— — * — 2—— 2 S— S ————— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Zeſehekingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothef ſtehr zur Em⸗ 4 und Rückgabe ver Biücher jeden vnn Worgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages o4 Itun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— Ki 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 W 2 Mk.—— Ff. 6 Auswärtige Aonnenten haben für Hin— und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei olchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, ver⸗ oder defecte Buch ein Lheil eines größeren Werkes, ſo iſt Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders„ 7 ufnen eſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher„atr inden darf, indem eih welche die⸗ ſelben von ichen a auch dafür zu ſiel hen haben. . —— — 5 Bibliothek dentſcher Griginalromnne. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Neunzehnter Band. „ Die Zauherflöte. II. Prag, 1859. Kober& Markgraf. 8 6 Früher: J. L. Kober) Die Zanberflüte. iene Pnm Romischer Bumun von Cduard Breier. Zweiter Band. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Inhalt. Erſtes Capitel. Theaterdirektor und Kompoſiteur. Zwrites Capitel. Die Zwillings ſchweſter Prittes Cnpitrl. Die Enthüllung der Varoneſe Cäcilie von Helm iſt eine alte Geſchichte, die ewig neu bleibt, und wem ſie grad paſſiert, das Herz entzwei treibt. Piertes Copitel, in welchem ein Handelsvertrag geſchloſen und ratificirt wird Fünftes Capitel. Die Folg en des Handelsvertrages Sechstes Cnpitel. Worin Pozart und Schikaneder etwas Anderes, als die Zauberflöte komponiren Siebentes Rückzug nach einem Siege Achtes Cnpitel. Der Hirſchenfang im Prater Uruntes C apitel. Ein Auſtrag aus Prag Zehntes Capitel. Die Baroneſſe verſucht ſich in einer neuen Rolle Elftes Cnpitel. Im Herbſte— beim Sonnenuntergang Zwölftes Capitel. In welchem der große Emanuel die Rolle des großen Alexander ſpielt A den gordiſchen Fihu erha Prrizehntes Capitel. Der dritte und vierte Punkt des Handelsvertrages werden erfüllt, wobei der eine kontra⸗ hirende Theil aus den Wolken fällt vierzehntes Cipitet. Die erſte Aufführung der Zauber⸗ Nachſpiel Des Meiſters Heimgang Die Tochter des Lichtes Schikaneder's Glück und Ende 42 55 69 0 96 10 b 125 Vie Zauberſlöte. Zzweiter Theil. Erztes Capitel. Theaterdirektor und Kompoſiteur. Der Frühlings⸗Vormittag iſt angenehm, die Sonne leuchtet und erwärmt, ohne zu glühen. Im Frühjahre verklärt ſie die Erde, wie die reine Liebe den Menſchen; im Sommer aber wächſt ſie zur Leidenſchaft an, ſendet glühenden Brand herab und zieht Gewitter und Stürme nach ſich. Im Garten, nur wenige Schritte vom Theater im Freihauſe entfernt, ſitzt Mozart im Gartenhäuschen und arbeitet. Um ihn herum liegen kleine Notenblättchen, darauf kurze Skizzen gefeſſelter Gedanken, die aufgeblitzt waren in ſeinem Gehirne wie der Funke aus elektriſcher Ma⸗ ſchine, und die er nun mit der Ausarbeitung, welche er im Geiſte fertig bildete, niederſchrieb, ohne daß das Ge⸗ ſurre in dem großen Hauſe oder ſonſt ein Geränſch ihn zu ſtören vermocht hätte. 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 1 ————— 10 und manche von den, dem Meiſter befreundeten Mitglie⸗ dern hätten ſich gerne zu ihm gedrängt, um eine oder die andere Andeutung über die neue Oper zu erhaſchen; allein Schikaneder war vorſichtig; er ſuchte den größten ſeiner Arbeitsleute aus und ſtellte ihn als Wächter zur Gartenthüre, damit er den Eintritt in das Paradies Jedermann verwehre. Wie emſig, fleißig und raſch der Kompoſiteur ſchreibt! Er bedarf keines Inſtrumentes; was er aufzeichnet, hört er im Geiſte klingen, tönen und ſchmettern; die Wirkung ſeiner Kompoſition iſt ihm klar, auch ohne ſinn⸗ lichen Eindruck. Fünf Stunden lang ſitzt der fleißige Künſtler bereits und ſchreibt und dichtet; da tritt plötzlich der ſtrenge Herr Direktor an das Gartenhäuschen, bleibt am Eingange ſtehen und ruft hinein: „Ob's Dir recht oder lad is*)— jetzt hör' auf, Ich ſag': Punctum satis— Strenſand d'rauf!“ Im Theater darneben war eben Probe; mancher Und ungereimt ſetzt er hinzu: „Zwölf Uhr iſt's! der Kopf hat ſeine Schuldigkeit gethan, jetzt wird der Magen eingeſpannt!“ *) Ob es Dir leid thut. ne La t! t, ie n⸗ ts vr ge eit 11 „Schon zwölf?“ rief Mozart;„unglaublich, wie die Zeit verrinnt!“ „Ich wünſche, daß ſie dem Publikum beim Anhören der Oper ſo ſchnell vergehe, wie Dir beim Schreiben. Thomas!“— ſo hieß der Wächter an der Gartenthüre— „die Schreibereien zuſammenpacken— Dintenzeug her⸗ unten laſſen— das Andere hinauftragen— auf den Tiſch im Klavierzimmer legen— keine Papierfleckel ver⸗ lieren, oder der Thomas wird arquebuſirt.“ Nach dieſem Kommando hängte ſich der große Emanuel in den Arm des kleinen Wolfgang und ſpazierte mit ihm über den Hof, hinauf in den erſten Stock, „Nun, Freund, wie biſt Du mit Dir zufrieden?“ „Ich hab' an mir nichts auszuſetzen,“ antwortete Mozart;„ich bin ein perfekter Billardſpieler, ein gra⸗ ciöſer Tänzer, der ſeinem Meiſter Veſtris Ehre macht, ein Kompoſiteur, der ſeinen Bach und Händel in den kleinen Fingern und im Kopf herumträgt, und endlich, damit mir ja keine Tugend abgehe, bin ich der muſter⸗ hafteſte Ehemann....“ „Innerhalb Deiner Wohnung,“ fiel ihm Schika⸗ neder ins Wort,„einverſtaden! Doch Du biſt meiner Frage ausgewichen; wie ſteht es mit der Zauberflöte? Laß' hören, was Du heute zu Papier gebracht, denn kom⸗ ponirt war es ſicher ſchon früher.“ 1* 2— 12 Mozart lachte, ſetzte ſich an's Klavier, der vorſich⸗ tige Direktor ſchloß Thür und Fenſter und mahnte: „Nicht zu laut, Freund, es könnt' wo ein Italiener ſtecken.“ Mozart begann nun, im Spiel und Geſang der Sntieſ Vorſicht ſich Eſige Tamino's Arie: „Dies Bildniß iſt bezaubernd ſchön,“zu ſingen. Schinn er in ſeiner rieſigen Größe e ſtand vor ihm, ohne ſich zu regen. Wie ein Kavallerieroß, wenn es Trompetenſchall hört, ſpitzte er die Ohren und horchte. Als der Kompoſiteur zu Ende war, rief er begei⸗ ſtert:„Mozart, Mozart! Du biſt ein. Du biſt ein.. ein Mozart! Deine Arie iſt wie„Mein Bildniß“ bezaubernd ſchön. Sie bleibt ſteh'n, wie Du Sie geſchrie⸗ ben haſt; keine Note darf wegbleiben.“ „Du biſt alſo zufrieden damit?“ „Ich bin entzückt, bin hingeriſſen! Merk Dir's, Freund, ich habe Hunger, daß ich kaum ſtehen kann, und Deine Kompoſition hat mir ſogar in dieſem Zu⸗ ſtande gefallen— einen giltigeren Beweis für ihre Vor⸗ trefflichkeit gibt es nicht!“ „Verſuchen wir's weiter, vielleicht feiere ich heute noch einen Sies über Deinen Hunger.“ „Was haſt Du ferner niedergeſchrieben?“ M nic zw ihr die zel un — cw ich⸗ e ner der rie: hm, hall gei⸗ biſt iß 7. rie⸗ r's, nn, Zu⸗ or⸗ eute 13 „Das Duett zwiſchen Pamina und Papageno: Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herz nicht.“ „Laß es hören, Bruder, laß es hören!“ Mozart produzirte nun ſeine zweite vormittägige Kompoſition. Da Schikaneder, wie bereits erwähnt, die Rolle des Papageno für ſich auserſehen hatte, widmete er dieſer Piece eine, wo möglich noch größere Aufmerkſamkeit. Nachdem der Kompoſiteur das Duett zu Ende ge⸗ ſpielt, ſagte der Theaterdirektor:„Bravo! ſchön! vor⸗ trefflich! aber, weißt Du was, lieber Bruder, wir werden jetzt zu Tiſche gehen.“ „Das heißt mit andern Worten,“ rief Mozart la⸗ chend,„das Duett gefällt Dir nicht.“ „Wir werden darüber bei Tiſche weiter ſprechen.“ Im Gemache nebenan war ſervirt und zwar nur für zwei Perſonen, was ſonſt bei Schikaneder, der gerne in Geſellſchaft ſpeiſ'te, nicht der Fall zu ſein pflegte, wozu ihn aber, während Mozart die Zauberflöte komponirte, die Vorſicht zwang, da während der Tafel über die ein⸗ zelnen Muſik⸗Nummern debattirt und konſultirt wurde, und die Melodien vor Diebſtahl geſchützt bleiben mußten. Die Freunde ſetzten ſich an den Tiſch und ließen ſich es ſchmecken. ——,kã.———+ „Nun, großer Emanul! was hat man an dem Duett auszuſetzen?“ 1 „Nur nicht ſo hitzig, wir ſind erſt bei der Suppe. Ich hab' mir ſagen laſſen, daß die Suppe keine, bei allen Völkern übliche Speiſe iſt, und ein Gelehrter behauptet,( daß einſt jene Völkerſchaften, welche keine Löffel kannten, die Suppe trinken oder austunken mußten.“ „Um dieſe Entdeckung zu machen, braucht man eben kein Gelehrter zu ſein!“ lachte Mozart. „Als ich in Nürnberg die Direktion führte, zeigte 1 man mir ein Kochbuch vom Jahre 1691, in welchem die Recepte für 117 verſchiedene Suppengattungen verzeichnet. waren.“ „Unſer S Kochbuch vom Jahre 1717,“ replicirte Mozart,„4 Bände in Quarto ſtark, Rezepte für 281 Fleiſch⸗ und 136 Faſten⸗Suppen. Doch was iſt's mit dem Duett?“ „Salomon der Weiſe ſprach: Alles hat ſeine Zeit.“ „Seit wann halteſt Du es mit Salomon?“ „Seit ich zufällig erfahren habe, daß er der glückli⸗ che Gatte von 3000 Weibern geweſen. Nun, was ſagſt zu den Zuckererbſen mit der gebackenen Gansleber? Die Fiererſen ſind ein Präſent des Lichtenſtein, ſchen Gärtners und die Leber ſtammt von einer jüdiſchen Gans. en bt. n, li⸗ ſt r2 en 15 Apropos! weißt Du, warum unſere Vorfahren das Ge⸗ müſe ein„Muß“ nannten?“ „Nun, warum denn?“ „Weil ſie bloß Mehlſpeiſen gerne aßen; wenn nun Gemüſe auf den Tiſch kam, nöthigten ſie einander: Du, muß eſſen!“ „Der Spaß ſtammt wieder aus Deiner Fabrik; was aber iſt's mit dem Duett?“ „Richtig! das Duett! meinethalben, beſchäftigen wir uns damit. Deine Muſik, Freund, iſt ſchön, ja ſogar prächtig. Wenn Du mir garantirſt, daß das Publikum bei der Aufführung der Oper aus lauter Albrechtsberger, Jaquin, Vogler, Lichnowsky ꝛc. ꝛc., kurz aus lauter Muſik⸗ kenner beſtehen, ſo läßt Deine Muſik nichts zu wünſchen übrig; weil es aber hinterm Ofen, das heißt auf der Ga⸗ lerie auch Leute gibt, die gerne Muſik hören, ohne daß ſie von ihren innern Schönheiten einen Begriff haben...“ „Kurz und gut,“ fiel ihm der Kompoſiteur gut⸗ müthig in's Wort,„die Muſik zum Duett iſt Dir zu ge⸗ lehrt.“ „So ſt's, Brüderl!“ Mezart nahm die Skizze und zerriß ſie. „Wart',“ rief er,„wir wollen gleich was Anderes aufſetzen.“ ——————— — F* 16 Und ſchon ſaß er im Nebenzimmer und warf mit flüchtiger Hand Notenköpfe auf's Papier. Während dem fuhr Schikaneder fort, Zuckererbſen mit Gansleber zu ſpeiſen. M „Da iſt's,“ rief der Kompoſiteur nach einigen Mi⸗ beſ nuten und begann die hingeworfene Melodie zu ſingen. Der große Emanuel kniff dem Freunde die Wange ſtre und ſagte:„Du beutelſt die Melodien aus dem Aermel; weil Du aber gar ſo ſchön beuteln kannſt, ſo beut'l zu, Ar Brüderl; die zweite Muſik geht ſchon mehr in's Ohr als aue die frühere, allein für meine olympiſchen Götter iſt ſie mir Di doch noch zu künſtlich. Schau', ich denk' mir die Melodie Oy zu dieſem Text ungefähr ſo...“ Leb So ſprach Schikaneder und trällerte eine einfache, übe faſt gemeine Weiſe. der Der poetiſche Geiſt des Meiſters kriſtalliſirte im Nu unt den ordinären Gedanken. Du „Sollſt ſie haben!“ rief er und begann neuerdings ſint zu ſchreiben. Diesmal währte es ein wenig länger, denn er führte die Piece mehr in's Detail aus. Schikaneder rührte ſich nicht aus dem Armſeſſel, ſondern trank und ließ eine weitere Speiſe auftragen. Gl „Emanuel!“ „Schon fertig?“ „Noch zwei Takte.“ „Laß hören!“ Der tonreiche Schöpfer begann nun das bekannte Muſikſtück vorzutragen mit der Melodie, wie ſie noch jetzt beſteht. Die Augen des Theaterdirektors begannen zu ſtrahlen. „So iſt's recht!“ rief er begeiſtert, wie bei der Arie vor Tiſch;„bei den früheren Melodien warſt Du auch Mozart, jedoch Dein Mozart, jetzt biſt Du, wie ich Dich haben will, Schikaneder's Mozart. Fort ſo! die Oper wird gefallen, muß gefallen, oder ich will in meinem Leben keinen Tropfen Champagner oder Tokaier mehr über die Lippen bringen!... Jetzt greif' wieder zu, Brü⸗ derl, es ſind baieriſche Dampfnudeln, meine Landsleut', und ich hab' meine Landsleut' zum Freſſen gern. Weißt Du, wann die baieriſchen Dampfnndeln am beſten gerathen ſind?“ „Nun, wann denn?“ „Wenn ſie ſich fürchten.“ „Das verſteh' ich nicht.“ „Wenn ſie auf dem Teller zittern! Nimm Dein Glas, Brüderl, und ſchlag an. Du ſollſt leben!“ „Du daneben!“ „Und die Zauberflöte in der Mitten!“ —— ————————— 18 „Das reimt ſich nicht!“ „Wird ſich ſchon reimen. Apropos! haſt Du den ſchlechten Witz ſchon gehört, den der ſaubere Koſeluch über uns gemacht hat? Mozart und Schikaneder, die Zauberflöte iſt von Leder.“ Der Kompoſiteur lachte von ganzer Seele, der Theaterdirektor ſtimmte mit ein; in dieſem Momente ging die Thüre auf, und Madame Mozart, von einem Herrn begleitet, trat ins Gemach. „Stanzerl, mein Stanzerl!“ rief Wolfgang, ſprang auf ſie zu und umarmte ſie. „Frau Mozartin, Ihr Diener! ich heiße Sie herz⸗ lich willkommen!“ „Stanzerl, mein herziges Weiberl, was bringſt Du mir?“ „Ich bring Dir nichts, Mandl, wohl aber dieſer Herr. Er hat ein Dienſtſchreiben, und da er behauptet, es Dir perſönlich einhändigen zu müſſen, ſo blieb mir nichts weiter übrig, als einen Fiaker zu nehmen und mit ihm herauszufahren.“ „Daran haſt Du wohl gethan, Stanzerl!“ ſagte Mozart, und übernahm hierauf das umfangreiche Schrei— ben, welches ihm der Uiberbringer mit der Erläuterung, es enthalte eine Entſcheidung des löblichen Magiſtrats, einhändigte. G ka na M „1 da er —, — DT W B al de ſt. den luch die der ente nem ang erz⸗ Du ieſer ptet, mir mit ſagte hrei— ung, rats, 19 „Ah!“ rief Mozart,„es iſt der Seiſei auf mein Geſuch. Hier eine Kleinigkeit für Ihre Mühe.“ Damit reichte er dem Magiſtratsboten Einen Du⸗ katen. „Da haben Sie's, Herr Direktor!“ rief Konſtanze, nachdem der Bote die Thüre im Rücken hatte;, iſt mein Mandl ein Verſchwend er, Einen Dukaten Trinkgeld gibt Graf oder ein Fürſt. „Schau, Stanzerl,“fiel ihr Mozart ins Wort, „ich denke ſo: Hat der Magiſtrat mein Geſuch bewilliget, dann iſt die gute Nachricht Einen Dukaten werth; hat er es abgeſchlagen, dann iſt das Dokument, worin er dem Wolfgang Mozart die Anwartſchaft auf die Dom⸗ organiſten⸗Stelle retjest noch mehr als Einen Dukaten werth.“ 5 „Die Logik iſt richtig!“ rief Schikaneder.„Lies den S vor.“ „Den Beſcheid muß uns die Stanzerl vorleſen; aus dem Munde eines Engels klingt ſogar ein abſchlä— giger Beſcheid angenehm.“ „Iſt das ein Kompliment von einem Ehemann, der bereits neun Jahre vermählt iſtl rief Schikaneder. „Es ſtammt noch aus alter Zeit,“ verſetzte Kon⸗ ſtanze gereitzt;„in der neuen Schul' hätt' er's nicht ſo weit gebracht.“ ————— 3* — —————— — 20 „Da haſt Du den Stich!“ lachte Mozart.„Jetzt aber, Stanzerl, lies!“ Madame Mozart begann laut zu leſen: „Der Magiſtrat der k. k. Haupt⸗ und Reſidenzſtadt n Wien, will ihn Herrn Wolfgang Amadeus Mozart, auf ſein bittliches Anſuchen, dem dermaligen Herrn Kapell⸗ meiſter Leopold Hoffmann bei der St. Stephans⸗Dom⸗ kirche dergeſtalt und gegen dem adjungirt haben, daß er ſich durch einen hierorts einzulegen kommenden bündi⸗ d gen Revers verbindlich machen ſolle: daß er gedachtem Herrn Kapellmeiſter in ſeinem Dienſte unentgeldlich an die Hand gehen...“ „Halt, Stanzerl!“ unterbrach Mozart die Vor⸗ leſerin;„ſag' mir doch, iſt das„unentgeldlich“ nicht mit Frakturbuchſtaben geſchrieben?“ ſ „Nein, es iſt bloß unterſtrichen.“ „Wahrſcheinlich ein Verſehen vom Kanzelliſten; das„unentgeldlich“ wird dem Bittſteller gewöhnlich mit 9 Frakturſchrift unter die Naſe gerieben... doch lies weiter.“ Konſtanze fuhr fort zu leſen:. „unentgeldlich an die Hand gehen, ihn, wenn er 2 ſelbſt nicht erſcheinen kann, ordentlich ſuppliren, und in dem Falle dieſe Kapellmeiſtersſtelle erlediget werden wird, ſich mit dem Gehalt und allem dem, was der Magiſtrat tzt t em or⸗ nit en; mit ies in ird, trat — zu verordnen und zu beſtimmen für gut finden wird, be⸗ gnügen wolle. Welches demſelben zur Wiſſenſchaft hiemit erinnert wird. Wien den 9. Mai 1791. Joſ. Hörl, k. k. Rath und Bürgermeiſter. Johann Hübner, Secretär.“*) „Na,“ ſagte Mozart,„es iſt nicht viel, aber es iſt doch etwas.“ „Man hat wenigſtens Hoffnung für die Zukunft,“ ſetzte Konſtanze hinzu. „Und weil die Frauen gerne in der Hoffnung le⸗ ben,“ bemerkte Schikaneder,„ſo...“ „So werden die Herren höflichſt erſucht, keine ſchlechten Späße zu machen!“ fiel Konſtanze dem Di⸗ rektor in's Wort. Schikaneder lud natürlich Frau Mozart ein, an dem Mahle Theil zu nehmen, worein dieſe endlich, nachdem auch ihr Gatte in ſie drang, willigte. Kaum hatte ſie ſich niedergelaſſen, ſo hob Schika⸗ neder ſein Glas und ſagte:„Wenn ich Mitarbeiter des ²) Mit dieſer Anwartſchaft auf die Domkapellmeiſterſtelle ſtarb Mozart und zwar Ein Jahr früher als Hoffmann, deſſen Stelle er einnehmen ſollte. Die Angabe, daß Mozart das Anſtellungsdekret auf dem Todtenbette erhalten habe, iſt daher ganz falſch. —————————— — 6½ 22 —— Muſen⸗Almanachs wär', möcht' ich jetzt einen langen Spruch herſagen, von Glauben, Hoffnung, Liebe, von Treue, Tugend und Häuslichkeit, von deutſcher Sitte, deutſchen Frauen, kurz, einen Spruch zum Grauen; da ich aber bloß der Direktor Schikaneder bin, ſo hebe ich mein Glas und rufe ganz einfach und ſchlicht: Mozart's Frau ſoll leben!“ „Mein Stanzerl hoch!“ Drei Gläſer wurden geleert. „Kinder!“ rief der Kompoſiteur,„in dieſem Augen⸗ blicke fühle ich mich ſehr glücklich. Eine Anwartſchaft in zw der Taſche, ein liebes Weiberl an der einen, einen guten Freund an der andern Seite, ein Stück Zauberflöte auf die dem Klavier, das andere und wer weiß was noch Alles im Di Kopf— wo gibt's einen Menſchen, der mir gleich iſt?“ „Nirgends!“ erwiederte Konſtanze ſanft und um⸗ hig armte den Gatten, der durch ſich auch ſie unſterblich tet machte. ſto ſie nic der kan neh en⸗ in ten auf im m⸗ lich Zmrites Capitel. Die Zwillingsſchweſter. Die Frau Gräfin von Teichberg befand ſich ſeit zwei Tagen in einer lebhaften Unruhe. Neid, Schmähſucht und Verläumdung hatten ſich an die Kammerjungfer gemacht und der Gebieterin allerlei Dinge gemeldet, worüber die Dame in Entſetzen gerieth. Mit der Aquiſition Fanny's hatte ſie ſich dem beru⸗ higenden Gefühle hingegeben, dieſes einfältige, mißgeſtal⸗ tete Mädchen werde nicht verfehlen, die gewünſchte, ab⸗ ſtoßende Wirkung hervorzubringen; da plötzlich vernimmt ſie das Gegentheil: ſie hört, daß gerade dieſem Mädchen nicht bloß von dem Onkel, ſondern auch von dem Neffen der Hof gemacht werde. „Allmächtiger!“ rief ſie die Hände ringend,„es iſt alſo auch dieſer Krüppel noch nicht häßlich genug? ich kann doch nicht eine komplette Zigeunerin in's Haus nehmen!“ ————————— —— 2. 8 Man hat der Liebe und der Gerechtigkeit Blindheit angedichtet; um gerecht zu bleiben, hätte man der Eifer⸗ ſucht eine Vergrößerungsbrille aufſetzen müſſen. Die Frau Gräfin erblickte ſchon im Geiſte durch die Kammerjungfer in ihrem Hauſe das größte Unheil angerichtet, dem mußte vorgebeugt werden. Das Mittel hiezu war ganz einfach: Fanny ſollte entfernt werden, doch erſt— man beſaß auch Gerechtig⸗ keitsgefühl genug, keine Unſchuldige zu verdammen— erſt wenm es ſich erweiſen würde, daß Fannh die ihr geſpen⸗ deten Huldigungen nicht mit dem nöthigen Reſpekt zu⸗ rückweiſe. In Betreff Scipio's nahm ſich die Gräfin noch vor, die beabſichtigte Verbindung von jetzt ab, mit aller Ener⸗ gie zu betreiben. Der Verſuch der ſchlauen Zofe, mit der Kammer⸗ jungfer auch die alte Kammerjungfer in der Gunſt der Herrin zu ſtürzen, mißlang, ſie behauptete ſich und war gutmüthig genug, die arme Fanny im Vertrauen zu warnen. „Sie werden von allen Seiten beobachtet,“ flüſterte ſie ihr zu;„gehen Sie dem alten und dem jungen Herrn aus dem Wege, bieten Sie ihnen keine Veranlaſſung, Sie anzuſprechen, ſonſt verlieren Sie den Dienſt.“ be he De gl he ve w tö heit ifer⸗ urch nheil ſollte htig⸗ erſt ſpen⸗ t zu⸗ vor, Fner⸗ uner⸗ t der war n zu iſterte errn He ſſung, Die Kammerjungfer dankte für die freundſchaftliche Warnung und verſprach, darauf zu achten. Die erſte fühlbare Folge des Ameiſengewühles war eine Scene zwiſchen der Gräfin und ihrem Neffen, die bei weniger Beherrſchung von Seite Scipio's ſtürmiſch hätte n können. Die Frau Tante kündigte ihrem Neffen an, das verſchobene Feſt ſolle nun ſtatt haben und dasſelbe werde gleichzeitig das Bertohungeſeſ ſein. Dagegen machte der junge Kavalier entſchiedene Einwendung. „Meine gnädige Tante,“ ſagte er,„ich bin Ihnen für den Eifer, mein Glück zu gründen, ſehr dankbar; be⸗ dauere jedoch herlich, daß das Mittel, welches Sie dazu wählen, nicht das rechte iſt.“ „Verſtehſt Du dem„Mittel“ die Ehe über⸗ haupt, oder die Braut insbeſondere?“ „Ich werde mich nie mit einem weiblichen Weſen verbinden, das ich nicht lieben kann.“ „Ich ſa age Dir aber, daß Du die Komteſſe lieben wirſt. Sie iſt jung, ſchön, ge tidet, beſitzt Anmuth und Geiſt.“ „Ich erlaube mir einzuwenden, gnädige Tante, daß ich im Voraus überzengt bin, die Komteſſe nicht lieben zu können.“ 1859. XIX. Die zauberflöte. II. de —————— „Warum nicht?“ „Weil ſie mir aufgedrungen wird.“ „Scipio, Du willſt mich zur Strenge treiben?“ „Gnädige Frau Tante ſind zu gütig, um mein Un⸗ glück zu wollen.“ „Ah! Du nennſt die Verbindung Dein Unglück? Du biſt alſo ſchon anderweitig verliebt?“ Der junge Graf ſchwieg. „Dein Schweigen iſt eine Bejahung meiner Frage; wer iſt denn die Dame Deiner Wahl?“ Scipio, dem es darum zu thun war, Zeit zu gewin⸗ nen, antwortete:„Ich werde Ihren Wunſch erfüllen, ſo⸗ bald ich über meinen Herzenszuſtand im Klaren bin; gönnen Sie mir nur einige Wochen Zeit.“ „Nein, mein Herr Neffe, ich kann die verlangte Friſt nicht gewähren. Im Juni reiſt die Familie der Komteſſe in's Bad, von dort auf die Güter, und kehrt erſt zur Win⸗ ter⸗Saiſon zurück; die Verlobung muß noch in dieſem Monate gefeiert werden; ſo iſt es verabredet und be⸗ ſchloſſen.“ Den jungen Grafen empörte zwar die Art, daß mit ihm wie mit einer Waare verfügt wurde, er beherrſchte ſich jedoch und ſagte bloß:„Gnädige Frau Tante haben alſo beſchloſſen, mich meine Abhängigkeit von Ihrem Wohlwollen in ſo bitterem Maße fühlen zu laſſen?“ Un⸗ ick? ige; vin⸗ bin; Friſt teſſe Win⸗ eſem be⸗ mit ſchte aben hrem 27 Die Gräfin blieb ungerührt und erwiederte:„Es iſt mir ſehr lieb, daß Du in dieſem Momente daran denkſt, wie viel zu verſcherzen Du im Begriffe ſtehſt. Deine Weigerung würde mich kompromittiren, und wer mich kom— promittirt— und wer's mein leiblich Kind— mit dem fühle ich kein Erbarmen. Das Feſt wird unausbleiblich eheſtens ſtatt finden; ich hoffe, Du wirſt dazu eine andere Anſchauung mitbringen.“ Scipio verbeugte ſich und ging. „Sie ſetzt mir das Meſſer an die Kehle,“ dachte er;„immerhin! mein Entſchluß bleibt unerſchüttert, und wenn ich arm wie ein Bettler aus dieſem Hauſe gehen ſollte.“ Die Befehle zu dem bevorſtehenden Feſte wurden ertheilt; die verkappte Baroneſſe kannte deren Bedeutung und wurde unruhig. Die Niedergeſchlagenheit Scipio's verrieth ihr den Kummer ſeiner Seele; ſie fühlte die Nothwendigkeit, auch ihrerſeits dem vorgeſetzten Ziele näher zu ſchreiten. Da ſie ſich den Plan, um ihr Ziel zu erreichen, ſtreng vorgezeichnet hatte, ſo bedurfte ſie keines weiteren Nach⸗ denkens. Ein paar Zeilen, welche ſie dem jungen Grafen in die Hände zu ſpielen wußte, ſetzten ihn in Kenntniß, daß ihre Zwillingsſchweſter, die kennen zu lernen er gewünſcht 28 hatte, geneigt ſei, ihm die Gelegenheit duzu zu bieten, und zwar in der Wohnung des Theaterdirektors Schikaneder am nächſten Nachmittage um die vierte Stunde. Da Scipio ſeine früheren Ausflüge wieder aufge⸗ nommen hatte, konnte er, ohne daß es auffiel, bei dem Rendezvous ſich einfinden; was die Kammerjungfer be⸗ traf, ſo fiel es ihr nicht ſchwer, unter einem paſſenden Vor⸗ wande die Erlaubniß zu einem Geſchäftsgange nach der Stadt zu erhalten. Schikaneder hatte ſich eben von ſeinem Nachmittags⸗ ſchläfchen erhoben, als die Baroneſſe von Helm angemel⸗ det wurde. Er beeilte ſich, ihr ſelbſt die Thüre zu öffnen. „Ich bitte, nur herein zu ſpazieren, gnädiges Fräu⸗ lein!“ rief der galante Direktor;„ Sie ſind mir zu jeder Zeit willkommen.“ „Welchem glücklichen Umſtande verdanke ich den ehrenvollen Beſuch?“ fragte er, nachdem man Platz ge⸗ nommen hatte. „Ich weiß nicht, hochverehrter Herr Direktor, ob ie den Umſtand, wenn ſie ihn erfahren, auch noch einen ücklichen nennen werden?“ „Verlangen Sie eine ſchriftliche Sicherſtellung?“ Die Baroneſſe lachte. „Ich begnüge mich mit Ihrem Manneswort!“ gl ſte bl ze ni ju und eder fge⸗ dem be⸗ kor⸗ der ags⸗ mel⸗ räu⸗ jeder den ge „ ob einen . „Sie haben es.“ „Ich danke Ihnen herzlich!“ „Ich bemerke mit Vergnügen, daß Sie die Mißge⸗ ſtalt im gräflichen Hauſe gelaſſen haben, und mich nicht bloß durch Ihren Beſuch, ſondern auch durch Ihre rei⸗ zende Erſcheinung erfreuen.“ „Ich bedarf heute der Maske nicht.“ „Ei! begnügen Sie ſich nicht, mich erobert zu ha⸗ ben, wollen Sie mich vollends zu Ihrem Sklaven machen?“ „Ich habe es nicht auf Sie abgeſehen, Herr Di⸗ rektor.“ „Wollen Sie mich unglücklich machen?“ „Sie werden ſich ſchon zu tröſten wiſſen.“ „O! dieſe reizende Bosheit!“ „Verzeihen Sie, Herr Direktor, daß ich den Scherz nicht fortſetze... ich bin preſſirt! Um vier Uhr wird ein junger Mann hieher kommen...“ Der große Emanuel riß die Augen weit auf. „Dieſer junge Mann iſt der Graf Scipio von Teichberg; ich rechnete auf Ihre Barmherzigkeit und gab ihm ein Rendezvous in Ihrer Wohnung, ohne erſt Ihre Erlaubniß eingeholt zu haben.“ „Gnädige Komteſſe, das iſt barbariſch.“ „Urtheilen Sie nicht vorſchnell; die Rolle, die ich 30 dem jungen Grafen gegenüber darſtellen werde, ſoll die Wunde Ihres Herzens nicht verſchlimmern.“ „O! Sie ſind ein Engel! Sie wollen alſo wieder ein bischen Komödie ſpielen?“ „Ja! ich werde ſo frei ſein.“ „Kann ich Sie vielleicht dabei unterſtützen? Ich verſtehe mich auch ein wenig auf dieſe Kunſt.“ „Wenn es Ihnen beliebt, können Sie dabei die Rolle des ungeſehenen Lauſchers übernehmen...“ „Um im entſcheidenden Momente dazwiſchen zu tre⸗ ten?“ „Um Vergebung,“ lachte die Komteſſe,„in dieſer Scene gibt es keinen entſcheidenden Moment; Sie wer⸗ den erſt hervortreten, nachdem der junge Graf ſich entfernt, haben wird.“ „Liebenswürdigſte aller Barvoneſſ mir eine Frage?“ „Hundert für eine!“ „Ich bleibe bei einer Frage, damit Sie nicht ſagen können: Ein Narr vermöge mehr zu fragen, als hundert Weiſe zu beantworten. Sie haben mit mir Komödie ge⸗ ſpielt?“ „Ich war ſo frei!“ „Sie haben mit meinem Freunde, dem Agenten, Komödie geſpielt...“ en! geſtatten Sie tre⸗ eſer agen ndert ge⸗ nten, „Kaum der Mühe werth, daran zu denken.“ „Sie ſpielen mit der alten Gräfin Komödie?“ „Ich läugne es nicht.“ „Eben ſo mit dem alten Grafen—“ „Zugegeben!“ „Jetzt werden Sie es auch mit dem jungen thun?“ „Eingeſtanden, und um die Liſte zu vervollſtändigen, bekenne ich Ihnen, daß ich mir auch mit Herrn Mozart dasſelbe zu Schulden kommen ließ.“ „Auch mit ihm? Um ſo beſſer! Ich frage Sie alſo, wozu dieſe ganze Komödie, in welcher Sie ſich die Haupt⸗ rolle zugetheilt haben, während wir nur da ſind, um Ihnen die Gelegenheit zu bieten, Ihr Talent leuchten zu — laſſen?“ Die Baroneſſe ſchaute den Direktor mit begeiſtertem Blicke an und erwiederte mit dem Tone tiefernſten Ge⸗ fühles:„Die ganze Komödie wird geſpielt, um das Le⸗ bensglück zweier Menſchen zu gründen. Ich denke, es lohnt ſich wohl der Mühe?!“ „Es iſt alſo eine Vorſtellung zu einem wohlthätigen Zwecke?“ „Wobei ich ſo frei bin, wie es oft geſchieht, die Hälfte der Wohlthat wir ſelbſt zuzuwenden.“ „Die eine der erwähnten Perſonen ſind alſo Sie?“ „So iſt es, Herr Direktor!“ —— „Und die Andere?“ „Werde ich Ihnen ſpäter nennen. Bevor ich es je⸗ doch thue, müſſen Sie nöthige Details erfahren, wozu mir aber jetzt die Zeit mangelt, da es bald vier Uhr ſein wird, und ich vor der Ankunft des jungen Grafen noch einige Veränderungen in meiner Toilette vornehmen muß, wozu Sie mir gefälligſt die Gelegenheit bieten wollen.“ Schikaneder öffnete das Nebengemach und ſagte: „Ich bitte Sie, da hinein zu ſpazieren; ich brenne vor Begierde, Ihr Talent abermals und zwar in einer neuen Partie leuchten zu ſehen.“ Die Baroneſſe begab ſich hinein. Schlag vier Uhr erſchien Scipio in der Wohnung des Theaterdirektors und frug nach der Schweſter der Kammerjungfer. Die Toilette, welche die Baroneſſe zu dieſer Scene gewählt hatte, war koſtbar, auffallend, aber geſchmacklos. Das hübſche Aeußere litt unter dem Eindrucke der ſchlotternden, wenig paſſenden Gewänder. Das Fräulein glich einem in Dürftigkeit und Unordnung herangewach⸗ ſenen Mädchen, welches durch einen plötzlichen Glücks⸗ wechſel in die Lage kömmt, vornehme Kleider kaufen zu können, und nun für die vornehme Hülle nicht paßt und die gewohnte Unordnung überall ſich verrathen läßt. thi che den tete der hei De Wi ron fore Mi ſter Wi ſag In mic ſagt gen pfar den, und Ie⸗ mir ird, ige ozu ſr vor uen ing der ene der lein ich⸗ zu ind Schikaneder belauſchte die Scene hinter einer Glas⸗ thür, deren Vorhang er leiſe vorſchob. Scipio fand in der That das Aeußere des Mäd— chens hübſch; der tadelloſe Wuchs, die ſchwarzen glühen⸗ den Augen zeichneten es vortheilhaft vor ihrer mißgeſtal— teten Schweſter aus; indeſſen geſtand er ſich's ſchon in der erſten Minute, daß die beſcheidene, einfache Schlicht⸗ heit der Abweſenden viel einnehmender ſei, als die kühne Derbheit ihrer Schweſter, die ſchon aus ihren erſten Worten herausleuchtete. „Ihre Dienerin, Herr Graf!“ begann die Ba⸗ roneſſe mit einem Knix, mit geläufiger Zunge und etwas foreirtem Organ:„Sie erlauben ſchon, daß ich Sie der Mühe, das Geſpräch einzuleiten, enthebe. Meine Schwe⸗ ſter, das arme Mädchen, hat mir geſagt, daß Sie den Wunſch hegen, mich kennen zu lernen. Meinethalben! ſagte ich zu ihr; Dir zu Liebe will ich die Rolle eines Inſaſſen der Schönbrunner Menagerie übernehmen und mich bewundern laſſen, aber unentgeldlich, natürlich. Ich ſagte alſp zu meiner Schweſter: Da ich bei meiner künfti⸗ gen Schwiegermama, wo ich wohne, keinen Mann em⸗ pfangen darf, ſie möge Sie zu Herrn Schikaneder beſchei⸗ den, der ein guter Freund unſers ſeligen Vaters war und uns mit Vergnügen Gefälligkeiten erweiſt.“ 34 Der Lauſcher hinter der Glasthüre wog bedenklich ſeinen Kopf und murmelte:„Die lügt wie gedruckt!“ Die Swiljngsſchweſter fuhr in Einem Athem fort: „Meine arme Schweſter, die Natur iſt mit ihr unbarm⸗ herzig verfahren, ſonſt würde ſie ohne Zweifel, wie ich, ihr Glück in der Welt machen. Ich weiß nicht, ob ſie es Ihnen geſagt hat, daß ſie von der ſeligen Baroneſſe von Helm auf dem Schloſſe wie ein Fräulein erzogen wurde. Du lieber Gott! es iſt Alles recht ſchön ſie ſpricht Sprachen wie ein Profeſſor, ſingt wie eine Primadonna, tantzt wie eine Sylphide; was nützt es aber? die Haupt⸗ ſache, die Taille, das hübſche Geſichtchen fehlen. Seh'n Sie mich an, Herr Graf, ich bin nicht ſchön, aber hübſch bin ich, und ehe vier Wochen ins Land gehen, werde ich Frau Baronin ſein. Mein Alfred reiſ'te durch Gräz, ſah mich, verliebte ſich in mich wie ein Ritter aus alter Zeit; ſeine Mutter liebt ihn, wie man einen einzigen Sohn zu lieben pflegt, und ich— ich bete ihn an und ſeine Mutter. Die brave, ſeelengute Frau! ſie holte mich perſönlich nach Wien ab, und in vierzehn Tagen feiere ich mit ihrem Si die Vermählung.“ Die Zwillingsſchweſter der Kammerjungfer ſchwatzte wie eine Elſter und begleitete ihre Reden mit entſprechen⸗ der lebhafter Mimik. ſelle Si bra Fra an glüc H Ich Anſ Fan Zwe wiſſ nute Fan die liche lich ort: rm⸗ ich, von rde. richt ma, upt⸗ eh'n bſch ich ſah eit: ter. lach rem tzte hen⸗ Der arme Scipio zog ſeine Fühlhörner ein; die Redefluth übergoß ihn wie Eiswaſſer. Welch ein Unterſchied zwiſchen dieſer enragirten Schwätzerin und ihrer ſanften, wortbedächtigen Schweſter! „Ich gratulire Ihnen zu dem Glücke, Mademoi⸗ ſelle,“ ſagte er kühl,„und hege die Uiberzeugung, daß Sie deſſen vollkommen würdig ſind.“ „Ohne mir zu ſchmeicheln, Herr Graf! Ich bin brav, verſtehe eine Wirthſchaft zu führen, was für eine Frau Baronin freilich keinen Werth hat, weil es Andere an ihrer Stelle thun; die vornehmen Weibsleute ſind ſo glücklich, daß ſie nur Frauen ſein dürfen und keine Hausfrauen.“ „Ich denke, im letzteren beſtünde das Glück.“ „So? Wirklich? Nun die Anſichten ſind verſchieden. Ich und meine Schweſter differirten von je in unſeren Anſichten, obwohl wir Zwillinge ſind. Wenn die Eins⸗ Fanny„Ja“ ſagte, konnte man überzengt ſein, von der Zwei⸗Fanny ein„Nein“ zu hören. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ich, als die ältere— ich bin um zehn Mi⸗ nuten älter— die Eins⸗Fanny hieß und ſie die Zwei⸗ Fanny. Man wollte der Armen nicht wehe thun und mich die„ſchöne Fanny“ nennen, weil das ſie an ihre körper⸗ lichen Mängel erinnert und geſchmerzt hätte. Die Men⸗ ————*. ————————. *. r 30 ſchen ſind in der That merkwürdig! Spott über moraliſche B Mängel verletzt ſie weniger, als über körperliche.“ ſo „Hat Ihnen Ihre Schweſter auch geſagt, warum ich Sie zu ſehen gewünſcht?“ Tl Die Eins⸗Fanny lächelte verſchmitzt und erwiederte:— „Die Gute! ſie hat mir noch mehr anvertraut... Dinge, wovon Sie ſich vermuthlich nichts träumen laſſen. Ich ga und meine Schweſte beſuchten im verfloſſenem Herbſte die Generalin von Mannsfeld in ihrem Weingarten bei et Gräz; Sie befanden ſich in der Nachbarſchaft und hörten ein Mozart'ſches Lied ſingen.“ i „Ihre Schweſter behauptet, Sie wären die Sänge⸗ Si rin geweſen.“ im „Hat ſie das? Die Gute! ſie iſt im Stande und ſin dichtet mir noch Engelsfittige an die Schulter! Uieber⸗ zeugen Sie ſich ſelbſt, Herr Graf! ob ich die Sängerin geweſen ſein kann?“ Kö Die zukünftige Baronin ſetzte ſich geräuſchvoll an's cher Klavier, begann ſtümperhaft die Introduktion herab zu tappen, worauf ſie das Mozart'ſche Lied ſang: ſo erbärm⸗ lich, ſo entſetzlich distonirend, daß ſogar Schikaneder hinter unt der Glaswand ſich die Ohren verhalten mußte. ttu „Um Gotteswillen!“ dachte er,„wenn ſie nicht es bald aufhört, macht ſie mir noch die Obſtweiber auf dem all Naſchmarkte rebelliſch. Sie iſt ein Teufelsmädel, dieſe M —— rum 17 inge, Ich bſte bei rten nge und ber⸗ erin an's b zu irm⸗ inter nicht dem dieſe Baroneſſe; ich habe noch keinen Menſchen gefunden, der ſogar ſeinen Geſang ſo verſtellen konnte!“ Die Eins⸗Fanny war ſo barmherzig, nur einen Theil des Liedes zu ſingen. „Nun, Herr Graf?“ fragte ſie, plötzlich im Spiel und Geſang einhaltend,„bin ich die Sängerin im Wein⸗ garten geweſen?“ „Nein! wahrhaftig nein!“ erwiederte Scipio mit kerndeutſcher Ehrlichkeit. „Sie ſehen alſo, daß meine arme Schweſter ſich einer Nothlüge bediente. Sie bat mich um Gotteswillen, Sie ja bei der Meinung zu laſſen, daß ich die Sängerin im Weingarten geweſen und Ihnen beileibe nichts vorzu⸗ ſingen.“ „Warum das? was zwang ſie, mich zu täuſchen?“ Die Eins⸗Fanny ließ ein paar Sekunden lang das Köpfchen ſinken, ſeufzte, und gönnte dann dem Züngel⸗ chen wieder freien Lauf. „Was ſie dazu zwang? Ich ſollte es Ihnen eigent⸗ lich nicht enthüllen, Herr Graf, denn ſie hat mir's bloß unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit anver⸗ traut; indeſſen bin ich nicht zum Schweigen geboren und es ſteht geſchrieben: Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei; und warum iſt es nicht gut? Weil, wenn der Menſch allein wäre, er Niemanden hätte, dem er ſich mit⸗ ——** ———————=————. 0 58 theilen könnte, er müßte alſo ſchweigen, folglich iſt ſchweigen nicht gut. Ein Weiſer behauptet zwar: Schwei⸗ gen ſei Gold! Zugegeben— aber erſt, nachdem man ſich ausgeredet hat. Ich überlaſſe daher das Schweigen den Quäkern und Karthänſern und halte es mit dem Reden.“ „Sie ſind ja aber vom Thema ganz abgekommen?“ „Ich weiß es; dergleichen arivirt mir oft, allein es genirt mich nicht. Die Urſache, welche meine arme Schwe⸗ ſter zur Nothlüge vermochte, iſt folgende: Das arme Mädchen hat die unglaubliche Thorheit begangen, ſich in Sie zu verlieben.“ „Ich rief dazu nicht bloß„Oh!“ ſondern auch „Ah!“ denn dieſe Liebe iſt ein Wahnſinn. Sie, Herr Graf, ſind jung, ſchön, vornehm, und meine unglückliche Schweſter... ich mag die Gegenſätze gar nicht hervor⸗ heben, denn ſie ſchneiden mir in die Seele. Ich habe ihr Vorſtellungen gemacht, habe ſie gebeten, beſchworen, dieſe tolle Leidenſchaft aus ihrem Herzen zu reißen... Alles blieb umſonſt! Ich liebe ihn, gab ſie mir in ihrer lei⸗ denden Weiſe zur Antwort, und kein Menſch auf dieſer Welt kann mir verwehren, ihn zu lieben. Was will ich denn? Ihn beſitzen? Nein! Dieſes wollen, wäre Wahn ſinn; ihn lieben iſt Seligkeit. Er wird ſich nächſtens mit einer jungen, ſchönen Gräfin vermählen; er wird glücklich —— be ſpr der ger abe ſo dat ber nüt letz Fle her — ſta So mer die ver iſt wei⸗ ſich den en. n es hwe⸗ arme h ein auch Herr kliche vor⸗ ihr dieſe Alles lei⸗ ieſer Uich ahn mit cklich werden, und ſein Glück wird auch das meinige ſein! So ſprach ſie, und mir blieb nichts übrig, als ſie zu bemitlei⸗ den und zu bedauern.“ Der Eindruck dieſer Entdeckung auf Scipio war ein gewaltiger. In dem Maße, als er von der künftigen Baronin abgeſtoßen worden, fühlte er ſich zu ihrer Schweſter um ſo mehr hingezogen; wie die Arme eines Stromes mäch⸗ tiger wogen, wenn ſie in Eins zuſammen gefloſſen, ſo auch das Gefühl, wenn es ſich in Einer Perſon koncentrirt. Die Kammerjungfer die Sängerin im Wein⸗ berge; ſie liebte ihn, liebte ihn leidenſchaftlich, meiget nützig... dieſe beiden Thatſachen ergänzten ſich; die letztere fachte die Gluth, welche die erſtere entzündet, zur Flamme an. Indeſſen gegenüber der geſchwätzigen Schweſter be⸗ Wicht er ſich, erzwang ein kühles Lächeln und ſagte: „Die Entdeckung, die ſie mir machten, ſetz zt mich in Er⸗ ſtaunen; ich begreife jedoch noch immer nicht, was Ihre Sörefer zur Nothlüge vermochte? In welchem Zuſam⸗ menhange ſteht ihre geheime Liebe mit dem Geſange i im Weingarten? 7 Ich denke, ſie hätte ſich mir recht wohl als die Sängerin bezeichnen können, ohne dabei ihre Liebe zu verrathen?“ Die Eins⸗Fannh ſchaute den jungen Grafen mit ——— 2 ———————— 3 ——————— 40 einer Miene an, auf welcher zu leſen ſtand:„Ei ſeht, welche Verſtellung!“ zuckte die Achſeln und verſetzte leicht hingeworfen:„Sie fürchtete vermuthlich, bei Ihnen den Verdacht einer Abſichtlichkeit zu erwecken, die jedoch nicht vorhanden iſt; meine Schweſter wußte zu jener Zeit noch nichts von Ihnen, und ihre Liebe erwachte erſt, ſeit ſie in Dienſten Ihrer Tante ſteht.“ Der Lauſcher hinter der Glasthüre, durch das Ge⸗ ſpräch einigermaßen in die Situation eingeweiht, krenzte die Hände und murmelte leiſe vor ſich hin:„Der arme junge Graf, er iſt bereits blau angelaufen wie engliſcher Stahl!“ Seipio, der, was er vernommen, für baare Münze — nahm, befand ſich eines Theils in zu heftiger Erregung und fühlte anderſeits zu wenig Neigung, die Schwätzerin in dieſer Gemüthsſtimmung weiter anzuhören; er machte daher der Scene ein Ende, indem er der Schweſter der Kammerjungfer für den Empfang und für die Mittheilun⸗ gen dankte, und verabſchiedete ſich. Die Baroneſſe, ihrer Rolle getreu, überfluthete ihn noch mit einem Wortſchwall, indem ſie ihn bis an die äußerſte Thüre der Wohnung geleitete. Zurücktehrend wurde ſie von dem Theaterdirektor mit offenen Armen aufgefangen und hatte Mühe, ſich ſei m er m we eir un ne ht, icht den icht och in Ge⸗ izte rme cher inze ung erin chte der ſun⸗ ihn die ktor ſei 41 ner ſtürmiſchen Begeiſterung, die freilich nur zum Theil ihrem Talente galt, zu entziehen. „Baroneſſe!“ rief er,„ich fange an zu verzweifeln; ich zittere, Sie zu verlieren, bevor ich Sie noch beſeſſen. Eine ſolche Perle kann das Burgtheater mir unmöglich gönnen; man wird Sie mir abfiſchen; wehe mir, wenn meine ſchwarze Ahnung ſich erfüllt!“ Die komiſche Extaſe Schikaneder's verſcheuchte die ernſtgewordene Miene der Baroneſſe; ſie lächelte weh⸗ müthig und ſagte:„Gönnen Sie mir einige Minuten, mich wieder umzukleiden, dann will ich Ihnen anvertrauen, was außer mir noch kein Menſch weiß; die Komödie hat einen ernſten Hintergrund!“ Nach einer Viertelſtunde ſaßen der Theaterdirektor und die wieder zur Kammerjungfer umgewandelte Baro⸗ neſſe ſich gegenüber, und der Erſtere eröffnete die Unter haltung. 1859. XIX. Die Zanberflöte. II. 3 ————————————. rittes Capitel. Die Enthüllung der Baroneſſe Cäcilie von Helm iſt eine alte Geſchichte, die ewig neu bleibt, und wem ſie grad paſſiert, das Herz entzwei treibt. „Bevor Sie Ihre Mittheilungen beginnen, zaube⸗ riſchſte aller Baroneſſen, geſtatten Sie mir die Frage: Werden Sie jetzt mit mir wieder Komödie ſpielen?“ So Schikaneder. Darauf antwortete d Direktor, ich werde mich 3h mein Bruder.“ „Bruder? Puh! eine undankbare Rolle!“ „Sie vergeſſen, daß wir nicht Komödie ſpielen.“ „O! ich Beklagenswerther! Sie geſtatten mir nur in der Komödie die Rolle eines Anbeters; in der Wirk⸗ lichkeit—“ „Wäre es gewiſſenlos von mir!“ as Fräulein:„Nein, Herr nen entdecken, als wären Sie elm und ibt. mube⸗ age: Herr Sle nur Virk⸗ „Wehe mir! mir „Schwanen Sie zu, Herr Direktor; mein Herz iſt bereits vergeben.“ Der koloſſale Emanuel ſchloß die Augen, ließ ſich wie ohnmächtig in den Armſeſſel zurückſinken und mur⸗ melte:„O! ich armer Lazarns!“ „Wie ich ſehe, Herr Direktor, beliebt es Ihnen...“ „Mir beliebt gar nichts, als Sie anzuhören,“ ſagte Schikaneder, ſich raſch aufrichtend;„darum ſprechen reden Sie! Doch früher noch etwas. Wie komme ich z der Ehre, Ihr Vertrauen in ſo hohem Grade zu n daß Sie ſich mir entdecken? 3 „Ich will Ihnen die Wahr ei bekennen. Erſtens ſind Sie ſchon in das Geheimniß de Doppelrol lle einge⸗ weiht, die ich im gräflich Leichtergſchen Hauſe zu ſpielen übernahm. Zweitens weiß ich, daß Sie ein init3 Freund des Mozart ſind, und da dieſer gleichzeitig ein Freund T Dezjeuigen iſt, um deſſentwillen die Komödie ge⸗ ſpielt wird...“ „Ich verſtehe! Für den Fall, daß Sie einer Mit⸗ telsperſon bedürfen, bin ich es, durch den Sie bei Mozart auf jenen Dritten einwirken laſſen wollen.“ „So iſt es, Herr Direktor!“ „Ich danke Ihnen für dieſe Rolle! Nicht genug, daß Sie mein Herz verſchmähen, werde ich auch noch 3 ——— m ——————— 44 die Marter genießen, meinem Nebenbuhler Dienſte zu leiſten!“ „Dafür bleibt Ihnen das ſchöne Bewußtſein: edel gehandelt zu haben; genügt Ihnen das nicht „Herrliche Baroneſſe! ich bin ein Eroberer im Reiche der Liebe; kein Eroberer aber geht, mit dem ſchönen Be⸗ wußtſein einer edeln Handlung ſich begnügend, an einer Feſtung vorüber.“ „Scherz bei Seite, Herr Direktor!“ „Meinethalben, Scherz bei Seite! fahren Sie fort.“ „Mein Gott! ich ſoll fortfahren, und habe ja noch gar nicht begonnen.“ „Wie? Sie haben noch nicht begonnen zu lieben,. und behaupten doch, daß Ihr Herz ſchon vergeben ſei?“ „Sie ziehen die Liebe gewaltſam in's Geſpräch.“ „Meine Ungeduld möge mich entſchuldigen.“ „Werden Sie es mir glauben, Herr Direktor, wenn ich Sie verſichere, daß ich einen Mann liebe, den ich nur einmal und da nur unbemerkt und flüchtig ſah?“ „Warum ſoll ich das nicht glauben? Mein Freund Mozart erzählte mir in allem Ernſte, er kenne einen jun⸗ gen Mann— deſſen Namen nannte er freilich nicht— der ſich in eine ſingende Stimme verliebt hat.“ O! über die Plauderhaftigkeit der Männer! dachte das Fräulein, und laut entgegnete ſie:„Der junge Mann, che Ze⸗ ner och en, enn nur und un⸗ chte nn, 45 der, ohne es zu wollen und zu wiſſen, mein Herz eroberte, iſt Graf Scipio von Teichberg.“ „Darauf hätte ich ſchwören mögen, ſeit ich der Scene zwiſchen ihm und Ihnen gelauſcht.“ „Sie müſſen wiſſen, Herr Direktor, ich bin reich und unabhängig, mit Einem Worte, eine Partie, deren ſich der junge Graf nicht zu ſchämen braucht. Nachdem ich die Wunde im Herzen fühlte, entſtand die Frage: Was nun? Ich hatte mir's früher im Stillen gelobt, keinem Manne meine Hand zu reichen, den ich nicht liebte und der mich nicht wieder um meiner perſönlichen Vorzü⸗ ge willen liebte. Die eine Bedingung war erfüllt, wie aber verſuchen, auch die zweite zu erreichen? Die Ver⸗ mittlung einer dritten Perſon in Anſpruch nehmen, wi⸗ derſtrebte mir; mich in ſeine Nähe drängen, verletzte meine Eitelkeit. Die Generalin von Mannsfeld, eine Ju⸗ gendfreundin meiner Mutter, bei welcher ich damals zu Beſuche war, ließ Erkundigungen über den Charakter des jungen Grafen einziehen, und was wir erfuhren, ſtei⸗ gerte meine Vorliebe für ihn noch mehr.“ „Um Vergebung, daß ich Sie unterbreche. Die ori⸗ ginelle Anwendung des Wortes„Vorliebe“ läßt mich die Entdeckung machen, daß Sie eine tiefe Kennerin des menſchlichen Herzens ſind. In der That giebt er eine Vor Liebe, welcher die Liebe folgt, worauf die Nach⸗ 46 liebe kommt. In Begleitung der letzteren befindet ſich gewöhnlich das Mitleid. Auch ich habe das Gefühl, welches Sie Vor⸗liebe tauften, oft empfunden, hielt es aber, weil ich deſſen Namen und Natur nicht kannte, für die wirkliche Liebe und behandelte es ſo. Das war ge⸗ fehlt, junge Pflanzen wollen ganz anders traktirt wer⸗ den als erwachſene; die Folge war, daß aus ſolchen Vor⸗ Lieben nie eine ordentliche Liebe wurde.“ „Sie ſind erſtaunlich aufrichtig, Herr Direktor!“ „Daran iſt meine Liebeskonſtitution ſchuld. Ich bin einer der größten Männer Wiens, ich meſſe ſechs Schuh und vier Zoll, dieſe Abnormität und meine Beſchäftigung als Komiker haben meine Perſönlichkeit populär ge⸗ macht. Kaum betrete ich die Straße, ſo zeigt man ſchon mit Fingern auf mich. Ich darf keine Promenade über den Graben wagen, wie tauſend Andere es ungekannt thun; bei mir heißt es gleich: Der Schikaneder iſt Dieſer oder Zener nachgeſtiegen! Bei ſo bewandtem Verhältniſſe bleibt mir nichts anderes übrig, als aufrichtig zu ſein, da mir Läugnen ohnedieß nichts nützen würde.“ Das Fräulein lachte und ſagte:„Bei Ihnen iſt alſo die Aufrichtigkeit keine Tugend, ſondern eine Noth⸗ wendigkeit.“ „Ich bin ein großer Miſſethäter— doch, ich bitte fortzufahren.“ ra ge ni li ne fo d ks ſe da iſt h⸗ 47 „Ich muß mich ſammeln, die Bekenntniſſe Ihrer zarten Seele haben mich aus dem Context gebracht.“ „Sie ſprachen von der Steigerung Ihrer Vorliebe durch den guten Leumund des jungen Grafen.“ „Ganz recht! Unter anderen Angaben, welche der Generalin über die Eigenſchaften Graf Scipio's gemacht wurden, war auch die, daß er ein Verehrer Mozart'⸗ ſcher Muſik ſei und eine faſt krankhafte Vorliebe für Frauengeſang beſitze. Anf dieſen Umſtand gründete ich meinen abentheuerlichen Plan. Bei einer gewöhnlichen Natur würde ich ohne Zweifel einen ganz anderen Weg gewählt haben; bei der Gemüthsbeſchaffenheit des Gra⸗ fen, wie ſie mir aus den gewordenen Angaben klar wurde, glaubte ich dieſen betreten zu müſſen. Ich ließ den Gra⸗ fen zur Weinleſezeit nächtlicher Weile meinen Geſang hören. Die romantiſche Scenerei begünſtigte meine Ab⸗ ſicht. Ich weilte verborgen im Weingarten der Gene⸗ ralin, er befand ſich durch ein ſchmales Thal von uns getrennt, in dem benachbarten Preßhauſe. Schon am nächſten Vormittage wurden Erkundigungen nach der nächt⸗ lichen Sängerin des Mozart'ſchen Liedes eingezogen, natürlich vergebens. Dasſelbe wiederholte ich an den zwei folgenden Abenden.“ „Zum Kuckuk, gnädigſte Baroneſſe! ich denke, am dritten Tage hätten Sie wohl hervortreten und ſagen können: Ich bin die Sängerin!“ —— au————— 48 „Dieſer Anſicht huldigte auch die Generalin; ich aber, da ich es einmal beſchloſſen hatte, den Gegenſtand meiner Liebe durch meine perſönlichen Vorzüge zu erobern, ich wollte, um durch Voreiligkeit nichts zu verderben, meiner Sache gewiß ſein und blieb verborgen. Scipio's eifrige Nachforſchungen ließen mich erkennen, daß die Wirkung meines Geſanges eine tiefere war, als eine blos erregte Aufmerkſamkeit, und ich war meinem Ziele um einen Schritt näher gerückt. Ein unglücklicher Zwi⸗ ſchenfall unterbrach mein Unternehmen, eine ete Krankheit warf mich aufs Lager; der Graf, da ſein Nachforſchen elfolgles blieb, reiſ'te ab. Die Generalin, den theilweiſen Grund meines körperlichen Leidens in der Einwirkung der Liebe erkennend, erbot ſich, hieher zu reiſen und die Verbindung mit Scipio zu vermitteln; ich ſchlug ihr freundliches Anerbieten aus, ich wollte den Gatten mir, ganz allein mir zu verdanken haben. Krank⸗ heit und Necowalescenz zehrten den Winter auf; An⸗ fangs Mai reißte ich hieher. Mein anfänglicher Plan ging dahin, mich zffentlch, verſteht ſich unter einem falſchen Namen hören zu laſſen—“ „Und da wendeten Sie ſich an mich—“ „Vielleicht, ſo hoffte ich, errege ich neuerdings die Aufmerkſamkeit des jungen Grafen; vielleicht auch, ſo ſchmeichelte die Eitelkeit, erkennt er die Stimme wieder, and ern, ben, io's die eine iele wi⸗ ere ſein lin, der zu ich den nk⸗ An⸗ lan em die ſo er, 49 er wird ſich mir nähern, und das Uibrige ergibt ſich dann von ſelbſt. Ein Zufall ließ mich den Agenten bei Ihnen treffen; was ich von ihm und von Ihnen hörte, dazu eine eigenthümliche Idee, bewog mich, meinen Plan zu ändern und den Dienſt als Kammerjungfer bei Scipio's Verwandten anzunehmen.“ „Was war das für eine eigenthümliche Idee?“ „Dieſe Idee, nennen Sie ſelbe barock oder exen⸗ triſch, war nichts als eine Erweiterung der mir ſelbſt angelobten Bedingung, den künftigen Gatten bloß meinen perſönlichen Vorzügen verdanken zu wollen. Die Eifer⸗ ſucht der Gräfin zwang mich, als Mißgeſtalt im Hauſe zu weilen. Wenn es mir nun gelang, dachte ich, den jun⸗ gen Grafen ſogar trotz meines unvortheilhaften Aeuße⸗ ren zu erobern, ſo konnte ich damit den Triumph meiner geiſtigen Eigenſchaften feiern und meine Bedingung war im weiteſten Umfange erfüllt.“ „Wiſſen Sie, gnädige Baroneſſe, daß das ein Ha⸗ zardſpiel war?“ „Ich verhehlte mir's nicht; allein wer Viel gewin⸗ nen will, muß auch Viel einſetzen. Die erſte Gelegenheit, die ſich ergab, benützte ich, den jungen Grafen nächtlicher Weile wieder denſelben Geſang wie im Weingarten bei Gräz hören zu laſſen. Ich befand mich in dei Garten⸗ ſalon; er erkannte die Stimme, eilte hinab, ſpähte durch 50 die Jalouſieen und fand in der Sängerin die Kammer⸗ jungfer ſeiner Tante.“ „Die Wirkung muß eine niederſchlagende geweſen ſein?“ „Damals kannte ich ſeinen Gemüthszuſtand noch nicht, dieſer wurde mir erſt durch Herrn Mozart ent⸗ hüllt.“ „Oho! hat der Tauſendſaſſa ſeine Hände auch im Spiele?“ „Hören Sie nur weiter. Scipio erkrankte, ließ ſei— nen Freund zu ſich bitten und entdeckte ſich ihm. Mozart fand die Lage ſo bedenklich, daß er es für nöthig erachtete, mich ohne Scipio's Wiſſen zu beſuchen. Von ihm erfuhr ich, was ich noch nicht wußte, daß der junge Graf ſich in meinen Geſang, in meine Stimme verliebt hatte.“ „Er iſt es alſo, von dem mir Mozart e zählte?“ rief Schikaneder;„ich fand eine ſolche Liebe eines Eng⸗ länders würdig; doch was wollte Mozart von Ihnen?“ „Sie werden es gleich hören. Weniger meine Miß⸗ geſtalt als meine niedere Stellung brachten auf den jun— gen Grafen eine niederſchlagende Wirkung hervor; ſeine Liebe mochte wohl ſtark genug ſein, ſich über Geburts unterſchiede hinaus zu ſetzen, allein die Kluft zweier ſo entlegenen Standpunkte zu überſpringen, reichte Sie nicht aus. Mozart, von edlem Herzen bewogen, wollte mich be⸗ gal der gef 51 reden, Scipio gegenüber zu behaupten, ich ſei nicht die Sängerin im Weingarten geweſen, ſondern es herrſche eine zufällige Aehnlichkeit der Stimmen.“ „Ei ſeht, wie ſchlau! dadurch wäre freilich die Lei⸗ denſchaft des Grafen nach einer anderen Seite hin ge— lenkt worden.“ „Das paßte natürlich nicht in meinen Plan; ich konnte um ſo weniger darauf eingehen, da die Zeit drängte, indem Scipio von ſeiner Tante zu einer Verbindung ge⸗ nöthiget wird. Ich mußte alſo abermals Einen Schritt vorwärts thun; ich entſchloß mich, den jungen Grafen von meiner Liebe zu ihm in Kenntniß ſetzen zu laſſen, und damit dieß in einer vortheilhaften Weiſe geſchehe, be⸗ hauptete ich, die Sängerin im Weingarten ſei meine viel hübſchere Zwillingsſchweſter geweſen. Er brannte nun vor Begierde, das ſchöne Mädchen zu ſehen.“ „Und ſo weiter, und ſo weiter! Nun erſt verſtehe ich die Scene von vorhin ganz; allein Sie haben ja den Grafen durch Ihre Toilette, durch den angenommenen Charakter und durch die Angabe, daß Sie Frau Baronin würden, zurück geſchreckt?“ „Das lag in meiner Abſicht; ich drängte ihn mit ganzer Macht zu der mißgeſtalteten Kammerjungfer, und deren edle, uneigennützige Liebe zu ihm, iſt ein friſch ein⸗ geſetzter Hebel, der ihn wenigſtens ſo weit kräftigen ſoll, 52 den Planen ſeiner Tante zu trotzen und die beabſichtigte Verbindung zu vereiteln. Das Weitere wird ſich dann ſchon ergeben.“ „Die Kombination iſt richtig; wie aber ſtehen Sie mit dem alten Grafen?“ Das Fräulein lächelte und entgegnete:„Mein lieber Herr Direktor, wenn ein Menſch eben d'ran iſt, einen ſchweren Stein einem Ziele zuzuwälzen, ſo achtet er des Kieſels auf dem Boden nicht; er ſchlendert ihn mit der Fußſpitze fort, das iſt Alles!“ Schikaneder ſann jetzt einige Sekunden lang nach, dann ſagte er:„Die ganze Geſchichte iſt eigentlich eine Intrigue, die ſich ſehr gut zu einem Stücke eignete.“ „Machen Sie Eines daraus, ich erlaube Ihnen meine Erfindung zu verwenden.“ „Für mich paßt der Stoff nicht; das ſind lauter Herzenszuſtände, ich dagegen benöthige Kernhandlung; das wäre etwas für Schröder, Stephanie; das Luſtſpiel müßte betitelt ſein: Excentriſche Liebe, oder die Zwilling⸗ ſchweſtern.“ „Ich wüßte einen paſſenderen Tie. „Laſſen Sie hören.“ „Mozart und Schikaneder.“ „Bah! wie kämen Mozart und ich dazu?“ „Ich will es Ihnen gleich erklären: Durch Mo⸗ 4 gte inn Sie ein iſt, htet mit ach, eine hnen uter ung; tſpiel ling⸗ 53 zart's Muſik näherten ich und Scipio uns geiſtig, durch Schikaneder's Einwirkung materiell.“ „Das iſt zu weit hergeholt.“ „Wenn bei einem Werke derjenige Titel der beſte iſt, der den Gedanken des Werkes ausſpricht, dann könnte das Luſtſpiel gar nicht anders heißen. Geiſt und Materie „Ich bitte Sie, die weitere Motivirung unausge⸗ ſprochen zu laſſen; denn wie ich merke, repräſentire ich die Materie?“ „Als einem Lebemann kann Ihnen die Unterſtellung nicht wehe thun.“ „Wer ſpricht davon? Wiſſen Sie, reizende Barv⸗ neſſe, was mir wehe thut, was mich ſchmerzt, kneipt und brennt? Die Fruchtloſigkeit meiner Anbetung iſt's, der Schmerz meiner Liebe.“ Die Bewerbungen Schikaneder's wiederholten ſich zu oft, um ganz im Scherz gemeint zu ſein. Das Fräulein fühlte dies und erwiederte:„Ich halte Sie für zu klug, Herr Direktor, als daß Sie es übernehmen ſollten, gleich dem alten Herrn Grafen die Rolle des Kieſelſteins zu ſpielen. Leben Sie recht wohl und bleiben Sie mir, wie ich es Ihnen bin, in Freund⸗ ſchaft gewogen.“ Dieſe, mit Hoheit und Freundlichkeit geſprochenen 54 Worte benahmen dem großen Emanuel die Luſt zu wei⸗ teren Exklamationen, er hinderte alſo die Trennung nicht. „Dieſe Baroneſſe,“ murmelte er, als die falſche Kammerjungfer fort war,„iſt das gefährlichſte Frauen⸗ zimmer, welches mir je untergekommen. Hätte der Teufel damals meinen Freund Karlinger nicht in's Haus geführt, ich würde ſie engagirt haben, und wer weiß, ob ich ſo total abgeblitzt wäre, wie jetzt... Chriſtof!“ „Befehlen, Euer Gnaden!“ i „Nach dem Theater Sonper für ſechs Perſonen; das Quartett vom Orcheſter exequirt die Tafelmuſik.“ Und vor ſich hin brummte er:„Da ſ ie mich einmal 1. als einen Materialiſten deklarirt hat, ſo will ich mich t meines Charakters auch würdig zeigen!“ n ei cht. ſche en⸗ ufel hrt, otal ten, mal mich Biertes Capitel, in welchem ein Handelsvertrag geſchloſſen und ratificirt wird. Der Herr Graf von Teichberg beſaß ſeinen vertrau⸗ ten Leib⸗ und Kammerdiener, wie die Gräfin ihre Kam⸗ merfrau; wie ſie, hatte auch er ſeine Kreaturen, die aus⸗ ſchließlich ihm dienten, für ihn lauſchten, ſpäh'ten, horchten und ihm davon durch den Mund des Kammerdieners mit⸗ theilen ließen, was ihren kleinlichen Zwecken, ihren per⸗ Intereſſen dienlich ſchien. Daß der alte Herr die mißgeſtaltete Kammerjungfer ſeiner wohlwollenden Aufmerkſamkeit würdige, entging den männlichen Ameiſen ſo wenig wie den weiblichen; wäh⸗ rend Neid, Klatſchſucht und Mißgunſt dieſe ſofort in Bewegung ſetei verhielten ſich jene anfangs paſſiv, bis ſpäter auch ihr Weizen zu blühen eeri Der Beſuch des Kapellmeiſters Mozart bei der ————* 5 56 Kammerjungfer, ihre Konverſation mit Scipio wurden dem alten Herrn rapportirt und erweckten deſſen Eiferſucht und Mißtrauen. Auch Schönheitsfreunde ſind eiferfüchtig; wenn ſie auch nur an dem Anblick der Blume ſich laben, ſo gönnen ſie ſelbſt dieſe Augenweide keinem Andern. In dem gege⸗ benen Falle herrſchte überdies noch ein abſonderlicher Umſtand, geeignet, die Eiferſucht des alten Herrn be⸗ deutend zu ſteigern. „Teufel!“ dachte er,„am Ende bin ich der doppelt Betrogene! Während ich zu dem Anblicke der Fledermaus verurtheilt bin, und dieſen nur erträglich finde, weil ich mich im Geiſte an der Schönheit ihrer Zwillingsſchwe⸗ ſter weide, verkehren vielleicht mein Herr Neffe und der Muſikmeiſter ausſchließlich mit der letzteren? Dieſes Pro⸗ vinzmädchen iſt nun einmal eine Betrügerin; es wird ihr iner Gattin Miß⸗ alſo keineswegs darauf ankommen, außer mei auch noch mich zu hintergehen. Ich werde die fingirte geſtalt überwachen laſſen Der Kammerdiener erhielt die darauf bezüglichen Befehle. An dem Nachmittage, wo die Zuſammenkunft Sei⸗ pio's mit der Eins⸗Fanny bei Schikaneder ſtatt hatte, be⸗ gann es im gräflich Teichberg'ſchen Landhauſe zu gähren. — — ——, „. — ihr ttin tiß⸗ chen Sci⸗ be⸗ ren. 57 Es blieb nicht unbemerkt, daß der junge Graf und die Kammerjungfer gleichzeitig abweſend ſeien. Die Wahrnehmung ziſchte wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund. Die Putzwäſcherin Johanna machte ein Schnäbel⸗ chen und meinte: ſtille Wäſſer ſeien betrüglich; je größer der Höcker, deſto glühender die Liebe. Das Extramädchen expectorirte ſich in ihrer noch derberen Weiſe; das Stubenmädchen biß ſich faſt die Lippen wund, lief zur Kammerfrau und verlangte Puri⸗ fikation unter den gräflichen Hausoffizieren und Offizie⸗ rinnen. Der Lakei rannte zum Leibdiener, dieſer rapportirte dem Grafen; die Kammerfrau der Gräfin. Auffallender Weiſe machte die Neuigkeit bei der Gebieterin keinen, bei dem alten Herrn jedoch den größten Effekt. Die erſtere lächelte auf ihrem Gemache, der Graf dagegen wüthete in dem ſeinigen. Die Gräfin erwiederte:„Bleibt mir mit ſolchem Geträtſch vom Leibe; mein Neffe mag ungehorſam ſein, allein er iſt kein Tollhäusler. Die gleichzeitige Abweſen— heit Scipio's und der Kammerjungfer iſt eine zufällige!“ Der alte Herr dagegen ging zürnend auf und nie⸗ der und räſonnirte vor ſich hin:„Nun leidet es keinen 1859. XIR. Di Zauberflöte. II. 4 58 Zweifel mehr, Scipio kennt das Geheimniß Fanny's, und der junge Neffe findet ſie weniger ſtreng, als der alte Onkel. Dieſe durch Täuſchung und Betrug multipli⸗ cirte Zurückſetzung geduldig ertragen, hieße ſich vor den jungen Leuten blamiren. Forciren, ſtürmen, drängen iſt meinem Naturell nicht gegeben; allein auch Lammsgeduld hat ein Ende und mein Blut noch Wärmegrade genug, um es durch Zorn auf den Siedpunkt zu treiben. Ich habe mich in der, Scipio mißliebigen Heirat bisher paſſiv verhalten; ich werde nun auch mein Gewicht dem ſeiner Tante beifügen, und er muß binnen acht Wochen vermählt ſein. Was die Kammerjungfer betrifft, ſo muß ſie mir noch heute Nacht im Gartenſalon Gelegenheit geben, ſie über ihren verdächtigen Geſchäftsgang zur Rede zu ſtellen; ich will hören, ob und wie ſie ſich vertheidigen wird?“ Nach dieſem Monologe läutete er den Kammerdiener herbei und trug ihm auf, der Kammerjungfer bei ihrer Nachhauſekunft im Vertrauen zu befehlen, daß ſie um zwölf Uhr im Gartenſalon erſcheinen möge. Es müſſe eine dringende Angelegenheit beſprochen werden. Fanny, ohne die Gährung zu ahnen, welche ihre Abweſenheit verurſachte, kam in guter Laune nach Hauſe. Heimliches Schmunzeln, ſpöttiſche Mienen ſchauten ihr von allen Geſichtern entgegen. —— zu igen iener ihrer um eine ihre auſe. auten 59 Die Kammerfrau, die ihr ſonſt freundlich zunickte, ſchlug heute den Blick ſcheu zu Boden, und das Stuben— mädchen war kühn genug, ſie zu fragen, wie ſie ſich in der Stadt drinnen unterhalten habe? Die Kühnheit lag nicht in der Rede, ſondern in dem malitiöſen Tone, welcher die freche Belitizun verdoll⸗ metſchte, die hinter den harmloſen Worten ſteckte. Fanny erglüh'te vor Zorn, ſchaute mit ihrem Kreuz⸗ blicke das Mädchen an, daß ihm alles Blut zum Herzen ſchoß, und antwortete: Dune ich unterhalte mich jedes⸗ mal angenehm, wenn es mir bel liebt!“ Was ging während meiner Abweſenheit vor? dachte Fanny; die Entſe chiedenheit, mit welcher der alte Graf um Mitternacht ein Rendezvvus verlangt, läßt mich bei ihm Aerger vermuthen... er wird doch nicht... es iſt möglich... Eiferſucht iſt bei ſolchen Charakteren hãu⸗ fig— gut denn— ich will mich rüſten und für alle Fälle vorſehen. Der alte Herr muß mir in Güte gewogen blei— ben, denn ich will eine moraliſche Gewalt über ihn aus⸗ üben können! Während die Stunden bis zur Mitternacht für das in eifrigem Nachdenken verſunkene F Fräulein unbemerkt dahin rauſchten, ſchienen ſie dem cen Herrn Bleige⸗ wichte an den Füßen zu haben. Die beſtimmte Zeit nahte indeſſen doch heran, und 4* ——— 60 er und die Kammerjungfer, auf verſchiedenen Wegen dem nämlichen Ziele zuſchreitend, fanden ſich faſt gleichzeitig an der Thüre des Gartenſalons ein. Der Kammerdiener hatte den Auftrag erhalten, den Garteneingang zu überwachen und etwaige Uiberraſchun⸗ gen zeitlich genug zu ſignaliſiren. Der Mond ſegelte in ſeiner ganzen Fülle und Klar⸗ heit durch das azurblaue Luftmeer dahin und goß milde Lichtſtröme herab, welche den alten Herrn ſeinen Schön⸗ heitsſinn befriedigen ließen, denn Fanny, ſchlau berech⸗ nend, hatte für zweckmäßig erachtet, ihm in tadelloſer Fi⸗ gur entgegen zu treten. „Gnädiger Herr haben gewünſcht, meine Zwillings⸗ ſchweſter zu ſprechen, ſie ſteht vor Ihnen!“ Der alte Herr verhehlte die Stimmung nicht, die ihn beherrſchte. „Ich bin gewohnt,“ begann er,„bloß wünſchen und nicht erſt befehlen zu müſſen, wenn ich mit Leuten vom Hauſe ſprechen will. Ich tadle Sprödigkeit nicht, ſie muß jedoch nicht bloß nach einer Seite hin geübt werden.“ Ah! dachte die Baroneſſe, er iſt eiferſüchtig.. um ſo beſſer! „Eine Kokette, gnädiger Herr,“ ſagte ſie laut, „würde im jetzigen Momente die Unwiſſende affektiren; V vt ſu d ke m tig en m⸗ ar⸗ lde ch⸗ g8⸗ die chen uten icht, eübt um laut, ren; 61 ich aber bin weder gefallſüchtig noch kokett, daher trete ich Ihrem Verdachte entſchieden entgegen.“ „Sie waren heute durch mehre Stunden gleichzeitig mit meinem Neffen abweſend!“ „Der junge Graf weilt täglich einen ſo großen Zeit⸗ theil außer Hauſe, daß unſereins zu höchſt ungewöhnli⸗ cher Stunde ausgehen müßte, um die gleichzeitige Ab⸗ weſenheit mit ihm zu vermeiden.“ „Sie hatten alſo kein Tete a Tete mit ihm?“ „Der Verdacht, gnädigſter Herr, iſt für mich ſo entehrend, daß Sie mir erlauben müſſen, darauf gar nicht zu antworten.“ „Er iſt jedoch nicht grundlos; Sie haben mit ihm unter vier Augen in dieſem Garten geſprochen.“ „Bloß über Muſik! Der junge Herr Graf iſt ein Verehrer Mozart'ſcher Kompoſitionen, hörte mich ein Lied von dieſem Meiſter ſingen—“ „Was hatte dieſer Meiſter neulich bei Ihnen zu ſuchen?“ „Herr Mozart iſt ein Freund des jungen gnädigen Herrn, der damals krak darnieder lag, und erſuchte mich durch Muſik und Geſang auf die Stimmung des Kran⸗ ken zu wirken; ich verweigerte es.“ „Warum dieß?“ „Weil die gnädige Frau Gräfin mir es ſchon früher 62 verboten haben; die Urſache davon glaube ich nicht erſt erwähnen zu ſollen.“ „Ich ſchenke Ihnen Glauben,“ erwiederte der alte Herr, deſſen Zorn im Verlaufe des Geſpräches ſich allmählig verlor und einer verſöhnlichen Stimmung Platz machte;„denn wem ich nicht glaube, den achte ich auch nicht.“ „Dieſes Wort, gnädiger Herr, gießt Balſam in meine Seele. Ich flehe Sie an, entziehen Sie mir nie Ihre Achtung.“ Der Graf, den Sinn der begeiſterten Bitte verſte⸗ hend, verbeſſerte, oder richtiger verböſerte ſich, indem er hinzufügte:„Und wen ich nicht achte, dem kann ich auch meine Zuneigung nich bewahren.“ „Ich bitte, gnädiger Herr, mich ja nicht ſalſch zu beurtheilen, wenn ich Sie verſichere, daß Ihre Zuneigung mich wahrhaft glücklich macht. Ich bedarf der Schein⸗ heiligkeit nicht, denn Scheinheiligkeit iſt eine Huldigung, die das Laſter der Tugend bringt, und mir iſt jedes Laſter fremd.“ „Sie weiſen alſo meine Neigung nicht zurück?“ „Ich werde ſie vielmehr mit Entzücken empfangen, ſobald mir die Uiberzeugung davon geworden.“ „Sie bezweifeln die Wahrheit meiner Verſiche⸗ rung?“ P —-— 1 te ch 9 ich in nie er uch zu ung in⸗ ng, ſter 63 „Heute bin ich dazu berechtiget, gnädigſter Herr! Zuneigung fußt auf Achtung, und würden Sie mich wirklich achten, ſo hätten Sie mir nicht befohlen, Ihnen in dieſer Stunde eine Zuſammenkunft unter vier Angen zu gewähren.“ Der alte Herr wurde verlegen: der Vorwurf traf um ſo tiefer, je gerechter er war. „Sie unterſcheiden zu ſtreng,“ erwiederte er, ſich vertheidigend;„man muß auch anderen Gefühlen Rechnung tragen, und Sie ſind zu klug, als daß ich erſt viel Worte verlieren ſollte.“ „Dergleichen Worte,“ verſetzte die Baroneſſe lä⸗ chelnd,„geh'n bei jungen Mädchen nie verloren.“ „Ah! dieſe Antwort gefällt mir,“ ſagte der Alte; „ſie muntert mich auf, vorwäts zu ſchreiten.“ „Thun Sie es immerhin, gnädiger Herr! es wird meine Sorge ſein, Sie an der Grenze des Anſtandes aufzuhalten.“ „Die Figur iſt treffend gewählt; an den Grenzen entrichtet man in der Regel einen Zoll, ich bin kein Schmuggler und füge mich mit Vergnügen jeder Staats⸗ einrichtung.“ „Gnädiger Herr haben meinen ſchlichten Worten eine geiſtreiche Wendung gegeben, auf welche ich nicht gefaßt war. Ich will jedoch darauf ohne alle Koketterie —————— —. antworten. Gegen einen Zoll laſſe ich die genannte Grenze nicht überſchreiten...“ „Alſo förmliches Prohibitiv⸗Syſtem?“ „Ich muß in ſo lange darauf beſtehen, als ich kei⸗ nen Handelsvertrag abgeſchloſſen habe.“ „Ah! Sie kleiner Schelm! das iſt's ja, was ich wünſche. Ich bin bereit, Ihnen alle mögliche Zugeſtänd⸗ niſſe zu machen.“ „Und werden den Vertrag auch erfüller „Halten Sie mich fähig, mich gegen das Völker⸗ recht zu verſündigen?“ „Gut! fangen wir an, die Punkte zu ſtipuliren.“ „Prächtig, herrlich! beginnen wir!“ „Erſter Punkt: Gnädiger Herr verpflichten ſich, in vollkommener Uibereinſtimmung mit der gnädigen Frau—“ „Halt!“ unterbrach ſie der Graf,„ſoll unſer Ver⸗ 2% trag zu Stande kommen, ſo darf darin von einer Uiber⸗ einſtimmung mit meiner Gattin keine Erwähnung ge⸗ ſchehen.“ „Ich bitte, früher den Punkt ganz anzuhören und ihn dann erſt zu erwägen. Er lautet: Gnädiger Herr verpflichten ſich, in vollkommener Uibereinſtimmung mit der gnädigen Frau dahin zu wirken, daß Dero Herr Neffe die ihm vorgeſchlagene Verbindung eingehe.“ ch, en ge⸗ ind err mit err 65 „Ah! das läßt ſich hören! war ohnedem mein Wille. Der erſte Punkt iſt angenommen.“ „Zweiter Punkt: Gnädiger Herr verpflichten ſich, wenn der junge Herr Graf auf ſeiner Weigerung, die Verbindung einzugehen, beſtehen ſollte, ihn des Hauſes zu verweiſen.“ „Das ſteht ihm von Seite meiner Gattin ohnedieß bevor, und ich werde mich ſicher nicht widerſetzen. Dieſer Punkt iſt ebenfalls angenommen.“ „Dritter Punkt: Gnädiger Herr verpflichten ſich, wenn der, ſolcher Weiſe verſtoßene junge Herr eine an⸗ derweitige, ſtandesgemäße Verbindung eingehen wollte, ihm keinerlei Hinderniſſe in den Weg zu legen.“ „Bin es gar nicht geſonnen. Angenommen! Doch hören Sie, meine Liebe, bisher war immer von meinen Verpflichtungen die Rede; wollen Sie nicht auch der Ihrigen gedenken?“ „Vierter Punkt: Ich verpflichte mich, nachdem der Herr Graf dieſe drei Punkte erfüllt haben werden, die Grenze des Anſtandes zu beſeitigen und Ihnen das Ge⸗ biet der Vertraulichkeit zu eröffnen.“ „Ich bin mit Allem zufrieden, nur das Wort „Nachdem“ behagt mir nicht.“ „Ich kann leider davon nicht abgehen.“ „Wenn, zum Exempel, Scipio ſich zu keiner an⸗ deren Verbindung entſchlöße, vermöchte ich den dritten Punkt nicht zu erfüllen.“ „O doch! Sie dürfen mir nur nach der Erfüllung des zweiten Punktes die ſchriftliche Zuſage geben, daß Sie in jede ſtandesgemäße Verbindung Ihres Neffen willigen, und Ihre dritte Verpflichtung iſt ebenfalls ge⸗ löſt.“ „Das läßt ſich hören. Der vierte Punkt iſt ebenſalls angenommen.“ „Der Vertrag iſt ſomit geſchloſſen.“ „Mein Wort darauf!“ „Nun wollen wir ihn ratificiren.“ „Sie gehen ja ganz ſtaatsmänniſch vor. Zum Kuk⸗ kuck! wo haben Sie die handelspolitiſchen Studien ge⸗ macht?“ „Ich habe nicht bloß de la Rochefoucault, ſondern auch Büſching und Schlötzer geleſen.“ „Ich bin neugierig, welchen Modus der Ratifikation Sie vorſchlagen werden, da unſer Vertrag bloß mündlich ſtipulirt wurde?“ . „Wir werden ſtatt der Unterſchriften Pfänder aus⸗ tauſchen.“ „Oh! oh! Sie wiſſen ſich vortrefflich zu helfen.“ „Ich, gnädiger Herr, gebe Ihnen den Goldreif von uk⸗ ge⸗ en tion lich aus⸗ . von 67 meinem Finger zum Pfand; ſein Werth beſteht darin, daß er ein Andenken meiner ſeligen Mutter iſt.“ „Und ich,“ ſagte der Graf,„biete Ihnen dieſen Brillantring—“ „Er iſt mir viel zu koſtbar, als daß ich ihn anneh⸗ men ſollte. Sie, gnädiger Herr, geben mir eine Locke von Ihrem Haupte.“ „Soll das vielleicht eine Sathre auf mein Alter ſein?“ „Mir iſt graues Haar zu ehrwürdig, um darüber zu ſpotten; ich wählte die Locke, um mein Vertrauen in Ihr Wort zu manifeſtiren.“ „Sie verſtehen es, Wendungen zu geben; das ver⸗ räth Geiſt, und dieſer wiegt bei mir mehr als Schönheit. Haben Sie eine Scheere bei der Hand?“ „Hier iſt ſie.“ Der Graf ſchnitt ſich eine Locke vom Haupte— die Kammerjungfer zog den Ring vom Finger— die Pfänder des Handelsvertrages wurden gewechſelt. „Sind nun gräfliche Gnaden mit mir zufrieden?“ „Vollkommen!“ „Ich wünſche, daß dies Gefühl dauernd bleiben möge.“ „Es wird der Fall ſein, wenn Sie dem Vertrage nachkommen.“ „Das ſoll meine ſorgfältigſte Beſtrebung ſein. Der alte Herr grüßte mit freundlicher Herablaſſung, indem er mit der Hand winkte— dann trennte man ſich. Fünttes Capitel. Die Folgen des Handelsvertrages. Der Handelsvertrag war ſo unerwartet proponirt, ſo überraſchend ſchnell entworfen und ratificirt worden, daß der alte Graf erſt hinterher Zeit gewann, über die ſtipulirten Punkte reiflicher nachzudenken. Einzeln betrachtet, fand er keinen Grund zur Reue; ſie zuſammengefaßt, fiel ihm jedoch auf, daß die Bedin⸗ gungen der Kammerjungfer, es waren dies die erſten drei Punkte, bloß ſeinen Neffen angingen. Aus den erſten zwei, monlogiſirte er, athmet eitel Härte, die nur durch den dritten Punkt gemildert wird. Wäre der nicht, ich könnte mich des Argwohns nicht ent⸗ winden: die Rache habe jene diktirt; ſo aber ſcheint aus dem Ganzen hervor zu leuchten, daß Scipio ihr hier im Wege ſei, und daß ſie ihn ſobald wie möglich beſeitiget wünſche. Von einer Eiferſucht ihrerſeits oder von gehei⸗ .——————— 70 men Plänen auf ſeine Gunſt kann nicht die Rede ſein; in dieſem Falle ſtünden die erſten zwei Punkte mit dem dritten in Widerſpruch. Alles in Allem habe ich keinen Grund zu Verdacht und kann mit dem Vertrage zufrie⸗ den ſein. Der Leſer, dem der geheime Plan der Baroneſſe von Helm geoffenbart wurde, wird den Zweck, den ſie mit den ſtipulirter Punkten zu erreichen ſtrebte, leicht heraus⸗ finden, und wir geſtatten ihm, den ſelbſtgefälligen Irr⸗ thum des alten Grafen mitleidig zu belächeln. Am nächſten Vormittage begab ſich dieſer zu ſeiner Gemahlin und begann über das bevorſtehende Feſt zu ſprechen, welches Thema er anſchlug, um unbemerkt auf die Pläne der Gräfin überzugehen. Da er ſich bisher um dieſe Angelegenheit nicht ge⸗ kümmert, ſondern der Gräfin freies Spiel gegeben hatte, ſo benützte dieſe die gute Stimmung, ihn auf ihre Seite zu ziehen, was natürlich ohne Mühe gelang. Der Graf verſprach ſehr lebhaft, mit ihr Hand in Hand zu gehen; dem Neffen, wenn er ſich widerſpänſtig zeigen ſollte, ſeine Unterſtützung und für die Zukunft alle Hoffnungen auf ein Erbe zu entziehen. „Wir wollen nur ruhig abwarten,“ ſagte hierauf die Gräfin triumphirend,„ob Scipio unſern Wünſchen ſich fügen, oder ob er es vorziehen wird, ein Bettler zu ſein!“ in; em nen rie⸗ oon mit us⸗ rr⸗ iner zu auf ge⸗ atte, eite d in nſtig alle rauf ſchen r zu 71 Der alte Herr rieb ſich vergnügt die Hände; er hatte in der Friſt von kaum zwölf Stunden einen Han⸗ delsvertrag mit der Kammerjungfer, und ein Trutzbünd⸗ niß mit ſeiner Gemahlin abgeſchloſſen—es war mehr, als er noch geſtern zu hoffen wagte. Im Genuße dieſes freudigen Gefühles ſtörte ihn Seipio, der blaß und angegriffen zu ihm in's Zimmer trat. Der junge Mann hatte bisher jedesmal in dem alten Herrn einen liebreichen, nachgiebigen Onkel gefun⸗ den— einen Onkel, welcher, vielleicht weil der eigenen Schwäche ſich bewußt, auch für die ſeines Neffen eine größere Nachſicht an den Tag legte, wie die eigenſinnige, ſtrenge Frau Tante. So oft daher Scipio mit ſeinen Anliegen an der felſigen Tante ſcheiterte— das Beiwort paßt figürlich und unfigürlich— ſo nahm er jedesmal ſeine Zuflucht zu dem Onkel, der zu ſeinen Gunſten beredend, vermittelnd, manchmal ſogar kategoriſch entſcheidend eingriff. Von ſolcher Hoffnung beſeelt, erſchien der junge Mann auch jetzt vor dem Onkel. Als dieſer ihn erſah, machte er eine Pantomime, welche die Worte ausdrückte:„Ah! der kommt mir eben erwünſcht!“ Scipio, mit der geänderten Stimmung nicht ver⸗ ——————— 72 traut, deutete die Geberde zu ſeinen Gunſten und rief: „Ah! gnädigſter Herr Onkel, wie immer nehme ich auch heute wieder meine Zuflucht zu Ihnen: wenden Sie das Unglück von mir ab!“ „Du redeſt von Unglück?“ rief der alte Herr ſich erſchreckt ſtellend;„bis zu dieſem Momente ahnte ich nicht, daß Du von einem Unglück bedroht ſeieſt.“ „Es iſt das ſchwerſte, das mich treffen könnte!“ „Wenn's denn wirklich ſo iſt, will ich Dir augen⸗ blicklich beiſtehen.“ „Die gnädige Tante beharrt darauf, mich zu ver⸗ mählen—“ „Ich hörte davon ſprechen!“ warf der Oheim gleich⸗ gültig hin. „Ich ſoll die junge Komteſſe Mainoni zur Gattin nehmen.“ „Ah! Du glücklicher Neffe!“ „Glücklich, ſagen Sie? Mein Himmel! das iſt ja eben mein Unglück!“ „Geh', Scipio, Du biſt nicht recht bei Troſt. Die Komteſſe beſitzt ja alle Eigenſchaften, um jeden jungen Mann glücklich zu machen!“ „Leider, Herr Onkel, bin ich anderer Anſicht.“ „Was findeſt Du an ihr auszuſetzen?“ „Sie iſt nicht die Wahl meines Herzens.“ ief: uch das ſich gen⸗ ver⸗ eich⸗ attin iſt ja Die ngen 73 „Bah! Deine Tante war auch nicht die Wahl mei⸗ nes Herzens, und ich bin doch recht glücklich.“ Dabei dachte er an den Handelsvertrag. „Ach, gnädigſter Herr Onkel, Charaktere und Tem⸗ peramente ſind ungleich.“ „Hat Dein Herz ſchon eine Wahl getroffen?“ „Gnädigſter Herr Onkel! ich bitte Sie nicht, eine andere Verbindung eingehen zu dürfen, ſondern bloß das Unglück der projektirten von mir abzuwenden.“ „Hör' mich an, Scipio; ich gebe zu, daß die Ver⸗ bindung mit der Komteſſe allen Deinen Wünſchen nicht entſpricht; allein einen Grund, Dich darin unglücklich zu nennen, haſt Du nicht. Du darfſt nicht vergeſſen, mein Lieber, daß man den Wünſchen der Verwandten, denen man viel verdankt und noch mehr zu verdanken haben will, auch ein geringes Opfer bringen muß.“ „Dieſe Verbindung iſt alſo auch Ihr Wunſch?“ rief Scipio, wie aus den Wolken fallend. „Ja, er iſt es. Ich nahm mir erſt in den letzten Tagen die Mühe, mich in den Verhältniſſen einzuwei⸗ hen— dabei dachte er wieder an den ratificirten Ver⸗ trag— und fand, daß die Verbindung eine ſehr dankbare iſt. Kurz und gut, lieber Scipio, Deine Tante will es, und ich will es nun auch; Du wirſt alſo der Gatte der 1859. XIX. Die Zanberflöte. II. 5 ———— S 74 Komteſſe werden, oder Du biſt nicht mehr unſer Neffe. Ich meine, die Wahl ſollte Dir nicht ſchwer fallen.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „In dieſer Angelegenheit, ja!“ „Dann bin ich gezwungen, die Bande, die mich an dieſes Haus ketteten, zu löſen.“ „Ich hoffe, dieß wird nicht Dein letztes Wort ſein. Wozu ſollteſt Du es jetzt ſchon ſprechen, Dir ſind ja noch ein paar Tage zur Uiberlegung gegönnt.“ Um einem abermaligen Einwurf des Neffen zu be⸗ gegnen, ſetzte der alte Herr raſch hinzu:„Genug davon, Dein unmotivirtes Lamentabel fatigirt mich; verdirb mir meine angenehme Stimmung nicht. Adieu!“ Der junge Mann verließ, ſeiner letzten Hoffnung beraubt, das Gemach. Von dieſem Augenblicke an beſeelte ihn die Uiber⸗ zeugung, daß er das Haus ſeiner Verwandten werde verlaſſen müſſen, und es warf ſich ihm die Frage auf, ob er es jetzt ſchon, das heißt freiwillig thun, oder aber dem Konflikte ſeinen natürlichen Verlauf laſſen ſolle? Er wählte das letztere, um der Welt zur Beur⸗ theilung des Bruches eine Thatſache zu bieten und ihr die Gelegenheit zu allerlei Vermuthungen zu benehmen. Damit nun die Thatſache um ſo greller zum Nach⸗ theile ſeiner Verwandten hervortrete, damit die Hand⸗ —.— an ch be⸗ on, irb ung er⸗ rde ob ber eur⸗ ihr a ch and⸗ 75 lungsweiſe jener ganz und gar den Stempel des Eigen⸗ ſinnes trage und man ihm nichts als eine einfache Wei⸗ gerung zur Laſt legen könne, hüthete er ſich vor jedem Zuſammentreffen mit dem Gegenſtande ſeiner Leiden⸗ denſchaft und verbarg um ſo ſorgfältiger das Geheimniß ſeines Herzens. Der Graf und die Gräfin nahmen die ſcheinbare Ruhe für ein allmäliges Befreunden Scipio's mit ihrem Projekte; die Kammerjungfer jedoch, die ihn eben ſo ſorgfältig wie ZJene beobachtete, aber richtiger beur⸗ theilte, die Kammerjungfer fand in ſeiner Ruhe keinen Grund zur Unruhe, und ſah dem entſcheidenden Tage hoffnugsvoll entgegen. Er rückte heran, und mit ihm der Feſtabend, unter der anſpruchloſen Bezeichnung einer Soirce. Die inneren Räume des gräflichen Landhauſes ſtrahlten von Kerzenglanz; den Garten durchfloß ma— giſcher Schimmer, deſſen unſichtbarer Urſprung die Be⸗ leuchtung noch myſteriöſer ſcheinen ließ. Die Dienerſchaft prunkte in den Galla⸗Livreen und die Gebieterin des Hauſes that für den Feſtabend ein Uibriges und ließ ſich in dieſer Woche bereits zum dritten⸗ male kleiſtern und zum fünftenmale weißſchminken. Das Kapitel, womit der Leſer ſich eben beſchäftiget, iſt:„Die Folgen des Handelsvertrages“ überſchrieben; 5* ————— 5 ———— das Feſt, in deſſen Details einzugehen wir nicht geſon⸗ nen ſind, kann nun freilich, da es von der Geäfin früher beſchloſſen war, nicht zu den Folgen des Vertrages ge⸗ zählt werden; allein die Vorgänge auf dem Feſte wären für Scipio von keiner Entſcheidung geweſen, hätte der Onkel die Allianz mit der Tante nicht geſchloſſen; da nun dieſe eine Folge des obgenannten Vertrages war, ſo können wir füglich die nächſten Scenen unter der bezeichneten Kapitelaufſchrift dem Voranſtehenden an reihen. Unter den geladenen Gäſten befanden ſich auch der Graf und die Gräfin Mainoni und deren Tochter. Die Unbefangenheit der Komteſſe gab zu erkennen, daß ſie von dem Verbindungsprojekte noch keine Ahnung beſitze. Ihre Mutter war vorſichtiger wie Scipio's Tante und ſchwieg; die Zeit, darüber zu ſprechen, dachte ſie, wird ſchon kommen. Uibrigens war das Projekt noch lange nicht ſo weit gediehen, als die Gräfin Tante ihren Neffen glau⸗ ben machen wollte. Wenn Jemand durch die Widerſpen⸗ ſtigkeit Scipio's kompromittirt werden konnte, war es höchſtens die Gräfin, die im Hauſe voreilig davon ſprach und die Angelegenheit zur Kenntniß der Dienerſchaft brachte. Scipio, in beſcheidener Zurückgezogenheit ſich hal⸗ en, ing mnte ſie, ſo au⸗ en rach haft hal⸗ 77 tend, nahm am Tanze keinen Antheil, ſondern befliß ſich ſorgfältig, den Eltern der Komteſſe und ſeinen eigenen Verwandten aus dem Wege zu gehen. Dieſen, von den Pflichten des Anſtandes in An⸗ ſpruch genommen, mangelte anfangs die Zeit, darauf zu achten, und der junge Mann konnte unbeirrt ſeine Abſicht erreichen. Später, nachdem alle Gäſte bereits eingetroffen und die Unterhaltung in Fluß gebracht war, begann die Tante den Neffen zu beobachten, und bemerkte ſein ana⸗ choretiſches Karthäuſerthum. Sie machte den Gemahl darauf aufmerkſam, und vieſer lispelte lächelnd:„Er ge⸗ rirt ſich wie ein Opfer; immerhin! wenn er ſich nur an Hymen's Altar feſſeln läßt!“ „Ich halte es an der Zeit, daß Du mit Mainoni darüber ſprichſt.“ Der alte Herr verſprach, dies zu thun. Die vertrauliche Unterhaltung der beiden grauen Familienhäupter wurde in der Ecke eines abſeitigen Spiel⸗ zimmers geführt, wobei Teichberg auf Schwierigkeiten ſtieß, die er nicht erwartet hatte. Die Weigerung Scipio's war bis zu dem Grafen Mainoni, freilich nur als ein verblaßtes Gerücht, ge⸗ drungen, und verletzte ihn ein wenig. Er ſchmeichelte ſich, der Beſitz ſeiner einzigen Toch⸗ 78 ter werde dem Neffen Teichberg's als ein Glück erſcheinen, und ärgerte ſich, das Gegentheil zu erfahren. Man darf nicht vergeſſen, daß es ſich um eine officielle, gegenſeitige Vorſtellung der jungen Lente handelte. In jener, der ſogenannten„guten alten Zeit“ wurden die meiſten Ehen, ſogar in bürgerlichen Kreiſen, nach vorangegangener elterlicher Beſprechung, auf deren Befehl iſchhuſſen Die jungen Leute, oft einander perſönlich unbekannt, wurden ſich gegenſeitig vorgeſtellt, und bald darauf feierte 3 man ihre Verlobung. i Graf Mainoni hob nun hervor, daß er ſeine Toch— ter durch eine mögliche Weigerung Scipiv's nicht kompro⸗ mittiren laſſen wolle. Teichberg fand dieß höchſt unwahrſcheinlich; Mai⸗ noni war der Gegenmeinung und hob zur Unterſtütung ſeiner Anſicht hervor, daß Scipio die Komteſſe noch nicht einmal 1 zum Tanz aufgefordert habe. Die Bemerkung war ftig genug, und Teichberg verſicherte, daß ſein Neffe mit der Komteſſe tanzen ſolle; und dieſe uetun könne zugleich als Garantie gel⸗— ten, daß er der Verbindung keinen Widerſtand entgegen ſetzen werde. Damit erklärte Graf Mainoni ſich einverſtanden. i⸗ ¹9 ht g e; en 79 Teichberg begab ſich nun zu ſeiner Gemahlin und theilte ihr das eben getroffene Uibereinkommen mit; dieſe übernahm es, den Neffen zum Tanze zu bewegen. Zu dieſem Zwecke ließ ſie ihn durch einen Diener zu ſich beſcheiden, und nun fand eine jener, mehr ge⸗ lispelten als geſprochenen Scenen ſtatt, wo die Heftigkeit hinter lächelndem Antlitz und kalten Anſtandsformen ſich birgt, und wo zu unterſcheiden unmöglich iſt, von wel⸗ cher Seite die Attaque kommt, von welcher die Parade. Scipio weigerte ſich, die Komteſſe zum Tanz auf⸗ zufordern, weil er überhaupt nicht tanze. Nachdem die Tante eine Zeit lang an dieſem Ent⸗ ſchluße gerüttelt, ſagte ſie:„Du haſt Dir's alſo in den Kopf geſetzt, unſerem Willen um jeden Preis zu wider⸗ ſtreben?“ „Ich tanze nicht!“ lautete die Entſcheidung. Der Aerger der Gräfin mehrte ſich, doch gab ſie die Hoffnung noch nicht auf, entließ den Neffen, um eine Weile ſpäter ihren Gemahl gegen den Renitenten zu ſenden.. Dieſer benützte die freie Pauſe, einer ſich eben bil⸗ denden Spielpartie ſich anzuſchließen. Der Graf fand ihn daher am Spieltiſche. Die Maske des gutmüthigen Onkels vornehmend, ſagte er: „Wie, Herr Neffe, Du pflanzeſt Dich wie ein alter Herr 80 32 ir, an den Kartentiſch und verſäumſt die Fflicht, die einem Verwandten des Hauſes, zuſteht?“ „Ich bemerke mit Vergnügen,“ erwiederte Scipio, „daß an gewandten Tänzern kein Mangel iſt; man wird mich nicht vermiſſen.“ Durch dieſe, an ſich wahre Bemerkung ſchnitt Sci⸗ pio dem alten Herrn einen Theil ſeines Terrains ab; es war Jenem nicht mehr möglich, ihn an den Seiten zu drängen; er mußte den Angriff en face wählen. Das war nun ein ſehr heikliger Boden, die Kom⸗ teſſe durfte durch Nennung ihres Namens nicht kompro⸗ mittirt werden. Der alte Herr wußte ſich indeſſen zu hel— fen, und fuhr, ohne ſeinen früheren Ton zu ändern, fort: „An Tänzern iſt wohl kein Mangel, trotzdem bleibt Deine Theilnahme Pflicht. Die Herrſchaften hier werden Deinen Austritt aus der Partie entſchuldigen, ſobald ihnen die Verſicherung wird, daß Du einen Akt der Ga⸗ lanterie nachzuholen haſt.“ Die Mitſpieler munterten nun ſelbſt Scipio auf, ſeinen Platz einem Andern zu räumen. Der junge Graf kehrte ſich zu ihnen und ſagte: „Der Grund meiner Weigerung iſt ein tieferer, als Sie ahnen; ich vermeide den Tanz, weil er eine Feſſel nach ſich zieht, womit mich umſchlingen zu laſſen ich nicht ge⸗ ſonnen bin.“ a el bl th ve be vb g* tre 81 Der alte Herr erblich vor Zorn, doch fürchtete er gleichzeitig, Scipio werde das Geheimniß preis geben, er hielt daher noch an ſich und ſagte:„Mein Herr Neffe be⸗ liebt den Sonderling zu ſpielen. Er flieht duftige, ſammt⸗ weiche Roſenbande, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſeine Wohl⸗ thäter, die bloß ſein Glück wünſchen, zu kränken.“ „Wohlthäter!“ rief Scipio, das hartklingende Wort aufgreifend und raſch vom Stuhl ſich erhebend;„ich bin erſtaunt, gnädiger Herr Onkel, daß, was ich als Beweiſe von Verwandtenliebe hinnahm, mir plötzlich als Wohl⸗ thaten angerechnet zu ſehen.“ Die Scene begann Aufmerkſamkeit zu erregen. Der alte Herr, deſſen Zorn ſich allmälig ſteigerte, vermuthlich weil er fühlte, daß ſein Eifer die Delikateſſe bei Seite geſetzt, näherte ſich Scipio und lispelte ihm zu: „Gehorch', oder Du biſt mein Neffe nicht mehr!“ Der junge Mann verbeugte ſich und ſprach laut und volltönig:„Ich bin von heute an bloß Ihr Schuldner für genoſſene Wohlthaten und ich werde meine Schuld ab⸗ tragen!“ Nach dieſen Worten grüßte er die übrige Geſellſchaft und verließ, nicht ohne Aufſehen, den Salon. Der Eklat war vollendet, der Bruch vollſtändig. Wie ein Mißton ging es durch die Geſellſchaft, der Schimmer des Feſtes erloſch. ——— 2 — 6 ————— ——„ 82 Scipio verließ noch in derſelben Nacht das Haus ſeines Onkels. Den unbefangenen Zeugen der Scene erſchien die tragiſche Entwickelung höchſt ungerechtfertigt, um ſo mehr, da bisher zwiſchen Seipio und ſeinen Verwandten muſter⸗ hafte Eintracht geherrſcht. Das Benehmen ſowohl des alten wie des jungen Grafen kam ihnen forcirt vor; ſie wußten eben nicht, daß Erſterer, da Scipio auf ſeinem Widerſtande beharrte, den vollſtändigen Bruch herbeizuführen wünſchte, um den zwei⸗ ten Punkt des Handelsvertrags zu erfüllen, und daß Letz⸗ terer, um in der Angelegenheit ſeiner Liebe freie Hand zu haben, der Rückſichten entbunden ſein wollte, die ihm die Abhängigkeit von ſeinen Verwandten auferlegte. Die Gräfin Tante bedauerte den Bruch mit dem Widerſpenſtigen ebenfalls nicht, und die Kammerjungfer jubelte in ihrer Seele darüber, denn es galt ihr als Be⸗ weis von Scipio's wirklicher Liebe. Der Bruch, welcher der uneingeweihten Welt als ein tragiſches Ereigniß vorkam, war ſomit ſämmtlichen Be⸗ theiligten willkommen. ſt de de w Jü M aus die ehr, ſter⸗ igen daß den wei⸗ Letz d zu die dem igfer Be⸗ ein Be⸗ Hechstes Capitel. Worin Mozart und Schikaneder etwas Anderes, als die Zauberflöte komponiren. Mozart war ſeit einigen Tagen Strohwitwer; Kon⸗ ſtanze mit dem Söhnlein befand ſich bereits in Baden, wo das jüngſte Kind Mozart's, ebenfalls ein Knabe— bei dem Tode des Vaters nur vier Monate alt— das Licht der Welt erblicken ſollte*). Mozart beſuchte ſeine Frau öfter in Baden; im Uibrigen blieb er jedoch in Wien, arbeitete an der„Zau⸗ berflöte“, ſammelte Skizzen für's Requiem, ſchrieb mehre beſtellte Kleinigkeiten und bewarb ſich wieder um Schüler, wozu ihn ſeine mißlichen Verhältniſſe zwangen. ) Mozart hinterließ nur zwei Knaben von ſechs Kirdern. Der Jüngere hieß wie er, Wolfgang, und war kaiſerlicher Beamte in Mailand. —————— 84 Eines Morgens, der Meiſter arbeitete noch im Bette, erſchien Scipio von Teichberg zu Beſuche. Sein angegriffenes Ausſehen ließ den Freund Schlimmes errathen... „Ich bedauere, Sie ſtören zu müſſen, Meiſter!“ „Freunde ſind mir jederzeit willkommen— nehmen Sie Platz. Sie ſehen ja aus, als wenn Sie die Nacht durchſchwärmt hätten?“ „Schlaflos verbrachte ich ſie wohl, mich zu amüſiren kam mir jedoch nicht in den Sinn. Sie ſehen einen ob⸗ dachloſen Menſchen vor ſich.“ Mozart, einen Bruch zwiſchen dem Freunde und deſſen Verwandten ahnend, erſchrack und forderte Scipio auf, ſich ihm mitzutheilen. Dieſer willfahrte dem Begehren. „Du lieber Himmel!“ ſagte der Meiſter, als Jener die Scenen des verfloſſenen Abends erzählt hatte;„wie unbedächtig und voreilig haben Sie gehandelt! Es thut mir wehe, Sie tadeln zu müſſen; allein ich kann mit dem beſten Willen für Sie, den gethanen Schritt nicht gut heißen.“ „Mir waren nur zwei Wege übrig geblieben,“ ent⸗ ſchuldigte ſich der junge Graf;„entweder ſcheinbare Nach⸗ gibigkeit, wodurch ich mich ſpäter auch mit dem Haſſe der andern Familie beladen haben würde, oder ein mo⸗ —+—„———— — — im nd len ren ob⸗ ind pio 85 a mentaner Bruch mit der meinigen. Ich wählte den letz⸗ teren.“ „Und nun, was gedenken Sie nun zu thun?“ „Darüber Ihren Rath einzuholen, kam ich hieher.“ „In dieſer Antwort leſe ich das kommende Un⸗ glück.“ „Mein Unglück! wie ſo?“ „Ihre Frage verräth Unentſchloſſenheit; Schritte, wie der, den Sie heute Nacht gethan, müſſen reiflich er⸗ wogen werden, und wenn man ſie unternimmt, muß man einen Entſchluß für die Zukunft bereits gefaßt haben. In dieſem Augenblicke verurtheilt die die Hirte Ihrer Verwandten; ſobald Sie jedoch de Leidenſchaft für die Kammerjungfer Gehör geben, wird man Zene losſprechen und Sie verdammen—ja, man wird Sie nicht bloß ver⸗ dammen, man wird Sie wegen Ihres abnormen Ge⸗ ſchmackes verſpotten! Und am Ende kennen Sie noch gar nicht die Stimmung des anderen Theils— „Zch kenne ſie!“ „Sie haben alſo mit der Kammerjungfer ver⸗ kehrt?“ „Mit ihrer Zwillingsſchweſter, beim Theaterdirektor Schikaneder. ² „Davon weiß ich ja keine Sylbe. Erzählen Sie mir auch dieſen Theil Ihres unſeligen Romans.“ ———— Mozart fand an der Mittheilung nur die bisherige Schweigſamkeit Schikaneder's auffallend. „Schau, ſchau!“ rief er;„der große Emanuel pflegt ſonſt mit dergleichen Pikanterien nicht hinter'm Zaun zu halten; na, warte nur, fetter Burſche, bis ich i heute zu dir komme, will ich dir ein Lied vorſingen, daß d dir die Ohren gellen ſollen!“. „Sie thun dem Freunde Unrecht; er war bei der 2 erzählten Scene gar nicht anweſend.“ i „Zum Kuckuk! er gab aber doch ſeine Wohnung zum n Rendezvous her! Uibrigens läßt mir Ihre Mittheilung h die Situation ziemlich klar erſcheinen. Die Kammerjungfer ſi iſt ohne Zweifel ein kluges Geſchöpf, ſie hat Ihre Liebe bemerkt.“ „Wie konnte ſie das?“ le „Meinethalben, wenn nicht bemerkt, ſo hat ſie Ihre t Gefühle errathen; die Frauenzimmern wittern derglei⸗ E chen, und mun ſpekulirt ſie auf den jungen Herrn Gra⸗ fen! So iſt's, glauben und vertrauen Sie einem Freunde. d Um den Nimbus der Uneigennützigkeit, Aufopferung, der ſtillen Dulderin u. ſ. w. zu erobern, rief ſie ihre Schwe⸗ ſe ſter zu Hilfe und machte ſie zur Dollmetſcherin ihrer an⸗ lẽ geblichen Leidenſchaft. Die Zwei⸗Fanny will Sie erobern, ji oder vielmehr um Ruhe und Glück betrügen, und die Eins⸗Fanny muß ihr beiſtehen. Was ich da unumwun⸗ n 87 den ausſprach, ſchmerzt Sie vermuthlich; ich aber, als Ihr Freund, kann nicht anders. Ihre Leidenſchaft iſt eine potenzirte Tollheit; wegen einer hübſcheu Stimme dürfen Sie ſich nicht zu einer mißgeſtalteten Dienerin hinab ver⸗ irren. Retten Sie, ich will nicht ſagen, Ihre Ehre, ſon⸗ dern bloß den Ruf Ihres geſunden Hausverſtandes. Da⸗ mit Sie aber außer meiner Anſicht auch noch eine zweite Meinung vernehmen, begleiten Sie mich zu Schikaneder; in einen Theil des Romans iſt er ohnedieß eingeweiht, wir wollen ihm den andern enthüllen und ſeinen Rath hören. Er iſt in Liebes⸗Affairen ſehr erfahren; es lohnt ſich der Mühe, ihn zu hören.“ Der junge Graf willigte darein. Mozart ſprang aus dem Bette, machte raſch Toi⸗ lette, der bereits harrende Friſeur vollendete, was noch zu thun übrig blieb— hierauf ſchritt er, Arm in Arm mit Scipio, gegen die Wieden zu. Der Theaterdirektor ſaß gerade beim Frühſtück, als die beiden Freunde eintraten. „He! Herr Gelegenheitsmacher,“ rief Mozart ihm ſchon von der Thüre her, zu;„man ſchmauſ't wieder, läßt ſich's in aller Frühe ſchmecken? Ich ſtelle Dir den jungen Grafen Scipiv von Teichberg vor.“ „Habe die Ehre bereits vom Sehen aus zu ken⸗ nen!“ ſagte Schikaneder.„Chriſtof, Stühle! die Herren ———— 88 werden mich beehren und an meinem Frühſtück Theil nehmen.“ „Ich denke,“ meinte Mozart,„wir können es ohne Gefahr thun; Sie müſſen nämlich wiſſen, Herr Graf, wenn man mit dem großen Emanuel ein vernünftig Wort ſprechen will, iſt die Zeit an der Tafel die gewählteſte.“ „Jedoch erſt nach dem dritten oder vierten Gange!“ bemerkte der Theaterdirektor.„Vor Allem jedoch empfehle ich Ihnen meine Auſtern, ſie ſind exquiſit.“ „Freund,“ ſagte Mozart zu ihm,„laß' Dich nicht ſtören; wir werden Deiner Tafel Ehre machen; dabei will ich Dir eine Liebsgeſchichte vortragen.“ „Mit oder ohne Muſik?“ „Er ſcherzt ſchon! Freund Scipio, wir haben zu dem Beſuche eine glückliche Stunde gewählt!“ Meſſer und Gabel klapperten, Mozart folgte dem Beiſpiele Schikaneder's. Wenn Scipio nicht dasſelbe that, wird es bei der ihn beherrſchenden Gemüthsſtim⸗ mung Niemanden befremden; dabei bekam der große Ema⸗ nuel die Liebesgeſchichte zu hören, deren größten Theil er aus den Mittheilungen der Baroneſſe von Helm ohne⸗ dem ſchon kannte. Dies beirrte ihn jedoch nicht, er ſpielte den aufmerkſamſten Zuhörer: erſtens, um ſich zu über⸗ zeugen, ob die Baroneſſe von Helm ihm jüngſt reinen Wein eingeſchekt, und zweitens, weil er im Stillen den eil Me af, ort . hle cht bei Beſchluß gefaßt hatte, mit den Herren ebenfalls ein bis⸗ chen Komödie zu ſpielen. Mozart, mit der Mittheilung zu Ende gekommen, frug nun Schikaneder um ſeinen Rath. Der große Emanuel ſchenkte die Gläſer voll und ſagte:„Trinken wir!“ Man trank. „Meine Herren,“ begann Schikaneder,„bevor ich meine Meinung abgebe, will ich die meines Freundes Mozart hören.“ „Ich nehme keinen Anſtand, ſie offen auszuſpre⸗ chen,“ verſetzte der Meiſter;„ich habe den Herrn Gra⸗ fen beſchworen, der Leidenſchaft kein Gehör zu geben und die Kammerjungfer ihrem Schickſale zu überlaſſen.“ „So. o o!“ dehnte Schikaneder. Mozart riß die Augen auf; er ahnete bereits, daß Emanuel anderer Meinung, wie er, ſein werde. „Nun, Herr Direktor,“ ſagte Scipio neugierig, „welcher Anſicht huldigen Sie?“ „Meines Erachtens,“ erwiederte Schikaneder,„liegt die Antwort auf flacher Hand.“ „Wie lautet ſie?“ „Wer A ſagt, muß auch B ſagen!“ „Das heißt?“ „Wenn der Herr Graf die Kammerjungfer liebt, 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 6 90 und die Kammerjungfer den Herrn Grafen liebt— bei⸗ läufig geſagt, bezweifle ich weder das Eine noch das An⸗ dere— ſo ſollen ſie ſich heirathen!“ „Emanuel!“ rief Mozart aufſpringend, iſt dieß wiklich Deine wahre, ernſte Meinung B „Ich bin bereit, einen Eid darauf abzulegen!“ „Bedenke doch, der Herr Graf hat ſich ja nicht in ihre Perſon, ſondern nur in ihren Geſang, in ihre Stim⸗ me verliebt!“ „Ich kenne Männer, die ſich in kleine Hände oder in ein nettes Füßchen verliebten, und bloß deshalb die ganze Perſon geheirathet haben.“ „Waren jene Männer auch Grafen und ſind ihre Frauen buckligte Kammerjungfern geweſen?“ „Wolfgang! Du ſprichſt in dieſer Sache nüchtern bürgerlich und nicht wie ein Künſtler. Für die Liebe gibt es keine Geburts⸗ und keine Standesunterſchicde; für die verſchirdenen Geſchmacke gibt es nichts abſolut Schönes und nichts abſolut Häßliches. Der Herr Graf ſteht nicht allein. Ich kenne die Zwillingsſchweſtern von Haus aus, und ich ſchwöre Dir, daß ich, wenn ich ledig wäre, die Kammerjungfer vom Fleck weg heirathen würde.“ Mozart ſchlug die Hände zuſammen und rief:„Ich —„—— — be m ſa zu au od wo ent = * 2 — — in n⸗ er ie re rn ebe lut raf on dig hen Ich 91 erkenne ihn kaum wieder.. er iſt mir über Nacht aus⸗ getauſcht worden!“ „Die Zwei⸗Fanny,“ fuhr Schikaneder zu demon⸗ ſtriren fort,„iſt ein geiſtreiches Mädchen; ſie iſt in jeder Beziehung gebildet, ſingt wie ein Engel! Nehmen wir nun das Schlimmſte an, daß ſie nach der Hochzeit, beim erſten, zweiten oder dritten Kinde ihre Stimme verlöre...“ „Allmächtiger! Kinder von dieſer Perſon!“ „So bleiben,“ fuhr der Direktor fort, ohne ſich irre machen zu laſſen,„noch immer Bildung und Geiſt übrig, die einen vernünftigen Mann zu feffeln im Stande ſind.“ „Und du biſt ein ſo vernünftiger Mann?“ „Ich bin für ſie ganz eingenommen!“ Mozart ärgerte ſich in Wahrheit, denn er merkte bereits, daß Schikaneder's Anſichten bei Scipio Eindruck machten. Ein wenig gereitzt wendete er ſich zu dieſem und ſagte:„Freund, ich bin nicht geſonnen, den Streit fort⸗ zuſetzen; Sie kennen meine Anſicht.. Sie haben nun auch die des Herrn Direktor gehört; wählen Sie dieſe oder jene— wie Sie ſich betten, ſo werden Sie liegen!“ „Lieber Meiſter!“ rief Scipio faſt ängſtlich,„Sie wollen mir doch nicht Ihren weiteren geiſtigen Beiſtand entziehen?“ 6* „Mein Rath war der der Vernunft, des Geiſtes; Schikaneder dagegen huldiget der Materie. Sie neigen ſich der letzteren zu; es iſt nicht das erſte⸗ und nicht das letzte⸗ mal, daß die Materie über den Geiſt den Sieg davon trägt. Uibrigens iſt das Thema noch nicht erſchöpft, ich will den Kampfplatz nicht verlaſſen, bis ich nicht ganz ge⸗ ſchlagen bin. Betrachten wir die Frage der Perſon als erlediget und gehen wir auf die des Charakters über. Ich behaupte, die Kammerjungfer iſt eine Spekulantin, die ſich's in den Kopf geſetzt hat, Frau Gräfin zu wer⸗ den, ſo wie ihre Zwillingsſchweſter Frau Baronin. Ema⸗ nuel, was erwiederſt Du darauf?“ „Ich folge Dir auch auf dieſes Terrain,“ antwortete Schikaneder;„ich gebe zu, daß immerhin etwas Speku⸗ lation im Spiele iſt, allein es iſt eine ehrliche und keine betrügeriſche Spekulation.“ „Einverſtanden, wenn die Kammerjungfer Scipio wirklich liebt; allein ich bin davon keineswegs durch⸗ drungen.“ „Ich glaube an ihre Liebe!“ „Du kannſt Dich irren, ſo gut wie ich.“ „Ich irre mich nicht, allein ich kann, was ich be⸗ haupte, nicht beweiſen.“ „Darum aber handelt es ſich. Scipio hat in der verfloſſenen Nacht ſeiner Leidenſchaft ein Opfer gebracht, —— — 8 j ſ /6) S— 85 ſp di M be⸗ der cht, 93 und damit deren Wahrheit ein glänzendes Zeugniß aus⸗ geſtellt. Womit kann die Kammerjungfer die ihrige be⸗ thätigen?“ „Bisher konnte ſie es freilich noch nicht, weil ihr die Gelegenheit dazu fehlte.“ „Du haſt recht, darum bieten wir ihr die Gelegen⸗ heit.“ „Ich bin damit einverſtanden, nur weiß ich nicht, wie Du es anfangen wirſt?“ „Der Weg iſt von der Sachlage vorgezeichnet. Wir Drei leiſten uns das Verſprechen unverbrüchlichſten Schweigens; Scipio verhält ſich paſſiv und unterläßt jeden Schritt, um ſich dem Mädchen, mündlich oder ſchriftlich, zu nähern. In dieſer Verfaſſung warten wir ab, was die Perſon beginnen wird. Ihr Benehmen, ihre Handlungen werden uns beurtheilen laſſen, ob ſie Scipio wirklich liebt und ob nicht vielmehr der Eigennutz im Spiele iſt.“ „Teufelsmenſch!“ rief Schikaneder,„was der Alles erſinnt!“ „Emanuel, ich erwarte, daß Du nicht den Verräther ſpielſt.“ „Ich gab mein Wort und werde es halten; über⸗ dieß bin ich ſelbſt neugierig, zu erfahren, was die Kam⸗ merjungfer in dem gegebenen Falle thun wird?“ 94 „Sollte ſie ihre Schweſter zu Dir ſchicken, ſo....“ „Sie wird es nicht thun, da ſie von meiner heute erſt gemachter Bekanntſchaft mit dem Herrn Grafen nichts weiß.“ Scipio erklärte ſich mit dem Vorſchlage, der ihm die Hoffnung für die Zukunft nicht völlig raubte, ein⸗ verſtanden. „Wir ſind ſomit im Reinen!“ ſprach Mozart. „Noch nicht ganz,“ bemerkte der Direktor. „Es iſt merkwürdig, daß der große Emanuel mit ſich nie in's Reine kommt!“ „Seht, ſeht, wie munter der Wolfgang Amadeus heute gelaunt iſt; daran iſt die Strohwitwerſchaft ſchuld; ich werde nicht ermangeln, es der Stanzerl zu rappor⸗ tiren.“ „Zum Glück biſt Du derjenige, dem ſie am aller⸗ wenigſten glaubt.“ „Verläumdungen glauben die Menſchen immer, ſelbſt wenn ſie aus Feindes Mund kommen.“ „Nun aber wieder zur Sache! Womit biſt Du noch nicht im Klaren?“ „Um jeder Meinungsverſchiedenheit vorzubengen, müſſen wir feſtſetzen, wodurch die Kammerjungfer ihre Liebe, ihre Uneigennützigkeit manifeſtiren ſoll?“ Die Antwort liegt klar am Tage. Sie weiß, daß — tit u8 d„ T= er, och 95 Scipio von ihrer Liebe informirt iſt; ſie weiß ferner, daß er ſie als die Sängerin im Weinberge kennt; wenn ſie ihn nun wirklich liebt, wenn ihre Liebe uneigennützig, wenn ſie ſelbſt zart⸗ und edelfühlend iſt, darf ſie keinen Schritt thun, dem Geliebten ſich zu nähern; wie er ſie, muß auch ſie ihn meiden; ſie darf die Kluft zwiſchen ihm und ihr nicht überſpringen wollen, ſondern muß ſich mit der geiſtigen Liebe begnügen, ſo wie er.“ „Teufel!“ rief Schikaneder,„die Koſt wäre mir zu mager, da halt' ich's lieber mit der Materie!“ „Auf wie lange ſetzen wir die Probezeit feſt?“ „Das hängt von Ihnen ab, lieber Graf!“ „So lange Sie es aushalten!“ warf der Ma⸗ terialiſt ein. „Ze länger, deſto beſſer!“ rieth Mozart. „Ich hab' eine Idee!“ rief Schikaneder. „Wunderbar!“ „Die Probezeit dauert bis zu dem Tage, an dem die Zauberflöte zum erſtenmal aufgeführt wird.“ „Angenommen!“ rief Mozart lachend;„ich werde ſchon dafür ſorgen, daß es nicht zu früh geſchehe.“ Alle lachten— der Beſchluß wurde aufrecht erhalten. Hiebentes Capitel. Rückzug nach einem Siege. Seit Scipio's Entfernung aus dem Hauſe ſeiner Verwandten war einige Zeit verſtrichen. Der alte Herr und die Kammerjungfer beobachteten, jedes nach einer anderen Richtung hin, eine„abwartende“ Haltung. Die verkappte Baroneſſe ſchmeichelte ſich, der junge Graf werde Schritte thun, ſich ihr zu nähern; hatte er doch ſeiner Liebe ein ſchweres Opfer gebracht, daß ſie an dem geringeren nicht zweifeln zu dürfen vermeinte. Ihr Harren war jedoch umſonſt, Seipio blieb ferne. Unruhe bemächtigte ſich des Fräuleins, Mißſtim⸗ mung griff Platz; der Zwang, den ſie ſich bisher bloß um ihres Zweckes Willen unterzog, begann ihr, ſeitdem dieſer verſchwand, unerträglich zu werden. Das Fräulein beſchloß, die Stellung, welche die 97 Liebe ſie annehmen ließ, auf eine anſtändige Weiſe auf⸗ zugeben. Der alte Graf, mit dem Handelsvertrage im Kopfe, geduldete ſich eine Weile, in der Meinung, der Kammer⸗ jungfer werde daran gelegen ſein, die Schrift, worin er ihr ſeine Einwilligung zu jeder ſtandesgemäßen Verbin⸗ dung Scipio's zuſicherte, bald zu beſitzen; allein ſie ſchien damit keine Eile zu haben. Der Schönheitsfreund wollte ſich ſchier darüber är⸗ gern; er beſänftigte ſich jedoch mit dem Gedanken, daß r dieſer Punkt des Vertrages zu ſeinen Verpflichtungen ge⸗ höre, und daß es ihm obliege, deſſen Erfüllung anzuregen. n, Fanny bemerkte nicht ſobald die erneuerten Beſtre⸗ bungen des alten Herrn, als auch ſie ihren Entſchluß faßte und ihm im Garten die Gelegenheit zu einem Ge⸗ e ſpräche bot. er Dieſesmal eröffnete ſie die Unterhaltung. m„Gnädigſter Herr, Sie ſehen ein armes, troſtloſes hr Weſen vor ſich!“ „Mein Kind,“ ſprach darauf der alte Herr mit vä⸗ n⸗ terlichem Wohlwollen,„wer mit mir Handelsverträge oß ſchließt, hat nie Grund, über Armuth zu klagen.“ m„Euer Gnaden, ich bitte, die Schwere des Tons auf das Wort troſtlos zu legen.“ ie„Und warum ſind Sie troſtlos?“ „Weil meines Bleibens in dieſem Hauſe nicht mehr iſt.“ „Was höre ich?“ „Von hundert Augen überwacht, kann ich keinen Schritt thun, ohne von Spähern verfolgt zu werden; ich fühle mich ängſtlich, unglücklich. Ich kann hier nicht mehr bleiben!“ „Ihr Entſchluß überraſcht mich!“ „Gnädigſter Herr werden begreifen, daß ich ſelbſt⸗ ſtändig genug bin, dieſe Stelle aufzugeben, ohne Sie frü⸗ her davon verſtändigt zu haben; allein ich will von Ihnen nicht als eine wetterwendiſche Perſon beurtheilt ſein; ich wünſche mir Ihr gnädiges Wohlwollen auf die Dauer zu erhalten.“ Der alte Herr nickte wohlgefällig zu dieſen Betheue⸗ rungen; er glaubte die Abſichten Fanny's zu durchblicken und deutete ſie zu ſeinem Vortheile. „Ich begreife,“ antwortete er,„daß Ihnen der Zwang, den Sie ſich hier phyſiſch und moraliſch auferlegt, ſchwer fällt, und daß er Ihnen auf die Dauer läſtig wer⸗ den mußte, darum macht mich Ihr Entſchluß nicht unge⸗ halten. Ich werde Ihnen gewogen bleiben, wo immer Sie ſich befinden mögen. Doch, wie halten wir's mit unſerem Vertrage?“ „Iſt der Vertrag an eine Oertlichkeit gebunden?“ 99 „Sie gedenken alſo, der eingegangeneu Verbindlich⸗ keit nachzukommen?“ „Ihr Zweifel daran würde mich ſchmerzen.“ „Allerliebſt!“ „Euer Gnaden werden die Gewogenheit haben, meine Abſicht bei der Frau Gräſin zu unterſtützen?“ „Ja! richten Sie es ſo ein, daß Sie Ihren Ent⸗ ſchluß dem Haushofmeiſter mittheilen, wenn ich in der Nähe bin. Doch wo gedenken Sie ſich aufzuhalten?“ „Der Agent, Herr Karlinger, wird wohl die Güte haben, mich aufzunehmen.“ „Ich werde ihm die Weiſung zukommen laſſen, da⸗ mit er es Ihnen nicht abſchlage.“ Dieſe Unterhaltung fand in den erſten Nachmittags⸗ ſtunden ſtatt, und am Abende war die Gräfin bereits von der Kündigung der Kammerjungfer unterrichtet. „Was iſt der einfältigen Perſon durch den leeren Kopf gefahren?“ fragte die Gebieterin ärgerlich. Der Haushofmeiſter machte eine Pantomime, die ſeine Unwiſſenheit ausdrückte. „Ich will ſie ſprechen!“ Auf dieſen Befehl wurde Fanny vor die Gebieterin citirt. „Sie will den Dienſt bei mir aufgeben?“ „Wenn gnädige Frau Gräfin es erlauben!“ 100 „Was ich nicht verwehren kann, brauch' ich auch nicht zu erlauben. Was bewog Sie zu dem Entſchluße?“ „Ich kann in dieſem Hauſe nicht ruhig ſchlafen,“ klagte das Mädchen. „Wer hindert Sie daran?“ „Verfolgungen, die ich zu erleiden habe.“ Die Gräfin ſchaute die Mißgeſtalt verblüfft an und ſagte:„Sie iſt Verfolgungen ausgeſetzt?“ „Mit Ihro Gnaden gnädigſter Erlaubniß!“ „Mit meiner Erlaubniß? Ich laſſe Niemanden in meinem Hauſe verfolgen.“ h werde es aber doch.“ wem denn?“ „Von böſen Träumen. Kaum bin ich eingeſchlafen, ſo ſehe ich mich auch ſchon von allerhand Schlangen um⸗ ſchlichen.“ „Sie wird im wachen Zuſtande vielleicht an Ge⸗ wiſſensbiſſ en leiden?“ „Ah! gnädigſte Frau Gräfin, mein Gewiſſen beißt nicht!“ „Sie iſt ein einfältiges Gemüth,“ lächelte die Grä⸗ fin;„bleibe Sie nur im Hauſe; ich werde Ihr ein Salz davon nimmt Sie vor dem Schlafengeher ein Kuffe löffelchen voll in Waſſer aufgelöst, und die Verfolgungen werden aufhören.“ t N — 101 „Wenn gnädige Frau Gräfin es befehlen, werde ich, ſo lange ich im Hauſe bin, das Salz nehmen; allein fort muß ich doch!“ „Warum muß Sie fort?“ „Weil es mir befohlen wurde.“ „Wer befahl es Ihr?“ „Meine Wohlthäterin, die Baroneſſe von Helm. Ich habe von ihr einen Brief bekommen, und darin ſteht geſchrieben, daß ich ein einfältiges, unerfahrenes Ding bin.“ „Die Baroneſſe kennt Sie alſo genau.“ „Wie gnädige Frau es befehlen.“ „Nun, was ſchrieb ſie weiter?“ „Weiter ſchrieb ſie, ich hätte, bevor ich einen Dienſt annahm, ſie davon in Kenntniß ſetzen ſollen; ich dürfe nur in einem ihr bekannten Hauſe dienen, wo man mir die nöthigen Rückſichten angedeihen laſſen wird.“ „Die Baroneſſe iſt ſehr beſorgt um Sie! Bleibe Sie nur, ich will an die Baroneſſe ſchreiben.“ In dieſem Momente trat der Graf in's Gemach. „So eben ſagt mir Fanny, die Baroneſſe von Helm wünſche, daß ſie den Dienſt bei uns aufgebe.“ „Nun, will die Fanny ſich dem Wunſche fügen?“ Das Mädchen bejahte die Frage, worauf der alte Herr bemerkte:„Es thut mir leid!“ ————— 2 102 Kaum hörte die Gräfin dieſe Aeußerung, als ſie raſch den Cours änderte und ſagte:„Ich habe mich anders beſonnen und werde in dieſer Angelegenheit keine Mühe verlieren. S ſoll eine andere Kammerjungfer be⸗ ſorgen; die Fanny kann gehen, ſobald Sie will!“ „Wenn gnädige Frau Gräfin es befehlen, will ich ſchon morgen fort.“ „Meinethalben.“ „Oder wünſchen Ihro Gnaden, daß ich noch heute „Sie ſcheint Eile zu haben?“ „Eile nicht, gnädigſte Frau Gräfin, aber Furcht.“ „Wovor denn?“ „Vor dem Salz „Sie iſt in der That mehr als einfältig! Ich will nichts mehr von wiſſen.“ „Ach! ½ mein Gott!...“ „Warum Sie denn?“ „W zeil die gnädige Frau mir zürnen; ich ertrag' das nicht... ich will das Salz einnehmen und dann in Gottes Namen gehen!“ Die Gräfin, um ſie zu beruhigen, gab ihr das Salz. Fanny nahm es, küßte ihr dankbar die Hand, und da ſ ihre Koffer ſchon früher gepackt hatte, fuhr ſie bald darauf in einem Dienſtwagen aus dem Hauſe. . — ch 18 e8 18 1d ld 103 Der kleine, magere, kupferige Agent ließ ſich von der Uiberraſchung, die ihm bevorſtand, nichts träumen. Als das Fräulein bei ihm eintrat, ſprang er er— ſchrocken vom Stuhle und rief:„Sie ſind's, gnädigſte Baroneſſe! Um Gotteswillen, was iſt vorgefallen?“ „Beruhigen Sie ſich, es iſt Alles in der Ordnung!“ „Sie ſtehen alſo noch im Dienſt?“ „Ich bin ſo eben ausgetreten.“ „Und das nennen Sie: in Ordnung ſein?“ „Ich wiederhole Ihnen, daß Alles in Ordnung iſt. Haben Sie ein überflüßiges Zimmer?“ „Wenn Sie wünſchen, werde ich Ihnen Eines zur Dispoſition ſtellen.“ „Ich wünſche es, und Seine Gnaden der alte Herr Graf befehlen es.“ „Es hätte des letzteren nicht bedurft. Weiß der Herr Graß „Der Herr Graf weiß in dieſer Stunde nicht mehr, als er nach der Scene auf der Baſtei gewußt hat.“ „Prächtig, herrlich! Aber mein Gott!...“ „Was fehlt Ihnen, Herr Karlinger, warum er⸗ ſchrecken Sie ſo plötzlich?“ „Weil mir ſo eben einfällt, daß ich mich jetzt wie⸗ der in derſelben Bedrängniß befinde, wie dazumal, als ich Sie kennen lernte. Wo werde ich eine zweite Baroneſſe 104 Helm finden, die gleich einem Proteus, mehre Geſtalten annehmen kann?“ „Beruhigen Sie ſich! auch dagegen werde ich Sie ſchützen. Suchen Sie eine Kammerjungfer aus, ſo häßlich und ſo bornirt, als ſie nur ſein kann. Genügt ſie der Gräfin, ſo bedeuten Sie dem Grafen, ich, die Kammer⸗ jungfer Fanny, ließe ihm dieſe Perſon empfohlen.“ „Oh! oh! gnädige Baroneſſe! Tauſendkünſtlerin! Zauberin!“ „Wenn Ihr Enthuſiasmus wahr iſt, ſo dulde ich ihn; denn ſchmeichelhaft iſt er nicht.“ Die Baroneſſe nahm hierauf das ihr angebotene Zimmer in Beſitz. Als der Agent nach einigen Tagen mit einer Kan⸗ didatin, einem Ausbund von Häßlichkeit in dem gräflichen Landhauſe erſchien, und dem alten Herrn die Empfehlung der früheren Kammerjungfer überbrachte, nickte dieſer bei⸗ fällig und dachte: Ah! ſie iſt eiferſüchtig; jetzt zweifle ich nicht mehr an ihrer Aufrichtigkeit. ——„——„ ne n⸗ en ng ei⸗ ich Achtes Cnpitel. Der Hirſchenfang im Prater. Der Anfang dieſer Erzählung hat vielleicht bei ei⸗ nigen Leſern Erwartungen angeregt, die der Verlauf nicht rechtfertigte; der Schattenſpieler Depenſier ſtand in einer Weiſe im Vordergrund, als ob er zur Hauptperſon werden wollte, trat jedoch bald vom Schauplatze ab und ließ bisher vergebens auf ſein Wiedererſcheinen warten. Trotz dieſer ſcheinbaren Unthätigkeit hinter der Scene, können wir doch nicht umhin, ihn als eine der Hauptperſonen unſerer Erzählung zu betrachten; er ſetzte, wie das eine Eiſengewicht an der Schwarzwälderuhr das Gehwerk in Bewegung, während ein zweites Gewicht dasſelbe beim Schlagwerk bewirkte; jedes dieſer Werke für ſich iſt etwas, erſt beide zuſammen bilden ein voll⸗ kommenes Ganze. Wir verſchmähten nicht, dieſes paſſende Gleichniß 7 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 106 zu wählen, obgleich es, die Fehler dieſer Erzählung blos⸗ legend, zu unſerem Nachtheile zu Tode gehetzt werden könnte. Wir kennen einen Mann, der im Beſitze dreier Uhren iſt. Eine goldene Ankeruhr trägt er mit ſich herum; eine ſilberne hängt daheim an der Wand neben ſeinem Bette, und eine Schwarzwälder⸗Uhr läßt ihr Tick⸗tak und Bim⸗bam in der Küche ertönen. Die koſtbare Erſte dient wohl mehr zum Staatma⸗ chen als zum Gebrauch; ihr Organismus iſt ſo zart gebaut, daß jede gähe Bewegung des Trägers, jeder Sprung eine chirurgiſche Unterſuchung und koſtſpielige Behandlung nothwendig macht; der Beſitzer muß ſie ſtets hüten vor einem Unfalle und vor„langen Fingern“. Die ſilberne Uhr iſt ſtärker gebaut, geht richtig und erfüllt am Tage ihren Zweck vollkommen; allein in der Nacht braucht man Licht, um zu ſehen, wie hoch es an der Zeit iſt. Die Schwarzwälder⸗Uhr, obwohl nur in der Küche poſtirt, verkündet dagegen Tag und Nacht in der ganzen Wohnung die Zeit; an ihrem groben Mechanismus bricht ſich die Wirkung der Rauch⸗ und Staubwolken; unter den drei Uhren iſt ſie die billigſte und verläßlichſte. Jahre⸗ lang bedarf ſie keiner Reparatur, und iſt's der Fall, ver⸗ ——— — — n a 2 S au hö qu bei len ſei nic Vo 107 s⸗ richtet man ſie meiſtens ſelbſt. Die Schwarzwälderin iſt en jahraus, jahrein Zeitmeſſerin und Zeitverkünderin in ei⸗ ner Perſon; in ihrer angeborenen Beſcheidenheit begnügt er ſie ſich mit einem einfachen Mantel, duldet mit ſtähler⸗ ner Seele alle Anſchwärzungen, knarrt wohl ein we⸗ nig, wenn man ſie aufzieht; allein ſie fährt fort, ihre m Pflicht mit minutenhafter Genauigkeit zu üben. ak Sternenlauf könnt ihr wohl mit ihr nicht meſſen, allein ſie kündet Euch die Arbeitsſtunde, die Bet⸗, die if a⸗ Speiſe⸗ und Erholungsſtunde, ſie iſt die echte wahre bür⸗ rt gerliche Uhr für die bürgerliche Zeit. er Vergleicht immerhin dieſe Erzählung mit der ige Schwarzwälderin, wir ſchämen uns des Vergleiches nicht. 14 Monſieur Louis Depenſier fuhr fort, mit ſeiner nd Schattenſpielkunſt gute Geſchäfte zu machen; wenn es der auch nicht mehr, wie in den erſten Wochen, regnete, ſo an hörte es doch nicht zu tröpfeln auf. Die in Schikaneder's Verhältniſſe Eingeweihten zer⸗ che guälten ſich vergebens, zu erfahren, woher dem Direktor zen bei fortdauerndem ſchlechten Geſchäfte die ergiebigen Quel⸗ icht len floßen; und ergiebig mußten ſie ſein, denn er beſtritt ter ſeinen erheblichen Aufwand, tilgte ſeine Schulden, zahlte re⸗ nicht nur pünktlich die Gagen, ſondern leiſtete ſogar er⸗ Vorſchüße. ———— 3 108 3 Man holte ſeinen Aſſocie Bauernfeind aus; dieſer bethenerte, keinen Pfennig hergegeben zu haben; man forſchte hier und dort, jedoch ohne beſſern Erfolg. Da der Schattenſpieler immer im fernen Hinter⸗ 6 grund blieb, und der große Emanuel um ſeiner Autor⸗ d ehre Willen das Geheimniß treu bewahrte, ſo kam es ſ auch nicht an's Licht. Man befand ſich bereits im Hochſommer, der Schat⸗ d tenſpieler machte noch keine Miene, ſeine Bude abzubre⸗ v chen; er ſchien den Erfolg der Zauberflöte abwarten zu d wollen. An einem der erſten Auguſt⸗Abende finden wir in jenem Theile des Praters, wo die Schank⸗Wirthſchaften erſt ſpäter zu einem förmlichen gezimmerten Dörflein an⸗ ſi wuchſen, vor einer der Sommerſchenken mehre Gäſte, die ſich's unterm ſchattigen Dache eines Kaſtanienbaumes beim Wein, Käſe und Schinken wohl bekommen ließen. Wir ſagen: beim Wein, weil zu jener Zeit Bier 3 und Rauchtabak noch lange nicht zum Bedürfniß der 3 Maſſen geworden waren; von Cigarren, wie ſie heute zu Millionen verdampft werden, gar nicht zu ſprechen. ₰ Die Gäſte bei der„Stadt Belgrad“— ſo war 9 jene Wirthshütte beſchildet, zum Andenken an die, zwei 5 Jahre vorher durch Laudon ſtatt gehabte Eroberung der genannten Feſtung— die Gäſte alſo bei der Stadt Bel⸗ eſer man tter⸗ tor⸗ tes chat⸗ bre⸗ n zu r in aften an⸗ äſte, umes en. Bier der te zu war zwei der Bel⸗ 109 grad gehörten ihrem Aeußern nach der wohlhabenden Bürgerklaſſe an. Den Stoff ihrer Unterhaltung bildete die letzte Neuigkeit aus Frankreich, der Aufſtand vom 17. Juli, der durch Lafayette gedämpft worden war, wodurch dieſer ſeine Popularität verlor. Es iſt überflüßig, zu erwähnen, auf welcher Seite die Sympathieen der Wiener ſtanden, da die Königin von Frankreich, die vielgeliebte Tochter Maria Thereſia's, die Schweſter des verſtorbenen und des regierenden Kai⸗ ſers war. In der Nacht vom 20. Juni hatte die unglückliche Königsfamilie den Fluchtverſuch gewagt; am 22. wurde ſie gefangen genommen und nach Paris zurück gebracht. Die Nationalverſammlung bemächtigte ſich der Ge⸗ walt, die Republikaner mit Robespierre, Desmoulins Danton an der Spitze, erhoben ſich; der Aufſtand wurde indeſſen dieſesmal noch gedämpft. Zwar hatten Oeſterreich, England, die Schweiz und Sardinien ſchon im Mai zu Mantua einen Bund geſchloſſen und boten dem unglücklichen Ludwig ihre Stütze an; wie bekannt, weigerte er ſich, ſie anzunehmen und beſchwor lieber die Conſtitutin vom 3. September. Wir haben an dieſe vielbekannten Thatſachen nur —————6— ————————— 110 erinnert, weil ſie zur Zeit unſerer Erzählung ihre Schat⸗ ten auch nach Oeſterreich warfen. Unter Kaiſer Leopold II. blühte noch das Logen⸗ weſen, die geheimen Vereine, die Klubbs. Der Orden der Freimaurer verfolgte zwar während der früheren Regierungen eine bloß humaniſtiſche, die Aufklärung befördernde Tendenz; allein in einer ſo be⸗ wegten Zeit, wie die erſten drei Jahre der franzöſiſchen Revolution, konnte dieſen Verbindungen die Politik nicht ferne bleiben. In den Logen begann der politiſche Oppoſitions⸗ geiſt ſein Haupt zu erheben, und wie überall, wo dieſes der Fall iſt, entſtanden Parteien; es bildeten ſich neue Logen, die„vorgeſchrittene Maurerei“ trieben. Im außeröſterreichiſchen Deutſchland war die „Union“ an die Stelle der unterdrückten, oder vielmehr unterdrückt gemeinten Illuminaten(Lichtfreunde) getreten; dieſe ſandten Emiſſäre aus, um ihre gefährlichen Grund⸗ ſätze zu promulgiren, theils direkt durch perſönliche Agi⸗ tation, durch vertheilte Tractätlein, durch veröffentlichte revolutivnäre Gedichte ꝛc. ꝛc., theils aber indirekt durch Einwirkung auf jene Logen, die den Herd der Unzufrie⸗ denen bildeten. In Paris hatte ſich bereits die Section der Ja⸗ kobiner gebildet, die Unioniſten oder Illuminaten eigneten 111 ſich ihre Grundſätze an und wurden ſomit deren Schatten in Deutſchland. Die vorgeſchrittenen Maurer ſtanden mit den Unioniſten in Verbindung. So war der Stand zur Zeit unſerer Erzählung unter Kaiſer Leopold II. Nach dieſer nicht überflüßigen Erläuterung faſſen wir wieder die kleine Geſellſchaft vor der„Stadt Bel⸗ grad“ ins Auge. „Mein Gott!“ ſagte ein alter Meiſter,„was würde wohl die ſelige Kaiſerin dazu ſagen, wenn ſie jetzt aufſtünde und ihre Tochter in ſo großer Noth er⸗ blickte?“ Die Bezeichnung„ſelige Kaiſerin“ galt noch viele Jahre ſpäter der großen Maria Thereſia. „Sie würd' halt wieder marſchiren laſſen!“ ant⸗ wortete ein Anderer;„ſie hat den preußiſchen Friedrich den„böſen Mann“ genannt, jetzt würde ſie die Fran⸗ zoſen das„böſe Volk“ heißen.“ „Was Volk!“ rief ein Dritter erbittert;„dieſe Rebellen ſind gar kein Volk! ſie ſind ſchon eine Nation!“ Dem Fremden diene zur Erklärung, daß im öſter⸗ reichiſchen Jargon die Wörter„Volk,“„Nation“ oft als Schmähworte gebraucht werden. „Wahr iſt's,“ meinte der Vierte;„eine Bagage iſt's! Ich begreife nicht, wie es Menſchen geben kann, die heimlich auf ihrer Seite ſind!“ „Bei uns in Wien gibt es gewiß keine!“ „Gerade bei uns in Wien!“ „Geh', Kasperl, plauſch' nicht.“ „Ich hab's erſt geſtern erlebt. Ich war auf der Mariahilfer⸗Straße beim„Kreuz“ eingekehrt, da kommt der Jean vom Fürſten Kaunitz herüber. Er ſetzt ſich zu mir, wir kennen uns nämlich, weil ich das Weißgebäck ins Haus liefere—“ „So!“ unterbrach ihn der Erſte;„ich hab' ge⸗ glaubt, daß der Fürſt auch die Semmeln und das Grün⸗ zeug aus Paris bezieht.“ Dieſer Spott auf des greiſen Staatskanzlers Vor⸗ liebe für Alles, was aus Frankreich kam, wodurch der Spötter, ein tiefgekränkter Tapezierer, ſich durch mehr⸗ fach erlittene Zurückſetzungen beſonders veranlaßt fühlte, erregte natürlich die Heiterkeit der Wiener. Drauf fuhr der Bäckermeiſter fort:„Der Zean ſetzte ſich alſo zu mir, erzählte mir eine neue Gſchicht' von Paris, und wie er damit fertig war, fing er an zu räſonniren.“ „Uiber's Volk?“ „Nein, über'n König.“ „Oh! oh! das iſt nicht möglich!“ 113 „Ich werde doch nicht lügen?“ „Du haſt ihm aber gleich die Leviten geleſen?“ „Das ließ ich bleiben!“ „Warum denn?“ „Weil der Jean beim Fürſten viel gilt und mich um die gute Kundſchaft bringen könnte; ferner, weil ich mir dachte, der Jean iſt ein Franzos.“ „Ein Franzos iſt er wohl, allein gegenwärtig lebt er in Wien, und weſſen Brot man ißt, deſſen Lied ſoll man pfeifen.“ „Mein Gott! er iſt nicht der einzige Franzos unter uns, der es mit ſeinen Landsleuten hält.“ „Leider, leider!“ Im Vorbeigehen ſei erwähnt, daß in der That, bei der ſpäteren, gefährlicher aufgetretenen Agitationen, fran⸗ zöſiſche Dienerſchaft, nicht bloß des Fürſten Kaunitz, ſon⸗ dern auch anderer herrſchaftlichen Häuſer ſich betheiligte und eingezogen wurde. „Weil wir g'rad von dieſer Sache reden,“ begann hierauf ein ſchlichter Gewürzkrämer,„ſo muß ich Euch doch auch erzählen, was mir paſſirt iſt. Vor einigen Ta⸗ gen erhielt ich einen Brief mit der Klepperpoſt; ich öffnete ihn, und was fand ich darin?“ „Vielleicht gar ein Pasquill?“ „Noch was Schlimmeres! Ein abſcheuliches Gedicht 114 war's, gegen die hohen Obrigkeiten— ſo abſcheulich, daß ich es augenblicklich in's Feuer warf, damit ich nicht in Pfeffer gerathe.“ „Was die Teufelsmenſchen treiben, iſt unglaublich! Ich hab' ſchon von einem rebelliſchen Gedicht, verfaßt von einem gewiſſen Schubart, der in Würtemberg auf der Fe⸗ ſtung ſitzt, erzählen hören; das Gedicht wurde im vorigen Jahr' in den Straßen ausgeſtreut.“ „An ſchlechten Leuten gibt's keine Noth! Ich ſags Euch, Kinder, man muß ſich bei jetziger Zeit in Acht neh⸗ men.. Heh! Herr Wirth, noch ein Glas Wein!“ Das Geſpräch feſſelte die Aufmerkfamkeit der Bür⸗ ger derart, daß ſie das Herannahen eines Herrn nicht ge⸗ wahrten, ſondern erſt durch ſeinen Gruß auf ihn aufmerk⸗ ſam wurden. „Ah! Herr von Schaller!“ rief es wie aus Einem Munde, worauf devote Begrüßungen folgten, denn Herr Schaller war ein Mann von Amt, und damals hatte der Bürger noch Reſpekt vor den Dikaſterianten: ſo hießen die Beamten. Man räumte dem behäbigen, gutmüthig ausſehenden Herrn den Ehrenplatz ein, und es ließ ſich ohne Mühe erkennen, daß er, obgleich allabendlich in dieſer Geſell⸗ ſchaft, doch eine Art Autorität ausübte. Schaller bekleidete eine untergeordnete Stelle in ei⸗ in on e en 36 h⸗ ge. em err der ßen den ühe ell⸗ 115 ner Kanzlei, wo er in der Lage ſich befand, das Neueſte vom Neuen zu erfahren; man kann daher beurtheilen, welchen hohen Werth die Bürger auf ſeine tägliche Ge⸗ ſellſchaft legten. Nachdem der Kanzleimann unter dem feierlichen Schweigen aller Anweſenden ſeinen Meißner⸗Kopf voll⸗ geſtopft und mit Papierſchwamm angeraucht hatte, nach⸗ dem er die Rauchwölkchen der drei erſten Probzüge glücklich vor ſich geblaſen, begann er:„Nun, meine Herren, was gibt's Neues?“ 3 Wie täglich, antwortete auch heute der Tapezierer im Namen Aller:„Das werden Sie am beſten wiſſen, Herr von Schaller!“ Der Beamte, ſeinen Meißner in der Rechten, das Weinglas in der Linken, lächelte vornehm und vom Bewußtſein ſeiner Superivrität erfüllt ſagte er:„ Freilich weiß ich's! ich muß es auch wiſſen, denn ich ſitz' an der Quelle!“ Darauf trank er behaglich in langſamen Zügen. Wenn nun Jemand die Ungeſchicklichkeit begangen hätte, ihn zur Mittheilung außzufordern, ſo würde der Mann an der Ouelle ſich in den Mantel des Schweigens gehüllt haben, und keine Macht hätte vermocht, ihn für dieſen Abend zum Sprechen zu bringen. Die Bürger aber kannten bereits ihren Mann, hü⸗ ———— —— 116 teten ſich, den gefährlichen Fehler zu begehen, und ſchwie⸗ gen, bis auf den Bäckermeiſter, der es übernahm, den Teig weich zu kneten und die Katze hinterm Ofen her⸗ vorzulocken. „Jo, ja!“ ſeufzte er,„wo ſind die guten alten Zei⸗ ten, als noch die ſelige Kaiſerin regiert hat!“ „Sie werden nimmer mehr kommen; aus iſt's für alle Ewigkeit; Kaiſer Joſef hat's für immer verdorben!“ „Und läßt es ſich nicht mehr repariren?“ „Wie denn? ſo lange die Pariſer Revolution nicht gebändiget iſt? Dort ſteckt das Uibel, und von dorther verbreiten ſich die rebelliſchen Anſichten.“ „O! die verflixten Franzoſen!“ „Die Deutſchen ſind aber auch nicht beſſer!“ „Oho!“ „Sie ſchicken uns ebenfalls alle Teufel in's Land, um das dumme Volk zu verführen.“ „Niederträchtig!“ „Dieſe deutſchen Verführer unter franzöſiſchen Na⸗ men ſind gefährlicher wie die gebornen Franzoſen; man iſt eher geneigt, ihnen, als den ganz Fremden, Glauben zu ſchenken; doch die Wiener können ruhig ſchlafen.“ „Iſt das wahr, thenerſter Herr von Schaller?“ rief der Gewürzkrämer ängſtlich;„können wir ruhig zu Bette gehen?“ 117 „Bei uns hat Niemand etwas zu beſorgen; das Illuminatengeſindel wird uns nichts anhaben, auch wenn man uns zehnmal ſo viel Emiſſäre in's Land ſchickte.“ „Was, Commiſſäre?“ „Emiſſäre, Meiſter, Emiſſäre! Das ſind ſchlechte Menſchen, die eine Rolle ſpielen, ungefähr wie die Schlange im Paradieſe! Ich ſage Euch, meine Herren, ehe ſechs Stunden vergehen, wird man hier im Prater einen Hirſchen fangen.“ „Einen Hirſchen?“ „Ja! aber was für einen Hirſchen? Einen, der ein unſichtbares Gehörne trägt, aus dem man nicht Hirſch⸗ horn⸗, wohl aber Höllengeiſt ſieden kann; ein Ungeheuer mit zwei Füſſen ohne Klauen; einen Schuft, der unter Taubeneinfalt aufrühreriſches Schlangengift birgt— kurz einen Illuminaten vom reinſten Waſſer.“ „Um aller Heiligen Willen!“ rief der Tapezierer, die Hände ringend,„wie iſt dieſer entſetzliche Menſch nach Wien gekommen?“ Herr von Schaller antwortete pfiffig:„Nun, wie?“ nahm ſein Glas, trank bedächtig, blies die Rauchwolken mit Attention von ſich und ſetzte geheimnißvoll hinzu: „Mit Extra⸗Poſt!“ „Und warum ſchafft man die Poſt nicht ab, wenn ſie ſolchen Spitzbuben unter die Beine greift?“ 118 „Weil ſie die Wölfe in den Schafpelzen nicht kennt, weil man gemeint hat, es würden ſich nur ehrliche Men⸗ ſchenkinder der Extra⸗Poſt bedienen; derweilen trägt das ſchlechte Volk auch kein Stroh im Kopfe, indeſſen, es meint, früh aufzuſtehen; wir aber ſind noch zeitlicher aus dem Bette, die Wiener können ruhig ſchlafen gehen.“ In Folge dieſer tröſtlichen Verſicherung rief der Gewürzkrämer:„Heh, Stadt Belgrad! noch einen Pfiff Wein.“ „Aber nur Einen Pfiff!“ ſetzte Herr von Schaller warnend hinzu. „Warum denn nicht mehr?“ fragte erſtaunt der La⸗ denherr;„ich hab' noch lange nicht mein tägliches Maß erreicht!“ „Kaufen Sie ſich, was zu Ihrem täglichen Maß' fehlt, anderswo.“ „Wenn mir aber der Wein gerade hier am beſten ſchmeckt?“ „Werden Sie doch darauf verzichten müſſen.“ „Warum denn?“ „Weil Sie keine Zeit haben werden.“ „Es hat ja noch nicht Ave Maria geläutet.“ „Beim Hirſchenfang kümmert man ſich wenig um das Ave, da heißt es bloß cave, zu deutſch: Nimm Dich in Acht!“ Geheimnißvoll fortfahrend ſetzte er hinzu: 119 „Merken Sie denn nicht, daß man einen Theil des Praters umſtellen wird, und daß dann Alle, die aus dem Kreiſe hinaus wollen, Fatalitäten haben werden?“ „Und wegen eines einzigen Hirſchen trifft man ſolche Vorkehrungen?“ „Weil man hofft, nicht bloß den Haupthirſch zu fangen, ſondern auch ſeine Mithirſchen.“ „Und daun?“ „Dann wird es heißen: Mitgefangen, mitgehan⸗ gen!“ „Aber wer iſt denn der Haupthirſch?“ Bei dieſer, dem Tapezierer entſchlüpften Kernfrage machte Herr von Schaller die Bewegung eines Men⸗ ſchen, der gäh aus dem Schlafe geſtört wird, ſtierte den Unvorſichtigen zehn Secunden lang an und rief trocken: „Herr Wirth, zahlen!“ Der Gerufene ſtürzte herbei; der Karzleiherr be⸗ richtigte ſeine Zeche; die Bürger glaubten ſeinem Bei⸗ ſpiele folgen zu müſſen und verließen unter ſeinen Fitti⸗ gen den Prater. Daß Herr von Schaller, trotz aller geſtellten Fallen und gelegten Leimſpindeln kein Wort mehr verlor, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. 120 Und in der That, bei heranbrechender Dunkelheit begann es im Prater in einer weiten, um einen firen Punkt gezogenen Kreislinie ſich zu regen und zu bewegen. Dunkle Männergeſtalten ſchlichen über's Gras und raſchelten durch's Gebüſch, immer enger wurde der Kreis, in deſſen Mittelpunkt der Gegenſtand der Umſtellung zu finden war. Das Objekt: die Schattenſpielbude— das Subjekt: Monſieur Louis Depenſier. Als die Glieder der Kette genug ſich aneinander ge⸗ ſchloſſen hatten, dieſe ſelbſt nahe genug gezogen war, er⸗ tönte ein kurzer, ſchriller Pfiff. Alles ſtand ſtill— nicht einmal ein Fuchs, vielwe⸗ niger ein Hirſch konnte dieſem Kreiſe entſchlüpfen. Die Schattenſpielbude, von Finſterniß umhüllt, lag da wie ein Wild im Buſch; mit Ausnahme des leiſen Geräuſches, welches die Umſtellung verurſachte, herrſchte rings umher tiefe Stille. Einige Männer näherten ſich der Budenthüre und gaben durch Pochen ihre Anweſenheit zu erkennen. Niemand meldete ſich im Innern. „Aufmachen!“ rief im befehlenden Tone der Vor⸗ derſte der Gruppe. Die frühere Stille währte fort. Jetzt ſtieß er mit dem Fuße an die Thüre— ſie lheit firen gen. und reis, 3zu jekt: ge⸗ er⸗ lwe⸗ lag iſen ſchte und 121 ging auf, denn ſie war nicht verſperrt, ſondern nur ſchwach eingeklingt. Der Eine von den Männern entblößte eine bisher verborgen gehaltene Blendlaterne; man trat mit der ge⸗ hörigen Vorſicht in die Hütte— und fand ſie vollkommen leer, ſogar die Wände waren ganz kahl. Monſieur Depenſier war ſomit zeitlich genug ge⸗ warnt worden; er fand noch Muße, ſogar die Wände der Bude ihrer ſchwarzen Bekleidung zu entblößen. Wir können dieſes Kapitel nicht zweckmäßiger ſchließen, als mit einem Auszuge aus einer Brochüre, die weniger Jahre ſpäter, bei Gelegenheit der ſogenann⸗ ten Jakobiner⸗Verſchwörung unter der Firma„London 1795“ im Drucke erſchien.*) Das Büchelchen rührt offenbar von einem Mit⸗ gliede der Unterſuchungs⸗Commiſſivn her, welche zur Aburtheilung der Verſchwörer in Wien eigens zuſammen⸗ geſetzt worden war. Später, wenn wir auf die Zauberflöte zu ſprechen kommen, wird uns die erwähnte Brochüre abermals als ſehr intereſſante Quelle dienen. )„Geheime Geſchichte des Verſchwörungs⸗Syſtems der Jako⸗ biner in den öſterreichiſchen Staaten.“ Für Wahrheitsfreunde. London 1795. 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 8 ————— ———— 122 „Bald nach der Revolution in Frankreich— heißt es Seite 13— fing man an, von einer Propaganda zu reden, die ſich in allen Ländern verbreitet hatte, und dem dort herrſchenden Syſteme Anhänger verſchaffen ſollte. Der Beweiſe ihres Daſeins gibt es leider nur zu viele. Die erſten Apoſtel, die davon nach Wien kamen, waren weiter nichts als plumpe, aufbrauſende Jakobiner, die ſehr bald entdeckt wurden und auch nicht viel Schaden anrichten konnten. Sie hatten mit den Verſchornen, von welchen hier die Rede iſt, gar nichts gemein; dieſe gaben ſich auch nicht mit ihnen ab, im Gegentheile denun⸗ cirten ſie manche und beſorgten aus Politik ihre Ver⸗ haftung... Die Verhaftungen verſchiedener verdächtiger Frem⸗ den, von welchen die meiſten ſchon wieder los aber des Landes verwieſen ſind, die Entdeckung und Zerſtörung eines Klubbs, der aus lauter Hausoffizieren und Be⸗ dienten franzöſiſcher Nation beſtand, unter welchen ſelbſt einige Leute im Dienſte des Fürſten Kaunitz waren, alles dieß hatte noch nichts mit der verborgeneren, viel gefährlicheren Secte gemein, von welcher hier(in der Brochüre) die Rede iſt. Die heimlichen Ruheſtörer unterließen auch nicht, „ 6——— ——„— S en, g e⸗ bſ n, iel er zu verwenden.“ 123 ſchon ſeit mehren Jahren Gedichte und Zettel auszu⸗ ſtreuen, die theils offenbar aufrühreriſch waren, theils nur dazu dienen ſollten, die öffentliche Stimmung für ihr Unweſen empfänglich zu machen. Zu Tauſenden wur⸗ den ſolche ſaubere Blätter verbreitet. In allen Autoren ſuchten ſie nach, um etwas zu finden, das in ihren Kram taugte. Von den ganz groben und tollen, dieſer im Dunkeln fliegenden Papiere will ich keines anführen. Nur zwei Gedichte will ich erwähnen, um zu beweiſen, welchen außerordentlichen Schaden das Genie anſtiften kann, wenn es durch falſche Schwärmerei oder durch Bosheit verleitet wird, ſeine Schwungkraft zum Giftmiſchen anzuwenden. Das erſte iſt von Schubart dem älteren, ward vor vier Jahren in Wien des Nachts ausgeſtreut ꝛc. ꝛc. Jünglinge und Mädchen griffen begierig nach dieſen Verſen; ſie lernten ſelbe auswendig, ſie deklamirten ſie ſich einander mit einer Art von Begeiſterung vor; die Tonkünſtler und Diletanten machten Melodien dazu. Man bekümmerte ſich damals um dergleichen nicht viel, denn man war noch nicht zu der unſeligen Noth⸗ wendigkeit wie jetzt(zur Zeit der Jakobiner⸗Verſchwörung) gezwungen, auf die geringſte Kleinigkeit und den unbe⸗ deutendſten Vorgang in dieſer Stadt ein wachſames Auge — 124 Nachdem der Verfaſſer ſich über die Verderblichkeit des Schubart'ſchen ſo wie des anderen Gedichtes— beide ſind in der Brochüre ihrem vollen Inhalte nach abge⸗ druckt, ausgelaſſen, kommt er nach einigen Reflexionen auf die Zauberflöte zu ſprechen, was bei uns ſpäter fol⸗ gen ſoll. Menntes Cugitel. Ein Auftrag aus Prag. Der Leſer wird uns, er mag auch noch ſo viel gegen dieſe Erzählung einzuwenden haben— für Zweierlei Dank wiſſen. „Erſtens, daß wir es ſorgfältig vermieden, eine allgemeine Rekrutirung unter den Mozart⸗Anekdoten auszuſchreiben und ſie unter dem Banner eines Romans in Reih' und Glied vorzuführen, bei welcher Parade er trotz der großen Trommelſchläge:„Heros der Ton⸗ künſtler“,„Shakeſpeare der Muſik“ ꝛc. ꝛc., trotz dem Phraſengeklingel und der kulturhiſtoriſchen Trompeten⸗ ſtöße, doch lauter gute alte Bekannte getroffen hätte, die er ſchon als Condotieri im Lager bei Rochlitz, Nie⸗ ßen, Oulibicheff und neueſtens durch die Univerſal⸗ Concentrirung bei Jahn ſattſam kennen gelernt hatte. Zweitens, daß wir ihn mit der ſonſt obligaten „————— ₰——— 126 Künſtler⸗Miſere, mit dem peinlichen Noth⸗ und Drang⸗ Zapfenſtreich, womit man in der Regel jede Ausrückung zur Mozart⸗Parade zu ſchließen pflegt, ſorgfältig ver⸗ ſchont haben. Unſer Zweck, wir müſſen es ſagen, die uns von dem freundlichen Herrn Verleger dieſer Sammlung ex abrup- to geſtellte und auch ex abrupterer gelöste Aufgabe— ob gut oder ſchlecht, bleibt eine offene Frage— lautete, eine heitere Erzählung unter dem gegebenen Titel zu ver⸗ faſſen, wozu die kläglichen Erinnerungen an den Kampf des Tonmeiſters mit den proſaiſchen Verhältniſſen des Lebens wenig getaugt hätte. Um aber das Buch ſinngemäß abzuſchließen, war es nothwendig, zwei Todtenkränze zu flechten, die wir jedoch, weil ſie mit dem Inhalte des Ganzen eine grelle Diſſo⸗ nanz bilden, als eine Art Epilog hinzufügten. Damit ahmten wir bloß dem wirklichen Leben nach, wo gar häufig das Luſtſpiel mit einem traurigen Nach⸗ ſpiele ſchließt. ⸗ Es iſt beweinenswerth, daß Mozart gerade in den letzten neun Monaten ſeines kurzen Lebens, wo er im Nie⸗ derſchreiben ſeiner Tonſchöpfungen am fleißigſten geweſen, wo er nicht bloß das Meiſte, ſondern auch das Vollendet⸗ ſte ſchuf, daß er gerade in dieſer Zeit, ſagen wir, mit der 127 proſaiſchſten aller Widerwärtigkeiten, mit dem Geldman⸗ gel— am meiſten zu kämpfen hatte. Das heiß⸗ und leichtblütige Naturell des Meiſters ließ dieſe Bittertropfen des Lebens nie zur Wirkung kom⸗ men; ſie bildeten als Niederſchläge den Bodenſatz des Kelches, mit dem ſich der Nektar, den die Tonmuſe ihrem Lieblinge kredenzte, nie vermiſchte. Dieſer blieb rein und ungetrübt. Wollt Ihr wiſſen, was Alles der Meiſter in den neun Monaten vor ſeinem Sterben ſchuf, ſo zieht die oben angeführten Quellen zu Rathe, wir können uns mit Ab⸗ ſchreiben von Katalogen nicht befaſſen. Unter Arbeiten und Dichten erreichte der Sommer ſeinen Höhepunkt, als eines Morgens, in der Mitte des Auguſt, Mozart, einen Brief in der Hand, in die Woh⸗ nung Schikaneder's ſtürmte und ihm zurief:„Brüderl! ich bin ein glücklicher Menſch; gratulier' mir— da ſchan her!“ Der Theaterdirektor legte die Schreibfeder aus der Hand und ſagte:„Ein Schreiben; woher?“ „Aus Prag!“ „Jetzt begreif' ich Deine Freude; aus Prag iſt für noch immer Gutes gekommen.“ „Gott erhalte mir meine Prager!“ „Was haben ſie Dir neuerlich beſcheert?“ Dich — „Eine Oper!“ „Doch keine Beſtellung?“ rief der große Emanuel erſchreckt, dem ſchon um ſeine Zauberflöte zu bangen anfing. „Und was für eine Beſtellung!“ rief Mozart mit Laune;„keine von einem ſimpeln Theaterdirektor, wie Du Einer biſt, ſondern es iſt die Beſtellung einer Feſtoper, von den Ständen des Königreichs Böhmen zur Feier der Königskrönung in Prag.“ „Allmächtiger! dann muß ja die Oper Anfangs September ſchon gegeben werden?“ „Freilich! die Herren Stände haben ſich halt wieder ein wenig Zeit gelaſſen; wahrſcheinlich dachten ſie:„Na, der Mozart bringt ſie ſchon zu Stande!“ Beniſſime, meine Herren! an meinem Fleiße ſoll's nicht fehlen, die Oper ſoll am 5. September, dem beſtimmten Tage zur Aufführung gelangen, ſo wahr ich meines ſeligen Vaters „Wolferl“ bin!“ „Was aber wird mit meiner Zauberflöte geſchehen?“ fragte der Theaterdirektor kleinlaut. „Darüber laß' Dir kein graues Haar wachſen, gro⸗ ßer Emanuel! auch Du wirſt Deine Zauberflöte in den letzten Tagen des September geben können, ſo wahr— ſo wahr Du der erſte Feinſchmecker in Wien biſt.“ „Schau' lieber, daß Deine Oper fein ſchmecken wird!“ murmelte Schikaneder. ei pꝛ da zn m Y ter ſel ber 129 „Nun hab' vor Allem die Güte, nach Süßmayer zu ſenden; er ſoll gleich herkommen, ich muß mit ihm ſprechen.“ Der Theaterdirektor klingelte ſeinem Faktotum und befahl ihm, ſchnellſtens den Kapellmeiſter Süßmayer zu holen; dann wendete er ſich zu Mozart. „Haben Dir die Stände auch ſchon den Operntext eingeſchickt?“ „Freilich! La Olemenza di Tito, Opera seria par Metastasio. Hab' ſchon die halbe Nacht verwendet, das Buch durchzuſtudiren. Drei Akte— geht nicht, müſſen zwei daraus werden, ſonſt aber gut; iſt was d'raus zu machen, wenn Einen der Genius nicht im Stiche läßt; manchmal thut er's, der Sapperloter!...“ „Süßmayer, mein theurer Discipulus!“ rief der Meiſter dem Eintretenden, den Chriſtof zufällig im Thea⸗ terhof fand, entgegen;„Sie werden zu thun bekommen, ſehr viel zu thun bekommen; Sie müſſen mit mir nach Prag. Ich ſoll in achtzehn Tagen eine Opera seria ſchrei⸗ ben; das iſt nur dann möglich, wenn Sie mir helfen.“ „Halt! halt!“ rief Schikaneder;„da muß ich Ordnung in die Sache bringen! Du machſt mir meinen Kapellmeiſter verrückt, und ich hätte dann keinen Mozart und keinen Süßmayer.“ ——— 130 „Gut! ſetzen wir uns und bringen wir Ordnung in die Sache.“ „So laß' ich mir's gefallen. Jetzt fangen wir bei der Zauberflöte an.“ „Ah! ſeh't da den Egviſten!“ „Brüderl! verſündige Dich nicht; wer weiß, ob die Zauberflöte, die Du jetzt als Aſchenbrödel bei Seite ſchiebſt, Dir nicht mehr Ehre und Ruhm bringen wird, wie der Titus?“ „Du haſt recht, Brüderl! die ExOfticio-Arbeiten mißpathen meiſtens; weil man ſie eben am beſten machen u wird ein Dalken daraus. Sprechen wir alſo von der Zauberflöte. Von dem guten Aſchenbrödel ſind alle Enſembleſtücke in Singſtimmen und Grundbaß, ferner die Hauptmotive bis zum zweiten Finale fertig.“ „Du haſt alſo noch zu ſchreiben,“ rechnete ihm Schikaneder vor,„die Papagenolieder, das zweite Finale, den Prieſtermarſch, die Ouverture, und endlich mußt Du noch die ganze Oper inſtrumentiren.“ „Beniſſime! großer Emanuel! Nun iſt meine An⸗ ſicht folgende: Während meiner Abweſenheit ſoll Kapell⸗ meiſter Henneberg die Geſangsproben vornehmen, ſo daß die Voealſtücke vollkommen einſtudirt ſind. Bis längſtens Mitte September bin ich wieder zurück, und bis Ende des ——— — c„ ++r„—.—.—— „ en—, —„— — 131 Monats wird man die Zauberflöte blaſen hören, daß Dir übel werden wird.“ bei„Ich dank' recht ſchön!“ „Biſt Du nun zufrieden?“ „Ich muß es wohl ſein!“ 3 die„Direktor! mach' mir keine Mäuſe, ſonſt entzieht 1 tite man Dir Trank und Speiſe, damit Du wirſt mager und 6 ird, hager wie ein Sardellengehäuſe, aber ohne Schuppen und Salz, ohne Capri und Schmalz.“ Sen„Um Gotteswillen!“ rief Schikaneder, die Hände Sen zuſammenſchlagend,„jetzt hat der Menſch noch Zeit zu ſolchen Dummheiten!“ „Brüderl! ſei ſtolz darauf; es iſt Deine Nähe, die mich anſteckt— begeiſtert wollt' ich ſagen! Nun zu Ihnen, Freund Süßmayer. Ich hab' bereits meiner Stanzerl ge⸗ ſchrieben, daß ſie stante pede zuſammenpackt und in die ihm Garniſon einrückt; ſie reiſtt natürlich mit nach Prag, Se denn ohne die Stanzerl gibt's kein Tanzerl; wo ſie und der Kochlöffel nicht iſt, wird der Schmarrn nicht um⸗ grührt. Für eine bequeme Kutſche wird geſorgt werden; An⸗ auf der Reiſe wird am Tage ſtizzirt und Abends im ell⸗ Nachtlager fleißig zu Papier gebracht. Die dialogiſirten daß Recitative, die Arien der dritten Sänger— kurz, das Ne⸗ tens benwerk werden Sie ſchreiben; ebenſo werden Sie mir des ſpäter helfen in Partitur ſetzen. Ich werde Ihnen meine 132 Ideen fleißig mittheilen, damit man doch überall den Mozart heraus erkenne. Gibt's eine Ernte an Ruhm, ſo ſoll ein Theil davon auch Ihnen zu Guten kommen. We⸗ gen des Uibrigen werden wir ſchon gleich werden.“ „Aber, Herr Mozart—“ „Paperlapap! umſonſt iſt der Tod, und den ver⸗ theuern uns Doktor und Apotheker! Alſo zur Reiſe her⸗ richten— übermorgen wird abgefahren!— Großer Ema⸗ nuel, leb' wohl— leb' wohl; mein Herz iſt wie Dein Ma⸗ gen ſo voll. Geh' ſchlafen, leg Dich nieder, den Mozart ſiehſt Du niemals wieder!“ Und draußen war er, bevor noch Schikaneder auf die Knittelverſe repliciren konnte. Zwei Tage ſpäter ſtand die bepackte Kaleſche vor dem Keiſerſtein'ſchen Hauſe in der Rauhenſteingaſſe. Konſtanze, bereits von der Entbindung erholt, ſah wieder blühend aus wie ehedem; die beiden Kinder wa⸗ ren Mozart's Schwiegermutter, der Madame Weber auf der Wieden zur Pflege übergeben. An der inneren linken Wagenſeite, wo Mozart ſaß, hing die Taſche mit den muſikaliſchen Skizzen und Ent⸗ würfen;„mein Portfeuille mit den Werthpapie⸗ ren“ pflegte Mozart ſie zu nennen. Daß es an Noten⸗ papier, Bleifedern und einem wohlverſorgten Flaſchen⸗ m O fei ler we ni Ri deſ kar nic en ſo bT ah ß, tt⸗ n⸗ n⸗ 133 futter nicht mangelte, braucht kaum erwähnt zu werden; für eßbare Stoffe hatte Konſtanze Sorge getragen. Mozart, deſſen Gattin und Süßmayer waren reiſe⸗ fertig und eben im Begriffe in den Wagen zu ſteigen, als der Erſtere ſeinen Namen rufen hörte. Er blickte um ſich— hinter ihm ſtand der Bote des geheimnißvollen Requiembeſtellers. Mozart erblich— das Erſcheinen dieſes Menſchen, die Erinnerung an den myſteriöſen Mäcen war ihm höchſt peinlich, und brachte auf den zart organiſirten Meiſter jedesmal eine erſchütternde Wirkung hervor. „Herr Mozart ſind im Begriffe, Wien zu ver⸗ laſſen?“ „Ich reiſe nach Prag,“ antwortete der Meiſter mit düſterer Stimme;„ich bin beauftragt, eine neue Oper zum bevorſtehenden Krönungsfeſte zu komponiren.“ „Und wie ſieht es mit dem beſtellten Requiem aus?“ „Daß die Reiſe nothwendig iſt, werden Sie begrei⸗ fen, denn dergleichen ehrenvolle Aufträge lehnt kein Künſt⸗ ler ab. Da ich die Adreſſe des unbekannten Herrn nicht weiß, konnte ich ihn von meinem Vorhaben nicht in Kennt⸗ niß ſetzen. Ich gedenke das Requiem bald nach meiner Rückkunft aus Prag zur Hand zu nehmen Es kömmt in⸗ deſſen“— ſetzte er gereizt hinzu—„bloß auf den unbe⸗ kannten Herrn an, ob er ſo lange warten will, oder nicht?“ ——— ———— „Ich bin beauftragt, Ihnen zu erklären, daß der Beſteller ſich begnügt, wenn er das Requiem in den näch⸗ ſten ſechs Monaten erhält.“ „Er ſoll's haben!“ verſetzte Mozart kurz, ſprang nun der Letzte in den Wagen, warf den Schlag hinter ſich zu und rief:„Schwager, fahr' zu!“ „Wenn ich nur dieſes Requiems ſchon los wäre!“ klagte Mozart den Reiſegefährten;„ſo oft dieſer geheim⸗ nißvolle Mahner vor mich tritt, iſt mir's jedesmal, als ſähe ich einen Giftmiſcher, der ſeine Kunſt von den Bor⸗ gia's ererbt. Ach! Stanzerl, Du wirſt's erleben: ſie ha⸗ ben mich vergiftet, ſie haben mich vergiftet!“ Zehntes Capitel. Die Baroneſſe ver ſucht ſich in einer neuen Rolle. Die Wohnung Karlinger's befand ſich in einem der unter Kaiſer Joſef II. neu aufgeführten Häuſer der Plankengaſſe in der inneren Stadt. Ein Theil der genannten Gaſſe ſteht nämlich auf Gartengrund der Kapuziner, welchen Kaiſer Joſef in Bauſtellen zertheilen ließ. Die Baroneſſe von Helm erfreute ſich bei dem Agen⸗ ten ſo vieler Aufmerkſamkeit und Zuvorkommenheit, wie bei einer innigſt befreundeten Familie. Madame Karlinger, eine ſchlichte, bloß für ihr Hausweſen lebende Frau anerkannte die Dienſte, welche die angebliche Kanmerjungfer ihrem Gatten geleiſtet, und bewies ſich dankbar. Die Baroneſſe hatte den Agenten verpflichtet, ihren ——— ——. 136 wahren Stand ſeiner Gattin zu verſchweigen, was dieſer auch gewiſſenhaft hielt. Die Dankbarkeit der Frau Agen⸗ tin verdiente daher doppelte Anerkennung, weil ſie gegen eine vermeintlich untergeordnete Perſon geübt wurde. Die angenehme Exiſtenz im Hauſe verſüßte dem Fräulein in etwas die kummervollen Tage— und kummer⸗ voll waren ſie, da ſie in ihrer Hoffnung, Scipio werde ſich ihr nähern, ſich getäuſcht ſah. Dem Agenten entging die trübe Stimmung ſeiner Hausgenoſſin nicht; er bedauerte ſie, ohne ſich jedoch in ihr Geheimniß einzudrängen. Wenn das Herz zu voll werden wird, dachte er, wird der Mund ſchon überfließen. Nach ungefähr vierzehn Tagen erhielt er die erſte Andeutung, die jedoch hinreichte, ihn das Geheimniß klar durchſchauen zu laſſen. Die Baroneſſe erſuchte ihn im Vertrauen, über den Aufenthalt des jungen Grafen von Teichberg und über deſſen Lebensweiſe genaue Nachrichten einzuziehen. Karlinger verſprach es. Aha! dachte er, nun hat ſie den Schleier fallen ge⸗ laſſen. Sie hat ſich in Scipio verliebt; allein wenn das iſt, warum zeigt ſie ſich ihm nicht in ihrer wahren Ge⸗ ſtalt? Darüber muß ich Licht bekommen. Cäcilie glaubte aus einigen folgenden Aeußerungen de der fre wa He ger wo ger mu . ſer en⸗ gen em er⸗ rde ner in rſte niß den ber 137 ſein Vorhaben wahrzunehmen und erſuchte ihn, in dieſer Angelegenheit ja keinen unberufenen Schritt zu thun, da er ſie mindeſtens kompromittiren, möglicher Weiſe aber noch größeres Unheil ſtiften würde. „Sie werden mir am meiſten nützen,“ ſagte ſie, „wenn Sie einfach meine Bitten erfüllen und allen ſonſti⸗ gen Dienſteifer ſorgfältig vermeiden.“ Der Agent fügte ſich auch dieſem Begehren. Die von ihm eingezogenen Nachrichten lauteten in⸗ deſſen nicht ungünſtig. Das Aufſehen, welches Scipiv's Entfernung aus dem Hauſe ſeines Oheims erregte, zwang die gräfliche Familie, die Badereiſe raſch darauf anzutreten, und um dem Gerede ganz aus dem Wege zu gehen, ſtatt Baden, Karlsbad zu wählen. Die Reiſe, ſo wie die Entfernung des Badeortes be⸗ freiten das Fräulein auf längere Zeit von der Gegen⸗ wart des alten Grafen, wodurch die Ausführung des Handelsvertrages in ein, ihr ſehr gelegenes Stocken gerieth. Bezüglich Scipio erfuhr Cäcilie, daß er im Hauſe, wo der Kapellmeiſter Mozart wohne, ſich beſcheiden ein⸗ gemiethet habe, ein ſehr zurückgezogenes Leben führe und muſikaliſchen Studien obliege. 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 138 Dieſe Nachricht richtete die Baroneſſe wieder in etwas auf. Sie ließ abermals ein paar Wochen verſtreichen, die Situation blieb die nämliche. Das Hoffen und Harren fing an ihr unerträglich zu werden. Verſchiedene Zweifel erwachten in ihrer Seele, die Liebe und die Eitelkeit reichten nicht mehr aus, ſie zu verſcheuchen. Die arme Baroneſſe brütete Tage lang, verbrachte ſchlafloſe Nächte, um die Antwort auf die Frage:„Was nun zu beginnen?“ zu finden. Sich Scipio zu nähern, erlaubten ihre Eitelkeit und ihr Stolz nicht, um ſo weniger, da ſich in ihr die Mei⸗ nung feſtgeſetzt hatte, die Liebe des jungen Grafen ſei nicht mächtig genug, ihn an ihre Perſon zu feſſeln. „Ich habe ſeiner Liebe zu viel zugemuthet,“ klagte das Fräulein bei ſich;„ſie ſollte die Kluft der Stände⸗ unterſchiede überſpringen und eine mißgeſtaltete Perſön⸗ lichkeit angenehm machen; das war zu viel gefordert, und doch kann ich in dieſem Augenblicke nicht mehr zurück, ohne mein Spiel zu verrathen. Oder ſollte nicht die Ohn⸗ macht ſeiner Liebe, ſondern Mangel an Entſchloſſenheit, Schüchternheit die Urſache ſeiner jetzigen Paſſivität ſein? In dieſem Falle wäre es zweckmäßig, ihn zu einem Ent⸗ ſchluße zu drängen. Halt! das hieße die Saiten noch ſtraffer ſpannen; wahr iſt's, doch kann ich denn an⸗ W ur tin we ich 90 ha er ſei me vO No 139 in ders? Nein! Mir ſtehen nur zwei Wege offen: entweder vor ihn hintreten, wie ich bin, und ihm meine Liebe be⸗ n, kennen, und damit das Spiel, welches ich mir erlaubt, aufzudecken, oder das begonnene Spiel weiter treiben, zu bis ich es entweder gewinne oder verliere. Den erſteren le, Weg kann und mag ich nicht wählen; er verriethe zu Schwäche, Zudringlichkeit, könnte gehäſſige Urtheile her⸗ vorrufen und widerſtrebt meiner Fühlweiſe; folglich bleibt hte mir nur der letztere übrig. Mein Spiel wurde ein ge⸗ as wagtes, von jenem Momente an, wo ich als Kammer⸗ jungfer in die Dienſte ſeiner Tante trat; jetzt muß ich— nd um zu gewinnen— in der begonnenen Weiſe fort poin⸗ ei⸗ tiren. Der Monat Auguſt geht zu Ende... wenn binnen ſei wenigen Wochen die Frage nicht gelöst ſein wird, kehre ich mit meinem Schmerz in die Heimat zurück und gte überlaſſe Scipio ſeinem Schickſale. Um aber in der be⸗ de⸗ gonnenen Weiſe fortzufahren, muß ich Scipio zu einem ön⸗ Entſchluße drängen oder vielmehr drängen laſſen; be⸗ ind harrt er noch in der jetzigen Zurückgezogenheit, ſo liebt ück, er mich nicht, und die Baroneſſe von Helm würde in hn⸗ ſeinem Beſitze eben ſo wenig glücklich ſein, als die Kam⸗ ei, merjungfer Fanny!“ Nachdem ſie die, mit ihrem nächſten Schritte her⸗ nt⸗ vorzubringende Wirkung feſtgeſtellt hatte, brauchte ſie nur och noch das Mittel dazu, zu finden. —————— —— Damit war ſie bald zu Stande. Eines Vormittags erſchien die Baroneſſe von Helm in ganzer Trauer bei dem Theaterdirektor Schikaneder, der ſie mit Theilnahme empfing und nach der Urſache ihrer kummervollen Miene fragte. Cäcilie ſeufzte und nahm den ihr angebotenen Platz ein. „Herr Direktor,“ begann das Fräulein mit einer kläglichen Stimme, die zu ihrem Aeußeren vollkommen paßte,„ich habe Sie zum einzigen Vertrauten meines Herzensgeheimniſſes gemacht...“ „Ich bin noch heute ſtolz darauft“ fiel ihr Schi⸗ kaneder in's Wort,„und kann mich rühmen, Ihr Ver⸗ trauen nicht mißbraucht zu haben. Indeſſen ſind ſeit da⸗ mals Wochen, ſogar Monate verfloſſen, und Sie be⸗ liebten ſich des armen Theaterdirektors nicht mehr zu erinnern, obgleich Sie, wie mein Freund Karlinger mir mittheilte, während dieſer Zeit das gräflich Teichberg'ſche Haus verlaſſen und ſich bei ihm eingemiethet haben.“ „Sie werden zugeben, Herr Direktor, daß nach dem Bruche des jungen Grafen mit ſeinen Verwandten meines Bleibens im gräflichen Hauſe nicht mehr war.“ „Das finde ich natürlich; allein unnatürlich, grau⸗ fam war es, mich während dieſer langen Zeit zu ver⸗ geſſen.“ —„—„—„ ₰ +,— m er, he en ner ten tes hi⸗ er⸗ da⸗ be⸗ zu mir ſche tach ten au⸗ ver⸗ „Daß ich Sie nicht vergaß, beweiſt mein heutiger Beſuch; daß ich nicht früher kam, werden Sie in Er⸗ wägung meiner Lage und meiner Gemüthsſtimmung entſchuldigen.“ „Sie kommen in Trauerkleidern—“ „Ich habe meine Hoffnungen zu Grabe getragen.“ Der große Emanuel machte große Augen. „Wen haben Sie zu Grabe getragen?“ fragte er gedehnt. „Meine Hoffnungen!“ 4 „Meiner Treu! das iſt originell. Sie dürften nur eine Engländerin ſein, gnädige Baroneſſe, Sie könnten auch nicht anders handeln.“ „Ich begreife Ihre Verwunderung nicht. Ich glaube, Ihnen bereits geſagt zu haben, daß ich unabhängig und reich bin? In meinem Uibermuthe wagte ich von einem Glück zu träumen und es anzuſtreben, welches zu er⸗ tragen mir vermuthlich die Kraft gefehlt hätte, weshalb die Vorſehung mich es nicht erreichen ließ. In dieſem Augenblicke nun habe ich die Hoffnung auf jenes Glück bereits eingeſargt, und ſollte darob nicht Trauer anlegen?“ „Sie ſprechen, engliſche Baroneſſe, wie die erſte Hel⸗ din im Hoftheater; allein hinter den ſchönſten Redens⸗ arten ſteckt oft ein kranker Sinn. Erlauben Sie mir, daß ich Sie ein wenig in's Examen nehme?“ 142 „Ich geſtatte es!“ „Sie lieben Scipio von Teichberg?“ „Ich habe Ihnen das Geheimniß meines Herzens bereits enthüllt.“ „Der junge Graf liebt Sie wieder.“ „Ich glaubte es; heute zweifle ich daran. Herr Mo⸗ zart, als er mir die Entdeckung machte, hat entweder mich getäuſcht oder er wurde es von Scipiv.“ „Gnädige Baroneſſe, ich betheuere Ihnen, daß Sie im Irrthum ſind; Scipio liebt Sie wirklich.“ „Scipio, ſag' ich Ihnen, liebt ein Ideal; dieſem entſpricht die Kammerjungfer Fanny nicht.“ „Ei was! die mißgeſtaltete Kammerjungfer hat ihre Rolle ausgeſpielt, und die reizende Baroneſſe von Helm trete nun an deren Stelle.“ „Nimmermehr! Um dieſen Schritt zu thun, hätte ich nicht all der Mühen bedurft. Ich will ihn als Fanny erobern.“ „Um ihn als Baroneſſe zu verlieren.“ „Wie ſo?“ „Er wird die Baroneſſe zu reizend finden.“ „Sie ſcherzen, Herr Direktor!“ „Meiner Treu! es iſt mein voller Ernſt! Bei ei⸗ nem Manne, der im Stande iſt, ſich in ein mißgeſtaltetes, kreuzäugiges Frauenzimmer zu verlieben, muß man vor— —— — n8 o⸗ ich ie ausſetzen, daß er keinen Sinn für wirkliche Schönheit be⸗ ſitze. Wenn der Bauer in die Apotheke kommt, behauptet er, es ſtinke!“ Die Baroneſſe ſeufzte und murmelte:„Um ſo ſchlimmer; um ſo mehr muß ich eilen, meinen Entſchluß auszuführen.“ „Darauf vergaßen wir im Eifer der Unterhaltung. Worin beſteht dieſer Entſchluß?“ „Ich habe den Freuden der Welt entſagt—“ Schikaneder fuhr auf:„Was ſprechen Sie?“ „Ich bin gekommen, von Ihnen Abſchied zu nehmen.“ „Das kann Ihr Ernſt nicht ſein!“ „Da ich auf das irdiſche Glück verzichte, will ich we⸗ nigſtens für mein Seelenheil Sorge tragen.“ Der große Emanuel ſchlug die Hände übereinander und rief:„Dieſe Worte, dieſer klägliche Ton—“ „Sind die eines Mädchens, welches mit dem Leben abgeſchloſſen hat.“ „Es iſt nicht möglich; Sie mit Ihrer köſtlichen Laune—“ „Sie iſt verſchwunden.“ „Mit Ihrem Temperament—“ „Ich werde es durch fromme Uibungen bezwingen.“ „Mit Ihrer herrlichen Stimme—“ „Sie ſoll fortan nur auf dem vergitterten Chor einer 144 Kloſterkirche ertönen. Mein Entſchluß iſt gefaßt; Herr Karlinger iſt bereits beauftragt, den Notar zu beſorgen, der die Schenkungs⸗Urkunde verfaſſen wird.“ „Schenkungs⸗Urkunde?“ „Natürlich! ich werde mein ganzes Vermögen jener frommen Anſtalt widmen, die mich aufnimmt.“ „Sie wollen alſo die Welt verurtheilen, einen doppelten Verluſt zu erleiden, an Schönheit und Reich⸗ thum?“ „Die Welt wird das wegrollende Sandkörnchen nicht fühlen.“ „Dieſes wegrollende Sandkörnchen wälzt ſich wie ein Alp auf mein Herz.“ „Ach! Herr Direktor, ich fürchte, daß Sie in dem Sündenſtrome des Lebens untergehen werden.“ „Ich ſchmeichle mir, ein tüchtiger Schwimmer zu ſein.“ „Man hat Exempel, daß ſchon die beſten Schwim⸗ mer ertrunken ſind.“ „Ja, wenn ſie den Krampf bekommen; ich aber leide, Gottlob! nicht an Krämpſfen.“ „Es wäre indeſſen doch gerathener...“ „Was denn?“ „Wenn auch Sie anfingen, an Ihrer Seele Heil zu denken.“ ge da w fre ich ve ne Ar ſin ror ich Ei nur eili pio als ein err en, ter en ie m zu n⸗ zu 145 „Oh! oh! oh! hör' ich recht? Mir ſcheint gar, Sie geben ſich die undankbare Mühe, mich bekehren zu wollen?“ „Ach, Herr Direktor! die Wonnen des Zenſeits dauern ewig, während hier Alles vergänglich iſt. Sie wiſſen, daß Ein reumüthiger Sünder—“ „Gnädigſte Baroneſſe! ich flehe Sie an, Ihren frommen Eifer einem Würdigeren angedeihen zu laſſen; ich bin ein Regensburger, bei dem Malz und Hopfen verloren iſt!“ „Ich weiß, daß Sie Regensburg Ihre Vaterſtadt nennen; kann es aber nicht begreifen, daß Sie ſo aus der Art ſchlugen, da doch die Baiern ein gottesfürchtiges Volk ſind. Leben Sie wohl und gehen Sie in ſich, wenn es möglich iſt.“ „Verziehen Sie nur einige Momente, gnädige Ba⸗ roneſſe. Bevor Sie gehen, will ich mich dankbar beweiſen; ich will Ihre Sorge für mein Seelenheil vergelten mit Eifer für Ihr Erdenglück.“ „Es iſt todt!“ „Paperlapap! was Sie für den Tod anſehen, iſt nur ein Starrkrampf; darum bitte ich Sie, keinen vor⸗ eiligen Schritt zu thun. Wie Sie wiſſen, iſt Mozart Sci⸗ pio's Freund und Vertrauter; er kann in dieſer Sache als Horchrohr dienen, damit Sie wenigſtens, bevor Sie einen entſcheidenden Schritt thun, in deſſen Stimmung und 146 Anſicht, Einſicht bekommen. Mozart weilt zwar in dieſem Momente in Prag, er wird jedoch bis längſtens Mitte September zurückkehren. Gedulden Sie ſich alſo bis dahin und hoffen Sie...“ „Ich kann nicht mehr hoffen.“ „Dann lieben Sie auch nicht! wahre Liebe hofft immer!“ Die Baroneſſe ſeufzte ſchwermüthig und machte eine verneinende Kopfbewegung. „Sie verſprechen mir alſo...“ „Was denn, Herr Direktor?“ „Daß Sie, bevor ich nicht wieder mit Ihnen ge⸗ ſprochen, keinen entſcheidenden Schritt thun wollen.“ „Sie laſſen alſo meinen heutigen Abſchied nicht gelten?“ „Ich kann nicht, reizende Baroneſſe!“ „Dann bleibt mir freilich nichts übrig, als noch ein⸗ mal zu kommen; meine Ausſtaffirung iſt ohnedem noch nicht fertig.“ „Nun ſehen Sie, das Warten wird Ihnen ſomit nicht ſchwer fallen.“ „Ach! Herr Direktor, Sie faſſen es gar nicht, wie mich das Leben in dieſem irdiſchen Jammerthal aneckelt.“ „Sie haben halt den Geſchmack verloren; er wird ſich aber wieder finden!“ Ui die der ſpa ſch fer wa als der ſich Re ſpie baa Ger 147 eſem„Ich zweifle, ich zweifle! Indeſſen, ich will Ihren Ritte Rath befolgen. Leben Sie wohl, und wenn Sie mir eine ahin Freude bereiten wollen—“ „Tauſend für Eine!“ rief Schikaneder. „So bekehren Sie ſich!“ hofft„Ich werde mein Möglichſtes thun, trage jedoch die Uiberzeugung in mir, daß der große Emamel chon zu eine dick iſt, um ſich biegen zu laſſen.“ „Der Himmel erleuchte Sie!“ „Und Sie ebenfalls, reizende Baroneſſe.“ Das Fräulein verließ das Freihaus. ge⸗„Sie iſt nicht wieder zu erkennen,“ dachte Schikane⸗ der.„Sobald Mozart zurückkehrt, müſſen die beiden über⸗ icht ſpannten Köpfe zuſammengebracht werden, ſonſt über⸗ ſchnappt der Eine oder der Andere, und das Unglück wäre fertig.“ ein⸗ Die Baroneſſe dagegen monologiſirte:„Wie ich nun „— toch wahrnehme, hat Herr Mozart die Hände mehr im Spiele, als mir lieb iſt. Er ſcheint der Hemmſchuh zu ſein, mit der den Freund zurückhält, und in der That, handelte es ſich bloß um die Kammerjungfer Fanny, er würde im wie Rechte ſein. Ich muß meine Rolle natürlich genug ge⸗ G. ſpielt haben, da ſogar Herr Schikaneder das Spiel für ird baare Münze nahm. Der Monat September wird mir Gewißheit bringen!“ 1 Elftes Capitrl. Im Herbſte— beim Sonnenuntergang. Die Oper„La Clemenza di Tito“, in achtzehn Tagen komponirt, kam in Prag am 5. September unter der Leitung des Kompoſiteurs zur Aufführung. Da der größte Theil der Zauberflöte um dieſe Zeit ſchon vollendet war, ſo kann man dieſe Oper„die letzte“ Mozart's nennen. Körperlich bereits leidend, macht ſich in ihr der Druck geltend, den die ſieche Materie auf den Geiſt aus⸗ übte. Rechnet man nun noch hinzu ein von Tanz, Ball und dem prunkenden Geräuſche der Krönungsfeſte betäub⸗ tes und ermattetes Publikum; ferner den Umſtand, daß der Part des Titus für einen Sänger ohne Stimme kom⸗ ponirt werden mußte: ſo wird man begreifen, daß die Oper zwar eine ehrenvolle, aber unläugbar kühlere Aufnahme fand, als„Figaro“ und„Don Juan“. ei u zehn unter Zeit tzte“ der aus⸗ Ball äub⸗ daß kom⸗ Oper hme 149 Mozart war indeſſen mit dem Erfolge zufrieden; alle Welt wußte ja, daß er, weil man in Prag zu ſpät an die Oper gedacht, ſie in achtzehn Tagen, davon mehrere Tage im Reiſewagen, zu komponiren gezwungen war. Die Tage in Prag, im Kreiſe ſeiner zahlreichen Freunde, waren ſeine letzten glücklichen. Das herrliche Quintett zwiſchen Taminv, Papageno und den drei Damen in der Zauberflöte wurde in Prag komponirt. Die erſten Anläufe dazu entſtanden während des Billardſpiels. Seine Freunde hörten ihn einige Tage lang während des Spiels ein Motiv ſummen, wobei ſie als Tert bloß „Hmlhm! hm!“ vernahmen; eben ſo gewahrten ſie, daß Mozart öfter, während der Stoß an ſeinen Partner kam, ein Buch aus der Taſche zog, flüchtige Blicke hineinwarf und fortſpielte. Eines Abends, bei ſeinem Freunde Duſchek, ſpielte er das vollendete Quintett, welches gerade mit dem im Kaffeehauſe erfundenen Motive begann und alle Anwe⸗ ſenden entzückte. Am 12. September langte Mozart kaum in Wien an, als auch ſchon der große Emanuel herbei ſtürzte, um ihn zu neuer Arbeit anzutreiben. „Brüderl! jetzt ſchau' dazu, die„Zauberflöte“ muß 150 noch in dieſem Monat, und wär's auch am 30., zur Auf⸗ führung kommen.“ Mozart lächelte und bemerkte:„Der Dreißigſte fällt gerade auf einen Freitag.“ „Das gilt mir einerlei!“ „Die Wiener werden Witze reißen und ſagen: Na ja! der Schikaneder glaubt, weil heute Freitag iſt, muß er uns mit Schmarrn traktiren.“ „Mach' Du nur Deine Späße; die Wiener ſollen an den Schmarrn denken, ſo lang es überhaupt ein Wien geben wird.“ Der fleißige Meiſter machte ſich flugs an die Ar⸗ beit, das noch Fehlende zu komponiren. Mit den Papagenv⸗Liedern hatte er ſeine Noth. Der gute Emanuel, der den Papageno für ſich auserſehen hatte, war wohl muſikaliſch; er ſpielte die Violine, allein ſeine Stimme war zum Erbarmen ſchlecht. Dabei hatte er ſich's in den Kopf geſetzt, für ſeine Lieder eigene vulgäre Motive benützt zu ſehen, die der gut⸗ müthige Meiſter idealiſiren mußte, dabei mehr als ein⸗ mal ausrufend:„Das wird ein ſchöner Schmarrn werden!“ Wenn ſpäter dieſe Dinge zur Sprache kamen, erzählte Schikaneder jedesmal:„Das Duett: Bei Män⸗ nern, welche Liebe fühlen, und die Papageno⸗Lieder ſind von hat, nich beg er Die ich in übe wer zwe ger gan am wo den wer wo Sc jen abz ein cher Oh erſe luf⸗ fällt Na nuß llen ien Ar⸗ ich die ht. der ut⸗ in⸗ rn 151 von mir. Was der Mozart für dieſe Texte komponirt hat, war lauter gelehrtes Zeug, was die Wiener gar nicht verſtanden hätten; hab' ich es doch ſelbſt kaum vegriffen! Endlich kommt er mit der ganzen Partitur; er wäre damit bald zwiſchen der Thür ſtecken geblieben. Die Partitur war um eine halbe Elle zu dick. Jetzt bin ich wild geworden, hab' einen Zimmermanns⸗Bleiſtift in die Hand genommen, und bin d'rin herumgefahren über's Kreuz und über die Quer, wie ein Fleiſchhauer, wenn er zu der Ochſentheilung fahrt. Der Mozart hat zwar die Hände über'm Kopf zuſammen geſchlagen und gerufen: Du ruinirſt meine Oper, Du ruiniſt mir meine ganze Oper! Ich aber habe ihm zugerufen: Kein Stück, am wenigſten aber eine Oper iſt je durch Striche ruinirt worden!... Schau', Brüderl, hab' ich ihm weiter vor⸗ demonſtrirt, dieſe Partitur iſt eine zu reich gedeckte Tafel; wenn es lauter Feinſchmecker gäbe.— Er merkte ſchon, wo ich hinaus wollte, und ließ mich nicht weiter ſprechen. Schneid' zu, Barbar! rief er; mach' es aber nicht wie jener Bediente, der dem Pudel ſeines Herrn die Ohren abzuſchneiden hatte, und ihm, damit er ihm nicht auf einmal zu große Schmerzen verurſache, täglich ein Stück⸗ chen Ohr abſchnitt. Schneid' mir auf einmal alle zwei Ohren weg, damit ich wie ein Mops vor dem Publikum erſcheine! Die Klagen waren umſonſt, ich hab' meinen 152 Willen durchgeſetzt; die halbe Elle mußte heraus, und gut war's“ Wer bedauert an dieſer Stelle nicht, daß alle jene Abfälle der Zauberflöte, die zwei⸗ dreifach komponirten und verworfenen Melodien der Nachwelt nicht erhalten blieben? Der Kunſt hat Schikaneder mit jenen Strichen gro⸗ ßen Abbruch gethan; dem bühnlichen Erfolge mag er damit Vorſchub geleiſtet haben. Die Manie, in jedes Stück d'rein zu pfuſchen, hatte Schikaneder mit dem, vor einigen Jahren verſtorbenen Direktor Carl gemein, nur mit dem Unterſchiede, daß Letzterer von Muſik nicht einmal Eine Note verſtand und darin auch nicht ein Athom Geſchmack beſaß; er dekretirte bloß:„Das muß wegbleiben!“ und der Schweiß des Kapellmeiſters fiel unter's Notenpult. Der vielgeplagte Kapellmeiſter Adolf Müller weiß darüber aus der Zeit der Vaudeville eine lange Reihe von Klageliedern zu ſingen, deren jedes mit dem Refrain endet:„Er hat's halt nicht beſſer verſtanden!“ Darin unterſchied ſich der große Emanul ſehr vor⸗ theilhaft von ihm; er fürchtete bloß das, was er gelehrt nannte, das Populäre fand er überall heraus. Uiber die Rollenvertheilung waren Dichter und Kompoſiteur von allem Anfange her einverſtanden. ner za un mã nig Ge wu die ten vor der wel An beg ene ten ten Die Partien wurden den Sängern und Sängerin⸗ nen je nach der Beſchaffenheit ihrer Stimmen von Mo⸗ zart an⸗ und abgemeſſen. Seine Schwägerin, die Gattin des Violinſpielers Hofer— die älteſte Schweſter Konſtanzen's— beſaß eine ungewöhnlich hohe Kopfſtimme, war jedoch eine mittel⸗ mäßige Schauſpielerin. Ihre Schwäche wurde daher gedeckt, indem die„Kö⸗ nigen der Nacht“ bloß durch den Geſang— und welch ein Geſang!— zu einer Hauptpartie gemodelt und geformt wurde. Die Königin der Nacht tritt nur auf, um durch ihren Geſang zu blenden, und verſchwindet. Acht Tage nach ſeiner Zurückkunft von Prag war die Zauberflöte bis auf zwei Nummern vollendet; es fehl⸗ ten nur noch der Prieſtermarſch und die Ouvertüre. Proben und Vorbereitungen waren bereits ſo weit vorgeſchritten, daß man den 30. September für den Tag der erſten Aufführung beſtimmte. Konſtanze gewahrte mit Schrecken die Veränderung, welche im Aeußeren ihres Mannes durch die ungeheueren Anſtrengungen der letztverfloſſenen zwei Monate vorging. Seine Bläſſe nahm zu, ſein Ange wurde matter, er begann über Unwohlſein zu klagen. An einem ſchönen September⸗Nachmittage ließ die 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 10 154 beſorgte Gattin einen Fiaker holen und beredete ihren Mann, mit ihr nach dem Prater zu fahren, um ſich Zer⸗ ſtreuung zu verſchaffen. Der ſtets willige und fügſame Meiſter, nie gewohnt, ſeiner Gattin etwas zu verſagen, beſtieg mit ihr den Wagen. Im Prater machten Beide einen Spaziergang, wi⸗ chen jedoch von den beſuchteren Gängen ab, und befanden ſich bald einſam auf grüner Matte, wo ſie unter einem Baume Platz nahmen, in der lauen Wärme der eben un⸗ tergehenden Herbſtſonne ſich badend. Konſtanze eröffnete die Unterhaltung, indem ſie ſagte:„Weißt Du, mein liebes Mandl, daß Du an⸗ fängſt, zu fleißig zu werden?“ „Wirklich? das freut mich!“ „Du ſtrengſt Dich zu ſehr an...“ „Der Himmel hat mich dieſen Sommer mit Arbeit geſegnet.“ „Das kann nicht ſo fortdauern..“ „Es wird auch nicht, liebes Stanzerl! Die Zauber⸗ flöte hab' ich bereits, bis auf zwei Nummern, vom Halſe; dann kommt das Requiem an die Reihe und dann... vann „Warum ſtockſt Du?“ Dem Meiſter traten die Thränen in die Augen. hren Zer⸗ hut, den wi⸗ tden nem un⸗ ſie an⸗ beit ſſe; 155 „Mein Gott!“ rief die junge Frau beſorgt,„was fehlt Dir?“ „Stanzerl! Du wirſt es ſehen, daß ich das Requiem für mich komponire!“ „Wolfgang! gönnſt Du ſchon wieder ſo ſchwarzen Gedanken Raum in Deiner Seele!“ rief Konſtanze er⸗ ſchreckt. Mozart legte die Hand an ſeine Bruſt und klagte: „Da drinn ſteckt das Uibel; ich fühle es, wie es von Tag zu Tag vorſchreitet. Mit mir wird es nicht lange dauern; gewiß... man hat mir Gift beigebracht!“ „Aber, Mann! kramſt Du ſchon wieder das närri⸗ ſche Zeug aus?“ „Ich kann mich von dem Gedanken nicht loswin⸗ den.“ „Du mußt es aber, ſonſt wirſt Du ein Opfer grundloſer Vorſtellung.“ „Denk' an den geheimnißvollen Boten; denk' an den erſten Brief, den er mir überbracht hat; ſeit damals fühle ich's.. damals geſchah, was ich ſchon früher befürch⸗ tete. Jener Brief war mit Giftſtaub beſtreut.“ „Mandl! ich beſchwöre Dich bei dem Leben un⸗ ſerer beiden Kinder, verbanne dieſe unſelige Einbildung aus Deinem Gehirne. Ich habe mit Doktor Cloſet Dei⸗ netwegen geſprochen...“ 10* 156 „Nun, was ſagte er?“ „Verſprich mir, ſein Urtheil ohne Groll anzuhören.“ „Wer wird einem Arzte grollen, wenn er unſer Uibel erforſcht?“ „Doktor Cloſet findet, daß Du in der That ſehr angegriffen ausſiehſt. Deine ganze Lebensweiſe, ſagt er, wie er ſie ſeit Jahren beobachtet, trägt die Schuld an der Wirkung, die jetzt zum Vorſchein kommt. Schlafloſe Nächte, getheilt zwiſchen Unterhaltung und Arbeit, an⸗ haltendes Sitzen, allzufrühe Blüthezeit des Geiſtes, dazu ein nervöſer Organismus— wer möchte bei dem Allen die traurigen Folgen nicht befürchten. Das, meine werthe Frau Mozartin, ſagte der Doktor, müſſen Sie um jeden Preis einſtellen. Die halbe Nacht mit Schikaneder ver⸗ punſchiren oder verchampagniſiren, um zwei Uhr oder noch ſpäter nach Hauſe kommen, und ohne dem Körper eine Erholung zu gönnen, ſich hinſetzen und bis tief in den Morgen geiſtig ſchaffen— das heißt nicht mehr, ſeine Geſundheit ruiniren, ſondern in ſie hineinſtürmen und mit aller Gewalt zerſtören. Bei Ihrem Manne iſt ohne⸗ dem die organiſche Thätigkeit durch überwiegende Gei⸗ ſtesbewegung beeinträchtiget, wenn nun auch noch durch Jahre her, ſolche Exceſſe einwirken, ſo muß ſich der Menſch aufreiben, und wenn ihn die Natur in den rie⸗ ſigſten Proportionen geſchaffen hätte.“ V i Le N M — ße ſch da rei ab au da zu wi ven unſer ſehr ter, der floſe a⸗ dazu Ulen rthe eden ver— oder per in ine und ne⸗ ei⸗ rch der rie⸗ 157 „Was meint der Doktor, daß mir fehle?“ 2Er vermag bis jetzt kein Uibel anzugeben; er will, daß Du Geiſt und Körper ſchoneſt, damit der Krankheits⸗ Keim, der allenfalls in Dir ſteckt, nicht zur Entwickelung gelange.“ „Ah! Stanzerl, die Doktoren haben leicht reden. Sie glauben, unſereins könne ſeinem Blute gebieten, langſamer zu ſtrömen und ſich auf eine normale Tempe⸗ ratur abzukühlen. Das geht nicht, iſt unmöglich! Glaub' mir, mein Engel, eben weil ich bin, wie ich bin, bin ich der Mrozart; wär mein Naturell ein anderes, würde ich ein Kojeluch oder ein Salieri geworden ſein. Lebensſtröme ſind phyſiſche Ströme, ſie können ihre Natur von ſelbſt nicht ändern. Wenn die Gedanken⸗ klappern ſoll, muß der Lebensſtrom lebendig flie⸗ ßen. Bei Vielen gebricht's an Kraft, die müſſen nun ihr Flüßchen künſtlich ſtanen; bei mir aber rollt er und ſchäumt, wild, unbändig, und reißt ein Stück Ufer um das andere mit ſich fort. Ich fühl's, daß ich mich auf⸗ reibe, allein ich kann nicht anders. Ich fürchte den Tod, aber ſo groß iſt die Macht des Blutes, daß ich nicht aufhören kann, ihm den Pfad zu bahnen. Schweigen wir davon, liebe Stanzerl; ich will's verſuchen, will mich zuſammen nehmen, will ſolid werden, wie der Doktor es wünſcht; aber arbeiten muß ich! Die Arbeit aufgeben, 158 hieße auf eine andere Weiſe ſterben, und ehe ich darein willige, will ich mich aufreiben, und wenn ich das heurige Jahr nicht überleben ſollte.“ Die junge Frau brach bei dem Gedanken daran in Thränen aus; Mozart ſchloß ſie in ſeine Arme und ſagte dann, ebenfalls mit Thränen im Auge:„Es wird ſo arg nicht werden. Zetzt wär's zu früh— für Dich, für die Kinder und für mich zu früh!“ Beide erhoben ſich, begaben ſich ſtumm zu ihrem Wa⸗ gen und fuhren nach Hauſe Noch viele Jahre ſpäter gedachte Konſtanze unter Thränen dieſer düſteren, ahnungsſchweren Unterredung beim Sonnenuntergang im Prater. — d0 be un m arein urige aran und wird für Wa⸗ nter ung Zwülftes Capitrl. In welchem der große Emanuel die Rolle des großen Alerander ſpielt und den gordiſchen Kno⸗ ten zerhaut. Am Sonntage vor der erſten Aufführung der Zau⸗ berflöte wurde Mozart von Schikaneder zu Tiſche gebeten und erſucht, gleichzeitig den Grafen Scipio von Teichberg mitzubringen. Die beiden Gäſte des großen Emanuel erriethen leicht den Grund dieſer Einladung, und Mozart wunderte ſich über den Eifer, welchen Schikaneder in dieſer Angele⸗ genheit an den Tag legte. „Wenn die Kammerjungfer hübſch wäre,“ dachte er, „würde ich mich nicht wundern, ſo aber iſt es mir ein Räthſel.“ Die Mahlzeit war kaum in Gang gekommen, als der Herr Direktor auch ſchon das Thema aufzutiſchen begann. ſeiner Gäſte an und ſagte hierauf: Kammerjungfer hat die fen, beſtanden. Es iſt Zeit, daß di ſchieden werde. Das Graf; ſie hatte nicht Wolfgang war ſo gütig, zu Ihrer Re 160 „Meine Herren,“ fagte er,„ich habe Ihnen eine Neuigkeit mitzutheilen.“ „Willſt Du uns vielleicht mit der Hiobspoſt über⸗ raſchen, daß man die Agnes Bernauer in's Waſſer ge⸗ ſchmiſſen hat?“ fragte Mozart. „In's Waſſer wird man ſie ni morgen wird ſie in's Kloſter gehen!“ „Die Agnes Bernauer?“ „Die Kammerjungfer Fanny!“ ozart rief:„Oho!“ Scipio rief:„ Ach!“ und Schikaneder ſetzte hinzu:„Na! iſt das eine Neuigkeit?“ „Von wem erhielteſt Du ſie?“ „Ich habe geſtern mit Karlinger geſprochen, der mir das Vorhaben der Kammerjungfer mittheilte.“ Der junge Graf war erblaßt und ſchaute verwirrt vor ſich hin; Mozart ſchüttelte den Kopf und murmelte: „Sollte dieſe Perſon in der That ſo verliebt ſein, wie es den Anſchein hat?“ Schikaneder ſchaute bald den E cht ſchmeißen, aber inen, bald den andern „Meine Herren! die robe, welcher wir ſie unterwor⸗ die Angelegenheit ent⸗ Mädchen kennt ihre Gefühle, Herr Noth, ſie zu errathen, denn Freund ttung eine Intrigue in be M zu wi mi all chet vor beſt her e ber⸗ ge⸗ ber ind N eine zu verſuchen, die ihm ſo vollkommen mißlang, daß, wenn er heute zu mir als Intriguant in's Engagement treten wollte, ich ihm nicht zwanzig Gulden an Gage böte. Trotz der Liebeswiſſenſchaft hat das arme Mädchen dennoch keinen Schritt gethan, ſich dem im Stillen An⸗ gebetenen zu nähern, ſteht vielmehr auf dem Punkte, ſich innerhalb von Kloſtermauern zu vergraben. Gegenüber dieſem Faktum müſſen wir einen Entſchluß faſſen. Ha⸗ ben der Herr Graf den Muth, Ihre Liebe zu dieſem Mädchen durch eine Verbindung vor der Welt offen ein⸗ zugeſtehen?“ Scipio fiel ihm in's Wort:„Wenn ich nicht liebte, würde ich den Muth nicht beſitzen. Glauben Sie mir, Herr Direktor, nicht Mangel an Muth war es, was mich unſchlüßig und zaudern machte, ſondern einzig und allein das Bedenken des Herrn Mozart, daß das Mäd⸗ chen eine ſchlaue, klug berechnende Perſon ſei, die bloß von Intereſſe oder Ehrgeiz geleitet wird....“ „Dieſes Bedenken, meine ich, iſt durch ihr bisheriges Benehmen hinreichend widerlegt.“ „Ich bin auch deßhalb entſchloſſen, ſie noch heute zu beſuchen.“ „Ich rathe Ihnen dazu,“ ſagte Schikaneder treu⸗ herzig;„in mir lebt die Uiberzeugung, daß ſie mit dieſem Mädchen vollkommen glücklich ſein werden. Was ſoll 162 das Kopfſchütteln,“ kehrte er ſich zu Mozart,„zweifelſt Du daran?“ „Meine Kopfbewegung,“ lautete die Antwort,„be⸗ deutete keine Verneinung, ſondern eine Verwunderung.“ „Worüber, wenn man fragen darf?“ „Uiber Deinen Eifer, die Kammerjungfer unter die Haube zu bringen.“ „Mir iſt hier Gelegenheit geboten, zwei Menſchen glücklich zu machen, ohne daß es mich einen Kreuzer ko⸗ ſtet!“ ſcherzte Emanuel;„ich müßte ein Erzböſewicht ſein, ſie nicht beim Schopf zu faſſen.“ „Wen? die zwei Menſchen?“ „Nein, die Gelegenheit!“ „Meinethalben, handle nach Deinem beſten Wiſſen; ich ſage bloß Wiſſen, denn von Gewiſſen iſt bei einem Theaterdirektor ohnehin keine Spur.“ „Brüderl! Du haſt es durch Deine Operette: Der Schauſpieldirektor bewieſen, daß Du auf uns ſchlecht zu ſprechen biſt; ich aber bilde eine würdige Ausnahme von Allen.“ „So ſagt Zeder!“ „Ich beſitze das Recht dazu... doch wieder zur Sache! Herr Graf ſprachen vorhin den Entſchluß aus, Ihre Geliebte noch heute beſuchen zu wollen. Ich bin anderer Meinung geworden. Ich werde ſogleich meinen We jun ent! alle rat ben Kla Th zim biſt wer Br hal vor Wagen zu Karlinger ſenden und ihn ſammt der Kammer⸗ jungfer zu mir erbitten.“ „be⸗„Glauben Sie, daß ſie kommen wird?“ g.“„Ich hoffe es!“ ſagte Schikaneder, rief ſeinen un⸗ entbehrlichen Chriſtof und ertheilte ihm die Weiſung. die Mozart wendete nichts mehr ein, ſondern begann allerlei Melodien zu ſummen. chen„Worüber ſtudirſt Du, Brüderl?“ ko⸗„Uiber eine neue Operette mit dem Titel: Die Hei⸗ ein, rath durch einen Theaterdirektor.“ „Ich denke ebenfalls daran, eine Poſſe zu ſchrei⸗ ben: Der Intriguant nach Noten.“ Mozart lachte, ſprang vom Tiſche auf, lief an's en; Klavier, ſtürmte über die Taſten und lenkte dann in das tem Thema ein:„Bei Männern, welche Liebe fühlen“ ꝛc. ꝛc. Schikaneder und Scipio gingen ihm in's Klavier⸗ der zimmer nach und Erſterer rief ihm zu:„Brüderl! Du zu biſt ein Meiſter im Improviſiren komiſcher Canon's; ich on werde Dir einen Text geben, komponire ihn. Willſt Du?“ „Meinetwegen! her mit dem Text!“ Schikaneder deklamirte:„Wolferl, halt' Deinen E Brotladen; Du weißt nicht, wo der Bartel den Moſt 8, halt!“ in Mozart ſprang vom Klavier hinweg, pflanzte ſich en vor dem großen Emanuel hin, und nachdem er ihn eine 164 Weile firirt, ſagte er mit komiſchem Pathos:„Wenn Deinen Text recht verſtehe, ſo warſt Du ein Verräther!“ Statt der Antwort intonirte Schikaneder mit ſeiner Reibeiſen⸗Stimme, aus dem zweiten Finale der Zauber⸗ flöte: ich „Zwei Herzen, die vor Liebe hrennen, Kann Menſchenwillkühr niemals trennen!“ Mozart dagegen ſang zur Antwort: „Vewahret Euch vor Weibertücken, Dieß iſt des Vundes erſte Pflicht.“ Schikaneder entgegnete darauf mit der Arie: „Alles fühlt der Liebe Freuden, Schnäbelt, tändelt, herzt und küßt; Und er ſoll die Liebe meiden, Weil ſie Kammerjungfer iſt!“ Darauf Mozart beſänftigend: „In dieſen heil'gen Mauern, Wo Menſch den Menſchen liebt, Kann kein Verräther lauern!“ „So iſt's!“ rief Schikaneder;„ich bin kein Ver⸗ räther, ſondern ein in die Myſterien der Iſis und des Oſiris Eingeweihter.“ Und Mozart ſang wieder: D Iſis und Oſiris, ſchenket Der Weisheit Geiſt dem neuen Paar!“ Nut gaß geſe fort Zul zu run beid ſier blik der der ſo was dar Me klei übe der Du * Pu n ich ſeiner uber⸗ 165 In dieſer Weiſe ging es wetteifernd fort durch alle Nummern der Zauberflöte, wobei wir zu erwähnen ver⸗ gaßen, daß der Meiſter ſich bereits wieder zum Klavier geſetzt hatte und die bezügliche Begleitung ſpielte. Als die Sängerin ermüdete, tönte das Inſtrument fort; Mozart ließ ſeiner Phantaſie Raum, und die beiden Zuhörer bekamen eine jener wunderbaren Improviſationen zu hören, welche ſelbſt die kühlſten Naturen zur Bewunde⸗ rung hinriſſen. Und als er geendet, erhob er ſich, trat ſteif vor die beiden Freunde hin und ſagte, wie einſt Monſieur Depen⸗ ſier in der Schattenſpielbude:„Verehrungswürdiges Pu⸗ blikum! Sintemal auf dieſer Welt, Alles koſtet Geld, von der Equipage angefangen bis zur Weibsbagage, vom Pu⸗ der und der Pomade bis zum Kaffee und der Chokolade, ſo kann man auch kein Korzert, beim böhmiſchen Czert, was zu Deutſch der Teufel heißt, umſonſt produziren, darum heißt's brav ſchmieren. Schmier', Emanuel, großer Mann, und damit er Dich nicht beißen kann, ſo bind' den kleinen Pummerl an. Am Freitag iſt der Buße⸗Tag, wo über Wien kommt die neue Plag: Mozart und Schikane⸗ der, die Zauberflöte iſt von Leder! Als Papageno wirſt Du über die Bühne ſtreifen, und ſtatt Deiner, wird das Publikum pfeifen.“ Der Meiſter hätte vermuthlich ſeine Knittel⸗Impro⸗ viſation noch fortgeſetzt, wären nicht die mißgeſtaltete Kammerjungfer und Karlinger in die Stube getreten. Schikaneder beeilte ſich, ſeine neuen Gäſte zu em⸗ pfangen; die Baroneſſe und der junge Graf errötheten. Der Herr des Hauſes bat Alle, Platz zu nehmen und begann hierauf, ſich an die Baroneſſe wendend⸗ „Mademviſelle! der Herr Graf von Teichberg war ge⸗ ſonnen, Sie heute zu beſuchen; ich fand es zweckmäßi⸗ ger, Sie hieher zu bitten, um durch meine Einwirkung, Erklärungen herbei zu führen.“ Darauf erwiederte die Baroneſſe:„Ich hätte es lieber geſehen, Herr Direktor, die Erklärungen wären von ſelbſt gekommen.“ Scipio fühlte den verſteckten Vorwurf und ſagte: „Wenn ſie bisher zu kommen zögerten, ſo trug daran bloß die Ungewißheit über deren Aufnahme ſchuld.“ „Herr Graf, nach dem, was Ihnen meine ſchweſter, gegen meinen Willen, geſtand „Und nach dem,“ fiel Scipio ihr in's Wort,„was Ihnen Herr Mozart noch früher, ohne mein Wiſſen ver⸗ rieth, beſitzen wir keinen Grund, wegen der gegenſeitigen Zwillings⸗ Aufnahme der Erklärung in Unruhe zu ſchweben.“ „Bloß Herr Mozart? Hat Ihnen Herr Schikane⸗ der ſpäter nichts entdeckt?“ mit Sci nur den ein ihn Mo des bild Du altete em⸗ eten. men end: ge⸗ äßi⸗ ing, es ren as en „Was ſollte er mir entdeckt haben?“ fragte Scipio mit einer Miene, die an ſeine Unkenntniß nicht zweifeln ließ. „Und Ihnen, Herr Mozart?“ „Ich muß dieſelbe Frage thun, wie mein Freund Scipio. Bis zu dieſem Augenblicke weiß ich nicht, was nur einigermaßen geeignet wäre, mich über den Schritt, den Scipio zu thun geſonnen iſt, zu beruhigen. Ich bin ein g'rader Michel.“ „Und ich bin eine gerade Michelerin,“ unterbrach ihn die Kammerjungfer;„darum geſtehen Sie mir, Herr Mozart, warum beunruhiget Sie die Wahl Ihres Freun⸗ des? Bin ich nicht ſehr hübſch? Bin ich nicht eine ge⸗ bildete Perſon? Wegen des bischen Standesunterſchiedes? Du lieber Gott! dergleichen vergißt man bald!“ Mozart traute ſeinem Gehör nicht. Schikaneder und Karlinger brachen in ein unmäßiges Gelächter aus. Mozart und Scipio ſchauten abwechſelnd bald die Lachenden, bald wieder die mit faſt blöder Miene da ſiz⸗ zende Kammerjungfer an. Endlich rief der Meiſter:„Meiner Treu! jetzt bin ich im Zweifel....“ „Worüber denn, Brüderl?“ Ob wir die Narren ſind, oder ob Ihr es ſeid?“ — 168 „Ich möchte beinahe ſchwören, daß wir es nicht ſind!“ lachte Emamel. „Was geht d zieh' vom Leder!“ Jetzt wendete ſich die Kammerjungfer zu Scipio: „Welches, Herr Graf, iſt Ihre Anſicht, gegenüber der Befürchtung des Herrn von Mozart?“ „Ich behaupte, daß ſeine Furcht grundlos iſt, vorausgeſetzt, daß Sie mich ſo innig lieben, wie ich Sie liebe?“ a vor? Rede, Schikaneder, oder ich „Ob ich Sie liebe? Blicken Sie mich an, und überzengen Sie ſich, wie die Liebe mich verklärt!“ Sie erhob ſich raſch vom Sitze und ſtand anmuthig in ihrer wahren Geſtalt vor dem jungen Manne. Scipio, betroffen, überraſcht, wechſelte die Farbe; er wurde blaß und dann wieder glühend roth. Mozart war aufgeſprungen und blieb ſtarr in dieſer Stellung. Die Baroneſſe fuhr raſch fort:„Verzeihen Sie mir die Täuſchung, Scipio; die Liebe, die mich dazu vermocht, möge meine Fürſprecherin ſein. Ich ſah Sie in Gräz, ohne von Ihnen bemerkt zu werden, mein Herz entbrannte in Liebe zu Ihnen. Alles, was Sie, von dem Geſange im Weinberge angefangen bis jetzt, erlebten, war bloß er⸗ ſonnen worden, um mir Ihr Herz zu erobern. Ich, die lein Sin reiche, die unabhängige Baroneſſe Cäcilie von Helm, habe wochenlang körperlichen Zwang ertragen; habe mich ſelbſt zu einer Dienerin erniedriget, um meinen Zweck zu errei⸗ chen— können Sie nach all' dem noch an meiner Liebe zweifeln?“ Der junge Graf ſtand verblüfft, ſprachlos, vor Freude bebend, der Geliebten gegenüber; ſtatt der Ant⸗ wort bedeckte er ihre Hand mit glühenden Küſſen. Zetzt ergriff Mozart das Wort und ſagte:„Wäh⸗ rend der Herr Graf der ſchönen Baroneſſe Frühlings⸗ Handſchuhe von Küſſen verfertiget, will ich mit Dir, gro⸗ ßer Emanuel, Abrechnung halten. Du haſt uns aufſitzen laſſen...“ „Brüderl! Du biſt im Irrthum. Der Engel, den Du vor Dir ſiehſt, iſt es, der mit uns Allen Komödie ge⸗ ſpielt hat...“ „Ich täuſchte mich alſo mindeſtens darin nicht,“ rief Mozart,„daß Alles angelegt war.“ „In der Hauptſache jedoch biſt Du aufgeſeſſen. Gnädige Baroneſſe, jetzt werden Sie wohl den Gedanken, in ein Kloſter zu gehen, aufgeben?“ „Mein lieber Herr Direktor!“ antwortete das Fräu⸗ lein lachend,„dieſer Gedanke war mir gar nie in den Sinn gekommen.“ 1859. XIN. Die Zauberflöte. II. 11 170 „Oho!“ rief Schikaneder;„Sie haben alſo zur Abwechslung wieder mit mir Komödie geſpielt?“ „Ich war ſo frei.“ „Was aber hätten Sie gethan, wenn Ihr Drängen fruchtlos geblieben wäre?“ „Dann hätte ich eine weite Reiſe angetreten und meine Leidenſchaft zu bekämpfen geſucht. Ich wollte die Liebe Scipio's bloß durch meine geiſtigen Vorzüge er⸗ ringen, und ſpielte Va banque! Ich habe Alles gewagt und Gottlob! Alles gewonnen.“ „Nun, Freund Wolfgang, wie gefällt Dir dieſer Engel als Schauſpielerin?“ „Die gnädige Komteſſe beſitzt unſtreitig viel Talent, indeſſen bin ich doch noch neugieriger, ſie als Geſangkünſt⸗ lerin kennen zu lernen und den Lorelei⸗Geſang zu hören, welcher meinen glücklichen jungen Freund bezaubert hat.“ „Sie ſollen ihn hören, Meiſter!“ rief die Baroneſſe an das Klavier eilend. Nach einem kurzen Vorſpiel begann ſie eine Arie aus„Figaro“. Mozart erſtarrte... Die Töne zerriſſen ſein fein zugeſpitztes Gehör; das war nicht mehr Geſang, ſondern diſtonirendes Geheul. Die Baroneſſe produzirte ſich in derſelben Weiſe, wie ſie es als Eins⸗Fanny gethan. zur gen ind die er⸗ agt ſer nt, en, 1. eſſe rie ein ern iſe, Schikaneder, Scipio und Karlinger brachen in lau⸗ tes Gelächter aus. Mozart, welcher in der That gegen falſche Töne ſo empfindlich war, daß ſie ihm bei längerer Dauer Unwohlſein bereitet hätten, verhielt ſich beide Ohren, worauf die Baroneſſe innehielt, um mit unver⸗ ſtellter Stimme einen kunſtgerechten Geſang zu beginnen, der dem Gehör eben ſo wohl that, wie der frühere wehe. Die Züge des Meiſters verloren den Ausdruck des Schmerzes und begannen ſich nach und nach zu verklären; er lauſchte den Tönen mit immer ſteigenderem Wohlge⸗ fallen, bis er endlich entzückt ausrief:„Ach! nun erſt be⸗ greife ich, was ich früher nicht zu faſſen vermochte.“ „Was denn, Brüderl?“ „Wie man ſich in einen Geſang verlieben kann!“ „Beſonders wenn man ſo eine reizende Sängerin vor Augen hat!“ ſpottete Schikaneder. Der Nachmittag verflog der kleinen Geſellſchaft wie ein Traum— bis endlich Mozart das Geſpräch auf Scipio's Verwandte lenkte und die Meinung ausſprach „es müſſe jetzt eine Verſöhnung zwiſchen ihnen verſucht werden.“ „Das ſoll meine Aufgabe ſein!“ nahm das Fräu⸗ lein das Wort;„ich ſtehe für das Gelingen ein. Ich habe mit Allen mehr oder weniger Komödie geſpielt, am ſchlimmſten wird jedoch der alte Herr Graf wegkommen. 11* 172 Es thut mir herzlich leid um ihn, denn im Grunde ſeiner Seele iſt er ein guter alter Herr... indeſſen Noth kennt kein Gebot! Gelingt mir, was ich vorhabe, ſo gelobe ich hier feierlich, nie mehr Komödie zu ſpielen.“ „Bis auf die dreihundert Gaſtrollen in meinem Theater!“ fiel ihr Schikaneder in's Wort. „Theuerſter Herr Direktor!“ erwiederte die Baro⸗ neſſe,„ich bedauere, Ihrem Antrage nicht nachkommen zu können. Um das Herz eines geliebten Mannes zu erobern, hätte ich mit Vergnügen die Bühne betreten; nun aber, da ich meinen Zweck auf anderem Wege erreicht habe, wäre es frevelhaft, weitere Verheerungen in der Männer⸗ welt anzurichten und Siege ohne Zweck und ohne Nutzen zu erfechten.“ „Die herrliche Baroneſſe hat Recht!“ rief Mozart. „Doch wie ſteht es mit der Verlobung?“ „Sie wird nach der erſten Aufführung der Zauber⸗ flöte gefeiert werden!“ antwortete Scipiv. „An einem Freitage?“ „Es bleibt dabei!“ rief Schikaneder;„der Tag, an dem die Zauberflöte zum erſtenmal aufgeführt wird, kann nur ein Glückstag werden. Er wird und muß uns Allen Heil und Segen bringen. Friſch auf, die Gläſer zur Hand!“ ) er nt ch 173 „Den Toaſt werde ich ausbringen!“ rief Mozart; hob hoch das Glas und ſprach: „O Iſis und Oſiris, ſchenket Der Weisheit Geiſt dem neuen Paar! Die Ihr der Wanderer Schritte lenket, Stärkt mit Geduld ſie in Gefahr!“ „Der Toaſt gilt nicht!“ rief Schikaneder;„die Verſe ſind der Text zum Prieſterchor aus der Zauberflöte.“ „Ah!“ entgegnete Mozart,„Du wünſcheſt einen Original⸗Text! Sollſt ihn haben, Brüderl!“ Und das Glas abermals hebend, rief er: „Hoch die Flöte mit dem Zauber, Schikaneder iſt ein Rauber!“ Der große Emanuel ſchüttelte ſich vor Lachen. Die Geſellſchaft ging erſt ſpät auseinander. Prrizehutes Capitel. Der dritte und vierte Punkt des Handelsver⸗ trages werden erfüllt, wobei der eine kontra⸗ hirende Theil aus den Wolken fällt. Scipio's Verwandte waren faſt um dieſelbe Zeit wie Mozart nach Wien zurückgekehrt. Der alte Graf, dem die diesjährige Landreiſe höchſt unbequem erſchien, ſehnte ſich, wie noch nie, nach der Re⸗ ſidenz zurück, und kaum daſelbſt angekommen, ließ er den Agenten Karlinger holen, um nach der Kammerjungfer ſich zu erkundigen. Herr Karlinger, im Einverſtändniſſe mit der Baro⸗ neſſe, gab an, Fanny ſei auf den Wunſch der Baroneſſe von Helm auf wenige Tage nach der Steiermark gereiſ't, und werde gleich nach ihrer Rückkehr den gnädigen Herrn unverzüglich davon in Kenntniß ſetzen. Die letztere Zuſicherung beruhigte den alten Herrn. r d vie hſ de⸗ en er ſe rn Für den Fall einer Nachforſchung gräflicher Seits war beim Agenten die Vorſicht getroffen, die Kammer⸗ jungfer zu verläugnen. Auf dieſe Weiſe entzog ſich das Fränlein der Erfül⸗ lung der letzten Punkte des Handelsvertrages, bis die Er⸗ klärung Scipio's erfolgt war, worauf Herr Karlinger den alten Herrn von der angeblichen Rückkehr Fanny's ver⸗ ſtändigte, was einer indirekten Einladung zu einem Beſuche gleichkam. Daß der Graf damit nicht zögerte, verſteht ſich von ſelbſt. Sein Empfang von Seite der Kammerjungfer war eben ſo freundlich als ehrfürchtig. „Sie waren während meiner Abweſenheit ebenfalls verreiſt?“ mit dieſer Frage eröffnete der alte Herr die Unterhaltung. „Ein Wunſch meiner Wohlthäterin,“ lautete die Antwort,„zwang mich dazu; ich beſchleunigte jedoch meine Rückkehr.“ „Darf ich dieſe Beſchleunigung zu meinen Gunſten deuten?“ „Zur Hälfte, ja!“ „Und die andere Hälfte?“ „Galt meiner Zukunft.“ — „ zi„ —— 176 „Widerſtrebt es Ihnen, auch die zweite Hälfte mir zu überlaſſen?“ „Wie dürfte ich dergleichen wagen?“ „Sie unterſchätzen ſich, liebes Kind! Anmuth und Klugheit können Viel, können Alles wagen. Wie ſteht es mit unſerem Handelsvertrage? die beiden erſten Punkte ſind erfüllt.“ „Es bleiben nur noch der dritte und vierte übrig.“ „Ihre Geſinnung hat ſich alſo noch nicht geändert?“ „Dieſe Worte könnten mich kränken, gnädiger Herr! wenn mich der Ton, mit dem ſie geſprochen wurden, nicht beruhigte. Genöße ich die Ehre, von Ihnen voll⸗ kommen gekannt zu ſein...“ „Beunruhigen Sie ſich deßhalb nicht, liebes Kind; ich bin ein Menſchenkenner; ich ahnte ſchon bei der erſten Unterredung die Perle in der unanſehnlichen Muſchel.“ „Gnädiger Herr könnten mich eitel machen!“ „Werden Sie es immerhin; ein wenig Eitelkeit ziert, erſt das Zuviel wird lächerlich.“ „Kam Ihnen ſeitdem nie der Gedanke, ſich in mir täuſchen zu können?“ „Mit Ausnahme einer leichten Anwandlung von Ei⸗ ferſucht, nie!“ „Wie aber, gnädigſter Herr, wenn Sie am Ende die Entdeckung machten, daß ich keine Perle ſei?“ —„— — ————„—— mir ind es kte n rr! en, U⸗ en eit tir 177 „Ich beſorge keine ſolche Enttäuſchung!“ „Wenn Sie, ſtatt eines Kleinods, einen werthloſen Stein fänden?“ „Es ſoll meine Sorge ſein, ihm durch eine reiche Faſſung Werth zu verleihen.“ Der alte Herr wollte das Wort„Faſſung“ verſinn⸗ bildlichen; Fanny jedoch trat zwei Schritte zurück und ſagte lächelnd:„Ich kann den vierten Punkt des Ver⸗ trages nicht erfüllen, ſo lange Sie dem dritten nicht nach⸗ gekommen ſind.“ Der alte Herr zog im Bewußtſein ſeines Sieges ein Papier aus der Taſche und ſagte:„Hier übergebe ich Ihnen die ſchriftliche Zuſicherung, daß ich zu jeder ſtan⸗ desmäßigen ehelichen Verbindung meines Neffen meine Einwilligung gebe!“ Fanny durchlas das Dokument, nickte zufrieden ge⸗ ſtellt, verſchloß das Papier in einer Chatouille und ſagte: „Ich danke Ihnen, gnädiger Herr, für die getreue Erfül⸗ lung der Ihnen obgelegenen erſten drei Punkte unſeres Vertrages, und bin nun bereit, auch dem vierten nachzu⸗ kommen. Dieſer verpflichtet mich, nachdem Sie die erſten drei Punkte erfüllt, die Grenzen des Anſtandes zu beſei⸗ tigen und Ihnen das Gebiet der Vertraulichkeit zu er⸗ öffnen. Umarmen Sie mich, Herr Graf! küſſen Sie 178 mich; dem ehrwürdigen Onkel meines künftigen Gatten kann ich ſolche Vertraulichkeit nie verſagen.“ Der alte Herr blieb wie eingewurzelt ſtehen. „Was ſagten Sie da?“ fragte er mit halbgelähm⸗ ter Zunge. „Daß ich die Ehre haben werde, künftig Ihre Niéce zu ſein.“ „Sie meine Niéce?!“ „Wenn Scipio, Graf von Teichberg, Ihr Neffe i „Nicht bloß mein Neffe,“ verſetzte der Graf, ſeine Autorität wieder gewinnend,„ſondern auch mein Mün⸗ delu. „Das ſoll wohl heißen, gnädiger Herr, daß Sie ſich ſeiner Verbindung mit mir zu widerſetzen gedenken?“ „Ich bin es feſt entſchloſſen!. „Und die Zuſicherung, die Sie mir ſo eben ſchrift⸗ lich gegeben?“ „Ah! Sie haben ſich verrechnet! In jener Schrift iſt bloß von einer ſtandesmäßigen Verbindung die Rede.“ „In der That! ich bin doch recht vergeßlich... Ich verſäumte Ihnen zu ſagen, daß ich die Baroneſſe Cäcile von Helm bin.“ d ——— ne n⸗ ch t⸗ ft ie le 179 „Sie... die Baroneſſe von Helm?“ „Ihre Menſchenkenntniß hat Ihnen diesmal einen ſchlimmen Streich geſpielt, Herr Graf! Ich habe die Rolle der Kammerjungfer bloß übernommen, um das Herz Scipio's, den ich ſchon früher liebte, zu gewinnen.“ „Und Scipio?“ „Iſt gewonnen, und Sie, Herr Graf, beſitzen ein viel zu gütiges Herz, um etwas ſtören zu wollen, was Sie in der That nicht verhindern können. Ich bin reich und unabhängig, die Verbindung mit mir iſt eine ehrenvolle. Sie werden auch die Frau Gräfin milde ſtimmen und mich vergeſſen laſſen, daß ich außer dem bewußten Doku⸗ mente auch eine Ratifikation des Handelsvertrages in der Geſtalt einer Locke beſitze....“ „Schon gut, Baroneſſe, ſchon gut! Ich ſehe, daß ich in ein ſchlau geſtelltes Netz gerathen bin....“ „Herr Graf werden mir das Zeugniß geben, daß ich nichts gethan habe, ſie hinein zu locken.“ „Es iſt meine Schuld; ich war kurzſichtig genug und vergaß, daß man keiner Komödiantin trauen ſoll.“ Herr Graf,“ entgegnete das Fräulein ein wenig — verletzt,„wenn ich eine Komödie geſpielt habe, dann ſind Sie der gefoppte Alte darin. Sie thun alſo nicht wohl, mich eine Komödiantin zu ſchmähen.“ 180 „Sie werden aber doch zugeben, daß ich Urſache habe, gereizt zu ſein?“ „Heute entſchuldige ich dieſe Stimmung noch; hoffe jedoch, daß Sie bis Freitag einer verſöhnlicheren Platz ge⸗ macht haben wird.“ „Warum gerade bis Freitag?“ „Weil an dieſem Abende meine Verlobung mit Sci⸗ pio gefeiert wird. Es bleibt Ihnen überlaſſen, ob dieſer Akt in Ihrer Wohnung, bloß en famille, oder ob er ohne Sie, bei Einem unſerer Bekannten begangen werden ſoll? Im erſteren Falle bemerke ich, daß wir die Herren Mo⸗ zart und Schikaneder als Zeugen mitbringen werden.“ „Ich vermag in dieſem Augenblicke nichts darüber zu entſcheiden.“ „Es preſſirt nicht, Herr Graf!“ „Baroneſſe! ich ſcheide in Güte von Ihnen. Sie haben meine Schwäche zu ihrem Zwecke benützt, was zwar nicht großmüthig iſt; indeſſen, da es ſich um Ihr Glück handelt, will ich den Aerger darob unterdrücken. Wenn die Entſcheidung, bezüglich Ihrer Verlobung, nicht nach Ihrem Wunſche ausfallen ſollte, wird dieß— ich gebe Zhnen mein Ehrenwort— nicht meine Schuld ſein. Leben Sie wohl!“ Die Baroneſſe ergriff die Hand des Grafen und ———— 1—, ffe e⸗ ci⸗ ne 1* er ie ar ck in ſagte mit Gefühl:„Erlauben Sie der künftigen Niéce, Ihnen die verwandſchaftliche Huldigung darzubringen.“ Der alte Herr geſtattete den Handkuß nicht, ſondern zog ſie an ſich, küßte ihr die Stirne und ſagte: „Ich begrüße Sie als Niece! Wenn ich jedoch aufrichtig ſein ſoll, muß ich bekennen, daß Sie mir als Kammerjungfer Fanny viel reizender erſchienen.“ Nach dieſem, im ſcherzhaften Tone gemachten Ge⸗ ſtändniſſe ſchied er. Zwei Tage darauf erhielt Scipio von dem Oheim ein Schreiben folgenden Inhalts: „Mein Herr Neffe! Die briefliche Anzeige von Deiner bevorſtehenden Verlobung mit der Baroneſſe von Helm iſt uns zugekom⸗ men. Ich gebe Dir meine Einwilligung zu dieſer Verbin⸗ dung, obwohl ſie weder in meinem noch in Deiner Tante Wunſche lag. Letztere iſt zu einer Ausſöhnung nicht zu bewegen und legt auch meinem guten Willen Feſſeln an. Um Dich jedoch zu überzeugen, daß ich perſönlich keinen Groll hege, wirſt Du am Tage Deiner Verlobung die Schenkungs⸗ Urkunde über meine Beſitzung bei Gloggnitz erhalten. 182 Indem ich Dich erſuche, die Baroneſſe von Helm meiner verwandtſchaftlichen Gefühle zu verſichern, rathe ich Dir und Deiner Braut, Monate über den Zorn der Tante verſtreichen zu laſſen, bevor Ihr den Verſuch wagt, ſie verſöhnen zu wollen. Ich zeichne u. ſ. w.“ —„— N — Die erſte Aufführung der Zauberflöte. Am 28. September komponirte Mozart den Prie⸗ ſtermarſch und die Ouvertüre der Zauberflöte, und am 30. prangte an den Straßenecken Wiens der Zettel des Theaters im Freihauſe, die erſte Aufführung der Oper anzeigend. Die erſte Beſetzung der Oper an Schikaneder's Bühne war folgende: Saraſtro Tamino. Die Königin de Pamina. Erſte Zweite Dritte r Nacht.. Madame Hofer. Bietzehntes Capitel. Herr Gerl. Herr Schack. Demviſelle Gottlieb. Madame Gerl (Gattin des Baſſiſten). Demoiſelle Klöpfer. Madame Haſelböck. 3 184 Monoſtatos..... Herr Nenſeul. Papageno.... Herr Schikaneder. Papagena.... Madame Gerl. Erſter... DDelle Nanni Schikaneder. Zweiter; Knabe... Franz Maurer. Dritter. Hhandelgruber. Sprecher. Herr Joſef Schuſter. Erſter 1 berr Weiß. 3 Henn Stahe d. ä. Sklaben; Stnaſſer. Trittenwein. Sämmtliche Dekorationen neu von Herrn Gail, Vater.— Maſchinen vom Theatermeiſter Helmböck d. ä., Koſtüme vom Garderobier Thaler. Der Name Mozart auf dem Zettel und bereits zir⸗ kulirende günſtige Urtheile über die Kompoſition hatten die Erwartungen hoch geſpannt, das Haus war daher in allen Räumen überfüllt. Schikaneder trug die Uiberzeugung des Erfolges in ſich— Mozart dagegen bloß die, ein tüchtiges Stück Ar⸗ beit, wie er ſich ausdrückte, geliefert zu haben. „Den Wienern,“ ſagte er,„hat mein Don Zuan nicht gefallen, es iſt daher wahrſcheinlich, daß ſie auch an er bl ch A ſt (6) 8 [7) — q1 if 185 der Zauberflöte eine zu harte Nuß finden. Zum Glück iſt Wien nicht die einzige Stadt in der Welt!“ Als der Meiſter am Klavier Abends erſchien, wurde er. er mit Händeklatſchen empfangen. Ihm zur Seite ſetzte ſich Süßmayer, um das Um⸗ blättern der Partitur zu beſorgen. Kapellmeiſter Henneberg verſah das Glockenſpiel. Man mag daraus die Sorgfalt erkennen, mit wel⸗ cher die Novität eingeſchult und in die Scene geſetzt wor⸗ den war. Die herrliche Ouvertüre begann, Todtenſtille im Auditorium. Die wenigen Kenner lauſchten, je nachdem ſie zu den il, Freunden oder Feinden des Kompoſiteurs zählten, mit ſtummem Wohlgefallen oder mit Spott in den Mienen. Die Maſſe des Publikums war verblüfft. Muſik und Text boten für die damalige Zeit ſo viel des Ungewöhnlichen, daß die Oper am erſten Abende in Schritt für Schritt ſich den Beifall erkämpfen mußte. Im erſten Akte hielt man ſich bloß an die faßlichen in Stellen; als der Vorhang das erſtemal fiel, war die Auf— r⸗ nahme ſo lau, ſo unentſchieden, daß Mozart aufgeregt auf die Bühne lief und zu Schikaneder klagte:„Die Oper m iſt verloren! Du wirſt ſehen, ſie geht verloren!“ n Papageno faßte die Hand des verzagenden Kompo⸗ 1 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 12 186 ſiteurs und tröſtete ihn:„Ich ſage Dir aber, ſie geht nicht verloren; ich kenne die Wiener beſſer!“ Der Direktor erhielt Recht. Im zweiten Akte wich die Stille allmälich dem Beifall, dieſer wurde von Nummer zu Nummer wärmer und lauter, und ging zuletzt in den glühendſten Enthuſias⸗ mus über. Als der Vorhang fiel, erdröhnte das Haus von Beifall— man rief den Kompoſiteur. „Mozart! Mozart! Mozart!“ Er iſt aus dem Orcheſter verſchwunden— auf der Bühne findet man ihn ebenfalls nicht. Ze ſtürmiſcher das Publikum nach ihm verlangte, deſto größer wurde oben die Verwirrung; denn Alle, vom Direktor bis zum letzten Arbeitsmann ſuchten Mozart, und Keiner fand ihn. Endlich entdeckte ihn Schikaneder in dem Requiſit⸗ tenkänmerchen, wo er ſich verſteckt hatte. Der große Emanuel trug den ſich Sträubenden auf die Bühne, ließ den Vorhang aufziehen, und das Publi⸗ kum huldigte dem Meiſter. Trotz der lauen Aufnahme des erſten Aktes war der Erfolg der Zauberflöte doch ein ſo durchgreifender, daß die zweite und die folgenden Vorſtellungen bei ausverkauf⸗ tem Hauſe ſtatt fanden. Wi S zu Ur di B eht em ter 6. on 187 Nach der Vorſtellung war Souper bei Schikaneder, wozu die Kapellmeiſter, ſowie die erſten Sänger und Sängerinnen geladen waren. Auch Konſtanze konnte die heutige Einladung nicht zurückweiſen. Sie und Mozart erhielten die Ehrenplätze ange⸗ wieſen. Zur Linken des ſiegreichen Meiſters ſaß die Ba⸗ roneſſe von Helm, und neben dieſer Graf Scipio von Teichberg. Papageno⸗Schikaneder machte die Honneurs und verkündete gleich beim Beginn des Soupers, daß die Feier der Zauberflöte zugleich eine Verlobungsfeier ſei. „Und was für eine Verlobungsfeier!“ ſetzte Mozart hinzu;„Stanzerl, wenn ich Dir dieſe Geſchichte erzählen werde, wirſt Du erſt zur Einſicht gelangen, was für ein Pfiffikus Dein Mandl iſt!“ Die Tafelmuſiker bekamen die Weiſung, lauter Mo zart'ſche Muſik zu ſpielen. Kein Mißton ſtörte die Freude des Abends; Froh⸗ ſinn und Heiterkeit machten die Stunden dahin rauſchen, und als man ſich um drei Uhr Morgens trennte, waren die Baroneſſe von Helm und Scipio Graf von Teichberg Braut und Bräutigam. 188 Wenige Tage ſpäter reiſſten die Liebenden nach Gräz, zur Generalin von Mannsfeld ab, und die Ver⸗ mählung wurde im Oktober zur Weinleſezeit in demſelben Weingartenhauſe gefeiert, wo die Baroneſſe vor einem Jahre ihren Mozart'ſchen Geſang ertönen ließ. Die Gräfin Tante blieb unverſöhnlich bis an ihr Lebensende; zu ihrem eigenen Aergerniſſe mußte ſie dem Geſichtslack, der mit Taubenkoth beſtrichenen Nachtmaske, der weißen und rothen Schminke bald Valet ſagen, das heißt, ſie ſtarb, und der alte Graf konnte ſeine Verſöhn⸗ lichkeit noch mehr dadurch manifeſtiren, indem er Scipio zum Univerſalerben einſetzte. Das junge, fortan glückliche Paar nahm ſeinen blei⸗ benden Wohnſitz in Marburg. Ungefähr zwei Monate nach der erſten Aufführung der Zauberflöte erſchien des Nachts ein Mann in der Wohnung Schikaneder's und verlangte ihn in dringender Angelegenheit zu ſprechen. Der Theaterdirektor erkannte den Schattenſpieler, Monſieur Depenſier. „Mein Anblick überraſcht Sie?“ „Ich kann's nicht läugnen; im Sommer hieß es, Sie ſeien von der Polizei geſucht und nicht gefunden worden.“ — — /2) — * 189 „Ich befinde mich auch bloß auf der Durchreiſe, und ſuchte Sie nur auf, um unſer Geſchäft zu ordnen.“ „Ich habe nichts dagegen einzuwenden; gegen das Schuldenzahlen iſt kein Kraut gewachſen, vorausgeſetzt, daß man ein ehrlicher Mann bleiben will.“ „Die Oper thut ihre Schuldigkeit?“ „Und wie!— Mozart's Muſik iſt genial, die Aus⸗ ſtattung prächtig— „Und die Tendenz? „Das überſpannte Volk riecht Maurerei heraus.“ „Laſſen Sie es riechen! vielleicht raucht ihm nach einiger Zeit noch was Aergeres in die Naſe. Bringen wir das Geſchäft in Ordnung!“ Schikaneder zahlte den erhaltenen Vorſchuß; die beim Abſchluß des Vertrages gewechſelten Schriftſtücke wurden wieder zurückgenommen. „Nun, ſind wir in der Ordnung?“ „Vollkommen! Leben Sie wohl!“ „Monſieur Depenſier!“ „Was wünſchen Sie noch?“ „Möchten Sie mich nicht aufklären...“ „Worüber?“ „Uiber die Beweggründe, die Sie veranlaßten, eine ſo bedeutende Summe dieſem Opernſtoffe zu Liebe auf das Spiel zu ſetzen?“ . 190 „Jetzt nehme ich keinen Anſtand, Ihnen das Ge heimniß zu enthüllen, denn die tiefſte Verſchwiegenheit liegt in Ihrem eigenen Intereſſe. Die Handlung der Zauberflöte iſt die allegoriſche Darſtellung der Revolution in Frankreich, vom Standpunkte der Illuminaten. Das Publikum ahnet bereits den gehei men Sinn, daher ſein Intereſſe für die Oper. Eine ge druckte Aufklärung wird ſpäter folgen, bis die Oper auf den meiſten deutſchen Bühnen gegeben ſein wird.“ „Illuminaten? was für Vögel ſind das?“ Monſieur Depenſier bewunderte im Stillen des Theaterdirektors politiſche Unſchuld und antwortete:„Da Sie von dieſer Thiergattung noch nichts gehört haben, ſo rathe ich Ihnen, um Ihrer Ruheliebe zu frommen, ſich darüber lieber gar nicht zu unterrichten. Leben Sie wohl!“ „Chriſtof!“ „Befehlen, Euer Gnaden?“ „Mein Sonper!“ e uf es Da ℳ Rachspiel. Des Meiſters Heimgang. Das Jahr 1791 ſollte Mozart's Sterbejahr werden. Bereits ſeit ſeiner Rückkehr von Prag unwohl, voll⸗ endete er trotzdem die Zauberflöte, und nahm dann das Requiem in die Hand. Die außerordentliche Anſtrengung der letzten Mo⸗ nate, die ſchwermüthige Stimmung, in welche ihn die Beſchäftigung mit der Seelenmeſſe verſetzte, zehrten an ſeiner Kraft und bahnten der Krankheit den Weg. Der von Konſtanze zu Rathe gezogene Arzt befahl ihr, das Komponiren des Requiem mit allem Ernſte zu verhindern. Das geſchah denn auch. Da nahte der 15. November, an welchem die neue Freimaurerloge zur„gekrönten Hoffnung“ eröffnet wer⸗ den ſollte. 192 Mozart, ein Mitglied der Loge„zur wahren Ein ſte tracht“, unter den Eingeweihten als eifriger Maurer be— m kannt, komponirte für das Eröffnungsfeſt der neuen Loge un die„kleine Freimaurerkantate“, die letzte Arbeit, welche er vollendete!*) ch Die gelungene Aufführung des Muſikſtücks, der Ar große Beifall, den die Brüder ihr ſpendeten, regten S ſeinen Geiſt auf, verliehen ihm friſche Elaſtizität; er ve wurde munterer, die Schwermuth ſchien ihm Lebewohl ge⸗ m 1 ſagt zu haben. Dieſer glücklichen Veränderung froh, glaubte Kon⸗ ſck In der„Viener Zeitung“ von 25. Jänner 1792 lieſt ch man folgende Ankündigung:„Verehrung und Dankbarkeit gegen zů den verewigten Mozart veranlaßten eine Geſellſchaft Menſchen⸗ freunde die Herausgabe eines Werkes dieſes großen Künſtlers zum ke Vortheile ſeiner hilfsbedürftigen Witwe und Waiſen anzukündigen— 9 eines Werkes, das man billig ſeinen Schwanengeſang nennen al kann, das er mit der ihm eigenen Kunſt bearbeitet und deſſen Aufführung er zwei Tage vor ſeiner letzten Krankheit im Kreiſe ſeiner Freunde ſelbſt dirigirt hat. Es iſt eine Cantate auf die Einweihung einer Freimaurerloge in Wien, deren Vorte die Ar⸗ gt beit eines Mitgliedes derſelben ſind.“— Die Partitur mit dem Originaltert erſchien in Vien bei Joſ. Hraſchanſty, unter dem B Litel:„Mozart's letztes Meiſterſtück“, eine Cantate, ge⸗ de geben vor ſeinem Tode im Kreiſe vertrauter Freunde. Später, 5 nach Aufhebung der Freimaurerlogen, wurde der Muſik ein Text: 3 „Das Lob der Freundſchaft“ unterſchoben. V in be⸗ oe eit, der ten er on⸗ lieſt gen hen⸗ zum 122. nen ſſen eiſe die Ar⸗ em em ge⸗ ter, t: 193 ſtanze, ihm die verlangte Partitur des Requiem nicht mehr verſagen zu dürfen, und der Meiſter ſetzte nun die unterbrochene Arbeit mit um ſo größerem Eifer fort. Doch die Hoffnung auf die Dauer dieſes glückli⸗ cheren Zuſtandes ſchwand bald, nur zu bald! Mit der Arbeit am Requiem kehrte die Schwermuth wieder, die Schwäche nahm wie im Fluge zu; ſchon der 20. No⸗ vember zwang ihn, das Bett zu hüten, von dem er nicht mehr erſtehen ſollte. Hände und Füße wurden ſchwer und begannen zu ſchwellen. Doktor Cloſet, der ihn behandelte, diagnoſirte ein rheumatiſches Fieber und befürchtete eine Gehirnent⸗ zündung. Konſtanze wich nicht vom Lager des theuren Kran⸗ ken und ſuchte ihn durch die liebevollſten Tröſtungen aufzurichten. Zur Zeit ſeiner Erkrankung befand ſich der Meiſter in traurigen Verhältniſſen, allein die Zukunft lächelte ihn golden an. Von Peſth und Amſterdam waren von Kunſthändlern Beſtellungen auf periodiſche Lieferungen eingegangen; mit der Prager Bühne hatte er für eine Oper abgeſchloſſen; das Furore der Zauberflöte öffnete ihm jedes Theater. Welche glänzenden Anſichten! der Anwartſchaft auf die 194 Domkapellmeiſter⸗Stelle nicht zu gedenken; dabei ein lie— bes Weib und zwei unmündige, unverſorgte Kinder vor Augen, er ſelbſt erſt 35 Jahre alt. Man kann ſich vor⸗ ſtellen, wie bitter dem armen Meiſter der Gedanke an den Tod kam— an den Tod, den er kommen fühlte. „Gerade jetzt,“ klagte er öfter,„gerade jetzt ſoll ich fort, da ich ruhig leben könnte! Zetzt meine Kunſt ver laſſen, da ich nicht mehr als Sklave der Mode, nicht mehr von. Spekulanten gefeſſelt, den Regungen meiner Empfin dungen folgen, frei und unabhängig ſchreiben könnte, was mein Herz mir eingibt! Ich ſoll fort von meiner Familie, von meinen armen Kindern, in dem Angenblicke, da ich im Stande geweſen wäre, für ihr Wohl beſſer zu ſorgen!“ Wen hätten dieſe und ähnliche Klagen nicht auf's Tieſſte erſchüttert? Und ſelbſt in dieſen letzten Lebenstagen, wo ſchon der Todeswurm an ſeinem Herzen nagte, wich der Ge danke an das Requiem nicht aus ſeinem Kopfe— deſſen Vollendung war ſein eifrigſter Wunſch. „Siehſt Du, ſiehſt Du, Stanzerl,“ ſagte er weh⸗ müthig,„ich habe Dir's oft genug geſagt, ich ſchreibe das Requiem für mich!“ Und von einem Gedanken erfaßt:„Stanzerl, ich kann keine Feder mehr führen, aber da drinn iſt's noch lebendig, in meinem Kopfe wirbeln noch Gedanken herum. lie⸗ vor or⸗ den 195 Das Requiem muß vollendet werden; iſt's auch eine an⸗ dere Hand, die es ſchreibt, iſt's auch ein anderer Kopf, der dabei denkt, ich will ihm meine Gedanken mittheilen, mein Geiſt ſoll auch in dem, was noch nachkommt, fort⸗ wehen... Schick nach Süßmayer, er muß arbeiten, ſo lang' ich denken kann.“ Die arme Frau willfahrte auch dieſem Wunſche des Gatten. Der Schüler, mit dem Stift in der Hand, verbrachte nun mauche Stunde am Lager des kranken Meiſters, und nahm mit mühevollem Eifer die letzten Ausſtrahlungen des bewunderungswürdigen Geiſtes in ſich auf. Die Schwäche mehrte ſich von Stunde zu Stunde; ſein Gefühl und beſonders das Gehör wurden ſo empfind— lich, daß ein Kanarienvogel, ſein Liebling, ſogar aus dem Nebenzimmer entfernt werden mußte, weil deſſen Geſang ihn afficirte. Sofie, Konſtanzens jüngere Schweſter, die bei ihrer Mutter auf der Wieden wohnte, kam täglich zu Beſuche, um ſich nach dem Befinden des kranken Schwagers zu erkundigen. „Ah! da ſind Sie ja!“ ſprach Mozart ſie eines Tages an(es war der 4. Dezember);„heute bleiben Sie bei mir; Sie müſſen mich ſterben ſehen!“ Das Mädchen that ſich Gewalt an, um nicht in 2 5 S — 196 Thränen guseie und eet mit erzwungener Heiterkeit:„Sie machen mir kicht bange! Sie werden noch die Güte haben, mich konlden Faſching auf die Redoute zu führen; das Sterben laſſen wir zu allerletzt!“ „Ja!“ murmelte Mozart,„wenn ich xicht vergiftet worden wäre! Sie werden es ſehen, ich ſterbe. ich habe ſchon den Todtengeruch auf der Zunge, ich rieche den Tod! Wer würde meiner armen Konſtanze beiſtehen, wenn Sie nicht blieben!“ Sofie verſprach, ſogleich wieder zu kommen, ſie wolle nur für die Mutter daheim einige Einkäufe be⸗ ſorgen. Etwas ſpäter rief Mozart ſeine Frau zu ſich und ſagte zu ihr:„Liebe Stunzerl bei dem Auftrage, den ich Dir jetzt ertheile, rechne ich auf Dein treues Herz und auf Deine Gewiſſenhaftigkeit. Du wirſt wenn ich mei⸗ nen Tod ſo lange geheim halten, bes Albrechtsberger um die mir gewordene Anwartſchaft auf die Domkapellmeiſters⸗ Stelle eingekommen ſein wird; ich habe dieß mit ihm be⸗ reits beſprochen, ihm gebührt vor Gott und der Welt mein Dienſt!“ Die weinende Gattin verſprach, den Auftrag zu er⸗ füllen, und hielt Wort; Albrechtsberger erhielt die An⸗ wartſchaft und im folgenden Jahre, als ſnpellneſer Hoffmann ſtarb, die Stelle. bej mi La ſin fri de an du m di v ſet ener rden die tzt!“ iftet habe od! Sie ſie be⸗ und ich auf nei⸗ um ers⸗ be⸗ belt er⸗ An⸗ ſter 197 Um die Mittagszeit glaubte Mozart ſich etwas beſſer zu fühlen; mehre Freunde waren zu Beſuche er⸗ ſchienen. „Kinder,“ ſagte er zu den Anweſenden,„wollt Ihr mir eine Freude bereiten?“ Alle drängten ſich um ſein Lager.„So laßt uns,“ fuhr er fort,„mein Requiem ſingen.“ Niemand wagte eine Einwendung; ſie wäre ohnedies fruchtlos geblieben. Man reichte dem Sterbenden die Partitur. Schack ſang Sopran; Hofer, Mozart's Schwager, den Tenor; Gerl Baß, und der todtkranke Meiſter die Altſtimme. Die Wirkung dieſer Kompoſition, zu dieſer Stunde, an dieſem Orte, war eine erſchütternde! Die drei Männer fühlten Todesſchauer ihre Adern durchrieſeln; als ſie zu den erſten Takten des„Lacry- mosa“ gelangten, fing Mozart heftig zu weinen an, legte die Partitur bei Seite und— eilf Stunden ſpäter war er todt! Er ſtarb am 5. Dezember um Ein Uhr Morgens. Bis zwei Stunden vor dem Tode behielt er ſeine volle Befinnung; ſeine letzte Bewegung war ein Aufbla⸗ ſen der Backen und ein Ausdruck des Mundes, der erken⸗ nen ließ, daß er Paukenwirbel ausdrücken wolle. ,„ F 7 7 5 4 1 — — — — —* 198 Der ſchon im Fluge begriffene Geiſt klammerte ſich an das Requiem feſt. Nun begann der Jammer der Zurückgebliebenen. Konſtanze warf ſich auf die Leiche, umklammerte ſie und konnte nur mit Mühe losgewunden werden. Dieſer ſchauervollen Nacht folgte ein noch fürchter⸗ licher Tag! Die Freunde des Verblichenen ſtrömten herbei und erfüllten die Wohnung mit ihrem Jammer. Die Rauhenſteingaſſe ſtrotzte von Leidtragenden. Schikaneder ging in Verzweiflung herum und rief: „Sein Geiſt verfolgt mich allenthalben, er ſteht mir im⸗ mer vor den Augen!“ Konſtanze warf ſich in des Verſtorbenen Bette, wollte ſeine Krankheit erben und ihm im Tode folgen. Baron van Swieten, der zeitlich am Morgen ſich einfand, um mit ihr zu weinen, ließ die arme Frau zu Herrn Bauernfeind, Schikaneder's Compagnon, bringen. Sie verfiel in der That in eine Todeskrankheit, von welcher ſie jedoch genas. Der Meiſter war noch nicht zur Erde beſtattet, ſo erſchien auch ſchon der geheimnißvolle Bote und verlangte das Requiem. Als die kranke Witwe ihn erblickte, rief ſie:„Das iſt hal Si alle wa in! We St ver lers öffe Be Lar wei imr — 199 ſich iſt das Gift, welches mein ſeliger Mann bekommen zu haben wähnte!“ F. Nichts deſto weniger gab ſie ihm die unvollendete Partitur, eine getreue Kopie für ſich behaltend, die von Süßmayer nach des Meiſters Angaben vollendet wurde. Von dieſem Augenblicke verſchwand der Bote, und 4 alle Mühe, den geheimnißvollen Beſteller zu erforſchen, war vergebens! Erſt zehn Jahre ſpäter, als der Muſikalienverleger in Leipzig die Witwe um ihre Partitur erſuchte, da das Werk ohnedieß bekannt genug ſei, glaubte ſie, damit der ef: Stich nach der beſten Kopie geſchähe, die Partitur nicht m⸗ verweigern zu ſollen; da erſchien der Wiener Advokat Sortſch als Bevollmächtigter des geheimnißvollen Beſtel⸗ te, eers und erhob Beſchwerde gegen die widerrechtliche Ver⸗ öffentlichung des Requiems. ich Bei dieſer Gelegenheit lüftete ſich der Schleier; der zu Beſteller war Graf von Wallſegg, damals auf ſeinem n. Landgute Stuppach in Unteröſterreich wohnhaft. on Uiber die Miſere, daß man des Meiſters Grab nicht weiß, decken wir den Schleier des Erbarmens; unſere ſo Aufgabe endet mit ſeinem Heimgang. te Wollt ihr ſeinen frühen Tod beweinen, thut es immerhin; vergeßt aber nicht, daß er dadurch den Hin⸗ fälligkeiten des Alters entging. 200 So wie Schiller, trat er gerüſtet und geharniſcht auf den Schauplatz, und verließ ihn im vollen Waffen⸗ ſchmuck wieder!!— Die Tochter des Lichtes. Der bühnliche Erfolg der großartiger. Im Oktober 1791 vierundzwanzigmal aufgeführt, brachte ſie dem großen Emanuel 8443 fl. 20 kr. Münze in die Kaſſe— eine Summe, die ſich in den beſchränkten Räumlichkeiten des Theaters im Freihauſe, bei den da⸗ mals billigen Eintrittspreiſen, kaum höher erſchwin⸗ gen ließ. Mozart dirigirte nur die drei erſten Vorſtellungen am Klaviere; Süßmayer ſaß ihm jedesmal zur Seite, um die Blätter der Partitur umzuwenden. Von der vierten Vorſtellung an vertrat der Schüler die Stelle des Meiſters. Am 20. November 1792 zum dreiundachtzigſten⸗ male gegeben, ließ Schikaneder aus Spekulativn zum „hundertſtenmale“ auf den Theaterzettel drucken; eben ſo wurde am 22. Oktober 1795 die Einhundert und fünf⸗ unddreißigſte Vorſtellung als die Zweihundertſte an⸗ gekündigt. auberflöte“ war ein „ Em den der Gel erb Gr zu Ret Gö ſei Be mer M Er ſter vor dig 18 ſcht en⸗ ein rt, nze ten da⸗ in⸗ en ite, ler um en nf⸗ 201 Der glänzende Erfolg der Zauberflöte veranlaßte Emanuel, ſpäter einen zweiten zu ſchreiben, unter dem Titel:„Das Labyrint, oder der Kampf mit den Elementen“, wozu Winter die Muſik lieferte. Dieſe Oper lue jedoch nie populär und hat ihren Geburtsabend nicht lange überlebt. Mit der Zauberflöte eröffnete Schikaneder ſein neu⸗ erbautes Theater an der Wien, als deſſen eigentlicher Grundſtein dieſe Oper durch ihren unerhörten Erfolg zu betrachten iſt. So wie für Schikaneder wurde ſie zum ettungeanter mancher anderen Direktion. Was den Text ſe Zauberflöte betrifft, ſo ſagte einſt Göthe von ihm:„Es gehöre mehr Bildung dazu, ſeinen Werth zu erkennen, als ihn abz zuläugnen. Bekanntlich befindet ſich in Göthe's Werken das Frag⸗ ment einer Fortſetzung der Zuuberflite und daß es dem Meiſter mit dem Verwerthen dieſer Dichtung vollkommen Ernſt war, beweiſ't ein Brief aus Weimar vom 24. Jänner 1796 an den damaligen k. k. Hoftheater⸗Orche⸗ ſter⸗Direktor Paul Wranitzky folgenden Inhaltes: „Aus beiligendem Aufſatz werden Sie ſehen, was von dem Texte der Oper, nach welcher Sie ſich erkun⸗ digen, erwartet werden kann.“ „Ich wünſche, bald Nachricht von Ihnen zu hören, ob der Theaterdirektion meine Bedingungen angenehm 1859. XIX. Die Zanberflöte. II. 13 202 ſind? da ich dann bald Anſtalt machen würde, meine Ar⸗— beit zu vollenden.“ mei „Es ſollte mir ſehr angenehm ſein, dadurch mit ei⸗ nem ſo geſchickten Manne in Connexion zu kommen.“ beke 3„Ich habe geſucht, für den Komponiſten das wei⸗ De teſte Feld zu eröffnen und von der höchſten Empfindung hin bis zum leichteſten Scherz mich durch alle Dichtungs⸗ eine arten durchzuwinden.“ Eff „Ich wünſche, indeſſen recht wohl zu leben.“ dur „J. W. von Göthe.“ ber „Der große Beifall, den die„Zauberflöte“ erhielt, 3 und die Schwierigkeit, ein Stück zu ſchreiben, das mit ihr bele wetteifern könnte, hat mich auf den Gedanken gebracht, wo: aus ihr ſelbſt die Motive zu einer neuen Arbeit zu neh⸗ men, um ſowohl dem Publiko auf dem Wege ſeiner Lieb⸗„de haberei zu begegnen, als auch den Schauſpielern und des Theaterdirektionen die Aufführung eines neuen und kompli⸗ Ge cirten Stückes zu erleichtern.“ „Ich glaube, meine Abſichten am beſten erreichen zu können, indem ich einen zweiten Theil der„Zauberflöte“ nitz ſchreibe; die Perſonen ſind alle bekannt, die Schauſpieler in auf dieſe Charaktere geübt, und man kann ohne Uiber⸗ dur treibung, da man das erſte Stück ſchon vor ſich hat, die zi Situationen und Verhältniſſe ſteigern und einem ſolchen von —— ei⸗ g s⸗ Stücke viel Leben und Intereſſe geben. In wieferne ich meine Abſicht erreicht habe, muß die Wirkung zeigen.“ „Damit dieſes Stück ſogleich durch ganz Deuſchland bekannt werden könnte, habe ich es ſo eingerichtet, daß die Dekorationen und Kleider der erſten„Zauberflöte“ beinahe hinreichen, um auch den zweiten Theil zu geben; wollte eine Direktion mehr darauf verwenden, ſo würde der Effekt noch größer ſein, ob ich gleich wünſche, daß ſelbſt durch die Direktionen die Erinnerung an die erſte Zau⸗ berflöte immer gefeſſelt bliebe.“ „J. W. v. Gvethe.“*) Was die Idee, die Tendenz der Zauberflöte an⸗ belangt, ſo iſt darüber viel ſpintiſirt und gegrübelt worden. Ein Theil fand in der Oper als pvetiſchen Faden „den ſicheren Gang des Eingeweihten durch die Irrſalen des Lebens und neben ihm das zufriedene Fortkriechen der Gemeinheit“; Andere wieder ſahen darin eine Apologie *) Die Adreſſe dieſes Briefes lautete:„An Herrn Paul Wra⸗ nitzty, Kompoſiteur und Direktor des k. k. Orcheſters, wohnhaft in der Kärthnerſtraße Nro. 1042, 3. Stock, in Wien.“ Wranitzky, durch mehre Inſtrumentalmuſiken, ſo wie durch eine Oper:„Obe⸗ ron“ in der muſikaliſchen Welt vortheilhaft bekannt, beabſichtigte den zweiten Theil der Zauberflöte zu komponiren, ſcheint jedoch von der Direktion dazu nicht aufgemuntert worden zu ſein. 13* 204 des Freimaurerordens:„den Kampf der Weisheit mit der Tugend— der Tugend mit dem Laſter— des Lichtes mit der Finſterniß.“ Du lieber Himmel! das Alles wäre recht hübſch, wenn man auch nur erklären würde, wie Schikaneder, der in allen Weltbegebenheiten bis zur Lächerlichkeit unwiſſende Schikaneder, wie er im Stande geweſen, derlei ſubtile, ſeinem Naturell und Wiſſen ſo entſchieden entgegenſtrebende Tendenzen zu verſolgen und durchzuführen? Wie will man es vereinbaren, daß ein Dichter, deſſen ſchwunghafte Phantaſie in Plan und Stoff ſo hohes Ziel verfolgt, daß derſelbe Dichter in demſelben Werke, Verſe niederſchreiben ſollte, wie z. B.: „Ein Weib thut wenig, plaudert viel, Du Jüngling glaubſt dem Zungenſpiel;“ oder:„Der Arme darf von Strafe ſagen, Denn ſeine Sprache iſt dahin!“ Schreiber dieſes ſprach vor ungefähr zwölf Jahren mit den Herren Gyrowetz, Meisl und Demviſelle Gottlieb(der erſten Pamina⸗Sängerin) über dieſes Thema, bei Gelegenheit einer Reprieſe des„Don Juan“ im Theater an der Wien. Meisl meinte, Blumauer ſei der Erſte geweſen, welcher der Zauberflöte maureriſche Tendenzen unterſchob, wo nic der bor nit tes 6 der ide le, ide es ke, en lle es n 0 n, b, 205 woran Schikaneder ganz gewiß niemals dachte und auch nicht gedacht haben konnte. „Man mag einweinden, was man will,“ verſetzte der greiſe Gyrowetz,„etwas liegt denn doch darin ver⸗ borgen.“ „Vielleicht,“ erlaubte ich mir zu bemerken,„ hat man Schikaneder's notoriſche Unwiſſenheit in dergleichen Din⸗ gen mißbraucht und ihm einen Stoff in die Hände gege⸗ ben, deſſen Tendenz er nicht durchſchaute.“ Hierauf erwiederte das greiſe Fräulein Gottlieb: „Ich erinnere mich, daß man damals davon ſprach, Schi⸗ kaneder ſei nicht der alleinige Verfaſſer der Zauberflöte!“ Dieſe Aeußerung ſchien mir intereſſant genug, ſie im Gedächtniſſe zu bewahren. Mehre Jahre ſpäter fiel mir die bereits oben er⸗ wähnte Brochüre in die Hände. Die Enthüllungen, welche darin über die Tendenz der Zauberflöte und über deren Inhalt gemacht werden, ſind derartige, daß man annehmen kann, Schikaneder habe mit der ſtofflichen Anlage des Stückes nur inſoferne zu ſchaffen gehabt, als er mit dem Gebotenen bühnengemäße Aenderung vornahm. Dieſe Annahme trägt wohl den Charakter der Will⸗ tühr an ſich, iſt jedoch berechtigt, in einem Romane, wie wir es gethan, als Faktum hingeſtellt zu werden. 206 Die bezügliche Stelle in der erwähnten Brochüre iſt an und für ſich ſo merkwürdig, daß ſie hier, ihrem vollen Juhalte nach, wiedergegeben zu werden ſelbſt dann ver⸗ diente, wenn ſie auch nicht das Motiv zu einem Theile dieſer Erzählung bildete. Sie lautet: „Beſonders bemühte man ſich, mit einer Art von Leidenſchaft, die Aufmerkſamkeit vieler Menſchen, haupt⸗ ſächlich der Zünglinge, auf die Begebenheiten von Frank⸗ reich zu ziehen. Kupferſtecher, Künſtler aller Art mußten das ihrige dazu beitragen. Auf den Theatern gab es un⸗ zählige Allegorien, die nur die Unterrichteten verſtehen konnten.“ „Das geheimnißvolle Weſen, das man dabei affek⸗ tirte, war wiederum Plan, denn die Führer und Leiter des Ganzen wußten ſehr wohl, daß alles Geheimnißvolle den Enthuſiasmus erhöht, ja oft erzengt.“ „So iſt zum Beiſpiel(ſolltet ihr es wohl glauben 2) die ganze Oper, die berühmte, allgemein bekannte Zau⸗ berflöte, eine Allegorie auf die franzöſiſche Revolution, nach ihrer Lage in den Jahren 1789—90 und 91, in welchem letzteren dieſes Stück zum erſtenmale in Wien auf dem ſogenannten Wiedner⸗Theater gegeben ward.“ „Doch dem guten Mozart wollen wir deswegen nichts zur Laſt legen; er war nur der Schöpfer der vor⸗ — c—, e iſt llen er⸗ eile von pt⸗ nk⸗ ten un⸗ hen fek⸗ ter olle 12) u⸗ on, in ien en trefflichen Muſik und hatte mit dem übrigen Baue des Stückes nichts zu ſchaffen. Sehr wahrſcheinlich war er mit der Idee ganz unbekannt, die im Hinterhalte liegt; daher kommt ſo manchem, der nicht unterrichtet iſt, der Gang des Stückes lächerlich, ungereimt und abgeſchmackt vor.“ „Der Beifall, den es in Wien erhielt, war alſo aus doppelter Rückſicht ſo außerordentlich groß, theils wegen der ſchönen Muſik, theils wegen des verſteckten Sinns.“ „Zweiundſechzigmal nach einander ward es auf⸗ geführt, und immer blieb der Zulauf derſelbe.“ „Um ſieben Uhr fangen in Wien die Schauſpiele an; doch in den erſten vierzehn Tagen der Vorſtellung der Zauberflöte mußte man ſchon um fünf Uhr ſeinen Platz ſuchen, denn etwas ſpäter mußten die Menſchen zu Hunderten abgewieſen werden, weil das Haus voll war.“ „Erſt in der dritten Woche konnte man es ſo weit bringen, daß man um ſechs Uhr mit Mühe ein Plätzchen ſich erkämpfte.“ „Natürlich wurden immer mehr Menſchen mit den darin liegenden Anſpielungen bekannt, bis endlich fol⸗ gende ſchriftliche Ausdeutung entdeckt ward, wo⸗ durch auch die profane Welt des Glücks theilhaf⸗ tig wird, Licht zu erhalten.“ „Die Allegorie gehört freilich nicht zu den ſinnreich⸗ ſten, aber zur Beförderung der heimlichen Zwecke hielt man ſie immer für ſinnreich genug.“ „Perſonen.“ Die Königin der Vucht Pnminn, ihre Tochter. Tnmino. Die drei Uymphen der Kö⸗ nigin der Nacht Sarnſtro. Die Prieſter des Suraſtro Papageno Sins Ate Wonnſtatos, der Mohr. Die drei guten Genien. Die vorige Regierung. Die Freiheit, welche immer eine Tochter des Deſpotismus iſt. Das Volk. Die Deputirten der drei Stände. Die Weisheit einer beſſern Ge⸗ ſetzgebung. Die Nationalverſammlung. Die Reichen. Die Gleichheit. Die Emigranten. Die Diener und Söldner der Emigranten. Klugheit, Gerechtigkeit und Va⸗ terlandsliebe, welche Tamino leiten. Die Idee, die dieſem Stücke zum Grunde liegt, iſt: Die Befreiung des franzöſiſchen Volkes aus den Händen des alten Deſpotismus durch die Weisheit einer beſſern Geſetzgebung. „Gang des Stückes.“ „Tamino wird von einer ungeheueren Schlange (dem bevorſtehenden Staatsbanquerote), die ihn zu ver⸗ ſchlingen droht, verfolgt.“ ter zü fü gl de ra mn zu m ielt ine de. Ge⸗ 209 „Die Königin der Nacht will ihn gern retten, da auf der Exiſtenz des Tamino auch die ihrige beruht. Sie kann es aber nicht allein, und braucht daher ihre drei Nymphen dazu, die auch das Unthier vernichten.“ „Tamino bricht in lautem Dank gegen ſeine Erret⸗ terinnen aus, und erhält von ihnen noch überdieß ein vor⸗ zügliches Geſchenk, eine Zauberflöte.(Die Freiheit, für ſein Beſtes ſprechen und ſich beklagen zu dürfen.) Zu⸗ gleich trägt ihm aber die Königin auf, ihre Tochter aus den Händen eines grauſamen, wollüſtigen und tyranni⸗ ſchen Königs, des Saraſtro zu befreien, der ſie ihr ge⸗ raubt habe und in einer Höhle verborgen halte.“ „Um den Tamino deſto mehr zu dieſem Unterneh⸗ men zu entflammen, verſpricht ſie ihm dieſe Tochter dann zur Ehe; welches aber ihr wahrer Ernſt nicht iſt, da ſie ſchon längſt dem Monaſtatos von der Königin zur Ge⸗ mahlin verſprochen worden iſt.“ „Tamino ſchwört der Königin, alle Kräfte anzu⸗ wenden, ihr die geraubte Tochter wieder zu ſchaffen. Die Königin läßt ihm durch die Nymphen ſagen, daß er ſich bei ſeinem Abenteuer ganz auf die Leitung dreier guten Genien verlaſſen ſollte.“ „Nun tritt er wirklich in Begleitung des Papageno (der Reichen, die, wie bekannt, darum, daß ſie vor der Revolution ſo ſehr vom Adel und der Geiſtlichkeit zurück⸗ 210 geſetzt wurden, ſehr gern durch ihren Einfluß die Staats⸗ veränderung bewirken halfen) ſeine Reiſe in die Staaten des ſo ſehr verſchrieenen Saraſtro an. Aber wie erſtaunt er, als er in Dieſem gerade das Gegentheil von dem findet, was er erwartet hatte!“ „Saraſtro iſt zwar ein mächtiger und glänzender König, aber dieſe Macht und dieſer Glanz ſind nicht auf den Ruin der Unterthanen, nicht auf den Schweiß und das Blut ſeines Volkes, ſondern auf d die beſte Regierungs⸗ form gegründet, daher ihn auch ſeine Unterthanen innig lieben und unter ſeinem weiſen Szepter höchſt glücklich ſind.“ „Er erſcheint auf einem von wilden Thieren gez genen Triumphwagen; anzudeuten, daß geſ ererb Weisheit die natürliche Rohheit des ren mildert, und daß ihr die ganze Welt mit Freuden ſich unter⸗ wirft.“ „Statt den Tamino, wie dieſer feindſelig zu behandeln, kommt ihn Saraſtro mit Liebe entgegen; ſagt ihm, daß er von der Königin der Nacht betrogen, offenbar in ſein Unglück rennen würde, wenn er Willens wäre, den Verſuch zur Ausführung ſeines Vorſatzes zu wagen, und bietet ihm freiwillig an, ihn in den Tempel der Ehre und Slutſeigkeit zu fü ihren, wenn er ihm folgen wollte.“ 211 „Tamino, gerührt von der Güte des trefflichen Alten, überzeugt von der Wahrheit ſeiner Aeußerungen, überläßt ſich nun mit ganzer Seele dem Saraſtro, be⸗ ſonders da ihm dieſer feierlich verſpricht, ihm die holde Pamina zur Ehe zu geben.“ „Saraſtro beruft nun ſeine Prieſter zuſammen, um ihnen vorzutragen, daß er den Tamino werth halte, in den Tempel der Ehre und des Glücks aufgenommen zu wer⸗ den, und läßt ſie darüber ſtimmen.“ „Auch dieſe halten ihn einſtimmig deſſen würdig; ihre Verhandlungen darüber drücken ſie durch weit ſchal⸗ lende Sprachröhre aus, zum Zeichen, daß ſie an dem gan⸗ zen Erdboden gerichtet ſind.“ „Auch erleuchten die Prieſter bei der Aufnahme des Tamino die grauſenvollſten Oerter mit Fackeln, anzu⸗ deuten, daß endlich auch die Fackel der Aufklärung in die finſterſten Gegenden des Weltalls dringe.“ „Ehe aber Tamino wirklich in den Tempel des Glücks gelangen kann, muß er ſich alle die mühſeligen Vorbereitungen gefallen laſſen, welchen ein jeder Ein⸗ geweihte ſich unterwerfen mußte.“ „Hieher gehört das ihm auferlegte Schweigen, das Verweilen an grauſenvollen Oertern und endlich die fürchterliche Probe des Feuers und des Waſſers.“ „Alles das beſteht Tamino, überzeugt von der 212 Güte des alten Saraſtro, mit dem ſtandhafteſten Muthe, und wird endlich mit ſeiner Pamina in den Tempel des Glücks aufgenommen, wo ſie ſeine Gattin wird.“ „Sein Begleiter Papageno, der Anfangs, ſo lange das Abenteuer recht nach Wunſche ging, guten Muths und ſelbſt prahleriſch war, iſt im Grunde ein ſchwacher und roher Menſch, der, ſo gern er auch glücklich ſein möchte, doch jede Anſtrengung und Schwierigkeit haßt und beſonders ſich nicht gern etwas verſagt.“ „Während Tamino geduldig alle auferlegten Proben aushält, denkt er nur auf ſeine plumpen Vergnügungen, freſſen und ſaufen.“ „Er ſieht indeß bald ein, daß Alles dies doch nicht wahrhaft glücklich macht, und will daher, ſeines Lebens ſatt und furchtſam vor kommenden Gefahren, ſich aufhän⸗ gen. Zur rechten Zeit wird er jedoch durch die guten Ge⸗ nien eines Beſſeren belehrt, und gibt, wiewohl immer höchſt ungern, dem alten Weibchen(der Gleichheit, als der älte⸗ ſten Eigenſchaft des menſchlichen Geſchlechtes) ſeine Hand, das ſich nun wieder in ein holdes Mädchen verjüngt und den Papageno glücklich macht.“ „Das Auszeichnende an Papageno iſt: ſchöne Fe⸗ dern über den ganzen Leib, wegen ſeiner Eitelkeit. Die Hirtenpfeife bezeichnet ſeine Rohheit, und das Glockenſpiel(wornach Alles tanzen muß, als eine Wir⸗ es ge 8 = 2¹3 kurg des Reichthums) gleicht dem Schalle des Goldes, das in den Händen der Reichen zirkulirt. Monaſtatos(die Emigranten) ſucht auf alle Weiſe dem Glücke des Tamino Hinderniſſe in den Weg zu legen durch Liſt und Trug, auch durch Gewalt, ſo daß er am Ende die Pamina gar tödten will. Aber Saraſtro ſtraft ihn dafür. Noch einmal rafft er ſeine letzten Kräfte, um mit der Königin der Nacht einen Sturm auf den Tempel des Glücks zu wagen; aber er wird mit ihr auf ewig in den Abgrund geſtürzt, nachdem er vorher feierlich geſchwo⸗ ren hat, daß er mit ſeiner Geliebten und ihm an Schwärze gleichenden Königin ſtets verbunden bleiben wolle.“ „Die wilden Thiere, die auf die füßen Töne der Flöte ihre Wildheit auf einige Zeit ablegen, ſind Löwen (Wappen der Niederlande), Leoparden— England; Adler— Oeſterreich, Rußland und Preußen. Die übrigen bedeu⸗ ten die kleinern Staaten.“ Es bleibt dem Leſer die Wahl überlaſſen, ob er die angeführte Deutung der Zauberflöte als urſprünglich, oder als ſpäter vom politiſchen Parteigeiſt aus dem Inhalte der Oper heraus⸗ geklügelt gelten laſſen wolle; der Verfaſſer hat es zweckmäßig erachtet, zum Nutzen dieſer Erzählung, die erſtere Anſicht zu adoptiren. 214 Die Zauberflöte iſt eine Tochter des Lichtes, zur Geltung gebracht durch den erhabenen Geiſt des genialſten aller bisher bekannten Tonkünſtler. Schikaneder's Glück und Ende. Die„Zauberflöte“ war— wie ſpäter für viele Direktivnen— ſo zu allererſt für Schikaneder ein retten⸗ der Talisman. Durch ſie deckte er nicht allein ſeine Paſſiva, erwarb er nicht bloß Vermögen, ſondern— was am meiſten in Anſchlag zu bringen iſt— mit ihr gründete er den mo⸗ raliſchen Kredit ſeines Inſtitutes. Durch die Zauberflöte eroberte das Theater im Freihauſe, oder eigentlich Schikaneder einen Theil des Publikums, ſo wie es der Kasperl, die Oper ꝛc. ꝛc. be⸗ reits beſaßen. Schikaneder verfolgte die eingeſchlagene Bahn, und wurde, trotz des enormen Aufwandes, den er in dieſer ſeiner glücklichſten Lebensepoche entfaltete, ein reicher Mann. Er verſtand die Kunſt zu erwerben vollkommen; in der Geſchicklichkeit, Geld mit Geſchmack zu verſchwenden, war er unübertrefflich. —— zu de en de Q1 fü ql N ur 215 Die ſtandhafteſten Eſſer, die ausdauerndſten Trin⸗ ter waren ihm die liebſten Gäſte; leben und leben laſſen, hieß ſein Wahlſpruch. Seine Gourmandiſe war eben ſo ſtadtbekannt, wie ſeine Unwiſſenheit daran, was man„politſche Begeben⸗ heiten“ nennt. Als Napoleon zum erſten Conſul ernannt wurde, rief Schikaneder:„Um Gotteswillen! ſagt's mir nur, wer iſt denn der Bonaparte?“ und als der Conſul ſich zum Kaiſer krönen ließ, trat der große Emanuel in's Kaffeehaus und rief, aber nicht etwa im Scherze:„Habt's ſchon g'hört, der Bonapart hat ſich von Egypten aus zum Kaiſer g'macht!“ Fünf Jahre nach der Geburt der Zauberflöte wurde dem großen Emanuel das kleine Theater im Freihauſe zu enge, ſeine Pachtzeit ging nach einigen Jahren zu Ende; deſſen verſah er ſich und begann 1797 das„Theater an der Wien“ zu bauen. Der große Bau wurde in drei Jahren vollendet, für die damalige Zeit, bezüglich der Geſchwindigkeit, eine außerordentliche Leiſtung. Der Architekt war der Baumeiſter Jäger, deſſen Namen eine, gegen das Theater mündende Gaſſe trägt. Zauberflöte, Zauberſchleier! Durch jene gelangte Direktor Schikaneder zum 216 Theater an der Wien, durch dieſen ſechsundvierzig Jahre ſpäter Direktor Pokorny. Mitten in der todten Saiſon, nämlich am 13. Juni 1800 wurde das Theater an der Wien mit der Zauber⸗ flöte eröffnet. Am Tage vorher ſpielte Schikaneder noch im Frei⸗ hauſe. Er brachte ein Gelegenheitsſtück„Thespis“, von ihm verfaßt, zur Aufführung, und gab darin den Thesbis. Das zahlreiche Publilum nahm von ſeinem Lieblinge ſtürmiſchen Abſchied, um ihn am nächſten Abende im neuen Hauſe, wohin er mit ſeiner ganzen Geſellſchaft überſie⸗ delte, eben ſo ſtürmiſch zu empfangen. Das Theater an der Wien iſt noch heute das ſchönſte und bequemſte, und ſowohl was die Bühne und das Au⸗ ditorium betrifft, das geräumigſte in Wien. Uiber dem zweiten großen Eingang, wo die Zufahrt zu den Bogen ſtattfindet, ſetzte Schikaneder ſich und Mo⸗ zart ein ſteinernes Denkmal, indem er ſich dort als Pa⸗ pageno aufſtellen ließ, der ſeine Lockpfeife gegen die Stadt hinein bläſ't, während neben ihm ein paar pausbäckige Buben Netze voll Vögel halten. Vermuthlich eine Anſpielung auf die eroberte Gunſt des Publikums. „Man ſagt,“ ſchreibt einer ſeiner Zeitgenoſſen im Jahre 1805,„er habe dieſes gethan, weil ihm der be⸗ liebte Papageno oder die allbekannte Zauberflöte— welche er ungefähr ſ echsthalbhundertmal gab— vorzüglich auf die Beine geholfen hat.“ „Das mag ſein, indeſſen habe ich den guten Ema⸗ nuel, der gegen ſechs Fuß hoch iſt, einen Speckhals hat, wie weiland Vitellins, eine gute Klafter in der Peripherie mißt und ſo ein dritthalb Zentner wiegt, immer als einen etwas ſchweren Papageno gefunden!“ In neueſter Zeit hat Schikaneder in dem verſtor⸗ benen Direktor Carl, der ſich ebenfalls in einer Figur an der Facade des Leopoldſtädter Theaters modelliren ließ, einen Nachäffer gefunden; ſo weit jedoch ging Emanuel's Eitelkeit nicht, daß er für das von ihm erbaute Theater den Namen„Schikaneder-Theater“ prätendirt hätte, obwohl ſeine Verdienſte um die Volksbühne, zur Zeit, wo es ſich darum handelte, den Hanswurſt zu verdrängen, ohne Zweifel größer waren, als die des Direktors Carl, der die jetzige verderbte Richtung anbahnte. Schikaneder gab im neuen Theater Luſtſpiele, Schau⸗ und Trauerſpiele und ſogenannte herviſche Opern; durch letztere trat er, wie ſeiner Zeit weiland Direktor Pokorny in Konkurrenz mit dem Theater nächſt dem Kärnthnerthore. Verſchiedene Kabalen, vorzüglich aber die bornirte Aufgeblaſenheit ſeines damaligen Compagnons, des Kauf⸗ 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 14 218 mauns Zitterbart, welcher beim Bau des Theaters pe⸗ kuniär betheiliget war, bewogen das Theater ſammt dem Privilegium und dem ganzen Fundus in- structus an Zitterbart um die noch heraus zu zahlende Summe von 100.000 Gulden abzutreten. Zitterbart wurde alleiniger Eigenthümer und Di⸗ rektor; Schikaneder dagegen begab ſich auf's Land und erſchien nur ſelten, um eine oder die andere ſeiner belieb⸗ ten Rollen zu ſpielen. Was geſchah nun? Hören wir wieder den bereits oben angeführten Zeitgenoſſen: „Zitterbart vermehrte ſein Perſonale, bezahlte es gut, auch wohl überflüßig, wußte ſogar Leute von den Hoftheatern an das ſeinige zu ziehen und ſorgte beſonders für Sänger und Sängerinnen.“ „Nebſt den cigenthümlichen Lieblingsſtücken ſeiner Bühne, fing er jetzt an hauptſächlich Singſpiele von den pariſer Theatern zu geben, die zum Theil recht gut exequirt und häufig mit neuen und immer neuen gewechſelt wurden, daß ſein Haus ſtets voll war.“ Das dauerte aber nicht lange! Der eben citirte Zeitgenoſſe, welcher offenbar nicht zu den Gönnern Schikaneder's gehörte, grſteht es ſelbſt ein. „Schikaneder,“ ſchreibt er,„hat ſein eigenes Publi⸗ 219 kum; dieſes vermißte ihn allenthalben, und äußerte ſeine Sehnſucht ſo laut nach ihm, daß Zitterbart den unent⸗ behrlichen Mann neuerdings herbeirufen und zum Dirck⸗ tor ſeines Theaters machen mußte“ In der Schikaneder⸗Zitterbart'ſchen Zeit blühten die Spektakelſtücke, wo Garderobiers, Maſchiniſten und Maler, Eine Kompagnie Füſeliere und Ein Zug Ka⸗ vallerie zu den Stützen des Theaters gehörten; damals ſchon kam die Gräfin Waltron— in dem gleichnamigen Stücke, in einem eleganten Piroutſch, mit einem ganzen Poſtzuge(vier Pferden) auf die Bühne gefahren, und der Prinz mit ſeiner Suite kamen hoch zu Roß in's Lager geſprengt. Enorme Einnahmen— aber auch enorme Koſten! Die fixen Ausgaben allein beliefen ſich jährlich auf 158.000 Gulden. Trotzdem wurden gute Geſchäfte gemacht, bis ein plötzlicher Zwiſchenfall eine neue Wendung herbeiführte. Um dieſes zu erklären, müſſen wir in der Zeit ein wenig zurückgreifen. Am 24. Februar 1801 wurde die„Zauberflöte“ zum erſtenmale im Kärnthnerthor⸗Theater aufgeführt, und blieb durch das ganze Jahr an dieſer Bühne die ein⸗ zige beliebte, deutſche Oper. Das geſchah nun offenbar zum großen Schaden 14* 220 Schikaneder's; dazu kam noch, daß man ſich im Libretto, ohne ſich um ihn zu kümmern, viele Textänderungen und Kürzungen erlaubt hatte, und endlich, daß der Theaterzettel den Namen Schikaneder's, als des Text⸗Dichters, mit großer Beharrlichkeit verſchwieg. Der große Emanuel ſpie Feuer und Flammen und ruh'te nicht, bis er ſich wegen dieſer Unbilden gerächt hatte. Bei den Aufführungen der Zauberflöte im Kärnth⸗ nerthor⸗Theater konnte man es lange nicht dahin bringen, daß die Umwandlung der Alten zur Papagena, durch das ſogenannte Reißkleid, ohne Störung vor ſich gegangen wäre; jedesmal ereignete ſich zur großen Heiterkeit des Publikums ein anderes Malheur. Schikaneder ließ nun dieſe und noch einige verwund⸗ bare Stellen der Aufführung parodiren, indem er bei der Wiederholung der Zauberflöte auf ſeinem Theater zwei Schneider auf der Bühne erſcheinen ließ, welche das Ausziehen der Alten mit ſo auffallender Langſamkeit beſorgen mutzten, daß alle Welt die Verſpottung des Kärnthnerthor⸗Theaters ſogleich erkannte und ihm einen Sturm von Beifall ſpendete. Dieſe und andere Reibungen, vorzüglich aber die Rivalität und, was Ausſtattung und Aufwand betraf, höchſt unbequeme Konkurrenz des Theaters an der Wien, ————— — —— — ——— ————— 221 ließen den Baron Peter von Braun, damaligen Päch⸗ ter und Vice⸗Direktor der beiden Hoftheater, den Ent⸗ ſchluß faſſen, dem großen Emanuel einen großen Strich durch die Rechnung zu machen; er ſteckte ſich hinter Zit⸗ terbart, und eines Morgens wurde Wien durch die Neuig⸗ keit überraſcht, Baron Braun habe das Theater an der Wien um den Preis von Einer Million Gulden an ſich gebracht. Und ſo war es auch! Schikaneder trat augenblicklich zurück— das übrige Perſonale wurde beibehalten. Das Repertvir beſtand nun hauptſächlich aus fran⸗ zöſiſchen Operetten. Anfangs Faſching im Jahre 1804 begannen die Vorſtellungen auf Rechnung des Baron Braun, und ſchon im Sommer desſelben Jahres mußte dieſer ſich ſo weit herablaſſen, nach Nußdorf, außerhalb Wien— wo Schi⸗ kaneder ſich angekauft hatte— zu fahren und ſeinen Feind bitten, daß er die Direktion des Theaters an der Wien wieder übernehme. Der große Emanuel ſchlürfte dieſe glänzende Sa⸗ tisfaktion wie den ſüßeſten Tokayer ein, und ſtand im September wieder an der Spitze des Geſchäftes. Wenn etwas im Stande iſt, einen Maßſtab für die Beliebtheit und für die Tüchtigkeit Schikaneder's Zeugniß 1 abzulegen, ſo iſt. dieſe abermalige„ Zurückberufung. „Wahrhaftig!“ ruft bei dieſer Gelegenheit der oft eitirte Autor„es iſt, als ob im Buche des Schick⸗ ſals geſchrieben ſtünde, daß Schikaneder nicht ohne dieſes Theater, und dieſes Theater nicht ohne Schikaneder ſein könne!“ Doch auch dieſesmal war Schikaneder's nicht von langer Dauer. 3 Im Jahre 1807 verkaufte Baron Braun das 1 Theater an der Wien an den Grafen Palffy. Emanuel verließ nun dieſe Bühne ein⸗ für allemal und übernahm 3 die Direktion in Brünn. 8 Hier fand er ſeine volle Rechnung. Die von ihm arrangirten prachtvollen Redoutenbälle mit den gbeu teuerlichſten Maskenzügen machten in Brünn noch viele Jahre ſpäter von ſich ſprechen. Im Jahre 1808 eröffnete er die von ihm auf der Königswieſe in Kumrowitz bei Brünn erbaute Arena, wo, wie ſich es von ſelbſt verſteht, Spektakelſtücke gege— ben wurden. Er ſelbſt ſchrieb für dieſes Theater:„Die Schwe— den vor Brünn“, worin an vierthalbhundert Mann Militär, darunter Reiterei und Artillerie mit Kanonen, auf der Bühne erſchienen. D irektion — —— ———————— 1 ———— —+ 223 Die Kunde, das Theater in der Zoſefſtadt in Wien ſolle umgebaut werden, veranlaßte Schikaneder, nach der Reſidenz zurück zu kehren und ſich um die Direktion dieſer Bühne zu bewerben. Das ganze Projekt zerſchlug ſich jedoch; dazu kam die zweite franzöſiſche Invaſion, wo feindliche Soldaten ſein Landhaus in Nußdorf verwüſteten, worauf noch Schulden hafteten— er ſah ſich alſo gezwungen, es zu veräußern. Alle dieſe Verluſte gingen dem an Wohlſtand und Aufwand gewöhnten Menſchen an's Herz; er fing an melancholiſch zu werden, und als man ihm kurz darauf die Direktion des Peſther Theaters anbot, war er nicht mehr im Stande ſie zu übernehmen— er verfiel in ſtillen Wahnſinn! Daß nicht allein moraliſche Schläge, ſondern auch Folgen ſeiner Lebensweiſe dazu beitrugen, läßt ſich wohl denken. Fortan lebte Schikaneder verarmt, von ſeiner Frau gepflegt, von den Spenden, welche ihm die Direktion des Theaters an der Wien zu Theil werden ließ. Vom Morgen bis zum Abend ſaß der arme Ema⸗ nuel auf ſeinem Lager, bis über den Kopf in ein Bett⸗ linnen gehüllt. Die Hunderte von Schmarotzern, deren Wänſte er durch viele Jahre gefüllt, blieben ferne; wenn hie und da ein Fremder oder ein Bekannter ihn zu beſuchen kam, ſteckte er den Kopf hinter der Hülle hervor, ſtarrte den Beſucher an und fragte ihn mit hohler Stimme: „Haben's Maria Thereſia und den Kaiſer Joſef gekannt?“ Fiel die Antwort bejahend aus, ſo ſprach er einige verwirrte Worte; im verneinenden Falle aber umwickelte er den Kopf wieder mit dem Bettlinnen und blieb ſtumm. Im Sommer des Jahres 1812 erſchien ein junger, eleganter Mann in der Wohnung des unglücklichen Schikaneder und verlangte mit ihm zu ſprechen. Als man ihn auf deſſen traurigen Geiſteszuſtand aufmerkſam machte, ſagte der Fremde mit wehmuthsvoller Freundlichkeit:„Laſſen Sie mich nur zu ihm, vielleicht gelingt es mir, mit meinem Namen einen Funken in ſeiner Geiſtesnacht anzufachen.“ Man gewährte das Verlangen. Als der junge Mann feſten Schrittes zum Bette des Geiſteskranken trat, ſteckte dieſer den Kopf hinter der Bettdecke hervor. „Herr Direktor,“ begann Jener,„mein Name iſt Alfred Graf von Teichberg; meine Eltern erfreuten ſich ehedem Ihrer Freundſchaft; ſie feierten ihre Verlobung * ir z e —, 22% in Ihre Wohnung an dem Abende, als die Zauberflöte zum erſteumle gegeben wurde. Belieben Sie ſich nur zu erinnerm ie Mutter Cäcilie war eine Baroneſſe von Helm ii Zauberflöte!...“ mur⸗ melte Schikaneder, e als entſänne er ſich ei⸗ 8, zuckte er zuſammen und fragte: nes wichtigen Aulie „Haben's Maria kannt?“ Graf Alfted ſeufzte: „Ich zähle erſt einundzwanzig Jahre; ich konnte alſo nicht einmal den großen Sohn, vielweniger die große Mutter gekannt haben!“ Mit einer flüchtigen Bewegung hatte ſich der Irr⸗ ſinnige wieder mit dem Bettlinnen umhüllt, und kein Zu⸗ reden war für dieſen Tag im Stande, ihn den Schleier noch einmal lüften zu machen. Der junge Graf ſeufzte und ging traurig von dannen. Nach ſeiner Entfernung fand man auf dem Bette + eine Rolle mit fünfzig Dukaten. e Joſef ge⸗ 3 reſia und den Kaiſ Emanuel Schikaneder ſchied am 21. September 1812 aus dieſem Leben. 1859. XIX. Die Zauberflöte. II. 15 226 In der Karmeliterkirche der Wier grube ertönte am 30. September— al M⸗ „Requiem aeternam doh Mozart unſterblicher Geſang— das R m! Prag, Druck von Jarosl. Poſpikil. er Vorſtaht Laim⸗ ſo am einundzwa zigſten Jahrestage der erſten Aufführung der Zuber⸗ flöte— zu Schikaneder's Seelenheil, ſe eundes 6„