n Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— au 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 5 Pf 2 N.— Pf. 3„. „ 5 2„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 Sämmtliche Werke von Friederike Bremer. Deutſch von Gottlob Fink. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. Die Johannisreiſe, eine Wallfahrt. Von Fvoͤedevoͤke Vvemer. Aus dem Sſchwediſchen von Gottlob Fink. Drei Bänd en Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. An meine Theuerſten. Liebe Mutter! Manchen Zug zu Frau Cäciliens Bild habe ich aus dem Hauſe meiner Mutter mitgebracht. Erlaube mir deßhalb, daß ich Dir, liebe Mutter, ihre Zeichnung nach Hauſe bringe. Liebe Schweſter! Ich habe Dir ja geſagt, Agathina, daß in Norwegen Diejenigen, die bei Andern wohnen, die Innerſten derſelben genannt werden. Aber es gibt Innerſte von verſchiedener Art. Die Innerſte in dieſem Büchlein und Du ſind Gäſte vom gleichen Schlag. Du biſt meine Innerſte, denn Du wohnſt zu innerſt in meinem Herzen. Bleibe immer bei mir, Agathina, dann wird mir wohl, und ich werde dereinſt Segen empfahen, denn ich habe einen Engel beherbergt. Einleitung. Das was ich liebe, was ich von Jugend auf unter allen geſchaffenen Dingen am meiſten geliebt habe, hat ein ſchön Antlitz. Nicht griechiſch ſchön. Nein. Seine Züge ſind ganz und gar nicht regelmäßig. Nicht lächelnd ſchön. Nein. Obwohl das ſchönſte Lächeln darin ſtrahlt, ſo iſt doch ſein Ausdruck ernſt, und es hat düſtere Blicke, unſchöne Furchen und Narben. Aber ich liebe auch ſie. Warum? Ich weiß es nicht. Die Liebe iſt trotziger Natur; ſie liebt juſt die unſchöne Narbe zu kuͤſſen, die Gebrechen zu ſchmücken mit den Blumen der Zärtlichkeit. Hoch iſt meines Geliebten Geſtalt, groß die Contraſte, die er darbietet, von ſeinen Füßen an, welche die Wogen der Oſtſee beſpülen und blu⸗ menreiche Matten umkoſen, bis zu ſeinem Scheitel, auf den er ſich eine Krone von nordſcheinumflammten, zacki⸗ gen Eisfelſen ſetzt. Zu ſeinen Füßen will ich ſitzen und auf ſeine Worte achten, wie ein Kind auf die Worte ſeiner Mutter. Und hoch ſind Deine Lehren, Schweden, Mutter⸗ land, Vaterland! Die Meere ſind weniger tief, die Sonnenſtrahlen weniger warm, die Roſen weniger lieb⸗ lich als ſie. Oder was bezeugt der Walaſang, geſun⸗ gen„am Morgen der Zeit“, über die Geburt der Welt, uber ihren Kampf und Untergang, über ihre Wieder⸗ geburt durch Geſchlechter„genährt von Morgenthau,“ uber das Todtengericht, über den hohen Gimle und das abgrundtiefe Nifelheim? Und der Väter Thaten und der Väter Gräber, was bezeugen ſie? Und wenn die erſte Zeit vergangen iſt und über der alten Götterlehre Sängen und Sagen, Höhen und Gräbern die neue ſich erhebt und den Samen der Ewigkeit ausſäet— wie lautet da der Volksglaube? Was ſagt die Legende, die ſtill ihre Sagenkränze flicht um Wälder und Berge und Seeen? Was ſingen der Berge, der Höhen, der Ströme Völker, alle Harfen der Natur? Auferſtehung, Erneuung! Und getauft in der Liebe, in des Chriſtenthums Lebensſtrom, erhebt ſich die Legende, mit„lebendigem Waſſer“ begießend, mit unverwelklichen Blumen umſchlingend alles Leben⸗ dige und alles Todte, den zu Staub zerfallenden Greis, den verweſenden Stamm, die ganze Menſchheit und die ganze Natur. Aber Alles was ſie— unſere Mutter Svea— davon weiß, von dem Urſprung der Welt und dem Ziele der Welt, hat ſie noch nicht geſagt. Unerſchöpft, unerſchöpflich iſt dieſer Schatz von Weisheit, den ſie in ihren ſchweigſamen Hainen, in ihren ſtillen Tiefen bewahrt. Und vielleicht verſetzte ſie der Schöpfer darum ſo ſeitwärts auf der Erde, ſo hoch hinauf in den Norden, damit ſie am längſten unter den Ländern ihre urſprüngliche Kraft bewahre, damit ſie, wenn ihre Geſchwiſter im Süden ermatten im Kampf und durch den Ueberreiz der Bildung, erneuende Lebenskraft über ſie ausathme; und damit die neue Wala, heraufſtei⸗ gend aus ihrer Schneehülle, der Welt ein neu pro⸗ phetiſch Lied ſinge, tief wie des Alten„wunderſame Weisheit, welche ſie in früheſter Zeit lehrte.“ Wann wurde es an Svpea's Wiege geſungen? Wir wiſſen's nicht. Dunkel bedeckt die älteſte Zeit. Lange iſt der Norden ein Land der Dämmerung und der Sagen. Von einem Land„hinter dem Nordwind,“ über„dem Volk der Schatten,“ nahe an„dem unbe⸗ weglichen Meer,“ wo„die Hyperboräer, die rechtſchaf⸗ fenſten der Sterblichen wohnen,“ ſprechen alte, dunkle Sagen bei den Völkern des Oſtens. Und die erſten einheimiſchen Sagen im Norden erzählen von ſeinen ihre übe Lich gen des Liel mei wir das wäl die Che dan nock erſt bar Lan lich wei her übe ma von Gel auf ein Me ent! bor niſ über n und n der aube? flicht n der aren uft in erhebt eßend, Leben⸗ Hreis, t und — dem chöpft, en ſie Tiefen darum n den ihre ihre durch t über ufſtei⸗ tpro⸗ erſame Wir Lange d der wind,“ unbe⸗ tſchaf⸗ dunkle erſten ſeinen 11 Geſchlechtern von Göttern, Rieſen und Zwergen, und ihren Kämpfen. Dieß ſind die erſten Tagesſchimmer über der nordiſchen Halbinſel. Wenn das Licht— das Licht der Geſchichte— aufgeht über dieſes dunkle Sa⸗ genland, ſehen wir Blutflecken auf der jungen Erde, des Menſchen erſte Spur; hören wir Kriegslieder und Liebesgeflüſter, ſeine erſte Sprache. Zwiſchen zwölf⸗ meilenlangen Wäldern und ſpiegelklaren Seeen ſehen wir Altäre und Hütten, Marktplätze und Gräber; und das Volk, ein ſtreitbar Volk, ſteht auf dem Marktplatz, wählt den König und ſtiftet Geſetze. Allmählig treten die Provinzen mit ihren eigenthümlichen Naturgaben, Charakteren und Stimmen hervor. Zuerſt im Süden, dann immer mehr nach Norden, wie ſich die Cultur noch heute gegen die unbewohnten Gegenden aufwärts erſtreckt. Schonen, das meerumſchlungene, freundliche, frucht⸗ bare Schonen, hat vielleicht unter allen ſchwediſchen Landſchaften am meiſten von dieſen uralten, urſprüng⸗ lichen Zügen bewahrt. Nebel ziehen über die niedern, weitgedehnten Ebenen, die ſich von der Meeresküſte her ſanft wogend landeinwärts erheben; wenn der Wind über die Felder fährt und den Nebel verjagt, ſo ſieht man am ganzen Horizont entlang einen blauen Streif vom Meer oder Wald ſeine dunkeln Conturen um die Gegend ziehen. Kleine Buchwälder ſtehen da und dort auf den Hügeln, hie und da durchſchneidet murmelnd ein Gewäſſer die Ebene auf ſeiner Fahrt nach dem Meere, der Heimath der Wikinger. Die flachen Küſten entlang ſtehen uralte Städte: YPſtadt, Lund, Helſing⸗ borg, Landskrona, Cimbrishafen(portus Cimbrorum). Von den meiſten iſt das Alter unbekannt, und die dä⸗ niſche Reimchronik ſagt: Zur Zeit, als Chriſtus kam zur Welt, War um Lund und Skanör Ackerfeld. Feucht aber mild, reich an Sonnenkraft, wenn auch die Sonne ſich oft verbirgt, ſenkt ſich der Him⸗ 12 mel auf Schonens Marken herab und macht ſie frucht⸗ bar und ergiebig. Die Ebene iſt jetzt meiſt in wogende Kornfelder verwandelt, und auf den grünen Fluren luſtwandeln bunte Heerden, weiße Gänſeſchwärme. Um⸗ geben von herrlichen Buchwäldern, erheben ſich zwi⸗ ſchen Saatfeldern und Sandhaiden ſtolze Herrenſchlöſ⸗ ſer mit ihren Zauber- und Geſpenſterſagen, ihren Traditionen von ſchonen'ſchem Adel, von den einſt glänzenden Geſchlechtern, ſtolz, mächtig, prächtig, reich an eigenthümlichen, beſonderen Geſtalten, Männern ſowohl als Frauen. Unter den Schlöſſern liegen Dörfer, umgeben von dürftigen Weidenbäumen, Anfangs aus Reiſig und Lehm, ſpäter aus Fachwand und zuletzt aus gutem Stein erbaut, worin Kinder und Gänſe in ewigem Schmutz umherwaten. Und Burg und Dorf verhöhnend, blicken gleich Geiſtern unter Bäumen weiße Kirchen aus dem Saatfeld empor. Der ſchonen'ſche Adel iſt in Bezug auf Rang und Reichthum bei Weitem nicht mehr, was er früher ge⸗ weſen. Er iſt herabgekommen. Der Bauernſtand hat ſich emporgearbeitet und thut dieß mit jedem Tage mehr. Die Vereinigung der Felder, welche die Dör⸗ fer von einander trennten, iſt des Bauern Glück ge⸗ worden. Auf ſeinen vereinſamten Grundſtücken, ſeinem burgartig abgeſchloſſenen Hof bringt er es leicht zur Wohlhabenheit. Iſt er aber einmal reich, ſo wird er nicht ſelten träge und ariſtokratiſch, oft ariſtokratiſcher als in unſern Tagen der Burgherr, der Graf oder Baron iſt. Verliebt in ſeinen Grundbeſitz und ſtolz darauf verweigert der Freibauer ſeine Tochter einem Pächter, der nicht Grundbeſitzer iſt, und betrachtet die Verbindung mit einem ſolchen als eine grobe Mißheirath. Der ſchonen'ſche Bauer iſt bekannt durch ſeine Lang⸗ ſamkeit und Schwerfälligkeit, weniger aber durch den Verſtand und die Kraft, wodurch er ſich aus einer niedrigen Stellung zu bedeutendem Wohlſtand und An⸗ ſehen emporgearbeitet hat, ſowie durch den Gemeinſinn, zwe jag Ma frucht⸗ ogende Fluren Um⸗ zwi⸗ ſchlöſ⸗ ihren einſt „reich innern en n g und gutem wigem hnend, dirchen ig und er e⸗ id hat Tage Dör⸗ ück ge⸗ ſeinem ht zur i er tiſcher f oder d ſtolz einem tet die eirath. Lang⸗ ch den einer nd An⸗ inſinn, 13 welchen er in vaterländiſchen Angelegenheiten entwickelt hat und, ſo bald er ſich aus ſeinem materiellen Drucke erhoben, immer mehr entwickelt. Es iſt eine alte Wahrheit: der Bewohner Schwedens iſt im Allgemei⸗ nen trägen Geiſtes, er begreift ſchwer, was außerhalb des alltäglichen Lebens liegt, ſeine Sprache iſt ſchlep⸗ pend, ſchwer iſt ſein Brod, ſchwer ſeine Grütze, ſchwer⸗ fällig iſt ſeine Tracht, wenn auch eigenthümlich und ſchön, beſonders die Tracht der Frauen, und unter dem ſcho⸗ nen'ſchen Kopftuch laſſen ihre runden, behaglichen Ge⸗ ſichter ganz hübſch. Mit einem Wort, die gewöhnliche Schwerfälligkeit der Ebenenbewohner klebt auch ihm an. Denn es iſt einmal ſo und kann nicht anders ſein: der Menſch nimmt das Gepräge der Umgebung an, worin er lebt, und je irdiſcher ſeine Natur iſt, um ſo mehr wird ſie von den Erde gefeſſelt. Nur die Liebe und die Geiſtesbildung befreien davon; ſie erhe⸗ ben ihre Schwingen ebenſo frei und ebenſo ſtrahlend über das Flachland wie über die Gebirge, über die Sandwüſte wie über die paradieſiſchſte Gegend. Tiefe Denker ſind aus dem ſchonen'ſchen Bauernſtand hervor⸗ gegangen, und auf dem ſchwediſchen Reichstag hat Niemand mit ergreifenderer Beredtſamkeit die Sache des Lichts und der Freiheit geführt, Niemand Worte geſprochen, die ſo tief aus dem Herzen kamen und mit ſo zundender Kraft wieder zum Herzen drangen, als der Bauer Nils Manſon aus Stumparp. Schonen liefert unter allen ſchwediſchen Provin⸗ zen das meiſte Getreide. Es hat Schweden aber auch Beſſeres und Größeres gegeben: einen ſeiner größten Ju⸗ riſten, David Nehrman, und zweiſeiner genialſten Maler, die ganz Europa bewundert. Mußten ſie nicht in dem Lande geboren werden, das der Sonne lieb iſt? Uund warm leuchtet die Sonne über Schonens Ebenen, auf denen der Schnee nur kurze Zeit und zwar unruhig weilt, da er ſtets von den Winden ge⸗ jagt wird; Ebenen, wo der Buchweizen reift, wo der Maulbeerbaum und die ächte Kaſtanie Früchte tragen, 14 wo die Nachtigallen in den Hainen ſingen und die Lerchen oft das ganze Jahr hindurch ihre Triller an⸗ ſtimmen über Saxos Stadt, der Stadt mit den alten Erinnerungen und den jungen Männern, Jünglingen aus dem ſüdlichen Schweden, welche da ſtudiren und ſingen im Umkreis der Domkirche und des Lundahofes, wo mancher Gedanke, mancher Geſang entſtanden iſt, der ſpäter die Welt durchtönt hat. Schonen iſt die Hand, welche Schweden gegen Dänemark ausſtreckt, ehedem in blutigem Kampfe, jetzt in brüderlicher Befreundung. Lang und bitter war die Zeit der Feindſchaft. Aber in Kopenhagen und im Lundahof erſtanden zwei Skalden, ſchlugen ihre Harfen und ſangen Urgeſänge von gemeinſamen Erinnerungen und gemeinſamem Leben im Mutterſchvoße der Sage, von des Nordens Göttern und Helden, von der erſten Zeit und der erſten Liebe, von den ewigen Bündniſſen der nordiſchen Völker... Da ſprangen die Bande um die Bruſt der Kämpfer; ſie begannen ſich zu erinnern und— zu vergeſſen. Sich zu erinnern der urſprüng⸗ lichen Brüderſchaft und zu vergeſſen die Zeit des bit⸗ tern Grolles, die gefrornen Ströme brachen auf, und entzückt, jubelnd ſielen die Völker einander in die Arme, erkannten ſich wieder als Brüder, als Freunde. Zwiſchen Helſingborg und Helſingör, ehmals be⸗ feindeten Feſtungen, gehen jetzt bloß Grüße des Frie⸗ dens und der Liebe über den Sund. Im Weſten und Oſten Schonens erheben ſich die Küſtenländer Halland und Blekingen. Vormals Auf⸗ enthalt der Wikinger, ſind ſie jetzt die Heimath einer ackerbauenden Bevölkerung: Blekingen iſt ſchöner und reicher; Halland anmuthsloſer und ärmer. Halland, ſo genannt von ſeinen vielen Hügeln und Bergen, hat gleichwohl in ſeinen abgelegeneren Theilen wilde Na⸗ turſchönheiten, große Laubwälder, worin die Brom⸗ beerſtaude ihre Ranken mit ſchönen Blüthen und Beeren um die Stämme ſchlingt. Aber meiſtentheils iſt Heide⸗ land an die Stelle der geſchlagenen Wälder getreten; die Fe kerung ſelb ſt zuthei alle a iſt, w ſie ha— Hande teren Beiſpi hat. Töchte ihnen Europ geſchät ſeines nicht: in ſüd den, k freund er alle Beque einer geht. Heima anders vor de Das( ſterſtei drigen dinen, und ne bern, alle ne die Lie nen ne lerie k haglich und die ler an⸗ n aten iglingen ren und dahofes, iden iſt, gegen fe, jetzt war die und im Harfen erungen r Sage, r erſten ndniſſen inde um erinnern ſprüng⸗ des bit⸗ uf, und in die Freunde. als be⸗ es Frie⸗ ſich die s Auf⸗ th einer ne n Halland, gen, hat de Na⸗ e Brom⸗ dBeeren ſt Heide⸗ getreten; 15 die Felder ſind ſteinig und unfruchtbar. Die Bevöl⸗ kerung Hallands, welche man in eine ſclaviſche, eine ſelbſtſtändige und eine übermüthige Klaſſe ein⸗ zutheilen pflegt— eine Eintheilung, die ebenſo gut für alle andern Völker paßt— die Bevölkerung Hallands iſt, wenn auch arm, doch fleißig, erfindſam und flink; ſie hat es ſehr weit gebracht in der Viehzucht und im Handarbeiten, zumal in der Wollenweberei, welch' letz⸗ teren Induſtriezweig eine Frau in der Provinz, durch Beiſpiel und Aufmunterung ganz beſonders gefördert hat. Längs der Küſte liegt eine Reihe von Städtchen, Tochtern des Meeres, das ſie ernährt. Man kann in ihnen die ſchwediſche Kleinſtadt ſtudiren. In ganz Eurvpa iſt ſie vielleicht die kleinlichſte und geringſt⸗ geſchätzte. Der Schwede ſchmückt nicht gern das Aeußere ſeines Hauſes. Sein Vorhaus, wenn er eines hat, iſt nicht mit grünen Ranken und Blumen bekleidet, wie in ſüdlichen Ländern. Er hegt, und aus guten Grün⸗ den, kein ſonderliches Vertrauen zu der Sonne, zu den freundlichen Mächten der Natur. Dagegen behandelt er alle unnöthigen Beſchwerden, wie auch viele der Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens mit einer heilſamen Verachtung, die nur etwas zu weit geht. Das Innere ſeines Hauſes iſt ſeine eigentliche Heimath. Man ſieht das in kleinen Städten mehr als anderswo. Die Straßen ſind leer, und auf dem Markt, vor dem Rathhauſe ſpazieren meiſt nur Vierfüßler. Das Gras wächst zwiſchen den ſchlechtgelegten Pfla⸗ ſterſteinen. Aber aus den niedrigen Fenſtern der nie⸗ drigen Häuſer ſieht der Wanderer zwiſchen weißen Gar⸗ dinen, hinter Geranien und Balſaminen, freundliche und neugierige Geſichter von alten Männern und Wei⸗ bern, von Kindern, Katzen und Möpſen hervorgucken, alle nach etwas Neuem ſpähend. Und am Abend, wenn die Lichter angezündet ſind, kann er durch die von kei⸗ nen neidiſchen Rouleaux verdunkelten Fenſter eine Gal⸗ lerie kleiner häuslicher Scenen voll Anmuth und Be⸗ haglichkeit ſchauen. Still iſt es in der kleinen Stadt. ——— 3 Kaffeegeſellſchaften und Klubs machen keinen großen ein paar Wagen durch die Straßen, um die Damen abzuholen. Die kleine, ſtille, dürftige Stadt hat jedoch nicht ſelten einen großen Vorzug vor London und Paris, ich will nicht ſagen vor Stockholm: nämlich daß Alles ſauber iſt und daß es keine Bettler da gibt. Die ſchwe⸗ diſche Kleinſtadt iſt arm ohne Bettelei. Halland beſitzt unter ſeinen Haiden etliche wilde Naturſchönheiten in Lärm. Nur wenn ein Ball in der Stadt iſt, raſſeln Felſen und Waſſerfällen, unter ſeinen Erinnerungen einige von hiſtoriſcher Bedeutung. In Schweden weiß man im Allgemeinen nicht viel davon, aber wer in Schweden kennt nicht— wenigſtens dem Namen nach — den Halmſtädter Lachs? Schönes Blekingen! Dich mußte der Sänger und Maler ſchildern; ſchildern, wie in ſchattigen, reizenden Buchten die Oſtſee emporſteigt, um ihr Todtenlied an den Gräbern der Wikinger zu ſingen, die in Hunderten von Steinhaufen am Strande hin ſtehen, umkränzt von den Eichwäldern der Höhen. In dieſen Thälern, wo Singvögel bauen und wohnen, wo Silberbäche murmelnd dahinrauſchen, unter dieſer Bevölkerung, ſchön von Geſtalt, in kleidſamen Trachten, mit offenen, lebendigen Gemüthern, nur allzu ſtreitluſtig und im Streite wild und das Wikingerblut verrathend— in dieſem Tempel der Schönheit träumte ſich Hakan Spe⸗ gel in das Paradies, ſang„Gottes Werk und Ruhe,“ und dichtete Pſalmen zum Lobe des Schöpfers. Ganz Blekingen läßt ſich mit einem Park verglei⸗ chen, in welchem Carlshafen und Carlskrona die Rit⸗ terſchlöſſer vorſtellen, Carlskrona mit der ſchwediſchen Flotte, mit dem Kungsholm und Drottningskär, welche das Land bewachen, die Kanonen nach Oſt und Süd gerichtet, im Weſten Arpöſund vertheidigend. Größer als dieſe Provinzen und zwiſchen ihnen liegt Smaland, ein Land, das reiche Abwechslungen von Höhen, Thälern und kleinen Seen darbietet, nord⸗ wärts düſterer, ſüdwärts, gegen Blekingen zu, freund⸗ licher. ſam, da wort ſa wird ſie ſer Cha Wald i kammer delbeerz Geträn ihren S und ſo die ihm Meiler und we Veranle rer ach ihn So machen bleibt. für ſei Löffel, ſich nic werdet mantiſt und ſp Geſchie Di terſee, ſammt mantiſe magere Smala großen raſſeln Damen tjedoch Paris, ß Alles ſchwe⸗ d beſitzt eiten in erungen en weiß wer in en nach ger und eizenden nlied an underten mkränzt Thälern, berbäche Akerung, offenen, und im d— in an Spe⸗ Ruhe,“ . verglei⸗ die Rit⸗ vediſchen r welche ind Süd n ihnen hlungen et, nord⸗ freund⸗ 17 licher. Seine Bevölkerung iſt lebhaft, witzig, genüg⸗ ſam, dabei ſo rührig und erfindſam, daß das Sprich⸗ wort ſagt:„Setzt einen Smaländer auf ein Dach, er wird ſich dennoch ernähren.“ Stark ausgeprägt iſt die⸗ ſer Charakter in den entlegeneren Waldgegenden. Der Wald iſt zugleich die Arbeitsſtube und die Vorraths⸗ fammer des Landmanns. Der Wachholder und die Hei⸗ delbeerpflanze geben ihm ihre Beeren; er braut ſein Getränk daraus, er kocht ſich Mus davon, er vermiſcht ihren Saft mit ſeinen geſalzenen, getrockneten Speiſen, und ſo bleibt er geſund und fröhlich bei ſeiner Arbeit, die ihm zugleich Vergnügen iſt. Wenn ſein einſamer Meiler im Walde gluͤht und kohlt, ſingt er ein Lied, und wenn er ſein Thal„theert,“ ſo nimmt er daraus Veranlaſſung zu einer großen Feſtlichkeit.*) Den Pfar⸗ rer achtet er hoch, geht gerne mit ihm um, erfreut ihn Sonntags mit einer Beſcheerung, und beim Käſe⸗ machen ſorgen die Weiber dafür, daß er nicht vergeſſen bleibt. Iſt er unverheirathet, ſo ſorgen die alten Frauen für ſeinen Haushalt, verſehen ihn mit Gabel und Löffel, ſtatten ſeine Vorrathskammer aus und laſſen ſich nicht abweiſen.„Nehmt es nur,“ ſagen f werdet es wohl brauchen.“ Ein ſchwärmeriſcher, ro⸗ mantiſcher Zug geht durch die ſmaländiſche Bevölkerung und ſpiegelt ſich in ihren Sagen, in ihrer Natur und Geſchichte. Die Stadt Kalmar, die Gegenden um den Wet⸗ terſee, Jönköping, Grenna, Vifingſö, Oeſtnabo, haben ſammt und ſonders Zeiten und Ereigniſſe erlebt, ro⸗ mantiſcher als mancher Roman ſie erzählt. Smalands magerer Boden war fruchtbar an großen Männern. In Smaland wurde Linné, der Blumenkönig, geboren, der, *) Eine Menge Balmwurzeln und Stümpfe werden in ein Thal zuſammengeſchleppt, angezündet und zu Theer ver⸗ brannt. Hiezu verſammelt ſich das Landvolk von meh⸗ reren Seiten her; man ißt und trinkt um das brennende Thal herum, und das Feuer wird Fir Die Johannitreiſe. als der kriegeriſche Scepter den Händen Karl's Ill. entfallen war, aufſtand um dem Namen Schweden neuen Glanz zu verſchaffen und ſeine Ehre über die Erde zu verbreiten, aber mit einem Blumenſcepter. Hier malte der Bauer Hörberg, während er ſein Hen einheimste und ſeine Felder beſtellte, Altargemälde, die noch jetzt geſchätzt werden. Ling, der neue Gothe, Vater der ſchwediſchen Gymnaſtik, Wiederbeleber und Dolmetſcher der alten Mythenſagen, Fechtmeiſter und Dichter, wurde hier im alten Gothenlande geboren. So auch Oedman, der Bibelausleger, Lehnberg, der beredte Sprecher, Botin, der Geſchichtſchreiber, und Hakan Sjögren, der als armer Bauernſohn durch an⸗ geſtrengten Fleiß und unausgeſetztes Studium ſich zu einem hohen Rang in der Gelehrtenwelt emporarbeitete Lehrbücher herausgab, die noch jetzt hohen Werth haben, und ſich durch ſtrenge Sparſamkeit ein Ver⸗ mögen erwarb, wovon er den edelſten Gebrauch machte; der, alt und grau, einem bemoosten Steinbild ähnlich, ſich dennoch ein Herz voll Leben und Wärme erhielt und mit dem Geldkaſten unter ſeinen Füßen eine Schaar von hoffnungsvollen, aber armen Jünglingen um ſich ſammelte, die er mit dem Inhalt deſſelben unterſtützte— er ſelbſt ein getreuer Vertreter des ſmaländiſchen Volkscharakters, ein lebendiger Beleg für die Thatſache, daß man durch gehörige Beachtung und Würdigung des Kleinen in Zeit, in Arbeit, in Geld, in Allem Großes erreichen kann. Die Frauen Smalands haben ihre eigene Sage, und dieſe hat hinwiederum ihr eigenes lebendiges Denkmal. Das Kirchſpiel Wärends und das Bezirks⸗ gericht Wärends bewahren daſſelbe in dem Geſetz, das ſeit uralten Zeiten den Frauen das Recht verleiht gleich mit den Männern zu erben, den Kriegergürtel zu tragen, die Trommel vor ſich ſchlagen zu laſſen, wenn ſie als Bräute zur Kirche ziehen, Alles zur Belohnung der Tapferkeit, womit ſie einſt das Land vor den herein⸗ brechenden Feinden retteten, als die Männer in fernem Kriege dunkel, vielleich unter al Traditit einem! das Vo zonen? Volksſte ſich aus Schildj Bruſt d Geſellſch niemals nicht in zu käm; das Va Recht. ſtjerna in die G jungfra: auch in in Liebe Da Küſte, und an wohl at und in hört me volle T Oe chideen, worin 9 des Die umwogt ſeiner( ſeinen( ſchön w l's XII. chweden ber die ſcepter. in Heu lde, die Gothe, ber und ter und eboren. rg, der er, und rbeitete Werth in Ver⸗ machte; ähnlich, erhielt en eine iglingen eſſelben ter des Beleg achtung beit, in e Sage, bendiges Bezirks⸗ ſetz, das t egleich tragen, ſie als ung der herein⸗ fernem 19 Kriege waren. Die betreffende Ueberlieferung iſt dunkel, halb Wahrheit und halb Mythe, doch gibt ſie vielleicht eine Erklärung für die in allen Ländern und unter allen Völkern ſeit unvordenklichen Zeiten heimiſche Tradition von den Heldenthaten der Amazonen, von einem Volk und Land der Amazonen. Denn wo iſt das Volk der Amazonen? Wo iſt das Land der Ama⸗ zonen? Ueberall und nirgends. Ueberall wo ein edler Volksſtamm im Lande wohnt, und ein ſolcher findet ſich auch im ſchwediſchen Lande. Die Amazone, die Schildjungfrau, die Walkyre wohnt da— in der ſtillen Bruſt der Schwedin. Still im Hauſe, ſchweigſam in Geſellſchaft, des Herzens tiefe Welt liebend, hat ſie niemals Bedenken getragen und ſcheut ſich auch jetzt nicht in der Stunde der Gefahr ihr Leben zu wagen, zu kämpfen und zu ſterben für das, was ſie liebt, für das Vaterland, für die Freiheit, für Wahrheit und Recht. Blenda, Emerentia Pauli, Chriſtine Gyllen⸗ ſtjerna haben mit des Schwertes Spitze ihre Namen in die Geſchichte Schwedens eingeſchrieben. Die Schild⸗ jungfrau, von welcher die alten Sagen melden, ſchläft auch in der ſanfteſten Bruſt. Wecke ſie nicht, außer in Liebe! Das Leben auf den Inſeln an der ſmaländiſchen Küſte, auf Oeland und Gothland, reich an Naturpoeſie und an Ueberlieferungen aus der alten Zeit, verdiente wohl auch ſeinen Sang. Seevögel umſchwärmen ſie, und in mondſcheinhellen Herbſt⸗ und Frühlingsnächten hört man der Schwäne Streit, vernimmt man klang⸗ volle Töne, rings um die Küſten. Oeland mit ſeinen ſeltenen Blumen, ſeinen Or⸗ chideen, ſeinem Adonis vernalis, ſeinen ſchönen Hainen, worin Nachtigallen ſingen, Oeland iſt werth, die Wiege des Dichters Stagnelius zu ſein. Das Meer, das ſie umwogt und von allen Punkten der Inſel aus in ſeiner Größe ſichtbar iſt, ward ein ſtehendes Bild in ſeinen Geſängen, die tief ſind wie das Meer, klar und ſchon wie ſein ruhiger Spiegel, beſtrahlt Sonne. Wie viel und wie wenig zugleich iſt doch das Leben eines Dichters! An keinem Beiſpiel hat ſich das klarer erwieſen als an dem des ebengenannten Skalden. Der Sänger Pleromas wurde auf dem un⸗ romantiſchen Pfarrhof Gärdslöſa, vielleicht dem pro⸗ ſaiſchſten Punkte in ganz Oeland, geboren und wuchs dort heran mit einer unſchönen gebückten Geſtalt, einem unſchönen Geſichte, aus welchem nur dann und wann die gewöhnlich geſenkten Augen einen Blitz ſchoſſen. Er ſchien in allen Stücken ein durchaus ge⸗ wöhnlicher Menſch zu ſein, aß Leibkuchen, Oelands ſchwerfälliges Lieblingsgericht, ſpielte tief in die Nacht hinein, bis der Hahn krähte, mit ſeinen Schweſtern Triſett und ſtarb, von körperlichen Leiden verzehrt, in ſeinen beſten Jahren als ein geringer Schreiber bei einer Beamtung in Stockholm. Gleichviel; Pleromas Sänger wird ewig leben. Und die„Lilien Sarons“, unvergänglicher als alle Blumen Oelands, werden in der ſchwediſchen Bruſt fort und fort blühen mit dem Dufte des ewigen Frühlings. Oelands Proſa ſind ſeine Windmühlen. Sie ſtehen auf Höhen. Unter ihnen befinden ſich ſeine Haine, ſeine poetiſche königliche Schloßruine mit den Erinnerungen an die ſanfte Herzogin Ingeborg, die als Wittwe hier wohnte, um zu weinen und Gutes zu thun, und an den ehrgeizigen Prinzen, der ſich hier anbaute, und auf eine Krone wartend nach dem Fahr⸗ waſſer Stockholms ausſchaute. Er bekam auch dieſe Krone von Chriſtine, aber man hörte ihn ſpäter unter dem Druck der Regierungsſorgen oft rufen:„Mein gutes Oeland, mein gutes Oeland, wie glücklich war ich nicht an deinem Strande!“ Gothland, das Auge der Oſtſee genannt, ein Bergplateau, das ſich aus dem Meere heraus erhebt, merkwürdig durch ſeine ſtolzen Erinnerungen, ſeine ſchönen Ruinen, ſeine Blumen und ſeine altväteriſchen Sitten, iſt es auch als Piedeſtal für Schwedens größtes mechaniſches Genie, Chriſtopyh Polhem. Das Kind, das h wuchs, lehrte zwiſche W Smalc fruchtb Weſtge in frü eiferte uns hi unden Reiſen ſeine« ſtehen wirklic wie d düſtere öhe herrlic durchſt D Zuver ſeinem Recht letzen. ein S Glied, Er kö ſeiner Schw Gylle Natur ehrt. dens ſee v' des K ch s at ſich nannten em un⸗ m pro⸗ wuchs Geſtalt, nn und n Blitz aus ge⸗ Delands e Nacht weſtern ehrt, in iber bei leromas arons“, erden in mit dem n. Sie h ſeine mit den g, die zutes zu ſich hier m Fahr⸗ ch dieſe er unter „Mein lich war nt, ein z erhebt, n, ſeine teriſchen größtes 21 das hier zwiſchen den Wellen und den Bergen auf⸗ wuchs, brach ſpäter Bahnen durch Felſenberge und lehrte die Wogen, vorwärts zu fließen, um einen Weg zwiſchen zwei Meeren zu bilden. Wir kehren zum Feſtlande zurück. Nördlich von Smaland beginnt Oſtgothland, eine der größten und fruchtbarſten Landſchaften Schwedens und zugleich mit Weſigothland der Kern des alten Gothenlandes, wo in früheren Tagen kleine Könige mit einander wett⸗ eiferten und ſtritten. Tiefe, dunkle Wälder begegnen uns hier, der Tived und der Kolmard. In der heidniſchen und noch bis ſpät in der chriſtlichen Zeit befahl der Reiſende, den ſein Weg durch dieſe Wälder führte, ſeine Seele in Gottes Hand. Am ganzen Wege hin ſtehen Morddenkmale aus Steinen und Reiſern. Und wirklich können die Oede und Stille des Waldes, ſo⸗ wie die langen Abſtände zwiſchen bewohnten Orten düſtere Gedanken erwecken. Aber iſt man auf der Höhe des Kolmard angekommen, ſo wird man von der herrlichſten Ausſicht auf fruchtbare, von Gewäſſern durchſchnittene Gefilde überraſcht. Der Oſtgothländer iſt ſtolz auf ſein Heimathland. Zuverläſſig, ehrlich und gaſtfrei, iſt er zufrieden mit ſeinem Lande, zufrieden mit ſich ſelbſt, und will ſein Recht genießen, aber ohne die Rechte Anderer zu ver⸗ letzen.„Iſt der Oſtaothländer gut gefüttert— ſagt ein Sprüchwort— und man ſtellt ihn in Reih und Glied, ſo weicht er vor dem Teufel ſelbſt nicht zurück.“ Er könnte auch auf die Männer ſtolz ſein, die aus ſeiner Heimath hervorgegangen, als da ſind: Rydelius, Schwedens älteſter Philoſoph, die Dichter Leopold, Gyllenborg, Jakob Wallenberg, Dahlgren, und der Naturforſcher Berzelins, deſſen Namen Europa ver⸗ ehrt. Wir nennen hier nur die großen Todten. In Oſtgothland finden wir den Goͤthakanal,„Schwe⸗ dens blaues Band,“ welches die Oſtſee mit der Nord⸗ ſee verbindet. Und an Motalas Strand, am Rande des Kanals, liegt ein Grab, bei welchem die Reiſen⸗ den ſtehen bleiben und die Fürſten ihre Hüte abziehen, wenn ſie vorbeikommen. Dort ruht der Vollender des Rieſenwerks, das Polhem und Swedenborg begonnen, der Mann„von feſtem Sinn“, Balthaſar von Platen. Der Wetterſee mit ſeinen romantiſchen Ufern, ſeinen kryſtallklaren, aber unruhigen Wellen, trennt Oſtgothland von Weſtgothland. Seit unvordenklicher Zeit war Weſtgothland ein Land der Sagen, wo Geſpenſter und Elfen hauſen ſollten. Hier wo der Trollhätta früher einſam in der Wüſte brüllte, hat Starkhotter mit dem Zauber⸗ kämpen Hergrim geſtritten und die ſchöne Oga Alfa⸗ foſter gewonnen, die ſich lieber den Tod gab, als daß ſie dem Sieger mit drei Paar Armen angehören wollte. Der Naturzauber hat bis auf den heutigen Tag noch nicht bezwungen werden können. Aber an ſeiner Seite hat der Geiſt einen Weg durch die Berge geſprengt, und der Trollhätta mit ſeinen ſchäumenden Waſſer⸗ maſſen, ſeinen wilden, ſchönen Fällen, Toppö, Gullö, Höllenfall, iſt jetzt eine der größten Augenweiden für den Kanalreiſenden. Reiſender! Der Himmel ſchenke dir einen hellen Tag, wenn du im Angeſicht des Hunne⸗ und Halle⸗ Bergs aus dem engen Kanal in die lebendigen, mäch⸗ tigen Waſſer des Göthafluſſes hervortauchſt und zwiſchen reizenden Ufern, am Trollhättafall vorbei, immer weiter bis nach Göthenborg fährſt. Das wünſche ich dir. In Weſtgothland leben alte Geſchlechter mit alten Erinnerungen und patriarchaliſchen Sitten, auf Herren⸗ ſchlöſſern wie in Bauernhöfen. Der Weſtgothländer liebt dieſelben: er liebt Sagen und Geſänge, dabei ein ſorgenfreies, gemächliches Leben. Er bebant ſeinen Boden ſchlecht, vernächläſſigt ſeinen Wohlſtand, wird eher arm als reich. Die Natur bietet viele Wider⸗ ſpiele in dieſem Lande. Man ſieht da den Wetterſee mit ſeinem Kranz von ſchönen Schlöſſern und Parken, den wilden Trollhätta, die fruchtbare weſtgothländiſche Ebene, Hunger man ke antrifft, die da wo ſie Hirtenl holende zwiſche dem ge ner des Lennar in den Berzel ſtoffe d brannt klare G riſſener Geiſter ſeine 2 in neu ſprühet aus de der St ihr He würdie allzu aber b ſten B P kinger Nordſ wurde Bucht genan Sigri König findet ziehen, der des onnen, Platen. 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Groß ſind auch die Contraſte zwiſchen den Menſchennaturen, welche Weſtgothland dem gemeinſamen Vaterlande geliefert hat: Die Män⸗ ner des Forſtenaſtammes, die tapfern Krieger Anders Lennartſon und Lennart Torſtenſon, Ahlſtrömer, groß in den Werken des Friedens, Torbern Bergman, des Berzelius Vorgänger, der ſchon als Knabe die Grund⸗ ſtoffe der Dinge zu erforſchen ſuchte und Körper ver⸗ brannte, um ihre Aſche zu unterſuchen, Kellgren, der klare Gelehrte und Kritiker, Lidner mit ſeinen zer⸗ riſſenen, aber großartigen Geſängen, Swedenborg, der Geiſterſeher, wunderbar durch ſeine Gelehrſamkeit und ſeine Träume. Und auf der Heide bei Axevalla ſaß in neuerer Zeit eine liebliche Muſe und dichtete mit ſprühendem Leben anmuthsvolle, melancholiſche Bilder aus dem Menſchenleben. Viele kennen den Feuergeiſt der Sophie Zelow(Baronin Knorring). Wenige haben ihr Herz gekannt und gewußt, wie geliebt und liebens⸗ würdig ſie war als Gattin und Freundin. Auf ihr allzu frühes Grab möchte ich eine Blume legen, finde aber bloß eine Thräne. Sie ſelbſt war eine der ſchön⸗ ſten Blumen Weſtgothlands. Bohuslän, früher Alfhem, die Heimath der Wi⸗ kinger, erſtreckt ſich nördlich von Weſitgothland, an der Nordſee entlang, gegen Norwegen hinauf. Vor Alters wurden die Einwohner Vikväringer(Vertheidiger der Bucht) und weiter unten am Göthaelf Elfvargrimmer genannt und ſtanden in üblem Rufe. Hier erſann Sigrid Storrada ihre Racheplane gegen die kleinen Könige, ihre Freier, und die Härte des Volkscharakters findet ihren Wiederklang in dem wirklich harten Cha⸗ rakter der Natur. Aus dem beweglichen blauen Meere erheben ſich Granitſelſen„einem empörten Meere gleich, das plötzlich gefroren iſt“, landeinwärts und bilden ungeheure Maſſen. Rieſenkeſſel und Kammern finden ſich in den Bergen. Zwiſchen den Klippen liegen Haidefelder, und da und dort, gleich Oaſen in der Wüſte, einige grüne, fruchtbare Thäler. Das Meer iſt des Landes eigentlicher Reichthum, der Acker, auf welchem jährlich Millionen von glänzenden Silber⸗ ähren geerntet werden. Auf der Küſte der Wikinger ſtehen jetzt nur Fiſcherhütten. Während der Mann mit den Wellen kämpft, ſchafft die Frau Mvos vom Berge ins Haus oder baut das Kartoffelſtück mitten in den Felſen, an welchem die Kinder und die Ziegen herumklettern. So hart, ſo ſtarr und freudlos iſt die Natur. Aber die Leute ſind freimüthig, offen und flink: ſie fürchten die Gefahr nicht und wiſſen die Noth zu ertragen. So war auch Thorild, der geiſtige Wikinger, der in dieſem Felſenneſt geboren worden und mit ſeinem leuchtenden Genie ſchonungs⸗ und furchtlos Wikingerzüge gegen die Armſeligkeit der Welt unternahm. Er konnte ſeinem Lohn, dem Schickſal des Märtyrers, nicht entgehen. Im Gefängniß dichtete er ſeine„Lieder gothiſcher Männer“, und er ſtarb in der Verbannung. Stolz war ſein Geiſt und nicht frei von Uebermuth; aber in ſeiner Verachtung wie in ſeiner Liebe traf er das Rechte. Ein Engel könnte die Blätter küſſen, die er geſchrieben. Dalsland, früher die Marken, öſtlich von Bohus⸗ län, hat eine freundlichere Natur, und beſonders gegen Norden beſitzt es romantiſch ſchöne Thäler, Seen und Berge; aber die Bevölkerung gleicht der von Bohuslän in ihrem unruhigen ſtreitluſtigen Sinn. Die Marken⸗ männer und ihre Weiber ſtanden in Bezug auf Fried⸗ fertigkeit nicht im beſten Geruch. Noch jetzt leben hier Bauernfamilien, die ſich rühmen von den Rieſen ab⸗ zuſtammen, und deren körperliche und gemüthliche Eigenſchaften wirklich auf eine ſolche Herkunft ſchließen laſſen riges, dern Sitte mehre des L . um k ſchen der L ſowie Oeſtl land hoher Schn danſk wald Neri! * Fahr das e den 6 wohn Goth Länd aber Naht Oere trieb Acket viele den gutb ſein wohi ſchre ſchie Meere gleich, bilden finden liegen in der Meer r, auf Silber⸗ ikinger Mann m mitten Ziegen iſt die n und en die geiſtige worden und r Welt ſal des tete er in der ht frei wie in könnte Bohus⸗ een en und huslän zarken⸗ Fried⸗ en hier ſen ab⸗ thliche hließen 25 laſſen. So der Habollinger reiches, ſtolzes, grobglied⸗ riges, rothhaariges, ſtreitſüchtiges Geſchlecht. In an⸗ dern Theilen des Landes haben Bildung und Fleiß die Sitten gemildert; die Webereien ſind hier wie in mehreren Bezirken Weſtgothlands der Ruhm der Frauen des Landes. Dalsland, Weſtgothland und Wermland liegen um den Wenerſee herum, den größten der ſchwedi⸗ ſchen Binnenſeen, wichtig für den gegenſeitigen Handel der Provinzen und berühmt durch ſeine Schönheiten ſowie durch die früheren Kämpfe auf ſeinen Küſten. Oeſtlich über der Grenze zwiſchen Svea und Götha⸗ land befindet ſich der große Wald Tived mit ſeinem hohen Kamm, dem„Getarücken“, nach welchem man Schweden früher in Sunnanſkog(Südwald) und Nor⸗ danſtog(Nordwald) eintheilte. Und hier im Nord⸗ wald, nördlich von Weſtgothland, kommen wir nach Nerike. Wir ſteigen jetzt— denn aufwärts geht unſere Fahrt— in das alte Svealand,„das Volksland“, das eigentliche Manhem(Männerheimath) empor, wo den älleſten Sagen zufolge der Stamm der Schweden wohnte, wie im ſüdlichen Schweden der Stamm der Gothen. Nerife liegt im Herzen Schwedens: ein gutes Ländchen, die kleinſte unter den ſchwediſchen Provinzen aber reich an Allem was zu des Lebens Nothdurft und Nahrung gehört. Man ſieht das auf dem Markte in Oerebro, einem anmuthigen Städtchen, wohin das be⸗ triebſame, fleißige Landvolk ſeine Erzeugniſſe in Wald, Acker, Wieſe und Berg, ſowie die Producte ſeiner vielerlei Handarbeiten bringt. Man ſieht es auch an den hübſchen, wohlerhaltenen Wohnungen, die das gutbebaute Land bedecken. Hier ſcheint es gut zu ſein für die Stillen und Ruhigen im Lande, gut zu wohnen und zu bauen, gut auch zu denken und zu ſchreiben. Fär die verſchiedenen Geſchäfte ſind ver⸗ ſchiedene umgebungen erforderlich: für die Arbeit des 26 Wikingers das ſtürmiſche Meer, für den ſtillen Denker das friedliche Gefilde. NRerike's grüne, ſtille Fluren gaben dem Mutterlande die Gebrüder Olaus und Laurentius Petri, die unter Guſtav Waſa's mächtigem Schutz eine Chronif ſchrieben und die Bibel überſetzten. Aber in dieſem guten Lande erblicke ich dennoch einen blutigen Flecken, den alles Waſſer im Hjelmar⸗ ſee nicht abzuwaſchen vermag. Im Hjelmarſee liegt der Engelbrechtsholm, wo Schwedens Retter, der edle, muthige Engelbrecht, krank und auf eine Krücke geſtützt, von einem ſchwediſchen Edelmann meuchlings gemordet wurde. Das Gras— ſagen die Leute— will nicht wachſen auf dem Platze, wo das Blut des Edlen unter der Hand des Böſewichtes floß. Natt och Dag(Nacht und Tag) war ſein Name, aber der Tag verſchwand aus ſeiner Seele und aus ſeinem Wappen, denn nächt⸗ lich war ſeine That, in der Nacht ausgeführt, und in Nacht gehüllt war hernach ſein Leben. Auf dem Schloſſe von Göksholm, am Strande des Hjelmarſees, gegenüber dem Engelbrechtsholm, hörte man lange Zeit das Geſchrei des Reumüthigen, und manchfaches Unglück verfolgte ſein Geſchlecht. In Nerike fangen die Bergwerke an. Ein eiſerner Gürtel umſchließt das mittlere Schweden von der Oſt⸗ ſee bis zu dem Felſenrücken Scandinaviens. Hier ſind die größten und älteſten Bergwerke, in Süder⸗ manland, Upland, Weſtmanland, Nerike, Wermland, Dalekarlien; hier ſind die tiefen Gruben Utö, Danne⸗ mora, Sala, Kupferberg u. ſ. w. Ueberall hat hier das Eiſen zuerſt das Land bebaut. Unzählige Grab⸗ huͤgel, ſteinerne Denkmäler und Alterthümer zeugen von dem Alter und der Bedeutung des Landes. Es iſt ein Land der Gräber, aber auch ein Land, wo das Leben ſtets in Freiheit und Kraft erblühte. Es iſt ein Land der Erinnerungen, aber auch ein Land der Männer— es iſt ein Mannheim. Aber Arbeit und Mühe fordern hier auch Mannes⸗ kraft. Der Granit, das Urgebirge, in den ſüdlichen Gegen hier ü Eiſene ſtehen, die of und k Volks dach 1 gehen ner he So g ſo we über k vinzer umſch Binn⸗ alle f an ſe ſchen Stad ſee he lange größe allen blickt einlat das einem wäld nitfel wohl auf zoger Denker ngaben rentius Schutz n dennoch jelmar⸗ e iet er edle, geſtützt, mordet ll nicht nunter (Nacht chwand und in ff dem arſees, ange hfaches iſerner er Oſt⸗ Hier Süder⸗ mland, Danne⸗ t hier Grab⸗ zeugen Es iſt wo das Es iſt nd der annes⸗ dlichen 7 Gegenden von fruchtbarer Moorerde überdeckt, kommt hier überall durch die dünne Erdſchichte zum Vorſchein. Eiſenerz iſt der Grund, auf welchem die Wohnungen ſtehen, aus welchem die Quellen fließen, auf welchem die oft mageren und dürftigen Aecker liegen. Mager und knapp wird deßhalb nicht ſelten die Nahrung des Volks, und bleiche Armuth ſieht man unter dem Raſen⸗ dach der niedrigen Hütten wohnen. Und gleichwohl ehen aus den dürftigſten Gegenden die ſtärkſten Män⸗ ner hervor: Beweiſe ſind Weſtmanland und Dalekarlien. So groß iſt die Macht des Geiſtes über die Natur; ſo wenig vermag die Erde, die alte Rieſin Ymer, über die Willensſtärke und Kampfluſt des Menſchen. Oeſtlich liegt das herrliche Mälarthal: die Pro⸗ vinzen Südermannland, Upland und Weſtermannland umſchließen den Mälar, dieſen inſel- und ſagenreichen Binnenſee, in welchen ſich, einer alten Sage zufolge, alle fließenden Waſſer Schwedens ergießen. Und da an ſeinem Ausfluß in die Oſtſee, auf der Grenze zwi⸗ ſchen Upland und Südermannland, liegt die königliche Stadt Stockholm. Nähert man ſich ihr von der Oſt⸗ ſee her, ſo kommt man zuerſt in eine mehrere Meilen lange, weit ausgedehnte Scheerenküſte. Unzählige größere und kleinere Holme und Inſeln bilden auf allen Seiten Buchten und Durchfahrten. Wohin man blickt öffnet ſich eine neue Ausſicht, ſchauen liebliche, einladende Buchten hervor und bieten irgend Etwas, das man gern näher ſehen möchte, und das bald von einem neuen Gegenſtande verdeckt wird. Der Holm iſt oft ein hübſches, grünes Bouquet auf die Ober⸗ fläche des Waſſers geworfen, noch öfter ein runder, aber beinahe niemals ein ganz kahler Fels. Föhren⸗ wälder bedecken die Höhen, und Gruppen von Laub⸗ wäldern glänzen hellgrün aus dem Schooße der Gra⸗ nitfelſen. Am Fuß des Berges ſteht die Fiſcherhütte, wohlerhalten und ſauber auf dem grünen Plane; vorn auf dem Waſſer liegt das kleine Fahrzeug mit einge⸗ zogenem Segel, im ſichern Hafen ruhend. Weiter —————— — —— 28 oben, auf den obern Terraſſen des Berges blicken aus Laubgehölzen ſchmucke Villen und Sommerhäuſer her⸗ vor. Je näher man der Stadt kommt, um ſo ſchöner werden die Gebäude, um ſo höher und dichter die Berge. Endlich iſt es eine Burg, eine granitne Feſtung, mit einem Tannenwald auf den runden Zinnen. Auf einmal öffnet ſie ſich, und da liegt Stockholm in einem prächtigen Amphitheater, mit ſeinem königlichen Schloß ſeinen Kirchen und Häuſermaſſen, im Halbkreis um den weiten Hafen her, wo die Flaggen aller Länder wehen, umgeben von Hügeln mit luſtigen Landhäuſern. „Hier war früher viel Wald,“ ſagt die Chronik. Vor uralten Zeiten fand— auf der Stelle, wo jetzt Stockholm ſteht— ein blutiges Feſt ſtatt, eine Hochzeit, bei welcher die geraubte Braut, die Königs⸗ tochter Skjalf, ihren Bräutigam, den König Agne, er⸗ mordete und damit die Ermordung ihres Vaters rächte. Der Platz, wo in der Hochzeitnacht Meth und Blut gefloſſen, heißt ſeitdem Agnefit(Agne's Erdzunge). Dort erbaute Birger Jarl die Königsſtadt Stockholm, die auf ihren ſieben Holmen mit den ſchönſten Haupt⸗ ſtädten der Welt wetteifert, von keiner übertroffen wird. Aber die erſte Hochzeitnacht hat der Stadt eine Taufe gegeben, die ſich nicht verwiſchen läßt, und ſo lange der Oſiſee bittere Wogen ſich mit den ſüßen Waſſern des Mälar vermiſchen, wird alle Schönheit der Holme, all der Glanz der Feſte, all das Gelärme der Trinkgelage die Blutſpur und die ewig wirkende Rache nicht vertilgen. Denn noch heute gehen dort die Geſpenſter der Vorzeit, der raubluſtige Agne, die rachſüchtige Skjalf, der berauſchte Bräutigam, die bleiche Braut. Und blutige Erinnerungen beflecken die Straßen und Plätze der Stadt Aber auch ſchöne und große Erinnerungen ſchweben wie ſchützende Genien um die ſiebenholmige Stadt im Norden. Schwedens große Regenten haben von da aus das Land beherrſcht: Birger Jarl, Sten, Sture, Guſtav Waſa, Guſtav Adolf HI. und Schwedens große Karle. ſtalten welche ſtian? Chriſt ſtine, Aufga verbre ſchaft ſie Se deine Non melskt und b warſt 2 ſchöne beſitzt chere noch ſchmu und ſ dieſe und g und ſ Holm warm mor, Faun ner, erſter Rom feuri— geiſte in S zeitne ken aus tſer her⸗ ſchöner hter die Feſtung, n. Auf neinem Schloß reis um Länder häuſern. ik. elle, wo tt, eine Königs⸗ gne, er⸗ rächte. d Blut dzunge). ockholm, Haupt⸗ ertroffen Stadt ßt, und nſüßen chönheit Helärme virkende en dort ne, die m, die cken die chweben Stadt von da Sture, s große 29 Karle. Die Weltgeſchichte hat nicht viele größere Ge⸗ ſtalten, nicht eine einzige edlere Figur als die Frau, welche Stockholms Schloß gegen den Tyrannen Chri⸗ ſtian vertheidigte, als die Männer wichen oder fielen— Chriſtine Gyllenſtjerna. Und auch du, Königin Chri⸗ ſtine, gefallener Morgenſtern, aber ſo ſchön in deinem Aufgang, auch du haſt Glanz über die Königsſtadt verbreitet. Die von dir angefachte Liebe zur Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt iſt nicht mit dir erloſchen. Du gabſt ſie Schweden und gabſt ihm Karl Guſtav als König; deine Schaumünze mit der Erdkugel und der Umſchrift: Non sufficit(ſie genügt nicht), ſodann mit der Him⸗ melskugel und der Umſchrift: Suflicil(ſie genügt) iſt und bleibt der Wahlſpruch aller großen Geiſter. Du warſt dennoch des großen Guſtav Tochter. Manche Städte haben größere Paläſte und Kirchen, ſchönere Brücken und Gebände, als Stockholm. Keine beſitzt ſchönere Umgebungen, eine mannigfaltigere, rei⸗ chere und freundlichere Natur. Die Königstochter ſteht noch heute herrlich da, bezaubernd in ihrem Braut⸗ ſchmuck von blühenden Wieſen, kryſtallhellen Seen und ſtillen, ſchattigen Buchten. Der Künſtler liebt dieſe Natur, die für ihn zu gleicher Zeit entzückend und gefährlich iſt. Bellmann wurde von ihr begeiſtert und ſang hier ſeine dithyrambiſchen Lieder; auf dieſen Holmen dichtete Hedwig Charlotte Nordenflycht ihre warmen, ſchönen Idyllen. Sergel, der Dichter in Mar⸗ mor, der Schöpfer des Amor und der Pſyche, des Fauns und des ſterbenden Gladiators: Hjalmar Mör⸗ ner, der Meiſter in der Farbenkunſt; Mörk, Schwedens erſter Romanſchreiber, deſſen eigenes Leben zum düſtern Roman wurde; Nikander und Vitalis, zwei edle, feurige, aber in trauriger Nacht erloſchene Dichter⸗ geiſter, alle dieſe haben das Licht und das Leben zuerſt in Stockholms Zauberkreiſe begrüßt. Die erſte Hoch⸗ zeitnacht hat ſich für ſie wiederholt. Sie berauſchten ſich und wurden erſtickt in den Armen der Zauberin. Rit goldenen Ketten hat ſie ihre Gefangenen gebunden. ——— 30 Aus derſelben Hand tranken ſie den Meth und den Tod. Und für alle feurigen Naturen iſt ſie noch immer die gefährliche Zauberin. Aber über den Wellen des Lögar*) ſpielen die Winde friſch und locken die Leute herbei aus der dunſtigen unruhigen Stadt. Sie folgen gerne dem Ruf. Denn der Schwede iſt kein Städter, er liebt das Stadtleben nicht und ſucht gerne das Le⸗ ben im Freien. An jedem Feiertag im Sommer ſieht man die Bewohner Stockholms zu Waſſer oder zu Land aufLuſtfahrten ausziehen. Und die romantiſchen Küſten laden dazu ein. Mehr als zweihundert Schlöſ⸗ ſer und Königshäuſer mit ihren Parken liegen an den⸗ ſelben, unter ihnen mehrere mit düſtern geſchichtlichen Erinnerungen, königliche Gefängniſſe, Schauplätze langen Leidens und Brudermordes, wie Gripsholm, das Schloß Nyköping in Südermannland, Oerbyhaus, Upſalaſchloß in Upland. Südermannland hat die ſchönſten Inſeln, die ſchattigſten, ſagenreichſten Ufer, nebſt Schlupfwinkeln für Wikinger und Runenſteinen. Das freundliche Wingaker, das ſeinen Namen von den Wikingern haben ſoll, erinnert nicht ſtark an dieſe Herkunft mit ſeinen friedlichen Beſchäftigungen, welche das Land reich machen, es mit Obſtbäumen und Hopfen⸗ anlagen bepflanzen, und mit ſeiner friedfertigen, aus⸗ gezeichnet ſchönen Bevölkerung, die in ihrer zierlichen Tracht, langen, weißen Röcken von ſelbſtgefertigtem Tuch— die Weiber mit hellrothen, geſtreiften, baum⸗ wollenen Kopftüchern— aus dem Lande wandert, um ihren Hopfen, ihre Wollgewebe und ihre Siebe zu verkaufen. Nördlich vom Mälar iſt Upland der älteſte Kö⸗ nigsſitz, wo früher Sigtuna mit den ſilbernen Thoren ſtand, wo die Religionen, die im Reich gepredigt wur⸗ den, zuerſt Wurzel ſchlugen, wo Odin den erſten Got⸗ tesdienſt ſtiftete, den erſten Tempel erbaute, und Ans⸗ garius, der Apoſtel des Nordens, fünfhundert Jahre * Alter Name für den Mälarſee, ſpäter vor w ſcheine hohen geben tempe Odin' die at die S ſchlief nicht davon Volks der B nete 9 zu La beſchn noch Gott. bewol gläub bewal die F viel Die ſtjern Bjelk Und jene in R theile iſt, a Menf heilis Werk auch nd den immer len des e Lete folgen tädter, as Le⸗ er ſieht der zu tiſchen n den⸗ tlichen uplätze sholm, yhaus, at die Ufer, ſteinen. n von n dieſe welche oen⸗ „ aus⸗ rlichen tigtem baum⸗ rt, um ebe zu te Kö⸗ Lhoren t wur⸗ Got⸗ Ans⸗ Jahre 31 ſpäter das Kreuz aufrichtete und den Altar gründete, vor welchem der alte Glaube ſiel. Einſt und Jetzt ſcheinen ſich hier zu nähern. Upſala, die Stadt der hohen Hallen, die Stadt Odin's, iſt noch immer um⸗ geben von Grabhügeln, von Mauern des alten Götzen⸗ tempels innerhalb der neuen Kirche, von den Hügeln Odin's, Thor's und Freia's, und in ihrem Schooße weilt die aufblühende männliche Jugend Schwedens, ſo daß die Stadt den alten Glauben und die neue Zeit um⸗ ſchließt. Denn der alte Glaube iſt in Schweden noch nicht todt, noch nicht in die Erde verſunken. Trümmer davon beſtehen noch durch ganz Schweden in dem Volksglauben an die Elfen und Kobolde, an Bewohner der Berge, der Grabhügel und Ströme, an untergeord⸗ nete Naturgeiſter und Dämonen. Noch opfert man hier zu Lande in heiligen Quellen auf den Vergen, noch beſchwört man böſen Zauber durch geheime Zauberkünſte, noch kämpfen die Abgötter mit dem einzigen großen Gott. Der Upländer iſt vielleicht unter allen Provinz⸗ bewohnern Schwedens am wenigſten in dieſen aber⸗ gläubiſchen Meinungen noch befangen. Aber was er ſich von der edleren heidniſchen Natur in hohem Grade bewahrt hat, das iſt der Stolz, die Standhaftigkeit, die Fähigkeit, viel zu wirken und viel zu überwinden, viel zu tragen und viel zu leiden, ohne zu klagen. Die Sture, Guſtav Waſa, der große Axel Oren⸗ ſtjerna, Anders Celſius, Johann Baner, Nils Bjelke waren auch in dieſer Beziehung Upländer. Und einen ſtarken, ausdauernden Geiſt beſaß auch ſie, jene räthſelhafte Frau, die von Upland ausging und in Rom kanoniſirt, von ihrer Mitwelt theils geprieſen, theils getadelt wurde, auch jetzt noch nicht verſtanden iſt, aber nach einer Ehre ſtrebte, die nicht im Lobe der Menſchen beſtand; denn als ſie ihre Fahrt zu dem heiligen Grabe beſchloß, da ſagte ſie:„Ich habe mein Werk um Euretwillen nicht begonnen und gedenke es auch nicht Euretwegen zu vollenden. Ich habe in mei⸗ 32 nem Herzen beſchloſſen, auf das Gerede der Menſchen nicht zu achten.“ Und die fröhliche Upländerin, keine der Achtzehn (Akademiemitglieder), aber eine der Neun, deren Dich⸗ tungen in allen Zeiten leben und alle ſchwediſchen Gemüther erfreuen werden, das Herz des Greiſes und des Knaben, der reifen Frau und des jungen Mädchens, die anmuthige Dichterin, die edle, kluge Frau, Anna Maria Lenngren, obwohl in vielen Stuͤcken dieſer hei⸗ ligen Brigitte unähnlich, hatte dennoch mit ihr und den genannten Männern die Standhaftigkeit gemein, die Kraft klaglos zu dulden und zu leiden, und ſie bewies dieß im Laufe eines Lebens, das unter großen Qualen endete. Denn es iſt auch eine edle Kunſt und wohl der Ausübung würdig, ein gut verbrachtes Leben gut zu ſchließen, und, wie jener große Heide ſagte, den Tod nicht zu einem Leiden, ſondern zu einer That zu machen. Weſtermannland hat reiche Bergwerke, worunter Schwedens größte Silbergrube, aber auch öde und dürftige Gegenden, und zwar werden ſie nordwärts, gegen Dalekarlien zu, immer waldiger und öder. In dieſen Einſamkeiten, unter Gruben, Föhrenwäldern und einer Bevölkerung, die nicht viel in Berührung mit der Welt kommt, wird der Menſch ſtark und originell, läßt ſich aber leicht verleiten, allzu ſehr an die Größe, Unendlichkeit und Unzerſtörbarkeit ſeiner kleinen Welt und ſeines Werkes zu glauben. So Rüdbeck, der Ver⸗ faſſer der Atlantica, und Ehrenſpärd, der Erbauer Sveaborgs.*) Der Spott und der Ruſſe haben die großen Werke Beider in den Staub gezogen. Aber Schweden *) Als Ehrenſvärd den Bau Sveaborgs vollendet hatte, ſchrieb er in ſein Tagebuch: „Ich kann ruhig ſterben. Ich habe für Schweden eine unüberwindliche Schutzwehr gegen ſeinen natürlichen Feind, Rußland, errichtet.“ ehrt in nicht d W Es we das La gegen iſt ſtre Feuer urbar, aus d kniſter: wird, auch i Geſän Natior lander ihren die N feſten Polske aufkon der V auf i wird, wind Tanze. dem T Fähre Hämn bekunt geſelli und G lichen, mit E in die mitter zunge Die enſchen htzehn Dich⸗ diſchen es und chens, Anna erhei⸗ r und emein, nd ſie rßen ſt und Leben e, den a e runter und wärts, n und mit zinell, röße, Welt Ver⸗ bauer roßen weden hatte, weden rlichen 33 ehrt in ihnen zwei große Geiſter und hat ihr Andenken nicht durch äußere Geſchicke verdunkeln laſſen. Weſtlich von Weſtermannland liegt Wärmland. Es weht warm aus dieſer Gegend. Wohl erhebt ſich das Land mit zehn und zwölf Meilen langen Wäldern gegen ſchneebeveckte Felsrücken hinauf, und der Winter iſt ſtreng und lang; es iſt dennoch Wärmland. Mit Feuer machte König Olof Trätälja das Land zuerſt urbar, Feuer bricht dort beſtändig aus der Erde, flammt aus den Eiſenhutten empor, glüht auf den Herden, kniſtert aus den Schmieden, wo das Eiſen gehämmert wird, während Schnee die Fluren bedeckt. Feuer glüht auch im Charakter des Volks, in ſeinem Leben, ſeinen Geſängen, ſeinen Tänzen. Wohl geht die Polska, der Nationaltanz Schwedens, in Upland und Südermann⸗ land raſch; wohl hat ſie in jeder ſchwediſchen Provinz ihren eigenen Charakter, ihre eigenen Wendungen, und die Neriker Polska, Saling genannt, erfordert einen feſten Kopf; aber die Wärmländer Polska, aber die Polska des Jöſſebezirks, die konnte nur in Wärmland aufkommen und kann nur von dem Wärmländer und der Wärmländerin getanzt werden: er ſchwingt ſich, auf ihren Arm geſtützt, bis zur Decke empor; ſie wird, von ſeinen Armen getragen, wie ein Wirbel⸗ wind fortgeriſſen. Es iſt Wikinger Charakter in dem Tanze. Und raſch und lebhaft iſt auch die Muſik zu dem Tanze, wie wenn an einem klaren Wintertag die Fähren beim ſchäumenden Waſſerfall rauſchen und die Hämmer der Eiſenſchmiede den Takt ſchlagen. Feuer bekundet ſich auch, und zwar früher mehr als jetzt, im geſelligen Leben dieſer Provinz, wo Gaftfreundſchaft und Gaſtgebote an der Tagesordnung ſind. Die freund⸗ lichen, guten Wärmländerinnen können kein Ende finden mit Bewillkomnungen und Bewirthungen. Es herrſcht in dieſer Natur, welche Geijer eine Felſeninſelgruppe mitten im Walde nennt, auf dieſen Holmen und Land⸗ zungen, wo die Birken rauſchen, an den Küſten der Die Johannisreiſe. 3 34 Seen und Flüſſe, ein feuriges jugendliches und poeti⸗ ſches Leben. Liebe und Geſang ſcheinen hier heimiſch zu ſein. Auch hatten hier die zwei feurigſten und edelſten Geiſter und Dichternaturen Schwedens, Geijer und Tegner, ihre Jugendheimath. Sie wurden in Wärmland geboren als vollkommene Blüthen dieſer Natur und dieſes Lebens. Von dort aus verbreiteten ſie unter dem Namen Schwedens ihr Feuer in der Welt umher, ſie entzündeten in den Herzen ihrer Lands⸗ leute die Glut für die Erinnerungen der Vorzeit, für das ewig Schöne, für alles Große und Gute. Wie der aus verborgenen Ouellen entſprungene Klarelf bald in rauſchenden Waſſerfällen, bald in ruhiger Stille das Land durchſtrömt, immer mehr ſich ausbreitet und das Meer ſucht, ſo war ihr Leben, wenn auch auf ungleichen Bahnen, doch demſelben Ziele zugewandt. Was dem Genius dieſer Männer ſeine wohlthuende, zugleich be⸗ zaubernde und veredelnde Gewalt verlieh, das war ihr ſtarkes Herz Dieſes empfingen ſie von ihrer Mutter Svpea. Denn ein ſtarkes Herz beſitzt ſie. Das iſt ihre Stärke. Aber aus dem Herzen, dem Mittelpunkt des Lebens, gehen die Ströme des Lebens hervor. Auch S. G. Hermelin iſt einer der Namen, welche Wärmland mit Liebe nennt. Auch er trug vom Herde ſeines Herzens Feuer auf den Herd des Vaterlandes und ſetzte am bothniſchen Meerbuſen Olof Trätälja's Arbeit in Wärmland zu ſeinem eigenen Schaden, aber zum allgemeinen Beſten fort, weßhalb er auch in ſeinem Unglück höher geehrt und geachtet wurde, als Mancher auf der Höhe des Glücks. Der Wärmländer iſt ſeinem Lande voll Wärme zugethan, theils wegen der Schönheit deſſelben, theils wegen der eigenthümlichen Sitten und Einrichtungen, die dort zu Hauſe ſind, theils wegen des ländlichen, friſchen Lebens, das man da genießt. Auch in weiter Ferne, als Biſchof oder Staatsrath, bleibt er doch im Grunde ſeines Herzens ein Wärmländer Bauer, den das einfache Lied: mehr Muſi Seer reich Schn tigſte fande Volk kenn um dern mit ſtrön in d Volk Er l und ſchaf und ſehe, arbei dem ſchlä ſchau nicht Die freur auf 2 des Kun Schr Feld! die„ poeti⸗ imiſch und Heijer en in dieſer iteten n der ands⸗ „ für ie der d ein e as d das eichen s dem ch be⸗ r ihr utter tihre kt des velche Herde andes älja's aber einem incher ärme theils ngen, ichen, veiter him „den 35 „Wärmland, du ſchönes, du herrliches Land!“ mehr anſpricht und inniger ergreift, als die ſchönſte Muſik von der Welt. Düſtere Höhen, tiefe, freundliche Thäler, ſtille Seen, reißende Ströme, ſchweigſame, mächtige, volk⸗ reiche Gegenden, Dalekarlien— wir nähern uns euch. Der Name Dalekarlien iſt groß in der Geſchichte Schwedens. Die Freiheit holte von da ſtets ihre kräf⸗ tigſten Vertheidiger. Engelbrecht und Guſtav Waſa fanden hier ihre Männer. Wer das eigenthümliche Volksleben und ſeinen Charakter in den Provinzen kennen zu lernen wünſcht, der muß in den Kirchſpielen um den Siljaſee die Leute in Feſtgewanden aus Wäl⸗ dern und Thälern, oder auch auf dem See wettfahrend mit zehn und eilf Paar Rudern, nach ihren Kirchen ſtrömen ſehen. Er höre die heimlichen Richterſprüche in den großen Dorfſchaften, wo die Sittlichkeit des Volkes von ſeiner eigenen ſittlichen Kraft bewacht wird. Er beſuche an Werktagen die Wohnungen des Volkes und ſehe neben dem Pflug und der Senſe die Geräth⸗ ſchaften des Uhrmachers oder anderes Handwerkszeug, und neben dieſem die Bibel und Luther's Poſtille. Er ſehe, wie der Dalekarlier und ſein Weib zuſammen arbeiten, während die ſchwarze Roggenmehlgrütze auf dem Herde kocht und das Kind in ſeinem Lammfell ſchläft, welches an einem in der Decke befeſtigten Strick ſchaukelnd herabhängt. Der Leichtſinn des Wärmländers findet ſich hier nicht vor. Die Stimmung iſt ernſt, oft ſogar düſter. Die Frauen ſind von ſanfterer Gemüthsart und zeigen freundlichere Geſichter, als die Männer, aber in Bezug auf Vaterlandsliebe haben ſie ſich gleich erwieſen. Tiefe des Gemüths und Vielſeitigkeit in Wiſſenſchaft und Kunſt haben die Männer ausgezeichnet, die zur Ehre Schwedens von hier ausgegangen ſind. K Engelbrecht Engelbrechtsſohn, Staatsmann und Feldherr zugleich, Stjernhök und Stjernhjelm, welche die Königin Chriſtine ihre Thalſterne iz Benjamer 36 Höjer, Hans Järta, der Bauer Nils Pehrſon und Johann Olof Wallin— die Davidsharfe im Norden — ſpiegelten ſämmtlich die Eigenthümlichkeiten der Dalekarlier und ihres Geiſtes, bis in ihre Spitzen, Witz und Satyre, ab. Der Dalekarlier ſcherzt zwar, aber auf ernſtem Grund. So Stjernhjelm, ſo Wallin, * Spitze der Thalpfeile iſt noch heutzutage charf. Schön iſt die Natur Dalekarliens, bald lieblich, bald großartig. Aber über dem Großartigen wie über dem Lieblichen ſchwebt ein ernſter Genius. Und der Mollton herrſcht in den Geſängen vor, die aus Thälern und Wäldern aufſteigen; er waltet auch in der Muſik der Polska vor, ſo raſch und munter fie ſonſt iſt. Der Geiſt des Nordens gibt ſeine Macht zu empfinden. Der Winter iſt herb und anhaltend. Der Froſt verheert oft die ſpärlichen Ernten, in den nördlichen Theilen des Landes gefriert im Winter das Queckſilber, und Gärten bleiben bloße Verſuche. Die Luſt, das Leben zu ſchmücken und zu verſchönen, ſcheint mit der Wärme und dem ſüdlicheren Leben der Natur abzunehmen. Die Buche hat ſchon in Oſtgothland die Grenze ihres Wachsthums erreicht. Nördlich vom Silja wächst die Eiche nicht mehr. Die düſtere, ernſte Fichte herrſcht in den Wäl⸗ dern vor. Singvögel, die im ſüdlichen Schweden vft ganze Nächte hindurch die Haine mit lieblichen Melo⸗ dien erfüllen, kommen nicht ſo weit herauf. Immer ſchweigſamer wird es im Walde, wo der Nordwind rauſcht. Die Blumen werden ſeltener, Mooſe und Flechten häufiger. Der Bär zeigt ſich. Wir nähern uns dem nördlichen, dem jüngſten Schweden, Norrland, der ehemaligen Rieſenheimath(Jotunhem), Norrland, dem Land der Berge, der Birken, der reißenden Ströme, der großen Thalniederungen. Im Weſten von Felſengebirgen mit ihren Pyra⸗ miden, Würfeln und Kegeln von Eis, ihren Eis⸗ huſcer nnd Höhlen, durch welche dunkle Ströme rauſen, als Königin die Sulitelma, zu deren Füßen zufüh Scha Die 2 das der B lichen ganze hinab Fahrz das L ſchönſ von( Heerd und den der en, var, llin, tage ich, ber der lern uſik Der Der oft des rten cken dem uche ums icht äl⸗ oft elo⸗ mer ind und ern and, and, me, yra⸗ Fis⸗ öme ßen 37 Urwälder rauſchen, öſtlich vom Meere, nördlich vom Polarkreis mit den Lappmarken umgeben, darüber eine Krone von Felſengebirgen, dahinter das Eismeer, das unbekannte, die äußerſten Grenzen der Erde— ſo liegt Norrland in ſeiner Schönheit, mit dem Polarſtern über ſeiner Stirne, ein Land der Contraſte, wo Licht und Dunkelheit, Leben und Tod, Schön und Häßlich ein⸗ ander bekämpfen, abwechſelnd obſiegen und im Siege ihre höchſte Macht offenbaren. Reißend und klar ſtürzen die Ströme aus der Felsgebirge Schooß durch ent⸗ zückende Thäler, die ſie mit ihren Namen taufen. So der Indal, der Ljusna, der Uma, der Angerman. Die weltbekannten großen Flüſſe Tiber und Themſe, Rhein und Seine, Elbe und Donau, ſelbſt der Vater Nil haben, glaube ich, trübes, gelbes Waſſer. Aber Norr⸗ lands diamanthelle Flüſſe tanzen in jungfräulicher Reinheit von den Schneegebirgen herab, mild und kräftig zugleich, durch das Land nach dem Meere zu, um die Bitterkeit deſſelben zu mildern und entlegeneren Küſten wohlzuthun. Brauſend und wild in der Nähe ihrer Wiege, werden ſie ruhiger und majeſtätiſcher, wenn ſie in die Nähe des Meeres kommen, aber immer gleich klar, gehen ſie als gute Norrländer dahin, um die Erzeugniſſe des Landes in den Welthandel hinaus⸗ zuführen. Dieſe ſind mannigfaltig. In triangelförmigen Schaaren zieht der Lachs die breiten Ströme hinauf. Die Wälder ſind reich an Wild. Der Auerhahn und das Schneehuhn kreiſchen über dem Lager des Bären, der Biber baut an den Bächen, und aus den unerſchöpf⸗ lichen Wäldern längs der Gebirge führen die Ströme ganze Flotten von Balken und Brettern gegen die Küſte hinab, wo der Handel ſeine wehende Flagge erhebt, wo Fahrzeuge liegen und die Vorräthe erwarten, welche das Land liefert, vor Allem den Flachs, denn„am ſchönſten iſt der Flachs im Norden.“ Und glänzend von Schönheit, wiehernd von Lebensluſt, tummeln ſich Heerden von Roſſen den ganzen Sommer hindurch in 38 den grasreichen Gehegen, und der Reiſende kann am Anblick der ſchönen, kräftigen Pferde Norrlands ſein Auge erfreuen. Weiter oben im Norden werden die Erzeugniſſe ſpärlicher, das Erdreich härter, die Vege⸗ tation geringer. Auch die Tanne treibt nur dünne, gleichſam erfrorene Schößlinge in den Wäldern, und die Birke wird zwerghaft an der Grenze des ewigen Schnees. Aber noch oben in Lappland wird die Kar⸗ toffel gebaut, und bei Enontekis, unter 68 ½ Grad der Polhöhe wächst noch Korn. Denn die ſcandinaviſche Halbinſel iſt die nördlichſte Heimath des Landbaus auf der Erde. Oeſtlich und weſtlich von uns unter demſel⸗ ben Breitegrad findet ein ganz anderes Verhältniß ſtatt. In Sibirien hört unter dem 60. Grad aller Ackerbau auf, in Kanada ſchon unter dem 51. Warum Schwe⸗ den(nebſt Norwegen) unter den Polarländern der Erde am meiſten begünſtigt iſt, das hat die Wißſenſchaft noch nicht zu enträthſeln vermocht. Ich ſage: der Herr hat es ſo gemacht, und was Er thut, das iſt wohlgethan. Die Nordmark wird zum größern Theil von Finnen bewohnt. Die Oſtküſte Norrlands, wie überhaupt ganz Schwedens, neigt ſich nach Finnland hinüber, wie eine Mutter ſich nach ihrem getrennten Kinde hinneigt. Auch hat Schweden viele ſeiner ſchönſten Talente Finn⸗ land zu verdanken: Creutz, Adlerereutz, Calonius, Freeſe, Franzen, die Horn, Laureus gingen von Finnland aus, um die Ehre des Mutterlandes mit dem Schwert oder der Feder zu mehren. Und noch jetzt bereichert Rune⸗ berg von dort aus die ſchwediſche Sprache mit natur⸗ friſchen, herrlichen Idyllen. Noch jung in der Geſchichte Schwedens, hat Norr⸗ land noch nicht zu geben oder zu werden vermocht, was man von ihm erwarten darf. Aber an den Männern, die es geliefert hat, erkennen wir den norrländiſchen Volkscharakter als kräftig, ſcharfſinnig, praktiſch, froh⸗ müthig und klug. So Norberg, der Orientaliſt, ebenſo groß durch ſeine Gelehrſamkeit, wie durch die Einfach⸗ heit ſ die N feurig 2 großa reißer Schör Berg ſie hi auf d klaren an de dann Flora ihrem die YP läßt: am U gegen endlic in def herrli ders, große halter nam ſein die Bege⸗ inne, und oigen Kar⸗ der iſche au mſel⸗ ſtatt. rbau hwe⸗ Erde noch hat han. nnen ganz eine eigt. inn⸗ eeſe, aus, oder une⸗ tur⸗ orr⸗ was ern, chen roh⸗ enſo 39 heit ſeiner Sitten; Johann Liljecrantz, der Finanzmann; die Naturforſcher Artedi, Gahn und Seſſtröm, und der feurige Patriot Georg Adlerſparre. Norrlands Natur gleicht der dalekarliſchen, iſt aber großartiger, ausgedehnter, freundlicher. Die großen, reißenden Ströme durchbrauſen Thalſtrecken, die an Schönheit mit einander wetteifern. Berg erhebt ſich auf Berg in unermeßlichen Amphitheatern, gleich als wollten ſie hinabblicken auf das, was in den Thälern vorgeht, auf die Landleute, die ſchön von Geſtalt, rein an Sitten, klaren Kopfes, frommen Herzens und fröhlichen Gemüths an dem Fluſſe wohnen, frei, wohlhabend, glücklich; ſo⸗ dann auf die lächelnde Schönheit der Wieſen, wo die Flora des Nordens, arm an Arten, aber freigebig in ihrem Reichthum, die Ackerbeerblume, den Cornus und die Moltebeerhlumen in ihrer Farbenpracht ſchimmern läßt; auf die ftattlichen Birken, die von Nyporna her am Ufer entlang, Grabhügeln einer Urwelt gleichend, gegen den Fluß hin ihre hellgrünen Wipfel neigen; endlich auf den Fluß, den Mittelpunkt des Gemäldes, in deſſen Spiegel die Berge ſich ſelbſt und die ganze herrliche Gegend von Neuem beſehen. Herrlich beſon⸗ ders, wenn über ihr eine norrländiſche Sommernacht ſchwebt, klar, ſchattenlos, mit magiſchem Scheine Alles übergießend, was da lebt, athmet, liebt und genießt. Und ſolte nicht Alles lieben unter dieſem Himmel, wo die Abewröthe und die Morgenröthe, ſiegreich über die Mitternaht, einander küſſen und die Gipfel der Eisberge flammende Blicke in die Tiefe der Thäler hinabſenden, in dieſer krzen Sommerſtunde, wo das Erdenleben in dithyrambiſher Freude keimt, blüht und Früchte trägt im Lichtglanz weniger Wochen, wo das Leben ſelbſt ein Feſt ſchent, das Nichts von Dunkel und Nacht weiß? Bald iſt es vorüber. Bald kommt die Kälte und die Finſteniß, der lange Winter und die lange Nacht, wo alles Naturleben ſtirbt, ſchläft unter dem großen Leichentuh. Aber um die ſchneebekleidete Erde halten die Nordlchter Wacht, führen ſtille nächtliche 40 Tänze auf, und im Bauernhauſe praſſelt das Fichten⸗ holzfeuer, und Männer und Weiber ſpinnen Flachs beim Klange der Lieder und der Sagen. So in den bevölkerten Thälern. Weiter oben wird es ſtiller. In dieſen unermeßlichen, öden Waldungen, die den Horizont begrenzen, ſiehſt du da und dort große Rauchſäulen gun den Himmel aufſteigen. Dieß iſt der Geiſt der Fultur, der gegen den Pol hinaufſchreitet, der mit Feuer den Wald aus dem Wege räumt, um dem Pfluge Platz zu machen. Das iſt die Spur des Coloniſten, der auf⸗ wärts gegen die Wüſten wandert und die Lappen ver⸗ drängt. Inſtinktmäßig macht er Platz. Immer mehr und mehr wird das Nomadenvolk mit ſeinen Heerden nach den Eisbergen hinaufgedrängt, immer mehr ſchmilzt es zuſammen und ſtirbt dahin vor der erobernden Macht der Civiliſation. Aber dort oben iſt er noch König, König der Wüſte, von Niemanden beſchränkt, und fühlt ſich frei und glücklich, reich durch ſeine Heerden und ſeine wenigen Bedürfniſſe, nicht ſelten auch an Flitter und Silber reich, myſtiſch in ſeinem Glauben, poetiſch bloß in ſeinen Geſängen und Tänzen. Dort oben iſt das Land der Heimlichkeiten. Unge⸗ heure Eiſenberge, große Naturſchönheiten liegen dort bewacht von dem Drachen der Kälte. Aber es ſiürd auch garſtige Sümpfe, endloſe Moräſte da, über weſchen an Sommertagen Mückenſchwärme wie ein dichte', zuſam⸗ menhängender Nebel hängen, bis die erſte Ferbſtnacht ſie wie Flugaſche über das Eis hinſtreut. In dieſen Gegenden iſt noch immer viel zu erforſchen und viel zu lernen; aber der Polargeiſt hemmt der Athem der Fragen. Er wrill ſich hier nicht ſtörer laſſen. Je weiter man daher hinaufgelangt, deſto ſiller wird es. Und auch mitten in den ſchönſten Gegenden Norr⸗ lands empfindet man ſeine drückende Hand. In der Nähe der Gebirge gibt es Gegenden, von welchen ein Reiſender mit Wahrheit ſagt: „Die Natur lächelt zwar, aber es iſt ein trübſeliges Lächel gend Geſch der N bekom uns l die F ſingt diges Wir heit, übt N das( ſeine— Schö liebli dieſe: Wint ten; fräul gibt, liegt nißv beleu halte Men noch in d nam und nicht civil vor ſten, und melt ichten⸗ Flachs in den In orizont ſäulen iſt der t Feuer Platz er auf⸗ en ver⸗ r mehr eeren chmilzt Macht Wüſte, ei und enien Silber loß in Unge⸗ dort d auch hen an zuſam⸗ ſtnacht dieſen d viel m der Je ird es. Norr⸗ n der en ein ſeliges 41 Lächeln. Es iſt, als härmten ſich die Genien der Ge⸗ gend über ihre Armuth, als weinten ſie bei glücklicheren Geſchwiſtern über ihr hartes Loos und riefen dem Herrn der Natur zu: Auch wir haben Muth und Lebensluſt bekommen, auch wir haben Wälder und Seen, auch über uns leuchtet deine Sonne, aber ſie erwärmt uns nicht; die Feſſeln der Kälte binden unſre Flügel, kein Vogel ſingt in unſern Wäldern, und ſelten ſpiegelt ein leben⸗ diges Weſen ſeine bleichen, hagern Züge in unſern Seen. Wir leben und wachſen, aber wir reifen nie.“ Und dennoch, trotz all dieſer Strenge und Düſter⸗ heit, trotz all dieſer Bilder der Finſterniß und des Todes, übt Norrland eine gewiſſe heimliche Anziehungskraft auf das Gemüth aus. Sie liegt gerade in den Contraſten ſeines Lebens und ſeiner Natur, in dieſer Oede und dieſer Schönheit, in dieſer unheimlichen Größe und dieſer lieblichen Anmuth, im Zauber ſeines kurzen Sommers, dieſem entzückenden Feſte des Lichts, in der Pracht ſeiner Winternächte, wo die Sterne mit ſeltener Klarheit leuch⸗ ten; ſie liegt in der Macht dieſer Erde, die in jung⸗ fräulicher Kraft dem Landmann ſiebenfach reichere Ernten gibt, als die längſt angebauten ſüdlichen Gegenden. Sie liegt endlich— für gewiſſe Gemüther— in der geheim⸗ nißvollen Umgebung ſelbſt, die von der Mitternachtsſonne beleuchtet wird, in deren Umkreis die Eisberge Wache halten und Winters der Nordſchein flammt, die aber der Menſch mit allen ſeinen Geſetzen und Schlagbäumen noch nicht zu ſeinem Eigenthum gemacht hat; ſie liegt in der Stille dieſer unbegrenzten Urwälder, durch welche namenloſe Ströme rauſchen, und in denen nur Thiere und Pflanzen wohnen, die man in der übrigen Welt nicht ſieht; endlich in ſeiner Abgelegenheit von der civiliſirten, unruhigen, lachenden uud weinenden Welt; vor allen Dingen in ſeiner Einſamkeit. Die Schwäne ziehen da hinauf, ſuchen die einſam⸗ ſten, von den Menſchen entfernteſten Seen, um in Frieden und Freiheit ihr kurzes Liebesleben zu genießen, ihre melodiſchen Geſänge ertönen zu laſſen. 42 Geiſt, der du liebſt und leideſt! Brennendes Herz, du fingender Schwan in der Menſchenbruſt, willſt du nicht thun, wie ſie? Willſt du nicht dahin, um auszu⸗ ruhen, dich abzukühlen, die Einſamkeit zu genießen, die Ewigkeit zu ahnen?... Dort, in dem ſtillen und großen Element würde dir wohl werden; dort würdeſt du beſſer vernehmen, wie Gottes Geiſt über Norrland ruht. Und nun laßt uns einen kurzen Augenblick dort oben im nordiſchen Lande verweilen; laßt uns Gaſt⸗ freundſchaft genießen in Norrland! De war de in Nor die zuv Blume und W lichkeit Et Morger dieſem rakters ſchaft. Wolker ſie bele Thalen ein au Herren D dumpf dem B hinab, die ſic wehren machte demüth wehten Ebene, Gaſt⸗ Die Johannisreiſe. Das Johannisfeſt war nahe. Seit einer Woche war der Geiſt des Sommers mit Macht eingebrochen in Norrland. Er hatte wie mit einem Zauberſchlage die zuvor todte Natur umgewandelt, alle Bäume belaubt, Blumen hervorgerufen, Berge und Thäler mit Geſängen und Wohlgerüchen erfüllt, Waſſer und Land in Herr⸗ lichkeit ſtrahlen gemacht Es hatte in der Nacht geregnet. Jetzt war es Morgen. Licht und Schatten kämpften in den Wolken, dieſem ewigen Bilde des menſchlichen Lebens und Cha⸗ rakters, und warfen wechſelnde Lichter über die Land⸗ ſchaft. Endlich trat Ihro Majeſtät die Sonne aus dem Wolkenbette hervor und machte dem Streit ein Ende; ſie beleuchtete freundlich die feuchten Fluren, das weite Thal mit ſeinem breiten, blauglänzenden Strome und ein auf einer Anhöhe gelegenes Haus, das wie ein Herrenſitz ausſah und eine umfaſſende Ausſicht darbot. Der Wind erhob ſich gleich einem zornigen Rieſen dumpf murmelnd aus einem Nadelholzwald oben auf dem Berge und begab ſich übelgelaunt in das Thal hinab, ſchüttelte ein paar alte, hartnäckige Zwergtannen, die ſich mit ihren knorrigen Aeſten und Zweigen zu wehren ſuchten, tüchtig herum, ſo daß es praſſelte, machte ſich händelſüchtig über die Birken her, die ſich demüthig beugten und mit ihren langen grünen Schleiern wehten, und kam rauſchend über die Blümchen auf der Ebene, Anemonen, Primeln, Schneeglöckchen und Acker⸗ 44 beerblüthen herab, gleich als wollte er Allen zuſammen den Garaus machen. Aber den zarten Blümchen war nicht beizukommen, ſie nickten und winkten, glänzten und zwinkerten, ſprengten Düfte und Thauperlen in die Luft, nahmen Alles ſcherzhaft auf; es war unmöglich, Streit mit ihnen anzufangen.... Vielleicht wurde der Alte vom Berge— wir wiſſen, daß er gleich bei der Sündfluth dabei war und mit auftrocknen half— dadurch freundlicher geſtimmt. Gewiß iſt, daß er ſich ganz mild und gutmüthig zu empfinden gab, als er mit den Düften vom Wald und von der Wieſe, beinahe koſend über ein ältliches, aber edles Menſchengeſicht hinſtrich, das vom Altan des eben erwähnten, herrenſitz⸗ ähnlichen Hauſes herab über das Feld hinausblickte und ſich an der Friſche des Morgens zu erlaben ſchien. Es war die Beſitzerin des Herrenhofes: Frau Cä⸗ cilie Nordenhjelm. Sie war von hohem Wuchs, aber etwas gebeugt und ziemlich hager. Sie trug ein helles, weites Kleid und eine ſchneeweiße Linonhaube über dem ſilbergeſprenkelten, auf der Stirne geſcheitelten Haar, das in weichen Wogen über ihre Schläfe herab⸗ hing. Ihr ganzes Ausſehen hatte etwas ungemein Einnehmendes und Würdiges; das Geſicht mit ſeinem Gepräge von hochſinnigem Ernſt und Güte ſchien bei⸗ nahe ganz ohne Schatten zu ſein. Doch konnte es mitunter ſehr alt ausſehen. Dann lag etwas Schweres über der Stirne, und in den Runzeln um Auge und Mund las man den Eindruck vieljähriger Widerwärtig⸗ keiten. Zuweilen ging ſie auch tiefer als ſonſt gebeugt, gleich als hätte ſie eine Laſt auf ihren Schultern. Man gab ihr dann wohl ſechzig Jahre und noch mehr Aber in ihren beſſern Stunden, und zumal, wenn eine feine helle Röthe ihre Wangen färbte und die Oberlippe ſich zu einem guten Scherz ſpitzte, oder auch ihr Haupt ſich in freimüthiger Laune emporrichtete, da hätte man ſie kaum für eine Fünfzigerin gehalten. Eine ſchöne Matrone war ſie, ſo viel iſt gewiß. Ol ſage ic auch 9 Euch,1 mit„i Sache. Frau, Gute ſage ic 8 Ab ſtunde das Fa ſcheinti ten bla zartes nung, ſich fü: hin del Flußne Grase umherb Geweb dieſem zieren hienied und ih ſcherin gute Fi Dieß i M wie de bleichte trockne alſo, n eines g Händer nuß di als dä ſammen e war länzten min die nöglich, wurde beinahe ngeſicht rrenſitz⸗ sblickte ſchien. au Cä⸗ s, aber helles, e über eitelten herab⸗ gemein ſeinem en bei⸗ inte es chweres ge und värtig⸗ ebeugt, Man in eine erlippe Haupt te man ſchöne 45 Ob ſie eine geborne Norrländerin war, das— ſage ich nicht, denn das— weiß ich nicht. Es thut auch Nichts zur Sache. Ebenſo wenig erzähle ich Euch, ob ſie Gräfin, Baronin, Räthin oder ſonſt Etwas mit„in“ war; denn das thut wiederum Nichts zur Sache. Sie war eine Schwedin, eine ſchwediſche Frau, wie es ihrer viele im Lande gibt, und auf dem Gute wurde ſie die Frau genannt. Und— mehr ſage ich für den Augenblick nicht von ihr. Aber von ihren Gedanken jetzt in der Morgen⸗ ſtunde muß ich ſagen, daß ſie, obſchon wechſelnd, wie das Farbenſpiel in den Wäldern, doch eben jetzt augen⸗ ſcheinlich uberwiegend ſinnig waren, während die ſanf⸗ ten blauen Augen von dem Hanffſelde hinweg, deſſen zartes Grün ſchön glänzte, wie ein Vertreter der Hoff⸗ nung, nach den weißen Geweben hin wanderten, die ſich fünfzig und hundert Ellen lang über den Hügel hin dehnten und an der Sonne erlabten, während der Flußnebel in leichten Dunſtwolken über das erwärmte Gras emporſtieg, die Wäſche in langer Reihe luſtig umherbaumelte und die alte Jungfer Liſe zwiſchen den Geweben und der Wäſche herumſtöberte, ſeliger in dieſem Augenblick, als wenn man ſie im Elyſium ſpa⸗ zieren geführt hätte. Denn alle und jede Beſchäftigung hienieden auf Erden führt ihre eigenen Kümmerniſſe und ihre eigene Glückſeligkeit mit ſich, und der Wä⸗ ſcherin Freude über gutes Trockenwetter iſt eine ſo gute Freude, wie manche andere in dieſem Jammerthal. Dieß in Parentheſe. Man ſah der Frau Cäcilie an, daß ſie daran dachte, wie der Hanf wuchs, wie die Gewebe in der Sonne bleichten, wie die Wäſche in dem zunehmenden Winde trocknete, wie ihre alte Liſe ſich freute. Kein Wunder alſo, wenn ſie den Gruß des Windes wie den Willkomm eines guten Freundes hinnahm. Sie ſtrich mit beiden Händen das Haar von der Stirne zurück, ſog mit Ge⸗ nuß die friſche belebende Morgenluft ein und ſah aus, als dächte ſie: 46 „Gottes Geiſt im Norrlandsweiter.“*) Aber ſie hatte auch tiefere Gefühle und Gedanken — man ſah das an ihrem ausdrucksvollen Geſichte— Gefühle, die zwiſchen Unruhe und Freude ſchweben, die in den tiefſten Schachten der Seele wohnen, die das Wort und das Licht ſcheuen— wenigſtens das Licht der Welt, denn dieſe begreift ſie nicht, das Wort, denn es hat keine Sprache für ſie. Solcher Art ſind die Gedanken und Gefühle des liebenden Menſchen⸗ herzens. Aber jetzt wurden ſie zerſtreut durch einen neuen Gegenſtand, und Frau Cäcilie lächelte gutmüthig. Es war der„kleine Knirps,“ von Frau Cäcilie ſo am Werktag genannt, während ſie ihn am Sonntag Frithiof nannte— der in einem himmelblauen Jäckchen auf dem Hof umherſprang und jetzt in einer Anwand⸗ lung von Mannhaftigkeit ſich's herausnahm, den Ty⸗ rannen gegen ein paar Krähen zu machen, die gemächlich an einer vom Nachtregen gebildeten Pfütze hin mar⸗ ſchirten, in welcher unſer kleiner Knirps mit den Bach⸗ ſtelzen allein zu plätſchern ſich berechtigt glaubte. Drohend und gewaltig erhob er ſein Stöckchen und rief den Krähen zu:„Wartet nur! Ich will Euch ſchon Mores lehren! Martet nur!“ Aber die Krähen warteten nicht, ſondern flogen„ auf und flatterten ſchwerfällig über den kleinen Knirps hin, der ganz verblüfft über ihr Gekreiſche hinter ſich ſtolperte und ſehr nahe daran war, einen unverhofften Purzelbaum in dieſelbe Pfütze zu machen, aus welcher er die Krähen verjagt hatte. „He da, wie geht Dir's, mein lieber Knirps?“ rief Frau Cäcilie.„Willſt Du von den Krähen lernen, wie man auf dem Kopf ſteht?“ Und ſie lachte. Ihr Lachen wurde von einem ſchwachen Echo wie⸗ derholt, und auf den Altan trat eine junge, ganz ſchwarz *) Die Unſchrift auf dem Wappen Norrlands. gekleid neigur aber ſchlan! riethen ſtolz, bleiche purlip ſie mi Cherul Schöp das A Geſicht von ei „ Sola! Freunt Dame ſonne! glänzt ſogar nächtli Kleine mächti wie er und ſic währer die No „C ganzen „Herrſ ich der über d daß m „2 Punkte edanken chte ween, en, die ns das 3 Wort, rt ind enſchen⸗ neuen ig. cilie ſo onntag äckchen nwand⸗ en T⸗ nächlich n mar⸗ n Bach⸗ glaubte. ind rief h ſchon flogen Knirps ter ſich rhofften welcher rief lernen, ho wie⸗ ſchwarz 47 gekleidete Frau, die ſich mit einem Ausdruck der Zu⸗ neigung an die Matrone anſchmiegte. Dieſe junge Frau war der alten ſehr unähnlich, aber in ihrer Art auch ſchön. Sie war fein und ſchlank von Wuchs. Die großen, dunkeln Augen ver⸗ riethen ſtarke Gefühle, die Haltung des Kopfes war ſtolz, während eine hektiſche Röthe zuweilen auf der bleichen Wange flammte. Ueber den ſchwellenden Pur⸗ vurlippen ſchwebte ein höhniſcher Zug, gleich als wollte ſie mit der ganzen Welt ihr Geſpoötte treiben. Der Cherub, der Morgenſtern, der aus Hochmuth vom Schöpfer abfiel, mochte ſo ausgeſehen haben. Aber das Auge weilte dennoch mit Vergnügen auf dieſem Geſichte, denn es war ſchön, und ſein Ausdruck zeugte von einer tiefen, gefühlvollen Seele. „Ei ſieh da! guten Morgen, meine liebe Frau Sola!“ rief Frau Cäcilie, indem ſie mit mütterlicher Freundlichkeit das üppige ſchwarze Haar der jungen Dame ſtrich.„Wie Dein Haar glänzt in der Morgen⸗ ſonne! Und Deine Augen gleichfalls! Aber Alles glänzt und ſtrahlt ja in dieſer geſegneten Morgenſtunde, ſogar die Thränen! Siehſt Du, wie ſie nach dem nächtlichen Regen im Graſe glänzen und Sonnen im Kleinen ſein wollen! Alles will heute prächtig und mächtig ſein. Sogar der kleine Knirps. Sieh nur, wie er auf ſeinem kleinen Stock hin und her galoppirt und ſich einbildet, der Herr der Schöpfung zu ſein, während er ſo eben erſt der Krähen wegen beinahe auf die Naſe gefallen wäre.“ „Er gleicht ſeinem Geſchlecht und überhaupt der ganzen Menſchheit,“ verſetzte die junge Frau bitter. „Herrſchgier und Eigenſucht ſind die Grundzüge. Wäre ich der liebe Gott, ich ließe die Sonne nicht aufgehen über dieſes Geſchlecht. Die Meuſchen verdienen nicht, daß man ſie liebt. Sie ſind undankbar und hart!“ „Ach Du armes Kind! biſt Du ſchon an dieſem Punkte angelangt?“ rief Frau Cäcilie mit einem Blick 48 voll zärtlichen Mitleids auf die junge Frau. Dann fuhr ſie nach einem Augenblicke fort: „Man hat gewöhnlich drei Epochen in ſeinem Vertrauen zu den Menſchen. In der erſten hält man Alle für gut und iſt bereit, mit Freundſchaft und Ver⸗ trauen um ſich zu werfen. In der zweiten hat man Erfahrungen gemacht, die dieſen Glauben niederſchlagen, und man muß ſich da in Acht nehmen, daß man nicht Allen mißtraut und Alles auf's Schlimmſte auslegt. Später im Leben erkennt man, daß die meiſten Men⸗ ſchen doch weit mehr gut als bös ſind, und daß man ſelbſt bei gerechten Urſachen zu Beſchwerden immer noch mehr Urſache hat, zu beklagen, als zu verurtheilen. Und dann faßt man von Neuem Vertrauen!... Du, meine arme Ida, befindeſt Dich noch in dem zweiten, ſchweren Stadium, aber ich hoffe, daß Du einmal in das dritte, tröſtende und ruhige, kommen wirſt.“ „Worin Du Dich befindeſt, liebe Mutter?“ ant⸗ wortete Ida lächelnd.„Nicht wahr? Ach dahin komme ich nie. Ich habe zu bittere Erfahrungen gemacht! Und ich kann nicht... vergeſſen! Die Bibel ſpricht von einem Stern, welcher Wermuth heißt und die Waſſerquellen auf Erden verbittert.“ „Steht in der Bibel nicht auch von einem Kraut, einem Baum, wodurch das bittere Waſſer ſüß gemacht wird?“ fragte Frau Cäcilie. „In der Bibel vielleicht,“ antworte Ida,„aber wo fände ſich das auf Erden? Es iſt erſtickt an den Diſteln: Verleumdung, Hartherzigkeit.“ „Die meiſten von uns müſſen den böſen Ruf wie den guten über ſich ergehen laſſen,“ bemerkte Frau Cäcilie mild;„aber wer beim Rechten bleibt und getreu ausharrt, der findet doch zuletzt auch bei den Andern die verdiente Anerkennung.“ „Zuletzt!“ rief Ida ungeduldig;„wann kommt dieſer Zeitpunkt? und inzwiſchen!...“ „Die Zeit heilt ſehr viel,“ verſetzte die Matrone ſanft beſſer, Selbfl die w auch C dem 2 als ké trotzig Hohn! üben? ſonner flüſter 2 ſagte deiht! bekom ſo wo ſurren fuhr Dich unruh biſt ei allzuſe Saite müßte wie F 77 tungs ich vi nicht n fuhr ſeinem lt man d Ver⸗ tt man hlagen, nnicht uslegt. Men⸗ ß man er noch theilen. Du, weiten, mal in 0 “ ant⸗ komme emacht! ſpricht ind die Kraut, gemacht „aber an den tuf wie e Frau getre Andern kommt Ratrone 49 ſanft und gedankenvoll,„nnd inzwiſchen können wir beſſer, geduldiger werden. Ja, die Zeit und die Selbſfiprüſung. Denn ſie macht uns demüthig, über die wahrhaft Demüthigen kommt Gottes Friede, oft auch Gottes Kraft.“ Es lag etwas unendlich Hohes und Schönes in dem Ausdruck, mit welchem die Matrone dieſes ſagte, als käme es aus einer innern, tiefen Erfahrung. Aber die junge Dame ſchüttelte ungeduldig ihr trotziges Haupt, und auf ihren Lippen ſchwebte ein Hohnlächeln, das zu ſagen ſchien: „Demuth habe ich ſchon oft predigen gehoͤrt; aber üben?“ Schweigend blickte ſie hinaus auf die blühende, ſonnenbeglänzte Erde, und der bittere Geiſt in ihr flüſterte:„Schein! Blendwerk!“ Armes junges Weib! Die Matrone hatte andere Gedanken. „Wie der grüne Hanfacker nach dem Regen glänzt,“ ſagte ſie freundlich lächelnd,„und wie das Korn ge⸗ deiht! Es ſieht aus, als ſollten wir eine gute Ernte bekommen. Und wenn der Hanf dießmal gut ausfällt, ſo wollen wir im Winter ſpinnen und weben, daß es ſurren ſoll. Du mußt ſpinnen lernen, Frau Sola,“ fuhr ſie in heiter ſcherzendem Tone fort;„ich muß Dich an einen Webſtuhl ſetzen, dann wird auch das unruhig brauſende Gemüth ſich beſchwichtigen. Du biſt eine ſchöne Aeolsharfe, meine liebe Frau Sola, aber allzuſehr den Winden bloßgeſtellt. Wenn die zitternde Saite ein tüchtiges Haushaltungsſeil würde, dann müßte es wohl anders klingen.“ Ida mußte lachen und that es jetzt ſo gutmüthig, wie Frau Cäcilie ſelbſt. „Ach!“ ſagte ſie,„würde ich nur ein Haushal⸗ tungsſeil in Deiner Hand, liebe Mutter, dann könnte ich vielleicht mehr Nutzen ſtiften. Aber.. das kann nicht ſein. Und im Winter bin ich ſchon weit fort von hier... draußen auf dem unruhigen Meere der Die Johannisreiſe. 4 Welt. Die lieben Berge Norrlands, das Thal und Dich, liebe Mutter, muß ich jetzt bald verlaſſen... Es muß geſchehen.“ „Und warum muß es geſchehen? Soll ich's Dir ſagen, Frau Sola?. Weil Du zu ſtolz biſt, zu ſtolz, um eine Heimath, einen Schutz anzunehmen, ſelbſt von der alten Freundin, Deiner Mutter, nicht, von derjenigen, die Du in Deiner Kindheit Mutter nannteſt.“ „Nein,“ antwortete Ida,„nicht zu ſtolz, um et⸗ was von ihr anzunehmen, ſondern weil ich bei meiner Verheirathung mir ſelbſt und meiner ſtolzen Familie gelobte, niemals fremde Leute um Hülfe anzuſprechen; weil ich nicht bloß für mich ſelbſt, ſondern auch für mein Kind Brod verdienen und für ſeine Zukunft ſor⸗ gen muß. Die Harfe muß erklingen, ſo lange ihre Saiten noch geſpannt ſind. Eine Muſiklehrerin muß arbeiten, ſo lange ſie noch kann. Und Du ſelbſt, liebe Mutter, würdeſt Du wünſchen, daß ich anders handelte?“ „Nein,“ erwiederte Frau Cäcilie,„ich wünſche es nicht, denn ich glaube, daß Du recht handelſt. Auch will ich Dich nicht hindern, mich zu verlaſſen, ſo hart es mich ankommt, und ſo ſehr mich namentlich Dein baldiger Aufbruch ſchmerzt. Aber Dein Mädchen, die kleine Naiina, die hole ich mir von Tornea herunter, und ſie muß wenigſtens den Winter über bei mir blei⸗ ben. Es iſt mir nicht recht wohl, wenn ich nicht kleine Kinder um mich habe. Der kleine Knirps muß ohnehin jetzt einen Leſe⸗ und Spielkameraden haben; Dein Kind ſoll mich über Deinen Verluſt tröſten, Frau Sola. Denn ſo viel Freude, wie Du mir jetzt mit Deiner Muſik machteſt, habe ich lange nicht gehabt. Aber bevor Du abreiſeſt, möchte ich wünſchen, daß Du noch nähere Bekanntſchaft mit meinen Kindern machteſt, die ſich jetzt alleſammt bald hier verſammeln werden; mein Sohn Adolph mit den Andern, welche Du, wie ich weiß, bereits geſehen haſt. Er iſt bloß mein Schwie⸗ gerſohn, aber ich glaube, meine eigenen Söhne könn⸗ ten n dort gekoſt immer Reiſe meine auf B verſet habe Weg dem ſ Sie zurück nahm hielt wie ſi verklä Hand Dafür unden kann: Grabe meine betrack Und A Abend ſogleit U ihre A Gleich im Zo l und s Dir ſt, zu hmen, nicht, Rutter im et⸗ neiner amilie echen; ch für t ſor⸗ e ihre muß liebe elte?“ ünſche Auch hat Dein , die unter, blei⸗ kleine nehin Dein Sola. einer Aber nch ſt, die mein ich hwie⸗ könn⸗ 51 ten mir nicht lieber ſein als er. Der kleine Junge dort hat ſeine Mutter, meine Virginie, das Leben gekoſtet, und Adolph's Kummer um ſie macht ihn mir immer theurer. Er kommt jetzt bald von einer langen Reiſe nach Hauſe zurück. Bald darauf kommen auch meine andern Kinder, und dann wird es weit munterer auf Bragesholm, als Du es je geſehen haſt.“ „Aber zu dieſer Munterkeit paſſe ich ja nicht,“ verſetzte Ida halb ſcherzend.„Ehe ſie Alle kommen, habe ich wohl Tornea hinter mir und bin auf dem Weg nach Uleaborg und von da nach Petersburg...“ „Die Poſt kommt!“ unterbrach Frau Cäcilie, in⸗ dem ſie auf ſchwere Tritte draußen vor der Thüre hörte. Sie ging hinaus und kam bald mit dem Poſtfelleiſen zurück, das ſie öffnete und Briefe und Zeitungen heraus⸗ nahm Zwei Briefe übergab ſie Ida, zwei andere be⸗ hielt ſie für ſich, erbrach ſie haſtig und las. Ida ſah, wie ſich das Geſicht der Matrone mitunter vor Freude verklärte. Und als ſie ausgeleſen hatte, legte ſie ihre Hand auf Ida's Arm, drückte ihn und ſagte: „Ach, Ida! immer das Rechte thun zu können! Dafür habe ich jetzt achtzehn Jahre lang gearbeitet und nun kommt bald der Augenblick, wo ich ſagen kann: Ich habe es gethan! Ich hätte ſonſt in meinem Grabe nicht ruhig liegen können. Aber jetzt!... Und meine Kinder!... Ich kann ihre Zukunft als geſichert betrachten, kann ihnen das Gut ſchuldenfrei hinterlaſſen. Und Adolph, mein Sobn Adolph kommt ſchon heute Abend, um dann bei uns zu bleiben. Ich muß es ſogleich Ina ſagen.“ Und Frau Cäcilie eilte mit ihren Briefen in der Hand aus dem Zimmer. Ida blickte ihr nach.„Wie jung ſie noch an Leib und Seele iſt!“ dachte ſie,„und ich?“ Sie ſah auf ihre Briefe und öffnete ſie mit dem Ausdruck ſtolzer Gleichgültigkeit. Sie las und ihre Blicke flammten im Zorn. Den einen Brief zerknitterte k. mit rach⸗ 52 ſüchtiger Miene, und nach einer Weile ging ſie den⸗ ſelben Weg, den Frau Cäcilie gegangen war. Sie ging durch einen großen Saal, die große Freude genannt ſchon ſeit den Zeiten der Frau Märtha Orrhane, die früher das Gut beſeſſen, das Haus gebaut und in dieſem Saal alle ihre Hochzeiten und Feſtmahle gefeiert hatte— und ſie mag ihrer viele gehabt haben. Die Wände in dieſem Saal hatte ſie eigenhändig mit himmelblauen Luſtgärten und wunderlichen Tempeln bemalt, wo glotzäugige Hirten und Hirtinnen einander die entfetzlichſten Blicke zuwarfen, und wo Frau Märtha Orrhane fröhlichen Andenkens ſelbſt in Lebensgröße und in einem ſteifen Reifrock ſaß, mit höchſt verwun⸗ derter und erfreuter Miene über ihre Meiſterſtücke, ſowie über die gereimten moraliſchen Denkſprüche, die ſie mit eigener Hand über die vier großen Thüren des Saales geſchrieben hatte, unter denen wir uns nur noch des folgenden Verſes entſinnen: Ueb' immer Treu und Redlichkeit Bis an Dein kühles Grab, Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab. Ida ging, wie geſagt, durch die große Freude und ſodann durch mehrere Zimmer, die alle mit eigenen Namen ſchon ſeit Frau Märtha Orrhane's Zeit getauft waren; und ſo kam ſie in die ſogenannte kleine Freude. Hier wohnte Ina, die im Hauſe auch die Innerſte genannt wurde. Und drinnen redeten jetzt fröhliche, vertrauliche Stimmen. „Es iſt herrlich, daß unſere Angelegenheiten ſich ſo gut machen, und daß der Handel bald abgeſchloſſen werden kann!“ ſagte eine lebhafte junge Stimme.„Und daß Adolph ſchon heute Abend kommt. Wie mich das freut!. Ach, wir müſſen dem Fiſcher ſagen, daß er uns auf den S einen Lachs verſchafft, Adolph's Lieblingsgericht. Und auch das Maſtkalb müſſen wir ſchlachten!... Und dazu, Mama, willſt Du mir X nicht Vorr gerüſ angel hinat ihren druck nehm und ſie den⸗ große Märtha gebaut ſtmahle haben. i mit empeln inander Märtha sgröße erwun⸗ rſtücke, he, die ren des ns nur e nd eigenen getauft Freude. nerſte öhliche, ten ſich chloſſen „Und ich das n, daß dolph's müſſen Du mir „ 53 nicht Helene herauſſchicken, damit wir uns über die Vorräthe beſprechen können? Wir müſſen jetzt tüchtig gerüſtet ſein, da die Geſchwiſter alle kommen. Ach wie angenehm!“ Ida trat in's Zimmer, als Frau Cäettie eben hinausging. Ihr Ausſehen zeugte von dem Kampf in ihrem Innern. Auch verwandelte ſich der heitere Aus⸗ druck der Innerſten ſchnell in einen Ausdruck theil⸗ nehmender Unruhe, als ihr Blick ſich auf Jda's Geſicht und den Brief in ihrer Hand heftete. „Was iſt da?“ fragte ſie;„etwas Unangenehmes?“ „Bloß ein neuer Demüthigungsverſuch von Seiten meiner Verwandten!“ antwortete Ida;„man bietet mir Unterſtützung an, für mich und mein Kind!.. Es klingt groß, aber ich kenne dieſe Leute... und ſie ſollen auch mich einmal kennen lernen.“ „Darf ich den Brief ſehen?“ fragte Ina. Ida reichte ihr das zerknitterte Schreiben. Ina las es aufmerkſam und ſagte dann:„Es iſt kein freund⸗ liches Schreiben. Es könnte artiger ſein. Inzwiſchen ſcheint es mir doch, man meine es gut mit Dir und wolle Dich und Dein kleines Mädchen wieder aufnehmen.“ „Ja, in Gnaden aufnehmen!“ rief Ida;„aber ſolche Gnade verſchmähe ich und ſtoße ſie weit von mir. Gnade... Ich habe weder Gnade noch Gna⸗ dengeſchenke begehrt. Ich will ſie nicht. Ich werde ſie nie annehmen. Lieber ſterben. Lieber ſammt meinem Kinde verhungern. Die Männer in meinem Lande haben ſich vergeſſen,“ fuhr Ida mit flammenden Blicken und unbeſchreiblichem Stolze in Ausdruck und Geber⸗ den fort,„aber die Frauen beſitzen noch Etwas von der Kraft, welche ſie in der Schlacht bei Verden be⸗ wieſen, wo ſie ſich lieber in die Luft ſprengen ließen, als daß ſie von dem grauſamen Jwan, der ihre Män⸗ ner ſchimpflich behandelte, Gnade begehrten. Fünf Tage lang hatte er die Burg beſchoſſen, wo ſie mit ihren Kindern eingeſchloſſen waren, und jetzt konnte ſie ſich nicht länger behaupten. Die wenigen Vertheidiger 54 waren gefallen oder in Gefangenſchaft gerathen. Da verſammelten ſich dreihundert Frauen mit ihren Kin⸗ dern, die Blume unv die Knoſpe des liefländiſchen Adels, die Abkömmlinge der alten Kreuzherren, in dem Ritterſaal, unter welchen ſie vier Tonnen Pulver hat⸗ ten legen laſſen. In Feſtgewanden, mit ihren koſtbar⸗ ſten Kleinodien geſchmückt und ihre Kinder an der Hand führend, traten ſie ein. Sie beichteten in feier⸗ lichem Gottesdienſt und nahmen das Nachtmahl. Als der Feind ſich zu nähern anfing, verſammelten ſie ſich unter Gebeten und Geſängen in einem Kreis um den Prieſter. Und juſt als die Ruſſen ſich über der Mauer zeigten, gab eine der Frauen einem Diener das Signal zum Anzünden. Dieſer ergriff die brennende Lunte, die Frauen drückten ihre Kinder an die Bruſt und... Alles flog in die Luft. Die Ruſſen fanden nur Trüm⸗ mer, und unter ihnen ein noch lebendes Kind, die Tochter der Frau, welche das Unternehmen geleitet hatte. Sie war meine Stammmutter. Sie gab dem Uebermuth und der Gewalt nicht nach. Auch ich werde...“ „Das war ſehr ſchön von ihr und von den lief⸗ ländiſchen Frauen,“ verſetzte Ina mit Innigkeit und mit jener ſchönen Bläſſe im Geſicht, welche die Er⸗ zählung von edlen und fräftigen Thaten bei geſuhl⸗ vollen Gemüthern hervorruft.„Aber,“ fuhr ſie fort, indem ein feiner Zug gutmüthigen Scherzes um ihre lächelnden Lippen ſpielte,„ich kann nicht einſehen, daß hier Gelegenheit zu ſolchen Heldenthaten geboten würde. Man will Dich nicht gefangennehmen, man will Dich bloß freier machen durch Geſchenk... „Gnadengeſchenke!“ rief Ida heftig;„man will mich durch Gnadengeſchenke binden, will mich demü⸗ thigen!... Ich kenne ſie. Ich kenne den Geiſt, der in dieſem Briefe athmet. Aber ich werde ihnen ſo antworten, daß ſie ſich gedemüthigt fühlen ſollen. Ja, ich werde ihnen ſo antworten.“ „O nein, thue das nicht, Ida! Du könnteſt Dich vergreifen. Der Brief kann gut gemeint ſein, ja, er iſt es nützer Du a Freur nicht nen, ſo ni und t „Es Gönr laß e dann hier heute nes 2 ſchiff Torn Uleal verſp muß Aber vone viel S wo a haber Geſch mißti men chen. Mam losſc Schu Da Kin⸗ diſchen ndem 5 hat⸗ oſtbar⸗ n der feier⸗ Als ie ſich m den Rauer ignal Lunte, 1d. Lrüm⸗ ie eleitet em de“ lief⸗ t und e Er⸗ erühl⸗ fort, ihre ſehen, boten man will emü⸗ „ der n ſo Ja, Dich , er 55 iſt es gewiß. Und in allen Fällen, was könnte es nützen? Es würde bloß reizen und erbittern. Wenn Du alle Unterſtützung ablehnen willſt, ſo thue es mit Freundlichkeit. Thue es ſo, daß es Deine Verwandten nicht verletzt, daß ſie Dein Benehmen gutheißen kön⸗ nen, während Du Deine Würde bewahrſt. Wäre es ſo nicht am beſten, Ida?“ „Du biſt ein milder, verſöhnender Geiſt, Ina, und dabei klug,“ verſetzte Ida nach einer kurzen Pauſe. „Es wäre wohl am klügſten ſo. Aber... „Aber gib jetzt noch keine beſtimmte Antwort. Gönne Dir etwas Zeit. Siehe den Brief näher an, laß einige Tage vorübergehen, vielleicht kommt er Dir dann anders vor. Laß ihn Mama leſen und. „Ich habe nicht viel Zeit zum Warten, wenigſtens hier nicht,“ ſagte Ida mit einem Seufzer.„Schon heute Nacht muß ich abreiſen. Ein Verwandter mei⸗ nes Mannes, der Oberſt G., kommt mit dem Dampf⸗ ſchiff nach Oernſtöld und will mich abholen, bis Tornea begleiten und von da in ſeinem Wagen nach Uleaborg führen, wo ich ein paar Wochen zu bleiben verſprochen habe, bevor ich nach Petersburg reiſe. Ich muß ſein Anerbieten annehmen und mich bereit halten. Aber laß uns jetzt nicht mehr von mir reden. Sprich von etwas Anderem; von dem, was ſo eben noch ſo viel Freude machte.“ „Ach wie ſchade,“ rief Ina,„daß Du gerade jetzt, wo alle Geſchwiſter kommen und wir es ſo luſtig hier haben werden, fort mußt! Ach, Ida, wie angenehm, Geſchwiſter zu haben!“ „Iſt das wirklich ſo angenehm?“ verſetzte Ida mit mißtrauiſchem Lächeln. „Ach ja! und jetzt werden wir ſehr heiter beiſam⸗ men ſein, denn wir haben gute Neuigkeiten zu beſpre⸗ chen. Durch den Verkauf eines kleinen Gutes, das Mama erſt recht eingerichtet hat und jetzt vortheilhaft losſchlagen kann, ſind wir in Stand geſetzt, unfere Schulden zu bezahlen, und Bragesholm bleibt uns 56 vollkommen frei; was Mama ſchon ſo manches Jahr gewünſcht und erſtrebt hat. Der Kauf ſoll jetzt, zu Anfang Juni, abgeſchloſſen werden, und auf dieſe Zeit kommen alle Geſchwiſter hieher. Mama wird dann über ihre Verwaltung des Guts Rechenſchaft ablegen und einige neue Maßregeln für die Zukunft mit ihnen berathen. Adolph bleibt wahrſcheinlich hier und wird das Gut mit verwalten. Wir freuen uns alle darüber. Er iſt ſo brav und ſo gut. Du kennſt ihn ja auch!“ „Denke Dir,“ ſagte Ida,„wenn nun der rechte Erbe, der älteſte Sohn Erich zurückkäme, ſich bei der Lrben Familienzuſammenkunft einfände und ſich, wie anko's Geiſt, mit den Andern in der„großen Freude“ an den Tiſch ſetzte!“ „Er!“ verſetzte Ina;„ja freilich, wenn er käme, dann wären wir alle arm, und mit der Freude hätte es ein Ende, wenigſtens für uns Andern, da wir ihn nicht kennen. Aber Mama würde ſich ſehr darüber freuen, wiewohl... Doch der arme Erich wird wohl wegbleiben. Er iſt ſchon manches Jahr todt!... Ich habe ihn nie geſehen. Er ſoll ein unglückliches Ge⸗ müth gehabt haben, dabei aber ſehr gut geweſen ſein, ſo daß er nichts für ſich behalten konnte, ſondern all' ſeine Habe wegſchenkte. Er wäre wohl auch mit dem Gute fertig geworden, wenn er darüber zu verfügen gehabt hätte!... Doch wir ſprachen von meinen Ge⸗ ſchwiſtern. Der älteſte Bruder iſt Fridolph, ein ſehr achtungswerther Beamter, der beſte und ſanfteſte Menſch von der Welt, nur etwas herb in der Politik und ge⸗ fährlich, wenn man mit ihm darüber ſpricht. Er iſt trotz ſeiner vierzig Jahre und ſeiner ernſten Amtsmiene von einer heimlichen Tanzwuth beſeſſen, worüber Schwä⸗ gerin Amalie zuweilen ordentlich erſchrickt. Dann kommt Charlotte. Virginie ſtand zwiſchen Fridolph und Charlotte, aber ſie mußte ſobald dahinſcheiden.“ Ina ſchwieg einen Augenblick, unterdrückte eine auf⸗ ſteigende Rührung und fuhr dann fort: „Charlotte iſt ſo brav, ſo gut, wirklich ein präch⸗ tiges zu be ganz ven eine zuleg Und Ingt eine beite auf eine komn dern man geth dern Beſſ allei Kett von Wes ſchö iron man Abe „ich Ina „ack rechte bei der „ wie Freude“ käme, e hätte vir ihn arüber d wohl .3ch es Ge⸗ n ſein, rn all' it dem erfügen n Ge⸗ in ſehr Menſch ind ge⸗ Er iſt smiene Schwä⸗ Dann idolph eiden.“ e auf⸗ průch⸗ tiges Mädchen. Aber ſie muß immer viel zu thun, zu beſorgen, herumzuſtöbern haben. Sie würde eine ganz tüchtige Frau abgeben, wenn ſie einen bra⸗ ven Mann bekäme. Mittlerweile geht ſie damit um, eine Fabrik oder irgend ein großes Etabliſſement an⸗ zulegen, aber es wird wohl nicht viel daraus werden. Und nun kommen die Jünglinge, wie wir ſie nennen, Yngve und Arvid, meine zwei jüngſten Brüder: der eine ein junger Beamter, der andere ein junger Ar⸗ beiter in der Werkſtatt der Kunſt, beide brav, aber auf verſchiedene Weiſe, und ſingen können ſie, daß es eine wahre Luſt iſt, ihnen zuzuhören. Und endlich komme ich, die zu nichts Anderem taugt, als die An⸗ dern lieb zu haben.“ „Dann kannſt Du mehr als viele Andere, die Nie⸗ mand lieben können,“ bemerkte Ida. „Ei wer ſollte das nicht können, wenn er nur will.“ „Aber Viele wollen vielleicht nicht. Jemanden zu⸗ gethan ſein, lieben, heißt ſo viel als leiden, von An⸗ dern abhängig ſein, gekränkt, betrogen werden!.. Beſſer man hat ein ſchneekaltes Herz und ſteht einſam, allein da!“ „Einſam! rief Ina, ich könnte nicht einſam leben. Mir iſt nie recht wohl, wenn ich nicht Wir ſagen kann.“ „Und ich,“ bemerkte Ida,„erblicke darin bloß eine Kette. Die Gefangenſchaft des Herzens iſt die ſchlimmſte von allen.“ „Nein, nein!“ rief Ina,„Du biſt da auf falſchem Wege, Du nußt umkehren und Dich beſſern. Du, ſo ſchön, ſo reichbegabt.. „Ich, ſo ſchön, ſo reichbegabt,“ unterbrach Ida ironiſch, ich werde von Niemand geliebt, liebe Nie⸗ mand und wünſche auch nicht, daß es anders werde. Aber,“ fuhr ſie mit ſchnell verändertem Ausdruck fort, „ich möchte dennoch, wenn ich zu wählen hätte, lieber Ina als Ida ſein.“ „Du möchteſt lieber ich ſein!“ rief Ina überraſcht, „ach Du weißt nicht!...“ Und ihre Augen fuüllten 58 2 ſich mit Thränen.„Nein, Du weißt nicht,“ fuhr ſie lebhaft fort,„Du weißt nicht recht, was Du willſt. Du weißt nicht, für wie viel Glück Du zu danken haſt, Du friſches, fertiges Menſchenkind! Und heute, wo es draußen ſo ſchön iſt! Gewiß warſt Du ſchon auf Deinen lieben Bergen oben!“ „Ja, ich war droben.“ „Und duften die Birken recht herrlich? Und die Blumen im grünen Graſe, und die Schmetterlinge, die darüber hintanzen, ſind ſie alle recht ſchön?... Es kommt Alles ſo ſchnell heraus, wenn einmal die Wärme ſich einſtellt.. Und die Vögel, die freien, glücklichen Vögel, die überall hin unter dem Himmel, wo ſie nur wollen, ziehen und fliegen können, wie mögen ſie nicht ſingen da draußen unter den Laubge⸗ hegen, auf den freien Bäumen, die im Sommerwinde ſich wiegen und rauſchen! Sind Diejenigen nicht glück⸗ lich, die Alles das ſehen und hören können, die durch nichts gebunden ſind?...“ Und die holden Augen flogen wie gefangene Schwalben nach den Fenſtern, in's Freie hinaus verlangend. Sehr verſchieden war der Ausdruck in dieſem und in dem finſtern, vrientaliſch ſchönen, dunkel brennen⸗ den Augenpaare, als beide zuſammen jetzt in's Freie hinaus nach dem blauen Himmel hinblickten. Wir Schwedinnen dürfen uns in der Regel auf unſere Naſen ganz und gar nicht viel einbilden. Sie haben eher alle möglichen Formen, als gerade die regelmäßige, und nähern ſich nicht ſelten der Kartoffel⸗ geſtalt. Aber Augen, Augen, das haben wir, und in dieſer Beziehung können es wir mit der ganzen Welt, ja auch noch mit etwas mehr aufnehmen. Ina's Augen gehörten jedoch nicht zu der gewöhnlichen ſchwediſchen Art, groß und hellblau; aber ihre Form war ſchön, ihre Bläue mild, und ihr Blick, friſch und belebend wie ein Frühlingshimmel, war dabei ſo außerordent⸗ lich reich und aufmerkſam, daß er in das Innerſte alles deſſen, auf was er ſich mit Ernſt oder Zärtlich⸗ feit! ſo m gefun cheln oder das d ganze Feuer e nicht dieſes obſch welch ſpitzis 2 Trop wöhn werfe darar S einen liſirte bitter Auge verſte Viell daß heit cheln Schö ſegne letzte ihr ſie willſt. haſt, wo n auf d die linge, die reien, mmel, „ wie tubge⸗ winde glück⸗ durch Augen iſtern, nund nnen⸗ Freie l auf Sie e die toffel⸗ nd in Welt, lugen iſchen ſchön, ebend dent⸗ nerſte tlich⸗ 59 keit heftete, einzudringen ſchien. Aber er war dann ſo mild, daß er niemals beſchwerlich oder verletzend gefunden wurde. Und die Freude, das ſchalkhafte Lä⸗ cheln dieſer Augen war unwiderſtehlich anſteckend. Ida's flammendes Augenpaar dagegen ſtieß zurück oder entzündete. Dem ſtarken, aber gebundenen Feuer, das darin glühte, wirkte die Kälte und der Stolz ihres ganzen Weſens entgegen. Es ſtieß ab, während das Feuer in Ina's Augen anzog. Dieſes ſchöne und bittere Weib, kommt es Dir nicht räthſelhaft vor, lieber Leſer? Ein Wort über dieſes Räthſel, denn es gibt viele dergleichen Art, obſchon nur wenige von ihnen ſo ſchöne Formen haben. Du ſiehſt zuweilen einen kryſtallhellen Tropfen, welcher lächelnd des Himmels Licht abſpiegelt, in ſpitzige Eiskiyſtalle ſich verwandeln. Warum? Weil ein ſcharfer Nordwind darüber hin ging. Wenn die Menſchen einen ſolchen kryſtalliſirten Tropfen in Menſchengeſtalt treffen, ſo ſchütteln ſie ge⸗ wöhnlich die Köpfe darüber und gehen vorbei, oder werfen ſie ein höhniſches Lächeln, ein ſcharfes Wort darauf— Salz auf das Eis. Aber Du, geneigter Leſer, thue nicht alſo. Bleib' einen Augenblick ſtehen und bedenke, daß dieſer kryſtal⸗ liſirte Tropfen eine verſteinerte Thräne iſt, ein Kind bitterer Sorgen, und verſchmähe nicht, auf einen Augenblick die Rolle der Sonne zu übernehmen, den verſteinerten Tropfen zu beleuchten und zu erwärmen. Vielleicht daß der Zauber dadurch gelöst, vielleicht daß der Tropfen wieder wird, was er in ſeiner Kind⸗ heit war, ein ſchönes, gegen den Himmel emporlä⸗ chelndes Auge. Vielleicht dankt er Dir durch ſeine Schönheit, und dann und in allen Fällen ſei Du ge⸗ ſegnet! Aber wir kehren zu Ina's letztem Ausſpruch zurück: „Glucklich Diejenigen, die nicht gebunden ſind!“ Der ſtille, klagende Ton, in welchem ſie dieſe letzten Worte ſagte, verwandelte ſich raſch, indem ſie 60 lächelnd hinzufügte:„Doch, man muß die Sachen nicht ſo melancholiſch nehmen, wie der alte Noack ſagt, ſondern philoſophiſch. Willſt Du mit mir das fröhliche, das philoſophiſche Lied, wie ich es nenne, ſingen: Mir iſt Alles eins, mir iſt Alles eins! Ich ſehne mich juſt nach einem Stück Muſik.“ Ida nahm lächelnd ihre Harfe, und bald ſangen die beiden einander ſo unähnlichen jungen Damen mit dem gleichen luſtigen Uebermuth vas philoſophiſche Lied: Mir iſt Alles eins, mir iſt Alles Eins, Ob ich Geld hab' oder keins u. ſ. w. Während die beiden Schönen ſich an dieſem fröh⸗ lichen Liede erſreuen, das für Zeit und Ort(kleine Freude) ganz vortrefflich paßt, verlaſſen wir ſie und begeben uns zu Frau Cäcilie. Sie ſaß in ihrem Schreibſtübchen oder Comtvir, wo ſie ſeit manchen Jahren ihre Buchhaltersgeſchäfte ſelbſt verſah und ihre Untergebenen empfing. Das Zimmer war äußerſt dürftig möblirt, ſein einziger Schmuck beſtand in einem ſchönen Mannsportrait, das über dem Schreibtiſch an der Wand hing. Frau Cä⸗ eilie ſaß auf dem Sopha und ihr gegenüber, an der Thüre, ſaß auf einem Rohrſtuhl der greiſe Verwalter, ihr Altersgenoſſe, und bereits ſeit dreißig Jahren auf dem Gut angeſtellt, das er ſchon zu den Zeiten des„ſeligen Herrn“ verwaltet hatte. Er war ein Mann von her⸗ kuliſcher Geſtalt, beſonders anſehnlich durch die Breite ſeiner Bruſt und Schultern. Das eine Bein hatte er durch Unglück zweimal während ſeiner Dienſtzeit ge⸗ brochen, und das letzte Mal war es ſo ſchlecht einge⸗ richtet worden, daß es kürzer wurde als das andere, und der Alte hinken mußte. Aber er befand ſich den⸗ noch wohl dabei, weil das Bein ihn gar nicht be⸗ läſtigte, wenn er auf's Feld hinausfuhr. Frau Cäcilie hatte dem treuen Diener die Medaille für bürgerliches Verdienſt verſchafft, aber er trug ſie nicht gern, das Ding kam ihm zu närriſch vor. Das ausdrucksvolle, noch der( heiter . Zuſta gen, der ſe aller! macht nunm Verh ſich ſ komm 7 ſchön „Wa recht gen: ſie h gedul lich anſte unter laſſer wand vollk ganz aufg als And⸗ Eige — nnicht ſagt, hliche, * Mir ch juſt ſangen en mit e Lie: fröh⸗ (kleine ie und omtvir, eſchäfte Das inziger it, das u Cä⸗ an der walter, uf dem ſeligen n her⸗ Breite atte er eit ge⸗ einge⸗ andere, ch den⸗ cht be⸗ Cäcilie rliches 1, das svolle, 61 noch blühende Geſicht trug das erkennbare Gepräge der Ehrlichkeit, Entſchloſſenheit und zugleich jener heitern Pfiffigkeit, welche dem Norrländer eignet. Frau Cäcilie hatte mit dem Verwalter über den Zuſtand des Gutes und die bevorſtehenden Veränderun⸗ gen, ſowie über die Maßregeln geſprochen, welche bei der ſchon auf Anfang Juli feſtgeſetzten Zuſammenkunft aller Familienmitglieder beſchloſſen werden ſollten. Sie machte kein Hehl aus ihrer Freude darüber, daß ſie nunmehr hoffen könnte, ihre lange Zeit verwickelten Verhältniſſe bald vollkommen bereinigt zu ſehen und ſich ſelbſt nebſt ihren Kindern als Beſitzer eines voll⸗ kommen ſchuldenfreien Gutes zu erblicken. „Ja,“ ſagte der alte Verwalter,„das wäre ganz ſchön und gut, wenn uur auch Alles richtig zuginge.“ „Wie ſo?“ fragte Frau Cäcilie. „Ich meine, wenn Alles rechtlich zuginge.“ „Wie ſo?“ fragte Frau Cäcilie zum zweiten Male. „Was meinſt Du damit, Hans Ernſt?“ „Nun, ich meine, daß nicht Alles gerecht und rechtſchaffen iſt, was hier geſchieht.“ Eine leichte Röthe ſtieg Frau Cäcilie in die Wan⸗ gen und flammte ihr bis in die Stirne hinauf. Aber ſie hatte ſich jene Abwechslungen der Hitze und Un⸗ geduld, die ſowohl bei Männern als Frauen ſo gewöhn⸗ lich ſind, und ganz beſonders den Letzteren ſo ſchlecht anſteht, längſt abgewöhnt. Sie erachtete es als tief unter der Menſchenwürde, ſich von ihnen hinreißen zu laſſen, und wenn ſie noch jetzt hie und da ſolche An⸗ wandlungen in ſich verſpürte, ſo konnte ſie dieſelben vollkommen beherrſchen. Nur ein leichtes Zittern des ganzen Körpers verrieth zuweilen, daß ihr Inneres aufgeregt war. Dieſes Zittern ſtellte ſich auch jetzt ein, als der eigenſinnige, aber redliche Diener fortfuhr: „Ich meine, daß der Vortheil von alle dem einem Andern zukommen ſollte, und daß dieſer allein das Eigenthumsrecht habe.“ „Du weißt ja,“ ſagte Frau Cäcilie,„daß beide 62 Söhne meines Mannes, Deines früheren Herrn, ſchon längſt todt ſind.“ „Ja, der eine. Das weiß ich. Den ſah ich mit meinen eigenen Augen als Leiche in's Grab legen. Darüber kann kein Zweifel ſtattfinden. Aber der An⸗ dere, Herr Erich, der vor vielen Jahren zur See ging— ſehen Sie, das will mir nicht in den Kopf, daß auch er todt ſein ſoll. Nein, ich kann es nicht glauben.“ Frau Cäcilie war ſehr bleich, als ſie antwortete: „Du weißt ja, daß wir viele Jahre lang nach ihm forſchen und fragen ließen, und daß wir ſchon vor zehn Jahren die beſtimmte Nachricht erhielten, er ſei in Südamerika im Kriege erſchoſſen worden.“ „Ja, aber ſehen Sie, das glaube ich nicht. Und erſt heute Nacht, müſſen Sie wiſſen, hatte ich einen wunderlichen Traum. Es war mir, als ſehe ich den jungen Herrn Erich leibhaftig vor mir ſtehen und als ſage er zu mir: Paſſe wohl auf! Man thut mir hier Unrecht. Ich bin der Erbe, und alles das iſt mein. — Und ſeitdem habe ich mehr als früher daran gedacht, daß es eine Sünde, ein Unrecht wäre, wenn man das Eigenthum des jungen Herrn auf fremde Kinder über⸗ gehen ließe, ſo daß er nicht bekomme, was ihm zuſteht. Denn er war allerdings ein wilder Junge— ganz wie der ſelige Herr mitunter auch— aber er hatte doch ein Herz ſo gut wie Gold, und im Fahren und Rei⸗ ten war er ſo keck, daß es eine wahre Luſt war. Er hatte keine Angſt.“ Und der alte Verwalter lächelte vor ſich hin.„Ja,“ fuhr er fort,„ich kann's nicht anders ſagen als daß ich den Jungen lieb hatte, und und daß ich glaube, es ſei ihm in ſeiner Kindheit ſo— wohl von dem ſeligen Herrn als von Ihnen Unrecht geſchehen; und darum thut es mir weh, daß ihm auch jetzt noch Unrecht geſchieht.“ „Lieber Hans Ernſt,“ ſagte Frau Cäcilie ernſt, aber ohne alle Hitze,„Jjetzt biſt Du derjenige, der Un⸗ recht hat. Wie kannſt Du verlangen, daß ich einen Todtet dem T dem T Kinde todt ij ich me 7/ Dich: Frich willko mich: ſtimmt men, Kinder Recht 5 herabg möge wiſſen Cäcili holzen Baute: mich Töchte der Ir Freude und z man k wir m daß de In de und ſe Hans ſchon ch mit legen. r An⸗ See Kopf, nicht rtete: h ihm n vor er ſei Und einen hden d als rhier mein. dacht, ndas über⸗ ſteht. z wie doch Rei⸗ Er chelte nicht und t ſo⸗ recht auch rnſt, Un⸗ einen 63 Todten behandeln ſolle wie einen Lebendigen? Nach dem Tod der beiden älteſten Söhne gehört das Gut, dem Teſtament ihres Vaters gemäß, mir und meinen Kindern.“ „Ja, aber wenn er, Herr Erich, meine ich, nicht todt iſt!“ wiederholte der ſtarrköpfige Verwalter.„Und ich meine nur, man ſollte ſich nicht ſo ſicher denken.“ „Lieber Hans Ernſt,“ ſagte Frau Cäcilie,„gib Dich zufrieden. Sollte das Undenkbare geſchehen, ſollte Erich zurückkommen, ſo wird er mir und den Meinigen willkommen ſein. Aber einſtweilen verzeih, wenn ich mich mehr nach Demjenigen richte, was ich mit Be⸗ ſtimmtheit weiß, als nach Deinen Ahnungen und Träu⸗ men, und wenn ich das Gut als mein und meiner Kinder Eigenthum betrachte, was es nach Geſetz und Recht iſt.“ Der alte Verwalter ſah zur Erde und ſagte tief herabgeſtimmt nur noch:„Ja, ja.. Der liebe Gott möge Alles zum Beſten leiten!... Man kann nicht wiſſen, was noch kommt!“ Beide ſchwiegen eine Weile. Dann ſagte Frau Cäcilie etwas kurz: „Hans Ernſt, laß ſo bald als möglich das Bau⸗ holz nach Innerſtalund führen; ich wünſche, daß die Bauten dort noch vor dem Winter fertig werden. Wenn mich der liebe Gott einmal abruft, ſo ſollen meine Töchter wenigſtens einen eigenen kleinen Herd haben Wenn Charlotte heirathet, ſo ſoll Innerſtalund der Ina allein gehören, und ich will mir noch die Freude machen, es für ſie in Ordnung zu bringen, und zwar je eher je lieber. Denn Du haſt Recht, man kann nie wiſſen... Ja, Hans Ernſt, wie geſagt, wir müſſen die Arbeit dort beſchleunigen. Sieh zu, daß der Schmied bald mit den Schlöſſern fertig wird. In den nächſten Tagen will ich ſelbſt dahin fahren und ſehen, wie die Arbeit vorangeht. Guten Morgen, Hans Ernſt!“ 64 Der alte Verwalter machte ſeinen Bückling und trat ab. Er war ſchon lange gegangen, als Fran Cäcilie noch immer geſenkten Hauptes, wie in Gedan⸗ ken vertieft, daſaß. Sie ſeufzte, und auf ihrem ge⸗ beugten Nacken ſchien eine ſchwere Laſt zu liegen. Aber ihr Blick fiel auf die offenen Briefe, die auf dem Tiſche lagen, und nun heiterte ſich ihr Geſicht auf, ihr Kopf richtete ſich empor. Sie heftete ihre Augen auf das ſchöne Portrait, das über ihrem Schreibtiſche hing. Sie betrachtete es lange und redete es dann im Stillen folgendermaßen an: „Ja, Du kannſt jetzt lächeln; Du kannſt mich jetzt freundlich anſehen, mein armer Freund! Kein Schat⸗ ten ruht auf Deinem Gedächtniſſe, keine Schuld auf Deinem väterlichen Gute. Dein guter Name und Dein Eigenthum ſind wieder hergeſtellt!... Ja, Du kannſt jetzt lächeln!..“ Und eine Thräne drängte ſich in ihre Augen, indem ſie dieſe Anſprache an den Gatten hielt, mit welchem ſie viel gelitten, viel getragen, aber ſich auch auf's Innigſte verbunden hatte, ganz beſon⸗ ders durch die Leiden, die ſie ihm in den letzten Jah⸗ ren ihrer Ehe tragen geholfen. Sie nahm ſodann einen der Briefe und las die Schlußworte: „Ich komme dann zu Dir, liebe Mutter, um bei Dir und bei Allem, was ich auf Erden am meiſten liebe, zu bleiben.“ Mein theurer Adolph, Du kommſt!“ flüſterte Frau Cäcilie,„und Charlotte, meine Charlotte! ſie wird glücklich werden!.. Adolph und Charlotte!. Und Frau Cäcilie lächelte. Sie ſah im Geiſt die große Freude von hundert Kerzen ſtrahlen, ſie hörte die heiligen Trauungsworte und vernahm ſodann fröh⸗ liche Hochzeittöne. Sie ſtand auf, ging an's Fenſter, offnete es und ließ die friſche Luft frei hereinſtrömen. Während ſie mit ihren Blicken die große, herrliche Landſchaft umfaßte und beinahe Alles, was ſie gepflegt, veredelt hatte und nun zumeiſt auf Erden liebte, mit ihrer zugle S hande ſtattli Tiefe nh die S krank. blaue wodu dente: mehre am S übel: bens zwei 0 einer des N Aber Zeit Hölle und Dame men. 3ſ meine Die g und Fran edan⸗ m ge⸗ Aber Tiſche Kopf f das hing. Stillen h jetzt Schat⸗ d auf Dein kannſt ich in Hatten „aber beſon⸗ Jah⸗ s die m bei eiſten Frau wird ſt die hörte fröh⸗ enſter, ömen. rliche pflegt, „mit 6⁵ ihrer Seele umſchloß, rief ſie fröhlich und gedankenvoll zugleich:„Meine Kinder! Mein ſchönes Bragesholm!“ Während ſo auf Bragesholm geſprochen und ver⸗ handelt wurde, ſehen wir hundert Meilen davon das ſtattliche Dampfſchiff Oernſköld ſchwer belaſtet die blaue Tiefe durchfurchen, indeß die Wogen der Oſtſee die ſtampfenden Räder umſchäumen und unziſchen. Auf dem Verdeck iſt es jetzt ziemlich leer, denn die See geht hoch und die meiſten Paſſagiere ſind ſee— krank. Ein Herr in einen weiten, aber abgetragenen blauen Mantel, mit einer Friſur und einem Ausſehen, wodurch man einigermaßen an einen deutſchen Stu⸗ denten erinnert wird, ſitzt im Salon und ſchreibt einen mehrere Seiten langen Brief. Wir ſehen, daß er jetzt am Schluſſe iſt, aber wir hoffen, er werde es uns nicht übel nehmen, wenn wir mit dem Anfang ſeines Schrei⸗ bens beginnen, bei welcher Gelegenheit wir uns um zwei bis drei Tage zurückverſetzen. An Bord des Oernſköld, 17. Juni. Geliebter Freund! Dein irrender Ritter befindet ſich dermalen auf einer Sommerreiſe, einer Reiſe in das Land„oberhalb des Nordwinds“, in die Heimath der Mitternachtsſonne. Aber welch eine Sommerreiſe! Kälte und Nebel. Von Zeit zu Zeit ein Platzregen. Und am Bord eine ganze Hölle von zuſammengepackten Menſchen, rauchenden und ſpuckenden Herren, ſchweigenden und leidenden Damen. Man kann keine Naſe voll friſche Luft bekom⸗ men. Sollte es wohl auf der ganzen Fahrt ſo zugehen? Iſt dieß etwa eine Vorbedeutung für den Ausgang meiner Reiſe? Itch bereue beinahe, daß ich ſie Die Johannisreiſe. 5 66 unternommen habe. Ich bin unwohl, ſchlecht gelaunt, der Muth entſinkt mir, ich verzweifle faſt.„Das Volk der Schatten“, und ich kenne es ſehr wohl, umgab mich ſchon in meiner Wiege, hat mich durch mein ganzes Leben hindurch verfolgt, thut es auch jetzt wie⸗ der und wird mich nirgends loslaſſen, außer vielleicht im Grabe. Gleichviel, ich werde mit ihnen kämpfen, werde meine Bahn bis an's Ende verfolgen. Ich werde das Orakel befragen, mich meines Schickſals verge⸗ wiſſern, und dann werde ich— ſei es nun dem Tag oder der Nacht zugewandt— ruhiger, beſſer werden. Die Schlange, die lange Zeit an der Wurzel meines Lebens gezehrt hat, wird mir zu guter Letzt eine tödtliche Wunde verſetzen oder... ſie wird fur immer gebannt werden. Kennſt Du dirſe Schlange nicht, lieber Bruder? Hat nicht jeder Menſch einen Drachen, der heimlich oder offen an der Mutzel ſeines Herzens zehrt? An der Wurzel des Weltbaumes nagt er ja ewig. Sein zitterndes Laub, das klopfende Menſchenherz, kann nicht rrei davon ſein, wenn es auch in den Tagen des Gluͤckes und der Blüthe Nichts verſpüurt; denn in dieſer Zeit ſchläft er. Aber es gibt Menſchen, die Nichts von einer ſol⸗ chen Zeit wiſſen, die ſchon in dem ſogenannten Luſt⸗ garten der Kindheit... Höre mich an. Ich will Dir eine wahre Geſchichte erzählen. Es waren einmal zwei junge Brüder, ihrer Eltern einzige Kinder. Sie wohnten weit oben im hohen Norden, unfern den Bergen, über welchen zur Johanniszeit die Sonne nicht untergeht. Dort ſtand ein altes Haus, mit alten Er⸗ innerungen, umgeben von Bergen und Strömen. Dort war auch ein Föhrenwald, meilenlang, mit hohen, ſäulenähnlichen Sämmen und grünem Gewölbe, einer jener Naturtempel, in welchen der Geiſt des Nordens den Seelen der Menſchen von den Geheimniſſen des Lebens erzählt und ſie zur Andacht ſtimmt. Wenn der Sturm darüber hinbrauste, meinte der eine der Brü⸗ — der, d Nordl von b Und g kein 1 weſen, Liebe! nicht Unden Brude Denn ihn li giftete cheleie aber e Vater junger der K Liebe! J Winte wie z Die( kenner recht verſta macht Kopf ihn fu und Dort glückt von C 67 gelaunt,, der, der oſt darin umherſchweifte, den„Geiſt Gottes im s Volk Nordlandswetter“ zu hören. Dieſer Bruder, der jüngere umgab von beiden, wurde von ſeiner Mutter nicht geliebt. h mein Und gleichwohl liebte er ſie über Alles. Aber er war tt wie⸗ kein liebenswürdiges Kind. Vielleicht wäre er es ge⸗ ielleicht weſen, wenn er geliebt worden wäre. Die Sonne der ämpfen, Liebe wirkt ſo veredelnd, ſo verſchönernd. Aber er wurde wede nicht geliebt, ſchon von ſeiner Geburt an nicht geliebt. verge⸗ Und neben ihm Kand, ſchön wie ein Lichtelf, ſein älterer 6 oder Bruder. Er war der Geliebte. Und er verdiente es. Die Denn er war ſchön und gut. Auch der Andere hätte Lebens ihn lieben können. Aber ungerechte Behandlung ver⸗ ödtliche giftete ſein Gemüth, und der ältere wurde durch Schmei⸗ gebannt cheleien verdorben. Der zweite wurde auch verdorben, aber auf eine andere Weiſe. Die Mutter verſtieß, der Zruder? Vater mißhandelte ihn. So wurde der Drache in der heimlich jungen Bruſt geweckt und ſpritzte Galle. Schmerzen t? An der Kindheit! Schmerzen zurückgeſtoßener kindlicher Sein Liebe! Gibt es wohl noch bitterere? „kann Jahre gingen vorüber. Frühling, Sommer, Herbſt gen des Winter kehrten wieder. Aber im Hauſe blieb alles enn in wie zuvor, es wurde nur noch bitterer und drückender. Die Eltern liebten fröhliche Geſellſchaft, ein Leben ner ſol⸗ auf hohem Fuße. Der ungeliebte Sohn ging wie ein en Luſt⸗ Fremdling im Hauſe umher. Er war nicht ſchön, ill Dir nicht freundlich, nicht gelehrig; er konnte es nicht ſein, einmal konnte ſich nicht ſchicken wie andere Kinder. Seine r Sie Liebe war zu gewaltſam, um Zucht und Maß zu en den kennen. Er konnte es in den alltäglichen Sachen nie ne nicht recht machen. Niemand verſtand ihn, und ach! er te Er⸗ verſtand ſich ſelbſt nicht. Aber gewaltſame Gefühle t. Dort machten ſchon frühe ſein Herz klopfen und ſeinen hohen, Kopf träumen von wunderlichen Dingen. Sie trieben e einer ihn fort aus dem engen Hauſe, hinaus in die Wälder Nordens und auf die Berge, wo die Waſſerfälle rauſchten. ſſen des Dort war er in der Einſamkeit manchmal glücklich, glücklich in Träumen von Abenteuern, die er beſtehen, er Brü⸗ „ von Großthaten, die er verrichten, Und hoch 68 wogte es in ſeinem Geiſte. Aber Abenteuer, Groß⸗ thaten waren es eigentlich nicht; es war noch etwas Anderes wornach er ſich ſehnte— er wußte ſelbſt nicht was. Aber ſah er einen Berg vor ſich, ſo mußte er ihn erſteigen, wenn er auch noch ſo oft beim Klettern zurückfiel, ſeine Kleider und Hände zerriß und Gefahr lief, in den Abgrund zu ſtürzen; er mußte dennoch hinauf, bis er den Gipfel erreicht hatte, bis er die Erde unter ſeinen Füßen und über ſeinem Haupte nichts Anderes mehr als den Himmel ſah. Da wurde er ruhig, da ward ihm wohl, und er kühlte im Wind die brennende Bruſt, die flammende Wange. Und kam er im tiefen Walde an einen verſchlungenen Fußpfad oder einen brauſenden Strom, dann ruhte er nicht eher, als bis er ſeinen Urſprung aufgefunden hatte. Ganze Tage, ganze Nächte wanderte er ſo und ſuchte die Urquellen. Es zog ihn mit wunderbarer Macht. Und in ſich ſelbſt fand er auch ſolche Berge und Ströme. Er kam ſich vor wie ein dunkler Waldſtrom, aus finſterer Tiefe hervorrauſchend, deren Geheimniſſe er dereinſt erforſchen und entdecken müſſe. Und in dieſen Tiefen bewegten ſich wunderliche dunkle Geſtalten die einen gräßlich und abſcheulich, andere göttlich ſchön und erhaben. Wachend oder ſchlafend ſah er ſie; ſie lebten noch in ſeinen Träumen und verurſachten ihm unſägliche Qualen oder die feligſte Freude. O wie oft glaubte er im tiefen Säulenwald ſchöne weiße Ge⸗ ſtalten zu ſehen, die ihm am Eingang eines Tempels winkten! Er kniete vor ihnen nieder, und ſie legten ſegnend die Hände auf ſein Haupt, ſetzten einen Kranz darauf und kleideten ihn in weiße Gewänder. So führten ſie ihn in den Tempel und weihten ihn zu dem Dienſte der heiligen Myſterien. Streng, aber lieblich zugleich klangen ihre Worte, bis jetzt nur halb ver⸗ ſtanden. Aber v wie brannte nicht ſein Herz für heilige Zwecke, wie brausten nicht die Gedanken ſeines Kopfes, wild und edel zugleich, in den großen Kampf zu ſtürzen und ſo in die verborgenen Tiefen, die — „ Urque meine wache geſuch was Blaſſe Schat , Frühl und Verſt: Er w einen Menſ Aſche in de ſterbe ( ter m eine dem der il darin welch haßte er we S nicht angez eine! ein G zückte 1 1 Opfet nicht ( weger Groß⸗ etwas e ſelbſt ich, ſo ft beim zerriß mußte te, bis» ſeinem e ſah. r kühlte Wange. ingenen uhte er efunden ſo und earer rge und ldſtrom, eimniſſe Und in eſtalten ch ſchön ſie; ſie ten ihm O wie iße Ge⸗ Lempels e legten n Kranz e So zu dem„ lieblich b ver⸗ erz für nſeines Kampf en, die 69 uUrquellen des Lebens, einzudringen!... O mein Freund! meine Thränen rinnen bei der Erinnerung an dieſe wachen Träume, bei der Erinnerung an das, was ich geſucht und was ich gefunden, beim Gedanken an das, was ich hätte werden können und was ich bin!... Blaſſe Wirklichkeit, ich kehre zu dir zurück. Volk der Schatten, ich gehöre euch wieder an. Jahre gingen vorüber. Sommer, Herbſt, Winter Frühling kamen wieder. Die Brüder waren dreizehn und vierzehn Jahre. Da ſtarb ihre Mutter. Der Verſtorbene warf ſich hinab in den brauſenden Strom. Er wollte auch ſterben. Aber er wurde gerettet durch einen treuen Diener, außer ſeiner Amme den einzigen Menſchen, der ihm jemals Liebe bewieſen. Ruhe ihrer Aſche! denn gewiß ſind ſie todt. Alle müſſen todt ſein in der erſten Heimath, nur der Einzige nicht, welcher ſterben wollte. Ein Jahr war wiederum vergangen, als der Va⸗ ter mit einer neuen Gattin nach Hauſe kam. Es war eine ſchöne, ſtattliche Frau. Und ihr Blick ruhte auf dem halbverwilderten Jungen mit einem Ausdruck, der ihn hätte zähmen können, wenn er nicht Falſchheit darin geahnt hätte. Er wollte dieſe neue Mutter, welche den Platz der erſten einnahm, nicht lieben; er haßte ſie und mißtraute ihr früh. Und darin hatte er wahrſcheinlich Recht. Aber mit ihr kam ein Mädchen, noch ein Kind, nicht über zwölf Jahre alt, aber ſchön wie eine neu angezündete Sonne, fein von Farbe, rein und ſtrahlend, eine wunderbare Erſcheinung. Stolz und lieblich wie ein Cherub ſtand ſie vor den beiden Brüdern und ent⸗ zückte beide. Und beide brachten ihre Brandopfer dar. Und Abel's Opfer war angenehm, aber Kain's Opfer war nicht angenehm. Er wurde auch jetzt nicht geliebt. Eines Tags entſtand zwiſchen den Brüdern Streit wegen des ſchönen Kindes. Der ältere hatte Unrecht, — 70 er war der Angreifer, aber der jüngere ſchlug derber zu. Der ältere verklagte den jüngeren. Vor die El— tern gerufen, ſagte er die Wahrheit. Aber als er ſah, daß man ihm mißtraute, ſchwieg er trotzig. Er wußte ſich zum Voraus verurtheilt. Im Zorn jagte der Vater ihn aus dem Hauſe. Die neue Mutter war blaß, ließ es aber geſchehen. Im tiefen Föhrenwald lag der Verſtoßene einſam und bewegte die Erde mit brennenden Thränen. Bit⸗ terer ſind ſie niemals jungen Augen enſfloſſen. Er dachte: „Soll dieſes Leben voll Ungerechtigkeit und Ge⸗ waltthat ſo fortgehen?“ „Nein!“ und er floh. Er floh bei Nacht nach der Meeresküſte und ver⸗ ſteckte ſich auf einem Schiffe, das im Begriff ſtand unter Segel zu gehen. Als man ihn entdeckte gab er einen fremden Namen an und wurde in den Dienſt ge⸗ nommen. Denn obſchon von zartem Gliederbau, war er ſtark und kühn. So kam er in die Welt hinaus. Kühnheit und Glück verſchafften ihm Erfolge. Er erlangte Beför⸗ derung und Geld. Er konnte ſeine Luſt, die Welt zu ſehen, und ſeinen Trieb nach Abenteuern befriedigen. In den vielen Jahren, die er in der Welt herumreiste, gab es keine Lage, keine Form des Lebens und Ge⸗ nuſſes, die er nicht verſucht hätte. Gefahren und Ver⸗ gnügungen, ſtille Studien und lärmende Geſellſchaften, Liebe und Haß, Weltleben und Kloſterleben, Alles lernte er kennen, und ſeinen Blicken enthüllten ſich die Myſterien manches Lebens und mancher Seele; aber das Innerſte, das Myſterium der Myſterien, den Schlüſſel des Lebens und des Lichts, das konnte er nicht erreichen, und das„Volk der Schatten“ verließ ihn nie. Er fand ſie nach jedem Schimmer von Licht und Freude immer wieder um und in ſich. Jeden Abend ſtellten ſie ſich wieder ein und umnebelten Alles. Ihr Urſprung war oft ſein Schickſal, noch öfter ſeine eigene mit d „Mein wahrt ligen Die l meine nie g hoffe, dern wie ( die aus ſein verſta habe i5 forſch gekon men Unter lebte Wüſt Leben ich, über geiſti eine am L ( wie die 2 fälle, derer er ſah, wußte Vater ß, ließ einſam Bi⸗ n. Er nd Ge⸗ d ver⸗ f ſtand gab er enſt ge⸗ t, war it und Beför⸗ Lelt zu edigen. nreiste, id Ge⸗ d Ver⸗ haften, Alles ſich die ; aber i, den inte er verließ n Licht Jeden Alles. r ſeine —,,— 71 eigene Seele, ihre Dunkelſeiten und Mängel. Er konnte mit dem großen Dichter ſagen: „Meiner Fehler waren viele; meine Thorheit all' weiß Niemand.“ Aber vor gröberen Verbrechen und Laſtern be⸗ wahrte mich die Ehrfurcht vor dem Schönen und Hei⸗ ligen, die ich beſtändig in meinem Herzen feſthielt. Die herrlichen Lichtgeſtalten, die ich in den Träumen meiner Kindheit geſehen, haben ſich vor meinen Blicken nie ganz verdunkelt. Und noch jetzt, da ich ſo wenig hoffe, da ich von dem Leben, von mir ſelbſt und An⸗ dern ſo wenig erwarte, noch jetzt erblicke ich ſie, aber wie jenſeits eines Grabes. Ich ſehe, daß ich, ohne es zu bemerken, ſoeben in die Rolle der handelnden Perſon übergetreten bin und aus dem er ein ich gemacht habe. Es mag dabei ſein Verbleiben haben. Du haſt es doch ſchon längſt verſtanden. Ich ſelbſt bin es, von dem ich geſprochen habe und noch ſpreche. Zehn Jahre nach meiner Flucht von Hauſe erfuhr ich, daß mein Vater und meine Stiefmutter Nach⸗ forſchungen nach mir anſtellten und mir auf die Spur gekommen zu ſein ſchienen. Ich änderte meinen Na⸗ men von Neuem und fuhr nach einem andern Lande. Unter wechſelnden Schickſalen und wechſelndem Glück lebte ich wiederum mehrere Jahre, ſah im Orient die Wüſte und die Pyramiden, im Weſten das ewig blühende Leben auf den weſtindiſchen Inſeln; aber nirgens fand ich, was ich heimlich überall ſuchte... Endlich kam eine Erſchlaffung, eine Verdroſſenheit über mich... War es körperliche Krankheit oder geiſtige Ueberreizung, es entſtand in mir gleichſam eine dumpfe, qualmige Nacht;— ich verlor alle Luſt am Leben. Da, in den fieberheißen, unluſtigen Nächten kamen, wie ein erfriſchender Windhauch, die Erinnerungen an die Felſengebirge in meiner Heimath, an die Waſſer⸗ fälle, die Wälder, die Nordlichter im ſternhellen, ſchnee⸗ 72 kalten Winter, und es ergriff mich tiefe Sehnſucht. Ich zog Erkundigungen ein und erfuhr, daß mein Va⸗ ter und mein Bruder geſtorben ſeien, die Stiefmutter aber mit ihren Kindern aus einer früheren Ehe auf meinem väterlichen Gute ſchalte und walte. Ich be⸗ ſchloß hinaufzufahren, die Berge, die Ströme, den Säulenwald wieder zu ſehen, wo ich in meiner Jugend umhergeſchweift war und geträumt hatte. Ich bekam Luſt, noch weiter hinauf zu reiſen, bis zu den Bergen, wo die Sonne nicht untergeht, und die Mitternachts⸗ ſonne zu ſehen. Die Luſt der Kindheit erwachte wieder in mir, und mit ihr kehrte die Luſt am Leben zurück. Noch einmal wollte ich hinauf, hinauf über das dunkle Leben, über das ewige Grau, über den finſtern Hades meines eigenen Weſens. O Land oberhalb des Nordwinds, über dem Volk der Schatten und den Pforten der ewigen Finſterniß, Land, wo alten ſchönen Sagen zufolge der Luſtgarten der Sonne liegt, bei den Quellen der Nacht, nahe dem unbeweglichen Meer, wo auf den Inſeln der Se⸗ ligen, auf ewig grünenden Matten, die Hyperboräer, die rechtſchaffenſten unter den Sterblichen, in ununter⸗ brochenem Frieden, in Gemeinſchaft mit den Göttern wohnen, unter dem heiterſten Himmel, unter heiligen nächtlichen Feſten, bei denen der Gott des Lichtes ſeibſt den Vorſitz führt— nach Dir ſteht jetzt mein Sehnen, mein Hoffen! Schwärmer! ſagſt Du. Aber, lieber Freund, ſo ſchwärmſt, ſo ſuchſt im Grund auch Du und überhaupt alle Menſchen. Dieſe Heimath oherhalb des Nordwinds, dieſes Licht, das niemals untergeht, dieſes Leben mit milden, gerechten Geiſtern in Gemeinſchaft der Götter, unter einem ewig klaren Himmel, dieſe Walhalla, wo der Kampf, der alltägliche Kampf ein Spiel und jede Nacht ein Siegesfeſt iſt— iſt dieß nicht die ewige Sehnſucht des Menſchengeſchlechtes, das ewige Ziel auf der gan⸗ zen Erde? Daher die große Pilgerfahrt auf Erden, —————— ner vo: faf üb nſucht. in Va⸗ mutter he auf Ich be⸗ e, den Jugend bekam ergen, nachts⸗ wieder zurück. dunkle Hades 1 Volk terniß, garten nahe er Se⸗ räer, tunter⸗ öttern eiligen ſelbſt ehnen, nd, ſo rhaupt dieſes nilden, unter vo der Nacht nſucht r gan⸗ Erden, — ————— 73 die äußere wie die innere. Daher vor Jahrhunderten die ſtürmiſchen Wogen der Völkerwanderung. Daher noch heute und alle Tage das unruhige, ſuchende, ſtre⸗ bende Leben in jeder Menſchenbruſt. Ja, ſo lange noch ein Menſchenherz auf Erden ſchlägt, ſo lange lebt auch die dunkle Ueberlieferung und der innige Glaube an ein freies und ſeliges Daſein in einem herrlichen und heiligen Lande,„oberhalb des Nordwinds“, über dem Volke der Schatten. Und ſo lange hört auch die heim⸗ liche Wallfahrt aller Seelen dahin nicht auf. Die Johannisreiſe iſt ein Bild der ewigen Wallfahrt alles menſchlichen Lebens!... Nach meiner irdiſchen Hei⸗ math kehre ich arm zurück, wie ich einſt ausgezogen; doch ſchützt mich eine edle geliebte Kunſt vor dem Schick⸗ ſal des Bettlers. Mit meinem Ränzel auf dem Rücken, der Feder und dem Pinſel in der Hand werde ich wie ein Fremdling aus fernem Lande ankommen. Ich will ſehen und kennen lernen, bevor ich urtheile und handle. Iſt meine Stiefmutter wirklich das liſtige, heim⸗ tückiſche Weib, wofür ich ſie zu halten Urſache habe; hat ſie auf meine Verbannung und auf meines Bruders Tod ihre Pläné und ihre Wünſche gegründet, dann— wehe ihr! Eines Rächers Hand ſchwebt über ihrem Haupte! Still, du Drache! Fort, du ſchwarzer Giftſpritzer! Ich will ja hinauf in die Heimath„oberhalb des Rordwinds“, in den Wohnſitz der Gerechten. Laß mich in Frieden! Während unſer junger Herr— den wir Theodor nennen wollen, weil er ſich ſelbſt ſo nennt und ſchreibt— vorſtehende Epiſtel im Salon unter dem Verdeck ab⸗ faßte, unterhielten ſich einige Herren auf dem Verdeck über ihm. „Hört einmal!“ ſagte Oberſt G., ein ältlicher Herr mit einem ſchönen, etwas kränklichen Geſicht von grund⸗ 74 ehrlichem Ausdruck, mit einem ſchelmiſchen Augen⸗ blinzeln und einer Cigarre im Mund.„Hört einmal! kann mir vielleicht Jemand von Euch ſagen, wer der Virtuos iſt, den wir zum Reiſegefährten haben, der manchmal wie ein trockenes Fell herumfliegt, mit ſeinem blauen Mantel einen Sturmwind auf dem Verdeck her⸗ vorruft und die Leute auf ihre Hühneraugen tritt, daß ſie. Hol' mich der Teufel, wenn ich's nicht jetzt noch ſpüre! Und dann ſetzt er ſich zuweilen hin und zeichnet vermuthlich Caricaturen von uns allen. Nun? Weiß es Niemand?.. Ja, ich weiß es auch nicht. Aber ganz ſicher iſt er ein Poet oder ein Narr. Nun, das kommt ungefähr auf das Gleiche hinaus. Mir ſchwazte er geſtern einen langen Roman vor von Herrlichkeiten, die ſich da oben in unſerem guten Norr⸗ land vorfinden ſollen, von Göttern und Göttinnen, von heiligen Feſten und heiligen Jungfrauen und Gott weiß was.— Ei, da weiß ich Nichts von, ſagte ich. Aber das weiß ich, daß es verdammt guten Lachs dort gibt, und bekomme ich friſchen gekochten Lachs, einen ächten Rennthierbraten, eine tuͤchtige Filibunka und dann ein Paar leckere Waffeln oder Pfannkuchen mit Ackerbeeren- oder Moltebeerengelee, ſo können alle nor⸗ diſchen Götter und Göttinnen Frieden vor mir haben. Und da erzählte er, wie die alten Griechen oder Rö⸗ mer geglaubt haben, da oben haben Leute gewohnt, wenn dieſe des Lebens recht überdrüſſig geweſen, ſo haben ſie fröhliche Feſte angeſtellt, ihre Häupter be⸗ kränzt und ſich dann hohe Berge hinabgeſtürzt, um ſo von dannen zu fahren. Und dieß, meinte er, ſei ver⸗ dammt edel und ſchön.— Das kann ich nicht einſehen, bemerkte ich ihm. Ich finde es viel beſſer, wenn man ſich nach dem Eſſen auf ſein Sopha legt und ſein Mittagsſchläfchen macht, dann aber ſein Leben behält, bis es dem lieben Gott gefällt, Einen abzurufen. Das ſcheint mir tauſendmal vernünftiger und gottesfürchtiger zu ſein, als ein ſolcher Purzelbaum. Ich konnte deut⸗ lich genug ſehen, daß mein Herr Poet mich für einen vern ich: hina Zuh obſck es i nich Flec al ſich M ſeh tär Kl lugen⸗ nmal! er der „der einem k her⸗ 5 daß t jetzt n und Nun? nicht. Nun, Mir von Norr⸗ nnen, Gott ich. dort einen und mit nor⸗ ben. Rö⸗ 75 verwünſcht proſaiſchen Philiſter hielt. Aber da kann ich nun einmal nicht helfen!“ Und der Oberſt richtete ſeine Cigarre in die Luft hinaus, zog und ſchmauchte mit großem Wohlbehagen. „Er ſieht intereſſant aus,“ bemerkte einer der Zuhörer des Oberſten,„und iſt ergötzlich anzuhören, obſchon er manche Sonderbarkeiten an ſich hat. Wie es in ſeinem Kopfhäuschen ausſchauen mag, weiß ich nicht, aber das Herz hat er gewiß auf dem rechten Fleck ſitzen. Ich geſtehe, daß er mich neulich beſchämte, als er dem Profeſſor, der kein Bett bekommen konnte, das ſeinige abtrat, dann ſich auf den Tiſch legte und ſein Ränzel als Kopfkiſſen benützte. Es that mir wirklich leid, daß wir Schweden von einem kränklichen Ausländer— denn offenbar iſt er beides— an Gaſt⸗ freundſchaft und Humanität übertroffen werden ſollten.“ „Ja, Ausländer iſt er gewiß,“ ſagte der Oberſt, „das hört man an ſeiner Ausſprache, und man ſieht es an ſeinem Bart. Wir Schweden ſind doch noch zu geſcheidt, um oben und unten am Kopf Haare zu tragen.“ „Hübſche Augen hat er,“ verſetzte der andere Spre⸗ cher,„aber einen ſo unruhigen, oft düſtern Ausdruck. Ein unruhiger Geiſt!“ „Und dann ſo mager!“ fügte der Oberſt hinzu. „Hätte ich ihn auf meinem Gute, er ſollte mir mein' Seel' Lachs und Filibunka eſſen, bis er Fleiſch auf die Knochen bekäme und wie andere Leute ausſähe. Bei dieſer Gelegenheit würde ihm auch die Luſt vergehen, ſich über Hals und Kopf hohe Berge hinabzuſtürzen.“ „Es wäre ihm zu wünſchen, wenn er in ein gutes Haus käme!“ ſagte lächelnd der Andere, ein jüngerer Mann von ausgezeichnet männlichem, ſchönem Aus⸗ ſehen, und von einfachem, ruhigem Benehmen,„denn täuſche ich mich nicht, ſo iſt er ſehr arm, ein armer Künſtler, der... „Ein armer Künſtler!“ rief der Oberſt.„Hör' Sie einmal, Jungfer.. liebe Jungfer... Jungfer —— ————— — 76 Chriſtine, Marie, Karoline, Helene, Kunigunde, oder welche von den eilfhundert Jungfrauen es ſein mag. Hör' Sie, ich ſehe Ihr, daß Sie Genie hat. Kann Sie mir vielleicht ſagen, wer der Herr dort mit dem langen Bart iſt, der wie ein Ungewitter hin und her fährt, den Matroſen hilft, die Paſſagiere über den Haufen wirft oder ihnen auf die Hühneraugen tritt und ein Bischen verrückt ausſieht?“ „Sie meinen gewiß den Herrn... Herrn.„. nun wie heißt er doch geſchwind? Aber etwas Aus⸗ ländiſches war es.“ „Ja, ganz richtig, aceurat derſelbe. Ich ſehe wohl, daß Sie Genie hat. Sag' Sie mir, ißt er denn auch Etwas? und was ißt er? Er ſieht mir aus, als ob er von der Luft und dem Winde lebe.“ „Ja, viel mehr wird es auch nicht ſein,“ ant⸗ wortete Jungfer Marie, die Kellnerin auf dem Oern⸗ Beſtern hat er bloß ein Ei und ein Butterbrod egeſſen.“ „Ein Ei!“ rief der Oberſt,„da mag ſich Gott erbarmen! Hör' Sie einmal, meine artige Jungfer, ſo gewiß Sie ſelig werden will, ſo ſoll Sie ihm ſagen, es ſei hier am Bord Brauch und Geſetz, daß man über Mittag wenigſtens drei Portionen Warmes eſſe und eine halbe Flaſche Wein dazu trinke, keinen Tropfen weniger. Sag' ſie ihm, der Capitän ſelbſt habe es ſo befohlen, und der Capitän ſei ein ſchrecklicher Mann und ſtrenger Commandant; er laſſe Jeden an's Land ſetzen, der ſeinen Befehlen nicht gehorche. Sag' Sie ihm ferner, daß drei Portionen über Mittag nicht mehr koſten als eine einzige, daß der Preis des Mit⸗ tageſſens für Alle gleich ſei, und daß der Capitän es ſo wolle. Und die Rechnung des jungen Herrn zeige Sie zuerſt mir, ehe er ſelbſt ſie zu Geſicht bekommt. Verſteht ſie mich? Thue Sie jetzt genau wie ich ge⸗ ſagt habe, und ſehe Sie zu, daß er drei Portionen Warmes und eine halbe Flaſche guten Wein bekommt, ſo ge komn vom Auft der Rau ich Kla! wär oben man deckt Her mick Her den See mei wol paß Unt Sié anſ Ple nic ſche ſcht Fer lich Jol bri ſch „oder mag. t dem d her r den tritt A u ⸗ ſehe ßt er aus, ant⸗ Dern⸗ rbrod Gott gfer, agen, man eſſe open s ſo Nann Land Sie nicht Mit⸗ nes zeige imt. ge⸗ onen nmt, 77 ſo gewiß Sie ſelig zu werden, ins Himmelreich zu kommen und ein gutes Trinkgeld zu erhalten wünſcht.“ „Es ſoll Nichts fehlen!“ verſicherte die Kellnerin vom Oernſköld lächelnd und ſichtlich erfreut über den Auftrag. „Man muß den Narren ein Vormund ſein,“ ſagte der Oberſt ſelbſtvergnügt, indem er eine gewaltige Rauchwolke ausſtieß.„Ich denke, das wird ziehen, daß ich ihn mit dem Capitän geängſtigt habe. Ein ſolcher Klapperbein und unſer prächtiger Capitän, die Partie wäre gar zu ungleich. Sehen Sie nur, wie er dort oben mit ſeinem Fernrohr in der Hand auf dem Com⸗ mandantenplatze ſteht und den halben Horizont ver⸗ deckt. Iſt das nicht ein Anblick, worüber einem das Herz im Leibe lachen muß, recht magenſtärkend, hol' mich der Teufel!“ Adolf Hjelm— ſo hieß der jüngere der beiden Herren— lächelte, und der Oberſt fuhr fort:„Aber den Spindelbein dort, den Künſtler will ich mein' Seel' zu mir nach Svanevik einladen. Er kann mir mein Gut zeichnen, während er ſich darauf mäſtet. Ja, wollte Gott, ich wäre bald dort! Das Seeleben da paßt ganz und gar nicht für meine Leibesumſtände.“ Und der Oberſt legte die Hand auf den Magen. „Sie gehören alſo nicht zu den Sonnenfahrern? Sie wollen nicht nach Avaſara hinauf?“ „Nein, was ſollte ich auch dort thun? Die Sonne anſehen? Sie ſcheint mir ſchon dort oben zu meiner Plage Tag und Nacht genug in's Geſicht. Ich kann nicht ruhig vor ihr ſchlafen. Um ein Uhr Morgens ſcheint ſie mir in das Bett. Aber heuer will ich ihr ſchon den Spaß verderben und Bretter vor meine Fenſter nageln laſſen. Die Sonne macht mir beharr⸗ lich Fieber, wenn das Wetter hell iſt. Ich möchte den Johannisabend gerne auf meinem lieben Svanevik zu⸗ bringen, wenn mir nicht Artigkeits⸗ und Verwandt⸗ ſchafts⸗Rückſichten geböten, eine Nichte, die ich zuvor —— —— 2 78 auf Bragesholm abholen muß, über die ruſſiſche Grenze zu escortiren.“ „So ſo?“ fiel Adolf Hjelm mit einem plötzlichen Ausdruck der Theilnahme ein. „Ja,“ fuhr der Oberſt fort,„und bei dieſer Gele⸗ genheit will ich zugleich mit der alten Frau auf dem Gut ein kleines Geſchäſt abmachen. Aber ich gedenke mich ſo wenig als möglich aufzuhalten, denn es ſoll eine verdammt bösartige und geizige alte Hexe ſein, vor der ich allen Reſpect habe.“ „So!“ wiederholte Adolph, dem dieſes Geſpräch augenſcheinlich vielen Spaß machte;„iſt ſie wirklich ſo unerträglich?“ „Ja, Fanz unmenſchlich,“ antwortete der Oberſt; „ich habe unglaubliche Dinge von ihr gehört.“ „Es wäre mir angenehm, etwas Näheres zu erfah⸗ ren,“ ſagte Adylph;„ich habe wohl auch ſchon Ver⸗ ſchiedenes vernommen, aber nur durch unverbürgte Gerüchte.“ „Auf etwas Specielles,“ verſetzte der Oberſt, „kann ich mich nicht entſinnen. Aber daß ſie weder ſich ſelbſt noch Andern das nöthige Eſſen gönne, ſoll ganz gewiß ſein.“ „Ah!“ rief Adolph mit einem Ausdruck der Ver⸗ wundernug und des Entſetzens. „Ja, und daß ſie dem Schneider, der die Kleider für die Knechte macht, den Faden mit der Elle zumißt und dem Schuhmacher das Sohlenleder ſelbſt zuſchnei⸗ det, das habe ich auch gehört. Und im Haus ſoll eine Plackerei ſein, ſo daß alle Mägde ſteif wie angezündete Kerzen daſtehen müſſen.“ „Das iſt ja unerhört,“ bemerkte Adolph. Ich fann mich nicht auf Alles beſinnen,“ fuhr der Oberſt fort;„aber dieſer Geizteufel fuhr in ſie hinein, juſt als ihr Mann ſtarb. Er war von ganz anderem Schrot und Korn, ein ächter Edelmann und ein ganz flotter Kerl; er wollte leben und leben laſſen, ja er ging vielleicht nur ein Bischen zu weit. Aber renze lichen Gele⸗ dem denke ſoll ſein, präch ch ſo erſt; rfah⸗ Ver⸗ ürgte erſt, eder ſoll Ver⸗ ier mißt nei⸗ eine dete fuhr ſie anz und ſſen, lber 79 ſeit ſeinem Tod ſind mindeſtens ſieben Teufel in die Frau gefahren und es muß jetzt ein wahres Höllenleben auf dem Gute ſein. O, Gott bewahre jeden Mann vor einem geizigen Weibe! Ich würde eine ſolche Frau beſtimmt umbringen, ehe ſie mich zu Tode hungerte. Apropos, verzeihen Sie meine Frage, ſind Sie verheirathet?“ „Nein,“ antwortete Adolph,„ich bin Wittwer.“ die tiefen blauen Augen ging gleichſam eine olke. „Lieber Gott!“ ſeufzte der Oberſt,„das bin ich auch. Und es iſt das ein höchſt langweiliger Zuſtand, wenn man älter wird und auf dem Lande wohnt. Man hat nie eine rechte Behaglichkeit in ſeinem Hauſe und bekommt nie etwas Ordentliches zu eſſen, wenn keine Frau da iſt. Und die Mägde, die ſtehen dann freilich nicht da, wie brennende Kerzen; man muß Gott danken, wenn ſie nicht das Oberſte zu unterſt kehren, ſo bald teine Hausmutter da iſt, die Ordnung unter ihnen hält. Ja, ich bin jetzt alt und muß mich mit meinem Schickſal zufrieden geben; aber Sie, ein noch ſo junger Mann, Sie werden ſich, hoffe ich, recht bald wieder verhei⸗ rathen? Es gibt doch kein Behagen in der Welt, außer im Eheſtand. Ja, folgen Sie mir. Zögern Sie nicht lange. Heirathen Sie!“. „Das wird vermuthlich nicht geſchehen,“ ſagte Adolph,„denn ich kenne auf der ganzen Welt nur eine einzige Dame, die ich ſo liebe und verehre, daß ich ſie zur Frau wünſchte.“ „Nun, und dieſe? Sie wird doch wohl nicht un⸗ beweglich ſein? Ein hübſcher, junger Mann, wie Sie!... Sie iſt doch nicht bereits verlobt?“ „Nein, aber ſie iſt. meine Schwiegermutter. Sie iſt juſt die böſe, alte Hexe, in welche, Ihrer Be⸗ hauptung zufolge, ſieben Geizteufel gefahren ſind, Frau Cäcilie Nordenhjelm auf Bragesholm, die vortrefflichſte, ehrwürdigſte Frau, die ich kenne. Ich bin eben im Begriff, zu ihr zu reiſen, und da wir den gleichen 80 Weg haben, Herr Oberſt, ſo möchte ich Ihnen meinen Wagen anbieten.“ „Ah„ gehorſamſter Diener.. Ah bitte tauſendmal... Ei zum Teufel.. das iſt doch ver⸗ emn im Unſer armer Oberſt war über dieſe unerwartete Wendung dermaßen verblüfft, daß man wirklich Mitleid mit ihm haben konnte. Die Schweißtropfen perlten ordentlich von ſeiner glühenden Stirne herab. Aber Adolph lachte ſo gutmüthig und blickte ſo ſchalkhaft und freundlich drein, daß der Oberſt ſich il einigermaßen erholte, zumal, als der Erſtere agte: „Ich bin überzeugt, Herr Oberſt, daß Sie bloß drei Tage bei meiner Mutter zuzubringen brauchen, um ſich zu überzeugen, daß all' die abgeſchmackten Gerüchte, die über ihre Haushaltung ausgeſtreut wor⸗ deu ſind, im Grunde ihr zur Ehre gereichen. Und damit Sie ſich deſſen recht vergewiſſern, ſollen Sie wenigſtens acht Tage in Bragesholm bleiben, und ſollten dereu auch vierzehn werden, ſo wäre es nur um ſo eſſer.“ „Danke ergebenſt. Ach, ich bin überzeugt.. ich bin vollkommen überzeugt... ja, es iſt ſchrecklich, wie man ſich in der Welt täuſchen kann... Und wie die Leute lügen. es iſt nicht zum Aushalten!“ antwortete der Oberſt, noch ganz niedergedrückt und unglücklich wegen ſeines Fehlgriffs. Aber jetzt kam für ihn die Erlöſung, in Geſtalt eines mit rothem Shawl umwundenen Frauenzimmer⸗ kopfes, der aus der Luke der Salontreppe hervorkam und ein paar große, dunkelbraune Augen mit höchſt kläglichem Ausdruck da und dort umherwarf. Das Geſicht, das ſeine fünfzig Jahre nicht verleugnen konnte, war mit ſeiner dunkeln Farbe und ſeinen ſchar⸗ fen Zügen nichts weniger als ſchön; aber die großen, dunkelbraunen Augen und ein gewiſſes Etwas warfen einen mit d ſches. die ih: hätte der Ar gericht doch g und g O wel gnädig jugend ſtehrs Ihren Das r ſo kra . men b Arm, de la Fahrze fchickt wir gl Augen eine zu Atl zu leb ich ha es iſt neinen bitte h ver⸗ artete Nitleid erten ckte ſo ſt ſich Frſtere bloß uchen, ackten t wor⸗ Und n Sie ſollten um ſo 6 ecklich, id wie lten!“ tund eſtalt mmer⸗ orkam höchſt Das nen ſchar⸗ roßen, warfen 81 einen wunderlichen Glanz darüber. Der Kopf hatte, mit dem rothen Shawl umwunden, etwas Orientali⸗ ſches. Und wäre es die ſchöne Cleopatra ſelbſt geweſen, die ihren Kopf aus der Luke hervorgeſtreckt hätte, ſo hätte der Oberſt unmöglich mit größerer Eilfertigkeit der Aufforderung gehorchen können, die jetzt an ihn gerichtet wurde und alſo lautete: „Oh! oh!... ach Du mein Gott!.. Das iſt doch gar zu ſchrecklich!... Oberſt G.! Lieber Oberſt! .. wenn Sie ein Menſch ſind, ſo kommen Sie her und geben Sie mir Ihre Hand. Ach ach!. O weh! o weh!“ „Hier bin ich.. hier bin ich ja, mein aller⸗ gnädigſtes Fräulein!“ rief der Oberſt und ſtürzte mit jugendlicher Raſchheit auf ſie zu.„Was gibt's? Wie ſteht's? Was befehlen Sie?“ „Ach! geben Sie mir doch Ihre Hand oder vielmehr Ihren Arm... Das verdammte Dampfſchiff!.. Das rollt ja wie eine Kugel!... Ach, wie bin ich ſo krank!... Nie, nie fahre ich wieder mit einem Dampſfſchiff.“ „Ein höchſt vernünftiger Vorſatz, den ich vollkom⸗ men billige. Aber jetzt halten Sie ſich feſt an meinem Arm, meine Gnädige, und laſſen Sie uns marſchiren „dort nach dieſer Bank... So! Allons, enfans de la patrie! So ſchwankt der Schiffer, wenn ſein Fahrzeug ſtranden will. Ja, ja. Unter Svea's Banner fchickt der Himmel gern den Sieg!... Endlich wären wir glücklich an Ort und Stelle. Und juſt in dieſem Augenblick gebietet der Capitän Halt, o, wir machen eine kleine Pauſe.“ „Ach! ach. nun kann man doch wieder zu Athem kommen. Jetzt kann man wieder anfangen zu leben. Hätte ich nur meine Doſe! Ich fürchte ſehr, ich habe meine Doſe da unten liegen laſſen!.. Ja, es iſt ſchon ſo. Ich habe ſie vergeſſen. O Unglück! . Lieber Oberſt, Sie müſſen mir eine Priſe Schnupf⸗ Die Johannisreiſe. 6 3 ¹ 1 82 tabak ſchaffen!.. Ich kann nicht recht zum Verſtand kommen, wenn ich nicht zuvor eine Priſe habe. Nein, gehen Sie nicht hinab!... Sprechen Sie mit einem der Herren dort, daß er Ihnen aus Menſchenliebe ſeine Doſe leiht.... Sehen Sie, dort iſt ja mein Freund, Adolph Hjelm; ſagen Sie's zu ihm.“ „Zu dem? Nein, um allen Tabak in der Welt nicht. Lieber ſpringe ich ſiebenmal die Treppe auf„ und ab.“ „Bleiben Sie! Bleiben Sie doch! Sagen Sie mir, warum Sie nicht mit Adolph Hjelm ſprechen wollen, einem der hübſcheſten und bravſten Männer in ganz Schweden. Das muß ich durchaus wiſſen. Setzen Sie ſich hieher und erzählen Sie mir's ſogleich. Es wird mir ſo gut thun, wie eine Priſe Tabak.“ Der Oberſt ſetzte ſich und erzählte von ſeinem Geſpräche mit Hjelm und ſeinem fatalen Mißgriff. Das Fräulein lachte ſo herzlich, daß es den Oberſten beinahe verdroß. Dann ſagte ſie: „Mein lieber Oberſt, ſind Sie denn rein vom Teufel beſeſſen, daß Sie von der Frau Nordenhjelm, einer der geachtetſten Frauen im ganzen Reich und meiner allerbeſten Freundin, ſolche Dinge glauben und nachſagen können?“ „Mein Gott, wie konnte ich das wiſſen? Ich habe bloß nachgeſprochen, was man mir erzählt hat. Aber ich werde künftig von allen meinen Mitmenſchen zum Voraus annehmen, daß ſie lügen.“ „Nur mich müſſen Sie ausnehmen. Denn ich weiß, wie die Sachen zuſammenhängen, und ich will es Ihnen ſagen. Als meine Freundin Nordenhjelm's Bewerbung annahm, galt dieſer für einen ſteinreichen Mann, und ſie that es wohl hauptſächlich um ihrer ſechs minderjährigen Kinder willen, denn ihr erſter Mann, Oberſt L., hatte ſeine Familie in höchſt dürfti⸗ gen Umſtänden hinterlaſſen. Uberdieß war Nordenhjelm ein Mann, der ſich überall beliebt zu machen und Vertrauen einzuflößen wußte. Er war vor Kurzem erſt V für ſe heira vaterk ſie de ſein 1 die G unbär angel Sie l Schic gegen Erfül ſeine Gewa nicht Aber herzig gewar ihres Aber leichet ich ſie aus d walti— Und! Leute gegen ſehr p Ja, i durch: mit C ihre broche YNorde ten, Alles erſtand Nein, einem e ſeine reund, Welt e a n Sie rechen ner in Setzen Es ſeinem ißgriff. berſten n vom hjelm, ch und n n h habe Aber nzum nn ich will jelm's reichen ihrer erſter dürfti⸗ nhjelm n und kurzem 83 erſt Wittwer geworden und wünſchte eine brave Mutter für ſeine zwei Söhne. Als daher meine Freundin ihn heirathete, ſo that ſie es in der Ueberzeugung, ihren vaterloſen Kindern einen braven Vater zu geben, wie ſie den zwei mutterloſen Jungen eine zärtliche Mutter ſein wollte. Aber es währte nicht länge, ſo machte ſie die Entdeckung, daß Nordenhjelm eine unglückliche, unbändige Gemüthsart hatte und in ſeinen Vermögens⸗ angelegenheiten höchſt unordentlich war. Ich wollte, Sie hätten ſie damals geſehen, wie ſie ſich in ihr Schickſal fand, wie ſie durch freundliche Nachgiebigkeit! gegen den anſpruchsvollen Mann, durch die pünktlichſte Erfüllung all' ſeiner Wünſche, durch Anſchmiegen an ſeine Eigenheiten und Gewohnheiten, eine wunderbare Gewalt über dieſes Unthier gewann— ich kann ihn nicht anders nennen, denn im Zorn war er entſetzlich. Aber er konnte zuweilen auch edelmüthig und mild⸗ herzig ſein. Durch ihren Verſtand und ihre Güte gewann meine Freundin allmählig das volle Vertrauen ihres Mannes. Er konnte ſie nicht mehr entbehren. Aber ihre Tage waren deßhalb nicht viel fröhlicher. Wie oft ſah ich ſie nicht bei ſeinen wilden Ausbrüchen leichenblaß, aber ganz ſtill und ruhig daſitzen, ſo daß ich ſie für erſtarrt hätte halten können, wenn ich nicht aus dem leiſen Zittern ihres ganzen Körpers die ge⸗ waltige Erſchütterung ihres Gemüths erſehen hätte. Und handelte es ſich um ein Unrecht, wollte er ſeine Leute mißhandeln, ſo konnte ſie ihm wie ein Mann gegenüberſtehen und wich nicht, wenn er auch noch ſo ſehr polterte und drohte, ſie und ſich ſelbſt zu erſchießen. Ja, ich begreife nicht, wie ſie es aushielt, wie ſie es durchmachen konnte. Aber ſie beſtand ihre Prüfungen mit Ehren. Zwar bekam ſie graue Haare darüber und ihre kräftige Geſundheit wurde mehr als einmal ge⸗ brochen. Aber ſie raffte ſich wieder empor. Und als YNordenhjelm's Angelegenheiten ſich dermaßen verwickel⸗ ten, daß eine Kriſis auszubrechen drohte, da legte er Alles in ihre Hände und reiste in's Ausland. Dort 84⁴ traf ihn ein Schlag, von dem er ſich nie ganz erholte. Das Haus war wirklich beinahe bankrott. Aber Frau Nordenhjelm berief die Gläubiger zuſammen, ſprach mit ihnen, wußte ihnen Vertrauen einzuflößen und beſchloß mit Gottes Hilfe den Verſuch zu machen, das Haus aufrecht zu erhalten, die Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, die Schulden nach und nach ab⸗ zubezahlen und Jedem ſein Recht angedeihen zu laſſen. Darauf war nunmehr all' ihr Dichten und Trachten gerichtet. Aber Sie hätten ſehen ſollen, wie ſchweig⸗ ſam und geduldig ſie das Alles ertrug. Da hörte man keine Klage, keine Aeußerung des Mißmuths. Fröhlich und ſcherzend verbot ſie ſich ſelbſt, ihren Kindern und nächſten Verwandten, auf gewiſſe Sopha's zu ſitzen, gewiſſes Silberzeug zu benützen, weil es den Gläubi⸗ gern gehöre. Aber ich weiß, daß ſie damals manche Nacht ſchlaflos zubrachte und ſich beſann, woher ſie das Geld zur Bezahlung des Geſindes oder zur Be⸗ ſtreitung anderer nothwendiger Bedürfniſſe nehmen ſollte. Und nun mußte auch das Hausweſen auf einen ganz andern Fuß eingerichtet und große Beſchränkungen vorgenommen werden. Und ſo verſtändig Frau Nor⸗ denhjelm auch Alles anſtellte, ſo konnte ſie doch dem Tadel und der Verleumdung nicht entgehen, zumal da ſie ſich nicht ſcheute, auch im Alltäglichen, in der Klei⸗ dung und Koſt, die größte Sparſamkeit einzuführen, und da ſie dieſelbe auch dann noch beibehielt, als ihre Angelegenheiten ſich in Folge ihrer klugen Einrichtun⸗ gen zu verbeſſern anfingen. Ich weiß auch, daß man ganz närriſche Dinge über ſie und ihren Haushalt ausſagte. Sie ſelbſt wußte es und lachte bloß darüber. Tiefer nahm ſie es zu Herzen, daß man ihr nachſagte, ſie ſei eine böſe Stiefmutter. Denn einer der Söhne, der ein wilder Geſell geweſen ſein ſoll, lief einige Wochen nach ihrer Ankunft auf Bragesholm davon, der andere ſtarb ein paar Jahre darauf, und man hat das Gerücht zu verbreiten gewagt, ſie ſei Schuld daran. Aber es iſt gar nicht der Mühe werth, darauf eine Antwort zu ge eigen nicht im„ entla Grol weil und ging weite der g Geſch eigen mit ihre verſic der d das ander der u hält oder vor 1 Gut Troſt wäre. im g die„ das! alleir den( ſehen die 9 heilk jährl Den und erholte. Frau ſprach en und en, das iten in ach ab⸗ laſſen. rachten chweig⸗ te man röhlich en n ſitzen, Hläubi⸗ manche her ſie ur Be⸗ nehmen f einen ikungen u Nor⸗ chem mal da r Klei⸗ führen, ls ihre ichtun⸗ ß man ushalt arüber. chſagte, Söhne, einige davon, an hat daran. ntwort 85⁵ zu geben. Eine ſolch elende Verleumdung muß in ihrem eigenen Nichts anfgehen. Auch wäre ſie vielleicht gar nicht aufgekommen, wenn nicht ein böſes altes Weib im Hauſe geweſen wäre, die ehemalige Wärterin des entlaufenen Knaben, die ſchon von Anfang an einen Groll auf die neue Hausfrau gefaßt zu haben ſcheint, weil dieſe ihrem eigenmächtigen Weſen ein Ende machte und Ordnung im Hauſe einführte. „Unter all' dieſen Klatſchereien und Verleumdungen ging Frau Nordenhjelm ſtill und beharrlich ihren Weg weiter, pflegte ihren kränklichen Mann, erzog ihre Kin⸗ der gut und beſorgte allein das ganze Haus und alle Geſchäfte. Sie lernte die Buchführung, wurde ihr eigener Buchhalter und bewirthſchaftete das große Gut mit Hilfe eines Verwalters. Dabei war und iſt ſie für ihre Untergebenen eine gute Mutter. Ich kann Sie verſichern, daß dieſe Frau, wenn ſie auch dem Schnei⸗ der den Faden mit der Elle zumißt und dem Schuſter das Sohlenleder aus den Fellen vorſchneidet, auf der andern Seite auch jährlich ein paar Dutzend Tuchklei⸗ der und Stiefel für arme Kinder machen läßt. Dabei hält ſie eine Schule für dieſelben, bereitet jährlich zwei oder drei von ihnen in eigener Perſon zum Abendmahl vor und läßt ſie Handwerke lernen. Auf dem ganzen Gut gibt es keinen alten oder kranken Menſchen, deſſen Troſt und Hoffnung nicht die Beſitzerin von Bragesholm wäre. Sie hätten, gleich mir, es ſehen ſollen, wie ſie im grimmig kalten Winter ausfuhr oder ausging und die Kranken beſuchte; wie ſie ohne alle Rückſicht auf das Wetter, oft ſpät am Abend, in Sturm und Schnee, allein mit ihrer Laterne zu den in der Nähe Wohnen⸗ den ging, ſie pflegte und für ſie forgte. Sie ſollten ſehen, wie ſie auch jetzt noch in ihren alten Tagen für die Nothleidenden ſorgt und ſchafft, wie ſie die Kinder heilkräftige Blumen und Kräuter pflücken und ſich jährlich ganze Körbe voll nach Hauſe bringen läßt. Den Kindern füllt ſie dann ihre Körbe mit Eßwaaren und Kleidungsſtücken und aus den Wurzeln bereitet ſie 86 mit eigener Hand Heilmittel. Ich ſagte einmal zu ihr, ihre Apotheke müſſe jährlich eine anſehnliche Summe koſten. Aber da zeigte ſie mir, mit welch einfachen, zum größeren Theil aus Pflanzen und Blumen von ihrem eigenen Gut bereiteten Mitteln ſie die große Krankenpflege beſtritt. Dieß iſt indeß noch eine Klei⸗ nigkeit gegen ihre übrige Thätigkeit. Ja, ſie iſt wirk⸗ lich ein Prachtexremplar von einem Menſchenkind, eine Frau, wie ein Mann, ſagen die Leute dort, und doch dabei ſo ſanft, wie das ſanfteſte Weib. „Seit ihrer achtzehnjährigen Leitung des Ganzen haben ſich die Umſtände ſo verändert, daß ſie wohl bald das Ziel erreicht haben wird, nach welchem ſie immer geſtrebt, nämlich Jedermann gerecht zu werden und ihr großes Gut ſchuldenfrei zu bekommen. Dieſe Hoffnung hat ſie unter allen Mühſeligkeiten und Entſagungen aufrecht erhalten. Denn ich verſichere Sie, daß ſie weder in ihrem früheren noch in ihrem ſpäteren Leben auf Roſen getanzt hat. Aber allerdings wurde ſie glücklicher und es ging ihr Alles leichter von Statten, ſeit ihr launiſcher und kränklicher Mann geſtorben iſt. In ſeinen letzten Jahren war er übrigens nicht böſe, und um ihm gute Laune zu machen, wenn er verſtimmt oder gereizt war, gebrauchte ſie einen Liebeskniff, wie ſie es nannte, d. h. ſie bat ihn um Verzeihung. Warum? das wußte weder ſie noch er, und es wurde auch nie darnach gefragt, aber er wurde dadurch immer in eine beſſere Stimmung verſetzt. Und ſie, ſie konnte ſo gut— müthig dazu lächeln. Ja, ich möchte recht bös werden und vor Aerger weinen, wenn ich an dieſe Frau denke, was ſie Alles durchgemacht hat, was ſie geweſen und was ſie jetzt iſt, und wie wenig man ſie im Allgemei⸗ nen noch verſteht und ihr Gerechtigkeit widerfahren läßt!... Ja, juſt in dieſe Frau, in dieſe ſelbe Frau Cäcilie Nordenhjelm ſollen, Ihrer Behauptung zufolge, ſieben Geizteufel gefahren ſein.“ „Sancta Caecilia, ora pro nobis! Ich ſage nie mehr ein Wort von ihr. Ich öffne meinen Mund nicht den ſi „iſt* der V Nicht Richt ihrem Sie auch mer ganz kleine Hjelr gibt holm Anfa reiſe möch auch Frau Sie Wiſſe Majt mein ei ging ſtellt gleic in's mein jetzt und zu d u ihr, umme fachen, n von große wirk⸗ , eine d doch Janzen bad immer nd ihr ffnung zungen aß ſie Leben rde ſie tatten, en iſt. t böſe, ſtimmt. f, wie arum? ich nie neine o gut⸗ werden denke, en und gemei⸗ fahren Frau ufolge, ge nie Mund 87 nicht mehr und weiß nicht, wohin ich mich wen⸗ den ſoll.“ „Aber,“ fuhr Fräulein“ in ihrem Eifer fort, „iſt es denn auch der Mühe werth, ſich um das Urtheil der Welt zu bekümmern? Sie weiß Nichts, ſie verſteht Nichts und iſt auch ganz und gar nicht die höchſte Richterin. Doch eine Freude hat meine Freundin in ihrem Leben gehabt, nämlich an ihren eigenen Kindern. Sie ſind alleſammt brave und gute Menſchen geworden, auch geht es ihnen gut in der Welt. Ein großer Kum⸗ mer war es ihr allerdings, als ihre älteſte Tochter nach ganz kurzer Ehe ſtarbz doch tröſtet ſie ſich mit ihrem kleinen Enkel, und ihr Schwiegerſohn, juſt dieſer Adolph Hjelm, iſt ein wahrer Sohn für ſie geworden. Jetzt gibt es eine große Familienzuſammenkunft auf Brages⸗ holm, wohin Adolph Hjelm eben reist, und wo mit Anfang Juli ſämmtliche Kinder eintreffen werden. Ich reiſe auch dahin, um dem Feſt anzuwohnen, und faſt möchte ich Sie einladen, ebenfalls zu kommen, wenn auch nur um Ihrer Sünden willen, und damit Sie die Frau verſönlich ſehen und kennen lernen, über welche Sie ſo üble Verleumdungen ausgeſprochen haben. Wiſſen Sie auch, daß dieß beinahe ärger iſt, als ein Majeſtätsverbrechen?“ „Sancta Caecilia! ſchon fühle ich, wie loſe mir mein Kopf auf den Schultern ſitzt. Ich muß wirklich — eine Priſe Tabak nehmen.“ So ſprechend, entfernte ſich der Oberſt ſchnell und ging die Treppe hinab. Als er wieder heraufkam, ſtellte er ſich vor das Fräulein hin, nahm mit höchſt gleichgiltiger Miene eine Priſe um die andere und ſah in's Blaue hinaus. „Nun, nun,“ ſagte das Fräulein,„wenn ich je in meinem Leben einen Egviſten geſehen habe, ſo iſt es jetzt der Fall. Sich vor meiner Naſe aufzupflanzen und beharrlich zu ſchnupfen, ohne auch nur an mich zu denken!“ „Was befehlen Sie? Wie, meine Gnädige, Sie 88 können ſich unmöglich herablaſſen, aus derſelben Doſe mit einem Manne zu ſchnupfen, über deſſen Haupt Sie den Stab gebrochen haben.“ „Sie ſollen begnadigt werden, wenn ich nur ein⸗ mal eine Priſe bekomme.“ „Und Sie wollen Ihre Grauſamkeit gegen einen bereits ganz zerknirſchten Mann bereuen?“ „Ja doch, ja! Geben Sie immerhin her! Ich möchte Sie bei Ihrem guten Willen nicht gern verkie⸗ ren, Herr Oberſt. Dann und wann ein kleiner Zank mit Ihnen iſt mir beinahe ſo viel werth, wie eine Priſe Tabak.“ „Unendlich geſchmeichelt, vollkommen charmirt!“ „So ſind wir alſo Freunde!“ Und ſie ſchnupften. „Im Ernſt,“ ſagte der Oberſt,„es thut mir leid, daß ich ſo daneben getappt bin und ſo in's Blaue hinein geſchwatzt habe. Sie müſſen mir verſprechen, mich nicht zu verrathen und mir als treue Bundes⸗ genoſſin zur Seite zu ſtehen, da ich jetzt wirklich— vermuthlich um meiner Sünden willen— nach Bra⸗ gesholm reiſen werde.“ „Nein! wirklich?“ rief das Fräulein überraſcht; „nun, das freut mich.“ „Aber mich freut es nicht, denn ich habe kein an⸗ genehmes Geſchäft dort zu verrichten oder zu erwarten. Ich habe mit der alten Frau ein kleines Geſchäft für einen meiner Freunde abzumachen, und dann will ich eine Nichte abholen, die ſo ſchön iſt, daß man ſie nicht allein reiſen laſſen darf, und ſo ſtolz, daß ſie leicht einmal rückwärts fallen könnte. Ich werde ſie nach Tornea und von da nach Uleaborg escortiren, und das Alles aus alter Freundſchaft für ihren ſeligen Mann, der— unter uns geſagt— ein großer Taugenichts war.“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte das Fräulein.„Ich weiß auch, daß die ſchöne Ida R. ſeit einigen Wochen auf Bragesholm iſt und bald abreiſen will. Aber ich kenne gern „Ida vorne ihre von! ſollte müth Fami würd Weib Man Vette war, Auge Aber wertl liena reist Svpie Bezi Duel ganz Heim harte von ebri Glar nahn man ihr ab u ſie g Ange beza laſſet tung n Doſe pt Sie tr ein⸗ einen lunIch verlie⸗ Zank e eine rt!“ r leid, Blaue rechen, undes⸗ ich— Bra⸗ raſcht; n an⸗ arten. ft für ill ich nicht leicht nach d das Mann, war.“ 89 kenne doͤch ihre Geſchichte nicht ganz genau und möchte gern etwas Näheres erfahren.“ „Die Sache verhält ſich ſo,“ verſetzte der Oberſt. „Ida iſt in Liefland geboren und ſtammt aus einer vornehmen und reichen Familie, ſo hoffärtig, daß ſie ihre Ahnen vom König Pharao in Aegypten an, d. h. von der äghptiſchen Finſterniß her zählt. Schönida ſollte eine reiche Erbin werden. Auch ſie war hoch⸗ müthig und ſtolz, nur auf eine andere Art, als ihre Familie; ſie ſprach von Menſchenadel und Menſchen⸗ würde, von Menſchenfreiheit und, ich glaube, auch von Weiberfreiheit, und ſo verliebte ſie ſich in einen jungen Mann ohne alle Würde, meinen guten Kameraden, Vetter und Freund, der ein hübſcher, munterer Junge war, mehr aber nicht und kaum Edelmann, was in den Augen der Familie wohl als ſein größter Fehler galt. Aber ſie glaubte an ſeinen Menſchenadel und Menſchen⸗ werth, und ſo kümmerte ſie ſich den Teufel um Fami⸗ lienadel und Geld, heirathete ihren Geliebten und reiste mit ihm in's Ausland. Er war ein großer Spieler brachte all' ihr Geld durch, lebte in jeder Beziehung leichtſinnig, ſtarb endlich in einem Duell und hinterließ ſie mit einer kleinen Tochter ganz allein in der Welt. Sie reiste nun in ihr Heimathland zurück, fand aber dort bloß kalte und harte Herzen. Sie begehrte auch keine Unterſtützung von ihnen. Ihr eigenes Herz war, fürchte ich, beinahe gebrochen bei dem Schiffbruch, den ſie an ihrem erſten Glauben und ihrer erſten Liebe erlitten. Aber ſie be⸗ nahm ſich ehrenwerth, brav und ehrenwerth, das muß man ihr nachſagen. Sie lehnte die Unterſtützung, die ihr einige Verwandte auf verletzende Weiſe anboten, ab und begann Lectionen auf der Harfe zu geben, die ſie gottvoll ſpielt. So verdiente ſie im Schweiße ihres Angeſichtes den Unterhalt für ſich und ihr Kind, ja ſie bezahlte noch kleine Schulden, die ihr Mann hinter⸗ laſſen hatte. Das iſt doch, weiß Gott, ſchön und ach⸗ tungswerth von einer ſchönen jungen Frau. Und wäre 90 ſie nicht ſo verwünſcht zurückhaltend und vornehm, ich könnte ihr ihre Zehſpitzen dafür küſſen. So aber will ſich mein alter Rücken nicht ſo tief vor ihr bücken. Dagegen ſoll ſie Schutz von mir haben und Alles, was ſie will, denn ſie iſt ein ſtolzes, ſtattliches Weib, und es iſt Jammerſchade, daß ſie einen ſolchen Mann und eine ſolche Familie hatte, und daß ſie jetzt als Harfenlehrerin ihr Brod verdienen muß, während ſie zu allem Großen und Prächtigen in der Welt geboren war. Aber tu l'as voulu, George Dandin!... Und ſie iſt viel zu hochmüthig... Der alte Pharav und die ägyptiſche Finſterniß ſtecken noch immer viel zu tief in ihr, als daß ſie z. B. von einem armen Teufel, wie ich, irgend etwas Anderes, als höchſtens die Hilfe eines Dieners annehmen würde.“ „Das war eine intereſſante Geſchichte,“ ſagte das Fräulein,„und ich werde die ſchöne Ida künftig mit ganz andern Augen anſehen, als bisher. Ich ſah ſie ſchon vor einigen Jahren, als ſie kurz nach ihrer Ver⸗ heirathung auf Beſuch zu Frau Nordenhjelm kam, die mit ihrer Mutter befreundet geweſen, aber jetzt über die Tochter und ihre unüberlegte Ehe mißvergnügt war. Sie— Ida nämlich— war damals unbeſchreiblich ſchön, ja ſo ſchön, daß mir das Herz im Leibe lachte, wenn ich ſie anſah. Und ſie war ſchon in ihrer Kind⸗ heit ſo, als ich ſie ebenfalls auf Bragesholm ſah, wo ſie nach ihrer Mutter Tod ein paar Jahre bei meiner Freundin erzogen wurde. Nun, es hat mich wahrhaft erfriſcht, ein Weilchen in Ruhe plaudern zu können. Noch eine Priſe, mein beſter Oberſt! Ah! jetzt fühle ich mich ſtark genug, die prima donna zu ſpielen und unſere Domprobſtin mit einer Bravourarie in Erſtau⸗ nen zu ſetzen.“ Während Fräulein* und der Oberſt freundſchaft⸗ lich mit einander ſchnupfen und plaudern, wollen wir ſchleunigſt mit der ebenerwähnten Domprobſtin Bekannt⸗ ſchaft machen. Zum Voraus bitten wir, daß man uns mit allem Verda probſt Chara werfer einem gnüge ſcheint darüb unſere die V ſowie Wege fahret und d probſt ſätzen Leben Allge: Merk es au Kopft droht oder verm denes in H Beſu war die a prob Heer Oern könn ich, die Bew ihre Fras m, ich rwill ücken. Alles, Weib, Mann t als nd ſie boren Und o und el zu eufel, Hilfe e das mit ah ſie Ver⸗ n, die über war. iblich achte, ſtind⸗ wo einer rhaft nnen. fühle und rſtau⸗ chaft⸗ wir annt⸗ allem 91 Verdachte verſchone, als ob wir auf den ſeligen Dom⸗ probſt Hederman, ſowie auf ſein Verhalten und ſeinen Charakter als Eheherr auch nur den leiſeſten Schatten werfen, wenn wir gleichwohl bekennen, daß die erſt ſeit einem Jahre verwittwete Domprobſtin vor eitel Ver⸗ gnügen ganz aus dem Häuschen gekommen zu ſein ſcheint. Aber das Staunen aller Domprobſtinnen darüber wird ſich mindern, wenn ſie erfahren, daß unſere Domprobſtin auf ihrer erſten größeren Reiſe in die Welt begriffen und trotz ihrer fünfundfünfzig Jahre, ſowie ihrer anſehnlichen Corpulenz in Bezug auf die Wege und Abenteuer der Welt unwiſſender und uner⸗ fahrener war, als manches Mädchen von fünfzehn— und dieß Alles Dank den Grundſätzen des ſeligen Dom⸗ probſtes, daß ein Weib zu Hauſe bleiben müſſe, Grund⸗ ſätzen, die er nach einer etwas chineſiſchen Methode in's Leben einführte. Dabei war unſere Domprobſtin im Allgemeinen entzückt über das Reiſen und auf alles Merkwürdige und Abenteuerliche äußerſt geſpannt, daher es auch kam, daß ihre großen Augen ihr beinahe zum Kopfe heraus fielen und der Mund offen zu bleiben drohte, ſobald ihr irgend etwas Merkwürdiges auſſtieß, oder ihre jungen Augen etwas Sonderbares zu ſehen vermeinten, was denn auch Alles in ein zierlich gebun⸗ denes Büchlein eingetragen wurde, um einer Schweſter in Haparanda mitgetheilt zu werden, der ſie ihren Beſuch zudachte. Kurz und gut, unſere Domprobſtin war jetzt ein ganz glückſeliges Menſchenkind und dabei die allerfreundlichſte, beſcheidenſte und gefälligſte Dom⸗ probſtin von der Welt, eine wahre Hirtin für ihre Heerde, wie alle, während dieſer Reiſe am Bord des Oernſtöld befindlichen Frauenzimmer genugſam bezeugen können. Fräulein* fand ſie wenigſtens ſo, das weiß ich, und faßte ſogleich eine Zuneigung für ſie, während die Domprobſtin dem Fräulein eine Art ſtaunender Bewunderung widmete und ſich bald krank lachte über ihre Einfälle, bald ſie anſtarrte mit der heimlichen Frage an ſich ſelbſt, ob das Fräulein wohl bei Troſte 92 ſei. Und als man Fräulein*, welche die naive Art, wie die Domprobſtin das Leben und die Dinge auffaßte, ſehr ſchnell begriff, am Morgen des dritten Reiſetages in ihrer Cajüte mit wunderlichen Trillern das Lied von dem Eremiten anſtimmen hörte, da ergriff die Domprobſtin einer andern Probſtin Hand, drückte ſie und flüſterte: „Ach, was man doch Abenteuer hat, wenn man reist! Ja, ſie laſſen ſich nicht beſchreiben!... Sie ſind zu merkwürdig! zu merkwürdig!“ Fräulein“, welche ſah, daß ihr Geſang die beab⸗ ſichtigte Wirkung auf die Domprobſtin gemacht hatte, gelobte ſich, den bereits hervorgerufenen Eindruck das nächſte Mal noch zu erhöhen. Als ſie nun die gute Frau auf ſich und den Oberſten zukommen ſah, da verſpürte ſie einen innern Beruf, dieſelbe durch eine Bravvurarie in Staunen zu ſetzen. Die Domprobſtin ſetzte ſich in einiger Entfernung von dem Fräulein nieder und hielt ihre Augen feſt auf ſie geſpannt. Der Oberſt, der des Fräuleins Ta⸗ lent ſchon ein wenig kannte und die Rolle begriff, die er dabei zu übernehmen hatte, ſagte jetzt in überreden⸗ dem Tone: „Möchten Sie uns nicht jetzt, ſo lange die mei⸗ ſten Paſſagiere ihr Mittagsbrod verzehren, hier oben mit einem Liede erfreuen? Sie ſingen ſo... ſo... hm... ſo belebend!“ „Ach ja!“ ſtimmte die Domprobſtin ein. „Oh!“ verſetzte Fräulein* ſehr beſcheiden,„meine Stimme will juſt nicht viel heißen, aber meine Methode, meine Methode iſt ziemlich gut, vielleicht auch etwas ungewöhnlich, und wenn die Herrſchaften es wirklich wünſchen, ſo will ich nicht gerade die Spröde machen...“ „Ach nein!“ bat die Domprobſtin. Und nun huſtete Fräulein“ ein wenig, machte einige Läufer auf⸗ und abwärts, und ſtimmte dann eine Bra— vourarie an, worüber die Domprobſtin vor eitel Ver⸗ wunde fen li That nicht Er gl libran von d Entzi in det eine einen denzer und n größer die A ſang wir u gänzl des F übern derlic von 2 ſtand eine haber lein ſo la— mir, müth und terab anger entwi ſonſt ſehr, naive Dinge ritten illern ergriff rückte man Sie beab⸗ hatte, das gute d eine nung feſt Ta⸗ „ die eden⸗ mei⸗ oben neine hode, twas rklich 7 inige Bra⸗ Ver⸗ 93 wunderung beinahe ihre Augen aus dem Kopfe lau⸗ fen ließ. Nun iſt zu bemerken, daß des Fräuleins Geſang in der That ungewöhnlich und ſtaunenerregend war. Er glich nicht dem Vortrage Jenny Lind's. Ganz und gar nicht. Er glich weder dem Vortrage der Griſi, noch der Ma⸗ libran, noch der Catalani, noch irgend einer andern von den großen Sängerinnen, welche die Welt mit Entzücken und Bewunderung erfüllt haben. Er glich in der That gar keinem Geſang; aber er hatte doch eine wunderliche, beinahe unheimliche Aehnlichkeit, einen geſpenſtigen Schatten von den Rouladen, Ca⸗ denzen, Trillern, Schreien aller großen Sängerinnen, und wir zweifeln, ob ſelbſt Jenny Lind's Geſang ein größeres Erſtaunen hervorgerufen haben würde, als die Arien dieſes ganz gewöhnlichen Fräuleins. Dabei ſang ſie jetzt mit ſolcher Raſchheit und Fertigkeit, daß wir unſere Domprobſtin entſchuldigen müſſen, wenn ſie gänzlich verdutzt wurde und nicht recht wußte, ob nicht des Fräuleins Methode eine ganz und gar neue und übernatürlich vortreffliche ſei. Aber als ſie das wun⸗ derliche Geſicht des Oberſten bemerkte, da begann ſie von Neuem Bedenklichkeiten über den geſunden Ver⸗ ſtand des Fräuleins zu hegen, und ſo gerieth ſie in eine Art unheimlicher Stimmung und Verwunderung. „Was Sie doch für eine glückliche Gemüthsart haben!“ ſeufzte der Oberſt, als er ſpäter das Fräu⸗ lein auf eine Spazierfahrt auf dem Lande begleitete, ſo lange das Dampfboot ſtillehielt.„Aber ſagen Sie mir, werden Sie nicht auch manchmal ein wenig ſchwer⸗ müthig und melancholiſch, z. B. in den langen Herbſt⸗ und Winterabenden auf dem Lande?“ „Nie!“ antwortete das Fräulein.„An den Win⸗ terabenden auf dem Lande? Da habe ich juſt meine angenehmſte Beſchäſtigung. Da wickle ich Garn und entwirre verwickelte Garnſträhne, aus denen kein Menſch ſonſt klug werden kann. Und das intereſfirt mich ſo ſehr, daß ich oft bis Nachts zwölf Uhr ſitzen bleibe, 94 zumal wenn ich einen guten Freund habe, der mir Etwas vorplaudert oder vorliest. Ich wünſche mir gar keine angenehmere Zeiten.“ „Eine ſeltſame Art, ſich luſtig zu machen!“ meinte der Oberſt;„verwickelte Garnſträhne!“ „Ja,“ fuhr das Fräulein, lachend über den me⸗ lancholiſchen Ton des Alten fort,„und als meine gute Freundin, Frau Nordenhjelm, mich einlud, den Win⸗ ter bei ihr zuzubringen, da ſchrieb ſie zugleich, ſie habe mir als Winterbeluſtigung ein ſechzig Ellen lan⸗ ges, verworrenes Gewebe zu bieten. Und ich ſchrieb ihr dann zurück, juſt das und nichts Anderes beſtimme mich, ihre Einladung anzunehmen.“ „Die Frauenzimmer ſind glücklich,“ ſagte der Oberſt mit ſauerſüßer Miene,„ſie haben immer Etwas zu trödeln.“ Dieſe Aeußerung gab Anlaß zu einem neuen klei⸗ nen Wortſtreit, der ſich über weibliche und männliche Beſchäftigungen zwiſchen dem Fräulein und dem Ober⸗ ſten, den wir aber hier nicht⸗ mittheilen können, weil wir ein wenig, nur ein ganz klein wenig auch von andern Paſſagieren ſprechen muͤſſen. Unter dieſen wollen wir bloß drei Reiſende nach der Mitternachtsſonne bemerken, nämlich ein deutſches Fürſtenpaar aus den böhmiſchen Urwäldern, neuver⸗ mählt und nur bis nach Avaſara hinauf reiſend, um ſich beim Schein der Mitternachtsſonne zu küſſen, worauf ſie alsbald nach ihren Urwäldern und Schlöſſern zurück⸗ reiſen wollten, das hohe Paar zeichnete ſich durch Reichthum, ungewöhnliche Schönheit, Phlegma und beinahe ununterbrochene Schweigſamkeit aus; auch hatte es einen Kammerdiener und eine Kammerfrau, gleich⸗ falls Deutſche, aber nicht ſo ſchön und nicht ſo ver⸗ ſchwiegen. Weiterhin ſehen wir einen franzöſiſchen Touriſten, lebhaft, heiter, witzig, beſtändig in Be⸗ wegung und unaufhörlich bald mit dem Einen bald mit dem Andern plaudernd, obſchon ihn nur Wenige verſtehen und Niemand ihm antworten kann, außer dem ſeine vertre Jagd Frica Cotel zufris probſ det n eicht Fich zurüc zeicht c unter Ich freue umhe das iſt A Nord ſchwa Meer freut mein Ahnt oberl Schi ringe es di Wie verſc mert er mir nir gar meinte en me⸗ te gute Win⸗ ch, ſie n lan⸗ ſchrieb ſtimme Oberſt as n klei⸗ iliche Ober⸗ „weil ch von e nach tſches euver⸗ „ um raf urück⸗ durch und hatte o er⸗ iſchen 1 Be⸗ bald enige außer 95⁵ dem Deutſchen und dem Fräulein, welch' letzterer er ſeine Betrachtungen über Lappland und die Lappen an⸗ vertraut. Er hat eine vortreffliche Büchſe und drei Jagdhunde bei ſich. Er iſt feſt entſchloſſen, noch ein Fricaſſs von Lappen, oder wenigſtens ein Paar kleine Cotelette zu koſten. Mit weniger will er ſich nicht zufrieden geben. Dieß hat das Fräulein der Dom⸗ probſtin anvertraut, die ein unheimliches Geſicht ſchnei⸗ det und eine Bemerkung darüber in ihr Büchlein ein⸗ zeichnet. Und nun kehren wir zu dem vierten Sonnenfahrer zurück, zu Herrn Theodor und ſeinen brieflichen Auf⸗ zeichnungen für ſeinen Freund. Freitag. Die See geht hoch. Die meiſten Paſſagiere find unter dem Deck und befinden ſich nicht zum Beſten. Ich bin jetzt Menſchenfeind genug, mich darüber zu freuen. Ich gehe als alleiniger Herr auf dem Verdeck umher und athme mit Genuß die reine Luft ein. Aber das Meer iſt dunkel und der Himmel gleichfalls. Es iſt Abend. Wir ſteuern gerade nach Norden. Und im Norden, am Horizont zeigt ſich ein Lichtſtreif, ein ſchwacher goldener Schimmer zwiſchen Himmel und Meer; nur ein Streif, ein kleiner Schein, aber doch freut es mich. Es iſt das erſte Licht, das ich auf meiner Johannisreiſe ſehe. Und es flößt mir frohe Ahnungen ein. Die Inſeln der Seligen, das Land oberhalb des Nordwinds, ſie liegen ja im Norden. Ihr Schimmer iſt es, der mir winkt. Aber noch iſt Alles ringsum grau und kalt. Und man ſpricht davon, daß es dort oben am Johannistag ſchneien könne. Samſtag. Hell! Gott ſei Dank! hell! Ein herrlicher Tag. Wie wunderbar verſchieden erſcheint nicht die Welt an verſchiedenen Tagen! Jetzt leuchtet, glänzt und flim⸗ mert Alles in der Sonne Licht. Aber die Luft iſt noch 96 kalt. In der Ferne ſehen wir nach mehreren Seiten hin Eisberge. Alle Paſſagiere ſind munter und guter Dinge. Die jungen Leute ſingen um eine rauchende Bowle herum. Sie ſind vergnügt, ſie nähern ſich ihrer Heimath, ihren Eltern und Geſchwiſtern, um die Sommerferien bei ihnen zuzubringen. Die Glück⸗ lichen!... Täglich geht ein Trupp von ihnen ab. Singend ziehen ſie durch die Städte, bei denen wir anlegen. Dieſe kleinen Städte! Zuweilen arm und dürftig genug, aber gemüthlich und ſauber liegen ſie am Mee⸗ resufer, gebadet von den friſchen, ſalzigen Wogen. Sie haben einen behaglichen, genügſamen Ausdruck, der mich ſehr anſpricht. Ich könnte da zu leben wün⸗ ſchen. Und auf dem Kirchhof von Hudiksvall mit ſeinen grünen, ſonnenbeglänzten, blumengeſchmückten und ſeiner Ausſicht auf das Meer, da möchte Am Abend. Den ganzen Tag ſind wir an Eismaſſen vorbei⸗ gefahren. Sie präſentiren ſich bald in Klumpen, zer⸗ fallenen Häuſern ähnlich, bald in phantaſtiſchen Ge⸗ ſtalten, wie Drachen mit Kronen und Hörnern auf den Köpfen. Glänzend und blinkend ziehen ſie an uns vorüber und leuchten im Sonnenſchein weit, weit hinaus in die blaue Ferne. Jeder neue Eisklumpen wird von einem eiskalten Wind angekündigt. Nach⸗ mittags fuhren wir an einem großen Eisfeld vorüber. Ein ſchwarzer Seehund lag darauf und ſonnte ſich. Seitdem hat ſich die Luft verändert. Es iſt warm und angenehm. Unſer Capitän rief ein von Haparanda kommendes Schiff durch das Sprachrohr an und fragte, ob dort noch Eis im Hafen ſei.„Nein, Alles frei!“ Ein gutes Omen. Ich habe Bekanntſchaft mit einem Paſſagier ge⸗ macht, der viel bei mir iſt, oft lange neben mir ſitzt, zuweilen ſpricht, noch öfter ſchweigt. Er gefällt mir, und ich befinde mich wohl in ſeiner Nähe. Du weißt, Seiten guter chende n ſich t, um Glück⸗ en ab. en wir ürftig Mee⸗ Bogen. sdruck, wün⸗ mit ückten möchte orbei⸗ „zer⸗ n Ge⸗ n auf ſie an „weit umpen Nach⸗ rüber. e ſich. warm randa tund Alles er ge⸗ r ſitzt, t mir, weißt, 97 daß ich an geheime Sympathien und Antipathien gläube. Es iſt eine gewiſſe Sympathie, die mich zu dieſem jungen Manne hinzieht, und ihn zu mir. Er heißt Adolph Hjelm und iſt Norrländer. Sonntag. Sabbathsſtille in der Natur. Stille auch in mir. Dieſes Licht, dieſe Ruhe und dieſe wunderliche Luft wirkt wohlthuend auf Leib und Seele. Ich athme leichter, fühle mich wohler. Eine gewiſſe jugendliche Elaſticität und Hoffnungsfreudigkeit regt ſich zuweilen in mir. Bei Oernſköldsvik ſprang ich an's Land, fand die erſte Ackerbeerblume, küßte die Erde und— weinte. Oernſköldsvik, welche Ausſicht, wie groß, wie rein, wie klar! Wollte Gott, mein Leben wäre auch ſo!.. Ach! Berge Angermanland's! Berge Angermanland's! Wohl erkenne ich euch wieder an euern ſchönen, wech⸗ ſelnden Formen und Farben. Und die herrlichen Birken auf den Höhen, wie ſie gleich den Grabhügeln einer Urwelt daſtehen!... Hier gehe ich an's Land, um⸗ arme die Bäume und zeichne ſie. O Naturl.. Natur, meine Amme, meine Mutter, meine einzig einzige Mutter! Mein Freund Adolph Hjelm iſt ebenſo wenig glücklich als ich. Er hat eine geliebte junge Gattin verloren. Aber wie ruhig, wie fromm, wie groß iſt nicht dieſe Seele gegenüber einer gewiſſen andern! Ich muß mich neben ihm ſchämen über meine Unruhe. Und wunderbar, in ſeiner Nähe empfinde ich ſie weniger. Es iſt als magnetiſire er mich. Seine tiefe, milde Stimme flößt mir Ruhe ein, ſchon ſeine bloße Nähe hat etwas Wohlthuendes für mich, ich ſehe ſo gern in ſeine blauen Augen. Es iſt nordiſche Treue und Kraft darin. Dieſer Blick und der Sonnenſchein bezaubern die Schlangen in meiner Bruſt. Sie ſchla⸗ fen. Und auch„das Volk der Schatten“ ſehe ich nicht mehr. Die Johannisreiſe. 7 98 Montag. Geſtern Abend ſaßen mein Freund und ich vorn auf dem Verdeck beiſammen, während die Sonne in einer großen, dunkeln Wolke unterging. Wir ſprachen von tiefen Geheimniſſen des Lebens, des Herzens und des Gedankens. Und um Alles, was er ſagte, muß ich ihn lieben, es erwärmte mein Herz und meine Bruſt, nicht glühend, ſondern lieblich wie eine Sommernacht. Und wieder und wieder brach die Sonne durch das ſchwarze Gewölke vor mir und blickte uns an wie ein Auge Gottes, ſtrahlend, durchdringend. Endlich war die ganze Wolke von Lichtblicken durchbrochen und zer⸗ theilte ſich in leichte, purpurne Kränze, Federn und Fahnen um den Siegesfürſten. Ein herrliches Schau⸗ ſpiel! Und ich ſaß da neben meinem Freund, ſo ruhig wie ich nie zuvor geweſen, ſprach mit ihm über die ſchönen Heimlichkeiten des Lebens, war in Harmonie mit ihm und— für dieſen Augenblick mit mir ſelbſt. So kam die Nacht über uns. Aber eine Nacht ohne Schatten. Wir ſaßen ſtill und ſahen Meer und Him⸗ mel lächelnd träumen, ſich in einander ſpiegeln. O Frieden der Seelen in einander oder— in Gott!.. Ewige Sehnſucht! Dienſtagmorgen. Wiederum eine Nacht. Ein Mährchen aus Tau⸗ ſendundeinenacht, das mich eine Weile wach erhalten ſoll. Es war Abend. Wir lagen im Hafen bei Skel⸗ leftea; lächelnde, hellgrüne Ufer umgaben die ruhige, ſpiegelhelle See, der Himmel war wie eine klare Glas⸗ kuppel über uns. Des Capitäns kräftige Stimme hatte ſo eben gerufen: Das Schiff hält hier vier Stunden! Menſchenerfüllte Boote kamen und gingen. Adolph Hjelm ſtieg in eines derſelben und erſuchte mich, mitzukommen. Ein offener, beſpannter Reiſe⸗ wagen ſtand am Ufer. Adolph nahm meinen Arm und nöthigte mich, einzuſteigen. Und der Wagen rollte— rathe, wohin— nach Bragesholm!.. Mein Freund iſt der Schwiegerſohn meiner Stiefmutter. Va klo mer unt h vorn nne in rachen ns und muß ich Bruſt, rnacht. ch das ie ein ch war nd zer⸗ rn und Schau⸗ ruhig ber die rmonie ſelbſt. t ohne Him⸗ n O en. z Tau⸗ rhalten Skel⸗ ruhige, Glas⸗ timme r vier zingen. rſuchte Reiſe⸗ Arm Ute— Freund † 99 Die große Spindel, genannt Schickſal, zieht ihre Fäden wunderbar um mich. Wir kamen in den Säu⸗ lenwald, in meinen Säulenwald, den Verkrauten meiner Kindheits⸗ und Jugendträume. Es war eine helle, warme Nacht, erfüllt mit wunderbaren Wohlge⸗ rüchen.„Genieße!“ ſagte Adolph freundlich,„das iſt der Duft, welchen unſere Föhrenwälder bei Nacht aus⸗ ſtrömen. Eine ſchwache, kranke Bruſt wird davon ge⸗ ſund.“ Ich antwortete Nichts. Ich konnte nicht ſprechen. Bragesholm liegt ungefähr eine Stunde vom Ufer. Als wir ankamen, verſchmolzen Abend- und Morgen⸗ roth über dem Thale und den Gebäuden. Und beglänzt von dieſem Scheine ſtand gleich der Frau Minnetroſt im Zauberring unter der Hausthüre eine hochge⸗ wachſene Frau in hellem Kleide. Sie öffnete ihre Arme gegen meinen Freund, der ſich wie ein Sohn an ihre Bruſt warf. Dann reichte ſie mir die Hand zum freundlichen Willkomm. Sie wußte nicht, wen ſie begrüßte. Mir war ſie nicht fremd. Die Geſtalt, das helle Kleid, die regelmäßigen Geſichtszüge, der weiße Teint, der Ausdruck, Alles war mir wohlbekannt, Alles war wie in früheren Tagen, obſchon zwanzig Jahre dahingerollt waren und die junge Dame ſich in eine Matrone verwandelt hatte. Wir gingen in's Haus. In der„großen Freude“ ſtand ein Tiſch gedeckt. Schwei⸗ gend ſah ich mich um. Alles war mir ſo bekannt und doch ſo fremd. Ich war ein Fremdling in meines Vaters Hauſe. Ich ging wie im Traum. Adolph weckte mich, indem er mich leicht auf die Schulter klopfte und zu ſeiner Mutter ſagte: „Hier iſt ein junger Mann, ein Künſtler, der manches Jahr in der Welt herumgefahren iſt, um merkwürdige Abenteuer zu ſuchen.“ Die Matrone heftete ihre ſanften Augen auf mich und fragte: „Und Sie haben gefunden, was Sie ſuchten?“ „Nein,“ antwortete ich;„was ich gefunden habe, iſt nicht der Rede werth. Die Welt iſt langweilig 7 100 und einförmig.... Es gibt heutzutage keine merk⸗ würdigen Abentener mehr.“ Sie erwiederte mit mildem Lächeln; „Vielleicht im äußern Leben nicht; aber im innern, da können wir alleſammt etwas Ungewöhnliches er⸗ leben, und im Ganzen ſind doch wohl nur die in un⸗ ſerem Innern erlebten Abenteuer eigentlich merkwürdig.“ Dieſe Worte fanden Anklang bei mir. Sie öff⸗ neten gewiſſermaßen mein Herz. Ich wollte eben et⸗ was Erbauliches ſagen, als ich plötzlich aus den innern Zimmern eine jugendliche, innige Stimme rufen hörte: „Adolph! Adolph! Ach! er iſt da!... Und ich kann nicht zu ihm kommen!... Adolph, komm zu mir!“ „Meine liebe Ina! Die Innerſte!“ rief Adolph und ſtürzte in die Nebenzimmer. Ich blieb allein der Matrone gegenüber ſtehen. Ein wunderſam ſchmerzliches Gefühl kam über mich. Sie war ſtill. Ich lauſchte auf das Geflüſter zärtlicher und fröhlicher Stimmen von innen. Die Matrone ſchien es zu bemerken und lud mich durch eine Hand⸗ bewegung ein, ihr zu folgen. Ich ging mit ihr durch mehrere Zimmer, und da ſah ich Adolph zwiſchen blühenden Roſenbäumen, hingebeugt über— ich weiß ſelbſt nicht was. Er richtete ſich auf und ich erblickte einen Kopf in horizontaler Lage, einen Kopf, wie ich ſie auf den Gemälden alter Meiſter aus azurnem Grund hervorblicken ſah, liebliche, himmelblaue Augen, goldene Haare, einen lächelnden Mund, ein Paar weiße Flügel oder Arme, und weiter— Nichts. Nein, Nichts als eine hellblaue Seidendecke. Es war das, was ſie die Innerſte nennen. Was dieſe Innerſte eigentlich iſt, weiß und verſtehe ich noch nicht recht. Ich glaubte einen Engel zu ſehen, der aus hellblauem Himmel hervorblicke. Ich wunderte mich bloß, daß er ſo ſtill dalag und nicht frei umher⸗ ſchwebte. Denn die Flügel waren augenſcheinlich da. Ach, mein Freund, ſie ſagen, dieſe Innerſte ſei ein lahn ein ihne Inn und Geſt eine füllt kind ſtolz zünt ſchöt ſang erin „tige erzit in's Her mit und man war Wei lich Stu ſpri Sot auf Alle kehr woh dan kun viel und ſie wer merk⸗ nnern, 6 er n un⸗ rdig.“ ie öff⸗ enm et⸗ nnern hörte: nd ich nm zu dolph tehen. mich. tlicher atrone Hand⸗ durch iſchen weiß blickte i ich urnem lugen, Paar Nein, ennen. rſtehe ſehen, nderte mher⸗ ch da. i ein 101 lahmes Mädchen, lahm ſchon ſeit zehn Jahren, nur ein Stück von einem Menſchen!... Aber ich glaube ihnen nicht. Nein, hier iſt nicht Alles richtig. Die Innerſte könnte auch eine verzauberte Prinzeſſin ſein, und Alles hier könnte ſich auch noch in ganz andern Geſtalten zeigen. Als ich von ihr aufſah, begegnete meinen Blicken eine neue Geſtalt, die mich mit neuem Staunen er⸗ füllte. Ach! auch ſie ſollte ich hier ſehen, meine kindliche, meine erſte Liebe, den Cherub, der ſchön und ſtolz beim Morgendämmer meines Lebens mich ent⸗ zündete. Jetzt waren die Farben verblaßt, aber die ſchöne, ſtolze Zauberin war noch immer dieſelbe. Sie ſang uns zur Harfe, von Norrland, von den Jugend⸗ erinnerungen, mehmüthig liebliche und kräftige, mäch⸗ tige Melodien. Ich fühlte die Saiten meines Innern erzittern. Ich konnte es nicht aushalten, ich mußte in's Freie hinaus; da wurde es mir leichter um's Herz, und ich konnte wieder hereinkommen, ja ſogar mit ihr ſprechen. Der Oberſt war jetzt angekommen und Fräulein“. Man ſchwatzte, man lachte, man aß, man trank. Ich wie die Andern. Aber meine Seele war fern, oder ſie weilte bei dem ſchönen, blaſſen Weibe, deſſen Herz gleich dem meinigen von heim⸗ lichen Gedanken bedrückt ſchien. Nur anderthalb Stunden durften wir verweilen. Adolph, welcher ver⸗ ſprochen hatte, die Fremden und mich auf den von der Sonne beleuchteten Berg zu führen, brach mit mir auf; der Oberſt führte die ſchöne Ida. Wir reiſen Alle zuſammen bis Haparanda. Von Avaſaxa aus kehre ich mit meinem Freund hieher zurück, denn ſo⸗ wohl er als die Matrone haben mich eingeladen. Und dann— ja, was dann? Ich weiß es nicht. Die Zu⸗ kunft mag entſcheiden. Bis jetzt weiß ich bloß ſo viel, daß ich der Geliebten meiner Kindheit nahe bin und von derſelben Welle, wie ſie, getragen werde, daß ſie frei iſt, und daß ich noch immer ihr Gefangener werden kann. Ich empfinde ihre Macht noch wie in N 102 meinen jungen Jahren. Und ſie? Sollte es ohne alle Bedeutung ſein, daß wir nach ſtürmiſchen Schick⸗ ſalen hier wieder zuſammentreffen? Ich ſchreibe dieß Morgens fünf Uhr. Ich kann keinen Schlaf in meine Augen bekommen. Man ſagt, die Sonne rege um dieſe Zeit im Norden das Blut fieberiſch auf. Ich ſpüre es in meinen glühenden Adern. Heute werde ich ſie ſehen, werde mit ihr zuſammen ſein... Ich ſehe, wie es ſteht. Ich ſehe, wie es kommen wird. Mein böſer Genius verfolgt mich, und das Volk der Schatten läßt nicht von mir; ſtill ſchleicht es ſich durch das Licht hindurch. Als Kind war es mein Bruder, jetzt iſt es mein Freund, der zwiſchen mir und der Seligkeit ſteht; ich ſelbſt werde einſam und vom Glück übergangen bleiben. Adolph und ſie lieben einander, haben nur für einander Augen. Er denkt kaum noch an mich, und ſie!... Ach! ich armer Thor! O mein Freund! Lache nicht über mich, denn es thut ſo weh, immer von der Hoffnung betrogen zu werden, und wäre dieſe Hoffnung auch eine Narr⸗ heit. Sie war ſo ſchön, ſie lächelte ſo gedankenvoll freundlich, ſchien meinen Gedanken entgegenzukommen. So war auch er gegen mich. Jetzt ſtehe ich wieder allein da!... Ich hatte einen Augenblick des Lichts, und jetzt iſt es wieder finſter geworden. Aber ſtill, Drache, du Giftſpritzer!... Ich werde bis zur Mit⸗ ternachtsſonne reiſen!... Wir, die Mitternachts⸗ ſonne und ich, werden einander umarmen, und dann wird Alles wieder gut, freundlich und vollkommen werden. Oder glaubſt du nicht, daß auch ſie ſich mir entziehen, auch ſie ihr Angeſicht vor mir verbergen werde? Gott wendet ſein Angeſicht ab, heißt es in der Schrift. Und der Menſch muß in ſeiner Finſterniß bleiben. —— —— blicke übrie erſter einat Umſt Adol und wurt ſchor bald doch Bew fand ſehe Ent Frer eine kleit könr der mar hall kom ſein ihm ent klei che ein der kle bei rei pfe ohne chick⸗ dieß neine um Ich werde nmen das leicht ures ſchen nſam d ſie Er ich mich, ogen tarr⸗ nvoll men. ieder chts, ſtill, Mit⸗ chts⸗ dann nmen mir ergen der erniß 103 Wir müſſen nun auf die Nacht für einige Augen⸗ plicke nach Bragesholm zurückkehren und unſere übrigen Reiſenden begleiten. Bei Adolph's und Ida's erſtem Zuſammentreffen ſah man Beiden an, daß ſie einander ſchon früher geſehen hatten, und zwar unter Umſtänden von ernſter Bedeutung. So war es auch. Adolph hatte Ida in einem deutſchen Bade getroffen und war zugegen geweſen, als ihr Mann erſchoſſen wurde. Er hatte ihr damals Beiſtand geleiſtet, ob⸗ ſchon ſie ihn nicht näher kannte. Und wenn ſie auch bald darauf von einander ſcheiden mußten, ſo hatten doch Beide einen Eindruck gegenſeitiger Achtung und Bewunderung bewahrt. Mit dieſem früheren Eindruck fanden ſie einander jetzt und freuten ſich des Wieder⸗ ſehens. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß Adolph's Entſchluß, die rathloſen Fremden und ſeinen neuen Freund, den Künſtler, zu begleiten, durch die Ausſicht, einen Theil der Reiſe in Geſellſchaft der ſchönen Ida zu machen, keineswegs geſchwächt wurde. Aber der kleine Knirps ſchien ſich vom Vater nicht trennen zu können, denn als dieſer abreiſen wollte, da hing ſich der Junge ſo feſt an ſeinen Hals und weinte, als man ihn wegnehmen wollte, ſo bitterlich, daß Adolph halb im Scherz, halb im Ernſt rief:„Er ſoll mit⸗ kommen, ich nehme ihn mit!“ Sodann lief er mit ſeinem Söhnchen am Halſe hinab und ſetzte ſich mit ihm in den Wagen, worüber der kleine Knirps ſo entzückt war, daß es— dabei verblieb. Auch der kleine Knirps ſollte die Mitternachtsſonne ſehen, und ſo rüſtete denn Frau Cäcilie in aller Eile ein Päck⸗ chen mit den Kleidern des Jungen, wickelte ihn in einen warmen Rock und befahl ihn angelegentlichſt der Obhut ſeines Vaters. Auf ſolche Art wurde der kleine Knirps Mitglied der Reiſegeſellſchaft nach der Mitternachtsſonne. Auch Fräulein* betheiligte ſich bei der Fahrt; ſie wollte wenigſtens bis Tornea mit⸗ reiſen, um dort von Ida ihr kleines Mädchen in Em⸗ pfang zu nehmen und der Frau Cäcilie zu bringen, 104 während Ida mit ihrem Onkel nach Uleaborg weiter reiſen wollte, wo ſie von einer Familie zum Muſik⸗ unterricht erwartet wurde. Selbſt Frau Cäcilie, die viel von dem jugendlichen Sinn beſaß, den man häufig bei älteren ſchwediſchen Frauen findet, ſagte, ſie würde ſehr erne auf den Mitternachtsſonnenberg mitreiſen, 9 wenn nicht ihr Heimweſen ſie feſthielte.„Aber,“ fügte ſie freundlich hinzu,„ich will meine Tiſche und Bänke zum ſehet Feſtmahle rüſten, während ihr die Sonne an⸗ „und wenn ihr hübſch wiederkommet, ſo werde ich mit warmen Servietten bereit ſtehen, euch zu em⸗ pfangen.“ Die Reiſenden machten ſich auf den Weg, und zwar der Oberſt vollkommen zufriedengeſtellt durch Lachs in dreierlei Geſtalten, durch den leckerſten Kalbs⸗ braten und ausgeſuchte Waffeln mit Acker- und Molte⸗ beerengelee aus Kryſtallpokalen, zugleich voll Ver⸗ wunderung darüber, daß ſo infame Gerüchte über eine Dame wie die Beſitzerin von Bragesholm haben auf⸗ kommen, und ärgerlich, daß er ſie habe glauben können. Aber er au wir könnten dem Oberſten erzählen, daß, wenn ch als Gaſt zu allen Zeiten in Frau Cäciliens Hauſe wohl bewirthet worden wäre, dennoch Frau Cäcilie erſt ſeit einigen Jahren und ſeit den bedeuten⸗ den Fortſchritten in den Verhältniſſen ihres Hauſes allmä hlig für ſich und ihre Angehörigen von den Ein⸗ ſchränkungen abgegangen war, denen ſie ſich früher unterworfen hatte, und daß man alſo erſt ſeit kurzer Zeit in Bragesholm ſo lebte wie in andern wohlha⸗ benden Häuſern auf dem Lande. Wir begleiten jetzt unſere Reiſenden auf das Dampſfſchiff. Auf dem ruhigen leuchtenden Meere, unter Luft, ſaßen einem gänzlich wolkenfreien Himmel, in einer welche einzuathmen ein reiner Genuß war, Adolph und Ida beiſammen. Sie hatten ſich früher bei blutigen, unheimlichen Scenen, in der Nacht des Lebens, getroffen. Jetzt ſahen ſie einander am Johannistage des Lebens und fanden einander ſchön. Umgeben von dem magiſchen Licht ſaßen ſie beiſat durch zu er der und bitter neue Leber mänr mend über laſſet Wen ſoll, blum im 2 Aus genb man gleic unte Frie Hoch mit Scht tauc mach von Krei fühl der in acht ſche blei Flu weiter Muſik⸗ e, die häufig würde reiſen, fügte Bänke e an⸗ werde u em⸗ Weg, durch dalbs⸗ Nolte⸗ Ver⸗ eine auf⸗ nnen. wenn iliens Frau uten⸗ auſes Ein⸗ rüher urzer hlha⸗ das eere, einer 105⁵ beiſammen in der ſtillen Nacht und waren beglückt durch ihre gegenſeitige Nähe. Wir beabſichtigen nicht, zu erklären, was zwiſchen ihnen vorging, weder woher der Friede kam, der gleich einem Morgenthau friſch und lieblich über die Seele der Dame ſich ſenkte, den bittern Zug in ihrem Geſichte verwiſchte und es mit neuer Schönheit verklärte, noch woher das erhöhte Leben kam, das in ſeinem Blicke leuchtete und in ſeinem männlich ſchönen Weſen ſich offenbarte. Der aufkei⸗ menden Liebe ſchöne Geheimniſſe! Ich freue mich bloß über Euch, darüber, daß ihr Euch auf der Erde finden laſſet und ſie mit Euren Wundern ſegnet. Wie? Wenn auch das Gefühl, das die Ewigkeit verbinden ſoll, in einem Augenblick entſteht, wie die Paſſions⸗ blume mit ihrer ſtrahlenden Sonne? Wahrlich es gibt im Auge des Menſchen Blicke, in ſeinem Geſicht einen Ausdruck, in ſeiner Stimme Töne, die in einem Au⸗ genblick ſein innerſtes Leben offenbaren, mehr als manchmal eine fünfzehnjährige Bekanntſchaft. Der⸗ gleichen entſtehen in den Blütheſtunden der Seele, unter dem Donner der Nacht, oder im mittäglichen Frieden des Tags. Und wenn oben im Norden der Hochſommer ſtark und warm in der Natur kommt und mit Zaubergewalt neue Blumen ſich erſchließen, ſeltene Schmetterlingsfamilien mit glühenden Farben auf⸗ tauchen und die Wälder von Wohlgerüchen duften macht— ſollte da der Menſch ohne alles Gefühl da⸗ von ſein? ſollte er nicht heimlich in den magiſchen Kreis hineingezogen werden? Gewiß iſt, daß das Ge⸗ fühl, welches Adolph und Ida erfüllte, und zu einan⸗ der hinzog ein wunderbares war und ſie für einander in Schoͤnheit erblühen ließ, ohne daß ſie ſelbſt es be⸗ achteten. Erſt als ſie an's Land kamen und von einander ſcheiden ſollten, da ſtutzten beide und wurden ſtill. Adolph ſollte mit ſeiner Geſellſchaft in Haparanda bleiben, und Ida ſollte auf der ruſſiſchen Seite des Fluſſes nach Tornea, wo ſie ihre Freunde und ihr 106 Töchterchen hatte. Am folgenden Morgen ſollte ſie das Kind der Obhut des Fräuleins übergeben und dann mit dem Oberſten ihre Reiſe nach Uleaborg fortſetzen. Es war Abend, als der Oernſköld an der nördlichſten Stadt Schwedens anlegte. Adolph begleitete Ida nach Tornea hinüber. Der Oberſt blieb an Bord, um für das Gepäck und ſeine Beſchaffung nach der Stadt Sorge zu tragen. Schweigend gingen Adolph und Ida neben einander her: es war ihnen wunderſam zu Muthe, und ſie blick⸗ ten hinab in die wunderſame Welt ihrer Herzen. Auf der Brücke, welche die beiden Städte ver⸗ bindet, zwiſchen denen der Torneaelf fließt, blieb Ida ſtehen und ſagte: „Ich ſehe meines Freundes Haus am Strande. Laſſen Sie uns hier ſcheiden. Dank und— Lebewohl!“ Adolph hielt ihre Hand feſt und ſagte, indem er gedankenvoll in die Fluth blickte, worin ſich jetzt die Lichtſtrahlen der untergehenden Sonne badeten:„Schei⸗ den? Ich geſtehe, daß ich es unbegreiflich, unmöglich finde, daß wir ſcheiden ſollen.“ Ida lächelte traurig und ihr Geſicht war blaß. „Geht es nicht an,“ fuhr er mit einem gedanken⸗ vollen, aber ſchönen Lächeln fort, indem ſein Auge mit einem wahren Sonnenblick, ſo licht und warm, auf ihr ruhte,„geht es denn nicht an, daß einmal zwei Menſchen vollkommen aufrichtig und klar gegen einander ſind, wie der Himmel und die Erde ſich auch bei Nacht hier zeigen? Ich kann es nicht anders be⸗ greifen, als daß auch Sie das gleiche Gefühl haben wie ich, daß Sie wie ich es unſinnig finden, daß wir von einander ſcheiden ſollen. Sagen Sie, finden Sie es nicht ſo?“ „Unſinnig! nein...“ „ thut es Ihnen nicht weh, wie es mir weh u 2 „Ja.“ „Gott ſegne Sie für dieſe Antwort. Ach! was für ei keit! Sien ben, 5 ſagte kann meine iſt da kann an m Beſte nicht Liebe. ohne hat d gibt die( „Lebe dieſer lich gewe läche Aber verm Leber nehm Sie Ihne Kind klein Bru nicht lte ſie n und eaborg an der Der ſeine nander blick⸗ e ver⸗ b Ida rande. vohl 1 em er tzt die Schei⸗ öglich anken⸗ Auge warm, inmal gegen ach rs be⸗ haben ß wir n Sie r weh was 107 für eine herrliche Sache iſt es doch um die Aufrichtig⸗ keit! Aber dann, warum ſollen wir ſcheiden? Sagen Sie mir, glauben Sie nicht, daß wir beiſammen blei⸗ ben, beiſammen glücklich werden könnten?“ Ida lächelte wiederum traurig.„Auf dieſe Frage,“ ſagte ſie,„muß ich mit Nein antworten. Nein, ich kann Niemand mehr glücklich machen. Mein Frühling, meine Jugend, meine Hoffnung, mein Glaube, Alles iſt dahin, dahin für immer. Was ich einſt geweſen, kann ich nicht mehr werden, und ich will Niemand mehr an mein Schickſal feſſeln.“ „O ſündigen Sie nicht gegen das Höchſte, das Beſte!“ bat Adolph mit Innigkeit.„Mißtrauen Sie nicht den neubelebenden Mächten des Lichtes und der Liebe. Iſt das Leben, das Weſen des Menſchen mehr ohne Sonne als die Natur? Und ſehen Sie, dieſe hat doch Alles um uns her verjüngt.“ „Für ein gebrochenes Herz, eine todte Hoffnung gibt es keine Sonne, außer derjenigen, welche blaß die Grabesruhe beſcheint!“ antwortete Ida düſter. „Leben Sie wohl! Dank für Ihren edlen Willen, für dieſen kurzen Sommernachtstraum! Er hat mich glück⸗ lich gemacht, glücklicher als ich ſeit undenklicher Zeit geweſen bin. Bin ich aufrichtig genug?“ fuhr ſie lächelnd fort. Dieſe hellen Nächte ſind anſteckend. Aber dieſer Beweis von Vertrauen iſt der höchſte und vermuthlich der letzte, den ich einem Manne geben kann. Leben Sie wohl!... „Noch nicht!“ ſagte Adolph aufgeregt.„Wir nehmen hier nicht Abſchied von einander. Ich muß Sie noch ſehen, muß noch mit Ihnen reden. Ich habe Ihnen viel zu ſagen.“ „Meine Freunde kommen auf die Brücke, mein Kind!“ Und Ida eilte ihnen entgegen, hob ein ſchönes, kleines Mädchen in ihre Arme und drückte ſie an die Bruſt mit einer Zärtlichkeit, die das ſchneekalte Herz nicht verrieth, welches ſie Ina gezeigt hatte. Und die — ⸗ —— 108 ſchöne, kleine Naima, ihr kindliches Abbild, hing ent⸗ zückt am Halſe der Mutter. Adolph war dabei. Er machte Bekanntſchaft mit Ida's Freunden, ſprach mit ihnen von der Mitter⸗ nachtsſonne auf Avaſara, konnte nicht begreifen, daß Leute, die ſo nahe dabei wohnen, die kaum durch eine Tagereiſe von dem Berge getrennt ſeien, nicht auch einmal dahin reiſen, um die nächtliche Herrlichkeit zu ſehen; er wußte ihnen ſo große Luſt zu erwecken und ſo eindringlich vorzuſtellen, wie ſie zu einer ſolchen Reiſe niemals beſſeres Wetter und eine paſſendere Ge⸗ legenheit finden könnten, als eben jetzt; kurz er ließ ſie nicht los, bis ſie den Entſchluß ausſprachen, in der folgenden Nacht— der Johannisnacht— die Mit⸗ ternachtsſonne auf Avaſaxa zu ſehen. Daß Ida mit⸗ gehen ſollte, war natürlich und ſchlechterdings noth⸗ wendig. „Der Oberſt G. und Fräulein*,“ ſagte Adolph, „gehen morgen mit uns, um die Mitternachtsſonne zu ſehen. Und erſt auf Avaſaxa kann das Fräulein Ge⸗ legenheit bekommen, die kleine Naima in Empfang zu nehmen. Alſo wir treffen uns morgen Nacht.“ Na konnte ſich eines Lächelns über die Fertigkeit und Sicherheit, mit welcher Adolph manövrirte und für andere Leute Beſchlüſſe faßte, wovon dieſe kaum geträumt hatten, nicht erwehren. Aber ſie widerſetzte ſich nicht und ſchien eine wehmüthige Freude daran zu finden, ihren Sommernachtstraum noch eine kleine Weile zu verlängern. Sie ſagte indeß Nichts, ſondern ließ die Andern ſprechen und handeln. Und ſo wurde denn beſchloſſen, daß Ida's Freunde nebſt ihr ſelbſt und Naima auf der ruſſiſchen, Adolph und ſeine Ge⸗ ſellſchaft auf der ſchwediſchen Seite des Torneaelf reiſen und beide Theile in Avaſara zuſammentreffen ſollten. Die großen, braunen Augen des Fräuleins began⸗ nen ſehr ſchalkhaft und bedeutungsvoll zu zwinkern, als Adolph ihr die ſo eben entworfenen, neuen Pläne vorleg ſeine zu wit auch i ſehen fällig in die mit d über und Le und d hohe ſehen, Das dem L keit t wurde probſt Fräul Geſell Reiſe, verpfl ternac vorzu 2 und 2 nach nirge ihn, und ihn. tung, Kam: Fiebe und gigen ſamm ig ent⸗ ft mit Mitter⸗ 1„ daß ch eine ach keit zu en und ſolchen ere Ge⸗ er ließ en, in a mit⸗ noth⸗ dolph, nne zu n Ge⸗ ung zu tigkeit te und kaum erſetzte ran zu kleine ondern wurde ſelbſt e Ge⸗ reiſen llten. began⸗ nkern, Pläne 109 vorlegte. Aber Adolph's halbes Vertrauen gegen ſie, ſeine herzliche Bitte, ſich ſeinen Veranſtaltungen nicht zu widerſetzen und nach Avaſara mitzukommen, wie auch ihr eigener Wunſch, das nächtliche Phänomen zu ſehen und überhaupt gegen geliebte Perſonen ſich ge⸗ fällig zu zeigen, alles das erkeichterte Adolph's Arbeit in dieſer Beziehung ungemein. Schlimmer war es mit dem Oberſten. Er polterte entſetzlich und fluchte über die Mitternachtsſonne, über die Unbeſtändigkeit und Launenhaftigkeit der Weiber, über alle unnöthigen und dummen Unternehmungen, wie z. B. des Nachts hohe Berge hinanzuklettern, um genau daſſelbe zu ſehen, was man alle Tage in der Ebene ſehen könne. Das Fräulein mußte Adolph zu Hülfe kommen und dem Oberſten wegen ſeiner Faulheit und Bequemlich⸗ keit tüchtig den Leviten verleſen, bis er nachgiebig wurde und wieder zu ſeinem Humor kam. Die Dom⸗ probſtin war ganz entzückt, als ſie erfuhr, daß das Fräulein nach Avaſara mitfahre; ſie bot ihr und der Geſellſchaft ihrer Schweſter Wagen, ſich ſelbſt als Reiſegeſellſchafterin an, wogegen das Fräulein ſich verpflichtete, oben auf Avaſaxa, im Anblick der Mit⸗ ternachtsſonne, ihr eine ſchmelzende franzöſiſche Romanze vorzuſingen. Mittlerweile ſprang der Franzos in Haparanda und Tornea umher, klopfte an alle Thüren und fragte nach Lappländern und lappländiſchen Dingen. Aber nirgends fand er ſolche und nirgends verſtand man ihn, dagegen bot man ihm an mehreren Orten Eſſen und Trinken an, und dieſe Gaſtfreundlichkeit entzückte ihn. Das deutſche Fürſtenpaar ſchlief in der Erwar⸗ tung, die nächſte Nacht durchwachen zu müſſen. Die Kammerfrau und der Kammerdiener gähnten zuſammen. Fieberhaft und melancholiſch ſchweifte Theodor umher und fand keine Ruhe. Adolph ſorgte eifrig für die Anſtalten zur mor⸗ gigen Reiſe, er ſchaffte Wagen, Pferde und Kutſcher ſammt einem Dolmetſcher an— denn über Haparanda 110 hinauf wird nur noch Finniſch und Lappländiſch ge⸗ ſprochen— lauter Dinge, die in einer nordiſchen kleinen Stadt nicht leicht zu bekommen ſind, wenn man nicht ſo glücklich iſt, Bekannte oder Freunde dort zu haben. Aber jetzt erwies ſich die Domprobſtin als die beſte und thätigſte Freundin; ihr und Adolph hatte man es zu verdanken, daß am andern Morgen in aller Frühe zwei Wagen nebſt den Fuhrleuten und einem Dolmetſcher bereit ſtanden. Der Dolmetſch hieß Granquiſt, und einen ſchwediſcheren Namen, aber auch einen beſſeren Dolmetſch und Wegweiſer konnte man in ganz Norrland nicht auftreiben. Der Reiſetag war heiß. Die Sonne brannte von dem wolkenfreien Himmel herab. Die Reiſenden wa⸗ ren niedergedrückt, die Pferde konnten ſich kaum mehr fortſchleppen. Wir wünſchen aufrichtig, die Gräfin Ida Hahn⸗Hahn wäre dabei geweſen. Sie würde dann von dem Klima des ſchwediſchen Nordens einen ganz andern Eindruck bekommen haben, als jenen grauen und kältenden, von welchem ſie in ihrem„Reiſeverſuch im Norden“ ſpricht. Die bezaubernde Schönheit der Wieſen unterwegs, ihre reichen Blumenmatten von Birkenwäldern bekränzt, das ſchöne weiße Vieh,*) das da und dort in den Laubgehegen weidete, der ſtille, klare Fluß, deſſen Ufer ſich an der Höhe des Weges hinzog, hie und da kleine Bauernhöfe und Kirchen auf Landzungen im Fluſſe, und alles das von Licht über⸗ goſſen, gab ein ſchönes, anziehendes Schauſpiel. Man fuhr durch eine ganze Gallerie reizender Idyllen, wozu auch die Freundlichkeit gehörte, womit die Reiſenden und ihre Diener auf Bauernhöfen und in Wirths⸗ häuſern mit der köſtlichſten Milch erquickt wurden, ohne daß die Leute eine Bezahlung oder auch nur ein Trinkgeld daſür annahmen. Der franzöſiſche Touriſt * Alle Hausthiere bleichen gegen Norden zu. Dunkle Thiere, die in die Nordmark gebracht werden, färben ſich bald heller, und ihre Nachkommen im dritten Glied werden ganz weiß. ..— war l'àge fünf dern Kope ſchön die Le — Lo ſchein beden Lappe hinat Weid ( Matt einem an ei des 7 auf e von! Avaſ beſon neun zu g dem Volk Schn men Fran ſich thier über, prob rdiſchen „wenn de dort ſtin als Adolph Morgen en n metſch Namen, gweiſer nte von en wa⸗ n mehr Gräfin edann nganz grauen verſuch eit der n von *) das ſtille, Weges ema über⸗ Man „wozu ſenden uen, ur ein Louriſt Dunkle en ſich werden 111 war ganz entzückt. De si bonnes gens! Mais c'est l'äge d'or! rief er. Er hatte in dieſem Jahr bereits fünf Frühlinge erlebt, den einen in Sicilien, den an⸗ dern in Paris, den dritten in London, den vierten in Kopenhagen, und den fünften endlich, den wärmſten, ſchönſten, hier in der Nähe des Polarkreiſes. Aber die Landſchaft fand er viel zu wenig ungewöhnlich, und — Lappen und Rennthiere kamen gar nicht zum Vor⸗ ſchein. Mit dem erſehnten Lappenfricaſſee begann es bedenklich auszuſehen, denn man ſagte ihm, daß die Lappen ſich um dieſe Zeit mit ihren Heerden höher hinauf in's Gebirge ziehen, um Schnee und friſchere Weide zu finden. Gegen Abend gelangten unſere Reiſenden nach Mattarenghy, der letzten Herberge auf ihrem Wege, einem kleinen Dorf von zwei oder drei Bauernhöfen, an einer ſchönen, großen, hügeligen Wieſe am Rande des Fluſſes gelegen, mit einer finniſchen Kapelle oben auf einem Hügel, ringsum, ſo weit der Horizont reicht, von waldigen Höhen umgeben, unter welchen der Berg Avaſara hervorragt, ohne ſich jedoch über die andern beſonders zu erheben. Adolph ſorgte für Boote und Ruderer, und Schlag neun Uhr trat man die Flußfahrt an, um zu dem Berg zu gelangen. Die Ruderer, hohe, ſchöne Geſtalten, aber mit dem düſtern Ernſt in Geſicht und Benehmen, der das Volk der Finnen auszeichnet, ruderten in tiefem Schweigen. Still ſaß das ſchöne Ehepaar aus Böh⸗ men und genoß die Schönheit des Abends. Der Franzos ſaß mit ſeiner Büchſe im Arm da und ſchaute ſich gegen alle Seiten hin nach wunderbaren Polar⸗ thieren, mit zwei oder vier Füßen, um. Ihm gegen⸗ über, Augen und Mund weit aufgeſperrt, ſaß die Dom⸗ probſtin, in unheimlicher Erwartung irgend eines be⸗ ſondern Abenteuers, das ihrem mordluſtigen Nachbar aufſtoßen würde, und von Zeit zu Zeit das Fräulein anſchauend, um ihre Gedanken und Meinungen zu 112 erforſchen. Aber auch das Fräulein ſaß in ſich gekehrt und ſchweigend da; ſie ließ ihre weiße Hand in den Wellen ſpielen, während die braunen Augen halb me⸗ lancholiſch über die ſchöne Landſchaft hinſchweiften. Adolph und Theodor ſaßen neben einander, von demſelben Gegenſtande beſchäftigt, aber auf welch eine verſchiedene Weiſe! Adolph, den ſeine eigenen Pläne, ſeine eigene Unruhe, ſeine Erwartung und Sehnſucht genugſam in Anſpruch nahmen, achtete nicht auf Theodor und die tiefe Schwermuth, die ihn befallen hatte. Es wäre kein leichtes Stück Arbeit, ſeine Ge⸗ müthsſtimmung zu ſchildern, ſo chaotiſch und dunkel waren die Bilder, die ſeine Seele beſchäftigten. Eine gewiſſe Fiebermattigkeit war an die Stelle der auf⸗ brauſenden Gefühle getreten. Er fühlte ſich niederge⸗ drückt und unglücklich; er war unklar, mißvergnügt über ſich ſelbſt und die ganze Welt. Sie ruderten zwiſchen niedrigen Holmen hindurch, die vom ſchönſten Grün glänzten, und ſchifften unter Gruppen hübſcher Inſeln auf dem klaren Fluſſe umher. „Die Inſeln der Seligen!“ dachte Theodor. Aber die Seligen, die rechtſchaffenen Menſchen, wo waren ſie? Er ſelbſt? ach nein! nein! niemals hatte er ſich ſeinem Ziele ferner gefühlt, als hier, wo ſeine Phan⸗ taſie es ihm vorſpiegelte. Die friedliche Stille und die unausſprechliche Schönheit des Abends ſtimmte ihn nur noch wehmüthiger. Nach einſtündiger Fahrt gelangte man an den Fuß des Avaſara, der ſich vor ihnen erhob, eine unförmliche Maſſe von Granitblöcken und Steingeröll mit dazwiſchen liegenden Waldſchichten. Adolph wäre gern wie ein Pfeil den Berg hinan⸗ geſchoſſen, um zu ſehen, ob Jemand bereits oben ſei, aber der kleine Knirps hinderte ihn, weil er unterſtützt und getragen werden mußte; überdieß gebot die Artig⸗ keit, den Damen hülfreiche Hand zu leiſten. Das Fräulein dankte ihrerſeits und lehnte ab. Sie wollte mit dem Dolmetſcher den Berg hinauf ein Menuett tanzen ſo me daß d wedelt bleibe gewic hörlic ſchme womi wund keifte dieſen 8 eben. Maſſe men dert meiſte mehr deutſ gedeh über Klar über über dieſer Rau Himt der über warn dort Müc nuß eno Bual auf Zwe Di gekehrt in den lb me⸗ eiften. , n ch eine Pläne, hnſucht t a hatte. ne Ge⸗ dunkel Eine r auf⸗ ederge⸗ rgnügt ndurch, unter umher. ber die en ſie? er ſich Phan⸗ le und ite ihn en Fuß mliche wiſchen hinan⸗ en ſei, erſtützt Artig⸗ 113 tanzen, auch machte ſie mitunter, wie ſie ſelbſt ſagte, ſo merkwürdige Pas und ſchwatzte ſo luſtiges Zeug, daß die Domprobſtin, die ihr keuchend und fächer⸗ wedelnd auf der Ferſe nachfolgte, zuweilen ſtehen bleiben mußte, um nicht vor lauter Lachen das Gleich⸗ gewicht zu verlieren, während der Dolmetſch unauf⸗ hörlich kicherte. Der Oberſt konnte dem feinen, ge⸗ ſchmeidigen Wuchs des Fräuleins, ſo wie ihrem Talent, womit ſie den Berg hinauf Menuett tanzte, ſeine Be⸗ wunderung nicht verſagen; im Uebrigen ſchnaufte und keifte er und gelobte bei allen Göttern und Göttinnen, dieſen Weg nie mehr zu machen. Oben auf dem Berg war der Boden ziemlich eben. Birken und Fichten wuchſen da, und reiche Maſſen von Haidekraut fanden ſich zwiſchen den Bäu⸗ men und den Felſen. Hier oben waren ungefähr hun⸗ dert Perſonen in zerſtreuten Gruppen verſammelt, die meiſten mit Mundvorräthen wohl verſehen. Man hörte mehrere Sprachen reden: ſchwediſch, finniſch, ruſſiſch, deutſch, franzöſiſch. Die Ausſicht war ungemein aus⸗ gedehnt auf die waldbewachſene, dunkle Gegend hinab, über welcher die Sonne glänzte, ohne ſie zu erhellen. Klar, aber ſtrahllos, düſter, ſanft glühend, ſtand ſie über dem Horizont und warf einen purpurnen Schein über die Geſtalten auf dem Berge. Bald wurde auch dieſer durch eine kleine Wolke verdunkelt. Große Rauchſäulen ſtiegen da und dort am Horizont zum Himmel empor. Es waren Spuren von Coloniſten in der Wüſte, Zeichen vom Geiſte der Cultur, der bis über den Polarkreis hinauf drang. Die Nacht war warm, ruhig und lieblich. Kleine Feuer, die da und dort auf dem Berge angezündet waren, hatten die Mücken vertrieben. Alles ſchien zu einem ſtillen Ge⸗ nuß des großen Naturfeſtes einzuladen. Aber— wer enoß es? Theodor nicht. Seine Gedanken waren ualvoll und trübe. Adolph auch nicht. Er vermißte auf dem Berge eine ſchwarzgekleidete Geſtalt, und bange Zweifel beſtuͤrmten ihn. Ob ſie wohl kommt? Aus⸗ Die Johannisreiſe. 8 1¹4 drücklich hatte ſie es nicht verſprochen⸗ Vielleicht wollte ſie nicht kommen, oder es war ihr unterwegs etwas zugeſtoßen. Und je mehr die Zeit vorwärts⸗ ſchritt und die Mitternachtsſtunde herannahte, um ſo ſtärker wurde ſeine Sehnſucht, ſeine Unruhe, ſein Zweifel und endlich ſeine Beſorgniß, ſie möchte nicht kommen, die Trennung von ihr möchte für immer ent⸗ ſchieden ſein. Und jetzt war es zwölf Uhr. Jetzt feuerte der Franzos ſeine Büchſe in die Luft ab, jetzt trat die Sonne prächtig aus dem Gewölke hervor, jetzt küßte ſich das ſchöne Fürſtenpaar, und ſiehe da jetzt fam aus dem Wald von der ruſſiſchen Seite her das ſchöne, ernſte Geſicht zum Vorſchein, glühend vom Sonnenlicht und von der Anſtrengung des Bergſteigens, juſt die ſchwarzgekleidete Geſtalt, die allein im Stande war, Adolph die Nacht zu erhellen. Und an ihrer Hand ging Naima mit roſigem Geſichte und ſchön wie ein Cherub, bloßarmig und die dunkelbraunen Locken um ihren Hals flatternd. Ida war gekommen, ja, aber nur von Adolph Adieu zu ſagen. Dieß war ihr feſter, ernſter Vorſatz, nachdem ſie Alles wohl überlegt hatte. Sie wollte, ſie durfte auf ſein Anerbieten nicht eingehen, um ſeiner ſelbſt, um ſeiner Schwiegermutter willen nicht, welcher ſie, wie ſie wohl wußte, als Schwiegertochter nicht angenehm geweſen wäre. Mit bleichem Ernſt ſtand es feſt in ihrer Seele, das edle, das ritterliche Leben Adolph's nicht zu verdunkeln. Aber ihn noch ein⸗ mal ſehen, das wollte ſie, ihm danken, ſein Bild in ihre Seele aufnehmen, wie eine Sonne in der Nacht des Lebens, und es dort aufbewahren als ein ſchönes, reines, ſtrahlendes Bild.. das. wollte ſie. Aber Sehnſucht und Unruhe hatten das Feuer in Adolph's Bruſt vermehrt. Die Wärme, die Innigkeit, die thränenvolle Freude, womit er ſie empfing und bewillkommte, waren nicht geeignet, den bleichen Ernſt erſta Blick Weſe flüſte Schö fernt wol diger hier hing ein und koſer druc ſtehe wart er u die und Sie und war brei The der herk ſtutz chen Na gru den ſein leicht rwegs ärts⸗ im ſo ſein nicht ent⸗ e der at die küßte jetzt r das vom gens, tande Hand e ein num dolph rſatz, olte, ſeiner elcher nicht nd es Leben ein⸗ ild in Nacht önes, erſtarren zu machen; ſie konnte ſich nicht helfen, ihre Blicke mußten den Auspruck der ſeinigen zurückgeben. Theodor ſah das Alles... dieſe Blicke, dieſe Weſen, die in Liebe verſchmolzen; er hörte das Ge⸗ flüſter der Liebenden, über denen der Himmel ſich in Schönheit wölbte, er hörte, er ſah es und— ent⸗ fernte ſich. Er ging abſeits, nach einer Gegend des Berges, wo keine Menſchenſtimme ſich vernehmen, keine leben⸗ digen Weſen ſich blicken ließen. Es war ein wilder, öder Platz. Der Berg ging hier in eine ſteile Klippe aus, die über dem Abgrund hing. Während Theodor dieſe Stelle betrat, kam ihm ein ſanft ſäuſelnder Wind entgegen, fächelte ihm Bruſt und Haare und ſtrich mit wunderbarem Wohlgeruch koſend über ſein Geſicht. Das Behagen dieſes Ein⸗ drucks war ſo lebhaft, daß Theodor unwillkürlich ſtehen blieb und ſich fragend umſchaute, gleich als er⸗ warte er irgend eine außerordentliche Erſcheinung. Aber er ſtand allein auf dem kahlen Bergfelſen, er und ein verkrüppelter Baum. Es war eine Tanne, die ihre Wurzeln in die Bergſpalte eingeſchlagen hatte und am Rande des Abgrundes emporgewachſen war. Sie hatte ſich den Gebirgsſtürmen entgegengeſtemmt und war dabei krumm geworden, aber der Stamm war feſt und ſtark, und die über den Abgrund ausge⸗ breitete Krone ſtand jetzt in voller Blüthe. Und Theodor erſah, als er gegen den Baum vortrat, daß der Wohlgeruch, den er einſog, vom Blüthendufte herkam. Theodor ſchlang ſeinen Arm um den Baum und ſtützte ſich auf ihn. Der Baum hatte zu ihm geſpro⸗ chen, er ſprach jetzt zu dem Baume: „Und du blühſt und dufteſt ſo herrlich in der Nacht, auf der nackten Klippe, am Rande des Ab⸗ grunds, du kleiner Baum! Du erquickſt, du ſtützeſt den einſamen Wanderer. Und er.. ſollte er geringer ſein als du? Sollte er nicht geic, dir erſtarken, 1¹6 wachſen, blühen, erquicken, wenn er auch gleich dir auf kahlem Felſenberge ſteht, über dem Abgrund, ein⸗ ſam in der Nacht, im Sturme?...“ Einſam*... Und ſein Auge begegnete der Sonne, die jetzt in der Mitternachtsſtunde im mildeſten Schein über der Erde ſtand, ſtill und rein, gleich einem wach⸗ ſamen, liebevollen Auge. Und er ſah auf die Erde. In ihre Schatten ein⸗ gehüllt, lag ſie unter ſeinen Füßen, ſchlafend, mit ihren dunkeln Wäldern, ihren ſtillen Wäſſern, ihren ſchweigſamen Wohnungen; Alles ſtille, ſtille. Ein leichter, weißer Nebel hing wie Flor über den Thä⸗ lern, und leiſe Seufzer ſtiegen da und dort empor. Sie trugen Theodor gleichſam aus dem Innerſten der Erde die Worte des Hohen Liedes zu: „Ich ſchlafe, aber mein Herz wacht.“ Und er ſah wieder empor zur Sonne, dem glühen⸗ den, wachenden Herzen, ſo treu und warm, bei Nacht wie bei Tag, immer oben, immer gegenwärtig, wachend über den Geliebten. Und die Sonne ſprach zu ihm, leuchtete tief in ſein Herz und ſagte: „Es gibt einen Größeren, als ich bin, und er wacht über Dir.“ Theodor ſchaute in ſeine eigene Bruſt, in die verborgenſte Tiefe ſeines Weſens hinab, und ſiehe... auch da ward es Licht. Er fand nicht mehr die frühere Finſterniß und Verwirrung; das Volk der Schatten war gewichen. Und aus deſſen Innerſtem hörte er eine Stimme; es war nicht ſeine eigene, obwohl ſie in ſeiner Seele ſprach, und dieſe ſagte: „Ich bin mit Dir, ich wache!“ „Ewiges Herz, ewige Güte! empfange mein Herz, mein Leben!“ flüſterte Theodor und reckte ſeine Arme gegen das in der Mitternacht wachende Auge aus. Und er umfaßte den kleinen Baum— es war ihm Bedürfniß, etwas zu umfaſſen— und darüber hinge⸗ beug im L ihm. Aufg ſeine feſte ihre nied Mot Ber Hau Die wie Küſf fürc erſt wär gebe brar Erd und fühl bein Küſ der Her auf ſehe war ch dir ein⸗ onne, Schein wach⸗ ein⸗ „mit ihren Ein mpor. n der ühen⸗ Nacht chend ief in wacht in die ühert hatten reine ſie in Herz, Arme aus. r ihm hinge⸗ 117 beugt hing er über dem Abgrund, lächelnd, blühend im Lichte. Und das Licht glänzte heller und immer heller in ihm. Nicht bloß ſein eigenes Weſen, ſein Leben, ſeine Aufgabe wurden ihm klar; auch ſeine Handlungsweiſe, ſeine nächſte Zukunft gewann in dieſem Augenblick eine feſte Geſtalt fur ihn.... Alles wurde ihm klar. Es war eine feſtliche Stunde. Ueberwältigt von ihrer Bedeutſamkeit, warf ſich Theodor auf die Erde nieder und druckte Stirne und Bruſt auf das weiche Moos. Es fiel in dieſer Nacht kein Thau auf dem Berge, und doch iſt das Moos, auf welchem Theodor's Haupt ruht, von Silbertropfen beperlt. So lag er ſtill in einem glückſeligen Traume. Die Sonne begann jetzt zu ſteigen. Wie eine Liebende, wie eine Mutter, die ihren ſchlafenden Liebling mit Küſſen wecken will, aber ſein allzu baldiges Erwachen furchtet, ſo berührten die Sonnenſtrahlen die Erde, erſt zitternd, ſchwebend, flüchtig, daun inniger und wärmer, zuletzt feurig und kräftig. Als Theodor aufſtand, war er von dem Lichte gebadet, das ihn in vollen Strömen umfloß. Die Wälder und die Nacht wurden heller. Es ſauſte und brauſte lebensfriſch, und Vogelgeſang ſtieg von der Erde empor. Auch Theodor ſtand wie neugeboren da und ließ ſich von den warmen Strahlen tüſſen. Er fühlte ſich vermählt mit dem Lichte. Lieber Leſer! erwarteteſt Du ein Liebesabenteuer beim Schein der Mitternachtsſonne, Umarmungen und Kuſſe von Liebenden? Ja, aber rechneſt Du es denn für nichts, wenn der Menſch ſich von Gottes Liebe umfaßt fühlt und ſein Herz Ihm hingibt? Wahrlich! ſchönere Liebesabenteuer gibt es nicht auf Erden. Und wer das erfahren hat, der weiß es. Aber willſt Du etwas von der andern Sorte ſehen, ein Abbild und einen Schein der erſteren, ſo warte. Es wird uns auch daran nicht mangeln, nichts 118 kann fehlen, nichts kann fehlſchlagen, an der Johannis⸗ hochzeit des hohen Nordens, wo der Gott des Lichtes ſelbſt bei den nächtlichen Feſten, den Reigen führt und dem Leben dithyrambiſche Poeſie einflößt, wo Alles im Lichte blüht, Menſch und Moos, Himmel und Erde. Auch Adolph und Ida. Ernſt, bleich in ihrer Seele, vom Lichte abgewandt, war ſie gekommen. Aber als er zu ihr ſprach und ihr ſagte, wie er ſie lieben, wie er ihre finſtern Stunden ertragen, wie er über die Dauer der Nacht warten und wachen wolle, bis ihre Seele wieder Licht gewinne, ihr Herz an ſeiner Treue und Liebe erwärme, wie er es fühle, ja beſtimmt wiſſe, daß er ſie glücklich machen und wiederum durch ſie beglückt werden könne— da, ja da ſchmolz ohne Widerſtand der Schnee um ihr Herz, ihr erſtes Jugend⸗ leben kehrte zurück, ſie glaubte, ſie hoffte, ſie liebte wieder. Ihre Thränen floſſen in ſtiller Glückſeligkeit, aber ſie ſchwieg und widerſtand in ihrem Innern noch immer. Und nun wurden die Liebenden auf eine uner⸗ wartete Weiſe geſtört. Der kleine Knirps, der ſich— wir müſſen es mit Betrübniß melden— ohne alle Achtung vor der Mit⸗ ternachtsſonne, ohne einen Gedanken an die Merkwür⸗ digkeit der Nacht mit den Hunden des Franzoſen auf dem Berg umhergetrieben, wurde, als er auf einmal das ſchöne kleine Mädchen, purpurwangig, bloßarmig, dunkeläugig, im Schein der Mitternachtsſonne leuch⸗ tend wie eine kleine lebendige Flamme vor ſich erblickte — unſer kleiner Knirps wurde gleichſam entzündet und ganz wunderbar betreten. Betreten und ganz ſachte näherte er ſich dem kleinen Mädchen, das während der Zwie⸗ ſprache Ida's mit Adolph allein ſtehen geblieben war, und blickte ſie mit Entzücken und Verehrung an. Aber Naima warf finſtere, nicht ſehr aufmunternde Blicke auf ihn, und die purpurrothen Lippen ſchienen in Stolz zu ſchwellen. Der kleine Knirps kroch zuſammen— er war nie ſo demüthig geweſen— hockte ſich nieder, in⸗ dem er ſchmeichelnd ihre Kniee umfaßte, richtete ſich nnis⸗ ichtes rt und les im rde. ihrer Aber lieben, rüber „ bis ſeiner ſtimmt durch ohne ugend⸗ liebte igkeit, nnoch uner⸗ s mit rkwür⸗ n auf inmal armig, leuch⸗ blickte et und äherte Zwie⸗ twar, Aber Blicke Stolz er er, in⸗ te ſich 1¹9 ſodann auf und ſah ſie beweglich und entzückt an. Die kleine Orientalin dagegen ſtand unbeweglich und warf ihm fortwährend finſtere Blicke zu. Wiederum beugte ſich der kleine Knirps, aber dießmal etwas wenig— der kleine Knirps war in der That nie ſo einnehmend geweſen— und umfaßte das Mädchen etwas höher, aber immer ſanft, ſchmeichelnd, ehrerbietig. Das Mädchen aber blieb unbeweglich und finſter wie zuvor ſtehen. Da wurde es dem Knirps zu weit und doch wieder zu eng um's Herz. Der dritte Act des Schauſpiels war, daß der Knirps, jetzt aber ganz ohne ſich zu bücken, das Mäd⸗ chen recht tüchtig umarmte.— Meine Privatanſicht iſt, der kleine Knirps möchte mit der Zeit ein ſehr gefähr⸗ licher Mann werden.— Aber jetzt begann Naima die Sache in das tragiſche Gebiet hinüber zu ſpielen, denn ſie fing an laut zu weinen, worüber unſer kleiner Knirps höchlich erſchrack und gewaltig beſtürzt wurde. Naima's Klageſchrei war es, der die Eltern in ihrer vertrauten Beſprechung ſtörte und zu den Kindern zu⸗ rückführte, die ein wenig vergeſſen worden waren. Auf den Armen der Mutter tröſtete und beruhigte ſich die fleine Naima bald wieder, und auf den Armen des Vaters erholte ſich der kleine Knirps von ſeiner Be⸗ ſtürzung, hielt aber fortwährend ſeine Blicke wie ge⸗ blendet auf die kleine Purpurflamme geheftet, deren Augen doppelt ſchön ſtrahlten, da große Thränen in ihren Wimpern hingen. Als nun die Eltern im Schutze des Föhrenwaldes mit den Kindern auf ihren Armen ſich wieder einander näherten, da war es ſchön anzu⸗ ſehen, wie Naima's Purpurlippen dem Roſenmunde des Knirpſes zu einem Friedens- und Verſöhnungs⸗ kuſſe entgegenkamen. Aber beinahe im gleichen Augenblick begegneten ſich auch die Lippen der Eltern⸗ Es war ein unwill⸗ kürlicher Zug des Herzens. Ida dachte: ein Abſchieds⸗ fuß! Aber Adolph ſagte: „Das war Dein Ja auf meine Bitte. Ich habe 120 als meine Gattin geküßt. Und das Licht iſt unſer eu e.“ pn war tief bewegt und vermochte nur zu ſtammeln: „Ihre Mutter!... Ihre Mutter!“ „Laß mich Dich zu ihr führen und ſie um ihren Segen bitten. Kehre mit mir, mit uns nach Brages⸗ holm zurück“ „Ach! ſie kann es nicht wünſchen, kann mich nicht als Tochter aufnehmen wollen!“ ſagte Ida.„Und meine Anhänglichkeit an ſie, mein Stolz verbietet mir, gegen ihren Willen.“ „Sie will mein Glück!“ unterbrach Adolph,„und Du biſt vor Gott meine Gattin. Von nun an hat Niemand ein Recht, uns zu trennen.“ Ida ſchwieg eine Weile, dann ſagte ſie:„Wohlan denn, es mag geſchehen! Ich will mit Ihnen umkehren und ſehen, ob ſie mich aufnehmen will und als Tochter lieben kann. Ja, ich will mit Ihnen zurück⸗ kehren.“ „Nenne mich Adolph und Du!“ „Adolph! Du!..“ Aber bei dieſem letzten Wort bengte ſich Ida tief erröthend über den kleinen Knirps und ſchloß ihn in ihre Arme. Adolph war nicht eiferſüchtig. Er nahm die kleine Naima auf ſeinen Arm, und ſie ſah ihn anfangs mißtrauiſch an, dann aber ſchien ſie es zu merken, wie väterlich zärtlich er für ſie fühlte. Doch wir müſſen uns auch wieder ein wenig nach unſern andern Reiſenden umſehen. Der Oberſt hatte ſich auf ein Felsſtück neben Fräulein* geſetzt und rauchte eine Cigarre, um die Mücken— natürlich von den Damen— fernzuhalten. Die Domprobſtin, warm und roth, hatte dem Fräulein gegenüber Platz genommen und verwandte kein Auge von ihr, denn ſie wollte abpaſſen, bis ſie etwas Luſtiges ſagen oder lang genug ausgeruht haben würde, um endlich die franzöſiſche Romanze zu ſingen. Ueber die Mitt ſie g einen licher derſel dig. wund Weiſ Renr hatte geſch Dom Hap dam Seit Deu öffne tran ſpra hölz Reiſ gen zwei ange volk das den hatt und war Flu ſink mat ſtunſer ur zu nihren rages⸗ ch nicht „Und et mir, „und an hat Wohlan nkehren nd als zurück⸗ letzten kleinen oh war ra auf ch an, ärtlich ig nach neben um die halten. räulein Auge uſtiges e, um er die 12¹ Mitternachtsſonne fällten alle Drei das Urtheil, daß ſie ganz und gar nichts Merkwürdiges ſei, ſondern einem großen Käſe, einem Zinnteller oder einem ähn⸗ lichen Ding gleiche. Der Franzos war ungefähr auf derſelben Fährte, er fand Alles da zu wenig merkwür⸗ dig. Er hatte hier eine gänzlich umgekehrte Natur, die wunderlichſten Menſchen und Thiere erwartet, und nun ſah er nirgends etwas Ungewöhnliches. Glücklicher Weiſe hatte er Gelegenheit gefunden, finniſche Haſen, Rennthiergeweihe und Häute zu kaufen, und überdieß hatte er im Schilf ein paar unbekannte, ſchöne Vögel geſchoſſen. Das war einiger Troſt. Das böhmiſche Paar tractirte mit Wein. Die Domprobſtin zog eine Schachtel mit Backwerk aus Haparanda hervor und wartete der ganzen Geſellſchaft damit auf. Daſſelbe erntete großen Beifall, ſelbſt von Seiten des Kammerdieners und der Kammerfrau aus Deutſchland. Die übrigen Gruppen auf dem Berg öffneten gleichfalls ihre Vorrathskörbe, aßen und tranken der Mitternachtsſonne zur Ehre. Inzwiſchen ſprangen kleine Jungen umher, präſentirten Waſſer in hölzernen Bechern und erboten ſich, die Namen der Reiſenden in den Berg einzuhauen. Die Sonne hatte ſich am Himmel emporgeſchwun⸗ gen und es begann ſehr warm zu werden. Nachts zwei Uhr wurde allmälig die Wanderung bergabwärts angetreten. Für die männliche Jugend aus dem Land⸗ volk war ſie ein Wettlauf über Stock und Stein. Aber das Fräulein tanzte an Granquiſt's Arm ihre Menuette den Berg hinab, wie ſie auch bergaufwärts gethan hatte, machte dabei ein paar noch merkwürdigere Pas und ſagte noch luſtigere Dinge. Der Oberſt dagegen war deſperat und die Domprobſtin zerfloß beinahe vor Wärme und Anſtrengung. Als ſie aber wieder im Boot auf dem ſpiegelklaren Fluſſe ſaßen, und als jetzt das Fräulein bei dem milden, ſinkenden Morgennebel ihre ſchmelzende franzöſiſche Ro⸗ manze mit den ſchmachtendſten Moriendos zu fingen 122 begann, da verfielen ſowohl die Domprobſtin als der Oberſt in ſolche Lachparorysmen, daß Letzterer zuletzt eine Uebelkeit befürchtete und ſich mit beiden Händen den Bauch hielt. Allein er fand bald, daß die Bewegung ihm beſonders wohl bekam, und dieſe Entdeckung machte ihn außerordentlich aufgeräumt. Die Fremden, die mit im Boote ſaßen, wußten Anfangs nicht, was ſie von dem ganzen Auftritt halten ſollten, und der Franzos ſah eine Weile ganz verſtört aus. Aber bald wurde ihm das Verhältniß klar, und nun war er entzückt, ein für ihn ganz neues Talent entdeckt zu haben, das Merkwürdigſte, was ihm am Polarkreis aufgeſtoßen. Langſamer begriff das böhmiſche Paar die Sache. Und ob der Kammerdiener und die Kammerfrau jetzt endlich darüber in's Reine gekommen ſind, das weiß ich nicht. Adolph hatte ſich ein beſonderes Boot für ſich, für Ida, die Kinder und Theodor verſchafft. Da ſaß er jetzt an der Seite ſeiner Geliebten, während die Kinder auf einem Laubbett vor ihnen ſchlummerten. Beide ſaßen ſchweigend, aber mit reichen, ſeligen Herzen da. Schon die bloße Gegenwart eines Weſens, zu welchem man ſich in Sympathie hingezogen fühlt, iſt im Stande, die Seele mit überſchwenglichem Glück zu erfüllen. Es liegt in dieſem ſtillen Beiſammenſein eine Vollkommen⸗ heit, welche durch Worte nur geſchwächt oder geſtört werden könnte. Theodor ſaß allein im Vordertheile des Bootes. Er hatte ſich abſichtlich ſo geſetzt, um die Geſichter der Liebenden genan betrachten zu können, denn er fand eine Art von Triumph in dem Gefühl, daß ihre Seligkeit die ſeinige nicht länger ſtörte, daß er ſeinen Freund nicht beneidete, daß Ida für ihn nicht ſo ge⸗ fährlich war, wie er einen Augenblick in ſeinen Fieber⸗ phantaſien geglaubt hatte. Ueber ihre Köpfe hinweg blickte er zur Sonne empor, die mit gedämpften Strah⸗ len durch den Morgennebel drang, der alle übrigen Gegenſtände einhüllte und verdunkelte. Theodor mußte an den erſten Schöpfungstag denken, da die Erde wüſt und le der Tié Ar pferwo mehr a einer L tröſtet, und ſa dort ſc hellgrü ſeln de dahin. A war d Silber Himm ten ſi wande Graſe Cornu oder a die kü zutret Tage ordent bekom ihrer Freun des B vorſte ſie ſie Kinde die g berüh Wirt trocke nun als der zuletzt den den wegung machte die mit ſie von ranzos wurde ckt, ein „ das ſtoßen. e. Und endlich nicht. ch, für ſaß er Kinder Beide e d. mman tande, n. Es mmen⸗ geſtört otes. ſichter Rn er ß ihre ſeinen ſo ge⸗ ieber⸗ inweg Strah⸗ brigen mußte wüſt 123 und leer war. Aber der Geiſt Gottes ſchwebte über der Tiefe und ſprach: Es werde Licht! Auch jetzt erſchien es ihm ſo, und das erſte Schö⸗ pferwort klang durch ſeine Seele. Er fühlte ſich nicht mehr allein, und er blickte zur Sonne empor, wie zu einer Vertrauten, einer Freundin. Sie hatte ihn ge⸗ tröſtet, ihm geleuchtet in der Nacht. Die Nebel ſanken und ſanken, die Sonne ſtieg und flammte. Nur da und dort ſchimmerten durch den weißen Schleier die kleinen, hellgrünen Inſeln hervor. Und hier, zwiſchen den In⸗ k der Seligen, glitten jetzt nur glückſelige Geiſter dahin. Als unſere Reiſenden nach Mattarenghy kamen, war der Nebel gefallen und die Wieſe glänzte wie Silberbrocat. Auf dieſer Wieſe, unter dem ſchönſten Himmel, gefächelt von balſamiſchen Winden, verbrach⸗ ten ſie den ganzen Johannistag, bald hin und her wandernd, bald ruhend auf dem blumengeſchmückten Graſe, unter welchem Ackerbeerblüthen und weißer Cornus hervorglänzten, bald im Schatten der Birfen, oder an dem klaren, ruhigen Fluſſe ſitzend. Sie wollten die kühlere Abendluft abwarten, um ihre Rückreiſe an⸗ zutreten, aber die Fremden waren ſchon am gleichen Tage nach Haparanda zurückgekehrt, weil ſie hier kein ordentliches Wirthshaus finden konnten und Nichts zu bekommen fürchteten. Und bald trat dieſe Gefahr in ihrer ganzen Furchtbarkeit auch unſern ſchwediſchen Freunden entgegen. Die alte Brigitte, die Beſitzerin des Bauernhofes, welcher damals zugleich die Herberge vorſtellte, war nämlich nicht zu Hauſe, denn man hatte ſie ſieben Meilen weit geholt, um eigenhändig einem Kinde ein verrenktes Glied wieder einzurichten, denn die gute Wittwe war weit und breit als Heilkünſtlerin berühmt. Und nun fand ſich auf dem ganzen Hof keine Wirthin vor, auch ſah man nirgends Spuren von trockenen oder naſſen Vorräthen. „Sancta Brigitta!“ ſeufzte der Oberſt,„ſollen wir nun hier unter dieſen wilden Finnen und inmitten all' 124 dieſer Poeſie verhungern?“ Und er legte ſeine Hand 3 den Magen, der ſich aufrühreriſch zu gebehrden chien. „Dunkel ſind unſere Schickſale!“ ſang das Fräu⸗ lein, den tragiſchen Ton des Oberſten nachahmend. „Aber verhungern werden wir, glaube ich, dennoch nicht, wenigſtens heute noch nicht,“ fuhr ſie tröſtend fort.„Ich gedenke die Köchin zu machen. Und ich glaube mich dabei ebenſo gut, ja wohl noch beſſer herauszubeißen, als die ſelige sancta Brigitta.“ „Nein! Seht einmal an!“ ſagte der Oberſt, indem er ihr einen vergnügten Blick zuwarf. „Und ich bitte unterthänigſt um Erlanbniß, die Küchenmagd vorzuſtellen,“ ſagte die Domprobſtin, indem ſie ſich lächelnd verneigte.„Denn dazu werde ich doch wenigſtens taugen.“ „Ei, das wollen wir ſehen,“ antwortete das Fräu⸗ lein mit bedenklicher Miene. Und nun begannen Beide in den Bauerhöfen herumzugehen und die Materialien zu einem Mittagsmahle zuſammenzuſuchen. Aber das hielt ſchwerer, als man glauben konnte. Denn die Bauern der dortigen Gegenden leben um dieſe Zeit bloß von Milch und Brod, ſie haben keine andern Eß⸗ waaren und zünden ſelten ein Feuer auf ihren Herden an. Was Liebende und Philoſophen betrifft, ſo iſt es ihre Pflicht, mit ſolchen Gerichten aus dem idylliſchen Zeitalter vorlieb zu nehmen, im ſchlimmſten Fall ſogar ohne ſie fortleben zu können. Aber ein mannhafter Oberſt mit einem ſehr anſpruchsvollen Magen, eine materielle Domprobſtin und andere eßluſtige Perſonen, die kleinen Herrſchaften Knirps und Naima mit einge⸗ rechnet. Die Küſterwohnung und der Pfarrhof wurden in Contribution geſetzt. Sie halfen auch aus aller Noth, und bald hatte man Vorräthe im Uebeifluß. Als der Oberſt aus dem finniſchen Kirchlein kam, wo er mit Adolph und Ida dem Gottesdienſt angewohnt hatte, fand er das Fräulein mit einer großen, weißen Schürze am Herd ſtehend, dabei von Zeit zu Zeit an . —— — — die Dor möglich lachte, Alles e Küchen De das Fr des gel zuſauge hören, At traut, zubegle chen O liebte ſah es fanden Vertra ganz danken auffine erlabte die ſck Schat kleine zulieb ſie Luſ im G 2 alten Schor ander und gibt ſelben Jetzt gehrli eine ne Hand ebehrden 8 Fräu⸗ ahmend. dennoch tröſtend Und ich beſſer „indem niß, die , indem ich doch s Fräu⸗ n Beide erialien ber das enn die ſſe Zeit en Eß⸗ Herden o iſt es lliſchen l ſogar nhafter n, eine erſonen, einge⸗ wurden s aller luß. in kam, ewohnt weißen Zeit an ———— —.———————— 12⁵ die Domprobſtin Befehle wegen Anſchaffung ganz un⸗ möglicher Dinge erlaſſend, worüber dieſe ſich halb todt lachte, aber beſtändig in der Küche umherſuhr und Alles ausrichtete, was ſie in ihrer Eigenſchaft als Kuchenmagd zu thun vermochte. Der Sberſt ſetzte ſich im Erker des Zimmers, wo das Fräulein regierte, theils um die köſtlichen Düfte des gebratenen Lachſesund eines andern Bratens ein⸗ zuſaugen, theils um die muntern Stimmen daſelbſt zu hören, und rauchte ſeinerſeits eine Cigarre dazu. Adolph hatte ihm ſeinen Roman mit Ida anver⸗ traut, mit der Bitte, ſie Beide nach Bragesholm zurück⸗ zubegleiten, und dieſe Mittheilung hatte unſerm ehrli⸗ chen Oberſten ungemein viel Freude gemacht. Denn er liebte Romane ſowohl im Leben, als in Büchern, er ſah es gern, wenn junge Leute Gefallen an einander fanden, und ganz beſonders, wenn ſie ihn ſelbſt zum Vertrauten ihrer Liebe erhoben. Und jetzt hatte er ganz außerordentlich angenehme und freundliche Ge⸗ danken, während ſeine Naſe die Düfte von der Küche auffing, ſeine Ohren ſich an dem fröhlichen Geplauder erlabten und ſeine Augen Adolph und Ida verfolgten, die ſchön und ſelig im gegenſeitigen Anſchauen im Schatten der Birken umherwanderten, während der kleine Knirps ſeiner kleinen Purpurflamme vom Berge zulieb einen Purzelbaum um den andern ſchlug, damit ſie Luſt bekommen ſollte, ſich mit ihm unter den Blumen im Graſe herumzutummeln. Aber der ungewöhnliche Dampf aus der Küche der alten Brigitta und der Rauch, der wirbelnd aus dem Schornſtein qualmte, lockte außer dem Oberſten noch andere Gäſte herbei. Es kamen mehrere arme, alte und gebrechliche Leute. Denn Arme und Gebrechliche gibt es auch bei Mattarenghy, wiewohl nicht in dem⸗ ſelben Verhältniß, wie in Paris, London und Stockholm. Jetzt kamen dieſe Leute und guckten neugierig und be⸗ gehrlich in die Küche hinein. Auch ein dürrer Hund, eine Katze, die ſicherlich erſt Junge gehabt hatte, und 126 einige gackernde Hühner kamen herbeigeſchlichen. Und das Fräulein gab Allen eine Portion Eſſen, ſagte auch einige Worte dazu, welche Finniſch vorſtellen ſollten, und worüber die Domprobſtin unaufhörlich lachte. Der dürre Hund bekam einen ſaftigen Knochen, die Katze einen Teller voll ſüße Milch, und aus dem vergnügten Gackern der Hühner konnte man abnehmen, daß auch ſie nicht unberückſichtigt geblieben waren. Aber jetzt kam ein zerlumptes, blaßgelbes, noch junges Weib, und die Domprobſtin ſagte: „Nein, der geben Sie Nichts! Sie iſt eine ſchlechte Perſon, wie mir Granquiſt ſo eben ſagte, und hat zwei uneheliche Kinder.“ „Dann muß ſie eine doppelte Portion bekommen,“ erwiederte das Fräulein, damit ſie ihren Kindern etwas mittheilen kann.“ „Aber iſt das auch recht?“ meinte die rechtgläubige Domprobſtin.„Heißt das nicht das Laſter ermuntern?“ „Liebe Domprobſtin,“ verſetzte das Fräulein ſanft, aber ernſt,„laſſen Sie uns nicht allzu ſtreng ſein gegen ſolche arme Geſchöpfe, die ſchon genug zu leiden haben unter ihrer Schande und der Härte ihrer Mitmenſchen gegen einen Fehltritt, der in ihrer Lage oft nicht ſo hoch angeſchlagen werden darf. Die Noth, das Elend dazu— nein, das iſt gar zu hart.“ Und ſie ſagte zu dem Weib: „Verſtehſt Du Schwediſch?“ „Ja,“ antwortete ſie. „Da haſt Du Etwas,“ ſagte das Fräulein,„gib Deinen Kindern. Werde eine gute Mutter, ſo wird der liebe Gott Dich ſegnen.“ Dieſer Zug von Güte ergriff des Oberſten Herz⸗ Er nahm die Cigarre aus dem Mund und— faßte einen Beſchluß. Der Tiſch wurde auf dem herrlichen Blumentuche, unter einer großen dreiäſtigen Birke auf der Wieſe gedeckt. Und wir wagen zu bezweifeln, ob je ein Mittagsmahl den Gäſten ſo wohl gemundet und ſo allgeme war es Gebrate liche At Dann e Pfannkt und ge! beln, L ergötzli Ad Das F und S mit ei Theodo dafür, Der K Löffeln rathen. das E vorübe . Strahl vor ih Meerſc Oberſt Fräule ohne d des Fl ſich ar ſagte: gezeigt gütig D an, de ſeinem ſuhr Und te auch ſollten, e. Der e Katze nügten ß auch nch chlechte at zwei mmen,“ metwas läubige ntern?“ nſanft, ngegen haben enſchen nicht ſo Elend n,„gib ter, ſo n Herz⸗ faßte entuche, Wieſe je ein und ſo 127 allgemeines, herzliches Lob eingeerntet habe. Und doch war es in Bezug auf die Gerichte äußerſt einfach. Gebratener Lachs, gekochter Lachs, Lachs auf alle mög⸗ liche Arten zubereitet, bildete den Hauptbeſtandtheil. Dann gab es noch prächtige dicke Milch und herrliche Pfannkuchen, von des Fräuleins eigener Hand gerührt und gebacken. Der Mangel an Tellern, Meſſern, Ga⸗ beln, Löffeln und Gläſern wurde Veranlaſſung zu dem ergötzlichſten Communismus. Adolph und Ida tranken aus demſelben Glas. Das Fräulein und die Domprobſtin theilten Süßes und Saures, die Eine mit einer Gabel, die Andere mit einem Meſſer bewaffnet. Der Oberſt aß mit Theodor aus demſelben Teller und ſorgte angelegentlich dafür, daß die Tellerſeite des Letzteren nicht leer wurde. Der Knirps und Naima waren nahe daran, mit ihren Löffeln im Milchnapf in einen kleinen Krieg zu ge⸗ rathen. Aber die Eltern legten den Streit bei, und das Eſſen ging in beinahe paradieſiſcher Harmonie vorüber. Es war Abend, die Sonne hatte ihre heißeſten Strahlen gelöſcht, und die Finnen ſtanden oder ſaßen vor ihren Hütten, rauchten aus ihren daumenlangen Meerſchaumpfeifchen und erfreuten ſich der Kühle. Der Oberſt, der eine Zeit lang herumgegangen war und das Fräulein geſucht hatte, fand ſie endlich und zwar allein, ohne die Domprobſtin, auf einem Hügelchen am Ufer des Fluſſes von ihren Mühen ausruhend. Er ſetzte ſich auf einen andern kleinen Hügel neben ihr und ſagte: „Sie haben heute gegen Menſchen und Vieh Güte gezeigt; nun will ich ſehen, ob Sie auch gegen mich gütig ſind.“ Das Fräulein blickte den Redner etwas verwundert an, denn in ſeinem Ton lag etwas Feierliches und auf ſeinem Geſicht eine ganz ungewöhnliche Rührung. Er fuhr fort: „Ich habe Sie zu allen Zeiten für eine geiſtvolle, 1²8 angenehme Dame gehalten. Aber erſt heute habe ich recht eingeſehen, wie autherzig Sie ſind. Ja,“ ſagte er, indem eine ſanfte Rührung ſich über ſein ſchönes, red⸗ liches Geſicht verbreitete,„ja, es iſt zwar nicht viel, was ich Ihnen bieten kann.. ein alter Mann... dazu noch kränklich... aber doch, wenn ein redliches Herz, ein redlicher Wille, Sie glücklich zu machen, einigen Werth für Sie haben, und wenn Sie einen Mann glücklich machen wollen, juſt denjenigen, den Sie hier vor ſich ſehen, recht übermäßig glücklich, ſo nehmen Sie mich! Nehmen Sie meine Hand, mein Herz, Alles, was ich habe und beſitze.“ Und hier ſtreckte er dem Fräulein mit dem Aus⸗ druck der größten Herzlichkeit ſeine Hand hin. Das Fräulein ſaß da und hörte und ſah den Oberſten mit ſteigender Verwunderung an; ſie konnte ihren Augen und Ohren nicht trauen. Endlich brach ſie in ein herzliches Lachen aus. „Sagen Sie mir doch, mein beſter Oberſt!“ rief ſie,“ ſind Sie ein ganzer Narr geworden? Gewiß haben Sie da oben einen Sonnenſtich bekommen!“ „Ja, ja, da ſieht man's,“ ſagte der Oberſt; „jetzt lachen Sie mich aus. Ich hab's auch erwarten können. Aber meinetwegen! Sie können lachen, ſo lang Sie wollen, wenn Sie mir nur glauben... und mich nehmen. Ein Narr! Nie in meinem Leben bin ich ſo klug geweſen, als gerade im jetzigen Augenblick.“ „Dann halten Sie vielleicht mich für närriſch?“ „Ja, aber bloß weil Sie mich dafür anſehen... weil Sie meinen, ich habe einen Sonnenſtich bekom⸗ men. Soll ich's beſchwören, daß ich weiß, was ich ſage, und was ich will?“ „Aber haben Sie denn keine Augen?“ rief das Fräulein.„Sehen Sie nicht, daß ich kein heuriges Häschen mehr bin, daß ich ſchon meine Fünfzig auf dem Rücken habe?“ „Wie alt bin denn ich?“ ſagte der Oberſt,„nicht mehr weit von ſechszig. Und doch wage ich's, zu freien, drein alles d Willen wahrhe ich au noch wenn denn i unſere ſchönes vor ſie Jahre, licher und ſi ein gr und ſi größer verlaf um F und G beim! einan Schat vorzu thut! allen Sie, Unter ſie ni nicht Gatt zum der 2 ich m Ihne ſo vi Di 1 rief Gewiß n. Oberſt; rwarten ſo lang und ben bin nblick.“ riſch?“ en. bekom⸗ was ich ief das euriges fzig auf „„nicht ch's, zu 1²9 freien, mich dem Spotte lachluſtiger Leute und oben⸗ drein der Gefahr eines Korbes auszuſetzen. Aber alles das thue ich dennoch mit vollem Bewußtſein und Willen, und zwar deßhalb, weil ich jetzt weiß, wie wahrhaft gut Sie ſind, und weil ich fühle, daß, wenn ich auch alt und breſthaft bin, dennoch mein Herz noch jung iſt und warm und treu lieben kann. Und wenn Sie auch alt ſind, ſo iſt das nur um ſo beſſer, denn dann werden wir zuſammen alt, während wir unſere Herzen jung behalten. Es iſt immerhin ein ſchönes Stück Leben, das man bei unſerem Alter noch vor ſich haben kann, vielleicht zehn, vielleicht zwanzig Jahre, vielleicht noch mehr. Meine Großmutter väter⸗ licher Seits war volle hundert Jahre alt, als ſie ſtarb, und ſie war noch eine raſche alte Frau. Aber das iſt ein großer Unterſchied, ob man den Weg allein geht und ſieht, wie die Schatten um Einen herum immer größer werden, und wie man immer einſamer und verlaſſener wird.. oder ob Zwei zuſammengehen, um Freud und Leid mit einander zu theilen, Gedanken und Gefühle auszutauſchen, früh und ſpät, Morgens beim Frühſtück, Abends beim Kaminfeuer ſich zu treffen, einander die langen Winterabende, die Zeit der langen Schatten zu verkürzen, mit einander zu leſen, einander vorzuleſen, mit und über einander zu lachen— das thut wohl, wenn man einander lieb hat— und vor allen Dingen, einander lieb zu haben!.. Sehen Sie, jetzt iſt es Abend und die Sonne neigt ſich zum Untergang, aber noch iſt ſie warm und klar, noch geht ſie nicht unter, wenn ſie auch abwärts geht. Kann es nicht ebenſo mit alter Liebe, mit der Freundſchaft treuer Gatten am Abend des Lebens ſein und dieſer dadurch zum heitern Johannisabend werden?... Und hol mich der Teufel, wenn ich Sie nicht ſo herzlich liebe, daß ich mich noch einmal der Gefahr ansſetzen will, von Ihnen ausgelacht zu werden! Ja, lachen Sie über mich, ſo viel Sie wollen, aber nehmen Sie meine Hand, Die Johannisreiſe. 9 130 nien Sie mein Herz ſchon genommen haben. Hier ie! „Wiſſen Sie auch, Oberſt,“ ſagte das Fräulein, indem ein paar helle Thränen aus ihren ſchönen brau⸗ nen Augen rollten,„wiſſen Sie auch, daß Sie der größte Redner ſind, den ich kenne?“ „Bin ich's?“ rief der Oberſt.„Nein, ſehen Sie einmal, das habe ich nicht gewußt. Aber dann muß ich auch überreden können, und Sie müſſen mir Ihre Hand geben. Sonſt werde ich glauben, daß Sie ſich vor meinem Bauche fürchten oder im Ernſte einen Son⸗ nenſtich bei mir annehmen.“ „Es iſt eine große Thorheit,“ ſagte das Fräulein, „aber Sie haben mich wirklich überredet und auf den Glauben gebracht, daß wir ein glückliches Paar werden könnten. Und darum... mag die Welt mich auslachen, ſo lange ſie will. Es ſei!“ „Sie ſind eine Göttin!“ rief der Oberſt entzückt. „O ja, laſſen Sie die Leute lachen, wenn ſie Luſt haben, uns aber laſſen Sie glücklich ſein und die Leute wie⸗ derum auslachen! Laſſen Sie uns in Svpanevik wohnen und leben; dort wollen wir das Kräutlein pflanzen, das alte Liebe heißt, tief in den Herbſt hinein blüht und ſelbſt unter dem Schnee noch grün iſt. Dort ſollen Sie mir helfen, Alles wohl einzurichten und Menſchen und Vieh glücklich zu machen. Und wenn Sie in langen Winterabenden Ihre verworrenen Gewebe auf⸗ niſteln, ſo werde ich Ihnen vorleſen, und das Gewebe des Lebens wird uns wie ein Spiel vorkommen. Zeigt ſich dann auch manchmal ein Knoten im Faden, nun dann.. ſchnupfen wir Eins zuſammen.“ Das Fräulein lächelte, halb gerührt, halb ergötzt und ganz erbaut von dem Rednertalent des Oberſten, aber noch immer mit einem unruhigen Blick in ſich ſelbſt. „Was wird Frau Nordenhjelm ſagen?“ bemerkte ſie. „Daß Sie recht und klug gehandelt haben,“ ant⸗ wortet der Oberſt, wenn ſie überhaupt die gute und kluge Dompt und 2 Niema ſproche Ich w ganz Oberſt wichtis auch, ganz e Sonne überlä auf d Sonſt T drein, Fräul und ſe da wu da der ſchreck ſie ſic ging: ſingen U das F pläne ſehr d des L ſein 1 deln! 2 Adol) t. Hier räulein, en brau⸗ Sie der hen Sie inn muß nir Ihre Sie ſich en Son⸗ räulein, auf den weedeen slachen, entzückt. thaben, ute wie⸗ wohnen flanzen, in blüht rt ſollen Renſchen Sie in ebe auf⸗ Gewebe Zeigt en, nun bergötzt Oberſten, ick in erkte ſie. ant⸗ te n 131 kluge Frau iſt, wie Sie verſichern. Was aber die Domprobſtin betrifft, ſo kommt ſie juſt auf uns zu, und wir können's verſuchen.. 22 „Kein Wort, kein Wort zu ihr und überhaupt zu Niemand, bis ich mit Frau Nordenhjelm darüber ge⸗ ſprochen habe; ſonſt werden wir augenblicklich Feinde. Ich weiß ſelbſt kaum, ob die Sache wahr iſt. Ich bin ganz confus.“ „Wiſſen Sie auch, Frau Domprobſtin,“ ſagte der Oberſt halblaut, indem er ſich mit geheimnißvoller und wichtiger Miene dieſer Dame näherte,„wiſſen Sie auch, daß es mit dem Fräulein übel ſteht? Sie iſt ganz confus, und es ſteht zu befürchten, ſie habe einen Sonnenſtich bekommen. Es iſt deßhalb am beſten, man überläßt ſie ſich ſelbſt oder mir, denn ich verſtehe mich auf dergleichen Dinge und werde über ſie wachen. Sonſt könnte etwas ſehr Ernſtes daraus werden.“ Die Domprobſtin blickte ſo erſtaunt und erſchrocken drein, daß das Fräulein lachen mußte. Aber als das Fräulein wirklich ernſthafter wurde und gedankenvoll und ſchweigend an der Seite des Oberſten einherging, da wurde die Domprobſtin in der That unruhig, zumal, da der Oberſt, ſo oft ſie ſich nähern wollte, ſo ab⸗ ſchreckend und unheimlich mit dem Kopf ſchüttelte, daß ſie ſich nicht heranwagte, ſondern lieber für ſich allein ging und ein Geſicht machte, als könnte ſie mit Orpheus ſingen: „Wohin geh ich ohne meine Gattin!“ Unterdeſſen gewann der Oberſt Zeit, ſein Herz gegen das Fräulein auszuſchütten und ihr all' ſeine Zukunfts⸗ pläne mitzutheilen; es wurde ihr immer klarer, wie ſehr der Oberſt Recht hatte mit ſeiner Bemerkung, daß des Lebens Sonne ſelbſt noch beim Untergang warm ſein und den Abend in einen Johannisabend verwan⸗ deln könne. Während ſie ſo gingen und ſprachen, während Adolph und Ida gegenſeitig aus ihren Licht 132 tranken, während der Knirps und Naima, ſtill im Graſe ſitzend, Kränze zu flechten verſuchten, brauste auf der Höhe die Orgel in der Kirche zu Mattarenghy h genit wie ſie ſeit mehreren Jahren nicht gebraust atte. Denn vor vielen Jahren, ſo erzählte man ſich, hatte ein Mann aus Stockholm, ein großer Muſiker, ſich als Organiſt dieſen abgelegenen Winkel der Erde aufgeſucht. Er hatte manche Eigenheiten und Wunder⸗ lichkeiten, namentlich auch ein menſchenfeindliches Ge⸗ müth; aber er wußte die Orgel ſo zu ſpielen, daß man das Alles vergaß und in Entzücken gerieth. Und wenn der Geiſt über ihn kam, ſpielte er mitunter allein in der Kirche bis tief in die Nacht hinein, ſo daß es denjenigen, die ihn von der Ferne hörten, wunderbar zu Muth wurde und ihnen die Thränen in die Augen traten. Jetzt war der alte Organiſt ſchon mehrere Jahre todt und ſeitdem war es in der Kirche zu Mat⸗ tarenghy wie ausgeſtorben geweſen. Aber dieſen Abend hörte man die Orgel wie in früheren Tagen, nur daß die Töne lieblicher, freundlicher klangen. Und die Leute rings umher, welche ſie brauſen hörten, lauſchten mit Verwunderung, und Mancher ſagte, es ſei der Geiſt des Alten, der in der Kirche ſpuke und die Orgel ſpiele. Aber daß ſein unruhiger Geiſt jetzt gewiß Frie⸗ den gefunden habe, das höre man an der Muſik. Und ſo war es auch. Der Geiſt, der die Töne bewegte, hatte Frieden gefunden, Theodor dichtete in dieſer Nacht eine Hymne auf die ewige Sonne. Die Rückreiſe in der hellen, kühlen, von Wohlge⸗ rüchen erfüllten Nacht war ſchön. Ida hätte immer ſo zu fahren, an Adolph's Seite durch duftende Wälder zu kommen gewünſcht. Ihr bangte vor der Ankunft auf Bragesholm. Aber Alle hatten eine geheime Bangigkeit: Adolph, das Fräulein, der Oberſt. Vor ihnen unruhi billiger dachte ſchung allein und ſc bevorſt ſchweig mehr e geſeufz 7 erlebt, würdig A eine 1 gebacke zimme macht, geſetzt, Wort, ruhige Hof p eine AL Brette ging 2 und a aber d in ho wollen thum ſie ſel! ſtill im brauste tarenghy gebraust nan ſich, Muſiker, der Erde Wunder⸗ ches Ge⸗ daß man d wenn allein in daß es underar ie Augen mehrere zu Mat⸗ en Abend nur daß die Leute chten mit der Geiſt ie Orgel wiß Frie⸗ ſik. die Töne ichtete in Wohlge⸗ e immer e Wälder Ankunft geheime rſt. Vor 133 ihnen Allen ſtand Frau Cäcilien's ſo freundliche und ſanfte Geſtalt in einem beinahe fürchterlichen Lichte. „Was wird ſie wohl denken? was wird ſie wohl ſagen?“ war der geheime Gedanke Aller. Und Alle hatten eine unruhige Ahnung, ſie möchte das Geſchehene nicht billigen, nicht damit zufrieden ſein. Auch Theodor dachte an ſie, an ſie und die Innerſte, mit einer Mi⸗ ſchung von Unruhe und Sehnſucht. Die Domprobſtin allein ſaß in ihrer Unſchuld ruhig da, dachte an Nichts und ſchlummerte halb. Aber hätte ſie gewußt, was bevorſtand und welche Gefühle und Gedanken ihre ſchweigſamen Begleiter beſchäftigten, dann würde ſie mehr als je in Staunen gerathen ſein und mit Recht geſeufzt haben: „Was für Abenteuer, was für Abenteuer man doch erlebt, wenn man auf der Reiſe iſt! Ja, ſie ſind merk⸗ würdig, gar zu merkwürdig!“ Auf Bragesholm herrſchte während dieſer Zeit eine ungewöhnliche Regſamkeit. Da wurde gefeuert, gebacken, gebraut, geputzt und geſchmückt. Die Gaſt⸗ zimmer wurden ausgeſtäubt, friſche Vorhänge aufge⸗ macht, die Vorräthe der Böden und Keller in Bewegung geſetzt, die verſchloſſenen Schränke geöffnet; mit Einem Wort, es wurde gewaltig gerüſtet, aber Alles auf eine ruhige, harmoniſche Weiſe. Draußen dagegen auf dem Hof peitſchte und klopfte man ganz unbarmherzig auf eine Menge Polſter und Kiſſen, die auf Tiſchen und Brettern ausgebreitet lagen. Und mitten unter ihnen ging Jungfer Liſe mit einem Stock in der Hand, ſteif und aufrecht, wie eine Kerze, mit wichtiger Miene, aber doch freundlicher, als gewöhnlich. Denn ſie beſaß in hohem Grad, was wir Eigenthumsſinn nennen wollen, und ſie freute ſich, das Haus reich an Eigen⸗ thum zu ſehen, namentlich an gutem Bettzeug. Auch ſie ſelbſt hatte allerlei Eigenthum zu einem hübſchen, 134 kleinen Wohnſitz zuſammengelegt. Und obſchon es ihr Glaube und ihr Spruch war, daß ſie niemals viel auf die„Mannsbilder“ gehalten habe, worüber man ſich gewiß nicht verwundern könne, ſo war ſie doch beinahe beſtändig von Freiern umgeben— von Freiern um ihre Beſitzthümer, vermuthen wir. Frau Cäcilie ging überall umher, mit ſicherem Hausmutterblick, einem ganz beſondern Blick, den man ſich nicht geben kann, wie man will, Alles ordnend und beſtimmend. Man ſah, daß Frau Cärilie ſich auf ein großes Gaſtmahl vorbereitete, und dabei war ihre Miene heiterer, ihr Scherz friſcher, als gewöhnlich. Man ſah— die Innerſte wenigſtens ſah es— daß frohe Gedanken in ihrer Seele wohnten, daß ſie ſich glücklich fühlte, nunmehr ihren Beutel öffnen zu können, ihre Mittel ſich vermehren zu ſehen und ihrer Neigung zur Freigebigkeit und Gaftfreiheit folgen zu dürfen. Ueberdieß hatte auch ſie, wie jede wahre Hausfrau, Eigenthumsſinn: es freute ſie, ihr Haus ſo wohl aus⸗ geſtattet und ſo reich an guten Vorräthen aller Art zu ſehen. Aber frohe Gedanken ſind Gäſte, oft flüchtige Gäſte, die ſelten lange in demſelben Hauſe verweilen. Frau Cäcilie ſtand auf dem Altan und ſchaute auf den Weg hinaus, wo ſie ein paar Wagen heranfahren ſah. Im Hauſe war Alles gerüſtet, um die erwarteten Gäſte aus Nord und Süd, aus Oſt und Weſt zu empfangen. Und Frau Cäciliens Herz ſchlug ſtärker und fröhlicher, als ſeit manchem Jahre, bei dem Ge⸗ danken an die bevorſtehende Zuſammenkunft, die allen Geſchäftsbekümmerniſſen ein glückliches Ende machen und die Stellung der Familie auf immer ſichern ſollte, denn Adolph und Charlotte, ſo hoffte und glaubte ſie, ſollten ſich heirathen und ihr eine Stütze und Beruhi⸗ gung für ihr Alter, ſowie für Ina's Zukunft gewähren. rau Cäcilie ſah ſich im Geiſte von ihren Kindern umgeben, auf Bragesholm, wo Adolph und Charlotte das Gut verwalteten, ſie ſelbſt den Andern ihren Antheil zuwies gepflegt Glück, ſah kle Schößl weit, v D jetzt ke Thüre ſenden. Adolph ſah, d liche 2 Sie n druck: bewillk fangen ein G keine mittelk ſenden Fridol Frau Frau einen einige: Es we ein ei holm ſtellt gedrur nenver prächt Hände Ausſe U kam a es ihr iel auf an ſich beinahe n um ſicherem en man ordnend ſich auf ar ihre öhnlich. — daß ſie ſich können, Keigung dürfen. usfrau, hl aus⸗ er Art lüchtige weilen. ute auf nfahren arteten Weſt zu ſtärker em Ge⸗ ie allen machen ſollte, ibte ſie, Beruhi⸗ vähren. dindern harltte Antheil 135 zuwies und dann mitten unter ihnen lebte, von ihnen gepflegt und ſie pflegend, glücklich durch der Kinder Glück, geehrt durch ihre Würde und ihr Anſehen. Sie ſah kleine Pflanzen an ihre Kniee emporwachſen, wie Schößlinge um den Mutterſtamm; ſie blickte träumend weit, weit hinaus in die Zukunft und lächelte. Die Reiſewagen fuhren näher und immer näher; jetzt kamen ſie in den Hof, jetzt hielten ſie vor der Thüre an. Der erſte Wagen brachte die Sonnenrei⸗ ſenden. Als Frau Cäcilie Ida zurückkommen und Avolph ſie aus dem Wagen heben und in's Haus führen ſah, da ging ihr ein Stich durch's Herz; eine ängſt⸗ liche Ahnung des Vorgefallenen bemächtigte ſich ihrer. Sie war blaß und, konnte ſich ihren unruhigen Ein⸗ druck nicht ganz verhehlen, als ſie die Zurückkehrenden bewillkommte; aber auch dieſe waren nicht ſo unbe⸗ fangen und offenherzig wie gewöhnlich. Jedes hatte ein Geheimniß auf ſeinem Herzen. Aber jetzt war keine Zeit zu Eröffnungen und Erklärungen, denn un⸗ mittelbar nach dieſen erſten Gäſten erſchienen die Rei⸗ ſenden aus dem ſüdlichen Schweden, der älteſte Sohn Fridolph, der Beamte, der ſanfte Bruder, und ſeine Frau Amalie mit ihren zwei Kindern und Charlotte, Frau Cäcilien's zweiter Tochter. Zugleich brachten ſie einen unerwarteten Gaſt mit, den Frau Cäcilie mit einiger Verwunderung, aber ſehr freundlich empfing. Es war der Capitän Reinhold Rapp, der bisher bloß ein einziges Mal zu einem kurzen Beſuch auf Brages⸗ holm geweſen und nun von Fridolph beſonders vorge⸗ ſtellt wurde. Er war ein kleiner Mann von kräftigem, gedrungenem Wuchs, mit einem runden, friſchen, ſon⸗ nenverbrannten Geſicht, lebhaften braunen Augen und prächtigen Zähnen, ſehr ſchönen, obſchon etwas braunen Händen, ein recht angenehmer Mann, deſſen ganzes Ausſehen guten Humor verrieth. Und juſt als alle dieſe Gäſte gekommen waren, kam auch die Mittagsſtunde. Bald ſaß Alles zu Tiſche. Es lebe der Capitän Reinhold Rapp! Ihm hatte 136 man's zu verdanken, wenn die gezwungene, befangene Stimmung nicht zu Tage kam, worin ein Theil der Geſellſchaft ſich befand, und wenn das Schweigen der meiſten Gäſte Niemanden auffiel, denn Capitän Rapp ſprach beinahe unaufhörlich, dabei ſehr laut und ſo, daß man ihm gerne zuhörte. Es war vor Kurzem in der Provinz zu gewaltſamen Auftritten gekommen, weil ein roher Bauernhaufe eine Verſammlung der ſoge⸗ nannten Leſer während ihres Gottesdienſtes überfallen hatte. Capitän Rapp war bei dem Vorfall zugegen geweſen, hatte die Partei der Verfolgten ergriffen, ſie, vor weiterer Gewalt geſchützt und das Anſehen Sr. Königlichen Majeſtät ſowie des Geſetzes kräftig aufrecht⸗ erhalten. Als nun Frau Cäcilie einige weitere Mit⸗ theilungen über dieſe Ereigniſſe wünſchte, ſo gab dieß dem Capitän Rapp eine glänzende Veranlaſſung, ſein Beſchreibungs⸗ und Erzählungstalent zu entwickeln. Und daß dabei Capitän Reinhold Rapp ſelbſt als handelnde und redende Perſon im Vordergrund ſtand, daß man aus ſeinen Munde oft die Worte vernahm: „Da ſagte ich,“ das war bloß natürlich und noth⸗ wendig, wenn man ſich auch anfangs ein wenig daran ſtieß, ſo fand man ſich doch zuletzt ganz gern darein, man ergötzte und intereſſirte ſich bei der Darſtellung, man verſetzte ſich ſo zu ſagen mitten in die Sache und Erzählung hinein. Denn daß Capitän Reinhold Rapp nie etwas Anderes ſagte, als was von Entſchloſſenheit und kluger Einſicht zeugte, das war augenſcheinlich, man fühlte, hörte und begriff es; auch konnte es Niemanden einfallen, auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß Capitän Reinhold Rapp vielleicht nicht Alles ganz genau ſo gethan, geſagt und ausgerichtet habe, wie er jetzt erzählte. Denn man hörte und be⸗ griff, daß Alles zuſammen die reinſte Wahrheit, und daß Reinhold Rapp ein tüchtiger, braver Kerl war. Und es half nichts, er riß alle ſeine Zuhörer mit ſich fort; man mußte mit ihm fühlen und denken, ſich er⸗ zürnen und lachen. ( Luft lich ſ Päon Erzäl Anſp ſchwe unrul ihrer Blick da ſc Mäd ſehr die ſ Zähn Töch war hatte mutt wöhr befat ſchli ein Aeuf San höch ſehr war und vorn die Cäc war fangene i der gen der n Rapp und ſo, rzem in n, weil er ſoge⸗ erfallen zugegen fen, ſie. en Sr. ufrecht⸗ e Mit⸗ ab dieß gſein wickeln. bſt als ſtand, rnahm: noth⸗ daran darein, tellung, che und d Rapp ſſenheit einlich, nte es daran t nicht erichtet ind be⸗ t, und lwar. nit ſich ich er⸗ 137 Charlotte war an dieſem Tag vielleicht von der Luft zu ſehr angegriffen. Gewiß iſt, daß ihre gewöhn⸗ lich ſchöne Röthe jetzt gar zu viel Aehnlichkeit mit der Päonie hatte. Ebenſo gewiß iſt aber auch, daß die Erzählungen des Capitäns Rapp ſie ganz beſonders in Anſpruch nahmen. Immer und immer wieder jedoch ſchwebten ihre Augen in raſcher Wendung und mit unruhig fragendem Ausdruck von dem Capitän zu ihrer Mutter hinüber. Und als ſie Frau Cäciliens Blicke meiſt auf den lebhaſten Erzähler geheftet ſah, da ſchien ſie freier zu athmen. Charlotte war wirklich ein ſchönes, angenehmes Mädchen und ſah trotz ihrer ſiebenundzwanzig Jahre ſehr jung aus. Sie war friſch und ſtark und hatte die ſchöne Farbe, die hellblauen Augen, die weißen Zähne, das runde Geſicht, wodurch ſich die jungen Töchter Norrlands ſo angenehm auszeichnen. Sie war, wie Ina ſagte, ein prächtiges Mädchen und hatte alles Zeug für eine vortreffliche Frau und Haus⸗ mutter. Aber, daß ſie ſich jetzt nicht gerade in ihrer ge⸗ wöhnlichen, fröhlichen und freimüthigen Stimmung befand, das konnte Niemand entgehen, der nicht aus⸗ ſchließlich an ſich allein dachte. Fridolph, der Beamte, der ſanfte Bruder, war ein hübſcher Mann von einem feinen, diſtinguirten Aeußern, das von mehr als gewöhnlicher Güte und Sanftmuth zeugte; Schwägerin Amalie ſah wie eine höchſt anſtändige, wohlgebildete Dame aus und wußte ſehr gut eine Converſation zu leiten. Die Kinder waren, wie man ſie nur wünſchen mochte, ein Knabe und ein Mädchen, wohl erzogen; nur ſahen ſie etwas vornehm auf den kleinen Knirps und auf Naima herab, die ihnen viel zu ländlich waren. Nachmittags kamen bald noch andere Gäſte. Frau Cäcilie konnte keinen Augenblick Ruhe finden, und es war unmöglich, mit ihr unter vier Augen zu ſprechen. Charlotte ſuchte das Fräulein auf, die ſich auf ihr 138 Zimmer zurückgezogen hatte, und ſobald ſie hinein ie: kam, rief ſi „Nein, jetzt muß ich doch mit Jemand ſprechen und mein Herz erleichtern, ſonſt zerſpringt es mir. Es iſt nicht möglich, mit Mama ein Wort zu reden! Und mit Ina ebenſo wenig. Dieſer Künſtler da, Herr Theodor, glaubt ſich allein berechtigt, ihr Ohr zu beſchäftigen. Nun mußt Du mich anhören, Tante, mir rathen und wo möglich— auch helfen.“ „Sprich, ſprich doch, liebes Kind,“ antwortete das Fräulein.„Ich habe geſehen, daß Du den ganzen Areſkuta auf der Bruſt haſt und nicht recht athmen kannſt. Wirf ihn ab, erleichtere Dich, ich bin bereit, Deine Laſt zu theilen.“ „Und lache mich nur nicht aus, Tante, denn es ſteht gar nicht zum Beſten mit mir.“ „Gott ſteh' uns bei, liebes Kind! Sprich, was iſt's? was gibt's?“ „Ach ja! Es iſt. daß ich. daß ich mit dem Capitän Rapp verlobt bin, d. h. daß ich ihm mein Ja⸗ wort gegeben habe, unter der Bedingung, daß Mama das ihrige auch gibt. Er iſt jetzt da, um von Mama meine Hand zu begehren, und ich habe ſchrecklich Angſt, Mama möchte bös werden, möchte nicht gut dazu ſehen. Denn Mama kennt im Grund den Capi⸗ tän Rapp gar nicht und hegt keine Ahnung von un⸗ ſerer Abſicht, ſondern hat, wie ich wohl weiß, ganz andere Gedanken für mich, und zwar ſchon ſeit ſechs Monaten. „Sieh, Tante! Seit Virginia's Tod konnte ſich Adolph nirgends wohl fühlen, als hier bei uns, bei Mama, Ina und mir. Und wenn er ſehr betrübt war, dann kam Mama mit dem kleinen Knirps auf den Armen zu ihm und zeigte ihm, was für ein hübſcher, munterer Junge er ſei. Und wenn Adolph bei Nacht nicht ſchlafen konnte, ſo ging Mama zu ihm hinauf, weinte mit ihm, oder ſprach mit ihm und tröſtete ihn; auch gefiel es ihm wohl, wenn er mich ſpielen und ſinget verba wurd läugt dama ich ſ wünſ Verw überl bei kann recht Adol gena geda Geda laſſer Geſu bei Verb reiſte lerw Adol iſten imm Win für theil auch meht ande terſc Eine aber und Aber da ſ auch hinein rechen ir. Es Und er, ftigen. nund te das anzen thmen bereit, nn es „was t dem n Ja⸗ Rama Mama cklich tut Capi⸗ nun⸗ ganz ſechs e ſich „bei war, den ſcher, Nacht nauf, ihn; und 139 ſingen hörte. Und ſo wurde er allmälig heiterer und verband ſich immer feſter mit uns. Und da— da wurde auch ich anhänglich an ihn, das kann ich nicht läugnen. So verging ein Jahr, und ich weiß, daß damals in Mama der Gedanke entſtand, Adolph und ich ſollten ein Paar werden, und daß ſie es ſehr wünſchte. Ich weiß auch, daß ſie daran denkt, die Verwaltung von Bragesholm künftig an Adolph zu überlaſſen, und daß ſie den Wunſch hat, dann bei ihm, bei— uns zu bleiben. Woher ich alles das weiß, kann ich nicht ſo genau ſagen und weiß es ſelbſt nicht recht, denn Mama hat zu mir nie ein Wort über Adolph und mich geſagt. Aber ich weiß es dennoch genau, daß ſie ſo gedacht hat, und daß auch ich ſo gedacht habe, und ich glaube, Adolph hat dieſelben Gedanken gehabt. So ſtand es, als Adolph uns ver⸗ laſſen und in's Ausland reiſen mußte, theils ſeiner Geſundheit, theils der großen Fabrikgeſellſchaft wegen, bei welcher er betheiligt iſt, und deren auswärtige Verbindungen er erweitern und befeſtigen ſollte. Er reiſte und blieb beinahe anderthalb Jahre aus. Mitt⸗ lerweile lebten wir ſehr ſtille hier in Bragesholm. Adolph ſchrieb nicht oft— denn das Briefſchreiben iſt nicht ſeine Sache— und bald wurden ſeine Briefe immer ſeltener und kürzer. Und ſo kam der unendliche Winter, der hier oben ſo unerträglich lang iſt, zumal für uns, die wir mit Niemand zuſammenkommen, theils weil die Nachbarſchaft zu weit entfernt iſt, theils auch um der lieben Sparſamkeit willen, die freilich mehr nützlich als angenehm iſt. Da iſt ein Tag dem andern ſo abſcheulich gleich, daß man gar keinen Un⸗ terſchied wahrnimmt und Alles ein ſchauderhaftes Einerlei iſt. Mama iſt ſo vortrefflich und ſo gut, aber theils hat ſie ſehr viel mit ihren Angelegenheiten und ihren Rechenbüchern zu thun, bald kann ſie ganze Abende lang, manchmal ſogar bis zwei Uhr Nachts, da ſitzen und für die Brüder flicken und ſtricken, oder auch feinen Flachs zu Tiſchzeug ſpinnen, während Ina ihr vorlieſt. Oder auch kann ſie beim Mondſcheine, ja ſogar auch in der Nacht, wenn die Lichter ausgelöſcht ſind, in der großen Freude auf und ab ſpazieren. Mit einem Wort, Mama weiß nicht, was Langeweile iſt. Freilich hat ſie auch in der Welt ſo viel geſehen, ge⸗ hört und erlebt, daß ſie jetzt von ihren Erinnerungen zehren kann. Aber was habe denn ich für Erinnerun⸗ gen, um damit an Winterabenden im Mondſchein herumzuſpazieren, ich, die ich, mit Ausnahme des letz⸗ ten Winters, niemals von Bragesholm weggekommen bin und überhaupt ſeit meiner Geburt nie etwas Be⸗ ſonderes erlebt habe? Und Spinnen iſt das aller⸗ ſchläfrigſte Geſchäft, das ich kenne, und für die Brü⸗ der zu flicken! Gott ſegne die guten Jungen! aber es war rein unerträglich. Und all' die guten Geſchichts⸗ bücher, an denen Mama und Ina ſo großes Gefallen fanden, Livius Patavini, Sturleſon u. Comp., die bringen mich nur zum Gähnen, und ich vergeſſe immer gleich wieder, was darin ſteht. Ich möchte weit lieber von Zeit zu Zeit einen Roman leſen und manchmal Abends ein Tänzchen, bei Tag eine Schlittenpartie, dazwiſchen⸗ hinein einen kleinen unſchuldigen Geſellſchaftsſpektakel haben, und im Uebrigen recht tüchtig anordnen und beſtellen in der Welt— ich meine in meiner eigenen kleinen Welt. Denn hier im Hauſe komme ich mit meinem Thätigkeitstrieb nie auf einen grünen Zweig. Alles ging hier bereits wie ein Uhrwerk, als ich zu vernünftigen Jahren kam. Mama thut ſo viel ſelbſt, und die alte Liſe würde glauben, die Welt gehe unter, wenn ich einmal auf eigene Fauſt Etwas im Hauſe thäte. Ich hatte daher nichts Anderes zu thun als ſtille zu ſitzen und zuzuſehen, denn das Bischen We⸗ ben und Clavierſpielen rechne ich für nichts. Und von Jahr zu Jahr wurde es mir ſchwerer und ſaurer, ſo ruhig in der Welt zu ſitzen. Ich dachte juſt darauf, eine Fabrik einzurichten oder irgend ein Gewerbe zu ergreifen, als Virginia ſtarb und Adolph hieher kam, um hier zu wohnen. Der Winter, in welchem er fort⸗ gerei irger nach niß, brin treffl iſt, ſo ſamt ſcha in 1 ſamt und ſchw über unte Kint praſ was glöc Mü der Cap ein uns mit noch Ma zu 1 kunſ ang gele ben. zähl ne, ja löſcht .Mit le iſt. „ ge⸗ ungen erun⸗ ſchein s letz⸗ mmen s Be⸗ aller⸗ Brü⸗ er es ichts⸗ fallen ingen gleich r von bends ſchen⸗ ktakel und genen mit weig. ch zu ſelbſt, nter, Hauſe nals We⸗ n 6 rauf, be zu kam, fort⸗ 141 ereiſt war, wurde jetzt unerträglicher und länger, als irgend ein anderer geweſen. Ich ſehnte mich ordentlich nach einem Erdbeben, irgend einem beliebigen Ereig⸗ niß, das in unſer ewiges Einerlei eine Abwechslung bringen würde. Denn obſchon Mama eine ganz vor⸗ treffliche und vollkommene Frau, Ina aber ein Engel iſt, und die Beiden herrlich mit einander auskommen, ſo paßt doch ihre und meine Gemüthsart nicht zu⸗ ſammen, und keine von ihnen iſt eine rechte Geſell⸗ ſchaft für mich. „An einem Februartag, voller Schnee, ſaßen wir in unſerer gewöhnlichen allerliebſten Einſamkeit bei⸗ ſammen, Mama ſpann drinnen bei Ina und ich nähte und gähnte, während Ina mich die Namen aller ſchwediſchen Könige von Guſtav Waſa überhörte und über meine Zerſtreutheit und meine Mißgriffe lachte. Da hörte ich auf einmal Schellengeläute vom Hofe unten und ſagte: Mama, ein Schlitten!— Nein, mein Kind, ſagte Mama, es kommt nur vom Ofen her. Denn wir hatten ſo eben die Klappe geſchloſſen und es praſſelte wirklich im Ofen, aber das war es nicht, was ich hörte, ſondern es waren wirkliche Schlitten⸗ glöckchen. Ich ſchaute alſo zum Fenſter hinaus, und da ſah ich wirklich einen Herrn mit militäriſcher Mütze und hübſcher, rother Schärpe aus einem vor der Thüre ſtehenden Schlitten ſteigen. Und das war Capitän Rapp, der auf Beſuch kam und mit Mama ein kleines Geſchäft abzumachen hatte. Er blieb bei uns, trank Thee und unterhielt ſich drei Stunden lang mit uns. Und wie die Stunden entflogen! Ich meinte noch nie einen ſo angenehmen und unterhaltenden Mann, wie dieſen Capitän Rapp, geſehen und gehört zu haben. Alles wußte er, über Alles konnte er Aus⸗ kunft ertheilen und ſprechen, und er ſprach gut und angenehin. Ich meinte in dieſen drei Stunden mehr gelernt zu haben, als in meinem ganzen übrigen Le⸗ ben. Von Norrland vollends wußte er Alles und er⸗ zählte von Volk und Land ſo intereſſante Dinge, daß 142 es Einem ganz warm um's Herz wurde. Mama ſelbſt ſagte, ſie würde dieſen Beſuch für keinen Thaler her⸗ geben; ſo gut hatte ſie ſich dabei unterhalten und ich ebenfalls. Und ich dachte in meinem Herzen, es müßte ſehr erfreulich ſein, mit einem ſo angenehmen Manne, wie Capitän Rapp, recht oft in Geſelſchaft zuſammen⸗ zukommen. Einen ſo vergnügten Abend bekamen wir den ganzen Winter nicht mehr. Und nun im letzten Winter oder vielmehr Herbſt, als wir wieder ganz allein waren und Mama mich immer blaſſer und ma⸗ gerer werden ſah— ſie meinte, aus Gram um Adolph, und ich grämte mich auch wirklich um ihn, aber nicht ſo ſehr, ſondern es war mir nur zu einſam und lang⸗ weilig, da ſchrieb ſie an Fridolph, er ſolle kommen und mich über den Winter nach H. zu ſich nehmen, damit ich mich zerſtreuen und in Bällen und Geſell⸗ ſchaften eine Unterhaltung finden könne. Und damit waren wir alle wohl zufrieden. Denn Fridolph und ich⸗ halten große Stücke auf einander, obſchon Schwä⸗ gerin Amalie mir etwas zu ſchnippiſch iſt, und ich ihr— glaube ich— viel zu landpomeranzenmäßig und dummdreiſt vorkomme. Aber in der Nähe von H. wohnte Capitän Rapp, und ſeit ich in der Stadt war, kam auch er oft dahin, veranſtaltete Schlittenpartien und Bälle, und lud mich jedesmal dazu ein, ſo daß ich einen ungeheuer luſtigen Winter hatte und auf mehr als dreißig Bällen tanzte. Da erfuhr ich denn von vielen Leuten, was für ein braver und ehrenwerther Mann Capitän Rapp iſt, in welch hoher Achtung er ſteht und wie man ihn überall ſo gerne ſieht. Und als ich jetzt wieder nach Bragesholm zurückreiſen ſollte, und Capitän Rapp meine Hand feſthielt und ſagte, er könne mich unmöglich loslaſſen, denn ich habe ihm ſein Herz geraubt, da merkte ich, daß auch er das meinige beſaß, und da— waren wir verlobt, ehe ich's noch recht wußte. Denn er iſt ſo lebhaſt und haſtig in Allem, was er unternimmt... Und jetzt kommt Alles darauf an, wie Mama die Sache anſieht. Ich weiß ſchon Frau erwac Fabri Euch und dazu Und eben Abſic unang Verlo geneh und l gemat Aber paſſen zu me alltäg er mi Abbil wir p einan wenn Denn thut, ſchwei ſein k das h wollte glückl ſoll i. 7/ „dann eheen ihr ge er ihr ſelbſt r her⸗ nd ich müßte kanne, nmen⸗ nwir letzten ganz d ma⸗ dolph, nicht lang⸗ mmen hmen, eſell⸗ damit h und chwä⸗ nd ich näßig on H. war, artien aß ich mehr n von erther ng er d als ſollte, te, er ſein einige noch ig in Alles weiß 143 ſchon, was ſie ſagen wird. Sie iſt ſo eine beſondere Frau, und hat zu ihren Kindern, ſobald ſie einmal erwachſen waren, namentlich auch zu mir, als ich meine Fabrikpläne im Kopf hatte, immer geſagt:„Macht Euch glücklich, auf welche Art Ihr's am beſten findet und am liebſten wollt. Ich will alles das Meinige dazu beitragen, daß es Euch nach Wunſch ergeht.“ Und wir wiſſen auch, daß Mama Wort hält. Aber eben deßhalb auch dieſe Bangigkeit, wenn man ihren Abſichten entgegenhandelt und Etwas will, das ihr unangenehm ſein könnte. Und nun weiß ich, daß meine Verlobung mit Capitän Rapp für Mama bloß unan⸗ genehm ſein kann, denn ſie kennt ihn faſt gar nicht und hat ſich ſchon allzu ſehr mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß Adolph und ich ein Paar werden ſollten. Aber das wäre kein Glück geweſen, denn im Grund paſſen wir gar nicht für einander. Er iſt zu hoch und zu melancholiſch für mich, und ich bin für ihn viel zu alltäglich. Wir wären nie ſo glücklich geworden, wie er mit Virginie geweſen, die in jeder Beziehung das Abbild Mama's war. Aber Capitän Rapp und ich, wir paſſen zuſammen und werden in Luſt und Leid mit einander durch's Leben tanzen, wenn nur Mama, ach! wenn ſie nur gewiß Ja ſagt und damit zufrieden iſt. Denn wenn Mama jetzt Ja ſagt, was ſie ganz gewiß thut, aber nicht vergnügt iſt, ſondern blaß und ſo ſchweigſam wird, wie ſie manchmal in trüben Stunden ſein kann, und wenn dann auch Adolph traurig würde, das hielte ich nicht aus, und es möchte gehen, wie es wollte, ſo wäre ich, wenigſtens für den Anfang, un⸗ glücklich. „Und nun ſprich, gib mir einen guten Rath. Wie ſoll ich mich benehmen? Was ſollen wir thun?“ „Warte bis morgen,“ antwortete das Fräulein, „dann aber ſage Alles und ſprich mit Deiner Mutter, ehe noch Rapp es thut. Aber warte, bis Adolph mit ihr geſprochen hat. Ich müßte mich ſehr irren, wenn er ihr nicht Etwas anzuvertrauen und ein Bekenntniß 144 abzulegen hat, das Dir den Weg ſehr leicht und eben machen wird. Wenn mich nicht alle Zeichen und meine eigenen, guten Augen täuſchen, ſo hat Adolph bereits eine Gattin gewählt— aber nicht Dich— und ſehnt ſich, mit Deiner Mutter darüber zu ſprechen.“ Charlotte klatſchte in die Hände. „Ida! Ida!“ rief ſie,„die ſchöne Ida R.! Ja, ſie muß es ſein. Ich hätte es aus ſeinen Blicken er⸗ ſehen ſollen, die er ihr nach dem Eſſen zuwarf. Wo hatte ich doch meine Gedanken? Ach, Gott ſei Dank! jetzt iſt Alles klar. Nun kann Alles noch gut gehen, und Mama wird mit mir und meiner Partie noch zu⸗ frieden ſein. Ueberdieß iſt dieſelbe in jeder Hinſicht eine gute zu nennen. Denn Reinhold beſitzt ein eige⸗ nes Haus und hat geordnete Verhältniſſe. Fridolph hat mir verſprochen, bei Mama den Fürſprecher für ihn und für mich zu machen. Ach! wir können noch glücklich werden. Tauſend, tauſend Dank für dieſe Hoffnung! Jetzt kann ich wieder athmen. Der Areſkuta iſt von meiner Bruſt gewälzt. Er lag den ganzen Mittag auf mir, ſo daß ich kaum eſſen, kaum einen Biſſen hinabbringen konnte. Ach, wie herrlich! welch ein Glück! Jetzt muß ich hingehen und ſehen, ob ich Ina ſprechen kann. Sie muß in's Geheimniß eingeweiht werden und bei Mama Fürſprache einlegen. Sie iſt Miniſter der innern Angelegenheiten im Hauſe; es kommt viel auf ſie an, und bei ihr wird viel vorbereitet, was hernach der Mama, unſerer allergnädigſten Regentin und huldreichſten Mutter, vorgetragen wird.“ Und ſtrahlend von Heiterkeit umarmte Charlotte das Fräulein und tanzte die Treppe hinab, um in der „kleinen Freude“ einen Beſuch zu machen und mit der Innerſten unter vier Augen zu ſprechen. Als ſie eintrat, ſtand Adolph auf, und ſowohl er als Ina hatten rothe Augen. Er küßte ihr weißes Händchen und drückte Charlotte flüchtig die Hand, in⸗ dem er aus dem Zimmer ging und ihr Platz machte, um der Innerſten ihr Innerſtes zu offenbaren. C des H volle linge einma finden Frau ſprech auf de ſeine auf d danke eine cilie ſamm Hand regt, ſich 3 Hant zuzug merkt ſehr deute Nicht ſchlof Tocht liebſt Hand brach ſeine Biſt Di d eben meine bereits ſehnt 1ä, en er⸗ Wo Dank! inicht eige⸗ idolph er für n noch dieſe eſkuta ganzen einen welch ob ich eweiht ie iſt ſe; es reitet, gentin arlotte in der tit der ohl er weißes d, in⸗ nachte, Gegen Abend kamen die beiden jüngſten Söhne des Hauſes, Vngve und Arvid, zwei ſchöne, hoffnungs⸗ volle Jünglinge, die Augäpfel der Mutter und Lieb⸗ linge der Innerſten, beide froh und glücklich, ſich wieder einmal daheim bei Mutter und Geſchwiſtern zu be⸗ finden. Es war nicht möglich, an dieſem Tage mit Frau Cäcilie ein ernſtes Wort unter vier Augen zu ſprechen. Die Bekenntniſſe wurden daher ſämmtlich auf den morgenden Tag verſchoben. Abends bat Adolph ſeine Schwiegermutter um eine geheime Unterredung auf den andern Morgen. Dieſe Bitte und die Ge⸗ danken, welche ſie hervorrief, bereiteten Frau Cäcilien eine ſchlafloſe Nacht. Am andern Morgen in der Frühe traf Frau Cä⸗ cilie mit ihrem Schwiegerſohn in ihrem Cabinet zu⸗ ſammen. Sie war blaß, und Adolph fühlte eine kalte Hand in der ſeinigen, als er, ebenfalls ſichtlich aufge⸗ regt, ſie ergriff und an ſeine Lippen führte. Er ſetzte ſich zu ihr auf das Sopha und ſagte zärtlich: „Zürne mir nicht, liebe Mutter, wenn Du meine Handlungsweiſe übereilt findeſt. Ich bin bereit dieß zuzugeben, aber— bereuen kann ich es nicht.“ Adolph hielt einen Augenblick inne, denn er be⸗ merkte, daß ſeine Schwiegermutter leiſe zitterte und ſehr blaß war. Sie ſprach jedoch nichts, ſondern be⸗ deutete ihm durch ein Zeichen, daß er fortfahren möchte. Nicht ohne Verlegenheit, aber mit mannhafter Ent⸗ ſchloſſenheit ſprach Adolph alſo weiter: „Die Liebe hat mich überraſcht. Ich habe der Tochter Deiner Freundin, die auch Du kennſt und liebſt, mein Herz gegeben und will ihr auch meine Hand geben.“ Mit einer für ſie ungewöhnlichen Heftigkeit unter⸗ brach ihn Frau Cäcilie, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte und ſagte: „Iſt es eniſchieden? läßt es ſich nicht mehr ändern? Biſt Du unwiderruflich gebunden?“ „Ja,“ antwortete Adolph mit Beſtimmtheit.„Ich Die Johannisreiſe. 10 146 habe Ida als meine Braut geküßt und ihr Verſprechen empfangen, für den Fall daß Du, liebe Mutter, meine Wahl billigeſt; dieß war ihre Bedingung. Und nun iſt ſie mit mir zurückgekehrt, um Dich zu bitten, daß Du Deine Kinder ſegneſt.“ Frau Cäcilie ſeuſzte ſchwer und bedeckte ihre Augen mit der Hand. Adolph erzählte ihr jetzt in Kürze, wie er ſeine erſte Bekanntſchaft mit Ida in einem ausländiſchen Bade gemacht, welchen Eindruck ſie ſchon damals durch ihre Seelenſtärke und Faſſung unter den ſchwierigſten Verhältniſſen auf ihn hervorgebracht habe, wie er nun⸗ mehr auf der Reiſe nach Avaſaxa wieder mit ihr zu⸗ ſammengetroffen und was zwiſchen ihnen vorgefallen ſei. Er ſagte Alles offen und ehrlich. Frau Cäcilie ſchwieg fortwährend und hielt noch immer ihre Angen mit der Hand bedeckt. „Mutter! liebſte Mutter!“ ſagte endlich Adolph tief erſchüttert,„ſprich doch zu mir, ſieh' mich an! Iſt's möglich, daß Du ſo tief verletzt ſein kannſt, daß es Dir ſo ſehr zuwider ſein kann, dieſe herrliche Ida, deren Charakter Du, wie ich weiß, bewunderſt, als Tochter aufzunehmen? Wenn es ſo iſt, ſo verzeihe mir, liebe Mutter, dieſen Kummer, und glaube mir, daß er in Bälde durch meine und ihre Liebe zu Dir, durch das Glück, das Du Deine Kinder um Dich her genießen ſehen wirſt, geſühnt werden ſoll. Denn ich weiß ja, Du willſt bloß unſer Wohl, unſer Beſtes. Aber ſprich ſprich doch zu mir, liebe Mutter!“ „Adolph,“ ſprach Frau Cäcilie gefaßt, aber noch im⸗ mer ſehr blaß,„ich will aufrichtig gegen Dich ſein. Du biſt mir ſehr lieb geweſen und biſt es noch. Keiner von meinen Söhnen iſt mir theurer. Und ich kann nicht leugnen, daß dieſer Dein Schritt mir vielen Kum⸗ mer macht. Ich halte ihn für übereilt. Ida iſt nicht die Frau, die ich als Virginiens Nachfolgerin an deiner Hand, in meinem Hauſe gewünſcht hätte. Ich glaube nicht, daß ſie einen Mann glücklich machen kann. Ihr Char iſt— dere iſt d Selb viel! ohne Dein ſein! Urſas Sei von? möge umar auf Weil Ida ſich Gefü griffe wide ſie f die eina ruhe Herz und ihret denn und Mut da e Stir lotte zule, rechen meine nn „daß lugen ſeine iſchen durch igſten nun⸗ zu⸗ allen cilie ugen olph an! daß Ida, als zeihe mir, Dir, her ich ſtes. er!“ im⸗ Du iner ann um⸗ ſicht iner mube Ihr Charakter, obſchon edel, iſt zu ſtolz, und ihr Gemüth iſt— nicht gut. Ich kann nicht läugnen, daß ich an⸗ dere Pläne, andere Wünſche für Dich hatte. Aber das iſt die gewöhnliche Schwachheit und die gewöhnliche Selbſttäuſchung der Mütter, lieber Adolph. Gleich⸗ viel! Du hatteſt alles Recht, für Dich allein zu wählen, ohne Rückſicht auf irgend eine andere Perſon als auf Deinen Jungen. Möge Ida ihm eine gute Mutter ſein! Möge ſie Dich glücklich machen, und ſie wird nie Urſache haben, über Kälte von meiner Seite zu klagen, Sei überzeugt, Adolph, daß die Frau Deiner Wahl von Deiner Mutter gut empfangen werden wird. Möge, möge ſie dich glücklich machen!“ Mit thränenden Augen und mütterlicher Huld umarmte Frau Cäcilie ihren Schwiegerſohn. „Und jetzt,“ fuhr ſie freundlich fort, indem ſie auf ihr Schlafzimmer zuging,„jetzt will ich eine Weile allein ſein. Beim Frühſtück kannſt Du Deine Ida zu mir führen.“ Frau Cäcilie ging in ihr Cabinet. Sie wünſchte ſich in der Stille zu ſammeln und ihre aufgeregten Gefühle zu beruhigen. Denn ſie war ſchmerzlich er⸗ griffen von dem Vorgefallenen. Es war ihr ſehr zu⸗ wider, daß Ida an Virginiens Stelle treten ſollte, und ſie fühlte, daß die alte Frau auf Bragesholm und die künftige junge Gebieterin ſich nicht genug mit einander vertragen würden. Auch dachte ſie mit Un⸗ ruhe an Charlotte. Wie ſollte Charlotte, die ihr Herz ſo innig an Adolph gehängt, dieſes hinnehmen und ertragen? Inzwiſchen konnte ſich Frau Cäcilie ihren kummervollen Gedanken nicht lange überlaſſen, denn auf einmal öffnete ſich ihre Schlafkammerthüre, und Charlotte ſteckte ihr Köpfchen herein. Als ſie ihre Mutter blaß und ernſthaft im Lehnſtuhl ſitzen ſah, da eilte ſie zu ihr, küßte ſie und bat mit verweinter Stimme, ſie möchte nicht böſe werden, aber ſie, Char⸗ lotte, habe ihr Etwas zu ſagen, ein Bekenntniß ab⸗ zulegen. 10* 1⁴8 Beinahe unmuthig, forderte Frau Cäcilie ihre Tochter auf, zu ſprechen. Und Charlotte ſprach, erzählte und bekannte Alles, was wir bereits wiſſen. Und es war ihr ein unbe⸗ ſchreiblicher Troſt, als ſie der Mutter Geſicht bei ihrer naiven Erzählung ſich aufheitern und zuletzt gutmüthig lächeln ſah. Um ſo beredter wurde ſie daher auch in der Lobpreiſung ihres Reinhold, und ſie verwies auf Fridolph, welcher die Wahrheit alles deſſen, was ſie zu ſeinem Lobe geſagt, beſtätigen würde. Nach Adolph's Bekenntniß gereichte es wirklich Frau Cäcilien zu nicht geringer Tröſtung und Herzens⸗ erleichterung, die Beichte Charlottens anzuhören, wo⸗ durch ſie auf einmal von allem Kummer in Betreff einer unglücklichen Neigung ihrer Tochter erlöst wurde, obſchon ſich dagegen jetzt Befürchtungen wegen einer neuen Uebereilung in der Wahl eines Freundes für 6 ganze Leben in ihr regten. Aber Frau Cäcilie agte: „Mein beſtes Kind! Du weißt, daß es Dir voll⸗ kommen freiſteht, nach eigenem, beſtem Wiſſen für Dein Lebensglück zu wählen und Beſchlüſſe zu faſſen, und daß ich mich in eine ſo wichtige Sache, wie die Ehe iſt, nicht miſchen will. Hierin muß jeder Menſch ſelbſt wählen und beſchließen. Auch ſetze ich in meine Char⸗ lotte ſo viel Vertrauen, daß ich überzeugt bin, ihre Wahl könne ihr nur Ehre machen. Wenn ich Dich nun bitte, die ſchließliche Entſcheidung noch kurze Zeit zu verſchieben, ſo geſchieht dieß nur, weil ich ſelbſt gern ſehen will, ob Du Deiner Wahl vollkommen ſicher und mit Dir ſelbſt einig biſt, und weil ich den Mann näher kennen zu lernen wünſche, dem ich das Recht anvertrauen ſoll, mein geliebtes Kind aus ſeiner Hei⸗ math wegzuführen und für ſein Glück zu ſorgen. Er muß ein ſehr braver Mann ſein, wenn ich mich darein finden und mit ihm zufrieden ſein ſoll. Aber ich hoffe auch, daß Capitän Rapp das iſt, und ich werde mit Fridolph über ihn ſprechen und ebenſo, wenn er es ihre Alles, unbe⸗ ihrer üthig ch in z auf ie zu rklich zens⸗ „wo⸗ etreff urde, einer für icilie voll⸗ Dein und Ehe ſelbſt har⸗ ihre Dich Zeit ſelbſt ſicher Nann 149 wünſcht, mit ihm ſelbſt. Jedenfalls hoffe ich, daß er ſo lange als möglich auf Bragesholm verweilen wird.“ Frau Cäcilie ſagte dieß in ſo zärtlichem und zu⸗ gleich ſo würdevollem Tone, daß Charlotte, tief gerührt und entzückt über ſo viel mütterliche Güte, im buch⸗ ſtäblichen Sinn des Worts ihre Hände mit Küſſen bedeckte. Voll Vergnügen eilte ſie dann hinweg, um dem Capitän, der in unruhiger Erwartung auf ſeinem Poſten ſtand, ſowie dem Fräulein, das ebenfalls wartete, die frohen Ausſichten mitzutheilen. Charlotte war noch keine zehn Minuten fort, als Fräulein* in's Schlafzimmer trat und mit halb ern⸗ ſter, halb komiſcher Miene der Verlegenheit erklärte, ſie habe— ein Geſtändniß abzulegen. „Auch Du?“ rief Frau Cäcilie verwundert und beinahe ergötzt über dieſe Wiederholung.„Nein, es wird wirklich zu viel. Haſt etwa auch Du, meine alte, kluge Emeli, Dich von der Liebe überraſchen laſſen und Deine Verlobung gehalten?“ „Gott ſteh mir bei! es iſt wirklich ſo,“ antwortete das Fräulein.„Der Oberſt G. hat um mich angehalten, und ich habe geantwortet: Ja, es ſei!“ Jetzt lachte Frau Cäcilie aus vollem Halſe.„Nein, es iſt gar zu toll!“ rief ſie,„und ich weiß nicht, wie das noch enden ſoll. Es fehlt jetzt nur noch, daß mein kleiner Knirps herkommt und geſteht, er habe ſein Herz verſchenkt und eine Wahl für ſeine Lebenszeit getroffen; endlich müßte noch mein alter Verwalter ſeine Verlobung mit meiner alten Jungfer Liſe ankündigen, dann wäre Alles fertig. Ich glaube, daß die warme Johannisſonne die Menſchen verhert und ſowohl ihre Herzen als ihre Köpfe entzündet. Alſo auch Du, liebe, alte Freundin? Nein, man möchte verrückt werden. Du, die Du gottes⸗ fürchtig und ernſthaft daſitzen, ſpinnen und in der Po⸗ ſtille leſen, die Du mir im Herbſt und Winter Garn entwirren und alte Lieder vorſingen ſollteſt, Du gibſt Dich ſtatt deſſen mit Heirathsgeſchichten und Roman⸗ ſcenen ab, ja, Du geberdeſt Dich um kein Haar klüger, 15⁰ als die jungen Leutchen da, die ſich ſammt und ſonders von der Liebe haben überraſchen laſſen.“ In dieſem Ton ſcherzte und eiferte Frau Cäcilie, bis das Fräulein wirklich in Verlegenheit gerieth und zuletzt ganz betrübt wurde. Aber kaum ſah Frau Cä⸗ cilie eine Thräne in die ſchönen braunen Augen kom⸗ men, ſo umarmte ſie ihre Freundin und ſagte: „Liebe Emeli, ich habe ja nur geſcherzt. Aber jetzt in allem Ernſte: Glückauf! Ich habe von dem Oberſten G. viel Gutes gehört, und er macht auf mich ganz den Eindruck eines Ehrenmanns. Und macht er Dich glücklich, ſo ſoll es mich nicht verdrießen, daß auch Du, wie alle Andern, mich verläſſeſt, und daß ich meine verneſtelten Gewebe allein entwirren muß. Aber Eines behalte ich mir vor, nämlich: daß ich Deine Hochzeit ausruͤſten darf, und zwar hier auf Brages⸗ holm. Ich will mich auf irgend eine Weiſe bei der allgemeinen Freierei hier betheiligen. Und vielleicht haben wir mehr als nur Eine Hochzeit zu feiern.“ Wenn jetzt der kleine Knirps wirklich gekommen und mit dem Bekenntniß hervorgerückt wäre, er ſei von der Liebe überraſcht worden, habe ſeine Wahl getroffen und ſein Herzchen verſchenkt, ſo hätte er weiter Nichts als die Wahrheit geſagt. Und Frau Cäcilie merkte das Alles und mußte lächeln, als ſie im Verlauf des Tages den kleinen Knirps ſo aufgeräumt um die ſchöne, kleine Naima herum hüpfen und ſpielen und ſo augen⸗ ſcheinlich verliebt thun ſah, daß die Kinder bald von Allen Bräutigam und Braut genannt wurden. Als endlich am Abend der alte Verwalter, nachdem er ſeinen Rechenſchaftsbericht über die Arbeiten des Tags vor⸗ getragen, unter allerlei ſeltſamen Krümmungen und ſchamhaftem Huſten erröthend das Bekenntniß ablegte, er ſei geſinnet, mit der tugendfeſten Jungfer Liſe in den Stand der Ehe zu treten, und die Beiden ſeien bereits einig, wenn die gnädige Frau es zugeben wolle, da— ja da begann Frau Cäcilie wirklich zu i es ſei eine Verhexung im Spiel, und die Johannis⸗ ſonn habe zu J hier bloß eine ihre Fam Jun volle Sch offer ihne win Dei folg tigk regt mei ein laß übe unt Na fer ſch Br el M onders äcilie, h und u Cä⸗ kom⸗ Aber n dem mich cht er „ daß Aber Deine rages⸗ ei der lleicht . mmen i von roffen tichts nerkte des chöne, ugen⸗ dvon Als einen vor⸗ und legte, nden reits da— „es nie⸗ 151 ene müſſe heuer eine ganz beſondere Zündkraft haben. „Wie ſoll es mit uns gehen?“ ſagte ſie ſcherzend zu Ina.„Wir dürfen bei dem allgemeinen Freierſpiel hier doch nicht allein leer ausgehen. Ich warte jetzt bloß noch darauf, daß unſer junger Künſtler ſich für eine von uns Beiden erklärt.“ Die Jünglinge Yngve und Arvid hatten gleichfalls ihre Bekenntniſſe abzulegen, und im Beichtſtuhl der Familienliebe wurden auch ſie der Mutter und der Innerſten vorgetragen. Aber ſie waren nicht ſo gefühl⸗ voller Natur wie die erſteren. Yngve ſtand auf dem Scheidepunkt zweier Wege, die ihm zur Beförderung offen ſtanden und war in der Wahl und Qual zwiſchen ihnen. Zu ihm ſagte die Mutter: „Frage nicht, wo Du die größten Vortheile ge⸗ winnen wirſt, ſondern nur, wo Du mit Deinem Pfund Deinem Vaterland am meiſten uützen kannſt.“ Arvid hatte ſeine Bahn mit ungewöhnlichem Er⸗ folg begonnen, war aber auch ſchon auf Widerwär⸗ tigkeiten, Neid und Feindſeligkeiten geſtoßen, und das regte ihn bitter auf. Zu ihm ſagte die Mutter: „Fürchteſt Du die Stürme? Weißt Du nicht, mein Sohn, daß der junge Baum nur durch ſie zu einem großen und ſtarken heranwachſen kann? Aber laß Dich nicht durch das Böſe überwinden, ſondern überwinde Du das Böſe durch das Gute.“ Verliebt waren die Jünglinge nur in die Mutter und die Schweſtern, entzückt nur von den Reizen der Natur und des Landlebens. Was Theodor betrifft, ſo war er nicht weit ent⸗ fernt von dem Bekenntniß, von welchem Frau Cäcilie ſcherzend geſprochen. Zwiſchen der alten Frau auf Bragesholm und ihm hatte ſich ein gewiſſes Verhältniß ebildet, das man nicht ſelten bei liebenswürdigen Matronen gegenüber angenehmen jungen Männern, 152 ſelbſt wenn ſie Fremdlinge im Hauſe der Erſteren ſind, antrifft. Bei Beiden machte ſich eine mütterliche und eine kindliche Zuneigung geltend, die namentlich für ihn, den Mutterloſen, etwas Entzückendes und Rüh⸗ rendes hatte. Man kann dieß deutlich aus den Notizen erſehen, die er um dieſe Zeit für ſeinen Freund nieder⸗ ſchrieb und die eben vor uns liegen. Aus Cheodor's Prief. Bragesholm, den Juli. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, wenn man aus dem großen Gaſthof der Welt, wo Alles ſich bewegt und unter einander herumfährt, in ein Haus tritt, wo man ſeine bleibende Wohnung nehmen möchte. Die Ruhe im Hauſe, die ſtille Ordnung in der alltäglichen Bewegung, Alles trägt ein Gepräge von Frieden und Stetigkeit, worüber man ſich ver⸗ wundert, wenn man auf dieſem rollenden Erdenklos lange Zeit von einem Welttheil in den andern hin⸗ übergerollt iſt und die Heimath beinahe vergeſſen hat. Im Hauſe begegnet man Dienern mit freundlichen, hellen Geſichtern: die älteſten ſind ſchon mindeſtens zwanzig Jahre da, die jüngeren ſind Kinder von Gutsunterthanen, die es für ein Glück anſehen, daß dieſelben im Herrenhauſe erzogen werden. Alle ſehen heimiſch, ruhig, verſtändig, zufrieden aus. Frau Cäcilie führte mich geſtern durch die Zim⸗ mer, ſagte mir ihre Namen und Traditionen— denn jedes Zimmer hat ſeine eigenen— zeigte mir auch die alten Gemälde, Familienbilder, Frau Märtha Orrhane und ihre Malereien und Inſchriften in dem großen Saal, die große Freude genannt, und erzählte mir von meinen Ahnen.... Wie meinſt Du wohl, daß mir dabei zu Muthe wurde? N W angele ſie mi lieben 2 hat m hier meine und wird finſter wie 6 Frau Lilier Herz. ſo m ſehe, überz weiſe ſchat eines Schl man das unſe und ſchri weiß ſie Late bis loſo n ſind, he und ch für Rüh⸗ otizen nieder⸗ uli. wenn es ſich Haus ehmen n in präge er⸗ enklos 1 hin⸗ nhat. lichen, eſtens rvon ſehen, Alle Zim⸗ denn auch ärtha dem ählte wohl, N —————— Vieles in der Gegend hat ſie verſchönert, gepflanzt, angelegt, urbar gemacht. Ich begreife recht gut, wie ſie mit dieſem Ort zuſammengewachſen iſt, wie ſie ihn lieben muß. Mir begegnet ſie mit mütterlicher Huld. Sie hat mich eingeladen, ſo lange zu bleiben, als ich mich hier wohl befinde. Ich glaube, es iſt ihr wohl in meiner Nähe. Dieſes Gefühl macht mich glücklich, und je mehr ich ſie ſehe und höre, um ſo unmöglicher wird es mir, Böſes von ihr zu glauben. Ja, mein finſterer Argwohn verſchwindet vor dieſer Lichtgeſtalt, wie Schatten vor dem Blicke des Tags. Gleich der Frau Minnetroſt im Zauberring fächelt ſie mir mit Lilienſtengeln Frieden in das unruhig ſchwellende Herz. Manchmal ſchmerzt es mich, wenn ich ſie ſo mild und ohne allen Argwohn neben mir gehen ſehe, als ob. Aber ich meine es nicht böſe. Ich will mich bloß überzeugen und mit mir ſelbſt über meine Handlungs⸗ weiſe einig werden. .. ⸗„„ ⸗ ⸗ ⸗ Ich ſchwärme draußen herum in dieſen warmen, ſchattenloſen Nächten, in dieſem magiſchen Schein eines Lichtes, das ſich nicht zeigt, nicht verräth. Schlaf habe ich wenig. Warum auch ſchlafen, wenn man leben und genießen kann? Ja, ich genieße jetzt das Leben einen Augenblick, aber beinahe ſo, wie unſere Ureltern die verbotene Frucht genoſſen. Den Tag über bin ich viel bei der alten Dame und bei der Innerſten, von der ich Dir ſchon ge⸗ ſchrieben habe, und von der ich immer noch nicht weiß, was ſie iſt. Ein natürliches Menſchenkind iſt ſie gewiß nicht. Denn ſie verſteht Griechiſch und Latein, ſie liest den Herodot, den Tacitus, den Livius bis tief in die Nächte hinein, ſie ſpricht wie ein Phi⸗ loſoph uud kann mitunter über Nichts ſcherzen und 154 lachen, wie das heiterſte Kind, aber immer mit dem feinen Witz einer geiſtvollen Frau. Und doch iſt es bloß ein Kopf— aber ein Engelskopf— und ein paar Flügel. Komm jetzt nicht her und ſag mir, das ſei ein natürlicher Menſch. Sag mir auch nicht, daß ich— verliebt ſei. Denn da werde ich böſe. Man verliebt ſich nicht in einen Viertelsmenſchen, in einen Kopf mit einem paar Flügel, ſelbſt wenn die Weisheit der ganzen Welt daraus ſpricht, und wenn er noch ſo entzückend lächelt und ſcherzt. Aber als Odin ſein eines Auge weggab, um Mimer's Haupt zu erhalten, da hat er, glaube ich, weiſe gehandelt. Denn man kann eine Begleitung durch das Leben, bei der man ſich niemals einſam und arm fühlt, ſondern immer eine lebendige Quelle hat, zu der man gehen und ſchöpfen kann, nicht theuer genug bezahlen. Ich möchte immer in der Nähe dieſer Innerſten weilen, ihr vorleſen, vor ihren Augen zeichnen und malen, mit ihr ſprechen und von ihr lernen, ſie bedie⸗ nen, wie man eine verzauberte Prinzeſſin verehren und bedienen kann. Aber Liebe?! Sag noch lieber, ich ſei in die alte Frau verliebt. Denn wahrhaftig, es zieht mich mit wunderbarer Macht zu ihr hin. Ich möchte zu ihren Füßen ſitzen, mein Geſicht in die Falten ihres weißen Kleides drücken, ſie küſſen und— weinen. Aber zuweilen grolle ich heimlich mit ihr und mache ihr in der Stille mein weggeworfenes, verunglücktes Leben zum Vorwurf. * Aber wenn ich bei ihnen, bei dieſen Beiden bin, wenn ich mit ihnen geſprochen habe und ſie mit mir, dann werde ich ruhig und heiter. Es vehbiri dieſen Geiſtern. Sie müſſen, ſie müſſen Kinder eihes höhern Lichtes ſein. . ⸗. ⸗„„ „ gründl Büchet Glaub höchſte ſein kö Schell Du, ihrer wartet für ſi Gnade Leute! U nicht! irre g Achen in die andere lehre läßt ſi G Höchſt vor e auch! der en ₰ e zum läſter: eine derein alle L ich de Idee den Y mehr taſie nit dem iſt es nd ein ir, das bt ſei. nicht einem ganzen zückend leitung einſam Quelle theuer nerſten en und bedie⸗ en und erliebt. Macht mein rücken, lle ich e mein rf. . n bin, it mir, eihes Hör' einmal! Glaubſt Du, daß man, um ein recht gründlicher Philoſoph zu ſein, nothwendig philoſophiſche Bücher leſen, Philoſopheme geſchrieben haben müſſe? Glaubſt Du nicht, daß die wichtigſten Ergebniſſe der höchſten Philoſophie im Beſitz einer Menſchenſeele ſein können, die niemals geleſen, niemals die Namen Schelling und Hegel gehört hat. Mein Lieber! Glaubſt Du, daß die ewige Wahrheit, daß die Weisheit mit ihrer Erſcheinung unter den Menſchen ſo lange ge⸗ wartet hat, bis der Philoſoph vom Handwerk Zimmer für ſie eingerichtet hat und zu ihr ſagt: Hier Ew. und zu den Menſchen: Da ſitzt ſie, ihr guten eute! Und wenn der Philoſoph ſich täuſcht, wenn ſie nicht da ſitzt, glaubſt Du, daß dann eine ſolche Seele irre gehe und auf den falſchen Weg geleitet werde? Ach nein, das berührt ſie gar nicht. Sie blickt hinab in die Tiefe ihres Bewußtſeins und findet dort ein anderes Licht, eine andere Lehre; die falſche Weisheits⸗ lehre aber ſtößt ſie mit einem Lächeln von ſich oder läßt ſie bei Seite. Glaube, was iſt Glaube? Das Niedrigſte und das Höchſte. Er kann die ſelaviſche Verbeugung des Geiſtes vor einem Bilde, einem Buchſtaben ſein. Er kann auch die dem vernünftigen Geiſt innewohnende Ahnung der ewigen Wahrheit ſein. Iſt der Glauben denn nicht die Straße des Geiſtes zum Allerhöchſten? der Fußweg den Berg hinauf. Will ich damit die Gelehrſamkeit, die Philoſophie läſtern? Es ſei ferne von mir! Sie iſt uns ein Schild, eine Mauer, eine Veſte, und wie eine Sonne wird dereinſt ihr Wort über das Leben hin leuchten, durch alle Wolken des Gedankens hindurch. Aber ſiehſt Du, ich denke mir die Sache ſo. Wenn die himmliſche Idee ſich zur Erde herabläßt und ihre Wohnung unter den Menſchenkindern nimmt, ſo geht ſie bei dem Einen mehr in den Kopf, bei dem Andern mehr in die Phan⸗ taſie— dieſes wunderbare innere Zimmer, voll von für die ganze Welt. Ein wunderbares eigen 156 klaren Reflerionsſpiegeln— und bei dem Dritten mehr in's Herz. Und alle dieſe, der Kopf, die Phantaſie, das Herz, haben ihre eigene Art, die Offenbarung des Himmliſchen aufzufaſſen und wiederzugeben. Sie hat ſich Jedem ganz gegeben, und doch auf verſchiedene Arten. Und darum müſſen ſie auf einander hören. Aber welches von ihnen hat die unmittelbarſte, die ächte Erkenntniß und Anſchauung?... Geſtern in einer ſtillen Stunde unterhielt ich mich mit Frau Cäcilie. Wir waren allein. Sie ſaß da und nähte. Ich ließ mich gehen und ſprach ihr allerlei vor, wie es mir der Geiſt eingab. Der finſtere Geiſt war über mich gekommen. Und ich ließ ein ganzes Heer von Fragen und Zweifeln los, das ganze Heer der Schatten, wie die Forſchung unſerer Zeit es her⸗ vorgerufen, ich ließ es ringsum graſſiren, ſo daß es die Sonne verdunkelte und über das Leben, das jetzige wie das zukünftige— denn die zwei ſind eins— eine recht gründliche Nacht verbreitete. Ich wollte ſehen, wie ſie es aufnehme. Es pikirte mich, daß ſie immer ſo ruhig und klar blieb, ich wollte ſie wenigſtens ein Bischen erſchrecken und ihren gewöhnlichen Ausruf: bewahre uns! oder: Gott ſtehe uns bei! von ihr ören. Aber ſie ſagte Nichts. Sie ließ mich ſchweigend weiter reden, und als ich aus Mangel an Widerſpruch und weil ich nichts Schlimmeres mehr zu ſagen wußte, endlich ſchwieg, da hörte ich bloß einen leichten Seufzer. Sie blickte auf, ſah mich an und... lächelte. Aber ſo gutmüthig, ſo ruhig, ſo freundlich, ſo mütterlich und zugleich ſo ſchalkhaft, daß ich ganz beſchämt, ganz verworren wurde und nicht wußte, was ich aus dieſem Lächeln machen ſollte. Denn ſie ſagte kein Wort der Erklärung dazu. Und doch lag darin eine große, unerſchütterliche Gewißheit für ſie, für mich, Aber es hat mir ſpäter gleichſam in die eele geleuchtet. W ein St W braucht dern er Leben, dann d Ur ſo läch es dan W holen? die Ei: der Vi ſaßen! Gehein haben ſchen( ſuchen, leiden J geborn immer Urque ſprung zeugt P tagsge habe 3 Ich b in ih höre: überze läßt, geben und( n mehr antaſie, ung des Sie hat chiedene ren. elbarſte, ch mich ſaß da allerlei re Geiſt ganzes ze Heer es her⸗ daß es s jetzige — eine e ſehen, immer ens ein Ausruf: von ihr weigend erſpruch wußte, Seufzer. Aber ütterlich it, ganz ich aus te ein in eine r mich, ien eele 157 Woher kommt ein ſolches Lächeln? Iſt es nicht ein Strahl aus dem Urquell des Lichtes? Wenn Gott die Welt erleuchten und erwärmen will, braucht er dann zuerſt Worte und Beweiſe? Nein, ſon⸗ dern er läßt die Sonne, ſein Lächeln, ſtrahlen. Erſt das Leben, dann die Lehre. Erſt das Licht(die Weisheit), dann die Lehre davon. Und hörſt Du! hörſt Du! wenn dieſer ſo lebendige, ſo lächelnde Geiſt ein Weib iſt, glaubſt Du nicht, daß es dann etwas Beſonderes zu bedeuten habe? Warum ging Numa zur Egeria, um Weisheit zu holen? Warum lauſchte der weiſeſte der Griechen auf die Eingebungen Aſpaſias? Warum hatten alle Orakel der Vorzeit eine weibliche Prieſterſchaft? Warum be⸗ ſaßen die Wala und die Iduna des Nordens allein das Geheimniß vom Urſprung und Ziel der Welt? Warum haben noch heute alle Völker das Gefühl einer myſti⸗ ſchen Gewalt der Frauen, die ſie bald zu unterdrücken ſuchen, bald verehren, immer aber— wohl oder übel— leiden müſſen? Iſt es nicht deßhalb weil die Fran als die Letzt⸗ geborne der Schöpfung, das Schlußwerk des Schöpfers, immer eine geheimnißvolle, engere Verbindung mit der Urquelle alles Lebens beibehält, und weil das Ur⸗ ſprungswort noch immer in ihrer Seele zuerſt er⸗ zeugt wird? Phantaſien! ſagſt Du und deuteſt auf die All⸗ tagsgeſchöpfe in der Welt. Du haſt Recht. Aber ich habe auch Recht! Ich wandere und reite viel auf dem Gute herum. Ich beſuche die Bauern und die Arbeiter des Guts in ihren Wohnungen. Ich frage ſie, laſſe ſie reden, höre und lerne. Wer es nöthig hat, der kann ſich hier überzeugen, daß kein Gut auf die Dauer ſich verbeſſern läßt, wenn nicht zugleich der Wohlſtand der Unter⸗ gebenen ſich verbeſſert, und daß chriſtliche Billigkeit und Güte in letzter Inſtanz auch weltliche Klugheit 158 ſind. Die niedere Oekonomie muß eine höhere werden, muß zum Himmel emporſteigen und dort getauft werden, wenn ſie die Erde und das Leben recht befruchten ſoll. Ich ſehe und höre das hier, wo der Knecht mit der Ausſicht arbeitet, Häusler zu werden, wo der Häusler wenn er ſich zuſammennimmt, Eigenthümer oder Päch⸗ ter werden kann, wo der Häusler und der Bauer nicht bloß ihr Feld gut bebauen, ſondern auch ihr Haus verſchönern, wo ſelbſt der Taglöhner ſeine Arbeit anerkannt und nach Verdienſt belohnt weiß, und wo das Verhältniß zwiſchen dem Gutsbeſitzer und dem Unterthanen auf Wohlwollen und Vertrauen beruht. Auf die Rechtſchaffenheit und Billigkeit der alten Dame verlaſſen ſich Alle wie auf die Gerechtigkeit Gottes. Und ſo arbeitet man mit Hoffnung. Und dieſe friſche Hoffnung erzeugt Freude während der Arbeit, Freude während der Ruhe. Und ſo ſteigen Lieder rings um Feld und Wieſe empor und erfüllen die Gegend mit erfriſchenden Tönen. Und am Abend fordert die Ju⸗ gend des Dorfes das Echo zum Lachen heraus. Wer ſolche Freuden nicht zu den Annehmlichkeiten und Ge⸗ nüſſen des Landlebens rechnet, der verdient überhaupt keine Genüſſe.... Ich höre, ich ſehe es alle Tage, wie dieſe Frau und ihre ganze Familie hier als ein wahrer Segen Gottes betrachtet werden. *„ ⸗ ⸗. ⸗ ⸗. Wer aber nicht kommen könnte, ohne durch ſeine Ankunft dieſen Segen zu rauben; wer nur wie eine Wolke über die Sonne, wie ein Unglück über die Glücklichen kommen könnte, warum ſollte der über⸗ haupt kommen? Warum ſollte er hervortreten? Von welcher Wichtigkeit kann es doch ſein, daß ein ge⸗ ringes Menſchenleben in der Stille verſchwindet? .„ ⸗ ⸗„. ⸗. Thun wie die andern Menſchen, ſein wie andere Leute! das war immer das Ideal, welches man mir in meinen ich nich jetzt w Vielleie dabei. löſer, alltägli Er wir eir Leben z „. Un wenn A recht he terſtuhl ſchaut, und gli Un An einmal auf E wo er, zünden, und in Hier iſ Vi unruhi Werdet bens er iſt und liegt? vom F von de ihrem 1 werden, werden, en ſoll. nit der Häusler r Päch⸗ r nicht Haus Arbeit ind wo d dem beruht. Dame Gottes. friſche Freude gs um end mit die Ju⸗ . Wer nd Ge⸗ erhaupt e Tage, als ein ch ſeine i einme ber die rüber⸗ 7 Von ein ge⸗ t? andere mir in 159 meinen jungen Jahren vorhielt. Aber damals konnte ich nicht wie andere, wie die meiſten Leute ſein, und jetzt will ich nicht. Es mag eigenliebig klingen. Viekeitht iſt es ſo. Ich kann nicht helfen; ich bleibe dabei. „Was thut denn ihr Beſonderes?“ ſagte der Er⸗ löſer, als er wollte, daß ſeine Jünger ſich über das alltägliche Treiben erheben ſollten. Er will alſo, daß wir etwas Beſonderes ſein, daß wir ein eigenes Salz in uns haben ſollen, um das Leben zu würzen. . Und wenn auch ſie mir Unrecht thun könnte, ja wenn Alle mir Unrecht thun wollten, würde ich dennoch recht handeln können? Recht vor meinem eigenen Rich⸗ terſtuhl, recht vor dem ewigen Auge, das in mich ſchaut, und in deſſen Lichte meine Seele einſt klar und glücklich wurde— auf eine kleine Weile. Und dann.. wie wird es dann werden? Am Ende noch, oft ſpät genug, aber doch zuletzt einmal findet der Ernſthaftſuchende gewöhnlich ſchon auf Erden ſeine Herberge, ſein ſtilles Stübchen, wo er, wenn der Abend kommt, ſeine Lampe an⸗ zünden, Licht und Behagen um ſich her verbreiten und in Erwartung des großen Morgens ſagen kann: Hier iſt gut ſein! Viele ja, aber die Meiſten? Strebende Seelen, unruhige Seelen! meine Brüder und Schweſtern! Werdet ihr Ruhe finden, bevor die Flamme eures Le⸗ bens erloſchen, das glühende Herz zu Aſche gebrannt iſt und der Schnee kalt und ſchwer auf eurer Bruſt liegt? Es gibt Feuerſeelen, Phönirgeiſter, die ſich vom Feuer nähren, die ſelbſt die Flammen küſſen, von denen ſie verzehrt werden, die mit Liebe auf ihrem brennenden Scheiterhaufen liegen, weil ſie wohl 160 wiſſen, daß ſie verwandelt werden ſollen; die ſich eines größeren Schickſals auf Erden bewußt ſfind, als des Friedens und der Glückſeligkeit! Glückliche Unglückliche! Euch beklage ich nicht. In eurem tiefen Schweigen, auf euren nächtlichen Höhen iſt der Höchſte mit euch, ſtrafend oder tröſtend. Ihr ſeid allein mit ihm. Ihr wißt, ihr fühlet das, und das iſt euch genug. So war er mit Moſes, ſo mit Oedipus.. ſo mit einem weit Größeren, als dieſe waren!... Er nahm ſie bei ihrem letzten Kampfe abſeits. Sie waren allein mit ihm, ſie fühlten das, und das war ihnen genug... Aber wir, die wir in den niedrigen Thälern der Erde wohnen, die wir Genuß und Frieden ſuchen, die wir bloß im Beifall und in der Liebe unſerer Mitge⸗ ſchöpfe leicht athmen, die wir uns im Sonnenſchein des Lebens wärmen wollen, wir— ach! ich muß noch tiefer herabſteigen— die wir Kaffee und Cigarren, einen ge⸗ deckten Tiſch und ein gemachtes Bett bedürfen, und die wir, während wir unſern Frieden mit dem Himmel ſuchen, zugleich auch nach Wohlbefinden auf der Erde trachten, wir Legion!... O wie ſchwer iſt es, ſich den feſſelnden Banden zu entreißen! Aber wenn es geſchehen iſt, dann... dann muß es ſchön werden, dann muß ich freier athmen und wieder auf dem Berge ſtehen, wie ſrüher einmal oberhalb des Nordwinds, glückſelig im Lichte des Ewigen. * ⸗ ⸗„* ⸗ ⸗... ⸗„„ Aber ich zögere noch, denn ich genieße ein Ständ⸗ chen Seligkeit mit den Menſchen, wie ich früher nie ge⸗ noſſen hatte. Ich ſchiebe den Abſchied auf. Eine kleine Weile, und noch eine kleine Weile laß mich ſchwärmen, laß mich fröhlich, laß mich noch Kind ſein! Und wenn ſie mich liebten? Wenn die Alte den Wiedergekehrten, den Auferſtandenen mit Fpeude auf⸗ nähme?... Aber das iſt ja unmöglich. Es iſt kindiſch, nur daran zu denken. Manchmal kommt mir der Gedanl Und vi Ich w würde. D E nannt die jün Erma des La hatte arbeit bei de und O geſchl Cäcil ſollte. Es ſ Cäcil beten. ihren herar vern⸗ mit bänd Und terli ſie mit es j und habe jung D ch eines als des icht. nHöhen Ihr ſeid das iſt ipus.. e waren r ihnen lern der n, die Mitge⸗ hein des ch tiefer inen ge⸗ und die l ſuchen, trachten, eſſelnden muß es d wieder oberhalb „ Stünd⸗ nie ge⸗ ne kleine wärmen, Alte den ide auf⸗ kindiſch, mir der 161 Gedanke, ohne alles Weitere meines Wegs weiter zu ziehen. Und vielleicht thäte ich am richtigſten und beſten daran. Ich wäre doch begierig, ob Jemand mich vermiſſen würde. Damit hörte Theodor's Brief auf. Seit dem Bekenntnißtag, wie er in der Familie ge⸗ nannt wurde, war eine Woche verfloſſen, und während die jüngeren Mitglieder der Familie auf Frau Cäciliens Ermahnung ſich das ſchöne Wetter und die Herrlichkeiten des Landlebens auf alle mögliche Arten zu Nutzen gemacht, hatte ſie ſelbſt in der Stille viel geſchrieben und ge⸗ arbeitet, theils in ihrem eigenen Cabinet, theils drinnen bei der Innerſten, die ein ſehr tüchtiger Finanzminiſter und Oberrechnungsrath im Departement der Familie war. Und ſo kam der Tag, an welchem der Gutskauf ab⸗ geſchloſſen werden und der Käufer, ein Nachbar Frau Cäciliens, mit ſeiner Familie nach Bragesholm kommen ſollte. Auch einige andere Nachbarn waren eingeladen. Es ſollte ein Mittagsmahl gegeben werden, und Frau Cäcilie hatte alle ihre Freunde wie auch ihre Kinder ge⸗ beten, über dieſen Tag noch zu bleiben. Der Tag war gekommen, und die Nachbarn mit ihren Frauen, Töchtern und Söhnen rückten ebenfalls heran. Die jungen Mädchen traten beſonders vor und verneigten ſich vor der Gebieterin von Bragesholm, da⸗ mit dieſe ihre ſelbſtgewebten Kleider oder ihre Hals⸗ bänder von ſelbſtfabricirten Roſenperlen bewundern ſollte. Und Frau Cäcilie war ausnehmend freundlich und müt⸗ terlich gegen ſie, pries ihre Geſchicklichkeit und nannte ſie Du, nicht etwa weil ſie mit ihnen verwandt oder mit ihren Eltern beſonders befreundet war, ſondern weil es junge Mädchen waren, die ſie hatte aufwachſen ſehen und weil ſie ſelbſt eine ehrwürdige Matrone war. Ich habe ſchon oft liebenswürdige alte Damen gehört, die zu jungen Mäochen ſchon bei der erſten Bekanntſchaft Du Die Johannisreiſe. 11 162 ſagten, und als ich ſeibſt jung war, freute mich das. Es klang ſo mütterlich gütig. Und ſo war es auch den jungen Mädchen hier zu Muthe. Lächelnd und erröthend küßten ſie Frau Cäciliens weiße Hand, die ihre roſigen Wangen ſanft ſtreichelte. Sie waren offenbar entzuckt über die alte Dame. Das Mittagsmahl war, wie alle großen Mittageſſen, koſtbarer und reichlicher, als nöthig geweſen wäre. Der Oberſt hatte alle möglichen Gelegenheiten, ſeinen ſchreck⸗ lichen Mißgriff einzuſehen und die Bosheit der Welt zu beſeufzen. Frau Cäcilie ſaß zwiſchen den zwei vor⸗ nehmſten Gäſten, einem Landrichter und einem Gutsbe⸗ ſitzer, zwei achtungswerthen dicken Herren. Adolph als Wirth ſaß ihr gegenüber, zwiſchen Jda und einer ach⸗ tungswerthen dicken Dame. Man aß, man tranf, man ſprach. Die Flaſchen, welche Adolph fleißig kreiſen machte, lösten die Zungenbänder. Aber auf einmal kam die Politik in's Spiel, und nun begann Sturm und Streit. Frau Cäcilie machte ihm jedoch ein Ende, brachte einen Toaſt auf den Frieden, auch auf den Tiſch⸗ frieden aus, und ſo legte ſich der Hader, brummte jedoch noch immer leiſe fort und war jeden Augenblick bereit von Neuem loszubrechen. Als vollends Capitän Rapp einen Reichstagsgegenſtand zur Sprache brachte, welcher den Zankapfel für die verſchiedenen Parteien bildete, da brach der Streit von Neuem mit ſo entſetzlicher Heftig⸗ keit aus, daß er ſich nicht mehr in Gutem beilegen ließ. Capitän Rapp wurde hitzig und ſchrie, auch der Oberſt ſchrie, am allerärgſten aber ſchrie der ſanfte Bruder, der bloß noch davon ſprach, daß man das Volk hängen und köpfen müſſe, und ſich heſonders auch mit Schlägen ſehr freigebig gegen ſeine Mitmenſchen erwies. Theodor brauste mit dem ganzen Grimm eines Philanthropen ge⸗ gen ihn auf und vertheidigte die Sache der Menſchlich⸗ keit; Alle ſchrieen zugleich, Keiner wollte mehr auf den Andern hören, und der ſanfte Bruder und Capitän Rapp wurden Hauptfeinde. Auch die Damen waren aufgeregt; doch ſuchten ſie die Kämpfenden zu beruhigen, fanden aber! ſtigen in der verſtu worte Hals von d Geſan der E Strei tageſſe Rapp freunt beſitze Beſuc Verw über Ander Gegn die S tereſſi Umſte Ueber aber Ueber oder Unree gewiſ ſich Der ganz ſo ur eben nicht Ueber ch das. uch den röthend roſigen entzuckt ageſſen, ſchreck⸗ Velt zu i vor⸗ Hutsbe⸗ lph als er ch⸗ , man kreiſen al kam m und Ende, nTiſch⸗ ejedoch k bereit Rapp welcher dete, da Heftig⸗ en ließ. Oberſt der, der en und en ſehr heodor pen ge⸗ ſchlich⸗ auf den n Rapp geregt; fanden 163 aber bloß halb Gehör. Endlich paßte Adolph den gün⸗ ſtigen Augenblick ab und ſtimmte plötzlich mit dem Glas in der Hand ein munteres Lied an. Und über dem Gute Jungen, leert die Gläſer! verſtummte auf einmal der Sturm, und die Zornes⸗ worte mußten halb gutwillig, halb mit Gewalt in den Hals der Zankenden zurückwandern, hinabgeſchwemmt von dem friedlſch feurigen Geiſte des Weins. Hoch lebe Geſang und Wein im rechten Augenblicke! Wie geſagt, der Sturm legte ſich, und Frau Cäcilie ließ keinen Streit mehr aufkommen. Gleichwohl endigte das Mit⸗ tageſſen unter einer allgemeinen Verſtimmung: Capitän Rapp und der ſanfte Bruder warfen einander nicht die freundlichſten Blicke zu; der Landrichter und der Guts⸗ beſitzer waren ſo roth wie zwei kalekutiſche Hähne. Nach dem Eſſen hatte die Innerſte unaufhörlich Beſuch von dem einen oder andern ihrer Freunde und Verwandten. Und Alle erzählten von dem Spectakel über Tiſch, Alle klagten, Jeder beſchwerte ſich über den Andern und erleichterte ſein Herz dadurch, daß er ſeinem Gegner Unvernunft, Albernheit, Wahnwitz u. dgl. in die Schuhe ſchob. Und die Innerſte hörte Alle an, in⸗ tereſſirte ſich für ihre Klagen, ſprach ſich je nach den Umſtänden für oder gegen den Einzelnen aus.„Das Uebertriebene iſt immer unſinnig,“ ſagte ſie,„läßt ſich aber zuweilen erklären und ſogar entſchuldigen durch die Uebertriebenheit auf der andern Seite. Und in dieſer oder jener Beziehung hatte ja Dieſer oder Jener nicht Unrecht. Und Derjenige, der heute Unrecht hatte und in gewiſſer Hinſicht gar nicht zu entſchuldigen war, zeigte ſich gleichwohl in manchen anderen Dingen ſo brav. Der drakoniſche Geſetzgeber iſt ein ſo guter Mann, ein ganz guter Vater und Hausherr. Derjenige, der heute ſo unſinnig, ſo eigentlich kopflos polterte, nun der hatte eben ſeinen Kopf verloren, darum wußte er ſich auch nicht zu helfen, es iſt recht Schade dafür u. ſ. w.“ Ueber eine ſolche Auslegungsweiſe Alle. 1 164 Summa Summarum, es kam Niemand zur Innerſten hinein, ohne mit erleichtertem Herzen,— der unglück⸗ liche Kopfloſe machte ihr ſeine Aufwartung nicht— helleren Blicken, einer freunblicheren Stimmung gegen ſeine Mitmenſchen, mit mehr Billligkeitsſinn und Füg⸗ ſamkeit gegen Andersdenkende wieder herauszukommen. Und als Frau Cäcilie mit ihren Geſchäftsfreunden und dem alten Verwalter auf ihre Zimmer ging, zuvor aber Fridolph und den Capitän erſuchte, inzwiſchen für die Unterhaltung der übrigen Geſellſchaft Sorge zu tragen, da vereinigten ſich dieſe auf die brüderlichſte Weiſe und veranſtalteten ein Wittwenſpiel im Hofe, wo⸗ bei die langen Beine des ſanften Bruders und die kurzen Beine des Capitäns an Talent, Schnelligkeit und Ge⸗ wandtheit, über Bänke, Bretter, Büſche und Hecken zu ſpringen, mit einander wetteiferten. Es ſah mitunter wirklich gefährlich aus, und Frau Amalie gerieth in ernſtliche Beſorgniſſe. Charlotte dagegen lachte herzlich, die Andern alle lachten gleichfalls und ſprangen Eines beſſer als das Andere, Niemand aber ſo gut wie die beiden politiſchen Gegner. Aber Adolph ging mit Joa in den Wald, um fern von dem Lärm das unruhige Herz der Geliebten zu beſchwichtigen. Berathungen und Spiele hatten ein paar Stunden gedauert, als Frau Cäcilie den Mitgliedern der Familie entbieten ließ, fie möchten ſich fämmtlich bei ihr ein⸗ finden. Als ſie nun in ihr Zimmer traten, ſtand die Mutter mit einigen Papieren in der Hand von ihrem Schreib⸗ tiſche auf. Ihre Farbe war lebhaft, ihr Blick heiter und klar. Fröhlich ſah ſie die Eintretenden an und ſagte: „Jetzt, meine Kinder, wollen wir ein Bischen leſen und ſchreiben.“ Frau Cäcilie verlas ſofort den Kaufvertrag von dem wir geſprochen haben. Das zu erlegeſtde Angeld hatte der Käufer bereits auf dem Schreibtiſch aufge⸗ zählt. Das Geſchäft war offenbar in hohem Grade vortheilhaft für das Haus. Nach der Verleſung ſollte der V bereits tereſſer einma Weile wieder wiſcht es nie das( Nein, Wein gefall muß Menſ Eiger der gnädi deutet getret 6 vor d ſichte— licher beina todt richte kämp ruhi paar Wen lebte ſam getri terſten iglück⸗ cht— gegen Füg⸗ nen. unden zuvor en für ge zu rlichſte , wo⸗ kurzen d Ge⸗ ken zu itunter eth in rzlich, Eines vie die it Jda ruhige tunden Familie ein⸗ Mutter chreib⸗ heiter agte: n leſen n Angeld aufge⸗ Grade ſollte 165 der Vertrag unterzeichnet werden. Frau Cäcilie hatte bereits ihren Namen geſchrieben, und die andern In⸗ tereſſenten ſtanden im Begriff, daſſelbe zu thun, als auf einmal der alte Verwaiter, der ſich ſchon eine gute Weile wie in der größten Seelenangſt gewunden und zu wiederholten Malen den Schweiß von ſeiner Stirne ge⸗ wiſcht hatte, alſo anhob: „Nein, ich halte es nicht länger aus... Ich kann es nicht auf mein Gewiſſen nehmen, zuzuſehen, wie hier das Eigenthum eines andern Mannes verkauft wird. Nein,“ fuhr er immer heftiger und mit verhaltenem Weinen fort, indem er Theobor, der ihm in den Arm gefallen war, auf die Seite ſchob,„nein, ich will, ich muß ſprechen. Ich muß es ſagen, daß hier der einzige Menſch ſteht, welchem das Recht zukommt über das Eigenthum des ſeligen Herrn zu verfügen. Hier ſteht der einzige rechtmäßige Erbe, der leibliche Sohn des gnädigen Herrn, Herr Erich Nordenhjelm.“ Und er deutete mit der Hand auf Theodor, der unbemerkt ein⸗ getreten war und ſich in ſeine Nähe geſtellt hatte. Wäre ein Todter in ſeinem Leichengewand plötzlich vor den Blicken der Verſammelten erſchienen, ihre Ge⸗ ſichter hätten nicht bläſſer werden und keinen unheim⸗ licheren Ausdruck des Staunens annehmen könsen. „Erich— Nordenhjelm?“ wiederholte Frau Cäcilie beinahe ſtammelnd;„Erich Nordenhjelm iſt todt todt ſchon ſeit langer Zeit. Wir haben ſichere Nach⸗ richten darüber.“ Theodor ſchien einen Augenblick mit ſich ſelbſt zu fämpfen, aber auf einmal wurde der Ausdruck der un⸗ ruhig geſpannten Züge ein entſchloſſener; er trat ein paar Schritte vor und ſagte in beſtimmtem Tone: „Aber wenn nun dieſe Nachrichten falſch wären? Erich Nordenhjelm nicht todt wäre, ſondern noch ebte!“ „Er iſt aber todt!“ wiederholte Frau Cäcilie gleich⸗ ſam mechaniſch, wich jedoch im gleichen Augenblick, wie getroffen von dem Blick, den Theodor auf ſie heftete, 166 zurück; ihre Kniee wankten, ſie mußte ſich ſetzen und wurde immer bläſſer, indem ſie noch einmal ſtammelte:„Er iſt todt„ wor!“ „Er iſt es nicht!“ rief jetzt Theodor mit Beſtimmt⸗ heit.„Er ſteht hier vor Ihnen. Ich bin Erich Nor⸗ denhjelm!“ Es lag in Theodor's— wir wollen ihn fortwährend ſo nennen— Weſen und Ausdruck Etwas, das beinahe keinen Zweifel an der Wahrheit ſeiner Worte geſtattete. Aber Frau Cäcilie ſagte dennoch: „Haben Sie Beweiſe?“ Theodor antwortete nicht. Er betrachtete ſie bloß fortwährend mit Augen, in denen ein ſtürmiſcher Schmerz ſich ausſprach. Und Frau Cäcilie las darin einen Be⸗ weis, ſchlagender als die andern alle. Jetzt trat der alte Verwalter von Neuem vor und ſagte mit gewaltſamer Aufregung: „So wahr mir Gott an Leib und Seele helfe, ſo iſt er es, Herr Erich, der Sohn meines früheren Herrn, des Gutsbeſitzers Nordenhjelm. Ich habe ihn wieder erkannt und weiß, daß er es iſt. Ja, das weiß ich und kann einen heiligen Eid darauf ablegen.“ „Seit wie lange weißt Du das?“ fragte Frau Cä⸗ cilie mit einem ernſten Blick auf den alten Diener. „Mit Gewißheit erſt ſeit geſtern!“ antwortete er. „Aber ich hatte ſchon ſeit mehreren Tagen meine Ver⸗ muthungen, als der junge Herr mich über allerlei Dinge aus früheren Zeiten fragte, und als ich bemerkte, daß er Vieles genauer wußte, als ich ſelbſt, da ſagte ich zu mir ſelbſt: Paß' auf! das muß Herr Erich ſein!... Aber geſtern ſagte ich mit aller Gewißheit: Er iſt es.“ Frau Cäcilie warf einen umwölkten Blick auf ihre * umſtehenden Kinder. Sie zitterte ſichtbarlich und ſchien nach Faſſung zu ringen. „Ich ſehe ſchon, wie es ſteht!“ ſagte jetzt Theodor langſam und bitter, indem er die e Geſichter um ſich her anſah,„ich ſehe wie es ſteht! Und ich hätte es wiſſen können, daß es ſo kommen mußte. Ich bin nicht w es nich ich wo todt wi und Kr Und w zehn J lang h daß Di aller 2 Abend mit D bereits Er wi Jahr forſche jeden! für ih Sein es me einma Erbe Gedar Jahr junger war( meine reiste, lich; zurüc war cher mähl ſei, u Und denn wenn vurde Fr iſt mmt⸗ Nor⸗ hrend inahe attete. bloß merz Be⸗ r und e, ſo en, vieder und Cä⸗ tev. Ver⸗ Dinge ß er u mir Aber f ihre ſchien eodor ſichter hätte h bin 167 nicht willkommen. Aber wann war ich es je? Ich war es nicht einmal meiner eigenen Mutter. Und hier ſehe ich wohl, daß man mich verwünſchte, daß man mich todt wünſchte!“ „Das iſt nicht wahr,“ rief Frau Cäcilie mit Würde und Kraft, indem ſie aufſtand;„nein, dem iſt nicht alſo. Und wenn Sie Erich Nordenhjelm ſind, ſo wiſſen Sie— zehn Jahre lang habe ich Dich zurückerwartet, zehn Jahre lang habe ich Deine Rückkehr erſehnt, denn ich ahnte daß Dir Unrecht geſchehen war, und ich wünſchte das mit aller Mutterzärtlichkeit wieder gut zu machen. An dem Abend, als Du floheſt, da ſuchte ich Dich überall, um mit Dir zu ſprechen, aber es war za ſpät, Du warſt bereits fort!... Jahr für Jahr habe ich zu mir geſagt: Er wird zurückkommen, er kommt gewiß einmal wieder. Jahr für Jahr ließ ich nach dem Flüchtling fragen, forſchen und ſpähen. Und jeden Tag, jeden Mergen, jeden Abend habe ich Segen auf ihn herabgerufen und für ihn gebetet, wie nur eine wahre Mutter thun kann. Sein Beſitzthum bewahrte ich ſo ſorgfältig, als gehörte es meinen eigenen Kindern, und ich dachte: Es wird einmal ſein werden, und ich werde ihm ſein väterliches Erbe in gutem Stand und ſchulvenfrei übergeben. Dieſer Gedanke ſtärkte mich und hielt mich manches ſchwere Jahr hindurch aufrecht. Denn ich härmte mich um den jungen Knaben, und ſeine Flucht aus dem Vaterhauſe war gleichſam ein Nagel in meinen Sarg. Aber einer meiner Freunde, der mit dem ansvrücklichen Auftrag reiste, ſeinen Aufenthalt zu erforſchen und ihn wo mög⸗ lich zurückzubringen, kam mit der beſtimmten Nachricht zurück, er ſei in Südamerika im Kriege gefallen. Das war ein harter Schlag. Er beugte mich mehr, als man⸗ cher andere Kummer. Aber die Zeit verſtrich, und all⸗ mählig gewöhnte ich mich an den Gedanken, daß er fort ſei, und daß ich jetzt für meine eigenen Kinder arbeite. Und dieſer Gedanke wurde mir lieb, ich leugne es nicht, denn ich denke an die Zukunft der Kinder!.. Aber wenn Erich Nordenhjelm lebt, wenn er hier iſt und ſein 168 Recht als Sohn und Erbe meines verſtorbenen Mannes darthun kann, ſo ſoll er mir wahrlich willkommen ſein; ich will Gott danken, daß er zurückgekehrt iſt, daß ich ihm ſein Recht widerfahren laſſen und das in ſeinen jungen Jahren an ihm verübte Unrecht ſühnen kann. Er ſoll ſein Eigenthum alles bekommen, und nicht ein einziges von meinen Kindern wird darüber klagen, wenn ſie auch arm dadurch werden. Sie werden, wie ich, doch ſchuldlos daſtehen.“ So ſtolz, ſo prächtig hatte Frau Cäeilie nie da⸗ geſtanden, wie jetzt in dieſem Augenblick, wo ſie einzig und allein auf ihr reines Gewiſſen, auf ihr pflichtge⸗ treues, tugendfeſtes Leben ſich ſtützte. Sie fuhr fort: „Aber noch einmal frage ich: Haben Sie Beweiſe? Können Sie Ihr Recht behaupten und darthun?“ Aber Theydor antwortete nicht, er erwiederte kein Wort. Er fuhr bloß fort, ſeine Stiefmutter mit Blicken zu betrachten, in denen ein Meer von Gefühlen zu wogen ſchien. Und Frau Cäcilie ihrerſeits betrachtete ihn im⸗ mer aufmerkſamer, immer inniger. „Ja er iſt's!“ ſagte ſie endlich wie vor ſich hin..„ja, es iſt Erich. Ich erkenne ſeine Züge.. ſeinen Ausdruck wieder!... Ja, er iſt's!... Meine Au⸗ gen waren wie geblendet.“ „Ja, ich erkenne Dich wieder,“ fuhr ſie laut fort. „Ich erkenne Dich als Frich Nordenhjelm. Aber jetzt will ich Dich fragen, Erich, warum Du auf dieſe Weiſe unter fremdem Namen und unwahrem Vorwand in Dein väterliches Haus gekommen biſt. War es recht, war es edel, war es ſchön von Dir ſo im Geheimen zu lauern und zu warten, bis Du einen Augenblick fandeſt, um— nicht wie ein Sohn und Bruder zu kommen, ſondern... Erich... warum haſt Du gegen uns wie gegen Feinde gehandelt? Warum ſtehſt Du in dieſem Augenblick vor mir, ohne zu antworten, ohne die Worte ſagen zu wollen, die ich verlange? Erich!... wem mißtrauſt Du?... Ach! iſt es nicht der Fehler des Kindes, der auf den Mann übergegangen iſt? Iſt es nicht das Volk der Schat abſchl S gleich 2 dann mütte Erich math ſchon warn die„ Dan ſtum— Hau verb gong mir Deit ich e ich mick jetzt viel her Die So . ich ein aut Ja hei un dannes ſein; aß ich ſeinen kann. cht ein wenn ie ich, tie da⸗ einzig lichtge⸗ fort: weiſe? te kein Blicken wogen hn im⸗ or ſich ige.. ne Au⸗ it fort. er jetzt Weiſe n Dein „ war lauern um— ern„ Feinde ick vor wollen, u7.. uf den olk der 169 Schatten, von denen Du geſprochen, die Dich vom Lichte abſchließen und von Menſchen, die weiter Nichts als Dich zu lieben verlangen?“ Theodor ſtand noch immer ſtill, blaß und düſter, gleichſam gefühllos da; nur ſeine Blicke ſprachen. Frau Cäcilie ſah ihn eine Weile ſchweigend an, dann verklärte ſich ihr Geſicht zu einem Ausdruck voll mütterlicher Güte und Hoheit. „Ich ſehe, wie es iſt,“ ſagte ſie.„Mein armer Erich! Du biſt lange weggeweſen und haſt aus der Hei⸗ math bloß bittere Erinnerungen mitgenommen. Du war ſchon früh unglücklich und biſt hernach niemals heimiſch warm auf Erden gewerden. Du haſt den Glauben an die Heimath und an die Liebe verloren. Aber Gott ſei Dank, daß Du zu Hauſe biſt! Du wirſt nicht lange ſtumm ſein bei uns... in Deiner Heimath in Deinem Hauſe. Du wirſt uns bald beſſer verſtehen. Frich!.. verbittere Dein neues Leben nicht. Vergiß das Ver⸗ gangene, vergiß alles Bittere. Und verzeih... verzeih mir meinen Antheil daran. Aber ich kannte damals Deinen Vater und Dich ſelbſt noch nicht gut genug, daß ich es wagen konnte in's Mittel zu treten. Ich ſchwankte, ich zögerte... aber glaube mir, dieſer Augenblick hat mich ſchmerzlichere Thränen gekoſtet, als Dich ſelbſt. Aber jetzt. Erich... Erich. mein Sohn Erich, ich werde vielleicht bald Dein Haus und Gut verlaſſen, aber vor⸗ her mußt Du mich als Sohn umarmen, und ich muß Dich als Mutter willkemmen heißen. Erich.. mein Sohn... willkommen! herzlich willkommen!“ Und ſie ging mit offenen Armen auf ihn zu. „Noch nicht!“ ſagte er, indem er auf die Seite wich. „Wir verſtehen einander noch nicht vollkommen. Und ich babe auch einige Worte zu ſagen. Ich habe auch ein Recht, verſtanden zu werden und— venigſtens bis auf einen gewiſſen Grad— ſchuldlos hier zu ſtehen.. Ja es iſt wahr, ich bin heimlich gekommen, habe mich heimlich, unter fremdem Namen in's Haus geſchlichen, um zu prüfen, zu ſpioniren. Aber meine Abſicht war 17⁰ nicht tadelnswerth. Ich wollte kennen lernen und ur⸗ theilen, bevor ich handelte. Ich kam nicht mit gutem Glauben hieher. Ich habe der Reinſten, der Beſten miß⸗ traut und ſie beargwöhnt. Und darin liegt mein Ver⸗ gehen. Aber ich habe meinen Fehler erkannt. Und jetzt bleibt mir nur noch übrig, ihn durch die That zu ſühnen.“ Er beugte ſein Knie vor Frau Cäcilie und bat mit erſtickter Stimme: „Umarme mich, meine Mutter!“ Sie ſchloß ihn in ihre Arme und küßte ihn auf die Stirne. „Dank!“ ſagte er leiſe. Und nun ſtand er auf und blickte ringsum. „Mutter, Brüder, Schweſtern!“ ſagte er,„ich habe eure Geſichter erblaſſen, eure Blicke ſich verfinſtern ſehen bei meiner Erſcheinung. Das ſoll nicht mehr geſchehen!— Der erſte Erbe iſt todt. Ihr ſeht ihn nie wieder!“ Und er ſtürzte aus dem Zimmer. Aber ſchneller als ein Gedanke war Adolph hinter ihm her und erreichte ihn in dem Augenblick, wo er ſich eben auf ein geſatteltes Pferd werfen wollte, das in ge⸗ ringer Entfernung vom Hauſe bereit ſtand. „Thor!“ ſagte Adolph, von edlem Zorn erglühend, indem er ihn mit kräftigen Armen faßte,„was ſoll das? Hältſt Du uns für fähig, aus deiner Thorheit Nutzen zu ziehen? Begreifſt Du nicht, daß ich, wohin Du auch fliehen woliteſt, Dir folgen und Dich nicht verlaſſen würde, bis ich dich zurückgebracht hätte? Siehe, Deine Mutter und Deine Schweſtern kommen, um Dich zurückzuholen!“ Theodor hätte ſich aus Adolph's Armen losreißen, er hätte ſich in ſeiner ercentriſchen Stimmung auf ſein Roß werfen und davon jagen können, fern in die weite Welt hinaus, wohin es ſchwer geweſen wäre, ihm zu folgen und ihn aufzufinden. Er hätte es gekonnt und er wollte es. Aber als er aus dem edelſten Frauen⸗ munde mit herzzerreißendem Ausdruck den Ruf: Erich! Erich! mein Sohn! kommen hörte, da vermochte er nicht zu fliel ausger „Willi ſolchen Du ha wie ar mußt Allen liegen. 77 aufrick meines ſie nie und von d zu N iſt da Recht Frem Ander nun entrei das frage kümn ſetz. an d heite: ner erken entzi was mich Hau die d ur⸗ gutem miß⸗ Wiß⸗ Und tz d bat uf die f und habe ſehen der 6 hinter r ſich n ge⸗ hend, das? en zu iehen „ bis und . ißen, ſein weite nzu und muen⸗ rich! nicht 17 zu fliehen. Er blieb ſtehen. Und als Frau Cäciliens ausgereckte Arme ihn berührten, da ſank er an ihre Bruſt. „Mein Sohn Erich!“ ſaate ſie heftig aufgeregt, „Willſt Du mich tödten? Glaubſt Du, daß ich nach ſolchen Vorgängen noch eine frohe Stunde haben könnte? Du handelſt unrecht gegen mich, gegen all' die Meinigen, wie auch gegen Dich ſelbſt. Du wirſt, Du ſollſt und mußt bleiben. Und was recht iſt, ſoll Dir, ſoll uns Allen geſchehen, ſonſt könnte ich nicht ruhig im Grabe liegen.“ „Was recht iſt!“ wiederholte Theodor, indem er ſich aufrichtete.„Ja, aber was iſt recht? Was wäre aus meines Vaters Beſitzung geworden, wenn ſeine Gattin ſie nicht der Zerſtörung entriſſen, ſie ſorgfältig gepflegt und durch achtzehnjährige Mühen und Entbehrungen von der vrückenden Schuldenlaſt erlöst hätte. Sie ware zu Nichts zuſammengeſchmolzen. Was ſie jetzt iſt, das iſt das Werk dieſer Frau. Deßhalb hat ſie auch das Recht, es zu beſitzen und zu genießen. Sollte ich, der Fremdling, der Nichts gethan hat, der ihr nie etwas Anderes als ein Herzeleid geweſen, jetzt herkommen und nun Alles wieder ihr und den Kindern ihres Herzens entreißen? Iſt dieß das höchſte Recht, ſo iſt es auch das höchſte Unrecht. Und das will ich nicht! Was frage ich nach euern Geſetzesparagraphen, und was be⸗ fümmere ich mich um ſie? Ich erkenne ein höheres Ge⸗ ſetz, einen höheren Richterſtuhl an. Und ich berufe mich an das höchſte, an das innerſte Recht.“ „Dann,“ ſagte Frau Cäcilie mit einer ſchnellen, heitern Eingebung,„dann appellirſt Du an die In⸗ nerſte. Und ihr Urcheil bin auch ich bereit anzu⸗ erkennen. Die Innerſte ſoll richten zwiſchen uns!“ „Ja, zur Innerſten! Zur Innerſten!“ rief Theodor entzückt.„Sie ſoll urtheilen, ſie ſoll entſcheiden. Und was ſie ſagt, das ſoll feſtſtehen. Sie allein verſteht mich und Alles recht!...“ Und er ſtürzte wieder in's Haus, die Andern alle ihm nach. Zur Innerſten, in die kleine Freude, ging der Familienzug. Schon manch⸗ 172 mal hatte ſich der Familienrath im Zimmer der In⸗ nerſten verſammelt, aber noch nie in ſo wunderbaren Angelegenheiten. Theodor wollte zuerſt ſprechen. Niemand verweigerte ihm das. Und mit hinreißender Beredtſamkeit ttug er ſeine Geſchichte vor und ſchilderte ſeine nunmehrige Stellung. Ina war blaß und bewegt, ſchien ſich indeß über die unerwartete Entdeckung weniger zu verwundern, als man hatte vermuthen können. Sie ſagte: „Ich hatte es geahnt. Aber ich weiß nicht, ich er⸗ ſchrack nicht darüber.“ „Sie begreift, ſie verſteht mich!“ rief Theodor und küßte ihre Hand. Jetzt ſprach auch Frau Cäcilie. Einfach, aber ernſt ſtellte ſie die Sache aus ihrem Geſichtspunkte dar und ſagte, was geſchehen müſſe, wenn das Rechte geſchehen ſolle. Sie erkannte Theodor's reinen, guten Willen an und freute ſich darüber. Aber ſeine ſchwärmeriſchen An⸗ ſichten konnten auf ſie nicht einwirken und ſie nicht ab⸗ halten, ihre Pflicht nach Recht und Gewiſſen zu erfüllen. Als Alle geſprochen hatten und Alles geſagt war, entſtand eine Pauſe, und alle Blicke hefteten ſich auf die Innerſte. Ina richtete ſich mit dem halben Leibe in ihrem Bette auf, flützte ſich auf einen Arm und blickte mit ihren holden, klugen, innigen Augen die Umſtehenden an. Lange ſah ſie auf die Mutter, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Am längſten ſah ſie auf Theodor und ſchien in ſeinem Herzen zu leſen. Und dabei begann ſie mit himmliſcher Freundlichkeit und Güte zu lächeln. Endlich ſprach ſie, aber als ob ſie liebevoll ſcherzte, ſo heiter und ſo zärtlich zugleich: „Jetzt will ich's ſagen. Theodor ſoll das Gut haben, aber er ſoll uns Alle zugleich mithaben, und wir wollen es für ihn verwalten. Er braucht ſich alſo um ſein Gut nicht zu kümmern, aber er ſoll Alles haben, was er will, alle unſere Herzen und all' unſere Habe. Denn all' da Das( Adolp ſie da uns ſe kümm da dra fliegen für ih uns, und h müde wenn ſein( Sein wird werde und ſo in Plan wenn Wär ſie g wirk geſat dank dunk wegt wick Sie ſcher Inn und gen küß den In⸗ rbaren eigerte ug er ehrige ß über n, als ich er⸗ n ernſt ar und chehen len an n An⸗ ht ab⸗ füllen. war, ch auf ihrem te mit en an. füllten heodor begann ächeln. zte, ſo haben, wollen n ſein „ was Denn 173 all' das Unſrige iſt ſein und all' das Seinige iſt unſer. Das Gut ſoll wie bisher in Mama's Hand bleiben, und Adolph ſoll es gemeinſchaftlich mit ihr verwalten, wie ſie das verabredet haben. Und ſie ſollen Jedem von uns ſeinen Antheil zuweiſen, Theodor ſoll ohne alle Be⸗ kümmerniſſe leben, frei, frei wie die glücklichen Vögel da draußen, und wenn er will, ſoll er in die Welt hinaus fliegen können, ſo weit und ſo lang er will, denn das iſt für ihn Bedürfniß. Aber er ſoll immer wiederkehren zu uns, zur Mama und mir. Denn hier iſt ſeine Heimath, und hier ſoll er wohnen und bleiben, wenn er einma müde iſt. Und wir werden uns immer nach ihm ſehnen, wenn er fort iſt. Und wir werden während dieſer Zeit ſein Gut verwalten, als wäre es unſer. Denn all' das Seine iſt unſer und all' das Unſere iſt ſein. Und ſo wird Niemand ärmer, ſondern wir alle werden reicher werden. Denn wir haben noch einen Freund bekommen, und wir alle werden ihn und uns ſelbſt unter einander ſo innig lieb haben.“ Hätte die Sonne an einem ſchönen Tage zu den Planeten geſprochen,— und muß ſie das nicht thun, wenn ſie ihnen zur Zeit des Hochſommers Licht und Wärme zuſtrahlt?— ſo hätte ſie nicht viel anders auf ſie gewirkt, als hier die Innerſte auf ihre Umgebung wirkte. Alle fühlten, daß ſie das Schönſte und Beſte geſagt hatte. Alle fühlten, daß ſie die innerſten Ge⸗ danken und Wünſche jedes Einzelnen, ſo wie ſie ſich dunkel in den Kammern des Kopfes und Herzens be⸗ wegten, ausgeſprochen, daß ſie der gegenwärtigen Ver⸗ wicklung die einzige gluͤckliche Löſung gegeben hatte. Sie hakte die Ihrigen mit einem Male über alle irdi⸗ ſchen Alltagsverhältniſſe hinaus gehoben und ſie in das Imnerſte des Lebens verſetzt, wo das Licht der Liebe und das Geſetz der Liebe alle Schwierigkeiten, alle Fra⸗ gen löſen und Alles freundlich und leicht machen. Entzückt beugte ſich Theodor über das Bett und küßte die lächelnden, beredten Lippen. Dann gab er ſich den Umarmungen hin, die ihn von allen Seiten bewill⸗ 174 kommten. Am längſten verweilte er an Frau Cäciliens Mutterbuſen und benetzte ihre Wangen mit ſeinen Thrä⸗ nen. Er badete ſich in Liebe, wie er ſich einſt im Lichte der Mitternachtsſonne gebadet hatte. Darauf umarmten Alle die Innerſte, umarmten Frau Cäctlie, umarmten ſich unter einander. Die große Umarmung ſchien kein Ende nehmen zu wollen, zumal als noch der kleine Knirps, gefolgt von Naima, in's Zimmer ſtürzte und rief:„Mich auch! mich auch!“ worauf er ſogleich in die allgemeine Bewegung mit hineingezogen wurde. Auch Naima ging nicht leer aus, das verſichere ich. Aber jetzt lächelte man, indem man küßte, und ſo wurde die Rührung durch die Kinder noch kindlicher und heiterer. Die Kinder und die Innerſte konnten zuletzt gar nicht mehr aus einander gebracht werden. Am Abend war Ball in der großen Freude. Und der ſanfte Bruder und ſtrenge Richter galoppirte ſo leidenſchaftlich, daß Frau Amalie mit Schreck zuſah und Niemand wußte, wie dieß aufhören ſollte; auch Char⸗ lotte und der Capitän Reinhold Rapp tanzten unaufhör⸗ lich und ließen in fortwährendem Lachen ihre weißen Zähne aus ihren hochrothen, vergnügten Geſichtern heraus glänzen. Und all' die Hirten und Hirtinnen an den Wänden ſtierten und grimmaſſirten ärger als je, und Frau Martha Orrhane ſelbſt ſchien noch viel verwunderter und fröhlicher als ſonſt dreinzublicken. Und ſo tanzte man, bis der Tag graute. Aber Frau Cäcilie begab ſich ſchon vor Mitternacht zur Ruhe, nachdem ſie ihre Kinder beauftragt für die Bewirthung und Unterhaltung der Gäſte zu ſorgen. Sie war müde von den Ereigniſſen der vorhergehenden Tage und namentlich von den Erlebniſſen des heutigen Tags, die ihre Seele auf mannigfache Weiſe erſchüttert hatten. Es verlangte ſie, ſich in der Stille zu ſammeln und auszuruhen. Aber kaum hatte ſie ihre Zimmerthüre verſchloſſen, ſo klopfte es draußen. „Wer iſt da?“ fragte ſie. 6 Aufre böſe j „ich i Dun als T 7 Denn bot e wahr! würde verhit mich aufen rücker Cäcil Danl Wir wir trone Dare jetzt ſamk ließ, ders und da k ſich nune dank und edles hatt müt iliens Thrä⸗ Lichte rmten rmten kein kleine e und ich in vurde. e ich. wurde iterer. nicht Und te ſo und Shar⸗ fhör⸗ eißen eraus den und erter tanzte nacht r die rgen. enden tigen üttert meln oſſen, 175⁵ „Der Verwalter!“ Sie öffnete, und der alte Verwalter ſtand in tiefer Aufregung vor ihr. „Liebe Frau,“ ſagte er,„Sie werden mir doch nicht böſe ſein?“ Und er weinte. „Allervings, Hans Ernſt,“ antwortete Frau Cäcilie „ich bin wirklich unzufrieden mit Dir. Aber bloß weil Du mir Herrn Erich's Rücktehr nicht ſogleich anzeigteſt, als Du ſie wußteſt. Sag' warum thateſt Du vas nicht?“ „Liebe Frau, ich durfte ja nicht vor ihm!. Denn als ich ihm meine Gedanken mittheilte, da ver⸗ bot er mir, davon zu ſprechen, und bedrohte mich, ja wahrhaſtig, bedrohte mich, wenn ich ein Wort ſagen würde. Und ſo hätte er mich noch im letzten Augenblick verhindert, wenn es in ſeiner Macht geſtanden hätte, mich zu verhindern. Aber ſehen Sie, ich konnte es nicht auf mich nehmen. Ich mußte mit der Wahrheit heraus⸗ rücken.“ „Das iſt Alles recht ſchön und brav,“ ſagte Frau Cäcilte,„und Du haſt gethan, wie Du ſollteſt. Meinen Dant Lafür! Aber jetzt gute Nacht, lieber Hans Ernſtl Wir können jetzt beive ruhig ſchlafen. Morgen wollen wir weiter darüber reden. Gute Nacht!“ Und die Ma⸗ trone und der alte Verwalter reichten einander die Hand. Darauf trennten ſie ſich, und Frau Cäcilie ging, da ſie jetzt allein war, zu Bette. Als ſie nun in ihrer Ein⸗ ſamkeit Alles von Neuem an ihrem Geiſte vorübergehen ließ, als ſie ſah, wie ſo Manches, ja beinahe Alles an⸗ ders gegangen, als ſie erwartet und beabſichtigt hatte, und wie ſo mancher ihrer ſtillen Pläne geſcheitert war, da konnte ſie ſich eines halb wehmüthigen Lächelns über ſich ſelbſt, ſowie über menſchliche Entwürfe und Hoff⸗ nungen im Allgemeinen nicht enthalten. Aber aufrichtig dankte ſie Gott für die Wiederkehr des verlorenen Sohnes und dafür, daß ſich bei ihren eigenen Kindern kein un⸗ edles Gefühl, keine ſelbſtſüchtige Regung fundgegeben hatte. Und wenn ſie an Theodor's edle Abſicht und Ge⸗ müthsart dachte, wenn ſie überlegte, wie ſtatt bitterer 176 Spannung das ſchönſte Verhältniß zwiſchen ihm und ſeiner neuen Familie entſtanden war, und überdieß wie viel Wünſchenswerthes die neuen Familienverbindungen in ſich ſchloſſen, obſchon ſie ſich gegen ihren Wunſch ge⸗ vildet hatten und ſie ſelbſt überflüſſiger und einſamer machten als zuvor, dann fand ſie immer neue Veran⸗ laſſungen zur Dankbarkeit und demüthigen Freude über die Leitung des höchſten Weltenlenkers. Und wenn ſie ſich nach der ſchönen Thorild'ſchen Regel, die ſie ſich ſchon längſt zu eigen gemacht hatte, all das Gute vor Augen hielt, was überhaupt war, wenn ſie ſich ſagen konnte: Das iſt gut! das iſt gut! da freute ſie ſich über ihre vollendete achtzehnjährige Arbeit, die Bettdecke lag ſo leicht auf ihr, und die Luft im Zimmer ſchien ihr immer leichter und lieblicher einzuathmen, wenn ſie be⸗ dachte, daß ſie ihr Werk gut vollbracht hatle. Nächſtdem beſchäftigte ſie ſich mit der Zukunft. In der Stille der Nacht ſtand ihre Seele vor dem Bette der jüngſten Tochter und überlegte das Wohl derſelben. Auch an ihre anderen Kinder dachte ſie. Am meiſten jedoch und am zärtlichſten an das lahme Mäochen, an ihre Innerſte, ihren Liebling. Die andern alle konnten ſich jetzt ſelbſt forthelfen. Und ſie faßte für die Zukunft einen Beſchluß, über welchen wir ſpäter Genaueres er⸗ fahren werden. Schlaf fand ſie in dieſer Nacht nicht in ihrem Bette. Aber ihre Seele wurde ruhig. Und das war ihr beſſer als Schlaf. Sanft und freundlich ſtand ſie am andern Morgen unter ihren noch ſchläfrigen Kindern und Freunden. Drei Tage ſpäter fand auf Bragesholm ein großes Reiſefrühſtück ſtatt. Denn mehrere von den Mitgliedern und Freunden der Familie wollten abreiſen, unter An⸗ dern auch Ida, welche Adolph in ſeinem Wagen nach der Küſte bringen ſollte. Auf den Herbſt, ſo war es ab⸗ gemacht, ſollte er nach Uleaborg kommen und ſie von da als Gattin nach Bragesholm zurückführen. Die Tafel war mit einer Menge verſchiedener Ge⸗ richte reich beſetzt. Brodſorten allein waren wenigſtens ſieben ſo wi vielſa zwiſch eine ſ allerl ſie no Ihr gewöl ßes i denen trug in ar feiner außer auf d Heili ſacher Schn löſchl wöhn purp Wan bei d auf d und ſeit s Cäci zeigt Schn geger klein Cäci ſie das Verl den Allet D nund ß wie ungen ch ge⸗ ſamer Beran⸗ e über nn ſie ie ſich te vor ſagen h über ke lag en ihr ſie be⸗ ft. In tte der ſelben. meiſten n an onnten zufunft res er⸗ icht in nd das ſtand äfrigen großes iedern er An⸗ n nach es ab⸗ von da er Ge⸗ tigſtens 177 ſieben vorhanden. Die Mitglieder der Familie machten, ſo wie ſie um den Tiſch herum ſaßen, den Eindruck eines vielfarbigen Blumenkranzes. Frau Cäcilie ſelbſt, die zwiſchen dem Knirps und Naima ſaß, nahm ſich wie eine ſchöne, aber beinahe verblühte Roſe zwiſchen zwei allerliebſten Roſenknöſpchen aus. Ja, auch verblüht war ſie noch ſchön. Sie war es ganz beſonders dieſen Morgen. Ihr edles Geſicht hatte, wenn es auch bläſſer war als gewöhnlich, doch etwas ungewöhnlich Heiteres und Gro⸗ ßes in ſeinem Ausdruck, Etwas, das an einen überſtan⸗ denen Kampf, einen vollendeten Sieg erinnerte. Sie trug eine neue ſchneeweiße Haube von leichtem Flor die in angenehmen Falten und Formen, gebildet von den feinen Fingern der Innerſten, ihr Haupt umgab und ihr außerordentlich gut ließ. Wieder und wieder ſah Ida auf dieſen Kopf; es war ihr immer, als ſehe ſie einen Heiligenſchein um denſelben. Und aus mancherlei Ur⸗ ſachen vergaß Ida das heutige Ausſehen ihrer künftigen Schwiegermutter nie. Es prägte ſich wie ein unver⸗ löſchlich Bild ihrer Seele ein. Sie ſelbſt war wie ge⸗ wöhnlich ſchwarz gekleidet, hattte aber Ina erlaubt eine purpurrothe Nelke in ihr Haar zu ſtecken, und auf ihren Wangen flammte ein ſtärkerer Purpur, als gewöhnlich bei den Blicken bewunderungsvoller Liebe, welche Adolph auf das ſchöne Geſicht heftete. Aber ihr Blick war finſter, und das ſtolze Herz ſchwoll von geheimem Leid. Schon ſeit dem Tag, da ſie mit Adolph zurückgekehrt, war Frau Cäcilie, obſchon ſie ſich immer freundlich gegen ſie zeigte und ſie würdevoll und mütterlich als ihre künftige Schwiegertochter begrüßt hatte, doch nicht ſo wie früher gegen ſie geweſen. Kein erquickender Scherz, keine kleine Liebkoſung, wie früher oft, war ihr von Frau Cäcilie zu Theil geworden; nicht ein einziges Mal hatte ſie„meine Frau Sola“ zu ihr geſagt. Jda konnte ſich das nicht verhehlen. Frau Cäcilie war mit Adolph's Verbindung nicht zufrieden und ſah Ida nicht mit Freu⸗ den in ihr Haus, in den Kreis ihrer Kinder eintreten. Alles das laſtete Ida ſchwer auf der Seele. Sie fühlte Die Johannisreiſe. 12 ihr Herz und ihren Stolz verletzt. Sie wollte es nicht fühlen, ſie verſuchte ſich nichts anmerken zu laſſen; aber es gelang ihr nicht. Und ſo wurde fſie bitter in ihrem Gemüthe, unzufrieden mit ſich ſelbſt, mit Adolph und mit der alten Dame. Heute ſah jedoch Frau Cäcilie ſo heiter und freund⸗ lich aus, daß Niemand etwas gegen ſie auf dem Herzen haben konnte. Sie ſah ſich am Tiſche um, blickte auf ihre Kinder, auf Sprößlinge von jedem Alter, die um ſie her emporwuchſen, und betrachtete ſie alle mit einem Gefühl wehmüthiger Freude. Sie ſah dieſe im Leben aufwärts gehen, ſie fühlte, daß es mit ihr ſelbſt nieder⸗ wärts ging. Sie kam ſich wie ein Schatten vor neben dieſen lebenskräftigen, blühenden jungen Leuten, aber ſie freute ſich darüber, ſie hätte es nicht anders gewünſcht. Das Fräulein blickte ſchalkhaft auf die jungen Da⸗ men Amalie, Ida und Charlotte, die in Roſenfarben prangten, und ſagte zu ihnen: „Ihr meint gewiß recht ſchön zu ſein, ihr jungen Weiber da, und ich ſehe es den Herren an, daß ſie euch auch ſo finden; aber ich muß Euch dennoch ſagen, daß keine von Euch heute ſo ſchön iſt wie— die alte Ge⸗ bieterin von Bragesholm.“ „Die alte Gebieterin von Bragesholm iſt jetzt ab⸗ geſetzt,“ erwiederte Frau Cäcilie lächelnd und mit leich⸗ tem Erröthen.„Sie räumt den Platz für jüngere Kräfte. Wenn Adolph mit ſeiner jungen Frau auf den Herbſt hieher zurückkommt, ſo bin ich nach Innerſtalund über⸗ geſiedelt, und Avolph's Frau wird hier Gebieterin und Wirthin. Juſt heute, bevor wir uns trennen, meine lieben Kinder, wollte ich mit Euch von meinen Plänen für die nächſte Zukunft ſprechen. Es iſt nämlich mein Wunſch, ſo bald wie möglich die Verwaltung von Bra⸗ gesholm an Adolph und Theodor abzutreten, die nun⸗ mehr Alles einrichten mögen, wie ſie es für gut finden. Ich fühle, daß ich zu alt werde, um Aber hier wurde Frau Cäcilie durch ein allgemeines Gemurmel unterbrochen. Alle erklärten ſich vollkommen — — zufri daß und: abzu Cäci mir ich paar Krä liche Gut der meir mich vort es f zuri rin Wei die lune Mer ſich Me des rück deß! nig ſehe vor ſie, und beſt alte der klat wa z nicht laſſen; tter in Adolph reund⸗ Herzen te auf i m einem Leben nieder⸗ neben ber ſie nſcht. g farben junzen e euch „ daß te Ge⸗ tzt ab⸗ kräfte. Herbſt über⸗ in und meine ßlänen mein Bra⸗ e nun⸗ finden. meines mmen 179 zufrieden mit ihrer Verwaltung. Man verſicherte ſie, daß ſie noch jung genug ſei um dieſelbe beizubehalten, und man bat ſie, von allen Gedanken an einen Rücktritt abzuſtehen. „Ich danke euch, meine lieben Kinder,“ ſagte Frau Cäcilie gütig und heiter.„Es iſt mir lieb, daß ihr mit mir zufrieden ſeid und mich nicht zu alt findet. Aber ich— ich ſelbſt fühle mich zu alt. Ich fühle ſeit ein paar Jahren deutlich, daß mein Gedächtniß und meine Kräfte avnehmen, und daß ich nicht mehr die erforder⸗ liche Stärke und Ausdauer beſitze, um einem ſo großen Gute vorzuſtehen und für das Gedeihen deſſelben, ſowie der dazu gehörenden Unterthanen ſo zu wirken, wie nach meiner Anſicht gewirkt werden kann und muß. Ich kann mich unmöglich darüber täuſchen: meine beſte Zeit iſt vorüber. Dagegen iſt für mich vie Zeit gekommen, wo es für den Menſchen gut iſt, wenn er ſich von der Welt zurückzieht und mehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Und da⸗ rin liegt ganz und gar nichts Trauriges, meine Kinder. Weiß nicht die Raupe, die auf der Erde kriecht, wenn die Zeit da iſt, ſich eirzuſpinnen und auf die Verwand⸗ lung vorzubereiten? Sollte nicht ebenſo gut auch der Menſch es fühlen, wenn die Zeit für ihn gekommen iſt ſich einzuſpinnen und ſtille zu werden? Denn auch der Menſch ſoll ſich einſpinnen. Er ſoll ſich in die Binden des Alters einwickeln, ſoll ſich einſam in ſich ſelbſt zu⸗ rückziehen und auf den Uebergang vorbereiten. Aber deßhalb braucht er nicht zur Puppe zu werden, ſo we⸗ nig als man die Zeit des Alters für eine traurige an⸗ ſehen muß. Es iſt unrecht und undankbar in der Erde vor Allem vas„Jammerthal“ zu ſehen. Hat nicht Gott ſie, uns zur Freude, mit Gutem und Schönem angefüllt, und hat er nicht jedem Menſchen und jedem Alter ſein beſtimmtes Maß des Genuſſes zugetheilt? Das Greiſen⸗ alter hat Genüſſe, wie kein anderes Alter ſie kennt. In der Ruhe des hohen Alters erwacht das Gemüth zu klarerem Verſtändniß von vielem Guten und Herrlichen, was man früher nicht beachtet hatte. die 180 Ruhe nicht alle Wirkſamkeit aus. Und wenn ich mich für Bragesholm zu alt fühle, ſo fühle ich mich noch jung genug für Innerſtalund, um dort zu pflanzen, zu ordnen und dieſes Plätzchen zu einem recht angenehmen zu machen. Dieß ſoll in meinen alten Tagen meine Be⸗ ſchäftigung und mein Vergnügen ſein, und Ina ſoll mir dabei helfen. Vor allen Dingen wollen wir unſere Gaſt⸗ zimmer dort in Otdnung bringen, damit wir unſere Freunde recht bald empfangen und ſie bereits auf den Winter zum Einzugsſchmaus dahin einladen können, nachdem wir zu⸗ vor dem eurigen hier angewohnt haben. Wir werden doch hoffentlich eingeladen werden?“ Frau Cäcilie ſagte das mit einem freundlich ſchalk⸗ haften Blick auf Adolph und Ida, in der Hoffnung, die allgemeine Stimmung dadurch heiterer zu machen. Aber Adolph und IJda, wie überhaupt die Meiſten am Tiſche, waren nicht heiter, ſondern feierlich und traurig geſtimmt. Adolph und Ida ſtanden auf, gingen zu Frau Cäcilie hin und baten ſie voll Ernſt und Rüh⸗ rung, ſie möchte nicht daran denken Bragesholm zu ver⸗ laſſen, ſondern dableiben und ihnen erlauben, ſie als Kinder mit ihrer Liebe zu umgeben und Alles aufzu⸗ bieten, um ihr das Leben behaglich und angenehm zu machen. Frau Cäcilie jedoch beharrte auf ihrem Entſchluß, und man ſah bald, daß derſelbe unwiderruflich gefaßt war. Sie bat ihre Kinder zuletzt, nicht weiter in ſie zu dringen und nicht mehr davon zu ſprechen. Die Sache war in ihrem Innern feſt abgemacht. Ida zog ſich zurück, verletzt von Frau Cäciliens— wie ihr ſchien— kalter Zurückweiſung ihres aufrichtig guten Willens; auch war es ihr, als habe die Matrone, als Ida mit einer Umarmung ſie bat bei ihnen zu bleiben, ſie zurückgeſtoßen. Möglich, daß Ida ſich darin täuſchte. Möglich aber auch, daß ſie Recht hatte, und daß Frau Cäcilie unbewußt eine Bewegung gemacht hatte, um die nicht ganz willkommene Schwiegertochter von ſich zu entfernen. Denn das Herz hat ſolche Ge⸗ kntb.eti komm mitzit geiger Zeit um 9 ihr ſi euch Und hören nach höchl heiter den in F ihm pfant geach ſie m tung, eiſten un ingen Rüh⸗ er⸗ e als ufzu⸗ m zu chluß, gefaßt ſie zu Sache ns— ichtig trone, n zu darin „und macht ochter Ge⸗ fühle und kann ſich ihrer nicht erwehren. Und der Kör⸗ per will ſie in unbewachten Stunden, die ſich auch bei den Goelſten einſtellen, durch Worte, Blicke oder Ge⸗ berden ausdrücken. Jetzt ſtand Theodor auf, bog ritterlich ſein Knie vor Frau Cäcilie und ſagte: „Höre jetzt meine Bitte! Geh' und ziehe, wohin Du willſt, liebe Mutter. Aber nimm mich mit, mit Dir und mit der Innerſten. Adolph mag das Gut leiten und verwalten, wenn es ihm gefällt. Mir iſt es nicht gegeben herumzugehen und nach den Zäunen und Däm⸗ men zu ſehen. Ich würde mich zu Tode langweilen. Der alte Verwalter würde mich nach Blakulla wünſchen, und Adolph würde mich als Agronom herzlich ſatt be⸗ kommen, wie ich ihn. Nein, laß mich nach Innerſtalund mitziehen. Ich will dort euer erſter Knecht ſein, will Waſſer und Holz tragen, Euch manchmal Etwas vor⸗ geigen, vorleſen und Caricaturen zeichnen. Von Zeit zu Zeit fahre ich dann wieder in die große Welt hinaus, um Neuigkeiten für euch zu holen. Ich verſichere euch, ihr ſollt mich nicht entbehren können, und auch ich werde euch nicht entbehren können, das weiß ich zum Voraus. Und darum laßt mich mit euch nach Innerſtalund ziehen.“ Frau Cäcilie lächelte und ſprach:„Wir müſſen hören, was die Innerſte dazu ſagt.“ „O dann bin ich ſicher,“ rief Theodor und ſprang nach der kleinen Freude, um die Innerſte zu fragen. Frau Cäcilie blickte ihm freundlich nach und war höchlich erfreut über den Vorſchlag. Adolph lächelte gleichfalls, ſah aber nicht recht heiter aus. Er fühlte ſich gleichſam verdrängt durch den neuen Brnder, nachdem er bisher beinahe der Erſte in Frau Cäciliens Liebe geweſen. Es regte ſich in ihm Etwas von Neid. Und als er dieſe Regung em⸗ pfand, wurde er ſehr mißvergnügt über ſich ſelbſt. Un⸗ geachtet ſeiner lebhaften Liebe für Ida war er auch über ſie mißvergnügt, wegen der ſteifen, beinahe ſtolzen Hal⸗ — tung, welche ſie gegen Frau Cäcilie annahm, zumal 182 jetzt, da ſie ſich von ihr zurückgeſtoßen fühlte. Wie es ſich immer damit verhalten haben mochte, ſoviel iſt ge⸗ wiß, daß Frau Cäcilie Alles aufbot, um jeden minder angenehmen Eindruck, den ſie etwa verſchuldet haben konnte, wieder gut zu machen. Während der übrigen Dauer des Frühſtücks ſprach ſie mehrere Male freundlich zu Ida und ſuchte ihr ſtarres Weſen aufthauen zu ma⸗ chen. Aber nein, das gelang nicht. Ida ſchien nur noch ſteifer und kälter zu werven. Liebe Leſerin! Wenn Dich jemals eine ſolche Stimmung beſchleicht gegen eine Perſon, die Du gleichwohl hochachteſt und liebſt, ſo.. laß ſie nicht zur Herrſchaft kommen. Erkläre dich offen! Sprich! Sag' dein Leiden oder deinen Aerger freundlich, heiter, wenn du kannſt; mit Thränen, wenn du es nicht anders vermagſt. Aber ſprich! Mache das Eis ſchmelzen bei dir oder bei der andern Perſon. Und wenn du im Begriff ſtehſt, dich von ihr zu trennen, wenn du bereits vor der Thüre außen biſt, ſo kehre wieder um; oder wenn ſie ſchon auf der Straße unten iſt, ſo ſpringe ihr nach, halte ſie feſt und laß ſie nicht los, bis Alles geſagt, beweint, verziehen und wieder gutgemacht iſt. Achl wenn du zögerſt, wenn du ſie gehen läſſeſt, ſo wird es leicht zu ſpät. Und dann kommt eine Zeit der Reue. Als man vom Frühſtück, das ſich zum Milttageſſen verlängert hatte, aufſtand, war es hübſch anzuſehen, wie der kleine Knirps das Tiſchgebet ſprach, vor Frau Cä⸗ cilie ſtehend, die ihre Hände über ſeinem blonden Köpf⸗ chen gefaltet hielt. Aber ob er nun zu viel nach Naima ſah oder durch die vielen Gäſte ein wenig aus dem Concept gebracht wurde, genug, er blieb etwa in der Mitte ſeines Vortrags, ſtecken Frau Cäcilie mahnte mit einem kurzen„Nun?“ und einem kleinen Puff an das Köpfchen, worauf die zweite Hälfte des Tiſchgebets mit einer ſolchen Haſt und Schnelligkeit hervorſtürzte, daß die ganze Geſellſchaft, Frau Cäcilie nicht ausgenommen, unwillkürlich lächelte.„Die beiven Kleinen werde ich doch wohl bei mir behalten dürfen,“ ſagte dann Frau —— Cäcili legte, Und d 2 ſich w welche Laune Die( kalt, belte licher Herz auf 7 Matr ihren ſtumn dabei Wort was, ſchen ſie v ſchied getro Cäci Wag chern als zum Fra käme meh Seit wäh Fen Fra erbl Bie es ninder haben brigen indlich u ma⸗ n nur Wenn gegen liebſt, rkläre Aerger wenn he das Und ennen, wieder iſt, ſo s, bis emacht ſeſt, ſo e Zeit ageſſen n, wie m Cä⸗ Naima dem in der nte mit an das ets mit e, daß mmen, rde ich Frau Cäcilie, indem ſie ihre Hände auf die Köpfe der Kinder legte,„ich würde euch ſonſt gar zu ſehr vermiſſen.“ Und rabei ſah ſie Adolph und Ida voll Herzlichkeit an. Aber Ida blieb ſchweigſam und bleich. Sie fühlte ſich wie von einer böſen JZaubermacht beherrſcht. Und welche Zaubermacht iſt wohl drückender, als die üble Laune?.. Auch das Wetter war bei übler Laune. Die Sonne war verſchwunden. Der Nordwind blies kalt, das Laub riß ſich von den Bäumen los und wir⸗ belte im Winde umher. Es war ein grauer, unfreund⸗ licher Tag, unähnlich den früheren ſonnigen Tagen. Nun kam die Stunde des Abſchieds. Das flolze Herz von peinigenden Geſühlen gebunden, ſo trat Jda auf Frau Cäeilie zu. Wohl beugte ſie ſich über der Matrone Hand, wohl empfing ſie auf Stirne und Lippen ihren warmen Kuß; ihr Herz blieb dennoch kalt und ſtumm. Und wenn das Herz ſtumm, wenn es nicht dabei iſt, dann mag man umarmen, küſſen, zärtliche Worte ſagen, ſo lange man will, es fehlt dennoch Et⸗ was, nämlich:— Alles. So war es jetzt auch zwi⸗ ſchen der alten und der jungen Dame. Und ſo ſchieden ſie von einander. Auch von allen Andern wurde Ab⸗ ſchied genommen, und die letzten Reiſezurüſtungen waren getroffen. Aber vergebens ſuchten Jda's Blicke Frau Cäcilie unter denjenigen, die an der Thüre oder um den Wagen herum ſtanden und grüßten, winkten, mit Tü⸗ chern wehten und freundliche Abſchiedsworte nachriefen, als derſelbe mit ihr und Adolph davonrollte. Sie ſah zum Altan, zu den Fenſtern hinauf, aber auch da war Frau Cäcilie nicht zu ſehen. Jetzt war es Ida, als he⸗ käme ſie einen Stich durch's Herz.„Sie will mich nicht mehr ſehen!“ dachte ſie. Der Weg wand ſich auf drei Seiten um die Wohnung. Adolph und Ida ſchauten, während ſie das Haus umfuhren, verlangend nach allen Fenſtern hinauf, in der Hoffnung, an einem derſelben Frau Cäciliens weiße Haube und ſtattliche Geſtalt zu erblicken. Aber nein, vergebens. Sie war nirgends zu erblicken. Und nun ſchmolz 184 der ſtolze Sinn in Ida's Bruſt. Nun bereute ſie, daß ſie ſo ſteif, ſo kalt geweſen, nun ſehnte ſie ſich zurück, um noch einmal Abſchied zu nehmen, um die mütterliche Hand zu küſſen, um einen freundlichen Blick, ein freund⸗ liches Wort zu empfangen. Wie leere, düſtere Augen⸗ höhlen ſtierten die leeren Fenſter als Erwiederung auf ihre forſchenden, verlangenden Blicke. Und Adolph ſaß ſchweigend und ernſt da, augenſcheinlich gleichfalls be⸗ drückt. Bald wandte ſich der Wagen vom Hauſe ab und rollte durch die Allee, nach dem offenen Felde zu. Mit thränengeſchwellten Angen warf Ida einen Abſchieds⸗ blick zurück auf das verſchwindende Herrſchaftsgebäude und nach der alten Dame. Sie dachte:„Ich werde ſie nicht mehr ſehen.“ Aber wer iſt es, der dort ſteht an dem rothbemalten Gitterthor, und es für die Reiſen⸗ den offen hält? Der Wind flattert in dem weiten, hellen Kleide und ſtreut verwelktes Laub um die ſchneeweiße Haube. Iſt's möglich? Kann es ſein? Ja es kann ſein, es iſt wirklich die alte Dame, die auf einem Nebenweg durch den Garten geeilt iſt, um ihre Kinder noch einmal zu ſehen, ihnen noch einen Liebesdienſt zu erweiſen, noch ein freundliches, zärtliches Wort zu ſagen. Ja, es iſt die alte Mutter, die Frau von Bragesholm, die hier ſteht und für die Reiſenden das Gitterthor offen hält, wie der geringſte der Diener. Keuchend und beinahe athemlos von dem ſchnellen Laufe ſteht ſie da, aber ihre Wangen ſind hochroth, ihre Blicke ſo ſanft und innig. „Halt!“ rufen jetzt Adolph und Jda zugleich,„halt!“ Und Beide ſtürzen aus dem Wagen, bevor er noch recht angehalten hat, und in die Arme der Matrone. Ida ſank ihr zu Füßen. Aber bald iſt ſie emporgerichtet und erwärmt, o wie lieblich erwärmt! an dem mütterlichen Herzen.„O Ida! Ida! mach'ihn glücklich!“ flüſterte Frau Cäcilie und hielt ſie feſt an ihre Bruſt gedrückt. Und da that Ida einen ſtillen Eidſchwur, einzig und allein für dieſes Ziel zu leben, da ſchwur ſie für immer den ſtolzen, bittern Sinn ab, der bisher ſie und ihre Umgebung unglücklich gemacht hatte. Er bekam hier ſeinen Todesſtoß, das —— — —— fühl am eine ehrt habe rollt bish und Lieb cher ſtan dert ergl Kro war alte grol Ehr Frä Ver Ste vern liche unſe hall Wi hell „daß urück, rliche eund⸗ ugen⸗ auf h ſaß s be⸗ ſe ab e u. is⸗ bäude de ſie ſteht eiſen⸗ meen weiße ſein, nweg nmal noch es iſt hier hält, inahe ihre nnig. alt!“ recht Ida ichtet ichen Frau that Ziel ttern cklich das 185 fühlte ſie, als ſie die Matrone demüthig und liebevoll am Gitterthore ſtehen ſah. Und ich weiß nicht, ob je eine Frau in der Welt ſo geküßt, ſo umarmt und ver⸗ ehrt worden iſt, wie hier die alte Frau am Gitterthore. Ich weiß bloß, daß ich an ihrem Glück hätte Theil haben mögen. Als der Wagen durch den hochbäumigen Wald rollte, da ruhte Ida weinend an Adolph's Bruſt. Die bisherige Jda zerſchmolz hier in reuevollen Thränen, und die neue, ſchönere entſtand unter den Küſſen der Liebe. Es war dieß auch eine Johannisſtunde, in wel⸗ cher das Licht ſeinen Sieg über die Finſterniß feierte. Der Schnee fiel über den Wald, und der Winter ſtand düſter in ſeinen Gewölben, als eines Nachts Hun⸗ derte von Lichtern aus der großen Freude in Bragesholm erglänzten und das ganze Haus gleich einer flammenden Krone weit hinaus über das Schneefeld ſtrahlte. Da waren drei Hochzeiten auf Bragesholm, und nur die alte Dame und die Innerſte waren noch übrig, um das große Feſt recht zu feiern. Da wurden in Frieden und Ehren getraut Charlotte und der Capitän Rapp, das Fräulein und der Oberſt, die alte Liſe und der alte Verwalter. Und wie zwei Sterne erſter Größe in einem Sternbild glänzte am Eheſtandshimmel unter den Neu⸗ vermählten das ſchon früher getraute, ſchöne und glück⸗ liche Paar: Adolph und Ida. Wir können hier ſchließen, denn wir ſehen alle unſere Freunde auf gutem Weg nach dem„Land ober⸗ halb des Nordwinds,“ nach der Heimath des Lichts. Wir ſehen Frau Cäcilie auf Innerſtalund in den mond⸗ hellen Nächten umherwandern, während Alles um ſie 186 her ſtill iſt, und wir erblicken auf ihren Lippen immer häufiger ein glückliches Lächeln gleichſam der frohlichen Ueberraſchung darüber, daß ſie, während ſie bloß auf dem Wege der Pflicht gewandelt hatte und nur immer bemüht geweſen war, Jedermann ſein Recht angedeihen zu laſſen, die... Seligkeit gefunden. Wir ſehen ſie hier mit der Innerſten den Mitteipunkt für die wärmſten Ge⸗ fühle einer großen Familie bilden und mit den beſten Gedanken und Plänen derſelben in inniger Verbindung ſtehen. Wir ſehen Theovor bei ihnen und als Sohn und Bruder ihnen das Leben erheitern, während ſie mit immer lieblicheren Banden ihn an die Heimath feſſeln, ihn daſelbſt ſo glücklich machen und ſeinen Gedanken und Gefühlen ſo vielfache Beſchäftigung geben, daß er beinahe ſein Recht vergißt, den freien Vögeln gleich draußen in der Welt nach Abenteuern zu ſuchen. Wir ſehen vas Volk der Schatten aus ſeiner Seele fliehen, je mehr die hohen, lichten Myſterien des Lebens darin tagen, im Zuſammenleben mit den lichten, milden Gei⸗ ſtern, vie ihn umgeben, die ihm über Höhen und durch Tiefen auf dem Streifzug ſeines Geiſtes folgen, die jede finſtere Stunde mit dem Lächeln des Scherzes oder der Liebe erhellen. Wir ſehen Adolph und Ida auf Bra⸗ gesholm unter manchem innern Abenteuer und nicht ohne manchen Sturm dennoch immer inniger ſich ver⸗ einigen unter den Siegen der Liebe und Treue über die Dämonen. Wir ſehen alte Liebe auf Svpanevik bis tief in den Herbſt hinein blühen und noch unter dem Schnee grünen, während in der Zeit der langen Schatten ver⸗ worrene Gewebe aufgeneſtelt, Romanzen geſungen und Bücher vorgeleſen werden, und wir ſehen das glückliche Paar, den Oberſten und das weiland Fräulein, mitunter auch Eins zuſammen ſchnupfen. Wir ſehen endlich alle unſere Freunde hier auf der Wallfahrt des Lebens wett⸗ eiſernd den Luppio und Avaſaxa deſſelben hinanklettern, die Berge, wo die Sonne nicht untergeht. Die alte Dame iſt bereits weit oben. Aber wißt ihr wohl, wer — von als mit erzä einſ war Heit hatt nach dure in ſ here zwe Abe tun fein ſind En und und Dié Sa gen krä dor die trei ſtir für In für zu ſei mer chen auf imer ihen hier Ge⸗ eſten dung ohn mit ſſeln, nken ß er leich Wir ehen, darin Gei⸗ durch jede r der Bra⸗ nicht ver⸗ r die s tief chnee e⸗ i und ckliche tunter le wett⸗ ttern, e alte „ wer 187 von allen andern zuerſt hinaufgelangt iſt? Wer anders als das lahme Mädchen? Ja, ſie, die Innerſtel Aber blieb ſie immer lahm? Beſſerte es ſich nicht mit ihr? Meine junge Leſerin, ich will dir ſagen, was ich erzählen gehört habe. Ich habe gehört, daß Theodor einſt weit hinweg von der nordiſchen Heimath gereist war und ſich der Kunſt wegen ein ganzes Jahr lang im Heimathlande der Kunſt, im ewigen Rom, aufgehalten hatte. Aber als es wieder Sommer wurde, reiste er nach Hauſe. Und die Abendſonne ſchimmerte golden durch den Säulenwald, als er mit tauſend Gedanken in ſeiner Seele, lieblichen und ſchmerzlichen zugleich, ein⸗ hergewandert kam. Da ſah er aus der Tiefe des Waldes zwei holde Geſtalten, glänzend in den Strahlen der Abendſonne, auf ſich zukommen: die eine höher und ach⸗ tunggebietender, wiewohl überaus mild, die andere kleiner, feiner, leicht und anmuthsvoll wie ein Lichtelf.„Es ſind Engel!“ war Theodor's erſter Gedanke.„Meine Engel!“ rief er, indem er in die Arme ſeiner Mutter und der Innerſten ſank. Er war außer ſich vor Rührung und Freude. Denn hier war ein Wunder geſchehen. Die Innerſte, die Lahme, war ihm entgegen gegangen. Ein Wunder, ja, aber ein ganz natürliches. Denn Sanct Ragnhild's Quelle war für Ina der Bethesda geweſen, deſſen Waſſer ein Engel bewegt und mit Heil⸗ kräften begabt hatte. Ich habe auch gehört, daß die Innerſte an Thev⸗ dor's Hand zum Altar gehen ſolle, und daß Frau Cäcilie die Vorbereitungen zu einer Hochzeit auf Innerſtalund treffe. Aber wie es damit ſteht, weiß ich nicht mit Be⸗ ſtimmtheit, auch halte ich im Uebrigen hier eine Ehe für weit weniger wichtig, als die Gewißheit, daß die Innerſte für Theodor, für die Mutter, für die Familie, für Alle zuſammen niemals aufhören wird, die Innerſte zu ſein und zu bleiben. Und der kleine Knirps, wie ging es mit ihm und ſeiner kleinen Flamme vom Berge? Nein, lieber Leſer! jetzt begehrſt du wirklich gar zu viel, wenn du verlangſt, daß ich dir den kleinen Knirps als Eheherrn, als père de famille und Gott weiß was Alles zeigen ſolle. Aber das glaube ich verſichern zu können, daß er ſich ſehr wahrſcheinlich auf dem Wege dahin befindet; auch dürfen wir hoffen, daß dereinſt eine kleine Schaar allervortrefflichſter kleiner Knirpſe aus dieſem Bunde hervorgehen werde. Es wäre Jammer⸗ ſchade, wenn dieſe prächtige Rage auf der Erde aus⸗ ſterben ſollte. Ende. zu irps was zu Bege eine aus ner⸗ aus⸗ —