Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebebingungen offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ p und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 5⁰ Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Kponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene' verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Sf n das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zü ſtehen haben. Die Zeimath in der neuen Welt. . Ein Tagebuch in Briefen, geſchrieben auf zweijährigen Reiſen in Nordamerika und auf Cuba. Von Friederike Bremer. Aus dem Schwediſchen überſetzt † von Dr. G. Fink. „Singet dem Herrn ein neu Lied.“ Pſalm 149. Erſter Band. Stuttgart. Franckhſche Verlagshandlung. 1854. 1 — 8 E 8 — — — — — = 3 £ — — — — 8 — ẽ 8 27 — 8 — 2 — — * * — * * S £ — — — Inhalt des erſten Theils. dei ſer An meine amerikaniſchen Freunde Erſter Brief. Auf dem Meer. Canada. Gottesdienſt an Bord. Eſſen und Trinken. Geſellſchaft. Bekannt⸗ ſchaften. Stürmiſche Nächte. Geſänge. Ankunft in Halifax. Reiſe von da nach New⸗York. Schön⸗ heit des Meeres. Lichtexploſion. Vogelhatz. Zweiter Brief. Ankunft in New⸗York. Aſtorhaus; Empfang. Mr. Downing. Greenwood⸗Kirchhof. Abend bei Miß Lynch. Reiſe den Hudſon hinauf. Mr. Downings Villa. Charakter ſeines Hauſes. Häus⸗ Dritter Brief. Morgenhochzeit. Umgangsleben am Hud⸗ ſon. Mahlzeiten. Schönheit der Natur. Pracht des Laubwaldes. Schöne Stunden. Lektüre der Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. I Seite 11 22 Dichter Amerikas: Bryant, Lowell, Emerſon. Charakter ihrer Poeſie. Miß C. Sedgewick. Meh⸗ rere Ausflüge. Indianiſcher Sommer. Beſuch in Blithewvod. Die Catskill⸗Berge. Schöne junge Mädchen. Begegnung mit Bergfalk. Lowells Pro⸗ metheus, Emerſons„Gib Alles der Liebe.“ Be⸗ kanntſchaft mit Springs. Downings Geſellſchaft und Unterhaltung. Morgenſcene am Hudſon. Das Hausweſen. Leben am Fluß. Robert Fultons erſter Verſuch. Der Fluß. *„ Vierter Brief. Ankunft in Brooklyn. Roſenhütte. Eindruck des Lebens in und mit der neuen Welt. Rückblick auf die Tage am Hudſon. Kleine Reiſen mit Downings. Beſuch bei der Familie Hamilton. Washington Irving. Schöne Abende. Letzter Abend bei Downings. Romantiſche Scene und Eindruck. Fahrt nach Mr. Putnams Villa. Staaten Island. Der goldne Wald. Mühſame Tage in New⸗York. Mrs. Skyler. Beſuch in Schulen und Inſtituten. Wards⸗Island, das Auswanderer⸗ Aſyl. Mr. Colden. Haus für gefallene Weiber. Hoboken; die elyſeeiſchen Felder. Wieder in Ro⸗ ſenhütte. Markus und Rebecca; ihre Kinder und Heimweſen. Jugendliches Leben in Amerika. Ver⸗ änderlichkeit des Klimas. H. W. Channing. Reiſe⸗ plan mit meinen neuen Freunden. Fünfter Brief. Fahrt nach dem Nordamerikaniſchen Phalan⸗ ſtere. Erſter Eindruckder Anſtalt. Die Gruppen. Das Frühſtück. Wanderungen und Geſpräch. Ideen, Bedingungen, Zuſtand der Phalanſtöre⸗Aſſocia⸗ Seite. 36 68 — V tion. Angenehme Frauenzimmer. Schöne Jugend. Bedenklichkeit gegen die Anſtalt, ihre Schwach⸗ heiten, ihre guten Seiten, ihre edlen Zwecke. Wieder in Roſenhütte. Häusliches Leben. H. W. Channing und ſeine Freunde. Beſuch bei der jun⸗ gen Dichterin Anna L. in New⸗York. Channings Stegreifvorleſung. Rutger⸗Inſtitut. Junge Schriftſtellerinnen. AllzufrüheOeffentlichkeit. Geſell⸗ ſchaftsleben; Fragen. Bloomingdale. Mr. L. Beleb⸗ tes Leben; todtes Leben. Abendgeſellſchaft bei Miß Lynch. Schöner Gottes dienſt. New⸗Yorks Mittagsſchmauſereien. Anna L. Abendgeſellſchaf⸗ ten. Die Oper. H. James Rede über chriſtlichen Socialismus. Channings Oppoſition„.. Sechster Brief. Letzte Tage in New⸗York. H. W. Channings zweite Stegreifrede. Eine Abendgeſellſchaft. Ab⸗ reiſe nach Connecticut und Maſſachuſett. Ankunft in Hartford. Mrs. Sigourney. Abend in Wor⸗ ceſter. Elihu Burrit. Krieg und Frieden. Kleine ländliche Häuſer. Orbridge. Kalte Nacht. Schöner nordiſcher Morgen. Das Dankfeſt. Ausflug nach Hoffnungsthal. Der Patriarch Adin Balon. Der Zweck der Hoffnungsthaler Geſellſchaft. Boſton. Der Prediger Mr. Parker. Reiſe nach Concord. Beſuch bei W. Emerſon. Eliſabeth H. Morgenwander⸗ ung. Neuenglands kleine Häuſer. Socialiſtenverein Abends in Boſton. Nachſchrift. Rückblick auf Emerſon⸗a4l 1 „„—.. Siebenter Brief. Bekanntſchaften in Voſton. Alcott, Mr. Bar⸗ nard, H. Longfellow, J. R. Lowell, Garriſon u. ſ. w. Seite VI Seite Ellen und Villiam Kraft, geflüchtete Skla⸗ ven. Charles Sumner und Wendel Philipps. Theater. Miß Ch. Cuſhman als Schauſpielerin und Perſon. Tage munteren Lebens. Traurige Un⸗ terbrechung. Gute Neuigkeiten. Concert. Beethovens vierte Symphonie. Mr. Parkers Predigt, Ge⸗ ſpräch. Reiſe nach Cambridge. Der Dichter Lowell, ſeine Gattin und ſein Haus. Eine Bühne. Ein⸗ ſame Wanderung. Weihnachtsabend. Verzierungen in den Häuſern und den Staaten Neuenglands. Der Dichter Whitt ier. Charakter von Cambridge. Achter Brief. umzug nach Boſton. Der ſchwediſche Conſul Benzon. Sein Haus. Ein weiblicher Doctor Mrs. H. Ihr Heimweſen, ihr Charakter. Vorleſung. Emancipirte Frauenzimmer. Alcotts„Unterhal⸗ tungen“, Transcendentalismus Neunter Brief. Kränklichkeit. Arzt. Allopathie und Homöo⸗ pathie. Beſuch bei Emerſon in Concord. W. Emer⸗ ſons Individualität. Seine Schriften. Auszüge daraus: über Selbſtvertrauen. Ueber Freund⸗ ſchaft. Neuenglands Trauscendentaliſten. Miß M. Fuller. Zuſammentreffen mit M. Spring in Bo⸗ ſton. Geſpräch mit Alcott. Seine Schule, ſein Zweck. Mrs. Br. und faſhionable Geſellſchaft. Eine andere„faſhionable Partie“, Geldbrotzen⸗ thum, Leute die über der Mode ſtehen. Die neue Ariſtokratie. Der Philantrop Dr. How. Laura 167 175⁵ — ——————— ——.—„— „—— x VII Zehnter Brief. Friſche Gefühle. Frohe Gedanken. Die Pilger. Die Maiblume. Erſte Puritanerkolonie in Nordamerika. Ihre Geſchichte, Heldenmuth, Kampf und Sieg, Ausbreitung, Einfluß auf die Bevöl⸗ kerung und Staatsverwaltung der nordame⸗ rikaniſchen Staaten. Der Neuengländer und ſein Lebenszweck. Staatsideale. Der Amerikaner, die Amerikanerin. Das amerikaniſche Hausweſen. Stellung des Weibes. Wachsthum der Geſellſchaft. Antiſclaverei⸗Verſammlung. Neger⸗Beredſamkeit. Rednerinnen. Mr. Quincy, Mr. W. Philipps. Beſuch in Boſtons Allmand. Amerikaniſche Redner. Boſtons Gemeinde. Schlittenfahrt. Rie⸗ ſenſchlitten. Amerikas Luft verſchieden von der europäiſchen; ihre Entwicklung auf Körper und Seele. Mrs. Kembles Vorleſung Shakeſpeares. Verſchiedene Klaſſen von Bekannten. Eigenheit in Stimme und Tonfall. Nathanael Hawthorne. Das große ſteinerne Geficht. Schriftſtellerinnen und Dichterinnen in den nördlichen Staaten. Privatſorgen. Beſuch in der Lowellſchen Fabrik. Der Matroſenprediger. Hauptſecten in Nordame⸗ rika, Trinitarier und Unitarier. Dr. Ellery Chan⸗ ning, Charakter, Leben und Tod. Schöne Tage. Geſpräch mit W. Emerſon. Der Stoicismus und des Chriſtenthum. Mein Doctor. Mrs. Kemble. Elfter Brief. New⸗York. Geſundheitszuſtand in den nörd⸗ lichen Staaten. Urſachen der Krankheit. Rückblick auf Boſton. Mehrere„Converſativns.“ Größeres Intereſſe. W. Emerſon. Fanny Kemble und Laura Bridgeman. Abſchied vom Pilgerſtaat. Wieder Seite 214 VIII Seite⸗ in Roſenhütte. Der Prediger Mr. Beecher. Kir⸗ chen, Ritual, Geſang, Gebet in Nordamerika, in Schweden. Jean Pauls Vorſchlag. Reiſepläne. Der große Weſten. Mrs. Kirkland. Was ein Yankee iſt. Der Yankee⸗Jüngling und Kaiſer Nikolaus. Der Staatsmann H. H. Clay. Kleine Wider⸗ wärtigkeiten. Häusliches Behagen. Beſuch in der Frauenacademie in Brooklyn. Einfluß der Schu⸗ len auf den weiblichen Charakter. Ihr Zweck. Blick auf allgemeine Angelegenheiten und auf den großen Tageskampf in den Vereinigten Staa⸗ ten. Gerüchte von Jenny Linds Ankunft. Kälte. Sehnſucht nach dem Süden. Abreiſe„.„ Zwölfter Brief. Charleston, Süd⸗Carolina. Noch kalt, aber überall Blumen und grünende Bäume. Luftver⸗ änderung während der Seereiſe zwiſchen New⸗York und Charleston. Erſter Eindruck von der Stadt (Charleston). Sklaven und Sklaverei. Vorſätze in Beziehung auf die Sklavereifrage. Mrs. Howland. Dreizehnter Brief. Süd⸗Carolina. Schönheit der Luft, Blumen und Wälder. Die Lebenseichen, die Magnolien. Amerikas Nachtigall. Der Kolibri. Entzückende Eindrücke. Lebensgenuß. Angenehme Bekannt⸗ ſchaften. Mrs. H.„k. Ein Tag in Belmont. Picknick auf der Sullivansinſel. Mr. und Mrs. Gilman. Trauung in der Kirche. Geſpräch über Sklaverei. Hausſklaven. Unerwartete moraliſche Blindheit. Wirkung der Sklavereieinrichtung auf die Weißen. Mr. Howlands Haus und Fami⸗ 271 307 ——————————„— 1 07 IX lienleben. Starke Frühſtücke und ſchöne Abende. Der Seminolen⸗Indianer⸗Häuptling Osceola. Caſabianca am Fluß Pee⸗Dee. Exminiſter Poinſett und ſeine Frau. Schöner Garten. Reichthum an Gärten und Pflanzen in Amerika. Abendgeſpräch. Einſame Wanderung auf den Plantagen. Ge⸗ ſpräch mit Negerſklaven. Die Sklavendörfer. Le⸗ ben und Zuſtand der Sklaven auf den Reisplan⸗ tagen. Feuerfliegen. Stille Tage. Friedensbot⸗ ſchaft der inneren Stämme. Fahrt auf dem Wac⸗ camaw⸗Fluß. Wieder in Charleston. Begräbniß des Caroliniſchen Senators Calhoun . Vierzehnter Brief. Lagermeeting. Nächtlicher Auftritt, Donner, Feueraltar, Hymnen, Predigten, heftige Anfälle. Lager der Neger. Exaltirtes Leben. Die Mor⸗ genprediger. Populäre Beredſamkeit. Empfäng⸗ lichkeit der Neger für das chriſtliche Evangelium, ihre Freude daran. Wirkungen dieſer Lagermeetings auf die Neger. Abreiſe von Savannah, von da nach Macon. Oede Gegenden; muntere Jugend. Schöner Morgenſpaziergang. Roſenhügel⸗Kirchhof. Herr Scherb. Reiſe nach Montpellier. Biſchoff Elliot. Junge Mädchen, Abendſpiele. Morgenge⸗ bet.„Ein chriſtlicher Gentleman“. Fünfzehnter Brief. Vineville bei Macon in Georgien. Amerika⸗ niſche Häuſer, ſchöne Sitten. Amerikaniſche Haus⸗ mütter. Indianerſtämme in den ſüdlichen Staaten. Sechzehnter Brief. Saannah.„Dergrößte Autographenſammler in der Welt.“ Verſchiedene Eindrücke. Antiſkla⸗ Seiie. 316 359 388 X Sette. verei⸗Anhänger im Süden und ihre Thätigkeit. Georgias Zukunft. Georgias erſte Coloniſirung. James Oglethorpe. Die Neger in Savannah. Negerprediger. Anlagen der Negerkinder. Bona⸗ ventura. Waiſenhaus Siebzehnter Brief. Columbia. Reiſe den Savannah hinauf. Der Urwald. Bauuwolle⸗Verehrer. Ausgelaſſene Ju⸗ gend. Ankunft in Auguſta. Sklavenbefreier. Eine Sklavin. Ein Beſuch auf den Plantagen. Erdeſſer. Herr Grön und ſeine Familie. Ein Feſt. Ne⸗ gergeſang. Ein Sclavenmarkt. Gute Sklavenbe⸗ ſitzer. Gedanken in Georgia über Sklaverei. Ame⸗ ritas Pflicht gegen Afrika. Gigantiſche Vorwelt⸗ thiere. Negerhochzeit.„Cornels“ in den ſüdlichen Staaten. Einſame Wanderungen. Wieder in Char⸗ leston. Gute Freunde. Buch von J. W. Miles. Süd⸗ carolinas ariſtokratiſcher Charakter. Coloniſirung, Aſyſeigenſchaft. Zuſtand der Sklavenſtaaten im Verhäitniß zu den freien Staaten. Eigene Lage der ſüdlichen Staaten. Was ſie thun ſollten. Gemüthsart des Negervolkes. Scenen aus ihrem Leben in Charleston. Ariſtokratiſcher Sinn bei den Negern. Schwierigkeiten mit der Emancipa⸗ tion der Negerſklaven. Aufgabe der weißen Bevöl⸗ kerung. Die Weiber in den Sklavenſtaaten. Drei Klaſſen von Sklavenbeſitzern. Geſellſchaftsleben. Familienleben. Gottesdienſt von Negern. Lebe⸗ wohl Süden i . 396 417 Le re je ir ich S all ei an ka m 417 An den Leſer. Meine einzige Entſchuldigung wegen der Mühe, die ich dir mit einer ſo langen Korreſpondenz mache, beſteht darin, daß meine Reiſe in Amerika, wäre ſie nicht auf dieſe Art herausgegeben worden, überhaupt nicht erſchienen wäre. Und meine Entſchuldigung we⸗ gen der Herausgabe beſteht darin, daß ich aus mehreren Gründen dies nicht unterlaſſen konnte. Indem ich ſie deinen Händen überlaſſe, lieber Leſer, wünſchte ich auf eine freundliche Stimmung rechnen zu können, wenigſtens eine ſolche, die mit der⸗ jenigen, worin dieſe Briefe zuerſt geſchrieben worden, nicht in Widerſtreit läge. Sie bedürfen dies mehr als irgend etwas Anderes, was ich geſchrieben habe. Denn ich kann es mir ſelbſt nicht verhehlen, daß ſie an Selbſtſucht leiden, dem großen Stein des Anſtoßes bei allen Selbſtbiographien. Das ſympathetiſche Gefühl einer Schweſter oder eines Bruders ſtoßt ſich nicht dar⸗ an, wohl aber leicht ein Fremder, der es nicht theilen kann. Ich habe deßhalb Vieles aus dieſen Briefen, was mich ganz beſonders betrifft und mir perſönlich ange⸗ Bremer, die Heimath in der nenen Welt. 1. 1 2 nehm war, in der für den Druck beſtimmten Abſchrift weggelaſſen; aber ich konnte nicht alles Derartige weg⸗ laſſen, weil dadurch die Natürlichkeit der Briefe, ſowie die eigenthümliche Farbe meines Lebens und meiner Verhältniſſe in Amerika verloren gegangen wäre. So ſteht alſo noch Vieles da, was mich perſönlich erfreut oder gequält hat, vielleicht mehr als ſtehen bleiben durfte. Ich habe bei der Reinſchreibung meiner Briefe mir oft nicht klar machen können, daß ich ſie jetzt für das Publikum ſchrieb, und nicht blos an meine Schwe⸗ ſter,„meine Innerſte,“ vor welcher ich auch das In⸗ nerſte erſchließen, das Kindiſchſte ſagen durfte. Sobald ich zu ſchreiben anfing, ſtand immer wieder die Schwe⸗ ſter vor mir mit den ſanften, himmliſchen Augen, dem ſchonungsvollen Lächeln; ſo ſtellte ſie ſich zwiſchen mich und alle fremden Leſer. Ich ſah nur ſie und vergaß die Andern. Ich ſehe ein, daß ich hierin oft gefehlt habe, und hauptſächlich im erſten Theil dieſer Brief⸗ ſammlung, die zu einer Zeit geſchrieben wurde, wo Kränklichkeit mich ſchwach machte, und die Schwachheit mich in der Selbſtſucht beſtärkte. Wenn ich dieſe Kränk⸗ lichkeit habe übermäßig hervortreten laſſen, ſo liegt eine Entſchuldigung darin, daß ſie einem Leiden angehörte, das in Amerika ſehr gewöhnlich iſt, das durch das Klima des Landes, durch die Diät und Lebensweiſe der Bewohner verurſacht wird, und wovor man Ein⸗ geborne ſowohl als Einwanderer nicht genug warnen fann. Und wenn ich von dieſem Uebel und ſeinen Ur⸗ ſachen zu viel geſprochen habe, ſo haben dagegen au⸗ dere iſt nen oder ſteh gute Dii bev Koſ in Fre Leſe helf der paſſ Beſ ich, der den int ben und in dad unk zu den hrift veg⸗ owie iner So freut iben riefe für hwe⸗ In⸗ bald chwe⸗ dem mich rgaß efehlt Brief⸗ „wo chheit ränk⸗ t eine hörte, das sweiſe Ein⸗ arnen n Ur⸗ n an⸗ 3 dere Schriftſteller gar zu wenig davon geſprochen. Es iſt das gefährlichſte Unthier der neuen Welt. In ſei⸗ nen extremen Kundgebungen führt es ins Narrenhaus oder zum Tod. Glücklich wer ihm auszuweichen ver⸗ ſteht, oder wer, wie ich, ſchon bei ſeinem Beginn einen guten Arzt findet, der durch die vereinigte Macht der Diät und der Medicin das Uebel abzuwenden vermag, bevor es überhandnehmen konnte. In den Briefen au meine Schweſter habe ich die Koſenamen, die darin geſchrieben ſtanden, und die wir in Schweden unter nahen Angehörigen und guten Freunden gebrauchen, beibehalten, obſchon mancher Leſer ſie allzu kindiſch finden dürfte. Ich kann da nicht helfen. Ich habe ſie auszumerzen und andere paſſen⸗ dere hineinzuſetzen verſucht. Aber ſie wollten nicht paſſen; ſie ſahen ſteif, unnatürlich, langweilig aus. Beſſer alſo das Kindiſche als das Langweilige, dachte ich, und die kleinen Wörtchen dürften ſich vielleicht um der großen Gegenſtände willen verſchlucken laſſen, die dennoch, obſchon ohne mein Verſchulden oder Verdienſt, in den Briefen vorkommen. Und kannſt du, lieber Leſer, mitunter Geduld ha⸗ ben mit der Briefſchreiberin, wenn ſie in Kränklichkeit und Selbſtſucht ſpricht, willſt du ihr Rachſicht ſchenken in ihrer Schwachheit, ſo dürfteſt du für deine Güte dadurch belohnt werden, daß du in ihren geſunderen und ſtärkeren Stunden gleichſam an ſchweſterlicher Hand zu einer vertrauteren und herzlicheren Bekanntſchaft mit dem großen Land jenſeits des Ozeans, mit ſeinen Be⸗ wohnern, ihrem Heimweſen und innerem Leben geführt wirſt, als dir ſonſt hätte zu Theil werden können;— und vielleicht dürfteſt du doch finden, daß dies der Mühe lohnt. Beſſer als du, beſſer als irgend Jemand— und oft drückend genug— fühle ich die Mängel meiner Arbeit. Sie würden mir allen Muth rauben, wenn ich nicht zu gleicher Zeit fühlte, daß ich in ihren beſ⸗ ſeren Partien dazu beigetragen habe, die guten Hei⸗ mathen in der neuen Welt den guten Heimathen in Europa, und vornehmlich in meinem Vaterland, die edlen, warmen Herzen dort denen, die hier klopfen, näher zu rücken, daß ich alſo nach Maßgabe meiner Kräfte dazu beigetragen habe, die ſchönen Bruderbande zwiſchen Volk und Volk feſtzuknüpfen. Mögeſt du, lie⸗ ber Leſer, dies mitempfinden und dich dadurch verſöh⸗ nen laſſen mit der Briefſchreiberin. word Schy ſten, licher Und ſind, Welt letzli ſchaf ich e von Wah ihr1 erfül habe größ deres Schr ſie i! Buch dieſe genu ührt 5— der und einer wenn beſ⸗ n in „ die pfen, einer bande lie erſöh⸗ Stockholm, im Mai 1853. An meine amerikaniſchen Freunde! Dieſe Briefe ſind in eurer Heimath geſchrieben worden, während ich dort mit euch lebte wie eine Schweſter mit ihren Geſchwiſtern, im Norden, im We⸗ ſten, im Süden eures großen Gebietes. Im vertrau⸗ lichen Umgang mit euch ſind ſie zu Stande gekommen. Und ohne euch wären ſie nicht geworden, was ſie jetzt ſind, denn ohne euch hätte ich die Heimath in der ueuen Welt nicht kennen gelernt, hätte nicht aus den unver— letzlichen Räumen des heimiſchen Herdes das Geſell⸗ ſchaftsleben draußen betrachten dürfen. Darum widme ich euch dieſe Briefe. Sie ſollen euch Zeugniß bringen von mir und von meinem Leben unter euch. Ihr ſagtet zu mir:„Wir hoffen, daß Sie uns die Wahrheit ſagen werden.“ Etwas Anderes wünſchtet ihr nicht von mir. Was ihr gewünſcht, habe ich zu erfüllen geſucht. Seid meine Richter! Was ich in der neuen Welt geſehen und gefunden, habe ich in dieſen Briefen niedergelegt. Sie ſind zum größeren Theil Ergießungen eines Herzens in ein an⸗ deres Herz, aus eurer Heimath in die meinige in Schweden. Als ich ſie ſchrieb, dachte ich nicht daran, ſie in Druck herauszugeben, dachte nicht daran, ein Buch über Amerika zu ſchreiben, am allerwenigſten in dieſen Briefen; und das ſieht man ihnen auch deutlich genug an. Hätte ich daran gedacht, ſo wären ſie an⸗ 6 ders geſchrieben worden, weniger unmittelbar und kunſt⸗ los, mehr aufgeputzt und im Geſellſchaftskleide; ob dar⸗ um auch beſſer, weiß ich nicht. Ich war in Amerika zu ſehr bedacht zu leben, als daß ich hätte daran den⸗ kten können, über das Leben zu ſchreiben. Das Leben war übermächtig. Der Gedanke, Briefe über Amerika“ zu ſchreiben, entſtand erſt ſpät, nämlich als ich nahe daran war, das große Weſtland zu verlaſſen, und das Gefühl im⸗ mer mächtiger in mir wurde, daß das⸗ was ich auf meinen zweijährigen Reiſen, bei meinem zweijährigen Aufenthalt allda geſehen und erfahren, nicht mein Privateigenthum ſei, ſondern daß ich damit zugleich einen Auftrag zu erfüllen bekommen habe. Daß die große neue Welt mir manchen Denkſtoff, Stoff für ſpäteres Handeln, vielleicht auch für Bücher geben würde, darüber hatte ich zwar meine Ahnungen gehabt; aber welche Handlungen⸗ welche Bücher, darüber beſaß ich keine Klarheit. Ich geſtehe euch, daß ich in Ameriks mit dem Gedanken umging, ganz Amerika in— einen Roman zu verwandeln, und euch, meine Freunde, in Helden und Heldinnen deſſelben; aber dieß ſo fein, daß Niemand von euch weder Amerika noch ſich ſelbſt zu erkennen vermocht hätte. Aber die Scenen der Wirklichkeit in eurem großen Lande wollen ſich nicht in einen Roman einrahmen laſſen. Der Roman zerfloß wie ein Regenbogen in den Wolken, und die Wirklichkeit trat immer ſtärker hervor „in all'ihrer Größe und Kleine, Lieblichkeit und Bitter⸗ keit, Schönheit und Häßlichkeit, mit einem Wort in ihrer ganzen Wahrheit.“ Und ich fühlte, daß meine beſte Arbeit blos ein getreues Bild dieſer Wahrheit ſein konnte. Wie es ausgeführt werden ſollte, wußte ich noch keineswegs klar, als ich Amerika verließ. „Sie werden alles das verſtehen und einſehen ler⸗ nen, wenn Sie daheim ſind!“ ſagte manchmal der ther We auft Bri Fre Bli dieſ Me mit Lel mit er Do leb ſör un ſei der iſt fü wo we me du ſt⸗ ar⸗ ika en⸗ ben en, var, im⸗ auf igen nein leich die für eben abt; beſaß leriks einen , in fein, ſelbſt roßen ahmen in den hervor Bitter⸗ ort in meine eit ſein ißte ich hen ler⸗ ral der 7 theure Freund zu mir, der mir am Geſtade der neuen WVelt zuerſt begegnete, der mich zuerſt in ſein Haus aufnahm, den ich ſo gerne„meinen amerikaniſchen Bruder“ nannte, und der mit dem Zauber ſeiner Freundſchaft und mit dem Leitſtern ſeines klaren Blickes, ſeiner brüderlichen Sorgfalt, mein Leben in dieſer neuen Welt unausſprechlich verſchönte; dieſer Mann, deſſen Bild in meiner Seele ewig vermählt iſt mit ihren ſchönſten Scenen, ihrem morgenfriſchen Leben, ihrem indianiſchen Sommertag, und vor Allem mit den Hochlandsſcenen an dem herrlichen Fluß, wo er ſein ſchönes Haus gebaut und jetzt ſein Grab hat. Doch nein, nicht blos im Verein mit dieſen Bildern lebt er für mich. Zeit und Raum ſchließen eine Per⸗ ſönlichkeit wie die ſeinige nicht ein. Heute, wie geſtern und in Ewigkeit, werde ich ſeinen Blick, ſeine Stimme, ſeine Worte wahrnehmen, wie ich ſie einſt wahrnahm, denn ſie ſind mit Allem vermählt, was ſchön und edel iſt im großen Reich der Schöpfung. Seine Worte ſind für mich in Schweden maßgebend, wie ſie es in Amerika waren. Ich liebe jedes Einzelne von ihnen in mein Gedächtniß zurückzurufen.„Sie werden das einſehen, wenn Sie in Ihre Heimath kommen,“ ſagte er bei mancher Frage, die bei meinem Abſchied von Amerika dunkel vor meinem Blicke ſtand. Der Gedanke, die Briefe, die ich aus Amerika nach Haus geſchrieben, ganz oder doch im Weſentlichſten ſo herauszugeben, wie ſie zum erſten Mal aus der Feder auf das Papier gefloſſen, entſtand erſt mehrere Monate nach meiner Heimkehr, als ich mit muthloſer und halb unwilliger Hand dieſe Schreiben an eine geliebte Schweſter öffnete, die ſich jetzt nicht mehr auf Erden vorfand. Ich geſtehe, daß das Leben darin mich belebte, mein Herz ſo ſchlagen ließ, wie zur Zeit, da ſie geſchrieben wurden, und ich mußte zu mir ſelbſt ſagen:„Dieſe Kinder des Augenblicks und des warmen 8 Gefühls ſind trotz all ihrer Mängel reinere Ausdrücke der Wahrheit, die meine Freunde von mir wünſchen, und die ich ſelbſt auszuſprechen wünſche, als irgend Etwas, was ich mit ruhiger Beſinnung und kalter Hand ſchreiben könnte. Und ich beſchloß, die Briefe ſo herauszugeben, wie der Eindruck des Angenblicks ſie eingegeben hatte. Beim Abſchreiben habe ich blos einige Ausmerzungen und einige Zuſätze vorgenommen. Die Zuſätze betreffen hauptſächlich hiſtoriſche und ſta⸗ tiſtiſche Thatſachen, die ich in meinen Briefen oder in meinen Aufzeichnungen flüchtig berührt finde und jetzt weiter ausführte. Die Auslaſſungen betreffen eigene oder fremde Angelegenheiten, von denen ich dachte, ſie ſeien allzu privatlicher oder delikater Natur, als daß ſie vor das Publikum kommen dürften. Ich habe mich in meinen Mittheilungen aus dem Privatleben inner⸗ halb der vom Edelſinn und Zartgefühl feſtgeſetzten Grenze zu halten geſucht, nämlich aus vertraulichen Mittheilungen genannter Perſonen nichts anzuführen, was dieſe Perſonen nicht ſeibſt veröffentlicht wiſſen möchten. Ich fühle hierin tief die Heiligkeit der For⸗ derungen des Zartgefühls, und Nichts würde mich mehr ſchmerzen, als wenn ich aus Unbedachtſamkeit gegen ihre Gebote geſündigt haben ſollte. Einige meiner Freunde werden jedoch, fürchte ich, ihr Feingefühl durch ein Lob verletzt finden, das ich nicht immer zurückhalten konnte. Mögen ſie mir um meiner Liebe willen verzeihen! Mit keiner gewöhnlichen Liebe habe ich in enrem Land und an eurem Herde gelebt; auf keine gewöhn⸗ liche Art habt ihr mich allda empfangen. Wenn der Becher zuweilen übervoll wurde und überlief, ſo iſt das weniger meine als eure Schuld. Ueberdies ertönen Thaten der Selbſtſucht und des Haſſes tagtäglich in unſern Ohren, nebſt den Namen derjenigen, die ſie verrichten. Vergönnet daher einigen andern Namen, icke en, end lter iefe ſie los len. ſta⸗ in jetzt ene ſie daß mich ner⸗ zten chen ren, ſſen For⸗ mich nkeit ich, ich um rem öhn⸗ der das önen ch in e ſie men, 9 daß ſie auf den Schwingen des Frühlings und von den Winden der Liebe in der Welt umhergetragen wer⸗ den, um gleich einer himmliſchen Ausſaat ſich mit der Erde zu vermählen und alle beſſern Gefühle der Seele erblühen zu machen. Das Herz zweifelt mitunter an dem Guten und ſeiner Macht auf Erden. Es will ſehen, um zu glauben. Ich habe ihm dazu verhelfen wollen. Ich habe von euch geſprochen.*) Das Beſte, das Schönſte in euren Herzen und in eurer Heimath iſt doch nicht verrathen worden. Im Menſchenherzen und in der Heimath findet ſich, wie in dem Tempel des alten Bundes, ein Allerheiligſtes vor, auf deſſen goldenen Tafeln nur die Geſichter der Che⸗ rubim herabſchauen und das Zengniß leſen dürfen. In Allem, was ich an eurem Land und eurem Volk getadelt oder kritiſirt habe, bin ich meiner Ueber⸗ zeugung gefolgt. Was ich ſelbſt geſehen, gehört, er⸗ fabren, gefühlt gedacht, das habe ich ohne alle andere Furcht geſchrieben, außer daß ich gegen Recht und Billigkeit verſtoßen könnte. Aber wenn ihr dieſe Briefe leſet, meine Freunde, ſo habt wo möglich Geduld bis ans Ende, und be⸗ denket, daß ſie oft Eindrücke des Augenblicks ſind, die durch ſpätere Eindrücke zur Reife gebracht oder ver⸗ ändert wurden. Betrachtet ſie als Ziffern, die ihr durchgehen müſſet, um ein Facit herauszuziehen. Vier von dieſen Briefen, nämlich an H. C. Oerſted, an J. P. Böklin, an J. M. die Königin Wittwe von *) In der engliſchen und amerikaniſchen Ausgabe ſind blos die Anfangsbuchſtaben der Namen gedruckt wor⸗ den, da dieſe Namen Privatperſonen angehören. In der ſchwediſchen habe ich dieſen Schleier über meine Freunde für überflüſſig gehalten, da ihre Namen hier jedenfalls blos wie ein Echo aus der Ferne ertönen. 10 Dänemark und an H. Martenſen, ſind als Ruhepunkte unterwegs zu betrachten, von wo aus man die zurück⸗ gelegten Stadien überſchaut und ſich über Weg uud Ziel beſinnt. Es kommen darin einige Wiederholun⸗ gen vor, die ſich nicht vermeiden ließen. Daß ſolche auch in den andern Briefen vorkommen, fürchte ich, und ſie hätten vermieden werden ſollen, aber.. Von euch, meine Freunde, hoffe ich die Wahrheit, vor welcher man ſich gerne beugt, ſelbſt wenn ſie ſchmerzt. Wo ich geirrt, wo ich mich getäuſcht habe, da hoffe ich von euch öffentliche Belehrung darüber. Was ich Wahres und Gutes geſagt habe, werdet ihr, das weiß ich, anerkennen. Von euch fürchte ich kein unbilliges Urtheil. Die wahrheitsliebendſten Menſchen, aber ohne Härte, glaube ich unter euch gefunden zu haben. Deß⸗ halb liebe ich's, an euch zu appelliren. In eure ſchöne, geſegnete Heimath kehre ich hier als Geiſt zurück, um euch an die Fremde zu erinnern, die ihr zu Gaſt ludet und zu eurer Freundin machtet; um mit euch von früheren Tagen an eurem Herd zu ſprechen; um euch zu danken und euch zu ſegnen; und nicht blos euch, deren Gaſt ich war, ſondern die Vielen in eurem Lande, die mir mit Worten oder Handlungen wohlthaten, die Warmherzigen, Edelgeſinnten, ſie alle, die mich den Morgenthau einer neuen ſchöneren Schöpfung trinken ließen, das Lebenselixir, das die Ingend der Seele erneut. Das Wort iſt arm, es kann wenig von dem aus⸗ drücken, was die Seele empfindet. Möchte doch Etwas von der Lebensfreudigkeit, die ihr mir ſchenktet, aus dieſen Briefen euch wieder entgegenathmen und euch hiemit einen beſſern Dank bringen, als ihn hier aus⸗ ſprechen kann eure ſchwediſche Freundin Friederike Bremer. nkte ück⸗ und un⸗ lche ich, heit, erzt. ich ich veiß iges hne eß⸗ hier ern, tet; zu und elen igen alle, eren die us⸗ was aus euch aus⸗ Erſter Brief. Den 23. Sept. 1849. Auf dem Mrer. Dies iſt der zweite Ruhetag auf dem großen Ocean, meine liebe, gute Agatha! Und geht die Reiſe ſo fort, wie ſie angefangen hat, ſo werde ich mich nicht ſo bald nach Land ſehnen. Das herrlichſte Wetter, Himmel und Meer voll von Licht und günſtigem Wind, und als Wohnung auf der Fahrt in die neue Welt ein Schiff ſo groß und ſtattlich wie ein kleines Schloß, und dabei höchſt bequem. Und wie ich mich meines ruhi⸗ gen, ungeſtörten Lebens hier an Bord erfreue, nach den anſtrengenden Tagen in England, wo die Seele ſich wie auf einer Foiterbank fühlte, während der Leib da⸗ und dorthin fuhr, um Alles ſehen und fertigbekommen zu können, was ich ſehen und fertigbekommen mußte, devor ich reiſefertig wurde! Denn ich mußte Einiges von England und zumal von London ſehen, ehe ich Amerika und New⸗York ſah. Ich wollte mich von New⸗York nicht gar zu ſehr verblüffen laſſen. Ich wollte die Mutter kennen lernen, bevor ich mit der Tochter Bekanntſchaft machte, um Vergleichungspunkte und eine Richtſchnur für die ſachgemäße Auffaſſung des beider⸗ ſeitigen Typus zu haben. Ich wußte, daß Schweden und Stockholm in Bezug auf Bevölkerung, Sitten, Bauart u. ſ. w. einem andern Geſchlechte angehören, als engliſche Länder und Städte. Aber England hatte 4 12 Nordamerika zuerſt Bevölkerung, Geſetz und Charakter gegeben. Die alte Welt in England mußte alſo mein Stützpunkt für die Beurtheilung der neuen werden. Deßhalb reiste ich zuerſt nach England, und nach Eng⸗ land werde ich, will's Gott, nach vollbrachter Pilger⸗ fahrt auf der andern Seite des Meeres zurückkehren, um einen beſtimmteren Eindruck, einen abſchließenden Begriff davon zu gewinnen, ehe ich nach Hauſe komme. Wir werden die Runen zuſammen deuten im Heimath⸗ land der Runen. Jetzt weiß ich doch, wie London ausſieht, und werde mich von New⸗York nicht ver— blüffen laſſen. Der heutige Sonntag iſt für mich juſt ein Feſttag geweſen. Wir haben Gottesdienſt an Bord gehabt, und er war gut und ſchön. Alle Paſſagiere, etliche und ſechzig an der Zahl, ſammt der Schiffsmannſchaft in ihrem Sonntagsſtaat, waren im großen Salon im obern Verdeck verſammelt. Der Kapitän, ein munterer, hübſcher, noch junger Kriegsmann, verlas ſelbſt Pre⸗ digt und Gebete, und zwar ausnehmend gut. Die ganze Verſammlung ſtimmte in die Gebete und Ant⸗ worten ein, wie dies in der engliſchen Epiſkopalkirche der Brauch iſt. Die Sonne beleuchtete die bunte Ge⸗ ſellſchaft aus vieler Herren Ländern, die ſich hier auf den Wogen ſchankelte. So allein, ſo ohne Landsleute, Verwandte und Freunde in dieſer Verſammlung zu ſein und mich dennoch mit Allen ſo innig in demſelben Leben und demſelben Gebet— Vater unſer— ver⸗ einigt zu fühlen, das ergriff mich ſo, daß ich weinte (mein gewöhnlicher Ausweg, wie Du weißt, in Freud und in Leid). Der Kapitän glaubte wobl, ich bedürfe einer Aufmunterung, und kam nach der Predigt freund⸗ lich zu mir. Aber es verhielt ſich nicht ſo. Ich war glücklich. Hernach ſpazierte ich auf dem Verdeck um⸗ her und las ein Gedicht, betitelt„Evangeline, eine Erzählung aus Acadia“ von dem amerikaniſchen Dichter ———„„b„ ter ein en. ng⸗ er⸗ en, den me. th⸗ on er⸗ tag bt, iche hat im rer, re⸗ Die lnt⸗ rche Ge⸗ auf ute, zu lben ver⸗ inte reud ürfe und⸗ war um⸗ eine chter 13 Henry Longfellow. Das Gedicht gehört in Bezug auf Geſchichte und Raturſcenen Nordamerika an. Es hat viel dramatiſches Intereſſe und Leben. Nur der Schluß erſcheint mir melodramatiſch und etwas geſucht. Der Anfang, eine Schilderung der Urwälder der neuen Welt, der hohen Bäume, die gleich den alten Druiden daſtehen mit langen herabhängenden Bärten und Harfen, die im Winde klingen und klagen, iſt herrlich und ein Anſchlag des friſchen Molltones, der ſich durch das ganze Lied von Acadias friedlichem, verjagtem Volke hinzieht, eine ſchöne, aber wehmüthige Romanze, die ganz und gar auf geſchichtlichem Grunde ruht. Ich erhielt das Büchlein bei meiner Abreiſe aus England von Herrn Howitt, und ihm habe ich alſo dieſen erſten Probebiſſen von amerikaniſcher Literatur zu verdanken, worin ich einen Hauch vom Leben der neuen Welt zu verſpüren meinte. Wie angenehm ein wenig leſen, ſchweigen und auch ein wenig deuken zu können! Man erweist mir hier alle mögliche Artigkeit, eine Perſon um die andere komint und ſagt ein Wörtchen zu mir. Ich antworte höflich, ſetze aber das Geſpräch nicht fort. Ich fühle feine Luſt dazu. Unter den etlichen und fünfzig Her⸗ ren, die als Paſſagiere mitfahren, iſt nur ein einziger, ein ſchöner alter Herr, deſſen Geſicht etwas höberes Intereſſe verſpricht. Und die zwölf bis dreizehn Frau⸗ enzimmer haben auch nichts ſonderlich Verheißungsrei⸗ ches oder Anziehendes, obſchon einige recht hübſch und artig ſind. Ich bin nicht viel allein. Ich habe eine angenehme Kajüte für mich allein. Bei Tag kann ich vermittelſt des Lichtes, das von dem Kriſtallfenſter im Plafond hereinfällt, da leſen. Abends und bei Nacht wird ſie von einer Lampe durch ein mattgeſchliffenes Fenſter in einer Ecke des Salons beleuchtet. Man ißt und trinkt hier den ganzen Tag, wie man will; ein Tiſch wird um den andern gedeckt; eine Mahlzeit löst 14 die andere ab. Alles reich und fein. Ja, hier leben wir in der That prächtig. Aber ich liebe dieſen Ueber⸗ fluß nicht, und das ewig lange Mittagsmahl iſt mir zuwider, zumal da ich an einer Wand zwiſchen zwei Herren eingepfercht ſitze, die beharrlich ſchweigen und blos eſſen, obſchon der eine, ein Engländer, ein recht angenehmer Geſellſchafter ſein könnte, wenn er nür woilte. Meine Paſſagierkoſten betragen 35 Sovereigns, Alles in Allem. Etwas billigerer Preis und viel we⸗ niger Speiſe und Trank wäre mehr nach meinem Ge⸗ ſchmack. Später. Ich habe ſo eben die Sonne ins Meer hinabſtei⸗ gen und den Neumond und die Sterne aufgehen geſe⸗ hen. Der Nordſtern und der Karlswagen haben ſich jetzt weiter von mir weggezogen. Aber recht über meinem Kopf ſehe ich das Kreuz und die Leier, und in ihrer Bahn den Adler, den wir auch daheim über uns ſehen; und mit dieſen Begleitern auf dem Weg kann man zufrieden ſein. Wir haben günſtigen Wind, feuern munter drauf los, ziehen mit donnerndem Ge⸗ töſe dahin und haben alle Segel offen. Geht es ſo fort, ſo ſind wir in zwölf bis dreizehn Tagen an Ort und Stelle. Wenn du nur auch meine zwei Briefe aus England richtig erhalten haſt! Den letzten ſchickte ich Dir von Liverpvol aus am Morgen ehe ich an Bord ging. Ich war ganz allein und mußte Alles ſelbſt beſorgen. Aber Alles ging gut. Ich hatte die Sonne mit mir und meinen kleinen Reiſekobold und die letzten, lieben Briefe meiner Geliebten, meinen Reiſepaß in die neue Welt und— in die beſſere Welt, wenn es ſo geſchehen ſollte, denn ſie ſind für mich wie ein gu⸗ tes Gewiſſen. Ich ſpreche nicht von meinem guten Muth, aber du kennſt mich, mein Kind; und noch lebt Hakon Jarl! Donnerſtag. Fünf Tage auf dem Meer! und ſen in kle ble ga ein en er⸗ nir vei nd cht ur ns, ve⸗ He⸗ tei⸗ eſe⸗ ſich iber und ber beg ind, Ge⸗ ſo Ort riefe ickte an llles die die epaß n es gu⸗ uten lebt und 15 wir ſind bereits halbwegs New⸗York. Wir haben beſtändig guten Wind, und geht es ſo fort wie bisher, ſo haben wir eine der ſchnellſten und glücklichſten Rei⸗ ſen, die noch je von Europa nach Amerika gemacht worden ſind. Aber man ſoll nicht Juchhe rufen, bevor man über dem Bach iſt. Da der Wind bläst und das Meer heute etwas ſtark wogt, ſo bekommt, fürchte ich, meine Schrift einige Aehnlichkeit mit der Karls XII in ſeinem Brief an Mon coeur.“ Ich befinde mich vortrefflich, mein Herzchen, und ich ſehne mich gar nicht fort, ſo comfortabel finde ichs hier, und ſo belebend und erhebend wirkt der Anblick von Himmel und Meer auf mich. Ja die Seele bekommt davon Flügel und ſchwingt ſich aufwärts, hoch empor über die brauſende Tiefe. Seit mehreren Tagen haben wir nichts Anderes geſehen als Himmel und Meer und kreiſende Seevögel; kein Segel, keinen Rauch von einem Dunſtpfeiler; Alles iſt öde in dem großen zirkelrunden Raum. Aber Wogen und Sonnenſtrahlen und wandernde Wolken ſind Geſellſchaft genug; dazu noch eigene Gedanken. Ich ſtehe und gehe ganze Stunden allein auf dem Ver⸗ deck, athme die friſche, weiche Seeluft ein, ſehe unſern Leviathan in den brauſenden Wogen auf⸗ und nieder⸗ tauchen, und laſſe auch meine Gedanken tauchen und gleich Seevögeln in der unbekannten Ferne umherkrei⸗ ſen. Etwas von Wikinger Luſt und Leben war immer in mir, und ſo iſt es auch jetzt. Geſtern war ein herrlicher Tag, ein Feſt der Schönheit durch und durch; ich erlabte mich unausſprechlich daran. In meiner erſten Jugend, auf Arſta, als wir viele Köpfe ſtark zu Hauſe waren und es um die Einſamkeit ſchlecht ſtand, ſchloß ich mich zuweilen in das dunkle kleine Verſteck ein, wo Mama ihre Schlüſſel hatte, blos um mich einſam zu fühlen; denn ſo bald ich da ganz allein in dem tiefen Dunkel war, da überkam mich ein wunderſames Gefühl, ein Gefühl, wie wenn ich 16 Flügel hätte und ohne mein Zuthun von ihnen empor⸗ getragen würde, und das war ein unausſprechlicher Genuß. Dieſes halb geiſtige, halb körperliche Gefühl kann ich nicht erklären, aber es ſtellt ſich immer wie— der bei mir ein, wenn ich ganz allein und im Uebri⸗ gen nicht von beunruhigenden Gedanken geſtört bin; ich habe es noch am heutigen Tag; es bildet meine geheime, wunderliche Freude hier, wo ich ſo allein un⸗ ter Fremden ſtehe, mitten im Weltmeer, und es macht, daß ich mich frei und leicht fühle, wie ein Vogel auf dem Zweig. Doch nicht dieſes Gefühl allein gibt mir hier Ruhe und Schwingen, ſondern ein anderes, das für mich wie für alle andern iſt. Noch einmal, wer iſt allein in der Welt oder im Herzen, wenn er nur von Herzen ſagen kann: Vater unſer! der meinige und der Vater aller Menſchen! Nur in dieſem Bewußtſein gibt es Ruhe und ausreichende, unſterb⸗ liche Schwingen. Aus der chaotiſchen Gruppe von gleichgiltigen Menſchengeſichtern, die hier meinen Augen zuerſt be⸗ gegneten, ſind mir einige näher gekommen und haben durch Blicke, Ausdruck und Worte ein gewiſſes Inter⸗ eſſe gewonnen. Unter ihnen ein langer, reſpektabler Geiſtlicher aus New⸗York mit Namen John Kuor, der mir ein wenig von der hiſtoriſchen Knoxnatur des ſtrengen Puritanismus, jedoch mit viel Wohlwollen verbunden, zu haben ſcheint; ferner eine Familie, gleichfalls aus New⸗York, beſtehend aus einer old jady Mutter, nebſt Tochter und Schwiegerſohn; ein ſchönes junges Paar, das als Hochzeitreiſe achtzehn Monate lang Aegypten, Griechenland, Italien, Frank⸗ reich n. ſ. w. beſucht hat, ohne zuvor den Riagara oder die Raturwunder im eigenen Vaterlande geſehen zu haben, was ich ihnen nicht recht verzeihe; zetzt keh⸗ ren ſie nach Hauſe zurück, die old lady mit der Er⸗ fahrung,„daß die menſchliche Natur ſich überall in der We Kn daß jun ven Fre feir lich ein ſie beſſ tig To den ken Tol Fer wür auf gnü ſchö ein die den Ein nad und npor⸗ licher efühl wie⸗ lebri⸗ bin; meine nun⸗ acht, l auf t mir „das wer nur der ieſem ſterb⸗ tigen ſt be⸗ haben nter⸗ tabler Knor, r des olen milie, r old ei tzehn rank⸗ agara ſehen t keh⸗ r Er⸗ in der 17 Welt beinahe gleich ſei“. Dieſe Familie ſowie Mr. Knox ſind Presbyterianer und wollen nicht zugeben, daß die Unitarier Chriſten ſeien. Ferner ein Paar junge Damen aus Georgien, einem der ſüdlichen Skla⸗ venſtaaten Amerikas, die erſte eine ſchöne verheirathete Frau, die andere ein ſehr blaſſes, junges Mädchen mit feinen Zügen, Hanna L., unterrichtet, klug und gemüth⸗ lich; ich unterhalte mich recht gern mit ihr. Obſchon einer ſklavenbeſitzenden Familie angehörig, verdammt ſie die Sklaverei und arbeitet darauf hin die Sklaven beſſer und glücklicher zu machen. Sie iſt ſchwindſüch⸗ tig und glaubt nicht lange zu leben, geht jedoch dem Tode mit vollkommen getroſtem Muthe entgegen. In den Augen ſieht man den künftigen Engel hervorblik⸗ ken, aber in den feinen Geſichtszügen ſieht man den Todtenſchädel auf eine unheimliche Art hervorſtechen. Ferner einige ältere Gentlemen mit ehrlichen und glaub⸗ würdigen Phyſiognomien, die mich verſichern, ich werde auf meiner Reiſe in den Vereinigten Staaten viel Ver⸗ gnügen finden; zwei von ihnen, Sklavenbeſitzer, dabei ſchöne, energiſche Figuren, laden mich in den Süden ein und verſichern mich, ich werde in den Sklaven allda die glücklichſte und beneidenswertheſte Bevölkerung fin⸗ den(the most happy and most enviable population). Die Tage gehen ruhig und angenehm dahin. Das Einzige was ich gegen das Leben am Bord des„Ca⸗ nada“ auszuſetzen habe, iſt das abgeſchmackte Eſſen und Trinken. Montag, den 1. Oktober. Der zehnte Tag auf dem Meer. Etwas weniger angenehm ſeit einigen Tagen, windig und wogig. Geſtern hatten wir was ſie a gale(ſtarken Wind) nennen. Ich verſuchte, aber vergebens, auf dem Verdecke zu ſtehen. Zum Matroſen bin ich doch nicht geſchaffen. Wir ge⸗ hen in die Nähe von Neufundland. Wir ſteuern ſo Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 2 18 weit nördlich, um den Aequinoctialſtürmen ſüdlich im Meere auszuweichen. Aber wir haben ſeit einigen Tagen Gegenwind und ein ſtarkes Wehen bekommen, ſo daß unſre Reiſe nicht ſo ſchnell von ſtatten geht, wie der Anfang verſprach. Vor morgen kommen wir nicht nach Halifax. Dort liegen wir ein Paar Stun⸗ den ſtill, geben unſre Briefe nach Europa auf die Poſt (und ich lege dies für die Meinigen in Ordnung), dann ſteuern wir geradezu ſüdwärts nach New York. Ich befinde mich vollkommen wohl und bin keinen Angenblick ſeekrank geweſen, aber ich kann nicht läng⸗ nen, daß ich es Abends und bei Nacht etwas unange⸗ nehm finde, wenn die Wogen laut toſen und über un⸗ ſern Köpfen zuſammenſchlagen, ſo daß das Schiff ſich nur mühſam weiter treibt. Glücklicher Weiſe iſt die Frauenzimmergeſellſchaft gemüthlich und angenehm, und an den Abenden erheben drei Frauenzimmer(wovon zwei erſt hier in der Welt mit einander zuſammenge⸗ ſtoßen ſind) die old lady, die juſt nicht ſo alt iſt(un⸗ gefähr 50 Jahre) und einen prächtigen Sopran hat, das blaſſe Mädchen und ihre Freundin Geſänge und Hymnen mit reinen Stimmen, die merkwürdig gut harmoniren. Dies iſt ſehr lieblich und ſchön. Die Töne folgen mir bei Nacht wie tröſtende Geiſterſtim⸗ men, wie Mondſchein auf dem Wogenſchwall. Geſtern Racht, als das Meer ſehr unruhig war und das Schiff gleichfalls, ſo daß alle bewegliche Sachen umgeworfen wurden, und ich an die Meinigen daheim dachte und, wie Anderſens GrimmeClting, bei ſchlech⸗ tem Humor war, was ich auch meinen Reiſegefährtinnen eingeſtand, ſangen ſie bis gegen Mitternacht ſo lieblich dreiſtimmige Hymnen, daß alle unruhigen Wogen in mir ſich legten. Heute ſind wir mit Wind und Wetter beſſer daran und befinden uns alle bei gutem Muth. Aber einige kleine Kinder ſind ſo krank, daß es ein wah⸗ rer Jammer iſt. In der nächſten Nacht kommen wir in him rigen men, geht, wir tun⸗ Poſt ng), hork. einen äng⸗ nge⸗ un⸗ f ſich ſt die und ovon enge⸗ (un⸗ hat, und gut Die ſtim⸗ rund achen heim hlech⸗ innen eblich n in Letter Nuth. wah⸗ ir in 19 gefährliches Fahrwaſſer. Eines der großen Dampf⸗ boote, die zwiſchen Europa und Amerika gehen, gerieth auf der letzten Reiſe in die Brandungen bei Halifax und nahm bedeutenden Schaden. Aber wir werden uns beſſer herausziehen. Unſer Kapitän Judkins ſoll ein ausnehmend tüchtiger Kommandant ſein. Ein ge⸗ müthlicher, heiterer und freundlicher Mann iſt er über⸗ dies; er kommt gern in den Salon herab, ſetzt ſich zu den Damen, erzählt ihnen Geſchichten und ſpielt mit den Kindern. Ich leſe viel hier an Bord und bekomme in die⸗ ſen Tagen eine Menge Bücher fertig. Ich leſe Cha⸗ teaubriands Bekenntniſſe, aber ohne ſonderliches Vergnügen. Was ſoll man von einem Selbſtbiographen lernen, welcher geſteht, daß er Nichts von ſich ſagen und beichten werde, was für ſeine Würde erniedrigend ſei? Anders ſchrieb St. Auguſtin ſeine Selbſtbekennt⸗ niſſe, indem er blos zum ewigen Auge emporſchaute; anders Rouſſeau, der wenigſtens in ſeinem Willen vor der Wahrheit zu beichten groß und edel iſt. So möchte ich einmal beichten. Denn niedrig iſt jedes Ziel und jedes Streben außer dieſem Höchſten. Cha⸗ teaubriands franzöſiſche Eitelkeit verderbt mir ſein Buch. Aber einige herrliche Schilderungen, einzelne tiefe Worte und Ausdrücke habe ich mir daraus behalten, wie auch einen weitern friſchen Eindruck von der Schwäche der Menſchennatur. Miß Martineaus Leben im Oſten leſe ich ebenfalls hier; es freut mich ein Bild vom Orient und von der älteſten Bildungsperiode unſres Geſchlechtes zu erhalten, als Gegenſatz vom Weſt⸗ lande, dieſem Land der Verheißung, dem ich mich mit tauſend Fragen in meiner Seele nähere. Aber was mich in Miß Martineaus Buch ſtört, das iſt ihr ſichtbares Bemühen ihre eigenen religiöſen Vorſtellun⸗ gen dem Leben und der Geſchichte der Vorzeit aufzu⸗ zwingen. Die erſteren ermangeln der Tiefe, und für die letzteren fehlt es ihr an den Augen; ſie behandelt ſie zuweilen mit einem Leichtſinn, der ihres Berufes und ihres Geiſtes nicht würdig iſt. Einige große und ſchöne Gedanken gehen jedoch wie ein erfriſchender Wind durch das Buch. In ihnen erkenne ich den edeln Geiſt wieder, vor dem ich mich oft in Liebe gebengt habe, und das letzte Mal, als ich ihr„Leben im Kran⸗ kenzimmer“ las. Am Abend. Der ruhigſte Tag, den wir noch auf dem Meere gehabt haben! Und die Ruhe mundet wahrlich ſüß nach dem Sturm der letzten Tage. Kleine Sperlinge um⸗ ſchwärmen Abends unſer Schiff und bringen Grüße vom Lande. Sie erinnern mich an die Vögel, welche Kolumbus die erſten Botſchaften von den Küſten der neuen Welt zutrugen. Wie mag es ihm dabei zu Muth geweſen ſein? Morgen früh können wir unſre Füße auf amerikaniſche Erde ſeten— in Halifax⸗ Aber da wir dort Altengland wieder treffen, ſo läßt mich der Gedanke kalt. Ich bin lange auf dem Ver⸗ deck herumſpaziert. Meer und Himmel ſind hellgrau, einförmig und ruhig wie ein nordiſches Alltagsleben. Wir laſſen auf dem Meer eine breite, ſchnurgerade Straße hinter uns, die man noch gegen den Horizont hin ſieht. Viel Verdruß machte mir heute das Benehmen einiger Herren gegen ein vom Wind verſchlagenes Vö⸗ gelein, das auf unſerm Schiff Ruhe ſuchte. Abgemat⸗ tet ließ es ſich da und dort auf unſrem Tauwerk nie⸗ der, wurde aber jedesmal wieder verſcheucht, zumal von zwei jungen Männern, einem Engländer und einem Spanier, die mit ihren Hüten und Nastüchern auf nichts Anderes auszugeben ſchienen, als das arme Thierchen zu Tode zu hetzen. Es war peinlich anzu⸗ ſehen, wie es ſich mit ſeinen müden Flügeln wieder und wieder anſtrengte unſerem Schiff zu folgen, und ſich St den mei cher unt vor Ich klei beh ſie dan ein Mi ein ſtar feit den Un ſche Kir Ner die nac dan brir eine ich Bar ich ſind Thi mar dent idelt ufes und nder deln eugt ran⸗ Keere nach um⸗ rüße elche der i ze unſre lifax. läßt Ver⸗ grau, eben. erde rizont men 8 Vö⸗ emat⸗ k nie⸗ U von einem tauf arme anzu⸗ wieder „und 21 ſich daun keuchend wieder auf das Tauwerk oder die Stangen herabließ, um von Neuem vertrieben zu wer⸗ den. Ich war kindiſch genug dieſe jungen Männer mit meinen Bitten zu verfolgen, daß ſie das arme Thier⸗ chen in Ruhe laſſen möchten. Aber es half Nichts, und zu meiner Verwunderung nahm nicht ein einziger von den Paſſagieren den kleinen Fremdling in Schutz. Ich erinnerte mich, daß ich auf ſchwediſchen Schiffen kleine vom Wind verſchlagene Vögelein anders hatte behandeln ſehen; man ließ ſie in Frieden und fütterte ſie ſogar mit Broſamen. Die Hetzjagd hier endete damit, daß der Vogel ſeinen Schwanz in der Hand eines ſeiner Peiniger laſſen mußte, worauf er ohne Mühe vollends gefangen wurde. Man ſetzte ihn in einen dunkeln Käfig, wo er nach einigen Stunden ſtarb. Ich glaube nicht an übertriebener Empfindſam⸗ keit zu leiden; aber Richts verbittert mich mehr gegen den Menſchen als unnöthige Grauſamkeit gegen Thiere. Und ich weiß, daß eine edle Menſchennatur dies verab⸗ ſcheut. Im Uebrigen beklagte ich dieſe grauſamen Kinder in Männergeſtalt, denn ich glaube an eine Nemeſis, auch in kleinen Dingen, und ich glaube, daß die Stunde kommen wird, wo dieſe jungen Männer nach Ruhe lechzen und keine finden werden, und daß dann der gehetzte Vogel ſich bei ihnen in Erinnerung bringen wird. Wenn ich nach Amerika komme, wird einer meiner erſten Beſuche den Quäckern gelten, denn ich weiß, daß zu den ſchönen Zügen ihrer Religion Barmherzigkeit gegen die Thiere gehört. Ich war auch einmal ein grauſames Kind, als ich nicht verſtand, was Leiden iſt und was Thiere ſind. Meine erſte Lektion in der Menſchlichkeit gegen Thiere erhielt ich von einem muntern jungen Kriegs⸗ mann, der ſpäter im Krieg gegen Napoleon den Hel⸗ dentod ſtarb. Seinen vorwurfsvollen Blick und ſeine S Aeußerung gegen mich:„Der arme Wurm!“ vergeſſe ich nie. Es ſind jetzt mehr als dreißig Jahre. Für diesmal ſchreibe ich nichts mehr, mein Herz⸗ chen. Aber ſobald ich nach New⸗York komme, ſchreibe ich Dir wieder. Und wie ſehne ich mich Nachrichten von daheim zu erhalten! Es iſt ſchon ſo lange her, daß ich keine Briefe mehr bekommen habe. Manche Gedanken regen ſich in mir, indem ich mich dem Ziel meiner Reiſe nähere, Gedanken, die ſich nicht ſo leicht beſchreiben laſſen. Wie wird ſie aus⸗ fallen? Das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich: daß ich etwas Neues ſehen, etwas Neues lernen werde, und ich vergeſſe das Ehemals und ſtrecke meine Arme dem⸗ jenigen entgegen, was vor mir liegt. Es iſt mir ein Bedürfniß zu vergeſſen und mich zu erneuen. Und das weiß ich auch, daß Freunde mir im fremden Lande begegnen werden und daß wahrſchein⸗ lich ein Freund mir am ufer entgegenkommt. Das iſt gut. Zute Nacht! Ich umarme herzlich Dich und Mama, laſſe Verwandte und Freunde beſtens grüßen und lebe in der jungen Welt, wie in der alten als Deine Zweiter Brief. New⸗York, Amerika, d. 4. Oktbr. Guten Morgen, liebes Schweſterchen! oder viel⸗ mehr guten Abend! auf dieſer neuen Erde, wo ich jetzt feſten Fuß gefaßt habe, nachdem ich mich 13 Tage lang auf dem Meere gewiegt. Ich wohne im Aſtor⸗ haus, einem der größten und beſten Hotels von Neuv⸗ York, das eben ſo viele Bewohner hat als die Haupt⸗ ſtadt von Island, nämlich ungefähr 500. Schief gegen⸗ über gend und gröf rieſi ſcher unte eine mac Pre die Bal len Unt mit ſieh din Aſt Ner lich gol ſchr 100 Die alle bau ſchl im den geh wa etw eſſe erz⸗ eibe hten her, ich ſich aus⸗ daß und dem⸗ r ein r im chein⸗ Das tama, d lebe ktbr. r viel⸗ vo ich 3 Tage Aſtot⸗ Nen⸗ Haupt⸗ gegen⸗ 23 über ſehe ich ein großes ſogenanntes Muſeum mit flie⸗ genden Fahnen und grünen Büſchen auf dem Dach, und die Wände mit ungeheuren Gemälden bedeckt, die größten Wunder der Welt vorſtellend in Geſtalt von rieſigen wunderlichen Thieren und ſonderbaren Men⸗ ſchen, die im Hauſe zu ſchauen ſein ſollen(ich bemerke unter ihnen einen Mann, der aus dem offenen Rachen eines Wallſiſches einen Purzelbaum hoch in die Luft macht, einen salto mortale, ähnlich dem des ſeligen Propheten Jonas) und mehrere dergleichen Curioſa, die noch überdies von einer Bande Muſikanten vom Balkon des Hauſes herab ausgetrompetetwerden. Sie ſpie⸗ len recht gut und das Ding ſieht recht luſtig aus. Unten am Aſtorhotel befindet ſich eine grüne Umzäunung mit Bäumen und einem großen Springbrunnen; dies ſieht erfriſchend aus undſ ich habe mich Rachmittags zine Weile durch einen Spaziergang allda erlabt. Aſtorhaus liegt in Broadway, der großen Hauptſtraße New⸗Yorks, wo Menſchen und Wagen in unaufhör⸗ licher Strömung und in ächt republikaniſchem Gemiſch an einander vorbeirennen. Lange Reihen weißer und goldgelber Omnibuſſe ſchlängeln ſich in gleichmäßiger ſchneller Bewegung, ſo weit man ſehen kann, zwiſchen 1000 andern großen und kleinen Fuhrwerken heran. Die breiten Seitengänge wimmeln von Menſchen aus allen Klaſſen; es ſind da ſchöne Häuſer, die im Aus⸗ bau begriffen ſind; zierliche Läden und eine Menge ſchlechter Plunder; in Broadway herrſcht ein gewiſſer Wirrwarr, der auch mich für den Anfang etwas wirr im Kopfe machte. An das Leben auf der Straße denke ich erſt zu kommen, weun ich einmal hinüber⸗ gehe. Der hübſche kleine Park mit ſeiner ſchönen Fontaine neben dem brauſenden Broadway iſt eine wahre Daſe in dem aufgerührten Sand. Jetzt muß ich etwas von meiner Ankunft dahier ſagen. Ich verließ Dich das letztemal vor unſrer Ankunft 24 in Halifax. Die Nacht darauf war die einzige etwas gefährliche auf der Reiſe. Wir näherten uns nämlich der Küſte und ihren gefährlichen Brandungen unter einem ſtarken Nebel. Wir mußten von Zeit zu Zeit ſtill iegen. Aber am Morgen lagen wir vor Halifax, und ich ſah die Brandungen gleich ſchrecklichen Meer⸗ ungeheuern brauſend und in einiger Entfernung um uns her ſich erheben. Ich ſtieg in Halifax ans Land, traf aber dort blos das Schlimmſte von der alten Welt wieder, Nebel, Lumpen, Bettler, ſchmutzige kreiſchende Kinder, dürre Pferde zc. 2c. Ich war froh, daß wir uns nur ein Paar Stunden da verweilten. Am folgenden Tage ging die Fahrt ſüdlich gegen New⸗Yorkz es war ein wahres Feſt; warmes Wetter, ruhige See, günſtiger Wind und am Abend das Meer voll von phosphoriſchem Glanz und Sternen, und der Himmel auch voll von Sternen, die aus poetiſchen Wolken herabſchauten. Es war ein herrlicher Abend. Ich blieb bis ſehr ſpät auf dem Verdeck und betrach⸗ dete die Lichtexploſionen, die unſere Fahrt mit dem Kiel des Schiffes längshin aus der Tiefe hervorrief. Wir fuhren gleichſam in einem Element von hellem Silber, worin die zierlichſten Gruppen goldener Sterne unaufhörlich hervorſprangen. Am folgenden Tag war es trübe; Himmel und Meer waren grau, die Wogen bleifarbig. Aber als wir in den großen ſchönen Hafen bei New⸗York ka⸗ men, der uns wie mit offenen Armen umſchloß, da brach die Sonne ſtark und warm durch die Wolken, und Alles leuchtete rings umher. Dies war ein herr⸗ licher Empfang von Seiten der neuen Welt; dazu lag in der Luft etwas ſo wunderſam Lebensvolles, Kni⸗ ſterndes und Ingendfriſches, daß es mich frappirte. Es war darin etwas vom Leben der erſten Jugend— ſo wie man es mit 15 oder 16 Jahren empfindet. Ich trank die Luft, wie man Nektar trinken könnte, wäh ſchat ein man recht und groſ das Küſt war lich gien größ dem Das in nicht telſti mein lon, män ſchör ſacht ſchen Don war Ich bliel wege und wart Alte hatte ren, brau vas lich nter Zeit eer⸗ um ind, Welt ende wir egen tter, Reer der ſchen enm rach⸗ dem rrief. ellem terne n r als r ka⸗ „ da olken, herr⸗ u lag Kni⸗ pirte. nd— indet. önnte, 25 während ich vom Verdeck auf den neuen Strand hinaus⸗ ſchaute, dem wir uns ſchnell nahten. Er war niedrig; ein Wald von Maſten verdeckte mir New⸗York noch, man ſah jedoch ſeine Thürme und ſeinen Rauch, und rechts und links im Hafen lagen mit grünen Hügeln und Gruppen von ſchönen Villen und Häuſern die großen Inſeln Long⸗Island und(links) Staten⸗Island, das mir höher und waldiger ſchien, als die übrige Küſte. Der Hafen iſt prächtig, und unſere Ankunft war, Dank ſei es der Sonne und den Winden, feſt⸗ lich ſchön. Eine ſehr angenehme Familie, Bones von Geor⸗ gien, empfing mich und alles das Meinige mit der größten Freundlichkeit und führte mich mit ſich nach dem Aſtorhaus, wo wir ſogleich ein Zimmer bekamen. Das blaſſe Mädchen und ich quartirten uns zuſammen in ein Zimmer 4 Treppen hoch ein; wir konnten es nicht anders bekommen. Ich war noch nicht eine Vier⸗ telſtunde im Aſtorhaus geweſen und ſtand eben mit meiner Reiſegeſellſchaft in einem gemeinſchaftlichen Sa⸗ lon, als ein dunkel gekleideter Herr von feinem gentle⸗ männiſchem Ausſehen und Weſen und mit einem der ſchönſten dunkelbraunen Augenpaare, die ich je geſehen, ſachte auf mich zutrat und mit einer überaus melodi⸗ ſchen Stimme meinen Namen nannte. Es war Mr. Downing, der aus ſeiner Villa am Hudſon gekommen war, um mir bei meiner Ankunft entgegen zu gehen. Ich hatte dies kaum erwartet, da ich ſo lange ausge⸗ blieben und er ſchon vorher einmal vergebens meinet⸗ wegen nach New⸗York gefahren war. Sein Ausſehen und ſein ganzes Weſen gefiel mir ſehr. Ich weiß nicht, warum ich ihn mir als einen Mann von mittlerem Alter, mit blauen Augen und hellen Haaren, gedacht hatte; er iſt aber ein junger Mann von etwa 30 Jah⸗ ren, mit dunkeln Augen und dunkelm Haar, ſchön braun und weich gelockt, im Ganzen eine recht roman⸗ 26 tiſche Erſcheinung. Er bleibt morgen noch bei mir hier, verlangt aber, daß ich ihn übermorgen nach ſei⸗ nem Haus am Hudſon begleiten ſoll, wo ich die Be⸗ kanntſchaft ſeiner Frau machen, im Uebrigen ausruhen, die Hochlande des Hudſons ſehen und meine künftigen Reiſeprojekte weiter überlegen werde. Ich habe den Abend mit meinen Freunden vom „Kanada“ und Mr. Downing in einem der vielen und großen Salons des Hauſes zugebracht und da verſchie⸗ dene Bekanntſchaften gemacht. Prächtige Salons mit Sammtmöbeln, mit Spiegeln und Vergoldungen, ſtrah⸗ lend von Gasflammen, herrlichen Kronleuchtern und andern glänzenden Zierrathen ſtehen in allen Stock⸗ werken des Hauſes für Ladies und Gentlemen offen, die da wohnen und Beſuche machen, plaudern und in weiche zierliche Sofas oder Armſtühle gelehnt ausru⸗ hen, ſich mit Fächern Kühlung zuwehen und dem An⸗ ſchein nach nichts Anderes in der Welt zu thun haben, als gegen einander artig zu ſein. Sobald ein Frauen⸗ zimmer aufſteht, iſt ſogleich ein Herr bei der Hand, um ihr ſeinen Arm anzubieten Den 5. Oktober. Es iſt mühſamer hier als man glaubt; ich bin nach einem eintägigen Löwenleben dahier ganz ermat⸗ tet. Den ganzen Tag, vom frühen Morgen an, mußte ich Beſuche empfangen, mußte in einem zierlichen Sa⸗ lon da ſitzen oder ſtehen und mich blos vom Einen zum Andern wenden, Grüße und Händedrücke mit zu⸗ weilen einem halben Dutzend neuer Bekannten auf einmal austauſchen, mit Gentlemen von verſchiedenen Profeſſionen und Nationen, Ladies, die mich in ihre Wohnungen einluden und verlangten, ich ſolle nur ſo⸗ gleich kommen; dann trafen auch eine Menge Briefe ein, die ich blos erbrechen konnte, Bitten um Auto⸗ graphe ꝛc. 2. Ich habe heute 70— 80 Perſonen die Hand gedrückt. Eine Menge Beſuche konnte ich gar —₰— mir ſei⸗ Be⸗ hen, tigen vom n ſchie⸗ mit ſtrah⸗ tund Stock⸗ offen, nd in uusru⸗ n An⸗ haben, rauen⸗ Hand, ber. ich bin ermat⸗ mußte en Sa⸗ Einen mit zu⸗ en auf ieenen in ihre nur ſo⸗ e Briefe n Auto⸗ onen die ich gar 27 nicht empfangen. Die Namen find mir beinahe alle entfallen, aber die meiſten Leute, die ich ſah, gefallen mir durch ihr herzliches und offenes Benehmen und ich bin dankbar für ihre große Freundlichkeit. Es wird einem ſo warm und gaſtlich dabei zu Muthe. Aber ich war ſeelenfroh, als ich auf ein paar Stunden mei⸗ nen guten Freunden entfliehen und mit Mr. Downing nach dem ſchönen Park Greenwood hinausfahren konnte, dem großen neuen Begräbnißplatz New⸗Yorks, einem jungen Pore la chaise, aber rieſiger in ſeiner Anlage. Man fährt da wie in einem großartigen engliſchen Park mit Hügeln und Thälern. Von der höchſten Höhe„Ocean hill“ hat man eine herrliche Ausſicht auf den Ocean hinaus. Das prächtigſte Monument, das ich ſah— von weißem Marmor— wurde von trau⸗ ernden Eltern ihrem einzigen Kinde, einer jungen Toch⸗ ter, errichtet. Das junge Mädchen war überfahren worden. Vermuthlich geſchah es in Broadway. „ Als ich ins Hotel zurückkam, aß ich mit Downing in einem der kleineren Säle zu Mittag. Am Tiſch ſah ich einige Herren ſitzen, deren Anblick mir eigent⸗ lich weh that, wie es mir weh thut übermäßig ange⸗ ſtrengte, abgehetzte Pferde zu ſehen, denn ſo ſahen ſie aus. Und die unruhigen, in tiefen Höhlen liegenden Augen, die geſpannten matten Züge, welch ein Leben verkündeten ſie! Beſſer auf dem Oceanhill liegen, als ſo in Broadway leben. Dieſe Figuren hatten wenig Aehnlichkeit mit den meiſten von denen, die ich in Aſtorhaus geſehen hatte. Aber auch in Broadway habe ich bereits Menſchen und Pferde geſehen, die ich auf der Erde der neuen Welt nicht zu ſehen gewünſcht hätte, und die von trüben Lebensſtrömen auch hier zeugen. Doch wie konnte es anders ſein, zumal in New⸗York, das mehr ein großes Hotel, ein Karawan⸗ ſerai für die ganze Welt, als eine eigentlich amerika⸗ niſche Stadt iſt? 28 Nachmittags habe ich wieder Beſuche empfangen, unter ihnen Mrs. Child. Sie machte auf mich den Eindruck einer ſchönen Seele, aber zu feinfühlend, um glücklich zu ſein. Die kleine Dichterin Miß Lynch war unter den Morgenbeſuchen; ſie iſt ein angenehmes, liebliches und ſeelenvolles junges Frauenzimmer und hat in ihrem Geſicht und Blick etwas von Jenny Lind. Auch Landsleute ſah ich. Ein hübſcher junger Schwede, Herr Freſtadius, kam mit einem großen Blumenſtrauß. Den norwegiſchen Conſul Hejerdahl und Herrn But⸗ tenſtön hatte ich kaum Zeit recht zu grüßen. Herr Ononius aus Weſtermannland kam auch: er wollte gerne mit mir reden und unſere Landsleute vor der Auswan⸗ derung und ihren Leiden warnen. Unter den heutigen Einladungen war auch eine in ein Phalanſtöre, das in New⸗Jerſey, nicht weit von New⸗York liegt. Es ſoll mir nicht leid thun, dieſes Unthier einmal in der Nähe zu Geſicht zu bekommen. Die Familie, die mich dort zu ſich einlud, ſah nicht abſchreckend, ſondern eher recht n aus, ganz ohne Falſch, freundlich und ernſt. Aber warum ich ein wenig erſchrecke, das iſt.... um mich ſelbſt, wenn das Leben hier zu Lande dieſem Tage gleicht. Dann werde ich wahrhaft ausgeſogen, denn meine Kräfte reichen nicht hin für ſo viele lebens⸗ volle Menſchen. Wie ſoll es werden, wenn es hier ſo fortgeht? Glücklicher Weiſe werde ich morgen früh von dem ehrlichen Downing aus New⸗York entführt. Heute Abend muß ich trotz meiner Müdigkeit zu einer Soiree bei Miß Lynch fahren, die mich bei einigen ihrer literariſchen Freunde einführen will. Ich habe bereits meine Toilette dazu gemacht, ich habe meine beſten Kleider am Leib, ſehe darin recht leidlich aus und ſchreibe, indeß ich auf den Wagen warte. Ach, wer ſich hinlegen dürfte, um zu ſchlafen! Ich wohne mit dem blaſſen Mädchen aus dem Sü⸗ gen, den um war mes, und ind. vede, auß. But⸗ Herr erne wan⸗ tigen as in ſoll Nähe dort recht und ieſem ogen, bens⸗ er ſo früh ührt. einer nigen habe meine as Ach, Sü⸗ 29 den zuſammen. Ich habe noch Niemand mit ſo klarem Bewußtſein und ſo frohem Muth dem Tod entgegen⸗ gehen ſehen. Sie iſt ein ſtilles, frommes Weſen mit großer Kraft und vieler Zärtlichkeit in der Seele. Jetzt muß ich wegfahren. Gute Nacht! Newburgh am Hudſon, den 7. Oktober. Sonntag. Meine liebe Schweſter! Wie froh bin ich, daß ich hier bin in der jungen, neuen Welt; wie danke ich der Vorſehung, die mich in ihrer Güte durch Gei⸗ ſtes und Dampfes Kraft glücklich hiehergeführt hat, ob⸗ ſchon ich durch die Maſſe von Eindrücken und Gedanken, die gleichſam auf mich hereinrauſchen, nicht blos geho⸗ ben, ſondern zugleich auch bedrückt werde. Alles was ich geahnt, geſucht, erſehnt, das werde ich hier finden, und noch mehr. Ich meine Nahrung und Licht für den fragenden, forſchenden Geiſt in mir. Beſonders glück⸗ lich fühle ich mich durch die Berührung mit Mr. Downing, einem edeln und fein unterſcheidenden Geiſt, einem ächten Amerikaner, aber ohne blinden Patriotis⸗ mus, einer offenen Seele, einem kritiſchen Verſtand, der mir über die Zuſtände und Fragen im Lande nach⸗ denken hilft. Und einer ſolchen Hilfe bin ich für den Anfang wohl bedürftig. Ebenſo war es mir ein wahres Bedürfniß, mit Gewalt den Bewohnern von Aſtorhaus und New⸗York entriſſen zu werden, denn ſie hätten mir ſonſt gleich im Anfang ein Ende gemacht. Ich war von der erſten Tagesarbeit im Geſellſchaftsleben, die bis Nachts ein Uhr währte, dermaßen müde und hatte ein ſolches Be⸗ dürfniß nach Ruhe und Schlaf, daß ich es kaum für möglich hielt am folgenden Morgen ſchon um fünf Uhr von New⸗York abzureiſen. Ich ſagte es Mr. Downing, der ſehr mild, aber beſtimmt antwortete: 30 O, Sie müſſens verſuchen! wobei ich dachte: Dieſe Anerikaner halten alſo Alles für möglich! aber auch ſogleich einſah, daß die Sache vollkommen ausführbar war. Und am nächſten Morgen war ich um ½ fünf Uhr auf und angekleidet, küßte in ihrem Bett das blaſſe Mädchen aus dem Süden, das mir im letzten Augen⸗ blick ein ſeidenes Tüchlein, weich und weiß wie ſie ſelbſt, um den Hals ſchlang, und ſo eilte ich hinab, um mich unter Mr. Downings Tirannei zu ſtellen. Der Wa⸗ gen ſtand bereits vor dem Hauſe und drinnen fand ich Miß Lynch, die Mr. Downing eingeladen hatte, den Sonntag in ſeinem Hauſe zuzubringen. Fahr zu! New World! rief der Portier des Hotels unſerem Kutſcher zu, und wir rollten die Broad⸗ way⸗Straße hinab dem Hafen zu, wo das große Dampf⸗ boot„the new World“ uns an Bord nahm. Es war ein wahrer kleiner ſchwimmender Palaſt, von Außen zierlich und flimmernd von Weiß und Gold, von Innen zierlich und elegant, große helle Salons, prächtige Mö⸗ bel, wo Herren und Damen bequem ruhten und plau⸗ derten oder Zeitungen laſen. Ich ſah da keinen von Dickens rauchenden und ſpuckenden Herren. Stattlich und ſtill ſchwammen wir den breiten, ſtattlichen Hudſon hinauf. Schade, daß es ein Regentag war, denn die Fahrt war ſonſt eine der ſchönſten, die man ſich denken kann, zumal als wir nach einigen Stunden in die Hochlande kamen. Die Ufer mit ihren kühnen und waldbewachſenen Höhen und Bänken erinnerten mich an die Geſtade des Dalelf und des Angermannaelf, ja ſie ſchienen mir derſelben Naturbildung anzugehören, nur daß die Fluth hier breiter und die Natur großartiget war; die dunkeln Wolken, die in ſchweren Draperien zwiſchen den Bergen über den Fluß herabhingen, ſtan⸗ den hier in prächtiger Harmonie mit den düſter ſchönen Päſſen, durch die wir uns ſchlangen, und die bei jeder neuen Wendung neue großartige Gemälde eröffneten⸗ ieſe auch rbar fünf laſſe gen⸗ elbſt, mich Wa⸗ d ich den des road⸗ mpf⸗ war lußen nnen Mö⸗ plau⸗ n von attlich udſon in die denken in die und tich an ja ſi „ nur artiget perien ſtan⸗ ſchönen i jeder ffneten. 3¹ Der Fluß war voll von Leben. Dreideckige Dampf⸗ boote, gleich dem unſern ſchimmernd von Gold und Weiß, fuhren hinauf und hinab; andere Dampfboote zogen Flotillen von 20—30 Booten nach ſich, die mit binnenländiſchen Waaren für New⸗York, oder mit New⸗ Yorker Waaren für das Binnenland belaſtet waren, und man ſah 100 größere und kleinere Segelſchiffe die ſteilen Ufer entlang fliegen, gleich weißen Tauben mit rothen flatternden Halsbändern. An den Ufern glänz⸗ ten eine Menge weiße Landhäuſer und kleine Höfe. Ich bemerkte eine große Abwechslung in der Bauart. Manche Häuſer ſind im gothiſchen Styl gebaut, andere gleichen griechiſchen Tempeln— und warum denn nicht? Das Haus ſoll ebenſowohl ein Tempel als eine Wohnſtätte und eine Vorrathskammer ſein. In unſerem alten Norden war der Platz des Hauſes ein heiliger Raum und die Hausgötter wohnten da. Ich ſah auch Dörfer, Kirchen, alle Arten von Gebäuden am Ufer; die weiße Farbe war vorherrſchend. Manche Häuſer waren jedoch auch etwas grau und ſepiafarbig. Gegen das Ende der Reiſe kamen Wolken über uns herab und es fiel ein tüchtiger Regen. Aber mit der liebenswürdigen Miß Lynch und mit Mr. Downing war es leicht im Gemüth und Geſpräch den Sonnen⸗ ſchein oben zu halten. Nach einer Fahrt von 3—4 Stunden landeten wir in dem Städtchen Newburgh, wo Mr. Downings Wagen uns entgegen kam und uns die Hügel hinan nach einer ſchönen Villa von hellen ſepiafarbigen Sandſteinen mit zwei vorſtehenden Thürmchen führte. Von einem Park umgeben, hoch und frei liegend, gewährte ſie eine freie Ausſicht über den ſchönen Fluß und ſeine Ufer. Ein feines hübſches Weibchen, blond und blauäugig, trat aus der Haus⸗ thüre, umarmte Mr. Downing und bewillkommnete herzlich ſeine Gäſte. Es war Mrs. Downing. Sie ſieht aus, als gehöre ſie zur Vögelnatur. Und da 32 wollen wir's uns denn behaglich ſein laſſen und recht mit einander zwitſchern, denn auf die Natur verſteh Herr ich mich auch. Wol Aſtorhaus mit ſeinem ſchimmernden Salons⸗ und lität Geſellſchaftsleben und„the new World“ mit ſeiner Pracht waren gute Probeſtücke von der Außenſeite Mar (the showy side) des Lebens der neuen Welt, un*i Downing ſagt, er wünſche ſehr, daß ich ſogleich etwa i davon zu ſehen bekomme, um hernach beſſer die ander herr Seite des Lebens dahier beurtheilen zu können, dieje und nige die der inneren, feineren, eigentlich individueller dem Bildung angehört. Und von dieſer hätte ich kaum ei Din beſſeres Muſter bekommen tönnen, als in Mr. Dow der ning ſelbſt und ſeinem Heimweſen. Er hat ſelbſt ſei bin, Haus gebaut, ſelbſt alle Bäume und Blumen umhe 3 gepflanzt, und Alles ſcheint mir das Gepräge eine bei ſfeinen und ernſten Gemüthes zu tragen. Es iſt ein romantiſche Stenerie, dunkle Gänge, die zierlichſter Detailparthien und große Ausſichten. Alles iſt vol Einſicht gemacht, nichts verräth Steiſe oder Plumpheit 8 Eine Seele hat hier gefühlt, gedacht, geordnet. In Hauſe waltet ein gewiſſer düſterer Ton in den Farbet vor; alles Holzwerk iſt braun, ſelbſt der Tag iſt düſter t aber dennoch klar oder vielmehr lichtvoll; es iſt ei gebundener Sonnenſchein; etwas Warmes und Tiefes ſaß, — es kommt mir vor wie ein Widerſchein von del ie braunen Augen des Mannes. In den Formen, dä Möbeln, der Anordnung herrſcht der feinſte Geſchmack alles iſt edel und weich und alles ebenſo comfortabe zi als geſchmackvoll. Das Einzige was in den Zimmer glänzt, ſind die ſchönen Blumen in zierlichen Urne und Körben. Im Uebrigen ſind Bücher, Büſten un eir einige Gemälde da. Auf kleinen Bücherſchränken it Form von gothiſchen Fenſtern, die wie Riſchen in del ſor Wänden in Downings Salon angebracht ſind, ſteher Ben Büſten von Linné, Franklin, Newton und andet ₰ recht rſteh und ſeiner nſeite und etwas ndert dieje⸗ ellen im ei Dow ſt ſei umhi eine ſt ein lichſter iſt vol mpheit . Farbe düſter iſt ein Tiefes on de n, dei ſchmack fortabe immen 1 Urne ſten un inken it tin „ ſtehel ander! Herven der Naturwiſſenſchaft. Man ſieht in dieſer Wohnung eine beſtimmte und durchgeführte Individua⸗ lität, die ſich in ihrer Umgebung ausgeprägt hat. Und ſo ſollte jeder Menſch ſich und ſeine Welt bilden. Man ahnt hier Mr. Downings Wahlſpruch: ü bello e il buono(das Schöne und das Gute). In Speiſen, in Früchten, ſowie in einer Menge kleiner Dinge herrſcht ein wirklicher Luxus, der aber nicht glänzt und ſich breit macht, ſondern gleichſam verborgen in dem innern Reichthum und der Ausgeſuchtheit des Dinges liegt. Eine Wohnung dieſer Art hatte ich in der jungen neuen Welt nicht erwartet. Seit ich hier bin, hat es unaufhörlich geregnet und genebelt, und ich bin ganz bös auf das Klima. Es könnte kaum bei uns im Oktober ſchlechter ſein. Aber ich ſchätze mich auch glücklich, daß ich in ein ſo gutes Haus ge⸗ kommen bin. Mein Zimmer iſt im obern Stock und gewährt eine prächtige Ausſicht über den Hudſon und die Berge auf der andern Seite des Fluſſes. Ich dachte, daß ich hier fürs Erſte vor allen Be⸗ ſuchen Ruhe bekommen würde. Aber nein. Geſtern Abend ſpät, in Dunkelheit, Sturm und Regen, als ich mit meinen Wirthsleuten in ihrem gemüthlichen Salon ſaß, kam der Herausgeber von„Sartaines Union Ma- gazine“ in Philadelphia, Profeſſor Hart, der auf die erſte Kunde, welche die Zeitungen von meiner Ankunft in Amerika gebracht, von Philadelphia nach New⸗York gereist und von New⸗York mir hieher gefolgt war, blos um mich, wie er ſagte, für ſein Magazin zu mo⸗ nopoliſiren, um mich zu erſuchen, daß ich während meines Aufenthalts in Amerika für dieſes und für kein anderes ſchreiben möchte. So viel von amerikaniſcher Betriebſamkeit in Geſchäftsſachen. Der Mann hatte übrigens ſo viel gentlemänniſche Feinheit in ſeinem Benehmen und etwas ſo Gutes und Angenehmes in Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 3 34 ſeinem blaſſen, feinen Geſichte, daß ich nicht konnte Gefallen an ihm zu finden zu geben, daß ich⸗ im Falle ich et lichteit in Amerika ſchreiben ſollte, überliefern wolle. Aber ich zweifle daran, umhin und ihm mein Wort was für die Oeffent⸗ es ſeinen Händen daß ich hier etwas ſchreibe. Ich fühle das Bedürfniß zu den⸗ ken und zu lernen. Heute leuchtet die Hudſon, der unter mei Montag, den 8. Okto ber. Sonne über dem herrlichen nen Fenſtern fließt, und ich würde mich mit meinen Gedanken und meinen kaniſchen Büchern glücklich fühlen, wenn nicht der er in Bewegung ſetzte, und Aufmerkſamkeit in Anſpruch von Beſuchen ſich wied meine Zeit und meine nähme. Ich habe Downing bitten müſ mittagsſtunden zu ſchützen und mich wä nicht aus meinem Käfi ährend d g zu rufen. Ich wer eine wilde Löwin ſtatt einer zahmen Löwin, al man mich haben will, und welche Rolle auch a für meine Natur paßt. Mit meinen Wirt fühle ich mich beſonde von Downing, deſſen J an ihm, aber er hat tersblick, einen kritiſchen u rs glück ameri⸗ Strom ſen, meine Vor⸗ erſelben de ſonſt s welche m beſten hsleuten lich und ich lerne viel ndividualität mich immer mehr intereſſirt. Es iſt etwas Stilles und Melancholiſches einen ungewöhnlichen Beobach⸗ der jedoch auf einer großen Er iſt nicht lebhaft, aber ſehr belebbar, er iſt ſam, aber einer von den Schweigſamen, man zu hören meint, ſ iſt in hohem Grad emp jedes Geſpräch erhält Seine Frau iſt eine angenehme, k elbſt wenn ſie nichts ſa fänglich und unterſcheid nd etwas ſarkaſtiſchen Sinn, ßen Begriffsfähigkeit beruht. ſchweig⸗ deren Urtheil gen. Er et ſcharf; mit ihm leicht ein Intereſſe. urzweilige, liebens⸗ würdige Perſon von feiner Bildung, wie ich glaube, und wie für ihren Mann gewachſen. Heute habe ich auf Mr. Downings Aufforderung an Profeſſ falk geſchrieben, um i hu hieher einzuladen. or Berg⸗ Bergfalk — befinde burgh, men re übt. mich, weilen zu kön Bekan! er Ber ein ſch S V Weltm auch e ſchaft macht In me nen ur ſinden in Bo ſo viel bens 1 Hand zubrin, Freun im La Washi Schwe hat u wird Freude danken lie hat K haben! 35 befindet ſich nämlich blos ein paar Meilen von New⸗ burgh, in Poughliepſie(ich weiß nicht, ob ich den Na⸗ men recht buchſtabire), wo er ſich im Engliſchſprechen übt. Ich betrachte es als ein beſonderes Glück für mich, während meines Aufenthaltes hier zu Lande zu⸗ weilen mit Bergfalk zuſammentreffen und ihn ſprechen zu können. Auch wünſche ich ihm, daß er Downings Bekanntſchaft macht, und Downing wünſche ich, daß er Bergfalk kennen lernt, um zu ſehen, wie intereſſant ein ſchwediſcher Gelehrter ſein kann. Jetzt eine große herzliche Umarmung über das Weltmeer hinüber für Mama und Dich. N. S. Ich muß Dir erzählen, daß ich unter Anderem auch eine Einladung auf eine Hochzeit in der Nachbar⸗ ſchaft erhalten habe. Ich werde gerne kommen. Es macht mir Freude Bräute und Hochzeiten zu ſehen. In meinem nächſten Brief werde ich von meinen Plä⸗ nen und Entwürfen für meine Zukunft ſprechen. Sie ſind noch nicht recht beſtimmt, nur daß ich den Winter in Boſton, Amerikas Athen, zuzubringen und daſelbſt ſo viel wie möglich die intellectuelle Bewegung des Le⸗ bens der neuen Welt aufzufaſſen wünſche. Vor der Hand werde ich wohl einige Wochen bei Downings zubringen und mit ihnen Ausflüge zu einigen ihrer Freunde am Hudſon machen; einigen der beſten Leute im Land, wie es heißt. Unter dieſen befindet ſich Washington Irving, der nächſt Fennimore Cooper uns Schweden zuerſt in Amerika etwas heimiſch gemacht hat und am Hudſon anſäſſig iſt. Miß Sedgewick wird in ein paar Tagen hier erwartet; es wird mir Freude machen ſie zu ſehen und ihr für den Genuß zu danken, den wir von ihrem Redwood und Hope Les- lie hatten. Könnte ich nur ein wenig Zeit für mich ſelbſt haben! 36 Es wird mir ſchwer all das Wohlwollen zu em⸗ pfangen, das mir von allen Seiten, von nah und fern, aus verſchiedenen Staaten und Städten entgegen⸗ kommt. Aber wenn ich es auch blos unvollkommen erwiedern kann, ſo iſt doch dafür mein Dank nicht minder herzlich, und nie werde ich vergeſſen, daß ſchon am erſten Tage meines Aufenthalts in New⸗York mehr als ein halb Dutzend Häuſer ſich mir öffneten, wohin ich als Gaſt und Familienmitglied eingeladen wurde. Die Zahl dieſer Häuſer vermehrt ſich täglich. Auch von Suäckern habe ich Einladungen. Möge ich mit einem Fünftel von ihnen fertig werden! Dit Brief. Am Hudſon d. 11. Oktbr. 1849. Hente auf der Hochzeit, um 9 Uhr auf dem Mor⸗ genzweige. Wir fuhren bei ſtrömendem Regen nach dem Hochzeitshauſe. Alle Gäſte, gewiß beinahe 100 an der Zahl, waren bereits verſammelt. Der Vater der Braut, ein älterer Herr von äußerſt angenehmem Aeußern, bot mir den Arm, um mich in das Zimmer zu führen, wo die Trauung ſtattzufinden hatte. Es war die einzige Tochter vom Hauſe, die ſich vermäh⸗ len ſollte. Die ältere Schweſter war vor einem Jahr geſtorben und die Mutter trug den Gram darüber noch immer in ihrem bleichen kummervollen Geſichte. Die Hochzeitsgeſellſchaft war ſehr ſchweigſam; man konnte — eher in einem Trauerhaus als bei einem Freudenfeſt zu ſeyn glauben. Und da die älteſte Tochter kurz nach ihrem Hochzeitsfeſt und in Folge desſelben, nemlich als ſie Mutter wurde, geſtorben war, ſo fehlte es nicht an Gründen dieſes Feſt mit ernſten Blicken anzuſehen. Ladies und Gentlemen wurden mir die einen um die andern vorgeſtellt, dann wurde es wieder ſtill im m⸗ ud en⸗ len cht n ehr hin uch mit tor⸗ tach 100 ater nem mer Es äh⸗ Fahr noch Die unte nfeſt nach as t an hen. tdie im 37 Kreiſe. Hierauf begann ein Geflüſter, daß die Trau⸗ ung jetzt bald vor ſich gehen ſolle. Eine Thüre öffnete ſich und ein junger Herr trat ein mit einer jungen Dame am Arm, die Hut und Reiſemantel trug. Sie ſtellten ſich neben einander in der Tiefe des Zimmers auf, ein alter würdiger Geiſtlicher trat vor die jungen Leute und weihte ſie für die Ewigkeit mit einem kurzen Gebet, einer kurzen Ermahnung und dito Segen. Hier⸗ auf traten die Verwandten und Freunde vor, beglück⸗ wünſchten und küßten die Neuvermählten. Auch ich ging am Arme des Vaters der Braut vor, küßte ſie und drückte dem jungen Manne die Hand. Er ſah glück⸗ lich aus und ſchien ſeiner Sache wie ſeiner ſelbſt ſicher zu ſeyn. Auch ſie ſah vergnügt aus und war überdies ſehr hübſch; ſie wäre wirklich ſchön geweſen, wenn ſie im Brautkleide und nicht im Reiſehabit gekommen wäre, und dies offenbar ohne alle Abſicht ſchön zu erſcheinen, ſondern vielmehr mit Rückſicht auf das Regenwetter, in welchem die Nenvermählten jetzt ihre erſte Reiſe durch das Leben antreten ſollten. Sie ſollten ſich nemlich unmittelbar nach der Trauung an den Niagara bege⸗ ben und mußten eilen, um das Dampfſchiff zu errei⸗ chen. Champagner und Confect wurden gereicht. Man ſah die Brautgeſchenke auf einem Tiſch ausgeſtellt. Man beſah ſie und jeder Hochzeitsgaſt erhielt ein mit einem ſeidenen Band umwickeltes weißes Papierſchächtelchen, worin ſich ein Stück von dem Hochzeitskuchen befand. So reiste Alles ab. Auch das junge Paar reiste ab, um nach einer Luſtfahrt von etlichen Wochen zurück zu kommen und mit den Eltern zu leben. Alles war im Nu abgethan. Dieſe neue Hochzeitsceremonie erſchien mir charak⸗ teriſtiſch für die Haſt und Eile, die ich den Amerikanern oft vorwerfen hörte. Das Leben iſt kurz, ſagen ſie, deshalb eilen ſie vorwärts auf der Bahn, laſſen alle unnöthige Formen und Manieren weg, welche die noth⸗ 38 wendigen Geſchäfte des Lebens aufhalten können, und machen dieſe ſo ſchnell als möglich ab; ſie verweilen blos 5 Minuten, um ſich zu verheirathen, und empfan⸗ gen ſelbſt den ehelichen Segen in den Reiſekleidern, um ſofort auf die Reiſe zu eilen— an den Niagara oder nach einer andern Richtung. Aber ich muß ſagen, daß in dem vorliegenden Fall nur die Form flüchtig war. Es war klar, daß Ernſt auf dem Grunde alker Herzen lag, und ſelbſt der kurze Trauungsakt trug das Gepräge eines tiefen, feierlichen Ernſtes. Man ſah leicht, daß es ſich nicht um ein Spiel, um eine flüchtige Sache handelte, ſondern um etwas ſehr Ernſtes. Viele Per⸗ ſonen waren gerührt, andere weinten; ſie dachten ver⸗ muthlich an die frühere Hochzeit im Hauſe. Der alte Diener, ein Reger, der das Confect bot, hatte eine je⸗ ner Arten von Ausdruck, worin man ein ganzes Kapi⸗ tel vom innern Leben der Familie leſen kann und ſieht, daß es ein Leben der Liebe iſt, das dem Diener ge⸗ ſtattet ſich als Mitglied der Familie zu fühlen. Manche Perſonen mißbilligen ſolche Vermählungen in Reiſekleidern und auf reiſendem Fuß und wünſchen ſie feierlicher zu haben. Sie ſind indeß nicht die ein⸗ zigen, die hier gebräuchlich ſind. Man hat auch Abend⸗ hochzeiten, wo die Braut ungefähr wie bei uns geklei⸗ det iſt und alles ungefähr mit derſelben Feierlichkeit zugeht, mit Ausnahme desjenigen Theils. der zur öffent⸗ lichen Ausſtellung der von Kerzen, Marſchällen und Brautjungfern umgebenen Braut gehört, wie wir dies in Schweden und, glaube ich, nur allein in Schweden haben. Sonnabend den 20. Oktober. Ich habe jetzt lange nicht mehr geſchrieben; ſo viele Leute und ſo viele Zerſtreunngen haben meine Zeit in Anſpruch genommen. Ich will Dir nun das Weſentlichſte von dem erzählen, was ich in der ver⸗ floſſenen Zeit erlebt habe. Aus der Heimath habe ich —„——— 39 noch keinen Brief erhalten; ich ſehne mich ſchon ſo lange darnach. Ich habe mich an dem neuen Leben hier und ſei⸗ nen heſperiſchen Früchten ſehr erfreut; und kommt es nun von dem letzteren her oder von der jugendlich be⸗ lebenden Luft der neuen Welt(wir haben ſeit einiger Zeit wieder das allerſchönſte Wetter) oder auch von den neuen Eindrücken, die täglich auf mich einſtrömen, aber ich fühle die Saiten meines Lebens gleichſam ſtärker zittern und die Pulſe zuweilen beinahe fieberiſch klopfen. Ich fühle, daß ich geiſtig und leiblich Nectar trinke; dies iſt ein Göttertrank, aber beinahe zu ſtark für eine ſchwache Sterbliche, wenigſtens als Alltagsgetränke. Das viele Geſellſchaftsleben iſt auch anſtrengend, ſo ſchön und angenehm es auch iſt. Downings haben keine Kinder und leben für das Schöne und Angenehme des Lebens in einem ausgewählten Kreis von Freun⸗ den und Nachbarn, die größtentheils an den ſchönen Ufern des Hudſons anſäßig ſind. Ein fröhlicher, un⸗ ezwungener Umgang ſcheint zum Charakter des Lebens in dieſem Kreiſe zu gehören. Man fährt immer auf Beſuchen bei einander herum. Die Ufer des Hudſons ſtehen jetzt, ſeit der Herbſt eingebrochen iſt, in ihrer vollen Pracht, und die Laubwälder, welche die Ufer und Bergeshöhen bekleiden und aus einer großen Menge verſchiedener Baumarten beſtehen, glänzen in den zier⸗ lichſten Farbenſchattirungen von Hellgelb bis Schar⸗ lachroth, aber dies iſt zu zierlich und chaotiſch prunk⸗ haft, um meinem Auge recht zu behagen, das mehr Ein⸗ heit begehrt. An Früchten iſ hier jetzt der größte Ueberfluß: die ſchönſten Pfirſiche, obſchon ihre Zeit jetzt eigentlich vorbei iſt, Birnen, Pflaumen, Trauben, nämlich Treibhaustrauben 2c. Downings Tiſch iſt täg⸗ lich mit einem ganzen Korb voll der herrlichſten Früchte, wahrer Heſperiden, und mit den ſchönſten im feinſten Geſchmack angeordneten Blumen geſchmückt. Das Früh⸗ 40 ſtück iſt hier zu Land weit ſtärker, als wir es in Schwe⸗ den haben. Außer Cafe und Thee hat man Fiſche, Fleiſch, Buchweizenkuchen, Omeletten 2c. und überdies Maisbrod und eine Art ſüßer Kartoffel, die dem Lande eigen und eine ausnehmend gute, ſchmackhafte Frucht iſt. Sie iſt lang, weich und mehlig, gelb und ſehr ſüß. Man ſervirt ſie gewöhnlich in ihrer Schale und ißt ſie mit Butter. Bei den Mittageſſen hat man ähn⸗ liche Gerichte wie in England, nebſt einigen Gemüſen und Früchten, die Amerika eigen ſind. Abends ißt man nicht viel; man hat gewöhnlich Thee und Butter⸗ bemmen oder Theebrödchen, und hernach eingemachte Früchte, meiſt Pfirſiche nebſt Rahm. Eine Sitte, die ich beſonders angenehm finde, iſt, daß man die Gäſte an ganz kleinen Tiſchchen für eine oder zwei Perſonen ſervirt, welche Tiſchchen herumgeſtellt werden, bevor man den Thee reicht. Man macht ſich zwei und zwei zuſammen und hat die allerliebſten kleinen töte-Atéte, und Du weißt ja, daß ich dies ſehr liebe. Ich kann nie recht ſchwatzen außer ſo. Meine ſchönſten Augenblicke hier verlebe ich theils an den Vormittagen, allein in meinem Zimmer mit amerikaniſchen Büchern, die Downing mir geliehen hat, theils an den Abenden ſtill mit meinen Wirthsleuten in dem kleinen düſtern Salon ſitzend, mit den Bücher⸗ ſchränken und Büſten rund um uns her, und das Feuer leiſe kniſternd in dem großen Kamin. Da bei der Abendlampe leſen mir Mr. Downing und ſeine Frau abwechſelnd Stücke aus ihren beliebteſten amerikaniſchen Dichtern vor. Die Bücher bekomme ich dann auf mein Zimmer hinauf;z ſo habe ich Bryant, Lowell Emerſon kennen gelernt, ſämmtlich, obſchon auf ſehr verſchiedene Arten, Vertreter des Lebens der neuen Welt. Bryant ſingt eigentlich ihr Naturleben, ihre Wälder, ihre Prärien, ihre eigenthümlichen Naturſcenen und Phä⸗ nomene, und ſein Geſang athmet die ſtillen, friſchen — 41¹ En Eingebungen des Naturlebens. Man fühlt, wie der E Saft durch die Adern der Pflanze eirculirt und die es Blätter ausſchlagen. Seine Thanatopſis oder ſein de Nachtgeſang iſt ein großartiges, obſchon kurzes Ge⸗ ht dicht, worin die ganze Erde als ein großer Begräbniß⸗ hr platz betrachtet wird. Lowell iſt von den großen Ge⸗ nd ſellſchaftsfragen der neuen Welt, ſowie von den Idealen n aus dem Leben der jungen Velt inſpirirt und ruft ſie en zum Bewußtſein auf in Geſängen über die Freiheit, ßt über die Seligkeit eines freien und begnügſamen Lebens, er⸗ in Geſängen auf die Ehre und Schönheit der Arbeit⸗ hte Wieder und wieder mußte ich Downing bitten, das ie kleine ſchöne Gedicht: O armen Mannes Sohn! zu ſte leſen, das mich entzückt durch ſeine Melodie und durch en ſeinen rechtſchaffenen Geiſt, welcher die moraliſche Me⸗ or lodie iſt, ſowie durch die fröhlichen Wahrheiten, die es ei in Ausſichten für des armen Maunes Sohn in der te, neuen Welt ausſpricht. Ich möchte das ſchöne Stück nn überſetzen und Downings muſikaliſche Stimme beſitzen, . um es Dir vorzuleſen. Seine liebe Frau, Caroline, ils liest von Lowells Poeſien am liebſten eine kleine mit epiſche Dichtung, betitelt: Sir Launfalls Viſivn. at, Lowells Ideale ſind rein ſittlich, und etne tiefe Ader ten von religiöſem Gefühl geht durch ſie. Einer ſeiner er⸗ ſchönſten Geſänge, worin ein ſtarker und edler Patrio⸗ uer tismus glüht, iſt gegen einen Akt im Congreß der gerichtet, wodurch die Beibehaltung der Sklaverei in rau den Vereinigten Staaten begünſtigt wird. Mit dieſem hen und mehreren andern Antiſklavereiliedern hat der junge ein Dichter ſeinen Platz in den Reihen der großen Partei ſon im Lande genommen, die ſich die abolitioniſtiſche nennt ene und die Abſchaffung der Sklaverei bezweckt. Lowells ant Verſe zeugen von einer wahren Dichternatur. Er muß hre ſich in Verſen ausſprechen; er macht den Vers nicht, hä⸗ er ſingt ihn, und in ſeinem Geſang iſt die Wallung⸗ hen 42 die das Herz wallen und den Gedanken ſeine Schwin⸗ gen erheben macht. Waldo Emerſon, mehr Philoſoph als Dichter, aber poetiſch in ſeinen proſaiſchen philoſophiſchen Auf⸗ ſätzen, iſt mir als eine neue eigenthümliche Natur, die ungewöhnlichſte von den Dreien, merkwürdig. Er kommt mir wie ein amerikaniſcher Thorild vor, der aus ſeiner eigenen mächtigen Natur die Welt umſchaffen will, indem er nur in ſeiner eigenen Bruſt Geſetz und Eingebung ſucht. Stark und rein, beſonnen und ruhig, aber zugleich phantaſtiſch, entſendet er von ſeinem tranſcendentalen Standpunkt aus ſeine Aphorismen über Natur und Geſchichte, über Gott(der aber für ihn nicht ein perſönlicher Gott, ſondern eine„Oberſeele“, eine Harmonie von Geſetzen iſt) und über die Menſchen, indem er ſie und ihre Wirkſamkeit vom Ideal des höchſten Wahren und höchſten Schönen aus kritiſirt. „Die Erde hat noch nicht einen Mann geſehen,“ ſagt Emerſon, und er ſieht mit Sehnſucht dieſem Manne, dieſem Menſchen der neuen Welt entgegen, an deſſen Erſcheinung er glanbt. Was dieſer neue Menſch eigent⸗ lich ſein oder wirken ſoll, iſt etwas Unbeſtimmtes, nur ſoll er wahr und ſchön in des Wortes höchſter Bedeutung ſein, und überdieß fürchte ich, daß er ſehr ſchön und hochgewachſen ſein muß, um vor Emer⸗ ſon Gnade zu finden, der ſelbſt ein Mann von ſeltener Schönheit ſein ſoll und körperliche Mängel als eine Art Sünde betrachtet. Dieſer neue Menſch befolgt keine Geſetze, als die in ſeiner eigenen Bruſt; aber da findet er unverfälſchte Quellen der Wahrheit und Schönheit. Der neue Menſch glaubt an ſich ſelbſt allein, verlangt Alles von ſich ſelbſt und thut Alles ſelbſt, ruht auf ſich ſelbſt und in ſich ſelbſt. Der neue Mann iſt ein Stoiker, aber kein ſo herber, ſondern ſchön und mild. Wohin er kommt, da blüht das Leben; im Kreiſe der Freunde iſt es ein Feſttag, in⸗ er, uf⸗ die Er der fen nd em er hn en, es igt ne, en nt⸗ ur ter r⸗ ler ne 43 Nektar und Ambroſia duften in ſeiner Nähe; er ſelbſt aber bedarf keines Freundes. Er bedarf keines, nicht einmal Gottes; er wird ſelbſt Gott gleich, indem er ſeiner nicht bedarf; er erobert den Himmel, indem er zum Himmel ſagt: ich begehre Dich nicht. In der Natur zeigt er ſich als ein Wiederherſteller, er beherrſcht und entzückt ſie, und ſie iſt ſeine Freundin. Mit ihr hat er genug; die Waldesgötter flüſtern ihm ihren Frieden und ihre Selbſtgenügſamkeit zu, es gibt kein Hügelchen, das nicht einen Stern über ſich hätte“; es gibt keinen Kummer, den nicht das heilige Leben der Ratur beſchwichtigen kann. Er ſagt der ſtolzen Welt Lebewohl, er tritt Roms und Griechenlands Größe mit Füßen in ſeiner ländlichen Heimath, wo er„im Ge⸗ büſch Gott begegnen kann.“ Emerſons Sprache iſt gedrängt und kräftig, einfach, aber treffend und klaſſiſch. Die Wendungen ſind originell, alte Sachen kommen auf eine ſo neue und glänzende Art zum Vorſchein, daß man ſie zum erſten Mal zu hören meint. Die Wünſchelruthe des Genies ruht in ſeiner Hand. Er iſt Meiſter auf ſeinem Feld. Seine eigentliche Stärke ſcheint die Kritik zu ſein, eine gewiſſe göttergroße Verachtung und ein maßloſer Hohn gegen das Mittel⸗ mäßige, Schwache und Erbärmliche, wo er es ſieht; und er ſieht es in Vielem und in Vielen. Er geißelt es ohne Schonung, aber dabei mit ſeltener Schönheit. Emerſons Leiſtungen in dieſer Richtung ſind wahrhaft athletiſch und dabei königlich. Sie erinnern mich an unſern König Guſtav Adolph den Großen, als er den Soldaten beim Haar nahm und ihn zur Beſtrafung übergab mit den freundlichen Worten:„Komm, mein Junge, es iſt beſſer, Dein Körper leidet jetzt Böſes, als daß Deine Seele in die Hölle kommt.“ Doch da iſt mehr als Emerſon, auch in der Abſicht der Be⸗ ſtrafung. Wie das nun ſein mag, ſo hat dieſer Ver⸗ ächter des Unvollkommenen, Niedrigen und Kleinen, 44 dieſer kühne Mann, der Vollkommenheit beim Menſchen fordert, in ſeinen Schriften eine beinahe magiſche Zau⸗ berkraft für mich. Ich mache oft Einwendungen gegen ihn, ich hadere mit ihm, ich ſehe, daß ſein Stoicismus eine Einſeitigkeit, ſein Pantheismus eine Unvollkommen⸗ heit iſt, und ich weiß Etwas, was größer und voll⸗ kommener iſt; aber ich befinde mich unter dem Zauber, ich meine größer zu werden durch ſeine Größe, ſtärker durch ſeine Stärke, und ich athme in ſeinen Werken eine Hochlandluft, die unbeſchreiblich erfriſchend auf mich wirkt. Emerſon hat mehr Idealität, als bei Denkern engliſchen Stammes gewöhnlich iſt, und man könnte ſagen, in ihm habe ſich Germaniens Idealismus mit Brittanniens Realismus vermählt. Ich bin noch niemals einen Schritt gegangen, um einen literariſchen Löwen zu ſehen, aber Waldo Emerſon, dieſen Pionier in den moraliſchen Wäldern der neuen Welt, der ſeine Axt an die Wurzeln der alten Bäume ſetzt, um ſie niederzuhauen und für neue Pflanzungen den Weg zu bahnèn, dieſen Mann zu ſehen, würde ich ein ſchönes Stück Wegs gehen. Und ſehen möchte ich ihn auch, den Mann, der in einem ſo ſtreng kirchlichen Staat, wie in Maſſachuſſetts und in Boſton(Emerſon war Geiſtlicher in einer unitariſchen Gemeinde zu Boſton), den Muth hatte, offen ſeinem Prieſterſtand, ſeiner Kirche und dem chriſtlichen Glauben abzuſagen, weil er an einigen ſeiner Hauptlehren zum Zweifler geworden, edel genug, um ſich dennoch die allgemeine Achtung und ſeine alten Freunde zu erhalten, ſtark genug, um ſich mit Vermeidung aller Polemik und jedes bittern Wortes in die Stille zurückzuziehen, um allein für die Wahr⸗ heit zu wirken, die er als vollkommen erkannt, für die Lehren, zu welchen der Heide und der Chriſt ſich auf gleiche Weiſe bekennen. Emerſon hat ein Recht von Stärke und Wahrheit zu ſprechen, denn er lebt für dieſe Tu⸗ genden. Und die Welt, die in der Kirche ſchläft aus hen au⸗ gen uus en⸗ oll⸗ er, rker ken auf bei nan nus toch chen tier eine ſie zu nes uch, aat, var n), ner ler en, und ſich tes hr⸗ die auf ärke Tu⸗ aus 4⁵ Mangel an lebendigem Chriſtenthun, kann nur dabei gewinnen, wenn ſie durch ſolche friſche Winde vom Himalaya des Heidenthums aufgeweckt wird. Aber wie kann Emerſon unbeachtet laſſen... Doch ich will jetzt nicht darnach fragen. Emerſon iſt gerecht und wahrhaftig. Wären Viele wie er! Jetzt muß ich Dir ein wenig von meinem geſell⸗ ſchaftlichen Leben in dieſer Zeit erzählen. Miß Ca⸗ tharina Sedgewick(Verfaſſerin von Redwood) kam nebſt einer jungen Nichte, Suſanna Sedgewick, einige Tage nach meiner Zurückkunft hieher. Mr. Downing, der ſie ſehr ſchätzt, wünſchte, daß ich ſie kennen lernen möchte. Sie hat zwiſchen fünzig und ſechzig Jahren, und ihr Aeußeres verräth zwar viel verſtändige Güte und Wohlwollen, aber kein eigentliches Genie. Ihre Geſtalt iſt weiblich ſchön, und ihr ganzes Weſen weib⸗ lich, redlich offen, ohne alle Manierirtheit. In den er⸗ ſten Tagen war es mir als ſchliefe meine Seele ein wenig bei ihr, aber dieſes Gefühl wurde in einem Augenblick gleichſam weggeblaſen durch einen rührenden ſchönen Ausdruck von Herzlichkeit auf ihrer Seite;— dieſer eröffnete ſie gleichſam für mich und mich für ſie, und ſeitdem fühle ich, daß ich mit ihr leben könnte, wie mit einer himmliſchen Seele, zu welcher man das reinſte Vertrauen haben kann. Ich erfreue mich auch an dem tiefen Verſtand in ihren Worten und an ihrem wahrhaft weiblichen Sinn für die Verhältniſſe des Lebens. Sie iſt eine wahre und milde Seele, und ich fühle, daß ich ſie recht lieben könnte. In den letz⸗ ten Jahren ſoll ſie viel für das geſchrieben haben, was ich die geringeren Leute in der Geſellſchaft neunen möchte, denn hier, wo beinahe alle Menſchen arbeiten, um zu leben, kann man nicht von einer eigentlichen ar⸗ beitenden Klaſſe ſprechen, wohl aber von einer ſolchen, die ſich noch nicht emporgeſchwungen hat. Für dieſe Klaſſe ſchrieb Franklin, ſelbſt ein Arbeiter, der ſich 46 hinaufgearbeitet; für ſie ſchreibt auch Miß Sedgewick, und ihre kleinen Novellen und Erzählungen ſollen ſehr be⸗ liebt ſein und viel Gutes wirken. Man rühmt insbe⸗ ſondere eine Erzählung, betitelt: das Haus, die ich zu bekommen ſuchen will. Auch ich möchte ſo gerne für die geringen Leute in der Geſellſchaft mehr ſchreiben, als ich bisher gethan habe. Miß Sedgewick war jetzt mit einer neuen Auflage ihrer geſammelten Werke be⸗ ſchäftigt. Sie ſprach mit mir von einigen Verände⸗ rungen in ihren früheren Arbeiten, und ich ſagte ihr, daß ich für meinen Theil nie Etwas an ſolchen ver⸗ ändern würde, die ich ſchon weit hinter mir hätte, ſelbſt wenn ich ihre Fehler einſähe und ſie leicht ver⸗ beſſern könnte. Denn da ein Schriftſteller oder eine Schriftſtellerin eine längere Reihenfolge von Jahren lebt und ſchreibt, ſo bilden ſeine oder ihre Schriften eine Geſchichte ihrer eigenen Entwicklung, die als eine Geſchichte für ſich ſtehen bleiben muß, und für ſie ſelbſt, wie für Andere immer lehrreich iſt. Die Arbeiten eines Schriftſtellers ſind Theile einer Selbſtbiographie, die er ſchreiben muß, er mag wollen oder nicht. Miß Sedgewick lud mich auf nächſten Sommer in ihre Wohnung in Lennox, im weſtlichen Theil von Maſſachuſetts, ein, und verſprach mit mir den Schäcker⸗ ſtaat in Neulibanon zu beſuchen, das nicht weit von ihrem Sitze abliegt. Während Miß Sedgewick hier war, machten Downings mit ihr und mit mir einen Ausflug auf den Gipfel des Berges South beacon, eines der höchſten Punkte des Hochlandes in dieſer Gegend. Mr. Downing führte mich, und bei dieſem kletternden Bergbeſuch bedurfte es wirklich eines geſchickten Kut⸗ ſchers und eines guten Pferdes, denn der Weg war ſteil und nichts weniger als gute Bahn. Aber wir lie⸗ ßens uns nicht verdrießen und hüpften über Stock und Stein in unſerem leichten Carriol, bis wir ungefähr 900 Fuß hinaufkamen und vom Gipfel des wald⸗ ——— e——— — 47 bewachſenen Berges herabſchauten, auf ungefähr die halbe Erde, meinte ich, aber ſie ſah aus wie ein wo⸗ gendes Chaos von waldigen Höhen und Thälern, wo man die Menſchenwohnungen blos wie kleine helle Flecken unterſchied, kaum deutlich für einen unbewaff⸗ neten Blick. Solche Ausſichten haben, wie Du weißt, immer etwas Bedrückendes für mich. Der Menſch, der in ſeinem Leiden, in ſeinem Kampfe ſo groß iſt, ver⸗ ſchwindet, von dieſen materiellen Berghöhen herab ge⸗ ſehen, zu Nichts, und darum liebe ich ſie nicht. Was dieſe Ausſicht hier für mich Erfriſchendes hatte, das war der Anblick des Hudſon, der wie ein klarer, aus dem Chaos hervorbrechender Gedanke ſich aus dem Walde ſeinen Weg bahnte und glänzend ins Unendliche hinausfloß. Unſere Geſellſchaft war etwas zu groß und etwas zu munter für mich. Ich weiß nicht, welche ängſtliche Stummheit in ſolchen fröhlichen Geſellſchaften über mich kommt, zumal außen in der Natur. Und hier wäre es mir ein Bedürfniß geweſen, mit dieſer groß⸗ artigen Naturſcene allein zu ſein. Eine kleine Weile der Einſamkeit theils mit ihr, theils mit Downing, der mit dem Fröhlichen fröhlich und ſcherzhaft, mit der ſtillen Natur ſtill ſein kann, war für mich ein Lecker⸗ biſſen auf der Reiſe, bei welcher übrigens Champagner, Scherze, wie auch ſolidere gute Dinge für die Zunge, ammt artigen Herrn und ſchönen jungen Frauen nicht ehlten. Ja, an hübſchen Frauenzimmern iſt hier wirk⸗ ich Ueberfluß vorhanden, aber ſie ſind mehr zierlich fein, als eigentliche Schönheiten. Eine wirkliche Schön⸗ heit habe ich hier noch nicht geſehen, aber auch noch nicht ein einziges häßliches Geſicht, eine einzige ver⸗ wachſene Figur. Was mir beſonders gefällt, iſt die leichte, freie und dennoch beſcheidene, freundliche Art des Umgangs unter der Jugend beider Geſchlechter. Recht tüchtig müde kamen wir Abends von unſerer Bergfahrt nach Hauſe, und ſchön war die Ruhe in der 48 lieblichen, ſtillen Wohnung der freundlichen Downings. Was mir von dieſem Ausfluge immer bleiben wird, das iſt die klare Fluth, wie ſie aus dem dunkeln Wald hervorbricht. Sie glänzt gleichſam in mir. Bon Miß Sedgewick ſchied ich mit dem Gefühl, daß ich mich nie wieder von ihr trennen möchte. Ihre Nichte Suſanna Sedgewick war ein anmuthiges und gebildetes Mädchen. Ein junger Herr, der ihr An⸗ beter ſein ſoll, folgte ihr auf der Spur hieher. Ein paar Tage nach dieſem Ausflug unternahmen wir einen andern, den Hudſon hinauf zu einer Familie Donaldſon, die zur Ariſtokratie dieſer Ufer gehört. Wir fuhren Morgens bei guter Zeit ab. Die Luft war lieblich, es gieng kein Wind, die Ufer glänzten in der zierlichſten Herbſtpracht in der etwas unſchleierten Sonne. Die Segel auf dem Fluß bewegten ſich kaum, und über den Höhen ſtand eine Art von Sonnenrauch, ein feiner Nebel, welcher diejenige Periode des Jahrs und denjenigen Zuſtand der Atmoſphäre bezeichnen ſoll, der hier indianiſcher Sommer genannt wird. Er kommt, ſagt man, am Ende Oktobers und währt oft den ganzen November, wie auch einen Theil des De⸗ cembers hindurch; er gilt für einen der ſchönſten Theile des Jahres. Und ſoll ich nach dieſen Tagen urtheilen, ſo kann man ſich kaum ein willkommeneres Wetter den⸗ ken, warm, ruhig, die reinſte, hellſte Luft, beſtändiger Sonnenſchein, gemildert durch den leichten Sonnenrauch, der einen myſtiſch romantiſchen Flor über die in Herbſt⸗ pracht glänzende Landſchaft wirft. Woher kommt die⸗ ſer poetiſche Nebelſchleier?„Er kommt von den In⸗ dianern, die jetzt in ihren großen Pahaws(Rathsver⸗ ſammlungen) ihre Pfeifen rauchen,“ antwortete die hei⸗ tere Mrs. Downing;„mir liegt daran, daß Sie richtige und genaue Begriffe von den Dingen hier im Lande erhalten.“ Die genaue Wahrheit iſt, daß Niemand die Urſache dieſes Rauches und dieſes Sommers im — 8. as ald hl, hre nd ln⸗ ten lie rt. ar der ten m, ch, yrs oll, oft De⸗ ile en, en⸗ ger ſt⸗ ie⸗ n⸗ er⸗ ei⸗ ige de nd im 49 Herbſte anzugeben vermag. Aber zu unſerm Ausflug zurück, der wirklich entzückend war. Wir kamen aus den eigentlichen Hochlanden am Hudſon, und die Ufer wurden niedriger, der Fluß wurde breiter und umfaßte mehrere Inſeln. Aber bald ragten in der Ferne noch größere und maſſivere Bergmaſſen empor, als ich bis⸗ her geſehen hatte, die prächtigen, 1000 Fuß hohen Catskillberge, die einen Theil der großen Alleghanykette bilden, welche Nordamerika vom Norden bis in den Süden durchſchneidet. Am Fluß entlang war das Land wohl bebaut, ſah reich und cultivirt aus. Keine Schlöſſer, keine Ruinen; meiſtens kleine, aber oft ſehr geſchmackvolle Wohnungen mit Terraſſen und Obſtgär⸗ ten, und oft ganze Pärke von Pfirſichbäumen. Einige Traditionen aus dem Krieg mit den Indianern ſind die einzigen geſchichtlichen Erinnerungen dieſer Ufer. Ich ſehne mich nicht nach den Ruinen und Sagen des Rheins. Ich liebe dieſes Friſche, Neue, das eine große Zukunft hat. Unter der Geſellſchaft an Bord befand ſich ein Schäker in graugelbem Aufzug und mit breit⸗ krempigem Hut. Sein Geſicht glich einem ſauern Apfel; es war juſt kein ſchöner Repräſentant des Schäkerſtaates. Nach einer Flußfahrt von ungefähr drei Stunden gelangten wir an unſer Ziel, nach Blithewvod, der ſchönen Reſidenz Donaldſons, wohin wir zu einem großen Frühſtück geladen waren. Hier wie an einigen andern Orten bemerkte ich, wie man das Tageslicht von den Zimmern ausſchließt. Dies genirt mich, die ich an unſere hellen Zimmer in Schweden gewöhnt bin und das Licht liebe. Aber man ſagt, die Sonnenhitze ſei hier einen geraumen Theil des Jahres hindurch ſo groß, daß man ihr Licht möglichſt von den Zimmern fern halten müſſe. Eine ſchöne, ſtattliche Frau, vor⸗ trefflich proportionirt und etwas corpulenter, als die Bremer, die He math in der neuen Welt. l. 4 50 andern Frauenzimmer, die ich geſehen habe, empfieng uns freundlich. Es war Mrs. Donaldſon. Sie iſt katholiſch und ſtammt, glaube ich, aus einer iriſchen Familie; Mr. Donaldſon, ein ſchöner, etwas ſteifer älterer Gentleman, und ſeine Schweſter ſind Calviniſten. Sie ſollen indeſſen wohl übereinſtimmen in Liebe und guten Werken, dieſer Centralkirche, worin alle Sekten im Na⸗ men deſſelben Herrn ſich vereinigen können. Wir wurden in unſere Zimmer geführt, erfriſchten und kleideten uns; dann kam das Frühſtück und die Nachbarn alle; ich hatte 60— 70 freundlich ausgeſtreckte Hände zu drücken, was juſt keine ſchwere Arbeit wäre, wenn man nicht immer beinahe dieſelben Worte und Sachen dabei ſagen müßte, deren beſtändige Wieder⸗ holung zuletzt ermüdet und mir eine Empfindung giebt, als wäre ich ein Papagei. Die Geſellſchaft war ſchön und heiter, das Frühſtück prächtig; es endete mit einem Tanz. Ich hatte das Vergnügen einige ſehr ſchöne und lebhafte junge Mädchen zu ſehen, feine, aber un⸗ kräftige Geſtalten. Die Frauenzimmer kleiden ſich mit Geſchmack, haben kleine Hände und Füße, erinnern an die Franzöſinnen, ſind aber ſchöner als dieſe. Etwas vermiſſe ich in ihren Geſichtern, weiß aber noch nicht recht was; ich glaube, es iſt Ausdruck. Ich war nicht in der heiterſten Stimmung und der Tag wurde mir etwas mühſelig. Aber als ich am Abend unter den freien Himmel hinauskam, als ich am Arm des ſchweig⸗ ſamen Downing ſtille an dem herrlichen, ruhigen Fluß hinwandeln und die Maſſen der ſammtweichen Schatten und Lichtſcheine über den majeſtätiſchen Catskillbergen betrachten durfte, hinter denen die Sonne in wolkenfreier Pracht unterſank, da erweiterte ſich das Herz und ath⸗ mete frei in der hohen herrlichen Landſchaft, da trank ich von den Quellen im Gebirge, da lebte ich zum er⸗ ſtenmal an dieſem Tage. Am Abend hatte ich ein un⸗ erwartetes Vergnügen. Mrs. Donaldſon ſpielte Harfe n en er k n⸗ 51 und Klavier, dazu ſang ſie ausgezeichnet gut und be- lebend, wie eine wahre Muſikerin, was, glaube ich, hier zu Lande etwas Seltenes iſt. Ihr Geſang hatte Worte und Ausdruck, und ſo iſt es auch in ihrem We⸗ ſen; ſie iſt eine edle, ſelbſtſtändige Geſtalt, die ſich ſelbſt trägt, wie Du es zu nennen pflegſt. Sie ſingt weder, noch ſpricht ſie nach dem Gehör. Sie ſingt und ſpricht aus ihrer eigenen frei fühlenden und den⸗ kenden Seele. Ihr älteſter Sohn, ein Junge von 13 Jahren, ſchien mir ein wahres Muſikgenie zu ſein, auch darin, daß er ſich unterbrach und ſich durch nichts beſtimmen ließ(ich glaube wirklich, er konnte nicht), ein kleines phantaſtiſches Lied zu Ende zu ſingen, deſ⸗ ſen erſte Töne jedoch genügten, um uns mehr als Ta⸗ lent bei dem Jungen ahnen zu laſſen. Auch er war nicht in der Stimmung und ohne dieſe konnte er nicht ſingen. Am folgenden Tage ſah ich wieder eine ganse Menge Nachbarn, welche kamen, um den ſchwediſchen Gaſt zu ſehen. Nachmittags beſuchte ich einige ſchöne Plätze in der Ungegend. An einem derſelben war auf einem Vorgebirge, das in den Fluß hinausreicht, eine Ruine gebaut, aus verſchiedenen Figuren und Stücken von Mauern und Säulen aufgeführt, die unter den merkwürdigen, neuerdings entdeckten Ruinen in Central⸗ Amerika und Mexiko gefunden worden waren. Die Geſichter und Kopfbedeckungen glichen denen an ägypti⸗ ſchen Bildſäulen; beſonders frappirte mich ein Sphinx⸗ geſicht und ein Kopf, welcher dem eines Iſisprieſters glich. Dieſe Ruine und ihre Ausſchmückungen mitten in einem wild romantiſchen Felſenhorſt ſind eine An⸗ lage vom beſten Geſchmack. Am Abend dieſes Tags verließen wir das ſchöne Blithewood, ſeine ſchöne Wir⸗ thin und ſeinen freundlichen Wirth. Wir fuhren bei Nacht nach Hauſe. Die Kajüte, worin wir ſaßen, war eng und ſehr heiß. Ganz nahe bei uns ſaßen zwei 52 junge Männer, von denen der eine Tabak kaute und unaufhörlich Mrs Downing und mir vor die Füße ſpuckte. Ich ſagte leiſe zu Downing:„Dieſer Gentle⸗ man bedarf eines Dickens.“ Downing antwortete ebenſo:„Aber dann würde Dickens den Irrthum be⸗ gangen haben ihn für einen Gentleman zu nehmen.“ Ein anderes Feſt, dem ich dieſer Tage bei der Großmutter von Mrs. Downing anwohnte, war ein Familienfeſt zur Feier ihres 90. Geburtstages. Sie wohnt auf dem Ufer gegenüber, und bei ihr verſam⸗ melten ſich dem Tag zu Ehren Kinder und Kindeskin⸗ der und Kinder der Kindeskinder, nebſt andern nahen Angehörigen, eine Geſellſchaft von 50 bis 60 Perſo⸗ nen. Die gute 90 jährige Matrone war noch lebhaft und beweglich, beinahe wie ein junges Mädchen. Wir aßen und tranken und brachten auch einige Toaſte aus; der meinige galt der Heimath in Amerika, wie auch in Schweden. Nachmittags hatten wir ein wenig Muſik; ich ſpielte ſchwediſche Volkslieder, und ein junger Künſt⸗ ler, Mr. Cranch, eigentlich ein Landſchaftsmaler und Gemahl einer der Sohnes- oder Tochtertöchter des Hauſes, ſang eine italieniſche Bravourarie ſo vortreff⸗ lich und mit einer ſo ſchönen Stimme, daß wir alle dadurch ſehr belebt wurden, und man wohl hörte, daß er die Kunſt in Italien ſtudirt hatte. Ich habe auch noch einige andere Wohnungen an den Ufern des Hud⸗ ſon beſucht und ſah in der einen eine ſchöne lebhafte Wirthin, ſowie eine Maſſe ſchönen Luxus, jedoch ohne die Sinnigkeit, welche Downings Wohnung auszeichnet, und in der andern eine originelle Dame, die man un⸗ ter den Nachbarn hier mit Ma chore mère in den Nachbarn vergleicht, eine Vergleichung, die wirklich guten Grund hat. Ich traf da auch einen ſehr ange⸗ nehmen Pr. Hull, einen ſtarken Swedenborgianer, mit dem ſichs weit intereſſanter ſprechen läßt, als mit den meiſten ſeiner Glanbensgenoſſen, die ich ſonſt geſpro⸗ ——— N e W c S u —,——— u—— 53 chen habe. Hier zu Lande ſollen die Swedenborgianer ſehr ſtark ſein. Viel Freude macht mir in dieſem Augenblick ein Beſuch Bergfalks, ſeine Gemüthsſtimmung und der ge⸗ ſunde, vornrtheilsfreie Blick, womit er Gutes und Bö⸗ ſes in dieſer neuen Welt betrachtet hat, wie auch ſein warmes Gefühl für Schweden und ſeine gute Hoffnung für die künftige Entwickelung unſeres Vaterlandes. Er iſt geſund, voll Leben und Mittheilungsluſt. Und obſchon ſeine Engländerin zuweilen die wunderlichſten Launen hat, von denen ich je gehört, ſo bricht ſich doch ſein Geiſt durch ſie und mit ihnen Bahn, zuwei⸗ len auf glänzende Weiſe. So z B. geſtern Abend in einer Charakteriſtik von Macaulays Geſchichtswerk, ſei⸗ nen Fehlern und Vorzügen, ſo daß der nicht ſehr de⸗ monſtrative Downing einmal ums andere rief: Vor⸗ trefflich! herrlich! Downing intereſſirte ſich in hohem Grad für Bergfalk und lud ihn ein über Nacht zu bleiben; aber Bergfalk hatte bereits in der Stadt ein Zimmer beſtellt. Wir begleiteten ihn in ſeinen Gaſt⸗ hof und ich gab ihm Lowells und Emerſons Schriften zur Geſellſchaft. Heute Sonntag den 29., wo ich meinen Brief fortſetze, iſt Bergfalk wieder hier und mit ihm ein ſchwediſcher Doctor Uddenberg, der in Barthelemy wohnt und gekommen iſt, mich zu begrüßen. Die Morgen⸗ ſtunde war beſonders reich während eines Geſprächs über Lowells Gedicht Prometheus, und über die Art, wie ein amerikaniſcher Sänger dieſen uralten Stoff für alle Zeiten und Dichter aufgefaßt hat. Berg⸗ falk zeichnete ſich wieder aus durch ſein Talent, das Charakteriſtiſche in den Dingen zu ſehen, und für Do⸗ wning geht nichts davon verloren. Auf meine Bitte las DBowning das ſchöne Stück von Prometheus Trotz gegen den alten Tirannen vor, worin der Dichter der neuen Welt gegen den Dichter der alten Welt eigent⸗ lich in Gegenſatz tritt; denn nicht die Freude des Haſſes und der Rache im Bewußtſein, daß die Gewalt des Tirannen einmal ein Ende nehmen wird, iſt es, was das zerfleiſchte Herz des Märtyrers tröſtet, wie im Prometheus des Aeſchylus; es iſt nicht, wie bei Byron, blos der Trotz nicht nachzugeben, ſich größer zu fühlen als Zeus in der Kraft des Leidens und Wollens;— nein es iſt keine ſelbſtſüchtige Freude, die den Prometheus der neuen Schöpfung ſtärkt; es iſt die Gewißheit trotz dem Tirannen und durch ſeine eigene Kraft die Freiheit und das Glück des Menſchenge⸗ ſchlechtes bereitet zu haben. Die Drohung, womit er ſich gegen ſeinen Henker waffnet, der Trotz, womit er fühlt, daß er ihn zermalmt, iſt die Prophezeiung von der ſchönen Zukunft der neuen Welt, Amerikas.„Denn unendliches Weh hat mein inneres Auge geſchärft und mich zu einem Seher gemacht, zu einem Richter zwi⸗ ſchen der Wahrheit und dem Schein.“ „Die gewiſſe Macht des ewig Guten, doppelt ge⸗ wiß durch die Zeugniſſe von Märtyrern gleich mir, das iſt meine Rache, eine Rache, die aus all meinem erlittenen Unrecht eine Ehrenpforte errichtet, durch welche hindurch ich einen Scepter und einen Thron erblicke.“ „Fröhlich flötende Hirten auf den Hügeln, ihre Heerden weidend, die nicht mehr beſtimmt ſind für Dich zu bluten;—“ „Singende Mädchen, mit weißen Füßen die Frucht des Weinſtockes preſſend, die nicht mehr auf Deinen Altären ausgegoſſen werden ſoll;— Seligkeit der Lie⸗ 55 benden, die im Schatten von Weintrauben flüſtern, deren purpurne Beeren ſich minder dicht an einander ſchließen, als ihre warmen Wangen, nicht mehr geſtört von Deinen rohen Lüſten;—“ „Bienenartiges Geſumme friedlicher Staaten, wo die ſonnenverbrannte Arbeitskraft für ſich ſelbſt die Früchte der reichen Erde pflückt, die ſie zu ihrem Eigenthum gemacht hat durch eigene Arbeit, erleichtert durch fröhliche Lobgeſänge auf eine Allmacht, mit wel⸗ cher Deine Narrenfeſte zu ſtreiten ſuchen, wie ein Funke mit dem großen Meer;—“ „Geiſt freier Liebe und fröhlichen Friedens, der Tugend ſicherer Lohn im Leben und im Tod;—“ „Das ſind die Erndten, die alle Meiſtergeiſter zwar nicht immer auf Erden einheimſen, aber doch nichts⸗ deſtoweniger ſicher, ob auch die Garben von andern Händen gebunden werden als den ihrigen; das ſind die blutloſen Dolche, womit ſie gefallene Tirannen niederſtoßen, das ihre hohe Rache:“ „Denn der beſte Theil ihres Lebens auf Erden iſt, wenn lang nach ihrem Tod ihre Gedanken, nicht mehr gebunden oder gefangen, ja auch ihre wilden Träume ein nothwendiger Theil der Luft geworden ſind, welche die Menſchen athmen, wenn ſie gleich dem Mond, der ſelbſt von der Wolke verborgen iſt, Licht verbreiten über den See des Lebens und uns hinaus⸗ führen in Licht und Hoffnung.“ „Die Erde mit all ihren getreuen Erinnerungen läßt Epheu wachſen über ihre heiligen Grüfte; das freie Meer, im Sturm wie im Stillſtand, wiederholt ihre Gedanken; der Blitz und der Donner und alle freien Dinge haben Sagen von ihnen für die Ohren der Menſchen. Alle andere Ehre gleicht fallenden Sternen; aber über die ihrige wacht die ewige Natur.“ „Durch Menſchenliebe wird ſolche Macht ge⸗ wonnen!“ 56 8 n ſpricht, ſo trotzt der Prometheus der neuen elt! Ein beinahe göttlicher Trotz!—— Darauf kam Caroline Downing mit ihrem Lieb⸗ lingspoeten, dem Naturdichter Bryant. Aber auch Bry⸗ ants Geſang iſt durchglüht von Patriotismus, vom Glauben an Amerikas Zukunft und großen Beruf. So in dem ſchönen epiſchen Geſang: die Prärien, worin er, wie die Worte ſelten malen, die unendlichen Felder des Weſtens in ihrer ſonnenbeglänzten einſamen Schön⸗ heit und Größe malt, die im Winde ſich bengenden Wogen von Gras und Blumenmatten, über ihnen die dahin ziehenden Wolken und über dieſen die Sonne, die auf den weiten Schauplatz herabblickt, paradieſiſch leuchtend und reich, obſchon ſchweigſam und öde wie die Wüſte. Aber das Schweigen wird unterbrochen. Der Dichter hört ein leiſes Summen Was iſt das? — Es iſt eine Biene, die über die Blumenfelder hin⸗ fliegt und den Honig der Blumen ſaugt; die emſige Biene wird für den Dichter ein Prophet, und in ihrem ſummenden Flug, ihrer ſtillen Wirkſamkeit, hört er kommende betriebſame Geſchlechter, die ſich über die Prärien verbreiten, ſie in ein neues Paradies verwan⸗ deln und neue Blumen edlerer Art, Blumen der Meu⸗ ſchenwohlfahrt, des Menſchenglückes aufſprießen machen werden. Zuletzt kam ich mit Waldo Emerſons Poeſien, die zwar ihrem Umfang nach klein, aber durch ihren Geiſt und Zweck groß ſind, und verlas eine kleine dithyrambiſche Poeſie, welche für die Individualität des Dichters charakteriſtiſch iſt. Die andern amerikani⸗ ſchen Dichter ſprechen zur Geſellſchaft, Emerſon allein blos zum Individuum; Alle laſſen mich jedoch einen Hauch vom Leben der neuen Welt verſpüren durch eine gewiſſe Unbegränztheit und Größe in Zweck, Ahnung, Verlangen, Glanben und Hoffnung; es iſt da Etwas, * * y⸗ m 0 in er n⸗ en ie ch ie n. n⸗ ge m ie n⸗ u eu n, en ne tät ni⸗ ein en ine ig, as, 57 das mich in einer größern freieren Welt athmen läßt. So ſagt Emerſons Gedicht: Gib der Liebe Alles. Gib der Liebe Alles, Deinem Herzen gehorch, Gib Freunde, Verwandtſchaft, Güter und guten Ruf, Deinen Geſang, dein Leben, Nichts verweigere! Denn ſie iſt ein Gott, Weiß ihren eigenen Weg Und die Wege aus den Wolken. Sie iſt nicht für den Schwachen, Sie begehrt großen Muth, Seelen über dem Zweifel, Kraft, die nicht weichet. Dieſe will ſie belohnen, Sie ſollen werden Mehr als ſie waren, Und ſtets ſich emporſchwingen. Aber noch ein Schritt, noch ein Pulsſchlag aus⸗ dauernder Bemühung wird zur Vervollkommnung deines Herzens gefordert. Halte Dich heute, Morgen und allzeit, Frei wie ein Araber, Fern der Geliebten. Halte dich zu ihr mit deinem ganzen Leben, aber wenn blos ein Schatten von Frende, fern von dir, in ihre junge Bruſt ſich ſtiehlt; 58 Frei ſei ſie dann, gänzlich frei; Halt nicht feſt ihres Kleides Saum, Nicht das mindeſte Blatt, das fiel Aus ihrem Sommerdiadem. Obſchon Du ſie innig liebſt, Wie ein beſſeres, höheres Selbſt, Obſchon getrennt ſein von ihr Dir des Lebens Sonne verdunkelt, Alle Anmuth den Dingen ranbt, So wiſſe doch ſicher, Wenn Halbgötter gehen, Kommen die Götter. Dies iſt edler Stocismus. Unter Emerſons Poeſien finden ſich einige, die von einer minder edlen Art zeu⸗ gen, von einem Selbſtgefühl, das ſich in ſeiner Welt⸗ verachtung erfreut, ſich freut für ſich genng zu haben, während die Welt hungert; Etwas, das an die höh⸗ niſche Antwort erinnert, welche die Ameiſe in Lafon⸗ taines Fabel der Grille ertheilt. Aber dieſer Schatten geht wie eine Wolke über den klaren Himmel des Dichters und hat nicht ſeine bleibende Heimath da. Ein ſtark hervortretender Zug bei ihm iſt ſeine Liebe zu dem Starken, Großen und Naturnothwendigen, ich möchte ſagen in Allem. So ſagt er in ſeinem Gedicht: Die Weltſeele: Ich danke des Morgens Licht, Ich danke dem ſchäumenden Meer, Ich danke New⸗Hampſhires Bergen Und des Waldes grünhaarigem Baum; Ich danke dem muthigen Manne Und dem Weib von heiligem Gefühl, Und dem Knaben, der dreiſt im Spiel Niemals zurückſchaute. 59 Aber höher als dies ſteht unſers Geijers Geſang: Grünende Erde, meinen Geiſt empfang, Blauendes Meer, Dich liebe ich. Lebendiges Licht in Tiefe und Höhe, Himmliſche Sonn, du biſt meine Frende. Aber mehr als der Erde ſchönſter Kranz, Und mehr als der blauen Welle Tanz Liebe ich: Des himmliſchen Lichtes keimenden Troſt In einer betenden Menſchenbruſt. Von dieſem Licht weiß Emerſon nichts. Emerſon hat im Uebrigen große Aehnlichkeit mit Byron, aber eſien er ſteht ihm juſt gerade ſo weit nach, als das edelſte zeu⸗ Heidenthum dem Chriſtenthum nachſteht. Lelt⸗ Ich kann übrigens Emerſons Poeſien in meiner ben, Ueberſetzung keine Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Ich höh⸗ hatte niemals Talent zum Ueberſetzen, und Emerſons fon⸗ Poeſie halte ich beinahe für unwiedergeblich, beſonders tten in ihrer Verſification. Dieſe iſt von ſehr eigenthüm⸗ des licher Art und folgt, wie die Natur des Dichters, da. ihren eigenen ungewöhnlichen Geſetzen. iebe Henry Longfellow, Evangelinens Sän⸗ „ich ger, iſt vielleicht der geleſenſte und populärſte von icht: Amerikas Dichtern, aber er iſt es durch Eigenſchaften, die den edleren Dichternaturen aller Länder angehören, und nicht durch ſolche, die ihn als Dichter der neuen Welt auszeichnen würden. Die holden und kummer⸗ vollen Gefühle, die ſich in jeder beſſern Menſchenbruſt bewegen, ſind eigentlich ſein Gebiet, und hier hat er ſeine Meiſterſchaft, beſonders in Veobachtung der feineren Schattirungen. Nur in Evangeline hat er einen amerikaniſchen Stoff behandelt und eine ameri⸗ kaniſche Scenerie geſchildert. Aber genug jetzt von dieſer Poeſie der Morgen⸗ 60 ſtunde. Wir wollen nun zu Mittag eſſen. Die beiden Landsleute kommen dazu und noch ein dritter, nemlich der ſchwediſche Conſul aus Boſton, Benzon. Abends. Der Tag iſt vorüber mit ſeinen wechſelnden Sce⸗ nen und Eindrücken. Könnte ich dieſe doch etwas kälter nehmen! aber ich fühle Alles zu warm, werde zu leicht aufgeregt. Jeder Eindruck geht ſogleich zum Herzen, und dieſes ſchlägt leicht zu ſtark. Ich bin allein auf meinem Zimmer und ſehe von meinem Fen⸗ ſter in der dunkeln, aber ſternhellen Nacht Dampf⸗ boote, die auf dem Hudſon gehen, ſchwefelblaue und gelbe Flammen aus ihren Schornſteinen ſenden; es ſieht ganz prächtig aus. Morgen reiſe ich mit Dow⸗ nings zu einer Familie Hamilton, die zu ihrer engſten Freundſchaft gehört, und am Hudſon in der Nachbar⸗ ſchaft Waſhington Irwings wohnt. Und in der näch⸗ ſten Woche reiſe ich nach New⸗York, um allda meine Campagne zu beginnen, zu welcher dieſes Stück Land⸗ und Geſellſchaftsleben nur ein Vorſpiel ausge⸗ macht hat. Unter den Menſchen, die mir in dieſer Zeit nahe gekommen, befinden ſich beſonders zwei Eheleute, Mr. und Mrs. Spring, die mit ihrem kleinen„baby“ von New⸗York hieher kamen, um mir ihre Wohnung daſelbſt zu meiner gänzlichen Verfügung zu ſtellen. Sie bewie⸗ ſen mir eine ſo ſchöne und ernſte Freundlichkeit, und aus ihrem ganzen Weſen ſchien mir eine ſo reine und prunkloſe Humanität zu ſprechen, daß ich ihr Anerbie⸗ ten mit Vergnügen annahm und gerne einige Zeit bei ihnen verweilen will, bevor ich mich in andere Häuſer begebe, wohin ich mich auch für einige Zeit verſprochen habe. Unter ihnen iſt auch die Wohnung der Miß Lynch. Es ſieht aus, als ſoll ich für meinen Lebens⸗ unterhalt hier zu Lande nicht viel bezahlen, wenn ich ſo j dare ſein und Abr im? wer Dor zeic Wil reif ſon ſchä dah nin beſe gel mei als doc mä vor für mie Ar! hei zu ſich keit thä M ſei we net 61 den ſo fortfahre in den Häuſern herum zu gaſtiren. Aber lich darauf iſt nicht überall zu rechnen; überdies hat es ſeine Unannehmlichkeiten, wenn es auch ſeine Vortheile und ſein großes Intereſſe hat. Mr. und Mrs. Spring gelten für Socialiſten und ce Abolitioniſten, gehören der liberalen Bewegungspartei was im Lande an, und ſind allgemein als edle und achtungs⸗ erde werthe Menſchen bekannt.„Von ihnen,“ ſagte Mr. zum Downing,„werden Sie hören, was dieſe Partei aus⸗ bin zeichnet; bei ihnen werden Sie wahrſcheinlich Henry n William Channing, einen unſerer talentvollſten Steg⸗ pf⸗ reifredner, ſehen, und durch ihn können Sie mit Emer⸗ und ſon bekannt werden.“ es Ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich ich mich ow⸗ ſchätze, daß ich gleich im Anfang meines Aufenthalts ſten dahier mit dem denkenden uud Alles auffaſſenden Dow⸗ ar⸗ ning in Berührung gekommen bin, der überdies ſo un⸗ ich⸗ beſchreiblich freundlich gegen mich iſt, und es ſich ſo an⸗ da gelegen ſein läßt, daß ich alle möglichen Vortheile von tück meiner Reiſe habe, und alle Dinge, die beſſern ſowohl sge⸗ als die ſchlimmen, in ihrem wahren Lichte ſehe. Er docirt niemals, unterweist mich niemals; aber ſo all⸗ ahe mälig und gleichſam zufällig nennt er mir den Namen Mr. von Perſonen, die in der einen und andern Richtung von für die Zukunft der neuen Welt thätig ſind, und macht elbſt mich aufmerkſam auf das, was im Lande jetzt in der wie⸗ Arbeit iſt. Ich bemerke dabei, mit welcher Beſtimmt⸗ und heit die Vertheilung der geiſtigen Arbeit hier vor ſich und zu gehen ſcheint und wie jede Fähigkeit, jedes Talent bie⸗“ ſich leicht Bahn bricht, ſeinen Platz und ſeine Wirkſam⸗ bei keit erhält, bekannt und anerkannt wird. Als einen der uſer thätigſten Zukunftsmänner hat Downing mir Horace chen Mann bezeichnet, der durch ſeinen Enthuſiasmus und Miß ſeine Beharrlichkeit eine große Reform im Unterrichts⸗ ens⸗ weſen zu Stande gebracht, zur Erbauung großer, ſchö⸗ ich ner Schulhäuſer überall in den nördlichen Staaten bei⸗ 62 getragen und dem Schulorganismus überall neues Le⸗ ben eingegoſſen haben ſoll. Die Reformatoren und Profeſſoren, welche das geiſtige, intellectuelle Leben in Amerika entwickeln und ſeine Ideale hervorrufen, ſchei— nen aus den nördlichen Staaten, aus der Heimath Neuenglands, und hauptſächlich aus Maſſachuſſetts, der älteſten Wohnung der Pilger und Puritauer, zu kommen. Von ſeiner eigenen Wirkſamkeit ſpricht Downing mit der größten Beſcheidenheit; aber ich hörte von Miß Sedgewich⸗ daß wenige Männer in den Vereinigten Staaten ſo allgemein bekannt ſeien, und ſo ſegensreich wirken wie er. Seine Bücher über Baukunſt, über Blumen und Früchte, die alle darauf ausgehen, den Geſchmack zu veredeln, und die reinſten Ergebniſſe der Wiſſenſchaft und Kunſt in dieſen Zweigen für alle Welt zugänglich zu machen; dieſe Bücher ſind überall zu finden, und Niemand, er ſei reich oder gering⸗ baut ein Haus und legt einen Garten an, ohne Downings Bücher zu befragen; jedes junge Paar, das ſein ei⸗ genes Neſt bauen will, kauft ſie.„Das kommt da⸗ her,“ ſagt Downing beſcheiden,„daß ich zu einer Zeit auftrat, wo man allgemein anfing ein Bedürfniß nach Kenntniſſen in der Anlegung von Hänſern und Baumgärten zu empfinden.“ Er iſt, was man hier zu Lande eiuen selfmade man, einen ſelbſtgemachten Mann nennt, d. h. ein Mann, welcher der Erziehung durch Andere nur wenig zu verdanken hat, ſonderu meiſt durch eigene Erziehung geworden iſt, was er iſt.„Er iſt einer unſerer beſten Leute,“ ſagte Miß Sedgewick. Es wird mich ſchwer ankommen, ihn und ſein herziges, freundliches Weibchen zu verlaſſen. Downing hat mir einen Reiſeplan und eine Marſchroute zu einer ein⸗ jährigen Reiſe durch die Vereinigten Staaten entwor⸗ fen und mich mit Briefen an ſeine Freunde an ver⸗ ſchiedenen Orten verſehen. Ich hätte Dir noch viel zu Le⸗ und in rath tts, zu in Miß zten eich iber den der alle rall aut ngS ei⸗ da⸗ iner fniß und rzu ann urch neiſt „Er vick. ges, mir ein⸗ vor⸗ ver⸗ l zu 63 ſagen von meiner Freude, daß ich hier bin und mich ganz neu aufleben fühle, obſchon ich das äußere Leben mitunter etwas beſchwerlich finde und mich darauf gefaßt mache, in Zukunft eine ganze Menge arbeiten zu müſſen. Aber ach, wie Wenige haben ſich über ein ſolches Ar⸗ beiten zu beklagen, wobei ſogar viel Intereſſe, ſogar viel Wohlwollen einfließt! Meine Agatha, wenn Du in Deinen Gebeten mein gedenkſt(und ich weiß, daß Du es thuſt), ſo danke Gott für mich, daß er meine heimlichen Gebete ſo reichlich erfüllt, daß er meinen Hunger und meinen Durſt ſtillt, daß er mich mit ſei⸗ nem Reichthum und ſeiner Güte ſättigt. Morgens. Noch einen Gruß von dem ſchönen Hudſonsſtrande, von den Höhen Newburghs, bevor ich ſie, vielleicht für immer, verlaſſe. Downings ſagen zwar, ich ſolle aufs nächſte Frühjahr zu ihnen zurückkommen, aber es iſt lang bis dahin, und ich muß weit umherfahren und ſo Vieles ſehen!... Wiederum ein ſchöner Morgen. Der Fluß liegt ſpiegelklar da; Hunderte von kleinen Se⸗ geln gleiten ſachte gleich ſchwimmenden Fiſchmöven zwi⸗ ſchen den hohen Bergen auf dem Waſſer dahin. Ich begreife kaum, wie ſie ſich bewegen können. Der Wind ſcheint zu ſchlafen. Ueber dem Fluß und den Bergen, über den goldenen Wäldern, die immer mehr die Gold⸗ farbe annehmen, über den weißen, glitzernden Dörfern mit ihren Kirchthurmſpitzen im Schvoße der waldigen Berge ruht der dünne Rebelſchleier des indianiſchen Som⸗ mers. Esiſt dies eine große und ſtilleromantiſche Scenerie. Ich fühle und ſehe es— nicht bloß außer mir. Den indianiſchen Sommer mit ſeinem myſtiſchen Leben, ſeinem Schleier über goldenen Wäldern und Bergen— den fühle ich in meiner Seele leben. Ich ſehe die Natur an und frage: Bin ichs, die in Dir lebt, oder biſt Du es, die dieſes Leben in mir erweckt? 64 Dieſe ſchönen wohlgebauten Häuslein mit ihren Obſt⸗ gärten und Pärken, die gleich Perlen in die ſmaragd⸗ grünen Rahmen der Ufer eingefaßt liegen, wie viel ent⸗ halten ſie nicht vom Beſten, was das Leben der neuen Welt beſitzt! Wie ſchön und vollkommen ſcheint nicht hier das Privatleben in das allgemeine eingeſchloſſen zu ſein, und wie froh bin ich nicht, daß ich mehrere dieſer kleinen Wohnungen an dem großen herrlichen Strom kennen gelernt habe! Ganz nahe bei Downings Villa befindet ſich ein ſchöner Landſitz, wo vier Schwe⸗ ſtern wohnen, die ſämmtlich unverheirathet ſind. Ein guter Bruder, der durch Handel wohlhabend geworden, baute das Haus und kaufte den Platz umher für ſeine Schweſtern. Einige Jahre ſpäter gerieth der Bruder ins Unglück. Er verlor Alles was er beſaß. Jetzt erziehen die Schweſtern ſeine Kinder und er hat ſeine Heimath bei ihnen. Sie ſind einfache, gute, angenehme Frauenzimmer, mit denen man ſowohl im Ernſt als im Scherz ſprechen kann. Weiter weg auf der andern Seite des Fluſſes hat ein Ziegelſchläger ſich eine ſchöne Villa erbaut. Der Ehrenmann— ſo ſieht er aus und das ſoll er auch ſein— war einige Mal hier, um mir Blumen zu ſchenken und mich in ſeine Villa einzula⸗ den. Downing hat mich auf ein kleines, ſchönes Haus mit grüner Veranda und Baumgarten hier in der Nähe aufmerkſam gemacht.„Es gehört,“ ſagt er,„einem Mann, der den Tag hindurch auf ſeinem Karren Steine und Schutt zum Straßenbau führt.“ Dies iſt der Vor⸗ theil, den der Arbeiter in der neuen Welt vor dem in der alten voraus hat. Er kann hier mit der groben Arbeit ſeiner Hände weit ſchneller zum feineren Glück des Lebens, zu einem ſchönen Haus und zu allen Vor⸗ theilen der Bildung in demſelben kommen. In dieſem Angenblick donnern Schüſſe von der andern Seite des Hudſon, und ich ſehe große Stein⸗ blöcke in die Luft fliegen und ins Waſſer fallen, das ſt⸗ nt⸗ ten cht ſen ere hen igs ve⸗ Fin en, ine der etzt ine me im ern öne ind nir la⸗ us ähe em ine or⸗ ben ück or⸗ der in⸗ das 65 davon ziſcht und ſchäumt. Es iſt ein Berg, den man ſprengt, um für eine Eiſenbahn Platz zu machen, die gegenwärtig dem Fluſſe entlang angelegt wird, und wo die Dampfkraft zu Land mit der Dampfkraft zu Waſſer wetteifern ſoll. Berge werden aus dem Wege geworfen, Berge werden durchbohrt, um Tunnels oder bedeckte Gänge zu bohren, Berge werden ins Waſſer verſetzt, um den Grund zu einem Weg an einigen Stellen zu legen, wo er über das Waſſer gehen muß. Dieſe Amerikaner bedenken ſich vor Richts und machen vor Nichts Complimente. Sie haben einen Glauben, der Berge verſetzt. Jetzt kommen Dampfſchiffe mit dumpfem Gedonner in die Berge, zwei oder drei jagen einander wie zier⸗ liche Meteore; ein paar andere kommen ſchwer arbei⸗ tend, puſtend, große Flotten größerer und kleinerer Schiffe nach ſich ziehend. Jetzt bekommt New⸗York Butter, Käſe, Gethier und viele andere gute Dinge vom Lande her, und das Land mit ſeinen Städten und Landſitzen bekommt Cafe, Thee, Wein, Kleider und gar mancherlei gute Dinge von New⸗York und durch New⸗ York von Europa. Die kleine Stadt Newburgh allein unterhält mit ihrem Handel vom Lande hinter ſich 2—3 Dampfbvote. Wenn man die Menge und Kraft der Dampfboote auf dem Hudſon ſieht, ſo kann man kaum glauben, was gleichwohl der Fall iſt, daß vor nicht mehr als 30 Jahren Fulton bier auf dem Fluß ſeine erſte Probe mit der Dampfkraft anſtellte, und zwar unter allgemeinem Mißtrauen gegen das Un⸗ ternehmen. Er ſelbſt hat die Sache folgendermaßen erzählt: „Als ich mein erſtes Dampfſchiff bauen wollte, ſah das Publikum von New⸗York theils mit Gleichgültig⸗ keit, theils mit Verachtung zu und betrachtete es als ein durchaus thörichtes Unternehmen. Meine Freunde Bremer, die Heimath in der nenuen Welt. l. 5 66 waren höflich, aber ſchüchtern. Sie hörten meine Er⸗ klärungen mit Geduld, aber mit einem beſtimmten Aus⸗ druck tiefen Mißtrauens in ihren Geſichtern an. Da ich täglich auf dem Bauplatz, wo mein Boot in der Arbeit war, hin und her ging, ſo habe ich mich oft ungekannt bei müßigen Fremdlingen, die da zuſammen⸗ ſtanden, aufgehalten und ihre Fragen in Betreff der neuen Locomotive angehört. Sie ſprachen nie anders als mit Spott und Hohn davon. Man lachte laut und riß Witze auf meine Koſten, man berechnete die Ausgaben und Geldverluſte für den Fulton⸗Wahnſinn, wie das Unternehmen beſtändig genannt wurde. Nie hörte ich eine einzige aufmunternde Bemerkung, eine helebende Hoffnung oder einen warmen Wunſch. „Endlich kam der Tag, wo die Probe vorgenom⸗ men werden ſollte. Für mich war dies ein Augenblick won höchſter Bedentung. Ich hatte mehrere Freunde erſucht an Bord zu gehen, und der erſten glücklichen Fahrt anzuwohnen. Viele von ihnen erwieſen mir die Freundlichkeit zu kommen, aber es war klar, daß ſie es nicht ſonderlich gern thaten und in dem Glauben Zeu⸗ gen meiner Demüthigung, nicht meines Triumphes zu werden. Und auch ich wußte wohl, daß Gründe genug vorhanden waren, um meinen Erfolg zweifelhaft zu machen; die Maſchine war neu und ſchlecht gearbeitet, viele Theile davon waren von Arbeitern gefertigt, die von dergleichen Dingen nichts verſtanden, und auch aus andern Urſachen konnten leicht Schwierigkeiten er⸗ wachſen. Der Augenblick kam, wo das Schiff ſeine Be⸗ wegung beginnen ſollte. Meine Freunde ſtanden in Gruppen auf dem Verdeck. In ihren Blicken lag Furcht mit Unruhe vermiſcht. Sie waren ſtill und niederge⸗ ſchlagen. Das Signal wurde gegeben und das Boot bewegte ſich ein Stück weit vor, dann aber hielt es an und blieb unbeweglich. Auf das erſte Schweigen folgte jetzt ein Gemurre des Mißvergnügens und der Unruhe, — ——-—— en—„„„ Se 8S en ie es U⸗ zu 67 Geflüſter und Achſelzucken. Ich hörte wiederholen: „Ich ſagte es ja;— das iſt ein thörichtes Unterneh⸗ men;— ich wollte, wir wären mit heiler Haut weit davon.“ Ich ſtieg auf die Plattform und ſagte mei⸗ nen Freunden, daß ich nicht wiſſe, was an der Ver⸗ zögerung Schuld ſei, daß ich aber, wenn ſie ruhig ſeyn und mir eine halbe Stunde Zeit gönnen wollten, ent⸗ weder die Reiſe fortſetzen oder ſie gänzlich aufgeben wolle. Ich ging in die Maſchinerie hinab und entdeckte bald ein unbedeutendes Verſehen in der Anordnung. Dem wurde abgeholfen. Das Boot bewegte ſich wieder; wir verließen New⸗York; wir zogen durch die Hochlande; wir kamen nach Albany. Aber noch immer war die Kraft des Mißtrauens ſtärker als die des factiſchen Be⸗ weiſes. Man bezweifelte, ob die Sache ſich ausführen ließe, und ſelbſt im Falle der Ausführbarkeit, ob ſie je großen Vortheil bringen könnte.“ So ſtand es vor ungefähr 30 Jahren und jetzt fliegt die halbe Menſchheit auf Fultons Schwingen über Land und Waſſer!... Aber auch in der neuen Welt haben erſte Entdecker Mühe und Kampf. Der Morgenthau liegt auf den weichen Graswellen vor meinem Fenſter und die ſchönen Blumengruppen und Bäume glänzen darin; unter ihnen ein Magno⸗ lienbäumchen mit ſchönen hellrothen Samenkapſeln; Alles lieblich und friedlich und dazu die große präch⸗ tige Ausſicht, das Leben auf dem Fluſſe unten! Ich möchte an einem ſolchen großen Fluſſe wohnen. Welche große Gedanken, welches Leben führt er nicht mit ſich, von ſeinem Beginn an aus der Quelle der Wolke, aus der Wiege des Berges, und auf ſeiner Fahrt durch die Thäler der Erde, wo er immer gewaltiger an⸗ ſchwillt. „Die reichen Städte laden ihn zu Gaſt, Und Blumenau'n umfaſſen ſeine Knie“. 68 Er iſt ein Wohlthäter, wohin er kommt; er wird vegrüßt und gefeiert, benützt und geſegnet, aber er ach⸗ tet nicht darauf; er verweilt nicht und ruht nicht aus: „Er tauft Länder mit ſeinem Namen und zieht dahin!“ Ein Heldenleben! So eilt er voran zu ſeinem Ziele dem Ocean. Dort darf er ruhen. Eines Hel⸗ dengemüthes Ruhe und Frieden in dem Unendlichen, dem Großen, für Alle Genügenden. Ich möchte am Hudſon wohnen, wenn ich nicht einen Fluß wüßte, der mir noch lieber iſt. Er heißt Götha⸗Elf. Unſer Arſta iſt gut mit ſeinen ſalzigen Wogen. Aber lieber möchte ich am Götha⸗Elf ein Häuschen haben. Und ich glaube, daß auch Du Dich an der weſtlichen Küſte Schwedens beſſer befinden würdeſt, als an der öſtlichen und kälteren. Ich muß Dich jetzt verlaſſen, um andere Briefe zu ſchreiben. Downing will Dir und Mama auch einige Worte ſchreiben. Ich brachte geſtern eure Geſundheit aus, und wir tranken ſie in Champagner. Vierter Brief. Brooklyn d. 5. Novbr. 1849. Wieder in New⸗York, oder vielmehr in derjenigen Hälfte der großen Stadt, die Brooklyn heißt, von New⸗York durch den ſogenaunten Past river getrennt iſt und für ſich ſelbſt eine Stadt ſein will, wozu ſie auch durch ihre eigenthümliche Beſchaffenheit berechtigt iſt. Brooklyn iſt ebenſo ſtill, wie New⸗York voll von Llehen Getöſe iſt; Brooklyn liegt auf den Höhen ong⸗Islands, hat herrliche Ausſichten über den weiten Hafen und ſtille breite Straßen, auf beiden Seiten mit Ailantusbäumen bepflanzt, einer chineſiſchen Baumart, ich glaube aus der Akazienfamilie; ihr Laub gleicht 1⸗ ige heit . igen von ennt ſie htigt von öhen eiten mit mart, leicht 69 dem unſerer Eſchen, nur daß ihre Blätter weit breiter ſind, und jetzt tragen ſie lange Bohnen. Auch andere Baumarten mit höheren Stämmen als der Ailantus verleihen den Straßen Schatten und ein friedlich länd⸗ liches Ausſehen. Man ſagt, der Handel New⸗Yorks komme nach Brooklyn(wo er Haus und Hof hath) her⸗ über, um zu ſchlafen. Der Freund, bei dem ich hier wohne, Marcus Sprinz, hat ſein Handelshaus in New⸗York und ſeine eigentliche Wohnung hier in Brooklyn; ein allerliebſtes ländliches Haus mit Namen Roſenhütte, das er ſelbſt gebaut, und mit Bäumen, Weinlauben, Mais und andern Gartengewächſen um⸗ pflanzt hat, eine Anlage halb Park und halb Baum⸗ garten. Von da fährt er jeden Morgen nach New⸗ York, und hieher kommt er jeden Abend zurück, aber nicht blos um zu ſchlafen, ſondern um auszuruhen und ſich mit ſeiner Frau, ſeinen Kindern und ſeinen Freunden zu erfreuen. Roſenhütte liegt juſt an der Auszackung der Stadt, aber Du darfſt nicht glauben, daß dies eine kleine Stadt ſei, ſondern eine Stadt, die 100,000 Einwohner, ein eigenes, recht ſtattliches Rathhaus und 100 Kirchen hat.— Und das Land mit waldigen Höhen und grünen Feldern ſieht man von hier aus auf drei Seiten. Aber auf mehreren Seiten ſtehen auch neue Häuſer und drohen bald dem Land Eintrag zu thun. Inzwiſchen wird das immer no einige Jahre anſtehen, bis Roſenhütte in die Stadt kommt. Ich werde jetzt eine kurze Zeit hier verweilen, bevor ich nach Boſton und Maſſachuſſetts fahre. Ich habe Dir viel, viel zu erzählen; aber ach die Zeit will mir nicht Zeit und Ruhe dazu geben, und ich muß Dir hier mein Leben mehr im Zuſammenhang ſchildern, als ich in Dänemark that. Meine Eindrücke vom Leben ſind hier auch größer, maſſiver, blockartiger möchte ich ſagen; ich kann ſie noch nicht bemeiſtern und handhaben, ich habe keine Worte für ſie. Ich 70 ahne die Geſtalten im Block, aber es koſtet Zeit und Arbeit, um ſie hervorzurufen. So viel indeß iſt gewiß; die Wirkung meiner amerikaniſchen Reiſe auf mich ſelbſt hat bereits die be⸗ ſtimmteſte Wendung genommen, und dieſe iſt von ganz anderer Natur, als ich erwartet hatte. Ich kam hieher, um eine neue und friſchere Lebensluft einzuathmen, und das Volksleben, Inſtitutionen und Verhältniſſe in einem neuen Staat zu betrachten, um über gewiſſe Fragen in der Entwicklung der Staaten und Völker klarer zu werden, und beſonders, um die Frauen und das Hausweſen in der neuen Welt ins Auge zu faſſen und von der Schwelle des Hauſes her eine Ausſicht auf die Zukunft der Menſchheit zu erhalten. Denn wie der Fluß aus den Quellen des Himmels geboren wird, ſo wird das Leben und Schickſal der Völker aus dem verborgenen Leben des Hauſes geboren. Ich kam mit einem Wort, um mich mit allgemeinen Angelegen⸗ heiten zu beſchäftigen, und nun find es Privatdinge, nun ſind es Individuen, die mein Intereſſe, meine Ge⸗ fühle, meine Gedanken am meiſten feſſeln. Ich kam mit einer geheimen Abſicht, mich vom Roman und ſei⸗ nen Stoffen loszumachen und mit meinen Gedanken für andere Gegenſtände zu leben, und nun werde ich ſtärker als je in die erſteren hineingezogen, werde unwillkürlich durch Gedanken und Gefühle gezwungen, Geſtalten, Auftritte und Verhältniſſe, die ſich ſchon vor zwanzig Jahren in dunkeln Schatten im Hintergrunde meiner Seele bewegt haben, zum Leben zu bringen. Und in dieſem ſogenannten realiſtiſchen Land, das in⸗ deß mehr poetiſches Leben hat, als man in Europa ahnt, habe ich bereits in„petto“ gelebt und mehr Ro⸗ mantik geſchrieben, als ich ſeit vielen Jahren gethan. Und damit werde ich wohl während meines Aufenthalts hier fortfahren. Als ich gewahr wurde, daß ich gleich bei meinem 71 nd erſten Erwachen am Morgen in meiner innerſten Werk⸗ ſtatt mich nicht mit amerikaniſchen Angelegenheiten beſchäf⸗ er tigten, ſondern mit meinen eigenen idealen Schöpfungen e⸗ unter dem Einfluß der Eindrücke, die meine neuen Umge⸗ nz bungen und Verhältniſſe mir gaben, da entſagte ich dem er Gedanken, etwas Anderes thun zu wollen, als was n, Gott mir zu thun gegeben hat. Ich muß auch hier ſſe mein Pfund verarbeiten, meinem Beruf folgen und ſſe Schickſale und Gegenſtände darauf einwirken laſſen, wie ſie müſſen und wollen. Ich werde alſo, wie vor⸗ nd her, die Welt des Privatlebens kultiviren, aber die Luft en und das Leben der neuen Welt, des großen Weltlebens ht frei darauf einſtrömen und ihr größeren Inhalt geben in laſſen. So wollte ich es immer haben. Ich werde es en nun auch beſſer vermögen. Den Roman des Lebens 18 habe ich in ſeiner unendlichen Schönheit und Innigkeit m ſchon lange geahnt. Wie ſie zum erſtenmal vor meinen i⸗ Blick trat, dieſe erſte Erſcheinung einer verklärten Welt, e, dieſe himmliſche Aurora, das vergeſſe ich nicht. Sie e⸗ war, ſie iſt, ſie bleibt ewig der Glanzpunkt in meinem m Leben. Dieſen verdanke ich Schweden. Aber Wolken i⸗ gingen eine Weile darüber hin; ich ſah nicht klar, n oder vielmehr erkannte ich ihn nicht mehr in ſeiner ch erſten Schönheit. Jetzt ſehe ich ihn wieder. Und ich e ahne es, für den vollen Tag werde ich Amerika zu t, danken haben. r Auch mein Leben in und mit dieſer neuen Welt e nimmt eine romantiſche Geſtaltung an. Es iſt nicht 3 blos ein neuer Continent, eine neue Weltbildung mit ⸗ Jahrtauſenden als Zukunft, was ich hier betrachten a werdez es iſt eine lebendige Seele, eine große Perſön⸗ lichkeit, ein individueller Geiſt, den ich kennen lernen, mit dem ich leben, mit dem ich in meinem tiefinnerſten 8 Zuſammenleben Zwieſprach halten werde Wie gelüſtet es mich nicht ſeine charakteriſtiſchen Züge zu ſeben, 1 ſeinen Offenbarungen, ſeinen unbewußten Orakelſprüchen 72 über ſein Leben und ſeine Zukunft zu lauſchen! Und die große, allgemeine Gaſtfreiheit, womit dieſe neue Welt mir entgegenkommt, läßt mich erkennen, daß es ein Herz, ein lebendiger Geiſt iſt, der mir in ihr ent⸗ gegentritt. Jetzt ein wenig von der Außenſeite meines Lebens. Ich verließ Dich das letzte Mal, als ich mit Downings im Begriff ſtand, Mr. Hamilton und ſeine Familie zu beſuchen. Als wir an die Brücke in Rewburgh kamen, gingen da zwei Männer, ein dicker und ein magerer, die laut und eifrig ſprachen, ja ſogar über einander erzürnt zu ſein ſchienen. Jeder, der mit dieſem Dampf⸗ ſchiff fährt, wird beſtohlen, rief der Eine; es wimmelt da von Taſchendieben und Schelmen. Der Andere rief: wem um ſein Leben bang iſt, der mag ſich hüten, mit dieſem Dampfboot da zu fahren; es iſt eine elende Barake und wird nächſtens einmal in die Luft fliegen. Das iſt nicht wahr, ſondern der größte Betrug! ver⸗ ſetzte der Erſte, und ſie warfen einander mit zuſammen⸗ gezogenen Brauen entſetzliche Blicke zu, während ſie fortfuhren herumzugehen und Jeder ſein Schiff zu preiſen und das des Andern zu verunglimpfen.„Was bedeutet das?“ ſagte ich zu Downing, der ruhig lächelte und antwortete:„Hier iſt Oppoſition, zwei Schiffe wett⸗ eifern um Paſſagiere und dieſe Burſche da ſind gedun⸗ gen, um jeder das ſeinige auszupoſaunen. Sie ſpielen dieſe Rolle täglich, und das bedeutet ganz und gar nichts.“ Ich bemerkte auch, daß, während ſie einander die feindlichſten Blicke zuwarfen, ihre Lippen ſich oft zu einem Lächeln über die ſcharfſinnigen Grobheiten verzogen, die ſie über ihre gegenſeitigen Schiffe aus⸗ ſtießen, welche wahrſcheinlich beide gleich unſchuldig und gleich ſicher waren; und die Leute um ſie her lächelten ebenralls, oder bekümmerten ſie ſich nicht das Mindeſte um ihren Streit. Ich ſah, daß das Ganze nur eine Comödie war, und wunderte mich blos, daß ſie dieſelbe 7³ ſo oft ſpielen konnten. Downing hatte ſein Schiff be⸗ reits gewählt. Wir waren nicht lange an Bord, als der Kapitän herſchickte und Miß B. und ihren Freunden freie Reiſe auf dem Dampfſchiff, ſowie auf der Eiſenbahn am Hudſon anbot. So reisten wir denn auf Koſten mei⸗ nes guten Namens und der amerikaniſchen Artigkeit den Hudſon hinauf in der ruhigen, ſommerwarmen Luft. Aber der Ziegelſchläger Herr A, der ſich ſchon vorher für meinen Freund erklärt, der mich mit ſchönen Blu⸗ men beſchenkt, mir ſeine Villa am Hudſon angeboten, und einige gute phrenologiſche Bezirke auf meiner Stirne eutdeckt hatte, bemächtigte ſich hier meiner und führte mich zu ſeiner Frau, die mich einem Poeten vorſtellte, von deſſen Verſen ſie behauptete, ich müſſe ſie geleſen haben, und der Poet führte mir drei Frauen⸗ zimmer vor, und die drei Frauenzimmer diverſe andere Frauenzimmer und Herrn; ich wurde gleichſam einge⸗ mauert, bekam es heiß wie in einem Ofen und entfloh aus dem Salon zu meinem ſtillen Freund auf dem Verdeck, dem ich Vorwürfe machte, daß er mich ſo den Eingebornen des Landes als Raub preisgab. Meinen Freund Ziegelſchläger gewann ich indeſſen recht lieb, eine breite, baſtante, wohlwollende Natur mit offenem Herzen und Geſicht. Und ſo geſiel mir auch der Poet, der offenbar ein Mann von geſundem Kopf und gutem Herzen war, nur hatte ich ſeine Verſe nicht geleſen, und der neuen Freunde waren es gar zu viele. Auf dem Verdecke konnte ich jetzt ſtill ſitzen mit dem ſtillen Downing, jedoch mit dem Gefühl, daß ich mich innig mit ihm beſpreche, daß ſein Blick auf denſelben Gegen⸗ ſtänden ruht, wie der meinige, und ſie, wenn auch nicht ganz ſo wie ich, doch auf eine Art, die ich verſtand, weil ich ihn verſtand, auffaſſe und beurtheile. Das eine und andere Wort, die eine und andere Bemerkung 74 kam von Zeit zu Zeit erweckend und belebend. Wie eine ſolche Geſellſchaft angenehm iſt! Aus dem Dampfboot begaben wir uns auf die Hudſons⸗Eiſenbahn, dieſelbe, an der Newburgh gegen⸗ über noch gearbeitet wird, und nun flogen wir pfeil⸗ ſchnell nach Mr. Hamiltons Villa, die auf einem Hü⸗ gel am Fluſſe liegt. Hier waren wir bald in einem ſchö⸗ nen Haus und einem ſchönen Familienleben. Der Familienvater Mr. Hamilton iſt der Sohn des Generals gleichen Namens, des Zeitgenoſſen und Freundes Washingtons und eines der großen Männer der amerikaniſchen Freiheitskriege. Miſtreß Hamilton, eine noch ſchöne, ältere Frau von ſtillem mütterlichem Weſen, ein Sohn und drei Töchter bilden die Familie. Mrs. Skeyler, die verheirathete Tochter, die ich von manchem Munde als ein durch Geiſtes⸗ und Herzens⸗ gaben ausgezeichnetes Weib preiſen hörte, lud mich ein mit ihr die Schulen und verſchiedene Wohlthätig⸗ keitsanſtalten in New⸗York zu beſuchen, was ich dank⸗ bar annahm. Die zwei jüngeren, unverheiratheten Töchter, Marie und Angelica, erſcheinen mir wie Typen der zwei Frauenzimmer-Charaktere, die in Coopers Romanen oft vorkommen. Marie iſt lebhaft, feurig, voll Energie; ſie hat braune, lebhafte Augen, ſie iſt munter und luſtig im Geſpräch; Angelica iſt madon⸗ nenhaft mild und blond, ein ſchönes, edles, in meinen und noch vielen Augen höchſt einnehmendes Weſen. Ganz beſonders bemerkte ich die Anmuth ihrer Stimme und ihrer Bewegungen, und wie ſie, ohne Fragen zu thun, auch mit Fremden ein Geſpräch in Gang brin⸗ gen und auf eine belebende Art unterhalten konnte. Mr. Hamilton, Vater, beſuchte mit mir mehrere kleinere Pflanzer in der Gegend, dort Farmers genannt, damit ich etwas von ihren Umſtänden ſehen ſollte. In ein paar Hänſer kamen wir juſt zur Mittagszeit und ich ſah da ihre Tiſche reichlich verſehen mit Fleiſch —— ————,——— ie ie 1⸗ 75 und Maiſchkuchen, mit Gemüs, Früchten und dem ſchönſten Waizenbrod. Die Häuſer waren größtentheils „frame houses“ d. h. eine Art zierlicher Bretterhäuſer. Die Zimmer hatten große Fenſter, waren hell und ſau⸗ ber. Es war mir lieb mit Mr. Hamilton zu ſprechen, der vieles im Lande baut und ein warmer Freund ſei⸗ ner freien Inſtitutionen iſt, deren Güte er in einer lan⸗ gen Beamtenlaufbahn zu erproben Gelegenheit hatte. Der Tag war ſchön, aber etwas windkalt, keine wohl⸗ gemiſchte Luft, wie Du es zu nennen pflegſt. Und die Luft hier hat etwas ſo Scharfes, ſo Durchdringendes, daß ſie ſtärker auf mich einwirkt, als jemals die Luft in Schweden.. Zum Mittageſſen hatten wir eine Maſſe Gäſte. Unter ihnen befand ſich Washington Irwing, ein Mann von ungefähr 60 Jahren, mit ſchönen Augen, großer, wohlgeformter Naſe, einem noch ſchönen Geſichte, wo⸗ rin jugendliche Grübchen und ein freundliches Lächeln von etwas Geſundem, Humoriſtiſchem, Friſchem an Seele und Gemüth zeugen. Er ſoll auch eine ungewöhnlich glückliche Gemüthsart und das allerbeſte Herz haben; er umgibt ſich mit einer Menge Schweſterkinder, lau⸗ ter Mädchen,(W. Irwing ſagt, er begreife nicht, wozu die Jungen da ſeien) die er glücklich macht und die hinwiederum ihn durch ihre Liebe beglücken. Er ſoll ein ganz eigenes Talent haben, an Allem was er be⸗ ſitzt, und an Allem was ihm zugefügt wird, Gefallen zu finden. Er iſt ein Optimiſt, aber keiner von der eigenliebigen Sorte. Bei Tiſch wurde er mein Nach⸗ bar un ich verdachte ihm nicht, daß er ſchläfrig wurde, ich ſchrieb es aber dießmal auch nicht auf meine Rechnung, da man mir geſagt hatte, er pflege bei großen Mittageſſen ſchläfrig zu werden, und ich wundere mich wahrlich nicht darüber. Dieſe Mittageſſen gehörten jedoch nicht zu den beſonders langen und langweiligen; offenbar ſuchte er auch artig und freundlich das Ge⸗ 76 ſpräch zu unterhalten und ich that ebenfalls mein Be⸗ ſtes, wie Du wohl begreifſt, aber es wollte nicht gehen. Nachmittags bat ich ihn um Erlaubniß, ſein Profil abzuzeichnen. Aber damit er während der Operation nicht geradezu einſchlafen ſollte, erſuchte ich Angelica Hamilton, ſich ihm gegenüber zu ſetzen und mit ihm zu ſprechen; und das gelang vortrefflich. Der ſchöne alte Herr wurde jetzt ſo wach, ſo geſprächig, ſo lebhaft, und in ſeinem Geſichte ſpielte ein ſo ſchalkhaftes und heiteres Lächeln unter den humoriſtiſchen Grübchen, daß es meine Schuld iſt, wenn ich nicht eines der beſten und anſprechendſten Portraits zu Stande brachte, die noch jemals von dem allgemein beliebten Schriftſteller gemacht worden ſind. Ich bin froh, ſeinen Bewunderern und Freunden in Schweden dieſes zeigen zu können Washington Irwing lud mich und meine Freunde auf den nächſten Abend zu ſich in ſeine Wohnung ein; da wir aber noch dieſen Abend nach Hauſe reiſen mußten, ſo lehnten wir die Einladung ab, behielten uns jedoch einen Mor⸗ genbeſuch bei ihm vor. Abends kam der junge, neu⸗ verheirathete Sohn des Hauſes von einer Reiſe zurück. Es war lieblich, den ſchönen jungen Mann zwiſchen Vater und Mutter ſitzen zu ſehen, wie er ſich heiter und herzlich zugleich zwiſchen beiden zu theilen ſuchte, und ihren Fragen und Liebkoſungen entſprach. Unter den intereſſanten Gegenſtänden, die ich hier, wie auch in einigen andern Häuſern am Hudſon ſah, befanden ſich Amerikas Vögel von Audebon, ein Werk von wahrem Genie und Verdienſt, denn man bekommt nicht blos die Vogelarten Amerikas zu ſehen, ſondern auch ihren Charakter, ihr Leben und ihre Geſchichte, wie ſie bauen, ſich ernähren, ihre Streitigkeiten, Ge⸗ fahren und Freuden. Einige Gemälde ſcheinen mir eine gewiſſe Excentricität in der Auffaſſung anzudeu⸗ ten. Aber wer kann excentriſcher ſein als die Natur ſ 1 i ſ 6 d d e e⸗ . n ca m ne id n, en ie er en on en ch en r⸗ u⸗ ick. en ter te, er, ah, erk mt ern te, He⸗ mir eu⸗ tur 77 ſelbſt in gewiſſen Stunden und Launen? Eine andere anziehende Bekanntſchaft war für mich ein Mr. Stee⸗ vens, derrecht intereſſant von den alterthümlichen Ueber⸗ bleibſeln in Centralamerika ſprach. Welches reiche Feld iſt nicht da für amerikaniſche Betriebſamkeit und For⸗ ſchungsluſt! Und ſie werden nicht ruhen, dieſe Wikin⸗ ger der Jetztzeit, bis alles das ihnen gehört und ſie dort freien Spielraum haben. Jetzt ſtehen ihrem Ein⸗ dringen in dieſe Gegenden noch große Schwierigkeiten entgegen. Am folgenden Tag hatten wir unter den guten Sachen beim Frühſtück— man hat ihrer hier nur all⸗ zu viele und zu ſtarke; der Cayenne⸗Pfeffer verderbt ſowohl die Speiſen als den Magen— anch Honig vom Berge Hymettus, der Familie geſchenkt von einem neuerdings aus Griechenland zurückgekommenen reiſen⸗ den Freunde. Dieſer klaſſiſche Honig ſchien mir nicht beſſer, als der Jungfern⸗Honig unſrer nordiſchen Bie⸗ nen. Die Blumen und die Bienen ſind wohl überall auf Erden dieſelben und nähren ſich von demſelben himmliſchen Honigthau. Ich denke mir, wie unſere Bienen in Arſta im Herbſt um die Reſedenbeete ſurren, und wie Du ihnen jetzt zuſiehſt, indem Du wie eine kleine Königin unter Deinen Unterthanen in Deinem Blumenviertel unter Blumengruppen, die Du pflanzen ließeſt, einherwandelſt. Ach, aber es iſt wahr, jetzt liegen ſie bereits in ihrem Winterſchlaf und die Bienen haben ſich in ihre Häuſer verborgen. Hier vergeſſe ich⸗ wie das Jahr herumgeht, denn der indianiſche Sommer iſt eine Zauberzeit. Vormittags ging ich mit Marie Hamilton zu Washington Irwing; ſein Haus liegt nahe dem uhr des Hudſon und gleicht einer friedlichen Idylle. Dichte Epheuranken bekleiden einen Theil der weißen Mauern und bekränzen die Dachfirſten. Fette Kühe weideten auf der Wieſe dicht vor dem Fenſter. In den Zimmern 78 ſah es ſommerwarm und friedlich, dabei belebend aus. Man merkte, daß ein warmer ſeelenvoller Geiſt da wirkte und lebte. Washington Irwing hat, obſchon er die Höflichkeit eines Weltmannes und in ſeinem ganzen Benehmen viel Gutmüthigkeit beſitzt, doch etwas von der nervöſen Schüchternheit, welche dem Schriftſteller von feinerem Schrot und Korn leicht anhaftet. Der ppetiſche Geiſt muß für feinen Umgang mit göttlichen Sphären oft durch eine kleine Disharmonie mit der irdiſchen plumpen Wirklichkeit büßen, und dazu ge⸗ hört weſentlich der Beſuch von Fremden und ſolche Umgangsformen, wie wir ſie in guter Geſellſchaft brauchen, Schalen, welche geknackt werden müſſen, wenn man zu des Kernes Saft oder Frucht kommen ſoll. Aber das iſt eine Mühe, wozu wir oft nicht Zeit ha⸗ ben. Ein vor längerer Zeit gemaltes Portrait in Washington Irwings Salon ſteilt ihn als einen aus⸗ gezeichnet ſchönen Mann dar, mit dunkeln Haaren und dunkeln Augen— ein Kopf, der einem Spanier gehört haben konnte. Er ſoll auch in ſeiner Jugend unge⸗ wöhnlich ſchön geweſen ſein. Er war mit einem jun⸗ en Mädchen von ſeltener Schönheit und Herzensgüte verlobt, und man hatte Mühe ſich ein ſchöneres Paar zu denken. Aber ſie ſtarb und Washington Irwing ſuchte hernach keine andere Braut mehr. Er war weiſe genug, ſich mit der ſchönen Erinnerung an eine voll⸗ kommene Liebe zu begnügen und für ſeine Wiſſenſchaft, für die Freundſchaft und die Natur zu leben. Er iſt ein Weiſer ohne Runzeln und graue Haare. Washing⸗ ton Irwing beſchäftigte ſich eben mit ſeiner Biographie Mohameds, die er binnen kurzem herausgeben will. Zwei Frauenzimmer, ein älteres und ein jüngeres, nicht ſchön, aber mit ſeelenvollen Geſichtern und nahe Ver⸗ wandte von Washington Irwing, waren im Hanſe. Bei Hamilton empfing ich wieder eine Menge Gäſte; lauter ſchönes, freundliches, offenherziges Volk. 32 n er er n er e⸗ he ft an l. Q⸗ in 8⸗ nd rt e⸗ n⸗ üte ar ng iſe ft, 1g⸗ hie ill. icht er⸗ 79 Die Frauenzimmer haben im Allgemeinen feine Geſtal⸗ ten, aber es fehlt ihnen an Rundung. Später machten wir Muſik. Marie Hamilton und ich waren juſt mit vollem Eifer in einer vierhändigen Ouvertüre begriffen, und ſpielten ſo, daß man uns Bravo zurief, als Mr. Downing mit ſeiner melodiſchen Stimme und ſeinem entſchiedenen Weſen(das ihn mitunter zu einer Art von liebenswürdigem Despoten macht) uns mit dem Zuruf unterbrach:„Jetzt iſt es Zeit!“ nämlich die Zeit zum Abreiſen; wir mußten alſo mitten im Stück ab⸗ brechen um Abſchied zu nehmen und auf die Eiſenbahn zu eilen, die ſo mit eiſerner Hand in die Muſik des Lebens eingriff. Sie folgte mir jedoch im Eindruck von dem ſchönen Familienleben, das ich hier wieder ſehen durfte, und an die Eiſenbahn folgte mir auch der ſtattliche alte Gentleman Mr. Hamilton, der mir die ganze Zeit die größte Güte bewieſen hatte, und mich jetzt ſchließlich bat, ihn als einen Vater anzuſehen, ſein Haus als das meinige zu betrachten und zu kom⸗ men und da zu bleiben, ſo oft ich mich anderswo in den Vereinigten Staaten minder wohl befinde. Und ich weiß, daß dieſes Anerbieten ebenſo ernſtlich gemeint iſt, wie Downings Aufforderung, ihn als einen Bruder anzuſehen, und ihn mir dienen zu laſſen, ſo oft ich eine Gelegenheit dazu fände. Erinnern Sie ſich deſſen wohl! ſo lauteten ſeine Abſchiedsworte zu mir. So daß ich alſo jetzt ſowohl einen Vater als einen Bruder in der neuen Welt habe! Das iſt für den Anfang nicht übel. Auf der Eiſenbahn ſaß ich ſodann ſtille an der Seite meines ſtillen Freundes, deſſen Seelenmuſik ich aber immer höre, auch wenn er ſchweigt. Auf dieſe Art nahm alſo die Muſik im Ganzen kein Ende. Wir fuhren an einem finſtern, aber ſchönen Abend den Hudſon hinauf. Die Luft war ganz ruhig. Dann und wann kam ein Dampfbvot donnernd mit flammen⸗ den Schornſteinen uns entgegen; aber der Fluß war ——— 80 ungewöhnlich ſtill. Aus den ſchwarzen Schatten, welche die hohen Berge über die Ufer warfen, glommen da und dort kleine rothe Lichter.„Das kommt aus den Hütten der Eiſenbahnarbeiter,“ ſagte Downing—„Ganz und gar nicht, erwiederte ich, ſondern das ſind kleine Zwerge, die aus den Felſen hervorgucken und die Fen⸗ ſter der Bergſäle da drinnen öffnen. Das wiſſen wir Scandinavier.“ Downing lächelte und ließ meine Erklä⸗ rung gelten. Was ich hier vermiſſen könnte, wenn es mir ein⸗ fiele etwas zu vermiſſen, wo ſo viel neues, reiches Le⸗ ben ſich darbietet, das iſt das Märchen⸗ und Legenden⸗ leben, das wir in Schweden überall haben, und das unſer Land zu einem poetiſchen Boden macht, voll von ſymboliſchen Runen in Wäldern, Bergen und Feldern, an Strömen und Seen; gibt es doch jedem Stein Le⸗ ben, jedem Raſen eine Bedeutung. In Schweden wür⸗ den all dieſe prächtige Hügel und Berge am Hudſon ſymboliſche Namen und Sagen haben Hier haben ſie bloß einige hiſtoriſche Sagen, meiſt ſeit den Zeiten und Kämpfen der Indianer, und Namen von mehr humo⸗ riſtiſchem als ppetiſchem Gehalt. So wird eine lange, in den Fluß hinausragende, naſenförmige Bergſpitze St. Anton's Naſe genannt, und ich mußte beim Vor⸗ beifahren an ein luſtiges Gedichtchen denken, das Dow⸗ ning mir vorgeleſen hatte, und worin der h. Antonius dargeſtellt iſt, wie er den Fiſchen predigt, die ganz erſchrocken und entzückt über den Vortrag des bekeh⸗ rungseifrigen Kirchenvaters aus der Tiefe herauskom⸗ men. Es endet mit den Worten: „Sie dankten ſehr für ſeinen Segen Und blieben— auf den alten Wegen.“ Und ſie fahren in ihren natürlichen Untugenden fort und Mr. Antonius bekam— eine lange Naſe. Noch einige indianiſche Sommertage verlebte ich mit meinen Freunden am Hudſon, Tage reich an vielem den anz eine en⸗ wir klä⸗ ein⸗ Le⸗ den⸗ das von en, Le⸗ wür⸗ dſon n ſie und umo⸗ unge, ſpitze Vor⸗ Dow⸗ nins ganz eeh⸗ kom⸗ nden e. te ich ielem 81* Schönen im Umgang mit Menſchen und mit der Na⸗ tur, reich auch an Genuß paradieſiſch ſchöner Früchte. Der Neumond zündete ſein Licht an und gab dem Sommerſchleier über Berg und Fluß einen höheren romantiſchen Charakter— wunderſam ſchöne Tage und Scenen— und wunderſam ſchön war derjenige, wo ich unter einem warmen Sturm mit meinen Freunden den Hudſon hinab nach New⸗York reiste— der Herbſt hatte in ſeinem Voranſchreiten dem Farbenſpiel des Laubwaldes Einheit gegeben. Er wechſelte jetzt zwi⸗ ſchen Kupfer und Gold und glänzte wie eine unend⸗ lich reiche goldene Stickerei auf dem indianiſchen Ne⸗ belſchleier, der über den Höhen am Hudſon entlang ruhte.— Der Wind war ſo heftig, daß das Schiff zuweilen auf die Seite gedrückt wurde. Und je weiter der Abend voranſchritt, um ſo ſtiller wurde es unter den Gruppen in dem großen ſtarkbewohnten Salon. Freund zog ſich näher zum Freund, Gattin zum Gat⸗ ten; Mütter drückten ihre Kinder näher an ihre Bruſt. Meine Augen fielen zufällig auf eine hohe Mannsge⸗ ſtalt von ſchönem energiſchen Ausſehen; ein kleines Frauenzimmer ſtand ganz nahe vor ihm, er hielt ihre Hand an ſeine Bruſt gedrückt. Mich überkam einige Neugierde ihr Geſicht zu ſehen, ich weiß nicht recht warum. Sie wandte ihren Kopf und ich ſah unter ihrem Strohhut ein ſchwarzes Geſicht ohne Spuren von Schönheit.— Ein ſtummes, leidenſchaftliches Leben waltete darin vor, waltete überall vor in der Atmoſphäre an dieſem ſtürmiſchen, warmen Abend. Dieſer und einige andere Abende haben ſich mit un⸗ auslöſchlichen Zügen in meine Seele eingeſchrieben; Du wirſt ſie einmal auf dem Papiere leſen, denn was ich tief und ſtark erlebe, das muß ich, wie Du weißt, früher oder ſpäter in Worten und Bildern wieder⸗ geben. Bremer, die Heimath in der neuen Welt.. 6 8² In Sturm und Dunkelheit kamen wir in New⸗ York an, in Sturm und Dunkelheit, aber im Uebrigen ganz comfortable kamen wir ins Aſtorhaus. Und bald ſaß ich mit meinen Freunden vertraulich in einem hel⸗ len, ſchönen Zimmer, trank Thee und die ausgeſuch⸗ teſte Milch, in Eis gekühlt.„Um Sie jetzt zu unter⸗ halten, ſagte Downing, als wir fertig waren, glaube ich, daß ich Sie um ein Autograph anſprechen muß.“ So neckt er mich oft freundlich, da er meinen Schrek⸗ ken vor der amerikaniſchen Antographenwuth kennt. Wir verbrachten den Abend angenehm, indem wir ab⸗ wechſelnd aus unſern Lieblingsdichtern, Lowell, Bryaut, Emerſon, vorlaſen. Es war 12, als wir uns trenn⸗ ten und ich auf mein Zimmer ging. Oben aber ging ich noch lange herum, durch die offenen Fenſter dem leiſe plätſchernden Regen lauſchend, die balſamiſche Luft trinkend und den Hauch eines neuen Lebens mein In⸗ neres durchſtrömen laſſend. Ich blieb mit Downings ein Paar Tage im Aſtor⸗ haus. Während derſelben beſuchten wir die Ausſtel⸗ lung des amerikaniſchen Kunſtvereins in New⸗York. Unter den Gemälden einheimiſcher Künſtler ſah ich Nichts, was ein eigenthümliches Genie andeutete, außer einem großen hiſtoriſchen Bild aus dem erſten mexika⸗ niſchen Krieg zwiſchen den Spaniern und Indianern. Einige plaſtiſche Kunſtwerke machten mir großes Ver⸗ gnügen durch ihre Feinyeit im Ausdruck und die Meiſterſchaft in der Ausführung. Unter ihnen war beſonders eine Proſerpina(Marmorbüſte) und ein Hirtenjunge, der dem Ton in einer Muſchel lauſchte; beides Arbeiten eines amerikaniſchen Künſtlers, Na⸗ mens Hiram Powers. Man konnte etwas Größeres und Nationelleres in Bezug auf den Stoff, aber un⸗ möglich mehr Schönheit, mehr Vollendung in den For⸗ men wünſchen. Gegenüber dem Saal des amerikani⸗ ſchen Kunſtvereins hat man mit Wohlbedacht, wie mir 83 ſcheint, die ſogenannte Düſſeldorfer Gallerie verlegt, oder eine Gallerie, wo alte Gemälde, beſonders der deutſchen Schule, geſammelt und ausgeſtellt ſind, zum vergleichenden Studium für des Landes Künſtler und Kunſtliebhaber. Aber ich hatte diesmal nicht Zeit die Gallerie zu beſehen. Unter den guten Dingen, die mir hier begegnet ſind, befindet ſich das Anerbieten eines ſehr geachteten Buchhändlers in New⸗York, Mr. G. Putnam, des Verlegers von Miß Sedgewick, der eine neue und ſchöne Auflage meiner Schriften, die bisher blos in wohlfei⸗ len Ausgaben gedruckt und verbreitet worden ſind, ver⸗ anſtalten und mir dafür dieſelben Vortheile wie ein⸗ heimiſchen Schriftſtellern gewähren will. Downing war erfreut über den Vorſchlag, denn er kennt Mr. Putnam als einen durchaus ehrenhaften und zuverläſ⸗ ſigen Mann(ich glaube ihm dieſe Eigenſchaften ſchon an den Augen anzuſehen). Schwer wurde mir der Abſchied von Downings, mit denen ich eine ſo ſchöne genußreiche Zeit verlebt (lich möchte ſie die Tage meiner ſüßen Brode in der neuen Welt nennen), und an die ich mich ſo recht von Herzen angeſchloſſen habe. Aber— ich werde ſie wie⸗ derſehen!... Ich ſchulde Downing großen Dank für die Klugheit, den Takt und den brüderlichen Ernſt, womit er mich in Bezug auf mein Benehmen hier zu Lande, die Annahme von Einladungen und andern Freundſchaftsbeweiſen, berathen hat. Beim Abſchied ermahnte er mich mit ſeinem feinen Lächeln, ich möchte bei allen Gelegenheiten von einem gewiſſen angebore⸗ nen Takt— NB. einer Sache, die mir durchaus nicht angeboren iſt— Gebrauch machen, damit ich wiſſe, was ich thun und laſſen ſolle. Ich meinte inzwiſchen ſeinen Rath gut zu benützen, indem ich unmittelbar darauf den Vorſchlag eines jungen Herrn, auf einen hohen Kirchthurm mit ihm zu klettern, ablehnte. Nichts frappirt mich mehr, als der jugendliche, ich möchte bei⸗ nahe ſagen kindliche Unternehmungsgeiſt dieſer Leute; ſie ſcheuen auch gar nichts und halten Nichts für un⸗ möglich. Aber ich bin zu alt, um mit jungen Herren auf die Kirchthürme zu klettern. Als Downings mich verließen, wurde ich von Mr. Putnam übernommen, der mich nach ſeiner Villa auf Staten⸗Island führen wollte. Wir arbeiteten uns müh⸗ ſam mit unſerm Wagen durch das Gedränge von Fuhr⸗ werken aller Art auf den Straßen bis in den Hafen durch, um zur rechten Zeit ans Dampfboot zu kommen. Ich muß die Kutſcher bewundern, wie ſie auszuweichen, zu ſchwenken, ſich einzukeilen und ſich ohne Abenteuer aus dem wahrhaft gordiſchen Knoten von Karren und Wagen herauszuwickeln verſtehen. Es iſt merkwürdig, aber angenehm iſt es nicht. Ich ſaß in beſtändiger Angſt da, es möchten einige Pferdsköpfe durch die Wagen⸗ fenſter hereinkommen und der Wagen könnte zuſammen⸗ gedrückt werden. Inzwiſchen ging Alles gut. Wir kamen rechtzeitig aufs Dampfboot und hatten eine ſchöne Fahrt auf dem ruhigen Waſſer in dem weiten Hafen, wo große und kleine Dampfbvote unaufhörlich zwiſchen den Segelſchiffen fahren und ſich herumſchwin⸗ gen;— das iſt ein Leben! In Mr. Putnams ſchöner Wohnung auf einer der Anhöhen Staten⸗Islands ſah ich eine allerliebſte, ſchöne und anmuthsvolle Wirthin, drei artige Kinder und Abends eine ganze Maſſe von Nachbarn. Ich ſpielte ihnen ſchwediſche Melodien und Lieder vor. Das beſte Stück des Abends war ein humoriſtiſches Lied, das ein gemüthlicher älterer Herr ſang. In meinem Schlaf⸗ immer fror ich, denn das Wetter war nun kalt, und die Schlafzimmer werden hier zu Land nicht geheizt. Es iſt damit wie in England, aber nicht wie in unſe⸗ rem guten Schweden, und es wird mir ſchwer mich an dieſe kalten Schlafzimmer zu gewöhnen. Beſonders n⸗ 85 ſchwer wurde es mir in dem kalten Zimmer aufzuſtehen und mich mit ſteifen Fingern anzukleiden; aber als ich zum Frühſtück hinabkam, da vergaß ich Froſt und Steifheit über der hellen Sonne und der ſchönen freund⸗ lichen Wirthin in dem hübſchen Zimmer, das eine Aus⸗ ſicht über den Hafen, die Stadt und die Inſeln ge⸗ währt. Vormittags führte mich Mr. Putnam in der Kutſche ſpazieren, um die Inſel zu beſehen und einige Familien zu begrüßen. Die reichen goldenen Wälder glänzten in ihrer Herbſtpracht, ſchön wechſelnd in Gold und Braun,— ein Farbenſpiel waren und tief, wie das von den reinſten Leidenſchaften der Seele. Ich lebte neu auf in den Gefühlen, die es in mir erweckte. Ich fuhr durch den Wald, wie durch einen Tempel voll ſymboliſcher Schrift, und was fie mir vorzeichnete, das konnte ich leſen und deuten. So gelangten wir bis zum höchſten Punkte der Inſel, wo die Ausſicht über Land und Waſſer groß und herrlich war. An Höhen fehlt es. Das Auge ſchwebt und kreist wie der Adler in der Luft, aber es hat keinen Fels, keine Bergſpitze, um daran auszuruhen. Ich ſah auch einige zierliche Häuſer mit ihren Gärten und ein paar hübſche freundliche Frauen. Eine von ihnen war wirklich ſchön, aber in Trauer verſun⸗ ken. Der Tod hat ihr unlängſt ihre Freude geraubt. In dem andern Haus war Freude und Glück daheim, das ließ ſich nicht verkennen, und ich mußte verſprechen aufs Frühjahr zurückzukommen und den Frühling hier anrücken zu ſehen. Aber ich bin begierig, wie manche Wortbrüchigkeiten ich hier zu Lande begehen werde. Mr. Putnam führte mich nach New⸗York und zu der freundlichen Mrs. Skeyler zurück, die jetzt Hand an mich legte, um verſchiedene öffentliche Anſtalten mit mir zu ſehen, worunter ein paar große Schulen, wo ich Hunderte von lebhaften Kindern und jungen Men⸗ ſchen fand. Mir fielen beſonders die hellen, wachen, 86 ſchönen Augen der Kinder auf. Die Lehrmethode ſchien es hauptſächlich darauf abzuſehen, die Kinder wach und aufmerkſam zu erhalten. Ein Schulhaus enthält meh⸗ rere oder alle Klaſſen der Schule. In den unterſten Zimmern ſind die kleinſten Kinder, 4—6 Jahre alt ſedes Kind hat ſein Stühlchen und ſeinen kleinen frei⸗ ſtehenden Pult vor ſich), und mit jedem Stock ſteigt das Alter der Schüler, wie auch die Maſſe der Lehr⸗ gegenſtände. Im oberſten Stock graduiren ſie ſowohl in den Mädchen⸗ als in den Knabenſchulen mit 19 bis 21 Jahren oder darüber, erhalten Diplome und gehen dann in die Welt hinaus, um zu leben und zu lehren nach dem was ſie hier gelernt haben. Aber ich erfuhr da nicht viel. Ich wollte Fragen machen, allein man nahm ſich nicht Zeit zu antworten, und ich ſah vald, daß mein Beſuch für mich nicht ſowohl eine Un⸗ terweiſung als vielmehr einen Verweis enthielt. Im Taubſtummeninſtitut zeichnete der junge Lehrer eine lange Erzählung über mich und meine Begleiterin ſei⸗ nen Schülern vor, welche ſie auf die Schreibtafeln, die an den Wänden hingen, aufzeichneten. Sie machten das vortrefflich. Ich muß ihr Gedächtniß, ſowie ihre Fertigkeit in Auffaſſung und Ausdruck bewundern. Am folgenden Tag wurde eine Ausfahrt auf eine der Inſeln in der Nähe der Stadt unternommen, wo wohldenkende Menſchen eine große Anſtalt zum Empfang und zur Unterſtützung von Auswanderern gegründet haben, die krank oder entblöst aus Europa in New⸗ York ankommen. Die Inſel heißt Wards⸗Island, die An⸗ ſtalt Auswandereraſyl. Einer ihrer hauptſächlichen Gründer und Verwalter, Mr. Colden, früher einer der angeſehenſten Advokaten New⸗Yorks, jetzt ein reicher Mann, der ſich ausſchließlich mit wohlthätigen Anſtal⸗ ten beſchäftigt, denen er ſeine Zeit und ſein Vermögen widmet, führte mich und Mrs. Skeyler in ſeinem Wa⸗ gen dahin. Ich habe auch Bergfalk verlockt mit uns E n lt — gt = d u in h ⸗ ne i⸗ ie en re ne v0 ng et w⸗ n⸗ en er er l⸗ en ⸗ n8 87 zu kommen. Er hat eine unglückliche Neigung ſich un⸗ ter Geſetzbüchern und Akten zu vergraben und mit den Todten zu leben; ich muß ihn alſo hinauslocken, um in dem lebendigen und belebenden Leben friſche Luft zu ſchöpfen. Der Tag war herrlich und unſere Bootfahrt auf dem ſchönen wohlriechenden Waſſer(ich habe nie ein Waſſer gekannt, das ſo duftete wie hier) in der warmen Herbſtſonne äußerſt angenehm. Auf Wards⸗Island kann man ein wenig beurtheilen, welch eine ſchwere Aufgabe ſich die Amerikaner beim Empfang der armen oft elendeſten Bevölkerung Europas ſtellen, und wie ſie dieſelbe zu löſen ſuchen. Tauſende, die zerlumpt und mit Krankheiten behaftet ankommen, wer⸗ den hieher gebracht, verpflegt, gekleidet, geſpeist und ſodann weſtwärts nach den Miſſiſippiſtaaten geſchickt, im Fall ſie nicht in näheren Gegenden Verwandte und Freunde haben, zu denen ſie zu kommen wünſchen. Be⸗ ſondere Häuſer wurden für Typhuskranke, für Augen⸗ kranke, für kranke Kinder, für die Geneſenden, für Wöchnerinnen erbaut; mehrere neue Häuſer waren in der Arbeit. Auf den grünen freien Hügeln, umkost von den milden Seewinden, müſſen die Kranken, wo immer möglich, wieder geſund, die Schwachen ſtärker werden. Wir beſuchten die Kranken; mehrere Hunderte lagen am Typhus darnieder;— wir beſuchten auch die Reconvalescenten an ihrem guten reichlichen Mittags⸗ tiſch.„Aber wenn ſie alle Tage eine ſolche Supve und ſolches Fleiſch bekommen, ſagte ich zu Mr. Colden, wie können Sie dann die Leute wieder los werden, wenigſtens diejenigen, welche blos leben, um zu eſſen?“ — Mit ihnen machen wir es, wie der Quäcker mit ſeinem Gegner, antwortete Colden lächelnd. Er ergriff den Widerſpenſtigen mit ſtarken Händen. Ei wie? ſagte dieſer, Sie werden mich doch nicht ſchlagen wol⸗ len? das iſt ja gegen Ihre Religionslehre.— Nein, erwiederte der Quäcker, ich will Dich nicht ſchlagen, ₰ aber ich will Dich ganz unangenehm halten. Bergfalk freute ſich mit mir, dieſe großartige, immer mehr auf⸗ blühende Anſtalt zu ſehen, welche die Bevölkerung der neuen Welt hier für die verunglückten Kinder der alten errichtet; und ich erfreute mich nicht minder an Mr. Coldens eigener Perſönlichkeit; er iſt eine jener ſtarken Naturen, die ſolche Anſtalten ebenſo leicht tragen, wie eine Mutter ihr Kind auf dem Arme trägt,— ein Mann, ſtark an Herz, Seele und Leib. Für ſolche Männer hege ich eine Bewunderung, die kindlicher Liebe gleicht. Sie haben den Magnetismus, den man der Gebirgsnatur zuſchreibt. Mit Mrs. Skeyler beſuchte ich auch das Haus, das zur Wiederaufrichtung gefallener Weiber geſtiftet iſt. Es ſchien mir gut und wohl geordnet zu ſein. Miß Sedgewick iſt eine der Vorſteherinnen und ſoll unendlich viel Gutes wirken. Sie liest den Weibern Erzählungen vor, die ihre beſſere Natur wecken, und ſie ſpricht zut und klug mit ihnen. Sie ſoll eine der thätigſten Pflegerinnen dieſer Beſſerungsanſtalt ſein. Mrs. Skeyler, die eine ebenſo ſanfte Hausmutter, als eine gute Bürgerin außer dem Hauſe iſt— und das ſollte jedes edle Weib ſein— war eine liebens⸗ würdige Wirthin für mich, und ich bedaure blos, daß ich nicht mehr mit ihr ſprechen konnte. Dieſe Schulen, Hilfsanſtalten u. ſ w. ſind höchſt vortrefflich und ach⸗ tungswerth, aber ach, wie ſie mich ermüden!— Mrs. Skeyler führte mich zu Miß Lynch, wo ich eine Maſſe Leute ſah, und unter ihnen den Dichter Bryant, der einen ſchönen charakteriſtiſchen Kopf mit ſilbergeſpren⸗ kelten Locken hat. Von Miß Lynch hinweg führte mich ein freund⸗ licher, ehrlicher Profeſſor,— ich glaube Hacklitt heißt er— in die elyſeeiſchen Felder, einer parkähnlichen Gegend auf einer Inſel bei New⸗York und wegen ihrer idylliſch ſchönen Natur ſo genannt. Sie war auch 18 er en en ie in er an tet oll rn nd er b, nd 8⸗ aß n, s. ſſe er n⸗ d⸗ ißt en rer 89 idylliſch ſchön und der Tag und die Luft— nein, nein, meine Liebe, da haben wir nichts Aehnliches in der alten Welt, wenigſtens habe ich dort nie etwas ſolches kennen gelernt. Ich trinke dieſe Luft, wie ich Nektar trinken könnte, und ich empfinde ſie beinahe wie einen lieblichen Rauſch. Sie muß dieſer Jahreszeit und dem magiſchen Leben des indianiſchen Sommers angehören. Ich wandelte in den elyſeeiſchen Feldern mit wahrhaft elyſeeiſchen Gefühlen; ich ſah Schaaren weißer Segel gleich beſchwingten Friedensboten den Hudſon herab⸗ kommen, und ich ließ meine Gedanken den Fluß hin⸗ aufſchwimmen, zu den Freunden dort, den neuen und doch ſo theuern, mir fern und doch ſo nahe. Es war ein entzückender Tag, dieſer Tag auf den ehyſeeiſchen Feldern in der neuen Welt. Mein Profeſſor war gut und weiſe, wie Mentor in den Abenteuern Telemachs, und ich glaube noch weiſer, denn er hielt ganz und gar keine Reden, ſondern folgte mir mit väterlicher Huld und ſchien ſich an meinem Vergnügen zu erfreuen. Abends führte er mich über den Past river und nach Roſenhütte in dem ruhigen Brooklyn. Und da will einige Tage ruhen und mich der Welt etwas fern alten. Jetzt ein Wort über meine neuen Freunde Marcus und Rebecca Spring. Sie ſind eine ganz beſondere Art von Leutchen; ſie haben etwas eigenthümlich Ein⸗ faches und Menſchliches, Klares und Schönes, was ich engelgleich nennen möchte. Gleich beim erſten Mittag⸗ eſſen in ihrem Hauſe nannten ſie mich bei meinem Na⸗ men und verlangten, daß ich ſie auch ſo nennen ſolle, und jetzt lebe ich mit ihnen vertraulich, wie mit einem Bruder und einer Schweſter. Sie waren und ſind un⸗ beſchreiblich gut gegen mich. In den erſten Tagen war ich etwas verſtimmt, ich litt von der Kälte, beſonders in meinem Schlafzimmer, und ich konnte mich nicht recht in die neuen Verhältniſſe finden, was mir über⸗ 90 haupt immer Mühe macht. Aber ſie ließen einen Ofen in mein Zimmer ſetzen, machten es mir warm und an⸗ genehm, und bald fühlte ich mich bei ihnen heimiſch und glücklich. Marcus S. iſt auch was man einen ſelbſtgemachten Mann nennt⸗ aber ich glaube feſt, daß der liebe Gott ſelbſt bei der Erſchaffung ſeines Herzens und Kopfes thätig war. Sein Geſicht erinnert mich an Sternes Ausdruck für ein Geſicht: es gleicht einem Segen. Seine Frau Rebecta iſt aus einer Quäckerfamilie und hat etwas von dem innern ſtillen Licht und der Beſonnenheit, die dieſer Secte angehören ſoll; üverdies iſt ſie wohlbegabt und verſtändig, und man kann ihr mit dem größten Vergnügen zuhören. Sie iſt anmuthsvoll von Gefühl, ohne ſchön zu ſein; der Mund beſonders iſt friſch und lebendig, ihre Ge⸗ ſtalt iſt claſſiſch ſchön. Beide Gatten ſind warme Patrioten und Menſchenfreunde, lieben die Ideale des Lebens und leben für ſie. Sie ſind vermöglich und ſollen viel Gutes thun. Sie intereſſiren ſich für den Socialismus, aber mehr als Dilettanten, denn als eigentlich Eingeweihte. Doch hat Mareus ſich in ſei⸗ nem Handelsgeſchäft mit mehreren ſeiner Comptoiriſten aſſocirt. Aber er gehört zu jenen Leuten, die von ihren Handlungen nicht gerne ſprechen, und auch nicht wün⸗ ſchen, daß Andere ſich damit beſchäftigen. Aber ſeine Frau und ſeine Freunde ſprechen ſehr gerne von ihm, und ich wundere mich nicht darüber. Sie haben drei Kinder. Eddy, der älteſte Knabe von zwölf Jahren, könnte als Modell zu einem Amor ſowohl, als zu einem Raphael'ſchen Engel dienen; er hat ein ſtilles, denken⸗ des Weſen mit viel Feinheit im Ausdruck. Die kleine Jenny, des Hauſes einzige Tochter, iſt ein tüchtiges lebhaftes Mädchen, und dann kommt das Baby, ein goldgelockter kleiner Junge mit ſeines Vaters Stirne und klaren blauen Augen, ein kränkliches aber anmuths⸗ volles Kind. en n⸗ en ſt, tes ert cht ner len ren en. n5 He⸗ des ind den als ſei⸗ ten ren ün⸗ ine m, rei en, tem en⸗ ine ges ein irne ths⸗ 91 Mit Mareus ſpreche ich über das, was im Lande fern und nah vorgeht und im Werk iſt, mit Rebecca ſpreche ich von Geſchichten des innern Lebens, und ich bekomme vieles zu hören, was mich anregt und inter⸗ eſſirt. Ja ich ſage Dir, hier iſt weit mehr Poeſie und romantiſches Leben, als man ſich bei uns vorſtellt. Das Leben hier iſt eine neue Jugend. Auch das Klima iſt jugendlich, aber nicht immer auf die beſte Art. Es iſt ſehr veränderlich. In den erſten Tagen, die ich hier in Brooklyn zubrachte, war es ſo empfindlich kalt, daß ich an Leib und Seele fror. Jetzt ſeit drei Tagen iſt es ſo warm geweſen, daß ich mich Nachts bei offenen Fenſtern ins Bett legte, durch die Jalouſien die Sterne blinken ſah und von der Morgenröthe mit den ſanfte⸗ ſten Hauchen dieſer duftigen Luft, die etwas Zauberi⸗ ſches hat, begrüßt wurde. Den 7. November. Ich habe einige Tage nicht ſchreiben können. Es thut mir leid, mein Kind, aber ich kann nicht helfen. Mündlich will ich einmal die Lücken ausfüllen, die im Briefe gelaſſen ſind. Sehr ſchmeichelhafte und zugleich ſehr beſchwerliche Dinge, welche die Mühe des Nieder⸗ ſchreibens nicht lohnen, kommen mir tagtäglich vor. Mein Leben iſt ein täglicher Kampf mit Wohlwollen, Artig⸗ keit und— Nengierde, ein Kampf, bei dem ich oft müde und verdrießlich werde, oft aber auch einen wun⸗ derſamen Hauch von Jugendfriſche und Erneuung meine Seele durchſtrömen fühle. Einen ſolchen empfand ich dieſer Tage bei der Berührung mit dem edeln Enthuſia⸗ ſten H. W. Channing, einer ebenſo glühenden als reinen Natur, mit ſtrahlendem Auge und einem Geſicht ſo rein und regelmäßig, wie ich mirs nur bei einem Seraph denken könnte. Seine edle und elegante Geſtalt paßt vortrefflich für einen öffentlichen Redner. Für ſein Land iſt er mehr ein kritiſcher Liebhaber als ein Enthuſiaſt. 92 Enthuſiaſtiſch liebt er blos das Ideale und Vollkommene, und er findet die Wirklichkeit noch weit unter dieſem. Wir ſind ſehr jung, ſehr jung! ſagt er vom Volk der Vereinigten Staaten. Von Emerſon ſprach er mit Be⸗ wunderung— aber wie von einem ihm ferne ſtehenden höheren Geiſte.„Er iſt der Beſte von uns Allen,“ ſagte er.—„Iſt er Ihr Freund? fragte ich.— „Nein,“ antwortete er,„ich kann mir mit dieſem Ver⸗ hältniß zwiſchen uns nicht ſchmeicheln. Er iſt dafür zu abſtoßend, zu.. Aber Sie müſſen ihn ſehen, um ihn zu begreifen.“ Ich machte einige Bemerkungen ge⸗ gen Emerſons Anſchauungsweiſe. Channing antwortete nicht viel darauf, blieb aber dabei, daß er zu Emerſon wie zu einem Stern erſter Größe aufſchaue. Dieſer Mann muß ein Zaubertalent beſitzen. Am Donnerſtag werde ich mit Channing und Springs nach dem amerikaniſchen Phalanſtère in New⸗ Jerſey reiſen, dieſes wunderliche Ding in der Nähe be⸗ ſehen und mehr von chriſtlichem Socialismus lernen. Bergfalk kommt mit uns. Dann kehre ich hieher zurück und bleibe bis zum Ende der Woche hier. Die nächſte Woche werde ich bei Miß Lynch in New⸗York zubringen und mich dem Geſellſchaftsleben dort widmen. Hierauf komme ich wieder und begleite meine Freunde nach Maſſachuſetts, um allda bei ihren Verwandten das große Dankfeſt, genannt Thankgivinss, zu feiern. Es iſt auf den 26. November feſtgeſetzt und ſoll beſonders in den Staaten Reuenglands, wo es zuerſt entſtand, feierlich begangen werden. Dann wollen wir zuſammen Lowells, Emerſons und mehrere Andere beſuchen, zu denen wir eingeladen ſind. Hierauf landen wir in Bo⸗ ſton, wo ich über die Wintermonate zu bleiben gedenke, und meine Freunde kehren in ihre Heimath zurück. ne, m. der Be⸗ den , er⸗ zu um ge⸗ tete ſon eſer und ew⸗ be⸗ len. rück hſte gen auf ach das Es ders and, men zu Bo⸗ nke, 93 Abends. Bei Sonnenuntergang machte ich einen einſamen Spaziergang auf der Straße, halb Stadt und halb Land; ich ging unter den grünen Bäumen und an mei⸗ ner Seite der ſchoͤne Eddy S. ganz ſchweigſam. Der Abendhimmel glühte und breitete ſeinen warmen Schein über Wieſen und waldige Höhen. Und als ich meinen Blick von ihm ab auf den ſchönen Jungen wandte, da begegnete mir ſein Auge ſo mild und eindringend wie eines Engels Blick. Er ſchien zu ſehen und zu begrei⸗ fen, was in mir lebte. So gingen wir lange. Aber es begann zu dämmern; da kam ein Reiter auf uns zu mit einer großen Schachtel oder einem Käſtchen auf dem Arm. Es war der gute Markus auf ſeinem Dolly, und das Käſtchen, das er trug, war für mich und voll der allerſchönſten Blumen von Mr. Downing. Und mit ihnen folgten einige Worte für mich, die noch ſchöner waren als die Blumen. Rebekka und ich ordneten die Blumen in einer ſchönen, lilienförmig aus ihrem Baſſin aufſtei⸗ genden Alabaſtervaſe. Markus und Channing halfen uns mit ihren Augen. Ich befinde mich trotz körperlicher und geiſtiger Strapatzen wohl und bin unendlich dankbar für das, was ich hier erlebe und lerne, und für dieſe guten herz⸗ lichen Freunde. Es fehlt mir gar nichts als die Freude, gute Nachrichten von Dir und Mama zu erhalten. Ich hoffe auf die heutige Poſt, ich hoffe und ſehne mich. Jetzt muß ich dieſen Brief abſenden und an einer Menge Anderer arbeiten. Küſſe Mama für mich und grüße alle, die gegrüßt zu werden wünſchen von Deiner Fr. 94 Fünfter Brief. Roſenhütte, d. 12. Nov. 1849. Endlich, endlich erhielt ich Briefe von Haus, Briefe von Mama und Dir, meine gute Agatha! Ich küßte den Brief aus Freude, als er in meine Hand kam. Aber ach, wie betrübte es mich Dich wieder krank zu wſſen, und zwar ohne ollen Sinn und Verſtand, ſo bald nach dem Marſtrandbad, wo ich Dich ſo munter ſah! Ich kann mich jetzt nur mit dem Gedanken zu tröſten ſuchen, daß Du mit dieſer Krankheit alle Kränklichkeit für das Jahr abgethan habeſt und im Winter deſto geſünder ſein werdeſt. Sollte dies nicht geſchehen, ja dann müßten wir mit Dir im nächſten Winter nach irgend einem wärmeren Lande ziehen, nach Deinem ſchönen Italien, nach Rom oder Palermo, nachdem Du im nächſten Som⸗ mer in Marſtrand tüchtige Salzbäder genommen hätteſt. Und ich werde bei Dir ſein, mein Herzchen, und werde Dir ſchöne Sachen erzählen und ſchreiben, denn hier werde ich reich an ſolchen, und wir wollen dann zuſam⸗ men ein neues ſchönes Leben einathmen. Deinen Brief nach London habe ich nicht erhalten, aber ich werde ihn noch erhalten, oder aber verdient Ed. L—— den Kopf zu verlieren, wenn er ihn nicht bereits verloren hat; denn er wurde beanſtragt, den Brief in Empfang zu nehmen und mir ihn hieher zu ſchicken. Noch einmal Dank für die lieben Briefe! Jetzt muß ich Dir von unſerem Beſuche im Pha⸗ lanſtöre erzählen. Es war ein lieblicher Morgen, als wir uns fortbegaben. Die Luft empfand ſich ganz jung — kaum 15 Jahre alt. Sie war kein Knabe, ſie war ein Mädchen, lebhaft, aber ſchüchtern;— eine verſchleierte Schönheit. Die Sonne war hinter leichten Wolken; der Wind ſchwieg ſtille. Als Markus, Rebekka und ich einen 55 Augenblick am Landungsplatz bei Brooklyn warteten, um nach New York hinüber zu fahren, ſtand da auch eine Quäckerin mit römiſcher Naſe und ebrlichem, ernſtem Geſichte. Ich ſah ſie an und ſie ſah mich an. Auf einmal erhetterte ſich ihr Geſicht, wie von einem Son⸗ iefe nenſchein beglänzt.„Du biſt Miß B.“ ſagte ſie— den„Ja,“ ſagte ich, und Du?“ Sie nannte ibren Namen ber und wir drückten einander herzlich die Hände. Das ſen, innere Licht hatte ſie auf mehr als eine Art erleuchtet, ach und an ſolchen Morgen fühle ich mich mit der ganzen Ich Welt Du und Du. en, Wir fuhren über den Strom, Markus, Rebekko und das ich. Der Morgenwind begann zu wehen und die Wol⸗ ſein ken ſich zu bewegen; Segel⸗ und Denpfſiiffe kreuzten ten ſich im Hafen, und in kleinen Böten ſatzen junge Kna⸗ nem ben, welche Stöcke und Breter auffiſchten, die der Strom ien, mit ſich ins Meer hinausführte. Die Ufer glänzten in om⸗ grünem Gold Eine Weile nachher waren wn am teſt. Bord des Dampſſchiffes, das uns nach New Jerſey brin⸗ erde gen ſollte. Bergfalk kam voll von Leben und guter hier Lanne, Channing kam mit einem diamantklaren Strahl am⸗ in ſeinem reinen Blick, und miribm ein Mr. H., ein rief Freund von Blumen und von Channing. Wir fuhren ihn bei Sonnenſchein und unter Geſprächen über intereſſante den Gegenſtände, eigentlich mehr einem Dialog zwiſchen oren Channing und mir, wobei die Andern nur mit einſtimm⸗ fang ten, Alle ein wenig gegen mich, ich ein wenig gegen mal Alle, außer Markus S., deſſen Verſtand ganz beſonders mit dem meinigen zuſammenlänft. Später begannen ha⸗ Wolken ſich über uns zuſammenzuzieben und bald be⸗ als gann es zu regnen. Im Regen komen wir nach New⸗ jung Jerſey und in das Städichen New⸗Ark. Dort traf uns war ein Fuhrwerk aus dem Phalanſtöre, für Menſchen ſowohl ierte als für Kartoffeln beſtimmt, und da hinein preßten wir der uns unter einem gewölbten Dach von ölgelber Leinwand, inen das uns vor dem Regen ſchützte. Ein ſchöner junger . ———— 96 Mann aus dem Phalanſtore kutſchirte uns mit ein paar angenehm fetten Pferden, und nachdem wir einige Stun⸗ den lang den Sand durchfurcht, kamen wir beim Pha⸗ lanſtere an, ein paar großen Häuſern mit mehreren klei⸗ neren umher, ohne etwas beſonders Auszeichnendes in der Architectur. Die Landſchaft rundum ſah parkartig, ſchön und freundlich aus, Boden und Bäume waren noch ganz grün. New⸗Jerſey iſt bekannt durch ſein mildes Klima und ſeine guten Früchte. Wir wurden in einen Saal geführt und mit einem Mittageſſen bewirthet, das in Arkadien nicht hätte beſſer ſein tönnen; unmöglich hätte man dort beſſere Milch, Brod und Käſe haben koͤnnen. Hier hatte man auch Fleiſch⸗ Hier fand ich die Familie aus dem Phalanſtöre wie⸗ der, die mich zuerſt dorthin eingeladen hatte, und lernte in ihr Schweſter und Schwager von Markus S. ken⸗ nen, zwei ernſte innige Menſchen mit feſtem Glauben und tiefer Liebe zur Idee der Aſſociation; ſie waren ſchon vou Anfang an bei der Begründung der Anſtalt da geweſen. Mr. A., der augenſcheinlich außer Enthuſias⸗ mus auch einen guten und klaren Geſchäftskopf mit orga⸗ niſatoriſcher Kraſt beſitzt iſt Geiſtlicher geweſen und hat lange Zeit wohlthätig als Miſſionär unter den armen Predigern in der Fremde, ministers at large, wie man ſie hier zu Lande nennt, gewirkt; hernach hat er 10 Jahre lang als Farmer in einem der weſtlichen Staaten des Miſſiſippithales t, Mais und Früchte gepflanzt und i i inſamkeit wohl befunden; aber ine Kinder herangewachſen, wurde dies zu einſam für ſie, das Häuschen wurde zu eng, und um ihrer Entwicklung und Erziehung willen zog er wieder näher zu der großen Welt. Aber während er ſich ihr näher anſchmiegte, beſchloß er zu gleicher Zeit für den⸗ jenigen Theil ihres Lebens zu leben, der ihm dem Ideal einer chriſtlichen Geſellſchaft am nächſten zu kommen ſchien. Er und ſeine Frau, ſowie einige andere Ehepaare, — ich en ie⸗ nte en⸗ ben ren da as⸗ ga⸗ hat men man ahre des und aber dies m ieder iht den⸗ Ideal chien. gare, ſämmtlich Enthuſiaſten für dieſe Idee, ſchloſſen ſich zu⸗ ſammen und bildeten hier vor 8 Jahren den Verein, der ſich jetzt neuamerikaniſches Phalanſtöre nennt. Jedes Mitglied ſetzte 1000 Dollars ein, und nun kaufte man Land und begann nach den von der Geſellſchaft entworfenen Geſe⸗ tzen zu arbeiten. Im Anfang ſtießen ſie auf große Müh⸗ ſeligkeiten, beſonders weil es an den Mitteln fehlte Häu⸗ ſer zu bauen, Geräthſchaften einzukaufen 2c. tc. Es war ſchön und rührend zu hören, welchen Beſchwerden und Arbeiten ſich die Frauenzimmer unterworfen haben, die an dergleichen wenig gewöhnt waren, wie beharrlich und mit welch gutem Muth ſie ausharrten und wie ſie brüderlich von den Männern unterſtützt wurden, die gleich den Weibern in jeder Art der Arbeit nur die Ehre und die Nothwendigkeit der Arbeit ſahen und nicht danach fragten, ob es ein Männer— oder Weiber⸗Geſchäft ſei. Sie hatten viel Böſes ausgeſtanden, waren aber dabei ſtark und geduldig geworden. Jetzt haben ſie das Schlimmſte überw unden, die Anſtalt war in bedeutender Zunahme begriffen; man war darauf bedacht, neue Häuſer zu bauen, beſonders einen großen Speiſe⸗ und Geſellſchaftsſaal, wie auch in Küche und Waſchhaus Ma⸗ ſchinerien einzuführen, wodurch man vom ſchwerſten Theil der Handarbeit erlöst werden ſollte. Die Zahl der Mit⸗ glieder war bis auf etliche 70 geſtiegen. Die Anſtalt hat ihr eigentliches Einkommen von Mühlen, ſowie vom Acker⸗ und Obſtbau; man pflanzt Pfirſiche, Melonen, Tomatos(eine ſehr hübſche rothe Obſtart, die man als Salat benützt und ſehr liebt). In den Mühlen wird Homouny gemahlen, eine Art Mdlskorn oder indianiſches Korn, das man als Grütze kocht und allgemein ißt, be⸗ ſonders zum Frühſtück. Abends verſammelte ſich eine großer Theil des Phalanſtöre⸗Staates in einem Geſellfchaftszimmer; ver⸗ ſchiedene Perſonen wurden mir vorgeſtellt und ich ſah Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 98 eine ganze Menge recht hübſcher Jugend, beſonders waren Markus Springs älteſte Nichte Abbie und ihr Bruder idealiſch ſchön. Unter den Männern waren mehrere in groben Kleidern, aber alle waren ſauber und hatten im Umgange etwas ſehr Ernſtes und Gutes. Die Arbeit wurde hereingebracht und auf einen Tiſch gelegt. Es ſollten kleine Leinwandſäcke zu Ho⸗ mouny genäht werden, den man darin nach New⸗York auf den Markt ſchickte; den Säcken wurde der Namens⸗ ſtempel des Phalanſtöre aufgedrückt. Ich nähte einen Sack, Channing auch einen, und er behauptete, da er flinker nähe als ich; aber ich meinte, daß ich beſſer nähe. Ich ſpielte ſodann der Jugend ſchwediſche Tänze und Melodien auf, die ſie ungemein electriſirten, be⸗ ſonders der Nixentanz, und nun erzählte ich ihnen die Legende von dem Waſſernix, von dem Pfarrer und dem grünen Bock, welche beweist, daß anch der Naturgott ſelig werden könne. Das Mährchen fand großen An⸗ klang und in mehrere Augen kamen Thränen. Ueber Nacht erhielt ich für mich allein ein Stüb⸗ chen, das eines der jungen Mädchen weinetwegen räumte. Es war klein wie eine Gefängnißzelle, hatte vier kahle weiße Wände, war aber ſauber, hatte ein großes Fen⸗ ſter mit freier ſchöner Ausſicht, und ich befand mich wohl in der kleinen Zelle auf einem guten Sopha, und ſchlief gut bei dem Getöne des plätſchernden Regens und bei der milden Luft, die durch das halboffene Fen⸗ ſter hereinkam. Die Schweſtern der Bettmachungsgruppe, 2 ſchöne junge Mädchen, waren die Letzten, die ich in meinem Zimmer ſah. Am Morgen erwachte ich beim Getöſe des Arbeits⸗ lebens rund umher im Hauſe; man kam, gieng und be⸗ ſchäftigte ſich; Alles hatte ein eifriges und arbeitsſames Ausſehen. Aber ich dachte:„Die Eſſener und Pytha⸗ goräer begannen den Tag mit einem Geſang, einer Ein⸗ weihung des Arbeitstages in den Dienſt der heiligen — en 0⸗ r 8 en ſer ize be⸗ die em ott ln⸗ ib⸗ nte. hle en⸗ nich und ens Fen⸗ ppe, h in eits⸗ be⸗ mes tha⸗ Ein⸗ ligen 99 Mächte.“ Und ich ſeufzte bei dem Gedanken, wie tief die Vereine des Weſtlandes unter denen des Morgenlan⸗ des ſtehen. Ich kleidete mich an und ging hinab. Da es in meinem Charakter liegt, mit Seele und Herz auf das gegenwärtige Leben einzugehen, ſo wollte ich hier wie ein wahres Mitglied des Phalanſtère leben und als Ar⸗ beiterin in eine ſeiner Gruppen eintreten. Ich wählte ſelbſt die Küchengruppe, weil ich mir in dieſer Bezie⸗ hung am meiſten Talent zutraute, und bald ſtand ich am Heerd neben der gemüthlichen Mrs A. und buck eine ganze Menge Buchweizenkuchen(uſt wie wir ſie in Schweden backen, aber auf einer größern Eiſenplatte) zum Frühſtück und hatte das Vergnügen Markus Se., Channing und einigen Geſellſchaftsgliedern mit ganz war⸗ men Exemplaren am Frühſtückstiſch aufzuwarten. Ich fand ſelbſt, daß meine Kuchen ausgezeichnet gelungen waren. Ich ſteckte auch in meinem Bürgereifer Hände und Arme bis an den Ellenbogen in einen großen Back⸗ trog, wäre aber beinahe im Teig ſtecken geblieben. Er war zu ſchwer für mich; ich wollte es nicht geſtehen, aber man war klng genug, mich auf die artigſte Weiſe von dem Geſchäft abzulöſen und es beſſern Händen zu übergeben. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne begann ſich durch die Wolken Bahn zu brechen. Jetzt ſollte ich binaus, herumgehen und mich umſehen, begleitet von Mrs. A. und der Frau des Präſidenten, die einen kur⸗ zen Rock und Hoſen trug, was ihrer hohen, ſchlanken Geſtalt wohl anſtand und überdieß für Gänge in dem naſſen Wieſenland und im Walde vollkommen paßte. Zuerſt beſuchten wir die Mühlen; 2 ſchöne junge Mäd⸗ chen, ebenfalls mit kurzen Röcken und Blouſen, mit Le⸗ dergürteln und artigen Häubchen auf dem Kopf, giengen oder hüpften vielmehr leicht und fröhlich wie Vögel auf dem Fußſteig um uns her über Hügel und Thäler. Sie 100 giengen, um in den Mühlen zu helfen; die Müller wa⸗ ren bereits dort an ihrer Arbeit. Von da gingen wir über das Feld und nach dem Kartoffelland, wo ich dem Präſidenten die Hand ſchüttelte, der Kartoffeln heraus⸗ grub und in weißen Hemdermeln mitten unter ſei⸗ nen Rathsherrn arbeitete. Sowohl der Präſident als die übrigen Bürger ſahen wie tüchtige brave Leute aus, und die Kartoffelerndte verſprach in dieſem Jahr beſon⸗ ders ergiebig zu werden. Der Boden in New⸗ Jerſey ſoll ſehr gut und ſruchtbar ſein. Die Sonne ſchien freundlich über das Kartoffelfeld, den Präſidenten und die Arbeiter, unter denen ſich mehrere Männer von Bil⸗ dung und Kenntniſſen befanden. Im Geſpräch mit den 2 angenehmen Frauenzim⸗ mern, die mich begleiteten, erfubr ich allerlei von den Geſetzen und dem Leben des Phalanſtoöre. Jedes Mit⸗ glied kann bei der Geſellſchaft ſo viel einlegen als es will und von ſeinem Vermögen ſo viel behalten als es will. Für ſeine Einlage wird ihm ein Zins berechnet. Die Arbeitszeit iſt 10 Stunden des Tages; was man darüber arbeitet, wird in Berechnung gebracht und be⸗ ſonders bezahlt. Die Frauenzimmer haben gleiche Rechte wie die Männer, ſie ſtimmen und betheiligen ſich bei der Geſetzgebung und den Urtheilsſprüchen.„Aber,“ ſagte Mrs. A.,„wir haben mit den häuslichen Geſchäf⸗ ten ſo viel zu thun gehabt, daß wir uns bisher wenig darum bekümmerten, an dieſen Angelegenheiten Theil zu nehmen. Wir haben ſie den Männern überlaſſen.“ Jeder wer ſich als Mitglied anmeldet, kann nach einjähriger Prüfungszeit im Phalanſtère, wo er ſich als beharrlich in der Arbeit, als feſt in brüderlicher Liebe und Herzensgüte bewähren muß, angenommen werden. Nach ſeiner Religion⸗ ſeinem Stand oder ſeinem früheren Leben wird nicht gefragt. Der Verein macht eine neue robe mit dem ſocialen und ofkonomiſchen Leben; er nimmt die werkthätige Menſchenliebe als leitendes Prin⸗ ———— 101 cip an, und will alles Uebrige durch ſie beſtimmen laſſen; er will ſo zu ſagen das Leben aufs Neue beginnen und ſeine Geſetze anf experimentalem Wege erforſchen. Gleich den Pflanzen, die man„exogens“ nennt, wächst es von Außen nach Innen, iſt aber, wie mir ſcheint, in ſeinem Princip weit unbeſtimmter, als dieſe Pflanzen. Abends wurde ich aufgefordert mich über dieſe Ge⸗ ſellſchaftsbildung auszuſprechen, und da ſagte ich aufrichtig meine Anſicht über ihre Mängel, beſonders darüber, daß ein Religionsbekenntniß, ſowie ein öffentlicher Gottesdienſt fehle, und daß ſie blos auf einem moraliſchen Princip beruhe, deſſen Gültigkeit leicht in Frage geſtellt werden könne, da es keinen Zuſammenhang mit einem ewig über der Erde und der Zeit beſtehenden Leben, einem ewig geltenden Geſetze, und vor allen Dingen ſeiner Garantie bei einem perſönlichen göttlichen Geſetzgeber nachzuweiſen vermöge. Die Schlange wird einmal in euer Paradies eindringen, und dann—— womit wollt ihr ſie bannen? Ich ſagte auch, wie es mir dieſen Morgen zu Muth ge⸗ weſen, wie arm und öde mir ein Arbeitsleben erſcheine, das nicht zugleich höheren Mächten diene, das nicht einen Raum für das Heilige und Schöne habe. Ein älterer Herr, der in meiner Nähe ſaß und ein gutes ehrliches Geſicht hatte, aber ſchrecklich ſpuckte, machte ſichs beſonders zur Aufgabe, meine Einwürfe zu beantworten. Aber ſo⸗ wohl ſeine Antworten, als auch die von einigen Andern beſtärkten mich nur in meinem Eindruck über den nebel⸗ haften Standpunkt, worauf ihre Intelligenz ſich befand. Ich ſchwieg daher, nachdem ich meine Anſicht geſagt hatte. Aber ich und Mehrere andere hofften, daß Channing etwas ſagen würde. Er that es jedoch nicht, ſondern ſaß lauſchend da, ſeinen ſchönen ſprechenden Kopf, ſeinen denkenden Blick den Redenden zugewandt. Bergfalk und ich wurden hieranf erſucht, mit einander ſchwediſch zu ſprechen, damit man die wunderliche fremde Sprache hören könnte; wir ſetzten uns alſo mitten in der Verſammlung einander gegenüber und plauderten ſchwe⸗ diſch zur großen Erbauung unſerer ſehr aufmerkſamen Zuhörer. Hierauf mußte ich der Jugend wieder ſpielen. Tags darauf ſollten wir um die Mittagszeit ab⸗ reiſen. Schon am Morgen nahmen ein halb Dutzend ſchone junge Mädchen mich in ihre Mitte und führten mich aus einer Wohnung in die andere, um allen Groß⸗ müttern im Pbalanſtère und auf allen Klavieren, die ſich da 6 oder 7 an der Zahl vorfanden, etwas vorzuſpielen, bei welcher Gelegenheit die jungen Kinder von den Märſchen, Polonaiſen und Liedern, die ich ihnen zum Beſten gab, ſo angeregt und ergriffen wurden, daß ſie bald weinten, bald lachten. Notabene⸗ die Muſik iſt im Phalanſtore noch ein bloßes Wickelkind, und daraus kaunſt Du Dir die Wirkung meines Spieles erklären. Auch das iſt wahr, daß die Kinder da ungewöhnlich lebhaft waren. Beſonders die ganz leinen waren allerliebſt. Ein präch⸗ tiger Nachwuchs unter dieſer Vereinsjugend und nicht die mindeſte Blödigkeit vor Fremden! Man bemerkte den keimenden Bürgergeiſt. Aber ich wurde meiner Rolle als Bürgerin entſetzlich müde, und dankte dem Himmel, als ich aufbören durfte für das Phalanſtère aufzuſpielen, als ich alle Mädchen— es waren prächtige, warmher⸗ zige Dirnen— geküßt, Bürgern und Bürgerinnen die Hände geſchüttelt hatte und nun das Phalanſtere ver⸗ laſſen, mit meinen Freunden wieder ruhig auf das Dampfboot ſitzen, und nach New⸗York zurückfahren durfte. etwas vor⸗ „Sie dankten ſehr für ſeinen Segen Und— blieben auf den alten Wegen.“ Es ging mir wie den Fiſchen des heiligen Antonius. Um kein Haar beſſer bekehrt. Denn obſchon ich alles Intereſſe für mich ſelbſt aufgeben müßte, wenn ich mich 103 nicht in den größten, wie in den kleinſten Dingen meines Lebens in meinem Gebet, wie in meiner Arbeit innig mit den Intereſſen der Menſchheit verknüpft glaubte, und mich ⸗ nicht unter den Arbeitern im großen Phalanſtère des Menſchengeſchlechts wüßte, ſo iſt doch meine Natur einer ⸗ ſolchen näheren Aſſociation im äußeren Leben gänzlich d entgegen. Und lieber möchte ich in einem Kathen auf n Schwedens kahlſtem Grauſteiuberg ganz allein, bei Waſſer ß und Brod(und Kartoffeln, die ich ſelbſt kochen müßte), ch wohnen, als in einem Phalanſtöre im fettſten Erdreich ei und mitten unter Bürgern und Bürgerinnen, ſelbſt wenn n, ſie ſo hübſch und artig ſind, wie dieſe da. Aber dieß ge⸗ b, hört zu meiner Individualität. Ich kann nicht vollkom⸗ n, men leben, außer in der Einſamkeit. Indeß dürfte für re die größere Menge von Menſchen das Vereinsleben wohl ir das glücklichſte und beſte ſein. iſt Der Verein in derjenigen Form, die er in dieſem en. Phalanſtöre angenommen hat, iſt offenbar auch ein Mit⸗ ch⸗ tel Gerechtigkeit zu finden für manche Individuen, denen cht in dem großen gewöhnlichen Staat keine Gerechtigkeit fte wiederfahren würde So zum Beiſpiel war jetzt da ein olle Mann, der gute Kenntniſſe und feinere Bildung beſaß, nel, aber in Folge ſeiner ſchwachen Augen außer Stand ge⸗ len, ſetzt war, ſich durch eine ſolche Arbeit zu ernähren, er⸗ bei welcher das Geſicht ſehr angeſtrengt werden muß. die Er war arm und hatte keine nahe Angehörige. In der ver⸗ gewöhnlichen geſellſchaftlichen Ordnung wäre er in Folge das deſſen entweder Verſorgungsanſtalten, und in ihnen einem hren Leben geiſtiger und leiblicher Dürftigkeit anheimgefallen, oder auch den gröbern Arbeitsklaſſen zugewieſen worden, die nur noch für ihren Körper leben. Als Mitglied des Phalanſtöre gab dieſer Mann ſeine körperliche Arbeit 10 Stunden des Tags, und war dafür zu allen edleren nius. Genüſſen des feinern Lebens berechtigt, zum Umgang alles mit guten und gebildeten Menſchen, zu einem guten Tiſch mich in fröhlicher Geſellſchaft, zu einer liebevollen Behandlung 104 von allen Seiten und jeden Abend nach der Arbeit, wenn er will, zur Ruhe und Erfriſchung in der Geſellſchaft, in einem hellen, großen Zimmer bei angenehmen Damen, ſchönen Kindern, Muſik, Büchern, Gelegenheit zum Ge⸗ ſpräch über die höchſten Intereſſen des Lebens, die in ſo nahem Verhältniß zu den Intereſſen der Geſellſchaft ſtehen. Im Grunde glaube ich, daß ich dieſe Anſtalt zu lieben anfange, während ich von ihr ſchreibe, und weun ich an ihr freundliches Benehmen gegen dieſen Mann und gegen viele ſeines Gleichen denke. Iſt es nicht etwas Schönes und Großes, wenn das höchſte bürgerliche Leben der Ge⸗ ſellſchaft auch den geringſten Menſchen, der ſich deſſen nicht unwürdig macht, ſo aufnimmt, daß es ihn ſeines Lichtlebens theilhaftig macht, wenn er an ſeinem Arbeits⸗ leben Theil nimmt? Aber dieß iſt es juſt, was der chriſt⸗ liche Socialismus beabſichtigt. Und wohl kann er im Bewußtſein deſſen muthig den Spott und Hohn ertragen, welchen die große Geſellſchaft noch oft auf ihn wirft, und ſein Angeſicht dem ewigen Lichte zugewandt, getroſt ſagen, wie Mr. A.(der Geiſtliche und Farmer) bei un⸗ ſerem Abſchied zu mir ſagte: Wir fühlen, daß wir hier auf keinen Menſchen treten. Aber meine Bedenklichkeiten gegen das Loſe in dieſer beſondern Formation bleiben noch immer. Auf dem Dampfboot im ſtillen Geſpräch mit meinen Freunden entwickelten wir die Fragen noch weiter. Ich wiederholte meine Einwürfe gegen dieſes Gebände ohne feſten Grund. Channing hatte guten Glauben daran, denn er iſt der Anſicht, daß die tieferen Geſetze des Denkens und Lebens ſich nothwendig aus der Menſchennatur entwickeln, wenn man es ihr überläßt, ſich ſelbſt zu prüfen und zu ver⸗ ſuchen. Was ich verlange, ſagte er, das wurde im Phalanſtère noch kommen, und zwar auf einem neuen Wege und mit ſtärkerer Ueberzengung kommen. Ich glaube wie Channing, daß es kommen muß, weil die Menſchennatur dieſe Keime ewiger Ideen in ſich trägt, ——„— ——„—————————„„ ——— ——————— ——— nn in n, e⸗ n. en an en es e⸗ en es ts⸗ ſt⸗ im en, nd oſt mn⸗ ier ſer em den lte nd. der ens enn e im uen Ich die ägt, 105 und ſie in allen Zeiten entwickelt hat. Alle geſchichtliche Religionen und Philoſophien, religiöſe Vereine u. ſ. w. zeugen hiervon. Aber ich bleibe dabei, daß ich die So⸗ cialiſten frage: warum nicht die bereits gethane Arbeit aufnehmen und fortſetzen? Warum nicht das Bewußt⸗ ſein des Menſchengeſchlechtes, das allgemeine Bewußtſein von ſich, von ſeinem Leben und ſeiner Beſtimmung auf⸗ nehmen? warum ſich bemühen eine bereits vollendete Ar⸗ beit noch einmal zu machen? Das heißt Zeit und Kräfte vergeuden, die beſſer angewandt werden könnten. Aber vielleicht iſt hier etwas Neues, was ich noch nicht klar ſehe, ein neues Anfangsprincip. Soviel iſt mir indeß klar, daß die Andern es auch nicht recht klar ſehen. Sie gehen tappend ihres Wegs. Möglicherweiſe werden ſie von einem Inſtinkt geleitet, der hellſehend iſt. Ich werde auf dieſe Anſtalt und auf dieſe Zwecke zurück⸗ kommen. Dieſes Phalanſtöre iſt für den Augenblick das ein⸗ zige, das in den Vereinigten Staaten beſteht. Es hat noch viele andere gegeben, aber ſie ſind alle geſcheitert und untergegangen durch die Schwierigkeit, das Inlereſſe der verſchiedenen Mitglieder und ihr ſtetes Zuſammen⸗ wirken für die Idee des allgemeinen Lebens der Anſtalt rege zu halten. Die Enthuſiaſten haben arbeiten müſ⸗ ſen, die dumpfen Geiſter haben von ihnen gelebt: die Erſteren haben Alles thun müſſen, die letzteren thaten Nichts Fouriers Theorie von der Anziehungskraft der Arbeit iſt durch eine Menge fauler Naturen faktiſch wider⸗ legt worden. Die Freunde der Theorie behaupten zwar, ſie ſei nicht auf die volle Probe geſetzt worden, weil die Menſchen noch nicht zu der Arbeit erzogen worden, die ſie anziehe. Aber wir werden ſchon ſehen. Daheim in Roſenhütte, in dem ſtillliebenden Fami⸗ lienkreis ruht es ſich lieblich nach der Expedition in's Phalanſtöre. Auch hier beſtehen meine ſchönſten Augen⸗ blicke im ſtillen Umgang mit den beiden Gatten, wenn 106 wir miteinander ſprechen und Amerikas Dichter zuſam⸗ men leſen. Auch hier iſt Lowell ein Günſtling, und es iſt ein Vergnügen Rebekka ſeine Gedichte leſen zu hören oder auch andere Gedichte, denn ſie liest ausgezeichnet gut. Markus verläßt das Haus gewöhnlich unmittelbar nach dem Frühſtück, aber während deſſelben nimmt er ſich oft einen Augenblick, um uns etwas Bedeutungsvolles aus Zeitungen oder Büchern vorzuleſen, meiſtens etwas, das geſellſchaftliche Fragen und Verbeſſerungen betrifft. Er iſt ungemein beſchäftigt mit dem Unternehmen, ein Bad und Waſchhaus im großen Styl zum Vortheil des armen Volts in New⸗York zu bauen, und eine Sub⸗ ſcription dafür zu Stande zu bringen. Jetzt muß ich Dir Einiges von H. W. Channing erzählen, denn er iſt einer der beſten Freunde des Hau? ſes und hängt mit Springs ſowie mit dem geiſtigen Leben des Landes auf eine eigenthümliche Weiſe zuſam⸗ men. Er war vor einigen Jahren Prediger in einer unitariſchen Gemeinde in Cincinnati; aber die Stube(die unitariſche) wurde ihm zu eng, er konnte darin nicht frei an Seele und Herz athmen, und deßhalb entſagte er ſeinem Amt, das er nicht mehr mit gutem Gewiſſen verwalten zu können glaubte, obſchon ſeine Gemeinde, die ihm ſehr ergeben war, alles that, um ihn zum Blei⸗ ben zu beſtimmen, und obſchon er nicht wußte, wie er künftig ſich, ſeine Frau und zwei Kinder verſorgen ſollte. Aber er dachte wohl wie der glaubenskräftige alte Pa⸗ triarch, als er dem Ruf des Höchſten gehorchte: der Herr ſorgt wohl für das Opfer.— Der liebe Gott that es durch ſeine Ausgeſandten. Markus S. und einige ſeiner Freunde verſammelten ſich und ſchrieben einen Brief an Channing. deſſen Haupt⸗ inhalt war: Kommen Sie zu uns; ſeien Sie unſer gei⸗ ſtiger Lehrer und Leiter, aber in vollkommener Freiheit; folgen Sie Ihren Eingebungen; predigen, ſprechen Sie, wann und wo es Ihnen gefällt; ſtreuen Sie den Samen es en ret ar ich es 18, in es b⸗ u⸗ en m⸗ ner die cht gte ſen de, lei⸗ er te. Ba⸗ err es ten pt⸗ gei⸗ eit; ie, nen 107 des ewigen Lebens aus, wie und wann Sie es für gut finden. Wir werden zuſammen Ihr irdiſches Auskommen zu ſichern ſuchen. Leben Sie kummerlos und glücklich, wie und wo Sie wollen; lehren Sie uns bloß, wie wir leben und wirken ſollen; unſere Häuſer und unſere Her⸗ zen ſtehen Ihnen offen.— Channings Antwort auf dieſes Anerbieten zeugt von dem edeln Sinn und Ernſt ſeines Herzens. Er kam. Und ſeitdem hat er der an ihn er⸗ gangenen Einladung gemäß gelebt, indem er bald in den Gefängniſſen, bald bei religiöſen und ſocialen Feſten und Vereinen, oder auch als Redner über ſociale Fra⸗ gen in New⸗York, Boſton und andern Städten auftrat, wobei er ſeinen Eingebungen folgte, und durch ſeine ge⸗ niale, ſchön begabte Natur Seelen erweckte und Herzen erwärmte, überall wo er auftrat, ein höheres Leben hervorrief, den Samen des ewigen Lebens ansſtreute und allenthalben matte Flämmchen wieder anblies. Zu ſeinen Freunden kommt er wann er will, oft unerwar⸗ tet, aber immer erſehnt und warm bewillkommt. Für H. W. Channing ſteht in ihrem Hauſe immer ein Zim⸗ mer bereit. Der gute Markus hegt eine ſolche Vereh⸗ rung für ideelle Gaben und Thätigkeit, und beſonders eine ſolche Anhänglichkeit an Channing, daß es ihm Freude macht, ihm ſelbſt wie ein Diener zu dienen, ſeinen Man⸗ telſack zu tragen, irgend eine gröbere Arbeit für ihn zu verrichten, und Rebekka und er gehen mit dem Gedanken um, in der Nähe der Palanſtère ein Haus für ihn zu bauen. Der Gedanke daran und an Channings Zufrie⸗ denheit machte Rebekka ganz glückſelig. Ach, Agathe! unter ſolchen Menſchen zu leben!— Es lohnt ſich der Mühe über das Weltmeer zu kommen, bloß um ſie ken⸗ nen zu lernen. Nächſten Sonntag wird Channing einen Vortrag in New⸗York halten und ich werde mit Springs hinfahren, um ihn zu hören. Ich befinde mich ſo wohl bier in Brooklyn, in dieſem Hanſe, bei dieſen Chegatten und den 108 ſchönen Kindern. Hier iſt es auch ruhig und ſchön. Ich kann allein und ſtill umherwandeln, allein lauge Ausflüge in die Gegend machen. Unter den Bäumen hier bemerke ich prächtige Hängeweiden, wahrhaft koloſſale Bäume. Sie ſind noch ganz grün. Die Trauben ſind reif im Garten. Markus braucht blos die Hand über den Erker in den Garten hinauszuſtrecken, wo Weinreben eine Laube bilden, um die ganze Hand voll ſchöner Trauben zu be⸗ kommen, womit er uns dann bewirthet. Und ich ſpa⸗ ziere oft in einem langen gewölbten Rebengang und pflücke und eſſe. Die Trauben ſind hell, violett, klein, recht ſüß und angenehm, haben aber immer zu innerſt einen kleinen, dicken Klumpen, der ſäuerlich und unreif iſt. Das ſoll den Trauben hier zu Lande eigen ſein. Die Veranda, die das Haus auf der Vorderſeite ſchmückt, prangt jetzt mit den ſchönſten Chryſanthemen. Im Som⸗ mer follen eine Menge Kolibri die Roſen⸗ und die Gais⸗ blatthecken unflattern. New⸗York. Ninth-Street. Donnerſtag, den 15. November. Wieder eine Unterbrechung von mehreren Tagen! Mein liebes Kind, das Leben iſt für mich wie ein raſcher Strom und ich muß mit ihm fahren und zuſehen, daß ich das Leben behalte. Nähere Beſchreibung der Fahrt und ihrer Abentheuer muß ich aufſchieben, bis wir uns wieder treffen. Jetzt kann ich Dir blos das Weſentlichſte aufzeichnen. Letzten Sonntag Vormittag war ich mit meinen Freunden in der Kirche, einer ſchönen Kirche mit farbigen Glasfenſtern, die ihr eine etwas düſtere Be⸗ leuchtung geben. Man iſt hier ſo bang vor dem Son⸗ nenſchein. Die Kirche war gut, aber der Prediger, ein üge rke me. ker ube be⸗ p. und ein, erſt reif ein. ückt, om⸗ ais⸗ gen! ſcher daß Fahrt uns ichſte mit mit Son⸗ , ein 109 Unitarier, von der dürftigſten Sorte. Abends fuhren wir nach New⸗York, um Channing zu hören. Es iſt immer ein ſolches Gedränge und eine ſolche Rührigkeit auf der New⸗Yorker Seite des„East River,“ daß es mir zu Muthe iſt, als müßte man für Leib und Leben kämpfen. Gleichwohl ſoll höchſt ſelten ein Unglück vorkommen. Ich freute mich ungemein Canning hören zu dürfen, deſſen ungewöhnliches Talent als Stegreifredner ich ſo ſehr prei⸗ ſen hörte. Der Saal, wo der Vortrag gehalten werden ſollte, mochte ungefähr 500 Perſonen faſſen und war ganz voll. Er war wie ein Amphitheater gebaut in ſchmalem Halbkreis. Channing kam herein und begann damit, daß er ſich in einem Gebet ſammelte, obwohl ſtehend und gegen die Gemeinde gewandt. Sodann ſprach er zu ihr, aber mit geſenkten Blicken und in einer ab⸗ geriſſenen, beinahe lebloſen Art. Das Thema, das er die Verſammlung mit ihm zu überlegen bat, war die Gemeinſchaft der Heiligen; einige ſchöne Andeutungen kamen vor, aber das Ganze war ſo ohne tieferen Zu⸗ ſammenhang, ohne Entwicklung, und wurde ſo ohne Le⸗ ben und Wärme vorgetragen, daß ich mich höchlich ver⸗ wunderte. Iſt das, dachte ich, amerikaniſche Beredſam⸗ keit? Iſt das der geniale Redner, den ich ſo oft preiſen hörte? Und dieſe geſenkten Blicke, dieſe Unbeweglichkeit, woher kommt das? Aber jetzt hörte ich Rebekka ihrem Manne zuflüſtern:„Was iſt doch an Channing? Sollte er unwohl ſein? Er gleicht ſich gar nicht.“ Das tröſtete mich, denn ich vernahm, daß dieſer Zuſtand bei Channing etwas Ungewöhnliches war. Er war ſich wirklich nicht gleich. Der begeiſterte Ausdruck, den ich ſo oft bei ihm geſehen hatte, war verſchwunden. Ein paarmal hielt er an, und ſchien ſich ſammeln zu wollen, aber die Rede wollte den⸗ noch keinen Fortgang nehmen. Es war peinlich dieß anzuſehen. Endlich ſchloß Channing ſeinen Vortrag. Und jetzt trat er mit einer ſeinen, beinahe hektiſchen Röthe auf ſeinen Wangen ein paar Schritte vor und 110 ſagte: Ich fühle das Bedürfniß mich vor der Gemeinde zu entſchuldigen wegen der gänzlich unbefriedigenden Art, wie ich mein Thema ausgeführt habe, und die davon her⸗ rührt, daß ich dieſen Abend einen gänzlichen Mangel an geiſtlichem Leben in mir ſelbſt verſpüre, deſſen ich mir nicht bewußt war, als ich in den Saal trat.“ Die einfache und edle Aufrichtigkeit, mit welcher dieſe Erklärung abgegeben wurde, erfriſchte mich gänzlich, und auch die Art, wie ſeine Freunde den verunglückten Abend aufnahmen. Man ſah, daß ſie dachten: Dieß iſt etwas Unbedeutendes und Channing kann es ein andermal gut machen. No matter(macht nichts). Ein kleiner Kreis von Freunden ſchloß ſich um Channing, während der größere Theil der Gemeinde ſtill den Saal verließ. Später ſagte er zu Markus und Rebekka, er könne ſich die zanberähnliche Schwere nicht erklären, die dieſen Abend ſeine Redefähigkeit gehemmt habe. Er ſei ganz munter, vergnügt über den ſchönen, ſternhellen Abend und voll Redeluſt aus ſeiner Wohnung am Hudſon nach New⸗York gekommen. Aber als er in den Saal getre⸗ ten, ſei er wie gelähmt geweſen und habe die ſchwere, hemmende Kette, die er der magiſchen Einwirkung eines feindſeligen Geiſtes zuzuſchreiben geneigt ſei, nicht abzu⸗ ſchütteln vermocht. Wenn ich indeß manchmal den Glanz in Channings Augen, die feine ſcharfe Röthe auf ſeinen Wangen ſehe, ſo möchte ich fragen, ob nicht ſein an exaltirten Augenblicken reifes Leben die feindſelige Macht iſt, die zu gleicher Zeit das Leben ſteigert und den Tod näher rückt. Der Prometheusgeiſt, welcher das Feuer vom Himmel ranbt, muß noch mit Tagen der Gebundenheit und der Qual dafür büßen. Aber wer kann und wer will wohl den Vogel hindern, die Höhe zu ſuchen, wenn er ſich auch dabei dem Schuß des Jägers ausſetzt, oder dem Seidenwurm zu ſpinnen, wenn er auch ſein eignes Grab ſpinnt? Aus den Fäden, die er geſponnen hat, webt dennoch das Menſchengeſchlecht ſeine Feſtkleider. nde lrt, er⸗ an mir cher ich, kten iſt mal iner end ieß. ſich eſen anz end nach tre⸗ ere, ines bzu⸗ lanz nen an acht iher vom und will er oder nes hat, 111 Am Montag führten mich meine guten Wirthsleute zu Miß Lynch, die in einem der ſtillen und faſhionab⸗ len Quartiere New⸗Yorks wohnt, und ich nahm für kurze Zeit Abſchied von dieſen Gatten, die ſo reinen Herzeus, ſo glücklich mit einander, ſo unendlich gut gegen mich ſind. Aber zu ihnen werde ich zurückkommen, bei ihnen werde ich meine Hauptſtation und meine Wohnung neh⸗ men, ſo oft ich in dieſe Gegend zurückkehre; ſo lantete unſere Uebereinkunft, als ſie mich verließen. Am Dienſtag war ich über Mittag bei Mrs. Kirk⸗ land, Verfaſſerin des guten und kurzweiligen Buches: „Eine neue Heimath im Weſten,“ und Abends ſah ich 60 bis 70 Perſonen aus ihrer Freundſchaft. Unter ihnen beſand ſich ein ſehr angenehmer Mann aus Wisconſin, der mich in ſein Haus einlud und ſich erbot, in dieſem Theil des großen Weſtens meinen Cicerone zu machen. Mrs. Kirkland gehört zu den ſtarken Weibern; ſie beſitzt viel Geiſtesgegenwart, aber auch viel Weiblichkeit, und Seele und Herz, warm als Mutter, Freundin und Bür⸗ gerin, von dem Schlag Menſchen, der mir gefällt, eine Natur, zu der ich mich angezogen fühle. Ihr hübſches Lächeln und der Bliß in ihren braunen Augen, wenn ſie ins Feuer kommt, verräth den Geiſt, der in dem Buch: „Eine neue Heimath“ lebt; aber Unglücksfälle und Wi⸗ derwärtigkeiten ſcheinen ſpäter einen Schleier über dieſes Leben geworfen zu haben. Am Donnerſtag wurde ich in eine Frauenzimmer⸗Akademie, nach dem Namen des Gründers„Rutger⸗Inſtitut“ genannt, eingeführt und ſah da 450 junge Mädchen nebſt vortrefflichen Anſtalten zu ihrer Belehrung und Bildung. Ich hörte und las auch verſchiedene proſaiſche ſowohl als poetiſche Compo⸗ ſitionen der jungen Mädchen, und ich mußte die Klarheit der Gedanken, die Vollendung der Sprache, überhaupt den wachen, ſchönen Sinn fürs Leben bewundern, den dieſe Erzeugniſſe verriethen. Eigentliches Genie ſah ich nicht darin, und ich verſpreche mir auch nicht viel Gutes von der Oeffentlichkeit, die man ſolchen Jugendprodukten hier gibt. Ich fürchte, ſie könnte Ehrgeiz erwecken und eine Reigung, großes Gewicht auf eine literariſche Wirk⸗ ſamkeit zu legen, die viele jugendliche Gemüther bethört, während gleichwohl nur ſehr Wenige von der Göttergabe des Genies emporgetragen werden, denn ſie iſt das Ein⸗ zige, was ſowohl die Literatur als ihre Pfleger zu etwas Tüchtigem emporhebt. Ich fürchte, daß man ſie über einem Scheinleben die Schönheit des Lebens ver⸗ geſſen läßt, von welchem Byron in dem herrlichen Verſe ſpricht: „Viel ſind der Dichter, doch ohne den Namen.“ Ich habe mir auch die Freiheit genommen, dieß in einem kleinen Vorwort auszuſprechen, das man mich zu einigen dieſer für die Oeffentlichkeit beſtimmten Compo⸗ ſitivnen zu ſchreiben bat. Und in allen Fällen gelten für alle Schriftſteller die göthiſchen Worte im Fauſt: „Erſt müßt Ihr leben und dann könnt Ihr ſchreiben.“ Dieſe jungen Mädchen können noch kaum genug ge⸗ lebt, gefühlt und gedacht haben, um aus eigener Erfah⸗ rung, eigenem Glauben und eigener Ueberzeugung zu ſchreiben. Sie ſchreiben wie man ſingt, nach dem Ge⸗ hör. Gut, vortrefflich iſt es, ſeine Gedanken ſich bald klar machen, ſich gut nnd klar ausſprechen zu lernen. Und dazu ſind dieſe ſchriftſtelleriſchen Proben gut. Aber die Oeffentlichkeit, der Druck, das Auspoſaunen, das Be⸗ lohnen u. ſ. w. iſt das auch gut für ſolche Kinder, für irgend Jemand oder irgend Etwas? Da wo wirklich wahres Genie ſich findet, da bricht es ſich ſeiner Zeit ſicherlich Bahn zu Lorbeeren. „Denn es iſt ein Gott, Weiß ſeinen eigenen Weg Und die Wege aus den Wolken.“ ten nd ſse rt, abe in⸗ zu ſie er⸗ erſe n ge⸗ rfah⸗ 3zu Ge⸗ bald Und rdie Be⸗ für bricht 11½ Nach dem Beſuche im Inſtitut und einem Frühſtück bei der Familie, deren Namen es führt und welche den reichen und faſhionablen in der Stadt anzugehören ſcheint, war ich zu Mittag bei Norries, die einmal wie Du Dich wohl erinnerſt, in Arſta bei uns waren und die mir jetzt auch freundlich ihre Wohnung anboten. Sie wollten mich auch auf den Abend in die Oper füh⸗ ren, aber Miß Lynch hatte große Geſelſchaft, der ich und die mir vorgeſtellt werden ſollte, und ſo fuhr ich zu ihr nach Hauſe, um bis gegen Mitternacht unter einer großen Menge von Leuten den Papagei zu ſpielen. Dieſe Vorſtellungen ſind gar zu ermüdend, denn wohl hundert— mal mußte ich dieſelben Fragen beantworten, die größ⸗ tentheils bedentungslos und trivial ſind, wie man ſie etwa an einen Papagei ſtellen kann, über deſſen Ant⸗ wort man zum Voraus gewiß iſt. Z. B. Haven Sie eine gute Reiſe gehabt von Englaud her?— Wie ge⸗ fällt es Ihnen in New⸗York?— Wie gefällt es Ihnen in Amerika?— Wie lange ſfind Sie ſchon hier?— Wie lange gedenken Sie zu bleiben?— Wohin reiſen Sie von hier aus? u. ſ. w. Allerdings kam mir auch viele wirkliche Herzlichkeit und Seelengüte entgegen, und ich kann mich über das Gefühl, das Viele leitet, nicht täu⸗ ſchen;— aber der Menſchen ſind gar zu Viele. Es iſt ein wahrer Wirbel von Präſentationen und Geſprächs⸗ Brocken, die zu nichts anderem dienen, als die Seele leer und den Körper müde zu machen. Ein gutes ernſtes Geſpräch mit einem ernſten Menſchen wäre eine Erfri⸗ ſchung. Aber kaum konnte ein ſolches begonnen werden, ſo mußte ich den Kopf wenden und wieder antworten auf: Hatten Sie eine gute Fahrt, oder— wie finden Sie New⸗York? oder— wie gefällt Ihnen Amerika? „Solche Feſte ſind unſer Ruin.“ Und dazwiſchen⸗ hinein werde ich von Beſuchen, Briefen und Billeten, Ein⸗ ladungen und Autographen in Anſpruch genommen, ſo Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 8 daß ich keine Zeit für mich ſelbſt habe. Dieſen Morgen hatte ich einen köſtlichen Beſuch von einer artigen Docto⸗ rin, d. h. einer Dame, welche die Mediein ausübt, einer Miß H. Hunt„female physician“(Aerztin), wie ſie ſich nennt, aus Boſton, die mich in ihr Haus einlud, feſt behauptete, ich müſſe kommen, mich nicht loslaſſen wollte, bevor ich es verſpräche, und dabei ſo voll von über⸗ fließendem Leben und ſo unwiderſtehlich luſtig war⸗ daß wir, ſie, ich und die gauze Geſellſchaft einmal ums andre in lautes Lachen ausbrachen. Dabei lag in ihren Aeuße⸗ rungen ſo viel Gutes und wahrhaft Kluges, und ich fand bei der eifrigen kleinen Perſon ſo viel Herz, daß ich ſie liebgewinnen und ihr das verlangte Verſprechen geben mußte. Bei ihr war ein Frauenzimmer, das ebenſo ſtill war, als ſie beweglich, ein weiblicher Profeſſor der Phrenologie, den ich ſtark im Verdacht hatte, daß er es auf meinen Kopf abſehe. Aber mein armer Kopf hat jeßt genug zu thun, um ſich in den Wirbeln des Geſell⸗ ſchaftslebens aufrech tzu erhalten. Den Vormittag habe ich mit Mrs. Kirkland auf Beſuchen zugebracht und um 6 Uhr werde ich bei dem Conſul Habicht zu Mittag eſſen, unſerem ſchwediſchen Conſul in New⸗York⸗ der ſehr gefällig und ſehr artig iſt, aber— entſetzlich ſpät zu Mittag ißt. Morgen werde ich von einer furchtbar leb⸗ haften Mrs. Laurence nach ihrem Loandſitz, den Hudſon hinauf entführt und dann am Samſtag wieder nach Hauſe gebracht, um bei Miß Lynch eine Menge Leute zu ſehen. Und ſo ſind die ganöe Zeit über meine Tage in Anſpruch genommen. Sonntag, den 18. November. Ich habe jetzk vor dem Gottesdienſt ein Stündchen, um mit Dir zu plaudern. Du mußt wiſſen, es iſt wirk⸗ lich me ten und Sachen abmühen kann. Ich beginne Achtung rkwürdig, wie ich mich den ganzen Tag mit Len⸗ en 02 er eſt te, er⸗ and ſell⸗ 115⁵ vor mir ſelbſt zu bekommen. Aber man muß wirklich ſtark ſein als Fremdling und Gaſt hier zu Lande. Vorgeſtern holte Mrs. L.(eine gute Vertreterin des überwallenden Jugendlebens bei den Bewohnern der neuen Welt) mich und Miß Lynch nach ihrer Villa am Hudſon ab. Aber zuerſt zu einem Morgenbeſuch bei einer reichen Frau, die Morgen⸗reception hatte, ſodann zu einer S0jährigen Quäckerin, der ſchönſten Matrone, die ich je geſehen habe, einer Dame, die mir in den feinen weißen Quäckerkleidern und ihrem Flor wie ein leibhaftiger Feſttag erſchien. Ich zeichnete ihren Kopf in mein Album zum großen Vergnügen der Mrs. L., welche die Leute bat, zu kommen und mein Kunſtwerk anzuſehen, bald auch wieder mich anzuſehen, während ich ſelbſt es betrachtete. Hierauf fuhren wir in ein gro⸗ ßes Irrenhaus, genannt Bloomingdale, und hier war ich entzückt über die in allen Stücken ſich kundgebende liebevolle Sorgfalt um die Narren; eine Sorgfalt, in Folge deren dieſe unglücklichſten Geſchöpfe der Erde wie die beſten Kinder des Hauſes behandelt werden. Man hörte aus mehreren Zimmern Muſik, denn es gibt eine Menge Klaviere in der Anſtalt und die Geiſteskranken ſcheinen an der Muſik ganz beſondere Freude zu haben; außer dem Haus pflegten ſie Blumen und beſchäftigten ſich mit Pflanzungen in den Gärten, im Haus machten die Frauenzimmer künſtliche Blumen. Es war auch ein Muſeum mit Mineralien, Schnecken, ausgeſtopften Vö⸗ geln und andern Thieren da, überdieß eine Bibliothek und andere Dinge, ſämmtlich berechnet, das Intereſſe der Geiſteskranken zu wecken, und ſie von ihrer kranken Selbſtanſchauung zur Anſchauung ſchöner Gegenſtände und Beſchäftigung mit ihnen zu lenken. Der Park um das Haus war groß und ſchön, und in den vielen Gän⸗ gen konnten die Patienten ungeſtört umherwandeln, die Schönheit des Landes genießen und unter den Bäumen ausruhen. An Blumen war ein wahrer Lurus vorhan⸗ den, und überall ſtieß man auf angenehme Gegenſtände, außer natürlich in den armen Narren ſelbſt. Und gleich⸗ wohl auch in ihnen, denn man ſieht in ihnen Gegen⸗ ſtände großer Barmherzigkeit, welche die ſchönſten Früchte trägt. Denn dieſe überall in den Vereinigten Staaten eingeführte Behandlungsmethode der Geiſteskranken wirkt ſo wohlthätig, daß ihre Heilung zur Regel, ihre Unheil⸗ barkeit zur Ausnahme gehört, wenn ſie nämlich gleich zu Anfang der Krankheit in dieſe vortrefflichen Anſtalten gebracht werden. Vom Irrenhauſe weg ſetzten wir un⸗ ſere Fahrt auf das Land fort. Auf dem Weg ſprang unſere Wirthin häufig ganz lestement aus dem Wagen, bald um einen Korb mit Kuchen, bald um etwas anderes für ihre Haushaltung zu holen, bald um für mich und für Miß Lynch Blu⸗ menſträuße zu kaufen. Endlich kamen wir bei der ſchö⸗ nin Villa Foreſt Hill am Hudſon an, wo wir einen gro⸗ ßen Familienkreis verſammelt fanden, und wo Mr. L., ein würdiger alter Gentleman und Quäcker, eben ſo ſtill als ſeine Frau an Leib und Seele beweglich iſt, uns zum Mittageſſen erwartete, einem tüchtigen und delikaten Mahle, wie noch alle, denen ich hier zu Lande angewohnt habe. Abends hatten wir eine Geſellſchaft von ungefähr 60 Perſonen. Sie war angenehmer als ich glaubte, und ermüdete mich weniger. Aber ach, was dieſe Amerikaner und beſonders dieſe Amerikanuerinnen fragen und fragen können! Meine heitere Wirthin(ſie gleicht Amalie A., hat aber noch mehr Lebensgeiſter) er⸗ friſchte und beluſtigte mich wahrhaftig. Sie war ſo voll von ungekünſteltem, friſchem Leben, ſo z. B. ſang ſie und zwar recht hübſch, aber in dem Lied kam eine Stelle vor, die ihr offenbar zu hoch war; als dieſe Stelle das nächſtemal wieder kam, hielt ſie plötzlich ein, juſt als wollten die Töne in ihrem Hals ſtecken bleiben, ſtand auf und verließ das Klavier ſo unbekümmert, als hätte ſie für fich allein geſungen, und begann mit eini⸗ Y E lie fin ſta ſah es den Fli gle bez ſpie alle Fü Da ſing Fri ſell Fre jede Lau bra Mi übe was Lau etw drei aber End de, ich⸗ en⸗ chte ten irkt eil⸗ zu ten un⸗ anz mit ung u⸗ hö⸗ 117 gen Perſonen in der Geſellſchaft zu ſchwatzen und zu lachen. So etwas iſt artig und muntert alle Welt auf. Mr. L. iſt ein ſchöner, alter Herr, der mir ſehr gefiel. Er iſt der zweite Gatte ſeiner Frau und dieſem Fami⸗ lienleben liegt eine romantiſche Liebesgeſchichte zu Grund, ſo ſchön und edel, wie man ſie in Romanen nicht oft findet. Ich ſchlief gut und erwachte daran, daß ich einen ſtarken, hellrothen Schein durch die Jalouſien eindringen ſah. Ich dachte an Feuersgefahr und ſtand auf. Aber es war die Morgenröthe, die mit hellrothen Flammen den Himmel, die grünen Höhen, den ſpiegelglatten Fluß und die Segel, welche ruhig ſchliefen und ſich gleichſam von ihr wecken ließen, beleuchtete. Es war bezaubernd ſchön. Ich wurde bet dem herrlichen Schau⸗ ſpiel wach an Seeele und Gemüth. Dieſe Aurora, die alle Dinge, lebendige und todte, küßt und verklärt!... Für ſolche Erſcheinungen und Stenen taugen bloß König Davids Lobgeſänge:„Singet dem Herrn ein neues Lied, ſinget dem Herrn alle Welt.“ Die ſchöne Morgenſtunde verging und ich ging zum Frühſtück hinab. So begann des Tages Plage mit Ge⸗ ſellſchaft in und außer dem Hauſe und mit den ewigen Fragen, die mir keinen ruhigen Angenblick ließen und jedes aufkeimende Gefühl des Vergnügens über die ſchöne Landſchaft zerſtörten. Einige hübſche junge Mädchen brachten mich ganz beſonders zur Verzweiflung durch ihr: Miß B., haben Sie den Telegraphen da geſehen, da über dem Fluß?— Miß B., ſehen Sie die Eiſenbahn⸗ wagen da unten? und: Miß B., ſehen Sie das hübſche Laubwerk an den Ufern? und Miß B., haben Sie ſo etwas auch in Schweden?— Solche Fragen zwei oder dreimal anzuhören und zu beuntworten iſt ſchon viel; aber wenn ſie 6— 7mal wiederholt werden und man kein Ende abſieht!... Ganz unglücklich ſagte ich zuletzt zu Mrs. L.: ich könnte Morgens nicht in Geſellſchaften 118 gehen, ſondern müſſe in dieſer Zeit ein wenig allein ſein; und ſie nahm dieß gut und freundlich auf und ſagte es den jnngen Mädchen, die es auch artig hinnahmen und mich in Ruhe ließen. Aber ich fürchte, daß die jungen Leutchen hier mit der Natur auf eine Art leben, wie man nicht ſollte, und daß ſie über Eiſenbahnwagen und glitzernden äußern Dingen vergeſſen, eine Lehrerin und Freundin in ihr zu ſehen. Sie würden ſonſt weni⸗ ger ſchwatzen und mehr hören, oder auch etwas mehr Ueberlegung haben. Aber es iſt nicht ihre Schuld. Vormittags wurde ich nebſt dem Geſchichtſchreiber Bancroft und Anna Lynch von meiner Wirthin im Wa⸗ gen umhergeführt, um bei verſchiedenen Nachbarn Be⸗ ſuche zu machen. Ich ſah in ihren ſchönen Villen eine Menge ausgeſuchten Comfort und ſchönen Luxus, auch an Gemälden und Statuen. An einem Ort aber ſtieß ich auf eine ſchreckliche Löwenjägerin, die uns mit Ge⸗ ſchwatze, Albums, Bitten um Autographen, Subſcrip⸗ tionen u. ſ. w. plagte, und uns bis in den Wagen, wo⸗ hin wir uns flüchteten, verfolgte, indem ſie Mr. Ban— croft nachrief, er ſolle ihr doch ſagen, wo er wohne. Fahr' zu, fahr' zu! riefen wir lachend, und fuhren in aller Haſt an die ſogenannte„high bridge,“ einer gigan⸗ tiſch hohe Brücke über den Harlem, wo wir ein herr⸗ liches Naturſchanſpiel ſahen. Ja, reich und ſchön erſcheint mir die Natur hier. Wer ſie nur mit einiger Ruhe und Ueberlegung betrachten dürfte! Aber hier in der Um— gegend von New⸗York wird man jeden Augenblick ge⸗ zwungen, den Kopf oder die Aufmerkſamkeit dem Acguadukt zuzuwenden, der das Waſſer von dem Crotonfluß nach New⸗York leitet, einer großartigen, vortrefflichen Ein⸗ richtung, unſchätzbar für die große Stadt, für mich aber oft ſehr läſtig. Doch jetzt weiter auf unſern Weg! Auf der ganzen Fahrt ſchwatzte, lachte und ſcherzte unſere Wirthin mit unverſiegbarer Luſtigkeit. Der Wagen hüpfte auf ſchlechten Wegen wie ein ſpringendes Kalb über ein gte len die en, en rin ni⸗ ehr ber ba⸗ Be⸗ ine uch ieß He⸗ rip⸗ vo⸗ an⸗ ne. in an⸗ err⸗ eint und lm⸗ ge⸗ dukt rach Fin⸗ ber Auf ſere pfte über 119 Stock und Stein. Ich ſaß vor lauter Müdigkeit ſtill und geduldig da. So fuhren wir am Land und Ufer herum; ſo endlich zurück, um zu Mittag zu eſſen, Ge⸗ ſellſchaft zu ſehen, Autographen zu ſchreiben u. ſ. w. So im Galopp nach New⸗York, wohin Downings kom⸗ men ſollten, um mich zu begrüßen, und wo wir in gro⸗ ßer Abendgeſellſchaft bei Miß Lynch zuſammenſein ſollten. Downings waren bereits im Salon der jungen Dichterin, als ich kam. Und ich war ſo froh, ſie zu treffen und mich in voller Freiheit ein wenig vor ihnen ausgießen zu dürfen, daß ich mich aufeinmal ganz ausgeruht fühlte. Und wenn Du mich ein Paar Secunden ſpäter in einer Geſellſchaft von 100 Perſonen geſehen hätteſt, ſo hätteſt Du nicht ahnen können, daß ich ein Paar Stunden vor⸗ her müde und erſchöpft geweſen war. Das Vergnügen, Downings zu ſehen, belebte mich nebſt verſchiedenen ſchönen, anſprechenden Freundſchaftsbeweiſen. Mr. Dow⸗ ning war dieſen Abend ſo hübſch, daß er durch ſein un⸗ gewöhnlich„diſtinguirtes“ Ausſehen allgemeine Auf⸗ merkſamkeit erregte, als er unter der Menge umherwandelte mit ſeinem verſchloſſenen Weſen, ſeinem tiefen, ſprechen⸗ den Auge, ſeinem halb ſchüchternen, halb ſtolzen Ausdruck. Die Geſellſchaft bei Miß L. war an dieſem Abend ausgezeichnet ſchön. Ich ſah einige prächtige Toiletten und prächtige Geſtalten unter den Frauenzimmern. Die Männer ſind im Allgemeinen nicht ſchön, aber ſie ſehen mannhaft ans, haben gute Stirnen, klare Augen, ein raſches und beſtimmtes Weſen. Die Wirthin ſelbſt war in ihrer eleganten, aber beſcheidenen weißen Toilette, die für ihre ſchlanke, wohlgeformte Figur vortrefflich paßte, und mit einer weißen Blume in ihrem Haar, die den ungekünſtelt zierlichen kranzloſen Kopf ſchmückte, eine der anmuthigſten Geſtalten der Geſellſchaft, unter der ſie leicht wie ein Sommervogel hin und herſchwebte die Leute einander vorſtellte und ſich ins Geſpräch miſchte auf eine Art, die immer Vergnügen erweckte, mit jenen 120 glücklichen Worten und Ausdrücken, welche man nie findet, wenn man ſie noch ſo ſehr ſucht, die aber gewiſ⸗ ſen Menſchen ganz ungeſucht zu Gebote ſtehen, und zu dieſen gehört Anna Lynch.. Ich zeichnete mich eigentlich als Blumenmädchen aus. Ich hatte nämlich an dieſem Tag eine ſolche Menge Blumen erhalten, daß ich jedem der Franenzim⸗ mer in der Geſellſchaft einen kleinen Strauß ſchenken konnte. Dieſe Blumenaustheilnng machte mir viel Freude, denn ſie verſchaffte mir Gelegenheit, vielen eine kleine Freundlichkeit zu erzeigen. Und ein ſolches kleines Ge⸗ ſchenk oder ein freundlicher Blick iſt beinahe das Einzige, was ich für all die Freundlichkeit, die ich empfange, geben kann. Unter den Gäſten des Abends bleibt mir beſonders eine anmuthsvolle Mrs. Osgood(eine der beſten Dich⸗ terinnen in den nördlichen Staaten) in Erinnerung we⸗ gen ihrer ſchönen, ſprechenden Augen, ihrer ſeelenvollen Art zu reden und zu ſein, und weil ſie mir ihren Fä⸗ cher gab, damit, wie ſie ſagte, ihr Fan(Fächer) mich an Fanny erinnern ſollte. Alle Franenzimmer hier tra⸗ gen Fächer und fächeln und manövriren gewaltig damit; aber ich hatte mir noch keinen angeſchafft. Weiter erin⸗ nere ich mich beſonders noch eines Mannes mit prächti⸗ gen Augen und offenem herzlichem Weſen, mit dem ich gerne noch mehr geſprochen hätte, denn es war offenbar Genie und Herz bei ihm zu finden. Er iſt einer der berühmteſten Prediger der biſchöflichen Kirche von New⸗ York und heißt Hawk. Dieß war mein angenehmſter Geſellſchafts⸗Abend in New⸗York. Später. Jetzt bin ich mit Mrs. Kirkland in der Kirche ge⸗ weſen und habe einige der beſten Predigten gehört, die mir in meinem Lehen vorgekommen ſind; keine ſchwer⸗ nie viſ⸗ zu hen che m⸗ ken de, ine Fe⸗ ge⸗ ge⸗ ers ch⸗ e⸗ en ich ra⸗ it; in⸗ ich ar der ter e⸗ die er⸗ 121 müthige, ſektireriſche Anſchauung von der Religion und dem Leben, ſondern eine ſolche, in welcher die Kirche — eine wahre Domkirche— ſich über dem Leben wölbt wie des Himmels Dom ſich über der Erde und allen ihren Weſen wölbt, eine großſinnige Predigt, ſo recht paſſend für die neue Welt, dieſe große und neue Heimath für alle Geſchlechter der Welt. Bergfalk befand ſich eben⸗ falls unter den Zuhörern und war wie ich ergriffen von der Predigt und dem Prediger Mr. Bellows. Jetzt werde ich mit meinen Freunden Downings im Aſtor⸗ haus zu Mittag eſſen und ſodann den Abend bei einer Familie Sedgewick zubringen. Morgen bin ich bei einem großen Mittageſſen, dann Abends in der Oper u. ſ. w. Donnerſtag. Gibt es in der Welt etwas mühſeligeres, langwei⸗ ligeres, betrübteres, unerträglicheres, abſcheulicheres, vermeſſeneres, leckerhafteres, unausſtehlicheres, etwas das mehr geeignet wäre Seele und Leib zu tödten, als ein großes Diner in New⸗York? Ich meinestheils glaube es nicht. Man ſetzt ſich um halb 6 oder 6 zu Tiſch, ſitzt bis 9 Uhr am Tiſch, ſitzt da und läßt ſich eine Platte um die andere, einen Leckerbiſſen um den andern ſerviren, ißt und— ſchweigt. Ich habe nie eine ſolche Schweigſamkeit gehört, wie bei dieſen Mit⸗ tagsſchmäuſen. Um nicht geradezn einzuſchlafen, mußte ich eſſen, eſſen ohne hungrig zu ſein, und Gerichte, die mir nicht taugen. Und dabeiempfinde ich Regungen von Un⸗ geduld und Zorn über dieſe Art, die Zeit und die guten Gottesg aben zu vergenden und ſich dabei ſo unmenſch⸗ lich zu langweilen, ſo daß ich mich hätte entſchließen können, Schüſſeln und Teller zu Boden zu werfen und die Gaſtfreundſchaft mit einer Straſpredigt zu bezahlen, wennich Kraft geung dazu gehabt hätte. Aber ich ſchweige und leide, 122 bin verdrießlich und ſchimpfe in der Stille. Dieß iſt frei⸗ lich juſt nicht ganz ſchön, aber ich kann nicht helfen. Geſtern war ich bei einem ſolchen Mittageſſen— einem entſetzlichen Schmauſe. Zwei ältere Herren, Advokaten, die mir gegenüberſaßen, ſchlummerten ein wenig, wenn ſie nicht gerade den Mund öffneten, um die Leckerbiſſen einzuheimſen, welche ihnen geboten wurden. Bei unſern Bauernhochzeiten, wo man auch 3 Stunden am Tiſche ſitzt, hat man doch Toaſte, Geſchenke für Brant und Bräutigam und einen Muſikanten, der bei jedem neuen Gericht aufſpielt; aber hier hat man gar nichts als die Speiſen. Und die lebhaften Mahlzeiten in Dänemark! Ich müßte an ſie denken mit ihren wenigen aber guten Gerichten und lebhaften, frohen Gäſten, die nur mitun⸗ ter gar zu laut wurden in ihrem Eifer zu ſprechen und ſich Gehör zu ſchaffen, mit den muntern Einfällen, Scherzen, Geſchichtchen, Toaſten, Reden, dem fröhli⸗ chen, freien, friſchen Sichgehenlaſſen, welches das däniſche Geſellſchaftsleben auszeichnen; bei den Gaſtmäh⸗ lern dort, da gab es ächten Champagner, Champagner für Seele und Leib; es waren die letzten, denen ich in Europa anwohnte, ehe ich hieher kam. Aber dieſe Schmauſereien hier gehören ganz entſchieden der Hölle an, wie Heiberg in„einer Seele nach dem Tode“ ſpricht, und ſie fallen in die Rubrik des Leidigen. Dieſer Tage indeß war mir einmal bei einem großen Mittageſſen das Glück hold und ſetzte mir den intereſſanten Doctor Hawk an die Seite, der mir mit ſeiner ſchönen Stimme und ſeiner klaren, gemüthlichen Weiſe ſeine Anſichten über die Antiquitäten im Centralamerika und ſeine Hypotheſen über Amerikas frühere Verbindung mit Aſien entwickelte. Es war ſehr intereſſant ihn anzuhören und es wäre mir ſehr angenehm, dieſen Mann, deſſen Natur und ganzes Weſen mich gewaltig anmuthet, noch mehr zu ſehen und zu ſprechen. Er gehört auch zu Denjenigen, die mir hier Haus und Wohnung angeboten haben, deren n en e d n ie n , 123 Anerbieten ich aber ablehnen mußte, und hier fühle ich, daß es eine Entſagung und ein Verluſt iſt. Als er mich vom Tiſch wegführte, machte ich ihm den Vorſchlag, gegen dergleichen Schmauſereien zu predigen. Aber er ſchüttelte den Kopf und ſagte lächelnd:„Nicht gegen Schmauſereien, Miß B.!“ Die Herren, auch die beſten, haben ganz entſchieden eine zu große Freude am Eſſen. Als ich bei Nacht mit Anna Lynch nach Hauſe ging, war die Luft ganz lieblich und der Spaziergang in dieſer Nachtluft und auf den ſtillen Straßen(die Trottoirs hier ſind breit und eben wie der Golf) war mir höchſt angenehm. Der Sternhimmel— Gottes Stadt— ſtand mit ſeinen Straßen und Gruppen von leuchtenden Wohnungen in ſtiller Größe und Schweig⸗ ſamkeit über uns. Und hier in der ſtillen ſternenhellen Nacht öffnete Anna Lynch ihre Seele vor mir und ich ſah einen tiefen, ernſten Grund mit klaren Sternen dar⸗ auf, wie ich es kaum erwartet hatte bei dieſem fröhli⸗ chen Weſen, das ſchmetterlingartig im Geſellſchaftsleben wie in ſeinem rechten Element herumſchwebt. Ich hatte ſie immer äußerſt angenehm gefunden, ich hatte ſie darum bewundert, wie ſie ohne Vermögen lediglich durch ihr Talent und ihre perſönliche Wirkſamkeit ſich und einer alten ehrwürdigen Mutter eine unabhängige Exiſtenz verſchaffen und dabei der Mittelpunkt der äſthetiſchen und gebildetſten Geſellſchaft New⸗Yorks werden konnte, die jede Woche ihren Salon beſucht; ich hatte ſie auch um ihren harmloſen Witz, um ihre kindliche Fröhlichkeit und gute Laune bewundert und in ihren Angen hatte ich einen gewiſſen Ausdruck gefunden, gleich als ſuchte ſie mitten unter ihrem zerſtreuten Weltleben etwas„weit, weit weg im Walde;“ mit einem Wort, ich hatte ſie lieb gewonnen und ein böheres Intereſſe geahnt— jetzt iſt ſie mir wahrhaft theuer. Sie gehört zu den Paradies⸗ vögeln, die über die Erde hinfliegen, ohne ihre Schwin⸗ gen im Staub derſelben zu beſchmutzen. Anna Lyuch 124 mit ihrer Individualität und ihrer Stellung in der Geſellſchaft iſt eine der eigenthümlichen Geſtalten der neuen Welt. Abend⸗ und Nachtgeſellſchaften, die ich hier geſehen habe, ſind mit den ſchönſten dieſer Art, wie ich ſie in Schweden und Dänemark ſah, nicht zu vergleichen. Es iſt hier nicht Raum, nicht Licht genug, es ſind nicht Blumen genug da. Vor allen Dingen vermiſſe ich ein Coſtüm, einen Charakter in der Tracht. Die Frauen⸗ zimmer ſind ſchön, ſie kleiden ſich gut und geſchmackvoll, aber einander zu gleich. Die Herren ſind alle gleich in der Tracht. Dieß kann hier nicht anders ſein. Es iſt im Grunde recht und gut, aber es macht keinen pittores⸗ ken Effect. Auch ſcheinen mir die geiſtigen Individuali⸗ täten nicht ſtark genug ausgeprägt, um das äußere Ge⸗ präge zu erſetzen. Aber dazu muß es wohl einmal kommen. In der Oper ſah ich eines Abends einen großen, ſchönen Saal, zierliche Toiletten in den Logen und auf der Bühne als Desdemona eine Prima⸗Donna, gegen die ich juſt nichts hatte, außer daß ſie einen ſo garſtigen Othello lieben konnte. Muſik, Aufführung, Geſang und Scenerie, alles ziemlich gut außer Othello, nichts ſehr gut. Man hätte ſagen mögen: ce n'est pas ga. NRichts, was denken ließ: c'est ea! wie ein Ton ein Blick, eine Geberde von Jenny Lind. Letzten Sonntag Abend wurde in demſelben Saal, wo ich das letztemal Channing hörte, ein Vortrag über chriſtlichen Socialismus gehalten von einem Mr. Henry James, einem reichen und wie man ſagt braven Manne. Seine Lehre war diejenige, welche kein Recht anerkennt, außer das der unwilikürlichen Anziehung, keine Größe, als die Größe der Kraft, keine Verpflichtung, als den Schönheitscultus des Künſtlers, keinen Gott, als das Ueberall und Nirgends des Pantheismus,— eine Lehre, über die es uns auch in Schweden nicht gn Predi⸗ 125 gern gefehlt hat. Nach der Rede, die mit hinreißender Lebendigkeit und blitzendem Witz aus dem Stegreif vor⸗ getragen wurde, erhob ſich Channing und ſagte: wenn die ſoeben ausgeſprochene Lehre chriſtlicher Socialismus ſei, ſo wolle er ſie nicht anerkennen; der Gegenſtand müſſe von Grund aus unterſucht werden; nach ſeiner Anſicht befinde ſich der Redner im Irrthum und nächſten Sonntag wolle er die Frage hier aufnehmen, um die Irrigkeit der aufgeſtellten Grundſätze darzuthun. Die Sache hat Aufſehen erweckt, denn beide Redner ſind Mitarbeiter eines Journals, das der Geiſt des Jahrhunderts heißt, und beide ſind Männer von ausge⸗ zeichneten Talenten. Ich bin froh darüber, denn ich bekomme auf dieſe Art noch einmal Gelegenheit Chan⸗ ning zu hören, bevor ich New⸗York verlaſſe, und zwar in einem der intereſſanteren Gegenſtände des Tags. Den nächſten Brief wirſt Du aus Neuengland von mir erhalten. Kommenden Montag reiſe ich mit Springs dahin ab, um das Dankfeſt zu feiern. Das Haus des geiſtreichen edeln Dichters Lowell wird eines der erſten ſein, wo ich nach dieſer Reiſe und den Feſten ausruhen werde. Ich erhielt von ihm und ſeiner Frau eine Ein⸗ ladung, als ich noch bei Downings war. Aber dann kann ich kaum noch etwas Andres thun, als von Haus zu Haus fahren. Intereſſant aber mühſam. Denn man muß immer vollgeladen ſein, wenn auch nicht juſt mit Geiſt, doch wenigſtens mit guter Laune und Kraft, ſich in der Geſellſchaft angenehm zu zeigen, während man oft ſo müde und widerwärtig iſt, daß man zu nichts an⸗ derem tangt, als in einer Ecke zu ſitzen und zu ſchwei⸗ gen oder zu ſchlafen. Aber Gott ſei Dank geſagt für alles Gute und Erfreuliche! Und um wie viel fröhlicher würde ich nicht dieſes Feſtleben und dieſe anregenden Eindrücke finden, wenn ich nur wüßte, daß Du, meine gute Agathe, auch fröhlich und ein Bischen munter wä⸗ reſt. Viel können wir in dieſer Jahreszeit juſt nicht 126 verlangen. Ich küſſe Mama die Hand, danke für den lieben Brief und umarme Dich über das Weltmeer hinüber. Siebenter Brief. Weſtborongh, den 2. Decbr. 1849. Meine liebe gute Agatha! Ich ſchreibe Dir jetzt aus einem Städtchen in der Nähe von Boſton, während mich die Eiſenbahnwaggons erwarten, die uns heute Mittag um 5 dahin führen ſollen, nämlich mich, Mr. und Mrs. Spring, ihr Söhn⸗ chen Eddy und Profeſſor Bergfalk, den ich auch jetzt verlockt habe mit uns zu kommen. Er darf nicht an⸗ fangen, ſich auch hier in Büchern zu vergraben, wie in Schweden; er muß hinaus, muß zuerſt ein wenig von dem Leben und den Menſchen ſehen und das Dankfeſt, eines der wahren Nationalfeſte der Amerikaner, im Her⸗ zen der Staaten ſehen, wo es entſtanden iſt und noch jetzt herzlich lebt. Wenn der Winter kommt, kann er ſich in ſeine lieben Bücher hineinleſen. Es iſt wahr, es koſtete wenig Mühe, Bergfalk zu überreden, ſondern er kam gern und vergnügt mit. Ich ſchrieb Dir das letztemal aus New⸗York, wäh⸗ rend ich mich dort mit Beſuchen abquälte. Auch in Brooklyn wurde es mir nicht beſſer. Gäſte vom Mor⸗ gen bis zum Abend, und obſchon ich unter ihnen mehrere liebenswürdige Menſchen traf, ſo ſehnte ich mich doch oft nach nichts anderem, als mich niederlegen und ſchla⸗ fen zu dürfen. Ich muß Dir indeß von ſolchen Augen⸗ blicken erzählen, wo das Intereſſe der Stunde alle Schläf⸗ rigkeit und Müdigkeit verſcheuchte und mich wacher machte als je. Unter dieſen ſteht der letzte Sonntag n er —* 8 —— * — — NNM—ꝝ — 127 Abend, wo Channing ſeinen improviſirten Vortrag hielt, oben an. Es war für mich ein wahres geiſtiges Feſt. Er ſtellte die Idee von einem perſönlichen Gott, dem Gott des Chriſtenthums, auf, im Gegenſatz zu dem Ueberall und Rirgends des Pantheismus; er entwickelte die aus der göttlichen Perſönlichkeit hervorgehende Pflich⸗ tenlehre, Gefellſchaftslehre, Schönheitslehre, Unſterblich⸗ keitslehre als für jeden Menſchen und jede menſchliche Geſellſchaft geltend, und wies nach, wie blos auf dieſem Grund chriſtlicher Socialismus oder chriſtliche Geſell⸗ ſchaftlichkeit Beſtand haben und die Menſchheit zu ihrem höchſten Ziel führen könne. Channing unterbrach ſich nicht ein einzigesmal, wiederholte nicht ein einziges Wort bei dieſem Vortrag, der von einer gleichmäßigen Einge⸗ bung getragen mit hinreißender Wärme ohne Uebertrei⸗ bung, ohne Leidenſchaft ausgeführt wurde, niemals ge⸗ gen das Schönheitsgeſetz verſtieß und in ſeiner Polemik auch niemals das Geſetz der Gutherzigkeit verletzte. Nur einmal ſagte er mit etwas ſchärferer Betonung:„Die Per⸗ ſon, welche den Dualismus der Menſchennatur nicht in ſich gewahr geworden iſt, die nicht mit einem niedrigeren Selbſt gekämpft hat, ſteht entweder außer der Menſch⸗ heit, oder iſt ſie tief zu beklagen.“ Der Saal war ganz voll von Leuten und die tiefſte Aufmerkſamkeit waltete vor. Nach dem Schluß der Rede ſchloß ſich ein Kreis glückwünſchender Freunde um Chan⸗ ning. Ich ſah auch den Redner des ftüheren Abends M. H. James zu Channing gehen und freundlich die Hand auf ſeine Schulter legen, indem er ſagte:„Sie haben mir Unrecht gethan, Sie haben mich mißverſtanden.“ Er war blaß und ſchien aufgeregt zu ſein, aber vollkom⸗ men gut. Ich war an dieſem Abend mit Channing allein in einem kleinen Wagen von Brooklyn nach New⸗ York gefahren, und hatte bemerkt, wie er dabei ſeine Gedanken zerſtreuen und ſie mit Gegenſtänden beſchäftigen zu wollen ſchien, die dem Vortrag ganz fremd waren. 128 Jetzt als er mich zum Wagen zurückführte,(er ſollte in New⸗York bleiben, ich aber mit Springs nach Brooklyn zurücktehren) konnte ich beim Abſchied nicht umhin zu ihm zu ſagen:„Wie glücklich müſſen Sie ſich nicht heute Abend gefühlt haben!“—„Ja, o ja,“ antwortete er mit einem halben Seufzer,„aber ich habe ja James wehe gethan!“ Sodann reichte er mir mit ſeinem freundlich ſtrahlenden Lächeln die Hand und ſagte:„Leben Sie wohl, wir wer⸗ den uns am Morgen wieder treffen.“ Aber wann kommt dieſer Morgen? Wir trennen uns jetzt auf lange Zeit. Aber ſoviel iſt wahr, wenn man einen Geiſt wie Chan⸗ ning trifft, ſo muß ſich das immer wie eine Morgenbe⸗ gegnung empfinden laſſen. Einer Abendgeſellſchaft bei Springs erinnere ich mich mit ganz beſonderem Vergnügen. Da fehlte es nicht an Raum, Luft, Blumen; auch waren ſehr angenehme Men⸗ ſchen da. Eine edelſchöne junge Miß Sedgewick dekla⸗ mirte ein Gedicht mit großem Pathos in ihrer Stimme, aber im Uebrigen ganz leiſe. Sie und ihre Schweſter trugen lebendige Chryſantheme in den Haaren. Ein allerliebſtes Mädchen ſpielte eigene Compoſitionen, die von Zierlichkeit und Lebendigkeit ſprühten, auf dem Klavier. Der junge Cranch ſang, man tanzte auch. Es war ein fröhliches, angenehmes Geſellſchaftsleben, wo alle das Ihrige beitrugen, und alle das Leben und einander zu ge⸗ nießen ſchienen. Am Montag Morgen reiſten wir ab, und nahmen den Weg durch Connecticut. Ich verließ New⸗York und Brooklyn, mit dem Gefühl, als ob eine Menge unbeant⸗ worteter Briefe und Einladungen, unbeſuchter Schulen und Inſtitute mir nachſprängen und mich feſthalten woll⸗ ten. Ich hatte ein böſes Gewiſſen. Ich entfloh wirklich vom Schlachtfelde. Ich konnte nicht anders. Hätte ich mich verzehnfachen können, ſo hätte ich nicht ausgereicht, all die Aufforderungen, Einladungen u. ſ. w. zu beant⸗ worten, und ich bin bloß eine einzige Perſon. Aber ich in yn nd m 1 en ⸗ mt it. n⸗ e⸗ ich an n⸗ a⸗ e, ter ein as e en nd t⸗ en ſ⸗ t, 1 129 werde nach New⸗York zurückkommen. Ich will noch einiges mehr von ſeinem Beſten und ſeinem Schlimmſten ſehen; zu dem letzteren gehört derjenige Theil der Stadt, der „ſve points“(ſünf Punkte) genannt wird, von 5 zuſam⸗ menlaufenden Straßen, wo die ſchlimmſte und auch ge⸗ fährlichſte Bevölkerung der Stadt ſich aufhalten ſoll. Ich fragte Mr. D. im Scherz, ob er mit mir durch die„üve points“ gehen wolle. Er antwortete mit Beſtimmtheit: Nein.— Ach, i bello et il buono findet ſich nicht da, aber mehr als das Schöne und Gute ſuche ich die Wahrheit, die Wirklichkeit in allem und überall. Ich muß auch etwas mehr von den„five points“ im vornehmen Leben New⸗Yorks ſchen, denn ich weiß es, hier wie in allen großen Städten gibt es auch im Leben der höchſten Schich⸗ ten der Geſellſchaft die fünf garſtigen oder gefäbrlichen Punkte. Zum erſten Punkt rechne ich die langen leidigen Schmauſereien. New⸗York kam mir im Aeußern als eine allzulär⸗ mende Geſchäftsſtadt vor, ohne Schönheit und Intereſſe. Es ſind ſchöne und ſtille Quartiere mit ſchönen Straßen und Wohnungen da, aber dort iſt das Leben auf den Straßen todt; in Broadway hinwiederum iſt es ein end⸗ loſes Getöſe und Getümmel, ein Drunter und Drüber, und in der eigentlichen City drängt man ſich wegen des theuren Lebens, auch herrſcht da eine ganz verpeſtete Luft. New⸗York iſt die letzte Stadt in der Welt, wo ich woh⸗ nen möchte. Aber ſie iſt auch blos als ein großes Hotel, als ein Karavanſerai für Amerika und Europa zu be⸗ trachten. Auch das iſt wahr, daß ich hier immer ſo beſchäf⸗ tigt und athemlos war, daß ich keine Zeit hatte mich nach etwas Schönem umzuſehen. Dagegen lobe ich mein Brooklyn! Dort kann man ſowohl leben als ſchlafen. Und jetzt weiter auf der Fahrt durch die Thäler von Connecticut zu den kleinen Häuſern in Neuengland, dem Heimathland der älteſten Pilger. Nachmittags kamen wir Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 9 130 nach Hartford. Auf den Abend waren wir zu Mrs. Sigourney, der Verfaſſerin„angenehmer Memoiren von angenehmen Ländern,“ eingeladen, und hier ſchüttelte ich, glaube ich, der ganzen Stadt die Hände, vom Biſchof an, einem ſchönen alten Prälaten, bis zum Schul⸗ mädchen, und ſpielte meine gewöhnliche Geſellſchaftsrolle. Mrs. S., eine ſehr freundliche, etwas empfindſame, aber recht angenehme Frau in grünem Aufzug, ungefähr 50 Jahre alt, mit einem guten mütterlichen Weſen, wollte mich durchaus über Nacht behalten, und ich durfte ſchlech⸗ terdings nicht nach meinem angenehmen Zimmer im Hotel zurückkehren, das ich doch ſo gern behalten hätte, um aus⸗ ruhen und ſchweigen zu können. Am Morgen vergaß ich jedoch die kleine Unannehmlichkeit über dem Frühſtück und dem Geſpräch mit meiner freundlichen Wirthin und ihrer anmuthsvollen einzigen Tochter. Die Sonne ſtrahlte herein und das Haus hatte den Charakter einer guten liebewarmen Heimath. In ſolchen iſt mir immer wohl zu Muthe und ich hätte mögen länger verweilen können. Mrs. S. ſchenkte mir ihre geſammelten pvetiſchen Schrif⸗ ten und ich las daraus ein Gedicht, betitelt: Mein Land, wofür ich ihr die Hand küſſen mußte, ſo ſchön war es und ſo edel und ächt weiblich der Geiſt, der darin wehte. Wie gut und ſchön klingt nicht von einer Mut⸗ ter die Aufforderung an die Erde der neuen Welt: „Mutter zu ſein allen bedrückten Völkern der Erde, eine neue Heimath und Hoffnung zu geben allen Söhnen und Töchtern der Erde, die zu ihrem Schooße fliehen, ihnen ihren Reichthum, ihre Freiheit, ihr Glück, alle die Segnungen, deren ſie entbehren, mitzutheilen.“ Nach der angenehmen Morgenſtunde mußte ich wie⸗ der fremde Leute ſehen und wurde alſo von meiner freund⸗ lichen Wirthin im Wagen ausgeführt, um die Stadt zu beſehen, die mir wohl gebaut und wohl gelegen ſchien. Die öffentlichen Gebände ſind die größten und hübſcheſten von allen in der Stadt. Aber alle ſowohl in als außer rs. ier om ul⸗ lle. ber 50 te tel 18 ich nd rer lte en hl n. if⸗ in ön in t⸗ e, en n, ie u n. n 131 der Stadt zeugen von Wohlhabenheit und Behagen. Zur Mittagszeit verabſchiedete ich mich von meinen neuen Freunden in Hartford und verſprach— wiederzukommen. Von der Eiſenbahn aus begrüßte ich Marcus Springs väterliches Haus, eine ländliche Wohnung, wo er mit mehreren ſeiner Geſchwiſter auferzogen worden, und die ſeine Blicke mit Liebe aufſuchten. Der Mond ging auf und glänzte in den Wogen des Connecticutfluſſes, wel⸗ chem entlang die Eiſenbahn ging. Aus den Fabriken auf der andern Seite des Fluſſes glänzten Lichter. Ich ſah dieſes Schauſpiel wie im Traum eine Stunde um die andere, und ich ſah ſeine Schönheit mehr als ich ſie empfand, denn die Bewegung und das Geraſſel der Eiſenbahn wirkte betäubend und ermüdend auf mich. Ziemlich ſpät kamen wir nach Worceſter, wo wir zum Maire eingeladen waren, der uns zu Ehren an dieſem Abend offenes Haus hielt. Und kaum waren wir ange⸗ kommen, ſo mußten wir Toilette machen und in große Geſellſchaft gehen. Da in der Stadt gerade eine große Zuſammenkunft von Lehrern und Lehrerinnen des Bezirks ſtattfand, ſo füllte ſich das Haus dermaßen, daß man ſich in den Zimmern kaum bewegen konnte, und mein Wirth kannte ſelbſt von Vielen, die er vorſtellte, den Namen nicht. Aber dieß iſt mir ganz gleich, denn die fremden Namen verſtehe und behalte ich jedenfalls nur höchſt ſelten, und die freundlichen Menſchen ſind mir alle höchſt willkommen zu einem freundlichen Händedruck. Wir hatten auch ſchöne und herzliche Bewillkommnungsgeſänge und Blumengeſchenke von ſchönen jungen Mädchen und Männern. Ich ſpielte ihnen das Lied vom Waſſernix vor und Rebekka S. erzählte ſtatt meiner die Legende von dem Nix und dem Pfarrer, deren tiefe Bedeutung immer die Gemüther ergreift und die überdieß eine gute Vertreterin der ſcandinaviſchen Naturpoeſie iſt. Unter den Gäſten in der Geſellſchaft befand ſich der bekannte Schmid und Sprachkenner Elihn Burritt, ein 132 ſehr großer und ſtarkgliedriger Mann mit ungewöhnlich hoher Stirne, großen ſchönen Augen und überhaupt ſchö⸗ nen kräftigen Zügen; ein Mann, der in jeder Geſellſchaft Aufmerkſamkeit erregen würde, ſowohl wegen ſeiner Ge⸗ ſtalt, als auch wegen der ungewöhnlichen Milde und Menſchenliebe im Ausdruck ſeines Geſichtes. Er kam juſt neuerdings von dem Friedenscongreß in Paris, glaube ich, zurück, und ſprach für die Friedensprincipien, von welchen in dieſen Ländern der älteſten Pilger Viele ſpre⸗ chen und lehren. Ich erklärte mich als Freundin des Kriegs, eines guten rechtmäßigen Kriegs, ſo lange we⸗ nigſtens, als der Friede nicht ein großes und gutes Leben auf der Erde hat. Aber wie iſt es noch jetzt während des langen Friedens in den Ländern der Erde? Strecken nicht tauſend Zwerglein ihre Köpfe empor und fechten mit Stecknadeln oder Federſpitzen nach rechts und links, ſtechend und ſcharrend, Kleinlichkeitsſinn, Selbſtſucht, Bitterkeit, kleine Aergerniſſe und armſelige Vergnügun⸗ gen, Verläumdung und Verdruß in jeder Ecke hervor⸗ rufend? Wird nicht der Staat durch tauſend kleine Zwi⸗ ſtigkeiten und lumpige Händel zerſplittert? Da kommt ein ernſter, ehrlicher Krieg juſt gleich dem Rieſen, der die Zwerge zermalmt. Die Menſchen vergeſſen ihre klein⸗ lichen Streitigkeiten über gemeinſamen großen Intereſſen. In dieſen werden ſie wieder Brüder. Und nach dem Rieſen ſommen die Götter und mit ihnen die Erneuung des Lebens. Die Menſchen müſſen noch bedeutend zunehmen an Herz und Verſtand, und der Staat in ſeiner Arbeit, bevor ſie einen allgemeinen Frieden ertragen. Dieſer muß von innen heraus erarbeitet werden. Unter den Fragen, die man dieſen Abend an mich ſtellte, war auch die:„Was denken Sie davon, daß ſo viele Lente kom⸗ men, um Sie anzuſehen?“—„Ich wünſchte uur, daß ich ſchöner wäre,“ antwortete ich der Wahrheit gemäß. Unſer Wirth war ein Mann von angenehmer Per⸗ ſönlichkeit, offen und freundlich wie ein ächter Ameri⸗ m en es en it, ſer en uch m⸗ aß äß. er⸗ ri⸗ 133 kaner; ſeine Frau war eine feine und anmuthige kleine Quäckerin mit dem Gepräge von etwas Friedvollem und Fertigem, was die Frauen dieſer Religionsſekte aus⸗ zeichnet und ſie für mich beſonders anziehend macht; mir gefällt ihr ſtilles Weſen und das trauliche Du, womit ſie Jedermann anreden. Sie hatte ein einziges Kind gehabt und ver'oren, und jetzt hatte ſie einen kleinen Jungen an Kindesſtatt angenommen, der ſie wie eine Mutter liebte und ſich nur in ihrer Nähe recht eigentlich wohl befand. Der nächſte Vormittag wurde mit Beſuchen in ver⸗ ſchiedenen kleinen Häuſern zugebracht, worunter auch meh⸗ rere Quäckerwohnungen, die ſich alle durch Ordnung und Sauberkeit auszeichneten, aber auch, wie mir ſchien, etwas Steifes und Leeres hatten, das mich bedrücken würde. Hierauf ſetzten wir unſere Fahrt nach Oxbridge fort, wo wir das Dankfeſt feiern ſollten. Wir wohnten bei einem neuvermählten Pärchen, einem Doktor und ſei⸗ nem Weibchen, einer Schweſtertochter Springs. Sie hatten ihr Haus nach einer von Downings Zeichnungen gebaut, auch ihren Baumgarten nach ſeiner Anweiſung angelegt, und lebten hier allein ohne Bedienung, denn die Frau beſorgte alle häuslichen Geſchäfte ſelbſt. Und dies ſoll in kleinen Haushaltungen in den Staaten Neu⸗ englands ſehr gebräuchlich ſein, theils der Erſparniß wegen, theils weil es ungemein ſchwer hält, gutes Ge⸗ ſinde zu bekommen. Ich lag bei Nacht in einem kleinen Schlafſtübchen, das der Landesſitte gemäß keine Feuer⸗ ſtatt hatte. Aber die Nacht war ſehr kalt und ich fror dermaßen, daß ich kein Ange zuthun konnte. Dazu über⸗ kamen mich während der langen Nacht einige minder ange⸗ nehme Zweifel, ob ich wohl in die Länge das Leben hier und ſo Manches, woran ich nicht gewöhnt bin, aushalten könnte. Aber als die Sonne aufging, beglänzte ſie ein weißes Kirchlein, das mit ſeinem ſpitzen Thurm auf einer Höhe gerade vor meinem Fenſter aus dem Fichtenwald 134 hervorragte, und die ganze Landſchaft glänzte in der Mor⸗ genſonne ſo friſch, ſo nordiſh, ſo ſchwediſch, daß es mir ganz warm im Herzen wurde und ich mit recht dankbaren Gefühlen das Dankfeſt begrüßte. Die ganze Gegend, welche die Morgenſonne beglänzte, hatte mit ihren Berghöhen und Thälern wirklich große Aehnlichkeit mit dem Land um uns her, und ich dachte an die Weih⸗ nachtfrühſtunde in unſerer Kirche, mit den Lichtern, dem Tannenwald, den beleuchteten Häuschen, dem Bauernvolk, den Schlitten und Glöckchen und dieſem ganzen muntern und feſtlichen Leben. Aber unſere roth bemalten Hättchen waren hier in weiße Häuschen verwandelt, die um ein Gutes wohlhabender ausſahen. Meine Hände waren ſo ſteif vor Kälte, daß ich Mühe hatte mich anzukleiden, und ich zitterte am ganzen Leib, als ich zum Frühſtück in den kleinen Salon hinab⸗ kam, wo hinwiederum der eiſerne Ofen eine wahre Sied⸗ hitze verbreitete. Das Frühſtück war, wie gewöhnlich im Lande, reichlich und gut. Aber ich kann nicht glau⸗ ſe⸗ daß dieſe üppigen, erhitzenden Frühſtücke geſund ind. Nach dem Frühſtück gingen wir in die Kirche, denn dieſer Tag wird im ganzen Land als ein Feſttag betrach⸗ tet. Der Prediger führte alle Gründe zur Dankbarkeit auf, welche der Staat in ſeinen allgemeinen ſowohl als in ſeinen beſondern Angelegenheiten gehabt, alles Gute was er ſeit dem Dankfeſt des vorigen Jahres erlebt habe, und obſchon der Mann offenbar keine poetiſche Natur war und die Geſchichte des Jahrs on this solemn and interesting occasion(bei dieſer feierlichen und intereſ⸗ ſanten Gelegenheit) ſo ziemlich im Chronikenſtyl hielt, ſo wurde ſie dennoch durch ihren Inhalt und ihren Zweck lehrreich und erhaben. Warum haben wir nicht, warum haben nicht alle Völker einen ſolchen Feſttag im Jahre? Er iſt ein Verlangen des edleren Volksherzens und trägt dazu bei, das edelſte Verhältniß der Erde zum himm⸗ es ht ze tit eit m lk, rn en in ich en b⸗ ich u⸗ nd nn ch⸗ eit als ute be, tur nd eſ⸗ lt, eck um e? ägt m⸗ 135 liſchen Geber zu entwickeln. Jetzt haben wir mehrere öffentliche Tage zum Bitten, aber keinen beſondern zum Danken. Dies iſt nicht recht und edel. Ich habe mehrere Perſonen hier über die Entſtehung dieſes Feſtes in Amerika gefragt. Aber es iſt merkwür⸗ dig, wie wenig man ſich über ſeinen geſchichtlichen An⸗ fang klar iſt. Man weiß blos, daß es während der er⸗ ſten Zeiten der Einwanderer in Amerika aufgekommen iſt und ſich dann als Theil und Ausdruck des höheren Volksbewußtſeins in der Kirche feſtgeſetzt hat. Ich habe jedoch erzählen hören— und das kommt mir wahrſchein⸗ lich vor— daß es im Beginn der Kolonie aufgekommen ſei, als nach einer Zeit großen Mangels in derſelben und beim Herannahen einer wirklichen Hungersnoth auf ein⸗ mal fünf Kornſchiffe aus England erſchienen, weßhalb man in Maſſachuſſets lange bei dieſem Feſte jedem Gaſt beim Mittageſſen fünf Fruchtkörner auf den Teller legte, und dieſe Sitte ſoll in gewiſſen Theilen des Staates noch beibehalten werden. Trotz des Sonnenſcheines war es kalt, als wir nach der Kirche durch die ländliche Stadt mit ihren kleinen Höfen und Baumgärten wan⸗ derten und die wohlgekleideten Einwohner ſich heimbege⸗ ben ſahen. Alle Dinge und alle Perſonen verriethen Ordnung und Wohlſtand, ohne Prunk und Luxus. Wir nahmen unſer Mittageſſen in großer Geſellſchaft an einem zugleich reichen und einfachen Tiſche, bei einem von Springs Verwandten ein. Auf den Abend waren wir bei ſeiner Schweſter und ſeinem Schwager, die eine große Farm in der Nähe von Orbridge beſitzen und ver⸗ walten, den Eltern unſerer kleinen Doktorin, bei denen die ganze Familie ſich verſammelte. Die Hausfrau, eine ſtille, angenehme, mütterliche Frau, lady-like in ihrem Benehmen, gleich ihrer Schweſter im Phalanſtère mit innerem Seelenadel und feiner Geiſtesbildung begabt, gefiel mir ungemein, wie überhaupt die einfachen, herz⸗ lichen Leute dieſer Gegend im Allgemeinen; ſie waren 136 weit inniger und weniger zudringlich mit Fragen, als die Leute, die ich in den großen Geſellſchaften getroffen hatte. Wir hatten ein großes Abendeſſen mit den zwei nothwen⸗ digen Dankfeſtſpeiſen: einem Truthahn und Kürbispudding. Und es wird behauptet, daß die Truthähne in den Staaten Neuenglands melancholiſch ausſehen, wenn die Zeit des Dankfeſtes herannahe, denn da wird eine große Ver⸗ wüſtung unter ihnen angerichtet. Der Pfarrer— der Prediger vom Morgen— ſprach einen Tiſchſegen, der lang geſchienen hätte, wenn nicht auch er inhaltsreich geweſen wäre, und ſo nahmen wir ihn als gut hin, ob⸗ ſchon ſeine Wiederholung der Phraſe on this solemn and interesting occasion einige von uns zu einem lächelnden Austauſch von Blicken veranlaßte. Nach dem Eſſen tanzte die Jugend. Ich lehrte das junge Volk„Wall⸗ marweben“ und ſpielte ihnen auf dem Klavier dieſen Tanz vor, der großen Beifall erhielt. Gegen Mitternacht waren wir wieder in unſerm klei⸗ nen Hauſe, wo jetzt Marcus und Rebekka ſich mein frü⸗ heres kaltes Zimmer aneigneten, und man ein Bett für mich in dem hübſchen kleinen Salon aufſchlug, wo ich ein glimmendes Kohlenfeuer hatte und einen Brief von Downings, der mich noch mehr erwärmte, als das Feuer; — es war beinahe des Guten zu viel. Mareus und Re⸗ bekka ſagten, ſie lieben das kalte Schlafzimmer und ſeien daran gewöhnt. Und das mag wohl ſo ſein, aber— ſie ſind auch ſo gut!... Am Morgen brachte mir meine liebe Wirthin Cafee herein, den ſie ſelbſt gekocht hatte, und bediente mich mit ungemeiner Artigkeit. Ich bin dankbar, ſchäme mich aber ein wenig, und würde es nicht annehmen, wenn ich noch jünger und munterer wäre, als ich bin. Bergfalk hatte ebenfalls tüchtig ge⸗ froren, obſchon er bei Springs Schweſter und Schwa⸗ ger gut beherbergt und verpflegt worden war. Am Freitag Vormittag fuhren wir zur Hopedale die te. n⸗ ig. ten es er⸗ er er ich b⸗ nd en ſen ⸗ ſen ei⸗ ü⸗ für ich on er; Re⸗ ien nir cht Ich rer ge⸗ va⸗ ale 137 Community(Gemeinde des Hoffnungsthales), einer klei⸗ nen Sozialiſtengeſellſchaft, etliche Meilen von Orbridge, bei welcher Springs ebenfalls Verwandte und Freunde haben. Der Tag war mild, die Luft weich und die Fahrt über die noch ganz grünen Felder angenehm. Einer von Springs jungen Reffen kutſchirte uns. Hope- dale Community iſt ein kleiner Staat, der gänzlich auf chriſtlichem Grunde ruht und eine patriarchaliſche Ver⸗ faſſung hat. Der Patriarch und Vorſteher, Adin Balon, ein ſchöner älterer Herr, empfing uns, umgeben von ſeiner Familie. Jede Familie hatte hier ihr beſonderes Haus nebſt Baumgarten. Die Meiſten waren Handwer⸗ ker und Ackerbauer. Auch hier wurden wir mit Bewill⸗ kommnungsgeſängen und Blumen empfangen. Auch hier bemerkte ich bei der Jugend ein ungemein heiteres, fri⸗ ſches Leben, und es war angenehm, dieſe lebensfrohen Gruppen im Sonnenſchein zwiſchen den kleinen, gemüth⸗ lichen Wohnungen hinwandeln zu ſehen Die Kirche des kleinen Staates, die zugleich das Schulhaus iſt, erſchien mir indeſſen höchſt unkirchlich. Einige moraliſche Ge⸗ denkſprüche, wie z. B.:„hofft, hofft immer!“ und„ver⸗ ſucht es immer wieder“ u. dergl. ſtanden an den kahlen Wänden zu leſen. Das poetiſche Element war hier etwas lebendiger, als in dem Phalanſtöre von New⸗Jerſey. Das moraliſche bildete indeß auch hier den Kern, und die Poeſie war bloß der Zuſatz, der Zucker auf den Moralkuchen. Wir aßen in einem angenehmen Häuschen zu Mittag. Man ſtellte keine Fragen an die Gäſte, ſondern man begnügte ſich, ſie gut und freundlich zu bewirthen. Ein Neger und ſeine Frau kamen hieher, die Mitglieder der Geſellſchaft zu werden wünſchten. Ich würde mich in Hopedale Community beſſer befinden, als im North-American Phalanxtery, theils wegen der abgeſonderten Wohnungen, theils um des chriſtlichen Glaubensbekenntniſſes, und endlich um des Patriarchen willen, der wie ein Mann ausſah, welcher alles Ver⸗ 138 trauen verdient. Der kleine Staat beſteht ſeit ungefähr ſieben Jahren und zählt etliche und dreißig Familien, wie auch einige unverheirathete Perſonen, im Ganzen etwa 170 Seelen. Jedes Mitglied verpflichtet ſich zum chriſtlichen Glaubensbekenntuiß, zum Nichtwiderſtand und zur Mäßigkeit. Adin Balon hat zum richtigen Verſtändniß in dieſen Angelegenheiten einige Schriften herausgegeben, die er mir ſchenkte. Ueberhaupt ſcheint mir das häusliche ſowohl als das gemeinſchaftliche Leben in der neuen Staatsgeſellſchaft, die ich jetzt beſucht habe, nicht ſehr heiter zu ſein; es bietet wenig Genüſſe für die Intelligenz und den Schön⸗ heitsſinn, iſt aber von Grund aus achtungswerth, ernſt, gottesfürchtig, arbeitſam, und bildet ſomit im Ganzen ein gutes Fundament für ein kräftiges Volksleben. Aus dieſen kleinen Hänſern müſſen ernſte Männer und Wei⸗ ber hervorgehen, Menſchen, die das Leben ernſt nehmen und frühzeitig arbeiten und beten gelernt haben. Die Gemeinde von Hoffnungsthal formulirt ihre Zwecke folgendermaßen:„ein kleiner Anfang zu ſein für die induſtriellen Armeen, die ausziehen ſollen, um die unfruchtbaren Marken der Erde zu unterjochen, frucht⸗ bar zu machen, zu verſchönen und in würdige Wohn⸗ plätze für praktiſch chriſtliche Gemeinden umzuſchaffen, ſowie überhaupt allgemeine Verbeſſerungen zum Wohl der Menſchen einzuführen.“ Praktiſches Chriſten⸗ thum iſt das Feldgeſchrei dieſer friedlichen Eroberer. „Selig ſind die Friedſamen, denn ſie werden die Erde beſitzen.“ Jetzt genng von dieſer Expedition. Obſchon ich mich oft gut unterhalte und mein Intereſſe vieifach angeregt wird, ſo ſinne ich doch beſtändig darauf, wie ich mich mit guter Art davon machen und irgendwo zu einiger Ruhe gelangen könnte. Aber damit ſieht es ſchlecht aus. Jetzt iſt anch die Kälte hieher gekommen, die für mich ein harter Tirann iſt, und heute iſt ein wahrer Sturm. — — ſt n f —— —— ——————„ en e— hr en, en um d en as ft, es n⸗ ſt, en 18 n ie re ie t⸗ 139 Ich möchte nur wiſſen, wie es Dir geht, mein holdes Kind, und ob Du es warm und angenehm haſt in unſrer ſtillen Wohnung zu Stockholm. Möge es ſo ſein, meine Agatha, und möge der Winter nicht zu ſtreng für Dich ſein! Boſton. Maſſachuſetts. Den 2. Dez⸗ Hier bin ich jetzt, mein Herzchen, in einer tüchti⸗ gen Kälte, aber in einem warmen, ſchönen Zimmer in dem großen Hotel Revere Houſe, mit einem glim⸗ menden Kohlenfeuer als Geſellſchaft, und hier eingeführt von Marcus und Rebekka, die mich beſtändig ermahnen: „Machen Sie ſich's komfortabel! Laſſen Sie ſich Nichts abgehen!“ Heute Vormittag bin ich mit ihnen in der Kirche geweſen und habe eine merkwürdige Art von Pre⸗ digt angehört von einem Mr. Parker, einer gewaltigen Natur mit großem Rednertalent, einem Geiſtlichen, der die Moral des Chriſtenthums mit ſtarkem, furchtloſem Geiſt auf die politiſchen und geſellſchaftlichen Fragen des Tages und des Landes anwendet. Er hat einen So⸗ krateskopf, große und wohlgebildete Hände, und ſein ganzes Weſen, ſein Ausdruck und ſeine Geberden erſchei⸗ nen mir ächt originell— der Ausdruck einer beſtimmten und mächtigen Natur. Heute Abend werde ich zu einem ſozialiſtiſchen Meeting gehen, im Fall ich nicht ſo glücklich bin, auf meinem Zimmer bleiben und einen einzigen Abend aus⸗ ruhen zu dürfen. Wenn ich meine Freunde darüber hörte, ſo könnte das freilich wohl geſchehen. Aber ich laſſe mich von dem Strom fortführen, ſo lange ich ihm zu folgen vermag. Morgen fahren wir alle zu Emer⸗ ſons, die in einem Städtchen Namens Concord, unge⸗ fähr eine Stunde Wegs(d. h. mit der Eiſenbahn) von Boſton wohnen; und morgen oder übermorgen fahre ich zu Lowells in der Univerſität Cambridge(ungefähr eine 140 halbe ſchwediſche Meile von hier), wo ich einige Tage bleiben und dann das Nähere über meinen Aufenthalt in Boſton beſtimmen werde. Verſchiedene Wohnungsaner⸗ bietungen, die mir hier gemacht worden ſind, verlocken mich noch nicht. Ich will mich auch an kein Haus bin⸗ den, wenn ich nicht ganz gewiß ſein kann, daß ich mich da recht heimiſch fühlen werde. Der Abſchied von Springs, dieſen guten Menſchen, wird mir hart an⸗ kommen. Sie gehören zu der allerbeſten Sorte von Menſchen, und es iſt unendlich angenehm, mit ihnen zu leben. Meine liebe Agatha! Ich ſchreibe Dir höchſt un⸗ vollkommen von den Dingen und Menſchen hier, aber Dinge und Menſchen laſſen mir keine Ruhe, um von ihnen zu ſchreiben. Um ſo mehr werden wir einmal reden, und um ſo mehr werde ich einmal ſchreiben, denn Perſonen und Verhältniſſe leben hier mächtig in mir und auf eine Art, die mich überraſcht und neu belebt. Ich fühle es jeden Tag, wie durchaus nothwendig für mein ganzes Leben und meine Entwicklung dieſe ameri⸗ kaniſche Reiſe iſt. Dienſtag den 4. Dez. So eben komme ich von meiner kleinen Reiſe mit Springs und Bergfalk nach Concord, der älteſten Stadt in Maſſachuſetts und Waldo Emerſons Reſidenz zurück. Wir fuhren und kamen in einem wahren Schneegeſtöber an. Aber die Eiſenbahnwagen waren ſchön, warm und man ſitzt da vollkommen behaglich, nur daß man mitun⸗ ter tüchtig herumgeſchüttelt wird, denn die Eiſenbahnen dahier ſind bedeutend rauher und unebener als diejeni⸗ gen, anf denen ich in Europa gefahren bin. Emerſon kam uns die kleinen Tannenallee vor ſeinem Hauſe hin⸗ ab, trotz des fallenden Schnees baarhäuptig, entgegen; er iſt eine ſtille, edel ernſte Geſtalt, blaß, mit ſtark — 2 ſ n f ſ c — ge in r en n⸗ ich on n⸗ on zu er on al un ir t. ür ⸗ tit dt er nd n⸗ en i⸗ on n; rk 141 markirten Zügen und Linien, und dunklem Haar. Er ſchien mir jünger, als ich ihn mir gedacht hatte, ſein Aeußeres weniger bezaubernd, aber bedeutungsvoller. Er beſchäftigte ſich mit uns und namentlich mit mir in mei⸗ ner Eigenſchaft als Frauenzimmer und Ausländerin recht freundlich und angenehm. Emerſon iſt eine ganz eigenthümliche Individualität, aber zu kalt und überkritiſch, um mich ſehr anzuſpre⸗ chen. Ein ſtarkes, klares Ange, immer nach einem Ideal ſpähend, das er auf Erden nicht verwirklicht findet; in Allem Mängel, Halbheiten und Unvollkommenheiten ent⸗ deckend, und ſelbſt zu kräftig, zu metallen, um die Schwachheiten und Leiden Anderer zu verſtehen. Denn auch das Leiden verachtet er als eine Schwachheit, die höherer Naturen unwürdig ſei. Dieſe merkwürdige Menſchennatur ſoll niemals krank geweſen ſein. Aber Bekümmerniſſe ſoll er gehabt und ſie tief empfunden ha⸗ ben, wofür auch einige ſeiner ſchönſten Gedichte zeugen; doch ſoll er ſich nur kurze Zeit von dieſen Bekümmer⸗ niſſen, nämlich dem Tod zweier ſchöner, geliebter Brü⸗ der und ſeines älteſten Sohnes, eines ſchönen kleinen Jnugen, haben niederbeugen laſſen. Auch ſeine erſte Frau hat er nach blos einjähriger Ehe verloren. Emer⸗ ſon iſt jetzt zum zweiten Male verheirathet und hat drei Kinder. Sein hübſcher kleiner Junge, das jüngſte von den Kindern, ſcheint ihm ganz beſonders lieb zu ſein. Mrs. Emerſon hat ſchöne, ſeelenvolle Augen, iſt aber kränklich und hat eine Individualität, die der ſeinigen ſehr ungleich iſt. Er intereſſirte mich, ohne mich zu erwär⸗ men. Dieſe kritiſche, kriſtallreine und kalte Natur kann vollkommen achtungswerth, ſehr heilſam und in ihrer Art wohlthätig ſein ſowohl für ihren Beſitzer, als auch für Andere, die ſich von ihr gradiren und kritiſiren laſ⸗ ſen wollen. Aber für mich Davids Herz mit Davids Geſängen! Aber ich werde in Folge der höchſt freundlichen 142 Einladung von Emerſon und ſeiner Frau in dieſes Haus zurückkommen, und dann bekomme ich von dieſer ſphinx⸗ artigen Perſönlichkeit mehr zu ſehen. Von dem Naturverehrer Emerſon, der keiner Kirche angehört und nicht einmal ſeine Kinder taufen laſſen will(weil er die Natur der Kinder für reiner anſieht, als die der gewöhnlichen, herangewachſenen ſündigen Menſchen) gingen wir ins Nachtquartier zu einem alten, ſtrengen Puritaner, wo wir langen Gebeten anwohnten, die man an der Wand knieend verrichtete. Die einzige Tochter des Hauſes, Eliſabeth H., ein ſchönes, edles und angenehmes Mädchen, das mit dem geliebteſten Bruder Emerſons verlobt geweſen war und nach ſeinem Tod keine andere Bande hatte anknüpfen wollen, intereſ⸗ ſirte mich. Sie iſt offenbar ein edles und gehaltvolles Weſen, und ihre Freundſchaft für W. Emerſon ſcheint mir etwas ſehr Reines und Vollkommenes zu ſein. Auch ſie hoffe ich im Verlauf des Winters wiederzuſehen. Heute früh ſah es in dem idyliſch zierlichen Städt⸗ chen Concord überall aus wie ein ächter, ſchwediſcher Winter. Miß H. ging mit mir aus und wir beſuchten das Denkmal der erſten Opfer, die im amerikaniſchen Befreiungskrieg ſtarben, denn ſie fielen hier, wo der erſte blutige Kampf ſtattfand. Es war jetzt beinahe ein⸗ geſchneit; Eis und Schuee bedeckten auch den kleinen Fluß, welcher die Stadt verſchönt, und den die In⸗ dianer Musketaquid oder den graſigen Fluß nannten. Emerſon hat einem ſeiner friſcheſten und lieblichſten klei⸗ nen Gedichte dieſen Namen gegeben. Der Spaziergang in der reinen Winterluft, unter den mit glitzerndem Schnee bedeckten Bäumen und an der Seite von Eliſa⸗ beth H., deren Atmosſphäre für mich belebend iſt, wie die reine, ſonnige Luft, machte mich leicht an Seele und Leib; und ſo begegneten wir Bergfalk, der ganz warm und vergnügt aus der Frauenzimmerſchule in der Stadt kam, wo er junge Mädchen mathematiſche Pro⸗ —— —,— ——,—————— —————c————„———„——„ —— —— —————.„8——„— us nx⸗ che ſen ht, en n, n, ge les ten em eſ⸗ en, as ffe dt⸗ er ten en er n⸗ en n⸗ n. ei⸗ 9 m i ie ele 1z er o⸗ 143 bleme löſen gehört, die er ihnen auf erfolgte Ein⸗ ladung dazu aufgegeben hatte, und zwar gut und leicht löſen. Er war ganz entzückt über die jungen Mädchen und über die Lehrerin, die er als eine höchſt gebildete Dame beſchrieb. Er hatte eine kleine Rede ge⸗ halten, um ſein Vergnügen zu bezeugen, und der ehr⸗ liche, gefällige Geiſtliche, der ihn begleitete, war nicht minder warm gegen ihn; auch ſoll die ganze Mädchen⸗ ſchule höchſt entzückt geweſen ſein über den Profeſſor, wie er dort und auch ſonſt auf unſerer Reiſe genannt wurde, denn man verſucht es kaum ſeinen Namen aus⸗ zuſprechen, was man für geradezu unmöglich hält. Ich beſuchte auch einige dieſer kleinen Häuſer, wo Alles ganz komfortabel iſt, obſchon die Herrſchaften ſich ſelbſt be⸗ dienen und alle häuslichen Geſchäfte verrichten. Dieſem Gebrauch ſchenke ich meine Achtung, aber nicht meine Liebe. Und ich befinde mich nicht recht wohl dabei. Man muß ſich ſo entſetzlich für jeden Dienſt bedanken und meint dennoch oft, eine ſimple Magd würde es beſſer gemacht haben. Wir reiſten am Vormittag zurück, ohne Emerſon noch einmal geſehen zu haben. Der ſchwediſche Konſul in Boſton Benzon, der bei uns war, ließ mir durch Rebekka S. ſein Haus als Wohnung für den Winter anbieten, was mir ſehr ange⸗ nehm war, obſchon ich nicht weiß, ob ich es annehmen ſoll und kann. Es ſind mir viele ſchöne und freundliche Anerbietungen gemacht worden. Und jetzt, mein Herz⸗ chen, bin ich ganz ungeduldig über das unaufhörliche Ge⸗ klopfe an meiner Thüre mit Viſitenkarten und Briefen, und ich bin verdrießlich darüber, daß ich beſtändig „Herein!“ rufen muß, während ich„Geh fort!“ rufen möchte. Ach! ach! ich bin dieſes Willkomms hier, der mir gar keine Ruhe vergönnt, ſehr überdrüſſig. Ich habe inzwiſchen hier noch Niemand empfangen, aber geſagt, daß ich auf den Abend zu Hanſe ſei. Morgen werde ich nach Cambridge hinausfahren. Ein abſcheulicher Mord 144 iſt neuerdings von einem Profeſſor an einem andern Pro⸗ ſeſſor begangen worden, und die ganze Univerſität und Stadt iſt davon aufgeregt. Es iſt ein unerhörtes Er⸗ eigniß; da aber der Angeklagte viele Bekannte und Freunde hat, wie auch als guter Gatte und beſonders als guter Vater bekannt war, ſo kämpfen Viele für ſeine Unſchuld. Inzwiſchen iſt er ins Gefängniß abgeführt worden. Man ſpricht jetzt kaum von etwas Anderem. Ich muß Dir noch ſagen, daß ich mich trotz aller meiner Strapatzen vollkommen wohl befinde und es wäh⸗ rend meines Aufenthalts in Boſton ſo einzurichten ſuchen will, daß ich etwas mehr Ruhe habe. Ich werde einen oder einige Empfangtage in der Woche feſtſetzen und da⸗ für ſorgen, daß ich einige Zeit für mich ſelbſt leben darf. Ich fühle, daß ich deſſen bedarf. Bergfalk iſt artig und munter und gefällt überall. Er läßt Mama und Dich herzlich grüßen. Grüße herzlich Hagberg, Marie und Chriſtine, unſere Dienſtlente und unſere Freunde. Von Emerſon muß ich Dir noch ſagen, daß ich nicht ſicher bin, ob ich ihn richtig beurtheilt habe. Ich ge⸗ ſtehe, daß ich mich durch die geringſchätzige Art— die ſich mehr ſo im Weſen als mit Worten kundgab— wie er ſich über Sachen und Perſonen äußerte, die ich be⸗ wunderte, etwas verletzt fühlte. Ich bin nicht ſicher, ob nicht eine gewiſſe Beſtimmtheit, eine Art von Größe, die mir ſelbſt ſo wenig eigen iſt, mich verſucht hat die Ge⸗ ſchichte vom Fuchs und von der Vogelbeere zu ſpielen. So viel ſteht feſt, daß Emerſons Weſen und Art einen ganz andern Eindruck auf mich gemacht hat als ſonſt hochmüthige Naturen, bei denen es mir leicht geweſen iſt, ſie als ſolche zu beurtheilen und gering zu ſchätzen. Nicht ſo mit Emerſon. Mit ihm dürfte man nicht ſo leicht fertig werden. Er kann ungerecht und unbillig ſein, aber ro⸗ ind Fr⸗ nde ter d. kan ller äh⸗ hen nen da⸗ arf. und Mich und icht ge⸗ die wie be⸗ ob die Ge⸗ len. nen onſt iſt, icht icht ber 145⁵ er iſt es ſicherlich nicht aus Selbſtſucht. In dieſem Mann wohnt ein höherer Geiſt. Und ich muß ihn mehr ſehen, ihn beſſer verſtehen lernen. Es mag im Uebrigen mit dieſer Bekanntſchaft gehen, wie es will, ſo werde ich ruhig bleiben.„Wenn wir Verwandte ſind, ſo werden wir uns treffen.“— Und wenn nicht—— die Zeit iſt ſchon längſt vorbei, wo ich ſehr wünſchte den Menſchen zu gefallen. Ich bin durch die Wüſte des Lebens gewandert; ich babe mich mit eigener Anſtrengung und vielen Mühen auf dieſen Horeb hinauf gekämpft, von deſſen Spitze aus ich ein gelobtes Land erblickte. Und dieſer lange Schmerz und dieſe große Freude haben die Prachtgeſtalten, Kronen, Lor⸗ beern und Roſen dieſer Welt für immer vor meinen Augen erblaſſen gemacht. Ich kann von ihnen noch auf Augenblicke bezaubert oder geblendet werden; aber das iſt bald vorüber. Was ſie geben, macht mich nicht rei⸗ cher; was ſie nehmen, nicht ärmer. Ich könnte in ge⸗ wiſſen Stunden zu ihnen ſagen, wie Diogenes zu Ale⸗ xander ſagte:„Geh mir aus der Sonne!“ Ich möchte nicht einmal zu dieſem ſtolzen Sterndeuter Waldo Emer⸗ ſon gehen, wenn ich nicht meinen eigenen Himmel mit Sternen und Sonnen hätte, deren Herrlichkeit er kaum ahnen dürfte. Siebenter Brief. Harward College(Cambridge.) Maſſachuſetts, den 15. Dezember. Jetzt, mein geliebtes Kind, darf ich im Frieden ein wenig mit Dir plaudern. Jetzt mußt Du und Mama von meiner Ankunft in dieſem Land und von meinem Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 10 146 erſten Schickſal, und wie gut es mir gegangen iſt und noch geht, wiſſen. Aber ich bin wieder ſo hung⸗ rig nach Briefen von daheim und gräme mich darüber, daß ich ſeit meiner Ankunft erſt einen einzigen erhalten habe, und daß ich nicht weiß, wie Du Dich von Dei⸗ ner Krankheit erholſt, und wie Mama und Alles zu⸗ ſammen ſich befindet. Ich muß jedoch bald darüber Etwas erfahren, und Gott gebe, daß es gut ſtehen möge! Das letzte Mal ſchrieb ich Dir von Boſton. Ich lebte da einige Tage mit meinen Freunden Springs, in einem unaufhörlichen Douchebad von Zerſtreuungen, die mir manchmal angenehm waren, manchmal aber mich halb zur Verzweiflung brachten und kaum zu Athem kommen ließen. An einige Tage und Stunden werde ich immer mit Vergnügen zurückdenken. Darunter ſteht in vorderſter Reihe ein Vormittag, wo ich einige von Maſſachuſetts edelſten Männern um mich erblickte: Alcott, den platoniſirenden Idealiſten, mit einem aus⸗ gezeichnet ſchönen, blaſſen, ſilberhaarigen Kopf, die Ge⸗ brüder Clarke, den Philantropen Barnard, den Dich⸗ ter Longfellow, den jungen ächt amerikaniſchen Dichter Lowell, einen wahren Apollo von Anſehen u. ſ. w. W. Emerſon kam auch, mit einem lichten Strahl in ſeinem ſtarken Geſichte, und ſchönere Leute, vollkomme⸗ nere Geſtalten— beinahe alle hoch und wohlpropor⸗ tionirt— kann man nicht leicht zu ſehen bekommen. An einem andern Vormittag ſah ich die ausgezeichneten Juriſten Wendel Philips und Charles Sum⸗ ner, einen jungen Rieſen von Geſtalt, ferner Gar⸗ riſon, einen der ausgezeichnetſten Kämpen in den Reihen der Abvlitioniſten, der deßhalb auch bei einem Auflauf vom Pöbel in— Boſton, glaube ich, mit Ketten um den Hals, wie ein Miſſethäter in den Stra⸗ ßen herumgeſchleppt wurde. In ſeinem ſchönen Geſicht und ſeinen klaren, adlerkräftigen Augen erkannte man den muthigen Sinn, der Märtyrer macht. Ich ſagte „—e —„—— ⸗ n it 1⸗ t te 147 ihm aufrichtig meine Anſicht, daß die Uebertriebenheit im Verfahren der Abolitioniſten, ihr Mangel an Billig⸗ keit und der gewaltſame Ton in ihren Angriffen ihrer Sache nicht nützen könne, ſondern eher ſchaden müſſe. Er antwortete gutmüthig:„Man muß das ganze Brod verlangen, wenn man hoffen will, das halbe zu gewin⸗ nen.“ Er äußerte ſich mild über die Sklavenbeſitzer im Süden, ſagte, er ſchätze viele von ihnen perſönlich, aber die Sklaverei haſſe er und werde ſie beharrlich als den größten Feind Amerikas bekämpfen. Und ein Mann, der Mißhandlungen durch den Pöbel erlitten, Halseiſen und Hohn ertragen hat, aber dennoch wie vorher feſt⸗ ſteht, wie vorher fortkämpft, ein Mann von ſolchem Willen und Charakter verdient alle Achtung. Dieſe Herren führten zwei neuerdings entflohene Sklaven, William und Helena Kraft, zu uns. Sie war beinahe weiß, etwas blaßgelb, hatte die Züge des wei⸗ ßen Volksſtamms und ein nicht ſchönes, aber ſehr in⸗ telligentes Geſicht; er war ein vollkommener Neger, aber von ungewöhnlicher Schönheit. Sie waren auf die Art entkommen, daß ſie ſich als Mann verkleidet und er ihren Bedienten vorgeſtellt hatte. Um ihren Namen nicht in die Fremdenbücher ſchreiben zu müſſen(denn ſie konnte nicht ſchreiben), hatte ſie den rechten Arm in der Binde getragen und ein Leiden an demſelben vorgeſchützt. So waren ſie glücklich auf die Eiſenbahn aus dem Süden und in die nördlichen freien Staaten gekommen. Sie ſchienen ſich ungemein glücklich zu füh⸗ len Ich fragte die Frau:„Warum entflohen Sie von Ihrem Herrn? War er hart gegen Sie?“—„Nein,“ antwortete ſie,„man hat mich immer gut behandelt. Aber ich floh, weil man mir meine Menſchenrechte nicht einräumen wollte. Ich durfte nie Etwas lernen, weder leſen noch ſchreiben.“— Man bemerkte bei ihr die Wißbegierde der weißen Race.„Wie iſt's,“ ſagte Je⸗ mand in der Geſellſchaft zu dem Neger,„man behaup⸗ 148 tet, es ſei nicht wahr, was die Abolitioniſten von der Behandlung der Sklaven ſagen, daß ſie oft gepeitſcht und übel zugerichtet werden. Reiſende, die aus dem Norden kamen und ſich lange in den ſüdlichen Pflan⸗ zungen aufhielten, haben nie ſo Etwas geſehen.“ Wil⸗ liam lächelte und ſagte mit feinem Ausdruck:„Man gibt auch den Kindern in Gegenwart der Gäſte die Ruthe nicht, ſondern uur, wenn dieſe es nicht ſehen.“ Dieſe ehemaligen Sklaven beklagten ſich beide nicht über ihre Herren. Und ich, obſchon ich, wie jeder denkende Chriſt, die Sklaverei als Syſtem und Einrichtung ver⸗ dammen muß, ich warte mit einem Urtheil über ameri— kaniſche Sklavenbeſitzer und die Sklaverei in Amerika, bis ich die Sache in der Nähe geſehen habe. Ich bin aus Erfahrung mißtrauiſch gegen den Parteigeiſt und ſeine Blindheit, und wo ich dieſe wirkſam ſehe, kann ich nicht mit einſtimmen, ſondern fühle mich zum Wider⸗ ſpruch geneigt. Ich will wenigſtens das Für und Wider in der Frage ſehen und hören. Gerechtigkeit und Bil⸗ ligkeit vor Allem! Zwei Abende war ich im Theater und ſah Miß Char⸗ lotte Cuſhman, die angeſehenſte Schauſpielerin der Vereinigten Staaten, in zwei Rollen, worin ſie hier und in England großes Aufſehen gemacht hat, nämlich als Meg Merrilies und als Lady Macbeth. Miß Cuſh⸗ man hatte gleich bei meiner Ankunft in New⸗York an mich geſchrieben und ſich freundltch erboten, mir in Allem, was ſie könnte, nützlich zu ſein. Hier in Boſton ſtellte ſie mir eine Theaterloge zur Verfügung, was mir recht angenehm war, da ich auch meine Freunde dahin einladen konnte. Miß Cuſhman iſt eine tüchtige Schau⸗ ſpielerin, die viel Energie, aber zu wenig weib⸗ liche Anmuth und zu wenig Farbe in ihrem Spiel, be⸗ ſonders zu wenig Milde beſitzt. Dies gilt hauptſächlich von ihrer Meg Merrilies, die eine entſeßliche Schöpfung iſt. Miß Cuſhman hat in ihr blos die Hexe, blos das der tſcht dem an⸗ Lil⸗ Nan die u ber nude ver⸗ eri⸗ ika, bin und ahn er⸗ der Zil⸗ a T⸗ der ier lich ſh⸗ an in ton mir hin au⸗ ib⸗ be⸗ ich ng s 149 Schreckliche in der Natur dargeſtellt. Aber auch die ſchrecklichſte Natur hat Angenblicke und Züge der Schönheit; es gibt da Sonne, Ruhe, Than, Vogelſang. Ihre Meg Merrilies iſt eine wilde Klippe im Meer, beſtändig von Stürmen umbraust und mit Wolken und Wellen kämpfend. Als Lady Macbeth war ſie auch zu hart und männlich. Blos in der Nachtſcene erſchien ſie mir ſchön, und den ängſtlichen klagenden Ton, den ſie ausſtößt, als ſie das Blut nicht von ihren Händen ab⸗ waſchen kann, den werde ich nie vergeſſen. Er ging mir durch Mark und Bein, und ich höre ihn noch, ich höre ihn immer in trüben Stunden und Erſcheinungen. Perſönlich gefiel mir Miß Cuſhman ſehr gut. Man ſieht in ihr deutlich eine ehrliche, kräftige Seele, die das Leben und ihren Beruf ernſt auffaßt. Sie hat ſich durch große Schwierigkeiten ihren Weg zu dem Platze gebahnt, den ſie jetzt in der allgemeinen Aner⸗ kennung und Achtung einnimmt. Sie gehört einer alten puritaniſchen Familie an und hat, nachdem ihr Vater in unglückliche Umſtände gerathen war, durch ihr Talent ihre Mutter und ihre jüngeren Geſchwiſter unterhalten. Sie ſieht im Zimmer beinahe beſſer aus als auf der Bühne; die ehrlichen blauen Augen, die verſtändige Stirne und der offene, redliche Ausdruck in ihrem ganzen Weſen und Geſpräch, alles das macht, daß man ſehr gerne um ſie iſt. Viel erwärmendes Wohlwollen wurde mir in Boſton zu Theil, ſo viel daß ich gar nicht Alles erzählen kann. Ach an Wärme fehlt es hier nicht, mein gutes Agath⸗ chen, und das jugendliche Gemüth der Bevölkerung macht, daß man dieß ſebr deutlich empfindet. Aber das Un⸗ glück iſt, daß man blos eine einzige Perſon gegen viele iſt, und daß die Kräfte und die Launen nicht ausrei⸗ chen, um mit all dieſem Wohlwollen zu kämpfen, das ſich doch ſo ſchön empfindet. Meine einzigen ruhigen Stunden in Boſton waren die, wo ich zu Wagen in 150 den Straßen umherrollte, um Anſtalten zu beſehen oder Beſuche zu machen. Gleichwohl waren dieſe Tage durch allerlei Dinge angenehm, beſonders durch den Umgang mit meinen liebenswürdigen Freunden Springs. Auch ſie erfreuten ſich ihrer und waren vergnügt. An⸗ genehme Dinge und angenehme Menſchen kamen täglich und ſtündlich; neue Pläne zu neuen Vergnügungen, und von Tag zu Tag verſchoben Springs ihre Rückreiſe nach New⸗York und ich meinen Abſchied von ihnen. Meine kleine Aerztin Miß Hunt machte alle Tage Jagd auf mich, um mich in ihre Wohnung zu bekommen. Lowells kamen, um mich nach Cambridge abzuholen; aber wir, ich und meine Freunde, waren unverbeſſerlich, wir trotzten allen Grundſätzen perſönlichen Worthaltens und üblicher Ordentlichkeit, und hatten juſt in Munterkeit und unſchuldigem Uebermuth beſchloſſen in unſerer Grundſatzloſigkeit fertzufahren und noch ein Paar Tage in luſtigem Sichgehenlaſſen in Boſton zuſammen⸗ zubleiben, als zwei telegraphiſche Depeſchen hinterein⸗ ander, die erſte an Markus, die zweite an Rebekka ankamen mit den Worten: Euer kleines Kind iſt ſehr krank. Jetzt war es mit allem Vergnügen aus. Re⸗ bekka ſchwamm in Thränen der Angſt; Markus traf mit Kummer in ſeinem guten Geſichte ſogleich alle Anſtal⸗ ten zur Abreiſe, und zum guten Glück konnten ſie ſchon ein Paar Stunden ſpäter mit der Eiſenbahn abziehen und am nächſten Morgen früh in ihrer Wohnung Ro⸗ ſenhütte anlangen, wo Rebekka ihren kleinen Jungen todt zu finden fürchtete. In derſelben Stunde, wo ſie abreisten, wurde ich von dem ſchwediſchen Conſul Benzon in ſein Haus abgeholt. Er und Markus und Rebekka hatten dieß meinetwegen ſo veranſtaltet. Ich konnte nicht ohne Thränen von ihnen ſcheiden. Ich hatte mich mit ihnen glücklich gefühlt; ſie ſind ſo vor⸗ treffliche Menſchen und ich hegte jetzt ſo inniges Be⸗ dauern mit ihnen, obſchon es unmöglich iſt, einen 151 Kummer ſchöner zu nehmen, als ſie thaten. Und dann ſind ſie ſo unbeſchreiblich gut gegen mich geweſen! Ich vermag nicht ohne Rührung daran zu denken und kann es in Briefen gar nicht beſchreiben. Zum Schluß mußte ich mit ihnen ſtreiten, aber vergebens, um mei⸗ nen Aufenthalt in Boſton bezahlen zu dürfen. Sie behaupteten, ich ſei ihr Gaſt, und ich durfte nicht das Geringſte an dem theuern und prächtigen Leben be⸗ zahlen, das ich dieſe Tage in Revere Houſe geführt hatte Und die Art, wie ſie mir dieſe Artigkeit erwie⸗ ſen, als eine Ehre und Artigkeit, die ich ihnen ſelbſt anthne— ich habe nie ſo etwas geſehen. Ich nahm es beinahe als ausgemacht an, daß Springs ihren kleinen Jungen todt antreffen würden, ſo heftig ſollen die Zuckungen in Folge des Zahnens geweſen ſein, von denen er befallen war, und Rebekka erwartete an der Thüre ihres Hauſes die Worte hören zu müſſen: Er iſt nicht mehr hier, er iſt erſtanden! Aber einen Tag nach ihrer Abreiſe kam eine gedruckte telegraphiſche Depeſche mit den Worten:„Liebe Freunde, freut Euch mit uns, Baby iſt beſſer; die Gefahr bei⸗ nahe vorüber. Markus.“ Wie herzlich mich das freute! Abends war ich mit Benzon und Bergfalk, ſowie mit einem jungen Mr. King, einem lebhaften hübſchen Mann und Freund von Springs, in einem Concert, das die Muſikgeſellſchaft gab, und zwar war ich da auf Grund eines Billets, das mich und meine Freunde einlud, dieſen Concerten den Winter über unentgeltlich anzuwohnen. Und ich hörte da Beethovens vierte Symphonie, vortrefflich ausgeführt von einem zahl⸗ reichen Orcheſter. Das zweite Adagio darin ergriff mich mit ſeltſamer Gewalt. Ach, wer hat dieſen Mann gelehrt, das innerſte Leben des Herzens ſo zu verſtehen, ſein Emporſtreben, ſein Sinken und Wiederauferſtehen, ſeinen endlichen Kampf, ſeine Anſtrengung und ſeinen Sieg! Nie hat eine Inſtrumentalmuſik einen tiefern 152 Eindruck auf mich gemacht, als dieſes herrliche Adagiv. Seine Töne waren für mich wie die Geſchichte meiner eigenen Seele. Am Sonntag war ich wieder in Mr. Parker's Pre⸗ digt. Er ſprach kräftig und unumwunden ſein Glau⸗ bensbekenntniß aus, und ich freute mich über ſeine Aufrich— tigkeit und ſeinen Muth, obſchon ich mich über das Glaubensbekenntniß nicht freuen konnte, das eine ſehr unverſtändige Auffaſſung der chriſtlichen Offenbarung war und in Chriſtus blos einen menſchlichen Moral⸗ lehrer, aber als ſolchen das Ideal und Vorbild der Menſchheit erkannte. Parker gehört der unitariſchen Sekte und zwar derjenigen Fraktion derſelben an, welche die Wunder und alles Wunderbare in der heiligen Ge⸗ ſchichte läugnet. Wirklich anſtößig für mich war Par⸗ kers Behauptung, daß Cyriſtus ſelbſt kein anderes Verhältniß zu Gott in Anſpruch nehme, als dasjenige, das allen Menſchen angehöre, daß er in der Geſchichte blos als ein beſcheidner junger Mann aus Galiläa da⸗ ſtehe. Wie kann einwahrheitsliebender Mann die heilige Geſchichte und Ausſprüche wie folgende:„Wer mich ſiehet, der ſiehet Gott! Der Vater iſt in mir und ich in ihm“— und:„Mir iſt verliehen alle Macht im Himmel und auf Erden“— und mehrere ähnliche 1eſet und dennoch mit einer ſolchen Behauptung kom⸗ men? Nach der Predigt kamen einige mir unbekannte Frauenzimmer freundlich und eifrig auf mich zu, nah⸗ men mich bei der Hand, hießen mich willkommen und ſagten:„Hoffentlich ſind Sie befriedigt“ u. ſ. w. Ich aber antwortete:„Ganz und gar nicht,“ und lehnte es ab, mit dem Prediger bekannt gemacht zu werden; ohnehin finde ich den hier üblichen Brauch, in der Kirche gleich nach dem Gottesdienſt gegenſeitige Vorſtellungen zu machen und Geſpräche anzuknüpfen, ſehr läſtig und nicht an ſeinem Platz. — — w W S X XM — v—— u— — 153 Nachmittags las Benzon Mr. King, Bergfalk und mir einen„Verſuch über den amerikaniſchen Geiſt“ von einem Mr. Whipple vor, eine lebhafte und nicht ohne Genie geſchriebene Abhandiung mit großen Ideen. Man ſprach viel von der Schrift und auch uns gab ſie viel zu reden. Abends hatte ich einen Beſuch von Mr. Parker. Ich liebe allen Muth und alle rückhalts⸗ loſe Aeußerung von Anſichten und Ueberzeugungen ſo ſehr, daß ich Parker die Hand reichte und ihm aufrich⸗ tig für ſeine Aufrichtigkeit dankte. Aber ich ſagte ihm auch offen meine Einwendungen gegen ſeine Chriſtolo⸗ gie und wir führten eine lange, aber ganz ruhige Con⸗ troverſe mit einander. Ich fand Parker unendlich an⸗ genehm in der Unterhaltung, er hörte mild, ernſt und herzlich alles an. Ich erklärte ihm auch meine Ein⸗ würfe gegen den unitariſchen Standpunkt im Allge⸗ meinen, weil von dieſem aus viele der größten und wichtigſten Fragen über Gott, die Menſchheit und das Leben ungelöst bleiben und nie gelöst werden können. Parker hörte mich ſehr freundlich und ernſt an und gab auch Mehreres zu, unter Anderem die Möglichkeit von Wundern, wenn man ſie blos als die Wirkung einer Kraft betrachte, die nicht außer, ſondern in der Natur liege— die Natur im großen Maßſtabe genommen. Parker hat einen Sokrateskopf, ein reines und ſtark moraliſches Gemüth. Er iſt gleich Waldo Emerſon entzückt von dem ſittlichen Ideat, er hält es mit kräf⸗ tigen lebendigen Worten den Menſchen vor und will dadurch eine höhere Liebe für Wahrheit und Recht in ihrer Bruſt erwecken. Aber als Theolog iſt Parker nicht ſtark und ſpricht nicht gut von dem Höchſten und Herrlichſten in den Lehren der Offenbarung, denn er verſteht das nicht. In ſeiner Polemik gegen die ver⸗ ſteinerte Orthodorie, die verſteinerte Kirche iſt er oft glücklich und wahr. Aber ich glaube, daß man von ihm daſſelbe ſagen kann, was Jemand von einem 154 größere Mann, nämlich Luther, geſagt hat:„il a bien critiqué, mais pauvrement doctriné.“(Er hat gut kri⸗ tiſirt, aber ſelbſt eine armſelige Lehre aufgeſtellt). Aber Parker forſcht mit Ernſt und ſagt ſeine Gedanken ehr⸗ lich heraus, und das iſt immer ein großes Verdienſt. Mehr kann man von einem Menſchen kaum verlangen. Dabei ſoll er ſehr gut ſein, viel Gutes thun und ich glaube das nach ſeinen warmen ſchönen Augen. Der Mann gefiel mir. Am folgenden Tag wurde ich von Benzon nach Cambridge geführt zu Lowells, deren Haus mir eigent⸗ lich durch Downing geöffnet worden iſt, welcher an Lowell geſchrieben hat, wie ſehr ſeine Poeſien mir gefielen. Hier bin ich jetzt eine Woche geweſen und dürfte noch eine Woche dableiben, denn man will mich durch— aus behalten, und ich will auch gerne bleiben, weil ich mich in dieſem guten angenehmen Hauſe ungemein wohl befinde. Das Haus und die kleinen Beſitzungen um das⸗ ſelbe gehören dem Vater des Dichters, dem alten Doctor Lowell, einem ſchönen, allgemein verehrten und ge⸗ liebten Greis und dem äilteſten Geiſtlichen in Maſſa⸗ chuſetts. Er hat alle Bäume um das Haus her ge⸗ pflanzt und es befinden ſich darunter viele nordiſche Tan⸗ nen. Um den ehrwürdigen alten Herrnverſammelt ſich die Familie alle Tage zum Morgen⸗ und Abendgebet, und er iſt es, der jede Mahlzeit ſegnet. Seine ſtets im⸗ proviſirten Gebete ſind voll von wahrem und innigem Leben, und ich empfinde ſie wie einen lieblich er— friſchenden Thau über meinem Haupte und ſtehe ſelten trockenen Auges von ihnen auf. Bei ihm wohnt ſein jüngſter Sohn, der Dichter mit ſeiner Gattin, ein ſo ſchönes und glückliches junges Paar, wie man ſich nur eines denken kann. Er iſt voll von Leben und jugend⸗ lichem Feuer; ſie iſt mild und fein und weiß, wie eine — 155 Lilie, eine der lieblichſten Frauen, die ich noch in dieſem Lande geſehen habe, denn ihre Schönheit iſt voll von Seele und Anmuth, und ſo iſt Alles, was ſie thut und ſagt. Die zwei jungen Gatten gehören zu denjenigen Menſchen, von denen man gewiß iſt, daß man nicht eine Stunde, ja nicht eine halbe Stunde mit ihnen uneins ſein könnte. Sie iſt gleich ihm eine poetiſche Natur und hat auch, aber anonym, einige Gedichte geſchrieben, die ſich durch tiefes und feines Gefühl, das eigentlich mütterliche Gefühl, auszeichnen. Sonderbar genug bemerke ich bei ihm nicht den tiefen und ernſten Geiſt, der mich in mehreren ſeiner Poeſien bezaubert hat. Er ſcheint mir vorzugsweiſe glänzend, witzig, heiter, beſonders Abends, wo er das hat, was er ſein Abendfieber nennt, und ſeine Rede iſt wie ein unaufhörliches Feuerwerk. Ich finde ihn ſehr an⸗ genehm und liebenswürdig. Er ſoll unter den jungen Männern viele Freunde haben. Von ſeinen Poeſien haben die ſatyriſchen und witzigen am meiſten Popu⸗ larität gewonnen, ſo z. B. ſeine Fabel„für Kritiker“, worin er ſich auf gutmüthige Weiſe über Schriftſteller und Schriftſtellerinnen Neuenglands luſtig macht(nur eine von ihnen, Miß W⸗ Fuller, iſt ſcharf mitgenom⸗ men). So haben auch ſeine politiſchen und ſatyriſchen periodiſchen Schriften viel Glück gemacht. Zu ſeinen Verdienſten zähle ich, daß er von ſei⸗ nem Weibchen ganz bezaubert iſt, denn das bin ich ſelbſt auch. Es iſt eine Spur von Schönheit und Geſchmack in allem, was ſie mit dem Geiſt oder Kör⸗ per berührt, und überall verſchönt ſie das Leben. Un⸗ ter den hübſchen Sachen, die ſie im Hauſe um ſich her ſchafft, habe ich ein kleines Baſſin voll von niedlichen Steinen und Schnecken bemerkt, die ſie ſelbſt geſam⸗ melt hat; ſie liegen glänzend in kriſtallhellem Waſſer; rund umher ſind Zacken von Korallen. Nur Schade, daß dieſe liebliche junge Frau eine ſchwache Bruſt zu 156 haben ſcheint. Ihre ſchwache, ſanfte Stimme zeugt dafür. Zwei ſchöne kleine Mädchen, Mabel und Roſa (letztere noch an der Mutter Bruſt), und eine ältere Schweſter des Dichters, eine von den guten ſorgſamen Seelen, bilden den übrigen Theil der Familie im Hauſe. Der heimliche Kummer darin iſt die Frau des alten Vaters, die Mutter des Dichters, die in ſtillem Wahnſinn in ihrem Zimmer eingeſchloſſen lebt und für Fremde unſichtbar iſt. Ich habe hier einige Herren von der Univerſität geſehen, die mich intereſſirten, unter ihnen Mr. Evenett, einen Mann von vieler Gelehrſamkeit und feiner Welt⸗ bildung, vormals Botſchafter am großbritanniſchen Hofe; ferner den ſchweizeriſchen Profeſſor und Natur⸗ forſcher Agaſſiz, einen Mann von äußerſt angenehmem Weſen und Umgang, und der hier ſeine Braut, eine hochgewachſene, blonde junge Amerikanerin, vorſtellte. Endlich einen Profeſſor der Aſtronomie, Holmes, glaube ich, heißt er, mit einem ſchönen ernſten Chriſtuskopfe und zwei hübſchen Töchtern. Ich habe auch einige Beſuche gemacht. Das Tagesgeſpräch iſt der Mord, welchen der Chemieprofeſſor Webſter an dem Profeſſor Parkman verübt haben ſoll. Man ſpricht für und wider. Ein Freund des Angeklagten, ein achtungswerther Richter, F., ſagte, er ſei vollkommen von ſeiner Unſchuld überzeugt. So auch eine hübſche und kluge Mrs. Ferrars, die ihn viel geſehen hat, und zuletzt noch ein paar Tage nach dem begangenen Morde, wo er den Abend bei ihr zubrachte, Whiſt ſpielte und ganz be⸗ ſonders heiter und angenehm war. Der junge Lowell dagegen glaubt Webſter ſchuldig, und ſchließt das aus verſchiedenen Dingen, die er von ſeinen Jugendgefähr⸗ ten über ſeinen Charakter und ſeine Antecedenzien ge⸗ hört hat. Er ſoll lange über ſeine Mittel gelebt haben und die Urſache zum Mord war eine kleine ————————.— c— — —— —5— — 157 Geldſumme, ein paar Hundert Dollars, die er von Profeſſor Parkman entlehnt hatte, der ihm keine Ruhe ließ, bis er ſie zurückbezahlt hatte. Dieſer Parkman ſoll ein ganz beſonderer Mann geweſen ſein. Trotz ſeines Reichthums konnte er arme Leute, denen er Geld geliehen, auf's Aeußerſte verfolgen und quälen, bis ſie ordentlich das Capital zurück oder die Zinſen bezahlt hatten. Dagegen konnte er am andern Tag dieſen Leuten das Geld als Geſchenk oder unter irgend einem Vorwand zuſchicken, aber niemals als von ihm ſelbſt, ſondern als von einem andern kom⸗ mend. Vor den Menſchen wollte er als die ſchonungs⸗ loſe Gerechtigkeit erſcheinen. So ſoll er Webſter eine Zeit lang verfolgt haben, bis dieſer ihn, unter dem Vorwand ſein Geſchäft mit ihm abzumachen, in das chemiſche Laboratorium in Boſton verlockte, wo er ſich ſeiner entledigte; auf welche Art weiß man noch nicht. Man hat blos Ueberbleibſel des Leichnams entdeckt, die Webſter theils zu verbrennen, theils zu verbergen ſuchte. Webſter läugnet die That hartnäckig, hat aber im Gefängniß einen Verſuch gemacht ſich zu ver⸗ giften, was den Verdacht gegen ihn verſtärkt. Am Ende der nächſten Woche verlaſſe ich Lowells und bleibe ein paar Tage bei meiner lieben Doctorin, die mir früher weder Raſt noch Ruhe gönnte; dann bleibe ich in Benzons Haus vermuthlich bis ich Boſton verlaſſe. Benzon hat ſo mit Rebekka Spring geſpro⸗ chen, daß ſie mich dazu überredet hat, und ſo wie ſie die Sache vor- und angeſtellt haben, iſt es mir gut und angenehm. Benzon iſt unverheirathet, aber da die Frau ſeines Aſſocis, Mrs. King, ſeinem Haus⸗ weſen vorſteht, ſo kann ich ohne Bedenken da ſein, und kaun mich auch, da Benzon zu Anfang Jannars nach Europa reiſen wird, bei ihr einakkordiren. Dieß iſt für mich höchſt angenehm, auch vom ökonomiſchen Ge⸗ ſichtspunkte aus betrachtet. Benzon iſt ein ſehr guter 158 Mann von edlem Gemüth und feiner Bildung; fein und zartfühlend in ſeinem Benehmen, ſo daß man von ihm eine ſolche Artigkeit gern annehmen und ſich dabei an ſeinem Umgang erfreuen kann. Ich werde überdieß in ſeinem Hauſe freier und ruhiger ſein, als ich in irgend einem andern, das ich kenne, oder in irgend einem von denen, die ſich mir freundlich ge⸗ öffnet haben, ſein könnte. Denn dort müßte ich Ge⸗ ſellſchaftspflichten erfüllen, die ich hier nicht habe. Und ich glaube, daß es gar nicht beſſer um mich be⸗ ſtellt ſein fönnte, als es jetzt iſt. Den 18. Dezember. Guten Morgen, meine liebe Agathe, an dieſem hellen, etwas windigen und kalten Tag. Ich ſah die Sonne heute früh aufgehen und durch die Zweige vor dem Fenſter in mein Bett hereinleuchten. Und Schwe⸗ den und meine Lieben famen mir ganz nahe im Sonnen⸗ gruß durch die Zweige, und ich grüßte die neue Sonne für ſie wie für mich, und grüßte dieſe neue Welt, die mir ſo viel Anregendes und Intereſſantes gegeben hat und täglich giebt. Ich habe jetzt in Cambridge einige ſtille Tage verlebt, die ruhigſten, die ich hatte, ſeit ich in dieſes Land fam, und habe blos Abends Beſuche angenommen und Geſellſchaft geſehen. Berg⸗ falk iſt jetzt auch in Cambridge und fühlt ſich glücklich in Geſeilſchaft einer Bibliothet von 40,000 Bänden nebſt verſchiedenen Rechtsgelehrten, die ihn mit Freund⸗ ſchaft umfaſſen. Mit ihm und ſeinem jungen Wirth beſah ich dieſer Tage die Univerſitäts⸗Gebäude und die Bibliothek. In der letzteren fand ich zu meiner Ueberraſchung eine Rubrik, worin die ſchwediſche Li⸗ teratur nicht ſchlecht vertreten war. Dieß iſt das Verdienſt des Dichters und Profeſſors Longfellow, der ſelbſt in Schweden gereiſt iſt, dieſe Bücher hierher⸗ — ie or n⸗ me die en dge tte, nds erg⸗ lich den ind⸗ irth und iner Li⸗ das „der rher⸗ 159 geſchafft und überdieß ſelbſt verſchiedenes über Schwe⸗ den geſchrieben, wie auch mehreres von Tegner's Ge⸗ dichten überſetzt hat. Ich ſah unter den ſchwediſchen Büchern auch die Eddas. Bergfalk ergriff das weſt⸗ gothiſche Geſetzbuch, das er wie einen alten guten Freund behandelte, und zeigte unſern Begleitern Bei⸗ ſpiele der Alliteration, die in früheren Zeiten in der Schrift unſerer Väter ſo gebräuchlich war, und von welcher dieſe Herrn miteinander geſprochen hatten. Andebon's großes Werk über Amerikas Vögel, ein wahres Prachtwerk und dabei ein wirklich geniales Buch, habe ich auch in der Bibliothek geſehen. Zu den Beſuchen, die mich intereſſirten, gehört der don einer Mrs. Ruſſel und ihrer Tochter Ida. Ida iſt in Schweden geboren, wo ihr Vater vor vielen Jahren Geſchäftsträger war; ſie kam noch als Kind zus dem Lande, hat aber Schweden und die Schweden lieb behalten. Sie iſt eine ſchöne, anmuthsvolle junge Dame. Ihre Mutter ſieht aus, wie die Güte ſelbſt. „Ich kann Ihnen nicht viel Vergnügen verſprechen,“ ſagte ſie(ſie hatten mir ihre Wohnung angeboten), „aber ich will Sie verpflegen“(I will nurse Jou). Ich mußte ſie für ihre gute, mütterliche Abſicht um⸗ armen; aber ach! was mir Noth thut, das iſt nicht, daß ich beſtändig von Haus zu Haus herumflattere, ſondern daß ich einige Zeit Ruhe bekomme. Ich ver⸗ ſprach jedoch, auf Weihnachten zu ihnen zu kommen (ſie wohnen einige Meilen jenſeits Boſton auf dem Lande), und ſie wollen dann ein nordiſches Feſt ver anſtalten mit Weihnachtsbäumen, Weihnachtslichter und Weihnachtsgeſchenken. Ich merke ſchon, es ſoll ein großes Spektakel werden. Aber mehr als alle Weihnachtslichter und Weihnachtsgeſchenke bedarf ich— ein wenig Ruhe. Den 23. In dieſer Woche habe ich mehreren Diners ange⸗ wohnt. Das erſte war ein recht gemüthliches Mahl bei Profeſſor Longfellow und ſeiner ſchönen, gefälligen Frau, in threr ſchönen Wohnung, in Geſellſchaft mit Miß Ch. Cuſhman und Miß Haze, einer intereſſanten jungen Engländerin von unabhängigem, edlem Weſen, die mit ihr reiſt und ihre Freundin iſt, Charles Sum⸗ ner und einigen andern Herrn. Longfellow war ein angenehmer Wirth und traktirte uns mit amerikaniſchen Weinen, Sherry und Champagner— letzterer nach meinem Dafürhalten beſonders gut, aus Catabatrauben bei Cincinnati bereitet. Ferner bei einer angenehmen, gefälligen Mrs. Ferrans, deren Mann ein Märtyrer des Nervenleidens iſt, das hier zu Lande manche Mär⸗ tyrer hat. Ich konnte mich kaum der Thränen enthal⸗ ten, als ich ihn erblickte; er ſah ſo leidend und ſo vollkommen geduldig aus, wie er ganz lahm in ſeinem Schaukelſtuhl daſaß. Ferner bei einem Profeſſor Par⸗ ſens, einem Svedenborgianer, der ſich ſehr freundlich gegen mich zeigte. Ferner bin ich bei einer— Biene geweſen, und willſt Du wiſſen, was dieſes Geſchöpf im Geſellſchafts⸗ leben hier bedeutet, ſo— merk wohl auf. Eine Fa⸗ milie geräth durch Krankheit oder Feuersbrunſt in Ar⸗ muth, die Kinder haben keine Kleider u. ſ. w. So⸗ gleich treten Frauenzimmer aus dem Bezirk, die ſich in guten Verhältniſſen befinden, zuſammen, vereinigen ſich zum Ankauf von Kleiderzeug und verſammeln ſich dann an einem beſtimmten Ort, um die Kleider zu nähen. Eine ſolche Zuſammenkunft nennt man eine Biene. Und jetzt war eine Biene bei Mrs. Spark, der Frau des Präſidenten in Cambridge, um für eine Familie zu arbeiten, die durch eine Feuersbrunſt alle ihre Klei⸗ der kom: mun treff ten, grof burt hat ſich der lebh diſp eine well Ein Aga dote allei Poe erzä auc ſuch lich hab nig da nen wer Sti lan frer falt 161 der verloren hatte. Ich wurde eingeladen dazu zu kommen. Der Bienenkorb war gemütblich, fleißig und munter; er hatte, wenn auch keinen Honig, doch vor⸗ treffliche Milch und Kuchen den Arbeitsbienen zu bie⸗ ten, unter denen ich natürlich Platz nahm, aber ohne großen Lärm zu machen. Ein luſtiger kleiner Profeſſor K., Däne von Ge⸗ burt und ächter Däne an Naivetät und Redſeligkeit, hat uns mehrere Male beſucht und beluſtigt. Er hat ſich mit einem polniſchen Profeſſor zuſammen geſchlagen, der ebenſo groß und ſtattlich als der Däne klein und lebhaft iſt, und die Beiden ſind beſtändig beiſammen, diſputiren und peroriren und ſingen jeder ſein Lied auf eine ſo kontraſtirende Art und Weiſe, daß Maria Lo⸗ well und ich neulich einmal Abends laut auflachten. Ein Profeſſor Deſor, Schweizer und Naturforſcher wie Agaſſiz, hat mich durch ſeine naturgeſchichtlichen Anek⸗ doten und ſeine freundliche Aufmerkſamkeit intereſſirt. Abends ſpät, wenn ich und meine jungen Freunde allein ſind, leſen wir einander vor— Maria liest die Poeſien ihres Mannes bezaubernd ſchön— oder ich erzähle ihnen Stücke aus Romanen und Liebes⸗ oder auch Geſpenſtergeſchichten aus Schweden, oder ich er⸗ ſuche ſie mir ſolche zu erzählen. Das thue ich gewöhn⸗ lich, ſo bald ich mich in einem Haus recht eingewohnt habe. Aber die neue Welt iſt zu jung und hat zu we⸗ nig alte Häuſer und alten Schutt, als daß Geſpenſter da fortkommen könnten, und die Liebesgeſchichten ſchei⸗ nen nicht merkwürdig genug zu ſein, um hiſtoriſch zu werden, außer in den Häuſern und Herzen, wo ſie im Stillen leben. Aber jedes Haus, worin ich eine Zeit lang gelebt habe, gibt mir dennoch ſeine Liebesgeſchichte als ſeine beſte Blume, bevor ich es verlaſſe, und das freut mich immer ſehr, und ich bewundere die Mannich⸗ faltigkeit der Kniffe, die der blinde(oder auch hell⸗ Bremer, die Heimath in der zeuen Welt. 1. 11 162 ſehende) Gott anwendet, um aus Zweien Eins zu machen. Ich gehe täglich aus, entweder mit meinen jungen Freunden oder allein. Mit ihnen beſah ich dieſer Tage Mount⸗Auburn, Boſtons großen Begräbnißplatz, eine romantiſche, parkartige Gegend mit Höhen und Thä⸗ lern und ſchönen Bäumen. Die Ulmen ſcheinen die Lieblingsbäume von Maſſachuſetts zu ſein. Ich habe nirgends ſo große und ſchöne ulmen geſehen wie hier. Palmartig ſchießen ſie mit rieſenartigen Stämmen in die Höhe und breiten ſo ihre Kronen aus, indem ſie ihre Zweige auf die weichſte, graziöſeſte Art herab⸗ beugen. In dieſen jetzt laubloſen Zweigen ſehe ich oft wohlgebaute Vogelneſtchen hängen, die mit ihnen im Winde umherſchwanken. Es iſt da ein ſehr hübſcher kleiner Vogel Namens Oriole, der ſo ſein Neſt zur Wiege für ſeine Jungen baut, und ſein Geſang ſoll ſehr lieblich ſein. So hat er in den Zweigen einer ungeheuren Ulme in Cambridge gebaut, welche die Washingtonsulme heißt. Das Wetrer iſt meiſtens ſchön und ſonnig, und die Farbe des Himmels iſt von einer wunderbaren Klarheit und Kraft. Ihre Helle und Durchſichtigkeit entzückt mich, und ſo bezauberte mich das Wetter ge⸗ ſtern; es war wie ein Frühlingstag. Ich gehe oft in einer Gegend ſpazieren, wo der Weg bald aufhört, die Ausſicht aber ſich weit über grasbewachſene Felder hin⸗ debnt; rundum ſteht am Horizont entlang Tannenwald, und überall, nah und fern, kommen kleine Gruppen von weißen Häuſern und Kirchen zum Vorſchein. Das Gras iſt jetzt verwelkt und gelb, aber wenn der Wind darüber fährt, ſo führt er einen gewiſſen wunderſam lieblichen Wohlgeruch mit ſich, der eigenthümlich auf mich wirkt. Holde, rührende Erinnerungen, geliebte Geſichter, Blicke und Stimmen kommen darin zu mir, tauſend Gefühle, Gedanken und Ahnungen; das Leben en ge ne ä⸗ ie be er. in ſie b⸗ oft im her zur oll ner die nd ren keit ge⸗ in die in⸗ ald, pen Das ind ſam auf ebte mir, ben 163 wird zu voll, das Herz übervoll und— meine Augen⸗ quellen fließen über. Wie dem ſein mag, ich fühle mich weniger ſtark als früher, und oft habe ich ein Gefühl von Fieber. Ich bedarf der Ruhe. Das ſagen auch Viele; aber nicht Viele gönnen mir ſie. Will ſehen, will ſehen, ob ich nach Miltonhill(zu Ruſſels) fab⸗ ren und die Weihnachten feiern kann. Ich möchte es gern, ich habe es auch im Sinn, aber!.. Den 25. Dezember. Ach nein! Es wurde Nichts aus dieſer Fahrt. Ich hatte bereits meinen Koffer zu packen begonnen, aber es wollte nicht gehen und der Muth entſank mir. Ich ſchickte Ruſſel meinen Gegenbefehl durch einen jungen Herrn, der zum Feſt fahren ſollte, und ſo konnte ich den Weihnachtsabend ganz allein mit Maria Lowell zubringen. Ich nähte, ſie las mir aus der juſt an die⸗ ſem Tag erſchienenen neuen Arbeit Lowells vor; ſo ſprachen wir ſtill und innig aus offenen Herzen und Seelen, ſo wie man nur im Himmel ſprechen kann. Es war ein lieblicher, ſtiller Abend. Die ganze übrige Familie befand ſich bei einem Familienſchmaus in Bo⸗ ſton. Im vorigen Jahr brachte ich den Weihnachts⸗ abend in Dänemark zu, bei der ſchönen und guten Kö⸗ nigin Karoline Amalie; das Jahr vorher mit dir in Arſta, mit Weihnachtsbäumen und Traktament und Tanz für unſre Landeskinder— eine luſtige Genoſſen⸗ ſchaft!— Sodann am Morgen im Frühgottesdienſt. Und jetzt, dieſen Abend in einem andern Welttheil, allein mit dieſer lieblichen jungen Frau— welch wech⸗ ſelreiche Lebensbilder! Morgen werde ich dieſes Haus und Cambridge verlaſſen. Ich habe mehrere Häuſer in der Gegend be⸗ ſucht; alle ſind ſich gleich in Einrichtung, Sauberkeit, Ordnung und Comfort; bei einigen iſt etwas mehr, 164 bei andern etwas weniger Schönheit, das iſt der Haupt⸗ unterſchied. Longfellows Haus gehört zu den ſchönſten und künſtleriſch intereſſanteſten, die ich hier geſehen habe. Einen ichönen Schmuck habe ich oft in den Häuſern hier, wie auch in den andern kleinen Häuſern Reuenglands, die ich beſuchte, geſehen, nemlich große Bukette, wahre Rieſenbukette von den ſchönen Gras⸗ gewächſen des Landes, die, nach dieſen Exemplaren zu urtheilen, gleichfalls der Rieſennatur angehören. Dieſe prangen als Zierpflanzen in Vaſen im Salon und ſind auch an andern Orten angebracht. Man ſieht oft kleine Kolibri— leider nicht lebendig— unter den Gräſern flatternd. Auch habe ich Gruppen von ſchönen Vögeln und Schnecken des Landes die Zimmer ſchmü⸗ cken geſehen, und finde das ſinnreich und im beſten Geſchmack. Auch wir in Schweden könnten ſolche Dinge haben, wenn wir näher betrachten wollten, was der liebe Gott in ſeiner Gnade uns geſchenkt hat. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie freundlich Lo⸗ wells gegen mich geweſen ſind und noch ſind; ich habe ihre Bilder in meinem Album und in meinem Herzen, und Du wirſt ſie an beiden Orten ſehen. Jetzt muß ich Dir Lebewohl ſagen und ich küſſe Dich und Mama im Geiſte. Ich meine immer euch beiden zugleich zu ſchreiben. Und meine Lieben, möchte ich bald gute Nachrichten von euch erhalten! Das wird das beſte Weihnachtsgeſchenk ſein, das ich bekommen kann. Faſt hätte ich vergeſſen— und das wäre nicht recht geweſen— Dir von dem Beſuch zu erzählen, den mir an einem dieſer Abende der Quäcker und Dichter Whittier machte, eine der reinſten und begabteſten Dichternaturen der nördlichen Staaten, glühend für Freiheit, Wahr⸗ heit und Recht, dafür tämpfend in ſeinen Geſängen und gegen ihre Feinde im Staatsleben der neuen Welt — einer jener Puritaner, die mit dem Unrecht, in wel⸗ t⸗ en en en zu ſe ft en en ü⸗ ge der Lo⸗ be en, iſſe chte ird nen echt an ier ren ahr⸗ gen Lelt wel⸗ 165 cher Form es immer erſcheinen mag, keine Umſtände machen und keinen Vergleich eingehen wollen. Er iſt eine ſchlanke, hohe Geſtalt, hat einen ſchönen Kopf, feine Züge, ſchwarze Augen voll Feuer, dunkle Farbe, ein freundliches Lächeln, ein lebhaftes Weſen. Aber Geiſt und Seele haben die Saiten der Nerven über⸗ ſpannt und zehren an dem Körper. Er gehört zu den Naturen, die feſt und freudig dem Richtblock entgegen⸗ gehen würden als Märtyrer einer großen Sache, die ſich aber in einer guten Geſellſchaft nicht heimlich füh⸗ len, ſondern ausſehen, als wollten ſie jeden Augenblick nach der Thüre ſpringen. Er lebt mit ſeiner Mutter und Schweſter in einem ländlichen Hauſe, wohin ich zu kommen verſprochen habe. Ich fühle, daß ich mich bei W. wohl befinde, und daß er bei mir zur Ruhe kommen könnte. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was dieſe durch übermäßige Anſtrengung des Hirns verur⸗ ſachte nervöſe Scheu beſagen will, und wie Perſonen, die daran leiden, behandelt werden müſſen. Etwas Botanik habe ich hier auch geſprochen mit dem ausgezeichneten Profeſſor der Botanik Aſa Gray, welcher kam und mir einen duftenden Veilchenſtrauß ſchenkte. Deßgleichen verehrte er mir aus ſeinem Her⸗ barinm einige Exemplare der amerikaniſchen Linnaea borealis, die unſerer ſchwediſchen gleicht, aber bedeu⸗ tend kleiner iſt und etwas verſchiedene Blätter hat. Ich dachte, ich würde hier zu Lande ſo viel botaniſiren; aber— ich weiß nicht, wie es geht. Der artige Downing ſchenkte mir dieſer Tage einen großen Korb, einen wahren Rieſenkorb voll der aller⸗ prächtigſten Aepfel, die ebenſo zierlich als gut ſind, und ich hatte die Freude, meine jungen Freunde da⸗ mit traktiren zu können. Downings und Springs ſind ganz unvergleichlich gegen mich geweſen und ſind es noch immer. Unter meine Curioſa aus Cambridge rechne ich 166 auch die Einladung, die ich eines Abends erhielt, aus⸗ zugehen und in Geſellſchaft mit Adam und Eva im Paradies zu ſpazieren. Der Herr, der dieſe Einladung, zuerſt ſchriſtlich und dann mündlich, an mich richtete lich glaube, er zeigt eine Art von Wachsſigurenkabinet) gab mir zu verſtehen, daß verſchiedene Herrn von der Akademie bei dieſer Gelegenheit ſich einfinden würden, um im Paradies, in Geſellſchaft mit Adam und Eva, meine Vekanntſchaft zu machen Du erräthſt wohl, was ich antwortete. Schöne Geſellſchaft! Schließlich muß ich Dir wohl auch ein Paar Wörtchen von Cambridge ſagen. Es iſt ein anmuthi⸗ ges Städtchen mit kleinen weißen Häuſern*), kleinen Höfen und Gärten, und ſchönen hohen Bäumen— ordentlich, zierlich, aber einförmig. In die Länge könnte ich wohl in Verſuchung gerathen, hier zu ſingen: Stets ein und daſſelbe verſauert das Leben, Der Wechſel allein nur kann Lieblichkeit geben. Die Univerſität wird von ungefähr 500 Studiren⸗ den jährlich beſucht. Sie iſt von einem Unitarier an⸗ gelegt und dotirt, und ſoll der unitariſchen Kirche in die Hände arbeiten. Die Naturwiſſenſchaften werden hier viel ſtudirt. Aber jetzt ſagt man, das Beiſpiel des Chemieprofeſſors Webſter beweiſe, daß ſie zur Se⸗ ligkeit nicht genügen. Seine Mordgeſchichte iſt fort⸗ während das allgemeine Tagesgeſpräch, und immer *) Auch hier hat man mir mehrere ſehr ſchöne Häuſer gezeigt, wovon das eine einem Maurer, das andere einem Schneider, das dritte einem Zimmermann ge⸗ hört, ſo allgemein ſcheint hier die grobe Arbeit zu Ehre und Hans zu führen. * te er n, a, , ar hi⸗ en ige en⸗ an⸗ in den piel Se⸗ ort⸗ mer ſer dere ge⸗ t zu 167 mehr häufen ſich die Beweiſe für ſeine Schuld. Aber er leugnet heharrlich. Das Ereigniß iſt in dieſer Ge⸗ ſellſchaftsſphäre ganz beiſpiellos und erſcheint Jeder⸗ mann beinahe unglaublich. Achter Brief. Boſton, den 1. Januar 1850. Ein glückſeliges neues Jahr allen Lieben daheim! Dank, theuerſtes Kind, für Deinen Brief. Er war mir eine herzliche Freude und Erquickung; denn wenn auch das Eine und Andere ſeine unerfreulichen Schatten hatte, ſo fühlte ich doch einen friſchen Gruß durch den Brief wehen, der mir ſagte, daß Du an Seele und Leib geſund biſt. Und wie angenehm, Dich ausgehen und bei den Verwandten rechts und links zu Gaſt eſſen zu ſehen! Und dann all dieſe Klei⸗ nigkeiten daheim(dieſer neue Bediente z. B., der ſo beharrlich hinter Deinem Stuhl feſtgenagelt ſteht und Dir dann aus lauter Ehrfurcht und Eifer die Thüren zu öffnen in den Weg ſpringt) ach! wie luſtig ſo Et⸗ was zu hören und wie ſpaßhaft es in einer Entfer⸗ nyng von etlichen tauſend Meilen ausſieht! Daß Mama ſo munter, Charlotte wieder um ſo Vieles beſſer und Hagland mit ſeiner Wirkſamkeit auf dem Lande ſo zu⸗ frieden iſt, das alles freut mich von ganzem Herzen. Ich ſchreibe Dir jetzt wieder in Benzons Haus, in einem kleinen ſchönen Salon ſitzend, der mit grü⸗ nem Sammt möblirt und mit ſchönen Gemälden und Kupferſtichen an den Wänden geſchmückt iſt, und ich kann Dir gar nicht ſagen, wie froh ich bin, daß ich hier wieder auf einige Zeit(wenigſtens auf einen Mo⸗ 168 nat) Frieden habe, denn ich bedarf der Ruhe für Seele ſ und Leib, und ich könnte unmöglich mehr Ruhe, Frei⸗ e heit und Komfort finden, als ich hier habe. Ich war h eine Zeit lang nicht ganz wohl; das ewige Umherziehen u und Geſellſchaftsleben mit ſeinen unaufhörlichen An⸗ d forderungen an die körperlichen und geiſtigen Kräfte 3 war mir viel zu viel, und ich war nahe daran, Schlaf ü und Seelengeſundheit zu verlieren. Aber Gott ſei w Dank! beides wird jetzt nach mehrtägiger Ruhe und e dem Gebrauch einer Art von Chinadekokt, was mir h meine liebe Doctorin gegeben hat, mit Rieſenſchritten zwückkehren und—„noch lebt Hakon Jarl!“ Aber fi anders lebt man hier doch als in Europa. Das Klima e und die Nahrung ſind anders, und ich glaube nicht, A daß dieſe letztere für das Klima paßt. ch Der Abſchied von Lowells wurde mir ſchwer. d Sie ſind unendlich liebenswürdig, und ich liebe ſie le wahrhaft ſchweſterlich. Miß Hunt entführte mich mit 3 ei T ei R h je d u w d n d ch H u Gewalt. Ich hatte keine große Luſt ſie zu beſuchen, aber ich habe weit mehr Frende davon gehabt als ich ahnen konnte. Fürs Erſte war es angenehm, dieſe ganz eigenthümliche Individualität näher kennen zu lernen. Man kann beſſere Manieren, mehr Takt u. ſ. w. ha⸗ ben, unmöglich aber ein beſſeres Herz, mehr Wärme für Menſchenwohl und im Ganzen mehr praktiſche Tauglichkeit. Sie iſt aus einer Quäckerfamilie, und mit dem beſtimmten Willen und der Thatkraft, die dem Charakter dieſer Sekte angehört, beſchloß ſie für ſich und ihr Geſchlecht eine Bahn zu brechen, deren Betre⸗ tung ſie für das Weib wichtig glaubte, und zu der ſie ſich beſonders angezogen fühlte. Sie nahm nebſt einer jüngern Schweſter Privatunterricht bei einem ge⸗ ſchickten und wohlwollenden Arzt, und hat jetzt, nach⸗ dem die Schweſter ſich verheirathet, ſeit zwölf Jahren als Frauenzimmer- und Kinder⸗Doctorin praktizirt, T ſich Vertrauen und Vermögen, wie auch das zwar be⸗ le i⸗ ar en n⸗ fte ſei nd ir en er 1a t, le it nz a⸗ le 169 ſcheidene, aber recht angenehme Haus, das ſie bewohnt, erworben und— wie ich von mehreren Seiten gehört habe— einer Menge Frauenzimmer in Krankheiten und Nöthen ihres Geſchlechts Hülfe geleiſtet. Beſon⸗ ders iſt ſie den Weibern der gröbern Arbeiterklaſſe eine Wohlthäterin geweſen und hat auch für ſie Vorleſungen über Phyſiologie gehalten, die von Hunderten beſucht wurden. Sie las mir ihre Vorträge vor, und der erſte, den ich hörte, die Einleitung, flößte mir eine ſo hohe Meinung von der guten Doktorin und ihrem Standpunkt ein, daß ich mich recht herzlich darüber freute und jetzt erſt vollkommen einſah, wie wichtig es iſt, daß auch Weiber ſich an der mediziniſchen Wiſſenſchaft betheiligen. Ihre Anſicht vom menſchli⸗ chen Körper und ſeiner Verpflegung war durch und durch religiös, und wenn ſie den Weibern ans Herz legte ihre eigenen und ihrer Kinder Leiber zu verpfle⸗ gen, ſo that ſie dies, weil die Beſtimmung derſelben eine hohe iſt, weil ſie Wohnungen der Seelen und ein Tempel Gottes ſind. Es war in Allem ein Ernſt und eine Einfachheit, eine Klarheit der Darſtellung, eine Richtigkeit und Reinheit, die dem höchſten Stil ange⸗ hört und auf jedes reine Menſchenherz, beſonders auf jedes Mutterherz wirken muß. Und wenn man be⸗ denkt, wie wichtig die rechte Verpflegung des Weibes und Kindes für das ganze kommende Geſchlecht iſt, wie viel dabei auf Diät und eine Wartung ankommt, die dem Gebiet und Blick des Arztes entgeht und die nur das Weib recht zu kennen vermag— wer kann da an der Wichtigkeit einer Aerztin zweifeln, bei wel⸗ cher die Wiſſenſchaft dem natürlichen Scharfblick zu Hülfe kommt, ſo daß ſie befähigt iſt die beſte Helferin und Rathgeberin für Weiber und Kinder zu werden? Daß die Weiber einen natürlichen Scharfblick und Talent zum ärztlichen Beruf beſitzen, das beweiſen zahlloſe Beiſpiele aus der Erfahrung aller Zeiten und „ 170 Völker. Und es iſt Sünde und Schade, daß man bisher eine Entwicklung dieſer Gaben durch die Wiſſen⸗ ſchaft nicht geſtatten wollte. Wie viel Gutes könnten nicht z. B. Hebammen, beſonders auf dem Lande un⸗ ter den Bauern, ausrichten, wenn ſie mit den Kennt⸗ niſſen, die man ihnen beibringt, um ein Kind zur Welt zu fördern, auch das nöthige Wiſſen verbänden, um der Mutter und dem Kind zu einem geſunden Le⸗ ben zu verhelfen? Aber das hat man verſäumt, und man verſäumt es noch immer, und dieſe Verſäumniß rächt ſich durch Tauſende von kränklichen Müttern und kränklichen Kindern. Kommt jetzt dazu, daß der na⸗ türlich religiöſe Sinn des Weibes und ihre Neigung, das Leben und die Dinge aus einem centralen, hei⸗ ligenden Geſichtspunkt zu betrachten, ſie dazu befähigt auch das Geringſte als von dieſem Geſichtspunkt aus wichtig anzuſehen. daß ſie von Natur mütterlichen In⸗ ſtinkt und mütterliche Liebe hat, wie gut paßt ſie dann nicht zur Prieſterin in dem Tempel, wo das Kind Gott, dem Gott der Geſundheit und Heiligkeit geweiht werden ſoll! Wie heilig iſt nicht ihr Recht, ſich dazu einweihen zu laſſen! In alten weiſen Zeiten waren die Aerzte auch Prieſter und wurden zu heiligen Myſterien eingeweiht. Die Nachkommen Aeskulaps waren eine helige Familie und unter ihnen befanden ſich auch Frauen. Hygiea, eine der Töchter Aeskulaps, wurde die Göttin der Ge⸗ ſundheit genannt. Aus ihrer Familie ſtammte Hippo⸗ krates. Wir ſprechen noch jetzt von Hygiea, aber wir laſſen es beim Sprechen bewenden. Sie muß auf die Erde gerufen werden, man muß ihr als Weib und Prie⸗ ſterin Raum und Rechte geſtatten, wenn ſie der Erde einen neuen Hippokrates ſchenken ſoll. Aber zurück zu meiner kleinen irdiſchen Doctorin, die gleichwohl nicht ohne dieſen himmliſchen Funken iſt, welcher ſie berechtigt, der Familie der Asklepiaden an⸗ e— z— c S— c — ——— /6——9— „———— an en⸗ ten in⸗ nt⸗ zur en, Le⸗ nd niß nd a⸗ ng, ei⸗ igt us n⸗ nn ind iht zu uch ht. ilie ea, He⸗ pb⸗ wir die rie⸗ rde tin, iſt, al⸗ 171 zugehören. Man ſieht das an ihrem Blick und hört es auch oft an ihren Worten. Bei ihr ſah ich verſchie⸗ dene emancipirte Damen, ſolche nämlich, die öffentliche Vorleſungen halten, bei Antiſclavereiverſammlungen als Rednerinnen auftreten u. ſ. w. Eine von ihnen frap⸗ pirte mich durch die pittoreske Schönheit ihrer Geſtalt und ihres Kopfes, mit ihrem blaſſen, edeln Geſicht und dem üppigen goldnen Haar, ſowie durch die vollkom⸗ mene Milde und Lieblichkeit in ihrem ganzen Weſen und ihrer Sprache, verbunden mit mannhafter Kraft des Willens und der Ueberzeugung. Es war Mrs. Pauline Davis von Providence. Sie hat mehrere Jahre lang mit großem Erfolg öffentliche Vorträge über Phyſiologie gehalten, die von den grobarbeitenden Klaſſen ſehr beſucht waren. Sie und meine liebe Doe⸗ torin ſind innig befreundet. Ich ſah auch ihren Mann, Mr. Davis, der ein denkender Mann und mit ſeiner Frau und ihrer Thätigkeit vollkommen einverſtanden zu ſein ſcheint. Ich verſprach ihnen einen Beſuch in Providence. Ich hörte hier Verſchiedenes von der Sekte der Schäker und ihrem Staat; meine kleine Doe⸗ torin iſt Aerztin in einigen ſolchen Familien, ſie las mir ein paar Briefe von ihrem„Aelteſten“ vor, mit ſchönen frommen Gedanken und Ergießungen, aber von ſehr beſchränktem Horizont. Ich wurde auch eingeladen, die Schäkerverſammlung in der Nähe Boſtons, in Ha⸗ ward, zu beſuchen, wo mediciniſche Baumgärten ange⸗ legt ſind. Ich werde dieſen wunderlichen Menſchen⸗ ſchlag gerne näher beſehen. Ich ſah hier allerlei neue Leute und Gäſte, denn meine kleine Doctorin ſcheint einen großen Geſellſchaftskreis zu haben. Jeden Abend nach vollbrachter Tagsarbeit las ſie aus der Bibel vor, und wir verrichteten unſere Gebete nach alter purita⸗ niſcher Weiſe. Mein Beſuch und das neue Lebensge⸗ mälde, das ich hier ſah, wirkte wahrhaft erfriſchend auf mich. Aber froh war ich, in Benzons Haus zur 172 Ruhe zu kommen, wo Mrs. H. keine drei Worte des Tags ſpricht, aber freundlich und artig iſt, wo eine ehrliche, gutmüthige Deutſche, Chriſtine, ſowohl das Haus als mich wohl verpflegt, und wo ich einen großen Theil des Tages allein ſein darf, denn Benzon iſt auf ſeinem Comptoir außer dem Hauſe beſchäftigt. Wenn er Abends nach Hauſe kommt, iſt er recht ge⸗ müthlich und angenehm, lieſt mir vor, oder unterhält mich mit Geſpräch. Ich habe bis jetzt weder Beſuche, noch Einladungen angenommen, habe aber den Mon⸗ tag als meinen Empfangtag feſtgeſetzt. Jetzt will ich in Ruhe Athem ſchöpfen, leſen und ein wenig ſchreiben. Aber heute werden Benzons mich zu einem Beſuch bei Lowells führen, die ich mit einigen Kleinigkeiten über⸗ raſchen will, von denen ich hoffe, daß ſie ihnen Ver⸗ gnügen machen werden. Man fühlt ſich ſo arm, wenn man immer nur empfangen ſoll. Den sten Januar. Und jetzt, mein liebes Kind, habe ich Deinen zweiten Brief erhalten. Und Deine Briefe— hörſt Du— die darfſt Du nicht verachten! Daß ich aus ihnen juſt erſehen kann, wie es daheim ſteht, das iſt Alles was ich wünſche, es mag nun trübe oder ſonnig ſein, und Deine Briefe können mir nichts Angeneh⸗ meres geben, als die einfache Wahrheit, als die Wirk⸗ lichkeit ſo wie ſie iſt. Und, meine liebe Agathe, be⸗ denke ſtets, daß Frühling und Sommer wiederkehren werden, daß die Sonne hinter den Wolken iſt und zu ihrer Zeit hervorkommt. Es iſt ein altes Lied, aber ich habe ſeine Wahrheit ſo oft erprobt, und erprobe ſie auch in der neuen Welt. Wir haben jetzt hier einen vollkommen ſchwediſchen Winter, und zwar heute ſo grau und kalt, wie wir es nur je in Stockholm haben können. Und ich bin juſt — ———„————— des ine s len n gt. ge⸗ ält he, n⸗ n. bei ⸗ er⸗ un en rſt iſt ig h⸗ e⸗ n u e 8 ſt 173 etwas vergnügt darüber, daß ich es nicht beſſer habe, als meine Freunde in Schweden. In Benzons Haus befinde ich mich ganz vortrefflich, aber daß ich irgend etwas für mich bezahlen dürfte, davon iſt gar keine Rede. Benzon reiſt am Donnerſtag nach Europa ab, kommt aber erſt im Mai oder Juni nach Stockholm. Er beſucht dann Mama und Dich und bringt Euch meine Grüße. Geſtern Vormittag hatte ich„reception“ zwiſchen 12 und 4 Uhr; ich ſah da eine Menge Leute und er⸗ hielt eine Maſſe Einladungen. Eine Perſon, mit der ich mich wohl etwas mehr befreunden werde, iſt Mrs. Bryant, eine noch junge vermögliche Wittwe wit einem einzigen Kind, einem prächtigen jungen Mädchen. Sie ſieht gut aus, iſt eine ſehr gebildete und angenehme Dame und unendlich liebenswürdig gegen mich; ſie hat, wie ſie ſagt, keinen andern Wunſch, als ſich mir nützlich zu machen, fährt mit mir aus und ſucht mir auf die angenehmſte, zartſinnigſte Art alles mögliche Ver⸗ gnügen zu bereiten. Bei ihr bin ich gerne; nichts ſtößt mich von ihr ab und viel zieht mich zu ihr hin, beſonders ihr ſtilles Weſen; es gibt mir Ruhe. Wir können ſchweigend neben einander im Wagen ſitzen, und das gefällt mir. Ich habe auch die„conversations“ des Transcen⸗ dentaliſten Alcott beſucht und ſogar ein wenig an der Unterhaltung Theil genommen. Es kommen vierzig bis fünfzig Perſonen dazu, die alle auf Bänken ſitzen. Alcott ſitzt der Verſammlung gegenüber an einem Pult und beginnt das Geſpräch damit, daß er etwas vor⸗ lieſt; das letztemal las er aus den Schriften des Pythagoras. Er iſt ein ſchöner und ſanfter Mann, aber— ein Träumer, deſſen pythagoreiſche Weisheit die Menſchen der Jetztzeit kaum weiſer machen wird. Er ſelbſt lebt ſeit vielen Jahren blos von Brod, Obſt, grünen Gemüſen und Waſſer. Daſſelbe muthet er jetzt „ 174 auch allen andern Menſchen zu, und dann werden ſie ſchöne, gute und glückſelige Menſchen werden. Die Sünde wird durch die Diät verjagt werden. Und die heilige Fluth des Enthuſiasmus wird beſtändig ſtrömen durch den mittelſt der Diät geläuterten und gereinigten Menſchen. Sowohl der Vortrag als die Unterhaltung be⸗ wegten ſich in den Wolken, obſchon ich einige Verſuche machte ſie herauszuziehen. Alcott trank Waſſer und wir tranken— Nebel. Er hat mich ein paarmal be⸗ ſucht, und er intereſſirt mich als eine Studie. Vor⸗ geſtern brachte er den Abend mit mir und Benzon zu und traktirte uns mit verſchiedenen Stücken aus ſeiner Lehre. Alle blonden und blauäugigen Menſchen ge⸗ hören zu den Lichtnaturen, zum Reich des Lichtes und der Güte(ich glaube, daß Lowell für Alcott das Ideal von einem Sohne des Lichtes iſt); Alle mit dunkeln Augen und dunkeln Haaren ſind von der Nacht und vom Böſen. Ich nannte Wilberforce und mehrere Kämpen des Lichts mit dunkeln Köpfen. Aber auf Einwendungen hört der gute Alcott ganz und gar nicht und ſeine Unterhaltung beſteht darin, daß er ſelbſt ſprechen und urtheilen will. Wir tranken Thee, und ich ſuchte Alcott zu überreden, daß er wenigſtens ein Glas Milch nehmen ſolle. Aber das war eine allzu thieriſche Nahrung. Er wollte nichts Anderes nehmen, als ein Glas Waſſer und ein Stück Brod. Er iſt we⸗ nigſtens ein Transcendentale iſt, der lebt wie er lehrt. Für dieſe Woche habe ich einige Einladungen an⸗ genommen. Am Sonntag werde ich mit Laura Bridge⸗ man bei ihrem zweiten Schöpfer, dem Director der Taubſtummenanſtalt, Doctor How, zu Mittag eſſen. Seine liebenswürdige Frau war hier, um mich einzu⸗ laden. ——— c 8 n ſie Die die men gten be⸗ uche und be⸗ Bor⸗ zu iner ge⸗ und deal keln und rere auf icht lbſt und ein llzu en, we⸗ rt. mn⸗ ge⸗ der en. u⸗ 175 Den 9ten Januar. Jetzt muß ich meinen Brief ſchließen, denn Benzon geht auf ſeine Reiſe. Ich werde ihn ſehr vermiſſen, denn er war unbeſchreiblich freundlich und liebens⸗ würdig gegen mich, und überdies hat er Alles ſo für mich angeordnet, daß man ſich gar nichts Beſ⸗ ſeres und Bequemeres denken kann. Heute werde ich über Mittag und Abend fort ſein, ſo auch morgen, und morgen Vormittag werde ich in Geſellſchaft Char⸗ les Sumners, des jungen Rieſen und Juriſten, verſchie⸗ dene öffentliche Anſtalten beſehen. Ich beginne jetzt wieder herumzuvagiren. Könnte man es nur mit Maaß thun! Aber das hat ſeine Schwierigkeiten hier zu Land. Bergfalk iſt wieder in New⸗York. Wir werden vermuthlich ſpäter nicht mehr viel zuſammentreffen, denn ſeine Wege ſind nicht meine Wege, außer in unſerem gemeinſchaftlichen Zweck und Ziel— Schweden. Neunter Brief. Boſton, den 22. Februar 1850. Jetzt, mein artiges Kindchen, will ich ein wenig mit Dir ſchwatzen und dann das Geſchwatz Dir auf der Poſt zuſchicken. Ich kann nicht begreiſen, daß ich Dir in dieſer ganzen Zeit von vierzehn Tagen nicht geſchrieben habe, aber ein Geſchäft folgt auf das an⸗ dere, und die Menſchen, das Briefſchreiben und viele Dinge nehmen die Zeit weg, und die Tage gehen, ich weiß nicht wie. Ich bin auch in Bezug auf meine Geſundheit nicht ganz kapitelfeſt geweſen und habe nicht viel thun können. Die guten Allopathen hier(und ich 176 habe jetzt in der letzten Zeit einen der vornehmſten Aerzte von Boſton gehabl) vermochten nichts gegen mein Uebel und verderbten mir blos den Magen. Ich nahm meine Zuflucht zur Homöopathie. Aber ich muß Dir erzählen, wie das zuging. Ich fuhr eines Tags, obſchon mir miſerabel zu Muth war, in Begleitung oder vielmehr unter Anfüh⸗ rung von Charles Sumner aus, um verſchiedene öf⸗ fentliche Anſtalten zu beſehen. Zuerſt das Correktions⸗ haus für Weiber, wo die gefallenen Weiber unter der Aufſicht und Leitung von achtungswerthen Frauen⸗ zimmern ſtehen, und wo ich Ordnung und Anordnung in Allem bewunderte. Ferner ein Narrenhaus für arme Irren. Es war ſauber und gut gehalten, aber ach es war armſelig gegenüber all dem Comfort und der Schönheit, wodurch ſich die Blumenthaler Anſtalt für vermögliche Narren auszeichnet. Ein Weib faßte eine heftige Freundſchaft für mich umarmte und ſegnete mich beſtändig, und verlangte von Andern, ſie ſollten mich auch ſegnen.„Sag', Gott ſegne ſie,“ ſagte ſie zu Mr. Sumner. Er war im Geſpräch mit dem Direk⸗ tor begriffen und achtete nicht auf ihre Aufforderung. Sie wiederholte dieſelbe und ſagte endlich mit wild⸗ drohender Stimme:„Sag' Gott ſegne!“„Ja, Gott ſegne ſie,“ ſagte jetzt Sumner freundlich mit ſeiner tie⸗ fen, ſchönen Stimme, und jetzt lächelte meine Freundin und wurde ſehr vergnügt. Unter den Männern er⸗ kannte Sumner zwei Studiengenoſſen wieder, gute Köpfe, die ihm in der Mathematik voraus geweſen wa⸗ ren. Jetzt ſchienen ihre hochgewölbten Stirnen keinen klaren Gedanken zu beherbergen. Einer von ihnen er⸗ kannte jedoch den ehemaligen Kameraden, ſchien aber darüber betrübt und verlegen zu werden. Der Anblick einiger der melancholiſchen Narren war für mich in mei⸗ ner damaligen Stimmung beinahe überwältigend. Vom Narrenhaus mußte ich zu einem Mittageſſen hie bo die wi kan übe un zu beg mie bat hen gen mie kon unt ein ſitz bra dia erg mit Ta ohn Ueb bret ſche war dav wie folg 177 hierauf zu einem ſchwediſchen Mesting in einer ſweden⸗ borgiſchen Kirche, wo ich wohl 100 Swedenborgianern die Hände ſchüttelte Um halb zehn war ich endlich wieder zu Hauſe, und zum erſtenmal an dieſem Tage kam eine Empfindung des Behagens und Wohlbefindens über mich. Jedes Gefühl der Mühſeligkeit verſchwand und ich freute mich, jetzt ein Stündchen ansruhen zu können mit einer Freundin, die mich nach Hauſe begleitet hatte. Aber da kommt mein Doctor und will mich durchaus in eine Abendgeſellſchaft führen. Ich bat um Schonung. Ich ſagte:„Jetzt erſt kann ich ru⸗ hen, jetzt erſt befinde ich mich wohl am ganzen heutigen Tag. Sie machen es jetzt wie viele Andere; Sie ſa⸗ gen, ich bedürfe der Ruhe und gleichwohl zwingen Sie mich in Geſellſchaft zu gehen. Eo half nichts. Ich konnte meinem Arzt keine abſchlägige Anwort geben, und ſo mußte ich gehen und bis Nachts 12 Uhr bei einer von den eleganten Damen Boſtons in Geſellſchaft ſitzen. Der nervöſe Druck kehrte wieder, und ich ver⸗ brachte ein Paar qualvolle Stunden, beneidete die In⸗ dianer und alle freie Menſchen, die im freien, wilden Walde leben. Als ich endlich wieder nach Hauſe kam, ergriff mich die Furcht vor der ſchlafloſen Nacht, der ich mit Beſtimmtheit entgegenſah, und vor dem elenden Tag, von dem ich wußte, daß er darauf folgen würde, wo ich am Leben wie an der ſchwerſten Laſt ſchleppe, ohne jedoch krank zu ſein oder irgendwo ein beſtimmtes Uebel zu empfinden Da ich nun meine Hände fieberhaft brenneu fühlte, ſo erinnerte ich mich einiger homöopathi⸗ ſcher Pillen, die mein Freund Downing, der ſelbſt Homöopath iſt, mir einmal gab, als ich ſehr erhitzt war, und die mich wunderbar kühlten; ich nahm einige davon auf die Zunge, und ſchlief dieſe Nacht ſo gut, wie ich mehrere Wochen nicht geſchlafen hatte. Am folgenden Tag ging ich ſobald als möglich zu meinen Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 12 178 Freunden in Boſton und fragte nach einem homöopa⸗ thiſchen Arzt. Eine freundliche, ſchöne, ältere Dame, Mrs. Clarke, die Mutter der ſtattlichen Söhne, ver⸗ ſprach mir einen Arzt zu ſchicken. Als ich zur Mit⸗ tagszeit nach einem Spaziergang in meinen Salon kam, ſtand da ein hochgewachſener alter Herr mit blaſſem, charakterſtarkem Geſicht, hoher Stirne, kahlem Scheitel, ſilbergrauem Haar und ein Paar tiefen blauen Augen voll Gefühl und Ernſt. Still ſtand er in ſeiner ſchwar⸗ zen Kleidung mitten im Zimmer mit beinahe prieſter⸗ lichem Ausſehen und den durchdringenden ernſten Blick auf mich geheftet. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es kam ſo, daß ich vom erſten Augenblick an Ver⸗ tranen und Ergebenheit für ihn faßte. Ich ging auf ihn zu, nahm ſeine Hand zwiſchen die meinige, ſchaute ihm in ſein blaſſes, ernſtes Geſicht und ſagte:„Helfen Sie mir!“ So hilflos, ſo redlos und arm habe ich mich jetzt eine Zeit lang gefühlt unter der Macht ei⸗ nes mir fremden Leidens, das mich an Seele und Leibh lähmte, und allein im fremden Lande, ohne eine andere Stütze als meine Seelen⸗ und Körperkräfte, um das Unternehmen durchzuſühren, das ich mir vorgeſetzt. Er antwortete mit tiefer Baßſtimme, indem er langſam, gleichſam mit einiger Mühe ſprach.—— Ach mein Kind, es könnte leicht ſehr eitel klingen, wenn ich er⸗ zähle, was er antwortete; aber laß mich dießmal eitel erſcheinen. Er ſagte:„Miß B.! Niemand kann Ihre „Nachbarn“ geleſen haben, ohne den Wunſch zu he⸗ gen, Ihnen zu helfen! und ich hoffe Ihnen helfen zu können.“— Ich weinte, ich küßte die magere, knochige Hand, die ich hielt, gleich als hätte ich die Hand eines väterlichen Wohlthäters küſſen können; ich fühlte mich weich wie ein Kind. Er gab mir ein weißes Pülver⸗ chen, das wie Nichts ausſah, und das ich vor Schla⸗ fengehen nehmen ſollte. Ich nahm es, ſchlief vortreff⸗ lich und am andern Tage— ach welch ein Gefühl! — — — 179 Alles Wehe war verſchwunden; ich fühlte mich wie von Geiſtesſchwingen getragen; ein unnennbar Gefühl von Freude und Geſundheit waltete in meinem ganzen We⸗ en vor. Ich ging aus; ich ſpürte meinen Körper nicht; ich erfreute mich an der Bläue des Himmels, am Tanze der Wogen. Ich konnte ſehen, daß die Welt ſchön war. So war mir lange nicht zu Muth geweſen; und die Gewißheit jetzt ein Hülfsmittel bekommen zu haben, das meine noch friſche Kraft und meinen Willeu un⸗ terſtützen könne, machte mich unausſprechlich glücklich. Ich dankte Gott. Und nicht blos meinetwegen, ſondern auch um Deinetwillen. Denn ich bin überzeugt, daß nichts für Dich und Deine Schwäche beſſer taugt, als dieſe luftige, leichte, beinahe geiſtige und wunderbar wirkende Medizin. Dieſe weißen Nichtspülverchen und Pillen, die nach Richts ſchmecken und wie Nichts ausſehen, wirken mächtig und ſchnell oft in einer hal⸗ ben oder Viertelſtunde. Und ich bitte Dich endlich ei⸗ nen Verſuch damit zu machen, wenn Du Dich dieſen Winter(wie gewöhnlich im Winter) an Leib und Seele ſchwach fühlſt; alle andere Medizin aber wirf zum Fenſter hinaus. Gieb auch Acht auf die Diät, und daß Du keine Sachen iſſeſt, die nicht für Dich paſſen. Mein Doktor behauptet, mein Uebel komme vom Magen und gehöre zu einer Krankheit, die hier zu Lande ſehr gäng und gäbe ſei und Dispepſie(Ver⸗ dauungsſchwäche) heiße. Er hat eine genaue Diät von mir verlangt, ich ſoll keine fetten Speiſen, nichts Ge⸗ bratenes, nichts Erhitzendes, keine Sülzen u. ſ. w. eſ⸗ ſen. Ich war im Anfang widerſpenſtig und wollte behaupten, mein Magen ſei das Beſte was ich habe. Aber ich habe doch ſeither zu meiner Verwunderung bemerkt, daß gewiſſe Speiſen auf meinen Zuſtand ein⸗ wirken; daß ich z. B. Morgens mit einem Gefühl des Elendes erwache, wenn ich Abends eingemachte Sachen 180 gegeſſen, und daß ich mich dagegen Morgens ganz gut befinde, wenn ich Abends nichts Süßes und Fettes ge⸗ geſſen habe. Die Schwierigkeit für mich beſteht darin, hier im Lande Diät zu halten, und ich überzeuge mich immer mehr, daß das Eßſyſtem der Bevölkerung unge⸗ ſund iſt und ganz und gar nicht für das Klima paßt, welches erhitzend und ſtimulirend iſt. Man ißt zum Frühſtück warmes Brod und mehrere fette und hitzige Sachen, wie z. B. gebratenen Speck, Speckwürſte, Omeletten u. ſ. w.; Abends, beſonders bei allen Sou⸗ pers, ißt man Auſtern gebraten oder als Salat, und eingemachte Pfirſiche oder auch Gefrorenes. Auſtern werden in allen möglichen Appreturen im Allgemeinen viel gegeſſen, und juſt dieſe und alle andern Artikel, die ich genannt habe, ſind ſchwer verdaulich und höchſt ſchädlich für ſchwache Mägen. Und nun Adien mit dieſem Magen⸗ Eß⸗ und Me⸗ dizin⸗Capitel, das aber für mich und Manche ſein großes Intereſſe hat und ernſtlich überlegt werden ſollte. Von meinem Doctor muß ich Dir noch ſagen, daß er David Osgood heißt, daß er mich täglich beſucht und mich mit der größten Zärtlichkeit pflegt, wie auch, daß er mir verſprochen hat, mich vollkommen geſund und kräftig zu machen, bevor ich Boſton verlaſſe. Er ſtammt aus einer alten Puritanerfamilie und iſt ein wahres Original; hat eine rauhe Außenſeite, aber das aller⸗ ſanfteſte beſte Herz, und das kann man ihm an den Augen anſehen. Gewiſſe Arten von Augen können ge⸗ wiß niemals ſterben. Sie müſſen ſich im Himmel gleich bleiben wie auf Erden. An was ich mich von meinen Freunden am Klarſten erinnere, das ſind immer ihre Augen, ihre Blicke. Ich bin überzeugt, daß ich bei der Auferſtehung meine Freunde an ihren Augen er⸗ kennen werde. Jetzt muß ich Dir von Concord erzählen und von der Sphinx in Concord, Waldo Emerſon. Denn nach ut Je⸗ in, ich e⸗ ßt, um ige te, Uu nd rn en hſt 181 Concord reiſte ich vor 5 Tagen, begleitet von— ihm ſelbſt. Es war mir miſerabel zu Muthe, ich weiß nicht ob von etwas, das ich am Abend gegeſſen hatte, oder von der bloßen Erſchütterung der Reiſe nach einer neuen Heimath, deren Vorgefühl mich nicht hatte ſchla⸗ fen laſſen. Fiebermatt und niedergeſchlagen ſaß ich an der Seite des ſtarken Mannes; ſtill und ohne auch nur ein Wort ſagen zu können, drehte ich maſchinenmäßig den Kopf, als er mir einige hiſtoriſch merkwürdige Stellen bezeichnete. Und er ſah wohl, wie es mit mir ſtand und ließ mich ſchweigen. Fiebermatt und mit einem Gefühl, als wollte ich auseinanderfallen, war ich den erſten Abend in Emerſons Haus; dann aber — waren es einige weiße Nichtspülverchen, oder die reine, ſchneefriſche Luft(wir hatten einen recht ſchönen ſchwediſchen Winter in Concord), oder war es die An⸗ weſenheit dieſes ſtarken und ſtärkenden Geiſtes, in deſ⸗ ſen Wohnung ich mich befand, oder wirkte alles das zuſammen— kurz, es beſſerte ſich mit mir, ich fühlte mich leicht und wohl. Und während meines 4tägigen Aufenthalts in Emerſons Haus machte es mir einen wahren Genuß, dieſe ſtarke, edle, adlerartige Natur zu betrachten. Die Berührung war indeß unvollkommen, denn unſere Naturen und Anſichten ſind im Grund allzu ungleich und die heimliche Feindſchaft gegen ihn, die neben meiner Bewunderung in mir lebt, bricht ſich mitunter Bahn und ruft leicht ſeine zurückhaltende, kalte Eisalpennatur hervor. Aber dieß iſt nicht ſein urſprüngliches Element, er gedeiht nicht recht darin, er gibt es gerne auf, wenn er kann, und befindet ſich, das ſieht man, wohl in einer milden und ſonnigen Atmo⸗ ſphäre, wo die natürliche Schönheit ſeines Weſens frei athmen und blühen kann, von Andern berührt, wie von einem belebenden Winde. Es war mir ein Genuß, ihn in ſeinem Weſen, ſeinen Ausdrücken, ſeinen Reden, ſeinem Alltagsgange 182 zu betrachten, wie es mir ein Genuß war, den ruhigen Lauf des Flnſſes zu betrachten, der große und kleine Schiffe zwiſchen blumenreichen Ufern dahin trägt, wie ich es liebe, den Adler am Himmel kreiſen zu ſehen, auf ihm und auf ſeinen Schwingen ruhend. Aus die⸗ ſer ruhigen Hoheit läßt ſich Emerſon durch Nichts reißen, es ſei groß oder klein, es ſei glücklich oder unglücklich. In ſeiner philoſophiſchen Anſchauung iſt Emerſon Pantheiſt, in ſeiner moraliſchen Anſicht von der Welt und dem Leben iſt er in hohem Grad rein, edel und ſtreng, macht bedeutende Anſprüche an ſich ſelbſt und an Andere. Seine Worte ſind ſtreng, ſeine Urtheile oft ſchneidend und ſcharf, aber ſein Weſen iſt ebenſo edel und lieblich, ſeine Stimme immer gleich ſchön. Man kann mit Emerſons Gedanken, mit ſei⸗ nem Urtheil hadern, aber nicht mit ihm ſelbſt. Was ihn nach meiner Anſicht hauptſächlich vor den meiſten Menſchen auszeichnet, das iſt das Edle. Er iſt ein geborner Edler. Ich habe ſchon früher einige Männer geſehen, die mit dieſem Gepräge geboren ſind. Seine Extellenz W—r in Schweden und— noch ein paar An⸗ dere. Emerſon beſitzt es vielleicht in noch höherem Grade und dazu dieſe tiefen Intonationen der Stimme, dieſer zugleich ſo milde und ſchwungvolle Ausdruck;— ich mußte an Maria L—s Aeußerung denken: Wenn er nur meinen Namen nennt, ſo fühle ich mich ge⸗ adelt. Ich erfreute mich auch an Emerſons Geſpräch, das ſo ruhig und leicht hinfließt, wie ein tiefer, ſtiller Fluß. Es iſt für mich belebend in Freud und Leid; in allem, was er ſagt, iſt immer etwas Bedeutendes, auch hört er die Andern wohl an und verſteht und antwortet gut. Aber war es nun geiſtige Mattigkeit, oder auch ein Gefühl der Achtung für ſeinen Frieden und ſeine Freiheit, ich ſuchte ſein Geſpräch nicht. Wenn er kam, ſo war es gut, wenn er nicht kam, ſo wat wat lieb in Ga las Eng mat ſon run Erz Die So gel imn Gla Sie kan Ste Abe rein Rei alle Un! Fre ihn lieb wor wür und ſoll fen, ne ie 5 ie⸗ er iſt on ch ne ch i⸗ a8 en in ne 183 war es auch gut, beſonders wenn er nur im Zimmer war. Seine Gegenwart war mir angeuehm. Er war liebenswürdig in ſeiner Aufmerkſamkeit gegen mich und in der Art und Weiſe, wie er mich als Fremdling und Gaſt in ſeinem Hauſe unterhielt. Eines Nachmittags las er mir aus ſeinen manuſeriptlichen Notizen über England die Paſſage von ſeiner Unterredung mit Tho⸗ mas Carlyle,(dem einzigen Mann, von dem ich Emer⸗ ſon mit Vergnügen und mit einer Art von Bewunde⸗ rung ſprechen hörte) über das junge Amerika, ſowie die Erzählung ſeiner Reiſe mit ihm zu Stomhenge vor.— Dieß gehörte zu den Sachen, die ich nie vergeſſe. So ſtark Emerſons kritiſcher Sinn iſt und ſo viel Män⸗ gel er an den Menſchen und Sachen findet, da er ſie immer nach dem Ideal mißt, ſo ſtark iſt auch ſein Glaube an die Macht des Guten und deſſen endlichen Sieg in der Weltordnung. Und was edler Republi⸗ kanismus und Amerikanismus und edles Verhalten im Staate und dem Umgangsleben iſt, das verſteht er wohl. Aber den Grund, die Leben und Kraft gebende Quelle — ja die ſieht Emerſon blos in des Menſchen eigenem reinen Bewußtſein. Er glaubt an die urſprüngliche Reinheit und Herrlichkeit dieſer Quelle und will blos alles, was ſie verſtopft oder trübt, alles Conventionelle, Unwahre und Erbärmliche wegſchaffen. Zu einer liebenswürdigen Frau, einer großen Freundin Emerſons und dabei mit einem ſtarken, reli⸗ giöſen Gefühl begabt, ſagte ich:„Wie können Sie ihn ſo innig lieben, da er das Höchſte, was Sie lieben, nicht liebt und nicht daran glaubt?“— Sie ant⸗ wortete:„Er iſt ſo fehlerfrei und dann— iſter liebens⸗ würdig.“ Liebenswürdig war auch er in ſeinem Heimweſen und in ſeinen häuslichen Verhältniſſen anzuſehen Du ſollſt mehr von ihm hören, wenn wir uns wieder tref⸗ fen, und ſeinen kräftigen ſchönen Kopf ſollſt Du in 184 meinem Album unter mehreren amerikaniſchen Bekann⸗ ten zu ſehen bekommen. Ich fühle, daß ſeine Bekannt⸗ ſchaft eine tiefe Spur in meiner Seele hinterlaſſen wird. Ich könnte wärmere Sympathien, ein größeres Intereſſe für Geſellſchaftsfragen, die das Wohl der Menſchheit berühren, mehr Gefühl für den Kummer und das Leiden auf Erden vom ihm begehren. Aber welches Recht hat wohl das Quellwaſſer, das bei je⸗ dem Hauch des Windes zittert, mit dem Granitfelſen zu hadern, daß er anders gemacht iſt? In ſolchen Brüſten wachſen ſtarke Metalle. Laßt die Quellen ſchweigen und ſich damit begnügen, daß ſie in ihrer Schwachheit doch den Fels, die Blumen, das Firma— ment und die Sterne abſpiegeln und wachſen und ihr Leben durch die unſichtbaren Quellen verſtarken, durch welche die Bergeshöhen ihnen zu trinken gaben. Aber ich muß Dir ein paar Proben von Emer⸗ ſons Styl und ſeiner Art zu ſehen und zu fühlen, die mir am Meiſten zuſagt, zum Beſten geben. Ich will ein paar Stellen aus ſeinen„Verſuchen“ nehmen, die für alle Menſchen, alle Länder und Zeiten paſſen, und Theile und Tropfen der Eiſenader ſind, welche ſich durch Alles zieht, was E. ſpricht und ſchreibt, denn ſie iſt Leben von ſeinem Leben. In ſeiner Abhandlung über Selbſtvertrauen(self- reliance) ſagt er: „Euere eigenen Gedanken zu glauben, zu glauben, daß das, was für Euch in eurem individuellen Herzen wahr iſt, auch für alle Menſchen wahr ſei— das iſt Genie. Sprecht eure inwohnende Ueberzengung aus und ſie wird zum allgemeinen Verſtand werden; denn das Innerſte wird ſeiner Zeit auch das Aeußerſte und unſre erſten Gedanken werden uns von den Poſaunen des jüngſten Gerichts wiedergegeben werden. Das höchſte Verdienſt, das wir einem Moſes, Plato und Milton zuſchreiben, iſt das was jeder Menſch als die un⸗ nt⸗ ſen res der ner ber je⸗ ſen hen len rer na⸗ ihr er⸗ die vill die ind ſich nn elf- en, zen aus enn und nen Das und die 185 Stimme ſeiner eigenen Seele wieder erkennt, nämlich Bücher und Traditionen gering zu achten, und auszu⸗ ſprechen, nicht was andere Menſchen, ſondern was ſie ſelbſt gedacht haben. Ein Mann ſollte den Strahl von Licht, der aus ſeiner eigenen Seele blitzt, entdecken lernen und darüber mehr wachen, als über den Glanz vom Sternenhimmel der Barden und Weiſen. Gleich⸗ wohl läßt er ſeinen Gedanken unaufmerkſam liegen, weil er der ſeinige iſt. In jedem Werk des Genies erkennen wir unſere eigenen verworfenen Gedanken wie⸗ der: ſie kommen da mit einer gewiſſen fremden Maje⸗ ſtät wieder zu uns. Große Kunſtwerke haben uns keine tiefere Lehre mitzutheilen als dieſe. Sie lehren uns bei unſerem urſprünglichen Eindruck feſtzuſtehen mit gut⸗ müthiger Unbengſamkeit und hauptſächlich dann, wenn der Ruf aller Stimmen auf der andern Seite erſchallt. Sonſt wird morgen ein Fremder mit meiſterhaft ge⸗ ſunder Vernunft genau Das ſagen, was wir die ganze Zeit gedacht und gefühlt haben, und wir werden ge⸗ uöthigt ſein mit Scham unſer Urtheil von einem An⸗ dern zu empfangen.——————— Verlaß Dich auf Dich ſelbſt: jede Seele vibrirt mit dieſer eiſernen Saite. Benützet den Raum, welchen die göttliche Vorſehung für Euch gefunden hat, die Geſellſchaft Eurer Zeitgenoſſen, die Folgen der Ereig⸗ niſſe. Große Männer haben immer ſo gethan und ſich kindlich dem Genius ihres Zeitalters anvertraut; ihren Glauben kund gebend, daß das äußerſte Gewiſſe in ihre Herzen niedergelegt ſei, durch ihre Hände wir⸗ kend, ihr ganzes Weſen beherrſchend. Und wir ſind jetzt Männer und müſſen daſſelbe hohe Schickſal im höchſten Sinn aufnehmen. Wir ſollen nicht unmänn⸗ lich, noch invalid, wir ſollen keine Feiglinge ſein, die vor einer Revolution fliehen, ſondern Wegweiſer, Auf⸗ richter und Wohlthäter, gehorſam der allmächtigen Ar⸗ 186 beit und das Chaos und die Finſterniß bezwingend. „Wer ein Mann bleiben will, muß ein„non con- formist“ bleiben. Wer unſterbliche Palmen ſammeln will, muß ſich nicht im Namen der Gottheit verhindern laſſen, ſondern muß vorher unterſuchen, ob es eine Gottheit gibt. Nichts iſt am Ende heilig außer der Rechtſchaffenheit Eurer eigenen Seele. Gebt Euch ſelbſt Zeugniß vom Rechten, wenn Ihr zuletzt das Zeugniß der ganzen Welt haben wollt.“ „Eine thörichte Conſequenz iſt das Steckenpferd kleiner Seelen, angebetet von kleinen Staatsmännern, Philoſophen und Geiſtlichen. Mit Conſequenz hat eine große Seele ganz einfach nichts zu ſchaffen. Sprecht in derben Worten aus was ihr heute denkt und mor⸗ gen ſprecht wieder in derben Worten aus, was ihr morgen denkt, wenn es auch allem widerſtreitet, was ihr heute geſagt habt.„O, aber das könnte mißver⸗ ſtanden werden.“ Iſt es denn ein ſo großes Unglück mißverſtanden zu werden? Pythagoras wurde mißver⸗ ſtanden und Sokrates und Jeſus und Luther und Ko⸗ pernikus und Galilei und Newton und jeder reine Geiſt, der ſich je im Fleiſch offenbarte. Groß ſein heißt mißverſtanden werden. Ich nehme an, daß Niemand ſeiner Natur Gewalt anthun kann. Alle Kundgebungen ſeines Willens ſind von dem Geſetz für ſein Weſen eingegrenzt, gleichwie die Unebenheiten in den Gebirgsketten der Anden und der Alpen unbedeutend ſind in dem Weltenrund. Der Charakter beſtimmt mehr als unſern Willen. Wir gel⸗ ten für das was wir ſind. Es muß eine Uebereinſtimmung in allen Wechſeln der Handlungen ſein; wenn nur jede in ihrem Angen⸗ blic ſie kürl ſo! ihne daß neht die ſo 1 oder ſprie Din eine ſo n Tem Verl auf Dav wir Einſ rung alter lebt, Mur auf da, nd. on- eln ern erd rn, ine or⸗ ihr as er⸗ ück er⸗ o⸗ ne in alt nd ie nd er el⸗ ln 187 blick redlich und natürlich iſt. Eine Tendenz vereinigt ſie alle. „Die inſtinktive Einſicht(pereeption) iſt nicht will⸗ kürlich, ſondern fataliſtiſch. Wenn ich einen Zug ſehe, ſo werden meine Kinder nach mir ihn ſehen und nach ihnen die ganze Menſchheit, obſchon es geſchehen kann, daß vor mir ihn Niemand geſehen hat. Meine Wahr⸗ nehmung deſſelben iſt ebenſo gut eine Thatſache wie die Sonne. Das Verhältniß der Seele zum göttlichen Geiſt iſt ſo rein, daß es eine Entweihnng iſt einen Mittler oder Helfer einführen zu wollen. Wenn die Gottheit pricht, muß ſie nicht ein Ding mittheilen, ſondern alle Dinge, muß Alles aufs Neue ſchaffen. Wenn nun eine Seele einfach iſt und göttliche Weisheit empfängt, ſo müſſen alte Dinge vergehen, Mittel, Lehrer, Texte, Tempel fallen. Alle Dinge ſind geheiligt durch ihr Verhalten dazu, das eine ſo gut wie das andere.“ „Aber auch ſtarke Intelligenzen wagen noch nicht auf Gott ſelbſt zu hören, wenn er nicht gleich einem David, Jeremias oder Paulus ſpricht. Wenn wir der Wahrheit gemäß leben, ſo werden wir der Wahrheit gemäß ſehen. Wenn wir eine neue Einſicht bekommen, ſo werden wir freudig die Erinne⸗ rung und aufgehäufte Schätze von Einſichten als alten Plunder wegwerfen. Wenn ein Menſch mit Gott lebt, ſo muß ſeine Stimme ſo lieblich werden, wie das Murmeln des Baches und das Säuſeln des Kornes.“ „Dieſe Roſen vor meinem Fenſter deuten nicht auf vorhergehende oder beſſere Roſen, ſie ſind für das da, was ſie ſind. Sie leben mit Gott heute.“ 188 „Der Menſch kann nicht glücklich werden, bevor er auch mit der Natur in der Gegenwart über der Zeit lebt.“ „Das letzte Faktum iſt, daß alle in dem ewig ge⸗ ſegneten Einen aufgehen. Das Selbſtdaſein iſt das Attribut der höchſten Urſache und dieß macht das Maß des Guten aus nach dem Grad, in welchem es in alle niedrigeren Formen eingeht. Alle wirklichen Dinge ſind ſo durch die Tugend, die fie in ſich haben.“ „Laßt uns nicht umherſtreifen. Laßt uns daheim⸗ ſitzen mit der Urſache. Laßt uns dem eindringenden Haufen von Menſchen, Büchern und Inſtitutionen Ein⸗ halt thun und ihn in Verwunderung ſetzen durch eine einfache Erklärung des göttlichen Faktums. Bittet die Eroberer die Schuhe von ihren Füßen zu nehmen, denn Gott iſt hier und das iſt eine heilige Stätte. Laßt unſre Einfachheit über ſie urtheilen und unſern Gehorſam gegen unſer eigenes Geſetz die Armuth aller Dinge neben unſerem eingeborenen Reichthum beweiſen.“ „Wir müſſen allein gehen. Ich liebe die ſtille Kirche vor dem Gottesdienſt mehr als irgend eine Predigt. Wie fern, wie kühl, wie keuſch ſehen nicht die Meuſchen aus, wenn ſie jeder mit dem Heiligthum umgürtet ſind. So laßt uns immer ſitzen. Aber eure Vereinſamung muß nicht mechaniſch ſein, ſondern gei⸗ ſtig, d. h. ſie muß eine Erhebung ſein. Die Macht, welche die Menſchen haben mich zu quälen, gebe ich ihnen durch meine Schwachheit. Nie— mand kann mir nahe kommen außer durch meine Hand⸗ lung. Was wir lieben, das beſitzen wir, aber durch die Begierde rauben wir uns was wir lieben. Wenn wir nicht auf einmal zu den Heiligthümern des Glaubens und Gehorſams emvorſteigen können, ſo laßt uns wenigſtens unſern Verſuchungen widerſtehen; laßt und weck dur ſer gebe dieſ umg tin, Sch heit Geſt müh erha neue nom Ihr den könn ich: verh iſt, was werd werd heuc nich Eur⸗ dieß Dem mein wie Laut von iſt, rer bt.“ ge⸗ das Raß alle ſind eim⸗ den Fin⸗ eine die nen, ätte. ſern aller en.“ ſtille eine nicht hum eure gei⸗ zu Nie⸗ and⸗ urch nern „ ſo en 189 laßt uns in den Kriegszuſtand eingehen und Thor und Odin, Muth und Feſtigkeit in unſerer Bruſt wecken. Dieß geſchieht in unſern weichen Zeiten da⸗ durch, daß man die Wahrheit ſpricht. Weg mit die⸗ ſer lügenhaften Gaſtfreiheit, dieſer lügenhaften Er⸗ gebenheit. Leben wir nicht länger nach der Erwartung dieſer betrogenen und betrügenden Leute, mit denen wir umgehen. Sagt ihnen: O Vater, o Mutter, o Gat⸗ tin, o Bruder, o Freund, ich habe bisher nach dem Schein mit Euch gelebt. Hinfort gehöre ich der Wahr⸗ heit an. Von dieſem Augenblick an gehorche ich keinem Geſetz, außer dem ewigen Geſetz. Ich will mich be⸗ mühen, meine Eltern zu ernähren, meine Familie zu erhalten; aber dieſen Verhältniſſen muß ich auf einem neuen Wege nachkommen. Ich appellire von den ange⸗ nommenen Gebräuchen. Ich muß ich ſelbſt ſein. Wenn Ihr mich für das lieben könnt, was ich bin, ſo wer⸗ den wir um ſo glücklicher ſein, wenn Ihr es nicht könnt, ſo werde ich gleichwohl es zu verdienen ſuchen; ich werde meine Liebe oder meinen Widerwillen nicht verhehleu. Ich werde mich auf das was tief und heilig iſt, ſo feſt verlaſſen, daß ich kräftig vor Sonne und Mond ausführen werde, was mich innig erfreut und was mein Herz mir befiehlt. Wenn Ihr edel ſeid, ſo werde ich Euch lieben; wenn Ihr es nicht ſeid, ſo werde ich Euch und mir ſelbſt nicht ſchaden durch er⸗ heuchelte Aufmerkſamkeit. Wenn Ihr wahr ſeid, aber nicht in derſelben Wahrheit wie ich, ſo bleibt bei Euresgleichen, ich werde meine eigene ſuchen. Ich thue dieß nicht in Selbſtſucht, ſondern in Wahrheit und Demuth. Es iſt ebenſo ſehr euer Intereſſe, wie das meinige und das aller Menſchen in Wahrheit zu leben, wie lange ihr auch in der Lüge gelebt haben möget. Lautet dieſes hart heute? Ihr werdet bald lieben, wos von eurer Natur wie von der meinigen vorbuchſtabirt iſt, und wenn wir der Wahrheit foigen, ſo wird ſie 190 uns zuletzt in den guten Hafen führen.—„Aber auf dieſe Art werden ſie dieſen Freunden wehe thun.“ Ja, aber ich kann meine Freiheit und meine Macht nicht verkaufen, um ihre Empfindlichkeit zu ſchonen. Ueber⸗ dieß haben alle Menſchen ihre Augenblicke der Ver⸗ nunft, wenn ſie in das Reich der abſoluten Wahrheit hinausſehen. Dann werden ſie mich rechtfertigen und daſſelbe thun. Die Menge glaubt, daß eure Verwerfung der populären Richtſchnur eine Verwerfung alles Ge⸗ ſetzes ſei. Und der freche Senſualiſt wird ſich des Namens der Philoſophie bedienen, um ſeine Lüſte zu verfolgen. Es gibt zwei Beichtſtühle und in einen von ihnen müſſen wir hineineingehen. Ihr könnt eure Schul⸗ digkeiten auf einem direkten oder reflektirten Wege er⸗ füllen. Beſinnt Euch, ob Ihr Eure Schuldigkeiten gegen Vater, Mutter, Vetter, Nachbar, Stadt, Katze und Hund erfüllt und ob Jemand von ihnen Euch etwas vorwerfen kann. Aber ich kann auch dieſe reflektirte Norm vergeſſen und mich ſelbſt abſolviren. Ich habe . meine eigenen ernſten Forderungen, meine vollkommenen Zirkel. Sie verweigern manchen Handlungen, die Schul⸗ digkeiten genannt werden, den Namen Schuldigkeit. Aber wenn ich dieſe Schulden abwerfen kann, ſo kann ich es entbehren den angenommenen Gebräuchen zu fol⸗ gen. Wenn Jemand glaubt, daß dieſes Geſetz ſchwan⸗ kend ſei, ſo laßt ihn ſein Gebot einen Tag halten. Und in Wahrheit, er verlangt etwas Göttergleiches von dem, der die gewöhnlichen Motive der Menſchheit abgeworfen und es gewagt hat, ſich auf ſich ſelbſt als Wegweiſer zu verlaſſen. Hoch muß ein Herz ſein, zu⸗ verſichtlich ſein Wille, klar ſein Blick, ſo daß er ſich ſelbſt Lehre, Staat, Geſetz ſein kann, und daß ein ein⸗ facher Vorſatz für ihn ſo viel ſein kann, wie für an⸗ dere die eiſenharte Nothwendigkeit. Wenn Jemand das Ausſehen deſſen, was jetzt vor⸗ zugsweiſe die Geſellſchaftswelt genannt wird, ernſtlich bet Si nat wil ein daß tau ſein iſt Gle Ru eine dieſ Bru noch ſons und in Weg wirt den ten, Hülf uns Geſe weni unge ſuch unſet Schn eifrig ſo w rauf Ja, nicht eber⸗ Ver⸗ rheit und rfung Ge⸗ des te zu n E keiten Katze twas ktirte habe tenen chul⸗ gkeit. kann fol⸗ wan⸗ n. eiches chheit t als „zu⸗ r ſich tein⸗ an⸗ vor⸗ ſtlich 191 betrachten will, ſo wird er das Bedürfniß einer ſolchen Sittenlehre ſehen.“ Ich füge hinzu, daß wenn Jemand die Menſchen⸗ natur, ſo wie ſie gewöhnlich iſt, ernſtlich betrachten will, ſo wird er leicht finden, daß Emerſons Moral einbildiſche und ſelbſtſüchtige Weſen hervorbringen würde, daß ſie in ihrer Ganzheit blos für Ausnahmsnaturen taugt, die aus einem einzigen Guſſe und ſchön ſind wie ſeine eigene. Was er im Allgemeinen mißkennt, das iſt der eingewurzelte Dualismus der Menſchennatur. Gleichwohl wie friſch, wie ſtärkend kommt nicht dieſer Ruf zu uns: Sei wahr, ſei du ſelbſt! Zumal von einem Manne, der Proben abgelegt hat, daß man in dieſer Wahrheit alle menſchlichen Pflichten als Sohn, Bruder, Vater, Freund und Bürger erfüllen kann. Aber ein wahrer Chriſt thut das Alles und dann noch etwas mehr. Ich muß Dir auch ein Paar Proben von Emer⸗ ſons Lehren über das Verhältniß zwiſchen Freunden und über Freundſchaft geben, denn ich fühle, daß dieſe in mir fortleben und wie günſtiger Wind auf einen Weg, den ich ſeit einiger Zeit für mich gewählt habe, wirken werden. „Wenn es möglich wäre, im rechten Verhältniß zu den Menſchen zu leben! wenn wir uns enthalten könn⸗ ten, etwas von ihnen zu verlangen, ihr Lob, ihre Hülfe und Theilnahme zu begehren, und wenn wir uns damit begnügen, ſie durch die Kraft der älteſten Geſetze zu bezwingen! Könnten wir nicht mit einigen wenigen Perſonen, mit einer einzigen Perſon nach den ungeſchriebenen Beſtimmungen umgehen, und einen Ver⸗ ſuch mit ihrer Tauglichkeit machen? Könnten wir nicht unſerem Freund den Achtungsbeweis der Wahrheit, des Schweigens, der Erwartung geben? Müſſen wir ſo eifrig ſein, ihn zu ſuchen? Wenn wir Verwandte ſind, ſo werden wir uns begegnen. Es war eine Sage in 192 der alten Welt, daß keine Metamorphoſe einen Gott Zei vor einem Gott verbergen könne. Auch Freunde folgen der einem göttlichen Geſetz der Nothwendigkeit. Sie gravi⸗ Nat tiren zu einander und können nicht anders. Ihr Ver⸗ ner hältniß iſt nicht gemacht, ſondern gegeben.“ bei Die Geſellſchaft iſt verwöhnt, wenn man ſich Mühe uni gibt, ſie zuſammenzubringen. Und wenn das keine Ge⸗ war ſellſchaft iſt, ſo iſt es eine niedrige, erniedrigende Zu⸗ ſer ſammenkittung, wenn ſie auch von großen Geiſtern ge⸗ ges bildet wird. Die individuelle Größe jeder Perſon iſt den vorenthalten und die Schwachheit einer jeden iſt in Köt Wirkſamkeit; es iſt als ob die Götter des Olymps rali zuſammenträfen, um Schnupftabaksdoſen auszulauſchen. Sa In edeln Verhältniſſen iſt der Augenblick alles. mor Eine göttliche Perſon iſt die Prophezeihung der Seele; ein Freund iſt die Hoffnung des Herzens. Un⸗ Sp ſere Seligkeit wartet auf die Erfüllung beider in Einem. kan Die Zeiten beginnen ſich vor dieſer moraliſchen Kraft daß zu öffnen. Alle Stärke iſt ein Schatten oder ein Sym⸗ mit bol derſelben. Die Poeſie iſt freudig und ſtark, wenn wa ſie ihre Eingebung von ihr ſchöpft. Die Menſchen mit drücken ihren Namen der Welt auf, je nachdem ſie vvn Lar ihr erfüllt ſind. Die Geſchichte iſt gemein, die Natio⸗ ſeir nen ſind Pöbelhaufen geweſen; wir haben noch nicht unt einen einzigen Mann geſehen. Wir kennen dieſe gött⸗ mei liche Geſtalt noch nicht ſondern blos den Traum und Es die Prophezeihung von ihr. Wir kennen die majeſtä⸗ die tiſchen Geverden nicht, die ihm angehören und die den mel Beſchauer zugleich erheben und beruhigen. Wir wer⸗ e den eines Tages ſehen, daß die individuellſte Energie auch die wirkſamſte im Allgemeinen iſt, daß die Quali⸗ tät die Quantität erſetzt und daß Charaktergröße auch im Finſtern wirkt und Denjenigen hilft, welche ſie nie geſehen haben. Die Geſchichte von den Göttern und den Heiligen, von welchen die Welt geſchrieben und ſie dann verehrt hat, ſind Dokumente für Charakter. Die 2 ott gen avi⸗ zer⸗ ühe Ge⸗ Zu⸗ ge⸗ iſt in mps hen. der Un⸗ tem. raft ym⸗ enmn chen von tio⸗ richt ött⸗ und den wer⸗ rgie tali⸗ auch nie und ſie Die 193 Zeitalter haben das Weſen eines Jünglings geprieſen, der dem Glück nichts ſchuldete, der im Tyburn ſeiner Nation hingerichtet wurde, der durch die reine Art ſei⸗ ner Natur einen epiſchen Glanz über die Zufälligkeiten bei ſeinem Tode geworfen, der jede derſelben in ein univerſelles Symbol für das Menſchengeſchlecht ver⸗ wandelt hat. Dieſe große Niederlage iſt bis jetzt un⸗ ſer höchſtes Faktum. Aber die Seele bedarf eines Sie⸗ ges auch für die Sinne*), eine Charakterſtärke, welche den Richter, die Geſchworenen, die Soldaten, den König belehren wird, welche die animaliſchen und mine⸗ raliſchen Kräfte lenken und ſich mit den Bahnen des Saftes, der Ströme, der Winde, der Sterne und der moraliſchen Agentien vermiſchen wird**). „Wenn wir dieſe Größen nicht mit einem einzigen Sprung erreichen können, ſo laßt uns ſie ehren. Ich kann meinen Freunden den Fehler nicht verzeihent daß ſie einen edlen Charakter verkennen und ihn nich, mit dankbarer Gaſtfreundſchaft unterhalten, Wenn das, was wir immer erſehnt haben, endlich kommt und uns mit freudigen Strahlen aus dem fernen himmliſchen Lande beſcheint, dann grob zu ſein, dann kritiſch zu ſein, einen ſolchen Gaſt mit dem Geſchwatze der Straßen und Mißtrauen zu empfangen, das beweiſt eine Ge⸗ meinheit, welche die Pforten des Himmels verſchließt. Es beweiſt Verwirrung und wirklichen Wahnſinn, wenn die Seele ihr eigenes Selbſt nicht mehr kennt und nicht mehr weiß, wohin ihr Gehorſam und ihre Verehrung * Hier ſehen wir Emerſons größte Schwäche näm⸗ lich daß er den Sieg überſieht und den Sieger nicht erkennt. **) So iſt es geſchehen und ſo geſchieht es noch fort⸗ während in der Kraft des Getödteten und des Aufer⸗ ſtandenen. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 13 194 gehört. Wo nur immer in der Wüſte des Daſeins der heilige Gedanke, den wir lieben, Blüthen getrieben hat, da blüht er für mich. Wenn Niemand es ſieht, ich ſehe es; ich fühle, ob auch allein, die Größe dieſes Faktums. Während er blüht, will ich Feſttag halten und aufhören mit meinen Grübeleien, meinen Thor⸗ heiten, meinen Launen. Die Natur iſt getröſtet durch die Gegenwart eines ſolchen Gaſtes. Vieler Augen können Alltagstugenden entdecken und ehren; es gibt Viele, die das Genie auf ſeiner ſternenbeſäten Bahn aufzuſpüren vermögen; aber wenn die Liebe, die Alles duldet, Allem entſagt, Alles erfüllt, die ſich ſelbſt ge⸗ lobt hat, daß ſie lieber ein Thor und ein Elender in der Welt ſein, als ihre weißen Hände durch Nachgiebig⸗ keiten beflecken wolle, wenn ſie in unſere Straßen und Häuſer kommt, dann können blos die Reinen und Em⸗ porſtrebenden ihr Antlitz kennen, und der einzige Ach⸗ tungsbeweis, den ſie ihr zu geben vermögen, iſt ſie zu erkennen.“ „Der höchſte Achtungsbeweis, welchen der Menſch je vom Himmel empfängt, iſt daß er ihm ſeine ver⸗ kleideten und verleumdeten Engel ſchickt. Von der Freundſchaft ſagt Emerſon: „Freundſchaft fordert das ſeltene Mittelding zwi⸗ ſchen Gleichheit und Ungleichheit, das jeden der Theile durch das Daſein von Macht und Zuſtimmung bei dem andern anreizt. Laß mich lieber bis ans Ende der Welt allein ſein, als daß mein Freund mit einem ein⸗ zigen Wort oder Blick ſeine wirkliche Sympathie über⸗ ſchritte. Ich werde von der Nachgiebigkeit ebenſo ab⸗ geſtoßen wie von der Bekämpfung. Laß ihn keinen Augenblick aufhören er ſelbſt zu ſein. Die einzige Freude, die ich darüber habe, daß er mein iſt, beſteht darin, daß dieſer Meine nicht das Meinige iſt. Ich haſſe es, da wo ich ein männliches Befördern oder we⸗ nig Ne Die das erh gan wer gro ſcha heit gro allz das miſ wa beſe Bel wäl hat wie nich ihr Se und Eu Her mit kan als zes, Vo ſeins ieben ſieht, ieſes alten hor⸗ durch ugen gibt Bahn Alles t ge⸗ er in und Em⸗ Ach⸗ ie zu enſc ver⸗ zwi⸗ heile dem der ein⸗ iber⸗ ab⸗ inen nzige ſteht 195 nigſtens einen männlichen Widerſtänd erwartete, einen Miſchmaſch von Nachgiebigkeit zu finden. Beſſer eine Neſſel in der Seite eines Freundes, als ſein Echo ſein. Die Bedingung, welche hohe Freundſchaft fordert, iſt das Vermögen, ohne ſie zu ſein. Dieſes hohe Amt erheiſcht große und erhabene Eigenſchaften. Es müſſen ganz entſchiedene Zwei ſein, bevor vollkommen Einer werden kann. Laß einen Bund ſein zwiſchen zwei großen, mächtigen Naturen, die ſich gegenſeitig ange⸗ ſchaut, gegenſeitig gefürchtet haben, bevor ſie die tiefe Identität erkennen, welche ſie bei all dieſen Verſchieden⸗ heiten vereinigt.“ „Nur derjenige taugt für dieſe Geſellſchaft, der großſinnig iſt, der gewiß iſt, daß Größe und Güte allzeit ſpärlich vertheilt ſind; der ſich nicht voreilig in das Schickſal einmiſchen will. Laß ihn ſich nicht darein miſchen. Laß dem Diamant ſeine Zeitalter, um zu wachſen, und erwarte nicht die Geburt des Ewigen zu beſchleunigen. Die Freundſchaft verlangt eine religiöſe Behandlung. Wir ſprechen davon unſre Freunde zu wählen, aber Freunde ſind ſelbſterwählt. Verehrung hat einen großen Theil daran. Behandelt Euern Freund wie ein Schauſpiel. Natürlich hat er Verdienſte, die nicht Euer ſind, und die Ihr nicht ehren könnt, wenn ihr ihn Eurer Perſon zu nahe haltet. Steht auf die Seite; gebt dieſen Eigenſchaften Raum; laßt ſie ſteigen und ſich erweitern. Seid Ihr Frennd der Rockknöpfe Eures Freundes oder ſeiner Gedanken? Für ein großes Herz wird er in vielen Dingen ein Fremdling ſein, da⸗ mit er ihm auf dem heiligſten Grund nahe kommen kann. Ueberlaßt es Knaben und Mädchen, einen Freund als ein Eigenthum zu betrachten und daraus ein kur⸗ zes, verworrenes Vergnügen zu ziehen, ſtatt des edelſten Vortheils.“ —————— „Ein Freund iſt eine Perſon, mit welcher man 196 wahr ſein kann. Vor ihm kann ich laut denken. Ich bin endlich vor einen Menſchen gekommen, der ſo wahr und ſo mir gleich iſt, daß ich auch die äußerſten Hül⸗ len von Schein, Formhöflichkeit und Achtſamkeit ab⸗ werfen darf und mit ihm ſo ganz und ſo einfach um⸗ gehen kann, wie ein chemiſches Atom mit dem andern zuſammentrifft.“ „Laßt uns unſern Eintritt in dieſe Innung durch eine lange Prüfung erkaufen. Warum ſollten wir edle und ſchöne Seelen dadurch entweihen, daß wir auf ſie eindringen? Warum ſchnelle perſönliche Ver⸗ hältniſſe zu einem Freund fordern? Warum in ſein Haus gehen oder ſeine Mutter, ſeine Schweſtern und Brüder kennen lernen? Warum verlangen, daß er das eurige beſuchen ſoll?“ „Sind dieſe Dinge von Wichtigkeit in eurem Bunde? Fort mit dieſer Berührung, dieſem Ankleben! Laßt ihn für mich einen Geiſt ſein. Eine Botſchaft, ein Gedanke, eine Aufrichtigkeit, ein Blick iſt es was ich von ihm bedarf, aber keine Neuigkeiten, keine Suppe. Politik und Geſchwatze und Liebesbedürfniſſe kann ich wohlfeil von Bekannten bekommen. Sollte nicht die Geſellſchaft meines Freundes für mich poetiſch, rein, univerſell und groß ſein wie die der Natur? Laßt uns den Maßſtab nicht zu niedrig, laßt uns ihn nicht zu hoch nehmen.“ —— „Liebe die Ueberlegenheit Deines Freundes. Achte auf ihn wie auf einen Gegner. Laß ihn für Dich wie eine Art von ſchönem, unbezähmbarem, verehrtem Feind ſein; nicht eine triviale Bequemlichkeit, die man gebraucht und ſodann wegwirft. „Was ſo groß iſt wie Freundſchaft, das laßt uns ſo großſinnig behandeln als wir können. Laßt uns ſchn Göt dich ten wirt dich gen, kom ung! von aus bem führ bräu zu d daß ben Dan Wa treff ſind duß mit mög eilte beſtr Dad det i gewi hält born Ich vahr Hül⸗ ab⸗ um⸗ dern urch wir wir Ver⸗ ſein und das rem ben! aft, was eine niſſe ollte iſch, ur? ihn chte Dich tem man uns uns 197 ſchweigſam ſein, ſo daß wir hören können was die Götter flüſtern. Laßt uns nicht vermitteln. Wer hat dich aufgeſtellt, um zu berathen, was zu den auserwähl⸗ ten Seelen geſagt werden ſoll? Warte, und dein Herz wird reden. Warte, bis das Nothwendige und Ewige dich überwältigt; bis Tag und Nacht von dir verlan⸗ gen, daß du redeſt.“ „Ihr werdet einem Mann dadurch nicht näher kommen, daß ihr in ſein Haus kommt. Wenn er euch ungleich iſt, ſo wird ſeine Seele nur um ſo ſchneller von euch fliehen, und ihr werdet nie einen wahren Blick aus ſeinem Ange zu ſehen bekommen. Spät, ſehr ſpät bemerken wir, daß keine Veranſtaltungen, keine Ein⸗ führungen, keine geſellſchaftlichen Artigkeiten und Ge⸗ bräuche dazu dienen, uns in das gewünſchte Verhältniß zu der Perſon zu bringen, die wir bewundern, ſondern daß blos das Emporſteigen unſeres Geiſtes zu derſel⸗ ben Stufe, auf welcher er ſteht, dies bewirken kann. Dann werden wir zuſammentreffen wie Waſſer mit Waſſer, und wenn wir dann nicht mit ihm zuſammen⸗ treffen, ſo werden wir deſſen nicht bedürfen, denn wir ſind bereits was er iſt.“ „Aber laßt euch durch das was ihr ſehet, warnen, doß ihr nicht zu leichten Kaufs auf Freundſchaften mit Perſonen eingehet, mit denen keine Freundſchaft möglich iſt. Unſere Ungeduld verleitet uns zu über⸗ eilten Verbindungen, welche kein Gott heiligt. Nichts beſtraft ſich ſtärker, als ſolche ungleiche Verbindungen. Dadurch daß ihr getreu euern Weg hinangehet, wer⸗ det ihr, wenn ihr auch das Kleine verlieret, das Größere gewinnen. Ihr erprobet euch ſo, daß ihr falſchen Ver⸗ hältniſſen ein Ende machet, und ihr ziehet den Erſtge⸗ bornen der Welt an euch, jene ſeltenen Pilger, von 198 denen blos einer oder zwei zu gleicher Zeit in der Na⸗ tur wandeln.“ „Es hat mir in der letzten Zeit möglicher geſchie⸗ nen als ich früher glaubte, eine großſinnige Freund⸗ ſchaft von einer Seite zu führen, ohne entſprechende Erwiederung von der andern. Warum ſollte ich mich darüber beunruhigen und bekümmern, daß mein Ge⸗ genſtand nicht fähig iſt wiederzugeben? Es beunruhigt die Sonne nicht, daß einige ihrer Strahlen vergebens in den weiten, undankbaren Ranm fallen. Laßt eure Größe den rohen und kalten Gegenſtand erziehen. Wenn er unwürdig iſt, ſo wird er bald weggehen; aber du biſt größer geworden durch deinen eigenen Glanz. Man betrachtet es als eine Demüthigung zu lieben, ohne Er⸗ wiederung zu finden. Aber eine große Seele wird ſehen, daß wahre Liebe nicht unvergolten bleiben kann. Wahre Liebe ſchreitet über den unwürdigen Gegenſtand hinaus und wohnt und beruht auf dem ewigen. Und wenn die arme, verhüllende Maske fällt, ſo grämt ſie ſich nicht darüber, ſondern fühlt ſich von ſo vielem Staub befreit und empfindet ihre Unabhängigkeit deſto gewiſſer.“ „Das Mark der Freundſchaft iſt Ganzheit, voll⸗ kommene Hochſinnigkeit und Zuverſicht. Sie behandelt 8 ihren Gegenſtand wie einen Gott, damit er ſie beide gött⸗ lich mache.“ Sehr hochtrabend und vornehm! wirſt du ſagen, und— ſehr einſeitig!— Ja es iſt ſo, meine Agathe, aber es iſt darin Etwas das gut und groß iſt, und Etwas das ich liebe. Es iſt übrigens ſehr ſchwer, durch Citate einen richtigen Begriff von Emerſons Anſchau⸗ ungsweiſe zu geben. Seine Verſuche ſind Ketten von glänzenden Aphorismen, die einander oft widerſprechen. Abe tall redl etw zu Unt wec übe thä allz ſtap den lich Wä niſt dür wir daf iſt gar ſelt ein mö hat M E n ihr wi an Na⸗ hie⸗ nd⸗ nde nich Ge⸗ higt ens eure enn du Nan Er⸗ ird nn. and ind ſie lem eſto oll⸗ delt ött⸗ en, the, und rch al⸗ von en 199 Aber das Beſtändige darin, das Mark und der Me⸗ tallfaden, der ſich durch alle zieht, iſt der Ruf: Sei redlich, ſei du ſelbſt! So biſt du originell und wirſt etwas Neues und Vollkommenes ſchaffen. So ſagt er zu dem Einzelnen, ſo ſagt er zu der Allgemeinheit. Und die Kraft und Schönheit, die er in dieſem Er⸗ weckungsruf giebt, iſt wohl ſeine eigentliche Gewalt über das amerikaniſche Gemüth, ſeine eigentliche wohl⸗ thätige Wirkung auf das Volk der neuen Welt, das allzu ſehr geneigt iſt blos nachzubilden, in den Fuß⸗ ſtapfen der alten Welt zu wandeln. Emerſon iſt übrigens weit entfernt ſich ſelbſt als Muſter dieſes vollkommenen Mannes zu betrachten⸗ den er in der neuen Welt heraufrufen will, außer mög⸗ licherweiſe in ſeiner Ehrlichkeit. Ich ſagte ihm mit Wärme Etwas über ſeine Gedichte und ihren„amerika⸗ niſchen Charakter“.—„O, antwortete er ernſt, Sie dürfen nicht zu gutmüthig(goodnatured) ſein. Nein, wir beſitzen noch keine Poeſie, von der man ſagen kann, daß ſie dieſe Weltbildung vertrete. Amerikas Dichter iſt noch nicht gekommen! Wenn er kommt, wird er ganz anders ſingen.“ Ein Kritiker, der ſo hoch ſteht, daß er auf ſich ſelbſt herabſchaut, ſiehſt du, der iſt Etwas werth. Von einem ſolchen kann man ſich gern kritiſiren laſſen. Hierin iſt Emerſon weit größer als Thorild. Sonſt möchte ich E. einen amerikaniſchen Thorild nennen. Er hat mit dieſem ſo viele Aehnlichkeit. Emerſon iſt zur Stunde gleichſam das Haupt der Tranſcendentaliſten in dieſem Theil Amerikas, einer Menſchenklaſſe, die ſich beſonders in den Staaten Neu⸗ Englands vorfinden ſoll, und die mir vorkommt, wie ihre weißen Berge oder Alpen. Das heißt: ſie zielen darauf ab. Aber unter ihnen ſehe ich noch immer blos eine wirkliche Alpe, und dieſe heißt Waldo Emerſon. Die andern ſcheinen mir ſich zu ſtrecken und zu pndern, um 200 hoch und glänzend zu erſcheinen, aber— das hilft ih⸗ nen Nichts. Sie machen mehr Anſprüche als ſie Macht haben. Ihre Scheitel ſtehen in den Wolken, ſtatt über ſie hinaufzuſteigen. A. hat fünfzehn Jahre von Brod und Früchten gelebt, iſt in linnenen Kleidern einher⸗ gegangen, weil er ſich am Eigenthum des Schaafes, der Wolle, nicht vergreifen wollte, er hat ſehr viel ge⸗ litten, um ſeine Treue und Liebe zu bezeugen. Zuletzt iſt er indeß doch in wollenen Kleidern gegangen und verkauft ſeine Weisheit für Geld. Er hat ſich eine Hütte draußen in den weſtlichen Prärien gebaut und allda zwei Jahre lang als Eremit gelebt; er iſt jedoch zurückgekommen in die Stadt zum häuslichen Leben und zu den Alltagsmenſchen. J. iſt in den wilden Wald hinausgegangen, hat ſich eine Hütte erbaut und da gelebt— ich weiß nicht von was. Auch er iſt zu dem gewöhnlichen Leben zurückgekehrt, treibt jetzt ein Handwerk und ſchreibt Bücher, die Etwas von der Friſche und dem Leben des Waldes haben, aber für Geld verkauft werden. Ach! ich wundere mich nicht über dieſe Verſucher ungewöhnlicher Wege, die auf ih⸗ nen der Kleinlichkeit des gewöhnlichen Lebens zu ent⸗ gehen ſuchen.(Ich habe ſelbſt meine Verſuche in die⸗ ſem Weg gemacht und würde ſie größer gemacht haben, wenn ich nicht gebunden geweſen wäre). Aber ſie und Emerſon ſelbſt machen zu viel aus dieſen Verſuchen, denn ſie ſind in der Wirklichkeit ſelbſt nichts Unge⸗ wöhnliches und bringen auch nichts Solches zu Stande. Der Zweck, das Ziel iſt das Beſte daran. Und gleich⸗ wohl fehlt ihm hier das höchſte, menſchliche Motiv: die Menſchenliebe! Emerſon ſagt in ſeiner Charakteriſtik des Tran⸗ ſcendentaliſten: „Wenn es etwas Großes und Verwegenes in Ge⸗ danken oder Tugend, eine Zuverſicht in dem Weiten und Ungekannten, eine Ahnung, ein Extrem im Glau⸗ ih⸗ acht iber rd her⸗ fes, ge⸗ letzt und eine und och ben den ind zu ein der für icht ih⸗ nt⸗ ie⸗ en, ind en, ge⸗ de. 1n⸗ e⸗ ten u⸗ 201 ben gibt— ſo adoptirt er das als das Höchſte in der Natur.“ „Dieſe Jünglinge ſind für uns herbe, aber wirk⸗ liche Helfer. Durch ihr offenes Mißvergnügen ſtellen ſie unſre Armuth und die Unbedeutſamkeit des Men⸗ ſchen für den Menſchen aus.“ „Dieſe fordernden Kinder erinnern uns an unſere Mängel; die einzige Aufmerkſamkeit, die ſie euch ſchen⸗ ken, iſt die unmäßige Erwartung; ſie tadeln und for⸗ dern ſtreng; und wenn ſie nur feſtſtehen auf dieſem Wachtthurme und dabei bleiben bis ans Ende und ohne Ende zu fordern, dann ſind ſie ſchreckliche Freunde, die ſowohl der Dichter als der Prieſter verehren und fürchten muß; und ſelbſt wenn ſie Wolken eſſen und Wind trinken, ſo ſind ſie nicht ohne Nutzen für das Menſchengeſchlecht geweſen.“ „In dieſer Zeit, wo alle Stimmen ſich für einen neuen Weg oder eine neue Verordnung, für eine Ka⸗ pitalſubſcription, für eine Vervollkommnung in Klei⸗ dung oder Kunſt für ein nenes Haus oder größeres Geſchäft, für eine politiſche Partei oder Waareneinkauf erheben— wollt ihr da nicht ein Paar vereinſamte Stimmen im Lande ertragen, welche für Gedanken und Grundſätze ſprechen, die nicht verkäuflich oder vergäng⸗ lich ſind? Bald werden dieſe Vervollkommnungen und Erfindungen durch neue erſetzt, dieſe Städte zerſtört, alle dieſe Dinge verändert, vergeſſen werden. Aber die Gedanken, welche dieſe wenigen Einſamen durch Schwei⸗ gen wie durch Rede, nicht blos durch das was ſie thaten, ſondern auch durch das was ſie nicht thaten, zu verkündigen ſuchten, ſie werden in Schönheit und Kraft ſtehen bleiben und ſich von Neuem in der Natur organiſiren, um ſich in neuen, vielleicht höheren und 202 glücklicher gemiſchten Stoff, als der unſrige iſt, zu klei⸗ den, in vollkommener Vereinigung mit dem Weltſyſtem.“ So der edle Idealiſt, und vielleicht habe ich zu viel von ihm angeführt, während ich dennoch nicht zei⸗ gen kann, was er iſſt. Denn das iſt das Merkwür⸗ digſte an ihm. Ich habe nichts gegen ſeine Jungen— die Transſcendentaliſten; ſie ſind erfriſchend anzuhören und anzuſehen, und ſie ſprechen manche vergeſſene Wahrheit mit neuem Leben aus. Sie ſind das jugend⸗ liche Element im Leben, das immer erneuernd wirkt, und ſie ſehen manche Schönheit, für deren Wahrneh⸗ mung ältere Augen nicht mehr klar genug ſind.(Ich erinnere mich gehört zu haben, daß Schelling Jüng⸗ linge über fünfundzwanzig Jahren nicht als Schüler annehmen wollte. Er glaubte ſie einer unmittel⸗ baren Anſchauung und Einſicht unfähig). Aber wenn dieſe jungen heidniſchen Alpiſten ſagen:„Wir leiſten das Höchſte!“ ſo ſage ich:„Mit nichten! Ihr thut es nicht!“ Ihr ſagt:„Wir ſind Götter.“ Ich will ſagen:„Steiget von euern Höhen herab, um die Welt göttlich zu machen, ſo will ich euch glauben. Ihr begnüget euch mit eurer vornehmen, abgeſchiedenen Stellung und glaubet genug zu thun, indem ihr auf das Ideal hinweiſet. Ach! das Ideal iſt niemals un⸗ bekannt geweſen. Ihr ſeid arme, ſündige, unvollkom⸗ mene Menſchen wie die Andern, und eure Tapferkeit reicht nicht bis zum Herzen des Chriſtenthums, welches das Ideal nicht blos aufzeigt, ſondern auch es erreichen hilft, welches nicht blos Alles duldet, ſondern Alles überwindet, nicht ſtill ſitzt und groß drein ſchaut, ſon⸗ dern mit ſeinen Bekennern kämpft und ſie ermahut: Ueberwindet das Böſe mit dem Guten.“ Wollen die Tranſcendentaliſten wirklich etwas Neues, etwas Tranſcendentales ſchaffen, ſo müßten ſie etwas Höheres ſchaffen als das; ſie müßten in ihrem Men⸗ ſchenideal eine ſchönere Geſtalt darſtellen, als diejenige, hr uf n⸗ m⸗ eit es en les n⸗ 1 es, as n⸗ e, 203 die bereits auf der Erde und für die Erde dargeſtellt iſt; den Starken, der zugleich der Demüthige iſt, den Sohn des Himmels und der Erde, der Beide zu einer neuen Schöpfung vereinigt. Aber— ſie können die Größe deſſelben nicht einmal verſtehen. Jetzt genug von den Tranſcendentaliſten. Ich muß jedoch ein Paar Worte von einer Dame ſprechen, die dieſem Kreis angehört, und deren Namen ich ſeit mei⸗ uer Ankunft in Amerika ſchon oft theils tadelnd, theils rühmend, immer aber mit einer gewiſſen Auszeichnung nennen hörte, nämlich von Miß Margaret Fuller. Obwohl ohne alle Schönheit und in ihrem Weſen mehr abſtoßend als einnehmend, ſcheint ſie ſeltene Gaben und ein wahres Genie für die Unterhaltung zu beſitzen. Emerſon ſprach mit Bewunderung davon; er ſagte: „Die Ueberredung ſitzt auf ihren Lippen.“ Gewiß iſt, daß ſie das Talent gehabt hat, bei ihren Freunden Enthuſiasmus zu erwecken, wie kein anderes Frauen⸗ zimmer, von dem ich gehört habe. Emerſon ſagte mit ſei⸗ ner gewöhnlichen beinahe fürchterlichen Aufrichtigkeit von ihr:„Sie hat manche große Eigenſchaften, auch manche große Fehler.“ Zu dieſen ſoll ihr Hochmuth und ihr verachtungsvolles Benehmen gegen Minderbegabte ge⸗ hört haben. Gleichwohl hat man mir geſagt, daß ſie harte Worte bereuen und abbitten konnte. An Hoch⸗ ſinnigkeit und Selbſtändigkeit des Gemüths, an Stolz und Eyrlichkeit, an kritiſcher Schärfe war ſie eine voll⸗ kommene Tranſcendentaliſtin. Die„Unterhaltungen“, die ſie eine Zeit lang in Boſton in einem ausgewähl⸗ ten Kreiſe gab, werden als höchſt intereſſant geſchildert. Mrs. Emerſon kann ihre warme Beredtſamkeit und ihren innern Reichthum nicht genug rühmen, und ich glaube, ſie wünſchte, daß ich ihr mehr gleichen möchte. Sie iſt vor einigen Jahren mit meinen Freunden Springs nach Italien gereist und nach ihnen noch dort geblieben. Jetzt iſt ein Gerücht hieher gekommen, daß 204 ſie eine Verbindung mit einem jungen Manne einge⸗ gangen habe(Margaret Fuller iſt nicht mehr jung, ſie hat beinahe vierzig); und man ſpricht von einer fon— rieriſtiſchen oder ſocialiſtiſchen Ehe ohne Trauung; ge⸗ wiß iſt, daß die Ehe noch geheim geblieben iſt, und daß ſie— ein Kind hat. Sie hat ſelbſt davon und von ihrer Mutterfrende geſchrieben, aber Nichts von ihrer Ehe; ſie ſagt blos, daß ſie bei ihrer Rückkehr nach Amerika, die auf das nächſte Jahr feſtgeſetzt ſein ſoll, Näheres von ihren Angelegenheiten erzählen wolle. Alles das hat Stoff zu allerlei Gerede unter ihren Freunden und Nichtfreunden gegeben. Diejenigen, die ihre Richtung oder Perſon nicht lieben, glauben das Schlimmſte; aber ich werde nie vergeſſen, mit welchem Ernſt einer ihrer Freunde, Mr. W. Ruſſel, ſie einmal in einer Geſellſchaft in Schutz nahm und blos auf den Grund ihres Charakters jeden Verdacht einer Hand⸗ lung, die dieſen beflecken könnte, zurückwies. Ihre Freunde in Concord— unter ihnen Emerſons, Eliſa⸗ beth H. und eine in Concord verheirathete ſeelenvolle junge Schweſter von Miß Fuller— ſcheinen in Be⸗ treff ihres Benehmens vollkommen ruhig und überzengt zu ſein, daß es ſich im Licht des Tages rechtfertigen werde. So Etwas iſt ſchön. Miß Fuller hat in ihren Schriften die Rechte der Frauenzimmer auf freie Ent⸗ wicklung, ſowie mehrere Freiheitsgrundſätze beanſprucht, die, obſchon den ſtrengſten Moralgeſetzen gemäß, gleich⸗ wohl ſelbſt in dieſem freien Lande Vielen anſtößig ſind. Ihre Freunde, und unter ihnen die guten, reinherzigen Springs, wünſchen, daß ich ſie kennen lernen möchte. „Sie müſſen Mrs. Ripley ſehen,“ ſagte Emerſon einmal,„ſie iſt eine der Merkwürdigkeiten in Concord.“ Und ich ſah— eine ſchöne Matrone mit ſilberweißem Haar, klaren, tiefen, blauen, jugendfriſchen Augen und vieler Weiblichkeit, worin man nicht leſen konnte, daß ſie trotz irgend einem Profeſſor Griechiſch und 1 1⸗ 205 Latein, wie auch Mathematik verſteht, und daß ſie jun⸗ gen Studenten, die ſich nicht durchs akademiſche Examen durcharbeiten konnten, durch ihre ungewöhnlichen Lehr⸗ gaben, ſowie durch ihren mütterlichen Einfluß zum Ziele verhilft. Mancher Jüngling ſegnet ihr Werk an ihm. Einer von ihnen erzählte:„Sie erklärte mir den Euklid, während ſie Erbſen aushülste und mit dem Fuß die Wiege ihres kleinen Enkels in Bewegung ſetzte.“ Ich brachte mit Emerſons einen Abend bei Mrs. Ripley zu. Auch in ihrem Haus fanden ſich keine Dienſtboten vor. Dieſe Frauen Neuenglands ſind tüchtige Frauen, ächte Töchter der Auswanderer⸗ weiber, die ſo mannhaft mit ihren Männern ausharr⸗ ten und arbeiteten, und mit ihnen dieſes Reich grün⸗ deten, das ſich jetzt über einen Welttheil ausbreitet. Der Großvater von Eliſabeth H. gehörte zu den erſten Pilgern, welche das kleine Schiff„die Mai⸗ blume“ an den Strand von Maſſachuſetts trug. Er hat manchmal ſeinen Kindern erzählt, wie dieſe Män⸗ ner, als ſie Geſetze für die neue Kolonie ſtiften woll⸗ ten, gerne vor ihren Frauen, Schweſtern und Töch⸗ tern über dieſe Geſetze ſprachen und mit Vergnügen die Anſichten derſelben anhörten. Das iſt ſchön und klug. Sicherlich kommt das ritterliche Gefühl und die Liebe, die in Amerika im Allgemeinen für das weib⸗ liche Geſchlecht vorherrſcht, von dieſer Würdigkeit und würdigen Behandlung der erſten Frauen her; ſicherlich ſtammt von dieſer erſten Gleichheit die Gleichheit an Gewalt und Rechten, die hier im häuslichen und geſell⸗ ſchaftlichen Leben, obſchon noch nicht im bürgerlichen, vorwaltet. Ich ſpreche gern mit Eliſabeth H. In dieſem jungen Weib iſt viel Tiefes und Großes. Und ihre Worte glänzen oft wie Diamanten im Sonnen⸗ licht. Aber ſie müſſen von der Sonnenwärme hervor⸗ gerufen werden. Von den Perſonen, die ich bei Emerſons ſah, 205 intereſſirte mich ein Profeſſor Scherb, ein Schweizer, von edlem und ernſtem Ausſehen— auch etwas Ultra⸗ idealiſt in ſeiner Philoſophie. Er hat in der Schweiz gegen die Jeſuiten gekämpft und lebt jetzt als Lehrer in Amerika. Endlich machte ich auch die Bekanntſchaft des Doktors Jackſon, des Entdeckers der einſchläfern⸗ den Wirkungen des Aethers auf den menſchlichen Körper und das Bewußtſein; er hat dafür von unſrem König Oscar eine Medaille erhalten, die mir gezeigt wurde. Er hatte die Entdeckung lediglich durch einen Zufall gemacht, den er beſchrieb. Ich pries ihn glück⸗ lich, daß er auf dieſe Art das Mittel zu einer unend⸗ lichen Wohlthat für Millionen leidender Geſchöpfe ge⸗ worden ſei. Ich verließ Concord in Begleitung dieſes Herrn, der ein Bruder von Mrs. Emerſon iſt. Aber Concord bleibt meinem Gedächtniß eingegraben; ſeine ſchneeige Scenerie, ſein blauer, klarer Himmel, ſeine Menſchen, die Tranſcendentaliſten— Alles was ich in Concord erlebte, hörte und ſah, und ganz beſonders ſeine Sphinx (Marie L— s Ausdruck für Emerſon), bilden in mei⸗ nem Innern eine Art von Alpenregion, die eine eigen⸗ thümliche Zauberkraft für mein Gemüth hat, und zu welcher ich wieder einmal zurückzukommen mich ſehne, wie zu den Scenen und Bildern meines Heimath⸗ landes. Geſtern Abend, als ich nach Hauſe kam, traf ich Marcus Spring, der in Geſchäften nach Boſton ge⸗ kommen war. Es gewährte mir eine herzliche Freude, den guten, trefflichen Freund wieder ſehen zu dürfen. Nach einer kurzen Beſprechung mit ihm und Mr. Sumner fuhr ich mit Marcus zu Alcott's Schluß⸗ unterhaltung, wo allerlei kurioſe Sachen in Bezug auf die Diät und ihre Wichtigkeit für die Menſchheit zum Vorſchein kamen. A. behauptete, alle hohe und hei⸗ lige Lehrer des Menſchengeſchlechts ſeien große Freunde 207 der Diät geweſen und haben ſich inſonderheit der ani⸗ maliſchen Nahrung enthalten. Jemand ſagte, Chriſtus habe Fleiſch gegeſſen. Ein Anderer meinte, das laſſe ſich nicht beweiſen. Ein Dritter bemerkte, er habe wenigſtens Fiſche gegeſſen. A. ſagte, das könne nicht bewieſen werden. Ich ſagte, es„ſtehe geſchrieben.“ Andre ſtimmten ein.„Gleichviel!“ ſagte A. vornehm, „ich weiß etwas Beſſeres als das Fiſcheeſſen.“ A. trinkt offenbar zu viel Waſſer und erzeugt blos Nebel⸗ geſtalten. Er müßte Wein trinken und Fleiſch oder wenigſtens Fiſche eſſen, um Mark und Saft in ſeine Ideen zu bekommen. Auch Marcus S. machte ſich über die Unterhaltung luſtig, aber in ſeiner milden Weiſe. Unter der Zuhörerfchaft befinden ſich einige Frauenzimmer mit prächtigen Denkerſtirnen, und ſchöne Geſtalten. Ich habe ſie noch nie ſprechen gehört, und ich wundere mich, daß ſie ſo ruhig daſitzen und zuhören können. Ich für meinen Theil vermag das nicht. Und obſchon die Geſellſchaft zu einer neuen Serie von Unterhaltungen eingeladen wurde, ſo iſt dieſe gewiß die letzte, der ich anwohnte. Den 26. Januar. Alcott kam geſtern Vormittag zu mir, und wir beſprachen uns zwei Stunden lang; er erklärte ſich im Zwiegeſpräch beſſer als in der allgemeinen Unterhal⸗ tung, und ich verſtand ihn beſſer als bisher ich ver⸗ ſtand, daß wirklich ein wahrer und tiefer Gedanke auf dem Grund ſeiner Reformarbeit ruht. Dieſer Gedanke iſt die Wichtigkeit einer ernſten und heiligen Gemüths⸗ ſtimmung bei Eingehung der Ehe, damit der Bund ein edler ſein und ein gutes und ſchönes Geſchlecht erzeu⸗ gen möge. Seine Veranſtaltungen, um dieſe ſchöne und heilige Ehe zwiſchen ſchönen und guten Menſchen zu Stande zu bringen(Andere dürfen nicht in die Ehe 208 treten; ho ho! die große Menge!) laſſe ich in ihrem Werth. Sie ſind beſſer und menſchlicher, als die An⸗ ſichten, welche Plato in ſeinem Staat für denſelben Zweck aufſtellt. Und wer will läugnen, daß es beſſer um die Welt ſtände, wenn diejenigen, welche die Men⸗ ſchen zur Welt erzeugen, es mit höherem Gewiſſen, mit größerem Gefühl der Verantwortlichkeit thäten? Die Ehe ſteht doch im Allgemeinen in dieſer Beziehung ſehr niedrig. Ein Mann und ein Weib verbinden ſich, um glücklich zu werden. Selbſtſüchtiges Glück— darüber hinaus verſteigt ſich gewöhnlich der Gedanke nichi; er erhebt ſich nicht zu dem Höheren:„Wir ſollen un⸗ ſterblichen Weſen Leben geben.“ Und das iſt doch die höchſte Bedeutung der Ehe.(Gatten, die keine Kinder bekommen, können ſie dadurch erfüllen, daß ſie eltern⸗ loſe Kleine an Kindesſtatt annehmen).„Aber warum ſpre⸗ chen Sie das nicht vollſtändig aus?“ ſagte ich zu A.„Es iſt von größerer Wichtigkeit als Alles was ich noch in Ihren Unterhaltungen gehört habe, und wirklich von höchſter Wichtigkeit für die Geſellſchaft.“ Alcott ent⸗ ſchuldigte ſich mit der Schwierigkeit, welche die Be⸗ handlung des Stoffs für eine allgemeine Unterhaltung darbiete, und ſprach die Hoffnung aus, ſeine Anſichten durch Bildung eines kleinen Vereins verwirklichen zu können, worin er vermuthlich als Hoherprieſter fungiren wird. Wieder ein Traum! aber der Träumer ſtieg in meiner Achtung bedeutend durch die Wahrheit und den Adel ſeiner Anſichten in dieſer Beziehung. Auch ſeine Diätnarrheit will ich gelten laſſen, nur nicht in ihrer Ausſchließlichkeit. Und ich halte mich an den, der ohne Einſeitigkeit und mit Beibehaltung des Weins und aller andern Gottesgaben den Menſchen zuruft:„Wachet über euch, auf daß ihr euch nicht beſchweret durch Völlerei und Trunkenheit.“ Alcott ſchenkte mir zwei Bücher. Sie enthalten Geſpräche, die zwiſchen ihm und verſchiedenen Kindern ———————————————————————— rem An⸗ ben ſſer den⸗ mit Die ſehr um über 5 un⸗ die nder ern⸗ pre⸗ „Es in von ent⸗ Be⸗ ung hten zu iren g in den eine hrer hne aller chet urch lten ern 209 geführt wurden zu einer Zeit, wo er eine Schule hielt, welche die Schule par excellence werden ſollte. Der Punkt, von welchem A. bei der Bildung der Kinder ausgeht, iſt, daß er ihre höhere Natur zu erwecken und ihnen eine hohe Achtung für dieſelbe einzuflößen ſucht, damit ſie ſie lieben und immer ihr gemäß handeln. Darum ſtellt er ihren Blicken frühzeitig das Ideal des Menſchen oder den Idealmenſchen in Chriſti Perſon dar. Jede Zuſammenkunft mit den Kindern beginnt damit, daß Alcott ein Capitel aus der heiligen Ge⸗ ſchichte vorlieſt. Wenn dies vorüber iſt, fragt er die Kinder:„Was war in euren Gedanken(oder in eurer Seele), während ihr das hörtet?“ Mehrere antworten dann recht naiv und unmittelbar. A. leitet fie ſofort zum Nachdenken darüber, welche Tugend in der ge⸗ gebenen Erzählung oder Geſchichte ſich geoffenbart habe, dann müſſen ſie auch das Gegentheil nennen, ſich beſinnen, ob ſie daſſelbe bei ſich finden u. ſ. w. Verſchiedenes Gutes und Denkwürdiges kömmt dabei vor, und Vieles, was für das Bewußtſein der Kinder entwickelnd iſt. Manches Wort von thauähnlich ur⸗ ſprünglicher Friſche kommt von den Kinderlippen, aber auch viel Kindiſches und Unbefriedigendes von den Kindern ſowohl als von dem Lehrer. Jedenfalls iſt dies eine Methode, die für die Schule im Großen nicht wohl paßt, über die aber Vater und Mutter ſich be⸗ ſinnen ſollten.„Was war in deiner Seele, in deinem Herzen?“ was können nicht weiſe und liebevolle Lippen mit dieſen Worten, wenn ſie Abends nach dem Schul⸗ beſuch, den Arbeiten, den Spielen, den Sorgen und Freuden des Tags ausgeſprochen werden, im Bewußt⸗ ſein des Kindes zu ſeinem Frommen heraufrufen? Als Alcott gegangen war, kam Emerſon und blieb eine gute Stunde bei mir. Er wirkt immer wie eine ſtärkende Macht auf mich. Und gleichwohl ſchwimmt Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 14 210 auch ſeine Welt in einem Element der Auflöſung und hat keine feſten, unwandelbaren Geſtalten oder Gren⸗ zen. Es iſt wunderlich, wie eine ſo kräftige und kon⸗ krete Natur bei einer ſo loſen und auflöſenden Welt⸗ anſchauung ſtehen bleiben kann. Aber— Emerſons Denkungsart kann ich bemeiſtern; vor ſeinem Geiſt, ſeiner Natur muß ich mich beugen. Emerſon war jetzt auf dem Weg nach Neu⸗York, wohin er eingeladen iſt, um Vorleſungen zu halten; er hat verſprochen, mich bei ſeiner Rückkehr wieder zu beſuchen. Ich muß doch einmal eine gründliche Beſprechung mit ihm haben, ſowohl über die religiöſe Frage als über Amerikas Zukunft. Ich verſpüre auch einige Kampfluſt gegen ihn. Denn noch nie ſah ich einen Löwen in Menſchen⸗ geſtalt, ohne mein Löwenherz ſchlagen zu fühlen. Und ein Kampf mit einem ſolchen Geiſt iſt immer ein Ge⸗ nuß, ſelbſt wenn man keinen Sieg gewinnt. Was Alcott betrifft, ſo weiß ich nicht, welcher Geiſt des Widerſpruchs mich treibt, mich ein wenig mit ihm zu necken und über ihn luſtig zu machen. Ich ſchätze doch aufrichtig die Beſtrebungen des ſchö⸗ nen, guten Idealiſten, und wenn ich Etwas gegen ihn geſagt habe, ſo meine ich von Emerſons tiefer Stimme den Vorwurf zu hören:„Unter all dem Lärm und Geräuſche des Tags für materielle Zwecke wollt ihr nicht ein paar vereinſamte Stimmen ertragen, welche für Gedanken und Grundſätze ſprechen, die nicht ver⸗ käuflich oder vergänglich ſind?“— Ach ja, wenn ſie nur ein wenig vernünftiger wären! Neulich einmal wohnte ich Abends einer großen „party“ von Boſtons faſhionabler Geſellſchaft bei Mrs. Bryant bei. Ich befand mich wohl, die Geſell⸗ ſchaft war ſchön, elegant, ſehr artig, und der Abend war mir angenehm. Einen andern Abend war ich bei einer andern großen„faſhionabeln Partie“ in einem andern Hauſe. Ich befand mich unwohl und die Ge⸗ und ren⸗ kon⸗ elt⸗ ſons eiſt, jetzt niſt, doch ben, ikas egen hen⸗ Und Ge⸗ cher enig hen. chö. ihn nme und ihr lche ver⸗ ſie ßen bei ſell⸗ en bei nem Ge⸗ 211 ſellſchaft erſchien mir mehr geputzt und ariſtokratiſch als angenehm. Ich ſah auch einige Geſtalten, wie ich ſie in den Salons der neuen Welt und ganz be⸗ ſonders in den Salons Neuenglands nicht zu finden geglaubt hätte, ſo aufgeblaſen, hochmüthig und unſchön waren ſie; in ihren Blicken und Geſtalten ſtand„Geld⸗ brotzthum“ zu leſen. Man ſagte mir, Mrs.“** und ihre Schweſter haben ein Jahr in Paris zugebracht. Sie hätten von da, außer den Moden, etwas Pariſer Grazie und Lebensart mitbringen ſollen. Geldſtolze Leute haben es in der Civiliſation gerade ſo weit ge⸗ bracht wie unſre Lappländer, die keinen andern Werth anerkennen, als den des Reichthums, und die das Verdienſt eines Mannes nach der Zahl ſeiner Renn⸗ thiere bemeſſen. Ein Mann mit tauſend Rennthieren iſt ein ſehr großer Mann. Die Geldariſtokratie iſt die niedrigſte und roheſte, die ſich denken läßt. Um ſo ſchlimmer iſt ſie, in ganz unmäßigem Grade, in der neuen Welt daheim. Man kann auch den voll⸗ kommen üblichen Ausdruck über einen Menſchen hören: „Er iſt ſo und ſo viele Dollars werth.“ Aber die Beſten hier verſchmähen ſolche Ausdrücke. Sie wür⸗ den niemals die Lippen eines Mareus Spring, eines Channing oder Downing beſchmutzen. In Bezug auf das faſhionable Leben muß geſagt werden, daß es hier nicht als das Höchſte angeſehen wird. Man hört von Leuten ſprechen, die über der Mode(above fashion) ſtehen, und mit dieſen meint man die Bevölkerung der höchſten Klaſſe. Es iſt mir klar, daß ſich hier all⸗ mälig eine Ariſtokratie bildet, die hoch über der ge⸗ gewöhnlichen der Geburt, des Vermögens oder der ge⸗ ſellſchaftlichen Verbindungen ſteht, und die Ariſtokratie des wirklichen Verdienſtes, der Liebenswürdigkeit und des Charakters iſt. Allgemein iſt ſie indeß noch nicht. Es iſt bis jetzt noch ein kleines Häuflein. Aber die⸗ ſes wächſt an und die Idee greift um ſich. 212 Bei einem kleinen gemüthlichen Mittageſſen bei Profeſſor How war ich mit Laura Bridgeman zu⸗ ſammen, dem blinden und taubſtummen Mädchen, das durch die Art, wie Profeſſor How ihre denkende Seele er— weckte und durch die rührende Erzählung, welche Char⸗ les Dickens in ſeinen„Amerikaniſchen Reiſebemerkun⸗ gen“ davon gab, berühmt geworden iſt. Sie iſt jetzt 20 Jahre alt, hat eine feine wohlgebildete Figur und ein Geſicht, das man hübſch nennen kann. Ueber den Augen hat ſie eine grüne Binde. Als ſie meine Hand ergriff, gab ſie durch Zeichen zu verſtehen, daß ſie mich für ein Kind hielt. Eine der erſten Fragen, die ſie an mich richtete, war, wie viel Geld ich für meine Bücher erhalten habe. Eine ächte Yankeefrage, die meine Wirthsleute ſehr beluſtigte. Gleichwohl ver— hinderten ſie das Mädchen, dieſelbe weiter zu verfol⸗ gen. Ich fragte Laura(durch das Frauenzimmer, das ſie immer als Dolmetſcherin begleitet), ob ſie glücklich ſei. Sie antwortete mit einer Lebhaftigkeit und einem Verſuch Laute von ſich zu geben, welche bewieſen, daß ſie gar nicht genug ſagen konnte, wie glücklich ſie ſich fühlte. Sie ſoll auch beinahe immer heiter ſein. Die beſtän⸗ dige Zärtlichkeit und Aufmerkſamkeit, womit ſie ver⸗ pflegt wird, macht, daß ſie nichts von Mißtrauen ge⸗ gen die Menſchen weiß, ſondern ein Leben der Liebe und der Dankbarkeit lebt. Doctor How, eine der dunkeln Geſtalten, welche Alcott als Erzeugniſſe der Nacht verdammt, nämlich von dunkler Farbe, dunkeln Augen, ſchwarzen Haaren und einem prächtigen ener⸗ giſchen Geſicht, iſt allgemein für ſeine glühende Men⸗ ſchenliebe bekannt, die ihn gedrängt hat, für die Grie⸗ chen, ſowie für Polens Freiheit zu fechten, und ſich zuletzt Derjenigen anzunehmen, deren körperliche Sinne gebunden und gefeſſelt ſind. Seine Bekanntſchaft iſt mir ſeiner Perſönlichkeit wegen theuer. Ich habe in⸗ deß nicht viel Gelegenheit, mich ſeiner Geſellſchaft zu bei zu⸗ as er⸗ ar⸗ in⸗ etzt ind den nd ich ſie ine die er⸗ ol⸗ a8 ich em ſie lte. än⸗ er⸗ ge⸗ ebe der der eln er⸗ en⸗ ie⸗ ich ne in⸗ zu 213 erfreuen. Er ſcheint mir, wie auch ich, durch die über⸗ wiegende Kraft des Klimas und der Nahrung im Lande zu leiden. Seine Frau iſt ein allerliebſtes Weib mit reichen Naturgaben, feiner Bildung und vie⸗ ler Naturfriſche. Ein paar ſchöne kleine Mädchen, roth und weiß wie Milch und Blut, weich wie Baum⸗ wolle, friſch und ſchön wie Thautropfen auch in der Kleidung, kamen gegen das Ende des Mittageſſens und ſchmiegten ſich koſend an den düſtern energiſchen Vater. Es war ein Gemälde, von dem ich wünſchte, daß Alcott es geſehen hätte. Ich gedenke noch ungefähr 14 Tage hier zu ver⸗ weilen, um die Homöopathie ihr Werk an mir voll— enden zu laſſen. Mein guter Doctor kommt alle Tage zu mir und ſchon ſein Anblick iſt eine Freude für mich. Ich bin unbeſchreibbar dankbar für das Gute, was ich von der Homöopathie empfangen habe und noch em⸗ pfange, und ich denke beſtändig daran, wie wohl ſie Dir bekommen wird.—— Reich werde ich wohl hier nicht werden, mein Kind, denn ich habe weder Zeit noch Luſt etwas zu ſchreiben. Indeß kommt auch, Dank ſei es der amerikaniſchen Gaſtlichkeit, meine Reiſe nicht ſo hoch, als ich geglaubt hatte. Und wenn einige meiner Freunde hier zu befehlen hätten, ſo würde ſie mich gar nichts koſten, ſondern ich würde auf Ko⸗ ſten des amerikaniſchen Volks leben und reiſen. Aber das iſt gar zu viel. Heute iſt es abſcheuliches Wetter, ein wahrer Gußregen und ſtarker Wind. Ich habe mich beinahe darüber gefrent in der Hoffnung in Frie⸗ den bleiben zu dürfen, allein ich konnte doch einige Beſuche nicht abweiſen, wovon der eine die Abſicht hatte mich in eine Abendgeſellſchaft zu bringen, der andere mich zu beſtimmen, daß ich einem Portraiteur ſitzen möchte. Aber beide bekamen ein Nein. Eben jetzt bekam ich das allerſchönſte Bukett von einer jungen Freundin, eine Menge ſchöner kleiner Blumen im Kelch 214 einer großen ſchneeweißen Calla aethiopica. Ueberhaupt zu. vergehen nicht viele Tage, ohne daß ich von bekannten unt oder unbekannten Freunden ſchöne Blumenſträuße er⸗ Un halte. Dies iſt ſehr artig und hübſch gegen eine frei — Fremde. Und dazu ſage ich niemals nein, ſondern bin immer herzlich dankbar, ſowohl für die Blumen, ich als für die gute Meinung. Jetzt Adien mit dieſer langen Schwatzepiſtel und ten, ein herzliches Adien an Dich, meine Holde! ger Zehnter Brief. die Boſton, den 1. Februar. Innigen Dank für Deinen Brief vom 15. Sep⸗ vol tember. Es freut mich ſo unendlich zu hören und zu unt ſehen, wie es daheim in der großen und in derkleinen diej Heimath ſteht. Das Spielhaus daheim am Abend, ten wo ſo ernſthaft um— Nichts geſpielt wird und Fa⸗ gen bian ſo ſtreng und eifrig im Spiel iſt, klingt ungemein das gemüthlich, und ſo noch Verſchiedenes in Deinem Brief dur meine liebe Agatha. Wenn Du nur Deine gewöhnliche und Winterbeklommenheit nicht hätteſt! Ach der Winter! gele Aber ich freue mich doch, daß der Dezember ſich ein die wenig beſſer empfindet als der November, und gewiß zu wird Dir der Januar noch beſſer bekommen. Und Au dann kommt die Ausſicht auf den Sommer und die nen Bäder in Marſtrand. Mama ſchreibt, Du ſeiſt augen⸗ Rec ſcheinlich ſtärker geworden nach Deinem Bad im letzte alte Sommer. Und im nächſten Sommer mußt Du dann ſelb nach demſelben noch bedeutend ſtärker werden. Aber Wa Dein Ideal— die Viehmagd, die ihren Stier am An Horn nimmt— wann wirſt Du das erreichen? war Meine Kräfte nehmen ſeit einiger Zeit bedeutend von upt ten er⸗ eine ern nen, und 21⁵ zu. Dank ſei es meinem vortrefflichen Doctor Osgvod und ſeinen vortrefflichen Nichtspülverchen und Pillen. Und fühle ich mich geſund, ſo iſt auch meine Seele frei und friſch, und dann kommen mir Gedanken, die mich glücklich machen; dann fühle ich mich froh, daß ich im Lande der Pilger bin, in dieſem Lande, das die Pilgerväter, wie ſie hier genannt werden, zuerſt betra⸗ ten, zuerſt einweihten zur Heimath religiöſer und bür⸗ gerlicher Freiheit, jenes kleine Häuflein, von welchem die Bildung dieſes Welttheils ausgegangen iſt und noch ausgeht. Es war im Dezember 1620, als das kleine Schiff die Maiblume(the May fower) mit den erſten Pilgern, 100 an der Zahl, am Strande von Maſſachuſetts lan⸗ dete. Sie gehörten der Religionspartei an, die in England Puritaner genannt wurde, die nach der Re⸗ volution und in Folge derſelben ſich aufgethan hatte, und die eine vollkommnere Reformation verlangte, als diejenige, welche Luther zu Wege gebracht. Sie woll⸗ ten wirklich die Wahrheit in volle Wirkſamkeit brin⸗ gen, welche Luther ausgeſprochen hatte, als er auf das unmittelbare Verhältniß des Menſchen zu Gott durch Jeſum Chriſtum hindeutend das Recht der Kirche und Tradition, das zu beſtimmen, was geglaubt und gelehrt werden ſollte, verwarf und für jeden Menſchen die Freiheit forderte in Glaubensſachen zu prüfen und zu urtheilen, ohne ein anderes Geſetz oder eine andere Auktorität als Gottes Wort in der Bibel anzuerken⸗ nen. Die Puritaner verlangten auf Grund deſſen das Recht die Ceremonien und für ſie leeren Formeln der alten Staatskirche abzulegen, das Recht ihre Geiſtlichen ſelbſt zu wählen, das Recht Gott im Geiſt und in der Wahrheit anzubeten und ſelbſt über ihre kirchlichen Angelegenheiten zu beſtimmen. Der Puritanismus war ein Durchbruch des alten himmliſchen Sauerteigs, von welchem Chriſtus prophezeit hatte, daß er dereinſt 216 den ganzen Teig durchſäuern würde, des geiſtigen Frei⸗ heitsleben der Menſchheit in Jeſu Chriſto. Der von ihm ausgeſtellte Freiheitsbrief war das Loſungswort der Puritaner. Mit dieſem in Hand und Mund wag⸗ ten ſie ſich in den Kampf gegen die herrſchende Episcv⸗ palkirche, verweigerten ihre Vereinigung mit ihr, nann⸗ ten ſich Richtconformiſten und hielten beſondere Ver⸗ ſammlungen oder religiöſe Conventikel. Staatskirche und Regierung vereinigten ſich gegen ſie und erließen das Conventikel⸗Plakat und Drohungen. Aber die Pu⸗ ritaner und Conventikel wuchſen mit jedem Jahr in England. Edle Prieſter mit dem Gemüth eines Wiklef ſchloſſen ſich ihnen an und mehrere der Angeſehenen im Lande. Die Königin Eliſabeth hatte ſie noch mit Behutſamkeit und Achtung behandelt. Ihr Nachfolger Jacob rannte blind gegen die Mauer und ſagte:„Ich will nichts von ihnen wiſſen! An den Galgen mit ihnen! Damit Baſta.“ Und man ließ ihnen die Wahl zwiſchen Rückkehr zur Staatskirche oder Gefangenſchaft und Tod. Das verſtärkte die Oppoſition. „Denn,“ ſagt Thomas Carlyle, der ſonſt in ſeiner „Kritik über das Menſchengeſchlecht“ ziemlich bitter iſt, „man thut der Menſchennatur Unrecht, wenn man glaubt, daß der Sporn zu großen HandlungenEigennutz, irdiſcher Gewinn oder Genuß ſei. Nein, was zu grr⸗ ßen Unternehmungen anreizt und große Dinge zu Stande bringt, das iſt die Ausſicht auf Kampf, Verfolgung, Leiden, Märtyrerthum für die Sache der Wahrheit.“ In einer der nördlichen Provinzen Englands er⸗ hob ſich zu dieſer Zeit in Dörfern und Städtchen eine kleine Schaar ven Männern und Weibern, welche ver⸗ eint den Entſchluß faßten alles dafür zu wagen, daß ſie ihren reinen Glauben frei bekennen und ihm gemäß leben dürften. Sie waren Leute aus geringem Stand, meiſtens Handwerker oder Ackerbauer, die von grober Handarbeit lebten und gewöhnt waren mit harten Le⸗ ———— e——,——„—————— +— ——— Frei⸗ von wort wag⸗ isco⸗ ann⸗ Ver⸗ irche eßen Pu⸗ hr in iklef enen mit olger „Ich mit Wahl ſchaft ſeiner er iſt, man inutz, gro⸗ tande zung, heit.“ s er⸗ eine ver⸗ daß emäß tand, rober n Le⸗ 217 bensverhältniſſen zu kämpfen. Holland bot damals ihnen, ſowie allen bedrückten Kämpen der Wahrheit einen Zufluchtsort. Und nach Holland beſchloß das kleine Puritanerhäuflein zu entfliehen. Mit großer Gefahr entkamen ſie ihren wachſamen Verfolgern und Leyden in Holland wurde ihr Zufluchtsort. Aber ſie kamen da nicht fort; ſie ſahen ein, daß ſie nicht blei⸗ ben konnten, ſie fühlten ſich als Pilger auf der Erde, die ein Vaterland ſuchen müſſen, und mitten unter den Kämpfen mit den Bedürfniſſen des täglichen Lebens entſtand bei ihnen der Glaube, daß ſie berufen ſeien ein höheres Werk in der Menſchheit auszuführen, als was ihr gegenwärtiges Lvos mit ſich brächte. Sie fühlten ſich angeregt von Eifer und Hoffnung, das Evangelium und Chriſti Reich in den weitentlegenen Ländern der neuen Welt auszubreiten, ſelbſt wenn ſie auch nur die Treppenſtufen für Andere bilden ſollten, um ein ſo großes Werk auszuführen. Sie erbaten ſich und erhielten nach großen Schwie⸗ rigkeiten von der engliſchen Regierung die Erlaubniß, nach Nordamerika auszuwandern, um daſelbſt„zu Gottes Ehre und zu Englands Nutzen“ zu wirken. Sie ſchafften ſich zwei Schiffe an, die„Maiblume“ und Eilbrav(Speedwell), um ſie übers Meer zu führen. Die jüngſten und ſtärkſten des Häufleins, die ſich freiwillig dazu erboten, wurden auserwählt, die ge⸗ wagte Fahrt zuerſt zu beginnen, nachdem ſie ſich allge⸗ mein durch Faſten und Beten darauf vorbereitet hatten. „Laßt uns, ſagten ſie, Gott um einen rechten Weg für uns und für unſere Kleinen und um Unterkunft für uns Alle bitten.“ Blos ein Theil der nach Holland Ausgewanderten fand Platz auf den beiden Schiffen. Unter den Zurückbleibenden befand ſich auch ihr edler Anführer und Lehrer Robinſon. Aber vom Strande der alten Welt aus gab er ihnen zum Abſchiedsgruß die herrlichen Worte: 218 „Ich lege Euch vor Gott und ſeinen heiligen En⸗ geln auf, daß Ihr mir nicht länger nachfolgen ſollt, als Ihr mich dem Herrn Jeſu Chriſto nachfolgen ſehet. Der Herr hat Euch durch ſeine heiligen Worte noch mehr Wahrheit zu verkündigen. Ich kann nicht genug den Zuſtand in den reformirten Kirchen beklagen, die zu einem Stillſtandspunkt in der Religionslehre ge⸗ kommen ſind und nicht weiter gehen wollen als die erſten Werkzeuge ihrer Reformation. Luther und Cal⸗ vin waren große und glänzende Geiſter ihrer Zeit, aber ſie drangen nicht in alle Rathſchläge Gottes ein. Ich beſchwöre Euch deſſen eingedenk zu ſein— das iſt ein Artikel im Bunde Eurer Kirche— daß Ihr Euch be⸗ reit haltet jede Wahrheit anzunehmen, die Euch durch Gottes Wort wird geoffenbart werden.“ „Als die Schiffe bereit waren, um fortzufahren,“ ſchreibt einer der Auswanderer,„gaben uns die Brü⸗ der, die mit und für uns gefaſtet und gebetet hatten, ein Abſchiedsfeſt in unſeres Pfarrers Haus, das ge⸗ räumig war. Und da erfriſchten wir uns nach unſeren Thränen mit Abſingung von Pſalmen, indem wir mit unſern Herzen ſowohl als mit unſern Stimmen eine fröhliche Muſik machten, denn mehrere von den Freun⸗ den waren ſehr geſchickt in der Muſik. Darauf beglei⸗ teten ſie uns nach Delft Haven, wo wir an Bord gehen ſollten, und da bewirtheten ſie uns von neuem. Und nach dem Gebet, das unſer Pfarrer ſprach, während deſſen Ströme von Thränen vergoſſen wurden, folgten ſie uns zum Schiff. Aber wir waren außer Stands mit einander zu ſprechen, aus übermäßig großem Kum⸗ mer, daß wir von einander ſcheiden ſollten. Aber vom Schiff aus gaben wir ihnen einen Gruß, und dann erhoben wir unſere Hände zu einander und unſre Herzen ör einander zum Herrn unſrem Gott und gingen unter Segel.“ Günſtige Winde führten die Pilger bald an Eng⸗ n⸗ lit, et. och ug die ge⸗ die al⸗ it, ch in be⸗ rch 1,“ rü⸗ en, ge⸗ en nit ine n⸗ ei⸗ en nd nd ten ds m⸗ nun en ter 219 lands Küſte. Aber dort mußte das kleinere der Schiffe, der„Eilbrav“ ausgebeſſert werden, und kaum hatten ſie Englands Küſten aus den Augen verloren, kaum ſchwellten die Segel auf dem atlantiſchen Meer, als der Kapitän und die Mannſchaft des Eilbrav über der Größe und Gefährlichkeit des Unternehmens den Muth verloren und nach England zurückzukehren verlangten. Die Leute auf der Maiblume waren damit einverſtan⸗ den,„obſchon dieß ſehr leidig und niederſchlagend war.“ Inzwiſchen beharrte eine kleine Schaar entſchloſſener Männer und Weiber— von den letzteren waren meh⸗ rere hochſchwanger— auf ihrem Unternehmen. Und mit ihnen, ihren Kindern, ihrem Hausgeräthe und ihrem Vieh ſchwamm die Maiblume vorwärts auf dem großen Meer der neuen Welt entgegen, und zwar wäh⸗ rend der ſtürmiſchſten Jahreszeit. Nach 63tägiger ſtür⸗ miſcher Fahrt ſahen die Pilger die Küſten der neuen Welt. Die Maiblume wirft in einem Hafen am Ufer von Maſſachuſſetts Anker. Noch ehe ſie ans Land gehen, während die Mai⸗ blume noch auf den Wogen der Tiefe weilt, treten die Auswanderer zuſammen, um über ihre künftige Re⸗ gierungsform zu entſcheiden. Freiwillig bilden ſie ſich zu einer politiſchen Corporation und ſetzen folgenden Vertrag auf: „In Gottes Namen, Amen. Wir Unterzeichnete u. ſ. w. Nachdem wir es zu Gottes Ehre und zur Ausbreitung des Reiches Chriſti, ſowie zur Ehre un⸗ ſeres Königs und unſeres Landes unternommen haben, die erſte Colonie in den nördlichen Theilen Virginiens zu begründen, erklären wir hiemit feierlich und gegen⸗ ſeitig vor Gottes Angen und vor einander, daß wir uns in einer bürgerlich politiſchen Körperſchaft vereini⸗ gen zu unſerer beſſeren Ordnung und Erhaltung, ſowie zur Förderung der genannten Zwecke, und daß wir in Kraft deſſen ſolche Gerechtigkeit, für Alle gleiche Ge⸗ 220 ſetze, Befehle, Verordnungen, Einrichtungen und Aemter von Zeit zu Zeit ausfertigen, beſtimmen und ſchaffen, von denen wir glauben, daß ſie das Gemeinwohl der Colonie am Beſten fördern können, und denen wir Alle Unterthänigkeit und Gehorſam geloben.“ Das Dokument wurde von allen Männern in der Geſellſchaft, 41 an der Zahl, unterzeichnet. So wurde in der Cajüte der Maiblume die wahrſte demokratiſchſte Verfaſſung geſchaffen, welche die Welt noch geſehen hat. Die demokratiſche Staatsgeſellſchaft, das ſich ſelbſt re⸗ gierende Volk ſtieg, eine fertige Organiſation, aus der Maiblume ans Ufer der neuen Welt. Gleich Abraham war die Pilgerſchaar, dem Rufe Gottes gehorſam, nach einem ihr unbekannten Lande ausgezogen, ohne noch genau das Werk zu wiſſen, zu welchem ſie berufen war. Sie gingen aus, eine freie, jungfräuliche Erde zu ſuchen, um allda ihre reine Kirche zu begründen zur Ehre für das Reich Gottes, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, legten ſie dadurch den Grund zu dem neuen bürgerlichen Staat auf der Erde, zu einer Heimath und Gemeinſchaft für alle Völker. Die Maiblume des bürgerlichen Geſellſchaftlebens brach zugleich mit dem reinen Religionsleben aus ihrer Hülle hervor. Das war natürlich. Das Letztere ſchließt das Erſtere in ſich. Die Pilger trugen das Leben der neuen Welt⸗ bildung in ſich, ohne es zu wiſſen. Sie ſtiegen ans Land auf der Klippe, welche ſpäter Plymouther Klippe oder auch die Pilgerklippe genannt wurde. Einem jungen Mädchen erlaubte man zuerſt, aus dem Boot ans Land zu ſpringen. Ihr leichter Fuß war es, der zuerſt auf dem Fels ſtand. Es war Winters Anfang, als die Pilger nach dem neuen Lande kamen. Sie wurden da von Kälte und Sturn und Widerwärtigkeiten empfangen. Sie unternahmen einen Streifzug ins Land und fanden an einem Ort etwas nter fen, der Alle der irde hſte hat. re⸗ der ufe nde zu zu zur zu len ind des em as in elt⸗ ter int rſt, ter ar ide nd en a5 221 Korn, aber keine Wohnungen, nur indianiſche Gräber. Sie waren blos ein paar Tage im Lande geweſen und hatten, um ſich vor Sturm und Schneegeſtöber zu ſchützen, Wohnungen zu errichten angefangen, als der Sonntag einfiel, und das iſt charakteriſtiſch für dieſe erſte puritaniſche Geſellſchaft, daß ſie unter ſolchen Umſtänden alle Arbeit ruhen ließen und unverbrüchlich und andachtsvoll den Sabbath feierten. Ich habe neulich die Erzählung oder vielmehr Chro⸗ nik geleſen, die tagebuchartig über das Leben, die Kämpfe und Arbeiten der erſten Kolonie während der erſten Jahre ihrer Anſiedelung geführt wurde. Es iſt eine einfache Chronik ohne Phraſen und Wortgepränge, ohne alle romantiſche Ausſchmückung, aber ſie hat mich mehr gerührt als mancher rührende Roman und erſcheint mir größer als manches Heldengedicht. Denn wie groß in all ſeiner Anſpruchsloſigkeit iſt nicht dieſes Leben, dieſes Mühen! Welcher Muth, welche Beharrlichkeit, welche Treue und unerſchütterliche Zuverſicht bei dieſem kleinen Häuflein! Wie ſie ſich helfen dieſe Männer und Weiber, wie ſie ausharren in aller Noth und Wider⸗ wärtigkeit, im Leben und im Tode! Sie leben von Ge⸗ fahren umgeben, unter Kämpfen mit den Eingebornen, ſie leiden vom Klima, aus Mangel an Wohnſtätten und Bequemlichkeiten, aus Mangek an Lebensmitteln; ſie liegen krank darnieder, ſie ſehen ihre Geliebten ſter⸗ ben, ſie hungern und frieren, aber ſie harren aus. Sie ſehen ihre Niederlaſſungen zerſtört und ſie bauen nenue. Unter Kämpfen mit Noth und Widerwärtigkeiten, unter dem Pfeilregen der Indianer gründen ſie ihren Staat, ihre Kirche, ſtiften Geſetze, eine Schulordnung, und Alles, was eine menſchliche Geſellſchaft ſtark macht. Sie führen in der einen Hand das Schwert und in der andern den Pflug. Unter beſtändiger Lebensgefahr ſinnen ſie beſtändig auf das Wohl ihrer Nachkommen und ſtiften Geſetze, deren Weisheit, Reinheit und Menſchlichkeit man bewundern muß. Auch die Kreatnr iſt in dieſer Geſetzgebung nicht vergeſſen, und auf Miß⸗ handlung von Thieren ſind Strafen geſetzt. In den erſten Jahren iſt die Noth oft ungehener. „Ich habe Männer vor Schwäche, die durch Mangel an Nahrung herbeigeführt war, ſchwanken ſehen,“ ſchreibt ein Augenzeuge. Die Erndte des dritten Jahres wurde reichlich, und ſtatt wie bisher nur für den gemeinſamen Erwerb zu arbeiten, durften die einzelnen Mitglieder jetzt für ihr eigenes Haus und ihr eigenes Wohl arbeiten. Das belebte die Arbeit und die Sorgſamkeit. Nach⸗ dem die Zeit der Noth überwunden war, trat eine Zeit der Blüthe ein und die Kolonie erweiterte ſich ſchnell und kräftig. Binnen wenigen Jahren ſagte man von ihr:„Man kann da Jahr aus Jahr ein leben, ohne einen Betrunkenen zu ſehen, ohne einen Fluch zu hö⸗ ren oder einem Bettler zu begegnen.“ Diejenigen, welche die erſte Noth überlebt hatten, wurden ſehr alt. Kein Wunder, wenn von dieſen ſtarken Vätern und Müttern ein Geſchlecht aufwuchs, das zu einem großen Volk wurde. Andere Kolonien gegen Süden mit ſchlafferen Sitten und geringeren Lebenszwecken waren ausgeſtorben oder brachten es blos zu einem ſchwachen Leben unter dem Kampf mit den Eingebornen, dem Klima und Schwierigkeiten aller Art, die ihnen in den Weg traten. Die Puritaner mit ihrem hohen Lebens⸗ ziel, ihrem ſtarken Glauben und ihren reinen Sitten wurden die Beſieger der Wildniß und die Geſetzgeber der neuen Welt, und ich weiß nicht, daß je ein Staat eine edlere Grundlage und edlere Begründer gehabt hätte. Mit den Pilgervätern in der neuen Welt hatte die ganze Menſchheit einen Schritt vorwärts gethan. Das Geſchäft, das ſie zu verrichten hatten, war die Sache des ganzen Menſchengeſchlechts. Sie waren die Erſten. Nach ihnen folgten Andere. atnr Kiß⸗ uer. ngel eibt lich, verb für iten. ach⸗ Zeit nell von ohne hö⸗ elche alt. und oßen mit aren chen dem den ens⸗ tten ebet taat habt ate han. die die Denn wenn ich vom Lande der Pilger über die Länder der Vereinigten Staaten hinausblicke, ſo ſehe ich überall, im Süden wie im Norden und Weſten, das Land zuerſt bevölkert und die Staaten begründet von einer europäiſchen Bevölkerung, welche Verfolgung für ihren Glauben erlitten hat, welche Gewiſſensfrei⸗ heit und Frieden auf der neuen, freien Erde ſucht; ich ſehe Hugenotten und Herrenhuter im Süden, und längs des Miſſiſippi im Weſten Proteſtanten und Katholiken von allen Ländern Europas dieſe höchſten Schätze des Menſchen ſuchen und finden und auf dieſer reichen Erde blühende Staaten bilden, ganz unter den Frei⸗ heits⸗ und Staatsgeſetzen, welche die älteſten Pilger geſtiftet haben. Denn ihnen gebührt die Ehre der neuen Schöpfung und von ihnen gehen noch heute die ſchaffenden Ideen in der Geſellſchaft der neuen Welt aus, und freiwillig oder unfreiwillig nehmen die verſchiedenen Emigrantenbevölkerungen und Religionsgeſellſchaften das Gepräge von ihnen an. Die häuslichen Sitten und das Zuſammenleben werden darnach gebildet; das kirchliche Leben in allen Religionsſekten erkennt den Einfluß des puritaniſchen Bekenntniſſes:„Lebe wie du lehrſt; laß deinen ganzen Wandel von deinem kirchlichen Bekenntniß zeugen.“ Und die Regierungsform, welche die kleine Geſellſchaft der Maiblume organiſirte, iſt das Lebensprinzip in ſämmtlichen Staaten von Nord⸗ amerika geworden und iſt dieſelbe, die jetzt an der Küſte des ſtillen Meeres Californiens wilde Freiſchaaren be⸗ zwingt und mit ſtiller Macht ordnet, indem ſie dieſel⸗ ben zu gleicher Zeit zur Selbſtregierung und zum Ge⸗ horſam gegen das Geſetz erzieht. Die alte Kolonie hat nach allen Theilen der Union Schaaren von Söhnen und Töchtern der Pilger aus⸗ geſandt, und ſie bilden zur Zeit mehr als ein Drittel der Bevölkerung Nordamerikas. Am ſtärkſten ſind ſie 224 im Norden und am ſtärkſten haben ſie ihm das Gepräge ihres Geiſtes gegeben. Betrachte ich die puritaniſche Geſellſchaft, ſo wie ſie ſich in unſern Tagen, ungefähr 2 Jahrhunderte nach ihrer Niederlaſſung in der neuen Welt, zeigt, ſo ſchei⸗ nen mir zwei Grundkräfte darin die Triebräder zu ſein. Die eine iſt die Verwirklichung der Ideale des ſittlichen Lebens; die andere iſt der Drang die Erde zu erobern, d. h. alle ihre Kräfte und Erzeugniſſe in den Dienſt des Menſchen zu nehmen. Der Mann der neuen Welt und vor Allem der Neuengländer, humoriſtiſch Yankee genannt, will er⸗ obern, und ſcheut dafür keine, wenn auch noch ſo grobe Arbeit und keine Beſchwerde; die halbe Welt zu um⸗ reiſen, um ein gutes Geſchäft zu machen, iſt ihm eine Kleinigkeit; der Wikingerdrang in ſeiner Natur, den er vielleicht urſprünglich von den ſkandinaviſchen Wikingern geerbt hat, zwingt ihn unaufhörlich zu wir⸗ ken, zu unternehmen, etwas auszuführen, was ihm ſelbſt und Andern Gedeihen bringt. Denn wenn er es ſelbſt zu einem gedeihlichen Zuſtand gebracht hat, ſo denkt er(wo nicht ſchon früher) darauf ſein Pfund dem all⸗ gemeinen Beſten zuzuwenden. Er erwirbt, aber um wie⸗ der auszugeben. Er ſpart nicht egoiſtiſch. Er hat einen lebhaften Bürgerſinn und iſt mehr darauf bedacht, einen von ſeinen Mitbürgern geachteten und geliebten Namen, als ein großes Vermögen zu hinterlaſſen. Er legt ſein Erworbenes gerne in einem Inſtitut oder einer wohlthätigen Einrichtung an, die ſodann gewöhnlich ſeinen Namen trägt. Und ich weiß Perſonen, deren Wohlthätigkeitsſinn ſo rein iſt, daß ſie auch dieſen Lohn verſchmähen. In den nördlichen Staaten, die meiſtens von der älteſten Colonie bevölkert ſind, ſcheinen die ſittlichen Ideale von Menſch und Staat am Klarſten emporgekom⸗ men zu ſein und noch immer klarer emporzukommen. Und nad ſten des zeic Me jun ruf ſich thü und Ueb nich Mä des beſit telli wick Rech wie Arbe Arb tet! ſcher durc gut herv ſchw berg ſeine B 225 nachdem ich ein Geſpräch mit den verſtändigen Ideali⸗ ſten unter meinen Freunden, ſowie durch Beobachtung des Geiſtes in den Inſtitutionen und anderer Kenn⸗ zeichen die Forderungen geſehen habe, die man an den Menſchen und den Staat ſtellt, und für welche das junge Amerika als für ſeinen wahren Inhalt und Be⸗ ruf in der Menſchheit kämpft, ſcheinen ſie mir haupt⸗ ſächlich folgende zu ſein: Jedes menſchliche Individunm ſoll in ſeiner Eigen⸗ thümlichkeit wahr ſein; es ſoll allein mit Gott ſtehen und von dieſem innerſten Standpunkt aus nur ſeiner Ueberzeugung gemäß handeln. Es gibt keine Tugend für das eine Geſchlecht, die nicht auch für das andere eine Tugend wäre. Die Männer ſollen in Sitten und Anſtand bis zur Reinheit des Weibes kommen. Das Weib ſoll Gelegenheit zur höchſten Entwicklung beſitzen, die mit ihrer Natur vereinbar iſt. Ihre In⸗ telligenz ſoll gleiche Gelegenheit zur Kultur und Ent⸗ wicklung haben, wie die des Mannes. Sie ſoll daſſelbe Recht auf Freiheit und Aufſuchung des Glückes beſitzen wie er. Die Ehre der Arbeit und der ehrliche Lohn der Arbeit muß allen ehrlichen Arbeitern zukommen. Alle Arbeit iſt an ſich ſelbſt ehrenhaft und muß ſo betrach⸗ tet werden. Im Staat ſoll die Gleichheitsbewegung vorherr⸗ ſchen, die nach Oben gleich macht. Der Menſch ſoll durch eine gerechte und gute Behandlung gerecht und gut werden. Der gute Geiſt wird den guten Geiſt hervorrufen. (Dieß erinnert mich an die ſchöne, mittelalterliche. ſchwediſche Legende von dem Jüngling, der vom Zau⸗ bergeiſt in einen Wehrwolf verwandelt, aber beim Klang ſeines chriſtlichen Namens, welchen ſeine Geliebte Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 15 226 ruft, wieder in ſeine urſprüngliche Geſtalt verwandelt wird). Der Staat ſoll all ſeinen Mitgliedern die beſt mög⸗ liche Gelegenheit geben, ihre menſchlichen Kräfte zu entwickeln und in Beſitz ihrer menſchlichen Rechte zu kommen. Dies wird theils durch Geſetze geſchehen, die alle hemmenden Hinderniſſe wegräumen, theils durch allgemeine Erziehungsanſtalten, die allen Bürgern Ge⸗ legenheit zu gleicher Entwicklung menſchlicher Gaben verleihen, bis zu dem Alter, wo man glaubt, daß ſie für ſich ſelbſt ſorgen und über ſich ſelbſt beſtimmen können. Das Ideal des Staates wird theils durch die Voll⸗ endung des Individuums im Verhältniß zu ſeinem eigenen Ideal, theils durch die freien Vereine und In⸗ ſtitutionen erreicht, worin die Menſchen in brüderliche Verhältniſſe zu einander treten und das Gefühl des ſolidariſchen Verhältniſſes und der gegenſeitigen Ver⸗ antwortlichkeit Aller erhalten. Alles für Alle iſt das wahre Ziel des Staates. Alle ſollen zum Genuß alles Guten auf Erden kommen, ſowohl leiblich als geiſtig, jeder nach ſeinem Maaß der Empfänglichkeit. Niemand wird ausgeſchloſſen, der ſich nicht ſelbſt ausſchließt. Die Gelegenheit wieder einzutreten wird jedem offen erhalten. Darum ſoll das Gefängniß eine Beſſerungsanſtalt ſein, eine zweite Schule für diejenigen, die ihrer bedürfen. Der Staat ſoll ſich in ſeiner vielſeitigen Entwicklung ſo organiſiren, daß Alle zu Allem kommen können, Alles zu Allen.“ delt tög⸗ zu zu die urch Ge⸗ ben ſie men oll⸗ nem In⸗ iche des Ber⸗ tes. nen, aaß der eder das hule ſoll reu, zu 227 Das Ideal des amerikaniſchen Mannes ſcheint mir zu ſein: Reinheit in der Abſicht, Beſtimmtheit im Willen, Einfachheit und Milde im Weſen und Beneh⸗ men. Dazu kommt etwas Zärtliches und Ritterliches im Verhältniß zum Weibe, eine Eigenſchaft, die ihm unendlich ſchön läßt. In jedem Weib verehrt er ſeine eigene Mutter. So ſcheint mir auch das Ideal der Amerikanerin, des Weibes der neuen Welt, Selbſtſtändigkeit im Cha⸗ rakter. Milde im Weſen und Benehmen zu ſein. Das Glücksideal des Amerikaners ſcheint die Ehe und das häusliche Leben, nebſt der bürgerlichen Thä⸗ tigkeit zu ſein. Eine Gattin, ein eigenes Haus und Heimweſen, ein eigenes Stück Land zu beſitzen, es an⸗ zubauen und zu verſchönern und dabei für den Staat oder die Stadt etwas Gutes zu wirken, das ſcheint das irdiſche Lebensziel der meiſten Männer zu ſein. Eine Reiſe nach Europa, um fertige Staaten und Ruinen zu ſehen, gehört als eine gewünſchte Epiſode mit dazu. Von dieſem amerikaniſchen Heimweſen habe ich genug geſehen und genug gehört, um ſagen zu können, daß die Frauenzimmer im Allgemeinen darin alle Ge⸗ walt haben, die ſie haben wollen. Das Weib iſt in der neuen Welt der Mittelpunkt und die Geſetzgeberin des Hauſes, und der Amerikaner liebt es ſo zu haben. Er will, daß ſeine Frau ihren eigenen Willen im Hauſe habe, und er befolgt denſelben gerne. Ich habe als charakteriſtiſch für dieſes Verhältniß folgende Aeuße⸗ rung eines jungen Mannes anführen hören: Ich hofſe, daß meine Frau ihren eigenen Willen im Hauſe haben wird, und hat ſie ihn nicht ſo will ich ihn ihr ſchon beibringen(„I will make her have it!).— Ich muß jedoch ſagen, daß ich in den glücklichen Häuſern, wo ich gelebt habe, die Frau ebenſo eifrig darauf bedacht ſah, ſich nach den Wünſchen des Mannes zu richten, als der Mann ſichs angelegen ſein ließ, die ihrigen zu 1 228 erfüllen. Ergebenheit und geſunde Vernunft machen Alles gleich. Die Erziehungsanſtalten für Frauenzimmer ſtehen im Allgemeinen hoch über den europäiſchen, und in der Erziehung, ſowie Behandlung des Weibes liegt vielleicht das Bedeutendſte von Amerikas Zukunftsarbeit für das Menſchengeſchlecht. Das ſteigende Anſehen des Weibes als Lehrerin und ihre Verwendung dazu inöffentlichen Schulen, auch für Knaben, iſt ein allgemeines Factum in dieſen Staaten, das mich ſehr erfreut. Seminare ſind eingerichtet worden, um ſie zu dieſem Beruf zu bilden(das Weſtnewton⸗Seminar für junge Lehrerinnen, das von Horace Mann angelegt iſt, hoffe ich beſuchen zu können; es liegt in der Nähe von Boſton). Auch ſcheinen Neuenglands junge Töchter eine ganz eigene Anlage und Vorliebe zu dieſem Berufzu haben. Junge Mädchen von vermöglichen Eltern widmen ſich demſel⸗ ben. Töchter von armen Ackerbauern gehen in die Fabriken und arbeiten da eine Zeit lang, um Geld zu verdienen, ſo daß ſie die Schulen beſuchen und hernach ebenfalls Lehrerinnen werden können. Ganze Schaaren von Schullehrerinnen ziehen von hier aus nach den Staaten des Weſtens und Südens, wo täglich Schulen erſtehen und unter ihrer Leitung geordnet werden. Im Allgemeinen rühmt man die jungen Töchter Neuenglands ſehr für ihren Charakter und ihr Talent. Auch Waldo Emerſon, der nicht leicht rühmt, ſprach lobend von ih⸗ nen. Sie lernen in den Schulen alte Sprachen, Ma⸗ thematik, Phyſik, Algebra, mit großer Leichtigkeit und kommen darin ebenſo weit wie junge Männer. Neuer⸗ dings hat ein junges Franenzimmer in Nantuchet (Maſſachuſetts) ſich in der Aſtronomie ausgezeichnet, einen Cometen entdeckt und dafür eine Medaille erhalten von — dem König von Preußen. Die deutſche Literatur hat ſeit einigen Jahren einen ſtarken Eingang in den nördlichen Staaten und hen hen 229 einen bedeutenden Einfluß auf die ſtudirende Jugend erhalten, hauptſächlich als Erweckerin des Sinnes für die Ideale des Lebens. Die öffentlichen Redner und Vorleſer, welche die Menge anziehen, ſind die Für⸗ ſprecher der menſchlichen Ideale. Friede, Freiheit, Wahrhaftigkeit, Nüchternheit, Reinheit und Veredlung in jeder Richtung, in jedem Zuſtand des Lebens, Ver⸗ breitung der Vortheile des Lebens und der Bildung unter alle Menſchen ſind die Gegenſtände, welche die Beredſamkeit beleben und Tauſende von Zuhörern an⸗ locken. Alle Fragen werden behandelt und bearbeitet in der Richtung: Nutzen Aller, Veredlung Aller. Man ſagt von einem Baum, er wachſe, wenn er ſich dem Himmel näher erhebt, und man kann in die⸗ ſer Beziehung auch von dieſem Staate ſagen, er wachſe. Seine Arbeit geht nicht blos in die Breite, ſondern auch in die Höhe. Den 3ten Februar. Seit meinem letzten Brief habe ich einen angeneh⸗ men Abend bei einem Antiſelaverei⸗Meeting in Faneuil⸗ Hall(einem großen Saal in Boſton für allgemeine Zu⸗ ſammenkünfte) zugebracht, wo es ſehr lebhaft zuging. Mr. Charles Sumner, welcher wünſchte, daß ich eine der Volksverſammlungen hier ſehen ſollte, begleitete mich dahin. Einige aus den Sclavenſtaaten entflohene Neger ſollten der Verſammlung vorgeſtellt und über ſie geſprochen werden. Der Saal und die Gallerieen wa⸗ ren gedrängt voll. Einer der beſten Redner und gewiß der vriginellſte Sprecher des Abends war ein großer Neger— John Brown, wenn ich mich recht erinnere— der neulich ſo glücklich war, mit Weib und Kind aus der Sclaverei zu entfliehen und der die Geſchichte ſei⸗ ner Flucht erzählte. In der Beredſamkeit und in den 230 Geberden des Mannes war eine Friſche, eine Lebendig⸗ keit, eine Eigenthümlichkeit, die nebſt dem eigenen, großen Intereſſe der Erzählung unendlich anſprach. Dabei gebrauchte er gar kurioſe Gleichniſſe und Aus⸗ drücke, bei denen die Verſammlung in lautes Lachen ausbrach; aber da lachte John Brown mit, ließ ſich nicht ſtören und ſchritt nur um ſo eifriger in ſeiner Erzählung voran. Ich erinnere mich noch beſonders der Stelle, wo er ſeine Fahrt über einen Fluß be⸗ ſchrieb, während er von ausgeſandten Häſchern ver⸗ folgt wurde:„Da ſitze ich jetzt allein im Bvot mit blos einem Paar Ruder, und rudre und rudre aus allen Kräf⸗ ten, um zu dem freien Strand hinüber zu kommen, wo mein Weib und meine Kinder mich bereits erwarten. Und da ſitzen die Verfolger mit drei Paar Rudern ar⸗ beitend, um mich einzuholen und feſtzunehmen, und ſie ſind nahe bei mir;— aber über uns ſitzt der große Gott und ſieht auf uns und er gibt mir den Vorſprung. Ich erreiche den Strand, ich bin auf der freien Erde. Und noch an dieſem Abend bin ich bei meinem Weib und bei meinen Kindern!“ Die Verſammlung klatſchte ſtürmiſch. Nachdem dieſer Redner abgetreten war, kam eine Gruppe, die gleichfalls mit lebhaftem Geklatſche begrüßt wurde: Ein weißes junges Frauenzimmer in einfach weißem Kleid und gänzlich ſchmuckloſem Haar trat mit einer dunkeln Mulattin an der Hand vor. Letztere war Sclavin geweſen und hatte ſich auf einem Schiff, wo ſie verborgen wurde, gerettet. Ihr Eigen⸗ thümer hatte ihr Verſteck beargwohnt, Erlaubniß zur Unterſuchung des Schiffes erhalten und dann einen ſtar⸗ ken Schwefelgeruch gemacht, um ſie zum Hervorkommen zu veranlaſſen. Sie hatte indeß den Rauch ausgehal⸗ ten und war glücklich entkommen. Es ſah hübſch aus, wie die junge weiße Dame, Miß Luch Stone(Eeines der Frauenzimmer, die ich bei meiner Doctorin geſehen hatte) ihre Hand über den Kopf des ſchwarzen Mäd⸗ ig⸗ n ch. 18 en ſich ner ers be⸗ er⸗ en. ar⸗ ſie oße ig. de. eib hte am che in aar em en⸗ zur Qr⸗ nen al⸗ us, nes hen äd⸗ 231 chens ausſtreckte, ſie Schweſter nannte und als ſolche ſie der verſammelten Menſchenmenge vorſtellte. Es ſah gut und ſchön aus, und ſo wurde es auch von Allen empfunden, daß die weiße Frau hier als Beſchützerin und Freundin der Schwarzen daſtand⸗ Miß Luch machte es auch recht gut, vollkommen weiblich, ſtill und ſchön. Sie trat ſodann vor, um die Geſchichte der früheren Sclavin zu erzählen, und ſprach eine gute Weile mit vollkommner Selbſtbeherrſchung, Klarheit und Würdigkeit in Ton und Geberden über die Sclaverei. Aber ſtatt, wie ſie konnte und mußte, das weibliche Bewußtſein des Lebens auszuſprechen, ſtatt die Theil⸗ nahme für das Unrecht anzuregen, welches beſonders das Weib in der Sclaverei dadurch erleidet, daß ihre Kinder nicht ihr gehören, daß das Weſen, das ſie in Schmerzen zur Welt bringt, ein Eigenthum ihres Herrn iſt und ihr jeden Augenblick weggenommen und ver⸗ kauft werden kann, ſtatt auf dieſe und mehrere andere, das Rechtsgefühl und das Herz gleich empörende Ver⸗ hältniſſe, die beſonders das Weib in der Sclaverei treffen, Gewicht zu legen, ging Miß Luch auf die in den Journalen bereits breit getretene Polemik gegen die Sclavereiverfechter im Norden, ſowie gegen Daniel Webſter und ſeinen warmen Eifer für die Freiheit der Ungarn, während er gleichgiltig 3 Millionen von ame⸗ rikaniſcher Bevölkerung in einheimiſcher Sclaverei ſehe, ein. Sie wiederholte blos, was Männer bereits ge⸗ ſagt, und zwar beſſer und kräftiger als ſie geſagt hatten, und dadurch verfehlte ſie ihren Beruf als Rednerin gänzlich. Wann werden die Weiber einſehen, daß ſie, um den Platz auf dem Forum würdig auszufüllen, mit der Würde und der Macht von Weſen auftreten müſ⸗ ſen, die wirklich neue und hohe Wahrhetten auszuſpre⸗ chen und zu vertreten haben? Sie müſſen aus dem Centrum der Weiberſphäre denken und ſprechen. Alles Wohlwollen und alle Höflichkeit der Männer wird in 232 die Länge nicht ausreichen, um ihnen die öffentliche Bahn des Wetteifers zu erhalten, wenn ſie dieſelbe nicht durch eigenthümlichen Inhalt einnehmen. An dieſem fehlt es in der Wirklichkeit nicht; er liegt den Weibern nahez iſt in ihnen, um ſie, wenn ſie ihn nur ſehen wollen. Aber ſie müſſen auch ſich ſelbſt und das Leben tiefer auffaſſen. Die Weiber, die in allen Zeit⸗ altern als Prieſterinnen des innern Lebens, als Pro⸗ phetinnen und Dollmetſcher des Höchſten und Heiligſten vorangeſtanden, und als ſolche bei den Völkern und den Königen Gehör gefunden haben, Deborah, Wala, Sibylla, Egeria(um nur einige der älteſten Typen zu nennen), ſie können den Weibern der neuen Welt den Weg zur öffentlichen Macht, zum öffentlichen Einfluß andeuten. Und fühlen ſie dieſe höheren Kräfte nicht in ſich, wie weit beſſer iſt es dann, in ſtiller Zurückgezo⸗ genheit zu bleiben! Wie mächtig können ſie nicht auch da ſein? Welche Macht iſt größer als die der Liebe und der vernünftigen Güte? Der Adler und die Taube, ſo habe ich ſagen gehört, ſind von allen Vögeln die⸗ jenigen, die am Längſten und Schnellſten zu ihrem Ziel fliegen. Miß Lucy Stones Zuhörerſchaft war gutmüthig; ſie lanſchte aufmerkſam und applaudirte am Schluß ih⸗ rer Rede, aber nicht ſehr ſtark. Man rühmte ihre Leichtigkeit im Sprechen, das Paſſende ihres ganzen Benehmens, die Klarheit ihres Vortrags. Das war Alles, und mehr konnte es nicht ſein. Im Ganzen war es nicht viel. Mit den Herren, die nach ihr als Redner auftra⸗ ten, kam mehr Leben und Intereſſe. Aber ſie mißfielen mir durch ihren Mangel an Maßhaltung und Billig⸗ keit, durch die Heftigkeit ihrer Ausrufungen und durch die Art, wie ſie auch auf den Gallerien Perſonen ſuch⸗ ten und bezeichneten, die mit ihrer Antiſclavereiarbeit nicht einverſtanden waren; es verletzte mich, daß ich —— 5— 8 N. 3—————— — ————„— iche elbe An den nur das eit⸗ ro⸗ ſten und ala, zu den luß tin 0⸗ uch iebe ube, die⸗ rem hig; ih⸗ ihre izen war war tra⸗ elen lig⸗ nrch uch⸗ beit ich 233 das Familienleben entheiligen hörte, indem man z. B. Uneinigkeiten zwiſchen Vater und Tochter in dieſen Fragen bloslegte, und auf verſchiedene Arten egen das göttliche Sittengeſetz„Richtet nicht“ an⸗ tieß. Die Polemik wurde mit großer Bitterkeit und Perſönlichkeit betrieben. Aber lebhaft und luſtig ging es zu, und das Verhältniß zwiſchen den Rednern und dem Auditorium war in hohem Grad frei und vertrau⸗ lich. In der höchſten Gunſt ſchien der junge Juriſt Wendel Philipps beim Publikum zu ſtehen. Und er iſt wirklich ein ungewöhnlich begabter und auſprechen⸗ der Redner, der das Publikum mit ſich reißt und ſich ſeiner Macht daſſelbe zu rühren und zu elektriſiren wohl bewußt zu ſein ſcheint. Ein junger Mr. Quincy— aus einer der vornehmſten Familien in Boſton— ſprach heftig gegen die Sclavereivertheidiger, und unter die⸗ ſen gegen ſeinen eigenen älteſten Bruder, dermalen Maire in Boſton. Aber das Publikum liebte ſeine Ausfälle, zumal gegen den Maire, nicht, ſondern ziſchte und lärmte erſchrecklich. Um ſo rüſtiger ging Mr. Quincy ins Zeug; er ſpazierte dabei auf dem Amphi⸗ theater auf und ab und hielt die Hände in ſeine Rock⸗ ſchöße geſteckt, mit denen er fächelte, indem er juſt ſo drein ſchaute, als mache es ihm großen Genuß, ſich von lieblichen Zephyrn anblaſen zu laſſen. Am Ende nahm jedoch der Lärm und das Geſchrei:„Philipps! Wendel Philipps!“ dermaßen überhand, daß Mr. Quincy gar nicht mehr gehört wurde. Er hörte alſo zuletzt auf und winkte lächelnd Wendel Philipps an ſeine Stelle zu treten. Dieſer, ein blonder, junger Mann von angenehmer Geſtalt und ungezwungener Haltung, trat vor und wurde mit einer Beifallsſalve begrüßt, worauf tiefe Stille eintrat. Wendel Philipps ſprach mit der Ruhe und Sicherheit eines Redners, der ſeiner ſelbſt und ſeiner Zuhörerſchaft gewiß iſt, und er nahm den Gegenſtand auf, welchen Miß Lucy hatte lie⸗ 234 gen laſſen; er ſprach für die Sclavin, für die Mutter, deren nengeborne Kinder nicht ihr gehören, ſondern dem Sclavenbeſitzer und der Sclaverei. Er ſprach darüber mit weicher, inniger Stimme und mit zärtlichen Worten, die gber im Stande waren wilden Unmuth über die Verhältniſſe und Handlungen hervorzurufen, die er beſchrieb. Dies war meiſterhaft. Die Ver⸗ ſammlung hing an ſeinen Lippen und griff jedes Wort auf. Einmal redete er, mitten in einer Beweisführung, meinen Begleiter, Mr. Sumner, mit den Worten an: „Iſts nicht ſo, Bruder Sumner?“ Dieſer lächelte und nickte Beifall. Gegen das Ende ſeiner Rede ſprang ein wild aufgeregter Herr auf die Eſtrade und begann neben Philipps zu peroriren. Dieſer lachte und bat die Verſammlung, nicht auf dieſen„unſchicklichen Herrn“ zu hören; aber jetzt kam die Verſammlung in Gährung, jedoch in aller Munterkeit; man lachte, man pfiff und ſchrie, man klatſchte und ziſchte unter einander. Inzwiſchen begann man ganz ruhig die Gallerien zu räumen. Die Redner veranſtalteten im Saal eine Kol⸗ lekte für die Mulattin, worauf wir nebſt der übrigen Menge abzogen, und ich mußte die methodiſche Stille bewundern, womit dies geſchah. Niemand wurde ge⸗ pufft oder gedrängt; jeder ging ſtill und ruhig, wie die Reihe an ihn kam, und ſo verlief ſich die Ver⸗ ſammlung wie ein ſtiller Fluß. Und ich war froh eine Volksmenge geſehen zu haben, wo ſo viel Selbſtgewalt von ſo viel Ordnung und Gutmüthigkeit beherrſcht wurde. Eines Tags beſuchte ich mit Mr. Sumner das Staatshaus, ſah den Senat ſchläfrig über einer Schuh⸗ lederfrage ſitzen, und hörte im Haus der Repräſentanten viel ſehr lebhafte, aber etwas plebejiſche Beredſamkeit in der Debatte über Pluralität und Majorität bei Ab⸗ ſtimmungen(womit ich Dich nicht weiter behelligen will). Die Amerikaner ſprechen mit der größten Leich⸗ 57, ern en uth en, ort 235 tigkeit und Ungezwungenheit aus dem Stegreif; ihre Reden waren hier wie brauſende Ströme, ihre Geberden energiſch, aber einförmig und ohne Eleganz. Die Geſte, die am häufigſten wiederkehrte, war die Aus⸗ ſtreckung des rechten Arms mit geballter Fauſt oder ausgeſtrecktem Zeigefinger. In beiden Häuſern kamen der Präſident als Wortführer und mehrere Mitglieder zu mir, drückten mir die Hand und hießen mich will⸗ kommen. Ich erwähne dies, weil ich es ſchön und freund⸗ lich ſinde, auf dieſe Art eine fremde Perſon zu bewill⸗ kommnen, zumal ein Frauenzimmer, das ohne alle Be⸗ deutung in der politiſchen Welt iſt, ſondern eigentlich der ſtillen Welt des Hauſes angehört. Will das nicht be⸗ ſagen, daß die Männer der neuen Welt das Haus als das Mutterleben des Staates betrachten? Ich hatte viel Vergnügen von dieſem Beſuch im Boſtoner Staatshaus, das ſowohl von innen als von außen ein ſtattliches Gebäude iſt. Zwei große, ſchöne Waſſerkünſte ſpringen vor der Facade, und oben auf der Freitreppe des Hauſes hat man eine prächtige Aus⸗ ſicht. Unten liegt der große, grüne Platz, die Boſtoner Allmand genannt, ebenfalls mit einer ſchönen Waſſer⸗ kunſt, die aus dem in der Mitte gelegenen Teich hoch aufſpringt. Rundum auf drei Seiten gehen drei ſchöne Straßen, und längs derſelben ſtehen hohe Bäume, meiſt Ulmen, die Prachtbäume von Maſſachuſetts; einige von ihnen verſchönern auch den parkähnlichen Platz. Auf der vierten Seite hat man eine freie Ausſicht auf den Meerbuſen. Hier, auf den breiten Aſphaltſeitengängen, unter den ſchönen Ulmen, liebe ichs, bei milder Witte⸗ rung umherzuwandeln, durch die Baumzweige nach dem leuchtenden, blauen Himmel von Maſſachuſetts empor⸗ zuſchauen, und im Park die kleinen Republikaner an⸗ zuſehen, wie ſie lärmend und tobend aus der Schule kommen. In der Nähe dieſes Platzes ſind mehrere ſchöne, wohlgebante Straßen, worunter die Mount 236 Auburn Street, mit einer Ausſicht auf die See; ich gehe hin, wenn ich mich von der Allmand aus nach meiner Wohnung in Benzons Haus zurückbegebe. Un⸗ ter dem Hügel, auf der andern Seite liegt ein Markt, Louisburg Square genannt, wohin ich ebenfalls oft gehe, aber weniger wegen ſeiner kleinen Einzäunung von Bäumen und Gebüſchen, mit der dürftigen Ariſtides- ſäule in der Mitte, als vielmehr weil Mrs. Bryant da wohnt; bei ihr befinde ich mich immer gut und wohl, komme auch gerne manchmal zu einem kleinen, gemüth⸗ lichen Mittageſſen bei ihr, in Geſellſchaft ihrer Mutter, Mrs. Lee, einer muntern und herzlichen, prächtigen alten Dame, ſo wie noch einiger andern Gäſte. Mrs. Bryant iſt eine faſhionable Dame, die ihre Kleider fertig aus Paris bezieht und wie eine reiche Dame lebt, dennoch aber ein offenes Herz für die beſcheidenen Liebeswerke des Lebens hat, und Alles um ſich her, auch die Thiere, glücklich zu machen ſucht. Sie hat einen ſtattlichen, grauen Windhund, Prinzeſſin genannt, den angenehm⸗ ſten Haushund, mit dem ich noch Bekanntſchaft ge⸗ macht habe. Mrs. Bryants kleines Mädchen, Julia, hat merk⸗ würdige Aehnlichkeit mit ihrer Großmutter, in Bezug auf Charakter, Lebhaftigkeit und auch Witz. Das herr⸗ liche Kind macht die hübſcheſten Wortſpiele, ohne es zu ahnen. Eines Tags, als man einen guten Schlittweg hatte, fuhr Mrs. Bryant mit mir aus, um die Schlittenfahrt auf dem Neck zu ſehen, einer ſchmalen Landzunge, wo die Faſhionables von Boſton ihre Wettfahrten in Schlit⸗ ten halten. Die jungen Herrn in ihren leichten, feinen Fuhrwerken mit raſchen Rennern flogen wie der Wind dahin. Es ſah hübſch und friſch ans. Einmal ſah ich auch einen der Rieſenſchlitten, wo fünfzig bis hundert Perſonen beiſammen ſitzen. Er war mit vier Pferden beſpannt, und gewiß ſaßen mehr als fünfzig junge ich ich n⸗ kt, oft ng 8— da hl, th⸗ er, ten int us och rke re, en, m⸗ ge⸗ rk⸗ ug rr⸗ te, hrt wo lit⸗ en ud ich ert en ge 237 Frauenzimmer in weißen und roſarothen Seidenhüten mit flatternden Bändern im Wagenkorb. Es ſah aus wie ein ungeheurer Korb voll Blumen; recht zierlich und hübſch. Aber ich liebe es nicht die Menſchen in Haufen zu ſehen, nicht einmal als Blumenhaufen; die Menge vernichtet die Individualität. Und eine ſchö⸗ nere Schlittenfahrt als die in unſern ſchwediſchen Ar⸗ racks, wo Herr und Dame auf Bären⸗ oder Leopar⸗ denfellen neben einander ſitzen, gezogen von zwei ra⸗ ſchen Pferden mit wogender weißer Netzdecke, ein ſchö⸗ neres Fuhrwerk und ein ſchöneres Fahren habe ich nirgends geſehen. Dieſen Winter war die Schlittenfahrt in Boſton nur unbedeutend, und überhaupt war der Winter nicht ſtreng. Aber ich, die ich den ſchwediſchen Winter ſo ſehr liebe und in unſrer ſtärkſten Kälte leicht athme, finde mich dennoch hier etwas bedrückt, wenn die Luft kalt iſt, wie eben jetzt. Es empfindet ſich ſo hart und ſtreng. Es kommt mir vor, wie wenn der ſtrenge Geiſt der alten Puritaner in die Luft gefahren wäre und ſie durchdrungen hätte. Und eine ſolche Luft taugt nicht für mich. Sicherlich iſt Amerikas Luft von der euro⸗ päiſchen ſpezifiſch verſchieden. Sie erſcheint dünn und trocken, wunderbar fein und durchdringend. Und ſicher⸗ lich wirkt ſie auf die Konſtitution der Einwohner ein. Wie ſelten ſieht man nicht hier dicke Leute, runde For⸗ men! Die Frauen ſehen fein und nicht ſtark aus. Die Männer erſcheinen kräftig und geſchmeidig, ſind aber gewöhnlich mager und wachſen mehr in die Höhe als ſonſt. Wenn ſie über die Jünglingsjahre hinaus kom⸗ men, ſinken die Wangen der Männer ein, und ihre Geſichtsbildung nähert ſich dem indianiſchen Typus. Das Klima Boſtons wird, in Folgs der kalten See⸗ winde, allgemein für nicht gut gehalten. Ueber Boſton kann ich dir übrigens nicht viel ſagen, denn ich habe nicht viel und dieſes Wenige nicht in der rechten Stim⸗ 238 mung geſehen. Die Stadt ſcheint mir außer einem Theil, von dem ich geſprochen habe, nichts ſonderlich Schönes zu beſitzen. Die Umgebungen dagegen ſind mir als ſehr ſchön geſchildert worden und ſollen an mehreren Orten denen von Stockholm gleichen. Bis jetzt habe ich ſie blos von einem bedeckten Wagen aus und im Winterſchmuck geſehen. Ich habe eine Menge ſchöner Landhäuſer oder Villen bemerkt. Meine genußreichſten Stunden in Boſton habe ich in Mrs. Kembles Vorleſungen(readings) aus Shakeſpear gehabt. Sie iſt ein wahres Genie und beſitzt ein be⸗ wundernswürdiges Talent in Ausdruck und Modulation der Stimme, die bei jeder Perſon, welche ſie vorzu⸗ ſtellen hat, augenblicklich wechſelt. Was man ſie leſen gehört hat, das kann man nie vergeſſen. Sie verſetzt uns gänzlich in die Welt und in die Scenen, welche ſie darſtellt. Ihre Mimik iſt meiſterhaft, ganz beſon⸗ ders in Heldenrollen. Ihr leuchtendes, prächtiges Ge⸗ ſicht, als ſie als Heinrich V die Armee zur Tapferkeit ermahnte, vergeſſe ich nie. Und die Scene zwiſchen dem verliebten Kriegerkönig und der ſchüchternen, vor⸗ nehmen und dennoch naiven franzöſiſchen Prinzeſſin gab ſie auf eine Art wieder, daß man lachen und weinen konnte, d. h. man lachte, aber mit Thränen in den Augen vor lauter Vergnügen. Wenn Mrs. Kemble vor das Publikum tritt, ſo erblickt man in ihr ſogleich eine mächtige, ſtolze Natur, die ſich vor dem Publikum blos beugt, in dem Bewußtſein es bald beherrſchen zu können. Schon der erſte Eindruck ihrer Perſönlichkeit iſt mächtig. Und dann— während ihrer Vorleſung, ja dann vergißt ſie das Publikum und Fanny Kemble, und das Publikum vergißt ſich und Fanny Kemble mit, und beide leben und athmen und ſchaudern und ſind entzückt in den großen dramatiſchen Lebensſcenen, welche ſie mit wunderbarer Macht hervorzaubert. Sie iſt eine kräftige, obwohl nicht große Geſtalt, engliſch ———— ——,—0 —„——„— —————— em lich ind an Bis aus nge ear be⸗ ion zu⸗ ſen ſetzt lche on⸗ Ge⸗ keit hen or⸗ gab nen den nble eich kum zu keit ing, ble, nble und en, Sie iſch 239 rund; ihr Geſicht iſt nicht eigentlich ſchön, aber doch hübſch und hat beſonders einen reichen, prächtigen Ausdruck.„In ihrem Lächeln ſind fünfzig Lächeln!“ ſagte Marie Lowell, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, von ihr. Gegen mich iſt Mrs. Kemble unendlich liebenswür⸗ dig und artig geweſen; ſie hat mir auch ein doppeltes Freibillet für mich und einen Freund zu ihren„Vor⸗ leſungen“ geſchenkt. Dieſer Tage las ſie mein Lieb⸗ lingsdrama unter den Shakeſpear'ſchen, Inlius Cäſar, und zwar ſo, daß es beinahe zu viel für mich war. Neben den herrlichen Heldencharakteren und ihrem Le⸗ ben ſchien mir die Gegenwart um mich her und mein eigenes Leben mitten in derſelben ſo arm, trivial, ſchwach und farblos, daß es— peinlich war. Und dies war es um ſo mehr, als ich, noch ganz aufgeregt von der Vorleſung, in jedem Zwiſchenakt und am Schluß des Stückes mich nach rechts und links wenden mußte, um mir Leute vorſtellen zu laſſen und Händedrücke zu wech⸗ ſeln— vielleicht mit den beſten Menſchen von der Welt, aber für den Angenblick wünſchte ich ſie alle zuſammen in den Mond. Ueberdies hatte ich als Nach⸗ barin ein mir fremdes Frauenzimmer, das, ſo oft im Stück oder Vortrag etwas Bemerkenswerthes vorkam, es mir freundſchaftlich mit dem Ellbogen zu verſte⸗ hen gab. Was die Menſchen um mich her betrifft, ſo muß ich ſie in zwei oder vielmehr drei Klaſſen abtheilen. Die eine iſt liebenswürdig, voll von Güte, Feinheit und edlem Zartgefühl; ich habe in Wahrheit nirgends liebenswürdigere und angenehmere Leute kennen gelernt. Die zweite iſt— gedankenlos; ſie meint es gut, aber ſie quält mich oft ſehr, läßt mich niemals in Frieden, weder daheim noch draußen, in Kirchen und an andern öffentlichen Orten, und hat keinen Begriff davon, daß man Ruhe wünſchen und ihrer bedürfen kann. In 240 dieſer Klaſſe herrſcht allerdings große Reugierde, aber auch viel wirkliche Gutmüthigkeit und Herzlichkeit, ob⸗ ſchon ſie ſich oft etwas ſonderbar ausdrückt. Aber ich würde Vieles auch leichter nehmen, wenn ich mich bei meinen gewöhnlichen Körper- und Seelenkräften befände. Die dritte, ja— die iſt ganz peinlich, und von ihr will ich weiter Richts ſagen, als daß ſie aus ſehr We⸗ nigen beſteht, die mir geſtohlen werden können. Sie gehören einer Menſchenart an, die ſich wohl in allen Ländern findet.— Ich bekomme die ganze Woche hin⸗ durch Einladungen, nehme aber nur ſelten eine ſolche zu einem Mittageſſen, d. h. einem kleinen Mittageſſen an. Dieſe ſind meiſtens recht angenehm, und ich be⸗ komme da hübſche Familien in ſchönen, behaglichen Wohnungen zu ſehen. In allen erkennt man die eng⸗ liſche Anordnung und den engliſchen Geſchmack wieder. Die Einladungen auf den Abend habe ich faſt alle ab⸗ lehnen müſſen. Ich befand mich ſo unwohl in den Abendgeſellſchaften. Die Wärme der Gasbeleuchtung in den Salons, ſowohl in New⸗York als in Boſton, quält mich ebenfalls, verurſacht mir Fieber und macht mich roth und häßlich. Dagegen habe ich mich einiger ſtillen Abende zu Haus erfreut, ſeit ich einen jungen Vorleſer bekommen habe, wie ich mir keinen beſſern wünſchen konnte. Ein angenehmer und hübſcher jun⸗ ger Mann, Mr. Vickers, der Sohn eines Engländers, des Aſſocié von Benzon, der hier im Hauſe wohnt, er⸗ bot ſich mir Abends vorzuleſen, obſchon er, wie er ſagte, nicht wiſſe, ob er mirs zu Gefallen machen könne, da er noch niemals vorgeleſen habe. Er las auch im Anfang etwas ſtammelnd, aber ſachte und mit der allerſanfteſten männlichen Stimme. Dies war Muſik für meine Seele und meine Sinne; es beruhigte mich auf eine liebliche Art. Bald verlor ſich auch das Stot⸗ tern gänzlich, und die Vorleſung wurde gleichmäßig und melodiſch, wie ein ſanft dahinrinnender Bach. Und ei 241 ſo hat er mir manchen guten, ſtillen Abend bereitet, in⸗ dem er mir Washingtons Biographie von Mr. Sparks, dem Präſidenten in Cambridge, oder Emerſons Ver⸗ ſuche und andere Bücher vorlas. Bei beiden Geſchlechtern habe ich eine auffallend ſingende Betonung bemerkt, wenn ſie ſprechen. Bei ent⸗ wickelten Individuen wird dieſe melodiſch, aber bei min⸗ der entwickelten, zumal Frauenzimmern, iſt ſie oft gleich⸗ ſam klagend und mitunter piepſend, z. B. am Ende einer Frage, was nicht angenehm iſt. Die Män⸗ ner(die ungebildeten) näſeln oft. Starke und volle Stimmen ſind ſelten. Im Allgemeinen ſprechen ſie, beſonders die Männer, leiſe, ohne Accent, mit einer gewiſſen Nonchalance, wie wenn ſie die Worte ganz gleichgültig fallen ließen. Ich kann ſie oft nicht horen und verſtehen, wenn ſie unter einander ſprechen, ſo leiſe und ausdruckslos iſt es. Gleichwohl ſehe ich, daß ſie mit dieſen wenigen affectloſen Worten ganz kurz und beſtimmt Partei ergreifen, Geſchäfte abmachen u. ſ. w. Sie beſinnen ſich wenig, ſprechen wenig, verlie⸗ ren weder Zeit noch Worte, entſchließen ſich im Nu und mit einem Wink. Ich wundere mich oft, wie ſtill und leicht die Sachen ſich zu machen ſcheinen; man ſollte meinen, die Leute benützten eine Art von Tele⸗ graph. In der feineren Geſellſchaft legt man großes Gewicht darauf, mehrere Sprachen, beſonders frunzö⸗ ſiſch zu kennen, und mancher möchte ſich gerne mit ſei⸗ ner Fertigkeit darin rühmen, aber man wagt es höchſt ſelten, obſchon die Amerikaner weit beſſer franzöſiſch ſprechen als die Engländer. Die Vernünftigen hier ſind über eine ſolche Prahlerei weit erhaben und ma⸗ chen ſich darüber luſtig. Auch Mr. Charles Sumner hat mir einige an⸗ genehme Stunden bereitet, indem er mir allerlei und namentlich Gedichte von Longfellow vorlas. Eines Tags las er mir eine Erzählung(die Wirklichkeit, ein Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 16 242 Gedicht in Proſa) von Nathangel Hawthorne, vor, die mir ſo großes Vergnügen machte, daß ich mir erlaube, ſie dir in der größten Kürze mitzutheilen. Hawthorne iſt einer von den jungen Proſaikern Nordamerikas, der ſich bereits einen großen Ruf erwor⸗ ben hat. Seine Schriften ſind mir von einer anony⸗ men Freundin zugeſandt worden, welche ich entdecken zu können hoffe, denn ich will ihr danken. Er behan⸗ delt nationale Gegenſtände mit großer Sinnigkeit und Friſche, und das myſtiſch düſtere Gefühl, das in der Tieſe ſeiner Gemälde liegt wie ein nächtlicher Grund, auf welchem die Sterne vortreten, übt einen großen Zauber auf die Gemüther der neuen Welt, vielleicht auch deßhalb, weil es ihrer Alltagswelt ſo ungleich iſt. Das Stück, das Mr. Sumner mir vorlas, heißt: das große ſteinerne Geſicht(„the great stone fago“) und der Gedanke dazu ſcheint aus dem wirklichen großen ſtei⸗ nernen Geſicht entnommen zu ſein, das man an einer Stelle unter den Bergen von New⸗Hampſhire, die weißen Berge genannt, ſehen kann. In einem der Thäler New⸗Hampſhires, erzählt Hawthorne, wurde in einer geringen Hütte von armen Eltern ein junger Knabe erzogen. Von ſeiner Wohnung und vom ganzen Thale aus konnte man in einem der hohen fernen Berge ein großes menſchliches Proſil gleich⸗ ſam im Berg ausgehauen ſehen, und es war bekannt unter dem Ramen das große ſteinerne Geſicht. Es ging eine alte Sage im Thal, daß einmal ein Mann ins Thal kommen würde, deſſen Geſicht dem großen ſteinernen Geſicht gleiche, und er ſollte der edelſte Mann ſein und ein goldenes Zeitalter im Thal ein⸗ führen. Der junge Knabe wuchs heran in der An⸗ ſchauung des großen ſteinernen Geſichtes, welches das Thal beherrſchte, und unter Gedanken an den erwarte⸗ ten Fremdling, der eines Tags kommen und das Thal ſo glücklich machen würde. Ganse Stunden konnte er Sc—-————-—„—— ie be, rn r⸗ y⸗ en n⸗ nd der ud, en cht iſt. das der tei⸗ ner die ihlt nen ung der ich⸗ nnt Es ein dem elſte ein⸗ An⸗ das rte⸗ hal e er 243 das große ſteinerne Geſicht betrachten und ſich in den hohen Adel und die Schönheit ſeiner Züge vertiefen. So wuchs er auf, ging in die Schule, wurde Jüng⸗ ling und Schullehrer und Pfarrer; aber immer ſah er auf das hohe reine Geſicht im Gebirge, und immer mehr wuchs ſeine Liebe für die Schönheit deſſelben und immer inniger ſehnte er ſich nach dem Mann der Ver⸗ heißung, der ſeine herrlichen Züge tragen ſollte. Auf einmal ging ein großer Ruf durch das Thal: Er kommt! er kommt! Und alles Volk zog aus um dem großen Mann entgegen zu gehen und ihn will⸗ kommen zu heißen, und der junge Prieſter unter der Menge. Und der große Mann kam in einem großen Wagen, gezogen von 4 Pferden, umgeben von einem jauchzenden Volkshaufen. Und alles Volk rief: Wie gleicht er dem großen ſteinernen Geſichte! Aber ſchon auf den erſten Blick ſah der junge Prieſter, daß er es nicht war, daß er der verheißene Fremdling nicht war. Und nachdem er ſich einige Zeit im Thal aufgehalten, ſah alles Volk dieß auch. Aber der junge Prieſter wandelte ſeines Wegs ſtill weiter, indem er Gutes that und den verheißenen Wohlthäter erwartete. Und immer ſah er auf das große Geſicht und meinte vor ſeinen Augen zu leben und zu handeln. Noch einmal geht das Gerücht durch das Land aus: Er kommt, er kommt der große Mann! Und wieder ſtrömt das Volk hinaus ihm entgegen. Und er kommt in Pracht und Herrlich⸗ keit wie vorher und wieder ruft das Volk: Wie gleicht er dem großen ſteinernen Geſicht! Das iſt er gewiß! — Und der Jüngling ſieht ein blaßgelbes Geſicht, das wirklich dem großen Geſicht ein wenig gleicht; aber es iſt doch auch etwas ſehr ungleiches darin. Und nach einiger Zeit wird dieſe Ungleichheit immer mehr be⸗ merkt und man ſieht bald allgemein, daß der große Mann kein wirklich großer Mann und dem roßen ſtei⸗ nernen Geſicht ganz und gar nicht gleich iſt. Und er 244 wird aus dem Thal weggewieſen. Dieſe Hoffnungen und Täuſchungen erneuern ſich noch ein paarmal. End⸗ lich gibt der Miſſionär ſeine ſanguiniſche Erwartung auf, hofft aber noch immer im Geheimen und fährt fort im Stillen in ſeinem Beruf zu wirken, immer ern⸗ ſter und in ausgedehnteren Kreiſen, immer zu dem großen Geſicht emporſchauend und gleichſam ſeine Züge immer tiefer und tiefer in ſeine Seele prägend. Wäh⸗ rend der Zeit iſt der Jüngling Mann geworden; ſein Haar hat zu grauen und ſein Geſicht von den Furchen des Alters gepflügt zu werden begonnen; aber noch iſt der große Erwartete nicht gekommen. Gleichwohl hofft er noch immer. Inzwiſchen hat ſein Einfluß das Volk im Thale veredelt und verſchönert. Allgemeiner Friede und allgemeine Wohlfart ſind nach einer langen Reihe von Jahren entſtanden. Das Haar des Miſſionärs iſt ſilberweiß; ſein Geſicht iſt blaß geworden und hat ſtarre Züge bekommen, doch iſt es voll von Menſchen⸗ liebe. Da begiunt das Volk im Thale zu flüſtern: Sieht man nicht deutlich, daß er eine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem großen ſteinernen Geſichte be⸗ kommt?... Eines Abends kommt ein Fremdling zu der Hütte des Prieſters und empfängt Gaſtfreundſchaft. Er iſt ins Thal gekommen, um das große ſteinerne Geſicht zu ſehen und den Mann, von welchem das Ge⸗ rücht ſagte, daß er ſeine Züge trage nicht blos in der Schönheit des Geſichts, ſondern auch in der Schönheit des Geiſtes. An dem ſtillen Abend vor den ewigen Lichtern, vor dem großen ſteinernen Geſicht im Ge⸗ birge erkennt der Fremdling den Geſuchten in— ſei⸗ nem Wirth; und dieſer, deſſen letzte Stunde gekommen iſt, fühlt ſeine Seele ſchwellen von einer glückſeligen Ahnung, während ſeine Züge im Tode erſtarren und ſich in dieſem Augenblick zu vollkommener Gleichheit mit dem großen Geſichte verklären, welchem auch in der Todesſtunde ſein Antlitz zugekehrt iſt. —————————— ——————— —+—„—+,— ——„——— zen nd⸗ ing hrt rn⸗ em üge ein hen iſt offt zol ede ihe iſt hat en⸗ rn: ige be⸗ 3u aft. rne He⸗ der heit gen He⸗ ſei⸗ nen gen ind heit in 245 Hawthorne iſt weſentlich Dichter und Idealiſt ſei⸗ ner Natur nach. Sein letztes Buch,„der Scharlach⸗ brief“, macht gegenwärtig großes Aufſehen und wird als ein geniales Werk gerühmt. Hawthorne ſelbſt ſoll ein ſchöner Mann ſein, gehört aber zu den menſchen⸗ ſcheuen Dichternaturen. Seine Frau und ſeine Schwä⸗ gerin kenne ich. Beide ſind ſeelenvolle Weiber und namentlich die erſtere iſt ſehr hübſch und angenehm. Hawthornes ſtehen im Begriff, nach der ſchönen Bin⸗ nenſeegegend im weſtlichen Maſſachuſetts, Lenox zu ziehen, wo auch Miß Sedgewick wohnt und ſie haben mich freundlich in ihr Haus eingeladen. Ich werde mich freuen, den Verfaſſer des„großen ſteinernen Geſichtes“ näher kennen zu lernen. Ein ſehr geleſener und talentvoller Schriftſteller, aber von ganz anderer Natur als Hawthorne, iſt N. P. Willis in New⸗York. Geiſtreich, ſarkaſtiſch, voll von ſpielender Lebendigkeit, gibt Willis Genrebilder mehr aus dem äußern, als aus dem innern Leben. Hawthorne zeichnet myſtiſche Scharlachbuchſtaben aus dem dunkeln Innern des Herzens, Willis ſchreibt„bei⸗ läufige Pinſelſtriche“(„pencillings by the way“). Cooper und Washington Irwing(der erſtere lebt jetzt auf ſeinem Gut im Weſten von New⸗York) haben uns durch ihre Romane und Erzählungen bereits zu näherer Bekanntſchaft mit einem Welttheil eingeführt, den wir vorher nur wenig kannten, außer durch die Namen Niagara und Washington. Nach dieſen Dich⸗ tern in Proſa haben ſich mehrere Frauenzimmer in den nördlichen Staaten als Schriftſtellerinnen im Ro⸗ man und in der Erzählung ausgezeichnet. In der vorderſten Reihe ſtehen und allgemein beliebt ſind: Miß Katharina Sedgewick, deren vortreffliche Charak⸗ terſchilderung und Gemälde amerikaniſcher Scenen wir auch in Schweden durch ihr„Redwood“ und„Hope Leslie“ kennen; Mrs. Maria Child, die in ihren Ge⸗ 246 mälden vom Leben der Vorzeit ſowohl, als der Jetzt⸗ zeit ihre warme Liebe für die Ideale des Lebens, für alles Gute, Edle und Schöne ausſpricht und in allen Gegenſtänden, Menſchen, Blumen, Sternen Inſtitutio⸗ nen, Wiſſenſchaften, Künſten, Ereigniſſen, den Punkt oder den Ton ſucht, wo ſie mit den ewigen Harmonien zuſammentönen; eine raſtloſe Sucherin nach ewiger Ruhe in der Harmonie der Sphären, eine platoniſi⸗ rende Denkerin, eine Chriſtin an Herz und Wandel. Mrs. Karoline Kirkland, geiſtreich, humoriſtiſch und ſarkaſtiſch, aber auf dem Grund eines großen Herzens und eines großen Verſtandes, wie wir dieß auch aus ihrem köſtlichen Buch„Eine neue Heimath im Weſten“ geſehen haben. Miß Maria Mae Intosh, die wir aus ihrem Roman„Scheinen oder Sein“ kennen, und deren alltägliches Leben ihr ſchönſter Roman iſt. Aber das dürfte man auch von den andern ſagen können. Von Mrs. Sigourney habe ich bereits geſprochen. Mrs. L. Hall, Verfaſſerin eines größeren dramatiſchen Ge⸗ dichts. Mirjam, kenne ich bis jetzt blos dem Rufe nach. Die Zahl der Schriftſtellerinnen und Dichterinnen zweiten und dritten Rangs iſt hier Legion. Sie ſingen wie die Vögel im Lenz. Da ſind eine Menge Zeiſige, Buchfinken, Sperlinge, auch die eine und andere Droſſel mit tiefen, gedankenreichen Tönen, ſchön aber wenig; aber der Lerche reichen, anhaltenden Geſang, der Nachtigall volle Begeiſterung habe ich bei den Sängerinnen hier zu Lande noch nicht gehört. Und ich weiß nicht, ob dieſe reiche artiſtiſche Eingebung weiblichen Naturen angehört. Ich halte im Allgemei⸗ nen nicht viel vom Talent des Weibes als ſchaffende Künſtlerin. Die„ungeſchriebenen lyriſchen Gedichte“ (the unwritten lyrics)(wie Emerſon einmal ſagte, als wir davon ſprachen) dürften ihre eigentliche Stärke ſein. st⸗ ür en io⸗ nkt en ger iſi⸗ el. nd ns us n“ s en s on rs. Se⸗ ten en ge⸗ ere ber ng, den ind ing tei⸗ nde te“ te, iche 247 Die jungen Lowells ſind in Trauer verſetzt. Ihr jüngſtes Kind, die kleine ſchöne Roſa, iſt geſtorben. James Lowell meldete es mir kürzlich mit einigen Worten. Ich muß zu ihnen hinausfahren. Ich habe ſie ſeit der Erkrankung des guten Kindes nicht ge⸗ ſehen. Den 10ten Februar. Jetzt, meine gute Agatha, will ich den Augenblick am Flügel nehmen und.... Den 15ten Februar. Der Flügel ging juſt herunter, als ich ihn anfaſ⸗ ſen wollte. Ein Beſuch kam, den ich empfangen mußte und dann... Ach wie wenig Lebensgenuß hat man doch bei dieſem gehetzten Leben, obſchon es ehrenvoll ſein ſollte und wohl auch iſt! Ich möchte einmal Ruhe haben vor offenen Briefen mit Einladungen, vor Bitten um Autographe, vor Verſen, Packeten und Schachteln mit Geſchenken an Büchern, Blumen u. ſ. w. Ich komme nicht dazu, oder vielmehr, es iſt mir oft rein unmöglich, alle dieſe Briefe und Billete zu leſen, die im Verlauf des Tags eintreffen, und ſchon der Gedanke, ſie beantworten zu müſſen, macht mir Fieber, und dann die Menſchen, die Menſchen, die Menſchen!!! Inzwiſchen danke ich Gott und meinem guten Doctor innig, daß meine Geſundheit ſich um ſoviel gebeſſert hat, denn das wird mich in den Stand ſetzen, künftig beſſer ein Wohlwollen anzunehmen, das ich dennoch dankbar empfinde, um meinen Feldzug in die⸗ ſen Ländern auszuführen. Ich kaun Benzon nicht ge⸗ nug danken für das angenehme Leben, das er mir in Boſton bereitet hat, und ebenſo Mr. und Mrs. King, meinen freundlichen Wirthslenten ſeit Benzons Abreiſe. 248 Ich habe, was Bequemlichkeit und Comfort betrifft, wie eine Prinzeſſin gelebt. Aber ich ſehne mich nach dem Süden, ich ſehne mich nach einer milderen Luft, ich ſehne mich nach einem Leben mit der Natur. Ich ſehne mich auch nach freien Anſichten, nach den uner⸗ meßlichen Prärien in dem wundervollen Weſten, am Ohio und den Fluthen des Miſſiſippi. Dort erſt, ſo ſagt man mir, werde ich das werdende Amerika ſehen und verſtehen. Aber ſoviel verſtehe ich aus dem, was man mir von der Fruchtbarkeit und dem Reichthum dieſer Gegend ſagt, daß, wenn einmal das tauſend⸗ jährige Reich auf die Erde kommt, es hier im Miſſi⸗ ſippithal ſein muß, das zehnmal größer ſein ſoll, als das Nilthal, und eine Bevölkerung von mehr als 250 Millionen Menſchen aufnehmen könnte.... Wie ſchön muß es ſein, wenn der Frühling kommt! Hier iſt es jetzt ſehr kalt und eine harte Luft. Ich will Dir jetzt in aller Kürze ein kleines Bül⸗ letin über die Ereigniſſe der verfloſſenen Zeit geben. Nach Cambridge zu Lowell reiſte ich, hinausge⸗ führt von dem ehrlichen Profeſſor Parſens. Die kleine Roſa lag in ihren Sarg eingehüllt, noch ſchön, aber ſehr gealtert; der Vater ſaß zu ihren Häupten und weinte wie ein Kind; Mary weinte auch ſo ſtill, ſo ſchön, und ich weinte mit ihnen, wie Du wohl glauben kaunſt. Die liebenswürdigen jungen Gatten können ohne Bitterkeit weinen. Sie ſind zwei, aber eins in Liebe. Sie werden ſich an einander anlehnen und ausruhen. Aber beide ſind ſehr zartfühlend, ſo daß der Kummer ſie tief ergriff. Mary erzählte mir, die kleine Mabel(ſie iſt 3 Jahre alt) ſei am Morgen früh an ihr Bett gekommen und habe geſagt: Biſt Du allein jetzt, Mama?(die kleine Roſa lag früher immer in der Mutter Bett) Soll ich Dich tröſten?— Ueber Mittag war ich bei Profeſſor Parſens, aber ich war betrübt, unwohl, ganz und gar nicht aimabel, und in d 249 zwang mich beinahe mit Gewalt von der Abendgeſell⸗ ſchaft hinweg, um nach Hauſe zu fahren. Wenn die Leute wüßten, wie dieſes Nervenleiden mich angreift, ſo würden ſie eine ſcheinbare Unfrenndlichkeit, die nicht in meinem Willen und Herzen liegt, verzeihen. Abends fand ich bei der melodiſchen Vorleſung des jungen Vickers Ruhe. Eines Tags wurde ich von einem gefälligen jun⸗ gen Landsmann, Herrn Wachenfelt, der ſeit mehreren Jahren hier anſäſſig iſt, in Lowells berühmte Fabrik geführt. Ich hatte die Fahrt aufſchieben wollen, denn es war ſo kalt und ich befand mich nicht wohl, aber man hatte mir zu Liebe Fremde eingeladen, ein Mahl veranſtaltet und ich mußte alſo hinreiſen. Und ich bereute es nicht. An dem ſternhellen ſchneekalten Abend hatte ich von der Höhe von„Dreweott⸗Hill“ eine herr⸗ liche Ausſicht über die Lowellſchen Fabrikgebände, die in einem Halbkreis von tauſend Lichtern beleuchtet, gleich Zanberſchlöſſern auf der ſchneebedeckten Erde lagen. Und dann zu denken, zu wiſſen, daß dieſe Lich⸗ ter keine Irrlichter, daß ſie nicht blos Schein und Zier⸗ rathen, ſondern daß ſie wirkliche Symbole eines ge⸗ ſunden und hoffnungsvollen Lebens der Perſonen wa⸗ ren, deren Arbeit ſie beleuchteten; zu wiſſen, daß in jedem Herzen in dieſen Arbeiterpaläſten ein klares Licht⸗ lein brannte, das eine Zukunft der Behaglichkeit und des Wohlſtandes beglänzte, die mit jedem Tag, mit jeder Drehung des Rades der Spinnmaſchine näher kam! In Wahrheit, die Lichter hier beſchienen eine ſchöne Sache, und ich betrachtete dieſe Illumina⸗ tion mit einem Vergnügen, das mich die Winternacht warm empfinden ließ. Später ſchüttelte ich einer ganzen Menge Menſchen in großer Geſellſchaft freundlich die Hände und blieb bis in die ſpäte Nacht in der Societät. Später be⸗ ſuchte ich die Manufacturen und ſah die„jungen Ladies“ 250 bei ihrer Arbeit, an ihrem Mittagsmahle, ſah ihr Koſt⸗ haus, ihre Schlafzimmer u. ſ. w. Alles war comfor⸗ table und gut, wie wir ſie beſchreiben gehört hatten. Blos bemerkte ich, daß einige der jungen Ladies unge⸗ fähr 50 Jahre zählten. Auch waren einige in der Fabrik weniger gut gekleidet, andere dagegen allzu geputzt. Am Meiſten frappirte mich das Verhältniß zwiſchen den Menſchen und den Maſchinen. So z. B. ſah ich junge Mädchen, je eine an der Zahl, zwiſchen vier eifrig arbeitenden Spinnſtühlen ſtehen; ſie gingen zwiſchen ihnen herum, ſahen zu, wachten über ſie und pflegten ſie ungefähr, wie eine Mutter für ihre Kinder ſorgt und ſich mit ihnen beſchäftigt. Die Maſchinen werden immer mehr gehorſame Kinder unter dem Mutterauge der Intelligenz. Die Proceſſion der Ar⸗ beiterinnen, zwei und zwei in Shawlen, Hüten und grünen Schleiern, als ſie zum Mittageſſen gingen, ſah hübſch und ſehr anſtändig aus, und die Mittagskoſt, die ich an einigen Tiſchen ſah(ſie eſſen an kleinen Tiſchen fünf bis ſechs zuſammen) ſchien ebenfalls gut und anſtändig zu ſein. Ich bemerkte Speck und Kar⸗ toffeln nebſt Torten mit Compotfüllſel. Mehrere junge Frauenzimmer vom Bildungscirkel bei Lowell wurden mir vorgeſtellt, unter ihnen einige ausgezeichnet ſchöne. In der Kutſche fuhr ich dann über den knarrenden Schnee(es war an dieſem Tag 17 kalt) mit meiner Geſellſchaft aus, um die Stadt und ihre Umgebung zu ſehen. Die Lage iſt ſchön an dem friſch brauſenden Merrimaefluß(dem lachenden Waſſer), und die Aus⸗ ſichten von den Höhen der Stadt bis zu den weißen Bergen in New⸗Hampſhire, die ihre ſchneeigen Scheitel hoch über alle andern ſichtbaren Berge erheben, ſind großartig und prächtig. Die Stadt, die vor etlichen und dreißig Jahren durch den Bruder von James Lowells Großvater angelegt worden, iſt in dieſer Zeit von einer Bevölkerung von einigen hundert Perſonen bit ni koſt⸗ for⸗ ten. nge⸗ der Uzu tniß B. chen gen und nder inen dem Ar⸗ und ſah koſt, inen gut Kar⸗ unge rden öne. nden einer 8 zu nden Aus⸗ ißen eitel ſind ichen mes Zeit onen 251 bis auf 30,000 angewachſen, und in demſelben Verhält⸗ niß iſt auch die Zahl der Häuſer geſtiegen. Man legt großes Gewicht auf den guten Charakter der arbeiten⸗ den Mädchen, wenn ſie in den Fabriken angenommen werden, ſowie auf ihr Verhalten während der Dauer ihrer Beſchäftigung in denſelben. Ich habe von der einen und andern Entführung erzählen gehört. Aber das Arbeiterleben iſt hier mächtiger, als das Roman⸗ leben, obſchon es ſtark genug in den Herzen und Ge⸗ hirnen der jungen Mädchen ſpukt; es wäre auch übel, wenn es nicht ſo wäre. Die Fleißigen und Geſchickten können ſechs bis acht Dollars in der Woche verdienen, aber Keine bekommt weniger als drei. Und ſo viel koſtet ihre Penſion in der Woche. So iſt mir geſagt worden. Die Meiſten legen Geld zurück, ſo daß ſie nach einigen Jahren die Fabriken verlaſſen und ein weniger beſchwerliches Geſchäft unternehmen können. Abends kehrte ich mit der Eiſenbahn nach Boſton zu⸗ rück, begleitet von dem gefälligen Wachenfelt, der bei den Lowellianern ſehr beiiebt zu ſein ſcheint. Etwas verlor ich durch meinen Beſuch bei Lowell, und das that mir unendlich leid, nämlich Mis. Kembles Vorleſung Macbeths, die an demſelben Abend ſtattfand. Die Zeitungen hatten juſt in dieſen Tagen ausführliche Berichte über die Unterſuchung der Parkmann'ſchen Ermor⸗ dung gegeben, und dieſe unheimlichen Details hatten auf Mrs Kembles Phantaſie gewirkt(ſie geſteht das ſelbſt zu), ſo daß ſieihrer Vorleſung des Shakeſpeare'ſchen Dramas eine ſchreckliche Wirklichkeit und den nächtlichen Hexen⸗ ſcenen, ſowie dem ganzen Stück eine beinahe über⸗ natürliche Macht gab. So haben mir mehrere Zu⸗ hörer erzählt. Letzten Sonntag war ich mit Miß Sedgewick, die auf einige Tage in die Stadt gekommen iſt, und etlichen Herrn in der Matroſenkirche, um den berühmten Ma⸗ toſenprediger, Vater Taylor, zu hören. Er iſt ein 252 wahres Genie und entzückte mich. Welche Wärme und welche Originalität, welcher Reichthum an neuen Wen⸗ dungen, an poetiſchen Gemälden! Er muß wahrhaftig geiſtig Todte erwecken können. Einmal, juſt als er von dem böſen und laſterhaften Mann in ſeinem Zuſtand ſprach, unterbrach er ſich und begann einen Frühlings⸗ morgen auf dem Lande zu beſchreiben, die Schönheit der Gegend, die Ruhe, den Duft, den Thau auf Gras und Laub, den Aufgang der Sonne; und dann kam er zu dem böſen Mann zurück und ſtellte ihm dieſe Naturherrlichkeit vor; aber„der Unglückſelige! er kann ſie nicht genießen!“ Ein andermak, ſo erzählte man mir, kam er in ſeine Kirche mit einem Ausdruck tiefer Bekümmerniß, mit niedergebeugtem Haupte und ohne wie gewöhnlich nach rechts und links zu ſehen(nota⸗ bene, er muß durch die Kirche gehen, um auf die Kanzel zu gelangen), und, wie er zu thun pflegte, ſeinen Freunden und Bekannten freundlich zuzunicken. Und Alle wunderten ſich, was an Vater Taylor ſein möchte. Er trat auf die Kanzel, und da beugte er ſich nieder, indem er im Tone tiefſter Betrübniß ausrief:„Der Herr erbarme ſich über uns, denn wir ſind eine Wittwe.“ Und er zeigte auf einen Sarg, den er unter der Kanzel auf den Gang hatte ſtellen laſſen. Einer der Matroſen aus der Gemeinde war vor Kurzem ge⸗ ſtorben und hatte ſein Weib nebſt mehreren kleinen Kindern ohne alle Verſorgungsmittel hinterlaſſen. Vater Taylor erklärte ſich und die Verſammlung jetzt als eins mit der Wittwe und ſchilderte ihren Kummer und Zu⸗ ſtand, ihre traurigen Ausſichten ſo ergreifend, daß die Gemeinde nach der Verſammlung wie ein Mann auf⸗ ſtand und der Wittwe Geſchenke brachte, die ihr auf einmal aus der Noth halfen. Wahrhaftig, unſere ihr Concept ableſende und kalt moraliſirende Geiſtliche ſollten von Vater Taylor lernen, wie man die Seele rühren und hinreißen muß. Nach der Predigt wurde und en⸗ ftig von and gs⸗ heit ras kam ieſe ann nan efer hne ta⸗ izel nen lnd hte. er, Der ne iter ner ge⸗ nen ter ins zu⸗ die uf⸗ auf ihr che ele rde 258 ich dem Vater Taylor und ſeiner freundlichen Frau, die gleich ihm eine warmherzige Natur iſt, vorgeſtellt. Der Greis(er iſt ungefähr 60 Jahre alt) hat ein ſehr lebhaftes und ausdrucksvolles Geſicht voll von tiefen Furchen. Auf unſere Dankſagungen für ſeinen Vor⸗ trag antwortete er:„Ach, es iſt aus, es iſt aus mit mir! Ich bin gänzlich gebrochen! Ich muß mich mit Gewalt hiuaufſchrauben, um ein wenig ins Feuer zu kommen! Es iſt jetzt Alles vorbei!! Während er ſo ſprach, ſchaute er auf und rief mit leuchtenden Blicken: „Was ſehe ich? O, mein Sohn! mein Sohn!“ Und mit offenen Armen ging er auf einen rieſigen Jüng⸗ ling zu, der mit ſtrahlender Freude auf ſeinem friſchen gutmüthigen Geſicht in die Kirche kam und jetzt von Vater Taylor und dann von ſeiner Frau mit großer Innigkeit empfangen wurde.„Iſt Alles recht hier, mein Sohn?“ fragte Taylor, ſich auf die Bruſt klopfend. „Iſt Alles wohlbehalten hier? Iſt das Herz nicht hart geworden von dem Golde?“ Und als er große Thränen in des Jünglings Augen ſchwellen ſah, rief er:„O, ich ſehe es, ich ſehe es! Es iſt Alles recht! Alles gut! Gott ſei gelobt! Gott ſegne Dich, mein Sohn! Und jetzt kam es zu neuen Umarmungen. Der Jüngling war ein junger Seemann(mit Vater Taylor blos gei⸗ ſtig verwandt) und hatte ſich, vom„Kalifornienfieber“ ergriffen, nach dem Goldland begeben, von wo er jetzt nach einjähriger Abweſenheit zurückkam, ob mit oder ohne Gold, weiß ich nicht. Aber daß das Herz ſeine Geſundheit nicht verloren hatte, das ſah man deutlich. Ich habe hier viel von Vater Taylors und ſeiner Frau Güte und Freigebigkeit, hauptſächlich gegen arme Ma⸗ troſen von allen Nationen, erzählen gehört. Nachmittags an demſelben Tag wohnte ich dem Gottesdienſt in Mr. Barnards Kapelle bei, wohin ich eingeladen worden war. Ich ſah in ſeinem Haus Proben von der bewunderungswerthen Wirkſamkeit 254 dieſes Mannes in Unterſtützung der Armen und Un⸗ glücklichen durch Erziehung und Arbeit. In der Ka⸗ pelle, wo ungefähr 500 Kinder anweſend waren, gab ich nach dem Gottesdienſt all dieſen 500 kleinen Re⸗ publikanern und Republikanerinnen, einigen von ihnen ſogar zweimal, die Hand. Die Knaben waren beſon⸗ ders eifrig. Und ſie waren prächtige Kinder voll Le⸗ ben.— Die warme Thätigkeit für die Erziehung des jungen Geſchlechts, welche durch dieſe nördlichen Staa⸗ ten pulſirt, iſt eine der ſicherſten und ſchönſten Zeichen von ihrem geſunden Leben und enthält die Prophezei⸗ ung einer großen Zukunft. Mr. Barnard iſt Miſſionär in der unitariſchen Gemeinde und eines ihrer eifrigſten Mitglieder in der Arbeit fürs Menſchenwohl. Notabene, die meiſten größeren Sekten hier zu Lande haben Miſ⸗ ſionäre, oder, wie ſie auch genannt werden, Reiſepre⸗ diger Ministers at large), welche ausgeſandt werden, das Wort zu predigen, Schulen zu ſtiften und Werke der Barmherzigkeit zu verrichten; unterhalten werden ſie von der Gemeinde, der ſie angehören, deren Lehren ſie predigen und deren Gebiet ſie erweitern. Ich habe während meines Aufenthaltes in Boſton verſchiedene Kirchen beſucht, und es hat ſich ſo gefügt, daß die meiſten von ihnen dem unitariſchen Bekennt⸗ niß angehörten. Boſton wird allgemein die Unitarier⸗ ſtadt genannt, ſo groß iſt das Uebergewicht dieſer Sekte hier. Und da zufällig mehrere meiner näheren Bekann⸗ ten derſelben angehören, ſo glauben Viele, auch ich gehöre dazu. Du weißt, wie weit ich davon entfernt bin, wie ungenügend und unbefriedigend ich dieſen Standpunkt finde, den ich ſelbſt einige Monate meines Lebens inne hatte, dann aber mit einem umfaſſenderen vertauſchte. Aber hier zu Lande iſt mir daran gelegen, nicht meinen Sympathien zu folgen, ſondern jede be⸗ deutende Schöpfung des Herzens und Gedankens in ihrer Eigenthümlichkeit kennen zu lernen. Darum ſuche Un⸗ Ka⸗ gab Re⸗ nen ſon⸗ Le⸗ des taa⸗ chen zei⸗ när ſten ene, Niſ⸗ pre⸗ en, erke den ren ſton igt, nt⸗ ier⸗ ekte nn⸗ ich rnt ſen nes ren en, be⸗ in che 255 ich überall das zu ſehen und zu ſtudiren, was charakte⸗ riſtiſch iſt. Darum will ich auch in Amerika die Kirchen aller Sekten beſuchen, womöglich die ausge⸗ zeichneten Lehrer aller Sekten hören. Ihre Verſchie⸗ denheiten ſind zwar für die ſpeculative Auffaſſung des Lebens in ſeinem ganzen Syſtem von Gewicht, aber für das praktiſche Chriſtenthum, für das innere Leben von geringer Bedeutung. Darum kümmere ich mich im Grunde wenig darum. Alle chriſtliche Sekten bekennen doch denſelben Gott, denſelben göttlichen Mittler und Lehrer, dieſelbe Pflicht, dieſelbe Liebe, dieſelbe ewige Hoffnung. Die verſchiedenen Kirchen ſind getrennte Familien, ausgegangen von demſelben Vater und zu ſeligen Wohnungen führend im ewigen Vaterhauſe. Jeder hat ſeine beſondere Miſſion im Reich des Ge⸗ dankens auszuführen. Gott hat ungleiche Verſtandes⸗ gaben verliehen. Daher ungleiche Formen für die Auf⸗ faſſung und iſe der Wahrheit. Die Wahr⸗ heit in ihrer Allſeitigkeit und Ganzheit gewinnt dabei. Und die große Discuſſion über die höchſten Zwecke, die hier zu Lande durch die verſchiedenen Kirchen und ihre Vertreter in der Preſſe geht(jede größere Religions⸗ ſekte hat ihr eigenes Journal, das ihre Lehren verſicht und die Angelegenheiten der Gemeinde beſpricht), iſt von unendlicher Wichtigkeit für die Entwicklung des religiöſen Verſtandes bei dem Volke. Sie muß über⸗ dieß zur ſteigenden Einſicht des weſentlich Gleichen bei allen chriſtlichen Gemeinden, zur Einſicht des Poſitiven im Chriſtenthum führen und allmälig einer Kirche von univerſellem Charakter und Einheit auch in den Dogmen den Weg bereiten. Die zwei kirchlichen Hauptabtheilungen in den Ver⸗ einigten Staaten ſcheinen Trinitarier und Unitarier zu ſein. Die Unitarier erſtanden im Proteſt gegen die mechaniſche Dreieinigkeit und die alte Staatskirche(die episkopale), welche ſich dazu bekannte. Die letztere legt 256 das größte Gewicht auf den Glauben, die erſtere auf die Handlungen. Beide bekennen Chriſtum(die einen als Gott, die andern als göttlichen Menſchen), und ſetzen das höchſte Ziel des Menſchen in ſeine Nachfolge. Beide haben Bekenner, welche beweiſen, daß man in beiden gleichweit in der Heiligung des Lebens kommen, und in gleichem Grade den Namen eines Chriſten ver⸗ dienen kann. Ich habe hier zu Lande ein paar gute Predigten von Predigern der alten Staatskirche gehört. Und es ſcheint mir, als werde dieſe Kirche als die eigentlich ariſtokratiſche im Lande betrachtet, denn die faſhionable Bevölkerung gehört gewöhnlich ihr an. Dies gehört zum guten Ton. Aber der ſpeculative Gedanke in der Kirche ſcheint mir noch nicht aus ſeiner mittelalterlichen Hülle hervorgekommen zu ſein. Man ſetzt da noch Glauben und Vernunft einander entgegen, und ein er⸗ klärender Gedanke, wie der von Martenſen in unſerem Norden, zeigt ſich hier zu Lande noch nicht im Gebiete der Theologie. Aber dieß ſage ich, ohne vollkommene Gewißheit davon zu haben. Ich habe noch nicht genug von der theologiſchen Literatur des Landes gehört und geleſen. Der vornehmſte Führer und Kämpe der Unitarier dahier, Doktor Ellery Channing, auch der Heilige der Unitarier genannt, iſt eines der ſchönſten Beiſpiele, wie weit ein Menſch in chriſtlicher Sinnesart kommen kann. Von ſeinen Freunden habe ich mannigfache Züge des tiefen Ernſtes und der Innigkeit gehört, womit dieſer edle Mann das Rechte und Reine in Allem, auch in den geringſten Dingen ſuchte. Man ſieht in ſeinen Portraits einen Blick, der nicht von dieſer Welt iſt, nicht ſie ſucht oder fragt, ſondern einen höhern Freund und Rathgeber ſucht und fragt. Man ſieht dieß auch aus ſeiner Biographie und einzelnen Briefen, welche ſein Neffe H. W. Channing neulich herausgegeben, und 257 die derſelbe mir zu überſchicken die Freundlichkeit hatte. Ich leſe mannichmal darin und muß dabei an Deinen geliebten Schriftſpruch denken; Selig ſind die Rein⸗ herzigen, denn ſie werden Gott ſehen. Wie rein und ſchön iſt nicht das Gefühl, das ſich in folgenden Worten ausſpricht, welche ich eben jetzt in dem Buche vor mir aufgeſchlagen habe: „Erkennt, wie ungerecht ihr gegen euch ſelbſt ſeid, wenn ihr irgend einem menſchlichen Weſen geſtattet, eine Seele wie die eurige in ihrem Wachsthum zu hin⸗ dern. Bedenket, daß ihr geſchaffen ſeid, unendlich zu lieben; und laßt keine unerwiederte Ergebenheit die göttliche Quelle verſchließen.“ „Ich möchte euren Wunſch, zu ſterben, nicht ab⸗ weiſen. Ich kenne keinen größeren Vortheil, als den des Todes, aber er iſt ein Vortheil für diejenigen, bei welchen das Böſe immer mehr bezwungen wird und die immer mehr über ſich ſelbſt hinaufſteigen. Dieſe un⸗ eigennützige, aufopfernde Menſchenliebe möchte ich bei euch und bei mir ſelbſt erwecken können, wie auch ein tieferes Bewußtſein von unſerer eigenen geiſtigen Na⸗ tur, Vertrauen zu dem göttlichen Princip in uns, dem innerſten Grund unſeres Weſens, und zu Gottes unend⸗ licher Liebe, zu dieſem göttlichen Leben in ſeinen ge⸗ ſchaffenen Weſen. Nichts kann uns ſchaden, außer Un⸗ treue gegen uns ſelbſt, außer Mangel an Verehrung für unſern eigenen höchſten Geiſt. Durch Mangel daran werden wir Sclaven der Umſtände und der Mitmenſchen. Wenn ich dieſe Verehrung hege, ſo finde ich mich ſtark und frei.“ Ueberall und in allen Dingen ſieht man Channing zu dem göttlichen Lehrer in des Menſchen Bruſt ge⸗ wandt, erleuchtet von dem Göttlichen, der von Gott ge⸗ ſandt worden iſt, das Geſetz zu vollenden, und von dieſem Standpunkt der Innigkeit aus handelt er. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. l. 17 258 Und niemals hat wohl Gottes Segen ſichtbarer auf einem Menſchen geruht. Wie friſch, wie voll ſind nicht die Ausdrücke ſeiner Dankbarkeit, obſchon er altert; wie ſcheint er nicht mit jedem Jahr jünger, glücklicher zu werden! Er macht ſich Vorwürfe, daß er ſo viel genieße, daß er ſich ſo glücklich fühle in einer Welt, wo ſo viele leiden. Aber er kann da nicht helfen. Die Freunde, die Natur, die unſichtbare Liebes⸗ und Dankes⸗ quelle, die immer reicher in ſeiner Seele ſchwillt, alles vereinigt ſich, um ſein Leben zu verſchönern. Immer mehr erweitert ſich ſein Geſichtskreis, immer mehr ſtei⸗ gert ſich bei abnehmender Geſundheit ſein Glaube und ſeine Hoffnung auf Gott und die Menſchen, immer mehr ſeine Liebe zum Leben, dem großen herrlichen Leben. Er ſchreibt folgendermaßen über ſein Alter: „Unſere Freundſchaftsbande werden immer lieb⸗ licher für mein Gefühl. Ich meine mitunter, als ob ich vor dieſer letzten Zeit noch nichts vom Leben ver⸗ ſtanden hätte; aber ſo wird es immer. Wir werden zum Wunderbaren und Schönen in demjenigen erwa⸗ chen, was wir vorher mit verhüllten Blicken geſehen haben, und wir finden eine neue Schöpfung, ohne einen Schritt aus unſern alten Wohnſtätten herauszutreten.“ Oft ſpricht er von ſeinem Lebensgenuß im Alter. Jemand fragte ihn eines Tags, welches Alter im Leben er für das glücklichſte halte. Er antwortete lächelnd, er glaube, dieß ſei etwa um die 60. Während der abzehrenden Krankheit, die ſei⸗ nem Leben ein Ende machte, ſcheint ſein inneres Leben an Kraft und Größe zugenommen zu haben. Mit dem herzlichſten Intereſſe fragt er diejenigen, die ihm nahe kommen, um ihre Angelegenheiten. Jeder Menſch ſcheint ihm theurer, wichtiger geworden zu ſein. Und dabei will ſein Hirn raſtlos mit großen Gedanken und Gegen⸗ ſtänden arbeiten.„Können Sie mir helfen, ſagte er in — — Se——— arer ſind ert; cher viel elt, Die kes⸗ lles mer und mer chen eb⸗ ob er⸗ den va⸗ hen nen 14 ben nd, ei⸗ en he int bei n⸗ 259 ſeinen letzten Tagen zu ſeinen Freunden, meine Seele von dieſen Bildern der Unendlichkeit, dieſem Waſſerfall von Gedanken zu alltäglichen Dingen herabzuziehen?“ Als man ihm einmal vorlas, ſagte er:„Laßt das ſein, laßt mich von Menſchen und ihren Verhältniſſen ören.“ In ſeinem letzten ſchmerzloſen Kampf hörte man ihn oft ſagen:„Himmliſcher Vater!“ Seine letzten Worte waren:„Ich weiß nicht, wann mein Herz ſo übergefloſſen iſt von dankbarem Gefühl für Gottes Güte.“ Und die allerletzte, ſchwach geflüſterte Aeuße⸗ rung:„Ich habe manche Botſchaft von dem Geiſt ge⸗ habt.“ Als der Tag ſich neigte, fügt ſein Biograph hinzu, wurde er ſchwächer und ſchwächer. Mit unſerer Beihülfe wandte er ſich gegen das Fenſter, das eine Aus⸗ ſicht über die Thäler und waldigen Höhen im Oſten gewährte. Wir zogen die Vorhänge weg und das Licht fiel auf ſein Geſicht. Die Sonne war juſt untergegan⸗ gen, und Wolken und Himmel ſtrahlten in Purpur und Gold. Er athmete immer leiſer, bis ſein Körper ohne einen Seufzer einſchlief. Wir konnten nicht bemerken, wann der Geiſt ihn verließ. So ſinkt blos ein ſonnengleicher Menſch, ſo ſtirbt blos ein Mann, welchen Gott lieb hat und in deſſen Herzen ſein Geiſt wohnt. Welche Gewalt dieſer wahre Chriſt auf Menſchen ausübte, ſchließe ich auch aus folgendem kleinen Er⸗ eigniß: k Eines Tags ſpazierte ich an Benzons Arm in den Straßen Boſtons. Als wir an einem Haus vorbei⸗ gingen, beugte er ehrfurchtsvoll ſein Haupt und ſagte: „Dies iſt ein Haus, dem ich mehrere Jahre nie ohne Gefühle der innigſten Verehrung nahte. Hier wohnte Doctor Channing.“ Was meine Freunde betrifft, ſo bekümmere ich mich nicht das Geringſte darum, welcher Religionsſecte ſie 260 angehören, ob ſie Trinitarier oder Unitarier, Calviniſten oder Methodiſten u. ſ. w. ſind, wenn ſie nur edel und liebenswürdig ſind. Hier gibt es auch viele Men⸗ ſchen, die, ohne einer beſtimmten Kirche anzugehören, gerne in irgend eine beliebige gehen, wo ein guter Prediger iſt, und im Uebrigen nach den großen Wahr⸗ heiten leben, welche das Chriſtenthum ausgeſprochen und die ſie in ihr Herz aufgenommen haben. Einige meiner beſten Freunde hier zu Lande gehören zu dieſer unſichtbaren Kirche Gottes. Den 19. Februar. Schöne Tage! Drei Tage des lieblichſten Früh⸗ lingswetters. Und dieſer ſtrahlende blaue Himmel und dieſe Luft, ſo fein, ſo ſpirituös lebensvoll, ſo champag⸗ nergleich— ich habe nie etwas Aehnliches empfunden. Ich bin gleichſam etwas voll von ihr. Ich habe mich auch dieſer Tage ſo wohl befunden, habe eine ſolche Fluth friſchen Lebens in mir verſpürt, daß ich darüber ganz glücklich war und kindiſch genug, es allen Men⸗ ſchen, denen ich begegnete, ſelbſt auf den Straßen ſagen und ſie bitten zu wollen, daß ſie ſich mit mir freuen möchten. Ich weiß auch, daß viele es thun würden, und ich weiß, daß ich ſelbſt froh wäre, zu wiſſen, daß eine Perſon, die wie ich gelitten, ſich ſo fühle, wie ich jetzt thue. In meiner Freude zwang ich meine kleine allopathiſche Doctorin Miß Hunt, Gott für mich und für den Erfolg der Homöopathie zu danken. Und ſie that es herzlich. Ihr Herz iſt lauter wie Gold. Ich habe mich in dieſen ſchönen Tagen am Wetter und an Spaziergängen, an angenehmen Menſchen und— an der ganzen Welt erfreut. Eines Tags kam Longfellow und holte mich zu einem Mittageſſen bei— ſeinen Schwiegereltern, glaube ich— Du weißt ja, daß ten ind en⸗ en, ter hr⸗ en ige ſer 261 Genealogie nicht meine Stärke iſt— Mr. und Mrs. Appelton. Es war der erſte der ſchönen Tage, und als ich aus meinem Thore kam, blieb ich ganz verwundert über die Schönheit von Himmel und Luft, die meinen Sinnen entgegentrat, ſtehen. Ich ſagte dem liebens⸗ würdigen Dichter, er müſſe es geweſen ſein, der dies hervorgezaubert habe. Bei Appeltons ſah ich eines der ſchönſten Hausweſen, die ich noch in Boſton geſehen, und ein ſchönes älteres Paar. Der Herr Invalid, aber mit der freundlichſten Laune, die Frau friſch an Kör⸗ per und Seele und ſehr angenehm; und mit ihnen, mit Longfellow und ſeiner ſchönen Frau hatte ich ein ſehr gemüthliches kleines Mittagsmahl. Dieſer Tage ließ Longfellow meine Hand in Gips modelliren, denn hier wie an andern Orten herrſcht der Irrwahn, daß meine Hände ſchön ſeien, während ſie doch blos fein und weiß ſind. Als ich nach Haus kam, waren meine Zimmer voll von Leuten. Notabene, es war mein Empfangtag, und ich war über die Zeit aus⸗ geblieben. Aber ich war um ſo artiger, und ich glaube, daß Niemand unbefriedigt wegging. Es war mir an dieſem Tage ſo recht menſchenfreundlich zu Muthe. Auch blieben die Menſchen bis nach drei Uhr da. Als meine Gäſte gegangen waren, kamen die jungen Lowells— das erſte Mal nach ihrem Verluſt— und Marie ſtellte einen großen Topf voll der allerſchönſten Mooſe und Wickelflechten auf den Boden, die ſie und James auf den Bergen für mich geſammelt hatten, da ſie wiſſen, wie ſehr ich ſie liebe. Das rührte mich innig, und es rührte mich auch, ähnliche Flechtenarten zu ſehen, wie ich ſelbſt auf dem Berg im Park bei Arſta geſammelt habe, und ich konnte nicht helfen, ich benetzte ſie mit Thränen. Meine Seele iſt wie eine ſchwellende See, deren Wogen abwechſelnd ſteigen und fallen. Sie wer⸗ den jedoch von einem und demſelben Element getragen. Geſtern Rachmittag war Waldo Emerſon bei mir 262 und wir hatten ein ſehr ernſthaftes Geſpräch mit ein⸗ ander. Ich fürchtete die Bewunderung, die er mir ein⸗ geflößt und der Zauber, den er auf mich geübt, habe mich veranlaßt, mein eigenes Glaubensbekenntniß zu⸗ rückzuhalten, ſo daß ich den Schein auf mich geladen, als ob ich dem ſeinigen huldigte und ſomit meiner hö⸗ hern Liebe untreu geworden wäre. Dieß wollte ich nicht. Und juſt weil ich Emerſon für ſo edel und großſinnig halte, wollte ich ſowohl vor ihm, als vor meinem eigenen Gewiſſen klar erſcheinen. Ich wollte auch hören, welche Einwürfe er gegen eine Weltanſicht vom chriſtlichen Standpunkt aus machen könnte, der an concretem Leben und Wirklichkeit ſo unendlich über dem pantheiſtiſchen ſteht, welcher alles concrete Leben in einem elementariſchen auflöſt. Ich dachte, daß er blos durch das ſpecnlative Intereſſe aus dem blos all⸗ gemeinen zu dem Innerlichen geführt würde. Denn wenn Alles geſagt iſt, was die antike Weisheit und der edelſte Stoicismus von dem höchſten Weſen, von der„Oberſeele“ als einer unendlichen geſetzgebenden, unperſönlichen Macht ſagen können, welche alle Weſen hervorbringt und ſodann in ſich abſorbirt, gleichgiltig für die Schickſale und Gefühle der Einzelnen, eine Macht, der ſich Alle als einem ewigen, unerſchütterli⸗ chen Weltgeſetz blind unterwerfen müſſen— wie groß und vollkommen erſcheint nicht die Lehre, daß Gott mehr iſt als dieſe Weltmacht, und daß er auch ein Vater iſt, der ſich um jeden Menſchen als um ſein Kind bekümmert und jedem nach ſeiner Art ein unend⸗ liches Erbtheil in ſeinem Hauſe, in ſeinem Licht berei⸗ tet hat, daß er auch den fallenden Sperling ſieht;— — ſieh, das iſt eine Lehre, welche ausreicht! Und wenn alles geſagt iſt, was der edelſte Stoi⸗ cismus zu dem Menſchen von ſeiner Pflicht und ſei⸗ nem höchſten Adel ſagen kann, wenn er Cpiktet und Sokrates geſchaffen, und Simon Stylita auf ſeine —— —+ S— ———„— in⸗ in⸗ be zu⸗ en, ö⸗ ich nd r lte cht der ber en l⸗ nn nd on en, en tig ne 263 Säule geſtellt hat, wie überſchwenglich hoch und über⸗ raſchend kühn erſcheint nicht den Menſchen die For⸗ derung: Seid vollkommen, wie euer himmliſcher Vater voll⸗ kommen iſt. Ein Wort, ein Ziel, welches auch für die Ewig⸗ keit ausreicht! Und wenn Alles geſagt iſt, was alle Weiſen der alten Welt und alle Transcendentaliſten der neuen Welt über den urſprünglichen Adel der Seele und ihre Macht, ſich durch beſtändige Anſchanung des Ideals und Fernhaltung von dem Pöbel und Plunder der Erde edel zu erhalten, ſagen konnten;— und wenn ein noch transſcendentalerer Forſcher, wenn der gött⸗ liche, aufwärts ſtrebende Funke in uns, uns die Arm⸗ ſeligkeit dieſes blos negativen Standpunkts, ſowie un⸗ ſer Unvermögen zu den höchſten Forderungen und zur höchſten Natur hinaufzukommen, erkennen ließ— wie groß und troſtreich, wie vollendend erſcheint nicht die Lehre, welche ſagt, daß der göttliche Geiſt ſich in Be⸗ ziehungen zu unſerem Geiſt ſetzen und alle unſere Mängel durch Eingießung ſeines Lebens ergänzen wolle! Dieſer äußerſte Lebensproceß, dieſe neue Geburt und Entwicklung, von welcher die Schrift oft als von einer Vermählung, als von einem Kommen des Bräu⸗ tigams zur Braut, als von einer neuen Geburt ſpricht, die wir auch im Naturleben vorgebildet ſehen können, z. B. durch Einimpfung eines edeln Fruchtbaums auf einen wilden— iſt endlich die einzige Erklärung und Erfüllung des menſchlichen Lebens und Strebens. Dieß alles wollte ich Emerſon ſagen, ich verſuchte es zu ſagen, aber ich weiß nicht, wie ich mich anſchickte. Ich kann mich gewöhnlich nicht leicht oder glücklich zusdrücken, bevor ich warm geworden und über oder durch das erſte Beſinnen hinausgekommen bin. Und Emerſons kühle und gleichſam bewachte Haltung hin⸗ 264 derte mich in dieſe meine natürliche Region hineinzu⸗ kommen. Ich befinde mich wohl mit ihm, bin aber mit ihm nie vollkommen ich ſelbſt. Ich glaube auch nicht, daß ich mich jetzt ſo ausſprach, daß er mich ver⸗ ſtand. Er hörte mich ruhig an und ſagte nichts Beſtimm⸗ tes dagegen, ſchien aber auch ſeine Lebensanſicht nicht als abgeſchloſſen geben zu wollen. Sein Standpunkt ſchien mir hauptſächlich polemiſch gegen den blinden oder erheuchelten Glauben zu ſein. Ich will nicht, ſagt er, daß man ſich dafür ausgebe, als wiſſe oder glaube man mehr als man wirklich weiß oder glaubt. — Die Auferſtehung, die Fortſetzung des Daſeins ſind gegeben, ſagte er auch, wir tragen die Bürgſchaft dafür in unſerer Bruſt; ich behaupte blos, daß wir nicht ſagen können, auf welche Art und in welcher Form wir fortdauern werden. Wenn mein Geſpräch mit Emerſon zu keinem be⸗ ſonders befriedigenden Reſultat führte, ſo führte es doch mich zu der feſten Ueberzeugung von ſeiner edeln Denkungsart und Wahrheitsliebe. Er iſt treu dem Ge⸗ ſetz in ſeiner Bruſt, tren ſeiner Aufgabe und ſpricht die Wahrheit aus, die er in ſeinem Innern erkannt hat. Er handelt recht. Er wird dadurch den Weg zu einer wahreren Auffaſſung der Religion und des Le⸗ bens bereiten. Denn wenn dieſer ſtarke Blick, der in allem auf das Innerſte, auf den Mittelpunkt und die Idee ſieht, einmal die im Baum des Lebens verborgene Menſchengeſtalt gewahr wird— wie man Napoleons Geſtalt im Baume auf Sct. Helena wahrnimmt;— ſo wird er Andere lehren ſie auch zu ſehen, wird mit ſo ſtarken herrlichen Worten darauf hinweiſen, daß für Manche ein neues Licht aufgehen und daß man glauben wird, weil man ſieht. Zum Schluß unſeres Geſprächs machte ich mir die Freude, Emerſon ein Exemplar von Geijers ſchwediſcher n „——————————— 265 Geſchichte in engliſcher Ueberſetzung zu geben, was er auf die liebenswürdigſte Weiſe annahm. Spät an dieſem Abend hörte ich Emerſon eine öffentliche Vorleſung über den Geiſt der Zeiten halten. Er pries die Schönheit der liberalen Ideen, geißelte aber ſtreng die Leiter derſelben unter dem Volk und ihren Mangel an Charakteradel.„Die Schiefheit und Unreinheit des Parteigeiſtes hinderten die Reinen ſich an eine Partei anzuſchließen.“ Emerſon rieth den Au⸗ genblick abzuwarten, wo man für das Allgemeine wir⸗ ken könnte, ohne ſeinen höchſten Glauben und Charak⸗ ter zu verlieren. Alle Akkommodation ſei eine Ernie⸗ drigung. Emerſon iſt in England und auch hier als öffent⸗ licher Redner ſehr berühmt. Ich für meinen Theil finde ihn als ſolchen nicht merkwürdiger als bei einem Privatgeſpräch von tieferem Inhalt. Dieſelben tiefen, kräftigen und gleichwohl melodiſchen, gleichſam metal⸗ liſchen Töne, dieſelben plaſtiſchen Wendungen in Sprache und Ausdruck, dieſelben glücklichen, natürlich glänzen⸗ den Worte, dieſelbe Ruhe und ruhende Kraft. Aber ſein Blick iſt ſchön, wenn er vom Catheder über die Menge hinſchweift, und ſeine Stimme erſcheint mächti⸗ ger, wenn ſie dieſelbe beherrſcht. Dieſen Abend war das Wetter garſtig, es blies heftig und der Regen fiel in Strömen, wie es überhaupt hier niemals mäßig oder ſachte regnet, und ſehr wenig Volk hatte ſich bei der Vorleſung eingefunden. Emerſon nahm dieß wie alles andre ruhig und ſagte blos lächelnd zu Jemand: „Vor ſo einer kleinen Verſammlung kann man ſeine große Kanonen nicht losſchießen.“ Er meinte damit gewiſſe Knalleffecte in der Stimme, durch welche er be⸗ rühmt iſt. Heute habe ich die Schiffswerften von Boſton und Maſſachuſetts beſucht; ich ſchüttelte da den Offizieren der Flotte und ihren Damen die Hände im Hauſe des 266 Commodors, wo ein Frühſtück ſervirt wurde und ein Muſikkorps die ganze Zeit hindurch eine ſchöne Inſtru⸗ mentalmuſik aufführte. Eine prächtige Schiffswerfte und eine hübſche, freundliche Bewirthung, die mir Ver⸗ gnügen machte. In dieſer Woche habe ich auch mit dem ausge⸗ zeichneten Schullehrer G. B. Emerſon, einem Oheim Waldos, einige Kinderſchulen beſucht und ich konnte mich blos freuen über die vortreffliche Art, wie die Kinder, zumal die Mädchen laſen, nämlich mit einem Ausdruck und einer Lebendigkeit, woraus deutlich her⸗ vorging, daß ſie Worte und Sinn vollkommen verſtan⸗ den; auch die Fragen in der Naturgeſchichte beantwor⸗ teten ſie ſehr gut. Mr. Emerſon hat ſelbſt eine große Privatſchule, die ſehr berühmt iſt. Heute Abend werde ich Mrs. Kemble den Som⸗ mernachtstraum von Shakeſpeare vorleſen hören und ſpäter werde ich mit Emerſon einer muſikaliſchen Soiree bei einem ihm befreundeten vermöglichen Kaufmann, Mr. Adams, beiwohnen, der ſein großes praktiſches Talent, wie auch ſeinen redlichen, entſchiedenen Cha⸗ rakter ſehr hoch ſchätzt. Und jetzt, meine liebe Agatha, bereite ich mich auf meine Reiſe in den Süden vor, zuerſt nach New⸗York, ſodann nach Philadelphia, hierauf nach Washington und von da nach Charlestonn im ſüdlichen Karolina. Dort werde ich meinen weitern Reiſeplan entwerfen. Gott ſei Dank, daß ich mich jetzt kräftig und muthig zur Reiſe fühle. Einladungen und Wohnungsaner⸗ bietungen habe ich von allen Ecken und Seiten und beinahe aus allen Staaten. Von Philadelphia allein mehr als ein halbes Dutzend. Viele kann ich nicht an⸗ nehmen, aber von einigen werde ich wohl Gebrauch machen, und es iſt jedenfalls ein wohlthuendes Gefühl ſoviel warme und zuvorkommende Gaſtfreundſchaft zu erfahren. ein ru⸗ rfte er⸗ ge⸗ eim nte die tem e⸗ au⸗ or⸗ oße m⸗ ind ree nn, hes ha⸗ uf rk, on ta. n. ig er⸗ nd in n⸗ ch h zu 267 Mein guter Doctor fährt fort mich täglich zu be⸗ ſuchen und mich, ich kann wohl ſagen, mit väterlicher Liebe zu überwachen. Ich liebe ihn herzlich. Dieſer Tage kam er mit einem allopathiſchen Arzt, Doctor Ware, den er mir vorzuſtellen wünſchte,„weil ich,“ ſagte er,„eine hohe Achtung vor ihm habe.“ Doctor Ware hat mehrere Wochen lang nebſt zwei andern Allo⸗ pathen einen gefährlich am Typhus erkrankten Herrn, der neben Benzon wohnt, einen der Gebrüder Clarke und einen der berühmteſten Prediger Boſtons, behan⸗ delt. Die Kriſis war glücklich vorübergegangen, der Patient lebte, blieb aber noch immer krank unter einer Menge ſonderbarer Symptome, die Woche um Woche der Kunſt und Wiſſenſchaft der Aerzte Trotz boten. Einer von ihnen(Dr. Ware) ſagte da:„Wir haben alles gethan, was wir als Allopathen thun konnten. Wir müſſen einen Homöopathen rufen und ihn ſeine Kunſt verſuchen laſſen.“ Und mein Doctor wurde ge⸗ rufen. Er begann ſogleich ſpecifiſche Mittel gegen die Symptome, welche den Krankheitszuſtand chaotiſch machten, anzuwenden, bewältigte ſie binnen 1 ½ Tagen oder in noch kürzerer Zeit und brachte den Kranken zur Ruhe; aus einer mit homöopathiſcher Genauigkeit vorgenommenen Befragung ergab es ſich dann, daß in der linken Seite des Patienten eine Eitergeſchwulſt ſich gebildet hatte, die ſeinen Fieberzuſtand unterhielt. Sie wurde operirt und der Kranke befindet ſich jetzt vollkommen auf dem Wege der Beſſerung, zur großen Freude ſeiner Familie und ſeiner vielen Freunde. Siehſt Du, das hat die Homöopathie gethan. Kürzlich hörte ich von einem kleinen Knaben erzählen, der ſich durch Erkältung einen akuten Rheumatismus zugezogen hatte und in ſo ſchrecklichen Schmerzen dalag, daß er Niemand in ſeine Nähe kommen laſſen wollte. Er wurde durch Homöopathie binnen 12 Stunden gänzlich von ſeinen Schmerzen befreit. Mein guter Doctor iſt 268 in ſeinen jungen Tagen Allopath geweſen und hat ſich durch allzugroße Anſtrengung in der Ausübung ſeines »Berufs ein Nervenübel zugezogen, das dermaßen zu⸗ nahm, daß die Aerzte ihn verioren gaben und ihn als eine Art von letztem Verſuch nach Europa ſchickten. Dort traf er Hahnemann, der ihn durch ſeine Lehre nicht überzeugte, aber doch beſtimmte, ſeine Mittel zu verſuchen. Sie veränderten ſogleich Osgvods Zuſtand und mit ihm ſeine mediziniſche Theorie. Als er nach Amerika zurückkam, war er geſund und— Homöopath. Auch ich preiſe die Homöopathie hoch. Aber ich glaube, daß die Allopathie ihr Gebiet hat und daß ſie mit der Homöopathie Hand in Hand gehen muß, ſo wie der ehrliche Doctor Ware und Doctor Osgvod kamen, als ſie mich beſuchten. Einen Kummer hat mein guter Doctor mit mir. Die kleinen Pillen, welche Downing mir gab, und die mich ſo gut ſchlafen machten, haben ihre Zauberkraft über mich behalten und geben mir Schlaf, auch wenn Osgvods Mediein dieß nicht zu Stande bringt. Dow⸗ ning will den Namen dieſes Heilmittels nicht ſagen, ſondern treibt eine kleine anmuthige Koketterie damit, indem er behauptet, nicht die Medicin, ſondern die Beſchwörungen, die er darüber leſe, machen es ſo wirk⸗ ſam; und wenn ich nach dem Namen frage, ſo ſchickt er mir blos neue kleine Pillen. Mein guter Doctor brummt und ſagt:„Ich liebe dieſe Downing'ſche Me⸗ diein nicht, welche es der meinigen zuvorthut. Ich liebe ſie nicht, weil ich es nicht bin, der ſie Ihnen ge⸗ geben hat.“ Aber ich lache(und dann lächekt er auch) und habe immer meine Downing'ſche Medicin jede Nacht auf meinem Nachttiſchchen ſtehen. Mit ihr lege ich mich getroſt zu Bette. Es iſt ein guter Geiſt in dem Fläſchchen. ſich nes zu⸗ als en. hre zu nd ach th. be, der der als i die aft nun w⸗ n, 6 ie k⸗ ckt or e⸗ ch e⸗ 5) de ge in 269 Den 25. Februar. Wo verließ ich Dich das letztemal? Ja richtig, als ich Fanny Kembles Vorleſung beſuchen wollte. Sie las den Sommernachtstraum. Aber dieſen Traum habe ich niemals verſtanden oder nie Freude daran gehabt, und das hatte ich auch jetzt nicht trotz Mrs. Kembles meiſterhafter Vorleſung. Der Abend bei Adams war mir gut. Miß Adam iſt ein braves und angenehmes junges Mädchen mit Verſtand und Sicher⸗ heit des Benehmens, dabei ein wahres Talent auf dem Fortepiano. Ueberdieß war Emerſon freundlich und geſprächig. Mrs. Kembles Perſönlichkeit und Talent(er hat ſie jetzt zum erſtenmal geſehen) hat großen Eindruck auf ihn gemacht und er ſagte von ihr: welche Vielſeitigkeit!„Sie iſt Miranda, Königin Catharina und dergleichen Alles auf einmal.“ Er liebt eine ſtark ausgeſprochene Individualität und das thue ich auch. Aber Emerſon betrachtet die Menſchen gar zu ſehr blos als Individuen. Er ſagt von dem Einen: das iſt eine Actrice; von dem Andern: das iſt ein Heiliger; von einem Dritten: das iſt eine praktiſche Perſon u. ſ. w. und ſtellt Jeden in ſeine Ecke, nach⸗ dem er auf Jeden ſeine Etikette geſchrieben hat. Auch hat wohl jeder Planet ſeine Axe, um die er ſich dreht, aber ſeine größte Bedeutung ſcheint mir in ſeinem Verhältniß zur Sonne, zu dem Centrum zu liegen, um welches er kreiſt, und das ſein Leben und ſeinen Lauf beſtimmt. Ich ſchreibe Dir wohl nicht mehr aus Boſton; denn ich muß mich reiſefertig machen und bekomme viel mit Beſuchen und Briefſchreiben zu thun, um einiger⸗ maßen anſtändig von der Stadt und Gegend ſcheiden zu können. Aber ach, es wird wohl knapp genug zu⸗ 270 gehen. Ich vermag nicht viel. Die geringſte An⸗ ſtrengung macht mir Fieber. Die Luft iſt wieder kalt und hart und ich bin wieder nicht wohl, ich weiß nicht ob es von der Luft oder der Nahrung, oder von mei⸗ nem Abmühen mit den Leuten und Geſellſchaftspflich⸗ ten herkommt. Aber ich weiß doch, daß ich bald wie⸗ der wohl ſein werde. Das Klima und ich ſind hier zu Lande ſehr veränderlich. Und wenn man mich fragt: — eine der ſtehenden Fragen, die ich oft höre—„wie verhält ſich das Klima in Ihrem Lande zu dem unſri⸗ gen?“ ſo iſt meine ſtehende Antwort:„wie ein ſolider Ehemann zu einem veränderlichen Liebhaber.“ Und dann lächelt man. Einen angenehmen Abend hatte ich vorgeſtern mit Miß C. Sedgewick bei ihrer Pflegtochter, einer liebens⸗ würdigen jungen Dame, Mrs. Meinert. Mrs. Kemble war da und ihr lebensvolles, ſtark ausgeprägtes We⸗ ſen iſt immer belebend; ebenſo auch Miß Sedgewick's Güte und ihr ſchöner Verſtand. Fanny Kemble rich⸗ tete quer über das Zimmer eine Frage über Lind⸗ blad an mich.„Was wiſſen Sie von un ſerem Lind⸗ blad?“ erwiederte ich.—„Sollte ich Lindblad nicht ken⸗ nen,“ antwortete Fanny Kemble mit der Miene einer Königin und gleichſam beleidigt,„ſollte ich dieſe ſchö⸗ nen Geſänge nicht kennen?“ Und ſie nannte mehrere von Lindblads Liedern mit Namen, ſolche, die ſie, wie ſie ſagte, auch ſingen konnte. Es freute mich zu hö⸗ ren, daß Lindblads Poeſieen auch in England und Amerika gekannt und geſchätzt ſind. Für dießmal nichts mehr. Jetzt will ich vor Bo⸗ ſton und Bunkerhill(dem Monument, welches durch die Arbeit der Frauenzimmer vollendet worden ſein ſoll, nämlich ſein Gipfel, da die Arbeit der Männer nicht ausreichte) mein Compliment machen, und nun — nach dem Süden! nach dem Süden! — An⸗ kalt ticht nei⸗ lich⸗ wie⸗ z gt: wie ſri⸗ ider Und mit ns⸗ ble Le⸗ ck's ch⸗ nd⸗ en⸗ ner ere vie nd o⸗ ch in er un Elfter Brief. New⸗York, den 2. März 1850. Welche Poſſe, meine liebe Agathe, oder vielmehr welche Gemeinheit von dem Schickſal, ein ſo unbedeu⸗ tendes Menſchenkind, das ſo wenig überflüſſige Kräfte und, dächte ich, auch ohne weitere Uebung ſo hinläng⸗ liche Geduld beſitzt, auf ſolche Art umzuwerfen! Es thut mir in der Seele weh. Das falſche Eis, das Dich ſo übel fallen macht in einem Augenblick, wo Du in einem ſo guten Geſchäft begriffen warſt! Und wo waren denn die guten Engel, daß ſie nicht Acht hat⸗ ten? Ich kann ihnen nicht recht verzeihen. Gott ſei Dank jedoch, daß Du wieder auf dem Wege der Beſſe⸗ rung biſt, und daß der Frühling naht und die Zeit für die Marsſtrander Bäder, und daß Du ſie benützen kannſt! Und unſre arme Maria bedarf ihrer auch. Daß Charlotte und alle Freunde ſo zärtlich beſorgt, ſo gut gegen Dich waren, dafür danke ich ihnen nicht, denn das iſt ganz natürlich; aber ich liebe ſie ſehr da⸗ für und habe eine beſſere Meinung von ihnen als von den ſaumſeligen Engeln. Und, meine gute Agathe, könnten Herz und Liebe Flügel verleihen, ſo wäre ich jetzt in Deinem Zimmer, an Deinem Bette, oder wenn Du, wie ich hoffe, dem Bette Adieu geſagt haſt, an Deiner Seite, als Dein Stab oder Deine Krücke. Und das weißt Du. Dank ſei es der Homöopathie und meinem guten pflegenden Doctor, ich bin mit meiner Geſundheit wie⸗ der ordentlich auf den Beinen. Aber ganz feſt ſtehe ich gleichwohl noch nicht darauf und habe noch den einen oder andern Rückfall. Dies währt indeß kurz, 272 wieder ich ſelbſt zu werden. Das bin ich in dieſen Wintermonaten nicht geweſen. Meine Sonne hat ſich verfinſtert und mitunter ſo gänzlich, daß ich fürchtete, ich könnte genöthigt werden nach Europa zurückzu⸗ kehren, ohne meine Geſchäfte in Amerika verrichtet zu haben; ich glaubte, es wäre mir nicht möglich das Klima zu ertragen. Und das hat mich nicht wenig in Verwunderung geſetzt, da ich mich kräftig oder ge⸗ ſchmeidig genug glaubte, um Alles ertragen und überall im Land umhergehen zu können, ſo gut wie irgend ein Yankee. Aber das Uebel, an dem ich gelitten habe und noch leide, gleicht dem alten Zaubergeiſt, welchen Thor dadurch zu Fall brachte, daß er ihm krumme Beine ſtellte. Es iſt eine garſtige, giftige, ſchlangen⸗ artig ſchleichende Krankheit, ein Vampyr, der ſich den Menſchen in der Finſterniß naht, und den Saft und das Mark des Körpers wie auch der Nerven und der Seele ausſaugt. Die Hälfte oder auch zwei Drittheile der Bevölkerung dieſes Landes leiden einigermaßen an dieſem Uebel oder haben daran gelitten. Und ich bleibe dabei, die Schuld liegt an der Nahrung, an der Lebensweiſe, an den Wärmungsanſtalten in den Zimmern, welche in jedem Klima ſchädlich ſein müß⸗ ten, und in dieſem hitzigen, aufreizenden Klima ge⸗ radezu mörderiſch ſind. Der viele Speck und das viele Fett, das warme Brod, die Gewürze auf den Speiſen, die Sulzen am Abend, die Auſtern— alles das wür⸗ den wir in Schweden nicht aushalten(wir wollen ja niemals unſere Speiſen in etwas anderem als in guter Butter braten) und hier müßte man es förmlich ver⸗ bieten. Das müßte man auch mit den ſogenannten Furnaces thun, mittelſt welcher warme Luft in die Zimmer geblaſen wird durch ein Loch im Boden oder in der Wand, wodurch das Zimmer binnen 5— 10 —— und da ich jetzt mein Uebel und ſeine nothwendige Verpflegung beſſer verſtehe, ſo hoffe ich vollkommen 273 Minuten warm, ja gleichſam gekocht wird, aber von einer heftigen, dicken, ungeſunden Wärme, die mir im⸗ mer ein Gefühl der Angſt einjagt und mich im Kopfe duſelig macht. Die kleinen Eiſenöfen, die ebenfalls oft gebraucht werden, ſind auch nicht gut; ſie ſind zu heftig und erhitzend, aber doch unendlich beſſer als dieſe Furnaces, von denen ich überzeugt bin, daß ſie in ir⸗ gend einer geheimen Gemeinſchaft mit dem Ofen der Hölle ſtehen. Sie ſcheinen mir gemacht zu ſein, um die Nerven und Lungen der Menſchen zu zerſtören. Dazu kommt die Hitze der Gaslichter in den Salons, die Schärfe und Veränderlichkeit der Luft außer dem Haus, und ſo erklärt es ſich leicht, warum beſonders die Frauenzimmer, die es mit ihrer Kleidung durch⸗ aus nicht vorſichtig nehmen, hier zu Lande ſchwach und mit Krämpfen behaftet ſind, und warum Bruſt⸗ krankheiten und Auszehrungen in dieſen nordöſtlichen Staaten ſo ſtark überhand nehmen. Sie kommen über⸗ dieß oft in Folge von Verdauungsſchwäche. Ich bin inzwiſchen unbeſchreiblich froh, daß ich aus den Klauen des Unthieres gerettet bin. Und meinen alten guten Doctor mit ſeiner etwas ſchroffen Außenſeite und ſei⸗ nem warmen, menſchenliebenden Herzen, ihn liebe ich ſo innig. Sieben Wochen lang hat er mich jetzt mit der größten Sorgfalt gepflegt, iſt alle Tage, mitunter ſogar zweimal, wenn er mich wieder mehr leidend fand, gekommen, hat mich väterlich ermahnt, und mich zuletzt mit Heilmitteln und diätetiſchen Vorſchriften für meine ganze Reiſe ausgeſtattet, und als ich dann ſeine Mühe erkennen, ihn bezahlen will, ſo iſt es rein unmöglich, dieß thun zu dürfen. Er ſchüttelt den Kopf und will nichts davon hören, und ſagt mit ſeiner tiefen, ernſten Stimme, es gehöre zu den freudigſten Ereigniſſen ſei⸗ nes Lebens, daß er einigermaßen zur Wiederherſtellung meiner Geſundheit habe beitragen können.„Aber um Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 18 274 eines bitte ich Sie,“ ſchrieb er in ſeinem väterlichen Abſchiedsbrief an mich,„nämlich, daß Sie mir zu⸗ weilen ſchreiben und mir von Ihrer Geſundheit erzäh⸗ len, wie Sie leben und genießen. Denn von der Men⸗ ſchen Leiden und Kummer bekomme ich viel zu hören, aber nur ſelten von der Freude der Menſchen.“ Ja, meine Agathe, ich weiß nicht, ob ich die Amerikaner recht kennen lernen kann, aber gewiß iſt, daß das, was ich von ihnen kennen lernen darf, ſchöner und liebens⸗ würdiger iſt, als was ich irgendwo anders in der Welt kennen gelernt hätte. Ihre Gaſtlichkeit und Herzlich⸗ keit, wenn ihre Herzen warm ſind, ſind wirklich über⸗ fließend und kennen keine Grenzen. Und da ſo manche Reiſende ihre Fehler ſehen und großes Weſen daraus machen, ſo iſt es wohl billig, daß auch Jemand vor⸗ zugsweiſe ihre Tugenden kennen lernt. Und dieſe Feh⸗ ler— ſoweit ich noch ihre Nationalfehler geſehen habe— können alle hanptſächlich auf das Jugendleben des Volkes zurückgeführt werden. In manchen erkenne ich juſt meine eigenen Jugendfehler wieder, ungeheure Neugierde, Mangel an Beſonnenheit, an Aufmerkſam⸗ keit auf ſich und Andere, Großſprecherei u. ſ. w. Und wie frei von dieſen, und wie kritiſch über ihnen ſtehen nicht die Beſten hier, eine täglich wachſende Menge! Der Amerikaner beſte Sittenrichter und Kri⸗ tiker ſind— Amerikaner. Den öten März. Du dankſt mir für meine Briefe, gute Agathe. Ach! mir ſcheint, es ſeien ihrer ſo wenige, und dieſe wenige ſo armſelig. Ich dachte beſſer an Dich zu ſchreiben. Aber theils bin ich ſo oft unwohl und ver⸗ ſtimmt geweſen, daß ich nicht ſchreiben wollte; theils hat die tägliche Mühſeligkeit, Menſchen und Dinge zu chen zu⸗ zäh⸗ Nen⸗ ren, Ja, aner was ens⸗ Welt lich⸗ ber⸗ nche raus vor⸗ Feh⸗ ehen eben enne eure am⸗ nen nde Kri⸗ 275 ſehen, Beſuche und Billete zu empfangen u. ſ. w., meine ganze Beſinnung und Sammlung in Anſpruch genom⸗ men, und meine Briefe in die Heimath haben darunter leiden müſſen. Auch dieſer wird blos eine dürftige Summa Summarum von den Ereigniſſen der zwei letzten Wochen; ſie ſind wie der Strom dahin gefah⸗ ren, und ich erinnere mich ihres Inhalts kaum. In Boſton wohnte ich noch einigen conversations von Al⸗ cott bei. Sie feſſelten mich durch Waldo Emerſons Anweſenheit und Betheiligung bei denſelben. Mehrere intereſſante und talentvolle Perſonen fanden ſich dabei ein und alle Bänke wurden voll. Das Geſpräch ſollte die Haupttendenzen der Zeit betreffen. Es kam allerlei Schlaues zum Vorſchein, obſchon es ſehr ſchwer hielt, zu einem Mittelpunkt zu gelangen. Die Gegenſtände hatten eine ſtarke Neigung, gleich Irrſternen im Raum herumzufahren, ohne Sonne und Schwerpunkt. Aber Emerſons Anweſenheit ermangelt niemals eine gewiſſe gründliche Wirkung hervorzubringen, und allmälig ord⸗ nete ſich das Geſpräch zu einer Art von Diſputation, beſonders da Emerſon ſo klug war gewiſſe Perſonen aufzufordern, daß ſie ſich über verſchiedene Fragen ausſprechen möchten. Ein etwas ungebürſteter Geſell unter der Menge forderte auf einmal in unhöflichem Tone ihn ſelbſt auf, er ſolle Rede ſtehen und ſagen, was er unter dem moraliſchen Recht des Sieges auf Erden, Gerechtigkeit des Schickſals und mehreren ſol⸗ chen abſurden Behauptungen verſtehe, die er in ſei⸗ nen Schriften aufſtelle, und die den Grundſätzen des Chriſtenthums, ſowie den Zeugniſſen der Märtyrer ge⸗ radezu widerſtreiten, und alle Märtyrer als Thoren oder Betrogene erſcheinen laſſen würden. Der Ton, in welchem die Aufforderung erlaſſen wurde, war herb und anklagend. Die ganze Verſammlung richtete ihre Angen auf Emerſon. Ich konnte an ſeinem Athemzug eine etwas erhöhte Aufregung gewahren; aber als er 276 nach kurzem Beſinnen antwortete, war ſeine Art und Weiſe ebenſo ruhig, ſeine Stimme vielleicht noch mil⸗ der und melodiſcher als gewöhnlich, ſein Ton bildete einen ſtarken Kontraſt gegen den des Frageſtellers. „Allerdings,“ antwortete er,„halte ich dafür, daß Je⸗ der, der für etwas Wahres und Rechtes gekämpft und gelitten hat, zuletzt den Sieg behalten wird, wenn auch nicht in ſeiner erſten Erſcheinung, ſo doch ganz gewiß in ſeiner zweiten.“ Der Frageſteller ſchwieg bei die⸗ ſer Antwort, ſah aber böſe und zweifelhaft aus. Allmählig vertheilte ſich unter Emerſons Einfluß das Geſpräch in zwei Ströme, welche in Wahrheit die zwei Haupttendenzen der Zeit genannt werden konnten. Die eine Partei waren die Sozialiſten, welche den Menſchen und die Menſchheit durch die ſozialen Ein⸗ richtungen vervollkommnen wollen, und dieſe Richtung ſchien mehrere Sachwalter in der Verſammlung zu haben; die andere Partei, an deren Spitze Emerſon ſelbſt ſteht, will die Geſellſchaft durch die beſondere Vollendung jedes Individuums in ſich ſelbſt vervoll⸗ kommnen. Die erſteren beginnen mit der ganzen Ge⸗ ſellſchaft, die letzteren mit dem einzelnen Menſchen. Eine Perſon in der Geſellſchaft, die von Emerſon auf⸗ gefordert wurde ſich zu äußern, ſagte, ſie vereinige ſich mit Emerſon dahin, daß der Menſch die Vervol⸗ kommnungsarbeit mit ſich ſelbſt beginnen müſſe. Aber er müſſe ſich wie eine Braut ſchmücken, um ſich zur Vereinigung mit dem himmliſchen Geiſt geſchickt zu machen. Nur durchdieſe Vermählung werde die höchſte Menſchlichkeit erreicht; eine Bemerkung, welche Emerſon mit einem gedankenvollen Lächeln beantwortete. Und da dieſe Perſon ebenfalls lächelnd hinzufügte: „Sie ſehen, daß ich, wie meine großen Landsleute Swedenborg und Linné, großes Gewicht auf die Ehe lege,“ ſo erräthſt Du ſicherlich, wer die Perſon war.— „Sie glauben alſo, daß die Ehe von höchſter Wichtig⸗ und nil⸗ dete ers. Je⸗ und uch wiß die⸗ luß die ten. den in⸗ ing zu ſon ere oll⸗ He⸗ en. uf⸗ ige oll⸗ ber zur zu ſte ſon ind te: ute he ig⸗ 277 keit im Leben ſei?“ fragte Alcott ganz vergnügt.— Ja, die geiſtige. Sie iſt die einzige nothwendige.“ Damit ſchien Alcott weniger zufrieden. Alcott blieb übrigens dabei, uns alle zuſammen auf die Seite ſchaffen zu wollen, und ebenſo auch alle Kinder, mit Ausnahme einiger weniger auserwählten, deren Lehrer er ſelbſt werden und welche die Wieder⸗ geburt des Menſchengeſchlechtes erzielen ſollten. Nach⸗ dem die Verſammlung ſo ziemlich ihre ganze Weisheit und Unweisbeit ausgeſprochen hatte, ergriff Mr. Par⸗ ker(der Prediger) das Wort und gab eine vortreffliche, aber ſehr ſarkaſtiſche Zuſammenſtellung deſſen, was am Abend geſagt worden, beſonders auch der menſchen⸗ freundlichen Abſichten Alcotts für die gegenwärtige Generation. Als er ſchloß, ſpielte ein unwillkürliches Lächeln auf allen Geſichtern, auch auf dem Emerſons; aber er kehrte ſeinen adlerartigen Kopf— das Epi⸗ theton ſoll den Ausdruck deſſelben, wenn auch nicht gerade ſeine Züge bezeichnen— gegen den Kritiker und ſagte:„Dies iſt ganz richtig; es würde aber noch richtiger ſein, wenn es ſich hier um Beurtheilung eines Kathedervortrags und nicht einer freien, rückhaltloſen Beſprechung handelte. Aber hier könnte ein Wahlſpruch geltend gemacht werden, den ich bei einem meiner Freunde in England ſah, welcher einige Freunde zur Beſprechung intereſſanter Fragen bei 6 zu verſam⸗ meln pflegte. Er hatte nämlich über die Thüre des Geſprächszimmers einige Worte geſchrieben, deren ich mich leider nicht vollſtändig entſinnen kann, aber ihr Inhalt war folgender:„Jeder iſt willkommen zu äußern, was er für gut findet; aber es iſt verboten, über das, was geäußert worden iſt, Bemerkungen zu machen.“ Jetzt zeigte ſich ein neues Lächeln und offenbar auf Koſten Parkers. Dieſer ſchien etwas verblüfft, erröthete, ſagte aber nach einer kurzen Pauſe, er halte es für beſſer, über das Geſagte einige Bemerkungen zu machen, 278 als zuſammenzukommen und zu ſprechen, ohne ſich über die Gegenſtände der Beſprechung klar zu werden. Und jetzt lächelten wiederum Alle, und auch Emerſon mit Parker, und die Verſammlung brach munter auf, und ich fuhr heiterer und erbauter nach Hauſe, als ich mir jemals von einer Konverſation bei Alcott ver⸗ ſprochen hatte. Den Vorleſungen Mrs. Kembles wohnte ich noch ein paarmal mit großem Vergnügen bei. Und Ver⸗ gnügen und Intereſſe gewährte mir überdies ihre per⸗ ſönliche Bekanntſchaft. Sie iſt ein geiſtreiches und in jeder Beziehung reichbegabtes Weib von warmem Her⸗ zen und edlem Gemüth; ſie hat Munterkeit und Le⸗ bensgeiſter genug, um täglich ein Pferd zu Tode zu reiten, und jeden Mann oder jedes Weib zu meiſtern, der oder das ſie meiſtern wollte. In einem Augenblick ſtolz wie die ſtolzeſte Herrſcherin, kann ſie im andern gegen ein anſpruchsloſes Weſen, das ſie ſchätzt, de⸗ müthig und liebenswürdig ſein, wie ein liebenswürdi⸗ ges junges Mädchen. Prachtliebend und großartig in ihrer Lebensweiſe und ihren Gewohnheiten, kann ſie doch mitunter einfach ſein wie ein Bauernmädchen. Auf dem Land geht ſie oft in Mannskleidern und ſtreift in Wäldern und Feldern herum; einmal trieb ſie ſelbſt eine Kuh heim zu Miß C. Sedgewick, welche die ihrige verloren hatte, und jetzt von der„erhabenen Fanny“ dieſe zum Geſchenk erhielt. Notabene, fie wohnt in Miß Sedgewicks Nachbarſchaft, und die bei⸗ den Damen halten große Stücke auf einander. Sie kann die edelſten Gedanken ausſprechen, aber es fehlt ihr zuweilen an der feineren Weiblichkeit, und ſie ſcheint mir den wahren Werth ihres eigenen Geſchlechtes nicht zu verſtehen. Aber Shakeſpeare verſteht ſie und liest ihn unvergleichlich. Ihren Heinrich V, Brutus, Kleopatra(in der Todesſcene) vergeſſe ich nie. Bei ihrer Vormittagsvorleſung letzten Sonnabend — ber en. ſon uf, als er och er⸗ e⸗ in e⸗ Le⸗ zu rn, lick ern de⸗ di⸗ in ſie en. nd ieb che en fie ei⸗ Sie hlt ſie tes nd 18, 279 hatte ich Marie Lowell bei mir. Fanny Kemble las Shakeſpeares entzückendes„Wie's Euch gefällt“, und las es entzückend gut. Nach der Vorleſung bat ich ſie, mit der jungen Lowell einen Imbiß bei mir zu nehmen. Sie kam voll von ſchäumendem Leben, warm von der Vorleſung, warm vom Erfolg, von der Wärme aller Zuhörer, ihr Auge ſchien die ganze Welt auffaſſen zu können, und die erweiterten Raſenflügel ſchienen das reiche Leben der ganzen Welt einzuſaugen. Zufällig hatte auch Laura Bridgeman mit ihrer Pflegerin zu gleicher Zeit mich beſucht und ſaß in meinem Salon juſt als Fanny Kemble eintrat. Fanny Kemble hatte die blinde und taubſtumme Laura noch nie geſehen und wurde beim Anblick dieſer armen gefangenen Natur ſo ergriffen, daß ſie gewiß über eine Viertelſtunde in ihre Betrachtung verſunken daſaß, während große Thränen unaufhörlich über ihre Wangen rollten. Laura war eben nicht ganz wohl und deßhalb ungewöhnlich blaß und ſtill. Man kann ſich nicht leicht zwei größere Contraſte denken, als dieſe zwei Weſen, dieſe zwei Leben. Fanny Kemble mit allen Sinnen offen für das Leben, fähig das Leben in ſeiner ganzen Mannig⸗ faltigkeit und Fülle zu erobern; Laura Bridgeman vom Leben ausgeſchloſſen, ihre edelſten Sinneverſchloſſen und todt, ohne Geſicht, ohne Gehör, ohne Sprachver⸗ mögen. Und dennoch war vielleicht jetzt Laura die glücklichere von Beiden, wenigſtens in ihrem Gefühl des Daſeins. Auch jetzt gab ſie auf Befragen lebhaft ihr Gefühl des Glückes zu erkennen. Und Fanny Kemble weinte, weinte bitterlich. War es über Laura, über ſich ſelbſt, über den bloßen Kontraſt zwiſchen ihnen?— Ich ging ein paarmal zu ihr und erſuchte ſie einige Erfriſchungen zu nehmen, aber ſie antwortete blos„Schon gut,“ und ſie fuhr fort Laura anzuſehen, und ihre Thränen fuhren fort, zu rollen. Später be⸗ 280 ruhigte ſie ſich, und wir hatten mit Lowells ein leb⸗ haftes, intereſſantes Geſpräch. Fanny Kemble iſt, wie Du weißt, mit einem reichen Amerikaner und Sklavenbeſitzer, Mr. Butler, verheirathet geweſen, und lebt jetzt von ihm getrennt. Dieſe Ehe und ihre Folgen ſcheinen ihr Leben ver⸗ bittert zu haben, heſonders dadurch daß ſie von ihren beiden Kindern getrennt iſt. Ich habe ſie auf herzer⸗ greifende Weiſe darüber klagen gehört und kann nicht begreifen, wie der amerikaniſche Geſellſchaftsgeiſt, der gewöhnlich dem Weib und der Mutter günſtig iſt, ein ſolches Unrecht geſtatten kann, während der Fehler, der die Eheſcheidung veranlaßte, auf Seiten des Mannes lag. Eine Mutter von ihren Kindern trennen! Das ſollte nie geſchehen können, wenn die Mutter nicht ein offenbares Verbrechen begangen oder ihr Recht auf die Kinder abgegeben hat. In dieſer Ehetragödie haben die beiden Hauptperſonen jede ihre Freunde und An⸗ hänger; aber die allgemeine Stimme ſcheint für die Frau zu ſein. Ich kann ſchon glauben, daß Fanny Kemble vielleicht nicht die allerangenehmſte oder nach⸗ giebigſte Gattin war. Aber warum bemühte er ſich ſo beharrlich, ſie zu gewinnen? Er kannte ihre Gemüths⸗ art und ihre abolitioniſtiſchen Sympathien zum Vor⸗ aus, denn ſie iſt viel zu aufrichtig, um etwas zu ver⸗ hehlen. Merkwürdig iſt die Art von magnetiſcher Gewalt, welche dieſes in ſo vielen Dingen unweibliche Weib über eine Menge von Männern ausübt. Ich meines Theils bin, um mit einer ihrer Freundinnen zu ſprechen, ſehr froh, daß ſich eine Fanny Kemble in der Welt vorfindet, aber ich würde es für kein ſonderliches Glück achten, wenn ihrer zwei da wären. Meinen letzten Geſellſchaftsabend in Boſton brachte ich bei dem Maire der Stadt Mr. Quincy zu, der einer der älteſten Familien von Maſſachuſetts angehört. Die Tage unmittelbar vor meiner Abreiſe waren der —, -————.—„—— — ꝛ 281 Arbeit gewidmet, und der letzte, wo ich zu packen, mehrere Briefe zu ſchreiben, Beſuche zu machen und bis auf die letzte Stunde welche zu empfangen hatte, warf mich wieder in mein Elend und in meinen Fieber⸗ zuſtand. Aber als er zu Ende war, dieſer letzte Tag meines Aufenthaltes in Boſton, mit ſeinen verſchiedenen Scenen, ſeinen Arbeiten und ſeinen Kurioſitäten, und mit ihm ein Theil, und zwar ein bedeutender Theil meines Lebens in der nenen Welt, und als ich mir ſpät am Abend von dem jungen Vickers einige Kapitel aus dem Evangelium Johannis vorleſen ließ, da war es gut, da war es ſchön und lieblich. Und wenn auch jetzt die Thränenquelle ſprang, ſo hatte die Dankbar⸗ keit einen großen Theil daran. Denn war ſie nicht vorüber, dieſe Zeit der Niedergeſchlagenheit und Kränk⸗ lichkeit? Hatte ich nicht durch ſie einen der beſten, edelſten Menfchen, meinen guten Arzt und Freund Osgood kennen und lieben, und auch ſein herrliches Heilmittel ſowohl für Dich, als für mich kennen ge⸗ lernt? Und ich weiß jetzt auch, wie es den Kränklichen und Nervenſchwachen zu Muth iſt. Das habe ich früher nicht gewußt, und ich war geneigt, ungeduldig gegen ſolche Leute zu ſein. Hernach werde ich beſſer ſein. Dieſer letzte Abend war für mich wie eine lieb⸗ liche Friedensbotſchaft nach der unruhigen Zeit und dem unruhigen Tag. Ich reiſte am letzten Februar Morgens 8 Uhr von Boſton ab. Ich war ſeit 5 Uhr aufgeweſen. Nach der Eiſenbahnſtation wurde ich von Mr. King und dem jungen Mr. Vickers begleitet, und auf der Station, wen ſollte ich da noch ſehen? Meinen guten Doctor, der gekommen war, um mir Lebewohl zu ſagen, und den gefälligen Profeſſer How, der mir einen großen ſchönen Blumenſtrauß verehrte. Mit dieſem in der Hand fuhr ich in dem bequemen Wagen auf den Fittigen des Dampfes, im funkelnden Sonnenſchein an dem klaren 282 kalten Morgen, über Erwarten leicht an Seele und Leib, denn Tags zuvor war es mir lumpig zu Muth geweſen, dahin; aber ich hatte in der Nacht ziemlich gut geſchlafen und empfand eine Art von Gewiſſens⸗ frieden darüber, daß ich meine geſellſchaftlichen Pflichten in Boſton ſo gut wie möglich erfüllt hatte. Aber allerdings blickte ich auch mit einem neidiſchen Seufzer auf die Hühner, die vor den kleinen Landhäuſern am Weg im Sonnenſchein und Sand da lagen, ſich wärm⸗ ten und gütlich thaten, und ich dachte, es ſei weit ſeliger, eine Henne zu ſein, als eine Löwin. In Springfield wurde ich zum Mittageſſen im Union⸗Hotel eingeladen, hatte Beſuch von verſchiedenen Herrn und Damen und fabricirte Autographe. So weiter auf der fliegenden Fahrt. Der Himmel hatte ſich verdüſtert, er wurde trüber und immer trüber, und in vollkommenem Sturm, Schnee und Regen kam ich nach New⸗York. Aber im Bahnhof erwarteten mich Diener und Wagen, geſchickt von Marcus Spring. Und eine halbe Stunde ſpäter war ich in Roſenhütte zu Brooklyn, auf's Herzlichſte empfangen von meinen vortrefflichen Freunden, mit denen ich bis in die ſpäte Nacht Thee trank und plauderte. Und jetzt bin ich bei ihnen und kann mich hier auf einige Tage vor der Welt verbergen. Dieß iſt herrlich, und ich hoffe mich hier vollkommen erholen zu können, bevor ich mich nach dem Süden begebe. Ich habe hier alle Ruhe und Freiheit, die ich nur wünſche, und Springs Lebensweiſe iſt auch in Bezug auf die Nahrung einfach und geſund, und ſie ſelbſt und die Kinder und Roſenhütte mit ſeinem unverletzlichen Bezirk— ja, noch einige ſolche Häuſer, und die neue Welt iſt auch die beſſere Welt! Aber hier iſt es noch ſehr kalt, und ich ſehne mich nach dem Süden, nach einer anderen und milderen Luft. Das Klima von Maſſachuſetts iſt mir nicht hold —— nd th ich 8⸗ en er er m — * it ———„ — 283 geweſen. Dennoch danke ich Maſſachuſetts für einige herrliche Frühlingstage mitten im Winter, für ſeinen ſchönen hochblauen, ſtrahlenden Himmel, für ſeine ſtatt⸗ lichen Ulmen, in deren langen, wehenden Zweigen der Oriole ſo zuverſichtlich ſein im Winde ſchwankendes Neſtchen baut; ich danke ihm für ſeine ländlichen Häuſer, wo Gottesfurcht und Fleiß, Familienliebe und reine Sitten heimiſch ſind. Das Schulweſen allda hat meine ganze Achtung und mehrere vortreffliche Menſchen meine volle Liebe. Der guten Stadt Boſton ſchenke ich meinen Segen, und ich bin zwar für den Augen⸗ blick froh von ihr fort zu ſein, aber ich hoffe wieder zu kommen, denn ich muß meine Freunde dort wieder ſehen, wenn die Ulmen Blätter bekommen haben, vor Allen meinen guten Doctor und Lowells! Ich danke dem Lande der Pilger hauptſächlich auch für ſeine Ideale, für ſeine Begriffe von einem höchſten Geſetz in der Geſellſchaft, einem Gottesgeſetz, dem mehr gehorcht werden muß als dem Menſchengeſetz, für ſeine Begriffe von einer Menſchenwürde, die höher iſt als die gang⸗ bare Moral, welche die höchſte Reinheit in den Sitten als Ziel des Mannes feſtſtellen, und keine ſchlaffen Conceſſionen dulden; ich preiſe es um ſein edles Ge⸗ fühl für des Weibes Recht auf Entwicklung zum bür⸗ gerlichen Leben; um ſein Gefühl für die Ehre der Arbeit und für das Recht aller guten Arbeiter auf ehrlichen Arbeitslohn; ich danke ihm für ſein groß⸗ artiges Wollen und Beſtreben, Alles Allen zu geben, für die kleinen Colonien, wo die Kinder der neuen Welt die göttliche Lehre von der allgemeinen Brüder⸗ ſchaft zu verwirklichen verſuchen. Man ſagt, ſolche Ideale ſeien unpraktiſch. Für hohe Seelen iſt nichts Hochſinniges unpraktiſch. An ſolchen unpraktiſchen Idealen wächſt die Geſellſchaft näher zum Himmel, näher zu Gottes Reich, durch ſolche Ideale kommen die 284 Dinge, welche bebend ſich darin feſtwurzeln, in einen Zuſtand, wo ſie nicht mehr beben. Sonntag, den 10ten März. Pch komme aus einer presbyterianiſchen Kirche, wo ich einen jungen Geiſtlichen aus dem Weſten über das„Poſitive im Chriſtenthum“ predigen hörte: einer der beſten improviſirten chriſtlichen Vorträge, die ich in irgend einem Lande vernommen. Der Prediger, Henry Beecher, iſt ein junger Mann voll von Leben und Energie, und predigt aus einer Erfahrung des chriſt⸗ lichen Lebens, die ſeinen Worten eine ergreifende Macht verleiht. Dabei ſcheint er mir ungewöhnlich frei vom Sektengeiſt, und er hält ſich mit Kraft und Klarheit an das gemeinſchaftliche Licht und Leben aller chriſt⸗ lichen Kirchen. Er iſt auch witzig und ſcheut ſich nicht, ſeine Predigt mit humoriſtiſchen Einfällen zu beleben, und mehr als einmal brach in der vollgepropften Kirche ein allgemeines Lachen aus, was nicht verhinderte, daß die Gemeinde bald in der Stimmung war, Freuden⸗ thränen der Andacht zu vergießen. Dieß war der Fall bei dem Gebet des jungen Prieſters über das Brod und den Wein im Nachtmahl, und Thränen ſtrömten auch über ſeine Wangen, als er in eine ſtill entzückte Betrachtung über das lichte Myſterium des Nachtmahls, über die in Chriſti Leib(Fleiſch und Blut) neugeborne Menſchheit verſank.„Wenn wir mit nnſern Neben⸗ menſchen oder unſern Freunden zur Communion gehen, ſo ſollten wir dieſen Gedanken für uns lebendig machen, wir ſollten ſie vom Standpunkt der chriſtlichen Ver⸗ wandlung aus betrachten und denken: Wie ſchön wird nicht mein Gatte, mein Freund, mein Bruder werden, wenn dieſer Fehler oder dieſes Gebrechen wegfällt, wenn er durch das göttliche Leben verklärt daſteht! en 285 O wie geduldig, wie ſanft, wie liebreich und hoffnungs⸗ voll können wir nicht dann werden!“ Dies war die Richtung der Predigt des jungen Geiſtlichen; aber wie innig und hinreißend er ſprach, kann ich nicht beſchreiben. Am Nachtmahl, wozu er alle anweſenden Chriſten ohne Unterſchied des Namens und der Sekte, auch Fremdlinge aus andern Ländern einlud, uahm auch ich Theil. Das Brod(kleine vier⸗ eckige Stückchen Brod auf einem Teller) und der Wein wurden an den Bänken umhergetragen und von Hand zu Hand gereicht, was der Handlung viel von ihrer Feierlichkeit nahm. Wie ſchön iſt nicht unſer Altar⸗ gang und nach dem Altargang der Hallelujahgeſang der Gemeinde! Das Ritual unſerer ſchwediſchen Kirche ſcheint mir auch als Ausdruck des religiöſen Bewußtſeins der Ge⸗ meinde beſſer und vollkommener als das von irgend einer andern Kirche, die ich kenne, was mich indeß nicht hindert zu glanben, daß es noch vollkommener ſein könnte. Aber die Predigt und der Kirchengeſang ſind im Allgemeinen hier zu Lande beſſer. Die erſtere hat bedeutend mehr Leben und Anwendung auf das wirkliche Leben; der letztere hat auch mehr Leben und Schönheit, und er würde noch mehr haben, wenn wirk⸗ lich die Gemeinde ſänge. Aber ich habe am Kirchen⸗ geſang in den Vereinigten Staaten das auszuſetzen, daß er gewöhnlich von einem eingeübten Chor auf der Em⸗ porkirche geſungen wird und daß die übrige Gemeinde ſtumm daſitzt und zuhört, wie ſie in einem Concertſaal ſitzen könnte. Einige folgen dem Geſang, indem ſie in den Pſalmbüchern leſen, aber viele öffnen dieſe nicht einmal. Wenn ich manchmal meine Stimme mit denen des Sängerchors vereinige, ſehe ich oft, daß meine Nachbarn mit einiger Verwunderung ſich umſchauen. Und gleichwohl ſind die Hymnen und Kirchenlieder hier ſo voll von rythmiſchem Leben, ſie haben ſo anregende 286 Töne und auch einen ſo belebenden ſchönen Text, daß ich meine, man müßte ſie von Herz und Seele ſingen. Unſre vielen, langen, ſchwerfälligen Pſalmen in Schwe⸗ den, die voll von Selbſtbetrachtungen ſind und immer daſſelbe wiederholen“), finde ich hier nicht,— auch nicht den einförmigen, abgemeſſenen, ſchleppenden Takt, der alles Leben in der Seele und im Geſang tödtet und macht, daß ich, wenn ich einen Pſalm beginne, immer mit einer gewiſſen Furcht auf ſeine Länge blicke. Denn iſt er lang, ſo beendige ich ihn nie, ohne müd und ſchläfrig zu werden, wenn ich ihn auch mit war⸗ mem Herzen begonnen habe. Und geht es Andern wohl anders? Ich habe mich oft während des Geſangs in ſchwediſchen Kirchen umgeſehen und eine Menge ſtiere, träumeriſche Blicke, halboffene Munde, die kein Wort ausſprechen und vergeſſen ſich zu ſchließen, mit einem Wort, eine Art albernen Ausdruck erblickt, der mir ſagt, daß die Seele fort iſt, und während ich darauf ſehe, bemerke ich, daß es mit mir auch ſo iſt. Dagegen ſcheint es mir, als ob wir beſſere Gebete hätten, als die Gemeinden hier. Wir könnten aber immerhin noch beſſere haben. In der episcopalen Kirche hier werden die Gebete laut nach einer Vorſchrift im Buche verleſen und oft kann die Seele nicht dabei ſein. Das iſt dann ein bloßes Geplapper. In den unitariſchen Kirchen betet der Prediger für die Gemeinde und im Namen der Ge⸗ meinde ein unendlich langes Gebet, welches den Uebel⸗ ſtand hat, daß es gar zu viel und in zu vielen Wor⸗ ten ſagt, und dennoch nicht das ſagt, was zu ſagen jeder Einzelne ein Bedürfniß empfindet. Wie oft habe 0 Von nnſern herrlichen Pſalmen, die an religöſem Leben mit den ſchönſten Pfalmen aller Völker wettei⸗ fern, wo nicht ſie übertreffen, ſpreche ich hier nicht. ———„—— ——— daß en. we⸗ mer uch akt, und mer nüd ar⸗ ohl in ere, ort em mir auf gen als och ete oft ein tet e⸗ el⸗ or⸗ en be m 2 287 ich nicht während dieſer langen Gebete, wo beſtändige Wiederholungen vorkommen, gedacht, wie weit vollkom⸗ mener wäre es, wenn der Prieſter blos ſagte: Herr, hilf uns! oder: Herr, laſſe deine Angeſicht leuchten über uns! Das allerbeſte wäre, wenn man, wie Jean Paul vorſchlägt, blos ſagte: Laßt uns beten! Und dann ſollte eine ſchöne innige Muſik beginnen, während welcher alle ſtill nach den Bedürfniſſen und Eingebungen ihrer Seele beten würden. Sicherlich würden dann die Ge⸗ bete reiner und wärmer emporſteigen, als ſie je von Menſchenformeln und Zungen vorbuchſtabirt worden ſind. Ein Gottesdienſt im Geiſt und in der Wahrheit, ein lebendiger Ausdruck des chriſtlichen Lebens und der chriſtlichen Wahrheit,— wann werden wir einen ſol⸗ chen auf Erden haben?1... Aber ich muß noch einige Worte von dem jungen Schüler Calvins, von Henry Beecher ſprechen, der in⸗ zwiſchen das Harte und Verſteinerte in Calvins Ortho⸗ doxie weit hinter ſich läßt, und bis zu einer wahrhaft chriſtlichen Gnadenlehre— einer Gnade für Alle vor⸗ gedrungen iſt. Er war geſtern Abend bei mir und er⸗ zählte, wie er als Miſſionär im Weſten unter freiem Himmel den Völkern der Wildniß gepredigt und auf einſamen Reiſen in der großen urſprünglichen Natur, unter täglichen Erfahrungen deſſen, was im Leben des Chriſtenthums am kräftigſten auf friſche Menſchenſeelen wirkt, ſich ſelbſt allmälig ſeine innere Welt, ſeine reli⸗ giöſen Fragen klar gemacht habe und aus der alten verſteinerten Kirche in eine umfaſſendere und lichtvollere getreten ſei. Er beſchrieb auf eine höchſt maleriſche Art die nächtlichen Zuſammenkünfte im Weſten, die Tauf⸗ ſcenen an Flüſſen und Strömen, mit ihren poetiſchen ſowohl als oft auch komiſchen Zügen. In dieſem jun⸗ gen Mann ſteckt etwas von der Weite und der Wachs⸗ thumsfähigkeit des großen Weſtens, aber auch etwas 288 von ſeiner— Rohheit. Er iſt ein muthiger und war⸗ mer Kämpfer für das junge Amerika, zu gut begabt und ſchon zu hoch emporgekommen, s daß er nicht ſein Ich ſehr bedeutend fühlen ſollte. Und auch in ſei⸗ ner Predigt trat dieſes Ich etwas zu ſehr hervor. Aber immer mehr und mehr fühle ich, welch großes Intereſſe es mir gewähren wird, den großen Weſten zu be⸗ ſuchen, wo Wachsthum(growth) das einzige geltende Loſungswort zu ſein ſcheint, wo in dem ungeheuren Miſſiſippithal zwiſchen den Alleghani und den Felsber⸗ gen(Rocky mountains) Raum für eine größere Volks⸗ menge vorhanden ſein ſoll, als ganz Europa beſitzt, und wo ein großes neues Volk ſich durch Vereinigung aller Völkerſchaften im Schvoße einer großen und mäch⸗ tigen Natur entwickelt, die gleich einer ſtarken Mutter ſie zu einer ſtärkeren und höheren Menſchheit erziehen wird. Ich hatte im Siun gehabt, von New⸗York jetzt in Geſellſchaft der Mrs. Kirkland, die mir das vorgeſchla⸗ gen, nach Philadelphia und ſodann mit Anna Lynch nach Washington zu reiſen, um allda einigen Sitzungen des Congreſſes anzuwohnen und ſeine Löwen zu ſehen. Aber ich habe noch immer eine ſolche Scheu vor An⸗ ſtrengung im Geſellſchaftsleben, und es liegt mir ſo viel daran, in den Süden zu kommen, ſo lange die Jahreszeit dazu am beſten iſt(ſchon im Mai wird die Hitze in den ſüdlichen Staaten gar zu groß), daß ich auf den Rath meiner Freunde beſchloſſen habe, nächſten Sonnabend das Dampfboot nach Charlestonn in Süd⸗ karolina zu nehmen. In drei Tagen bin ich dort und wahrſcheinlich im vollen Sommer chier iſt jetzt alles mit Schnee bedeckt). Von da mache ich Ausflüge nach ver⸗ ſchiedenen Orten, wohin ich eingeladen bin, in Carolina und Georgia, bringe in dieſem ſüdlichen Paradies von Nordamerika die Monate März und April zu, gehe im Mai nach Waſhington, kehre nach einem vierzehntägigen r⸗ bt ht ei⸗ er ſſe e⸗ en 8⸗ st, g h⸗ ter en in d en n. — * ſo ie ie ch en nd tit r⸗ na on im 289 Aufenthalt daſelbſt hieher zurück, fahre von da weſt⸗ wärts nach Cincinnati im Ohioſtaat, hierauf nach Illi⸗ nois und Wiskonſin, wo ich meine Landsleute, Schwe⸗ den und Norweger ſehen, und mich recht genau über ihr Befinden erkundigen will. Hierauf fahre ich durch die großen Binnenſeen an den Niagara, wo ich auf Ende Juni eine Zuſammenkunft mit Downings und Lowells verabredet habe. So ſieht jetzt meine Reiſekarte aus, und ich bin überzeugt, daß ich den Gedanken eines guten Gei⸗ ſtes von meiner ſchwediſchen Heimath mit mir auf dem Weg haben werde. Mit ihm und meinem kleinen Reiſekobold wird alles gut gehen. Es kann wohl geſchehen, daß ich Dir nachher nicht mehr ſo oft ſchreiben kann wie bisher, aber einmal wenigſtens im Monat wirſt Du Briefe erhalten, und ich werde mir es angelegen ſein laſſen, beſſere zu ſchreiben als bisher. Ach! wenn ich nur ſo geſund werde, wie ich jetzt den Anſatz dazu in mir verſpüre, ſo werde ich viel leben und denken und ſchreiben. Manchmal iſt mir auch zu Muth, als ob ein Buch über Amerika den Kopf in mir emporſtrecken wollte. Aber dies ſieht ganz anders aus als alle an⸗ dern Bücher. Da kommt jetzt die Sonne und ſcheint auf mich herein in meinem gemüthlichen Stübchen in Roſenhütte. Möchte ſie auch zu Dir hineinſchauen, und Frühling und warme Winde, Salzbäder und große Geſundheit verkündigen! Den 13. März. Es iſt aus meiner Reiſe nichts geworden. Das Schiff, mit dem ich gehen zu können glaubte, war an einen Kalifornienfahrer verkauft worden, und das nächſte Dampfboot nach Charlestonn ſollte erſt Sonnabend über vierzehn Tage abgehen. So lange mit meinem Be⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 19 290 ſuch im Süden zu warten, dazu hatte ich weder Zeit noch Luſt. Ich habe deßhalb beſchloſſen, mit einem Segelſchiff zu gehen, und Markus Spring hat auf einem guten und ſichern Paketboot einen Platz für mich enommen. Bekomme ich guten Wind, ſo kann die Fahrt in 4—5 Tagen von Statten gehen, und ich denke, es ſoll ſehr angenehm ſein zu ſegeln. Wird der Wind widrig und die Fahrt ſtürmiſch, ſo— geht es wohl auch. Ich habe nichts dagegen, jetzt ein Bischen mit Winden und Wellen zu kämpfen. Heute habe ich ge⸗ packt und mich ganz fertig gemacht, und obſchon es bläſt und ſchneit, fühle ich mich doch ganz leicht und reiſeluſtig. Der Wikingerſinn regt ſich wieder in mir und Mich däucht ſo lieblich der Wellen Geſang, Die da gehen im brauſenden Meer. Es wird mir auf ihnen beſſer zu Muth werden, als den gasbeglänzten Salons Boſtons und New⸗ Yorks. Ich habe jetzt eine Woche bei Mrs. Kirkland in New⸗York zugebracht. Sie iſt nicht das heitere und ſcherz⸗ hafte Weſen, das ihr Buch„Eine neue Heimath im Weſten“ uns vermuthen ließ. Sie wird immer beden⸗ tender. Der humoriſtiſche, ſpielende Sinn iſt unter⸗ drückt von Sorgen und Unglücksfällen, blitzt aber zu⸗ weilen vor und verräth auch dann einen tiefen Ernſt der Seele. Sie iſt ein warmes kräftiges Weib und eine ächte Bürgerin; ſie erhält ſich unter ſchweren Pri⸗ fungen oben durch Religion, ſowie durch die Arbeit für ihre vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter (der jüngſte Sohn Willis und die Tochter Cordelia ſind meine beſonderen Günſtlinge). Die Freundſchaft für den ausgezeichneten und edeln Prediger Bellows, ſowie ihre bürgerliche Wirkſamkeit als Schriftſtellerin machen ihr Leben reich. Sie gehört zu den Naturen, in wel⸗ chen das Weibliche und das Männliche harmoniſch ver⸗ — ——— — — 2 SS„E„„———„—.— Zeit inem auf mich die enke, Vind wohl mit ge⸗ nes und und den, tew⸗ d in erz⸗ im deu⸗ ter⸗ zu⸗ rnſt und rü⸗ beit hter elia für wie hen vel⸗ er⸗ 291 einigt ſind, die dadurch ein ſchönes Aplomb im Leben gewinnen und auf ihre Umgebungen einen leitenden Einfluß ausüben. Bei ihr ſah ich eine Miß Haynes, die Miſſionärin in China war, und jetzt, obwohl noch jung und ſchön, einer großen Mädchenpenſion in New⸗ York vorſteht. Sie intereſſirte mich durch ihre Per⸗ ſönlichkeit, ſowie durch ihre anſprechenden Erzählungen von Miß Dorothea Dix(der Mrs. Fry der neuen Welt) und ihrer ungewöhnlichen Charakterkraft und Thätigkeit. Ich hoffe, dieſen Engel der Gefängniſſe und Spitäler noch treffen und ihr die Hand küſſen zu können für das, was ſie iſt und was ſie thut. Bei Mrs. Kirkland ſah ich auch den jungen Wan⸗ dersmann Bayard Taylor, einen ſchönen Yankeejüng⸗ ling, der neulich aus Kalifornien gekommen iſt. Und ich war froh, ſeine Erzählungen vom Goldland, beſon⸗ ders von ſeiner Natur, ſeinem Klima, ſeinen Pflanzen und Thieren zu hören. Weil ich gerade an ihm bin, ſo will ich dir doch einmal ſagen, was ein Yankee iſt und was er mir zu ſein ſcheint. Unter Yankee verſteht mau eigentlich einen Eingebornen Neuenglands, einen Vertreter des „80 a head“ Amerika, des jungen welterobernden Ame⸗ rika. Er iſt ein junger Mann(gleichviel ob er auch alt iſt), der ſich im vollen Vertrauen auf eigene Kraft ſeinen eigenen Weg in der Welt bahnt, vor nichts ſtuzt, vor nichts zurückweicht, nichts unmöglich findet, Alles glaubt, Alles hofft, Alles verſucht und allezeit derſelbe, durch Alles hindurch geht und aus Allem her⸗ aus kommt. Fällt er, fo ſteht er ſogleich wieder auf und ſagt:„no matter“(macht nichts¹), Mißlingt ihm etwas, ſo ſagt er:„Mußt's noch einmal verſuchen“! und:„Nur immer zu!“ Und ſo beginnt er von Neuem und unternimmt etwas Anderes und ruht nicht, bevor etwas geglückt iſt. Nein, er ruht auch da nicht. Er ruht niemals. Sein Werk und ſein Wille iſt, immer 292 zu wirken, zu bauen, von Neuem voder mit neuen Wer⸗ ken zu beginnen, die ſtets ihm ſelbſt oder ſeinem Lande eine neue Entwicklung oder Erweiterung geben ſollen. Und Jemand hat mit Recht geſagt, daß alle Herrlich⸗ keiten des Himmels einen Amerikaner nicht an einem Ort halten würden, wenn er wüßte, daß es weiter weſtlich noch einen andern Ort gebe. Da muß er hin um zu pflanzen und zu bauen. Das iſt wieder Wikin⸗ ger Sinn, aber nicht der heidniſche, ſondern der chriſt⸗ liche, der nicht erobert, um zu zerſtören, ſondern um zu veredeln. Und er thut dieß nicht mit Ach und Weh, ſondern munter und gutlaunig. Er könnte auch bei allen Wi⸗ derwärtigkeiten ſeinen Yankee⸗Doodle ſingen, denn geht es nicht auf die eine Art, ſo geht es auf die andere. Er iſt auf der Erde daheim und kann alle Dinge zu ſeinem Dienſt verwenden. Der Yankee⸗Doodle iſt der Vertreter des Volkshumors. Er iſt, noch ehe er über das mittlere Alter hinauskommt, Schullehrer, Acker⸗ bauer, Advokat, Krieger, Schriftſteller, Staatsmann geweſen, hat ſich in allen Gewerben verſucht, iſt in allen heimiſch geweſen und dazu auf der halben oder ganzen Erde herumgereiſt. Wohin er kommt und unter wel⸗ chen Umſtänden, trägt er ein doppeltes Bewußtſein in ſich, das ihn ſtark und ruhig macht, nämlich daß er ein Mann iſt, der ſich auf ſich ſelbſt verlaſſen kann, und daß er der Bürger eines großen Volkes iſt, welches die Beſtimmung hat, das größte auf der Erde zu werden. So fühlt er ſich als Herr der Erde und er beugt ſich vor Niemand außer vor dem Herrn aller Herrn. Aber zu dieſem blickt er mit kindlichem Glauben und Ver⸗ trauen auf. Dieſer Charakter kann ſonderbare, zuwei⸗ len lächerliche Seiten zeigen, aber er hat unläugbar eine friſche, zwangloſe Größe und kann viel Großes ausrichten. Und was die Löſung des größten Problems und höchſten Zieles der Menſchheit, die Erſchaffung er⸗ nde len. ich⸗ em iter hin in⸗ iſt⸗ zu rn i⸗ ht re. zu er er p nn en en ⸗ in er id ie . er r⸗ 3 293 eines Volkes von Brüdern betrifft, ſo glaube ich, daß der Vater der Völker ſeine Hand auf das Haupt des jüngſten Sohnes gelegt und(wie unſer König Carl IX.) geſagt hat:„Er wird es thun.“ Als eines der luſtigen, charakteriſtiſchen Beiſpiele des Yankeegeiſtes habe ich oft die Reiſe eines jungen Mannes(eines Bruders von Charles Sumuer) anfüh⸗ ren gehört, der nach Petersburg ging, um dem Kaiſer Nikolaus eine Eichel zu ſchenken. Aber ich muß dir die Geſchichte ſo erzählen, wie Maria Child in ihren unterhaltenden„Briefen aus New⸗York“ ſie mittheilt. Mr. Dallas, der noch vor einigen Jahren Geſandter der Vereinigten Staaten in St. Petersburg war, ſah eines Tags einen hochgewachſenen Jüngling von 19 Jahren in ſein Zimmer treten. Er war ein vollkom⸗ menes Specimen des Genus Yankee, mit zu kurzen Rockärmeln für ſeine knochigen Arme, mit Hoſen, die an die Kniee hinaufſtrebten, während ſeine Hände mit Kupferpfennigen und Zehn⸗Stüberſtücken in ſeinen Ta⸗ ſchen ſpielten. Er intreducirte ſich mit den Worten: „Ich bin juſt mit einigen wenigen Yankeeartikeln ge⸗ kommen, um zu handeln, und ich wünſchte den Kaiſer zu ſehen.“ „Warum wünſchen Sie ihn zu ſehen?“ „Ich habe ihm auf dem ganzen Weg von Amerika her ein Präſent mitgebracht. Ich achte ihn recht an⸗ ſehnlich und ich wünſche zu ihm zu kommen, um es ihm mit meinen eigenen Händen zu geben.“ Mr. Dallas antwortete lächelnd:„Es iſt ein ge⸗ wöhnlicher Brauch, mein Junge, gekrönten Häuptern Geſchenke zu geben, in der Erwartung, etwas Schönes dagegen zu bekommen, und ich fürchte, der Kaiſer wird es blos als einen Yankeekniff betrachten. Was haben Sie für ihn mitgebracht?“ „Eine Eichel.“ 294 „Eine Eichel! Was in aller Welt veranlaßte Sie, dem Kaiſer von Rußland eine Eichel zu bringen?“ „Nun, juſt kurz bevor ich unter Segel ging, reiſten meine Mutter und ich nach Washington, um uns nach einer Penſion zu erkundigen, und als wir dort waren, dachten wir, wir ſollten auch Mount Vernon*) ſehen. Dort pflückte ich die Eichel hier und ich dachte bei mir ſelbſt, ich ſollte ſie dem Kaiſer bringen. Wahrſchein⸗ lich, dachte ich, muß er von unſerem General Washing⸗ ton viel gehört haben und ich glaube, daß er unſere Inſtitutionen ſehr bewundern wird. So habe ich, wie Sie ſehen, ſie hiehergebracht und jetzt will ich zu ihm kommen.“ „Mein Junge, es iſt für einen Fremden nicht leicht zum Kaiſer zu kommen und ich fürchte, daß er ſich aus Ihrem Geſchenk nicht viel machen wird.“ „Ich ſage Ihnen, daß ich ein Geſpräch mit ihm haben will. Ich meine, daß ich ihm allerlei von Ame⸗ rika erzählen könnte. Gewiß wird er anſehnlich zu⸗ frieden ſein, wenn er von unſern Eiſenbahnen hört und welche große Furchen uuſere Dampfſchiffe ſchneiden. Und wenn er hören wird, wie galant unſer Volk vor⸗ wärts geht, ſo wird es ihn vielleicht in Thätigkeit ſetzen, auch etwas zu thun. Das Lange und Kurze an der Sache iſt, daß ich mich nicht zufrieden gebe, bevor ich mit dem Kaiſer geſprochen habe, und es würde mich auch freuen ſein Weib und ſeine Kinder zu ſehen. Ich will ſehen, wie ſolches Volk eine Familie auferzieht.“ „Nun wohl, Sir, da Sie ſo entſchloſſen ſind, ſo will ich Alles für Sie thun, was ich kann. Aber Sie müſſen ſich darauf gefaßt halten, Ihren Wunſch nicht erfüllt zu ſehen. Obſchon dieß ein etwas ungewöhnlicher *) Washingtons früheres Gut und der Platz wo er be⸗ graben iſt. —— Sie, ſten ach en, en. mir in⸗ Rg⸗ ſere wie icht us hm ne⸗ u⸗ ört en. or⸗ en, nit ch ill ie ht er 295 Weg iſt, ſo möchte ich Ihnen gleichwohl rathen dem Vice⸗ kanzler Ihre Aufwartung zu machen und Ihre Wünſche vorzutragen; er kann Ihnen möglicherweiſe helfen.“ „Gut, das iſt Alles was ich von Ihnen wünſche.— Ich werde wieder kommen und Sie wiſſen laſſen, wie ich mich hinausſchlage.“ Nach zwei oder drei Tagen kam er wieder und ſagte:„Nun, ich habe den Kaiſer geſehen und habe ein Geſpräch mit ihm gehabt. Er iſt ein wirklicher Gent⸗ leman, kann ich Ihnen ſagen. Als ich ihm die Eichel gab, ſagte er, er werde neben ihr eine große Bude er⸗ richten; es ſei kein Charakter in der alten und neuen Geſchichte, den er ſo ſehr bewundere wie unſern Washing⸗ ton. Er ſagte, er werde ſie mit eigener Hand in ſei⸗ nen Schloßgarten pflanzen, und er that dieß, denn ich ſah ihn mit meinen eigenen Augen. Er wollte mich ſo vieles von unſern Schulen und Eiſenbahnen fragen und das Eine und Andere, ſo daß er mich erſuchte wieder zu kommen, um ſeine Töchter zu ſehen, denn er ſagte, ſeine Frau könne beſſer engliſch ſprechen als er. Ich ging alſo geſtern wieder zu ihm und ſie iſt ein fei⸗ nes kluges Weib, kann ich Ihnen ſagen, und ſeine Töch⸗ ter ſind artige Mädchen.“ „Was ſagte die Kaiſerin zu Ihnen?“ „O ſie ſtellte eine ganze Menge Fragen an mich. Glauben Sie wohl, daß ſie meinte, wir hätten in Amerika gar kein Geſinde? Ich ſagte ihr, arme Lente verrichten ihre eigene Arbeit, aber reiche Leute haben Diener im Vollauf. Aber dann nennt Ihr dieſe Leute nicht Diener, ſagte ſie, Ihr nennt ſie Helfer.— Ich vermuthe Madame, daß Sie Mrs. Trollope geleſen haben, fagte ich. Wir hatten dieſes Buch da auf un⸗ ſerm Schiff an Bord. Da klatſchte der Kaiſer in die Hände und lachte laut auf. Sie haben Recht, Sir, ſagte er, wir ſchickten nach einem engliſchen Exemplar und ſie hat es juſt dieſen Morgen geleſen. Da ſagte ich 296 ihm Alles was ich von unſerem Land wußte, und er war ſehr vergnügt. Er wollte wiſſen, wie lang ich hier am Ort bleiben würde. Ich ſagte ihm, daß ich all die Artikel, die ich mit mir gebracht, verkauft habe, und daß ich vermuthlich mit demſelben Schiff wieder umkehren würde. Und ich ſagte ihnen allen ſammt und ſonders Adieu und ging wieder meinen Geſchäften nach. Habe ich meine Sache nicht gut gemacht? Vermuthlich rechneten Sie nicht darauf, daß ich mich ſo durchbeißen würde, Mr. Dallas?“ „Nein, in Wahrheit, mein Junge, ich glaubte das nicht. Sie können ſich glücklich ſchätzen, denn es iſt ſehr ungewöhnlich, daß gekrönte Häupter einen Fremd⸗ ling mit ſo großer Auszeichnung behandeln.“ Einige Tage ſpäter kam der Jüngling wieder und ſagte:„Ich vermuthe, daß ich noch eine Weile länger hier bleiben werde, man begegnet mir ſo freundlich. Nenlich kommt ein großer Offizier zu mir in mein Zim⸗ mer und ſagt mir, der Kaiſer habe ihn geſchickt, um mir alle Merkwürdigkeiten zu zeigen; und ich kleidete mich an und er nahm mich mit in einem ſehr raren Wagen mit 4 Pferden; und ich bin im Theater und im Muſeum geweſen und ich vermuthe, daß ich unge⸗ fähr alles geſehen habe, was in St. Petersburg zu ſehen iſt. Was ſagen Sie dazu, Mr. Dallas?“ Es klang ſo unglaublich, daß ein armer unge⸗ hobelter Yankeejüngling auf ſolche Art mit Aufmerk⸗ ſamkeiten überhäuft werden ſollte, daß der Geſandte nicht recht wußte, was er glauben und denken ſollte. Nach kurzer Zeit kam ſein ſonderbarer junger Lands⸗ mann wieder zum Vorſchein:„Nun, ſagte er, ich hatte mich entſchloſſen wieder nach Haus zu fahren und ſo ging ich hin um dem Kaiſer zu danken. Ich dachte, ich könnte nicht weniger thun, er war ſo artig geweſen. Da ſagte er: Gibt es noch etwas Anderes, das Sie zu ſehen wünſchen, ehe Sie nach Amerika zurückkehren? +———+——+——-—„8 —— ———— — ———————— 297 Ich ſagte ihm, daß ich gerne Moskau anſehen möchte, denn ich hatte eine Menge Sachen gehört, wie ſie Feuer im Kreml anzündeten, und ich hatte gar viel vom Ge⸗ neral Bonaparte geleſen; aber es würde viel Geld ko⸗ ſten, dahin zu kommen, und ich wolle das, was ich verdient habe, der Mutter heimbringen. So daß ich ihm Adien ſagte und ging. Aber was meinen Sie, daß er am nächſten Morgen that? Ich ſchwöre Ihnen, daß er denſelben Mann in Uniform ſchickte, um mich in einem ſeiner eigenen Wägen nach Moskau zu füh⸗ ren und wieder zurück, wenn ich alles geſehen habe, was ich ſehen will. Und wir werden morgen fortfah⸗ ren, Mr. Dallas. Was denken Sie jetzt?“ Und wirklich fährt am nächſten Morgen der Yan⸗ keejunge in einem prächtigen Vierſpänner am Hauſe des Ambaſſadeurs vorüber, indem er mit ſeinem Nas⸗ tuch winkte und Adieu! Adieu! rief. Mr. Dallas hörte ſpäter von dem Kaiſer ſelbſt, daß das was der Jüngling ihm erzählt hatte, vollkom⸗ men wahr war. Er hörte von ihm ſpäter aus Moskau, wo er von den ſtädtiſchen Beamten begleitet und mit derſelben Auszeichnung behandelt wurde, die man ge⸗ wöhnlich fremden Geſandten erweiſt. Die letzten Nachrichten, die man aus den Zeitun⸗ gen von ihm hat, gehen dahin, daß er in Circaſſien reiſe und ein Tagebuch ſchreibe, das er drucken zu laſ⸗ ſen beabſichtige. „Und wer außer einem Yankee hätte das Alles thun können?“ fügt Mrs. Child hinzu. Zwiſchen dieſem jungen Yankee und dem ameri⸗ kaniſchen Staatsmann und Gentleman Henry Clay iſt ein weiter Abſtand, und ich weiß nicht, warum juſt er jetzt aus der Menge von Perſonen, die ich dieſe Woche in New⸗York ſah, vor mein Gedächtniß trat. Vielleicht wegen des Kontraſtes mit dem jungen Yan⸗ kee. Ich ſah ihn bei Anna Lynch, die eine ſeiner ſpe⸗ 298 ziellen Freundinnen iſt und zuweilen Secretärsdienſte für ihn verrichtet. Er iſt ein ſehr großer und magerer alter Herr, mit ungewöhnlich hoher, kahler Sirne, ei⸗ nem unſchönen, aber ausdrucksvollen Geſicht, ungraziös von Geſtalt, aber in ſeinem Benehmen und ſeiner ton⸗ vollen Stimme liegt etwas wahrhaft Einnehmendes. Er hat, wenn er will, und bei Frauenzimmern will er das immer, einen ausnehmend verbindlichen, ich möchte ſagen innigen Ausdruck, der ſich in ſeiner ganzen Art und Weiſe beurkundet. Er iſt auch von Verehrerinnen umgeben und ſoll ſelbſt ein großer Verehrer der Frauen ſein. Er war jetzt auf einige wenige Tage in New⸗York, wo er von Freunden und Einladungen halb überwäl⸗ tigt wurde. Indeß ſchien es mir doch, als ſonne er ſich im Glanz ſeiner Popularität mehr, als nach meiner Anſicht ein alter Mann thun ſollte. Ich meine, er ſollte dieſes überhöfliche, ſchreckliche Tagwerkleben nicht aus⸗ halten können.. Die Amerikaner haben für ihre großen Staatsmänner mehr Enthuſiasmus als die Eu⸗ ropäer für ihre Könige. Henry Clay iſt, obſchon aus einem der Sklavenſtaaten(Kentucky, glaube ich), ein freiſinniger Mann, der die wahre Größe ſeines Landes und ſeiner Nation verſteht und will. Obſchon nicht eigentlich der Yankeerace angehörig(die ſüdlichen Staaten wurden von derjenigen politiſchen Partei be⸗ völkert, die man in England die Cavaliere nannte, und die in Bezug auf Sitten, Leben und Charakter von den Puritanern weit abwich), hat er doch Etwas von dem Wikinger Sinn, welcher die Söhne des Südens auszeichnet. Er iſt was man hier einen„ſelbſtgemach⸗ ten“ Mann nennt(ſein Vater war ein armer Farmer), und er verbrachte den größeren Theil ſeines Lebens als raſtloſer Kämpe auf dem ſtürmiſchen Meer der Politik; er hat dabei mehrere Duelle gehabt und als Senator eine lange Reihe von Jahren hindurch, tapfer und ehrenvoll, im Kongreß der Vereinigten Staaten 1 — 299 mit ſeinem Wort und Einfluß für den inneren Beſtand der Union und ihre Macht nach außen gekämpft. Noch eine andere Geſtalt blickt aus dieſen menſchen⸗ reichen Tagen klar hervor, eine ſchöne, einnehmende weibliche Geſtalt, die ladygleiche Mrs. Bancroft, die Frau des Geſchichtſchreibers. Nachmehrjährigem Aufent⸗ halt in Europa und genauer Bekanntſchaft mit deſſen „high life“ in den höchſten Kreiſen Englands, kehrt ſie mit klarem und warmem Gefühl für die wahren Vorzüge ihres Vaterlandes und für ſeinen Beruf in der Menſchheit nach Amerika zurück. Mrs. Kirkland führte mich zu Springs zurück. Ach Agatha! könute ich Dir doch malen, wie liebens⸗ würdig dieſes Ehepaar iſt, wie gut, wie rein, wie fein⸗ denkend! Marcus S. iſt gewiß einer der beſten und reinherzigſten Menſchen, welche dieſe Erde verſchönen. Und Rebekka iſt auch gut, ungewöhnlich begabt, heiter und voll Anmuth. Gutes zu thun, Andern zu helfen, iſt beiden die größte Freude, ihr beſtändiger Gedanke. Und dabei ſind ſie ſo lebensfroh, haben eine ſo gute und ſchöne Art die Dinge zu nehmen, daß in ihren Händen auch das Widerwärtige ſich in etwas Gutes und Angenehmes verwandelt. Wenn ſo Etwas ſich ler⸗ nen ließe, ſo würde ich viel von ihnen lernen. Glück⸗ lichere Menſchen habe ich nicht geſehen. In ihrer inni⸗ gen Dankbarkeit für die Seligkeit, welche ſie genoſſen haben und fortwährend genießen, ſtehen ſie bereit jeden Schickſalsſchlag aufzunehmen mit dem Gefühl, daß ſie ſo viel von dem beſten Glück dieſer Welt beſeſſen haben. Aber das Unglück ſcheint ſich nicht zu wagen an dieſe ſanften, dankbaren Weſen, die ihm mit Blicken er⸗ gebungsvoller Liebe entgegenſchauen; es naht und droht, geht aber dann vorüber. So war es mit ihrem„baby,“ das lange am Rand des Grabes ſchwankte, jetzt aber mit jedem Tag kräftiger und munterer wird. Wie gut ſie gegen mich waren und noch immer ſind, kann ich 300 nicht beſchreiben. Sie denken für mich, beſtellen Alles für mich, ſorgen für mich wie wenn ich ihre Schweſter wäre, und machen Alles ſo artig und klug. Ich kann für dieſe Freunde nicht dankbar genug ſein. Auch Dow⸗ nings find unſchätzbar für mich. Sie kamen nach New⸗ York, um mit mir zuſammenzutreffen, und ſie brachten mir die allerſchönſten Blumen mit. Seine dunkeln, warmen Augen, und die ihrigen, die mild und hellblau ſind wie unſere ſchwediſchen Veilchen, folgen mir auf meinem Weg und— in meinem Herzen. Den 16. März. Aber ich weiß noch nicht einmal recht, ob ich über— haupt werde reiſen können, ſo widrig fügt es ſich mit den Schiffen und den— Schiffskapitänen. Der Kapi⸗ tän der Segelbrigg nemlich, die ich für meine Reiſe auserkoren hatte, weigerte ſich, als er den Namen der Dame erfuhr, die mit ihm fahren wollte, mich an Bord zu nehmen. Und als Marcus nach dem Grund fragte, antwortete er, er wolle keine Schriftſtellerin an Bord haben, die ſich über ſeine Anordnungen luſtig machen und ihn in ihr Buch ſetzen könnte. Marcus lä⸗ chelte und wollte ihn überreden das Ding zu wagen, verſicherte, daß ich nicht gefährlich ſei u. ſ. w. aber der Mann blieb unbeweglich. Er wollte mich durchaus nicht an Bord nehmen. Und nun muß ich noch acht Tage warten, bis das nächſte Dampfboot geht. Und das habe ich Mrs. Trollope und Dickens zu verdanken. Aber ich bin glücklich in der Roſenhütte bei meinen liebenswürdigen Freunden, und dieſer Aufſchub hat mir das Vergnügen verſchafft, Emerſons Vorträge ver⸗ ſchiedene Male hier und in New⸗York zu hören. Es iſt ein ganz eigener Zauber von dieſer tiefen, klang⸗ vollen Stimme Worte zu vernehmen, die einen ähnli⸗ ———————— —— es er in D⸗ n , u 1f — 301 chen Eindruck machen wie Juwelen und ächte Perlen. Geſtern hörte ich ihn in einem Vortrag über Bered⸗ ſamkeit die gedankenloſe Uebertreibung ſeiner Lands⸗ leute und ihre Schwülſtigkeit im Ausdruck, im Vergleich mit des Orients natürlicher, poetiſch ſchöner Vergrößer⸗ ung der Gefühle und Dinge ſtreng geißeln. Er gab Proben von beiden Theilen, und die Verſammlung, die im beſten Einverſtändniß mit dem Lehrer war, gab lebhaft ihren Beifall und ihr Vergnügen zu erkennen. Markus S. hatte nebſt einigen andern Bewohnern Brooklyns E. eingeladen, Vorleſungen da zu halten, und ich durfte ihn mehrere Male hier im Hauſe ſehen. Vielleicht ſehe ich ihn nie wieder. Aber ich bin froh, daß ich ihn geſehen habe. Den 20. März. Wir haben ein Paar ſtille, ſchöne Abende gehabt (denn ich empfange diesmal nur ausnahmsweiſe Be⸗ ſuche und Einladungen— ich muß ruhenz) meine Freunde und ich; und wir haben da viel mit einander geleſen und geplaudert. Ich habe auch Briefe geleſen, die ſie jetzt von Miß M. Fuller, nunmehriger Mar⸗ quiſe Oſſoli, empfangen haben. Denn ihre Ehe iſt jetzt öffentkich gemacht worden und ihr Vertheidiger Mr. W. Ruſſel hatte vollkommen Recht. Mrs. Oſſoli beſin⸗ det ſich jetzt mit Mann und Kind auf dem Weg nach Amerika, wo ſie ſich niederlaſſen will. Und am Bord deſſelben Schiffes befindet ſich auch der junge Mann, der nach Petersburg reiſte, um dem Kaiſer von Ruß⸗ land eine Eichel zu ſchenken. Ihr letzter Brief iſt aus Gibraltar und ſie beſchreibt rührend ſchön den Abend, wo die Leiche des an den Blattern geſtorbenen Kapi⸗ täns ins Meer geſenkt wurde, über welchem die Abend⸗ ſonne glühend unterging und kleine weiße Segel wie 302 „ausgebreitete Engelflittige“ruhten. In den Briefen athmet eine gewiſſe Melancholie und ein durch und durch edles Gemüth, aber nichts von dem trotzigen und ſtolzen Geiſt, den ich aus verſchiedenen Gründen bei ihr vermuthet hatte. Von ihrer Mutterfreude und ihrem ſchönen Kind ſpricht ſie mit Rebekka in hinreißenden Ausdrücken. „Ich kann mein Glück kaum faſſen,“ ſagt ſie an einem Ort,„ich bin Mutter eines unſterblichen Weſens! Gott ſei mir Sünderin gnädig!“ Dies klingt nicht ſehr ſtolz. Sie hat ein Käſtchen mit Geſchenken und Souvenirs an ihre Freunde nach Haus geſchickt,„für den Fall,“ ſchreibt ſie,„daß ich mein Vaterland nicht wieder ſehen ſollte.“ Sie hat ſich mit unluſtigen Ahnungen auf die Reiſe begeben und jetzt, da der gute Kapitän der Brigg unterwegs geſtorben iſt, ſcheinen dieſe zuzunehmen. Doch iſt bis jetzt alles gut gegangen, und ihre Mutter, drei Brüder und ihre einzige Schweſter(die liebenswürdige junge Frau in Concord) ſowie eine Menge Freunde erwarten ſie mit Sehnſucht und Freude. Den 22. März. Geſtern beſuchte ich jdie Frauenakademie in Brooklyn, ein Erziehungsinſtitut für fünfhundert junge Mädchen, die da ſtudiren und gradniren, gerade wie die juugen Männer. Ich bewunderte die Einrichtung des Inſtituts, Muſeum, Bibliothek u. ſ. w, fand die Haltung der jungen Mädchen ausnehmend ſchön, hörte ihre Compoſitionen in Verſen und Proſa und hatte mein Wohlgefallen an ihnen und den jungen Vor⸗ leſerinnen. Ich hörte hier auch einen Geſang, mit dem ich zu meinem Aerger ſchon vorher zwei⸗ oder dreimal im Lande begrüßt worden war, denn der Text, worin ich auch nicht einen Funken von geſunder Vernunft und Ideengang entdecken kann, wird mir —— ———„ N 8 met les iſt, het ind en. em ott lz. irs ie iſt rei ge in e vie ug ie te te r⸗ it er er er 303 (er beginnt: Ich träume, ich träume von meinem Vaterland) und die Muſik wird Jenny Lind zuge⸗ ſchrieben.„Cest imprimé.“ Dieſe großen Dreſſir⸗ anſtalten für junge Mädchen geben unläugbar viel— Dreſſur, Specialkenntniſſe, geſellſchaftliche Haltung, Sicherheit n. ſ. w. Aber ſind ſie vortheilhaft für die Entwicklung des Beſten beim Weibe? Ich zweifle und ich habe hier denkende Weiber, auch unter den jungen, ebenfalls daran zweifeln oder vielmehr es läugnen gehört. Sie dürften zur Uebergangsbildung gut ſein, um die Frauenzimmer in Kreiſe von Kennt⸗ niſſen einzuführen, von welchen ſie vorher ausge⸗ ſchloſſen waren. So rühmt man allgemein ihre Ta⸗ lente und Fortſchritte in mathematiſchen Studien, in Algebra und Phyſik. Aber das iſt mir klar, daß über dieſen Studien und Schulbeſuchen viel von den Tugen⸗ den und Reizen des häuslichen Lebens verabſäumt wird. Das junge Mädchen, das im Eifer iſt ſeine Lection zu lernen, fährt gegen die Mutter auf und ſieht den Vater böſe an, wenn ſie es wagen ſie zu unterbrechen. Man feuert ihren Ehrgeiz auf Koſten ihres Herzens an. Man legt auf die Schulgelehrſam⸗ keit zu großes Gewicht. Die höchſte Beſtimmung der Schule dürfte darin beſtehen, daß die Leute vorbereitet werden, ſie zu entbehren. Wenigſtens ſollte das Leben der jungen Mädchen zwiſchen ihr und dem Hauſe ge⸗ theilt werden, und zwar ſo, daß die erſtere den klei⸗ nern Theil davon bekäme. Das gute Haus iſt doch die wahre Hochſchule. Aber ich mache mir beinahe Vorwürfe, daß ich gegen eine Anſtalt rede, wo ich ſo viel von der Wärme junger Herzen erprobt habe, wie hier. Gewiß iſt, daß ich von Töchtern und Nichten, Müttern und Tanten umarmt und geküßt wurde, und daß ich ſie umarmte und küßte, ſo daß es beinahe zu viel wurde. Aber eine 304 warme und erwärmende Zeit hatte ich da und manche ſchöne Erinnerung daran. Ich bereite mich jetzt zur Abreiſe und portraitire inzwiſchen meine Freunde und ihre Kinder,„die roſige Familie,“ in einer kleinen Gruppe von Köpfen, die ich ihnen als Andenken zurücklaſſe. Es wird mir ſchwer, von ihnen zu ſcheiden. Ich möchte immer mit ihnen leben. Aber ich werde ſie wieder ſehen, denn ich kehre hieher zurück. Einen großen Theil meiner Bücher und Kleider laſſe ich in ihrem Hauſe. Wenn ich die erſte⸗ ren und die dicken Bände Hegel'ſcher Philoſophie und ſkandinaviſcher Mythologie anſehe, die ich während meines Aufenthaltes hier zu Lande zu ſtudiren ge⸗ dachte, ſo muß ich lächeln. Es iſt mir noch gar nicht eingefallen, ſie zu öffnen. Den 24. März. Geſtern war Channing hier, der liebenswürdige H. W. Channing! Er kam am Morgen und er war friſch und klar wie ein Maimorgen. Den Winter über hatten wir einige Briefe gewechſelt und darin einigermaßen mit einander gehadert. Der Zankapfel war Emerſon. Channing ſtellte Emerſon hoch und ich ſtellte— mich hoch. Und ſo ſchwiegen wir Beide. Jetzt, als wir zuſammentrafen, war er herzlich und ſtrahlend, ſchenkte mir ein Buch von Wordsworth, vthe Excursion“, war vollkommen gut und liebens⸗ würdig. Mit ſolchen Menſchen athmet man Frühlings⸗ luft. Am Abend war kleine Geſellſchaft hier und Channing auch dabei. Als er ſchon Abſchied genom⸗ men hatte und gegangen war, kam er plötzlich wieder herein und rief mich hinaus, führte mich auf die Piazza, zeigte auf den Sternenhimmel, der in ſtrahlen⸗ che ire ige ich er, en hre nd te⸗ nd nd e⸗ cht ch — 305 der Pracht klar über uns ſtand, lächelte, drückte mir die Hand und— war fort. Aber ich ſollte nicht blos von mir und meinen Intereſſen allein ſprechen; ich muß auch ein wenig vom Allgemeinen reden. Ein allgemeines und brennendes Intereſſe iſt jetzt hier zu Lande die Scelavenfrage, zu neuem Leben erweckt durch die Frage, ob Californien und Texas als ſelbſtſtändige Staaten den Vereinigten Staaten einverleibt werden ſollen. Man kann ſagen, daß das ganze Land in Anhänger und Gegner der Sklaverei„pro-slavery und anti-slavery-folk“ getheilt iſt. Californien, das ſchnell, beſonders von Leuten aus den nordöſtlichen Staaten, den unternehmenden Söhnen der Pilger, bevölkert worden, hat den Con⸗ reß mit der Bitte angegangen, von der Sclaverei be⸗ preit und für einen Staat von freier Bevölkerung er⸗ klärt zu werden. Dieß wollen die ſüdlichen Selaven⸗ ſtaaten nicht zugeben, da Californien vermöge ſeiner Lage zu den ſüdlichen Staaten gehört und ſeine Eman⸗ cipation von der Sclaverei ihre Macht im Congreß ſchwächen würde. Sie kämpfen verzweifelt um Be⸗ hauptung deſſen, was ſie ihre Rechte nennen. Die nördlichen, von Sclaverei befreiten Staaten kämpfen ebenſo verzweifelt, theils um die Ausdehnung der Sclaverei auf Californien und Texas zu verhindern, theils um die Ausrottung eines Zuſtandes zu bezwecken, den ſie mit Recht als ein Unglück und eine Schande für ihr Vaterland betrachten. Und der Streit wird auf beiden Seiten mit großer Bitterkeit ſowohl in als als außer dem Congreß geführt. Abolitioniſten ſind auch hier von allen Farben vorhanden. Verſchiedene von meinen Bekannten gehören zu den Ultras, Springs zu den gemäßigten, und den Letzteren ſchließe ich mich an. Die Andern finde ich unvernünftig. Die ſtets zunehmende Einwanderung von Euro⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 20 306 pa's ärmſter Bevölkerung, meiſtens aus Irland und Deutſchland, ruft große Anſtalten hervor, aber nicht um ihr feindlich entgegenzutreten, ſondern um ihr freundlich zu begegnen, und ſie für Volk und Land nicht blos ſo unſchädlich, ſondern ſo wohlthätig wie möglich zu machen. Die Irländer werden die beſten groben Arbeiter der Amerikaner, beſonders beim Stra⸗ ßen⸗ und Kanalbau. Die Deutſchen ziehen meiſtens weſtwärts zu den großen deutſchen Colonien im Miſ⸗ ſiſſippithal, wo alle Hände und alle Kräfte noch voll⸗ auf zu thun haben. In den öſtlichen Staaten beginnt bereits der Fall einzutreten, daß es, wie in Europa, mehr Arbeiter als Arbeit gibt. Dieſe ziehen daher ebenfalls in großen Schaaren weſtwärts. Dieſer große Weſten, der bis ans Stille Meer reicht, iſt Nordamerika's Zukunft und Hoffnung, der freie Raum und die Ausſicht, die ſeinem Volk einen freieren Athem, in friſcheres Leben verleiht, als andere Völker be⸗ en. Für alle Fragen von allgemeinerem Intereſſe in den einzelnen Staaten werden große Verſammlungen gehalten, Beſchlüſſe gefaßt und Motionen oder Pe⸗ titionen an den Congreß abgeſchickt, wenn ſie in den Bereich ſeiner Verwaltung fallen. Und es iſt eine Freude zu hören, wie alle, wenigſtens in den nörd⸗ lichen Staaten, in einer fortſchreitenden Richtung ge⸗ hen, welche die Entwicklung der Volksbildung und Volksherrſchaft, wie überhaupt ſolche Maßregeln und Mittel bezweckt, die zum Vortheil Aller führen. Mitten unter der Aufregung, welche durch all dieſe großen Fragen veranlaßt iſt, geht in dieſem Augenblick die Nachricht von Jenny Linds bevorſtehen⸗ der Ankunft wie ein Lauffeuer durch das Land, electri⸗ ſirt alle Gemüther und macht alle Geſichter von Freude ſtrahlen. Es iſt, als ob ein melodiſcher Durton auf einmal in jeder Bruſt widerklänge. ——— kü ba der Un gel gek ger der der mi geh geſ bot ob vor ein Eit unk mit Ho gro delſ An! Ta cher 307 Jetzt ſage ich Dir Lebewohl, umarme Dich und küſſe Mama im Geiſte die Hand. Mögeſt Du mir bald melden, daß Du ganz wohl biſt! Jeden kommen⸗ den Frühlingstag begrüße ich für Deine Rechnung. Und wir haben hier einige ſchöne frühlingsmilde Tage gehabt, aber jetzt iſt die Kälte hart und trocken zurück⸗ gekehrt, und es iſt jetzt hier ſo ſchneeig wie nur ir⸗ gendwo um dieſe Zeit in Schweden. Aber das verän⸗ dert ſich bald. Wie verlangt mich jetzt nach dem Sü⸗ den! Ich habe hier einige Tage gut geruht und fühle mich mit jedem Tag ſtärker. Möchte es Dir auch ſo ehen! N. S. Mrs. Howland von Charleston hat mir geſchrieben und mir freundlich ihre Wohnung ange⸗ boten. Aber ich muß ſie zuerſt ſehen und ſchauen, ob wir zuſammen gedeihen können. Deßhalb ſteige ich vorläufig in einem Hotel in der Stadt ab, bleibe da einige Tage in aller Stille und genieße Freiheit und Einſamkeit. Dann wollen wir ſehen. Zwölfter Brief. Charleston in Südearolina, den 28. März 1850. Ach, daß ich fliegen und in mein Haus blicken und ſehen könnte, wie es mit Dir, meine Agathe, und mit Mama ſteht! Aber jetzt darf ich mich mit der Hoffnung und dem Glauben vergnügen, daß Du mit großen Schritten auf dem Wege der Beſſerung wan⸗ delſt, und daß Deine Beine an Geſchmeidigkeit und Anmuth immer mehr Aehnlichkeit mit denen der Taglioni bekommen. Möchte es ſo ſein, mein Herz⸗ chen, und möchte Alles daheim gut ſtehen. Mit mir 308 ſteht es„galant.“ Ich kam heute früh nach einer drei⸗ tägigen Seefahrt hier an, in der Meinung, hier in volle Sommerwärme zu kommen, und etwas böſe dar⸗ über, daß ich ſtatt deſſen in Kälte und graues Wetter kam, und genöthigt war, in Winterkleidern herumzu⸗ ſchreiten. Aber lange kann das nicht währen. Die Bäume— alle Strahen ſind mit Bäumen bepflanzt— kleiden ſich bereits in zartes Grün; Roſen, Lilien und Orangeblumen nicken von Terraſſen und Gärten, und die Sonne beginnt ſich durch die Wolken Bahn zu brechen. Vermuthlich haben wir morgen wieder vollen Sommer. In den letzten Tagen meines Aufenthalts in Brooklyn herrſchte ein vollkommenes Unwetter, und der Tag, wo ich an Bord ging, war eiskalt. Man ſah überall Eis und Eiszapfen; der ſcharfe Wind war voll von ſolchen. Die guten, liebenswürdigen Eheleute Spring, mit ihren zwei älteſten Kindern, dem engel⸗ gleichen Eddy und der kleinen Jenny, begleiteten mich an Bord. Markus trug meine Sachen, ſprach mit dem Capitän und mit der Schiffsverwalterin wegen meiner und ſorgte für Alles. Ueberfluthet von fremden Leuten, die ſich mir vorſtellen laſſen wollten, mußte ich in meine Cajüte fliehen, um noch ein paar Worte mit meinen Freunden ſprechen und von ihnen Abſchied nehmen zu können. Ich möchte doch wiſſen, was Du ſagen wür⸗ deſt, wenn Du ſehen könnteſt, wie brüderlich meine Freunde hier zu Lande mich küſſen und wie ſchweſter⸗ üch ich beim Abſchied oder nach längerer Trennung ſie küſſe. Das gibt ſich hier ganz natürlich und ganz gut. Ich ſaß lange ganz betrübt da, als Springs mich ver⸗ ließen, während ich auf den Wogen immer weiter von ihnen wegrollte. Und in der Nacht träumte ich von ihnen, daß ſie bei mir ſeien, und ich dachte: ſie ſind alſo nicht fort und wir ſind nicht getrennt; es war rei⸗ in ar⸗ tter zu⸗ Die und uud zu llen der ſah voll eute gel⸗ nich dem iner ten, eine nen zu ür⸗ eine ſter⸗ ſie gut. ver⸗ von von ſind war 309 blos ein böſer Traum!— Aber der Traum war Wirk⸗ lichkeit. Der ganze erſte Reiſetag war kalt, grau, regneriſch und windig. Ich wich allen Menſchen aus außer ei⸗ nem Quäckerpaar, Freunden(friends werden ſie hier zu Lande gewöhnlich genannt) Mann und Frau, mit denen ich etwas bekannt geworden war, und die mir wie gewöhnlich die„Freunde“ wegen ihrer Stille und ihres friedſamen ruhigen Weſens gefielen. Beide wa⸗ ren etwas über die erſte Jugend hinaus; die Frau hatte eines jener reinen ſchönen Geſichter, die man ſo oft bei jungen Quäckerweibern findet, der Mann ſchien leidend zu ſein und ſie reiſten jetzt ſeiner Geſundheit wegen nach dem Süden. Am folgenden Tage hatten wir ſchönen Sonnenſchein, aber es blieb doch kalt bis gegen Mittag, wo wir auf einmal in vollen, warmen Frühling verſetzt wurden. Es war wie ein Zauber⸗ werk. Himmel und Meer badeten in goldenem Licht; die Luft war voll von Leben und Lieblichkeit. Es war bezanbernd ſchön, göttlich! Mein ganzes Weſen badete in dieſer Herrlichkeit. Ich lehnte neugierige Geſpräche ab und ſaß allein auf dem obern Verdeck, ſah die Sonne hinabſteigen und den Vollmond in milder Herr⸗ lichkeit aufgehen; ſah den Nordſtern immer ferner von mir funkeln und den Orion und Sirius ins Zenith ziehen; und Stunde um Stunde verging und ich wußte von nichts, als daß die Welt ſchön war und ihr Schöpfer groß und gut, und ich fürchtete nichts außer daß Jemand mit mir ſprechen und dadurch dieſe heilige Stille, die Ruhe und Freude meines Geiſtes unterbre⸗ chen könnte. Auf dem untern Verdeck ſah ich junge Männer mit ihren Frauen im klaren Mondſchein Paar um Paar zärtlich und zuthulich wie Tauben heraus⸗ kommen; ſah die„Freunde,“ meine Bekannten neben⸗ einander ſitzen und zum Mond hinaufſchauen, der ihre milden, friedvollen Geſichter beglänzte, ſah die Mond⸗ 310 ſtrahlen auf den tanzenden Wogen tanzen, während wir auf dem ruhigen Meer gegen das Kap Hatteras zuroll⸗ ten, deſſen Feuer wie ein großer klarer Stern vom ſüdlichen Horizont her uns entgegen glänzte. Am Kap Hatteras ſollten wir in das Waſſer des mexikaniſchen Meerbuſens kommen, und dieß iſt ein gefährlicher Punkt für die Seefahrer. Heftige Stürme und Windſtöße ſind da gewöhnlich und manches ſchwere Unglück hat ſich am Kap Hatteras zugetragen. Aber uns kamen ſie nicht nahe. Der Mond ſchien und die Wellen tanz⸗ ten, der Wind ſchwieg und die Taubenpärchen girrten und die„Freunde“ ſchlummerten ein, und wir fuhren um Mitternacht am Kap Hatteras vorbei und ich hoffte mich jetzt in der Region beſtändiger Sommerwärme zu befinden. Aber, gehorſamer Diener, daraus wurde nichts. Am nächſten Morgen war es wieder grau, kalt, regneriſch und windig, mit einem Worte ganz und gar nicht ſommerlich. Ein Theil der Geſellſchaft lag ſeekrank in den Ka⸗ jüten. Ein anderer Theil ſetzte ſich zu einem muntern Kartenſpiel aufs Verdeck. Ich ſaß abſeits mit den Freunden, welche ſchwiegen und zuletzt einſchliefen. Aber ich war an dieſem Tage vollkommen lebendig und wach, befand mich ausnehmend wohl und hatte einen herrlichen Vormittag in Geſellſchaft mit dem Meer und mit Bankroft's Geſchichte der Vereinigten Staaten, die mich unendlich intereſſirt und durch ihren wahrhaft philoſophiſchen Blick auf die hiſtoriſche Entwicklung, ſowie durch ihren vortrefflichen Styl der Erzählung gleich ausgezeichnet iſt. In Bezug auf den erſteren gleicht Bankroft unſerem Geijer, in Bezug auf den letz⸗. teren dem Schweizer d'Aubigns. Ich las unterwegs auch eine kleine Schrift über ſpecielle Providenz von einem berühmten Clairvoyant in New⸗York, Namens Davis; aber ein armſeligeres Produkt, ein ſchlagen⸗ deres Zeugniß für die Verblendung des Geiſtes habe me Ar! Eit gen Lar ung mei nig mit den der zöſi zun deck pri in red Eir die wa glei nen nac Fre den len zwe erft Ge ſeh St wir oll⸗ om kap hen nkt ße hat len z⸗ en en fte zu de u, nz rn en 311 ich nicht geſehen, und ich wußte nicht, ſollte ich mich mehr über ſein anſpruchsvolles Weſen oder über ſeine Armuth verwundern. Am vierten Morgen kamen wir nach Charleston. Ein grauer, windiger Morgen, ganz und gar nicht an⸗ genehm. Aber die von dunkeln Zedern und hellgrünen Laubbäumen bedeckten Ufer um das Meer her ſahen ungewöhnlich und verlockend aus. Alles war neu für meine Angen, auch das Ausſehen der Stadt, die, we⸗ nigſtens in der Bauart der Häuſer, mehr Aehnlichkeit mit den Städten des europäiſchen Feſtlandes, als mit Boſton und New⸗York darbot. Ein junger Herr, mit dem ich mich an Bord angenehm unterhalten hatte und der mir gefiel, nur daß er ein wenig mit ſeinem Fran⸗ zöſiſch prahlen wollte, das ihm ganz und gar kein Recht zum Prahlen gab, ſtand jetzt neben mir auf dem Ver⸗ deck, betrachtete das Land, wo er daheim war, und pries das Glück der Negerſklaven, was ſeinen Werth in meinen Augen nicht erhöhte. Denn ein ſolches Ge⸗ rede zengt von Mangel an Urtheil oder Ehrlichkeit. Eine junge Miß, die meine Kajüte getheilt hatte und die ganze Zeit über ſchweigend und ſeekrank geweſen war, ſtreckte jetzt auch den Kopf empor und fragte ſo⸗ gleich, wie es mir in Amerika gefalle. Mrs. Howland ſchickte ihren Bruder, einen ſchö⸗ nen Mann von mittlerem Alter ab, um mich im Wagen nach ihrer Wohnung abzuholen, aber ich zog jetzt meine Freiheit vor und ging lieber mit den Freunden nach dem Hotel, für welches ſie ſich entſchloſſen hatten. Und da bin ich jetzt in einem kleinen Zimmer mit zwei kah⸗ len weiſſen Wänden. Ich bin draußen geweſen und zwei gute Stunden in der Stadt herumſpaziert, mich erfreuend an meiner Einſamkeit und den vielen neuen Gegenſtänden, die mir überall entgegentreten, am Aus⸗ ſehen der Stadt mit ihren vielen Baumgärten(die Stadt gleicht einer großen Sammlung von Landhäu⸗ 312 ſern, ſämmtlich mit Verandas oder Piazzas, die mit Laubranken oder Blumen geſchmuͤckt ſind) an den man⸗ cherlei mir fremden Bäumen, die jetzt blühen oder aus⸗ ſchlagen, an den Hrangehainen, die in dunklem Grün in den Gärten ſtehen und im Winde ſauſen und duf⸗ ten. Auf den Straßen wimmelt es von Negern. Zwei Drittheile der Bevölkerung, die man in der Stadt ſieht, ſind Neger oder Mulatten. Sie ſind häßlich, ſehen aber meiſtens munter und wohlgenährt aus. Beſonders ſieht man wohlgenährte Negerinnen und Mulattinnen. Ihre bunten, hübſchen Halstücher, die ſie, oft ſehr ge⸗ ſchmackvoll, um die Köpfe gebunden tragen, geben ih⸗ nen ein pittoreskes Anſehen, tauſendmal vortheilhafter als die Hüte und Hauben, welche ſie in den freien Staaten tragen und die ihnen ſo ſchlecht paſſen. Nächſt den Negern fielen mir auf den Straßen Schaaren großer Vögel, unſern Truthühnern ähnlich, auf, die ſich da und dort herabließen, um Nahrung zu ſuchen und die ſo furchtlos waren, daß ſie den Fuß⸗ gängern kaum aus dem Wege gingen. Viele von ihnen ſetzten ſich auf die Dächer und Schornſteine, ihre gro⸗ ßen Flügel im Winde ausbreitend, was ihnen ein eigen⸗ thümlich köſtliches Ausſehen gibt. Den 29. März. Kalt, kalt, unverzeihlich kalt noch heute! Mor⸗ gens um 5 Uhr hörte ich die Trommel, welche die Ne⸗ gerſklaven zur Arbeit ruft. Geſtern Nachmittag luden mich Bekannte aus den nördlichen Staaten, die hier im Hotel wohnen, zu einer Spazierfahrt ein, welche in dem klaren Sonnenſchein recht ſchön war. Das Land iſt überall flach, ſo weit man ſieht. Schöne Waldpar⸗ thieen, Baumpflanzungen und Gewäſſer machen ſeine Schönheit aus. Die Stadt liegt am Meer auf einer — —— mit an⸗ us⸗ rün u⸗ wei eht, hen ers en. ge⸗ fter ien zen ng ß⸗ len ⸗ en⸗ or⸗ le⸗ en er in id r⸗ ne er 313 Halbinſel zwiſchen zwei Strömen, Ashley und Cooper, die ſich in daſſelbe ergießen. Meine Freunde im Wa⸗ gen kauften mir Orangen und Bananas und zum erſtenmal koſtete ich jetzt dieſe tropiſche Frucht, die aus Kuba kommt und die man hier ſo ſehr liebt. Sie hat einen feinen, ſüßen, etwas faden Geſchmack, gleicht in ihrer Form unſern gelben Sommergurken, der Farbe nach den Melonen und ſo auch in Bezug auf das Fleiſch, iſt jedoch weniger ſaftig. Es kam mir vor, wie wenn ich in Seife biſſe. Ich glaube nicht, daß wir uns ſonderlich befreunden werden— die Bananen⸗ frucht und ich. Meine Quäckerfreunde ſind heute früh weiter ſüdlich nach Savannah gereiſt, um ein wenig Sommerluft zu bekommen. Hier war es ihnen zu kalt. Der Februar ſoll hier ganz warm geweſen ſein, und der gelbe Jasmin, der da am beſten blüht, iſt jetzt bei⸗ nahe vorbei. Jetzt muß ich Dir Adien ſagen, denn ich will ausgehen und Mrs. Howland beſuchen, um zu ſehen ob ich mich bei ihr wohlbefinden, d. h. ob ich ſie lieb gewinnen kann. Im andern Fall bleibe ich da, obſchon es wahrlich kein Eldorado iſt. Das Hotel iſt vermuthlich keines der beſten in der Stadt. Ein Chaos von Negerknaben tummelt ſich um den Mittag⸗ und Abendtiſch; ſie ſtellen die Kellner vor, thun aber nichts andres, als daß ſie ohne Geſchick und Art um einan⸗ der hin und herſpringen und ohne Sinn und Vernunft alle Sachen auf dem Tiſch verſtellen, wenigſtens ſo weit ichs entdecken kann, aber juſt diejenigen Platten, die man wegwünſchte, nicht forttragen. Ich werde auf meinem Zimmer von einem artigen Mulattenmädchen bedient, das ſo zerlumpt iſt und ſo gut und geduldig ausſieht, daß es mir wehe thut. Ich fragte ſie, wie viel Lohn ſie bekomme; ſie ſah mich verwundert an und antwortete, daß ſie Miſſis gehöre. Aber„Miſſis“ iſt eine Frau von barſcher Miene und ſcharfen Augen, 314 deren Eigenthum ich nicht ſein möchte und— armes Mädchen! I†ch werde wohl noch einige Tage hier bleiben und dann fahre ich weiter ſüdlich nach Savannah und nach Auguſta in Georgien, wohin ich von meinen Mit⸗ reiſenden aufdem„Kanada“, der Familie Bones und Miß Longſtreet eingeladen bin. Dort dürfte ich wohl über den Monat April bleiben, denn dort ſoll man das Naturparadies des Südens zu ſehen bekommen. Und ich dürfte da auch Gelegenheit erhalten, etwas von den Plantagen zu ſehen. Wüßten die Südländer, mit welchem vorurtheilsfreien und ehrlichen Gemüth ich zu ihnen komme, blos das Wahre in Allem ſuchend und bereit, allem Guten, auch in der Sklaverei, Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren zu laſſen, ſo würden ſie mir nicht mit mißtrauiſchen Blicken begegnen. Ich habe überdieß nicht den Wunſch über die traurigſte Seite des ſüdlichen Lebens ſonderlich genaue Forſchungen anzuſtellen. Es iſt ſchon genug darin nachgeforſcht und davon geſprochen worden. Ich will die Natur, das Leben ſehen, die werdende neue Welt auch hier und diejenige Phaſe des Lebens, welche dieſer Theil davon in Folge ſeiner Lage und der Naturgaben vorſtel⸗ len kann. Ich wünſche daher im Allgemeinen Geſprä⸗ chen über die Sklaverei auszuweichen. Aber mit eini⸗ gen Menſchen, insbeſondere mit klugen und rechtſchaf⸗ fenen Menſchen, deren ſich hier genug vorfinden, mit ihnen will ich davon ſprechen, ſie will ich fragen und anhören, undich bin überzeugt, daß wir einander ver⸗ ſtehen, und wenn auch nicht in allen Dingen, doch we⸗ nigſtens in Bezug auf unſer Gemüth überkinſtimmen. Ich komme hieher um zu ſehen und zu lernen, nicht um zu ſpioniren. Ich begehre von dem Süden ein wenig milde Luft, Blumen, Ruhe, Geſundheit. Und was er Gutes hat und gibt, das will ich von Herzen anerkennen. Auch glaube ich, daß es wenige Sädlän⸗ —ꝛ —————, 315 der gibt, die nicht die Sklaverei als ein Landesunglück betrachten, ſo ſchwer es ihnen fällt, ſie los zu werden. Von Savannah ſchreibe ich Dir weiter. Jetzt nur ein Kuß mit dem innigen Wunſche, daß er Dich wieder munter und rüſtig finden möge. Später. Noch ein Paar Worte, um Dir zu ſagen, daß ich Mrs. Howland und ihre Kinder geſehen habe, und daß ich morgen zu ihr ins Haus ziehe. Schon der erſte Anblick ihres Geſichtes und der ſo gute und red⸗ liche Ausdruck deſſelben genügte mir. Sie gefiel mir ſogleich, und mein kurzes Geſpräch mit ihr bekräftigte den Eindruck des erſten Blickes. Sie gehört angen⸗ ſcheinlich zu den verſtändig guten und mütterlichen Wei⸗ bern auf Erden, und ſie hat für literariſche Gaben und literariſche Perſonen eine kleine Schwäche, die ich für meinen Theil ſehr liebenswürdig finde. Sie ſteht in meinen Jahren und könnte dem Ausſehen nach wohl eine Schwedin ſein. Die blauen Augen, das runde, friſche Geſicht, die volle Geſtalt, dabei das Sichere und Gutmüthige in Rede und Weſen erinnert ſo viel⸗ fach an unſere ſchwediſche Frauen— ſie iſt auch von ſcandinaviſcher Herkunft. Ihr Vater war Däne und hieß Monefelt. Von der übrigen Familie ſah ich drei hübſche Mädchen, das älteſte 17, das jüngſte 9 Jahre alt, und einen ſchönen Jungen von 10 Jahren. Mr. W. Howland, zwei ältere Söhne und die älteſte Toch⸗ ter des Hauſes ſind gegenwärtig fort. Auch eine andere angenehme Familie, beſtehend aus Doctor Gilman, Pfarrer der unitariſchen Ge⸗ meinde in Charleston, ſeiner Frau, ſeinem Schwieger⸗ ſohn und ſeiner Tochter, hat mich beſucht und ſich erbo⸗ ten, mich auf den Inſeln an den ſchönen Stellen in der Gegend umherzuführen. Frau Hammarköld(Emilie 316 Hollenberg) und ihre Mutter habe ich heute auch geſe⸗ hen. Die alte Dame hatte Thränen der Sehnſucht nach Schweden in den Augen. Die junge Dame iſt eine hier ſehr beliebte Muſiklehrerin. Jetzt kann ich Dir nicht weiter ſchreiben, die Poſt geht ab. Gott ſegne Dich, mein Agathchen! Dreizehnter Brief. Charleston, den 12. April 1850. Ich ſehe eine reiche ſüdländiſche Schönheit, auf ſchwellendem Blumenbett im Schatten von Nektarinen ruhend, umgeben von dienſtwilligen Sclaven, die auf ihren Wink alle köſtlichen Früchte und Zierrathen der Welt herbeibringen. Aber all ihre Farbenpracht, der Glanz des Auges, die feine Röthe auf ihrer Wange, und die Pracht, die ihr Lager umgibt, können den Mangel an Geſundheit und Kraft, den Wurm, der in ihrem Innern zehrt, nicht verdecken. Dieſe weiche, üppige Schönheit iſt— Südcarolina. Und gleichwohl, meine Agathe, iſt ſie ſchön, und ich habe mich unausſprechlich erfreut an ihrer eigen⸗ thümlichen Farbenpracht, die für mich ſo lieblich, ſo reich, ſo neu iſt. Ich verweile jetzt 14 Tage hier, und obſchon es meiſtens Regenwetter war, was es auch jetzt iſt, ſo habe ich doch hier Tage erlebt, wo ich gewünſcht hätte, daß die ganze ſchwache, kränkliche Menſchheit, und Du, meine Agatha, in vorderſter Linie hiehergebracht wer⸗ den, dieſe Luft einathmen, dieſe liebliche Pracht des Himmels und der Erde ſehen könnte, auf daß ſie, wie von einem Lebensbalſam, geneſen und ſich des Lebens —ꝛ — S——, „——— +,— en—„——— eſe⸗ cht iſt tt 317 von Neuem zu erfreuen vermöchte. Ich begreife, daß die Seefahrer, die ſich zuerſt dieſen Küſten nahten und dieſe Hauche, dieſe Luft verſpürten, ein Lebenselirir zu trinken glaubten und hier die Quelle ewiger Jugend zu finden hofften. Während dieſer bezaubernden Tage habe ich mit Mrs. Howland und andern freundlichen Bekannten Ausfahrten in die Umgegend der Stadt gemacht. Ueberall kommt man, nachdem man ſich durch eine Strecke tiefen Sandes durchgearbeitet hat,— man be⸗ ginnt aber jetzt allenthalben Dünenwege anzulegen, die ſehr gut zu befahren ſind— in den Wald. Und der Wald iſt eine Art von paradieſiſcher Wildniß, reich an einer Menge Baumarten und Pflanzen, die ich nie zu⸗ vor geſehen habe. Nichts iſt künſtlich angelegt oder geordnet, ſondern Alles wächſt in wilder Ueppigkeit um einander her, Myrthen und Föhren, Magnolien und Cypreſſen, Ulmen und Eichen, nebſt vielen Bäumen, deren Namen ich noch nicht kenne. Am prächtigſten und zahlreichſten von allen Bäu⸗ men iſt hier die Lebenseiche, ein Immergrün, ein ungeheurer Baum, von deſſen Zweigen Maſſen langer Moospflanzen(oft 4—5 Ellen lang)„Tillandsia Usnoi- des“ in ſchweren Draperieen herabhängen. Dieſe hän⸗ enden, graugrünen Mooſe an den mafſiven Zweigen ind von unendlich pittoresker Wirkung, und da, wo dieſe Bäume mit einiger Ordnung gepflanzt ſind, bil⸗ den ſie prachtvolle, gothiſche Naturkirchen mit ſchönen Arkaden und hochgewölbten Säulengängen. Unter dieſen langbärtigen Patriarchen des Waldes blühen eine Menge kleinere Bäume, Gebüſche, Pflanzen und Ran⸗ ken(inſonderheit Weinranken), welche die Wälder mit Wohlgerüchen erfüllen, und zierlich iu Hecken und hoch oben auf den Bäumen glänzen, wohin ſie ihre wilden, blumenreichen Zweige werfen. So der wilde, gelbe Jasmin, der da und dort noch vorhanden iſt; ſo die 318 weiße Cherokeſer⸗Roſe, die ebenfalls wild und in größ⸗ ter Ueppigkeit wächſt, ſo die zierlichen Schlingpflanzen, die ſich überall um die Baumſtämme ranken, von denen aber mehrere giftig ſein ſollen(und viele giftige Pflan⸗ zen ſowohl als Thiere ſollen ſich in dieſen Wildniſſen vorfinden). Die Magnolie iſt einer der herrlichſten Bäume des Waldes, ein hoher, dunkelgrüner Lorbeer⸗ baum, deſſen weiße Blumen als die ſchönſten des Südens geſchildert werden, aber erſt zu Ende Mais ausſchlagen. Die Stadt ſelbſt ſteht jetzt in voller Blüthe. Die Gärten glänzen voll Roſen aller Art. Und beinahe jedes Haus hat ſeinen Garten. Der Duft von Orange⸗ blumen erfüllt die Luft, und der Spottvogel, Nord⸗ amerikas Nachtigall, von den Indianern der hundert⸗ züngige„Cencontlatolly“ genannt wegen ſeines Talents, alle Arten von Tönen nachzuahmen, fingt im Käfig, in den offenen Fenſtern oder vor denſelben. Frei auf den freien Bäumen habe ich ihn noch nicht ſingen hö⸗ ren. In Mrs. Howlands Garten ſehe ich Nektarinen und Feigenbäume Früchte anſetzen und den Carolina⸗ Kolibri gleich einem kleinen Geiſterweſen über die ro⸗ then Blumen des Gaisblatts ſich hin und her ſchwingen, im Flug ihren Honig ſaugend. Das iſt etwas Außer⸗ ordentliches und iſt etwas Schönes, meine Agatha, und ich preiſe mich glücklich hier zu ſein. Eine Menge freundlicher Einladungen und Beſuche habe ich auch erhalten, und unter den erſteren muß ich vor allen eine Perſon nennen, der ich einige der ſchönſten Stunden, die ich hier verlebte, zu verdanken habe. Du kennſt meine Neigung, beinahe auf den erſten Blick ſchon beſtimmte Eindrücke von Perſonen und von meiner Beziehung zu ihnen zu erhalten. Dieſe Neigung oder Fähigkeit(denn ſie hat mich noch nie getäuſcht), hat ſich geſchärft, ſeit ich mich ganz allein auf meine Wikingerfahrt außerhalb des Reichs begab, 319 und dabei mit einer großen Menge Menſchen in un⸗ mittelbare, perſönliche Berührung kam. Ich habe ganz beſonders in den letzten Zeiten eine Art Queckſilber⸗ empfindlichkeit für verſchiedene Temperamente oder Na⸗ turen, die ſich mir nähern, erhalten und mein Gefühls⸗ barometer ſteigt oder fällt ſogleich danach. So wie ich Mrs. Howland vom erſten Augenblick an liebte, ſo liebte ich, obſchon auf andere Weiſe, Mrs. Hollbrook, die Frau des Naturaliſten, Profeſſors Hollbrook, von der erſten Sekunde an, wo ich ſie ſah und hörte. Ich wurde belebt und gleichſam erweckt von dem friſchen, intelligenten Leben, das aus dem ſchönen, lebensvollen Weibe ſprach. Bei ihr fand ſich nichts Alltägliches, nichts Conventionelles. Alles war klar, eigenthümlich, munter und dabei gut. Ich empfand es wie einen Trank von dem verjüngenden Lebenselixir. Am näch⸗ ſten Tag ſpeiſte ich bei Mrs. Hollbrook zu Mittag in ihrer ſchönen, eleganten Wohnung, wo die Meerwinde erfriſchend durch die Fenſtervorhänge hereinſpielten. Ihre Mutter, eine ſchöne, alte Dame(Mrs. Rutlige) mit prächtigen Augen, ihre Schweſter(Miß Lukas R.), drei idealiſch ſchöne und anmuthsvolle Mädchen, ihre Nichten und drei recht angenehme Herrn bildeten die Geſellſchaft. Mr. Hollbrook ſelbſt befindet ſich mit dem Schweizer Agaſſiz auf einer Naturforſcher⸗Expedition in Florida bei den großen Moräſten, welche„Ever glades“ genannt werden. Nach einem ausgeſuchten Mittagsmahle fuhren wir nach der„Batterie,“ der fashionabeln Promenade der Stadt, die jedoch in einem kahlen, beſchränkten Platz am Meeresufer beſteht, wo man ſich immer in einem Kreis bewegt, ſo daß man alle Bekannte und Unbekannte, die da promeniren, im⸗ mer und immer wieder zu ſehen bekommt, eine Sache, die ich höchſtens einmal im Jahr aushalten könnte, und gäbe es auch die beſte Seeluft da einzuathmen. Auch Mrs. Hollbrook ſchien dieſer Art von Promenade 320 keinen ſonderlichen Geſchmack abzugewinnen, aber die Bevölkerung der neuen Welt liebt im Allgemeinen ſehr die Geſellſchaftlichkeit; ſie hat ihr Gefallen an einer großen Menſchenmenge(erond). Nach einem gemüth⸗ lichen Thee in guter Geſellſchaft führte mich Mrs. H. nach Hauſe. Und dieß war ein Tag fashionabeln Le⸗ bens in Charleston. Und er war recht gut. Aber beſſer war ein anderer Tag auf dem Lande, den ich allein mit Mrs. H. auf ihrer Villa Belmont, einige Meilen von der Stadt, zubrachte. Sie kam Vormittags und holte mich in einem kleinen Wagen ab. Wir waren beide den ganzen Tag miteinander allein, wir ergingen uns in den Myrthen⸗— hainen, wir botaniſirten, wir laſen(Mrs. H. machte mich mit dem engliſchen Dichter Keats bekannt), und vor allen Dingen ſprachen wir und der Tag verging wie ein goldener Traum oder wie die ſchönſte Wirklich⸗ keit. Du weißt, wie ich eines Geſpräches müde werde, wie eine langwierige Anſtrengung dabei mir zuwider iſt. Und jetzt ſprach ich einen ganzen Tag hindurch mit derſelben Perſon, ohne eine Anſtrengung oder Müdigkeit zu verſpüren. Es war blos lieblich und angenehm, angenehm, angenehm. Die Luft war die Lieblichkeit ſelbſt. Mrs. H. war wie eine beſtändig friſch ſprudelnde Quellader, und jeder Gegenſtand, der berührt wurde, erhielt Intereſſe entweder durch ihre Kritik oder durch die Anſichten, die ihre Worte eröff⸗ neten. So flogen wir zuſammen über die ganze Welt, nicht immer ganz einig; aber immer in gutem Einver⸗ ſtändniß, und dieſer Tag in Belmonts duftenden Blü⸗ thenhainen am Ufer des Aſhley, war einer meiner ſchön⸗ ſten Tage in der neuen Welt, und ich vergeſſe ihn nie. Hier lernte ich auch den Ambrabaum und mehrere neue Baumarten und Pflanzen kennen, deren Namen und Eigenſchaften Mrs. H. mir auseinanderſetzte. Die Naturwiſſenſchaft hat ihren Blick über das Erdenleben r die ſehr einer tüth⸗ . H. Le⸗ Aber nich inige inem Tag hen⸗ achte und ging lich⸗ rde, ider urch oder und die idig der hre öff⸗ elt, er⸗ lü⸗ ön⸗ ie. e nd ie en 321 erweitert, ohne ihn vom himmliſchen Leben abzuziehen. Für ſie iſt die Erde ein Poöm, das in ſeinen einzelnen Gebilden von ſeinem Dichter und Schöpfer zeugtz aber das höchſte Zeugniß von ihm ſchöpft ſie dennoch nicht aus dem Naturleben, ſondern aus einer ſtillen, hohen Geſtalt, die einmal aus den Wäldern des Lebens vor ihre Blicke trat und ihr das Leben lichtvoll und groß machte, Zeit und Ewigkeit verbindend. Mrs. H. iſt eine platoniſirende Denkerin, welche(was hier in der Welt ſelten iſt) die Sachen im Syſtem und das Ver⸗ hältniß der verſchiedenen Radien zu einem gemeinſamen Mittelpunkt zu ſehen vermag. Und wir kamen in un⸗ ſerer Kritik über die hauptſächlichen Mängel in der Erziehung der Frauen hier zu Lande, ſo wie in allen Ländern, wohl überein. Sie erhalten eine Menge Specialkenntniſſe, aber kein Syſtem davon. So viel Latein, ſo viel Mathematik, ſo viel Phyſik u. ſ. w., aber keinen philoſophiſchen Mittelpunkt für dieſe Kennt⸗ niſſe, keine Anwendung des Lebens in ihnen auf das Leben ſelbſt, und keine Gelegenheit, um nach der Schul⸗ zeit dieſe Kenntniſſe in lebendiger Handlung anzuwenden. Darumentfallen ſie aus der Seele wie wurzelloſe Blumen oder Bäume, die von den Zweigen des Wiſſensbaumes herabgeriſſen ſind, wenn die jungen Schülerinnen aus der Schule in das Leben gehen. Oder wenn ſie ſich erinnern, was ſie gelernt haben, ſo iſt das blos Ge⸗ dächmißſache und dringt nicht als Saft und Wachs⸗ thum fördernde Kraft in das Leben ein. Was der Schulgelehrſamkeit im Großen wie im Kleinen fehlt, das iſt ein wenig— platoniſche Philoſophie. In an⸗ dern Gegenſtänden kamen wir nicht ſo gut überein. Aber der Zauber bei Mrs. H. beſteht darin, daß ſie Genie hat und neue, erweckende Worte ſpricht, be⸗ ſonders in Fragen über das Leben und die Wechſel⸗ beziehungen des Geiſtes und der Natur. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 21 322 Als die Sonne unterging in den Wogen des Fluſſes, hörte dieſer ſchöne Tag für mich auf und wir kehrten nach der Stadt zurück. Aber ich werde nach Belmont zurückkommen und allda einige Tage mit ſei⸗ nem guten Genius verbringen. So iſt es verabredet. Aber.. ich weiß nicht, ob ich Zeit bekomme. Mrs. H. gehört der ariſtokratiſchen Welt in Charlestown und einer ihrer älteſten Familien(Rutlige) an, gilt aber allgemein für eine der intelligenteſten und charman⸗ teſten Frauen; man ſpricht von ihr als von einer außergewöhnlichen Natur. Südkarolina wird allgemein der Palmettoſtaat ini ich erwartete daher überall dieſe halbtropiſche aumart zu finden und war verblüfft darüber, daß ich weder in noch außer Charlestown Palmettos zu ſehen bekam. Man hat ſie auch auf eine vandaliſche Art abgehauen, um ſie zu Pfahlwerk und Schiffsholz zu benützen, denn ihr Holz ſoll waſſerdicht ſein. Vor einigen Tagen endlich bekam ich dieſen karoliniſchen Staatsbaum(der Staat führt einen Palmetto im Wap⸗ pen) zu Geſicht, und zwar auf der Sullivansinſel, einer großen Sandbank im Meer vor Charlestown, wo die Stadtbewohner Landhäuſer haben, um die Seeluft und Bäder zu genießen, und wo man in verſchiedenen Gär⸗ ten noch Gruppen von Palmettos trifft. Denke Dir einen geraden, runden, kleinknotigen Stamm, von deſſen Wipfel eine Menge grüner Sonnenfächer mit finger⸗ artig getheilten Strahlen nach allen Seiten auf lan⸗ gen Stengeln ausgeht, und Du haſt ein Bild von dem Palmetto, der Spitze und dem Vorbild der Palme. Ich war von Mr. und Mrs. Gilman zu einem Picknick auf die Sullivaninſel eingeladen. Picknick iſt hier der gebräuchliche Name für ländliche Exeurſionen, um in munterer Geſellſchaft zu eſſen und ſich luſtig zu machen; dieſe Partien ſind namentlich bei den jungen Leuten ſehr beliebt, und mancher zärtliche ernſte Bund dige ſchr Da ſell Liel war neh Wir zier mac wäh ſich in der ſind des Geg das eine teiks in wor des ſchie ſagt hoch deſſe Aeu hatt Kirc liken ſtatt laſſe paar 323 ſchreibt ſeinen Anfang von einem muntern Picknick her. Dasjenige, dem ich jetzt anwohnte, war in großer Ge⸗ ſellſchaft, und an jungen Leuten und einem jungen Liebespaar fehlte es auch hier nicht, aber der Tag war kühl und ich fand ihn mehr mühſelig als ange⸗ nehm, wie es mir oft bei Vergnügungsparthieen geht. Wirklichen Genuß dagegen hatte ich von einer Spa⸗ zierfahrt, die ich mit Mrs. Gilman am Meeresſtrande machte, wo man auf der feſten feinen Sandbank fährt, während die Meereswogen donnernd und ſchäumend ſich bis unter die Füße der Pferde wälzen. Es war in dieſem Schauſpiel eine wilde Friſche gepaart mit der mildeſten, lieblichſten Luft. Mr. und Mrs. Gilman ſind beide poetiſche Naturen; ſie beſingt die Schönheit des ſtillen und frommen Lebens, er beſingt vaterländiſche Gegenſtände. Sein prächtiges patriotiſches Lied: „Väter, habt Ihr umſonſt geblutet?“ das mit warmer Eingebung geſchrieben worden zu einer Zeit, wo die Union durch die Bitterkeit der Par⸗ teikämpfe mit Auflöſung bedroht war, iſt allenthalben in den Vereinigten Staaten mit Entzücken geſungen worden und hat vielleicht mehr zur Wiederbelebung des allgemeinen Bürgerſinnes beigetragen, als ver⸗ ſchiedene ſtaatsmänniſche Maßregeln, von denen man ſagt, ſie haben die Union gerettet. Mr. G. iſt ein hochgeachteter und geliebter Prediger in Charlestown, deſſen innerer Adel und Ernſt ſich getreu in ſeinem Aeußern abſpiegelt. Geſtern Abend war ich bei einer Hochzeit. Man hatte mich nämlich eingeladen, der Trauung in der Kirche anzuwohnen. Sie fand zwiſchen einem Katho⸗ liken und einem Mitglied der engliſchen Episcopalkirche ſtatt. Sie waren übereingekommen ſich von dem Pre⸗ diger der unitariſchen Kirche, Mr. Gilman, trauen zu laſſen. Blos die Verwandten und Freunde des Braut⸗ paars ſollten der Ceremonie anwohnen. Sie wurde 324 Abends bei Kerzenſchein vollzogen. Die Braut war ſchön wie eine halbausgeſchlagene weiße Roſe, klein und fein; ſie trug ein weißes Kleid, Kranz und Schleier äußerſt hübſch. Der Bräutigam, ein großer magerer Herr, ſah gut und ehrlich aus, ſoll ſehr reich und in ſein Roſenknöspchen gewaltig verſchoſſen ſein. Ihre Brautfahrt iſt eine Luſtreiſe nach Europa. Nach der Trauung, die würdig und ſchön von Mr. Gilman vollzogen wurde, ging die Geſellſchaft aus den Bänken, um das Brautpaar zu beglückwünſchen. Eine alte Nege⸗ rin ſaß wie ein Schreckbild finſter und ſchweigſam neben dem Altare. Es war die Amme und Wärterin der Braut, und ſie konnte den Gedanken an eine Tren⸗ nung von derſelben nicht ertragen. Dieſe Trennung ſoll indeß nur für die Zeit ihrer Reiſe ſtattfinden, denn dieſe dunkeln Wärterinnen werden bis zu ihrem Tod in den weißen Familien mit großer Zärtlichkeit be⸗ handelt und verdieuen das auch gewöhnlich vermöge ihrer Liebe und Treue. Du kannſt glauben, daß es hier an Geſprächen über die Sclaverei nicht fehlt. Ich veranlaſſe ſie nicht; aber wenn ſie, was oft geſchieht, über mich kommen, ſo ſpreche ich mich ſo aufrichtig und ſanftmüthig wie nur möglich aus. Aber eine Sache, die mich hier in Verwunderung ſetzt und quält, denn ich hatte ſie nicht erwartet, iſt der Umſtand, daß ich kaum einen Mann oder eine Dame finde, welcher oder welche der Sache oß⸗ fen und ehrlich ins Geſicht ſchauen will. Man windet und ſchlängelt ſich auf allen Seiten fort, und man be⸗ dient ſich aller, zuweilen ſogar der widerſtreitendſten Beweismittel, um mich zu überzeugen, daß die Sclaven die glücklichſten Menſchen in der Welt ſeien und ſich keine andere Stellung, kein anderes Verhältniß wün⸗ ſchen können, als worin ſie ſich jetzt befinden. Dieß iſt für Viele und in gewiſſen Beziehungen auch wahr und dürfte öfter eintreten, als man in den nördlichen Ste find imn ein dieſ Sie hör das Sch Neg daß daß edle deni thur wirt lost Sta lehr thur und oft Miſ das hier und zimr 325 Staaten glauben will. Aber unglückliche Verhältniſſe finden ſich genug vor und müſſen in dieſem Syſtem immr auftauchen, um es verhaßt zu machen. Ich habe ein paar Geſpräche ungefähr folgenden Inhalts über dieſen Gegenſtand gehabt: Südländer: Miß B., das Gerücht ſagt, daß Sie der Abolitioniſtenpartei angehören! Ich: Ja gewiß, das thue ich; aber ſicherlich ge⸗ hören wir Beide ihr an, Sie ſowohl als ich. (Südländer ſtutzt.) Ich: Ich bin überzeugt, daß Sie die Freiheit und das Glück des Menſchengeſchlechts wünſchen. Sidläne n J Ja a Aber aber— Und jetzt kommen eine Menge Aber, welche die Schwierigkeit und Unmöglichkeit der Befreiung der Negerſclaven beweiſen ſollen. Die Schwierigkeit will ich zugeben, die Unmöglichkeit nicht. Aber es iſt klar, daß es einer Vorbereitung zur Befreiung bedarf, und daß ſie lange verſäumt worden iſt. Und hier iſt ein edler Mann in der Stadt, der wie ich in der Sache denkt und durch Einweihung der Neger ins Chriſten⸗ thum auf die Vorbereitung zu dieſer Befreiung hin⸗ wirkt. Früher war ihr Unterricht ſchändlich verwahr⸗ lost oder vielmehr gehemmt worden; die Geſetze des Staats verbieten, die Sclaven ſchreiben und leſen zu lehren, und haben lange auch ihren Unterricht im Chri⸗ thum verhindert. Aber beſſere Zeiten ſind gekommen und ſcheinen zu kommen. In den Familien lehrt man oft die Sclaven leſen, und auf den Pflanzungen gehen Miſſionäre, meiſt Methodiſten, umher und predigen das Evangelium. Aber die Einſeitigkeit und ſelbſtwillige Blindheit hier in der Stadt ſetzt mich wahrhaftig in Erſtaunen und quält mich. Und die Frauenzimmer, die Frauen⸗ zimmer, von deren moraliſchem Rechtsgefühl und an⸗ 326 geborenem Sinn für das Wahre und Gute ich ſo viel geglaubt und gehofft hatte— die Frauenzimmer machen mir den Kummer, daß ſie in dieſer Beziehung ſtock⸗ blind, ja ſogar noch reizbarer und heftiger ſind, als die Männer. Gleichwohl ſind es die Frauenzimmer, die durch die Unſittlichkeit und Albernheit der Einrich⸗ tung am Tiefſten verletzt werden ſollten. Macht ſie nicht die Familie zu nichte? Trennt ſie nicht Mann und Weib, Kind und Mutter? Täglich erfüllt es mich mit Ent⸗ ſetzen, wenn ich die kleinen Negerkinder ſehe und denken muß: dieſekleinen Kinder gehören nicht ihren Eltern. Ihre Mutter, welche ſie unter Schmerzen zur Welt geboren, die ihnen ihre Milch, ihre Pflege gibt, ſie, deren Fleiſch und Blut ſie ſind, hat kein Recht über ſie. Mutter, ſomit auch alle Kinder, welche ſie bekommt, Sie ge⸗ hören nicht ihr, ſondern dem Eigenthümer, der die gekauft hat und ſie verkaufen kann, wann es ihm ein⸗ ällt. Sonderbar! Das allgemeine Gefühl, ſagt man, hat ſich bei Verkäufen immer mehr gegen die Trennung der Fa⸗ milien, ſowie die Trennung kleiner Kinder von ihren Müttern gerichtet, und bei öffentlichen Sclavenauctio⸗ nen ſoll dieſe nicht mehr ſtattfinden können. Aber ſo⸗ wohl in den nördlichen, als in den ſüdlichen Staaten hört man von Ereigniſſen, welche bezeugen, wie viel Herzzerreißendes durch ſolche Trennungen vorkommt, die durch die Conſequenzen des Syſtems unvermeidlich gemacht werden, ſo daß die beſten Sclavenbeſitzer ſie nicht immer verbindern können. Im Haus ſcheinen die Sclaven hier im Allgemei⸗ nen ſehr gut behandelt zu werden, und ich habe Häuſer geſehen, wo ihre Zimmer und was zu ihrem Comfort gehört(jeder Diener und jede Dienerin hat ihr eigenes gemüthliches Stübchen) weit beſſer beſtellt waren, als es die freien Diener in unſerem Lande gewöhnlich haben. Das Verhältniß zwiſchen Diener und Herr⸗ viel ichen als mer, rich⸗ ſie und ſtock⸗ Ent⸗ nken Ihre ren, eiſch ge⸗ die umt, ein⸗ bei Fa⸗ ren tio⸗ ſo⸗ aten viel mt, lich nei⸗ ſer ort nes als lich rr⸗ — 327 ſchaft ſcheint auch meiſteus ein gutes und herzliches zu ſein, beſonders ſcheinen die älteren Diener in einer Familie in dem innigen Verhältniß zu derſelben zu ſtehen, das einen patriarchaliſchen Zuſtand auszeichnet und in guten Familien ſo gewöhnlich zwiſchen Geſinde und Herrſchaft zu ſehen iſt, gleichwohl mit dem großen Unterſchied, daß bei uns das Verhältniß ein freies, eine freie Verbindung vernünftiger Weſen mit einander iſt. Hier tritt zwar oft dieſe freie Verbindung auch ein, aber ſie iſt dann ein Sieg über die Sclaverei und das ſclaviſche Verhältniß, und ich meine, daß man hier nie ſo genau wiſſen kann, wie es damit ausſieht, und ob die Ergebenheit von Seiten des Dieners wahr iſt oder nicht. Gewiß iſt indeß, daß die Negerrace einen ſtarken Inſtinkt der Ergebenheit und Verehrung hat, und dieß fann man den Leuten an den Augen anſehen, die einen eigenthümlich guten, getreuen und wahren Ausdruck haben, welchen ich liebe, und der mich an den ſchönen Ausdruck in den Augen des Hundes erinnert; gewiß iſt auch, daß ſie eine natürliche Neigung hat, ſich unter die weiße Race zu ſtellen und ihrer höheren Intelligenz zu gehorchen, und weiße Mütter und ſchwarze Wärterinnen zeugen von der ausſchließlichen Liebe der letzteren für die Kinder der Weißen. Man kann für Kinder keine beſſeren Pflegerinnen und Wär⸗ terinnen bekommen, als die ſchwarzen Weiber, und im Allgemeinen keine beſſeren Krankenwärter, als Schwarze, ſowohl Männer als Weiber. Sie ſind von der Natur autmüthig und ergeben. Und ſind nun die weißen Herrſchaften auch gut, dann wird das Verhältniß zwi⸗ ſchen Maſſa und Miſſis(ſo nennen die Neger die weißen Herrſchaften) und„Daddy und Momo“(ſo heißen die ſchwarzen Diener, beſonders wenn ſie über ein Jahr da geweſen ſind) ein wirklich gutes und zärtliches. Aber an Beiſpielen von andern Verhält⸗ 328 niſſen fehlt es hier auch nicht, und Karolinas Gerichte und Karolinas beſſere Geſellſchaft haben noch friſche Frinnerung an Grauſamkeiten, die gegen Hausſclaven begangen wurden und die mit den ſchlimmſten Grau⸗ ſamkeiten der alten Heidenzeit wetteifern. Einige der gröbſten von dieſen Miſſethaten ſind von Weibern begangen worden, von Frauen aus der höheren Socie⸗ tät in Charlestown! Roch ganz neulich iſt ein reicher Plantagenbeſitzer in Südkarolina wegen barbariſcher Behandlung eines Sclaven zu zwei Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. Und wenn man bedenkt, daß die Gerichte ſich mit keinen andern Grauſamkeiten gegen Sclaven befaſſen, als mit ſolchen, die allzu entſetzlich und allzu öffentlich ſind, um übergangen zu werden! Wenn ich gegen Vertheidiger und Vertheidigerinnen der Sclaverei mit dieſen allgemein bekannten Freig⸗ niſſen hervorrücke, ſo antworten ſie:„Auch in Ihrem Land und in allen Ländern ſind die Herrſchaften zu⸗ weilen hart gegen ihre Diener.“ Worauf ich erwiedere: „Dann können ſie ziehen!“ Und darauf haben ſie nichts mehr zu ſagen, aber ſchneiden ſaure Geſichter. Ach, der Fluch der Sclaverei(the eurse of slavery), wie die gewöhnliche Phraſe lautet, trifft nicht blos die ſchwarzen, ſondern in dieſem Augenblick noch mehr die weißen Menſchen, denn er verkehrt ihr Wahrheitsge⸗ fühl und erniedrigt ihre Moral. Die Behandlung und Stellung der Schwarzen verbeſſert ſich wirklich von Jahr zu Jahr. Aber die Weißen ſcheinen in der Auf⸗ klärung nicht vorwärts zu gehen. Doch ich will noch mehr ſehen und hören, bevor ich ich urtheile. Vielleicht daß die Freunde der Finſterniß ſich hanptſächlich in Charlestown niedergelaſſen haben. Charlestown iſt wie ein Eulenneſt, ſagte einmal eine geiſtreiche Caro⸗ liner Dame. Ich muß Dir jetzt ein wenig von dem Hauſe er⸗ zählen, wo ich lebe und wo ich mich ſo wohl und ichte iſche wwen rau⸗ der ern ie⸗ cher cher aus die gen lich n! ten rer hts ), ie ie e⸗ on 329 glücklich befinde, daß ich es gar nicht beſſer wünſchen kann. Das Haus nebſt ſeinem Gärtchen liegt frei in einer der ländlichſten Straßen der Stadt, in Lynchſtreet, und hat von einer Seite freie Ausſicht auf das Land und den Fluß, von wo es auch die lieblichſte Luſt, die friſcheſten Windhauche bekommt. Buſchige Ranken von weißen Roſen und rothem Gaisblatt ziehen ſich bis an die obere Piazza hinan und bilden die ſchönſte Veranda. Dort ergehe ich mich oft, beſonders Morgens und Abends, trinke die liebliche Luft und ſchaue auf die Gegend hinaus. In dieſem obern Stock iſt mein ſchönes, luftiges Zimmer. Im erſten Stocke ſind die eigentlichen Geſellſchaftszimmer, und auf der Piazza deſſelben verſammelt man ſich und geht Abends hinaus, da hier gewöhnlich Geſellſchaft ſtatifindet. Mrs. Howland kennſt Du bereits ein wenig, aber man kann ſie nicht recht kennen oder würdigen, bevor man ſie in ihrem täglichen Leben im Hauſe ſieht. Sie gleicht darin mebr einer Schwedin, als irgend einer Frau, die ich bis jetzt noch im Lande geſehen habe, denn ſie hat dieſes ſtille, pflegende, ſorgſame, mütter⸗ liche Weſen, das immer etwas zu thun findet und ſich nicht ſcheut, mit eigenen Händen anzugreifen.(In den Sclavenſtaaten betrachtet man gewöhnlich die gröbere Arbeit als etwas Erniedrigendes und läßt es durch die Sclaven beſorgen). So ſehe ich ſie vom Morgen bie zum Abend ſtill beſchäftigt, bald mit ihren Kindern, bald mit Mahlzeiten, wo ſie ihrem Diener den Tiſch in Ordnung bringen oder, wenn das Eſſen vorüber iſt, Alles wieder abräumen und aufheben hilft(was auch bei den Negern wohl nöthig iſt, denn ſie ſind ſaumſelig von Natur), bald beſchöftigt Kleider zuzu⸗ ſchneiden und zu nähen, bald die kleinen Neger im Hauſe zu kleiden und zu putzen, bald im Garten Blu⸗ men pflanzend oder geſunkene wieder aufrichtend, ver⸗ wilderte Ranken aufbindend und ordnend, bald Gäſte 331 friſche und Fröhlichkeit, leicht wie eine Hindin, Locken und Bänder im Winde flatternd, ſpringen zu ſehen. Sie iſt ein höchſt anmuthsvolles Geſchöpf. Ihre ältere Schweſter Illione iſt ebenfalls ein hübſches Mädchen von gemüthlichem und ſicherem Weſen. Willie hat ſchöne Augen und braune Locken, und Laura iſt eine kleine Roſenknoſpe. Zwei kleine ſchwarze Negermäd⸗ chen, Georgia und Atilla, die Kinder der Lettis, ſpringen und hüpfen im Haus und auf Treppen um⸗ her, ſo flink und lebhaft, wie man ſich nur ſchwarze Kobolde denken könnte. Nach dem Frühſtück gehe ich in mein Zimmer hinauf und darf da den ganzen Vor⸗ mittag ruhig ſein. Um 12 ſchickt Mrs. Howland mein zweites Frühſtück herauf, Butter und Brod, ein Glas Milch mit Eis, Orangen und Bananas. Du ſiehſt, mein Herzchen, daß ich keine Gefahr laufe zu verhun⸗ gern. Um 3 Uhr ißt man zu Mittag und hat zuweilen den einen oder andern Gaſt. Nachmittags macht meine gute Wirthin Ausfahrten mit mir, die mir in jeder Beziehung angenehm ſind. Der Abend iſt indeß die Blume des Tages hier zu Lande(in wie manchen Häuſern iſt nicht der Abend der drückendſte Theil des Tages ²). Da werden die Lampen in den ſchönen Sa⸗ lons angezündet, da wird man zum Thee gerufen. Da ſitzt Mrs. Howland ſo gut und gemüthlich auf dem Sopha mit einem großen Theetiſch vor ſich, der voll von guten Dingen iſt. Da werden kleine Theetiſchcheu umhergeſtellt(ich bekomme immer mein eigenes Tiſch⸗ chen für mich in der Nähe des Sophas) und der kleine flinke Negerjunge Sam, Mr. Howlands großer Günſt⸗ ling, trägt die Erfriſchungen umher. Da kommen beinahe immer drei bis vier junge Söhne von Freun⸗ den der Familie, auch ein Paar junge Mädchen, und die Jngend tanzt artig und vergnügt nach dem Klavier. Die Kinder im Haus ſind artig mit einander und tanzen oft zuſammen, wie wir an den Abenden daheim 332 zu thun pflegten. Aber ſie ſind glücklicher, als wir waren. Ich ſpiele ihnen gewöhnlich eine Weile Walzer oder Frangaiſes vor. Beſuche kommen und gehen. Später begibt man ſich auf die Piazza, wo man herumgeht oder daſitzt und plaudert. Ich gehe aber am liebſten ſchweigend, der balſamiſchen Nachtluft mich erfreuend und durch die offenen Thüren in die Zimmer hineinblickend, wo die ſchönen Kinder in Ingendluſt umherhüpfen, Sara immer idealiſch zierlich und an— muthsvoll und— ohne es zu wiſſen. Mr. Monefelt, Mrs. Howlands Bruder, der Herr, der am erſten Mor⸗ gen kam, mich abzuholen, iſt ein alltäglicher Gaſt am Abend, ein gemüthlicher, redſeliger Mann und guter Erzähler. Aber bei Niemand befinde ich mich ſo wohl, wie bei meiner guten, klugen Wirthin. Und ich kann nicht beſchreiben, wie vortrefflich ſie gegen mich iſt. Den 13. April. Geſtern Abend hatten wir großes Spektakel von Donnern und Blitzen, wie ich es in Europa nie geſe⸗ hen hatte, obſchon ich mich einer Juninacht im ver— floſſenen Jahr in Dänemark(auf Sorö) erinnere, wo die Luft wie in hellen Flammen ſtand. Aber hier waren die Blitze wie glühende Lavaſtröme. Und das Donnergekrach war darnach. Zum erſtenmal in meinem Leben fühlte ich etwas Angſtähnliches vor ei⸗ nem Gewitter. Und gleichwohl erfreute ich mich an der wilden Scene. In ein paar Tagen reiſe ich von hier ab auf Beſuch zu Mr. Poinſett, ehemaligem Kriegs⸗ miniſter der Vereinigten Staaten und Geſandten der⸗ ſelben in Mexiko, der jetzt als Privatmann auf ſeinen Pflanzungen lebt. Er ſoll ein außerordentlich inter⸗ eſſanter und liebenswürdiger Mann ſein, hat viel vom Leben und von der Welt geſehen, und ich nehme daher 333 mit Vergnügen die Einladung in ſeine Wohnung bei Georgetown, eine Tagreiſe von hier, an. Ich habe dieſe Einladung Mr. Downing zu verdanken. Bei Mr. Poinſett verweile ich wohl einige Tage und komme dann hieher zurück, um von da nach Georgia zu reiſen. Ich muß eilen, um die Zeit zu benützen, denn ſchon nach dem erſten Mai ſoll die Hitze im Süden groß werden, und um dieſe Zeit ziehen alle Plantagebeſitzer von ihren Pflanzungen fort, um den gefährlichen Fie⸗ bern auszuweichen, die da beginnen. Während der Sommermonate eine Nacht auf einer Reisplantage zu⸗ zubringen, ſoll, ſagt man, für einen weißen Menſchen der ſichere Tod ſein. Die Neger dagegen ſollen nur we⸗ nig oder nichts vom Klima leiden. Ich bin jetzt beſchäftigt nach einem Oelgemälde das Porträt eines Indianerhäuptlings, Namens Oſe⸗ conebola zu malen, der an der Spitze des Seminolen⸗ ſtammes fünf Jahre lang tapfer gegen die Amerikaner in Florida kämpfte, als dieſe die Indianer daraus zu ver⸗ jagen ſuchten, um ſie weſtlich nach Arkanſas zu ver⸗ pflanzen. Die Gegend in den ſüdlichen Theilen Flo⸗ ridas, welche die wilden Indianerſtämme Seminoli und Creeks inne hatten, und von wo aus ſie die wei⸗ ßen Koloniſten beſtändig beunruhigten, hat in ihren Wäldern hauptſächlich eine Art von Tannen, welche Lichtholz(light-wood) genannt wird wegen ihres harz⸗ haltigen Holzes, das ſich ſchnell entzündet und flammt. Sie iſt hoch und leicht zu fällen. Arkanſas, auf der weſtlichen Seite des Miſſiſippi, hat meiſtens Eichenwal⸗ dungen, grenzt an wildes Steppenland, dermalen den hauptſächlichſten Aufenthalt der Indianer in Nordame⸗ rika, und hat ein hartes Klima. Deßhalb antwortete der Seminolenhäuptling Oſeconehola auf die Anerbie⸗ tungen und Drohungen, die ihm und ſeinem Volk von der Regierung der Vereinigten Staaten gemacht wur⸗ den:„Mein Volk iſt an die warme Luft, an die ſiſch⸗ 334 reichen Seen und Ströme in Florida, an das Licht⸗ holz gewöhnt, das leicht zu fällen iſt und leicht brennt. Es kann nicht leben in dem kalten Lande, wo blos die Eiche wächst. Das Volk kann die großen Bäume nicht fällen; es wird da ausſterben aus Mangel an Wärme.“ Und als man ihm endlich die Alternative zwiſchen offe⸗ nem Krieg mit den Vereinigten Staaten oder Unter⸗ zeichnung des Vertrages ſtellte, der ihn und ſein Volk aus Florida vertrieb, da ſtieß er ſeinen Dolch durch denſelben und ſagte:„Ichtrotze ihnen auffüuf Jahre.“ Und fünf Jahre währte der Kampfzwiſchen den Florida⸗ Indianern und der Armee der Vereinigten Staaten; viel Blut floß auf beiden Seiten und noch immer wa⸗ ren die Indianer im Beſitz des Landes und ſie würden es vielleicht noch jetzt ſein, wenn nicht Oſeconehola durch Friedensbruch und Verrath in Gefangenſchaft gerathen wäre, als er unter dem Schutz der weißen Fahne kam, um mit dem ſpaniſchen General Hernandez zu parlamentiren. Die verrätheriſche Handlung ſiel aller⸗ dings dem Spanier zur Laſt, aber es ſcheint doch, daß die amerikaniſchen Offiziere davon wußten oder nicht dagegen waren. Oſeconehola wurde als Gefangener zuerſt nach St. Auguſtin, ſodann nach Charlestown und ins Fort Moultrie auf der Sullivaninſel gebracht. Von dieſer Stunde an ſchien ſein Muth gebrochen zu ſein. Perſonen, die ihn in ſeinem Gefängniß beſuchten(Mr. Monefelt war unter ihnen) ſagen, ſie haben niemals einen ſo melancholiſchen und düſtern Blick geſehen. Er beklagte ſich jedoch nie, aber er ſprach oft mit Bitter⸗ keit über die Art, wie er gefangen genommen worden, und über das Unrecht, das man ſeinem Volk angethan, als man es zwang von ſeiner Vatererde nach einem nördlichen Land zu ziehen, wo ſich kein„Lichtholz“ vorfand. Seine Schönheit, ſeine melodiſche Stimme, ſeine dunkeln Augen voll von düſterem Feuer, ſeine Tapfer⸗ 335 keit und ſein Schickſal erweckten allgemeines Intereſſe, und die Frauenzimmer beſonders ſchwärmten für den ſchönen Seminolenchef, machten ihm Beſuche und Ge⸗ ſchenke. Aber er ſchien gleichgiltig gegen alles, wurde immer ſchweigſamer, und von dem Augenblick an, wo er ins Gefängniß gebracht wurde, nahm ſeine Geſund⸗ heit ab, ohne daß er jedoch krank zu ſein ſchien. Es war klar, daß er ſterben wollte. Der gefangene Adler konnte, des freien Lebens und der Luft ſeiner Wälder beraubt, nicht leben. Zwei ſeiner Frauen, eine junge und ſchöne, ſowie eine alte und häßliche, folgten ihm ins Gefängniß. Die alte bediente und verpflegte ihn, und ſie ſchien er am meiſten zu lieben. Immer nur mit dem einen Gedan⸗ ken, dem ſichern Untergang ſeines Volkes in dem kal⸗ ten Land ohne Lichtholz beſchäftigt, verbittert und ſchweigſam, zehrte er allmählig ab und ſtarb einen Monat nach ſeiner Ankunft im Fort Mouttrie, ſtarb, weil er nicht leben konnte. Das Lichtholz in ſeinem Leben war abgebraunt. Eine Thränenweide beugt ſich über den weißen Marmorſtein, der ſein Grab vor den Mauern der Feſtung am Meeresſtrande bezeichnet. Es ſind erſt einige Jahre ſeit er ſtarb, und ſein Leben, ſein Kampf iſt eine abgekürzte Geſchichte des Schickſals ſei⸗ ner Nation in dieſem Welttheil. Darum und auch des Ausdrucks wegen in ſeinem ſchönen Geſicht habe ich eine Kopie ſeines Porträts mitnehmen wollen, ſo daß du es ſehen kannſt. Ich habe viele Perſonen von ihm ſprechen gehört. Im Uebrigen bin ich juſt nicht ſchwach für die Indianer, trotz ihrer vereinzelten Tu⸗ genden und ſchönen Charaktere und trotz des Schimmers, womit der Roman ſie gerne umhüllt. Sie ſind ſehr grauſam im Krieg miteinander(die verſchiedenen Stämme unter ſich) und die Männer ſind gewöhnlich hart gegen die Weiber, welche ſie wie Laſtthiere und nicht wie Ihres⸗ gleichen behandeln. 336 Caſa Bianca, den 16. April. Ich ſchreibe dir jetzt aus einer Einſiedelei am Ufer des kleinen Fluſſes Pee⸗dee. Es iſt eine einſame ſtille Wohnſtätte, ſo einſam und ſtill, daß ich mich beinahe wundere, ſie in dieſem lebensvollen, betriebſamen Theile der Welt, unter dieſem geſelligen Volke zu finden. Ein altes Ehepaar, Mr. Poinſett und ſeine Frau— ſie er⸗ innern mich an Philemon und Baucis— lebt hier ganz allein mitten unter Regerſklaven, Reispflanzungen und wilden, ſandigen Waldungen. Nicht ein einziger weißer Diener findet ſich im Hauſe. Der Sklavenauf⸗ ſeher, der immer in der Nähe des Sklavendorfes wohnt, iſt die einzige weiße Perſon, die ich hier außer dem Hauſe geſehen habe. Gleichwohl ſcheinen die alten Leutchen hier ſo getroſt zu wohnen, wie wir in unſerem Arſta, und ſichs eben ſo wenig angelegen ſein zu laſſeu bei Nacht die Hausthüre zu verſchließen. Das Haus iſt ein altes Gebäude, Notabene für dieſes junge Land, mit antiken Möbeln und Zimmern, die von gu⸗ tem, altariſtokratiſchem Geſchmack und Comfort zeugen. Rund um das Haus iſt ein Park oder großer Baum⸗ garten mit einem Reichthum von den ſchönſten Bäu⸗ men, Gebüſchen und Pflanzen des Landes, von Mr. Poinſett ſelbſt nach Downings Plan angelegt; und hier, wie unter den ſchneebedeckten Dächern in Concord habe ich die Freude, die Worte zu hören: Mr. Downing hat viel für dieſes Land gethan. So allgemein iſt Downings Einfluß auf Veredlung des Geſchmackes und Schönheitſinnes in Bezug auf Bauten, Gartenkultur und ländliche Anlagen im Allgemeinen. Nordamerika hat auch die Eigenſchaft, daß Bäume und Gebüſche aller andern Welttheile hieher verſetzt werden können, ſich naturaliſiren und gedeihen, und unter den Gewäch⸗ ——.——— ifer tille ahe eile Ein er⸗ ier gen ger uf⸗ nt, em ten in ein das nge gu⸗ en. um⸗ äu⸗ Mr. ier, abe ing iſt ind tur ika che en, ch⸗ 337 ſen um Caſa Bianca her ſind viele aus fremden Re⸗ gionen. Am meiſten liebe ich jedoch die hier einhei⸗ miſchen großen Lebenseichen mit ihren langen hängen⸗ den Movospflanzen(zwei Prachtexemplare davon ſtehen vor dem Haus am Ufer des Pee⸗Dee und bilden mit ihren Zweigen eine ungeheure Säulenhalle, durch welche man den Fluß und die Landſchaft jenſeits deſſelben ſieht) und die ernſten, hohen, dunkelgrünen Magnolien. Vor meinem Fenſter— ich wohne im obern Theil des Hauſes— ſteht ein Cornus Floridae, ein Baum, deſſen Krone jetzt wie eine Maſſe ſchneeweißer Blumen erſcheint, und Morgens in der Frühe ſehe und höre ich die Droſſel, die im Wipfel dieſes Baumes ihr herrliches Morgenlied ſingt; ferner ſind hier die lieb⸗ lich duftende Olea fragrans von Peru und noch mehrere ſchöne, ſeltene Bäume und Buſcharten. In dieſen ſingen Droſſeln und Spottvögel(Amerikas Nachtigal⸗ len), und Schwärme von„ſchwarzen Vögeln“(black birds) zwitſchern, gackern und bauen in den großen Lebenseichen. Mrs. Poinſett will nicht, daß ſie ge⸗ ſtört werden, und jeden Morgen nach dem Frühſtück kommen kleine Sperlinge und kleine Kardinäle(eine Art Vögel, wegen ihres zierlichen, rothen Anzugs ſo genannt) ganz vertraulich, um die Reiskörner zu picken, die ſie ihnen vor der Thüre auf die Piazza ſtreut. Auf dem ſtillen Flüßchen Pee⸗Dee gleitet der eine und andere kleine Kahn, von einem Neger gerudert, und nur aus den Dampfſchiffen, die von Zeit zu Zeit ihre Rauchſchwänze über den Fluß Wackamow, weiter vor dem Pee⸗Dee ſchwingen, ſowie aus den Segeln, die man hinabſchwimmen ſieht, um nach Cuba oder China zu gehen, erſieht man, daß man auch hier in der handelnden und wandelnden Welt lebt. Mr. Poinſett iſt ſeinem Weſen und Ausſehen Bremer, die Heimath in der neuen Welt. l. 22 338 nach ein franzöſiſcher gentilhomme— er ſtammt auch aus einer franzöſiſchen Familie— und vereinigt die Feinheit und natürliche Courtoiſie der Franzoſen mit der aufrichtigen Einfachheit und Rechtſchaffenheit, die ich bei dem wahren Amerikaner, dem Mann der neuen Welt, ſo ſehr liebe Seine feine Geſtalt iſt noch im⸗ mer geſchmeidig und leicht, obwohl er an Engbrüſtig⸗ keit leidet. Er hat Vieles geſehen, Vieles mitgemacht und iſt äußerſt angenehm in der Unterhaltung, zumal wenn er von den innern politiſchen Verhältniſſen der Vereinigten Staaten ſpricht, zu deren Ausbildung er mitgewirkt hat, und deren Geiſt und Ziel er mit ſcharfem Verſtand und zugleich mit warmem Bürger⸗ ſiun auffaßt. Aus einigen Abendunterredungen mit ihm nach dem Thee habe ich über dieſe Verhältniſſe und die Stellung der einzelnen Staaten zu der Cen⸗ tralregierung mehr erfahren, als ich aus den Büchern hätte lernen können. Denn von dem alten, klugen Staatsmann kann ich auf eine lebendige Art lernen; ich darf Fragen und Einwendungen machen, und ich erhalte Antworten darauf. Er iſt der erſte Mann, den ich noch im Süden getroffen habe(mit einer einzigen Ausnahme), der recht offen und unparteiiſch von der Sklaverei ſpricht. Er wünſcht ernſtlich die Befreiung ſeines Vaterlandes von dieſer Feſſel und er glaubt auch daran; aber er findet die gegenwärtigen Verhält⸗ niſſe ſo verwickelt und die Schwierigkeiten einer Ver⸗ änderung ſo groß, daß er die Löſung der Zukunft an⸗ heimſtellt. Er glaubt an Amerikas Voranſchreiten, iſt aber gleichwohl mit dem Gang vieler Dinge im Lande und zumal in dieſem Staat keineswegs zufrieden. Er iſt ein Weiſer der neuen Welt, der ſich nunmehr gänz⸗ lich von der Welt zurückgezogen hat, ſie ruhig aus ſeiner Einſiedelei betrachtet, und mit ſeiner guten Si und ſeinen ländlichen Arbeiten glücklich allein ebt. —————„—— 339 Morgens, nachdem ich mit gutem Appetit mein Frühſtück, beſtehend aus Reis, Eiern und Kokosnuß, verzehrt habe, helfe ich Mrs. Poinſett die Vögel auf der Piazza füttern und ſehe mit Entzücken den ſchönen, zierlichen Kardinälen zu, wie ſie herabflattern, um die ausgeſtreuten Körner zu pflücken; und wenn ich dann in den Garten hinausſtürze, um voll Inbrunſt die Luft, die Gebüſche und die ganze Natur zu umfangen, da lacht die gute Alte ſo treuherzig. Mr. Poinſett kommt heraus und macht mich auf die ſchönen Lamar⸗ queroſen aufmerkſam, die Mr. Downing ihm gegeben hat, und die jetzt in großen Büſcheln ihre weißgelben Blumen an einem Spalier au der Wand des Hauſes hinauf ausſchlagen; ſo geht er mit mir im Garten herum und nennt mir die Pflanzen, die ich nicht kenne, und ihre Eigenſchaften, denn der alte Herr iſt ein ge⸗ ſchickter Botaniker. Er hat mich auf ſeinen Reisfel⸗ dern herumgeführt, die jetzt demnächſt eingeſäet und dann unter Waſſer geſetzt werden müſſen. Dieſe Wäſ⸗ ſerungsmethode und die daraus entſtehenden Dünſte ſind die Gründe, warum die Reispflanzungen während der heißen Zeit für die weiße Bevölkerung ſo unge⸗ ſund werden. Mr. Poinſetts Pflanzung iſt nicht groß und ſcheint nicht mehr als etliche und ſechzig Neger zu haben. Mehrere andere, gleichfalls nicht ſonderlich große Plan⸗ tagen grenzen daran, aber meine Wirthsleute ſcheinen mit den Eigenthümern derſelben keinen Umgang zu haben. Ich ſtreife allein und frei in der Gegend um⸗ her, durch Reisfelder und Negerdörfer, was mich ſehr beluſtigt. Die Sklavendörfer beſtehen aus kleinen, weißan⸗ geſtrichenen hölzernen Häuſern, meiſtentheils in zwei Reihen, ſo daß eine Straße gebildet wird, worin je⸗ des Haus mit ſeinem Stückchen Ackerland oder Gar⸗ ten, der gewöhnlich auch ein Paar Bäume hat, ver⸗ 340 einzelt ſteht. Die Häuſer ſind nett und ſauber, und ein ſolches Dorf mit ſeinen vor jedem Häuschen ſtehenden Pfirſichbäumen, zumal wenn ſie, wie eben jetzt, in der Blüthe ſind, gewährt einen freundlichen Anblick. Das Wetter iſt göttlich.„Aechte Carolina⸗ luft!“ ſagen die Bewohner Carolinas, und ſie iſt lieblich. Geſtern(Sonntags) war am Vormittag Gottes⸗ dienſt für die Neger, in einem Wagenſchoppen, der zu dieſem Behuf ausgeräumt wurde. Es war da ſau⸗ ber und luftig, und die Sklaven verſammelten ſich wohlgekleidet und ſtill. Die Predigt und der Predi⸗ ger(ein weißer Miſſionär) waren äußerſt hölzern; aber ich ſtaunte über die ſchnelle und freudige Auffaſ⸗ ſung dieſer Leute, ſo oft ein Ausdruck von einiger Schönheit und einigem Gefühl vorkam. Als z. B. der Prediger die Worte Hiobs anführte:„Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn ſei gelobt!“ da entſtand eine allgemeine Be⸗ wegung in der Verſammlung; die Worte wurden wie⸗ derholt, Viele riefen Amen! Amen! und ich ſah man⸗ ches Auge glänzen. Später am Tag machte ich einen Spaziergang, um mich an dem ſchönen Abend zu er⸗ freuen und mich umzuſchauen. Ich habe oft von Freunden der Sklaverei, auch in den nördlichen Staaten, als Beweis für das Glück der Sklaven anführen gehört, wie ſie Abends in den Plantagen ſingen und tanzen. Und ich dachte:„Vielleicht bekomme ich einen Tanz zu ſehen.“ Ich kam an ein Sklavendorf. Die weißen Häuslein unter den hellrothen, blühenden Bäumen mit ihrem kleinen Gartenland ſahen ganz gemüthlich aus; kleine, fette, ſchwarze Kinder ſprangen herum, große gelbe Süßkart offelwurzeln eſſend; ſie lachten blos, wenn man ſie anſah, und waren ungemein geneigt, ihre Hände zu reichen. Aber im Dorf war Alles ſchweigſam und ſtill. Vor den Wohnungen ſah man ud en en en 10⸗ iſt es⸗ der AUu⸗ ſich di⸗ rn; aſ⸗ ger err me Be⸗ ie⸗ an⸗ nen er⸗ den als rt, en. ßen mit us; oße os, igt, lles nan 341 einige Neger und Negerinnen ſtehen. Auch ſie ſahen freundlich und zufrieden aus. In einem Haus hörte ich Jemand eifrig beten und rufen. Ich ging hinein und ſah eine Verſammlung von Negern, hauptſächlich Weibern, die mit großer Erbauung und Rührung ei⸗ nem Neger lauſchten, der mit viel Eifer und bedeut⸗ ſamen Geberden, hauptſächlich in ſchweren, langſamen Fauſtſchlägen auf den Tiſch beſtehend, predigte. Die Summe ſeiner Predigt war Folgendes:„Laßt uns thun wie Chriſtus uns geboten hat; laßt uns ſeinem Wil⸗ len folgen, laßt uns einander lieben. Dann wird er zu uns kommen an unſer Krankenbett, an unſer Sterbebett, und wir werden zu ihm kommen und mit ihm ſitzen in der Herrlichkeit.“ Der Vortrag konnte, trotz all ſeinem übertriebenen Pathos und ſeinen vie⸗ len Wiederholungen, in Bezug auf Zweck und Abſicht gar nicht beſſer ſein. Und es entzückte mich zu hören, wie die Lehre von der geiſtigen Freiheit auf dieſe Art von Sklaven für Stlaven gepredigt wurde. Ich habe ſpäter gehört, daß die Methodiſten⸗WMiſſionäre, welche die einflußreichſten Lehrer und Prediger der Neger ſind, gegen ihre Liebe zu Tanz und Muſik eifern und ſie für ſündhaft erklären. Und je mehr das Ne⸗ gervolk chriſtlich wird, um ſo mehr kommt es vom Tanze ab, hält Predigtmeetings ſtatt fröhlicher Feſte und gebraucht ſeine muſikaliſchen Gaben blos um Pſal⸗ men und Hymnen zu ſingen. Wie unweiſe erſcheint mir nicht das Verfahren dieſer Prieſter! Sind nicht alle Gaben Gottes gut, und können ſie nicht alle zu ſeiner Ehre angewendet werden? Und dieſes von Na⸗ tur fröhliche und kindliche Volk, warum ſoll es nicht Gott in Freudigkeit verehren dürfen? Ich möchte für dieſe Leute heilige Tänze haben und ſie dabei fröhliche Loblieder ſingen laſſen in der ſchönen Luft unter den blühenden Bäumen. Tanzte nicht König David und nicht in frohem Entzücken vor der Bundes⸗ ade?“ Ich ging weiter in Wald und Feld in der wilden ſtillen Gegend. Als es zu dämmern anfing, kehrte ich um. Ich kam durch daſſelbe Sklavendorf zurück. Feuer glänzten aus den kleinen Häuſern, aber alles war noch ſchweigſamer und ſtiller als vorher. Unter einem Pfirſichbaum ſah ich einen jungen Neger mit einem ſchönen, gutmüthigen Geſicht gedankenvoll an einen Baum gelehnt ſtehen. Ich ließ mich in ein Geſpräch mit ihm ein und fragte ihn über das eine und andere. Ein anderer Sklave kam dazu, dann noch ein Dritter, und das Geſpräch mit ihnen war ungefähr folgenden Inhalts: „Wie bald ſteht ihr morgens auf?“ „Eh die Sonne aufgeht“ „Wann geht ihr Abends zur Ruhe?“ „Wenn die Sonne untergegangen iſt, wenn es dunkelt.“ „Aber wie bekommt ihr denn Zeit, euer Gartenland zu bauen?“ „Das dürfen wir am Sonntag thun oder bei Nacht, wenn wir nach Hanſe kommen, obſchon wir oft ſo müde ſind, daß wir umſinken möchten.“ „Wann bekommt ihr euer Mittageſſen?“ „Wir bekommen kein Mittageſſen. Es iſt genug, wenn wir während der Arbeit ein Stückchen Brod und ein Paar Körner in uns hineinwerfen können.“ „Aber, meine Freunde,“ ſagte ich jetzt etwas miß⸗ trauiſch,„ener Ausſehen zeugt gegen eure Worte, denn ihr ſeht ganz wohlbehalten und munter aus.“ „Wir ſuchen uns ſo gut als möglich aufrecht zu halten,“ antwortete der Mann am Baume;„was kann man anders thun, als ſeinen guten Muth zu erhalten ſuchen? Wenn wir ihn fallen ließen, ſo würden wir — —„——— ——.— — c „————————— en rte ick. les ter mit an ein ine och ihr 343 ſterben!“— Die Andern ſtimmten in das Klagelied ein. Ich ſagte ihnen gute Nacht und ging in der Ueber⸗ zeugung, daß dieſe Angaben der Sklaven nicht ganz wahr ſeien. Aber dennoch konnte die Sache wahr ſein. Sie war wahr, wenn auch nicht hier, ſo doch an andern Orten unter böſen Herrn; ſie konnte immer wahr ſein bei einer Inſtitution, welche der Willkühr des Einzelnen ſo große Macht verleiht, und all dieſes wirkliche und mögliche Elend trat vor meine Augen und machte mich niedergeſchlagen. Der Abend war ſo ſchön, die Luft balſamiſch, alle Blumen dufteten. Die Natur ſchien in ihrem Brautkleid zu prangen, der Him⸗ mel war klar, der junge Mond mit dem alten Mond in ſeinen Armen leuchtete am Firmament und die Sterne kamen funkelnd klar hervor. Dieſe Herrlichkeit der Natur und dieſes arme ſchwarze, in Sklaverei ver⸗ ſunkene, erniedrigte Volk— das paßte nicht wohl zu⸗ ſammen. All mein Genuß war vorüber. Aber ich war froh, mit einem Mann wie Mr. Poinſett ſprechen zu können. Und ich vertraute ihm Abends mein Ge⸗ ſpräch und meine Gedanken an. Mr. Poinſett be⸗ hauptete, die Sklaven hätten mich belogen. Man kann niemals glauben, was ſie ſagen, ſagte er, und fügte hinzu:„Das iſt auch eines der Uebel der Sklaverei, daß ſie die Leute zu Lügnern macht. Die Kinder werden von den Eltern unterwieſen, die Weißen mit Furcht zu betrachten und ſie zu betrügen. Sie ſind immer argwöhniſch und ſuchen durch ihre Klagen einige Vor⸗ theile zu gewinnen. Aber Sie können überzeugt ſein, daß dieſe da Sie hintergangen haben. Die Sklaven in unſerer Gegend arbeiten gewiſſe Stunden am Tag und ſind um die gegenwärtige Jahreszeit meiſtens ſchon um 4— 5 Uhr Nachmittags mit ihrer Aufgabe fertig. Auf jeder Plantage wird gewöhnlich ein Koch oder eine Köchin gehalten, die täglich um 1 Uhr ein Mit⸗ 344 tageſſen für ſie bereit hat. Ich habe einen Koch für meine Leute und ich zweifle nicht daran, daß Mr.*** auch einen für die ſeinigen hat. Es kann nicht an⸗ ders ſein. Und ich bin überzeugt, daß Sie es ſo finden würden, wenn Sie den Sachverhalt unterſuchen könnten.“ Mr. Poinſett läugnet nicht, daß Mißbräuche und Mißhandlungen oft vorkommen und vorgekommen ſind. Aber die öffentliche Meinung ſpricht ſich immer ſtren⸗ ger dagegen aus. Vor einigen Jahren hatte auf einer Plantage in der Nähe der ſeinigen ein Aufſeher, wäh⸗ rend eines längeren Aufenthalts des Plantagenbeſitzers in England, Grauſamkeiten begangen. Die Plantagen⸗ beſitzer in dieſer Gegend vereinigten ſich und ſchrieben dieſem, daß ſie ſo etwas nicht dulden könnten und die Entlaſſung des Aufſehers verlangten. Dies geſchah. Mr. Poinſett iſt übrigens der Meinung, daß das Sklavenſyſtem auf die Weiber noch ungünſtiger wirke, als auf die Männer, und ſie nicht ſelten zu den hart⸗ herzigſten Eigenthümern mache. Den 18. Ich komme von einem einſamen Streifzug auf die Plantagen hinaus, der mir wohl gethan hat, denn ich habe mich überzeugt, daß die Sklaven unter dem Pfir⸗ ſichbaum mich wirklich zum Beſten hielten. Bei meinem Spaziergang ſah ich auf einem Reisacker eine Menge kupferner Geſchirre, 25 bis 30 ſtehen, mit Deckeln be⸗ deckt, wie man bei uns die Bütten und Körbe der Tag⸗ löhner im Graſe ſtehen ſieht. Ich ging hin, hob den Deckel auf und ſah, daß die Gefäße warme, rauchende Nahrung enthielten, die ausnehmend gut duftete. In den einen waren gekochte braune Bohnen, in den an⸗ dern gebratene Maispfannkuchen. Jetzt ſah ich die Sk Ich ihr koſt Pri für ſchr übr wal ſtü dieſ ent! Ich wo ſie den nich ſag lieb lich alte lein abe den was ebe: eſſe wai geſt gefe ihn Hec eini für — ⸗ en nd d. n⸗ er rs R⸗ en ie e⸗ 345 Sklaven von weither am Ackerrain entlang kommen. Ich wartete, bis ſie da waren, und bat um Erlaubniß, ihre Koſt verſuchen zu dürfen; und ich muß ſagen, daß ich ſelten eine beſſere und ſchmackhaftere Nahrung ge⸗ koſtet habe. Die braunen Bohnen waren wie unſere Prinzeſſenbohnen, weich mit Speckbrühe gekocht, nur für mich etwas zu ſtark gepfeffert. Aber das Ding ſchmeckte ſaftig, und ſo auch die Maiskuchen und die übrigen Speiſen. Die Leute ſetzten ſich auf den Gras⸗ wall und aßen, einige mit Löffeln, andere mit Holz⸗ ſtücken, jedes aus ſeinem kleinen Topf(piggins werden dieſe Geſchirre genannt), der eine reichliche Portion enthielt. Sie ſchienen zufrieden, waren aber ſehr ſtill. Ich ſagte ihnen, daß arme Arbeiter in dem Land, von wo ich komme, ſelten eine ſo gute Nahrung hätten, wie ſie hier! Ich war nicht gekommen, um Aufruhr unter den Sklaven zu predigen, und das Unglück dem ich nicht abzuhelfen vermag, will ich lindern, wenn ich kann. Was ich ſagte, war überdies leider wahr. Aber ich ſagte nicht, was leider auch wahr iſt, nämlich daß ich lieber frei mit ſchmaler Koſt, denn als Sklave mit reich⸗ licher Koſt leben will. Auf dem Heimweg traf ich einen alten, ſehr gut gekleideten Reger, der an einem Bäch⸗ lein ſtand und fiſchte. Er gehörte Mr. Poinſett, war aber, ſeit er älter geworden, von aller Arbeit entbun⸗ den. Von dieſem klugen, alten Neger hörte ich allerlei, was mich freute. An ein paar andern Orten habe ich ebenfalls Leute bei ihrem Eſſen, Frühſtück und Mittag⸗ eſſen, getroffen und geſehen, daß es gut und reichlich war. An meinen Negern vom Ifirſichbaum kam ich geſtern Abend vorbei und ſah ſie mit vielen andern un⸗ gefähr um fünf Uhr nach Hauſe kommen. Einer von ihnen ſprang, als er mich anſichtig wurde, über eine Hecke und begehrte, mit ſeinen weißen Zähnen grinſend, einen halben Dollar. Den 20. April. Guten Morgen, liebe Agatha! Ich habe ſo eben mein zweites Frühſtück(um 12 Uhr) in Bananas ge⸗ noſſen. Dieſe Frucht lernt man lieb gewinnen. Sie iſt mild und angenehm, und wirkt förderlich auf die Geſundheit, wie die milde Luft hier, d. h. wenn ſie mild iſt. Aber auch hier iſt das Klima ſehr veränder⸗ lich. Geſtern fiel der Thermometer an einem einzigen Tag um 24o, und es war ſo kalt, daß meine Finger ſtarrten wie Eiszapfen. Heute ſchwitzt man wieder, auch wenn man ganz ruhig im Schatten ſitzt. Wir waren zwei Tage fort, und zu großen Mit⸗ tageſſen geladen bei Plantagebeſitzern, die einige Mei⸗ len von hier wohnen; es ſind freundliche und geſällige Leute; aber dieſe großen Mittageſſen ſind mir ſo lä⸗ ſtig, und die Speiſen, die man da hat, bekommen mir ſo übel, daß ich von ganzem Herzen hoffe, zu keinem weitern fahren zu müſſen. Meine gute Wirthin dagegen, die eine jugendliche Seele in einem ſchweren und etwas lahmen Körper beſitzt, freut ſich ſo herzlich darüber, wenn ſie eingeladen wird. Geſtern auf dem Weg, der in dieſer Gegend durch ſchweren Sand führt, machten wir in einem Walde Halt, um die Pferde ansſchnaufen zu laſſen. Tiefer im Wald ſah ich ein Sklavendorf, oder Häuſer, die einem ſolchen glichen, aber äußerſt un⸗ regelmäßig und verfallen ausſahen. Auf meinen Wunſch ging Mr. Poinſett mit mir dahin. Ich fand wirklich die Häuſer im baufälligſten, betrübteſten Zuſtand, und darin alte und kranke Neger und Negerinnen. In einem Zimmer ſah ich einen jungen Knaben, der ſehr ge⸗ ſchwollen war, wie wenn er die Waſſerſucht hätte; Re⸗ gen und Wind konnten frei durch das Dach hereinkom⸗ men. Alles war kahl im Zimmer, und von Holz und Feu auf alſo Alt Sch fall auf ich düſ geg ven nen Hat die Ha ſen gell gro zum entſ pin den und da ode näh mer Sie näh ma eben s ge⸗ Sie f die nſie nder⸗ zigen inger auch Mit⸗ Mei⸗ illige o lä⸗ mir inem egen, twas über, der chten ufen dorf, un⸗ unſch klich und inem ge⸗ Re⸗ kom⸗ und 347 Feuer keine Spur, obſchon es kalt war. In einem andern armſeligen Haus ſahen wir ein altes Weib, das auf Lumpen wie in einer Hundehütte dalag. Dieß war alſo die Verſorgung, welche ein Plantagebeſitzer den Alten und Kranken unter ſeinen Dienern gab! Welchem Schickſal ſind nicht dieſe unter ſolchen Umſtänden ver⸗ fallen! Und welches erbarmungsvolle Auge ſieht ſie außer dem Auge Gottes! In einem Sklavendorf neben einem Herrenhof ſah ich ausgezeichnet ſchöne Leute, und ſie wohnten in guten Häuſern. Aber ich bemerkte bei den jungen Männern düſtere und trotzige Blicke und keine Freundlichkeit gegen ihre Herrſchaft. Das ſah nicht gut aus. Auf dem Heimweg fuhren wir durch mehrere Skla⸗ vendörfer. Es war angenehm, das Feuer aus den klei⸗ nen Häuſern leuchten zu ſehen ljede Familie hat ihr Haus), und mit Vergnügen überzeugte ich mich, daß die Neger ſo bald am Tage von ihrer Arbeit nach Hauſe kommen. Die Gegend umher iſt eine ſandige, waldbewach⸗ ſene Ebene. Der Wald beſteht meiſtens aus einer Art gelblicher Tanne(pinus australis oder Lichtholz), mit großen Büſcheln von Viertelelle langen Nadeln, die zuweilen Aehnlichkeit mit dem Palmetto haben. Er iſt entſetzlich einförmig. Aber hübſche hohe Blumen, Lu⸗ pinen und ſchöne roſenrothe Azelien wachſen zwiſchen den Bäumen und beglänzen den Wald. Es wurde ſpät und dunkel, ehe wir nach Hanſe kamen, und ich ſaß da und ſah nach Lichtern, die da und dort am Wege oder im Walde funkelten, aber verſchwanden, als wir näher kamen. Ich machte Mr. Poinſett darauf auf⸗ merkſam und er ſagte: Es müſſen Feuerfliegen ſein. Sie pflegen um dieſe Zeit zu kommen.— Ich hoffe nähere Bekanntſchaft mit dieſen leuchtenden Thierchen zu machen. Den 21. Heute bin ich tüchtig im Wald und Feld umher⸗ geſtreift und kam dabei an einen Fluß, welcher der ſchwarze Fluß genannt wird. In ſeiner Nähe ſah ich Sklaven auf dem Feld unter den Augen eines weißen Aufſehers arbeiten, und von dieſem erbat ich mir und erhielt einen alten Neger, um mich über den Fluß zu ſetzen. Der gutmüthige alte Mann war redſeliger und offener, als ich gewöhnlich bei Sklaven gefunden habe. Und während er mich in einem kleinen Kahn, der aus einem ausgehöhlten Baumſtamm beſtand, fortruderte, beantwortete er offen meine Fragen über die Eigen⸗ thümer mehrerer Plantagen, die am Fluſſe lagen. Von einem hieß es:„Guter Herr! geſegneter Herr! Ma'am!“ Von einem andern:„Böſer Herr, Ma'am, ſchlägt ſeine Diener; haut ſie in Stücke, Ma'am,“ u. ſ. w. Auf der andern Seite des Ufers kam ich an eine Plantage, und hier traf ich den Eigenthümer ſelbſt, der ein Geiſtlicher war. Er führte mich ſelbſt in dem Skla⸗ vendorf herum und hielt mir über das Glück der Neger⸗ ſklaven eine Rede, die mich überzeugte, daß er ſelbſt ein Sklave des Mammons war. Soviel ſteht inzwiſchen feſt, daß ſie unter einem guten Herrn durchaus nicht unglücklich und weit beſſer verſorgt ſind, als die armen Arbeiter in Europa. Aber unter einem böſen und armen Herrn ſind ſie einem ſchauerlichen und hilfloſen Elend verfallen. Die So⸗ phiſten, welche das ganze Syſtem von der Sonnenſeite ſehen wollen, läugnen im Allgemeinen, daß es ſolche gebe. Dieß iſt abgeſchmackt, und ich habe überdieß hier bereits genug von ihnen gehört und geſehen. Was der Norden gegen den Süden zeugte, das wollte ich nicht glauben. Aber was der Süden von ſich ſelbſt zengt, das muß ich glauben. Ueberdieß iſt auch der beſte Herr keine ſtirb danr unlu ihre und Aus liche blau ſehe Bau liche ich l daß triff eckig ſchle Bev ihre bein nen Spe und Har and Hau ein lant lein Bol halt und Scd ſie hac her⸗ der ich ißen u nd 3 zu und abe. aus erte, gen⸗ Von m eine eine der kla⸗ ger⸗ bſt nem ſſer ber lem So⸗ eite lche hier der icht gt, err 349 keine Schutzwehr für die Sklaven, denn der beſte Herr ſtirbt früher oder ſpäter und ſeine Sklaven werden dann wie das liebe Vieh an den Meiſtbietenden verkauft. Die Sklaven außen auf dem Ackerfeld ſind eine unluſtige Erſcheinung, denn ihre dunkle Farbe und ihre grauen Kleider, an denen nicht ein einziges weißes und farbiges Stückchen iſt, gibt ihnen ein düſteres Ausſehen(nur die geſtickten wollenen Mützen der männ⸗ lichen Sklaven haben gewöhnlich ein Paar rothe und blaue Stückchen in dem ſonſt grauen Grund). Sie ſehen aus wie Erdgeſtalten. Ganz anders ſehen unſre Bauern in ihren weißen Leinwandkitteln, ihrer zier⸗ lichen Tracht aus. Das Sklavendorf dagegen hat, wie ich bereits bemerkt habe, ein angenehmes Ausſehen, nur daß man höchſt ſelten Glasfenſter an den Häuſern trifft. Das Fenſter beſteht gewöhnlich aus einer vier⸗ eckigen Oeffnung, die durch eine Art von Laden ver⸗ ſchloſſen wird. Aber ſo ſoll es auch die ärmere weiße Bevölkerung(und in Carolina iſt ſie ſehr zahlreich) in ihren Wohnungen haben. In den Stuben ſieht man beinahe immer ein Paar Holzklumpen im Kamin bren⸗ nen, und man findet da Hausgeſchirr und kleine Speiſevorräthe, wie man es bei unſern armen Bauern und Käthnern daheim findet. Im einen und andern Haus ſieht man jedoch mehr Wohlſtand, die eine und andere Zierrath und wohl ausgeſtattete Betten. Jedes Haus hat ſeinen Schweinſtall, worin ſich gewöhnlich ein ganz fettes Schwein befindet. Auf dem Garten⸗ land wimmelt es von einer Menge Hühner und Küch⸗ lein. In dieſen Gärten wachſen indianiſches Korn, Bohnen und allerlei Wurzelwerk. Aber ſehr gut ge⸗ halten ſehen ſie nicht aus. Die Sklaven verkaufen Eier und junge Hühner, wie auch um Weihnachten ihre Schweine, und verdienen ſich damit etwas Geld, wofür ſie braunen Syrup(Melaſſe, die ſie ſehr lieben), Zwie⸗ back und andere gute Dinge kaufen. Auch legen ſie 350 Geld auf die Seite, und ich habe von Sklaven gehört, die mehrere hundert Dollars beſitzen. Dieſe legen ſie gewöhulich auf Zins bei dem Herrn an, welchen ſie, wenn er gut iſt, für ihren beſten Freund anſehen, was er gewöhnlich dann auch iſt. Alle Sklavendörfer, die ich geſeben habe, gleichen einander vollkommen, nur daß in einigen die Häuſer beſſer, in einigen ſchlechter im Stand ſind. Die Sklaven werden außer dem Herrn noch von einem oder zweien Aufſehern beherrſcht, und unter die⸗ ſen ſteht für jede Dorfſchaft ein Treiber, der ſie am Morgen weckt oder zur Arbeit treibt, wenn ſie faul ſind. Dieſer iſt immer ein Reger und oft der härteſte und grauſamſte Mann in der ganzen Plantage. Denn wenn der Neger unbarmherzig iſt, ſo iſt er es in ho⸗ hem Grade. Und er iſt der ſchlimmſte Quäler der Ne⸗ gerſklaven. Freie Neger, die Sklaven haben— und hier finden ſich ſolche,— ſind gewöhnlich die ſchlimm⸗ ſten Herrn. So habe ich wenigſtens von glaubwürdi⸗ gen Perſonen gehört. Den 22. Mein Leben geht ſtill dahin, ſo ſtill wie der kleine Fluß vor meinem Fenſter; aber das iſt gut. Eine ruhigere Zeit habe ich hier im Lande noch nicht gehabt, denn etliche kurze Morgenbeſuche von ziemlich entfern⸗ ten Nachbarn abgerechnet, lebe ich ganz einſam mit meinem alten guten Ehepaar. Jeden Morgen liegt auf dem Frühſtücktiſch neben meinem Couvert ein kleines Bouquet von lieblich duftenden Blumen, meiſt von der peruvianiſchen Olea fragrans(und etwas lieblicheres habe ich nicht kennen gelernt) von Mr. Poinſetts ei⸗ gener Hand gepflückt. Jeden Abend ſitze ich mit ihm und Mrs. Poinſett allein da, leſe und plandre mit ihm hab oder Rät min Lam ihn und woll gele Sta ung am Eme nige woll vwie Sta Mar ſtaat rika Lan zeriſ Die noch Tag und Sta auß ein ſein itn Kar den zuſe hört, n ſie ſie, was die daß im von die⸗ am faul teſte enn ho⸗ Ne⸗ und mnm⸗ rdi⸗ . eine Fine abt, ern⸗ mit auf nes der eres ei⸗ ihm hm 351 oder erzähle der guten Alten Geſchichten, gebe ihr wohlauch Räthſel auf, was ſie ſehr beluſtigt. Sie ſitzt am Ka⸗ min und horcht ein wenig, was Mr. P. und ich beim Lampenſchein am Tiſch leſen und ſprechen. Ich habe ihn mit meinen Freunden, den Transſcendentaliſten und Idealiſten im Norden ein wenig bekannt machen wollen und ihm Stücke aus Emerſons Verſuchen vor⸗ geleſen. Aber das geht über den Kopf des alten Staatsmannes; er nennt es unpraktiſch, er kritiſirt oft ungerecht und dann hadern wir. Dann lacht die Alte am Kamin, nickt uns zu und iſt ungemein beluſtigt. Emerſons glänzende Aphorismen haben gleichwohl ei⸗ nigen Eindruck auf Mr. P. gemacht und er ſagt, er wolle ſich ſeine Arbeiten anſchaffen. Es iſt merkwürdig, wie wenig oder gar nicht Schriftſteller der nördlichen Staaten, auch die beſten, in den ſüdlichen bekannt ſind. Man fürchtet ihre freiſinnigen Ideen in die Sklaven⸗ ſtaaten einzuſchleppen. Mr. P. iſt viel gereiſt in Europa wie in Ame⸗ rika und er behauptet, daß nichts, ſelbſt die ſchönſten Landſchaften Mexikos und Südamerikas nicht, der ſchwei⸗ zeriſchen Natur an pittoresker Schönheit gleichkomme. Die Schweiz iſt das einzige Land auf Erden, das P. noch einmal zu ſehen wünſchte und wo er ſeine letzten Tage verleben möchte. Am ſtaatsmänniſchen Leben und an Staatsmännern ſcheint er mehr als genug zu haben. Karolinas großer und beinahe vergötterter Staatsmann Calhoun iſt nach P.'s Anſicht nicht groß, außer in ſeinem Ehrgeiz. Sein ganzes Leben ſcheint ein Kampf im Dienſte deſſelben geweſen zu ſein und ſein Tod(er iſt ganz kürzlich während einer Congreß⸗ ſitzung in Washington geſtorben) eine Folge dieſes Kampfes in ſeiner Bruſt unter den politiſchen Feh⸗ den, worin er beſtändig lebte. Meine zwei alten Leutchen ſind liebenswürdig an⸗ zuſehen in ihrem alltäglichen Zuſammenleben. Sie lie⸗ 352 ben einander herzlich. Einen ſtehenden Streit haben ſie mit einander über einen alten Strohhut der Dame, der wie ein auf⸗ und abgewendetes Boot ausſieht. Mr. Poinſett ärgert ſich jedesmal, wenn er ihn ſieht, und droht ihn auf die Seite zu ſchaffen, zu verbrennen, aber ſie behält ihn hartnäckig bei und vertheidigt ihn voll Angſt, wenn er eine drohende Demonſtration macht. Alles geht jedoch in leichtem Liebeszank vor⸗ bei, und da der Hader bereits 10 Jahre andauert, ſo vermuthe ich, daß er ſich bis zu ihrer Todesſtunde fortſetzen wird. Sie haben beide einen Huſten, den ſie konſtitutionell nennen, und da auch ich wie gewöhnlich von Zeit zu Zeit ein wenig huſte, ſo haben wir jetzt drei konſtitutionelle Huſten hier. Ich beobachte mein altes Paar mit Vergnügen in ſeinem gegenſeitigen Verhalten, und ſehe dabei wie treue Liebe bis ins ſpäte Alter blühen und es verſchönen kann. Da ſind Auf⸗ merkſamkeiten, allerliebſte kleine Zuvorkommenheiten und Nachgiebigkeiten, die viele Küſſe werth ſind und ſicherlich als Liebesbeweiſe noch größern Reiz haben als dieſe. Den größern Theil des Vormittags verbringe ich im Garten unter den Blumen, Vögeln und Schmetter⸗ lingen, dieſen zierlichen, mir fremden Geſchöpfen, die mich hier als anonyme Schönheiten begrüßen. Wäh⸗ rend dieſer Stunden in der fremden, ſchönen Natur kommen mir Gedanken, die mir großes Vergnügen ge⸗ währen und mir in gewiſſer Beziehung auch einen großen Troſt einflößen. Seit einiger Zeit habe ich nämlich bemerkt, daß ich beinahe nichts, was die ge⸗ ringſte Gedankenanſtrengung koſtet, leſen oder ſchrei⸗ ben kann. Ich bekomme da eine nervöſe Angſt, die unbeſchreiblich iſt und lange nachwirkt. Ich habe deß⸗ halb die Hoffnung aufgeben müſſen, während meines Aufenthaltes hier Bücher zu ſtudiren und mich dadurch zu orientiren, und das hat mich eine ſchwere Entſa⸗ gur weſ em] ein des ſchi Pfl das auf mie leb leb leg leg mie beſt die mie nick übe leh unk ben me, eht. ieht, nen, ihn tion vor⸗ „ſo inde nſie nlich jetzt nein igen päte Auf⸗ iten und ben ich tter⸗ die zäh⸗ atur ge⸗ inen ich ge⸗ rei⸗ die deß⸗ ines urch tſa⸗ 353 gzung gekoſtet, ich habe lange dagegen gekämpft, denn ſo zu ſtudiren iſt immer mein größtes Vergnügen ge⸗ weſen und ich habe hier mehr als je das Bedürfniß empfunden, Bücher verſchlingen zu können, um mich einigermaßen in den Verhältniſſen und der Literatur des Landes heimiſch zu machen. Aber während dieſer ſchönen Morgen in dieſer ſchönen, duftenden, ſtillen Pflanzenwelt iſt eine Klarheit, eine Gewißheit, etwas das dem innern Licht der Quäcker gleicht, in mir aufgetancht und hat mir geſagt, daß es am Beſten für mich ſei, die Bücher wegzulegen, ganz und gar mit dem lebendigen Leben ohne Sorgen für den Augenblick zu leben und zu ergreifen, was die Stunde und die Ge⸗ legenheit bietet, ohne mir durch Pläne und viele Ueber⸗ legungen Mühe zu machen. Ich will die Sachen an mich kommen laſſen, wie ſie kommen wollen, will mich beſtimmen, wie ſie mich beſtimmen wollen. Ich habe die Ueberzeugung erhalten, daß eine höhere Leitun mich führen und Alles zum Beſten lenken wird, daß ich nichts zu thun habe, als mich ihren Eingebungen zu überlaſſen, während ich meinen Blick feſt auf den Beth⸗ lehemsſtern gerichtet halte, der mich hieher führte— und ich kann meinen Blick nicht von ihm abwenden— das Verlangen die Wahrheit zu finden. So werde ich das Götterkind endlich finden. Alſo in Gottes Namen, lebt wohl ihr Bücher, ihr alten Freunde und Waiden! Ich ſtrecke mich dem entgegen, was vor mir liegt, und Fhe an Gottes väterliche Leitung. Etwas unendlich iebliches und Erhebendes hat mit dieſem Gedanken meine Seele ergriffen und mein Herz mit Freude er⸗ füllt. Schwach fühle ich mich ſtark, und an die Erde gebunden fühle ich mich beſchwingt. Ich bin blos ein ſchwaches Weib und ich kann die Welt erobern. Und ſo gehe ich und ſchwatze mit den Blumen und lauſche den Vögeln und dem Geſäuſel der großen Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 23 354 Lebenseichen. Eichen wie dieſe mit langen, hängenden Moosranken müſſen das Orakel in Dodona eingegeben haben. Die ſchwarzen Vögel, die ſchaarenweiſe darin wohnen, ſind ſo groß wie unſere Dohlen und haben auf beiden Seiten des Halſes unter dem Kopf hübſche gelbe Schilde, wie halbrunde Krägen. Die Spottvögel ſind grau, groß wie unſere Kohlamſeln, und ihr Ge⸗ ſang fehr wechſelnd und oft recht ſchön. Es fehlt ihm je⸗ doch die kräftige Eingebung der europäiſchen Nachtigall und Lerche. Es iſt als ob dieſer Spottvogel aus dem Gedächtniß, als ob er Reminiscenzen ſänge, und dabei ahmt er eine Menge Töne von andern Vögeln und auch von andern Thieren nach. Er hat indeß ſchöne eigene Töne, welche denen der Nachtigall und Droſſel gleichen. Man ſpricht davon, daß dieſe Vögel mit einander Menuett tanzen. Ich ſelbſt habe ſie hier ge⸗ geneinander figuriren und ganz menuettartig trippeln geſehen. Ich vermuthe, daß dieß ihre Art zu freien iſt. Eine Merkwürdigkeit iſt, daß man Junge von die⸗ ſen Vögeln, die man gefangen hat, niemals in Käfigen auferziehen kann. Sie ſterben immer bald nach der Gefangennahme. Man behauptet, die Mutter komme zu ihnen und gebe ihnen Gift. Die ausgewachſenen Vö⸗ gel dagegen gedeihen in den Käfigen wohl und ſingen. In meinen Vormittagsbetrachtungen werde ich von einem muntern Negermädchen, einer Magd im Hauſe unterbrochen, welche ſagt: Miſſis ſchickt mich, um Jagd auf Sie zu machen(„Missis sends me to hunt for you“) und dieß geſchieht dann um mich zum Mittageſſen zu rufen. Schreibe ich im Zimmer Briefe, ſo kommt ge⸗ wöhnlich um 12 die gute Dame ſelbſt mit Bananas Glas Milch zu mir herauf. Sie iſt ſee⸗ engut. Nachmittags gehe ich gewöhnlich auf Entdeckungs⸗ reiſen aus. Wenn ich in der Dämmerung nach Hauſe komme, ſehe ich häufig mein altes Paar mir ent⸗ „* geg Ga geſt ger rud wel gin übe hin lich ich pfli im auf Auf gen bart Wir meit gela und Rul rück am Nat eine nige Abe Lau flor: den ben rin ben ſche el Ge⸗ je⸗ gall dem bei und öne ſſel mit ge⸗ en eien die⸗ gen der zu Vö⸗ gen. von auſe agd u) tzu ge⸗ nas ſee⸗ igs⸗ auſe ent⸗ 355 gegengehen, und zwar die Dame in etwas ſchleppendem Gang, auf den Arm ihres Mannes und auf einen Stock geſtützt. Den 24. April. Geſtern Abend ließ ich mich von einem alten Ne⸗ ger in einem kleinen Kahn den Waccamapfluß hinunter rudern, trotz der Vorſtellungen von Mrs. Poinſett, welche glaubte, dieß könne nicht gut gehen. Der Mond ging auf und ſchien klar über den Fluß und ſeine Ufer, über denen verſchiedene Bäume und blühende Pflanzen hingen, die ich nicht kannte. Der Neger, ein freund⸗ licher Greis, ruderte das Bovotflink vorwärts, und wo ich eine lockende Blume ſah, da ſteuerten wir hin und pflückten ſie. So fuhren wir ein paar Stunden hin im hellen Mondſchein, und alles war einſam und ſtill auf dem Fluß und den Ufern, wie in einer Wildniß. Auf den Ufern des Waccamaw hat jedoch in dieſen Ta⸗ gen eine große Hochzeit ſtattgefunden, wohin alle Nach⸗ barn geladen waren. Aber entweder gehören meine Wirthsleute nicht zu dem Kreiſe derſelben oder war mein Ruf als Abolitivniſtin Schuld, daß ich nicht ein— geladen wurde. Ganz gut! ich ſehe zwar gerne Bräute und Hochzeiten, aber noch mehrliebe ich doch jetzt meine Ruhe. Als ich von meiner Flußfahrt nach Hauſe zu⸗ rückkam, war meine gute Wirthin ganz froh mich noch am Leben zu ſehen, und Mr. Poinſett ſagte mir die Namen der Blumen, die ich gepflückt hatte. Es war eine Magnolia glauca dabei, eine weiße Blume, die ei⸗ nige Aehnlichkeit mit unſern weißen Waſſerlilien hat. Aber dieſe wächſt auf einem Baum mit graulichem Laub. Des Südens Prachtblume, die Magnojia grandi- lora, kommt erſt am Ende Mais zum Vorſchein. In ein Paar Tagen werde ich nach Charleston 356 zurückreiſen. Meine guten Wirthsleute bitten mich län⸗ ger zu bleiben, aber ich ſehne mich nach Savannah zu kommen, bevor die Hitze zu ſtark wird und ich muß mich beeilen. Viel Gutes habe ich hier genoſſen und von Mr. Poinſetts Geſprächen vielen Nutzen gehabt. Und ich weiß jetzt, wie das Leben in den Plautagen aus⸗ ſieht, weiß ungefähr, wie die Negerſtlaven leben und wie Reis und Mais gepflanzt werden. Charleston, den 26. April. Bin wieder hier, mein Kind, in meiner guten ge⸗ müthlichen Wohnung bei Mrs Howland. Die See⸗ fahrt zwiſchen Georgetown und Charleston war rauh und kalt, aber jetzt haben wir volle Hundstagshitze hier. Den letzten Abend bei meinem alten Paar brachte ich damit zu, daß ich ihre alten Handſchuhe(natürlich auf eigene Eingebung) flickte, während Philemon und Baucis in ihren Lehnſtühlen am Kamin ſaßen und ſchliefen. Sie ſind alt, kränklich und in der Periode des Lebens angelangt, wo des Kindes Ruhe und Still⸗ leben das höchſte Glück iſt. Am nächſten Morgen reiſte ich ab von dem artigen, alten Staatsmann, der mich in eigener Perſon nach Georgtown führen wollte, und von den bekümmerten Blicken der guten Mrs. Poinſett begleitet, welche die drohenden Wolken herabkommen ſah, um uns zu ertränken. Sie kamen jedoch nicht. Und die morgenfriſche Fahrt durch die wilde Gegend und den Wald mit den ſchönen blühen⸗ den Acazien und über den ſchwarzen Fluß war mir angenehm und erfriſchend. In Georgetown, einer klei⸗ nen Stadt, wo eine Menge von Gänſen das Merk⸗ würdigſte zu ſein ſchien, ſchied ich von meinem freund⸗ lichen Begleiter mit dem Verſprechen eines neuen Be⸗ ſuchs. Abends bei meiner Ankunft in Charleston än⸗ zu tich on Und Us⸗ und ge⸗ dee⸗ auh itze chte lich und und ode till⸗ gen der llte, ers. lken men die hen⸗ mir klei⸗ er⸗ und⸗ Be⸗ ston 357 kam mir Mr. Monefelt mit dem Wagen entgegen. Als wir in Mrs. Howlands Haus kamen, tanzte die Jugend nach dem Klavier in dem beleuchteten Saale, und Mr. Monefelt und ich tanzten Arm in Arm un⸗ ter großem Jubel mitten unter ſie hinein. Und ich be⸗ fand mich hier beinahe wie in meinem eigenen Hauſe. Gewiß iſt, daß dieſes Haus mit unſern ſcandinaviſchen Häuſern, nota bene, wenn ſie gut und glücklich ſind, mehr Aehnlichkeit darbietet, als irgend eine andere Wohnung, die ich hier zu Lande noch geſehen oder nennen gehört habe. Das Familienleben, das Tanzen, das Muſiciren und die Spiele am Abend, alles das iſt ganz in ſchwediſchem Styl. Geſtern wohnte ich der Begräbnißproceſſion des karoliniſchen Senators und Staatsmannes Calhoun bei, deſſen Leiche durch Charleston geführt wurde. Ueber 3000 Perſonen ſollen ſich in dem endloſen Zuge befun⸗ den haben. Der Leichenwagen war prächtig und ſo hoch von einem großen Katafalk, daß er für alle von Men⸗ ſchenhand gemachten Thüren drohend ausſah. Mehrere Bürgermilitärcorps paradirten in hübſchen Uniformen, und eine Menge Banner mit ſymboliſchen Bildern und Inſchriften wurden vor ihnen hergetragen; das Ganze war recht hübſch und Alles ging vollkommen gut von Statten. Parteigeiſt, ſowie wirkliche Ergeben⸗ heit und Bewunderung vereinigten ſich, um das An⸗ denken des Verſtorbenen zu feiern und ſein Hinſcheiden wird in den ſüdlichen Staaten als der größte Verluſt beklagt. Er ſaß viele Jahre im Congreß als der größte Vertheidiger der Sklaverei, nicht blos als eines noth⸗ wendigen Uebels, ſondern als eines für die Sklaven ſowohl, als die Beſitzer guten Zuſtandes, und er war ſtets ein großer Kämpe für die Rechte der ſüdlichen Staaten. Calhoun, Clay und Webſter ſind lange als ein Triumvirat der größten Staatsmänner des Landes gefeiert worden; Calhoun war der große Mann des 358 Südens, Clay iſt der große Mann des Weſtens und der mittleren Staaten, Webſter der große Mann der Staaten von Neuengland, obſchon ſich in ihnen jetzt eine bedentende Oppoſition gegen Webſter vorfindet, namentlich in der Abolitioniſtenpartei. Alle drei ſind gewaltige politiſche Streiter geweſen, bewundert und gefürchtet, geliebt und gehaßt. Zwei ſind es noch jetzt. Der Dritte fiel auf dem Wahlplatz, bis in den Tod und, wie es ſchien, auch gegen ihn kämpfend. Seine Porträts und Büſten, von denen ich viele geſehen habe, geben mir den Eindruck eines brennenden Vulkans. Das Haar ſteht empor, die eingeſunkenen Augen glühn, Sturmfurchen durchfliegen das ſcharfe, magere Geſicht. Es iſt unmöglich, aus dieſer Erſcheinung, an welcher Leidenſchaft und Krankheit gleichviel verheert zu haben ſcheinen, den einnehmenden Geſellſchafter, den liebe— vollen Hausvater mit weiblicher Sittenreinheit, den vortrefflichen Freund, den guten, von ſeinen Sklaven und Dienern beinahe angebeteten Herrn, mit einem Wort, den liebenswürdigen Menſchen zu ahnen, als welchen ſogar ſeine Feinde ihn anerkennen Politiſcher Ehrgeiz und Parteigeiſt ſcheinen ſeine Dämonen ge— weſen zu ſein und ſeinen Tod beſchleunigt zu haben. Clay ließ in ſeiner Rede, die er im Senat über ihn hielt, einige ſanftwarnende Andeutungen darauf fallen. Sein Kampf für die Sklaverei war eine„politiſche Bravade,“ ſagte eine geiſtreiche Dame, die nicht der Antiſklaverei angehört. Schade, daß ein ſo guter Mann für eine ſo ſchlechte Sache leben und ſterben ſollte! In Südkarolina iſt die Abgötterei mit ihm aufs Aeußerſte getrieben worden und man hat im Scherz geſagt:„Wenn Calhonn ſchnupft, ſo nieſt ganz Caro⸗ lina. Auch jetzt ſpricht und ſchreibt man von ihm beinahe wie wenn er eine göttliche Perſon geweſen wäre. Auf den Straßen ſprangen während der Proceſſion eine Menge Neger herum und ſahen ganz vergnügt — wi ob fal und der jetzt ndet, ſind und jetzt. Tod eine abe, ans. ühn, icht. ſcher ben ebe⸗ den wen nem als cher ge⸗ ben. ihn len. ſche der ann ufs herz aro⸗ ihm eſen ion ügt —— 359 aus, wie ſie es immer bei öffentlichen Veranſtaltungen ſind. Mr. G. ſagte mir, er habe Reger ſagen gehört: „Calhoun war ein böſer Mann, denn er wollte, daß wir Sklaven bleiben ſollten.“ Am Abend dieſes Tages hatten wir Gäſte daheim und Spiele, Tanz und Muſik, ganz luſtig und ver⸗ gnügt Hierauf wurde bis gegen Mitternacht in der lauen, mondhellen Luft auf der Piazza herumſpaziert. Von der Flußſeite hörte man Geſänge der Neger, die in ihren Booten den Fluß hinauf ruderten und aus der Stadt kamen, wohin ſie ihre kleinen Vorräthe an Eiern, Hühnern und Gemüſen zu Markte führen, was ſie ein bis zweimal in der Woche thun dürfen. Wenn dieſer Brief Dir zukommt, baſt auch Du Sommer und Blumen, meine gute Agathe, und Gott ſei Dank dafür geſagt! Morgen reiſe ich nach Savannah, von da nach Macon, der Hauptſtadt Georgiens, und dann nach Mont⸗ pellier, wohin ich von dem Biſchoff der epiſcopalen Kirche in den ſüdlichen Staaten, Fliott, eingeladen bin, um der Jahresprüfung in einem Frauenzimmer⸗ ſeminar anzuwohnen, das unter ſeiner Aufſicht ſteht. Von da ſchreibe ich Dir weiter. Vierzehnter Brief. Macon, Vienville, den 17. Mai 1850. Rein ich fuhr nicht nach Savannah an dem Tag, wo ich es beabſichtigte, ſondern ich fuhr— zu einer Poſſe, zu welcher ich mir jetzt Deine Begleitung erbitte, obne Dir zu ſagen, wohin ſie Dich führen wird. Wir fahren auf der Eiſenbahn, wir ſteigen in einen der 360 Wagen, Mrs. Howland, ein freundlicher junger Herr— ich bin ſo frei Dir Mr. Richards vorzuſtellen— und ich, und Du kommſt ja auch mit uns. Es ging durch Wald und Feld, achtzehn Meilen über Charleston. Es iſt ſpät am Nachmittag und ſehr warm. Wir halten an; es iſt mitten im dicken Walde. Es iſt Wald auf allen Seiten und keine Wohnungen kommen zum Vor⸗ ſchein. Wir ſteigen aus den Wagen und gehen hinein in den Föhrenwald. Nachdem wir uns eine Weile auf ungebahnten Stegen ergangen, ſehen wir den Wald recht lebendig werden. Auf allen Seiten wimmelt es zwiſchen den hoben Baumſtämmen von Menſchen, be⸗ ſonders von der ſchwarzen Rate. Mitten im Wald öffnet ſich ein freier Platz und mitten auf demſelben iſt ein großes, langes, auf Säulen ruhendes Dach er⸗ richtet, unter welchem eine Menge Bänke und Gänge ſich befinden mit Platz geung für 4— 5000 Perſonen. In der Mitte dieſes Tabernakels ſteht ein einreihiges, hohes Gerüſte und mitten darin eine Art Katheder oder große Kanzel. Rings um das Tabernakel,(ich nenne das auf den Pfeilern ruhende Dach ſo) ſind in einem weiten Zirkel Hunderte von Zelten und Buden von allen möglichen Farben und Geſtalten errichtet; ſie ſchimmern weiß weit in den Wald hinein und überall auf allen Seiten nah und fern ſieht man Gruppen von meiſt ſchwarzen Menſchen an kleinen Feuern, bei denen gekocht und gebraten wird. Kinder ſpringen umher und ſitzen vor den Feuern, Pferde ſtehen und weiden neben ihren Fuhrwerken. Es iſt ein vollkom⸗ menes Lager mit dem wechſelreichen, bunten Leben ei⸗ nes Lagers, aber ohne Militär und Waffen. Hier ſieht alles friedlich und feſtlich aus, obſchon nicht fröh⸗ lich. Unter dem Tabernakel beginnt allmählig Volk ſich zu ſammeln, weiße Menſchen auf der einen, ſchwarze auf der andern Seite, die Schwarzen in bedeutender neberzahl. Das Wetter iſt qualmig; Gewitterwolken 8S——„Se——-—— — S—) S„ S—— r und urch ton. lten auf Jor⸗ nein auf zald es be⸗ Jald lben er⸗ inge len. ges, oder nne nem von ſie rall pen bei gen und om⸗ ei⸗ Hier röh⸗ Bolk arze der lken 361 bedecken den Himmel und es beginnt ein wenig zu reg⸗ nen. Juſt keine erfreuliche Ausſicht für die Nacht, denn ich kann Dir nicht helfen, mein Herzchen, wir müſſen die Nacht hier außen im wilden Walde zubringen. Es findet ſich kein anderer Ausweg. Wart ein wenig; es gibt dennoch einen. Der ehrliche junge R. bietet ſeine Beredſamkeit auf, ein Zelt erſchließt ſich für uns und wir werden da von einer gefälligen Buchhändlerfamilie beherbergt. Caput familias iſt ein ſtrenger Methodiſt und ſieht ſehr ernſthaft aus. Die Frau iſt freundlich und ſeelengut. Wir bekommen da Kaffee und einen Abendimbiß. Nach der Abendmahlzeit gehe ich aus, um mich umzuſehen, und werde von einem Schauſpiel überraſcht, das ich nie vergeſſen werde. Die Nacht iſt ſchwarz von Gewitterwolken, aber der Regen hat aufgehört. Blos einige ſchwere Tropfen fallen da und dort und der ganze Wald ſcheint in Flammen zu ſtehen. Auf acht Feueraltären oder ſogenannten Feuerhöhen, die großen Tiſchen gleichen, welche rings um das Taber⸗ nakel her auf Stützen emporragen, brennen flatternde Feuer aus hohen Scheiterhaufen von Lichtholz, das viel Harz enthält; und auf allen Seiten im Walde bis in ſeine entlegenſten Abtheilungen brennen größere und kleinere Feuer vor den Zelten oder auf anderen Plätzen und beleuchten die hohen Föhrenſtämme, welche Pfeiler eines ungeheuern, dem Gott des Feuers ge⸗ weihten Naturtempels zu ſein ſcheinen. Der Dom darüber iſt finſter, aber die Luſt iſt ſo regungslos, daß die Flammen des Feuers gerade aufwärts ſteigen und wilde Schlaglichter auf die Föhrenwipfel und die ſchwarzen Wolken werfen. Unter dem Tabernakel iſt eine ungeheure Volksmenge, gewiß 3— 4000 Perſonen verſammelt. Sie ſingt Hymnen; ein prächtiger Chor! — Am ſtärkſten ertönt es aus dem Lager der Schwar— zen, denn ſie ſind doppelt ſo ſtark als die Weißen 362 vertreten und beſitzen von Natur ſchöne und reine Stimmen. Auf der hohen Kanzel mitten im Taber⸗ nakel ſieht man vier Prieſter, die während der Pauſen zwiſchen den Hymnen mit kräftigen Stimmen zum Volke ſprechen, die Sünder zur Bekehrung und Beſſerung aufrufend. Während all dem rollt der Donner, und große Blitze flammen durch den Wald gleich zornigen Blicken aus einem unſichtbaren, mächtigen Auge. Wir gehen unter das Tabernakel und miſchen uns in die Verſammlung auf der weißen Seite. Rund um das erhöhte Gerüſt mit der Kanzel geht ein viereckiger Al⸗ tartiſch. Innerhalb deſſelben ſitzen von Seiten der Weißen auf Bänken unter der Kanzel Methodiſten⸗ prediger, meiſtens ſchöne, ſtattliche Geſtalten mit brei⸗ ten, ernſten Stirnen, und von Seite der Schwarzen ihre geiſtlichen Führer und Ermahner(Nxhorters), mehrere unter ihnen mit höchſt bemerkenswerthen, energiſchen Phyſiognomien. Je länger es in die Nacht hinein⸗ geht, um ſo wärmer wird die Stimmung. Die kurzen, aber gleich den Flammen des Scheinholzes brennenden Hymnen ſteigen heftig, wie dieſe, empor. Gleich melo⸗ diſch-flammenden Seufzern werden ſie wieder und wie⸗ der von tauſend harmoniſchen Stimmen erhoben. Der Eifer der Prediger erhöht ſich; zwei ſtehen dem Lager der Schwarzen, zwei dem der Weißen zugekehrt. Sie ſtrecken ihre Hände aus und rufen die Sünder zu kom⸗ men,„Alle zu kommen, jetzt, in dieſer Zeit, in dieſer Stunde; vielleicht iſt es die letzte, die einzige, die ih⸗ nen übrig bleibt, um zum Erlöſer zu kommen, um der ewigen Verdammniß zu entfliehen.“ Mitternacht naht heran; die Feuer brennen dunkler, aber die Exaltation ſteigt und wird allgemein. Auferſtehungshymnen miſchen ſich mit den Zurufen der Prediger, mit den Ermahnun⸗ gen der Ermahner, mit den Seufzern und Rufen der Verſammlung. Und jetzt erheben ſich aus dem Lager der Weißen junge Mädchen und Männer, und kommen ine er⸗ ſen te ng nd en Lir die as Al⸗ der en⸗ ei⸗ hre ere en in⸗ en, en lo⸗ ie⸗ er ger Sie m⸗ ſer ih⸗ der ht on en in⸗ der 363 und legen ſich wie zerknirſcht über den Altartiſch. Ihnen treten von der andern Seite die Prieſter ent⸗ gegen, die ſich zu ihnen hinabbeugen, ihre Bekenntniſſe empfangen, ſie ermahnen und tröſten. Im Lager der Schwarzen iſt großer Tumult und man hört ſtarkes Geſchrei. Männer brüllen, Weiber kreiſchen gleich Spanferkeln, wenn ſie geſchlachtet werden ſollen. 1 Mehrere bekommen Zuckungen, hüpfen und taumeln herum, ſo daß man ſie halten muß; da und dort ſieht es wie ein Handgemenge aus, und einige von den ru⸗ higeren Theilnehmern lachen. Man hört eine Menge Angſtrufe, aber keine Worte außer:„O ich bin ein Sünder“ und:„Jeſus, Jeſus!“ Unter all dieſem Lärm währt der Geſang ſtark und ſchön fort und der Donner ſchlägt ſeine Pauken dazwiſchen. Während dieſes Spektakel im Lager der Schwarzen vor ſich geht, ſehen wir bei den Weißen einen ſtilleren Auftritt. Einige von den Geſtalten, die bußfertig am Altartiſch niedergekniet waren, haben ſich entfernt, aber einige liegen noch da, und die Prieſter ſcheinen ihnen vergebens vorzureden oder vorzuſingen. Eine von ihnen, ein junges Mädchen, wurde von ihren An⸗ 1 gehörigen aufgehoben, und befand ſich in einer Ver⸗ zuckung(n a trance). Sie liegt jetzt mit dem Kopf im Schooß eines älteren ſchwarzgekleideten Frauenzim⸗ mers, ihr hübſches, junges Geſicht aufwärts gekehrt, ſtarr und, wie es ſcheint, ganz bewußtlos. Die ſchwarz⸗ gekleidete Fran und noch eine andere gleichfalls in 1 Trauer, beide mit ſchönen, ſchwermüthigen Geſichtern fä⸗ 1 cheln das junge Mädchen ſanft mit ihren Fächern und betrachten ſie mit ernſthaften Blicken, während 10— 12 meiſt junge Frauenzimmer um ſie herſtehen, leiſe und lieblich eine Hymne ſingend, alle das ſchlafende Mäd⸗ chen betrachtend, bei welchem, wie ſie glauben, jetzt etwas Großes vor ſich geht. Es iſt ein wirklich ſchö⸗ 364 ner Auftritt in der Donnernacht beim Schein der Feueraltäre. Nachdem wir wohl eine Stunde lang dieſe Scene beobachtet hatten, und als die exaltirte Stimmung ſich zu beruhigen anfing, und damit auch der Glanzpunkt der Nacht vorüber zu ſein ſchien, gingen Mrs. Howland und ich ins Zelt, um auszuruhen. Das Zelt lag an der Auszackung des Lagers der Weißen, und ich ging aus Neugierde ein Stück weit darüber hinaus in den dunkleren Theil des Waldes. Hier war es ein ſchreck⸗ liches Unweſen, das aber nicht von den Menſchen, ſon⸗ dern von Fröſchen und anderem Gethier herkam. Auch ſie ſchienen gine große Zuſammenkunft zu halten und quackten und lachten, puſteten und ſchnaubten, und ga⸗ ben ſo viele wunderliche Töne, ſo viele Exploſionen ſonderbarer Laute zum Beſten, daß es in hohem Grade komiſch war. Ich habe niemals ein ſolches Concert gehört. Es war wie eine Parodie auf dasjenige, dem wir ſo eben angewohnt hatten. Im Zelte war es dumpfig und eng, aber unſre gute, freundliche Wirthin bot Alles auf, um es uns bequem zu machen, und Mrs. Howland wollte blos Alles für mich bequem machen und dagegen alles Ungemächliche auf ſich nehmen. Ich hatte keine Ruhe im Zelt, ſondern wollte, ehe ich mich niederlegte, wenigſtens noch einen Blick aufs Lager wer⸗ fen. Es war jetzt 12 Uhr vorüber, es hatte ſich auf⸗ geklärt und die Luft war ſo lieblich, das Schauſpiel ſo ſchön, daß ich ins Zelt hineingehen und es Mrs. Howland ſagen mußte. Sie machte ſich auch ſogleich auf und kam mit mir heraus. Die Altarfeuer brannten niedrig und dunkel und der Rauch rollte rückwärts in den Wald hinein. Ueber dem Lager ſtand der Himmel klar. Der Mond ging über dem Walde auf und der Stern der Stärke (Jupiter) ſtand hellleuchtend mitten über dem Taber⸗ nakel. Noch erhoben ſich Hymnen, obwohl ſchwächer, der ene ſich der and an ing den eck⸗ on⸗ uch und ga nen ade cert dem es hin irs. hen Ich nich ber⸗ uf⸗ piel ers. eich und ein. ond irke ber⸗ her, 365 noch ermahnten Exhorters; noch ſchlief das junge Mädchen ſeinen myſtiſchen Schlaf, noch wachten, war⸗ teten und fächelten die Frauen. Einige bedrückte See⸗ len lagen noch auf dem Altartiſch und wurden von den Prieſtern mit Rede oder Geſang getröſtet. Allmählig ver⸗ lief ſich das unter dem Tabernakel verſammelte Volk, ver⸗ breitete ſich im Wald oder zog ſich in ſeine Zelte zurück. Auch das ſchlafende junge Mädchen erwachte und wurde von ſeinen Angehörigen aus der Verſammlung weg⸗ geführt. Mr. Richard war jetzt zu uns gekommen, und mit ihm unternahmen wir eine Runde um das Lager der Schwarzen. Hier war Alles noch voll von exaltir⸗ tem, religiöſem Leben. In jedem Zelt ſahen wir einen neuen Auftritt davon, In dem einen ſah man eine heftig betende männliche oder weibliche Perſon, die mit ſtarken Geberden ihren nengeweckten Gefühlen Luft ſchaffte und von andächtigen Zuhörern umgeben war; in einem anderen ſah man eine ganze Schaar ſchwar⸗ zer Beter in weißen Kleidern ſich auf die Bruſt ſchla⸗ gen und mit größtem Pathos rufen und ſprechen; in einem dritten tanzten Weiber den heiligen Tanz vor einer der neubekehrten Perſonen. Dieſer Tanz iſt jedoch von den Prieſtern verboten worden und hörte bald nach unſerm Eintritt ins Zelt auf.— Ich ſah blos wiegende Bewegungen von Weibern, die einander in einer Kette an den Händen hielten, während ſie ſan⸗ gen.— In einem vierten hörte man ein geiſtliches Lied im Canon vortrefflich geſungen. In einem Zelt ging eine dicke Negermadame allein und puſtete. Sie war heiſer, ſeufzte und jammerte vor ſich hin:„O, wenn ich doch rufen könnte!“ In andern Zelten ſaß das Volk um die Feuer verſammelt und hier war ein fortwährendes Beſuchen und Begrüßen, und ein freund⸗ lich munteres Gerede von melodiſch weichen Stimmen, alles in einer ſtillen, herzlichen Gemüthsſtimmung, die wir auch überall antrafen, wo wir ſtehen blieben und 366 mit den Leuten ſprachen. Dieſes ſchwarze Volk hat etwas Warmes und Gutes, das mir ſehr gefällt. Man ſieht, daß ſie die Kinder der warmen Sonne ſind. Im Lager der Weißen war die Stimmung bedeutend ruhi⸗ ger. Man ſah die Familien an ihren gedeckten Tiſchen ſhen, eſſen und trinken. Endlich gingen wir in unſer Zelt zurück, wo unſre gute Wirthin und ihre 13jährige Tochter ſchweſterlich ein Bett mit mir theilten, und ich zwar nur wenig ſchlief, aber, Dank ſei es einigen klei⸗ nen, weißen Pillen von meiner Downing⸗Medicin, dennoch eine erquickende Ruhe genoß in der fieber⸗ warmen Nacht. Bei Sonnenaufgang hörte ich etwas, was dem Geſumme einer Rieſenwespe glich, die ſich in einer Spinnwebe gefangen hat. Es war ein Sprechrohr, welches das Zeichen zum Aufbruch gab. Um halb ſechs Uhr war ich auf den Beinen und draußen. Die Hymnen der Neger, welche die ganze Nacht gewährt hatten, ertönten noch immer. Die Sonne ſchien heiß und die Luft war drückend. Aber alles war lebhaft im Walde. Man kochte und frühſtückte bei den Feuern und die Leute begannen ſich auf den Bänken unter dem Tabernakel zu verſammeln. Um 7 Uhr hatten wir Morgenpredigt und Gottesdienſt. Ich hatte bemerkt, daß die Prieſter es vermieden, die Gefühle der Ver⸗ ſammlung übermäßig hinaufzutreiben, und ſie ſelbſt ſchienen ohne alle Exaltation zu ſein. Dieſen Morgen erſchienen ſie mir matt und ſehr ſchwach an populärer Beredſamkeit. Sie predigten Moral. Aber Moral ſoll man nicht in Augenblicken predigen, wo es gilt das Herz zu erobern, man ſoll da die warme Sprache des Herzens und die Wunder des geiſtlichen Lebens reden. Es war für mich daher eine wahre Erquickung, als die kalten und wohlgenährten Prieſter, die dieſen Mor⸗ gen gepredigt hatten, den Platz einem älteren Mann von friſchem und humoriſtiſchem Ausſehen abtraten, der al ein wa ren ger ein ſich ein ſeh Na zen gel das ihr un den ſie und mic wer dar etw Jed eine ten dac lieb und ren hät unk die rem 367 aus dem Zuhörerhaufen auf die Kanzel ſtieg und aus einem ganz andern Ton zu dem Volke ſprach; ſein Ton war vertraulich, humoriſtiſch und innig— et⸗ was in Vater Taylors Art(ich hätte ihn hier hö⸗ ren mögen, aber dann wären alle Neger wie verrückt geworden, fürchte ich). Der neue Redner ſagte, er ſei ein Ausländer(offenbar ein Engländer) und befinde ſich nur zufällig in dieſer Verſammlung. Aber er fühle ein Bedürfniß, ſagte er, ſeinen Freunden zu ſagen, wie ſehr er ſich über das gefreut, was er in der letzten Nacht mit angeſehen(er ſprach eigentlich zu den Schwar—⸗ zen) und er wolle ihnen ſeine Anſicht über Gottes Evan⸗ gelium, das in der Bibel geoffenbart worden und über das, was es uns von Gott lehre, mittheilen.„Seht ihr jetzt, meine Freunde— ſo ungefähr lauteten ſeine Worte— wenn ein Vater ſein Teſtament gemacht hat und die Kinder verſammelt ſind, um es zu öffnen und den letzten Willen des Vaters zu leſen, dann wiſſen ſie nicht, wie der Vater beſchloſſen und befohlen hat, und mancher dürfte denken: Vielleicht iſt da nichts für mich! vielleicht hat er nicht an mich gedacht! Aber wenn ſie jetzt das Teſtament öffnen und ſehen, daß darin etwas für John iſt, und etwas für Marie, und etwas für Ben, und etwas für Betſy, und etwas für Jeden und etwas für Alle, und daß alle zuſammen einen gleichen Theil am Eigenthum des Vaters erhal⸗ ten haben und daß er gleich zärtlich an ſie alle ge⸗ dacht hat;— dann ſehen ſie, daß er ſie alle gleich ge⸗ liebt, daß er ihnen allen gleich wohl gewollt hat;— und dann, meine Freunde, wenn wir dieſe Kinder wä⸗ ren und alle dieſen Erbtheil am Vaterhaus erhalten hätten, müßten wir dann nicht alle dieſen Vater lieben und ſeine Liebe verſtehen und ſeine Gebote befolgen?“ „Ja! ja! o ja! herrlich! herrlich! Amen!“ rief die Verſammlung mit ſtrahlenden Blicken und ſichtba⸗ rem Entzücken. 368 Der Redner fuhr fort, ihnen auf ſeine gutgelaunte, naive Art das glückliche Leben und Ende eines from⸗ men Chriſten, eines wahren Kindes Gottes zu beſchrei⸗ ben. Er ſelbſt(der Redner) war Zeuge vom Tod eines ſolchen Mannes geweſen, und obſchon dieſer Mann ein Seemann ohne alle feinere Erziehung war und Aus⸗ drücke gebrauchte, die ſeinem Handwerk angehörten, ſo zeugten ſie gleichwohl von einem ſo klaren geiſtlichen Leben, daß ſie auch jetzt nach ſeinem Tod vor dieſer Verſammlung davon zeugen ſollten. Der Mann war ſchwer an einem Fieber erkrankt, das ihm auch das Bewußtſein raubte. Er ſchien dem Tode nahe zu ſein und ſeine Angehörigen umſtanden ſein Bett in der Meinung, nie mehr ſeine Stimme zu hören, ſondern blos noch ſeinen letzten Seufzer zu vernehmen, denn er lag wie im Todesſchlafe da. Aber auf einmal ſchlug er klar die Augen auf, erhob das Haupt und rief mit ſtarker, fröhlicher Stimme:„Land, Vorwärts!“ Und darauf ſank ſein Haupt wieder und man glaubte, es ſei mit ihm vorbei. Aber noch einmal ſchaute er auf: „Wendet und werft den Anker aus!“ Und dann wurde er wiederum ſtill und man glaubte, es ſei für immer. Aber noch einmal ſchaute er klar und ſtill auf und ſagte:„Alles gut!“ Und dann war er im Frieden. „Amen! Amen! herrlich, o herrlich!“ rief die Verſammlung, und nie habe ich ſolche Ausdrücke von Freude und Entzücken geſehen, wie ich ſie hier auf den Geſichtern der Kinder Afrikas ſtrahlen ſah; beſonders waren die Exhorters ganz außer ſich; ſie klatſchten in die Hände, lachten und Fluthen von Licht ſtrömten aus ihren Augen.(Einige von dieſen Geſichtern ſind meinem Gedächtniß eingeprägt als etwas von dem Aus⸗ drucks⸗ und Gefühlvollſten, was ich je geſehen habe. Warum verſuchen ſich die Maler der neuen Welt nicht an ſolchen Scenen und ſolchen Geſichtern*) Das Ent⸗ zücken über die Erzählungen des Redners wäre da und te, m⸗ ei⸗ es ein 8⸗ en, en ſer ar as ein der ern er lug mit Und es uf: rde ter. und die von den ers in iten ſind us⸗ be. icht nt⸗ und 369 dort am Tage convulſiviſch genng geworden, wenn nicht der vornehmſte Leiter der Verſammlung, Mr. Martin, von der Kanzel herab gewinkt und mit der Hand ab⸗ gewehrt hätte, worauf die gährenden Aeußerungen ſo⸗ gleich ſich beſchwichtigen. Schon in der Nacht hatte er das Volk vor ſolchen krampfhaften Ausbrüchen ge⸗ warnt und ſie als unrecht und ſtörend für die Wir⸗ kungen des Geiſtes ſowohl auf ſie ſelbſt als auf andere bezeichnet. Der Wesleyaniſche Redner verließ die Kan⸗ zel unter fortwährenden Aeußerungen des Entzückens von Seiten des Volkes. Die Hauptpredigt des Tags fand ungefähr um 11 Uhr Vormittags ſtatt und wurde von einem Juriſten aus einer der benachbarten Städte gehalten, einem großen, magern Herrn mit ſtark gezeichneten ſcharfen Zügen und tiefen brennenden Augen. Er predigte vom jüngſten Gericht und beſchrieb daſſelbe ganz iebhaft, die gabelartig geſpaltenen Flammen, den Donner, das Zuſammenſtürzen aller Dinge, und überdieß ſchilderte er es noch als möglicherweiſe nahe bevorſtehend.„Noch“ rief er,„habe ich zwar die Erde nicht unter meinen Füßen zittern gefühlt; noch ſcheint ſie feſt zu ſtehen (und er ſtampfte tüchtig auf die Kanzel) und noch höre ich die Donner des Gerichtes nicht rollen; aber es kann dennoch nahe ſein u. ſ. w. Deßhalb ermahnte er das Volk zu ſchneller Umkehr und Buße. Trotz der Wichtigkeit des Gegenſtandes und der Kraft im Ausdruck, lag in der Darſtellung etwas Trockenes und Seelenloſes, ſo daß ſie ihre Wirkung auf die Ver⸗ ſammlung verfehlte. Man meinte zu fühlen, daß der Prediger das was er beſchrieb und predigte nicht glaube und nicht lebendig fühle. Man hörte zwar ei⸗ nige Rufe und Seußzer, einige Sünder traten vor; aber die Verſammlung blieb im Ganzen ruhig und wurde von dem Donner des jüngſten Gerichts nicht erſchüt⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 24 370 tert. Die Hymnen waren wie früher warm und ſchön im Lager der Neger. Dieſes Volk ſcheint große Em⸗ pfänglichkeit für die ſchönſten Lehren der Religion zu haben und verſteht es beſonders gut ſie anzuwenden. Ihre muſikaliſchen Gaben ſind ausgezeichnet. Die mei⸗ ſten Schwarzen haben ſchöne, reine Stimmen und ſin⸗ gen eben ſo leicht, wie wir andere ſprechen. Nach dieſem Gottesdienſt kam das Mittageſſen, und ich beſuchte während dieſer Zeit mehrere Zelte im La⸗ ger der Schwarzen und ſah die Tiſche mit Fleiſchge⸗ richten aller Art, mit Puddings und Torten bedeckt; es ſchien ein wahrer Ueberfluß an Speiſe und Trank vorhanden zu ſein. Mehrere Zelte waren anch wie Zim⸗ mer möblirt, hatten vollſtändige Betten, Spiegel u. ſ. w. Die Leute ſchienen heiter und friedlich. Dieſe re⸗ ligiöſe Lagermeetings(mein Herzchen, du haſt jetzt ei⸗ nem Lagermeeting angewohnt) ſind die Saturnalien der Negerſklaven. Sie ſchaudern dabei an Seele und Leib, wozu ſie eine natürliche Neigung haben. Doch geſchieht dieß hier in Zucht und Ehre. Die Zuſammenkünfte ſollen in den letzten Zeiten viel an moraliſcher Haltung gewonnen haben, und die Herren erlauben ihren Die⸗ nern und Sklaven denſelben anzuwohnen, theils um ihnen ein Vergnügen zu gönnen, theils weil ſie oft viel Gutes wirken. Ich konnte nicht das mindeſte An⸗ ſtößige oder Unpaſſende bemerken, außer wenn man ſo will die krampfhaften Extaſen. Mit dem Leiter der Verſammlung, dem achtungswerthen und gefälligen Me⸗ thodiſtenprediger Mr. Martin, ſprach ich von dieſen und er mißbilligte ſie, wie ich bereits gehört hatte. „Aber dieſe ſtarken Aeußerungen, ſagte er, ſcheinen der höchſt anregungsfähigen Negernatur anzugehören und dieſe plötzlichen Bekehrungen, die aus der Aufregung des Angenblickes entſtehen, haben das Gute, daß der ſo Bekehrte gewöhnlich ſich an die Kirche und die chön Em⸗ zu den. mei⸗ ſin⸗ und La⸗ hge⸗ eckt; rank zim⸗ e re⸗ t ei⸗ der eib, ieht infte tung Die⸗ um oft An⸗ n ſo der Me⸗ ieſen atte. der und zung der die 371 Prieſter anſchließt, Mitglied einer ſogenannten Klaſſe wird, als ſolches ordentliche Unterweiſung in den Reli⸗ gionslehren, in geiſtlichen Geſängen und Gebeten er⸗ hält und nicht ſelten nachher ein guter Chriſt und or⸗ dentliches Mitglied der Geſellſchaft wird. Im großen Weſten, wie hier im Süden und über⸗ all, wo der Staat noch nicht vollſtändig angebaut iſt, ſind es Methodiſten und Baptiſten, die den religiöſen Boden aufreißen, indem ſie bei den Raturkindern auf die Gefühle und Sinne wirken. Später kommen Cal⸗ viniſten, Lutheraner und andere, die mehr zum Ver⸗ ſtand ſprechen. Die Miſſionäre, welche das Volk ver⸗ ſammeln, unter Gottes freiem Himmel zu ihm ſpre⸗ chen und Alles zu benützen verſtehen, was die Stunde und die Natur, ſowie ihre freie Stellung ihnen an die Hand gibt, können die ſtärkſten Wirkungen hervor⸗ bringen, und ich habe merkwürdige Erzählungen von ihrer Fähigkeit die Menge zu rühren, ſowie von der Anſteckungskraft der exaltirten Gemüthsſtimmung, die zuweilen aufkommt, gehört. Dieſe Sklavenmeetings währen von 2— 7 Tagen. Dieſes ſollte am nächſten Tag aufbrechen und man erwartete für die folgende Nacht eine Menge Bekehrungen. Gleichwohl ſcheinen dieſe von unberechenbaren Zufülligkeiten und vielleich⸗ mehr als irgend etwas anderes, von einem hinreißen⸗ den Prediger abzuhängen. Wir brachten noch einige Stunden damit zu, daß wir die geiſtlichen und materiellen Sceuen des Lagers anſahen, im Wald umherwandelten und botanifirten; Mr. Richard pflückte für mich mehrere mir neue Blumen, worunter eine ſehr zierliche gelbe Blume die Safranblume genannt. Nachmittags 5 Uhr tehrten wir mit einem Zug von gewiß 2000 Perſonen, wor⸗ unter zwei Drittel Schwarze w n zurück. Sie ſangen guf v aren, nach Charleston r nuiſe. 8 em ganzen Weg und waren 372 Am nächſten Morgen befand ich mich mit einem Körbchen Bananas und Zuckerkuchen, was meine gute Wirthin und Freundin Mrs. Howland für mich zu⸗ gerichtet, auf dem Weg nach Savanuah. Mit ihren Früchten und einem Blumenſtrauß von Mrs. Hollbrook fuhr ich allein ab. Doch nicht allein, denn mein Herz war voll. Der Tag war herrlich und die Fahrt den Savannah hinauf, der in taufend Biegungen zwiſchen zwei Ufern dahinfloß, welche niedrig, aber mit hüb⸗ ſchen Baumgruppen, ſowie Plantagen mit ihren Hauptgebäuden und ſaubern Sklavendörfchen geſchmückt ſind, war eine fortwährende Erquickung für mich. Die Sklavendörfer ſind kein erfreulicher Anblick, aber ich hatte bisher weit mehr glückliche, als unglückliche Sklaven geſehen und deßhalb hatte ich keinen düſtern Eindruck von ihrem Zuſtande dahier. Die Mannſchaft des kleinen Dampfbvots beſtand blos aus Sklaven: Negern und Mulatten. Der Ka⸗ pitän ſagte mir, ſie ſeien ſehr glücklich, wie auch treu und tüchtig.„Dieſer da,“ ſagte er, mit dem Blick auf einen ältern Mulatten zeigend, der ein ausgezeich⸗ net ſchönes, aber, wie mir ſchien, melancholiſches Ge⸗ ſicht hatte, iſt mein vertrauteſter Diener, und ich wünſche mir an meinem Todtenbett keinen andern als Pfleger und Freund.“ Die Mannſchaft ſah gut genährt und gehalten aus.— Eine ſchöne, runde Mulattin ſagte, als wir allein waren, halblaut zu mir:„Was ſagen Sie zu der Sklavereieinrichtung hier im Sü⸗ den?“—„Ich denke,“ ſagte ich,„daß die Sklaven im Allgemeinen glücklich und wohlbehalten ausſehen.“ —„Ja, ja,“ verſetzte ſie,„es kann ſo ausſehen, aber„ und ſie warf große bedeutſame Blicke, welche ſagen wollten: es iſt nicht Alles Gold, was glänzt.—„Sie finden, daß ſie nicht gut behandelt werden?“ fragte ich.—„Einige werden allerdings gut nem gute zu⸗ hren rook derz den chen üb⸗ ren ückt Die ich iche tern and Ka⸗ reu lick ich⸗ ich als hrt tin as ü⸗ ven n en, cke, vas et gut 373 behandelt,“ antwortete ſie,„aber...“ und ſie ließ wieder bedeutſame Blicke umherrollen. Ich hätte gewünſcht, daß ſie mehr geſprochen hätte, aber da ſie dem Schiff angehörte, ſo wollte ich nicht mehr fragen. Zur Spionin kann ich mich nicht hergeben, das iſt gegen meine Natur, und was ich nicht durch eigene Erfahrung und durch unmittel⸗ bare Fügung inne werde, das werde ich nicht inne. Jedeüfalls hätte mir die Mulattin ſchwerlich etwas an⸗ deres ſagen können, als was ich bereits weiß. Es gibt gute und böſe Herrn, glückliche und unglückliche Sklaven, und das Sklaveninſtitut iſt—— eine große Lüge am Freiheitsleben der Menſchheit und beſonders der neuen Welt. An Bord befanden ſich einige Perſonen, die ich kannte, unter ihnen Miß Marie Plumb, ein lebhaftes ſeelenvolles Mädchen aus dem Staate New⸗York, die im Winter ihrer Geſundheit wegen in Savannah lebt. Sie hat eine ſchwache Bruſt und leidet im Wiuter ſehr in den nördlichen Staaten. Mit ſüdländiſcher Luft, eigentlich Savannahluft und Homöopathie lebt ſie wie⸗ der auf. Ich widmete mich ſo wenig als möglich der Geſellſchaft, erfreute mich am Schweigen und an der Flußfahrt, an dem ſchönen Tag und der ſtillen, freund⸗ lichen Scenerie, welche gegen die Auftritte des vorher⸗ gehenden Tages ſo ſehr abſtach. Als die Sonne un⸗ tergegangen war und es, wie gewöhnlich in dieſer Breite, ſchnell dunkelte, ſah ich einen hellen, weißen Schein vom ſüdlichen Himmel gegen das Zenith aufſteigen. Man ſagte mir, dieß ſei das Zodiakallicht. Dieſer Schein war nicht flammend, gefärbt und hübſch, wie ſehr oft unſer Nordlicht ſondern ruhig, mild und ſehr hell. Ein ernſter älterer Herr, in deſſen Geſellſchaft ich auf dem Verdeck die Sternbilder betrachtete, ſagte mir, daß man ſpäter im Sommer am Horizont das ſüdliche Kreuz hervorſchimmern und auch den größten 374 Stern des Schiffes Argo ſehen könne. Du ſiehſt, daß neue Lichter und neue Sternbilder jetzt über mei⸗ nem Haupte aufgehen. Ich heiße ſie willkommen! — In der tiefen Dämmerung kam ein Boot an unſer Schiff gerudert. Mehrere ſchwarze und ein weißer Mann waren darin. Der weiße kam nach freund⸗ lichem Abſchied von den Leuten im Boot an Bord, und eine Stimme rief ihm aus denſelben nach: „Vergeſſen Sie uns in der Ferne nicht, Maſſa!“— „Nein, nein!“ rief„Maſſa“ zurück. Erſt um halb 12 kamen wir nach Savannah. Mit Miß Plumb, ihrer Schweſter und ihrem gefälligen jungen Arzt fuhr ich nach dem größten Hotel der Stadt, Pulawskihaus, ſo genannt nach dem polniſchen Krieger, der im ameri⸗ kaniſchen Freiheitskrieg kämpfte und fiel, und deſſen Denkmal, ein ſchöner, weißer Marmorobelisk, auf dem grünen Platz vor dem Hotel, von prächtigen Bäumen umgeben, ſteht. Am nächſten Morgen um 7 Uhr ſaß ich auf der Eiſenbahn nach Macon, eine lange, ſehr mühſame Tagreiſe, beſonders in der ſtarken Hitze und mit dem Rauch und Staub, der die Eiſenbahnwägen füllte. Der Weg ging beſtändig durch eine magere, ſandige Gegend, von Föhrenwäldern bewachſen und beinahe gänzlich unbekannt, außer den Eiſenbahnſtationen, wo kleine Kolonieen aufzukommen, Handel zu treiben und die magere Erde zu kultiviren begannen. An einigen von ihnen ſtieg ich aus, botaniſirte im Wald und fand verſchiedene gelbe Orchideen. Die Unterhaltung unter⸗ wegs ging in dem Wagen, wo ich ſaß, von etnem dicken, luſtig ausſehenden Herrn in Mütze und grauem Rock aus, einer meelſackartigen Geſtalt, auf welcher der Kopf rund und beweglich wie ein Kreiſel ſaß; der Mann politiſirte nämlich und ließ ſeinen Zorn gegen den ſeligen Jefferſon aus(den Präſidenten und Ver⸗ faſſer der amerikaniſchen Unabhängigkeitserklärung) und ib überſchüttete ihn laut mit den größten Schmähungen⸗ wobei er ſich an einen großen, magern Militär von edlem Ausſehen wandte, der auf der andern Seite im Wagen ſaß und ſich an deu Ergießungen des Dicken halb zu beluſtigen ſchien, obſchon er ſie zu beſchwich⸗ tigen ſuchte. Aber das hieß Oel ins Feuer gießen. „Sir!“ rief der dicke Mann mit Stentorsſtimme, als der Zug an einem Ort anhielt,„Sir, ich behaupte, daß ohne Tom Jefferſon die ganze Union fünfhundert⸗ mal weiter gekommen wäre, und Südecarolina wenig⸗ ſtens tauſendmal.“— Ei, glauben Sie das 2“ ver⸗ ſetzte der Andere lächelnd.—„Ja, das ſage ich, Tom Jefferſon war der ſchlechteſte Mann, der noch je an der Spitze eines Volkes geſtanden iſt; er hat mehr Böſes gethan, als alle Präſidenten nach ihm Gutes thun können.“—„Er hat doch unſre Unabhängig⸗ keitsakte verfaßt,“ ſagte der magere Herr.—„Er hat ſie geſtohlen, Sir!“ rief der Dicke,„er hat ſie geſtoh⸗ len, geſtohlen! Ich kann es Ihnen beweiſen. Es fin⸗ det.. u ſ. w. Jetzt folgten Beweiſe und allerlei Reden und Antworten zwiſchen den beiden Herrn, wo⸗ bei ich nicht recht nachkommen konnte. Endlich ſprang der dicke Herr empor und auf den magern zu, griff mit den Händen feſt in zwei Banklehnen und rief, in⸗ dem er ausſah, wie wenn er Poſaunen blieſe:„Sir! ich betrachte Tom Jefferſon als die Zuſammenſetzung (the compound) von Allem, was ſchurkiſch, gemein, ſchlecht, verrätheriſch u. ſ. w. iſt;“ der Hagel von Schimpfreden währte gewiß drei Minuten und endete mit:„Ja, das ſage ich, Sir!“— Das iſt eine ſtarke Sprache, Sir!“ verſetzte der Andere, fortwährend ruhig und halb lächelnd.—„Sir!“ rief der Erſte wie⸗ der von ſeiner Bank im Wagen her,„Tom Jefferſon brachte meinen Vater durch das Embargo in einen Ver⸗ luſt von fünfzigtauſend Dollars.“ Und jetzt ſetzte er ſich roth wie ein kalekutiſcher Hahn und mit einer Miene, 376 als ob ſich gar Nichts weiter darüber ſagen ließe. Gl Die ganze Geſellſchaft im Eiſenbahnwagen lachte, ob⸗ da ſchon nur im Stillen. Und als Tom Jefferſons Geg⸗ in ner bald darauf hinausging, wandte ſich der magere tra 3 Herr zu mir und ſagte in ſeiner gutmüthigen Weiſe: .„Darin lag es! Jefferſon war gewiß ein unmoraliſcher St Mann(a bad man); aber er war jedenfalls ein Pa⸗ dia i Eine Schaar von hundert Milizen aus Charleston ihr reiſte mit dieſem Zug, um den Milizen Georgias in ſech Macon einen Beſuch abzuſtatten. Es war ſchönes, ſtät rüſtiges und luſtiges junges Volk, das auf jeder Station jäh aus dem Wagen ſtürzte, um Erfriſchungen zu ſich zu ſteh nehmen, und daun Hals über Kopf wieder hereinrannte. Wo Doch ging Alles ebenſo ordentlich als luſtig zu. Ein heu Paar ſogenannte Indian mounds, d. h. altindianiſche dur 4 Grabhügel, unſern Geſchlechtshügeln ähnlich, aber wa nach oben platter, worin man Gebeine und Waffen den findet, waren die einzigen Merkwürdigkeiten unterwegs. Jut Mit Sonnenuntergang kamen wir nach Macon. Das Land hatte jetzt einen andern Charakter angenom⸗ ein ſit men, man ſah grüne Höhen und Thäler, und auf den friſe 3 Höhen glänzten weiße, ſchöne Landhäuſer mit ihren mit Gärten; überall ſah man ſchöne, ſtattliche Bäume; wei 3 wir fuhren über ein Paar kleine Flüſſe mit chokolat⸗ eine farbigem Waſſer und laubreichen Ufernz die Stadt lag Ste wie in einen Laubwald eingebettet da. Sie ſah jung Jug und romantiſch aus, halb im Thal verborgen, halb auf lan den freien Höhen ſich ausſtreckend. Sie gefiel mir, Hor und ich war froh da zu ſein, überdies hatte ich eine Hin Art wilder Freude, mich allein und unbekannt hier zu ten befinden und im Wirthshaus wohnen zu dürfen. Ich dure nahm ein Zimmer im Hotel Waſhingtonhaus, wo ich und eine ausnehmend ſchöne und freundliche Wirthin traf Wa und mir das Vergnügen machte, meinen Staub abzu⸗ war waſchen, weiße, friſche Kleider anzuziehen, ſodann ein wäh 377 Glas vortreffliche Milch zu trinken, im Uebrigen aber das Leben und Treiben auf dem Markte, dem größten in der Stadt, auf welchem das Hotel lag, zu be⸗ trachten. Vor 25 Jahren war der Boden, auf welchem die Stadt liegt, und die ganze Gegend rings umher in⸗ dianiſches Gebiet und ein Feld für die Jagden dieſer Stämme. Wo ihre wilden Tänze gehalten wurden und ihre Wigwams ſtanden, da ſteht jetzt Macon mit ſechstauſend Einwohnern, mit Magazinen und Werk⸗ ſtätten, Hotels und Häuſern, die gleich der Bevölkerung jährlich zunehmen, und mitten auf dem großen Markt ſtebt Canovas Hebe auf einem Brunnen und ſpendet Waſſer. Carolinas und Georgias junge Miliz zog heute Abend bei Mondſchein mit großer Militärmuſit durch die Straßen und über den Markt; alle Fenſter waren geöffnet, und das ganze Negervolk ſtrömte aus den Häuſern, um dieſe muſizirende und marſchirende Jugend zu ſehen. Ich ſtand am andern Tag früh auf, denn es war ein herrlicher Morgen, die Welt ſah jung und morgen⸗ friſch aus, und ich fühlte mich friſch wie ſie. Ich ging mit blos ein Paar Bananas in meiner Alten(Du weißt, daß ich meine kleine Reiſetaſche ſo nenne) auf eine Entdeckungsreiſe aus. Es war noch ſtill in der Stadt; Alles ſah neu und friſch aus. Ich ahnte das Jugendleben des Weſtens. Der blaſſe Halbmond ſank langſam hinab in einem rauchähnlichen Nebel, der den Horizont im Weſten umgab; aber über mir war der Himmel vom ſchönſten Azur. Bäume und Gras glänz⸗ ten vom Thau in der aufſteigenden Sonne. Ich ging durch die baumbepflanzten Straßen zur Stadt hinaus und kam auf eine große Landſtraße; dichter, dunkler Wald war auf beiden Seiten. Ich ging allein; Alles war ruhig und ſtill, aber mein Herz ſang. Was ich während meiner ganzen Jugend gewünſcht und erſehnt, 378 was ich für mich unerreichbarer geglaubt hatte, als für jeden andern Menſchen, eine lebendige Bekanntſchaft mit den mannigfaltigen Geſtalten des Lebens, das war mir jetzt und zwar in ungewöhnlichem Maaße zu Theil geworden. Wanderte ich nicht jetzt frei,— frei wie Wenige ſind— in der freien, großen, neuen Welt, frei Alles zu ſehen und kennen zu lernen, was ich nur wollte? War ich nicht leicht und alles Zwanges ledig, wie ein Vogel? Meine Seele hatte Schwingen und die ganze Welt war mein!... Juſt daß ich ſo allein bin, daß ich ſo allein unter Gottes Schutz in der großen, weiten Welt umhergehe und mit ihr Geſell⸗ ſchaft mache, juſt das flößt mir ein unausſprechliches Gefühl von Friſche und Freude ein, und daß ich nicht beſtimmt weiß, wohin ich gehe und wo ich bei meinen einſamen Wanderungen landen werde, das macht, daß ich mich auf Entdeckungsreiſen fühle und daß Alles für mich ſo ausnehmend friſch und neu iſt. Ich war jedoch dießmal nicht ganz ohne ein be⸗ ſtimmtes Ziel; ich wußte, daß irgendwo außerhalb Macon ein ſchöner, neuer Begräbnißplatz, genannt Roſenhügelkirchhof, lag, und es ſteckte mir im Kopf, daß ich ihn finden müßte. Da indeß der Weg, auf dem ich gekommen war, ausſah, als könnte er zum— ſtillen Meere führen, ſo beſchloß ich, mich in einer Wohnung zu erkundigen, die ich auf einem Hügel ab⸗ ſeit, vom Wege ſah. Es war eines jener weißen, wohlgebauten, angenehmen kleinen Holzhänſer(Frame houses) die man in Amerika ſo oft auf dem Lande zu Geſicht bekommt. Ich klopfte an die Thüre und ſie wurde geöffnet, aber von einer Perſon, die mich beinahe erſchreckte; es war ein junges Frauenzimmer, ziemlich ſchön, aber in einer ſo abſcheulich ſchlechten Laune, daß es mir wehe that. Sie ſah im höchſten Grad verdrießlich und ärgerlich aus und gab mir barſch genug den Beſcheid, zu gehen, ſo weit der Weg rei dar Me un übe die gen St ſah ſelb ſuck auf Hö übe Gel bis mic und Rei hof hert Bie gen ſäiſ blic vor Hol ſer ich Str er 1 für aft var eil wie elt, nur i, ind ein der ell⸗ hes icht nen daß lles be⸗ alb unt pf, auf ner ab⸗ en, me zu ſie nich ten ſten mir Veg 379 reiche und ſo ungefähr. Ich ging beinahe verwundert darüber, daß ich an einem ſo ſchönen Morgen, in einer ſo ſchönen. morgenfriſchen Natur ein ſo unharmoniſches Menſchengemüth finden ſollte. Ach! Menſchenfehler und Menſchenlaunen ſind überall dieſelben und können überall das Leben verbittern, in jedem neuen Paradies die Thore des Paradieſes verſchließen. Aber traurige Eindrücke wollten an dieſem Mor⸗ gen nicht bei mir haften. Ich ging weiter auf der großen Straße, die jetzt einen Hügel hinanführte. Auf der Höhe gedachte ich mich umzuſchauen. Auf der Höhe ſah ich jetzt auch rechts ein Gatterthor und vor dem⸗ ſelben einen ſchönen, wohlgehaltenen Park. Ich ver⸗ ſuchte das Thor zu öffnen; es ging ohne Widerſtand auf und bald befand ich mich im ſchönſten Park mit Höhen und Thälern, breiten und ſchmalen Gängen, und überall hohe Bäume, Haine von blühenden, duftenden Gebüſchen und Pflanzen. Es währte eine gute Weile, bis ich aus verſchiedenen Monumenten ſah, daß ich mich auf einer den Todten geweihten Stätte befand, und bis ich ahnte, daß vermuthlich mein kleiner Reiſekobold mich zu meinem Ziele, dem Roſenhügelkirch⸗ hof, geführt habe. Indem ich hier in dem ſtillen einſamen Park um⸗ herwandelte, kam ich an einen Fluß, der in weichen Biegungen zwiſchen Ufern floß, die ſo ſchön und ju⸗ gendlich grünten, wie wir uns in der Jugend die eli⸗ ſäiſchen Felder denken. Auf meiner Seite des Fluſſes blickten weiße Marmorſteine zwiſchen den Hainen her⸗ vor und gaben Zeugniß von der Stadt der Todten. Hohe Bäume beugten ſich da und dort über das Waſ⸗ ſer hin. Große zierliche Schmetterlinge, deren Namen ich nicht kannte, flogen langſam mit glänzend en Schwingen über den Fluß hin und her, von einem Strand zum andern. Ich dachte an die Worte: Und er zeigte mir einen klaren Fluß mit leben⸗ 380 digem Waſſer u. ſ. w. und die ganze Scene war für mich auf einmal ein lebendiges Sinnbild der ſchönſten Ahnungen des Menſchengeſchlechtes über das Myſterium des Todes. Hier war die Stadt der Todten, hier dicht daneben das lebendige Waſſer aus unſicht⸗ baren Quellen ſtrömend, im Lager der Todten von Le⸗ ben und Auferſtehung flüſternd; hier waren Bäume, das herrliche Naturleben, zwölffältige Frucht tragend, und ihr Laub diente zur„Heilung der Heiden“; drüben auf dem andern Ufer waren die glückſeligen Gefilde, wo„kein Schmerz und kein Weh ſein wird, wo nichts Verfluch⸗ tes mehr ſein wird, wo das Licht vom Antlitz Gottes Alles beleuchtet;“ und die Schmetterlinge waren See⸗ len, die jetzt aus irdiſchen Puppen befreit, auf ihren Schwingen von einem Strand zum andern getragen wurden, frei von allen Blumen des Feldes zu ſaugen! Ich ſetzte mich auf einen Fels, der mit bequemen Abſätzen in den Fluß hinausragte und an welchem einige ſchöne, wilde Pflanzen blühten. Und hier trank ich in tiefen Zügen das Lebenselixir, welches Geiſt und Natur mir reichte. Eine herrlichere Erquickung konnte der Wanderin nicht geſchenkt werden. Und manche von dieſer Art habe ich ſchon erhalten und durfte mich noch gar mancher erfreuen auf meiner Pil⸗ gerfahrt. Ich habe oft geſagt, daß es gut wäre wenn man die Ruheſtätten der Todten an fließendes Waſſer ver⸗ legen und dieſes an ihnen vorbeiführen könnte, denn das Symbol iſt ſchön und in die Augen fallend. Hier habe ich zum erſten Mal meinen Wunſch er⸗ füllt geſehen. Der Fluß, den ich ſah, heißt„Oemul- gee,“ ein indianiſches Wort für„der ſchöne.“ Er hat⸗ die warme röthliche Farbe(der engliſchen Sepia und auch der Chokolade gleich, wenn wir ſie mtt Milch trinken) welche beinahe allen Flüſſen des Südens eigen ſein ſoll, vom Rio Colorado in Neumepico an bis zum Sc ſoll die hel gee ver ſche mit mir eſſe von zuv erb ene der das ten, Le⸗ das ihr em kein ch⸗ ttes ee⸗ ren gen en! nen em ank eiſt ung Ind und il⸗ nan er⸗ enn er⸗ mul- und ilch gen um hat 381 Savannah und Pee⸗Dee und andern im Oſten; ſie ſoll nämlich von der röthlichen Sanderde herkommen, die in den ſüdlichen Staaten allgemein iſt. Dieſe Farbe ſticht inzwiſchen ungemein ſchön gegen die reiche, hellgrüne Pflanzenwelt an den Ufern ab. Der Oemul⸗ gee iſt übrigens ein reißender, waſſerreicher Fluß und verdient ſeinen Namen in jeder Beziehung. Nachdem mein Geiſt ſich einigermaßen ſatt ge⸗ ſchaut hatte, dachte ich an meine Bananas und hielt mit ihnen ein köſtliches Frühſtück. Dieſe Frucht iſt mir ſehr wohlthätig. Ich kann ſie zu jeder Tagszeit eſſen und ſie iſt mir immer gut. Ich glaube, daß ich von ihr allein und von Brod, nora bene vom ſchwe⸗ diſchen dünnen Brod leben könnte. Ich vermiſſe dieſes hier. Eine kleine Eidechſe, die ausſah, als ob ſie ſich ſehr über mich beſänne, leiſtete mir Geſellſchaft auf dem Fels und wandte ihr Köpfchen bald da bald dorthin, ſtets die funkelnden Augen auf mich geheftet. Men⸗ ſchen und Wohnungen kamen, ſo weit ich ſehen konnte, nicht zum Vorſchein. Es war die tiefſte Einſamkeit. Dieſer ſchöne Morgen war der erſte Mai. Ich bin begierig zu erfahren, wie es im Thiergarten bei Stockholm ausſah. Gern hätte ich mich in Macon und ſeiner ſchö⸗ nen Gegend einen Tag länger verweilt, aber als ich in mein Hotel zurückkam, machte mir ein gefälliger ehren⸗ werther Herr, der nach Montpellier ins Seminar rei⸗ ſen wollte, um dort ſeine Tochter abzuholen, den Vor⸗ ſchlag, in ſeinem Wagen mit ihm zu reiſen. Da ich nicht wußte, ob Biſchoff Eliott vom Tag meiner An⸗ kunft in Macon unterrichtet war, und da ich ihm über⸗ dieß die Mühe ſparen wollte, mich abholen zu laſſen (es fährt weder Eiſenbahn noch Poſtwagen nach Montpellier), da ferner der artige Herr ungemein zuvorkommend ausſah, ſo nahm ich dankbar ein An⸗ erbieten an, bat die Wirthin im Hotel um Erlaubniß 382 meinen Koffer dazulaſſen und ſaß bald in einer großen, bequemen und luftigen Kutſche höchſt behaglich an der Seite meines freundlichen Begleiters. Aber wir waren erſt ein Paar Stunden gereiſt, ſo begegnete uns eine ſtaubige Reiſekaleſche und darin ſaß Profeſſor Scherb, den ich bei Emerſon in Concord getroffen hatte und der jetzt Lehrer im Seminar zu Montpellier war. Er kam um, mich zu Eliotts abzuholen. Ich kehrte alſo mit ihm nach Macon zurück, wo wir die Pferde ausruhen ließen und Scherb nach der mühſamen Morgenfahrt ſich erfriſchte. Den übrigen Theil des Tages verbrach⸗ ten wir in großer Hitze auf der Reiſe nach Montpel⸗ lier auf Wegen, von welchen Du ſagen würdeſt: Da hört Alles auf! Wegen, die jeder Beſchreibung Trotz bieten. Ich glaubte jeden Augenblick, wir müßten umwerfen, und die Brücken ſahen aus, als hätten ſie lediglich die Beſtimmung, Fuhrwerke und Leute in die Abgründe und in die Flüſſe hinabzubefördern, über welche ſie hingepfuſcht waren, denn gebaut kann ich nicht ſagen. Es ſchien, als ſei man hier in wildem, neueingenommenem Land. Aber auf Eliotts hübſchem Landſitz war Alles wieder wohlgehalten und ſchön— es war dieß eine Fortſetzung der romantiſch üppigen Gegend von Macon— und in dem Biſchoff ſelbſt lernte ich eines der ſchönſten Exemplare jenes alten Cavalier⸗ ſtammes kennen, welcher dem edleren Leben in den Staaten des Südens Ton und Gepräge gegeben hat. Perſönliche Schönheit und Würdigkeit, ſowie das aller⸗ gewinnendſte Benehmen waren hier durch großen chriſt⸗ lichen Ernſt veredelt. Biſchoff Eliott ſoll in ſeiner Jugend ein großer Liebhaber der Geſellſchaftswelt, ein Freund von Tanz und Damen, wie auch ein großer Günſtlig in der luſtigen Welt geweſen ſein. Seine Bekehrung zu religiöſem Ernſt ſoll er ſchnell und entſchloſſen bewerkſtelligt haben. Er gilt jetzt all⸗ gemein für einen der frömmſten Geiſtlichen im Lande oßen, nder varen eine cherb, d der am o mit ruhen fahrt rach⸗ ntpel⸗ Da Trotz üßten en ſie in die über un ich ildem, bſchem ön opigen lernte valier⸗ n den hat. aller⸗ chriſt⸗ ſeiner tswelt, ch ein ſein. ſchnell zt all⸗ Lande 383 und ſeine Güte und Liebenswürdigkeit gewinnt alle Herzen. Das meinige gewann er auch, aber davon— nachher. Am Abend des Reiſetages ſaß ich mit ihm und ſeiner Familie auf der Piazza am Haus und ſah die Feuerfliegen in der Luft zwiſchen den Bäu⸗ men und im Gras überall im Parke glänzen. Dieſe kleinen Inſekten gewähren ein Schauſplel, das mich während der dunklen Abende und Rächte bezaubert. Sie ſind kleine Schaalthiere, etwas größer und beſon⸗ ders länger als unſere Holzwürmer; wenn ſie fliegen, geben ſie einen klaren Schein von ſich, der ſchnell leuchtet und wie ein Blitz erliſcht, aber bald ſich wie⸗ der erneut. Es iſt dieß ein phosphoriſches Feuer und bildet zu dieſer Jahreszeit ein unaufhörliches Feuer⸗ werk in der Luft und auf der Erde. Wenn dieſe klei⸗ nen Thiere gequält, ja auch zertreten werden, wie ich in Folge eines Zufalls geſehen habe, ſo geben ſie Licht von ſich und funkeln ſchön, ſo lange Leben in ihnen iſt. Ihr Licht erliſcht nicht einmal mit ihrem Leben, ſondern überlebt ſie noch eine gute Weile. Die Biſchöfin iſt ein angenehmes Weibchen, voll von Leben und Geiſt, dabei wahrhaft muſikaliſch; ſie ſpielt das Klavier wie die Vögel ſingen und ſie ſcheint von ihrer indianiſchen Amme eine ungewöhnliche Fein⸗ heit und Vollkommenheit der Organe geerbt zu haben. Ihr Mann ſprach oft ſcherzend davon. Das Haus hat eine ganze Menge Kinder, unter denen der unbändige jüngſte Sohn, ein ſchöner und guter kleiner Junge, der ohne Strümpfe und Schuhe frei herumſprang, mein beſonderer Günſtling wurde. Die Stimmung im Hauſe war übrigens jetzt aus verſchiedenen Urſachen nicht heiter und der gute Biſchof trug ſichtlich an einer drük⸗ kenden Laſt. Wie angenehm konnte er übrigens nicht während der wenigen Stunden ſein, die er dem Um⸗ gang und der Unterhaltung widmen durfte! Bei ihm fand ich viel von Emerſons Wahrheits⸗ und Schön⸗ 384 heitsſinn in Ausdruck und Weſen, aber ohne deſſen kritiſche Strenge, und von chriſtlicher Liebe wie von einer ſchönen Sommerluft durchhaucht. Er iſt einer der ſeltenen Männer des Südens, die mit klarem und vorurtheilsfreiem Blick dem Sklavereiinſtitut in ſein ſchwarzes Geſicht ſchauen. Er glaubt an die endliche Ausrottung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und er hofft dieſes Befreiungswerk vom Chriſtenthum. „Bereits arbeitet es daran,“ ſagte er,„das Leben des Negervolkes zu erheben; von Jahr zu Jahr verbeſſert ſich ihr Zuſtand, ſowohl in geiſtiger, als in phyſiſcher Beziehung; bald werden ſie in moraliſcher Beziehung uns gleich werden, und wenn ſie uns gleich geworden ſind, ſo werden ſie nicht länger unſere Sklaven bleiben können. Ihr nächſter Schritt wird dann ſein, daß ſie uns um Lohn dienen. Und ich kenne verſchiedene Per⸗ ſonen, die ihre Diener auf dieſe Weiſe behandeln.“ — Dieſes Geſpräch freute mich, denn ich bin über⸗ zeugt, daß Eliotts Geſichtspunkt in dieſer Beziehung der richtige iſt. Die Examina im Seminar waren bereits beinahe vorüber und ein großer Theil der jungen Mädchen, Blumen aus den ſüdlichen Staaten, ſchon fort. Gleich⸗ wohl bekam ich noch einige zu ſehen und hörte ihre Compoſitionen in Verſen und Proſa. Beinahe alle Lehrerinnen waren aus den nördlichen Staaten, die meiſten aus Neuengland, und ſie waren meiſtens auch junge, hübſche, einnehmende Mädchen. Am Abend des letzten Examenstages waren ſie alle im Hauſe des Bi⸗ ſchofs verſammelt. Ich fühlte mich etwas unglücklich, theils von der Hitze, theils weil ich unwohl(wie ge⸗ wöhnlich fiebermatt) war, theils weil ich das Geſell⸗ ſchaftsleben und ſeine Pflichten für mich fürchtete. Aber mitten in der Geſellſchaft und Hitze bekam ich eine An⸗ wandlung von ſcandinaviſcher Laune und veranſtaltete das Spiel„Feuerleihen,“ wodurch all dieſe bisher et⸗ meit Beſt drü fuhr Wel jun Fra erla wür kleir Prü niſſe auch des klich, ge⸗ eſell⸗ Aber An⸗ ltete r et⸗ 385 was ſteifen jungen Mädchen in die munterſte und hei⸗ terſte Bewegung geriethen; auch der Biſchof ſelbſt be⸗ luſtigte ſich dermaßen daran, daß er herzlich lachte und als wir von unſerm Spiel ausruhten, ſeinerſeits mit einem andern ſtillen, aber recht ſinnreichen Spiele be⸗ gann, bei welchem ſein munteres Weibchen und auch er ſelbſt ſich auszeichneten. So verging der Abend unter Spielen und Heiterkeit, und ich hatte Hitze und Müdigkeit und Unwohlſein vergeſſen und begab mich leicht und vergnügt zur Ruhe, vergnügt beſonders dar⸗ über, daß ich den guten Biſchof vergnügt geſehen hatte. Am nächſten Morgen ſollte ich mit dem Biſchof Eliott und ein Paar der jungen Mädchen eine Reiſe an⸗ treten. Wir verſammelten uns zum Morgengebet, die Fa⸗ milie des Biſchofs und ich. Aber wie wurde mir nicht die⸗ ſen Morgen zu Muth, als ich nach den gewöhnlichen Ge⸗ beten(der Biſchof und wir alle lagen wie gewöhnlich auf den Knieen), für den Gaſt, der jetzt in ſeinem Hauſe auf Beſuch war, beten hörte, ein ſo warmes, ſo ſchönes Gebet, ſo für mich, als läſe er in der Tiefe meines Herzens und wüßte von ſeinen geheimen Kämpfen, Beſtrebungen, Abſichten, von den innerſten, unabläſſigen Gebeten meines eigenen Geiſtes. Ich konnte blos nach⸗ her unter Thränen ſeine Hand zwiſchen die meinigen drücken. Mit ihm und den zwei jungen Frauenzimmern fuhr ich hierauf noch eiumal auf den unwegſamen Wegen der Wildniß nach Macon, wo wir bei ſeinem jungen Adjunkten, Mr. S., und deſſen ſchöner junger Frau abſtiegen. Denn der Biſchof wollte mir nicht erlauben, in mein Hotel zurückzukehren, wie ich ge⸗ wünſcht hatte. Aber unter den jungen Eichen vor dem kleinen Hanſe hatte ich mit ihm ein Geſpräch über die Prüfungen, die einen Chriſten in gewöhnlichen Verhält⸗ niſſen, in der gewöhnlichen Welt treffen können, und Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 25 386 dieſes Geſpräch werde ich nie vergeſſen; denn vieles von dem, was durch meine Seele ging, war auch durch die ſeinige gegangen, und ich erblickte in ihm einen Kreuzträger, aber größer und geduldiger, als die mei⸗ ſten. Am folgenden Tag, es war ein Sonntag, pre⸗ digte er in der Episkopalkirche von Macon, einem klei⸗ nen, aber ſchönen Gebände, wo jetzt einige junge Com⸗ municanten zum erſtenmal das Nachtmahl empfingen. Eliotts Rede war an dieſe gerichtet, er weihte ſie zur Bahn chriſtlicher Bekenner, zu den Pflichten, Prüfun⸗ gen und der Größe derſelben, zur Dornenkrone und zur Herrlichkeit der Krone— eine vortreffliche Rede, voll Wahrheit in der Auffaſſung des göttlichen und menſchlichen Lebens. Keine glänzende und blendende, blos halbwahre Aphorismen, ſondern das reinſte Licht, ſtrahlend, weil es rein war, und vollkommen, weil es die ganze Wahrheit ausſprach. Nach dem Gottesdienſt nahm ich Abſchied von dem edeln Eliott und war froh, daß ich ihn und in ihm einen wahren, wie man hier ſagt, chriſtlichen Gentleman kennen gelernt hatte. Ich hoffe ihn wieder zu ſehen, möglicherweiſe im Weſten, wohin er auf den Herbſt zu einer großen Verſammlung von Geiſtlichen reiſt. Er war jetzt neuerdings von einer Amtsreiſe nach Florida, den ſchönen Fluß St. John hinauf, zurückgekommen und ſprach von der Uep⸗ pigkeit des Naturlebens an deſſen Ufern, von der Schön⸗ heit der Blumen und Vögel, ſo daß ich große Luſt bekam, dahin zu reiſen. Ich verließ Eliott mit Kum⸗ mer darüber, daß irdiſche Bekümmerniſſe einen ſo guten, ſo edlen und liebenswürdigen Mann niederdrücken ſollten. Willſt Du jetzt ſehen, wo auf der Erdkugel ich mich befinde, ſo ſuche mitten im amerikaniſchen Staat Georgia einen kleinen Fleck mit Namen Macon. Nahe dabei liegt ein zierliches Dorf, aus Landhäuſern und Gärten beſtehend, mit Namen Vineville, und in einem der ſchönſten dieſer Landhäuſer befinde ich mich, bei ein der nu etn wie ſell ſche mir nic das unt vat weſ daf näc ſind ſen ein. und klar auf gew wiſſ We Wir Vie gele eles urch inen mei⸗ pre⸗ klei⸗ om⸗ gen. zur fun⸗ und ede, und nde, icht, es ienſt roh, hier ſten, lung von St. Uep⸗ hön⸗ Luſt um⸗ uten, lten. taat Kahe und nem bei 387 einer liebenswürdigen und geachteten Banquiersfamilie, Namens Munroe, die in der Kirche von Macon nach dem Gottesdienſt zu mir kam und mich in ihre Woh⸗ nung einlud. Von dieſen Beiden will ich der Mama etwas mehr ſchreiben. Ueberall im Lande, im Süden wie im Norden der Vereinigten Staaten, finde ich die⸗ ſelbe Herzlichkeit, dieſelbe unvergleichliche Gaſtfreund⸗ ſchaft. Und mein kleiner Reiſekobold iſt überall bei mir und ſtellt Alles aufs Beſte an, und ſcheint etwas nicht nach Wunſch zu gehen, ſo nehme ich es auch wie das Beſte an und zweifle nicht daran, daß es ſo iſt und wird. Uebermorgen gedenke ich wieder nach Sa⸗ vannah zu reiſen. Der warmen Jahreszeit wegen kann ich meine Reiſe nicht, wie ich gewünſcht hätte, weiter weſtlich bis nach Alabama ausdehnen. Ich muß ſehen, daß ich nach Washington komme, bevor ich zerſchmelze. Den 8. Wann ich heimzureiſen gedenke, meine liebe Agatha? Sobald Du und Mama es wünſchen; nächſten Monat, nächſte Woche, morgen!... Meine eigenen Wünſche ſind zwar ſeit einiger Zeit etwas ausſchweifend gewe⸗ ſen, aber ſie ziehen ſchnell genug wieder ihre Flügel ein. Ich habe nämlich noch einen Winter in dieſem Welttheil zu bleiben gewünſcht, um gewiſſe Theile davon und gewiſſe Sachen zu ſehen, über die ich ſonſt nicht klar werde, und auch von der tropiſchen Herrlichkeit auf Kuba einen Schimmer zu bekommen. Ich wollte gewiſſen neuen Eindrücken Zeit zum Reifen laſſen, ge⸗ wiſſen alten die Zeit, um unter dem Einfluß der neuen Welt zu verſchwinden. Meine Kränklichkeit im letzten Winter hat mein Leben hier gelähmt, wenigſtens ein Vierteljahr hindurch, während deſſen ich blos halb gelebt, oft blos gelitten habe. Aber wie geſagt, dieß 388 iſt ein loſer Wunſch und bereit vor dem mindeſten Windhauch zu fallen, der mich von der Heimath aus riefe. Und dann ſehen wir uns auf den nächſten Herbſt wieder. Kein Gefühl innerer Nothwendigkeit, demjeni⸗ gen gleich, das mir gebot hieher zu reiſen, gebietet mir noch einen Winter hier zu verweilen. Und mein Wunſch, hier zu bleiben, wird ſich auf den erſten ernſten Wink von meinen Theuern in den Wunſch verwandeln, zu ihnen zurück zu kommen. Und ich werde glauben, daß es ſo am beſten iſt. Nur ein Wort von Dir und Mama und.. ich eile heim zu Euch. Fünfzehnter Brief. Macon, Vineville, den 8. Mai. Meine geliebte Mama! Daß unſre Agatha und alſo auch Sie, Mama, einen ungewöhnlich prüfungs⸗ vollen Winter überſtehen mußten, hat mir viel Kummer bereitet. Gott ſei Dank, daß er jetzt vorbei, daß die Sonnenſeite des Jahres wieder da iſt und mit ihr frohere Ausſichten. Die Bäder von Marsſtrand wer⸗ den gewiß für Agatha eine vortreffliche Wirkung haben. Aber ſehr ſtark werden wir unſre arme gute Freundin wohl niemals ſehen. In Bezug auf den Wunſch, den ich neulich gegen Agatha geäußert habe, kann ich blos hier wiederholen, daß er mir nicht ſehr ſtark am Her⸗ zen liegt und daß ich bereit bin, mich einem andern von meinen Geliebten in der Heimath zu fügen. Wie wohl und glücklich ich mich unter den guten Menſchen in dieſem gaſtlichen Lande befinde, das für mich gleichſam eine große Heimath geworden iſt, haben Sie bereits aus meinen Briefen erſehen. Ich fahre in ſter ver ſten aus vbſt ni⸗ etet ein ſten eln, en, und und 389 Amerika von Haus zu Haus und werde überall wie ein Kind der Familie empfangen und behandelt. Außer dem Guten, was dieß für das geiſtige und leibliche Le⸗ ben mit ſich führt, bekomme ich Gelegenheit, das Fa⸗ milienleben in der neuen Welt zu ſehen und ſomit das Innerſte des Lebens in dieſem Welttheil auf eine Art kennen zu lernen, wie kaum irgend ein anderer Reiſen⸗ der vor mir, auf eine Art, die für mich von der höch— ſten Wichtigkeit iſt, denn juſt das war es, was ich hier kennen lernen wollte. Aber ich hatte keine Ahnung davon, auf welch angenehme Weiſe die Freundlichkeit und Gaſt⸗ freundſchaft dieſem Wunſch entgegen kei würden. Die Art, wie die Wohnungen hier zu Lande auch in den Städten eingerichtet ſind, hat ebenfalls einigen Theil daran. Jede Familie bewohnt, wenn ſie ſich nur in einigermaßen guten Umſtänden befindet, ein ganzes Haus und hat dabei gewöhnlich einen kleinen Garten oder wenigſtens einen Gartenplan. Das Haus hat im untern Stock einen oder zwei Salons nebſt Speiſeſaal, Küche u. ſ. w. Alle Schlafzimmer ſind im obern Stock und da finden ſich immer cin, zwei oder auch mehrere Zimmer für Gäſte. Ein Gaſtzimmer in einem amerikani⸗ ſchen Haus in der Stadtiſt eine ebenſo gegebene Sache, wie für uns in Schweden, daß wir in unſern Land⸗ häuſern Gaſtzimmer haben. Jedes Haus hier, in der Stadt oder auf dem Land, muß ein Zimmer haben, um einen Fremdling zu beherbergen. Und als jetzt eine fremde Perſon ganz allein und auch mit keinen ſonderlichen Anſprüchen aus weit entlegenen Landen hieher kam, ſo war es nicht ſehr beſchwerlich, ſie im Gaſtzimmer zu beherbergen, und ſo, Mama, wurde das Land eine große Wohnung mit Gaſtzimmern für Ihre Tochter. Daß ich da das Behagen meines eigenen Hau⸗ ſes gefunden, daß ich mütterliche Hausfrauen, Schwe⸗ ſtern und Brüder gefunden, mit denen ich ſo offen und vertraulich, wie mit den meinigen gelebt und geſprochen 390 habe und noch lebe und ſpreche, daran habe ich erkannt, daß das Himmelreich doch nicht ſo weit von der Erde entfernt iſt, wenigſtens nicht von der Heimath der Erde; denn wie könnte man ſonſt mit beinahe ganz fremden Menſchen ebenſo offen und unverdeckt umgehen, wie man mit Engeln Gottes thun würde? Auch jetzt ſchreibe ich aus einer guten, ſchönen und glücklichen Heimath, drei Generationen umſchließend, den alten Mr. Munrve und ſeine Frau, ſchöne und noch muntere alte Leute, ihren einzigen Sohn, einen hochgeachteten Banquier in Macon, ſeine angenehme, milde und mütterliche Frau und ihre Kinder. Die Fa⸗ milie iſt ausgezeichnet herzlich, ernſt und gottesfürchtig, wie ich die Familien hier zu Lande oft finde, und ſie verrichtet ihre Morgen⸗ und Abendandacht, was ich ſehr liebe, obſchon mir die Gebete manchmal lang genug vorkommen. Die zwei älteſten Töchter ſind ſchöne, allerliebſte junge Mädchen und ſingen beſſer als ge⸗ wöhnlich die Frauenzimmer hier zu Lande. Ein ſtiller Kummer ruht noch auf der Familie, wegen des unlängſt erfolgten Todes einer geliebten Schweſter und Tochter, deren Verluſt beſonders das Herz der Mutter tief er⸗ griffen zu haben ſcheint. Ich wohne hier mitten in einem großen Garten mit vielen ſchönen, ſeltenen Pflanzen und ich höre den hundertzüngigen amerikani⸗ ſchen Nachahmungsvogel jeden Morgen vor meinem Fenſter ſingen. Er iſt recht luſtig anzuhören, aber doch mehr eigenthümlich als entzückend, und er läßt ſich mit unſern Lerchen und Nachtigallen ſo wenig vergleichen, als die ſingenden Menſchenſtimmen hier zu Lande ſich mit den Stimmen in Schweden vergleichen laſſen. Je⸗ des Land und Volk hat ſeine Eigenthümlichkeiten. Es gibt im Familienleben hier zu Lande Verſchie⸗ denes, was ich bei uns in Schweden allgemein zu ſehen wünſchte. Dahin gehört die ſehr gebräuchliche häus⸗ liche Familienandacht Morgens und Abends und das nt, rde de; den wie nen nd, und nen me, Fa⸗ tig, ſie ſehr nug ne, ge⸗ er ugſt ter, er⸗ in nen ni⸗ nem ch mit en, ſich Je⸗ hie⸗ hen us⸗ das 391 einfache Gebet, womit die Mahlzeit gewöhnlich von der Hausmutter geheiligt wird:„O Gott, ſegne dieſe Deine Gabe zu unſerem Nutzen und uns zu Deinem Dienſt.“ Bei uns iſt es gewöhnlich das jüngſte Kind im Hauſe, das betet, wenn die Tiſchgebete laut geſpro⸗ chen werden, und dieß iſt auch ſchön, nur daß das Kind ſelten dabei den rechten Geiſt hat und haben kann. Am häufigſten jedoch iſt unſer Tiſchgebet eine ſtumme Verbeugung und dabei denkt man an nichts anderes, als—— an das Eſſen. Dagegen gefallen mir die Tiſchgebräuche bei uns beſſer. Bei uns kann man ſich dem Geſpräch widmen, und man denkt an die Speiſen blos um ſie zu genießen. Die Bedienung geſchieht ganz ſtill und in gegebener Ordnung von Seiten der Aufwärter. Auf den Wink der Wirthin wird ein anderer Gang geboten, aber auch ſtill; die Gerichte kommen den Gäſten einmal ſeiner Zeit zu und darnach hat man Ruhe vor ihnen. Hier iſt es nicht ſo. Hier iſt ein unaufhörliches Fragen und Anbieten, ſo daß man vor lauter Fragen und Anbieten und Wählen und Antworten gar keine Ruhe bekommt, um die Mahlzeit und noch weniger um ein Geſpräch zu genießen. Auch darf man nicht ſelbſt neh⸗ men, ſondern der Wirth oder die Wirthin oder Tante oder Onkel oder eine andere artige Perſon oder auch der Aufwärter— im Süden immer ein Neger— legt Ihnen vor, und man bekommt dann ſelten juſt was oder ſo viel man will und auch nicht auf diejenige Stelle des Tellers, wo man es wünſcht. Da wird z. B. ge⸗ fragt:„Wünſchen Sie Butter?“—„Ja, ich bitte.“ — uUnd jetzt kommt ein Stückchen Butter an einem Meſſer, wird an den Rand ihres Tellers geſtrichen, wobei mir immer der widerwärtige Gedanke kommt: gewiß hat der Aufwärter gerade da ſeinen Daumen ge⸗ halten. Ferner:„Wollen Sie Fiſch oder Fleiſch?... Huhn oder Truthahn?“—„Huhn, wenn ich bitten 392 darf(ik you please)!“—„Haben Sie eine Wahl, Bruſt oder Flügel?“— Weiter:„Wollen Sie Pöckel⸗ fleiſch?“—„Nein, ich danke.“ Pauſe und Ruhe zwei Minuten lang. Aber jetzt entdeckt Jemand auf meiner linken Seite, daß ich kein Pöckelfleiſch erhalten habe, und das Pöckelfleiſch kommt mir von der linken Seite zu:„Darf ich Ihnen Pöckelfleiſch vorlegen?“—„Nein, ich danke, es iſt nichts für mich!“— In ein Paar Minuten ſieht eine Perſon rechts von mir, daß ich kein Pöckelfleiſch habe, und beeilt ſich, mir die Platte hinzu⸗ halten.„Wollen Sie kein Pöckelfleiſch?“—„Nein, ich danke!“— Jetzt habe ich ein intereſſantes Geſpräch mit meinem nächſten Nachbar angefangen. Und juſt während ich im Begriff ſtehe, ihn etwas Wichtiges zu fragen, hat eine Perſon gegenüber bemerkt, daß ich kein Pöckelfleiſch habe. Und die Pöckelfleiſchplatte kommt quer über den Tiſch gegen mich zu und ich fühle mich zur Selbſtvertheidigung aufgefordert und muß wieder ſagen:„Nein, ich danke recht ſehr.“— Und ich ſetze mein Geſpräch fort: aber juſt während ich eine inter⸗ eſſante Antwort anhöre, kommt der Aufwärter, vielleicht der beſte„Daddy“ in der ganzen ſchwarzen Welt, mit der Pöckelfleiſchplatte über meinem Kopf, ſchiebt ſie zwiſchen mich und den mit mir ſprechenden Nachbar und mit Entſetzen ſehe ich wiederum Pöckelfleiſch, das im Begriff ſteht, auf meinen Teller zu kommen, ſo daß ich endlich allen Muth verliere und in Verzweiflung gerathe über die Verfolgungen des Pöckelfleiſches. So geht die Mahlzeit unter einer unaufhörlichen Beſchäftigung mit Serviren fort, was mir alles Vergnügen daran raubt. Ich bekomme zuletzt ordentlich Herzklopfen vor Unruhe und Ungeduld, und dieß iſt wohl zum Theil meine eigene Schuld, die Schuld meiner Schwachheit, aber auch die Schuld des Landesbrauches, der mit den Forderungen höherer Civiliſativn nicht im rechten Einklang ſteht. Dieſer Brauch ſtammt inzwiſchen nicht von hier, ſon⸗ el⸗ vei ner be, ite in, ar ein zu⸗ in, äch nſt zu umt rich der etze ter⸗ icht der hen mit riff lich ber die mit ubt. uhe ene die gen eht. on⸗ 393 dern er gehört England an und muß England auf die Rechnung geſchrieben werden.— Wir in Schweden haben in Bezug auf Mahlzeiten mehr die franzöſiſchen Sitten und dazu können wir uns nur Glück wünſchen. Aber in einem Punkt ſcheint mir das Hausweſen der neuen Welt das in allen andern Ländern zu über⸗ treffen, mit Ausnahme Englands, mit dem ſie in der nächſten Verbindung ſteht, nämlich im Punkte der Reinlichkeit. Unſere allerbeſten Häuſer in Schweden ſind in dieſer Beziehung ſelten ſo gut bedacht, wie die gewöhnlichen hier. Denn Alles wird hier ſauber und rein gehalten, vom Schlafzimmer an bis zur Küche, und das Geſinde wird zu derſelben Nettigkeit in Klei⸗ dung und Haltung angewieſen, wie die Frau und die Töchter im Hauſe. Ein amerikaniſches Hausweſen iſt in vielen Beziehungen das Ideal eines Hausweſens, mit einziger Ausnahme der Wärmungsanſtalten in den nördlichen Staaten. Alles findet ſich da, was das Le⸗ ben friſch, comfortabel und angenehm machen kann, vom Badzimmer an bis zum Gärtchen(in der Stadt, wie auf dem Land), mit ſeinen, wenn auch oft nur wenigen Bäumen, mit ſeinem ſchönen Graswall und grünen Gewächſen, die gewöhnlich in Ranken an der Mauer hinaufgezogen werden, wo ihre Blumen am Fenſter duften und im Winde flüſtern. Und wenn eine Hausmutter hier, beſonders im Süden, es in Bezug auf die Haushaltung ſelbſt leichter hat, als unſere Frauen(denn Speck und grüne Gemüſe gibt es hier jeden Tag im Jahr) hier, wo man das Jahr nach Sommern rechnen kann, wie wir es nach Wintern rech⸗ nen und während der lebendigen Jahrszeit trocknen, einſalzen und einmachen müſſen, um für die todte etwas bereit zu haben, ſo haben ſie doch gleichwohl vieles zu beſorgen und zu beaufſichtigen, um Haus und Hof nicht bloß in gutem, ſondern auch in ſchö⸗ nem Stand zu erhalten, zumal in den ſüdlichen Staa⸗ 394 ten, wo alle Diener der Negerrace angehören, die von Natur nachläſſig und etwas unſauber iſt. Ich bewun⸗ dere daher auch, was ich von den Frauen und Haus⸗ müttern des Südens geſehen habe. Die jungen Mädchen dagegen möchte ich im Innern des Hauſes etwas thätiger und ihren Müttern im einen und andern etwas mehr an die Hand gehen ſehen. Aber das iſt nicht der Brauch und die Eltern ſcheinen aus mißverſtandener Zärtlichkeit nicht zn wollen, daß die Töchter etwas anderes thun, als ſich beluſtigen und ihre Freiheit und ihr Leben ſo viel wie möglich ge⸗ nießen. Ich glaube, ſie würden glücklicher ſein, wenn ſie ſich nützlicher zu machen wüßten. Die Familien⸗ verhältniſſe zwiſchen den Eltern und Kindern ſcheinen mir im Allgemeinen ſchön zu ſein, beſonders von Sei⸗ ten der Eltern. Dem amerikaniſchen Weib iſt das ſchöne Gefühl der Mütterlichkeit in ſeiner Wärme und Innigkeit angeboren, und beſſere, zärtlichere Familien⸗ väter als die amerikaniſchen Männer habe ich nirgends auf Erden geſehen. Sie haben beſonders eine bezau⸗ bernde Schwachheit für ihre Töchter. Und Gott ſegne ſie dafür! Ich hoffe, die Töchter werden es ihnen mit Kraft zu vergelten verſtehen. Jetzt muß ich von Ihnen Abſchied nehmen, liebe Mama! denn ich werde mit der Familie hier ausfah⸗ ren, um einige altindianiſche Gräber zu beſuchen. Sie ſind eine Art von gigantiſchen Geſchlechtshügeln und nunmehr mit Bäumen bewachſen. Sie ſind die einzi⸗ gen Erinnerungen, die hier von den Ureinwohnern des Landes übrig bleiben, außer den Namen, welche dieſe den Flüſſen und Höhen gegeben haben und die meiſtentheils beibehalten ſind. Sie ſind ſymboliſch und meiſtens ſehr wohllautend. Es ſind nicht mehr als 20 Jahre, ſeit die letzten Indianerſtämme in Georgien durch Waffengewalt vertrieben wurden, und ich habe von Augenzeugen den Auftritt an dem Morgen ſchil⸗ der He ſon loſ Kl me (de der alt od von un⸗ us⸗ tern nen hen. nen daß und ge⸗ enn ien⸗ nen Sei⸗ das und ien⸗ nds au⸗ gne mit iebe ah⸗ Sie und nzi⸗ ern lche die und 20 ien abe hil⸗ 395 dern hören, wo ſie ihre Zelte, ihre rauchenden Herde, ihre Gräber verlaſſen mußten und ſammt und ſonders, Männer, Weiber und Kinder, wie eine wehr⸗ loſe Heerde, fortgejagt wurden, die Lüfte mit ihren Klagerufen erfüllend! Jetzt finden ſich keine Indianer mehr in Georgien und Carolina; aber in Alabama (dem weſtlichen Nachbarſtaat) gibt es noch Stämme der Choctas und der Chiekaſaw⸗Indianer. Auf den altindianiſchen Grabhügeln werden jetzt luſtige Picknicks oder Vergnügungsparthieen gehalten. Morgen reiſe ich nach Savannah. 5 Savannah, den 11. Mai. Und da bin ich jetzt, meine liebe Mama, nach einem herzlichen Abſchied von der liebenswürdigen Fa⸗ milie in Vineville, die mir ſo unendlich viel Gutes er⸗ wieſen hat, daß ich gerne auf immer mit ihr leben möchte. Ich machte es geſtern Abend ſo ſchnell als möglich mit einer Migräne ab nach der ermüdenden Tagereiſe auf der Eiſenbahn, in Sonnenhitze, Rauch und Staub, wobei mein Bananaskörbchen mein ein⸗ ziger Troſt und meine einzige Erquickung war. Es lebe die Bananas! Heute habe ich Beſuche und Blu⸗ men empfangen, unter den letzteren eine Magnolia grandiflora, eine Prachtblume, ein ebenſo edles, als ſchönes Kind des Urlichtes; und unter den erſteren eine piquante junge Frau, die ſich mit 14 Jahren(ſie hat jetzt bloß 17, ſieht aber aus, als wäre ſie über 20) entführen ließ und die mich heute Nachmittag zu einer Spazierfahrt nach Bonaventura, einem romantiſchen Orte, entführen will. Ihre dunkeln, ſchwärmeriſchen Angen haben auch etwas ſehr Intereſſantes und Ro⸗ mantiſches. 396 Später. Beſuch von dem größten Autographenſammler in der Welt, Mr. Tefft, der mir freundlich ſein Haus in Savannah anbietet!— Und da kommt jetzt mein ſchwei⸗ zeriſcher Profeſſor und will von Poeſie und Religion und dem Geiſt der Dinge ſprechen, und jetzt iſt es Mittagszeit und ich muß an meinen Leib denken. Vor allen Dingen jedoch muß ich meinen Brief ſchließen. Aber zuerſt einen Kuß anf dem Papier und im Geiſt an meine Lieben! Sechszehnter Brief. Savannah, den 14. Mai 1850. Der größte Autographenſammler in der Welt iſt auch der freundlichſte, gutherzigſte Menſch in der Welt und gegen mich ſo gut, daß ich immer mit dankbarem Gemüth an ihn denken werde. Seine Autographen⸗ ſammlung iſt der erſte, die ich mit Intereſſe und mit einiger Achtung betrachtet habe. Nicht weil ſie ein ganzes Zimmer und viele Folianten ausfüllt, ſo daß man 6—7 Monate brauchen würde, um ſie zu durch⸗ gehen, was allerdings Reſpekt einflößen kann, ſondern darum, weil der Handſchrift jeder bedeutenden Perſon auch ihr Porträt(gewöhnlich ein guter Kupferſtich), nebſt einem intereſſanten Brief oder Document, das zur Geſchichte dieſer Perſon gehört, beigefügt iſt. Alles das verleiht dem Autographenſammler Mr. Teffts ein wirkliches hiſtoriſches und biographiſches Intereſſe. in Se die übe wo: um ihre ben die meh die zu geb in Lick dan als Sa nah eine Ver vere vor der die lehr arb Wü kom gen Fre der in — in vei⸗ ion Bor en eiſt 397 Sein Haus gehört zu den guten, gemüthlichen, die ich in meinem vorhergehenden Briefe beſchrieben habe. Sein freundliches Weibchen, zwei junge Söhne und die junge Frau des älteſten Sohnes bilden die Familie, über welche der Tod neuerdings ſeinen Schatten ge⸗ worfen hat. Und hier trauern zwei Mütter: die ältere um ihren erwachſenen älteren Sohn, die jüngere um ihren kleinen Jungen, die beide vor kurzem geſtor⸗ ben ſind. Savannah iſt eine allerliebſte Stadt, die mich an die„Jungfrau im Grünen“ erinnert. Sie iſt noch mehr als Charleston eine Sammlung von Villen, die zu Hauf gekommen ſind, um einander Geſellſchaft zu leiſten. In jedem Viertel iſt ein grüner Markt, um⸗ geben von herrlichen, hohen Bäumen. Und ſpränge in der Mitte jedes grünen Marktes eine lebendige Quelle, ein Brunnen mit friſchen Waſſerſtrahlen, im Lichte glänzend und den grünen Graswall beſpritzend, dann gäbe es in der ganzen Welt keine hübſchere Stadt, als Savannah. Jetzt iſt es da zu warm und zu viel Sand und zu wenig Waſſer. Aber ich liebe Savan⸗ nah. Ich finde hier ein friſcheres, geiſtigeres Leben, einen freieren und offeneren Blick auf die Sachen und Verhältniſſe, beſonders in Bezug auf die große Scla⸗ vereifrage, als in Charleston, und ich habe hier vortreffliche Menſchen kennen gelernt, Menſchen, welche der Frage geradeaus und friſchweg ins Geſicht ſehen, die, ſelbſt Beſitzer von ererbten Selaven, für die Be⸗ lehrung, Befreiung und Coloniſation ihrer Sklaven arbeiten. Ach Agatha! Wie einem müden, durſtigen Wüſtenwanderer, der auf einmal zur grünen Oaſe kommt, wo Palmen wehen und friſche Quellen ſprin⸗ gen, ſo iſt es mir dabei zu Muth geweſen und mit Freudenthränen habe ich die Blumen der Freiheit auf der Erde der Sklaverei begoſſen. Denn auch hier litt ich anfangs im Geſellſchaftsleben durch die Verſuche 398 vieler Menſchen mir ihre engherzigen Anſichten auf⸗ zudrängen, und durch den dabei ſich verrathenden Man⸗ gel an Ehrlichkeit, wenn auch nicht im Willen, ſo doch in der Anſchauung, im Geſichtspunkt. Abends, als ich ungewöhnlich geguält und durch die Stimmung der Perſonen, die mich beſuchten, ganz verſtimmt wurde, da kam auch die Rettung. Doch ich muß ſie Dir in derjenigen Form mittheilen, die ſie in meinem Gedächtniß angenommen hat. Verſchiedene Eindrücke. Ich war in Geſellſchaft Mit Männern und Frauen, Und hörte da ſchwatzen Von kleinen, kleinen Dingen, Von kleinlichen Sorgen, Und lumpigen Freuden, Engherz'gen Gefühlen, Kleingeiſt'gen Gedanken, Und lumpigem Streben Kleinlicher Seelen. Es wurde mir eng An Seele und Sinn; Ich floh hinaus, Fort aus dem Salon, Hinaus in die Natur, Zu ſehen das Freie, Zu ſehen Gottes Himmel, Zu athmen frei. An des Weſtens Himmel. Vom Sonnenglanz voll, Schien der Abendſtern, So klar wie Gold. uf⸗ an⸗ och nes anz ich in 399 Die nächtlichen Schatten In ſtillen Hainen Beglänzte gar freundlich Der junge Mond, Und der Blumen Düfte Auf leichten Schwingen, Gleich Räucherwerk ſtiegen Sie von der Erde auf. Und Blumen, Haine, Sterne, Wolken, Und Erd' und Himmel, Ja, der Lüfte Geiſter, Sie ſchienen voll Von myſtiſchem Zauber, Von Liebe und Hoffnung. Die Natur ſtand In Herrlichkeit. Ich ſah ſie an Mit Bitterkeit Und fragte alſo: i ſchufſt du, o Gott, So große Wunder Für dieſes Geſchlecht Kleiner Menſchen?“ Ich war in Geſellſchaft Mit Männern und Frauen, Und hörte ſprechen Von des Lebens tiefen, Großen Fragen, Seinen Freuden und Qualen, Von der Menſchen Sünde Und der Menſchen Pflicht. Ich hörte warme 400 Herzen klopfen, Fühlen, denken, Großſinnig wirken Für der Menſchen Wohl. Der goldne Himmel Im Weſten brannte Mit erblaßtem Schein, Und des Sternes Glanz War für mein Auge Nicht mehr ſo rein. Und alle Herrlichkeit Der Natur, Des großen Pan, Schmolz auf einmal zuſammen Zum Schatten blos Eines Menſchen! Seit dieſem Augenblick iſt meine Welt hier zugleich mit meinem Gefühl für das Leben und Volk des Sü⸗ dens verändert. Mein Blick hat ſich geklärt, um den edleren Süden im Süden zu ſehen, der jetzt ſein eigent⸗ liches Hochland bildet. Dieſer läßt nich ſeinem Sandfeld Hochlandsluft athmen und wird für ſein Volk noch daſſelbe werden, was Moſes und Joſua für das Volk Iſrael waren. Denn wenn man von dem Sklavenvolk des Südens ſpricht, ſo iſt es ein Irrthum, damit blos die ſchwarze Race zu bezeichnen. Aber es iſt ebenſo unrecht, ſich die ſüdlichen Staaten als ein Volk von lauter Sklaven und Sklavereifreun⸗ den zu denken. Gewiß findet ſich auch in den Skla⸗ venſtaaten des Südens ein freies Volk, das im Stillen am Werk der Befreiung arbeitet. Und wenn dieß auch ein kleines Häuflein iſt,„verzage nicht, du kleines Häuf⸗ jetzt anch auf leir Rei auc Der ten rika den an ihre von beſt . frei wal Ste die Dir deſſ o Erd muſ Me von Ziel zwe glü huf Jar grat auf van Er 401 lein, denn es iſt der gute Wille eures Vaters, euch das Reich zu geben.“ Aus Allem, was ich hier ſehe und höre, iſt mir auch wahrſcheinlich, daß Georgien eine der leitenden Mächte bei dem kommenden Befreiungswerk ſein wird. Der jüngſte von den erſten dreizehn vereinigten Staa⸗ ten der Union, hat Georgien bei der Arbeit für Ame⸗ rikas Selbſtſtändigkeit in den vorderſten Reihen geſtan⸗ den, und der Geiſt der Freiheit iſt hier von Anfang an mächtig geweſen. Alle Völker bewahren Spuren ihres Urſprungs und erhalten ein gewiſſes Gepräge von den Menſchen und Umſtänden, die ihre Kindheit beſtimmten. Dieß iſt ganz natürlich. Und eine Urſache freieren und friſcheren Geiſtes, der in Georgien vor⸗ waltet, kann man leicht in dem erſten Begründer des Staates, James Oglethorpe, und in den Kolvonien, die unter ſeinem Schutz erwuchſen, erkennen. Ich muß Dir einige Worte von dieſem thätigen Manne ſagen, deſſen Geſchichte ich neulich geleſen habe; denn unter ſo vielem Halben, Hinkenden, Unfertigen hier auf Erden, worüber das Auge unbefriedigt hinſchweifen muß, iſt es wahrhaft erquickend, ſeinen Blick auf ein Menſchenleben heften zu dürfen, das Probe hält, das von Anfang bis zum Ende ſeines Arbeitstages ein und daſſelbe will, dafür wirkt und es glücklich zum Ziele führt;— auf einen Mann, deſſen ganzer Lebens⸗ zweck darin beſtebt, die Unfreien zu befreien, die Un⸗ glücklichen glücklich zu machen, und der zu dieſem Be⸗ huf ein Reich begründet! Es ſind nicht viel mehr als hundert Jahre, ſeit James Oglethorpe, an der Spitze einer kleinen Emi⸗ grantenſchaar, nach dieſem Lande zog und ſein Zelt auf der Landzunge zwiſchen dem Meer und dem Sa⸗ vannahfluß, da wo jetzt Savannah ſteht, aufſchlug. Er war Engländer und hatte ein reiches, wechſelvolles Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 26 402 Leben geführt, in der Schule der Gelehrſamkeit und im Feld, als Krieger und als Parlamentsmitglied. Ein Mann von heldenmüthigem Sinn und dem wärmſten, wohlwollendſten Herzen, dabei voll Thätigkeit, erbarmte er ſich über die Vielen, die zu jener Zeit in England unbedeutender Schulden wegen innerhalb der Gefäng⸗ nißmauern ſaßen, verurtheilt für immer da bleiben zu müſſen. Er erwirkte ihre Befreiung, und für ſie und für verfolgte Proteſtanten erſah er ein Aſyl, eine Hei⸗ math der Freiheit in den freien Ländern der neuen Welt,„wo die Armuth keinen Vorwurf an ſich tragen ſollte, wo wahre Frömmigkeit in Freiheit Gott vereh⸗ ren könnte.“ Es war ihm nicht ſchwer, in England Leute zu finden, die ſich für eine große menſchliche Idee intereſſirten. Eine Geſellſchaft organiſirte ſich zur Ausführung von Oglethorpes Plan und erwirkte ſich von Georg II. das Verfügungsrecht über eine zwi⸗ ſchen den Flüſſen Altamaha und Savannah gelegene Landſtrecke, die auf zwanzig Jahre unter die Vormund⸗ ſchaft der Geſellſchaft,„zum Schutz der Armen“ geſtellt wurde. Das gemeinſchaftliche Geſellſchaftsſiegel zeigte auf der einen Seite eine Gruppe ſpinnender Seiden⸗ würmer mit dem Motto:„Nicht für ſich ſelbſt, ſondern für Andere,“ womit die Beſchützer der Geſellſchaft ihre Abſicht ausſprachen, für ihre Arbeit oder Gaben kei⸗ nerlei Belohnung anzunehmen. Auf der andern Seite des Siegels ſah man den Genius Georgias, mit einer Freiheitskokarde auf dem Kopf, einem Spieß in der eiuen und einem Horn des Ueberfluſſes in der andern Hand. Das Gerücht von der Schönheit und dem Reich⸗ thum des gelobten Landes verlockte die Gemüther. Mit ſeiner kleinen Schaar von befreiten Gefangenen und unterdrückten Proteſtanten, ungefähr 120 Köpfen im Ganzen, ſegelte Oglethorpe im November 1732 von England ab und kam nach 57tägiger Fahrt in Char⸗ leston an. Bald darauf begab er ſich den Savannah⸗ — und Ein ten, mte and ng⸗ zu und Hei⸗ uen gen reh⸗ and iche ſich irkte zwi⸗ gene und⸗ ſtellt eigte den⸗ dern ihre kei⸗ Seite einer der dern teich⸗ Mit und n im von har⸗ mah⸗ 403 fluß hinauf und landete bei dem hohen Bergrücken, den er zum Platz für die künftige Stadt auserkor. Eine halbe Meile davon lebten Indianer vom Yamacrowſtamm, und dieſe kamen, mit ihrem Anfüh⸗ rer Tomo⸗Chichi an der Spitze, um einen Bund mit den Fremdlingen zu ſtiften.„Hier iſt ein kleines Ge⸗ ſchenk,“ ſagte der rothe Mann, indem er eine Büffel⸗ haut darreichte, die innen mit dem Kopf und den Fe⸗ dern eines Adlers bemalt war.„Die Federn des Ad⸗ lers ſind weich und bedeuten Liebe. Die Büffelhaut iſt warm und bedeutet Schutz. Darum liebe und be⸗ ſchütze unſere kleinen Familien.“ Oglethorpe empfing freundlich die freundliche Gabe. Am 1. Februar ſchlug die kleine Kolonie ihr Lager längs dem Ufer des Fluſſes auf; Oglethorpe errichtete ein Zelt unter vier großen Fichten und hatte zwölf Monate lang keine andere Wohnung. Hier, in dieſer ſchönen Gegend, wurde Savannah angelegt, ſo wie es noch heute ſteht, mit regelmäßigen Straßen und einem großen Markt in je⸗ dem Viertel; und durch den Urwald wurde der Weg zu dem großen Baumgarten gebahnt, welcher bald eine Pflanzſchule für die Früchte Europas und Amerikas werden ſollte. So begann der Staat Georgien. Er warſchon in ſeiner Kindheit„ein Zufluchtsort für die Bedrückten Britanniens, für die Unterdrückten der Völker Europas.“ Das Gerücht hievon erſcholl durch Europa. Die in ihrem Vaterland verfolgten mähriſchen Brüder lauſchten auf den Ruf aus England, der ihnen für ſich und ihre Kinder auf zehn Jahre freies Land, freien Unterhalt für ein ganzes Jahr, ſowie die Rechte und Freiheiten engliſcher Bürger anbot. Mit Bibeln und Gebetbüchern verſehen, ihre Al⸗ ten und die kleinen Kinder auf einem Wagen führend, zogen ſie zu Ende Oktobers 1733, unter Gebeten und Lobgeſängen, auf ihre Pilgerfahrt aus. So ſegelten 404 ſie den ſtolzen Rhein hinab, zwiſchen Weinbergen und Burgruinen hin; ſo im Verlauf des Winters in das große Meer hinaus. Als ſie das Land aus dem Ge⸗ ſicht verloren, ſtimmten ſie einen Lobgeſang an. Wenn das Meer ruhig war und die Sonne in Herrlichkeit unterſank, da ſangen ſie:„Wie ſchön iſt die Schöpf⸗ ung! Wie herrlich ihr Schöpfer!“ Wenn Gegenwind kam, ſandten ſie Gebete, wenn er umſchlug, Dankſa⸗ gungen empor. Wenn ſich ein Sturm erhob, ſo daß ſie die Segel nicht aufſpannen konnten, erhoben ſich ihre Stimmen mitten im Sturm zu Gebet und Geſang; „denn den Herrn Jeſum lieben, gibt großen Troſt.“ So kamen ſie an die Küſte der neuen Welt. In Charleston trafen ſie Oglethorpe der ſie willkommen hieß. Fünf Tage ſpäter errichteten die weitgereiſten Gäſte ihre Zelte bei Savannah. Ihr Aufenthaltsort ſollte wei⸗ ſer oben im Lande geſucht werden. Oglethorpe verſah ſie mit Pferden und begleitete ſie durch die Wildniß, durch Wälder und Moräſte. Indianer mit Fackeln von Scheinholz waren ihre Wegweiſer. So wanderten ſie, bis der Platz für die kleine Kolonie gefunden war. An einem kleinen Strom, den ſie Ebenezer nannten, bauten die evangeliſchen Brüder ihre Wohnſitze und gaben ihrer Kolonie denſelben Namen wie dem Fluß. In demſelben Jahr wurde Augu ſtagegründet, und indianiſche Handelsleute fanden ſich da ein. Ogletbor⸗ pes Ruf drang durch die Wüſte, und im Mai kamen die Häuptlinge der acht Dörfer des Muskhogeerſtam⸗ mes, um einen Bund mit ihm zu ſchließen. Long⸗ King, der ſtattliche alte Häuptling des Oconasſtammes, ſprach für ſie alle und ſagte:„Der große Geiſt, der überall um uns her wohnt und allen Menſchen ihren Geiſt gibt, ſendet die Engländer, um uns zu unter⸗ richten.“ Er hieß ſie im Lande ſüdlich von Savannah willkommen und lud ſie ein die Erde zu bebauen, die ein Volk nicht benützte. Und zum Zeichen ſeiner Auf⸗ 405 richtigkeit legte er acht Bündel Bockshäute zu Oglethor⸗ pes Füßen. Der Häuptling des Cowetaſtammes erhob ſich und ſagte:„Wir haben eine Reiſe von 25 Tagen gemacht, um euch zu ſehen. Ich habe niemals nach Charleston hinabgehen wollen, denn ich fürchtete, ich müßte unterwegs ſterben. Aber als ich hörte, daß ihr gekommen ſeid und daß ihr gute Männer ſeid, da kam ich zu euch, damit ich gute Dinge hören möchte.“ Er erlaubte hierauf den Landesverwieſenen ihre Verwand⸗ ten,„welche ſie lieben“, aus den Creekſtädten herbeizu⸗ rufen, damit ſie beiſammen wohnen könnten.„Rufet die Yamaſſeer zurück,“ fügte er hinzu, auf daß ſie im Frieden unter ihren Vorvätern begraben werden und ihre Gräber ſehen, bevor ſie ſterben.“ Ein Cherokeehäuptling kam zu den Engländern heraus.„Fürchte Nichts,“ ſagte Oglethorpe, ſondern ſprich frei!“ Der Häuptling aus dem Gebirge antwor⸗ tete:„Ich ſpreche immer frei. Warum ſollte ich fürch⸗ ten? Ich bin unter Freunden. Ich fürchtete Nichts, als ich unter Feinden war.“ Ein Choctahäuptling „Rothſchuh kam im folgenden Jahr und bot eine Handelsverbindung an.„Wir kamen einen langen Weg,“ ſagte er, und wir ſind eine große Nation. Die Fran⸗ zoſen bauen Feſtungen gegen uns. Wir haben lange mit ihnen gehandelt, aber ſie ſind arm an Waaren. Wir wünſchen mit euch zu handeln.“ Durch treues Worthalten bei ſeinen Verträgen mit den Indianern, durch ſeine edle Erſcheinung und Hal⸗ tung, ſowie durch die Milde ſeines Charakters gewaun Oglethorpe das Vertrauen der rothen Männer. Er fand Gefallen an ihren einfachen Manieren und Sit⸗ ten; darum ſuchte er ihren Verſtand aufzuklären und ſie zur Erkenntniß des Gottes zu führen. den ſie unbe⸗ wußt anbeteten. Oglethorpe ſtiftete Geſetze für Geor⸗ gien. Eines von ihnen verbot die Einführung ſtarker Getränke. Ein anderes verbot die Einführung der —————— 406 Sklaverei.„Die Sklaverei,“ erklärte Oglethorpe,„iſt gegen das Evangelium und widerſtreitet dem Grund⸗ gefetz Englands. Wir wollen kein Geſetz geſtatten, das ein ſo abſcheuliches Verbrechen zuläßt.“ Und als ſpä⸗ ter allerlei„Leute beſſeren Schlags⸗ in Savannah Geſuche um Einführung von Negerſklaven einreichten, verweigerte Oglethorpe dieſelbe ſtreng und erklärte: „wenn Negerſtlaven in Georgien eingeführt würden, ſo wollte er Richts mehr mit der Kolonie zu ſchaffen haben.“ Und er beharrte dabei ſich mit beinahe will⸗ kürlicher Macht der Einführung der Negerſklaverei im Staat zu widerſetzen, obſchon mehrere von den Pflan⸗ zern in der Meinung, die Arbeit könne von weißen Arbeitern nicht beſtellt werden, Anſtalten trafen die Kolonie zu verlaſſen. Mit raſtloſer Thätigkeit wirkte Oglethorpe in Geor⸗ gien fort und fort, indem er bald die Grenzen erweiterte und feſtſetzte, bald Städte gründete, Gemeinden ordnete oder neue ſtiftete. Er beſuchte die evangeliſchen Brü⸗ der in Ebenezer, ſteckte die Straßen für ihre neue Stadt ab und lobte ihre gute Haushaltung. Binnen wenigen Jahren ſtieg die Fabrikation der rohen Seide in der kleinen Kolonie bis zu zehntauſend Pfund im Jahr, und Indigo war ein ſtehender Handelsartikel ge⸗ worden. In ernſten Denkſchriften eiferten die Kolo⸗ niſten gegen die Anwendung von Negerſklaven und be⸗ haupteten, der weiße Mann könne, auch unter Geor⸗ giens Sonne, vollkommen gut arbeiten. Ihre Religion vereinigte ſie mit einander; ihre Streitigkeiten machten ſie unter ſich ſelbſt aus. Jedes Ereigniß im Leben er⸗ hielt die Bedeutung einer göttlichen Schickung, und die Wärme in ihrem Gottesdienſt ſtörte die Ruhe ihres Urtheils nicht. Sie hatten Frieden und waren glück⸗ lich. Von den mähriſchen Städten fuhr Oglethorpe auf den Flüſſen ſüdwärts und beſuchte die Inſeln an der Küſte entlang, die voll von Palmettos, Weinran⸗ ken vög Feſ tap tho tam gen die gier deh ten um gen fole Ch ſche in dah zu um red hei chet Kr un Ja Au uni we len hat ſt d⸗ as * ah n, n, en im n⸗ en ie or⸗ nd ete rü⸗ eue len ide ge⸗ lo⸗ be⸗ or⸗ ion ten er⸗ die hres ück⸗ ore an an⸗ 407 ken, ewiggrünen Eichen und„hundertzüngigen“ Sing⸗ vögeln waren. Auf der St. Simonsinſel legte er die Feſtung Fredrika an. Von den Hochlanden Schottlands war eine Schaar tapferer Bergbewohner ausgewandert, um unter Ogle⸗ thorpes Banner eine neue Heimath zu ſuchen. In ſchottiſcher Hochlandstracht ſegelte Oglethorpe den Al⸗ tamaha hinauf und zog ihnen bis nach Darien entge⸗ gen, wo ſie ſich niedergelaſſen hatten. Und mit Hilfe dieſer Tapfern beſchloß Oglethorpe die Grenze Geor⸗ giens bis an den St. John Fluß in Florida auszu⸗ dehnen. Die Indianer vom Stamm der Uchecer hör⸗ ten das Kriegsgerücht und eilten zierlich bemalt herbei, um im Bund mit Oglethorpe die Streitaxt zu ſchwin⸗ gen. Auf lange Reden und Austauſch von Geſchenken folgte der wilde Kriegstanz. Die Muskhogeer und Chiekeſaws ſammelten ſich um ihn, um ihren Freund⸗ ſchaftsbund zu erneuern. Ein großer Rath der Muskhogeer⸗Häuptlinge ſollte in Cuſitas, am Fluß Chattahvuchee gehalten werden. Oglethorpe bahnte ſich auf einſamen Pfaden den Weg dahin, ohne die Sonnenhitze oder den Thau der Nacht zu fürchten, und kam zu der großen Zuſammenkunft, um ſeine rothen Freunde mit herzlichen Worten anzu⸗ reden, Geſchenke auszutheilen, mit den Häuptlingen den heiligen Safkey zu trinken, die Friedenspfeife zu rau⸗ chen, und mit ihnen einen gründlichen Bund für den Krieg wie für den Frieden zu ſchließen. Im Jahr 1734 reiſte Oglethorpe nach England und wirkte da zum Vortheil der jungen Kolonie. Im Jahr 1736 kam er mit einer Schaar von dreihundert Auswanderern zurück, die er wie ein Vater verſorgte und leitete; er landete mit ihnen an einer Anhöhe un⸗ weit der Inſel Tybee,„wo ſie alle auf die Kniee fie⸗ len und Gott dankten, der ſie glücklich in Georgien hatte ankommen laſſen.“ Unter ihnen war ein neuer 408 Trupp mähriſcher Brüder, mit einem„Glauben über alle Furcht“, die in ihren Sitten den Gebrauch der erſten chriſtlichen Geſellſchaften wieder einführen woll⸗ ten, wo es keinen Staat und kein Kaſtenleben gab, ſondern Paulus, der Teppichmacher, und Petrus, der Fiſcher, die Vorſteher waren nach dem Zeugniß des Geiſtes. Auch die Gebrüder Wesley waren bei ihnen. Karl Wesley, der Secretär Oglethorpes, brannte vor Begierde der Apoſtel Chriſti unter den Indianern zu werden und in der neuen Welt ein ganz und gar der Ehre Gottes geweihtes Leben zu führen. Er wünſchte aus Georgien eine religiöſe Kolonie zu machen„Das geitalter,“ fügt Bancroft hinzu, aus deſſen Geſchichte der Vereinigten Staaten ich dieſe Erzählung ausgezogen habe,„wo politiſche und religiöſe Bewe⸗ gungen ein und daſſelbe waren, war vorüber; Fanatis⸗ mus konnte in einer Periode überwiegenden Handels⸗ einfluſſes nicht gedeihen. Myſtiſche Frömmigkeit, noch inniger geworden durch ihren Abſchen vor den Theorien des achtzehnten Jahrhunderts, erſchien wie der Regen⸗ bogen am Himmel, und Wesley war der Sämann, welcher kommt, nachdem die Fluth ſich verlaufen und die Wolke ſich verzogen hat, und der ſeine Saat in der goldenen Stunde des Friedens ausſtreut.“ Später ſehen wir Oglethorpe auf Befehl Englands mit den Spaniern in Flbrida Krieg führen, und da⸗ rin tapfer und ſiegreich, ſtets der Vorderſte in der Ge⸗ fahr, alle Beſchwerden des Feldzugs mit dem gemei⸗ nen Soldaten theilend, auch während der Hitze des Kriegs das Eigenthum friedlicher Bewohner ſchonend, und nach dem Sieg menſchlich und mild gegen die Gefangenen. Im Jahr 1742 konnte Oglethorpe in ganz Geor⸗ gien ein allgemeines Dankfeſt für errungenen Erfolg und Frieden anordnen. So wurde Georgien koloniſirt, ſo vertheidigt, und 409 über as ſein Gründer und Vertheidiger James Oglethorpe der ſein neunzigſtes Jahr erreichte, konnte er auf eine gute oll⸗ Arbeit zurückſchanen, auf einen aufblühenden Staat, gab, deſſen Grenzen er erweitert und feſtgeſetzt, deſſen gei⸗ der ſtiges und materielles Leben er begründet hatte, ſo daß des er wohl das Lob verdiente, das in England darüber nen. ausgeſprochen wurde:„Nie iſt eine Kolonie nach einem vor in wahrerem Sinne menſchlichen Plane begründet zu worden.“ der Noch bis in ſein letztes Lebensjahr ſoll er eine ſchte der ſchönſten Geſtalten geweſen ſein, die man je ge⸗ Das ſehen, ein Typus von ehrwürdigem Alter. Seine chte Seelenkräfte und Sinne waren ſo friſch wie je, und lung ſein Auge fortwährend klar;„allzeit heroiſch, roman⸗ ewe⸗ tiſch und voll altritterlicher Höflichkeit— der ſchönſte atis⸗ Repräſentant aller Tugenden und Eigenſchaften, welche dels⸗ das Ideal eines ächten Ritters ausmachten.“ Und ſo noch warm war ſein Herz, ſo wirkſam ſein Eifer für das rien Wohl der Menſchen, welchem Volk und Stamm ſie gen⸗ immer angehören mochten, daß noch lang nach ſeinem ann, Tod ſein Name die Bezeichnung großen Wohlwollens und(vast benevolence of soul) in ſich ſchloß. t in Nach ſeinem Tod wurden mehrere ſeiner hochſinnigen Geſetze abgeſchafft; ſtarke Getränke wurden in Georgien ands eingeführt und dllmälig auch die Negerſklaverei. Aber der da⸗ Geiſt der Freiheit und Frömmigkeit, welcher das Leben von Ge⸗ Oglethorpes Leben war und die erſten Koloniſten Ge⸗ emei⸗ orgiens beſeelte, lebt gleichwohl noch jetzt in Georgia. 11 des Ich ſehe es, ich höre es, ich fühle es. Die Emigration nend, aus den nördlichen Staaten und beſonders aus den die Staaten Neuenglands, die ſich immer mehr hieher zieht, Einfluß auf Volk und Einrichtungen ausübt, iſt mir Heor⸗ auch ein Beweis davon und eine Bürgſchaft für die rfolg weitere Entwickelung des freien Lebens. Ich bemerke es auch an dem freieren und glücklicheren Leben der Neger in Savannah und an der ihnen ertheilten Er⸗ „und 410 laubniß ihre eigene Kirche zu haben und ſelbſt zu pre⸗ digen. Ueberdieß geſchieht in Georgien viel für die Unterweiſung der Negerſklaven im Chriſtenthum ſowie für ihre Befreiung und Koloniſirung in Liberien auf Afrikas Küſte. Und jedes Jahr geht von Savannah ein Schiff dahin mit ſhwatitſ Koloniſten von freige⸗ laſſenen Sklaven, die mit Lebensmitteln, Geld und Hausgeräthen ausgerüſtet werden. Ich habe verſchie⸗ dene eigenhändige Briefe aus Liberien von den ſchwar⸗ zen Emigranten geſehen, welche von dem guten Ver⸗ hältniß zengen, worin ſie zum Mutterſtaat und zu meh⸗ reren Perſonen daſelbſt ſtehen, beſonders durch die kirch⸗ lichen Bande, die ſie vereinigen. Denn jede kirchliche Sekte hier unterſtützt ihre Glaubensgenoſſen in der afrikaniſchen Kolonie, die übrigens von ihren eigenen ſchwarzen Beamten und Prieſtern verwaltet wird. Jemehr ich von dieſem ſchwarzen Volk ſehe, um ſo mehr erweckt es meine Nengierde und mein Intereſſe. Nicht als ob ich an den Regern etwas Großes er⸗ blickte, etwas das ihnen eine Ueberlegenheit über die weiße Menſchenrace gäbe; ich kann mich von dem Glauben nicht frei machen, daß ſie in Bezug auf in⸗ tellektuelle Gaben untergeordnet ſein und bleiben wer⸗ den. Aber ſie haben eigene und ungewöhnliche Gaben. Ihr moraliſches Ohr ſcheint mir rein und fein zu ſein wie ihr muſikaliſches; ihr Gefühlleben iſt ſtark und warm, und ihre Gutmüthigkeit und Munterkeit iſt offen⸗ bar eine ihnen eigenthümliche Naturgabe oder vielmehr Gottesgabe. Und wenn ſie ſich auch nicht als ſchaf⸗ fende Geiſter originell zeigen, ſo liegt doch in der Art, wie eine Die gen ſitzt Vol an faſſe tiſte Söl und Ben Ma ben ſchei er g „wi Sta van Vol gen den feue Sta füh Abe Neg nich und von reic und ſchü Art ie ie uf nd ie⸗ Ar⸗ er⸗ eh⸗ ch⸗ che er len 411 wie ſie das Gelernte praktiſch anzuwenden verſtehen, eine wahrhaft geſunde und erfriſchende Originalität. Dieß hört man in ihren eigenen Geſängen, den einzi⸗ gen originellen Volksliedern, welche die neue Welt be⸗ ſitzt; ſie ſind eben ſo ſanft, heiter und fröhlich, wie unſere Volkslieder melancholiſch ſind. Man hört dieß auch an der Art, wie ſie die Lehren des Chriſtenthums auf⸗ faſſen und auf das Leben anwenden. Letzten Sonntag war ich hier in der Negerbap⸗ tiſtenkirche mit einem der edelſinnigen und thätigen Söhne der Pilger: Mr. Fay, der in Savannah wohnt und mir viel Freundſchaft erzeigt. Der Prediger hieß Bentley, glaube ich, und war ein vollkommen ſchwarzer Mann. Er predigte aus dem Stegreif mit großer Le⸗ bendigkeit und Leichtigkeit. Er ſprach von der Er⸗ ſcheinung des Erlöſers auf Erden und wie und warum er gekommen.„Ich erinnere mich,“ ſagte er einmal, „wie der Präſident, der Präſident der Vereinigten Staaten nach Georgien und in unſere Stadt hier, Sa⸗ vannah, kam. Ich erinnere mich, welches Weſen das Volk machte und wie ſie in großen Wagen ihm entge⸗ gen fuhren. Die Eiſenbahn rauchte ſchrecklich und aus den großen Kanonen wurde Schuß um Schuß abge⸗ feuert. Und ſo kam der Präſident in einem großen, ſchönen Wagen und wurde in das beſte Haus in der Stadt(es war das Haus der Mrs. Scarborough) ge⸗ führt, und als er dort ankam, ſetzte er ſich ans Fenſter. Aber es wurde ein Kordon ums Haus gezogen, um die Neger und anderes armes Volk zu verhindern, daß ſie nicht zu nahe kämen. Wir mußten außerhalb ſtehen und konnten den Präſidenten, der am Fenſter ſaß, nur von Weitem anſehen. Aber die großen Herrn und die reichen Leute, die gingen alle frei die Treppe hinan und durch die Thüre und zum Präſidenten hinein und ſchüttelten ihm die Hand. Kam Chriſtus auf dieſe Art? Kam er zu den Reichen und um ihnen die Hände 412 zu ſchütteln? Nein! Geſegnet ſei unſer Herr, er kam zu den Armen!.... Er kam zu uns und um un⸗ ſere Schuld, meine Brüder und Schweſtern!“—„I ja! Amen! er kam zu den Armen, zu uns! Geſegnet ſei er! Amen, Hallelujah!“ erſcholl es eine gute Weile in der ganzen Kirche, und die Leute ſtampften und lach⸗ ten und weinten, während ihre Geſichter von Freude ſtrahlten. Der Prediger fuhr fort zu erzählen, wie Chriſtus ſich als der Geſandte des Höchſten auswies. „Denkt euch das ſo, meine Freunde“ ſagte er.„Hier ha⸗ ben wir jetzt eine Plantage mit Regerarbeitern; aber der Herr der Plantage iſt fort, weit, weit fort über dem Meer in England und die Neger auf der Plantage haben niemals ſein Angeſicht geſehen. Sie haben nie⸗ mals einen höheren Mann geſehen als den Aufſeher. Aber jetzt vernehmen ſie, daß der Eigenthümer der Plantage, ihr Herr und Gebieter kommen ſoll. Und ſie ſind ſehr neugierig ihn zu ſehen und ſie ſchauen ſich alle Tage nach ihm um. Eines Tags ſehen ſie den Aufſeher mit einem andern Herrn kommen, den ſie früher nicht geſehen hatten. Aber er iſt ſchlechter und einfacher gekleidet als der Aufſeher. Der Aufſeher hat einen feinen Frack mit Knöpfen darau, ein weißes Hals⸗ tuch, einen ſchönen Hut und überdieß trägt er Hand⸗ ſchuhe. Aber der fremde Herr iſt ohne Handſchuhe und ganz nachläſſig und in der That ganz einfach ge⸗ kleidet. Und wenn die Neger den Aufſeher nicht ken⸗ nen würden, ſo würden ſie glauben, er ſei der Herr. Aber jetzt ſehen ſie, daß der fremde Mann dem Auf⸗ ſeher Befehle ertheilt, daß er ihn den einen Neger da⸗ hin, den andern dorthin ſchicken heißt, daß er mehrere zu ſich rufen läßt und daß der Aufſeher und die Neger alles thun müſſen, was er will und befiehlt; daran merken ſie jetzt, daß er der Herr iR. Wie belebt und wie ſchön iſt nicht dieſe Darſtel⸗ lung tags Mr. zu l latte erwo als zug weiß 95 2 fahr welc nahe griff aufg mein für hin; Ein bückt aber Syn kind! der Alte auf ſtim: ken und Beki ihre innis trüb brau kam un⸗ „Ja, gnet Leile lach⸗ eude wie vies. rha⸗ aber über itage nie⸗ eher. der Und nſich den n ſie und rhat Hals⸗ an⸗ chuhe h ge⸗ ken⸗ Herr. Auf⸗ r da⸗ hrere Reger aran rſtel⸗ 413 lung des Negers für Neger, ganz friſch aus ihrem All⸗ tagsleben geſchöpft. Am Nachmittag deſſelben Tags war ich auch mit Mr. Fay in der Kirche, um eine andere Negerpredigt zu hören. Der Prediger war jetzt ein ältlicher Mu⸗ latte, ein ſchöner, kräftiger Greis, der ſich Vermögen erworben hat und unter ſeinem Volk großes Anſehen als Prediger und Täufer genießt. Er artete in Be⸗ zug auf äußere Erſcheinung und ſein ganzes Weſen der weißen Race nach. Er ſagte in ſeiner Rede, daß er 95 Jahre alt ſei, und erzählte ſeine religiöſe Lebenser⸗ fahrung, ſeine geiſtlichen Bekümmerniſſe und Qualen, welche ſoweit gegangen ſeien, daß er dem Selbſtmord nahe geweſen, und endlich ſeine Gefühle, als der Be⸗ griff von Chriſtus und Erlöſung für ſeinen Verſtand aufgegangen ſei.„Die Geſellſchafterin meines Lebens, meine Frau, ſchien mir von Neuem jung und glänzte für mich in neuer Schönheit und ich konnte nicht um⸗ hin zu ihr zu ſagen: Wahrhaftig Weib, ich liebe Dich!⸗ Ein junges Frauenzimmer auf der Bank, wo ich ſaß, bückte ſich um zu lachen. Ich bückte mich gleichfalls, aber um Thränen zu vergießen, welche die Freude, die Sympathie, eigene Lebenserinnerungen und die lebendige kindliche naturwarme Schilderung mir entlockten. Nach der Predigt ſchüttelten Mr. Fay und ich dem kräftigen Alten Andrew Marshall die Hände. Der Chor auf der Emporkirche, Neger und Negerinnen, ſang vier⸗ ſtimmig und ſo rein und ſchön, als man ſich nur den⸗ ken kann. Nach dem Gottesdienſt trat ein Weib vor und kniete am Altar nieder, wie es ſchien in tiefer Bekümmerniß, und der alte Prediger ſprach über ſie, für ihre Trauer und ihren heimlichen Kummer ein ſchönes, inniges Gebet. So in der Kirche über und für Be⸗ trübte zu beten, ſcheint in den Baptiſtenkirchen hier Ge⸗ brauch zu ſein. Den 16. Mai. Hier iſt es jetzt ſehr warm und die Wärme iſt er⸗ müdend. Wäre es nicht ſo, ſo würde ich mich wohl befinden in Savannah, in dem Haus wo ich lebe, wo die Herrſchaft ſowohl als die Dienerſchaft(Neger) ſämmtlich von demſelben Geiſt der Gutmüthigkeit und des Wohlwollens durchdrungen zu ſein ſcheinen und wo ich einige mir theure Bekanntſchaften gemacht habe. Die liebſte unter ihnen iſt mir die Familie Mac In⸗ tosh, eine von denjenigen, die für die Belehrung und Koloniſation der Sklaben arbeiten; die jungen Töchter des Hauſes haben ſelbſt auf der Pflanzung ihres Va⸗ ters die kleinen Negerkinder unterrichtet und rühmen ihre Faſſungskraft ſehr; ſie ſollen insbeſondere an Bildern und Erzählungen große Frende haben und leicht Eindrücke von ihnen ſchöpfen. Wie das mich er⸗ freut hat! und welch ein ſchöner Wirkungskreis nicht auf dieſe Art den jungen Töchtern des Südens eröff⸗ net iſt!— Aber ich fürchte, es ſind bis jetzt noch We⸗ nige, die ihn betreten.— Mit dieſer liebenswürdigen Familie habe ich bis nächſtes Jahr eine Luſtreiſe nach Florida verabredet, wo einer der Söhne des Hauſes anſäßig iſt; aber der Menſch denkts, Gott lenkts! Um Savannah her ſind eine Menge ſchöner Plätze die hohen Flußufer entlang und der Reichthum an ſchönen Bäumen und Blumen iſt außerordentlich. Es freut mich, in mehreren ihrer Namen ſchwediſche Fa⸗ miliennamen zu hören und das Zeichen Linnés wieder zu erkennen; ſo habe ich hier die Rudbeckia und die Lagerströmia kennen gelernt(etztere eine ſehr ſchöne Buſchpflanze mit hellrothen Blumen, denen des roſen⸗ rothen Lorbeers ähnlich) u. ſ. w. Die freundlichen Frauen hier,(und ich habe unter ihnen einige ausge⸗ er⸗ ohl wo ger) und und abe. In⸗ und hter Va⸗ meu an und e⸗ nicht röff⸗ We⸗ igen nach uſes lätze an Es ieder d die chöne oſen⸗ ichen usge⸗ 415 zeichnete Weiber kennen gelernt) führen mich in ihren Equipagen aus, um die Gegend und Waldpärke rings⸗ umher kennen zu lernen. Bonaventure iſt ein großer Park, der zu den Merkwürdigkeiten des Orts und des Südens gehört. Die großen Lebenseichen in Gruppen und Alleen mit ihren langen, hängenden Mooſen, bil⸗ den überall die ſchönſten gothiſchen Tempelgewölbe, und wenn die Abend ſonne ihre glühenden Strahlen in dieſe tiefen, düſtern Arkaden ſendet, ſo entſtehen Wirkungen von großer Schönheit. Amerikas junge Künſtler ſoll⸗ ten hieher kommen und ſie ſtudiren. Man hat jetzt an⸗ gefangen einen Theil des Parks zum Begräbnißplatz zu verwenden, und weiße Marmordenkmäler erheben ſich unter den hängenden Mooſen der Lebenseichen. Dieſe Moospflanzen ſtehen jetzt in Blüthe und die Blüthe iſt eine kleine, hellgrüne, knospenartig geſchloſſene Fünf⸗ männerin mit feinem Wohlgeruch. Andere Prachtblu⸗ men des Südens, die Magnolia grandiflora, der Cap⸗ jasmin beginnen allmälig auszuſchlagen, aber ihr Duft iſt ſtark und für meinen Geſchmack allzu mächtig. Der Wohlgeruch der Wälder dahier iſt übermäßig und nicht geſund. Frauenzimmer von feinem Teint bekommen, wenn ſie zu dieſer Zeit durch den Wald fahren, rothe Flecken und Geſchwüre im Geſicht; die Blumendünſte enthalten Gift. Mir kamen ſie erdrückend vor. Wie lieblich und friſch ſind nicht die Düfte der Föhrenwäl⸗ der und Lilienthäler daheim bei uns! Heute, als ich einſam einen kleinen Wald mitten im Sandfeld in der Nähe der Stadt durchſtreifte, ſah ich da einen Reichthum der ſchönſten Erdbeeren und ich wunderte mich, daß die Negerkinder ſie ruhig hatten ſtehen laſſen. Ich pflückte einige und koſtete ſie, fand aber, daß ſie durchaus keinen Geſchmack hatten. Es waren falſche Erdbeeren. Eine andere falſche Schön⸗ heit auf dem grünen Boden des Südens iſt die ſoge⸗ nannte Dornbirne, ein kleines, niedriges Kaktusgebüſch 416 mit ſchönen hellgelben Blumen, aber ſo voll von feinen, hakenartigen Dornen, daß man, wenn man die Blume bricht, mehrere Tage lang mit den Dornen zu thun bekommt. 2 Eine ſchöne Einrichtung, die ich hier beſucht habe, iſt das Aſyl für vater⸗ und mutterloſe Kinder aller Nationen und Religionsbekenntniſſe. Es ſteht unter der Leitung von Frauenzimmern, die ebenfalls verſchie⸗ denen Völkern und Confeſſionen angehören. Ich be⸗ ſuchte es mit einer der Directricen, welche Jüdin war und ſehr an ihrer Religion hing, die nach ihrer Dar⸗ ſtellung der Lehre der chriſtlichen Unitarier nahe kam. Das Aſyl wird von barmherzigen Schweſtern, katholi⸗ ſcher Confeſſion gepflegt, Frauen von guten Geſichtern, mit ſchrecklichen Hüten oder Schirmhauben, ſo daß man es in der Weltentſagung weit gebracht haben muß, um ſie zu tragen. Die Kinder und die Anſtalten für ſie waren ein erfreulicher Aublick. Die Kinder dürfen ihr kirchliches Bekenntniß ſelbſt wählen, und ich ſah zwei junge Schweſtern, von denen die eine Methodiſtin, die andere Mitglied der episcopalen Kirche war. Jetzt bereite ich mich vor, Savannah zu verlaſſen und nach Auguſta weiter oben im Staat zu reiſen. Ich gedenke den Savannah hinauf zu fahren, obſchon man mir ſagt, es gehe langſam und die Scenerie ſei ſehr einförmig. Aber ich ziehe das Dampfbvot bei weitem der Eiſenbahn vor.— Mehr von Auguſta aus. Wenn ich heimkomme, werde ich Dir ſchöne Nähkörbe von Tannenzapfen mitbringen, welche die freundlichen Frauen dahier mir geſchenkt und die ſie ſelbſt verfertigt haben. Die Körbe ſehen eigenthümlich, aber recht zierlich aus. letzte Stun nicht letzte Stad ſchen Mein bare ſeins ihn 1 6 und von i Gebe Bord der z Savc weil erzog die G gehal Land ſchütt erzog dann es w Br nen, ume hun abe, Uler nter chie⸗ be⸗ war ar⸗ am. oli⸗ ern, daß muß, für rfen ſah ſtin, ſſen Ich man ſehr item enn von uen ben. aus. 417 Siebzehnter Brief. Columbia(Südearolina) den 25. Mai 1850. Es iſt ſchon ſehr lange, meine Agathe, ſeit ich das letztemal mit Dir geplaudert habe. Aber Tage und Stunden fahren wie der Strom dahin und ich habe nicht viele Stunden für mich. Ich ſchrieb Dir das letztemal in Savannah. Kurz darauf verließ ich die Stadt, noch im letzten Angenblick mit Güte und Ge⸗ ſchenken überhäuft von ſeinen freundlichen Bewohnern. Meinem Wirth, Mr. Tefft, werde ich ſtets eine dank⸗ bare Erinnernng widmen für ſeine innige Güte und ſein Wohlwollen. Im letzten Augenblick zwang er mich, ihn meine Reiſe nach Auguſta bezahlen zu laſſen. Man ſpricht von dem Erwerbſiun der Amerikaner und mit Recht; aber man könnte mit demſelben Recht von ihrer Neigung zu geben ſprechen. Sie lieben das Geben, wie ſie das Erwerben lieben. Juſt als ich an Bord gehen wollte, kam ein ſchwediſcher Seekapitän, der zu einigen Perſonen aus meiner Bekanntſchaft in Savannah geſagt hatte, er wünſche mich zu ſehen, weil er an demſelben Ort wie ich und Manſell Lind erzogen worden ſei. Mich beluſtigte der Gedanke an die Erziehungsanſtalt, welche wir drei gemeinſchaftlich gehabt haben ſollen, und als jetzt mein ſeefahrender Landsmann zu mir kam und wir einander die Hände ſchüttelten, fragte er:„Sind Sie nicht in Stockholm erzogen worden?“ Ich bejahte es.„Ja, ja,“ ſagte er dann mit bedentſamem Kopfnicken,„ſo iſt es, ich wußte es wohl, auch ich habe in Stockholm meine Erziehung Bremer, die deimath in der neuen Welt. 1. 27 418 erhalten.“ Und wir ſchüttelten uns die Hände und der gute Mann— denn er ſah recht brav und herzlich aus— gab mir auch ein Geſchenk, das ich nach Schweden mitbringen werde. Beinahe erliegend unter Geſchenken, die noch im letzten Angenblick in meine Arme gelegt wurden, reiſte ich ab. Und dieſe Reiſe den Savannah-Fluß hinauf, die man mir als ſo langweilig und einförmig geſchildert hatte, ich kann Dir gar nicht ſagen, wie viele Freude ſie mir machte. Das Wetter war göttlich und da der Strom ſtark und der Fluß vom Frühlingswaſſer ge⸗ ſchwollen war, ſo ging die Fahrt langſam und ich hatte gu te Zeit die Ufer zu betrachten, zwiſchen denen er ſich hinſchlängelte und die Meile um Meile, Stunde um Stunde blos eine einzige Landſchaft zeigten⸗ aber dieſe war— der Urwald. Maſſen von Laubwerk, von unzähligen Bäumen, Buſcharten und ſchönen Ran⸗ kenpflanzen ſchienen auf beiden Seiten des Flußbettes (den Ufern Georgias und Carolinas) auf den Waſſern zu ruhn. Hoch, tief, undurchdringlich breitete ſich da der Urwald, wie man mir ſagte, mehrere Meilen ins Land hinein aus, bevor das Waſſer und die Pflanzenwelt dem Anbauer Platz machten. Aber hier herrſcht er in ſeiner urſprünglichen Ueppigkeit und Herrlichkeit vor. Ich meinte dem dritten Schöpfungstag anzuwohnen, als Gott die Pflanzenwelt„jeden Baum mit Namen in ſich ſelbſt“ hervorrief, dem Tag, wo die Erde ihren Mutterſchvoß öffnete und alle Wurzeln, Blumen und Bäume der Erde hervorbrachte. Der Savannah mit ſeinem rothbraunen Waſſer war ein Fluß, kaum erſt aus dem Chaos entſprungen und reich am Moſt deſ⸗ ſelben. Er hatte noch nicht Zeit gehabt, ſich zu ſetzen, ſein Waſſer zu klären, als die Pflanzen in wilder Ueppigkeit hervorkamenz er liebt es mit ihnen zu ſpie⸗ len, und ſie die neu aus dem Waſſer aufgeſtiegen wa⸗ ren, ſcheinen ſich nicht von ihm trennen zu wollen, ſont verſ die ſich dieſ Pyr bild ner ernſ gege Am geſt Eic ren, por ihre aus dieſ Auc und dile ſoll Alle war und an eine wel kom Ore auf Mo bem ich Col der ʒlich nach nuter eine die dert eude der ge⸗ ich enen unde aber werk, Ran⸗ ettes ſſern der Land welt er in vor. nen, amen ihren und mit erſt deſ⸗ etzen, vilder ſpie⸗ wa⸗ ollen, ſondern eine halbe Sehnſucht zu hegen dahin zurückzu⸗ verſinken. Blühende Rankengewächſe warfen ſich bis in die Gipfel der Bäume empor und fielen dann hinab, um ſich wieder in die Wogen des Fluſſes zu tauchen. Aus dieſen Maſſen von Grün, die Mauern, Säulenhallen, Pyramiden und die phantaſtiſchſten, maſſiven Geſtalten bildeten, blickte zuweilen ein Katalpa⸗Baum in ei⸗ ner Flamme weißgelber Blumen hervor; dunkelgrüne, ernſte Magnolien trugen ihre ſchneeweißen Blumen gegen das Licht, ſchön und zart wie dieſes. Sykomoren, Ambrabäume, Tulpenbäume mit zierlich gelb und roth geſprenkelten Blumen, Maulbeerbäume, alle Arten von Eichen, Ulmen und Weiden bemerkte ich im Vorbeifah⸗ ren, und am höchſten über alle ragte die Cypreſſe em⸗ por mit langen, hängenden Mooſen, gleich Patriarchen ihre kräftigen Arme über die niedrigen Pflanzenfamilien ausbreitend. Keine Menſchenwohnungen zeigten ſich auf dieſen Ufern, keine Spnr von menſchlicher Thätigkeit. Auch das thieriſche Leben ließ nichts von ſich ſehen und hören, und obſchon Alligatoren(Amerikas Kroko⸗ dile) ſchaarenweiſe im Savannahfluß vorhanden ſein ſollen, ſo ſah ich doch keinen einzigen, kein Vogel ſang, Alles war ſchweigſam und ſtill, auch der Wind. Es war eine Ewigkeit voll von phantaſtiſcher Schönheit und juſt jetzt in der Blüthe ihrer Farbenpracht. Nur an einem einzigen Ort ſah ich auf den kahlen Zweigen einer abgeſtorbenen Föhre zwei große Raubvögel ſitzen, welche daran erinnerten, daß der Tod in die Welt ge⸗ kommen war. So ging die Fahrt in einem Hochdruckbvot, dem Oregon, mit zwei ſchnaubenden Kaminen den Fluß hin⸗ auf, Meile um Meile, Stunde um Stunde, während Morgen und Abend, Sonne und Mond in die Wette bemüht ſchienen, das Schauſpiel zu verſchönen. Und ich ſang in meiner Seele, wie ehedem Georgias älteſte Coloniſten ſangen:„Wie ſchön iſt die Schöpfung, wie 420 herrlich ihr Schöpfer.“ Und dann dachte ich: Welch ein Poem, welch eine herrliche Romanze iſt nicht dieſer Welttheil in ſeinem Naturleben! Welchen Reichthum, welch ſchöne wechſelreiche Scenen ſchließt er nicht in ſeinem Schooße ein! Ich war jetzt wieder allein mit Amerika, und Amerika öffnete mir ſeine Myſterien, und ließ mich ſeinen Reichthum, das Erbtheil kommender Geſchlechter, wahrnehmen. Der Savannah bildet die Grenze zwiſchen Caro⸗ lina und Georgia. In Carolina hatte ich zärtlich ge⸗ liebte Freunde, aber Georgia liebte ich mehr und wandte mich ſeinem Ufer als einem freieren, jugendfriſcheren Lande zu. Die Fahrt war für mich ein unaufhörliches Feſt und ich wollte blos ſchweigen und genießen. Aber um das zu können, mußte ich im Salon einer Schaar ſchöner, aber wilder junger Mädchen ausweichen, die auf eigene Fauſt eine Vergnügungsparthie machten und ſchwatzend, rufend und lachend hin und herſprangen; und ebenſo auf dem Verdeck einigen Herren Plantage⸗ beſitzern, die höflich waren und ſprechen wollten, aber von nichts als Baumwolle, Baumwolle, Baumwolle ſprachen, und wie die Welt ſich immer mehr um die amerikaniſche Baumwolle zu drehen anfange. Ich floh von dieſen Baumwolleverehrern und ſuchte Einſamkeit mit dem Fluß und dem Urwald, mit dem Schätten und dem Licht allda. Unter dem Haufen junger Mädchen war auch ein Jüngling, ein ſchöner junger Mann, der Bruder oder Verwandte einer von ihnen. Er ſollte ſpä⸗ ter am Abend das Schiff verlaſſen. Die wilden jungen Mädchen hielten ihn feſt, umarmten und küßten ihn eine um die andere unter Spiel und Gelächter, während er halb verdrießlich, halb entzückt ſich aus ihren Armen loszureißen ſuchte. Welchen Eindruck mochte wohl der junge Mann von dieſer nächtlichen Scene mitnehmen? Gewiß iſt es nicht Achtung für das Weib. Einer der ältern Herrn auf dem Verdeck ſchüttelte den Kopf über die Mar Nach gen und ſo h. den ſich hina mun Frie hätt die Lebe die? an t bern ich meir lebei Gru Natt die ſchö gut, höhe um mach nen zwe iſt Flu dort kam ein ieſer um, t in mit und nder aro⸗ ge⸗ udte eren ches lber ar die und en; ige⸗ aber ole die floh nkeit und chen der igen ihn rend men der nen? der über die Aufführung der Mädchen:„Sie haben dem jungen Mann den Kopf verrückt,“ ſagte er. Erſt ſpät in der Nacht konnte ich ſchlafen, ſo lang lärmten dieſe jun⸗ gen Mädchen fort. Der nächſte Tag war Sonntag und die Erde ſchien einen Feſttag zu feiern, ſo ſtill und ſo hochzeitlich geſchmückt zeigte ſich die Natur. Die wil⸗ den jungen Mädchen wurden ſtill und verſammelten ſich vor meiner Kajüte, deren Thüre gegen den Fluß hinaus offen ſtand. Sie waren offenbar in der Stim⸗ mung, Etwas Ernſtes zu hören und zu denken. Der Friede des Feſttages weilte über dieſen Kindern. Und hätte irgend ein vom Himmel geſandter Sämann jetzt die Saat der Wahrheit und den Begriff vom höhern Leben in dieſe jungen Seelen ausgeſtreut, ſo wäre die Ausſaat ſicherlich in gute Erde gefallen. Ich glaube an die angeborne und innige Verwandtſchaft der Wei⸗ bernatur mit dem Höchſten, und es thut mir wehe, wenn ich ſie wie hier verwildert ſehe. Nicht als ob ich meinte, daß eine wilde Stunde in einem Menſchen⸗ leben viel zu bedeuten habe, alles hängt von der Grundrichtung des Ganzen ab; aber überläßt man die Natur ſich ſelbſt, ſo wird daraus eine Wildniß, und die Wildniß in der Menſchennatur iſt weit weniger ſchön als die des Urwalds(und auch dieſe wäre nicht gut, um darin zu leben). Ein ordnender Geiſt der höheren Natur muß an den jungen Heiden Hand legen, um ihn vollkommen menſchenwürdig und ſchön zu machen. Väter und Mütter in der neuen jungen Welt ſchei⸗ nen das alte Sprichwort: Die Gewohnheit iſt die zweite Natur, und das ebenſo gute Sprichwort: Es iſt leichter einen Bach zu ſtemmen als einen Fluß, nicht gehörig zu bedenken. Heute Nacht wurden die jungen Mädchen da und dort bei den Plantagen, von wo Nachen und Schiffe kamen, um ſie abzuholen, ausgeſetzt, und von den Ufern 422 hörte ich liebevolle Willkommſtimmen und ſah freund⸗ liche Feuer leuchten in dem tiefen Dunkel. Denn der junge Mond war bereits untergegangen und das Nacht⸗ dunkel iſt ſehr finſter um dieſe Zeit, während an un⸗ ſerem Himmel die Abendröthe Erde und Himmel be⸗ leuchtet, bis ſie von der Morgenröthe abgelöſt wird. Es war Samstag Nachmittag, als ich in Sa⸗ vannah ausſtieg. Am Montag Morgen war ich in Auguſta, wo der gefällige, ehrliche Mr. Bones mich in ſeinem Wagen in ſein Haus abholte. Und hier wurde ich mit großer Freundlichkeit empfangen von ſeiner Frau, einer ausnehmend hübſchen Irländerin mit einem ſchönen Geſicht von engliſchem Charakter, aber etwas milderen Gepräges, und von Hannah Longſtreet, dem blaſſen Mädchen aus dem Süden, das ich auf meiner Ueberfahrt kennen gelernt und ſo ſehr liebgewonnen hatte. Mit Freude fand ich ſie jetzt bedeutend beſſer von ihrer eurvpäiſchen Reiſe, und ſie erſchien mir im Kreiſe der Ihrigen noch liebenswürdiger als zuvor. Hier verbrachte ich einige recht angenehme Tage, indem ich blos Abends Beſuche empfing und Nachmit⸗ tags Ausflüge nach den Pflanzungen in der Gegend, ſowie an andere Orte machte. Auch hier mußte ich allerdings oft dieſelben trivialen und widerwärtigen Fragen hören und beantworteu;— eine der ſchlimm⸗ ſten und gewöhnlichſten iſt:„Entſprechen die Vereinig⸗ ten Staaten Ihren Erwartungen“— aber ich lernte auch einige vortreffliche Menſchen, Männer und Frauen, kennen, wahre Chriſten und ächte Bürger der neuen Welt, die im Stillen klug und thätig das Werk der Befreiung ausführen, während ſie den Selaven auf den Weg der Selbſtbefreiung verhelfen, indem ſie ihnen nämlich Gelegenheit geben, Geld zu verdienen, daſſelbe nützlich anzuwenden, und ſie zum Fleiß und Wohlver⸗ halten aufmuntern durch die Ausſicht, binnen wenigen Jahren ganz befreit zu werden und ſomit den Lohn ihrer Thät ein ich ſ zu le Nege auf derer Zins dern Kint befa Geli wert nich wen Mut eine dieſt wah eine gew mül „W kan! Und nich gen iſt rem mat Lor ich Bli deſt ind⸗ der cht⸗ un⸗ be⸗ d. Sa⸗ in h in urde iner nem was dem einer nnen eſſer r im age, mit⸗ end, eich tigen mm⸗ inig⸗ ernte uen, een k der f den hnen ſſelbe lver⸗ tigen Lohn ihrer Arbeit zu empfangen. Wie ſchön ſie mir in dieſer Thätigkeit erſchienen, beſonders ein älterer Mann und ein älteres Frauenzimmer! Wie gut und liebenswürdig ich ſie fand! Wie glücklich fühlte ich mich, ſie kennen zu lernen! Einer dieſer Menſchenfreunde hatte einem Regerweib ein kleines Kapital vorgeſtreckt, womit ſie auf eigene Fauſt eine Arbeit unternommen hatte, von deren Frtrag ſie nicht blos monatlich ihrem Beſitzer den Zins der Summe bezahlte, wofür er ſie gekauft, ſon⸗ dern ſich zugleich die Mittel verſchaffte, vier von ihren Kindern aus der Sklaverei loszukaufen; das fünfte befand ſich noch darin, aber auch dieſes ſollte durch den Geldbeitrag eines wohlwollenden Mannes bald befreit werden. Aber was denkſt Du von dieſer Sklavin, die nichts darnach fragt, ſelbſt in der Sklaverei zu bleiben, wenn ſie nur ihre Kinder loskaufen kann? Eine ſolche Mutter wäre in den Zeiten Athens und Spartas als eine Ehre für die Menſchheit geprieſen worden. Aber dieſe Mutter bleibt eine unbekannte Sklavin. Es iſt wahr, daß ſie ſich in ihrer Stellung wohl befindet und eine Freiheit nicht wünſcht, die ſie bei ihrem Alter nicht gewinnen könnte, ohne ein ſorgenfreies Leben gegen ein mühſameres, wenigſtens in Liberien zu vertauſchen. „Wenn ich alt werde, ſo daß ich nicht mehr arbeiten kann,“ ſagt ſie,„ſo muß mein Herr für mich ſorgen.“ Und ſo denken viele alte Sclaven und bekümmern ſich nichts um eine Freibeit, bei der ſie ſelbſt für ſich ſor⸗ gen müßten Und das iſt gut, wenn die Herrſchaft gut iſt und nicht vor den olten Sklaven ſtirbt. In letzte⸗ rem Fall iſt ihr Schickſal höchſt ungewiß und wird manchmal unter fremden Herrn weit ſchlimmer, als das Loos von Hausthieren. Bei meinen Beſuchen auf etlichen Pflanzungen ſah ich ganz dentlich, daß die Frauen mich mit argwöhniſchen Blicken anſchauten. Eine dieſer Frauen gewann ich nichts deſtoweniger lieb. Sie ſchien mir eine friſche, ſchöne 424 mütterliche Natur zu ſein. Ich bat ſie um Erlaubniß, mich in dem Sklavendorf in der Nähe des Herrſchafts⸗ gebäudes umzuſchauen. Sie bewilligte es kalt und ging mit mir. Die Hände(Hände werden im Süden die Arbeitsneger genannt, Feldhände auf den Plantagen) waren jetzt außen auf dem Feld, um das Korn zu be⸗ ſorgen, und ihre Häuſer waren verſchloſſen. Einige davon waren jedoch offen, und in dieſe ging ich hinein. In einem von ihnen ſaß auf ſeinem Bett ein alter Neger, der ein Fußübel hatte; er ſelbſt und Alles im Hauſe trug das Gepräge ſorgfältiger Pflege.„Er wird in ſeinem Alter wohl verpflegt, denn er iſt einer von unſern Leuten,“ ſagte Mrs. E. laut zu mir, ſo daß die Neger es hören konnten;„wäre er frei, würde er dann wohl auch gepflegt werden?“—„Warum?“ dachte ich aber ſtill vor mich ſelbſt, denn ich wollte der Neger wegen nicht laut ſprechen.„Auch wir in Schwe⸗ den haben auf unſern Gütern alte und kranke Diener, und obſchon ſie frei ſind und frei den Lohn genießen, den ſie verdienen, ſo halten wir es nichts deſtoweniger für Recht und Pflicht, ihnen in ihrer Krankheit und ihrem Alter alle mögliche Pflege angedeihen zu laſſen, und wenn ſie uns gut gedient haben, dieſes Alter ſo glücklich wie möglich zu machen, ſoweit unſere Mittel reichen So wenigſtens thun gute Dienſtherrn in Schwe⸗ den. Die ſchlechten daſelbſt mögen wie die böſen Skla⸗ venbeſitzer hier— dahin fahren, wohin ſie gehören.“ Dies hätte ich jedoch Mrs. E. ſagen mögen und würde es ihr auch geſagt haben, wenn wir allein ge⸗ weſen wären, denn ich konnte nicht umhin, in ihr eine etwas ſtolze, aber im Grund edle Natur zu erblicken, die durch die Unbilligkeit der Abolitioniſten gegen die Stellung der Sklavenbeſitzer zur Unbilligkeit gegen die Arbeiter getrieben wurde, welche aber die Wahrheit ein⸗ ſehen könnte und müßte, wenn dieſelbe ohne polemiſche Bitterkeit ihrem freien Urtheil unterſtellt würde. Aber ich erhielt keine Gelegenheit, die Probe anzuſtellen, denn wir waren niemals allein. Die Sclavendörfer in Georgien ſehen ebenſo aus wie die in Carolina; die Stellung der Sclaven auf den Plautagen ſchien mir auch dieſelbe zu ſein. Der gute und der böſe Herr, darin beſteht der einzige Uuter⸗ ſchied; dieſer iſt aber in ſolchen Verhältniſſen uner⸗ meßlich.„Hier wohnt ein Plantagenbeſitzer, der durch Grauſamkeit gegen ſeine Leute bekannt iſt,“ wurde mir einmal geſagt, als ich an einem ſchönen, von laubigen Gebüſchen und Bäumen beinah verdeckten Landhaus vorbeifuhr. Dieß weiß man und man geht hier mit einem ſolchen Mann nicht gern um. Aber das iſt Alles. Der Engel der Gerechtigkeit und der Engel der Liebe wagen ſich nicht in dieſe myſtiſchen Haine, wo Men⸗ ſchen geopfert werden. Welch ein Heidenthum mitten im Chriſtenthum! Aber dieß rächt ſich auch an der weißen Race und man ſieht es an vielen Dingen. Eines Tags beſuchte ich im Wald arme Leute von den ſogenannten„Erdeſſern“; dieß iſt eine Art armſeli⸗ ges weißes Volk, das ſich ſowohl in Carolina als in Georgien in Menge vorfindet, in den Wäldern ohne Kirchen und Schulen, ohne Heerd und zuweilen ohne Haus lebt, dennoch aber ſelbſtſtändig und ſtolz in ſeiner Weiſe iſt und durch eine kränkliche Begierde getrieben wird eine Art fetter Erde zu eſſen, die ſich hier vor⸗ findet, bis dieſer Geſchmack eine ebenſo große Leiden⸗ ſchaft wird, als die Liebe zu ſtarken Getränken, obſchon er allmälig ſein Opfer verzehrt, deſſen Haut ergrauen macht, ſo daß ſein Körper ſich bald mit der Erde ver⸗ miſcht, wovon er ſich genährt hat.„Thon⸗Eſſer“ (Clay-eaters) nennt man dieſe erdeeſſenden, außer dem Geſetz ſtehenden Menſchen. Man weiß nicht woher ſie gekommen ſind und weiß auch kaum wie ſie fortleben, aber ſie ſowohl, wie das ſogenannte„Sandhügelvolk“, arme weiße Leute, die in den magern, ſandigen Gegen⸗ 426 den der ſüdlichen Staaten leben, ſind hier in Menge vorhanden. Das Sandhügelvolk iſt gewöhnlich ebenſo ſittenlos als unwiſſend; denn da die Staatsgeſetze ver⸗ bieten, Regerſclaven leſen und ſchreiben zu lehren, und da in Folge dieſes Geſetzes Schulen ſich in Ländern nicht halten können, wo die Hälfte der Bevölkerung aus Sclaven beſteht und das Land daher nicht ſehr bevölkert iſt, ſo bleiben dieſe armen weißen Lente ohne Schulen und ſo gut wie ohne allen Unterricht. Außer— dem fehlt es dieſen Leuten an Gefühl für die Ehre der Arbeit und ihre Anziehungskraft. Das erſte, was ein Weißer thut, wenn er ſich ein Bischen Geld erworben hat, iſt, daß er ſich einen Sclaven oder eine Sclavin kauft. Und dieſer oder dieſe muß jetzt für das ganze Haus arbeiten. Die arme Dienſtherrſchaft ſetzt eine Ehre darein nichts zu thun, und läßt alle Arbeit durch den Sclaven verrichten. Die Sclavenarbeit iſt gewöhnlich nicht viel werth und wird immer weniger werth unter einem faulen Herrn. Das Haus gedeiht dadurch nicht. Und hungert die Herrſchaft, ſo hungert der Sclave und Alles iſt im Elend.— Aber zurück zu den Erdeſſern. Herr Grön und ſeine Familie waren gute Exem⸗ plare von dieſer Menſchenart. Sie wohnten tief innen in einem Wald ohne Weg und Steg. Es war ein heißer und qualmiger Tag und qualmig war es im Wald. Pflanzen von Gifteichen(eine Art Zwergeichen, die ſehr giftig ſein ſollen) wuchſen überall im Sande. Weit innen im Wald ſtand ein neugebautes Häuschen und barmherzige Leute hatten der Familie darin zur Aufnahme unter Dach und Fach geholfen. Hier wohn⸗ ten Mann und Frau mit 5 oder 6 Kindern. Sie hat⸗ ten ein Dach über dem Kopf, aber das war auch Alles; Geräthſchaften irgend einer Art ſah ich nicht, ebenſo⸗ wenig ein Kamin, und eine Thüre fand ſich nicht vor. Aber Herr Grön, ein freundliches Männchen von 50 Jahren, war zufrieden mit ſeiner Welt, mit ſich ſelbſt, in ſeinen Kindern und beſonders mit ſeiner Frau, die er als das beſte Weib in der Welt beſchrieb und von der er wirklich bezaubert zu ſein ſchien. Die Frau, obſchon von Farbe und Kleidern grau wie die Erde und jäm⸗ merlich mager, war offenbar noch ganz jung und eine wahre Schönheit in Bezug auf ihre Geſichtszüge. Sie ſah gut, aber nicht vergnügt aus; ſie war ſtill und ſchaute oft auf ihre Kinder, die ſchönſten, prächtigſten, ungetauften Jungen, die man ſich denken kann, und die ſich in der allerſchönſten Freiheit und Natürlichkeit muuter und flink um einander tummelten; ganz un⸗ tadelhafte, Menſchenſtoffe, dachte ich, und beſſer als manche getaufte verzogene Salonsjungen. Herr Grön war redſelig und erzählte ohne Auf⸗ forderung Verſchiedenes aus ſeiner Lebensgeſchichte. Er war eine Zeit lang Aufſeher bei einem Sklavenbe⸗ ſitzer und Geiſtlichen geweſen, fand aber das Amt ſo grauſam, daß er es aufgab. Er konnte es nicht über das Herz bringen, Sklaven zu peitſchen und peitſchen zu laſſen. Aber ſein Herr erlanbte ihm niemals davon abzuſtehen und andere waren nicht beſſer. Er hatte ſie erprobt. Dieſer da, dachte er, ſollte menſchlicher ſein, da er ein„kirchlicher Mann“ war.„Und er war auch im Anfang nicht böſe, aber nachdem er ſich mit der Tochter eines reichen Plantagebeſitzers verhei⸗ rathet hatte, veränderte er ſich und wurde mit jedem Jahre ſchlimmer. Aber daran war ſeine Ehe ſchuld, denn er war unglücklich mit ſeiner Frau.“ Der Erd⸗ eſſer im Walde ſah mitleidig auf den reichen Mann und— einen kirchlichen Mann“— herab, der mit ſeinem Weib unglücklich und gegen ſeine Leute grau⸗ ſam war. Er, der freie Mann im wilden Wald mit ſeiner ſchönen und ſanften Frau und ſeinen hübſchen Kindern, war reicher und glücklicher als dieſer.— Herr Grön war ſtolz wie ein Köuig in ſeiner freien, ſchuldloſen Armuth.„Aber kann man nicht auch als 428 Sklavenaufſeher ſanft ſein?“ fragte ich.„Nein!“ ant⸗ wortete er,„man muß hart ſein, man muß ſie mit der Peitſche treiben, wenn ſie etwas Tüchtiges arbeiten ſollen, und anders duldet es der Plantagebeſitzer nicht.“ Ich laſſe Herrn Gröns Muß in ſeinem Werth und will nicht darnach fragen, ob es nicht in Mangel an Klugheit und Milde ſeinen Grund haben könnte. Aber wahr iſt, daß die Aufſeher, die ich bis jetzt ge⸗ ſehen habe, mir durch einen gewiſſen harten und wil⸗ den Zug in ihrem Weſen, beſonders in ihren Augen mißfallen. Und einer der ſchlimmſten Beſchwerdegründe gegen das Leben auf den Plantagen ſcheint mir darin zu liegen, daß die Sklaven ſehr oft eine lange Zeit des Jahres in der Gewalt dieſer untergeordneten Leute gelaſſen werden, wenn der Herr und ſeine Familie aus Geſundheitsrückſichten oder zu ihrem Vergnügen von den Plantagen abweſend ſind. Einen Tag nach meinem Beſuche bei den Erdeſſern wohnte ich einer Feſtlichkeit in Auguſta bei, nämlich der vom Staat Georgia ausgehenden Ueberreichung eines Ehrenſäbels an einen jungen Offizier aus Auguſta, der ſich im Krieg mit Mexiko ausgezeichnet hatte und ſchwer verwundet worden war. Eine hohe Eſtrade war in Eile in einem kleinen Park innerhalb der Stadt errich⸗ tet worden, und ringsum zog ſich amphitheatraliſch eine Gallerie mit Bänken und Sitzen, die voll von Zuſchauern waren. Auf der mit Teppichen belegten und mit Fah⸗ nen geſchmückten Erhöhung wurde dem jungen Krieger das Schwert überreicht. Es war eine recht ſchöne Scene unter dem freien Himmel und den ſchönen Bäumen, deren es nur allzuviele und in einer allzu⸗ langen Reihe waren. Der junge Held des Tages ge⸗ fiel mir, denn er ſprach in ſeiner Rede mit Liebe und Lob von mehreren ſeiner Kriegskameraden die, wie er ſagte, die Auszeichnung beſſer verdient haben würden, als juſ ſei ga dir kei als als wi ſes get ten Ge die zen leu en in te lie on rn ch 429 als er, und er erzählte von ihren Thaten. Er ſchien juſt ſeine Freude daran zu finden, die Heldenthaten ſeiner Kameraden zu preiſen, und er breitete ſich von ganzem Herzen darüber aus. Die Verſammlung applau⸗ dirte eifrig. Es wurden noch mehrere Reden zum Beſten gegeben und ich muß immer die große Leichtig⸗ keit bewundern, womit die Amerikaner ſprechen. Aber als der Reden zu viele und zu lange wurden, da mußte ich an Mr. Poinſetts Aeußerung denken, der einmal, als ich dieſe Leichtigkeit im Redenhalten pries, mir er⸗ wiederte:„it is a great missfortune“(Es iſt ein groſ⸗ ſes Unglück). Nach der Ceremonie wurden 100 Schüſſe gethan, die Einem das Trommelfell, wo nicht gar Feſtungsmauern ſprengen konnten. Der Held des Tages ſtieg von ſeiner erhöhten Stellung unter den Haufen ſeiner Freunde und Bekann⸗ ten herab; ſein Ehrenſäbel mit dem ſchönen ſilbernen Gefäß nebſt Inſchrift und zierlichem Gehäng ging von Hand zu Hand, um beſchaut zu werden. Darauf ſpielte die Muſik, und die Geſellſchaft unternahm eine tan⸗ zende Promenade unter den mit farbigen Lampen be⸗ leuchteten Bäumen, bei welcher Gelegenheit die Unter⸗ zeichnete und der junge Held das erſte Paar bildeten. Hierauf entſtand ein langer Tanz. Eine Menge kleiner Mädchen zeichneten ſich darin aus, was höchſt zierlich ausſah, obſchon es mir nicht gefiel, die jungen Kinder ſchon ſo fein und altklug im Tanzen zu ſehen. Die nicht tanzenden Damen ſaßen in großer Galla auf den Bänken in den Gallerien unter den Bäumen. Viele waren ſehr ſchön. Es überraſchte mich, als Mrs. E. (die Plantagebeſitzerin, die mich etwas ſchief anſah, mir aber dennoch gefiel) mir ihren Mann vorſtellte und nebſt ihm mich mit vieler Wärme und Freundlichkeit einlud, auf ihre Pflanzung hinauszukommen und da zu wohnen, ſo lang ich wolle. Es that mir leid, das freund⸗ liche Anerbieten ablehnen zu müſſen, und daraus erſah 430 ich, daß ich mich in meiner Vorliebe für die Frau nicht getäuſcht hatte. Ihr Mann ſah auch äußerſt angenehm aus. Ein Platzregen kam höchſt unvermuthet, machte dem Feſt ein plötzliches Ende und ſchickte die Leute in buntem Untereinander nach Hauſe. Daheim bei Bones hörte ich Neger ſingen, welche Hannah Longſtreet hieher beſtellt hatte. Ich wollte gern ihre eignen naiven Geſänge hören, aber ſie antwor⸗ teten, daß ſie den Herrn lieb haben und blos geiſtliche Lieder ſingen. Dieſe Beſchränktheit gefiel mir nicht, aber ihre 4ſtimmigen, geiſtlichen Geſäuge waren herr⸗ lich. Es iſt unmöglich, reiner und beſſer zu ſingen. Sie hatten Notenbücher vor ſich und ſchienen nach ih⸗ nen zu ſingen; ich hörte jedoch meine Wirthsleute lächelnd bezweifeln, daß dieß im Ernſte geſchehe. Mit⸗ ten während des Geſanges begann ein Hahn gellend im Haus zu krähen und fuhr unabläſſig damit fort. Aus der Munterkeit, welche dieſer Umſtand hervorrief, erſah ich, daß irgend ein Schwank dabei ſein mußte. Es war auch kein Hahn, der krähte, ſondern ein junger Neger vom benachbarten Hof, der ſich die Fertigkeit des Hahns angeeignet hatte und bei dem Concert mitſpielen wollte. Hierauf kam ein andrer junger Neger, der weni⸗ ger kirchlich geſinnt war als die andern und zu ſeinem Bagno mehrere Negerlieder ſang, die im Süden allge⸗ mein bekannt ſind und von den Negern, von denen ſie herrühren, wie auch in den nördlichen Staaten von allen Klaſſen der Bevölkerung geſungen werden, denn ſie ſind in hohem Grad populär. Ihre Muſik iſt me⸗ lodiſch, naiv, voll von rythmiſchem Leben und hat viel Innigkeit. Mehrere dieſer Lieder erinnern an Haydus und Mozarts einfache und ſchöne Melodien, ſo z. B. „Roſa Lea“,„O Suſanna“!„Theuerſter Mai“,„Führt mich zurück nach Altvirginien“,„Onkel Ned“ und Mary Blane“, die ſämmtlich, Text ſowohl als Muſik, von einer rührenden Innigkeit ſind. Sonſt iſt der Text ht m te te he te he t, n. ite it⸗ nd rt ef, er n8 e li⸗ em e⸗ ſie on un 1e⸗ iel us B. rt ry on xt weniger probehaltig, als die Muſik; er iſt oft kindiſch und es kommen darin manche ganz närriſche Ausdrücke und Bilder vor, mitunter aber auch Ausdrücke und Wendungen, die höchſt poetiſch ſind, ſowie kühne und glückliche Uebergänge in den Situationen, wie wir ſie in den älteſten Anfängen unſerer nordiſchen Völker finden. Gewöhnlich ſind dieſe Negergeſänge Balladen oder richtiger Romanzen, die Schilderungen von den Liebes⸗ verhältniſſen des Volkes und den Lebensſchickſalen Ein⸗ zelner enthalten. Man merkt keine Phantaſie, keinen dunkeln, ſagenreichen Hintergrund, wie in unſern Lie⸗ dern; dagegen aber viel Gefühl und eine naive, oft humoriſtiſche Auffaſſung des Angenblicks und ſeiner Verhältniſſe. Dieſe Geſänge ſind unterwegs, auf den Wanderungen der Sklaven entſtanden; auf den Flüſſen, während ſie ihre Kähne ruderten, oder ihre Baumflot⸗ ten den Strom hinauf führten, und beſonders bei den Kornerndten, welche für die Neger daſſelbe ſind, was für unſer Bauernvolk das Bierſieden, und wobei ſie aus dem Stegreif alles ſingen, was in ihren Herzen und Sinnen am höchſten oben iſt. Ja, alle dieſe Ge⸗ ſänge ſind eigentlich Improviſationen, die im Sinn und Gehör des Volkes Wurzel gefaßt haben und immer wieder geſungen worden ſind, bis weiſe Männer mit Muſikkenntniſſen ſie aufgefaßt und aufgezeichnet haben. Und dieſe Improviſation geht noch jetzt alle Tage fort. Man merkt den Geſängen leicht an, wie ſie entſtanden ſind. Sie ſind Kinder der Natur und der Zufälle; Ergießungen der Freuden und Kümmerniſſe eines kind⸗ lichen Geſchlechts. Der Reim kommt, wie er kann; zuweilen vlump, zuweilen gar nicht, zuweilen höchſt friſch und vollkommen; der Rhytmus iſt vortrefflich und die Schilderungen haben lokale Farbe und Be⸗ ſtimmtheit. Alabama, Loniſiana, Tenneſſee, Carolina, Altvirginien, alle die melodiſchen Namen der ſüdlichen Stagten, Namen von Städten, Flüſſen und Orten, wo 432 die Sklaven verweilen, kommen in dieſen Liedern vor, nebſt ihren Liebesgeſchichten, und geben ſowohl den Liedern, als auch den Staaten und Orten, welche ſie beſiugen, Lokalintereſſe und Farbe. So ſind dieſe Lie⸗ der gleichſam die Blume und der Duft des Negerlebens in dieſen Staaten, Blumen, die auf die Wege der Flüſſe geworfen und vom Wind da und dorthin getrieben wer⸗ den, Düfte von der Blüthenpracht der Wildniß in ih⸗ rem Sommerleben; denn in dieſen Geſängen findet ſich keine Bitterkeit und kein Düſter; ſie ſind Erzeugniſſe vom Sommertag des Lebens und zeugen davon. Und wenn die Bitterkeit s»der der Zuſtand der Knechtſchaft in den Ländern der neuen Welt für immer aufhört, dann werden die Geſänge noch leben und von dem Lichtleben zeugen, wie das phosphorescirende Feuer der Feuerfliege noch lebt, wenn die Schalraupe zertreten iſt. Der junge Neger, den ich dieſen Abend ſingen hörte, ſang unter anderem ein Lied, deſſen friſche Me⸗ lodie und eigenthümlichen Tonfall ich Dir mittheilen zu können wünſchte. Vom Text erinnere ich mich noch des erſten Verſes, der alſo lautet: Ich geh zum alten Pee⸗Dee, Und dort bei'm alten Pee⸗Dee! In einer Sommernacht Bei des Mondes Pracht Werde ich meine Sally ſehn. Die letzten Buchſtaben des erſten und letzten Ver⸗ ſes werden lange ausgehalten. Die Romanze ſchildert ſodann, wie der Liebhaber und Sally ſich verheirathen, ſich niederlaſſen und glücklich leben werden, alles an dem„alten Pee⸗Dee“! eine herzig nette, ſüdländiſche Idylle. Der Bagno iſt ein afrikaniſches Inſtrument aus der Hälfte einer ſehr hartſchaligen Frucht gemacht, die man Kalebaſſe oder Gourd nennt; über die Heffnung wird dari Heft und Gar die welc nur ihn Gab den muß und wie und es r Sav mit ernſt im ſchen Eiche eckig eine ich n wünſ lahfo mir beſch das erſte nolia * — S S vv 8 8— ——— S= X8 433 wird eine dünne Haut oder eine Blaſe geſpannt und darüber eine oder zwei Saiten, die man oben mit einem Heft befeſtigt. Der Bagno iſt des Negers Guitarre und gewiß das erſtgeborne unter den Saiteninſtrumenten. Tags darauf beim Mittageſſen bei Mr. und Mrs. Gardiner machte man mir auch das Vergnügen, mich die Negergeſänge hören zu laſſen. Der junge Reger, welcher ſang, hatte eine ſchwache Bruſt, konnte alſo nur wenig arbeiten, und deßhalb hatten gute Menſchen ihn durch Unterricht und Uebung ſeine muſikaliſchen Gaben ausbilden laſſen. Er ſang vortrefflich, und um den eigenthümlichen Zauber dieſer Lieder zu verſtehen, muß man ſie von Negern mit ihren ſtrahlenden Blicken und ihrer naiven Hingebung ſingen hören. Auguſta iſt ein Städtchen von derſelben Bauart wie Savannah, aber kleiner, auch weniger ſchön, und in jeder Beziehung unbedeutender; gleichwohl iſt es recht zierlich und liegt an einer breiten Bucht des Savannahfluſſes. Ringsumher ſind nette Landhäuſer mit Gärten. Ich beſuchte verſchiedene, ſah ſchöne und ernſte Familien und hörte den hundertzüngigen Vogel im Eichwalde ſingen. Eichen wie unſere ſchwedi⸗ ſchen gibt es hier nicht, aber eine Menge anderer Eichenarten, worunter die Lebenseiche mit ihren glatt⸗ eckigen, feinen, ovalen Blättern die prächtigſte iſt. Während meines Aufenthalts in Auguſta war ich eine Zeit lang unſchlüſſig wegen eines Ausflugs, den ich nordwärts zu unternehmen beabſichtigt hatte. Ich wünſchte ſehr, das Hochland Georgias und den Tellu⸗ lahfall in dieſer Gegend beſuchen zu können, den man mir in Charleston als den pittoreskeſten in Amerika beſchrieben hatte; ich hätte gern das Original geſehen, das vor ein paar Jahren bei dieſem Waſſerfall das erſte Wirthshaus baute und ſeine älteſte Tochter„Mag⸗ nolia grandiflora,“ ſeine zweite„Tellulahfall“ taufte, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. 1. 28 434 auch ſeinem Sohne irgend einen andern kurioſen Na⸗ men gab, deſſen ich mich jetzt nicht mehr erinuere. Ich war ſchon halb entſchloſſen, die Fahrt zu unternehmen, und ein freundliches, junges Frauenzimmer hatte mir Briefe an ihre Freunde in Athen und Rom mitgege⸗ ben, Städte auf dem Weg an den Tellulahfall, die ſich vermuthlich zu den großen Städten dieſes Namens ungefähr ebenſo verhalten, wie wir zu Adam und Eva; aber die Hitze wurde ſo beftig und ich fühlte mich ſo matt davon, auch ſchilderte man mir die Reiſe als ſo beſchwerlich, daß ich ſie unterließ und ſtatt deſſen nach Charleston zurückzureiſen beſchloß über Columbia, die Hauptſtadt von Südearolina, deren außerordentlich ſchöne Lage in der Hochlandgegend des Staats man mir geprieſen hatte. Mit dem Verſprechen des Wieder⸗ ſehens verabſchiedete ich mich von meinen freundlichen Wirthsleuten, dankbar für den Aufenthalt in ihrem Hauſe, ſowie für Alles, was der Aufenthalt in Anguſta mir an Gold gegeben hatte, und zwar an beſſerem Gold, als das kaliforniſche iſt. Der ehrliche, gefällige Mr. Bones begleitete mich eine Strecke Wegs, bis ich auf der andern Seite des Fluſſes an die Eiſen⸗ bahn kam. Auf dem Wege dahin kamen wir am Sklavenmarkt vorbei und 40— 50 junge Perſonen beiderlei Geſchlechts wurden juſt jetzt auf der Piazza vor dem Haus auf⸗ und abgeführt, in Erwartung eines geneigten Käufers. Sie ſangen, ſie ſchienen munter und gedankenlos zu ſein. Auf meinen Wunſch hielten wir an und ſtiegen aus dem Wagen. Die jungen Sklaven, die hier ver⸗ kauft werden ſollten, waren von 12 bis 20 Jahre alt; auch war ein bloß fünfjähriger Knabe ohne Angehörige da Er hielt ſich an den Sklavenwächter, der arme, kleine Junge. Wo war ſeine Mutter? Wo war ſeine Schweſter und ſein Bruder? Mehrere dieſer Kinder waren helle Mulatten und einige Mädchen recht hübſch. Ein glaul ihre wäch und den. ſtentl Erni mitte dieſe da e Sklo Herr ſam ausſ ich. kenn 1 Ein zwölfjähriges Mädchen war ſo weiß, daß ich ge⸗ glaubt hätte, ſie gehöre der weißen Race an; auch ihre Züge glichen denen der Weißen. Der Sclaven⸗ wächter ſagte uns, Tags zuvor ſei ein noch weißeres und ſchöneres Mädchen für 1500 Dollars verkauft wor⸗ den. Dieſe weißen Kinder der Sklaverei werden mei⸗ ſtentheils Opfer des Laſters und verſinken in die tiefſte Erniedrigung. Noch einmal, welch ein Heidenthum mitten in einem chriſtlichen Land!... Die meiſten dieſer jungen Sclavenkinder waren aus Virginien, das, da es nicht vieler Sklavenarbeit bedarf, ſeine jungen Sklaven nach dem Süden verkauft. Es waren einige Herrn da, und etliche von ihnen machten mich aufmerk⸗ ſam darauf, daß die jungen Leute munter und ſorglos ausſahen.„Um ſo betrübender iſt ihr Zuſtand,“ dachte ich. Der Gipfel der Erniedrigung iſt ſie nicht zu kennen. Von dieſem Schandfleck in Georgias jungem, ſchönem Staat wandte ich meinen Blick einem andern Platz zu, der reich an Ehre und Hoffnung iſt. Er heißt„Liberty County;“ und ich bedaure ſehr, daß ich dieſe älteſte Heimath der Freiheit in Georgia nicht beſuchen konnte. Hier begann die erſte Bewegung im Süden für die Unabhängigkeit Amerikas. Die„Frei⸗ heitsjungen“ gingen von hier aus, und hier haben auch in den letzteren Zeiten die erſten wirkſamen Bewegun⸗ gen für die Erziehuug der Neger zum Chriſtenthum, ſowie für ihre Befreiung und Coloniſation in ihrem afrikaniſchen Mutterlande begonnen. Vor kurzer Zeit ſtarb in Liberty County ein reicher Plantagenbeſitzer, der durch ſeinen Eifer in dieſer Sache und durch ſeine Menſchenliebe allgemein bekannt war, Mr. Clay. Seine Leiche wurde von einer großen Schaar weißer ſowohl als ſchwarzer Menſchen zum Grabe begleitet. Die Weißen kehrten nach der Beerdigung in ihre Häu⸗ ſer zurück; aber die Reger blieben die ganze Nacht am 436 Grabe ſtehen und ſangen Pſalmen. Mr. Clay's Schwe⸗ ſter hat nebſt ihrem Bruder an der Arbeit für die Em⸗ porhebung der Sklaven Theil genommen und man ſagt, daß ſie nach dem Tode des Bruders dieſelbe fortſetze. Gott ſegne die edeln, freiſinnigen Menſchen! In Georgia fand ich im Allgemeinen folgende Anſicht über die Sklaverei vorherrſchend: „Die Sklaverei iſt ein Uebel. Aber in Gottes weiſem Rath wird ſie für die Neger ein Gut werden. Die Weißen, die ſie in Sclaverei gebracht haben, wer⸗ den ihre Schuld dadurch ſühnen, daß ſie ihnen das Chriſtenthum geben und ſie Ackerbau und Handwerk lehren. So werden ſie zuerſt erzogen, hernach allmälig befreit und in Afrika coloniſirt werden. Afrikas heid⸗ niſche Völker werden durch die zu Chriſten gewordenen und befreiten Sklaven Amerikas zum Chriſtenthum übergeführt und civiliſirt werden.“ Ich bin überzeugt, daß dieß die Wahrheit und der Weg iſt. Und in dieſer Anficht in Georgia, ſowie in ihren beginnenden Wirkungen ſehe ich einen Beweis, wie die öffentliche Meinung hier zu Lande den Geſetzen voraus iſt. Denn das Geſetz für die Behandlung der Sklaven ſteht in Georgia wie in Carolina ſehr tief. Georgia kann mit mehr Recht als Carolina die Palmettoſtadt genannt werden, denn es finden ſich hier wirklich ein Menge Palmetto's vor, und überdieß mehrere Pflanzen, welche die Nähe des Wendekreiſes und eine neue Face vom Kopf der Erde andeuten. (Und wie gerne möchte ich nicht dieſes Angeſicht des Wendekreiſes näher beſehen!) Eine dieſer Pflanzen, Yuca glorioſa, auch„der ſpaniſche Dolch“ genannt, ſendet ihre dolchſpitzigen Blätter nach allen Seiten vom Stamm aus und hat einen Büſchel prächtiger, weißer, glockenähnlicher Blumen. Und jetzt Adien für dieß⸗ mal, ihr ſchöne Blumen und noch ſchönere Menſchen Georgias! Ville Capi Süde Haup von zwei und im Staa oder Seite lumb ich, e liegt Cong Natu Freu habe Vorn welch Ueber iſt ſ Güte dieſer dieſel gelz neſt ganze ſtreife zu eit ner„ junge eine Herr we⸗ Em⸗ agt, etze. ende ttes en. ver⸗ das verk älig eid⸗ nen hum und wie eis, tzen der tief. die hier ieß iſes ten. des zen, nnt, om ßer, ieß⸗ chen Columbia iſt ein ſchönes Städtchen mit ſchönen Villen und Gärten, in deren Mitte ſich ein ſtattliches Capitol befindet; denn Columbia iſt die Hauptſtadt in Südcarolina. Jeder Staat in der Union hat ſeine Hauptſtadt, die mitten im Staat liegt und gewöhnlich von geringer Bedeutung iſt, außer als Sitzungsort der zwei geſetzgebenden Körper des Staats, des Senats und der Repräſentanten, die einige Monate des Jahrs im Kapitol der Stadt ſitzen. Ueberdieß hat jeder Staat ſeine große Handelsſtadt, die an der Meeresküſte oder an einem der großen Flüſſe liegt, welche von allen Seiten durch dieſen waſſerreichen Welttheil ſtrömen. Co⸗ lumbia in Carolina(jeder Staat in der Union hat, glaube ich, eine Stadt, die Columbia oder Columbus heißt) liegt ſchön auf einer Anhöhe in der Nähe des Fluſſes Congoree. Ich habe hier das Vergnügen gehabt, einen Naturforſcher, Mr. Gibbs, zu treffen, der mir viele Freundlichkeit erzeigt hat. In ſeinen Sammlungen habe ich Stücke von den Skeletten der gigantiſchen Vorweltsthiere Megatherium und Maſtodon geſehen, welche hier aus der Erde gegraben wurden. Dieſe Ueberreſte zengen von titaniſchen Thieren. Ein Zahn iſt ſo groß wie meine Hand. Mr. Gibbs hat die Güte gehabt, mir Zeichnung und Beſchreibung von dieſen Thieren zu ſchenken, und ich freue mich ſehr, dieſelben unſerem Profeſſor Sundevall nach Haus brin⸗ gen zu können. Er hat mir auch ein kleines Kolibri⸗ neſt geſchenkt, was das allerzierlichſte Ding in der ganzen Welt iſt, aus feinen Grashälmchen und Papier⸗ ſtreifchen gebaut. Eines Tags wurde ich von dem Profeſſor H. F. zu einer Negerhochzeit eingeladen, die er für zwei ſei⸗ ner Hausſklaven veranſtaltete. Die Brautpaare waren junge Leute von recht gutem Ausſehen, beſonders der eine Bräutigam, ein nachtſchwarzer Neger, den ſein Herr wegen ſeines vortrefflichen Charakters und aus⸗ 438 gezeichneter Intelligenz rühmte, ſowie die eine Braut, aber nicht die Braut dieſes Bräutigams, waren förm⸗ liche Schönheiten. Beide Bräute trugen weiße Kleider und Blumenkränze, was ihnen recht hübſch ließ. Der Pfarrer kam in die Regergeſellſchaft, trat vor die Braut⸗ paare und fertigte die Trauung ziemlich kurz und ſchnell ab; bald darauf begann im ſelbigen Zimmer der Tanz und Neger und Negerinnen ſchwangen ſich im muntern Walzer, die Damen zierlich mit Gazen und Blumen ge⸗ ſchmückt, gerade wie unſere Damen, bloß mit dem Unterſchied, daß dieſe mehr Putz, aber bedeutend we⸗ niger Grazie hatten. Gleichwohl ſahen ſie in dem ent⸗ lehnten und nachgeahmten Staat weit beſſer aus, als ich erwartet hatte. Während die ſchwarze Geſellſchaft eifrig tanzte, beſchaute die weiße den Hochzeitstiſch, der zierlich mit Blumen und hübſchen Kuchen bedeckt war, und unter dem Uebermaaß von Gerichten beinahe zu⸗ ſammenzuſinken ſchien. In einem deutſchen Profeſſor Lieber lernte ich einen talentvollen Schriftſteller und freundlichen Mann kennen. Im Uebrigen fand ich hier nichts Merkwür⸗ diges, als die Menge von Cornes(Colonels). Jeder⸗ mann hier von einigem Vermögen(wirklicher oder ehe⸗ maliger Plantagebeſitzer) wird Cornel genannt, wenn er auch nicht Militär geweſen iſt. Und ſolche Oberſten finden ſich in den ſüdlichen Staaten in Menge vor. Als ich meine Verwunderung darüber äußerte, ſagte man mir, wenn der Präſident der Vereinigten Staa⸗ ton die einzelnen Staaten beſuche, ſo ernenne er einen Theil dieſer Herrn zu ſeinen Adjutanten für dieſe Ge⸗ legenheit. Und dieſe bekommen dann und behalten den Titel als Oberſten. Aber der hohe Titel für einen ſo geringen Dienſt, ſowie die Schwäche für Titel, die einem Theil der republikaniſchen Bevölkerung Amerikas, zumal im Süden, ſichtlich anklebt, iſt etwas närriſch und ſteht in ſchlechter Harmonie mit den Zwecken die⸗ ſes ſpu Wa cher ein ſitze ich Pa füg ten gar aut, rm⸗ ider Der aut⸗ nell anz tern ge⸗ dem we⸗ ent⸗ als chaft der war, z e ich Nann wür⸗ eder⸗ ehe⸗ wenn erſten vor. ſagte Staa⸗ einen Ge⸗ n den en ſo 439 ſes Staats. Der alte Adam in der alten Uniform ſpuckt noch. Geſtern ging ich allein auf Entdeckungsreiſen in Wald und Feld aus. Ich kam an ein hübſches Häus⸗ chen mitten in einem Wald und in ſeiner Thüre ſtand eine dicke Mulattin, die ausſah, als wäre ſie die Be⸗ ſitzerin. Mit der Bitte um einen Schluck Waſſer kam ich ins Haus hinein und ins Geſpräch mit dem alten Paar, einem Neger und ſeiner Frau, welche das Ver⸗ fügungsrecht über das Häuschen und ein Gärtchen hat⸗ ten. Die Mulattin war geſprächig und zeigte mir das ganze Haus, das ihr und ihres Mannes Herr ihnen gekauft und für ihre Lebenszeit geſchenkt hatte. Alles darin, wie auch der Zuſtand des Gartens, zeugte von der Ordnungsliebe und dem angenehmen Zuſammen⸗ leben des alten Paares. An einem andern Ort außerhalb des Waldes ſah ich in einem kleinen Hof zwei ältere weiße Frauen⸗ zimmer, offenbar Schweſtern, in ziemlich dürftigen Klei⸗ dern im Schatten eines großen Kaſtanienbaumes ſitzen. Ich bat um Erlaubniß zu ihnen zu kommen und mich mit in den Schatten zu ſetzen. Sie willigten ein und ſo wurde ich bekannt mit ihnen, durfte ihr Haus be⸗ ſehen und erfuhr ihre Lebensverhältniſſe. Sie waren gering und armſelig. Die Schweſtern hatten beſſere Tage geſehen, waren aber nach des Vaters Tod in Noth gekommen; jetzt ernährten ſie ſich von dem Höf⸗ chen und mit Kleidernähen. Sie waren zufrieden; Frömmigkeit und Arbeit machten ihnen das Leben lieb und die Tage nicht lang. Wenn nur die Geſund⸗ heit der einen Schweſter etwas beſſer wäre! und der Sommer und der Sand weniger heiß Wie ähnlich ſind ſich doch die Verhältniſſe der Menſchen im Ganzen überall! wie gleich die Urſachen des Leidens und Glückes, der Freude und des Kummers! Hier iſt es der Sommer und der Sand, der dem Glück im Wege 440 ſteht, an einem andern Ort iſt es der Winter und der Grauſtein, überall die Kränklichkeit. Charleston, den 2. Inni. Dieſes Charleston, dieſes„Enlenneſt“ iſt doch ſehr angenehm, wie es jetzt gleich einem ungeheuren Strauß von duftenden Bäumen und Blumen daſteht, und es hat recht freundliche, liebenswürdige Menſchen. Der Empfang, den mir alte und neue Freunde angedeihen ließen, hat mich wahrhaft gerührt. Ich gewinne Char⸗ leston lieb wegen ſeiner Bewohner, beſonders wegen meiner zwei Frauen, Mrs. Howland und Mrs. Hollbrook. Ich bin jetzt wieder in dem guten Hauſe der erſteren, wo man mich wie ein Mitglied der Familie behandelt. Ich kam vor drei Tagen halb gebraten von der heißen Luft, von Sonnenſchein, Rauch und Staub hier an, traf aber hier eine ächt ſchwediſch kühle Sommerluft, die noch heute vorhanden iſt und mich ſehr erfriſcht, ſowie auch all das Gute, Comfortable und Angenehme, wo⸗ ran dieſes Haus reich iſt. Gott ſei Dank für dieſes gute Haus und für alle guten Häuſer auf Erden! „Für alle gute Heimathen!“ lautet mein gewöhnlicher Toaſt, wenn ich an einem amerikaniſchen Tiſch einen ſolchen ausbringe. Von Mr. Hollbrook fand ich auf meinem Schreib⸗ tiſch einen ſchönen Blumenſtrauß und ein Buch, das mich überraſchte und erfreute. Denn ich erwartete kaum in der jungen neuen Welt und am wenigſten un— ter den Sandwüſten Südearolinas einen tiefgehenden, reifdenkenden Geiſt zu finden, der wie mein Freund Böklin in Schweden und H. Martenſen in Dänemark in ſeiner Religionsphiloſophie den Grund des chriſtli⸗ chen Glaubens in die höchſte Vernunft ſetzt. Aber juſt dieſer ächt germaniſche Gedanke iſt es, den ich im Buch des ſop Gle nen unt ton ſam zu gen Me gen wic vor die me iſt den zu lich un der hal der zu jun wil ner ſell hab bra unt Ab aue für das der ehr uß Nr en 1r⸗ ter ch an ch fü af ie vie P ſes n! er en b⸗ as ete * n, d rk des jungen Miſſionärs James W. Miles:„Philo⸗ ſophiſche Theologie der letzten Gründe alles religiöſen Glaubens, baſirt auf die Vernunft“ finde; einem klei⸗ nen Buch von großem Inhalt, mit engliſcher Klarheit und Beſtimmtheit geſchrieben, frei von aller deutſchen Weitläufigkeit. Das Büchlein kommt Martenſens„Au⸗ tonomie“, dieſem herrlichen Schriftchen(deſſen Zukunfts⸗ ſamen für die religiöſe Wiſſenſchaft Martenſen noch zu entwickeln hat) ſehr nahe undfreut mich auch deßwe⸗ gen ſo ſehr, weil es beweiſt, daß die Denkgeſetze im Menſchengeſchlecht ſich nach einer inneren, von zufälli— gen Verhältniſſen unabhängigen Nothwendigkeit ent⸗ wickeln. Wahrheiten, Entdeckungen emigriren nicht von einem Land in das andere. In allen Völkern, die ungefähr auf der gleichen Bildungsſtufe ſtehen, kom⸗ men dieſelben Phänomene, dieſelben Anſichten vor. So iſt hier ein einſiedleriſcher, menſchenſcheuer, aber tief denkender junger Mann auf denſelben Gedankenwege zu denſelben Reſultaten gekommen, wie unſere vortreff⸗ lichſten philoſophiſchen Theologen in Scandinavien und ohne von ihnen oder den Quellen zu wiſſen, aus denen ſie das neue Leben des Gedankens getrunken haben. Ein Beiſpiel in dem Buch, um das Verhältniß der ſubjectiven Vernunft zur objectiven(des Menſchen zu Gott) klar zu machen, ein Beiſpiel, deſſen ſich der junge Miles bedient, hat mich um derſelben Urſache willen,(nämlich wie getreunte Geiſter in fern entlege⸗ nen Ländern und ganz andern Verhältniſſen anf die⸗ ſelben Gedanken kommen) frappirt, denn dieſes Beiſpiel habe ich mehrmals ſelbſt als Beweis im Geſpräch ge⸗ braucht, habe es für meine eigene Erfindung angeſehen, und meine kleine, eigenliebige Freude darüber gehabt. Aber wie viel froher bin ich nicht zu ſehen, daß es auch vor einer andern ſuchenden Seele geblitzt hat und für ſie ein Beiſpiel geworden iſt! Das Beiſpiel iſt das Verhältniß zwiſchen dem bekannten Le Verrier und 442 dem Stern, deſſen Gegenwart ſeine Berechnung und Entdeckung konſtatirte. Der Stern war da und wirkte, der Menſchengedanke war da und beobachtete. Der Stern zog an, der Menſch folgte und fand den Stern. Das Licht und das Ange begegneten ſich. Und alle Augen können jetzt den Stern ſehen und Niemand kann daran zweifeln. So mußten Gottes Wahrheit und des Menſchen Vernunft auch in der Theologie einander ſuchen und ſinden.*) Ich ſchrieb an Mrs. H. ſogleich von meiner herz⸗ lichen Freude über das Buch. Und noch einmal hoffe ich in den Myrthenhainen Belmonts mit ihr herum⸗ wandeln und ein geiſtiges Feſt feiern zu dürfen. Die älteſte Tochter hier im Hauſe, Juſtina, iſt jetzt nach mehrjährigem Aufenthalt zu Baltimore in Mary⸗ land zurückgekommen. Es war mir ein Genuß, ihren jubelnden Empfang im Hanſe zu ſehen. Wie gleichen ſich doch alle guten Heimathen und Familienverhältniſſe! Dieſelbe Sorge, dieſelbe Freude! Aber das habe ich ſchon lang verſtanden, auch ohne es zu ſehen. Heute Abend iſt mir zu Ehren eine größere Soiree im Hauſe. Ich bin froh, daß ſie nicht auf meine Verantwortung geht. Ich habe nichts zu thun, *) Viele Menſchen glauben Gott dadurch zu ehren, daß ſie den Menſchea recht armſelig und dumm machen. Ich kann es nicht ſo anſehen, das Werk mußden Mei⸗ ſter ehren. Das iſt die Größe des Schöpfers, daß er verſtändige Weſeu macht und von ihnen verſtanden ſein will. Es iſt des Menſchen Recht und Ehre, daß er ihn verſtehen ſoll und kann, daß er ihn mit ſeinem Gefühl und Begriff erfaſſen kann. Der Abſtand zwi⸗ ſchen dem Schöpfer und dem Menſchen iſt noch immer bedeutend genug, um ihm Veranlaſſung zu unendlicher Demuth, unendlicher Anbetung, diemit ſteigender Ein⸗ ſicht blos ſteigt, zu geben. noen daß nem zwi⸗ imer icher Ein⸗ 443 als in leidlich eleganter Kleidung herumzugehen, der „ſchönen Unterhaltung“ obzuliegen, auf Fragen:„how do Jyou like this und how do Jou like that“ zu ant⸗ worten und nach Kräften ämabel zu ſein. Den 10. Juni. Jetzt, mein liebes Kind, will ich dieſen Brief, der allzulange verweilt hat, reiſefertig machen. Ich habe mich einige Tage lang damit erfreut, nichts zu thun, auszuruhen, den Colibri um die rothen Blumen im Garten herum flattern und den großen Buſſard auf Dächern und Kaminen ſitzen zu ſehen, ſeine gewaltigen Flügel im Wind oder in der Sonne ausbreitend(wo ſie recht pittoresk ausſehen und im uebrigen mich ein wenig geiſtig im Staat und in der Stadt umzu⸗ ſchauen. Südcarolina iſt ein Staat von weit ariſtokrati⸗ ſcherer Art in Geſetzen und im Geſellſchaftsleben als Georgia und hat nicht das Freiheits⸗ und Menſchlich⸗ keits⸗Element zur Grundlage ſeines Lebens, wie der jüngere Schweſterſtaat. Maſſachuſett und Virginien („the Old Pominion“), dieſe beiden älteſten Mutter⸗ körbe, aus welchen Schwärme nach allen andern Staa⸗ ten in der Union ausgegangen ſind, ſendeten auch nach Südcarolina ſeine erſten Bebauer. Puritaner und Ca⸗ valiere vereinigten ſich hier, aber blos durch das Geld⸗ intereſſe; die Engländer, Lord Shaftesbury und John Locke, ſtifteten hier eine ariſtokratiſche Geſellſchaft und die Negerſklaven wurden als das abſolute Eigenthum ihrer Herrn erklärt. Südcarolina ermangelt ijedoch in ſeiner älteſten Geſchichte nicht des Momentes, wodurch es zum Mitglied des Reiches der neuen Welt wird und das nach meinem Dafürhalten darin beſteht, den in der alten Welt verfolgten Kindern der Freiheit eine neue 444 Heimath zu geben, ja allen verfolgten, unterdrückten und verunglückten Menſchen Gelegenheit zu bieten, daß ſie von Neuem ein neues Leben, ein nenes Hoffen, eine neue glücklichere Entwicklung beginnen können. Der edle Coligny in Frankreich hatte ſeit langer Zeit ſeine Blicke auf Südcarolina, als einen Zufluchts⸗ ort für die Hugenotten geworfen. Und als die Ver⸗ folgung gegen ſie in all ihrer grenzenloſen Grauſam— keit ausbrach, da flohen diejenigen, die ſich retten konn— ten, über das Meer und in dieſes Land, welches ihnen die Sagen als Nordamerikas„Schönheit und Reid“ geprieſen und wo jeder Monat im ganzen Jahr ſeine Blumen hatte.(Das Letztere iſt vollkommen wahr.) „Wir verließen unſere Heimath bei Nacht,“ erzählt die junge Judith Marigault,„während die Soldaten ſchliefen, und wir ließen das Haus und alles was ſich darin vorfand, im Stich. Wir waren ſo glücklich uns zehn Tage lang in der Dauphiné verbergen zu können, während man nach uns fahndete.“ Nach einer Reiſe voll von Abenteuern und Widerwärtigkeiten, welche ſie ſchildert, fährt ſie fort: „Nach unſerer Ankunft in Carolina erlitten wir alle Arten von Unglück. Nach achtzehn Monaten ſtarb un⸗ ſer älteſter Bruder am Fieber, ermattet durch harte Arbeit, an die er nicht gewöhnt war. Wir hatten ſeit unſerer Abreiſe aus Frankreich Kummer, Krankheit, Peſt, Anſteckung, Hunger, Armuth erlitten. Ich habe ſechs Monate lang wie ein Sclave in der Erde gearbeitet ohne ein Brod zu koſten, und ich habe es vier oder fünf Monate lang vermißt, als ich es bedurfte. Und gleich⸗ wohl hat Gott große Dinge für uns gethan, indem er uns in ſo ſchweren Prüfungen aufrecht erhielt.“ Judith Marigaults Sohn, der ein reicher Mann wurde, weihte im amerikaniſchen Freiheitskampf ſein großes Vermö⸗ gen dem Dienſt des Landes,„das ſeine Mutter aufge⸗ nommen hatte.“ Von Langnedot, von Rochelle, von — u u —— Saintiage, von Bordeaux und mehreren franzöſiſchen Städten und Provinzen flohen verfolgte Familien, „welche die Tugenden der Puritaner beſaßen, aber ohne ihre Einſeitigkeit,“ nach Carolina Sie erhielten Land an den blumenreichen Ufern der Ströme und frei konnten ſie unter den herrlichen uralten Bäumen Lob⸗ geſänge zu ihrem Gott emporſenden. So wurde Süd⸗ carolina die Zufluchtsſtätte der franzöſiſchen Puritaner und nahm ſeinen Platz ein in dem großen Völkeraſyl, welches die neue Welt noch heut zu Tage anbietet. Und noch heut zu Tage ſind Carolina und die meiſten Pro⸗ vinzen des Südens voll von Familien, die von dieſen älteſten Hugenotten⸗Emigranten abſtammen, aber ſie haben von ihnen faſt nichts mehr als den Namen. Sprache, Sitten, Erinnerungen ſind unter dem Einfluß des Geſetze ſtiftenden und Ton angebenden Volksſtam⸗ mes der neuen Welt verwiſcht worden. Aber etwas von franzöſiſcher Facon und franzöſiſcher Sinnesart macht ſich noch immer geltend im Leben und in der Gemüthsart des ſüdlichen Volks. In Südearolina ſind Ton und geſellſchaftliche Ver⸗ hältniſſe noch heutzutage ariſtokratiſch, und zwar auf eine Art, die ich kaum billigen kann, ſoſehr mir auch gewiſſe Perſonen dort gefallen. Und die Ariſtokratie hier hat auch das mit allen jetzt beſtehenden Ariſto⸗ kratien in der Welt gemeinſchaftlich, daß die ariſto⸗ kratiſchen Tugenden und ihre Grandezza zum größern Theil verſchwunden ſind; blos ihre Anſprüche ſind ge⸗ blieben. Die reichen und prachtliebenden Plantagebeſitzer von ehemals ſind nicht mehr ſo. Reichthum, Macht, groß⸗ artige Gaſtfreundſchaft, Alles hat abgenommen. Und unter der Feſſel der Sklaverei bleiben die ſüdlichen Staaten immer weiter zurück hinter den nördlichen, deren Wohlſtand und Bevölkerung ſo ungemein ſchnell zunehmen. Auch in die ſüdlichen Staaten beginnt die Völkerwanderung der Jetztzeit einzudringen mit ihren 446 Manufakturen und Fabriken, und weit mehr in Georgien als in Carolina. Aber auch in Carolina hat neulich ein Neuengländer, Mr. Gregg, eine Baumwollen⸗ ſpinnerei eingerichtet, ähnlich der Lowellſchen, nebſt ſehr ſchönen Gartenanlagen für die Arbeiter. Die ſüdlichen Staaten ſtehen jedenfalls auf der Bahn der menſchlichen Kultur hinter den nördlichen weit zurück durch die unglückſelige Sklaveneinrichtung mit all ihren Folgen für die Schwarzen ſowohl als die weiße Bevölkerung. In den ſüdlichen Staaten fin⸗ den ſich große Individualitäten, aber keine große Ge⸗ ſellſchaft, keine im Verein emporſtrebende Bevölkerung. Die Sclavenfeſſel bindet Alles und Alle mehr oder weniger. Aber ich liebe den Süden. Ich habe da viel zu lieben, viel hochzuachten, viel zu genießen, viel zu danken gefunden; und da es in meinem Weſen liegt, mich in das Leben, das ich mitlebe oder zu be⸗ trachten habe, hinein zu verſetzen, ſo habe ich mich im Süden als Südländerin gefühlt, und im Gefühl des eigenthümlichen Lebens, der eigenthümlichen Verhältniſſe und Lage des Südens, im Gefühl des vielen Guten, das hier lebt und gethan wird, habe ich wohl das bit⸗ tere Gefühl verſtanden, das in manchen, auchedlen Ge⸗ müthern gegen den despotiſchen und unbilligen Norden, d. h. gegen denjenigen Theil ded Nordens, der ſo ſehr gegen den Süden iſt, gegen die Ultraabolitioniſten und ihr Treiben aufgährt. Blos wenn ich ſie den Ultras der Sklavereipartei entgegenſtelle, dann—— halte ich es mit den erſteren. Aber was wollte ich nicht da⸗ für geben, wenn der Süden, der aufgeklärte, der edle Süden ſelbſt die Streitfrage in die Hand nähme und dem gerechten, ſowie dem ungerechten Tadel auf eine große und edle Weiſe den Mund ſtopfte durch Geſetze, die eine ſtufenweiſe Befreiung befördern könnten, durch ein Geſetz wenigſtens, welches dem Sklaven geſtattete, für einen gewiſſen, geſetzlich feſtgeſtellten billigen Preis v — SD** — v M*— N N— S——— 447 ſeine und der Seinigen Freiheit zu kaufen! Das könnte man, glaube ich, von den ſüdlichen Staaten verlangen, als eine Gerechtigkeit gegen ſich ſelbſt, ſowie gegen das gemeinſame Vaterland,— in ſofern ſie an deſſen ſtolzen Freiheitsbriefen Theil haben wollen, und das wollen ſie;— gegen ihre Nachkommen, gegen das Volk, das ſie in Sklaverei gebracht haben und welchem ſie hiemit eine Zukunft eröffnen würden, zuerſt durch die Hoffnung, ſodann durch eine neue Exiſtenz im Freiheitsleben, entweder in Afrika, oder auch hier im Vaterland als freie Diener oder Arbeiter der Weißen. Denn ich geſtehe, daß nach meinem Dafürhalten die ſüdlichen Staaten einen großen Theil ihres Reizes und ihrer Eigenthümlichkeit verlieren würden— mit ihrer ſchwarzen Bevölkerung. Bananas, Neger und Negerinnen ſind für die Sinne das Erquickendſte, was ich in den Vereinigten Staaten gefunden habe. Und Jedermänniglich in Alt⸗ oder Neuengland, wer vom Spleen, Verdauungsſchwäche oder Ueberanſtrengung des Kopfs oder der Nerven gequält wird, wollte ich als Radikalkur anbefehlen: reiſe nach dem Süden, iß Ba⸗ nanas, ſieh die Neger und höre Negergeſänge an; das wird helfen. Dazu kommt noch der Urwald mit ſeinen Blumen und Düften ſammt den rothen Flüſſen!... Aber die Neger vor Allem! Sie ſind des Südens Le⸗ ben und gute Laune. Je mehr ich von dieſem Volk, ſeinen Geberden, ſeiner Gemüthsart, ſeiner Art zu ſprechen, zu ſingen, ſich zu bewegen ſehe, um ſo klarer iſt es mir, daß ſie ein beſonderer Stamm in der großen Menſchenfamilie ſind, beſtimmt eine beſondere Phyſiognomie, eine be⸗ ſondere Abart des alten Typus Menſch darzuſtellen; und dieſe Phyſiognomie iſt die des kindlichen Ge⸗ müthes. Geſtern Abend war ich mit Mrs. Howland an ei⸗ nem Platz in der Stadt, wo die Reger, die den Tag — 448 über von den Plantagen nach Charleston gekommen waren, um ihre kleinen Handarbeiten(Körbe, Geflechte, Teppiche u. ſ. w.) nebſt Gartengewächſen zu verkaufen, mit ihren Booten anlegen. Es war jetzt Abend und die Neger kamen an die Boote, um den Fluß hinauf⸗ zufahren; ſie kamen mit Bündeln in ihren Händen und Körben auf den Köpfen, mit allerlei Gefäßen voll von Vorräthen, die ſie für das erlöſte Geld eingekauft hatten und worunter Waizenbrod und Melaſſe oder Molaſſe(brauner Syrup) die Hauptartikel auszumachen ſchienen. Schon waren zwei Boote voll von Leuten mit Körben und Krügen und man hörte da das mun⸗ terſte Geſchwatz und Gelächter; aber noch wurden meh⸗ rere erwartet und ich hörte: Adam, und Aaron, und Sally, und Mehala, und Luch, und Abraham, und Sarah! rufen. Wir ließen uns inzwiſchen mit den Negern, die noch am Ufer ſtanden, ins Geſpräch ein, fragten ſie, wem ſie gehören, ob ſie es gut hätten n. ſ. w. Zwei, mit denen wir ſprachen, konnten ihre Herrn nicht genug rühmen und erzählten uns, was ſie alles von ihnen bekommen; dagegen ſprachen ſie übel von einem andern Pflanzer in der Nachbarſchaft.„Ich glaube, ihr ſchimpft über meinen Herrn?“ ſagte ein junger, etwas griesgrämiger Neger, der mit drohender Geberde vortrat, worauf die andern ſogleich ſich zu⸗ rückzogen.„Nein, bewahrez ſie hätten nichts geſagt, blos daß ihre Herrn“. Aber jetzt wurden ſie von dem Ritter des getadelten Herrn unterbrochen, welcher betheuerte, daß ſein Herr nicht ſchlimmer ſei, als der ihrige u. ſ. w. Nun entſtand ein ſtarkes Ru⸗ fen nach Sally, und Relly, und Adam, und Abraham, und Aaron; und nun zeigten ſich Relly, und Sally, und Abraham, und Adam, und Aaron und ich weiß nicht, wie viele farbige Söhne und Töchter Adams mit Krügen und Körben und Flaſchen an den Strand herab und ſodann in die Boote hinein geſprungen ka⸗ 449 men unter lautem Rufen, Schwatzen und Lachen, und wie alles das in die Boote hinein kam, Menſchen und Molaſſe, Männer und Weiber, Körbe und Krüge, drun⸗ ter und drüber und um einander herum purzelnd ohne Ordnung und Raiſon, ſoweit ich ztdecken konnte— —— das vermag ich nicht zu beſchreiben. Ich gaffte blos voll Verwunderung. Es war wie eine verworrene Maſſe von Armen und Beinen und Köpfen in einem ſchwarzen Gemenge; aber munter war es und vergnügt ing es zu und vergnügt ging es ab. Und die ganze ſchwarze Maſſe wurde ſtill und die Boote löſten ſich vom Strande ab; es ging ein wenig Zickzack im Kanal, und Geſchwatz und Gelächter hörte man von einem Boot zum andern, und weiße Zähne glänzten in der Finſterniß. Aber als ſie weiter den Fluß hinauf famen, da ſchlugen die Ruder in gleichmäßigem Takt in dem ſpiegelklaren Waſſer, da begann der Geſang und die komiſche Verwirrung löſte ſich in der ſchönſten Harmonie auf. Eine Eigenheit bei dieſen ſogenannten Naturkindern iſt ihr ariſtokratiſcher Sinn(aber ich habe die Natur⸗ finder immer als natürliche Ariſtokraten angeſehen)- Sie ſind ſtolz darauf reichen Herrn anzugehören und betrachten die Ehe mit dem Diener eines armen Herrn als eine große Mesalliance. Sie halten auf ihren rei⸗ chen Herrn ſo viel, wie ein öſterreichiſcher Graf von altem Stamm auf ſeine Ahnen. Was mehr als irgend etwas anderes der Befreiung dieſes Volkes als Volk und in größerer Maſſe im Wege ſteht, das iſt ſein Mangel an Nationalität, ſein Mangel an Volksgeiſt und Gemeinſinn. Sie haben blos Sinn für die Familie oder für Angehörige(und viel⸗ leicht für den Stamm, da wo der Stamm unzerſplittert geblieben iſt, wie in Afrika). Sie haben keine gemein⸗ ſchaftliche Erinnerungen, und kein gemeinſchaftliches natio⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. l. 9 450 nales, höheres Streben. Auch Afrikas Stämme und kleine Königreiche beweiſen das. Und wer glaubt, daß Amerikas befreite Negerſklaven jenſeits des Meeres in Liberien, in Afrika die republikaniſche Staatsbildung der Amerikaner fortpflanzen könnten, der befindet ſich nach meiner Anſicht im Irrthum. Aber kleine monar⸗ chiſche Staaten— dazu ſcheinen ſie geſchaffen zu ſein. Sie beſitzen in hohem Grade Pietäts⸗ und Loyalitätsſinn, und werden ſich von einer natürlich überlegenen Perſon immer leicht und gern regieren laſſen. Darum ſehe ich das Ideal des Lebens der Negervölker in kleinen Staa⸗ ten, veredelt durch Chriſtenthum, geordnet um ein Ober⸗ haupt, welches der Prieſter oder König oder bei⸗ des zugleich wäre. Und in Amerika ſähe ich ſie am liebſten ſo um einen weißen Mann, als freie Diener oder kleine Pächter, und ich bin überzeugt, daß, um das Volk zur Ordnung und zu billiger Arbeit zu bringen, Sklavenketten und Peitſchen nicht nöthig ſind, ſondern blos eine chriſtlich-menſchliche Erziehung zur Arbeit und Ordnung, die Predigt des Chriſtenthums und der große Einfluß, den ein Mann von der weißen Race vermöge ſeiner natürlichen Ueberlegenheit in Denk⸗ kraft und Syſtem über den Schwarzen beſitzt. Wollte er dazu noch ein moraliſches Uebergewicht in die Wag⸗ ſchale legen, ſo würde er ſehr mächtig werden. Auch gilt für die weißen Herrn im Süden der Aufruf, wel⸗ chen Viktor Hugo an die Könige Europas erläßt: „O, rois! soyez grands, car le peuple grandit 1“ (D Könige ſeid groß, denn das Volk wird groß.) Die Sklavenbevölkerung des Südens wächst mit jedem Tag an Anzahl und Einſicht, wächst durch den Einfluß der freien Schwarzen und Mulatten, welche auch täglich in den Sklavenſtaaten überhand nehmen und ſich an den Rechten der Weißen auf Erziehung be⸗ theiligen. Mit einem Wort, die ſchwarze Race iſt in den ſüdlichen Staaten in jeder Beziehung im Wachſen — ⸗ Grc— S 8— — N 8 8 451 vegriffen. Möchte die weiße es verſtehen, auch zu wach⸗ ſen an Geiſt, an Geſetzen und Leben! Sie hat eine große Aufgabe zu löſen. Ich hoffe auf den edeln Sü⸗ den, auf die Kinder des Lichts, auf die wahrhaft Freien in den, Sklavenſtaaten. Sie werden die Sache in Gang bringen. Und es würde nicht ſchwer halten, wenn nur die Weiber wachen wollten. Aber ach! die meiſten hier ſchlafen noch, ſchlafen auf weichen Kiſſen, geflochten von Sklaven und Sklavinnen, nicht als freie Weiber. Man hat ſo lange mit den Weibern davon geſprochen, daß ſie auf die„kleine Stimme“ hören ſollen. Und das iſt gut. Aber jetzt iſt es Zeit, daß ſie auch auf die große Stimme hören, auf die Stimme des Gottesgeiſts im Menſchengeſchlecht, der über die ganze Erde hinzieht und alle freien Völker durchbebt. Wahrlich, es iſt Zeit; und Zeit, daß ſie, indem ſie auf dieſe Stimme hören, großſinnig werden in Herz und Gedanken.„Wenn die Mütter edelſinnig ſind, werden nicht die Söhne edel ſein?“ ſchrieb mir neulich eine der edeln Frauen Amerikas. Die Geſchichte antwortet darauf: Ja! Was die Sklavenbeſitzer betrifft, ſo möchte ich ſie in drei Klaſſen theilen: Mammonsanbeter, Patriarchen⸗ und Herven oder Zukunftsmänner. Die erſten betrachten die Sklaven blos vom Stand⸗ punkt des Gewinnes aus und gebrauchen oder mißbrau⸗ chen ſie nach Gutdünken. Die zweiten kennen die Ver⸗ antwortung ihrer Stellung, glauben das von ihren Vätern ererbte Eigenthum, welches vielleicht auch Alles iſt, was ſie für ſich und ihre Kinder beſitzen, nicht auf⸗ geben zu können und zu dürfen, und machen ſichs zur ſtrengen Pflicht, dieſe ererbten Diener zu verpflegen, für ihr Alter zu ſorgen und ihr gegenwärtiges Leben ſo glücklich als möglich zu machen durch Unterweiſung im Chriſtenthum, und durch ſo viel Freiheit, ſo viel un⸗ ſchuldige Freude, als nur möglich. Die dritte höchſte Klaſſe 452 ſorgt für das Wohl der Sklaven mit dem Blick auf ihre Befreiung, und wirkt dafür durch Erziehung und ſodann durch praktiſche Unterſtützung. Sie führen Volk und Land vorwärts auf der Bahn der menſchlichen Kultur. Als Angehörige dieſer letzten Klaſſe habe ich jetzt einige Perſonen auch in Carolina bezeichnen gehört, und be⸗ ſonders neulich ein Paar vermögliche Frauen, die ihre Sklaven emancipirt haben. Dieß wird durch die Ge⸗ ſetze erſchwert; aber auch hier beginnt das allgemeine Bewußtſein dem Geſetze voranzugehen, und Juriſten helfen durch Aufſetzung von Dokumenten ſelbſt dazu in dieſem Capitel das Geſetz zu umgehen. Wenn man es ihnen vorwirft, lachen ſie und ſcheinen keine Ge⸗ wiſſensbiſſe darüber zu empfinden. Von den Patriarchen habe ich einige ſehr ſchöne Züge erzählen gehört, und ſo auch von ihren Sklaven und der beiderſeitigen Ergebenheit. Ich glaube daran, weil ich verſchiedene davon geſehen habe und es ganz natürlich finde. Ueberhaupt gibt es keinen Menſchen, für den ich größere Achtung und größere Theilnahme hätte—(denn ſeine Stellung iſt ſchwer und reich an Bekümmerniſſen), als für einen guten und gewiſſenhaften Sklavenbeſitzer. Aber ich bleibe dabei, das Inſtitut der Sklaverei erniedrigt die Weißen noch mehr als die Schwarzen und wirkt ſchädlich auf ihre Entwicklung, ihren Rechts⸗ ſinn, ihre Urtheilskraft; es wirkt ſchädlich beſonders auf die Erziehung der Kinder, es verhindert die in zar⸗ ten Jahren ſo wichtige Bemeiſterung ihrer von Natur heftigen Gemüthsart und befördert dadurch alle rohe und eigenmächtige Neigungen. Die Privatmoralität, wie die öffentliche leiden gleich ſehr darunter. Aber jetzt genug— und vielleicht für Dich zu viel— von dieſer Schattenſeite in den Staaten, welche die Sonne liebt. Ich muß Dir jetzt eine kurze Zuſammenſtellung meines Thuns und Laſſens in dieſer letzten Zeit geben. SO e——— r en 8 8 g — — n S 8 8 453 Ich glaube, daß ich das letzte Mal bei dem Feſt ſtehen blieb, das im Haus gegeben werden ſollte. Es war recht ſchön und gelungen und auch recht angenehm. Frau Hammarsköld(Emilie Holmberg) ſang recht artig; ich ſpielte ſchwediſche Tänze, man ſchwatzte, ſpazierte, aß und trank—„tout comme chez nous.“ Ich ſah an dieſem Abend einen der ausgezeichnetſten Belletriſten, Dichter und Romanſchreiber Südcarolinas, Mr. Simms. Er iſt Enthuſiaſt für die Landſchaften des Südens, das freut mich und darin kamen wir gut überein; nicht ſo in der großen Frage. Aber das erwartete ich auch nicht. Einen jungen Mann von vorurtheilsfreiem, wahrheits⸗ reinem Blick in dieſer Frage möchte ich— an meinen Buſen drücken— wenn er es mir erlaubte. Ich ſah auch einen Bruder des jungen Miles, der in dieſer Frage zu mir ſagte:„Die Welt iſt gegen uns und wir werden überſtimmt und verurtheilt werden, ohne daß man uns Gerechtigkeit für das widerfahren läßt, was wir für unſere ſchwarzen Diener wirklich ſind und thun!“ Ich konnte nicht umhin, mit ihm darin zu ſympathi⸗ ſiren. Die Spannung iſt ſtark und die Bitterkeit in dieſem Augenblick groß zwiſchen dem Süden und Nor⸗ den der Union. Und manche Stimmen in Südcarolina rufen nach Trennung und Krieg. Ferner bin ich bei einem großen Feſt geweſen, das von dem Gouverneur Südcarvlinas, Mr. Akin und ſeiner ſchönen ladygleichen Frau gegeben wurde. Man machte recht ſchöne Muſik, und im Uebrigen unterhielt man ſich drinnen in den Zimmern oder außen auf der Piazza im Schatten blühender Rankengewächſe(Cle⸗ matis, Geisblatt und Roſen) in der milden Nachtluft recht romantiſch. Man ſagt, es ſeien 500 Perſonen ein⸗ geladen geweſen. Das Feſt war eines der ſchönſten, denen ich hier zu Lande angewohnt habe. Ich ſah da viele hübſche junge Töchter des Südens, aber keine großen Schönheiten, dagegen viele ſehr weiße. Die 454 Frauenzimmer pudern ſich hier im Allgemeinen mit Weiß und trocknen dann den Puder ab, wodurch ihre Haut für den Augenblick eine ſammtartig weiche Farbe bekommt; aber hernach wird ſie um ſo gelber. Man ſagt, die große Hitze mache dieſes Pudern nothwendig. Ich habe jnſt nichts dagegen, wenn nur der Puder recht abgetrocknet würde; aber dieß geſchieht oft ſehr un⸗ vollkommen. Ich vermuthe, daß dieſe weiße Schminke ein Erbtheil vom alten Frankreich iſt. Noch einmal habe ich mich mit Mrs. Hollbrook in Belmonts Myrtenhainen ergangen und mit ihr ein Geiſtesfeſt genoſſen. Den geiſtreichen jungen Miſſionär Miles habe ich auch geſehen; ein bleiches, ausdrucks⸗ volles Geſicht mit tief dringendem Auge;— aber ach! bis ins Herz der großen Frage drang es ſo wenig, als die meiſten Augen hier. In andern Punkten erfreut mich der ſtarke, freie Blick ſeines Geiſtes. Zu Mrs. Hollbrook war ich einen Abend eingeladen, um ver⸗ ſchiedene ältere Mitglieder ihrer Familie zu treffen. Ich ſah hier ein Paar unverheirathete alte Frauen⸗ zimmer, Beſitzerinnen einiger ſchönen Inſeln an Caro⸗ linas Küſte, wo ſie allein mitten unter thren Negern als ihre Eigenthümerinnen, Rathgeberinnen und Aerz⸗ tinnen und im beſten Einverſtändniß mit ihnen leben. Eine Einladung bedaure ich nicht annehmen zu können, wenigſtens für dießmal, nämlich zu Mr. Spal⸗ ding, einem reichen alten Mann, der auf der ſchönen Inſel, welche er bewohnt, die Palmettos in Freiheit wachſen und die Negerſclaven ebenfalls in Freiheit, nur regiert durch die Pflicht und die Geſetze der Liebe, arbeiten läßt; und das ſoll vortrefflich gehen, und der Ehrenmann hat mich eingeladen, es zu ſehen. Möge er ewig leben! Es iſt jetzt entſetzlich warm hier, und ich muß mich nordwärts wenden, ehe ich vor Hitze verſchmelze. Sonſt hätte ich mich ſo gern noch einige Zeit in den „— 455 auf den ſchönen Inſeln hier um⸗ geſehen. Die Küſten Carolinas ſowohl als Georgias ſind reich an Inſeln, welche paradieſiſch ſchön und reich an Pflanzen ſein ſollen. Die feinſte Baumwolle wächſt auf dieſen. Carolina und Georgia kultiviren Baum⸗ wolle auf Inſeln und in hochländiſchen Gegenden, Reis auf dem niedrigen Lande. Auch Carolina hat Hoch⸗ land mit Bergen und Metallen und friſchen kryſtall⸗ hellen Bergſtrömen, welche erſt ſpäter während ihres Verlaufs die chokoladrothe Farbe annehmen, die ich bemerkt habe. Ich gedachte den Rückweg nach dem Norden durch Carolinas Bergland und ſodann durch Teneſee und Virginia zu nehmen— denn„the Old Dominion?, einen der älteſten Mutterſtaaten und Waſhingtons Vaterland, muß ich nothwendig ſehen;— aber die Fahrt durch Teneſee war mir auf ſchlechten Wegen, in ſchlechten Wirthshäuſern(denn dieſer Theil des Staates ſoll ſich im Kindheitszuſtand befinden) ſo mühſam ge⸗ worden, daß ich mich in der ſtarken Hitze nicht damit anzugreifen wage, ſondern jetzt ganz ſchön und ſtill, wie ich gekommen bin, den Seeweg zurücknehme; und deßhalb gehe ich am 15. d. an Bord, reiſe von hier nach Philadelphia und von da nach Waſhington. Bis dahin bleibe ich ſtill hier und mache blos kleine Aus⸗ fahrten in und außer der Stadt. Ich bin geſund⸗ mein Herzchen; Dank ſei es dem lieben Gott und der Homöopathie, ſowie meiner fortwährenden Behutſam⸗ teit in der Diät und dem Genuß meiner geliebten Bananas. Ueberdieß gebrauche ich hier Salzbäder, und obſchon ſie in einem Teich unter Dach genommen werden, fühle ich doch, daß ſie mir wohlthun. Zwei Miſſes Annelys, vermögliche unverheirathete Schweſtern von mittlerem Alter haben die Güte, mir Wagen und Pferde zu leihen, um mich zu ſich zu 456 führen. Die jüngſte von ihnen kommt gewöhnlich mit. Kutſcher und Pferde ſind alte und getreue Diener der Familie, und wir müſſen fahren wie ſie wollen, und das nicht ſehr ſchnell. Neulich einmal fand Morgens fol⸗ gende Unterredung zwiſchen dem Sclaven und ſeiner Beherrſcherin ſtatt. Sie:„Lieber Richard, führe uns nicht die... Straße, ſie iſt ſo lang und ſo ſonnig; wir kommen gar nicht fort. Hörſt Du, Richard?“— Er:„Ich will dieſen Weg fahren, Miß!“— Sie: „Ach, lieber Richard, kannſt Du nicht einen andern fahren, z. B. die Straße, Richard?“— Er: „Nein, Miß, ich habe in der D.... Straße etwas auszurichten.“— Sie: Ach, lieber Richard, könnte ich nicht eine andere fahren?“— Er:„Nein, Miß, ich muß(1 want) dieſe fahren, Miß!“ Und trotz mehr⸗ facher, erneuter Bitten mußten wir den Weg fahren, den der ſtarrköpfige Richard wollte. Dieſe alten ge⸗ treuen Diener ſind hartnäckiger als die unſern; aber ihre Augen glänzen von etwas ſo Gutem und ſo Warm⸗ herzigem. Man muß ihnen zuweilen ihren Willen laſſen, ſie wollen doch das Beſte der Familie. Unter den Perſonen, die mir viel Freundlichkeit erwieſen und viel Vergnügen gemacht haben, befindet ſich der Pfarrer der lutheriſchen Gemeinde hier, der talentvolle Naturforſcher Mr. Bachmann, ein lebhafter, angenehmer und allgemein geſchätzter Mann. Der Familienvater hier im Haus, Mr. William Howland, iſt jetzt ebenfalls daheim, ein Mann von feinem, gentlemänniſchem Weſen und offenbar ein guter und geliebter Familienvater, der einen innigen Genuß darin zu finden ſcheint, daß er jetzt einige Zeit in Ruhe unter den Seinigen leben kann. Die Kinder tanzen Abends lebhafter als vorher, ſeit Juſtina daheim iſt und mittanzt. Juſtina iſt ein edles junges Mädchen von ſchönem Wuchs und auch edlem Geſicht, aber gar zu blaß. Sie hat ein hübſches Talent für das Klavier, 1——„5 8 457 und wenn Abends nach dem Tanz die beiden jungen Schweſtern Juſtina und Illione zum Piano Negerlieder ſingen, die Mr. Howland ebenſoviel Freude machen wie mir, ſo gehen wir auf der Piazza in der ſchönen Nachtluft oft bis um Mitternacht ſpazieren. Eines Abends, den ich bei Mr. Gilmans zubrachte, wohnte ich einem Abendgottesdienſt der Neger bei in einem Saale, welchen der gute wohlmeinende Prieſter ihnen überlaſſen hatte. Der erſte Prediger, ein alter Reger, mußte einem andern Platz machen, welcher der⸗ maßen von der Macht des Wortes erfüllt zu ſein be⸗ hauptete, daß er unmöglich ſchweigen könnte, und nun auch ſeine Beredtſamkeit eine gute Weile ergoß, aber immer ein und daſſelbe ſagte. Dieſe Negerprediger ſtehen weit unter denjenigen, die ich in Savannah ge⸗ hört habe. Schließlich forderte er eine der„Schwe⸗ ſtern“ auf, zu beten. Ein altes kränkliches Weib be⸗ gann auch bald laut zu beten, und ihre ſichtliche Wärme in der Dankſagung für den Troſt des Evangeliums Chriſti, ſowie ihr Zeugniß für die Kraft deſſelben in ihrem eigenen langen Leiden war wirklich rührend. Aber das Gebet war zu lang, ſagte immer daſſelbe wieder mit anderen Worten, und unaufhörliche Fauſt⸗ ſchläge auf die Bank begleiteten jedes Stoßgebet. Auch ſagte, als ſie zu Ende war und eine andere Schweſter aufgefordert wurde, ein Gebet zu ſprechen, der Redner zu dieſer:„Aber machen Sie es gefälligſt kurz!“ (make it short if you please). Aber die Schweſter machte es nicht kurz, ſondern noch länger, als die vor⸗ hergehende Schweſter, und mit noch mehr Umſchwei⸗ fen und noch mehr Fauſtſchlägen auf die Bank. Die dritte Schweſter, die zum Beten aufgefordert wurde, erhielt die kurze beſtimmte Weiſung:„aber kurz!“ und als ſie ſich auf dem langen Weg der andern Schwe⸗ ſtern verlor, ſo wurde ſie ohne Weiteres von dem rede⸗ luſtigen Prediger unterbrochen, der jetzt nicht länger 458 ſchweigen konnte, ſondern ſich noch einmal eine gute Weile hören laſſen mußte. Erſt während des Geſangs und eines von den Regern ſelbſt komponirten Liedes, das im Kanon geſungen wurde und worin der Name Jeruſalem oft wiederkehrt, wurde es recht lebhaft in der Verſammlung. Sie ſangen, daß es eine Luſt war, zu hören, ſangen von ganzer Seele und mit dem ganzen Körperzugleich. Denn ihre Körper wiegten ſich, ihre Köpfe nickten, ihre Füße ſtampften, ihre Knie ſchwappelten, ihre Ellenbogen bewegten ſich im Takt mit dem Ton, mit den Worten, welche ſie mit überſchwänglichem Entzücken ſangen. Man muß dieſes Volk ſingen hören, um ſein Leben recht zu verſtehen. Ich habe ihre Nachahmer, die ſo⸗ genannten„Sable Singers“(Sandſänger) geſehen, die als Neger bemalt im Lande herumfahren und Neger⸗ lieder ſingen, in der Art und mit den Geberden der Ne⸗ ger, wie es heißt. Aber Nichts iſt ſo gründlich ver⸗ ſchieden. Denn das Weſentlichſte in der Gleichheit fehlt nämlich das Leben. Eine meiner Vergnügungen hier beſteht darin, mit einem alten Neger Namens Romeo zu ſchwatzen, der in einem Gartenhäuschen nahe bei Mr. Howlands Haus wohnt und den Garten beſorgt, oder vielmehr ganz nach eigenem Belieben unbeſorgt läßt. Er iſt der gut⸗ launigſte munterſte Alte, den man ſich vorſtellen kann, und beſitzt einen ſchönen Theil Mutterwitz. Er wurde in ſeinem beſten Alter aus Afrika geraubt und hieher geführt, und erzählt dieſe Geſchichte auf die naivſte Weiſe. Ich fragte ihn eines Tags, was die Leute in ſeiner Heimath vom Leben nach dem Tode glauben. Er antwortete, daß„die Guten zum Gott des Himmels kommen, der ſie geſchaffen habe.“„Und die Böſen?“ fragte ich.„Sie fahren hinaus im Gewitter,“ ant⸗ wortete er und blies nach allen Seiten mit dem Munde um ſich. Ich ließ ihn ein äthiopiſches Todtenlied — 18 n, de er te in 18 — e 459 fingen, das aus einem eintönigen Wiegenlaut in drei Halbtönen beſtand, und hierauf ein afrikaniſches Liebes⸗ lied, das ziemlich plump und in keiner Beziehnng be⸗ zaubernd zu ſein ſchien. Ich bringe Dir das Portrait des Alten in meinem Album mit. Aber er lachte und ſcherzte ſo viel, während ich ihn malte, daß es mir ſchwer wurde, ſein Geſicht recht zu treffen. Er hat da die gewöhnliche Sclaventracht an, graue Kleider und eine geſtrickte Wollmütze. Das Zuſammentreffen mit den Negern und dem Urwald hat einen eigenthümlich erweckenden Eindruck auf mich gemacht und mein Auge für den Reichthum der Formen erweitert, in welchen der Schöpfer ſein Leben ausſpricht. Die Erde erſcheint mir als eine große ſymboliſche Schrift, ein Gedicht, wo die einzel⸗ nen Arten von Menſchen, Pflanzen und Thieren zu Waſſer und Land, Gruppen von beſondern Geſängen und Stellen bilden, aus denen wir den Styl des großen Meiſters, ſeine Meinung und ſein Syſtem zu leſen und zu lernen haben. Mein Geiſt reckt dabei ſeine Flügel aus und fliegt— ach, blos im Geiſt— rund um die ganze Erde über Afrikas Wüſten und Paradies, über Sibiriens Eisſteppen, über der Hindus herrliches Land, überall zwiſchen dem Polarkreiſe und dem Aequator, wo Menſchen wohnen und Thiere athmen und Pflanzen gegen das Licht emporſtreben, und ich ſuche unwillkür⸗ lich die verſchiedenen Geſtalten in harmoniſche Con⸗ ſtellativnen um eine Alles verklärende Centralſonne zu gruppiren und zuſammen zu führen. Aber Alles das ſind noch blos Ahnungen, Blitze in meiner Seele, bloße Morgendämmerungen!— Vielleicht tagen ſie einmal vollends; vielleicht daß ich im Heimathland der Runen, in meiner ſtillen Heimath dieſe Runen der Erde und den Runengeſang, deſſen Ergründung mir aufgegeben worden iſt, werde deuten lernen. Von den Myſterien Charlestons will ich Dir 460 Nichts ſagen— denn ich kenne ſie blos vom Gerücht, und was blos das Gerücht mir ſagt, das— laſſe ich dahingeſtellt ſein. An dunkeln Myſterien in größerer Anzahl, als das Gerücht zu erzählen weiß, kann es in einer bedeutenden Stadt, wo die Sclaverei zu Hauſe iſt, nicht fehlen. Ich habe ſagen gehört, daß es in Charleston eine Peitſchenanſtalt für Sclaven gebe, welche dem Staat ein Einkommen von mehr als zehn⸗ tauſend Dollars jährlich abwerfe. Wer einen Sckaven mit Ruthen beſtraft haben will, ſchickt ihn nebſt der Bezahlung für die Abſtrafung dahin. Dieß habe ich auch öfters geleſen und gehört, und ich glaube, daß es wahr iſt. Meine Stellung dahier macht es mir ſchwer, ja beinahe unmöglich, ſolchen Dingen näher nachzu⸗ forſchen, denn eine Spionin kann und will ich nicht ſein. Ich nehme blos ſo viel davon an, als ſich mir durch meine eigene Erfahrung aufzwingt und was ich deßhalb als eine Schickung betrachte, als etwas, das ich wiſſen und aufnehmen muß. Eigentlich habe ich hier mit dem Ideal zu thun und dieſes rein aufzu⸗ faſſen und darzuſtellen. Und im Gefühl des idealen Südens, ſowie er bereits theilweiſe iſt, und wie er einmal vollſtändig werden ſoll, um die Abſicht des Schöpfers zu erfüllen, nehme ich jetzt Abſchied von dem Süden mit Bewunderung und Liebe(mit Kummer über das, was er noch nicht iſt) und hoffe noch einmal hieher zu kommen. Ich ſchreibe Dir nicht mehr von hier aus, ſondern das nächſte Mal aus einem der nördlichen Staaten. Ich ſehne mich nordwärts nach kühlerer Luft und freieren Menſchen. Man muß doch hier oft ſeine innerſten Gedanken verſchlucken und ſchweigen, wenn man es vermeiden will, zu verletzen oder zu disputiren. Und dieſe Wärme, wenn ſie jetzt ohne Unterbrechung, wie ſie es thun ſoll, von einem Monat zum andern bis in den Sktober anhält... S — 8 8 N* 461 lieber wollte ich am Nordcap wohnen und zwei Dritt⸗ theile des Jahres mit Tannenholz feuern!. Aber dennoch—— lebwohl Du ſchöner, warmer, blühender Süden, Nordamerikas Garten! Mich haſt du gewärmt und lieblich erquickt. Lebt wohl ihr mit Blumenranken umkleideten Piazzas mit den blaſſen Schönheiten, die ihr verbergt; lebt wohl ihr duften⸗ den Urwälder, ihr rothen Flüſſe, wo die Negerge⸗ ſänge ertönen; lebt wohl ihr guten, ſchönen, liebens⸗ würdigen Menſchen, Freunde der Sclaven, aber nicht der Sclaverei! Wenn ich jetzt im Geiſt gegen Süden ſehe, werde ich an euch denken und in euch an Carolinas und Georgias Zukunft. Ich ſehe euch dann unter euren Palmettos oder uuter euern Magnolien und Po⸗ meranzenhainen, und alle Früchte der Erde ausgebrei⸗ tet vor Euch auf eurem gaſtlichen Tiſch; ich ſeh auf die⸗ ſelben wie ich es manchmal geſehen habe, austheilen an den Fremdling und den Bedürftigen, ſie den Kindern aller Völker mittheilen. Ich ſehe um euch her Neger als Diener und Freunde. Sie ſind frei und ihr habt ſie dazu gemacht; ſie ſingen Hymnen, die ſie von euch gelernt haben, fröhliche Weiſen, die ſie ſelbſt gedichtet. Und für ſie und euch ſingt der hundertzüngige Vogel in den kühlen Lebenseichen mit den langen wehenden Moosranken, und über ihnen und euch iſt des Südens milder blauer Himmel und—— der Segen des Him⸗ mels! Möge es ſo ſein! Doch, eines von Charlestons Myſterien muß ich Dir erzählen. Denn ich habe es oft gleich einem Schatten in Straßen und Gäßchen ſchnell vorbeiſchlei⸗ chen geſehen. Es ſieht aus wie ein Weib, armſelig ge⸗ kleidet in den Farben der Dämmerung. Sie nennt ſich 462 Frau Doctorin Suſan. Denn ſie iſt der Arzt und die Hilfe der Armen. Sie gehört einer der vornehmen Familien in der Stadt an, beging aber in ihrer Ju⸗ gend einen Fehltritt und wurde von der Geſellſchaft ausgeſtoßen, die in Nordamerika manche heimliche Un⸗ ſittlichkeit duldet, aber keine, welche offenbar gewor⸗ den iſt. Vielleicht daß man nach Verlauf vieler Jahre der jungen Fehlenden verziehen und ſie wieder aufge⸗ nommen hätte. Aber ſie ſuchte die elende Gnade der Menſchen nicht. Sie wandte ihr Herz und ihre Blicke zu einem Höheren. Sie wurde Gottes Dienerin bei ſeinem armen Volke. Und ſeit der Zeit findet man ſie blos bei ihnen und auf dem Wege zu ihnen. Was man ihr an Geld und Kleidern gibt, das wendet ſie für die Armen an und lebt ſelbſt in freiwilliger Dürf⸗ tigkeit. Die Neger in Mrs. Howlands Haus waren einmal ſo krank an einem anſteckenden Fieber, daß Je⸗ dermann ſie floh. Nicht einmal Reger wollten zu den Kranken kommen. Aber Doktorin Suſan kam und pflegte ſie und machte ſie geſund, und als ſie daſür be⸗ lohnt wurde, erklärte ſie den Lohn für zu groß. In der ganzen Stadt bekannt, geht ſie frei überall in ihrer armen dunklen Tracht wie eine Botin des Troſtes um⸗ her, aber haſtig, ſchweigſam und gleich als fürchtete ſie geſehen zu werden. Gleich der Feuerfliege gibt ſie blos im Dunkel ihr klares inneres Licht von ſih; gleich ihr iſt ſie von Menſchenfüßen getreten worden, hat aber geleuchtet und leuchtet noch immer. Lebewohl, Herzchen! Grüße wen Du weißt und willſt von Deiner Friederike. — u u— —