Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebebingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens — 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mi. 50 Pf. Mk.— Pf. „ 3„ 3„—„„„—„ 5 Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Pibliothek dentſcher Griginalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. ₰ Achtzehnter Band. Die Zauherflöte. I. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Rmischer Buman von Eduard Breier. Erſter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Inhult. Seite Erſtes Capitel. Der Schattenſpielmann. 9 Zwrites Cupitel. Ein Theaterbirektor und ein Agent in Nöthen Prittes Capitel. Die fabelhaften Zwillingsſchweſtern. 51 Viertes Capitel. In welchem der Schattenſpielmann dem großen Emanuel unter die Arme greiſt 2773 Fünftes Cnpitel. Ein Morgen bei Mozart 37 Sechstes Cupitel. Meiſter und Schüler 101 Siebentes Cnpitel. Mozart und Schikaneber 116 Achtes Cnpitel. Die Stimme aus dem Weinberge bei Gräz läßt ſich in Währing hören.. 129 Ueuntes Capitel. In welchem wieder einmal bewieſen wird, daß man ein Genie ſein und doch einem Frauen⸗ zimmer aufſitzen kann Behntes Cnpitel. Scenen, in welchen eine Kammerjung⸗ ſer die Hauptrolle pielt Elftes Cnpitel. Worin die Ameiſen zu wühlen anfangen 169 Zwölftes Enpitel. Silhonetten von der Baſtei 78 Die Zauberflötr. Erſter Theil. hun eine Ver Han wur biete Wec Beif Lein Wac —————— vvera 185 Erstes Capitel. Der Schattenſpielmann. Wie viele Erwerbszweige ſind im Laufe dt Jahr⸗ hunderte untergegangen! Wer ſich die Mühe nähme, ſie aufzuzählen, bekäme eine lange, lange Reihe, und forſchte er der Urſache ihres Verſchwindens nach, ſo fände er, daß ein Theil von dem Handel, der Fabrik, kurz von der Induſtrie verſchlungen wurde, während der andere, welcher ſich mehr dem Ge⸗ biete der Kunſt oder der freien Beſchäftigung näherte, dem Wechſel der Mode und des Geſchmackes erlag. Man gedenke, um aus jeder Kathegorie nur einige Beiſpiele anzuführen, der Schwertfeger, der Nagelſchmiede, Leinwandwichſer, Beutelſtricker, der Silhouettenſchneider, Wachsboſſirer u. ſ. w. u. ſ. w. Wir wurden zu dieſer Bemerkung durch eitzen Mann veranlaßt, der im Frühjahre 1791 in Wien eine Art von 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 1 tenbild an, und ein Gedanke tauchte in ihm au 10 Berühmtheit erlangte, und zwar durch eine Gattung öffent licher Produktion, die gegenwärtig ebenfalls ganz ver⸗ ſchloſſen iſt. Er war ein Schattenſpielmann, das heißt, er ſtellte zahlreiche Schattenbilder an einer weißen erleuchteten Wand dar, einzig und allein durch die mannigfaltigſten Stellungen und Biegungen ſeiner Hände und Finger. Lauis Depenſier, ſo hieß unſer Künſtler, war nicht des Erfinder dieſes originellen Erwer rbözweiges, ſchon am Hofiſer Karl VI. producirte ſich ein gewiſſer An ton Khünel als Schattenſpieler. Dieſer, ein Brünner von Geburt, nachdem er ver⸗ gebens den Stein der Weiſen geſucht, nachdem er als Goldmacher Haus und Hof durch den Schlott gejagt, rang eines Abends, ein verarmter Greis, verzweifelt die Hände, als er zufällig die eigenthümliche Figur ge wahrte, welche ihr Schatten an der erleuchteten Wand bildete. Khünel blieb regungslos ſtehen, ſtarrte das Schat⸗ d ß. Er veränderte die Stellung ſeiner Hände, und erhielt natürlich eine andere Figur; er nahm Finger zu Hilfe— wieder eine andere; ſo bildete er, zahlloſe Stellungen und Wendungen erſinnend, ſich zum Schattenſpieler und ließ ſich von Kaiſer Karl, von Prinzen Eugen von Savoyen, ſpäte Hofe ehrt, könig ſpäte dem Höfe wurt einer ſeine die f durc vielle die fand Seit ſpali Vier Sche öffent z er⸗ ſtellte chteten tigſten 3 , war „ſchon An r ver⸗ er als gejagt, weifelt ur ge Wand Schat⸗ erhielt ilfe en und d ließ voyen, 11 ſpäter von Friedrich dem Großen und ſeinem ganzen Hofe bewundern. Der Schattenkünſtler wurde reich, gefeiert und ge⸗ ehrt, in Dresden und Berlin zog man ihn ſogar an die königlichen Tafeln. So hoch brachte es nun Monſieur Depenſier, ſein ſpäterer Kunſtgenoſſe, freilich nicht; er mußte ſich mit dem Gelde und dem Beifalle der Menge begnügen, die Höfe achteten nicht auf ihn, denn ihre Aufmerkſamkeit wurde damals von einem anderen gefeſſelt, von einem blutigen Spiele, welches in Paris aufgeführt, ſeine Schatten nach ler Herren Linder warf; wir meinen die franzöſiſche Revolution, wo vor Kurzem dem Throne durch den Tod Miräbeau's— am 2. April 1794— die vielleicht einzig mögliche Stütze geraubt wurde In Paris Revolution— in Wien Schattenſpiel. In Paris Robespiere— in Wien Depenſier. Das Lokale, worin die originellen, wenigſtens für die damalige Generation neuartigen Vorſtellungen ſtatt fanden, war eine hölzerne Bude im Prater. Ihr innerer Raum bildete ein Parallellogram; drei Seiten und die Decke waren mit ſchwarzem Tuche aus⸗ ſpaliert, während vor der vierten, einer Längenſeite des Viereckes, eine weiße durchſichtige Wand, der eigentliche Schauplatz der Produktion, geſpannt war. 12 Auf dieſe Wand ließ Depenſier mittelſt eines Spie⸗ gels den Sonnenſtrahl, oder bei trübem Wetter und zur Nachtzeit künſtliches Licht fallen, und producirte ſeine Figuren. Jede Vorſtellung, deren mehrere an Einem Tage ſtatt fanden, wurde von ihm mit einem gereimten Prologe eingeleitet und mit einem Epiloge geſchloſſen; jedem Bilde, welches er zeigte, gingen ein paar erklärende, theils ernſte, theils ſcherzhafte Knittelverſe voraus, die der Dichtkunſt des Monſieur Depenſier kein ſchmeichelhaftes Zeugniß ſtellten; die Wahrheit zu ehren, muß jedoch erwähnt werden, daß der Schattenſpieler die Verſe derart recitirte, daß man ſich ſchwer entſchließen konnte, in ihm, trotz ſei⸗ nes franzöſiſchen Namens, keinen Deutſchen zu vermuthen. An einem Abende, am Anfange des Wonnemondes, traten zwei elegant gekleidete Herren in die noch vollkom⸗ men leere Schattenſpiel⸗Bude. Im Alter waren ſie nur um Ein Luſtrum von einander verſchieden; der Jüngere von ihnen, erſt fünfunddreißig Jahre zählend, ſchien viel älter zu ſein, als ſein Gefährte. Dieſer war ein großer, robuſter, von Geſundheit ſtrotzender Mann— jener dagegen klein, und etwas beleibt, aber trotzdem keines blühenden Ausſehens. Sein Kopf im Verhältniſſe zu dem Körper zu groß, ſein Angeſicht wohl angenehm, dagegen das Auge matt, der heite ſchwe kappt der 2 duftie ten, 1 übera regt 1 Leib Zuſel in's 2 Kurz meine welche men h einant Spie⸗ nd zur e ſeine Tage ßrologe Bilde, ernſte, chtkunſt eugniß rwähnt ecitirte, otz ſei⸗ nuthen. nondes, ollkom⸗ inander dreißig efährte. undheit etwas Sein ß, ſein matt, 13 der Ausdruck im Ganzen der eines Menſchen mit einer heiteren Stimmung, hinter welcher jedoch manchmal die ſchwarze Sorge herausguckte, wie bei dem heuchleriſch ver⸗ kappten Gottſeibeiuns die Teufelsklaue. Die beiden Männer nahmen im dunkelſten Winkel der Bude Platz und der Kleinere lispelte: „Es war keiner Deiner klügſten Einfälle, aus dem duftigen Grün des Praters in dieſes finſtere Loch zu tre⸗ ten, um ſich bei einem Schattenſpiele zu langweilen.“ „Leute wie wir,“ antwortete der Andere,„müſſen überall dabei ſein, müſſen Alles ſehen—“ „Wo es etwas zu lernen gibt, wo der Geiſt ange⸗ regt wird, ja! allein bei einem Menſchen, der nur ſeinen Leib bewegt und damit bloß das körperliche Auge des Zuſehers beſchäftigt—“ „Zerſtreut man ſich,“ fiel ihm der robuſte Gefährte in's Wort,„und das iſt's gerade, was Dir Noth thut. Kurz und gut, jetzt ſind wir da und bleiben da.“ „Ich will Dir das Opfer bringen, doch mußt Du meine Geduld auf keine zu lange Probe ſtellen.“ Die beiden Männer, da ſie auf der letzten Bank, welche der Budenwand nahe gerückt war, Platz genom⸗ men hatten, lehnten ſich an dieſe, ſchränkten die Arme in einander und überließen ſich ihren Gedanken. 14 In welchem Reiche ihre Ideen ſich bewegten, wird man aus den Namen der Männer leicht errathen. Der Große war Herr Emanuel Schikaneder, Direktor des Theaters im Freihauſe auf der Wieden; der Kleine, Wolfgang Mozart, ſeit vier Jahren k. k. Kam⸗ merkompoſiteur. Das Geräuſch der ſich ſchließenden Buden⸗Thüre ſtörte ſie aus ihren Betrachtungen; gleich darauf vernah⸗ men ſie von draußen herein die Stimme des Kaſſiers, welcher die Worte rief:„Ich bitte, meine Herrſchaften, treten ſie zurück; es wird bei dieſer Vorſtellung Niemand mehr hereingelaſſen, es iſt eine Extra⸗Vorſtellung.“ „Was hör' ich?“ fragte Schikaneder überraſcht; „eine Extra⸗Vorſtellung, für wen? doch nicht für uns?“ „Keine Verſtellung, großer Emanuel, Du haſt wieder einen Deiner Leibſpäſſe producirt und ohne mein Wiſſen eine Produktion für uns Zwei beſtellt.“ „Freund, Du irrſt; ich befinde mich gar nicht in der Lage, Extra⸗Vorſtellungen zu bezahlen. Du warſt doch Augenzeuge, als ich an der Kaſſe draußen unſer Entregeld erlegte.“ „Ich ſah es wohl, allein wie kommt es dann...“ „Es muß ein Mißverſtändniß ſein—“ In dieſem Momente erſchien ein langer, hagerer Mann vor der erleuchteten Wand, verneigte ſich mit Anſtand und begann: rief i grunt Herr dere Spie ärger der „dod die L Fuß, mals Sie ſtehe Sche i, wird neder, n; der Kam⸗ ⸗Thüre vernah⸗ aſſiers, chaften, tiemand g. 8 rraſcht; uns?“ heaſt ne mein ein eder rſt doch ntregeld dann...“ hagerer ſich mit 15 „Verehrungswürdigſtes Publikum!“ Schikaneder ließ ihn nicht weiter ſprechen, ſondern rief ihm, ohne ſich von Sitz zu erheben, aus dem Hinter⸗ grunde des Auditoriums zu:„Mit Verlaub, beſter Serr „Verehrungswürdigſtes Publikum!“ fuhr der An⸗ dere fort;„das Spiel, welches ich treibe, iſt nur ein Spiel von Schatten—“ „Monſieur Depenſier,“ rief der Theaterdirektor ärgerlich,„ich bedauere, Sie unterbrechen zu müſſen.. „Iſt nur ein Spiel von Schatten,“ wiederholte der Künſtler, ohne auf die Dazwiſchenrede zu achten; „doch geht es gut und raſch von ſtatten, ſo verſcheucht's die Langeweile; es folgt ein Bild dem andern auf dem Fuß, und der erklärende Vers vermehrt den Genuß.“ „Monſieur Depenſier,“ fiel ihm Schikaneder aber⸗ mals in's Wort,„der Kukuk ſoll mich holen, wenn ich Sie weiter anhöre, bevor Sie mir Rede und Antwort ſtehen!“ „Was wünſchen Sie, Herr Kollega?“ „Kollega? oho!“ „Die Bezeichnung beleidiget Sie doch nicht?“ „Sie fällt mir bloß auf. Ich bin Komiker und Schauſpieler—“ Auch ich ſpiele zur Schau. Ich werde die Ehre ——— 3 —.——————— 16 haben, Ihnen zu zeigen Adam und Eva im Para⸗ dieſe—“ „Natürlich nicht ohne Feigenblatt—“ „Den Archeerbauer Noah—“ „Mit oder ohne Rauſch?“ „Den egyptiſchen Joſef—“ „Den hab' ich nie leiden mögen.“ „Dann ſpring' ich über David und Goliath hin⸗ weg „Viel Glück dazu!“ „Und zeige, wie der Wallfiſch den Propheten Jonas verſchlingt.“ „Guten Appetit!“ „Hierauf kommen Pompejus, Cäſar und Oktavius an die Reihe—“ „Kohlenbrenner, lauter Kohlenbrenner! Indeſſen es ſei, zeigen Sie, ſpringen Sie, verſchlingen Sie, was Ihnen beliebt; nennen Sie mich Kollega, ich wende da⸗ gegen nichts ein— doch eine Frage müſſen Sie mir be⸗ antworten.“ „Mit Vergnügen!“ „Ich und mein Freund ſind die einzigen Zuſeher.“ „Was liegt daran?“ „Wir vernahmen die Angabe, dieſe Vorſtellung ſei eine Extra⸗Vorſtellung.“ nies 1 kum! gen, r thun. ſtrotze ſitzt,* auch lachen hinzu Huldi ginne werde finder hieße Wien Jahr Para⸗ h hin⸗ Jonas ktavius eſſen es e, was nde da⸗ mir be⸗ eher.“ lung ſei 17 „Das war meine Anordnung.“ „Wir aber wollen nicht, daß Sie unſertwegen zu Schaden kommen.“ Herr Depenſier verneigte ſich abermals ſehr ceremo⸗ nies und begann wieder:„Verehrungswürdigſtes Publi⸗ kum! Ich war auf meinen Künſtlerreiſen ſchon oft gezwun⸗ gen, vor leeren Bänken zu ſpielen.“ „Erging mir auch nicht beſſer!“ „Es ſteht mir daher frei, auch heute dasſelbe zu thun. Indeſſen behaupte ich, daß meine Bude noch nie ſo ſtrotzend voll war, wie gerade jetzt, denn wo ein Mann ſitzt, wie Herr Wrlſgang Mozart—“ rief Schitanper dem Freunde zu,„er kennt auch Dich.“ „Wir ſind halt berühmte Leut'!“ erwiederte Mozart lachent, und zu dem Schattenſpieler gewendet ſetzte er hinzu:„Monſieur Depenſier, ich danke Ihnen für Ihre Huldigung und Aufmerkſamkeit, und nehme beide an. Be⸗ ginnen Sie in's Himmels Namen Ihr Schattenſpiel, Sie werden in uns ein dankbares, aufmerkſames Publikum finden. Von Belohnung wird keine Rede ſein, das hieße Waſſer in die Donau tragen, denn Sie nehmen in S in Einer Woche mehr ein, wie ich in Einem bravo, hoch die Wiener!“ rief Schikaneder und applaudirte, warauf Depenſier ſeine Vorſtellung begann. Die beiden Freunde verfolgten die Produktion mit Intereſſe und ermunterten den Schattenſpieler durch oft⸗ maligen Beifall. Als die Ehren⸗Vorſtellung zu Ende war, dankten ſie für die ihnen erwieſene Ehre, und Schikaneder zeigte ſich erkenntlich, indem er dem Schattenkünſtler auf die Dauer von deſſen Anweſenheit in ſeinem Theater einen freien Sitz zur Dispoſition ſtellte, wogegen jedoch Depenſier ſich ſträubte, bis Mozart neckend ſich einmiſchte und ſagte: „Sie können das Anerbieten ohne Bedenken annehmen, die Sperrſitze in ſeinem Theater ſcheinen ſeit einiger Zeit mit Nadelſpitzen gepolſtert, ſo hartnäckig werden ſie von dem undankbaren Publikum gemieden.“ Schikaneder ohne den Scherz übel zu nehmen, ſeufzte und ſagte:„Er hat Recht, die Wiener ſchmollen mit mir, ſeit einigen Monaten will ihnen in meinem Theater nichts mehr gefallen; indeſſen nur Geduld, es wird ſchon beſſer werden, es muß beſſer werden.“ Der Schattenſpieler geleitete das zweiköpfige Publi⸗ kum vor die Thüre der Bude; da Mozart einige Schritte vorausgeeilt war, erhaſchte Depenſier die Gelegenheit, Schikaneder zuzuflüſtern:„Herr Direktor, ich muß noth⸗ wendig mit Ihnen unter vier Augen verkehren. Ich werde morg bieten gung durch anger das Prate pfeln ſchlaf ſumm ſcheuc herau den 2 nahen Män Dona Bude Zeiche ſpitzer ſtellung on mit ch oft⸗ ikten ſie gte ſich Dauer freien epenſier d ſagte: nen, die Zeit mit on dem , ſeufzte nit mir, r nichts m beſſer Publi⸗ Schritte egenheit, iß noth⸗ ch werde 19 morgen in Ihrem Theater der Vorſtellung beiwohnen, bieten Sie mir nach derſelben die Gelegenheit dazu.“ Schikaneder drückte ihm zum Zeichen der Einwilli⸗ gung die Hand und eilte dem Freunde nach, um mit ihm durch die Jägerzeile der Stadt zuzuſchreiten. Der Schattenſpieler aber, da die Nacht indeſſen her⸗ angerückt war, ließ ſeine Bude ſchließen und begab ſich in das Innere derſelben. Es mochte eine Stunde von Mitternacht fehlen, der Prater ſchlief, das geheimnißvolle Säuſeln in den Wi⸗ pfeln der uralten Baumwelt erſchien wie das Athmen des ſchlafenden Waldes, dem die Donau das Schlummerlied ſummte. Das am Tage nach dem Innern des Forſtes ver⸗ ſcheuchte Wild wagte ſich jetzt wieder auf die Lichtungen heraus, deren ſaftig grüne Matten eine fette Weide boten. Doch ſiehe da, auch die Dunkelheit der Nacht däuchte den Waldbewohnern nicht gefahrlos genug, das Geräuſch nahender Menſchenſchritte ſcheuchte ſie zurück; zwei in Mäntel gehüllte Männer kamen in der Richtung vom Donauarme herüber und näherten ſich der Schattenſpiel⸗ Bude. An derſelben angelangt, gab der Eine von ihnen ein Zeichen, indem er an der Budenwand mit allen Finger⸗ ſpitzen dreimal einen kurzen Trommelwirbel nachahmte. 20 „Wer iſt's?“ fragte drinnen die Stimme des Mon⸗ ſieur Depenſier. „Gute Freunde!“ lautete die Antwort. 4„Woher des Weges?“ „Aus dem Weſten.“ „Tretet ein!“ Die beiden Männer gingen in die geöffnete Bude, Ein 2 deren Thüre ſich hinter ihnen wieder ſchloß. Famil fige G hof be Baron rung Vorſtä Stadt ordnun Schrit bleiben freie nen Ne Bude, Zwrites Capitel. Ein Theaterdirektor und ein Agent in Nöthen. Das Starhemberg'ſche„Freihaus“ auf der Wieden iſt bekanntlich das großte Privathaus in Wien. Seit ſeinem Entſtehen Eigenthum der fürſtlichen Familie Strahemberg, welche dort, wo jetzt das weitläu⸗ fige Gebäude ſteht, Garten, Wieſenland und einen Meier⸗ hof beſaß, ging das Freihaus erſt in neueſter Zeit an Baron Sina über, der es noch beſitzt. Im Jahre 1683, nach der zweiten Türkenbelage⸗ rung durften die zum größten Theile niedergebrannten Vorſtädte ſich nicht mehr bis an die Mauern der inneren Stadt erſtrecken, ſondern es mußte laut kaiſerlicher An⸗ ordnung zwiſchen Stadt und Vorſtadt ein ſechshundert Schritt breiter Raum, das heutige Glacis, freigelaſſen bleiben; dadurch erhielt das Starhemberg'ſche Haus ſeine freie Lage auch gegen den Obſtmarkt zu, und davon ſei⸗ nen Namen„Freihaus“. 22 „Der Leſer wird vom Namen Freihaus ſchließen, Man wohne etwa frei darin?— Ach nein, man wohnet, wie Partheien wiſſen, So miethfrei dort, als ſonſt in Wien.“) Im Jahre 1788, alſo drei Jahre vor dem Beginn dieſer Erzählung, wurde das Freihaus durch den Fürſten Georg Adam Starhemberg**) erweitert und um ein Stockwerk erhöht. „Es gibt zum wenigſten dreitauſend Seelen In ſeinen Mauern Dach und Fach; Wer kann die Zahl von ſeinen Fenſtern zählen? Wer rechnet ihm die Thüren nach 1* „Sechs breite Höfe, einunddreißig Stiegen, Und Gärten noch nach altem Brauch, Weinhäuſer, Ställe, Wagenſchupfen liegen Verſperrt in ſeinem hohlen Bauch.“ Das Freihaus beſitzt ſeine eigene Kapelle; zur Zeit der Patrimonialgerichte hatte es ſeine eigene Gerichtsbar⸗ keit, es bildete eine Stadt in der Stadt. *) Komiſche Gedichte über die Vorſtädte Wiens. Wien 1812. Von Frauz Earl Geway, fortgeſett von Carl Meisl. 2) Er unterzeichnete 1756, dem Geburtsjahre Marie Antvinet⸗ tens, als öſterreichiſcher Botſchafter in Paris, die von Kaunitz ins Verk geſetzte öſterreichiſch⸗franzöſiſche Allianz, war 1780— 1783 General⸗Gouverneur der Niederlande, und ſtarb als erſter Oberſt⸗ Hofmeiſter am 19. April 1807. U ſtändig und an erſtem Z als S Direktr Truppe — Pezzl in ſeit eini H. Johe lich St nachdem vertriebe (1738) Beginn Fürſten um ein zur Zeit ichtsbar⸗ ien 1812. Antoinet⸗ aunitz ins 80— 1783 er Oberſt⸗ ) 23 „Man braucht in dem Koloß nie auszugehen, Man iſt daſelbſt im Uiberfluß Mit Allem, was der Menſch bedarf, verſehen, Und das vom Scheitel bis zum Fuß.“ „Kein Handwerk, keine Kunſt ward je erfunden, Die nicht in ihm ein Obdach fand, Man kauft daſelbſt des Tags zu allen Stunden Die Wagren aus der erſten Hand.“ Um dem Freihauſe noch höhern Grad von Selbſt⸗ ſtändigkeit zu verleihen, wurde darin ein Theater erbaut und am 7. Oktober 1786 von einem Herrn Roßbach als erſtem Unternehmer und Direktor eröffnet. „Selbſt ein Theater lag in ſeinen Hallen, Zwar nicht, wie an der Wien, ſo groß; Doch gab man Stücke dort, die noch gefallen, Und zwar mit Menſchen, ohne Roß.“ Doch ſchon im Jahre 1788 findet man den, auch als Schriftſteller bekannten H. Johann Friedl als Direktor des Theaters im Freihauſe, weil die frühere Truppe Schulden halber daraus vertrieben worden war.*) )„In den andern Halbbogen des vorſtädter Zirkels— erzählt Pezzl im fünften Heft der„Skizze von Vien“(1788)— ſpielt ſeit einigen Wochen die Truppe des als Schriftſteller bekannten H. Johann Friedl. Er hat ſich dieſes Sitzes der Thalia im fürſt⸗ lich Starhembergiſchen Freihauſe auf der Wieden angenommen, nachdem eine andere Truppe, Schulden halber, aus demſelben war vertrieben worden. Dieſe Bühne wird wegen der Neuheit jetzt (1788) fleißig beſucht.“ 2 —+ Nach Friedl übernahm die Leitung Emanuel Schi⸗ kaneder, der in früheren Jahren mit einer andern Truppe in Insbruck, Laibach, Gratz, Peſth und Preßburg gute Geſchäfte gemacht hatte, bis er in letzterer Stadt auf den tollen Einfall gerieth, ein Ausſtattungsſtück zu ſchreiben und zur Aufführung zu bringen, worin die Perſonen lau⸗ ter Hähne und Hühner waren und eine Gans die Haupt⸗ rolle ſpielte. Die Garderobe und die Requiſiten zu dieſem Stücke koſteten ſo viel, daß deſſen Durchfall Schikaneder's Ruin und die Auflöſung der ganzen Geſellſchaft zur Folge hatte. Schikaneder reiſſte hierauf nach Wien, beging hier den neuen Mißgriff, im Burgtheater in der Rolle des Graf Eſſer aufzutreten, wo er horrend ausgeziſcht wurde. Seine Frau— ſie war die Ziehtochter ſeines erſten Bühnen⸗Prinzipals, dem er ſich in Augsburg angeſchloſſen hatte— ſeine Frau alſo im Theater im Freihauſe zurück⸗ laſſend, begab ſich Schikaneder nach Regensburg, ſeinem Geburtsorte, brachte dort neuerdings eine Geſellſchaft zu⸗ ſammen, mit welcher er in mehren Reichsſtädten ſpielte und abermals einiges Vermögen erwarb. Gewiſſer Verhältniſſe wegen mußte Schikaneder auch dieſe Direktion niederlegen, reiſte abermals nach Wien und wurde nun Direktor des Theaters im Frei⸗ hauſe oder des„Wiedner Theaters“, wie es genannt wurde Leimg der M mals lichen chen) Baue Stock dem„ treten direkte tend, ſamm einem Toilet Negli Schi⸗ Truppe g gute auf den hreiben en lau⸗ Haupt⸗ Stücke 8 Ruin e hatte. ng hier olle des wurde. s erſten ſchloſſen zurück⸗ ſeinem chaft zu⸗ ſpielte ikaneder nach m Frei⸗ genannt 25 wurde, während das heutige Theater in der Vorſtadt Leimgrube gelegen, das Theater an der Wien heißt. Die Komödienhütte im Freihauſe ſtand beinahe in der Mitte des geräumigen Hofes, Nummer ſechs Der Garten und die Allee vor demſelben zierten da⸗ mals ſchon dieſen Hof und erſterer gehörte zur ausſchließ lichen Benützung des jewei iligen Theaterpächters. Ein Gartenhäuschen, in Wien„Saletl“(Salön⸗ chen) genannt, ſchmückte die grüne, von einem zweiſtöckigen Baue umſtarrte Oaſe. Die Wohnung Schikaneder's befand ſich im erſten Stockwerke des Freihauſes, vierte Stiege, im Hofe nächſt dem Obſtmarkt. Am Morgen nach dem Beſuche beim Schattenſpieler treten wir in eines ſeiner Gemächer, wo wir den Theater⸗ direktor mit verſchränkten Armen, auf und niederſchrei⸗ tend, antreffen. Er trägt einen Schlafrock von ſchwarzem Woll⸗ ſammt und Schuhe mit Silberſchnallen; die Perücke, auf einem Perückenſtocke aufgeſetzt, ſteht ſeitwärts auf einem Toilettetiſch; der Herr Direktor befindet ſich noch im Negligée und erwartet eben den Friſenr. „Chriſtof!“ „Befehlen, Euer Gnaden?“ „Wo bleibt der Pomadehengſt?“ 1859. XVIII: Die Zanberflöte. L. 2 26 „Kann nicht dienen, Euer Gnaden. Er hat vermuth⸗ lich geſtern nach dem Theater ſich noch einen Zopf an⸗ gehängt.“ „Muß denn dieſer Menſch ſich täglich beſaufen?“ „Verzeihen, Euer Gnaden, er tringt nicht täglich, ſondern nur nächtlich; er hat ſich mit dem Suuffleur verſchworen... doch bald hätt' ich vergeſſen: der Kauf⸗ mann vom Elefanten iſt draußen.“ Schikaneder ſchleuderte ſeinem Factotum wegen die⸗ ſer Hiobspoſt einen ſeiner Jupitersblitze zu und murmelte ärgerlich:„Haſt ihn nicht fortſchaffen können?“ „Ich hab's wohl verſucht, allein der zudringliche Menſch iſt nicht von der Stell' zu bringen, juſt wie ein wirklicher Elefant.“ „Laß' ihn herein!“ Der Kaufmann trat in das Gemach. „Ihr Diener, Herr Direktor!“ „Guten Morgen, Herr von Morisl.“ „Ich bin wegen der Conti's gekommen—“ „Drücken Sie ſich nur deutlich aus, Sie wollen Geld—“ „Ich bitte darum.“ „Wie hoch beläuft ſich der Betrag, den ich Ihnen ſchulde?“ „Siebzehnhundert und...“ wir d 2 hunde hunder Gulde pflanze len jei Sie ſi Geld; Bauer ſchieße mein( willigt Sie je Sie vr hoffen auf un len?“ 7 auf me ermuth⸗ opf an⸗ fen?“ vuffleur rKauf⸗ gen die⸗ wrmelte ringliche wie ein wollen Ihnen 27 „Bleiben wir bei der runden Summe und notiren wir den Reſt.“ „Ich werde demnach ſo glücklich ſein, die ſiebzehn⸗ hundert Gulden zu erhalten?“ „Heute? was fällt Ihnen ein! Nicht ſiebzehn⸗ hundert Groſchen bekommen Sie, vielweniger ſo viele Gulden!... Ich begreife Sie nicht, Herr Morisl! Sie pflanzen ſich doch allabendlich an der Kaſſe auf und zäh⸗ len jeden Groſchen, der eingenommen wird; wie konnten Sie ſich alſo dem Aberglauben hingeben, von mir heute Geld zu bekommen?“ „Mein Gott! es hieß ja geſtern, Ihr Aſſocie Herr Bauernfeind werde Ihnen eine neue Summe vor⸗ ſchießen?“ „Er iſt auch geneigt dazu, allein erſt dann, wenn mein Geſuch um das Privilegium für dieſes Theater be⸗ willigt ſein wird. Zu meinem größten Leidweſen muß ich Sie jedoch ſchon heute darauf aufmerkſam machen, daß Sie von dem Bauernfeind'ſchen Gelde keinen Pfennig zu hoffen haben.“ Der Chef vom Elefanten riß erſchreckt den Mund auf und ſtotterte:„Sie wollen mich alſo gar nicht bezah⸗ len?“ „Herr von Morisl, ich verbiete mir jeden Angriff auf meine Ehre, Sie werden Ihr Geld bekommen.“ 2*½ „Aber wann?“ „Thörichte Frage! Beim nächſten Kaſſaſtück!“ „Herr Direktor, Sie eröffnen mir eine troſtloſe Ausſicht, ich werde meine Lieferungen für Ihr Theater einſtellen müſſen.“ „Wie es Ihnen beliebt.— Chriſtof!“ „Befehlen, Euer Gnaden!“ „Gail, Helmböck und Thaler*) ſollen gleich zu mir kommen, ich werde ihnen mündlich den Auftrag ertheilen, von heute an nichts mehr vom Elefanten zu beziehen. Ich will mit Niemanden in Geſchäftsverbindung ſtehen, der an dem Gedeihen meiner Anſtalt verzweifelt.“ „Herr Direktor, ich bitte um Vergebung, ich ver⸗ zweifle ja nicht,“ flehte der Kaufherr einlenkend. „Warum überlaufen Sie mich alſo? Ich bin noch nicht einmal angezogen, und Sie kommen ſchon mich aus⸗ zuziehen. Gedulden Sie ſich, und damit Ihnen die Zeit nicht lange wird, ſpeiſen Sie heute Mittags bei mir. Chriſtof, geh' nachher zum Elefanten und hole zwölf große Bouteillen Ruſter herüber; gib aber Acht, daß man Dir nicht wieder ſo ein abſcheuliches Geſäuf anhängt wie vor⸗ geſtern; Sie glauben's gar nicht, Herr von Morisl, wie miſerabel mam oft für ſein theures Geld bedient wird.“ ²) Damals Theatermaler, Theatermeiſter und Garderobier bei Schikaneder. ſchor freut ſtehe bekü ſeine k. troſtloſe Theater ch zu mir ertheilen, hen. Ich hen, der ich ver⸗ bin noch nich aus⸗ die Zeit bei mir. ölf große man Dir wie vor⸗ risl, wie wird.“ robier bei 29 „Herr Di rektor mein Wein „Ah, der Friſeur— nur herein... Sie verzeihen ſchon, Herr von Morisl. Ihr Beſuch hat mich ſehr er⸗ freut, ich bitte, mich ein andermal wieder zu beehren, ich ſtehe Ihnen mit Vergnügen zu Dienſten.“ Schikaneder, ohne ſich um den Kaufmann weiter zu bekümmern, warf ſich in einen Armſeſſel und überließ ſeinen Kopf dem Friſeur. „Michel!“ „Befehlen, Euer Gnaden!“ „Sind wir allein?“ „Ig!“ „Biſt Du ſchon nüchtern?“ „Vollkommen!“ „Man kann alſo mit Dir ein kluges Wort ſpre⸗ chen?“ „Wenn Euer Gnaden es im Stande ſind.“ „Michel, keine Späße, die mach' ich mir ſelber. Was ſpricht man von meinem Theater?“ „Gar nichts!“ „Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm!“ „Unſer Theater hat ſeine Beliebtheit, ſeine ganze Zugkraft eingebüßt.“ „Leider wahr, ſehr war.“ „Die Luſtſpiele laſſen das Haus leer.“ 30 „Ich kann's nicht läugnen.“ „Die Ritterſtücke im Joſefſtädter Theater*) wach⸗ ſen uns über den Kopf.“ „O Publikum, Publikum!“ „Der Kaſperl im Leopoldſtädter Theater wird von Tag zu Tag luſtiger.“ „Und wir in eben dem Maße trauriger.“ „Der Sommer iſt vor der Thür.“ „Er wäre noch zu verſchmerzen, wenn man nur auf den Herbſt rechnen könnte.“ „Aber womit, Herr Direktor, womit?“ „Vielleicht mit einem komiſchen Singſpiel.“ „Es hat ſchon lange keines durchgegriffen.“ „Die Singſpiele ziehen auch nicht mehr, Du haſt Recht, Michel, ich muß etwas Neues erſinnen.“ Nach einer Pauſe ernſten Dahinbrütens:„Chriſtof!“ „Befehlen, Euer Gnaden!“ „Da der Elefantenkaufmann ein unausſtehlich lang⸗ weiliger Patron iſt, ſo will ich mich nicht verurtheilen, mit ihm allein zu diniren. Die Doktoren verſetzen ihre bitteren Arzeneien mit Süßigkeiten; Du wirſt Sorge tra⸗ ²) Von dem Schauſpieldirektor Carl Mayer erbaut und am 24. Oktober 1788 eröffnet. gen, k ladeſt me nic mir 1 Ander und fr möchte pfang er wi ſeine; kehrtet pfinge zu erf einen hübſch wach⸗ id wn nur auf Du haſt hriſtof!“ ich lang⸗ urtheilen, tzen ihre orge tra⸗ m gen, daß der Elefantenkaufmann auch verſetzt wird, und ladeſt daher ein Paar luſtige Patrons ein.“ „Bloß Patrons?“ „Meinethalben auch ein Paar Patronninen dazu.“ „Alſo zwei Herren und zwei Damen.“ „Einverſtanden.“ „Vielleicht Herrn von Schack?“ „Beileibe nicht, Tenoriſten dürfen wegen ihrer Stim⸗ me nicht viel ſprechen! Er könnt' marode werden und würfe mir mein ganzes Repertoir über den Haufen. Such' Andere aus, oder noch beſſer, geh' hinüber zu meiner Frau und frag' ſie in meinem Namen, ob ſie ſo gefüällig ſein möchte, heute den Elefantenkaufmann zu Tiſch zu em⸗ pfangen? Williget ſie ein, ſo bin ich von ihm erlöſ't und er wird mit dem Tauſch auch zufrieden ſein!“ Im Vorbeigehen ſei bemerkt, daß Schikaneder und ſeine Frau friedlich und freundſchaftlich miteinander ver⸗ kehrten, jedoch iſolirt wohnten, und Gefellſchaften em⸗ pfingen. Chriſtof entfernte ſich, den Auftrag des Direktors zu erfüllen. „Michel, wie ſteht's mit'm Kopf?“ „Ich bin gleich fertig, Euer Gnaden; bis man ſo einen Direktionskopf zurecht ſetzt, braucht's immer eine hübſche Weile.“ „Michel, da Du jederzeit nur das Echo anderer * — Perſonen biſt, ſo frag' ich Dich, von wem ſtammt dieſe 4 Aeußerung?“ 5 Der Friſeur ſchmunzelte und erwiederte:„Von der ſchönſten Blondine in Wien!“ D „Ah, von der Kneisl⸗Pepi! Wahrhaftig, die hat aus dem doch keine Urſache, ſich über meinen Kopf zu beklagen; ſie kupferig verrückte ihn mir in kaum achtundvierzig Stunden.“ „Das Fräulein iſt aber auch ein Engel!“ bemerkte dieſen 2 der Haarkünſtler begeiſtert. bis zu „Du irrſt, Michl, ein Engel iſt die Pepi nicht, für jedoch e einen Engel trinkt ſie zu viel Champagner; ſie iſt bloß Di ein lieber Schatz.“ „Euer Gnaden haben eine eigene Klaſſifikation er⸗ 36 funden?“„2 2 „Ich rangire die Mädl in drei Kategorien. Die Putzſüchtigen, die von Schmuck leben und auf Cashemirs iſcht 4 . 1. Fj 8 die viel jſ zl Ner ſchlafen, nenne ich„ſaubere Wurzeln“; Eine, die viel ißt 2 und nur Champagner trinkt, gehört in die zweite Klaſſe,„5 und iſt ein„lieber Schatz“; die dritte Kategorie endlich,, ₰ die bloß von ihrem Herzen lebt und Waſſer trinkt, das ſind die Engel! Mir iſt leider Gottes noch keiner unter⸗ gekommen.“ „Euer Gnaden!“ ſon „Nun, Chriſtof?“ Wiener 2 „Der Elefantenkaufmann iſt untergebracht.“ ſie mit de nt dieſe ßon der ie hat en; ſie den.“ bemerkte cht, für iſt bloß tion er⸗ Die shemirs viel ißt e Klaſſe, endlich, nkt, das r unter⸗ „Gottlob!“ „Herr von Karlinger iſt draußen!“ „Nur herein, er iſt mir willkommen!“ Der Theaterdirektor ſprang auf, der Friſeur ſchlüpfte aus dem Gemache, ein kleiner, magerer Greis mit einem kupferigen Geſichte tänzelte herein. „Amice, theuerſter Amice, ich grüße Dich!“ mit dieſen Worten ſuchte er ſich, behufs einer Umarmung bis zu Schikaneder's Speckhals emporzuranken, was ihm jedoch erſt gelang, als dieſer ſich zu ihm herabließ. Die Freunde umhalsten ſich. „Nun, was bringt Dich ſo zeitlich zu mir? Womit kann ich dienen?“ „Ach, Amice, theuerer Amice!“ „Oho, Du ſiehſt; ja trübſelig d'rein, wie ein ausge⸗ ziſchter Theaterpvet!“ „Ach, Amice, wär' ich ein Theaterpvet!“ „Karlinger, wünſche Dir das Schlimmſte, nur das nicht. Du biſt Agent einer gräflichen Familie*).. „Ach,“ jammerte das kupfrige Männchen,„dieſe ¹) Nach damaliger Sitte beſaß nicht bloß in den Kronländern, ſondern auch in der Reſidenz jede herrſchaftliche Familie einen Wiener Agenten, der ihre Aufträge, Ein⸗ und Verkäufe beſorgte, ſie mit den Neuigkeiten des Tages verſah u. ſ. w. 34 Agentie iſt es eben, um die ich zittere, die zu verlieren ich Gefahr laufe.“ „Wie kommt das? Haſt Du vielleicht in Deinen Rechnungen zu hoch gegriffen?“ „Gott behüte, ich begnüge mich bei allen Aufträgen der Herrſchaft mit einem mäßigen Gewinn, ich effektuire die Beſtellungen aus Paris ſchnell und zur Zuftiebenheit ich bin von dem Grafen und der Gräfin wohl gelit⸗ ten „Und dennoch zitterſt Du für Deine Anſtellung?“ „Verhältniſſe, unſelige Verhältniſſe. Amice Ema⸗ nuel, wir ſind noch von Preßburg her alte Bekannte.“ „Karlinger, Deine Freundſchaft iſt mir lieb und werth, allein an Preßburg erinnere mich nicht, die Preß⸗ burger liegen mir ſammt ihrem Zwieback im Magen.“ „Gut, Amice, kein Wort mehr von der verhaßten Stadt mit dem Schloßberge; ich wollte damit bloß auf das Alter unſerer Freundſchaft hinweiſen, indem ich ge⸗ zwungen bin, Deinen Beiſtand anzurufen.“ „Meinen Beiſtand— womit kann ich Dir dienen?“ „Mit einem guten Rath.“ „Wenn's ſonſt nichts iſt.“ „Ach, Freund, ſei nicht voreilig, guter Rath in meiner Angelegenheit iſt nicht bloß theuer, ſondern auch ſchwer.“ A ge 35 ich„Du machſt mich neugierig.“ „Deine Neugierde wird bald dem Bedauern weichen. nen Geſtern ließ die Frau Gräfin mich holen— kennſt Du die Dame?“ gen„Sie iſt eine bejahrte, etwas eitle, ehrwürdige Frau.“ ire„Von außen, bloß von außen, aber von innen iſt eit, ſie ein eiferſüchtiger Satan.“ 1 lit⸗„Man ſollt' es kaum glauben!“ „Und doch iſt es ſo. Karlinger, ſagte ſie zu mir, ich benöthige binnen heute und morgen eine zweite Kam⸗ na⸗ merjungfer. ſ Ich werde Eine beſorgen. und Ich war gezwungen, die frühere Perſonage aus dem ſ eß⸗ Hauſe zu jagen.. Vermuthlich wegen Nachläſſigkeit im Dienſte? ten An Eifer im Dienſte fehlte es ihr nicht, allein ſie auf war mir zu ſchlau und zu hübſch. ge⸗ Wenn's dem ſo iſt, gnädige Frau, antwortete ich arglos, dann werde ich eine zu finden wiſſen, welche dieſe . Eigenſchaften nicht beſitzt. Ich hoffe, daß Sie ſich die Mühe nehmen, meinen Auftrag genau und pünktlich zu erfüllen, ſonſt würde ich 4 in gezwungen ſein, einen andern Agenten zu wählen. uch Mit dieſer Drohung, die mich jedoch nicht er⸗ ſchreckte, entfernte ich mich. Ein Mädchen mit den ge⸗ 6 wünſchten Eigenſchaften, dachte ich, iſt leicht zu finden, ich will die bornirteſte und häßlichſte unter Allen aus⸗ ſuchen. Ich war jedoch kqum zu Hauſe angelangt, als der Kammerdiener des Grafen mir nachgeeilt kam. Herr von Karlinger, begann er außer Athem, Sie kommen eben von der gnädigen Frau. Ich erhielt den Aufrag, eine Kammerjungfer zu be⸗ ſorgen— Und zwar eine bornirte, häßliche Perſon? Ich nickte lächelnd mit dem Kopfe, der Diener aber ſchüttelte mißbilligend den ſeinigen. Ich hoffe, ſagte er, daß Sie dieſen Befehl nicht ge⸗ nau vollziehen werden, oder— Ich blickte ihn fragend an. Oder, fuhr er, die Achſel bedenklich in die Höhe ſchiebend, fort, Sie verlieren die Agentie für unſer Haus. Wie? rief ich erſtaunt, ich genieße ſeit anderthalb Jahren die hohe Ehre, das gräfliche Haus zur vollen Zu⸗ friedenheit zu bedienen, und ſollte jetzt die Revenue ver⸗ lieren? Verehrter Herr von Karlinger, replicirte mir der Kammerdiener, Sie waren ſo glücklich, daß ein derarti⸗ ger Dienſtwechſel ſeit den achtzehn Monaten Ihrer An⸗ ſtel un vet ne liò ſit fät eir un den, us⸗ der öhe ſer alb zu⸗ er⸗ der ti⸗ ln⸗ 37 ſtellung in unſerem Hauſe ſich nicht ergab, ſonſt wären Sie ohne Zweifel nicht mehr unſer Agent: an dieſer Schlla und Charybdis, wie Herr von Blumauer ſagt, ſind bis⸗ her noch alle Agenten geſcheitert. Du lieber Himmel! rief ich beſorgt, was iſt denn da zu thun? Das iſt Ihre Sache, Herr von Karlinger, ich habe den Befehl meines Gebieters vollzogen und Sie über Ihre Lage aufgeklärt. Ich dankte ihm für die hölliſche Aufklärung, er verließ mich, und ich nahm in meiner Bedrängniß meine Zuflucht zu Dir, Amice Emanuel.“ Schikaneder zog ſich am linken Ohrläpplein und ſagte:„Meiner Treu, Freund, Du befindeſt Dich in ei⸗ ner ſchlimmen Situation.“ „Wäre die Agentie dieſes Hauſes nicht ſo einträg⸗ lich, ich würde darauf verzichten und—“ „Halt!“ erwiederte Schikaneder lächelnd,„Du be⸗ ſitzeſt wenig point d'honneur; wäre ich Agent und be⸗ fände mich in einer ſolchen Situation, ich würde es als eine Ehrenſache betrachten, meine Stellung zu behaupten.“ „Wie das?“„ „Du mußt trachten, entweder zwiſchen der Schlla und der Charybdis durchzuſchiffen—“ „Unmöglich, das geht nicht.“ ————— — —————— 38 „Gut, wenn das unmöglich iſt, mußt Du Dir auf eine andere Weiſe helfen— kurz, Du mußt Deine Stel⸗ lung zu behaupten trachten.“ „Ich bin mit größtem Vergnügen dazu bereit, wenn ich nur wüßte, wie?“ „Wir wollen darüber nachdenken.“ „Amice, vergiß nicht, daß der mir gewordene Auf⸗ trag zwiſchen Heute und Morgen vollzogen ſit muß.“ „Die Zeit iſt freilich kurz, indeſſen. „Euer Gnaden. „Was gibt's ſchon wiede Chriſtof?“ „Ein Fräulein iſt draußen und bittet vorgelaſſen zu werden.“ „Iſt es Eine vom Theater?“ „Nein!“ „Gedulde Dich einige Augenblicke,“ wendete ſich Schikaneder zu dem Feunde;„ich werde mir die Unbe⸗ kannte raſch vom Halſe ſchaffen, dann wollen wir Deine Angelegenheit weiter beſprechen.“ Zu Chriſtof:„Das Fräulein kann eintreten!“ Der Agent zog ſich bei Seite; ein Mädchen, nett und anſtändig gekleidet, überſchritt die Schwelle. Der Theaterdirektor ſah faſt mitleidig auf das ſchief⸗ gewachſene, faſt höckerige Geſchöpf, welches ſich vor ihn hinpflanzte. mit Se nen und Se M We tete die To hal kal ſch wir auf tel⸗ enn luf⸗ ſich nbe⸗ eine nett ief⸗ ihn Das Geſichtchen war freilich wie von Milch und mit Roſenblut geröthet, allein zwei graue Augen, deren Sehachſen ſich kreuzten, die alſo, wie man im Leben es nennt, gegeneinander ſtachen, verunſchönten das Antlitz und verliehen ihm einen widerlichen Charakter. „Was ſteht zu Dienſten, mein Fräulein?“ fragte Schikaneder menſchenfreundlich, denn wie geſagt, er fühlte Mitleiden mit dem von Natun ſtiefmütterlich behandelten Weſen. „Ich wünſche, mich dem Theater zu widmen!“ lau⸗ tete die Antwort. Der mehr als klafterlange Direktor ſtreckte ſich bei dieſer Angabe in die Höhe und fragte mit zweifelvollem Tone, als glaubte er das Mädchen ſchlecht verſtanden zu haben:„Sie wollen die Bühne betreten?“ „Es iſt mein innigſter Wunſch.“ „In welcher Eigenſchaft?“ „Als Lokalſängerin!“ Schikaneder ſchüttelte den Kopf und ſagte beinahe ärgerlich:„Ich bedauere, Mamſell, ich bin mit einer Lo⸗ kalſängerin verſehen.“ „Ich weiß,“ verſetzte die Bühnen⸗Aſpirantin gering⸗ ſchätzig,„daß Madame Gerl in dieſem Fache beſchäftiget wird, allein ich bin beſſer wie Madame Gerl, ich be⸗ hübſcher.“ Dieſe mit einer empörenden Sicherheit gemachte Aeußerung brachte bei Schikaneder die einzig mögliche Wir⸗ kung hervor, ſie regte ſeine Galle auf. „Ich zweifle nicht, Mamſell, daß Sie eine ausge⸗ zeichnete Künſtlerin ſind,“ erwiederte er mit einer Jronie, die knapp an Grobheit ſtreifte,„indeſſen bin ich mit Ma⸗ dame Gerl zufrieden.“ „Ich zweifle nicht, Herr Direktor, daß Sie mit der genannten Dame zufrieden ſind, allein ob auch das Pu⸗ blikum, das iſt die Frage?“ „Jetzt hab' ich genug, Mamſell!“ rief Schikaneder wie ein gehetzter Hirſch alle Schranken der Convenienz überſpringend. Das Mädchen, ohne ſich von der Wuth des Büh⸗ nenvorſtandes außer Faſſung bringen zu laſſen, unter⸗ brach ihn mit unglaublicher Kaltblütigkeit und ſagte:„Um Vergebung, Herr Direktor, Sie ſprachen mich zuerſt mit „Fräulein“ an, ich erſuche Sie dieſe Titulatur beizu⸗ behalten.“ „Sie ſind alſo von Adel?“ „So iſt es, Herr Direktor!“ „Gleichwiel, das wird mich nicht abhalten, Ihnen die Wahrheit zu ſagen.“ ſitze mehr Laune wie ſie und ſinge um fünfzig Perzent nal er ger bit mi un ihr ich ſor Be me rzent achte Wir⸗ isge⸗ onie, Ma⸗ t der Pu⸗ reder nienz nter⸗ „Um t mit eizu⸗ hnen 41 „Ich bitte Sie darum.“ „Sie taugen für die Bühne nicht.“ „Warum denn nicht?“ Der naive Ton dieſer Frage hätte Schikaneder bei⸗ nahe zu einem beleidigenden Lachen aufgereizt, indeſſen er beherrſchte ſich und wie Jemand, der ſich bei einem ei⸗ genſinnigen Kranken zur Geduld nöthiget, ſagte er:„Ich bitte Sie, mein Fräulein, ſchonen Sie mich, zwingen Sie mich nicht, alle Rückſichten, die man Frauen und beſonders unglücklichen Frauen ſchuldig iſt, bei Seite zu ſetzen.“ Das Mädchen regte kein Glied, ſondern ſagte in ihrer früheren, völlig argloſen Weiſe:„Wahrhaftig, Herr Direktor, Ihre Rede klingt mir räthſelhaft. Warum ſoll ich denn für die Bühne nicht taugen?“ „Fräulein, Sie werden doch wiſſen, daß jede Per⸗ ſon, die ſich dem Theater widmet, als erſte unerläßliche Bedingung wenigſtens kein unangenehmes Aeußere be⸗ ſitzen darf?“ „Was fehlt denn meinem Aeußern?“ fragte das merkwürdige Mädchen in derſelben Weiſe wie bisher. Schikaneder, der jetzt den letzten Reſt ſeiner Geduld verlor, antwortete kurz und trocken:„Fräulein, ich bitte Sie, in den Spiegel zu blicken, und wenn Sie geſunde Augen haben, werden Sie Ihre Mangel leicht ent⸗ decken.“ 1859. XVIII. Die Zanberflöte. I. 3 „Betrachten doch Sie mich durch den Spiegel, Herr Direktor,“ ſagte jetzt lächelnd das Mädchen;„vielleicht werden Sie eine andere Anſicht gewinnen?“ Schikaneder blickte mechaniſch nach dem goldumrahm⸗ ten Glaſe und zuckte zuſammen. Das weibliche Bild, welches der Spiegel reflektirte, ähnelte wohl dem Fräulein, allein die Geſtalt im Glaſe war ſchlank und gerade gewachſen, die Angen ſprühten Feuer und Triumph, ohne jedoch gegen einander zu ſtechen— kurz, das Weſen war ſchön und makellos. „Teufel,“ rief der Theaterdirektor,„was iſt das?“ und kehrte den Kopf nach dem Original; doch ſchon bot das merkwürdige Geſchzpf durch eine raſche Bewegung des Oberleibes den frühern höckerigen Anblick und die Augen zeigten das widerliche Kreuzfeuer von vorher. „Oho,“ rief Schikaneder auflachend,„was treiben Sie denn da, Fräulein?“ „Ich bin ſo frei, ein wenig Komödie zu ſpielen.“ „Sie ſind ja ein Tauſendßaßa, ein Chamäleon!“ „Zum Dank für dieſes Kompliment geb' ich Ihnen gleichzeitig eine Probe von meinem Singſang,“ erwiederte das Fräulein, eilte zum Klavier, präludirte und begann mit einer friſchen, kräftigen, herrlichen Stimme die Arie Zerlinnen's aus Don Juan: ode beit ger ten dre leir wo „b err eicht hm⸗ irte, laſe hten n— 8 2 chon ung die iben nen erte ann Arie 43 „Wenn Du fein fromm biſt— So ſollſt Du ſehen, Ich weiß ein Mittel— Sicher und ſchön. Kein Magnetiſte— Kein Alchhymiſte; Kein Apotheker— Hat es geſeh'n!“ Schikaneder ſtand da mit weitgeöffnetem Munde, oder wie die Oeſterreicher ſich ausdrücken, wie die Nannerl beim Sterz. Plötzlich ſtürzte er an's Inſtrument, zog die Sän⸗ gerin hinweg und rief:„Halten Sie ein, Fräulein, hal⸗ ten Sie ein, Sie bezaubern mich! Sie könnten monatlich dreißig Dukaten an Gage fordern, und ich wäre nicht im Stande, Ihnen die enorme Summe abzuſchlagen. Fräu⸗ lein, darf ich mir einige Fragen erlauben?“ „Ich werde ſie mit Vergnügen beantworten.“ „Lieben Sie den Putz?“ „Was Sie an mir ſehen, iſt mein Aufwand.“ „Sind Sie genäſchig?“ „Ich bin einen einfachen bürgerlichen Tiſch ge⸗ wohnt.“ „Allgütiger, Sie begnügen ſich am Ende mit Ihren Gefühlen?“ „Mein Herz,“ rief das Mädchen ſchwärmeriſch, „birgt meinen theuerſten Schatz!“ „Und dazu trinken Sie Champagner!“ „Ich trinke bloß Waſſer!“ 14 Zetzt ſtreckte Schikaneder die Arme gegen die Zim⸗ merdecke aus und rief mit theatraliſchem Pathos:„Ihr Götter, nehm't meinen Dank, endlich hab' ich einen En⸗ gel gefunden!“ Die eigenthümliche Scene, bisher blos von zwei Perſonen geſpielt, gewann durch die Einmiſchung einer dritten neues Leben. Der kleine kupferige Agent hatte ſich beim Eintritte des Fräuleins in eine Fenſtervertiefung zurückgezogen und blieb ein ſtummer, jedoch keineswegs gedankenloſer Zeuge. Er verfolgte die Scene mit immer mehr wachſendem Intereſſe, und als die Metamorphoſe des Fräuleins kam, wurde ſein Geſicht wo möglich noch röther, und in ſei⸗ nem Kopfe begann es zu wirbeln wie ein angezündetes Feuerrad. Bei dem Rufe ſeines Freundes Emanuel, er habe endlich einen Engel gefunden! ſtürzte Karlinger herbei, ſank dem Fräulein zu Füſſen und rief noch mehr begeiſtert wie der Theaterdirektor:„Ja, Fräulein, Sie ſind ein Engel, in dieſer Stunde vom Himmel geſendet, einen be⸗ drängten Familienvater zu retten, der jetzt fünf lebendige Kinder zählt und in drei Monaten das halbe Dutzend voll bekommen wird. Engel des Himmels, ſtehen Sie mir bei, retten Sie mich!“ Das Fräulein, dem dieſes Intermezzo räthſelhaft erſ bei ſei zu Ag laſ jet Er eir S zim⸗ Ihr zwei iner ritte und uge. idem kam, ſei⸗ detes habe bei, iſtert ein be⸗ ndige voll bei, lhaft 45 erſchien, ſuchte mit einem fragenden Blicke Aufklärung bei dem Theaterdirektor; dieſer, die geheimen Intentionen ſeines alten Freundes nicht ſchnell genug erfaſſend, ſagte zu ihm:„Karlinger, Du biſt doch nicht übergeſchnappt?“ „Uibergeſchnappt! ich übergeſchnappt?“ rief der Agent begeiſtert, ohne ſeine knieende Stellung zu ver⸗ laſſen;„Amice, ich war noch nie ſo geiſtreich, wie eben jetzt! Salomon der Weiſe iſt ein dummer Tropf dagegen. Emanuel! ahneſt Du denn nicht, daß dieſer Engel das einzige Weſen iſt, welches es vermag, mich zwiſchen der Scylla und Charybdis durchzuſchiffen?“ „Ah! jetzt begreif' ich,“ rief Schikaneder;„was Du wünſcheſt, hat jedoch ſein Niſi. Du als Agent willſt gerettet ſein, ich als Theaterdirektor hoffe das nämliche; da aber jeder Menſch ſich ſelbſt der nächſte iſt und das Fräulein ihr Talent mir anbot, ſo wirſt Du meinen Egvismus verzeihlich finden, abgeſehen davon, daß es noch gar nicht entſchieden iſt, ob das Fräulein auch ge⸗ neigt ſein wird, die Rolle, welche Du ihr zutheilſt, jenen vorzuziehen, die ſie von mir zu erwarten hat?“ „Meine Herren,“ ergriff jetzt das Mädchen die Rede,„ich entnehme Ihren Aeußerungen wohl, daß es ſich um meine Wenigkeit handelt, weiß aber nicht, was dieſer Herr, den ich vor Allem erſuche, ſeinen Knieen nicht erwartet, warum er mich bittet?“ Karlinger erhob ſich und ſagte:„Amice Emannel, Du biſt Schauſpieler, Du biſt Poet, Du biſt Redner, hab' die Gewogenheit, dem Fräulein meine Lage darzu⸗ ſtellen, klar und unparteiiſch. Alles in Allem genau erwogen, ſehe ich kein Hinderniß, welches Sie ab⸗ halten könnte, Dir und mir zu helfen.“ Schikaneder, dem Wunſche des Freundes ſich fügend, begann:„Mein Fräulein, dieſer Herr ſucht ein Mäd⸗ chen, welches ſchlau iſt und die Bornirte ſpielen kann, welches hübſch iſt und ſich das Anſehen einer Häßlichen zu geben vermag.“ „Zu welchem Zwecke bedarf er einer ſolchen Perſon?“ „Um den entgegengeſetzten Anſprüchen eines gräf⸗ lichen Paares zu genügen, bei dem er als Agent bedienſtet und für das er eine Kammerjungfer zu beſorgen beauf⸗ tragt iſt.“ „Der Herr muthet mir alſo zu, eine ſo untergeord⸗ nete Stelle einzunehmen?“ „Fräulein!“ rief Karlinger, von der Wahrſchein⸗ lichkeit einer abſchlägigen Antwort geängſtiget,„ich flehe Sie an, mein Urtheil nicht voreilig zu ſprechen. Zögern weiter die Dienſte der Fußſohlen aufzubürden, von mir Uun zu au YP vi ich mir mel, ner, rzu⸗ nau ab⸗ end, inn, chen hen äf⸗ ſtet uf⸗ r⸗ in⸗ ehe ern 47 Sie, überlegen Sie! Die gräfliche Familie iſt angeſehen und ehrbar.“ „Wollen Sie mir den Namen des Grafen an⸗ geben?“ „Hugo von Teichberg.“ „Teichberg!“ rief nun das Fräulein überraſcht, wendete ſich ſchnell nach der Seite, eilte dem Fenſter zu, um den Herren das verrätheriſche Roth auf ihren Wan⸗ gen zu entziehen. Schikaneder's Augen erweiterten ſich, er ſtaunte über die Wirkung des gräflichen Namens auf das Mädchen. Karlingers ſchon geſunkene Hoffnungen kräftigten ſich. Das Fräulein benützte die abgewendete Stellung, um zwei Minuten lang zu überlegen und einen Entſchluß zu faſſen. „Es ſei,“ lispelte ſie für ſich,„ich hegte die Abſicht, auf jenem Pfade mein Ziel zu verfolgen, allein in dem Momente, wo ich ihn betrete, zeigt ſich mir ein anderer, vielleicht kürzerer und ſicherer Weg. Ruhig, mein Herz, ich will dir auch dieſes Opfer bringen!“ Hierauf begab ſie ſich wieder von dem Fenſter hin⸗ weg zu den Herren und ſagte:„Kann ich auf Ihre bei⸗ derſeitige Verſchwiegenheit zählen?“ Der Bühnenvorſtand und der Agent leiſteten auf Mannesehre die Zuſicherung. 48 „Dann erkläre ich, die Stelle einer Kammerjungfer bei der Gräfin von Teichberg annehmen zu wollen.“ Schikaneder hörte dieſen Entſchluß mit einem Lä⸗ cheln, das ihm nicht vom Herzen kam. Schon ſah er im Geiſte die vollen Häuſer, die ihm die köſtliche Laune und der Geſang dieſes vom Himmel gefallenen Talentes verſchaffen ſollte— und nun ſchwand plötzlich das ſüße Traumbild und die nackte Wirklichkeit glotzte ihn wieder an. Das Fräulein erkannte, was in dem Inneren des Bühnenvorſtandes vorging, und ſagte, indem ſie ſchalkhaft mit dem Zeigefinger drohte:„Herr Direktor, keine ſüß⸗ ſauere Miene gezogen, es iſt noch nicht aller Tage Abend! Indem ich Ihrem Freunde helfe, glaube ich auch mir beſſer zu dienen, und wie Sie vorhin ſehr praktiſch zu be⸗ merken beliebten: Jeder iſt ſich ſelbſt der nächſte!“ „Halten ſie ein!“ rief Schikaneder mit komiſchem Groll,„oder ich begehe, wie weiland Jupiter einen Raub. Jede Nuance Ihrer Rede, jede Bewegung ihres Körpers verräth mir, wie groß der Verluſt iſt, den meine Bühne in dieſem Augenblicke erleidet.“ „Sprechen Sie nicht von Verluſt, Herr Direktor, denn aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben.“ „Perle, Kleinod, Diamant, Talisman, Engel!“ rief der große Emanuel begeiſtert;„Apropos! weil ich da vo kei ne bi mi det mi igfer Lä⸗ ihm nmel vand hkeit des haft ſüß⸗ end! mir be⸗ chem inen hres teine ktor, ett ich 49 eben von Engeln ſpreche, Fräulein, ſchenken Sie mir die Ehre und ſeien Sie heute Mittags mein Gaſt.“ „Ich muß dafür danken, Herr Direktor, umſomehr, da es mein Wunſch iſt, ſogleich der Gräfin von Teichberg vorgeſtellt zu werden.“ „Sie wollen mich alſo ſchon verlaſſen?“ „Ich muß, Herr Direktor, es drängt mich meinem Ziele entgegen.“ „Und ich ſoll nicht einmal Ihren Namen erfahren?“ „Da Sie mir Verſchwiegenheit gelobten, nehme ich keinen Anſtand, Ihnen zu entdecken, daß ich die Steier⸗ mark meine Heimat, Marburg meinen Geburtsort nenne, Cäcilie heiße und eine Baroneſſe von Helm bin!“ Schikaneder verneigte ſich, und das Fräulein, ſich mit einer anmuthigen Attitüde empfehlend, verließ, von dem Agenten gefolgt, das Gemach. „Euer Gnaden!“ „Was gibt's?“ fuhr der Direktor ſein Faktotum mürriſch an. „Fräulein Kneiſel läßt fragen, ob Herr Direktor ihr heute zu Tiſche die Ehre geben wollten?“ „Nein, ich bin beſchäftig't!“ Chriſtof ſtarrte den Gebieter an. Auf ſeinem Antlitze malte ſich die Verblüffung eines 50 Menſchen, der eben den Stefansthurm eine Baſſarie ſin⸗ gen, das heißt, der das Unmögliche zu hören glaubt. „Eu. er... Gna. den. ſprechen: Nein?“ ſtammelte Chriſtof. „Nein!“ wiederholte Schikaneder. Der Diener zog die Schultern in die Höhe, als wollte er ſagen:„Ich waſche meine Hände!“ und machte kehrum. Er hatte jedoch die Thüre hinter ſich noch nicht ge⸗ ſchloſſen, als er drinnen wieder ſeinen Namen rufen hörte. „Befehlen, Euer Gnaden!“ „Sag' dem Fräulein Kneiſel, ich nehme die Einla⸗ ſei dung an.“ de „Schafskopf!“ fuhr der Gebieter ihn an;„was ſoll be die Verwunderung? Man läßt einen Spatzen nicht fliegen, bevor man die Taube hat. Marſch!“— B rte. la⸗ ſoll gen, Yrittes Capitrl. Die fabelhaften Zwillingsſchweſtern. Das Hötel der gräflichen Famile, deren Agent zu ſein Herr Stephan Karlinger die Ehre genoß, ſtand auf der Freiung, wo die Paläſte faſt ausſchließlich hochadelige Wappen, wie die der Kaunitz, Harrach, Lamberg, Abens⸗ berg, Traun u. ſ. w. an der Stirne tragen. Graf von Teichberg machte ein großes Haus— eine Bezeichnung, deren man ſich zwar noch heute bei manchem unſer Geldariſtokraten bedient, deren Weſenheit jedoch weit hinter jener der Vergangenheit zurück ſteht. Das„große Haus“ eines Cavaliers von ehedem verhält ſich zu dem„großen Haus“ eines Bankiers von heute gerade ſo, wie ſich der Thurm von St. Stefan zu dem neuen Auguſtinerthurm verhält, worin man wegen Mangel an Raum die Glocken nicht läuten kann. Es iſt doch merkwürdig, wie ſehr unſere Geldariſto⸗ 52 tratie beſtrebt iſt, die Schwachheiten derjenigen, deren Einfluß ſie ſich bemächtiget hat, nachzuahmen, und wie wenig ſie ſich befleißt, ihre Vorzüge und Tugenden ſich anzueignen! Es würde uns nicht ſchwer fallen, nachzuweiſen, wie wohl ſich die Künſte unter dem ſchützenden Schatten des Stammbaumes befanden, und wie kümmerlich ſie ſich jetzt neben der„Aktie“, dieſem papiergewordenen Lumpen, dahinſchleppen. Die Paläſte, die Archive, Bibliotheken, Bilderga⸗ lerien und Stiftungen lobpreiſen noch heute den Stamm⸗ baum; was dagegen die Aktie ſchafft, das thut ſie nicht um des allgemeinen Beſten Willen, nicht aus Ehrgeiz, nicht aus Großmuth, ſondern nur aus Gewinnſucht, um ſich ſelbſt im Courſe zu heben. Zetzt iſt Alles Egoismus, ehedem gab es auch Nobleſſe! Vor uns liegt eine Schilderung der Wiener Sitten aus dem Jahre 1786. In dem Kapitel:„Ein großes Haus“, worin der Verfaſſer eine derartige Haushaltung detaillirt, finden wir folgende, für unſere Zeit bezeichnende Reflerion: „Es iſt ein höchſt ſchiefes Räſonnement, wenn man verlangt, daß die großen Familien einer großen Reſidenz ſich ſehr zuſammen ziehen, einſchränken ſollen. Wir ha⸗ ——— S 7) ren wie ſich wie des etzt en, um⸗ icht eiz, um tten orin den 53 ben einige ſolche Beiſpiele gehabt. Die Häupter einiger Familien lebten, theils aus natürlichem Hang, theils aus ſchmutziger Geldgierde, eine Zeit über ſehr haushälteriſch. Was war die Folge? Einer hinterließ bei ſeinem Tode 8 Millionen, ein anderer 13, ein anderer gar 17 Mil⸗ lionen Gulden baares Geld. Nun ſtelle man ſich vor, daß 10 bis 12 große Häuſer, und zwar durch 3—4 Genera⸗ tionen auf dieſem Fuß zu leben anfingen, was ſoll dann aus dieſen Millionen werden?“ Die Antwort auf dieſe Frage gibt, wenn man den Ausdruck„baares Geld“ in Papier umwandelt, unſere Zeit: Solche Millionen beherrſchen den Geldmarkt und verſchlingen nach und nach die kleineren Kapitalien! Doch welche Abirrung! Wir ſchreiben einen Roman:„Die Zauberflöte“, und gerathen dabei auf das Thema: Kapital und Millio⸗ nen, als ob das Talent und das Genie je damit zu ſchaffen gehabt hätten! Darum wenden wir uns raſch wieder unſerer Erzäh⸗ lung zu. Die gräfliche Familie von Teichberg beſtand aus drei Perſonen: dem Grafen, der Gräfin und ihrem Neffen Scipio, einem Bruderſohne des alten Herrn. Nur drei Perſonen, und doch welch' ein Haus! Die Zahl der Dienerſchaft beiderlei Geſchlechtes, vertheilt in den Haus⸗, Küchen⸗ und Stalldienſt, betrug dreißig Köpfe. ko Ein Paradezug, zwei Poſtzüge, ſechs Pirutſchrenner, acht Reitpferde, vier Strapazierklepper füllten den Stall. ge Dreierlei Tiſche wurden zu jeder Mahlzeit gedeckt: 3 die Herrſchaftstafel, der Officiertiſch und der Geſinde⸗ di tiſch. In dem Hötel herrſchte zu jeder Tageszeit ein be⸗ i 1 wegtes aber geräuſchloſes Leben. Um die zwölfte Vormittagsſtunde trat der Agent, Fo Herr Karlinger, von einem mißgeſtalteten Mädchen be⸗ der gleitet durch das Thor. ſta Ohne die ſpöttiſchen Mienen, das mehr oder weni⸗ ger unverſchämte Schmunzeln der Dienerſchaft zu beach⸗ der ten, ſchritten Beide die Treppe hinauf zu dem Antichambre ful der Frau Gräfin, wo Herr Karlinger Ihrer Gnaden ſich bis melden ließ.. Die letzten Augenblicke des Alleinſeins mit ſeiner nig Begleiterin benützte er, ihr flehend zuzuflüſtern, ſie möge der auf dem Gange hieher getroffenen Verabredungen Un eingedenk bleiben und ihre Doppelrolle mit Sorgfalt 6 Se ſpielen. Das Fräulein nickte ihm bejahend zu. dete Der Agent durfte zuerſt eintreten. Die Dame, eine lange, hagere Frau mit einer blon⸗ * * g den Perücke, prunkte in einem etwas ſchwerfälligen, aber koſtbaren Morgennegligée. er, Einſt, in den Tagen des ſiebenjährigen Krieges, eine l. gefeierte Schönheit, hatte ſie das Malheur zur Zeit des t Zwetſchkenrummels ²) nicht bloß ihre Kopf⸗, ſondern auch die Mundzierde zu verlieren. Die Kunſt mußte die Natur erſetzen, und der dama⸗ lige gräfliche Agent war ſo glücklich, gleichzeitig mit dem Gul de Paris auch den Haarſchmuck von echt germaniſcher nt, Farbe und zwei Reihen Perlen nicht zum Glänzen, ſon⸗ 8 dern zum Beißen beſtimmt, aus der franzöſiſchen Haupt⸗ ſtadt beſorgen zu dürfen. 5 Der Zahn der Zeit begnügte ſich jedoch mit der von ch⸗ den Reizen der Gräfin genommenen Hekatombe nicht, er n fuhr fort zu graben und zu wühlen, und verwandelte das ich bisher glatte Antlitz der Dame in einen gefurchten Acker. Auch hier mußte die Kunſt vermitteln und beſchö⸗ nin nigen. ge Die Mode hatte eine eigene Salbe erfunden, die en Unebenheiten des Fells auszugleichen; doch um nicht täg⸗ alt lich der langweiligen Operation ausgeſetzt zu ſein, dieſe Senkgruben der Schönheit überkleiſtern zu müſſen, beklei⸗ dete man vor dem Schlafengehen das Antlitz mit Lein⸗ 5 Der bairiſche Erbfolgekrieg im Jahre 1778. wandmasken, welche die Tviletten⸗Chemie jener Zeit von . innen mit Froſchlaich, Taubenkoth oder mit noch ärgern ſie Stoffen zur Conſervirung— ob der Haut oder der Salbe? fur iſt uns unbekannt— zu beſtreichen befahl. Welchem dieſer Präſervative die Frau Gräfin den wo Vorzug gab, wiſſen wir nicht, allein wir vermuthen, daß der Taubenkoth in Gnaden ſtand, da der Dachboden des gräflichen Palais mit jenen Geſchöpfen reich bevölkert war, die einſt den Menſchen das Küßen gelehrt haben ſollen und die noch heute als Muſterweſen girrender Zärt⸗ die 1 lichkeit gelten. Ha 1 Die erwähnte Salbe beſaß außer ihrer aktiven Ei⸗ um genſchaft auch noch die paſſive, daß ſie— Schminke an⸗ nahm. hof Roth ſchminkte ſich damals Alles, gleichviel ob jung im oder alt, die Nothwendigkeit des Weißſchminkens trat je⸗ mei doch am meiſten ein bei jenen, die ſich der erwähnten Ste Salbe bedienten. ford Dieſe Armen mußten wöchentlich ſich zweimal klei⸗ Mi ſtern laſſen, viermal weiß lakiren und täglich roth an⸗ ſtreichen.— We Die Frau Gräfin war nun eben unter den Händen ihrer erſten Kammerjungfer hervorgegangen und glänzte die von Friſche, wie ein Baum an der ſtaubigen Heerſtraße gege dien nach einem kurzen Regen. 18 on ern be? ung t je⸗ nten klei⸗ an⸗ nden inzte raße 57 „Nun, was bringen Sie, Herr Karlinger?“ fragte ſie mit freundlicher Herablaſſung, nachdem ſie den ehr⸗ furchtsvollen Handkuß des Agenten erduldet. „Ihro Gnaden, Frau Gräfin,“ lautete die Ant⸗ wort,„ich bin ſo frei, eine Kammerjungfer zu bringen.“ „Ah, ſo raſch?“ „Das Glück war mir hold.“ „Wer iſt ſie? Woher? Wo hat ſie früher gedient?“ „Gnädigſte Frau Gräfin, ich bitte, bevor Sie von dieſen Nebendingen Notiz zu nehmen ſich herablaſſen, die Hauptſache, nämlich das Individuum und deſſen Ingenu⸗ um huldvoll in's Ange zu faſſen.“ „Ich pflege ſonſt dergleichen Aufnahmen dem Haus⸗ hofmeiſter zu überlaſſen,“ antwortete die Dame,„allein im gegenwärtigen Falle, wo es ſich um eine Porſon in meiner nächſten Umgebung handelt, um eine Perſon, deren Stellung und Obliegenheiten mein ganzes Vertrauen er⸗ fordern, will ich ſelbſt ſehen und wählen. Laſſen Sie das Mädchen herein.“ Das Fräulein trat in das Gemach garz in derſelben Weiſe wie vor zwei Stunden bei dem Direktor Schikaneder. Die Gräfin, mit einer Lorgnette bewaffnet, nahm die Ehrenbezengungen mit ſtandesgemäßer Kühle ent⸗ gegen und unterzog das Aeußere ihrer zukünftigen Leib⸗ dienerin einer ſtrengen Prüfung. 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. „Wie heißt Sie?“ „Ich heiße Fanni!“ „Alſo Franziska?“ „Fanni, wenn ich bitten darf.“ „Franziska oder Fanni, es iſt ja einerlei!“ „Wenn Ihro Gnaden es befehlen, iſt es mir einerlei.“ „Hat Sie ſchon in der Eigenſchaft als Kammer⸗ jungfer gedient?“ „Ja, und zwar bei der Baroneſſe von Helm.“ „Hier in Wien?“ „In Marburg in der Steiermark.“ „Wie lange diente Sie bei der Baroneſſe?“ „Von meinem dritten Lebensjahre angefangen.“ „Oh, oh, eine dreijährige Kammerjungfer!“ „Ich war nämlich eine arme elternloſe Waiſe, da ſagte die gnädige Baroneſſe Mutter, der Himmel verleihe ihr eine glückliche Auferſtehung: Wir wollen die arme Fanni zu uns auf's Schloß nehmen und zur Kammer⸗ jungfer ausbilden! Das geſchah, ſo bin ich von meinem dritten Jahre an Kammerjungfer geweſen.“ „Man zählt die Lehrjahre nie zu denjenigen, wo man das Erlernte ausübt,“ korrigirte die Gräfin. „Wenn Ihro Gnaden es wünſchen, werde ich die Lehrjahre von meinen Kammerjungferjahren ſubtrahiren.“ di ni rr ti Ul u al hi mir ner⸗ „da eihe eme ner⸗ nem wo die en.“ 59 „Mach' Sie die Rechnung.“ „Als dreijähriges Mädchen kam ich in's Schloß, von meinem zwölften Jahre angefangen hörte ich auf zu lernen, jetzt bin ich achtzehn Jahre alt, zwölf von acht⸗ zehn abgezogen bleiben ſechs, als Reſt, wenn Ihro Gna⸗ den es wünſchen, eigentlich nur ſechs Jahre als Kammer⸗ jungfer gedient.“ „Sie verſteht gut zu rechnen?“ „Oh, ich weiß nicht bloß zu rechnen! wenn die gnä⸗ digſte Frau es befehlen, ſo kann ich auch deutſch, italie⸗ niſch und franzöſiſch ſchreiben und leſen.“ „Brav, ſehr brav, Sie hat der ſeligen Frau Ba⸗ roneſſe von Helm viel zu verdanken.“ Das Mädchen faltete die Hände, blickte gegen die Decke des Gemaches und ſagte mit dem ergreifenden Tone tiefgefühlter kindlicher Dankbarkeit:„Der Himmel ſegne ihr Andenken, ſie war mir wie eine Mutter!“ Die Gräfin, nicht ahnend, daß die Perſon vor ihr von ihrer wirklichen Mutter ſpreche, fand Wohlgefallen emn der neuen Tugend der Dienerin und dachte wie wei⸗ land Herr Percival von Griſeldis: Und dankbar iſt ſie auch! „Wie lange weilt Sie ſchon in Wien?“ fuhr ſie hierauf fort zu fragen. „Ich kam erſt geſtern Nachmittags um vier Uhr 4* 60 Nachmittags mit der Grätzer Landkutſche hier an und ſtieg auf der Wieden im Gaſthofe zu der rothen Ente ab.“ „Sie hat alſo von der Stadt noch nichts geſehen?“ „Oh doch, gnädigſte Frau Gräfin, ich ging ja heute um ſechs Uhr Früh in die Meſſe zu Paulanern.“ Die Dame nickte wohlgefällig mit dem Kopfe und dachte: Und fromm iſt ſie auch! „Auf welche Weiſe,“ ſo wurde das Examen fort⸗ geſetzt,„lernte Sie Herrn Karlinger kennen? War Sie ihm empfohlen?“ „Herr Karlinger iſt der Agent Seiner Gnaden un⸗ ſeres Herrn Bürgermeiſters in Marburg.“ „Ich verſtehe, der Herr Bürgermeiſter gab Ihr alſo ein Rekomandationsſchreiben an den Herrn Agenten mit?“ „Wenn die gnädigſte Frau Gräfin es befehlen, ſo hat mir der Herr Bürgermeiſter ein derartiges Schreiben mitgegeben, thatſächlich aber erhielt ich keinen Brief, ſondern bloß einen mündlichen Auftrag, und auch dieſen nicht von dem Herrn Bürgermeiſter, ſondern von der Frau Bürgermeiſterin.“ „Wie kam es denn, daß Sie das Haus Ihrer Wohlthäterin verließ?“ „Dies that ich in Folge des Zuredens von Seit des Fräuleins, welches ſeit zwei Jahren, das iſt ſeit den ———— — und b 7 2 ute und ort⸗ Sie 61 Tode der Frau Baroneſſe Mutter bei der Frau Baroneſſe Tante wohnt. Fani, ſagte das Fräulein zu mir, du wirſt wohl thun, Dich in der Welt ein wenig umzuſehen. Du haſt ſo viel gelernt, daß Du in jedem herrſchaftlichen Hauſe als erſte oder zweite Kammerjungfer erſcheinen kannſt; reiſe nach Wien, dort herrſcht großer Mangel an treuen, braven Weibsleuten, vielleicht iſt das Glück Dir hold. Wenn gnädiges Fräulein es befehlen, gab ich zur Antwort, ſo will ich in Wien mein Glück ſuchen, packte meinen Koffer und reiſ'te ab.“ „Die junge Baroneſſe ſcheint ihrer ſeligen Mutter würdig zu ſein?“ „Fräulein Cäcilie iſt ein Engel!“ Bei dieſer Betheuerung mußte der Agent ſich Ge⸗ walt anthun, um nicht laut aufzulachen. Die Gräfin, mit dem, was ſie geſehen und gehört, zufrieden, beendete die Vorſtellungsſeene, indem ſie zu Karlinger ſagte:„Das Mädchen gefällt mir, verſtändi⸗ gen Sie ſich mit dem Haushofmeiſter und bringen Sie mit ihm die Angelegenheit in Ordnung. Sie kann gleich morgen den Dienſt antreten.“ „Wenn Ihro Gnaden die Frau Gräfin es befehlen,“ bemerkte Fanni,„ſo werde ich morgen meine unterthä⸗ nigſte Aufwartung machen, obgleich der morgige Tag ein Freitag iſt.“ „Halt, darauf vergaß ich. Der Freitag iſt kein ge⸗ 3 eigneter Tag zum Antritte eines Dienſtes. Laſſen wir's auf Uibermorgen.“ Der Agent und das Fräulein küßten der Dame ehrerbiethig die Hände und begaben ſich aus dem Gemache. „Da Sie erſt übermorgen den Dienſt antreten,“ ſagte Karlinger,„ſo begleite ich Sie jetzt nach Hauſe und werde morgen die Angelegenheit mit dem Haushoſmeiſter ordnen.“ Man nahm den Rückweg über die Baſteien. „Fräulein!“ rief jetzt der Agent ſeinem lange ver⸗ haltenen Entzücken freien Lauf gewährend,„Sie haben Ihre Rolle vortrefflich geſpielt; wenn ich Sie bei Schi⸗ kaneder nicht geſehen hätte... ich würde es kaum für möglich halten...“ „Nur keine Komplimente, Herr Agent. Eine Rolle zu ſpielen anfangen, dazu gehört ein wenig Geſchick, ſonſt nichts; allein der Rolle treu bleiben, ſie bis zum letzten Momente conſequent durchführen, das iſt Kunſt!“ „Die arme Gräfin, ſie begann allmälig blau zu werden.“ „Der Himmel vergebe mir die kleinen Nothlügen, ihr Zweck iſt kein ſchlimmer.“ „Doch nun, Fräulein, kommt noch eine ernſte Frage in Betracht zu ziehen. Sie haben das Wohlgefallen der — m n, ge er 63 Gräfin errungen, nun müſſen wir auch an den Herrn Grafen denken; damit auch er mit Ihrer Auquiſition zu⸗ frieden ſei, muß er Sie in Ihrer wahren Geſtalt ſehen, umweht von Liebreiz und jugendlicher Munterkeit.“ „Oh, oh, Herr Agent, Sie ſprechen ja, als ob Sie Mitarbeiter des hieſigen Muſenalmanachs wären. Dies dient mir zum Beweiſe, daß auch der Eigenutz die Phan⸗ taſie zum Fluge, wenn auch nur zu einem Gänſefluge, aufſtacheln kann. Was den Herrn Grafen betrifft, ſo bleibt uns nur zu wünſchen, daß die Gelegenheit, wo ich ihm das erſtemal begegne, eine günſtige ſei, dann hoffe ich auch ſeinem Geſchmacke zu genügen.“ „Ich bitte Sie aber auch zu erwägen, daß die Lo⸗ ſung dieſer Aufgabe nicht ohne Gefahr iſt. Der Herr Graf ſind gewohnt, es nicht beim Geſchmacke bewenden zu laſſen.“ „Ich ſchmeichle mir, Geiſt genug zu beſitzen, den üblen Gewohnheiten des Herrn Grafen— im Falle er ſolche beſäße— Schranken zu ſetzen.“ „Wenn aber an die Stelle der Gewohnheit die Lei⸗ denſchaft tritt?“ „Dann wird die Kammerjungfer Fanni ſich in den Schutz der Baroneſſe Cäcilie von Helm begeben.“ „Ach, Fräulein!“ Was überraſcht Sie?“ 64 „Dort ſeh' ich den Herrn Grafen uns entgegen kommen.“ Die Baroneſſe warf einen Blick nach dem bezeichne⸗ ten Herrn und ſagte raſch entſchloſſen:„Der Zufall iſt uns günſtig, ſprechen Sie den Grafen unter irgend einem Vorwande an, ich werde die Gelegenheit benützen, mich in die Unterhaltung zu miſchen.“ „Mein Gott, Sie werden ihm doch nicht mit dieſem mißgeſtalteten Aeußeren entgegen treten— der erſte Ein⸗ druck iſt ein bleibender.“ „Uiberlaſſen Sie das mir!“ entſchied das Fräulein mit einem Tone, der keinen Widerſpruch duldete. Man näherte ſich dem Cavalier. Der alte Herr, in der Mitte der Sechzig ſtehend, bot ein zierliches gns Aeßt Gutmüthigkeit zeigte, puß ſein Herz wohl Paſſi io⸗ nen aber keineswegs verheerender Leidenſchaften fühig ſei. Ohne gerade Platoniker zu ſein, liebte er mehr die Schönheit als die Weſenheit; er glich vollkommen jenen Blumenfreunden, die ſich an dem Anblicke im Garten blü⸗ hender Florakinder ergötzen, ohne den Drang nach ihrem Beſitze zu fühlen. Der Schönheitsfreund lebt mehr mit dem Auge wie mit dem Herzen— wer gönnt ihm nicht das unſchuldige Vergnügen. ſie, M die qui nic Ne an zu un mi Ni get M gen ne⸗ iſt em tich em in⸗ ein n ſio⸗ hig die nen lü⸗ em wie 5 Ach, die Nelke, wie hübſch, die Lilie, wie ſchön iſt ſie, die Centifolie, wie prächtig; der Anblick ergötzt ihn. Manchmal, in ſchwachen Augenblicken wandelt ihn wohl die Luſt an, ſich an n dem Duft der Blumen zu er⸗ quicken; er verſucht es ber zart und zierlich, er greift nicht täppiſch zu, ſon neigt bloß den Kopf mit der Naſe voran; plötzlich fährt er zurück— ein Dorn hat ihn an dem Naſenſpitzchen geſtochen. Er ärgert ſich, iſt aber zu gutmüthig, um Rache zu nehmen, geh't ſeines Weges und ergötzt ſich morgen an derſelben Blume, wie geſtern. Herr Karlinger grüßte den Grafen ſehr ehrerbiethig. „Ah, unſer Agent!“ ſprach der alte Herr, ihm mit Herablaſſung herbeiwinkend;„was bringt der Tag Neues?“ „Gnädiger Herr, die Reichspoſt iſt noch nicht ein⸗ getroffen, und wir beziehen unſere Neuigkeiten wie unſere Moden von draußen.“ „Und zwar die Neuigkeiten aus Paris und die Mo⸗ den aus London, da die Franzoſen anfangen, dieſe Göttin von ihrem Altare zu ſtürzen.“ Nach dieſer Bemerkung wendete der alte Herr ſeinen Blick auf die Begleiterin des Agenten und fragte leicht hingeworfen:„Vermuthlich eine Verwandte?“ „Bloß eine Empfohlene, gnädiger Herr!“ antwor⸗ tete Karlinger. „Sind Mamſell aus der Provinz?“ „Ich bin aus Marburg in der Steiermark,“ ver⸗ ſetzte das Fräulein. „Ein prächtiges Land, aber yur das Land!“ „Soll das vielleicht ein ſtuniner Tadel gegen deſſen Bewohner ſein?“ „Ich kann es nicht läugnen.“ „Dann huldigen, gräfliche Gnaden, einem Irrthum.“ „Wie ſo?“ „Weil Land und Leute ſich nicht trennen laſſen. Der Ausdruck des Landes, worin man geboren iſt, haftet wie in der Sprache ſo auch im Verſtande und im Herzen.“ „Oho! meine Kleine! Sie haben de la Rochefou- cault geleſen!“ „Das raſche Erkennen des Citats beweiſtt, daß ich nur nachahmungswürdigen Beiſpielen gefolgt.“ „Man läugne nun noch, daß die Bildung Fortſchritte mache! Pe la Rochefoucault ſogar in Marburg!“ „Ich denke, gräfliche Gnaden, die Wiener haben kei⸗ nen Grund, die Bildung der Provinzen von oben herab zu beurtheilen. Vor ungefähr vier Jahren gab man in Prag eine Oper—“ „Ah! Sie wollen mir vermuthlich Mozart's Don Juan vorführen, der in Prag Senſation erregte—“ „Und den die Wiener nicht verſtanden haben.“ der mi ner die deſ an ver⸗ ſſen . m. Der wie . ou- 67 „Das iſt Sache des Geſchmackes.“ „Der Geſchmack ſinkt oder ſteigt wie Queckſilber in der Glasröhre je nach der Temperatur der Bildung.“ Der Graf fixirte die kleine Mißgeſtalt und fragte mit leiſem Spott:„Von wem iſt dieſer Vergleich?“ „Dieſer Vergleich, gnädiger Herr, gehört mir an.“ „Sie beſchäftigen ſich alſo auch mit Phyſik?“ „Die Wiſſenſchaft iſt ein Feld, welches nur von Män⸗ nern bebaut werden ſoll; den Frauen ziemt es jedoch, auf dieſem Felde hie und da eine Aehre zu pflücken, um min⸗ deſtens zu wiſſen, daß Brod nicht auf den Bäumen wachſe.“ „So unwiſſend wird wohl Keine ſein!“ „Wenn die Sage nicht trügt, ſoll es in gewiſſen Re⸗ ſidenzen ſolche Exemplare geben.“ „Sie ſcheinen den Reſidenzbewohnern nicht hold zu ſein?“ „Ich bin ein armes Mädchen und nicht in der Lage, Jemanden Huld zu ertheilen oder zu entziehen.“ „In weſſen Schule haben Sie ſich dieſen Sarkas⸗ mus eigen gemacht?“ „Um Vergebung, gräfliche Gnaden, Igeln und Bienen bringen ihre Stacheln mit auf die Welt.“ Der alte Herr lachte. „Sie amüſiren mich, Mamſell! Meiner Treu, Sie amüſiren mich— es iſt nur ſchade, jammerſchade, daß...“ 68 Er hielt inne. „Darf ich Ihre Rede ergänzen, gnädiger Herr?“ „Sie wollen mir vermuthlich beweiſen, daß Sie Gedanken errathen können?“ „Sie wollten ſagen: Schade, daß die Perſon ſo mißgeſtaltet iſt.“ „So ſchonungslos drücke ich mich ſelbſt in Gedanken nicht aus.“ „Oder mit feineren Worten: Schade, daß Geiſt und Körper bei ihr nicht beſſer im Einklange ſtehen!“ „Meiner Treu! jetzt haben Sie meine eigenſten Worte errathen.“ „Ich bin zu bedauern, gnädiger Herr, daß ich nicht allen Anforderungen genügen kann; in dieſer Be⸗ ziehung iſt meine Schweſter viel glücklicher.“ „Sie beſitzen eine Schweſter?“ „Eine Zwillingsſchweſter.“ „Was Sie ſagen! Eine Zuwillingsſchweſter, und dieſe ſollte Ihnen körperlich nicht ähneln?“ „Nicht wahr, gräfliche Gnaden, es iſt ein wenig auffallend?“ „Man könnte beinahe ſagen, ein Naturſpiel.“ „Das iſt die einzig paſſende Bezeichnung dafür. Wir ſind Zwillingsſchweſtern, erblickten vor achtzehn Jahren in einer Viertelſtunde das Licht der Welt und erhielten beide ne eit tu ku A nken Heiſt iſten ich und enig Wir nin eie 69 den Namen Fanni. Die Eltern ließen uns gleiche Kleider und gleiche Erziehung zu Theil werden; unſere geiſtigen Fähigkeiten entwickelten ſich auch im gleichen Schritt, allein die körperlichen unterſchieden ſich mächtig zu meinem allei⸗ nigen Nachtheile. Während zum Exempel meine Haltung ein wenig vorwärts geneigt iſt, iſt die meiner Schweſter— ich will verſuchen, ihre körperlichen Vortheile, wie ſie wirk⸗ lich ſind, Ihnen zu zeigen— eine vollkommene vertikale; ihr Oberleib hebt ſich in der Weiſe, wie ich es darſtelle, frei aus den Hüften, ihre beiden Schultern liegen gerade ſo, wie ich es nachahme, in Einem Niveau; dadurch iſt ihre Geſtalt ſchlank, ihr Wuchs hübſch. Die Angen mei⸗ ner Schweſter ſtechen nicht gegeneinander, ſondern es lau⸗ fen die Sehachſen parallel, ſo wie jetzt bei mir; dies Alles verleiht ihr einen viel freundlicheren Anblick, während ich Arme“— das Fräulein ſchrumpfte bei dieſem Worte durch eine raſche Bewegung des Oberleibes zu ihrer frühern Mißgeſtalt zuſammen—„während ich Arme von der Na⸗ tur ſo ſtiefmütterlich behandelt wurde.“ Die Miene des Grafen zeigte von Sekunde zu Se⸗ kunde mit dem Schwinden der körperlichen Mängel des Mädchens ſich ſteigerndes Erſtaunen. Als endlich die Mamſell aus der Provinz tadellos gebaut und leuchtenden Blickes vor ihm ſtand, umſpielte ein Lächeln des Wohlgefallens ſeine Lippen, und als ſie 70 wieder ihr früheres Ausſehen annahm, geſellte ſich ein Kopfſchütteln zu dem Lächeln. „Oh, oh, Sie kleiner Kobold im Unterrock, was trei⸗ ben Sie da?“ „Gnädigſter Herr, ich verſuchte ein Nuturſpiel zu erklären.“ „Was bedeutet dieſe äſopiſche Metamorphoſe zu Ihrem eigenen Nachtheile?“ „Dieſe Maske, gnädiger Herr, gereicht mir nur zum Vortheile; ohne ſie wäre mir ſo eben nicht das Glück zu Theil geworden, von Ihro Gnaden der Frau Gräfin von Teichberg als Kammerjungfer angenommen zu werden.“ „Wie, Sie in unſeren Dienſten?“ fragte der alte Herr in einer Weiſe, die ſeine angenehme Uiberraſchung offenbarte. „Wenn Euer Gnaden es gütigſt erlauben?“ „Ich billige die Wahl der Frau Gräfin und werde das Opfer, welches Sie dieſem Dienſtplatze brachten, zu beachten wiſſen. Ich will ſtets darauf Bedacht nehmen, daß Sie in unſerem Dienſte ſind und nicht Ihre Zwillingsſchweſter!“ „Gräfliche Gnaden ſind zu feinfühlend, zu groß⸗ müthig, um meine Situation durch Unvorſichtigkeiten noch mehr zu erſchweren.“ Der alte Herr nickte zuſtimmend mit dem Kopfe, ———— ein trei⸗ zu zum zu von alte ung erde zu ten, hre och * wendete ſich hierauf zu dem Agenten und ſagte:„Mein lieber Karlinger, Sie beziehen von heute an, außer Ihrem Gehalte, aus meiner Chatoulle eine jährliche Zulage von Einhundert Dukaten. Adien!“ Damit ſpazierte er weiter. Es fehlte nicht viel, ſo wäre der kleine kupferige Mann auf offener Baſtei dem Mädchen zu Füßen ge⸗ ſunken. „Fräulein Baroneſſe!“ rief er,„Retterin aus der Noth, Philoſophin, Profeſſorin aller ſchönen Künſte, Engel mit Geiſterflügeln, erlauben Sie mir, daß ich Sie auf meinen Händen nach Hauſe trage!“ „Nur kein Aufſehen,“ lächelte die Baroneſſe,„be⸗ denken Sie doch, daß ich jetzt nur ein Kammermädchen bin!“ „Ei was, auch die drei Grazien waren Kammer⸗ jungfern der Venus.“ „Mein lieber Herr Karlinger,“ fiel ihm das Fräu⸗ lein lachend in's Wort,„die Frau Gräfin ſind keine Ve⸗ nus und ich bin keine Grazie.“ „Wer wagt ſo was zu blasphemiren? Sie ſind mehr wie eine Grazie, Sie ſind eine Minerva, eine Hebe, eine Juno, kurz Sie ſind fabelhaft wie die ganze My⸗ thologie.“ „Herr Karlinger,“ drohte das Fräulein ſcherzhaft, 72 „verſchwenden Sie Ihren Enthuſiasmus nicht, Sie wer⸗ den ihn noch nöthiger haben.“ „Fräulein Baroneſſe, leiſten Sie ſelbſt das Groß⸗ artigſte, mein Enthuſiasmus wird nie erlahmen.“ Der Agent geleitete ſein fabelhaftes Ideal bis zur rothen Ente auf der Wieden, wo ihm die Angebetete, um ihn nur los zu bekommen, entſchlüpfte. um Biertes Capitel. In welchem der Schattenſpielmann dem großen Emanuel unter die Arme greift. Am Abende desſelben Tages war die Vorſtellung im Theater im Freihauſe ſo ſchwach beſucht, wie in der Regel ſeit vielen Wochen her. Die Gallerien matt, das Parterre ſchwach, Sperr⸗ ſitze und Logen leer. Die Schauſpieler hinter den Kouliſſen ſeufzten, die Billeteure gähnten, die Arbeitsleute ſchimpften, die Herren im Orcheſter griffen vor lauter Aerger falſch. „Wenn das ſo fort geht,“ murrte der Eine,„wer⸗ den wir die Boutique bald zuſperren müſſen!“ „Ich weiß nicht,“ witzelte der Andere,„warum der Direktor das Theater nicht in eine Hetze umwandelt, wir würden beſſere Geſchäfte machen!“ „Warum ſchenkt er im Theater nicht lieber Heuri⸗ gen aus?“ ſpöttelte ein Dritter. 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 5 74 „Und bei dieſen Ausſichten ſoll im Herbſt auch noch das Theater auf der Landſtraße eröffnet werden!“ „Alſo ein viertes Vorſtadttheater!“ Während Alles um ihn her verzagte, verlor Schi⸗ kaneder weder ſeine Zuverſicht noch ſeine gute Laune. Er war zum Theaterdiktor geboren, die Ungunſt des Moments beugte ihn nicht, die Gunſt machte ſeinen Eifer und ſeine Thätigkeit nicht erkalten; ob im Glück oder Un⸗ glück, er kargte nicht. Schikaneder kannte die Bühne und das Publikum, wenn er manchmal falſch kombinirte, ſo trug daran die Mangelhaftigkeit ſeiner Bildung Schuld und ſein darun⸗ ter leidender Geſchmack. Auch an dem genannten Abende gab ſich Schikane⸗ der vor ſeinem Perſonale den Anſchein, als nehme er deſſen Verſtimmung nicht wahr; ſeine Außenſeite zeigte den ſorgloſen, unbekümmerten Prinzipal, ſeinem Temperament und Charakter gemäß, bedurfte er dazu keines beſonderen Zwanges. In ſeinem Innern lebte die Uiberzeugung, daß es ſo nicht bleiben werde; er hoffte auf die Zukunft, er ahnte die nahende Rettung, ohne jedoch die Seite zu wiſſen, woher, ohne die Form zu kennen, in welcher ſie kommen würde? eit B noch Schi⸗ des Fifer Un⸗ kum, tdie run⸗ kane⸗ te er e den ment deren ß es ahnte iſſen, nmen 75 Während der heutigen Vorſtellung beſchäftigte er ſich ausſchließlich mit dem Schattenſpielmann. Herr Louis Depenſier ſaß, ſeinem Worte getreu, in einem Parterreſitz und verfolgte die Vorſtellung mit großem Intereſſe. Schikaneder hinter den Kuuliſſen ſtehend, ſchaute oft nach ihm und dachte dabei:„Was mag er mir zu ſa⸗ gen haben? Sollte er das Werkzeug ſein, deſſen ſich das Schickſal bedient, mich aus meiner Bedrängniß zu er⸗ löſen?“ Die Neugierde ließ heute den Direktor das Ende der Vorſtellung mit Ungeduld erwarten, Chriſtof war bereits angewieſen worden, ſich des ihm genau bezeichne⸗ ten Herrn nach dem letzten Fallen des Vorhanges zu bemächtigen und ihn in die Direktorswohnung zu führen. Der lange hagere Schattenſpieler wurde von dem Bühnenleiter auf's freundlichſte empfangen. „Nun, Monſieur Depenſier, wie haben Sie ſich im Theater amüſirt?“ „Gut, Herr Kollega, das Stück iſt wirkſam, aber einfältig.“ „Es iſt von mir.“ „Ich gratulire, Sie werden im Laufe der Jahre Beſſeres leiſten, darum Geduld, nur Geduld!“ Schikaneder, der ſeinen Werth als Komiker und 5* Theaterpoet ſehr ſtark überſchätzte, verzog die Miene zu einem ſüßſauern Lächeln und fragte ein wenig gereizt nach den Mängeln des Stückes. Der Schattenſpieler mit ſeinem unüberwindlichen Phlegma ließ ſich nicht aus dem Gleichmuthe locken, ſondern erwiederte:„Schätzbarſter Herr Kollega! Sie verlangten meine Meinung zu wiſſen— ich hielt damit nicht zurück. Nun gehen Sie aber weiter und fordern mich auf, meine ausgeſprochene Anſicht zu rechtfertigen— darauf kann ich nicht eingehen. Ich bin kein gelehrter Kritikus, ſondern ein ſimpler Schattenſpieler, meine Force ſteckt nicht im Geiſte, ſondern in der Gelenkigkeit meiner Glieder. Uiber⸗ dies lud ich mich nicht bei Ihnen ein, um Sie zu kriti⸗ ſiren, ſondern um Ihnen zu helfen.“ Das Wort„helfen“ verſcheuchte im Nu aus dem Herzen des Theaterdirektors die gekränkte Eitelkeit und machte den zweikammerigen Muskeln vor freudiger Erwar⸗ tung heftiger pochen. „Sind wir unbelauſcht und werden wir ungeſtört bleiben?“ frug Depenſier geheimnißvoll. „Ich habe bereits Maßregeln getroffen, daß man uns nicht unterbreche,“ verſicherte der Bühnenvorſtand; „zum Beweiſe ſehen Sie hier den Tiſch mit kalten Spei⸗ ſen und einem Flaſchenvorrath beſchwert.“ „Ich danke, ich ſoupire nie.“ tet ur di zu nach chen cken, Sie nicht auf, kann dern im ber⸗ riti⸗ dem und var⸗ ſtört man nd; „Sie haben alſo auf die Würze des Lebens verzich⸗ tet? Ich bedauere, denn ich bilde mir auf meinen Tiſch und meinen Keller ebenſo viel ein, wie auf mein Komö⸗ dienſpiel und meine Stücke.“ Depenſier ſchmunzelte mit einem Ausdrucke, als hätte er ſagen wollen:„Prahlhanns, Du beziehſt ja Deine Bouteillen aus dem Keller des Elefanten!“ Doch währte ſein Lächeln nur wenige Sekunden, ſeine Miene wurde raſch wieder ernſt, er machte ſich's bequem in dem weichgepolſterten Großvaterſtuhl und ſagte:„Kommen wir zur Sache.“ „Ich bin ſchon dabei!“ erwiederte Schikaneder, in⸗ dem er die Gläſer voll ſchenkte und eine Forelle zerlegte. „Ich ſagte vorhin,“ begann der Schattenſpielmann, „ich ſei gekommen, Ihnen zu helfen.“ „Ich habe es mit Vergnügen vernommen!“ „Ihr Theater iſt in Mißkredit gerathen.“ „Die Forelle iſt ausgezeichnet, verſuchen Sie doch, Monſieur Depenſier.“ „Ich danke! Die bevorſtehende Jahreszeit iſt nicht geeignet, zu erſetzen, was Sie im Winter verſäumt.“ Emanuel antwortete nicht, ſondern ſchwemmte die bittere Wahrheit mit einem Glaſe Wein hinab. „Deliziös, der Vöslauer iſt wirklich deliziös!“ „Sie ſind tief in die Paſſiva gerathen!“ 78 „Mein Appetit hat darunter nicht gelitten.“ „Wenn Sie aber ſo fortführen, würde zwar nicht Ihr Appetit, aber zuverläſſig Ihr Magen zu leiden be⸗ kommen und zwar vor Hunger.“ „Emanuel der Große,“ erwiederte Schikaneder ſich aufrichtend,„wird niemals darben müſſen.“ „Der Sybarit darbt, wenn ihm nur das Noth⸗ wendige geſtattet iſt.“ „Monſieur Depenſier, Sie ſcheinen mir mein Sou⸗ per verleiden zu wollen, es wird Ihnen nicht gelingen. Sie geben vor, mir helfen zu wollen; Sie ſind ein ei⸗ genthümlicher Doktor. Ich traf noch keinen Arzt, der bei einem Pazienten, ſtatt nach deſſen Uibeln zu forſchen, mit dem Aufzählen ſeiner diätiſchen Sünden begann.“ Der Schattenſpieler lächelte und ſagte:„Mein lie⸗ ber Herr Pazient, was Ihre Krankheit betrifft, ſo kenne ich ſie vollkommen, und brauch' nicht erſt danach zu forſchen.“ „Gut, dann reichen Sie mir die Arzenei dagegen“ Depenſier zog ein weißes Papier, in der Form eines großen Briefes zuſammengefaltet, aus der Bruſt⸗ taſche und legte es vor ſich auf den Tiſch. „Enthält dieſes Schreiben die Arzenei?“ fragte Schikaneder, das dünne Papier mißtrauiſch anblickend. „Ja!“ verſetzte der Schattenſpieler phlegmatiſch. —— nicht be⸗ ſich oth⸗ Sou⸗ igen. ei⸗ bei mit lie⸗ enne zu en Fornt ruſt⸗ ragte end. . 79 „Es iſt vermuthlich eine Anweiſung auf 10.000 Gulden bei dem Hauſe Fries zu erheben?“ „Dieſes Papier,“ erwiederte der Andere in ſeiner Weiſe,„kann eine Anweiſung auf zehn, zwanzig, fünfzig oder noch mehr tauſend Gulden, ja es könnte ſogar die Urquelle eines großen neuen Theaters werden!“ „Monſieur, Sie entzücken mich— der Spargel iſt köſtlich, fahren Sie fort, ich bitte, fahren Sie fort“ „Bevor ich mich näher erkläre, erlauben Sie mir, daß ich, ſtatt fortzufahren, umkehre.“ „Wozu das?“ „Um Ihre Lage in's Auge zu faſſen.“ „Bah! meine Lage iſt gar nicht ſo ſchlimm, als Sie etwa wähnen Mein Theater trägt, wenn es voll iſt, an einem Abende über vierthalb hundert Gulden; ich brauch' nur ein Kaſſaſtück, und meine Paſſiva ſind gedeckt.“ „Ihr eigentliches Leiden, Herr Kollega, ſind nicht Ihre Paſſiva, ſondern es iſt der Mangel an moraliſchem und pekuniärem Kredit.“ 3 Der große Emanuel würgte an dem Biſſen, den er eben im Munde hatte, ohne daß es ihm gelang, ihn hinab zu bringen. Der unerbittliche Arzt traf den wunden Fleck, und der Schmerz verleidete dem Direktor zum erſtenmale das Souper. Das Theater im Freihauſe war keine Specialität, wie der„Kasperl“ in der Leopoldſtadt, wie das Ritter⸗ thum in der Joſefſtadt, es beſaß kein Genre, keine Rich⸗ tung; zwei Direktionen waren in der Friſt von kaum fünf Jahren darauf zu Grunde gegangen, es fehlte daher das Vertrauen in den Beſtand der gegenwärtigen Leitung, ſo⸗ mit auch der Kredit. Das wußte, das fühlte Schikaneder, doch fand er bisher noch nicht das Mittel zur Abhilfe. Der Schattenſpieler, um dem Direktor Zeit zu gön⸗ nen, die bittere Pille hinabzuſchlucken, ergriff ein Glas, nippte daran, ſchnalzte, wie Weinkenner es zu machen pflegen, mit den Lippen und der Zunge, und ſagte hierauf: „Der Oeſterreicher bleibt immerhin ein vortrefflicher Tiſchwein. Wenn dieſes Rebenblut erſt echt wäre!“ „Monſieur Depenſier!“ „Was beliebt, Herr Kollega?“ „Sie mögen als Theaterarzt ſehr erfahren und ſehr geſchickt ſein.“ „Danke für's Kompliment.“ „Als Gaſt ſind Sie, gelinde geſprochen, nicht lie⸗ benswürdig.“ „Ich proteſtire gegen die Zumuthung, daß ich zu Ihnen als Gaſt kam.“ „Ah, dann fahren Sie fort, als Arzt zu ſprechen.“ kei ſch M ga auf neh ön⸗ las, hen uf: cher ehr lie⸗ zu 81 „Sie ſind bereits neugierig?“ „Ich läugne es nicht.“ „Ihr Gefühl ſoll ſogleich befriedigt werden. Nach⸗ dem ich Ihre Leiden ſchonungslos aufgedeckt, erkläre ich meine Geneigtheit, Ihnen zu helfen. Vor Allem biete ich Ihnen meinen Kredit an, der nicht blos Ihre gegenwärti⸗ gen Paſſiva decken ſoll, ſondern auch jene, die bis zur Herbſtzeit unausbleiblich hinzukommen werden.“ „Das Anerbieten wird mit Hochachtung angenom⸗ men, allein—“ „Was allein? Was haben Sie für Bedenken?“ „Ich möchte die Perzente kennen?“ „Bah, wer ſpricht von Perzenten? Ich bin ein Mäckler; wem ich Geld borge, der zahlt nie Intereſſen. Noch mehr, ich verlange auch keine Hypothek, keine Schuld⸗ verſchreibung—“ „Oh, oh, ſolches Vertrauen gränzt an Irrſinn.“ „Meine Propoſition iſt großmüthig, kollegial, aber keineswegs irrſinnig. Ich werde Ihnen ein Geſchäft vor⸗ ſchlagen: gelingt es, dann zahlen Sie mir als ehrlicher Mann meine Vorſchüſſe zurück; mißlingt es, ſostrage ich ganz allein den Schaden. Sind Sie geneigt, einen Vertrag auf dieſer Baſis mit mir abzuſchließen?“ „Mit Vergnügen; welcher Art iſt jedoch das Unter⸗ nehmen?“ 82 „Nur Geduld; das beabſichtigte Geſchäft iſt ein derartiges, daß, wenn es gelingt, damit auch der morali⸗ ſche Kredit für Ihre Anſtalt erobert iſt.“ „Um ſo beſſer, zwei Fliegen mit Einem Schlage.“ „So iſt's. Hören Sie nun, was ich proponire und die Bedingungen, die ich gleichzeitig damit verbinde. Sie müſſen ſich verpflichten, bis längſtens Oktober dieſes Jah⸗ res ein neues Stück zur Aufführung zu bringen.“ „Angenommen.“ „Dieſes Stück muß eine deutſche Oper ſein.“ „Eine deutſche Oper— gut.“ „Die Muſik dieſer Oper muß Herr Mozart kom⸗ poniren.“ „Ich zweifle nicht, daß er, um mich zu retten, ſeinen Vorſatz, für Wien keine Oper mehr zu ſchreiben, aufgibt. Ich war ſchon vor eilf Jahren in Salzburg ein Haus⸗ freund bei Mozart, Madame Hofer, Mozart's Schwä⸗ gerin, iſt jetzt bei mir im Engagement, Mozart ſelbſt iſt mein Freund, ich glaube alſo auf ihn rechnen zu können. Ich werde ſogleich anfangen über den Stoff der Oper nachzudenken.“ „Halt, Halt, dieſe Mühe bleibt Ihnen diesmal er⸗ ſpart.“ Schikaneder ſah den Schattenſpieler groß an. Herr Depenſier fuhr fort:„Ich komme nun zur ein ali⸗ ge. 4. und Sie Jah⸗ om⸗ inen gibt. aus⸗ wä⸗ t iſt nen. Oper ler⸗ zur 83 Hauptbedingung unſeres Geſchäftes. Sie werden den Text zu der Oper ſchreiben, jedoch nach einer vorliegenden, ge⸗ gliederten Handlung; dabei verhehle ich Ihnen nicht, daß der Vorwurf zum Theil dem Märchen„Lulu“ aus Wie⸗ land's Dſchiniſtan entnommen iſt, doch iſt der Verlauf derart geändert, daß Sie keines Plagiates beſchuldiget werden können und ein Recht haben, ſich den Verfaſſer des Tertes zu nennen.“ Schikaneder ſchüttelte zu dem eigenthümlichen Vor⸗ ſchlage den Kopf und ſagte:„Haben Sie bei der Wahl des Stoffes auch erwogen, ob er für eine Oper geeignet iſt?“ „Noch mehr, Herr Kollega, die Handlung iſt nicht blos allgemein für eine Oper, ſondern beſonders für eine deutſche Oper und vorzüglich für eine Oper nach dem jetzi⸗ gen Geſchmacke des Wiener Publikums geeignet.“ „Das läßt ſich hören. Wenn ſich's ſo verhält, ſo werde ich die Handlung mit Vergnügen benützen. Doch nun eine Gewiſſensfrage. Aus welchem Grunde machen Sie die Benützung des von Ihnen gewählten Opernſujets zur Hauptbedingung unſeres Geſchäftes?“ Der Schattenſpieler ſchob die Achſeln in die Höhe und ſagte:„Das, Herr Kollega, iſt ein Geheimniß. Daß der Grund ein gewichtiger ſein muß, erhellet aus dem Umſtande, indem ich Tauſende daran wage, dieſen und ge⸗ rade dieſen Stoff von der Bühne herab verkörpert zu ſe⸗ 84 hen. Im Falle er Ihnen mißfiele, würde ich mich damit an Marinelli wenden und Perinet wird ihn zur Bearbei⸗ tung erhalten.“ Die Drohung erzielte die beabſichtigte Wirkung. „Ich zweifle nicht an der Zweckmäßigkeit Ihrer Wahl,“ ſagte Schikaneder raſch,„und erſuche Sie, mir Ihre Aufzeichnungen mitzutheilen.“ Depenſier nahm mun das Papier, welches er vorhin vor ſich auf den Tiſch gelegt hatte, entfaltete es und über⸗ gab es dem Theaterdirektor. Dieſer begann leiſe, jedoch mit großer Aufmerkſam⸗ keit zu leſen. Der Schattenſpieler verhielt ſich während der län⸗ gern Dauer ruhig und beobachtete blos die Miene des Direktors, um den Eindruck der Lektüre zu beurtheilen.“ Dieſer war ein entſchieden günſtiger. Ze länger Schikaneder las, deſto ſtrahlender wurde ſein Auge, deſto lebhafter ſeine Geſichtsfarbe. „Bravo.. prächtig... das gibt Effekt. oh, oh, welche Situation.. originelle Idee... bunt und toll... kann komiſch werden, ſehr komiſch...“ Dieſe und ähnliche Exclamationen entſchlüpften ihm unwillkürlich während des Leſens. Nachdem er endlich zu Ende war, ſprang er auf, ſtreckte dem Schattenſpieler ſeine rechte Hand entgegen ſch ſchi ſier den das Gl mit bei⸗ hrer mir rhin ber⸗ am⸗ län⸗ des 1. ude hm uf, 85 und rief:„Herr Kollega, bei gegenſeitiger Zuſicherung der Geheimhaltung unſeres Vertrages, erkläre ich unſer Geſchäft für abgeſchloſſen.“ „Gefällt Ihnen der Entwurf?“ „Er ſcheint eigens für das hieſige Publikum er⸗ funden.“ „Wann bringen wir unſern Geheimvertrag zu Papier?“ „Morgen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir nach der Aufführung der Oper die Dokumente gegenſeitig wie⸗ der zurücknehmen.“ „Natürlich. Das Verdienſt, den Text der Oper ge⸗ ſchrieben zu haben, muß Ihnen unbeſtritten bleiben.“ „Haben Sie bereits über den Titel der Oper ent⸗ ſchieden?“ „Der Titel iſt mir gleichgültig,“ antwortete Depen⸗ ſier,„mir iſt es blos um den Stoff zu thun.“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte Schikaneder,„ſo will ich dem Kinde Vater werden und es taufen.“ Er ſchenkte zwei Gläſer voll, nahm eines und drückte das andere dem Schattenſpielmann in die Hand. Beide ſtanden aufrecht ſich gegenüber, erhoben die Gläſer und Schikaneder rief:„Es lebe die Jauber⸗ ſlöte!“ 86 „Ah die Zauberflöte— vortrefflich— hoch die Toch⸗ ter des Lichtes!“ Beide tranken. Eine Stunde ſpäter ſaß der Schattenſpielmann in der Bude im Prater an einem Tiſche. Vor ihm lag ein bereits früher vollendetes ungewöhnlich umfangreiches Schreiben, welchem er, nachdem er es abermals durch⸗ geleſen, eine kurze Nachſchrift hinzufügte folgenden In⸗ haltes: „Die Tochter des Lichtes iſt an den Mann gebracht. „Das Talent wird ſie ausſtatten, das Genie glorificiren. „Welchen Effekt ſie auch erzielen mag, Eines iſt ſicher: ſie „wird lange genug leuchten, um uns zu nützen!“ Hierauf ſiegelte Depenſier den Brief, und ohne ihn mit einer Adreſſe zu verſehen, übergab er ihn einem an der Thüre harrenden Manne und ſagte:„Nach Mainz!“ Der Bote verſchwand, der Schattenſpieler ſchloß die Thüre und ging zur Ruhe. nu di in in g ein eiches urch⸗ In⸗ racht. ciren. ſie e ihn m an inz!“ oß die Fünftes Capitel. Ein Morgen bei Mozart. Es iſt acht Uhr Morgens, wir treten in die Woh⸗ nung Mozart's in der inneren Stadt, in der Rauhenſtein⸗ gaſſe, im ſogenannten kleinen Kaiſerhaus, welches damals die Nummer 970 trug. Heute, zu einem ſtattlichen Zinshaus umgebaut, iſt es mit der Nummer 934 bezeichnet und heißt der Mo⸗ zarthof. Das Gemach, wo wir uns befinden, iſt das Ar⸗ beits⸗ und ſeit einiger Zeit auch das Schlafzimmer des Kompoſiteurs. Ein Klavier mit Muſikalien beſchwert, ein Bett, da⸗ neben ein kleiner Tiſch, beſäet mit Schreibzeng und zahl⸗ reichen Blättchen, theils beſchriebenen theils unbeſchrie⸗ benen Notenpapiers, ein Schrank mit Büchern, endlich hie und da umherliegend oder ſtehend verſchiedene In⸗ —— —. 88 ſtrumente— das iſt beiläufig, mehrere größere oder kleinere Hügel aufgeſchichteter Muſikalien mitgerechnet, die Ein⸗ richtung dieſes Gelaſſes, wo Mozart ſchlief und dichtete, oder richtiger geſprochen, wo er das Gedichtete nieder⸗ ſchrieb; denn für das eigentliche geiſtige Schaffen gab es bei ihm weder eine beſtimmte Zeit noch einen beſtimmten Ort, er dichtete immer und überall, und wenn er ſich zum Schreiben niederſetzte, brauchte er nur zu kopiren, was er im Geiſte fertig trug. Wir treffen den Meiſter trotz der ſpäten Morgen⸗ ſtunde noch im Bette, er ſchläft jedoch nicht mehr, ſondern arbeitet bereits ſeit zwei Stunden. Nach einer Weile öffnete ſich ſachte und mäßig die Thüre und ein paar ſchwarze Frauenaugen guckten durch den Spalt. „Stör' ich?“ fragte eine Silberſtimme. „Engel ſtören nie!“ Eine niedliche, anmuthige junge Frau mit einem apfelrunden Geſichtchen trat ein. „Guten Morgen, liebe Stanzerl!“ Der Gegenwunſch der Gattin beſtand in einem herzlichen Kuß. „Wie haſt Du geruht, mein Schatz?“ „Nicht am beſten, lieber Mann.“ „Und das Kind?“ Ei ric ſeit kon ſchi M 18 gen⸗ dern die urch nem nem 89 „War die Nacht über ſehr brav.“ „Gerade wie ſein Papa!“ Konſtanze drohte ſchelmiſch:„Dagegen ließe ſich Einiges einwenden.“ „Aha, nun kömmt das hochpeinliche Noth⸗ und Ge⸗ richtsverfahren.“ „Item, man läßt Gnade für Recht ergehen.“ „O mia cara sposa—“ „Und in Berüchſichtigung, daß das liebe Mandl ſeit einiger Zeit gar ſo fleißig im Niederſchreiben iſt—“ „Ach, Stanzerl, wenn Du wüßteſt, was ich heute komponirt habe?“ „Nun, zum Exempel?“ „Rathe doch.“ „Eine Arie?“ „Keine Spur.“ „Etwas von einer Symphonie?“ „Noch weiter gefehlt.“ „Ein Conzertſtück?“ Der Meiſter verneinte abermals. „Ich ſehe ſchon,“ ſagte er,„Du biſt im Errathen ſchwach, ich will Deinem Genius unter die Arme greifen. Meine heutige Kompoſition iſt eine Bittſchrift.“ Konſtanze ſchmunzelte. „Was iſt das? Du biſt gar nicht überraſcht? Schel⸗ 1859. XVIII. Die Zauberſlöte. I. 6 90 min, mir däucht gar, man hat mich und meinen großarti⸗ gen Plan verrathen.“ Konſtanze lachte. „Na, warte nur, wenn dieſer Herr Abbé kommen wird, will ich ihm die Leviten aus dem ff leſen.“ „Ich bekenne reumüthig—“ „Daß Stadler geplaudert hat.“ „Lieber Wolfgang, Herr Stadler hat nur mir an⸗ vertraut, wozu er Dich beredete.“ „Nun, was halteſt Du von der Idee?“ „Ich billige ſie von ganzer Seele. Kapellmeiſter Hoffmann iſt kränklich und kann den Dienſt als Dom⸗ organiſt nicht mehr ordentlich verſehen, es iſt daher wahr⸗ ſcheinlich, daß der Magiſtrat ihm Jemanden beigeben wird. Zu einer Remuneration wird man ſich freilich kaum verſtehen...“ „Ich verlange ſie gar nicht, ich erkläre in meinem Geſuche ausdrücklich, daß ich die Dienſte unentgeltlich ma⸗ chen will, um mir die Rückſicht des Magiſtrates für die Zukunft zu erwerben.“ „Ich bin geſpannt, wie man Dein Geſuch beſchei⸗ den wird?“ „Ich hoffe das Beſte, der Magiſtrat wird es, da ich k. k. Kapellmeiſter und Hofkompoſitor bin, nicht leicht ab⸗ lehnen können.“ ter flu leſ ſit di lo w ni a eit W de zarti⸗ nmnen ran⸗ teiſter Dom⸗ wahr⸗ geben kaum einem ma⸗ ir die eſchei⸗ da ich ht ab⸗ 91 „Wolfgang, Du vergiſſeſt, daß Deine Feinde zahl⸗ reich ſind— „Wie der Sand am Meere und die Gelſen im Pra⸗ ter, ich weiß es; indeſſen beſitzen wir auch Freunde, ein⸗ flußreiche Freunde. Uiberdieß mußt Du mein Bittgeſuch leſen, es iſt die großnrtigfte unter allen meinen Kompo⸗ ſitivnen. Da ſagen die Leute immer, der Mozart bringt es zu nichts, weil er nicht iichele kann; lies doch nur die Aufſchrift meines Geſuches, und Du wirſt das Grund⸗ loſe dieſer Behauptung einſehen: Hochlöblich, Hoch⸗ weiſer Wieneriſcher Stadtmiſtrat! iſt das eine Schmeichelei?! Mehr zu verlangen iſt unbillig!“ „Mandl, wann wirſt D Du einmal ernſthaft werden?“ „So lange Du mein liebes, braves Weiberl bleibſt, nicht!“ „Was iſt das für ein Brief?“ fragte Konſtanze, auf ein zum Siegeln bereit liegendes Schreiben deutend. „Ich habe an Stoll nach Baden geſchrieben, wegen einer Wohnung für mein krankes Weiberl.“ an g!“ „Ah! Du tragſt Bedenken, nach Baden zu gehen, unſerer Finanzen? Sei außer Sorge, Stanzerl, Der die Raben ſpeiſtt, wird auch die Mozart's nicht darben laſſen. Doktor Cloſſet hat mich verſichert, daß für Deinen leidenden Zuſtand die Kur in Baden ſehr noth⸗ 6* wendig iſt, auch dem Kinde wird die Landluft wohl thun, daher mußt Du Mitte Mai hinaus. Ich habe an Stoll geſchrieben, er ſoll für Dich die Wohnung entweder beim Fleiſchhacker oder beim Stadtſchreiber, jedenfalls eine zu ebener Erde beſorgen. Als Erkenntlichkeit bekommt er meine Meſſe in C-dur zur Aufführung, worauf er als Schullehrer und Chorregent ſich etwas zu Gute thun kann.“ Die junge Frau hatte während dem den bezeichneten Brief geöffnet und überflogen. „Aber Mandel,“ rief ſie auf einmal unwillig,„was iſt denn das für eine Nachſchrift? Du ſchreibſt an Stoll: Das iſt der dümmſte Brief, den ich in meinem Leben ge⸗ ſchrieben habe, aber für Sie iſt er juſt recht!“ Mozart lachte. „Laß' nur gut ſein,“ ſagte er,„der Badner verſteht Spaß; wenn ihm das Poſtſeript nicht recht iſt, ſoll er es mit Schwefelwaſſer wegwaſchen. Weißt Du, was mir der Schultyran im vorigen Sommer öffentlich im Badner Kaffeehauſe geſagt hat?“ „Nun, was denn?“ „Ich hab' ihn und die Badner ein wenig aufgezogen. Mein lieber Meiſter, ſagt' er auf einmal zu mir, ſpotten Sie uns Badener nicht; Sie ſind ein Salzburger, kennen Sie den Spruch über Salzburg? wi ein — Se ver ten ſta ſti im da am un thun, Stoll beim te zu er als thun neten „was Stoll: n ge⸗ rſteht er es ir der adner oen. mir, urger, 93 Laſſen Sie ihn hören! Wenn ein Fremder in Salzburg ſich niederläßt, ſo wird er im erſten Jahre dumm, im zweiten Jahr wird er ein Trottel, und erſt im dritten Jahr avancirt er zum Salzburger.“ Die junge Frau lachte laut auf. „Lach' nur zu, kleine Schlange!“ ſang Mozart— verſtummte urplötzlich, griff nach dem nächſten leeren No⸗ tenblättchen und begann eifrig Notenköpfe zu machen. Konſtanze zog ſich lautlos zurück. Als der Meiſter mit der Aufzeichnung fertig war, ſtand ſeine Gattin mit dem Kaffee vor ihm. Mozart begann im Bette zu frühſtücken. Jetzt hörte man draußen eine klangvolle Männer⸗ ſtimme ſingen:„Treibt der Champagner das Blut erſt im Kreiſe, dann gibt's ein Leben, herrlich und hehr!“ „Schack, Freund Schack, nur herein!“ rief Mozart. Ein junger Mann, ein aufgeräumter Geſelle, trat in das Gemach. „Benedictus qui venit!“ rief Mozart. „Ihr Diener, Frau Mozartin!“ Der Angekommene war Benedikt Schack, Tenoriſt am Schikaneder'ſchen Theater, Kompoſiteur mehrer Opern und Mozart's Vertrauter und Hausfreund. j f 94 Konſtanze grüßte ihn und machte Miene, ſich zu entfernen. „Halt da, Frau Kapellmeiſterin, vor mir wird nicht deſertirt.“ „Gerade vor Ihnen, Herr Schack,“ antwortete Konſtanze,„denn wenn Sie und mein Mann beiſammen ſind, dann iſt's Frauenohren gerathen, hübſch in der Ferne zu bleiben.“ „Stanzerl!“ rief Mozart,„bleib bei uns; ich ſchwöre Dir, daß wir kein einziges„Glöckl“ läuten wollen.“ Die junge Frau blieb. „Vor Allem,“ begann Schack,„muß ich Dir eine Empfehlung von meinem Direktor ausrichten.“ „Hat er ſich vielleicht wieder überfreſſen?“ „Im Gegentheil! jetzt iſt Schmalhanns Küchenmei⸗ ſter. Er läßt Dich erſuchen, ihn um eilf Uhr zu erwarten, er hat ſehr dringend in Geſchäftsſachen mit Dir zu ſprechen.“ „Vermuthlich wegen meiner Schwägerin. Stanzerl, ſei ſo gut und ſchau nach, ob ich heute um eilf Uhr eine Lektivn zu geben habe?“ Die junge Fran ging zu einer, an der Wand befe⸗ ſtigten Tabelle und ſagte:„Von eilf Uhr an biſt Du frei; doch um zehn Uhr hat der junge Graf von Teich⸗ berg ſeine Stunde.“ Zei Fri vier den nac ſte G zu vird tete men der wöre eine mei⸗ rten, r zu tzerl, eine befe⸗ Du eich⸗ 95 „Sapperment!“ rief Mozart,„dann iſt's die höchſte Zeit, daß ich aus den Federn krieche. Schatzerl, wenn der Friſeur kommt, laß ihn nur gleich herein.“ Konſtanze entfernte ſich, Schack ſetzte ſich an's Kla⸗ vier; Mozart ſprang aus dem Bett und begab ſich zu dem Waſchkaſten. „Schack, ſpiel' was, ich will mich wieder einmal nach dem Takt waſchen.“ Der Freund ſpielte ein Allegro. „Piu moso, piu moso!“ rief Mozart vor dem Ka⸗ ſten tänzelnd, mit den Händen auf⸗ und abfahrend und mit den Lippen gleichſam den Baß dazu ſprudelnd. Die Scene währte mit einem großen Aufwande von Geränſch ein paar Minuten. „Apropos! weißt Du was Neues?“ „Nun, was denn? Tu tu tu tu.. tutu tu tu. „Im Mai wird die Kirchgäßner nach Wien kommen.“ „Das blinde Mädel, welches ſich auf der Glas⸗ Harmonika producirt?“ „Darauf bin ich nengierig.“ „Auf die Spielerin oder auf das Inſtrument?“ „Auf Beides— tu tu tu tu t tu!“ „Die Glasharmonika hat, wenn ich nicht irre, Franklin erfunden—“ 96 „Und ſeine Verwandte, Miß Davies, reiſ'te zuerſt damit.“ „Das Inſtrument wird vielleicht einſt im Orcheſter eine Rolle ſpielen?“ „Nie! Sein Umfang iſt zu beſchränkt, es iſt keiner Geläufigkeit fähig und hat, was die Hauptſache, keine ei⸗ gentlichen Baßtöne.“ Mozart begann ſich anzukleiden. „Im Juli,“ fuhr Schack fort,„kommt ein anderer Gaſt nach Wien: der Luftſchiffer Blauchard.“ „Hab' ſolches Spektakel ſchon in Paris geſehen; damals hielten ſie jedoch den Ballon noch an Stricken und getrauten ſich nicht, ihn loszulaſſen.“ „Erlaub' mir, Dich zu unterbrechen. Auf dem Wege hieher begegnete mir der Rechnungsrath Loibl.“ „Ein Ehrenmann!“ „Er trug mir auf, Dich herzlich zu grüßen.“ „Ich danke. Er iſt ein prächtiger Menſch. Als ich von 1784 bis 87 im Cameſina'ſchen Hauſe in der gro⸗ ßen Schulerſtraße*) wohnte, logirte er nebenan im Hauſe zum grünen Baum, und unſere Wohnungen waren *) Damals trug es die Nummer 846, Cameſina war Doktor Juris. Das Haus zum grünen Baum, Eigenthum des Domkapitels, war mit 847 bezeichnet. Die jetzigen Nummern dieſer Häuſer ſind 853 und 854. wel erſt eſter iner eei U erer hen icken Pege s ich gro⸗ im aren tr vitels, r ſind 97 nur durch eine dünne Wand getrennt. Er wurde als eifri⸗ ger Maurer und Muſikfreund mein Verehrer und ich ein Bewunderer ſeines guten Herzens und ſeines Wein⸗ kellers. Wenn mich's nach einem friſchen Trunk gelüſtete, fing ich an Klavier zu ſpielen und klopfte dazwiſchen an die Wand; das war für den Nachbar ein Zeichen, ſeinen Bedienten in den Keller zu ſenden⸗„Der Mozart, ſagte er zu ſeiner Alten, komponirt ſchon wieder, da muß ich ihm Wein ſchicken!“... In der ganzen ungariſch⸗ ſiebenbürgiſchen Hofbuchhalterei gibt es keinen braveren Rechnungsrath.“ „Logirt Herr Lvibl noch in ſeiner alten Wohnung?“ „Ich glaube wohl.“ „Dann muß ich trachten, ſein Wandnachbar zu werden.“ Die Freunde lachten— der Friſeur trat in die Stube. „Jean, wie lange wirſt Du heute brauchen, bis Du die Friſur zu Stande bringſt?“ „Göttlicher Herr Kapellmeiſter! Verſprechen Sie mir, ruhig ſitzen zu bleiben, nicht wie gewöhnlich aufzu⸗ ſpringen, an den Tiſch zu rennen und Noten zu ſchreiben, oder gar an's Klavier zu laufen und zu ſpielen, ſo daß ich Ihnen mit Kamm und Band nachſetzen muß; verſprechen Sie das, und Sie ſollen, bei meiner Ehre! in acht Mi⸗ nuten abſolvirt ſein.“ —— 5 98 „Hörſt Du ihn, Freund? Iſt das eine Beredtſam⸗ keit? Demosthenes war ein„Stummerl“ dagegen.“ „Ich vernehme mit Staunen,“ bemerkte der Teno⸗ riſt des Theaters im Freihauſe,„daß der Haarkünſtler ſich einer Titulatur bedient. Mozart ſiel ihm in's Wort:„Das kömmt daher, daß dieſer Patron mich früher mit„gnädiger Herr Ka⸗ pellmeiſter“ anſprach. Das verdroß mich. Ein Kapellmei⸗ ſter kann wohl Gnaden üben gegen Sänger und Orcheſter⸗ glieder, wenn er ihnen keichte Sachen ſchreibt, allein dem Manne gegenüber, der ihm ſelbſt den Kopf zurecht ſetzt, iſt er ein nichtig Geſchöpf. Ich verbot daher den Ge⸗ brauch des gnädigen Herrn; ſeitdem läßt er ſich's nicht nehmen, mich mit„göttlicher Herr Kapellmeiſter“ anzu⸗ ſprechen, und verböte ich ihm auch dieſe Titulatur, wer weiß, welche Blasphemie er noch erfände.“ „Unſeveins hat auch ſeine Art, zu verehren,“ ſagte der Friſeur;„ich bin ſo glücklich, noch andere Herren von der Tonkunſt zu bedienen.“ „Zum Exempel?“ „Den Herrn Kapellmeiſter Saliere.“ Ah, meinen Feind, den Monſieur Bonboniere*).“ * Saliere war ſtets mit einer gefüllten Bonbonsbüchſe verſehen, weshalb ihn Mozart ſcherzhaft den„Bonboniere“ nannte. mag und erſt müt The und täu gen der wel und zu Ge bal lieſ her am⸗ eno⸗ ſtler cher, mei⸗ ſter⸗ dem ſetz, Ge⸗ nicht nzu⸗ wer ſagte von ²*). . rſehen, 99 „Ferner Herrn von Koſeluch...“ „Der einzige Prager, der meine Muſik nicht leiden mag und mich vergiften möchte...“ „Allein dieſe Herren—“ „Genug!“ fiel ihm Mozart plötzlich mißgeſtimmt und trübſinnig in's Wort. Der Haarkünſtler verſtummte. Schack ſah den Freund erſtaunt an, begierig, über den gähen Wechſel ſeiner Ge⸗ müthsſtimmung Aufklärung zu erhalten. Nach der Entfernung des Friſeurs begann er das Thema zu berühren. Mozart, der in ſich verſunken da ſaß, nickte ihm zu und ſagte:„Du wirſt es erleben, Freund, meine Ahnung täuſcht mich nicht, ſie werden mich vergiften.“ „Ich bitte Dich, quäl Dich mit ſolchen Einbildun⸗ gen nicht. Es gibt keinen unter Deinen Feinden und Nei⸗ dern, der eines ſolchen Verbrechens fähig wäre... und zu welchem Zwecke? Ihre Stellungen gefährdeſt Du nicht— und ihren Ruhm? Dieſe Leute glauben einen größeren zu beſitzen wie Du. Entſchlag' Dich ſolcher kindiſcher Gedanken— komm' an's Klavier, Du wirſt den Dämon bald beſchworen haben.“ Der Meiſter ſetzte ſich an's Inſtrument und über⸗ ließ ſich ſeinen Phantaſien, jene wunderbaren Tongebilde hervorrufend, die wie Geiſter erſchienen und verſchwan⸗ ———. ————. 5—— 100 den, ohne je verkörpert und feſtgehalten zu werden; jene Ströme von Tönen entfeſſelnd, die Jeden, der ihnen lauſchte, zum Entzücken hinriſſen. Und der Freund hatte richtig gerathen; die Muſe der Tonkunſt verſcheuchte die düſteren Wolken und wand ihrem geweihteſten Lieblinge wieder den Kranz jener kind⸗ lichen Heiterkeit um die Stirn, die ihm bisher die dornige Bahn des Lebens verſchönt hatte. Der Eintritt Konſtanzen's fand den früheren Mo⸗ zart wieder. Er ſprang auf, eilte zu ihr, umfaßte ſie und begann, eine Tanzweiſe ſingend, mit ihr ſich im Kreiſe zu drehen. Ein junger, eleganter Herr trat in die Stube— es war der Graf Scipio von Teichberg. „Ah! mein Herr Eleve!“ rief Mozart, im Tanz innehaltend und den jungen Cavalier begrüßend. Konſtanze eilte fort, und Schack, um den Freund in ſeinem Erwerbe nicht zu ſtören, verabſchiedete ſich. Mozart blieb mit dem jungen Grafen allein. Ge Er val es ſchr gre Ca um in Mo⸗ ann, ehen. 5 nd in Hechstes Cnpitrl. Meiſter und Schüler. Scipio von Teichberg zeichnete ſich durch ſeine edle Geſtalt aus, wie durch eine jugendfriſche, liebenswürdige Erſcheinung. Sein einfaches, herzliches Benehmen that dem che⸗ valeresken Weſen nicht nur keinen Eintrag, ſondern ließ es in einem gefilligetin Lichte erſcheinen, die Tinten ab⸗ ſchwächend, die manchem empfindlichen Auge vielleicht zu grell vorkommen mochten. Mozart erwiederte die Zuneigung, die der junge Cavalier zu ihm gefaßt hatte, das Band der Freundſchaft umſchlang ihre Herzen. Im Vorbeigehen ſei hier bemerkt, daß der Meiſter in den Kreiſen des Adels verhältnißmäßig eben ſo viele Verehrer und Freunde hle wie in den bürgerlichen. Wie Scipio, gehörte z. B. auch der Baron Puchberg — 102 zu Mozart's Freunden, ferner der Fürſt Lichnowsky, ein Schwiegerſohn der Gräfin Thun, jener an Güte, Geiſt und Stellung ausgezeichneten Dame, einſt zu den aus⸗ erwählten vier Frauen*) gehörend, welche jenes Kränz⸗ chen bildeten, wo Kaiſer Joſef ohne alles Ceremoniell wöchentlich mehrmal erſchien und vergnügte Abende verlebte. Um im Aufzählen nicht etwa bloßer Gönner, ſondern wirklicher Freunde Mozart's nicht karg zu ſein, erwähnen wir noch, keineswegs um den Meiſter, ſondern um ſie ſelbſt und ihr Andenken zu ehren, die Barone von Jaquin und Gemminger, den Ritter von Keeß, die liebenswürdige Baronin von Waldſtätten ꝛc. ꝛc. Mozart, mit dem jungen Cavalier allein geblieben, fuhr fort ſeine Toilette zu vollenden und ſagte, auf's Klavier zeigend:„Iſt's gefällig, lieber Graf?“ „Ich danke, Meiſter, ich werde heute nicht ſpielen.“ „Sie haben vermuthlich mehr eine kontrapunktiſtiſche Laune?“ „Wir wollen heute auch die Theorie ruhen laſſen.“ „Bin gar nicht böſe darüber! Beliebt vielleicht eine Partie Billard? Sie ſind nicht der erſte meiner Eleven, Es waren dies die Fürſtinnen: Lichtenſtein, Schwarzenberg, Lobkowitz und der Gräfin Thun. der tiſc Ter oft wir dieſ nick doc d're wid An Re mie im e Geiſt aus⸗ ränz⸗ oniell bende ndern ähnen m ſie aquin ürdige lieben, auf's ielen.“ iſtiſche aſſen.“ ht eine leven, zenberg, 103 der mit mir ſeine Stunde, ſtatt am Klavier, am Billard⸗ tiſch zubrachte; ich bin dort wie hier: Meiſter. Als der Tenoriſt Kelly in Wien war, hat er's erfahren; er ſpielte oft mit mir, konnte mir aber nie eine Partie abge⸗ winnen.“ „Ich kenne, Meiſter, Ihre Geſchicklichkeit auch auf dieſem Felde, doch möchte ich Sie erſuchen, auch darauf nicht zu dringen.“ „Es fällt mir nicht ein, Ihnen Zwang aufzuerlegen, doch jetzt erſt merke ich, Sie ſehen heute ſehr trübſelig drein; was bedeutet das? Iſt ihnen was Unangenehmes widerfahren?“ In der That bemerkte Mozart jetzt erſt, daß das Antlitz ſeines jungen Freundes daß deſſen Miene eine trübſelige ſei. „Es iſt, wie Sie ſagen, Meiſter!“ „Aber warum iſt's ſo? Als Freund habe ich ein Recht, darnach zu fragen.“ „ch bin nicht glücklich.“ „Sie nicht t glücklich? Das Geſtändniß überraſcht mich. Wenn ſchrn Sie in Ihrer Situation dieſe Worte im Munde führen, was ſoll erſt unſereins ſagen?“ „Und doch, Meiſter, doch!“ ₰ fürchte, lieber Scipio, Ihre Klage iſt unge⸗ gründet, oder Sie erheben Anſprüche an das Leben, Sie 104 hegen Wünſche, die ſelbſt Ihren bevorzugten Stand über⸗ flügeln.“ Der junge Mann ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Meine Wünſche, ach, wie beſcheiden ſind ſie!“ „Zu meiner freundſchaftlichen Theilnahme für Sie geſellt ſich jetzt auch noch die Neugierde, und damit iſt meine Geduld am Ende. Ich mache daher von meinem Rechte als Freund und Meiſter Gebrauch und wünſche, daß Sie ſich mir gegenüber niederlaſſen— Sie da— hier ich— ſo, mein lieber Scipio, und jetzt fangen Sie an, die geheimen Falten Ihres Inneren zu lüften.“ Die beiden Freunde ſaßen ſich gegenüber.. der junge Graf ſeufzte. „Der Anfang iſt ſehr wirkſam!“ bemerkte Mozart ſcherzend;„ein Seufzer zu rechter Zeit thut immer ſeine Schuldigheit. Da jedoch ein Seufzer eben ſo gut bedeuten kann:„Mein Freund, ich habe mein Geld verſpielt!“ wie:„Meine Geliebte iſt mir untreu geworden,“ ſo muß ich ſchon um eine nähere Erklärung dieſes Seufzers bitten.“ „Ich will Ihnen die Erklärung mit Vergnügen geben, doch müſſen Sie mir verſprechen—“ „Verſprechen? Was denn?“ „Mich nicht auszulachen.“ „Ein Unglück, welches ſo beſchaffen iſt, daß ein Frer kann Ihr höre Uhn Ich Gel ein Leut ſtehe thãt Lau Eng nein 185 über⸗ derte: Sie nit iſt einem inſche, — hier ie an, der Rozart r ſeine deuten ielt!“ o muß eufzers gnügen aß ein 105 Freund des Betroffenen möglicher Weiſe darüber lachen kann, iſt kein Unglück. Sie ſehen, ich hatte vorhin Recht, Ihre Klage iſt ungegründet.“ „Meiſter, urtheilen Sie nicht vorſchnell, ſondern hören Sie mich an: Ich liebe.“ „Dieß Geſtändniß überraſcht mich nicht; ich habe Ahnliches erwartet. Fahren Sie fort, wen lieben Sie? Ich bitte, ſich nicht im mindeſten Zwang anzuthun. Ihre Geliebte iſt ohne Zweifel eine Sylphe, ein hehres Weſen, ein himmliſches Geſchöpf, ein Engel! Wir verliebten Leute ſchauen Alle durch Eine Brille, wer immer dahinter ſtehen mag, jede iſt ein Engel! Es iſt das eine ſehr wohl⸗ thätige Einrichtung der Natnr.“ „Sie ſpotten, Meiſter.“ „Bewahre! Ihr Geſtändniß hat mich bloß in gute Laune verſetzt.“ „Indeſſen, Ihr Spott trifft mich nicht.“ Ah! am Ende iſt Ihre Geliebte nicht einmal ein Engel?“ „Möglich, daß ſie gerade das Entgegengeſetzte iſt.“ „Was ſoll das heißen? Sie ſahen ſie doch ſchon?“ „Nein!“ „Mindeſtens im Portrait?“ „Wäre dieß der Fall, wie könnte ich jenes ver⸗ neinen?“ 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 7 106 „Aber um's Himmels Willen! in was haben Sie ſich denn verliebt?“ „In eine Stimme!“ „Es war aber doch eine Frauenſtimme?“ „Ja! eine Altſtimme.“ „Schade, Ihr Unglück wäre viel intereſſanter ge⸗ weſen, wenn Sie ſich in eine Baßſtimme verliebt hätten.“ „Sie ſcherzen?“ „Lieber Freund, gegenüber ſolchen krankhaften Ge⸗ fühlen gibt es nur Ein Mittel— den Scherz. Sie wer⸗ den zugeben, daß mein Herz ſo gefühlvoll und mein Ohr mindeſtens empfindſam iſt wie das Ihrige. Auch ich habe mich ſchon in Stimmen verliebt, allein es mußte jedes⸗ mal eine hübſche Sängerin dabei ſein.“ „Ich habe mir die Sängerin zu dieſer Stimme im Geiſte geſchaffen—“ „Und lieben nun ein Ideal. Ich bedauere Sie! Wie lange tragen Sie dieſe Leidenſchaft bereits im Herzen?“ „Seit dem letztverfloſſenen Herbſte.“ „Wie kömmt es, daß Ihr Schmerz erſt jetzt ſo leb⸗ haft wird?“ „Weil meine Liebe erſt ſeit einigen Tagen bedroht wird.“ „Die Liebe zu einem Real wird bedroht? Neues Räthſel!“ Gat Wol ren. ich fi mein nicht And wan faßt, me; denſ ſitze gefo fand deter im dem ein räur Kan er ge⸗ itten.“ n Ge⸗ e wer⸗ Ohr h habe jedes⸗ ime im e! Wie rzen ſo leb⸗ bedroht Neues 107 „Der Onkel und die Tante dringen in mich, eine Gattin zu nehmen. Wie Sie wiſſen, hänge ich von dem Wohlwollen meiner Verwandte ab; ich muß mich erklä⸗ ren... die mir beſtimmte Braut iſt hübſch und jung. ich finde daher keinen ſchicklichen Vorwand, die Wünſche meiner Angehörigen abzulehnen. Erfülle ich ſie, ſo ver⸗ nichte ich mein Lebensglück, denn mein Herz gehört einer Andern... widerſtrebe ich, ſo beleidige ich meine Ver⸗ wandten, die auf einen Widerſtand meinerſeits nicht ge⸗ faßt, die Partie bereits grrangirt haben.“ „Ihre Situation, ich geb' es zu, iſt keine angeneh⸗ me; das benimmt mir jedoch nicht das Recht, Ihre Lei⸗ denſchaft eine krankhafte zu nennen. Haben Sie der Be⸗ ſitzerin jener Stimme, die Sie bezaubert, nicht nach⸗ geforſcht?“ „Wohl that ich das, allein vergebens!“ „Theilen Sie mir doch das Nähere mit.“ „Ich bin gerne dazu bereit. Im vorigen Herbſte be⸗ fand ich mich zur Zeit der Weinleſe bei einer befreun⸗ deten Familie in Gräz zu Beſuche. Wir wohnten draußen im Weingarten, in einem ſogenannten Preßhauſe. In je⸗ dem dortigen größeren Weingarten befindet ſich nämlich ein Landhaus, welches nebſt einer mehr oder minder ge⸗ räumigen Wohnung, auch für die Bereitung des Weines Kammern und zu deſſen Lagerung Keller enthält. Das ———— — 108 Gebäude, wovon ich ſpreche, lag in der Mitte des Wein⸗ berges, ſo daß der Weg nach der einen oder der anderen Seite bis zum Fuß oder bis zum Gipfel des Berges ein gleich weiter war. Unten am Fuße der Anhöhe zog ſich eine ſchmale Straße, die einzig und allein zur Communi⸗ cation durch das Weingebirge diente, und jenſeits des Fahrweges erhob ſich ein Nachbarberg, der ſo wie der unſerige mit einem Weingartenhäuschen verſehen war. Man brauchte wohl fünfzehn Minuten, um von einem Hauſe zum andern zu gelangen, allein die gerade Linie durch die Luft war eine viel kürzere, und die Nachbars⸗ teute konnten, ohne ſchreien zu müſſen, ſich mit einander verſtändigen. Dieſe Erklärung der Ortsgelegenheit war nothwendig.“ „Ich kann mir's denken,“ fiel der Meiſter dem jun⸗ gen Freunde in's Wort,„denn von drüben herüber tönte in ſtiller Nacht, während der Mond die Berge in ſein Silberlicht tauchte, ein wunderbarer Geſang— ein Geſang, ähnlich jenen Syrenentönen, welche einſt die griechiſchen Schiffer zum Untergange lockten, ſo daß viele von ihnen hatten„ihr Leben mußen bußen in des Meeres Flußen“ Damals kam endlich unter vielen Narren auch ein Wei⸗ ſer hergefahren, angethan mit Helm und Wammſet, Herr Ulyſſes war er zubenamſet. Dieſer fürchtet für ſeine Schiffsbegleiter, die leider nicht waren ſehr geſcheidter, und locke diren geht Pfun meiſt zen, zu g vortr gil; garte Gege die le verſch nennt Liebe Sie Stim Wein Ausk Vein⸗ deren s ein g ſich muni⸗ des e der war. einem Linie bars⸗ tander t war n jun⸗ tönte n ſein eſang, hiſchen ihnen ußen“. 1Wei⸗ „ Herr ſeine eidter, 109 und Herzen hatten weich wie Windel, es möchte ſie ver⸗ locken das Syrenengeſindel; d'rum thut er ihnen komman⸗ diren, die Ohren mit Wachs ſich zu verſchmieren, er ſelbſt geht ihnen mit gutem Beiſpiel vor und ſtopft ſich zwei Pfund in jedes Ohr. Als Erſter unter ihnen und am meiſten wohlgeboren, hatt' er auch die größten Ohren.“ Seipio lächelte. Die Vorliebe Mozart's, in Knittelreimen zu ſcher⸗ zen, war ihm bekannt, er dachte daher nicht, ihm darob zu grollen, ſondern ſagte gutmüthig:„Sie finden ſich vortrefflich in Blumauer's Ton.“ „Freund, ich bin kein Blumauer und Sie kein Vir⸗ gil; meine Reimerei iſt keine Parodie und Ihr Wein⸗ garten⸗Abenteuer keine Aeneide; ich gedachte bloß, dem Gegenſtande eine ſcherzhafte Wendung zu geben, damit die lebhafte Erinnerung das Uibel in Ihrem Herzen nicht verſchlimmere.“ „Sie bleiben alſo dabei, meine Liebe ein Uibel zu nennen?“ „Zum Kuckuk! wie kann ich auch anders? Jede Liebe zu einem Ideal iſt ein Uibel. Doch fahren Sie fort. Sie erkundigten ſich doch am Tage nach der wunderbaren Stimme, die in der Nacht herüberklang?“ „Wohl geſchah dieß, allein die Eigenthümerin jenes Weingartens, die Witwe eines Generals, verweigerte jede Auskunft.“ ——— S 110 „Die Sängerin war vermuthlich ihre Nichte oder ſo was?“ „Die Familie, bei welcher ich mich befand, verſicherte, daß die Generalin keine Verwandte beſitze.“ „War es nicht möglich, durch Beſtechung der Dienſt⸗ leute „Sie werden mir's wohl glauben, Freund, wenn ich Sie verſichere, daß alle Mittel angewendet wurden, etwas von der Sängerin zu erfahren, daß aber nichts fruchtete. Außer der Generalin und ihren zwei Mägden gewahrte man drüben keine lebende Seele.“ „Am Ende,“ rief Mozart,„war eine der Mägde die Sängerin! Die Steierinnen ſollen, wenn ſie zufällig keinen Kropf haben, mitunter recht ſchöne Stimmen be⸗ ſitzen.“ Scipio antwortete:„Die Mägde waren erſtens alt und zweitens ſang die Stimme keine anderen Lieder als Mozart'ſche.“ „Ah! was Sie ſagen!“ rief der Meiſter aufſprin⸗ gend mit komiſchem Pathos;„eine Verehrerin meiner Muſik? Jetzt gewinnt die Sache einen neuen Anſtrich; jetzt müſſen Sie mir die ganze merkwürdige Geſchichte mit allen Nebenumſtänden noch einmal erzählen.“ „Meiſter, Sie ſind heute faſt muthwillig. Was Sie wiſſen, iſt bereits Alles; ich brauche nur noch hinzuzufügen, daß Abe die verfl men meir gefe wirk derſt ßen, niſſe jene gleie wirt bild nich gar ſchic oder herte, ienſt⸗ nn ich etwas chtete. vahrte Rägde ufällig en be⸗ ns alt er as fſprin⸗ meiner nſtrich; ſchichte as Sie ufügen, 111 daß der Geſang nur an drei nacheinander folgenden Abenden ſich hören ließ und dann nicht mehr. Ich verließ die Steiermark mit wunder Seele. Monate ſind ſeitdem verfloſſen, meine Leidenſchaft hat eher zu⸗ als abgenom⸗ men, und nun ſoll ich auf den Wunſch meiner Verwandten meine Hand vergeben, während mein Herz anderwärts gefeſſelt iſt.“ „Armer Freund,“ ſagte jetzt Mozart mit dem Tone wirklichen Mitgefühls;„Sie haben gefehlt, daß Sie wi⸗ derſtandlos eine Neigung zur Leidenſchaft anwachſen lie⸗ ßen, die kein Ziel hat. Haben Sie die möglichen Hinder⸗ niſſe bedacht, ſelbſt für den Fall, wenn Sie die Sängerin jener drei Nächte fänden? Wird ihr Stand dem Ihrigen gleichen?“ „Wo es ſich um das Glück meines Lebens handelt, wird ein Geburtsunterſchied für mich nie ein Hinderniß bilden.“ „Vielleicht aber für die Sängerin? Ferner, iſt es nicht leicht möglich, daß ihr Herz nicht mehr frei, oder gar: daß ſie bereits vermählt iſt?“ „Weh' mir, wenn dem ſo wäre!“ rief der junge Mann kummervoll. „Oder, um auch auf die boshaften Launen des Ge⸗ ſchickes nicht zu vergeſſen: wenn Sie endlich die Sängerin 112 mit der wunderbaren Stimme entdeckten und in ihr eine hagere, dürre Zange fänden....“ „Das iſt nicht möglich!“ „Warum denn nicht?“ „Solche Widerſprüche gibt's in der Natur nicht. Es iſt möglich, daß ein häßlicher, verkrüppelter Menſch ein Inſtrument mit Virtuoſität ſpielt und mit Gefühl behandelt, allein der Geſang ruht in des Menſchen Seele, die Stimme iſt bedingt von ſeiner Individuali⸗ tät. Die friſche, kräftige Stimme, wie ich ſie zu hören bekam, kann nur von einem jugendlichen Körper, von einer ſchönen Seele ſtammen.“ „Hören Sie mich an, Scipio. Ich kenne Sängerin⸗ nen, die Lieder mit ſolchem Schmelz und Gefühl vortra⸗ gen, daß man ſie für Engel hätte halten mögen, und doch waren ſie gefühl⸗ und herzloſe Kreaturen. Der Vor⸗ trag alſo, läßt ſich erlernen. Eine friſche Stimme bedingt jugendliche Stimmorgane, das iſt wahr, allein Jugend kann ohne Anmuth, ohne Liebreiz beſtehen, von Schönheit gar nicht zu ſprechen.“ Der Graf machte eine abwehrende Bewegung, er konnte der Wahrheit nicht widerſprechen, allein er wies deren Möglichkeit in dem gegebenen Falle zurück. Mozart dachte eine Weile nach und ſagte dann: „Eigentlich ſtreiten wir um des Kaiſers Bart. In dieſem Au und möe die eine nicht. enſch efühl ſchen uali⸗ ören einer erin⸗ tra⸗ und Vor⸗ dingt igend nheit g, er wies ann: ieſem 113 Augenblicke iſt Ihre unbekannte Sängerin Nebenſache und die Ihnen beſtimmte Gattin die Hauptſache. Sie möchten die Verbindung abwehren, ohne den Onkel und die Tante zu indigniren?“ „Das wünſche ich, lieber Meiſter.“ „Suchen Sie Ihre Verwandten hinzuhalten; Zeit gewonnen, Alles gewonnen!“ „Das wäre wohl auf die Dauer einiger Wochen möglich, allein was dann?“ „Dieſe Zeit benützen Sie zu einer Luſtreiſe nach Gräz und forſchen dort ſorgfältig der Sängerin nach. Wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt das Ereigniß da⸗ mals kein zufälliges geweſen; die Unſichtbarkeit der Sän⸗ gerin, das hartnäckige Schweigen der Generalin, kurz, das Myſtiſche der Sache ſprechen deutlich dafür. Die Abſicht, die man damit verband, iſt mir unbekannt; viel⸗ leicht kennen Ihre Freunde in Gräz Ihre Begeiſterung für künſtleriſchen Frauengeſang und ließen Sie, auf gut öſterreichiſch geſprochen, ein wenig aufſitzen! Kurz und gut, was auch hinter dem Schleier ſtecken mag, man wird jetzt in Gräz auf ein Nachforſchen Zhrerſeits nicht gefaßt ſein und Sie können, in ein angemeſſenes Incognito ſich hüllend, eher zum Ziele kommen. Entdecken Sie die Sän⸗ gerin, ſo faſſen Sie, den Umſtänden gemäß, Ihre Ent⸗ ſchlüße; bleibt Ihre Mühe auch diesmal ohne Erfolg, 114 dann fügen Sie ſich in's Himmels Namen den Wünſchen Ihrer Verwandten und vermählen Sie ſich.“ „Und wenn, nachdem ich der Gatte einer Anderen geworden, mir die Sängerin erſchiene.... „Freund! Sie geben ſich Mühe, tragiſche Möglich⸗ keiten zu erfinden. Wenn dieſer unglückſelige Fall einträte, werden Sie hoffentlich moraliſche Kraft genug beſitzen, als Ehrenmann zu beſtehen, und wenn die Freundſchaft Mozart's Ihnen zum Troſte gereicht, dann rechnen Sie feſt darauf.“ Scipio hob ſich nun ebenfalls, reichte dem Meiſter die Hand und ſagte:„Ich werde Ihren Rath befolgen.“ „Sehe ich Sie noch, bevor Sie abreiſen?“ „Sert“ „Leben Sie wohl!“ 7* Der Agent, Stephan Karlinger, war zu dem Theater⸗ direktor Emanuel Schikaneder gekommen, um ſich bei ihm in einer ſchwierigen Affaire Rathes zu erholen, da führte der Zufall zur ſelben Stunde die Baroneſſe Cäcikie von Helm einher, und ſie Agenten bei. Scipio, ſtand dem bedrängten Graf von Teichberg kam zu ſeinem 115 ſchen Freunde Wolfgang Mozart, enthüllte ihm ſein Leiden, und empfing ſeinen Rath. eren Wird ein günſtiger Zufall auch ihm ein Weſen entgegenführen, um ſeiner Bedrängniß ein Ende zu lich⸗ machen? räte, Dort Schikaneder, hier Mozart. itzen, Die Frage ſoll bald beantwortet werden. ſchaft Sie i eiſter 5 Hiebentes Capitel. Mozart und Schikaneder. Dreierlei Stunden gab es, welche Schikaneder mit der Gewiſſenhaftigkeit einer aſtronomiſchen Sekundenuhr einhielt: erſtens die Eßſtunde, zweitens die Stunde eines Rendezvvus und drittens jede Geſchäftsſtunde, von der er ſich großen Vortheil verſprach. Eine ſolche war die, zu welcher er ſich bei Mozart anſagen ließ. Die Glocke von St. Stephan hatte die eilf Schläge noch nicht ausgeklungen, und ſchon trat er in die Wohnung des Freundes. „Ihr Diener, Frau Mozartin!“ grüßte der Theater⸗ direktor die ihm zuerſt begegnende Hausfrau. Konſtanze erwiederte den Gruß förmlich und kühl, und wies den Beſuch in das Zimmer ihres Mannes. Mozart war bekanntlich in der Wahl ſeiner Bu⸗ ſenfreuude nicht immer glücklich. mit nuhr unde inde, ozart läge nung ater⸗ tühl, 117 Manche mißbrauchten ſeine Güte, ſeine unglaub⸗ liche Sorgloſigkeit, verleiteten ihn zu leichtfertigen Hand⸗ lungen und nahmen keinen Anſtand, ihn förmlich zu be⸗ trügen. Dieſe Schmarozer und ſogenannten ſchlechten guten Freunde waren der viel bedächtigeren und etwas kühleren Konſtanze ein Dorn im Auge, und ſie ſuchte deren Ein⸗ fluß, ſo viel eben in ihrer Macht lag, zu paralyſiren. Unter allen Intimitäten ihres Mannes war ihr jedoch Schikaneder der unausſtehlichſte; ſelbſt der Umſtand, daß ihre Schweſter, Madame Hofer, bei ihm im Enga⸗ gement ſtand, konnte ſie nicht ſo weit zähmen, daß ſie dem Gehaßten hie und da ihren Widerwillen nicht ge⸗ offenbart hätte. Die ſehr lockere Lebensweiſe Schikaneder's war ihr ein Gräuel; wenn ihr Gatte ſpäter als er ſollte und konnte, nach Hauſe kam, ſo war es faſt jedesmal Schika⸗ neder, in deſſen Geſellſchaft er ſich befand. Konſtanze kannte das weiche, biegſame Naturell ihres Gatten und fürchtete mit Grund die Verlockung. Darin lag die Urſache ihres Widerwillens gegen den Direktor des Theaters im Freihauſe. Mozart anderſeits, lebensluſtig, von der geiſtigen Anſtrengung Erholung ſuchend, fand ſie in der Geſell⸗ ſchaft dieſes aufgeräumten, ganz materialiſtiſchen Na⸗ 118 turells; gerieth er in den Strudel eines Vergnügens, ſo genoß er es mit vollen Zügen, und Schikaneder war nicht der Mann, Mäßigung zu predigen. Der große Emanuel ſtiefelte alſo zu dem Freunde in die Stube; wie wir wiſſen, war dieſer bereits ange⸗ kleidet. „Guten Morgen, Johannes, Chriſoſtomus, Wolf⸗ gangus, Theophilus Mozart!“ „So ſteht's in meinem Taufſchein, jedoch, wie folgt, zu korrigiren: Johannes, Chriſoſtomus, Sigis⸗ mundus, Amdeus, Wolfgangus Mozart!“ bemerkte der Meiſter. „Wir bleiben alſo beim Wolfgang Amade?“ „So iſt's! Fürſten haben auch viele Namen und unterzeichnen nur mit Einem.“ „Und da Du ein Fürſt der Muſik biſt „Keine Schmeicheleien, großer Emamuel!“ „Heute muß ich Dir ſchmeicheln.“ „Zärtlichthun kleidet den Bären ſchlecht.“ „Bravo! ich komme ihm ſchön zu thun, und er ſagt mir Grobheiten. Wenn's Deine Frau wär', würd' ich's begreifen, aber Du?!“ „Bruder! um Gotteswillen, laß mir meine Stan⸗ zerl aus'm Spiel, ſonſt bricht ein Donnerwetter über vo wie igis⸗ e der n nd er würd' Stan⸗ 119 Dich herein. Du weißt, vor drei Tagen, wie wir beim Schattenſpieler waren...“ „Allmächtiger! ſie iſt doch nicht ungehalten darüber? Etwas Unſchuldigeres wie einen Schattenſpieler kann es wohl nicht geben!“ „Das Schattenſpiel hätt' ihr Antlitz nicht verdun⸗ kelt, wie Du jedoch weißt, haben wir uns erſt um vier Uhr Morgens getrennt...“ „Warum nicht gar! es war erſt dreiviertel auf Vier!“ „Spaß' nur zu, die Nemeſis wird ſchon über Dich kommen...“ „Sprechen wir von etwas Klügerem, wie von dieſer Perſon. „Ich bin geſpannt auf das Niegehörte.“ „Sag' mir einmal, Wolfgang, was komponirſt Du jetzt?“ „Allerhand um ſechs Kreuzer!“ „Das ſoll heißen: Kleinigkeiten?“ „Wie's der Halter*) beim Thor n'austreibt.“ „Gut, Du haſt alſo Zeit; ich will Dir ein Geſchäft vorſchlagen.“ „Ein Geſchäft? Meinethalben, 5 bin dabei.“ *) Lokalism: Der Hirt. 120 „Schau' mich an, Wolfgang, und ſag' mir, wie ſeh' ich aus?“ Mozart maß den Koloß vom Wirbel bis zur Zehe und ſagte:„Du ſiehſt aus, wie ein gemäſteter Stier!“ „Und trotzdem befind' ich mich in Verzweiflung.“ „Aeußerlich ſieht man's Dir nicht an.“ „Mein Aſſocie Bauernfeind will kein Geld mehr hergeben.“ „Dann verdient er zu heißen: Direktionsfeind!“ „Die Kaſſe iſt leer, der Kredit beim Teufel! ich ſteh' auf dem Punkte, mich für ruinirt erklären zu müſſen, wenn Du mir nicht beiſtehſt.“ „Ich ſoll Dir beiſtehen? Womit, wenn ich fragen darf?“ „Womit? Mit Deinem Genie, mit Deiner Kunſt!“ „Erklär' Dich deutlicher.“ „Schreib eine Oper für mein Theater.“ „Lieber Freund, wenn, wie Du in dieſem Augen⸗ blick, wie Du ſagſt, kreditlos und ruinirt biſt, dann gehſt Du, bis die Oper geſchrieben und einſtudirt wird, zwan⸗ zigmal zu Grund.“ „Fehlgeſchoſſen, Freund! Es lebt Jemand in Wien, der nicht bloß meine gegenwärtigen Paſſiva deckt, ſondern auch jene, die bis zum Herbſte entſtehen werden, wenn c ſr 121 wie Du Dich herbeilaſſeſt, bis dahin für mein Theater eine Oper zu komponiren.“ ehe„Ah! das läßt ſich hören! Wenn ſich die Sache r“ ſo verhält, dann übernehme ich die Kompoſition.“ „Was verlangſt Du für die Muſik?“ Mozart lachte auf und rief:„Was nützt mein Ver⸗ ehr langen? Wo nichts iſt, verliert der Kaiſer ſein Recht!“ „Dein Schluß iſt falſch. Es kann dorthin, wo jetzt . nichts iſt, einmal etwas hineinkommen.“ ich„Das heißt: die Kaſſa kann ſich füllen. Mir iſt's ſen, recht, Geld iſt ein Ding, das man immer brauchen kann, und wovon ich in meinem Leben nie genug gehabt habe. Du zahlſt mir alſo ein Honorar...“ 1„Wie viel begehrſt Du?“ 6„Hundert Dukaten*).“ ſt!„Nach Vollendung der Oper?“ „Einverſtanden!“ „Du verſprichſt, bis zum September fertig zu ſein?“ gen⸗„Mein Wort darauf!“ gehſt„Wir werden die Oper miteinander ſchreiben.“ wan⸗„Oho! was ſoll das heißen?“ „Ich liefere das Buch—“ Pien, dern ²) Nach Gräffer's Angabe: nur fünfzig. Seyfried verdient wenn mehr Glauben wie Gräffer. 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 8 — c 2 —— 122 „Und ich komponire die Muſik dazu—“ „Aber „Was, aber?“ „Du wirſt dabei an den Geſchmack der Wiener denken.“ „Da müßt' ich einen ſchönen Schmarrn zuſammen⸗ ſchreiben.“ „Kennſt Du den Spruch: Gib dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt....“ „Das heißt: ich ſoll den Kennern und Leuten von Geſchmack genügen und andererſeits wieder dem großen Haufen.“ „Wolfgang, ich bitte Dich, behalte nur die eine Wahrheit im Gedächtniſſe: Der große Haufe iſt es, der die Theater füllt; die Gebildeten ſind nur der Aufputz!“ „Gut! ich werde mir Deine Lehre hinter's Ohr ſchreiben. Doch, wie ſieht es mit dem Buche aus?“ „Da,“ ſagte Schikaneder und zog Papiere aus der Taſche;„hier bring' ich Dir den Entwurf mit und die bereits vollendeten Muſiktexte des erſten Aufzuges.“ Der Leſer ſtaune nicht. Dem ſchreibfertigen Schika⸗ neder bot ſich keine Schwierigkeit, wenn es galt, einen Akt in drei Tagen zu vollenden. „Du kannſt Dich augenblicklich an die Arbeit ma⸗ chen; während Du den erſten Akt komponirſt, vollende ich das Uibrige....“ — „Doch ein Wort vorher: Du wirſt wohl erlauben, daß ich früher das Geſchreibſel da überleſe?“ „O ja! aber jetzt gleich!“ „Du geh'ſt mir alſo früher nicht vom Halſe?“ „Biß ich weiß, ob Du meinen Plan billigeſt?“ „Stanzerl!“ rief Mozart ſeiner Gattin durch die halbgeöffnete Thüre zu,„ich bin jetzt für Niemanden zu Hauſe!“ Darauf warf er ſich in einen Armſtuhl und ſagte: „Nun, großer Emanuel, lies— aber klar, langſam und verſtändlich.“ Schikaneder begann den Plan vorzuleſen. Mozart ſpielte anfangs mit der Berlocke an der Uhrkette, ſtreifte ſeine Manſchetten und zupfte am Jabots; ſpäter begann er ſogar auf dem Stuhle hin und her zu wetzen und zwiſchen den geſchloſſenen Lippen zu ſummen. Wer ihn nicht näher kannte, hätte dafür halten müſſen, ſeine Aufmerkſamkeit ſei keineswegs dem Vorleſer zu⸗ gewendet— dem war aber nicht ſo. Die Handlung— zu jener Zeit das Haupterforder⸗ niß— gefiel ihm, das Myſteriöſe des Stoffes feſſelte ihn. Seine rege Phantaſie webte bereits Tonfäden durch das Zauberbild, durch ſein Gehirn zuckte es wie elektriſche Funken. Schikaneder kam zu Ende. — —— 33 124 „Nun, was ſagſt Du dazu?“ „Gut, im Ganzen recht gut; im Einzelnen wird's Allerlei zu bedenken geben.“ „Deßhalb ſagte ich ja: wir ſchreiben die Oper mit⸗ einander. Ich kenne die Bühne und das Publikum, Du verſtehſt Deine Muſik... wir Beide ergänzen uns gegen⸗ ſeitig und werden etwas zu Stande bringen, was gut ſein und gleichzeitig gefallen wird.“ „Jetzt lies mir einmal Deine Muſikterte vor.“ Schikaneder begann zu leſen: „Tamino: Zu Hilfe! zu Hilfe! ſonſt bin ich verloren, Der liſtigen Schlange zum Opfer erkoren. Barmherzige Götter! ſchon nahet ſie ſich, Ach, rettet mich! ach, ſchützet mich!“ Mozart begann zu lachen. „Warum lachſt Du?“ „Weil Dein Tert gerade ſo anfängt, wie unſer Geſchäft. Du ſtürzteſt, von der Schlange„Krida“ ver⸗ folgt, herein und riefſt: Zu Hilfe, zu Hilfe, ſonſt bin ich verloren u. ſ. w.“ Schikaneder lachte ebenfalls und las weiter. Als er die Introduction beendet hatte, ſagte Mo⸗ zart:„Weißt Du, Freund, wie mir Deine Verſe vor⸗ kommen?“ — 8 „6— d's it⸗ Du en⸗ ſer er⸗ bin Ko⸗ D⸗ „Nun, wie denn?“ „Als wenn ſie Dein Souffleur, Haſelböck, gemacht hätte.“ Dieſe Bemerkung Mozart's bezog ſich auf die all⸗ gemein bekannte Thatſache, daß Schikaneder häufig aus Bequemlichkeit die metriſche Ausführung der Geſang⸗ ſtücke ſeinem Souffleur überließ; ſeine Feinde behaupte⸗ ten freilich, nicht Mangel an Zeit, ſondern an Proſodie, ſei daran Schuld; allein da er in ſeiner Vaterſtadt Re⸗ gensburg die Humaniora ſtudirt hatte, überdieß ein Violin⸗ ſpieler war, und auch in die Kompoſition hineinpfuſchte, ſo erſcheint die Behauptung ſeiner Gegner nicht wahr⸗ ſcheinlich. Uibrigens fiel es ihm nicht ein, die Neckerei des Freundes übel zu nehmen, ſondern las das nun folgende Papagenolied, wozu er bemerkte:„Dieſen Papageno werde ich ſelbſt ſpielen, und ich erſuche Dich, ſämmtliche Papagenotexte vorläufig nicht zu komponiren. Der Meiſter verſprach dieß und der Librettopoet las weiter. Zu Ende gekommen, übernahm Mozart das Ma⸗ nuſkript und ſagte:„Ich werde mich unverweilt an die Arbeit machen.“ „Ich erlaube mir, Dir noch etwas vorzuſchlagen. Ich weiß, Du arbeiteſt gern im Freien. Das Frühlings⸗ —— — 126 wetter läßt nichts zu wünſchen übrig; ich ſtelle Dir mei⸗ nen Garten am Theater*) zur Dispoſition, Du kannſt im Gartenhaus arbeiten. Du kommſt Morgens hinaus, arbeiteſt den Vormittag hindurch, Mittags ſpeiſeſt Du bei mir, ſpielſt mir Deine Kompoſition vor, wir beſprechen uns während des Tiſches, debattiren und verſtändigen uns.“ Der Meiſter willigte auch in dieſen Vorſchlag. Bezüglich der Rollenvertheilung machte Schikaneder wohl jetzt ſchon ſeine Angaben, allein der Kompoſiteur verlangte eine vierundzwanzigſtündige Bedenkfriſt, bevor er ſich entſchied. Der Direktor fügte ſich dem Begehren. „Freund,“ ſchloß er die Verhandlung,„in Deiner Hand ruht jetzt das Schickſal des Theaters im Freihauſe.“ „Nicht in meiner Hand,“ verbeſſerte der Meiſter, „ſondern i in meinem Kopfe, und der— hat mich noch nie im Süch gelaſſen.“ „Die Muſe der Tonkunſt ſegne Dich!“ rief Schi⸗ kaneder mit Salbung, und in einem Athem ſetzte er hin⸗ zu:„Apropos! willſt Du heute mein Gaſt ſein?“ „Ich danke Dir.“ ¹) Es wurde bereits erwähnt, daß ſich im Hofe neben dem Theater ein Garten befand. —.— — ei⸗ nſt us, bei en en der eur vor ner ter, nie chi⸗ in⸗ dem „Du verſäumſt ein vortreffliches Souper; ich habe vom fürſtlich Schwarzenberg'ſchen Gärtner ausgezeichne⸗ ten Spargel bekommen...“ „Es thut mir leid; Deine Einladung kommt zu ſpät, ich und meine Stanzerl ſpeiſen heute bei Frau von Trattnern.“ „Bei Deiner ſchönen Schülerin? Beneidenswerther! Und am Abend, was haſt Du für den Abend vor?“ „Heute Abends will ich mich brav aufführen und daheim bleiben.“ „Für ſolche Unterhaltung danke ich. Adieu! der Himmel beſſere Dich!“ Und fort war er. Nach kaum fünf Minuten erſchien ein Commis aus dem nächſten Gewürzladen*) mit ſechs Bouteillen bepackt und meldete:„Eine ſchöne Empfehlung vom Herrn Di⸗ rektor Schikaneder; der Herr Kapellmeiſter ſammt Ehe⸗ gattin mögen ſich den Tokayer wohl ſchmecken laſſen und auf das Gedeihen der„Zauberflöte“ trinken!“ „Iſt der Herr Direktor noch unten im Gewürz⸗ laden?“ „Zu dienen, ja!“ ) Die Gewürzladen ſpielten damals die Rolle der heutigen Delikateſſenhandlungen. — 128 „Melden Sie ihm, daß ich gleich nachkommen werde. Stanzerl, ſei ſo gut, die ſechs Flaſchen Tokayer zu über⸗ nehmen, ich habe noch einen wichtigen Gang vor; bis zwei Uhr bin ich ſicher zurück.“ Damit eilte er fort— wohin? braucht nicht erſt geſagt zu werden. Ehre, dem Ehre gebührt! Um zwei Uhr war er zurück, um mit Konſtanze zu Trattner zu gehen. Achtes Capitel. Die Stimme aus dem Weinberge bei Gräz läßt ſich in Währing hören. —— Man befand ſich in der Zeit, wo die wohlhabende Welt auf's Land zog. Damals, wo man noch die Fahrt nach Baden eine „Reiſe“ nannte, bildeten die nahe um die Reſidenz gele⸗ genen Ortſchaften die beliebten Sommeraufenthalte. Nußdorf, Währing, Weinhaus, Meidling, Dorn⸗ bach, Pötzleinsdorf waren am meiſten geſucht und die letzten Tage des Aprils fanden dieſe Ortſchaften bereits 3 mit Wienern bevölkert. Der hohe Adel bezog ſeine Landhäuſer, verlebte dort einige Wochen und reiſ'te dann mit Eintritt des Sommers 3 in die Bäder. Der Graf von Teichberg beſaß in Währing ein ſehr geräumiges Landhaus. 130 Scipio gedachte, die Tage vor und nach der Umſied⸗ lung zu der angerathenen Reiſe nach Steiermark zu be⸗ nützen, allein die Erlaubniß hiezu wurde ihm hartnäckig verweigert. Die Frau Gräfin Tante notifizirte ihm, daß bei Gelegenheit eines Feſtes, welches ſie am erſten Mai in ihrem Landhauſe zu veranſtalten beſchloſſen, die ihm er⸗ korene Gattin mit ihren Eltern als Gäſte erſcheinen wür⸗ den, daher er die gebotene Gelegenheit, ſich ihr zu nähern und ihre perſönliche Bekanutſchaft zu machen, ergreifen müſſe. Der junge Mann verſuchte Ausflüchte, Einwendun⸗ gen; ſie ſcheiterten an dem ſtarren Willen der gnädigen Tante, die ſich's in den Kopf geſetzt hatte, die beabſichtigte Verbindung nicht bloß zu Stande zu bringen, ſondern auch zu beſchleunigen. An Trotz oder offenen Widerſtand dachte Scipio noch nicht. Eine Vorſtellung, erwog er, iſt noch keine Verlo⸗ bung, und zwiſchen beiden werde ich wohl zur beabſichtig⸗ ten Reiſe noch Zeit genug gewinnen. Er fügte ſich alſo in den Willen der Verwandten und tröſtete ſich mit dem Spruche:„Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben.“ Das gräflich Teichberg'ſche Landhaus in Währing zeic ein den All Fri drei müt her geg ſein nen und wo ken geb eine wel gro treu thei mſied⸗ u be⸗ näckig ß bei Kai in m er⸗ wür⸗ ähern reifen ndun⸗ ädigen chtigte ondern Scipio Verlo⸗ ſichtig⸗ andten ſt nicht ähring zeichnete ſich mehr durch ſeine Geräumigkeit, wie durch ein impoſantes Aeußere aus. Die Vorderfronte war ein Stockwerk hoch, dis bei⸗ den Seitentrakte bloß ebenerdig. Ein geräumiger Baumgarten mit Lauben, ſchattigen Alleen, Gartenhäuschen u. ſ. w. bildete die Zierde dieſes Frühlings⸗Aufenthaltes. Noch in keinem Jahre wurde das Landhaus von den drei Gliedern der gräflichen Familie mit ſo bewegten Ge⸗ müthern bezogen, wie dießmal. Die Gräfin trug ſich mit dem Vermählungsprojekte herum, und harrte mit Ungeduld dem erſten Mai ent⸗ gegen. Scipio beſchäftigte ſich fortwährend im Geiſte mit ſeiner Reiſe, und der Herr Graf fühlte dießmal eine bren⸗ nende Sehnſucht nach dem Landaufenthalte, wo er freier und unbelauſchter ſeinem Schönheitsſinne genügen konnte, wo die Natur ſeinen Gefühlen zu Hilfe kam, die Schran⸗ ken der Etikette fallen gelaſſen und die Lebensweiſe un⸗ gebundener ſich entfaltete. Ehe wir weiter erzählen, erachten wir es für nöthig, eine Andeutung über die bevorzugte Stellung zu geben, welche eine Kammerjungfer damals in einem ſogenannten großen Hauſe einnahm. Ein Sittenmaler jener Zeit überlieferte uns eine treue Skizze, die wir zu dem Zwecke im Auszuge mit⸗ theilen. 7—— —.———— ——,— 132 „Die Kaſte der Kammerjungfern— ſchreibt Pezzl— iſt in Wien von Wichtigkeit. Die Geheimniſſe der ganzen ſchönen Welt geh'n durch ihre Hände, und wer die Welt nur ein bischen kennt, der weiß, welche unglaubliche Dinge durch die ſchöne Welt bewirkt werden. In der Regel iſt die Kammerjungfer ſtets die Ver⸗ traute ihrer Dame, beſonders wenn dieſe noch jung iſt. Indeſſen gibt es auch welche, die von ihren Frauen gleichgültig behandelt, auch wohl recht teufliſch von ihnen geplagt werden, beſonders wenn ſich etwa Eiferſucht ein⸗ mengt. In dieſem Falle trennt man ſich bald. Die Wieneriſchen Kammerjungfern leben bequem. Die Intimitäten ihrer Dame beſorgen und den Putz et⸗ was in Ordnung bringen helfen, dieß iſt ihre ganze Be⸗ ſchäftigung. Alle übrige Zeit bleibt ihnen, mit ihren An⸗ betern zu tändeln und auf den Schmuck ihres Geiſtes und Körpers zu wenden. Auch gibt es einige unter ihnen, die Geſchmack, Witz, Grazie, Lektüre, Sentiments, ſogar Philoſophie beſitzen, die ihren Wieland und Blumauer aus dem Kopfe herſagen und Voltaire, Petrarca und Pope in der Grundſprache leſen... Uiberhaupt haben ſie ge⸗ wöhnlich mehr Artigkeit und guten Ton, als die meiſten jungen Fräulein, weil ihre freiere Lebensart ihnen er⸗ laubt, mehr Menſchen und Verhältniſſe kennen zu lernen und ſie mehr abſchleifen. der von Die thur Stu des aufh unſe im( genc und wen nie i vidu Lant Vor nom 5l anzen Welt bliche Ver⸗ g iſt. rauen ihnen t ein⸗ uem. tz et⸗ Be An⸗ eiſtes hnen, ſogar nauer Pope e ge⸗ eiſten ner⸗ lernen 133 Wenn ſich in den großen Häuſern die Dame von der Kammerjungfer bedienen läßt, ſo läßt ſich dieſe wieder von dem Stubenmädchen bedienen u. ſ. w.“ In einem Hauſe, wo zwei Kammerjungfern im Dienſte— wir hätten beinahe geſchrieben:„im Nichts⸗ thun“— abwechſelten, war es natürlich, daß ſie ihre freien Stunden nach Belieben verwendeten, und daß ſie zur Zeit des Landlebens ſich wenig innerhalb der vier Mauern aufhielten. Nach dieſer Einſchaltung wenden wir uns wieder unſerer Erzählung zu. Zum Lobe Scipio's ſei es hervorgehoben, daß er, im Gegenſatze zu ſeinem Oheim, ſich nie um die Haus⸗ genoſſen kümmerte. Er ließ ſich von einem jungen Burſchen bedienen und komunicirte nur durch dieſen mit dem Stallperſonale, wenn er ausfahren oder ausreiten wollte. Sonſt kam er bei ſeiner anſpruchloſen Lebensweiſe nie in die Lage, die Dienſte eines oder des andern Indi⸗ viduums des zahlreichen Perſonals zu benöthigen. Da man im letzten Viertel des Aprilmonates den Landaufenthalt bezogen hatte, ſo wurden draußen die Vorbereitungen zum Maifeſte unverweilt in Angriff ge⸗ nommen. Eine ungewöhnliche Geſchäftigkeit entfaltete ſich in 134 allen Departements des Hausweſens. Scipio, die un⸗ ſchuldige Urſache aller dieſer Mühen und Anſtrengungen, achtete nicht darauf, wurde vielmehr, je näher der erſte Mai heranrückte, immer ſchwermüthiger und ſuchte, um ſich dieſem Gefühle ungeſtörter überlaſſen zu können, ſtets allein zu ſein. Zu dieſem Zwecke unternahm er häufige Ausflüge zu Fuß, verbrachte den Tag in den waldigen Bergen und kehrte erſt mit einbrechender Dunkelheit heim. Die Gräfin Tante mißbilligte dieſes Herumſchwär⸗ men, doch ließ ſie es, um die Stimmung für das bevor⸗ ſtehende Feſt nicht zu trüben, einſtweilen ungerügt. Am vorletzten Aprilabende, als Scipio nach Hauſe kam, meldete ihm ſein Diener, die gräflichen Herrſchaften ſeien nach Wien zu Beſuche gefahren. „Schade, daß ich das nicht vorher wußte,“ dachte der junge Mann,„ich hätte mein Nachhauſekommen darnach modulirt.“ Er verfügte ſich in ſein ebenerdig gelegenes Gemach, deſſen Fenſter nach dem Garten ſahen, nahm ein Buch zur Hand und begann zu leſen. Plötzlich drangen Töne eines Klaviers zu ihm. Scipio horchte auf— die Muſik kam aus dem Gartenſalon, wo, wie er wußte, ein Inſtrument pla⸗ eirt war. gelä die f des ließ ſchor die i Ner der Glu Weſ gew füllt Reif Gar aus Vor bis un⸗ ngen, erſte „um ſtets een hwär⸗ eor⸗ Hauſe haften dachte mmen mach, Buch m. dem pla⸗ 135 Sein Intereſſe wurde mächtig erregt; das reine, geläufige Spiel beurkundete eben ſo die gute Schule, wie die fleißige Uibung; die Kompoſition war eine Weartſehe Doch das Spiel blieb tit vereinzelt, zu den Tönen des Inſtruments geſellte ſich G Heſang; eine Frauenſtimme ließ ſich Söre eine Stimme, die dem jungen Manne ſchon bei den erſten Tönen bis in's innerſte Leben drang; die ihn erſchütterte, wie wenn ein elektriſcher Strahl ſeine Nerven durchfahren hätte— was er vernahm, war der Geſang, die Stimme aus dem Weinberge bei Gräz. Sein Herz klopfte in raſchen, vollen Schlägen, wie der Luftzug die Flamme, ſo fachten die Tonſtrah len die Glut ſeiner Seele an; Freude durchfluthete ſein ganzes Weſen. Was er vor wenigen Minuten kaum zu hoffen gewagt, hatte ſich urplötzlich ohne ſein Hinzuthun er⸗ füllt; die nicht gekannte Sängerin war gefunden, die Reiſe nach der Steiermark war jetzt überflüſſig geworden. Doch wer war ſie? wie kam ſie hieher in dieſen Garten? Der junge Mann, ohne ſich zu beſinnen, eilte hin⸗ aus auf das Gartenhaus zu. Die herangebrochene Dunkelheit begünſtigte ſein Vornehmen, lautloſen Schrittes gelangte er unbemerkt bis an's Fenſter. Der Geſang drinnen dauerte ununterbrochen fort; herausfallende Lichtſtrahlen verkündeten, daß der Salon bereits erleuchtet ſei. O günſtiges Geſchick! jubelte es in Scipio's Seele, ich werde ſie auch ſehen! Bebend vor Aufregung ſpähte er durch einen feinen Spalt der geſchloſſenen Jalonſie, und ſein Blick fiel auf die Scene. Zwei doppelarmige Leuchter ſpendeten das Licht; eine bejahrte Frau, die er als langjährige Kammerfrau ſeiner Tante kannte, lehnte als Zuhörerin hinter einer Fauteil, während am Inſtrumente ein junges, mißgeſtalte⸗ tes Mädchen ſaß, deren Fingern das Spiel, deren Kehle der herrliche Geſang entquoll. Das Gefühl, welches der junge Graf beim erſten Anblick der Sängerin empfand, war ein durch Enttäu⸗ ſchung hervorgerufener leiſer Schreck, doch er währte nur Augenblicke, verſchwand, um einem Gemiſche von Mit⸗ leid und Wohlgefallen Platz zu machen. Es iſt ohne Zweifel, daß das mißgeſtaltete Mäd⸗ chen auf Scipio einen viel mißgünſtigeren Eindruck ge⸗ macht hätte, wenn er ihr begegnet wäre, ohne ihr Spiel und ihren Geſang gehört zu haben; in dieſem Mo⸗ mente jedoch kam ihr die Macht der Töne und des Genies— ſie ſang ein Mozart'ſches Lied— zu Hilfe. Von dieſem Genius getragen, veredelt, verſchönt, vel „Ge pri fru ma das betl ger ent nid aus ſtei Me unſ Ra ehe deſſ aus ihn 18. Salon Seele, feinen e a Licht; erfrau einer ſtalte⸗ Kehle erſten nttäu⸗ te nur Mit⸗ Mäd⸗ ick ge⸗ Spiel Mo⸗ id des Hilfe. ſchönt, 137 verlor ſich die abſtoßende Wirkung ihres Aeußeren und der Genuß der Kunſt blieb zu ihrem Vortheile ungetrübt. So lange Spiel und Geſang währten, tauchte kein profaner Gedanke in Scipio's Seele; erſt als ſie endeten, frug er ſich im Geiſte:„Wer mag ſie ſein?“ Die Antwort, die ſein Urtheil ihm darauf gab, machte ihn erzittern, denn wie er leicht erkannte, mußte das Mädchen der Dienerſchaft ſeiner Tante angehören. Zwar hörten wir Scipio ſeinem Freunde Mozart betheuern, ein Geburtsunterſchied, ob adelich oder bür— gerlich, werde ihn nie vermögen, ſeinem Lebensglücke zu entſagen; allein in dem gegebenen Falle handelte es ſich nicht bloß, ein Vorurtheil zu beſiegen, ſondern von einer ausgezeichneten Stellung zur dienenden Klaſſe hinabzu⸗ ſteigen. Dieſer Gedanke erfaßte und erſchütterte den jungen Mann mit ſolcher Macht, daß er forteilte, doch wie von unſichtbaren Banden feſtgehalten, ſchon auf dem nächſten Raſenſitz kraftlos niederſank. Der Sturm, der durch ſeine Seele raßte, läßt ſich eher denken als beſchreiben. Sein erträumtes Ideal war verſchwunden, und an deſſen Stelle ein armes, von der Natur ſtiefmütterlich ausgeſtattetes Weſen getreten. Der Genius der Kunſt trug ihn zwar darüber hinweg— doch ſiehe da! es ſtellt ſich ihm 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 5 ein neues, ein unüberſteigliches Hinderniß entgegen, eine doppelte Kluft, welche zu überſetzen die potenzirteſte Ro⸗ mantik Anſtand genommen hätte, und trotz dem Allen gab ſich die Liebe nicht überwunden; ſie wagte zwar nicht an⸗ zukämpfen, aber ſie wand ſich wie ein Wurm unter dem Tritt des Geſchickes. Scipio, nachdem er dem Sturme ſich eine Weile überlaſſen, raffte ſich mannhaft auf und begab ſich in ſein Gemach mit dem Vorſatze, alle Kraft ſeines Geiſtes gegen die Leidenſchaft in den Kampf zu führen. Eine ſchlafloſe Nacht war die Frucht dieſes Begin⸗ nens und das Reſultat: eine zwar entwaffnete aber nichts weniger als vernichtete Liebe und ein körperliches Un⸗ wohlſein. Von letzterem beſchloß der junge Mann Nutzen zu ziehen. Morgen am erſten Mai ſollte das unſelige Feſt ge⸗ feiert werden; eine Krankheit befreite ihn einſtweilen von der gefürchteten Vorſtellung oder veranlaßte die Tante, das Feſt zu vertagen. Da Eines wie das Andere ihm erwünſcht war, ſo verließ er das Lager nicht, hob das Unwohlſein zum Range einer Krankheit empor und befahl ſeinem Diener, den Hausarzt zu holen. au de ich eir Fi ine Ro⸗ gab an⸗ dem eile in ſtes gin⸗ chts Un⸗ zu ge⸗ von mte, „ſo zum ener, 139 Auf die Kunde hievon fanden ſich der Graf und die Gräfin bei ihm ein. Die letztere legte mehr Indignation an den Tag wie Bedauern. „Was ſoll daraus werden, mon Neveu?“ fragte ſie gekränkt;„ich will ſo eben die Einladungen zum Feſte ausſenden.“ „Meine Krankheit wird wohl kein Hinderniß bil⸗ den „Ei wohl bildet ſie ein Hinderniß, da Du, wie Du recht gut weißt, die Veranlaſſung des Feſtes biſt.“ „Wenn dem ſo iſt, gnädige Tante, dann bedauere ich wahrhaft...“ „Was frommt das Bedauern? Du hätteſt Dich vorſehen, Deine Geſundheit ſchonen ſollen.“ Der Graf miſchte ſich vermittelnd in den Wort⸗ wechſel, indem er bemerkte, jede Krankheit ſei an und für ſich ſchon eine Pein, und man ſolle keinen Pazienten noch mit Vorwürfen überhäufen; kein Menſch ziehe ſich mit Willen ein Uibel zu, und er hege die Uiberzengung, daß Scipio an ſeinem Unwohlſein unſchuldig ſei. Die Ankunft des Arztes machte dem Wortwechſel ein Ende. Als die Gräfin vernahm, daß der Neffe von einem Fieber befallen, ein paar Tage lang das Bett hüten 92 —— ——— 140 müſſe, fügte ſie ſich in die Nothwendigkeit: die Einladun⸗ gen zurück zu halten, das heißt: das Feſt zu vertagen. Der Zweck des jungen Grafen war damit wohl er⸗ reicht, allein ſeine Lage blieb unverändert, der Schmerz ſeiner Seele ungeſtillt. Stärker wie bis nun fühlte er das Bedürfniß nach Mittheilung, und er gedachte des Meiſters, dem er ſich anvertraut hatte, deſſen Rath jedoch durch die gemachte Entdeckung überflüßig geworden war. Durch ſeinen Diener erhielt er Beſtimmtheit, daß Fanny— ſo nannte ſich das mißgeſtaltete Mädchen— als Kammerjungfer bei ſeiner Tante bedienſtet ſei. Der Drang, dem Freunde die neue Wendung der Dinge mitzutheilen, und die Begierde, deſſen nunmehrige Anſichten zu vernehmen, bewogen den jungen Grafen, Nachmittags eine Piroutſch anſpannen zu laſſen und da⸗ mit ſeinen Diener nach dem Muſikmeiſter zu ſenden. Mozart befand ſich daheim und folgte unverweilt der Einladung des erkrankten Freundes. Seelenkämpfe erſchüttern den Körper mächtiger wie phyſiſches Leiden— Scipio's Ausſehen hatte in der That bereits gelitten. Mozart ahnte wohl, daß die Leidenſchaft bei dem Uibelbefinden Scipio's nicht unbetheiliget ſei, und glaubte gleich nach der Bewillkommung in warnenden Worten darauf hinzudeuten. nie un be — 141 un⸗„Ach! mein Freund,“ antwortete der junge Graf ſchmerzbewegt,„wenn Sie erſt erfahren werden, was, er⸗ ſeitdem ich Sie das letztemal ſah, ſich zutrug!“ nerz„Wahrſcheinlich ſtürmiſche Scenen mit Ihren Ver⸗ 3 er wandten?“ 3 des Der Leidende verneinte durch eine Kopfbewegung 3 doch und flüſterte nach einer Pauſe geheimnißvoll:„Ich habe ar. die Sängerin aus dem Weinberge gefunden!“ daß„Ah!“ rief der Meiſter auf's Höchſte überraſcht. als„Sie iſt hier im Hauſe.“ „Doch nicht....“ der Er wagte die Vermuthung nicht auszuſprechen. rige Scipio übernahm es, indem er mit zitternder Stimme afen, ſagte:„Im Dienſte meiner Tante!“ da⸗„Unſeliger Zufall!“ rief Mozart erſchüttert, denn in ſeinem Geiſte ſpiegelten ſich raſch die traurigen Folgen weilt des Ergebniſſes. 5 Der junge Mann theilte ihm in wenigen Worten. wie das Ereigniß des vergangenen Abends mit. That Mozart hörte geſenkten Hauptes und mit gefalteten Händen die Erzählung an, und rief, als ſie zu Ende war: dem„Ach! mein armer, bedauernswerther Freund! Hatte ich. aubte nicht recht, Sie vor krankhaften Gefühlen zu warnen orten und die Liebe zu verdammen?“ „Theuerer Meiſter, als Sie dieß thaten, war es bereits zu ſpät!“ 142 „Leider hatten Sie ſich mir nicht früher anver⸗ traut. Doch was nützen Klagen über das, was man ver⸗ ſäumt; hier gilt es nachzuſinnen, was zu beginnen?“ „Ach! Meiſter, helfen Sie, rathen Sie!“ Mozuart mit jener Hingebung, die er ſeinen Freunden, ſelbſt den falſchen, ſo vft bewies, ſtrengte ſeinen Geiſt an, um in dieſem Wogendrag ein rettendes Tau zu finden. Nach mehreren Minuten Nachdenkens zuckte er plötzlich zuſammen, wie wenn einer jener unſterblichen Gedanken in ihm aufgeblitzt hätte, deren er ſo viele, in Tönen verdollmetſcht, der Nachwelt überliefert hat. Er glaubte den Weg zur Rettung des Freundes gefunden zu haben; der Plan, den er ſo raſch, wie einen Kanon im Geiſte ausarbeitete, war ſeines Herzens, war eines Mozart würdig. „Freund,“ begann er, vom Eifer, ſeine Idee aus⸗ zuführen, durchglüht:„Sie wähnen in dem mißgeſtalte⸗ ten Mädchen die Sängerin aus dem Weinberge gefunden zu haben? Es iſt möglich, daß dem ſo iſt, es kann aber auch ſein, daß Sie ſich irren... Sie ſchütteln den Kopf? Ich muß Ihnen jedoch betheuern, daß mir im Leben zum Täuſchen ähnliche Stimmen ſchon vorgekommen ſind, und daß dies auch hier der Fall ſein kann. Die Fflicht der Selbſterhaltung gebeut Ihnen alſo vor Allem, ſich die Gewißheit zn verſchaffen, ob die Kammerjungfer ihrer a—„ 8 6 — te ver⸗ ver⸗ den, eiſt den. er chen in ndes inen war aus⸗ alte⸗ nden aber opf? zum und der die Tante und die Sängerin aus dem Weinberge eine und die nämliche Perſon ſeien? Irren Sie ſich, dann werden Sie das Thörichte Ihrer Aufregung begreifen, und die Heilung wird von ſelbſt kommen.“ „Wenn aber meinerſeits kein Irrthum obwaltet?“ „Dann wollen wir auf Mittel ſinnen, das Uibel zu beſeitigen. Vor der Hand trachten Sie mit dem Mädchen zu ſprechen, und forſchen Sie es aus, ob es in vergangenem Herbſte in dem Weinberge bei Gräz, bei der verwitweten Generalin u. ſ. w. ſich aufgehalten? Die Antwort darauf warten wir ab, bevor wir irgend etwas in der Sache un⸗ ternehmen.“ Der junge Graf, theils um dem Freunde zu will⸗ fahren, theils weil die Möglichkeit einer Irrung in der That vorhanden war, verſprach, den Rath zu befolgen. Mozart leiſtete dem Kranken noch ein Stündchen lang Geſellſchaft, und ſchied von ihm mit dem Verſprechen, ſobald ſeine Zeit es geſtattete, wieder zu kommen. Da Scipio von dem Plane, den der Meiſter in ſei⸗ nem Intereſſe entworfen, keine Ahnung hatte, ſo wußte er auch nicht, daß Mozart, ſtatt ſich aus dem Landhauſe zu entfernen, ſich nach dem Zimmer der Kammerjungfer Fanny erkundigte und dort eintrat. Den Zweck dieſes Beſuches wird der Leſer ſogleich erfahren. Reuntes Capitel.“ In welchem wieder einmal bewieſen wird, daß man ein Genie ſein und doch einem Frauen⸗ zimmer aufſitzen kann. Die Kammerjungfer der Gräfin von Teichberg ſaß, mit einer Handarbeit beſchäftiget, in ihrem Zimmer, als der unerwarte Beſuch erſchien. Mozart glaubte bei ihr, in Folge der muſſikaliſchen Bildung, die ſie beſaß, einen höheren Grad von Erzie⸗ hung vorausſetzen zu dürfen und richtete ſein Benehmen darnach ein. „Mademoiſelle!“ begann er,„ich bin der Muſik⸗ meiſter Mozart, der Freund des Grafen Scipio, und be⸗ finde mich, ohne daß er davon eine Ahnung hat, Ihnen gegenüber.“ Dieſe Anſprache enthielt zwei Motive, welche die verkappte Baroneſſe in eine freudige Erregung verſetzten. Sie zähl Fre ther was Gri Beſ ſich „ſpi gleu zertt dem chelt des ſein, aß en⸗ aß, als hen zie⸗ nen ſik⸗ be⸗ nen die ten. Sie ſah ſich dem Meiſter, zu deſſen Verehrerinnen ſie zählte, gegenüber ſtehen, und erfuhr, daß der Meiſter ein Freund des jungen Grafen ſei. Die vermeintliche Kammerjungfer ſuchte ihr Errö⸗ then hinter einem etwas förmlichen Knir zu verbergen, was aber gar nicht nöthig war, da Mozart den wahren Grund davon ohnedem nicht errathen hätte. „Welchem Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Beſuches?“ „Einem ſehr wichtigen, Mademviſelle! es handelt ſich um das Lebensglück eines Menſchen.“ „Wie käme ich armes, ſchwaches Mädchen dazu.“ „Das Schickſal,“ fiel ihr der Meiſter in's Wort, „ſpielt oft mit dem Glücke der Menſchen, wie der Zon⸗ gleur mit den gläſernen Kugeln; entfüllt ihm eine, ſo zertrümmert ſie.“ „Welche Rolle ſpiele ich bei dieſem Gleichniſſe?“ „Sie, Mademviſelle, ſind der harte Boden, auf dem die Kugel zerſchellt.“ „Herr von Mozart... ich verſtehe Sie nicht!“ Das Fräulein ſprach dieſe Worte mit einem erheu⸗ chelten Staunen, in Wahrheit verſtand ſie die Aeußerung des Meiſters vollkommen. Dem aufmerkſamen Leſer kann es nicht entgangen ſein, daß ein triftiger Grund die Baroneſſe von Helm be⸗ 146 wog, im gräflichen Hauſe den Dienſt einer Kammerjungfer ver anzunehmen; ferner, daß dabei ihr Herz im Spiele war. ſich ſ Auf dieſen Umſtand näher einzugehen, iſt jetzt noch nicht an der Zeit; er wurde nur hervorgehoben, um an⸗ rakt ſchaulich zu machen, daß ſie die Herrin der Situation war fen und recht wohl wußte, warum Mozart ihr die Rolle des Liel harten Bodens zutheilte, der das Glück des jungen Gra⸗ geb fen bedrohte. er Auf ihre Bemerkung, daß ſie ihn nicht verſtehe, Sti 3 verſetzte der Meiſter:„Ich werde mich Ihnen begreiflich gan machen, in der Vorausſetzung, daß Sie mich für einen Sä aufrichtigen, ehrlichen Mann halten, der um das Glück ſeines Freundes beſorgt iſt, und daß Sie alle Empfind⸗„S lichkeit bei Seite ſetzen.“ mic Eine Pantomime der Kammerjungfer forderte ihn Gr auf, weiter zu ſprechen; er that es. dar „Der junge Graf hörte im vergangenen Herbſte in einz einem Weingarten bei Gräz— ich will mich in meiner Erzählung auf's Kürzeſte faſſen— einen Frauengeſang, ohne jedoch die Sängerin ſehen zu können. Die Stimme ner bezauberte ihn, ſeine Phantaſie ſchuf ſich ein Jdeal— er deſſ 3 liebt!“ weſ 1 Wäre Mozart im Geiſte nicht zu ſehr mit ſeinem ſor Freunde beſchäftiget geweſen, er hätte wehrnehmen müſſen, nen 3 wie die Kammerjungfer erblaßte, und um ſich nicht zu ngfer war. noch nan⸗ war e des Gra⸗ ſtehe, eiflich einen Glück find⸗ e ihn ſte in neiner eſang, timme einem rüſſen, cht zu 147 verrathen, ihre Lippen aneinanderpreſſend, den Athem an ſich hielt. „Wer, wie ich,“ fuhr der Meiſter fort,„den Cha⸗ rakter, das Temperament und den Seelenzuſtand des Gra⸗ fen kennt, der wird bei ihm die Möglichkeit einer ſolchen Liebe begreifen; ſie wäre indeſſen ohne ſchlimme Folgen geblieben, wenn er nicht am Vorabende jenes Tages, wo er ſeiner künftigen Gattin vorgeſtellt werden ſollte, die Stimme aus dem Weinberge, oder mindeſtens eine ihr ganz ähnliche Stimme gehört, und dieſesmal Sie als die Sängerin gefunden hätte.“ Die Kammerjungfer wiegte den Kopf und ſagte: „Sonderbar, in der That höchſt ſonderbar! Ich befinde mich erſt kurze Zeit im Hauſe und ſah den jungen Herrn Grafen kaum einmal. Man macht hier jedoch kein Hehl daraus, daß er ſich weigere, die projektirte Verbindung einzugehen.“ „Woran eben ſeine thörichte Liebe Schuld trägt.“ „Mir ſteht es nicht zu, die Gefühle des Neffen mei⸗ ner Gebieterin gut zu heißen oder zu verdammen; in⸗ deſſen wer auch immer die Sängerin im Weinberge ge⸗ weſen ſein mag, wenn der Herr Graf mich dafür hält, ſo wird er wohl von ſeiner thörichten Liebe, wie Sie es zu nennen belieben, geheilt worden ſein?“ Da dieſe Aeußerung von dem Tone natürlicher Gut⸗ 148 müthigkeit, ohne alle Beimiſchung von Bitterkeit oder J⸗ ronie begleitet wurde, ſo merkte der ſanguiniſche Meiſter die Schlinge nicht und fuhr in ſeinem freundſchaftlichen Eifer fort:„Sie irren, Mademoiſelle, Sie irren! Scipio behauptet, Sie ſeinen die Sängerin aus dem Weinberge, und die erſt gemachte Entdeckung hat ihn auf das Kranken⸗ lager geworfen.“ „Ich begreife, daß mein Aeußeres und das Ideal, welches er ſich geſchaffen, im ſchreiendſten Widerſpruche ſtehen, und daß mein Stand, meine Stellung in die⸗ ſem Hauſe ihn unangenehm afficiren müſſen; allein ich muß bekennen, daß ich es nicht faſſe, wie ſolche Enttäu⸗ ſchung nicht augenblicklich ſeine Liebe verwiſcht hat.“ „Seine Denkungsweiſe und ſeine Organiſation wei⸗ chen eben von der Gewöhnlichkeit ab. Seine Lage iſt eine bedauernswerthe, und deshalb wende ich mich eben an Sie.“. „An mich? Du lieber Himmel! was kann ich für ihn thun?“ „Hören Sie mich an, Mademoiſelle; die Möglich⸗ keit, ihn zu heilen, liegt einzig und allein in Ihrer Macht.“ „Wie das?“ „Die ideale Liebe meines Freundes hätte, wie be⸗ reits geſagt, keine ſchlimmen Folgen gehabt. Naturen, wie Scipio, können ſich mit einem ſolchen Uibel jahrelang her⸗ umt leide Ung man heiß —2 Sal es n daß Da aufg bleil zu h ſtreb Hof den es; Wei ſches Iro⸗ eiſter ichen cipio erge, nken⸗ deal, ruche die⸗ nich ttäu⸗ wei⸗ t eine n an glich⸗ acht.“ ie be⸗ n, wie her⸗ 149 umtragen, wie bejahrte Menſchen mit einem Lungen⸗ leiden. Sie lächeln? Ich verſichere Sie, es iſt ſo! Das Unglück des jungen Graſen würde beſiegt werden, wenn man ihn in ſeinen früheren Zuſtand zurück verſetzte, das heißt, wenn man die ſtattgehabte Enttäuſchung verwiſchte.“ „Wie wäre das möglich?“ „Einfach dadurch, daß Sie es von ſich weiſen, die Sängerin im Weinberge bei Gräz geweſen zu ſein.“ „Sie wiſſen ja nicht, ob ich es war?“ „Das gilt mir gleich! Im Falle jedoch, daß Sie es waren, erheiſcht es die Klugheit und die Menſchlichkeit, daß Sie es Scipio gegenüber entſchieden in Abrede ſtellen. Damit tritt ſein Ideal wieder in die alten Rechte, der aufgeregte Seelenzuſtand wird ſich ſänftigen, und Ihnen bleibt das Bewußtſein, einem edeln, jungen Mann gedient zu haben.“ „Die Aufgabe, welche Sie mir zutheilen, wieder⸗ ſtrebt nicht meinem Gewiſſen, iſt dankbar und nicht ſchwer. Hoffen Sie, daß der junge Herr Graf ſich dann williger den Abſichten ſeiner Verwandten fügen wird?“ „Ich hoffe es!“ „Wie aber, wenn ihm ein tückiſcher Zufall, nachdem es zu ſpät geworden, wirklich die Sängerin aus dem Weingarten zuführte, und dieſe Perſon zufällig ein hüb⸗ ſches, ihm ebenbürtiges Mädchen wäre?“ —— 150 „Das iſt nicht möglich!“ „Ei, ei! warum ſoll das nicht möglich ſein?“ „Weil ich durchdrungen bin, daß Sie jene Sänge⸗ rin waren!“ „Oh! oh! Worauf fußt denn dieſe Durchdrungen⸗ heit?“ „Weil ich es keinem Zufall aufbürden kann, daß Scipiv geſtern das nämliche Lied zu hören bekam, wie da⸗ mals im Weinberge.“ „Herr von Mozart, Sie machen ſich damit ein ſchlechtes Kompliment! Ihre Lieder ſind die Lieblingsge⸗ ſänge nicht bloß zweier, ſondern aller Frauen, die Sinn und Talent für Muſik beſitzen.“ „Mademviſelle, Sie wollen meine Anſicht weg⸗ ſchmeicheln.“ „In meiner beſcheidenen Stellung darf ich es wohl wagen, Sie zu verehren und zu bewundern, aber keines⸗ wegs Ihnen zu ſchmeicheln.“ „Sie verkennen mich, Mademoiſelle! ich meſſe den Menſchen nicht nach ſeiner Stellung, ſondern nach ſei⸗ nem Geiſte und ſeiner Bildung. Es hat eine Zeit gege⸗ ben, wo ich mit ſammt meiner Kunſt am Bediententiſch des Erzbiſchofs von Salzburg ſpeiſen mußte; ich ſchäme mich jener Tage nicht, ich bin doch Wolfgang Mozart ge⸗ blieben— doch wir ſind von unſerem Thema abgekommen.“ daß die 2 zwar und jedoe mit die; ſchöz jedve nicht Rech gung und Ihn werd zutre . inge⸗ ngen⸗ daß e da⸗ t ein gsge⸗ Sinn weg⸗ wohl eines⸗ ſe den h ſei⸗ gege⸗ entiſch chäme rt ge⸗ men.“ 151 „Halten Sie nicht dafür, verehrter Herr Meiſter, daß es ſchon erſchöpft iſt?“ Dieſe Frage machte Mozart ſtutzen. In dieſer Frage lag die Andeutung verborgen, oder die Bitte, ſich zu entfernen, und dies ſiel ihm auf. Die Unterhaltung mit der Kammerjungfer hatte ihn zwar erkennen laſſen, daß er ein Mädchen von Bildung und Verſtand vor ſich habe; in der letzten Frage ſteckte jedoch mehr, darin lag etwas Vornehmes, Ariſtokratiſches. Mozart prüfte das Mädchen einige Sekunden lang mit einem Blicke, und auf ſeinem Geſichte konnte man die Frage leſen:„Zum Kuckuk! aus welchem Brunnen ſchöpft die ihren Wein?“ Die beinahe einfältige Miene Fanny's täuſchte ihn jedoch wieder und ließ den Verdacht in ſeinem Herzen nicht aufkommen; er ſagte daher leichthin:„Sie haben Recht, das Thema iſt erſchöpft, ſobald ich Ihrer Einwilli⸗ gung in meinen Vorſchlag ſicher bin.“ Die Kammerjungfer legte die Hand an das Herz und erwiederte ernſt, beinahe feierlich:„Ich betheuere Ihnen, Herr von Mozart, daß ich Alles aufbieten werde, was dem Glücke des Neffen meiner Gebieterin zuträglich ſein wird.“ Mozart nickte befriedigt mit dem Kopfe und ver⸗ 152 abſchiedete ſich, von dem Bewußtſein beſeelt, ſeine Sache meiſterhaft ausgedacht und durchgeführt zu haben. Er erwog eben nicht, daß die Tiefen eines Frauen⸗ herzens unergründlicher ſeien, wie die des Tonmeeres, worin er aller Taucher Meiſter war. Sce riger Krei pen, Zwa Char ſchen ſtesge alten bieter häufi 1859 Zehntes Cnpitel. Scenen, in welchen eine Kammerjungfer die Hauptrolle ſpielt. Nicht leicht konnte ſich ein Mädchen in einer ſchwie⸗ rigeren Situation befinden, als die Baroneſſe von Helm. Erſt nachdem ſie ſich in dem freiwillig betretenen Kreiſe zu bewegen anfing, erkannte ſie die zahlloſen Klip⸗ pen, die ſie zu umſchiffen hatte. Ihre Rolle legte ihr einen körperlichen und geiſtigen Zwang auf; ſie mußte einerſeits dem angenommenen Charakter treu, fortfahren, die eiferſüchtige Gräfin zu täu⸗ ſchen; anderſeits bedurfte ſie der angeſtrengteſten Gei⸗ ſtesgegenwart, jedes zeugenloſe Zuſammentreffen mit dem alten Grafen zu vermeiden, um ihm keine Gelegenheit zu bieten, ſeinem Wohlgefallen Worte zu leihen. Beides war ihr bisher gelungen, allein die immer häufigeren Beſtrebungen des alten Herrn ließen ein end⸗ 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 10 154 liches Erreichen ſeiner Abſicht befürchten, und die Baro⸗ neſſe mußte ſich vorbereitet halten, ihm, ohne ihn zu ver⸗ letzen, würdig zu begegnen. Sein Wohlwollen zu erringen, ohne ihrer Ehre etwas zu vergeben, erheiſchte ihr Zweck. Zu dieſen beiden Schwierigkeiten geſellte ſich die dritte— nämlich: Scipio. Sie war die größte, weil dabei das Herz in's Spiel kam. So wie der junge Graf für die Baroneſſe die Haupt⸗ perſon im Landhauſe war, wurde ſie es für ihn, nachdem er ihren Geſang gehört. Zu dieſen Schwierigkeiten kam nun noch eine hinzu, woran das Fräulein früher gar nicht gedacht hatte, welche ſie auch zur Zeit noch nicht kannte, die aber bereits im Geheimen zu wühlen begann; dieſe beſtand in der, durch Neid, Mißgunſt, Eiferſucht n. ſ. w. hervorgerufenen, ar⸗ gusäugigen Uiberwachung von Seite der übrigen Die⸗ nerſchaft. Die Eiche wurzelt feſt, der Sturm vermag nicht, ihr etwas anzuhaben: da niſtet ſich eine Ameiſenkolonie an ihrem Fuße ein, wühlt den Boden auf, und der Baum fällt. Wer aber wagt zu behaupten, daß Weiberzungen nicht eben ſo emſig arbeiten, wie Ameiſen? Seit der Scene mit Mozart ſuchte das Fräulein, öfte jun nach die hint dem ſam Gar vorj war treff dem Sie fräg Ihn meir arv⸗ ver⸗ Fhre die Spiel mpt⸗ hdem inzu, elche im durch „ar⸗ Die⸗ t, ihr ie an füällt. ungen ulein, 155 öfter als bisher, die Einſamkeit; der Seelenzuſtand des iungen Grafen zwang ſie zum Nachdenken; ihren Geiſt nach der einen Richtung ſie anſtrengend, vernachläſſigte ſie die Vorſicht nach der andern, und was ſie noch lange hintanzuhalten hoffte, überraſchte ſie— eine Scene mit dem gnädigen Herrn. Es war außer Zweifel, daß der alte. Herr ihr ein⸗ ſames Dahinbrüten in den entlegentſten Partieen des Gartens erſpäht hatte, und einen Spaziergang in's Freie vorſchützend, durch das Hinterpförtchen zurück gekehrt war, womit er die Abſicht, die Kammerjungfer allein zu treffen, erreichte. Das Fräulein erſchrak. „Nun, kleiner Schelm!“ begann der alte Herr mit dem Tone vertraulicher Gutmüthigkeit,„wie gefallen Sie ſich in meinem Hauſe?“ „Gnädiger Herr! bei einer Perſon meines Standes frägt es ſich nicht, wie es ihr, ſondern wie ſie gefällt!“ „Ich glaube, man hat noch keinen Grund, mit Ihnen unzufrieden zu ſein.“ „Dieſes ſchmeichelhafte Zeugniß aus dem Munde meines gnädigen Gebieters läßt mir nichts zu wünſchen übrig.“ „Sie ſcheinen viel beſchäftiget?“ „Nicht daß ich wüßte.“ 156 „Weil man Sie ſo ſelten ſieht.“ „Gnädigſter Herr, ſoll das vielleicht ein Tadel ſein, weil ich faſt den größten Theil der Zeit im Garten zu⸗ bringe?“ „Das iſt wahr; allein Sie befinden ſich jedesmal in Geſellſchaft der Kammerfrau, und ich mag dieſe häß⸗ liche Perſon nicht leiden.“ „Sie würde ſich unglücklich fühlen, wenn ſie es wüßte.“ „Glauben Sie das nicht; ſie weiß es recht wohl, doch kehrt ſie ſich nicht daran; ſie iſt die Favorite der Frau Gräfin und baut auf deren Schutz.“ „Sie iſt ein Muſter von Dienſteifer.“ „Das iſt wahr! ihre Dienſtfertigkeit iſt faſt ſo groß, wie ihre Häßlichkeit. Um aber auf etwas Anderes zu kommen, wie befindet ſich Ihre Zwillingsſchweſter?“ „Gnädigſter Herr,“ erwiederte das Fräulein ſchel⸗ miſch,„ſeit ich hier weile, hatte ich noch keine Gelegen⸗ heit, mit ihr zu verkehren.“ „Schade! ich wünſchte ſie wieder einmal zu ſehen.“ „Dies dürfte kaum möglich werden.“ „Bah! was könnte der kleinen Komödiantin un⸗ möglich ſein? Wie geſagt, ich wünſche es.“ Die Kammerjungfer lächelte und erwiederte:„Ich werde den Auftrag meines gnädigen Gebieters vollziehen und gebe kniff Fing digſt des ſchatt rufen pio's hatte den 2 erfuh Jene und Fann tenen Frau ein z ſein, n zu⸗ esmal häß⸗ ſie es wohl, te der aſt ſo nderes er?“ ſchel⸗ legen⸗ ehen.“ n un⸗ „Ich lziehen und Dero Wunſch meiner Zwillingsſchweſter bekannt geben.“ „Thu'n Sie das!“ ſagte der alte Herr lachend, kniff ihr freundlich die Wange, drohte mit aufgehobenem Finger herablaſſend und ſetzte hinzu:„Ich erwarte bal⸗ digſt die Antwort!“ Darauf entfernte er ſich. Die Baroneſſe widmete in Gedanken der Mäßigung des alten Herren das gebührende Lob und verließ die ſchattige Stelle. Kaum in die Baunzeile eingetreten, hörte ſie ſich rufen, die Gräfin verlangte nach ihr. Es muß bemerkt werden, daß das Unwohlſein Sci⸗ pio's die üble Laune der Dame in Permanenz erklärt hatte— nicht etwa in Folge mütterlicher Theilnahme für den Neffen, ſondern wegen des Aufſchubes, den ihr Plan erfuhr, deſſen Verwirklichung ihr ſehnlichſter Wunſch war. Die üble Laune der Gebieterin bekamen vorzüglich Zene zu erleiden, die um ihre Perſon beſchäftiget waren, und zu dieſen zählte natürlich die Kammerjungfer. „Ich ſehe es ungerne,“ mit dieſen Worten wurde Fanny empfangen,„wenn ich auf meine Bedienung war⸗ ten muß.“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, gnädigſte Frau Gräfin! wenn Sie es ungerne ſehen, werden Sie ein zweites Mal nicht mehr warten müſſen. Ich wäre 158 ſicher nicht in den Garten gegangen, wenn ich nicht gedacht hätte: Schau Fanny, um dieſe Stunde hat Ihro Gnaden, die Frau Gräfin, noch nie Deiner Dienſte benö⸗ thiget, ſie wird es auch heute nicht... alſo ging ich.“ „Was Sie ſich gedacht hat, war grundfalſch; was durch zehn Tage nicht geſchieht, kann am eilften ſich er⸗ eignen... übrigens erfahre ich zu meiner Uiberraſchung, daß Sie auch Gedanken hat.“ „Wenn mir gerade was einfällt, mit Dero gnädig⸗ ſter Erlaubniß.“ „Ich hoffe, daß es nie was Schlimmes ſein wird.“ „O! da wüßte ich mir gleich zu helfen.“ „Wie denn?“ „Unſer Herr Schulmeiſter in Marburg gab uns mehr als einmal die gute Lehre, wir ſollen, ſo oft uns etwas Böſes einfalle, uns die Ohren verſtopfen und davon laufen.“ „Können denn die Kinder in Marburg das Böſe vom Guten unterſcheiden?“ „Wenn wir wollten, konnten wir es ſchon; aber wir mochten nicht immer.“ Dieſe Perſon, dachte die Dame, iſt zu einfältig, um kokett zu ſein. „Höre Sie mich an, Fanny! Sie hat vor einigen Abenden im Gartenſalon Klavier geſpielt?“ ſche Pfa nati Bar Lied gew man nicht letat Geſ etwa ärge bleib auch Rotl idig⸗ uns uns avon Böſe aber um nigen „Ich wollte mich ſchon vergeſſen habe.“ „Sie hat auch ein Lied dazu geſungen.“ „O! gnädigſte Frau Gräfin, ich hab' in unſerer Pfarrkirche jeden Sonntag auf dem Chore geſungen, natürlich nie ohne die gnädige Erlaubniß der ſeligen Frau Baroneſſe.“ „Zwiſchen einem Kirchengeſang und einem profanen Liede herrſcht ein großer Unterſchied.“ „Was ich neulich geſungen, war ein Lied von einem gewiſſen Mozart...“ „Die Wahl beweiſt Ihren ſchlechten Geſchmack; man ſingt keine Kompoſition von einem Menſchen, der nicht in der Mode iſt. Kurz und gut, ich liebe den Dil⸗ letantismus unter dem Dienſtperſonale nicht; Muſik und Geſang ſind gefährliche Zeitvertreibe.“ „Gnädigſte Frau Gräfin, es hätte mir Niemand etwas anhaben können, es war ja die Kammerfrau dabei.“ „Sie iſt ein einfältiges Ding!“ verſetzte die Dame ärgerlich,„und verſteht nie, worauf man hindeutet. Es bleibt dabei, ich will es nicht.“ „Wenn Ihro Gnaden es nicht wollen, will ich's auch nicht.“ „Hätte Sie ſtatt des Geklimpers ſich lieber im Roth⸗ und Weiß⸗Auflegen eingeübt, es würde Ihr mehr überzeugen, ob ich das Ding nicht 160 frommen. Sie beſitzt auch darin wenig Geſchmack; ſeit Sie hier iſt, ſeh' ich aus wie eine Bauerdirne. Das Rouge muß zart aufgetragen werden, ſonſt wird es gemein; es muß den Anſchein haben, als ſei es hingehaucht.“ „Den Befehle Ihrer Gnaden gemäß, werde ich es von morgen an hinhauchen.“ Dieſe Perſon, dachte die Gräfin, iſt nicht mehr bornirt, ſondern ſchon ſtupid. Und laut ſagte ſie:„Es iſt gut!“ „Gnädigſte Frau Gräfin, dieſe drei Worte tröſten mich wieder; Ihre Unzufriedenheit hätte mir den Schlaf geraubt.“ „Wenn ich ſage: Es iſt gut! ſo bedeutet es, daß Sie gehen kann!“ Fanny begann heftig zu ſchluchzen. „Mein Gott!“ rief die Dame ärgerlich,„was fehlt Ihr denn?“ „Gnä.. dig ſte. Frau,. Ihre. Un⸗ zufrie.. denheit...“ „Ich bin nicht unzufrieden,“ erwiederte die Gräfin begütigend,„au contraire! ich werde Sie ſpäter mehr bevorzugen, allein Sie muß ſich mehr an mich attachiren, bloß an mich, verſtanden! Zetzt kann Sie in Gottes Na⸗ men gehen.“ bei nes e es nehr öſten chlaf daß fehlt Un⸗ räfin mehr iren, Na⸗ „Ich gehe und werde für Ihro Gnaden langes Le⸗ ben beten.“ Damit endete die Scene. Ein paar Tage verfloſſen, Scipio's Unwohlſein war beſeitiget, und er dachte daran, ſein, dem Meiſter gegebe⸗ nes Verſprechen zu löſen und ſich die Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen, ob die Kammerjungfer auch die Sängerin im Weinberge bei Gräz geweſen? Nicht ahnend, daß Mozart— freilich in der wohl⸗ meinendſten Abſicht— zum Verräther ſeines Herzens⸗ Geheimniſſes geworden war, überzeugt, daß Niemand im Hauſe das Band ahne, welches ihn zu dem Mädchen hin⸗ zog, glaubte er, ſich wegen etwaiger Zeugen keinen Zwang auferlegen zu müſſen und redete die Kammerjungfer im Garten an. Mit der Maske und dem Tone herriſcher Gleich⸗ gültigkeit vor ihr ſtehen bleibend, begann er:„In welcher Eigenſchaft ſind Sie hier im Hauſe?“ „Ich bin Kammerjungfer Ihrer Gnaden, der Frau Gräfin.“ „Seit wie lange?“ „Seit ungefähr vierzehn Tagen.“ „Wie heißen Sie?“ „Mein Name iſt Fanny.“ „Sind Sie eine Oeſterreicherin?“ 162 „Ich bin aus Marburg in der Steiermark.“ „Beſitzen Sie vielleicht in Gräz Verwandte?“ „Ich beſitze, mit Ausnahme einer Zwillingsſchweſter, keine Verwandte.“ „Sie waren aber doch ſchon in Gräz?“ „Mehreremale! Gnädiger Herr ſcheinen ſich für die Hauptſtadt meines Vaterlandes zu intereſſiren?“ Scipio ließ dieſe Frage unbeantwortet und fuhr fort:„Wann waren Sie zum letztenmale in Gräz?“ „Auf der Durchreiſe hieher.“ „Und früher?“ „Zu Weihnachten.“ „Und noch früher?“ „Um Vergebung, gnädiger Herr, Sie werden wohl nicht ungehalten ſein, wenn ich mir die Bemerkung er⸗ laube, daß mir dieſes Examen auffällt.“ „Ich will Ihnen den Grund davon angeben. Ich befand mich im vorigen Herbſte, zur Weinleſezeit, in Ge⸗ birge bei Gräz auf Beſuch. Unſerem Weingarten gegen⸗ über lag der, der Generalin von Mannsfeld, und dort war es, wo ich Sie geſehen zu haben glaube.“ „Mich? das iſt nicht möglich, gnädiger Herr!“ „Sie waren alſo nicht dort?“ „Ich ſage nicht, daß ich nicht dort war; ich behaupte bloß, daß Sie mich nicht geſehen haben können!“ lin ſter, für fuhr vohl er⸗ Ich Ge⸗ gen⸗ dort upte „Sie hatten alſo Urſache, ſich zu verbergen?“ „Ich läugne es nicht.“ „Sind Sie mit der Frau Generalin verwandt?“ „Wäre ich eine Verwandte der Frau Generalin von Mannsfeld, würde ich nicht die Kammerjungfer der Grä⸗ fin von Teichberg ſein.“ „Sie hielten ſich aber doch mit Wiſſen der Genera⸗ lin dort verborgen?“ „Ohne Zweifel.“ „Die Thatſache iſt myſteriös!“ „Ich bedauere, den Schleier nicht lüften zu dürfen.“ Auf dieſem Wege, dachte Scipio, komme ich nicht weiter. Die Baroneſſe dagegen ſprach bei ſich: Er glaubt es klug anzuſtellen und wollte durch eine Unwahrheit der Wahrheit auf die Spur kommen, um mir nicht verrathen zu müſſen, daß mein Geſang im Weinberge ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregt, und daß er ihn hier wieder erkannt habe. Vergebliche Mühe, theuerſter Herr Graf! man ſiegt nicht, um auf das Eingeſtändniß, daß man geſiegt, zu verzichten! Der junge Mann, wollte er ſeinen Zweck erreichen, mußte ſich entſchließen, der Wahrheit ihren Tribut zu zollen, und that dieß, ohne ſich erſt die Mühe zu nehmen weit auszuholen. 164 „Ich gebe zu,“ ſagte er leicht hingeworfen,„daß ich mich in der Perſon geirrt— in der Stimme that ich es ſicher nicht.“ „Wie ſoll ich das verſtehen, gnädiger Herr?“ „Sie ſangen vor einigen Abenden im Gartenſalon ein Mozartiſches Lied?“ „Leider! zog ich mir damit das Mißfallen der gnä⸗ digen Frau Gräfin zu, und erhielt das Verbot, es nie mehr zu thun.“ „Dasſelbe Lied und die nämliche Stimme klang auch in der Weinleſe vom Preßhauſe der Generalin von Mannsfeld zu uns herüber.“ Fanny ſchüttelte verneinend den Kopf. „Wvollen Sie das auch in Abrede ſtellen?“ fragte Scipiv. Die Kammerjungfer gab ſich den Anſchein des Nach⸗ ſinnens; plötzlich, als fiele ihr die Löſung des Räthſels ein, rief ſie:„Daß Sie im Weingarten Geſang vernah⸗ men, gnädiger Herr, werde ich nicht in Abrede ſtellen, weil ich Unwahrheiten niemals behaupte; allein es war nicht mein Geſang.“ „Dasſelbe Lied, dieſelbe Stimme...“ „Erlauben Sie mir gütigſt, Ihnen das Phänomen zu erklären. Ich glaube, bereits erwähnt zu haben, daß ich eine Zwillingsſchweſter beſitze, die mir in Allem ähn⸗ daß h es on nä⸗ nie ang von agte ach⸗ ſels tah⸗ len, war ich iſt, nur in der äußeren Erſcheinung nicht. Während ich mißgeſtalt bin, iſt ſie ſchlank; während die Sehſtrah⸗ len meiner Augen ſich kreuzen, laufen die ihrigen parallel; urz, ich bin häßlich, ſie iſt ſchön! Dieſe meine Zwillings⸗ ſchweſter nun beſitzt eine Stimme, der meinigen täuſchend hhnlich; wir ſangen in Marburg abwechſelnd auf dem Ghore, und die jungen Herren, da man die Sängerin voom Schiff der Kirche aus nicht ſehen konnte, ſtellten oft butten an, ob ich oder meine Schweſter geſungen habe?“ Der Eindruck, den dieſe Enthüllung bei dem jungen Gyafen hervorbrachte, verurſachte eine Veränderung in ſeinem Innern, die wir weder mit einer Gefühlswendung, Umiſtimmung, noch mit einer Gefühlstheilung zu be⸗ zeichnen wagen. Es war von jedem etwas, ohne Eines vollkommen zu ſein. Um dies zu begreifen, muß man ſeinen bisherigen Herzensprozeß in's Auge faſſen. Er hatte einen Geſang vernommen, deſſen ſympathi⸗ ſche Klänge ihn bezauberten; er hatte ſich, um lieben zu können, ein Ideal dazu geſchaffen. Darauf glaubte er in der mißgeſtalteten Dienerin ſeiner Tante die Sängerin entdeckt zu haben. Nicht ſo ſehr ihr Aeußeres, als ihr Stand vielmehr erfüllte ihn mit Schrecken; doch hörte die Liebe nicht auf, — 166 unter der Uibergewalt der Vernunft ihre Exiſtenz gelten! zu machen. Während dieſes Kampfes, wenn man das einer Kampf nennen kann, wird ihm plötzlich ein zweites Weſefn im Geiſte vorgeführt, deſſen Geſang es eigentlich wa der ihn bezaubert hatte, welches jedoch auch äußerli ſchön war. Seine geſchäftige Phantaſie begann raſch an einqm neuen Bilde zu weben, wozu ſie aus dem Weſen der yfiß⸗ geſtalteten Zwillingsſchweſter die Farbentöne holte. Scipio dachte ſich die Kammerjungfer, wie ſie bei⸗ läufig ohne körperliche Mängel ausſehen mochte, und be⸗ kam dadurch ein Geſchöpf: halb Wahrheit, halb Dich⸗ tung, dem ſeine Gefühle ſich zuwendeten, ohne jedoch ganz von Fanny zu laſſen, die, wir möchten ſagen, das Recht der Erſtgeburt für ſich in Anſpruch nahm. Dieſer Dualismus ſeines Gefühls— man erlaube uns dieſen Ausdruck— trübte zwar ſeine früher klare Si⸗ tuation, allein er führte die gute Wirkung mit ſich, daß der Schmerz aufhörte, die Situation begann, um Alles, was wir hier ſagten, in Einen Satz zu faſſen, den Cha⸗ rakter des Dramas zu verlieren und den des Luſtſpiels anzunehmen. Scipio war eine Minute nach der Aufklärung der Kammerjungfer ſinnend ſtehen geblieben; dann, als be⸗ ſch weil die Zwe keit durc Neu ſter ſie ſche dem in ei leich Dier nicht zu h dari — 167 ſchleiche ihn ein Mißtrauen, ſagte er:„Ihre Schweſter weilt alſo in Marburg?“ „Gegenwärtig weilt ſie in Wien.“ „In Wien?“ fragte er mit einem Tone, dem man die Freude abhörte. „Sie langte gleichzeitig mit mir hier an.“ Wenn in der Seele des jungen Mannes je ein Zweifel an die Stimmenähnlichkeit und Körperunähnlich⸗ keit bei Zwillingsſchweſtern aufgetaucht wäre, ſo würde er durch dieſe Angabe verſcheucht worden ſein. „Ihre Angaben,“ ſagte er zu Fanny,„haben meine Neugierde derart erregt, daß ich wünſchte, Ihre Schwe⸗ ſter ſingen zu hören. Es wird Ihnen nicht ſchwer fallen, ſie einmal zu ſich einzuladen.“ „Gnädiger Herr, ich bin gern bereit, Ihrem Wun⸗ ſche nachzukommen, doch liegt die Entſcheidung immer in dem Willen meiner Schweſter.“ „Sie wird ſich doch nicht weigern?“ „Ich fürchte es faſt! Meine Schweſter befindet ſich in einer Stellung, ſo hoch über der meinigen, daß ſie nicht leicht ein Haus betreten wird, wo ihre Schweſter als Dienerin weilt. Indeſſen ändert das wohl die Form, aber nicht die Sache. Die Gelegenheit, ſie zu ſehen und ſingen zu hören, dürfte ſich wohl finden laſſen, doch muß ich darüber früher die Anſicht meiner Schweſter einholen.“ 168 *„Thun Sie das,“ ſagte Scipio mit einem Tone, aus dem mehr die Bitte als der Befehl herausklang. Die Kammerjungfer verbeugte ſich. Der junge Graf grüßte ſie mit einer freundlichen Geberde und ging von dannen. Elftes Eapitel. Worin die Ameiſen zu wühlen anfangen. Die Frau Gräfin war beſänftiget und verſöhnt— der Herr Graf zur Geduld ermahnt— Scipio vertröſtet; es trat ſomit für die Kammerjungfer eine mehrtägige Windſtille ein. Bei ruhigem Wetter arbeiten jedoch die Ameiſen am enmſigſten. Am Brunnen im Wirthſchaftshofe ſtehen zwei Mäd⸗ chen und reinigen Putzwäſche. Der menſchliche Leib iſt eine komplicirte Maſchine. Wie nun bei ſchadloſen Maſchinen die Bewegung des einen Theils auch den der anderen nach ſich zieht, ſo folgte auch bei den Wäſcherinnen der Bewegung der Hände, das Arbeiten der Zungen. Bei weiblichen Maſchinen ſtehen überhaupt Hände und Zunge in unmittelbarer, inniger Verbindung; kaum 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 11 —,— —3 170 ticken oder arbeiten die Händen, ſo fangen auch ſchon die Zungen zu waſchen an. Beim Waſchen ſcheint das naſſe Element auch auf den Redenfluß befördernd einzuwirken. Die beiden Mädchen am Brunnen, die Putzwäſche⸗ rin und das Extramädchen des Hauſes, waren„dicke“ Freundinnen in des Wortes figürlicher und nichtfigürlicher Bedeutung. Beide nannten die Landſtraße— eine Vorſtadt Wiens— ihren Geburtsgrund, denn jeder Wiener hat einen„Grund“ zu ſeiner Exiſtenz; beide alterten als Nachbarskinder, ohne die Schule zu beſuchen; beide wuch⸗ ſen in die Dicke ſtatt in vie Linge; beide ſchmachteten gleichzeitig nach Liebhabern, bis end lich das Bild der ei⸗ nen in dem fleißig begoſſenen Herzen Gärtners ſich wied erſpiegelte, während das der anderen von einem herr⸗ ſchaftlichen Laufer im Fluge davon getragen wurde. Die ſchöne Zeit der jungen Liebe blieb jedoch bei dem Gärtnr nicht lange grünend, und an dem Lufer be⸗ wahrheitete ſich der Spruch:„Wie gewonnen, ſo zer⸗ ronnen!“ Der Gram der Liebe trieb die Landſtraßerinnen in das Joch der Dienſtbarkeit. Hannerl, die„verlaufene“ widmete ſich der Putzwäſcherei, und Everl, die„entgärt⸗ nerte“ wurde ein Extramädchen. Dr wo gen ſpi ſch Ver dt at s h ten ich bei be⸗ in te“ 171 Everl blieb immer Everl, ob daheim oder im gräfli⸗ chen Hauſe, ſie blieb ſich konſequent; ihre dicke Freundin jedoch begann ſich zu ariſtokratiſiren, der Name Hannerl wurde aus dem Repertoire ihres Lebens geſtrichen und Johanna an deſſen Stelle geſetzt. Wehe, wehe dem, der ſie an die Hannerl erinnert hätte. So finden wir beide am Brunnen. „Herrgott! hat's heut' wieder eine Hitz!“ ſo die Everl. „Redeſt Du ſchon wieder in einem ſo ordinären Ton?“ ermahnte die Andere. „Ich vergeß' mich immer.“ „Zu Deinem Schaden, Du wirſt's noch erfahren! Du willſt doch nicht immerfort Extramädchen bleiben wollen, Everl?“ „Ach, Johanna, wenn der Gärtner kein Schlankel geweſen wäre.“ „Denk' an den Treuloſen nicht! nimm Dir ein Bei⸗ ſpiel an mir und lerne verachten!“ „Ich hab' ihn aber ſo ſtark geliebt.“ „Du wirſt einen Andern finden und wieder lieben.“ „Du haſt recht; wenn man ſieht, wie es um unſere ſchiefe Kammerjungfer zugeht, braucht unſereins nicht zu verzweifeln.“ 11* —— ——— ꝛ 172 Johanna hielt im Waſchen inne, ſah ihre Freun⸗ din groß an und fragte:„Was ſprichſt Du da vom Um⸗ gehen? Wer geht um? Was geht um? Um wen geht es um?“ „Na, um die zweite Kammerjungfer geht es um?“ „Was Du ſagſt! Wer denn?“ „Verſchiedene Perſonen.“ „Vermuthlich Leute aus dem Blindeninſtitut?“ „Warum nicht gar! Sie haben ſehr gute Augen.“ „Nicht möglich! Everl, jetzt ſprich, was ſah'ſt Du? Auch ich hab' Manches geſehen; leider Gottes reichen die Ohren nicht ſo weit, wie die Augen, ich mußte mich bloß mit dem Sehen begnügen.“ „Ich ſah, wie der gnädige Herr... Wis⸗ Herr, der junge oder der alte?“ „Der alte; ich ſah, wie er mit der e ſehr lang und ſehr wichtig im Garten ſprach.. „Natürlich! der Alte macht's immer wichtig. 4 „O! dieſe ſcheinheilige, bucklige Perſon! wer möcht' ſo was von ihr denken?“ „Eva, Du wunderſt Dich über die Kammerjungfer; ich aber ſchlage meine Hände über die Männer zuſammen. O nichtswürdiges Geſchlecht! Von dem alten Herrn mag ich nicht ſprechen, deſſen Geſicht iſt bereits kurz und er hat ſih vermuthlich verſchaut... allein der Junge, der . ſich und eine Sü die einf ab, zim kan ſen. ein ſetz wol 12 ie oß 173 ſich krank ſtellt, weil er eine ſchöne Gräfin heirathen ſoll, und auf der andern Seite einer kreuzäugigen, ſchiefge⸗ wachſenen Kammerjungfer den Hof macht! Iſt das nicht eine Entartung des Geſchmacks, die nur durch eine zweite Sündfluth weggewaſchen werden kann?“ „Er hat ſich vermuthlich in ihren Geſang verliebt...“ „Oh! die abgefeimte Kokette! Und die alte Närrin, die Kammerfrau, ſetzt ſich zu ihr in den Salon, läßt ſich einfüdeln und anplärren und gibt ihr eine ſpaniſche Wand ab, um ihre Eroberungen zu decken.“ „Johanna!“ „Was willſt Du, Eva?“ „Sag' mir, glaubſt Du an Hexerei?“ „Geh', frag' nicht; wie kann ein gebildetes Frauen⸗ zimmer in unſerer Zeit an Hexerei glauben?“ „Du meinſt alſo, es wäre nicht möglich...“ „Was wäre nicht möglich?“ „Daß die Kreuzſpinne es den Männern anthun kann?“ „Eva, Du mußt ſolchen Aberglauben von Dir wei⸗ ſen. Hexen gibt es nicht! Es den Männern anthun, iſt ein Unſinn, es wäre denn, daß man ihnen Hörner auf⸗ ſetzt... Ah, da kömmt das Stubenmädchen... Wünſche, wohl geruht zu haben, Mamſell Katharina.“ „Danke, Jungfer Johanna, danke!“ 174 „Das Befinden iſt gottlob gut?“ „Muß ſchon gut ſein!“ „Das Ausſehen iſt prächtig... was ſagen Sie zu der enormen Hitze?“ „Die Sonne ſticht, die Fliegen ſind unruhig, wir werden ein Gewitter bekommen.“ „Es wird ein Wetter geben; ja, ja, ich ſpür' es ſchon in allen Gliedern, ein gräfliches Donnerwetter!“ Das Stubenmädchen, nebenbei bemerkt, ein ſchlan⸗ kes, jedoch von den Pocken unbarmherzig entſtelltes Mäd⸗ chen, ſchaute die Putzwäſcherin groß an und ſagte: „Jungfer Johanna, Sie machen mir eine unangenehme Eröffnung!“ „O! Mamſell Katharina, Ihnen braucht vor der Eröffnung nicht bange zu ſein; das Donnerwetter, welches ich prophezeihe, wird Sie nichts angehen.“ Das Extramädchen, ſeit der Anweſenheit des Stu⸗ benmädchens ein reſpektvolles Schweigen beobachtend, kicherte und machte dazu eine Pantomime, welche die Ver⸗ ſicherung ihrer dicken Freundin bekräftigte. „Auf wen deuten Sie alſo hin?“ fragte Katharine neugierig. „Auf wen denn ſonſt, als auf die neue Kammer⸗ jungfer.“ cher die ber reſ Fr kan wi es her au me wo vir on m⸗ id⸗ te: me er es tu⸗ d, ine er⸗ 175 Das Stubenmädchen ſchlug ein ſpöttiſches Schnipp⸗ chen und rief verächtlich:„Die arme Intriguantin!“ „Bitte um Vergebung, Mamſell K atharina; was die treibt, iſt ſchon keine Intrigue mehr, ſondern grenzt bereits an's Malitiöſe. Dergleichen darf man in einem reſpektabeln gnädigen Hauſe nicht angehen laſſen... die Frau Gräfin muß es erfahren, und Abhi lfe treffen, ſonſt kann ein ehrliches Mädchen hier nicht fortdienen. Heute wird einem alten Herrn, ich will gar nicht ſagen, wer es war, ein Rendezvous gegeben; morgen einem jungen Herrn.. übermorgen kommt ein Dritter an die Reihe—“ „Iſt ſchon gekommen!“ platzte das heraus. Stubenmädchen „Oho!“ riefen die dicken Freundinnen und hörten⸗ auf, mit den Händen zu waſchen. „Ich ſah ihn ſelbſt zu ihr in die Stube gehen.“ „Unverſchämt!“ „Und wollt Ihr wiſſen, wer es war? Der Muſik⸗ meiſter Mozart war's!“ „Ein Muſikmeiſter? Unerhört! Hat was vorgeſungen?“ ſie ihm vielleicht „Na, um den beneid' ich ſie nicht; er hat ſchon Frau und Kind und iſt ein armer Schlucker. Uibrigens, Jungfer Johanna, haben Sie ganz recht, der gnädigen Frau Gräfin nicht verſch die Sache darf wiegen bleiben; 176 es handelt ſich um unſere Reputation; wir Hausoffiziere müſſen unſere Reputation hüten wie ein feines Spitzen⸗ tuch! Unſereins beſitzt ohnedem nichts als das bischen Reputation, das aber muß unangetaſtet bleiben. Ich werde mit dem zweiten Stubenmädchen ſprechen... die Frau Gräfin iſt eine fromme, eine ehrbare Frau, ſie muß Alles erfahren. Ich werd' es ihr ſchon heimlich beibrin⸗ gen.. am Tag darauf kommt eine Zweite und beklagt ſich abermals, aber Alles heimlich, das wirkt mehr.“ „Herrlich, prächtig! Sie können mir's glauben, Mamſell Katharina! ich habe ſchon lange keine Perſon ſo verachtet, wie die Kammerjungfer. Ihr Anblick thut mir weh!“ „Sie ſollen von dieſem Schmerz bald befreit wer⸗ den. Adieu, Jungfer Johanna!“ Die Mamſell ging, die Jungfer mit ihrer Freundin fuhren fort zu waſchen. „Iſt das eine eitle Perſon!“ murmelte die Putz wäſcherin, als das Stubenmädchen ſie nicht mehr hören konnte;„ihr Geſicht ſieht aus, als wenn der Teufel Erb⸗ ſen drauf gedroſchen hätte, und doch bildet ſie ſich ein, der Kammerdiener wird ihr treu bleiben.“ Everl kicherte:„Ja, treu bleiben! das könnt' ihm noch abgehen.. wenn andere Leut' nicht wären. Wart', da kommt das Hausmädchen, die will ich in die Arbeit nehmen.“ Extro unter Höhe von war ungek und wir! nüge Teich waſch Verſe bis ſi noch re en ie 1 7 gt 3⸗ 177 Das Hausmädchen ſtand eine Stufe tiefer, als das Extramädchen; gerade ſo wie die Putzwäſcherin eine Stufe unter dem Stubenmädchen ſtand. Dieſem Range entſprach auch die Titulatur. Die Höhere wurde von der Niedereren mit„Mamſell“, dieſe von Jener mit„Jungfer“ angeredet. Die bis in die Dienſtſtuben fortgepflanzte Etikette war dort ſchwerer auszurotten, als in den Salon's, weil ungebildete Menſchen hartnäckiger an Aeußerlichkeiten und Vorurtheilen hängen. Der Leſer wird es uns wohl Dank wiſſen, wenn wir das Ameiſengewühl nicht weiter verfolgen. Es ge⸗ nüge ihm zu wiſſen, daß an dieſem Tage im gräflich Teichberg'ſchen Landhauſe zu Währing noch ſehr viel ge⸗ waſchen wurde, wobei jedoch die Hände trocken blieben. Die Kammerjungfer ahnte die gegen ſie angezettelte Verſchwörung nicht, und wiegte ſich in trügeriſcher Ruhe, bis ſie daraus aufgeſcheucht wurde, was zu erzählen jetzt noch nicht an der Zeit iſt. — Zwülftes Capitrl. Silhouetten von der Baſtei. In dieſem Momente*), wo man die, um die innere Stadt Wien gezogenen Wälle, die Baſteien, nieder⸗ reißt, dürfte es an der Zeit ſein, an ihre Verdienſte, nicht etwa als einſtige Schutzwehren, die ſind längſt anerkannt, ſondern als Erholungs⸗ und Unterhaltungsplätze zu erinnern. Man mag, gleichviel welche Sittenſchilderung Wiens, von der Thereſia niſchen Epoche angefangen, in die Hände nehmen, man wird überall die Beliebtheit der Baſtei, als Promenade erwähnt, ihre Vorzüge geprieſen finden. Wir ſchreiben dieß nicht, um der gefallenen Größe das Wort zu reden, ſondern um an ihre Bedeutung für die alten Wiener zu erinnern. ) Geſchrieben im Auguſt 1858. Hitz ware von jener ſchiet ſcheit u. ſ. nehn huſa benn Frar offizi der1 einge men. höch mere eder⸗ nicht annt, zu iens, ände als . röße 179 Um die Zeit der beiden Aequinoctien, wo weder Hitze noch Kälte die Spaziergänger wähliger machen.. waren die Baſteien beſonders beſucht. Für dieſe beiden Perioden, heut zu Tage würde man von einer Baſtei⸗Saiſon ſprechen, gibt ein Sittenmaler jener Zeit ſogar eine Stunden⸗Eintheilung für die ver⸗ ſchiedenen Stände: „Um halb fünf Uhr Morgens— ſchreibt er— er⸗ ſcheinen die zärtlichen Hausknechte, Kutſcher, Reitknechte u. ſ. w. mit den geringeren Dienſtmädchen aus den vor⸗ nehmen und mittleren Häuſern.“ „Um halb ſechs Uhr Lakeien, Laufer, Jäger, Leib⸗ huſaren, Handwerkspurſchen ꝛc. ꝛc. mit Köchinen, Stu⸗ benmädchen, Extramädchen, geringeren Bürgerstöchtern.“ „Gegen ſieben Uhr kommen junge Bürgersfrauen, Frauen der niedrigeren Kanzleibeamten, Künſtler, Haus⸗ offiziers ꝛc. ꝛc.“ „Zwiſchen acht und neun Uhr ſchlendern die Trinker der mineraliſchen Wäſſer, die Hypochondriſten und andere eingebildet oder wahrhaft kränkelnde Leute hinauf.“ „Nach zehn Uhr iſt die Stunde halbadeliger Da⸗ men.“ „Um halb zwölf Uhr erſcheinen die Leute von den höchſten Klaſſen. Von dieſer Stunde bis gegen halb zwei 180 Uhr iſt an den gewöhnlichen Wochentagen die Baſtei mit dem glänzendſten und volkreichſten Beſuch beehrt.“ „Von halb zwei bis halb vier bleibt ſie meiſt leer.“ „Nach halb vier Uhr mehren ſich die Spaziergänger wieder; um dieſe Stunde wird gewöhnlich die liebe, noch nicht ganz reife, weibliche Jugend dahin geführt. Nach fünf kommt wieder ſchöne Welt dahin.“ Dieſe Stundeneintheilung galt für die Zeit unſerer Erzählung, wo die von Kaiſer Joſef gepflanzten Baſtei⸗ Alleen zwar noch dürftigen Schatten warfen, wo indeſſen ſchon Millany ſeine Kaffeehütte aufgeſchlagen hatte und eine Harmonie⸗Muſik Abends ihre Weiſen ertönen ließ. Die erwähnte Hütte ſtand auf dem„Paradeplatz“, welchen Kaiſer Joſef auf dem unmittelbar vor der Burg gelegenen Ravelin, der Spanier genannt,(1805 abge⸗ brochen) herſtellen ließ. Wir betreten den Erluſtigungsort an einem liebli⸗ chen Maiabende, wo die Beſucher dem vornehmeren Theile der Geſellſchaft angehören. Der Platz iſt erleuchtet. Muſik ertönt, die ſtrohge⸗ flochtenen Stühle und Bänke um die Hütte herum ſind zahlreich beſucht, ein großer Theil der Beſucher zieht es jedoch vor, ſich Bewegung zu machen und dabei den ſchönen Abend und die Muſik zu genießen. Der Leſer iſt fremd, er kennt die Perſönlichkeiten ——— nicht, im V Wege gehör größe den N blaſſe chniſc der it ohne ringe Haſe ſchwu nach Epoch nehm Hut1 ganze Brief der 2 ſtei iger woch ach erer ſtei⸗ ſſen und ₰ urg oge⸗ bli⸗ eren ge⸗ ſind es den iten ——— 181 nicht, die ihm hier vor das Auge treten. Wir wollen ihn im Vorübergehen mit einigen derſelben bekannt machen. Dort die Herren um ein Tiſchchen gereih't, hart am Wege, wo die Spaziergänger an ihnen vorüber müſſen, gehören zu den Schöngeiſtern Wiens, damalige Dichter⸗ größen, heute, mit Ausnahme eines Einzigen, nur noch den Namen nach bekannt. Dieſer Eine, der hagere Mann mit dem dürren, blaſſen Geſicht, mit den kleinen blinzenden Augen und dem chniſchen Aeußeren iſt Alois Blumauer. Die anderen, der anſpruchloſe, geſetzte Ratſchky; der immer hüſtelnde, auf dem Stuhl herumwetzende, ſich ohne Unterlaß bewegende Leon; der edle vornehme Al⸗ ringer, und endlich der kümmerliche, düſtere, kleine Haſchka, der indeſſen mit ſeiner feinen Naſe den Um⸗ ſchwung der Dinge witternd, damals ſchon den Mantel nach rechts zu drehen begann und ſpäter in der Jakobiner— Epoche gar zum Angeber ſeiner eigenen Clique herabſank. Und die Spaziergänger? Dort der große ſtattliche Militär, von feinem, vor⸗ nehmen Aeußeren, mit dem Wald von Haaren, den Hut unter dem Arm, graziös im Gange wie in ſeinem ganzen Weſen, es iſt der Prinz de Ligne, der geiſtreiche Briefſchreiber, der Bonmotiſt mit franzöſiſchem Geiſt, der Mann, deſſen Witz weder eine feindliche Kanonen⸗ kugel zu lähmen vermochte, noch— was ſchier entſetzlicher iſt— ein in hoher Geſellſchaft auf ſeinen ſchneeweißen Jabots ſitzender, rieſiger Floh. Durch eine Dame darauf aufmerkſam gemacht, ant⸗ wortete er leicht hingeworfen:„Ah, es iſt mein Favorit⸗ floh!“ Der Prinz ſpaziert mit dem feinen, ſtaatsklugen Re⸗ former, mit Hofrath von Sonnenfels, und merkwürdi⸗ ger Weiſe führt der letztere, der viel lieber ſprach, als zuhörte, nicht das Wort, ſondern de Ligne redete und zwar begleiteten begeiſterte Geberden ſeine Worte. Wir hören ſie nicht, aber wir möchten wetten, er ſpricht von ſeiner tauriſchen Reiſe, jener feenhaften, glücklichen Reiſe in Begleitug Kaiſer Joſef's, die den unglücklichen Türken⸗ trieg zur Folge hatte; jener Reiſe, wo die ruſſiſche Katharina allen Zauber entfaltete, um ihre Gäſte zu umſtricken. Der Prinz de Ligne erſchwamm ſich damals die Souveränität über einen öden Felſen mitten im Meere: kein Wunder, wenn der ritterliche Herr noch in ſeinen ſpäteren Tagen von der nordiſchen Semiramis ſchwärmte. Ein talentloſer, geckenhafter Versmacher erzählt einſt in Gegenwart de Ligne's, ihm habe geträumt, er ſei auf dem Parnaß geweſen, wo Jupiter ihn mit den Worten:„Deine Ode iſt recht gut!“ empfangen habe. weiß ſtädte nicht trunke Schn noch Frie debur er in Men Tren das Leopt Stän höchſt icher eißen ant⸗ orit⸗ Re⸗ ürdi⸗ „als und Wir t von Reiſe irken⸗ ſſiſche te zu s die deere: ſeinen rmte. rzählt nt, er iten be. 183 „Nicht doch,“ fällt ihm de Ligne ins Wort,„ich weiß beſſer, was Jupiter zu Ihnen geſagt hat.“ „So! und was denn?“ „Allez vous en, miserable Poöte!“ Uiber den im Jahre 1804 eröffneten Wien⸗Neu⸗ ſtädter Kanal ſpottete der Prinz:„er ſei ſo ſeicht, daß nicht einmal Jemand darin ertrinken könne.“ „Doch, doch!“ hieß es,„es iſt ſchon Einer er⸗ trunken!“ „Bah!“ antwortet de Ligne,„das war mur ein Schmeichler!“ Dort der große alte Herr, mit einem Hispaniarohr, noch rüſtig einherſpazierend, iſt der penſionirte Major Friedrich von der Trenk, bekannt durch ſeine Mag⸗ deburger Gefangenſchaft und durch die 99 Prozeſſe, die er in Wien durch alle Inſtanzen durchführte. Welch ein Rieſen⸗Naturell! Ein gewöhnlicher Menſch geht oft an einem einzigen Prozeß zu Grunde! Der unter Maria Thereſia und Joſef malkontente Trenk, deſſen„Lebensbeſchreibung“ in Hütte und Palaſt das Haus⸗ und Leſebuch Aller war, zeigte ſich bei Kaiſer Leopold's Regierungsantritt verſöhnlicher und hielt als Ständemitglied bei Gelegenheit der Erbhuldigung eine höchſt loyale Rede. In dieſem Momente, wo er vor Millany's Caffée 184 guf⸗ und abſpazierte, mochte er freilich nicht ahnen, daß er drei Jahre ſpäter in Paris, wo man eben Menſchen⸗ köpfe mäh'te, als geheimer r Agent verhaftet und guilloti⸗ nirt werden würde.*) „Gott zum Gruß!“ ruft Trenk einem, ihm entge⸗ genkommenden Manne zu, der in der Mitte der Vierzig ſtehend, ſchon durch ſein Aeußeres eine exentriſche Natur verrieth:„was macht der öſterreichiſche Rouſſeau auf der Baſtei?“ Dieſe Frage, oder vielmehr die dem Manne bei⸗ gelegte Bezeichnung frappirt den Leſer: wer mag es ſein? Die Wenigſten werden ſich auch nur des Namens erinnern, ſeiner Schriften ſicher Niemand. Armand Berghofer war Lehrer der deutſchen Sprache an der Hauptſchule zu Steyer in Oberöſter⸗ reich, dann Direktor, toh nur kurze Zeit; er war wie Trenk allezeit malkontent. Er ſelbſt fatirte ſich als„Naturmenſch“— Wieland nannte ihn den öſterreichiſchen Rouſſeau. Dieſe Titulatur entzückte ihn noch im 80. Lebens⸗ jahre, obwohl die„Rouſſeaus“ anno 1825 nicht zu den erlaubten Perſonen gehörten. Er ſchrieb„Empfindungen aus ſeinem Leben“ und 7) Im Juli 1794. daß chen⸗ lloti⸗ ntge⸗ ierzig katur auf bei⸗ ſein? mens tſchen öſter⸗ wie eland bens⸗ uden und 185 „Briefe zu den Empfindungen“(Wien 1774) ꝛc. zc. Bei einer zweiten Auflage ſeiner ſämmtlichen Schriften ſetzte er auf's Tittelblatt:„Zweite veränderte und verbeſſerte Auflage.“ Berghofer war Denker, Philoſoph, Hyper⸗Philan⸗ trop, wie man es damals nannte; heute würde man ihn einen Socialiſten heißen. Sogar in der Blüthezeit der Joſephiniſchen Periode ſchrieb einer ſeiner Lobpreiſer von ihm:„Er iſt im eigent⸗ lichſten Verſtande ein philoſophiſcher Sonderling, dem es unſtreitig beſſer gehen würde, wenn er von ſeinen etwas überſpannten Grundſätzen hie und da abgehen wollte.“ Berghofer, in Dürftigkeit lebend, war ſchon 1784 quiescirt; er hatte ſein Direktorat aus eigenem Antriebe niedergelegt und das diesfällige Geſuch lautete: „Excellenzien und Gnaden! Ich bitte um die Erlaubniß, daß ich aufhören darf, zuſeit S5 gehorſamſter Diener Armand Berghofer.“ Trenk und Berghofer waren gute Bekannte, und der Letztere erwiederte auf die Frage: was er auf der Baſtei mache? „Ich genieße die Thorheit der Menſchen!“ „Uiber die Quantität werden Sie ſich nicht zu be⸗ 1859. XVIII. Die Zanberflöte“ J. 12 —— — — 186 klagen haben,“ verſetzte Trenk;„die Qualität iſt jedoch nicht geeignet, Einen fett zu machen.“ „Wer hat Ihnen geſagt, daß ich fett werden will?“ „Mit Ihrem Talent könnten Sie es, wenn Sie die Saiten weniger ſtraff ſpannen würden.“ „Und dazu rathen Sie mir, der Verfaſſer des „mazedoniſchen Helden“?“ „Sie werden am Ende gezwungen ſein, nachzulaſſen. Man wird, was Sie ſchreiben, zum Druck nicht zulaſſen.“ „Dann ſetz' ich auf den Titel:„Verbotene Schrif⸗ ten“ und laß' es draußen anonym drucken*).“ „Glauben Sie ſich damit Freunde zu erwerben?“ „Ich habe längſt auf die Freunde verzichtet; ich bin mir ſelbſt gut genug! Sprechen wir von Intereſſante⸗ rem: was ſagen Sie zu den Vorgängen in Frankreich?“ Von dieſer Stelle an begann ihre Unterhaltung eine vertrauliche zu werden. Der penſionirte Major und der quiescirte Schuldirektor verloren ſich gegen die Au⸗ guſtinerbaſtei. Zwei andere Männer, Arm in Arm daherſchlen⸗ dernd, ziehen unſer Augenmerk auf ſich. Der Eine, der Bücher⸗Antiquar Klopſtock, leib⸗ *) Geſchah auch wirklich mit zwei Bänden, die anno 1800 unter dem Titel:„Verbotene Schriften“ in Straubing erſchienen. 187 licher Bruder des Meſſias⸗Sängers; der Andere, mit dem ſehr ordinären Aeußeren, der Kunſthändler Löſchen⸗ kohl. Dieſer als Geſchäftsmann ein Glücks⸗, jener ein Pechvogel und obendrein auch noch Sonderling; zuletzt beſorgte er Druckkorrekturen und kleine Schreibereien. Lö⸗ ſchenkohl benützte ihn zu einer Art von Sekretär. Das merkwürdigſte an Klopſtock war, daß er ſeine Schreibfedern nie bei ſchönem Wetter ſchnitt, ſondern wenn es ſtürmte und regnete. Zu ſolcher Zeit pflanzte er ſich baarhänptig hinaus auf die Gaſſe, über ein Rinn⸗ ſal, ſpreizte wie der rhodiſche Koloß die Beine auseinan⸗ der, damit die Fluth durchrauſche, wobei ſeine weißen Zwirnſtrümpfe ein erbärmliches Ausſehen bekamen, hielt die Feder hoch in die Luft und ſchnitt mit der behaglichſten Ruhe daran. Löſchenkohl, verſtändig, ein induſtriöſer Kopf, auf⸗ geräumter Patron, wenn er zufällig geſund war, galt den damaligen Wienern als Zeitungsſchreiber in Bildern. Er illuſtrirte die geſchichtlichen Ereigniſſe, ſeine kolorirten Zeitbilder waren potziämmerlich, aber ſie wur⸗ den gekauft, denn ſie behandelten die allerjüngſten Er⸗ eigniſſe. Geſtern hielt der marokkaniſche Geſandte ſeinen Ein⸗ zug, heute hängt er ſchon bei Vſchenkohl am Kohlmarkt; 12* 188 im Juli, hieß es, werde Blanchard im Luftballon aufſtei⸗ gen— man kann überzeugt ſein, daß die Anſicht davon ſchon im Mai gezeichnet wurde. Während Robespierre in Paris noch Reden hielt, hatte ihn Löſchenkohl am Kohlmarkt guillotinirt. Und der geniale Bilderhändler war nicht einmal Prophet. Auf Löſchenkohl's Bildern waren die Franzoſen lauter zaundürre, ausgehungerte Lumpen— Löſchenkohl war Patriot. Merkwürdig waren auch ſeine ſatyriſchen Bilder. Eines zeigt einen franzöſiſchen Reiter. Das Pferd hat den Kopf des Reiters, und der Pferdekopf, ohne Zügel, ſitzt auf des Reiters Schulter. Darunter ſtand geſchrieben:„Der Franzos, das dumme Roß, iſt zügellos!“ Bei dem Tode des Herzogs von Orleans gab er ein Bild heraus, welches den Herzog auf dem Sterbebette darſtellte. Der Teufel brachte ihm eine Arzneiflaſche, wor⸗ auf zu leſen ſtand:„Trink, Orleans, es iſt Blut!“ Der Leſer wird ſich mit dieſen Proben wohl begnügen. Genug der Revue, dort nah't Mozart, den wir heute nicht mehr aus dem Auge laſſen wollen; wir ent⸗ ſagen daher, die Andern weiter zu verfolgen. Der Meiſter iſt nicht allein; er geht zwiſchen zwei „ — — M 189 Freunden: der Eine ein Greis, der Andere ein junger Mann, beide liebenswürdig, beide Jünger der Muſe, welche unſern Wolfgang zu ihrem Lieblinge erkor; beide würdig, ſeine Freunde zu heißen. Der Greis war der Hoforganiſt Albrechtsberger, und der junge Mann, damals erſt fünfundzwanzig Jahre alt, war der Kapellmeiſter am Schikaneder'ſchen Theater und Mozart's Schüler— Süßmayer. Wenn drei Männer, wie die genannten, zuſammen ſpazieren, ſo kann man überzeugt ſein, daß ihr Geſprächs⸗ ſtoff muſikaliſcher Natur iſt. Eine Erſcheinung des Tages, die blinde Kirchgäß⸗ ner, hatte auf der Harmonika konzertirt, und Mozart fand ſich durch ihr Spiel ſo angeregt, daß er für ſie ein Quintett komponirte(Flöte, Obve, Bratſche, Violoncell und Harmonika), welches ſehr gefiel und von der Blinden noch viele Jahre ſpäter mit außerordentlichem Beifalle vorgetragen wurde. Der greiſe Hoforganiſt ſprach von der eigenthüm⸗ lichen Klangwirkung der zuſammengeſtellten fünf Inſtru⸗ mente, und er, ſo wie Süßmaher erwarteten die Anſichten des Meiſters zu vernehmen; denn wenn auch Mozart erſt fünfunddreißig und Albrechtsberger bereits zweiundſechzig Lebensjahre zählte, ſo unterordnete ſich der Letztere doch 190 willig und gerne dem Erſteren: das Talent huldigte mit en dem Genie! Doch ſiehe da! Mozart, der ſonſt Kennern gegen⸗ über gerne von ſeiner Kunſt ſprach, der in Geſellſchaft von Freunden nie zögerte, die Schätze ſeines Geiſs zu enthüllen, Mozart blieb heute wortkarg, nachdenkend, in ſich verſunken, obwohl die Kirchgäßner das zweite Thema war, welches Süßmayer in den Kreis der Veſprech un ze ʒiehen verſuchte. Er wie Albrechtsberger hatten wohl gleich die Ver⸗ ſtimmung des Freundes erkat mt, doch wähnten ſie, durch das Intereſſe, welches die Kunſt ihm ſtets einflößte, ſie verſcheuchen zu können— umſonſt! der Meiſter blieb ein⸗ ſilbig, wie bisher „Wolfgang,“ begann jetzt der Hoforganiſt,„Du biſt zerſtreut, Du antworteſt nicht, nimmſt keinen Theil an unſerer Unter haltung, das hat bei Dir was zu bedeu⸗ ten.. Was fehlt Dir? Biſt Du unwohl?“ Mozart verneinte durch eine Kopfbewegung. „Drückt Dich eine Sorge?“ Der Meiſter murmelte:„Ich trage fünfundzwanzig Dukaten in der Taſche, wie könnte da eine Sorge auf⸗ kommen?“ „Der Ton Deiner Antwort läßt mich noch Schlim⸗ U ſti ſch es m B Q 20 60(C zig uf⸗ im⸗ ſchlägt, dann iſt er krank oder unglücklich! 191 meres befürchten. Wenn Wolfgang Mozart ſo viel Gold⸗ ſtücke beſitzt und trotzdem einen ſolchen Miſerere⸗Ton an⸗ 1. „Miserere!“ murmelte der Meiſter, und ſprach das Wort aus, als ſuche er eben Töne, um es Einem, der es nicht verſtand, durch den Klang zu verdeutſchen. „Ah! ich glaube zu errathen!“ ſagte jetzt Süß⸗ mayer;„Mozart komponirt eine neue Meſſe.“ „So rede doch!“ drang Albrechtsberger in ihn; „was iſt vorgefallen? Oder ſind wir nicht mehr Deine Freunde?“ Mozart ergriff eines Jeden Hand, drückte ſie mit Wärme und ſagte:„Nehmt den Weg nach einer entlege⸗ neren Baſtei; die Einſamkeit thut mir heute wohler, dort will ich Euch den Grund meiner Mißſtimmung mit⸗ theilen.“ Man ſchlug die Richtung gegen die Kärnthnerthor⸗ Baſtei ein— das Kleeblatt beobachtete ein faſt unheim⸗ liches Schweigen, bis Mozart an der angegebenen Stelle angelangt, das Wort ergriff. „Vor einigen Tagen,“ begann er,„als ich eben im Fortgehen aus meiner Wohnung begriffen war, trat ein Fremder zu mir in die Stube und übergab mir ein Schreiben. 92 Ich öffnete es, ſah nach der Unterſchrift— es hatte keine. Ich begann zu leſen, fand einen ſchmeichelhaften Eingang und darauf die Anfrage, ob ich geneigt wäre, ein Requiem zu komponiren, welches Honorar ich dafür for⸗ dere und binnen welcher Zeit mir deſſen Vollendung mög⸗ lich ſei? Ich hieß den Boten ſich niederſetzen, theilte meiner Stanzerl den ſonderbaren Antrag mit und frug ſie um ihren Rath, ob ich ihn annehmen ſolle? Meine Frau wollte vorher meine Anſicht hören. Ich wünſchte wohl, mich einmal auch in dieſem Genre zu verſuchen, antwortete ich; da, wie Du weißt, der höhere Styl der Kirchenmuſik von jeher mein Lieblingsſtudium war. Starzerl ſtimmte mir bei und wir frugen den Bo⸗ ten, wer der Beſteller ſei? Dieſer zuckte geheimnißvoll die Achſeln und ſagte: Ich bin nicht ermächtiget, ihn zu nennen. Ich ſah meine Stanzerl bedeutungsvoll an.. ſie mich ebenfalls. Macht nichts! ſagte ſie hierauf; antwort' nur, wir werden ja ſehen! Wir waren Beide geneigt, das Ganze für eine Mi⸗ ſtyfikation zu halten. atte ften ein ög⸗ ner um nre ere um Ich ſetzte mich denn auch hin und ſagte die Kompo⸗ ſition des Requiems für den Preis von fünfzig Duka⸗ ten zu, band mich jedoch bezüglich der Vollendung an keine Zeit und verlangte den Ort zu erfahren, wohin ich die Partitur nach deren Beendigung zu ſenden habe? Der Bote ging. Heute Morgens trat der Geheimnißvolle wieder in mein Arbeitszimmer— und ſtellt Euch mein Erſtaunen vor: er übergibt mir das ganze bedungene Honorar, dazu einen Brief des Inhaltes, daß meine Forderung eine zu billige geweſen; man werde mir daher bei der Uiberlieferung des Werkes einen beträchtlichen Zuſchuß einhändigen. Bezüg⸗ lich der Vollendungsfriſt möge ich mir keinen Zwang an⸗ thun und der Kompoſition die nöthige Muſe widmen; die Mühe, den Beſteller zu erfahren, werde eine vergebli⸗ che ſein, ich möge ſie mir daher erſparen.“ Da Mozart hier inne hielt, fragte Albrechtsberger: „Biſt Du zu Ende?“ Mozart verſetzte mit Schwermuth:„Ich bin beim Requiem angelangt.. ich bin zu Ende!“ „Ich faſſe Dich nicht! Was findeſt Du an dem ganzen Vorfall auffallend, ſonderbar? Irgend ein reicher Mäcen beſtellt eine Kompoſition...“„ „Ein Requiem!“ verbeſſerte Mozart. 1859. XVIII. Die Zauberflöte. I. 13 194 „Ob Requiem oder Meſſe oder ſonſt was! es iſt eine Kompoſition; der Mäcen kennt Deine Verhältniſſe und ſendet Dir das Honorar im Voraus!“ „Wozu aber das Geheimnißvolle?“ „Bah! Dein Verehrer iſt ein wenig exentriſch...“ „Verehrer, ſagſt Du? Vielleicht iſt er einer meiner Todfeinde?“ „Wolfgang, ich bitte Dich, gib die Idee von Tod⸗ feinden auf, damit ſie nicht fix werde. Du beſitzeſt Feinde, wo hat je ein großes Talent ohne ſolche gelebt? ſie ſind jedoch nicht Deine perſönlichen Feinde, ſondern Feinde Deiner Kunſt.“ „Das bekomme ich von Euch Allen zu hören.“ „Weil es die Wahrheit iſt, und weil dieſe allein vermögend iſt, die gefährliche Idee zu zerſtören, bevor ſie zum Wahn wird, der wie ein giftiger Wurm Dein Gemüth zerfreſſen würde. Deine Feinde haſſen Deine Schöpfungen, weil ſie unter der Wucht des gigantiſchen Geiſtes ſich erdrückt fühlen; ſie wiſſen aber recht wohl, daß es jetzt eine Thorheit wäre, den Menſchen Mozart zu tödten, nachdem ſein Genie ſie Alle bereits niederſchlug. Glaub' mir, Wolfgang, es iſt nichts! Womit Du Dich herum guälſt, iſt ein Phantom; ich beſchwöre Dich bei Deiner Kunſt, für die Du lebſt und ſtirbſt, entſchlage Dich der unſeligen, ſchwarzen Gedanken. Räthſelhaft, in We den St daf Sc ger ma beg zur Ge Un die fül ſch ich ko 195 ſt Wahrheit räthſelhaft iſt es, daß ein Mann, dem die Natur e den Stempel der Lebensluſt und der Heiterkeit auf die Stirne gepreßt, deſſen Kunſt ſeinem Naturell conform— daß ein ſolcher Mann ſich plötzlich einer ungerechtfertigten Schwermuth hingeben will, um ſeine phyſiſchen und geiſti⸗ r gen Kräfte in Grübeleien und Phantaſien aufzuzehren. Er⸗ manne Dich, Freund! Deiner harrt die Oper, die Du „ . begonnen; arbeite ſie fertig, dann nimm das Requiem zur Hand. Die Welt erwartet die Schöpfungen Deines d Geiſtes, befriedige ſie, denke an Deinen Ruhm, an Deine e Unſterblichkeit.“ Mozart raffte ſich zuſammen, drückte dem Freunde die Hand und ſagte:„Ich kann Dir das ſchmerzliche Ge⸗ n. fühl, welches mich ſeit heute morgens beſchlich, nicht be⸗ r ſchreiben. Mir war's, als hätt' mit dieſem Requiem der n Tod ſich bei mir angemeldet.“ e„Wolfgang! um Gott, was ſprichſt Du?“ n„Ruhig, Freund! nur ruhig; es iſt nichts mehr, 3 ich fühl mich wieder frei von dem Schmerz; ich bin der u Idee losgeworden und denk' nun bloß an die Arbeit. Er . kommt noch nicht, es iſt noch nicht an der Zeit...“ h„Wohin nimmſt Du jetzt den Weg?“ i„Hinab in die Kärnthnerſtraße. Ihr geht doch e mit?“ „Wir begleiten Dich nach Hauſe.“ 196 „Was fällt Euch ein! jetzt ſchon nach Hauſe ge⸗ hen? Wir wollen zuſammen einen vergnügten Abend verleben, wir gehen zur ſilbernen Schlange!“ So war ein Bierhaus in der Kärthnerſtraße beſchil⸗ dert, wo der Meiſter fleißig zu Gaſt erſchien. Sie gingen zur ſilbernen Schlange. Ende des erſten Bandes. Prag, Druck von Jarosl. Poſpibil.