ihr biethen. Es nähret ſie, ſtatt Wein und Korn, Nur Duft und Thau der Bluthen.(C E Buͤrgers Gedichte. 175 Stra bei'm ſchlechten Kriegsanfange der Gallier. W⸗ nicht fuͤr Freiheit ſterben kann, Der iſt der Kette werth. Ihn peitſche Pfaff' und Edelmann Um ſeinen eignen Herd! O Franzen, eure Rednerei Iſt mir ein Graͤuel nun. Nicht prahlen, daß man tapfer ſey, Nein, tapfer muß män thun. Zwar wiſſen wir, um Blut erkauft Der Sieg ſich immer nicht; Doch, daß ihr wie Geſindel lauft, Drob zuͤrnt mein Strafgedicht. Ha, glaubt ihr, daß man feigen Sinn Durch Tiegerthaten birgt?, Schmach euch, die ihr den Feldherrn hin, Hin den Gefangnen wuͤrgt! Wie war mein freies Herz entbrannt, Getaͤuſcht durch Adelſchein, Selbſt gegen Hermann's Vaterland Tyrtäus euch zu ſeyn! —— — 176 Buͤrgers Gedichte. Nun wend' ich meines Liedes Pfeil, Von Unmuth raſch beſchwingt; Und rufe Jedem Sieg und Heil, Der Euch die Feſſel bringt. 1 Wer nicht fuͤr Freiheit ſterben kann, Der iſt der Kette werth. Ihn peitſche Pfaff und Edelmann Um ſeinen eignen Herd! d „ 12 d ſo Di eB ic e. O Schweſter, merk' auf dieſe Kunde: Erſcheint dir je ein junger Hirt, Der lieb ſogleich dem Herzen wird, Und immer lieber jede Stunde: Den laſſ' ich nicht, ich ſchwor' es dirz 3 Du aber laß den Lieben mir! Ruͤhrt, ohn' ein Woͤrtchen laut zu ſagen, Sein ſtummer Blick ſchon jedes Herz; Und darf bei ſeinem holden Scherz Die Unſchuld ſelbſt zu lächeln wagen: Den laſſ' ich nicht, ich ſchwör' es dir; Du aber laß den Holden mir! Schweigt Buͤrgers Gedichte⸗ Schweigt ſeiner Laute Philomele Hort ſi ihr zu im Pappelbaum; Umſchwebet dich ein Wonnetraum Bey'm ſuͤßen Klange ſeiner Kehle: Den laſſ' ich nie, ich ſchwoͤr' es dir; Du aber laß den Suͤßen mir! Wofern aus eines Schaͤfers Huͤrde Dem armen Mann aufs erſte Wort: „O haͤtt' ich doch das Lämmchen dort!“ Das Laͤmmchen ſammt der Mutter wuͤrde: Den laſſ' ich nie, ich ſchwoör' es dir! O laß, o laß den Guten mir! Reiz und Schoͤnheit. Bo des ſtillen Reizes Mangel Zieht kein ſchoͤnes Angeſicht: Denn der Biſſen ſonder Angel Lockt wohl; aber faͤngt doch nicht ———— Bürgers Gedichte II. B. M 177 Buͤrgers Gedichte. Heute mir, morgen dir. En Junker, der nach Junkersbrauch Dem Kutſcher Ruhbart Hoͤrner ſetzte, Und weidlich lachend, daß der Bauch Ihm bebte, ſich darob ergetzte, Vernahm aus einem nahen Strauch, Wo Ruhbart ſaß, den das verhoͤhnte: „Sohn, huͤte dich!— So lacht' ich auch, Als deiner Mutter Mann ich kroͤnte.“ Lieh M frommes Mädchen aͤngſtigt ſich, Wann ich zu viel verlange. Die Angſt der Armen macht, daß ich Von Herzen mit erbange. Schwebt unverſucht alsdann vor mir Der Woluſt ſuͤßer Angel; So haͤrmt ſie ſich noch aͤrger ſchier, Und waͤhnet Liebesmangel. So, hier und dort gebracht in Drang, Erſticken unſte Freuden. O Liebe, loͤſe dieſen Zwang An Einem von uns Beyden! Buͤrgers Gedichte. 179 Gib, daß ſie mich an Herz und Sinn Zum Heiligen bekehre, Wo nicht, daß ſie als Suͤnderin Des Suͤnders Wunſch erhöre! Der wohlgeſinnte Liebhaber. Ir Nebelduft und Nacht verſank Das Doͤrfchen und die Flur. Kein Sternchen war mehr blink und blank, Als Liebchens Aeuglein nur. Da tappt' ich ſtill mich hin zu ihr; Warf Nuͤſſ' an's Fenſterlein; Sie weht' im Hemdchen an die Thuͤr, Und ließ mich ſtill hinein. Huſch! ſie voran; huſch! ich ihr nach, Wie leichter Fruͤhlingsweſt, Hinauf zur Kammer unter'm Dach, Pinein in's warme Neſt!— „Ruͤck' hin! Ruͤck' hin!“—„Ey, ſchönen Dank!“— „Nein, nein!“— Mit Bitten halb und halb mit Zank Schob ich mich doch hinein. M 2 180 Buͤrgers Gedichte. 3„Hinaus, rief Liebchen ſchnell, hinaus! Hinaus auf's Schaͤmelbrett!( Ich ließ dich Schelm wohl in das Haus, Allein nicht in mein Bett.“—( „O Bett, rief ich, du Freudenſaal, Du Grab der Sehnſuchtspein! Verwahrt' auch Eiſen dich und Stahl, 5 So muͤßt' ich doch hinein.“ Drauf kuͤßt' ich ſie, von heißer Luſt Durch Mark und Bein entbrannt, e Auf Stirn', auf Auge, Mund und Bruſt, u Und hielt ſie feſt umſpannt.— „Ach, Schelmchen, nichts zu arg gemacht, Damit wir nichts bereun! Du ſollſt auch wieder morgen Nacht Und alle Nacht herein.“—— Doch ach! noch war kein Monat voll, Da merkte Liebchen klar, Daß unter ihrem Herzchen wohl Nicht Alles richtig war. „O weh, du haſt es arg gemacht! Nun droht mir Schmach und Pein. Ach, haͤtt' ich nie erlebt die Nacht, Da ich dich ließ herein!“— Das Maͤdchen ſeiner Lieb' und Luſt In Angſt und Pein zu ſehn, Iſt von der ärgſten Heidenbruſt Wohl ſchwerlich auszuſtehn. Buͤrgers Gedichte. 181 Wer A geſagt, der ſag' auch B, C, D dann hinterdrein, Und buchſtabire bis in E— h' Sich treu und brav hinein! Ich nahm getroſt, ſo wie ſie war, Mein Liebchen an die Hand, Und gab ihr vor dem Traualtar Der Weiber Ehrenſtand. Kaum war der Fehl gebenedeit, So ſchwanden Angſt und Pein; Und,— wohl mir! ſie hat's nie bereut, Daß ſie mich ließ hinein. Die Erſcheinung. Sonett. S bis zum Gruß der Morgenhoren Lag ich, und erwog den freyen Schwur, Welchen mir ein Kind der Unnatur Beyſpiellos gebrochen, wie geſchworen. Da erſchien, begleitet von Auroren, Die empor im Roſenwagen fuhr, Jene Tochter heiliger Natur, Ah! zu kurzer Wonne mir geboren. 182 Buͤrgers Gedichte. Weinend, wie zur Suͤhne, hub ich an: „Wahn, ich faͤnde dich, o Engel, wieder, Zog ins Netz der Heucheley mich nieder.“— „Wiſſe nun, o lieber blinder Mann, Sagte ſie mit holdem Flötentone, Daß ich nirgend als im Himmel wohne!“ An das Herz. Sonett. Lr⸗ ſchon in manchem Sturm und Drange Wandeln meine Fuͤße durch die Welt. Bald den Lebensmuͤden beygeſellt, Ruh' ich aus von meinem Pilgergange. Leiſe ſinkend faltet ſich die Wange; Jede meiner Bluͤthen welkt und faͤllt. Herz, ich muß dich fragen: Was erhaͤlt Dich in Kraft und Fuͤlle noch ſo lange?. Trotz der Zeit Despoten⸗Allgewalt, Faͤhrſt du fort, wie in des Lenzes Tagen, Liebend wie die Nachtigall zu ſchlagen. Aber, ach! Aurora hoͤrt es kalt, Was ihr Thitons Lippen Holdes ſagen.— Herz, ich wollte, du auch wuͤrdeſt alt! —— Buͤrgers Gedichte. 183 Die Koͤnigin von Golkonde. Nach Boufflers Proſe. J⸗ uberlaſſe mich, o Feder, deinen Grillen. Mein Genius hat ſonſt wohl dich regiert; Heut ſey von dir mein Genius gefuͤhrt. Gebiete deinem Herrn! Er fuͤgt ſich deinem Willen. Bekanntlich wandt' einſt eben ſo Schach Riar ſich an Dinarzade'n; An ſeinen Bock der Rieſe Moulineau; Und Beyd' empfahlen ſich durch Mährchen ſehr zu Gnaden. Auf, mache mich mit einem Dito froh! Des Zwanges will ich dich bey deinem Spiel entladen. Ich ſchatze zwar der edeln Feile Fleiß: Doch wird ein Höckerchen nicht meiner Luſt gleich ſchaden. Nur ſage mir huͤbſch, was ich noch nicht weiß. Dem Leſer, ſollt' er ja nach deinem Machwerk ſehen, Dem Leſer, wer er ſey, Mann ſey er, oder Weib, Gibt man im Vorbericht ganz trocken zu verſtehen, ——— S 184 Buͤrgers Gedichte. Auf ſein Vergnuͤgen ſey dein Werk nicht angeſehen; Es gelte hier nur meinen Zeitvertreib. Die Leſer ſind umringt von Freunden, von Schar⸗ manten, Die Leſerinnen von Amanten. Doch meine Wenigkeit entweilt kein Madchenſpiel: So thu' es denn ein Gaͤnſekiel. Freund Harlekin ruft wohl alsdann Vor langer Weile Roms Monarchen, Den Marc Aurel, um Huͤlf' und Beyſtand an, Um— deſto ſanfter einzuſchnarchen. Allein bey mir mag, wenn ſie kann, Golkondens Königin das Helferamt verwalten, Mich wach und munter zu erhalten. Ich trat das Lebensalter an. In welchem die Natur den Juͤngling ausgeſtaltet; Worin dem kaum vollendeten Organ Sich eine neue Welt entfaltet; Das Alter, da des Erdenpilgers Bahn Allmäͤhlig ſich zu einer Höh' erhebet, Auf welcher, frey von ſeiner Kindheit Staar, Das Auge voll Begier hinaus ins Weite ſtrebet, Und was es nicht erreicht, die Phantaſie erſchwebet „ ihen; Schr⸗ iel: het Buͤrgers Gedichte. 185 Mit Einem Wort, ich zählte ſechzehn Jahr. Ich ſaß, entfernt von meines Mentors Blicken, Auf eines raſchen Kleppers Ruͤcken, Und kommandirt' als Feld-— nein! Waldherr— einer Schaar Von zwanzig wohlgeuͤbten Hunden, Auf einen Keiler losgebunden. Man denke ſich, wie hoch begluͤckt ich war! Nach einem Kampfe von drey Stunden, War uns das Wild, ich weiß nicht, wie? verſchwun⸗ den. Die Jagd war aus; ich ſprengte hin und her; Umſonſt! da war kein Keiler mehr. Ich uͤberließ hierauf das Weitre meinen Hunden, Und, wie mein Klepper, endlich laß, Stieg ich herab; wir waͤlzten uns ins Gras; Das Klepperchen fieng an zu graſen; Und ich entſchlief auf einem weichen Raſen. Der Hunger weckte mich; ich aß, Bedacht auf neue Jägerthaten, Ein Stuͤckchen Brod und kalten Rebhuhn⸗Braten. Das holde Plätzchen, wo ich ſaß, War ein geheimes Thal, gebildet von zwey Höhen, Bekraͤnzt mit Birken und mit Schlehen. Durch eine Lucke ſtellte ſich, An eines Huͤgels ſanftem Hange, Ein Dörfchen dar. Von dieſem trennte mich, Weit ausgedehnt in's Breite, wie in's Lange, 186 Buͤrgers Gedichte. Ein anmuthsvoller Landesſtrich, Bedeckt mit Gärten und mit Saaten, Die freundlich meinen Blick, ſie zu bemerken, baten. Die Luft war rein, der Himmel blau: Die Baͤchlein floſſen ſtill und heiter; Es glänzten Blumen, Gras und Kraͤuter Noch von Aurorens Perlenthau. Die Sonne, kaum ein wenig weiter, Als durch ein Viertel ihrer Bahn, Ließ auch auf ſchattenloſem Plan Ihr Strahlenlicht, gemildert von Zephyren, Die lebende Natur nur noch zur Wolluſt ſpuͤren.— Wo ſind denn nun die Freunde der Natur, Die einen Fruͤhlingstag, ein Paradies zu ſehen, Und Sinn und Herz daran zu laben recht ver⸗ ſtehen 2 Denn ihretwegen mahl' ich nur. dich ſelber reizte dieſe Scene Weit weniger, als eine Bauerſchoͤne, In weißem Wamms und Rock; ein allerliebſtes Ding, Das muntern Schrittes dort, mit einem blanken Topfe Voll friſcher Milch auf ſeinem Kopfe, Vermuthlich ſeinen Weg zum naͤchſten Städtchen ging. oc haten, ebſtes anken ich Buͤrgers Gedichte. 187 „Ach, falle nicht!— war plotzlich mein Gedanke, Als ſie, beſtimmt durch ihren Pfad, Die allzu ſchmale Bruͤckenplanke Quer uͤber einen Bach betrat— Und wenn du mußt, ſo falle lieber, Wenn du erſt unverſehrt heruͤber Und hier auf meinem Raſen biſt, Der trockner und auch weicher iſt.“ Der Schritt gelang. Bald ſah ich mit Ent⸗ zuͤcken Daß ſie den Weg nach meiner Gegend nahm. Je naͤher ſie heran geſchritten kam, Je naͤher ſchien ſie mir an's Herz zu ruͤcken. Unkundig deß, was mir geſchehn, Sprang ich empor, entgegen ihr zu gehn; Und immer reizender erſchien ſie meinen Blicken. So zart, ſo wohlgebaut, ſo friſch, ſo roſenſchoͤn Hat Zeus auf Erden nichts, im Himmel nichts ge⸗ ſehn. Um ein Geſpraͤch mit ihr nach Wuͤrden zu begin⸗ nen, Wufßt' ich ſogleich auf nichts mich zu beſinnen. So voll das Herz mir war, ſo leer fuͤhlt' ich den Kopf. Jen's glich dem Trunkenbold, und dieſer war ein Tropf; Und beyde wiſſen nicht beſonders viel zu ſagen. In's Mittel trat da noch Freund Magen: Doch adreſſirte der ſich nur an ihren Topf, 188 Buͤrgers Gedichte. Und bat ihm einen Trunk daraus nicht abzuſchla⸗ gen. Sie bot ihn mir mit einer Anmuth dar, Der ſie allein nur fähig war. Dann fuhr ich fort, ſie noch mit zwey, drey Fragen Nach Nahmen, Alter, Dorf, und ſolcherley, zu plagen; Und jedes Wort, das ich darauf vernahm, War werth, daß es aus ihrem Munde kam. Sie war vom naͤchſten Dorf; ihr Nahme hieß Aline. „Ach! ſprach ich, liebe ſuͤße Line, Ich moͤchte wohl dein Bruder ſeyn!“— Nicht dieß gerade wollt' ich ſagen.— „Und Ihre Schweſter ich!“ fiel ſie mit Wohlbeha⸗ gen Voll allerliebſter Unſchuld drein.— „Doch lieb' ich dich, bey meiner Ehre, Nicht weniger, als ob ich's wirklich wäre,“ Erwiedert' ich, indem ich ſie umſchlang. Alinchen ſetzte ſich zur Wehre, Und als ſie mir entgegen rang, Fiel, ach! ihr Topf;— die Milch floß 5 die Erde. Welch Mißgeſchick!— Sie weinte bitterlich; Riß dann, mit zurnender Geberde Voll Ungeſtuͤm, aus meinen Armen ſich; Rafft' ihren Topf auf von der Erde, bzuſchle⸗ Frugin ey, zu ne hieß hlbeha⸗ e Etde. Buͤrgers Gedichte. 189 Und wollte fliehn.„Ach, waͤr' ich erſt zu Haus!“ Rief ſie voll Angſt; glitt auf der Milchſtraß' aus; Und fiel, ſo lang ſie war, zu Boden auf den Ruͤk⸗ ken. Ich flog, ihr beyzuſtehn; doch wollte mir's nicht gluͤcken; Denn einer ſtärkern Macht, als ich, Gelang es bald, ſogar auch mich In ihren Fall mit zu verſtricken.— Man weiß, ich zählte ſechzehn Jahr, Und fuͤnfzehn Jahre war Aline. Dieß Alter und dieß Plätzchen war Das rechte, wo am liebſten ſeine Miene Der Gott der Liebe ſpringen laͤßt.— Aline truͤbte zwar durch Thraͤnen erſt ſein Feſt; Bald aber wich der Schmerz der Wonne, Und lieblich durch's Gewölk der Thraͤnen brach die Sonne.— Die Zeit, die ſtill fuͤr uns in ihrem Laufe ſtand War dennoch, wie ſich endlich fand, Fur andre Weſen fortgelaufen. Die Sonne ſank hinab bis an des Himmels Rand Die Abendglocke rief in Haufen Die Menſchen und das Vieh zu Huͤtt' und Stall zuruͤck 190 Bärgers Gedichte. „Ach! ſagte mit erſchrocknem Blick Alinchen, nun iſt's Zeit, nach Hauſe mich zu tra⸗ gen: Die Mutter moͤchte mich ſonſt ſchelten, oder ſchla⸗ gen.“ Ich ſelbſt noch voll Reſpekt fuͤr meine Frau Mamma, Trat auch dem ihrigen deswegen nicht zu nah' „Hin, fuhr ſie fort, ſind meine Milch und Ehre: Doch Ihrethalb verſchmerz' ich den Verluſt.“— „O geh' mit deiner Milch! Als ob nicht deine Bruſt, Erwiedert' ich, ſo weiß wie dieſe waͤre! Im uͤbrigen iſt ja die Luſt Unendlich ſuͤßer, als die Ehre.“— Als ich ihr drauf mein Bischen Baarſchaft gab, Und einen goldnen Ring, zum Denkmahl dieſer Stunde, Verſprach ſie mir mit Hand und Munde, Ihn zu bewahren bis an's Grab. Betruͤbt, ſo bald verlaſſen uns zu muͤſſen, Gebrach es uns an tiefen Seufzern nicht; Und Angeſicht von Angeſicht Schied, feucht von Thränen und von Kuͤſſen. Ich ſchwang mich wieder auf mein Roß; Verfolgte mit dem Blick noch lange meine Schoͤne; Dann ſagt' ich Lebewohl der anmuthsvollen Scene, S 7—) „ c 7c 27 (d 7c„* —= 7— „— e 2— trg⸗ ſchle Fral hre deine ieſer neiße olin Buͤrgers Gedichte. 191 Wo ich zum erſten Mahl der Liebe Gluͤck genoß; Und voll Verdruß in Herz und Miene, Daß ich kein Bauer war im Dörfchen meiner Line, Ritt ich zuruͤck auf meines Vaters Schloß. Ich hatte mir zwar ſelbſt das Wort gegeben, Auf keine andre Jagd in meinem ganzen Leben, Als auf die Freudenjagd in Linens Thal zu gehn; Und allenthalben ſonſt in Feld- und Waldgehaͤgen, Der reizenden Aline wegen, Das Wild mit Gnaden anzuſehn: Doch alle dieſe ſchoͤnen Plane, Schon ausgefuͤhrt in meines Herzens Wahne, Verſchwanden wie ein Morgentraum. Denn abgeſtiegen war ich kaum, So kam ein Poſtillon mit Briefen, Die meinen Vater nach Paris, Ach! ſchon am naͤchſten Morgen, riefen. Denkt, wie mir wurde, da es hieß, Ich muͤßte mit!— Mit jammervoller Miene Schluchzt' ich: Ade Mamma! und dacht' Ade, Aline!— Auch Stahl zernagt die Zeit: wie alſo könnte dann Der Liebe zarter Stoff vor ihrem Zahn beſtehen? —— ——— 192 Buͤrgers Gedichte. Untvoſtbar reist' ich ab, mit meinen Herzenswehen; Doch wohlgetroͤſtet kam ich an. Je mehr ich von Alinchen mich entfernte, Je mehr entfernte ſich Alinchen auch von mir. Die Luſt an Allem, was ich hier In meiner neuen Welt zuerſt erfuhr und lernte, Beſiegte die Erinnerung der Luſt, Die ich verlor; und meiner jungen Bruſt Entſtahlen zwey hochwohlgeborne Diebe, Die Loͤffeley und Ehrſucht, bald die Liebe. Auf kriegeriſcher Bahn ſtrebt' ich nach Ehr' und Gluͤck. Mein Arm erfocht mir durch ſechs ſaure Zuͤge Zwar nicht an Lohn, doch Wunden volle Gnuͤge. Dann kehrt' ich nach Paris zurück, Um dort mit beſſerm Gluͤck fuͤr Minnelohn den Schoͤnen, Als Konigen fuͤr ihren Dank zu froͤhnen. Einſt, nach vollbrachter Oper, fand Ich mich von ungefaͤhr bey einer huͤbſchen Dame, Die ihres Wagens wartend ſtand. Auf Ein Mahl machte die auf mich die Aufmerk⸗ 6 ſame, Und fragte:„Kennen Sie mich nicht?“— „Verzeihen Sie, Madam, nie ſah ich Ihr Ge⸗ ſicht „Niee— Ey! Betrachten Sie mich doch einmahl genauer.“— „Dieß, V U E — —— und den merk Ge mihl Buͤrgers Gedichte. 193 „Dieß, ſchöne Dame, wird zwar wahrlich mir nicht ſauer: Doch was ich Schoͤnes auch in meinem Leben ſah, So kam doch nie etwas dem, was ich ſehe, nah.“— „Nun, weil denn mein Geſicht nichts in Erinnrung bringet, So will ich ſehn, ob's nicht der Hand gelin⸗ get.“— Hier zog ſie ihren Handſchuh ab, Und zeigte mir den Ring, den ich Alinen gab. „Alin', Aline!“ wollt' ich ſagen: Doch vor Erſtaunen ſtarb das Wort Im Munde mir. Indeſſen kam ihr Wagen. Wir ſtiegen ein, und rollten fort. Hier kam es nun zu Fragen uͤber Fragen; Und folgenden Bericht vernahm mein Ohr: „Vermuthlich haben Sie des Milchtopfs nicht ver⸗ geſſen; Viel weniger noch alles Deſſen, Was ich mit meinem Topf verlor. Nicht Sie, mein Herr, nicht ich bedachten, Was wir an jenem Tage machten: Doch ward es mir bald offenbar, Daß es ein— kleiner Junker war. Auch meine Mutter ward es innen; Und jagte kurz und gut das Töchterchen von hin— nen. Buͤrgers Gedichte II. B. N 194 Buͤrgers Gedichte. Kein Bitten half mir aus der Noth. Ich ging Als ein verwaistes armes Maͤdchen, Und bettelte mich bis ins naͤchſte Städtchen, Wo eine alte Frau mich muͤtterlich empfing. Der Menſchenfreundlichkeit zum Ruhme, Erklaͤrte die ſich bald zu meiner guten Muhme. Sie hegt' und pflegte mich; ſie putzte mich heraus; Und nahm, wohin ſie ging, das Nichtchen mit ſich aus. Die Kennerſchaft fing an nach mir zu ſehen, Beehrte bald mit Zuſpruch unſer Haus, Und Tantchen gab mir guͤtigſt zu verſtehen, Ja huͤbſch mit Höflichkeit den Gaͤſten vorzugehen. Gehorſam richtet' ich der Tante Willen aus. Der Pastor Loci kam zuerſt in unſer Haus, Und auch am öfterſten; drum mußte wohl vor Al⸗ len Ihr kleiner Sohn auf ſeine Rechnung fallen. Er machte nach der Zeit ein ſchmuckes Chorkind draus. Doch Tante, die auf unſer Gluͤck zu ſinnen Auch ſelbſt im Gluck nicht unterließ, Fand bald, wie ſie mir klar bewies, In einer großen Stadt ſey mehr noch zu gewinnen, Und fuͤhrte mich von dannen nach Paris. Hier ging ich durch verſchiedne Haͤnde, Und meinen Reiz beſaß am Ende Ein alter wackrer Praͤſident. — = 50 mich mit en btkind nen, Buͤrgers Gedichte. 195 Nun weiß, wer dieſe Herren kennt, Daß, wenn ſie noch ſo hoch in Themis Tempel ſte⸗ hen, Sie doch an Amors Hof vielleicht am letzten ge⸗ hen. Von meinem Ehrenmann blieb, wenn er blank und baar, Entſtaatsperuͤckt, enthalskraust, ausgewindelt Aus ſeinem großen Amts⸗Talar, Kurz, wenn er ganz von dem, was nicht er ſelber war, Vom Haupt bis auf den Fuß entſchindelt, Vor mir erſchien, blieb, ſag' ich, blank und baar So wenig, daß er kaum der Rede wuͤrdig war. Doch liebte mich dieß Wenige nicht wenig; Und uͤberhaͤufte, wie ein König, Der ſich an keine Gloſſen kehrt Die Tante, ſo wie mich, mit Geld und Geldes⸗ werth. Die Tante ſtarb, und ihr Vermoͤgen Vermehrte noch durch Erbſchaft meinen Segen. So hatt' ich denn, durch Fleiß bey Tag und Nacht, Von dem,— und dem,— und dem,— und mei⸗ nem Präſidenten, Und durch der Tante Tod, fuͤnf tauſend Thaler Ren⸗ ten In trockne Sicherheit gebracht. Langweilig wurde mir in manchetley Betracht N 2 196 Buͤrgers Gedichte. Mein Handwerk nun: auch hoͤhnte mich ſein Nahme. Fi Ich haͤtte gern die Ehr- und Tugendſame, Wenn auch nur zur Veraͤnderung geſpielt, Wiewohl man dabey auch oft lange Weile fuͤhlt. V Fuͤr zwey ſcharmante, blanke, krauſe,§e Geraͤnderte, vollſchwere Ludewig P Erklärt' ein Stammbaummacher mich Zum Fraͤulein von ſehr gutem Hauſe. D Nun lebt' ich hoch; gerieth von ungefähr Mit Maͤnnern von Talent, beſonders ſchoͤnen Gei⸗ N ſtern, N Auch in ein geiſtiges Verkehr. Dadurch gewann bey Stuͤmpern und bey Meiſtern un Der Ruf von meinem Geiſt, Witz und Geſchmack gar ſehr; L Auch mocht' es in der That mich etwas mit rerge⸗ ſ9 ſtern. d Ein hochgeborner Ehrenmann 2 Von vierzig tauſend Thaler Renten, 3 In mich und mein Verdienſt, Trotz meinem Praͤſi⸗ d denten, Un Bis uͤber's Ohr verliebt, bot Herz und Hand mir d So iſt denn nun die weiland arme Line Marquiſe Caſtelmont fuͤr's werthe Publikum; Doch blieb die Frau von Caſtelmont darum e Nicht minder noch fuͤr dich Aline.“— ſein Gei⸗ „Und nun fuͤr wen, ſprach ich zu ihr, Fuͤr wen hat wohl dein Herz am zärtlichſten ge⸗ ſchlagen?“— „Das kannſt du, böſer Mann, noch fragen? Verſetzte ſie mit ſanftem Schlage mir. Ich war Natur und Einfalt, als ich dir Mich ſchenkte, wenn ich gleich mir drob das Haar zerraufte. Das blieb ich nicht, als ich an Andre mich ver⸗ kaufte. Nicht mehr ſo jugendfriſch und ſchön, Mußt' ich mein Bißchen Reiz durch fremden Schmuck erhöhn, Und Tag fuͤr Tag die Kunſt des Wohlgefallens uͤben. Wie haͤtt' ich da noch können lieben? Die Kuͤnſteley wird ſtets das Ziel Der reizenden Natur verruͤcken. Das Roth, womit wir unſre Wangen ſchmuͤcken, Zerſtoͤrt das holde Farbenſpiel, Durch welches wir zum erſten Mahl entzuͤcken; Und Luͤgen der Empfindſamkeit erſticken Das herzliche Naturgefuͤhl. Nur Ein Mahl, und nur dir, hat ſich mein Herz verſprochen; Und hab' ich gleich in kurzer Zeit So leicht, als Eine kann, die Treue dir ge⸗ brochen, So darf ich doch auf Herzbeſtandigkeit So ſehr, als irgend Eine, pochen. Buͤrgers Gedichte. 197 — 198 Buͤrgers Gedichte. Gewichen iſt aus meiner Phantaſie Dein zaubervolles Bildniß nie. Den Kelch der Luſt, auch von den ſchön⸗ ſten Rittern Mir dargereicht, pflegt' es mir zu verbittern. Doch muß ich allerdings geſtehn, Bisweilen wocht' es auch die Suͤßigkeit er⸗ höhn.“ Und nun begann, vor innigem Entzuͤcken, So unverhofft beyſammen uns zu ſehn, Ein ſolches feuriges Umarmen, Herzen, Druͤcken Und Kuͤſſen hin und her, als wär' es nie geſchehn. Wir langten an bey ihr; ich blieb zum Abend⸗ eſſen; Und weil der Herr Marquis heut nicht zu Hauſe kam, So hielt ich aus, bis Alles Abſchied nahm; Und blieb die Nacht,— wo? laͤßt ſich leicht ermeſ⸗ ſen.— Der Liebesgott verſchmaͤht die Gold- und Seiden⸗ pracht Des Schlafgemachs, des Bettes der Marquiſe; Er fuͤhlt ſich nur auf blumenreicher Wieſe, Und in des Hains geheimer Schattennacht, Auf weichem Moos, in ſeinem Paradieſe. Mein Herz erfuhr's; denn darin nur beſtand Mein ganzes Gluͤck, daß ich mich hinter der Gardine 1 2— — 7c —— 3—— —„e — Buͤrgers Gedichte. 199 Mit einer huͤbſchen Frau befand: Allein ſie hieß und war nicht mehr Aline.— Ihr Liebenden, iſt euch am Vollgenuß Der Liebe, mindeſtens der Wolluſt was gelegen, So ſuchet ja ihn nicht auf meinen Wegen, Wo man nur ſtets im Fluge nippen muß. Mit Briefen vom Miniſter gilt kein Saͤumen; Da muß man zur Armee zuruͤck. Dieß unmeidbare Mißgeſchick Entruͤttelte mich meinen Wonnetraͤumen.— Wie lange wird der Lug und Trug Des Prahlers Ruhm uns ſo viel zarte Freuden, Wie lange noch der Ruhe Gluͤck verleiden“ Wie lange wird der Held des Krieges Fluch Mehr, als der Liebe Segen ehren?— Jedoch auf dieſer Weisheit Lehren Hatt' ich in jener Zeit von Herzen wenig Acht. Denn, wenn man Hauptmann iſt, ſo iſt man drauf bedacht, Vielmehr Major, als Philoſoph zu werden; Und Trotz den ſtrengen Amtsgeberden Des erſten Madators im Staatsrath und am Hof, Wird man viel leichter auch Majer, als Phi⸗ loſoph. Es fieng daher kaum an zu tagen, So warf ich mich, am Herzen leicht und frey, In meinen angeſchirrten Wagen, Und ließ zu neuer Plackerey 200 Buͤrgers Gedichte. Mich aus dem Schooß der Frau Marquiſe tra⸗ gen.— Nachdem ich fuͤnfzehn volle Jahr Von Haus und Hof entfernt geweſen war, Und Trotz der Tapferkeit, mit welcher ich geſtrit⸗ ten, So manchen Tort, als Hieb und Schuß erlit⸗ ten, Muft' ich, als General fuͤr unſte Kolonien, Mich nach Oſtindien ein wenig noch bemuͤhn. Im Meer und im Roman mit Sturm ſich zu be⸗ faſſen, Sey jedem Robinſon von Herzen uͤberlaſſen. Ich kam, ſo gut man immer kann, Ganz ſonder Ungemach auf meinem Poſten an. Bey ſeinem Topf voll Reis, bey ſeinem Waſſer⸗ kruge Saß Alles, als ich kam, in Ruh' und Har⸗ monie; Und meine Fahrt ſah einer Luſtpartie Weit ähnlicher, als einem Kriegeszuge. Weil ich nun nichts zu fechten vor mir fand, So fing mich's an, nach Reiſen zu verlangen. Gedacht, gethan. Ich ſtrich von Land zu Land, Und blieb zuletzt im Reich Golkonde hangen, Das vor ganz Aſten in hoͤchſter Bluͤthe ſtand. Begluͤckt durch eine Frau, die hier das Zepter fuͤhrte, War alles Volk; weil Schoͤnheit und Verſtand, Un Zuf Unt Di L Buͤrgers Gedichte. 201 Die des Monarchen Herz, und der ſein Reich re⸗ gierte. Nicht nur des Staats Schatullen waren voll; Voll waren uͤberall auch die der Unterſaßen. Der Bauer ackerte nur fuͤr ſein eignes Wohl. Wie ſelten das!— Die Herren bey den Kaſſen Erhuben frembes Geld nicht fuͤr ihr eignes Wohl. Wie noch weit ſeltner das!— Durch ſtattliche Ge⸗ baͤude Nahm jede Stadt den Sinn der Schönheit ein. So Herz als Auge fand am Volksgewimmel Weide. Des Städters Angeſicht entſtrahlten Stolz und Freude, Bewohner ſeiner Stadt zu ſeyn. Den Landmann hielt die Freyheit warm und trocken, Und gab ihm ſtets genug in ſeinen Napf zu brocken. Zufrieden mit dem Gluͤck, das ihm ſein Stand verhieß, Und auf die Ehre ſtolz, die Pflug und Spinne⸗ rocken Die Weisheit dieſes Staats erwies, Ließ er ſich ſeiner Flur durch kein Phantom entlok⸗ ken. Die Großen hielt der Zauberblick Der ſchoͤnen Königin mit Luſt am Hof zuruͤck. Denn ſie verſtand die Kunſt, die Treue zu beloh⸗ nen, Und doch dabey den Schatz des Staates zu verſcho⸗ nen; Die holde Kunſt, die ſtets ihr Ziel erreicht, Und die, wie mir als Dilettanten daͤucht, Zu ſelten nur die Königinnen uben, Weil ſie den Königen vielleicht Nicht allerdings zu herzlichem Belieben Gereichen mag, wenn ſie Notiz beſchleicht. Den unſern hatte ſie zum Gluͤck noch nie erreicht. Ich kam an dieſen Hof und ward daſelbſt empfan⸗ gen, So gut, als immer nur ein Fremdling mag ver⸗ langen. Erſt hatt' ich öffentlich bey'm Könige Gehör; Dann bey der Königin, die ihren Schleyer 202 Buͤrgers Gedichte. ſenkte. Darob verwundert' ich nun freylich mich gar ſehr: Denn nach dem Atteſtat, ſo das Geruͤcht ihr ſchenkte, Erwartet' ich hier keinen Schleyer mehr. Indeſſen muß ich doch zu ihrem Ruhme ſagen, Daß ſie mich ſonſt mit aller Huld empfing. Ich hatte weiter nichts zu klagen, Als daß der Schleyer mir des Anblicks Luſt verdarb, Wonach ich in der That faſt vor Begierde ſtarb. Denn daß ſie ſchoner waͤr, als alle Huld⸗ göttinnen, Hatt' ich von Jedermann gehoͤrt. ar Buͤrgers Gedichte. 203 Zudem iſt auch, was großen Koͤniginnen Die guͤtige Natur beſchert, Der Neugier doppelt merkenswerth.— Kaum bin ich wieder heim, und glaube mich mein eigen, So kommt ein Junker an, geſandt zu dem Behuf, Mir morgen fruͤh den ſchoͤnen Park zu zeigen, Den nach hoͤchſt eignem Plan die Koͤnigin erſchuf. Das nehm' ich dankbar an. Wir ſtehen Schon mit der Sonne munter auf, ind nehmen Anfangs unſern Lauf Durch ein Gewinde von Allcen, In eine Art von dichtverwachsnem Hain, Wo Pomeranzenbaͤum', Akazien und Moyrthen Mit Frucht und Bluͤthenduft im Schatten uns be⸗ wirthen. An einen Baum in dieſem Hain Steht ein geſatteltes, gezaͤumtes Pferd gebunden. Mein Fuͤhrer ſpringt hinauf, ſtößt in ein Silber⸗ horn, Das ihm am Halſe hängt, gibt ſeinem Roß den Sporn, Und iſt in wenigen Sekunden Aus meinem Aug' und meinem Ohr ver⸗ ſchwunden. Gloſſirend uͤber dieſen Sprung, 204 Buͤrgers Gediechte. Und ziemlich voll Verwunderung, Daß man allhier die Fremden, ſtatt ſpazieren, Am Narrenſeil nur irre ſucht zu fuͤhren, Verfolg' ich meinen Weg bis an des Waͤldchens Rand. Auf Ein Mahl wird die Gegend mir bekannt; Und, ſieh'! nach kurzem Weiterwandern, Liegt eine Landſchaft vor mir da, Die der, wo ich zuerſt Alinen ſah, So aͤhnlich iſt, als kaum Ein Ey dem andern, Bis auf das kleinſte zeigen ſich Daſſelbe Thal, dieſelben Höhen, Bekraͤnzt mit Birken und mit Schlehen. Es laͤßt dieſelbe Lücke mich, Denſelben Flur- und Gartenſtrich, Und weiter hin daſſelbe Doͤrfchen ſehen. Auch fehlt, wie ſich verſtehet, nicht Der Pfad, der Bach, die ſchmale Bruͤckenplanke. Nur Eins, das Madchen noch gebricht, Kaum aber wuͤnſcht dieß mein Gedanke, So tritt auch das daher. Es trägt denſelben Topf, Vermuthlich auch voll Milch, auf ſeinem Kopf; Und iſt an Kleidung, Wuchs, Geſtalt und Gang und WMiene, Von Haupt zu Fuß bis auf ein Haar— Aline. „Iſt das ein Traum? Iſt es Bezauberung? Iſt's Wirklichkeit? Sind's leere Schattenbil⸗ der?“ ₰„——— — — „ Buͤrgers Gedichte. 205 Rief ich mit Ungeſtuͤm in wilder Betaubender Verwunderung.— „Kein Zauber, ſagte ſie, kein Traum hat d betrogen, ich Kein leerer Schatten hat von mir Dir Wirklichkeit nur vorgelogen; Sie leibt und lebt; Aline ſteht vor dir. Ihr Aug' und Herz verrieth dich geſtern ihr. Sie wuͤnſcht' in der Geſtalt von dir erkannt zu wer⸗ den, Worin ſie dir zum erſten Mal gefiel, Und uͤberraſchte dich daher mit dieſem Spiel. Sie kommt, in deinem Arm von ihren Kronbe⸗ ſchwerden Sich auszuruhn; und ſetzt auf ihren Kopf, Anſtatt der Krone, jenen Topf, Stets unvergeßlich ihr auf Erden. Durch dich nur fuhlt die arme Milcherin Sich gluͤcklicher, als jede Koͤnigin.“— Mein Herz vergaß die Konigin im Grunen; Ich ſah und hoͤrte nur Alinen. Wir waren beyde ganz allein, Bedroht von keinem Freudenraͤuber. Auch Koͤniginnen ſind bekannter Maßen Weiber: Wie ſollt' es nicht die von Golkonde ſeyn? Ich fuͤhlte mich am Leib und am Gemuͤthe In meiner erſten Jugendzeit; Und unterhielt daher die Königin noch heut, Als ob die Königin noch wie Aline bluͤhte; 206 Buͤrgers Gedichte. Weil einer Koͤnigin, wie man gewöhnlich glaubt, Hi Auch ſelbſt das Alter nie der Jugend Bluͤ⸗ Un the raubt. 6u de Nachdem wir ſo das Feſt des Wiederſehns ge⸗ feyert, 2 Und kraͤftiglich durch Wort und That Den erſten Liebesbund erneuert, 8 Ließ ſie ſich ihren Hof-Oenat Durch eine traute Zofe bringen, Die auf ihr Zeichen ſchnell aus nahem Buſchwerk 3 trat. u Sie entalinte ſich; und unbefangen gingen 6 Wir auf das Schloß zuruͤck. Des ganzen Hofes Staat 365 Erſchien vor ihr in glänzender Parade; Und Jedermann ward durch die Huld und Gnade, 6 Womit ſie ihm entgegen kam, entuͤckt. Der hier ward angeredt; der dort ward ange⸗ A Und angelaͤchelt wurden Alle; Kurz, wie ein ſchoͤnes Weib auf ihrem Ehren⸗ 6 balle, Schien ſie die Liebſchaft Jedermauns; nllein Ganz Niemands Königin zu ſeyn⸗ Nach aufgehobnem Mittagsmahle, Das alle Welt mit ihr genoß, Entzog ſie ſich mit mir dem Troß Nach einem abgelegnen Saale. [ W — Sle Buͤrgers Gedichte. 207 Hier ſaß ich traulich neben ihr; Und, meiner Neubegier zu ſteuern, Gab ſie getreu in Nuce mir Den zweyten Tom von ihren Abenteuern. „Kaum wareſt du drey Monat aus Paris, So zwang ein Ehrenpunkt, der ſich nicht ſchlichten ließ, Den Herrn von Caſtelmont zum hitzigſten Duelle, Und, leider! blieb er auf der Stelle. Mir tief gebeugten Wittwe blieb Kein andrer Troſt fuͤr dieſen Senſenhieb, Als vierzig tauſend Thaler jährlich. Die Herr von Caſtelmont mir ſicher hinterließ. Um halb ſo viel noch druͤber, wie es hieß, Stand's in Sicilien beynah' etwas gefahrlich, Wofern ich nicht ohn' allen Zeitverluſt, Zur Wendung der fatalen Krieſe, Mich ſelbſt an Ort und Stelle wieſe; Auch diente zur Erleichterung der Bruſt, Behauptete mein Arzt, die Reiſe der Marg iſe. So ſchifft' ich denn mit vieler Luſt Mich ein, um nach Palermo abzufahren, Doch ein conträrer Wind, der ſcharf aus Norden blies, Verſchlug uns von der Fahrt, und ſtieß Uns an die Kuͤſte der Barbaren, Wo der contraͤrſte der Korſaren Sich weit conträrer noch bewies. 208 Buͤrgers Gedichte. Das Schiff mit Mann und Maus, und mit der Frau Marquiſe, Wie ſich von ſelbſt verſteht, ward des Korſaren Priſe. Der Kapitän, ein Tuͤrk', verfuhr mit Jedermann Von unſerm Schiff ſo grauſam und ſo feindlich, Allein mit mir ſo guͤtig und ſo freundlich, Als immer nur ein Tuͤrk' verfahren kann. Nachdem er Algier erſt begruͤßet, Verſchleppt' er mich nach Alexandrien. Sans Rime et sans Baison ward er daſelbſt geſpieſ⸗ ſet; Mich aber bot man feil, nebſt allem Seinigen. Ein Handelsmann aus Indien, Erſtand als Sclavin mich zu ungeheuerm Preiſe, Und brachte mich, nach ziemlich langer Reiſe, Hierher. Ich lernte bald durch ſeinen Unterricht Des Landes Sprache, Sitt' und Weiſe, Nur die Geduld zur Knechtſchaft lernt' ich nicht; So leicht ich auch mich unter Armuth beugte. So bald daher Gelegenheit ſich zeigte, Hielt ich die Flucht fuͤr Menſchenrecht und Pflicht, Auf einer Jagd nach ſchoͤnen Landestochtern, Fiel ich von ungefaͤhr des Koͤnigs Harems⸗ waͤchtern Durch meine Schoͤnheit in's Geſicht. Man griff mich auf; dem Freyheitsſinn zum Poſſen, Ward 2 — Buͤrgers Gedichte. 209 Ward ich noch vor der Nacht in das Serail ver⸗ ſchloſſen.— Kaum aber war der naͤchſte Tag erwacht, So ſank der ganze Hof mir demuthsvoll zu Fuͤſ⸗ ſen, Als Lieblingsſultanin mich ſchuldigſt zu begrußen, Wozu der König mich in der verwichnen Nacht Durch ſein: car tel est notre Plaisir, ge⸗ * macht“— Mein ſchoͤnſter Stern fing an nun aufzuglaͤnzen. So wie die Leidenſchaft des Koͤnigs alle Graͤn⸗ zen, So uͤberſchritt ſie meine Macht. Golkonde beugte bald ſich vor dem Scepter nieder, Das ich ſo fertig ſchwang. Es hatte nichts da⸗ wider, Zur Allbeherrſcherin das fremde Weib erhöhn, Und ſeinen König ſelbſt, voran nur, knien zu ſehn. Allmächtig durch Geboth, durch Beiſpiel, oder Bitte, Vernichtet' ich und ſchuf nach Willkuͤhr jede Sitte. In meiner großen Koͤnigsburg Ließ ich mir nie das kleine Dorf entfallen, Wo unverwelkt ich fuͤnfzehn Jahr hindurch Das Bluͤmlein Unſchuld trug. Vor allen Schwebt noch das Thal, wo ich's an dich verlor, Der Phantaſie mit ſeinen Reitzen vor. Um mir das Bild noch voller zu beleben, Sucht' ich mit Unverdroſſenheit Buͤrgers Gedichte II. B. O 210 Buͤrgers Gedichte. Zu einer zweiten Wirklichkeit Das holde Urſelbſt zu erheben. Ich legt' im Park das kleine Döͤrfchen an, Um mein Geburtsdorf nachzuahmen; Ich gab ihm deſſen theuern Nahmen; Und ſah darin ſtets Jedermann Fuͤr meinen Freund und Anverwandten an. Ich bin in jenen kleinen Huͤtten, Mehr als in meinem Schloß, zu Haus; Ich fuͤge mich in ihre Sitten; Ich ſtatte jedes Maͤdchen aus; Die Alten lad' ich oft zu Tiſche, Damit ihr Anblick immerdar An mein geliebtes Aelternpaar Die Anerinnerung, ſtets heilig mir, erfriſche. Von keiner Jagd wird hier der Halm zerknickt, Das Graͤschen wird nur von den Zephyrtaͤnzen Der frohen Jugend leicht gedruͤckt; Und jedes Bluͤmchen nur zu Kraͤnzen Von jungen Liebenden gepfluckt. Nie ſoll, ſo lang' ich bin, auf meinen Lieblings⸗ ſtellen Die Axt der Ulmen Eine faͤllen, Die ich nachahmend ließ erziehn, Um jene mir lebendig darzuſtellen, Die Schatten unſrer Luſt verliehn. Bei'm Purpur und bei'm Hermeline Ruht noch das ſchlichte Hirtenkleid Der weiland duͤrftigen Aline, und weckt im Glanz der Herrlichkeit S S Buͤrgers Gedichte. 211 Die Anerinnerung der alten Dunkelheit. Beſtändig wird's in ihr die Achtung nähren Fuͤr jenen erſten Stand, worin Sie achtungswerther war, als jetzt die Königin. Es wird ſie uͤberall den Stand der Menſchheit ehren, Und beſſer als ein Buch, die Kunſt zu herrſchen lehren.“ O welch ein Phoͤnir ſeltner Art, So eine Fuͤrſtin von Golkonde! Was unter dieſer Roberonde Nicht Alles ſich zuſammen paart! Die beſte Königin, der beſte Herr und Koͤnig, Das beſte Weib, der beſte Philoſoph, Und,— Alles das noch viel zu wenig!— Die beſte— Luſtpartie am Hof. Ach! Kaum erprobt' ich dieß ſeit vierzehn Wonne⸗ tagen, So uͤberraſchte mich mit ihr Der Kronentraͤger ſelbſt in ſeinem Schlafloſier; Und zwang mich, meinen Kopf und Kragen Aus ſeinem ſchoͤnen Staatsrevier Durch's Kammerfenſter wegzutragen.— Ich kehrte drauf nach Frankreich bald zuruͤck; Und erntete dort ungeheures Gluͤck Und Ungluͤck; beiderlei ſehr unverdienter Weiſe. Verarmt und hoffnungslos, verwuͤnſchend mein Gt— ſchick, O 2 212 Buͤrgers Gedichte. Macht' ich mich wieder fort auf eine lange Reiſe, Und ſtrich ſeitdem von Land zu Land, Bis ich euch hier in dieſer Wuͤſte fand. Wenn ich mein Mißgeſchick hier endlich noch ver⸗ winde, So iſt es, weil ich auf Ein Mahl In dieſem ſtillen Palmenthal So Einſamkeit, als auch in euch Geſellſchaft finde.— Bei dieſen letzten Verſen quaͤlt Der Leſer ſich vielleicht mit peinlichem Geſichte. Er dachte wohl, ich hätte die Geſchichte, Die er hier las, fuͤr ihn erzählt. Doch weiß er denn nicht mehr, was ſchon im Vor⸗ berichte Mit duͤrren Worten fuͤr ihn ſteht? Verzeih' er dann, wenn der Poet Bis hierher ſich an ein Perſonchen wandte, Das ſeinen Lebenslauf von ihm zu hoͤren brannte, Und welches er von ſelbſt wohl nimmermehr er⸗ räth; Kurz, an ein altes Weib, mit grauem Haar und Runzeln, In Binſenſtoff gehuͤllt, das ſchon ſeit manchem Jahr Bewohnerin des Thals, worin ich ankam, war. Daß ihr das Ding gefiel, verrieth ihr öfters Schmunzeln; Buͤrgers Gedichte. 213 Wiewohl es manchen guten Schlag Von Leſern ſehr gelangweilt haben mag. Als ich zu Ende war, ſprach meine kleine Alte, „Wißt ihr, was ich von dem Hiſtörchen halte?“— „Nun, liebes Muͤtterchen?“—„Das Beſte, daß ihr's wißt, Iſt, daß es ſo huͤbſch wahr in jedem Woͤrtchen iſt. 7— „Ei, Muͤtterchen, wer hat euch das verbuͤrget? Ihr wißt daß Einen nicht gleich jede Luͤge wuͤrget: Vielleicht erlog ich Alles Wort fuͤr Wort.“— „Das weiß ich beſſer, Herr, fuhr ſie mit Lächeln fort; Ihr habt den Nagel voll auf ſeinen Kopf getrof⸗ fen.“— „Ei, Mutterchen, ich will nicht hoffen, Daß ihr euch gar mit ſchwarzer Kunſt befaßt!“— „O ganz und gar nicht, lieber Gaſt! Allein die Eigenſchaft von einem kleinen Ringe Verbuͤrget mir die Wahrheit dieſer Dinge.“— „Hoho, das wär' ein Ring, wie keiner noch ſich fand, Als der vom Salomo, der alle Geiſter bannt.“— „Kennt, ſagte ſie mit ſchlauen Laͤchelmienen, Kennt ihr auch wohl das Ringlein von Ali— ne'n?“— „O Himmel! rief ich aus, ihr ſeyd es aber⸗ mahl2 214 Buͤrgers Gedichte. Sprecht, welcher Kobolt trieb euch in dieß oͤde Thal?“— „Der Kobolt, ſagte ſie, läͤßt ſich nicht ſchwer er⸗ rathen. Es war der Zorn von meinem Herrn Gemahl. Natuͤrlich, daß ich mich nach jenen ſchoͤnen Thaten, So gut wie ihr, durch's Fenſterloch empfahl. Ihr ſeyd jedoch des Kobolts Principal? Ihr gabt, ihr nahmet mir Golkonde'ns Koͤnigs⸗ krone; Ihr fuͤhrtet mich, der Obſervanz zum Hohne, Vom Hirtenthal hinauf zum Gold- und Marmor⸗ ſaal, Und wiederum von da herab zum Thal, Das ich ſeitdem in aller Ruh' bewohne.“— „O Himmel, rief ich aus, wie alt muß ich nicht ſeyn! Denn eben jetzo faͤllt mir ein, Daß ich ein volles Jahr mehr als Aline zaͤhle: Allein, bei meiner armen Seele! Kaum kann man äaͤlter noch, als deine Runzeln ſeyn.“— „Was kuͤmmert, ſprach ſie augenblicklich Mit ehrenfeſtem Ton, uns die Verrunzelung 2 Wir waren weiland ſchoͤn und jung; Jetzt laßt uns weiſe ſeyn und gluͤcklich! Wir haben in der Wolluſt Zeit, Statt zu genießen, nur verſchwendet. — „—— Buͤrgers Gedichte. 215 Sie iſt dahin! Die Freundſchaft aber ſpendet Uns ihre Guͤter auch noch heut: Nun huͤbſch genoſſen, ſtatt bereut! Nur fluͤchtige Minuten waͤhret Der Wolluſt Honigſuͤßigkeit: Allein der Freundſchaft Segen naͤhret Das Herz durch alle Lebenszeit. Ein Tröpfchen Thau haſt du in jener, In dieſer einen Diamant; Und funkelt dieſer gleich nicht ſchoͤner? So weicht doch ſchon dem Hauche jener; Dem Stahl thut dieſer Widerſtand. Der Eine borget ſeine Helle Von einem fremden Strahle bloß; Der andre traͤgt an deſſen Stelle Sein Urlicht in ſelbſt eignem Schooß, Und funkelt auch in dunkler Zelle. Die Wolluſt iſt des Gluͤcks Verſchwenderin; Die Freundſchaft dient ihm treu, als Hausverwal⸗ terin.“— Drauf fuͤhrte ſie mich ohne Saͤumen Entgegen einen Berg-Proſpect, Mit Mandel- und mit Feigenbaͤumen Und Kokospalmen reich bedeckt. Durch tauſendfach gekruͤmmte Pfade Perunter huͤpfend, macht' ein Bach Durch ſeine murmelnde Kaskade Das Echo gegenuber wach. Vor einer Grott' am Fuß des Huͤgels 216 Buͤrgers Gedichte. Empfing den Gaſt ein Silberſee, Und zog das Bild der anmuthsvollen Hoͤh' In die Unendlichkeit der Tiefe ſeines Spiegels. L „Sieh an, ſprach ſie, ob dieſes dir genuͤgt? E Umrauſcht vom nahen Fruchtbaum ⸗Haine, Ruht meine Wohnung, und—die deine, 2 Wenn ſich dein Wunſch beſcheiden fuͤgt. Geringer Pflege deiner Hände Bedavrf der edle Boden hier, Daß er den reichſten Segen dir S Zum Lohne deiner Muͤhe ſpende. E Zum Trunke, wie zum Bade, winkt V Dir ein ſo friſches reines Waſſer, Als in Paris dem reichſten Praſſer Nicht in kryſtallner Flaſche blinkt. Von jenem Gipfel dort im Blauen e Des unbewölſeen Aethers, kann S Dein Blick die Fluren und die Auen U Von mehr als Einem Reich auf Ein Mahl uͤber⸗ 6 ſchauen. S Verſuch' es, Freund, und ſteig' hinan! 1 Du athmeſt dort fuͤr die Beſchwerde) Des reinſten Aethers Labſal ein. Du wrirſt entfernter von der Erde Und naͤher Gottes Himm?“ ſeyn. Betrachte dort, was in den Irrgewinden Der Erde du verloren haſt, Und ſage mir alsdann gefaßt: Ob du es noch willſt wieder finden.“— Bürgers Gedichte. 217 Bewundernd ſie, verachtend mich, Warf ich mich vor der Lehrerin zur Erde. Wie durch ein ſchöpferiſches: Werde! Schnell umgeſtimmt, empfand mein Weſen ſich⸗ Und jede druͤckende Beſchwerde Der unzufriednen Wuͤnſche wich. Mein Herz empfand fuͤr ſie mehr, als es je em⸗ pfunden. Die ſeligſten von meinen Lebensſtunden Sind, inniglich vereint mit ihr, Seit dieſer Herzbekehrung mir, Vom Vorurtheil der Welt und Leidenſchaft entbun⸗ den, Im Schooß der Einſamkeit und Freunbſchaft hinge⸗ ſchwunden. Sie ſtaͤrkte mich an Fuß und Hand, So wie an Herz und an Verſtand; Und im Gefuͤhl der neuen Kräfte, Ergetzten Fuß, Hand, Geiſt und Herz Sich auch am muͤhenden Geſchaͤfte, Als wär' es lauter Spiel und Scherz. Den ganzen Tag ſucht' ich mein Gluͤck vergebens; Ich fand es erſt am Abend meines Lebens. Buͤrgers Gedichte. e— Sinnesaͤnderung. J⸗ war wohl Jungfer Eigenſinn, Durch Guͤte kaum zu zahmen: Und ſträubte mich oft her und hin, Zu geben und zu nehmen. Der Himmel weiß es, wie es kam, Daß ich ſo ungern gab und nahm. —„ Da kam ein junger Flaumenbart, Voll Anmuth und voll Leben. Der wußte mit der beſten Art Zu nehmen und zu geben. Da weiß der Himmel, wie es kam, Daß ich ſo willig gab und nahm. — 7—„7) Ich merkte, wo er ging und ſtand, Auf jeden ſeiner Winke. Ergriff er meine rechte Hand, So both ich auch die Linke. 1 Der Himmel weiß es, wie es kam, Daß ich ſo willig gab und nahm. Buͤrgers Gedichte. Zum Nußgeſträuch mit ihm entwich Ich der Geſpielen Schwarme. Ich gab ihm in die Arme mich, Und nahm ihn in die Arme. Der Himmel weiß es, wie es kam, Daß ich ſo willig gab und nahm. Wir ließen, tauſchend Kuß um Kuß, Auf weiches Moos uns nieder. Ich gab den Kern von meiner Nuß, Nahm den von ſeiner wieder. Der Himmel weiß es, wie es kam, Daß ich ſo willig gab und nahm. Da hörten wir durch Laub und Gras Die Mutter rufend kommen. Wohl hätt' ich ſonſt, wer weiß noch was? 4 Gegeben und genommen. 3 Der Himmel weiß es, wie es kam, Daß ich ſo willig gab und nahm. Buͤrgers Gedichte 5 Fre wuͤnſcheſt du dir, und klagſt alltäglich und zuͤrneſt, Daß dir Freiheit fehlt, uͤber Deſpoten⸗Ge⸗ walt?— Lern' entbehren, o Freund! Beut Trotz dem Schmerz und dem Tode! Und kein Gott des Olymps fuͤhlet ſich freier, als du.— Aber noch fragt dein Blick: Wie lern' ich die ſchwerſte der Kuͤnſte, Wie den erhabenen Trotz gegen den Schmerz und den Tod?— Wirb bei der Mutter Vernunft um Tugend, die goͤttliche Tochter. Wirb!— und dein iſt die Kunſt, dein der er⸗ habene Trotz. — —„5 )—) Buͤrgers Gedichte. Entſchuldigung. Betty, ja ich that den Schwur, Mit Lieb' an deinem Reitz zu halten: Doch ungerechter Weiſe nur Machſt du zum Meineid mein Erkalten. Stets ehrenfeſt hat ſich mein Schwur: Dein Reitz nur hat ſich nicht gehälten. Probl el(m. Mann, und liebekundiges Weib, ſprich: Welche von zweierlei Pein duͤnket die peinlichſte dir? 7 Die, wann du inniglich liebſt, allein nicht wieder 3 geliebt wirſt, Und das Andre nicht hehlt, daß es vergelten nicht 4 kann? Oder, wann inniglich du geliebt wirſt, ohne daß. du liebſt, Und du hehlen es mußt, daß du vergelten nicht kannſt? Ach! dort zuckt dir das Herz; doch fehlt die reibende Hand dir: Aber hier reibet ſie dich, wo es dir, leider! nicht juckt, 222 Buͤrgers Gedichte. Beides, Beides iſt peinlich, und kaum dem Feinde zu gönnen: Aber von beiderlei Eins halt' ich am peinlichſten doch. Dort ermannt und erhebt doch immer das ruͤſtige Herz ſich, Schwingt ſich in Phantaſus Reich, ſuchet und findet oft Troſt. Aber in Ohnmacht liegt's hier auf der Wirklichkeit Boden, Und muß halten der Pein, welcher kein Schwung es entzieht. Fdjeager⸗Lie . Mu Hoͤrnerſchall und Luſtgeſang, Als ging' es froh zur Jagd: So ziehn wir Jaͤger wohlgemuth, Wann's Noth dem Vaterlande thut, Hinaus in's Feld der Schlacht. Gewoͤhnt ſind wir von Jugend auf An Feld⸗ und Waldbeſchwer. Wir klimmen Berg und Fels empor, Wir waten tief durch Sumpf und Moor, Durch Schilf und Dorn einher. Ni e Si A Erſ Ein Gn De De Unt 8 25 28 — = Di Fre Buͤrgers Gedichte. Nicht Sturm und Regen achten wir, Nicht Hagel, Reif und Schnee. In Hitz' und Froſt, bei Tag und Nacht, Sind wir bereit zu Marſch und Wacht, Als goͤlt' es Hirſch und Reh. Wir brauchen nicht zu unſerm Mahl Erſt Pfanne, Topf und Roſt. Im Hungersfall ein Biſſen Brod, Ein Labeſchluck in Durſtesnoth, Genuͤgen uns zur Koſt. Wo wackre Jaͤger Helfer ſind, Da iſt es wohl beſtellt. Denn Kunſt erhoͤht uns Kraft und Muth; Wir zielen ſcharf, wir treffen gut; Und was wir treffen, fällt. Und faͤrbet gleich auch unſer Blut Das Feld des Krieges roth: So wandelt Furcht uns doch nicht an; Denn nimmer ſcheut ein braver Mann Fuͤr's Vaterland den Tod. Erliegt doch rechts, erliegt doch links So mancher tapfre Held! Die Guten wandeln Hand in Hand Frohlockend in ein Lebensland, Wo Niemand weiter fällt 224 Buͤrgers Gedichte. Doch trifft denn ſtets des Feindes Blei? Verletzt denn ſtots ſein Schwert?— Ha! Oefter fuͤhrt das Waffengluͤck Uns aus dem Mordgefecht zuruͤck, Geſund und unverſehrt. Dann feiern wir ein Heldenfeſt Bei Biſchof, Punſch und Wein. Zu Freudentaͤnzen laden wir um's aufgepflanzte Siegspanier Die ſchoͤnſten Schoͤnen ein. Und jeder Jäger preiſt den Tag, Als er in's Schlachtfeld zog. Bei Hoͤrnerſchall und Becherklang Ertonet laut der Chorgeſang: „Wer brav iſt, lebe hoch!“ W zum erſten und zweyten Theil. Buͤrgers Gedichte II. B. P ———— = S S 6 S S Nn diz M. die mit ſieben Saiten Majens kluger Sohn bezog, Welche Erato vor Zeiten Oft mit leichter Hand durchflog! Du, die einſt, begraͤnzt mit friſcher Myrte, Mir die holde Muſe gab, Als ich in Cytheren's Hainen irrte. Die du oft beym Goͤtterſchmauſe Um die frohe Tafel gingſt, Einſt in Amors Waffenhauſe Unter goldner Ruͤſtung hingſt; Denn du halfeſt ihm in ſchweren Kriegen, Als er gegen Loͤwen zog, Einſt den allergrimmigſten beſiegen.*) *) Pauſanias im 2. Buche, Corinth., meldet, daß ein alter Mahler, Pauſon, einen Amor gemahlt, der Bogen und Pfeile wegwarf, und die Leyer dafuͤr nahm. Stoſch in Gemm. ant. cel. hat einen Stein, wo ein Amor Citharodus auf einem Loͤwen reitet. 228 Buͤrgers Gedichte. Bruͤllend ſprach das Ungeheuer Seinen ſchärfſten Pfeilen Hohn; Da ergriff er dich, o Leyer, Wunder that dein Zauberton. Die empor geſträubten Maͤhnen fielen; Sanfter brummend hub er an, Wie der Murner um das Kind zu ſpielen. Ueberwinde Chloens Herze, Welches Amor nie bezwang, Der oft Bogen, Pfeil und Kerze Ruͤſtig ihr entgegen ſchwang. Weiche, ſuͤſſe Melodien muͤſſer Schmelzend, wie Petrarca's Lied Und Tibullens Klagen, ſich ergießen! Wirſt auch du vergebens kriegen? Himmel, Erde, rathet dann!— Nein, die Zauberey muß ſiegen, Bie ſelbſt Loͤwen bannen kann. Ach! Ich ſeh's, dann ſteht ſie tief entzuͤcket,— Dann, o dann den heißen Kuß Auf den Mund der Grazie gedruͤcket! Bey'm Apoll! Ich muß ſie kuͤſſen. Keine Macht errettet ſie! Hat ſie gleich ſich losgeriſſen, Wann ich ſonſt mit ſuͤßer Muͤh' Feurig ſie in meinen Arm gezwungen, Weil kein ſiegend Saitenſpiel Damahls noch in meiner Hand erklungen! V Ve Ve c) SS——. Buͤrgers Gedichte. 219 An ein Maienluͤftchen. Ar, Maienluͤftchen, aus den Blumenbeeten! Wo deine Kuͤſſe Florens Töchter roͤthen; Wo du ſo liebetraulich Allen heuchelſt, Und Duft entſchmeichelſt. Erhebe dich, mit allem ſuͤßen Raube, Nach jener dämmernden Hollunderlaube! Dort lauſchet Lina. Laß ſie deines fuͤßen Geruchs genießen! Mir hat das Gluͤck noch keinen Kuß beſcheret. Dir aber, Liebchen, wird ja nichts verwehret. Nimm drey fuͤr einen! Komm zuruͤck! Nur Ein Davon ſey meiner! Stutzertaͤndeley. — Wreund Amor, kannſt du machen, Fuͤr einen huͤbſchen Kuß, Daß mir Agneschen lachen Aus frommen Augen muß? 230 Buͤrgers Gedichte. O allerliebſte Sachen, Die ich kaum nennen kann, Schenkt' ich fuͤr dieſes Lachen Dir, lieber kleiner Mann! In manchem Spiel um Pfänder Hab' ich erobert mir Viel ſchöne bunte Baͤnder; Die alle gäb' ich dir. Ja, dieß geraubte Muͤſchchen Empfingeſt du ſogar! Und dieſes Federbuͤſchchen Aus Minna's blondem Haar. Und deinen Köcher ſchmuͤckte Von golddurchwirktem Band Ein Roͤschen, welches ſtickte Des ſchoͤnſten Mädchens Hand. Weckſt du ihr ſuͤßes Lachen, Sieh, ſo verdienſt du dir, Die Nymphen naß zu machen, Die kleine Spritze hier. Auch ſollen dich belohnen Bonbon und Marzipan, Vortreffliche Makronen, Und was dir luͤſten kann. Be D B Do M 28— ze= Buͤrgers Shichte. Und ſiehſt du dieſes Gläschen Voll Syrakuſe rw ein? Erdenke mir ein Späßchen! Du biſt ja ſonſt ſo fein.— Ha! Kleiner, ich erfinde Viel eher einen Plan! Den hoͤre mir geſchwinde Mit beyden Ohren an! In eine kleine Fliege,— Siohſt du, was ich erfand!— Verwandle dich, und fliege Auf ihrer Schnuͤrbruſt Rand. Dort gleite durch die Falte, Im zarten Muſſelin, Bis zu dem tiefen Spalte Des warmen Buſens hin. Dort wage mir hernieder Geſchickt, nach Bergmannsart, Anſchließend dein Gefieder, Die wolluſtvolle Fahrt! Dann muß es dir gelingen, Ihr,— neidenswerthe Muͤh'!— Ein Laͤcheln abzuzwingen; Da kitzle, kitzle ſie! 231 Bürgech 6 edichte. An Amalchen. Ueber einen geraubten Kuß⸗ Nach dem Catull. Ao ſieh nur, wie ich knieen muß! O wer doch nimmer naſchte! Es war ja nur ein kleiner Kuß, Den ich von dir erhaſchte. Bey deiner Puppe ſpielteſt du Das ſcherzende Mamachen; Ich großer Menſch ſah luͤſtern zu, Und duͤnkte mich Papachen. Suͤß war der kleine Kuß von dir, Wie eine Ehriſt-Makrone. Warum verbitterſt du ihn mir Mit ſolchem ſchnöden Hohne? Du zuͤrneſt, Kind, und reibſt den Kuß Seit einer langen Stunde, Daß ich, o Schmerz! es ſehen muß, Von deinem Honigmunde; Als häͤtt' ein grauer Runzelmann Dir den Geſchmack verdorben, Dem weiland ſchon ſein letzter Zahn Am Bruſt-Katarch verſtorben! 7c) 27) „„— Buͤrgers Gedichte. Ach! Alle Suͤßigkeit iſt hin! Du haſt mich ſo behandelt, Daß nun das Chriſt-Makroönchen in Rhabarber ſich verwandelt. Bey mir hat dieſe Stunde mehr Sich Angſt und Qual vereinigt, Als ob zehn Maͤdchen um mich her Mit Nadeln mich gepeinigt. Vergib, Amalchen! Laäͤchle nun! Nie will ich's wieder wagen. Geſchwind'!— Sonſt werd' ich aͤrger thun, Und— deine Puppe ſchlagen. Mein Amor. 5. Weisheit kam zu mir in warnender Ge⸗ ſtalt. „Mein Sohn, ſprach ſie, laß mich dein Herz er⸗ bitten, Entreiße dich der ſchaͤdlichen Gewalt Des Liebesgotts, des Moͤrders edler Sitten! Der Ambra, der von ſeinen Fluͤgeln wallt, Iſt allen Tugenden ein Gift! und mitten In dem Arkadien, wohin du ſeinen Schritten 234 Buͤrgers Gedichte. Gefolgt, eroͤffnet ſich ein Schlund vor deinen Tritten! Fleuch den Verderber, iſt es moͤglich, bald! Sonſt fuͤrcht' ich, deine Thorheit wird zu alt.“ „Der Amor, ſprach ich mit getroſter Miene, Der Amor, große Goͤttin, dem ich diene, Iſt er, der Himmliſche vom Plato zu benannt, Mit dem Petrarca ſich verband, Dem einen Tempel unſer Gleim geweihet, Dem auch Jakobi's fromme Hand Altaͤre baut, und Blumen ſtreuet.“ Die Göttin ward auf den Bericht erfreuet; Sie billigte das Opfer, und verſchwand. An M. W., als ſie mir einen Kuß verſagte. Hie ich nicht den Muth der Taube, Nicht des frommen Laͤmmchens Sinn, Dann, verwegnes Maͤdchen, glaube, Glaube, Kußveraͤchterin, Wuͤrde jetzt dein ſproͤder Sinn Meiner Rache ganz zum Raube, Ja, ſo wahr ich Dichter bin! Als der Thracier die Schwelle Von dem Erebus betrat, Und in Liederchen die Hoͤlle Um die ſchoͤne Gattin bat, Sang er ſelbſt den Eumeniden In die wilden Seelen Frieden, Ihm den bangen Aufenthalt In des Orkus Finſterniſſen Dankbegierig zu verſuͤßen, Spitzte jede Mißgeſtalt Ihren blauen Mund zum Kuͤſſen. Und auf dieſer Oberwelt, Wo, wie alle Dichter lehren, Immer zu der beſten Welt Auch die Kuͤſſe mit gehoͤren, Will ein ſterblich Maͤdchen gar Den vermeßnen Frevel wagen, Kuͤſſe, die ſie ſchuldig wat, Einem Dichter zu verſagen? Holdes Maͤdchen, ja fuͤrwahr, Hielten deine ſanften Blicke Meine Rache nicht zuruͤcke, Ha, ſo ſaͤße die Gefahr Dir bereits in dem Genicke! Denn mein Lied voll Bitterkeit Wuͤrde die Verwegenheit Und die unbereuten Suͤnden Deiner Unbarmherzigkeit Einer ſpäten Afterzeit Ohne Gnade laut verkuͤnden! ————— Buͤrgers Gedichte Buͤrgers Gedichte —„— An Themirenm Traveſtiert nach dem Horaz⸗ L vöch, wuͤrden falſche Schwuͤre u Durch Zeichen an dir kund! Verfärbte ſich, Themire, Dein frevelhafter Mund! z O, daß ein Zahn ſich ſchwärzte, Meineidige! daß nur Ein Fingerchen dir ſchmerzte, Das ſich erhob zum Schwur! So glaubt' ich, Goͤtter hielten Noch'was auf Treu und Pflicht, Und falſche Maͤdchen ſpielten Mit theuren Eiden nicht.— Doch deinen Reiz erheben Verbrechen nur noch mehr; Und immer dichter ſchweben Verehrer um dich her. Frau Venus und ihr Volkchen Laͤßt fuͤnf gerade ſeyn. Von Unmuth nicht ein Woͤlkchen Huͤllt ihre Stirnen ein. Buͤrgers Gedichte. Per Dio! Was noch ſchlimmer, Dein Flatterſinn ergetzt, Den Schadenfroh, der immer An heißen Pfeilen wetzt. Daher in allen Schulen Befiedert täglich ſich Ein Heer von jungen Buhlen, Und insgeſammt fur dich. Die kommen dann, und zollen Dir Huldigung und Pflicht, Die Alten aber trollen Deßwegen ſich noch nicht. Und Alt und Jung umſchwaͤrmet Nun, wie behert, dein Haus. Man bapet ſich, man laͤrmet Ach! wo will das hinaus?— Dich ſcheut, des Soͤhnchens wegen, Die zaͤrtliche Mama; Und, ſeines Beutels wegen, Der geizige Papa. Du aͤngſtigſt junge Frauen: Es moͤchte deinen Werth Ein Tropfchen Gunſt bethauen, Das ihnen zugchoͤtt. Buͤrgers Gedichte. Diſe Menagerie der Goͤtter. W⸗ hier an Affen, Papageyn, An Kakadu und Raben Hofherrn und Damen insgemein Ihr traͤges Muͤthchen laben: So hegt auch mancher Gott ſein Thier, Selbſt in der Himmelsſtube⸗ Zeus dahlt mit ſeinem Adler ſchier, Wie ein Quintanerbube. Der darf in Cabinet und Saal, Auf Stuhl und Tafel ſpringen, Und keck ein ganzes Goͤttermal Ambroſia verſchlingen. Allein, wer ſo viel frißt, der muß Mit Gunſt! auch viel hoffieren. Drum moͤchte Juno, voll Verdruß, Ihm oft den Steiß verſchnuͤren. Dagegen kann ihr Pfauenpaar Sie deſto baß erfreuen; Doch ſchmaͤlet Zeus; und dieß iſt wahr, Daß ſie abſcheulich ſchreyen. — y„c— Buͤrgers Gedichte. 239 Mit Taͤubchen kuͤrzt an ihrem Platz Sich Cypria die Stunden. Ihr Por laͤßt flattern einen Spatz, An langen Zwirn gebunden. Minerva kommt durch ihre Gunſt Noch dem Olymp zu Statten: Denn ihre Eule faͤngt mit Kunſt Die Himmelsmaͤuſ' und Ratten. Apoll haͤlt ſolchen Tand fuͤr ſchwach, Naͤhrt ſich vier ſtolze Schimmel, Und galloppieret, Tag fuͤr Tag, Eins durch den weiten Himmel. Auch, ſagt man, haͤlt er einen Schwan, Des wunderbarer Schnabel Trotz Roms Caſtraten ſingen kann; Doch halt ich dieß fuͤr Fabel. Lyaͤus laͤßt den Wagen gar Von zahmen Tiegern fuͤhren, Und, ohne Sorge vor Gefahr, Sich durch die Welt kutſchieren. Vor Pluton's ſchwarzer Pforte bellt Der großte Pullenbeiſſer, Und macht die Qual der Unterwelt Durch ſein Geheul noch heißer. Buͤrgers Gedichte. Vor allen Thieren, groß und klein, Die ſich bey Goͤttern mäſten, Behagt Silenus Eſelein Nach meinem Sinn am beſten. Das iſt, fuͤrwahr! ein feines Vieh, Von ſondrer Zucht und Ehren, Und läßt von vorn und hinten nie Was Unverſchaͤmtes hoͤren. Nit ſich und ſeinem Herrn vergnägt, Geduldig allerwegen, Nimmt es vorlieb, ſo wie ſich's fugt, Mit Marzipan und Schlägen. Zum Keller weiß es hin und her Den Weg von ſelbſt zu finden; Auch braucht man gar nicht druͤber her Den Reiter feſt zu binden. Piano klimmt's den Berg hinan, Piano tritt's bergunter, Und wirft den trunknen Ehrenmann Kein einzig Mahl herunter. So einen Eſel wuͤnſcht' ich mir!— Silen, wirſt du einſt ſterben, So laß mich dieß bequeme Thier, Laß, Vater, laß mich's erben! Buͤrgers Gedichte. Prognoſticon. V Feuersgluth, vor Waſſersnoth Mag ſicher fort der Erdball ruͤcken. Wenn nech ein Untergang ihm droht, So wird er in Papier erſticken. Nn dem Klatrigem O, weg damit zur Garderobe, Hinweg, hinweg mit deinem Lobe! Das aͤrger meinen Ekel weckt, Als reichte mir ein Kraͤtziger Confect. 5detne ns Pranger. Nieten? Nichts, als kahle Nieten?— Nun, ſo niete dich denn ſatt und matt! Zur Vergeltung will ich dir auch biethen, Was noch Keiner dir gebothen hat. Nicht mit Erbſen muß man nach dir ſchnellen, Wie ein Luſtigmacher etwa ſchnellt: An den Pranger und in Eiſenſchellen, Sey, Fortuna, ſchimpflich ausgeſtellt!— Buͤrgers Gedichte II. B. Q 242 Buͤrgers Gedichte. Ruͤſtig, ihr Verwandten meiner Leyer, Satyrbuben, auf! Verſchont ſie nicht! Alle faulen Aepfel,— puh! und Eyer Werft der Buͤbin in das Angeſicht! Denn ſie iſt, ſie iſt die Ehrenloſe, Die das aͤrgſte Schandgeſindel liebt, Und nur ſelten ihrer Wolluſt Roſe Einem Biedermann zu koſten giebt. Ha, der Frechen! die ſo unverhohlen, Mir nichts, dir nichts! falſche Muͤnzen ſchlägt, Und aus Lumpenkupfer die Piſtolen, Und aus Gold die Lumpenheller praͤgt! O, wie manchem edlen Tugendſohne, Gönnte ſie kaum ſeinen Bettelſtab, Sie, die dennoch Zepter, Reich und Krone Oft dem tollſten Orang⸗Utan gab! Mit dem Raͤuber zieht ſie aus zum Raube; Selbſt dem Moͤrder fuͤhrt ſie oft den Stahl. Wie ſie rupft dem Habicht Lamm und Taube, Zupft ſie jenem Waiſ' und Witwe kahl. Seht, wie ſie bei'm Beutelſchneider ſtehet, Und den Gauner, den der Wuͤrfel nährt, Zum Gewinn die Schinderknochen drehet, Und dem frommen Tropf die Taſchen leert! Buͤrgers Gedichte. 243 Wie ſie dort den Mann von Treu und Glauben In der Heuchlerlarve fein beſchnellt, Und, ihm vollends Rock und Hemd zu rauben, Nachts dem Diebe gar die Leiter hält! Ha, mit Treue weiß ſie umzuſpringen, Wie die Katze mit der armen Maus! Wahrheit kann von ihr ein Liedchen ſingen, Wahrheit, oft verjagt von Amt und Haus! Doch, den Auswurf von den aͤrgſten Schelmen Lohnte ſie, fuͤr ſeine Heuchelkunſt, Oft mit Sternen, oft mit Ritterhelmen, Und mit Ueberſchwang von Fuͤrſtengunſt.— Wird ſie ſtets zum Tapfern ſich geſellen, Der fuͤr die gerechte Sache kriegt?— Oefter haben Schurken und Rebellen, Ohne Recht, durch ihre Hand geſiegt.— Dennoch wird in kurzem alle Gnade Ihren Buhlen oft zum Ungewinn; Wie im Maͤhrchen der Scheherezade Von der geilen Zauberkoͤnigin. Labe hieß ſie. Buhleriſch gewogen War ſie manchem jungen ſchoͤnen Mann! Doch, ſobald ſie ſatt der Luſt gepflogen, Spie ſie, hui und pfui! ſein Antitz an Q 2 Buͤrgers Gedichte. Hui und pfui! ward er zum Ungeheuer, Deſſen Nahmen ihre Zunge ſprach. Ihren Kitzel ſtilte bald ein Neuer: Aber immer traf ihn gleiche Schmach. Eben ſo ſchon tauſend Mahl gehandelt Hat die Buͤbin, die wir ausgeſtellt. Oft ihr liebſter Liebling wird verwandelt Durch die Zauberſtaͤbchen„Ehr' und Geld.“ Ihro Hoch⸗Hochehr- und Wohlehrwuͤrden Schaffet ſie zu Haͤmmeln, fett und dumm, Bloͤkend, wie die Bruͤder in den Huͤrden, Oefters auch zu Stutzeboͤcken um. Haſt du dich nicht wohl in Acht genommen, Wirſt du ploͤtzlich in den Koth geſtutzt, Weil ſie unverſehns von hinten kommen, Wirſt geknupfft, zertrampelt und beſchmutzt. Ihro Hoch- Hochwohl- und Wohlgebohren, Wann ſie ſich an ihnen ſatt gepflegt, Schenkt ſie hohe Ruͤſſel, oder Ohren, Wie ſie ein bekanntes Thierchen trägt. Manche werden Pavian' und Luͤchſe, Manchen ſchafft ſie um zum Krokodill, Fuͤrſtenſchranzen wandelt ſie in Fuͤchſe, Und Chamaͤleone, wie ſie will. Buͤrgers Gedichte. 245 Ihro Gnaden, dero theure Frauen, Gehen ebenfalls ſo leer nicht aus. Dieſe fuͤhrt, als ſtolzbeſchwaͤnzte Pfauen, Sie auf Baͤll' und Aſſembleen aus. Selten, ſelten ſchonet ſie der Krieger, Denen ſie mit Gunſt zur Seite war, Wandelt ſie in blutverſoffne Tieger, Oft, behuͤt'h uns Gott! in Teufel gar Die Gelahrten werden angebunden, Wild in Bärgeſtalten, an ihr Pult. Krittler bellen ſich zu tollen Hunden, Und ermuͤden Ohren und Geduld Philoſophen werden umgeſchaffen, Sammt Aeſthetikern, in Dunſt und Wind; Viel Poeten aber ſind ſchon Affen, Und die bleiben denn nur, was ſie ſind.— Fuſelbrenner, Muͤller, Baͤcker, Schlaͤchter, Brauer, Wirthe, Kauf- und Handelsherrn, Pferdetaͤuſcher, Lieferer und Pächter Wandelt ſie in Buͤffel gar zu gern. Manchem ihrer Soͤhne hext die Metze Einen Ruͤſſel, der nur frißt und ſaͤuft, Zu zerwuͤhlen die erbuhlten Schätze, Welche weiland Buͤffel aufgehaͤuft.— , Buͤrgers Gediehte. Dennoch,— ließe ſie nur ſo ſich gwägen An ſo mancher ſchnoͤden Zauberthat!— Aber, ach! auch Koͤpfe läßt ſie fliegen. Manchen Liebling flocht ſie ſchon auf's Rad. Wie mit Ruͤben, ſo mit Menſchenhaͤlſen Spielt ſie. Den, dem ſie die Hand kaum gab, Ihn zu heben auf den Ehrenfelſen, Stuͤrzt ſie ruͤcklings wieder tief hinab. Manchem Reichen, wann ſie kaum gefuͤllet Seinen Kaſten, hoch bis an den Rand, Hat ſie hinterher den Strick getrillet, Und ihn aufgeknüpft durch eigne Hand. Dieb' und Gauner, deren guter Engel Sie zu Schutz und Trutz geweſen war, Wandelt ſie zuletzt in Galgenſchwengel Und in Speiſe fuͤr die Rabenſchar.— O der Buͤbin! Ueber ihren Raͤnken Gehn mir Sprache ſchier und Athem aus.— Dieſer Litanei ſoll ſie gedenken!— Satyrbuben, packt euch nun nach Haus! Buͤrgers Gedichte. Die Hexe, die ich meyne. Parodie. O„was in tauſend Zauberpracht, Die Hexe, die ich meyne, kacht! Nun ſing', o Lied, und ſag's der Welt: Wer hat den Unfug angeſtellt, Daß ſo in taufend Zauberpracht Die Here, die ich meyne, lacht? Wer ſchuf, zu frommem Trug ſo ſchlau, Ihr Auge ſanft und Himmelblau?— Das that des boͤſen Feindes Kunſt; Der iſt ein Freund vom blauen Dunſt, Der ſchuf, zu frommem Trug ſo ſchlau, Ihr Auge ſanft und himmelblau. Wer hat geſotten das Gebluͤt, Das aus den Wangen ſtrotzt und gluͤht?— Der Koch, den ihr errathen koͤnnt, In deſſen Kuͤch' es immer brennt, Der hat geſotten das Gebluͤt, Das aus den Wangen ſtrotzt und gluͤht⸗ Wer ſchwefelte ſo licht und klar Der kleinen Hexe krauſes Haat?— 248 Buͤrgers Gedichte. Hans Satan, der zu aller Friſt Der größte Schwefelkraͤmer iſt, Der ſchwefelte ſo licht und klar Der kleinen Hexe krauſes Haar. Wer gab zu Heuchelred' und Sang Der Hexe holder Stimme Flang?— O, die Muſik iſt deſſen werth, Der die Sirenen trillern lehrt; Der gab zu Heuchelred' und Sang Der Hexe holder Stimme Klang. Wer ſchuf, o Liedlein, mach' es kund! Der Hexe Bruſt ſo apfelrund?— Der Adam's Frau das Maul geſchmiert, Und ihn mit Aepfeln angefuͤhrt, Der ſchuf, zur Warnung ſey es kund! Der Here Bruſt ſo apfelrund. Wer hat, die Fuͤßchen abgedreht, Worauf die kleine Here geht?— Ein Drechsler war es, der es that, Der ſelber Ziegenfußchen hat, Der hat die Fuͤßchen abgedreht, Worauf die kleine Hexe geht. Und wer verſah, ſo ſchlangenklug, So Herz, als Mund, mit Lug und Trug?— Er that's der hölliſche Prafect, Der in die Welt die Lügen heckt, N— — dc) 2c Buͤrgers Gedichte. 249 Der, der verſah, ſo ſchlangenklug, So Herz, als Mund, mit Lug und Trug. Wie kommt es, daß zu jeder Friſt Aprill der Hexe Wahlſpruch iſt?— Der Teufel, der's ihr angethan, That's ihr der Hoͤrner wegen an; Denn, wenn die Here ſtandhaft waͤr', Wo naͤhm' der Teufel Hoͤrner her? Den gnade Gott, den ſie beruͤckt, Und in ihr Zaubernetz verſtrickt! Denn, nicht fuͤr meiner Suͤnden Pein, Mocht' ich des Teufels Schwager ſeyn. Drum gnade Gott, den ſie beruͤckt, Und in ihr Zaubernetz verſtrickt! 5 i i t. Wn einſam eine Nachtigall Ihr Wunderlied euch ſaͤnge, Und braͤcht' in euch, mit ſuͤßem Schall, Den Odem in's Gedraͤnge; Ihr lauſchtet zu am Waſſerfall, So ſtill, um's Herz ſo enge! Und dann begaͤnnen uͤberall Von Stahren eine Menge, 250 Buͤrgers Gedichte. Und ahmten nach die Nachtigall, Und ihre Haingeſaͤnge; Und braͤchten ihren ſuͤßen Schall Mit Schnirrſchnarr in's Gedränge, Der euch ſo jämmerlich fatal, Wie mir Balladen, klaͤnge, Sie( Der Pfiſſ. M koſtete die Lotterei Sonſt jaͤhrlich leicht an fuͤnfzig Thgler; Doch ſchwerlich fuhr wohl Jemand kahler, Als meine Wenigkeit, dabei. Drob kratzt' ich mich nun hinter'n Ohren, Und ſann,— da fiel ein Pfiff mir ein, Und was ich netto ſonſt verloren, Bringt der mir netto wieder ein. Das iſt ein Pfiffchen!— Ha, wie fein!— Nun laͤßt das Gluͤck mich ungeſchoren. Die Funfzig ſind und bleiben mein. Das macht,— ich ſetze nicht mehr ein. Buͤrgers Gedichte. 251 Geſpräch bei'm Ball. 1We⸗ tanzt fuͤr Eine dort mit Herrn von Mirabell? Ein Fraͤulein? oder Mammeſell? B. Ein Fraͤulein! Ei! wie dumm du biſt! Siehſt du denn nicht, daß ſie verwachſen iſt? A. S iſt ſonderbar, bei meiner Treu'! Doch ſag, woher mag das wohl ruͤhren? B. Vom Windeln, Buͤndeln, Zieren, Schnuͤ⸗ ren, Vom Taillemachen und Dreſſiren, Von Magd⸗ und Ammenhudelei, Weil ſich Mama nicht will genieren: Kurz um, von Vornehmthuerei! Auf einen literariſchen Haͤndelſucher. S. Gegen ihn vom Leder ziehn?— Dabei gewoͤnn' er; ich verloͤre! Denn meine Fuchtel adelt' ihn, Sie aber kaͤm' um ihre Ehre. Buͤrgers Gedichte. Geweihtes Angebinde Zu Louiſens Geburtstage. Kun denn nur der Vater Pabſt allein Schwerter, Kerzen, Amulet' und Ringe Fuͤr die Frommen ſeiner Kirche weihn, Daß kein Leid und Unheil an ſis dringe?— Freilich ruͤhmt er ſich mit ſtolzem Sinn Gottes hoͤchſten Prieſter auf der Erde; Aber ich, auch ich weiß, was ich bin, Weiß, daß ich ihm nimmer weichen werde. Denn ich bin zu hoher Prieſterſchaft, Nicht, wie er, von Menſchen auserkoren, Bin dazu empfangen und geboren, Und empor geſproßt durch Gottes Kraft! Bin geweiht zum Prieſter des Apoll Mit des Gottes Kranz und goldnem Stabe! Seines Geiſtes bin ich froh und voll; Warum nicht auch frommer Wundergabe?— Ja, ich bin's! So weih ich bethend dann Dieſes Band mit Wunderkraft und Segen, Daß ich's an Louiſe'ns Buſen legen, Und damit ihr Herz begluͤcken kann; O, ein Herz, des beſten Gluckes werth! Das ich nie zu ruͤhmen mich beſtrebe, Weil der ſchönſte Nahme, den ich gebe, Doch dieß Herz noch nicht genugſam ehrt.— Band, ich ſegne dich mit Freud' und Luſt, Fuͤr das längſte Leben, ſonder Grämen; Dieſen Segen ſollſt du in die Bruſt Meiner edlen Freundin reichlich ſtroͤmen! Freud' und Luſt an ihrem braven Mann Ein Jahrhundert, oder nicht viel minder, Freud' und Luſt an Allem ab und an, An und ab dem Kleeblatt holder Kinder; Freud' und Luſt, von keinem Harm vergaͤllt, Sey durch dich ihr in die Bruſt gegoſſen, Freud' an Gottes ganzer weiter Welt, Mich, den Prieſter, auch mit eingeſchloſſen! Ein Gasus anatomicus. S Kaufmann Harpar ſtarb; ſein Leichnam ward ſecieret; Und als man uͤberall dem Uebel nachge ſpuͤret, So kam man auch auf's Perz, und ſieh! er hatte keins: Da, wo ſonſt dieſes ſchlaͤgt, fand man das Ein⸗ mahleins. ———— Buͤrgers Gedichte. 233 Buͤrgers Gedichte. . Herr von Gäaͤn ſewitz zum Kammerdiener. B doch draußen, ſtill zu bleiben! Ich muß jetzt meinen Namen ſchreiben. Neuſeelaͤndiſches Schlachtlied. S ihr Geſellen, empor und hervor! So ſtampfen, ſo tanzen die Wogen empor, Hoch uͤber das Riff hin, mit zorniger Macht: So tanzen wir muthig zur blutigen Schlacht. Zuſammen! Zuſammen! Zuſammen heran, Was ruͤhren an Schenkeln und Armen ſich kann! Wie Wirbelwind ſchuͤttelt das Roͤhrig im Moor: So ſchwenken wir Schlachtbeil' und Lanzen empor. Scharf ſind ſie gewetzt, wie des Waſſerhunds Zahn, Zum Boren, zum Spalten. Fleuch, Lanze, voran! Fleuch ſtraͤcklich! Tief, tief in den Buſen hinein! Beil, ſpalt' und zerſchellere Schaͤdel und Bein! „— d. or , kann! ot⸗ mpol. hunds oran! inein! Buͤrgers Gedichte. 255 Heut fobern wir Rache, heut biethen wir Mord; Wir fodern, wir kommen, und halten das Wort. Nichts kuͤmmert den Sturm, der die Waͤlder zer⸗ bricht: Wir fodern, wir kommen, und ſchonen euch nicht. Heim bauen die Weiber und Kinder den Herd⸗ Ein leckeres Fleiſchmahl iſt heut uns beſchert. Schon wolkt ſich dort hinter den Bergen der Rauch; Schon kniſtert, ſchon lodert die Lohe vom Strauch. Uns luͤſtert, uns hungert ſchon lange nach euch; Heim lauern die Hunde am ſpuͤlenden Teich. Wir ſchmauſen heut Abend euch jauchzend hinein, Rein auf, bis an's klingende, blanke Gebein. Riſch, raſch, ihr Geſellen, riſch an uͤberal! Bald nieſen die Naſen vom roͤſtenden Mahl; Die Lohe verlodert; der Ofen iſt gluh! Halloha! Halloha! Werft zu nun! Haut zu! 256 Buͤrgers Gedichte. Verwunderung uͤber die allezeit Fertigen. Men Gott! Wie macht's wohl mancher Mann, Der jeden Quark beverſeln kann, So viel Gedanken aufzujagen? Gedanken?— Worte wollt' ich ſagen. Woher ich auf andere Gedanken komme. nß, unbemerkt, verdienſt- und nahmenlos Hielt ich in ganzem Ernſt mich immer faſt bis ge⸗ ſtern: Doch endlich duͤnk' ich bald mich ſelber werth und groß, Weil viel Canaillen ſchon mich haſſen und ver laͤſtern. —— 2 78 178 ——„— —„—— ſchet Buͤrgers Gedichte. 257 e Unter der Predigt. Fn. deine Predigt gleicht dem Heer⸗Poſau⸗ nen⸗Schalle, Dem Jericho erlag, durch ihren Wunderlaut. Denn bald zerreißt von ihrem Donnerhalle,— O Gotteskraft!— des Ohres Trommelhaut. Doch, ſoll das End' auch noch des Hoͤrers Beyfall lohnen, So mußt du ſeiner Ohren ſchonen. Der arme Dichter. En Dichter, rund und feiſt bey Leibe, Mit einem Antlitz, lang, wie breit, Und glaͤnzend, wie des Vollmonds Scheibe, Sprach einſt von ſeiner Duͤrftigkeit, Und ſchimpfte brav auf theure Zeit. Das thun Sie blos zum Zeitvertreibe, Rief einer aus der Compagnie; Denn dieß Gedeihn an Ihrem werthen Leibe, Und Ihr Geſicht, die ſchoͤne Vollmondsſcheibe, Herr Klaͤger, zeugen wider Sie!“— Buͤrgers Gedichte 1I. B. R —— 258 Buͤrgers Gedichte. „Das hat ſich wohl! ſeufzt der Poet geduldig. Doch, Gott geſegn' ihn! meinen Bauch,— Sanft ſtrich er ihn,— und dieſen Vollmond auch, Bin ich dem Speiſewirth noch ſchuldig.“ Der Edelmann und der Bauer. 8 ſchwoͤr' ich dir bey meinem hohen Namen, Mein guter Klaus, ich bin aus altem Samen!“ „Das iſt nicht gut! erwiedert Klaus. Oft artet alter Samen aus.“ Hans Grobian von Dummbart. Ein Epilog zum Muſen-Almanach. 2 Publikum, ſo heißt das Ding mit Namen, Kenn' ich verſchiedne Herrn und Damen. Nun pfleg' ich dort, Jahr aus, Jahr ein, Aus meinem Treibhaus, oder Garten, Mit etwas Fruͤchten aufzuwarten. Da pack' ich in den Korb hinein Von Allem, was das Jahr beſcheret; Und weil man gern ſich ruͤhmen hoͤret, — — —— — — men, men Buͤrgers Gedichte. 259 So leſ' ich, was ich kann, das Beſte ſtets heraus; Den Abfall brauch' ich ſelbſt fuͤr's Haus. Kann ich mit etwas Apfelſinen, Melonen, oder Ananas Die Leckermäulerchen bedienen, So thu' ich herzlich gern auch das. Doch Aepfel, Birnen, Zwetſchen, Pflaumen, Sind auch ganz gut fuͤr hunderttauſend Gaumen; Und jeder Schops weiß ungefähr, Von dieſen erntet man natuͤrlich ungleich mehr. Die muͤſſen dann den größten Raum erfuͤllen. Nun ſchluͤpft ja freylich fuͤr die Sau Manch gruͤnlich Ding mit ein, ganz wider meinen Willen. Der Henker gucke ſo genau! Nun, lieben Freunde, laßt euch ſagen, Wie ein gewiſſer Grobian, Von Dummbart ſich hierbey pflegt zu betragen. „Der Korb, ſo hebt Hans Grobian Von Dummbart grob und dumm ſein Recepiſſe an, So bald er ihn hat hin genommen, Herrn Buͤrger's Korb iſt wieder angekommen. Doch finden Wir nur wenig Ananas Mit drunter, wenig Apfelſinen; R 2 20 Buͤrgers Gedichtr. Und Pflaumen deſto mehr! Herr Ponifaz, von Ihnen Erwartet man ſonſt billig, daß Sie uns mit eitel Ananas Und gar mit Pflaumen nicht bedienen.“ Ey, Herr, ſo dank' er wenigſtens fuͤr das, Was Er gefunden hat an Ananas! Was gibt Er mir die Pflaumen anzuhoͤren? Will Er mich etwa Ananas Von Pflaumen unterſcheiden lehren? Meynt Er im Ernſt, meynt Er im Spaß Daß Apfelſin' und Ananas In Schwaben, Franken, Rheinland, Sachſen, Wie Heckeſchleh'n, an allen Straßen wachſen? Er dummes Grobiansgeſicht Mag kuͤnftig kluger ſich bedenken! Die Grobheit konnt' ich gern Ihm ſchenken; Nur ſeine dumme Dummheit nicht! „— S — de— — „c) 78— hnen Buͤrgers Gedichte. 261 Heilige Verſicherung. Gau nur, der Wir, der im Kritik⸗Gericht So oft mit unverſchämter Zunge Sentenzen den Magnaten ſpricht, Von Gottes Gnaden iſt er nicht; Wohl aber oft— ein Lauſejunge! Auf einen Erz⸗Cujon. O, wuͤßt' ers nur, der Erz-Cuſon, Der nun ſo manches Unheil ſchon Mir an zu cujoniren dachte, Wie kalt und tief ich ihn verachte, O fuͤhlt' er's nur, der Erz⸗Cujon, Die Schwerenoth kriegt' er davon! ——————— Gaͤnſegeſchrey und Gaͤnſekiele. J dummer Kikak rettet' einſt Rom's Kapitolium; Doch ihre Kiele ſtuͤrzen nun Die ſieben Huͤgel um. Buͤrgers Gedichte. Die beyden Mahler. Z Zeuris prahlt' einſt Agatharch, ein kleiner, Fipfingriger, behender Pinſelmann: „So ſchnell, wie ich, mahlt wohl ſo leicht nicht Einer!“— „Und ich, hub Zeuxis ruhig an, Ich ruͤhme mich, daß ich ſo langſam mahlen kann!“— Den Fingerfix nennt jetzt faſt Keiner; Den Zeuxis noch faſt Jedermann. Aufgegebene Liebeserklaͤrung an Sophien. Nach vorgeſchriebenen Endreimen. Am 21. Növember 178. An Herzen, wie am Geiſt, laͤngſt dumpf, und ſtumpf, wie— Bley, Waäͤhnt' ich,— ein ſchlechtes Ziel!— Vor Amors Pfeil mich— frey. Bekannt mit meinem Werth, an Leib und Seele— Fratze, 2 nicht eh. Buͤrgers Gedichte. 263 Frißt, dacht' ich, wie ich bin, mich weder Hund, noch— Katze. Ich wuͤrgt' an Vers und Reim, als ſteckt' im Hals ein— Pflock, Und langſam ſchlich mein Witz, wie Aarons Suͤn— den⸗— Bock. Da, Fiekchen, tratſt du auf, an Kraft ein Lebens⸗ — Engel, Bewegteſt zum Bimbam der Zunge traͤgen— Schwengel, Nun, daͤucht mir, komm' ich faſt von neuem in den — Schuß. Ganz fraß vielleicht der Wurm mich nicht zur tau⸗ ben— Nuß. Ha! traͤnkteſt du mich nun mit deiner Liebe— Sprudel, So lernt' ich dein Apport noch, wie der juͤngſte— Pudel. Dir ſpraͤng' ich uͤber'm Stock, und tanzt' im bun⸗, ten— Frack, Als Aeffchen oder Bär, zum Pohlnſchen Dudel⸗— Sack. 264 Buͤrgers Gedichte. Als Eliſe ſich ohne Lebewohl entfernt hatte. Goͤttingen, am 22. November 173 ½, Morgens um 9 uhr⸗ F Buͤrger, friſch zuſammen dich genommen, Und ruͤſtig vorwaͤrts ſtets von hier Im Ocean der Zeiten fortgeſchwommen!— Sie iſt nicht fort, das glaube mir!— Steh' nicht ſo duͤſter, ſo beklommen, Nicht ſo an Hoffnung, Muth und Lebenskraft ver⸗ glommen! Sie wird gewiß noch irgendwo zu dir, Du wirſt gewiß noch irgendwo zu Ihr, Auf einem Freudenfeſt der Edeln und der Frommen, Wer weiß, an welcher Quelle, kommen. Im Engelston gebot ſie dir: „Steh nicht ſo duͤſter, ſo beklommen!“— Sie iſt nicht fort, das glaube mir! Denn— Abſchied hat ſie nicht genommen. m— —„— tte. ver⸗ un, Buͤrgers Gedichte. 265 Schnick und Schnack. du vor Hack und Mack Den Duft der beſten Thaten! Kaum wird Frau Schnick und kaum Herr Schnack Ihn merken und verrathen. Mach aber Einen ſchwachen Streich,— Wer kann dem immer wehren?— Ganz heimlich!— O, ſo wirſt du gleich Dein blaues Wunder hoͤren! Umſonſt, umſonſt bemuͤhſt du dich, Ihn halb nur zu verſtecken. Vom Liebesmantel findet ſich Kein Läppchen, ihn zu decken. Beging'ſt du ihn im Keller gleich, Tief in der Nacht der Erde: Hervor muß er, der matte Streich, Daß er beſchnickſchnackt werde! Du fragſt umſonſt: Wie hat das Pack Das Bißchen Streich erfahren?— Auch Klag und Fluch auf Schnick und Schnack Kannſt du gemächlich ſparen. 266 Buͤrgers Gedichte. Sie borgen dann die Liſt vom Fuchs; Vom Spuͤrhund ihre Naſen; Die gluhen Augen von dem Luchs; Die Ohren von dem Haſen. Und ſpuͤren und verſchonen nie, Nicht Bruder, Schweſter, Baſe. Wie Galgenraben ſchwaͤrmen ſie Am liebſten nach dem Aaſe. Einladung. S. doch einmal mein Gaſt, Herr Plitt! Schon bitt' ich euch zu hundert Malen. Bringt ihr etwa eur Eſſen mit, So ſollt ihr nur den Wein bezahlen. Der dunkle Dichter. Lykophron baut Schoͤppenſtaͤdt's*) Pallaſt, Doch keine Fenſter drein. Abhelflich traͤgt das Licht ſein Scholiaſt Im Sack hinein. *) Im Sprichwort das Niederſaͤchſiſche Abdera. laf Buͤrgers Gedichte. Der verſetzte Himmel. Sonett. Lan und Luſt des Himmels zu erſchauen, Wo hinan des Frommen Wuͤnſche ſchweben, Muß dein Blick ſich uͤber dich erheben, Wie des Betenden voll Gottvertrauen. Unter dir iſt Todesnacht und Grauen. Wuͤrde dir ein Blick hinab gegeben, So gewahrteſt du mit Angſt und Beben Das Gebiet der Hoͤll' und Satans Klauen. Alſo ſpricht gemeiner Menſchenglaube. Aber wann aus meines Armes Wiege Molly's Blick empor nach meinem ſchmachtet: Weiß ich, daß im Auge meiner Taube Aller Himmelsſeligkeit Genuͤge Unter mir der trunkne Blick betrachtet. 267 Buͤrgers Gedichte. An die Nymphe zu Meinberg*). Pos, Nymphe, dir! Dein Kraftquell ſieget oft, Wann Außenglut den derben Bau umlodert. Doch tröſte Gott den Hausherrn, der noch hofft, So bald der Kern in Schwell' und Ständer modert! Kritik betreffend. V m er mein Gedicht mit Recht, So hilft wahrhaftig kein Vertreten; Doch urtheilt Meiſter Krittler ſchlecht, So iſt's wahrhaftig nicht vonnöthen; Drum wuͤrd' ich nie, ſchlecht oder recht, Eins vor dem Kritiker vertreten. W *) Ein Heilbad in der Grafſchaft Lippe⸗Detmold. dert! Buͤrgers Gedichte. 269 Odee. Un Seine Konigliche Hoheit, Friedrich, Herzog von York und Fuͤrſt Biſchof von Osnabruͤck, u. w. Bey Hoͤchſtdero Anweſenheit in Goͤttingen am 13. Sept. 1786 uͤberreicht von den daſelbſt Studierenden. N hat in unſern Herzen nicht ausgetoͤnt Das Melodien⸗Opfer des frommen Danks; Noch ſchwebet uͤber allen Saiten Nimmer erſterbender Wonne Nachhall; Noch ſtets umweht's die gluͤhenden Stirnen uns, Wie Schwanenſittich hoher Begeiſterung, Als wollt' es zu Triumph⸗Geſängen Jeglichen Funken der Seele wecken.— Verlieh uns Hochbegluͤckten die Gottheit nicht, Zu feyern ihr ein heiliges, hohes Feſt, Ein hoͤheres, als jedes Sieges, Jeder Eroberung Jubelfeſte e Erkettet, ha! errettet, errettet ward Vom Todesdolche, der ihm zu Herzen fuhr, Georg, die Wonne ſeiner Voölker, Durch den umſchirmenden Schild der Allmacht. 270 Buͤrgers Gedichte. Nun zeigſt du unſern Hainen und Hallen dich, O Friedrich, edler Sohn des Erretteten! Du, deines Vaters Liebling! Seiner Herrlichſten Tugenden Lieblingserbe! Was Wunder, wenn ſchon wieder der ſanfte Hall Zum vollen, lauten Jubel⸗Geſang entſchwillt? Wenn jeden Fuß des Freudenreigens Raſcherer Wirbel von neuem fortreißt? Denn ſehn wir nicht in dir das geliebte Bild Des Allgeliebten, den wir noch ſelbſt nicht ſahn? Nicht ſeine Himmelsguͤte leuchten, Aehnlich der Sonn' aus zerrißnen Wolken?— Sey uns gegruͤßt aus Herzen voll Lieb und Luſt! Und laß dir huldreich, wie es dein Vater iſt, Die Huldigungen wohlgefallen, Welche dich rauſchend umwehn und ſäuſelnd! ich Hall uſl Buͤrgers Gedichte. Frage. W Sollt es denn nicht beſſer laſſen, Ein ſchoͤnes Bild im Muſenhain, Als Pfahl nur, oder Pflaſterſtein, Kaum gut genug fur Zaͤun' und Gaſſen, In dieſer beſten Welt zu ſeyn2 Won uͤber meine Maͤnnertugend Ihr zu Gericht euch niederſetzt, So hetzt ihr jeden Fehl; ihr hetzt Herbey ſogar den Fehl der Jugend. Weil euch denn dran gelegen iſt, Daß jeden Quark ihr von mir wißt, So ſey hiermit euch unverhalten: Die erſten Hoſen, die ich trug, Und vollends gar mein Kindertuch Hab' ich nicht immer rein gehalten. Buͤrgers Gedichte. Adler und Lork.*) An Adler, welcher ſich erhebet, Und in dem lichten Freyen ſchwebet, * Sieht jeder Lork aus ſeinem Dreck, Und ruͤgt ihn gern den kleinſten Fleck. Doch wer bemerkt am Lork im Drecke Die kleinen und die großen Flecke? Vollkommener Ernſt. ——— Sp, junger Freund, o ſpricht, was dich be⸗ wegt, Nach ſchnoͤdem Dichterruhm dich athemlos zu laufen? Ha, dieſen Dorn, den ach! mein Wohlſeyn in ſich traͤgt, Den Satans⸗Engel, der mein Gluͤck mit Fäuſten ſchlägt, Wollt' ich,— o, koͤnnt' ich nur! ſpottwohlfeil dir verkaufen! *) Verzeihung fuͤr dieß Niederdeutſche Wort! Kein Hochdeutſches druͤckt die Verachtung ſo kräftig aus⸗ Als h be⸗ fen? nſich uſten Buͤrgers Gedichte. 273 Als das Obige fuͤr Verſuͤndigung erklaͤrt wurde. ch ſchelte nicht die edle Gabe, Die ich von Gott empfangen habe. Die Gabe hat mir Heil gewaͤhrt; Allein ihr Ruhm oft Fluch beſchert. An einen Sittenkrittler. Herz gibt dir mehr Stoff zum Sprechen, Keins zu Kritiken mehr, als meins. Gern wollt' ich mich an deinem raͤchen, O Krittler, haͤtteſt du nur eins! Advocaten⸗Prahlerei. Ro fragt, Triumph im Angeſicht: Wer hat an Haͤndeln mehr gewonnen, Als ich, vor Stadt- und Landgericht?— Ganz recht! Genug hat er gewonnen: Denn ſein Client gewann es nicht. Buͤrgers Gedichte II. B. S Buͤrgers Gedichte. An die Splitterrichter. D freut mich doch, ihr Herren Falken, Die ihr, Gott weiß, warum? erboßt, So gern auf meine Fehler ſtoßt, Daß ihr nichts mehr erſteßt, ihr Falken, Als Splitter nur von euern Balken. S 1 f — M Stumpf, der Orthodoxen Haupt, Glaubt, was nur je der Menſchheit fruͤhſte Jugend An Un⸗ und Widerſinn geglaubt: Sogar an ſeines Weibes Tugend. Aruſper und Profeſſor. We ein Aruſper dem Collegen Ohn' auszulachen, einſt entgegen Mit Ernſt zu treten faͤhig war, Schien, Tullius, dir wunderdar. Ein groͤßres Wunder faſt waͤr's unter uns zu nen⸗ nen, Wie's manche Profeſſoren können. 3— Buͤrgers Gedichte. 275 Die nup. n, S. wollen nicht den kleinſten Lumpen miſſen, Den vor Jahrtauſenden die Zeit ſchon abgeriſſen, Und herzlich gern in das Verließ geſchmiſſen. „ w Nach dem Franzoͤſiſchen. A gend— Wreund, meide doch die Fulvia! Denn, ſieh! mit Haͤnden greift ſich's ja: Die Falſche gibt vor allen Gaͤſten Dich immer ohne Scheu zum Beſten. B. Hum! Mag ſie doch! Man weiß es ja! Gefaͤllig gibt Frau Fulvia Gern Alles, was ſie hat, zum Beſten. nel —— Büͤrgers Gedichte. 5 B 5. E. gibt der bettelſtolzen Hachen, Die mehr aus aͤrmlicher Katheder-Theorei, Als aus Homer's Geſang, Amphion's Melodei, Und jedem Goͤtterwerk der Muſe ſelber machen. Sprich, Menſchenſinn, und ſag es laut den Ha⸗ chen, Daß dieſem Wahnſinn ganz der Wahnſinn aͤhnlich ſey: Aus dem Compendio der Anthropologei, Das ein Profeſſor ſchreibt, fuͤr ſeine Kleriſei, Mehr, als aus Gottes Werk, dem Menſchen ſelbſt, zu machen. Auf ein eigenes Gedicht Johann Ballhorn's. So hier, du frommer Chriſt, der Aus⸗ ſchweifungen Strafen! Sein eignes Muſenweib hat nun der Schlaf— be⸗ ſchlafen. Buͤrgers Gedichte. 277 Ein Kindelein, ſo löbeliche. 1 N ſieht man ſeines Geiſtes Sohn Noch von der Druckerpreſſe triefen, Da pocht der Zeitungstraͤger ſchon Mit des Papas Gevatterbriefen. 1. He⸗ znic Gloſſſe. M Unrecht tadelſt du, was er ſo weislich that, ſelbſt, Den uͤberlegten Schritt, ſich ſelbſt zu recenſieren. Denn dem gebuͤhrt's allein, ſein Buch zu kritiſieren, Der es allein geleſen hat. ————— mt. Auf einen Heuſchrecken⸗Prediger. Au— ſtrömte von ſchrecklicher Zunge, nfn Schreckte den Klugen, ſchreckte den Tropf; 14 Dieſen die ſchrecklich volle Lunge, Jenen der ſchrecklich leere Kopf. Buͤrgers Gedichte. Aufmehr, als Einen. F Ahn ſollte Deutſchland wenig kennen? Es kennt ihn ſehr genau Oft hoͤrt' ich ſeinen Namen nennen Im MNamen ſeiner Frau. Europa und der Friede. Jungfer, deren Bild vor Homann's Atlas prangt, Europen hoͤrt ich juͤngſt hold mit dem Frieden koſen: „Komm, ſey mein Braͤutigam! Und brich mit mir die Roſen Getreuer Lieb' und Luſt, wornach mein Herz ver⸗ langt!“— „Gern baut' ich, ſprach der Gott, mit treuem 44 Muth dein Goſen, Verſalzten mir die Luſt nicht deine“„Nun?“— „Franzoſen!“ nanns jtieden it mit vil⸗ treben in, 1 Buͤrgers Gedichte. 279 Gedanke an der Marſchalls-Tafel. 6 Mo kann im Staat gar mancher Ehr' entbehren: Verſteht man nur die Kunſt, ſich ſelbſt zu ehren. S 6 61 W⸗ zwiſchen manchem wilden Haufen Sich Bullius, der Aldermann, An Hörnern endlich abgelaufen, Das laͤuft ſein Weib ihm wieder an. Hochzeit⸗Carmen. Kin mit mir das arme Weib! Liebe war ihr Zeitvertreib; Die verſcherzt' ihr Ruf und Mann. Halb verbluͤht und hoffnungsleer, Angelte ſie hin und her; Endlich biß noch Einer an. Klagt mit mir den armen Mann! Buͤrgers Gedichte. Vogelſcheu. Den Tuͤckiſchen, dem Weiſe gerne weichen, Dem Vogelſcheu vergleichſt du ihn? Er wird, das geb' ich zu, die Nachtigallen ſcheu⸗ chen, Die Raben wird er an ſich ziehn. Entſehuldigung A. E E. treffe deines Witzes Rache Den Stentor Eiſenſtirn! B. O nein! Der weiß zu luͤgen und zu ſchrein, Kein Hörer naht ſich gern der unverſchämten Lache: Und daß der Thor nicht auch dem Leſer Ekel mache, Muͤßt' ich ihm Schmeichelzuge leihn. BPüurgers Gedichte. 281 Schminklappe. eichen, D Wen alten Adam zu ertödten ſcheu Hat er vergebens ſich verwandt. Doch, ſeht! Er zwang mit ſchlauer Hand Den alten Adam, zu erröthen. Werth des Chriſtenthums. „Sen junges ſchoͤnes Weib iſt todt: Nun wird er Welt und Schickſal haſſen!“ O, damit hat es keine Noth; Ein guter Chriſt weiß ſich zu faſſeg. macht 282 Buͤrgers Gedichte. Fragment eines wahrhaften Geſpraͤchs. Profeſſor. S Wraund, haben ſie wohl hier die Bruͤder Stern gekannt? Anonymus. O ja, zwei junge Maͤnner von Verſtand.— Profeſſor. Ganz recht! und großem Fleiß;— dafuͤr kann ich ſchon haften⸗ Anonymus. Der Aeltſte trieb Finanz und Cameralia, Technologie und Oekonomica; Der Juͤngſte Weltweisheit und ſchöne Wiſſenſchaf⸗ ten. Profeſſor(erſchrocken.) Bitt' um Vergebung! Nein! das hat er nicht gethan; Der Juͤngſte war vielmehr auch ein recht wackrer Mann! Buͤrgers Gedichte. 283 Re P Löwenzahn, den Friederich genommen, rüder Steht meiner Schwachheit trefflich an.“ Weit beſſer wuͤrde dir ein andrer Zahn bekommen: Er heißt der Weisheitszahn. e kun eines an's peinliche Kreuz der Verlegenheit genagelten Herausgebers eines Muſen-Almanachs. o Vater der neun Schweſtern, Die unter deinem Lorbeer ruhn, ſhi Vergib es denen, die dich nun Und immerdar durch Schofelwerke läſtern! Sie wiſſen ja nicht, was ſie thun! nicht cre —— Buͤrgers Gedichte. An Madam B., geb. M. Se, geliebte Freundin, und wiederſehen das Werthe, Auf der verworrnen Bahn, welche das Leben durchkreuzt, Das ſind Bluͤthen des Gluͤcks, die jedem Waller nicht bluͤhen. Dennoch welken ſie auch, aͤhnlich den Bluͤthen des Mais. Lieblich haben ſie dir und mir drei Tage geduftet; Morgen fallen ſie welk ab von der werdenden Frucht. Wiederinnerung heißt die Frucht, die ihnen ent⸗ keimet, Säuerlich Anfangs noch, ſuͤßer in Reife dereinſt, Reich', o Phantaſie, die Frucht dem durſtenden Herzen Auf der ermuͤdenden Bahn, welche das Leben durchkreuzt, Reiche ſie reif und ſuͤß im Weidenkörbchen durch⸗ flochten Mit Vergißmeinnicht, kummerverlächelnd ihm dar! ndas Leben Waller then uftet; enden ent⸗ einſt, enden Lehen durch⸗ ihm Buͤrgers Gedichte. 285 Die Eſel und die Nachtigallen⸗ — E⸗ giebt der Eſel, welche wollen, Daß Nachtigallen hin und her Des Muͤllers Saͤcke tragen ſollen. Ob's recht? fällt mir zu ſagen ſchwer. Das weiß ich: Nachtigallen wollen Nicht, daß die Eſel ſingen ſollen. L eken bußer. „ En Harfner hatt' ein Harfenſpiel Fuͤr ſeine Hand erſonnen. Drauf hatt' er ſuͤßen Lobes viel Im Land umher gewonnen. Keck ſtahl das Harfenſpiel ein Schwarm Von Affen gleichen Juͤngern, Und quälte ſich, daß Gott erbarm! Dem Harfner nachzufingern. Viel Gluͤck, viel Gluͤck zum Ehrenſchmaus, Ihr ruhmbeflißnen Juͤnger! Die Harfe macht's allein nicht aus, Stehlt ihm auch Hand und Finger! Buͤrgers Gedichte. Das Wappen. Spn lange ſoll den Laffen, Schmerl, Der bald ſich adeln laͤßt, die Wahl des Wappens quaͤlen. Man rath' ihm doch, dazu den Kamm zu waͤhlen! Denn keins iſt paſſender fuͤr einen Lauſekerl. Der Maulwurf und der Gärtner. En Maulwurf verwuͤſtete die ſchoͤn geebne⸗ ten Blumenfelder durch ſeinen Aufwurf, ſtuͤrzte die Gewaͤchſe, und entbloͤßte ihre Wurzeln, daß ſie an der Sonne verwelkten. Voll Ingrimms erblickte das der Gaͤrtner, und ſtellte ſich mit erhobenem Spaten auf die Lauer. Riſch ſtach er zu, als jener eben ſich regte, und hob ihn heraus auf's Harte.„Nun ſollſt du mir auch des Todes ſterben, Garten-Verwuͤſter!“ „Gnade! flehte der Maulwurf, da ich dir doch ſonſt nicht unnuͤtz bin. Ich vertilge die Regenma⸗ den und manches Ungeziefer, das deine Pflanzungen verwuͤſtet.“ „Hohle dich der Henker, verſetzte der Gäͤrtner, wenn du Tugend mit Untugend aufwiegſt!“ und ſchlug ihn ohne weitern Proceß todt. ppens hlen! eebne⸗ te die ſie an und Lauer. d hob rauch r doch enm⸗ unge irtnen Keine Wittwe. E,. will mir nicht, und will nicht ein, Mir eine Wittwe anzufrein, Ich koͤnnt' es nimmermehr verdauen, Den ganzen Tag, Jahr aus, Jahr ein, Das Lob des Seligen zu kauen. Zur Sicherheit vor ſolcher Qual Schritt ich zu keiner Wittwenwahl, Wo nicht vor allen andern Dingen Der ſelige Herr Ehgemahl Am hohen lichten Galgen hingen⸗ ( NWur, zu den Fuͤßen ſeiner Schoͤnen, Schwoͤrt mit Verzuckungen und Thränen: Aus Liebe ſey er jederzeit Mit Leib und Leben ihr bereit! Nur kann er, Trotz dem Wunſch der Schoͤnen, Des Schnupftobaks ſich nicht entwöhnen. 287 Buͤrgers Die Aſpiranten und der Dichter. Die Aſpiranten. D. Göttlicher, wie geht es zu, Daß deine Lieder ſo behagen? Wir quälen uns zu ganzen Tagen, Zu ganzen Nächten, ſonder Ruh'; Wir ſetzen Vers für Vers, wie du, Und wenn wir gute Leute fragen, So iſt kein Schimpf auf uns zu ſagen: Und dennoch wollen unſte Schuh Uns nicht, wie dich, zu Ruhme tragen. O Mann, wir muͤſſen dich drum fragen, Denn du nur kannſt uns lehren, du! Der Dichter. Weht's euch der Genius nicht zu, So weiß ich's wahrlich nicht zu ſagen⸗ Warnung Buͤrgers Gedichte. 289 Warnung an Buͤrger. Aus Italien. En Maͤdchen iſt mit zwanzig Jahren In Schwaben herzlich unerfahren, Und liebt und wirbt gar unbeſehn. Schnell iſt der kuͤnftge Mann gefunden; Viel ſchneller ihre Luſt verſchwunden: Wie kann ſie auch beſtehn? Hat Chodowiecky allen Leuten Dich Singenden in deine Saiten Nicht als Philiſter dargeſtellt? Dein Haupt im Schmuck der Buͤrgermeiſter, Dein Schlafrock Spott der ſchoͤnen Geiſter, So kennt dich längſt die Welt! Doch will das Juͤngferlein aus Schwaben An dir den erſten Gatten haben? O Buͤrger, merke klug auf mich! Es will das Juͤngferlein aus Schwaben Den erſten Gatten bald begraben: Darum erwaͤhlt ſie dich! Aus Wolken, die mich oft verſtecken, Tret' ich, um meinen Freund zu decken, Mit ſtrengem Blick und Wort hervor. Buͤrgers Gedichte II. B. T ——— 290 Buͤrgers Gedichte. So ſtrenge bin ich dir zu Ehren. Drum leihe gut gemeynten Lehren 1 Dein halb bethoͤrtes Ohr! 1 Schwer konnte Toͤnen der Sirene, L Verſtärkt durch ihres Anblicks Schoͤne, 1 Oduͤſſeus ſelber widerſtehn. Willſt du aus ihren Roſenketten Den faſt verſtrickten Nacken retten, So mußt du nie ſie ſehn E Eliſens Antwort. £(S po An Schwaben iſt mit zwanzig Jahren Ein Maͤdchen nicht ſo unerfahren; Liebt ſie und wirbt gleich unbeſehn: Wenn Seelenadel den erhebet, Deß Harfe ſuͤß das Herz erbebet, Wie leicht iſt's da geſchehn. Als Aga der Philiſtergilde Der traute Harfner ſelbſt ſich dar: So blieb ihr doch der Herzbeweger Als Rockolor- und Aktzelträger, Was er vorhin ihr war. Buͤrgers Gedichte. 291 Um Geiſtes⸗ und um Herzensgaben Warb laut das Juͤngferlein aus Schwaben, Und nicht um Fleiſch und Bein und Kleid. und, traun! das Juͤngferlein aus Schwaben Wuͤnſcht das ſo bald nicht zu begraben, Was wechſellos erfreut. Getreu wird's unter Himmelsſegen Des einzig lieben Mannes pflegen, Bis zu dem hoͤchſten Stufenjahr; Und Deutſchland ſoll's zu ruͤhmen haben, Daß dieſes Juͤngferlein aus Schwaben Einſt Buͤrgers Gattin war. Darum, o Mann der falſchen Lehren, Die keck dem ſchoͤnſten Bildniß wehren, Schweig', oder ſchrey in leeren Wind! Des Freundes Nacken willſt du retten? Wie? Auch aus weichen Roſenketten, Die ohne Dornen ſind? Waͤr' er, wie du, in Welſchlands Mitte,— Denn da nur herrſcht Sirenenſitte,— So warnt' ihn wohl dein Wort zuruͤck. Doch, wen der Liebe goldne Schlingen Im biedern Schwabenlande ſingen, Dem lacht ſein gutes Gluͤck. E Buͤrgers Gedichte. Meiſter⸗Katechismus. 9 Lur dieß gebeut die Kunſt den Meiſter fuͤr und fuͤr: Zuvor verſteh' dich ſelbſt, und dann gefalle dir! Prolog. S S Laſterey und Gickelgack Ein Spiel fuͤr Geiſt, Herz und Geſchmack!— Dieß,— moͤg' es wiſſen Freund und Feind!— Dieß iſt der Spruch, der uns vereint. Wer drob in dieſer Muſenſtabt Etwas zu gickelgackeln hat,— Indem hier, wie ihr Alle wißt, Des Gickelgackels Heimath iſt,— Der gickelgackle frank und frey! Wir laͤcheln ſtill und froh dabey. Denn, wenn man nur nichts Linkes thut, So laͤchelt ſich's recht wohlgemuth.— Bellt hier ein Hund, gackt dort ein Huhn, Waos ſoll die Unſchuld ſagen,— thun? Sie ſparet ruhig That und Wort, „„ 57— — — — nd für Buͤrgers Gedichte — — — Und ſpielt getroſt ihr Spielchen fort, Bis Hund und Henne, nach dem Takt Sich ausgebellt, ſich ausgegackt. Die gute weiſe Toleranz Erboßen weder Hund noch Gans.— Ihr, die ihr uns gewogen ſeyd, In Zucht und Ehren gern euch freut, Statt Kliff und Klaff und Gickelgack, Geiſt mit euch bringt, Herz und Geſchmak Ihr ſollt in unſern muntern Reih'n Uns herzlich ſtets willkommen ſeyn. Wenn ihr die zwey, drey Stuͤndchen Zeit In unſerm Zirkel nicht bereut, Und meynt, ſie ſey'n wohl Dankes werth, So, bitten wir euch unbeſchwert, Sagt Gans und Huͤndin in's Geſicht: „Gemach! Die aͤrgern doch ſich nicht!“ Buͤrgers Gedichte. Vortede zu einer neuen Ausgabe von Gedichten, die aber nicht vorge⸗ druckt werden ſoll. Wch habe bedaͤchtig mein Gärtchen geputzt, Ich habe die Baͤumchen geſchneitelt, geſtutzt, Ich habe gerodet, gepflanzet, geimpft, Und, gebe der Himmel! nichts Beſſers verſchimpft. Zwar furcht' ich, entſchluͤpfte dem redlichen Fleiß Wohl, leider! noch manches verwerfliche Reis: Doch meyn' ich beſcheiden, ſo koͤnn' es beſtehn, Daß artige Leutchen ſpazieren drin gehn. Den Boͤcken zu Jena, zu Leipzig, Berlin Und Salzburg will ich ihr Recht nicht entziehn. Laß Menſchen, was Menſchen gebuͤhret, o Chriſt! Dem Ziegenbock laß, was des Ziegenbocks iſt! Herbey, ihr Beſchauer von meckernder Art, Und ſeht, was die Schwachheit euch uͤbrig geſpart! Und ſolktet ihr etwa zu wenig erſchaun, So brechet nach alter Gewohnheit— vom Zaun! N vorge impft. en Fleif n, in n. hriſt! Att, ſpart un! Buͤrgers Gedichte 295 Das Magnetengebirge. Allegorie oder Fabel. s lag oder liegt in großer ſchiffreicher See ein groſ⸗ ſer Magnetenberg, und viele kleinere Mannetenberge lagen oder liegen um ihn her. Das Magneten⸗ gebirge zog an ſich weit und breit aus allen Schiffen alles Eiſen und Stahl. Die Fugen der Schiffe zerſprangen, und Truͤmmer bedeckten das Meer. Da ruͤſtete man, anſtütt mit Eiſen und Stahl, die Schiffe mit Silber und Gold; und die neue Schiff⸗ fahrt beſtand. Auch lag oder liegt in großer huͤttenvoller Flur eine große Magnatenburg, und viele kleinere Mag⸗ natenburgen lagen oder liegen um ſie her. Das Mag⸗ natengebuͤrge zog an ſich weit und breit aus allen Hut⸗ ten alles Silber und Gold. Die Fugen der Huͤtten zerſprangen, und Truͤmmer bedeckten das Land. Da ruͤſtete man, anſtatt mit Silber und Gold, die Huͤt⸗ ten mit Eiſen und Stahl; und die neue Bauart be⸗ ſtand. Das Magnetengebirge lag oder liegt, ich weiß nicht, wo? das Magnatengebirge, wo Jedermann weiß. Buͤrgers Gedichte. Kampfgeſetz. ( G— leich ſey der Streit, 9 Den man uns beut! Schwert gegen Schwert vom Leder⸗ Doch Feder gegen Feder! Die Bruͤderſchaſt.„ E. fuͤhrt als Bruder im Apoll Sich ſelber bey mir ein. Ich will's in jedem Gotte wohl, Nur nicht in dieſem ſeyn! Unmuth. D. Henker hole ſie, die ſchönen Saifenblaſen, Von euerm Freyheitsmuth und ſeiner Rieſenkraft, Wenn Beydes ſchon im erſten Kampf erſchlafft! Mit Fäuſten ſchlagt den Feind, und nicht mit Red⸗ nerphraſen! Red⸗ Buͤrgers Gedichte. Vorſchlag zur Guͤte. Jn Schwärmer fuͤr die Monarchie, Fuͤr Ariſto⸗ und fuͤr Demokratie, Ihr tollen Schwärmer, laßt euch rathen, Und werdet alle— Logokraten! Als es hieß, ſie habe eine Partie gefunden⸗ O Fulvia, der wunderſeltne Mann, Der, Trotz auch dem, was du haſt unternommen „ um dich,— wer ſtaunet nicht?— um dich noch wer⸗ ben kann, Der iſt es werth,— dich zu bekommen. heber Antikritiken. V mir wird ſicherlich hinfort Nicht wieder antikritiſieret. An einem wohl bekannten Ort Wird man nur arger dann ſchimpfieret. Man laſſe dem das letzte Wort, Dem doch das erſte nicht gebuͤhret! 298 Buͤrgers Gedichte. 5 Auf einen Gewiſſen, nicht leicht zu Errathenden. Nach dem Ruſſiſchen. — Syeich fuͤr den Adel nicht, der ohne dich beſteht, Du halb geadelter Poet! Denn neulich noch bewies der Edeln lauter Tadel, Dein Herz ſey nicht von Adel. Einfall beym Erſatze.*) Ho weiter nichts? Freund, dieſe Krone Ward, wie man zehn tauſend Mal öfter ſchon ſah, Auch harten Waden et caetera Des uncorrecteſten Junkers zum Lohne! *) Bezieht ſich auf folgendes kleine Gedicht z Sa hart und uncorrekt war mein Gedicht; Apollons Prieſter mocht' es nicht: Ich bracht's Dione'n, und zum Lohne Gab ſie mir eine Myrtenkrone. enden ſah Buͤrgers Gedichte. An Herrn Schuft. Schuft, es iſt Unmoͤglichkeit, Von ſchlechter Verſe Schlechtigkeit Mit Gruͤnden ſtets die Schuͤfte zu belehren. Doch bin ich immerdar bereit, Bey meiner Seelen Seligkeit Die Schlechtigkeit der deinen zu beſchwoͤren §5 r 6 ent eines dreyzehnten kleinen Propheten Eſchechirach am todten Meer. Aus dem Däniſchen. D. nahm der Engel mich beym Schopf, Und ſprach: Du Tropf, Nimm deinen Kiel, und ſchreibe: Daß heut nicht morgen bleibe. Buͤrgers Gedichte. Rner feh — trete der Kuͤnſtler vor die Kritik und das Publikum, aber nicht die Kritik vor den Kuͤnſt⸗ ler, wenn es nicht einer iſt, der ihr Geſetzbuch er⸗ weitert.“ Schiller. Der Kunſt⸗Kritik bin ich, wie der Religion, Zu tiefer Reverenz erböthig. Nur iſt nicht eben dieſer Ton Vor ihren ſchlechten Pfaffen nöthig! Ein kleiner Schlag in's Auge. Ge Acht auf meinen Deutſchen Wink, Ihr jungen Herrn und Damen! Nicht immer fuͤhrt daſſelbe Ding Bey uns denſelben Nahmen. Und heißt es gleich: Der Nahme thut Am Ende nichts zur Sache: So iſt es dennoch immer gut, Daß man ihn kund ſich mache. Th N Buͤrgers Gedichte 301 Ein kleiner Buchſtab ab und an Nimmt oder gibt viel Ehre Und macht zum wackern Edelmann, Was ſonſt ein Roßknecht wäre.— nd Der Ausbruch wilder Aurhahnsbrunſt Heißt, zum Exempel,— falzen. Thut eben das mit Schwabenkunſt, So heißt die Sache— walzen. Der Vogel Urſelbſt, ſeine Recenſenten und der Genius. Eine Fabel in Burcard Waldis Manier⸗ ₰ En Vogel ganz beſondrer Art, Der ſich mit keinem andern paart, und, weil er immer einſam kreist, Original, Deutſch Urſelbſt, heißt War Liebling eines Genius, Und hörte dennoch mit Verdrußt „Das Fluͤgelpaar, mit welchem ihn Der hohe Genius beliehn, Trag' ihn zwar ziemlich hoch und weit 302 Buͤrgers Gedichte. Mit ſeiner Kraft durch Raum und Zeit; Allein der Flug ſey doch nicht ſchoͤn Zu hoͤren oder anzuſehn.“ So rief aus Troja's Schutt und Graus Ein kranker Uhu erſt heraus. Mach rief es flugs ein Papagey In einer neuen Buͤcherey, Wo auf der Grazien Altar Der Schwaͤtzer eingekaficht war. Bald gackten's auch den ganzen Tag Die Huͤhner und die Gänſe nach. So ward ein Wort St. Klopſtock's wahr, Das Wort: Nachahmer hier ſogar! Da flog der Urſelbſt hin und bat Des Uhus Majeſtät um Rath: „Herr, gib dich näher zu verſtehn, Wie flieg' ich dir zu Dank recht ſchoͤn?“— Der Uhn zog die Stirne kraus, Und ſann,— und ſann den Rath heraus: „Behaget gleich auf jeder Flur Dein Flug dem Sohne der Natur: So frommt doch dieſe Gunſt dir nichts Vor der Gewalt des Kunſtgerichts. Das Puͤppchen der Convention Ruͤmpft ſtets ſein Näschen drob mit Hohn. Denn eingeſchnuͤrte Schul⸗Cultur Haßt gliederfreye Weltnatur. Drum mußt du, wenn ich rathen ſoll, Buͤrgers Gedichte. 303 Der Reglerin zum Opferzoll Erſt manchen Schwungkiel dir entziehn, Womit Naturgeiſt dich beliehn.“— Der Urſelbſt ſaumt' es nicht zu thun, Und fragte gläubig:„Herr, was nun?“— „Es fliegt im dritten Himmelsſaal Ein Vogel, Nahmens: Ideal. Mit deſſen Federn ruͤſte dich, Sonſt fliegſt du ewig ſchlecht fuͤr mich. Noch thatſt du keinen Fluͤgelſchlag, Der tadellos paſſieren mag. Verſagt bleibt drum auf mein Geheiß Dir der Vollendung Paradeis.“ Da ſprach der Urſelbſt aͤngſtiglich: „Geſtrenger Herr, belehre mich, Wie ſteigt man in den Himmelsſaal Und haſcht den Vogel Ideal? Mir duͤnkt, das iſt doch nicht ſo leicht, Als man nur blind ins Blaue zeigt.“— Hierauf der Uhn ſpöttiglich: „Herr Ignorant, belehr' er ſich: Zur Seite fliegt der Ideal Dem Wunderphoͤnix der Moral. Wie dieſer ſtrahlt in Heiligkeit, So jener in Vollkommenheit. Und waͤr' unendlich auch die Kluft 3 Von unſrer bis in ihre Luft: So wird doch ſtets hinauf gezeigt; Und wer nicht ihre Hoͤh' erreicht, Dem blaſen wir den Todtermarſch.“ 1 ————— 30⁴ Buͤrgers Gedichte. „Mit Gunſt! Iſt dieß nicht allzu barſch?— Schlecht wird's hiernach, muß ich geſtehn, Dem Tauber, wie dem Adler gehn, Die man doch in der Unterwelt Fuͤr ehrenwerthe Voögel hält. Nach dir iſt disſeits jener Kluft Der Tauber Schurk', der Adler Schuft. Biegt man das Rohr zu ſtark, ſo bricht's; Und wer zu viel will, der will— nichts,— Jetzt wollte ſchon der Urſelbſt fort; Doch wandt' er ſich:„Nur noch ein Wort, Erhabner Kauz! Vermuchlich haſt Du Federn von dem Himmelsgaſt. Wie blieſeſt du wohl ſonſt ſo barſch Mir und auch dir den Todtenmarſch; Gib mir von deiner Portion, Und nimm dafuͤr mein Gotteslohn! Hiernaͤchſt ſo komm auch ſelbſt heraus Aus Troja's altem Schutt und Graus, und zeig' im Fluge dich einmahl Nach Art des Vogels Ideal! Denn ſieh, als du bey guter Laun' Einſt uͤber deinen Dornenzaun Der Goͤttin Freude nach dich ſchwangſt, Da wurde mir doch etwas angſt.“— Jetzt rief der Uhn aͤrgerlich: „Herr Naſeweis, belehr' Er ſich! Ob gleich mein Aug' ihn nimmer ſah, So iſt der Ideal doch da. Ja, waͤr' et auch ein Popanz nur I Se Buͤrgers Gedichte. Von metaphyſiſcher Natur, Der durch's Tranſcendentalreich ſtreift, Wo man nicht ſieht, nicht hoͤrt, nicht greift: So ſchreyt man dennoch: Schau', o ſchau'!— Dem Andern dunſtet's dann doch blau; Und blauer Empyreumsdunſt Iſt meiſt der Schoͤnheitsregler Kunſt. Sothanem Dunſt, Herr Naſeweis, Geb' ich dich, wie mich ſelber, Preis. Denn ſtimpert gleich mein eigner Flug Um Troja's Truͤmmer kief genug: So laſſ' ich doch im Fehmgericht Von meines Urtheils Strenge nicht. Ich habe Recht, Recht, Recht, Recht, Recht Halt's Maul vor mir, du loſer Knecht!“ Der Urſelbſt, der nun Unrath roch, Sprach:„Haͤtt' ich meine Kiele noch!“ Verlor von nun an nicht ein Wort, Und zog mit mattern Schwingen fort. Noch glaͤubig, flog er hin und bat Den Papagey um guten Rath: Schoͤn Papelpapchen, laß mich ſehn, Wie flieg' ich dir zu Dank recht ſchoͤn?“ Und grazioͤs, in ſeinem Ring Sich ſchaukelnd, ſprach das bunte Ding: „Da unter mir auf dem Altar Nimmſt du viel Gaͤnſebluͤmchen wahr, Die ich im Ausland weit und breit Buͤrgers Gedichte 11. B. u 305 306 Buͤrgers Gedichte. Einſt aufgezupft und hier geſtreut. Ich trug dafuͤr zum hohen Lohn Dieß goldne Gitterhaus davon, Wo, wer die Buͤcherey beſteigt, Schoͤn mit mir thut, mir Zucker reicht, Und mir das glatte Koͤpfchen kraut, Das niedlich durch die Stäbchen ſchaut. Herr Urſelbſt, willſt du gut allhier Dich ſtehn, wie ich, ſo folge mir! Reiß dir die deutſchen Federn aus, Und full' mit Blumlein bunt und kraus, Die leeren Luͤcken wieder an, So wird aus dir ein ganzer Mann!“— Der urſelbſt, allzu glaubensvoll, Sah nicht gleich ein: der Rath ſey toll; Und that, o weh! nach Pappchens Wort. Noch lahmer ging der Flug nun fort. Jetzt zog der Urſelbſt hin und bat Das Gick⸗ und Gockgeſchlecht um Rath. Laut rief das Gick⸗ und Gackgeſchlecht: „Bis hieher thatſt du zwar ganz recht: Doch unſers Boyfalls dich zu freun, Mußt du wie Unſereiner ſeyn. Dieß ganz zu werden rathen wir, Zieh jeden Genialkiel dir Bis auf den letzten Stumpf heraus, Und bleib' hier huͤbſch mit uns zu Haus! Man muß nichts Eignes wollen ſeyn; So machen wir es groß und klein. — en — — 7ch— Buͤrgers Gedichte. Du ſiehſt, wir watſcheln Tag fuͤr Tag Hof auf Hof ab einander nach, Und ſchnattern unſer Lied dabey Stets in bekannter Melodey. Wenn man nun gleich nicht hoch und weit Uns fliegen ſieht durch Raum und Zeit: So faͤllt dafuͤr in unſerm Lauf Auch der Kritik kein Anſtoß auf. Drum meynt der Uhu ſelbſt im Ernſt, Gut ſey es, daß du von uns lernſt!“— Der urſelbſt, taub von dem Geſchrey, Beſann ſich nicht, was gut ihm ſey. Er rieß ſich Kiel bey Kiel heraus, und, ach! mit ſeinem Flug war's aus. Nun kam ob dem, was er gethan, Der Reue Bitterkeit ihm an, Und tief erſeufzend vor Verdruß, Fleht er empor zum Genius. Allein der hohe Schutzpatron Schalt hoch herab im ernſten Ton: „O Thor, alſo geſchieht dir Recht! Was achteſt du auf jeden Knecht Der Meynung, die, im Thurm verſteckt, Ein kranker Uhu ausgeheckt?— So geht's, ſo geht's, wenn mein Client Vor alle Regelbuden rennt. Meynſt du, daß ich, ich, dein Apoll, Den Flug vom Regler lernen ſoll? Der Regler,— ſo beſchied ſich deß 307 308 Buͤrgers Gedichte. Schon summus Aristoteles,— Der Regler zeichne meinen Flug, Wie eine Tanztour, in ſein Buch: Nur lehr' er keinen Genius, Wie er die Fluͤgel ſchlagen muß!— Fuͤr dieß Mahl will ich dir verzeihn, Und neue Fluͤgel dir verleihn. Doch fliegſt dem Gick- und Gackgeſchlecht Du kuͤnftig abermals nicht recht, Und achteſt ſein, und wendeſt dich Im Zweifel nicht allein an mich, Der ganz allein, was frommt und ehrt, Trotz allem Kritikakel lehrt: So laͤhm' ich dir auf immerdar Den Flug, der ſonſt dein Volksruhm war. Du ſollſt in Tiefen und auf Hohn Natur nicht mehr dein achten ſehn. Verſcheucht aus ihrem Heiligthum Sperr' ich dich ganz ſammt deinem Ruhm, Wie jenen faden Papagey, Dort in die neue Buͤcherey Der ſchoͤnen Wiſſenſchaften ein, Dich deines Lebens da zu freun, Wo dich dein Volk nicht ſieht und hoͤrt, Noch dich Vergeßnen nennt und ehrt. Zun Bal 6 Buͤrgers Gedichte. 309 Karl der Große, als Dichter. Aus dem Piemonteſiſchen. S. ſchnell, als er, ſtieg noch kein dichtendes Ge⸗ nie Zum Hofrath, Envoyé, zum Domherrn und Marquis. Bald wird er, faͤhrt er fort, ſo ruͤhmlich ſich zu zei⸗ gen, Was irgend Ehre heißt, durch Dichtkunſt uberſteigen. Ueber die Dichterregel: Non satis est pulchra esse pomata; dulcia sunto, Et quocunque volent, animum auditoris agunto. „Son ſeyn, reichet nicht hin; auch wuͤrzig muͤſſe das Lied ſeyn, Und des Hoͤrers Gemuͤth locken, wohin es nur will.“ Dieſes Geheimniß der Kunſt verrieth ein unſterblicher Meiſter. Jedem gelang auch das Lied, der das Geheim⸗ niß ergriff. 310 Buͤrgers Gedichte. Aber ſeit geſtern verſtehn die Kraͤmer ſcholaſtiſcher Schoͤnheit Jene beſiegende Kunſt beſſer, als Stuͤmper Horgz. Lecke, ſo will man, die Form nur ſchoͤnlich; ihr wäßriger Inhalt Mache nicht wohl, und nicht weh, ſchmecke nicht ſauer, noch ſuͤß!— Deinem Genius Dank, daß er, o gruͤbelnder Schil⸗ eß Nicht das Regelgebaͤu, das du erbauet, be⸗ wohnt! Traun! wir haͤtten alsdann an dir, ſtatt Fuͤlle des Reichthums, Die uns naͤhrt und erquickt, einen gar luftigen Schatz! Auf einen Zeitſchriftſteller, der wider Menſchenrecht, Freyheit, Aufklärung, große und edle Menſchen, ꝛc. ꝛc. ꝛc. kopf⸗ herz⸗ und geſchmacklos ſchrieb, Januar. S auf, o Archiloch, mit deiner Jambenkraft! Leg' ihm durch eignen Strick die ſchnoͤde Autorſchaft! 3 Ic cher . ihr nicht chil be⸗ tigen und tift ſft Buͤrgers Gedichte. 311 F iar. Man brenn' an ſeine hohle Stirn: „Hier kein Gehirn!“ Zwey Spannen unterwaͤrts: „Allhier kein Herz!“ Auf ſeinen St— mit Reverenz: 1 „Bild ſeiner Eloquenz! M arz. Vielleicht iſt mancher Schritt zur Aufklaͤrung Sottiſe: Doch der in Finſterniß iſt alle Mahl Betiſe. i Wen die Vernunft und der Geſchmack verdam⸗ men, Den ſchuͤtzt kein Koͤnigsbrief vor der Verdammniß Flammen. M ai. Ich moͤchte lieber Raub und Mord Auf meiner armen Seele haben, Als heuchleriſch mit einem Sklavenwort Den Aberglauben und den Despotismus laben. Buͤrgers Gedichte. Junius. ¹ Du denk'ſt: Ich will an's Thor des Herrenhofs mich ſtellen, 1 Und laut nach Leucht' und Stab der Freyheitswächter bellen: Das ſetzt von Herrentiſch mir manchen Brocken ab.“ Ha, edel ausgedacht! Nur weichen Leucht' und Stab Dir, Kläffer, darum doch kein Haar breit aus dem Wege, Und jeden Brocken wuͤrzt dir leicht ein Dutzend Schlaͤge. Julius Du bitteſt manchen wackern Held, Zu deiner Fahne ſich zu ſtellen: Doch wer auf Heldenehre haͤlt, Sieht auch auf wackre Kampfgeſellen. Auguſt. Du? Unſinn wähneſt du aus Deutſchland zu vertreiben? Ha! lern' erſt Deutſchen Sinn mit Deutſcher Feder ſchreiben! 70 18 2 G Un ſd Buͤrgers Gedichtt. 313 September. Du Pfaff des laͤngſt geborſtnen Baal, Was haſt du nun von deinen Lehren? Daß dich die Weiſen, dich die Edeln allzumahl Fuͤr vogelfrey erklaͤren! Hectober. Der Große, der es war, heißt dir der Soge⸗ nannte? So werde denn auch du dafuͤr der Sogebrannte. November. Knie hin fuͤr die Verſuͤndigung, Womit du Geiſt und Herz der Nation gefaͤhrdeſt, Und bitt um unſern Fahnenſchwung, Damit du, helf' es Gott!— noch ehrlich wieder wer⸗ deſt! December. Ein Hofzwerg wollte juͤngſt den Geiſt der Zeit beſprechen, Und rief: Hinweg, hinweg aus Deutſcher Au'! Doch grauſam wußte ſich das Ungethuͤm zu raͤchen, Und kniff dafuͤr den Banner braun und blau. Buͤrgers Gedichte. R An die Klaͤffer⸗ Ir⸗ klafft, weiß nicht, warum? mich an: Ich neckt' euch nie in meinem Leben. Wohlan! ſo ſoll die Peitſche dann Euch kunftig Grund zum Klaffen geben! Der Scherzer. An Grimmaſſen-Macher und Macherinnen⸗ Mn Glaub' an eure Sittſamkeit Laßt durch kein Pfui ſich ſtärken. Denn das iſt nur Verlogenheit, Die pfui! zu meinen Worten ſchreyt, Nicht pfui! zu euern Werken. unitiſeh⸗ie d. On wenn des Kiels und Schwertes Zunft Fuͤr Sache ſich und Sache meſſen, Sitzt doch im Kiel noch wohl Vernunft; Im Schwerte hat ſie nie geſeſſen. Buͤrgers Gedichte. 315 Entſagung der Politik. Ad, Frau Politik! Sie mag ſich fürbaß trollen: Die Schrift⸗Cenſur iſt heut zu Tage ſcharf. Was mancher Edle will, ſcheint er oft nicht zu ſollen; Dagegen, was er ſchreiben ſoll und darf, Kann doch ein Edler oft nicht wollen. Verſtaͤndigung. Son kann und ſoll nicht Alles ſeyn; Auch Schaͤrfe, Kraft und Macht, und Drang durch Mark und Bein Verlanget oft gerechter Herzenseifer: Was auch darob, wie wahre Scherenſchleifer, Die ſchoͤnen Wiſſenſchäftler ſchreyn. Soll ein Apoll mein Werk, ſoll's eine Venus ſeyn, So iſt's genug, wenn ich nur da den Meißel Der Schoͤnheit wohl zu fuͤhren weiß: Ganz anders iſt der Fall bey einer derben Geißel Auf einen kecken Krittlerſteiß! Buͤrgers Gedichte. Abſchied auf ewig von( Sr. Wohlweisheit, dem Herrn Peter Hecht, ge⸗ nannt Krittelwicht, wie auch der ganzen hohen Krittelwichtiſchen Familie zu„ zu„ z u. ſ. w. u. ſ. w. u. ſ. w. S er nur zu, Herr Krittelwicht! Beſchrey' Er mich und mein Gedicht! Der Genius der Kunſt verſpricht: Verſchreyen werd' Er doch uns nicht; Und nun ade, Herr Krittelwicht! 2c)„ Unter zwey Uebeln lieber das kleinſte. Sx ꝙh ſchelte nicht das Titelkaufen. Es wuͤrde fur denſelben Preis Das Amt der Dummkopf leicht erlaufen, Der jetzt ſich zu beſcheiden weiß. — ℳ —„c— Buͤegers Gedichte. Aen R. Su auf dein Kunſtwerk feſt und gut, Fuͤr's weiſe Publikum, mein Lieber! Und furchte nie die Kollerwuth Von einem Recenſentenfieber. ———————— Räthſel. P iſt's vor langer Zeit; Doch mehrentheils gemacht erſt heut. Hochſt ſchaͤtzbar iſt es ſeinem Herrnz Und dennoch huͤtet's Niemand gern. Troſt eines Betrogenen. F. o ja, ich bin betrogen, Wie nur je ein Erdenmann. Dennoch ſey ſich der gewogen, Welcher ſo, wie ich, betrogen Und verrathen werden kann! ——— 317 Buͤrgers Gedichte. Der Sprung. En niedlich Schaͤfermädchen ſtand Am klaren Wieſenbache. Ein Luftſprung auf den andern Rand War keine leichte Sache. Breit war der Bach, und ſchoß geſchwind' Durch krumme tiefe Pfade; Drum zoͤgerte das arme Kind So ſchuͤchtern am Geſtade. Ich kam in meiner gruͤnen Tracht Aus hohen Haſelbuͤſchen, Und wollt', ermuͤdet von der Jagd, Am Bache mich erfriſchen. Es ſchien, als ob in dieß Revier Mich jetzt ein Engel braͤchte.— Ihr Auge bat mich, daß ich ihr Hinuͤber helfen moͤchte. Balb weckte ihre kleine Noth Mein hoͤfliches Erbarmen. Ich hob ſie auf, leicht, wie ein Loth, Mit friſchen, ſtarken Armen. D ln zu — S — ( —„„— Buͤrgers Gedichte. 3¹9 Vertraut um meinen Nacken ſchlang Das Maͤdchen ſeine Hände. Und ich, in Amors Nahmen ſprang Mit ihr zum andern Ende. Dank ſey dir, Amor, immerdar! Du gabſt mir Rieſenſtarke, Und lieheſt mir dein Fluͤgelpaar Zu dieſem Liebeswerke. Wer immer ſo befiedert waͤr, Dem muͤßt' es leicht gelingen, Sich tauſend Meilen uͤber's Meer Nach Indien zu ſchwingen! „ Klage um Karthon. Von Oſſian. W kommt ſo finſter vom brauſenden Meer, Wie die ſchattende Wolke des Herbſts? Er ſchuͤttelt den Tod in ſeiner Hand; Sein Auge lodert in Gluth! Wer bruͤllt durch Lora's duͤſtre Flur? Wer anders, als Karthon, der Held? Das Volk erliegt! Er ſchreitet einher, Wie Morven's muͤrriſcher Geiſt. 320 Buͤrgers Gedichte. Doch er liegt nun hier, wie ein ſtattlicher Baum, Von raſchen Orkanen geſturzt! Wann wirſt du erſtehn, Balklutha's Luſt? Wann, Karthon! wirſt du erſtehn? Wer kommt ſo finſter vom brauſenden Meer, Wie die ſchattende Wolke des Herbſts? Er ſchuͤttelt den Tod in ſeiner Hand, Sein Auge lodert in Gluth! k Mittel wider die Agrypnie. v ganze Nacht hab' ich kein Auge zugethan, Fing Urſula am Sonntagsmorgen an. Nun will ich in die Predigt gehen,— Und Wunders halber ſehen, Ob ich nicht da ein wenig nicken kann. — Rommel's Buͤrgers Gedichte. 321 um, Rommel's Antwort an die Sanfte. Nach vorgeſchriebenen Endreimen? In deine Liebe rein, wie dein Gedicht, vom — Schimmel; Beſteht ſie treu und froh bei Brod, mit Salz und — Kuͤmmel; Leihſt du nicht jedem Geck voll Luͤſternheit dein— Ohrz Und ſchwankſt du zwiſchen ihm und mir nicht, wie ein— Rohr: Wohlan ſo nimm ihn hin, den ſuͤß erſehnten— Bloͤden! Glaub', ſeine Blödigkeit wird nicht das Bett— veröden. Er ſchafft, von Sorge, Gram und boͤſen Grillen— frei, Der Maͤgd⸗ und Knaͤblein leicht dir— etwa drei Mahl— drei. Beſprich das Aufgeboth nur gleich bei'm Vetter— Rommel, Fuͤr's Maͤgdlein Puppenwerk, fuͤrs Knäblein Peitſch' und— Trommel. Vermuthlich bringſt du mir ein wenig baren— Lachs, Buͤrgers Gedichte 11, B. 5 322 Buͤrgers Gedichte. Sammt Betten, Leinen, Drell, auch etwas Woll' und— Flachs. Iſt das, ſo wollen wir ſchon gut zurecht uns— finden, Auch ohne daß wir uns die Haut vom Leibe— ſchinden. Gemaͤchlich leben wir dann bis an's— Abend⸗ roth, Und achten Ueberfluß, der nichts uns nuͤtzt, fuͤr— Koth. () 70— 272 end⸗ — Buͤrgers Gedichte. 32 ½ Der empfindſame Ehemann. — E wuͤnſcht ſich Meilen weit von hinten, wann die Wehn Der nahenden Geburt ſein junges Weib beſchweren, Allein den Wunſch kann ſie ihm nicht gewähren. Denn Ein Mahl muß der Mann doch wohl zu Handen gehn, Wenn bei'm Empfangen nicht, doch mindſtens bei'm Gebären. Das Lockengeſechenk. W. nehmen Sie fuͤr ihr zahlreiches Heet Amaſten wohl alles Haar noch her, Das dieſe andachtsvoll in Amuleten tragen?“ So hoͤrt' ich einen Gimpel fragen. Doch Seladon ſprach:„Guter Tropf, Wär' alles das aus meinem Kopf; Wie längſt muͤßt' ich Peruͤcken tragen!“ ———— Buͤrgers Gedichte. Das Lockengeſchenk. M einem Blicke, ſcharf, wie Dorn, Nahm Dorilis juͤngſt den Friſeur auf's Korn: „Mein Freund, kennt Er wohl dieſe Locken?“— „Wie ſollt' ich nicht? erwiedert er ganz trocken; Die haben ſie von angenehmer Hand!“— „Nun ja, weil Er's denn weiß, mir gab ſie Herr Amant! Doch zweifl' ich ſehr, ſie ſind von ſeinen Locken. Geſteh' er mir mein beſter Herr Lafleur, Die Wahrheit!“— Aber unerſchrocken, Und abermahls ganz duͤnn und trocken, Als Mann von Wort, erwiedert der! „O, dafuͤr ſeyn Sie ohne Sorgen: Amante'n pfleg' ich nichts zu borgen!“ — Her Varianten-Sammlung z u den Gedichten. Vorerinnerung zur erſten Ausgabe. De Publikum erhaͤlt in dieſer Aus⸗ gabe jetzt ganz eigentlich die Buͤrgeriſche Handſchrift ſelbſt. Der Herausgeber hat nicht nur ſolche ungedruckte Leſearten, uͤber welche der Verfaſſer ſelbſt noch nicht ent— ſchieden hatte, unter denen ihm alſo noch die Wahl blieb, ſondern auch alle diejenigen, die von ihm ſchon wieder voͤllig verworfen waren, ſorgfaͤltig und genau angefuͤhrt. Jene ſind durch groͤßere Schrift ausgezeichnet. Der Her⸗ ausgeber hat uͤber dieß auch die bereits ge⸗ druckten Leſearten aus der Auflage der Ge⸗ dichte vom Jahre 1789, die zwar durch neue erſetzt, aber doch noch nicht,(ielleicht oft nur aus Unachtſamkeit nicht) durchſtrichen waren, ausgezogen. Dieſen ſteht zur Unterſcheidung die Zahl 1789 voran. Uebrigens liegt der neueſte Abdruck der Gedichte bei Angabe der Abweichungen uͤberall zum Grunde. 328 Buͤrgers Gedichte. Ein Theil der Varianten iſt auch ſchon in der Rechenſchaftuͤber die Veraͤnderun⸗ gen in der Nachtfeier der Venus, und in den Kritiſchen Anmerkungen zu ei⸗ nigen Gedichten, welche man in dem ge⸗ genwaͤrtigen Bande geleſen hat, angegeben, die ich alſo hier nicht zu wiederholen brauchte. Goͤttingen, am 17. April, 1798. Der Herausgeber. ——-—— d — 1 in Un⸗ und ei⸗ ge⸗ en, . Nachſchrift z ur gegenwaͤrtigen Ausgabe. D durchaus neue, beſſere Anordnung der Buͤrgeriſchen Werke hat es nöthig gemacht, die in der Rechenſchaft uͤber die Ver⸗ àͤnderungen in der Nachtfeier der Venus und in den Kritiſchen Anmer⸗ kungen zu einigen Gedichten enthalte⸗ nen Varianten in dieſe genau berichtigte Samm⸗ 330 Buͤrgers Gedichte. lung derſelben heruͤber zu nehmen. Eine Ein⸗ richtung, die an ſich ihre Vortheile hat, da man nun alles vollſtändig beiſammen findet. Hamburg, am 20. Februar, 1812. in⸗ da Die Nachtfeier der Venus. Zeile 1. (I. Theil, 1. Seite.) I. Vorgefang. e rehrreim Morgen liebe ſich und paare, Was noch nimmer liebte, ſich! Was ſchon liebte lange Jahre, Lieb' und paar' auch morgen ſich! Morgen liebe, morgen paare Neue Lieb' und Liebe ſich! Lieb' und Liebe langer Jahre Lieb' und paare morgen ſich! Morgen liebe, morgen paare Junge Luſt und Liebe ſich! Luſt und Liebe langer Jahre Lieb' und paare morgen ſich! * Morgen liebe, morgen paare Neu geborne Liebe ſich! Auch die Liebe kanger Jahre Lieb' und paare morgen ſich! * Z. 2⸗ Buͤrgers Gedichte. Morgen rege, morgen paare Junge Luſt und Liebe ſich! Luſt und Liebe langer Jahre G* und paare morgen ſich! Reg' und paar' auch morgen ſich! Morgen muͤſſe junge Liebe Sich der jungen Liebe weihn! Auch die Kraft bejahrter Triebe Muͤſſe morgen ſich erneun! * Morgen liebe, morgen gatte Was noch nimmer liebte ſich! Was ſchon laͤngſt geliebet hatte, Lieb' und gatte morgen ſich! Morgen fuͤhle Luſt und Liebe, Was von Liebe nie gewußt! Was gewußt ſchon hat von Liebe, Fuͤhle morgen Lieb' und Luſt! Morgen fuͤhle Luſt und Liebe, Jede liebeleere Bruſt! Und auch jede Bruſt voll Triebe, Fuͤhle morgen Lieb' und Luſt! Suͤßer Liebe Luſt verſchwor! Was ſich ſuͤßer Liebe freute, Liebe morgen, i zuvor! „1 8 2. 2/ Noch der Liebe Luſt verſchwor! Buͤrges Gedichte. 333 Was ſich laͤngſt(ſchon) der Liebe freute, Liebe morgen, wie zuvor! ℳ Stets der Liebe Luſt verſchwor! Was ſich ſtets der Liebe freute, Liebe morgen, wie zuvor! „ Nie der Liebe Treue ſchwor! Was ſich treu der Liebe weihte, Liebe morgen, wie zuvor! Nie der Liebe ſich verſchwor! Was den Schwur der Liebe weihte, Liebe morgen, wie zuvor! ℳ (Nie die Liebe noch erkor! MMoch die Liebe nie erkor! Was der Liebe je ſich freute, Liebe morgen, wie zuvor! „ Nie der Liebe Dienſt erkor! ¶Was der Liebe Dienſt ſich weihte, WWas der Liebe Dienſt erfreute, Liebe morgen, wie zuvor! . Morgen liebe, was noch heute Liebeleer den Tag verlor! Was den Tag der Liebe weihte, Liebe morgen, wie zuvor! 3. 2. 3. 2. 3. 2. Z. 2. 3 3. 2. Buͤrgers Gedicht. Nie ſein Liebes(Holdes) ſich erkor! Was ſein Liebes(Holdes) längſt erfreute, Liebe morgen, wie zuvor! 4 Nie der Liebe Luſt erkor! Was der Liebe je ſich freute, Liebe morgen, wie zuvor! 4 Lieb' uud Luſt des Lebens floh! Was ſich laͤngſt der Liebe freute, Liob' und leb' auch morgen froh“ 4 Lieb' und frohes Leben floh! Waos ſich langſt der Liebe freute, Lieb' und leb' auch morgen froh! N Noch der Liebe Freuden ſloh! Was ſich ſchon der Liebe freute, auch noch der Liebe ftoh! Sey der Liebe wieder froh! Sey der Liebe morgen froh! Sey der Lieb' auch morgen froh! Liebe morgen wieder(eben) ſo! ℳ Deine Luſt, o Liebe, floh! Was ſich dein, o Liebe, freute, Was, o Liebe, dein ſich freute, Liebe ſich auch froh! Buͤrgers Gedichte. Morgen liebe ſich, was heute Morgen liebe froh, was heute Noch der Liebe Freuden floh! Was die Liebe heut erfreute, Liebe ſich auch morgen froh! 4 Liebe noch auch morgen froh! Wiebe morgen wieder froh! Nie der Liebe Luſt vernahm! Was der Liebe je ſich freute, Liebe morgen ſonder Gram! Noch die Liebe nie entzuͤckt! Was die Liebe je(hoch) erfreute, Liebe morgen neu(hoch) begluͤckt! Nie an Liebe Luſt gewann! Was an Liebe je ſich freute, Liebe morgen und fortan! ULiebe morgen froh voran! ℳ Nie an Liebe Luſt empfand! Was der Liebe je ſich freute, Liebe morgen neu entbrannt! * Nie der Liebe Luſt durchdrang! Nie der Liebe Wonne trank.! Was der Liebe je ſich freute, Liebe morgen ſonder Wank! „ 335 336 8. 2 Buͤrgers Gedichte. Scheu der Liebe ſich entrang! Was ſich nie der Liebe ſcheute, Liebe morgen ſonder Wank! ℳ Morgen liebe, wen bis heute Nie der Liebe Gluͤck erfreut! Wen der Liebe Gluͤck erfreute, Fuͤhle morgen es erneut! Morgen liebe, was ſich heute Keiner Liebe noch gefreut! ¶Was der Liebe längſt ſich freute, WWas ſich laͤngſt der Liebe freute, Liebe morgen noch, wie heut! I. Abſchn. 3. 3. Seht, wie von den Phantaſieen 3. 8. Suͤßer(hoher) Luſt u. w. Ah,(Seht,) wie ſuͤß den Phantaſieen, Golden uͤber Thal und Hoͤhen, Blau und golden ſchwebet er. Seine Lebensbothen wehen Wohlgefuͤhle vor ihm her. Seiner Bothen vor ihm her. II. A. Z. 3. Seines Lebens Nektar ſparet Alles auf die Bluͤthenzeit. „ Ihres Buͤrgers Gedichte. 337 Ihres Nektars r Ihre Nektarſchale 3. b. Und in Waſſern Leben hegt, Z. 8. Hoch zu Lieb' und Luſt erregt. 4 Zur Umarmung aufgeregt. N Tief im Innern aufgeregt. 8.9. Wann die Knoſpe bluͤht und Wann die offne Knoſpe Fuͤllt nur Brautgeſang das Ohr. Was da lebet, das begattet Sich im der Primelflor. Um die Zeit p Selbſt die Liebe, die erkaltet, Die erſtorben war, entgluͤht, Wann die Knoſpe ſich entfaltet, nur und Liebe waltet, , Wann die junge Primel bluͤht. N Selbſt der Buſen, der erkaltet, Der erſtorben ſchien, entgluͤhr, „ Was am Herzen faſt erkaltet, Faſt erſtorben war, entgluͤht, III. A. 3. 1. Heller, gold- und roſenröther Z. 5. Da ſie von dem hohen Gatten t Buͤrgers Gedichte II. B. P 338 Buͤrgers Gedichte⸗ IV. A. Z. 1. Zgur Erhöhung jener Scene Zur Vollendung jener Scene Z. 3. Venus Anadyomene n Ihre tauſend Reitze los. H. W h ſen I. A. 2. 5. Morgen ziehen ihre Tauben Sie herab in unſern Hain, Und zum Tanz in Myrtenlauben Ladet ſie uns morgen ein; Z. 6. Her in unſern Myrtenhain; Und ſie ladet unter Lauben Uns zu Feiertänzen ein. . 1 Prangend her in unſern Hain; Und die höchſte ſeiner Lauben Wird ihr Feiertempel ſeyn. 9. Vom erhabnen Throne blinket Hell vom hohen Hell N. ihr goldner Richterſtab und ihr holdes Auge winket Guͤtevolles Recht herab. Z. 10. Und erhebt den Richterſtab. II. A. Z. 2. Froh vollbringt ihr Machtgeboth! Flora ſoll ihn uberweben Golden, blau und purpurroth. 3 1W. A. Z. 0 — 0. S Buͤrgers Gedichte. 339 Spend', o Flora, jede Blume, Die in Feld und Garten lacht, Spende zu der Holden Ruhme 1. Neben Amphrodite'n waltet Sammt den Grazien ihr Sohn. Feſtlich Hand in Hand gefaltet, Nahn wir uns dem Götterthron. Alle ſind herbei gerufen, Vor der Goͤttin Angeſicht, Mit zu ſitzen auf den Stufen Zu dem Zum erhabnen 1. Schon durchwallt die lauten Haine Schweſterlich der Fruͤh erwachter Amor flattert mit; und(doch) Keine Zaget heute vor Gefahr.— Ahndet heut von ihm Gefahr.— Nymphen Schaar. Traut der nahen Herzgefahr.— Tanzend alle Nymphen ziehn! Wißt ihr nicht, was ihm geſchah, Daß er heut die Daß er ſeine Seht doch, wehrlos(friedlich) geht er da!— „₰ Waffen ſtreckte Y 2 Buͤrgers Gedichte. Merkt ihr nicht, was Amor that? Daß er Wehr und Waffen ſtreckte, Daß er friedlich zu euch trat? „Aphrodite'ns Feſtgeſetze Wollen, daß ſein Bogen heut Keiner Nymphe Bruſt verletze, Wann ſie noch ſo nah ſich beut',— „Daß ihr nicht zu kuͤhn euch bruͤſtet, Gute Nymphen, warn' ich doch: Selbſt(Auch)(Seht,) den Waffenloſen ruſtet.“ ₰ „Er gehorcht den Feſtgeſetzen; Strenge ward es ihm verſagt, Eine Nymphe zu verletzen, Die ſich heute naͤher wagt.“— Euch, die ihr zu kuͤhn euch bruͤſtet, Euch, ihr Nymphen, warn' ich doch. ℳ „Er gehorcht dem Feſtgeſetze, Welches ſtreng' ihm unterſagt, Daß er eine Bruſt verletze, Wenn ſie noch ſo nah' ſich wagt.“— „Euch, die ihr zu kuͤhn euch bruͤſtet, Euch, o Nymphen, warn' ich doch. Auch u. w. „Er gehorcht dem Feſtgeſetze: Daß ſein Bogen unverklagt loſen 3 Buͤrgers Gedichte. 341 Keiner Nymphe Bruſt verletze, Die ſich heut ihm naͤher wagt.“— „Daß er keine Bruſt verletze, Die ſich ihm entgegen beut.“— Aber, was zu kuͤhn ſich bruͤſtet, [ Das, o(ihr) Nymphen, warn' ich doch. Wuͤche ſich vor Amor'n doch. Welches hier ihm Bloͤße beut. Aber Alles, was ſich bruͤſtet, Warnen wir, o Nymphen, doch. 2. Hehre, keuſche Delia, Morgen, Jägerin, beflecke, Nicht den Buſch mit Blut und Mord: Deines Hornes Drohung ſchrecke Keinen Hainbewohner fort! Z. 13. Weiche mit Aurore'ns Scheine! Z. 15. Walte morgen hier im Haine! 4 Walte dann allein im Haine! 1. Zu dem Feſt, das wir begonnen, Luͤde ſie auch dich mit ein, Ziemt es dir nur, unſern Wonnen, Reine Jungfrau, dich zu weihn. „ Dich auch, ſtatt ihr Feſt zu meiden, Baͤthe ſie, ihr Gaſt zu ſeyn, — —— —— 342 0 00 10. 43 16. I. A. Z. 9. Buͤrgers Gedichte. Ziemt es dir nur, unſern Freuden, Reine Jungfrau, dich zu weihn. Ziemt es dir nur, Ziemte dir es, ) unſern Scherzen, Ziemt' es dir, der Liebe Scherzen, Freut' es(dich) nur, von(muntern) Jubel⸗Chören, Freut' es dich, drei Naͤchte lang Drei vergnuͤgte Naͤchte lang Uns um raſche Nymphen drehn, Und zu Paaren unter Zweigen Auch der Held, der fern am Indus Vom bezaͤhmten Pardel ſtritt, Ceres, und der Gott vom Pindus Feiern unſre Naͤchte mit. Auch(Sieh) den Helden, u. w. Lud die holde Goͤttinn mit. III. Lobgeſang. Sie belebt das Allverlangen Naͤhret ewig das Verlangen Ewig naͤhrt er das Verlangen Jener wunderbaren Kraft Die durch Zeugen und Empfangen II. A. Z. 1. Wie mit Diamant und Perle Schmuͤckt ſie braͤutlich unſte Welt, ten, ſtern) gen G Buͤrgers Gedichte. 343 Ziert mit Bluͤthen Lind') Sie verſilbert Weid' J Und mit Blumen N Wieſ' und Feld. Sie vergoldet 6 und Erle, Wie mit Diamantgeſchmeide Ziert ſie bräutlich unſte Welt, Streuet Bluͤthen auf die Heide Blumen uͤber Wieſ' und Feld. — Wie die Braut zu Swe Feſte Fin ſie köſtlich die Natur, fiet an des Baumes Aeſte itſtrauß und Perlenſchnur. VSie verlieh den Schmuck der Aeſte, 6 Sie Juwel' und Perle nur. — Wie die Braut zu Hymen's Feſte Schmuͤckt ſie reich die Lenznatur. Brautlich, wie zu Hymen's Feſte Schmuͤckt ſie Garten, Hain und Flur. Wechſelnd ziert des Baumes Aeſte Perlen und Rubinenſchnur. * Wie die Braut zu Hymen's Feſte Thal und Huͤgel heißt die Milde Z. 10. Buͤrgers Gedichte. Reich in Gold und Silber bluͤhn; Hoch das Lein- und Mohngefilde In Azur und Purpur gluͤhn. Sie Narziſſ' und Amaranth; Sie der Tulpe Prunkgewand; 1 Doch am lieblichſten geſtaltet Ichor ihrer Dornenwunde Roͤthet' einſt dein Silverblatt; Wir verdankens ihrem Munde, Daß gewuͤrzt ſein Hauch dich hat. War's nicht Hauch aus ihrem Munde, Was dich ſo durchwuͤrzet hat? „ Sanft an ihrer Dornenwunde Rothet' einſt dein Silber ſich. Hauch aus Aphrodite'ns Munde, Holde Blume, wuͤrzte dich. An der Goͤttin Dornenwunde Färbte ſanft dein Silber ſich. Hauch aus ihrem(Eypris) ſuͤßen Munde, Holde Blume wuͤrzte dich. „ Ihrer zarten Dornenwunde Dankeſt du dein ſanftes Roth; Ihre zarte 6 Fingers J Tuſchte(Faͤrbte) ſanft dein Silber roth. Dornenwunde unde, unde, R. A 8. 3. 6. Z. 12. IV. A. Z. 5 Buͤrgers Gedichte. Hauch aus ihrem ſuͤßen Munde War zu deinem Dufte noth. War, dich ſuͤß zu wuͤrzen, noth. War zu Wohlgeruch dir noth. War zu deiner Wuͤrze noth. 1. Segnend waltet im Gefilde, Segnend waltet Lieb' im Hain. 4 Allem, was nur im Gfilde, Was nur Odem zieht im Hain, Und es laͤßt der Mutterſchoß Ohne Schmerz im Myrtenſchatten Aphrodite'ns Segen los. Einſt den ſchoͤnen Sohn gebar. 1. Sie entriß Auchiſens Laren Ilion's Vertilgungsgluth, Und des Oceans⸗Gefahren, Aufgeregt von Junon's Wuth. Als ſie Trojens Gluth umfing; Was der Flamme Grimm entging. Was der Flammennoth(Flammennacht) entging. Sie verlieh dem biedern Sohne Neues Gluͤck durch Weih und Land 3⁴6 Buͤrgers Gedichte. Z. 16. Sproßten all' aus ihr empor. V. A. Z. 1. Schall', o Maigeſang, erſchalle! Schalle, Cypris Hochgeſang! 8. 9. Lärmend ruft ihr das Gefieder Von dem Weiher Dank empor; Lärmend rufet das Gefieder Z. 11. Und die Säaͤnger edler Lieder Singen Wohllaut(in ihr) ihr in's Ohr. Z. 14. Tief aus Pappelweiden drein; * Tief im ſtillen Pappelhain. 3. 15. Liebe floͤtet ihre Kehle; VI. A. g. 7. So entſielen mir die Kraͤnze, Z. 13. Wann daher im gruͤnen Hage Auf daher, ſo bald im Hage 3. 15. Werd', o Lied, bei Racht, wie Tage. Lu ft m Leb (a. Theil, 11. Seite.) 4. Stanze. 3Z. 1. Hui! ſinget er, wer macht aus Wind, 3. 3. Nur wehn, nichts weiter kann der Wind⸗ macht Wind⸗ Buͤrgers Gedichte. 34⁴7 W d e in e (1. Theil, 12. Seite.) 3. St. Z. 4.(1789.) Ach! ſo himmliſch dunke ſtets Allen! Duͤnkte ſie doch ſo erhaben Allen; Duͤnkte ſie ſo hehr doch immer Allen; Huldigungslied. (1. Theil, 1. Seite.) 2. St. Z. 1.(1789.) Denn von einer huͤbſchen u. w. 17. St. 3. 1.(1789.) Liebchen, ruͤhret dich u. w. o. St. Z. 1. Leicht genuͤget es den Sinnen An des Reitzes Tuͤncherei; Sie erforſchen nicht, oh drinnen S — Das harte Maͤdchen. (1. Theil, 18. Seite.) 1. St. Z. 2.(1789.) Einſt meine Tag' entſchluͤpfen, 3. St. Z. 3.(1789.) Und ob von mir ein Thraͤn⸗ chen je 10. St. Z. 4.(1789.) Nagt mein u. w. 34⁴8„ Buͤrgers Gedichte. An die Hoffnung. (1. Theil, 22. Seite.) 2 St 3. 1(1789.) Wohlthätigſte der Feen! Du, mit dem weichen Sinn, Z. 5.(1789.) Schön, wie die Morgenſtunde, Mit roſichtem Geſicht, Und mit dem Purpurmunde, 4 „ Du Bild der Morgenſtunde Mit Roſenangeſicht, Der(Du) Peitho mit dem Munde, 11. St. Z. 5.(1789.) Dem Kummer hingegeben, Brach mir bereits der Blick; Du lockteſt mich in's Leben Mit Schmeichelei zuruͤck. 14. St. Z. 4.(1739.) Dir aus dem Auge ſieht; 15. St. Z. 6.(1789.) Beſeliget ſie dich.“— Bacchus.(Sonſt: Herr Bacchus.) (1. Theil, 27. Seite.) 3. St. Z. Herr Bacchus uͤber dir, Apoll! Geprieſen ſey ſein Nahme! Hoch leb' und hoͤher, als Apoll, Herr Bacchus und ſein Nahme! Buͤrgers Gedichte. 349 Denn was gewinnt der Arme wohl Mit allem Lorbeerkrame? 2. St. Z. 1. uUm ſeinen ſteilen Helikon 3. St. Z. 1. Sein zinſenloſes Kapital Steckt ganz in Kranz und Leier. be, Von dieſer prahlt er manches Mahl, Sie ſey entſetzlich theuer. 3 92 1. Doch borgt ihm auf das Lumpending Kein Kluger einen Heller. Wer lobt ſich nicht ein Klinglingling Dafuͤr in Bacchus Keller? nde, 5. St. Z. 1. Und ob Apoll ſich gleich voran ie Mit ſeiner Dichtkunſt blähet, .— ⸗ So iſt doch Bacchus auch ein Mann, Der ſeinen Vers verſtehet. 6. St. Z. 1. Wie mag am waldigen Parnaß tz Sein Kammerton gefallen? Hier ſollte Bacchus Juchhei baß In Midas Ohren ſchallen. § L D Z. 1. Auf, laßt uns ihn fuͤr den Apoll Zum Dichtergott erbitten! Denn nimmer war ein Gott ſo wohl Bei großen Herrn gelitten. Apoll muß tief gebuͤckt und krumm In ihre Säle ſchleichen Allein mit Bacchus gehn ſie um, Als wie mit ihres Gleichen. Buͤrgers Gedichte. Auf, Bruͤder, dankt, Apoll'en ab! Laßt uns dem Bacchus weihen! Wir werden unter'm Thyrſusſtab Weit ſtattlicher gedeihen. S. St. 3. 1. Vertilgt des Pindus Lorberhain, Und pflanzt fuͤr Zung' und Lippe! Das Heidelberger Faß voll Wein Sey unſte Aganippe! Lieb' und Lob der Schoͤnen.(Sonſt: Der Liebesdichter.) (1. Theil, Seite.) 1. St. Z. 2. Der Liebe treulich weihen, Und meinen leichten Volksgeſang Der Liebe Schmeicheleien. Z. 4. An gleichen Ton gewoͤhnen. 2. St. Z. 1. Denn wahrlich keines Lobes Ton, Auch nicht der ſchoͤnſte, bringet Dem Säaͤnger einen ſuͤßern Lohn, Als wenn er Liebe ſinget. „ Denn mancher Kuͤnſtler hat es ſchon Zu hoher Luſt erprobet, Nichts bringt ihm einen ſuͤßern Lohn, Buͤrgers Gedichte 351 b! 4. St. Z. 1. Wohlan, o Laute, werde dann Dem Liebchen, das geſellig Und freundlich iſt und danken kann, Durch Lied und Lob gefällig! 6. St. Z. 1. Erwerben werd' ich reiches Gut An kleinen holden Pfändern; Und prangen wird mein Stab und Huth Mit Roſen und mit Baͤndern. 9 0 Z. 1. Bei'm Spiel, bei'm Tanze u. w. 8. St. Z. 1. Ich werde mit Geſang und Spiel Von einer Flur zur andern, . Geliebt, geehrt bis an mein Ziel onſt: Im Dienſt der Schönen wandern. 20 — Werd' ich wi meinem Lautenſpiel, P S a n (1. Theil, ho. Seite.) 8. St. Z. 3Z.(1789.) Wer iſt, der an dem Firmament 14. St. Z. 1. Daß meines Geiſtes Auge hell Durchſpaͤhn die Dinge, leicht und ſchnell, Wie nicht ein jeder Erdenmann, Auch ihr Gewirr' entwickeln kann; 4. Vom Wahren Falſches 5 ſondern kannz on Den Trug von Wahrheit Buͤrgers Gedichte. Wi nterhied. (1. Theit, 43. Seite.) 2. St. Z. 3. Ein Fruͤhlingsbeet iſt ihr Geſicht, Worauf euch Hebe zieht. 3. St. 3. 1. Mein Ohr vermiſſet ohne Qual Die Nachtigall im Hain, Denn Lilla trillert u. w. 4 Dein Lied entbehr' ich ohne Qual, O Nachtigall im Hain. Denn Molly u. w. Was kuͤmmert mich der Lenz⸗Choraf In Nachtigallenhain? 4 St. 3. 1. Wann ihre Lippen mich begabt, O welch u. w. Minneſold. (1. Theil, 59. Seite.) St. Z.„ Nimmer, nimmermehr hienieden Labt ein Wohlgenuß ſo ſuͤß. * Nichts iſt ſüßer mehr hienieden, Was des Stammpaars Fall uns ließ. §. St. 3. 2.(1789.) Aller Freuden Fuͤnftelſaft; + —— Die Buͤrgers Gedichte. 353 Die beiden Liebenden. (1. Theil, 61. Seite.) ht, 2. St. Z. 3.(1789.) Dagegen klingt viel reitzender Ein kurzer ſchaferlicher Name. al 11. St. Z. 7.(1789.) Hinweg, aus aller Gotteswelt, 16. St. Z. 1.(1789.) Ein ſchlauer Blick u. w. al, G e e ie b. (1. Theil, 98. Seite.) 6h 1. St. Z. 1. Wuͤßt' ich, wuͤßt' ich, daß du mich Lieb und werth ein wenig hielteſt, Und von meiner Gluth fuͤr dich , Nur die leiſe Waͤrme fuͤhlteſt; — Holdes Maͤdchen, wenn du mich Lieb und werth ein wenig hielteſt, Und von meiner Gunſt fuͤr dich Nur ein Hunderttheilchen fuͤhlteſt; ieden 2. St. Z. 1. Wenn voll Achtſamkeit dein Dank Meiner Liebe Gruß belauſchte; Und dein Mund aus Herzensdrang n Kuß um Kuß mit mir vertauſchte: n ließ Z. St. Z. 2. Ihr Entzuͤcken nicht mehr faſſen; ſiſt Gut und Blut könnt' ich mit Luſt Dir zu Liebe ſtroͤmen laſſen. WGut und Blut fur dich verpraſſen. di Buͤrgers Gedichte 11. B. 3 t 35⁴ Buͤrgers Gedichte. 3. 3. Gut und Blut fur dich, mit Luſt Koͤnnt' ich Leib und Leben laſſen. D s nene L ben. (1. Theil, 102. Seite.) 2. St. Z. 1. Aus Elyſium empor Steigen Wonnephantaſieen. Hell und klar vernimmt mein Ohr Seiner Chöre Melodieen. O wie ſuͤß erfuͤll die Luft Seiner Blumen Balſamduft. (1. Theil, 105. Seite.) 1. St. Z. 8.(1789.. Wohl Tag fuͤr Tag zwölf Stunden. St n d e h n (1. Theil, 109. Seite.) St. Z. 1.(1789.) Trallyrum larum, hoͤre mich! Trallyrum larum leyer! Trallyrum larum das bin ich, Schoͤn Liebchen, dein Getreuer! Schleuß auf den hellen Sonnenſchein, In deinen zwey Guckaͤugelein! ℳ Buͤrgers Gedichte. 355 Mit Lied und Leier gruͤß' ich dich; Gib Acht auf Lied und Leier! Des Grußes Leiermann bin ich, Schoͤn Liebchen, dein Getreuer! Schleuß auf den hellen Sonnenſchein In deinen blauen Aeugelein! 2. St. Z. 5.(1789.) Nichts wachet mehr, was ſchla— fen kann, Als ich, und Uhr, und Wetterhahn. „ Schon lange ſchlief es ſuͤß und feſt, Was Lieb' und Sehnſucht ſchlafen laͤßt. 4. St. 3. 6. Mich meinem liebſten Liebchen zu? Dieſe Stanze war S 0 zur gaͤnzlichen Umaͤn⸗ derung, vielleicht zur voͤlligen Verwer— fung ausgezeichnet. züf 6. St. 3. 2. Gott wolle dich bewahren!— Z. à4. Und wird kein Leid erfahren. 3. 6.(1789.) In deinen zwei Guckaͤugelein! Die Holde, die ich meyne. (1. Theil, 137. Seite) mich Sonſt: Das Maͤdel, das ich meyne. Eine andere Handſchrift hat durchaus Maͤd⸗ chen, Statt Maͤdel und Holde ——————— 356 1. St. Z. 6. — Ni S Vo 0 Ih Do Do De Fle Do Sa Zw Der Liebekranke.(Sonſt: Schwanenlied.) Ach, Liebchen, bis zum Sterben Hab' ich mich abgemuͤht. Ach nichts, als nur zu ſterben, Nur,— daß ich armer Schächer Nicht ganz ihn trinken ſoll! So Himmelſuͤßes hat;— Nie haͤtt' ich dennoch ſatt. Wohl waͤre, Zwar wuͤßt' ich, Ein(den) Kelch, der mir behagt; Die Goͤtter mir verſagt. Buͤrgers Gedichte. (1. Theil, 140. Seite.) Was Schoͤnes mir gebluͤht. chts, Molly, wuͤnſch' ich mehr. Du waͤrſt mir zwar ein Becher, n Heilungslabſal voll.— n, welcher ſo viel Suͤßes, ch,— haͤtt' ich deß Genießes, „ mich zu laben, ch ſeinen Nektar haben n heißen Durſt zu ſtillen, h' ich vergebens ſie. ch— rraͤnk' ich auch nach Willen, tt tränk' ich dennoch nie. ℳ ar du biſt, mich zu laben, Buͤrgers Gedichte. 357 lied) Zwar wärſt du, mich zu laben, Zwar koͤnnte wohl mich laben⸗ 3. 3. Doch ſeine Fuͤlle haben Die Goͤtter mir verſagt. Den heißen Durſt zu ſtillen, Fleh' ich vergebens ſie. Und— traͤnk' ich auch nach Willen. r. Z. 7. Ja, traͤnk' ich u. w. Die Uumarmung. (1. Theil, 1k. Seite.) 4. St. Z. 3. Und ſogar u. w. 6. St. 3. 3. Fluch vermacht ſey jedem Erben. Fluch verkuͤndigt ſey dem Erben, 4 Fluch vermachen wir dem Erben, 2.(1789.) Nicht vom Argwohn mehr 12. St. Z. geſtört. Des Schaͤfers Liebeswerbung. (1. Theil, 168. Seite.) 2. St. Z. 2. Umher die Herden weiden ſehn Buͤrgers Gedichte. Die jetzt ganz ausgeworfene achte Stanze in der Ausgabe von 1789. war anfang⸗ lich ſo veraͤndert: Und huͤpfen ſoll's in Saffian, Mit goldnen Spänglein, angethan Mit weißen Struͤmpfchen, fein geſtrickt, Mit Blumenzwickeln ausgeſchmuͤckt. Liebeszauber. 6(1. Theil, 180. Seite.) 2. St. Z. 3. Dieſer Mund und dieſe Wangen. M 5 e h (2. Theil, 15. Seite) Z. 4. Fuͤr ſie zu groß nicht ſeyn. S 5. Zwar ruͤhmt man viel vom Golde, 2. St. Z. 1. Ja, wenn ich auch Gebiether Von ganz Europa wär', Ich gäbe wohl die Guͤter Von ganz Europa her. Anfaͤnglich war die alte Leſeart dieſer Stanze ſo veraͤndert: Ja, wenn ich der Regente Von ganz Europa waͤr', Und ſie erkaufen koͤnnte, Ich gab' Europa her. 5 Gedichte. Buͤrgers 0 Bedingte mir nur Eines fing⸗ Fur ſie und mich noch aus, Ein Gaͤrtchen und ein kleines Bequemes Gartenhaus. Himmel und Erde. (z. Theil, 34. Seite.) 1. St. Z. 2.(1789.) Heiß erſehnter Seligkeit. 2. St. Z. 1.(789.) Fuͤr den Wurm, der meiner Tage 1 Roſenbluͤthe giftig ſticht; Deſſen Schmerz in mir ich trage, Den ich Arzt und Prieſter klage. Aber ach! das hilft mir nicht. An Molly.(Sonſt: An Adonide'n.) (2. Theil, 35. Seite.) 1 St. 3. 2. Mag alle Herzen dir gewinnen? Zwar wiſſen es die Huldgoͤttinnen, Allein ſie ſagen's Niemand an. dieſer i (2. Theil, 55. Seite.) 1St. 3. 3. Warum, warum iſt Eine nur und Eine Buͤrgers Gedichte. Bei Tag und Nacht dein ewiges Ge⸗ dicht? 1 Dein einziges, dein ewiges Gedicht? Ueberall Molly und Liebe. (2. Theil, 56. Seite.) 3. St. Zeile 1. Aber ſo geheim iſt kein Revier, ji Nirgend iſt ein Felſenſpalt ſo öde, 3 Daß nicht Liebe mich auch hier befehde; Das hohe Lied u. w. (2. Theil, 69. Seite.) — O 00 6. Wie aus tiefer Ohnmacht Banden, Wie aus langer dumpfer Nacht, ß Mit Beklommenheit durchwacht, Fuͤhlt er froh ſich auferſtanden Zu des Tages Licht und Pracht. Wie aus hoffnungsloſen Banden In des Kerkers dumpfer Nacht, Wie aus tiefem Sclavenſchacht, Fuͤhlt er froh ſich auferſtanden Zu des Fruͤhlings Licht und Pracht. 8 Ge⸗ icht? Buͤrgers Gedichte. 361 Oder aus Potoſi's Schacht, Z. 7. aus dumpfer Kerkernacht, S + St. O 0 9 § 2 0 80 00 S 9. St. 2. 20 2 . 20 Wie aus tiefem Sclavenſchacht, Wie aus dumpfer Todesnacht, Fuͤhlt er froh ſich auferſtanden Zu des Tages Licht und Pracht. 7. Welche nur ein Hauch erlebt, Sollſt du deren Ehre tragen, 1. Triumphierend offenbaren Sollſt du auch des Mannes Muth, Der entnommen den Gefahren, Im Triumph auch offenbaren Zwiſchen Lieb' und Treue ruht. In des Wunſches Heimath ruht. 6 Bei dem beſten Weibe ruht. 9. Auf des Landes Segensfuͤlle, 8. Einſt mit Herzensangſt(Seelenangſt) und Noth, Noch mit Sturm und Regenguſſe Schwarzer Ungewitter droht. 9. O, wie ſeliges Willkommen * Welch ein ſeliges Willkommen 9. In des Schlummergottes Bette. 362 Buͤrgers Gedichte. 12. St. 3. 2. Konnt' ich, wie von Bagdad's Thron, 8. 5. Ueber Millionen ſchalten? Hatt ich, ihrer Huld zum Lohn, Millionen vorzuhalten? Wie Latone'ns ſchöͤner Sohn? 14. St. Z. 6. In der Freude Roſenſtrahle B 15. St. Z. 3. 4. 18. St. Z. Z. 10. Haͤtte Hymen ſie umſchwebt, Und ein Leben ihr gewebt, Wie es in Kronion's Saale Hätte Hymen's Gunſt umſchwebt, 2. Gölt' es auch des Wohlſeyns Reſt, Mit der Fuͤlle der Gedanken, Liebend, voll Bekuͤmmerniſſe, 7. Haͤtten, eiſern in der Pflicht, keine Stärke Welche bricht 4(en Bedrängniß cht, Unholdinnen widerſtanden; Doch die zarte Holdinn nicht!— Haͤtten, eiſern, keiner Luſt, Keines Schmerzens ſich bewußt, Unholdinnen widerſtanden; Nicht der zarten Holdinn Bruſt. Nicht der Holdinn zartes Herz. 20. St. Z. 0. Und erliege nicht dem Drange, 2. Sieh mit offnem Sinn u. w. Der gewaltigen Begier! Buͤrgers Gedichte. 363 Ih B„ chrön, 22. St. Z. à. Die auf Bächen ſuͤßer Thraͤnen Die bei zartem Wonneſtoͤhnen Die der Menſchheit beſten Soͤhnen Aus der Bruſt die Seelen ziehn. 8. 0. Daß ſie in der Luſt verglimme, 3. St. Z. 7. Wo in Ein Gefuͤhl allein 24. St.*) Z. à. Was, obwohl ſo uͤberſchwenglich, Doch der Sinne Durſt nur ſtillt. Reſ, *) Dieſe Stanze iſt ganz neu hinzugekommen. An⸗ fangs ſollte ſie zwiſchen die 23 und 2b. der Ausgabe vom Jahre 1789. bloß eingeſchoben werden. Nachher wurde die 24. und die Halfte der 25. Stanze in jener erſten Ausgabe voͤllig verworfen, nachdem ſie ſchon auf folgende Art veraͤndert waren. 2h. St 3. 1. Blick' empor vom Erdenthale, Was auch Floren's Hand es kränzt! Senne dich mit mir im Strahle, Der herab vom Goͤtterſaale Dieſen Fruͤhling uͤberglaͤnzt! Wahr, es wetht des Lenzes Wonne, Es(Bald) verarmt Autumnus Horn, Wir verſchwelgen Moſt und Korn; Aber nie verſiegt die Sonne Gottes goldner Segensborn. 25. St. 3. 1. Wie die Sonne durch die Jahre, Durch den Wechſel aller Zeit, Leuchtet das Unwandelbare, Gottlichſchoͤne, Gute, Wahre Dieſer Seel' in Ewigkeit. 4 Z. 5. Buͤrgers Gedichte. Alle meine Sinne fullt. Meinen ganzen Sinn erfuͤllt. ℳ Aller Sinne Triebe ſtillt. Alles, was von Erd' entſteht, Und zur Erde wieder geht! Nur das Himmliſche ſoll gelten, Das zur Gottheit ſie erhöͤht. Das die Erdenhuͤll' umfäht. 25. St. Z. 10. Heißer Wuͤnſche u. w. 32. St. Zwiſchen dieſer und der 33. iſt eine Stanze, die ſich in der erſten Ausgabe befand, wegge⸗ fallen. Sie war anfaͤnglich alſo verbeſſert: Singt mir nicht das Lied von Andern! Andre ſind fuͤr mich nicht da, Sollt' ich auch, gleich Alexander'n, Durch die Welt erobernd wandern, Weſt und Oſt hin, fern und nah. Andre ziehen andre Herzen Unerklärbar nach ſich hin. Wenn ich erſt, wie Andre, bin, Dann ſind ihre Luſt und Schmerzen Luſt und Schmerz auch meinem Sinn. 37. St. Z. 3. Und erſtatt' auf offnem Plane, 41. St. Z. 4. Ewig ſtrahlen deine Fluͤgel, eſſett: ndern! Buͤrgers Gedichte. 365 An di Bienen. (2. Theil, 112. Seite.) 2. St. Z. 5.(1789.) Jener ausgeleerte Huͤlle Wird nicht wieder angefuͤllt; Aber nie verſiegt die Fuͤlle, Die aus dieſem Kelche quillt. An Auguſt Wilhelm Schlegel. (. Theil 5 ce.) 3. St. Z. 3. Leicht und feſt dein Flug, wie Sphärengang. Und ſein Schweben wie Planetengang. Das Bluͤmchen Wunderhold. (2. Theil, 116. Seite.) 4. St. Z. 3. Gar weit hinaus zu reichen glaubt, i ſ (2. Theil, 149. Seite.) 8. 43. In der Einſamkeit mein u. w. Z. 155.(Poetiſche Blumenleſe fuͤr das Jahr 1793) Kannſt du noch dir in die Seele rufen Jenen feierlichen Trauertag, 365 Gedichte. Buͤrgers Als geſtreckt auf des Altares Stufen Jegliches von uns ein Opfer lag? 1 Als bei tauſend Thränen hoch und theuer Warme Jugend ſich der Welt entſchwur?— Dennoch, ach! empfing der Weiheſchleier Seinen Kuß von kalter Lippe nur. ℳ Kannſt du jemahls, kannſt du ihn vergeſſen, . 189. Jene Thraͤnen, da ſich hoch und theuer Warme Jugend laut der Weltentſchwur, ———————— Sinnesaͤnderung. (2. Theil, 218. Seite.) 2. St. Z. 2.(Poetiſche Blumenleſe fuͤr das Jahr 1794.) Schoͤn wie der Gott der Reben. und hwur, S Jahl Buͤrgers Gedichte. 367 Anhang zu den Gedichten. 2. Bd. Impromptu von Buͤrger, da er von Demoiſelle K in Weiſenfels in einer Geſell⸗ ſchaft aufgefordert ward, zur Ausloͤſung ſeines Pfandes, der Liebe ein Liedchen zu ſingen. Ein Liedchen der Liebe verlangſt Du von mir?— Gern, liebliches Maͤdchen! gern ſaͤng' ich es Dir; Doch zaͤrtlichen Herzen Macht Liebe nur Schmerzen; Drum liebliches Madchen, drum ſchweig ich von ihr. Der Feige wird herzhaft, der Praſſer genau, Der Karge verſchwendriſch, der Dumme wird ſchlau, Und, Amorn zum Preiſe, Vergafft ſich der Weiſe; Der Hageſtolz ſeufzet nach Maͤdchen ſich grau. Doch, ach! mit unendlicher Traurigkeit ringt Ein Herz, das die Liebe mit Roſen umſchlingt, Wenn Eiferſucht⸗Schrecken Den Liebenden wecken, Wer iſt, der die Schmerzen der Liebe heſingt? 368 Buͤrgers Gedichte. Drum, reitzendes Maͤdchen! drum ſingt mein Ge⸗ dicht Das Suͤße der ſchmeichelnden Liebe Dir nicht; Denn zaͤrtlichen Herzen Macht Liebe nur Schmerzen; Drum, liebliches Mädchen! ſing' ich ſie Dir nicht nein Ge⸗ — ——— ———— rey Control Ghart Green NVellow Red Magenta Srey