Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otimunn in Gießen, S eihb Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens cLeih- und Geſebedingungen. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————˙.˙——z—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Pet. 50 Pf. 2 Wek.— Pf. 6 3 B„„ 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— . — Skizze aus dem Alltagsleben von Friederike Bremer. Aus dem Schwediſchen überſetzt von S1 Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung.* 1 8 4 3. Die Familie H. Ankunft.— Thee.— Portraits. Gegen Ende des Februars 1829 befand ich mich eines Abends am Schanzzollhaus, auf den gezwungenen Beſuch des Viſitators wartend, um nach Beſeitigung deſſelben in Schwedens Hauptſtadt einzuziehen; bei einem entſetzlichen Schneegeſtöber ſaß ich in einem kleinen, of⸗ fenen Schlitten erfroren, müde und ſchläfrig da und er⸗ freute mich ſomit, wie deine Mitleidsvolle Seele, meine holde junge Leſerin, mich finden wird, juſt in keiner beneidenswerthen Lage. Mein armer Klepper, der den Kopf hatte, huſtete und ſchnaufte. Der Burſche, der mich führte, drückte ſich die gekreuzten Arme dicht auf den Leib, um ſich zu erwärmen. Der Sturm heulte und der Schnee wirbelte um uns her. Ich ſchlummerte und wartete, was ich oft gethan und jederzeit bei Unwettern, ſowohl in als außer dem Hauſe, als das Zweckmäßigſte erprobt habe, wenn man nicht ſo glücklich iſt, ihnen entgehen zu kön⸗ nen. Endlich ließen ſich langſame Tritte auf dem knar⸗ renden Schnee vernehmen. Der Viſitator nahte mit Naſe el in um ufen. hig,“ nicht m er un nicht d mit wie⸗ ſeine n Ge⸗ Wetter meine, nen in e, als aufzu⸗ e Ant⸗ eſſen . inder?“ Und 1 nun glaubt — Käſe, ger dar⸗ n dieſen ſieht Er Muß en?“ daß blos ferkuchen Schlit⸗ aueſte in „ 7 Ordnung, gab mir die Hand, um mir in den Schlitten z. helfen und hüllte ſorgfältig die Pelsdecken um mich. ein Aerger war inzwiſchen ganz verſchwunden„Es iſt,“ dachte ich,„des armen Viſitators Pflicht und Schul⸗ digkeit, den Reiſenden eine Peſt und Plage zu ſein und dieſer iſt es auf die höflichſte Art von der Welt ge⸗ weſen.“ Während er nun fort fuhr, gewiſſenhaft und ordentlich Alles wieder an ſeinen vorigen Platz zu ſtellen, ſtiegen in meiner Seele allerhand Vorſtellungen auf, die mich noch milder ſtimmten. Die erfrorene, rothe Naſe, das niedergeſchlagene Ausſehen, die ſteifen Finger, die vier Kinder, das Schneegeſtöber, der düſtere unheim⸗ liche Abend, Alles dieß bewegte ſich vor mir, wie die Schatten in einer Camera obscura und machte mich ganz weich ums Herz. Ich griff wieder nach dem Bank⸗ zettel; ich dachte an eine Semmel und einen Käſe für die vier Kinder, aber während ich ſo griff, während ich ſo dachte, öffnete der Viſitator den Schlagbaum, nahm höflich den Hut ab und ich fuhr haſtig durch das Thor, wollte zwar halt rufen, that es aber nicht. Mit beklom⸗ menem Herzen und einem Gefühl des Unbehagens, gleich als hätte etwas Koſtbares auf dem Wege verloren, fuhr ich durch die Stadt und ſah in den weißen Schnee⸗ wirbeln vor wie in einem Transparent die erfrorne, rothe Naſe und das kummervolle Geſicht, auf dem ich ſo leicht, wenigſtens auf einen Augenblick, einen frohlichen Ausdruck hätte hervorrufen können. Wie manche Gelegenheit, in größevem oder gerin⸗ gerem Maße Gutes zu thun, geht nicht durch Unent⸗ ſchloſſenheit verloren! Während wir uns fragen: ſoll ich oder ſoll ich nicht? entflieht der Augenblick, die Freu⸗ denblume, die wir hätten verſchenken können, iſt verwelkt und kann nicht mehr von einer reuevollen Thräne wieder belebt werden. So dachte ich niedergeſchlagen, während mein Schlit⸗ ten langſam im tiefen Schnee die Straße weiter fuhr, wobei er oft in eine Rinne hinabſank und nur mit S Mühe wieder heraufgezogen wurde. Der Sturm blies die Laternen aus und die Straße war beinahe blos von dem ſtrahlenden Lichte der Läden erhellt. Hier ſah ich einen Herrn, der beinahe ſeinen Mantel verlor und als er ihn feſter um ſich hüllte, blies ihm der Wind den Hut ab; dort eine Dame, die mit der einen Hand die Hutkrempe, mit der andern ihren Mantel feſthaltend, blindlings aber Muthvoll auf eine Obſtbude zuging, deren ſpitznäßige Vorſteherin ſie mit ſcharfer Stimme erſucht, ſich beſſer vorzuſehen. Hier heulte ein Hund, dort fluchte ein Kerl, der mit ſeinem Karren auf den eines andern gefahren war; fröhlich pfeifend ging ein kleiner Junge unter dem Schnee⸗ geſtöber und Unweſen dahin, das ſeinen ruhigen Kinder⸗ ſinn nicht ſtörte. Oftmals eilte auch ein bedeckter Schlit⸗ ten mit funkelnden Laternen kometengleich ſeine ſtrah⸗ lende Bahn dahin und Menſchen und Vieh gingen ihm aus dem Weg. Dieß war Alles, was ich dieſen Abend von der großen, prachtvollen Hauptſtadt ſah und hörte. Um mich aufzumuntern, begann ich an die liebenswürdige Familie zu denken, in deren Schooß ich mich bald befinden ſollte und die fröhliche Veranlaſſung, die mich hierher geführt und an andere heitere, liebliche und die Seelen erwärmenden Dinge, die ich in meiner Erin⸗ nerung zuſammenbringen konnte. Endlich hielt mein Schlitten an. Mein Kutſcher rief:„Jetzt ſind wir da!“ und ich ſagte entzückt:„Jetzt bin ich hier.“ Bald hörte ich viele Stimmen um mich her, die in verſchiedenen aber freudenvollen Tönen riefen:„Guten Tag! guten Tag! guten Abend! Willkommen! Willkommen!“ Ich, meine Semmeln, meine Käſe und Pfefferkuchen, wir waren alle herzlich willkommen und wurden in einem angenehmen, warmen Zimmer untergebracht. Eine halbe Stunde darauf ſaß ich in einem ſchönen, wohlbe⸗ leuchteten Geſellſchaftszimmer, wo der Oberſt H. und ſeine Familie verſammelt waren. Die Theezeit war her⸗ angekommen und aus dem ſiedenden Keſſel ſtieg eine S ———— *2— ſch fül Ve kar h a we mi ter tre wi tre an R bit w ſel ich ler m m nd te. ge ld ich nd n⸗ in 1 rte en ten ch, vir em lbe be⸗ ind er⸗ ine 9 wirbelnde Rauchwolke, die über den ſchimmernden Taſſen ſchwebte; die mit Kuchen Zwiebäcken und Hippen ge⸗ füllten Körbe bedeckten den geräumigen Theetiſch. Als Telemach aus dem Tartarus in die eliſäiſchen Gefilde kam, konnte er keine größere Befriedigung empfunden haben, als ich, nachdem ich aus meinem Schneegeſtöber in den freundlichen Hafen des Theetiſches eingel aufen war. Die heitern anmuthsvollen Weſen, die ſich um mich her bewegten; das gemüthliche Zimmer; die Lich⸗ ter, die in gewiſſen Augenblicken nicht wenig dazu bei⸗ tragen, die Seele licht zu machen; das angenehme, er⸗ wärmende Getränke, das ich genoß— Alles war vor⸗ trefflich, belebend, aufmunternd, Alles war. Ach, glaubſt du wohl, mein Leſer, daß die erfrorne Naſe dort am Zollhaus ſich mitten in meinem Entzücken an den Rand meiner Taſſe ſtellte und mir meinen Nektar ver⸗ bitterte. Ja, ja, das that ſie und ich glaube, ich wäre weniger erſchrocken, wenn ich meine eigene doppelt ge⸗ ſehen hätte. Um mich vollkommen zu beruhigen, ſagte ich zu mir:„Morgen werde ich das Verſäumte nachho⸗ len, morgen!“ Und zufrieden mit meinem Vorſatz auf morgen fetzte ich mich jetzt nach meiner Gewohnheit ſtille in eine Ecke des Zimmers, indem ich an meinem Strumpf ſtrickte, dann und wann aus einer Theetaſſe ſchlürfte, die auf einem kleinen Tiſchchen neben mir ſtand und unbemerkt, aber aufmerkſam das Familiengemälde vor mir betrachtete. Oberſt H. ſaß in einer Ecke des Sophas und legte Patience; blocade de Copenhague glaube ich. Er war groß und kräftig gebaut, aber mager und hatte ein kränkliches Ausſehen. Seine Geſichts⸗ züge waren edel und aus ſeinen tiefen, eingeſunkenen Augen drang ein durchdringender, aber ruhiger Blick hervor, in welchem ſich meiſtens eine beinahe göttliche Güte ausſprach, beſonders, wenn er ihn auf ſeine Kin⸗ der heſtete. Er ſprach ſelten, hielt namentlich niemals Reden, aber ſeine langſamen und mit einer gewiſſen ruhigen Kraft hervorgebrachten Worte hatten meiſtens die Wirkſamkeit eines Orakelſpruches. Ernſt und Milde herrſchte in ſeinem ganzen Weſen. Er hielt ſich beinahe auffallend gerade und ich habe immer geglaubt, dieß komme weniger von ſeinen militäriſchen Gewohnheiten her, als von der unbeugſamen Redlichkeit, Feſtigkeit und Aufrichtigkeit, welche die Grundzüge ſeines Charakters bildeten und ſich auch im Aeußern abſpiegelten. Er miſchte ſich nicht in die Unterhaltung, die dieſen Abend mit ſo vieler Lebhaftigkeit von ſeinen Kindern ge⸗ führt wurde; aber einige Male ließ er eine trockene, witzige Bemerkung fallen, mit einem Geſichte, das zugleich ſo ſchalkhaft komiſch war und ſo viel ſchonende Güte für den Gegenſtand derſelben ausdrückte, daß dieſer zugleich ver⸗ legen und vergnügt darüber war. Seine Frau(Ihro Gnaden, wie ich ſie nach alter Gewohnheit nennen muß), Ihro Gnaden ſaß in der andern Sophaecke und ſtrickte Filet, jedoch ohne beſondere Aufmerkſamkeit auf ihre Arbeit. Sie ſchien ſelbſt in ihrer Jugend nicht ſchön geweſen zu ſein, hatte aber, beſonders wenn ſie ſprach, etwas Gutes, Lebhaftes und Intereſſantes, was ihren Anblick zu einem erquicklichen machte. Etwas Zärtliches, etwas Unruhiges lag in ihrem Weſen, beſonders in ihren Augen. Man las darin, daß ſie unaufhörlich dieſes lange, endloſe Prome⸗ moria von Gedanken und Sorgen in ihrem Herzen trug, das für eine Gattin, Mutter und Hausfrau mit Mann und Kinder beginnt, alle Angelegenheiten des Hauſes und der Haushaltung bis auf die kleinſten Zweige durch⸗ lauft und nicht einmal bei dem Staubatome ein Ende hat, das fortgeblaſen werden muß und doch immer wie⸗ der fällt. Ihro Gnaden zärtliche und unruhige Blicke ruhten an dieſem Abend oft mit einem Ausdruck von Freude und Schmerz auf Emilie, der älteſten Tochter. Ein freundliches Lächeln ſchwebte über den Lippen und Thränen blinkten in ihren Augenliedern; aber im Läch Mut merk ſchöt eine Bru The wie fand ſchör Sch beſo Güt ſchie gröi trotz herz ſellſ mar das verb Ber kön: hab auck um Im anl ſow wei eine dar erſte Me te id er er t, ch n e⸗ ge ſo en ⸗ e⸗ en de in nd m 1¹ Lächeln, wie in den Thränen ſtrahlte warme, innige Mutterliebe. Emilie ſchien die Blicke der Mutter nicht zu be⸗ merken, denn ſie ſervirte vollkommen ruhig mit ihren ſchönen weißen Händen den Thee, während ſie durch eine angenommene, würdevolle Miene den Poſſen ihres Bruders Karl ein Ende zu machen ſuchte, der unter den Theegeräthſchaften all die Verwirrung anrichtete, die ſich, wie er verſicherte, im Herzen der lieben Schweſter vor⸗ fand. Sie war von mittlerer Statur, gedrungen, aber ſchön gewachſen. Blond, weiß, aber ohne regelmäßige Schönheit in den Zügen war ihr anmuthsvolles Geſicht beſonders einnehmend durch den Ausdruck von Reinheit, Güte und Aufrichtigkeit, der über demſelben ruhte. Sie ſchien ihres Vaters ruhigen Charakter, jedoch mit einer größeren Beigabe von Heiterkeit geerbt zu haben, denn trotz ihrer angenommenen Würde lachte ſie oft und ſo herzlich, daß alle andern ſich verführen ließen, ihr Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Es läßt ſehr wenigen Leuten ſchön, wenn ſie lachen, man ſieht ſogar Manchen, der bei dieſer Freudenäußerung das Tuch vor das Geſicht hält, um das Unbehagliche zu verbergen, das durch die zuſammengedrückten Augen, die Bewegung des erweiterten Mundes u ſ. w. entſtehen könnte. Emilie würde dieſe Vorſichtsmaßregel verſchmäht haben, ſelbſt wenn ſie ihrer bedurft hätte;— ſie war auch in den kleinſten Dingen zu einfach und aufrichtig, um ſich zu einem Manöver der Gefallſucht herabzulaſſen. Im Uebrigen hatte ſie in dieſem Fall durchaus keine Ver⸗ anlaſſung dazu, denn ihr Lachen war ungemein anmuthig, ſowohl wegen ſeiner Naivetät und Herzlichkeit, als auch, weil es die ſchönſten weißen Zähne ſehen ließ, die je einen hübſchen, friſchen Mund geſchmückt haben; aber daran dachte ſie nicht. Wäre ich ein Mann geweſen, ſo würde ich beim erſten Anblick Emiliens gedacht haben:„Dieſe muß die Meinige werden!“(NB. Wenn ſie will.) S— 12 Und doch war Emilie nicht in Allem ſo, wie ſie ſchien, oder vielmehr ſie beſaß einen guten Theil jener Inconſequenzen, die ſelbſt mit der edelſten Menſchennatur verbunden ſind, wie etwa die Knoten in einem ſonſt feinen und ſorgfältig ausgearbeiteten Gewebe. Uebrigens ſtand Emilie nicht mehr in der erſten Jugend und du, meine junge, ſechszehnjährige Leſerin, wirſt ſie vielleicht ſehr, ſehr alt finden.„Wie alt war ſie denn?“ fragſt du vielleicht.„Sie hatte ſo eben ihr ſechsundzwanzigſtes Jahr zurückgelegt.“„Uh, das iſt ent⸗ ſetzlich! Dann war ſie ja ſchon eine alte Jungfer.“ Nicht ſo entſetzlich, nicht ſo alt, mein Roſenknöspchen. Sie war blos eine Roſe in ihrer vollen Blüthe und ſo dachte auch Herr doch davon ſpäter. Ich beklage den Maler, dem der ſchwere Auſtrag zu Theil wird, Juliens Portrait zu verfertigen; denn ſie iſt ein perbetuum mobile in mehr als einer Beziehung. Bald ſpielt ſie ihrem Bruder, der nie eine derartige Schuld unbezahlt läßt, Schelmenſtreiche; bald beſchäftigt ſie ſich auf die eine oder die andere Art mit den Schwe⸗ ſtern. Manchmal putzt ſie die Lichter und löſcht ſie aus, um nur das Vergnügen zu haben, ſie wieder anzuzün⸗ den, bringt die Bänder an der Haube ihrer Mutter in Ordnung oder Unordnung, und ſchleicht ſich häufig hin⸗ ter den Oberſten, legt ihren Arm um ſeinen Hals und küßt ihn auf die Stirne. Sein gewöhnlicher Ruf:„Laß mich in Ruhe, Mädchen!“ ſchreckt ſie durchaus nicht ab, bald wieder zu kommen. Ein liebliches Köpfchen, um welches reiche Flechten blonden Haares eine Krone bilden, blaue lebhafte Augen, dunkle Wimpern und Augenbraunen, eine wohlgebildete Naſe mit einer kleinen, vornehmen Bucht, ein etwas großer aber ſchöner Mund, ein kleiner, feiner Wuchs, kleine Händchen und kleine Füßchen, die lieber tanzen als gehen möchten— da habt ihr Julie mit ihren acht⸗ zehn Jahren. Bruder Karl— ach, bitte um Entſchuldigung, Kor⸗ net gezr Nat hat Liel alle ſtrei ſich alt zu aus ſcho noc bitt Kot ma bei Ste und mät eine der kleit ſie dru ſter: ner Get ſieb wa Glr aus und des terk Bü ſie ner tur nen ſten rin, war ihr ent⸗ icht Sie chte rag ſie ing. tige ftigt we⸗ aus, ün⸗ in hin⸗ und Laß 0 b, hten gen, ldete was chs, nzen cht⸗ Kor⸗ 13 net Karl— war drei Ellen lang, wohl gewachſen, un⸗ gezwungen in ſeinen Bewegungen— Dank ſei es der Natur, der Gymnaſtik und ſeiner Schweſter Inlie. Er hat manche eigene, bergfeſte Ideen und namentlich drei Lieblingsideen. Erſtens, daß das ſchwediſche Volk das allererſte und vorzüglichſte Volk Europas ſei. Dieß be⸗ ſtreitet ihm Niemand in der Familie. Zweitens, daß er ſich niemals verlieben könne, denn er ſei zwanzig Jahre alt geworden, ohne ein einziges Mal ſein Herz ſchlagen zu fühlen, während viele ſeiner glücklicheren Kameraden aus lauter Liebe verrückt geworden ſeien.„Das kommt ſchon!“ ſagt der Oberſt. Julie ſagt, er werde ſich noch bis über die Ohren verlieben. Emilie ſeufzt und bittet Gott ihn davor zu bewahren. Drittens glaubt der Kornet, er ſei ſo häßlich, daß er ſogar Pferde ſcheu machen könne. Julie meint, dieſe Eigenſchaft könne ihm bei einem Angriff auf feindliche Kavallerie ſehr zu Statten kommen, aber ſowohl ſie, als ihre Schweſtern und noch viele andere ſehen in dem offenen, redlichen, männlichen Ausdruck auf dem Geſichte des Bruders einen vollkommenen Erſatz für die mangelnde Schönheit der Züge. Sie wiederholt ihm oft zu ſeiner geheimen kleinen Freude, wie entſetzlich häßlich und unerträglich ſie Herrn P. mit dem ſchönen Apollokopf ohne Aus⸗ druck und Leben finde. Kornet Karl liebt ſeine Schwe⸗ ſtern zärtlich und erweist ihnen alle Dienſte, die in ſei⸗ ner Gewalt ſtehen, namentlich übt er ſie auch in der Geduld. Neben ihrem Vater ſaß die jüngſte Tochter, die ſiebenzehnjährige Helena. Beim erſten Blick auf ſie war man geneigt, ſie zu beklagen, beim zweiten ihr Glück zu wünſchen. Sie war häßlich und bucklig, aber aus ihren ungewöhnlich klaren Augen ſtrahlte Verſtand und Heiterkeit. Sie ſchien jene Feſtigkeit und Ruhe des Charakters, jene Klarheit, Beſtändigkeit und Mun⸗ terkeit des Gemüthes zu beſitzen, die eine zuverläßigere Bürgſchaft für des Lebens Ruhe und Gluͤck gewähren, als alle entzückende äußere Reize, welche die Welt feiert bem und liebt. Sie arbeitete mit Eifer an einem weißen und Seidenfleid und ſah von ihrer Arbeit blos auf, um nam freundlich und bedeutungsvoll Emilien zuzuwinken, oder um zu ihrem Vater einen Blick ehrfurchtsvoller, beinahe ten 1 anbetender Zärtlichkeit zu erheben. mit Man hätte faſt glauben können, der Oberſt habe barſ unter allen ſeinen Kindern dieſes von der Natur äußer⸗ triel lich verwahrloste am Meiſten geliebt, denn oft, wenn Illu Helena ihren Kopf an des Vaters Schultern lehnte ann und den liebenden Blick zu ihm erhob, beugte er ſich wied herab und küßte ſie mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit, kom der keine Beſchreibung zuläßt. Auf der andern Seite — des Oberſten ſaß noch eine junge Dame— ſeines Bru⸗ nich ders Tochter. Man hätte ſie für eine antike Figur entn halten könen, ſo ſchön, ſo marmorweiß, ſo unbeweglich auch war ſie. Schonere runkle Augen als die ihrigen konnte wür man nicht ſehen. Aber ach, ſie verdiente gewiß nicht be⸗ ſchw neidet zu werden. Dieſe ſchönen Augen ſollten nie mehr aus das Licht der Erde ſchauen. Sie hatte ſeit vier Jahren die den ſchwarzen Staar. Was in der Tiefe ihrer Seele herrſchte, ob Sturm oder Ruhe, war ſchwer zu ſehen— vern die Spiegel derſelben waren verdunkelt, etwas Starres, Slki: Kaltes, beinahe Halbtodtes lag in dem Aeußern und wies ſone alle fragenden Blicke zurück. Es kam mir vor, als ſich hätte ſie in einem Gefühle ſtolzer Verzweiflung in dem über Augenblick, da der Spruch des Schickſals ihr verkündete: nich du ſollſt das Licht nicht mehr ſchauen! mit einem theu⸗ mei ren Eid zu ſich geſagt:„Niemand ſoll meinen Schmerz in 1 ſehen.“ in§ Noch eine kleine Gruppe muß in meinem Gemälde nige zum Vorſchein kommen— nämlich die im Hintergrunde derr des Zimmmers, ausgeführt von Magiſter Nup, der ſich lebe 3 durch ſeine Gutmüthigkeit, Beleſenheit, Schweigſamkeit, Tite Kurzſichtigkeit, ſeine aufgeſtülpte Naſe und Zerſtreutheit gede auszeichnet, und ſeinen Schülern, dem kleinen Arel und Ged dem kleinen Claes, den jüngſten Söhnen des Oberſten, ſoge feiert eißen um oder nahe habe ußer⸗ wenn ehnte ſich hkeit, Seite Bru⸗ Figur eglich onnte be⸗ mehr ahren Seele en arres, wies „ als dem ndete: theu⸗ chmerz emälde grunde er ſich amkeit, eutheit el und erſten, 15 bemerkenswerth durch ihre abſonderliche Wohlbeleibtheit und Feſtigkeit, wodurch ſie ſich in der Familie den Bei⸗ namen:„Die Dicken,“ erworben Der Magiſter ſchwebte nach drei aufeinander gefolg⸗ ten Feuersbrünſten in ſeinem Toupet noch unverzagt mit der Naſe über dem Buche, in möglichſt naher Nach⸗ barſchaft mit dem Lichte. Die Dicken aßen Zwiebäcke und trieben allerhand Poſſen, in Erwartung einer vierten Illumination auf dem Kopfe des Magiſters, deren Her⸗ annahen ſie einander häufig mit freundlichen Püffen und wiederholtem Geflüſter:„Sieh, jetzt, wart einmal! Jetzt kommts!“ zu erkennen gaben. Jetzt möchte ich für mein Leben gern wiſſen, ob nicht irgend einer meiner liebenswürdigen jungen Leſer, entweder aus großer Artigkeit oder aus einiger Neugierde auch eine nähere Beſchreibung der Perſon zu bekommen wünſchte, die in einer Ecke des Geſellſchaftszimmers ſitzt, ſchweigſam an ihrem Strumpfe ſtrickt, dann und wann aus einer Taſſe Thee nippt und ihre Bemerkungen über die Geſellſchaft macht. Um keinen Wunſch des Leſers, den ich zu ahnen vermocht, unerfüllt zu laſſen, will ich auch von ihr eine Skizze entwerfen. Sie gehört zu der Klaſſe von Per⸗ ſonen, über deren Exiſtenz eine einfältige Mitſchweſter ſich ſo ausließ:„Bald ſoll man ſein, als wäre man überall, bald aber ſoll man ſein, als wäre man gar nicht da.“ Dieſes abſonderliche Daſein kommt im Allge⸗ meinen der Perſon zu, die ohne zur Familie zu gehören, in dieſelbe als Geſellſchafterin, als Helferin und Ratherin in Leid und Freud aufgenommen iſt. Ich will mit we⸗ nigen Worten eine ſolche Perſon im Allgemeinen ſchil⸗ dern, und um ſie in unſerem titelſüchtigen Geſellſchafts⸗ leben nicht leer ausgehen zu laſſen, will ich ihr den Titel Hausräthin verleihen. Ihr Wirkungskreis iſt aus⸗ gedehnt und folgendermaßen beſchaffen. Sie darf ihre Gedanken, ihre Hände, ihre Naſe, in Allem mit und ſogar obenan haben— aber man darf es nicht merken. 16 Iſt der Herr im Hauſe bei übler Laune, ſo wird ſie vorgeſchoben, entweder in der Eigenſchaft eines Blitz⸗ ableiters, oder als ein Blaſebalg, deſſen Obliegenheit iſt, das Unwetter fortzublaſen. Hat die Frau Nervenzufälle, ſo iſt ihre Gegenwart ebenſo vonnöthen, wie die der eau de Cologne-Flaſche. Sind die Töchter verdrieß⸗ lich, ſo iſt ſie da, um Theil daran zu nehmen; haben ſie fleine Wünſche, Plane, Projecte, ſo iſt ſie das Sprach⸗ rohr, durch welches ſie vor etwas tauben Ohren reden. Schreien die Kinder, ſo ſchickt man ſie zu ihr, um ge⸗ ſchweigt zu werden; wollen ſie nicht ſchlafen, ſo muß ſie ihnen Mährchen erzählen. Iſt Jemand krank, ſo wacht ſie. Sie beſorgt Kommiſſionen für die ganze Familie, und muß bei jeder Gelegenheit Allen mit gutem Rathe zu Handen ſein. In der Küche läßt ſie ihre wachſamen Blicke umherlaufen und im Salon ſervirt ſie den Kaffee. Kommt vornehmer Beſuch, wird das Haus auf den Pa⸗ radefuß geſtellt,— ſo verſchwindet ſie. Man weiß nicht, wo ſie iſt, ſo wenig, als man weiß, wohin der Rauch, der aus dem Schornſteine aufſteigt, ſeinen Weg nimmt. Aber die Wirkungen ihrer unſichtbaren Nähe dürfen nicht aufhören, ſich tundzugeben. Man ſtellt auf den ge⸗ ſchmückten Mittagstiſch nicht die Pfanne, worin die Créme gekocht worden iſt, dieſe muß auf dem Herde ſtehen bleiben, und auf gleiche Weiſe iſt es das Loos der Hausräthin, das Nützliche und Angenehme zu berei⸗ ten, aber der Ehre zu entſagen. Kann ſie das mit ſtvi⸗ ſcher Beharrlichkeit und Reſignation, ſo iſt ihre Eriſtenz oft eben ſo intereſſant für ſie ſelbſt, als wichtig für den Familienkreis. Es iſt wahr— demüthig und ſtill muß ſie ſein, muß ſachte durch die Thüren gehen, weniger Lärm machen, als eine Fliege, und ſich ja nicht, wie dieſe, den Leuten auf die Naſe ſetzen; ſie muß ſo ſelten gähnen, als ihr menſchlicher Organismus es zuläßt; dagegen darf ſie Augen und Ohren ganz frei, wiewohl mit Vorſicht brauchen, und hat herrliche Gelegenheit, Nutzen daraus zu ziehen. Im Gegenſatz zu dem, was in d rali der und der die jeder ſicht! ſie kom betre der des von Schi ſie ſi Zeit erwe gen, und den, wird ahn noch Fam Dan nicht hinte hervr die ü einjä melte erſten Br e. a⸗ ht, nt. cht ge⸗ die rde ovs rei⸗ toi⸗ tenz den nuß iger wie lten äßt; vohl heit, was 17 in der phyſiſchen Welt gefordert wird, taugt in der mo⸗ raliſchen kein Platz ſo gut zu einem Obſervatorium, als der niedrige, von allen Blicken am wenigſten bemerkte; und folglich beſitzt die Hausräthin in der Familie einen der vortheilhafteſten, um ihr forſchendes Fernglas auf die Hemiſphäre derſelben zu richten. Jede Bewegung, jeder Fleck im Planeten des Herzens wird ihr allmählig ſichtbar; dem geringſten herumkreiſenden Rometen folgt ſie auf ſeiner Bahn;— die Verfinſterungen ſieht ſie kommen und verſchwinden, und indem ſie die Phänomene betrachtet— die wachſenden Gefühle und Gedanken in der Menſchenſeele— die zahlloſer ſind, als die Sterne des Himmels, lernt ſie Tag für Tag einen Punkt mehr von dieſer großen, bewundernswürdigen Hieroglyphe der Schöpfung deuten und auslegen. Man ſieht daher, daß ſie ſich allmählig einen guten Theil des köſtlichen, jeder Zeit anwendbaren Goldes, genannt Menſchenkenntniß, erwerben muß, und es lächelt ihr die Hofſnung entge⸗ gen, daß ſie in einer Zukunft, wo eine Brille ihre Naſe und Silberhaare den bejahrten Scheitel ſchmücken wer⸗ den, wie ein Orakel zu der lauſchenden Jugend ſprechen wird von dem, was ſie weiß, und dieſe noch nicht ahnt. So viel von der Hausräthin im Allgemeinenz jetzt noch einige wenige Worte von derjenigen, die in der Familie des Oberſten einigermaßen dieſe Rolle ausfüllt — ich ſage einigermaßen, denn ſie wird, Gott ſei Dank, mehr wie eine Freundin behandelt, ſteht ſomit nicht auf dem Poſten des Suuffleurs und eben ſo wenig hinter den Couliſſen, ſondern tritt häufig auf die Bühne hervor und ſpricht ihre Rede frei und ſicher, ſo gut wie die übrigen Acteurs. Das erſte Wort, das ihre kindlichen Lippen nach einjährigem Aufenthalt auf dieſer gemeinen Erde ſam⸗ melte, war„Mond.“ Acht Jahre ſpäter ſchrieb ſie ihre erſten Verſe an den Mond, und der Morgen eines Le⸗ Bremer die Familie H. 2 bens, das ſich ſpäter ſo trocken und proſaiſch entwickelte, war ein lieblicher, pvetiſcher Mondſcheinstraum. Manches Sonett, manche Ode widmete ihre Feder allen den rei⸗ zenden Gegenſtänden der Natur, während der reichen Jugendtage, wo das Herz ſo hoch klopft, wo die Gefühte gleich der Frühlingsfluth ſchwellen und der Thränen reiche Quellen einem ſo wonnigen Schmerze entſtrömen; aber in Allem, was ſie ſang, ſchrieb oder träumte, war immer Etwas vom Mondſcheine. Die Eltern ſchüttelten ihre weißen Häupter.„Mäd⸗ chen, wenn du Verſe machſt, wirſt du nie eine Suppe kochen lernen und jedesmal die Sauce anbrennen laſſen. Du mußt darauf denken, daß du dich mit der Zeit ſelbſt ernähren lernſt, mußt deinen Faden ſpinnen und dein Brod backen lernen. Vom Mondſchein wird man nicht ſatt.“ Aber das Mädchen ſchrieb ihre Verſe, kochte die Suppen und verbrannte die Sauce nicht, ließ das Spinn⸗ rad ſurren, buk ihr Brod, aber vergaß den Freund ihrer Kindheit, den ſanften Mond nicht. Später, als ſein freundliches Licht auf das Grab der Eltern ſchien, ſchrieb ſie keine Verſe zu ſeiner Ehre, ſondern ſah mit bitten⸗ dem Blick zu dem milden Himmelsangeſicht, wie zu einem Tröſter empor, deſſen Licht die Vater⸗ und Mutterloſe auf ihrem einſamen Wege anfeuern und ſchützen werde. Aber ach, die Vater⸗ und Mutterloſe wäre beinahe in dem lieblichen Mondſchein Hungers geſtorben, wenn nicht ein anderes Licht und andere Strahlen ſie gerettet hätten. Dieſe kamen vom Herde einer gräflichen Küche. Die eines Weingelées glückte ihr und machte ihr lück. Man hatte an ihr das Talent entdeckt, ausgeſuchtes Weingelée zu machen, bemerkte aber allmählig auch, daß ſie noch andere, eben ſo unſchätzbare Fähigkeiten beſaß. Ein Fräulein mit aufgeſprungenen Lippen befand ſich vortrefflich bei ihrer Mundpommade; ein alter Herr fand zu ſeinem großen Troſte in ihr eine unermüdliche Zu⸗ hörerin der Erzählungen von ſeinen neun und vierzig Gebr derba von d tigkeit und nende als d ſagte, ſonen Mitte Schni niſſe Alles zu de Locken Bran: ſowoh mernd trauri um zr 9 Erwer ſie al Ehre ſchreil komme mager Vorſch 2 wiſſen ſeine einmal nicht noch e erfahr Jahrer ſehen, wickelte, Nanches en rei⸗ reichen Gefühte n reiche z aber immer „Mäd⸗ Suppe laſſen. eit ſelbſt nd dein an nicht chte die Spinn⸗ nd ihrer als ſein „ſchrieb bitten⸗ u einem utterloſe werde. nahe in nn nicht hätten. e Diie chte ihr geſuchtes ich, daß n beſaß. and ſich err fand che Zu⸗ vierzig Gebrechen. Eine zärtliche Mutter von vier kleinen, wun⸗ derbar aufgeweckten Kindern erfuhr mit tiefer Rührung von den Roſenlippen der Kleinen ihre ungewöhnliche Fer⸗ tigkeit, Schweſter und Beſter, Freud und Leid, Kleine und Scheine u. ſ. w. zuſammen zu räumen. Eine gäh⸗ nende, gnädige Frau war mit einem Male ganz wach, als dieſelbe talentvolle Perſon ihr aus den Karten wahr⸗ ſagte, ſie werde bald ein Geſchenk erhalten; neun Per⸗ ſonen rühmten ſich in kurzer Zeit ihrer vortrefflichen Mittel zur Vertreibung von Zahnweh, Bruſtweh und Schnupfen, und bei einer Hochzeit oder einem Begräb⸗ niſſe gewahrte man in ihr eine wunderbare Fähigkeit, Alles anzuordnen, von Ihro Gnaden Kopfputz an, bis zu dem Teller mit Backwerk, vom Myrtenkranz in den Locken der Braut an bis zu den Butterbrödchen auf dem Branntweintiſche; und bei der ernſteren Feier beſorgte ſie ſowohl die Ausſchmückung des letzten Bettes der ſchlum⸗ mernden Braut, als die Bewirthung derer, die ſelbſt bei traurigen Gelegenheiten nie vergeſſen, daß man eſſen muß, um zu leben. Durch fleißige Anwendung aller dieſer Talente und Erwerbung noch einiger andern deſſelben Schlags, klomm ſie allmählig Stufe um Stufe, bis zu dem Rang, der Ehre und Würde einer Hausräthin empor. Das Verſe⸗ ſchreiben hat ſie faſt ganz vergeſſen, nur dann und wann kommen noch bei Geburts⸗ und Namenstagen einige magere, vom Pflichtgefühl hervorgepreßte Zeilen zum Vorſchein. Nach dem Monde ſieht ſie ſelten, außer wenn ſie wiſſen will, ob er ab⸗ oder zunimmt, und doch werden ſeine Strahlen vielleicht die einzigen Freunde ſein, die einmal ihr einſames Grab beſuchen. Doch iſt es jetzt nicht am Platze, Elegien zu ſchreiben. Will Jemand noch etwas mehr von der proſaiſchen Mondſcheinfreundin erfahren? Ihr Alter? Zwiſchen zwanzig und vierzig Jahren. Ihr Ausſehen? Wie die meiſten Leute aus⸗ ſchen, obgleich vielleicht auch die meiſten ganz böſe 2* darüber würden, daß ſie einige Aehnlichkeit mit ihnen zu haben glaubt. Ihr Name?— O ganz gehorſamſte Dienerin Chriſtine Beate Alltäglich. Juliens Brief.— Helena.— Die Blinde.— Emilie.— Die Bräutigame. Ich habe ſchon erwähnt, daß die Veranlaſſung zu meiner Reiſe in die Hauptſtadt eine freudige war, und kann über die näheren Umſtände die beſte Auskunft er⸗ theilen, wenn ich meinen Leſerinnen einen Brief vorlege, den ich kurz vorher in meiner ländlichen Einſamkeit von Julie H. erhalten hatte. Meine beſte Beate! Lege deinen ewigen Strickſtrumpf auf die Seite, wenn du dieſe Zeilen erhältſt, putze dein langdochtiges Licht(die Poſt kommt ja doch Abends nach R. 2), ver⸗ ſchließe deine Thüre, ſo daß du ohne Furcht vor Stö⸗ rung dich ruhig und gemächlich auf deinen Sopha ſetzen und mit gebührender Aufmerkſamkeit die großen, merk⸗ würdigen Neuigkeiten leſen kannſt, die ich dir zu verkün⸗ den habe. Ich ſehe von hier aus, wie entſetzlich neu⸗ gierig du biſt— wie du die Augen aufreißeſt— und nun komm her, ich erzähle dir. ein Mährchen. Es war einmal ein Mann— der war weder König, noch Prinz, hätte aber wohl verdient, es zu ſein. Er hatte eine Tochter, und pbgleich das Schickſal ſie nicht als Prinzeſſin hatte geboren werden laſſen, ſo verſammelte ſich doch ein Dutzend gnädige Feen um die Wiege der Kleinen, einzig und allein aus purer Achtung und Ge⸗ wogenheit gegen ihren Vater. Sie ſchenkten ihre Schön⸗ heit, Verſtand, Anmuth, Talente, ein edles Herz, gute Laune anmu Gabet dentia „Um ſie in lich, geſpre Seufz E würdi klopfte ten a Meiſt auch öffnete gemac das Z in Sc die Lu wo P die ve ten;* weiß ein a wie m 2 ſchöne funder Mücke ſchuldi ihnen rſamſte lich. de.— ung zu r, und nft er⸗ orlee, eit von Seite, chtiges e⸗ ſetzen merk⸗ verkün⸗ h neu⸗ — und . König, n. Er e nicht mmelte ge der d Ge⸗ Schön⸗ „ gute 21 Laune, Geduld, mit Einem Wort, Alles, was ein Weib anmuthsvoll machen kann, und, um das Maaß glücklicher Gaben voll zu machen, trat zu guter letzt die Fee Pru⸗ dentia hervor und ſprach mit langgedehnten Worten alſo: „Um ihrer zeitlichen und ewigen Wohlfahrt willen ſoll ſie in der Wahl eines Gatten äußerſt vorſichtig, bedächt⸗ lich, ja ſogar kitzlich ſein!“—„Gut geſprochen! Weiſe geſprochen!“ riefen ſämmtliche Frauen Feen unter tiefen Seufzern. Die Reichbegabte wuchs heran, wurde ſo liebens⸗ würdig, wie man mit Recht erwarten konnte, und bald klopften früh und ſpät Liebhaber mit Seufzern und Bit⸗ ten an die Thüre ihres Herzens. Aber ach, für die Meiſten blieb ſie beharrlich verſchloſſen, und wenn ſie ſich auch auf einen Augenblick ein klein wenig für einen öffnete, ſo wurde ſie in der nächſten Minute wieder zu⸗ gemacht und doppelt verriegelt. Glücklicherweiſe war das Zeitalter der Prinzeſſin Turandot längſt vorüber, und in Schweden, wo die ſchöne Elimia wohnte, mußte wohl die Luft etwas kühlenderer Natur ſein, als in dem Lande, wo Prinz Kalaf ſeufzte— denn man hörte nie, daß die verabſchiedeten Liebhaber ihren Tagen ein Ende mach⸗ tenz*) man ſah ſie kaum den Appetit verlieren, ja, man weiß ſogar von einigen, die(ſollte man es glauben 2) ſich ein anderes Liebchen ausſuchten mit derſelben Gelaſſenheit, wie man andere Strümpfe anzieht. Der erſte, der ſich als Prätendent vom Herzen der ſchönen Elimia meldete, ward von ihr zu ſentimental ge⸗ funden, denn er entſetzte ſich über das Verbrechen, eine Mücke zu tödten, und ſeufzte über das Schickſal der un⸗ ſchuldigen Küchlein, die auf dem Mittagstiſche als Bra⸗ *) Die Verfaſſerin weiß hier entweder die Fabel nicht recht, oder hat ſie eine andere im Auge, als vie in Deutſchland durch Schiller eingeführte, der zufolge die verſchmähten Liebhaber bekanntlich hingerichtet wurden. Anm. des Ueberſ. ten figurirten und überdieß das Lieblingsgerücht ſeiner Geliebten ausmachten. Sie fürchtete, bei einer Verbin⸗ dung mit ihm über lauter weißer Gallerte und Gemüſen zu verhungern. Der Zweite ſcheute ſich nicht, Mücken zu zertreten; er liebte die Jagd und Fiſchfang, wurde aber deßwegen ohne weiteren Beweis als grauſam und hart⸗ herzig angeſehen;— lieber, weit lieber wollte ſie einen Haſen, als einen Jäger zum Manne haben. Ein Haſe kam, ſcheuen Blickes, ſchlotternden Kniees und ſtotterte ſein Seufzen, ſein Wünſchen und Verzweifeln hervor. „Armer Junge,“ war die Antwort,„geh und verſteck dich, du möchteſt ſonſt eine leichte Beute des erſten beſten Raubthieres werden, das dich auf ſeinem Wege findet.“ Der Haſe hüpfte fort. Nun trat der Löwenmann hervor mit ſtolzen Freierswyrten. Da empfand die Schöne große Bangigkeit, ſelbſt aufgefreſſen zu werden, und verſteckte ſich, bis der Mächtige vorüber war. Dieſer war der Vierte. Der Fünfte, munter und fröhlich, wurde für leichtſinnig gehalten; den Sechsten hatte man im Ver⸗ dacht, er neige ſich dem Spiele zu; vom Siebenten glaubte man wegen einiger Finnen auf der Naſe, er liebe ſtarke Getränke. Der Achte ſah aus, als ob er häufig nicht bei guter Laune wäre; der Neunte wurde für einen Egviſten gehalten;— beim Zehnten war alle⸗ mal das dritte Wort:„Hol mich der Henker!“ Mit ihm konnte man ſich nicht wohl in's Leben wagen. Der Elfte ſah zu viel auf ſeine Hände und Füße, und war folglich ein Narr. Der Zwölfte erſchien. Er war gut, edel, männlich, ſchön; er ſchien aufrichtig zu lieben, er wußte gut zu ſprechen; man war in der größten Verlegenheit, was für einen Fehler man an ihm finden ſolle. Er ſchien wahrhaft zu lieben... aber vielleicht ſchien er es bloß, oder wenn er wirklich liebte, war es mehr der hinfällige, vergängliche Körper, als die unſterbliche Seele;„. Gott ſteh uns bei, welche ſchwere Sünde! Wenn es ſich ſo verhielte. dann;„aber der Liebhaber ſchwur, es ſei die Seele, nur die Seele, was er anbete, und in einer giebig den Li ſie mi Ja he das V küßte vor U ſich— g tigam nicht Bräut Verla „Jetzt barmh jetzt Seele ſpenſti die H ihr ſi teten jetzt i ben, mehr unaus wiſſe. natur ſei es Deßhe harme Sumr unglü ( Luſt v chen, Glück ſeiner Berbin⸗ emüſen cken zu e aer hart⸗ einen Haſe totterte hervor. verſteck beſten indet.“ hervor große erſteckte ar der de für Ver⸗ ebenten ſe, er ob er wurde r alle⸗ it ihm r Elfte folglich „ edel, wußte genheit, r ſchien s bloß, fällige, es ſich ſchwur, und in 23 einer glücklichen Stunde beſtürmte er das bereits nach⸗ giebige Herz der Schönen ſo gewaltig, daß ihre zittern⸗ den Lippen ſich auf eine Art bewegten, von der er glaubte, ſie müſſe die Pforte bilden, durch welche das capitulirende Ja herauskomme. Er nahm dieß ſchon als ausgemacht, das Wörtchen ſchon als geſagt an, fiel auf die Kniee, küßte ihr Hand und Mund, und die ſchöne Elimia, die vor Ueberraſchung und Beſtürzung beinahe umſank, ſah ſich— ſie wußte ſelbſt nicht wie— verlobt. Der Hochzeittag wurde von ihrem Vater und Bräu⸗ tigam auf kurze Zeit nachher feſtgeſetzt. Elimia ſagte nicht Ja dazu, ſagte aber auch nicht Nein, und ihr Bräutigam dachte:„Wer ſchweigt, willigt ein.“ Im Verlauf dieſer Zeit rechnete die ſchöne Elimia beſtändig: „Jetzt ſind es blos noch vierzehn, jetzt blos noch zwölf, barmherziger Himmel, jetzt nur noch zehn, gütiger Vater, jetzt bloß noch acht Tage!“ Da bemächtigte ſich ihrer Seele eine immer größere Angſt und Beſtürzung. Ge⸗ ſpenſtige Vorſtellungen und Phantaſieen, zahlreich, wie die Heuſchrecken, die Aegypten überſchwemmt, erfaßten ihr ſonſt ſo klares und ruhiges Gemüth, und ſtif⸗ teten darin Verwirrung und Finſterniß. Sie wollte jetzt ihre Verbindung mit dem edlen Almauzor aufſchie⸗ ben, um nicht zu ſagen, aufheben, da er gewiß weit mehr Fehler habe, als man glaube, und namentlich den unausſprechlich großen, daß er ſie ſo gut zu verbergen wiſſe. Vollkommenheit ſei nicht das Lvos der Menſchen⸗ natur, und wer am fehlerfreieſten zu erſcheinen wiſſe, ſei es vielleicht in der That und Wahrheit am Wenigſten. Deßhalb glaube ſie, daß ihre Charactere auf keine Weiſe harmoniren, überdieß ſei er zu jung, ſie zu alt u. ſ. w. Summa Summarum, ſie würde auf ihre ganze Lebenszeit unglücklich werden. Eine ſehr gute Freundin von Elimia hatte die größte Luſt von der Welt, der Fee Prudentia den Hals zu bre⸗ chen, deren unglückſeliges Geſchenk dieſe veranlaßte, das Gluͤck von ſich zu weiſen, das ſie in der Verbindung mit einem Manne erwartete, welcher in jeder Beziehung für ſie geſchaffen zu ſein ſchien, und ihr aufs Zärtlichſie er⸗ geben war. Jetzt ſehe ich, wie du ungeduldig wirſt, Beate, und fragſt, was iſt das Ende von dem Allen, und wozu ſoll es führen? Alles dieſes, meine liebe Freundin, ſoll vor⸗ erſt dazu dienen, als ein kleines Mittagsſchnäpschen dei⸗ nen Appetit zum Eſſen ſelbſt zu reizen, dann aber ſoll es dir zeigen, welche wunderbare Zauberkraft auf Einmal der kleinen Julie zugetheilt wurde. Denn mit einigen Federſtrichen verwandle ich jetzt alle oben erwähnten Per⸗ ſonen, mache das Einſt zu Jetzt und das Märchen zur Wahrheit. Almanzor wird jetzt der junge liebenswürdige Alger⸗ non S., und ſeine Braut, die ſchöne Elimia, meine Schweſter Emilie, die ihr gegebenes Wort mitunter ſo bitterlich bereut. Die Fee Prudentia dagegen muß ſich noch einer größern Verwandlung unterziehen, und iſt Niemand anders als Wankelmüthigkeit und Unentſchloſſen⸗ heit, die ſich ihres Herzens ſo durchaus bemächtigt haben, ſeit es ſich im Ernſt darum handelt, in den hei⸗ ligen Eheſtand zu treten. Würde ſie jetzt nicht von mehreren Seiten vorwärts geſchoben, ſo ginge ſie— wie die Krebſe— rückwärts. Jetzt ſitzt dieſe Emilie, die ich ſo innig liebe, und die mich ſo oft ungeduldig macht, mir gegenüber in der Sophaecke, iſt bleich und rothäugig, denkt an ihren Hochzeittag und hat Nervenzufälle. Soll man darüber lachen oder weinen? Ich thue mitunter Beides und verführe auch Emilie dazu. Das Einzige, was man jetzt thun kann, damit die arme Emilie nicht in düſteres Grübeln geräth, und ſich ſo ganz ohne Grund beunruhigt und abhärmt, iſt, daß man bis zu ihrem Hochzeittage mit großem Lärm und Gepolter Alles drunter und drüber gehen läßt, und ſie wo möglich wirre im Kopfe macht. Ich weiß, mein Vater würde nie zugeben, daß Eines von uns ſein gege⸗ benes Verſprechen nicht hielte. Emilie weiß es auch, und ic macht. ihn zu ihn n Alles ihr S ich, de Sache wird Am E erſchre und b den. in All unverr Opfer wie n haftig thes deine hieher. 2 mit il lich, nicht Adonie Vater Mein Ich w verlaſſ entſchl Arvid lena, werth, Verbin daß be ich mi ng für ſte er⸗ e, und zu ſoll ll vor⸗ en dei⸗ er ſoll Finmal einigen n Per⸗ en zur Alger⸗ meine nter ſo ß ſich nd iſt loſſen⸗ ächtigt en hei⸗ t n — wie die ich macht, äugig, Soll itunter nit die id ſich „ daß n und ind ſie Vater gege⸗ auch, 25 und ich glaube, daß gerade dieß ſie mitunter ſo muthlos macht. Und doch liebt ſie Algernon, ja ſie bewundert ihn zuweilen— möchte aber gleichwohl, wenn ſie dürfte, ihn nicht heirathen. Sage mir, wie ſoll man dieß Alles erklären? Wie reimt es ſich zuſammen? Wenn ihr Schickſal einmal unveränderlich beſtimmt iſt, ſo weiß ich, daß Alles gut werden wird, und das Luſtige an der Sache iſt, daß Emilie dieß auch glaubt. Inzwiſchen wird in der nächſten Woche Alles in Ordnung kommen. Am Sonntag, alſo übermorgen über acht Tage iſt das erſchreckliche Hochzeitfeſt. Emilie wird zu Hauſe getraut und bloß einige wenige Verwandte dazu eingeladen wer⸗ den. Emilie wünſcht es ſo, und man willfahrt ihr jetzt in Allem, was ſie begehrt, wenn es nur nicht geradezu unvernünftig iſt. Sie ſagt, man thue dieß allen armen Opfern. Eine komiſche Idee! Du ſiehſt, beſte Beate, wie nothwendig deine Gegenwart für uns wäre. Wahr⸗ haftig, wir bedürfen in jeder S deines Ra⸗ thes und deiner Hülfe. Packe deßhalb nur plötzlich deine Sachen zuſammen, und reiſe, ſo ſchnell du kannſt, hieher. Am Montag kommt Algernon nach Stockholm, und mit ihm auch mein Bräutigam. Ich bin nicht ſo kitz⸗ lich, ſo furchtſam geweſen, wie Emilie, und habe doch nicht ſchlechter gewählt. Mein Arvid iſt ein wahrer Adonis, und hat ein Herz, das Goldes werth iſt. Der Vater liebt ihn ſehr, und dieß iſt mir eine Hauptſache. Mein guter, mein hochverehrter, mein geliebter Vater! Ich war ſo feſt entſchloſſen, ihn und die Mutter nie zu verlaſſen.... ich begreife nicht, wie ich mich dennoch entſchließen konnte, Braut zu werden abe iein Arvid war unwiderſtehlich. Der Vater behält doch He⸗ lena, die nie heirathet, und Helena iſt drei ſolche Julien werth, wie ich bin. Im Anfang war er ſehr gegen die bng. und hatte eine Menge Einwendungen, ſo daß beinahe Nichts daraus geworden wäre da warf ich mich ihm zu Füßen und weinte, und Arvids Vater (der Jugendfreund des meinigen) hielt ſo ſchöne Reden und Arvid ſelbſt ſah ſo ſchwermüthig aus, daß er ſich endlich erweichen ließ und ſagte:„Nun ſo mögen ſie denn einander haben!“ Da jubilirten Arvid und ich, wie zwei Lerchen. Du wirſt ihn zu ſehen bekommen, er hat einen dunkeln Schnurrbart und Knebelbart, blaue große Augen, den ſchönſten. doch du wirſt ihn ja ſelbſt ſehen.. du wirſt ihn ſehen. Er hat die ſchönſte Stimme von der Welt, und Emilie mag ſagen, was ſie will, Nichts klingt anmuthiger, als wenn er ſagt:„Hol mich der Tauſend!“ Dieß kommt dir vielleicht ſonder⸗ bar vor— aber Du wirſt ihn ſehen, wirſt ihn hören! Komm, komm und umarme ſpäteſtens übermorgen Abend deine Freundin Julie H. N. S. Sei ſo gut und bringe von den ſchönen Semmeln, die, wie du weißt, mein Vater und meine Mutter ſo gerne eſſen, von den Käſen für Karl und Helena und für mich etwas Pfefferkuchen mit. Du haſt ja immer welche im Vorrath. Emilie, die arme, arme Emilie, wird, glaube ich, genug zu thun haben, ihre Nervenzufälle hinabzuſchlucken. Du kannſt dir nicht vor⸗ ſtellen, wie bange mir iſt, ſie möchte vor lauter Unruhe und Gram bleich und häßlich werden, bis Algernon kommt. Ich glaube Emilie wünſcht es beinahe, ver⸗ muthlich um ſeine Liebe zu ihrer unſterblichen Seele auf die Probe zu ſtellen. Ich bin ſeſt überzeugt, ſie würde von ihm dieſelbe Liebe verlangen, und wenn ſie in einen Maulwurf verwandelt wäre. Dieß macht mir viel Kum⸗ mer und Noth. Emilie kann ſich in ihrem Ausſehen ſo verändern und iſt gar nicht mehr dieſelbe, wenn ſie be⸗ trübt und unruhig, wie wenn ſie ruhig und vergnügt iſt. Noch einmal lebe wohl. N. S. Weißt du auch, wer Emilie trauen wird? Profeſſor L., der ſo abſcheulich ernſthaft ausſieht, der eit au an ſch ge Jc nie en ſie h, ue ja ſte ſie ol r⸗ n! nd ne nd ſt ne re r he on r⸗ uf de en n⸗ ſo e. 7 27 einen ſchiefen Fuß, ein rothes Auge und zwei Warzen auf der Naſe hat. Er hat erſt vor Kurzem die Pfarrei angetreten. Mein Vater hegt viele Achtung und Freund⸗ ſchaft für ihn. Was mich betrifft, ſo würde es mir eine ſchlechte Freude machen, von einem triefäugigen Prieſter getraut zu werden. Aber ich heirathe erſt in ein paar Jahren oder vielleicht im Herbſt, und deßhalb iſt es noch nicht der Mühe werth, daran zu denken. Beinahe hätte ich die unzähligen Grüße der ganzen Familie an dich vergeſſen. Ich folgte ſogleich Juliens Aufforderungen und kam, wie man bereits geſehen hat, eines Abends am Schluſſe des Februars im Hauſe des Oberſten H. an. Ich habe noch einige Worte über die Ereigniſſe dieſes Abends zu ſagen, und knüpfe an dieſe den Faden meiner Erzählung wieder an. Die Blinde, die lange ſtumm und ſchweigend dageſeſſen hatte, ſagte auf einmal mit einer Art Heftigkeit:„Ich möchte gerne ſingen.“ Helena ſtand ſogleich auf, führte ſie ans Piano und ſetzte ſich, um zu accompagniren. Die Blinde blieb ſtehen. Helena fragte, was ſie ſingen wolle:„Ariadne auf Narxos,“ war die kurze, beſtimmte Antwort. Sie fingen an. Ich fand im Anfang die Stimme der Sängerin nicht ange⸗ nehm; ſie war ſtark, tief, beinahe unheimlich, aber je aufmerkſamer man lauſchte, je mehr man auf das Ge⸗ fühl achtete, das ſich durch dieſelbe äußerte und das ſie mit bezaubernder Wahrheit offenbarte, um ſo mehr wurde man hingeriſſen; man ſchauderte unwillkürlich, man fühlte ſein Herz klopfen in Sympathie mit Ariadne, wie ſie von einer ſteigenden Angſt durchdrungen, ihren Ge⸗ liebten ſucht, und den Beſchluß faßt, auf einen Felſen zu ſteigen, um ihn deſto leichter entdecken zu können. Die begleitende Muſik drückt hier meiſterhaft ihr Hin⸗ aufſteigen aus; man glaubt ſie zu ſehen, wie ſie keuchend und ahnungsvoll hinaneilt. Endlich hat ſie die Spitze — erreicht, ihr Blick ſchwebt über das Meer und gewahrt das weiße, immer mehr verſchwindende Segel. Die Blinde folgte Ariadnen mit ihrer ganzen Seele, und man hätte aus dem geſpannten Ausdrucke ihrer Augen ſchlie⸗ ßen können, daß ſie etwas Anderes ſehe, als— nur das Dunkel. Thränen drängten ſich unwillkürlich in Aller Augen, als ſie mit einem herzzerreißenden Ausdruck von Liebe und Schmerz in Stimme und Geſicht mit Ariadne ausrief:„Theſeus! Theſeus!“ Ihre Begeiſterung und unſer Entzücken hatten den höchſten Punkt erreicht, als der Oberſt ſchnell aufſtand, ans Piano ging, die Sängerin bei der Hand nahm, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, wegführte und wieder auf den Sopha ſetzte, wo er ſelbſt an ihrer Seite Platz nahm. Ich merkte, daß ſie heftig ihre Hand aus der ſeinigen zog. Sie war todesbleich und außer ſich. Niemand außer mir ſchien ſich über dieſen Auftritt zu verwundern. Man begann ein gleichgültiges Geſpräch, woran Alle Theil nahmen, nur die Blinde nicht. Nach einer Weile ſagte der Oberſt zu ihr:„Du bedarfſt der Ruhe,“ ſtand auf und führte ſie aus dem Zimmer, nachdem ſie ſtumm, aber mit einer Art Feierlichkeit den Kopf zum Abſchiedsgruß gegen die Zurückbleibenden geneigt hatte. Im Begriff hinaus⸗ zugehen rief der Oberſt:„Helena!“ und Helena folgte ihm. Bald darauf begab ich mich auf mein Zimmer, um der Ruhe zu genießen. Das Bild der Blinden, das mir unaufhörlich vorſchwebte, hinderte mich lange daran, ich hörte ihre durchdringende Stimme, ſah ihr ausdrucksvolles Geſicht und konnte nicht umhin, über die Natur der Ge⸗ die ihre Seele erſchütterten, Muthmaßungen anzu⸗ ſtellen. Ich ſchlief noch nicht, als Emilie und Julie ſich leiſe auf ihr Zimmer ſchlichen, das neben dem meinigen lag. Die Thüre dazwiſchen ſtand offen, und ich hörte der beiden Schweſtern halblaute Unterhaltung. Julie ſagte mit einigem Aerger:„Du gähnſt, du ſeufzeſt, und en tro hei ar wä nel ich nic bed wi: den ich Re um nir ich les He⸗ zu⸗ ich en rte lie 29 doch kommt morgen Algernon? Emilie, du haſt nicht mehr Gefühl als eine Pappſchachtel.“ Emilie. Wie kannſt du wiſſen, ob dieß nicht aus Sympathie mit Algeruon geſchieht, der vielleicht gerade in dieſem Augenblick daſſelbe thut. Julie. Ich bin feſt überzeugt, daß er dieß nicht thut. Eher glaube ich, daß er kaum weiß, auf welchen Fuß er ſtehen ſoll, vor lauter ungeduldiger Freude, dich ſo bald zu ſehen. Emilie. Schließeſt du das aus ſeinem letzten Briefe2 Julie. Der war ja ſo in der Haſt geſchrieben. Man iſt nicht immer gleich gut zum Schreiben geſtimmtz vielleicht hat er ſtarkes Kopfweh. oder einen ſtarken Schnupfen. oder hat er ſich eine Erkältung. Emilie. Alles, was du willſt, aber Nichts kann den kalten, bedeutungsloſen Schluß ſeines Schreibens entſchuldigen. Julie. Ich verſichere dich, Emilie, es heißt: „Mit der zärtlichſten Ergebenheit.“ Emilie. Und ich weiß gewiß, es ſteht darin ganz trocken und kalt:„Verharre mit Achtung und Ergeben⸗ heit u. ſ. w.“ Gerade, wie man an eine gleichgültige Perſon ſchreibt:„Mit Achtung zeichnet u. ſ. w.“ Die arme Achtung muß immer herhalten, wo es an andern wärmeren Gefühlen fehlt. Wo iſt meine Nachthaube?— Ach, ſieh da! Du, Julie, ſiehſt Alles roſenfarbig. Julie. Ich ſehe, daß ein Liebhaber ſich in Acht nehmen muß, daß er nicht von Achtung ſpricht. aber ich bin überzeugt, daß Algernon das ſchreckliche Wort nicht geſchrieben, ſondern ſich eines wärmeren, innigeren bedient hat. Hole einmal den Brief, liebe Emilie; dann wirſt du ſehen, wie Unrecht du ihm thuſt. Emilie. Um dir deinen Willen zu thun, will ich den Brief holen. Es wird ſich dann ſogleich zeigen, daß ich Recht habe. Julie. Im Gegentheil werden wir ſehen, daß ich Recht habe. Emilie brachte den Brief. Beide Schweſtern näher⸗ ten ſich damit dem Lichte. Julie wollte es putzen, aber ſei es nun aus Verſehen oder Vorſatz, ſie löſchte es aus. Alles blieb einen Augenblick eben ſo ſtille, als dunkel, bis Emiliens herzliches Gelächter ſich hören ließ, Julie ſtimmte ein, und ich konnte mich nicht enthalten, mit ihnen ein Trio zu machen. Zwiſchen Stühlen und Tiſchen ſuchend und ſtolpernd fanden die Schweſtern end⸗ lich ihre Betten und riefen mir lachend:„Gute Nacht! Gute Nacht!“ zu. Der Tag nach meiner Ankunft war im Hauſe ein ſogenannter Aufräumtag; ein Tag, der ſich hie und da in allen wohlgeordneten Häuſern einſtellt und mit einem Ungewitter in der Natur verglichen werden kann, nach deſſen Stürmen und Regenſchauern Alles in erneuter Klar⸗ heit, Ordnung und Friſche erſcheint. Man ſcheuerte, lüftete, ſtäubte ab, putzte an allen Ecken und Enden. Die gnädige Frau, die ſelbſt Alles übernehmen wollte, ging unaufhörlich zu allen Thüren ein und aus, und ließ ſehr häuſig alle offen, wodurch ein entſetzlicher Zug entſtand. Um mich vor Ohrenfluß und Zahnweh zu retten, floh ich von Zimmer zu Zim⸗ mer und fand endlich in dem Helenas eine Treppe weiter oben einen ſturmfreien Hafen. Dieſes kleine Zimmer ſchien mir das gemüthlichſte und freundlichſte im ganzen Hauſe. Es hatte Fenſter nach der Sonnenſeite und die Wände waren mit Gemälden, meiſtens anmuthigen Land⸗ ſchaften, geſchmückt. Unter dieſen zeichneten ſich zwei von Fahlerantz aus, worin der Pinſel des großen Künſt⸗ lers die entzuckende Ruhe hervorgezaubert hat, die ein ſchöner Sommerabend über die Natur ausbreitet, und die ſich dem Herzen des Menſchen ſo mächtig mittheilt. Das Auge, das aufmerkſam auf dieſen Gemälden haftete, drückte bald etwas Liebliches, Wehmüthiges und Schwärmendes aus, und dieß war die ſicherſte Bürgſchaft für ihre wahrheitsvolle Schönheit. Die Möbel im Zimmer waren ſchön und bequem⸗ an fol ſte köt Si ter ſter un er dut mit unt unt ſell her⸗ aber es als ließ, lten, und end⸗ cht! ein d da inem nach dlar⸗ allen Alles üren urch nfluß Zim⸗ eiter nmer nzen die tand⸗ zwei ünſt⸗ ein d die Das rückte endes ihre uem. Ein Piano, ein wohlgefüllter Bücherſchrank, eine Staffelei zum Malen bewies, daß in dieſem kleinen, engen Kreiſe Nichts von dem vermißt wurde, was alle Freuden der äußern Welt entbehrlich zu machen und die Stunden des Tags auf die angenehmſte Weiſe auszufüllen vermag. Große, prachtvolle Geranien ſtanden am Fenſter und weckten durch ihr friſches Gefühl angenehme Frühlings⸗ gedanken, während ſie die eindringenden Sonnenſtrahlen brachen, theilten und milderten, die heute in all' der Klarheit glänzten, welche ſie gewöhnlich bei einem ſcharfen Winterfroſt beſitzen. Ein ſchöner Teppich bedeckte den Boden, der mit Blumen beſäet zu ſein ſchien. Helena nähte auf dem Sopha ſitzend. Auf dem Tiſche vor ihr lag ein neues Teſtament. Sie empfing mich mit einem Lächeln, welches Ruhe und Zufriedenheit des Herzens ausdrückte. Ich ſetzte mich neben ſie zur Arbeit und fühlte, daß es mir ganz wohl und angenehm zu Muthe wurde. Wir nähten an Emiliens Brautkleid. „Du betrachteſt mein Zimmer?“ ſagte Helena, mich anlächelnd, indem ihre Angen der Richtung der meinigen folgten.„Ja,“ antwortete ich,„die Zimmer deiner Schweſtern ſind ſchön und behaglich, aber man muß ge⸗ ſtehen, daß ſie mit dem deinigen nicht verglichen werden können.“—„Mein Vater,“ ſagte ſie,„wünſchte, daß Helena das einzige verzogene Kind im Hauſe ſein ſoll.“ Sie fuhr mit Thränen in den Angen fort:„Mein gu⸗ ter Vater hat gewünſcht, daß ich nie die Freuden und Genüſſe vermiſſe, die meinen ſchönen, geſunden Schwe⸗ ſtern zugänglich, mir aber, in Folge meiner Gebrechen und meiner Kränklichkeit, verſchloſſen find. Deßhalb lehrte er mich die weit reicheren genießen, welche die Ausbil⸗ dung in den ſchönen Künſten demjenigen bietet, der ſie mit warmem, offenem Sinne umfaßt. Deßhalb bildet und ſtärkt er auch meinen Verſtand durch ordnungsvolle und nichts weniger als oberflächliche Studien, welche er ſelbſt leitet. Deßhalb hat er in dieſen kleinen Winkel, wo ich den größten Theil meines Lebens zubringe, ſo viel Reizendes und Schönes für das Auge, das Gefühl und den Gedanken geſammelt. Was aber noch mehr iſt, als dieß Alles, iſt die innige Vaterliebe, womit er mich umfaßt und umgibt; ſicherlich blos, damit ich niemals bitter den Mangel derjenigen Liebe empfinden möge, de⸗ ren Genuß mir die Natur verſagt hat. Es iſt ihm voll⸗ kommen gelungen, und ich habe keinen andern Wunſch, als für ihn, für meine Mutter, meine Schweſtern und— meinen Gott zu leben.“ Wir ſchwiegen einen Augenblick, und in meinem Herzen betete ich den Vater an, der es ſo verſtand, für die Glückſeligkeit derer zu ſorgen, denen er das Leben gegeben. Helena fuhr fort:„Wenn die Mutter und die Schweſtern auf Bällen oder in Geſellſchaften ſind, bringt er ſeine Zeit meiſtens bei mir zuz ich leſe ihm vor, ſpiele ihm Etwas, und er läßt mich in ſeiner unbeſchreib⸗ lichen Güte glauben, daß ich weſentlich dazu beitrage, ſein Leben zu verſchönern. Dieſer Gedanke macht mich ſo glücklich. Es iſt ein ſchönes, ein beneidenswerthes Lvos, demjenigen Etwas ſein zu können, der für Alles, was ihn umgibt, ein Segen iſt.“ „Oh!“ dachte ich, und redete in Gedanken die Fa⸗ milienväter auf Erden an,„warum gleichen ſo wenige von euch dieſem Vater? Ihr Könige des Hauſes wie viel Glückſeligkeit könntet ihr nicht um euch verbrei⸗ ten, wie angebetet könntet ihr nicht ſein!“ Wir ſprachen ſodann von Emilie. „Es iſt ſonderbar, ſagte Helena,„daß eine in der Regel ſo ruhige, ſo klar urtheilende, ſo entſchloſſene, mit Einem Wort ſo vernünftige Perſon in einem einzigen Punkt ſich ſelbſt ſo gänzlich ungleich ſein ſoll. Trotz ihres Wunſches, ſich zu verheirathen, und ihrer feſten Ueberzeugung, daß eine glückliche Ehe der ſeligſte aller Zuſtände auf Erden ſei, hat Emilie die größte Mühe gehabt, ſich einmal ernſtlich dazu zu entſchließen. Die höchſt unglücklichen Ehen zweier ihrer Jugendfreundinnen hab für nie nich hall Alg mit nack wirt dieſe dieſe gar dem nähe ein unw ruhi indef Arte Grül Roll und Vate wird nung auf t Karl verwi ertra über tiren ihrer ſchon dirt ſchreie haben 1 inem für eben ddie ringt vor, reib⸗ rage, mich rthes llles, Fa⸗ enige brei⸗ der mit zigen Trotz feſten aller Rühe Die nnen haben ihr eine Art paniſchen Schreck eingeflößt, und ſie fürchtet ſo ſehr, ebenfalls unglücklich zu werden, daß ſie nie den Muth hätte, glucklich werden zu wollen, wenn nicht Andere für ſie handelten. Sie iſt jetzt zuweilen halb krank aus Angſt darüber, daß ihre Verbindung mit Algernon S. ſo nahe bevorſteht, einem Manne, dem ſie mit wahrer Ergebenheit zugethan iſt, und mit dem ſie, nach unſer Aller Ueberzeugung, vollkommen glücklich ſein wird. Sie hat ruhige Zwiſchenzeiten, und in einer von dieſen ſahſt du ſie geſtern Abend. Ich fürchte jedoch, dieſelbe iſt bald vorübergegangen, und ich mache mich ſo⸗ gar darauf gefaßt, daß ihre Unruhe und Unſicherheit in dem Maße zunehmen wird, als die entſcheidende Stunde näher heranrückt, die, wie ich überzengt bin, derſelben ein vollkommenes Ende machen wird;z denn, was einmal unwiderruflich beſtimmt iſt, dem unterwirft ſich Emilie ruhig, und ſucht in Allem das Beſte. Nothwendig iſt indeß, daß wir ſie bis zum Hochzeittage auf alle mögliche Arten zu zerſtreuen ſuchen, damit ſie ſich nicht unnützen Grübeleien hingibt. Jedes von uns hat ſeine beſondere Rolle in der kleinen Komödie übernommen, die wir vor und mit unſerer guten Schweſter ſpielen müſſen. Der Vater gedenkt ſie fleißig ſpazieren zu führen, die Mutter wird ſie über Alles, was vor der Hochzeit noch in Ord⸗ nung zu bringen iſt, zu Rathe ziehen, Julie will ſie auf die eine oder andere Art nie in Ruhe laſſen, Bruder Karl wird ſie häufig in einen Streit über Napoleon verwickeln, den er unter Karl XII. ſetzt, was ſie nicht ertragen kann. Und dieß iſt das einzige Thema, wor⸗ über ich meine ſtille, gute Schweſter hitzig habe dispu⸗ tiren ſehen. Ich für meine Perſon werde ſie viel mit ihrer Toilette beſchäftigen. Meine kleinen Brüder ſind ſchon lange von der Natur ſelbſt in ihrer Rolle einſtu⸗ dirt worden, die darin beſteht, daß ſie unaufhörlich ſchreien, um das Eine oder Andere zu erhalten. Bisher haben wir Alle uns in die Sorge getheilt, ſie zufrieden zu Bremer, die Familie H. 3 — ſtellen, jetzt muß ſie auf ihr allein ruhen. Du, gute Beate, wirſt den Auſtrag erhalten, bei paſſenden Gelegenheiten und auf geſchickte Art Etwas zu Algernons Lob vorzu⸗ bringen, was du gewiß nicht ſchwer finden wirſt. Emilie glaubt, wir ſeien alle parteiiſch für ihn; du kannſt nicht verdächtig ſein, und dein Lob wird um ſo beſſer wirken.“ Ich war ſehr wohl zufrieden mit meinem Auftrage. Es iſt jederzeit angenehm, die Leute zu loben, wenn man es mit gutem Gewiſſen thun kann. Nachdem wir lange von Emilie und ihrem Geliebten, ihrer häuslichen Niederlaſſung u. ſ. w. geſprochen, lenkte ich das Geſpräch auf die Blinde, und ſuchte etwas Nä⸗ heres über ſie zu erfahren. Helena wich aus, und ſagte blos:„Eliſabeth iſt ſeit einem Jahre bei uns. Wir lieben ſie zärtlich, und hoffen mit der Zeit ihr Vertrauen zu gewinnen, damit wir dazu beitragen können, ſie glücklicher zu machen.“ Helena machte mir jetzt den Vorſchlag, ſie zu be⸗ ſuchen.„Ich gehe,“ ſagte ſie,„gewöhnlich jeden Vor⸗ mittag zu ihr, und bin heute noch nicht dort geweſen. Ich würde ihr viel von meiner Zeit widmen, wenn ſie nicht am Liebſten allein wäre.“ Wir begaben uns auf das Zimmer der Blinden. Sie ſaß angekleidet auf ihrem Bett und ſang leiſe vor ſich hin. „O wie viel hat ſie nicht gelitten! Sie iſt ein lebendiges Bild des Schmerzes!“ dachte ich, indem ich jetzt in der Nähe und beim Tageslicht das bleiche, ſchone Geſicht betrachtete, worin ſich deutlich Spuren von harten, noch nicht ausgefochtenen Kämpfen oſſenbarten, und von einem Schmerz, zu tief und zu bitter, um Thränen haben zu können. Ein junges Mädchen, deſſen roſenrothe Wangen und fröhliches Ausſehen einen ſcharfen Contraſt, gegen die Erſcheinung der armen Leidenden bildeten, ſaß in einer Ecke des Zimmers und ſtrickte. Sie war da, um die Bl ten ant mü lebl zuv zwi ſchn ſchö zu blaf hob Ich Bod und ich, rede ſchie er k eine hinz aber ankle Arm volle nicht ſens, „Arr ange wurd fahrt Julie eate, eiten orzu⸗ milie annſt beſſer trage. man ebten, lenkte th iſt „und damit be⸗ Vor⸗ nn ſie n. g leiſe iſt ein m ich ſchöne harten, nd von haben en und en die einer um die 35 Blinde zu bedienen. Mit rührender Herzlichkeit in Wor⸗ ten und Stimme redete Helena die Unglückliche an; ſie antwortete einſilbig und kalt. Es ſchien mir, als be⸗ mühte ſie ſich ſeit unſerem Eintritte allmählig den kalten, lebloſen Ausdruck wieder anzunehmen den ich am Abend zuvor bei ihr geſehen hatte. Das Geſpräch wurde blos zwiſchen Helena und mir fortgeſetzt, während die Blinde ſchweigend ſich damit beſchäftigte, um ihre ausgezeichnet ſchöne Hände eine ſchwarze Seidenſchnur zu wickeln und zu drehen. Auf einmal ſagte ſie:„St! St!“ und eine blaſſe Röthe flammte auf ihrer Wange auf; ihre Bruſt hob ſich höher.„Er iſt's!“ ſagte die Blinde, wie für ſich. Ich ſah Helena fragend an. Helena blickte auf den Boden. Der Oberſt trat herein. Die Blinde ſtand auf und blieb ſtill, wie eine Bildſäule ſtehen, doch glaubte ich, ein leichtes Zittern an ihr zu bemerken. Der Oberſt redete ſie mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe, jedoch, wie mir ſchien, nicht mit der gewöhnlichen Güte an, und ſagte, er komme, um ſie abzuholen, weil er mit ihr und Emilie eine Spazierfahrt machen wolle.„Die Luft,“ fügte er hinzu,„iſt friſch und klar, ſie wird dir gut thun.“ „Mir gut?“ ſagte ſie mit einem bittern Lächeln, aber ohne darauf zu achten, bat der Oberſt Helena, ſie ankleiden zu helfen. Die Blinde widerſetzte ſich nicht, ließ ſich ſchweigend ankleiden, dankte Niemand, und ging am Arm des Oberſten hinaus. „Arme Eliſabeth!“ ſagte Helena mit einem mitleids⸗ vollen Seufzer, als ſie fort war. Ich hatte zwar noch nicht den Schlüſſel zum Innern dieſes räthſelhaften We⸗ ſens, aber doch genug geſehen, um herzlich mitzuſeufzen: „Arme Eliſabeth!“ Wir gingen zu unſerer Arbeit zurück, die unter angenehmen Geſprächen bis gegen Mittag fortgeſetzt wurde.. Dann ging ich zu Emilie, die von ihrer Spazier⸗ fahrt zurückgekommen war, und traf ſie im Streit mit Julie begriffen, die mit wahrer Angſt an ſich — —— 36 zu reißen ſuchte, das Emilie anziehen zu wollen ſchien. Emilie lachte herzlich. Julie dagegen ſah aus, als wollte ſie weinen. „Hilf mir, Beate, hilf!“ rief ſie.„Hat man je ſo Etwas geſehen und gehört? Sieh nur, Beate! Eben weil Emilie heute Algernon erwartet, will ſie ihr häß⸗ lichſtes Kleid anziehen.. ja, ein Kleid, das ſie ſo ent⸗ ſtellt, daß ſie gar nicht mehr ſich ſelbſt gleicht. Und nicht zufrieden damit, will ſie auch eine Schürze anzie⸗ hen, die ſo dick iſt, wie eine Windel, und einen Kamm ins Haar ſtecken, der ſicherlich aus der Hinterlaſſenſchaft der ſeligen Meduſa ſtammt, ſo abſcheulich iſt er! Jetzt ſtreite und arbeite ich mich ſchon eine Viertelſtunde gegen dieſe unglückliche Toilette ab.... aber vergebens!“ „Wenn in Algernons Augen,“ ſagte Emilie mit würdiger Haltung und Miene,„blos ein Kleid oder ein Kamm dazu beitragen kann, mich angenehm oder unan⸗ genehm zu machen, ſo... „Sieh, da haben wir's!“ rief Julie troſtlos;„Jjetzt ſind wir an die Prüfung gelommen, und ich weiß näch⸗ ſtens nicht mehr, wie häßlich und abſcheulich ſie ſich zu machen im Stande iſt, um zu prüfen, ob Algernon die famoſeſten Romanhelden an heroiſcher Liebe übertreffen wird. Ich bitte dich um Gotteswillen, ſchneide dir nur nicht die Ohren und die Naſe ab.“ Emilie lachte. „Und du könnteſt ſo leicht ſo ſchön und ſo liebenswürdig ſein!“ fuhr Julie innig bittend fort, indem ſie ſich des unglückſeligen Kleides und Kammes zu bemächtigen ſuchte. —„Ich habe mir vorgenommen, mich heute ſo zu klei⸗ den,“ antwortete Emilie ernſthaft;„ich habe meine Gründe dazu, und wenn ich deinen und Algernons Ab⸗ ſcheu erwecke, ſo muß ich mich meinem Schickſal unkers werfen.“—„Emilie wird immer noch ſchön genug ſein,“ ſagte ich zu Julie, um ſie zu tröſten;„gehe jetzt nur und kleide dich zum Mittageſſen an. Bedenke, daß auch du einem Bräutigam zu gefallen haſt.“„O!“ ſagte Julie,„bei ihm hält dieß nicht ſchwer; wenn ich mich in ſo non für wer helf wir aus wir ihr ihre „Je ich ſo mat grif unte bis daß Wel läng iſt, det, liche wur kom Erſi das ſeine man ien. ollte e ſo Fben häß⸗ ent⸗ Und nzie⸗ mnm haft Jetzt egen mit ein nan⸗ „jetzt äch⸗ h zu die effen nur chte. irdig des chte. klei⸗ neine Ab⸗ nters ein,“ nur auch ſagte mich in einen Sack kleide und einen Krug auf den Kopf ſtelle, ſo findet er, daß es mir vortrefflich läßt.“ „Du glaubſt alſo,“ fragte Emilie,„daß Alger⸗ non nicht dieſelben Augen für mich hat, wie Arvid für dich?“ Julie ſah etwas betroffen aus. „Gehe jetzt nur, gehe,“ unterbrach ich ſie,„wir werden ſonſt nicht fertig; gehe Julie, ich will Emilien helfen, und ich wette, daß ſie gegen ihren Willen ſchön wird.“ Julie ging endlich zu Helena, die alle Tage ihr ausgezeichnet ſchönes Haar kämmte und flocht. Als ich nun mit Emilien allein war, und ihr das wirklich fatale graubraune Kleid anziehen half, ſagte ich ihr einige nach meiner Meinung verſtändige Worte über ihre Stimmung und ihr Benehmen. Sie antwortete mir: „Ich gebe zu, daß ich nicht bin, wie ich ſein ſollte. ich wünſchte, anders ſein zu können, allein ich fühle mich ſo wenig ruhig und ſo wenig glücklich, daß ich mir manchmal nicht zu helfen weiß. Ich ſtehe jetzt im Be⸗ griff, eine Verbindung abzuſchließen, die vielleicht beſſer unterbliebe, und wenn ich während der Zeit, die ich bis dahin noch übrig habe, zur Ueberzeugung komme, daß meine Furcht gegründet iſt, ſo wird Nichts in der Welt mich hindern, ſie aufzuheben, um dadurch lebens⸗ länglichem Unglück zu entgehen. Denn wenn es wahr iſt, daß man in einer glücklichen Ehe einen Himmel fin⸗ det, ſo iſt es eben ſo gewiß, daß man in einer unglück⸗ lichen eine Hölle hat.“ „Wenn du Herrn S. nicht liebſt,“ ſagte ich,„ſo wundert es mich wirklich, daß du die Sache ſo weit haſt kommen laſſen.“ „Nicht liebſt?“ wiederholte Emilie mit dem größten Erſtaunen;„ich liebe ihn freilich, und eben darin liegt das größte Unglück, meine Liebe macht mich blind für ſeine Fehler.“ „Das würde nach dem, was du ſo eben ſagteſt, Nie⸗ mand vermuthen,“ antwortete ich lächelnd. „Ach ja, ach ja!“ ſagte Emilie,„es iſt doch ſo. Einige darunter ſind indeß ſo handgreiflich, daß man nicht dafür blind ſein kann; z. B.— er iſt zu jung.“ „Abſcheulich!“ ſagte ich lachend;„das iſt wirklich niederträchtig von ihm.“ „Ja, du kannſt lachen, du. Für mich iſt es wahr⸗ haftig nicht luſtig. Ich will nicht gerade ſagen, daß es ſein Fehler iſt, aber es iſt doch ein Fehler von ihm, ge⸗ genüber von mir. Ich bin ſechsundzwanzig Jahre alt, und ſomit dem Scheidepunkte meiner Jugend ſehr nahe; er iſt blos zwei Jahre älter, und folglich als Mann noch ganz jung. Ich werde eine ehrwürdige Matrone, wäh⸗ rend er noch ein junger Mann iſt. Möglicherweiſe iſt er zum Leichtfinn geneigt, und geht gern von ſeiner alten, langweiligen Frau zu.4 „Aha, aha!“ unterbrach ich ſie,„dieſe Vorſicht geht doch beinahe ein wenig zu weit. Haſt du Gruͤnde, einen leichtſinnigen Charakter bei ihm wahrzunehmen?“ „Gerade keine beſtimmten.... aber in dieſem leicht⸗ ſinnigen Zeitalter ſind Treue und Beſtändigkeit ſo ſeltene Tugenden. Ich weiß, daß ich nicht Algernons erſte Liebe bin; wer ſteht mir dafür, daß ich ſeine letzte ſein werde? Ich könnte Alles eher ertragen, als die Unbe⸗ ſtändigkeit meines Mannes„ dieſe vermöchte ich, glaube ich, nicht zu überleben. Ich habe es Algernon geſagt. er hat mich verſichert.. aber was verſichert nicht ein Liebhaber? Ueberdieß, wie kann ich wiſſen, ob er mich mit der ächten, wahren Liebe liebt, die allein ſtark und ausdauernd iſt? Er kann blos eine Neigung für mich gefaßt haben— und dieſe iſt ein ſchwacher, leicht zerreißender Faden. Ich habe auch gedacht(und dieß hat mich oft in der Seele gekränkt), daß vielleicht mein Vermögen, oder das, was ich einmal vorausſichtlich bekommen werde, Einfluß gehabt hat... „Nein, das geht zu weit!“ jagte ich.„Du ſiehſt am hellen Tage Geſpenſter. Wie magſt du nur einen ſolchen Verdacht faſſen? Du kennſt ihn ja „ur an lieb kan nick Sc lich der ſieh zu obe übl mer kan ſeh me wif ſch: une unt wä Hu ſeir ſen fun beſ zur me hoe ver 6 Le unt det ſo. man . . klich ahr⸗ ß es ge⸗ alt, ahe; noch wäh⸗ ſt er lten, geht inen icht⸗ ltene erſte ſein nbe⸗ ich, rnon chert „ob llein zung cher, (und eicht tlich am chen 39 „Erſt ſeit zwei Jahren,“ unterbrach mich Emilie, „und beinahe vom erſten Augenblick unſerer Bekanntſchaft an machte er mir den Hof, und kehrte natürlich nur ſeine liebenswürdige Seite gegen mich heraus. aber wer kann in ein Männerherz blicken? Sieh, Beate ich kann nicht ſagen, daß ich den Mann kenne, an den ich mein Schickſal knüpfen ſoll. Und wie wäre es mir auch mög⸗ lich geveſen, ihn kennen zu lernen? Wenn man einan⸗ der blos in dem geordneten, gebildeten Geſellſchaftsleben ſieht, wo Charaktere beinahe nie Gelegenheit haben, ſich zu entwickeln, ſo lernt man ſich auch blos äußerlich und oberflächlich kennen. Es kann einer bösartig, geizig, zu übler und mürrriſcher Laune geneigt, ja was noch ſchlim⸗ mer iſt, ein Menſch ohne alle Religion ſein, und doch kann man ihn mehrere Jahre lang in Geſellſchaftskreiſen ſehen, ohne das mindeſte von All dem zu ahnen; na⸗ mentlich bekommt diejenige Perſon es am wenigſten zu wiſſen, der er gerne gefallen möchte.“ Ich wußte nicht recht, was ich ſagen ſolltez die Be⸗ ſchreibung ſchien mir wahr, und Emiliens Furcht nicht ungegründet. Sie fuhr fort: „Ja, wenn man einander zehn Jahre lang gekannt und geſehen hätte, beſonders wenn man zuſammen gereist wäre— denn auf Reiſen iſt man nicht ſo auf ſeiner Hut, und zeigt meiſtens ſeinen natürlichen Charakter und ſeine wahre Gemüthsart.. dann könnte man etwa wiſ⸗ ſen, wo man daran wäre.“ „Dieſe Methode,“ ſagte ich, mag vortrefflich be⸗ funden werden, indeß dürfte ſie doch Etwas langſam und beſchwerlich erſcheinen, und könnte höchſtens für Liebende zur Zeit der Kreuzzüge paſſen. In unſern Tagen pro⸗ menirt man auf der Königinſtraße, und fährt, wenn es hoch kommt, bis an's Nordthor. Mehr kann man nicht verlangen. Während dieſer Wanderung ſieht man die Welt, und wird von ihr geſehen: man wird begrüßt, und grüßt, man ſpricht, man ſcherzt und lacht, und fin⸗ det einander ſo angenehm, daß man nach Beendigung 40 der kleinen Reiſe kein Bedenken mehr trägt, die große Reiſe durchs Leben zuſammen zu unternehmen. Aber um jetzt ernſthaft zu reden, haſt du mit Algernon nie offen über die Gegenſtände geſprochen, worüber du ſeine Denkungsart kennen zu lernen für ſo wichtig hältſt?“ „Ja, mehrere Male,“ antwortete Emilie,„zumal ſeit unſerer Verlobung, und ich habe immer die Geſinnungen und Gefühle bei ihm gefunden, die ich wünſchte; aber ach, ich kann mich ſo leicht haben blenden laſſen, weil ich es heimlich wünſchte. Möglicherweiſe kann ſich auch Algernon, in ſeinem Eifer, mir zu gefallen, über ſich ſelbſt getäuſcht haben. Ich habe mir vorgenommen, alle meine Aufmerkſamkeit aufzubieten, um während der kur⸗ zen Zeit, die mir noch von meiner Freiheit übrig iſt, die Wirklichkeit und Wahrheit auszuforſchen, und ich will, wenn es ſich anders thun läßt, nicht ihn und mich durch freiwillige Blindheit unglücklich machen Er könnte übrigens auch ganz vortrefflich ſein, und doch nicht für mich, und ich nicht für ihn paſſen; unſere Gemüths⸗ arten und Charaktere könnten im Grunde gänzlich dis⸗ harmoniren.“ Unter all dieſen trübſeligen Muthmaßungen war Emilie angekleidet worden, und man mußte geſtehen, ihr Anzug ſtand ihr nicht gut. Sie ſchloß das Geſpräch mit den Worten: „Ich wünſche zuweilen, ich wäre ſchon verheirathet, dann brauchte ich mich doch nicht mit dem Gedanken zu plagen, daß ich heirathen ſoll.“ „Unzuſammenhängender Menſchenſinn!“ dachte ich. Bei Tiſche wurde Emiliens Toilette allgemein geta⸗ delt, beſonders von dem Kornet. Julie ſchwieg, ſprach aber mit den Augen. Der Oberſt allein ſagte Nichts, ſondern betrachtete Emilie mit einer etwas ſarkaſtiſchen Miene, worüber ſie erröthete. Nach dem Eſſen ſagte Julie zu Emilie: „Liebe Emilie, ich meinte nicht, daß Algernon dich nicht eben ſo liebenswürdig finden würde, wenn du auch in E daß nich wär und ein ſteck ſagt Pri und wir Sch plin End Ort an. blick wiet beſc die zück die tiſch Klei zend liebe ſein Aus gebe Taf mög rße Aber nie ſeine ſeit ngen aber weil auch ſich alle kur⸗ iſt, will, urch nnte für ths⸗ dis⸗ war ihr mit thet, zu h. eta⸗ rach hts, chen dich uch in Sack und Aſche gekleidet wäreſt; ich wollte blos ſagen, daß es Unrecht ſei, wenn eine Braut ihrem Bräutigam nicht auf jede Weiſe zu gefallen ſuche; ich meinte, es wäre Unrecht„es wäre„ Hier verlor Julie den Faden ihrer Demonſtration, und gerieth beinahe in eben ſo große Verlegenheit, wie ein gewiſſer Bürgermeiſter, der in einer ähnlichen Predigt ſtecken blieb. Emilie drückte freundlich ihre Hand, und ſagte:„Du biſt ſelbſt und zwar ganz glücklich deinem Prinzip gefolgt, denn ich habe dich kaum beſſer gekleidet und überhaupt reizender geſehen, als heute, und ſicherlich wird es auch Arvid ſo finden.“ Julie erröthete und freute ſich über dieſe Worte der Schweſter mehr, als wenn ihr ihr Bräutigam ein Com⸗ pliment gemacht hätte. Gegen Abend war das Geſtöber im Hauſe herum zu Ende; Alles kam wieder in ſeine frühere gemüthliche Ordnung, und auch Ihro Gnaden kam jetzt zur Ruhe. Zur Theezeit langten Algernon und Lieutenant Arvid an. Emilie und Julie errötheten, wie Juniroſen; erſtere blickte nieder, letztere empor. Algernon bewies eine ſo lebhafte Freude, Emilie wieder zu ſehen; er war ſo ausſchließend mit ihr ſelbſt beſchäftigt, er bekümmerte ſich ſo wenig um ihre Toilette, die er keines Blickes würdigte, und war offenbar ſo ent⸗ zückt, ſo glücklich und ſo liebenswürdig, daß die Freude, die aus ſeinen Augen ſtrahlte, allmählig einen ſympathe⸗ tiſchen Glanz in denen Emiliens entzündete, und trotz Kleid, Schürze und Kamm war ſie dieſen Abend ſo rei⸗ zend und einnehmend, daß Julie die Toilette verzieh. Nicht weniger ſelig war Lieutenant Arvid bei ſeiner liebenswürdigen Braut, obgleich es nicht ſeine Sache zu ſein ſchien, es wie Algernon in lebhaften und gewählten Ausdrücken zu äußern. Beredtſamkeit iſt nicht Allen ge⸗ geben, und jeder hat ſeine eigene Weiſe. Er trank drei Taſſen Thee, aß ein Dutzend Bretzeln, küßte ſo oft als möglich ſeiner Braut die Hand, und ſah ganz glückſelig 42 aus. Ich hörte ihn ein paarmal ſagen:„Hol mich der Tauſend!“ und fand, daß ein ſchöner Mund und eine das angenehme Stimme das Widrige von häßlichen Redens⸗ ſam arten mildern können. Lieutenant Arvid war wirklich ein ſer( Adonis, NB. ein Adonis mit einem Schnurrbart! zu S Auf ſeinem Geſichte ſtand Güte und Ehrlichkeit, aber gehe (ich bitte ihn tauſendmal um Verzeihung) auch etwas Einfalt und Eigenliebe zu leſen. Sein ſchöner, zwan⸗ weni ſialähriger Kopf ſchien nicht viele Gedanken zu beher⸗ Glar eren. Algernon hatte ein ausgezeichnet ſchönes Ausſehen, ſeufz worin Männlichkeit, Güte und Scharfſinn die Hauptzüge„ Jun bildeten. Er war hoch gewachſen, hatte regelmäßige Han ſchöne Geſichtszüge, und die anmuthsvollſte, ungezwun⸗ ſo n genſte Haltung. flimn „Wie iſt es möglich,“ dachte ich,„daß Emilie ihren nicht Blick auf dieſes edle Geſicht heftet, ohne alle ihre Be⸗ ſorgniſſe und Bedenklichleiten zu verlieren?“ ſchen Für dieſen Abend verſchwanden ſie jedoch, oder zogen lich! ſich in den dunkelſten Hintergrund der Seele zurück. Die tag ganze Familie ſchien glücklich zu ſein, Alles athmete einer Freude und Leben. Der Die Blinde erſchien nicht in der Geſellſchaft. ſie, doch Als um Fünf Tage vor der Hochzeit. iſt * Frat Ungeachtet der Fröhlichkeit und Zufriedenheit, womit glůc der Montag beſchloſſen wurde, erwachte Emilie am Dienſtag„ Morgen mit dem Ausrufe:„Schon wieder ein Tag weni⸗ San ger bis zu dem ſchrecklichen Tage.“ Schöne Geſchenke von Algernon kamen am Vormit⸗ ſeher tag an. Emilien gefiel der Brauch nicht, daß ein Bräu⸗ kenn tigam ſeiner Geliebten Geſchenke gibt. Gen der eine dens⸗ ein aber twas wan⸗ eher⸗ hen, tzüge ißige vun⸗ hren Be⸗ ogen Die mete mit ſtag eni⸗ mit⸗ äu⸗ „Es iſt eine barbariſche Sitte,“ ſagte ſie;„ſie macht das Weib zu einer Handelswaare, die der Mann gleich⸗ ſam erkauft. Schon die allbekannte Thatſache, daß die⸗ ſer Gebrauch bei allen rohen und wilden Völkerſchaften zu Hanſe iſt, ſollte die civilifirten vermögen, davon abzu⸗ gehen.“ Ueberdieß fand ſie bei einigen Geſchenken, daß zu wenig auf den Nutzen, zu viel auf den Lurus und bloßen Glanz Rückſicht genommen war. „Wenn er nur kein Verſchwender iſt,“ ſagte ſie ſeufzend,„er kennt mich ſehr ſchlecht, wenn er meint, Juwelen ſeien mir lieber, als einige Blumen aus ſeiner Hand. So ſehr ich das Anmuthige und Elegante liebe, ſo wenig Gefallen finde ich an aller äußern Pracht und flimmerndem Gepränge Außerdem paßt dieß durchaus nicht für unſere Verhältniſſe.“ Emiliens gute Laune war dahin; ſie ſah die Ge⸗ ſchenke kaum an, über welche Julie unaufhörlich„gött⸗ lich! charmant!“ rief. Sie nahm den ganzen Vormit⸗ tag die Papilloten nicht aus dem Haar und ging in einem großen Shawl eingehüllt, welcher ſchief hing. Der Kornet verglich ſie mit einer Hottentottin und bat ſie, obgleich von rohen und barbariſchen Sitten umgeben, doch nicht zu glauben, daß ſie eine Wilde werden müſſe. Als wir zum Mittageſſen hinabgingen, ſagte ich zu ihr, um meine Rolle als wahrhaftige und geſchickte Lobred⸗ nerin zu erfüllen, wie ungewöhnlich ſchön und einneh⸗ mend ich Algernon finde.„Ja,“ antwortete Emilie,„er iſt ſehr ſchön, weit ſchöner als Mann, denn ich als Frauenzimmer und ich halte dieß für ein wirkliches Un⸗ glück.“ „O weh,“ dachte ich,„jetzt bin ich wieder auf eine Sandbank geſtoßen.“ Emilie fuhr fort: „Es iſt ſelten, daß ein ausgezeichnet ſchönes Aus⸗ ſehen nicht eitel macht und das Unerträglichſte, was ich kenne, iſt ein in ſeiner eigenen Perſon vernarrter Mann. Gewöhnlich hält er es für die Pflicht ſeiner weniger 44 ſchönen Frau, ſeiner Schönheit und Liebenswürdigkeit zu huldigen und ſie anzubeten. Die Eitelkeit ſchmälert den Werth der Frauenzimmer, die Männer aber erniedrigt ſie. Nach meiner Anſicht iſt das Aeußere bei einem Manne von weniger oder gar keiner Bedeutſamkeit für ſeine Frau. Ich bin überzeugt, ich könnte einen edlen Aeſop anbeten und würde ihn tauſendmal einem Adonis vorziehen. Ein Narciß, der ſein eigenes Bild anbetet, iſt das Abgeſchmackteſte, was ich mir denken kann.“ Während Emilie dieſe Worte ſchloß, öffnete ſie die Thüre zum Salon. Algernon war allein im Zimmer und ſtand—— vor dem Spiegel!— worin er ſich, wie es ſchien, mit der größten Aufmerkſamkeit betrachtete. Man hätte ſehen ſollen, wie Emilie erröthete, und mit welchem Geſichte ſie ihren Bräutigam empfing, der ſei⸗ nerſeits beſtürzt über ihre Verwirrung und ihr verdrieß⸗ liches Ausſehen, vielleicht auch ein wenig beſchämt, in ſeinem téte-à-téte mit dem Spiegel ertappt worden zu ſein, ganz ſeine Faſſung verlor. Es war jetzt meine Sache, ein Geſpräch in Gang zu bringen, durch Bemer⸗ kungen über das Wetter, die Wege u. ſ. w. Glücklicherweiſe kamen jetzt allmählig die übrigen Mitglieder der Familie herein, was eine heilſame Diver⸗ ſion machte. Emilie fuhr fort, grämlich drein zu blicken und auch Algernons Geſicht verdüſterte ſich allmählig, während er ſie anſah. Ich glaubte zu bemerken, daß er eine kleine Geſchwulſt am linken Auge habe und fand es wahrſchein⸗ lich, daß dieſe die Veranlaſſung zu ſeinem téte-à-téte mit dem Spiegel geweſen ſei— aber Emilie wollte Nichts davon ſehen. Mehrere Kleinigkeiten trugen dazu bei, die Stimmung zwiſchen den beiden Liebenden zu ver⸗ ſchlimmern. Algernon fand zufällig Gefallen an Dingen, die Emilien nicht gefielen und ließ beim Eſſen Emiliens Lieblingsgerücht an ſich vorübergehen. Emilie fand darin die Gewißheit, daß ſie nicht im Mindeſten ſympathiſiren. Algernon machte eine wahre, aber nicht beißende oder * bezi gen ſagt eine Jul „ſie daſi gnä chin Alg du geh inde die Em nac vor, niſc die unſe Gel Du Hof litt an drie Aue die auf Fig Alle fröh litt, ihr eit zu rt den edrigt einem t für edlen donis betet, ie die mmer ſich, htete. dmit r ſei⸗ rieß⸗ „iji en zu neine mer⸗ rigen tver⸗ auch d er leine ein⸗ mit ichts bei, ver⸗ gen, iens arin ren. der beziehungsvolle Bemerkung über Launen und das Unan⸗ genehme derſelben. Gleichwohl hätte ſie dießmal unge⸗ ſagt bleiben können. Emilie bezog ſie auf i eine immer vornehmere und würdevollere Miene an. Julie wurde ängſtlich.„Es wäre weit beſſer,“ ſagte ſie, „ſie haderten tüchtig mit einander, als daß ſie ſchweigend daſitzen und den Zorn in ſich hinein würgen.“ Kornet Karl ging zu Emilie und ſagte:„Meine gnädige Schweſter, ich bitte dich, ſitze nicht da, wie die chineſiſche Mauer, undurchdringlich für alle Pfeile, die Algernons verliebte Augen auf dich ſchießen. Sei, wenn du kannſt, Etwas weniger Eis. Sieh Algernon an, geh zu ihm und gib ihm einen Kuß!“ So ſah die Sache indeß nicht aus! eher hätte man erwarten können, daß die chineſiſche Mauer ſich in Bewegung geſetzt hätte. Emilie ſah Algernon nicht einmal an, den es unendlich nach Verſöhnung zu verlangen ſchien. Er ſchlug ihr vor, mit einander ein ganz neu herausgekommenes italie⸗ niſches Duett zu ſingen, vermuthlich in der Hoffnung, die Geiſter der Harmonie werden alle feindlichen und unſanfte verjagen, die den Frieden zwiſchen ihm und ſeiner Geliebten geſtört, und das Cor mio, mio ben des Duetts werde bald auch in Herzen tönen. Vergebliche Hoffnung! Emilie entſchuldigte ſich mit Kopfweh. Sie litt wirklich daran und zwar in hohem Grade, wie ich an ihren Augen ſah. Sie bekam es leicht, wenn ſie ver⸗ drießlich und unruhig war. Algernon hielt dieß für eine Ausflucht und ohne ſich um ſeine Braut zu bekümmern, die in einer Sophaecke ſitzend ihren ſchmerzenden Kopf auf die Hand ſtützte, erklärte er, er wünſche Mozarts Figaro in der Oper zu hören, verbeugte ſich haſtig vor Allen und ging. Der Abend ſchleppte ſich träge zu Ende. All guter, fröhlicher Muth war dahin. Jedermann ſah, daß Emilie litt, und deßhalb äußerte Niemand Unzufriedenheit über ihr Benehmen. —— —— * ———— 46 Der Oberſt allein ließ ſich Nichts anmerken und legte ruhig ſeine Patience. Als wir uns für den Abend trennten, ſagte der Kornet leiſe zu mir:„Da geht es ja raſend zu! Morgen müſſen alle Zerſtreuungsbatterien losgebrannt werden.“ Der Mittwoch kam. Algernon fand ſich früh Mor⸗ gens ein; ſein Blick war ſo zärtlich, ſeine Stimme ſo voll Innigkeit, wenn er mit Emilie ſprach, daß ſie auf⸗ thaute und Thränen in ihre Augen traten. Alles wurde gut zwiſchen den Liebenden, Niemand wußte, wie oder warum, nicht einmal ſie ſelbſt. Dieſer Tag ging ruhig vorüber, mit Ausnahme von zwei Schrecken, die Emilie hatte, aber doch überlebte. Den erſten bekam ſie Vormittags, als ſie bei einer Un⸗ terredung Algernons mit ihrer gnädigen Mutter Aeuße⸗ rungen von ihm hörte, die ſie eine Minute lang über⸗ zeugten, es ſei nichts Geringeres, als der größte Geiz⸗ hals auf der Erde. Glücklicherweiſe fand ſie bald, daß er nur die Worte eines Harpagons aus ſeiner Bekannt⸗ ſchaft eitirt hatte, worüber er ſelbſt ſodann herzlich lachte. Emilie ſchöpfte Athem und leiſtete ihm Geſell⸗ ſchaft. Der zweite Schreck kam Abends über ſie, als ich, während einer ernſten Unterhaltung, die Einige von uns im klaren Mondſchein am Fenſter ſitzend hielten, die Aeußerung that:„Es gibt doch edle und gute Men⸗ ſchen, die unglücklich genug ſind an kein jenſeitiges Le⸗ ben, an kein höheres Ziel unſeres Daſeins zu glauben; — dieſe ſind zu beklagen, nicht zu tadeln..“ Mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Angſt in ihren ſchönen Augen ſah mich Emilie fragend an. Ihr Gedanke war: „Iſt es vielleicht Algernon, den du entſchuldigen willſt?“ Ich antwortete ihr damit, daß ich ihre Aufmerkſamkeit auf Algernon lenkte, der bei meinen Worten einen Blick zu dem ſternengeſchmückten Himmel emporhob, einen Blick, worin ſich eine ſchöne und zuverläßige Hoffnung ausdrückte. Emilie ſah ebenfalls dankbar hinauf und als keit En des bei und mu fort unt etw Em und e der orgen Mor⸗ ne ſo au⸗ wurde oder e von rlebte. rUn⸗ leuße⸗ über⸗ Geiz⸗ „daß annt⸗ rzlich „ als e von ielten, Men⸗ s Le⸗ uben; einem hönen war: lſt?“ amkeit Blick einen fnung und als ihre Blicke ſich begegneten, ſtrahlten ſie von Zärtlich⸗ keit und Freude. Dieſer Tag war auf dem beſten Wege, ſo gut zu Ende zu gehen. Ach, warum mußte Algernon während des Abendeſſens ein Billet erhalten? Warum mußte er bei Durchleſung deſſelben in einige Verwirrung gerathen und ſodann viel von ſeiner Heiterkeit verlieren? Warum mußte er ſo ſchnell und ohne irgend eine Erklärung fortgehen? Ja, warum?— Das wußte Niemand, aber Manche unter uns hätten es für ihr Leben gerne gewußt. „Es kann dir doch nicht einfallen, des Billets wegen etwas Böſes von Algernon zu denken?“ ſagte Julie zu Emilie, als ſie zu Bette gingen. „Gute Nacht, Julie!“ antwortete Emilie ſeufzend. Emilie hatte keine gute Nacht. Donnerſtag. Wolken und Nebel um Emilie. Ver⸗ unglückte Verſuche unſererſeits, dieſelben zu zerſtreuen. Gleich beim Frühſtück rückte der Kornet mit Napoleon und Karl XII. ins Feld. Emilie konnte nicht ſtreiten. Julie und Helena bemühten ſich vergebens ſie aufzuhei⸗ tern. Ich wagte in meiner Rolle kein einziges Wort zu ſprechen. Das Billet, das Billet lag Allen im Wege. Um zwölf Uhr kam Algernon. Er ſah ganz erhitzt aus und etwas ungewöhnlich Funkelndes lag in ſeinen Augen. Emilie hatte ihm geſtern verſprochen, jetzt eine Spazierfahrt im offenen Schlitten mit ihm zu machen: er kam ſie abzuholen. Ein ſchöner Schlitten mit zier⸗ lichen Rennthierfellen bedeckt, ſtand vor dem Hauſe. Emilie lehnte es kalt und beſtimmt ab, mitzufahren. „Warum?“ fragte Algernon.„Wegen des Billets,“ hätte Emilie der Wahrheit gemäß antworten müſſen, aber ſie ſagte: „Ich wünſche zu Hauſe zu bleiben.“ „Biſt du krank?“ „Nein.“ ——,—— „Warum willſt du mir nicht das Vergnügen machen, mit mir zu fahren, wie du mir verſprochen haſt?“ „Das Billet! Das Billet!“ dachte Emilie, aber ſie errothete bloß und ſagte noch einmal: „Ich wünſche zu Hauſe zu bleiben.“ Algernon wurde böſe; er erröthete heftig und ſeine Augen flammten. Er ging hinaus, indem er die Thüre ziemlich hart hinter ſich ſchloß. Der Bediente, der mit dem Schlitten am Thore warten ſollte, hatte dieſen inzwiſchen verlaſſen. Das Pferd, von einem Schneeſturze erſchreckt und ſich ſelbſt über⸗ laſſen, zuckte ruͤckwärts, warf eine alte Frau um und würde vermuthlich durchgegangen ſein, wenn nicht Alger⸗ non, der in dieſem Augenblicke herabkam, vorgeſtürzt wäre und mit kräftigem Arm die Zügel ergriffen hätte. Nachdem er das Pferd zum Stehen gebracht, rief er einen Burſchen herbei, dem er es zu halten übergab und eilte ſelbſt, die Alte aufzurichten, die vor Schreck ſich nicht zu rühren gewagt hatte, zu allem Glück aber nicht im Mindeſten beſchädigt zu ſein ſchien. Er ſprach einen Augenblick mit ihr und gab ihr Geld. Seinem Bedienten, der endlich kam, gab er eine Ohrfeige, warf ſich darauf in den Schlitten, ergriff ſelbſt die Zügel und fuhr davon, wie ein Blitz. Bleich hatte Emilie neben mir vom Fenſter aus die⸗ ſen Auftritt betrachtet, aber bei der letzten Abtheilung deſſelben rief ſie: „Er iſt heftig, jähzornig, raſend!“ und brach in Thränen aus. „Er hat,“ ſagte ich,„menſchliche Schwachheiten und das iſt Alles. Er kam in einer aufgeregten und unruhigen Stimmung hieher; die Weigerung, dein gegebenes Verſprechen zu erfüllen, ohne auch nur einen einzigen Grund dafür anzugeben, mußte ihn natürlich aufbringen; die Nachläßigkeit ſeines Bedienten, die ſo leicht ein großes Unglück hätte verat bloß dient jung und Wid Es und ſahe ihn (ver walt Gut und den, müſ aber eine ſtatt non dire lich in t fün Alg rück kam Geg Kot glä abe 2 chen, er ſie ſeine hüre hore ferd, und ger⸗ ſtürzt hätte. und ſich nicht einen eine griff die⸗ lung h in eiten egten ung, auch ußte eines hätte 49 veranlaſſen können, ſteigerte ſeine Hitze, die ſich indeß bloß durch eine einzige von dem Empfänger wohlver⸗ diente Ohrfeige Luft machte. Es iſt zu viel von einem jungen Manne verlangt, daß er ſich vollkommen kalt und ruhig halten ſoll, wenn dicht auf einander folgende Widerwärtigkeiten ſein Gemüth in Gährung bringen. Es iſt genug, wenn einer trotz ſeiner Hitze ſo menſchlich und gut bleibt, wie wir Algernon ſo eben gegen die Alte ſahen. Im Uebrigen glaube ich, Emilie, wenn du, ſtatt ihn durch Launen und einfältiges Benehmen zu reizen (verzeih mir dieſe zwei hübſchen Worte) die große Ge⸗ walt, die du, wie wir Alle ſehen, über ihn beſitzeſt, zum Guten anwenden wollteſt, ſo würdeſt du ihn nie jähzornig und raſend ſehen, wie du es nennſt.“ Ich war mit meiner kleinen Rede ſehr wohl zufrie⸗ den, als ich ſie zu Ende gebracht hatte und dachte, ſie müſſe eine wunderbar kräftige Wirkung hervorbringen— aber Emilie ſchwieg und ſah unglücklich aus. Algernon kam zum Mittageſſen nicht zurück. Am Nachmittag erzählte Kornet Karl, er habe von einem Kameraden gehört, daß Vormittags ein Duelk ſtattgefunden habe. Einer der Duellanten war Alger⸗ nons beſter Freund und hatte ihn erſucht, ihm zu ſecun⸗ diren. Er hatte dieß(wie der Kornet mit ausdrück⸗ licher Betonung ſagte) durch ein Billet gethan, das hier in dem Hauſe, wo Algernon ſich befand, geſtern Abend fünfundvierzig Minuten nach neun Uhr abgeliefert wurde. Algernon hatte alles Mögliche aufgeboten, um das Duell rückgängig zu machen— aber vergebens. Der Zwei⸗ kampf fand ſtatt und Algernons Freund verwundete ſeinen D Gegner gefährlich. Die nähern Umſtände wußte der Kornet nicht. Jetzt war Alles erklärt und Algernons Bild ganz glänzend rein vor Emilie. Algernon kain gegen Abend; er war ganz ruhig, aber ernſt, und ſetzte ſich nicht, wie gewöhnlich neben ſeine Bremer, die Familie H. Braut. Emilie war nicht vergnügt; ſie ſchien nicht den erſten Schritt zur Verſöhnung thun zu wollen, be⸗ wies aber doch durch manche kleine Aufmerkſamkeiten gegen Algernon, wie ſehr ſie dieſelbe wünſchte. Sie bot ihm ſelbſt Thee, fragte, ob er ihn ſüß genug finde, ob ſie ihm noch eine Taſſe einſchenken dürfe u. ſ. w. Al⸗ gernon blieb kalt gegen ſie, ſchien oft in tiefe Gedanken zu verfallen und zu vergeſſen, wo er war. Emilie zog ſich verletzt zurück; ſie wurde ganz niedergeſchlagen, ſetzte ſich in einiger Entfernung, um zu nähen und ſah lange nicht von ihrer Arbeit auf. Kornet Karl ſagte zu Helena und mir:„Das Ding geht nicht beſonders gut, aber was in aller Welt ſoll man thun, um es beſſer in Gang zu bringen? Ich kann nicht ſchon wieder mit Napolevn und Karl KII. heran⸗ rücken. Ich bin Vormittags mit ihnen aufgezogen und es iſt mir nicht am Beſten geglückt. Man muß geſtehen, daß Emilie keine liebenswürdige Braut iſt. Wird ſie als Frau nicht anders, ſo ſollte ſie jetzt nicht zu Algernon gehen, und ihn zu tröſten und aufzumuntern ſuchen? Seht, jetzt geht ſie—— nein ſie hat ſich blos einen neuen Knäulzwirn geholt. Armer Algernon! Ich fange an es für ein reines Glück zu halten, daß ich ſo gefühllos bin. Die armen Liebenden haben ſchmerz⸗ lichere Leiden auszuſtehen, als wir jungen Militärs, bis wir die verſchiedenen Grade paſſirt haben. Wäre ich Bräutigam—— ei ſieh da, der kleine Claes! Was iſt dein Begehr. ein Zwieback. Geh zu Emilie, geh zu Emilie, ich habe keine Zwiebäcke. Ja, es kann Ihrer Hoheit gut thun, wenn ſie ſich ein wenig Bewegung macht.“ Der Kornet ſah nicht, wie ganz demüthig Ihre Hoheit dieſen Abend in ihres Herzens Grunde war und daß Algernon an der zwiſchen ihnen eingetretenen Kälte die Hauptſchuld trug. Algernon und Emilie näherten ſich dieſen Abend einander nicht mehr und trennten ſich kalt— wenig⸗ ſtens ſcheinbar. dut abe die jetz u zu vet ihr un me Pr h⁵ m He ſie ne ge ju eb fu Fe ſo w — O ha lic ur w nicht be⸗ eiten bot „ ob Al⸗ nken 309 ſetzte ange Ding ſoll kann ran⸗ und hen, ſie t zu tern blos Ich h ſo lerz⸗ bis ich s iſt h zu hrer cht.“ Ihre und älte bend nig⸗ — Am Freitag Morgen beſchloß Emilie die Verbin⸗ dung aufzuheben. Algernon war edel, vortrefflich— aber er war ſo ſtreng und liebte ſie nicht;— er hatte dieß am vergangenen Abend deutlich gezeigt: ſie wünſchte jetzt ein Geſpräch unter vier Augen mit ihm zu haben u ſ. w. Algernon kam. Er war viel heiterer als Tags zuvor und ſchien zu wünſchen, daß alles Unangenehme vergeſſen werden möchte. Emilie war im Bewußtſein ihres wichtigen Vorhabens Anfangs feierlich; aber Julie, Helena, Ihro Gnaden, Kornet Karl und ich machten uns ſo viel um ſie herum zu ſchaffen, daß wir ſie all⸗ mählig in unſern Wirbel hineinzogen und ſowohl das Privatgeſpräch als alle innern Grübeleien hintertrieben. Man bekam jetzt zuweilen wieder ihr herzliches Lachen zu hören und ihr gedankenvolles Weſen ging nicht in Schwer⸗ muth über. Nachmittags wurde der Ehecontract unterſchrieben. Selbſt Sir Charles Grandiſons Braut, die ſchöne Harriet Byron ließ(ſo ſagt man) die Feder fallen, die ſie ergriffen hatte, um ihren Ehecontract zu unterzeich⸗ nen und beſaß nicht die nöthige Stärke und Geiſtesge⸗ genwart, ihr Schickſal zu unterſchreiben. Millionen junge Bräute haben in dieſer Stunde gezittert und ſich eben ſo benommen, wie ſie; was Wunder, wenn die furchtſame, bange Emilie außer ſich vor Schreck war! Die Feder fiel ihr nicht bloß aus der Hand, ſondern machte ſogar einen großen Dintenkleks auf das wichtige Papier, was ſie ſelbſt in dieſem Augenblick für ein unglückliches Omen anſah und ich zweifle, daß ſie noch unterzeichnet haben würde, wenn nicht der Oberſt(ganz wie Sir Charles) die Feder ergriffen, ſie zwiſchen ihre unbeweg⸗ lichen Finger gelegt, ſodaͤnn ihre zitternde Hand gefaßt und geführt hätte. Am Abend, als wir auf unſerm Zimmer allein waren, ſagte Emilie mit einem tiefen Seufzer: „Es muß alſo geſchehen! Es kann mehr ge⸗ holfen werden, und übermorgen wird er mich von Allem fortführen, was ich ſo innig liebe.“ „Man ſollte faſt glauben,“ ſagte Julie lächelnd, aber mit Thränen in den Augen,„man ſollte faſt glau⸗ ben, es handle ſich um eine Reiſe bis ans Ende der Welt und doch werden uns bloß ein paar Straßen und Märkte von dir trennen und wir können einander alle Tage ſehen.“ „Alle Tage ja,“ ſagte Emilie weinend,„aber nicht, wie jetzt alle Stunden.“ Am Samſtag war Emilie gut und zärtlich gegen Alle, aber niedergeſchlagen und unruhig ſchien ſie den Gedanken entfliehen zu wollen, die ſie überall ver⸗ folgten. Algernon wurde mit jedem Augenblick ernſter und betrachtete ſeine Braut mit kummervoll forſchenden Blicken. Es ſah aus, als fürchtete er, ſie möchte ihm mit ihrer Hand nicht ihr ganzes Herz ſcheuken. Gleich⸗ wohl ſchien es ihm vor jeder Erklärung zu bangen und er vermied es, mit Emilie allein zu ſein. Ich hatte von einer Baſe der Schwägerin der Stiefſchweſter der Köchin im Hauſe erfahren, daß Al⸗ gernon in mehreren armen Familien Speiſen und Geld hatte austheilen laſſen mit dem Bemerken, ſie ſollen ſich am Sonntag eine gute Mahlzeit bereiten und fröhlich ſein. Ich erzählte dieß Emilien, die ihrerſeits daſſelbe gethan hatte. Dieſe Sympathie in ihren Gedanken er⸗ freute ſie und gab ihr wieder einigen Muth. Mittlerweile hatte man von allen Seiten fleißig genäht und gearbeitet, ſo daß am Tag vor der Hochzeit Alles fertig und in Ordnung war. Es lag etwas Feierliches im Abſchied an dieſem Abende. Alle umarmten Emilie und in Aller Augen ſtanden Thränen. Emilie bemeiſterte ihre Rührung, konnte aber nicht ſprechen. Alle dachten an den mor⸗ genden Tag. Allem e, glau⸗ Welt ärkte Tage nicht, gegen ſie ver⸗ und enden ihm und der Al⸗ Geld neſich öhlich ſſelbe ner⸗ leißig chzeit ieſem lugen rung, mor⸗ Der Hochzeittag. Der große, der erwartete, der gefürchtete Tag kam endlich. Emilie war kaum aufgeſtanden, als ſie mit ahnungsvollem Blick zum Himmel emporſah. Er war mit grauen Wolken überzogen. Die Luſt war kalt und neblich; Alles, was man durch das Fenſter ſehen konnte, trug den melancholiſchen Stempel, den ein kühler Win⸗ tertag ſowohl den lebendigen als den lebloſen Dingen aufdrückt. Der Rauch, der aus dem Schornſtein empor⸗ ſtieg, wurde niedergedrückt und wälzte ſich langſam über die Dächer hin, ihre weißen Schneedecken ſchwärzend. Einige alte Weiber mit rothen Naſen und blauen Ba⸗ cken führten ihre Milchkarren zu Markte, ſchrittweiſe von magern Kleppern gezogen, die ihre ſtruppigen Köpfe mehr als gewöhnlich zur Erde hängen ließen. Selbſt die kleinen Sperlinge ſchienen nicht wie ſonſt bei mun⸗ terer Laune zu ſein; ſie ſaßen ſtill und zuſammenge⸗ fauert die Dachrinnen entlang, ohne zu zwitſchern oder zu freſſen. Dann und wann regte einer von ihnen den Flügel oder öffnete ſeinen kleinen Schnabel, aber es ge⸗ ſchah ſichtlich aus Ueberdruß. Emilie ſeufzte tief. Ein klarer Himmel, ein Bischen Sonnenſchein hätte ihr nie⸗ dergedrücktes Gemüth aufgemuntert und erquickt. Wer wünſchte nicht, daß eine klare Sonne ſeinen Hochzeittag überſtrahlen möge? Es ſcheint uns, als könne Hymens Fackel nicht recht hell brennen, wenn ſie ſich nicht am reinen Licht der Himmelsſtrahlen entzündet. Ein gehei⸗ mer Glaube, daß der Himmel nicht gleichgültig auf un⸗ ſere irdiſchen Schickſale blicke, bleibt beſtändig in der Tiefe unſeres Herzens, und obgleich wir Staub, obgleich wir Atome ſind, ſo erblicken wir doch, wenn das ewige Gewölbe von Wolken verdunkelt wird, oder in Klarheit ſtrahlt, in dieſen Wechſeln immer irgend eine Sympathie oder eine Vorbedeutung, die uns gilt, und oft, ſehr oſt 54 ſind unſere Hoffnungen und unſere Befürchtungen Kinder des Windes und der Wolken. Emilie, die eine ſchlafloſe Nacht gehabt hatte, und von den Ereigniſſen des vorhergehenden Tages noch niedergedrückt war, wurde durch dieſen kühlen Morgen vollends ganz verzagt. Sie klagte über Kopfweh, und nachdem ſie beim Frühſtück Eltern und Geſchwiſter um⸗ armt hatte, bat ſie, den Vormittag allein auf ihrem Zim⸗ mer zubringen zu dürfen. Man gewährte ihr dieß. Der Oberſt ſah ernſter aus, als gewöhnlich. Die gnädige Frau machte ein ſo kummervolles Geſicht, daß es einem ins Herz ſchnitt, wenn man ſie nur anſah. Sorge und Unruhe wegen Emiliens, tauſenderlei Gedanken wegen des Hochzeitmahles beſchäftigten abwechſelnd ihre Seele, und Alles, was ſie ſagte, begann mit Ach! Auch der Kornet war nicht heiter, und Helenas ausdrucksvolles Ge⸗ ſicht hatte einen leichten Anflug von Wehmuth. Julie wunderte ſich unbeſchreiblich, wie ein Hochzeittag ſo dü⸗ ſter beginnen könne, und auf ihrem Geſichte wechſelte be⸗ ſtändig die Luſt zu weinen und zu lachen. Nur der Magiſter und die kleinen Dicken befanden ſich bei ihrer gewöhnlichen Laune. Der erſte biß ſich in die Nägel, ſchwieg und ſah in die Luft hinaus; die letzteren hörten gar nicht auf, zu frühſtücken. Ich ging den ganzen Vormittag der gnädigen Frau an die Hand, und es war nicht wenig, was wir theils zu beſprechen, theils anzuordnen, theils ſelbſithätig zu be⸗ werkſtelligen hatten. Wir quirlten den Citroneneréme, goßen Waſſer auf den Braten, ſalzten die Suppe, jam⸗ merten mit den Andern über die verunglückten Paſteten, freuten uns über den prachtvollen Aufſatz, und verbrann⸗ ten unſere Zungen wohl an ſiebzehn Saucen. Ach, es ſind keine pvetiſchen Flammen, welche Hymens Fackel auf dem Küchenherde anzündet! Der Oberſt bereitete ſelbſt den Biſchof und Punſch, und beläſtigte und hinderte uns nicht wenig; er brauchte ſo eine Menge Sachen, ſo eine Menge Leute, und ſo eir ar zi di u ni inder und noch rgen und um⸗ Zim⸗ Der idige inem und een eele, der Ge⸗ Julie dü⸗ be⸗ der hrer igel, rten Frau eils be⸗ éme, am⸗ eten, ann⸗ ſind dem nſch, ichte d ſo 55 eine Menge Platz dazu, und ſchien zu glauben, alles Andere ſei von gar keiner Bedeutung, was Ihro Gnaden ein wenig ärgerte. Sie hielt ihrem Manne deßhalb eine kleine Vorleſung, und er— er gab ihr Recht. Während ich die Köchin in der eleganteſten Art, ein Vorgerücht aufzutiſchen unterwies, kam Julie mit Thränen in den Augen in die Küche geſprungen.„Gib mir,“ rief ſie mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit,„gib mir etwas Gutes für Emilie. Sie hat Nichts gefrüh⸗ ſtückt, ſie wird krank werden und vor lauter Schwäche heute noch in Ohnmacht fallen. Was haſt Du da? Bouilloneier! ich nehme zwei. Geléegläſer! auch zwei Ich darf doch wohl? Ach, auch noch ein wenig Ca⸗ priceſauce, dieſe macht munter— und jetzt ein Stück⸗ chen Fiſch oder Fleiſch dazu, ein paar franzöſiſche Bröd⸗ chen. noch einige Backwerke dazu, dann bin ich zufrieden. Emilie ißt ſo gerne füße Sachen. Weißt du auch, was ſie thut, Beate?“ fuhr ſie flüſternd fort;„ſie betet, ich habe durch das Schlüſſelloch geguckt, ſie liegt auf den Knieen und betet. Gvott ſegne ſie!“ Und klare Perlen rannen über Juliens Wangen, während ſie mit drei vollen Tellern hinauseilte, von denen ich noch nicht begreife, wie ſie dieſelben trug. Endlich wurden wir, d. h. der Oberſt, die gnädige Frau und ich, mit unſern Anordnungen fertig, und nach⸗ dem wir mit den nöthigen Inſtructionen Alles der Be⸗ dienung überlaſſen hatten, begaben wir uns fort, um uns zum Mittageſſen anzukleiden. Später ging ich zu Emilie. Sie ſtand in ihrem Brautſchmuck vor dem Spiegel, und betrachtete ſich mit einem Blick, der weder Freude, noch jenes Selbſtbehagen ausdrückte, das ein ſchönes und gutgekleidetes Frauen⸗ zimmer faſt jederzeit bei Anſchauung ihres liebenswür⸗ digen Ich empfindet. Helena befeſtigte ihre Armbänder und Julie lag auf den Knieen, um Etwas an der Gar⸗ nirung in Ordnung zu bringen.„Sieh einmal,“ rief Julie, als ich in's Zimmer trat,„iſt ſie nicht reizend, iſt ſie nicht ſchön? Und doch,“ fügte ſie flüſternd hinzu, „möchte ich gerne die Hälfte meines Vermögens herge⸗ ben, um ihr ein anderes Geſicht zu kaufen. Sie iſt ſo trübe und grau, wie Regenwetter.“ Emilie, die die letzten Worte hörte, ſagte:„Man kann nicht luſtig ausſehen, wenn man nicht glücklich iſt. Es kommt mir Alles ſo ſchwerfällig, ſo unerträglich vor. Dieß iſt ein entſetzlicher Tag heute. Ich möchte nur ſterben!“— „Gütiger Gott!“ ſagte Julie mit gefalteten Händen zu mir,„jetzt fängt ſie an, zu weinen!.... dann bekommt ſie rothe Augen und eine rothe Naſe, und iſt gar nicht mehr ſchön. Was ſollen wir thun?“—„Liebe Emilie,“ ſagte Helena ſanft, indem ſie der Schweſter Hand an ihren Mund führte,„biſt du nicht ein wenig unver⸗ ſtändig? Dieſe Verbindung iſt ja dein eigener und un⸗ ſer Aller Wunſch. Nach Allem, was Menſchenvernunft beurtheilen kann, mußt du glücklich werden. Hat nicht Algernon die edelſten Eigenſchaften.... liebt er dich nicht auf's Zärtlichſte? Wo könnteſt du einen Mann finden, der deinen Eltern ein zärtlicherer Sohn, deinen Geſchwiſtern ein liebevollerer Bruder wäre?“—„Dieß iſt Alles wahr, Helena, oder vielmehr, es ſcheint wahr zu ſein, aber ach, wenn ich daran denke, daß ich jetzt im Begriff ſtehe, meine ganze Eriſtenz zu verändern... daß ich meine Eltern verlaſſen, daß ich von euch, meine guten, meine geliebten Schweſtern ſcheiden ſoll, und aus dieſem Hauſe, wo ich ſo glücklich geweſen— um einem Manne zu folgen, deſſen Herz ich nicht kenne, wie ich die euren kenne der ſich in Beziehung auf mich verän⸗ dern und mich auf ſo mancherlei Art unglücklich machen kann— und daß dieſer Mann fortan mein Alles ſein— daß mein Schickſal unwiderruflich an das ſeinige gefeſſelt ſein ſoll o Schweſtern, wenn ich an dieß Alles denke, ſo wird es mir dunkel vor den Augen, ich fühle meine Kniee zittern— und wenn ich bedenke, daß heute heute in wenigen Stunden mein Schickſal ent⸗ ſchieden werden ſoll„ und daß ich jetzt noch die Freiheit v nzu, rge⸗ ſt ſo die mir ein zu mnmt nicht lie,“ an ver⸗ un⸗ unft nicht dich ann inen Dieß vahr jetzt teine aus nem ich rän⸗ chen n— ſſelt llles ühle te ent⸗ iheit P beſitze, noch zurückgehen kann. da fühle ich Qualen der Unentſchloſſenheit, der Ungewißheit, die ihr euch nicht vorſtellen könnet. Beate! Schweſtern! heirathet nie.“ „Aber, liebſte Emilie,“ erwiederte Helena,„du findeſt es ja ſonſt ſo leicht, dich in die Nothwendigkeit zu fügen; bedenke jetzt, daß dein Schickſal bereits entſchieden, daß S, es bereits zu ſpät iſt, deinem Glücke zu entſagen. „Zu ſpät,“ rief Emilie, ohne auf die letzten Worte zu achten—„zu ſpät iſt es nicht, ſo lange uns noch kein Prieſter vereinigt hat.. ja ſelbſt am Fuße des Altars habe ich noch das Recht. und kann..—„Und du fönnteſt es über's Herz bringen!“ brach Julie in einem höchſt tragiſchen Tone aus;„du könnteſt Algernon in Verzweiflung ſtürzen wollen, du könnteſt..—“„Ko⸗ mödie!“ ſagte eine Stimme in der Thüre, und der Oberſt ſtand darin mit gekrenzten Armen, ironiſchen Blicks Julie betrachtend, die eine Stellung angenommen hatte, nicht unähnlich derjenigen, in welcher die bekannte De⸗ moiſelle George in Semiranis und Maria Stuart ap⸗ plaudirt wurde. Julie erröthete, noch mehr aber Emilie. Der Kornet, der ſeinem Vater folgte, überreichte ſeiner Schweſter von Algernon einige friſche, ausgeſucht ſchöne Blumen, nebſt einem Billet, das zwar bloß einige wenige, aber nichts weniger als kalte und inhaltsloſe Zeilen enthielt. Emiliens Geſicht klärte ſich auf;z ſie drückte ihrem Bruder die Hand. Er warf ſich in einem Anfall von Ritterlichkeit ihr zu Füßen, und bat um die Gnade, ihre Schuhſpitze küſſen zu dürfen. Sie hielt ihm mit gnädiger Miene ihren kleinen Fuß hin, und während er ſich beugte, nicht, wie es ſchien, um die Schuhſpitze zu küſſen, ſondern um hineinzubeißen, ſchlang ſie die Arme um ſeinen Hals und küßte ihn herzlich. Der Oberſt ergriff ihre Hand, führte ſie mitten in's Zimmer, und wir ſchloſſen einen Kreis um ſie. Als ſie ſeine zärtlichen Vaterblicke und die unſrigen voll Freude und Liebe auf ſich geheftet ſah, da überkam ſie ein angenehmes Gefühlz ſie erröthete 8 ———————— ——— 58 und wurde jetzt ſo ſchön, als Julie nur wünſchen konnte. Ihre Kleidung war einfach, aber höchſt geſchmackvoll und elegant. Denjenigen meiner jungen Leſerinnen, die Etwas mehr über ihre Toilette zu erfahren wünſchen, ſei kund und zu wiſſen gethan, daß ſie ein weißes, mit Spitzen garnirtes Seidenkleid anhaite, daß in ihrem hellen, un⸗ endlich ſchön geſchmückten Haare der grüne Myrthenkranz prangte, über welchen ein Schleier(Helenas prachtvolle Arbeit) pittoresk geworfen war, der ihrem ſanſten, un⸗ ſchuldsvollen Geſichte viele Aehnlichkeit mit dem der Madonna des Paul Veroneſe gab. Um ſie ganz bezau⸗ bernd zu machen, fehlte nur der Ausdruck von Seligkeit, Hofſnung und Liebe, welcher der ſchönſte Schmuck einer Braut iſt. Inzwiſchen ſchien ihr das Herz etwas leichter ge⸗ worden zu ſein, und gleichſam, um mit ihren Gefühlen zu harmoniren, brach die Sonne durch die Wolken vor und warf einige blaſſe Strahlen in's Zimmer herein. Dieſer äußere, ſowie der innere Lichtſchein, währte indeß bloß einige Augenblicke. Es wurde wieder finſter. Als wir zum Mittageſſen hinabgingen, zeigte mir Julie mit jammernder Miene all die Speiſen, die ſie für Emilie geholt hatte, und die noch unberührt daſtanden. Ein einziges Geléeglas war geleert. Bei Tiſch blickte Emilie auf alle Diejenigen umher, die ſie jetzt bald verlaſſen ſollte, und ihr Herz ſchwoll und Thränen drängten ſich unaufhörlich aus ihren Augen hervor. Man aß ohne die gewöhnliche Munterkeit, Nie⸗ mand ſchien Appetit zu haben, außer wie immer der Magiſter und die Dicken. Emilie, die unter ihrem Myrthenkranze ſchwerer niedergedrückt zu ſein ſchien, als je ein König unter dem Diademe, aß Nichts und lachte nicht ein einzigesmal, ungeachtet der vortrefflichen Ver⸗ anlaſſung, die ihr der Magiſter durch drei merkwürdige Proben ſeiner Zerſtreutheit dazugab, worüber ſogar der Oberſt ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte. Die erſte war, daß er ſeine Tabaksdoſe und das Salzfaß ver⸗ ge er wechſelte, die beide neben ihm auf dem Tiſche ſtanden; er ſtreute eine Portion Tabak in die Suppe und nahm eine anſehnliche Priſe aus dem Salzfaſſe, was manche abſonderliche Grimmaſſen von ſeiner Seite zur Folge hatte, und ihm viele Thränen aus den Augen trieb. Die zweite war, daß er, um dieſe zu trocknen, ſtatt ſeines Nastuchs einen Zipfel vom Shawl der gnädigen Frau ergriff, der ihm indeß mit Eile und Schreck entriſſen wurde; die dritte, daß er mit dem Bedienten, der ihm den Braten ſervirte, Umſtände und Komplimente machte, und das Fräulein bat, ſich doch gefälligſt vorher zu verſehen. Julie ſah höchſt bekümmert auf ihre Schweſter.„Sie ißt nicht und lacht nicht,“ flüſterte ſie mir zu,„es iſt gar zu betrübt!“ Noch betrübter wurde es Nachmittags, als die we⸗ nigen eingeladenen Gäſte ſich verſammelten und Algernon, den man bei Zeiten erwartete, Nichts von ſich hören ließ. Die gnädige Frau ſah unaufhörlich mit der unruhigſten Miene voh der Welt nach der Thüre und kam beinahe viermal zu mir, bloß um zu ſagen:„Ich begreife nicht, wo Algernon ſo lange bleibt.“ Die Gäſte fragten eben⸗ falls nach ihm, Emilie fragte Nichts, ſah nicht nach der Thüre, aber man konnte deutlich merken, wie ſie mit jedem Augenblick ernſter und bläſſer wurde. Julie ſetzte ſich neben mich, nannte mir die Ankommenden und gab einige Bemerkungen über ſie Preis. Und die gut gewach⸗ ſene ſchöne Dame dort, die ſich ſo hübſch präſentirt, iſt die Baronin S. Wer ſollte wohl glauben, daß ſie jedesmal, ſo oft ſie in einen Salon tritt, dermaßen in Verlegenheit kommt, daß ſie zittert? Sieh ihre ſeelenvollen Augen, aber traue ihnen nicht; ſie kann von Nichts ſprechen, als vom Wetter, und daheim gähnt ſie den ganzen Tag. Wer kommt jetzt da, der ſo bettlermäßig den Hut vor ſich her durch die Thüre hereinſtreckt?— Ha, ha! Onkel P.; ein guter Alter, der aber an der Schlafſucht leidet. Gott gebe, daß er nur nicht während der Harmonie zu Schnarchen anfängt. Jetzt ſieh einmal meinen Arvid an, ——————— ——————— 60 Beate, dort am Ofen. Iſt er nicht ein Apoll? Nur kommt es mir vor, als wärme er ſich mit gar zu vieler Bequemlichkeit.. Er ſcheint ganz zu vergeſſen, daß noch andere Leute im Zimmer find. Diejenige, die ſo' eben hereintrat, iſt meine Couſine, Madame M. Sie iſt ein wahrer Engel. Und dieſer kleine zarte Körper beherbergt eine große Seele.“ „Sieh, wie Emilie ſie Alle empfängt. ganz als wollte ſie ſagen: ihr ſeid gar zu gütig, meine Herren und Damen, daß ihr kommt, um meinem Begräbniſſe an⸗ zuwohnen. Ich begreife nicht, was Algernon denkt, daß er ſo lange ausbleibt. Gütiger Gott, wie unglücklich Emilie ausſieht!“ „Sieh, das iſt der Prieſter. Trotz ſeiner Warzen und ſeiner rothen Augen hat er etwas Einnehmendes, ich empfinde eine Art Reſpekt vor ihm.“ „Sieh, wie Karl Emilie aufzumuntern und zu zer⸗ ſtreuen ſucht. Recht ſo, mein Bruder, nur hilft es jetzt Nichts.“ „Nun, Gott ſei Dank, da kommt Algernon endlich! Aber wie ernſt und bleich er iſt!.... und doch iſt er ſchön. Cr geht zu ihr hin— ſieh nur, was für ein ſtolzes Geſicht ſie ihm bietet! Er entſchuldigt ſich, glaube ich was? Er hat heftiges Zahnweh gehabt, hat ſich einen Zahn ausziehen laſſen müſſen. Armer Algernon! Zahnweh an ſeinem Hochzeittage! Welches Schickſal! Sieh, jetzt ſitzen ſie alle im Kreiſe herum! Ein Kreis mit ſitzenden Perſonen kann auch mir Nervenzufälle machen. Wovon ſprechen ſie? Ich glaube wahrhaftig vom Wetter. Ein höchſt intereſſantes Thema, ſo viel iſt wahr. Uebrigens kommt auch nirgends her eine Auf⸗ munterung— höre nur, wie der Schnee und Regen an die Fenſter praſſeln! Es iſt entſetzlich warm hier innen.. und Emilie trägt dazu bei, die Luft bleiſchwer zu machen. Ich muß hingehen und mit ihr ſprechen.“ Nach einer Weile kam Jemand und meldete, auf den Treppen und im Vorſaale ſammeln ſich eine Menge Leute, welche die Braut zu ſehen wünſchen. — ſtan de „ſi der kam Ich An ben ſich aus gn: un! flre zup den M die zw kef Fit unt Kö M ver ſtri Lat gla Al ſch bei ſch we dat the m ur 61 Eine neue Qual für die ſchüchterne Emile. Sie ſtand auf, ſetzte ſich aber ſchnell wieder, erbleichend.„FEau de Cologne! Fau de Cologne!“ ſchrie Julie mir zu, „ſie erblaßt, ſie fällt in Ohnmacht!“—„Waſſer!“ rief der Oberſt mit donnernder Stimme. Der Magiſter be⸗ kam den Theekeſſel in die Hand und ſtürzte mit ihm vor. Ich weiß nicht ob dieſer Anblick oder eine geiſtige Anſtrengung ihre aufgeregten Gefühle zu bewältigen, es bewirkte, daß Emilie ihre Schwäche überwand; ſie erholte ſich ſchnell und ging gefolgt von ihren Schweſtern hin⸗ aus, während ſie einen Blick voll Unruhe und Mißver⸗ gnügen auf Algernon warf, der in einiger Entfernung unbeweglich daſtand und ſie mit ungewöhnlichem, beinahe flrengem Ernſte betrachtete „Sind Sie verrückt?“ rief halblaut Onkel P. und zupfte den Magiſter, der noch mit verwirrten Augen und den Theekeſſel in der Hand daſtand, am Arme. Der Magiſter, erſchrocken, wandte ſich haſtig um und ſtieß auf die kleinen Dicken, die übereinander umpurzelten, wie zwei Kegel, wenn die Kugel ſie berührt hat. Der Thee⸗ keſſel in des Magiſters Hand fiel zu, verbrannte ſeine Finger und er ließ ihn mit einem Wehgeſchrei auf die unglücklichen Dicken fallen, über deren unbeweglichen Körpern eine wirbelnde Rauchwolke aufſtieg. Wäre der Mond herabgefallen, er hätte keine größere Beſtürzung verurſachen können, als im erſten Augenblick dieſe Kata⸗ ſtrophe mit dem Theekeſſel. Arel und Claes gaben keinen Laut von ſich und die gnädige Frau war geneigt zu glauben, es ſei aus und vorbei mit den kleinen Dicken. Als aber Algernon und der Oberſt ſie aufrichteten und ſchüttelten, ſo zeigte es ſich, daß ſie noch vollkommen beim Leben waren. Sie waren bloß ſo verduzt, ſo er⸗ ſchrocken und ſo außer ſich, daß ſie im erſten Augenblick ſich weder rühren, noch ſprechen konnten. Glücklicherweiſe war das heiße Waſſer, womit man ſie übergoſſen hatte, größten⸗ theils über ihre Kleider gegoſſen; ohnehin war es ver⸗ muthlich ſchon ein wenig labgekühlt, indem man ſchon — 52 ſeit einer halben Stunde aufgehört hatte, Thee zu trinken. Nur ein Fleck auf Arels Stirne und Claes linke Hand erforderte einige Pflege. Der Magiſter war in Verzweiflung, die Jungen weinten. Man brachte ſie zu Bette und ich verſprach ihnen ſo viel Zeit zu widmen, als nur möglich. Die gnädige Fran, die in ihrer liebens⸗ würdigen Güte nie ruhig ein betrübtes Geſicht ſehen konnte, ſuchte jetzt den Magiſter zu tröſten. Es gelang ihr am Beſten dadurch, daß ſie ihn darauf aufmerkſam machte, mit welchem ächten Spartanergeiſt die Jungen den erſten Angriff aufgenommen haben, worin ſie einen ausgezeichneten Beweis für die vortreffliche Erziehung erkenne, die er ihnen gegeben. Der Magiſter wurde ganz fröhlich und warm und ſagte nicht ohne Ruhmredigkeit, er hoffe auch die hofſnungsvollen Söhne von Ihro Gnaden zu wirklichen Spartanern heranzubilden. Ihro Gnaden hoffte, daß dieß nur nicht vermittelſt ernenerter Douche⸗ bäder mit ſiedendem Waſſer geſchehen möchte, indeß gab ſie ihrer Hoffnung keine Worte. Mittlerweile war die Ausſtellung der Braut zu Ende gegangen, und müde verließ Emilie das Zimmer, wo ſie einem ſonderbaren, aber alten ſchwediſchen Gebrauche gemäß genöthigt geweſen war, ſich vor einer Menge neugieriger, gleichgültig muſternder Blicke zu zeigen. „Man hat ſie nicht ſchön gefunden,“ ſagte Julie in einem jammervollen Ton zu mir,„und es iſt auch kein Wunder, denn ſie war finſter und kühl wie ein Herbſt⸗ himmel. Wir hatten Emilie in ein abgelegenes Zimmer geführt, um ſie eine Weile ruhen zu laſſen. Sie ſank auf einen Stuhl nieder, hielt ihr Tuch auf's Geſicht und ſchwieg. Alles im Salon war zur Ceremonie bereit. Man wartete nur noch auf Emilie. „Rieche an Fau de Cologne, Emilie. Liebe Emilie, trinke ein Glas Waſſer!“ bat Julie, die jetzt zu zittern anfing. „Man wartet auf dich, beſte Emilie,“ ſagte Kornet Kar! Sch kann Stir kann deru ſtant Kop Miß ich in 1 von einer auf Ahn wir aber iſt laun mit ſtren er k iſt e jetzt. du zu ike in zu en, 18⸗ en ng m en en ng inz it, en den he⸗ ab nde ſie che ge in ein ſt⸗ ner ank ind eit. lie, ern Karl, der jetzt ins Zimmer trat und ſich erbot, die Schweſter hinaus zu geleiten.„Ich kann nicht— ich kann wirklich nicht kommen,“ erwiederte Emilie mit einer Stimme, worin ſich die höchſte Angſt ausdrückte.„Du kannſt nicht!“ rief der Kornet mit der größten Verwun⸗ derung, warum? und er ſah uns Alle fragend an. Julie ſtand in einer tragiſchen Stellung, die Hände über den Kopf gefaltet da. Helene ſaß mit einem Ausdruck von Mißvergnügen auf ihrem ruhigen Geſichte da und ich— ich kann mich unmöglich erinnern, was ich that, aber in meinem Herzen ſympathiſirte ich mit Emilie. Keines von uns antwortete. „Nein, ich kann nicht kommen!“ fuhr Emilie mit einem ganz ungewöhnlichen Affekte fort,„ich kann dieſen auf immer bindenden Eid nicht ſchwören. Ich habe eine Ahnung. wir werden mit einander unglücklich werden... wir paſſen nicht zuſammen. Es kann meine Schuld ſeinz.. aber dennoch iſt es mir gewiß. In dieſem Augenblick iſt er ſicherlich unzufrieden mit mir, hält mich für ein launenhaftes Geſchöpf.. denkt mit Widerwillen daran, mit einem ſolchen ein Schickſal zu verketten„ſein ſtrenger Blick hat mir ſo eben dieß Alles geſagt. 5 er kann Recht, vollkommen Recht haben. und deßhalb iſt es das Beſte für ihn, wie für mich, wir trennen uns jetzt.“—„Aber Emilie“ rief der Bruder„bedenkſt du auch, was du ſagſt? Es iſt jetzt zu ſpät, der Pfarrer iſt ja ſchon da... die Hochzeitsgäſte.. Algernon“— „Geh zu ihm, beſter Karl,“ rief Emilie mit ſteigender Bewegung;„bitte ihn, hieher zu kommen, ich will ſelbſt mit ihm ſprechen, will ihm Alles ſagen.. es kann nicht zu ſpät ſein, wenn es baranf ankommt, die Ruhe und das Glück des ganzen Lebens zu retten;— gehe; ich bitte dich, gehe!“— Barmherziger Gott! Was ſoll daraus werden!“ rief Julie und ſah aus, als wollte ſie Himmel und Erde zu Hülfe rufen.„Denk an den Vater, Emi⸗ lie!“—„Ich will mich ihm zu Füßen werfen, er wird nicht das ewige Unglück ſeines Kindes wollen!“— Wenn — wir ſie doch noch auf irgend eine Weiſe zerſtreuen.... auf einen Augenblick mit irgend etwas Andrem beſchäf⸗ tigen könnten,“ flüſterte Helena dem Bruder zu. Kornet Karl öffnete eine Thüre, als wollte er hinausgehen, in demſelben Augenblick hörten wir das Geräuſch eines hef⸗ tigen Stoßes; der Kornet rief:„O weh, mein Auge!“ Ein allgemeiner Schreck entſtand, denn dieſer kleine Be⸗ trug wurde ſo natürlich bewerkſtelligte, daß im erſten Augenblick keine von uns an einen Scherz dachte. Emilie jederzeit zuerſt bereit, Andern zu Hülfe zu eilen, that dieß trotz ihrer tiefen Unruhe auch jetzt; ſie eilte mit einem in kaltes Waſſer getauchten Tuche zu dem Bruder zog ſeine Hand vom Auge, und fing an, es mit ſorg⸗ lichem Eifer zu bähen, während ſie unruhig fragte:„Thut es ſehr weh? Glaubſt du, das Auge ſei beſchädigt? Glücklicherweiſe ſieht man kein Blut.... „Das iſt vielleicht nur um ſo gefährlicher,“ ſagt der Kornet mit düſterer Stimme; aber ein ünglückſeliges⸗ verrätheriſches Lächeln zerſtörte in dieſem Augenblick die ganze Liſt. Emilie unterſuchte genau und überzeugte ſich ſogleich, daß der Stoß nichts weniger als wirklich war. „Ach,“ ſagte ſie,„ich ſehe jetzt, was es iſt. Es iſt bloß eine von deinen Poſſen, aber ſie ſollen mich nicht irre machen„ich bitte, ich beſchwöre dich, Karl, wenn du die mindeſte Zärtlichkeit für mich haſt, ſo gehe zu Al⸗ gernon und ſage ihm, ich laſſe ihn um eine Unterredung von einigen Minuten erſuchen. „Daß auch keine von euch ſo viel Geiſtesgegenwart hatte, das Licht auszublaſen,“ rief der Kornet und ſah ärgerlich auf uns, beſonders auf mich. Helena flüſterte ihm Etwas ins Ohr und ging von Julie begleitet hinaus. Helena und ich ſchwiegen ſtill, während Emilie in ſichtbarer Seelenangſt auf und abging und mit ſich ſelbſt zu ſprechen ſchien.„Was ſoll ich thun?“ Was ſoll ich thun?“ ſagte ſie einigemal halblaut. Jetzt hörte man Schritte im Zimmer nebenan.„Er kommt!“ ſagte Emilie und und Ausd Athen blaß laſſen komm ſah b ihn e druck ſchien einer ließ weſen durch treter nen, „Da du a in di zuflö Das todes lich. ſo Stin erklä ſie ſ von pflic Mül mert B ſchäf⸗ ornet t, in hef⸗ uge!“ Be⸗ erſten milie that mit — org⸗ Thut digt? ſagt liges⸗ ck die e ſich war. bloß irre wenn u Al⸗ dung wart d ſah iſterte eitet ie in ſelbſt l ich man milie 65 und zitterte am ganzen Leibe. Die Thüre öffnete ſich und Algern. nein der Oberſt trat herein mit dem Ausdruck imponirenden Ernſtes. Emilie ſchöpfte nach Athem, ſetzte ſich, ſtand auf, ſetzte ſich wieder, wurde blaß und roth.„Du haſt gar zu lange auf dich warten laſſen,“ ſagte er ernſt, aber nicht ohne Strenge;„jetzt komme ich, dich abzuholen.“ Emilie faltete die Hände, ſah bittend zu ihrem Vater auf, öffnete den Mund, ſchloß ihn aber wieder, eingeſchüchtert durch den ſtrengen Aus⸗ druck auf ſeinem Geſichte, und als er ihre Hand ergriff, ſchien alle Kraft zum Widerſtande ſie zu verlaſſen; mit einer Art verzweiflungsvoller Ergebung ſtand ſie auf und ließ ſich von ihm führen. Helena und ich folgte ihnen. Der Saal war ſtark beleuchtet und ſämmtliche An⸗ weſende darin hatten die Augen auf die Thüre geheftet, durch welche Emilie, von ihrem Vater geführt, hereintrat. Sie hat mir ſeither geſagt, ſie habe bei ihrem Ein⸗ treten keinen einzigen Gegenſtand klar unterſcheiden kön⸗ nen, und es ſei ganz ſchwarz vor ihren Augen geweſen. „Dann war es kein Wunder,“ ſagte ihr Bruder,„daß du ausſahſt, wie wenn du im Schlafe liefeſt.“ Algernon betrachtete Emilie mit einem Ernſte, der in dieſem Augenblicke nicht geeignet war, ihr Muth ein⸗ zuflößen. Keines von ihnen ſprach. Die Ceremonie begann. Das junge Paar ſtand vor dem Prieſter. Emilie war todesblaß und zitterte. Julie verlor ihren Muth gänz⸗ lich.„Das iſt entſetzlich!“ ſagte ſie und wurde beinahe ſo bleich, wie ihre Schweſter. Jetzt erhob ſich die Stimme, die den jungen Gatten ihre heiligen Pflichten erklären ſollte. Dieſe Stimme war tief und wohllautend; ſie ſchien von einem göttlichen Geiſte belebt. Sie ſprach von der Heiligkeit der Ehe, von der gegenſeitigen Ver⸗ pflichtung der Gatten, einander zu lieben, einander die Muhen des Lebens zu erleichtern, die eintreffenden Küm⸗ merniſſe zu mildern und ſich in wahrer Gottesfurcht vor⸗ Bremer, die Familie H. 5 ———— 66 zuleuchten; von jenem Gebote für einander, das ſie ſo innig vereinigt und ihrem ewigen Urquell nahe bringt; ſie erklärte, wie die höchſte Glückſeligkeit auf Erden durch eine Verbindung befördert werde, welche auf dieſe Art nach Gottes Willen begonnen habe und ſich fortſetze, und endlich rief ſie den Segen des Höchſten über das junge Brautpaar herab. Dieſe ſo lieblichen, ſo ſchönen, ſo friedvollen Worte erweckten in jeder Bruſt ſtille und hei⸗ lige Bewegungen. Alles war ſo ſtill im Zimmer, daß man beinahe hätte glauben können, es athme Niemand. Ich ſah, daß Emilie mit jedem Angenblick ruhiger wurde. Die wenigen Worte, die ſie zu ſagen hatte, ſprach ſie deutlich und mit ſicherer Stimme. Während der Knie⸗ beugung ſchien ſie mit Hoffnung und Andacht zu beten. Ich warf inzwiſchen einen forſchenden Blick um mich. Der Oberſt war bläſſer als gewöhnlich, betrachtete aber das junge Paar mit einem Ausdruck voll Ruhe und Zärtlichkeit. Die gnädige Frau weinte, ſah aber nicht von ihrem Buche auf. Julie war außer ſich, obgleich ſie weder Hand noch Fuß rührte. Helena blickte mit einem Gebet in ihrem klaren Auge zum Himmel empor. Der Kornet ſuchte ſich den Anſchein zu geben, als ſei es etwas Anders, als Thränen, was ſeine Augen ſo roth machte. Die Blinde lächelte ſtill. Die übrigen Anwe⸗ ſenden zeigten alle mehr oder weniger Rührung; ganz beſonders aufgeregt war der Magiſter, der allein gegen das Ende der Ceremonie die Stille ſtörte, indem er ſich unaufhörlich ſchnenzte. Glücklicherweiſe hatte er dießmal ſein Nastuch richtig gefunden. Der Segen wurde über das Brautpaar von einer Stimme geleſen, ſo ſanft und ſo majeſtätiſch, als wäre ſie vom Himmel gekommen. Die Trauung war vollendet. Emilie und Algernon waren für immer verbunden. Emilie wandte ſich um, ihre Eltern zu umarmen. Sie ſchien ein ganz anderer Menſch zu ſein. Ein milder Strahlen⸗ glanz ruhte auf ihrer Stirne und lächelte aus ihren Augen, ein klarer und warmer Purpur brannte auf ihrt glů Go unk der unt jetz En ein ſeir unt All P § ele ſcht auf kau mit fen fal Es die car the ſäc Re dri un un ter nic deſ no ſie ſo ringt; durch Art tſetze, rdas en, ſo hei⸗ daß mand. urde. ch ſie Knie⸗ beten. mich. aber und nicht gleich e mit mpor. ſei es roth lnwe⸗ ganz gegen r ſich ßmal einer wäre endet. milie ſchien hlen⸗ ihren auf 67 ihren Wangen. Sie war auf einmal in das Ideal einer glücklichen jungen Braut verwandelt.„Gott ſei Dank! Gott ſei Dank!“ flüſterte Julie mit thränenvollen Augen und gefalteten Händen.„Jetzt iſt Alles gut!“ „Ja, jetzt kann nicht mehr geholfen werden!“ ſagte der Oberſt, indem er ſeine Rührung zu überwinden ſuchte und ſeine ſchalkhafte Miene annahm.„Jetzt biſt du feſt, jetzt kannſt du nicht mehr nein ſagen.“ „Ich wollte es jetzt auch nicht mehr,“ antwortete Emilie, anmuthig lächelnd, und ſah zu Algernon auf mit einem Ausdruck, der eine lebhafte und reine Freude auf ſeinem Geſichte hervorrief. Ein Gefühl von Wohlbehagen und Heiterkeit breitete ſich unter der Geſellſchaft aus. Alle ſahen aus, als wollten ſie ſingen und tanzen. Onkel P. verrieth eine ſprühende Lebhaſtigkeit, veranſtaltete eine Quadrille und ſtampfte bald munter an der Seite der eleganten Baronin S.., die zephyrgleich auf⸗ und ab⸗ ſchwebte. Beim Tanze zeichneten ſich Arvid und Julie auf eine entzückende Art aus; man konnte die Augen faum von dieſem reizenden Paare abwenden. Ich tanzte mit dem Magiſter, der mich engagirt hatte.. und hof⸗ fentlich nicht aus Zerſtreutheit. Wir zeichneten uns eben⸗ falls aus, wiewohl auf eine ganz eigenthümliche Manier. Es kam mir vor, als wären wir ein Paar Billardkugeln, die beſtändig für die andern bereit ſtehen, um daran zu carambouliren. So viel iſt gewiß, daß wir unaufhörlich theils ſtießen, theils geſtoßen wurden, was ich haupt⸗ ſächlich meines Kavaliers beſtändiger Verwechslung von Rechts und Links, und überhaupt von ſämmtlichen Qua⸗ drilletouren zuſchreiben muß. Indeß lachten wir ſo gut und laut wie alle andern uͤber unſere Tölpelhaftigkeit, und der Magiſter ſagte, er habe noch nie einen ſo mun⸗ tern Walzer getanzt. Helena ſpielte zum Tanze das Piano. Emilie hatte nicht tanzen wollen. Sie ſaß in einem kleinen Kabinet, deſſen Thüren nach dem Tanzſaal geöffnet waren. Alger⸗ non an ihrer Seite. Sie ſprach leiſe, mit Lebhaſtigkeit und Zärtlichkeit in ihren Mienen, und ich glaube, daß in dieſem Augenblick der gordiſche Knoten aller Mißver⸗ ſtändniſſe, aller Bedenklichkeiten, Sorgen und Zweifel, der ſie bisher getrennt hatte, ſich auf immer löste. Der milde Schein einer einzigen Lampe, welche durch die Alabaſterkuppel ſtrahlte, warf ein bezauberndes Licht auf die beiden jungen Gatten, die jetzt eben ſo glücklich zu ſein ſchienen, als ſie ſchön waren. Sie ſchienen die ganze Welt um ſich her vergeſſen zu haben, aber Niemand von der Geſellſchaft hatte ſie vergeſſen. Jedermann warf verſtohlene Blicke ins Kabinet hinein und lächelte. Julie kam mehreremale zu mir, zeigte mir mit ſtrahlenden Blicken die Gruppe der Lieben⸗ den und ſagte:„Sieh! Sieh!“ Später am Abend verſammelte ſich ein Theil der Geſellſchaft im Kabinet, und die Unterhaltung wurde all⸗ gemeiner. Einige neu herausgekommene Bücher, die auf einem Tiſche lagen, veranlaßten allerhand Aeußerungen ſowohl über ihren Werth, als über Lectüre im Allgemeinen. „Ich begreife nicht,“ ſagte Onkel P. in ſeinem fin⸗ niſchen Accent,„was ſeit einiger Zeit an mir iſt. Ich bin ſonſt in Allem ſo lebhaſt und munter wie ein Fiſch, aber wenn ich in die vertrackten Bücher hineinblicke, ſo liegen ſie mir gleich auf der Naſe, und ich ſehe gar Nichts mehr.“ 4 „Leſen Sie auch gerne, meine gnädige Tante?“ fragte Emilie die Baronin S. „Ach, mein Grott!“ antwortete ſie, und erhob ihre ſchönen Augen zur Decke,„ich habe nie Zeit dazu; ich bin zu beſchäftigt.“ Und ſie hüllte ſorgfältig ihren präch⸗ tigen Shawl um ſich. „Wenn ich je heirathe,“ ſagte ein Herr von unge⸗ fähr ſechzig Jahren, ſo mache ich es meiner Frau zur Bedingung, daß ſie nie andere Bücher leſen darf, außer höchſtens das Geſangbuch und das Kochbuch.“ „Meine ſelige Frau las auch nie andere Bücher.. unt rief Pr wa Lec das ein unt die S wo gu ſag hel ſic Et gli ſel lie ſer ale un da do eir ni ge lic tu daß ver⸗ der Der die auf h zu eſſen te ſie binet mir, eben⸗ der a⸗ inem wohl fin⸗ Ich Fiſch, tichts ragte ihre ich wäch⸗ unge⸗ u zur außer r. und doch was für eine ſtattliche Frau war ſie nicht!“ rief Onkel P., indem er ſeine Augen trocknete und eine Priſe Tabak nahm. „Ja, ich begreife, hol mich der Tauſend, auch nicht, warum die Frauenzimmer gegenwärtig ſich ſo viel mit Lectüre befaſſen ſollen; hol mich der Tauſend, wenn ich das verſtehe,“ ſagte Lieutenant Arvid, indem er ſich nach einem Teller Confect ausſtreckte und eine Handvoll nahm. Julie warf ihrem Bräutigam einen bittern zu und ich glaube, ſein„Hol mich der Tauſend“ kam ihr dießmal ganz und gar nicht anz ziehend vor. „Ich wollte,“ ſagte ſie, roth vor Aerger,„lieber Speiſe und Trank entbehren, als alle Lectüre. Gibt es wohl etwas, was die Seele mehr veredelt, als das Leſen guter Bücher? Etwas, was den Geiſt.. ich wollte en den Gedanken und das Gefühl mehr er⸗ hebt. armes Julchen war nie glücklich, wenn ſie ſich auf das Erhabene warf. Ihre Gedanken hatten Etwas von der Natur der Raketen, die plötzlich als glühende Feuerſtrahlen aufſteigen, aber beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick erlöſchen und ſich in Aſchenſtaub ver⸗ lieren.“ Kornet Karl beeilte ſich, ein Glas Wein und Waſ⸗ ſer über Lieutenant Arvid auszuſchütten, und ſtellte ſich, als hätte er die Rede der Schweſter durch ſeinen Ausruf unterbrochen. „Dacht ich's doch, es werde ſo gehen; ich wollte das Glas auf der Daumenſpitze balanciren laſſen. Par⸗ don Schwager, aber ich glaube, du biſt mir auf irgend eine Weiſe im Wege geſeſſen.. ich hatte den Arm nicht frei.“ „Ich werde mich gewiß hüten, dich ein andermal zu geniren,“ ſagte Lieutenant Arvid halb luſtig, halb ärger⸗ lich, indem er aufſtand und ſeinen Frack mit dem Nas⸗ tuche trocknete; zugleich wählte er ſich in ſeiner Vorſicht einen andern Platz. Inzwiſchen ſollte Julie nicht ſobald aus ihrer kleinen leſen Klemme kommen. Der alte, bücherfeindliche Herr wandte zuſan ſich ſehr gravitätiſch an ſie und ſagte: und 1„Ohne Zweifel liest Bäschen Julie meiſtens mora⸗ liſche Bücher und Predigten?“ inden „Nein.nicht gerade viel Predigten!“ antwortete leſen Julie verlegen, und als ſie in demſelben Augenblick den durchdringenden Blick gewahrte, womit Profeſſor L. ſie betrachtete, erröthete ſie ſtark. „Dann leſen Sie wahrſcheinlich Geſchichte?— Das beſſer iſt gewiß ein recht artiges Studium.“ Rom „Nicht gerade die Geſchichte,“ ſagte Julie wieder Leib: munter und muthig,„aber Geſchichten leſe ich gar zu und gerne. Kurz und gut, Onkel, wenn Sie wiſſen wollen, chen welcher Lectüre zu Liebe ich gerne Speiſe und Trank und chen Schlaf opfere— Romane ſind es.“ Der alte Herr erhob Augen und Hände mit einem merk Ausdruck des Entſetzens. Nach ſeinem Geſichte konnte man in Verſuchung kommen, zu glauben, Rouſſeau's Lectü 1 Aeußerung:„Jamais fille sage n'a lu de romans,“ als: 1 habe ihm den vollkommenſten Abſcheu gegen dieſe gefähr⸗ liche Lectüre eingepflanzt. an, Einige Mißbilligung verrieth ſich beinahe in Aller mich 1 Blicken bei Juliens offener Erklärung. Die Baronin ſchien ganz beſchämt über ihre Nichte. Nur der Pro⸗ ſchäd 1 feſſor lächelte voll Güte, und der Kornet ſagte mit vie⸗ 31 lem Eifer: derbl „Es iſt wahrhaftig kein Wunder, wenn man ſolche 1 Romane, wie ſie heutzutage geſchrieben werden, gerne Sie, liest. Die Corinna der Frau von Stasl hat mich eine für ſchlafloſe Nacht gekoſtet, und über Walter Scotts Re⸗ Ich bekka habe ich drei Tage lang meinen ganzen Appetit Rom verloren.“ ſchal Julie ſah ihren Bruder mit der größten Verwun⸗ die derung an. Emiliens ſanfte hellblaue Augen erhoben ſich gleichfalls fragend zu ihm. Indeß fand er für gut, tete ihnen auszuweichen.„Meine Euphemie ſoll nie Romane geſch einen andte ora⸗ ortete den e ſie Das ider r zu ollen, und inem onnte eau's u Aller ronin Pro⸗ vie⸗ ſolche gerne eine Re⸗ petit wun⸗ en gut, mane 7¹ leſen,“ ſagte die Baronin S., worauf ſie die Lippen hart zuſammenkniff, ſich höher in die Sophaecke hinauf ſetzte und auf ihren ſchönen Shawl herabſah. „Ach, beſte Tante,“ ſagte Madame M. lächelnd, indem ſie den Kopf ſchüttelte;„was ſoll ſie denn leſen?“ „Sie ſoll gar Nichts leſen.“ „Eine ganz vortreffliche Idee!“ meinte der alte Herr. „Ich glaube in der That,“ ſagte Algernon, daß es beſſer iſt, gar Nichts zu leſen, als blos Nomane. Das Romanenleſen iſt für die Seele, was das Opium für den Leib: ein ununterbrochen fortgeſetzter Gebrauch ſchwächt und ſchadet. Verzeih, Julie, aber ich glaube, ein Mäd⸗ chen könnte ſeine Zeit beſſer anwenden, als zu einer ſol⸗ chen Lectüre.“ Julie ſah aus, als hätte ſie keine Luſt, dieſe Be⸗ merkung zu verzeihen. Emilie ſagte:„Ich glaube mit Algernon, daß dieſe Lectüre beſonders für junge Frauenzimmer mehr ſchädlich, als nützlich iſt.“ Julie bekam Thränen in die Augen und ſah Emilie an, als wollte ſie ſagen:„Setzeſt auch du dich wider mich?“ „Ich gebe zu,“ ſagte Madame M.,„daß ſie ſehr ſchädlich ſein kann, wenn... „Schädlich!“ rief der alte Herr,„ſagen Sie ver⸗ derblich, giftig, von Grund aus zerſtörend.“ Julie lachte.„Beſter Profeſſor!“ rief ſie,„helfen Sie, helfen Sie mir! Ich fange demnächſt an, mich für ein ganz verlorenes und verirrtes Geſchöpf zu halten. Ich bitte Sie, ſagen Sie Etwas zur Vertheidigung der Romane, dann gebe ich Ihnen Etwas Gutes,“ und ſchalkhaft lächelnd hielt ſie einen Kranz von Confect in die Höhe. „Es hat gewiß ſeine ganz guten Seiten,“ antwor⸗ tete der Profeſſor,„wenn es mit Auswahl und Maaß geſchieht. Ich für meinen Theil halte die Lectüre guter 72 Romane für eine der nützlichſten ſowohl, als der ange⸗ nehmſten für die Jugend.“ „Hört, hört!“ rief Julie und klatſchte in die Hände. „Aber Sie müſſen das nähere motiviren mein güter Herr, Sie müſſen es motiviren!“ rief der Onkel P. „Ja, ja, motiviren Sie's!“ rief der alte Herr. „Gute Romane,“ fuhr der Profeſſor fort,„das heißt ſolche, die gleich guten Gemälden die Natur mit Wahrheit und Schönheit wiedergeben, bringen Vortheile mit ſich, die keine andere Bücher in demſelben Grade vereinigen. Sie ſtellen die Geſchichte des menſchlichen Herzens dar, und für welchen jungen Menſchen, dem es darum zu thun iſt, ſich ſelbſt und ſeine Mitgeſchöpfe kennen zu lernen, iſt dieſe nicht vom höchſten Werth und Intereſſe? Die Welt wird in ihren mannigfaltigen, wechſelnden Geſtalten auf's Lebendigſte geſchildert, und die Jugend erblickt hier vor ihren Augen die Karte des Landes, in welchem ſie bald die lange Reiſe durch's Le⸗ ben antreten ſoll. Das Schöne und Liebenswürdige jeder Tugend wird im Roman in einem poetiſchen, hinreißen⸗ den Glanze dargeſtellt. Das feurige, junge Gemüth wird hier vom Rechten und Guten entzückt, das ihm in einer ernſteren und ſtrengeren Geſtalt vielleicht abſchreckend er⸗ ſchienen wäre.“ „Ebenſo werden auch die Laſter und jede Gemein⸗ heit in ihrer ganzen Abſcheulichkeit hingeſtellt, und man lernt ſie verachten, wenn ſie auch von aller Pracht und Herrlichkeit der Welt umgeben ſind. Dagegen begeiſtert man ſich für die Tugend, und ſollte ſie unter der Laſt alles irdiſchen Elends kämpfen.“ „Das wahre Gemälde der Belohnung des Guten und Beſtrafung des Böſen im Menſchen, obgleich ſeine äußeren Schickſale oft wenig Spuren davon tragen, tritt im Roman mit all' der Klarheit, Lebendigkeit und Kraft hervor, die man jeder moraliſchen Wahrheit geben zu können wünſchen muß, um ſie recht gemeinfaßlich und fruchtbringend zu machen.“ ² ange⸗ Hände. iguter ß. „das ur mit ortheile Grade chlichen dem es eſchöpfe Werth altigen, t, und rte des h's Le⸗ e jeer weißen⸗ h wird n einer end er⸗ zemein⸗ dman ht und geiſtert er Laſt Guten h ſeine 1 tritt Kraft ben zu ch und 73 „Im Uebrigen iſt es natürlich, daß eine edle Ju⸗ gend die Romane wie ihre beſten Freunde liebt, da ſie in ihnen all' die feurigen, großen und ſchönen Gefühle wieder findet, die ſie in ihrem eigenen Herzen hegt, und die in demſelben die erſten himmliſchen Ahnungen von Glück⸗ ſeligkeit und Unſterblichkeit erzeugt haben.“ Jetzt ſtand Julie mit ſtrahlendem Entzücken auf ihrem reizenden Geſichte ſchnell auf, ging zum Profeſſor hin und zab ihm nicht den Confectkranz, ſondern um⸗ armte ihn mit kindlicher Ergebenheit, und ſagte:„Tau⸗ ſend Dank, tauſend Dank, ich bin zufrieden, vollkommen zufrieden.“ Der alte Herr blickte zum Himmel empor und ſeufzte. Lieutenant Arvid ſah nicht ſo vollkommen zufrieden aus, aß jedoch unverdroſſen Confect. Onkel P. ſchlummerte und nickte; der Kornet be⸗ hauptete, dieß ſei kein Zeichen des Beifalls. Der Profeſſor dagegen ſah ſehr vergnügt aus, und küßte mit einem Ausdruck natürlicher Güte das lebhafte Mädchen zuerſt auf die Hand, dann auf die Stirne. Lientenant Arvid ſchob den Stuhl mit vielem Ge⸗ räuſche von ſich. In dieſem Augenblick öffneten ſich die Thüren zum Speiſeſaale; es war aufgetragen. Eine Mahlzeit hat immer ein eigenes Intereſſe für diejenigen, die mit der Anordnung, Anrichtung u. ſ W. beſchäftigt waren. Jedes Gerücht, ein Kind unſerer Bemühungen, hat ſeinen Antheil an unſerem Intereſſe und Wohlbehagen, wenn es jetzt zierlich und lockend auf dem Tiſche ſteht, um ſogleich auf immer zu verſchwinden. Doch hat man bei ſoichen Gelegenheiten ein Herz von Stein, und ich bin überzeugt, daß es der gnädigen Frau eben ſo viel Vergnügen machte, wie mir, zu ſehen, wie alle unſere delifaten Vor⸗, Zwiſchen⸗ und Rachgerüchte in die Kehlen der Hochzeitgäſte hinab verſchwanden, augenſcheinlich zu ihrem großen Vergnügen und Wohlbehagen. Die gnä⸗ dige Frau, die nun wegen Emiliens ruhig war, und ſich 74 überzeugte, daß das Serviren vortrefflich von Statten ging, machte die Honneurs mit einer Anmuth und Mun⸗ terleit, die blos dann und wann durch einen Gedanken an die kleinen Dicken geſtört zu werden ſchien.. Die Braut war mild und ſtrahlend. Algernon ſchien der glücklichſte aller Sterblichen zu ſein.„Sieh nur Emilie an, ſieh nur Emilie an!“ ſagte alle zehn Minuten Kornet Karl, der mein Tiſchnachbar war;„ſollte man ſie wohl noch für dieſelbe Perſon halten, die ſich und uns den halben Tag lang ſo geplagt hat?“ Julie nahm eine vornehme und ſtolze Miene an, ſo oft ihr Geliebter ſie anredete. Auch er kam endlich zu einem Entſchluß, und ſchmollte ebenfalls, wiewohl immer mit vollen Backen. Onkel P. ſchlief mit einem Stück weißer Gallerte auf der Naſe ein, und ließ unter dem Plaudern und Gelächter der Geſellſchaft dann und wann ein Schnarchen hören, gleich dem dumpfen Streichen auf einer Baßgeige, die in das Firliri kleiner Geigen einſtimmt. Gegen das Ende dèer Mahlzeit wurden Geſund⸗ heiten getrunken, nicht ceremoniöſe und langweilige, ſondern fröhliche und herzliche. Der Magiſter, befeiert von der Gelegenheit und dem Wein, ſprach mit dem Glas in der Hand folgendes Improptu zur Ehre des Brautpaares: „Laßt die vollen Gläſer klingen, Hurrah! ausgeleert die Bowl'! Mag der Schaum zur Decke ſpringen, „Frohe Gatten, Euer Wohl! Laßt uns einſt bei Gläſerklange Und bei fröhlichem Gelag' Feiern unter luſt'gem Sange Euern goldnen Hochzeittag.“ Unter allgemeinem Gelächter und Gläſerklange wurde die Geſundheit getrunken. Sodann wurde auch die des Magi zeugt ſten 1 im S ſter Spre Alle inden Won ſchlo Arm rung Bem der zu g geſch Tad ten oft das Tal⸗ die ß Sch raſc Und ähn ſtet ſie gan bro der ab, atten Nun⸗ nken chien nur uten nſie uns „ſo zu imer lerte und chen eige, und⸗ lige, eiert dem des 75 Magiſters ausgebracht, der ſich jetzt, wie ich feſt über⸗ zeugt bin, wenigſtens für einen kleinen Bellman hielt. Nach der Mahlzeit wurden Emilien die angenehm⸗ ſten Ueberraſchungen zu Theil. Auf einem großen Tiſche im Salon ſtanden die Portraite ihrer Eltern und Geſchwi⸗ ſter ausgebreitet, in Oel gemalt, und faſt Alle zum Sprechen ähnlich.„Auf dieſe Weiſe werden wir dich Alle in dein neues Haus begleiten,“ ſagte der Oberſt, indem er ſie umarmte;„ja, ja, du wirſt uns nicht los.“ Wonnige Thränen floßen über Emiliens Wangen; ſie ſchloß ihren Vater, ihre Mutter, ihre Geſchwiſter in die Arme, und konnte erſt nach einer langen Pauſe danken. Hierauf wurde von der Geſellſchaft eine genaue Muſte⸗ rung der Portraite vorgenommen, und es ſehlte nicht an Bemerkungen aller Art. Da fand man einen Fehler an der Naſe, dort waren die Augen zu klein, hier der Mund zu groß; überdieß hatte der Künſtler nicht im Mindeſten geſchmeichelt, im Gegentheil u. ſ. w. „Arme Künſtler! Seht, das iſt die Revue, welche Tadelſucht, die allgemeinſte eurer Krankheiten, eure Arbei⸗ ten paſſiren läßt; arme Künſtler! Wohl euch, daß ihr oft ein Bischen taub und zufrieden ſeid, wenn ihr nur das Geld in eurer Taſche ſpüret und das Bewußtſein eures Talents in der Seele beſitzet. Emilie allein ſah nirgends einen Fehler. Gerade dieß war ihres Vaters Blick, ihrer Mutter Lächeln, Schweſter Juliens ſchelmiſches Geſicht, Bruder Karls raſches Weſen, Helena's Güte und liebevoller Ausdruck. Und die kleinen Dicken, o ſie waren zum Verwundern ähnlich. Man hatte Luſt, ihnen Confect anzubieten. Die armen kleinen Dicken! Verbrannt und geäng⸗ ſtet hatten ſie die Schmauſerei meiden müſſen, auf die ſie ſich drei Wochen lang gefreut. Indeß ſchlich den ganzen Abend immer eines von uns mit Aepfeln, Zucker⸗ broden u. ſ. w. zu ihnen hinauf. Im Anfang ſprang der Magiſter ſelbſt am Fleißigſten die Treppen auf und ab, aber als er auf dem ihm weniger bekannten Wege ———— 76 drei Mal geſtürzt war, verhielt er ſich ruhig im Saale. Die gnädige Frau hatte inzwiſchen wenigſtens ſechs Mal mit einem höchſt unruhigen Ausdruck zu mir geſagt: „Meine armen, kleinen Jungen! Ich werde gewiß heute Nacht bei ihnen wachen müſſen!“ Und ich antwortete jedes Mal:„Das ſollen Ihro Gnaden nicht, ſondern ich werde bei ihnen wachen.“—„Aber du ſchläfſt ge⸗ wiß ein.“—„Ich werde nicht einſchlafen, Euer Gnaden.“ —„Parole d'honneur?“—„Parole d'honneur, Euer Gnaden.“ Und gejagt von Ihro Gnaden Unruhe begab ich mich, noch ehe die Geſellſchaft auseinanderging, wohl ausgerüſtet mit Pflaſtern, Tropfenfläſchchen und Gutchen, zu ihnen hinauf. Die kleinen Bürſchchen waren mit den Letztern ſehr wohl zufrieden und entzückt, daß man blos ihnen zu Liebe die ganze Nacht ein Licht brenne. Ihr Abenteuer von dieſem Abend beſchäftigte ſie ſtark, und ſie erzählten mir unaufhörlich, wie der Magiſter ſie geſtoßen habe, wie ſie gefallen ſeien, und wie ihnen zu Muthe geweſen, als der Magiſter den Theekeſſel über ſie geſchüttet. Arel hatte dabei an die Sündfluth, Claes dagegen an das jüngſte Gericht gedacht. Mitten unter der Erzählung ſchliefen ſie ein. Um halb zwölf Uhr vernahm ich ein Geräuſch von Glöckchen, Schlitten und Wagen vor des Oberſten Haus. Um zwölf war ſchon Alles mäuschenſtill ſowohl in, als außer dem Hauſe. „Bald werden Alle ſüß ſchlummern,“ dachte ich, und ſing allmählig ſelbſt an, unbeſchreiblich ſchläfrig zu werden. Nichts iſt peinlicher, als allein zu ſein, ſchläfrig zu werden, und doch wachen zu müſſen, zumal wenn die⸗ jenigen, bei denen man wachen ſoll, aus Leibeskräften ſchnarchen; hätte ich nicht mein parole d'honneur dar⸗ auf gegeben, die Augen nicht zu ſchließen, ſo hätte ich es vermuthlich auch bald ſo gemacht, wie ſie. Ich ſtrickte an einem Strumpfe, mußte es aber bald aufgeben, weil ich al auszu was hinau tes U es pi ich es riger zu e des ſehen die 1 Wor aus das und gebil feger den über Feu der den wol gebe geg erbl Hö ihr aus dac me wo Saale. 6 Mal eſagt: heute wortete ondern fſt ge⸗ aden.“ „Euer begab wohl utchen, n ſehr en z enteuer ählten e, wie n, als Arel n das ihlung h von Haus. „ als rig zu n die⸗ kräften r dar⸗ tte ich ſtrickte „weil 77 ich alle zwei Minuten nahe daran war, mir die Augen auszuſtechen. Ich las, und verſtand kein Wort von dem, was ich las. Ich ging ans Fenſter, ſah zum Mond hinauf, und dachte— Nichts. Der Docht meines Lich⸗ tes wuchs zu einer hohen Schwertlilie empor. Ich wollte es putzen und— zum Gipfel meines Unglückes löſchte ich es aus. Meine wachende Rolle wurde dadurch noch ſchwie⸗ riger. Ich verſuchte es jetzt, mich durch Schreck aufrecht zu erhalten, und wollte in dem ungewiſſen Schimmer des weißen Ofens ein Geſpenſt von einer weißen Frau ſehen. Ich dachte an eine kalte Hand, die auf einmal die meinige ergreifen, an eine Stimme, die unheimliche Worte in mein Ohr flüſtern, an eine blutige Geſtalt, die aus dem Boden heraufſteigen werde, als ſich auf einmal das Krähen eines Hahnes in der Nachbarſchaft hören ließ, und im Verein mit dem hereinbrechenden Tage alle ein⸗ gebildeten Geſpenſter verſcheuchte. Der melancholiſche Geſang zwei kleiner Schornſtein⸗ feger, die von der Höhe ihrer rauchigen Luſthäuſer herab den Morgen begrüßten, bildete die Ouvertüre zu dem überall erwachenden Leben. In den Regionen der Küche loderten bald freundliche Feuer, der Kaffee verbreitete ſein arabiſches Parfüm in der Atmosphäre des Hauſes, Menſchen regten ſich auf den Straßen, und durch die klare Winterluſt erſchallten wohltönend die Glocken der Kirchen, die zum Morgen⸗ gebete riefen. Purpurfarbig wälzten ſich die Rauchwolken gegen den hellblauen Himmel empor, und mit Freuden erblickte ich endlich die Sonnenſtrahlen, die zuerſt die Höhen und Sterne der Kirchthürme begrüßten, ſodann ihren Lichtmantel über die Dächer der Menſchenhütten ausbreiteten. Die Welt um mich her öffnete klare Augen, ich ge⸗ dachte die Meinigen zu ſchließen, und als fröhliche Stim⸗ men mich mit einem:„Guten Morgen!“ begrüßten, aut⸗ wortete ich, halb ſchlafend:„Gute Nacht!“ —————————— 78 Mittagsmahl.— Ragont von Allerhand. Der Hochzeittag hat auch ein Morgen!.... Ein langweiliger Tag im Hochzeithauſe! Von der gan⸗ zen geſtrigen Feſtlichkeit bleibt wie von einem ausgelöſch⸗ ten Lichte Nichts übrig, als—— Dampf. Und wenn aus dem vertraulichen Kreiſe des Hauſes nebſt allen feſt⸗ lichen Klängen und Gewändern auch ein freundliches Ge⸗ ſicht(ein Sternenlicht an ſeinem Himmel) verſchwunden iſt, dann darf man ſich nicht wundern, wenn der Hori⸗ zont trübe erſcheint;— ja, meine kleine Julie, ich fand es ganz natürlich, daß du wie eine Regenwolke aufſtan⸗ deſt, und den ganzen Tag umher zogeſt, während dein Bruder Karl viele Aehnlichkeit mit einer Gewitterwolke verrieth, indem er aus dem einen Zimmer ins andere ſpazierte und den Sternengeſang brummte, was ganz erſchrecklich anzuhören war. Der Verabredung gemäß ſollten die Neuvermählten dieſen Tag bei Algernons alter Großmutter zubringen, die ganz abgeſchieden von der Welt lebte mit ihrer Magd, ihrer Katze, ihren Triefaugen und ihrer Menſchenliebe, welch Letztere ſie zu dem Wunſche vermochte, die Leute ſollten nicht heirathen— ein frommer Wunſch, den ſie auch auf ihren Enkel und Emilie ausdehnte— aber vergebens. Inzwiſchen hatte ſie trotz ihres Aergers das junge Paar doch bei ſich zu ſehen gewünſcht, und, wie das Gerücht erzählte, mit eigenen Händen die Aepfel zu dem Kuchen geſchält, der dem mäßigen Mittagsmahle die Krone aufſetzen ſollte. Tags darauf ſollten wir die jun⸗ gen Leutchen bei uns ſehen, und am folgenden Tag wollten ſie uns bei ſich empfangen. Inzwiſchen verlebten wir den Tag nach der Hochzeit in einer gewiſſen dumpfen Stille. Ihro Gnaden brachte den ganzen Tag nichts über den Mund, als ein wenig Gerſtenſchleim. bracht begeb noch geben zukna ſtändi ſetzt. ſo ho ſo gu recht viel Voll Die kleide benst Alge chig bald Das ange Dieſ zu l leich ach, etwe ihr tigk „Ja Em neh ihre d. gan⸗ wenn 1 feſt⸗ unden Hori⸗ fand fſtan⸗ dein wolke ndere ganz ihlten ngen, Ragd, liebe, Leute n ſie aber 8 das wie fel zu le die jun⸗ Tag chzeit rachte wenig 79 Nachdem man den langweiligen Tag zu Ende ge⸗ pracht und Jedermänniglich ſich auf ſein Schlafzimmer begeben hatte, empfand Julie ein lebhaftes Bedürfniß, noch ein wenig munter zu bleiben; ſie ließ ſich Wallnüſſe geben, kam zu mir herein und ſetzte ſich, um dieſe auf⸗ zuknacken und ihren Bräutigam zu loben. „Wie beiſpiellos hübſch er iſt! So geordnet, ſo ver⸗ ſtändig, ſo gutmüthig, ſo ruhig, ſo gemüthlich, ſo ge⸗ ſetzt..(eine delikate Nuß!) ſo bedächtig, ſo vorſichtig, ſo haushälteriſch... dabei aber durchaus nicht geizig... ſo gut. und doch nicht zu gut... ſo.. ſo ganz ge⸗ recht.“ Ich nickte zu Allem meinen Beifall, wünſchte Julie viel Glück und gähnte ganz unbeſchreiblich. Es gibt Vollkommenheiten, die einſchläfern. Tags darauf hatten wir etwas friſcheren Wind. Die Neuvermählten kamen zum Mittageſſen. Die Haube leidete Emilie vortrefflich— ſie war mild, ruhig, lie⸗ benswürdig— aber nicht gerade heiter, während dagegen Algernon ſich ungewöhnlich munter, lebhaft und geſprä⸗ chig zeigte. Dieß wunderte und verdroß Julie; ſie ſah bald ihn, bald ſie an und wußte nicht recht, wie ſie daran war. Das geſammte Dienſtperſonal ließ es ſich unbeſchreiblich angelegen ſein, Emilie als gnädige Frau zu tituliren. Dieſe neue Benennung ſchien ihr ganz und gar nicht zu behagen, und als eine alt bewährte Dienerin viel⸗ leicht zum ſiebenten Mal ſagte:„Liebes Fräulein.. ach, Herr Jeſus gnädige Frau... ſo ſagte ſie, etwas ärgerlich und ermüdet:„Laß es ſein, gute Alte! GEs liegt ja nicht viel daran.“ Der Bediente bot ihr bei Tiſch kein Gericht an, ohne mit großer Wich⸗ tigkeit zu fragen:„Befehlen die gnädige Frau?“— „Ja, ja, der Kerl hat Welt,“ bemerkte der Oberſt. Emilie ſah aus, als ob ſie dieſe Welt weniger ange⸗ nehm fände. Voll Herzensangſt zog Julie Nachmittags ihre Schweſter auf ein Zimmer, warf ſich ihr zu Füßen, — —————— — ——— —— 80 ſchlang die Arme um ſie und rief weinend:„Emilie, wie ſieht es? Liebe Emilie!... Gütiger Gott... du biſt nicht heiter, du ſiehſt niedergeſchlagen aus. Biſt du nicht vergnügt? Biſt du nicht glücklich?“ Innig umarmte Emilie ihre Schweſter, und ſagte tröſtend, aber mit Thränen in ihren ſanftmüthigen Augen:„Ich werde es wohl werden, liebe Julie. Algernon iſt ſo gut, ſo edel.. ich muß mit ihm glücklich werden.“ Aber Julie war wie alle Leute von lebhaſtem Tem⸗ perament mit dieſem„ich werde“ nicht zufrieden; ſie wollte ein„ich bin“ und ſchien es für ganz verzweifelt, ganz unerhört und unnatürlich zu halten, daß eine junge Frau nicht unbeſchreiblich glücklich ſein ſollte. Sie hatte Romane geleſen. Sie verhielt ſich den gan⸗ zen übrigen Tag ſehr kurz gegen Algernon, der ſich nicht ſonderlich darum zu kümmern ſchien. Als Emilie mit thränenvollen Augen ſich wieder verabſchiedet hatte, ließ Julie ihrem Mißvergnügen freien Lauf, und ergrimmte gewaltig über Algernon, der ſo gleichgültig und ſo munter habe ſein können, während Eimlie ſo niedergeſchlagen geweſen;„r ſei ein Eis⸗ zapfen, ein Barbar, ein Heide, ein..“ NB. der Oberſt und die gnädige Frau waren bei dieſer Philippika nicht anweſend. Der Kornet dagegen hatte eine andere Anſicht von der Sache er war mit Emilien unzufrieden, die nach ſeinem Dafürhalten ſich von ihrem Manne zu ſehr aufwarten laſſe.„Iſt der arme Kerl nicht gelaufen, um ihr Nähzeug zu ſuchen? Hat er ihr nicht die Pelzſchuhe angezogen, den Shawl und den Mantel umgehängt? und hatte ſie ihm auch nur dafür gedankt?“ Julie über⸗ nahm die Vertheidigung der Schweſter, der Kornet die Algernons; der Geiſt des Wortwechſels warf bereits ein und das andere bittre Korn in den Streit, und die beiden guten Geſchwiſter wären vielleicht uneins geworden, hät⸗ ten ſie nicht, als Beide ſich bückten, um Helenas Näh⸗ nadel aufzuheben, die Köpfe zuſammengeſtoßen, was den Zwiſt in eine Lachſalve auflöste und zur Folge hatte, daß d Weibe Streit bereit war im ei ſich n Herzl zum glänz male ſatz, nicht Mah nen. Pudi hatte ſel 1 kurz beru frar entz in i diſch zelle und ſich er ihr folc und lich milie, du Biſt Innig „aber werde tt, ſo Tem⸗ n; ſie veifelt, junge Sie ngan⸗ hnicht wieder freien der ſo ährend n Eis⸗ Oberſt a nicht Anſicht en, die zu ſehr n, um lzſchuhe hängt? e über⸗ net die eits ein e beiden s Näh⸗ vas den hatte, 81 daß die Frage von den Rechten des Mannes und des Weibes, das Meer, auf deſſen Wellen ſich die beiden Streitenden ganz unvermuthet, ihnen ſelbſt unbewußt, bereits ſchaukelten, ſchnell aufgegeben wurde. Der folgende Tag war troſtreich für Julie. Emilie war heiterer und glücklich, ihre Eltern und Geſchwiſter im eigenen Hauſe empfangen zu können, beſchäftigte ſie ſich mit der ungezwungenſten Anmuth, mit der innigſten Herzlichkeit, ſie gut zu bewirthen. Der Oberſt bekam zum Mittageſſen ſeine Lieblingsgerichte, und die Freude glänzte aus Emiliens Augen, als ihr Vater zum zweiten⸗ male von der Schildkrötenſuppe begehrte, mit dem Zu⸗ ſatz, ſie ſei ganz ungemein gut. Ihro Gnaden waren nicht wenig erfreut über die Güte und Ordnung der Mahlzeit, ſowie über ſämmtliche Anſtalten im Allgemei⸗ nen. Sie blinzelte zwar Etwas unruhig nach einem Pudding hin, deſſen eine Seite etwas Ruinenmäßiges hatte, aber Julie drehte ſchnell und unbemerkt die Schüſ⸗ ſel herum, und nun glaubte die gnädige Frau, die etwas kurzſichtig war, der Fehler liege an ihren Augen, und beruhigte ſich. Emilie hatte vollkommen das Weſen einer Haus⸗ frau, und dieß ſtand ihr unendlich gut. Der Kornet war entzückt über ſeine Schweſter und ihre ganze Umgebung in ihrem neuen Hauſe— er meinte, Alles ſpreche ſchwe⸗ diſch, Sophas und Stühle, Tiſche, Gardinen, das Por⸗ zellan u. ſ. w. Es fand ſich nichts Ausländiſches vor. und eben daher kam es nach ſeiner Anſicht, daß man ſich wohlbehaglich und heimiſch fühlte. Julie war ſehr zufrieden mit Algernon, der, wenn er ſeiner jungen Frau auch nicht gerade den Hof machte, ihr doch fern oder nahe beſtändig mit liebenden Augen folgte; man ſah deutlich, wie ſeine Seele ſie umgab, und die Emiliens flog in manchem klaren und freund⸗ lichen Blicke, ſich mit ihr zu vereinigen. Wie gut der Kaffee ſchmeckt, wenn drau Bremer, die Familie 5 en Schnee⸗ S S 82 geſtöber und innen Sommerluft iſt! Das fanden wir Frauenzimmer alle, als wir Nachmittags, um ein Feuer herum verſammelt, beim Genuſſe der arabiſchen Bohne ein langes und heiteres Geſpräch führten, in deſſen Ver⸗ lauf Emilie ſich über die häuslichen Einrichtungen und Anordnungen erklärte, die ſie zu treffen gedachte, um Ordnung und Wohlbehagen in ihrem Hauſe zu ſchaffen und worunter ſie mit ihrem. ihrem Mann(dieſes einſilbige Wort war ihr noch etwas ſchwer auszuſprechen) theils bereits geſprochen hatte, theils noch ſprechen wollte; und ſiehe da, es war Alles ſehr gut, ſehr zweckmäßig. Wir erwogen zwiſchen der Kaffeetaſſe und dem Ofenfeuer Alles genau und reiflich; wir gaben dazu und nahmen davon, wußten jedoch Nichts ausfindig zu machen, was beſſer geweſen wäre, als wie Emilie es ausgedacht hatte. Die Familie gleicht einer Dichtung und zugleich einer Maſchine. Ihre Poeſie oder der Geſang der Ge⸗ fühle, der alle ihre Mitglieder durchſtrömt und mit ein⸗ ander vereinigt, der Blumenkränze in die Dornenkronen des Lebens flicht und den nackten Berg der Wirklichkeit mit dem Grün der Hoffnung kleidet— davon weiß jedes Menſchenherz. Aber die Maſchinerie,(ohne deren wohl⸗ geleitete Bewegungen die Oper des Lebens dennoch ein Stück ohne Haltung bleibt) dieſe halten Viele für min⸗ der weſentlich und find nachläſſig in ihrer Leitung. Und gleichwohl iſt dieſer Theil der Einrichtung des häus⸗ lichen Lebens nicht der am wenigſten wichtige für ſein harmoniſches Fortbeſten. Es verhält ſich mit dieſer Maſchinerie wie mit der einer Uhr. Sind alle Räder, Federn u. ſ. w. gut in Ordnung, ſo bedarf der Pendel bloß eines Schwunges und Alles wird in zweckmäßige Bewegung geſetzt, Alles geht wie von ſelbſt in Ordnung und Ruhe vor ſich, und die goldnen Zeiger des Friedens und Wohlbehagens zeigen alle Stunden auf der klaren Tafel an. Dieß fühlte Emilie und ließ es ſich angelegen ſein, ihre H daß ſi Schickſ nehmli laufen E dieſes der G den di Aus 1 zweigt gleich umſich Plant ( jährli oder c in da wurde ſchma ſie de ihr K auf n es ſch oder ſend Eiger Woll euern Ausk um Ihr brich ſamn kann ſchla n wir Feuer Bohne Ver⸗ n und um chaffen (dieſes rechen) wollte; mäßig. neuer ahmen achen, edacht ugleich r Ge⸗ it ein⸗ kronen lichkeit jedes wohl⸗ ch ein min⸗ Und häus⸗ r ſein dieſer ßendel näßige dnung iedens klaren ſein, 83 ihre Haushaltung gleich von Anfang an ſo einzurichten, daß ſie trotz kleiner zufülliger Stöße und Püffe des Schickſals dennoch bis zum Ende mit Ordnung und An⸗ nehmlichkeit fortbeſtehen könnte— bis das Loth abge⸗ laufen wäre Ein koöſtliches und wichtiges Ding zur Förderung dieſes Zweckes iſt die kluge un? ſorgfäliige Anordnung der Geldangelegenheiten. In Emiliens Haushaltung wur⸗ den dieſe auf einen guten und verſtändigen Fuß geſtellt. Aus der großen, gemeinſchaftlichen Kaſſe gingen, ver⸗ zweigten und ordneten ſich mehrere kleinere Kaſſen, die gleich Bächen einer und derſelben Quelle entſtrömt und umſichtig nach verſchiedenen Gegenden hingeleitet, die Plantage der Haushaltung befruchteten. Emilie ſollte für ihre eigene beſondere Rechnung jährlich eine gewiſſe Summe erhalten, die ſie zu Kleidern oder andern kleinen Ausgaben zu verwenden hatte, welche in das Regiſter der Haushaltung nicht aufgenommen wurden. Und da ihre Kleidung jederzeit einfach und ge⸗ ſchmackvoll ſein ſollte, wie ſie es bisher geweſen, ſo konnte dieſer Gelder dazu verwenden, ſie den größern Theil ihr Herz zu erfreuen— rathet— oder vielmehr, ſagt, auf welche Weiſe, holde Leſerinnen— denn ihr wißt⸗ es ſchon. Eine Frau muß ihre eigene Kaſſe haben— groß oder klein, gleichviel. Zehn, fünfzig, hundert oder tau⸗ ſend Thaler— je nach den Verhältniſſen— aber ihr Eigenthum, über das ſie bloß ſich ſelbſt Rechenſchaft gibt. Wollt ihr wiſſen warum, ihr lieben Herren, die ihr von euern Frauen ſogar über Stecknadeln und Pfennige Auskunft verlangt?— Hauptſächlich und ganz beſonders um eurer eigenen hohen Ruhe und Gemächlichkeit willen. Ihr begreiſt das nicht? Nun wohlan. Eine Magd zer⸗ bricht eine Theetaſſe, ein Bedienter ſchlägt ein Glas zu⸗ ſammen oder es fallen auch plötzlich auf einmal Thee⸗ kanne, Taſſen und Gläſer in Stücke, die Niemand zer⸗ ſchlagen hat n. ſ. w. Die Frau, ohne eine eigene Hand⸗ 6* kaſſe, die dennoch Taſſen und Gläſer in Ordnung halten muß, kommt zu ihrem Manne, erzählt das Unglück und verlangt ein Bischen Geld, um den Schaden zu erſetzen. Er brummt Etwas über die Dienſtboten, über die Frau, die nach den Dienſtboten ſehen ſoll.„Ja Geld.. ein Bischen Geld... das Geld wächſt mir nicht aus der Erde heraus und regnet nicht vom Himmel herab.. mehrere kleine Bäche geben auch einen großen Fluß u. ſ. w.“ — Summa, er muß ein Bischen Geld herausgeben und geräth dabei oft in eine ſehr üble Laune. Hat die Frau dagegen ihre eigene kleine Handkaſſe, ſo kommen ihm ſolche kleine Verdrießlichkeiten niemals nahe. Kinder, Dienſtboten und Unglück bleiben ſich im⸗ mer gleich;— aber man merkt keine Störung, Alles iſt vorhanden, wie immer, Alles iſt in Ordnung und des Hauſes Oberhaupt, das vielleicht mit der größten Ruhe auf einmal tauſend Reichsthaler weggeben würde, braucht nicht über einige Zwölfſchillinge, die ihm in fünf An⸗ ſätzen ausgepreßt werden, ſeinen Gleichmuth zu verlieren, der ſ das ganze Haus, wie für ihn ſelbſt ſo unſchätz⸗ bar iſt. Und rechneſt du ſie für Nichts, du gefühlloſer Nabob, dieſe fleinen Ueberraſchungen, dieſe kleinen Geburts⸗ und Namenstagsfreuden, die deine Frau dir zu bereiten ſich das Vergnügen machen kann?— Dieſe tauſend kleinen Annehmlichkeiten, die unerwartet wie Sternſchuppen auch ſo wie ſie am Himmel des Hauſes funkeln und die dir alle von der Zärtlichkeit deiner Frau geſchenkt werden, unterſtützt von ein wenig Geld, das du ihr im Groſ⸗ ſen überläſſeſt, um es mit reichen Zinſen an Gemächlich⸗ keit und Freuden im Kleinen zurückzuerhalten? Nun, iſt es jetzt klar? Algernon hat es ſchon lange eingeſehen und dieß war von bedeutendem Einfluß auf Emiliens künftiges Glück. Jedem ächten Weiberherzen macht es ſo eine unbe⸗ ſchreibliche Freude zu geben, ſich im Wohlbehagen und der Freude Anderer lebend zu fühlen— es iſt dieß der Sonnen leicht n Bischen Wr zum Ka Schwins We ſich wol gut hau Morgen manchm und Bo dieß in Kapitel einer el wenden, drei M Ju rengehet gingen rechts u telten L angeneh gezeichn einen L auch ei Abends einen L genden nicht a nant A mer eti dote den ur luſtig halten k und etzen. Frau, ein s der . w.“ n kaſſe, mals im⸗ es iſt d des Ruhe aucht An⸗ eren, hätz⸗ bob, und ſich inen auch dir den, zroſ⸗ ange auf nbe⸗ und der Sonnenſchein des Herzens und im kühlen Norden viel⸗ leicht nöthiger, als irgendwo anders. Ueberdieß iſt ein Bischen Freiheit etwas ſo Erfriſchendes. Wo war ich ſo eben?... Ach richtig bei Emilie zum Kaffee. Wir gehen jetzt von da weg, um auf den Schwingen der Zeit eine längere Reiſe zu unternehmen. Wer mit der Feder Geſchichten erzählen will, darf ſich wohl vorſehen, daß er mit der Geduld des Leſers gut haushält. Zuweilen kann er wohl über Heute, über Morgen und Uebermorgen ausführliche Auskunft geben; manchmal aber muß er Zeit und Ereigniſſe in Bauſch und Bogen nehmen, wenn er nicht will, daß der Leſer dieß in ſeinem Buche thut und vom fünften zum achten Kapitel überſchlägt. Da mir ſehr viel daran liegt, von einer ehrenwerthen Familie ein ſolches Unglück abzu⸗ wenden, ſo eile ich, mit ihr einen kleinen Satz über etwa drei Monate zu machen und berichte nur in gedrängter Kürze, wie meine Heſchen Freunde dieſelben durchlebten. Julie und ihr Bräutigam brachten ſie mit Spazie⸗ rengehen zu. Jeden Tag, wenn das Wetter es geſtattete⸗ gingen ſie die ganze lange Königinſtraße hinab, grüßten rechts und links, plauderten mit Bekannten und bekrit⸗ telten Figuren und Toiletten, während ſie ſich ſelbſt dem angenehmen Bewußtſein hingaben, wie ſchön und aus⸗ gezeichnet ihre eigenen ſeien. Manchmal gingen ſie in einen Laden und kauften einige Kleinigkeiten oder aßen auch eine Torte bei Behrends, die ganz wundergut war⸗ Abends gab es irgend ein Souper, ein Schauſpiel oder einen Ball und dieß gab immer Redeſtoff für den fol⸗ genden Tag, ſo daß es den Verlobten, Gott ſei Dank, nicht an Unterhaltung gebrach. Ueberdieß hatte Lieute⸗ nant Arvid, der überall in der großen Welt war, im⸗ mer etwas Kleines zu erzählen, irgend eine Tagesanek⸗ dote irgend eine Aeußerung von dem und dem, über den und den und ſiehe da, das war Alles ſehr luſtig— meinte Julie. ———————————— Der Kornet war auf eine luſtige Liebhaberei gera⸗ then. Er hatte ſich auf's Studiren geworfen. Er ſtudirte Kriegswiſſenſchaft, Mathematik, Geſchichte u. ſ. w. und überzeugte ſich immer mehr, gleichwie ſein leibliches Auge geſchaſſen ſei, um in allen Richtungen über die Erde und zum Himmel hinauf zu ſehen, ſo habe ſein geiſtiges, den Beruf in die Reiche der Natur und der Wiſſenſchaften zu ſchauen und in ihnen das Licht des Himmels aufzu⸗ faſſen. Eigen war, daß er, je mehr er ſehen konnte, immer dunkelſcheuer wurde. Er fürchtete ſogar Geſpen⸗ ſter Ja, meine Herren, es iſt in der That wahr; und die Geſpenſter, die ich fürchte, ſind ſeit unvordenklichen Zeiten in der Welt bekannt, unter dem Ramen: Un⸗ wiſſenheit, eine ungeheuer dicke Frau in irgend einen ſchimmernden weißen Zeug gekleidet; Eigendünkel, die langhalſige Tochter der erſtern, die der lieben Mama immer auf die Schleppe tritt, und Großſprecherei, der Sage nach das Geſpenſt eines alten franzöſiſchen Sprachmeiſters, der mit dieſen Damen verwandt geweſen und oft in ihrer Geſellſchaft geſehen worden ſein ſoll. Im Uebrigen ſuchte er gern die Geſellſchaft älterer und kenntnißreicher Männer, war zu Hauſe viel mit ſeinem Vater und mit Helena zuſammen und ließ ſeine jungen Herren Bekannten oft vergebens an ſeiner ver⸗ ſchloſſenen Thüre lärmen und poltern— obgleich er manchmal unſchlüſſig war, ob er nicht öffnen ſollte, denn er dachte:„Vielleicht kommt mein guter Freund, um mir mein Geld heimzubezahlen Aber da beſann er ſich, meinte, dann würde man nicht ſo ſtark klopfen, und blieb ruhig bei ſeiner Arbeit. Zwei junge Freunde hatte der Kornet, für die auf ein verabredetes Loſungswort ſeine Thüre immer aufſprang. Dieſe jungen Männer bildeten ein edles Triumvirat. Ihr Wahlſpruch war in Kriegs⸗ wie in Friedenszeiten:„Vorwärts! Marſch!“ nach Tante nach worin gebete ziges ſechsz vielm Neue die ihr z Gute entha ſie w zuſch wolle rief: Frar in wart Das mir, mich dem Seit Abſe und und oder leiſe er⸗ dirte und Auge und den aften ufzu⸗ nnte, ſpen⸗ und ichen Un⸗ einen kel, tama erei, iſchen weſen l lterer mit ſeine ver⸗ ch er denn „um r ſich, blieb te der ſeine deten riegs⸗ 87 Emilie und Algernon reisten zu Anfang Aprils nach Blekinge, wo auf einem großen Gute eine alte Tante und Pathin von ihr lebte. Emilie hatte gleich nach ihrer Verheirathung einen Brief von ihr erhalten, worin ſie nebſt ihrem Manne um recht baldigen Beſuch gebeten wurde. Die Tante hatte vor Kurzem ihr ein⸗ ziges Kind, einen Sohn verloren und wollte bei ihren ſechszig Jahren ihr Herz noch dadurch zu erfreuen oder vielmehr wieder zu beleben ſuchen, daß ſie ihm etwas Neues gab, was es lieben, wofür es leben konnte. Sie bat die Neuvermählten, den Frühling und Sommer über bei ihr zu bleiben, ſprach von Nachbarn und von allerhand Gutem und Erfreulichem, was ihnen den Sommerauf⸗ enthalt angenehm machen werde. Sie erwähnte dabei, ſie wolle ihr Teſtament machen und ihr Vermögen ihnen zuſchreiben, wenn ſie ſie als eine Mutter betrachten wollen. „Ei der tauſend, das iſt einmal ein ſchöner Brief!“ rief Onkel P.„Reiſe nur plötzlich hin, Neffe, mit deiner Frau laß ſogleich anſpannen. Ich wollte, ich ſteckte in deinen Hoſen, du Glückstind! Bis Anfang April warten? Narrheit! Wenn die Alte inzwiſchen ſtärbe! Das hieße buchſtäblich ſein Glück verſchlafen. Das ſollte mir, mein Seel, nicht paſſiren!.. Liebe Julie, wecke mich, wenn der Kaffee kommt.“ Als der Reiſewagen vor dem Hauſe ſtand und die weinende Emilie an Algernons Seite ſaß, thränenvolle, herzliche Blicke und traurige Abſchiedsworte mit ihren die Wagen umſtehenden Eltern und Geſchwiſtern wechſelnd, da faßte Algernon ihre Hand und fragte:„Möchteſt du jetzt lieber bei dieſen bleiben, oder mit mir ziehen?“—„Mit dir,“ antwortete Emilie leiſe—„Von ganzem Herzen?—“„Von ganzem Her⸗ zen.“—„Fahr zu, Schwager,“ rief Algernon fröhlich. „Emilie, wir begleiten einander auf der Reiſe— durch's Leben!“ Der Wagen rollte. O daß der Wagen jeder Ehe auf ſolchen Federn ſchaukelte! ——————— Düſter und ſchweigſam brachte die Blinde ihre fin⸗ ſtern Tage hin; ihre Geſundheit nahm ſichtlich ab. Ihre Seele glich dem Feuer im Kohlenmeiler: ſeine Flammen ſind nicht ſichtbar, ſie brechen nicht aus, aber verzehren ſtille und ſicher ihre Wohnung. Nur im Geſange machte ſie zuweilen ihren Gefühlen Luft, wenn ſie ſich allein glaubte. Sie dichtete Tert und Muſik— beides trug den Stempel eines unglücklichen, friedloſen Herzens. In Geſellſchaft ſprach ſie beinahe nie ein Wort und nur ihre unaufhörliche Beſchäftigung, um ihre Hände und Finger ein Band oder eine Schnur zu wickeln, verrieth die raſtloſe Unruhe ihres Innern. Es gibt beim Weibe eine Gemüthsſtimmung, welche bewirkt, daß Alles, was ſie in ihrem häuslichen Kreiſe thut, gut ausfällt; daß eine ſtille Freude ihr auf jedem Schritt und Tritt wie ein ruhiger Lenztag folgt; daß, wo ſie weilt, auch eine Annehmlichkeit und Behaglichkeit ſich kund thut und Jedermann mittheilt, der ihr naht;z dieſe Gemüthsſtimmung geht von einem reinen, gottes⸗ fürchtigen und ergebungsvollen Herzen aus. Glücklich die Frau, die dieſes beſitzt. Glücklich vor allen andern, wenn ſie auch in ſonſtigen Beziehungen noch ſo reich begabt ſind.— Und glücklich war Helena, denn ſie war eine jener ſo ſchön Begabten. In einem Brief, den ſie um dieſe Zeit an eine Freundin ſchrieb, ſchilderte ſie lebhaft ihren glücklichen Zuſtand. „Du fragſt, was ich treibe?“ ſchrieb ſie am Ende des Briefs;„ich genieße das Leben in allen ſeinen Au⸗ genblicken. Meine Eltern, meine Geſchwiſter, meine Arbeit, meine Bücher, meine Blumen, die Sonne, die Sterne, der Himmel und die Erde, Alles ſchenkt mir Freude; Alles läßt mich mit unbeſchreiblicher Wonne das Glück zu leben empfinden. Du fragſt mich, was ich thue, wenn finſtere Gedanken und Zweifel meine Serle überziehen. Liebe Freundin, ich habe keine Zwei⸗ fel, denn ihn, gen, dereir Art: kleine gel!“ übert und dige hätte ſo v könn dari ernſi über nie ihre etwe zu ſang er 1 Fra mül voll fin⸗ Ihre men hren chte llein trug ens. nur und rieth eche dreiſe edem daß, chkeit naht; ottes⸗ cklich dern, eich n ſie Brief, lderte Ende 1 Au⸗ meine d t mir Vonne was meine Zwei⸗ fel, keine finſteren Gedanken— ich kann ſie nicht haben, denn ich glaube an Gott, ich liebe ihn, ich hoffe auf ihn, ich habe keinen Kummer und keine ängſtlichen Sor⸗ gen, den ich weiß, daß er Alles wohl machen.„daß dereinſt Alles gut und klar werden wird. Bei ſolcher Art zu denken und zu empfinden muß ich ja glücklich ſein.“ „Curro, curri, currum, currere“ wiederholten die leinen Dicken.„Cucurri, cursum, currere, ihr Schlin⸗ gel!“ berichtigte der Magiſter, und damit brachten ſie(ich übertreibe niemals) redlich beinahe drei Monate zu. „Es geht langſam, aber es geht gut!“ ſagte tröſtend und vertrauensvoll der Magiſter zu Ihro Gnaden. Ihro Gnaden.. Gott ſegne die vortreffliche gnä⸗ dige Frau. aber unſere Auswanderung auf's Land hätte wohl ohne ſo viele Sorgen und ſo viele Pakete, ſo viele Ach und O und ſo viele Koffer vor ſich gehen fönnen. Der Oberſt ſagte halb ſcherzend ein Wörtchen darüber.„Das iſt gleich geſagt,“ antwortete Ihro Gnaden ernſthaft. Der Kornet, welcher nicht die mindeſte Bemerkung 8 über ſeine Mutter dilldete, in deren Thun und Laſſen er nie den mindeſten Fehler ſehen wollte, ſtand ihr bei allen ihren Sorgen bei und widerſprach uns, die wir dieſelben etwas unnöthig fanden; wenn aber die Sache ein gar zu ängſtliches Anſehen bekam, ſo ging er umher und ſang God save the king!(das einzige Engliſch, was er verſtand) um unſre Aufmerkſamkeit von der gnädigen Frau abzuziehen. Einen Monat vor und einen Monat nach dem Zuge mühte und quälte ſie ſich für unſer Aller Wohl ab und vollends am Reiſetag ſelbſt— o Himmel! Welch Packen, welch Suchen In Keller und Küchen, 90 In Vorgemach und Saal Halten Möbel''nen Ball. Auf was man nur blickt, Es in Unordnung liegt; Man ruft dem Geſinde: Schafft Alles geſchwinde. Viſiten und Frühſtück und Kiſten und Kaſten: Platz will man für die unzähligen Laſten. Von Freundſchaft, von Beefſteak, von Gänſen ſpricht man, Legt den Kiſten indeſſen die Schlöſſer an. Es lächelt und puſtet und ſeufzet die Frau. Die Reiſ'ſtunde ſchlägt, Die Lärmtrommel weckt) Lauft dahin, lauft dorthin, beeilt euch nur ſehr, Kehrt um und fahrt vor, bringt die Mäntel hieher. Welch Gemeng' und Gedränge, Hier wird's mir zu enge, und ich verſetze mich nach DThorsborg, dem väterlichen Gute des Oberſten, wo wir in der Mitte Mai's anlangten. Hätte ich einen Tropfen von der Ader, die, aus Walter Scotts Dintenfaß entſprungen, ſich über alle Lande verbreitet und die Feder von hundert Schriftſtellern mit hiſtoriſch antiquariſcher Dinte befeuchtet hat— ſo würde ich jetzt eine prachtvolle Beſchreibung des ſtattlichen Schloſſes Thorsborg preisgeben, das im dreißigjährigen Kriege von einer hochgeſinnten vornehmen Frau in Zeit von neun Monaten erbaut worden mit Mauern ſo feſt, wie die Gemüther der damaligen Zeit, und mit in Blei eingefaßten Glasſcheiben, ſo klein, wie die Strahlen der Aufklärung im Kloſtergange des Zeitalters. Ich würde erzählen, wie die Frau Barbara Akesdotter zu Göholm und Hedeſö, die Admiralin Stjernbjelke(deren noch jetzt auf fen 2 der Gebe fürſil fläche bei 1 Fenſt Auge Etw ſoll über grim Schi dem Gab und Zeit die den legt ſen ſtro Aſcl aus ſpr Hel auf ſon lich fig Mitte „aus Lande nmit würde tlichen hrigen n Zeit feſt, Blei n der würde öholm h jetzt 91 auf Thorsborg befindliches Bild von einem ſtolzen ſchar⸗ fen Weibe zeugt) um ihren in Deutſchland für die Sache der Freiheit fechtenden Gatten zu überraſchen, dieſes edle Gebände auf einer Höhe errichtet, wo es noch jetzt in fürſtlicher Größe ſteht, unermeßliche Acker⸗ und Wieſen⸗ flächen mehrere Stunden weit beherrſchend und wie ſie bei der Ankunft ihres Helden in der Heimath in allen Fenſtern des Schloſſes Lichter anzünden ließ, um ſeine Augen zu entzücken oder zu bezaubern. Ich würde auch Etwas davon flüſtern, daß dieſes ihr nicht geglückt ſein ſoll und daß die klatſchende Tradition behauptet, er ſei über dieſe That der Fran Barhara aufgebracht und er⸗ grimmt geweſen. Ich würde ferner Etwas von den Schickſalen ihrer Nachkommen vermelden, die ſpäter auf dem Gute gewohnt und von denen einer, der mit der Gabe der Dichtkunſt geſegnet war, ſich zum Andenken und Jedermänniglich zur Erbauung, in eine noch zur Zeit des Oberſten H. im Schloßſaal befindlichen Scheibe die Worte krizelte: „Fräulein Sigried und ihr Gemahl Sind große Narren allzumal.“ „Wäre ich ſodann auf dem Strome der Zeit bis zu den auf des Mittelalters ausgebrannten Vulkanen ange⸗ legten Ruheſtätten hinabgelangt, ſo würde ich unter die⸗ ſen herumwandernd nach den Ueberbleibſeln des Lava⸗ ſtroms forſchen und in den Urnen der Erinnerung die Aſche der erloſchenen Feuer ſammeln, ſie in dieſe Blätter ausſtreuen und dh. um etwas weniger verblümt zu ſprechen ich würde von all den alten Harniſchen, Helmen und Spießen erzählen, die noch auf Thorsborg aufbewahrt wurden und die Kornet Karl mit ganz ab⸗ ſonderlicher Zärtlichkeit umfaßt.. von blutigen Kleidern, Schwertern, Mörſerkugeln u. ſ w. und unter den fried⸗ lichen Erinnerungen würde ich der mit tauſend Holz⸗ figuren eingelegten Thüre zum Schlafzimmer Guſtav — 2———— ——— 92 Adolphs II. gedenken, die aus dem frühern Schloßgebäude dahingebracht worden; ferner des unermeßlichen Saales mit den eichenen Fußboden und den Eichenſparren an der Decke; des Bruſtbildes der Frau Barbara, wie ſie mit der Mauerkelle in der Hand daſitzt, ihres Spinn⸗ rockens u. ſ. w. Um das Salz in der Suppe nicht zu vergeſſen, würde ich ſofort von den Spuckgeſchichten be⸗ richten, die im Schloſſe von Zeit zu Zeit vorkamen und von denen Niemand mehr heimgeſucht wurde, als der Magiſter. Er hörte oft ſchauerliche Töne— eine Miſchung von Trompetenklang und Wolfsgeheul; er hörte, wie es bei nächtlicher Weile ganz leiſe im Billardſaal umher⸗ tappte, wie die Bälle rollten, die Glöckchen klingelten u. ſ. w. Ich würde ſagen, wie die Leute im Hauſe wohl von einem Geſpenſte wußten, das an Mondhellen Abenden ohne Kopf im großen Eichenſaal umherſpazierte, und wie ſehr häufig mitten in der dunkeln Nacht auf einmal Lichter aus allen Fenſtern ſtrahlten und wie Nie⸗ mand da war, der nicht ſchon Sophas, Tiſche und Stühle mit entſetzlichem Gepolter in den Zimmern hin und her⸗ rücken gehört hätte, wo keine menſchliche Seele wohnte... und daß ſelbſt Ihro Gnaden. hu! Aber ich fange ſelbſt an zu ſchaudern und ſehe jetzt klar ein, wie mir bloß die Fähigkeit zugetheilt worden, mit gewöhn⸗ licher Dinte gewöhnliche und alltägliche Dinge zu ſchil⸗ dern,— finde es daher ſicherer und angenehmer zu er⸗ zählen, wie die kleinen Dicken über alle Beſchreibung glücklich, auf dem Lande zu ſein, in den Gräben und Steinhaufen den Ueberbleibſeln des alten Herrenhauſes umherſprangen und ſtöberten, Schätze ſuchten und Gold⸗ käfer fanden; wie Julie, ſelbſt einem Sommervogel ähn⸗ lich, den geflügelten Schweſterchen nacheilte, ihrem Bräu⸗ tigam trotz bietend mit ihm in die Wette zu laufen, bis ſie merkte, daß es ſich nicht der Mühe verlohnte, denn er ſtrengte ſich niemals ſo ſehr an.„Es wird mir zu warm.“ Er liebte es vor Allem, mit ſeinem Bräutchen auf einem ſchwe tung hineir Güter Dieſe Ding Adels H., ſ und Som Er 1 tochte worü tigt. imme im U und zwar aber herze quäl ſamn binet war lius, die treffl jeder dank Art ſetzt, herz zu v hau äde aales an e ſie inn⸗ t zu be⸗ und der hung ie es aher⸗ elten auſe elen ierte, auf tühle her⸗ ange wie öhn⸗ 1 er⸗ bung und uſes zold⸗ ähn⸗ räu⸗ ufen, denn r zu auf 93 einem weichen Sopha zu ſitzen, behaglich, auf den ſanft ſchwellenden Kiſſen ruhend, in einer Art innern Betrach⸗ tung der— bequemen Seite des Lebens. Dazwiſchen hinein beſchäftigte er ſich mit der Jagd, bald auf den Gütern des Oberſten H., bald auf denen ſeines Vaters. Dieſer war ein munterer, gutherziger Alter, der fünf Dinge auf dieſer Welt hoch in Ehren hielt: ſein altes Adelsdiplom, ſeinen Sohn, die Freundſchaft des Oberſten H., ſein Geſpann von weißen Roſſen, genannt die Schwäne, und ſeine Tabakspfeife, zu deren Anzündung Winter und Sommer ein unaufhörliches Feuer in ſeinem Ofen brannte. Er war entzückt über ſeine künſtige kleine Schwieger⸗ tochter, die ihm indeß manchen kleinen Streich ſpielte, worüber er eben ſo leicht böſe als leicht wieder beſänf⸗ tigt wurde. Er erzählte gerne Geſchichten, nahm dabei immer den Mund ſehr voll, fluchte weidlich, und war im Uebrgen, was man einen Ehrenmann nennt. Auf Thorsborg kam die Familie bald in eine ruhige und angenehme Lebensordnung Die gnädige Frau ging zwar noch lange mit Schlüſſelbund und Sorgen umher, aber Niemand ließ ſich dadurch ſtören und ſie war ſo herzensgut, daß ſie nie Jemand anders als ſich ſelbſt quälte und beunruhigte. Beſonders angenehm waren die Abende. Da ver⸗ ſammelten wir uns Alle in einem kleinen, grünen Ka⸗ binet, das auch mit Gemälden und Blumen geſchmückt war und wo die Werke eines Franzén, Tegnér, Stagne⸗ lius, Sjöberg, Nicander und anderer ſchwediſchen Dichter, die uns Profeſſor L's ausdrucksvoller Vortrag und vor⸗ treffliche Deklamation noch beſſer ſchätzen lehrte, uns mit jedem Tag an edlen und geſunden Gefühlen und Ge⸗ danken bereicherten. Oft wurde auch eine Lektüre ernſterer Art gewählt, derjenigen ähnlich, die ſich zum Zwecke ſetzt, über die wichtigſten Gegenſtände für das Menſchen⸗ herz, über Gott und Unſterblichkeit Licht und Klarheit zu verbreiten. Dieß geſchah, wie ich bald merkte, mit haupſächlicher Beziehung auf die Blinde, auf deren —— ——— —— marmorblaſſem Geſichte des Oberſten Blick immer bei ſolchen Stellen verweilte, wo die Strahlen der Gottheit am klarſten und wärmſten, obgleich durch die Schleier menſchlicher Schwäche hervorbrachen. Oft verging auch der Abend unter Geſprächen über ſolcher Gegenſtände. Pro⸗ feſſor L., der Oberſt und Helena nahmen hauptſächlich Theil daran. Die Anſtalten, die der Oberſt in Gemein⸗ ſchaft mit Profeſſor L. zur moraliſchen Veredlung ſeiner Untergebenen durch gute Schulen und mehrere andere, ſowohl zu ihrem Nutzen als ihrem Vergnügen berech⸗ net, eingerichtet, boten von ſelbſt und ungeſucht Stoff dazu. Der Menſch, ſein Organismus, ſeine Er⸗ ziehung, ſeine Beſtimmung, ſeine Höhe, ſeine Schwäche — Gotteskraft— die ſteigende Veredelung des ganzen Geſchlechtes durch ein gutgepredigtes und recht aufge⸗ faßtes Evangelium—— dieſes Leben in Verbindung mit einem zukünftigen— das waren die Gegenſtände, worüber ſich Profeſſor L. warm, ſchön, klar und kraftvoll ausließ. Sein feuriger, eindringlicher Vortrag, worin ſich ſein Gefühl vortrefflich ausſprach; das glückliche Talent, das ihm in bewundernswerthem Grade eigen war, durch Beiſpiele aus den Reichen der Geſchichte, der Moral und Natur, auch den abſtrakteſten Ideen Klarheit zu geben — die ruhige, ſchöne Weisheit, die ſich als Reſultat ſeiner Lehre zeigte und deren wohlthuende Kraft unwi⸗ derſtehlich zu den Herzen aller Zuhörer drang— der Wohlklang ſeiner männlichen Stimme, das Würdige und Ausdrucksvolle ſeines Mienenſpiels und ſeine Aktion, Alles dieß machte, daß man ihm mit Entzücken ganze Stunden zuhörte. Wenn er dann immer tiefer in ſeinen Gegenſtand eindrang und dabei mit immer ſteigender Wärme, immer kraftvollerer Sprache, immer höhere und kühnere Gedanken vorbrachte, da fühlte man ſich gleich⸗ ſam über die Erde erhoben und dem Himmel näher ge⸗ führt. Es war eine Apotheoſe des Gedankens und Ge⸗ fühls und die augenblickliche Himmelfahrt ließ jederzeit einen Bruſt kindiſ edlere heben von volles als 1 ſie o er zu ausſe ihr 1 und gleick ander die Aben ware über dazu nicht früh— geher ſaßer ſtand ſeſſer nicht ſeine edle r bei ottheit chleier auch Pro⸗ ichlich mein⸗ ſeiner ndere, erech⸗ eſucht wäche zanzen aufge⸗ ndung ſtände, aftvoll in ſich alent, durch U und geben eſultat unwi⸗ — der e und Aktion, ganze ſeinen gender re und gleich⸗ e ge⸗ d Ge⸗ ederzeit 95 einen lebendigen Funken des ewigen Feuers in unſerer Bruſt zurück. An ſolchen Abenden ſah ich, wie die bisher Etwas kindiſche und flüchtige Julie auch für Gefühle höherer und edlerer Art zugänglich wurde. Ich ſah ihre Bruſt ſich heben, ihre Wangen ſich färben, wenn ſie den Geſprächen von Wahrheit und Tugend lauſchte, und ihr ausdrucks⸗ volles Auge an den Lippen des edlen Dolmetſchers hing, als wollte ſie jedes Wort einſaugen; dann antwortete ſie oft kurz und gleichgültig ihrem Bräutigam, wenn er zuweilen über kleine niedliche Papparbeiten und Papier⸗ ausſchneidungen, wozu er ein wirkliches Talent beſaß, ihr Urtheil einholen wollte. Die Blinde blieb während dieſer Geſpräche ſtumm, und ſelten verrieth ſeine Bewegung auf ihrem ſtatuen⸗ gleichen Geſichte, daß ein Gefühl ihr Inneres erregte Indeß hatten wir in den Abenden auch Geſpräche anderer, leichterer und dennoch inhaltsreicher Art, worin die gnädige Frau und Kornet Karl glänzen. Eines Abends als Profeſſor L. und der Oberſt nicht zugegen waren, hielt Lieutenant Arvid eine lange Vorleſung über die beſte Art Rennthierfleiſch zu mariniren und die dazu gehörige Sauce. Julie fragte, ob uns ſeine Rede nicht einen ungewöhnlich ſtarken Appetit gemacht habe, frühzeitig zu Nacht zu ſpeiſen und bald zu Bette zu gehen. Allgemeiner Beifall. Eines Tags, als Julie und ich am offenen Fenſter ſaßen und arbeiteten— zwiſchen uns auf dem Tiſchchen ſtand ein Roſentopf— und wir lange ſchweigend dage⸗ ſeſſen hatten, ſagte Julie auf einmal haſtig:„Meinſt du nicht auch?“ und ſchwieg plötzlich wieder. Ich ſah ſie an und fragte:„Was denn 2“ „Ja daß Profeſſor L. etwas ſehr Edles in ſeinem Geſichte hat, namentlich auf der Stirne? „Ja,“ antwortete ich;„es ſpiegelt ſich darin ſeine edle Seele, ſeine milde Weisheit.“ 96 Julie roch an einer Roſe;— die Knospen derſelben ſchie⸗ nen in dieſem Augenblick auf ihren Wangen auszuſchlagen. „Aha!“ dachte ich. Julie begann wieder:„Meinſt du nicht auch 2...“ Neue Pauſe. „Daß Pro... ſagte⸗ich auf den Weg leitend. „Ja daß. daß Profeſſor L. eine ſehr wohl⸗ klingende Stimme hat und ganz vortrefflich ſpricht? Er macht Alles ſo klar... ſo reich und ſo ſchön. Man glaubt beſſer zu werden, ſo lange man ihm zuhört.“ „Das iſt wahr— Aber meinſt du nicht auch, daß Lieutenant Arvid einen ſehr ſchönen Schnurrbart, ſehr ſchöne Zähne und eine ungemein ſchöne Stimme hat, be⸗ ſonders, wenn er ſagt: hol mich der Teu... „Jetzt biſt du boshaft, Beate!“ ſagte Julie feuer⸗ roth werdend, indem ſie aufſtand und ſchnell weglief. Im Vorbeigehen weckte ſie ihren Lieutenant, der auf einem Sopha im Nebenzimmer ſein Mittagsſchläfchen machte, worüber er ein wenig brummte und, indem er gemächlich Arme und Beine ausſtreckte, einen Kuß als Schadenser⸗ ſatz erlangte. „Warum nicht gar?“ war die ganze Antwort, die er erhielt. Inzwiſchen wurde Julie mit jedem Tag ernſthafter — ihre früher ſo beſtändig fröhliche und gute Laune fing an, unbeſtändig und zuweilen unfreundlich zu wer⸗ den; ihre Weſen wurde ſtille und in ſich gekehrt, ja zuweilen zeigte ſich ein leichter Anflug von Schwermuth auf ihrem reizenden Geſichte. Aber lange Zeit bemerkte Niemand in der Familie dieſe Veränderung. Ihre Mit⸗ glieder hatten jedes für ſich ſo viel zu beſorgen. Die gnädige Frau, die vermöge ihrer lebhaften Natur und thätigen Güte beſtändig in Bewegung war, hatte auf dem Lande alle Stunden ausgefüllt. Sie war ihren Untergebenen eine Tröſterin, Rathgeberin und Lehrerin im Großen wie im Kleinen, und uberdieß der Arzt der ganzen Gegend. Dieß Alles beſorgte ſie mit einer Leich⸗ tigkeit und Beſonnenheit, die man ihr kaum zugetraut hätte, gering Sie 8 pen 1 und e war reich mein. paſſiv dem L war guter mein zugeb verder Jahre barkei Wohl zu de vortre len, 1 vollke ſtets hoffer ſor L über gut nes word auch ſeine leich B lagen. Meinſt d. wohl⸗ richt? Man „daß „ſehr t, be⸗ feuer⸗ eglief. einem nachte, ächlich denser⸗ tt, die ſthafter Laune u wer⸗ rt, ja ermuth emerkte e Mit⸗ Natur „ hatte r ihren ehrerin lrzt der ugetraut 97 hätte, wenn man ihre ängſtliche Beſorgtheit bei den geringfügigſten Gegenſtänden im eigenen Hauſe kannte. Sie ging ſelbſt mit Tropfen und Aufmunterungen, Sup⸗ pen und guten Rathſchlägen unter den Leuten umher und erſtere gaben den letzteren Saft und Kraft. Sie war der Liebling der ganzen Gegend. Alt und Jung, reich und arm, Alles pries ſie als gar zu gut und ge⸗ mein. Der Oberſt beſchäſtigte ſich dem Ausſehen nach mehr paſſiv, in der That ſelbſt aber eben ſo werkthätig mit dem Wohle derer, über die er als Herr geſetzt war. Er war ſeinen Untergebenen, wie ſeinen Dienſileuten, ein guter und gerechter, aber ſtrenger Herr. Er war allge⸗ mein mehr gefürchtet, als geliebt, aber Jedermann mußte zugeben, daß ſeit ſeiner Verwaltung des Gutes Sitten⸗ verderbniß, Völlerei und überhaupt alle Laſter mit jedem Jahre abgenommen, dagegen Ordnung, Rechtlichkeit, Ehr⸗ barkeit, Verträglichkeit und in Folge dieſer Tugenden Wohlſtand und Behaglichkeit ſich immer mehr ſelbſt bis zu den anliegenden Ortſchaften verbreitet hatten und die vortrefflichen Anſtalten, die er getroffen, die guten Schu⸗ len, die er geſtiftet hatte und mit jedem Jahre mehr ver⸗ vollkommnete, ließen eine immer ſteigende Veredelung und ſtets zunehmenden Wohlſtand des jüngeren Geſchlechtes hoffen. Als kräftiger Mitarbeiter ſtand ihm jetzt Profeſ⸗ ſor L. an der Seite. Hier iſt der Ort, einige näher beleuchtende Worte über dieſen Mann einzuſtreuen. Ich will mich kurz und gut faſſen. Profeſſor L. war der Sohn eines vermöglichen Man⸗ nes und ſelbſt ſehr wohlhabend. Er war Geiſtlicher ge⸗ worden, um ſeinen Nebenmenſchen auf die nach ſeiner Anſicht wirkſamſte Weiſe nützen zu können. Er war aber auch in der ſchönſten Bedeutung des Wortes der Vater ſeiner Gemeinde. Auffallend war, daß er ebenſo aufmerkſam, ja viel⸗ leicht noch aufmerkſamer als ich, fortwährend Julie Bremer, die Familie H. 7 betrachtete. Sein Blick folgte ihr oſt, ſo freundlich ernſt, ſo prüfend Helena führte die Oberaufſicht über die Mädchen⸗ ſchule des Ortes und ſtand dieſem wichtigen Amte vor⸗ trefflich und mit eben ſo vieler Freude als Sorgfalt vor. Der Kornet hatte.. die Oberaufſicht über die Kna⸗ benſchule! glaubt vielleicht Jemand? Nein, Gott bewahre, und dieß war ſowohl für ihn, als für die Schule gut. — Er war in eine plötzliche heftige Leidenſchaft für die Botanik verfallen, ging Morgens frühzeitig aus, blieb oft den ganzen Tag draußen und kam Abends ganz ermattet nach Hauſe, die Taſchen voll Unkraut. wollte ſagen voll Kräuter. Er ſprach viel von der Intereſſantheit, dem Werthe und dem Nutzen der Botanik, bewies Julien unaufhörlich den Unterſchied zwiſchen einem Petandriſten, einem Octandriſten u. ſ. w. Beſonders war er darauf erpicht, die Linnaea borealis zu finden, von der er ge⸗ hört hatte, ſie wachſe in der Umgegend, die ihm aber bis jetzt noch nicht zu Geſichte gekommen war. Er ſuchte ſie früh und ſpät. „Es iſt wunderlich mit Karl,“ ſagte Julie;„wenn er von ſeinen botaniſchen Promenaden nach Hauſe kommt, iſt er entweder ſo vergnügt, daß er Jedermann in den Arm nimmt, oder ſieht er ſo böſe aus, als wollte er einen beißen.“ „Er treibts gar zu toll mit ſeiner Botanik!“ ſagte der Oberſt. Helena lächelte und ſchüttelte den Kopf— das that auch ich— und das thuſt gewiß auch du, meine junge Leſerin. Ich errathe, daß du erräthſt, daß er„aber ſtille, ſtille, bis laßt uns das Geheimniß nicht ver⸗ rathen, es kommt wohl zu ſeiner Zeit von ſelbſt ans Licht. Inzwiſchen fahren wir in dem großen Familien⸗ wagen aus auf ich. aus dings zu w das 2 lich e und( künfti der g Grüb Verſt ein„ durch Nach lich t nebſt kleine Mell einem hoch ſeiner ihren der von reinli Töch und ten 2 Graf leicht ernſt, chen⸗ vor⸗ tvor. Kna⸗ vahre, gut. ür die eb oft mattet ſagen ntheit, Julien riſten, arauf er ge⸗ aber ſuchte „wenn ommt, n den lte er ſagte s that junge aber t ver⸗ t ans nilien⸗ 99 Beſuche. Der Oberſt, Ihro Gnaden, Julie, der Kornet und ich. Die gnädige Frau, welche mitunter Ideen hatte, die aus dem Monde gefallen zu ſein ſchienen, war neuer⸗ dings auf den Einfall gerathen, ich fange an melancholiſch zu werden und dieß komme jedenfalls daher, daß ich über das Buch der Offenbarung grüble; ſie hatte mich näm⸗ lich ein paar Mal mit der Bibel in der Hand getroffen und gerade die letzte Seite aufgeſchlagen, auf der das zu⸗ künftige neue Jeruſalem beſchrieben wird. Nun war der gnädigen Frau vor Nichts mehr bange, als vor dem Grübeln über Bücher; ſie glaubte halb und halb, mein Verſtand ſtehe in Gefahr und um mich zu zerſtreuen und ein wenig von ſolchen Sachen abzuziehen, verlangte ſie durchaus meine Begleitung bei den Beſuchen, die in der Nachbarſchaft gemacht werden ſollten. Wir fuhren an einem ſchönen Nachmittag, ſämmt⸗ lich bei beſter Laune, zu dieſem Behufe aus. Den Kaffee tranken wir bei Madame Mellander, die nebſt ihrem Manne,(dem Anhängſel ſeiner Frau) ein kleines Gut von dem Oberſten in Pacht hatte. Madame Mellander war entſetzlich häßlich, pockennarbig und mit einem bartigen Kinn behaftet; ſie ſetzte ihre Naſe ſehr hoch über ihren ſchweigſamen, die Würde und Gewalt ſeiner Ehehälfte tief erkennenden Mann und predigte ihren zwei ſchönen aber etwas linkiſchen Töchtern, die der Kornet mit Hängebirken verglich, den ganzen Tag von Lebensart und Moral vor. Im Uebrigen war ſie reinlich, mäßig und ſparſam, hielt ihren Mann, ihre Töchter, eine Magd und drei Katzen in guter Ordnung und glaubte deßwegen auch, ſie beſitze einen ausgezeichne⸗ ten Miniſterkopf. „Ja, ja,“ ſagte ſie einmal ſeufzend;„jetzt ſagt man, Graf Platen iſt todt. Im nächſten Jahr wird man viel⸗ leicht ſagen: Madame Mellander iſt todt.“ „Das wäre der T... ſagte der Oberſt, der zu⸗ gegen war. Während Herr Verwalter Mellander den Oberſten in den kleinen Garten hinabführte, um ihm eine neue Anlage, oder was er einen Neubruch nannte, auf einem alten Kartoffelfeld zu zeigen, bekamen wir von der Ma⸗ dame allerhand Nenigkeiten zu hören. Fürs Erſte, daß ſie gegenwärtig ein ſehr luſtiges Buch leſe von einem jun⸗ gen Burſchen, welcher Fritz heiße. „Iſt es ein Roman?“ fragte Ihro Gnaden. „Ja, es iſt ein Roman, und ſehr luſtig. Diejenige, die den Fritz lieb hat, heißt Ingeborg.“ „Wer iſt der Verfaſſer?“ fragte Ihro Gnaden weiter. „Ja, das weiß ich nicht. Er ſoll ein Geiſtlicher ſein. Und es ſteht ſo ſchön darin, wie ſie auf dem See fahren und wie ſie in ihre kleinen, weißen Händchen klatſcht.“ „Am Ende iſt es Frithiof?“ ſchrie der Kornet über⸗ laut vor Verwunderung „Frithiof. ja Fritz oder Frithiof, ſo heißt er.“ „Von Tegnér!“ rief jetzt die gnädige Frau. „Teg ja, ja irgend einen ſolchen Namen habe ich gehört.“ Julie erhob die Augen zum Himmel. Die gnädige Frau, die es für gut hielt, ein anderes Thema auf's Tapet zu bringen, fragte jetzt Madame Mel⸗ lander, ob wohl die Gräfin B. ihr Gut ſchon bezogen habe. „Nein!“ antwortete Madame Mellander ſcharf und beſtimmt; ich weiß Nichts von ihr. Es findet kein Com⸗ mers mehr zwiſchen uns ſtatt. Was glauben Sie wohl, liebe gnädige Frau, daß ich und Sie mit einander aufge⸗ wachſen ſind? Ja— wir waren in unſerer Jugend alle Tage bei einander und ſie hatte einen Strohhut mit gelben Bändern und ich hatte einen Strohhut mit rothen Bändern. Und ich ſagte zu ihr: Höre einmal, Jeannette, und ſie ſagte zu mir: Höre einmal, Liſette! und wir wa⸗ ren ſie Onk Gna nicht heire in E ein woh läche verg vor ihret meh rath Grä Con nen nicht Aha nem ken, und glar dam ſelbe dem reite Löfe Beſ hatt nah er zu⸗ berſten neue einem Ma⸗ e, daß njun⸗ jenige, weiter. ſtlicher n See ndchen über⸗ it er.“ nhabe nderes ezen rf und Com⸗ wohl, aufge⸗ Jugend ut mit rothen nnette, ir wa⸗ 101 ren die beſten Freundinnen von der Welt. Dann fuhr ſie ihres Wegs und ich fuhr den meinen, zu meinem Onkel, dem Rathsherrn Stridsberg in Norrtelge. Ew. Gnaden kennen ihn gewiß.“ „Nein!“ antwortete Ihro Gnaden. „Ei du meine Güte!— Den reichen Stridsberg nicht kennen—— der mit der Mamſell Breitſtrom ver⸗ heirathet war— der Tochter des Krämers Breitſtrom in Stockholm—— Ew. Gnaden wiſſen jn..—— ein Schwager zum Lönngpiſt.... der am Packermarkte wohnte.“ „Ich weiß nicht...“ antwortete die gnädige Frau aber halb verlegen. So, ſo... ſagte Madame Mellander Etwas miß⸗ vergnügt und vielleicht auch mit verminderter Ack htung vor Ihro Gnaden Bekanntſchaften.„Ja,“ fuhr ſie in ihrer Erzählung fort,„ſo kam es, daß wir einander mehrere Jahre nicht ſahen. Aber als ich Mellander hei⸗ rathete, traf ich meine Jugendfreundin, die inzwiſchen räfin B. geworden war, einmal in Stockholm bei einem Concert und ich grüße und grüße ſie... aber was mei⸗ nen Sie wohl? Sie ſieht mich ganz ſteif an und dankt nicht. und ſtellt ſich, als ob ſie mich gar nicht kennte. Aha, dachte ich. Wenn ſie jetzt auf der Straße an mei⸗ nem Hauſe vorbeifährt, da können Sie ſich's wohl den⸗ ken, daß ſie den Kopf aus ihrem Wagenfeſter herausſtreckt und grüßt und nickt. Aber ich... ich ſtricke! Was glauben Sie wohl, liebe gnädige Frau?“ Was die liebe, gnädige Frau glaubte, bekam Ma⸗ dame Mellander dießmal nicht zu hören, denn in dem⸗ ſelben Augenblicke trat ihre theure Hälſte herein nebſt dem Oberſten, der zum Aufbruch mahnte, indem es be⸗ reits fünf Uhr ſei und man beinahe eine Meile bis Löfstaholm habe, wo bei Gutsbeſitzern Ds. der nächſte Beſuch abgeſtattet werden ſolle. Zwei Taſſen Kaffee hatte inzwiſchen Jedermann verzehren müſſen, mit Aus⸗ nahme des Kornets, der Madame Mellander, ihre gute —— ——— 102 Meinung und ihren Kaffee zum Teufel wünſchte, und ſich veußelben auf's Beſtimmteſte verbat. Er und Julie n inzwiſchen ihr Möglichſtes gethan, die Fräuleins Fva und Amalie aufzumuntern und einiges Leben in ſie zu bringen. Der Kornet ſagte ihnen in ſeiner fröhlichen, freimüthigen Weiſe allerhand kleine Artigkeiten, Julie lobte ihre Blumen, verſprach ihnen Buͤcher, Muſter u. ſ. w. zu leihen, was Alles die Wirkung hatte, daß die ſchönen Hänggebirge wie von einem friſchen Winde ge⸗ ſchüttelt, oder von einem wohlthuenden Regen belebt, ihre Aeſte emporzurichten und ihre Blätter zu bewegen anfingen. Das heißt mit andern Worten, Amalie und Eva wurden ganz munter und ihre Augenſterne bewegten ſich nach Oſt und Weſt. In Löfstaholm wurde der Oberſt und ſeine Fa⸗ milie unter der lebhafteſten und rauſchendſten Freude empfangen. Beſonders machte man viel Aufhebens aus Kornet Karl, der wegen ſeines freimüthigen Weſens, ſeiner muntern Laune und luſtigen Einfälle in der ganzen Nachbarſchaft gern geſehen und geliebt war, und nament⸗ lich auf dem fröhlichen Löfstaholm in Gunſt ſtand, wo Bälle, Schauſpiele und Vergnügungen aller Art beſtän⸗ dig wechſelten und er bald mit zwölf Damen in einer Nacht vierundzwanzig Touren getanzt hatte, bald als Kapitain Buff, oder Vetter Paſtoreau oder als Bürger⸗ meiſter in Karl dem Großen zum allgemeinen Entzücken aufgetreten war. Liebhaberrollen hatte er nie ſpielen können, natürlich weil er ſich ja nie verlieben und ſomit natürlich ſich auch nicht verſtellen konnte, da es ſeiner Natur ſo zuwider war. Zur Feier ſeines Namenstages gaben die drei talent⸗ vollen Töchter und die vier talentvollen Söhne des Guts⸗ beſitzers D. dieſen Abend ein kleines Concert, wozu eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft eingeladen war, die jetzt in der Familie H. eine willkommene Ergänzung erhielt. Madame D., die als eine fehr gebildete Dame galt, welche von Weber und Roſſini, von Erziehung und Bil⸗ dung ſpree mit ziehr Kind ſini, um roth forz anſch drei es i miel mac auf bier wie fun des und den hine ſein He, Geſ um ſein und ode voll haf unt „ und Julie uleins in ſie lichen, Julie Ruſter aß die de ge⸗ belebt, wegen un vegten Fa⸗ Freude aus eſens, anzen ment⸗ „ wo eſtän⸗ einer d als irger⸗ zücken pielen und es alent⸗ Huts⸗ eine jetzt hielt. galt, Bil⸗ 103 dung, von Poeſie, Colerit, Geſchmack, Tact u. ſ. w. zu ſprechen wußte, ließ es ſich angelegen ſein, Ihro Gnaden mit zierlichen Reden über ihre Anſichten von der Er⸗ ziehung zu unterhalten; über den Plan, den ſie bei ihren Kindern zu Grunde gelegt und wobei Weber und Roſ⸗ ſini, Bildung, Geſchmack und Tact ohne allen Tact ſich um einander herum bewegten. Das Concert begann. Leonore D., ſchüchtern und roth, ſetzte ſich ans Piano und ſpielte, con tutta la forza della desperazione; bei jedem Accord, den ſie anſchlug, ſchenkte ſie dem Ohre des Zuhörers zwei oder drei Töne in den Kauf und die Triller fuhren, Dank ſei es ihrem feſten Pedal, über die Klaviatur, wie ein Gum⸗ mielaſtikumſtrich über eine Zeichnung. Der Schluß machte viel Effect. Das ganze Piano ſchmetterte. Hier⸗ auf ſang die blauäugige Thereſe eine Arie aus dem Bar⸗ bier von Sevilla. Prachtvoll ſtackatirte Töne, kräftig wie mit Händekraft errungene Triller und gelle Ausru⸗ fungen lockten von den Zuhörern lebhafte Außerungen des Dankes hervor für die viele— Mühe. Der Gutsbeſitzer, ein kleiner, dicker, munterer Alter und verliebt in ſeine Kinder, die ſein Vaterherz mit den ſieben Wundern der Welt verglich, ging dazwiſchen hinein unaufhörlich zum Oberſten hin und fragte ihn, ſeine Hände reibend und mit funkelnden Augen:„Nun, Brüderchen, was ſagſt du dazu? Wie gefällt es dir? He, he?“ Der Oberſt, der theils einen zu ſichern natürlichen Geſchmack beſaß, theils ſchon zu viel Muſik gehört hatte, um nicht ſehr gut zu wiſſen, wo er daran war, nahm ſeine Zuflucht zu ſeinem gutmüthigen ſchalkhaften Lächeln und dem zweideutigen Lobe:„Sie ſpielt ganz verteufelt!“ oder„ſie ſingt wie tauſend Donnerwetter!“ welche kraft⸗ vollen Ausdrücke von dem glücklichen Vater mit der leb⸗ hafteſten Freude entgegengenommen wurden. In einem darauf folgenden Duett von Adolph D. und einer ſeiner Schweſtern„happerte“ es ein wenig, —— ————— 104 wie der Oberſt ſich ausdrückte, und ein Duett von un⸗ willigen Blicken erhob ſich zwiſchen Bruder und Schwe⸗ ſter, bis der Geſang allmählig wieder ins Geleiſe kam. Das Finale, ein Chor, den ſämmtliche ſieben Vir⸗ tuoſen einſtimmig von langem Leben und Streben, von Glück und Blick und von andern dergleichen Reimen ſangen, ſämmtlich nebſt den dazu gehörigen vorhergehen⸗ den Wortreihen von Adolph D. gedichtet, mußten, glaube ich, den Einſturz des Hauſes zur Folge haben. Die gnädige Frau, welche die ganze Zeit über, wie in einer Abendmeſſe, mit einer andächtigen und etwas kläglichen Miene dageſeſſen hatte, that jetzt ihr möglich⸗ ſtes, um die dürſtende Lobgier der muſikaliſchen Familie zu befriedigen. Der Oberſt wiederholte ſeine Kraftaus⸗ drücke und die Geſellſchaft ſang einen Chor von Bravot charmant! der jedoch von Manchen mit zweideutigen Mie⸗ nen accompagnirt wurde. Dieß tadelte der Kornet— er hatte gut reden, denn er konnte ſagen und ſagte es auch frei heraus, er verſtehe ſich ganz und gar nicht auf Muſik und dürfe ſich daher kein Urtheil darüber erlau⸗ ben. Jeder andere, der um ſeines muſikaliſchen Sinnes (oder ſeiner Sünden) willen zu einer Außerung aufgefor⸗ dert wird, iſt bei einem ſolchen Concert übel darau. Ueber Künſtler vom Fach darf man ein Urtheil abgeben, dieſes Recht kauft man ſich; aber Dilletanten kann man nur loben, man hält dieß für eine Art Schuldigkeit, und thut man es ohne gutes Gewiſſen, ſo tritt die Wahr⸗ heit nicht gerne ihren Rückzug an, ohne ein ſaures Ge⸗ ſicht zu ſchneiden. Vor dem Abendeſſen nach Hauſe zu fahren, daran war gar nicht zu denken. Erſt um eilf Uhr ſaßen wir wieder im Wagen. Es war eine milde, ungewöhnlich ſchöne Frühlingsnacht. Die gnädige Frau ſchlummerte bald ein, ſanft gewiegt von der Bewegung des Wagens und eingeſchläfert von unſern Geſprächen. Nach und nach verſtummten wir alle. Das Geſicht des Oberſten verdüſterte ſich. Der Kornet ſah in den Mond, der blaß und etwa noch kenv an( dure ung S Licht ſeine wac Er wert gehe lern liche pfli verz mit edle lebe ſter die rent her und tun der n un⸗ Schwe⸗ am. Vir⸗ „ von keimen gehen⸗ glaube wie etwas glich⸗ amilie ftaus⸗ ravpt Mie⸗ et— gte es tauf rlau⸗ innes gefor⸗ arau. eben, man igkeit, Jahr⸗ Ge⸗ ran wir nlich merte gens und rſten blaß 105 und mild über der grünen, ruhigen Erde ſtand. Es lag etwas Schwärmeriſches in ſeinem Blick, was ich bisher noch nie darin bemerkt hatte. Auch Julie wurde gedan⸗ fenvoll. Der Kutſcher und die Pferde müſſen gleichfalls an Etwas gedacht haben, denn nur langſam kamen wir durch Wälder und Ebenen endlich nach Hauſe. Als wir ungefähr um Mitternacht am Pfarrhauſe des Profeſſors L. vorbeifuhren, ſah man aus einem der Fenſter noch Licht ſchimmern. Der Oberſt ſah es und ſagte, indem ſeine Augen freundlich ſtrahlten:„Da ſitzt jetzt L. und wacht und arbeitet für das Wohl ſeiner Mitmenſchen. Er gönnt ſich ſelbſt keine Nachtruhe—— und doch werden vielleicht noch fünfzig und noch mehr Jahre ver⸗ gehen, bis man feine Werke recht verſtehen und ſchätzen lernt. Und ſolche Nächte folgen auf Tage, deren ſämmt⸗ liche Stunden er der Erfüllung ſeiner mannigfachen Amts⸗ pflichten gewidmet hat.“ „Er gleicht ſeinem Lichte,“ bemerkte der Kornet; er verzehrt ſich, um zu leuchten.“ „Er muß ein höchſt edler Mann ſein!“ ſagte Julie mit einer Thräne im Auge. a wohl,“ erwiederte der Oberſt:„ich kenne keinen edleren Aber er kann auf dieſe Art nicht mehr lange leben.“ „Hat er denn,“ fragte Julie weiter,„nicht eine Schwe⸗ ſter oder eine Mutter oder ſonſt eine Perſon bei ſich, die nach ihm ſieht, ihn lieb hat und ihn verpflegt?“ „Nein er ſteht ganz allein da.“ „Allein!“ erwiederte Julie leiſe und traurig. Wäh⸗ rend wir ſofort in einem Halbkreis um das Pfarrhaus herumfuhren, lehnte ſie ſich zum Wagenfenſter hinaus und hielt den Kopf ſtille nach einer und derſelben Rich⸗ tung hin. „Nach was ſiehſt du, mein Kind?“ fragte der Oberſt. „Nach dem Lichte, Vater... es funkelt ſo ſchön in der Nacht.“ 106 Am folgenden Tage ſollten wiederum einige Beſuche in der Nachbarſchaft gemacht werden, aber dießmal war es dem Kornet rein unmöglich mitzugehen. Er hatte Wind bekommen, daß die Linnaea borealis ſich in einer Waldgegend, eine halbe Meile von Thorsborg, vorfinde, und um ſich davon zu überzeugen, mußte er uns noth⸗ wendig ſchon Vormittags verlaſſen. „Ich begreife gar nicht,“ ſagte Julie,„wie Karl an gewiſſen Tagen lebt. Er nimmt trotz aller meiner Bitten niemals Lebensmittel mit, wenn er ſeine botani⸗ ſchen Pilgerfahrten antritt. Auch ſcheint es mir, daß er recht mager geworden iſt.“ „Jetzt läuft er wieder in den Wald„ ſagte der Oberſt, als er ſeinen Sohn mit großen Schritten über den Hof gehen ſah;„ich fürchte nur, ſeine Linnaca borealis verrückt ihm noch den Kopf.“ Unſere Beſuche an dieſem Tage waren weniger glücklich. Bei L's. auf Vik lagen die Kinder an den Maſern darnieder, und um unſerer kleinen Dicken willen fuhren wir bei dieſer Nachricht in geſtrecktem Galopp wieder davon. Auf M. war die Gräfin nicht zu Hauſe. In einem kleinen Luſthauſe im Garten ſangen ihre Kanarienvögel, in prachtvollen Käfigen hungernd, und ſchienen in bald klagenden, bald fröhlich trillernden Tönen, mit aller Sſe unſere Aufmerkſamkeit auf ihre Noth lenken zu wollen. Die gnädige Frau gab ihnen Grütze, Waſſer, Zucker, Vogelgras und tauſend Schmeichelnamen. „Wenn es ſo fort geht,“ bemerkte der Oberſt, wer⸗ den wir heute Abend keine Taſſe Thee bekommen“ Zwiſchen ſechs und ſieben Uhr Abends keinen Thee zu haben war für den Oberſten eine wirkliche Entbehrung, und die gnädige Frau, die dieſes wußte, ſaß mit angſt⸗ voll bekümmerter Miene im Wagen, während wir unſere Rückreiſe nach Hauſe antraten, die wohl über anderthalb Stunden wegnehmen konnte. In der Meinung, Etwas abzuſchn uns au an eine Pferde vom W eine le Wind g 7/ hat do— Julie, hervor! J ein Hat Es iſt uns zu trefflich auch ke da ſein geben, wir nic Beſuch ſchen i einem! gemein nicht.“ * Oberſt, wir vie ausgeb in den ſeiner uns jet tte 107 abzuſchneiden, fuhr der Kutſcher einen neuen Weg, der uns auch neue Gegenden zu beſchauen gab. Man hielt an einer wilden, waldbewachſenen Stelle an, um die Pferde ausſchnaufen zu laſſen. In einiger Entfernung vom Wege rechter Hand ſahen wir über die Baumgipfel eine leichte Rauchwolke ſich erheben, die ein gelinder Wind gegen uns hintrieb.. „Wahrhaftig,“ ſagte der Oberſt,„ich glaube, man hat dort einen Thee für uns in Bereitſchaft. Sieh, Julie, ſchimmert nicht eine weiße Mauer durch den Wald hervor?“ „Ja, ich ſehe etwas Grauweißes es iſt wirklich ein Haus dort.. der Rauch ſcheint von da zu kommen. Es iſt klar, daß irgend eine Fee uns dort erwartet, um uns zu bewirthen. Fee und Thee reimt ſich ja ganz vor⸗ trefflich.“ „Meine Meinung iſt,“ ſagte der Oberſt,„wenn auch keine Fee dort reſidirt, ſo werden ganz gewiß Leute da ſein, die uns recht gern eine Taſſe Thee zum Beſten geben, wenn wir— was meinſt du Charlotte? Wollen wir nicht in dem hübſchen, kleinen Waldpalaſt da einen Beſuch abſtatten? Wir ſagen der Herrſchaft, wir wün⸗ ſchen ihre Bekanntſchaft zu machen und wir. mit einem Wort, wir ſeien durſtig.“ Julie lachte herzlich. Die gnädige Frau ſah un⸗ gemein erſchrocken aus. „Mein lieber Freund,“ ſagte ſie,„das paßt aber nicht.“ „Es würde mir ausnehmend paſſen,“ meinte der Oberſt,„eine Taſſe Thee zu bekommen.“ „Ueberdieß, liebe Mutter“ ſagte Julie,„könnten wir vielleicht eine höchſt intereſſante Bekanntſchaft machen. Z. E. denke dir, wenn Don Quirote nicht, wie man ausgebreitet hat, an ſeinen Aderlöſſen geſtorben, ſondern in den Norden hinaufgereist wäre, wenn er ſich mit ſeiner Schönen von Toboſo hier niedergelaſſen hätte und uns jetzt empfinge oder könnten wir einen Eremiten —— .————— treffen, der uns ſeine Schickſale erzählte, oder einen ver⸗ kappten Prinzen „Was und wie du willſt,“ ſagte der Oberſt,„wenn er nur ſo chriſtlich iſt und uns eine Taſſe Thee gibt.“ Ungeachtet der Oberſt jetzt gewiß zum viertenmal mit ſeiner Taſſe Thee gekommen war, verwahrte ſich gleich⸗ wohl die gnädige Frau ſo ernſthaft gegen dieſen Beſuch à la Pon Ouixote, wie ſie es nanute, daß der Gedanke daran aufgegeben und beſchloſſen wurde, weiter zu fahren. Als der Wagen ſich wieder in Bewegung ſetzte— knack brach das eine Hinterrad ab, der Wagen fiel lang⸗ ſam um und unter verſchiedenen Ausrufungen voltigirten wir über einander hin auf die Straße hinab. Die gnädige Frau lag auf mir. Ehe ſie jedoch daran dachte, ſelbſt aufzuſtehen, bemühte ſie ſich bloß, ihren Ridicül loszumachen, der zufällig unter mich gekommen war, was, wie ich ſie verſicherte, unmöglich geſchehen konnte, ſo lange ich mich außer Stands befand, mich vom Fleck zu rühren. Endlich ſtanden wir alle wieder auf unſern Beinen. Die gnädige Frau war blaß und wir ſammelten uns Alle voll Angſt und Bangigkeit um ſie und machten tauſend Fragen, ob ſie ſich geſtoßen habe, ob ſie ſehr er⸗ ſchrocken ſei u. ſ. w. Da ſie aber alle mit nein beant⸗ wortete und wir auf ihre beſorgten Fragen um unſer Befinden ebenfalls antworten konnten, daß wir weder erſchrocken ſeien, noch Verletzungen oder blaue Mäler davon getragen haben(von einer Quetſchung wollte ich nicht ſprechen) ſchlug Julie ein ſo herzliches und ſchallen⸗ des Gelächter auf, daß wir ihr Geſellſchaft leiſten muß⸗ ten. Der Kutſcher und der Bediente, beide gleichfalls unbeſchädigt, kratzten ſich mit bekümmerten Geſichtern im Haare. Mit ihrer Hülfe ſuchte der Oberſt den ſchweren alten Wagen wieder aufzurichten. Allein der Weg be⸗ ſtand aus tiefem Sand, der Wagen war ſo gut, wie in —ů—— eine Gr Bedient Oberſt Ei menſchl wurde auf die daß er ausrief Freud ſie mi Scherz einen zu dem 7 blickte Könnte Grönv 7 men!“ rend e C an.( Ausna umher ſchimn Fichte 2 zu reg angele Oberſ eine 2 lenen „Seie die H w N— e— — wW M 109 eine Grube gefallen, der Kutſcher war ein Invalid, der Bediente eine Antiquität, ſie riefen beide:„Uh! uh! Der Oberſt allein arbeitete und der Wagen kam nicht vom Fleck. Ein Beſuch in dem grauen Hauſe, der einzigen menſchlichen Wohnung, die man weit und breit erblickte, wurde jetzt durchaus nothwendig und der Oberſt, der auf dieſen Beſuch und ſeine Taſſe Thee ſo erpicht war, daß er ganz vergnügt über den Unfall mit dem Wagen ausrief:„Wir müſſen jetzt alle zuſammen hingehen, in Freud und Leid!“ bot ſeiner Frau den Arm und führte ſie mit ungewöhnlicher Munterkeit und unter heitern Scherzen auf dem ſchmalen Wege hin, der ſich durch einen dichten Fichten⸗ und Tannenwald ſchlängelte und zu dem vielbeſprochenen grauen Hauſe zu führen ſchien. „Es kommt Regen!“ ſagte die gnädige Frau und blickte ängſtlich zum Himmel hinauf,„mein Hut! Könnten wir nicht hier unter den Bäumen warten, bis Grönvall hinläuft und Leute herbeiſchafft.“ „Es kommt kein Regen,“ ſagte der Oberſt. „Es regnet!“ rief die gnädige Frau. „So laß uns eilen unter Dach und Fach zu kom⸗ men!“ rief der Oberſt und lief munter vorwärts, wäh⸗ rend er ſeinen Hut über den Kopf der Gnädigen hielt. Endlich langten wir vor dem kleinen grauen Hauſe an. Es hatte ein düſteres., verfallenes Ausſehen und mit Ausnahme eines kleinen Küchengartens war Alles rings umher wild und unangebaut. In einiger Entfernung ſchimmerte die Silberwelle eines Sees durch den finſtern Fichtenwald hervor. Als wir gerade ins Haus traten, fing es ernſtlich zu regnen an. Eine Thüre rechts in der Hausflur ſtand angelehnt. Sie öffnete den Tempel der Küche. Als der Oberſt hineintrat, ſtürzte wie ein Haſe aus einem Verſteck eine Magd aus einem Winkel hervor, riß ihre ſchlaſtrun⸗ lenen grauen Augen weit gegen uns guf und ſtammelte: „Seien Sie ſo gütig und gehen Sie die Treppe hinauf. die Herrſchaft iſt zu Hauſe.“ ——Ü—— ————————— 110 Wir ſtiegen eine ſchmale finſtere Holztreppe hinauf, und oben angelangt öffnete der Oberſt eine Thüre, die uns in ein kleines auf allen Seiten mit Wäſche ange⸗ fülltes Zimmer blicken ließ. Tiſche, Stühle und Körbe waren mit theils gebügelten, theils ungebügelten Zeugen bedeckt. Ein heißer Dampf kam uns entgegen, wie aus einem glühenden Ofen. „Vorwärts, nur vorwärts!“ ſagte der Oberſt, freund⸗ lich mahnend, zu Ihro Gnaden, die auf der Schwelle ſtille geſtanden war. „Mein lieber Freund,“ antwortete ſie Etwas ärger⸗ lich,„ich kann doch nicht in den Waſchkörben herum⸗ treten.“ Der Oberſt und ich ſchafften dieſe aus dem Wege und wir zogen nun durch das Leinwandland nach einer andern Thüre, bei deren Oeffnung wir einen Augenblick voll Verwunderung und Ueberraſchung ſtehen blieben. Eine ausgezeichnet ſchöne, majeſtätiſche, prachtvoll in ſchwarze ſeidene Spitzen gekleidete Dame ſtand mitten in einem Zimmer, das geſchmackvoll mit ſchönen Kry⸗ ſtallen, Blumenurnen, Spiegeln und andern ſchimmern⸗ den Lurusartikeln geſchmückt war. Etwas hinter ihr ſtand— obgleich ſie mir mehr zu ſchweben ſchien— ein junges. ja wirklich ſehr junges Mädchen— aber ſo entzückend, ſo engelſchön, daß man geneigt war, die irdiſche Abſtammung dieſes Weſens zu bezweifeln. Sie konnte höchſtens ſechszehn Jahre alt ſein, hatte ihr helles Haar mit einem goldenen Pfeil befeſtigt und trug ein weißes, leichtes Florkleid, das wie eine lichte Wolke das lilienweiße, liebliche, idealiſch ſchön gebildete Engelsge⸗ ſchöpf umſchloß. Die ältere Dame ging uns entgegen, indem ihre dunkelblauen Augen etwas ſtolz und fragend auf die un⸗ gebetenen Gäſte blickten. Die gnädige Frau ging rück⸗ wärts und trat mir auf die Zehen. Der Oberſt, deſſen edle Haltung und offene, lebhafte Manieren auf Jeder⸗ mann einen unangehmen Eindruck machten„rief bald ein liebe Wal als meh entn auf zu 1 Mic der Anh nem inauf, „ die ange⸗ Körbe eugen aus eund⸗ welle rger⸗ rum⸗ dem nach einen tehen tvoll itten Kry⸗ ern⸗ ihr aber die Sie elles ein das sge⸗ ihre un⸗ ück⸗ ſſen er⸗ ein 111 liebenswürdiges Lächeln auf den Lippen der ſchönen Waldfrau hervor, indem er ihr eine eben ſo hinreißende, als komiſche Darſtellung von der Veranlaſſung oder viel⸗ mehr den Veranlaſſungen unſeres unerwarteten Beſuchs entwarf, ſich entſchuldigte, ſeinen Namen nannte(der auf die ſchöne Unbekannte einen ganz beſondern Eindruck zu machen ſchien) und ſeine Frau und Tochter vorſtellte. Mich vergaß er. Ich verzeihe es ihm. Wer ſpricht von der Sauce zur Gans? Sie folgt ja von ſelbſt als Anhang. Die ſchöne Waldfrau antwortete in gebroche⸗ nem Schwediſch, aber mit einer Stimme, die wirkliche Muſik war:„Sehr willkommen! Dem Wagen ſoll gehol⸗ fen werden und Thee ſollen Sie bekommen, ſo gut ich ihn geben kann.— Meine Tochter, meine Herminie,“ fügte ſie hinzu, indem ſie der Sylphide ſchmeichelnd die be⸗ ſchattenden Locken von der Stirne ſtrich. Während die gnädige Frau an den Sopha ging, blieb ſie ſtehen und verneigte ſich ſehr artig gegen einen Herrn, der bisher halb vom Fenſtervorhang verdeckt da⸗ geſtanden war, jetzt aber vortrat, die Hand der beſtürzten Gnädigen ergriff, ſchüttelte und küßte, indem er lachend, aber nicht ohne Verlegenheit ſagte:„Liebe Mutter!“ Es war der Kornet. Die gnädige Frau ſagte bloß:„Gütiger Gott!“ und ſetzte ſich ganz haſtig und ganz befangen auf den Sopha, die Hände gefaltet und den Blick ſtarr auf ihren Sohn geheftet. Der Oberſt riß die Augen weit auf, ſchnitt eine höchſt komiſche Grimaſſe, ſprach aber Nichts. Es entſtand eine Art verlegene, unruhige Spannung in der Geſellſchafſt. Der Kornet, der namentlich wie auf Nadeln zu ſitzen ſchien, ging bald hinaus, um den Wagen einrichten zu helfen. Die ſchöne Waldfrau entfernte ſich ebenfalls und wir blieben allein mit der Sylphide, welche der Oberſt mit augenſcheinlichem Entzücken betrachtete. Er ſowohl als die gnädige Frau und Julie ſuchten ihr durch aller⸗ hand Fragen und Bemerkungen die Zunge zu löſen, ————— 112 allein es gelang ihnen nicht; ſie ſprach nur wenig, und vermied es, auf die Fragen zu antworten. Kindliche Un⸗ ſchuld, innige Anmuth und eine beinahe himmliſche Ruhe lag in ihrem ganzen Weſen, und drückte ſich in allen ihren Worten aus. Sie ſprach ziemlich gut ſchwediſch, aber mit einem Accent, in welchem ſich der Wohllaut der italieniſchen Sprache verrieth. Julie war entzückt und flüſterte mir unaufhörlich zu:„Das iſt ein Engel, ein Engel! Sieh nur ihren Mund!. Mein, e ihre kleine Hand nein, ſieh ihren Fuß. ſieh nur ihre Augen! o Bruder Karl!. Zetzt biſt du gewiß feſt! Das iſt ein wahrer Engel!“ In dem kleinen, mit vielem Geſchmack ausgeſchmück⸗ ten Zimmer ſtand auch eine Harfe und eine Leier. Ju⸗ liens Frage, ob ſie eines dieſer Inſtrumente ſpiele, be⸗ antwortete Herminie damit, daß ſie die Harfe nahm, ſpielte und eine Canzonette von Azivli dazu ſang, mit einer Anmuth und einer ſo hinreißend lieblichen Stimme, daß ſie uns Allen Thränen in die Augen lockte. Kaum hatte ſie aufgehört, als ihre Mutter eintrat. Bald darauf kam der Kornet und Thee. Die Beſchäfti⸗ gung, die Letzterer uns Allen gab, machte die Stockung in der Unterhaltung, die immer noch nicht recht in den Gang kommen wollte, weniger merklich. Ich konnte nicht umhin(man möge dieß einer Haus⸗ räthin verzeihen), die Dürftigkeit des Theeapparats ſehr auffallend zu finden. Die Taſſen waren von Rörſtrands gröbſtem Porzellan(drei pavon geflickt), der Zucker war ordinärer und recht grauer Melis;— von Brod oder Zwiebäcken erblickte ich keine Spur. Ich fürchtete, unſere ſchöne Wirthin merkte, daß ich mich Etwas umſah, und daß die gnädige Frau ſich gleich⸗ falls ein wenig umſah, und dabei mit halbem Auge mich anblickte, denn ihr Geſicht verrieth eine peinliche Verwir⸗ rung, während ſie Etwas von der Schwierigkeit ſtam⸗ melte, Waizenmehl zu bekommen. Mit ihrer gewöhnli⸗ chen ihr ſtim wor bele Ta haſt thit Sc blit wil chet unt Fer wil Wi Pl wu zor rer ach Bl an ka ble ſch „ de „ und e Un⸗ Ruhe allen ediſch, hllaut tzückt Engel, e „ ahrer mück⸗ Ju⸗ be⸗ iahm, „mit mme, ntrat. ckung nden aus⸗ ſehr rands war oder ß ich leich⸗ mich rwir⸗ ſtam⸗ huli⸗ 113 chen, zuvorkommenden Güte erbot ſich die gnädige Frau, ihr von ihren Vorräthen zu ſchicken, erhielt aber ein be⸗ ſtimmtes und kaltes:„Nein, ich danke!“ zur Ant⸗ wort, was ſie zugleich verzagt machte und ein wenig beleidigte. Der Oberſt trank mit Wohlbehagen ſeine zweite Taſſe Thee, als wir auf einmal ein ſtarkes Geräuſch und haſtige Schritte die Treppe herauf hörten. Unſere Wir⸗ thin wurde roth und blaß, ſtand auf, und that einige Schritte gegen die Thüre, als dieſe in demſelben Augen⸗ blick haſtig aufgeriſſen wurde, und ein Mann, mit einem wilden Ausdruck zurückgehaltenen Zornes in einem blei⸗ chen, ſtreng, bedeutungsvollen Geſichte, heftig eintrat, ſtolz und nachläßig die Geſellſchaft grüßte, und ſich in ein Fenſter ſetzte, wo er ſtumm daſaß, dabei aber ſehr häufig wilde, ſtolze und durchdringende Blicke auf unſere ſchöne Wirthin ſchloß, die ſichtbar zitternd und ſchweigend ihren Platz neben der gnädigen Frau wieder einnahm. Allmählig wurde jedoch ihr Weſen ruhiger, und ſie erwiederte die zornigen Augenpfeile, die ihr zugeſchoſſen wurden, meh⸗ rere Male mi einem Blick voll Stolz und ſogar Ver⸗ achtung. Der Oberſt, der den Ankömmling mit prüfenden Blicken maß, redete ihn mit einer Frage über das Wetter an. Beim Tone dieſer Stimme wandte ſich der Unbe⸗ kannte haſtig um, ſah den Fragenden ſcharf an, und eine blaſſe Röthe färbte ſeine Wangen, indem er, wie es ſchien, ohne zu wiſſen, was er ſagte, zur Antwort gab: „Ja, ja es regnet nicht mehr man kann ſich auf den Weg machen.“ Er ſah auf's Neue durch's Fenſter und wiederholte: „Es hört ganz auf— man kann ohne Gefahr fortge⸗ hen Der Oberſt, der heute einen Geiſt der Reiz⸗ barkeit und des Widerſpruches in ſich zu haben ſchien, ſagte gegen alle Wahrſcheinlichkeit, denn es klärte ſich augenſcheinlich auf:„Das glaube ich nicht;— es Bremer, die Familie H. 8 114 trübt ſich wieder, und fangt gewiß an, noch ärger zu regnen.“ Die gnädige Frau richtete jetzt einen freundlich bit⸗ tenden Blick auf ihn, und auf dieſe ſtumme Bitte ſtand er auf, und ſah endlich, daß es ſich aufgehellt hatte und man ſich auf den Weg begeben könnte. Unter Dankſagungen und Entſchuldigungen nahmen wir Abſchied von der Waldfrau und ihrer Tochter, die große Thränen in ihren ſchönen Augen hatten, als wir das Zimmer verließen, und grüßten ſtumm Herrn Zürn⸗ bock(wie Julie ihn nannte), der uns mit ſeinen Augen fortſchießen und weiter befördern zu wollen ſchien. „Du gehſt doch mit uns, Karl?“ ſagte der Oberſt zu ſeinem Sohn,„oder ſuchſt du noch die Linnaea bo„Ich will vorauslaufen, um zu ſehen, ob der Wagen in Ordnung iſt!“ rief der Kornet, und eilte da⸗ von, wie ein Sturmwind. Als wir wieder im Wagen ſaßen, wurde der Kornet mit Fragen beſtürmt. Er erklärte, nicht mehr von den ſchönen Ausländerinnen zu wiſſen, als wir; er habe auf einer ſeiner Streifereien in der Gegend ihre Bekannt⸗ ſchaft gemacht— er wiſſe, daß ſie ſchön und liebens⸗ würdig ſeien, von der ganzen Welt abgeſchieden leben und arm zu ſein ſcheinen im Uebrigen wiſſe er gar nichts Weiteres ganz und gar nichts...“ „Arm!“ rief die gnädige Frau,„und ſo gekleidet... ſolche Spitzen!“ Der Kornet erröthete, und ſagte blos:„Sie ſind immer ſehr gut gekleidet.“ „Aber, wer in aller Welt war der böſe Herr?“ rief Julie. „Der Herr vom Hauſe,“ antwortete der Kornet;„er ſcheint eine unglückliche und reizbare Laune zu haben im Uebrigen kenne ich dieſe Familie nicht...“ Der Oberſt ſah ſeinen Sohn ſcharf anz dieſer war ſichtbar verlegen. den⸗ gůtie mein der Wor ſie„ in 2 ſtan! Vat ſeine Sch man die ſchn oder Der kein du: Kra das zug! han da ſo! hat hab er zu ch bit⸗ ſtand e nd hmen r, die s wir Zürn⸗ Augen Oberſt naea b der e da⸗ ornet den e auf annt⸗ bens⸗ und tichts t.* ſind rr?“ „er 6 war 115 Es wurde ſtill im Wagen. Die Gnädige ſchüttelte den Kopf, wie zur Accompagnirung beklemmender Gedanken. Einmal unterbrach der Oberſt die Stille, indem er gütig lächelnd ſagte:„Ich habe ihren Klingklang noch in meinen Ohren.“ „Klingklang?“ wiederholte der Kornet erröthend. „Ja,“ antwortete der Oberſt trocken und wurde wie⸗ der ſtill. Julie hatte zwar Herz und Auge voll von lebhaften Worten über die beiden ſchönen Ausländerinnen, allein, ſie wußte nicht recht, auf welchem Grund und Boden ſie in Beziehung auf ihres Bruders Bekanntſchaft mit ihnen ſtand, und wagte es ohnehin ſelten, in Gegenwart des Vaters ihrem Entzücken Luft zu machen, aus Furcht vor ſeiner ſarkaſtiſchen Miene, vor der ſie einen paniſchen Schreck hatte. „Es iſt ſonderbar,“ ſagte der Oberſt wieder,„daß man gerade in dieſer Waldgegend, öſtlich von Thorsborg, die ſeltene Linnaea bo.. „Meinſt du nicht, Vater,“ unterbrach ihn der Kornet ſchnell,„daß ich das Fenſter heraufziehen ſollte. oder vielleicht ſollteſt du jetzt nicht. ſo viel.. ſprechen. Der kalte Nebel ſtrömt herein.. „Dank für deine Fürſorge, mein Sohn— es hat keine Gefahr mit mir. Ich fürchte mehr für dich. du möchteſt dir auf deinen botaniſchen Spaziergängen eine Krankheit zuziehen, du möchteſt dich erkälten möchteſt das kalte Fieber bekommen... „Das kalte Fieber!“ ſagte der Kornet lachend, aber zugleich erröthend,„eher könnte es ſich um ein hitziges handeln „Ich will Dein Doctor ſein,“ ſagte der Oberſt,„und da ich bereits bedenkliche Krankheitsſymptome wahrnehme, ſo verordne ich dir „Danke ganz gehorſamſt, mein beſter Vater! Noch hat es keine Gefahr— das verſichere ich dich. Ueberdieß habe ich allen Reſpect vor Medicamenten.“ ———— — 116 Der Oberſt ſchwieg. Die gnädige Frau ſeufzte. Julie blinzelte mir ſchelmiſch zu. Der Wagen hielt an, wir waren zu Hauſe. Es war ſchon ſehr ſpät am Abend. Während des Nachteſſens ſagte der Oberſt zu ſeinem Sohne:„Nun Karl, wann biſt du ſo glücklich geweſen, deine Linnaea borealis zu treffen?“ Schnell erwiederte der Kornet:„Erſt heute, Vater;“ zugleich zog er ſeine Brieſtaſche heraus und zeigte eine kleine Pflanze mit den Worten:„Dieſe kleine, nordiſche Blume, die ſich außer Schweden und Norwegen nur in der Schweiz und auf einem Berge in Amerika findet, hat einen ganz ausgezeichneten Geruch, beſonders bei Nacht. Dieſe hier fängt bereits zu verdorren an, riecht aber den⸗ noch noch gut.— Probirs einmal Julie.. „Ei, beſter Karl!“ rief Julie,„ſie riecht ja ſtark nach Wermuth.— Oder nein, was ſage ich?. Sie riecht „Wermuth!“ ſagte der Kornet beſtürzt, und ſah et⸗ was verlegen auf ſeinen Wermuthzweig. Ich habe mich vergriffen. ich habe ſie verloren ich habe„„ Der Oberſt lächelte ſarkaſtiſch.„Man muß geſtehen,“ ſagte er,„daß dieſe Linnaea borealis eine höchſt eurioſe Pflanze iſt.“ Wer indeß ganz ſicherlich bald etwas mehr über die Linnaea borealis zu wiſſen bekam, war die gnädige Frau. Zwiſchen Mutter und Sohn herrſchte eine ſo in⸗ nige Zärtlichkeit, daß die Fragen der Einen unfehlbar das Vertrauen des Andern hervorriefen, wenn es nicht von ſelbſt ſchon vorhanden war. Unter allen ihren Kin⸗ dern liebte die gnädige Frau ihren älteſten Sohn am Meiſten, obgleich ſie nicht geſtehen wollte, daß ihr Herz einen Unterſchied zwiſchen ihnen machte. Er glich ihr auch am meiſten ſowohl von Geſicht, als an innerer Herzensgüte. Ueberdieß hatte die Pflege, die ſie ſeiner äußerſt ſchwachen und kränklichen Kindheit gewidmet, ſie einen großen Theil ihrer eigenen Geſundheit und Kräfte gekv das man wird Soh wußt Der er ſc nae⸗ wahr neuer ausſ und Fuß: hievo „In dann Roß! naes wehe betri die 1 Stad Auge „Me Pau mane lang hatte biſt „Dat Schl eufzte. hielt ät am ſeinem weſen, ater;“ e eine rdiſche mr in t, hat Nacht. den⸗ ſtark „ Sie ah et⸗ mich ehen,“ urioſe er die nädige ſo in⸗ hbar nicht Kin⸗ n am Herz h ihr merer ſeiner t, ſie Kräfte gekoſtet, und dieß hatte vielleicht mehr als alles Andere das Mutterherz an das ſtind gefeſſelt, das nur durch ſo mannigfache Opfer erhalten worden. Was uns viel koſtet, wird uns koſtbar. Auch wurde ſie mit der innigſten Sohneszärtlichkeit belohnt. Wenn die gnädige Frau auch um ein Geheimniß wußte, ſo half dieß uns Andern nicht aus dem Dunkel. Der Oberſt ſchien nicht mehr zu wiſſen, als wir, denn er ſcherzte oft bei heiterer Laune über Botanik und Lin- naca borealis, vor welchen Worten der Kornet einen wahren Schreck bekam, ſo daß er auf den nächſten beſten neuen Gegenſtand überging, ſo oft er merkte, daß man ſie ausſprechen wollte. Inzwiſchen ſetzte er ungeſtört ſeine Wanderungen fort, und unternahm ſogar durch die ganze Umgegend eine kleine Fußreiſe, die ungefähr eine Woche dauerte, denn.doch hievon ſpäter. Der Oberſt ſagte mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe: „In vierzehn Tagen muß der junge Herr ins Lager; dann hält ihn die Erpeditivn den ganzen Sommer in Roßlagen zurück; die Liebe zur Botanik und zur Lin- naca borealis wird ſich während dieſer Zeit wohl ver⸗ wehen.“ Inzwiſchen war Julie auf ihre Weiſe in einer recht betrübten Lage. Lieutenant Arvid, der auf dem Lande die Unterhaltungsgegenſtände vermißte, wozu blos das Stadtleben zu verhelfen vermag, fing an, unter vier Augen mit ſeiner Braut nichts Anderes zu wiſſen, als: „Meine kleine Julie!“ worauf jederzeit ein Kuß als Pauſeausfüllung folgen ſollte; dieſem entzog ſich jedoch manchmal die kleine Julie. Wenn dann die Liebenden lange mit ſtiller Aufmerkſamkeit neben einander geſeſſen hatten, fingen ſie an, zu gähnen. Da ſagte Arvid:„Du biſt ſchläfrig, kleine Julie.“„Ja,“ antwortete, und „Dank ſei dir!“ dachte ſie. „Lehne dich an mich, mein Engel, und mache ein Schläfchen,“ ſagte mit milder Stimme ihre künftige ir⸗ —— 118 diſche Stütze;„lehne dich an mich und an das Sopha⸗ kiſſen, das ich ſo ſtelle; ich will mich an das andere Kiſſen lehnen und ebenfalls ein Schläfchen machen— das muß göttlich ſchön werden.“ Mit ziemlich trübſeli⸗ gem Geſichte befolgte Julie den Rath, und bald ſah man jeden Vor⸗ uͤnd Nachmittag die Verlobten bei einander⸗ ſitzen und halb ſchlummern. Julie ſagte zwar oft, es ſei eine Sünde und eine Schande, das Leben ſo zu ver⸗ ſchlafen, allein der Bräutigam war der Meinung, ſo ge⸗ nieße man es am Beſten, und da eine künftige gute Hausfrau ſchon als Braut den Wünſchen des Geliebten nachgibt, ſo hielt Julie bis auf Weiteres Vor⸗ und Nachmittags Schlafſtunden. Einmal hörte man ſie halb lachend, halb ärgerlich, dem Lieutenant auf ſeine Bitten, ihn als Kiſſen zu betrachten, antworten:„Ich verſichere dich, daß ich es in vollem Ernſt zu thun anfange.“ Die Blinde. — Ich ſehe— nur Nacht allein. Die gnädige Frau, die jetzt den Grund zu meiner angeblichen Melancholie mit Gewißheit in einem vermeint⸗ lichen Anſatze von Schwermuth entdeckt hatte, verordnete mir eine Milchkur und langſame Spaziergänge in der freien Luft am frühen Morgen. Vielleicht that ſie dieß auch, um auf eine gute, un⸗ gezwungene Manier eine Begleiterin für Eliſabeth zu erhalten, der die Aerzte dieſelbe Diät vorgeſchrieben hatten. Dem ſei, wie ihm wolle, vier Sachen waren ausge⸗ macht: melancholiſch war ich— die Schwindſucht hatte ich— kurirt mußte ich werden— und ſpazierengehen mußte ich. Ich fing alſo an, Milch zu trinken, und erging mich an den ſchönen Frühlingsmorgen am Arme der ſtillen Eliſe ders lang len nich freu Wor reizl iſts? dult nich durc pfin leide nich an ob Sch lebe dieſe emp cher wir Im redt dieſ ſtill mel ruh frei zu In mä opha⸗ ndere n— bſeli⸗ man inder⸗ t, es ver⸗ o ge⸗ gute iebten und halb itten, ſichere ein. neiner neint⸗ rdnete n der „un⸗ h zu atten. usge⸗ hatte gehen mich ſtillen 119 Eliſabeth in dem hübſchen Parke, wo die Vögel beſon⸗ ders um dieſe Tagszeit Concerte anſtimmten, die von den langſamen Schritten der beiden Pilgerinnen und von vie⸗ len Worten, die etwa über ihre Lippen gekommen wären, nicht geſtört wurden. Eliſabeths Stimmung war im Anfang kalt und un⸗ freundlich. Sie ſchwieg beinahe immer, und die wenigen Worte, die ſie äußerte, trugen den Stempel eines kranken, reizbaren Gemüthes. Sie fragte vft:„Wie viel Uhr iſts?“ und jedesmal folgte auf meine Antwort ein unge⸗ duldiger Seufzer:„Nicht mehr?“ Ich war ſtill, weil ich, weil ich— weil ich wirklich nicht wußte, was ich ſagen ſollte.— Weil ich fürchtete, durch irgend ein unbedachtes Wort ihre unruhige, em⸗ pfindliche, unglückliche Seele zu verletzen. Ich ſah ſie leiden— und hätte ſie ſo gerne getröſtet, wußte aber nicht, welchen Ton ich anzuſchlagen hatte, um wohlthuend an ihr Herz zu dringen. Ueberdieß ſchien es mir, als ob Menſchenworte nicht mehr zur Linderung ihres Schmerzes beizutragen vermöchten, als dieſe milde, friſche, lebenſpendende Frühlingsluft, die uns umhauchte, als dieſe melodiſchen Chöre, die aus den ſäuſelnden Hainen emporſtiegen, als dieſer reiche, liebliche Wohlgeruch, wel⸗ cher der Athemzug der jungen Natur zu ſein ſchien, den wir mit dem Frühling einſogen und der belebend ins Innerſte der Seele drang. Ach, was hätte ich wohl Be⸗ redteres, Zärtlicheres, Beruhigenderes ſagen können, als dieſe ſchöne wunderbare Poeſie der Natur. Allmählig wurde Eliſabeths Stimmung milder. Meine ſtillen, aber unausgeſetzten Aufmerkſamkeiten wurden nicht mehr unfreundlich zuruͤckgeſtoßen. Sie ſprach öfter und ruhiger. Eines Tags ſagte ſie zu mir:„Du biſt ſtill und freundlich, wie die Naturz es thut einem wohl, bei dir zu ſein.“ Da ich nie mit einer einzigen Frage in das Innere ihres Weſens zu dringen ſuchte, ſo ſchien ſie all⸗ mählig ganz zu vergeſſen, daß ſie von etwas Anderem ——————— — 120 umgeben war, als von dieſer Natur, in deren Schooß auch das unglückſeligſte Geſchöpf ſich nicht ſcheut, ſeinen Schmerz auszugießen, und die oft ſeine beſte, troſtreichſte Freundin iſt. Sie machte oft abgebrochenen Tönen Luft, die bald einen ſtillen Kummer verriethen, bald unheim⸗ lich, wild und murrend waren; zuweilen ſang ſie ein⸗ tönig, aber lieblich, eine Art Wiegengeſang, als wollte ſie damit die ſtürmiſchen Gefühle ihres Herzens ein⸗ ſchläfern. Dieſer wehmüthig anziehende Geſang erzeugte in mir zuweilen eben die Melancholie, welche die gnädige Frau zu curiren wünſchte. Auch in ihren Geberden zeigte Eliſabeth, daß ſie nicht mehr, wie früher, Gefühls⸗ ausdrücke zu unterdrücken ſuchte. Sie ſtreckte oft ihre Arme heftig aus, oder machte Bewegungen mit ihnen, als wollte ſie etwas Erſchreckendes von ſich entfernen; zuweilen drückte ſie ihre Hände hart gegen ihre Bruſt, oder faltete ſie mit einem Ausdruck unausſprechlichen Leidens über der Stirne. Oſt waren ihre Bewegungen ſo heftig und ſo wild, daß ſie ſich Ausbrüchen von Wahnſinn zu nähern ſchienen. Sobald jedoch unſer Mor⸗ genſpaziergang zu Ende war, und wir uns dem Hauſe näherten, nahm ſie allmählig ihr verſchloſſenes, kaltes, beinahe unnatürlich ſteifes Weſen wieder an. Eines Morgens, als wir uns auf eine Bank geſetzt hatten, ſagte ſie haſtig zu mir:„Wir ſitzen in der Sonne — iſt's nicht ſo? Ich fühle ihre Wärme. Laß uns Schatten ſuchen. Ich liebe die Sonne nicht, und ſie hat keinen Theil an mir.“ Ich führte ſie zu einer Bank, von der eine laubige Syringenhecke die Sonnenſtrahlen abhielt. „Es muß heute ſehr ſchön ſein,“ ſagte Eliſabeth, „ich meine noch nie eine ſo liebliche Luft gefühlt zu haben.“ Und nun fing ſie an, mich auszufragen über die Farbe der Blumen, über Bäume und Vögel, über Alles, was uns ſchön, aber ihr unſichtbar umgab, und dieß mit einem Tone ſo traurig ſanft, ſo voll von ſtiller Entſagung, daß eine tiefe, innige Rührung ſich meines Herz zurü mein wein ſoll Nien nicht ben, Dieſ hat ich bein⸗ und auf der Die wild den düſte lang allei mög noch ſein ihre die freu Flü kalt dein eine Vat ſegr chooß einen ichſte Luft, eim⸗ ein⸗ vollte ein⸗ engte ädige erden ihre nmen, nen; ruſt, ichen ngen von Nor⸗ auſe tes, eſetzt onne uns hat bige eth, zu über iber und iller ines 12¹ Herzens bemächtigte, und ein paar Thränen, die ich nicht zurückzuhalten ſuchte, aus meinen Augen auf ihre in der meinigen ruhende Hand fielen. Schnell zog ſie dieſelbe zurück und ſagte:„Du weinſt über mich, du fühlſt Mitleid mit mir!— Das ſoll Niemand thun— Niemand ſoll mich beklagen— Niemand ſich über mich erbarmen;— ich verdiene es nicht! Du darfſt nicht länger über mich getäuſcht blei⸗ ben, lerne mich kennen— lerne mich verabſcheuen!— Dieſes Herz hat das Verbrechen gewollt— dieſe Hand hat einen Mord begangen! Ich gehe jetzt— ich weiß— ich fühle es— dem Tode entgegen, aber einem ſtillen, beinahe ſchmerzloſen Tode, frei von Schande und Unehre— und ich hätte verdient, meine Tage unter Henkers Hand auf dem Schaffot zu beſchließen.“ Bei dieſen Worten war es mir, als verfinſtere ſich der Tag um mich her. In ſtillem Entſetzen ſchwieg ich. Die Blinde ſchwieg ebenfalls, zuerſt mit einem Ausdruck wilder Verzweiflung, dann mit einem Hohnlächeln auf den bleichen Lippen; endlich ging dieſes in eine Miene düſterer Niedergeſchlagenheit über, indem ſie leiſe und langſam fragte:„Iſt noch Jemand um mich?“—„Ich allein bin hier,“ antwortete ich, ſo ruhig und mild, als möglich, denn ich fühlte, daß der unglückliche Verbrecher noch weit mehr, als der unſchuldig Leidende die Güte ſeiner Mitgeſchöpfe bedarf. „Bald,“ ſagte Eliſabeth und legte die Hand auf ihre Bruſt,„bald werden die Flammen des Abgrundes, die hier wüthen, erlöſchen. Stiller Tod, ich fühle dein freundliches Nahen!.. Das Wehen deines kühlenden Flügels gibt mir zuweilen eine augenblickliche Linderung bald wird dieſes kalte Herz ruhen, wird in der kalten Erde erſtarren mütterliche Erde, du wirſt in deinen Schooß das müde Kind ſchließen, das während eines langen, langen Lebenstages kein Mutterherz, keine Vaterbruſt, keines Freundes ſtützenden Arm kennen und ſegnen gelernt hat!... Aber warum klage ich? Um das ————— —————— 122 Almoſen eines verachtungsvollen Mitleids zu empfangen? Und nicht einmal das verdiene ich! ich bin ein elen⸗ des Geſchöpf!“ Sie ſchwieg, begann aber nach einer Pauſe wieder: „Es iſt ſonderbar!— heute— heute— nach ſo vielen hundert Tagen ſtillertragenen Lebenselends will mein Herz ſprechen will gleich einem lange gefeſſelten Gefange⸗ nen eine freiere Luſt athmen, will ans Licht hervortre⸗ ten, gleichgültig für die Gefühle des Entſetzens und Ab⸗ ſcheus, die der Anblick der elenden Verbrecherin bei An⸗ dern erwecken mag... die Flamme will noch einmal auflodern, und einen, ob auch ſchauerlichen Schein wer⸗ fen, bevor ſie auf immer erliſcht.“ „Wende dein Antlitz ab von mir, Beate!.... Folge dem Beiſpiel der Sonne—— es iſt gleichviel — oder vielmehr, es iſt gut ſo;— ich habe noch Etwas zu verlieren— dein Mitleid. Gut, ich bin mir dieſe Strafe ſchuldig.“ Sie ſchwieg wieder— heſtige, ſchmerzvolle Gefühle ſchienen ihre Seele zu erſchüttern, und ein unbeſchreibli⸗ cher Ausdruck von Enthuſiasmus und Wehmuth malte ſich auf ihrem ſchönen Geſichte, während ſie ſchmachtend ihre Arme ausſtreckte, und rief: „Vaterland, Freiheit, Ehre!— Hätte ich für euch leben, kämpfen und ſterben können.. ich wäre nicht das elende, geſunkene Geſchöpf geworden, daß ich jetzt bin. O wäre ich ein Mann geworden, dann würde mein Herz nicht vergebens für euch geklopft haben, das wür⸗ dige Ziel für den Adlerflug der Seele. Dieſe Flamme, die jetzt meine verbrecheriſche Bruſt verzehrt, hätte dann auf euren Altären entzündet, als eine klare, heilige Opferflamme himmelwärts gebrannt. Aber jetzt!... wie unglücklich iſt das Weib, dem die Natur eine Seele voll Feuer, Gefühlsſtärke und Enthuſiasmus ver⸗ liehen hat! Wehe dem Weibe, das in dem engen Kreiſe, worin es zu ſtillem, einförmigem Leben und Wirken berufen iſt, Gra im Dra mich Sta trete auf Em; eine anzt ich bin chen ſcha nene und recht Geſi aber woh acht Geſ könr dich die Feu wen Sch ſelb den iſt übe gen elen⸗ eder: ielen Herz nge⸗ tre⸗ Ab⸗ An⸗ nmal wer⸗ hviel twas dieſe ühle ſich ihre euch nicht jetzt nein vur⸗ me, ann ilige eine ver⸗ eiſe, ufen 123 iſt, bloß einen freudloſen Zuſtand, ein Gefängniß, ein Grab des Lebens erblickt!“ „Ich war dieſe Unglückliche. O wie habe ich nicht im Kampf gegen das Schickſal gelitten! Es war der Drache, gegen den ich kämpfte, den zu überwinden ich mich auserkoren glaubte— und er hat mich in den Staub niedergeworfen, hat mich zermalmt— mich zer⸗ treten, wie einen Wurm.“ „Im Uebermuth jugendlichen Gefühls war ich ſtolz auf mein Feuer, auf die Tiefe und Spannkraft meiner Empfindungen, ich verachtete es, mich zu beſinnen. in einer andern Kraft, als in meinem Willen, ein Geſetz anzuerkennen— ich fühlte, daß ich Schwingen hatte— ich wollte fliegen, wollte mich über Alles erheben! Ich bin gefallen.“ „O daß meine ſterbende Stimme von jedem weibli⸗ chen Weſen gehört werden könnte, das feurig und leiden⸗ ſchaftlich ſich zu etwas Großem, Glänzendem und Stau⸗ nenerregendem geſchaffen wähnt, und ſich durch die Weite und Spannkraft des Gefühls, womit ſie begabt iſt, be⸗ rechtigt glaubt, die ſtille Welt, worin die Ordnung der Geſellſchaft ihr ihren Platz angewieſen, die beſcheidene, aber anziehende Enthaltſamkeit des Gefühls, die ihr ſo⸗ wohl göttliche, als menſchliche Geſetze gebieten, zu ver⸗ achten— o daß ſie mich, die durch Uebertretung dieſer Geſetze Gefallene, ſehen und mein warnendes Wort hören könnten:„Verirrtes, beklagenswerthes Geſchöpf, bekämpfe dich ſelbſt! Deine eigene, leidenſchaftliche Seele— ſiehe, die iſt der Drache, gegen den du ſtreiten mußt, deſſen Feuer dich verzehren und auch Andere vernichten wird, wenn man es nicht unterdrückt. Unterwirf dich dem Schickſal und den Geſetzen des Staates bekämpfe dich ſelbſt... oder du wirſt leiden und zerſchmettert wer⸗ den, wie ich.“ „Für mich iſt es zu ſpät, zu kämpfen— die Kraft iſt dahin, der Wille iſt entſchwunden! Das Feuer hat überhand genommen— der Tempel brennt, brennt, brennt — — 124 — und wird brennen, bis die Winde nichts Anderes mehr finden werden, als ſeine Aſche. Meinen Scheiter⸗ haufen habe ich ſelbſt angezündet— ich werde verzehrt und leide!“ „Du, Welt um mich her, voll Harmonie, Schön⸗ heit und Geſang, die Du mich wie ein erwachendes, lä⸗ chelndes Kind mit ſchmeichelnden Armen umgibſt... vergebens lächelſt, vergebens ſchmeichelſt du. ich ver⸗ ſtehe dich nicht— ich leide.“ „Als ich jung war.. es iſt ein Jahrhundert her, „da herrſchte bereits bald der Himmel, bald die Hölle in meiner Bruſt. doch war ich damals dem erſieren näher jetzt ſehe ich den Himmel nicht mehr. Als ich jung war— noch ſehr jung— liebte ich bereits mit der ganzen Kraft der Leidenſchaft. Meine erſte Liebe war mein Vaterland du lächelſt vielleicht, findeſt die⸗ ſes Gefühl lächerlich in der Bruſt eines Mädchens das haben Andere auch gethan, und doch— mein Vater⸗ land! Schwedens edle, geliebte Erde! hätten alle deine Söhne mein Herz gehabt— das Herz eines zarten Mäd⸗ chens, dann wäreſt du noch, was du geweſen— die Hei⸗ math der Helden.. der Löwe Europas.“ „Du haſt von Märtyrern geleſen und gehört— von den ſchauderhaften Qnalen, den beinahe undenkbaren Grauſamkeiten, welche die Freunde der Freiheit und des Vaterlandes zu allen Zeiten erlitten haben, und du haſt mit Entſetzen dein Auge abgewandt, deine Gedanken hin⸗ weggelenkt. Auch ich las, auch ich hörte von ihren Schickſalen, aber dürſtete darnach, ſie zu theilen— ich durchdachte mit Begierde alle Qualen, alle Höllenplagen für dich ertragen, mein Vaterland, erſchienen ſie mir als Himmelsſeligkeiten!— Ich flehte zum Himmel um ihre Ehre, ihre Wolluſt.“ „Während ich die Blüthe meiner Jugend entfaltete, und meine Gefühle ſchwellten gleich der Frühlingsfluth, raſſelte der Mordwagen des Krieges durch Europa.. nur ein Echo des Waffenklanges, der in ſtreitenden Maſſen herv naht hinre Mar Ich mein „Va Krie ter d bernt ſchön Geda mehr die a Welt ger, leben als f Leber ſchaf hältn war wie Seele heben alles merkſ feſſelt einem weibl wickli empfi Ich l ſchen Verb luderes cheiter⸗ erzehrt Schön⸗ es, lä⸗ h ver⸗ rt her, Hölle rſteren Als ts mit Liebe ſt die⸗ Vater⸗ deine Mäd⸗ 3 Hei⸗ von kbaren id des u haſt hin⸗ ihren agen en ſie immel altete, fluth, kaſſen 125 hervorblitzte, nahte unſerem friedlichen Lande. Aber es nahte meinem Herzen, und erweckte darin die wildeſten hinreißendſten Gefühle. ach, ich war blos ein Weib! Man lachte über meine Schwärmerei, man ſpottete ihrer. Ich weinte Thränen des bitterſten Harms, und verbarg mein Feuer in meiner Bruſt!“ „Der Friede wurde geſchloſſen, und die Namen: „Vaterland, Freiheit,“ die beim Scheine der Kriegsfeuer ſo blendend und klar leuchten, verlieren un⸗ ter den Schatten des Oelzweiges viele von ihren bezau⸗ bernden Strahlen. Auch in meiner Bruſt verloren die ſchönen Namen ihre magiſche Spannkraft, ſobald ſich der Gedanke an Gefahr, Kampf oder ehrenvollen Tod nicht mehr mit ihnen verknüpfte. Der Friede war geſchloſſen, die allgemeine Spannung der Gemüther legte ſich. Die Welt um mich her wurde noch alltäglicher und einförmi⸗ ger, als zuvor. Aber mein Herz blieb ſich gleich, es wollte leben, wollte wirken; ich war wie früher, und noch mehr, als früher, voll von Begierde, die glänzenden Höhen des Lebens zu erobern, und wurde von Menſchen, von geſell⸗ ſchaftlichen Einrichtungen, von Convenienzen und Ver⸗ hältniſſen ewig in mein Nichtleben zurückgewieſen. Nie war ein Galeerenſklave ſo unglücklich, wie ich. Raſtlos, wie der Geiſt des Sturmwindes, bewegte ſich meine Seele, umfaßte die Welt, wollte ſich zu den Sternen er⸗„ heben, durch die Decke aller Gefühle in den Vorhang alles Wiſſens dringen, und mein Leib und meine Auf⸗ merkſamkeit blieben an das Kleinlichſte und Trivialſte ge⸗ feſſelt, was das Leben bietet. Ich lebte zwei Weſen in einem— und das eine war die Qual des andern.“ „Eine einzige Leidenſchaft geſtattet die Welt dem weiblichen Herzen in der Erziehung wird ihre Ent⸗ wicklung gewöhnlich durch die Lectüre von Romanen und empfindſamen Poeſien u. ſ. w. befördert. Es iſt die Liebe. Ich lernte ſie kennen. Man ſagt, ſie veredele den Men⸗ ſchen, ſie ſchaffe ſeine Glückſeligkeit. mich hat ſie zum Verbrechen geführt, und führt mich jetzt in mein Grab.“ ——— 126 „Mein Vater ſtarb. Er hatte mich nie verſtanden, nie geliebt, nie glücklich gemacht; warum gab er mir das Leben?— hätte meine Mutter gelebt, o ſie würde mich verſtanden, würde mich geliebt haben! Ich habe viel von ihr ſagen gehört, ſie hatte viel gelitten.. viel gekämpft.— Ich war eine Geburt ihres letzten Seufzers, ihn ſog ich mit meinem erſten Athemzuge ein im erſten und letzten Mutterkuſſe. Deßhalb vielleicht glich mein ganzes Leben einer Todesarbeit— einem Streite, einem ewigen Kampfe. Doch wird er wohl bald beendigt ſein!“ „Mein Oheim väterlicher Seite, von dem ich bis⸗ her weit getrennt gelebt hatte, nahm mich zu ſich. Du kennſt ihn. doch nein, du kennſt ihn nicht. Du hältſt ihn für einen Gott auf Erden— und er iſt ein harter, unerweichbarer Mann— ein unverſöhnlicher, ſtrenger Richter. O wie hart iſt er nicht gegen mich geweſen! Wie liebte ich ihn nicht! Ich hatte Niemand und Nichts auf Erden. Er wurde mein Alles. Ich ſah Niemand und Nichts außer ihm. Ich ſagte ihm das. O hätte er nur einige Milde, einige Barmherzigkeit für mich ge⸗ habt! Aber er war bloß ſtreng. Sein Blick war kalt, ſein Wort ſtrafend. Ich verzweifelte, aber betete ihn gleichwohl an. Ich war ſchön, ich war geiſtreich, voll Jugend, voll Leben und Gefuͤhl.— Gleichwie die Wogen vergebens gegen den Felſen ſchlagen, der ihnen widerſteht und ſie zurückwirft, ſo wälzten ſich vergebens alle meine Gefühle, alle meine Naturgaben als Opfer an ſeinen Altar heran. Ach, die Wogen dürfen doch mit Thränen die harte Bruſt benetzen, welche ſie bricht und abſtößt— ich durfte nicht auf die Hand weinen, die mich wegſtieß— die mir den Todeskelch reichte. Er, den ich über Alles verehrte und liebte— er nannte mein Gefühl für ihn verbrecheriſch. Ich weiß nicht, ob er dieß damals war. Gewöhnlich war er nicht— und vielleicht auch nicht für die Erde paſſend. Ich hätte damals nicht die Blicke der Engel in m die C höher ſie li es we ſtrafe daß i anbet meine ich m beſtra gut 1 ich et und denn mich! zige ſtand ſind. er wa Schön ſchwac Edlen, die Ve Braut Geſche auf ih ich ſal brannt Nichts. auf ih ſein ſch anden, mir würde hae letzten e ein elleicht einem l bald ch bis⸗ D hältſt harter, renger weſen! Nichts emand hätte ch ge⸗ e ihn , voll gebens nd ſie fühle, heran. Bruſt nicht ir den te und eriſch. hnlich Erde Engel in mein Herz geſcheut.. ſie hätten mich verſtanden. die Engel im Himmel lieben ja! und ſie müſſen höher und reiner lieben, als die Kinder der Erde, denn ſie lieben das höchſte Gute, ſie lieben Gott!.— Ach es war mir ein Gott! Warum war er bloß ein zorniger, ſtrafender Rächer? Sein Strafurtheil über mich machte, daß ich mich ſelbſt verachtete.... und ihn noch inniger anbetete.“ „Einen Augenblick erhob ſich weltlicher Stolz in meiner Bruſt. Ich wollte meine Leidenſchaft beſiegen, ich wollte die unerreichbare Strenge ihres Gegenſtandes beſtrafen.“ „Ich verlobte mich mit einem jungen Manne.. gut und liebenswürdig, glaube ich„ der mich liebte, ich erinnere mich ſeiner nur wenig. Ich wollte ſtrafen und glaubte es durch dieſes Mittel zu können.. ja, denn ich lebte doch zuweilen des Glaubens, daß derjenige mich liebe, der mir Alles war.— Sollte Liebe das ein⸗ zige Feuer ſein, das nicht die Kraft beſäße, den Gegen⸗ ſtand zu erwärmen, auf den alle ſeine Strahlen gerichtet ſind...—— und außerdem war ich ſo ſchön— und er war, das wußte, das ſah ich, ſchwach für weibliche Schönheit. doch was ſage ich! Wann war er je ſchwach? Wann habe ich ihn wanken geſehen, den Stolzen, Edlen, Starken? O ich— o ich war die Schwache— die Verirrte, Bethörte, Elende!“ „Man traf Anſtalten zu meiner Hochzeit. Die Brautkleider waren bereits fertig, man umgab mich mit Geſchenken,, Schmeicheleien und Liebkoſungen ich ſah auf ihn, den ich liebte.. er war ſehr bleich.“ „Der Hochzeittag kam, die Trauungsſtunde kam.. ich ſah auf ihn— er war bleich und in ſeinem Auge brannte eine düſtere Flamme—— aber er ſagte— Nichts. Im letzten wichtigen Augenblick— ſah ich noch auf ihn— da wandte er ſein Geſicht weg von mir;z ſein ſchönes, edles, geliebtes Geſicht wandte er von mir 128 ab— mit einem Blick— o Erinnerung! Ich ſagte: Ja! Die Hölle war in meinem Herzen“ „Am ſelben Abend ging ich fort und verbarg mich. verbarg mich vor allen Menſchen Es war wunderlich in meinem Kopfe und in meiner Bruſt. Wie man mich ſuchte!... Ha, ha, ha! Das war ein Spectakel!“ „Ich hatte Geld mitgenommen und es gelang mir, unter einem angenommenen Namen eine der Seeſtädte Schwedens zu erreichen.“ „Ich ſah das Meer. ein Sturm regte es auf, der Morgenhimmel ſtand in rothen Flammen darüber. Ich denke noch daran. ach, es war ſchön! Ich ſaß auf einem Felſen und blickte ins Meer hinaus. Das unermeßliche öffnete mir ſeine Arme, Woge um Woge wältzte ſich.. brauſend, ſchäumend. dahin. dahin.. in die Unendlichkeit, nach der grenzenlöſen Ferne hin, wo Meer und Himmel einander umarmten. Es brauste und ſauste— hu! es war ſchauerlich herrlich. Wie ein friſcher Hauch wehte es durch meine gequälte Bruſt. Ich fühlte mich erquickt, geſtärkt. Die Wellen redeten eine Sprache, die mir wohlthat. Sie flüſterten, ſie winkten mir zu:„Dahin, dahin!“ Den halben Tag ſaß ich ſtille auf dem Felſen, ſah ins Meer hinaus und lauſchte ſah die Sonne aus den Wogen aufgehen, ſah die Segel mit weißen Taubenflügeln auf dem blauen Meere, unter dem blauen Himmel, nach irgend einer fernen Küſte des Frie⸗ dens dahin ſchweben. Ich hörte der Wellen mahnende Stimmen und beſchloß ihrem Rufe zu folgen.“ „Ich wollte nach Amerika. Weit, weit hinweg wollte ich von dem Boden, auf dem er wandelte, von der Luft, die er athmete, von der Sprache, den Sitten, die er die ſeinigen nannte.“ „Der Tag war gekommen, da ich abreiſen ſollte, ſchon rückte die Stunde heran. Ich ſollte das Schiff der Rettung beſteigen, ſeine Wimpel flogen luſtig vor einem günſtigen Winde her. Bald ſollte ich mich auf den kühlen Wogen ſchaukeln, ſie ſangen ſo lieblich;„ da dran Stimme Arme er liche W geſproch ſonderbe wurde ich wie in meir und zuc an He nennt.“ 4 tungsſt den ich ſendma Ketten 7 Tag u gleich. nere i Stimn mand könnte bedeute Art ve führte nem Maſſe dem e hielt mächt lichen, ſtille Bri mir, ſtädte auf, rüber. h ſaß Das Woge in. hin, rauste ie ein Ich n eine inkten ſtille Frie⸗ hnende wollte Luft, die er ſollte, Schiff ig vor ich auf . — 129 da drang durch ihren Geſang auf einmal der Ton einer Stimme hervor.. ich fühlte mich auf einmal von einem Arme erfaßt... und mit Gewalt fortgeſchleppt. Schreck⸗ liche Worte wurden zu mir von einer geliebten Stimme geſprochen ich verſtand ſie kaum.... Alles kam mir ſonderbar— unbegreiflich vor. Wie eine Gefangene wurde ich zu meinem Manne zurückgebracht. Da fühlte ich wieder etwas Wunderliches in meinem Kopfe und in meiner Bruſt— es war ein Tanz, ein Wirbel— und zugleich ein nagendes Weh. Es nahm immer mehr an Heftigkeit zu— ich wurde, was man wahnſinnig nennt.“ Dieſelbe Hand, die mich mit Gewalt vom Ret⸗ tungsſtrande entführte... feſſelte jetzt meine Hände. Er, den ich ſo unendlich liebte, für den ich mein Leben tau⸗ ſendmal hätte hingeben mögen, er— legte mich in Ketten— und brachte mich in's— Irrenhaus „Eine Zeit ohne Zeit verſtrich dort für mich— Tag und Nacht, Morgen und Abend, Alles war ſich gleich.. Alles war eine Niete. Von dieſer Zeit erin⸗ nere ich mich nur noch, daß ich einmal eine bekannte Stimme meinen Namen nennen hörte— und daß Je⸗ mand neben mir einmal ſagte:„Wenn ſie doch weinen tönnte!“ Ich wunderte mich damals ſehr, was dieß zu bedeuten haben möchte— und wiederholte oft in einer Art verworrener Unruhe:„Weinen?“ „Eines Tags ich weiß nicht, wohin man mich führte... eben ſo wenig, bei wem ich war. Vor mei⸗ nem Geſichte ſchwebte Alles in verworrenen, wilden Maſſen. Da hörte ich auf einmal ein Brauſen, gleich dem eines ſtürmiſchen Meeres— aber das Brauſen er⸗ hielt Klang und Ton— es ſchwellte in wunderbarer, mächtiger Harmonie und ſenkte ſich dann zu einer lieb⸗ lichen, ernſten Melodie.“ „Mit ihr vereinigte ſich eine Stimme, die klar und ſtille ſang: 9 Bremer, die Familie H⸗ ——— „O Lamm Gottes, das der Welt Sünden trägt.“ „Gleich einer Wolke, die voll von Himmelsſäften ſich über eine harte, ausgetrocknete Erde herabſenkt, ſo ſenkten ſich die heiligen Harmonieen auf meine erſtarrte Seele herab und lösten ihre verkohlte Lava auf.“ „Von einer wunderbaren Kraſt getrieben, fing ich an laut zu ſingen— und ſang mit vollkommener Er⸗ innerung des Tertes und der Muſik. Ich hatte ſie ge⸗ hört, als ich zum erſten Male zu Gottes Tiſch giug— als ich mit heiligen Gefühlen die Kniee beugte und den Himmel über mir ſich öffnen ſah... Bei den Worten: „Gieb uns deinen Frieden!“ begannen meine Thränen zu fließen und von dieſem Augenblick an erhielt ich mein Bewußtſein wieder: Ja dieſes.. aber Frieden, ach den erhielt ich nicht... und noch immer, vielleicht ewig weilt des Himmels Taube ferne von mir.“ „Ach ich verdiente nicht, daß ſie in meine Bruſt kam. Es war darin keine Ergebung, keine Heiligung.. keine Sehnſucht darnach.“ „Mein Mann war todt. Das freute mich. Ich kam wieder in meines Oheims Haus— ich wollte es;— mein Herz hatte eine Veränderung erlitten und ich glaubte jetzt eben ſo ſehr zu haſſen, als ich früher geliebt hatte. Ich wollte denjenigen wieder ſehen, für den ich ſo viel gelitten hatte— ihn ſehen— um ihm zu trotzen— um ihm zu zeigen und ihn wo möglich empfinden zu laſſen, daß auch ich ſtolz und kalt ſein— daß auch ich verachten könne. Ich wollte ihn demüthigen. Angebetet von Frau und Kindern, die er zärtlich wieder liebte, ſah ich ihn ruhig und glücklich im Schooße ſeiner Familie daſtehen.— Für Alle, ſelbſt für den Geringſten hatte er Güte;— für mich hatte er bloß einen Blick, kälter, ſtolzer, ſtrenger als je.“ „Ich fühlte alle Saiten meiner Seele erzittern. Ein ſchauderhaſtes Gefühl bemächtigte ſich meiner Bruſt. Seine wirkliche Kälte ſprach meiner ſcheinbaren, ſeine Stärke ruhe H mir, a einen V ſchlafen eine Ri die Luf wäre e ſo wür Aus de bald g zu lebe rächen noch t gen!. danken etwas durch das m . übrig pfinde ging kalt. ſchien Ich Händ vollet und auf „„ Laube Bruſt *„* Ich 33— aubte hatte. viel — n zu ch ich ebetet , ſah amilie hatte älter, Ein Bruſt. ſeine 13¹ Stärke meiner Schwäche, ſeine Ruhe meiner ewigen Un⸗ ruhe Hohn. Er hatte hart an mir gehandelt. Es war mir, als trete er mich in ſeinem glücklichen Stolz wie einen Wurm in den Staub. Sein Bild verfolgte mich— ſchlafend oder wachend ſah ich nur es. Es ſtand wie eine Rieſe vor mir— es erſtickte mich— es raubte mir die Luft.— Wäre er nicht.. ſo würde ich athmen!... wäre er nicht... ſo wäre ich. Wäre er nicht mehr— ſo würde er aufhören die Qual meines Lebens zu ſein. Aus der Liſte der Lebendigen geſtrichen, würde er wohl bald genug aufhören, in der Erinnerung der Lebendigen ich konnte.... mir Luft machen.. mich zu leben n rächen... ihn ſtrafen— mich rächen! Heute, heute noch trotzte mir ſein ruhiger Blick!— Morgen, mor⸗ gen! „Das Verbrechen gleicht einem Worte— vom Ge⸗ danken erzeugt ſpringt es hervor und erſcheint oft als etwas Harmloſes—— aber ſeine Folgen erſtrecken ſich durch die Ewigkeit.“ „Ich zuckerte eines Abends ein Glas Mandelmilch, das mein Oheim trinken ſollte, mit Arſenik.“ „Ich behielt auch Etwas von dieſem Zucker für mich übrig— denn es kam mir vor, als würde ich Reue em⸗ pfinden können.“ „Haſt du ſchon Reue empfunden?“ Ich hatte nicht den Muth zu antworten. Eliſabeth fuhr fort:„Nach dieſer unſchuldigen That ging ich auf mein Zimmer. Ich fühlte mich ruhig und falt marmorkalt war mein Körper— eben ſo er⸗ ſchien mir auch mein Herz ſeine Schläge erſtarrten. Ich ſtand vor dem Feuer und wärmte meine eiſigen Hände, als ich eine heftige Bewegung und ein angſt⸗ volles Geräuſch im Hauſe vernahm.“ „Da ergriff mich eine Angſt.. ich ging hinab und fah mein Opfer todesbleich, beinahe beſinnungslos auf den Sopha zurückgelehnt, ſitzen, von Frau 132 und Kindern, die in den Schmerz wirklicher Verzweiflung verſenkt waren.“ „Als ich hineinkam, heftete mein Oheim einen Blick auf mich ich werde ihn nie vergeſſen. Da nahte ſich mir ein rächender Höllengeiſt und griff mit ſcharfen, blutigen Klauen in mein Herz. Es war die Reue.“ „Laut bekannte ich mein Verbrechen, rief den Fluch derer auf mich herab, die ich unglücklich machte.... ich kroch auf dem Boden und ließ meine Stirne den Staub kuͤſſen... Niemand erhob eine anklagende Stimme gegen mich—— aber keine Hand richtete mich auf. Ich ſchleppte mich zu den Füßen deſſen hin, den ich gemor⸗ det— ich wollte ſie küſſen aber ein andrer Fuß ſtieß mich zurück— es war der ſeiner Frau— ich küßte ihn und war glücklich genug, das Bewußtſein zu verlieren“ „Lange Zeit blieb ich in meiner vollkommenen Ge⸗ müthsverwirrung. Als ich wieder zum Bewußtſein kam, ſah ich meinen Oheim neben meinem Bette ſtehen— hörte ihn ſeine Rettung verkünden, mir ſeine Verzeihung ſchenken.“ „So geſunken, ſo tief geſunken war ich, daß ich lieber ſeine Flüche vernommen hätte. Dieſe hätten(ſo ſchien es mir) meine Unwürdigkeit weniger tief, ihn nicht weniger groß gemacht.“ „Der wildeſte Sturm aller Leidenſchaften raste in meinem Herzen. Ich verfluchte das Licht, und das Licht entzog ſeinen Strahl meinen unwürdigen Augen— und ewige Nacht umſchloß meinen Leib wie meine Seele“ „Die Stürme der Natur ſind kurz; ihnen folgen ruhige klare Tage. In des Menſchen Bruſt wüthen die Orkane der Leidenſchaft lange und haben nur die Ruhe eines Augenblicks. Ich lernte eine ſolche kennen, aber es war die Ruhe der Nacht— die Betäubung des Le⸗ bens— Erſtarrung— der Wiegengeſang der Finſterniß. Sie hörte auf, um ein neues verzehrendes, brennendes Feuer aufgehen zu laſſen, das die ewig fluthenden Quel⸗ len der Thränen nie erlöſchen werden. Ich empfand ein unendli öhnun? ſihuun liche O ſöhnen Aber b ſchöpfer ſchen— da— Elend! „ zu lebe derjeni jede m ſo ſehr ich be ein lel ſeine wollte Athem über Kraft ( ruhig dete Gebe cheln. gebet blicke mein Vale in d Leide ich b flung Blick ſich rfen, me Fluch ich Staub gegen Ich mor⸗ ſtieß e ihn en Ge⸗ kam, — ihung ß ich n(ſo nicht te in Licht und — folgen en die Ruhe aber 6 Le⸗ terniß. nendes Quel⸗ nd ein unendlich ſchmerzliches, brennendes Verlangen nach Ver⸗ ſöhnung.“ „O Kreuzestod— Martern, Blutſchweiß, unend⸗ liche Qualen!— Euch zu leiden und durch euch ver⸗ ſöhnen zu können— das— das wäre Wolluſt geweſen. Aber blind.. einer Mumie gleich unter lebendigen Ge⸗ ſchöpfen— ein frevelhafter Splitter von einem Men⸗ ſchen— eine Null an Kraft, ein Nichts. ſtand ich da— verächtlich— verachtet— o Elend! Elend!“ Elend!“ „Um mich doch wenigſtens zu ſtrafen, beſchloß ich zu leben— zu leben— ein Gegenſtand der Verachtung derjenigen, die ich liebte und verehrte;— ich wollte jede mitleidige Hand zurückſtoßen— und mich quälen, ſo ſehr ich vermochte.“ „Ich verließ noch einmal die Familie, deren Glück ich beinahe zerſtört hatte und ſchleppte mehrere Jahre ein lebendes Daſein hin. Ich kam zurück, als der Tod ſeine Hand auf meine Bruſt gelegt hatte. Mein Oheim wollte es ſo. Er wird mein Weſen bis zum letzten Athemzuge beherrſchen. Ich vermag Nichts mehr dar⸗ über es iſt ein Schickſalsſpruch. Ich habe keine Kraft mehr— es iſt mit mir vorbei— vorbei!“ Sie ſchwieg. Sanſt begann ich jetzt einige be⸗ ruhigende und ermahnende Worte zu ſprechen. Ich re⸗ dete von Geduld, von Ergebung— ich nannte— das Gebet. „Gebet!“ begann Eliſabeth wieder mit bitterm Lä⸗ cheln.„Höre, Beate, ich habe mehrere Jahre hindurch gebetet.... Tag und Nacht, alle Stunden, alle Augen⸗ blicke;— ich habe auf meinen Knieen gelegen, bis meine Glieder zu Eis erſtarrt waren und gebetet: O Valer, nimm dieſen Kelch von mir! Wie ein Stein, der, in die Höhe geſchleudert, zurückfällt und die Bruſt des Leidenden verwundet, ſo war das Gebet für mich. ich bete— nie mehr.“ „O bete, bete!“ ſagte ich weinend; bete nur mit 134 einem reinen Gemüthe... Gott erbarmt ſich— er gibt dem reinen Willen Kraft... „Gott?“ ſagte die Blinde mit düſterer Stimme; „o Welt— die ich nicht mehr ſehe— Sonne, die meinem Auge nicht mehr glänzt, du ſprichſt von einem Gott; Herz, ewige Unruhe, in deinen Schlängen klingt ſein Name! Gewiſſen, du ſtrafende Macht— du ver⸗ fündeſt den Rächer... Liebesfeuer— du Leben meines Lebens! In deinen Flammen ahne ich deinen ewigen urſprung. aber lichter Engel— du Glaube— der mir meinen Gott zeigen ſollte— dich kenne ich nicht. Ich bin frühzeitig in den Abgrund des Zweifels hinab⸗ geſtiegen. Ich läugne Nichts— aber ich glaube NRichts. Ich ſehe— nur das Dunkel.“ „Und die Klarheit des Verſöhners? Und des Ge⸗ kreuzigten ſtrahlende Glorie? und Jeſus?“ fragte ich mit Staunen und Entſetzen. Die Blinde ſchwieg einen Augenblick mit einem Ausdruck bitterer Wehmuth und ſagte dann: „Ich habe einmal von einer Erſcheinung oder einem Traume geleſen— und oft ſteigt die Spuckgeſtalt des⸗ ſelben erſchreckend und unheimlich in meinem Innern auf.“ „„Mitten in der Nacht ſprangen, von unſichtbaren Händen erſchüttert, die Pforte einer Kirche auf. Eine Wenge unheimliche Schatten drängte ſich um den Altar und nur ihre Bruſt keuchte und bewegte ſich heftig. Die Kinder ruhten noch ſtille in ihren Gräbern.*) „Da ſtieg aus der Höhe auf den Altar eine ſtrah⸗ lende Geſtalt nieder, edel, erhaben und das Gepräge eines unvertilgbaren Schmerzes tragend. Die Todten riefen aus:„O Chriſtus, gibt es keinen Gott?“ Er ant⸗ wortete:„Es gibt keinen.“ Alle Schatten fingen heftig zu zittern an und Chriſtus fuhr ſo fort:„Ich bin die Wolken durchgegangen, ich habe mich über die Sonnen *) Siehe Frau von Stael de'Allemagne, Jean Pauls Traum. erhoben hingeſel pfung, rufen: Regen und d allein dem( finſtert auf de ſam ſe rufe u loſen aber todten warer dem! Vater von wir! dieſe blick, den Ruf und unrt Gar aber ſend Ich wer bal Hä des gibt nmez die inem ver⸗ eines igen der icht. nab⸗ ichts. Ge⸗ ich inem inem des⸗ mern aren Eine Altar Die trah⸗ eines iefen ant⸗ heftig n die nnen aum. 135 erhoben— und auch dort gibt ₰ e Gott. Ich bin hingeſchritten bis zu den är 3 ſten Gränzen der Schö⸗ pfung, ich habe in die Hölle nie en ſchaut und habe ge⸗ rufen:„Vater, wo biſt du?“ Aber ich hörte nur den Regen, der Tropfen für Tropfen in die Tiefe niederfiel, und der ewige Sturm, den keine Ordnung lenkt, hat allein mir geantwortet. Da erhob ich meine Augen zu dem einen Gewölbe des Himmels und ſ dort nur finſtern, leeren, gränze enloſen Raum. e Ewigleit ruhte auf dem Chaos und nagte daran und vehet ſich lang⸗ ſam ſelbſt. Erneuert eure bittern, herzzerreißenden Klage⸗ rufe und zerſtreut euchz denn Alles iſt vor rbei! Die troſt⸗ loſen S Schatten verſchwanden. Bald war die Kirche leer, aber auf einmal— entſetzlicher Anblick— eilten die odten Kinder vor, die jetzt auf dem Kirchhofe erwacht waren, warfen ſich vor der majeſt ätiſchen Geſtalt über Altar nieder und riefen:„Jeſus, haben wir keinen einem Strome Vater 2— Und er antwortete mit „Wir ſind Alle vaterlos. Ihr und ich, — von Thränen: wir haben keinen!.. Hier unterbrach ſich d die Blinde, wie entſebzt über dieſe kranke, fieberwilde 2 Phantaſie, ſch wieg einen Augen⸗ blick, faltete aber dar rauf ihre Hände und ſtreckte langſam den Arm aus, indem ſie einen wilden, durchdringenden Ruf voll der ſchanderhafteſen Verzweiftung erhob. In dieſem Augenbl ick nahten ſich uns haſtige Schritte einen fragenden, und der Oberſt ſtand plötzlich vor mtihigen Blick auf uns heftend. Die Blinde, die ſeinen Gang kannte, ließ zitternd ihre Hände ſinken, erhob ſie aber bald wieder zu ihm und bat mit einem herzz erreiſ⸗ Ausdrucke:„Sei ſchonend, ſei gütig gegen mich! Wenn ich wieder wahuſinnig icht ins Jrreuhaus Es wird ja Laß wenigſtens geliebte ſer den Ich bin ſo ungücich werde, ſo führe mich n bald Alles mit mir vorüber ſein. Hände meine Augenlieder ſchließen.“ Mitleid und tiefer S regte ſich im Geſichte des Oberſten. Er ſah Eliſabeth lange an, ſetzte ſich —— ——— 136 ſodann neben ſie, legte ſeinen Arm ſtützend um ihren Leib und ließ ihren Kopf an ſeiner Bruſt ruhen. Es war das erſte Mal, daß ich ihn zärtlich gegen ſie ſah. Ihre Thränen floſſen langſam über die bleichen Wangen. Schön war ſie, aber ſchön wie ein gefallener Engel, der durch ſeinen Ausdruck von Verzweiflung und tiefer Schaam beweist, daß er ſich des Erbarmens un⸗ würdig fühlt, das ihm zu Theil wird. Jetzt ſah ich die gnädige Frau in einiger Entfer⸗ nung ſich nähern. Als ſie Eliſabeth in den Armen des Oberſten erblickte, ſtutzte ſie einen Augenblick, ging aber ſogleich wieder auf uns zu, obgleich einige Verwunderung auf ihrem Geſichte zu leſen ſtand. Der Oberſt blieb ſtille. Eliſabeth ſchien von Nichts zu wiſſen, was um ſie her vorging. Als die gnädige Frau näher kam, be⸗ gegneten ſich die Blicke der beiden Gatten und— ſchmol⸗ zen in einen klaren und freundlichen Strahl zuſammen. Aus gemeinſamer, gleichzeitiger Regung reichten ſie ein⸗ ander die Hände. Die gnädige Frau liebkoste Eliſabeth und ſprach zärtlich zu ihr.— Sie antwortete bloß mit Schluchzen. Nach einer Weile ſtand der Oberſt auf und nahm Eli⸗ ſabeths einen Arm, ſeine Frau nahm den andern und ſanft und mit zärtlicher Sorgfalt führten ſie die Unglückliche zwiſchen ſich nach Hauſe zurück. Ich blieb allein im Parke zurück. Unter unruhigen, qualvollen Gefühlen ſah ich zu dem milden, frühlings⸗ blauen Himmel auf, voll inniger Sehnſucht, ſeine Klar⸗ heit möchte in meine Seele herniederſtrahlen. Auf einer Wanderung durch ruhige Schickſale, ſelbſt von den Erſchütterungen verſchont, welche ſo manche Pilger des Lebens heimſuchen und in friedvoller Bruſt einen lebendigen Glauben, eine heiligende Hoffnung tra⸗ gend, ſind nur die Unglücksfalle, die Leiden und die Ver⸗ zweiflung meiner Mitmenſchen die Wolken geweſen, die meine ſchöne Sonne, meines Lebens Freude verdunkelt haben „Warut Al der inn ruhigen flüſterte „ brechen nen des einen k deln ſic Ee uns bet einen 2 kel am daran, ſtunde auch di verkünd ſagen, finſter! wir we noch ſ wiſſen denn— noch u: chem 2 die So J auch ü auf des theilig U lange! Leib gen hen ner und un⸗ fer⸗ des ber ung lieb um be⸗ ol⸗ ten. ein⸗ ach zen. Fli⸗ nft iche en, gs⸗ ar⸗ lbſt che ruſt ra⸗ er⸗ die kelt haben und mich manchmal mit einem ſchmerzlichen: „Warum?“ zur Höhe emporblicken ließen. Aber lange blieb die Antwort nicht aus, da ſie mit der innigen Stimme des Gebetes begehrt wurde. Be⸗ ruhigende Lüfte wehten durch meine aufgeregte Seele und flüſterten: „Die Wolken fliehen, die Sonne bleibt. Die Ver⸗ brechen, Schmerzen und Verirrungen der Menſchen kön⸗ nen des Schöpfers Güte nicht verdunkeln. Wir ſehen nur einen kleinen Theil. Die Menſchen ſterben— verwan⸗ deln ſich. Gott iſt unwandelbar.“ Es iſt vergebens, daß wir zweifeln, murren und uns beunruhigen. Alle Irrgänge des Lebens haben doch einen Ausgangspunkt. In dem Augenblick, da das Dun⸗ kel am tiefſten ſcheint, ſind wir vielleicht am nächſten daran, zum Licht zu gelangen. Nach der Mitternachts⸗ ſtunde ſchlägt ja die Morgenſtunde;— und wäre es auch die Todtenglocke, welche uns die Stunde der Erlöſung verkündete, was können wir uns wohl Troſtreicheres ſagen, wenn es uns im Labyrinthe des Lebens enge und finſter bedünkt, als:„Es wird ſich eine Thüre öffnen und wir werden hinauskommen— ins Licht!“ Möge es uns noch ſo enge, noch ſo eingeſchloſſen erſcheinen— wir wiſſen es, eine Thüre wird ſich öffnen! Nun, wohlan denn— laßt uns warten, laßt uns hoffen!“ Eliſabeths Stimmung wurde von dieſem Tage an noch unruhiger. Sie bekam ſogar Anfälle von wirkli⸗ chem Wahnſinne und man mußte die Wachſamkeit und die Sorgfalt für ſie verdoppeln. Ihr Leiden und ihr friedloſes Leben breitete zuweilen auch über die übrige Familie einiges Düſter. Beſonders auf des Oberſten Geſundheit und Laune ſchien es nach⸗ theilig zu wirken. Um die Aufmerkſamkeit meiner Leſer nicht durch zu lange Vorhaltung eines ſo düſtern Gemäldes zu ermüden, —————— 138 will ich ihnen ein anderes vor Augen legen: ein helles heiteres Bild, in welchem ſich die Jngend der Erde und des Menſchenherzens vereinigt zeigt. Wir nennen es* Frühling und Liebe. „Auch ich war in Arkadien geberen.“ Unſchuldige Freudenz unſchuldige Sorgen, ihr Freun⸗ dinnen meiner jungen Jahre, ihr Engel, die ihr mir unter Lächeln und Thränen die Pforten des Lebens öffne⸗ tet, euch rufe ich heute an! Und auch euch, ihr Gedanken, rein wie Himmelsblau, ihr Gefühle, warm wie die Strahlen der Maiſonne, du Hoffnung, ſo friſch wie der Hauch des Frühlingsmorgens! Euch rufe ich— kommt, o kommt, mein mattes Gemüth wieder zu beleben. Ich will Frühling und Liebe, Jugend und Freude befingen;— liebliche, friſche Erinnerungen, ihr Nachti⸗ gallen des Jugendhaines, erhebt eure Töne; ich will eure Melodien in Noten ſetzen und mich noch einmal an ihrem Geſange entzücken“ Den 22. Mai ſtieg eine klare Lenzſonne auf und berührte mit goldgelben Strahlen Kornet Karls Augen⸗ der lieder. Die Sterne des Schwertordens ſchimmerten ſo⸗ ſie gleich zu Dutzenden vor ſeinem träumenden Geſichte. Er vere fuchte begierig, ſie klar zu ſehen, bemühte ſich, ſeine Hin Augen zu öffnen— er wachte und ſah die Sterne vor Mo dem herrlichen Strahle des Tages verſchwinden, auf lege deſſen Lichtprismen Millionen Atome tanzten. imn Eine Viertelſtunde ſpäter ſah man ihn mit ſeiner Jagdflinte auf der Schulter durch die morgenfriſche Ge⸗ koſe gend ſtreifen. Es war ein Frühlingsmorgen, ſchön, wie ihn Böttiger befingt: der So ruhig froh war die Natur, B Und jeder Hügel ſtand ſo grün, tige helles e n 6 en.“ Freun⸗ mir öffne⸗ danken, vie die wie der kommt, Freude ill eure ihrem uf und Augen⸗ ten ſo⸗ t Er , ſeine rne vor n, auf it ſeiner che Ge⸗ ön, wie Und jede Lerche auf der Flur Sang zu der Blumen ſtillem Blüh'n. So ſachte folgte ſeiner Bahn Der Bach zum ſpiegelklaren Teich, Wo ſich im Schilfe barg der Schwan An Sang und Silber reich. Der Sonne nach der Adler flog, Zu baden ſich im Feuermeer, Die Biene ihren Nectar ſog, Ameiſe ſammelt Schätze ſchwer. Es nahm zu Roſen ihren Flug Der Schmetterlinge bunte Schaar, Der grüne Zweig des Ahorns trug Ein zärtlich koſend Taubenpaar. Ein Jüngling, der mit Hoffnungsmuth Im Waldesſchatten ging, Indeß ſein Blick voll Frühlingsgluth An lieben Bildern hing. In dieſem Jüngling erblicken wir jetzt Kornet Karl, der in der Fülle eines wonnigen friſchen Gefühls, wie ſie nur die Morgenſtunden des Lebens und der Natur vereinigt ſchenken, um ſich blickte, bald zum klaren, blauen Himmel hinauf, bald auf das in den Diamanten des Morgenthaus glänzende Gras hinab, bald in die ent⸗ legene Ferne hinaus, wo roſenfarbige leichte Wolken ſich immer weiter und weiter wegzogen. Ein lieblicher balſamiſcher Hauch auf den Schwingen foſender Zephyre getragen. So weit hatte ich ugter immer ſteigender Wärme der Gefühle geſchrieben, als ich auf einmal einen ſo ſtarken Duft von Roſeneſſenz verſpürte, daß ich ganz wirr im Kopfe wurde; zugleich vernahm ich ein gewal⸗ tiges Sauſen und Surren um mich her. Ich hob die — ———— Feder, die in dieſem Augenblick wie kollrig war, vom Papiere auf und ſah mich um. Welch ein Anblick! Das Zimmer war von kleinen leuchtenden Cherubs erfüllt, die Roſenkränze in den Hän⸗ den, Roſenkränze auf den Köpfen trugen und deren un⸗ aufhörlich zitternde Flügel das ſeltſame Summen her⸗ vorbrachten. Je länger ich dieſe wunderlichen Weſen be⸗ trachtete, um ſo blendender und verwirrender ſchienen mir die Farben, die in ihren Augen, auf ihren Wangen, ihren Flügeln u. ſ. w. glänzen. Und als ich meine Augen von ihnen weg auf andere Gegenſtände lenkte— ſiehe da ſchien mir meine Dinte weiß, mein Papier ſchwarz, meine gelbe Wand war grün, ich ſelbſt(im Spiegel) roſenfarbig. Kein Wunder, wenn Roſenduſt mir in den Kopf ſtieg. Jetzt erkannte ich die kleinen Schelme wieder; ich hatte ſie ſchon früher geſehen und wer hat ſie nicht ge⸗ ſehen, wer kennt ſie nicht? Sie ſind es, die das ſieben⸗ zehnjährige Mädchen umgaukeln, und ihr das Köpfchen ein wenig ſchief drehen. Sie ſind es, die den Blick des Jünglings verwirren und ihn in den Tabellen ſeiner Zu⸗ kunft Vergnügen und Nutzen ſtatt Nutzen und Vergnügen leſen laſſen. Sie ſind es, welche die Schuld tragen, daß man ſich viele Mühe um Nichts macht, daß man zehn Meilen weit einem Irrlicht nach⸗ läuft und ein andermal nicht klar genug ſieht, um die Hand aufzuheben und ſein Glück zu ergreifen, das ganz nahe vorüber ging. Sie ſind es, die gleich den April⸗ winden umherfahren, die ganze Welt zum Beſten haben und zum Narren machen, ſie ſind Schuld, daß P. hei⸗ rathet, B. ledig bleibt und Beide Unrecht daran thun; ſie machen, daß A. ja und B. nein ſagt und Beide das falſche Wort ausgeſprochen haben. Sie ſind es, die ſelbſt in das Comptoir des Banquiers Rechenmann ein⸗ dringen und ihnen ſeine Zahlen verwirren, ſo daß er ſtatt zwei ſieben ſchreibt Sie ſind es endlich, die ſo unbarmherzig um den Dichter herum ſauſen, ſummen und ſ nichts wahre Ihr ihr kl Aber gerne und lebens nung er ſick und d Gefah Feder ſie w das 7 ſah 3 Hof, Aufm anſtä ſophi um ſi Blick Phan gen 1 ausbr mir Unwe Und gefaß eine gegel im 3 vom leinen Hän⸗ n un⸗ her⸗ en be⸗ n mir angen, meine klte— ßapier t(im ſenduſt ich ht ge⸗ ſieben⸗ pfchen ick des Zu⸗ n und he die Nichts nach⸗ im die s ganz April⸗ haben thun; de das , die m ein⸗ daß er die ſo ummen 14¹ und ſchimmern, ſo daß er oft Alles hervorbringt, nur nichts Vernünftiges, daß er die Wirklichkeit mit un⸗ wahren Farben malt und ſich ſelbſt und Andere irre führt. Ihr lieblichen Phantasmagorien der Einbildungskraft, ihr kleinen roſenfarbigen Schelme, wer kennt euch nicht? Aber wer weicht euch nicht aus, wer möchte euch nicht gerne verjagen, wenn er ein einziges mal eure Poſſen und Betrügereien aus Erfahrung kennen gelernt hat. Wer beſonders, der in dem Erdgeſchoß des Alltags⸗ lebens lebt und webt, und mit Beſonnenheit und Ord⸗ nung ſeine Spule in dem beſcheidenen Aufzug werfen will, muß ſich nicht mehr als alle Andere hüten, daß er ſich von euren Roſendüften nicht das Hirn umnebeln und den Gedanken verwirren läßt? Ich ſah, in welcher Gefahr ich ſtand, auf welchem bedenklichen Wege meine Feder Reißaus zu nehmen angefangen hatte. Ich legte ſie weg, ſtand auf, trank zwei Gläſer Waſſer, öffnete das Fenſter, athmete die noch ſchneekalte Aprilluft ein— ſah zu dem klaren Himmel empor, ſah hinab auf den Hof, wo man Kleider ausklopfte, wandte ſodann meine Aufmerkſamkeit auf drei Katzen, die mir gegenüber ganz anſtändig in einem Bodenfenſter ſaßen und mit philo⸗ ſophiſchen Blicken und kleinen Kopfbewegungen die Welt um ſich her betrachteten, mit einem Wort, ich ließ meine Blicke die Alltagswelt ringsum auffaſſen, um aus der Phantaſiewelt hinauszukommen, die ſich aus den Schwin⸗ gen meiner Jugenderinnerungen um mich her erhob und ausbreitete. Einer der kleinen niedlichen Schelme hatte mir ins Ohr geflüſtert:„Man darf ſich ſchon eine kleine Unwahrheit erlauben, wenn ſie nur ſchönen Effekt macht!“ Und hätte ich mich nicht noch bei Zeiten umgeſehen und gefaßt, ſo hätte der Leſer vielleicht einen Frühling und eine Liebe zu ſehen bekommen, dergleichen es noch nie gegeben hat, außer vielleicht in Arkadien. Als ich wieder vom Fenſter wegging, war die Luft im Zimmer frei und friſch. Die kleinen, roſenfarbigen 142 Truggeſtalten waren verſchwunden und ich ſah alle Ge⸗ genſtände wieder in ihren wahren, natürlichen Farben. Das Gemälde der Wirklichkeit muß einem klaren Bache gleichen, der in ſeinem Laufe alle Gegenſtände, die ſich in ſeiner Welle ſpiegeln, rein und treu wieder gibt und durch deſſen Kryſtall man ſeinen Boden und Illes, was darauf ruht, erblicken kann. Der Maler oder Dichter darf bei der Darſtellung deſſelben ſeiner Phantaſie weiter Nichts erlauben, als daß ſie die Rolle des Sonnenſtrahles ſpiele, der, ohne die Eigenthümlich⸗ keit eines Gegenſtandes zu verändern, gleichwohl allen Farben einen lebhaſten Glanz verleiht, den Lichtpunkt der Woge diamantgleich funkeln läßt und ſelbſt den Sand⸗ boden des Baches mit läuternder Klarheit erleuchtet Kraft dieſer gewonnenen Anſicht will ich mich jetzt in Ruhe und aller Beſcheidenheit der Rolle des Sonnen⸗ ſtrahles unterziehen und denſelben ſeine Klarheit über eine wahre Darſtellung von Frühling und Liebe aus⸗ gießen laſſen. Aber das Sonnenlicht kann ſo gut wie alles Andere ermüden, wenn es zu anhaltend währt(wie z. B. in Aegypten); deßhalb will ich meinen Sonnen⸗ ſtrahl während unſerer Wanderung durch das Elyſium der Jugend nur hie und da hervorblicken laſſen und bloß die Stellen beleuchten, wo meine Leſer vermuthlich am Liebſten verweilen möchten; oder auch, wo ich Luſt habe, niederzuſitzen, mich zu wärmen und auszuruhen. Treten wir jetzt aus dem Walde in Den erſten Honnenblick. Er leuchtet durch den düſtern Fichtenwald und ge⸗ währt uns die Ausſicht auf einen offenen Platz. Im Hintergrund erblicken wir das kleine graue Haus, das die Scene eines vorhergehenden Kapitels dekorirte. Im Vordergrunde ſehen wir den grünen Strand, den die flaren Wellen eines Binnenſees beſpülen. Granitfelſen erheben da und dort ihre formloſen Geſtalten und ſtehen wie 6 Seefr ihren reichen Luſt, 2 wahre zimme Graſe die N ihr E Himm ſtolzen in ihr ſtreckt faſſen innige Das ſchein nen, Bewu rufun überz des ji Gl größt geweſ Held unte vort gutes erratl empfi e Ge⸗ en. klaren ſtände, wieder und Maler ſeiner Rolle mlich⸗ allen tpunkt Sand⸗ h jetzt nnen⸗ über aus⸗ it wie t(wie onnen⸗ lyſium d bloß ch am habe, Treten nd ge⸗ Im „ das m en die itfelſen ſtehen 143 wie Schildwachen um den himmelblauen Palaſt der Seefrau herum; junge Birken zucken neben ihnen mit ihren grünen Kronen hervor und wiegen ihre wolluſt⸗ reichen Aeſte in den Weſtwinden, die ſie voll Leben und Luſt, mit einem Worte voll Frühling umſpielen. Am Ufer des Sees, im grünen Birkenhaine ge⸗ wahren wir einen jungen Mann und ein junges Frauen⸗ zimmer, neben einander auf dem blumengeſchmückten Graſe ſitzend. Sie ſehen glücklich aus. Sie ſcheinen die Natur, ſich ſelbſt, Alles zu genießen. Er erzählt ihr Etwas; ſeine Augen glänzen und ſtrahlen bald zum Himmel empor, bald blicken ſie mit einem Ausdruck ſtolzen, ſeligen Bewußtſeins vor ſich hin, als wollten ſie in ihrer Seele leſen. Er ſchlägt ſich auf die Bruſt, er ſtreckt die Arme aus, als wollte er die ganze Welt um⸗ faſſen; er ſpricht mit der ganzen Wärme einer tiefen innigen Ueberzeugung und muß daher ſicher überzeugen. Das Mädchen lauſcht freundlich ſeinen Worten, ſie ſcheinen ihr zu gefallen; ſie lächelt zuweilen unter Thrä⸗ nen, zuweilen mit einem Ausdruck der Ueberraſchung und Bewunderung, faltet oder erhebt ihre Hände unter Aus⸗ rufungen lebhafter Freude und ſieht überhaupt immer mehr überzeugt aus.— Ueberzeugt von was? Von der Liebe des jungen Mannes? „Gott bewahre! Gleich ſolls doch immer Liebe gelten!“ Nein— überzeugt davon, daß Guſtav Waſa der größte König, Guſtav Adolf der größte Rittersmann geweſen, die je gelebt; daß Karl XII. ein weit größerer Held als Napolevn, und daß das ſchwediſche Volk unter allen Völkern der Erde das erſte und vortrefflichſte ſei. Irgend eine meiner Leſerinnen, die ein beſonders gutes Gedächtniß oder ſonſt eine ungewöhnliche Gabe zu errathen beſitzt, wird hier vielleicht die raketengleiche Idee empfinden: —— ——— „Hier haben wir ſicherlich Kornet Karl und ſeine Linnaea borealis, oder die ſchöne Herminia.“ So war es auch. „Aber wie hatten ſie die Bekanntſchaft mit einander gemacht?“ fragt vielleicht eine. Ich antworte:„Siehe das alte Teſtament I. Moſes 24. K. Eleazars Bekanntſchaft mit Rebekka. Die Modi⸗ fikationen, welche der Unterſchied zwiſchen den Sitten und Redensarten älterer und neuerer Zeiten, zwiſchen einer idylliſchen Scene in Meſopotamien zur Zeit der Patriarchen und einer in Schweden im neunzehnten Jahrhundert hervorzubringen vermag, ſind nicht bedeutend genug, um mich zu einer neuen Schilderung eines Auf⸗ trittes zu veranlaſſen, der bloß Gelegenheit liefern würde, Salomos langweiliges aber wahres Sprichwort, daß es nichts Neues unter der Sonne gebe, zu wiederholen, und wobei ich noch das fatale Geſühl haben müßte, eine ſchwache Kopie zu einem ſchönen Original gegeben zu haben: genug, auch hier war ein müder Wanderer, eine Ouelle, ein junges Mädchen, die mit einem Kruge kam um Waſſer zu ſchöpfen und die dem Reiſenden zu trinken gab. Dieſer hatte zwar keine Kameele, aber doch ein ſanftes, dankbares, für alle Liebe außer der chriſtlichen undurchdringliches Herz. Und dieſe ſchöne Weichheit und dieſe edle Kraft veranlaßten ihn, die holde Magd nach Hauſe zu begleiten und ihr den Waſſerkrug zu tragen. Nachdem wir jetzt einen Lichttrunk(um die Mäßig⸗ keitsvereine nicht vor den Kopf zu ſtoßen, will ich ihn nicht einen Appetitsſchluck nennen) am erſten zu uns genommen haben, gehen wir über zum Zweiten Sonnenblick, welcher uns eine Anſicht von der Waldfamilie, ſo wie eine Einſicht in Kornet Karls Herz geben wird, zugleich zu einer Ueberſicht deſſen führen kann, was die Abſicht des S liſchen Lebene und r 2 geſtell Stiefr freien abwei Gattit viel z gerten zu ſei konnte lich friſche Weſer einer Benel klar dies: mente nen unwil ſeine Natu Leben fühlt zeichr Korn für ſ daß währ daß Beka entde B ſeine ander Moſes Modi⸗ Sitten iſchen t der ehnten eutend Auf⸗ vürde, daß es i, und „eine en , eine e m trinken ch ein ſtlichen eichheit Magd ug zu Räßig⸗ ch ihn u uns ſo wie ugleich Abſicht 145 des Schickſals mit ihm ſein mag und endlich zu mora⸗ liſchen Reflerionen über die Aufſicht, die im Spiele des Lebens über das eigene Herz zu führen Jedermann gut und räthlich iſt. Wenn Herminia mit Recht der Rebekka an die Seite geſtellt werden konnte, ſo hatte dagegen Baron K. ihr Stiefvater nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit dem gaſt⸗ freien Bethuel. Aeußerſt kalt und unfreundlich, beinahe abweiſend empfing er den jungen Wanderer. Seine Gattin, die bereits erwähnte ſchöne Waldfrau, war nicht viel zuvorkommender. Es ſchien, als fürchteten und är⸗ gerten ſich beide, in ihrem Verſtecke aufgeſpürt worden zu ſein. Aber bei einem jungen Mann, wie Kornet Karl, konnte man nicht lange ängſtlich oder kalt und unfreund⸗ lich ſein. Seine Offenheit, ſeine liebenswürdige und friſche Munterkeit, die Güte, die aus ſeinem ganzen Weſen hervorleuchtete, ſeine Einfachheit, verbunden mit einer gewiſſen vom Vater ererbten edlen Anmuth des Benehmens, ſein ſorgloſer, freier, ſanfter Blick, der immer klar und ruhig den Blicken Anderer entgegentrat, Alles, dies machte, daß Leute von den verſchiedenſten Tempera⸗ menten, Charakteren und Gemüthsarten ihn lieb gewan⸗ nen und ſich gut mit ihm vertrugen. Man fühlte ſich unwillkürlich geneigt, Vertrauen zu ihm zu faſſen und ſeine Geſellſchaft zu wünſchen, wie man in der freien Natur zu leben wünſchte,— darum, weil man das Leben in ihr leichter und ſich ſelbſt glücklicher und beſſer fühlt; denn wenn wir..., doch wozu ein langes Ver⸗ zeichniß von Sachen, die Jedermann auswendig weiß? Kornet Karl wünſchte die Baronin K. und ihren Mann für ſich zu gewinnen und gewann ſie auch in dem Maße, daß ſie ihm ſeine Bitte, wiederkommen zu dürfen, ge⸗ währten, jedoch nur unter der ausvrücklichen Bevingung, daß er Niemanden, ſelbſt ſeiner Familie nicht, ſeine Bekanntſchaft mit ihnen und ihrem Aufenthaltsorte entdecke. Bremer, die Familie H. 10 Der Kornet gelobte dieß, weil— weil er eine ganz unbegreifliche Luſt in ſich verſpürte, wiederzukommen. Einige wenige Tage reichten hin, um ihm eine Einſicht in die eigenthümlichen, unglucklichen Verhältniſſe dieſer Familie zu gewähren; aber es dauerte lange, bis er die Urſachen derſelben begriff. Baron K. war ein Schwede, ſeine Frau und Stieftochter Italienerinnen; vor etwa zwei Monaten war er mit ihnen in Schweden angelangt. Ihre Kleider waren prachtvoll und in hohem Grade elegant; ihre Manieren, ihre Sprache, ihre Bil⸗ dung und ihre Talente verriethen, daß ſie den höheren und feineren Kreiſen der Geſellſchaft angehörten und doch mangelte es ihnen jetzt an einer Menge der noth⸗ wendigſten Bedürfniſſe des Lebens, NB. ſolcher, welche den verzärtelten Kindern der Welt nothwendig geworden ſind. Außer einem einzigen Zimmer, worin man alle aus dem Schiffbruch irgend eines Glücks gerettete Flitter gleichſam zuſammengeſcharrt hatte, deutete Alles im Hauſe auf wirkliche Armuth. Die tägliche Koſt, welche die ſchönen Italienerinnen genoſſen, war nicht beſſer, als ſie jeder Taglöhner in Schweden hat. Der Kornet ſeines Theils beſtand immer darauf, es gebe nichts Köſtlicheres, als Häringe und Kartoffeln. Zwiſchen Baron K. und ſeiner Gemahlin herrſchte beinahe immer Sturm und Ungewitter. Bald ſchien die heftigſte Liebe vorzuwalten, bald entſchiedener Haß, der im Weſen der Baronin manchmal einen Ausdruck ſtolzer Verachtung annahm, waͤhrend er ſich bei ihm in Ausbrüchen des Zorns und der Raſerei Luft machte. Es fielen Scenen zwiſchen den unglücklichen Gatten vor, in denen ſie ſich gegenſeitig die bitterſten Vorwürfe und Beſchuldigungen entgegenhielten; die allerunbedentendſte Kleinigkeit konnte Veranlaſſung dazu geben. Eine beinahe beſinnungsloſe Raſerei von ſeiner, verzweifelte Ausrufungen und Thränen von ihrer Seite machten ſolchen Auftritten gewöhnlich ein Ende. Der Character der Baronin ſchien im Grunde edel zu ſein, allein ſie war dabei unbiegſam, ſtolz und äußerſ despot nur i zuweil etwas verdier Engel Fittige Kamp Natur 6 Dieſe gekom frühze und b gefühl chelnd liebev Mutt lichkei Beſch von t Es n wie e unter ſie 3 Karl tern für Rahe Hern ſchaff Müh wie am ganz . eine ltniſſe e, bis r ein nnen; weden hohem öheren und noth⸗ welche vorden n alle Flitter Hauſe he die als ſie ſeines cheres, rrſchte en die der ſtolzer rüchen Scenen ſie ſich ungen konnte gsloſe hränen hnlich zrunde z und 147 äußerſt leidenſchaftlich. Ihr Mann, zugleich ſchwach und despotiſch, hatte ein aufbrauſendes wildes Gemüth— nur in Aungenblicken einer Art reuevoller Ruhe, die zuweilen über ihn kam, konnte man ahnen, daß auch er etwas Edleres hatte— Etwas, das geliebt zu werden verdiente. Geduldig, freundlich und ſanft, wie ein leidender Engel, ſtand Herminie da, und breitete die ſchneeweißen Fittige ihrer Unſchuld verſöhnend zwiſchen dieſen, im Kampfe der Leidenſchaften verwilderten und verbitterten Naturen aus. Sie war, was man eine ſchöne Seele nennt. Dieſe aber war nicht, wie ihr ſchöner Leib, ſo zur Welt gekommen. Sie hatte ſich durch frühzeitiges Leiden, durch frühzeitige Erfahrung häuslicher Sorgen und Nöthen und beſonders durch ein frühzeitig entwickeltes Religions⸗ gefühl gebildet, kraft deſſen ſie mit Geduld ertrug, lä⸗ chelnd entſagte, ihren Schmerz dem Himmel opferte und liebevoll und unermüdlich auf der Erde wirkte. Um ihrer Mutter Leiden zu lindern und ihr etwas mehr Bequem⸗ lichkeit zu verſchaffen, unterzog ſie ſich ſelbſt den gröbſten Beſchäftigungen in der Haushaltung, die im Uebrigen von der einzigen Magd des Hauſes beſorgt werden ſollten. Es war rührend, das ſchöne, idealiſch feingebildete Weſen wie eine Dienſtmagd arbeiten und Laſten tragen zu ſehen, unter denen ſie zuſammen ſauk— de. h. unter denen ſie zuſammengeſunken ſein würde, wäre nicht Kornet Karl erſchienen und hätte ſie auf ſeine eigenen Schul⸗ tern genommen. Von Stund an veränderte ſich viel für Herminie. Wie Jakob bei Laban um die ſchöne Rahel diente, ſe diente Kornet Karl bei Baron K. um Herminiens Mühen zu erleichtern. Er jagte und fiſchte, ſchaffte Vorräthe in die Küche und ließ ſich nur mit Mühe abhalten, ſelbſt den Koch zu machen, wenn er ſah, wie Herminie ihr ſchönes Geſicht, ihre ſchönen Hände am Feuer verbrennen mußte. Eine Bnseehat andrer 1 148 Art wagte er den in ihrer Armuth ſtolzen und groß⸗ thuenden Leuten nicht anzubieten. Herminie hatte bisher ihrer Mutter beinahe wie eine Sklavin gedient, ohne mit der Zärtlichkeit belohnt zu werden, deren ſie ſo würdig war. Die Baronin K. ſchien gewöhnt Opfer anzunehmen, ohne dafür zu dan⸗ ken; noch weit weniger aber ſchien ſie ſelbſt welche brin⸗ gen zu wollen. Mit Mühe ertrug ſie die Qual der Niedrigkeit und Armuth, in die ſie ſich verſetzt ſah. Von Herminia ver⸗ langte ſie, daß ſie ſich, wie ſie ſelbſt, jederzeit geſchmack⸗ voll und prächtig kleiden ſolle, wozu eine ſehr reiche aus Italien mitgebrachte Garderobe ihnen die Mittel an die Hand gab. Es war, als wollte ſie in dieſen Trümmern einer verſchwundenen Pracht und Größe Troſt über ihr dermaliges Schickſal ſuchen, oder als könnte ſie nicht glauben, daß dieſes Schickſal wirklicher Ernſt ſei, ſondern bloß ein augenblicklicher Zauber, der ſich in jeder Minute auflöſen könne; als erwarte ſie, der Zauberſtab irgend einer Fee werde das kleine, graue Haus in einen Palaſt verwandeln, und halte ſich deßhalb bereit in einem ihrem Rang und ihrer Würde angemeſſenen Aufzug Aufwartungen und Gluͤckwünſche entgegen zu nehmen. Von ihrem Stiefvater wurde Herminie gleichgültig und hart behandelt, auch ſah man deutlich, daß ſie, was ſie für ihn that, nicht um ſeinet, ſondern um Gottes willen that. Von dem Augenblick an, da der Kornet ins Haus kam, erwarb er ſich eine Art Gewalt darin, die täglich zunahm und die er dazu verwandte, Herminien ein er⸗ quicklicheres Daſein zu bereiten. Baron K. war den Tag über meiſtens fort und kam erſt gegen Abend zurück; manchmal blieb er auch zwei oder drei Tage aus. In dieſen Friedenszeiten wußte der Kornet Herminien eine Freiheit zu verſchaffen, die ſie früher nie gekannt und deren ſie ſich jetzt mit kind⸗ — lichem welche Spazi zu un vergm auf's glaub Veget den e Eiſen. ſelbſt Krähe Saue nenka wächſ würdi die w „größ führte und flößen in ir ſuchte in de beſtär wenn den G Felſet das bishe hatte. und Orea ſchen ſtrahl groß⸗ e wie elohnt in K. tdan⸗ brin⸗ it und a ver⸗ hmack⸗ reiche tel an dieſen Troſt nte ſie nſt ſei, jeder berſtab us in bereit eſſenen en zu gültig „was Gottes Haus täglich in er⸗ d kam zwei wußte n, die kind⸗ — 149 lichem Entzücken erfreute. Er vermochte ihre Mutter welche viel Sinn für Naturſchönheiten beſaß, lange Spaziergänge in der wilden aber romantiſchen Gegend zu unternehmen. Die Botanik war früher ihr Lieblings⸗ vergnügen geweſen; der Kornet belebte ihre Luſt dazu auf's neue. er ſah überall Blumen(auch da, wo es, glaube ich, keine gab) um die in ihres Vaterlandes üppige Vegetation verliebte Rtalienerin zu überzeugen, daß Schwe⸗ den eben ſo reich an Blumen ſei, wie an Helden und Eiſen. So viel iſt wenigſtens gewiß(er hat es ſpäter ſelbſt geſtanden), daß er ſich nicht ſcheute die Ruhrpflanze, Krähenklauen, den Sumpſporſch, die Gerbermyrthe, den Sauerampfer, den Wermuth, den Rainfarren, den Hah⸗ nenkamm, den Sturmhut und andere höchſt ordinäre Ge⸗ wächſe der Art als äußerſt ungewöhnliche und merk⸗ würdige Naturprodukte zu rühmen. Als das Schönſte in der Natur nannte er beſonders die wunderbare niedliche Blume, die ihren Namen vom „größten Naturforſcher der Welt, dem Schweden Linné“ führte. Nach dieſer Wunderpflanze ſuchte er der Baronin und Herminien die möglichſt größte Sehnſucht einzu⸗ flößen. Alle Tage hatte er neue Ahnungen, ſie werde in irgend einer neuen Gegend zu entdecken ſein— er ſuchte lange— lange und emſig und entdeckte ſie erſt in dem Augenblick, da er ſeine Liebe entdeckte. Dieſe Spaziergänge gaben dem Kornet Gelegenheit, beſtändig um Herminia zu ſein. Er gab ihr den Arm, wenn ſie gingen; wenn ſie ausrühten, ſchützte er ſie vor den Sonnenſtrahlen; allmählig veranlaßt er ſie auf den Felſen umherzuſpringen und zu klettern, mit einem Wort das freie friſche Jugendleben zu genießen, wovon die bisher in klöſterlicher Stille Aufgewachſene keine Ahnung hatte. Wenn ſie jetzt mit dem Purpur der Geſundheit und Freude auf ihren Wangen ſchön und leicht wie eine Oreade in der von Frühling und Wohlgeruͤchen zauberi⸗ ſchen Natur umher ſchwebte und ihr Engelsgeſicht oft ſtrahlend von dankbarer Ergebenheit demjenigen zuwandte, 150 der ihr zu dieſem Lebensgenuſſe verhalf, da da empfand der Kornet etwas Wunderliches in ſeinem Her⸗ zen eine Wärme, eine Wonne— ein ganz beſon⸗ deres, ihm bisher durchaus fremdes Gefühl. Die Baronin ſchien die beiden jungen Leutchen wie zwei Kinder zu betrachten, deren Spiel ſie erlaubte, weil ſie doch alle ihre Freuden, alle ihre Blumen ihr als Opfer darbrachten. Der Kornet beſaß die glückliche Gabe, die Leute auf gutem Fuße mit ſich ſelbſt und ſomit auch mit Andern zu erhalten. Am meiſten war er Herminien jedoch in den Stun⸗ den, wo die ſo häufig ſich wiederholenden, unangenehmen häuslichen Auftritte ihr bittere Thränen entlockten, welche ſie meiſtens in der Küche verbergen wollte. Dann folgte er ihr, tröſtete ſie mit brüderlicher Zärtlichkeit oder be⸗ wog ſie mit ihm auszugehen und ſuchte dann durch intereſſante Geſpräche und Erzählungen ihre Aufmerkſam⸗ keit auf fröhlichere Gegenſtände zu lenken. Man hatte einmal im Hauſe nach Herminien ver⸗ langt und ſie gerufen. Sie war nicht zugegen und dieß zog ihr harte Vorwürfe von Seiten ihres Stiefvaters zu. Der Kornet nahm dieſelben als einen ihm hinge⸗ worfenen Handſchuh auf und die Art, wie er die Heraus⸗ forderung beantwortete, erwirkte Herminien größere Frei⸗ heit. Er konnte jetzt oft allein mit ihr ausgehen. Ihre Erziehung war in Bezug auf die meiſten wichtigeren Kenntniſſe verwahrlost. Er wurde ihr Lehrer(beſonders in der ſchwediſchen Geſchichte) er ward ihr ein Bruder. Sie gab ihm auch bald dieſen ſüßen Namen, und als ſie eines Tags mit einander die ſchwediſche Grammatik ſtudirten, kamen ſie dahin überein, daß Du unvergleich⸗ lich ſchöner ſei als Sie und daß ſie zu einander das erſte ſagen müſſen. Herminie dagegen wurde dem Kornet, man kann gerade nicht ſagen eine Lehrerin, auch nicht juſt eine Schweſter, aber ſie wurde ſo unvermerkt ſeiner Augen Licht, ſeines Lebens Freude, ſeine. es iſt hohe Zeit, — daß bena war glau vor als des Arn welc zwa tritt Der weg nier terr ſie und ſich Höt dem Br wu zu aby mie un lich ſo ha zur me . da Her⸗ beſon⸗ utchen aubte, n ihr ckliche t und Stun⸗ ehmen welche folgte er be⸗ durch rkſam⸗ 1 ver⸗ d dieß vaters hinge⸗ eraus⸗ Frei⸗ Ihre tigeren onders ruder. nd als nmatik gleich⸗ er das kann ſteine Augen Zeit, — 151 daß ich meine Leſer und beſonders meine junge Leſerinnen benachrichtige, wie es mit Kornet Karl ausſah. Er war— verliebt!!! Das hätte wohl Niemand je errathen. Er ſelbſt glaubte es weder, noch ahnte er es, noch errieth er es vor dem Pritten Sonnenblicke, als er eines Abends beim Sonnenuntergange am Ufer des ſpiegelruhigen Sees ging. Herminie ging an ſeinem Arme. Sie war ſtill und blaß— blaß von jener Bläſſe, welche zeigt, daß das Herz freudlos iſt; daß man ſich zwar in Geduld ergibt, aber dennoch leidet. Ein für ihre weiche Seele tief erſchütternder Auf⸗ tritt hatte ſo eben zwiſchen ihren Eltern ſtattgefunden. Der Kornet hatte ſie beinahe mit Gewalt von ihnen weggeführt und bemühte ſich jetzt, aber vergeblich, ihr niedergeſchlagenes Gemüth zu zerſtreuen und aufzumun⸗ tern. Nachdem ſie eine Weile gegangen waren, ſetzten ſie ſich unter den Birken neben einer mooſigen Felswand und betrachteten ſchweigend den erlöſchenden Purpur, der ſich auf dem Waſſerſpiegel und den waldbewachſenen Höhen des andern Ufers malte. Jetzt erſt wandte Herminie ihr thränenvolles Ange dem Kornet zu und ſagte:„Du biſt ſehr gut, mein Bruder...“ Sie wollte mehr ſagen, aber ihre Stimme wurde unſicher; ſie ſchwieg, ſchien mit ihrer Bewegung zu fämpfen und fuhr dann, ihr Geſicht halb von ihm abwendend, fort: „Du verweilſt hier um meinetwillen, aus Güte für mich und du haſt um meinetwillen manche unangenehme und ſchwere Stunden und. du könnteſt doch ſo glück⸗ lich ſein, du haſt ja einen Vater, eine Mutter, ſo gute, ſo vortreffliche Menſchen.. Geſchwiſter, die Du ſo lieb haſt;— ſie müſſen dich vermiſſen. kehre zu ihnen zurück— bleibe bei ihnenz ſei glücklich. komm nicht mehr hieher zurück.“ 152 Der Kornet ſaß ſtumm da und blickte in den See und wie in einem Spiegel der Seele ſah er in dieſem Augenblick zugleich in ſein Herz hinein. „Warum ſollteſt du deine Beſuche hier fortſetzen?“ begann Herminie auf's Neue mit einem überzeugenden Ausdruck in der weichen, holden Stimme.„Du machſt dir ſelbſt viele Mühe, viele Unannehmlichkeiten und kannſt mein Schickſal doch nicht ändern. Mein Vater hat heute bittere drohende Worte zu Dir geſprochen... ach verlaß uns! Warum ſfollteſt du länger hier weilen? Sei meinet⸗ wegen nicht unruhig Karl... Gott wird mir Stärke ver⸗ leihen und mir helfen.“ „Herminie!“ ſagte der Kornet,„ich kann dich nicht verlaſſen. aber es geſchieht ebenſowohl um meinet⸗ als um deinetwillen.... Herminie wandte ihm mit einem fragenden Blick ihr Geſicht zu, während ein paar große Thränen lang⸗ ſam über ihre Wangen hinabrollten. „Weil weil,“ fuhr der Kornet tief aufgeregt fort,„weil ich dich über alle Beſchreibung liebe, Herminie— weil ich keine Freude in der Welt habe, wenn ich nicht dich ſehen, nicht bei dir ſein kann...“ Herminiens Engelsgeſicht ſtrahlte vor Ueberraſchung und inniger Freude. „So gibt es alſo doch Jemand, der mich liebt... und das biſt du, mein Bruder! Wie gütig Gott gegen mich iſt!“ Und ſie reichte dem Kornet die Hand. „Haſt du mich auch lieb?“ fragte er mit heimlichem Beben, die kleine weiße Hand zwiſchen den ſeinigen haltend. „Wie könnte ich anders?“ antwortete Herminie, „ich bin ja erſt glücklich geworden, ſeit ich dich kennen lernte. Du biſt ſo vortrefflich, ſo gut. Du biſt der Erſte, der Herminie ſo liebt.“ „Auch der Erſte, den Herminie liebt?“ fragte der Kornet, etwas beherzter. der ſich geſe ſo ſ ſchö ſein Mei in! Fel ten. keit folg meh wer ſtan gut vert zu glei * See ieſem en enden achſt annſt heute erlaß inet⸗ ver⸗ nicht inet⸗ Blick ang⸗ eregt liebe, habe, hung „„ een chem tigen inie, nnen der der — 153 „Ja gewiß, außer meine Mutter.“* Ein inniges Gefühl der Seligkeit bemächtigte ſich der beiden jungen Liebenden und als hätte Amor ſelbſt ſich in Roſenwolken auf den Roſen hinter ihnen nieder⸗ geſenkt, umfloß ſie in dieſem Augenblick ein Wohlgeruch ſo ſüß, ſo entzückend,(ſicherlich hatte der Olymp keine ſchönern Ambroſia) daß der Kornet mitten im Entzücken ſeiner Seele aufſprang und rief:„Das iſt die Linnaea! Meine Lebensblume iſt gefunden!“ Sie wuchs wirklich in langen, laubigen Ranken längs den moosbewachſenen Felſen hin. Bald war für Herminie ein Kranz gefloch⸗ ten. Wer vermag die Seene reiner, herzinniger Selig⸗ keit und unſchuldiger Freude zu beſchreiben, die jetzt folgte? Herminie war nicht mehr blaß ſie fragte nicht mehr, ob Kornet Karl zu den Seinigen zurückkehren werde. Sie war ja ſein, er war der ihrige. Sie ver⸗ ſtanden einander, ſie waren glücklich. Alles werde jetzt gut werden— ſie werden immer beiſammen ſein. Nichts vermöge ſie mehr zu trennen— ſie gehören einander an, auf Erden— und im Himmel. Die Natur ſchien mit dem ſeligen, jungen Paare zu ſympathiſiren; mild und voll Liebe ſchloß ſie dieſelben gleich einer zärtlichen Mutter in die koſenden Arme. „Ich fühle recht gut, welche Haufen von Romangold ich in dieſem Augenblick von mir ſtoße. Ich ſehe klar ein, wie Alles in dieſem kleinen Romankrümchen beſſer, intereſſanter einge⸗ leitet und lebbafter ausgeführt ſein könnte; wie ſowohl Ein⸗als Ausgang vieſes Stücks meinem Buche einen verdoppelten Ab⸗ gang bereiten könnte Aber dieß hätte mehr Worte, folglich mehr Zeilen, folglich mehr Papier erfordert und mein Verle⸗ ger iſt ſo ſchrecklich in Angſt, mein Buch möchte zu dick werden und nicht für einen Reichsthaler banco verkauft werden kön⸗ nen, daß ich mich genöthigt ſebe, meine Seele und meine Con⸗ cepte zuſammenzudrängen, um mein Buch innerhalb des feſt⸗ geſetzten Preiſes in den Buchhandel einzuzwängen. Mein Ver⸗ leger glaupt, ras ſchwediſche Publikum werde ſolchen Allrags⸗ ſachen keinen ſonderlichen Geſchmack abgewinnen. Ich glaube, daß er Recht hat, daß das Publikum Recht hat, und daß ich Recht daran thue, wenn ich mich darnach richte. —. 154 Wer gäbe nicht gerne zehn herbſiſchwere Jahr hin für einen Augenblick Frühling und Liebe! Pierter Sonnenblick ſcheint über des Kornets Zorn zu grimmiglich. An einem warmen Junitag kam der Kornet erhitzt, ermüdet, voll lechzender Sehnſucht nach einem freundli⸗ chen Blick von der Geliebten und einem labenden Trunk von ihrer Hand, im Wohnhauſe an. Schon vor dem Hauſe hörte er ihre Harfe erklingen. Er eilte hinauf und ſah Herminie, ſchöner und geſchmackvoller gekleidet, als je, mit der Harfe in den lilienweißen Armen daſitzen und neben ihr... o Entſetzen, o Blitz, o Donner, o Tod, o Werk der Unterwelt und Erfindung der Hölle! Neben ihr ſaß—— nicht Cerberus, das dreiköpfige Ungethüm, nein noch ſchlimmer!— nicht Polyphem mit dem einen Auge, nein noch ſchlimmer, weit ſchlimmer! nicht der Gott ſei bei uns— nein, noch unendlich ſchlimmer! Ach, ach es war nicht„la béte,“ die neben„la belle“ ſaß, nein, es war ein bildſchöner junger Mann, ein zwei⸗ ter Prinz Azor. Der ſchöne, ſtolze, ruhige, kühne, feine, zierbengliche Genſerich G. betrachtete mit Erſtaunen den erhitzten, beſtäubten und über das, was er ſah, höchſt verblüfften Kornet H. Bald jedoch erhob er ſeine Apollogeſtalt, ging mit anmuthsvoller Artigkeit dem Neuangekommenen entgegen, reichte ihm mit freundlicher Herablaſſung die Hand, drückte ſeine Freude aus, ihn auf dem Lande zu ſehen und erinnerte ihn an das letzte Mal, da ſie ſich in Stockholm getroffen. Der Kornet ſchien ſich ganz und gar nicht zu freuen und äußerte auch kein artiges Wort darüber. Genſerich ging wieder zu Herminie und erſuchte ſie, zu ſingen. Der Kornet ergriff irgend einen Vorwand, durch das Zimmer zu gehen, und flüſterte, als er an ihr vorbeikam:„Singe nicht.“ hin hitzt, ndli⸗ runk dem und als und Tod, eben üm, inen der mer! 1e“ wei⸗ liche bten, fften ſtalt, enen die e zu ſich ganz tiges und inen terte, 155 Mit gebieteriſchem Ton und Blick forderte die Ba⸗ ronin ihre Tochter auf, zu ſingen. Herminie ſang, aber mit zitternder Stimme. Der Kornet ſetzte ſich an ein Fenſter und wiſchte ſich mit einem Tuche den Schweiß von der Stirne. Er ſprach die ganze Zeit von Genſe⸗ richs Anweſenheit kaum drei Worte, theils weil Nie⸗ mand ihn anredete, theils weil der junge G. ſelbſt unaufhörlich das Wort führte. Und er ſprach ſo ſchön, hatte ſo ausgeſuchte und artige Wendungen in ſeiner Rede, erzählte mit ſo vielem Intereſſe;— er beſaß ſo mannigfaltige und allgemeine Kenntniſſe, daß es eine wahre Luſt(lies: ein wahrer Gräuel für den Kornet) war. Außerdem hatte er ein Bewufßtſein ſeines eigenen Werthes, wodurch derſelbe in den Gedanken Anderer noch geſteigert wurde. „Ich bin— ich habe— ich thue— ich billige— ich denke— ich will— ich werde— ich habe geſagt,“ war das Thema, um welches ſich ſeine Gedanken und Worte beſtändig herumdrehten und auf das ſie immer zurücktamen. Kurz und gut, dieſes Ich wurde allmählig ſo groß, ſo bedeutſam, ſchwoll ſo ſtark an, daß Kornet Karl ſein eigenes Ich gleichſam dahinſchmelzen oder verdrängt werden ſah. Er fühlte ſich in der drückenden Atmosphäre dem Erſticken nahe und mußte im Freien nach Luft ſchöpfen. Unter verzweifelten Gedanken ging er im Garten auf und ab. Welcher giſtige Wind, ſicherlich aus der Wüſte Sahara kommend, hat dieſen jungen Fideicommiſſarius, dieſen fatalen Genſerich G. hieher geblaſen. Die Ba⸗ ronin machte ihm ja ordentlich den Hof. Er iſt reich, er iſt ſchön, er iſt gebildet, er iſt Fideicommiſſarius, er iſt... ach Herr Gott! Was iſt er nicht Alles? Er legte ſeine Bewunderung für die ſchöne Herminie unverholen an den Tag, namentlich.... o, man möchte raſend wer⸗ den als ſie ſang. Und Herminie!... Warum mußte ſie ſingen, wäh⸗ rend ich ſie doch bat, es bleiben zu laſſen? Warum ließ 156 ſie ſich von einem fremden Manne. Cvollends einem Fideicommiſſarius) Artigkeiten ſagen? Warum ſchenkte ſie ihrem einzigen Freunde kaum einen freundlichen Blick, warum that ſie nicht einen Schritt, um ihm. auch nur ein Glas Waſſer zu ſchaffen? Nein, ſie ließ ihn daſtehen, ausgetrocknet, durſtig, ſchmachtend, gemartert an Leib und Seele! Niemand antwortete auf die Fragen des unglück⸗ lichen Liebhabers. Der Himmel trübte ſich über ſeinem Haupte und die zertretenen Pflanzen des Erbſenbeetes ſchnürten ſich um ſeine Füße. Auf einmal vernahm er den Hufſchlag von Roſſen. Er tönte in ſeinen Ohren wie Freudepauken; Genſerich ritt ſeines Wegs und der Kornet ging ſchnell ins Haus zurück, um Aufklärung und Schadloshaltung zu erlangen. Nichts von Beiden wurde ihm zu Theil. Die Baronin begegnete ihm kalt und abſtoßend. Ihr ſtrenges, wachſames Auge ruhte auf Herminie, die unaufhörlich nähte, ohne aufzuſehen. In dieſem Augenblick gegenſeitiger Spannung und Un⸗ zufriedenheit wurde der Kornet vom Beſuch ſeiner Fa⸗ milie überraſcht. Wie es zuging, weiß der Leſer. Jetzt folgte eine Zeit des Grams für den Kornet. Er konnte nicht mehr ins Haus ſeiner Geliebten kommen, ohne Genſerich G. ſchon vorher da zu finden. Sein Nebenbuhler wurde von dem Baron und der Baronin augenſcheinlich begünſtigt; der Kornet dagegen immer gleichgültiger von ihnen behandelt. Herminie allein war ſanft und freundlich, aber niedergeſchlagen, ſtill, zu⸗ rückhaltend und wich ſeinen Fragen aus. Um die Vorgänge in der Waldfamilie beſſer bewa⸗ chen zu können, beſchloß der Kornet, eine ſogenannte Fußreiſe anzutreten, welche darin beſtand, daß er ſich in einer Scheune möglichſt nahe an Herminiens Aufenthals⸗ ort, einquartirte; hier lag er die Rächte hindurch, wäh⸗ rend er den Tag über um Herminiens Wohnung herum⸗ ſchwärmte, wie eine Biene um die Blume. Man kann in einer Scheune ſelig ſein— ja auf — Str abet ſteck Diſt dar hau nen Die glä imn übe wu an, der ſten fein füh dur jäm die mü Fre übe eine wal mir er ver ver unt ein ſc iem nkte lick, uch ihn tert ück⸗ nem etes er ren der ung den kalt hte en. Un⸗ Fa⸗ net. en, ein nin mer lein zu⸗ vd⸗ nte in ls⸗ m⸗ — auf — 157 Stroh oder Heu liegend ſich im Himmel glauben! Wenn aber die Dornen des Grams und Unmuths das Herz ſtechen, dann iſt es gewiß, daß die Scheune und ihr Diſtellager die Qual noch vermehren. Der Kornet hätte darüber ein Liedchen ſingen können. Allmählig trat eine gkoße Veränderung im Wald⸗ hauſe ein. Es herrſchte Ueberfluß an Eßwaaren, Wei⸗ nen und mehreren Lurusartikeln, auch wurden mehrere Diener angenommen. Baron K. befand ſich bei der glänzendſten Laune von der Welt, die Baronin wurde immer majeſtätiſcher und ſtolzer.... der Kornet immer überflüſſiger und immer mehr überſehen. Genſerich G. wuchs ihm über den Kopf. Die größte Antipathie fing an, ſich zwiſchen den jungen Männern einzuſtellen, aber der ärgerliche, bittere und biſſige Kornet zeigte ſich mei⸗ ſtens von einer unvortheilhaften Seite, gegenüber dem feinen, immer kalt artigen und ruhigen Genſerich. Er fühlte es, er las es auf allen Geſichtern und wurde da⸗ durch noch mehr verſtimmt. Er ſpielte im Grunde eine jämmerliche Geige, wie man zu ſagen pflegt, und um die empfindlichen Ohren des Leſers nicht länger zu er⸗ müden, wollen wir uns umſehen im Fünften Sonnenblick. Unzufriedener als je mit Herminie, ihrer trübſeligen Freundlichkeit, ihrem rückhaltenden Weſen, voll Unmuth über ſich ſelbſt und die ganze Welt, ging Kornet Karl eines Abends gedankenvoll im ſtillen, ſäuſelnden Fichten⸗ walde einher. Da kam er an die Quelle, wo er Her⸗ minie zuerſt geſehen hatte; mit traurigem Gefühle ſtand er da und betrachtete in dem klaren Spiegel ſein ſonnen⸗ verbranntes, unmuthsvolles, nicht ſchönes Geſicht und verglich es in Gedanken mit Genſerichs ſchönem, klarem und klugem Ausſehen. Auf einmal ſah er in der Quelle ein Geſicht neben dem ſeinigen hervorblicken. Es war ſchön, wie das eines Engels— es war Herminiens —————— —— 158 Geſicht. Ein Freudeſchauer durchbebte den Kornet, wurde aber ſchnell von einem bittern Gelühl erſtickt. „Herminie,“ ſagte er,„du glaubteſt gewiß Genſerich hier zu finden.“ Herminie ſchwieg einen Augenblick ſtill, legte ſodann ſanft ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte bloß:„Karl! Haben wir aufgehört, einander zu verſtehen?“ Er ſah ſie an und ihr milder, liebevoller, aber be⸗ thränter Blick begegnete dem ſeinigen. Liebende! Wenn das Seidengewebe eurer Liebe und Seligkeit ſich verwirrt hat und ihr es wieder in Ord⸗ nung bringen wollt— ſo ſprecht nicht. Sehet ein⸗ ander an. Dem Kornet Karl war es auf einmal, als fiele ein Schleier von ſeinen Augen— der Nebel verſchwand aus ſeiner Seele. Jetzt wurde ihm plötzlich Alles klar und ſo himmliſch klar. Lange ſtanden die jungen Liebenden ſchweigend da und tranken Licht und Frieden und Selig⸗ keit aus ihren klar ſtrahlenden Blicken. Als beinahe kein Funken von Unruhe mehr in ihren Seelen übrig war, da begannen die Liebenden Erklärun⸗ gen und Verſicherungen auszutauſchen. „Biſt nicht du es?“ ſagte unter Anderem Herminie, „biſt nicht du es, der mich zuerſt geliebt hat, der mich hat fühlen laſſen, daß es ein Genuß ſein kann, zu leben? Und hätteſt du es auch nicht gethan— wie magſt du glauben, daß ich einen kalten Egoiſten, wie G., dir an die Seite ſtellen könnte.“ „Aber er iſt ſo entſetzlich ſchön!.. ſagte der Kornet, lachend und doch halb verlegen. „Iſt er das? Ich habe es nicht bemerkt. Mir ge⸗ fällt er nicht. Ich weiß nur einen, der mir gefällt— Einen, bei deſſen Anblick es mir wohl ums Herz wird — einen, den ich ſchön finde willſt du ſein Bild ſehen?“ Sie führte ihn zur Quelle. Der Kornet betrachtete mit Freu hat, ſagt dann ihrer einge nen, einig war tung Beſt und net Die Frü Seel Vög — a ruft entſe filde dem urde erich ann arl! be⸗ und Ord⸗ ein⸗ ein aus und nden elig⸗ hren run⸗ inie, mich en t du an der ge⸗ —— wird Bild htete 159 mit Wohlbehagen darin ſein ſonnenverbranntes, von Freude ſtrahlendes Geſicht. „Aber deine Eltern begünſtigen Genſerich... „Und ich begünſtige dich.“ „Er liebt dich.“ „Und ich liebe dich.“ „Hermenie!“ „Karl!“ Wenn der Menſch dieſes irdiſche Leben verlaſſen hat, um zu einem beſſern im Himmel überzugehen, ſo ſagt man vertrauensvoll:„Friede ſei mit ihm!“ Und dann wendet man ſich, um an etwas Anderes zu denken. Ebenſo, wenn zwei Liebende aus dem Jammerthal ihrer Zweifel in das klare Himmelreich der Verſöhnung eingegangen ſind, kann man ſagen:„Friede ſei mit ih⸗ nen,“ und an andere Gegenſtände denken. Werfen wir zum letzten„Gottes Frieden“ noch einen Sechsten Sonnenblick. Und dieſer lächelt ob der Wonne, welche während einiger glücklichen Tage über Kornet Karl ſtrömte. Er war Herminiens gewiß und ihr Schweigen, ihre Rückhal⸗ tung, ihre Höflichkeit gegen Genſerich, deſſen häufige Beſuche, ſein Ich, ſeine Liebhaberartigkeit... Baron K.'s und ſeiner Gemahlin Kaltſinnigkeit gegen ihn(den Kor⸗ net Karl)— dieß Alles beunruhigte ihn jetzt nicht mehr, Die Scheune gewährte ihm ein himmliſches Lager. Der Frühling in der Natur ſpiegelte den Frühling in ſeiner Seele ab. Der Wald, die Blumen, die Wände, die Vögel, Alles ſang ihm zu:„Freude, Freude!“ Freude? — ach Rinaldo, Rinaldo, hörſt du! Der Trompetenklang ruft dich von Armida hinweg und der Freude mußt du entſagen. Die Trompeten ertönen! Nicht von Paläſtinas Ge⸗ filden, nicht aus dem gelobten Lande— ſondern von dem Ladugardsfelde her— oder richtiger, von dem La⸗ dugardslande.* Gleichviel! Neuer Rinaldo, Kornet Karl, du mußt diejenigen verlaſſen, die tugendhafter, beſcheidener und daher auch ſchöner iſt, als Armida. Aus ihrem Zauberpalaſt(dem kleinen, grauen Hauſe) mußt du dich losreißen. So will es der unerbittliche General en chef aller Leibregimenter, das Schickſal, das auf die For⸗ derungen des Herzens ſo wenig Rückſicht nimmt. Die Trompeten tönen, die Pflicht ruft— ins Lager, ins Lager! Und der Siebente Sonnenblick erliſcht in den Abſchiedsthränen der Liebenden. Um unſre eigenen noch zu ſparen, kommandiren wir unſere Gedanken: Rechtsum kehrt euch, marſch! nach Thorsborg zurück. Dort werden wir mit alten Bekann⸗ ten neuen Geſchäften entgegengehen u. z. B. Die Erde durchgraben u. ſ. w. Eines Abends, als wir Alle um das Krankenbett der Blinden verſammelt waren, las Profeſſor L. aus einer Ueberſetzung von Herders Ideen vor. Das Thema war: die Ausbildung der Menſchen in einer andern Welt; die aufklärenden Winke in Betreff ſeiner Verwandlung, die uns ſchon auf Erden gegeben werden durch die Verwandlung, welche wir in den niedrigen Reichen der Natur bemerken, und die ſämmtlich Vervoll⸗ kommnungen ſind. Profeſſor L. ſchloß ſeine Vorleſungen mit folgenden Betrachtungen: „Die Blume zeigt ſich zuerſt als keimender Same, * Ladugardolandet ein Stadttheil Stockholms, wo mehrere Kaſernen ſtehen. Das dazu gehörige Ladugardsfeld wird zu den Exereitien der Truppen benützt. Anm. des Ueberſ. ſodant hervor Licht. es bei ling Menſe einem Stund macht zu ihr zu ih die R Langſ Zerſtö zurück allen komm bevor ſich at Nur fünfm Sie glanz ganze wovor thau in de ahnen kenner dieſe deſſelb ſchöne ruhen Lebene faſſen! 7 Br Karl, ener hrem dich chef For⸗ ager, wir nach ann⸗ nbett aus Das einer einer erden rigen voll⸗ nden ame, hrere rd zu 161 ſodann als Pflanzenſchößling; dieſer treibt die Knospe hervor und nun erſt kommt das Blumengewächſe an's Licht. Aehnliche Entwicklungen und Verwandlungen gibt es bei mehreren Geſchöpfen, unter denen der Schmetter⸗ ling ein bekanntes Sinnbild für die Verwandlung des Menſchen geworden iſt. Seht, da kriecht die häßliche einem groben Nahrungstricb fröhnende Raupe; ihre Stunde kommt und Todesmattigkeit überfällt ſie; ſie macht ſich feſt, ſie hüllt ſich ein, und hat das Geſpinſt zu ihrem Todtengewande, ſo wie einen Theil der Organe zu ihrem neuen Daſein bereits in ſich. Nun arbeiten die Ringe, nun ſtreben die inneren organiſchen Kräfte. Langſam geht zuerſt die Verwandlung vor ſich und ſcheint Zerſtörung; zehn Füße bleiben an der abgeſtreiften Haut zurück und das neue Geſchöpf iſt noch unförmlich in allen ſeinen Gliedern. Allmählig bilden ſich dieſe und kommen in Ordnung, aber das Geſchöpf erwacht nicht, bevor ſeine Verwandlung vollendet iſt; nun drängt es ſich ans Licht und ſchnell geſchieht die letzte Ausbildung. Nur wenige Minuten und die zarten Flügel werden fünfmal größer, als ſie unter der Todtenhülle waren. Sie ſind mit elaſtiſcher Kraft und mit allem Strahlen⸗ glanz begabt, der unter der Sonne zu finden iſt. Seine ganze Natur iſt verändert; ſtatt der groben Blätter, wovon er ſich vorher nährte, genießt er jetzt den Nectar⸗ thau aus den goldenen Kelchen der Blumen. Wer würde in der Geſtalt der Raupe den künſtigen Schmetterling ahnen? Wer würde in beiden daſſelbe Weſen wieder er⸗ kennen, wenn nicht die Erfahrung es uns zeigte? Und dieſe beiden Eriſtenzen ſind nur Lebensalter eines und deſſelben Weſens auf einer und derſelben Erde. Welche ſchöne Ausbildungen müſſen nicht im Schooße der Natur ruhen, wo ihr organiſcher Kreis weit größer iſt und die Lebensalter, die ſie entwickelt, mehr als eine Welt um⸗ faſſen? „Und ſo zeigt uns auch die Natur in dieſen Analo⸗ Bremer, die Familie H. 11 —— 162 werdender, d. h. in einen neuen Zuſut überge⸗ ender Geſchöpfe, warum ſie den Todesſchlummer in ihr Reic h der Geſtalten einwebte. Es iſt eine wohlthuende Brtüubug; die ein Weſen umhüllt, in welchem die or⸗ gniſchen Fräſt nach neuer Ausbildung ſtreben. Das Geſchöpf ſelbſt mit ſeinem ſtärkeren oder ſchwächeren Be⸗ wuß iſein hat nicht Kraft en ihren Kampf zu über⸗ ſehen und zu lenken; es en tſchlun mert alſo, und erwacht erſt, wenn es ausgebildet daſteht. Auch der Todesſch laf iſt alſo eine väterliche, milde Linderung; er iſt ein be⸗ gendes Opium, unter deſſen Wirkung die Natur ihre ammelt, und der entſchlummerte Kranke genest.“ L. Eine tiefe, ſanfte Rührung hatte 2 Wir ſaßen ſchweigend da, die Blicke auf unſere arme Kranke geheftet, über deren Wangen große langſam herabrollten, während ſchwache, gende Laute ſich zwiſchen ihren Lippen hervor⸗ 8 a 5 drängten. Die gnädige Frau liebkoste ſie zärtlich; der Oberſt legte wie ſegnend die Hand auf ihr Haupt. Ein tieſes, tonvolles, anhaltendes Schnarchen lenkte in dieſem Augenblick unſer Aller auf Lieutenant Arvid, der gemächlich in einer Sophaecke liegend mit offenem Munde und in die Luſt em vorgeſtrecter Naſe eingeſchlafen war. Dieſer Trompetenton war ein Sig⸗ nal zum Aufbruch für Inlie, die mit glühenden Wangen aus dem Zimmer eilte. Nach einer Weile ging ich ihr nach, um ſie aufzuſuchen, und fand ſie auf der Treppe dem Hauſe ſtehend, wo ſie ſich mit gekreuzten Armen iber das eiſerne Geländer hinauslehnte, den Blick feſt f den hellen Abendhimmel geheftet, an welchem blaſſe Sterne enert anfingen.„Julie!“ ſagte ich, indem ich den Arm um ſie ſchl ang. „Ach, Beate!“ ſeufzte Julie,„ich bin unglücklich— ich bin ſehr unglücklich!“ Ehe ich, antworten konnte, kam Lieutenant Arvid auf die Treppe heraus, und rief gähnend:„Was der Tauſend machſt du hier? Stehſt da und erkälteſt dich— bek mei gen zu leb laß wo wi ten ſpr berge⸗ in ihr huende ie oe⸗ n Be⸗ rwacht ein be⸗ enest.“ hatte Blicke zangen wache, hervor⸗ z der . Ein dieſem itenant d mit Naſe Langen ich ihr Treppe Armen ick feſt blaſſe gte ich, ich— Arvid as der — 1 — bekommſt Schnupfen und Bruſtweh. Komm doch herein, meine Liebe. Auch glaube ich, daß man bereits angefan⸗ gen hat, den Tiſch zu decken. Komm doch!“ „Arvid!“ ſagte Julie,„komm du ein Bischen hierher zu mir;“ und ſie ergriff freundlich ſeine Hand, und ſagte lebhaft:„Siehſt du, vie ſchön heute Abend Alles iſt;z laß uns in den Park hinabgehen— an das Plätzchen, wo wir einmal übereingekommen find, daß ich will dort mit dir ſprechen, will dich um Etwas bit⸗ en „Wir können ja ebenſo gut im Zimmer mit einander ſprechen „Ja ober es iſt ſo ſchön heute Abend. Sieh dich nur einmal um. Hörſt du den Vogel, wie lieblich er zwitſchert— hörſt du das Kuhhorn dort in der Ferne? Sieh einmal dorthin, wo die Sonne unterge⸗ gangen iſt welche ſanfte Nöthe! Ach, es iſt ein ſchöner Abend!“ „Charmant, mein Engel!“ antwortete Lieutenant Arvid mit einem erſtickten Gähnen.„Aber ich bin be⸗ ſeſſen hungrig, und habe, als ich an der Küche vorbei⸗ ging, einen göttlichen“Geruch von Kallops in die Naſe bekommen; ich ſehne mich darnach, ihn im Saale wieder zu finden. Ueberdieß ſteigt ja ein verdammter Nebel auf. Komm, mein Engel!“ „Arvid!“ ſagte Julie, indem ſie ihre Hand wegzog, „wir haben ſo ungleiche Neigungen— ich ſehe, unſer Geſchmack iſt ſo verſchieden..... „Liebſt du den Kallops nicht?“ „Gott ſegne dich mit deinem Kollops— ich ſpreche nicht davon, ſondern von unſern Reigungen, unſern Ge⸗ fühlen— die ſtimmen nicht überein„ „Ja— dafür kann ich nicht.“ „Nein„aber ich fürchte, daß wir nicht für ein⸗ ander paſſen daß wir unglücklich werden liebes Kind, das gibt ſich ſchon. Man muß „Ach, ſich nicht zum Voraus Kummer machen. Dieß raubt den 164 Appetit. Komm, laß uns ruhig zu Nacht ſpeiſen. Komm, meine liebe Frau.„ „Aber ich will nicht und ich bin nicht deine Frau,“ ſagte Julie, indem ſie ſich von ihm abwandte; „und,“ fügte ſie Etwas leiſer hinzu,„ich will nicht mehr deine Braut ſein.„„ „Nicht?“ ſagte Arvid ruhig.„Ja, aber ſiehſt du, es hat ſeine Schwierigkeiten, die Sache rückgängig zu machen. Du haſt meinen Ring, und ich habe den dei⸗ nen. außerdem iſt mir gerade nicht bange die Mädchen haben ihre Launen. Nun, nun, das gibt ſich wohl bis morgen. Adieu, Julie! ich gehe und eſſe Kal⸗ lops, verſchlucke du deine Launen!“ Und er verſchwand in der Hausflur. Julie ergriff meinen Arm und ging heftig weinend in den Garten hinab. Ich ging ſchweigend neben ihr her, in der Erwartung, ſie werde ihrem Herzen durch einige Klagen über ihren Bräutigam Luft ſchaffen. Aber ſie ſchwieg, drückte oft meine Hand, und fuhr fort, zu weinen. Als wir in eine Seitenallee traten, kam eine in einen Mantel gehüllte Geſtalt langſam auf uns zugeſchritten. Profeſſor L's. Stimme ließ ſich vernehmen; er redete Julie mit freundlichem Scherz über ihren romanhaften Geſchmack für Abendſpaziergänge an. Als er näher trat, ſah er ihre verweinten Augen, und wurde nun ſchnell ſtumm und ernſt. „Herr Profeſſor,“ ſagte Julie, halb luſtig, halb noch mit Weinen im Halſe,„ſagen Sie mir, was ſoll man thun, wenn man einſieht, daß man eine große Thorheit begangen hat, und ſie nicht mehr gut machen kann?“ „Dann,“ ſagte Profeſſor L.,„muß die Weisheit die Folgen der Thorheit tragen.“ „Und man muß dann auf ſein ganzes Leben lang unglücklich werden?“ „Unglücklich ſoll man nicht werden— aber beſſer und klüger ſoll man werden, und den begangenen Fehler 6— als der inzn heit und milt ſink hat alle ſelb We laß iun ſag unt Die ord bri rau wir liet ler mi omm, deine ndte; mehr ſt du, ig zu dei⸗ die t ſich Kal⸗ wand inend n ihr durch Aber t, zu einen ritten. redete haften trat, chnell noch man orheit it die lang beſſer eher 165 als eine Treppenſtufe anſehen, auf welche man ſteigt, um der Vollkommenheit näher zu kommen.“ „Das lautet ſchön und namentlich ſehr erbaulich— inzwiſchen aber wird man der Weisheit, der Vollkommen⸗ heit und des ganzen Lebens überdrüſſig werden können, und jeden Tag unerträglich finden.“ „Nur ein ganz ſchwaches Weſen,“ ſagte Profeſſor L. mild,„kann ſo zum Lebensüberdruß und zur Unluſt hinab⸗ ſinken. Die düſterſte und freudloſeſte Stellung im Leben hat ihre Lichtpunkte, wenn man ſie nur ſehen will. Bei allen Sorgen und Kümmerniſſen werden wir in uns ſelbſt am ſicherſten die Quellen des Troſtes finden. Wenn unſere Umgebungen uns ſtören oder quälen, ſo laßt uns in uns ſelbſt eine Freiſtätte und ein reiches inneres Leben ſuchen. Dann werden wir mit Hamlet ſagen:„O ich könnte mich in eine Nußſchale ſperren laſſen, und für den Herrn einer unermeßlichen Welt glauben!“ Dieſe Welt, die in uns lebt, kennen zu lernen, ſie zu ordnen, zur Klarheit und fortſchreitenden Ausbildung zu bringen, iſt ein Genuß, den uns keine Stellung im Leben rauben kann— ein Genuß, wie man bald erkennen wird, groß genug, um uns auch das kühlſte Erdenleben lieben zu laſſen. Denken lernen, heißt lieben und genießen lernen.“ „Aber,“ ſeufzte Julie,„wie ſoll man denken lernen mt enem „Mit einem Mann, der blos an Kallops denkt?“ ergänzte ich im Geiſte. „Gute Bücher,“ fuhr L. fort,„ſind ſanfte Tröſter, Führer und Freunde. Mit ihrer Hülfe wird es einem ernſten Willen wohl gelingen, ſein Inneres ins Gleich⸗ gewicht und zu einem feſten Halt zu bringen.“ Er ſchwieg einen Augenblick, und fügte dann mit Wärme und Rüh⸗ rung hinzu:„Meine Bücher, wie viel habe ich nicht euch zu danken!“ „Sie ſind unglucklich geweſen?“ fragte Julie mit in⸗ niger Theilnahme. 166 „Alles, was ich am Zärtlichſten auf der Erde liebte, habe ich verloren, und zwar nicht blos durch den Tod. Seit meinen Kindesjahren hat dieſe Prüfung mich ver⸗ folgt. Alles, woran ich mein Herz innig gehängt habe, iſt mir entriſſen worden. Mauche bittere Stunde iſt vor⸗ übergegangen, bis ich im Stande war, mich ergebungs⸗ voll vor dem Willen des ewig Guten zu beugen, und nch „O wer ſie tröſten könnte!“ rief Julie mit kindlich inniger Hingebung. „Ich habe,“ fuhr L. fort,„mein Herz abzuhärten geſucht, um es vor gar zu bitterem Leiden zu verwahren, ich habe lange gegen ſeine Aufwallungen gekämpft— ich bin nicht mehr jung— und doch(dieß ſagte er ſchmerz⸗ haft lächelnd) muß ich vielleicht bald zu meinen Büchern zurückkehren, um Troſt zu ſuchen.“ „Ich möchte ein Buch ſein,“ ſagte Julie mit Thrä⸗ nen in den Augen. Profeſſor L. blickte ſie mit väterlicher. nein, nicht gerade väterlicher, aber doch unbeſchreiblicher Zärt⸗ lichkeit an. „Gutes, liebenswürdiges Mädchen,“ ſagte er mit ſeiner ſchönen, harmoniſchen Stimme, fuhr aber nach einem Augenblick ruhiger fort:„Es iſt Schwachheit, zu klagen. Stärke zum Ertragen finden wir im Gebet und in der Ausübung unſerer Pflichten. Laßt uns aus dieſen Quellen Kraft ſchöpfen.“ Er reichte Julien die Hand, ſie gab ihm weinend die ihrige. In dieſem Augenblick kamen wir an eine Grube, wo drei kleine, ſchwarze Figuren, die aus der Erde auf⸗ zuſteigen ſchienen, unſern erſtaunten Blicken entgegen⸗ traten. Nicht minder verwunderten wir uns, als wir in denſelben die zwei kleinen Dicken und einen Spielkamera⸗ den erkannten, die bis um den halben Leib in einem Graben ſtanden und in tiefes Nachdenken verſunken waren. Auf unſere wiederholten Fragen über ihr Vorhaben er⸗ und raſcl Sch ein auft dur hini den ſein ebte, Tod. ver⸗ abe, vor⸗ ngs und dlich rten ren, ich terz⸗ hern hrä⸗ nein, ärt⸗ mit nach „zu und ieſen nend rube, auf⸗ egen⸗ ir in tera⸗ inem aren. er⸗ 2 folgte von ihrer Seite verworrene Töne, endlich die Entdeckung und etwa deutliche Erklärung iſſes. ten ſich näm vorgenommen, und ihrer Familie, namentlich dem Oberſ raſchung damit zu bereiten. Was ſie jetzt aufhielt, war wahrhaftig nicht die Schwierigkeit des Unternehmens, Gott bewahre! ſondern ein tieſer Gedanke, der in dem Gehirn des kleinen aufgeſtiegen war, daß ſie nämlich, ſie ei durch die Erde zu Stande gebracht hineinfallen könnten, und wo ſte „6 den das„das mochte ſein, ihnen zu ſagen. Wir mußten Alle lachen. Profeſſor L verſchob ſeine Erklärung auf morgen, und ſchickte freundlich ſcherzend die Pigmäen mit den Rirſenplänen nach Hauſe. In demſelber Angenblick kam ein Bote, um ihnen und uns zu ſagen, daß wir zum Abendeſſen erwartet würden. Das kleine Triumvirat jagte in kurzem Galvpp davon. Wir folgten langſamer, aber jetzt geriethen wir in Lieutenant Arvids verdammten Nebel, der gleich einer Mauer zwiſchen dem Garten und dem Schloßhofe ſtand. Jetzt erſt merkten wir, daß Julie ohne Shawl war. Ich war nicht viel beſſer verſehen. L. nahm ſeinen Mantel ab, und wollte ihn um Julie hüllen. Sie wollte es durchaus nicht zugeben, da ſeine Geſundheit gerade nicht zu den ſtärkſten gehörte. Sie würden noch lange ſtreitend und proteſtirend dageſtanden haben, wenn ich nicht mit einem Vergleichungsproject herausgerückt wäre, und den Vorſchlag gemacht hätte, ſie ſollen ſich beide zugleich des ſehr weiten Mantels bedienen. Sie gingen darauf ein, und Juliens feine, zephyriſche Geſtalt verſchwand unter einem Zipfel des Mantels, den ſie lachend um ſich hüllte. Und vorwärts ging der Zug durch Nacht und Nebel. „Das war doch ein Bischen zu toll angelegt,“ dachte 168 ich nachher. Die ſelige Madame Genlis, und noch we⸗ niger Herr Laſontaine, würden in ihrer Romanwelt wohl nie zwei Liebende unter einen Mantel ſtecken, ohne eine ſo vortreffliche Gelegenheit zu benützen, um eine Liebes⸗ erklärung hervorkriechen zu laſſen, und ich müßte mich wundern, wenn Frau Natur nicht dießmal Etwas zu Stande bringen ſollte, und irgend ein Seufzer, irgend ein Wörtchen ſich vernehmen ließe... Ich horchte aufmerkſam, während ich hinter den Be⸗ wohnern des Mantels einherging— aber— ſie ſchwiegen — kein Wort, kein Laut. Ja, jetzt!... Woas war das? Julie noß. Nun, L. ſagt doch gewiß:„Wohl bekomms!“ und dieß kann dann ſchon wieder zu Etwas führen... nein, er ſagte Nichts. Wir ſind aus dem Garten, wir gehen über den Hof. Wird denn Niemand ſprechen? Jetzt!. Nein. Wir ſteigen die Treppe hinauf, wir treten in die Hausthüre, nun, jetzt!... Nein. Der Mantel gleitete über Juliens Schultern hinab; ſie dankte und verneigte ſich, L. machte einen Bückling. Als wir in den Saal hinaufkamen, ſaß Lieutenant Arvid da, und aß Kallops. Man hatte lange auf uns gewartet. Zu unſerer Entſchuldigung erzählte ich den Mantelſtreit. Während des ganzen Abendeſſens ſchüttelte die gnä⸗ dige Frau, ſo oft ſie Julie anſah, den Kopf, als Vor⸗ wurf wegen ihrer unerhörten Unvorſichtigkeit, ſo ſpät ohne Shawl auszugehen. Als Lieutenant Arvid die verweinten Augen ſeiner Braut ſah, ſchien er ganz verblüfft, dachte aber ver⸗ muthlich:„Das gibt ſich wohl, wenn ſie gegeſſen und geſchlafen hat,“ denn er übereilte ſich keineswegs mit ſei⸗ ner Mahlzeit, ſuchte auch nachher keine Gelegenheit zu einer Unterredung mit ſeiner Braut, ſondern ritt zur ge⸗ ſWuzichen Zeit und mit der gewöhnlichen Ruhe ſeines Wegs. Aber Juliens Unmuth gab ſich nicht. Im Gegen⸗ we⸗ vohl eine bes⸗ mich zu end Be⸗ egen as 2 1 Hof. Wir üre, iens ichte nant uns den nä⸗ bor⸗ hne iner ver⸗ und ſei⸗ t zu ge⸗ ines gen⸗ — d 169 theil ſchien er zuzunehmen. Vergebens forderte Arvid ſie auf, ein kleines Schläſchen zu machen und ihn als Kiſſen zu betrachten. Vergebens kam ſein Vater, der alte Ge⸗ neral P., mit ſeinem prachtvollen Geſpann, und bat ſeine künftige kleine Söhnerin, mit den Schwanen ſpazieren zu fahren; Nichts wollte helfen. Täglich kamen zwiſchen den Verlobten eine Menge Zwiſtigkeiten vor, die trotz des unvergleichlichen Phlegmas von Arvids Seite einen immer bedenklicheren Charakter annahmen. Die gnädige Frau, welche jetzt darauf aufmerkſam wurde, begann in große Unruhe zu gerathen, und hielt ſich jederzeit bereit, mit einem gutmüthigen Scherze einem verſöhnenden Worte den zerriſſenen Faden der Einigkeit wieder zuſammenzu⸗ tnüpfen. Es gelang ihr zwar noch, allein— mit jedem Tag bekam der Faden mehr Knöpfe. So ging es einige Zeit fort Kornet Karl reiste nach aufgehobenem Lager nach Roslagen zurück. Von da ſchrieb er ganz verzweifelte Briefe nach Haus über Staub und Hitze, Langweile, Ueberdruß, Aerger u. ſ. w. Der Botanik erwähnte er mit keinem Worte. Den Sommer hindurch blieb Eliſabeths Zuſtand ſich gleich und die gnädige Frau fuhr fort, die Milch⸗ kur für meine Bruſt und Schwermuth nothwendig zu finden. Die Lebensfäden der übrigen Familie ſpann die Parze von gewöhnlichem Flachs, mit etwas Werg, aber noch mehr Seide darein gemiſcht, bis ſie gegen Ende des Monats Auguſt— die Scheere erhob. Laßt uns ſehen Warunm Nach einem drückenden, qualmenden Tage zogen ſich gegen Abend eine Menge Gewitterwolken zuſammen und bedeckten bei Sonnenuntergang den ganzen Himmel. Eine Art Todesſtille breitete ſich über die Gegend aus. Man 170 hörte keinen Ton von den eilig heimziehenden Heerden, kein Vogel zwitſcherte, das Laub der Espen rührte ſich nicht, ſelbſt die Mückenſchwärme wagten es nicht, wie gewöhnlich beim Untergange des Lichtes ſchwirrend zu jubeln; die ganze Natur ſchien wie in qualvoller Er⸗ wartung irgend eines unheimlichen ungewöhnlichen Auf⸗ trittes zu ſtehen. Spät am Abend begann das ſchauerlich ſchöne Schauſpiel. Bleiche Blitze beleuchteten alle zwei Minuten die ganze Gegend, die dazwiſchen hinein in ein beinahe nächt⸗ liches Dunkel gehüllt wor, und beim Scheine derſelben ſah man, wie die Wolkenmaſſen immer düſterere Farben annahmen und ſich in drohenderen Geſtalten über dem Schloſſe zuſammenſchaarten. Dann und wann pfiff ein plötzlicher Windſtoß durch die Luft, worauf wieder eine Todesruhe folgte. Mit dumpfem, aber immer ſtärker werdendem Getöſe hörte man von mehreren Seiten die Donnerwagen einherrollen. Die gnädige Frau lief von Zimmer zu Zimmer, von Fenſter zu Fenſter, um nachzuſehen, ob Alle wohl ver⸗ ſchloſſen ſeien. Julie und Helena ſtanden mit ihrem Vater in einem Fenſter und ſchmiegten ſich bei jedem neuen Blitze, jedem neuen Donnerknall immer näher an ihn. Ich ging zu der Blinden hinein. Sie ſaß auf ihrem Bette in einer gebückten, zuſammengefallenen Stel⸗ lung, worin ſich der höchſte Lebensüberdruß ausdrückte, und ſang mit leiſer, düſterer Stimme: Es iſt Nacht, es iſt Nacht; Mein Aug iſt dunkel, mein Herz ſchlägt ſacht; Es ſehnt ſich nach Ruhe. Gib mir Ruh, gib mir Ruh Und Raum in dem Grab, deck mit Erde mich zu, Du Engel des Todes! —— die ich abe zu ver 4* 171 Laß mich ſchlummern nun ein, Bin ſo müde von vieler Sorge und Pein, So müde des Lebens. Hier ließ die Arme, Lebensmüde ihren Kopf auf die Kiſſen hinabſinken. Sie ſchwieg einen Augenblick; ich ſah ſie kummervoll lächeln, und ſie begann auf's Neue, aber mit klarer Stimme und in einem froheren Tone zu ſingen: Wird es Morgen einmal Und tönt an meinem Grab der Poſaune Schall Mich vom Schlummer zu weckenz Darf ich ſchau'n deinen Glanz, O König, ſtrahlend im Sternenkranz; Du rufſt mich zum Leben. Hier begannen ihre Thränen zu fließen, und mit verändertem Tone ſang ſie weinend und in abgebrochenen Strophen: O Mutter, o Mutter! In ſchützende Arme Schließe die ſchuldige, Reuige Tochter. Lehre ſie beten, Lehre ſie hoffen In deiner Liebe Findet ſie Ruhe. O Mutter, v Mutter! Wär' ich dir nahe An deinem Herzen, Dem milden und warmen! Laß mich doch fühlen, 172 Wie Herzen an Herzen Himmliſch in Liebe Schlagen zuſammen. Niemals ich fühlte Dieſes auf Erden; Einſam ich wanderte, Einſam ich liebte, Einſam ich duldete, Bitter, o bitter! Einſam ich liebe Noch in dem Tode. Mutter, o Mutter! Nimm mich, v nimm mich Weg von der Erde, Fern von der Plage. Wecke den glimmenden Funken im Staube, Heb' aus dem Dunkel Auf mich zum Lichte! Ein heftiger Donnerknall, der durch das ganze Schloß widerhallte, unterbrach ihren Geſang; auf ihn folgten andere immer häufiger und heftiger; zu gleicher Zeit be⸗ gann ein wilder Sturm zu raſen. „Iſt Jemand hier?“ fragte die Blinde. Ich trat an ihr Bett. Sie ſagte:„Ich höre eine Muſik, die mir wohl thut. Führe mich ans Fenſter.“ Als ſie dahin kam, kreuzte ſie die Arme über ihre Bruſt und wandte das Geſicht zum Himmel empor. Die Flammen der Blitze fuhren über das ſchöne, bleiche Antlitz, während ſchreckliche Donnerſchläge das Weſen mit Untergang bedrohen zu wollen ſchienen, das mit einer Art trotzender Freude den Geiſtern der Zerſtörung eine ruhige Stirne entgegenhielt. — n * 173 Allmählig ſchienen heftige Gefühle in Eliſabeth auf⸗ zuſteigen, und der Kampf in der Natur Widerhall in ihrer Seele zu finden. Auf einmal rief ſie:„Ich ſehe Etwas! Eine Feuerhand fuhr mit glühenden Fingern über meine Augen!“ Sie ſtand einen Augenblick, wie in geſpannter Erwartung da, und ſagte dann in einer Art ruhiger Ertaſe:„Wie herrlich, wie herrlich es dort oben unter den Wolken ſingt! Schweſterharmonieen nennt euch mein Herz. Hier in meiner Bruſt iſt die erſte Stimme;— dort tönt jetzt die zweite. Jetzt iſt Ein⸗ heit— jetzt wird Leben und Freude! Feuer des Himmels! Mutterſchoß! Schließe mich an den brennenden Buſen! Mutter, Mutter! iſt es deine Stimme, die ich höre, deine Hand, die ich ſah? die ich jetzt.. die ich jetzt wieder ſehe? Winkſt du mir? Rufſt du mich?— Luft!“ ſchrie ſie jetzt wild und gebieteriſch,„führe mich in die freie Luft hinaus! Ich will die Stimme meiner Mutter hören— ich will an ihre Bruſt fliegen und dort wieder erwarmen. Es ſind Feuerſchwingen da außen, ſie ſollen mich tragen. Ein Wagen iſt da.. höre, wie er rollt! Er ſoll mich führen. Fort, fort! Siehſt du die Hand nicht? Sie winkt. Höre die Stimme! Sie ruft! Ha! Hörſt du?“ Ich umfaßte ſie zärtlich und bat ſie, ſtille zu ſein. Sie fiel mir in die Rede und ſagte feierlich:„Gott wird deine letzte Bitte nicht erhören, wenn du mir die meinige nicht gewährſt. Er wird dich ſegnen, wenn du mir ge⸗ fällig biſt. Führe mich hinaus in's Freie! Es iſt das letzte Mal, daß ich Etwas von dir begehre. Du weißt nicht, wie all mein Wohl und Weh auf dieſem Augen⸗ blicke beruht. Führe mich hinaus in mein Reich— in das Reich des Orkans.... dort, nur dort werde ich Frieden erhalten. Beate, gute Beate! Sieh, ich bin ſtill und gefaßt, ich bin nicht närriſch. Höre mich.. willfahre mir! Ich bin mein ganzes Leben lang in Feſſeln gelegen... laß mich nur einen Augenblick frei ſein. 174 und dann werden alle meine vielen blutigen Wunden ge⸗ heilt werden.“ Ich hatte nicht den Muth, dieſer Stimme, dieſen Worten zu widerſtehen. Ich führte ſie auf die Terraſſe hinab, welche auf der Felſenwand ſelbſt ein wenig außer⸗ halb des Schloſſes angelegt war. Das junge Mädchen, das die Blinde gewöhnlich verpflegte, hatte, aus Furcht vor dem Gewitter, nicht mitgehen wollen. Bald bereute auch ich meine Nachgiebigkeit. Kaum waren wir in die wild aufgeregte Natur hinausgekom⸗ men, als Eliſabeth ſich von mir losriß, einige Schritte vorwärts lief, ſodann ſtehen blieb und laute Ausrufungen voll trotziger, wahnfinniger Freude ausſtieß. Es war ein furchtbarer, ſchöner Auftritt. Die Blitze durchkreuzten mit rothen Zungen die ganze Gegend. Der Sturm hüllte uns ein, und bald donnernde, bald ziſchende Gewitterſchläge kreisten über unſern Köpfen. Gleich dem Geiſt des Orkans ſtand die Blinde mit wilden, unheim⸗ lichen Gebärden auf dem Felſen. Bald lachte ſie, und ſchlug in wahnſinnigem Jubel die Hände zuſammen, bald drehte ſie ſich mit ausgeſtreckten Armen rund um, indem ſie mit klarer Stimme ſang: Blitze und Gluthen, Flammende Fluthen Vom Weltenbrand; Stürme erſchütternde, Ketten zerſplitternde Am Grabesrand. Donner— ihr Kräfte all', Die ohne Maaß und Zahl Schaffen im Erdenrund, Des Weibes Willen Sollt ihr erfüllen, Höret, ſie thut euch kund: wie frol kon aus geſe kon lich Mi aus ſein tro P We St nick wie W unt mit ſag du un hin St Ick fre 75 Flammet, v Flammet, nen entſtammet Der Frei iheit Tag, Sieglieder klinge n, Leben hat Schwingen, Freiheit iſt wach. Wiederum lachte ſie wild, und rief:„Wie herrlich, wie herrlich! Wie prächtig! Wie froh, wie fro h, wie froh bin ich! Jetzt iſt der Tag meiner Herrſchaft ge⸗ kommen!. Eine Krone. eine Feuerkrone wird aus dunklen Wolken herabſteigen und auf mein 1 pt geſetzt werden. Mein Tag iſt da, meir 5 Stunde iſt ge⸗ kommen!“ In dieſem Augenblick ſtand zu meinem unbeſchreib⸗ lichen Troſte der Oberſt an der Seite der unie „Du mußt auf dein Zimmer zurückkehren,“ ſagte er. Mit einer heſtigen Bewegung machte El liſabeth ihre Hand aus der ſeinigen los, und ſtatt, wie früher, demüthig ſeinen Wunſch zu befolgen, ſtellte ſie ſich jetzt ſtolz und trotzig, gleich einer zweiten Medec, vor ihn hin 5 rief: „Meine Stunde iſt gekommen! Ich bin frei! Muß? Wer wagt dieſes Wort mir zu ſagen, hier, an dieſer Stelle? Stehe ich nicht in meinem Hält mich nicht meine Mutter an ihrem Buſen? Siehſt du nicht, wie ihre Feuerarme mich umfaſſen und dich wegſtoßen?“ „Der Oberſt, der einen Ausbruch ihres Wahnſinns fürchtete, wollte ſie 4 ſeine Arme nehmen und auf's Schloß zurücktragen, a s Eliſabeth auf einmal mit unendlicher Zärtlichkeit n Hals umſchlang und ſagte:„So, wenn ich dich in meine Arme ſchließe, und du mich in die deinigen.... dann wird meine Mutter uns Beide in ihren Feuerſchooß aufnehmen. Welch klare himmliſche Glückſeligkeit! Heute iſt mein Tag— meine Stunde gekommen! Ich bin frei, und du biſt gefangen. Ich trotze dir—— ich trotze dir, du wirſt nie mehr frei werden.“ 176 War es das Wort„trotze,“ was den Trotz des„ 1 Mannes erregte, oder war es irgend ein anderes Ge⸗ V fühl, genug, der Oberſt machte ſich ſchnell aus Eliſa⸗ fü beths Armen los, und blieb ſtille einige Schritte von kl ihr ſtehen. ur 3„Ja, ich trotze ich trotze dir,“ fuhr ſie fort. hi „Du haſt meine Glieder gefeſſelt, du haſt meine Zunge S 1 gebunden, und dennoch ſtehe ich jetzt vor dir, mächtig 11 und ſtark, und will dir gleich Blitzen die Schauerworte m entgegenflammen laſſen:„Ich liebe dich! Ich liebe dich!“ lit Du kannſt ſie mir nicht mehr verbieten, dein Zorn iſt u 4 ohnmächtig.“ Der Donner iſt mit mir, der Sturm iſt mit mir. Bald bin ich auf immer mit ihnen da oben. G Wie eine Wolke an deinem Himmel werde ich dir dein ganzes Leben hindurch folgen; gleich einem bleichen Ge⸗ fo ſpenſte werde ich über deinem Haupte ſchweben, und wenn al Alles um dich her verſtummt iſt, wirſt du noch eine m 6 Stimme rufen hören:„Ich liebe dich! Ich liebe dich!“ ke Eine ſeltſame, tiefe Bewegung ſchien ſich des Ober⸗— ſten bemächtigt zu haben; er ſtand unbeweglich; mit ge⸗ w kreuzten Armen da, aber dunkle Flammen ſprühten in m ſeinen Augen. In ruhigerer Ertaſe fuhr Eliſabeth fort:„O wie ge innig habe ich dich nicht geliebt! So innig, ſo warm zu 1 hat keine Sterbliche geliebt! Himmel, der du über mei⸗ N nem Haupte donnerſt Erde, die du mir bald mein Grab öffnen wirſt— euch rufe ich zu ewigen Zeugen an! A Höret meine Worte! Vernimm ſie du, du meines Lebens geliebte Plage, edler, hoher Gegenſtand aller meiner Ge⸗ danken— meiner Liebe, meines Haſſes—— ja, meines 5 ſt Haſſes höre, wie er ſpricht:„Ich liebe dich!“ Mit h. dem innerſten, heiligſten Leben meines ganzen Weſens habe ich dich geliebt, tief wie das Meer, aber rein, wie de der Himmel war mein Gefühl. Du haſt es nicht ver⸗ te ſtanden„. Niemand auf Erden wird es verſtehen. vt Meine Mutter weiß das und„der über uns u Allen iſt. Hätten wir in einer Welt gelebt, wo das de * des Ge⸗ liſa⸗ von fort. unge chtig vorte n iſt niſt oben. dein Ge⸗ venn eine ich!“ Ober⸗ ge⸗ nin wie arm mei⸗ mein an! bens Ge⸗ eines Mit eſens wie ver⸗ hen. uns das „ —0— 177 Wort und die That unſchuldig ſein können, wie das Ge⸗ fühl und der Gedanke.. o dann hätte ich, gleich einer klaren und warmen Flamme, dein Weſen umſchloſſen und umſtrahlt.. hätte dich mit Seligkeit durchdrungen. hätte, eine reiche Opferflamme, nur für dich gebrannt, So war meine Liebe. Aber du verſtandeſt ſie du liebteſt mich nicht.. du haſt mich weggeſtoßen und haſt mich verachtet und ich ward zur Verbrecherin.. liebte aber dennoch. und liebe noch jetzt, und immer und ewig... und— allein!“ „Allein?!“ rief der Oberſt, indem ein gewaltſames Gefühl ihn außer ſich zu bringen ſchien. „Ja, allein,“ fuhr die Blinde erſtaunt und zitternd fort,„war es je anders? Ich habe es mitunter ge⸗ ahnt. aber. o mein Gott, mein Gott! Wäre es möglich! O ſprich, iſt's möglich! Bei der ewigen Selig⸗ keit, die du verdienſt, und die niemals mein werden kann — bei dem Lichte, das du ſiehſt, und das ich nie ſchauen werde— beſchwöre ich dich— ſprich, ſprich: haſt du mich geliebt?“ Einen Augenblick herrſchte ein vollkommenes Schwei⸗ gen in der Natur. Sie ſchien auf die Antwort lauſchen zu wollen, die auch ich mit zitternder Angſt erwartete. Nur bleiche, langſame Blitze flammten um uns her. Feierlich, mit einem ſtarken, beinahe gewaltſamen Ausdruck in ſeiner Stimme, ſagte der Oberſt: „Jal“ Die Blinde wandte ihr von überirdiſcher Seligkeit ſtrahlendes Geſicht himmelwärts, während der Oberſt mit heftiger, bewegter Stimme fortfuhr: „Ja, ich habe dich geliebt, Elifabeth, habe dich mit der ganzen Kraft meines Herzens geliebt. aber Got⸗ tes Kraft war mächtiger in meiner Seele und hat mich vor dem Falle bewahrt.— Nur meine Strenge hat mich und dich gerettet. Meine Liebe war nicht rein, wie die deinige. Nicht das Gift, das deine Hand mir bereitete, Bremer, die Familie H. 12 ———— 178 iſt es, was meine Geſundheit zerſtört hat— der Kampf mit der Leidenſchaft und der Begierde iſt es der Gram um dich Fliſabeth! Eliſabeth! Du biſt mir unendlich theuer geweſen.. du biſt es noch Eliſabeth.... Eliſabeth hörte ihn nicht mehr; ſie ſank gleichſam zuſammen unter der Laſt der Seligkeit, die über ſie her⸗ abkam, und in dem Augenblick, als ich zu ihr eilte, ſiel ſie, einer Sterbenden gleich, zur Erde, indeß ihre Lippen mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Seligkeit flüſter⸗ ten:„Er hat mich geliebt!“ Der Oberſt und ich vermochten ſie kaum auf ihr Zimmer zurückzutragen. Ich zitterte— ſeine Kraft war wie gelähmt. Tropfen des Angſtſchweißes perlten von ſeiner Stirne. Eliſabeth kam lange nicht mehr zur Beſinnung.. als ſie aber die Augenlieder wieder öffnete und des Le⸗ bens Strom ſich auſ's Neue in den Adern ausbreitete, flüſterte ſie blos:„Er hat mich nicht verachtet!.. Er hat mich geliebt!“ und blieb ſtill und ruhig, als hätte ſie ihre Rechnung mit der Welt abgeſchloſſen, als hätte ſie Nichts mehr zu wünſchen. Den übrigen Theil der Nacht hindurch wüthete das Gewitter entſetzlich, aber die Blitze beleuchteten jetzt das von inniger Seligkeit ſtrahlende Geſicht der Blinden. Von dieſer Stunde an, und während der wenigen Tage, die ſie noch lebte, war Alles an ihr verändert, Sie war die Ruhe und Milde ſelbſt. Sie ſprach ſelten, drückte aber freundlich und dankbar denen die Hände, die ſich dem Bette nahten„in welchem ſie beinahe un⸗ beweglich lag. Man hörte ſie oft leiſe ſagen:„Er hat mich geliebt!“ Eines Tages ſtand die gnädige Frau neben Eliſa⸗ beth, die ihre Anweſenheit nicht zu ahnen ſchien, und mit unbeſchreiblicher Wonne die ihr ſo theuren Worte wiederholte. Ich ſah einen Augenblick von Schmerz auf dem milden, gütevollen Geſichte der Oberſtin ſich malen— kann Es leber Sun beko mei And bens Lum Ich Her Sun das um eige groß „We bei Eng ſollte Abg dazu und urne merk mpf der biſt „„ ſam her⸗ fiel pen ſter⸗ ihr war von Le⸗ tete, ätte e ſie das das igen dert, lten, inde, un⸗ hat liſa⸗ und borte auf — 191 „Mein Kind mein Sohn! was fehlt dir?“ „Alles!“ „Karl!“„ Und du haſt eine Mutter, die ihr Leben für dein Glück hingeben möchte.“ „Meine gute Mutter!“ rief der Kornet und ſchloß ſie in ſeine Arme,„verzeih mir!“ „Mein beſtes Kind, ſage mir, was ich für dich thun kann ſage mir, was dir fehlt— ſage mir Alles! Es muß irgend einen Ausweg geben. ich will nicht leben, um dich unglücklich zu ſehen.“ „Ich bin unglücklich, wenn ich nicht heute die Summe von zehntauſend Thalern oder einen Bürgen dafür bekomme. Erhalte ich ſie heute nicht— ſo iſt Herminie... meine Herminie in wenigen Tagen die Gattin eines Andern! Gütiger Gott! Das Glück meines ganzen Le⸗ bens und das eines andern Weſens könnte ich mit dieſem Lumpengelde erkaufen.... und es wird mir verweigert. Ich habe mit dem Vater geſprochen, habe ihm mein Herz geöffnet— habe ihm Alles geſagt. Er hat dieſe Summe ich wußte es und er... „Und er hat ſie dir verweigert?“ „Ja, mit aller Beſtimmtheit. Er ſagt, es ſei dieß das Erbtheil der Unglücklichen, der Bedürftigen.. und um dieſer fremden Nothleidenden willen macht er ſeinen eigenen Sohn unglücklich.“ Hier ſtand der Kornet heftig auf und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, indem er rief: „Welches niedrige Geſchöpf hat es gewagt, Herminie bei meinem Vater anzuſchwärzen.. dieſen heiligen Engel Gottes? Sie ſollte mich betrügen! Sie.. ſie ſollte den abſcheulichen G. lieben! Er allein oder ſeine Abgeſandten konnten.... Hier maſſacrirte der Kornet einen Wagen nebſt den dazu gehörigen Pferden(die Equipage der kleinen Dicken) und die gnädige Frau flüchtete erſchrocken eine Blumen⸗ urne aus der Rähe ihres Sohnes, indem ſie voll Auf⸗ merkſamkeit auf ſeine Klagen ängſtlich fragte: 192 „Aber warum?... Aber warum 2* „Frage mich jetzt nicht!“ rief der Kornet ungedul⸗ dig,„nur ſoviel kann ich dir jetzt ſagen, das Wohl und das Weh meines Lebens beruht darauf, daß ich heute die genannte Summe erhalte. Ich kann das glücklichſte Weſen auf der Welt, aber auch das unglücklichſte werden — und nicht ich allein... „Karl;“ ſagte die gnädige Frau feierlich,„ſieh mich an!... Gott ſegne deine ehrlichen Augen, mein Sohn Ja— ich kenne dich— du würdeſt mich nicht einen Schritt thun laſſen, deſſen Folgen ich bereuen könnte?“ „Mutter!.... Würdeſt du es bereuen, das Glück meines Lebens gegründet zu haben?“ „Es iſt genug, mein Kind Ich gehe jetzt, um mit deinem Vater zu ſprechen. Erwarte mich hier.“ In einer heftig aufgeregten Stimmung wartete der Kornet auf die Rückkehr ſeiner Mutter. Ich ſah, daß er ſich in einem Augenblick jenes Jugendtaumels befand, der es unerhört findet, daß irgend Jemand ſeinen Wün⸗ ſchen, ſeinem Willen in den Weg treten kann. In ſol⸗ chen Momenten begreiſt man das Wort Unmöglichkeit nicht. Man meint der Sonne ſelbſt gebieten zu können, meint die Wurzeln der Berge oder was daſſelbe iſt, Grundſätze, die in feſten Menſchenſeelen gewurzelt, aus⸗ reißen zu können. Es währte lange, bis die gnädige Frau zurückkam. Julie und Helena folgten ihr. Sie war bleich, Thränen glänzten an ihren Augenliedern und ihre Stimme zitterte, indem ſie ſagte:„Dein Vater will nicht er hat ſeine Gründe, er glaubt recht zu handeln... und hat ſicherlich auch recht. Aber— mein gutes Kind, Hir fann dennoch geholfen werden. Nimm dieſe Perlen und Juwelen. ſie ſind mein.... ich kann darüber ver⸗ fügen.. nimm ſie. In Stockholm wirſt du ſogleich eine anſehnliche Summe dafür erhalten. „Und hier... und hier, beſter Karl!“ ſagten Julie und Helena, indem ſie mit der einen Hand ihre Koſtbar⸗ keite egt nim M 0 dem Thü Gru von ſein« Stir heit um ich nicht des Mar pen aus Pfer gend liche Zorn treib flieht Br dul⸗ und heute ichſte een mich ohn! einen ite?“ Glück mit te der daß efand, Wün⸗ n ſol⸗ ichkeit nnen, E iſt, aus⸗ ckkam. ränen itterte, er hat nd hat d, Hir n und r ver⸗ ogleich Jtlie oſtbar⸗ — 193 keiten darreichte und die andere koſend um ſeinen Hals egten,„nimm auch dieß. Karl, wir bitten dich nimm es— verkauſe Alles— und werde glücklich.“ Eine dunkle Röthe bedeckte das Geſicht des jungen Mannes und Thränen ſtürzten über ſeine Wangen. In demſelben Augenblick trat der Oberſt herein, blieb an der Thüre ſtehen und heftete einen ſcharfen Blick auf die Gruppe im Hintergrunde des Zimmers. Ein Ausdruck von Zorn mit einem Anflug von Verachtung flammte in ſeinem Geſichte auf.„Karl!“ rief er mit ſtarker Stimme,„wenn du unwürdig genug biſt, die Schwach⸗ heit deiner Mutter und deiner Schweſtern zu benützen, um deine blinden Leidenſchaften zu befriedigen, ſo ſpreche ich meine Verachtung über dich aus und erkenne dich nicht als meinen Sohn.“ Der bitterſte Unwille ergoß ſeine Galle in das Herz des unglücklichen und jetzt ſo ſchmerzlich verkannten jungen Mannes. Er wurde todesblaß, preßte lebhaft ſeine Up⸗ pen zuſammen, ſtampfte heftig und war wie ein Blitz aus der Thüre. Wenige Minuten darauf ſaß er zu Pferde und ſprengte über den Schloßhof. Der Kornet. Der Kornet. Der Kornet. Hallo, es ſchallt durch den Wald! Halloh, es ſchallt. Der Gejagte flieht und die Ja⸗ genden folgen. Was iſt das Wildpret?— Ein unglick⸗ licher Menſch. Und wer die Jäger? Die Furien des Zornes, der Verzweiflung und der Raſerei. Wie ſie treiben! Eine Jagd ohne ihres Gleichen! Der Gejagte flieht, aber die Jagenden folgen. Sie verlieren die Spur Bremer die Familie H. 13 nicht— ſie folgen, ſie folgen durch den dichteſten Wald über Berg und Thal, mit aufgeſperrtem Rachen wollen ſie ihren Raub verſchlingen.. er enteilt und enteilt... aber ſchon ermüdet ſein Gang... Halloh, Halloh! jetzt iſt er bald zu Ende. Vorwärts! Vorwärts ſprengte der Verfolgte ſeinen ſchnaubenden Renner, der ſchäumend über Hecken und Zäune flog. Wildes Ungeſtüm raste in ſeiner Seele. In eine Stanbwolke eingehüllt ſprengt er über die Land⸗ ſtraße durch düſtre, waldbewachſene Gegenden, während er jedes Gefühl, jeden Gedanken in ſeiner Seele zu be⸗ täuben ſuchte und nur dem mahnenden„Vorwärts, Vor⸗ wärts!“ gehorchte, das in jedem Schlage ſeiner fieber⸗ wilden Pulſe ertönte. Die friedlichen Bewohner der Hütten, an denen er wie im Sturmwind vorbeifauste, liefen erſtaunt an ihre Thüren und fragten ſich, wem wohl ſein Pferd durchge⸗ gangen ſei? Und eine von ihnen(Mina Andersdotter in Rörum) verſicherte, ſie haben einen Hund und einen Haſen hervorkommen ſehen, den einen aus der Hütte und den andern aus dem Walde, die einander gegenüber⸗ ſitzend mit ſtieren Augen den wilden Reiter betrachtet haben, dann aber ganz verwirrt und ängſtlich an ein⸗ ander vorübergeſprungen ſeien, der Haſe in die Hütte, der Hund in den Wald hinein. Der wilde Reiter, Kornet Karl, hielt erſt vor der Thüre des uns bereits bekannten Waldhauſes an, warf ſich vom Pferde und ſprang die Treppen hinauf. Sämmt⸗ liche Thüren im obern Stocke waren verſchloſſen und Alles ganz ſtille. Er ſprang die Treppen wieder hinab. Alle Thüren im untern Stocke waren verſchloſſen, Alles war ſtill und todt. Er lief über den Hof in ein kleines Seitengebaude und riß eine Thüre auf⸗ Ein Lied vor ſich hinbrummend und auf pfeifendem Spinnrocken Werg ſpinnend, ſaß in dem Stübchen ein ausgetrocknetes altes Mütterchen. ri vt ih Wald vollen jetzt ſeinen tund Fü Land⸗ ihrend u be⸗ Vor⸗ fieber⸗ en er ihre chge⸗ tter in einen te und nüber⸗ rachtet nein⸗ Hütte, r der warf ämmt⸗ n und hinab. Alles kleines ed vor Werg s altes „Wo iſt die Herrſchaft? Wo iſt Fräulein Hermenie?“ rief der erhitzte und beinahe athemloſe Kornet. „He?“ antwortete die alte Spinnerin. „Wo iſt die Herrſchaft?“ ſchrie der Kornet mit ver⸗ nichtendem Ton und Blick. „Wa, was?“ antwortete die Alte, indem ſie be⸗ haglich ihre Naſe in eine kleine Schnupftabaksſchacktel ſteckte. Der Kornet ſtampfte. Eine halbzerbrochene Por⸗ zellantaſſe fiel von ihrem Fache herab, drei invalide Glä⸗ ſer klingelten zuſammen.„Seid Ihr denn ganz ſtock⸗ taub?“ ſchrie er fortissimo;„ich frage, welchen Weg die Herrſchaft hier eingeſchlagen hat.“ „Weg! Nach Schloß Thorsborg meinte der Herr? Ja, der geht über das Feld und. „Ich frage,“ ſchrie der Kornet mit der ganzen Stärke der Verzweiflung,„ob die Herrſchaft hier abge⸗ reist iſt?“ „Nach Neist? ja ſo, ja der geht.. „Es iſt zu toll,“ ſagte der Kornet verzweifelt,„man möchte das Gallenfieber kriegen.“ „Ja, ſo,“ ſeufzte das alte Mütterchen verlegen und erſchrocken beim Anblick ſeines Zorns und machte ſich ſtille an das Geſchäft, die Splitter der zerbrochenen Taſſe aufzuleſen. Ein Sechszehnſchillingſtück flog ihr dabei auf die Naſe und der Fremde war verſchwunden. „Der Herr behüte. und bewahre mich..“ ſtam⸗ melte die erſchrockene und zugleich erfreute Alte. Eine audere Thüre in derſelben Hausflur ſprang jetzt von einem gewaltigen Griff von des Kornets Hand auf. An ihrem Feuerheerde ſaß eine dicke Gevatterin, ihren borſthaarigen, kleinen Jungen mit Brei ätzend. Der Kornet wiederholte ihr heftig ſeine Frage und bekam zur Antwort; „Ja, ja, ſie ſind verreist.“ 13* 196 „Aber wohin? Wann und wohin? Iſt kein Auftrag, kein Brief an mich hinterlaſſen worden 2 „Brief? Ja, ich habe einen bekommen, den ich dem Kornet H. übergeben ſoll und ich wollte damit gerade nach Thorsborg gehen, ſo bald ich meinem Jungen da ein Schübchen Brei eingegeben hätte— das arme Würm⸗ chen iſt mein Junge.“ „Gebt in Gottes Namen den Brief ſogleich her, ſputet euch, holt ihn im Augenblick, ſage ich, gehet...“ „Ja, ja, ich will nur dem Jungen vorher den Brei geben. Das arme Würmchen iſt hungrig; es iſt mein Kind.“ „Ich will den Jungen füttern, gebt mir den Löffel... geht nur und holt den Brief ſogleich.“ Endlich geht die Alte an ihre Kiſte. Der Kornet ſteht am Heerde, nimmt mit dem Löffel Brei aus dem Topfe, bläst mit angſtvoller Miene darauf und führt ihn in den offenen Mund des Kindes. Die Alte wühlt in ihrer Kiſte herum, ſucht und ſucht. Schnupftabaksdoſen und Butterfaß, Strümpfe und Unterröcke, Gebetbuch und Brodkuchen kommen nacheinander herauf und waren auf den Boden rings umher gelegt— der Brief will nicht erſcheinen. Der Kornet ſtampft in ſchmerzlicher Ungeduld. „So eilt doch! Nun wirds bald? Ach!“ „Sogleich, ſogleich! Wartet nur ein wenig, war⸗ tet— da, nein da— nein wartet ein wenig.. wartet.“ Warten! Man kann ſich vorſtellen, ob der Kornet geneigt war ein wenig zu warten. Aber der Brief kommt nicht zum Vorſchein, die Alte murmelt leiſe vor ſich hin und brummt zwiſchen den Zähnen. „Er iſt fort— er findet ſich nicht.“ „Er findet ſich nicht?“ ruft der Kornet und gießt im Schreck einen Löffel heißen Brei in die Halsgrube des Kindes, das ein gellendes Klagegeſchrei erhebt. K b ih ſa w wi Rei wie zwi kein dem ade da rm⸗ her, den iſt rnet dem ihn in oſen und auf nicht war⸗ rnet die ſchen gießt rbe 197 Der Brief zeigte ſich nicht.„Gewiß hat ihn das Kind in ſeine Hände bekommen und zerkaut oder ver⸗ brannt.“ Und die zärtliche Mutter, die um die Noth ihres Jungen beſorgter iſt, als um die des Kornets, ſagt zornig zum Letztern:„Geht nach Löfstaholm, dort werdet Ihr Beſcheid bekommen. Die Herrſchaft iſt da⸗ hin und Fräulein Agnes war dieſer Tage bei Fräulein Herminie.“ Der Kornet läßt einen Thaler da, als Pflaſter für den rothen Hals, flucht halblaut Etwas über Gänſe und wirft ſich wieder auf ſeine Blanka, die inzwiſchen das herbſtgelbe Gras abgefreſſen hat, das da und dort im Hofe wuchs. Jetzt nach Löfstaholm. Etwa eine Meile zu reiten. Blanka kennt die Sporen und ſpringt in geſtrecktem Ga⸗ lopp davon. Ein Fluß ſchneidet den Weg ab. Die Brücke iſt abgeriſſen und wird eben wieder hergeſtellt; es gibt zwar einen andern Weg— aber der iſt eine Viertelſtunde wei⸗ ter. Bald ſchnaubt Blanka muthig in den Wellen, die ihr den Schaum von Hals und Schnauze ſpülen und die Füße des auf dem Sattel ſtehenden Reiters benetzen. Zwei Wanderer ſahen aus einiger Entfernung den Aufzug mit an. „Weißt du Mütterchen,“ ſagte der Eine mit bedenk⸗ licher Miene,„ich glaube, es iſt der Reck ſelbſt, der auf einer ſchwarzen Mähre in den Strom hinabreitet.“ „Und ich, Alter,“ ſagte die Andere,„ich glaube, er iſt ein Bräutigam, der zu ſeiner Liebſten reitet.“ „Glaube nur mir, Alte.“ „Glaube mir, lieber Alter.“ Und glaube mir, mein Leſer; dort ſteht bereits der Reiter am andern Ufer und vorwärts, vorwärts jagt er wieder durch Wald und Flur. Arme Blanka! Als Löfstaholms weiße Mauern zwiſchen den grünen, gelbbraunen Bäumen hervorſchim⸗ 198 merten, biſt du nahe daran zuſammenzuſtürzen, aber bei ihrem Anblick läßt der Reiter ein wenig nach und auf den Hof gekommen darf Blanka ruhen und ausſchnaufen an der Seite dreier anderer Reitpferde, welche beweiſen, daß Löfstaholm in dieſem Augenblick Gäſte hat. Herr Gutsbeſitzer und Ritter D. ſaß in ſeinem Zimmer mit der Miene eines befriedigten Kenners einen von ſeiner überaus hoffnungsvollen Tochter Eleonore in ſchwarzer Kreide ausgeführten Kopf betrachtend, und die Frau Gutsbeſitzerin Emerentia D., geborene J., ſtand daneben, mit wonnevoller Aufmerkſamkeit ein Gedicht über die Reize des Landlebens und der Einfalt leſend, das ihren vielverſprechenden Sohn Lars Anders(in der Familie der kleine Lord Byron genannt) zum Verfaſſer hatte, als Kornet Karl heftig ins Zimmer trat und nach einer flüchtigen Entſchuldigung, ohne ſich darum zu kümmern, was man von ihm, ſeiner Aufregung und ſeinen Fragen denken werde, um Mittheilung bat, was man von Baron Ks. und ſeiner Familie ſchneller Ab⸗ reiſe wiſſe. „Weiter nicht viel,“ ſagte der Gutsbeſitzer und run⸗ zelte die Stirne,„als daß ſie geſtern Mittag hier vor⸗ beifuhren, und daß Baron K. die Güte hatte heraufzu⸗ fommen, mir Grobheiten zu ſagen und ungefähr den vierten Theil der Summe zurückzubezahlen, die ich ihm aus purer Güte vor ewigen Zeiten geliechen habe„. Eine Dido— Herr Kornet— von meiner Elev⸗ nore„ Madame D. ergriff das Wort:„Die Baronin, oder wie man ſie nennen will(denn ich glaube, ſie iſt ſo we⸗ nig eine Baronin, als ich) beliebte nicht einmal mich vom Wagen aus zu grüßen. Ja, ja man hat ſchönen Dank davon, wenn man den Leuten Artigkeiten erweist. Nein, ſie ſaß ganz ſteif und vornehm, wie eine Prin⸗ zeſſin in ihrem Wagen, ihrem Wagen ſage ich„„ ja gehorſamer Diener... des jungen G's. Equipage — bei auf mufen iſen, inem einen re in d die ſtand edicht ſend, n der faſſer nach m zu und was Ab⸗ run⸗ vor⸗ aufzu⸗ den h ihm Elev⸗ , oder ſo we⸗ mich ſchönen rweist. Prin⸗ „„„„ uipage wars, er ſelbſt ſaß auch dabei, wie ein gefangener Vogel im Käfig.. und das machte ſie vielleicht ſo ſtolz.“ „G's. Wagen? G. bei ihnen?“ ſchrie der Kornet; „und Herminie.“ „Die ſaß da und guckte vor ſich hin, wie ein Trut⸗ hahn. Ja, in dieſem Mädchen habe ich mich recht ge⸗ täuſcht. Ich meinte, es wäre Schade um ſie, und er⸗ laubte meinen Töchtern, ſich ein wenig soin um ſie zu machen und ihre muſikaliſchen Anlagen zu encouragiren. Thereſe beſonders hatte ſich ganz in ſie engouvirt. Aber ich fand bald, daß ich eine imprudence beging, und daß ſowohl ſie, als ihre Familie durchaus keine paſſende Societät für meine Töchter waren. Es laufen allerhand ſonderbare Gerüchte von dieſer vornehmen Herrſchaft um— ſie haben ſich auf eine Weiſe aufgeführt.... Jetzt kam ein Bedienter mit Tabakspfeifen herein, die er in eine Ecke des Zimmers ſtellte. Gutsbeſitzer D. fand für gut, das Geſpräch franzöſiſch weiter zu führen: „Oui. c'est une vrai scandale,“ ſagte er;„une forgerie de tromperie! Un vrai frippon est la fille, — je sais ca.— et le plus extrémement mauvais sujet et sa pére.“ „Son pére“ verbeſſerte Madame D.,„et le pire de toute chose c'est son mére. Un conduite, oh! Ecoute, cher Cornét: dans Italie, le mére et le fille et la pére„ Jetzt entſtand auf einmal im anſtoßenden Zimmer ein entſetzlicher Lärm, ein Geſchrei, ein Gelächter, ein Gepolter und Gejubel ſondergleichen. Geigen wurden geſtrichen, mit Schaufeln und Feuergabeln geraſſelt, es wurde geſungen, gepfiffen, geziſcht und aus dieſem Ge⸗ töſe hörte man unter Ausrufungen aller Art mit einiger Deutlichkeit nur dieſe: „Papa! Papa! Jetzt kennen wir das Stück! Jetzt iſt das Schauſpiel in Ordnung! Hurrah, Hurrah!“ Die jubelnde Schaar ergoß ſich jetzt, wie ein brau⸗ 200 ſender Strom ins Zimmer herein, als aber die wilde Jugend den Kornet erblickte, da wurde ihre Freude vol⸗ ganz unmäßig. Es entſtand ein allgemeines Ge⸗ hrei: „Iphigenie, Iphigenie! Hurrah! Hurrah! Kornet H. Kornet Karl wird unſere Iphigenie! Hurrah! Es lebe Iphigenie II. Es lebe Kornet Iphigenie! Es lebe. „Tod und Hölle!“ dachte der Kornet, während die wilde Schaar ihn ordentlich anfiel und fortzureißen ſuchte unter dem Geſchrei:„Komm Iphigenie! Komm Kornet Karl! Schnell, ſchnell! Wir wollen ſogleich Probe hal⸗ ten! Du darfſt deine Rolle in der Hand behalten.. komm, komm nur.“ „Hokus pokus über Kornet Karl! Fall auf die Kniee und ſtehe auf als Iphigenie.“ Letzteres wurde von der kleinen, reizenden Agnes D. auspoſaunt, die ſich auf die Zehen ſtellte, um dem Kor⸗ net einen Schleier über den Kopf zu hängen, aber gleich wohl nicht über ſein Ohr hinaufreichen konnte. Lieute⸗ nant Rutelin kam ihr zu Hülſe. Eleonore D. und Mina P. hatten ihm bereits einen großen Shawl über die Schultern geworfen, und drei junge Herrn ſuchten ein Betttuch um ihn zu befeſtigen, das einen Frauenrock vorſtellen ſollte. Unter den Sekundanten der Fräuleins D. bemerkte man auch Lieutenant Arvid. Der Kornet wiederſetzte ſich aber vergebens; er er⸗ hob ſeine Stimme, ſchrie ſogar— umſonſt— er ver⸗ mochte ſich unter dem Lärm ſchlechterdings kein Gehör zu verſchaffen Eine wahre Verzweiflung vor lauter Aerger be⸗ mächtigte ſich ſeiner und brachte ihn zu einem desperaten Entſchluß. Indem er ſeine Stärke nicht gerade auf die höflichſte Art anwandte, ſtieß er mit beiden Armen rechts und links die Leute von ſich, rieß ſich das Betttuch weg und— lief davon. Lief durch eine offene Thüre, die er vor ſich ſah, gerieth in eine lange Reihe von Zimmern, ſah weder rechts noch links um ſich, ſondern lief, lief, —— vilde vol⸗ Ge⸗ tH. lebe die uchte rnet h al⸗ niee Kor⸗ leich eute⸗ und über chten nrock leins er⸗ ver⸗ ehör be⸗ raten f die echts weg die lern, lief, 7) 201 lief! Lief eine Magd, drei Stühle, zwei Tiſche zu Boden und kam endlich von Zimmer zu Zimmer in einen großen Speiſeſaal. Auf der andern Seite deſſelben war der Vorſaal. Das wußte der Kornet und war im Begriff dahin zu eilen, als er mit Entſetzen die jubelnde Schaar unter lautem Geſchrei:„Iphigenie! Iphigenie!“ ſich entgegen kommen und den Weg vertreten ſieht. In der höchſten Seelenangſt will er eben umkehren und ſeine große Tour auf's Neue machen, als er in der Nähe eine halboffene Thüre erblickt, die zu einer kleinen Wendel⸗ treppe führt. Wie ein Pfeil ſchoß er dieſelbe hinab. Sie war dun⸗ kel und ſchmal— wandte und wandte ſich. Schon drehte es ſich auch in des Kornets Kopfe herum, als ſeine Füße endlich auf feſtes Land kamen. Er ſtand in einem kleinen, finſtern Vorſaale. Aus einer angelehnten, eiſernen Thüre blickte ein Lichtſtreif hervor. Der Kornet ging auch durch dieſe Thüre. Durch ein gegenüberſtehendes Fenſter, das mit dicken Eiſenſtäben verwahrt war, glänzte eine matte, untergehende Herbſiſonne herein und ſchien auf die weiß⸗ grauen, kahlen Steinmauern des kleinen Gewölbes. Der Kornet befand ſich— in einem Gefängniß! Nein in einer Speiſekammer. Er ſuchte jetzt nach einem Ausgang. Es befand ſich zwar in dem kleinen Vorſaal eine Thüre der des Gewölbes gerade gegenüber, aber ſie mußte mit einem Schlüſſel geöffnet werden und ein ſolcher war nirgends zu ſehen. Der Kornet ſuchte und ſuchte— vergebens. Endlich ſetzte er ſich auf eine Brodkiſte im Gewölbe, riß ſich den Shawl und Schleier ab und hörte mit Vergnügen, wie die wilde Jagd oben vorüberrauſchte und ſich überall auch in den entlegenſten Theilen des Hauſes herumtrieb, um ſeine Spur zu ſuchen; gleich⸗ wohl war ſie immer noch nahe genug, um ihn am He⸗ raufkommen zu hindern. Unglücklich, unmuthsvoll, müde, erbittert auf die ganze Welt, ſtierte er beinahe gedanken⸗ los, gerade vor ſich hin. Eine Schüſſel mit Backwerk, 202 ueberbleibſel einer Paſtete, eines Kalbsbratens und Johannisbeercréms boten ſich im Sonnenſchein auf einem Tiſche ſtehend, freundlich und lockend ſeinen Blicken dar. Den Kornet überkam eine ſonderbare Bewegung; mitten in ſeiner Verzweiflung, von tauſend qualvollen Gedanken geplagt, empfand er—— Hunger. Arme menſchliche Natur! O Menſch du Krone der Schöpfung! Staubkönig des Staubes! Iſt es der Him⸗ mel oder die Hölle, was ſich in deiner Bruſt wälzt?— Eſſen mußt du doch! In der einen Minute Engel, in der andern Thier! Arme menſchliche Natur! Dagegen wiederum: Gluͤckliche menſchliche Natur! Glückliche Zweiheit, welche allein die Einheit des Weſens bewahrt. Das Thier tröſtet den Geiſt, der Geiſt das Thier und nur ſo kann der Menſch leben. Der Kornet lebte— er war hungerig— ſah Spei⸗ ſen und zögerte nicht lange, ſeinen Hunger damit zu ſtillen. Die Paſtete mußte mit ihrem köſtlichen Ge⸗ füllſel herhalten. Verzeiht, verzeiht, junge Leſerinnen! Ich weiß. ein Liebhaber, ein Romanheld zumal, ſollte nicht ſo pro⸗ ſaiſch, ſo irdiſch ſein.. und unſer Held ſteht vielleicht in Gefahr, alle eure holde Theilnahme einzubüßen. Aber bedenkt, bedenkt ihr lieblichen Geſchöpfe, die ihr von Roſenduft und Gefühlen lebt, er war ein Mann und was noch ſchlimmer iſt— ein Kornet; er hatte einen langen Ritt gemacht und den ganzen Tag noch keinen Biſſen über den Mund gebracht. Bedenkt das wohl. Aber ziemt es ſich auch auf dieſe Weiſe aus den Vorrathskammern fremder Leute zu eſſen? Ach, meine gnädigſte Oberceremonienmeiſterin! Wenn man recht ungluͤcklich und erbittert, recht herzlich der Welt überdrüſſig iſt— dann glaubt man, es zieme ſich Alles, was einigermaßen uns anſtändig iſt, und gegen nichts Anderes, als gegen die Convenienz anſtößt. Man de en 8 der m⸗ in eit, das ſo pei⸗ zu Ge⸗ ro⸗ icht lber von und inen inen den zenn der ſich egen Man fühlt dann ordentlich Luſt, dieſe wie anderes Unkraut mit Füßen zu treten, und bekennt in einer ſolchen Stimmung oft einen ſchönen kosmopolitiſchen Geiſt, kraft deſſen man ſich fähig fühlt, zu der ganzen Welt zu ſagen:„Geh ausdem Wege.“ Kornet Karl hatte ſo in aller Ordnung die Paſtete aus dem Wege geräumt, als ein immer ſtärker werdendes Gelärme und erneuerte gellende Rufe nach der unſeligen Iphigenie, ſowie das Geraſſel und Gepolter oben auf der Treppe ihn erkennen ließ, daß die Jägerſchaar Wind von ihm bekommen hatte und ihm auf der Spur war. Ganz anßer ſich lief er ans Fenſter und packte mit ſeiner ganzen Kraft eine der Eiſenſtangen, um ſie loszureißen und um jeden Preis hinauszukommen. Der Stab wankte, blieb aber dennoch ſtehen. Immer näher kam der lär⸗ mende Trupp. In dieſem ſchrecklichen Augenblick blinkte im Schein der Sonnenſtrahlen ein Schlüſſel hervor, der weit hinweg in der Fenſterecke lag. O Rettungsſtrahl! der Kornet ergriff den Schlüſſel — er paßt ins Schlüſſelloch— die Thüre fahrt auf und von Fourien gejagt(der Kornet dachte ſich in dieſem Augenblick der Verwirrung die hübſchen und ge⸗ bildeten Fräuleins D. ſämmtlich mit Meduſenköpfen) flog er durch einen langen Gang in den Vorſaal hinaus, die Treppe hinab, über den Hof und auf Blankas Rücken. Kaum ſaß er im Sattel, als gleich einem aus dem Munde des Bienenkorbes herſtrömenden Schwarme die tobende Schaar aus dem Thore hervorbrach, im Chor ſingend oder vielmehr ſchreiend: „Iphigenie, Iphigenie, Welche plumpe Poltronie! Schöne Maid, wo denn hinaus? Kehre um und komm nach Haus.“ Der Kornet ritt fort und verſchwand bald hinter den Bäumen aus den Augen der Chorſänger. Drei junge Herrn, die in der Luſtigkeit ihres Herzens nicht anders glanben, als das Ganze gebe einen ungemeinen ergötzlichen Spaß, ſchwangen ſich in einem Nu auf ihre Pferde und verfolgten den Fliehenden. Als der Kornet ſah, daß man ihm auf's Neue ſüch⸗ ſetzte, ritt er auf einmal langſamer zur großen Verwun⸗ derung des jagenden Triumvirats, das ihn bald einholte und umringte, unter gellendem Gelächter und Geſchrei. „Aha, aha! jetzt haben wir den Vogel; da hilft kein Gott mehr! Gebe er ſich gefangen, Herr Koruet, und kehre er ſogleich mit uns um;“— einer von ihnen fiel ſogar ſeinem Pferde in die Zügel. Aber ſein Arm wurde unſanft zurückgeſtoßen; ſtarr und ſtolz die Verfolger anblickend, ſagte der Kornet hitzig: „Wenn die Herrn den geringſten Verſtand hätten, ſo würden ſie ſogleich eingeſehen haben, daß ich durch⸗ aus nicht in der Laune bin zu Scherzen und Scherz mit mir treiben zu laſſen. Ebenſo würden ſie auch jetzt einſehen, daß alle ihre Poſſen mir von Grund aus zu⸗ wider ſindz ich wünſche ſie zum Henker und die Herrn insgeſammt mit!.. Laſſen Sie mich im Frieden. „Ei der Tauſend das iſt einmal ſehr grob,“ ſagte einer von dem Triumvirat und ließ ſein Pferd in dem⸗ ſelben Schritte gehen, wie der Kornet, während die zwei andern Herrn verblüfft ſtehen blieben und nach kurzem Bedenken unter ſchallendem Gelächter zurückgaloppirten. Der Kornet ritt langſam und ſah mit einem ſchar⸗ fen, böſen und fragenden Blick ſeinen ungebetenen Be⸗ gleiter an, der ihn aus einem Paar großen, kla⸗ ren, hellblauen Augen mit einer Art ironiſcher Ruhe betrachtete. Bald kamen die beiden ſtummen Reiter an einen Kreuzweg. Da wandte ſich der Kornet ſtolz gegen ſeinen Begleiter und ſagte: „Vermuthlich trennen wir uns hier; gute Nacht, mein Herr!“ au me bel lad Hä wo nich Ih nich kön: ich in( gera laut nun Deg Kor erwi nahr chenk welck das Tone Dege geger Korn ht en re 205 „Nein,“ antwortete dieſer nachläßig und ſpöttiſch, „ich habe noch ein Paar Worte mit Ihnen zu ſprechen.“ „Wann und wo Sie belieben!“ ſagte der Kornet aufbrauſend. „Oho! Oho!“ bemerkte der andere ironiſch;„neh⸗ men Sie die Sache ſo böſe auf? Wann und wo Sie belieben, das ſind ja Worte, die man zu einer Art Ein⸗ ladung braucht, einander wann und wo man beliebe, die Hälſe zu brechen. Nun, meinethalben gerne, wann und wo Sie belieben. Aber dießmal meinte ich es gerade nicht ſo ernſthaft. Ich wollte Sie bloß begleiten, um Ihnen Geſellſchaft zu leiſten, und zu ſehen, ob ich Sie nicht ein wenig aufmuntern, ein wenig lebhafter machen könne um mich mit Ihnen zu unterhalten.„ „Mit gewiſſen Leuten„ ſagte der Kornet,„plaudere ich am liebſten den Degen in der Hand. Das hält in Entfernung... „Der Degen?“ ſagte ſorglos ſein Gegnerz„warum gerade der Degen und nicht lieber Piſtolen; die ſprechen lauter und dienen auch dazu, die Lente in Entfer⸗ nung zu halten— ich ſchlage mich nicht gerne auf egen.“ „Vielleicht am liebſten auf Stecknadeln?“ fragte der Kornet verächtlich. „Ja, Stecknadeln;—— oder auch Haarnadeln,“ erwiederte ſein Gegner lächelnd, indem er den Hut ab⸗ nahm und aus den reichſten Flechten, die je einen Mäd⸗ chenkopf geſchmückt haben, eine lange Haarnadel zog, an welche er(oder vielmehr ſie) ein kleines Billet heftete, das ſie dem Kornet überreichte, und in ganz verändertem Tone zu ihm ſagte: „Wenn Sie dieſes ſchmerzlicher empfinden, als einen Degenſtich, ſo verzeihen Sie es derjenigen, die es Ihnen gegen Ihren Willen beibringen muß.“ Und die blauäugige Reiterin Thereſe D. warf dem Kornet einen freundlich mitleidigen Blick zu, ſchwenkte fühl, denn ſie erkannten in der U Herminias Hand. Mit Empfindungen, die man ſich leicht 206 ihr Pferd und verſchwand bald aus ſeinen verwunderten Blicken. In dieſen malte ſich jetzt ſogleich ein anderes Ge⸗ eberſchrift des Billets vorſtellen kann, öffnete der Kornet das Briefchen und las, wie folgt: „Mein einziger Freund auf Erden! Lebe wohl! Lebe wohl! Wenn du kommſt, iſt es zu ſpät. Ich habe den verzweifelten Bitten meiner Mutter nachgeben müſſen. Heute reiſe ich nach Stockholm. Morgen bin ich Gen⸗ ſerichs Gattin. wenn ich noch lebe. Mein Bru⸗ der, mein Freund, mein Alles„ ach verzeih mir, Lebe wohl! Herminia.“ Der Brief war vom vorhergehenden Tage datirt. „Jetzt nach Stockholm!“ ſagte der Kornet mit dem verzweifelten, feſten Vorſatze, ſie zu gewinnen— oder zu ſterben!„Ewiger Himmel, habe Dank; noch iſt es Zeit!“ Der Abend begann ſtürmiſch und finſter zu werden. Der Kornet ſpürte Nichts davon und achtete auf Nichts um ſich her, ſondern ritt ſpornſtreichs einem Gaſthofe zu. „Im Augenblick ein flinkes, raſches Reitpferd!“ rie der Kornet mit donnernder Stimme;„ich bezahle, was ihr wollt!“ Bald wieherte ein ſchnaubender Hengſt munter unter dem wilden Reiter, der mit Stimme und Sporen ſeinen Muth noch mehr anſtachelte und mit der Raſerei blinder Ungeduld vorwärts jagte, vorwärts über... doch laßt uns einen Augenblick Athem ſchöpfen.. ſtill ſchie des von und Lam in ſtalt neue Vor ihr! läng chelr finſt Geif nehr 8 Abe Wo verg mon tiefl E= ts ht 8, be n. en⸗ ru⸗ ir, dem zu es den. ichts zu. rief was inter einen inder laßt 207 Hu! Hu! Leichenenle. Es war Nacht. Des Mondes Silberfluth ſtrömte ſtill auf Schloß Thorsborg herab, wo Alles zu ruhen ſchien, denn kein aus den tiefen Fenſtern hervorſchimmern⸗ des Licht gab Kunde von einem wachenden von einem Herzen, das keine Ruhe fand. Ach! und dennoch. In das Zimmer des Oberſten ſtrahlte die klare Lampe der Nacht herein und beleuchtete nacheinander die in goldene Rahmen gefaßten Familienbilder, deren Ge⸗ ſtalten beim Schein der blaſſen, bläulichen Strahlen neues Leben zu erhalten ſcheinen und aus der Nacht der Vorzeit, in deren Schatten ihre Freuden und Schmerzen, ihr Haß und ihre Liebe, ihre Gebete und Blicke ſchon längſt erloſchen ſind, jetzt mit ſtillem, träumeriſchen Lä⸗ cheln auf ihres lebenden Nachkommens Kämpfe mit den finſtern Mächten des Lebens herabſchauen und in den Geiſterchören der Gedanken, die nur dem Gedanken ver⸗ nehmbar ſind, ihm zuftüſtern: Vergeſſen wirſt du und vergeſſen werden, Die dunkle Nacht folgt auf des Tags Beſchwerden; Denn endlich wird ein jeder Streit entſchieden, O Seele, denk daran und habe Frieden. Frieden? Stille Geiſter! Ihr wollt troſten. Aber es gibt Augenblicke, wo der Gedanke an dieſes Wort des Grabes und des Himmels uns bittere Thränen vergießen macht. Der Oberſt ſtand an ſeinem Fenſter und ſah in die mondhelle Nacht hinaus. Seine hohe Stirne war blei⸗ cher als gewöhnlich und dunkle Flammen blitzten aus den tiefliegenden Augen hervor. — — 208 Ein ungebärdiger Sturmwind pfiff über den Burg⸗ f nd führte Haufen vergilbter Blätter mit ſich, die vor dem alten bergfeſten Gebäude ihre Reigen tanzten und an Hofleute erinnerten, welche ihren finſter blicken⸗ den Fürſten zu ergötzen ſuchen. Die Thurmfahnen dreh⸗ ten ſich knarrend und ein unruhiges, ängſtliches Gepfeife, wie man es bei Stürmen in großen Gebäuden hört, zog wimmernd durch das Schloß hin und her. Dieſe Töne ſchienen Vorboten des Unglücks zu ſein; ſie ängſtigen, wie trübe Ahnungen. Am Himmel jagten weiße Wolken in ſeltſamen phantaſtiſchen Geſtalten vorüber, Heerſchaa⸗ ren gleichend, die mit zerfetzten Fahnen fliehend dahin⸗ eilen. Sie hielten Sturmſchleier über die Königin der Nacht, welche ſie indeß bald mit ſiegenden Strahlen durchbrach, und ſammelten ſich jetzt in dunkelgrauen Maſ⸗ ſen weiter hinab am Horizonte. Mit unruhigen, düſteren Gefühlen betrachtete der Oberſt den wilden Kampf in der Natur. Bitter empfand er, daß der Geiſt des Unfriedens mit ſeinem giftigen Athem in ſeiner ſonſt ſo glücklichen und einigen Familie den Frieden geſtört hatte. Er, der die Seinigen ſo in⸗ nig liebte, und ſo zärtlich von ihnen wieder geliebt wurde, er war ihnen jetzt wie fremd geworden. Gattin, Kinder entfernten ſich von ihm—— wandten ihre Blicke von ihm ab— und es war ſeine Schuld; er hatte ihre Bitten abgeſchlagen— ſie waren unglücklich durch ihn;— und mit dieſem Augenblick, wo ſein Ge⸗ wiſſen ihm das Zengniß gab, daß er feſt bei ſeinen Grundſätzen über das, was er für Recht hielt, beharrt, daß er ohne Wanken ſeiner ſtrengen aber hohen Idee gemäß gehandelt— in dieſem Augenblick erhoben ſich ſchmerzliche Gefühle in ſeinem Herzen, die ihn anzuklagen ſchienen, er habe ſich in der Anwendung vergriffen, habe dadurch Leiden verſchuldet, denen er hätte vorbeugen kön⸗ nen, und die Tage derjenigen Weſen verbittert, die zu beglücken und zu ſegnen er berufen war. Ein phyſiſcher Schmerz, woran er manchmal litt und der ſich meiſtens einſt ein bei fühl dieſe ken ſchw drän Him Erde licher einſa imm⸗ ligen dacht ſpreck es n da a Scha verſti zuzur mit Ober gen griffe bellei z0g 9 Wolk Der war ihrem Auge — e fühlte u⸗ „die nzten cken⸗ reh⸗ feife, zog Töne igen, olken chaa⸗ hin⸗ der hlen der fand tigen milie in⸗ liebt ttin, ihre er cklich Ge⸗ inen arrt, Idee ſich agen habe kön⸗ e zu ſcher ſtens 209 einſtellte, wenn ſeine Seele peinlich aufgeregt war—— ein Bruſtkrampf, der ſeinen Athem erſchwerte, machte ſich bei dieſen düſtern Gedanken mit ungewöhnlicher Stärke fühls ar. Er fand ſich einſam„. Niemand fühlte in dieſem Augenblick zärtlich für ihn.... Niemands Gedan⸗ ken umſchwebte ihn mit den friedenfächelnden Tauben⸗ ſchwingen des Gebets— er war einſam! Eine Thräne drängte ſich in ſein männliches Auge und er blickte zum Himmel empor mit dem dunkeln Wunſche, bald eine Erde verlaſſen zu dürfen, wo die Qualen herrſchen. Eine weiße Wolke, welche die Geſtalt eines menſch⸗ lichen Weſens mit ausgeſtreckten Armen hatte, ſchwebte einſam unter dem Sternengewölbe einher— ſchien ſich immer tiefer herabzuſenken und die ausgeſtreckten, neb⸗ ligen Arme ſchienen ſich dem Oberſten zu nähern. Er dachte an Eliſabeth— an ihre Liebe— an ihr Ver⸗ ſprechen, ihn noch nach dem Tode zu umgeben. War es nicht, als wollte ihr Geiſt ihn jetzt umfaſſen, jetzt, da alle Andern ihn verlaſſen hatten? War es nicht ihr Schatten, der jetzt, da alle Liebesſtimmen um ihn her verſtummt, herabſtieg, um einſam durch die Nacht ihm zuzurufen:„Ich liebe dich! Ich liebe dich!“ Immer näher kam die geſpenſtergleiche Wolke;— mit wehmuthsvoller Sehnſucht folgte ihr der Blick des Oberſten und beinahe bewußtlos erhob er die Arme ge⸗ gen ſie. Da wurde ſie plötzlich vom Sturmwinde er⸗ griffen— die ausgeſtreckten Arme wurden von dem Ne⸗ belleibe geriſſen und in ungeordneten wilden Flammen zog gleich einem unheimlichen Phantaſiegebilde die weiße Wolke über die Thurmſpitze dahin. Oede war der Raum. Der Oberſt legte die Hand auf ſeine Bruſt— auch hier war es öde. Einige tiefe Seufzer arbeiteten ſich aus ihrem ſchmerzenden Schvoße hervor. In dieſem bittern Augenblick nahte ſich ihm Jemand mit leiſen Schritten — ein Arm ſchmiegte ſich unter den ſeinigen und er fühlte einen Kopf ſanft ſich an ſeine Schultern lehnen, Bremer, die Familie H, 14 Er ſah ſich nicht um— er fragte nicht— er wußte, daß ihm jetzt ſie nahe war, die ſo viele Jahre hindurch Frende und Leid mit ihm getheilt hatte, nur ſie konnte ſeinen verborgenen Schmerz ahnen— nur ſie in der ſtillen Nacht mit Troſt und Liebe zu ihm kommen. Schweigend ſchlang er ſeinen Arm um die Gefährtin ſeines Lebens und hielt ſie an ſeine Bruſt gedrückt, worin bald der innere wie der äußere Schmerz ſich legte. So ſtanden die beiden Gatten lange und ſahen den Sturm über die Erde hinfahren und in den Wolken jagen. Sie ſprachen kein Wort zur Erklärung über das Vorgefallene, kein Wort der Entſchuldigung. Wozu be⸗ durfte es deſſen? Verſöhnung ſchloß ſie in ihre himmliſchen Arme. Herz an Herz klopfend ſtanden ſie da: ſie waren eins. Der Sturm, der mit jedem Angenblick zunahm, ſchlug mit brauſenden Flügeln an die Thurmuhr, die ſo eben zwölf geſchlagen hatte. Dumpfe Glockenſchläge ließen ſich vernehmen. Feſter drückte der Oberſt die Gat⸗ tin an ſich, die in dieſem Augenblick ein unwillkührlicher Schauer durchbebte. Sie ſah zu ihrem Manne auf. Sein Blick war unbeweglich auf einen einzigen Punkt geheftet und der ihrige, indem er derſelben Richtung folgte, blieb unverwandt und ſtarr, wie der ſeinige. Auf der Landſtraße, die man von dieſer Seite ein gutes Stück weit beinahe gerade vor ſich ſah, bewegte ſich ein ſchwarzer Körper, der, gegen das Schloß zu⸗ ſchreitend, jeden Augenblick einen größern Umfang und eine ſeltſamere Geſtalt annahm. Bald konnte man bei den Strahlen des Mondes entdecken, daß er von mehreren Perſonen gebildet wurde, die auf eine ſonderbare Weiſe zuſammengedrängt und gleichſam zuſammengefügt ſich ſehr langſam aber gemeinſchaftlich fortbewegten. Jetzt wurde er von den Bäumen in der Allee verdeckt— jetzt zeigte er ſich wieder und zwar näher gerückt. Mehrere Männer ſchienen ſorgfältig etwas Schweres zu tragen. „Es iſt ein Leichenzug!“ flüſterte die gnädige Frau. )—— 8——„——— 1„ e —— ———-——)——„——.— — —— ßte, urch nnte der men. rtin ückt, egte. den olken das be⸗ ihre da: ahm, ie ſo äge Gat⸗ icher auf. zunkt tn ein wegte zu⸗ und bei reren Leiſe ſich Jetzt jetzt hrere n. Frau. 2¹¹ „Unmöglich! Um dieſe Stunde!“ antwortete der Oberſt. Immer näher ſchritt die düſtere Maſſe. Jetzt kam ſie in den Schloßhof herein. Der Wind ſauste wild, überſtreute ſie mit verwelkten Blättern und riß mehreren Trägern die Hute vom Kopfe, aber keiner entfernte ſich, um den ſeinen zu ſuchen Der Zug ging gerade auf das Hauptgebäude zu. Jetzt ſtieg er die Treppe herauf; ſo leiſe, ſo behutſam;. Schläge erdröhnten an die Thüren— Alles blieb einen Augenblick ruhig und ſtill — die Thüre ging auf und der Zug ins Haus herein. Ohne ein Wort zu ſagen, verließ der Oberſt ſeine Gat⸗ tin, ging ſchnell aus dem Zimmer, verſchloß es und ſprang die Treppen hinab. Die Träger hatten ihre Laſt in der Hausflur medergeſtellt. Es war eine Bahre. Ein dunkler Mantel bedeckte ſie. Die Träger ſtanden mit ungewiſſer, niedergeſchlagener Miene rund umher. „Wen habt ihr da?“ fragte der Oberſt mit einer Stimme, der er kein Zittern geſtatten zu wollen ſchien. Niemand antwortete. Der Oberſt ging näher und hob die Decke auf. Der Mond ſtrahlte durch die hohen go⸗ thiſchen Fenſter auf die Bahre herab. Eine blutige Leiche lag darin. Der Oberſt erkannte ſeinen Sohn. O Vaterſchmerz! Verhüllt mit den Flügeln, ihr Engel des Himmels euer lächelndes Geſicht, blickt nicht herab auf eines Vaters Schmerz! erlöſchet, erlöſchet ihr ſtrahlenden Lichter des Firmaments! komm finſtre Nacht mit deinen heiligen Schleiern vor Aller Blicken dieſes Leid zu verbergen, das keine Thränen, keine Worte hat. O möge nie ein menſchliches Auge mit einem neugie⸗ rigen Blicke eines Vaters Schmerz entheiligen. Edler, unglücklicher Vater! Als wir deine Augen auf den Sohn geheftet ſahen, da wandten wir die unſrigen hinweg, aber du hörteſt unſere glühenden Gebete. Alle Leute im Hauſe waren, wie ich, bei der Un⸗ glücksbotſchaft in Bewegung gerathen; ſ ſtanden 14 212 wir ſammt und ſonders um die Bahre herum. Auf einen Wink des Oberſten und die Worte:„Einen Wund⸗ arzt!“ kam Alles in Thätigkeit. Sogleich ging ein Bote nach der Stadt ab, um einen geſchickten, der Fa⸗ milie bekannten Chirurgen zu holen, und der lebloſe Körper ward von der Bahre genommen und in ein Zim⸗ mer getragen. Thränen floßen aus den Augen der Träger auf den geliebten, jungen Herrn herab. Der Oberſt und ich folgten dem langſamen, traurigen Zuge. Ich wagte nicht zu ihm aufzuſehen, aber ich hörte die tiefen, beinahe röchelnden Seufzer, in denen er mit der größten Schwierigkeit athmete. Als der Körper im Bett niedergelegt war, begann man, wiewohl hoffnungslos, alle Mittel anzuwenden, die zu Wiederbelebung von Ohnmächtigen oder Scheintodten gebräuchlich ſind. Die Füße wurden gebürſtet, Bruſt, Schläfe und Handgelenke mit Spirituoſen gerieben, Blut rann noch langſam aus einer Wunde am Kopfe; ſie wurde verbunden. Mit den Füßen beſchäftigt wagte ich einen angſtvoll fragenden Blick auf den Oberſten— wandte ihn aber bald ſchaudernd wieder ab. Seine Farbe war die des Todes— ein Krampf hatte ſein Geſicht zuſam⸗ mengezogen und entſtellt. Die Lippen waren hart zuſam⸗ mengepreßt, die Augen ſtier. Auf einmal hatte ich eine Empfindung, als ob ein leichtes Zittern die erſtarrten Glieder durchbebte, die meine Hände berührten. Ich athmete kaum, es erneuerte ſich: ich blickte— wieder zum Oberſt auf. Die eine Hand hielt er gegen ſeine Bruſt, die an⸗ dere führte er an ſeines Sohnes Mund. Er ergriff meine Hand und führte ſie auch dahin— man fühlte einen ſchwachen Dampf daraus hervorkommen. Leichte Puls⸗ ſchläge bewegten ſich an den Schläfen; ein Seufzer— des wiedererwachenden Lebens erſter Gruß— hob die Bruſt und eine matte Lebensfarbe verbreitete ſich über das Ge⸗ ſicht. Der Oberſt blicktte zum Himmel auf. Oh mit welch einem Ausdrucke! O Vaterfreude! Du biſt es nn ie en ſt, ut de en dte ar m⸗ n⸗ ein die rte n⸗ ine en ls⸗ uſt He⸗ mit es 213 werth mit Schmerz erkauft zu werden. Ihr Engel des Himmels, ſchauet mit ſtrahlenden Blicken in ein ſeliges Vaterherz hernieder! Es iſt ein Schauſpiel für euch. Jetzt öffneten ſich die Augen des Schlummernden und ſpiegelten ſich in dem väterlichen Blicke, der mit dem höchſten Ausdruck angſtvoller Freude auf ihm ruhte; ſo blieben ſie einen Augenblick ruhig, dann ſchloſſen ſie ſich ſachte wieder. Erſchrocken legte der Oberſt auf's Neue die Hand an den Mund ſeines Sohnes um zu erfahren, ob der Athem ſchwächer werde; da bewegten ſich die bleichen Lippen zu einem Kuß auf die väterliche Hand und einen Ausdruck voll Frieden und Verſöhnung verbreitete ſich über des Jünglings Geſicht. Er fuhr fort, unbeweglich mit geſchloſſenen Augen, wie ein Schlum⸗ mernder dazuliegen; ſein Athem war ſchwach aber leicht, und er machte keinen Verſuch zu reden. Als die kluge und zärtliche Helena nebſt mir am Lager ihres Bruders ſaß, verließ der Oberſt ihn, um ſeine Frau aufzuſuchen; er winkte mir, ihm zu folgen und ich eilte die Treppen hinauf und kniff mich in die Wangen, um nicht wie ein Todesbote auszuſehen. Die gnädige Frau ſaß unbeweglich mit gefalteten Händen da;z — beim Schein des Mondes nicht unähnlich einer der bleichen Geſtalten aus früheren Zeiten, die um ſie herum im ſtillen Familienkreiſe vor ſich hinblickten. Als wir eintraten, ſagte ſie mit ſtiller Angſt:„Es iſt Etwas ge⸗ ſchehen! Was? Sagt es mir.. ſagt mir Alles!“ Mit bewundernswürdiger Ruhe, mit inniger Zärt⸗ lichkeit bereitete der Oberſt ſeine Frau auf den Anblick vor, der ihrer wartete, und ſuchte ihr zugleich einen Troſt und eine Hoffnung einzuflößen, größer, als er ſie ſelbſt beſaß. Dann führte er ſie in's Krankenzimmer hinab. Ohne ein einziges Wort zu ſagen, ohne einen Laut von ſich zu geben, ohne eine Thräne zu vergießen, ging die unglückliche Mutter auf ihren Sohn zu, der mir jetzt dem Tode näher ſchien, als vorhin. Der Oberſt ſtand am Fuße des Bettes und behielt noch ſeine männliche, 214 kraftvolle Haltung; als er aber ſeine Frau ſachte ihren Kopf auf das blutige Kiſſen des Sohnes niederlegen, mit dem ganzen unbeſchreiblichen Ausdruck der Mutter⸗ liebe und des Mutterſchmerzes ſeine bleichen Lippen küſ⸗ ſen und die außerordentliche Aehnlichkeit der beiden Ge⸗ ſichter unter dem traurigen Todesſchatten, der beinahe gleich auf Beiden ruhte, noch treffender werden ſah— da beugte er ſein Haupt, verbarg ſein Geſicht in beide Hände, und weinte, wie ein Kind. Ach, wir weinten alle bitterlich. Es ſchien uns, als wollte der Funke von Hoffnung, der ſo eben aufgelodert war, wieder erlöſchen, und es ſiel Niemand ein zu glauben, daß die Mutter den Sohn überleben würde. Und dennoch— ihr irdiſchen Sorgen, zehrender Schmerz, ſcharfe Schwerter, die ihr das Innerſte der Seele durchdringet— ihr tödtet nicht. Des Lebens wunderbarer Keim kann ſelbſt aus der Trauer Nahrung ziehen, kann gleich dem Polyp zerſtückelt werden und wieder zuſammenwachſen und fortdauern— und leiden. Trauernde Mütter, Gattinnen, Bräute, Töchter, Schwe⸗ ſtern— weibliche Herzen, welche das Leid immer am Tieſſten trifft und zerfleiſcht— ihr ſeid Zeugen. Ihr habt eure Lieblinge ſterben ſehen—— habt mit ihnen zu ſterben geglaubt und lebet doch— und könnet nicht ſterben. Aber was ſage ich? Wenn ihr lebet, wenn ihr die Ergebung beſitzet zu leben— kommt dieß nicht daher, daß ein Hauch aus höhern Regionen Troſt unv Kraft in euere Seelen gegoſſen hat? Kann ich daran zweifeln, und an dich denlen, edle Thilda R, trauernde Braut des edelſten Mannes! Du hatteſt ſeinen letzten Seufzer em⸗ pfangen— mit ihm hatteſt du Alles auf der Erde ver⸗ loren, deine Zukunft war düſter und freudlos— und doch warſt du ſo ergebungsvoll, ſo mild, ſo freundlich, ſo gut; du weinteſt— aber du ſagteſt tröſtend zu den theilnehmenden Freundinnen:„Glaubet mir— es iſt nicht ſo ſchwer!“ O da begriff man, daß es einen Troſt gibt, welchen die Erde nicht gewährt. Und als du, um dei me zw bet mi ſtä tes me wi rü üb fu Lie an ge du Le die ſtö ſch we de all al eit be kr ri bi —— S — — der der ens ng md en. we⸗ am Ihr nen icht ihr her, raft ein, des em⸗ ver⸗ und lich, den iſt roſt 215 deinen Schmerz zu zerſtreuen, ſagteſt: ich will ihn mit meinem Gram nicht beunruhigen,“ wer könnte daran zweifeln, daß er, deſſen Glück du auch jenſeits des Gra⸗ bes noch zu wahren ſuchteſt, dir nahe war, dich noch mit ſeiner Liebe umgab, dich ſtärkte und tröſtete? „Und es erſchien ihr ein Engel vom Himmel und ſtärkete ſie.“ Geduldige Leidende, Heil euch! Ihr offenbaret Got⸗ tes Reich auf Erden und zeiget uns den Weg zum Him⸗ mel. Aus den Dornenkronen auf euren Häuptern ſehen wir ewige Roſen aufſprießen. Aber ich wende mich zu der troſtloſen Mutter zu⸗ rück, welche der erſte, unerwartete Schlag des Unglücks überwältigte. Sie erholt ſich— um eine lange Prü⸗ fungszeit durchzumachen— denn lange ſchwankte ihr Liebling zwiſchen Leben und Tod. Ihr ſelbſt fehlte es an Stärke und Entſchloſſenheit ihn recht zu pflegen. Wäre nicht Helena geweſen, wäre der Oberſt nicht ge⸗ weſen und wäre(ichrſchüme mich s 3u ſagen) ich nicht geweſen, ſo„aber Kü waren wir Alle und da⸗ durch(und durch Gottes Gnade) blieb der Kornet am Leben. In Zeiten der Trauer und Trübſal vereinigen ſich die Seelen. Wenn äußere Unglücksfälle auf ſie herein⸗ ſturmen— dann ſchmiegen wir uns zuſammen, und die ſchönſten Blumen der Freundſchaft und Anhänglichkeit wachſen meiſt begoſſen von Thränen des Schmerzes. In der Familie merzt ein gemeinſchaftliches Unglück meiſtens alle kleinen Streitigkeiten und Mißhelligkeiten aus, um alle Gemüther, alle Intereſſen auf einem Punkte zu ver⸗ einigen. Beſonders wenn der Tod ein geliebtes Mitglied bedroht, dann erſt verſtummen alle Mißtöne im Familen⸗ kreiſe; dann bewegen bloß harmoniſche, wenn auch trau⸗ rige Gefühle alle Herzen, ſtimmen alle Gedanken und bilden einen Mohnkranz des Friedens, in deſſen Schooße der geliebte Kranke ruht. Nach dem Unglück Karls und während der Dauer 216 ſeiner Krankheit war alles Unbehagen, alle Spannung in der Familie H. verſchwunden; alle Sorgen, alle Ge⸗ danken vereinigten ſich um ihn; und als ſein Leben außer Gefahr war, als er zu geneſen begann— o wie lebhaft fühlte man da nicht, wie innig man einander liebte— und hatte jetzt ein ſo unbeſchreibliches Bedürf⸗ niß einander glücklich zu machen— wie fürchtete man nicht, auf irgend eine Weiſe den ſich klärenden Himmel zu trüben! Es war innig rührend zu ſehen.. aber ich be⸗ greife nicht, was mich heute ankommt, daß ich ſo herz⸗ lich rühren und meine Leſer durchaus ſowohl über mei⸗ nen Schmerz, als über meine Freude weinen machen will— als ob nicht der unnöthigen Thränen genug in die Urnen der Empfindſamkeit ſielen— oder, als ob ich ſelbſt bei der Familie H. ſo überaus ängſtlich geworden wäre Laßt uns deßhalb einen flüchtigen Beſuch bei der Familie D. abſtatten und ſehen, ob wir uns dort ein wenig luſtiger machen können. Kraft eines Zauberſtabes (der miſerabelſten Gänſefeder von der Welt) verſetze ich uns jetzt, nämlich meine Leſer und mich auf einen Augen⸗ blick nach Löfstaholm. Es war Zeit zum Frühſtück. Eine Menge Leute ſaßen um den Tiſch herum. Auf demſelben ſtanden Bowlen und Geſundheiten wurden ausgebracht. „Hol' mich der Tauſend!“ ſagte eine Stimme(die der Leſer wohl nicht wieder erkennt),„wenn ich nicht Luſt habe, noch einmal bis auf den Grund auf Fräuleins Eleonorens Geſundheit zu trinken.“ Seine lebhafte Nachbarin wurde roth wie eine Pfingſtroſe und ſagte freundlich warnend:„Was wird Julie H. dazu ſagen?“ „Julie H.? Ich frage, hol' mich der Tauſend! wenig darn zuſeh Es 1 Vort ſchick alle ron. Eleot —* mir Guts ſundl ſie ſi zu E ſend worn habe nehm den Tauſ Lieute ung Ge⸗ ben wie der irf⸗ nan mel be⸗ erz⸗ nei⸗ hen in ich den der ein bes ich en⸗ ute den die uſt ins ine ird nig ——— 217 darnach, was Julie H. ſagt... Fräulein Julie mag zuſehen, wie es ihr mit ihren Launen allen noch ergeht. Es könnte mir, hol mich der Tauſend, an einem ſchönen Vormittag einfallen, ihr ihren Verlobungsring zurückzu⸗ ſchien „Proſit, Arvid!“ ſchrie Lieutenant Rutelin,„es leben alle ſelbſtſtändigen Männer.“ „Und ihre Anerkenner!“ ſchrie der kleine Lord By⸗ ron.„Ich wollte ſagen, Anerkennerinnen,“ flüſterte er Eleonoren zu,„allein das paßte nicht— des Reims wegen — verſtehſt du?“ „Ei, das kümmert mich wenig,“ antwortete ſie. „Lieutenant Arvid! Lieutenant Arvid P. Ich gebe mir die Ehre, Ihre Geſundheit zu trinken!“ rief der Gutsbeſitzer D. „Hoch! Hoch! Hoch!“ riefen mehrere Stimmen. „Schenke deinem Nachbar ein, Eleonore!“ „Meine Herren und Damen! Ich ſchlage die Ge⸗ ſundheit der Braut des Lieutenants Arvid vor daß ſie ſich beſinnen und zu ihrem eigenen Glücke ihn wieder zu Gnaden aufnehmen möge. Chor. „Ja, daß ſie„ Eine Stimme. „Meine Herren und Damen„hol mich der Tau⸗ ſend... WMeine Herren und Damen— das iſt Etwas, wornach ich, hol mich der Tauſend, wenig frage Ich habe die größte Luſt, ſie nicht wieder zu Gnaden anzu⸗ nehmen— ich.. jfondern ſondern ja ihr den Verlobungsring zurückzuſchicken hol mich der Tauſend.“ Chor. „Es leben alle ſelbſtſtändigen Männer! Es lebe Lieutenant Arvid!“ ——— 218 „Es leben alle Mädchen ohne Launen! Es lebe meine Eleonore und ihre Schweſtern!“ rief der Gutsbe⸗ ſitzer D. Chor. „Hoch, hoch, hoch!“ „Noch, noch, noch!“ fügte mit einer Grimaſſe der kleine Lord Byron hinzu. Thee und Souper. Ich hatte ſo eben die Ehre, meine Leſer bei einem kleinen Dejeuner zu ſehen: jetzt werde ich mir die Ehre ausbitten, ſie mit einem kleinen Souper bewirthen zu dür⸗ fen. Nun, nun erſchreckt nur nicht! Es wird nicht groß, nicht prachtvoll, nicht wie eine Aufwartung bei Sr. Ex⸗ cellenz Langweil und ſoll euch nicht bis über die Mitter⸗ nacht hinaus mühſam wach erhalten. Ich decke einen kleinen runden Tiſch in dem blauen Cabinet auf Thorsborg. Mitten auf denſelben hat He⸗ lena einen großen Korb mit Trauben geſtellt und ihn mit Aſtern, Levkojen und mehreren Blumen unkränzt, die ſich noch unter den blaſſen Strahlen der Herbſtſonne färben. Um die glänzende Bachuskrone herum ſind jene einfachen Gerichte ausgebreitet, die in der Sage von Philemon und Baucis vorkommen, ſo wie in allen Idyllen, wo es ſich um ein Souper handelt. Ich ver⸗ geude kein Papier mit Herrechnung von Milch, Rahm und andern Schäfergerichten.— Ach, Gott ſei mir gnädig! Es fällt mir eben ſiedendheiß ein, daß Baucis, als ſie unerwartet Gäſte bekam, eilte, zur Bewirthung der⸗ ſelben ihre einzige Gans zu opfern! Und ich, die ich eine Menge Soupergäſte eingeladen habe, kann ſie jetzt weder mit Gänſen, noch Kälbern, noch Truthähnen bewirtl Kopfe! nicht denen ſchweie Pflaur angele, der O kleines „aber man! Männ 8 merkſa dige Waſſe endlich leider Lampe allmäl Magif ſeinem ſeinem Abend Frau küßte ſchen beque ſeinen höchſt haben denfre Kiſſen Frau endlic hatte, zärtli lebe tsbe⸗ e der einem Ehre dür⸗ groß, . Erx⸗ itter⸗ lauen t He⸗ ihn ränzt, ſonne ſind Sage allen er⸗ und ädig! „ als der⸗ ie ich e jetzt ähnen 219 bewirthen!— Ich ſchäme mir die Augen aus dem Kopfe! Die gnädige Frau würde es indeß wahrſcheinlich nicht verzeihen, wenn ich eine Platte mit Honigkuchen, denen ein aromatiſcher Saft entſtrömte, ganz mit Still⸗ ſchweigen übergehen wollte, ſo wie eine große Torte mit Pfaumenfüllſel(bei deren Verfertigung ſie ſelbſt Hand angelegt) leichter, leckerer und delikater, als man der Oberſt behauptete zwar, es drücke ihn, ſeit er ein kleines Bischen davon gegeſſen, ſchwer im Magen— „aber(wie die gnädige Frau auch Etwas unwillig ſagte) man weiß nicht, was die Leute manchmal drückt. Die Männer haben oft ſo kurioſe Ideen.“ In dem Augenblick, für welchen ich mir die Auf⸗ merkſamkeit des geneigten Leſers ausbitte, hörte die gnä⸗ dige Frau auf, zum fünften Mal vom Pfropf einer Waſſerflaſche einen Fleck wegreiben zu wollen, der ſich endlich als eine Eigenheit im Glaſe ſelbſt und ſomit leider als unentfernbar auswies. In dem durch eine Lampe angenehm beleuchteten Zimmer ſammelten ſich allmählig Julie(ohne Verlobungsring), Profeſſor L., der Magiſter mit ſeinen Schülern und endlich trat zwiſchen ſeinem Vater und Helena Kornet Karl herein, der ſeit ſeinem Sturze vom Pferde ſich zum erſtenmale auf die Abendſtunden dem Familienkreiſe anſchloß. Die gnädige Frau ging ihm mit Thränen in den Augen entgegen⸗ küßte ihn und gönnte ihm keine Ruhe, bis ſie ihn zwi⸗ ſchen den Oberſten und ſich auf den Sopha geſetzt hatte, bequem gegen weiche Kiſſen gelehnt, die ſie auch um ſeinen Kopf herum auf eine Weiſe aufſtellen wollte, die höchſtens mit Hülſe geflügelter Cherubs hätte Beſtand haben können. Auch ſah der Oberſt mit einiger Scha⸗ denfreude und einigen lakoniſchen„Ei, Ei,“ zu, wie die Kiſſen rechts und links hinabrutſchten. Die gnädige Frau verſicherte, der Oberſt blaſe darauf. Als ſie es endlich einigermaßen nach Wunſch zu Stande gebracht hatte, blieb ſie ſchweigend ſitzen und betrachtete mit einem zärtlichen, wehmüthig lächelnden Blick das blaſſe Geſicht ———— ——— — 220 ihres Sohnes, während Thränen, die ſie ſelbſt nicht be⸗ merkte, langſam über ihre Wangen hinabrollten. Der Oberſt ſah ſie ſo lange mit einem mild ernſten Blicke an, bis ſie durch den Ausdruck deſſelben auf ſich ſelbſt aufmerkſam gemacht wurde und ſogleich ihre Rührung niederkämpfte, um die Ruhe ihres geliebten Kranken nicht zu ſtören. Es war angenehm zu ſehen, wie die kleinen Dicken mit gelüſtigen Blicken und offenem Munde dem kranken Bruder von den guten Sachen brachten, die Helena bei Tiſch vorlegte, und wie es ihnen ſo unbeſchreiblich ſchwer wurde, die Teller aus der Hand zu laſſen Julie lag neben ihrem Bruder auf den Knieen und wählte von einer Schüſſel, die ſie auf den Sopha geſtellt hatte, die größten und ſchoͤnſten Trauben aus, um ſie ihm zu reichen. Ich hatte große Luſt, den Profeſſor L. zu fragen, welches Buch er ſo andächtig und aufmerkſam leſe. Er hätte geantwortet:„Julie,“ oder wäre er etwas in Ver⸗ legenheit gerathen und hätte das Titelblatt des Buches aufgeſchlagen und ſehr verdächtig ausgeſehen, nemlich— in Beziehung auf ſein Leſen im Buche. In den Blicken der meiſten Mitglieder der kleinen Geſellſchaſt lag dieſen Abend etwas ganz Ungewöhnliches — eine Spannung, eine Lebhaftigkeit, mit einem Worte, etwas dem Aehnliches, was in den Augen der Kinder funkelt, wenn ſie am Weihnachtsabend die Ankunft des Weihnachtbockes erwarten. Der Kornet allein war niedergeſchlagen und ſtille; der gleichgültige matte Ausdruck ſeiner Augen verkündete ein freudloſes Herz und obgleich er freundlich und mild alle Zärtlichkeitsbezeugungen erwiederte, womit er über⸗ häuft wurde, ſo lag doch etwas ſo Kummervolles ſelbſt in ſeinem Lächeln, daß es neue Thränen in die Augen⸗ der gnädigen Frau lockte. Mittlerweile ging der Magiſter und fiſchte nach Je⸗ mand, der Schach mit ihm ſpielen ſollte. Er hatte mehr als eit undn Signal den kö: er ſelb ſuchen mit eit Naſe ſt verlor, wandte dann 1 mit S ner M heute 2 im abn D Seufze der To ſie auf, guren Beweg jetzt ſei ungewi C 7* Arvid Unbeſtä ſuchen auf der „ ſich ſeh ſie kenr Klaren ſten Se Blicke h ſelbſt ührung n nicht Dicken kranken na bei ſchwer lie lag te von hatte, hm zu fragen, e. Er Ver⸗ Buches ich— kleinen nliches Worte, Kinder ft des ſtille; ündete d mild über⸗ ſelbſt Augen⸗ h Je⸗ mehr 221 als einmal ſämmtliche Figuren auf dem Brett aufgeſtellt und wenigſtens ſiebenmal dazu gehuſtet, um eine Art Signal zu geben, daß geneigte Gegner ſich jetzt anmel⸗ den können. Als ſich aber kein Streitluſtiger zeigte, zog er ſelbſt auf einen Kreuzzug aus, um einen Mann zu ſuchen und herauszufordern. Profeſſor L., der ſich zuerſt mit einer ſolchen Ausforderung bedroht ſah, ſteckte die Naſe ſo ernſt in das Buch, daß der Magiſter allen Muth verlor, hier einen Verſuch zu wagen und ſich an Julie wandte, die ans untere Ende des Zimmers flog. So⸗ dann wollte er Helena auffordern— allein ſie war ſo mit Serviren beſchäftigt— und kam jetzt mit entſchloſſe⸗ ner Miene gerade auf mich zu. „Ich muß,“ ſagte ich,„gehen und ſehen, ob wir heute Abend Mondſchein haben.“(Es war der letzte Tag im abnehmenden Monde.) Der arme Magiſter warf endlich mit einem tiefen Seufzer den Blick auf die lleinen Dicken, die eben von der Torte in Anſpruch genommen waren, und forderte ſie auf, ſich zu ſputen, indem er ihnen den Gang der Fi⸗ guren zeigen wollte. Der Oberſt, der ſeinen Thee blies und lächelnd die Bewegungen der kleinen Geſellſchaft beobachtete, erhob jetzt ſeine Stimme und ſagte, indem er jedem Worte eine ungewöhnliche Betonung gab: „Ich habe gehört, daß unſer Nachbar, Lieutenant Arvid P., bei Fräulein Eleonoren D. Troſt wegen der Unbeſtändigkeit eines gewiſſen andern jungen Fräuleins ſuchen(und auch finden) ſoll. O wie Julie erröthete! Profeſſor L. ließ ſein Buch auf den Boden fallen „Ich glaube,“ fuhr der Oberſt fort:„daß die Sache ſich ſehr gut machen kann. Eleonore D. iſt, ſo weit ich ſie kenne, ein verſtändiges Mädchen, mit ſich ſelbſt im Klaren und verſteht es auch bei andern Leuten die be⸗ ſten Seiten aufzufinden. Arvid P. iſt eine gute Partie für ſie und ſie eine gute Partie für Arvid. Ich wünſche ihnen alles mögliche Glück.“ ch auch,“ ſagte Julie halblaut und ſchmiegte ſich an ihren Vater, entzückt, in ſeinen Worten Billigung ihres Benehmens zu finden. Sie ſah ihn einen Augen⸗ blick mit einem Ausdruck an, worin Hoffnung, Freude, Zärtlichkeit und Zweifel lächelte, als aber ſein Blick voll väterlicher Milde ihr entgegenlächelte, ſchwang ſie ihren Arm um ſeinen Hals und gab ihm mehr Küſſe, als ich zählen konnte. Profeſſor L. ſchlug ſeine Arme um ſich ſelbſt(ver⸗ muthlich aus Bedürfniß, Jemand zu umarmen) und be⸗ trachtete die ſchöne Gruppe mit einem Blick„o wie beredt iſt nicht zuweilen ein Blick! „Gib mir ein Glas Wein, Beate!“ rief der Oberſt —%ich will eine fröhliche und frendebringende Geſund⸗ et trinken. Ein Glas ſchwediſchen Wein, das verſteht i 1 (Geneigter Leſer, er meinte Beerwein— von mir bereitet. Verzeih mir dieſe kleine Prahlerei.) Ich ſchenkte dem Oberſten ein. „Deine Geſundheit, mein Sohn Karl!“ rief er mit ſtrahlendem Blicke. In dieſem Moment erklang ein ſchöner Harfenaccord melodiſch aus dem anſtoßenden Zimmer. Ein electriſcher Schlag ſchien die ganze Ge⸗ ſellſchaft zu durchfahren und eine Art Illumination ent⸗ zündete ſich in Aller Augen. Der Kornet wollte auf⸗ ſpringen, wurde aber von ſeinem Vater zurückgehalten, der den Arm um ihn geſchlungen hatte, während die gnädige Frau in der Angſt über ſeine ſichtbar heftige Aufregung mehr kölniſches Waſſer über ihn ausgoß, als billig und angenehm war. Auf dieſen Harfenaccord folgte ein anderer und dann ein dritter. So ergoß ſich allmählig gleich den Wohlgerüchen im Frühlings⸗ morgen ein entzückender Strom ſchöner und reiner Me⸗ lodieen, der ſich mit unendlicher Lieblichkeit bald hob, bald ſenfte und ſo wohlthuend bis zum Innerſten des — Herze ger b ſich b ſtimm allmä hinre — — blitzte Seine von ſi konnte vünſche Herzens drang, daß man hätte ſagen können, Engelsfin⸗ ger berühren ſeine Saiten. Mit dieſen Tönen vereinigte gte ſich ſich bald ein noch bezaubernderer. Eine junge Mädchen⸗ lligung ſtimme, rein, klar, holdſelig, ſang im Anfang zitternd, S allmählig aber mit immer mehr Sicherheit und immer reude, hinreißenderem Ausdruck, wie folgt: e ihren Denkſt du der Stunde, da beglückt als ich Dein Herz ein anderes fand, Und da die Liebe hochentzückt konnte er nicht von dem Sopha aufkommen. Auch legte ſt(ver⸗ An deiner Seite ſtand. und be wie Es war ſo ſchön, es war ſo klar, Oberſt Die ganze Welt ſo ſchön, e erß Und jeder Blick zum Himmel war eſund⸗ Des Dankes ſtilles Flehn. verſteht Kam dann ſo eine bitt're Stund, Riß Seel von Seele fort, — Und ſchmerzlich flog von Mund zu Mund Ein bebend Abſchiedswort. er mit 8 Der Erde Freud ich nicht begehr Und hab doch frohen Muth; O komm mein Freund und klag nicht mehr, 0* Sj% 1 jſt ieh te auf⸗ Sieh, Alles iſt jetzt gut. chalten, Sieh, die Geliebte iſt um dich, end die Sie lächelt froh dir zu* tig Und flüſtert:„Ewig dein bin ich, a Auf ewig mein biſt du.“ naccord goß ſich Was that der Kornet inzwiſchen? In ſeinen Augen hli blitzte ein Feuerwerk der Freude und des Entzückens. S. b Seine Füße bewegten ſich, er ſtreckte die Arme aus, aber Wi⸗ von ſeines Vaters Arm, Bitte und Blick zurückgehalten, 1 ſich ſeine Heftigkeit während des Geſangs; Gefühle voller Seligkeit ſchienen in ſeine Bruſt einzuziehen, und er ſah zur Decke empor mit einem Blick, welcher den Himmel offen zu ſchauen ſchien. Die gnädige Frau, die inzwiſchen hinausgegangen war, kam nach dem Geſang wieder herein, an der Hand die bezaubernde Sängerin— die engelſchöne—— Her⸗ minia. Der Oberſt ſtand auf und ging ihnen entgegen. Mit wahrer Vaterzärtlichkeit umarmte er das reizende Weſen und ſtellte ſie feierlich als feine geliebte vierte Tochter der Geſellſchaft vor. Möge es dem Kornet Niemand verdenken, daß er nicht ſogleich aufſprang und ſich der Geliebten zu Füßen warf. Er konnte es wirklich nicht. Das Gefühl hin⸗ reißender Seligkeit war zu ſtark für ſeine ermatteten Kräfte, und eine augenblickliche Ohnmacht überfiel ihn in dem Moment, da er an der Hand ſeiner Mutter das geliebte Weſen eintreten ſah, das er auf immer für ſich verloren geglaubt. Die gnädige Frau leerte jetzt vol⸗ lends ihre ganze Flaſche mit kölniſchem Waſſer rein über ihn aus. Als er die Augen wieder aufſchlug, begegneten ſie denen Herminias, die voll Zärtlichkeit und Thränen auf ihm ruhten. Der Oberſt nahm die Hände der jungen Liebenden und vereinigte ſie. Die ganze Familie ſchloß einen Kreis um die beiden Seligen. Worte wurden nicht geſprochen, aber dieſe Blicke, dieſes Lächeln voll Liebe und Seligkeit— o wie unendlich beſſer ſind ſie nicht, als Worte! ————— Muhmaßlicher Chor meiner Leſer. 7 Aber wie? Aber was? Aber warum? Aber wann? Aber wie kam es? Wie güg es zu? Ich werde die Ehre haben, methodiſch und der Ord⸗ me ſpr ein die mi ———, +— voller er ſah immel gangen Hand 8 Her⸗ tgegen. eizende vierte daß er Füßen lhin⸗ atteten el ihn er das ür ſich t vol⸗ r rein ten ſie en auf jungen ſchloß nnicht Liebe nicht, wann? rOrd⸗ 225 nung gemäß, wie es einer Hausräthin geziemt, darüber meine Erklärung abzugeben. Wenn ein Gelée ſo ziemlich fertig iſt, ſo ſchlägt man Eiweiß hinein, um es(wie es in der Kunſt⸗ ſprache heißt) zu klären. So auch, wenn ein Roman, eine kleine Erzählung, oder ſonſt ein literariſches Gebräu dieſer Art ſeiner Vollendung nahe kommt, ſo rückt man mit einer Erklärung oder Auseinanderſetzung hervor, um den trüben Bodenſatz hell zu machen, und dieſe Erklärung hat meiſtentheils viel Aehnlichkeit mit dem Eiweiß, näm⸗ lich ſie iſt zäh und zuſammenhaltend, klar, klärend und ziemlich geſchmacklos. Ich ſehe bereits, welche Grimaſſen zu meinem Ei⸗ weißkapitel geſchnitten werden, und bin ſelbſt etwas un⸗ ruhig und ängſtlich darüber, wie über alles Zähe; ich glaube daher am Beſten daran zu thun, wenn ich ſtatt meiner eigenen zierlichen Frakturworten dem Leſer eine Unterhaltung mittheile, welche an einem ſchönen Novem⸗ bernachmittag zwiſchen Madame D. und Madame Mel⸗ lander Statt fand, die ſowohl bei ihr, als in der ganzen Gegend die Functionen eines Zeitungs⸗ oder Anzeige⸗ blattes verſah. Damit ſich indeß meine Leſer nicht von den Mißgriffen und Muthmaßungen der beiden Damen irren laſſen, will ich, ohne Wiſſen des ſchwatzenden Waa⸗ res, einen Souffleur auf die Bühne bringen, d. h. einen Hauch vom Geiſte der Wahrheit, der, er möge nun über das Feld der Weltgeſchichte, oder durch die kleinſte Thür⸗ ſpaſte des häuslichen Lebens einherziehen immer ein wichtiger Bundesgenoſſe und Beiſtand iſt. Mein Suuffleur weicht indeß darin von dem beim königlichen Theater ab, daß er nicht die Schauſpieler, ſondern das Publikum auf die rechte Spur ſoufflirt. Doch zur Sache. — Bremer, die Familie H. 15 —————— Die Scene iſt auf Löfstaholm in Madame „Ds. Cabinet. (Madame D. ſitzt bei ihrem Mittagskaffee; Madame Mellander tritt ein.) Madame D. Nun meine liebe Madame Mellander, endlich einmal willkommen!.. Ich habe wenigſtens eine halbe Stunde gewartet. Der Kaffee iſt beinahe kalt... ich werde ihn gewiß wärmen laſſen müſſen... Madame M. Gott behüte, meine liebe, gnädige Frau. kalt oder warm, mir iſts ganz gleich. Madame D.(während ſie einſchenkt). Nun, Madame Mellander, nun was gibts Neues? Madame M. Ja, meine liebe, gnädige Frau, jetzt habe ich, Gott ſei Dank, Alles herausgebracht... noch ein Stückchen Zucker, wenn ich bitten darf. Madame D. Nun, erzählen Sie, erzählen Sie! Ich habe mir ſagen laſſen, das kleine Waldſchnäbelchen dort— dieſe Herminie, ſei in der H'ſchen Familie wie ein Kind vom Hauſe aufgenommen worden.. Sie und der Kornet ſeien verlobt, und nächſtens werde die Hochzeit ſein. Der Souffleur. Erſt in drei Jahren, ſagte der Oberſt. Der Kornet ſoll zuvor reiſen und ſich in der Welt umſehen; und Herminie(meinte die gnädige Frau) auch zuerſt die ſchwe⸗ diſche Landwirthſchaft lernen— und dazu hat ſie wohl drei Jahre nöthig. Madame M. Ich meine, es hat Jemand hier in der Nähe geſpro⸗ chen;— wir ſind doch allein? eine Ich ſagt Bar diſck hieß hüb Mu gert Tag der oder min und dah Hat * Lan füh pra nur der me ander mal unde ihn kalt es? Hott chen mir ieſe vom eien rnet und we⸗ ohl ro⸗ Madame D. Keine Chriſtenſeele kann uns hören. Madame M. Nun dann will ich meiner lieben gnädigen Frau eine ſchreckliche Geſchichte erzählen. aber ſehen Sie.. Ich will nicht, daß es heißen ſoll, ich habe es hier ge⸗ ſagt.. Madame D. Keine Chriſtenſeele ſoll es erfahren. (Der Souffleur ziſcht.) Madame M. Nun gut, die Sache verhält ſich ſo. Die jetzige Baronin K. war Anfangs im Auslande mit einem ſchwe⸗ diſchen Edelmanne verheirathet, der Etwas auf Stern. hieß, und bekam von ihm eine Tochter. eben die hübſche Herminie, um welche ſich weder Vater noch Mutter viel bekümmerten— denn ſehen Sie, ſie hätten gerne einen Sohn gehabt, und das Mädchen ſoll böſe Tage zu Hauſe verlebt haben. Nun.. inzwiſchen kommt der Baron K. auch ins Ausland. nach Taljen. oder wie das Land heißt, er ſieht die ſchöne Frau, Her⸗ minias Mutter... verliebt ſich ganz raſend in ſie, und ſie verliebt ſich ſterblich in ihn. Ihr Mann kommt dahinter. es gibt einen ſchrecklichen Spectakel im Hauſe und zwiſchen den beiden Herrn kommt es zu einer Schlägerei. Der Souffleur. Einem Duell! Madame M. Das Ende vom Lied war, daß Baron K. aus dem Lande mußte. Jetzt kam er nach Schweden zurück und führte da eine Zeitlang ein gottloſes Leben, ſpielte und praßte, ſo daß ſeine Vermögensumſtände ganz in Unord⸗ nung geriethen. Da erfährt er eines Tags, der Mann der ſchönen Frau ſei dort im Auslande geſtorben— er 15 228 reist ſchnell ab, und denkt, eine ſchöne Frau zu bekom⸗ men und mit der ſchönen Frau Geld, um ſeine Schulden zu bezahlen. Er hält um die Wittwe an— ſie ſagt ja, verheirathet ſich in aller Stille mit ihm, denkt, ihr alter Vater werde es ihr nachher ſchon verzeihen— dieſer aber(ein reicher und vornehmer Patron) wird ganz wü⸗ thend und enterbt ſie. Jetzt hatten die Neuvermählten keinen Pfenning mehr, um im Auslande zu leben. Nun, da kommen ſie hübſch hieher— und in demſelben Augen⸗ blick macht ein Handelshaus, bei welchem Baron K. den ganzen Reſt ſeines Vermögens gehabt haben ſoll, ban⸗ kerott— die Gläubiger fielen von allen Seiten über ihn her— er mußte ſich ordentlich vor ihnen verſtecken, und deßhalb wohnte er in dem kleinen Waldhauſe dort und wollte weder Hund noch Katze ſehen— wenn zufällig Leute hinkamen, ſo war er ſo böſe, wie ein wüthender Stier und zornig auf ſeine Frau, weil er glaubte, dieſe habe ſie hergelockt. Ja, es ſoll ein ungluͤckſeliges, elendes Leben dort geweſen ſein... Madame D. Aber wie kam der junge H. hin? Madame M. Ja, das weiß Gott!. Ich habe es nie recht herausbringen können.. aber ins Haus kam er— und die beiden jungen Leutchen verliebten ſich in einander. Faſt zur ſelbigen Zeit kommt anch der ſchöne und reiche Fideicommiſſarius G. hin und verliebt ſich ebenfalls in die kleine Herminia. Madame D. Das iſt ganz unbegreiflich! Das Mädchen iſt ja gar nicht ſchön„keine fraicheur, kein Colorit... Madame M. Ach ja, was iſt ſie denn gegen die allerliebſten Fräu⸗ leins D.?— Ein Radischen neben Rüben. Madame D.(beleidigt). 7 Sie wollten vermuthlich ſagen Roſen? bir iſt det all He da no kom⸗ Uden t ja, alter ieſer wü⸗ hlten Run, igen⸗ den ban⸗ ihn und und ender dieſe endes recht und nder. reiche s in gar Fräu⸗ Der Souffleur. Gichtroſen. Madame M. Ja, ja, ſo meint ichs. das verſteht ſich. Wo bin ich ſtehen geblieben? Richtig, ich hab's. Das Ding iſt gut... Der junge H. verreiste inzwiſchen und blieb den ganzen Sommer aus, und der Fideicommiſſarius kam alle Tage zu Ks. und niſtete ſich bei ihnen ein. Eines Tages hält er um ſie an— und was glauben Sie wohl? Herminia will ihn nicht, und ſagt geradezu nein. Aber da ſoll es einen Lärm im Hauſe gegeben haben. Madame D. Das Mädchen iſt mir immer wie eine Romanen⸗ närrin vorgekommen. Madame Me. Auf den Herbſt ſetzen dem Baran K. alle ſeine Gläubiger zu und wollen Geld haben, oder ihn ins Ge⸗ fängniß ſtecken. Sehen Sie; liebe gnädige Frau, die Sache iſt die: Er ſoll ſich den Sommer über heimlich in Stockholm aufgehalten, geſpielt und gewonnen, und damit theils ſeine Haushaltung beſtritten, theils die Gläubiger hinausgezogen haben. Aber auf einmal wandte ſich das Blättchen, und er kam in ein ſchreckliches Ge⸗ drange. Da ſchwur er einen theuren Eid und ſagte zu dem Fideicommiſſarius G:„Bezahlen Sie ſogleich zehn tauſend Thaler für mich— und Sie bekommen Herminia zur Frau.“ Er antwortete:„Sobald ſie meine Frau iſt, bezahle ich die Summe augenblicklich.“ Der Baron wollte nun Herminia zuerſt einſchrecken, daß ſie Ja ſagen ſollte. Aber es half Nichts. Da warf er ſich ihr zu Füßen und bat; die Baronin that daſſelbe— und das Mädchen weinte und ſagte blos:„Gebt mir noch drei Tage Zeit.“ Die Eltern wollten nicht, muß⸗ ten aber nachgeben, und in dieſer Zeit ſchrieb ſie an den Kornet H., er möchte über Hals und Kopf nach Hauſe kommen 6 4 begeben? 230 Der Souffleur. Nicht ganz wortgetreu. Madame M. Er ſolle das Geld bezahlen, dann bekomme er ſie zur Frau. Der Souffleur. So ſchrieb ſie nicht. Madame D. Ein intrigantes Stück. Madame M. Ja, freilich! Nun der Kornet kommt heim, ganz außer ſich, will von ſeinem Vater Geld haben, der aber. ſagt nein.. Madame D. Ja, ja, der Alte ſoll ein Knicker ſein. Nun, das Uebrige weiß ich. Es kam zu einem Wortwechſel zwi⸗ ſchen Vater und Sohn. Die Oberſtin kam dazuz..ſie ſagten einander Sottiſen. Der Syouffleur. Falſch! Madame M. Ja, das gab ein ſchönes Familienkrakeel. Der Kor⸗ net ritt ganz desparat fort kam an das Plätzchen im Walde, fand Ks. verreist, wurde wie wüthend, ritt den ganzen Tag herum und traf endlich einen Bekannten, den er herausforderte. Der Souffleur. Falſch! Madame D. Ja und wurde in der Nacht als todt zu ſei⸗ nen Eltern heimgetragen.— Aber wohin hatten Ks. ſich Madame M. Die Sache verhält ſich ſo. Es kamen Leute, die den Baron K. abſolut feſtnehmen wollten. Da beſtürm⸗ ten er und die Baronin Herminia dergeſtalt mit Bitten De ver fül nä dat im Al der wo wi me au r ſie ganz das zwi⸗ ſie Kor⸗ chen ritt nten, ſei⸗ ſich die rm⸗ tten 231 — daß ſie in ihrer Herzensangſt zu Allem Ja ſagt. Der Fideicommiſſarius redet mit den Gläubigern und verſprach, ſie in ein paar Tagen zu bezahlen. Und ſo führte er Herminia nach Stockholm, um ſich dort am nächſten Sonntag einfürallemal mit ihr ausrufen und dann ſogleich trauen zu laſſen; die Sache ſollte ganz im Stillen und in der größten Eile vor ſich gehen, denn Alle, beſonders der Fideicommiſſarius, hatten Angſt vor dem jungen H. Madame D. Aber wie kam es, daß Nichts aus der Hochzeit ge⸗ worden iſt? Madame M. Ja, weil Herminia krank und beinahe halb verrückt wurde, wie die Clementina da im Grandſon—(ein Ro⸗ man, wie die gnädige Frau wiſſen werden) und ſie war auf dem Sprung, ihrem Leben ein Ende zu machen. Der Souffleur. Wie gottlos! Madame D. Madame M. Da wurde ihre Mutter ängſtlich, und ſchickte einen Boten zu dem Oberſten H., mit dem ſie früher gut be⸗ kannt geweſen ſein ſoll.. Der Souffleur. Falſch! Falſch! Falſch! Da der Suuffleur unter den drei Redenden diejenige Perſon zu ſein ſcheint, die den Gang des Stückes am Beſten kennt(vermuthlich weil er das Manuſcript in der Hand hat), ſo mag er jetzt allein auf die Bühne vortre⸗ ten und die Sache auseinanderſetzen, die ſeinem Geſchrei zufolge die Andern falſch erzählen. Der Souffleur. Meine gnädigen Herrſchaften, die Sache iſt die: Herminias Seelenleiden, unter welchen ſie lange kämpfte, hatte wirklich in den entſcheldenden Tagen eine Art ſtil⸗ len Wahnſinn bei ihr zur Folge, ſo daß Jedermann er⸗ ſchrack, wer in ihre Nähe kam. Genſerich G., der in Stockholm erfuhr, wie verzweifelt Ks. Angelegenheiten ſtanden und Herminias Widerwillen wußte, zog ſich aus dem Spiele und verſchwand auf einmal, ohne daß man wußte, wohin. Baron K. ſah bald ein, daß Nichts mehr ihn vom Untergang zu retten vermochte, und beſchloß daher, zu fliehen— ſeine Gattin verſprach, ihn zu be⸗ gleiten. In dieſer Zeit der Hoffnungsloſigkeit ging den beiden unglücklichen Gatten ein neuer Stern auf.— Sie näherten ſich einander— ſie weinten zuſammen— über das Verfloſſene wurde der Schleier der Vergeſſenheit geſenkt— ſie gelobten, einander auf der mühſamen Wanderung zu ſtützen— die frühere Liebe erwachte und ließ ſie ahnen, daß ſie, wenn ſie ihr Feuer bewahrten, auch in der Tiefe des Elends noch einige Glückſeligkeit würden beſitzen können. Der Baronin Herz, deſſen Eis das Leiden gebrochen zu haben ſchien, blutete für Her⸗ minia und entſetzte ſich vor ihrem Schickſal, wenn ſie mit ihren unglücklichen Eltern eine Beute der Noth und des Clends in der Welt umherirren müßte. Eines Abends ſaß ſie da und betrachtete das ſchöne, blaſſe, von Gram und Gemüthsleiden verzehrte Mädchen, das jetzt in einem ſüßen Schlummer lag; es zerriß ihr das Herz, und ihren Stolz unterdrückend, ergriff ſie die Feder und ſchrieb fol⸗ gende Zeilen an die Oberſtin H.: „Eine verzweifelte Mutter ruft die Barmherzigkeit einer Mutter an. Morgen werde ich Stockholm verlaſ⸗ ſen, um aus Schweden zu fliehen. Meine Tochter kann — unt Ra Sc leu vor Si reu wä Ha me h für des kön Kö abe ich zeil ret gel we ſeg An dei M ho me ba 233 und will ich nicht mitnehmen. Ich will ſie nicht ein Raub des Elends werden ſehen— denn Elend iſt das Schickſal, dem ich entgegengehe. Ihr achtungswürdiger die: Charakter, die Güte, die ich ſelbſt in Ihrem Geſichte npfte, leuchten ſah, gibt mir den Muth, mich mit der Bitte an ſtil⸗ Sie zu wenden...(o hörten Sie dieſelbe doch ner⸗ von meinen zitternden Lppen ausgeſprochen— ſähen rin Sie in meiner Brnſt das Zerriſſene, das zerfleiſchte und eiten reuevolle Mutterherz— Sie würden mein Flehen ge⸗ aus währen) nehmen Sie— nehmen Sie mein Kind in Ihr man Haus in Ihre Familie auf! Aus Barmherzigkeit neh⸗ mehr men Sie es auf! Rehmen Sie meine Herminia in chloß Ihren Schutz— nehmen Sie ſie als Kammerjungfer be⸗ für Ihre Töchter— dazu wenigſtens möchte die Enkelin den des Marcheſe Azavellos für tüchtig angeſehen werden f.— fönnen. Jetzt iſt ſie ſchwach und krank— ſchwach an Körper und Gemüth, jetzt taugt ſie nicht zu Vielem... nheit aber haben Sie Gekut ld mit ihr... ach, ich fühle es, amen ich werde bitter,— und ich ſollte demüthig ſein Ver⸗ und zeihen Sie mir! und wenn Sie mich von Verzwe eiflung rten, retten wollen— ſo eilen Sie— eilen Sie als ein En⸗ igkeit gel des Troſtes hieher und ſchließen Sie mein beklagens⸗ Eis werthes Kind in ſchützende Arme. Dann werde ich Sie Her⸗ ſegnen und für Sie beten! O möchten Sie nie einen tie Angenblick haben, ſo bitter, wie dieſer! und Eugenie A.“ ens ram inem Dieſen Brief erhielt die Oberſtin einige Tage nach hren dem Unglücksfalle ihres Sohnes. Sie zeigte ihn ihrem fol⸗ Manne. Die beiden Gatten reisten ſogkeich nach Stock⸗ holm und kamen mit Herminia zurück, der ſie von Stund an elterliche Zärtlichkeit bewieſen, und die in dem Ele⸗ gkeit ment des Friedens und der Liebe, das ſie hier umſchloß, bald eben ſo ſchön, als ſelig aufblühte. n (Der Souffleur gebt ab, um Beate Alltäglich Platz zu machen, die Stwas ſchwatzluſtig ausſieht.) —— 234 Wenige Perſonen auf dem Theater des Lebens lieben die ſtummen Rollen. Jedermann möchte gerne, wenn die Reihe an ihn kommt, vortreten und Etwas ſagen, ſollte es auch weiter Nichts ſein, als:„ich heiße Peter,“ oder „ich heiße Paul,“„ſeht mich an!“ oder„hört mich an!“ Und da ich, Beate Alltäglich, mir nicht das Unrecht anthun will, beſcheidener zu erſcheinen, als ich in der That bin, ſo trete ich wieder vor, und ſage:„Hört mich an!“ Baron K. verſchwand plötzlich mit ſeiner Frau aus Schweden. Sie nahmen ihren Weg nach Italien, wo die Baronin noch einen Verſuch machen wollte, ihren Vater zu verſöhnen. Sie machten ſich darauf gefaßt, auf dieſer Reiſe mit allen Drangſalen kämpfen zu müſ⸗ ſen, welche Mangel und Armuth mit ſich führen können; aber die Sache geſtaltete ſich anders. An mehreren Or⸗ ten unterwegs wurde ihnen eine ganz unbegreifliche Zu⸗ vorkommenheit von ganz unbekannten Perſonen zu Theil. In mehreren Städten lagen Summen für ſie bereit— ein guter Engel ſchien ſie zu begleiten und über ihnen zu wachen. Die Baronin ſchrieb dieß ihrer Tochter. „Das Alles iſt meines Mannes Werk,“ ſagte eines Tags die gnädige Frau mit einem ſtrahlenden Ausdruck von Stolz, Zärtlichkeit und Freude zu mir. K. war in ihrer Jugend ſein Feind, und hat ihn auf verſchiedene Art beleidigt. Obgleich ſie ſeit dieſer Zeit in keine Be⸗ rührung mehr mit einander kamen, ſo weiß ich doch, daß mein Mann es nicht vergeſſen hat— denn vergeſſen kann er nicht— aber das iſt ſeine Rache... er iſt ein ed⸗ ler Menſch— Gott ſegne ihn!“ Ich ſagte Amen! wa ten Vie unt gut um mit den inde ließ wir den ſigſ niſe dent abet Ma Art tete färl lens mit laſſe Lipz halt Pla ihn Wa gewi eben die ollte oder an!“ recht der Hört aus wo hren faßt, müf⸗ nen; Or⸗ Zu⸗ heil. t— nzu ines ruck r in dene Be⸗ kann ed⸗ Letzter Aufzug. Im Auguſt 1830 Die Pfarrwittwe Bobina Bult ſaß in ihrem Reiſe⸗ wagen, Zügel und Peitſche in ihren feſten Händen hal⸗ tend. Rings um ſie her waren ins Heu eine Menge Victualien in Säckchen und Bütten eingepackt— mitten unter dieſen ihre gute Freundin, Beate Alltäglich. Der Auguſtabend war mild und ſchön, der Wagen gut, das Pferd munter und dennoch ſah es ſchlimm aus um Frau Bobinas Weiterfahrt— denn vor uns zog mit leerem Wagen ein junger Bauernburſche, der ſich in den Kopf geſetzt zu haben ſchien, ihre Geduld zu prüfen, indem er nur im Schritte fuhr und uns nicht vorbei⸗ ließ, denn wandten wir uns rechts, er auch, und ſuchten wir links vorüber zu kommen, ſo vertrat er uns wieder den Weg. Dabei ſang er aus vollem Halſe die anſtöſ⸗ ſigſten Lieder, ſah ſich oft nach uns um und lachte höh⸗ niſch. Ich ſah zur Frau Pfarrerin Bobina Bult auf, denn ich ſelbſt bin leider ein kleines Frauenzimmer, ſie aber iſt hochgewachſen, ſchlank und ſtattlich, wie ein Maſtbaum und ich merkte, wie ihre Unterlippe auf eine Art hervorſchoß, von der ich wußte, daß ſie Zorn bedeu⸗ tete, ich ſah ihr Kinn und ihre Naſenſpitze ſich hochroth färben und die kleinen grauen Angen Pfeile des Unwil⸗ lens abſchnellen. Mehreremale hatten wir den Burſchen mit guten und böſen Worten ermahnt, den Weg frei zu laſſen— aber vergebens. Frau Bobina biß ſich in die Lippen, gab mir ohne ein Wort zu ſagen, die Zügel zu halten, ſprang aus dem Wagen, that einige tüchtige Schritte und ſtand eins, zwei, drei an der Seite unſers Plagegeiſtes, faßte ihn mit kräftiger Hand am Kragen, zog ihn, bevor er an einen Widerſtand denken konnte, vom Wagen herab auf den Boden und verſetzte ihm mit dem gewichtigen Stiele ihrer Peitſche mehrere Schläge auf 236 den Rücken, indem ſie ihn fragte, ob er um Verzeihung bitten und ſich beſſern oder noch ferner die Kraſt ihres Armes erproben wolle. Vermuthlich war er bereits zur Genüge von deſſen ungewöhnlicher Stärke überzeugt, denn er wurde jetzt plötzlich demüthig und zerknirſcht und ver⸗ ſprach Alles, was man wollte. Frau Bobina ließ ihn jetzt aufſtehen und hielt ihm ein kurze, aber kräftige Bußpredigt, deren Schluß ſo ſchön war, daß ſie mich, ſie ſelbſt und auch den Bauernburſchen rührte, der ſich mit ſeinem Hutſchirm die Thränen aus den Augen trocknete. „Ich kenne dich,“ fügte ſie endlich hinzu,„du biſt aus dem Kirchſpiel Amine; dein Vater iſt lange krank gewe⸗ ſen, du kannſt am morgenden Sonntag zu mir nach Löfby kommen und Etwas für ihn holen.“ Wir fuhren jetzt ungehindert weiter, hatten aber gleichwohl noch dann und wann eine Aufhaltung unter⸗ wegs. An einer Stelle halfen wir einem alten Weibe, das mit ihrer Fuhre umgeworfen hatte; an einer andern ſtieg die Frau Pfarrerin aus, um mit vieler Mühe ein großes Schwein los zu machen, das ſich an einer Hecke verwickelt hatte und deſſen unharmoniſches Jammergeſchrei ins Innerſte des Herzens drang. Beim Untergang der Sonne ſahen wir ihre Strah⸗ len Löfby begrüßen, ſchmale Rauchſäulen wirbelten kork⸗ zieherartig aus den Schornſteinen der Hütten empor, breiteten ſich in der klaren Abendluft aus und vereinigten ſich in ein leichtes durchſichtiges Wölkchen, das wie eine roſenfarbene Flordecke über dem Dorfe ſchwebte, welches mit ſeinen zierlichen Häuſern, ſeinen grünen Gärten und ſeinem murmelnden klaren Fluſſe einen reizenden Anblick gewährte, während wir langſam einen langen abſchüſſigen Hügel hinabfuhren, der ſich bald in zwei Arme theilte, wovon der eine nach unſerm etwa fünfzig Schritte vom Dorfe gelegenen Hauſe führte. Die Kühe kamen in langen Zügen mit klingelnden Schellen und friedlichem Brüllen von den Waiveplätzen heim, um ſich melken zu ————— laſſe ſang Tön die und Geſ freu Alle bra ſchr mit kuch Zeit here muf ſollt Knc ſein Zw und reri kind nen hatt reut ſeg dem Wu aus getr die tun feln hung ihres ur denn ver⸗ ihn mich, ſich nete. aus ewe⸗ nach aber nter⸗ eibe, dern e ein Hecke ſchrei trah⸗ kork⸗ npor, igten eine elches und nblick ſſigen eite, vom nin ichem en zu 237 laſſen. Das Kuhhorn ertönte. Die Bauernmädchen ſangen mit klaren, gellen Stimmen und mit dieſen Tönen vereinigte ſich das Bim bam der Kirchenglocken, die am Samſtag Abend der Woche gute Nacht zuſangen und den Tag der Ruhe verkündeten. Frau Bobina Bults Geſicht wurde heiter und feierlich. Jedermann grüßte ſie freundlich und ehrfurchtsvoll und freundlich dankte ſie Allen. Als wir an unſerer kleinen Schule anlangten, brach der Kinderſchwarm unter überlautem Freudenge⸗ ſchrei aus dem Hauſe und umarmte ſie voll Zärtlichkeit mit maaßloßem Entzücken. Liebkoſungen und Pfeſſer⸗ kuchen wurden an alle ausgetheilt. Mancherlei Geſchäfte nahmen jetzt Frau Bobinas Zeit in Anſpruch. Die eine Magd hatte ein Gewebe herabgenommen, die andere ein neues aufgeſetzt; dieſe mußte die Pfarrerin beſehen. Ein Knecht hatte ſich in den Fuß gehauen, den ſollte die Frau Pfarrerin verbinden; ein kleiner kranker Knabe in der Nachbarſchaft hatte keine Ruhe(ſo erzählte ſeine Mutter) bis er die Frau Pfarrerin geſehen hätte. Zwei ſonſt ſehr vertraute Gatten hatten ſich überworfen und geſchlagen— zwiſchen ihnen ſollte die Frau Pfar⸗ rerin richten u. ſ. w. u. ſ. w. Zuerſt ſprach Frau Bobina mit allen ihren Schul⸗ kindern, betete mit ihnen allen, weinte mit einem Klei⸗ nen, das ſich den Tag über ein bedeutendes Verſehen hatte zu Schulden kommen laſſen und es jetzt tief be⸗ reute, ermahnte ein zweites, lobte ein drittes, küßte und ſegnete ſie Alle und ging ſodann an ihre Geſchäfte außer dem Hanſe. Als die Glocke eilf ſchlug hatte ſie die Wunde verbunden, die beiden Eheleute zuerſt tüchtig ausgeſcholten und dann verſöhnt, den kleinen Knaben getröſtet u. ſ w. Als ſie nach Hauſe kam, beſah ſie die Gewebe, gab ihre Anordnungen über die Haushal⸗ tungsgeſchäſte des morgenden Tages, aß ſchnell zwei Kartof⸗ feln mit etwas Salz und ging ſodann ans andere Ende — — ——— —— —— 5 238 des Dorfes, um einer auf ſie wartenden kranken und unglücklichen Mutter die freudige Nachricht zu bringen, daß ihr Kind vom Wege des Laſters zurückgekehrt ſei. Ich ſaß inzwiſchen auf meinem Zimmer. Vier kleine Mädchen mit roſenrothen Wangen lagen um mich herum und ſchliefen ruhig auf den ſchneeweißen Laken. Die ruhige, ſchöne Auguſtnacht, die ſo warm war, daß ich mein Fenſter offen haben konnte, die Schweig⸗ ſamkeit und Ruhe um mich her, der leichte Athemzug der ſchlafenden Kinder hatte etwas Liebliches und Frie⸗ dengebendes, was jene ſtillen, wehmüthigen Gefühle in mir erweckte, welche Ruhe über die Gegenwart verbreiten und uns oſt mit den Erinnerungen entflohener Jahre an⸗ fächeln. Der Mond, dieſer Freund meiner Kindheits⸗ und Jugendtage, ſtieg auf und blickte freundlich und bleich über die Birkenhaine in mein Zimmer herein. Sein Licht ſchlich ſich koſend über die geſchloſſenen Au⸗ genlieder der Kinder und ſchien ſodann ſtill auf ein Antlitz, das die Tage des Lebens erbleichen gemacht hatten— auf eine Bruſt, deren Gefühle die Jahre nicht zu beſchwichtigen vermocht. O wie wunderbar ſchwebten auf den freundlichen Strahlen alle die ſo theuern, trau⸗ rigen und fröhlichen Erinnerungen meines vergangenen Lebens einher— wie klar ſtiegen ſie nicht aus der Nacht hervor und drängten ſich ſo lebendig und warm um mein Herz! Alle die Perſonen, mit denen ich in Berührung gekommen und die mir theuer geworden waren oder eine Bedeutung für mich gewonnen hatten, ſchienen ſich auf's Neue um mich ſammeln und ihren Ein⸗ fluß durch Worte und Blicke üben zu wollen. Die Fa⸗ milie H., von der ich ſchon beinahe ein Jahr Abſchied genommen, kam mir in dieſem Augenblick ſo nahe, daß es mir war, als könnte ich mit ihren liebenswürdigen Mitgliedern ſprechen, ſie fragen, wie Alles in ihrem Hauſe ſtehe, ob ſie glücklich ſeien, ob ſie auch noch an mich denken?— Ja— ob? Denn ich hatte in langer Zeit kein Gefi recht liebt ſich wein da, Fenſ haft und mach und ſogle gerer ſchlu niede deſſer entſte darat Zimn die Pant mit Brief H's, länge eben eine dir F lautet und en, ſei. eine um ar, eig⸗ zug rie⸗ ten an⸗ its⸗ nd in. lu⸗ ein cht cht ten u⸗ len der rm in en en, in⸗ a⸗ ied en em an Zeit nicht das kleinſte Erinnerungszeichen, keine Zeile, kein Wort von ihnen erhalten. Ein kindiſch ängſtliches Gefühl, vergeſſen zu ſein— eigentlich doch Niemand recht anzugehören— Leuten, die man hochachtet und liebt, doch ſo wenig, ſo gar Nichts zu ſein, bemächtigte ſich auf einen Augenblick meines Herzens. Ich mußte weinen— und ſaß noch mit dem Tuche vor den Augen da, als die Pfarrerin, die mich vom Hof aus an dem Fenſter geſehen hatte, hereintrat. Sie fragte mich ernſt⸗ haft, wie Jemand, der Klarheit einer Sache haben will, und ich bekannte ihr demüthig meine Schwachheit. Sie machte mir nachdrückliche Vorwürfe darüber, ermahnte und küßte mich mit mütterlicher Zärtlichkeit und bat mich, ſogleich zu Bette zu gehen und ihr zu Liebe meine ſeit län⸗ gerer Zeit abnehmende Geſundheit zu ſchonen. Sie verließ mich— aber ich gehorchte noch nicht, ſchlug Feuer, zündete mein Licht an und ſetzte mich nieder, um Moral für mich ſelbſt zu ſchreiben. Während deſſen hörte ich zwölf und halb ein Uhr ſchlagen. Da entſtand auf einmal ein Geräuſch im Hauſe und bald darauf lief Jemand die Treppe herauf, die zu meinem Zimmer führte. Meine Thüre ging leiſe auf— und die Frau Pfarrerin Bobina Bult in Nachthaube und Pantoffeln mit ihrer Bettdecke über den Schultern ſtand mit freudefunkelnden Augen da— und einem dicken Brief in der Hand— den ſie mir überreichte.„Von H's, von H's,“ flüſterte ſie. Ich hatte nicht im Sinn, länger auf den Stadtboten zu warten, aber als ich mich eben niederlegen wollte, hörte ich ihn kommen. Ich hatte eine Ahnung! Gute Nacht, gute Nacht! Bott ſchenke dir Freude!“ Und fort war Bobina Bult. Und Freude ward mir zu Theil. Juliens Brief lautete, wie folgt: Den 13. Aug. 1830. Eine kleine Pfarrerin iſt es, die an dich ſchreibt. 240 Seit Monaten bin ich nicht mehr Julie H., ſondern Julie L. Ich hatte den Muth nicht, früher zu ſchreiben. Es war mir eine Zeit her wirr im Kopfe und ängſtlich ums Herz. Die Gründe: Erſtens die ſchreckliche Ehr⸗ furcht, die ich vor meinem lieben Manne hegte— ja— ich wußte wirklich eine Zeit lang nicht, wie ich mit meiner Bewunverung für Profeſſor L. dem Gefühle meiner Unterlegenheit und meiner köſilicher Eigenliebe, die um feine Welt Julie H. bei mir— wie ſoll ich doch ſagen? — im Preiſe ſinken laſſen wollte, zurecht kommen ſolle. Und dann— dieſe gottgeſegnete Landwirthſchaft! Kühe und Schaafe, Eier, Butter und Milch u. ſ. w. und eine Sündfluth von Kleinigkeiten— und dann die Mutter, die ſo unruhig war und mir helfen wollte, aber. nun— allmählig kam doch Alles ſo wunderbar in Ordnung. Der kleine Gott mit dem Pfeil und Bogen half mir. Mein guter L. ließ es ſich, glaube ich, noch mehr ange⸗ legen ſein, mir zu gefallen, als ich ihm. Ja, er war und iſt, Gott ſei Dank, wirklich in mich verliebt. Seit⸗ dem ich das geſehen habe, hatte es keine Noth mehr— ich faßte Muth. Kühe, Kälber uhd Hühner gediehen, unter den großen Keſſel der Haushaltung kam friſches Feuer— und gottlob, auch die Mutter wurde ruhig. Und mein Mann— nun, das verſteht ſich, er war zu⸗ frieden— und ich war zufrieden mit ihm. Beate, weißt du, was ich Morgens und Abends, ja ſtündlich aus dem Innerſten meines ganzen Herzens bete?„O Gott, mache mich der Liebe meines Mannes würdig, verleihe mir die Fähigkeit, ihn glücklich zu ma⸗ chen!“ Und ich habe wirklich viele Fähigkeit dazu— denn er iſt(ſo ſagt er wenigſtens und ſo ſcheint es) ſehr glücklich. Wenn du wüßteſt, wie geſund er ausſieht, wie vergnügt! Siehſt du, das kommt daher, daß ich ihn in Ordnung halte, daß er nicht mehr ſo übel mit ſich um⸗ gehen darf, wie früher und auch nicht mehr die Nächte hindurch aufbleibt— das hat er ſich abgewöhnt. Und denn freie ſehr went Ol. (er hinei auf Etw und bekor ſeher wahr will, der All' vern um ſten ange mit mal, ches hätte daß mein Gefü ſeit ſieht faſt f gute zwiſc idern iben. ſtlich Ehr⸗ 0— teiner leiner um gen? ſolle. Kühe eine utter, — nung. mir. ange⸗ r war Seit⸗ hr— iehen, riſches ruhig. ar zu⸗ ds, ja erzens tannes ma⸗ 3) ſehr ht, wie ihn in ch um⸗ Nächte . Und 341 dennoch denkt und ſchreibt er jetzt(er geſteht es ſelbſt) freier und kraftvoller, als je. Ich nehme mich aber auch ſehr in Acht, ihn nicht zu ſtören oder zu beläſtigen, wenn er auf ſeinem Arbeitszimmer iſt, ſchreibt und liest. O!.. wenn ich ihn einen Augenblick gerne ſehen will, (er iſt doch ſchön, Beate!) ſo ſchleiche ich mich leiſe hinein, ſpiele ihm einen kleinen Streich, lege eine Blume auf ſein Buch oder küſſe ſeine Stirne, oder thue ſonſt Etwas der Art; dann gehe ich ganz ſtill wieder hinaus, und wenn ich mich umwende, um die Thüre zuzumachen, bekomme ich jedesmal einen Schimmer ſeines Auges zu ſehen, das mir gleichſam verſtohlen folgt. Im Uebrigen arbeite ich darauf los, mich zu einer wahrhaft achtungswürdigen Paſtorin heranzubilden. Ich will, daß man L's Frau ein Muſter der Hausfrauen in der Gemeinde nennen ſoll. Glaube nicht, daß ich bei All' dem meinen kleinen äußeren Menſchen vergeſſe oder vernachläßige; o nein! Ich frage recht oft den Spiegel um Rath, aber weißt Du, welchen Spiegel ich am Lieb⸗ ſten frage? den, den ich in L's Augen ſehe, es iſt ſo angenehm, ſich im Schönen zu ſehen. O Beate! wie veredelnd wirkt doch die Verbindung mit einem Manne, den man hochachtet und ſchätzt, zu⸗ mal, wenn er dabei ſo gut iſt! Als Arvids Frau, wel⸗ ches Nichts wäre ich da geworden, welches Nichtleben hätte ich da geführt? Jetzt fühle ich mit inniger Freude, daß ich mit jedem Tage höher in meiner eigenen und in meines Mannes Achtung ſteige. Es iſt ein glückſeliges Gefühl, zu ſteigen. Weißt Du auch, daß Arvid verheirathet iſt— ſchon ſeit mehr als drei Monaten? Seine Frau, Eleonore D., ſieht etwas gar zu nüchtern und er ſieht, könnte man faſt ſagen, faſt zur Noth munter aus. Ich fürchte, ſeine gute Ruhe iſt ein wenig geſtört. Armer Arvid! In⸗ zwiſchen gibt das junge Paar glänzende Feſte und Ge⸗ Bremer, die Familie H. 16 342 lage. Der alte P. fährt(ſicherlich mit Abſicht) faſt alle ſch Tage mit ſeinen Schwanen hier vorbei, ſeine Schwieger⸗ den tochter ſitzt bei ihm in dem ſchönen Landauer und er fährt ganz langſam, als glaubte er das Leichenbegäng⸗ noc niß meines Glückes zu begehen;— aber ich füttere mit Wi frohem, ſorgenfreiem Herzen meine Enten, nicke Eleono⸗ vol 3 freundlich zu und danke dem ewig Gütigen für mein ſer vos.. lich 1 Es iſt Samſtag Abend. Ich erwarte meinen Mann„ zu Hauſe. In der Laube vor meinem Fenſter habe ich Ků unſern kleinen Abendtiſch gedeckt; Spargeln aus unſerm gel Garten, ſchöne Himbeeren und Milch, L's Leibſpeiſen, das bilden das Mahl. Die engelgleiche Herminia Linnäa unt ſchmückt eben jetzt den Tiſch mit Blumen. Wie ſchön mit ſie iſt, wie gut, wie unbeſchreiblich liebenswürdig, glaubt es gar Niemand. Sie hat uns Andere bei unſern Eltern beinahe ausgeſtochen— und man verzeiht es ihr doch Er ſo gerne. Ach, Bruder Karl, du haſt eine ſchöne Perle als gefunden; er ſcheidet jetzt bald von den Küſten des Mit⸗ M telmeeres, um in ſeinem geliebten Norden ſeine Lebens⸗ 7 ma perle wieder zu finden und ſie in die Muſchel des Ehe⸗ nir ſtandes zu ſchließen. Hu! Wie kam ich doch zu dem rü engen Bilde? Doch es mag ſtehen bleiben. Wenn nur nic die Sonne der Liebe in die Perlenmutter⸗Behauſung hereinſtrahlt, ſo wird ſie auf dem Strome des Lebens als eine kleine Inſel der Glückſeligkeit einherſchaukeln. ſei Karl ſchreibt ſo heitere und intereſſante Briefe nach laſ Hauſe. Seine Seele iſt wie ein Muſeum, unter deſſen ſeh Kleinodien Herminie leben wird. Dann iſt ſie wahr⸗ haftig wie eine Perle in Gold. Du weißt doch, welche„ Ueberraſchung meinem Bruder noch vor ſeiner Abreiſe ten zu Theil geworden iſt? An einem ſchönen Abend ſchlief dic er als Kornet ein und erwachte als Lieutenant. War der das nicht charmant? gel Morgen kommen meine geliebten Eltern und Ge⸗ me alle ger⸗ ey ing⸗ mit mo⸗ nein ann ich erm ſen, näa hön mbt tern doch erle Nit⸗ ens⸗ Fhe⸗ dem nur ung ens eln. ach ſſen ahr⸗ Ache reiſe hlief War Ge⸗ 343 ſchwiſter zum Mittageſſen zu mir. Das wird ein Freu⸗ dentag. Ich habe Dir geſagt, wie glücklich ich bin und den⸗ noch hege ich noch einen und zwar einen recht lebhaften Wunſch, deſſen Gewährung das Maß meines Glücks voll machen würde. Meine liebe Freundin, hier in un⸗ ſerm Hauſe iſt ein kleines Zimmer, ſchön und gemüth⸗ lich, mit grünen Tapeten und weißen Gardinen(gerade wie Du es liebſt) mit der Ausſicht auf Wieſen, wo fette Kühe gemächlich weiden und mir dann die ſchönſte Milch geben. Im Zimmer iſt ein Bücherſchrank, ein doch das Beſchreiben iſt ſo langweilig— komm und ſieh es und wenn es Dir gefällt und Du glaubſt, daß Du Dich mit den Wirthen zurecht finden kannſt— ſo— nenne es das Deinige.. WMeine liebe Freundin, komm zu uns — komm jetzt höre ich L. von Weitem kommen. Er tritt in mein Zimmer herein. Ich will mich ſtellen, als ob ich ihn weder ſähe, noch hörte. Man muß die Männer nicht verderben und ſie nicht glauben machen, man lauſche auf ihre Schritte. Ja huſte nur.. nimm mich nur in den Arm ich werde mich nicht rühren, werde die Feder nicht fallen laſſen. Man muß nicht immer nachgeben, nicht verziehen darf man.. (L. ſchreibt.) ſeine Frau; und deßhalb muß Julie mir die Feder über⸗ laſſen und auf meinem Schooße ſitzend mich ſchreiben ſehen, was ſie im Innerſten grämen wird: „Liebe Freundin Beate, komm zu uns! Wir erwar⸗ ten Dich mit offenen Armen. In unſerm Hauſe mußt Du dich wohl befinden. Komm und ſieh, wie ich Julie in der Zucht halte. Um Dir ſogleich einen Beweis davon zu geben, ſoll ſie bei allem ihrem Eifer heute kein Wort mehr ſchreiben. Ich will ſchrei 16* ſchreiben. Weißt Du, wer hier iſt? Wer ſo eben ankam? Rathe, rathe! Ach, ich habe kein Zeit, Dich rathen zu laſſen. Emilie iſt hier, meine Schweſter Emilie, die gute, die fröhliche, die ſchöne, die glückliche Emilie. Und Algernon iſt hier und der kleine Algernon! DDer prächtigſte kleine Junge, den man ſehen kann. Die Mutter tanzt mit ihm, der Vater tanzt mit ihm, Emilie tanzt, Algernon tanzt, L. tanzt wartet, wartet, ich komme und ſinge und kann kein Wort mehr ſchreiben, ſo wahr mein Name iſt Julie. N. S. Beate, komm doch wieder zu uns! 1 So bittet Die Familie H. Liebenswürdige und glückliche Familie, ich danke Dir— aber Beate wird nicht kommen! Morgen werde ich dieſe Antwort ſchreiben. Unſchuldige Kinder, die ihr um mich her ſchlummert, ich werde bei euch bleiben, ſo lange ich euch nützlich ſein kann. Freude, der man ent⸗ ſagt hat, ſchenkt oft eine Befriedigung höherer Art— ſchenkt Frieden. O möchte ich ihn nur empfinden— während die ſtille Welle jedes Tages einförmig, aber ruhig ſich dahin wälzt und mich dem ſtillen Strande näher führt— dann ſoll der Tag geſegnet ſein. Nächtliche Nebel ſteigen aus den Wieſen empor, ver⸗ künden den Morgen und mahnen mich zur Ruhe. Um meines Lebens Hügel ſteigt auch ein kühler Nebel— wenn er näher kommt, werde ich noch einmal ſchreiben und Abſchied nehmen von der Familie H. 3 3————————— *— 1 3 6 3 „ 4 4 * 5 1 7 3 8 5